Decision ID: 34f688d4-b532-4814-a1c6-1cfed11c41cb
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Die Staatsanwaltschaft St. Gallen (Kantonales Untersuchungsamt) ermittelte im Jahr
2014 gegen A.Z. wegen des Verdachts der sexuellen Handlungen mit Kindern sowie
der Pornografie und nahm ihn am 2. Oktober 2014 angesichts des dringenden
Tatverdachts und wegen Verdunkelungs- und Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Zu
seinem amtlichen Verteidiger wurde Rechtsanwalt X.Y. bestellt. Er bediente A.Z. in der
Folge mit Kopien von Untersuchungsakten, die dieser in einer mit «Anwaltspost»
beschrifteten Kartonschachtel in seiner Zelle aufbewahrte. Unter den Akten befanden
sich – wie der Leiter des Regionalgefängnisses Altstätten am 26. März 2015 der
verfahrensleitenden Staatsanwältin meldete – auch Reproduktionen jener (verbotenen)
pornografischen Darstellungen, deren Herstellung bzw. Lagerung ihm von den
Untersuchungsbehörden zur Last gelegt wurde und die ihm während der Einvernahmen
bereits vorgehalten worden waren.
B. Am 8. Mai 2015 zeigte die Staatsanwaltschaft (Kantonales Untersuchungsamt) der
Anwaltskammer eine mögliche Berufsregelverletzung von Rechtsanwalt X.Y. an. Dass
dieser die aus den Verfahrensakten stammenden Darstellungen kopiert und dem
inhaftierten A.Z. im Rahmen des freien Verkehrs entweder anlässlich einer
Besprechung ausgehändigt oder mittels Anwaltspost ins Gefängnis zugestellt und zum
gutscheinenden Gebrauch überlassen habe, sei nicht mit einer sorgfältigen und
gewissenhaften Berufsausübung vereinbar. Die Anwaltskammer eröffnete am 12. Mai
2015 ein Disziplinarverfahren gegen Rechtsanwalt X.Y., stellte schliesslich mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entscheid vom 29. Oktober 2015 eine (fahrlässige) Verletzung der Pflicht zur
sorgfältigen und gewissenhaften Berufsausübung fest und büsste ihn mit Fr. 500.--.
C. Gegen die Verfügung der Anwaltskammer erhob Rechtsanwalt Werner Bodenmann,
St. Gallen, für Rechtsanwalt X.Y. (Beschwerdeführer) mit Eingabe vom 25. November
2015 und Ergänzung vom 11. Dezember 2015 Beschwerde beim Verwaltungsgericht
(act. 1 und 5). Er beantragte, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben (Ziff. 1), es sei
festzustellen, dass der Beschwerdeführer die Berufsregeln nicht verletzt habe (Ziff. 2)
und es sei von jeglichen Disziplinarmassnahmen abzusehen (Ziff. 3); unter Kosten- und
Entschädigungsfolge auch für das vorinstanzliche Verfahren. Die Anwaltskammer
(Vorinstanz) beantragte mit Vernehmlassung vom 16. Dezember 2015 kostenfällige
Abweisung der Beschwerde (act. 7).
Auf die Ausführungen der Parteien, den angefochtenen Entscheid und die Akten wird –

soweit notwendig – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 34 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte [Anwaltsgesetz;
SR 935.61, BGFA] in Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 des st. gallischen Anwaltsgesetzes
[sGS 963.70, AnwG]). Der Beschwerdeführer ist als Adressat des angefochtenen
Entscheids zur Erhebung der Beschwerde befugt (Art. 34 Abs. 1 BGFA und Art. 41
AnwG in Verbindung mit Art. 64 und Art. 45 Abs. 1 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP). Die Beschwerde wurde mit Eingabe vom
25. November 2015 rechtzeitig erhoben und erfüllt – unter Berücksichtigung der
Ergänzung vom 11. Dezember 2015 – in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 34 Abs. 1 BGFA, Art. 41 AnwG und Art. 64 in
Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist
grundsätzlich einzutreten.
Soweit der Beschwerdeführer beantragt, es sei festzustellen, dass er die Berufsregeln
nicht verletzt habe (Rechtsbegehren Ziff. 2), ist auf die Beschwerde nicht einzutreten:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Feststellungsansprüche gelten praxisgemäss als subsidiär. Sie bestehen dann nicht,
wenn die gesuchstellende Person in der betreffenden Angelegenheit ebenso gut – d.h.
ohne unzumutbare Nachteile – ein Gestaltungsurteil erwirken kann (BGE 137 II 199 E.
6.5 mit Hinweisen; VerwGE B 2014/168 vom 28. April 2015 E. 1.2, www.gerichte.sg.ch;
Bosshart/Bertschi, in: A. Griffel [Hrsg.], Kommentar zum
Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 3. Aufl. 2014, N 26 zu § 19 VRG).
Konkret ist nicht ersichtlich, was sich der Beschwerdeführer vom separaten
Feststellungsbegehren erhofft bzw. was nicht durch das ebenfalls beantragte
Gestaltungsurteil (Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids) bewirkt werden kann.
Durch dessen ersatzlose Aufhebung würde hinreichend klar, dass er seine
Berufspflichten nicht verletzt hat. Ein darüber hinaus gehendes Feststellungsinteresse
besteht nicht.
2. Gemss Art. 12 BGFA gelten für Anwältinnen und Anwälte verschiedene Berufsregeln
und -pflichten, darunter die sorgfältige und gewissenhafte Ausübung des Berufes (lit.
a). Die Anwälte, die Parteien vor Gerichtsbehörden vertreten, unterstehen gemäss Art.
14 BGFA der Aufsicht einer durch den Kanton bezeichneten Behörde. Im Kanton St.
Gallen beaufsichtigt die Anwaltskammer die Anwältinnen und Anwälte (vgl. Art. 5 Abs.
1 AnwG); ihr obliegt auch die Durchführung von Disziplinarverfahren. Ergibt sich, dass
eine Anwältin oder ein Anwalt gegen das BGFA verstossen hat, kann die
Anwaltskammer eine Disziplinarmassnahme gemäss Art. 17 Abs. 1 BGFA anordnen. In
Betracht kommen dabei eine Verwarnung (lit. a), ein Verweis (lit. b), eine Busse bis Fr.
20'000.- (lit. c), ein befristetes Berufsausübungsverbot (lit. d) und schliesslich ein
dauerndes Berufsausübungsverbot (lit. e).
3. Nicht jede Gesetzesverletzung nach Art. 17 Abs. 1 BGFA rechtfertigt eine
Disziplinarmassnahme, sondern nur diejenigen, die berufsrelevante Pflichten betreffen.
Eine Disziplinarmassnahme setzt die schuldhafte (vorsätzliche oder zumindest
fahrlässige) Verletzung einer Berufspflicht voraus. Liess der Anwalt die
durchschnittliche Sorgfalt vermissen, die in guten Treuen verlangt werden darf und
muss, so rechtfertigt dies eine Disziplinierung. Verlangt wird eine qualifizierte Norm-
bzw. Sorgfaltswidrigkeit, welche aus Gründen des öffentlichen Interesses und unter
Beachtung der Verhältnismässigkeit im Verhältnis zum Klienten weiter gehen kann als
die Sorgfalts- und Treuepflichten des Auftragsrechts (vgl. Art. 398 Abs. 2 des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches;
Fünfter Teil: Obligationenrecht, SR 220, OR). Die Beweislast obliegt der
Disziplinarbehörde (vgl. T. Poledna, in: Fellmann/Zindel [Hrsg.], Kommentar zum
Anwaltsgesetz, 2. Auflage 2011, Art. 17 N 16 und 18). Zur allgemeinen Berufspflicht
des Anwalts gehört gemäss der Generalklausel von Art. 12 lit. a BGFA, dass der Beruf
«sorgfältig» und «gewissenhaft» ausgeübt wird (vgl. zur Anwendbarkeit von Art. 12
BGFA: Rauber/Nater, Anwaltstätigkeit im Sinne des BGFA, in: SJZ 110/2014 S. 556 ff.).
Bei diesem Begriffspaar handelt es sich um Synonyme (W. Fellmann, in: Kommentar
zum Anwaltsgesetz, a.a.O., Art. 12 N 8).
Diese Verhaltensregel hat für die gesamte Berufstätigkeit des Rechtsanwalts Geltung
und erfasst neben der Beziehung zum eigenen Klienten sowohl Kontakte mit der
Gegenpartei als auch mit den Behörden (vgl. BGE 130 II 270 E. 3.2 mit Hinweisen; 131
I 223 E. 3.4). Diese Auffassung wird insbesondere von K. Schiller (Schweizerisches
Anwaltsrecht, Zürich 2009, Rz. 1490) kritisiert; nach seinem Verständnis ist die
Sorgfaltsregel alleine auf das Verhältnis zwischen Anwalt und Klient anwendbar.
Unsorgfältig und disziplinarisch zu ahnden seien demnach etwa eine offensichtlich
ungenügende Beratung oder Vertretung, gravierende oder wiederholte Verstösse
gegen Vertragspflichten, Handeln gegen den eigenen Klienten oder Missbrauch des
von diesem entgegengebrachten Vertrauens. Schiller verkennt allerdings, dass die
Berufsregeln nicht nur im Interesse des rechtssuchenden Publikums liegen, sondern
auch dem geordneten Gang der Rechtspflege dienen und das Vertrauen in die Person
des Anwalts und die Anwaltschaft insgesamt gewährleisten sollen. Sie erschöpfen sich
mithin nicht im Verhältnis zwischen Anwalt und Klient, sondern regeln auch das
Verhältnis des Anwalts zu den Behörden (vgl. Fellmann, a.a.O., Art. 12 N 11, Fn. 89, mit
Hinweis auf BGE 106 Ia 104; BGE 130 II 270 E. 3.2.2; vgl. ferner Botschaft vom
28. April 1999 zum BGFA, BBl 1999 6013 ff., 6054). Der Rechtsanwalt genügt den
Anforderungen von Art. 12 lit. a BGFA deshalb nur, wenn er sich bei seinem Handeln in
jeder Beziehung an die Schranken der Rechtsordnung hält (vgl. BGer 2C_783/2008
vom 4. Mai 2009 E. 2.9; zum Ganzen vgl. auch VerwGE B 2015/6 vom 23. August 2016
E. 5.1). Indessen ist der Anwalt weder staatliches Organ noch Gehilfe des Richters,
sondern Verfechter von Parteiinteressen; als solcher ist er einseitig für seinen jeweiligen
Mandanten tätig, dessen Interessen er in erster Linie zu wahren hat. Die Pflicht zur
sorgfältigen und gewissenhaften Ausübung des Anwaltsberufs schränkt ihn bei seiner
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeit nur insofern ein, als sie ihm gebietet, die Interessen des Klienten
ausschliesslich mit zulässigen Mitteln zu wahren (BGE 106 Ia 105; Fellmann, a.a.O., Art.
12 N 16; N 36 ff.).
4. Im Strafprozess wird die Akteneinsicht in Art. 101 ff. der Schweizerischen
Strafprozessordnung (SR 312.0, StPO) geregelt. Die Parteien können spätestens nach
der ersten Einvernahme der beschuldigten Person und der Erhebung der übrigen
wichtigsten Beweise durch die Staatsanwaltschaft die Akten einsehen (vgl. Art. 101
Abs. 1 StPO). Obwohl nicht speziell erwähnt, steht das Akteneinsichtsrecht den
Parteien und ihren Rechtsbeiständen gleichermassen und je selbständig zu
(M. Schmutz, in: Niggli/Heer/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar StPO, 2. Aufl.
2014, Art. 101 N 6). Der Entscheid über die Gewährung von Akteneinsicht liegt bei der
Verfahrensleitung. Diese trifft die erforderlichen Massnahmen, um Missbräuche und
Verzögerungen zu verhindern und berechtigte Geheimhaltungsinteressen zu schützen
(vgl. Art. 102 Abs. 1 StPO). Die Akten sind am Sitz der betreffenden Strafbehörde oder
rechtshilfeweise bei einer andern Strafbehörde einzusehen. Anderen Behörden sowie
den Rechtsbeiständen der Parteien werden sie in der Regel zugestellt (Abs. 2). Wer zur
Einsicht berechtigt ist, kann gegen Entrichtung einer Gebühr die Anfertigung von
Kopien der Akten verlangen (Abs. 3). Die Akteneinsicht als Teilaspekt des rechtlichen
Gehörs kann von den Strafbehörden nach Massgabe von Art. 108 Abs. 1 StPO
eingeschränkt werden, wenn der begründete Verdacht besteht, dass eine Partei ihre
Rechte missbraucht (lit. a) oder wenn dies für die Sicherheit von Personen oder zur
Wahrung öffentlicher oder privater Geheimhaltungsinteressen erforderlich ist (lit. b).
Einschränkungen gegenüber Rechtsbeiständen sind nur zulässig, wenn der
Rechtsbeistand selbst Anlass für die Beschränkung gibt (Abs. 2).
Gewissermassen «Kehrseite» seiner Berufspflichten ist unter anderem die besondere
Vertrauensstellung des Anwaltes, die er gegenüber Behörden auch in dieser Hinsicht
geniesst. So erhält er nicht nur Einsicht in die Verfahrensakten, sondern kann diese
auch in seine Kanzlei mitnehmen bzw. sich zuschicken lassen (vgl. Art. 102 Abs. 2
StPO). Ohne Einwilligung der Behörde darf er die Originalakten weder an Drittpersonen
noch an den Klienten herausgeben. Dass der Anwalt jedoch befugt ist, seinem Klienten
Einsicht in die Akten zu geben und von den wesentlichen Unterlagen Kopien
auszuhändigen, ist «selbstverständlich» (Fellmann, a.a.O., Art. 12 N 45 f.; vgl. auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmutz, a.a.O.) Die Übergabe von Kopien an den Klienten ist soweit gestattet, wie
dessen eigenes Recht zur Einsichtnahme reicht (P. Wegmann, Die Berufspflichten des
Rechtsanwalts unter besonderer Berücksichtigung des zürcherischen Rechts,
Diss. Zürich 1969, S. 142). Werden die Akten dem Rechtsanwalt vorbehaltlos
ausgehändigt, stellt deren Offenlegung gegenüber der beschuldigten Person deshalb
keine Berufspflichtverletzung dar. Gewährt der Anwalt seinem Klienten jedoch trotz
anderweitiger Auflagen Einsicht in die Akten oder händigt er sie ihm im Original oder als
Kopie aus, missbraucht er seine Vertrauensstellung und verstösst gegen die
Berufsregel von Art. 12 lit. a BGFA (Fellmann, a.a.O., Art. 12 N 47d mit Hinweis).
4.1. Konkret ergibt sich aus den Akten und ist unbestritten, dass die
Staatsanwaltschaft dem Beschwerdeführer die fraglichen Verfahrensunterlagen
vorbehaltlos überlassen hat. Das Einvernahmeprotokoll vom 23. Oktober 2014 samt
Fotos bildete Bestandteil des Haftverlängerungsantrages, den die Staatsanwaltschaft
am 6. November 2014 in der Strafuntersuchung wegen Verdachts der sexuellen
Handlung mit einem Kind und Pornografie gestellt hatte (vi-act. 2.1). Das Protokoll und
die erwähnten Fotos fanden sich zusammen mit einer Vielzahl weiterer Dokumente in
einer Schachtel, die der Beschwerdeführer seinem Klienten am 16. Dezember 2014 per
Post in das Untersuchungsgefängnis Klosterhof geschickt hatte. Dass A.Z. die Kopien
der Fotos vom Beschwerdeführer erhalten hat, ist unbestritten, auch wenn der genaue
Zeitpunkt der Übergabe (mit der Postsendung oder schon früher) unklar ist.
4.2. Die Vorinstanz hielt zu Recht fest, dass es sich bei diesen Fotos offensichtlich um
kinderpornografische Bildaufnahmen im Sinne des Straftatbestandes von Art. 197 Abs.
4 und 5 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (SR 311.0, StGB) handle. Unter
anderem macht sich strafbar, wer solche Bildaufnahmen zeigt, überlässt, zugänglich
macht oder besitzt. Soweit der Beschwerdeführer – so die Vorinstanz – die Fotos
seinem Klienten im Rahmen der anwaltlichen Instruktion lediglich gezeigt habe, sei sein
Handeln rechtmässig im Sinne von Art. 14 StGB gewesen. Denn für eine wirksame
Verteidigung sei es wohl unabdingbar gewesen, dass er den Inhalt der Aufnahmen mit
diesem habe besprechen können. Gleichermassen könne sich auch die
Staatsanwaltschaft rechtfertigen, wenn sie dem Beschuldigten in der Einvernahme
diese Bilder vorlege. Dass der Beschwerdeführer die Fotos nicht nur gezeigt, sondern
davon sogar Kopien angefertigt und ihm überlassen habe, sei nun allerdings durch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keinen Rechtfertigungsgrund gedeckt, weil dies weder für die Verteidigung noch für die
Verfahrensvorbereitung durch den Klienten selbst notwendig gewesen sei. Auch dieser
habe deshalb keinen Rechtfertigungsgrund für seinen Besitz. Die Weitergabe des
Bildmaterials sei folglich objektiv tatbestandsmässig und rechtswidrig gewesen. Daran
ändere nichts, dass sie von der Staatsanwaltschaft bei Gewährung der Akteneinsicht
nicht explizit verboten worden sei. Dieser sei insoweit zu folgen, dass es nicht angehe,
wenn ein Verteidiger seinem Klienten im Rahmen des freien Verteidigerverkehrs
kinderpornografische Abbildungen einfach überlasse, bestehe doch die Gefahr einer
sachfremden Verwendung oder auch einer Weitergabe an Dritte.
4.3. Mit Blick auf die von der Vorinstanz angeführten Rechtfertigungsgründe ist
folgendes festzuhalten: Wer handelt, wie es das Gesetz gebietet oder erlaubt, verhält
sich rechtmässig, auch wenn die Tat nach diesem oder einem andern Gesetz mit Strafe
bedroht ist (Art. 14 StGB). Quelle solcher Erlaubnisse oder Gebote kann die gesamte
Rechtsordnung sein, denn schliesslich kann nicht strafbar sein, was das Recht in
anderen Vorschriften ausdrücklich erlaubt (K. Seelmann, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.],
Basler Kommentar Strafrecht I, 3. Aufl. 2013, Art. 14 N 3; vgl. auch Botschaft zur
Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuches etc. vom 21. September 1999, BBl
1998 1979 ff., 2003 f.).
Aus den erwähnten Bestimmungen der Strafprozessordnung ergibt sich das gegenüber
der beschuldigten Person und ihrem Rechtsbeistand grundsätzlich uneingeschränkte
Recht auf Akteneinsicht. Darin eingeschlossen ist das Recht des Strafverteidigers, von
den Untersuchungsakten Kopien anzufertigen und diese seinem Klienten
auszuhändigen. Will die Verfahrensleitung die Akteneinsicht – bzw. die Anfertigung von
Kopien und/oder deren Weitergabe – einschränken, hat sie dies individuell-konkret zu
verfügen. Der Beschwerdeführer hat nichts anderes getan, als die ihm von der
Staatsanwaltschaft ohne entsprechende Auflage zur Einsicht überlassenen Akten zu
kopieren und dem Klienten weiterzugeben. Er bewegte sich damit im Rahmen des
verfassungs- und gesetzmässigen Anspruchs auf rechtliches Gehör und verhielt sich
damit rechtmässig, was eine strafrechtliche oder disziplinarische Sanktion ausschliesst.
Es wäre Aufgabe der verfahrensleitenden Behörde gewesen, durch Verfügung zu
verhindern, dass die beschuldigte Person (erneut) in Besitz der kinderpornografischen
Bilder kommt. Eine Pflicht des Anwaltes, von sich aus den voraussichtlichen Inhalt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer einschränkenden Verfügung zu antizipieren, besteht nicht. Es geht nicht an, den
Beschwerdeführer für ein Verhalten disziplinieren zu lassen, das in einer Unterlassung
der verfahrensleitenden Behörde selbst begründet ist. Die Beschwerde ist demnach
gutzuheissen und der angefochtene Entscheid der Vorinstanz aufzuheben, da der
Beschwerdeführer die Berufsregeln nicht verletzt hat.
5. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens dem Staat aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 1‘500.-- ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1‘500.-- ist dem
Beschwerdeführer zurückzuerstatten. Die analoge Kostenverlegung gilt für das
vorinstanzliche Verfahren (vgl. R. Hirt, die Regelung der Kosten nach st. gallischem
Verwaltungsrechtspflegegesetz, Diss. St. Gallen 2004, S. 103), dessen amtliche Kosten
von Fr. 1‘000.-- ebenfalls dem Staat aufzuerlegen sind. Auf die Erhebung der Kosten
beim Staat wird in beiden Verfahren verzichtet (Art. 95 Abs. 3 VRP).
Der Beschwerdeführer beantragt für beide Verfahren Ersatz der ausseramtlichen
Kosten. Im vorinstanzlichen Verfahren bezifferte sein Rechtsvertreter die
Aufwendungen auf Fr. 1‘338.-- (netto; vgl. vi-act. 13); im Beschwerdeverfahren reichte
er keine Honorarnote ein.
Art. 98 Abs. 3 lit. b VRP bestimmt, dass in erstinstanzlichen Verwaltungsverfahren und
im Einspracheverfahren in der Regel keine ausseramtlichen Entschädigungen
zugesprochen werden. Praxisgemäss wird eine ausseramtliche Entschädigung auch für
diese Verfahren u.a. dann zugesprochen, wenn für die Betroffenen zur Wahrung ihrer
Rechte im erstinstanzlichen Verwaltungsverfahren der Beizug eines Anwaltes
«unbedingt erforderlich» war (vgl. GVP 1987 Nr. 46). Dies ist in sachgemässer Analogie
zur Praxis der Notwendigkeit einer Vertretung im Rekursverfahren bzw. der Gewährung
der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung zu beantworten (Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 845). Abzustellen ist
insbesondere auf die Schwierigkeit der sich im Verfahren stellenden Fragen, die
Rechtskenntnisse der Beteiligten, die Bedeutung der Streitsache für die Betroffenen
und auf eine allfällige Rechtsvertretung der Gegenpartei, wobei tendenziell höhere
Anforderungen zu stellen sind (GVP 1987 Nr. 46). Daran scheitert der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entschädigungsanspruch im konkreten Fall: Die sich stellenden Fragen waren für einen
erfahrenen Rechtsvertreter nicht besonders schwierig und die Streitsache war
angesichts der eher geringen Tragweite in vorhersehbarer Weise nicht existenziell.
Daran ändert auch nichts, dass die Fragestellung den Ausführungen des
Rechtsvertreters zufolge singulär ist und der Beschwerdeführer noch nie disziplinarisch
sanktioniert worden ist.
Demgegenüber hat der Beschwerdeführer Anspruch auf Entschädigung seiner
ausseramtlichen Kosten für das Beschwerdeverfahren (vgl. Art. 98 Abs. 1 sowie Art.
98bis VRP). Eine Entschädigung von Fr. 1'500.-- (zuzüglich Barauslagen) erscheint
angemessen (Art. 6, 19, 22 Abs. 1 Ingress und lit. b und Art. 28bis Abs. 1 der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75). Da der
Beschwerdeführer selbst mehrwertsteuerpflichtig ist, kann er die in der
Honorarrechnung des Rechtsvertreters belastete Mehrwertsteuer als Vorsteuer von der
eigenen Steuerschuld wieder abziehen. Die Mehrwertsteuer kann deshalb bei der
Bemessung der ausseramtlichen Entschädigung unberücksichtigt bleiben (vgl. VerwGE
B 2012/54 vom 3. Juli 2012 E. 6, www.gerichte.sg.ch; Hirt, a.a.O., S. 194).