Decision ID: 8d68371a-a8c2-4dea-818f-dc8e92533d90
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am Mittwoch, 23. Dezember 2015, um etwa 2.15 Uhr wurde X anlässlich einer
Verkehrskontrolle aufgefordert anzuhalten. Er bog unmittelbar vor der Verkehrskontrolle
ab, konnte aber nach einer Nachfahrt gestoppt werden. Ein Drogenschnelltest
(Urintest) fiel positiv auf THC (Tetrahydrocannabinol, Wirkstoff von Cannabis) aus. Die
Auswertung der anschliessend im Spital Linth entnommenen Blutprobe ergab einen
Wert von 12 μg/l THC (Grenzwert, ab welchem die Fahrunfähigkeit erstellt ist: 1,5 μg/l).
Die Polizei nahm X den Führerausweis auf der Stelle ab. Am 15. Januar 2016 verfügte
das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt einen vorsorglichen Führerausweisentzug
und stellte gleichzeitig eine verkehrsmedizinische Untersuchung in Aussicht. Nach
Gewährung des rechtlichen Gehörs wurde diese am 5. Februar 2016 durch das
Strassenverkehrsamt angeordnet. Gleichentags wurde X vom Untersuchungsamt
Uznach mittels Strafbefehls des vorsätzlichen Fahrens in fahrunfähigem Zustand
(Motorfahrzeug, Drogeneinfluss), der vorsätzlichen einfachen Verletzung der
Verkehrsregeln durch Nichtbefolgen der durch die Polizei gegebenen Zeichen, der
vorsätzlichen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes sowie des Nichtmitführens
des Führerausweises schuldig gesprochen und mit einer Geldstrafe von
20 Tagessätzen zu je Fr. 90.–, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei
Jahren, sowie einer Busse von Fr. 1'400.– bestraft.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.- Das verkehrsmedizinische Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin (IRM) des
Kantonsspitals St. Gallen vom 12. Mai 2016 ergab, dass die Fahreignung bei Vorliegen
eines verkehrsrelevanten Cannabismissbrauchs nicht befürwortet werden könne. Vor
einer verkehrsmedizinischen Neubeurteilung würden eine mindestens sechsmonatige
Cannabis-Abstinenz mittels monatlicher Urintests auf Cannabis sowie eine
Fachtherapie bei einer Suchtberatungsstelle, die Einreichung von Verlaufsberichten,
eine einmalige Ethylglucuronid(EtG, Abbauprodukt von Trinkalkohol)-Verlaufskontrolle
mittels Haaranalyse sowie die Fortsetzung der Massnahmen bis zur Neubeurteilung
bzw. zur Wiedererteilung des Führerausweises empfohlen. Nach Gewährung des
rechtlichen Gehörs entzog das Strassenverkehrsamt X am 13. Juni 2016 den
Führerausweis auf unbestimmte Zeit mit einer Sperrfrist vom 23. Dezember 2015 bis
22. März 2016. Als Bedingungen für die Aufhebung des Entzugs erklärte es eine
kontrollierte und fachlich betreute Cannabisabstinenz (Arzt und Beratungsstelle) von
mindestens sechs Monaten, eine einmalige Verlaufskontrolle auf Alkohol (EtG) mittels
Haaranalyse bei der Neubeurteilung, die Abstinenz bis zur Neubeurteilung bzw.
Wiedererteilung des Führerausweises sowie eine verkehrsmedizinische
Kontrolluntersuchung.
C.- Im Gutachten des IRM vom 26. Juni 2017 wurde erklärt, die Fahreignung von X
könne aktuell aus verkehrsmedizinischer Sicht unter Auflagen wieder bejaht werden. So
seien weiterhin die Einhaltung einer Cannabisabstinenz sowie der Nachweis der
Abstinenz mittels monatlicher Urinkontrollen und die halbjährliche Einreichung eines
ärztlichen Zeugnisses mit den Ergebnissen der Urinprobenkontrollen bei einer
Auflagendauer von 1,5 Jahren erforderlich. Gestützt darauf verfügte das
Strassenverkehrsamt am 25. Juli 2017 die Aufhebung des Führerausweisentzugs vom
13. Juni 2016 (Ziff. 1). Der Führerausweis wurde mit Auflagen wiedererteilt (Ziff. 2).
Demnach hat X unter ärztlicher Betreuung die vollständige, kontrollierte
Cannabisabstinenz mittels monatlicher Urinproben einzuhalten (Ziff. 3) und dem
Strassenverkehrsamt alle sechs Monate, jeweils im September und im März, einen
Arztbericht einzureichen, aus welchem der Verlauf der kontrollierten Abstinenz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hervorgeht, den ersten per 30. September 2017 (Ziff. 4). Die Auflagen haben auf
unbestimmte Zeit Gültigkeit. Die Aufhebung der Abstinenzkontrolle kann frühestens
nach dem Ablauf von eineinhalb Jahren und nur auf ein schriftliches Gesuch hin geprüft
werden (Ziff. 5).
D.- Das erste Arztzeugnis über die Abstinenzkontrolle vom 29. September 2017 wies
zwei auf Cannabis negative Urinproben vom 31. August 2017 und 26. September 2017
aus. Am 28. März 2018 erinnerte das Strassenverkehrsamt X daran, den halbjährlichen
Bericht des Hausarztes einzureichen. Nachdem darauf keine Reaktion erfolgt war,
forderte es X am 16. April 2018 erneut – diesmal per Einschreiben – dazu auf, den
Arztbericht innert 5 Tagen einzureichen; andernfalls sehe sich das Amt gezwungen,
den Führerausweis vorsorglich zu entziehen. Am 20. April 2018 ging beim
Strassenverkehrsamt ein Arztbericht vom 10. April 2018 ein, der weitere auf Cannabis
negative Urinproben vom 6. Oktober 2017, 24. November 2017 und 9. Februar 2018
bestätigte. Das Strassenverkehrsamt hielt mit Schreiben vom 20. April 2018 fest, dass
keine Urinkontrollen vom Dezember 2017, Januar und März 2018 vorliegen würden. Da
die Auflagen nicht lückenlos bzw. vollumfänglich eingehalten worden seien, sei eine
"Verwarnung nach Art. 16 Abs. 1 SVG" sowie die Verlängerung der Auflagen
vorgesehen. Am 7. Mai 2018 erklärte X, dass er im Dezember 2017 zwar eine
Urinkontrolle abgegeben habe, sein Arzt aber vom Spital keinen Bericht darüber
erhalten habe. Zudem sei er im Dezember für längere Zeit im Ausland gewesen und
habe deshalb keine Urinproben abgeben können. Im März 2018 sei er vom Arzt nicht
aufgeboten worden und habe es selbst völlig vergessen. Mit Schreiben vom 22. Mai
2018 wurden diese Ausführungen vom Hausarzt bestätigt. Der Untersuchungsbericht
vom 15. Dezember 2017 wurde mit auf Cannabis negativem Resultat nachgereicht.
E.- Am 28. Mai 2018 verfügte das Strassenverkehrsamt, X werde wegen Missachten
der Auflagen eine Verwarnung erteilt (Ziff. 1), eine Aufhebung der Auflagen könne erst
nach Vollendung von drei lückenlosen Kontrollzyklen gemäss Verfügung vom 25. Juli
2017 erfolgen (Ziff. 2) und die Anzahl der verfügten Kontrollzyklen beginne mit der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
letzten negativen Urinkontrolle vom Februar 2018 (Ziff. 3). Dagegen erhob X mit
Eingabe vom 11. Juni 2018 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons
St. Gallen (VRK). Er beantragte, die angeordnete Kontrolldauer der Auflagen von
weiteren drei Zyklen sei zu reduzieren oder aufzuheben. Er sei bis anhin immer negativ
getestet worden und habe seit Wiedererteilung des Führerausweises schon während
eines ganzen Jahres Urinproben abgegeben. Die Auflagen hätten ihn schon fast
Fr. 10'000.– gekostet und die damit verbundenen Umtriebe ihn schon genug gestraft
und eines Besseren belehrt. Einmal sei ihm die Kontrolle wegen eines
Auslandaufenthalts unpässlich gewesen und das andere Mal sei das Aufgebot des
Arztes unterblieben, was mal vorkommen könne. Die Vorinstanz verzichtete mit
Eingabe vom 9. Juli 2018 auf eine Vernehmlassung. Am 6. Dezember 2018 informierte
der Präsident X darüber, dass das Gericht im vorliegenden Verfahren auch überprüfen
müsse, ob sein Führerausweis allenfalls erneut zu entziehen sei. Er gab ihm
Gelegenheit, sich dazu zu äussern oder den Rekurs allenfalls zurückzuziehen. Der
Rekurrent reagierte jedoch weder darauf noch auf eine spätere telefonische
Kontaktaufnahme seitens der Gerichtsschreiberin vom 17. Januar 2019. Eine
entsprechende Nachfrage beim Strassenverkehrsamt ergab am 11. Februar 2019, dass
der Rekurrent ab dem Datum der angefochtenen Verfügung (28. Mai 2018) trotz
mehrmaliger Aufforderung keinen Abstinenznachweis mehr eingereicht habe.
F.- Am 26. Februar 2019 reichte X der VRK Unterlagen ein, die bestätigen, dass in der
Zeit von April 2018 bis Februar 2019 monatlich Urinproben abgenommen und negativ
auf Cannabis geprüft worden sind. Daraufhin gewährte das Gericht dem
Strassenverkehrsamt mit Schreiben vom 27. Februar 2019 nochmals Gelegenheit zur
Stellungnahme. Am 1. März 2019 erklärte dieses, dass es nach Prüfung der Aktenlage
an der angefochtenen Verfügung festhalte. Den kürzlich verfügten vorsorglichen Entzug
habe es jedoch wieder aufgehoben.

Auf die Ausführungen im Rekurs wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 11. Juni 2018 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die von der Vorinstanz verfügte Verlängerung der
Mindestkontrolldauer der Auflagen zulässig und verhältnismässig ist.
a) Führerausweise dürfen nicht erteilt werden, wenn der Bewerber an einer die
Fahreignung ausschliessenden Sucht leidet (Art. 14 Abs. 1 und Abs. 2 lit. c des
Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Der Führerausweis wird
entzogen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung
nicht oder nicht mehr bestehen; sie können entzogen werden, wenn die mit der
Erteilung im Einzelfall verbundenen Beschränkungen oder Auflagen missachtet werden
(Art. 16 Abs. 1 SVG). Wegen fehlender Fahreignung wird einer Person der
Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn sie an einer Sucht leidet, welche
die Fahreignung ausschliesst (Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG). Drogensucht wird bejaht,
wenn die Abhängigkeit von Drogen derart ist, dass der Betroffene mehr als jede andere
Person der Gefahr ausgesetzt ist, sich in einem Zustand ans Steuer eines Fahrzeugs zu
setzen, der das sichere Führen nicht mehr gewährleistet. Allgemein darf auf fehlende
Fahreignung geschlossen werden, wenn die Person nicht (mehr) in der Lage ist,
Drogenkonsum und Strassenverkehr ausreichend auseinanderzuhalten, oder wenn die
nahe liegende Gefahr besteht, dass sie im akuten Rauschzustand am motorisierten
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Strassenverkehr teilnimmt (BGE 129 II 82 E. 4.1, 127 II 122 E. 3c mit Hinweisen). Ein
regelmässiger, aber kontrollierter und mässiger Cannabiskonsum erlaubt für sich allein
noch nicht den Schluss auf eine fehlende Fahreignung. Von Bedeutung sind die
Konsumgewohnheiten der Person, ihre Vorgeschichte – namentlich hinsichtlich
einschlägigen Drogenmissbrauchs im Strassenverkehr – und ihre Persönlichkeit (BGE
128 II 335 E. 4a mit Hinweisen, BGE 127 II 122 E. 4b). Wer gelegentlich Cannabis
konsumiert, ist in der Lage, den gestellten Anforderungen zum Führen von
Motorfahrzeugen gerecht zu werden, wenn er Konsum und Fahren trennen kann, wenn
kein zusätzlicher Gebrauch von Alkohol oder anderen psychoaktiv wirkenden Stoffen
und keine Störung der Persönlichkeit und kein Kontrollverlust vorliegen (vgl. E.
Stephan, Begutachtung bei Drogenauffälligkeiten aus psychologischer Sicht, in:
Madea/Musshoff/Berghaus [Hrsg.], Verkehrsmedizin, 2. Aufl. 2012, S. 523 ff.).
Nach allgemeinen verwaltungsrechtlichen Grundsätzen ist es im Rahmen der
Verhältnismässigkeit zulässig, aus besonderen Gründen den Führerausweis mit
Auflagen zu versehen, wenn diese der Sicherstellung der Fahreignung und damit der
Verkehrssicherheit dienen sowie mit dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang stehen.
Die Anordnung von Auflagen kommt dann in Frage, wenn der Lenker die gesetzlichen
Anforderungen an die Fahreignung bei Einhaltung bestimmter Massnahmen erfüllt; ein
Entzugsgrund nach Art. 16 SVG muss dabei nicht gegeben sein. Erforderlich ist zudem,
dass sich die Fahreignung nur mit dieser Massnahme aufrechterhalten lässt und die
Auflagen erfüll- und kontrollierbar sind (BGE 131 II 248 E. 6). Dass ein Fahrzeuglenker
zum Missbrauch von Substanzen, welche die Fahrfähigkeit beeinträchtigen, neigt, stellt
einen besonderen Grund dar, der Auflagen rechtfertigt (zum Alkoholmissbrauch vgl.
BGE 131 II 248 E. 6.3). Ein solcher besonderer Grund liegt bei einem Konsumverhalten
vor, bei welchem es überwiegend wahrscheinlich ist, dass der Betroffene ausser
Stande ist, eine drogenkonsumbedingte zeitweilige Fahruntüchtigkeit rechtzeitig als
solche zu erkennen oder trotz einer solchen Erkenntnis von der aktiven Teilnahme am
Strassenverkehr abzusehen (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer] 6A.11/2006 vom
13. April 2006 E. 3.2). Personen, die zwar nicht drogensüchtig, aber nachweislich in
erheblichem Ausmass suchtgefährdet sind, kann der Führerausweis deshalb unter
einer Abstinenzauflage erteilt werden (Ph. Weissenberger, Administrativrechtliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Massnahmen bei Alkohol- und Drogengefährdung, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2004, St. Gallen 2004, S. 134 f.). Gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung können bei bloss einmaligem oder gelegentlichem Cannabiskonsum
nicht ohne weiteres entsprechende Auflagen angeordnet werden. Es entspreche zwar
gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis, dass der Cannabisrausch die Fahrtüchtigkeit
beeinträchtige. Der gelegentliche Cannabiskonsument, der nicht mit Alkohol oder
anderen Drogen mische, sei jedoch in der Regel in der Lage, konsumbedingte
Leistungseinbussen als solche zu erkennen und danach zu handeln. Demgegenüber sei
bei andauerndem, regelmässigem und gleichzeitig hohem Cannabiskonsum von einer
geringen Bereitschaft und Fähigkeit auszugehen, zuverlässig zwischen dem
Drogenkonsum und der Teilnahme am Strassenverkehr zu trennen (BGer 6A.11/2006
vom 13. April 2006 E. 3.3).
Bestehen nach Ablauf der kontrollierten Abstinenz noch Bedenken hinsichtlich der
Fahreignung, kann die Wiedererteilung des Führerausweises an die Einhaltung einer
befristeten und ärztlich kontrollierten Abstinenz geknüpft werden. Eine solche
Bedingung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Überwindung der
Suchtkrankheit, welche die Fahreignung des Betroffenen beeinträchtigt. Der damit
verbundene empfindliche Eingriff in den Persönlichkeitsbereich ist im Interesse der
Verkehrssicherheit gerechtfertigt. Vermag die betroffene Person in einem solchen Fall
die mit der Wiedererteilung des Führerausweises auferlegte, befristete und ärztlich
kontrollierte Abstinenz nicht einzuhalten, ist ihr der Ausweis gemäss Art. 17 Abs. 5 SVG
zwingend wieder zu entziehen. Während beim Sicherungsentzug nach Art. 16d Abs. 1
lit. b SVG sorgfältigen verkehrsmedizinischen Abklärungen grosse Bedeutung
zukommt, rechtfertigt die Nichteinhaltung einer mit der Wiedererteilung des
Führerausweises verknüpften Bedingung den erneuten Entzug des Ausweises, ohne
dass zuvor noch einmal verkehrsmedizinische Abklärungen hinsichtlich der
Fahreignung notwendig wären (BGer 1C_26/2011 vom 25. Juli 2011 E. 4.1; vgl. Urteil
der VRK [VRKE] IV-2018/142 vom 29. November 2018, im Internet abrufbar unter:
www.gerichte.sg.ch).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
b) Vorliegend wurde der Rekurrent anlässlich einer Verkehrskontrolle positiv auf
Cannabis getestet. Mit verkehrsmedizinischem Gutachten des IRM vom 12. Mai 2016
wurde ihm die Fahreignung aufgrund eines verkehrsrelevanten Cannabismissbrauchs
abgesprochen. Das Strassenverkehrsamt entzog ihm am 13. Juni 2016 den
Führerausweis auf unbestimmte Zeit und erklärte unter anderem eine kontrollierte und
fachlich betreute Cannabisabstinenz (Arzt und Beratungsstelle) als Bedingung für die
Wiedererteilung. Das verkehrsmedizinische Gutachten vom 26. Juni 2017 ergab, dass
die Fahreignung des Rekurrenten unter Auflagen wieder bejaht werden könne. Am
25. Juli 2017 wurde der Führerausweis unter der Auflage einer weiteren vollständigen
und kontrollierten Cannabisabstinenz wiedererteilt. Das Strassenverkehrsamt erklärte,
deren Aufhebung könne frühestens nach dem Ablauf von eineinhalb Jahren geprüft
werden. Für die Periode Oktober 2017 bis März 2018 konnte der Rekurrent die
monatlichen Urinproben nur teilweise vorlegen. Für Januar und März 2018 lagen keine
Resultate vor. Hinsichtlich des fehlenden Berichts vom Januar 2018 erklärte der
Rekurrent, im Dezember 2017 für längere Zeit im Ausland geweilt zu haben. Dabei gab
er jedoch nicht an, in welchem Zeitraum er genau abwesend war. Auch ist nicht
bekannt, wo er sich aufgehalten hat. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass bei
einer Abwesenheit im Dezember 2017 eine Kontrolle im Januar 2018 bei seinem Arzt in
der Schweiz wieder möglich gewesen wäre. Des Weiteren ist der Rekurrent selbst
beweispflichtig. War ein Arztbesuch in der Schweiz tatsächlich während eines ganzen
Monats nicht möglich, so hätte er sich vorgängig bei der Vorinstanz erkundigen
müssen, wie und ob er die Probe allenfalls auch im Ausland erbringen könne oder ob
es eine andere Möglichkeit gäbe, den Nachweis für diesen Zeitabschnitt zu erbringen.
Sodann vergass sein Arzt im März 2018, ihn aufzubieten. In der Verfügung vom 25. Juli
2017 wurde er ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er für das korrekte Erfüllen der
Auflagen sowie das rechtzeitige Einreichen der Berichte selbst verantwortlich sei
(act. 9/62). Unter diesen Umständen hätte er sich spätestens gegen Ende des Monats
bei seinem Arzt erkundigen müssen. Innerhalb eines halben Jahres fehlen somit zwei
Untersuchungsprotokolle. Im Januar 2018 war dies durch den Rekurrenten
vollumfänglich und im März 2018 zumindest teilweise verschuldet. Der Arztbericht ist
damit lückenhaft und der Nachweis der Abstinenz nicht erbracht.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nachdem der Rekurrent den Abstinenznachweis in Form der verlangten monatlichen
Urinkontrollen für das halbe Jahr von Oktober 2017 bis März 2018 nicht erbringen
konnte, verfügte das Strassenverkehrsamt eine Verlängerung der Auflagen. Diese
Verlängerung der Auflagen widerspricht Art. 17 Abs. 5 SVG, der bei Auflagen im
Rahmen einer Wiedererteilung gemäss voranstehenden Ausführungen grundsätzlich
zwingend anzuwenden ist. Demnach ist der Führerausweis bei einer Missachtung der
Auflagen ohne weitere Abklärung wieder zu entziehen. Dabei ist unerheblich, ob die
ärztliche Untersuchung ergibt, dass die Auflage nicht eingehalten wurde, oder sich der
Betreffende den ärztlichen Kontrollen in verschuldeter Weise nicht stellt
(Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. Zürich/St. Gallen 2015, Art. 17
SVG N 27). Andernfalls würde diejenige Person, die sich nach einem Konsum der
Kontrolle entzieht, besser fahren als diejenige, die sich trotz Konsums den ärztlichen
Terminen stellt. Dies kann weder im Sinne des Gesetzes noch im öffentlichen Interesse
an der Verkehrssicherheit liegen.
Das Gericht gewährte dem Rekurrenten mit Schreiben vom 6. Dezember 2018 und
Telefonat vom 17. Januar 2019 das rechtliche Gehör zur allfälligen Schlechterstellung.
Es machte ihn darauf aufmerksam, dass auch geprüft werde, ob anstatt einer
Verlängerung der Auflagen ein erneuter Entzug des Führerausweises erfolgen müsse
(reformatio in peius). Eine Reaktion des Rekurrenten blieb vorerst aus. Die Vorinstanz
erklärte am 11. Februar 2019, dass der Rekurrent seit Erlass der angefochtenen
Verfügung keine Urinkontrollen mehr eingereicht habe. Das Gericht liess den
Verfahrensbeteiligten am 12. Februar 2019 die entsprechenden Aktennotizen zur
Kenntnisnahme zukommen. Am 26. Februar 2019 reichte der Rekurrent dem Gericht
einen vollständigen Abstinenznachweis über die Zeit von April 2018 bis Februar 2019
ein. Die Vorinstanz äusserte sich materiell nicht dazu, hielt aber an der angefochtenen
Verfügung fest.
Es ist unklar, weshalb die Untersuchungsberichte bei der Vorinstanz nicht eingetroffen
sind. Deren Beweiskraft ist jedoch unbestritten. Nachdem der Rekurrent in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zwischenzeit den Abstinenznachweis für fast ein ganzes Jahr erbracht hat, wäre ein
erneuter Ausweisentzug zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr verhältnismässig. Er
scheint auch im Interesse der Verkehrssicherheit aktuell nicht mehr geboten. Damit ist
auch eine allfällige Schlechterstellung des Rekurrenten im Rekursverfahren (reformatio
in peius) vom Tisch.
c) Es stellt sich folglich aktuell die Frage, ob die Verlängerung der Auflagendauer bzw.
die Auflagendauer von insgesamt eineinhalb Jahren angemessen ist. Die
Verkehrskontrolle vom 23. Dezember 2015 liegt schon über drei Jahre zurück. Damals
wurde dem Rekurrenten eine Fahrunfähigkeit aufgrund Cannabis-Konsums
nachgewiesen, und der Führerausweis durch die Polizei sofort abgenommen.
Anschliessend wurde ein Sicherungsentzug verfügt. Erst im Juli 2017 erhielt der
Rekurrent seinen Führerausweis nach Einhaltung einer sechsmonatigen Cannabis-
Abstinenz sowie einer verkehrsmedizinischen Untersuchung unter der Auflage einer
weiteren Cannabis-Abstinenz von eineinhalb Jahren zurück. Das Gutachten vom 26.
Juni 2017 ergab sowohl in körperlicher als auch in psychischer Hinsicht ein
unauffälliges Bild. Die Einhaltung der Cannabis-Abstinenz wurde bestätigt, der Konsum
anderer Drogen verneint und Ethylglucuronid (EtG, Abbauprodukt von Trinkalkohol)
konnte nicht nachgewiesen werden. Dies lässt darauf schliessen, dass es auch keine
Suchtverlagerung gab. Einzig wurde konstatiert, dass erhöhte Leberwerte bestünden,
was aber verschiedene Ursachen haben könne. Zudem wurde festgestellt, dass der
Rekurrent die empfohlene Suchtberatung nicht in Anspruch genommen habe. Weshalb
eine Auflagendauer von weiteren eineinhalb Jahren angezeigt sei, wurde nicht
begründet bzw. dafür lediglich auf den Vorfall vom 23. Dezember 2015 verwiesen.
Auch die Vorinstanz führte weder in ihrer Verfügung vom 19. Juli 2017 noch in der
vorliegend angefochtenen Verfügung vom 28. Mai 2018 aus, weshalb sie eine derart
lange Auflagendauer noch als geboten erachtet. Ferner äusserte sie sich auch mit
Eingabe vom 1. März 2019 nicht dazu. Nachdem der Rekurrent am 26. Februar 2019
den lückenlosen Nachweis einer Cannabisabstinenz über den Zeitraum von April 2018
bis Februar 2019 erbracht hat, bestehen keine Bedenken an seiner Fahreignung mehr.
Seit der Wiedererteilung des Führerausweises ist er im Strassenverkehr denn auch
nicht mehr negativ aufgefallen. Eine weitere Aufrechterhaltung der Auflagen ist im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
heutigen Zeitpunkt nicht mehr verhältnismässig. Zudem ist davon auszugehen, dass er
seine Lehren aus dem Vorfall vom 23. Dezember 2015 mit den Konsequenzen des
(faktisch mehr als eineinhalbjährigen) Führerausweisentzugs sowie der zahlreichen und
kostspieligen Untersuchungen gezogen hat.
Dementsprechend ist die angefochtene Verfügung vom 28. Mai 2018 aufzuheben. Der
Führerausweis ist mit keinen Auflagen mehr zu versehen und der Code 101 im
Führerausweis zu löschen. Der Führerausweis ist fortan auflagenfrei.
3.- Schliesslich bleibt darauf hinzuweisen, dass der Begriff "Verwarnung" (vgl. Ziffer 1
des vorinstanzlichen Rechtsspruchs) im Zusammenhang mit Warnungsentzügen
gebraucht wird. Bei einer leichten Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften wird anstatt eines Warnungsentzugs eine "Verwarnung"
ausgesprochen, wenn der fehlbaren Person in den vorangegangenen zwei Jahren der
Ausweis nicht entzogen war und keine andere Administrativmassnahme verfügt wurde
(Art. 16a Abs. 3 SVG). Bei einer Missachtung von Auflagen, die mit den Kaskaden der
Warnungsentzüge nichts zu tun hat, wären allenfalls Begriffe wie "Ermahnung" oder
"Verweis" zu verwenden, sofern denn nicht von Gesetzes wegen zwingend ein
Ausweisentzug zu verfügen ist.
4.- Der Rekurrent obsiegt zwar in der Sache, weshalb die Verfahrenskosten
grundsätzlich dem Staat aufzuerlegen wären (Art. 95 Abs. 1 VRP). Zu berücksichtigen
ist jedoch, dass die Voraussetzungen für die Gutheissung erst im Rekursverfahren
geschaffen wurden, indem sich der Rekurrent weiterhin den Auflagen unterzog. Unter
diesen Umständen erscheint es gerechtfertigt, die amtlichen Kosten, eine
Entscheidgebühr von Fr. 800.– (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12) dem Rekurrenten und dem Staat je zur Hälfte aufzuerlegen. Der
Kostenvorschuss von Fr. 800.– ist mit dem Kostenanteil des Rekurrenten von Fr. 400.–
zu verrechnen und im Restbetrag von Fr. 400.– zurückzuerstatten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte