Decision ID: c91f902f-26de-5ee3-a5f1-c88c865d3e0a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Aus den Akten respektive aus den sie betreffenden Einträgen im zentralen
europäischen Visa-Informationssystem geht hervor, dass den Gesuchstel-
lenden am (...) 2016 von der Schweizer Botschaft in Neu-Delhi Schengen-
Visa erteilt worden waren, gültig vom (...) 2016 bis zum (...) 2016 und für
eine einmalige Einreise. Dies auf der Grundlage von zwei indischen Reise-
pässen, welche am (...) 2015 in Neu-Delhi ausgestellt worden waren. Aus
den Akten geht ebenso hervor, dass die Botschaft am gleichen Tag und auf
der gleichen Grundlage auch dem Sohn der Gesuchstellenden
– E._, geboren am (...), Indien, alias F._, geboren am (...),
Afghanistan (N [...]) – ein entsprechendes Visum erteilt hatte.
Nachdem die Gesuchstellenden und ihr Sohn am 12. August 2016 in
Deutschland Asylanträge gestellt hatten, gelangte Deutschland mit Ersu-
chen um deren Aufnahme gemäss den Bestimmungen des Dublin-Verfah-
rens an die Schweiz (vgl. Art. 12 Abs. 4 i.V.m. Art. 18 Abs. 1 Bst. a der Ver-
ordnung [EU] Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist [Dublin-III-VO]; sog. "take charge"-
Ersuchen). Diesen Ersuchen wurde von der Schweiz entsprochen, indem
das SEM am 29. September 2016 gegenüber Deutschland seine Zustim-
mung zu einer Aufnahme der Gesuchstellenden und ihres Sohnes erklärte
(sog. Dublin-In-Verfahren). Die Gesuchstellenden wurden am 14. August
2017 von Deutschland in die Schweiz überstellt. Zu einer Überstellung ih-
res Sohnes kam es derweil nie.
B.
Zur Begründung ihres Asylgesuches machten die Gesuchstellenden gel-
tend, sie seien Staatsangehörige von Afghanistan. Sie hätten ihre Heimat
zwar schon 1992 verlassen und sie hätten von da an auch stets in Indien
gelebt, über die Staatsangehörigkeit von Indien verfügten sie aber nicht.
Sie seien in Indien bloss als Flüchtlinge registriert gewesen. Die mit dem
Visa-Gesuch auf der Botschaft in Neu-Delhi vorgelegten Pässe ständen
ihn nicht zu, sondern seien ihnen von ihrem Schlepper beschafft worden.
Für die diesbezüglichen Vorbringen im Einzelnen und die von den Gesuch-
stellenden vorgelegten Beweismittel kann auf die Akten verwiesen werden.
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C.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 7. Dezember 2017 (eröffnet am 19. De-
zember 2017) fest, die Gesuchstellenden erfüllten die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, und lehnte deren Asylgesuche ab. Gleichzeitig verfügte es die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung
nach Indien an. Dabei führte es zur Begründung namentlich aus, die af-
ghanische Herkunft der Gesuchstellenden werde nicht in Abrede gestellt.
Da sie aber am (...) 2016 von der Schweizer Botschaft in Neu-Delhi auf
der Grundlage von indischen Pässen Visa erhalten hätten, stehe fest, dass
sie indische Staatsangehörige seien und dass sie dementsprechend im
Asylverfahren über ihre Identität getäuscht hätten.
D.
Gegen diesen Entscheid erhoben die Gesuchstellenden am 18. Januar
2018 – handelnd durch ihren damaligen Rechtsvertreter – beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde, worauf vom Gericht das Beschwerdever-
fahren D-385/2018 eröffnet wurde.
E.
Aus den Akten geht hervor, dass Deutschland am 13. Februar 2018 mit
Ersuchen um Wiederaufnahme der Gesuchstellenden gemäss Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO an die Schweiz gelangte (sog. "take back"-Er-
suchen), da die beiden am 8. Februar 2018 in Deutschland erneut Asylan-
träge gestellt hätten. Mit Erklärung vom 19. Februar 2018 (übermittelt am
21. Februar 2018) stimmte das SEM der ersuchten Wiederaufnahme zu.
Über den Aufenthalt der Gesuchstellenden nicht in der Schweiz, sondern
in Deutschland, und über das laufende zweite Dublin-In-Verfahren setzte
das SEM weder das Bundesverwaltungsgericht noch die für die Gesuch-
stellenden zuständige kantonale Behörde in Kenntnis.
F.
Im Rahmen des weiterhin laufenden Beschwerdeverfahrens wurde am
2. März 2018 eine vorinstanzliche Vernehmlassung eingeholt, welche am
13. März 2018 einging und den Gesuchstellenden am 26. März 2018 über
ihren Rechtsvertreter zur Stellungnahme zugestellt wurde. Die angesetzte
Replikfrist liess der Rechtsvertreter ungenutzt verstreichen.
G.
Aus dem Akten geht hervor, dass dem SEM derweil am 15. März 2018 aus
Deutschland die Meldung zugegangen war, eine Überstellung der Gesuch-
stellenden sei derzeit nicht möglich, da am 7. März 2018 ein Rechtsmittel
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mit aufschiebender Wirkung ergriffen worden sei. Am 8. Mai 2018 ging dem
SEM sodann die Meldung zu, die aufschiebende Wirkung sei am 23. April
2018 weggefallen, womit die Überstellungsfrist neu am 23. Oktober 2018
ende.
H.
Gemäss Aktenlage gelangte dem Bundesverwaltungsgericht Anfang Mai
2018 eine Mitteilung des Migrationsamtes des Kantons G._ vom
25. April 2018 zur Kenntnis, wonach die Gesuchstellenden seit dem
1. März 2018 verschwunden seien (sog. "Vollzugs- und Erledigungsmel-
dung"; heute nicht mehr in den Akten liegend). Der damalige Rechtsvertre-
ter der Gesuchstellenden wurde unter Bezugnahme darauf mit Zwischen-
verfügung D-385/2018 vom 9. Mai 2018 aufgefordert, innert Frist sowohl
den Aufenthaltsort seiner Mandanten bekannt zu geben als auch deren
fortbestehendes Rechtsschutzinteresse durch Vorlage einer von ihnen un-
terzeichneten Erklärung auszuweisen.
I.
Dem SEM ging am 14. Mai 2018 eine zweite Mitteilung des kantonalen
Migrationsamtes zu, wonach die Gesuchstellenden gemäss Meldung der
Asylorganisation G._ tatsächlich schon seit dem 7. Februar 2018
verschwunden seien (vgl. Mitteilung unter dem Titel "Diese Meldung ersetzt
die Meldung vom 25. April 2018; Vollzugs- und Erledigungsmeldung").
J.
Nachdem die den Gesuchstellenden respektive ihrem Rechtsvertreter an-
gesetzte Frist zur Stellungnahme unbenutzt verstrichen war, wurde das Be-
schwerdeverfahren D-385/2018 mit Entscheid vom 30. Mai 2018 zufolge
Wegfall des Rechtsschutzinteresses (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG) im ein-
zelrichterlichen Verfahren (Art. 111 Bst. a AsylG [SR 142.31]) als gegen-
standslos geworden abgeschrieben.
K.
Aus den Akten geht hervor, dass der Gesuchsteller am 17. Oktober 2018
von Deutschland in die Schweiz zurückgeführt wurde. Die Überstellung er-
folgte gemäss Aktenlage von deutscher Seite her in einem Rettungswagen
und mit Sanitäterbegleitung, da der Gesuchsteller (... [von einer körperli-
chen Behinderung betroffen sei]) und er an mehreren chronischen Erkran-
kungen leide, welche eine kontinuierlichen hausärztlichen Behandlung be-
nötigten. Die Gesuchstellerin – welche am 17. Oktober 2018 von den deut-
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schen Behörden nicht angetroffen worden war – kehrte in der Folge selb-
ständig in die Schweiz zurück und meldete sich am 16. November 2018 in
der Unterkunft ihres Ehemannes.
L.
Nachdem das SEM am 18. Oktober 2018 vom kantonalen Migrationsamt
um Vollzugsunterstützung ersucht worden war, gelangte es am 23. Januar
2019 mit einem Ersuchen um Identitätsabklärung und Ausstellung von Rei-
sedokumenten an die zuständige indische Botschaft. Diese teilte dem SEM
am 29. März 2019 mit, nach einer Überprüfung werde die indische Natio-
nalität von A._ und C._ bestätigt. Das kantonale Migrations-
amt führte in der Folge am 9. Mai 2019 mit den Gesuchstellenden ein Aus-
reisegespräch durch. Bei dieser Gelegenheit bekräftigten sie nochmals,
dass sie keine Staatsangehörigen von Indien seien.
M.
Am 15. Mai 2019 gelangten die Gesuchstellenden – handelnd durch die
rubrizierte Rechtsvertreterin – mit einer Eingabe ans SEM, in welcher sie
die Vorinstanz um Abklärungen betreffend die Frage ihrer Staatsangehö-
rigkeit über die indische Botschaft ersuchten. Dies namentlich verbunden
mit einer persönlichen Vorführung auf der Botschaft. Das SEM teilte ihnen
in der Folge am 24. Mai 2019 mit, die ersuchten Abklärungen hätten schon
auf dem schriftlichen Weg stattgefunden, wobei ihre indische Identität be-
stätigt worden sei. Daher und aufgrund der Aktenlage beständen keine
Zweifel an ihrer indischen Staatsangehörigkeit. Eine persönliche Vorfüh-
rung sei daher nicht notwendig, zumal eine solche auch nicht von ihnen,
sondern nur von der Botschaft verlangt werden könne. Es stehe ihnen aber
frei, sich selber an ihre Botschaft zu wenden.
N.
Am 19. Juni 2019 gelangten die Gesuchstellenden – handelnd durch ihre
Rechtsvertreterin – mit einem Gesuch um Wiederaufnahme des Beschwer-
deverfahrens ans Bundesverwaltungsgericht. In ihrer Eingabe ersuchten
sie um Aufhebung des Abschreibungsentscheids vom 30. Mai 2018 und
Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens D-385/2018. In prozessualer
Hinsicht ersuchten sie um ein vorsorgliches Aussetzen des Wegweisungs-
vollzuges sowie um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
Verbeiständung, unter Beiordnung ihrer Rechtsvertreterin sowohl im vor-
liegenden Verfahren als auch im wiederaufzunehmenden Beschwerdever-
fahren. Darüber hinaus ersuchten sie um Einsicht in sämtliche beim SEM
vorhandenen Akten betreffend die durchgeführten Dublin-Verfahren.
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Im Rahmen der Begründung ihres Gesuches berichteten die Gesuchstel-
lenden vorab über die Gründe, welche sie im Frühjahr 2018 zu einer Rück-
kehr nach Deutschland veranlasst hätten. Aufgrund der Trennung von ih-
rem Sohn und dem ablehnenden Asylentscheid seien sie Hals über Kopf
zu ihrem Sohn nach Deutschland zurückgereist, zumal sie aufgrund ihrer
Konstitution auf dessen Unterstützung angewiesen seien. Ihrem damaligen
Rechtsvertreter sei es daher nicht gelungen, sie zu kontaktieren. In ihren
weiteren Ausführungen machten sie zur Hauptsache geltend, aufgrund der
in ihrem Fall vorliegenden Verfahrenskonstellation hätten sie nach der er-
folgten Rücküberstellung aus Deutschland im Rahmen eines Dublin-Ver-
fahrens einen Anspruch auf Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens.
O.
Am 20. Juni 2019 wurde der Vollzug der Wegweisung vom Bundesverwal-
tungsgericht per sofort einstweilen ausgesetzt.
P.
Am 2. Dezember 2019 gelangten die Gesuchstellenden über ihre Rechts-
vertreterin mit einer Anfrage zum Stand des Verfahrens ans Bundesverwal-
tungsgericht. Die Anfrage wurde vom Gericht mit Schreiben vom 13. De-
zember 2019 beantwortet.
Am 27. Dezember 2019 reichte die Rechtsvertreterin der Gesuchstellen-
den ihre Kostennote zu den Akten und am 4. August 2020 gab sie ihre
Adressänderung bekannt.
Q.
Mit Zwischenverfügung vom 1. April 2021 stellte die Instruktionsrichterin
fest, die Gesuchstellenden könnten den Entscheid über das Wiederaufnah-
meverfahren in der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um unentgeltli-
che Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG gut, verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und wies das SEM an, innert
Frist das gestellte Akteneinsichtsgesuch zu behandeln.
R.
Nachdem das SEM mit Verfügung vom 29. April 2021 Akteneinsicht ge-
währt hatte, bot die Instruktionsrichtern den Gesuchstellenden mit Zwi-
schenverfügung vom 20. Mai 2021 Gelegenheit, ihre Gesuchseingabe zu
ergänzen.
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S.
Die Gesuchstellenden ergänzten ihre Eingabe am 31. Mai 2021 und reich-
ten eine aktualisierte Kostennote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes vom 25. Septem-
ber 2015 (AS 2016 3101) abschliessend in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1
der Übergangsbestimmungen zur genannten AsylG-Änderung gilt für Ver-
fahren, welche nach dem 1. März 2019 eingeleitet wurden – e contrario –
das neue Recht.
1.2 Abschreibungsentscheide sind weder der Revision noch der Wiederer-
wägung zugänglich. Die Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens
stellt ein eigenes Verfahren dar, mithin ein Verfahren sui generis (vgl. dazu
BVGE 2020 VI/3 E. 1.2). Als solches ist das Verfahren vom abgeschriebe-
nen beziehungsweise dem allenfalls wiederaufzunehmenden Asylbe-
schwerdeverfahren zu unterscheiden. Auf das mit Eingabe vom 19. Juni
2019 eingeleitete Verfahren um Wiederaufnahme sind deshalb die neuen
Bestimmungen des AsylG anwendbar.
1.3 Das Verfahren betreffend das Gesuch um Wiederaufnahme des Asyl-
beschwerdeverfahrens richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG, Art. 6
AsylG).
1.4 Als Beschwerdeinstanz auf dem Gebiet des Asyls (vgl. Art. 31 VGG
i.V.m. Art. 105 AsylG) ist das Bundesverwaltungsgericht auch für die Beur-
teilung von Gesuchen um Wiederaufnahme eines von ihm abgeschlosse-
nen Beschwerdeverfahrens zuständig.
1.5 Die Gesuchstellenden sind durch den Abschreibungsentscheid vom
30. Mai 2018 besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse
an dessen Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind damit zur Ein-
reichung des Gesuchs um Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens
legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG).
1.6 Über die Wiederaufnahme abgeschriebener Asylbeschwerdeverfahren
entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Zusammensetzung mit
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drei Richterinnen oder Richtern (Art. 21 Abs. 1 VGG, Art. 23 Abs. 1 Bst. a
VGG und Art. 111 AsylG [e contrario]).
2.
2.1 Ein Abschreibungsentscheid kann auf Gesuch hin aufgehoben und das
ursprüngliche Beschwerdeverfahren durch das Gericht wieder aufgenom-
men werden, insbesondere wenn das vorangegangene Verfahren infolge
einer auf Willensmängeln beruhenden Rückzugserklärung der Partei ab-
geschrieben wurde, oder aber irrtümlich, als Folge von unzutreffenden In-
formationen oder von Fehlinterpretationen behördlicherseits (vgl. zum
Ganzen BVGE 2020 VI/3 E. 2.1, 3.3 und 3.5).
2.2 Im Rahmen von Dublin-Verfahren sind besondere Bestimmungen
– insbesondere jene der Dublin-III-VO – anwendbar. Das Dublin-System
basiert auf dem Grundsatz, dass nur ein einziger Mitgliedstaat ein Asylge-
such zu prüfen hat. Entsprechend verpflichtet die Bestimmung von Art. 18
Abs. 1 Bst. a – d Dublin-III-VO den zuständigen Mitgliedstaat, einen Ge-
suchsteller aufzunehmen (Bst. a), oder ihn wiederaufzunehmen, wenn er
während der Prüfung seines Antrags (Bst. b) oder nach Rückzug dessel-
ben (Bst. c) oder nach Erhalt eines negativen Entscheides (Bst. d) einen
Antrag in einem anderen Mitgliedstaat stellt oder sich im Hoheitsgebiet ei-
nes anderen Mitgliedstaates ohne Aufenthaltstitel aufhält. Die Bestimmung
von Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO enthält zudem verschiedene Rechts- be-
ziehungsweise Verfahrensgarantien, indem der zuständige Mitgliedstaat
nach dieser Bestimmung verpflichtet ist, den Antrag auf internationalen
Schutz abschliessend zu prüfen (Unterabsatz 1), dem Gesuchsteller bei
Rückzug seines Asylgesuches das Recht einräumt, die Fortsetzung der
Prüfung zu beantragen beziehungsweise ein neues Gesuch einzureichen
(Unterabsatz 2) sowie gegen einen abschlägigen Entscheid einen wirksa-
men Rechtsbehelf einlegen zu können (Unterabsatz 3). Aufgrund dieser
Vorgaben sieht Art. 35a AsylG vor, dass Asylverfahren, für welche die
Schweiz aufgrund der Dublin-III-Verordnung zuständig ist, wiederaufzu-
nehmen sind, und zwar auch dann, wenn das Asylgesuch zuvor abge-
schrieben wurde.
3.
3.1 In der Gesuchseingabe vom 19. Juni 2019 wird geltend gemacht, die
Gesuchstellenden hätten – wie in der Dublin-III-VO beziehungsweise in Art.
35a AsylG statuiert – einen Anspruch auf Wiederaufnahme ihres abge-
schriebenen Asylbeschwerdeverfahrens, da nach einem durchgeführten
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Dublin-Verfahren der zuständige Staat die Rechtsweggarantie gewährleis-
ten müsse. Zwar beziehe sich Art. 35a AsylG von der gesetzlichen Syste-
matik her auf das erstinstanzliche Verfahren. Die Bestimmung werde je-
doch gemäss einem BVGer-Urteil vom 23. Mai 2019 auch auf das Be-
schwerdeverfahren gegen einen Asylentscheid angewandt. Da in ihrem
Fall dem abgeschriebenen Asylbeschwerdeverfahren ein Dublin-Verfahren
vorausgegangen sei, sei das abgeschriebene Beschwerdeverfahren wie-
deraufzunehmen.
3.2 Dieser Ansicht kann jedoch mit Verweis auf das Grundsatzurteil BVGE
2020 VI/3, indem sich das Bundesverwaltungsgericht mit dieser Rechts-
frage eingehend auseinandergesetzt hat, nicht gefolgt werden. Das Gericht
ist im entsprechenden Grundsatzentscheid vielmehr zum Schluss gelangt,
dass die Bestimmungen über die Wiederaufnahme von Verfahren gemäss
Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 35a AsylG lediglich auf erstinstanzli-
che Asylverfahren anwendbar sind (vgl. a.a.O., E. 3.1 – 3.4), wogegen die
Wiederaufnahme von Asylbeschwerdeverfahren alleine nach der vorste-
hend unter E. 2.1 beschriebenen Praxis beurteilt wird (vgl. a.a.O. E. 3.5).
4.
Damit ist nachfolgend zu prüfen, ob das Verfahren D-385/2018 aufgrund
eines Irrtums oder eine Fehlinformation abgeschrieben wurde, oder ob von
Seiten der Gesuchstellenden ein Willensmangel geltend gemacht werden
kann. Bei der Prüfung der materiellen Begründetheit des Gesuchs um Wie-
deraufnahme des Asylverfahrens wegen Willensmängeln sind die einschlä-
gigen vertragsrechtlichen Grundsätze des Obligationenrechts vom
30. März 1911 (OR, SR220) sinngemäss anzuwenden (vgl. Entscheidun-
gen und Mitteilungen der [vormaligen] Asylrekurskommission [EMARK]
2002 Nr. 5).
4.1 Im Rahmen der Mitwirkungspflicht haben sich Asylgesuchstellende
während des Verfahrens den Behörden von Bund und Kantonen zur Ver-
fügung zu halten und ihre Adresse und jede Änderung den Behörden sofort
mitzuteilen.
Aus den Akten geht hervor, dass die Gesuchstellenden vom SEM nach
dem Durchlaufen des ersten Dublin-In-Verfahrens respektive nach der am
17. August 2017 erfolgten Überstellung aus Deutschland zügig zu ihren
Gesuchsgründen befragt und angehört wurden (vgl. dazu die Protokolle
vom 6. September 2017 und 12. Oktober 2017). Nachdem sie zusätzlich
zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert worden waren, erliess
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das SEM wiederum zügig den Asyl- und Wegweisungsentscheid vom
7. Dezember 2017. Das erstinstanzliche Verfahren wurde damit innert 31⁄2
Monaten abgeschlossen. Zwar erhoben die Gesuchstellenden in der Folge
am 18. Januar 2018 handelnd durch ihren damaligen Rechtsvertreter ge-
gen den Asyl- und Wegweisungsentscheid fristgerecht Beschwerde. Sie
warteten jedoch den Ausgang des Verfahrens nicht in der Schweiz ab, son-
dern begaben sich innert weniger als drei Wochen nach Deutschland zu-
rück, wo sich gemäss Aktenlage ihr Sohn aufhält. Dort stellten sie am
8. Februar 2018 zum zweiten Mal Asylgesuche. Gegen die von Deutsch-
land angeordnete erneute Überstellung in die Schweiz erhoben die Ge-
suchstellenden in Deutschland Beschwerde, sodass die Überstellung erst
nach Abweisung dieser Beschwerde mehrere Monate später, nämlich im
Oktober 2018 für den Gesuchsteller beziehungsweise die selbständige
Rückreise der Gesuchstellerin im November 2019 erfolgte. Damit nahmen
sie offensichtlich in Kauf, ihr Beschwerderecht in der Schweiz zu verlieren
und unter diesen Umständen kann nicht von einem andauernden Rechts-
schutzinteresse ausgegangen werden. Während des Aufenthaltes in
Deutschland hatten sie sodann offensichtlich jeglichen Kontakt mit ihrem
Rechtsvertreter abgebrochen. Selbst wenn zu Gunsten der Gesuchstellen-
den davon auszugehen wäre, dass sie sich nicht bewusst waren, dass eine
Reise nach Deutschland nicht zulässig sei, hätte von ihnen zumindest er-
wartet werden müssen, dass sie mit ihrem Rechtsvertreter in Verbindung
bleiben. Ein entschuldbarer Grundlagenirrtum ist demnach auszuschlies-
sen. Insgesamt ist aus diesen Sachverhaltselementen zu schliessen, dass
die Gesuchstellenden kein Interesse mehr daran zeigten, ihr Beschwerde-
verfahren in der Schweiz fortzusetzen. Das entsprechende Wiederaufnah-
megesuch stellten sie denn auch erst über sechs Monate nach ihrer Rück-
kehr in die Schweiz.
4.2 Zwar ist aufgrund der Aktenlage festzustellen, dass dem Bundesver-
waltungsgericht im Zeitpunkt des Abschreibungsentscheides offenkundig
nicht alle relevanten Sachverhaltsumstände bekannt waren. Die den
Schweizer Behörden damals bereits bekannten Tatsachen bezüglich Ge-
suchstellung in Deutschland und Überstellungsanfrage von dieser Seite
hatten zu diesem Zeitpunkt offenbar noch keinen Eingang in die Akten des
Gerichts gefunden. Daraus aber zu schliessen, der Abschreibungsent-
scheid habe auf einem Irrtum oder auf Fehlinformationen beruht, kann nicht
überzeugen, zumal diese Informationen auf die Frage der Verletzung der
Mitwirkungspflicht durch Ausreise beziehungsweise dadurch, dass sich die
Gesuchstellenden den Behörden nicht zur Verfügung hielten (vgl. Art. 8
Abs. 3 AsylG) keinen Einfluss hatte.
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4.3 Diesen Erwägungen gemäss können sich die Gesuchstellenden nicht
auf einen Willensmangel oder rechtfertigende Gründe berufen und das Ge-
richt ist seinerseits keinem rechtsrelevanten Irrtum unterlegen. Das Ge-
such um Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens D-385/2018 ist
demnach abzuweisen.
5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Gesuch-
stellenden aufzuerlegen. Nachdem jedoch das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege mit Verfügung vom 1. April 2021 gutgeheissen wurde, ist da-
rauf zu verzichten.
5.2 Nach Gutheissung auch des Gesuchs um unentgeltliche Rechtsverbei-
ständung ist das Honorar unabhängig vom Ausgang des Verfahrens ge-
schuldet. Der in den eingereichten Kostennoten ausgewiesene Aufwand ist
als angemessen zu qualifizieren. Unter Berücksichtigung des im amtlichen
Mandat üblichen Stundenansatzes von Fr. 220.– ist das Honorar demnach
auf Fr. 655.– (einschliesslich Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) fest-
zusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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