Decision ID: d5ad9036-2515-5bd1-8323-afdc1c060731
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, geboren in Cali (Departamento Valle del Cauca),
ist gemäss eigenen Angaben am (...) 2020 von Bogotá nach Amsterdam
geflogen; tags darauf sei sie in die Schweiz eingereist, wo sie am 18. Feb-
ruar 2020 ein Asylgesuch einreichte. Am 25. Februar 2020 wurden ihre
Personalien vom SEM aufgenommen.
B.
Gemäss einem Bericht vom 23. April 2020 wurde die Beschwerdeführerin
am 20. April 2020 mit einem Harnleiterschienenassoziierten Harnwegsin-
fekt und einer Ureterolithiasis (Harnstein im Harnleiter) notfallmässig im
Universitätsspital Basel (Urologie) hospitalisiert. Nach erfolgreicher Be-
handlung wurde sie am 24. April 2020 entlassen.
C.
Anlässlich der Anhörung vom 6. Mai 2020 brachte sie vor, sie habe zwei
Söhne mit den Namen B._ (geboren am [...]), welcher bei seinem
Vater in Bogotá lebe, und C._ (geboren am [...]), der sich bei ihrer
Mutter aufhalte.
Im Jahr 2012 habe sie eine erste Drohung der FARC («Fuerzas Armadas
Revolucionarias de Colombia») erhalten, weil der Vater ihres erstgebore-
nen Sohnes als Polizist auch im Departamento D._, ihrem damali-
gen Wohnsitz, tätig gewesen sei (SEM-Akte Nr. 1062374-17 F48
und 76 ff.). Er habe für GAULA («Grupos de acción unificada por la libertad
personal») gearbeitet (SEM-Akte 17 F101 f., welche als Eliteeinheit Kid-
napping-Opfer befreit [Anmerkung des Gerichts]). Sie sei damals aufgefor-
dert worden, den Ort zu verlassen, weil sie im Verdacht gestanden habe,
eine Informantin zu sein (SEM-Akte 17 F80). Ausserdem habe sie als In-
fluencerin versucht, junge Mädchen von Drogen und Prostitution abzuhal-
ten (SEM-Akte 17 F85). Sie (die Beschwerdeführerin) sei zwar nicht auf
allen grossen sozialen Netzwerken aktiv gewesen, aber sie habe als Model
an Events und Veranstaltungen teilgenommen. Ihre Fotos mit bekannten
Persönlichkeiten und Mitteilungen auf Instagram, wo sie ungefähr 900 bis
950 Anhänger gehabt habe, habe junge Mädchen motiviert (SEM-Akte 17
F89 ff.). Nach der Drohung im Jahr 2012 sei sie nach Bogotá umgezogen,
wo sie bis Dezember 2019 beim Vater ihres erstgeborenen Sohnes gelebt
habe (SEM-Akte 17 F13 ff., 80 und 98 f.). Dort habe sie ihren Namen ins
Opferregister eintragen lassen (SEM-Akte 17 F82).
E-3016/2020
Seite 3
Im Dezember 2019 sei sie mit ihrem jüngeren Sohn in die Gemeinde
E._ (Departamento D._) zu ihrer Familie zurückgekehrt
(SEM-Akte 17 F13 und 72). Am (...) 2020 gegen 11 Uhr habe sie im Haus
ihrer Mutter einen anonymen Anruf – vermutungsweise von in der Region
verbliebenen Anhängern der FARC – erhalten. Sie sei aufgefordert worden,
am nächsten Tag zu einem bestimmten Treffpunkt zu erscheinen. Dies
habe sie in einen derart grossen Schrecken versetzt, dass sie sich ent-
schieden habe, das Land zu verlassen (SEM-Akte 17 F42 ff.). Eine An-
zeige bei den Behörden habe sie nicht erstatten wollen, weil dies bedeutet
hätte, das eigene Todesurteil zu unterschreiben (SEM-Akte 17 F67 ff.).
An der Anhörung legte sie folgende Beweismittel zu den Akten (SEM-
Akte 17 F40): ein Formular «Declaración para la solicitud de inscripción en
el registro único de víctimas» der Unidad para las Víctimas aus dem Jahr
2012; eine Kursbestätigung als «emprendimiento innovador» von «El Ser-
vicio Nacional de Aprendizaje SENA»; ein Diplom der Institution F._
als Pflegehelferin; verschiedene Fotos ihrer Arbeit als Influencerin; Fotos
des Vaters ihres erstgeborenen Sohnes und eines brennenden Autos
(SEM-Akte 17 F119) sowie zwei Fotos von Mitteilungen der FARC.
D.
Am 14. Mai 2020 reichte Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin eine
Stellungnahme zum Entscheidentwurf des SEM vom 13. Mai 2020 bei der
Vorinstanz ein.
E.
Mit Asylentscheid vom 15. Mai 2020 lehnte das SEM das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin ab, wies sie aus der Schweiz weg und ordnete den
Vollzug der Wegweisung an.
Zur Begründung seines Entscheides führte es aus, die Schilderungen be-
treffend die Drohung von Seiten der FARC seien, trotz einer Vielzahl an
Vertiefungsfragen und der Aufforderung ausführlich und detailliert zu be-
richten, über die ganze Anhörung hinweg äusserst knapp, vage und ober-
flächlich ausgefallen, weshalb erhebliche Zweifel daran bestehen würden,
dass die Beschwerdeführerin die geltend gemachten Probleme tatsächlich
selbst in dieser Form erlebt habe.
Ungeachtet der Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen handle es
sich vorliegend um eine Verfolgung durch Dritte. Das SEM gehe in Einklang
mit der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts davon aus, dass
E-3016/2020
Seite 4
Kolumbien grundsätzlich über eine funktionierende und zugängliche
Schutzinfrastruktur verfüge (vgl. Urteile des BVGer D-1122/2007 vom
4. Mai 2010 und E-7676/2015 vom 29. Januar 2016), welche die Aktivitäten
der Guerillas im Rahmen ihrer Möglichkeiten bekämpfe. Diese Einschät-
zung werde durch die Aussage der Beschwerdeführerin bestätigt, dass ihre
Anzeige respektive Aussage im Zusammenhang mit der Bedrohung aus
dem Jahr 2012 von der Staatsanwaltschaft in Botgotá entgegengenommen
und sie ins «Registro Unicos de Víctimas» eingetragen worden sei (SEM-
Akte 17 F82). Weil das Schutzsystem bereits in der Vergangenheit für die
Beschwerdeführerin zugänglich gewesen sei, sei seine Inanspruchnahme
– trotz des mangelnden Vertrauens – auch aktuell möglich und zumutbar,
zumal sie bis Dezember 2019 gemeinsam mit einem Mitglied der GAULA
in einem Haushalt gelebt habe und folglich davon auszugehen sei, der Zu-
gang zu den Behörden sei dadurch einfacher. Es bestehe demzufolge kein
Anlass zur Annahme, der kolumbianische Staat sei seiner Schutzpflicht
nicht nachgekommen.
Darüber hinaus seien die geltend gemachten Nachteile als lokal respektive
regional beschränkte Verfolgungsmassnahmen zu qualifizieren, da die Be-
drohung durch Personen aus der Heimatregion der Beschwerdeführerin
erfolgt sei. Bestätigend hierfür sei, dass sie nach dem Vorfall im Jahr 2012
sieben Jahre ohne Probleme in Bogotá verbracht habe. Obschon sie an-
gegeben habe, aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit auch in der Öffentlich-
keit gestanden zu haben, lasse sich anhand ihrer Aussagen und eigenen
Recherchen im Internet betreffend ihren Bekanntheitsgrad feststellen, dass
es sich bei ihr nicht um eine Berühmtheit respektive landesweit bekannte
Persönlichkeit handle. Folglich sei nicht davon auszugehen, dass die an-
geblichen Verfolger sie an einem beliebigen Ort in Kolumbien ausfindig ma-
chen könnten, weshalb sie nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen
sei.
In der Stellungnahme vom 14. Mai 2020 sei vorgebracht worden, das Er-
lebte belaste die Beschwerdeführerin psychisch. Sie sei ein Vorbild für
junge Frauen gewesen, damit diese nicht in von der FARC kontrollierte il-
legale Geschäfte einsteigen würden, weshalb sie für die FARC eine grosse
Gefahr darstelle. Mit dieser Einschätzung seien indes keine neuen Tatsa-
chen oder Beweismittel vorgelegt worden, welche eine Änderung des
Standpunktes des SEM rechtfertigen würden.
Zusammenfassend seien die Vorbringen nicht im Sinne von Art. 3 AsylG
asylrelevant.
E-3016/2020
Seite 5
Sie sei verpflichtet, das Staatsgebiet der Schweiz sowie den Schengen-
Raum bis zum 31. Juli 2020 zu verlassen (Ausreisefrist gemäss Art. 45
Abs. 2bis AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 9 Abs. 3 Verordnung über Massnah-
men im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus (COVID-19-
Verordnung Asyl vom 1. April 2020 [SR 142.318]). Der zuständige Kanton
wurde mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt.
F.
In der Laienbeschwerde vom 10. Juni 2020 wurde beantragt, nach Aufhe-
bung der Verfügung sei die Beschwerdeführerin als Flüchtling unter Asyl-
gewährung anzuerkennen. Eventaliter sei ein Vollzugshindernis anzuneh-
men und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sa-
che zwecks Neubeurteilung der Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren,
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ihr einen
amtlichen Rechtsbeistand zu bestellen.
Sie brachte zur Begründung vor, es stimme, dass ihre Aussagen nicht de-
tailliert gewesen seien, indes seien diese zwar in sich stimmig und würden
keine Widersprüche aufweisen. Sie sei an der Anhörung sehr nervös ge-
wesen und habe sich kaum konzentrieren können. Einen Tag zuvor sei sie
beim Arzt gewesen, um einen Katheter nach einer Nierensteinoperation
entfernen zu lassen. Ausserdem habe sie ihren (damaligen) Rechtsvertre-
ter erst am gleichen Tag kennengelernt und habe so nicht gut vorbereitet
werden können. Abgesehen davon stehe sie aufgrund der Drohung vom
(...) 2020 immer noch unter Schock, weshalb es ihr schwerfalle, sich an
jedes Detail zu erinnern.
Hinsichtlich der von der Vorinstanz angenommenen Schutzwillig- und
Schutzfähigkeit von Kolumbien sei anzumerken, dass sich die Lage seit
Jahren verschlechtert habe. Die Zivilbevölkerung sei aufgrund der vom
Staat vernachlässigten Autorität stets der allgemeinen Gewalt ausgesetzt.
In gewissen Gebieten, darunter auch das Departamento Nanriño, sei dar-
über hinaus der Konflikt mit der FARC auch nach Unterzeichnung des Frie-
densvertrags weiterhin präsent und der Staat abwesend. Folglich sei die-
sem nicht zu vertrauen und eine Anzeigeerstattung würde ihre Gefahren-
lage nur erhöhen. Die brutale Vorgehensweise der FARC sei allgemein be-
kannt; sie werde insbesondere gegenüber denjenigen angewandt, welche
nicht die gleichen Interessen wie die FARC vertreten würden. Indem sich
die Beschwerdeführerin aktiv dafür eingesetzt habe, junge Mädchen von
den kriminellen Geschäften – wie Prostitution oder Drogen – der FARC und
E-3016/2020
Seite 6
ähnlichen Gruppen fernzuhalten (z.B. ihr Engagement für die Organisation
G._, vgl. Beilage 3), habe sie sich einer grossen Gefahr ausgesetzt.
Personen mit ähnlichen Aktivitäten seien von der FARC bereits getötet wor-
den (vgl. Beilage 4). Darüber hinaus werde sie von der FARC auch als
Informantin des Staates angesehen, weil der Vater ihres erstgeborenen
Kindes – H._ – im Rahmen des Friedensprozesses ein hochrangi-
ges ehemaliges FARC-Mitglied beschützt habe.
Ausserdem erklärte sie, sie habe nie in einer anderen Region als
D._ oder Bogotá gelebt; nur in der Gegend von D._ sei sie
sozial vernetzt. Als Frau alleine zu leben, sei in Kolumbien sehr gefährlich.
Ferner könne sie ihrer Tätigkeit als Model nicht nachgehen, weil sie sich
dann überall in der Öffentlichkeit zeigen müsste. Schliesslich sei sie ge-
sundheitlich angeschlagen und habe dadurch weder die Kraft noch Mög-
lichkeiten, eine neue Arbeit zu finden.
Der Eingabe lag unter anderem ein Auszug aus Twitter von I._, ein
Auszug eines Arbeitsprotokolls von H._ sowie ein Foto von Män-
nern in Uniform (mit Waffen) und eine Bestätigung der «Inspección de Po-
licía» der Gemeinde E._ mit Datum vom (...) 2020, dass die Be-
schwerdeführerin wegen ihrer Tätigkeit und des Berufs des Vaters ihres
Sohnes («patrullero de la Policía Nacional de Colombia», Streifenpolizist)
Drohungen erhalten und sie keine Möglichkeit habe, bei der «Fiscalía Ge-
neral de la Nación» (kolumbianische Staatsanwaltschaft) eine Anzeige zu
erstatten, aus Angst vor Massnahmen gegen ihre Angehörigen.
G.
In den Akten der Vorinstanz befanden sich weitere Dokumente, u.a. der
Reisepass der Beschwerdeführerin, ihre Identitätskarte, ihr Führerschein,
eine Karte der «Registraduría Nacional del Estado Civil», eine Kopie der
Schweizer Identitätskarte und eine Einladung vom (...) 2020 von
J._ (geboren am [...] und wohnhaft in [...]), sein Land zu besuchen.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
11. Juni 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).
I.
Am 12. Juni 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
E-3016/2020
Seite 7

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 10 COVID-19-Verordnung Asyl; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf
Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
4.
Auf den Rückweisungsantrag ist im konkreten Fall nicht einzugehen, da
dieser in der Beschwerdeschrift nicht weiter begründet wurde und keine
offensichtlichen entsprechenden Mängel erkennbar sind.
E-3016/2020
Seite 8
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Hinsichtlich des Vorfalls aus dem Jahr 2012 gilt festzuhalten, dass eine
Verfolgungssituation in der Regel aktuell sein muss, um gemäss Art. 3
AsylG als asylrelevant zu gelten. Dies bedeutet, dass zwischen dem Ereig-
nis und der Flucht ein zeitlicher Kausalzusammenhang bestehen muss.
Dabei wird anerkannt, dass es plausible objektive und subjektive Gründe
gibt, die eine zeitlich verzögerte Ausreise erklärbar machen (vgl. BVGE
2011/50 E. 3.1.2. m.w.H.; 2010/57 E. 2.4 und 3.2 m.w.H. und 2009/51
E. 4.2.5 m.w.H.).
Nachdem die Beschwerdeführerin im Jahr 2012 nach Bogotá umgesiedelt
war, wo sie bis Ende 2019 lebte, hat sie keine Drohungen von Guerillas
mehr erhalten. Sie liess sich indes, wie die Bestätigung «Unidad para las
Víctimas» zeigt, im gleichen Jahr als Opfer im dafür vorgesehenen Regis-
ter eintragen. Ein Kausalzusammenhang in zeitlicher und sachlicher Hin-
sicht zwischen diesem Ereignis aus dem Jahr 2012 und ihrer Ausreise aus
Kolumbien im (...) 2020 ist daher zu verneinen.
6.2 Im Dezember 2019 sei sie mit ihrem jüngeren Sohn in ihre Heimatre-
gion zurückgekehrt. Dort sei sie im (...) 2020, wie auch im Schreiben der
der «Inspección de Policía» der Gemeinde E._ vom (...) 2020 zu
lesen ist, telefonisch von subversiven Gruppen bedroht worden. Ob dieses
E-3016/2020
Seite 9
geschilderte Ereignis der Wahrheit entspricht, was vom SEM bezweifelt
wurde, kann offenbleiben.
6.2.1 Eine Verfolgung durch nichtstaatliche Akteure kann grundsätzlich
flüchtlingsrelevant sein, wenn es der betroffenen Person nicht möglich ist,
davor im Heimatstaat adäquaten Schutz zu finden. Nach der sogenannten
Schutztheorie ist nichtstaatliche Verfolgung nur dann asylrelevant, wenn
der Staat unfähig oder nicht willens ist, Schutz vor besagter Verfolgung zu
bieten. Es ist dabei vom Staat nicht eine faktische Garantie für langfristigen
individuellen Schutz der von nichtstaatlicher Verfolgung bedrohten Perso-
nen zu verlangen, weil es keinem Staat gelingen kann, die absolute Sicher-
heit seiner Bürgerinnen und Bürger jederzeit und überall zu garantieren.
Erforderlich ist aber, dass eine funktionierende und effiziente Schutzinfra-
struktur zur Verfügung steht, wobei in erster Linie an polizeiliche Aufgaben
wahrnehmende Organe wie an ein Rechts- und Justizsystem zu denken
ist, welches eine effektive Strafverfolgung ermöglicht. Ob das bestehende
Schutzsystem als in diesem Sinne effizient erachtet werden kann, hängt
letztlich auch davon ab, ob der Schutz die von Verfolgung betroffene Per-
son tatsächlich erreicht (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3 m.w.H.). Die Inan-
spruchnahme dieses Schutzsystems muss der betroffenen Person dem-
nach objektiv zugänglich und individuell zumutbar sein, was jeweils im
Rahmen einer Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifi-
schen Kontexts zu beurteilen ist.
6.2.2 Die Beschwerdeführerin hat die Bedrohungen vom (...) 2020 den Be-
hörden nicht gemeldet, weil dies gemäss ihren Aussagen ihr Todesurteil
bedeutet hätte (SEM-Akte 17 F67 f.). Diese Erklärung ist nicht einleuch-
tend und vermag nicht zu überzeugen, zumal es bereits im Jahr 2012 für
sie möglich und zumutbar gewesen war, nach der ersten mutmasslichen
Drohung durch die FARC diesbezüglich bei der Staatsanwaltschaft in Bo-
gotá auszusagen (SEM-Akte 17 F82). Den Akten ist nicht zu entnehmen,
dass ein solcher Akt ihrerseits negative Konsequenzen nach sich gezogen
hätte. Indem sie hinsichtlich der Drohungen im Jahr 2020 nichts unternom-
men hat, konnten die Behörden ihr auch keinen Schutz zugestehen. Folg-
lich kann nicht gesagt werden, dass diese Behelligungen von Kolumbien
aufgrund fehlender Schutzbereitschaft tatenlos hingenommen worden wä-
ren. An dieser Einschätzung vermag auch die Bestätigung der «Inspección
de Policía» der Gemeinde E._ vom (...) 2020 nichts zu ändern, zu-
mal dieser, da keine Anzeige erstattet worden sei, die diesbezügliche
Sachlage nicht bekannt sein dürfte.
E-3016/2020
Seite 10
6.3 Letztlich ist auch die Einschätzung des SEM zu bestätigen, auf die
vorab verwiesen werden kann, dass eine interne Fluchtalternative besteht.
Folglich ist nicht davon auszugehen ist, dass die Guerillas die Beschwer-
deführerin in ganz Kolumbien suchen würden. So hat sie (die Beschwer-
deführerin) schon früher sieben Jahr ohne Probleme in Bogotá verbracht.
Auch Cali, wo sie geboren wurde, könnte eine Option sein, wie sie selber
anlässlich der Anhörung aussagte (SEM-Akte 17 F111 f.).
6.4 Zusammenfassend geht das Bundesverwaltungsgericht wie das SEM
davon aus, dass keine asylrelevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
vorliegt. Der Beschwerdeführerin steht bei einer Rückkehr ferner nach Be-
darf einer innerstaatliche Schutzalternative auf dem Staatsgebiet von Ko-
lumbien zur Verfügung, was einen notwendigen Schutz eines Drittstaates
ausschliesst. Das SEM hat daher das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (Art. 32 AsylV1).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
E-3016/2020
Seite 11
8.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr («real risk») nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§ 124 ff. m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Hei-
matstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als
unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegwei-
sung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmun-
gen zulässig.
E-3016/2020
Seite 12
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 In Kolumbien fand über fünfzig Jahre ein bewaffneter Konflikt zwi-
schen den kolumbianischen Streitkräften, den Guerillas und paramilitäri-
schen Gruppen statt. Im November 2016 wurde der aktuelle Friedensver-
trag zwischen dem kolumbianischen Staat und der FARC geschlossen, der
später von beiden Kammern des Kongresses gutgeheissen wurde. Nicht
vergessen bleibt, dass allen Parteien während des Konflikts schwere Men-
schenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden; bei den meisten Opfern
handelt es sich um Zivilpersonen. Auch wenn im September 2019 ein Teil
der FARC die Wiederbewaffnung ankündigte, sind gemessen an der allge-
meinen Lage in Kolumbien von heute jedoch keine generellen Vollzugshin-
dernisse im Sinne der Unzumutbarkeit erkennbar.
8.3.2 Auch aus individueller Sicht bleibt ein Vollzug der Wegweisung der
Beschwerdeführerin zumutbar. Sie verfügt in ihrer Heimatregion
D._ und in Bogotá, wo sie sieben Jahre lebte, über ein familiäres
und soziales Netz. Sie hat – neben ihrer Erfahrung als Influencerin – eine
Ausbildung im Pflegebereich. Auch aus medizinischer Sicht ist den Akten
klein Vollzugshindernis zu entnehmen. Folglich ist nicht davon auszuge-
hen, dass sie bei einer Rückkehr nach Kolumbien in eine existenzbedro-
hende Situation geraten wird. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug
der Wegweisung auch als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
E-3016/2020
Seite 13
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Mit der Beschwerde wurde die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung, ein Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
eine Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertretung beantragt. Aufgrund der
vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Begehren als aussichtslos
zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzun-
gen nicht gegeben, weshalb dem Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozesshilfe (Art. 65 Abs. 1 VwVG) nicht stattzugeben ist.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf Fr. 750.– festzuset-
zen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
10.3 Das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung (Art. 102m
AsylG) ist mangels Erfüllens der Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1
VwVG ebenfalls abzuweisen. Der Antrag auf Verzicht auf Erhebung eines
Kostenvorschusses ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3016/2020
Seite 14