Decision ID: 1e3e1e2e-5cb4-4ddd-8374-3563bafb4090
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ war bei B._ als Schulbusfahrerin tätig und dadurch bei der
Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) gegen die Folgen von Unfällen
versichert, als sie am 12. Mai 2015 einen Verkehrsunfall verursachte (Suva-act. 1). Sie
lenkte einen Kleintransporter auf einen Kreisel zu und realisierte einen bei der Einfahrt
stehenden Personenwagen erst spät. Um eine Kollision zu vermeiden, fuhr sie links an
diesem vorbei und überquerte die Grünfläche in der Mitte des Kreisels. Sie lenkte den
Kleintransporter auf Höhe der Kreiselausfahrt brüsk nach links, kollidierte mit einem
Wegweiser sowie der Front eines stillstehenden Personenwagens und prallte
schliesslich frontal in eine Steinmauer (Suva-act. 39). Der gleichentags
erstbehandelnde Dr. med. C._, Klinik für Orthopädie des Spitals D._,
diagnostizierte eine Distorsion der Halswirbelsäule (HWS) (Bericht vom 24. Juni 2015;
Suva-act. 17). Die behandelnden Ärzte des Spitals D._ berichteten am 18. Juni 2015
über persistierende Kopfschmerzen mit Ausstrahlung in den Nacken beidseits (Suva-
act. 15). Dr. med. E._, Praktischer Arzt, listete in seinem Bericht vom 19. Juni 2015
als Diagnosen ein HWS-Schleudertrauma, eine Kopfkontusion und eine Angststörung
auf. Der Zustand bessere sehr langsam (Suva-act. 13). Er attestierte der Versicherten
vom 18. Mai bis 20. Juni 2015 eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (Suva-act. 8). Die
Suva kam für die Folgen des Unfalls auf (Suva-act. 7, 9 ff.).
A.b Die Ärzte der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG), welche
die Versicherte untersucht hatten, berichteten am 3. Juli 2015 über ein
postcomotionelles Syndrom bei Commotio cerebri am 12. Mai 2015 (Suva-act. 31). Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherte nahm am 22. Juli 2015 an einem ambulanten Assessment in der Rehaklinik
Bellikon teil. Die abklärenden Personen empfahlen das Fortführen der Physiotherapie
und befanden, es spreche nichts gegen einen baldigen Arbeitsversuch (Suva-act. 40 f.).
Am 10. August 2015 nahm die Versicherte ihre Arbeit in einem 50% Pensum wieder auf
(Suva-act. 43 f.).
A.c Med. pract. F._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrisches
Zentrum G._, berichtete am 8. September 2015, die Versicherte sei erstmals in den
Jahren 2007 und 2008 im Psychiatrischen Zentrum G._ wegen einer
Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion behandelt worden. Aufgrund einer
Trauerreaktion sei sie seit 14. November 2014 erneut in Behandlung gewesen. Der
Zustand sei bis Februar 2015 stabilisiert worden. Ein am 31. August 2015 gemachter
Test spreche für eine leichtgradige depressive Episode (Suva-act. 50).
A.d Dr. E._ hielt am 23. Oktober 2015 fest, es bestünde weiterhin eine
Rotationsstörung der HWS und bei länger dauernder Konzentration entstünden
Kopfschmerzen. Die Arbeitsfähigkeit liege weiterhin bei 50% (Suva-act. 66). In der
biomechanischen Kurzbeurteilung des AGU Zürich vom 28. Oktober 2015 hielten die
zuständigen Fachpersonen fest, im Zuge mehrerer frontaler Aufpralle habe das
Fahrzeug der Versicherten gesamthaft eine Verlangsamung erfahren, die unterhalb
oder knapp innerhalb eines Bereiches von 20 bis 30 km/h gelegen haben dürfte. Die
Diagnose einer Commotio cerebri könnten sie nicht nachvollziehen. Aus
biomechanischer Sicht ergebe sich, dass die anschliessend an das Ereignis bei der
Versicherten festgestellten von der HWS ausgehenden Beschwerden und Befunde
isoliert durch die Kollisionseinwirkung eher nicht erklärbar seien (Suva-act. 69)
A.e Suva-Kreisarzt Dr. med. H._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates FMH, stellte am 29. Oktober 2015 fest, es
lägen keine strukturell objektivierbaren Folgen des Unfalles vom 12. Mai 2015 vor. Die
Versicherte sei weiterhin zu 50% arbeitsunfähig; voraussichtlich Anfang Dezember
könne ein Versuch mit einer 80%igen Arbeitsfähigkeit gemacht werden (Suva-act. 70).
A.f Dr. med. I._, Facharzt FMH für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie,
listete in seinem Bericht vom 24. November 2015 als Diagnosen chronifizierende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kopfschmerzen bei Status nach leichtem Schädelhirntrauma (SHT),
Differentialdiagnose HWS-Beschleunigungstrauma am 12. Mai 2015 sowie einen
Verdacht auf ein depressives Syndrom auf (Suva-act. 79). Suva-Kreisärztin med. pract.
J._, Fachärztin Chirurgie FMH, befand am 8. Dezember 2015, es sei keine namhafte
Verbesserung des Gesundheitszustandes mehr zu erwarten, die laufende
Physiotherapie solle noch beendet werden. Da die Versicherte im angestammten
Pensum, also zu 50%, arbeite, sei eine Stellungnahme zur Arbeitsfähigkeit hinfällig
(Suva-act. 84). Am 11. Februar 2016 berichtete Dr. E._, die Arbeitsunfähigkeit habe
jetzt auf 30% gesenkt werden können (Suva-act. 94).
A.g Nach einer ersten Untersuchung berichteten die Fachpersonen der Klinik K._ am
20. April 2016 über eine Anpassungsstörung mit Angst und Depression gemischt
(ICD-10: F43.22) sowie einen psychophysischen Erschöpfungszustand aufgrund
reduziert verfügbarer Stressmodulationsfähigkeiten (ICD-10: Z73.0) (Suva-act. 102). Dr.
F._ hielt die Versicherte vom 21. April bis 20. Mai 2016 als zu 100% arbeitsunfähig
für die bisherige Tätigkeit (Suva-act. 107-3). Dr. med. L._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, Klinik K._, attestierte der Versicherten vom 19. Mai bis 30. Juni
2016 eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (Suva-act. 107).
A.h Die Arbeitgeberin der Versicherten kündigte das Arbeitsverhältnis per 30. Juni
2016 (Suva-act. 109).
A.i Die behandelnden Fachpersonen der Klinik K._ berichteten am 1. Juli 2016, die
Versicherte sei in der Tagesklinik in Behandlung und leide unter täglichen
Kopfschmerzen. Sie seien zuversichtlich, dass der Versicherten mittelfristig ein
Umgang mit dem Kopfweh gelingen werde und sie dadurch wieder einen Grossteil ihrer
früheren Arbeitsfähigkeit erlangen könne. Sie attestierten ihr bis zum 31. Juli 2016 eine
Arbeitsunfähigkeit von 100% (Suva-act. 120).
A.j Mit Verfügung vom 7. Juli 2016 stellte die Suva die Versicherungsleistungen per
31. Juli 2016 ein und verneinte einen Anspruch auf weitere Geldleistungen in Form
einer Invalidenrente und/oder einer Integritätsentschädigung. Sie begründete, die noch
geklagten Beschwerden seien organisch nicht hinreichend nachweisbar und deren
Adäquanz zu verneinen (Suva-act. 123).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
B.a Die Versicherte erhob am 26. Juli 2016 Einsprache gegen die Verfügung vom 7.
Juli 2016 (Suva-act. 135).
B.b Mit Entscheid vom 13. Januar 2017 wies die Suva die Einsprache ab (Suva-act.
152).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid vom 13. Januar 2017 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 8. Februar 2017 (fälschlicherweise als Einsprache bei der Suva
eingereicht; vgl. act. G0 f.). Die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) brachte
vor, ihr Unfall sei mittelschwer gewesen. Ihr Alltag sei von ihren Beschwerden geprägt
und bei ihrer neuen beruflichen Tätigkeit ermüde sie schnell. Eine Erhöhung des
Pensums dürfte kaum möglich sein (act. G1).
C.b Die Suva (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 9. März 2017, die
Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Sie führte aus, abweichend

von den Erwägungen im Einspracheentscheid sei die adäquate Unfallkausalität der
anhaltenden Beschwerden nicht nach der Schleudertrauma-, sondern nach der
Psychopraxis zu prüfen. Beim Unfall vom 12. Mai 2015 handle es sich um ein
mittelschweres Geschehnis im Grenzbereich zu den leichten Fällen. Es sei keines der
massgebenden Adäquanzkriterien erfüllt, weshalb die Leistungspflicht zu verneinen sei.
Die Beschwerde genüge den gesetzlichen Anforderungen nicht. Ob darauf einzutreten
sei, hänge davon ab, ob die Beschwerdeführerin eine verbesserte, rechtsgenügliche
Beschwerdeschrift einreiche (act. G3).
C.c Die Beschwerdeführerin liess die Frist zur Einreichung einer Replik unbenützt
ablaufen (act. G9).
Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden
daher, nachdem ein Ereignis aus dem Jahr 2015 zur Diskussion steht, die bis 31.
Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
2.
Vorab ist zu prüfen, ob auf die Beschwerde einzutreten ist. Die Beschwerdegegnerin
verneint diese Frage mit der Begründung, die Beschwerdeschrift genüge den
gesetzlichen Anforderungen nicht (act. G3).
2.1 Nach Art. 61 lit. b des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) muss die Beschwerde eine gedrängte
Darstellung des Sachverhalts, ein Rechtsbegehren und eine kurze Begründung
enthalten. Genügt sie diesen Anforderungen nicht, so setzt das Versicherungsgericht
der Beschwerde führenden Person eine angemessene Frist zur Verbesserung und
verbindet damit die Androhung, dass sonst auf die Beschwerde nicht eingetreten wird.
Nach dem Wortlaut von Art. 61 lit. b ATSG und der Rechtsprechung ist grundsätzlich in
jedem Fall einer ungenügenden Begründung eine Nachfrist anzusetzen, sofern der
Beschwerdewille rechtzeitig und in prozessual gehöriger Form klar bekundet worden
ist. Die Einräumung einer solchen Frist steht nicht im Belieben des
Versicherungsgerichts. Vorbehalten ist der Fall eines offenbaren Rechtsmissbrauchs
(BGE 134 V 164 E. 2 mit Hinweisen). Letzteres trifft vorliegend offensichtlich nicht zu.
2.2 Die vorliegend zu beurteilende Beschwerde enthält zwar keine ausdrücklichen
materiellen Anträge, jedoch ersucht die Beschwerdeführerin sinngemäss um die
erneute Prüfung ihrer Ansprüche und macht geltend, sie habe noch immer
Beschwerden, die sie im Alltag einschränkten. Den Unfall erachte sie als mittelschwer.
Auch wird der Sachverhalt zumindest auszugsweise dargestellt. Sodann geht der Wille
der Beschwerdeführerin, Beschwerde gegen den Einspracheentscheid zu erheben,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
trotz falscher Bezeichnung ("Einsprache") und Einreichen bei der nicht zuständigen
Beschwerdegegnerin aus der Beschwerdeschrift hervor (act. G1). Insgesamt und unter
Berücksichtigung des Umstandes, dass die Beschwerdeführerin nicht von einer
rechtskundigen Person vertreten war, genügen die Ausführungen der
Beschwerdeführerin den an eine Beschwerde gestellten Mindestanforderungen.
Entsprechend ist auf die Beschwerde einzutreten und eine Nachfristansetzung erübrigt
sich.
3.
In materieller Hinsicht ist vorliegend streitig, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht die
im Nachgang zum Unfall vom 12. Mai 2015 erbrachten Leistungen (Übernahme der
Kosten für Heilbehandlung und Taggeld) auf den 31. Juli 2016 einstellte sowie den
Anspruch auf weitere Leistungen der Unfallversicherung ablehnte.
3.1 Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden Leistungen der Unfallversicherung bei
Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz
nichts anderes bestimmt. Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der
Unfallversicherung bildet die Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht des
Unfallversicherers besteht demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und
adäquat kausal mit einem versicherten Unfallereignis zusammenhängen (ALEXANDRA
RUMO-JUNGO, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2012, S. 53 ff.).
3.2 Für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs ist nicht erforderlich,
dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist;
es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Faktoren für die
Schädigung verantwortlich ist, der Unfall mit anderen Worten nicht weggedacht
werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele (BGE
129 V 177 E. 3.1 mit Hinweisen). Für die Beantwortung der Tatfrage nach dem
Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das Gericht in
der Regel auf Angaben ärztlicher Expertinnen oder Experten angewiesen. Die Frage
nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage, die
vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(BGE 129 V 181 E. 3.1, 123 III 110, 112 V 30; PVG 1984 Nr. 82, 174). Im Bereich klar
ausgewiesener organischer Unfallfolgen im Sinn von nachweisbaren strukturellen
Veränderungen spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem
natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers
praktisch keine Rolle. Sie ist bei ausgewiesener natürlicher Kausalität ohne weiteres zu
bejahen (BGE 127 V 103 E. 5b/bb, 123 V 102 E. 3b, 118 V 291 E. 3a, 117 V 365 E. 5d/
bb mit Hinweisen). Sind dagegen die Unfallfolgen organisch nicht (hinreichend) fassbar,
ist eine eigenständige Adäquanzbeurteilung durchzuführen, bei welcher wie folgt zu
differenzieren ist: Hat die versicherte Person beim Unfall kein Schleudertrauma bzw.
keine schleudertraumaähnliche Verletzung erlitten, gelangt die Rechtsprechung
gemäss BGE 115 V 140 E. 6c/aa zur Anwendung. Ergeben die Abklärungen indessen
das Vorliegen einer Schleudertraumaverletzung, muss geprüft werden, ob die zum
typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen
zwar teilweise vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den
Hintergrund treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung ebenfalls die in BGE
115 V 140 E. 6c/aa für Unfälle mit psychischen Unfallfolgen aufgestellten Grundsätze
massgebend (BGE 123 V 99 E. 2a). Andernfalls erfolgt die Beurteilung der Adäquanz
gemäss den in BGE 117 V 359 festgelegten und in BGE 134 V 109 präzisierten
Kriterien. Die Anwendung der Rechtsprechung zum adäquaten Kausalzusammenhang
bei Schleudertraumen der HWS setzt voraus, dass die psychischen Beschwerden aus
dem Unfall hervorgehen und zusammen mit den organischen Beschwerden, die
ebenfalls auf das Unfallereignis zurückzuführen sind, ein komplexes Gesamtbild
ergeben (RKUV 2000 Nr. U 397 S. 328 E. 3b).
3.3 Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten (vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015, N 52
ff. zu Art. 43). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anamnese abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Fachperson begründet und
nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Auch den Berichten
versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kann Beweiswert beigemessen werden,
sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich
widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 123
V 331 E. 1c, BGE 135 V 465 E. 4.4).
4.
Vorerst ist zu prüfen, ob zum Zeitpunkt der Leistungseinstellung per 31. Juli 2016 noch
organisch objektivierbare Unfallfolgen vorhanden waren.
4.1 Die Beschwerdeführerin erlitt bei ihrem Unfall vom 12. Mai 2015 eine Distorsion der
HWS. Anlässlich der Erstbehandlung im Spital D._ bestand lediglich eine leichte
Druckdolenz im Sinne eines Ziehens paravertebral der HWS beidseits sowie im Bereich
des Unterbauchs und in den Flanken beidseits und eine leichte Übelkeit (Suva-act. 17).
In den Tagen darauf traten Schwindel sowie Kopfschmerzen mit Ausstrahlung in den
Nacken beidseits auf (Suva-act. 18, 20). Ein am 21. Mai 2015 erstelltes CT des
Neurocraniums war normal, ohne Auffälligkeiten (Suva-act. 29). Die untersuchenden
Ärzte des KSSG berichteten am 3. Juli 2015, der neurologische Befund sei unauffällig.
Sie diagnostizierten ein postcomotionelles Syndrom bei Commotio cerebri am 12. Mai
2015. Unter anderem bestehe ein posttraumatischer Kopfschmerz. Zum Ausschluss
einer traumatischen Hirnverletzung planten sie ein MRI (Suva-act. 31). Dieses brachte
am 9. Juli 2015 lediglich einzelne unspezifische Glioseherde periventrikulär beidseits
zur Darstellung. Es fand sich kein Nachweis posttraumatischer Mikroblutungen und
kein Hinweis auf das Vorliegen von Shearing Injuries bei im Übrigen altersentsprechend
normalem MRI (Suva-act. 33). Gemäss biomechanischer Kurzbeurteilung vom 28.
Oktober 2015 ist die Diagnose einer Commotio cerebri nicht nachvollziehbar. Die
beurteilenden Fachpersonen, unter ihnen Dr. med. M._, Fachärztin für
Rechtsmedizin, begründeten überzeugend, den Akten seien weder ein Hinweis für
einen relevanten Kopfanprall an einer harten Innenraumstruktur noch Angaben zu einer
Bewusstlosigkeit zu entnehmen. Aus biomechanischer Sicht ergebe sich aufgrund der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
technischen Bewertung und der medizinischen Unterlagen, dass die anschliessend an
das Ereignis bei der Beschwerdeführerin festgestellten von der HWS ausgehenden
Beschwerden und Befunde isoliert durch die Kollisionseinwirkung eher nicht erklärbar
seien (Suva-act. 69). Dr. I._ führte ein EEG durch und erhob am 24. November 2015
einen neurologischen Normalbefund (Suva-act. 79). Vor diesem Hintergrund folgerten
die Kreisärzte Dr. H._ und med. pract. J._ am 29. Oktober bzw. 8. Dezember 2015
nachvollziehbar, es lägen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine strukturell
objektivierbaren Folgen des Unfalles vom 12. Mai 2015 vor (Suva-act. 70, 84).
4.2 Zusammengefasst sind die geklagten Beschwerden spätestens seit dem Zeitpunkt
der Leistungseinstellung nicht mehr durch einen klar ausgewiesenen organischen
Unfallschaden im Sinn einer nachweisbaren strukturellen Veränderung erklärbar.
5.
Nach den Ergebnissen der medizinischen Forschung ist bekannt, dass bei
Schleudertraumaverletzungen sowie äquivalenten Verletzungen auch ohne
nachweisbare pathologische Befunde noch Jahre nach dem Unfall funktionelle Ausfälle
verschiedenster Art auftreten können. Der Umstand, dass die für ein Schleudertrauma,
eine Distorsion der HWS oder ein Schädel-Hirntrauma typischen Beschwerden nicht
mit entsprechenden Untersuchungsmethoden (Röntgen, Computertomogramm, EEG)
objektivierbar sind, rechtfertigt für sich allein nicht, die diesbezüglichen Beschwerden
in Abrede zu stellen (BGE 117 V 359 E. 5d/aa). Ist ein Schleudertrauma oder eine
äquivalente Verletzung der HWS diagnostiziert und liegt - wie dies konkret der Fall ist -
kein fassbarer organischer (unfallbedingter) Befund an der HWS im erwähnten Sinn vor,
muss für die Bejahung der natürlichen Kausalität ein typisches Beschwerdebild mit
einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel,
Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit und
Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw.
vorliegen (BGE 117 V 359 E. 4b; vgl. auch BGE 117 V 369 E. 3e; Bestätigung in BGE
134 V 109 E. 9). Dieses Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden muss
jedoch nicht in seiner umfassenden Ausprägung innerhalb von 24 bis höchstens 72
Stunden nach dem Unfall auftreten. Vielmehr genügt es, wenn sich in diesem Zeitraum
Beschwerden in der Halsregion oder an der HWS manifestieren (Urteile des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesgerichts vom 30. Januar 2007, U 215/05, und vom 15. März 2007, U 258/06;
RKUV 2000 Nr. 359 S. 29 E. 5e). Vorliegend ist unbestritten und nach Lage der Akten
erwiesen, dass bei der Beschwerdeführerin ein HWS-Beschleunigungstrauma mit
mindestens einem Teil der beschriebenen Beschwerden vorlag (vgl. Suva-act. 20).
6.
6.1 Die Adäquanz eines Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfallereignis vom 12.
Mai 2015 und den im Einstellungszeitpunkt geklagten Beschwerden (vor allem
Kopfschmerzen und psychische Probleme) ist speziell zu prüfen. Die
Beschwerdegegnerin verwies im angefochtenen Einspracheentscheid vom 13. Januar
2017 sowohl auf die Kriterien von BGE 115 V 133 (psychische Fehlentwicklungen) als
auch die Kriterien gemäss der Schleudertrauma-Praxis (BGE 117 V 359, präzisiert
durch BGE 134 V 109). Sie prüfte sodann letztere (Suva-act. 152, vgl. Suva-act. 123). In
ihrer Beschwerdeantwort vertrat die Beschwerdegegnerin jedoch die Ansicht, die
Kriterien von BGE 115 V 133 seien anwendbar (act. G3). Wie sich den Akten
entnehmen lässt, litt die Beschwerdeführerin im massgeblichen Zeitpunkt neben
Kopfschmerzen auch an erheblichen - teilweise jedoch schon vor dem Unfall
bestehenden und durch diesen verstärkten - psychischen Beschwerden (vgl. Suva-act.
50, 79, 102, 107, 120), was grundsätzlich für die Anwendung der Kriterien nach BGE
115 V 133 spricht (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 1. Juni 2012, 8C_710/2011, E.
2.2). Die Frage, ob bei der Adäquanzprüfung nach der Schleudertrauma-Praxis (BGE
134 V 109) oder nach der Psycho-Praxis (BGE 115 V 133) vorzugehen ist, kann jedoch
offengelassen werden, wenn - wie vorliegend - selbst die Anwendung der für die
Beschwerdeführerin günstigeren Schleudertrauma-Praxis zur Verneinung des
adäquaten Kausalzusammenhangs führt (Urteil des Bundesgerichts vom 30. Dezember
2013, 8C_779/2013, E. 5). Im Gegensatz zur Psycho-Praxis wird bei der
Schleudertrauma-Praxis bei der Prüfung der Adäquanzkriterien auf eine Differenzierung
zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet (Urteil des
Bundesgerichts vom 12. Juni 2009, 8C_25/2009, E. 2).
6.2 Für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs ist nach der
Schleudertrauma-Praxis im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall eine massgebende
Bedeutung für die Entstehung der Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit zukommt. Bei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beurteilung dieser Frage ist an das Unfallereignis anzuknüpfen, wobei - ausgehend
vom augenfälligen Geschehensablauf - zwischen banalen bzw. leichten Unfällen
einerseits, schweren Unfällen anderseits und schliesslich dem dazwischenliegenden
mittleren Bereich unterschieden wird. Während der adäquate Kausalzusammenhang in
der Regel bei schweren Unfällen ohne weiteres bejaht und bei leichten Unfällen
verneint werden kann, lässt sich die Frage der Adäquanz bei Unfällen aus dem
mittleren Bereich nicht aufgrund des Unfallgeschehens allein schlüssig beantworten. Es
sind weitere, objektiv erfassbare Umstände, die unmittelbar mit dem Unfall im
Zusammenhang stehen oder als direkte bzw. indirekte Folgen davon erscheinen, in
eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Je nachdem, wo im mittleren Bereich der Unfall
einzuordnen ist und abhängig davon, ob einzelne dieser Kriterien in besonders
ausgeprägter Weise erfüllt sind, genügt zur Bejahung des adäquaten
Kausalzusammenhangs ein Kriterium oder müssen mehrere herangezogen werden
(BGE 134 V 126 E. 10.1). Die in die Adäquanzbeurteilung einzubeziehenden Kriterien
lauten: besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des
Unfalls; die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen; fortgesetzt
spezifische, belastende ärztliche Behandlung; erhebliche Beschwerden; ärztliche
Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; schwieriger
Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen; erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz
ausgewiesener Anstrengungen (BGE 134 V 130 E. 10.3).
6.3 Vorliegend fuhr die Beschwerdeführerin am 12. Mai 2015 mit einer
Geschwindigkeit von ca. 50 km/h mit einem Kleintransporter auf einen Kreisel zu und
realisierte einen bei der Einfahrt stehenden Personenwagen nach eigenen Angaben erst
ca. zehn Meter bevor sie diesen erreicht hatte. Um eine Kollision zu vermeiden, fuhr sie
ungebremst links an diesem vorbei und überquerte die Grünfläche in der Mitte des
Kreisels. Auf Höhe der Kreiselausfahrt lenkte sie brüsk nach links. In der Folge
kollidierte sie frontal mit einem Wegweiser auf einer Verkehrsinsel, streifte mit der
rechten Fahrzeugseite die Front eines stillstehenden Personenwagens und prallte
schlussendlich frontal in eine Steinmauer (Suva-act. 39-6). Laut biomechanischer
Kurzbeurteilung ist im ungünstigsten Fall (Annahme, dass alle Schäden an der Front
des Kleintransporters durch einen Anprall entstanden sind) zu schliessen, dass das
Fahrzeug der Beschwerdeführerin gesamthaft eine Verlangsamung erfuhr, die
unterhalb oder knapp innerhalb eines Bereichs von 20 bis 30 km/h gelegen haben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dürfte. Die Beschwerdeführerin habe sich relativ zu ihrem Fahrzeug vor allem nach
vorne bewegt. Der Bereich für die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung,
innerhalb welchem nach frontalen Anprallen der kritische Wert für nicht unerhebliche
HWS-Beschwerden angenommen werden dürfe, liege für das verzögerte Fahrzeug im
Normalfall bei 20 bis 30 km/h. Aus biomechanischer Sicht ergebe sich aufgrund der
technischen Bewertung und der medizinischen Unterlagen jedoch, dass die
anschliessend an das Ereignis festgestellten von der HWS ausgehenden Beschwerden
und Befunde isoliert durch die Kollisionseinwirkung eher nicht erklärbar seien (Suva-
act. 69). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist bei der vorliegenden
Frontalkollision ohne besondere erschwerende Umstände von einem mittelschweren
Ereignis im Grenzbereich zu den leichten Unfällen auszugehen (Urteile des
Bundesgerichts vom 15. Mai 2008, U 484/06, E. 4.3.6.1, und vom 5. Dezember 2012,
8C_544/2012, E. 5.2).
6.4 Folglich müssen für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs
mindestens vier der relevanten Kriterien oder ein einzelnes Kriterium in besonders
ausgeprägter Weise erfüllt sein (Urteil des Bundesgerichts vom 15. Dezember 2016,
8C_651/2016, E. 5.5; BGE 134 V 109, E. 10.1).
6.4.1 Es bestehen keine Hinweise auf besonders dramatische Begleitumstände oder
eine besondere Eindrücklichkeit des Unfalls. Die Beschwerdeführerin bringt zwar vor,
sie fühle sich manchmal zurückversetzt in den Zeitpunkt des Unfalles und sehe eine
Wand bzw. einen Abgrund vor sich und wisse nicht, wie sie ausweichen könne.
Gleichzeitig gibt sie jedoch an, sich an das direkte Unfallgeschehen nicht erinnern zu
können (act. G1). Das Kriterium ist damit nicht erfüllt.
6.4.2 Zur Bejahung des Kriteriums schwere oder besondere Art der erlittenen
Verletzung genügt die Annahme einer HWS-Distorsion für sich allein nicht. Es bedarf
hierzu einer besonderen Schwere der dafür typischen Beschwerden oder besonderer
Umstände, welche das Beschwerdebild beeinflussen können (BGE 134 V 109, E.
10.2.2). Die
Beschwerdeführerin sass beim Unfall angegurtet auf dem Fahrersitz, eine besondere
Körperhaltung lag nicht vor (Suva-act. 20, 69). Neben der HWS-Distorsion erlitt sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine relevanten Verletzungen. Die behandelnden Ärzte des KSSG berichteten am 3.
Juli 2015 zwar über ein postcomotionelles Syndrom bei Status nach Commotio cerebri
(Suva-act. 31), diese Diagnose erachteten die Fachpersonen des AGU Zürich jedoch
gestützt auf das später erstellte MRI (Suva-act. 33) zu Recht als nicht nachvollziehbar
(vgl. Suva-act. 69). Die Beschwerdeführerin klagte nach dem Unfall auch über
psychische Probleme, insbesondere über Schlafstörungen, depressive Verstimmung,
innerliche Anspannung, Konzentrationsdefizite und Angstzustände (Suva-act. 50, 102).
Die behandelnden Fachpersonen der Klinik K._ diagnostizierten eine
Anpassungsstörung mit Angst und Depression gemischt sowie einen
psychophysischen Erschöpfungszustand (Suva-act. 102). Es ist jedoch zu beachten,
dass die Beschwerdeführerin bereits vor dem Unfall unter einer Anpassungsstörung mit
längerer depressiver Reaktion gelitten hatte und daher zweimal über längere Zeit in
psychiatrischer Behandlung war (Suva-act. 50, vgl. act. G1). Die psychische
Problematik ist daher nur teilweise auf den Unfall zurückzuführen. Das Kriterium ist
damit zu verneinen.
6.4.3 Hinsichtlich des Kriteriums fortgesetzte spezifische und belastende ärztliche
Behandlung ist festzustellen, dass an die Bejahung praxisgemäss hohe Anforderungen
gestellt werden (vgl. etwa SVR 2009 UV Nr. 22 S. 80, 8C_209/2008, E. 5.4; Urteil des
Bundesgerichts vom 12. Juni 2009, 8C_25/2009, E. 4.2.2 mit Hinweisen). Die
Beschwerdeführerin begab sich nach dem Unfall unmittelbar in somatische
Behandlung, wodurch sich die diesbezüglichen Beschwerden sukzessive besserten
(Suva-act. 13, 17, 94). Sie wurde vor allem mit Physiotherapie und Analgetika
behandelt (Suva-act. 17, 40, 94). Der letzte aktenkundige Bericht aus somatischer Sicht
stammt vom 11. Februar 2016. Dr. E._ hielt darin fest, die Beschwerdeführerin
erhalte weiterhin Physiotherapie und nehme bei Bedarf Kopfschmerztabletten ein
(Suva-act. 94). Physio- sowie eine medizinische Schmerztherapie vermögen das
Kriterium für sich allein nicht zu erfüllen (Urteile des Bundesgerichts vom 17. April 2008,
8C_181/2007, E. 3.2; vom 5. September 2008, 8C_52/2008, E. 8.2 und vom 18.
Dezember 2008, 8C_724/2008, E. 4.4.2). Die Beschwerdeführerin befand sich kurz
nach dem Unfall bis zum Einstellungszeitpunkt durchgehend in psychiatrischer
Behandlung (Suva-act. 50, 98, 102, 107, 120). Vom 9. Mai bis 17. Juni 2016 wurde sie
in der Tagesklinik der Klinik K._ behandelt. Inhalte in den begleiteten
Einzelgesprächen waren die Arbeitsplatzsituation, fehlende Wertschätzung und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anerkennung, die Kündigung sowie der Verkehrsunfall und dessen Folgen (Suva-act.
120). Wie bereits erwähnt, war die Behandlung der psychischen Beschwerden somit
nur beschränkt auf den Unfall zurückzuführen. Zudem kann die Behandlung auch nicht
als besonders belastend betrachtet werden, weshalb das Kriterium insgesamt zu
verneinen ist.
6.4.4 Adäquanzrelevant können im Weiteren in der Zeit zwischen dem Unfall und
dem Fallabschluss nach Art. 19 Abs. 1 UVG ohne wesentlichen Unterbruch bestehende
erhebliche Beschwerden sein. Die Erheblichkeit beurteilt sich nach den glaubhaften
Schmerzen und nach der Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person durch die
Beschwerden im Lebensalltag erfährt (BGE 134 V 109, E. 10.2.4). Die
Beschwerdeführerin klagte über Nacken- und Kopfschmerzen sowie kurz nach dem
Unfall auch über Übelkeit (Suva-act. 15, 17, 20). Die somatischen Beschwerden
nahmen seit dem Unfall langsam, aber stetig ab (Suva-act. 13, 66, 94). Dr. E._
berichtete am 23. Oktober 2015 noch über Kopfschmerzen, welche bei länger
dauernder Konzentration aufträten (Suva-act. 66). Am 7. Juni 2016 führte die
Beschwerdeführerin aus, sie sei seit dem Unfall nie schmerzfrei gewesen. Die
Kopfschmerzen seien nach wie vor vorhanden, zwischendurch gehe es ihr jedoch
etwas besser. Die Schmerzen träten immer wieder auf und seien auch dauernd
präsent. Manchmal stehe sie morgens schon mit Kopfschmerzen auf, manchmal träten
sie erst später auf. Die Schmerzen könne sie mit Medikamenten dämmen, weg seien
sie nie ganz (Suva-act. 117). In ihrer Beschwerde machte sie geltend, ihr Alltag sei von
ihren Beschwerden geprägt. Nach ihrer beruflichen Tätigkeit komme sie meistens
erschöpft nach Hause und müsse zuerst schlafen. Der Lärm, das Licht und viele andere
Faktoren liessen sie schnell ermüden. Eine Erhöhung des Arbeitspensums dürfte kaum
möglich sein, ihre Erholungszeit sei jetzt schon knapp (act. G1). Die behandelnden
Fachpersonen der Klinik K._ berichteten am 1. Juli 2016, der Beschwerdeführerin
gelinge es trotz der Kopfschmerzen sich in ihrem sozialen Alltag zu beteiligen (Suva-
act. 120). Zudem litt sie unter psychischen Beschwerden (Schlafstörungen, depressive
Verstimmung, innerliche Anspannung, Konzentrationsstörungen, Angstzustände,
Ermüdung). Die aufgetretenen Schmerzen und die Beeinträchtigung, welche die
Beschwerdeführerin durch ihre Beschwerden insgesamt im Lebensalltag erfahren hat,
übertreffen das bei einer solchen Verletzung Übliche nicht derart, als dass das
Kriterium als in besonderem Masse erfüllt erschiene. Dies auch angesichts der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tatsache, dass die Beschwerdeführerin trotz ihrer Beeinträchtigungen in der Lage war,
von August 2015 bis 30. Juni 2016 in einem rund 50% Pensum zu arbeiten (Suva-act.
43 f., 109).
6.4.5 Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise auf eine ärztliche Fehlbehandlung,
welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hätte, und eine solche wird auch nicht
geltend gemacht. Das Gleiche gilt für das Kriterium des schwierigen Heilungsverlaufs
und erheblicher Komplikationen.
6.4.6 Was schliesslich das Kriterium der Arbeitsfähigkeit anbelangt, ist gemäss BGE
134 V 109 E. 10.2.7 dem Umstand Rechnung zu tragen, dass bei leichten bis
mittelschweren Schleudertraumen der HWS und ähnlichen Verletzungen ein längerer
oder gar dauernder Ausstieg aus dem Arbeitsprozess vom medizinischen Standpunkt
aus als eher ungewöhnlich erscheint. Nicht die Dauer der Arbeitsunfähigkeit ist daher
massgebend, sondern eine erhebliche Arbeitsunfähigkeit als solche, die zu überwinden
die versicherte Person ernsthafte Anstrengungen unternimmt. Konkret muss ihr Wille
erkennbar sein, sich durch aktive Mitwirkung raschmöglichst wieder in den
Arbeitsprozess einzugliedern. Nur wer in der Zeit bis zum Fallabschluss nach Art. 19
Abs. 1 UVG in erheblichem Masse arbeitsunfähig ist und solche Anstrengungen
auszuweisen vermag, kann das Kriterium erfüllen (BGE 134 V 109 E. 10.2.7). Die
Beschwerdeführerin nahm ihre Arbeit am 10. August 2015 in einem Pensum von 50%
wieder auf (entsprechend leicht weniger als das ursprünglich ausgeübte Pensum) und
war bis zur Kündigung vom 30. Juni 2016 in diesem Umfang tätig (Suva-act. 43 f.). Die
Kündigung hing primär mit einem Führerausweisentzug, nicht mit der gesundheitlichen
Situation der Beschwerdeführerin, zusammen (Suva-act. 116). Dr. E._ hatte ihr bis im
Dezember 2015 eine Arbeitsunfähigkeit von 50% attestiert (vgl. Suva-act. 83) und am
11. Februar 2016 berichtet, die Arbeitsunfähigkeit habe nun auf 30% gesenkt werden
können (Suva-act. 94). Dr. F._ bzw. die behandelnden Fachpersonen der Klinik K._
attestierten der Beschwerdeführerin sodann vom 21. April bis 31. Juli 2016 aus
psychiatrischer Sicht erneut eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (Suva-act. 107, 120).
Der Beschwerdeschrift ist schliesslich zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin
wieder arbeitsfähig ist (act. G1). Das Kriterium ist damit insgesamt zu verneinen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.5 Da somit höchstens eines der zu berücksichtigenden Kriterien (erhebliche
Beschwerden) erfüllt ist, dieses allerdings nicht in besonders ausgeprägter Weise, ist
der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 12. Mai 2015 und den
im Zeitpunkt der Leistungseinstellung geklagten Beschwerden zu verneinen. Folglich
erübrigt sich die Prüfung des natürlichen Kausalzusammenhangs (vgl. BGE 135 V 465
E. 5.1).
7.
7.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist der Einspracheentscheid vom 13.
Januar 2017 nicht zu beanstanden und die dagegen erhobene Beschwerde
abzuweisen.
7.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).