Decision ID: 7c538f79-d28f-5266-9a1b-9195676894fe
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner reichte am 2. Oktober 2017 bei der Gemeinde Roggwil (BE)
ein Baugesuch (datiert vom 28. September 2017) ein für den Neubau eines
Mehrfamilienhauses mit acht Wohnungen und einer Autoeinstellhalle sowie den Abbruch
der bestehenden Gebäude auf Parzelle Roggwil (BE) Grundbuchblatt Nr. M._. Die
Parzelle liegt in der Dorfzone D II. Gegen das Bauvorhaben erhoben unter anderen die
Beschwerdeführenden Einsprache. Nachdem das Bauvorhaben mehrmals angepasst
worden ist, erteilte das Regierungsstatthalteramt Oberaargau mit Gesamtentscheid vom
5. Dezember 2018 die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 7. Januar 2019 gemeinsam
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
beantragen, der Gesamtentscheid vom 5. Dezember 2018 sei aufzuheben und dem
Bauvorhaben sei der Bauabschlag zu erteilen. Sie machen insbesondere geltend, das
Bauvorhaben führe zu einer unzulässigen Beeinträchtigung des Orts- und Quartierbilds.
Ferner rügen sie eine rechtsmissbräuchliche Umgehung der maximal zulässigen
Geschosszahl sowie eine Verletzung des grossen Grenzabstands.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet,1 führte den
Schriftenwechsel durch und edierte die Vorakten. Anschliessend holte es einen
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191).
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Fachbericht des Amts für Gemeinden und Raumordnung (AGR) betreffend die Frage der
Einhaltung des grossen Grenzabstands ein. Die Verfahrensbeteiligten erhielten
Gelegenheit, sich zum Fachbericht des AGR zu äussern bzw. Schlussbemerkungen
einzureichen. Sowohl der Beschwerdegegner als auch die Vorinstanz und die Gemeinde
beantragen die Abweisung der Beschwerde.
4. Auf die Rechtsschriften, die Vorakten und den Fachbericht des AGR wird, soweit für
den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) In seiner Beschwerdeantwort bringt der Beschwerdegegner vor, der
Beschwerdeführer 3 habe mangels einer engen nachbarlichen Raumbeziehung bloss ein
theoretisches Interesse an der Erteilung des Bauabschlags. So grenze dessen Parzelle
weder unmittelbar an die Projektliegenschaft noch bestehe eine Sichtverbindung zwischen
diesen. Folglich sei der Beschwerdeführer 3 vom Bauvorhaben nicht besonders betroffen
und daher nicht als Partei im Beschwerdeverfahren zuzulassen.
c) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1). 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0).
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i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Sämtliche Beschwerdeführenden haben sich als
Einsprechende am vorinstanzlichen Verfahren beteiligt und sind damit formell zur
Beschwerdeführung legitimiert.
d) Neben der formellen Beschwer bedarf es auch der materiellen Beschwer: Nach
Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG sind nur Personen zur Einsprache befugt, die durch das
Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind. Das
Rechtsschutzinteresse ist gegeben, wenn eine Gutheissung der Einsprache der
einsprechenden Person einen praktischen Nutzen bringt, mithin ihre tatsächliche oder
rechtliche Situation durch den Ausgang des Verfahrens beeinflusst werden kann. Es
braucht aber eine besondere Betroffenheit bzw. eine besonders nahe Beziehung zur
Streitsache (sog. spezifische Beziehungsnähe); d.h. es ist erforderlich, dass die
Einsprecherin oder der Einsprecher persönlich vom Bauvorhaben in höherem Masse als
die Allgemeinheit betroffen ist.4
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts muss die besondere Beziehungsnähe zum
Streitgegenstand bei Bauprojekten insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben sein. In
einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache stehen naturgemäss die Nachbarn des
Baugrundstücks. Ihre Einsprachebefugnis ist dementsprechend in der Regel nicht
problematisch. Unter Nachbarn versteht die Verwaltungs- und Gerichtspraxis insbesondere
die Eigentümerinnen und Eigentümer von Nachbargrundstücken sowie Personen, die an
solchen Grundstücken dinglich berechtigt sind. Der Kreis der betroffenen Nachbarschaft
kann aber nicht allgemein festgelegt werden, sondern muss im Einzelfall nach den
konkreten Verhältnissen bestimmt werden. Die Einsprachebefugnis des Nachbarn ist in der
Regel jedoch zu bejahen, wenn dessen Liegenschaft unmittelbar an das Baugrundstück
angrenzt oder allenfalls nur durch einen Verkehrsträger davon getrennt wird. Darüber
hinaus reicht die Nachbarschaft so weit wie die allfälligen nachteiligen Auswirkungen des
Bauvorhabens. Es wird zwar darauf verzichtet, auf bestimmte feste Werte abzustellen. Das
Bundesgericht anerkennt die Legitimation von Nachbarn bis zu einem Abstand von 100 m
aber regelmässig.5 Allerdings ergibt sich die Legitimation nicht schon allein aus der
4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35– 35c N. 16. 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 35–35c N. 17 f. mit Hinweisen auf die Rechtsprechung.
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räumlichen Nähe, sondern erst aus einer daraus herrührenden besonderen Betroffenheit.6
Im Zweifelsfall bejaht die Praxis aber die Beschwerdeberechtigung.7
e) Die Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie 4 bis 7 sind allesamt Eigentümerinnen bzw.
Eigentümer und/oder Bewohnerinnen bzw. Bewohner von Wohnhäusern, die weniger als
30 m von der Bauparzelle entfernt liegen und teilweise nur durch eine Strasse von dieser
getrennt sind. Zudem besteht von diesen Wohnhäusern jeweils eine direkte
Sichtverbindung zum Bauvorhaben. Die Beschwerdeführenden 1 und 2 sowie 4 bis 7 sind
mit anderen Worten als Nachbarinnen bzw. Nachbarn unmittelbar in eigenen
schutzwürdigen Interessen betroffen und damit zur Beschwerdeführung legitimiert. Dies
wird vom Beschwerdegegner auch nicht bestritten. Der Beschwerdeführer 3 hat ein
Wohnrecht in einem Gebäude, das rund 50 m von der Bauparzelle entfernt liegt.
Dazwischen befinden sich mehrere Bauten. Es ist daher fraglich, ob der
Beschwerdeführer 3 Sichtkontakt zum Bauvorhaben hat. Da alle Beschwerdeführenden
gemeinsam Beschwerde erhoben haben, kann die Frage der Legitimation des
Beschwerdeführers 3 aber ohnehin offengelassen werden.8 Es ist jedoch darauf
hinzuweisen, dass dessen Legitimation in einem allfälligen
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren unter Umständen nachgewiesen werden
müsste. Auf die im Übrigen form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist damit
einzutreten.
f) Soweit der Beschwerdegegner ausführt, es sei fraglich, ob die Beschwerdeführenden
vorliegend Rügen geltend machen dürften, die sie im vorinstanzlichen Verfahren noch nicht
vorgebracht hätten, ist schliesslich Folgendes festzuhalten: Gemäss der seit 1. April 2017
geltenden Fassung von Art. 40 Abs. 2 BauG sind Einsprecherinnen und Einsprecher ohne
Beschränkung auf die Einsprachegründe zur Beschwerde zugelassen. Im
Beschwerdeverfahren sind somit auch neue Vorbringen zu prüfen.
2. Geschosszahl
6 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 35–35c N. 16. 7 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N. 9. 8 BVR 2007 S. 321 (VGE 22419 vom 10.7.2006) nicht publ. E. 1.7; VGE 2015/167 vom 25.4.2017, E. 1.2.
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a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, das Dachgeschoss des geplanten
Mehrfamilienhauses halte die formellen Anforderungen zwar ein, um nicht als Vollgeschoss
zu gelten, faktisch handle es sich dabei aber um ein voll funktionsfähiges, eigenständiges
Vollgeschoss. So umfasse das Dachgeschoss zwei voll ausgestattete 2 1⁄2-Zimmer-
wohnungen mit Galerien. Dies stelle eine rechtsmissbräuchliche Umgehung der in der
Dorfzone D II maximal zulässigen Geschosszahl dar.
b) Die zulässige Geschosszahl wird durch die Vorschriften der Gemeinden geregelt
(Art. 13 Abs. 1 BauG). In der Dorfzone D II sind zwei Geschosse zulässig (Art. 43 Abs. 1
GBR9). Die Geschosszahl gibt die Zahl der erlaubten Vollgeschosse an.10 Gemäss Art. 24
Abs. 1 GBR zählen als Geschosse das Erdgeschoss und die Obergeschosse. Der
Dachausbau zählt als Geschoss, wenn beim Steildach die Kniewandhöhe, gemessen in
der Fassadenflucht von Oberkante Dachgeschossfussboden bis Oberkante Dachsparren,
1.2 m überschreitet (Art. 24 Abs. 3 GBR).
c) Im Dachgeschoss des Mehrfamilienhauses sind gemäss den bewilligten Plänen zwei
2 1⁄2-Zimmerwohnungen geplant, die jeweils über eine Galerie sowie eine Nasszelle (mit
Dusche und WC) und Küche verfügen; die grössere der beiden Wohnungen verfügt zudem
über ein weiteres separates WC. Für die Frage, ob das Dachgeschoss als Vollgeschoss zu
qualifizieren ist, kommt es gemäss GBR jedoch nicht auf dessen Nutzung oder
Ausbaustandard an. Entscheidend ist einzig, ob die Kniewandhöhe von 1.2 m eingehalten
ist oder nicht. Wie die Beschwerdeführenden richtigerweise selbst ausführen, wird dieses
Mass vorliegend eingehalten. Das geplante Dachgeschoss gilt somit nicht als Vollgeschoss
und eine (rechtsmissbräuchliche) Umgehung der in der Dorfzone D II maximal zulässigen
Geschosszahl liegt nicht vor. Daran ändert auch der Hinweis im Fachbericht vom 28. Mai
2018 der kantonalen Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder (OLK),11
wonach der Neubau tatsächlich zweigeschossig ausgeführt werden und insbesondere an
den Strassenfassaden auch so wirken solle, nichts. So beurteilt die OLK lediglich Fragen
zur Ästhetik eines Bauvorhabens und dessen Auswirkungen auf das Orts- und
Landschaftsbild; zur Einhaltung baupolizeilicher Masse äussert sie sich hingegen nicht. Im
Übrigen hat die BVE in einem früheren Entscheid, in dem der Bauherr ebenfalls einen
vollständigen Dachausbau über die gesamte Grundrissfläche plante, das
9 Baureglement der Einwohnergemeinde Roggwil vom 16. Oktober 2006 (GBR). 10 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 13 N. 5 Bst. b. 11 Vgl. Vorakten des Regierungsstatthalteramts, pag. 291.
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Gemeindebaureglement das Dachgeschoss aber nicht näher definierte und auch keine
bestimmte Kniewandhöhe festlegte, Folgendes festgehalten: Wenn die lichte Höhe des
Dachraums – gemessen an der Innenseite der Kniewand – weniger als 1.5 m betrage,
ergebe sich in Bezug auf die äussere Gestaltung, die Raumnutzung und das Raumgefühl
ein «echtes» Dachgeschoss, das sich erkennbar von einem anrechenbaren Vollgeschoss
unterscheide.12 Die innere Kniewandhöhe beträgt vorliegend weniger als 1.5 m.
3. Grosser Grenzabstand
a) Die Beschwerdeführenden rügen, das geplante Mehrfamilienhaus halte den grossen
Grenzabstand nicht ein. Dafür sei weder eine Ausnahme beantragt noch erteilt worden.
Der Beschwerdegegner macht demgegenüber geltend, beim projektierten
Mehrfamilienhaus handle es sich um ein im Grundriss gestaffeltes Gebäude, weshalb bei
der Messung des (grossen) Grenzabstands auf die mittlere Abstandslinie abgestellt werden
dürfe. Unter Berücksichtigung dieser Messweise werde auf der südöstlichen Gebäudeseite
der grosse Grenzabstand eingehalten. Zudem gehe es vorliegend um die Auslegung
kommunaler Bestimmungen, bei denen die Gemeindeautonomie zu beachten sei bzw. der
BVE nur eine eingeschränkte Prüfungskognition zukomme.
Die Vorinstanz und die Gemeinde stellen sich grundsätzlich auf den gleichen Standpunkt
wie der Beschwerdegegner.
b) Für die Grenzabstände gegenüber Nachbargrundstücken sind die Vorschriften der
Gemeinden massgebend (Art. 12 Abs. 2 BauG). Gemäss Art. 16 Abs. 2 GBR haben
Gebäude mit Wohn- oder Arbeitsräumen auf einer Gebäudeseite einen grossen
Grenzabstand einzuhalten; dieser darf nicht im Norden liegen und ist zwingend auf einer
Gebäudeseite auszuweisen, ist aber sonst durch die Bauherrschaft selbst festzulegen. Er
wird rechtwinklig zur Fassade gemessen (Art. 16 Abs. 3 GBR). Der Grenzabstand einer im
Grundriss gestaffelten Gebäudeseite wird von der Linie des mittleren Abstands dieser
Gebäudeseite zur Grundstücksgrenze aus gemessen. Die mittlere Abstandslinie ist parallel
zur massgebenden Grundstücksgrenze zu ziehen und zwar derart, dass die über die Linie
12 BVR 1993 S. 201 E. 3.
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vorspringenden Grundrissflächen flächengleich sind mit den hinter der Linie liegenden
Grundriss-Rücksprüngen (baufreie Fläche). Die mittlere Abstandslinie darf in keinem Punkt
den reglementarischen Grenzabstand unterschreiten (Art. 16 Abs. 3 GBR i.V.m. Anhang B
Ziff. 1.2 GBR). In der Dorfzone D II gilt grundsätzlich ein grosser Grenzabstand von 8 m
(Art. 43 Abs. 1 GBR).
c) Der grosse Grenzabstand wird vorliegend gemäss Situationsplan vom 9. April 2018
auf der Südostseite des Bauvorhabens unter Anwendung der mittleren Abstandslinie
ausgewiesen. Damit diese Messweise angewendet werden kann, bedarf es jedoch einer
Grundrissstaffelung und zwar bei derjenigen Gebäudeseite, auf welcher der Grenzabstand
unter Berücksichtigung der mittleren Abstandslinie gemessen werden soll. Dies ergibt sich
eindeutig aus dem Wortlaut und der grafischen Darstellung in Anhang B Ziff. 1.2 GBR
sowie dem Sinngehalt dieser Regelung. So ist die Anwendung der privilegierenden
mittleren Abstandslinie bloss dort gerechtfertigt, wo aufgrund eines besonderen
Grundrisses auch tatsächlich unterschiedliche (Grenz-)Abstände zur Nachbarparzelle
bestehen, mithin bei gestaffelten Gebäudeseiten. Die von der Gemeinde in ihren
Schlussbemerkungen angeführte «pragmatische Praxis», wonach es für die Anwendung
der mittleren Abstandslinie nur darauf ankomme, dass es sich bei der fraglichen Baute als
Ganzes um einen Winkelbau bzw. gestaffelten Bau handle und dann der Flächenausgleich
zur Ermittlung der mittleren Abstandslinie auf irgendeiner Gebäudeseite angewendet
werden könne, erweist sich somit als rechtlich nicht haltbar. Bei der materiellen Prüfung im
vorinstanzlichen Verfahren hat die Gemeinde für die Anwendung der Messweise gemäss
Anhang B Ziff. 1.2 GBR im Übrigen noch selbst eine Staffelung der südöstlichen und nicht
irgendeiner Gebäudeseite verlangt.13
Die Südostfassade des geplanten Mehrfamilienhauses ist insgesamt 11.73 m lang und
springt auf einer Länge von 2.48 m um 4.21 m zurück. Dieser Rücksprung stellt jedoch
keine Staffelung dar, welche die Anwendung der Messweise gemäss Anhang B Ziff. 1.2
GBR rechtfertigt. Im Zusammenhang mit dem Grenzabstand wird im GBR zwar nicht
explizit geregelt, was als Staffelung eines Gebäudes zu betrachten ist. Die Staffelung im
Grundriss wird jedoch in Art. 23 Abs. 4 GBR und Anhang B Ziff. 4.6 GBR im
Zusammenhang mit der Gebäudehöhe näher definiert. Daraus geht hervor, dass eine
Staffelung erst dann vorliegt, wenn der Rücksprung mindestens einen Drittel der
13 Vgl. Vorakten der Gemeinde, Auszug aus dem ursprünglichen Erdgeschossplan mit handschriftlichen Notizen (nicht paginiert).
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Fassadenlänge ausmacht. Es ist nicht ersichtlich, weshalb diese Regelung nicht auch im
Zusammenhang mit dem Grenzabstand bzw. der mittleren Abstandslinie – zumindest
analog – gelten sollte. Die Gemeinde verweist in ihren Schlussbemerkungen diesbezüglich
denn auch selbst auf Art. 23 Abs. 4 GBR. Im Übrigen spricht auch die grafische Darstellung
in Anhang B Ziff. 1.2 GBR nicht gegen eine analoge Anwendung der Regelung gemäss
Art. 23 Abs. 4 GBR. So macht der in der genannten Skizze dargestellte Rücksprung sogar
über die Hälfte der Fassadenlänge aus.
Wie erwähnt, erfolgt der Rücksprung auf der Südostseite des geplanten
Mehrfamilienhauses bloss auf einer Länge von 2.48 m, was nur gut einem Fünftel der
gesamten Südostfassade (11.73 m) entspricht. Die betreffende Gebäudeseite weist folglich
keine Staffelung im baurechtlichen Sinn bzw. im Sinne von Art. 23 Abs. 4 GBR auf,
weshalb der grosse Grenzabstand ohne Berücksichtigung der mittleren Abstandslinie
gemäss Anhang B Ziff. 1.2 GBR zu messen ist und zwar rechtwinklig zur Fassade. Unter
diesen Umständen hält das Bauvorhaben den grossen Grenzabstand auf der Südostseite
nicht ein. So beträgt der Abstand zwischen Südostfassade und Nachbarparzelle
Nr. I._ im Bereich der südlichen Gebäudeecke teilweise weniger als 7 m. Zu
diesem Ergebnis ist auch das AGR in seinem Fachbericht vom 1. April 2019 gelangt.
d) Der Beschwerdegegner kann ferner auch aus Art. 16 Abs. 4 GBR nichts zu seinen
Gunsten ableiten. So macht er weder geltend noch ist ersichtlich, inwiefern die vorhandene
Bebauung vorliegend zu einer besonderen Bemessung der Grenzabstände bzw. das
Ortsbild zu einer Reduktion des grossen Grenzabstands führen sollte. Aus dem
Situationsplan vom 9. April 2018 ergibt sich vielmehr, dass die Hälfte der umliegenden
Wohnhäuser ohne weiteres auf einer Gebäudeseite, die nicht im Norden liegt, einen
Grenzabstand von mindestens 8 m aufweisen; bei den übrigen Gebäuden dürfte der
grosse Grenzabstand sodann unter Berücksichtigung der Messweise gemäss Anhang B
Ziff. 1.2 GBR eingehalten sein. Zudem beruft sich weder die Vorinstanz noch die
Gemeinde auf Art. 16 Abs. 4 GBR.
e) Soweit die Gemeinde in ihren Schlussbemerkungen ausführt, den Baugesuchstellern
stehe es in der Gemeinde Roggwil offen, den grossen Grenzabstand auch strassenseitig
auszurichten, wobei dann der Abstand bis auf 3 m reduziert werden könne, da der
Strassenabstand dem Grenzabstand vorgehe, ist Folgendes festzuhalten: Es trifft
grundsätzlich zwar zu, dass die Bauabstände von öffentlichen Strassen als speziellere
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Vorschriften den allgemeinen Grenz- und Gebäudeabständen vorgehen bzw. diese
ersetzen. Dies gilt selbst dann, wenn dadurch der Abstand kleiner wird als der in der
betreffenden Zone sonst erforderliche.14 Art. 16 Abs. 2 GBR verlangt aber ausdrücklich,
dass der grosse Grenzabstand zwingend auf einer Gebäudeseite auszuweisen ist.
Angesichts dieser Bestimmung, die offensichtlich weiter geht als die allgemeine
Formulierung, wonach Gebäude mit Wohn- und Arbeitsräumen auf einer Gebäudeseite
einen grossen Grenzabstand einzuhalten haben, erweist sich auch die diesbezügliche
Praxis der Gemeinde als rechtlich nicht haltbar. Der grosse Grenzabstand kann vorliegend
also auch nicht an einer der beiden strassenzugewandten Gebäudeseiten angeordnet und
sodann durch den (kürzeren) Strassenabstand ersetzt werden. Der Beschwerdegegner
weist in seiner Beschwerdeantwort im Übrigen selbst darauf hin, dass das projektierte
Mehrfamilienhaus auf mindestens einer Gebäudeseite zur Grundstücksgrenze einen
grossen Grenzabstand von mindestens 8 m einhalten muss. In den Plänen ist der grosse
Grenzabstand folgerichtig auch nicht an einer der beiden strassenzugewandten
Gebäudeseiten angeordnet worden.
f) Es ist schliesslich zwar richtig, dass den Gemeinden aufgrund ihrer Autonomie bei
der Auslegung und Anwendung von eigenen, selbständigen Normen ein gewisser
Beurteilungsspielraum zukommt und sich die Rechtsmittelinstanzen eine gewisse
Zurückhaltung gegenüber der Auffassung der Gemeinde auferlegen.15 Die Gemeinden
geniessen jedoch nur bei der Wahl zwischen mehreren rechtlich haltbaren Auslegungen
einer Norm Beurteilungsspielraum.16 Wie ausgeführt (E. 3c und 3e), erweist sich sowohl die
Auslegung von Art. 16 Abs. 3 GBR i.V.m. Anhang B Ziff. 1.2 GBR (Bemessung des
Grenzabstands bei im Grundriss gestaffelten Gebäuden) als auch die Auslegung von
Art. 16 Abs. 2 GBR (Anordnung des grossen Grenzabstands bzw. dessen Ersetzung durch
einen kürzeren Strassenabstand) der Gemeinde als rechtlich nicht haltbar.
g) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Bauvorhaben den grossen
Grenzabstand nicht einhält. Ein Ausnahmegesuch wurde dafür nicht eingereicht. Ein
solches könnte im Übrigen auch kaum bewilligt werden, da keine besonderen Verhältnisse
erkennbar sind, die eine Ausnahme rechtfertigen könnten. Der blosse Wunsch nach
14 BVR 2010 S. 507 E. 2.2.2; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 12 N. 15. 15 BVR 2015 S. 263 E. 5.1 und 2012 S. 20 E. 3.2; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band II, Bern 2017, Art. 65 N. 3. 16 BVR 2016 S. 79 E. 4.6.
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optimaler Nutzung des Grundstücks stellt jedenfalls ebenso wenig einen wichtigen Grund
im Sinne von Art. 26 BauG dar wie das Gebot der haushälterischen Bodennutzung.17 Unter
diesen Umständen müssen die weiteren Rügen nicht geprüft werden, die Beschwerde ist
ohnehin gutzuheissen. Der angefochtene Gesamtentscheid wird aufgehoben und dem
Baugesuch vom 28. September 2017 (mit Projektänderungen) wird der Bauabschlag erteilt.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdegegner. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG18). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 2'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV19).
b) Die amtlichen Kosten für das erstinstanzliche Baubewilligungsverfahren in der Höhe
von Fr. 12'785.10 hat in jedem Fall der Beschwerdegegner als Baugesuchsteller zu tragen
(Art. 52 Abs. 1 BewD20).
c) Der Beschwerdegegner hat zudem den Beschwerdeführenden die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige
Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Der Anwalt der
Beschwerdeführenden beziffert seine Leistungen auf Fr. 9'294.95 (Honorar Fr. 8'400.–,
Auslagen Fr. 230.40 und Mehrwertsteuer Fr. 664.55). Nach Art. 11 Abs. 1 PKV21 beträgt
das Honorar in verwaltungsrechtlichen Beschwerdeverfahren Fr. 400.– bis Fr. 11'800.– pro
Instanz. Innerhalb des Rahmentarifs bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der
Sache gebotenen Zeitaufwand sowie der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit
des Prozesses (Art. 41 Abs. 3 KAG22). Im vorliegenden Fall ist die Schwierigkeit des
Prozesses aufgrund der umstrittenen Rechtsfragen als eher unterdurchschnittlich zu
werten. Die beiden übrigen Kriterien sind hingegen als durchschnittlich zu gewichten.
17 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 26–27 N. 5 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung. 18 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21). 19 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21). 20 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1). 21 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung, PKV; BSG 168.811). 22 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11).
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Daher erscheint eine Ausschöpfung des Gebührenrahmens zu 45 Prozent und damit ein
Honorar von Fr. 5'530.– als angemessen. Der Beschwerdegegner hat somit den
Beschwerdeführenden eine Parteikostenentschädigung von Fr. 6'203.95 (Honorar
Fr. 5'530.–, Auslagen Fr. 230.40 und Mehrwertsteuer Fr. 443.55) zu bezahlen.