Decision ID: 825388bd-ec16-576b-be36-c9a65570c242
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer, ein pakistani-
scher Staatsangehöriger der Ethnie der Punjabi, aus der Provinz Punjab
stammend, am 17. Juli 2010 sein Heimatland. Am 8. Oktober 2015 reiste
er in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch.
Am 20. Oktober 2015 wurde der Beschwerdeführer im Empfangs- und
Verfahrenszentrum EVZ in B._ zu seinem Reiseweg und
summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]).
Am 26. Oktober 2016 fand die Bundesanhörung zu den Asylgründen statt.
B.
Zur Begründung brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er
stamme aus dem Dorf C._, Distrikt D._, habe drei Brüder
und zwei Schwestern, wobei einer der Brüder in die Schweiz eingereist sei
und mit richtigem Namen E._ heisse, sich aber unter dem Namen
F._ habe registrieren lassen. Er selber sei seit ungefähr dem Jahr
2000 verheiratet und habe sechs Töchter, welche alle bei seiner Ehefrau
in C._ leben würden. Sie hätten finanzielle Probleme und könnten
die Schulgebühren nicht begleichen. Er selber habe nur während vier Jah-
ren die Schule besuchen können und habe danach einige Zeit als Chauf-
feur gearbeitet. Später habe er in seinem Heimatdorf mit seinem Traktor
Aufträge erledigt. Gleichzeitig sei er Landwirt gewesen und habe verschie-
dene Ländereien gepachtet, wo er vorwiegend Kartoffeln angebaut habe.
Um das Land bewirtschaften zu können, habe er auch Dünger kaufen müs-
sen. Da er während mehrerer Jahre schlechte Preise für seine Waren er-
halten habe, sei es zu massiven Verschuldungen gekommen. Es sei ihm
nicht möglich gewesen, von den Pachtverträgen zurückzutreten, weil diese
eine Laufzeit von drei oder fünf Jahren gehabt hätten. Da er sich beim
Landbesitzer in der Höhe von 900'000 pakistanischen Rupien und beim
Düngerverkäufer um eine Million derselben verschuldet habe, sei es zu
verschiedenen Streitigkeiten gekommen, jedoch nie so weit, dass die Poli-
zei eingeschaltet worden wäre. Nach seiner Ausreise hätten die Gläubiger
jedoch seine Familie belästigt, beschimpft und gedroht, die Kinder zu ent-
führen, sollten die Schulden nicht beglichen werden. Durch verschiedene
Interventionen einiger Dorfbewohner und seines Bruders habe seine Fami-
lie seit 2014 etwas Ruhe vor seinen Gläubigern.
D-6599/2018
Seite 3
Nachdem er seinen Traktor verkauft habe, um die Reise finanzieren zu
können, habe er während rund fünf Jahren in Griechenland gearbeitet und
einen Teil seiner Schulden zurückzahlen können.
Der Beschwerdeführer legte dem Gesuch eine Kopie seiner pakistani-
schen Identitätskarte, die Geburtsurkunden seiner sechs Kinder, eine Hei-
ratsurkunde, eine Schulbestätigung der Kinder, ein Foto von seiner Ehe-
frau und den sechs Kindern sowie verschiedene Belege von ihren unbe-
zahlten Schulkosten bei.
Auf die weiteren Ausführungen des Beschwerdeführers wird, soweit
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.
Mit Verfügung vom 24. Oktober 2018 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte sein Asylge-
such ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung aus der Schweiz an und
verfügte den Vollzug der Wegweisung.
D.
Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
21. November 2018 die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsge-
richt an und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und
die Sache zur vollständigen und richtigen Sachverhaltsabklärung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei er als Flüchtling anzuerken-
nen und ihm sei Asyl zu gewähren oder er sei aufgrund von Unzulässigkeit
oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen.
Es sei ihm die vollumfängliche Einsicht in die Akten A21/2 sowie A22/1 zu
gewähren und eventualiter sei ihm das rechtliche Gehör dazu zu gewähren
sowie eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergän-
zung anzusetzen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf Erhebung eines
Kostenvorschusses.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 4. Dezember 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und erhob keinen Kostenvorschuss.
Gleichzeitig wurde die Vorinstanz eingeladen, eine Vernehmlassung ein-
zureichen sowie die Behandlung des Akteneinsichtsgesuches bis zum
19. Dezember 2018 zu erledigen.
D-6599/2018
Seite 4
F.
Die Vorinstanz hielt mit ihrer Vernehmlassung vom 10. Dezember 2018,
welche dem Beschwerdeführer am gleichen Tag zur Kenntnis gebracht
wurde, an ihren Erwägungen fest und äusserte sich hinsichtlich des inter-
nen Antrags auf vorläufige Aufnahme (A21) sowie der Akte A22.
G.
Mit Replik vom 27. Dezember 2018 nahm der Beschwerdeführer Stellung
zur vorinstanzlichen Vernehmlassung und legte eine Kopie des Superin-
tendent Office of the District & Sessions Judge D._ – englische
Übersetzung, beglaubigt am 8. November 2018 – respektive der Anzeige
seines Vaters gegen zwei Gläubiger vom 6. Oktober 2018 sowie weitere
Rapporte – jeweils datiert vom 10., 12. und 15. Oktober 2018 – bei.
H.
Mit Instruktionsverfügung vom 30. September 2019 wurde der Rechtsver-
treter aufgefordert, innert Frist den Aufenthaltsort des Beschwerdeführers
bekannt zu geben sowie eine von ihm unterzeichnete Erklärung einzu-
reichen, aus welcher ein fortbestehendes Rechtsschutzinteresse an der
Aufrechterhaltung des Rechtsmittels hervorgeht.
I.
Mit Eingabe vom 9. Oktober 2019 hielt der Beschwerdeführer fest, er sei
aufgrund seines laufenden Ehevorbereitungsverfahren zu seiner Verlobten
gezogen, wobei die Migrationsbehörden jederzeit über seinen Aufenthalts-
ort informiert gewesen seien. Zudem halte er an der Aufrechthaltung des
Rechtsmittels fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
D-6599/2018
Seite 5
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1
3.1.1 Der Beschwerdeführer machte verschiedene formelle Rügen gel-
tend, welche vorab zu klären sind, da sie allenfalls geeignet sein könnten,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung herbeizuführen.
3.1.2 Der Beschwerdeführer rügte unter anderem die Verweigerung der
vollständigen Akteneinsicht im Zusammenhang mit dem (internen) Antrag
auf die vorläufige Aufnahme und somit der Akte A21. Aus dem vorinstanz-
lichen Aktenverzeichnis gehe hervor, dass das SEM während einer kurzen
Zeitspanne der Meinung gewesen sei, eine vorläufige Aufnahme zu verfü-
gen, da gemäss einem internen Antrag vom 20. Januar 2017 ein solcher
Antrag erfasst und paginiert worden sei. Es sei nicht nachvollziehbar und
D-6599/2018
Seite 6
zudem willkürlich, wieso dieselbe Instanz knapp zwei Jahre später zu ei-
nem anderen Entscheid gekommen sei. Deshalb müsse vorliegend die Sa-
che zwingend zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen wer-
den. Unter diesen Umständen hätte ihm auch Akteneinsicht in die Akten
A21/2 und A22/1 gewährt werden müssen. Die Unterlassung stelle eine
Verletzung des Anspruchs auf Akteneinsicht dar. Vor diesem Hintergrund
hätte ihm zudem neben der Akteneisicht eine angemessene Frist zur Be-
schwerdeergänzung eingeräumt werden müssen.
3.1.3 In ihrer Vernehmlassung legte die Vorinstanz hinsichtlich des inter-
nen Antrags auf vorläufige Aufnahme dar (Akte A21), dass zwar tatsächlich
in Erwägung gezogen worden sei, dem Beschwerdeführer die vorläufige
Aufnahme zu erteilen, jedoch angesichts der fehlenden existentiellen Be-
drohung und aufgrund der individuellen Gründe nicht davon ausgegangen
worden sei, dass ein Wegweisungsvollzug unzumutbar sei. Da es sich da-
bei lediglich um einen Entwurf gehandelt habe, welcher voreilig vom Sek-
retariat paginiert worden sei, sei das Dokument verworfen und daher auch
obsolet geworden. Bezüglich der Akte A22 sei zu erwähnen, dass es sich
um einen internen Hinweis auf ein Verweisdossier handle, welcher in ma-
terieller Hinsicht keinen Einfluss auf den vorliegenden Fall habe.
3.1.4 In seiner Replik beschwerte sich der Beschwerdeführer, dem Akten-
einsichtsgesuch betreffend die Akten A22/1 und A21/2 sei trotz klarer Wei-
sungen des Bundesverwaltungsgerichts in der Verfügung vom 4. Dezem-
ber 2018 nicht nachgekommen worden. Aus diesem Grund sei es offen-
sichtlich, dass die vorinstanzliche Verfügung aufgehoben und zur Neube-
urteilung an diese zurückgewiesen werden müsse. Zudem wäre die Vo-
rinstanz verpflichtet gewesen, dem Akteneinsichtsgesuch zu entsprechen,
auf den Beizug des Dossiers seines Bruders sowie über den Stand des
entsprechenden Verfahrens zu verweisen. Zudem sei das rechtliche Gehör
in schwerwiegender Weise verletzt worden, indem ihm keine Möglichkeit
zur Stellungnahme zu den angeblichen Ungereimtheiten, welche sich aus
der Akte A22 ergeben würden, gewährt worden sei.
3.2
3.2.1 Das Akteneinsichtsrecht gehört zu den fundamentalen Verfahrens-
grundsätzen. Gemäss Art. 26 VwVG hat die Partei oder ihr Vertreter – unter
Vorbehalt der Ausnahmen gemäss Art. 27 Abs. 1 VwVG – grundsätzlich
Anspruch darauf, sämtliche Aktenstücke einzusehen. Nach ständiger (bun-
desrechtlicher) Rechtsprechung bleiben jedoch verwaltungsinterne Akten
vom gesetzlichen Akteneinsichtsrecht ausgeschlossen. Darunter fallen
D-6599/2018
Seite 7
etwa Entscheidentwürfe, Anträge oder Notizen, denen für die Behandlung
eines Falles kein Beweischarakter zukommt, welche vielmehr ausschliess-
lich für die verwaltungsinterne Willensbildung und somit nur für den verwal-
tungsinternen Gebrauch bestimmt sind. Der interne Antrag auf vorläufige
Aufnahme dient ausschliesslich dem Amtsgebrauch und weist keinen Be-
weischarakter auf (vgl. statt vieler BGE 125 II 473 E. 4a S. 474 f. mit Hin-
weisen).
3.2.2 Daraus folgt, dass die Vorinstanz die Aktenedition bezüglich der Akte
A21 zu Recht verweigert hat, ohne dabei den Anspruch des Beschwerde-
führers auf rechtliches Gehör verletzt zu haben. Daran vermag auch die
Zwischenverfügung vom 4. Dezember 2018 nichts zu ändern, zumal es
sich dabei lediglich um eine summarische Prüfung der Begehren handelte
und dabei nicht die explizite Aktenherausgabe, sondern vielmehr die Be-
handlung des Akteneinsichtsgesuches verfügt wurde. Sodann handelt es
sich bei der Akte A22 um eine interne Notiz, worin der Bruder des Be-
schwerdeführers erwähnt wird und welche weder auf den Entscheid einen
Einfluss hat noch einen diesbezüglichen Beweischarakter aufweist. Des-
halb wurde auch diese Akte zu Recht nicht herausgegeben.
3.3
3.3.1 Die Begründungspflicht, welche sich aus dem Anspruch auf rechtli-
ches Gehör gemäss Art. 29 VwVG ergibt, verlangt, dass die Behörde ihren
Entscheid so begründet, dass die betroffene Person ihn gegebenenfalls
sachgerecht anfechten kann und sich sowohl sie als auch die Rechtsmit-
telinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können
(vgl. BVGE 2007/30 E. 5.6). Dabei kann sich die verfügende Behörde auf
die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken, hat jedoch wenigstens die
Überlegungen kurz anzuführen, von denen sie sich leiten liess und auf wel-
che sie ihren Entscheid stützt (BVGE 2008/47 E. 3.2; Entscheide und Mit-
teilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr.
24 E. 5.1). Nicht erforderlich jedoch ist, dass sich die Begründung mit allen
Parteipunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen
ausdrücklich widerlegt (BGE 136 I 184 E.2.2.1).
3.3.2 Weiter machte der Beschwerdeführer geltend, die Begründungs-
pflicht sowie das rechtliche Gehör seien verletzt worden, da es unterlassen
worden sei, detailliert zu begründen, weshalb es ihm nach einer achtjähri-
gen Landesabwesenheit möglich sein sollte, sich in Pakistan eine neue
Existenz aufbauen zu können. Dies wiege umso schwerer, als dass die
Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen nicht bezweifelt worden sei. Deshalb
D-6599/2018
Seite 8
hätte unter diesen Umständen zudem zwingend auf die Frage der Unzu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzugs eingegangen werden müssen. So-
dann sei die Verletzung der Abklärungspflicht schwerwiegend verletzt wor-
den, da seit dem Einreichen seines Asylgesuchs bis zum Entscheid über
drei Jahre vergangen seien.
3.3.3 Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Verletzung des recht-
lichen Gehörs ist vorliegend nicht ersichtlich. Die Vorinstanz hat genügend
gründlich dargelegt, von welchen Überlegungen zur Entscheidfindung sie
sich leiten liess und hat die relevanten Sachverhaltselemente gewürdigt.
Dass sie dabei nicht zu der vom Beschwerdeführer erwünschten Entschei-
dung gelangt ist, stellt keine verfahrensrechtliche Verletzung dar. Bezüglich
der Unzulässigkeit wegen langer Landesabwesenheit ist auf die nachfol-
genden Erwägungen E. 8.2 zu verweisen.
3.3.4 Hinsichtlich der bemängelten und als zu lange bezeichneten Verfah-
rensdauer ist zu erwähnen, dass im Sinne von Art. 50 Abs. 2 VwVG jeder-
zeit Beschwerde gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern
einer Verfügung geführt werden kann. Die zeitliche Grenze bildet der
Grundsatz von Treu und Glauben. Bietet eine bestimmte behördliche
Handlung oder Äusserung objektiv begründeten Anlass für eine Rechtsver-
weigerungs- oder Rechtsverzögerungsbeschwerde, darf nicht beliebig
lange zugewartet werden. Vielmehr muss die Beschwerde innert angemes-
sener Frist erhoben werden. Die beschwerdeführende Person muss darle-
gen, dass sie zur Zeit der Beschwerdeeinreichung ein schutzwürdiges –
mithin aktuelles und praktisches – Interesse an der Vornahme der verzö-
gerten Amtshandlung respektive der Feststellung einer entsprechenden
Rechtsverzögerung hat (vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ
KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl.
2013, Rz. 5.23). Aus den Akten ist nicht zu entnehmen, dass der Beschwer-
deführer vor dem Ergehen der Verfügung der Vorinstanz die Verfahrens-
dauer bemängelt hätte. Es wurde während des Verfahrens weder eine Ver-
fahrensstandanfrage noch eine Rechtsverzögerungsbeschwerde einge-
reicht, weshalb sich eine diesbezügliche Rüge zum jetzigen Zeitpunkt als
obsolet erweist.
D-6599/2018
Seite 9
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Die Vorinstanz bezweifelte die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Be-
schwerdeführers nicht. Die von ihm geltend gemachte Furcht vor Verfol-
gung aufgrund seiner Verschuldung sei jedoch nicht asylrelevant und es
seien keine flüchtlingsrelevanten Motive im Sinne von Art. 3 AsylG ersicht-
lich. Zudem sei darauf hinzuweisen, dass in Pakistan keine Situation allge-
meiner generalisierter Gewalt herrsche. Ferner gelte der pakistanische
Staat, ausgenommen der Stammesgebiete im Nordwesten des Landes,
gemäss bundesverwaltungsrechtlicher Rechtsprechung als schutzwillig,
weshalb in seiner Heimatregion, dem Punjab respektive dem Distrikt
D._, von einem innerstaatlichen Schutzsystem ausgegangen wer-
den könne. Den Akten sei zudem nicht zu entnehmen, dass die Inan-
spruchnahme dieses Schutzsystems objektiv nicht zugänglich oder zumut-
bar wäre. Ferner würden keine Hinweise darauf hindeuten, dass die Rück-
kehr in sein Heimatland unzulässig wäre. Hinsichtlich des Wegweisungs-
vollzugs sei festzustellen, dass er als junger Mann mit jahrelanger Arbeits-
erfahrung sowie einem familiären Netz bei einer Rückkehr ins Heimatland
in keine finanzielle Notlage geraten würde, sondern vielmehr von einer Un-
terstützung bei einer wirtschaftlichen Reintegration durch seine Familien-
angehörige ausgegangen werden könne. Deshalb sei der Vollzug der Weg-
weisung auch zumutbar.
D-6599/2018
Seite 10
4.4 Dem entgegnete der Beschwerdeführer, eine wirtschaftliche Reintegra-
tion nach über acht Jahren Abwesenheit im Heimatland sei nicht mehr
möglich, er würde bei einer Rückkehr ins Heimatland in eine ihn an Leib
und Leben gefährdende Situation geraten. Zudem seien seine Fluchtvor-
bringen asylrelevant, da er und seine Familie wegen seiner massiven Ver-
schuldung von seinen Gläubigern gesucht und verfolgt würden. So seien
die Gläubiger erst kürzlich erneut bei seiner Familie gewesen und es sei
zu einem Angriff gekommen, so dass ihm nach seiner Rückkehr nach Pa-
kistan seine Verhaftung, Misshandlungen, der Tod oder das Verschwinden-
lassen durch seine Verfolger drohe. Seine Verfolgung sei politisch moti-
viert, da die pakistanischen Behörden weder schutzfähig noch schutzwillig
seien. Es sei weiter zu erwähnen, dass die erst kürzlich erfolgte Eskalation
mit den Gläubigern in Pakistan mithilfe von Waffen erfolgt sei, so dass sein
Vater in der Folge am 6. Oktober 2018 eine Anzeige erstattet habe. Dies-
bezüglich sei zu erwähnen, dass ihm aufgrund der drohenden Verfolgung
durch seine Gläubiger eine unmenschliche Behandlung respektive ein
«real risk» im Sinne von Art. 3 EMRK drohe.
4.5 Der Replik legte der Beschwerdeführer eine Kopie einer Anzeige sei-
nes Vaters gegen die Gläubiger sowie die diesbezüglichen englischen
Übersetzungen der dazugehörenden Rapporte des Superintendent Office
of the District & Session Judge D._ – alle beglaubigt am 8. Novem-
ber 2018 – bei und beantragte, diese Beweismittel seien bei der Entscheid-
findung miteinzubeziehen.
4.6 Nach der Aufforderung durch das Bundesverwaltungsgericht bestätigte
der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 9. Oktober 2019 sein verbleiben-
des und aktuelles Rechtsschutzinteresse am Rechtsmittel und erklärte, er
lebe bei seiner Verlobten. Er sei der Kollektivunterkunft in G._ zu-
geteilt worden und befinde sich nun wieder dort. Da seine in die Wege ge-
leitete Heirat mit einer Schweizer Bürgerin kurz bevorstehe, stehe diese
Beziehung bei einer allfälligen Abweisung der Beschwerde unter dem
Schutz von Art. 8 EMRK, weshalb die Unzulässigkeit des Wegweisungs-
vollzugs festzustellen sei.
5.
5.1 Wie bereits zutreffend von der Vorinstanz festgestellt wurde, ist an der
Glaubhaftigkeit der Fluchtgründe des Beschwerdeführers nicht zu zweifeln.
Er konnte in nachvollziehbarer sowie verständlicher Weise darlegen, wie
er, um seine achtköpfige Familie ernähren zu können, neben seiner Tätig-
keit als Traktorfahrer mehrere Ländereien gepachtet habe und aufgrund
D-6599/2018
Seite 11
erlittener Ernteverluste sowie ungenügender Absatzmöglichkeiten seiner
landwirtschaftlichen Produkte die Schulden nicht habe zurückzahlen kön-
nen. Auch erscheint es schlüssig, dass es wegen der fehlenden Schulden-
sanierung zu Konflikten gekommen sei und dass die Gläubiger nach seiner
Ausreise weiterhin bei seiner Familie versucht haben, die Schulden einzu-
treiben.
Hingegen ergeben sich wesentliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der im Be-
schwerdeverfahren eingereichten Anzeige des Vaters gegen die angebli-
chen Gläubiger. So fallen insbesondere die widersprüchlichen Angaben
bezüglich der Gläubiger auf. Anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen
gab er an, nur den Gläubigern H._, welcher ihm zu den Pachtver-
trägen verholfen habe, sowie dem Händler I._ Geld zu schulden
(vgl. act. A20/14, F35; F38). Aus der eingereichten Kopie der Anzeige des
Friedensgerichts J._, Distrikt D._, seines Vaters geht hinge-
gen hervor, dass es sich bei den beiden Gläubigern (des Beschwerdefüh-
rers) um den Ländereibesitzer K._ sowie um den Händler
L._ handle und er bei diesem hohe Schulden habe. Diese divergie-
renden Aussagen lassen bereits erste Zweifel am Wahrheitsgehalt hin-
sichtlich einer Verfolgung seiner Familienangehörigen im Oktober 2018
entstehen, zumal in der Replik denn auch nicht näher auf die eingereichte
Kopie der Anzeige seines Vaters oder die genaueren diesbezüglichen Um-
stände eingegangen wurde. Ferner erscheint es nicht einleuchtend, wes-
halb die angeblichen Gläubiger erst rund acht Jahre nach seiner Ausreise
bei seinem zwischenzeitlich 74 Jahre alten Vater erschienen sind und ihn
mit Waffen bedroht haben sollen, insbesondere, weil aus der Anhörung
hervorgeht, dass seit ungefähr dem Jahr 2014 die Belästigungen durch die
(einzigen) Gläubiger H._ und I._ zurückgegangen seien.
Zudem seien bis zum Zeitpunkt seiner Flucht aus dem Heimatland keine
weiteren Familienangehörigen, sondern lediglich seine Ehefrau und die
Töchter bedroht worden. Da es sich um sein eigenes Geschäft respektive
um den persönlichen Pachtvertrag gehandelt habe, woran er allein beteiligt
gewesen sei, seien keine weiteren Familienangehörigen belästigt worden
(vgl. act. A20/14, F39-42). Auch wenn eine Anzeige gegen die beiden ge-
waltbereiten Personen K._ und L._ durch den Vater des Be-
schwerdeführers eingereicht worden sein soll, muss davon ausgegangen
werden, dass dies zum Schutz des Vaters des Beschwerdeführers erfolgt
war.
5.2 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer seine
Verschuldung und die daraus resultierenden Probleme der Rückzahlung
D-6599/2018
Seite 12
glaubhaft darlegen konnte. Hingegen kann ihm nicht geglaubt werden,
dass sein Vater rund acht Jahre nach seiner den Dorfbewohnern (und so-
mit auch den Gläubigern) bekannten Ausreise aufgrund seiner Schulden
Drohungen ausgesetzt war.
6.
6.1 In einem weiteren Schritt wird zu prüfen sein, ob die glaubhaft ge-
machte Verschuldung mit der einhergehenden Verfolgung durch die Gläu-
biger des Beschwerdeführers Asylrelevanz aufweist.
6.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Asylbe-
achtlich ist eine objektiv begründete subjektive Furcht vor Verfolgung. Be-
gründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur An-
nahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der
Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit im
Heimatland der betroffenen Person verwirklicht beziehungsweise werde
sich – aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in abseh-
barer Zukunft verwirklichen.
6.3 Eine Verfolgung durch nicht-staatliche Akteure kann dann flüchtlings-
rechtlich relevant sein, wenn es der betroffenen Person nicht möglich ist,
im Heimatstaat adäquaten Schutz zu finden. Die Flüchtlingseigenschaft
setzt jedoch auch dann voraus, dass der geltend gemachten Verfolgung
oder der staatlichen Schutzverweigerung ein flüchtlingsrechtlich relevantes
Motiv gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehö-
rigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, politische Anschauungen) zu-
grunde liegt. Nach der sogenannten Schutztheorie (vgl. hierzu Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 2006 Nr. 18) ist nicht-staatliche Verfolgung flüchtlingsrechtlich nur
dann relevant, wenn der Staat unfähig oder nicht willens ist, Schutz vor
einer solchen Verfolgung zu bieten. Eine Garantie für langfristigen indivi-
duellen Schutz der von nicht-staatlicher Verfolgung bedrohten Person kann
dabei nicht verlangt werden. So kann es keinem Staat gelingen, jederzeit
D-6599/2018
Seite 13
und überall die absolute Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu ge-
währleisten. Hingegen muss der Staat eine funktionierende und effiziente
Schutzinfrastruktur zur Verfügung stellen. Zu denken ist an funktionierende
polizeiliche Einrichtungen und ein verlässliches Rechts- und Justizsystem.
Zudem muss die Inanspruchnahme des Schutzsystems der betroffenen
Person objektiv zugänglich und individuell zumutbar sein, was jeweils im
Rahmen einer Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifi-
schen Kontextes zu beurteilen ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3 f. m.w.H. und
Urteil des BVGer E-4446/2018 vom 23. Januar 2018 E. 6.2.1).
6.4 Nach konstanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist
der Staat Pakistan fähig und willens, Schutz vor Verfolgung Dritter zu bie-
ten und eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfü-
gung zu stellen (vgl. hierzu etwa die Urteile des BVGer E-2517/2018 vom
11. Mai 2018, E. 6; E-1266/2016 vom 25. April 2017, E. 5.3; E- 3844/2016
vom 11. Juli 2016, E. 5).
6.5 Vorliegend scheitert die geltend gemachte Verfolgung am Mangel eines
flüchtlingsrelevanten Motivs im Sinne von Art. 3 AsylG sowie an der Inten-
sität derselben. Der Hauptgrund seiner Fluchtmotivation sind unbezahlte
Schulden in der Höhe von rund 1,9 Millionen pakistanischer Rupien auf-
grund verschiedener Pachtverträge sowie aufgrund vom Kauf von Dünger
(vgl. act. A20/14, F29). Dass die Gläubiger ihre ausstehenden Schulden
eintreiben wollten, stellt rechtstaatlich keine flüchtlingsrelevante Verfolgung
dar, sondern ist als legitime Forderung zu erachten. Ferner sind auch seine
geltend gemachten weiteren finanziellen Probleme und die Zahlungsunfä-
higkeit, die Schulgebühren der Töchter zu begleichen, ebenfalls als nicht
asylrechtlich relevant zu qualifizieren. Es ist zudem nicht ersichtlich, inwie-
fern es sich dabei um eine politisch motivierte Verfolgung handeln soll. Fer-
ner muss beachtet werden, dass es ausser einigen Belästigungen seitens
der Gläubiger wegen seiner Schulden bis zu seiner Ausreise nie zu grös-
seren Konflikten gekommen sei und die Polizei nicht habe eingeschaltet
werden müssen (vgl. act. A20/14, F37), weshalb es den Vorbringen auch
an der erforderlichen Intensität der Verfolgung fehlt. Zudem ist nicht ersicht-
lich, inwiefern die pakistanischen zuständigen Behörden nicht gewillt ge-
wesen seien, seine Ehefrau und die Töchter zu schützen, zumal aus den
Akten nicht ersichtlich ist, dass diese um behördliche Hilfe oder Schutz er-
sucht haben. Schliesslich ist in Anbetracht der länderspezifischen Ein-
schätzung und unter Berücksichtigung der erfolgreich aufgenommenen An-
zeige des Vaters davon auszugehen, dass der pakistanische Staat respek-
tive vorliegend die pakistanische Polizei willens und bereit ist, seine Bürger
D-6599/2018
Seite 14
zu schützen. Aus den verschiedenen Rapporten des Superintendent Office
of the District & Sessions Judge D._ ist zu entnehmen, dass seinem
Vater neben einer erfolgreich entgegengenommenen Anzeige mit dem Be-
richt vom 15. Oktober 2018 ein FIR (First Information Report) gegen die
beschuldigten, gewalttätigen Gläubiger ausgestellt worden war.
6.6 Zusammenfassend stellt das Gericht fest, dass der Beschwerdeführer
nicht aufzuzeigen vermochte, im Zeitpunkt der Ausreise aus Pakistan
ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen zu
sein oder in begründeter Weise befürchten müsste, solchen Nachteilen im
Fall seiner Rückkehr ins Heimatland in absehbarer Zukunft mit erheblicher
Wahrscheinlichkeit ausgesetzt zu sein.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
Es ist nicht ersichtlich, inwiefern der Beschwerdeführer unter dem Schutz
von Art. 8 EMRK steht, zumal einzig aus einer Beziehung mit einer Schwei-
zer Bürgerin kein Anspruch aus dieser Norm geltend gemacht werden
kann. Das eingeleitete Ehevorbereitungsverfahren wurde gemäss den Ak-
ten nicht weiter anhand genommen. Zudem ist nicht zu vergessen, dass er
in Pakistan bereits verheiratet ist und sechs Kinder mit seiner Ehefrau hat.
Der Wegweisungsvollzug ist auch in dieser Hinsicht zulässig.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
D-6599/2018
Seite 15
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AuG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er-
geben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in
den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3
EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt
wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschen-
rechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der
Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt
nur Personen, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Aus der Tatsache al-
leine, dass der Beschwerdeführer mehrere Jahre nicht mehr in seinem Hei-
matland gewesen ist und es ihm deshalb unmöglich sei, eine neue Existenz
aufzubauen, kann nicht geschlossen werden, dass er deswegen bei einer
Rückkehr an Leib und Leben gefährdet wäre. Schliesslich konnte er nicht
ausführen, weshalb er eine drohende Verfolgung im Sinne von Art. 3
EMRK respektive einen «real risk» zu befürchten hätte. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
D-6599/2018
Seite 16
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Pa-
kistan ist demnach unter dem Aspekt der asyl- als auch der völkerrechtli-
chen Bestimmungen zulässig.
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
8.2.1 In Pakistan herrscht nach konstanter Rechtsprechung, trotz teilweise
angespannter Lage, keine landesweite Situation allgemeiner Gewalt, die
zur Annahme führen müsste, jede dorthin zurückkehrende Person sei mit
erheblicher Wahrscheinlichkeit konkret gefährdet. Der Wegweisungsvoll-
zug ist daher nicht generell unzumutbar (vgl. dazu etwa das Referenzurteil
des BVGer E-3258/2018 vom 2. Juni 2020 E. 12.4.1 sowie die Urteile des
BVGer D-4418/2018 vom 13. November 2019 E. 7.3.1, E-4446/2018 vom
29. August 2018 E. 8.3.1 und E-5352/2017 vom 12. Februar 2019 E. 9.3.1,
m.w.H.).
8.2.2 Wie die Vorinstanz bereits zutreffend ausgeführt hat, ergeben sich
auch keine individuellen Vollzugshindernisse. Der Beschwerdeführer hat
keine gesundheitlichen Beschwerden, verfügt über eine langjährige Be-
rufserfahrung als Traktorfahrer und Chauffeur sowie über breite Erfahrung
im landwirtschaftlichen Sektor im Heimatland sowie im Ausland, welche
ihm bei einer Rückkehr nach Pakistan hilfreich sein können. Seinen Aus-
sagen zufolge leben neben seiner Ehefrau und den sechs Töchtern zudem
sein Vater sowie Brüder und Onkel im Heimatland, weshalb davon auszu-
gehen ist, dass er über ein breites familiäres Netz, welches ihn bei einer
beruflichen Reintegration im Heimatland unterstützen kann, verfügt.
8.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
D-6599/2018
Seite 17
8.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch das mit der
Beschwerde eingegangene Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 4. Dezember 2018 gutgeheis-
sen wurde, werden keine Verfahrenskosten auferlegt.
(Dispositiv nächste Seite)
D-6599/2018
Seite 18