Decision ID: 28b7cb67-48cc-4852-86bd-b42e96a855ff
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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St.Galler Gerichte
A.- Am Sonntag, 21. Februar 2010, um 18.20 Uhr, bog X mit dem Personenwagen "VW
Lupo" in Heerbrugg vom Vorplatz der Post nach links in die Bahnhofstrasse in Richtung
Au ein. Im Einmündungsbereich kam es zur Kollision mit einem von links
herannahenden Fahrrad. Die Fahrradlenkerin zog sich dabei leichte Verletzungen zu
(Prellungen an den Beinen, am rechten Arm und an der rechten Lende).
B.- Mit Bussenverfügung des Untersuchungsamts Altstätten vom 14. April 2010 wurde
X wegen Nichtgewährens des Vortritts beim Einfügen in den Verkehr und Verursachens
eines Verkehrsunfalls zu einer Busse von Fr. 300.-- verurteilt. Der Strafentscheid
erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Am 7. Juli 2010 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St.
Gallen (nachfolgend: Strassenverkehrsamt) ein Administrativmassnahmeverfahren. Am
3. August 2010 nahm der Rechtsvertreter von X zum Verfahren Stellung. In der Folge
entzog das Strassenverkehrsamt mit Verfügung vom 5. August 2010 den
Führerausweis wegen Verursachens eines Verkehrsunfalls infolge Missachtens des
Vortrittsrechts gegenüber einer Fahrradlenkerin beim Einfügen in den Verkehr für die
Dauer eines Monats.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe ihres Vertreters vom 19. August 2010
Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit den Anträgen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei die Verfügung vollumfänglich aufzuheben und es sei von einer
Administrativmassnahme, insbesondere von einem Führerausweisentzug mit
Verlängerung der Probezeit abzusehen. Eventualiter sei eine Verwarnung
auszusprechen. Die Vorinstanz liess sich am 28. September 2010 vernehmen und
beantragte die Abweisung des Rekurses. Auf die Ausführungen zur Begründung der

Anträge wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 19. August 2010 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
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Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist daher
einzutreten.
2.- Die Rekurrentin macht eine Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend. Sie rügt, die
Vorinstanz sei auf die Ausführungen und Argumente in ihrer Stellungnahme vom
3. August 2010 mit keinem Wort eingegangen. Eine sorgfältige und ernsthafte Prüfung
ihrer Vorbringen und eine rechtsgenügende Auseinandersetzung damit fehlten völlig.
Bei der Verfügung der Vorinstanz vom 5. August 2010 handle es sich vielmehr um eine
bereits längst vorbereitete Standard-Verfügung. Nachdem ihre Stellungnahme am
3. August 2010 der Post übergeben worden sei und der Entscheid der Vorinstanz
bereits vom 5. August 2010 datiere, müsse davon ausgegangen werden, dass der
Eingang der Stellungnahme bloss noch abgewartet, diese aber gar nicht mehr
gewürdigt worden sei.
a) Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (vgl. Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft, SR 101) als persönlichkeitsbezogenes
Mitwirkungsrecht verlangt, dass die Behörde die Vorbringen des Betroffenen
tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung
berücksichtigt. Die Behörde ist grundsätzlich verpflichtet, ihren Entscheid zu
begründen. Der Bürger soll wissen, warum entgegen seinem Antrag entschieden
wurde. Die Begründung muss deshalb so abgefasst sein, dass der Betroffene den
Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Dies ist nur möglich, wenn
sowohl er wie auch die Rechtsmittelinstanz sich über die Tragweite des Entscheides
ein Bild machen können. In diesem Sinn müssen wenigstens kurz die Überlegungen
genannt werden, von denen sich die Behörde leiten liess und auf welche sich ihr
Entscheid stützt. Das bedeutet indessen nicht, dass sie sich ausdrücklich mit jeder
tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen
muss. Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte
beschränken (vgl. BGE 126 I 97 E. 2b mit Hinweisen; Art. 24 Abs. 1 lit. a VRP).
b) Die Vorinstanz hielt in der angefochtenen Verfügung der Stellungnahme der
Rekurrentin entgegen, diese sei geprüft worden, den Anträgen könne aber nicht
entsprochen werden. Die Rekurrentin habe der Fahrradfahrerin den Vortritt nicht
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gewährt und dadurch schuldhaft einen Verkehrsunfall verursacht. Die durch sie
verursachte Gefahr (Unfall mit konkreter Gefährdung) könne nicht mehr als gering
eingestuft werden. Unabhängig vom Grad des Verschuldens liege zumindest ein
mittelschwerer Fall vor, weshalb ein Führerausweisentzug von mindestens einem
Monat zu erfolgen habe.
c) Die Vorinstanz hat damit zu den Haupteinwänden der Rekurrentin bezüglich des
Vorliegens einer Verkehrsregelverletzung sowie der Schwere der Gefährdung Stellung
genommen. Die Rekurrentin wusste somit, womit sie sich bei der allfälligen Ergreifung
eines Rechtsmittels auseinanderzusetzen hatte. Es war ihr möglich, den Rekurs
sachgerecht zu begründen. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist nicht ersichtlich
und der entsprechende Antrag auf Rückweisung der Streitsache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz ist abzuweisen.
3.- Die Vorinstanz und der Strafrichter gehen davon aus, dass die Rekurrentin
schuldhaft Verkehrsregeln verletzt habe, indem sie beim Einfügen in den Verkehr das
Vortrittsrecht einer Fahrradlenkerin missachtet und dadurch einen Verkehrsunfall
verursacht habe.
a) Im Rekurs wird dies bestritten. Bei stark beschränkter Sicht sei gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung ein "sehr vorsichtiges Hineintasten" des
Vortrittsbelasteten zulässig, damit ein Vortrittsberechtigter das ohne Sicht langsam
einmündende Fahrzeug rechtzeitig genug sehen könne, um entweder selber
auszuweichen oder den Wartepflichtigen durch ein Signal zu warnen (BGE 105 IV 339).
Wegen eines auf der linken Seite unzulässigerweise abgestellten Personenwagens sei
die Sicht nach links stark eingeschränkt gewesen. Die Rekurrentin sei deshalb
zunächst langsam in Richtung Bahnhofstrasse gefahren und habe dann ihren
Personenwagen gestoppt. Daraufhin habe sie sich im Schritttempo vorgetastet.
Plötzlich sei von links die Fahrradfahrerin aufgetaucht. Diese wäre aufgrund des auf die
Bahnhofstrasse hinausragenden falsch parkierten Autos ebenfalls zu erhöhter Vorsicht
bzw. Bremsbereitschaft verpflichtet gewesen. In der bereits eingebrochenen
Dämmerung habe die Rekurrentin die Fahrradfahrerin zudem nicht sehen können, da
diese das Licht ihres Fahrrads nicht eingeschaltet gehabt habe. Selbst unter Einhaltung
aller erdenklichen Vorsichtsmassnahmen könne eine Autolenkerin in der Dämmerung
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ein Fahrrad ohne Licht in der Regel nicht erkennen. Die Fahrradfahrerin habe deshalb
die Kollision selbst (mit)verursacht. Die Rekurrentin habe sich, indem sie sich sehr
vorsichtig und langsam in die Bahnhofstrasse "hineingetastet" habe, korrekt verhalten
und die Fahrradfahrerin schlicht nicht sehen können. Es könne ihr daher nicht
vorgeworfen werden, sie habe der Fahrradfahrerin den Vortritt genommen. Im Weiteren
sei es nur zu einer leichten Kollision gekommen. Die Fahrradfahrerin sei gestürzt,
jedoch sofort wieder aufgestanden und habe erklärt, es sei nichts passiert. Niemand
habe einen Schaden erlitten. Aufgrund des Bagatellcharakters des Vorfalls seien
sowohl die Fahrradfahrerin als auch die Rekurrentin der Ansicht gewesen, die Polizei
müsse nicht benachrichtigt werden. Ein Buschauffeur, der von der gegenüber
liegenden Strassenseite gesehen habe, dass eine Frau mit dem Fahrrad gestürzt sei,
habe die Polizei informiert. Die Bussenverfügung habe die Rekurrentin nicht
angefochten. Grund dafür sei aber nicht gewesen, dass sie den Vorwurf der
Verkehrsregelverletzung anerkannt habe. Sie habe die Sache einfach erledigt haben
wollen und in keiner Weise damit gerechnet, dass noch weitere "Strafen" bzw.
Administrativmassnahmen folgen würden. Über diesen Umstand sei sie von Seiten der
Staatsanwaltschaft auch nicht aufgeklärt worden. Somit könne nicht auf die
Bussenverfügung abgestellt werden, zumal diese nicht vollständig und in wesentlichen
Punkten unrichtig sei.
b) Die Verwaltungsbehörde darf von den tatsächlichen Feststellungen im Strafurteil nur
abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid zugrunde legt, die dem
Strafrichter unbekannt waren, oder wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, sowie wenn
der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht sämtliche
Rechtsfragen abgeklärt hat. Die Verwaltungsbehörde hat vor allem dann auf die
Tatsachen im Strafurteil abzustellen, wenn dieses im ordentlichen Verfahren ergangen
ist. Sie ist aber unter bestimmten Voraussetzungen auch an einen Strafentscheid
gebunden, der im Strafbefehlsverfahren gefällt wurde, selbst wenn er ausschliesslich
auf einem Polizeirapport beruht. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Beschuldigte
wusste oder angesichts der Schwere der ihm vorgeworfenen Delikte voraussehen
musste, dass gegen ihn ein Führerausweisentzugsverfahren eröffnet würde, und er es
trotzdem unterlässt oder darauf verzichtet, im Rahmen des (summarischen)
Strafverfahrens die ihm garantierten Verteidigungsrechte geltend zu machen. Unter
diesen Umständen darf der Betroffene nicht das Verwaltungsverfahren abwarten, um
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allfällige Rügen vorzubringen und Beweisanträge zu stellen, sondern ist nach Treu und
Glauben verpflichtet, dies bereits im Rahmen des (summarischen) Strafverfahrens zu
tun, sowie allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu ergreifen (BGE 123 II 97 E. 3c/aa mit
Hinweisen).
c) In der Bussenverfügung vom 14. April 2010 hat die Strafbehörde gestützt auf die
Darstellung im Polizeirapport der Kantonspolizei St. Gallen vom 13. März 2010
festgehalten, die Rekurrentin habe am Sonntag, 21. Februar 2010, um 18.20 Uhr, mit
dem Personenwagen "VW Lupo" in Heerbrugg, Bahnhofstrasse, Höhe Post, zufolge
Nichtgewährens des Vortritts beim Einfügen in den Verkehr einen Verkehrsunfall
verursacht und sei mit einer vortrittsberechtigten Fahrradfahrerin kollidiert, als sie vom
Vorplatz bei der Post in die Bahnhofstrasse gefahren sei. In Anwendung von Art. 90
Ziff. 1 und 36 Abs. 4 SVG sowie Art. 15 Abs. 3 der Verkehrsregelnverordnung (SR
741.11; abgekürzt: VRV) habe sie sich damit der einfachen Verletzung von
Verkehrsregeln schuldig gemacht. An diese Feststellungen ist die Verwaltungsbehörde
gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung gebunden. Klare Anhaltspunkte, dass die
Sachverhaltsfeststellungen unrichtig sind, bestehen nicht. Die Vorinstanz war daher
nicht zu eigenen Sachverhaltserhebungen verpflichtet (vgl. Urteile des Bundesgerichts
6A.35/2004 vom 1. September 2004, E. 3.3, und 6A.68/2002 vom 26. Mai 2003, E. 2.1
mit Hinweisen). Die Bussenverfügung beruht zwar allein auf dem Polizeirapport. Die
Rekurrentin musste jedoch vor allem deshalb mit einem
Administrativmassnahmeverfahren rechnen, weil der Polizeirapport in Kopie an das
Strassenverkehrsamts des Kantons St. Gallen geschickt wurde. Im Polizeirapport steht,
dass "die Unfallbeteiligten ... von der Rapportierung an das zuständige
Untersuchungsamt und der Berichtgabe an die Zulassungsbehörde in Kenntnis
gesetzt" worden seien. Es ist daher davon auszugehen, dass die Rekurrentin von der
Polizei darauf hingewiesen wurde, dass eine Kopie des Polizeirapports ans
Strassenverkehrsamt weitergeleitet werde. Sie macht denn auch nicht geltend, die
Polizei habe sie nicht über ein allfällig folgendes Administrativmassnahmeverfahren
orientiert, sondern weist nur auf die fehlende Information von Seiten der
Staatsanwaltschaft hin. Auf der Bussenverfügung ist aber ebenfalls vermerkt, dass
diese nach Eintritt der Rechtskraft an das Strassenverkehrsamt St. Gallen gesandt
werde. Unter diesen Umständen hätte die Rekurrentin mit der Eröffnung eines
Administrativmassnahmeverfahrens rechnen und daher die Bussenverfügung
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anfechten müssen sowie hinsichtlich der Rügen gegen die Annahme einer schuldhaften
Verkehrsregelverletzung nicht das Verwaltungsverfahren abwarten dürfen. Die
Rekurrentin liess die Bussenverfügung aber in Rechtskraft erwachsen, weshalb die
Verwaltungsbehörde im Administrativmassnahmeverfahren an die tatsächlichen
Feststellungen im Strafentscheid grundsätzlich gebunden ist.
4.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03)
ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung
ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG),
mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine
leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden
trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch
Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in
Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und
wird dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in
Kauf genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
a) Die Vorinstanz hat die Verkehrsregelverletzung als mittelschwere Widerhandlung
qualifiziert und der Rekurrentin den Führerausweis gestützt auf Art. 16b Abs. 1 lit. a und
Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG entzogen. Die Rekurrentin erachtet die Widerhandlung
demgegenüber als höchstens leicht.
Im Rekurs wird vorgebracht, es habe höchstens eine geringe Gefahr für die Sicherheit
der Fahrradfahrerin bestanden. Zudem sei die Rekurrentin sehr vorsichtig, aufmerksam
und langsam in Richtung Bahnhofstrasse gefahren, weshalb von einem geringen
Verschulden auszugehen sei.
b) Die Rekurrentin hat Art. 36 Abs. 4 SVG in Verbindung mit Art. 15 Abs. 3 VRV verletzt.
Nach diesen Bestimmungen darf der Führer, der sein Fahrzeug in den Verkehr
einfügen, wenden oder rückwärts fahren will, andere Fahrzeugführer nicht behindern;
diese haben Vortritt (Art. 36 Abs. 4 SVG). Zudem muss derjenige, der aus Fabrik-, Hof-
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oder Garagenausfahrten, aus Feldwegen, Radwegen, Parkplätzen, Tankstellen und
dergleichen oder über ein Trottoir auf eine Haupt- oder Nebenstrasse fährt, den
Benützern dieser Strassen den Vortritt gewähren. Ist die Stelle unübersichtlich, so
muss der Fahrzeugführer anhalten; wenn nötig muss er eine Hilfsperson beiziehen, die
das Fahrmanöver überwacht.
c) Die Qualifikation als leichte Widerhandlung ist nur unter der Voraussetzung möglich,
dass - neben einem leichten Verschulden - durch die Verletzung der Verkehrsregeln
lediglich eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen wird (BGE
1C_223/2008 vom 8. Januar 2009, E. 2.2.3).
Ein Führerausweisentzug setzt eine konkrete oder jedenfalls erhöhte abstrakte
Gefährdung anderer Personen voraus. Die abstrakte Gefährdung als solche reicht nicht
aus. Ob eine konkrete, eine erhöhte abstrakte oder nur eine abstrakte Gefahr
geschaffen wird, hängt von der Situation ab, in welcher die Verkehrsregelverletzung
begangen wurde. Eine erhöhte abstrakte Gefahr ist bei der naheliegenden Möglichkeit
einer konkreten Gefährdung oder Verletzung anzunehmen (BGE 131 IV 133 E. 3.2). Eine
konkrete Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten Verkehrsteilnehmer oder einen
Mitfahrer die Gefahr einer Körperverletzung oder gar Tötung bestand. Zu
berücksichtigen ist auch das Ausmass der üblicherweise entstehenden Schädigung
beim Eintritt der Rechtsgutverletzung (VRKE IV-2005/41 vom 6. Juli 2005, E. 4b/bb).
d) Die Missachtung eines Vortrittsrechts stellt einen Verstoss gegen eine elementare
Verkehrsvorschrift dar und führt häufig zu Unfällen, weil sich der vortrittsberechtigte
Verkehrsteilnehmer in der Regel darauf verlässt, dass sein Vortrittsrecht respektiert
wird. Gerade durch die Missachtung des Vortrittsrechts von schwächeren
Verkehrsteilnehmern, wie Fahrradfahrern, entstehen gefährliche Situationen. Indem die
Rekurrentin den Vortritt der auf der Strasse von links kommenden Radfahrerin
missachtete, schuf sie die Gefahr einer Kollision, die sich in der Folge konkretisierte.
Auch wenn die Geschwindigkeit der Rekurrentin gering war, zog sich die
Fahrradfahrerin durch den Unfall verschiedene Prellungen zu (vgl. Polizeirapport, act.
12/1). Die durch das Verhalten der Rekurrentin hervorgerufene Gefährdung kann damit
nicht mehr als gering eingestuft werden.
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e) Ist die von der Rekurrentin verursachte Gefahr nicht mehr als gering einzustufen,
fehlt es an einer der beiden Voraussetzungen für die Annahme einer leichten
Widerhandlung im Sinn von Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG. Beim Verschulden ist zu
berücksichtigen, dass die Rekurrentin bei Dämmerung und fehlender
Strassenbeleuchtung (vgl. act. 12/1) sowie beim Überqueren eines Radstreifens, auf
welchem in beiden Richtungen gefahren werden darf, besonders vorsichtig und
aufmerksam sein musste. Die Bahnhofstrasse ist eine Einbahnstrasse; sie konnte
deshalb nur links abbiegen. Wäre die Sicht tatsächlich durch ein falsch parkiertes Auto
stark eingeschränkt und die Situation so unübersichtlich gewesen, dann ist nicht leicht
verständlich, weshalb die Rekurrentin für die Einfahrt in die Bahnhofstrasse nicht eine
ihrer beiden Mitfahrerinnen als Hilfsperson zur Überwachung des Fahrmanövers beizog
(vgl. Art. 15 Abs. 3 VRV). Denn von der linken Seite musste sie mit schwächeren
Verkehrsteilnehmern auf dem Radstreifen rechnen. Diese Unterlassung (fehlender
Beizug einer Hilfsperson) ist ihr vorzuwerfen und führt dazu, dass das Verschulden
zumindest leicht ist. Im Übrigen erklärte die Fahrradfahrerin gegenüber der Polizei,
dass sie das Licht eingeschaltet gehabt habe, obwohl es noch hell gewesen sei. Die
Polizei befand die Beleuchtung des Fahrrades als in Ordnung. Demgegenüber erklärte
die Rekurrentin, dass das Licht am Fahrrad nicht eingeschaltet gewesen sei.
Gleichzeitig gab sie zu Protokoll, dass vor ihr ein Auto parkiert gewesen sei und sie
deshalb die Fahrradfahrerin nicht gesehen habe. Kaum sei sie mit der Fahrzeugfront
auf der Fahrbahn gestanden, sei es zur Kollision gekommen. Die Kollision kam für die
Rekurrentin demnach völlig überraschend. Es ist daher fraglich, ob sie in diesem sehr
kurzen Moment noch beobachten konnte, ob das Licht am Fahrrad brannte oder ob sie
nur der Meinung war, dass es nicht eingeschaltet war. Hinzu kommt, dass die
Mitfahrerinnen nicht erwähnten, dass das Fahrrad kein Licht gehabt habe. Unter den
gegebenen Umständen erscheinen die Angaben der Fahrradfahrerin, wonach das Licht
gebrannt habe, als glaubwürdig. Sie belastete die Rekurrentin nicht unnötig, sondern
schilderte den Unfallhergang sachlich. Der Rekurrentin hielt sie zugute, sehr anständig
gewesen zu sein und sich bei ihr entschuldigt zu haben.
f) Demnach hat die Vorinstanz der Rekurrentin den Führerausweis zu Recht gestützt
auf Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG (mittelschwere Widerhandlung) entzogen. Der Entzug des
Führerausweises wegen einer Widerhandlung führt bei einem Inhaber des
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Führerausweises auf Probe zu einer Verlängerung der Probezeit um ein Jahr (Art. 15a
Abs. 3 SVG).
5.- Bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder Führerausweisentzugs sind
gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen,
namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Die Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten werden. Gemäss Art. 16b
Abs. 2 lit. a SVG wird der Lernfahr- oder Führerausweis nach einer mittelschweren
Widerhandlung mindestens für einen Monat entzogen.
Die Vorinstanz hat der Rekurrentin in der angefochtenen Verfügung den Führerausweis
für die gesetzlich vorgeschriebene minimale Entzugsdauer von einem Monat entzogen.
Da das Gesetz eine Unterschreitung dieser Mindestentzugsdauer ausschliesst (Art. 16
Abs. 3 SVG), erübrigt es sich, massnahmemindernde Umstände wie eine berufliche
Angewiesenheit der Rekurrentin auf das Führen eines Motorfahrzeugs (vgl. zum
früheren Recht SJZ 97/2001 S. 524 f.) oder einen ungetrübten automobilistischen
Leumund zu prüfen. Eine Entzugsdauer von einem Monat ist nicht zu beanstanden.
6.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der Rekurrentin
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, in: Amtsblatt des
Kantons St. Gallen Nr. 52/27.12.2010, S. 4042 ff.). Der Kostenvorschuss von
Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen.