Decision ID: 447a45ab-e935-5fa6-893d-564cb36349d9
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der von Amtes wegen am Verfahren Beteiligte ist Grundeigentümer der Parzelle
Grundbuchblatt Schattenhalb Nr. F._ an der G._strasse 108. Das
Grundstück befindet sich in der Landwirtschaftszone und grenzt an eine Kantonsstrasse.
Die Beschwerdeführerin 2 ist seit August 2015 Mieterin der Liegenschaft. Zusammen mit
dem Beschwerdeführer 1 hält sie dort mehrere Hunde und Katzen sowie weitere Tiere. Zu
diesem Zweck haben die Beschwerdeführenden ohne Baubewilligung einige Bauten und
Anlagen erstellt. Mit Schreiben vom 15. April 2016 bat sie die Gemeinde Schattenhalb
deshalb, bis zum 29. April 2016 ein nachträgliches Baugesuch einzureichen. Von dieser
Möglichkeit machten die Beschwerdeführenden keinen Gebrauch. Am 3. Mai 2016 führte
die Gemeinde eine Begehung durch. Daran nahmen die Beschwerdeführerin 2, der
Grundeigentümer sowie ein Vertreter des Amtes für Gemeinden und Raumordnung (AGR)
teil. Am 10. Mai 2016 erliess die Gemeinde eine Baueinstellungsverfügung. Darin hielt sie
fest, die Beschwerdeführenden hätten eine Überdachung für die Katzenhaltung errichtet
und hohe Zäune erstellt. Sie würden Baumaterialien lagern und in grösserem Umfang
Hunde und Katzen halten. All diese Vorkehren seien baubewilligungspflichtig. Deshalb
forderte sie die Beschwerdeführenden auf, alle Arbeiten sofort einzustellen. Sie verbot
ihnen, weitere Baumaterialien und dergleichen zu lagern sowie weitere Zäune zu erstellen.
Die Baueinstellungsverfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Mit Schreiben von 27. Mai 2016 gab die Gemeinde den Beschwerdeführenden
Gelegenheit, ein nachträgliches Baugesuch einzureichen und zur Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustands Stellung zu nehmen. Die Beschwerdeführenden teilten am 14.
Juni 2016 mit, sie hätten provisorische Fahrnisbauten (Hunde- und Katzenauslauf) erstellt
und den offenen Sitz- und Eingangsbereich mit einem Sichtschutz versehen. Sie seien
davon ausgegangen, Fahrnisbauten seien ohne Baubewilligung erlaubt. Sie stellten ein
nachträgliches Baugesuch für den Sichtschutzzaun entlang der Kantonsstrasse und den
Katzenauslauf in Aussicht. Zudem teilten sie mit, sie hätten vor, ein Baugesuch für den
definitiven Hundezwinger sowie für die Umzäunung des Hundeparks und des
Ziegenweidelandes einreichen. Sie benötigten dazu aber Zeit bis zum 30. Juni 2016.
Am 28. Juni 2016 erliess die Gemeinde eine Wiederherstellungsverfügung mit folgenden
Anordnungen:
«a) Sie werden aufgefordert, die Anzahl Hunde bis auf max. 5 Tiere zu reduzieren.
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b) Sie werden angewiesen, den Katzenauslauf zurüzuckbauen und die Anzahl Katzen auf max. 10 Tiere zu reduzieren.
c) Sie werden aufgefordert, den grünen Sichtschutz am Zaun zum Trottoir hin wegzuräumen und den Zaun zurückzubauen oder auf eine max. Höhe von 1.20 m zu reduzieren.
d) Sie werden angewiesen, das gelagerte sichtbehindernde Baumaterial wegzuräumen e) Zudem werden sie aufgefordert, die Hundezwinger am Hang wieder abzubauen.»
In der Verfügung wies die Gemeinde zudem auf die Gelegenheit zum Einreichen eines
nachträglichen Baugesuches hin und räumte den Beschwerdeführenden dazu eine Frist
von 60 Tagen ein. Sie unterliess es jedoch, eine Frist für die Wiederherstellung
anzusetzen. Die Beschwerdeführenden wandten sich in der Folge an den
Gemeindepräsidenten und ersuchten um ein Gespräch. Den vereinbarten Termin mussten
sie wegen eines Arzttermins absagen. Sie stellten in Aussicht, ihr Anwalt werde sich
zwecks Vereinbarung eines neuen Termins bei der Gemeinde melden. Am 2. August 2016
erliess die Gemeinde eine verbesserte Wiederherstellungsverfügung, die diejenige vom 28.
Juni 2016 ersetzte. Die Frist zur Wiederherstellung wurde auf den 30. September 2016
angesetzt. Gleichzeitig wies die Gemeinde erneut auf die Möglichkeit eines nachträglichen
Baugesuchs hin.
2. Gegen diese Verfügung reichten die Beschwerdeführenden am 2. September 2016
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
beantragen sinngemäss die Aufhebung der Verfügung. Zur Begründung führen sie
insbesondere aus, laut Verfügung des Veterinäramts dürften sie alle Hunde behalten.
Zudem hätten sie noch nie mehr als zehn ausgewachsene Katzen gehalten. Die grüne
Plane könnten sie aus verschiedenen Gründen nicht entfernen und der Zaun könne aus
Sicherheitsgründen nicht auf 1.20 m reduziert werden. Zudem wiesen sie darauf hin, dass
sie weitere Arbeiten planten, die ihrer Auffassung nach baubewilligungsfrei seien.
3. In ihrer Vernehmlassung vom 20. September 2016 beantragt die Gemeinde die
Abweisung der Beschwerde. Sie weist unter anderem darauf hin, dass der Veterinärdienst
lediglich prüfe, ob die Vorgaben der Tierschutzgesetzgebung eingehalten seien. Der
Katzenauslauf sei aufgrund seiner Masse baubewilligungspflichtig. Zu den weiteren
Vorhaben der Beschwerdeführenden könne sie nicht Stellung beziehen. Allfällige konkrete
Pläne könnten vor Ort besprochen werden.
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In seiner Stellungnahme vom 28. Oktober 2016 verzichtete der von Amtes wegen am
Verfahren beteiligte auf das Stellen eigener Rechtsbegehren. Er teilte mit, er habe das
Mietverhältnis per Ende November 2016 gekündigt.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte
Stellungnahmen des Oberingenieurkreises I (OIK) und des Amtes für Gemeinden und
Raumordnung (AGR) ein. Anschliessend erkundigte es sich bei den
Beschwerdeführenden, ob sie trotz der Kündigung des Mietverhältnisses an ihrer
Beschwerde festhalten würden. Zudem gab es den Beteiligten Gelegenheit,
Schlussbemerkungen einzureichen. Der von Amtes wegen am Verfahren Beteiligte und die
Gemeinde verzichteten auf das Einreichen von Schlussbemerkungen. Mit Schreiben vom
9. Dezember 2016 stellte die nunmehr anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin 2 ein
Sistierungsgesuch und stellte ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege in Aussicht. Mit
Verfügung vom 12. Dezember 2016 wies das Rechtsamt das Sistierungsgesuch ab.
Zusammen mit ihren Schlussbemerkungen vom 22. Dezember 2016 reichte die
Beschwerdeführerin 2 das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ein. Das Rechtsamt
gab den anderen Beteiligen Gelegenheit zur Stellungnahme. Mit Eingabe vom 26. Januar
2017 nahm die Gemeinde zu den Schlussbemerkungen und dem Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege der Beschwerdeführerin 2 ausführlich Stellung. Das Rechtsamt
gab den Parteien Gelegenheit, eine allfällige Stellungnahme einzureichen. Innert Frist
gingen keine Eingaben ein. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48 BauG2 können innert 30 Tagen seit
Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden (Art. 49 Abs. 1 BauG). Die
BVE ist daher für die Beurteilung der Beschwerde zuständig.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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b) Die Beschwerdeführenden sind als Adressaten der angefochtenen
Wiederherstellungsverfügung besonders berührt. Sie haben ein schutzwürdiges Interesse
an deren Änderung oder Aufhebung. Sie sind deshalb befugt, Beschwerde zu führen
(Art. 65 Abs. 1 VRPG3). Ihre Beschwerde ist innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden
(Art. 49 Abs. 1 BauG).
c) Parteieingaben müssen bestimmten Mindestanforderungen an die Form genügen
(Art. 32 Abs. 2 VRPG). Antrag, Begründung und Unterschrift gehören zu den eigentlichen
Gültigkeits- und Prozessvoraussetzungen. Der Antrag muss eigentlich so präzis abgefasst
werden, dass er unverändert ins Entscheiddispositiv aufgenommen werden kann; die
Praxis ist allerdings nicht streng. Es ist ausreichend, wenn sich aus dem Zusammenhang
ergibt, was beantragt wird.4 Aus der Begründung muss sinngemäss erkennbar sein, welche
Rechtsnorm oder Grundsätze der Ermessensausübung nach Auffassung der
opponierenden Partei verletzt oder inwiefern Sachverhaltselemente unrichtig oder
unvollständig festgestellt worden sind.5 Die Beschwerdeführenden stellen zwar keinen
ausdrücklichen Antrag, aus ihrer Beschwerde ergibt sich jedoch hinreichend, dass sie die
Aufhebung der Wiederherstellungsverfügung beantragen. Aus der Begründung geht auch
klar hervor, weshalb die beanstandete Verfügung ihrer Auffassung nach aufgehoben
werden soll. Die BVE tritt daher grundsätzlich auf die Beschwerde ein.
d) Das Beschwerdeverfahren ist auf den Streitgegenstand begrenzt. Dieser wird
einerseits durch die angefochtene Verfügung und andererseits durch die Parteibegehren
bestimmt.6 Zukünftige Sachverhalte können nicht Gegenstand des vorliegenden
Verfahrens bilden. Die Frage, ob die in der Beschwerde aufgeführten, künftig geplanten
Arbeiten baubewilligungsfrei sind, geht über den Streitgegenstand hinaus.
2. Verfahrensfehler
a) Die Beschwerdeführerin 2 macht in den Schlussbemerkungen zum ersten Mal
verschiedene Verfahrensfehler geltend. Es ist fraglich, ob sie diese Rügen rechtzeitig
3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 32 N. 13 5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 32 N. 15 6 BGE 133 II 181 E.3.3
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erhoben hat. Das kann aber offen gelassen werden, da sie, wie nachfolgend dargelegt
wird, unbegründet sind.
b) Die Beschwerdeführerin 2 macht geltend, da sie gehörlos sei, hätte bei der
Besprechung vom 3. Mai 2016 ein Dolmetscher für die Gebärdensprache beigezogen
werden müssen. Zudem sei ihr im Beschwerdeverfahren ein Gebärdensprachdolmetscher
beizuordnen. Aus dem verfassungsrechtlichen Diskriminierungsverbot von Art. 8 Abs. 2
BV7 und dem Anspruch auf gleiche Behandlung nach Art. 29 Abs. 1 BV ergibt sich für alle
Rechtssuchenden ein Anrecht auf gleichen Zugang zum Gericht oder zur
Verwaltungsbehörde. Dieser verfassungsrechtliche Anspruch verlangt von der
verfahrensleitenden Behörde, dass sie diejenigen Massnahmen trifft, die geeignet,
erforderlich und zumutbar sind, um den betroffenen Menschen mit Behinderung die
gleichberechtigte Teilnahme am Verfahren zu gewährleisten. Bei hörbehinderten oder
gehörlosen Verfahrensbeteiligten kann das beispielsweise heissen, dass die
Verhandlungen in die Gebärdensprache übersetzt werden oder dass eine simultane
Transkription der Verhandlungen stattfindet.8 Gemäss Angaben der Gemeinde hatte eine
Kommunikation mit der Beschwerdeführerin 2 bis dahin keine Schwierigkeiten geboten. Sie
hatte daher keinen Anlass, für die Begehung vom 3. Mai 2016 von sich aus eine
Dolmetscherin oder einen Dolmetscher für Gebärdensprache beizuziehen. Es wird weder
geltend gemacht noch ergibt sich aus den Akten, dass die Beschwerdeführerin 2 bei der
Gemeinde die Notwendigkeit eines Gebärdensprachdolmetschers angemeldet hätte. Ein
Verfahrensfehler der Gemeinde liegt deshalb nicht vor. Im Übrigen ist das Verfahren vor
den Verwaltungs- und Verwaltungsjustizbehörden grundsätzlich schriftlich (Art. 31 VRPG).
Da weder eine Instruktionsverhandlung angeordnet noch ein Augenschein durchgeführt
worden ist, bestand im vorliegenden Beschwerdeverfahren kein Anlass, der
Beschwerdeführerin 2 eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher für Gebärdensprache
beizuordnen.
c) Die Beschwerdeführerin 2 macht geltend, es sei ihr zu keinem Zeitpunkt
Akteneinsicht gewährt worden. Im vorliegenden Verfahren seien die rechtsstaatlichen
Prinzipien anzuwenden, indem insbesondere das rechtliche Gehör zu gewähren sei.
7 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 8 Vgl. dazu Markus Schefer/Caroline Hess-Klein, Behindertengleichstellungsrecht, S. 255 ff.; Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS AG, Evaluation des Bundesgesetzes über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen - BehiG, Integraler Schlussbericht, S. 218
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Der Anspruch auf rechtliches Gehör nach Art. 21 ff. VRPG gibt den Parteien das Recht,
sich zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu
nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu
äussern. Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist ein formeller Anspruch; die Verletzung des
rechtlichen Gehörs führt deshalb grundsätzlich zur Aufhebung des angefochtenen
Entscheids. Eine Gehörsverletzung kann aber dann geheilt werden, wenn die Rechtsmittel-
instanz dieselbe Kognition hat wie die Vorinstanz und der Beschwerdeführenden aus der
Heilung kein Nachteil erwächst.9 Die Heilung des rechtlichen Gehörs ist allenfalls bei der
Kostenverlegung zu berücksichtigen.10 Kurz vor Ablauf der Rechtsmittelfrist der ersten
Wiederherstellungsverfügung beantragten die Beschwerdeführenden, es sei ihnen
Akteneinsicht zu gewähren. Den Akten lässt sich nicht entnehmen, ob die Gemeinden den
Beschwerdeführenden Einsicht in die Akten gab, beispielsweise anlässlich ihres Besuchs
auf der Gemeindeverwaltung am 27. Juli 2016. In ihrer Beschwerde machen die
Beschwerdeführenden auch nicht geltend, ihnen sei die Akteneinsicht verweigert worden.
Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör ist deshalb nicht erstellt. Im Rahmen
des Beschwerdeverfahrens wurden die Akten dem Anwalt der Beschwerdeführerin 2 zur
Einsichtnahme zugestellt. Zudem wurden die Verfahrensbeteiligten angehört und konnten
ihr Recht zur Stellungnahme wahrnehmen. Eine allfällige Gehörsverletzung wäre deshalb
im Beschwerdeverfahren geheilt worden.
d) Die Beschwerdeführerin 2 macht geltend, im Zweifelsfall entscheide das
Regierungsstatthalteramt und nicht die Gemeinde über die Frage der
Baubewilligungspflicht. Bestehen Zweifel, ob ein Bauvorhaben einer Baubewilligung
bedarf, kann darüber ein Entscheid des Regierungsstatthalteramts verlangt werden (Art. 48
Abs. 2 Bst. a BewD). Auf das Gesuch ist einzutreten, wenn ein schutzwürdiges Interesse
nachgewiesen ist (Art. 50 Abs. 2 VRPG). Nach neuer Rechtsprechung des
Verwaltungsgerichts fehlt dieses schutzwürdige Interesse, wenn das Bauvorhaben bereits
realisiert ist.11 In diesem Fall hat die Gemeinde von Gesetzes wegen ein baupolizeiliches
Verfahren zu eröffnen und eine Wiederherstellungsverfügung zu erlassen (Art. 46 Abs. 1
und 2 BauG). Die Wiederherstellungsverfügung wird aufgeschoben, wenn der oder die
Pflichtige innert 30 Tagen seit Eröffnung der Verfügung um eine nachträgliche
Baubewilligung ersucht. Im nachträglichen Baubewilligungsverfahren wird auch über eine
9 BVR 2012 S. 28 E. 2.3.5; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 21 N. 16 10 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 108 N. 9 11 BVR 2016 S. 273 E. 2.2
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umstrittene Bewilligungspflicht befunden. Reicht die Bauherrschaft kein nachträgliches
Baugesuch ein, kann sie im Beschwerdeverfahren gegen die Wiederherstellungsverfügung
die Bewilligungspflicht zum Verfahrensgegenstand machen.12 Das Vorgehen der Gemeinde
war somit korrekt.
e) Die Beschwerdeführerin 2 macht geltend, die Gemeinde habe nie aufgezeigt, was
bewilligungsfähig sei. Nachdem sie sich nach dem zuständigen Geometer erkundigt habe,
hätte die Gemeinde gewusst, dass ein nachträgliches Baugesuch eingereicht werde.
Trotzdem habe sie fünf Tage später die nun angefochtene Verfügung erlassen. Falls die
Beschwerdeinstanz die Baubewilligungspflicht bejahe, sei ein nachträgliches
Baubewilligungsverfahren durchzuführen. Der Beschwerdeführerin sei Gelegenheit zu
geben, ein nachträgliches Baugesuch einzureichen. Das bernische Recht ermöglicht es der
Bauherrschaft, innert 30 Tagen seit Eröffnung der Wiederherstellungsverfügung ein
Gesuch um nachträgliche Baubewilligung einzureichen. Die Behörde kann die Frist aus
wichtigen Gründen verlängern (Art. 46 Abs. 2 Bst. b BauG). Versäumt es die
Bauherrschaft, rechtzeitig ein nachträgliches Baugesuch einzureichen, so ist der Anspruch
auf materielle Prüfung der Baurechtskonformität grundsätzlich verwirkt.13 Die Gemeinde
gab den Beschwerdeführenden mehrmals Gelegenheit, ein nachträgliches Baugesuch
einzureichen. In den beiden Wiederherstellungsverfügungen räumte sie ihnen dazu eine
Frist von 60 Tagen ein. Von dieser Möglichkeit machten die Beschwerdeführenden jedoch
keinen Gebrauch. Es besteht deshalb kein Anlass, ihnen im Beschwerdeverfahren ein
weiteres Mal die Möglichkeit zur Einreichung eines nachträglichen Gesuchs einzuräumen.14
3. Formelle Rechtswidrigkeit
a) Die Beschwerdeführenden halten zahlreiche Tiere, insbesondere 15-22 Hunde, neun
Katzen, zwei Hausgeflügel und sieben Zwergziegen. Sie haben ohne Baubewilligung
verschiedene Bauten und Anlagen für die Tierhaltung erstellt oder nutzen dafür
bestehende Bauten. Insbesondere haben sie Zäune für einen Hundeauslauf aufgestellt und
auf der Nordwestseite des Gebäudes einen Anbau für die Haltung der Katzen errichtet.
Zudem lagern sie auf der südöstlichen Seite der Liegenschaft beim Autoabstellplatz
12 BVR 2016 S. 273 E. 2.4. 13 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 15a 14 Vgl. dazu Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 13 Bst. d
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verschiedenes Bau- und Absperrmaterial. Es ist insbesondere umstritten, ob das Gehege
für die Katzen baubewilligungspflichtig ist. Die Beschwerdeführenden sind der Auffassung,
es handle sich um eine bewilligungsfreie Kleinbaute.
b) Bauten und Anlagen dürfen nur mit behördlicher Bewilligung errichtet oder geändert
werden (Art. 22 Abs. 1 RPG). Baubewilligungspflichtig sind alle künstlich geschaffenen und
auf Dauer angelegten Bauten, Anlagen und Einrichtungen (Bauvorhaben), die in fester
Beziehung zum Erdboden stehen und geeignet sind, die Nutzungsordnung zu
beeinflussen, indem sie zum Beispiel den Raum äusserlich erheblich verändern, die
Erschliessung belasten oder die Umwelt beeinträchtigen (Art. 1a Abs. 1 BauG).
Baubewilligungspflichtig sind auch die Zweckänderung und der Abbruch von Bauten,
Anlagen und Einrichtungen sowie wesentliche Terrainveränderungen (Art. 1a Abs. 2
BauG). Keiner Baubewilligung bedürfen insbesondere der Unterhalt von Bauten und
Anlagen, für eine kurze Dauer erstellte Bauten und Anlagen sowie andere geringfügige
Bauvorhaben. Im Übrigen bestimmt das Baubewilligungsdekret die baubewilligungsfreien
Bauvorhaben (Art. 1b Abs. 1 BauG). So zählen die Art. 6 und 6a BewD15 detailliert auf,
welche Vorhaben baubewilligungsfrei sind. Keiner Baubewilligung bedürfen insbesondere
kleine Nebenanlagen wie Gehege oder kleine Ställe für einzelne Kleintiere (Art. 6 Abs. 1
Bst. b BewD), bis zu 1.20 m hohe Einfriedungen (Art. 6 Abs. 1 Bst. i BewD) oder das
Lagern von Material während einer Dauer von bis zu drei Monaten pro Kalenderjahr (Art. 6
Abs. 1 Bst. m BewD). Art. 7 Abs. 1 BewD enthält allerdings den Vorbehalt, dass auch diese
Bauvorhaben eine Baubewilligung benötigen, wenn sie ausserhalb der Bauzone liegen und
geeignet sind, die Nutzungsordnung zu beeinflussen, indem sie beispielsweise den Raum
äusserlich erheblich verändern, die Erschliessung belasten oder die Umwelt
beeinträchtigen.
c) Die Beschwerdeführenden bestreiten zu Recht die Baubewilligungspflicht bezüglich
des über 1.20 m hohen, mit einer grünen Plane versehenden Zauns entlang der
Kantonsstrasse nicht. Das Bau- und Absperrmaterial liegt schon seit mehr als drei Monaten
auf der Parzelle. Seine Lagerung ist deshalb ebenfalls baubewilligungspflichtig, was nicht
bestritten wird. Gemäss kantonaler Praxis sind kleine Ställe und Gehege für einzelne
Kleintiere wie Meerschweinchen, Kaninchen, Hühner, Gänse, Enten, Vögel, Katzen,
Hunde, Schafe, Ziegen usw. baubewilligungsfrei, wenn sie der hobbymässigen, nicht aber
der gewerbsmässigen Tierhaltung dienen. Die maximalen Masse baubewilligungsfreier
15 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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Ställe und Gehege entsprechen denjenigen von Kleinbauten gemäss Art. 6 Abs. 1 Bst. a
BewD.16 Demnach dürfen solche Bauten und Anlagen eine Grundfläche von 10 m2 und
eine Höhe von höchstens 2.5 m nicht überschreiten. Den Vorakten lässt sich entnehmen,
dass das Katzengehege eine Grundfläche von 22.3 m2 sowie eine Höhe von 2.6 m
aufweist. Zudem bestehen zwei eingezäunte Hundezwinger oder -ausläufe mit einer
Fläche von 66.5 m2 und 34.3 m2. Unerheblich ist, ob der grössere Hundeauslauf am Hang
in der Zwischenzeit für die Haltung der Zwergziegen verwendet wird, wie die
Beschwerdeführenden in ihrer Beschwerde geltend machen. Auch bei dieser Nutzung
handelt es sich um ein Tiergehege. Aufgrund ihrer Masse unterliegen die Tiergehege der
Baubewilligungspflicht. Zudem ist die hobbymässige Tierhaltung ausserhalb der Bauzone
nicht zonenkonform und bedarf deshalb einer Ausnahmebewilligung (vgl. Art. 24e RPG).
Es liegt deshalb ein formell rechtswidriger Zustand vor.
4. Materielle Rechtswidrigkeit
a) Die Beschwerdeführenden haben der ersten Aufforderung der Gemeinde, ein
nachträgliches Baugesuch für die beanstandeten Bauten und Anlagen einzureichen, keine
Folge geleistet. Sie haben auch nach Erhalt der Wiederherstellungsverfügung kein
Baugesuch eingereicht, obwohl ihnen die Gemeinde dazu noch einmal ausdrücklich
Gelegenheit gegeben hat. Sie haben damit den Anspruch auf einlässliche Prüfung ihres
Bauvorhabens verwirkt. Da ein nachträgliches Baugesuch fehlt, kann keine detaillierte
materielle Prüfung der baubewilligungspflichtigen Bauten und Anlagen stattfinden. Die
Beschwerdeführenden haben aber Anspruch darauf, dass die Beschwerdeinstanz im
Rahmen des Wiederherstellungsverfahrens wenigstens summarisch prüft, ob die
bewilligungspflichtigen Bauten nicht allenfalls ganz oder teilweise bewilligungsfähig wären.
Die Wegräumung von nur formell rechtswidrigen, materiell aber nicht zu beanstandenden
Bauten, wäre mit dem Verhältnismässigkeitsprinzip nicht zu vereinbaren. 17 Hätten die
Beschwerdeführenden jedoch gewollt, dass die vorliegend zu beurteilenden Bauten und
Anlagen aufgrund der einschlägigen Vorschriften einlässlich geprüft würden, hätten sie
fristgerecht ein nachträgliches Bau- und Ausnahmegesuch einreichen müssen.18
16 Vgl. Weisung vom 15. Januar 2013 betreffend baubewilligungsfreie Bauten und Anlagen nach Art. 1b BauG (BSIG Nr. 7/725.1./1.1), Ziff. 2b S. 6, abrufbar unter <http://www.jgk.be.ch>, Rubriken «Gemeinden, Bernische Systematische Information Gemeinden (BSIG)» 17 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 15a 18 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 14a
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b) Gemäss Art. 22 Abs. 2 RPG ist die Voraussetzung einer Baubewilligung, dass die
Bauten und Anlagen dem Zweck der Nutzungszone entsprechen und das Land
erschlossen ist. In der Landwirtschaftszone zonenkonform sind Bauten und Anlagen, die
zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung oder für den produzierenden Gartenbau nötig sind
(Art. 16a Abs. 1 Satz 1 RPG). Diese Anforderungen werden in Art. 34 RPV19 präzisiert.
Insbesondere gelten Bauten und Anlagen für die Freizeitlandwirtschaft ebenso wenig als
zonenkonform (Art. 34 Abs. 5 RPV) wie die hobbymässige Tierhaltung (vgl. Art 24e RPG).
Weder die hobbymässige Haltung einer derart grossen Anzahl Tiere noch eine Hunde- und
Katzenzucht stellen eine landwirtschaftliche Nutzung dar. Somit dienen auch das
Katzengehege, der Hundeauslauf und das Tiergehege am Hang keiner landwirtschaftlichen
Nutzung. Auch das Materiallager neben dem Parkplatz hat keinen Zusammenhang mit
einer landwirtschaftlichen Bewirtschaftung. Sie sind deshalb nicht zonenkonform und
könnten höchstens mit einer Ausnahmebewilligung gemäss Art. 24 ff. RPG bewilligt
werden. Ausnahmebewilligungen für die hobbymässige Tierhaltung sind möglich für
bauliche Massnahmen in unbewohnten Gebäuden oder Gebäudeteilen, die in ihrer
Substanz erhalten sind, wenn sie Bewohnerinnen und Bewohnern einer nahe gelegenen
Wohnbaute zur hobbymässigen Tierhaltung dienen und eine tierfreundliche Haltung
gewährleisten (Art. 24e Abs. 1 RPG). Für die hobbymässige Tierhaltung dürfen keine
neuen Bauten und Anlagen erstellt werden. Eine Ausnahme gilt für Aussenanlagen, soweit
sie für eine tiergerechte Haltung notwendig sind und weder überdacht noch umwandet sind
(Art. 24e Abs. 2 RPG und Art. 42b Abs. 5 RPV). Die Aussenanlagen können für die
hobbymässige Beschäftigung mit den Tieren genutzt werden, soweit damit keine baulichen
Änderungen verbunden sind und keine neuen Auswirkungen auf Raum und Umwelt
entstehen (Art. 24e Abs. 3 RPG). Einzäunungen, die der Beweidung dienen und nicht mit
nachteiligen Auswirkungen auf die Landschaft verbunden sind, werden auch dann bewilligt,
wenn die Tiere in der Bauzone gehalten werden (Art. 24e Abs. 4 RPG). Im Übrigen gelten
die allgemeinen Bewilligungsvoraussetzungen von Art. 24d Abs. 3 RPG (Art. 24e Abs. 5
RPG). Das setzt insbesondere voraus, dass die Baute oder Anlage, die umgenutzt werden
soll, für den bisherigen Zweck nicht mehr benötigt wird und für die vorgesehene Nutzung
geeignet ist. Ihre äussere Erscheinung und die bauliche Grundstruktur müssen im
Wesentlichen unverändert bleiben. Die landwirtschaftliche Bewirtschaftung des
umliegenden Grundstücks darf nicht gefährdet sein und es dürfen keine überwiegenden
Interessen entgegenstehen. Aufgrund einer summarischen Prüfung sind diese
Voraussetzungen nicht erfüllt. Soweit das Tiergehege am Hang in der Zwischenzeit nicht
19 Raumplanungsverordnung des Bundesrates vom 28. Juni 2000 (RPV; SR 700.1)
RA Nr. 120/2016/40 12
mehr für die Haltung von Hunden verwendet wird, sondern nur noch aus einem Weidezaun
für die Haltung von Zwergziegen dient, dürfte es aufgrund einer summarischen Prüfung
wohl zulässig sein. Das Katzengehege und der Hundeauslauf mit dem grünen Sichtschutz
stellen hingegen unzulässige Neuanlagen dar, die zudem überdacht bzw. umwandet sind.
Zudem wird dadurch und durch das Materiallager das Erscheinungsbild wesentlich
verändert. Das Lagern von Baumaterialien ist gemäss nachvollziehbarer Beurteilung des
AGR aus Gründen des Landschaftsschutzes nicht zulässig. Dem Zaun mit dem grünen
Sichtschutz und dem Materiallager steht zudem das überwiegende öffentliche Interesse
der Verkehrssicherheit entgegen (vgl. dazu Bst. d).
c) Zudem müsste die Hundehaltung den lärmschutzrechtlichen Anforderungen
genügen20 und dürfte höchstens geringfügige Störungen verursachen.21 Die Gemeinde hat
die Beschwerdeführenden aufgefordert, die Anzahl Hunde auf maximal fünf Tiere und die
Anzahl Katzen auf maximal zehn Tiere zu reduzieren. Die Beschwerdeführenden machen
geltend, gemäss Verfügung des Veterinäramts dürften sie alle Hunde behalten. Sie wollen
wissen, worauf sich die Gemeinde bei der Beschränkung der Anzahl Hunde stützt. Zudem
machen sie darauf aufmerksam, dass sie noch nie mehr als zehn ausgewachsene Katzen
gehalten hätten. Diese Festlegung bestreiten sie jedoch nicht. Vorab ist festzuhalten, dass
der Veterinärdienst die zulässige Anzahl Tiere einzig aus tierschutzrechtlichen Gründen
beurteilt hat. Welche Anzahl aus bau- und umweltrechtlichen Gründen zulässig ist, ist
damit nicht gesagt. Nach der Berner Praxis sind in der Wohnzone drei bis vier Hunde
zonenkonform.22 Das Bundesgericht hat diesen Massstab auch für die lärmschutzrechtliche
Beurteilung für die der Wohnzone entsprechende Empfindlichkeitsstufe II übernommen.
Auf dieser Basis hat es mit Blick auf ein Tierasyl in der Landwirtschaftszone, d.h. einer
Zone mit einer gegenüber einer reinen Wohnzone verminderten Lärmempfindlichkeit
entschieden, dass das Halten von maximal acht Hunden aus umweltschutzrechtlicher Sicht
als vertretbar (wenn auch eher grosszügig) zu werten ist. 23 In einem anderen Fall hat es in
der Landwirtschaftszone lediglich vier Hunde zugelassen.24 Unter Berücksichtigung dieser
Rechtsprechung kann die vorhandene Anzahl Hunde nicht bewilligt werden. Die von der
ortskundigen Gemeinde auf maximal fünf Tiere festgelegte Anzahl Hunde ist nicht zu
beanstanden. Die Zahl der Katzen ist nicht umstritten.
20 Vgl. BGer 1C_510/2011 vom 18. April 2012 E. 2 21 BGE 130 II 32 E. 2.2 22 BVR 1991 S. 494; BSIG Nr. 7/725.1/1.1 Ziff. 2b S. 6, a.a.O. 23 BGer 1A.276/2000 vom 13.8.2001 24 BGer 1C_510/2011 vom 18. April 2012 E. 5.1
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d) Gegenüber Kantonsstrassen gilt ein Strassenabstand von 5 m, gegenüber
selbstständigen Fuss- und Radwegen von 3.6 m ab Fahrbahnrand (Art. 80 Abs. 1 SG25). In
diesem Bauverbotsstreifen dürfen grundsätzlich keine Bauten und Anlagen erstellt werden.
Für Einfriedungen und Zäune bis zu einer Höhe von 1.2 m gilt ein Strassenabstand von
0.5 m ab Fahrbahnrand (Art. 56 Abs. 1 SV26). Höhere Einfriedungen und Zäune sind um
ihre Mehrhöhe zurückzuversetzen (Art. 56 Abs. 2 SV). Sowohl der Hundezwinger mit Zaun
und grüner Plane als auch das Materiallager neben dem Parkplatz befinden sich im
Bauverbotsstreifen. Besondere Verhältnisse, die eine Ausnahme von den gesetzlichen
Strassenabständen gemäss Art. 81 SG rechtfertigen würden, sind keine ersichtlich, da
beide Anlagen nicht auf diesen Standort angewiesen sind. Zudem würden einer
Ausnahmebewilligung öffentliche Interessen entgegenstehen, da die Anlagen im
Bauverbotsstreifen die Sicht auf den Gehweg und die Kantonsstrasse behindern und
deshalb die Verkehrssicherheit gefährden.
e) Zusammenfassend ergibt sich aufgrund der summarischen Prüfung, dass die
Tiergehege für Hunde und Katzen, das Materiallager aber auch die Haltung der
zahlreichen Tiere nicht zonenkonform sind und dafür grundsätzlich keine Ausnahme für
das Bauen ausserhalb der Bauzone erteilt werden kann. Etwas anders gilt lediglich
bezüglich der Weidezäune am Hang für die Haltung der Zwergziegen. Eine Nutzung als
Hundezwinger ist jedoch unzulässig. Zudem widersprechen der Zaun und das
Materiallager entlang der Kantonsstrasse der Strassengesetzgebung. Sie sind deshalb
auch materiell rechtswidrig.
5. Wiederherstellung
a) Ist ein baubewilligungspflichtiges Bauvorhaben ohne Baubewilligung ausgeführt
worden (formelle Rechtswidrigkeit) und kann es nachträglich auch nicht bewilligt werden
(materielle Rechtswidrigkeit), ist der rechtmässige Zustand wiederherzustellen (Art. 46
BauG). Die Wiederherstellung muss verhältnismässig sein und darf den
Vertrauensgrundsatz nicht verletzen (vgl. Art. 47 Abs. 8 BewD). Sie kann unterbleiben,
wenn die Abweichung vom Erlaubten nur unbedeutend ist oder die Wiederherstellung nicht
25 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11) 26 Strassenverordnung vom 29. Oktober 2008 (SV; BSG 732.111.1)
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im öffentlichen Interesse liegt, sowie wenn die Bauherrschaft in gutem Glauben annehmen
durfte, die von ihr erstellte Baute oder Anlage bzw. die ausgeübte Nutzung stehe mit der
Baubewilligung im Einklang und deren Belassen nicht schwerwiegenden öffentlichen
Interessen widerspricht27. Der Verhältnismässigkeitsgrundsatz besagt namentlich, dass die
Anordnung nicht weiter gehen darf, als zur Wiederherstellung des rechtmässigen
Zustandes erforderlich ist.
b) Die Gemeinde hat die Beschwerdeführenden aufgefordert, den grünen Sichtschutz
am Zaun zum Trottoir hin wegzuräumen und den Zaun zurückzubauen oder auf eine
maximale Höhe von 1.20 m zu reduzieren. Zudem hat sie die Beschwerdeführenden
angewiesen, das gelagerte, sichtbehindernde Baumaterial wegzuräumen und den
Hundezwinger am Hang abzubauen. Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie
könnten die grüne Plane vorerst nicht entfernen. Zur Begründung führen sie aus, dass ihre
Hunde und die Passanten vor einander geschützt würden und der Lärm so massiv
reduziert werde. Zudem diene die Plane dem Schutz ihrer Privatsphäre. Die Zaunhöhe
könnten sie aus Sicherheitsgründen nicht auf 1.20 m reduzieren, da ihre Schlittenhunde
diese Höhe mit einem Sprung überwinden könnten. Zudem wollen sie wissen, welches
Baumaterial sie wegräumen sollen und wo sie es auf dem Grundstück lagern dürften. Die
Gemeinde führt in ihrer Stellungnahme aus, der Zaun mit der Plastikplane sei zwar für
Passanten und Tiere von Vorteil, für die Strassenbenützer habe er jedoch eine massive
Beeinträchtigung der Sicht zur Folge, auch für die Zu- und Wegfahrt zum
Nachbarwohnhaus. Auch das auf der nordöstlichen Seite des Wohnhauses auf dem
Parkplatz gelagerte Bau- und Absperrmaterial beeinträchtige die Sicht zur Strasse. Die
maximale Geschwindigkeit auf diesem Strassenabschnitt, der in einer Kurve liege, betrage
80 km/h. Der erforderliche Mindestabstand zur Strasse und zum Trottoir sei deshalb
zwingend einzuhalten. Der Oberingenieurkreis I bestätigt in seiner Stellungnahme die
Sachverhaltsdarstellung der Gemeinde. Er weist insbesondere darauf hin, dass die
Plastikfolien die erforderlichen Sichtfelder auf die Strasse und auf den Fussweg in einem
Mass verdecken würden, das die Verkehrssicherheit klar und eindeutig gefährde. Diese
Beurteilung erscheint aufgrund der Vorakten ohne weiteres als nachvollziehbar. Aus
Gründen der Verkehrssicherheit kann deshalb bezüglich des Zaunes und des
Materiallagers entlang der Kantonsstrasse nicht auf die Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustands verzichtet werden. Soweit das Tiergehege am Hang nicht mehr
27 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9
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für die Haltung von Hunden sondern von Zwergziegen verwendet wird, haben sich die
Beschwerdeführenden der Wiederherstellungsverfügung unterzogen.
c) Ein öffentliches Interesse an der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands ist
im Allgemeinen gegeben, da das Interesse an der Einhaltung der baurechtlichen
Bestimmungen und an der konsequenten Verhinderung von Bauten, die der baurechtlichen
Ordnung widersprechen, generell gross ist. Im konkreten Fall ist die Wiederherstellung
auch aus Gründen der Verkehrssicherheit geboten. Besonderes Gewicht kommt dem
öffentlichen Interesse am konsequenten Vollzug des Bau-, Planungs- und Umweltrechts
ausserhalb des Baugebiets zu. Der Grundsatz der Trennung von Bau- und Nichtbaugebiet
stellt einen fundamentalen Grundsatz der Raumplanung dar und erlaubt nur in speziellen
Fällen, von der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes abzusehen.28 Eine
Reduktion der Anzahl Hunde ist zudem aus Gründen des Immissionsschutzes erforderlich.
Das öffentliche Interesse an der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands überwiegt
im vorliegenden Fall die Nachteile, die den Beschwerdeführenden durch die
Wiederherstellung entstehen. Der Katzenauslauf, der grüne Sichtschutz, der Zaun und das
Materiallager lassen sich ohne grösseren Aufwand entfernen oder zurückbauen, die
überzähligen Hunde können an einem anderen Ort platziert oder verkauft werden.
Insgesamt dürften sich die finanziellen Nachteile in Grenzen halten. Mildere Massnahmen,
mit der dasselbe Ziel erreicht werden könnte, sind nicht ersichtlich. Die Anordnungen sind
sowohl in sachlicher wie auch in finanzieller Hinsicht zumutbar. Die angefochtene
Wiederherstellungsverfügung der Gemeinde ist unter diesen Umständen nicht zu
beanstanden. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
6. Unentgeltliche Prozessführung
a) In ihrer Eingabe vom 9. Dezember 2016 stellte die nunmehr anwaltlich vertretene
Beschwerdeführerin 2 ein Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und Beiordnung ihres
Anwalts als amtlichen Rechtsbeistand. Zur Begründung führte sie aus, sie sei
rechtsunkundig und prozessarm. Zudem leide sie unter Gehörlosigkeit. Sie bedürfe
insbesondere gestützt auf das Gebot der Rechtsgleichheit einer anwaltschaftlichen
Vertretung, da andere Verfahrensbeteiligte ebenfalls durch Rechtsanwälte vertreten seien,
und aufgrund der sich stellenden rechtlichen weitreichenden Konsequenzen bezüglich des
28 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9a; BGer 1C_37/2013 vom 9. Oktober 2013 7.3.
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Verfahrensausgangs. Zusammen mit ihren Schlussbemerkungen reichte sie das Formular
"Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege nach Art. 119 ZPO29" samt Beilagen ein.
b) Auf Gesuch hin befreit die Verwaltungsbehörde oder die Verwaltungsjustizbehörde
eine Partei von den Kosten- und allfälligen Vorschuss- sowie Sicherstellungspflichten,
wenn die Partei nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und ihr Rechtsbegehren nicht
aussichtslos erscheint (Art. 111 Abs. 1 VRPG). Unter den gleichen Voraussetzungen kann
überdies einer Partei eine Anwältin oder ein Anwalt beigeordnet werden, wenn die
tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse es rechtfertigen (Art. 111 Abs. 2 VRPG). Nach
der Rechtsprechung gilt eine Partei als prozessbedürftig, wenn sie die Kosten eines
Prozesses nicht aufzubringen vermag, ohne Mittel anzugreifen, derer sie zur Deckung des
notwendigen Lebensunterhalts für sich und die Familie bedarf. Bei einem Überschuss sind
Prozesskosten praxisgemäss bei weniger kostspieligen Prozessen innert Jahresfrist, bei
anderen innert zwei Jahren zu tilgen.30 Die prozessuale Bedürftigkeit beurteilt sich nach der
gesamten wirtschaftlichen Situation der rechtsuchenden Person im Zeitpunkt der
Gesuchseinreichung. Dazu gehören einerseits sämtliche finanziellen Verpflichtungen sowie
andererseits die Einkommens- und Vermögensverhältnisse.31 Ein Prozess ist nicht
aussichtslos, wenn berechtigte Hoffnung besteht, ihn zu gewinnen, das heisst wenn
Gewinnaussichten und Verlustgefahren sich ungefähr die Waage halten oder jene nur
wenig geringer sind als diese. Als aussichtslos sind nach der bundesgerichtlichen Praxis
demgegenüber Prozessbegehren anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich
geringer sind als die Verlustgefahren und deshalb kaum als ernsthaft bezeichnet werden
können. Massgebend ist dabei, ob eine Partei, die über die nötigen Mittel verfügt, sich bei
vernünftiger Überlegung zu einem Prozess entschliessen oder aber davon absehen würde;
eine Partei soll einen Prozess, den sie auf eigene Rechnung und Gefahr nicht führen
würde, nicht deshalb austragen können, weil er sie nichts kostet.32
Eine bedürftige Person hat zudem Anspruch auf Beiordnung einer amtlichen Anwältin oder
eines amtlichen Anwalts, wenn ihre Interessen in schwerwiegender Weise betroffen sind
und der Fall in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht Schwierigkeiten bietet, die den Beizug
29 Schweizerische Zivilprozessordnung vom 19. Dezember 2008 (ZPO; SR 272) 30 Vgl. dazu Kreisschreiben Nr. 1 der Zivilabteilung des Obergerichts und des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 25. Januar 2011, Bst. F, abrufbar unter <http://www.justice.be.ch>, Rubriken «Verwaltungsgerichtsbarkeit, Verwaltungsgericht, Downloads & Publikationen, Kreisschreiben» 31 BVR 2014 S. 437 E. 7.2, mit weiteren Hinweisen. 32 BVR 2015 S. 487 E. 7.1; BGE 139 III 475 E. 2.2
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einer Rechtsvertreterin oder eines Rechtsvertreters erforderlich machen.33 Die Pflicht der
Behörde, den Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären (Art. 18 Abs. 1 VRPG), gebietet
grundsätzlich, einen strengen Massstab an die Erforderlichkeit der Beiordnung anzulegen.
Trotz Geltung des Untersuchungsgrundsatzes kann sich eine anwaltliche Vertretung aber
aufdrängen, wenn es dem juristischen Laien angesichts eines unübersichtlichen
Sachverhalts nur schwer möglich ist, die entscheidwesentlichen Tatsachen zu erkennen
und ins richtige Licht zu rücken oder seiner Mitwirkungspflicht nachzukommen.34 Geht es
einzig um die Darlegung der persönlichen Verhältnisse, erscheint es sachgerecht, die
Notwendigkeit der Beiordnung eines amtlichen Anwalts nur mit Zurückhaltung
anzunehmen.35
c) Die Beschwerdeführerin 2 weist ein monatliches Einkommen von insgesamt
Fr. 7'214.00 aus und hat kein Vermögen. Ihrem Einkommen steht gemäss den
eingereichten Unterlagen folgender zivilprozessualer Zwangsbedarf gegenüber:
Grundbetrag Alleinerziehende Fr. 1'350.00
Zuschlag für Kinder (16, 6 und 4 Jahre) Fr. 1'400.00
Zivilprozessualer Zuschlag von 30 % Fr. 825.00
Mietzins Fr. 1'850.00
Krankenkasse KVG36 (2017) Fr. 885.00
Steuern Fr. 0.00
Total Fr. 6'310.00 ═══════════════
Daraus ergibt sich ein Überschuss von Fr. 904.00 pro Monat. Es ist somit gewährleistet,
dass die Beschwerdeführerin 2 die zu erwartenden Verfahrens- und Parteikosten innert
Jahresfrist bezahlen kann. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ist demnach
bereits aus diesem Grund abzuweisen. Bei diesem Ergebnis können die
Prozessaussichten offengelassen werden. Es braucht auch nicht mehr darüber
entschieden zu werden, ob der Beschwerdeführerin 2 ein Anwalt oder eine Anwältin
beizuordnen sei. Immerhin bleibt anzumerken, dass die nicht anwaltlich vertretenen
Beschwerdeführenden eine ausreichend begründete Beschwerde eingereicht haben. Eine
33 BGE 130 I 180 E. 2.2 34 BGE 140 III 485 E. 3.3, 130 I 180 E. 3.2 und 3.3 35 vgl. BVR 2012 S. 424 E. 5.5 mit Hinweisen 36 Vgl. Kreisschreiben Nr. 1 der Zivilabteilung des Obergerichts und des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 25. Januar 2011, S. 3
http://www.openjustitia.apps.be.ch/alfresco/extension/openjustitia/content/content.xhtml
RA Nr. 120/2016/40 18
nachträgliche Ergänzung der Beschwerden ist grundsätzlich unzulässig.37 Da die
Beschwerden nach Ablauf der Beschwerdefrist nicht mehr hätten ergänzt werden können,
wäre eine berufsmässige Verbeiständung durch einen Anwalt oder eine Anwältin wohl
auch aus diesem Grund nicht angezeigt gewesen.
37 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 33 N. 12
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7. Kosten
a) Laut Art. 108 Abs. 1 VRPG werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei
auferlegt, es sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere
Verlegung oder die besonderen Umstände rechtfertigen, keine Verfahrenskosten zu
erheben. Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Der von Amtes wegen am
Verfahren Beteiligte hat keine eigenen Anträge gestellt und wird daher nicht
kostenpflichtig.38
Da über das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege erst im Rahmen des Endentscheids
befunden wird und die Beschwerdeführerin 2 deshalb keine Gelegenheit hatte, ihre
Beschwerde nach Abweisung des Gesuchs zurückzuziehen und Kosten zu sparen, wird
eine reduzierte Pauschalgebühr von Fr. 600.00 erhoben (Art. 103 Abs. 2 VRPG in
Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV39). Die Beschwerdeführenden haften solidarisch für
den ganzen Betrag (Art. 106 VRPG).
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Parteikosten umfassen den durch die
berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Der von
Amtes wegen am Verfahren Beteiligte hat keinen Anspruch auf Parteientschädigung, da er
keine eigenen Anträge gestellt hat.40 Es sind daher keine Parteikosten zu sprechen.