Decision ID: f4d154f8-2b72-4f84-8c14-ab3a1ffedeff
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a W._, Jahrgang 1993, bezog seit Mai 2006 Leistungen der Invalidenversicherung
(IV) in Form von ambulanter Psychotherapie. Die bis 31. Mai 2008 bewilligte
Kostenübernahme vom 1. Februar 2007 (IV-act. 14) wurde am 31. März 2009
verfügungsweise bis 30. Juni 2009 verlängert (IV-act. 23). Der ursprünglichen
Kostengutsprache lagen folgende von Dr. med. A._, Facharzt FMH für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und- psychotherapie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie, am
2. Oktober 2006 geäusserten Diagnosen zugrunde: (erstens) Traumafolgestörungen in
Folge der traumatischen Erfahrungen und Verwahrlosung im Geburtsland sowie
jahrelangen Mobbings durch die Mitschüler: Bindungsstörung, (zweitens) komplexe
PTSD und Depression, (drittens) Integrationsproblematik und (viertens) ADHD,
überwiegend Aufmerksamkeits-Defizit-Typ (IV-act. 8). Am 9. Februar 2009 berichtete
Dr. A._, die Diagnosen seien unverändert. Die Psychotherapie werde bei Dr. phil.
B._ fortgesetzt (IV-act. 19-5). Ab 16. März 2009 hielt sich die Versicherte stationär in
der Klinik Sonnenhof, Kinder- und Jugendpsychiatrisches Zentrum, auf. Dr. phil. C._
und med. pract. D._ nannten im Bericht vom 11. Juni 2009 als Diagnosen: schwere
Adoleszentenkrise vor dem Hintergrund einer Spätadoption und Migration auf dem
Boden einer Bindungsstörung bei vermuteter frühkindlicher Traumatisierung,
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hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens sowie unterdurchschnittliche Intelligenz.
Nach Abschluss der voraussichtlich vier bis sechs Monate dauernden stationären
Behandlung sei ambulante Weiterbehandlung indiziert (IV-act. 25-1, 25-3). Am 20. Juli
2009 teilte die Klinik Sonnenhof mit, dass mit den Adoptiveltern und den Behörden eine
Platzierung in einem sozialpädagogischen Rahmen vorbereitet werde. Die
Weiterführung der ambulanten Psychotherapie sei indiziert (IV-act. 27). Der Regionale
Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung (Dr. med. E._) kam am 31. August
2009 zum Schluss, dass die stationäre und ambulante Psychotherapie vorwiegend eine
Leidensbehandlung sei und dass die gesundheitliche Störung der Versicherten zu
gravierend sei, als dass die therapeutischen Bemühungen einen fokussierten, positiven
Effekt auf die Beschulung und die berufliche Ausbildungsfähigkeit haben könnten.
Daher seien die Kosten dafür nicht von der IV zu übernehmen (IV-act. 34-2).
A.b Gestützt auf diese Einschätzung kündigte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
des Kantons St. Gallen den Eltern der Versicherten mit Vorbescheid vom
16. September 2009 an, sie gedenke, die Kostengutsprache für die Verlängerung der
Psychotherapie ab 16. März 2009 zu verweigern (IV-act. 37 f.). Dagegen erhoben die
Swica als Krankenversicherung der Versicherten am 7. Oktober 2009 (IV-act. 44) und
die Eltern der Versicherten am 16. Oktober 2009 (IV-act. 45) Einwand. Am 22. Oktober
2009 verfasste die Klinik Sonnenhof den Austrittsbericht und ersuchte die IV-Stelle
darin ebenfalls um Anerkennung als Durchführungsstelle für die Zeit des stationären
Aufenthalts der Versicherten vom 16. März bis 5. September 2009 und um
Kostengutsprache für die ambulante Psychotherapie (IV-act. 46). Nach erneuter
Rückfrage beim RAD (IV-act. 47) verfügte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle am
3. November 2009 gemäss Vorbescheid. Die Verlängerung der ambulanten
Psychotherapie (ab 1. Juli 2009) und eine Übernahme der stationären Psychotherapie
vom 16. März bis 5. September 2009 würden abgelehnt (IV-act. 48).
A.c Gemäss einer Mitteilung vom 17. September 2009 war der Versicherten
Berufsberatung und Abklärung der beruflichen Eingliederungsmöglichkeiten gewährt
worden (IV-act. 40).
B.
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Gegen die Verfügung vom 3. November 2009 richten sich die Beschwerde der Swica
(Beschwerdeführerin 1) vom 24. November 2009 (Poststempel: 25. November 2009)
und die von ihren Eltern für die Betroffene (Beschwerdeführerin 2) am 27. November
2009 (Poststempel: 30. November 2009) erhobene Beschwerde. Die
Beschwerdeführerinnen beantragen die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und
die Gewährung der Kostengutsprache für die ambulante und die stationäre
Psychotherapie, die Beschwerdeführerin 1 ausserdem eventualiter die Rückweisung
zur weiteren Abklärung. Die Beschwerdeführerin 1 hält fest, gemäss dem Bericht der
Klinik Sonnenhof vom 11. Juni 2009 solle eine berufliche Integration der
Beschwerdeführerin 2 durchgeführt werden. Zu deren Gelingen dürfte die Fortsetzung
der ambulanten Psychotherapie wesentlich beitragen. Vor dem Hintergrund der
aktenkundigen medizinischen Berichte sei nicht nachvollziehbar, warum die
Beschwerdegegnerin zwar die berufliche Integration befürworte, aber die
psychotherapeutische Unterstützung hierzu versage. Die medizinischen
Eingliederungsmassnahmen würden gesetzessystematisch nicht nur in Art. 12 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) aufgeführt, sondern
auch in Art. 8 Abs. 3 IVG, in welchem sämtliche Massnahmen der IV aufgelistet seien.
Diese Bestimmung sollte dazu führen, dass ein Zusammenspiel der einzelnen
Massnahmen bestehen könne und nicht einer beruflichen Massnahme die medizinische
Unterstützung versagt werde. Ursprünglich und bis anhin sei eine günstige Prognose
gestellt worden. Die Klinik und die behandelnde Psychotherapeutin seien sodann zur
Prognosebeurteilung nicht beigezogen worden. Nicht klar sei, ob nur die ambulante
Psychotherapie oder auch der stationäre Aufenthalt der Eingliederung der
Beschwerdeführerin 2 dienten. Die Leistungsablehnung erweise sich als medizinisch
nicht genügend begründet. - Die Beschwerdeführerin 2 lässt darauf hinweisen, dass
mit den bisher erfolgten Massnahmen sehr wohl Verbesserungen hätten erzielt werden
können. Die Verweigerung der Kostengutsprache sei nicht nachvollziehbar, wenn man
berücksichtige, dass die Berufsberatung und Abklärung der beruflichen
Eingliederungsmassnahmen bereits am 17. September 2009 gewährt worden sei.
C.
Mit Beschwerdeantworten vom 1. Februar 2010 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerden. Zum Zeitpunkt der ursprünglichen, am 1. Februar 2007
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erfolgten Kostengutsprache sei noch nicht genau abschätzbar gewesen, wie die
psychosoziale Entwicklung der Beschwerdeführerin 2 verlaufen würde. Daher habe
man aus damaliger Sicht zu Recht die Kosten für die Psychotherapie übernommen.
Auch aus dem Umstand, dass die IV der Beschwerdeführerin 2 eine Berufsberatung
zugesprochen habe, könne sie nichts Positives für ihren Rechtsstandpunkt ableiten. Es
handle sich um eine niederschwellige und kostengünstige berufliche Massnahme, bei
welcher die Frage, ob eine versicherte Person eingliederungsunfähig sei, mit der
gebotenen Zurückhaltung beurteilt werde. Es treffe nicht zu, dass der
Beschwerdeführerin 2 eine günstige Prognose gestellt werden könne. Der RAD habe
die Prognose als schlecht bezeichnet, weil die aus einer frühkindlichen Belastung
resultierenden Verhaltensstörungen schwierig zu therapieren seien. Die Spätadoption
und der Migrationshintergrund seien weitere negative Prädiktoren für den Verlauf. Die
ambulante Psychotherapie über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren hinweg habe
nicht den gewünschten positiven Effekt gehabt. Mit der Therapie könne der Eintritt
eines stabilen Defektszustandes nicht verhindert werden. Die psychische Störung sei
zu gravierend. Die Psychotherapie diene ausschliesslich der Leidensbehandlung und
sei deshalb von der Krankenkasse und nicht von der IV zu bezahlen. Die
gesundheitlichen Beschwerden seien ausreichend abgeklärt worden.
D.
Die Beschwerdeführerin 1 hält in der Replik vom 23. Februar 2010 an ihren Anträgen
fest. Die medizinischen und die beruflichen Massnahmen würden in Art. 8 Abs. 1 lit. a
IVG hinsichtlich ihrer Voraussetzungen nicht unterschieden. Betreffend
Kostengünstigkeit oder Niederschwelligkeit werde keine Unterscheidung zwischen
beruflichen und medizinische Massnahmen getroffen. Demgemäss sei der
Eingliederungsentscheid einheitlich zu treffen. - Die Beschwerdeführerin 2 hat von der
ihr eingeräumten Möglichkeit, eine Replik zu erstatten, keinen Gebrauch gemacht.
E.
Die Beschwerdegegnerin ihrerseits hat am 8. März 2010 auf die Einreichung einer
Duplik verzichtet.
F.
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Die Beschwerdeführerinnen sind am 9. März 2010 über die jeweilige parallele
Beschwerdeschrift und die übrigen Verfahrensakten in Kenntnis gesetzt worden. Beide
haben auf weitere Äusserungen verzichtet.

Erwägungen:
1.
Da den beiden Verfahren IV 2009/443 und IV 2009/457 derselbe Sachverhalt zugrunde
liegt und sich die gleichen Rechtsfragen stellen, rechtfertigt es sich, die beiden
Verfahren zu vereinigen und in einem einzigen Urteil zu erledigen (vgl. etwa BGE 128 V
124 E. 1). Nicht gegen eine Verfahrensvereinigung spricht, dass die
Beschwerdeführerinnen in den beiden Verfahren nicht identisch sind, zumal sie kein
Geheimhaltungsinteresse geltend machen, das einer Verfahrensvereinigung
entgegenstünde.
2.
Streitig und im vorliegenden Verfahren zu überprüfen, ist der Anspruch der
Beschwerdeführerin 2 einerseits auf Verlängerung der ambulanten Psychotherapie
(über den 1. Juli 2009 hinaus; vgl. IV-act. 23), andererseits auf Kostenübernahme für
die stationäre Psychotherapie in der Klinik Sonnenhof (16. März bis 5. September
2009). Einig sind sich die Parteien über die Indikation sowohl zur ambulanten als auch
zur stationären Behandlung.
3.
3.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG haben invalide oder von einer Invalidität bedrohte
Versicherte einen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig
und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu
betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a), und die
Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b).
Zu diesen Eingliederungsmassnahmen gehören unter anderem die medizinischen
Massnahmen (Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG). Nach Art. 12 IVG haben Versicherte bis zum
vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die
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Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins
Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd
und wesentlich zu verbessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren
(Abs. 1).
3.2 Die Einschränkung "bis zum vollendeten 20. Altersjahr" wurde bei im Übrigen
unverändertem Wortlaut mit der 5. IV-Revision ab 1. Januar 2008 in Art. 12 Abs. 1 IVG
eingefügt. Unter der Geltung von Art. 12 IVG in der bis Ende 2007 gültig gewesenen
Fassung durfte sich die medizinische Massnahme bei Erwachsenen nicht auf die
Behandlung des Leidens an sich richten. Die Rechtsprechung kannte von dieser Regel
jedoch eine Ausnahme für nichterwerbstätige Personen vor dem vollendeten
20. Altersjahr. Diese gelten als invalid, wenn die Beeinträchtigung ihrer körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit voraussichtlich eine ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben wird (Art. 5 Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 ATSG).
Nach der vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision gültigen Rechtsprechung konnten
medizinische Vorkehren bei Jugendlichen deshalb schon dann überwiegend der
beruflichen Eingliederung dienen und trotz des einstweilen noch labilen
Leidenscharakters von der IV übernommen werden, wenn ohne diese Vorkehren eine
Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die
Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit oder beide beeinträchtigt würden (AHI 2003
S. 104 E. 2; Entscheide des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 484/02 vom
27. Oktober 2003 und I 16/03 vom 6. Mai 2003; BGE 105 V 20; EVGE 1962 S. 316 =
ZAK 1963 S. 113; ZAK 1966 S. 97 ff., 100). Diese Praxis legte aArt. 12 Abs. 1 IVG also
in Bezug auf unter 20-Jährige gegen den Wortlaut aus. Die Kosten einer Behandlung
von Versicherten vor dem vollendeten 20. Altersjahr wurden von der IV getragen, wenn
das Leiden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die
spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden oder gar
verunmöglichenden stabilen pathologischen Zustand führte. Allerdings kamen
medizinische Massnahmen der IV nach der Rechtsprechung auch bei Versicherten vor
dem vollendeten 20. Altersjahr dann nicht in Betracht, wenn sich solche Vorkehren
gegen Krankheiten richteten, die nach aktueller Erkenntnis der medizinischen
Wissenschaft ohne kontinuierliche Behandlung nicht dauerhaft gebessert (wohl: nicht
geheilt, aber beispielsweise auf besserem Niveau gehalten) werden konnten (vgl.
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Entscheid I 334/03 des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 18. November
2003; BGE 105 V 20; AHI 2000 S. 64 E. 1).
3.3 Im Rahmen der 5. IV-Revision sollte Art. 12 IVG nach dem Willen des Bundesrats
ersatzlos gestrichen und sämtliche medizinischen Massnahmen sollten bei der
Krankenversicherung angesiedelt werden (vgl. Ziff. 1.6.3.2 der Botschaft des
Bundesrats vom 22. Juni 2005 zur Änderung des IVG, BBl 2005 4459, 4540 ff.). Das
Parlament folgte diesem Vorschlag nicht und sprach sich dafür aus, dass die IV
weiterhin bis zum 20. Altersjahr der versicherten Person im Rahmen der beruflichen
Eingliederung für die medizinischen Massnahmen aufkommen müsse. Nationalrätin
Jacqueline Fehr hielt bei den Verhandlungen fest, wenn das Prinzip 'Eingliederung vor
Rente' irgendwo Sinn machen sollte, dann sicher bei Kindern und Jugendlichen. Die
Massnahmen, die für Versicherte im Kindes- und Jugendalter getroffen würden,
müssten umfassend und differenziert sein. Sie dürften sich nicht ausschliesslich auf die
Behandlung der Krankheit im engeren Sinn ausrichten, sondern müssten die
Wiedereingliederung ins Zentrum setzen (Protokoll 05.052, S. 32). Nationalrätin
Franziska Teuscher wies darauf hin, für Jugendliche hätten Massnahmen wie
beispielsweise Ergotherapie oder psychomotorische Therapien einen entscheidenden
Einfluss darauf, ob ihre Eingliederung ins Erwerbsleben gelingen könne oder nicht
(S. 33). Seitens der zuständigen Kommission des Ständerats wurde grundsätzlich und
ohne erkennbare Einschränkung beantragt, allfällige medizinische Massnahmen wie
beispielsweise Psychotherapie für Kinder bis 20 Jahre sollten aus der IV finanziert
werden (S. 106). Der Ständerat stimmte ohne weitere Diskussion zu, sodass keine
Differenzbereinigung nötig war. Die Verhandlungen der Räte lassen daher darauf
schliessen, dass der Gesetzgeber bei Jugendlichen bis 20 Jahren die Hürde für den
Anspruch auf medizinische Massnahmen tief ansetzen wollte. Die vor der Änderung
von Art. 12 Abs. 1 IVG geltende Rechtsprechung sollte für Kinder und Jugendliche
jedenfalls klarerweise nicht verschärft werden. Die Praxis, wonach bei Kindern und
Jugendlichen selbst bei labilem Leidenscharakter medizinische Massnahmen
übernommen wurden, wenn ohne diese eine Heilung mit Defekt oder ein sonstwie
stabilisierter Zustand einträte, sollte beibehalten werden (vgl. dazu auch Ulrich Meyer,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 2. A., Zürich/Basel/Genf 2010, S. 133
f.). Der seit 1. Januar 2008 in Kraft stehende Art. 12 Abs. 1 IVG ist daher nicht seinem
Wortlaut getreu anzuwenden. Der dort festgeschriebene Grundsatz, dass die
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medizinische Massnahme nicht auf die Behandlung des Leidens an sich gerichtet sein
darf, wie dies vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision praxisgemäss ausschliesslich bei über
20-Jährigen der Fall war, kann folglich weiterhin nicht auf unter 20-Jährige übertragen
werden.
4.
4.1 Vorliegend bestätigte Dr. A._ bereits im Bericht vom 2. Oktober 2006, dass sich
die "Traumafolgestörung" der Beschwerdeführerin 2 auf den Schulbesuch bzw. die
berufliche Ausbildung auswirke. Der Gesundheitszustand sei besserungsfähig. Durch
medizinische Massnahmen könne die Möglichkeit einer späteren Eingliederung ins
Erwerbsleben wesentlich verbessert werden (IV-act. 8-1). Die IV betrachtete sich daher
als leistungspflichtig und kam für die Psychotherapie auf. Im Verlaufsbericht vom
9. Februar 2009 berichtete Dr. A._ von einer positiven Entwicklung bis im Sommer
2007. Dann kam es offenbar wieder zu einer Verschlechterung, insbesondere mit
Ausweitung der Selbstwertprobleme nach Therapieabbruch bei Dr. A._, und zu sich
verschlechternden Schulleistungen nach Übertritt in eine öffentliche Schule. Daraufhin
nahm die Beschwerdeführerin 2 die psychiatrische Behandlung im Herbst 2008 wieder
auf. Bei fehlender psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung sei die Prognose
ungünstig, hielt Dr. A._ im Bericht vom 9. Februar 2009 fest. Die Erfahrung zeige,
dass die Beschwerdeführerin 2 von einer kombinierten Behandlung profitiere und
entsprechend auch (Schul-)Leistungen erbringen könne (IV-act. 19-5). Als Therapieziel
gab Dr. A._ unter anderem einen gelingenden Start ins Berufsleben an (IV-act. 19-7).
4.2 Die Klinik Sonnenhof, wo sich die Beschwerdeführerin 2 ab 16. März 2009
stationär aufhielt, berichtete am 11. Juni 2009 von nach wie vor bestehendem sehr
geringem Selbstwertgefühl und einer tiefen Verunsicherung in Bezug auf die
Identitätsentwicklung und die Integrationsproblematik. Nun wurde unter anderem die
Diagnose der schweren Adoleszentenkrise vor dem Hintergrund einer Spätadoption
und Migration auf dem Boden einer Bindungsstörung bei vermuteter frühkindlicher
Traumatisierung genannt. Der Gesundheitszustand wirke sich auf den Schulbesuch
bzw. die berufliche Ausbildung aus (IV-act. 25-1 f.). Neben der Selbstwert- und
Identitätsproblematik erschwere die ADHS-Symptomatik eine kontinuierliche Leistung
im schulischen und beruflichen Bereich. Eine Therapie sei indiziert, um diese
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Symptomatik zu verbessern und ein höheres psychosoziales Funktionsniveau zu
erarbeiten. Zum Gelingen der beruflichen Integration dürfte die Fortsetzung der
ambulanten Psychotherapie beitragen (IV-act. 25-3). Das angespannte Verhältnis zu
den Adoptiveltern konnte vorerst nicht verbessert werden. Am 20. Juli 2009 beschrieb
die Klinik Sonnenhof bei der Beschwerdeführerin 2 eine seit Jahren konflikthaft
verstrickte Beziehungsdynamik. Die Wochenendbeurlaubungen seien gekennzeichnet
von teilweise heftigen Auseinandersetzungen und emotionalen Kränkungen, sodass sie
öfters früher in die Klinik zurückkehre. Sowohl sie als auch die Adoptiveltern fühlten
sich gegenseitig unverstanden und abgelehnt. Die gegenseitige Toleranz müsse
verbessert werden. Mittlerweile sei eine ausserfamiliäre Platzierung der
Beschwerdeführerin 2 indiziert, um mittel- bis längerfristig die Aufrechterhaltung und
Reparation der Eltern-Kind-Beziehung unterstützen und einen definitiven Bruch
vermeiden zu können (IV-act. 27).
4.3 Seitens der Klinik Sonnenhof wurde die Adoleszentenkrise unter den ICD-10
Code F93.8 (sonstige emotionale Störungen des Kindesalters) subsumiert. Die unter
F93 fallenden emotionalen Störungen des Kindesalters stellen gemäss der
Weltgesundheitsorganisation WHO in erster Linie Verstärkungen normaler
Entwicklungstrends dar und weniger eigenständige, qualitativ abnorme Phänomene.
Die Entwicklungsbezogenheit ist das diagnostische Schlüsselmerkmal für die
Unterscheidung der emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit (F93) von den
neurotischen Störungen (F40-F48). Bereits aufgrund der Diagnosestellung ist nicht
davon auszugehen, dass bei der Beschwerdeführerin 2 ein stabiler Defektzustand nicht
mehr verhindert werden könnte. Die Adoleszentenkrise ist definitionsgemäss
vorübergehend. Möglicherweise wird sich nach Beendigung der Adoleszenz eine
andere Diagnose anschliessen. Dies lässt sich jedoch heute noch nicht mit
hinreichender Wahrscheinlichkeit abschätzen. Die nach Lage der Akten von den
behandelnden Ärzten bzw. Psychologen attestierte günstige Prognose bezieht sich auf
die (berufliche) Eingliederungsfähigkeit: Die Behandelnden gehen alle davon aus, dass
die Beschwerdeführerin 2 bei konsequenter Weiterführung der Therapie eine
Berufsausbildung geniessen und ins Erwerbsleben eingegliedert werden kann. Dass
keine dauerhafte Besserung sollte erzielt werden können, ist nicht plausibel. Eine
Entschärfung der Situation ist bereits vom Erreichen des Erwachsenenalters und damit
von der Beendigung der Adoleszenz zu erwarten. Dann dürfte sich auch das
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gegenseitig belastete Verhältnis zu den Adoptiveltern entspannen. Unter diesen
Umständen ist ein Anspruch auf medizinische Massnahmen durch die IV gegeben.
4.4 Dr. E._ vom RAD hielt am 31. August 2009 fest, es gäbe eigentlich nur negative
Prädiktoren (frühkindlich erworbene Entwicklungsstörung, Spätadoption,
Migrationshintergrund), woraus er den Schluss zog, die Psychotherapie sei vorwiegend
eine Leidensbehandlung. Die gesundheitliche Störung sei zu gravierend, als dass die
therapeutischen Bemühungen einen fokussierten, positiven Effekt auf die Beschulung
und die berufliche Ausbildungsfähigkeit haben könnten (IV-act. 34-2). Diese
Schlussfolgerung lassen die Akten nicht zu. Keiner der behandelnden Ärzte verneinte
eine berufliche Eingliederungsfähigkeit oder stellte diesbezüglich eine dezidiert
schlechte Prognose. Immer unter der Voraussetzung, dass weiter stützende und
betreuende Psychotherapie erfolgen würde, wurde die Eingliederungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin 2 vielmehr wie erläutert durchwegs bejaht. Ob die Therapie primär
eine Leidensbehandlung darstellt (vgl. auch IV-act. 47), ist gemäss den obigen
Erwägungen nicht zentral. Auf die Notwendigkeit einer eigentlichen Dauerbehandlung
(wie sie allenfalls bei Schizophrenien oder manisch-depressiven Psychosen notwendig
ist) muss bei den vorliegenden Diagnosen nicht geschlossen werden. Eine
Verbesserung der Beschulung bzw. der beruflichen Ausbildung kann ohne die
psychotherapeutische Behandlung unbestrittenermassen nicht erreicht werden. Dies
hat für die Kostenpflicht der IV nach dem Gesagten zu genügen. Zu übernehmen sind
sowohl die Kosten für ambulante Psychotherapie ab Juli 2009 bzw. ab Austritt aus der
Klinik Sonnenhof sowie die Kosten für die Psychotherapie während des Aufenthalts in
der Klinik.
5.
5.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen sind die Beschwerden unter Aufhebung
der angefochtenen Verfügung vom 3. November 2009 gutzuheissen. Die
Beschwerdegegnerin hat gestützt auf Art. 12 Abs. 1 IVG die Psychotherapiekosten
anlässlich der stationären Behandlung in der Klinik Sonnenhof vom 16. März bis
5. September 2009 sowie die anschliessenden ambulanten
Psychotherapiebehandlungen zu übernehmen.
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5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt vollumfänglich, sodass
ihr als nicht von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten befreiter selbstständiger
öffentlich-rechtlicher Anstalt die ganze Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist. Den beiden
Beschwerdeführerinnen sind die von ihnen geleisteten Kostenvorschüsse von je
Fr. 600.-- zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG