Decision ID: 943e04ea-465c-411a-aded-caf0662c1291
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ wurde im Juni 1995 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
angemeldet (IV-act. 1). Eine Fachärztin des Z._ berichtete am 30. Dezember 1996,
beim Versicherten sei ein POS (Psycho-Organisches Syndrom, Geburtsgebrechen
Ziffer 404) diagnostiziert worden (IV-act. 11). Der Versicherte besuchte die Volksschule
und wechselte im März 2005 (während des 8. Schuljahres) wegen Schwierigkeiten in
der Beschulung in eine Sonderschule für Kinder mit Verhaltens- und
Lernschwierigkeiten (vgl. den schulpsychologischen Bericht vom 7. April 2005, IV-
act. 39). Dr. med. B._, Kinder- und Jugendpsychiatrie, gab am 13. Juni 2005 die
Diagnosen einer Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0), eines POS
(GG 404), einer kombinierten Störung des Sozialverhaltens und der Emotion (ICD-10
F92.8) und einer durchschnittlichen Intelligenz mit Schwächen in der auditiven
Reproduktion, in der Zahlenmerkfähigkeit sowie der visuomotorischen und serial-
logischen Leistung an (IV-act. 51). Sie berichtete, der Versicherte habe die Probezeit in
der Sonderschule nicht bestanden. Vom 27. Juni 2005 bis 8. Oktober 2005 hielt sich
der Versicherte stationär in der Klinik C._ auf (IV-act. 56). Die Fachärzte gaben am
17. Oktober 2005 die Diagnosen sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und
emotionale Störung mit Schulverweigerung, depressiver Symptomatik und autistischen
Zügen, welche aber nicht die Kriterien zur Diagnose einer tiefgreifenden
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Entwicklungsstörung erfüllten (ICD-10 F98.8), und anamnestisch bekannte einfache
Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0) an. Sie hielten fest, der
Versicherte verfüge über stark eingeschränkte psychosoziale Kompetenzen. Sein
Verhalten im Alltag habe etwas Zwanghaftes und sein Beziehungsverhalten habe
deutlich autistische Züge. Seine eingeschränkten Kompetenzen, mit schwierigen
Gefühlen angemessen umzugehen, dürften zu seinem ausgeprägten Vermeidungs- und
Verweigerungsverhalten geführt haben. Für das letzte Schuljahr trat der Versicherte in
die Berufsvorbereitungsklasse des Sonderschulheims D._ ein (IV-act. 60). Da er nach
einigen Wochen den weiteren Aufenthalt dort verweigerte, trat er im Februar 2006 aus
dem Sonderschulheim aus und arbeitete auf dem Y._ mit (IV-act. 67, 68). Der
Berufsberater der IV-Stelle schloss die Berufsberatung mit einem Schlussbericht vom
23. August 2006 ab. Er hielt fest, dass er den Versicherten nicht zu einer erstmaligen
beruflichen Ausbildung motivieren könne; dieser bleibe stur in seiner
Verweigerungshaltung (IV-act. 74; vgl. auch die Mitteilung vom 13. September 2006
betreffend die Abweisung des Anspruchs auf berufliche Massnahmen, IV-act. 77).
B.
Im November/Dezember 2009 meldete sich der Versicherte zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung für Erwachsene an (IV-act. 80). Er gab an, dass er
von August 2007 bis August 2009 eine Anlehre als Apparatemonteur absolviert habe
(vgl. die Beilage zum Anlehr-Ausweis, IV-act. 82). Seither sei er arbeitslos. Er leide zum
Teil an einem autistischen Verhalten und fühle sich in gewissen Situationen überfordert.
Dr. med. E._ vom IV-internen Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) notierte am
5. Januar 2010, eine Invalidität sei zweifelsfrei ausgewiesen; der Versicherte leide am
Geburtsgebrechen Ziffer 404. Die IV-Stelle unterstützte den Versicherten bei der
Stellensuche (IV-act. 95 ff.). Nachdem der Versicherte den Eingliederungsplan trotz
Mahnung nicht retourniert und sich bei der IV-Stelle wegen einer Stelle, die er hätte
antreten können, nicht gemeldet hatte (IV-act. 102-4), schloss die IV-Stelle die
beruflichen Massnahmen mit einer Mitteilung vom 2. Juli 2010 ab (IV-act. 104). Die
RAD-Ärztin Dr. med. F._ notierte am 28. März 2011 (IV-act. 109), unklar sei, ob die
wiederholten und auffälligen Verweigerungshaltungen des Versicherten auf ein
psychiatrisches Leiden zurückzuführen seien. Sie empfahl eine psychiatrische
Begutachtung.
B.a.
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C.
Der Versicherte wurde im Mai 2011 durch Dr. med. G._, Arzt für Neurologie und
Psychiatrie, psychiatrisch untersucht. Im Gutachten vom 12. Mai 2011 gab Dr. G._
die Diagnosen einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS, ICD-10
F90.0) und einer gemischten Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8) an (IV-act. 113-11).
Er hielt fest, auf der Schädigungsebene ergebe sich in erster Linie eine
Beeinträchtigung neurokognitiver Fähigkeiten (Aufmerksamkeit, Konzentration,
Arbeitsgeschwindigkeit), des Selbsterlebens, sekundär der Stimmung, des affektiven
Ausdrucks und der affektiven Resonanz. Auf der Fähigkeitsebene resultiere eine
Beeinträchtigung der Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen, zur Flexibilität
und Umstellung, zur Ausdauer und zum Durchhalten, zur Selbstbehauptung in der
Gruppe, zur Gestaltung und zum Unterhalt von Beziehungen. Beeinträchtigt sei auch
die Fähigkeit zu ausserberuflichen Aktivitäten. Die Auswirkungen der vorangegangenen
Gesundheitsstörungen und der resultierenden Fähigkeitseinschränkungen auf die
Ebene von Teilhabe und Partizipation sowohl im ausserberuflichen Alltag wie im
Bereich der Erwerbsarbeit seien relevant. Die Arbeitsfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit (Elektromonteur in Anlerntätigkeiten, selbstständige Tätigkeit,
Selbstorganisation des Arbeitsbereichs, kein Publikumsverkehr, keine
Gruppeneinordnung) betrage 75%. Eine leidensangepasste Tätigkeit mit einer höheren
resultierenden Arbeitsfähigkeit könne er nicht benennen. Die RAD-Ärztin Dr. F._
notierte am 14. Juni 2011, auf das Gutachten könne abgestellt werden (IV-act. 114).
B.b.
Mit einem Vorbescheid vom 24. August 2011 stellte die IV-Stelle dem Versicherten
bei einem Invaliditätsgrad von 25% die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht
(IV-act. 117). Der Versicherte erhob dagegen keinen Einwand. Mit einer Verfügung vom
20. Oktober 2011 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab (IV-act. 118). Diese
Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
B.c.
Im November 2017 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an
(IV-act. 133). Er gab an, dass er verbeiständet sei. Er sei verheiratet (getrennt lebend)
und Vater eines am _ 2014 geborenen Sohnes. Er werde vom Sozialamt H._
unterstützt. Ab Juni 2011 bis Dezember 2014 habe er als Stanzer (Maschinenführer) in
C.a.
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einem Vollzeitpensum bei der I._ AG gearbeitet. Seit Mai 2016 sei er in der
Psychiatrie J._ in Behandlung.
Der Hausarzt Dr. med. L._, Facharzt FMH Allgemeine Medizin, berichtete am
5. Dezember 2017 (IV-act. 140), der Versicherte sei seit Jahren bei ihm in Behandlung.
Schon während der Schulzeit habe sich der Versicherte im Verhalten sehr auffällig
gezeigt. Der Gesundheitszustand habe sich in den letzten zwei Jahren verschlechtert.
Seit Mai 2016 befinde er sich in der Psychiatrie J._in Behandlung. Ende Oktober
2017 habe er sich entschieden, ab November 2017 die Tagesklinik zu besuchen. Er
(Dr. L._) habe den Eindruck, dass der Versicherte seine schulischen Defizite
realistisch schildern könne, aber seine Arbeitsleistung überschätze. Dessen
Frustrationstoleranz sei stark vermindert, was dazu führe, dass er belastenden
Situationen ausweiche. Er könne anderen Menschen nicht vertrauen und sich kaum auf
Hilfsangebote einlassen. Dr. L._ hielt fest, es gebe viele Hinweise darauf, dass der
Versicherte an einer zunehmenden paranoiden Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60)
leide. Die Ausprägung der Persönlichkeitsstörung, die sehr belastenden Erfahrungen in
der Kindheit und die kognitiven Schwächen verbunden mit einer verminderten
Problemlösungsfähigkeit erschwerten es dem Versicherten massiv, sich im ersten
Arbeitsmarkt um eine Arbeitsstelle zu bemühen bzw. sich auf einen
Arbeitsintegrationsversuch im Rahmen der IV einzulassen. Fachärzte der Tagesklinik
der Psychiatrie J._ teilten am 22. Mai 2018 mit (IV-act. 145), sie hätten beim
Versicherten die Diagnosen einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10 F32.1),
einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit vermeidend-selbstunsicheren und
zwanghaften Zügen (ICD-10 F61) und einer unterdurchschnittlichen Intelligenz (gemäss
psychodiagnostischer Abklärung im Juli 2016) gestellt. Der Versicherte habe vom 10.
Januar 2018 bis 29. März 2018/9. April 2018 die Tagesklinik besucht. Davor (ab Mai
2016) sei er im Ambulatorium der Psychiatrie J._ behandelt worden; ab Mai 2018
habe er diese Behandlung wieder aufgenommen. Im Jahr 2012 habe sich der Vater des
Versicherten suizidiert. Die Prognose sei ungünstig. Während der ambulanten wie auch
der tagesklinischen Behandlung sei immer wieder aufgefallen, dass es dem
Versicherten schwerfalle, sich an Abmachungen zu halten. Anforderungen versuche er
auszuweichen. Die Fachärzte attestierten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit während
des tagesklinischen Aufenthalts. Sie gaben an, der Versicherte sei ihres Erachtens in
C.b.
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der Lage, Integrationsmassnahmen in einem geschützten Rahmen wahrzunehmen. Die
Arbeitsfähigkeit müsse während einer entsprechenden Abklärung eruiert werden. Der
Versicherte benötige eine konstante Ansprechperson sowie klare und strukturierte
Anweisungen. Das Konzentrations- und das Auffassungsvermögen, die
Anpassungsfähigkeit und die Belastbarkeit des Versicherten seien eingeschränkt (seit
2016). Fachpersonen hatten in einem Bericht vom 15. Juli 2016 betreffend eine
testpsychologische Untersuchung festgehalten (IV-act. 145-9 ff.), der Gesamt-IQ (Wert
zwischen 76 und 83 bei einer 90%igen Wahrscheinlichkeit) scheine durch die
schlechten Leistungen in den Bereichen Arbeitsgedächtnis und
Verarbeitungsgeschwindigkeit negativ beeinflusst zu sein, was durch einen
vergleichsweise hohen allgemeinen Fähigkeitsindex ausgedrückt werde. Zu beachten
sei, dass der Versicherte aktuell unter einer klinisch relevanten depressiven
Symptomatik leide, was diese kognitiven Bereiche beeinflusst haben könnte. Es hätten
sich Hinweise auf eine deutliche Persönlichkeitsakzentuierung ergeben. Die RAD-Ärztin
Dr. med. M._ notierte am 19. Juni 2018 (IV-act. 146), zumindest seit dem 10. Januar
2018 sei zusätzlich zu den bei der Referenzsituation bekannten Diagnosen eine
mittelgradige depressive Störung diagnostiziert worden. Weiter sei zum
Referenzzeitpunkt nicht von einer unterdurchschnittlichen Intelligenz ausgegangen
worden, die Schul- und Berufsbiographie lasse sich damit jedoch in Einklang bringen.
Sie empfahl die Einholung eines Berichts zur psychiatrischen Behandlung seit Mai 2016
und eines Arbeitgeberberichts sowie eine berufliche Abklärung zur Beurteilung der
Kriterien einer adaptierten Erwerbstätigkeit.
Die IV-Stelle holte mehrere Arbeitgeberberichte ein. Die N._ AG (vgl. IK-Auszug,
IV-act. 139) berichtete am 3. Juli 2018 (IV-act. 147), der Versicherte sei vom
30. November 2015 bis 31. März 2016 befristet als Mitarbeiter Rotation/Spritzerei
angestellt gewesen. Er habe in der Montage von Bodenreinigungsmaschinen
mitgearbeitet. Der Monatslohn habe Fr. 4'200.-- bei einer Wochenarbeitszeit von
43.75 Stunden betragen. Der Lohn habe der Arbeitsleistung entsprochen. Die O._
GmbH teilte am 9. Juli 2018 mit (IV-act. 148), der Versicherte sei vom 1. März 2016 bis
31. Dezember 2016 im Parkdienst im Stundenlohn angestellt gewesen. Der Versicherte
sei sehr unzuverlässig gewesen und habe im September, Oktober und November 2016
keine Arbeit mehr angenommen bzw. sei nicht mehr zu seinen Arbeitseinsätzen
C.c.
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erschienen. Im Dezember 2016 habe sie ihm nochmals eine Chance gegeben, die er
jedoch nicht genutzt habe. Sie legte die Lohnabrechnungen bei. Der Lohn hatte rund
Fr. 500.-- pro Monat bei einem Stundenlohn von Fr. 19.-- betragen. Die I._ AG gab
am 18. Juli 2018 an (IV-act. 150), der Versicherte sei vom 14. Juni 2011 bis
31. Dezember 2014 als Anlagenführer Stanzer angestellt gewesen. Das
Arbeitsverhältnis sei durch die I._ AG aufgelöst worden. Der Jahreslohn habe
Fr. 50'700.-- bei einer Wochenarbeitszeit von 42 Stunden betragen. Der Lohn habe der
Arbeitsleistung entsprochen. Der Versicherte sei eher ein Einzelkämpfer und benötige
sich wiederholende Arbeiten.
Fachärzte der Psychiatrie J._ berichteten am 18. September 2018 (IV-act. 154),
der Gesundheitszustand des Versicherten sei stationär. Bei weiterhin bestehenden
depressiven Symptomen hätten sie dem Versicherten eine Psychopharmakotherapie
empfohlen; der Versicherte habe die Medikamente jedoch eigeninitiativ abgesetzt.
Aufgrund der Komorbidität und der unterdurchschnittlichen Intelligenz, die sich
insbesondere im Bereich des Arbeitsgedächtnisses und der
Verarbeitungsgeschwindigkeit zeigten, sei von keiner Arbeitsfähigkeit in der freien
Wirtschaft auszugehen. Der Versicherte benötige einen geschützten Rahmen mit
geregelten Arbeitszeiten und Routinetätigkeiten, die im handwerklichen Bereich
angesiedelt seien. Die festgestellte unterdurchschnittliche Intelligenz und die klinisch
diagnostizierte selbstunsichere und vermeidende Persönlichkeitsstörung führten
oftmals dazu, dass der Versicherte unkonzentriert und fehlerhaft arbeite, grüble und bei
Kritik nicht in der Lage sei, entsprechend üblicher sozialer Normen zu reagieren. Die
bisherige Tätigkeit sei dem Versicherte nicht mehr zumutbar, andere Tätigkeiten
hingegen schon. Die Art der zumutbaren Tätigkeiten sollte im Rahmen einer
Integrationsmassnahme abgeklärt werden. Die Teamgrösse sollte überschaubar sein
und allenfalls Routineaufgaben beinhalten.
C.d.
Die RAD-Ärztin Dr. M._ notierte am 26. September 2018 (IV-act. 155), aktuell sei
beim Versicherten keine Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit ausgewiesen. In
einer adaptierten Tätigkeit sei dem Versicherten eine zumindest halbtägige Präsenz mit
Steigerbarkeit zumutbar; die Leistungsfähigkeit sollte dabei weiter abgeklärt werden
können. Der Gesundheitszustand des Versicherten habe sich seit dem
Referenzzeitpunkt (24. August 2011) verschlechtert; damals sei keine depressive
C.e.
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Erkrankung bekannt gewesen. Der Beginn könne auf den Beginn der ambulanten
psychiatrischen Behandlung im Mai 2016 angenommen werden; im Bericht vom
15. Juli 2016 betreffend die testpsychologische Untersuchung werde von dieser
Behandlung mit bei dieser Untersuchung vorliegender klinisch relevanter depressiver
Symptomatik berichtet. Die Arbeitsfähigkeit sollte sozialpraktisch abgeklärt werden.
Angesichts des Krankheitsverlaufs seit der Kindheit (bei Geburtsgebrechen) und der
aktuell vorliegenden Persönlichkeitsstörung müsse von einer bleibenden
Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20% in der angestammten Tätigkeit ausgegangen
werden.
Die IV-Stelle holte einen IK-Auszug ein (IV-act. 157). Demnach hatte der
Versicherte von Mai bis Juli 2017 bei der P._ AG ein AHV-pflichtiges Einkommen von
Fr. 2'143.-- erzielt.
C.f.
Die IV-Stelle erteilte mit einer Mitteilung vom 24. Januar 2019 eine
Kostengutsprache für ein Belastbarkeitstraining in den Q._ vom 28. Januar 2019 bis
27. April 2019 (IV-act. 162). Mit einer Verfügung vom 4. März 2019 sprach sie dem
Versicherten für die Zeit des Belastbarkeitstrainings ein Taggeld von Fr. 14.40 pro Tag
zu (IV-act. 170). Der Versicherte hatte am 28. Januar 2019 das Belastbarkeitstraining
aufgenommen. Am 7. Februar 2019 hatte er einer Mitarbeiterin (Jobcoach) des Q._
per E-Mail mitgeteilt, dass es für ihn "nichts sei", ins Q._ zu gehen. Seine Gedanken
kreisten um seine (vor allem finanziellen) Probleme. Er versuche, sich anderweitig
etwas zu suchen; es sei nicht wegen dem Q._, sondern allein wegen ihm selbst (IV-
act. 168). Mit einer Mitteilung vom 12. März 2019 (IV-act. 173) hob die IV-Stelle die
Mitteilung vom 24. Januar 2019 per 6. Februar 2019 auf und gab an, dass das Taggeld
bis zum letzten Eingliederungstag ausbezahlt werde. Gemäss dem Schlussbericht der
Q._ vom 20. März 2019 (IV-act. 174) hatte der Versicherte an vier Tagen pro Woche
bei einer Präsenzzeit von drei Stunden pro Tag gearbeitet. Eine Leistungsmessung
hatte nicht stattgefunden; die Leistung wurde auf ca. 70-80% geschätzt. Seine
Jobcoachin gab an, der Versicherte habe ab dem 4. Februar 2019 eine Steigerung der
Präsenzzeit gewünscht und am 6. Februar 2019 habe er wegen privater Probleme das
Gespräch mit ihr gesucht. Am 7. Februar 2019 habe er das Belastbarkeitstraining
abgebrochen. Der Versicherte habe die Massnahme angefangen in der Hoffnung, dass
sein Wunsch nach einer Ausbildung in Erfüllung gehe. Nach einer Woche, in der er sich
C.g.
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wohl, aber unterfordert gefühlt habe, habe er gemerkt, dass es ihm nicht schnell genug
vorwärtsgehe. Es mache den Anschein, dass der Versicherte das Vertrauen und die
Geduld in den Prozess nicht aufbringen könne. Dazu komme, dass er keiner der
zuständigen Fachpersonen vertraut habe und es ihm nicht gelungen sei, Hilfe
anzunehmen.
Fachärzte der Psychiatrie J._ berichteten am 6. Mai 2019 über einen stationären
Gesundheitszustand des Versicherten (IV-act. 179). Sie gaben die Diagnosen einer
mittelgradigen depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom (ICD-10 F32.11)
und eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit vermeidend-selbstunsicheren und
zwanghaften Zügen (ICD-10 F61) an. Die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit und im
Alltag bestehe seit mehreren Jahren. Seit dem 11. Januar 2019 sei der Versicherte zu
den vereinbarten Terminen nicht mehr erschienen. Am 26. März 2019 hätten sie
erfahren, dass der Versicherte nicht mehr im Q._ arbeite. Die Tätigkeit in einer
Wiedereingliederungsmassnahme sei ihm zu sechs bis acht Stunden pro Tag
zumutbar. Die RAD-Ärztin Dr. M._ notierte am 24. Juni 2019 (IV-act. 180), zur
Abklärung des aktuellen Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des
Versicherten sei eine psychiatrische Begutachtung notwendig.
C.h.
Der Versicherte wurde am 12. September 2019 durch Prof. Dr. med. R._
psychiatrisch und am 25. September 2019 durch Dr. phil. S._ neuropsychologisch
untersucht. Im Gutachten vom 30. September 2019 (IV-act. 186) gab Prof. R._ als
Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine kombinierte Persönlichkeitsstörung
mit paranoiden und zwanghaften Anteilen (ICD-10 F61.0), eine im Erwachsenenalter
persistierende einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0) und
umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (ICD-10 F81) / DD
Borderline intellectual functioning (DSM-V 62.89) an. Als Diagnosen ohne einen Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit nannte er eine depressive Episode (gegenwärtig remittiert,
ICD-10 F32.4) sowie multiple psychosoziale Probleme mit/bei Problemen in Verbindung
mit Ausbildung und Bildung (ICD-10 Z55), Problemen in Verbindung mit Arbeitslosigkeit
(ICD-10 Z56), Problemen in der Beziehung zu den Eltern (Mutter) und Verwandten
(Geschwistern, ICD-10 Z63.1) und Alleinleben (ICD-10 Z60.2). Prof. R._ hielt fest, der
Versicherte habe grosse Schwierigkeiten gehabt, einen Sachverhalt nachvollziehbar
darzulegen. Bezüglich psychischer Störungen scheine keine oder wenig
C.i.
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Krankheitseinsicht vorzuliegen. Im Untersuchungszeitpunkt habe keine quantitative
oder qualitative Bewusstseinsstörung vorgelegen. Das Langzeitgedächtnis des
Versicherten sei intakt gewesen. Die Aufmerksamkeit und die Konzentration seien nicht
herabgesetzt gewesen. Das Denken habe sich in Kohärenz und Stringenz auf die
psychosozialen Probleme bei einer fehlenden Abstrahierungsfähigkeit eingeengt
gezeigt. Der Versicherte habe vermehrtes Gedankenkreisen angegeben. Die kognitive
Begabung liege – soweit dies im Rahmen einer psychiatrischen Exploration feststellbar
sei – im eher unteren Normbereich; gemäss dem neuropsychologischen
Zusatzuntersuch liege der Gesamt-IQ bei 84. Die Grundstimmung sei leicht
misstrauisch und im Affekt aggressionsgehemmt gewesen. Es habe eine
ausgesprochene Klagsamkeit mit einem Zurückziehen in die Opferrolle als
Benachteiligter bestanden. Die Freudfähigkeit und die Interessen hätten sich nicht
vermindert gefunden. Der Antrieb sei regelrecht gewesen. Das Selbstwertempfinden
sei vermindert und die Selbstwirksamkeitserwartung sei reduziert gewesen. Es habe
ein leichtes soziales Rückzugsverhalten bestanden und der Versicherte habe über
Zukunftsängste berichtet. Der Versicherte habe eine Persönlichkeit mit paranoiden
Anteilen gezeigt. Zudem habe eine hohe Rigidität im Denken im Sinne einer
zwanghaften Strukturierung imponiert. Eine übertriebene Empfindlichkeit und eine
Neigung zu ständigem Groll prägten den Charakter des Versicherten. Ein
situationsunangemessenes Verhalten mit einem Bestehen auf eigenen Rechten sei
aufgefallen. Eine hohe Rigidität in der Persönlichkeit mit einer geringen Flexibilität habe
imponiert. Es habe ein Verhalten mit Rückzugstendenzen bei einem
Überforderungserleben bestanden, welches eher der Paranoidität denn unsicheren
Zügen zuzurechnen sei. Der Versicherte habe einen geringen Zugang zu seinen
Gefühlen gehabt und sei aggressionsgehemmt gewesen. Die Eigen- und
Fremdwahrnehmung hätten mit einer Selbstüberschätzung divergiert. Der
Einschätzung des Hausarztes Dr. L._ im Bericht vom 15. Dezember 2017 (recte:
5. Dezember 2017) könne er, Prof. R._, zustimmen. Im Austrittsbericht der
Psychiatrie J._ vom 22. Mai 2018 sei die diagnostizierte Persönlichkeitsstörung
lebensbiografisch nicht belegt worden. Eine Akzentuierung der Persönlichkeit sei
vordiagnostiziert gewesen. Die Verhaltensstörungen des Versicherten seien hingegen
nachvollziehbar. Die in den Akten benannte mittelgradige Depression sei vollständig
remittiert. In der neuropsychologischen Untersuchung hätten sich signifikante Hinweise
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für das Persistieren eines AD(H)S im Erwachsenenalter ergeben. Es hätten sich
Einschränkungen im Bereich der Aufmerksamkeit gezeigt. Die kognitiven Leistungen
seien gut mit dem Vorliegen einer ADHS (ICD-10 F90.0) vereinbar. In den Akten fänden
sich unterschiedliche Einschätzungen zur Persönlichkeit des Versicherten. Im hiesigen
Untersuch seien paranoide Anteile in der Persönlichkeit ganz im Vordergrund
gestanden. Zugleich sei eine hohe Rigidität im Denken im Sinne einer Zwanghaftigkeit
aufgefallen. Gutachterlich könne er paranoide und zwanghafte Anteile bestätigen.
Aufgrund der schwierigen Biographie des Versicherten und aufgrund des
problematischen Lebenswandels mit Scheidung, langjährigen Streitigkeiten in der
Familie und beruflichen Problemen sowie einem geringen Freundeskreis bei immer
gleichen maladaptiven Verhaltensmustern spreche vieles dafür, dass die
Persönlichkeitsproblematik des Versicherten den Grad einer Persönlichkeitsstörung
erreicht habe (ICD-10 F 61.0). Für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sprächen
sich auch der Hausarzt und die Fachärzte der Psychiatrie J._ aus, welche den
Versicherten über einen längeren Zeitraum hätten beurteilen können. Aktuell stehe der
Versicherte in keiner psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung, was nicht
begrüssenswert sei, da der Versicherte Führung benötige, die er durch den Beistand
nicht erhalte. Auch die AD(H)S sei nicht leitliniengerecht behandelt. Es sei von einer
nachhaltigen Störung der Ich-Strukturen auszugehen. Die mangelnde therapeutische
Compliance sei als krankheitsimmanent einzustufen. Der Versicherte sei in der
Untersuchung kooperativ gewesen. Im Verhalten hätten sich keine Diskrepanzen zu
den Akten ergeben. Beim Versicherten bestünden mässiggradige bis schwere
psychiatrische Störungen von Krankheitswert mit handicapierenden Auswirkungen auf
die mittel- und langfristige Arbeitsfähigkeit. Dabei interferierten die bestehenden
Erkrankungen negativ untereinander und setzten dem Versicherten enge Grenzen der
Kompensationsfähigkeit seiner Handicapierungen. Medizinisch sei durch eine
störungsspezifische Behandlung und durch sozialpsychiatrische Massnahmen eine
mittelfristige Besserung der Persönlichkeitsstörung möglich. Gemäss MINI-ICF
bestünden mässiggradige bis erhebliche Fähigkeitseinschränkungen, die den
Versicherten vorwiegend in der interpersonellen Kommunikation und der
Selbstständigkeit der Problemlösung im Beruf und Alltag handicapierten. Der
Versicherte benötige ein gewisses Mass an Begleitung. Tätigkeiten mit leicht
unterdurchschnittlichen Tempoanforderungen erschienen eher geeignet. Die
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Reaktionsanforderungen sollten leicht unterdurchschnittlich sein. Es sollte eine
Aufgabe nach der anderen bearbeitet werden können. Arbeitsaufträge sollten bei
Bedarf wiederholt gegeben werden und nur eine begrenzte Anzahl an
Informationseinheiten aufweisen. Lernanforderungen sollten leicht unterdurchschnittlich
sein. Erwerbliche Tätigkeiten sollten eher geringe sprachlich intellektuelle
Anforderungen mit sich bringen. Mathematische Anforderungen sollten auch leicht
unterdurchschnittlich sein. Einfache Aufgaben könne der Versicherte durchführen,
sodass in gewissen Nischenbereichen unter den Bedingungen des ersten
Arbeitsmarkts eine Tätigkeit noch möglich sei. Der Versicherte verfüge nur über wenige
Ressourcen. Die grösste Ressource liege in der Arbeitswilligkeit und im
Handwerklichen. Aktuell sei der Versicherte aufgrund der Fähigkeitseinschränkungen
nur noch in gewissen Nischenbereichen unter den Bedingungen des ersten
Arbeitsmarktes unter Berücksichtigung der genannten Spezifikationen in der
qualitativen Leistungsfähigkeit einsetzbar. Unter diesen Bedingungen könne eine
leidensadaptierte Tätigkeit zu 75% bezogen auf ein 100% Pensum ausgeführt werden.
Hierzu benötige der Versicherte unbedingt eine Hilfestellung bei der Arbeitsplatzsuche
und hernach ein Coaching in der Einarbeitungsphase (Hervorhebung durch den
Gutachter). In der erlernten Tätigkeit als Apparatemonteur wäre eine einfache Tätigkeit
möglich, so auch im Reinigungswesen oder in landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Unter
den Bedingungen des zweiten Arbeitsmarktes könne der Versicherte zu 100%
eingesetzt werden. Sozialpsychiatrische Massnahmen seien zu ergreifen. Eine
leitliniengerechte Behandlung des AD(H)S sei einzuleiten. Eine störungsspezifische
Behandlung der Persönlichkeitsproblematik sollte erfolgen. Unter den genannten
therapeutischen Massnahmen sei mittelfristig (ca. ein bis zwei Jahre) grundsätzlich
wieder eine Leistungsfähigkeit zu erreichen, wie diese vorgutachterlich bestätigt
worden sei. Im Verlauf habe bis zur Aufnahme des Belastbarkeitstrainings eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Seither gelte die oben genannte
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Die Zusatzfrage der IV-Stelle, ob sich der
Gesundheitszustand des Versicherten seit dem 24. August 2011 verändert habe,
bejahte der Gutachter; er gab an, ab Mai 2016 sei eine Verschlechterung mit einer
Akzentuierung der Persönlichkeit und einer vorübergehenden Störung der
Affektsteuerung eingetreten.
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Die RAD-Ärztin Dr. M._ notierte am 26. November 2019 (IV-act. 187), auf das
psychiatrische Gutachten könne abgestellt werden. Der Gutachter habe unter der
Voraussetzung der Inanspruchnahme von beruflichen Massnahmen eine 75%ige
Arbeitsfähigkeit in einer ideal adaptierten Tätigkeit attestiert. Bis zur Aufnahme des
Belastbarkeitstrainings (Januar 2019) habe er eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
attestiert. Deren Beginn könne ab Mai 2016 angenommen werden.
C.j.
Die Soziale Fachstelle T._ teilte am 11. Februar 2020 mit (IV-act. 190), dass für
den Versicherten per 29. Januar 2020 eine freiwillige Lohnverwaltung und keine
Beistandschaft mehr geführt werde.
C.k.
Am 20. April 2020 fand ein Strategiegespräch statt. Im Protokoll vom 30. April 2020
wurde festgehalten (IV-act. 198), gemäss der Eingliederungsverantwortlichen sei das
Finden einer Tätigkeit mit den beschriebenen Adaptionskriterien und die Integration
des Versicherten in den ersten Arbeitsmarkt unter den aufgeführten Einschränkungen
und Bedingungen massiv erschwert; eine reelle Eingliederungsmöglichkeit auf dem
ersten Arbeitsmarkt sei nicht gegeben. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei die
Schilderung der Eingliederungsverantwortlichen, dass die Adaptionskriterien nur an
einem Nischenarbeitsplatz umsetzbar seien, nachvollziehbar. Medizinisch-theoretisch
werde jedoch an der 75%igen Arbeitsfähigkeit in einer ideal adaptierten Tätigkeit
festgehalten. Am 23. April 2020 telefonierte die Eingliederungsverantwortliche mit einer
Mitarbeiterin der I._ AG. Diese gab an (IV-act. 199-4), dass der Versicherte die Stelle
erhalten habe, da seine Mutter auch im Betrieb gearbeitet habe. Zu Beginn habe der
Versicherte seine Arbeit gut erledigt. Im letzten Jahr sei es zu deutlich mehr Absenzen
gekommen und der Betreuungsaufwand habe stark zugenommen. Da auch gewisse
Aufgaben weggefallen seien, sei die Kündigung ausgesprochen worden. Mit einer
Mitteilung vom 13. Mai 2020 wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche
Massnahmen ab (IV-act. 201).
C.l.
Der Rechtsdienst hielt am 29. Mai 2020 in einer Stellungnahme fest, der
ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasse auch sogenannte Nischenarbeitsplätze. Eine
Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit sei nur dann anzunehmen, wenn eine
zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form möglich sei, dass sie der
ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kenne oder sie nur unter nicht realistischem
C.m.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/27
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Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheine. Er
verwies dazu auf das Urteil des Bundesgerichts vom 28. November 2014,
9C_485/2014, E. 2 und 3.3.1. Da die Hürden für die Unverwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit hoch seien, sei im vorliegenden Fall von einer Verwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit auszugehen. Denkbar seien gemäss dem Gutachten einfache
Tätigkeiten in der erlernten Tätigkeit als Apparatemonteur, im Reinigungswesen oder in
der Landwirtschaft.
Mit einem Vorbescheid vom 3. Juni 2020 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Zusprache einer vom 1. Mai 2018 bis 30. April 2019 befristeten ganzen Rente in
Aussicht (IV-act. 209). Zur Begründung gab sie an, aus medizinisch-theoretischer Sicht
seien dem Versicherten seit Januar 2019 leidensadaptierte Tätigkeiten zu 75%
zumutbar. Diese Arbeitsfähigkeit sei im ersten Arbeitsmarkt verwertbar. Retrospektiv
habe seit dem Beginn der psychiatrischen Behandlung (Mai 2016) eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit bestanden (IV-Grad 100%). Da er sich im November 2017 zum
Leistungsbezug angemeldet habe, beginne der Rentenanspruch am 1. Mai 2018. Die
bereits ausbezahlten IV-Taggelder vom 28. Januar 2019 bis zum 6. Februar 2019
würden mit der Rentenzahlung verrechnet. Ab Januar 2019 liege eine 75%ige
Arbeitsfähigkeit vor. Für die Bemessung des Valideneinkommens stütze sie sich auf
das bei der N._ abgerechnete Einkommen von Fr. 4'200.-- monatlich (x13) ab. Zur
Ermittlung des Invalideneinkommens werde der durchschnittliche Lohn eines
Hilfsarbeiters im Jahr 2016 gemäss der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für
Statistik zu Hilfe genommen. Unter Berücksichtigung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit
von 75% resultiere ein Invalideneinkommen von Fr. 50'103.--. Bei einem
Valideneinkommen von Fr. 54'600.-- und einem Invalideneinkommen von Fr. 50'103.--
resultiere ein Invaliditätsgrad von 8%. Die Rente werde drei Monate nach Eintritt der
Verbesserung eingestellt.
C.n.
Der Versicherte liess am 9. Juni 2020 einen Einwand erheben (IV-act. 210). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Zusprache einer unbefristeten ganzen Rente ab 1. Mai
2018. Zur Begründung machte er im Wesentlichen geltend, die Restarbeitsfähigkeit des
Versicherten sei auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht verwertbar. Der Gutachter habe
klargestellt, dass die fachmännische Unterstützung durch die
C.o.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/27
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D.
Eingliederungsspezialisten der IV-Stelle für eine allfällige Wiedereingliederung in den
ersten Arbeitsmarkt vorausgesetzt werde. Die Eingliederungsspezialisten hätten
unmissverständlich erklärt, dass sich die gutachterlich geschätzte theoretische
Arbeitsfähigkeit in optimal leidensadaptierter Tätigkeit auch mit beruflichen
Massnahmen nicht umsetzen lasse. Dass die IV-Stelle eine mögliche
Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt als aussichtslos erachte, im Rahmen
der Rentenprüfung aber von einer problemlosen Umsetzung einer theoretischen
Arbeitsfähigkeit von 75% im ersten Arbeitsmarkt ausgehe, sei unverständlich. Selbst
wenn von einer Restarbeitsfähigkeit von 75% ausgegangen werde, habe sich die IV-
Stelle nicht genügend mit der Frage nach der tatsächlichen Verwertbarkeit auf dem
"ausgeglichenen ersten Arbeitsmarkt" auseinandergesetzt. Es bedürfe zwingend der
Konkretisierung, welche Tätigkeiten dem Versicherten noch zumutbar seien. Hätte die
IV-Stelle abgeklärt, welche Tätigkeiten, die der erste Arbeitsmarkt in einem derartigen
Fall überhaupt noch kenne, dem Versicherten zumutbar seien, hätte sie erkannt, dass
eine Verwertung nicht realistisch sei. Die gutachterlich geschätzte Arbeitsfähigkeit sei
nicht nachvollziehbar und erscheine als deutlich zu hoch.
Mit einer Verfügung vom 2. Oktober 2020 kürzte die IV-Stelle das Taggeld ab
28. Januar 2019 bis 6. Februar 2019 auf Fr. 0.-- ("Kürzung wegen Rente"). Mit einer
Verfügung vom 8. Dezember 2020 sprach sie dem Versicherten eine vom 1. Mai 2018
bis 30. April 2019 befristete ganze Invalidenrente und eine IV-Kinderrente für den Sohn
des Versicherten zu (IV-act. 215). Sie verrechnete die Rentennachzahlung mit dem
bereits ausbezahlten Taggeld sowie mit Leistungen der Gemeinden H._ und K._.
Zum Einwand gab die IV-Stelle im Wesentlichen die Stellungnahme des Rechtsdienstes
vom 29. Mai 2020 wieder (IV-act. 211). Im Weiteren hielt sie fest, Beispiele zu
konkreten Betätigungsfeldern für die Umsetzung der Restarbeitsfähigkeit seien im
Gutachten erwähnt worden. Denkbar seien einfache Tätigkeiten im Reinigungswesen,
in der Landwirtschaft oder im erlernten Berufsfeld eines Apparatemonteurs.
C.p.
Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) liess am 25. Januar 2021 eine
Beschwerde erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 8. Dezember 2020 "mit Bezug auf die vorgenommene
D.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/27
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Rentenbefristung" und die Zusprache einer unbefristeten ganzen Invalidenrente ab
1. Mai 2018. Im Weiteren beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege. Zur Begründung machte er ergänzend zum Einwand zum Vorbescheid
geltend, die Argumentation der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) in der
angefochtenen Verfügung, dass die Arbeitsfähigkeit medizinisch-theoretisch zu
bestimmen sei, gehe insofern fehl, als keine einzige fachärztliche Beurteilung im Recht
liege, welche eine "ohne weiteres bestehende" Arbeitsfähigkeit attestiert habe. Auch
der Gutachter sei zum Schluss gelangt, dass eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt
nur mit entsprechender Unterstützung durch die Beschwerdegegnerin denkbar sei. Die
Fachärzte der Psychiatrie J._ hätten in einem Bericht vom 21. Januar 2021 erneut
bestätigt, dass der Beschwerdeführer auf dem gesamten Arbeitsmarkt vollständig
arbeitsunfähig sei. Der Rechtsvertreter reichte diesen Bericht ein (act. G 1.4). Fachärzte
hatten darin die Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit
vermeidenden-selbstunsicheren und zwanghaften Zügen (ICD-10 F61) angegeben und
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers auf dem ersten
Arbeitsmarkt attestiert. Sie vermuteten, dass eine Arbeitsfähigkeit auf dem zweiten
Arbeitsmarkt mit ideal adaptierten Tätigkeiten "möglich" sei. Auf die Frage des
Rechtsvertreters, ob die Verbesserung der Arbeitsfähigkeit ab Januar 2019 von 0% auf
75% nachvollziehbar sei, teilten die Fachärzte mit, während der ambulanten
psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung vom 19. Mai 2016 bis 6. Februar
2019 habe keine abrupte Verbesserung (gemeint wohl: des Gesundheitszustands des
Beschwerdeführers) beobachtet werden können. Über Veränderungen zwischen
Februar 2019 bis zur erneuten Aufnahme einer ambulanten Behandlung im Juni 2020
könne keine Aussage gemacht werden.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 23. Februar 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung machte sie im Wesentlichen geltend, nicht
entscheidend sei, dass die durchgeführten Eingliederungsbemühungen gescheitert
seien. Der Stellungnahme der Eingliederungsberaterin bezüglich der Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers komme demnach keine Relevanz zu. Der ausgeglichene
Arbeitsmarkt umfasse auch Nischenarbeitsplätze. Die im psychiatrischen Gutachten
erwähnten qualitativen Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
seien nicht derart, dass eine entsprechende Tätigkeit auf dem ausgeglichenen
D.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/27
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Erwägungen
1.
Mit einer Verfügung vom 20. Oktober 2011 ist das Begehren des Beschwerdeführers
vom November/Dezember 2009 um die Zusprache einer Invalidenrente formell
rechtskräftig abgewiesen worden (IV-act. 118). Bei der erneuten Anmeldung zum
Leistungsbezug vom November 2017 (IV-act. 133) kann es sich somit nur um eine
Neuanmeldung gehandelt haben. Gemäss Art. 87 Abs. 2 und 3 der Verordnung über
Arbeitsmarkt nicht zu finden wäre. Der Beschwerdeführer habe bei einem
vergleichbaren Gesundheitszustand wie zum Zeitpunkt des Erlasses der
angefochtenen Verfügung bereits bewiesen, dass er unter den Bedingungen des ersten
Arbeitsmarkts fähig sei, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen (Tätigkeit ab Juni 2011 bis
November 2014 als Stanzer und ab November 2015 bis März 2016 als Mitarbeiter bei
der Montage von Reinigungsmaschinen). Die Restarbeitsfähigkeit sei somit verwertbar.
Die im Gutachten erwähnten Modalitäten bei der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
durch den Beschwerdeführer seien lediglich als Hilfestellung bei der Einarbeitung
genannt worden. Dem Beschwerdeführer sei es daher zumutbar, sich diese Fähigkeiten
selbst "on the job" anzueignen. Die ihm attestierte medizinisch-theoretische
Arbeitsfähigkeit sei daher ohne zusätzliche Eingliederungsmassnahmen umsetzbar.
Die Verfahrensleitung des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen bewilligte
am 2. März 2021 das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege für das
Beschwerdeverfahren (act. G 4).
D.c.
Der Beschwerdeführer liess mit einer Replik vom 23. März 2021 an den gestellten
Anträgen festhalten (act. G 6). Sein Rechtsvertreter machte ergänzend geltend, die
Beschwerdegegnerin ignoriere hinsichtlich ihrer Auffassung, die gutachterlich
attestierte medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit sei ohne zusätzliche
Eingliederungsmassnahmen umsetzbar, die klaren Aussagen nicht nur der
behandelnden Fachärzte, sondern auch des externen Gutachters, der RAD-Ärztin und
der Eingliederungsspezialisten. Die Aufhebung bzw. Befristung der ganzen
Invalidenrente finde in den Akten keine Stütze.
D.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 8).D.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/27
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die Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) wird eine Anmeldung, die nach einer
rechtskräftigen Leistungsverweigerung eingereicht wird, nur geprüft, wenn darin
glaubhaft gemacht wird, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch
erheblichen Weise geändert hat. In dem der Verfügung vom 20. Oktober 2011
zugrundeliegenden psychiatrischen Gutachten vom 30. März 2011 (IV-act. 113) hat
Dr. G._ die Diagnosen einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS,
ICD-10 F90.0) und einer gemischten Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8) angegeben.
Zur Glaubhaftmachung einer Verschlechterung des Gesundheitszustands seit der
rentenabweisenden Verfügung hat der Beschwerdeführer einen Bericht seines
Hausarztes Dr. L._ vom 5. Dezember 2017 eingereicht (IV-act. 140). Dr. L._ hatte
angegeben, der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich in den letzten
zwei Jahren verschlechtert. Er hatte aber nicht erklärt, worin die Verschlechterung
bestanden hatte. Die Beschwerdegegnerin hat daraufhin bei den behandelnden
Fachärzten der Tagesklinik der Psychiatrie J._ einen Bericht eingeholt. Diese haben
am 22. Mai 2018 mitgeteilt (IV-act. 145), dass sich der Beschwerdeführer vom
10. Januar 2018 bis 29. März 2018/9. April 2018 in tagesklinischer Behandlung
befunden habe. Sie haben die Diagnosen einer mittelgradigen depressiven Episode
(ICD-10 F32.1), einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit vermeidend-
selbstunsicheren und zwanghaften Zügen (ICD-10 F61) und einer
unterdurchschnittlichen Intelligenz (gemäss psychodiagnostischer Abklärung im Juli
2016) angegeben und festgehalten, dass sich der Beschwerdeführer seit Mai 2016 in
ambulanter psychiatrischer Behandlung befinde. Ein Bericht betreffend diese
Behandlung fehlt. Im Bericht betreffend die testpsychologische Untersuchung vom
15. Juli 2016 ist aber eine im Untersuchungszeitpunkt bestehende, klinisch relevante
depressive Symptomatik erwähnt worden (IV-act. 145-14). Im Referenzzeitpunkt
(20. Oktober 2011) hat keine depressive Symptomatik bestanden. Damit bestehen
ausreichende Anhaltspunkte dafür, dass sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers seit dem 20. Oktober 2011 verschlechtert hat. Der
Beschwerdeführer hat also eine wesentliche Verschlechterung seines
Gesundheitszustands glaubhaft gemacht (vgl. auch die RAD-Stellungnahme vom
26. September 2018, IV-act. 155). Die Beschwerdegegnerin ist somit zu Recht auf die
Neuanmeldung vom November 2017 eingetreten.
2.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 8. Dezember 2020 hat die Beschwerdegegnerin
dem Beschwerdeführer eine vom 1. Mai 2018 bis 30. April 2019 befristete ganze
Invalidenrente und eine IV-Kinderrente zugesprochen. Ab 1. Mai 2019 hat sie bei einem
Invaliditätsgrad von 8% einen Rentenanspruch verneint. Der Beschwerdeführer hat die
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Aufhebung der angefochtenen Verfügung "mit Bezug auf die vorgenommene
Rentenbefristung" und die Zusprache einer unbefristeten ganzen Invalidenrente ab
1. Mai 2018 beantragen lassen. Nach der ständigen Praxis des Bundesgerichts liegt bei
einer rückwirkenden Zusprache einer Invalidenrente, die gleichzeitig befristet, herauf-
oder herabgesetzt wird, ein einziges Rechtsverhältnis vor. Wird nur die Abstufung oder
die Befristung der Leistung angefochten, ist die gerichtliche Überprüfungsbefugnis
nicht in dem Sinne eingeschränkt, dass unbestritten gebliebene Bezugszeiten von der
Beurteilung ausgeklammert bleiben würden (BGE 131 V 164, 125 V 413). Die
angefochtene Verfügung vom 8. Dezember 2020 regelt ein Rechtsverhältnis, nämlich
den Rentenanspruch des Beschwerdeführers. Im Beschwerdeverfahren bildet deshalb
die Verfügung vom 8. Dezember 2020 als Ganzes den Anfechtungsgegenstand; der
Anfechtungs- und der Streitgegenstand sind identisch. Strittig und im Folgenden zu
prüfen ist somit, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
3.
4.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG,
SR 830.1). Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
3.1.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen,
das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/27
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Der Beschwerdeführer hat bereits als Kind an einer Gesundheitsbeeinträchtigung
gelitten, die seine schulische Ausbildung erschwert hat: Bei ihm ist im Alter von sechs
Jahren ein POS (Geburtsgebrechen Ziffer 404) diagnostiziert worden. Er hat dennoch
bis zum 8. Schuljahr die Regelschule besucht. Anschliessend hat er verschiedene
"Stationen" durchlaufen, in denen er wegen seines Verhaltens aufgefallen ist
(Sonderschule für Kinder mit Verhaltens- und Lernschwierigkeiten, stationärer
Aufenthalt in der Klinik C._, Berufsvorbereitungsklasse des Sonderschulheims D._).
Die Beschwerdegegnerin hat die Berufsberatung wegen der Verweigerungshaltung des
Beschwerdeführers im August 2006 abgeschlossen. Diese Verweigerungshaltung ist
als krankheitsimmanentes Verhalten gewertet worden (vgl. den Bericht der Klinik C._
vom 17. Oktober 2005, IV-act. 56). Dem Beschwerdeführer ist es anschliessend ohne
die Unterstützung der Beschwerdegegnerin gelungen, im August 2009 eine zweijährige
Anlehre als Apparatemonteur erfolgreich abzuschliessen. Ab Juni 2011 bis Dezember
2014 hat er als Stanzer (Anlagenführer) gearbeitet. Gemäss den Angaben seiner
damaligen Arbeitgeberin, der I._ AG, hat er die Stelle erhalten, da seine Mutter auch
dort gearbeitet hat. Dies spricht dafür, dass er, wäre er auf sich alleine gestellt
gewesen, diese Stelle möglicherweise nicht hätte antreten können. Der
Beschwerdeführer ist im Arbeitgeberbericht als Einzelkämpfer bezeichnet worden, der
sich wiederholende Arbeiten benötige. Im Jahr 2014 habe der "Betreuungsaufwand"
am Arbeitsplatz stark zugenommen. Diese Angaben lassen darauf schliessen, dass
sich die gesundheitlichen Beeinträchtigungen auch nach der schulischen und
beruflichen Ausbildung am Arbeitsplatz ausgewirkt haben. Nach der Anstellung bei der
I._ AG hat der Beschwerdeführer nur noch eine auf vier Monate befristete Anstellung
bei der N._ AG innegehabt (30. November 2015 bis 31. März 2016) und bei der O._
GmbH ist er im Stundenlohn im Parkdienst angestellt gewesen (1. März 2016 bis
31. Dezember 2016). An letzterer Stelle ist er – gemäss den Angaben der Arbeitgeberin
– sehr unzuverlässig gewesen und er hat in den Monaten September bis November
2016 keine Arbeit mehr angenommen bzw. ist nicht mehr zu seinen Arbeitseinsätzen
erschienen. Diese berufliche Laufbahn lässt erkennen, dass diese von Beginn weg
durch die Gesundheitsbeeinträchtigung des Beschwerdeführers, die nach wie vor
besteht (vgl. E. 5), beeinflusst gewesen ist. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer
eine Anlehre hat abschliessen können und während einiger Zeit ein Einkommen von
rund Fr. 50'000.-- pro Jahr hat erzielen können (vgl. den IK-Auszug, IV-act. 157), ist
deshalb zur Bestimmung der Validenkarriere nicht massgebend. Vielmehr fehlt jeglicher
Anhaltspunkt dafür, welche Berufsausbildung der Beschwerdeführer ohne eine
gesundheitliche Beeinträchtigung abgeschlossen hätte. Bezüglich des
Valideneinkommens liegt mit anderen Worten eine objektive Beweislosigkeit vor. Wenn
es keine spezifischere gesetzliche Grundlage gäbe, müsste sich diese Beweislosigkeit
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/27
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in einer lückenfüllenden analogen Anwendung des Art. 8 des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches (ZGB, SR 210) zuungunsten des Beschwerdeführers auswirken, das
heisst er könnte nie einen Rentenanspruch haben, weil sich sein Invaliditätsgrad nicht
bestimmen liesse. Da ein solches Ergebnis im höchsten Mass stossend wäre, hat der
Verordnungsgeber in Art. 26 Abs. 1 IVV für Fälle wie den vorliegenden eine Fiktion
aufgestellt, wonach das Valideneinkommen einer sogenannt frühinvaliden Person
einem nach dem Alter abgestuften Prozentsatz des jährlich aktualisierten Medianwertes
gemäss der Schweizer Lohnstrukturerhebung entspricht. Diese
Verordnungsbestimmung kann sich zwar nicht auf eine hinreichende gesetzliche
Grundlage stützen. Sie löst aber ein offenkundiges Beweisproblem, für das weder das
ATSG noch das IVG eine akzeptable Lösung bieten, das heisst sie füllt eine (echte)
Gesetzeslücke. Die Verordnungslösung gewährleistet eine rechtsgleiche und
verhältnismässige Lösung des auf der Gesetzesstufe ungelösten Beweisproblems und
ist deshalb vom Vollzugsauftrag des Art. 86 Abs. 2 IVG gedeckt (vgl. Entscheide des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. April 2018, IV 2016/8, E. 2.1,
und vom 27. Februar 2018, IV 2013/629, E. 2.2). Das Valideneinkommen des
Beschwerdeführers muss folglich fiktiv (in Anwendung von Art. 26 Abs. 1 IVV)
festgesetzt werden.
5.
Um das zumutbare Invalideneinkommen ermitteln zu können, muss der
verbliebene Arbeitsfähigkeitsgrad des Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen. Die Beschwerdegegnerin hat dazu Prof.
R._ mit der Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens beauftragt. Im Gutachten
vom 30. September 2019 hat Prof. R._ eine 75%ige Arbeitsfähigkeit in einer optimal
leidensadaptierten Tätigkeit an einem Nischenarbeitsplatz bzw. eine vollständige
Arbeitsfähigkeit an einem geschützten Arbeitsplatz attestiert. Strittig und im Folgenden
zu prüfen ist, ob dem Gutachten voller Beweiswert zukommt, das heisst, ob es die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegt.
5.1.
Ein Gutachten hat vollen Beweiswert, wenn es für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen
Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE
125 V 352 E. 3a). Notwendig ist zudem, dass der psychiatrische Gutachter die vom
Bundesgericht in Bezug auf anhaltende somatoforme Schmerzstörungen und
5.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 22/27
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vergleichbare psychosomatische Leiden geschaffenen und später auf alle psychischen
Erkrankungen, insbesondere auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen,
anwendbar erklärten Standardindikatoren berücksichtigt hat (vgl. BGE 141 V 281; 143
V 409 und 143 V 418).
Prof. R._ hat den Beschwerdeführer persönlich untersucht, die subjektiven
Klagen aufgenommen und die objektiven Befunde im Gutachten wiedergegeben. Von
den Vorakten hat er umfassende Kenntnis gehabt und diese gewürdigt. Er hat
insbesondere aufgezeigt, dass anlässlich der Untersuchung paranoide und zwanghafte
Anteile in der Persönlichkeit des Beschwerdeführers im Vordergrund gestanden sind
und dass die Persönlichkeitsproblematik den Grad einer Persönlichkeitsstörung
erreicht hat. Von einer Persönlichkeitsstörung sind auch die Fachärzte der Psychiatrie
J._, die den Beschwerdeführer seit mehreren Jahren behandeln, ausgegangen und
auch der Hausarzt Dr. L._ hat am 5. Dezember 2017 angegeben, es bestünden viele
Hinweise darauf, dass der Versicherte an einer zunehmenden paranoiden
Persönlichkeitsstörung leide. Die Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung
mit paranoiden und zwanghaften Anteilen (ICD-10 F61.0) überzeugt. Im Weiteren ist
auch die Diagnose einer im Erwachsenenalter persistierenden einfachen Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0) nachvollziehbar. Prof. R._ hat nämlich
angegeben, in der neuropsychologischen Untersuchung hätten sich signifikante
Hinweise für das Persistieren einer AD(H)S im Erwachsenenalter ergeben. Dr. S._ hat
Einschränkungen im Bereich der Aufmerksamkeit und der Konzentration festgestellt
und angegeben (IV-act. 186-102), die kognitiven Leistungen des Beschwerdeführers
seien gut mit dem Vorliegen einer ADHS vereinbar. Im Weiteren hat Prof. R._ keine
objektiven Befunde für das Vorliegen einer depressiven Symptomatik feststellen
können. Seine Einschätzung, dass die von den Fachärzten der Psychiatrie J._
diagnostizierte depressive Episode remittiert sei, überzeugt also. Auch die Diagnose
umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (ICD-10 F81) / DD
Borderline intellectual functioning (DSM-V 62.89), die Prof. R._ gestützt auf die Akten
gestellt hat, ist nachvollziehbar. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Erhebung
der Befunde und die gestützt darauf gestellten Diagnosen überzeugen. Hinsichtlich der
Arbeitsfähigkeitsschätzung hat sich Prof. R._ zu den Standardindikatoren,
insbesondere zur Konsistenz und zu den Ressourcen, geäussert. Er hat erklärt, dass
mässiggradige bis schwere psychiatrische Störungen von Krankheitswert mit
handicapierenden Auswirkungen auf die mittel- und langfristige Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers bestünden. Seine Einschätzung, dass der Beschwerdeführer
aufgrund der festgestellten mässiggradigen bis erheblichen Fähigkeitseinschränkungen
bei einer Erwerbstätigkeit ein gewisses Mass an Begleitung benötige und nur noch an
5.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/27
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einem Nischenarbeitsplatz oder an einem geschützten Arbeitsplatz eingesetzt werden
könne, ist überzeugend. Die an einem Nischenarbeitsplatz im Vergleich zu einem
geschützten Arbeitsplatz tiefere Arbeitsfähigkeitsschätzung von 75% zu 100% dürfte
auf eine im Vergleich zu Personen ohne eine gesundheitliche Beeinträchtigung
verminderte Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers mit einer Verlangsamung
zurückzuführen sein. Als Adaptionskriterien hat Prof. R._ nämlich Tätigkeiten mit
leicht unterdurchschnittlichen Tempo- und Reaktionsanforderungen genannt. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat keine substantiierten Einwände gegen das
Gutachten vorgebracht. Er hat lediglich pauschal geltend gemacht, die
Arbeitsfähigkeitsschätzung sei nicht nachvollziehbar und erscheine als deutlich zu
hoch. Dieses Vorbringen vermag keine Zweifel am Gutachten zu wecken. Auch der
Bericht der Psychiatrie J._ vom 21. Januar 2021 (act. G 1.4) weckt keine Zweifel am
Gutachten, denn die Fachärzte haben darin die bereits bekannte Diagnose einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung mit vermeidenden-selbstunsicheren und
zwanghaften Zügen (ICD-10 F61) genannt und eine vollständige Arbeitsunfähigkeit auf
dem ersten Arbeitsmarkt attestiert. Dabei dürften sie aber nicht bedacht haben, dass
der allgemeine und ausgeglichene Arbeitsmarkt auch Nischenarbeitsplätze beinhaltet,
bei welchem mit einem sozialen Entgegenkommen des Arbeitgebers gerechnet werden
kann. Sie haben überdies angegeben, dass eine Erwerbstätigkeit an einem geschützten
Arbeitsplatz möglich scheine. Damit steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer in einer ideal adaptierten Tätigkeit
an einem Nischenarbeitsplatz im Zeitpunkt der Begutachtung zu 75% arbeitsfähig
gewesen ist. An einem geschützten Arbeitsplatz ist er zu 100% arbeitsfähig gewesen.
Die Adaptionskriterien sind wie folgt: Tätigkeiten mit leicht unterdurchschnittlichen
Tempo-, Reaktions- und Lernanforderungen, Bearbeitung einer Aufgabe nach der
anderen, bei Bedarf Wiederholung von Arbeitsaufträgen mit einer begrenzten Anzahl an
Informationseinheiten, Tätigkeiten mit eher geringen sprachlich intellektuellen
Anforderungen und leicht unterdurchschnittlichen mathematischen Anforderungen
sowie einfache Aufgaben (vgl. auch die RAD-Stellungnahme vom 26. November 2019,
IV-act. 187). Die retrospektive Arbeitsfähigkeitsschätzung einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit bis zur Aufnahme des Belastbarkeitstrainings im Januar 2019 und
einer anschliessenden 75%igen Arbeitsfähigkeit an einem Nischenarbeitsplatz bzw.
einer 100%igen Arbeitsfähigkeit an einem geschützten Arbeitsplatz durch Prof. R._
überzeugt dagegen nicht. Im Gutachten fehlt eine Begründung dafür, dass eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit (auch an einem Nischenarbeitsplatz oder an einem
geschützten Arbeitsplatz) bestanden haben soll. Sie widerspricht auch den Angaben in
den Berichten der Psychiatrie J._ vom 22. Mai 2018 und 18. September 2018, dass
der Beschwerdeführer in der Lage sei, Integrationsmassnahmen in einem geschützten
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 24/27
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Rahmen wahrzunehmen respektive dass er einen geschützten Rahmen benötige. Am
6. Mai 2019 haben die Fachärzte zudem angegeben, die Tätigkeit in einer
Wiedereingliederungsmassnahme sei dem Beschwerdeführer zu sechs bis acht
Stunden pro Tag zumutbar. Der letzte vom Beschwerdeführer wahrgenommene Termin
in der Psychiatrie J._ ist am 11. Januar 2019 gewesen (IV-act. 179). Für die Zeit ab
Januar 2019 bis zur psychiatrischen Begutachtung am 12. September 2019 liegen
keine Behandlerberichte vor. Eine Verbesserung des Gesundheitszustands ab Januar
2019 mit einer Steigerung der Arbeitsfähigkeit in einer ideal adaptierten Tätigkeit von
0% auf 75% bzw. 100% ist deshalb nicht nachvollziehbar. Vielmehr könnte bereits vor
Januar 2019 eine Teil-Arbeitsfähigkeit bestanden haben. Der medizinische Sachverhalt
ist diesbezüglich unzureichend abgeklärt worden. Die Sache ist deshalb zur Abklärung,
welche Arbeitsfähigkeit in einer ideal adaptierten Tätigkeit ab dem Zeitpunkt des
potentiellen Rentenbeginns am 1. Mai 2018 (sechs Monate nach der Anmeldung vom
November 2017, vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG) bis zum Zeitpunkt der Begutachtung
bestanden hat, an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. In Bezug auf das
Wartejahr (vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG) ist festzuhalten, dass dieses am 1. Mai 2018
überwiegend wahrscheinlich erfüllt gewesen ist: Der Beschwerdeführer hat sich ab Mai
2016 in der Psychiatrie J._ in Behandlung befunden. Seine Ärzte haben am 6. Mai
2019 angegeben (IV-act. 179), die Einschränkungen in der Arbeitsfähigkeit und im
Alltag bestünden seit mehreren Jahren. Diese Angabe ist so zu interpretieren, dass die
Fachärzte damit nur eine mehr als 40%ige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit gemeint haben können und zwar seit mehr als zwei Jahren; in einer
Wiedereingliederungsmassnahme haben sie nämlich eine Arbeitstätigkeit von sechs bis
acht Stunden pro Tag für zumutbar gehalten. Der Umstand, dass der
Beschwerdeführer von Mai 2017 bis Juli 2017 ein Einkommen erzielt hat (vgl. IK-
Auszug, IV-act. 157), ist in Bezug auf die Erfüllung des Wartejahrs nicht entscheidend,
denn aufgrund des Einkommens von lediglich Fr. 2'143.-- ist es überwiegend
wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer nur in einem sehr geringen Umfang und
damit zu weniger als 60% erwerbstätig gewesen ist.
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist es Aufgabe einer medizinischen
Fachperson, die medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit näher zu umschreiben
(welche Tätigkeiten können in welchem Umfang noch ausgeführt werden). Welche
konkreten beruflichen Tätigkeiten aufgrund der Angaben der medizinischen
Fachperson und unter Berücksichtigung der übrigen Fähigkeiten einer versicherten
Person in Frage kommen, ist dagegen die Aufgabe der Berufsberatung der
Invalidenversicherung (Urteil des Bundesgerichts vom 22. September 2008,
8C_119/2008, E. 6.2). Vorliegend hat nach der Einholung des Gutachtens am 20. April
5.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 25/27
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2020 ein Strategiegespräch stattgefunden. Die Eingliederungsverantwortliche hat sich
lediglich dahingehend geäussert, dass das Finden einer Tätigkeit mit den
beschriebenen Adaptionskriterien und die Integration des Beschwerdeführers in den
ersten Arbeitsmarkt unter den aufgeführten Einschränkungen und Bedingungen massiv
erschwert sei und dass keine reelle Eingliederungsmöglichkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt bestehe. Nicht abgeklärt worden ist jedoch, ob es
behinderungsadaptierte Nischenarbeitsplätze gibt, welche die Adaptionskriterien
gemäss dem Gutachten erfüllen und an welchen der Beschwerdeführer seine
handwerklichen Fähigkeiten, die er bei seinen bisherigen Tätigkeiten erlernt hat,
einsetzen könnte. Mit anderen Worten kann die Frage der Verwertbarkeit der
Arbeitsfähigkeit in einer ideal adaptierten Tätigkeit und das dabei zumutbarerweise
erzielbare Einkommen nicht beantwortet werden. Die Sache ist deshalb zu weiteren
Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird unter Beizug
einer berufsberaterischen Fachperson abzuklären haben, ob es auf dem ersten
Arbeitsmarkt Nischenarbeitsplätze gibt, an welchen der Beschwerdeführer seine
Arbeitsfähigkeit verwerten könnte, und gegebenenfalls wie hoch das dabei erzielbare
Einkommen ist. Das durchschnittliche Einkommen eines Hilfsarbeiters, auf welche sich
die Beschwerdegegnerin beim Einkommensvergleich als Invalideneinkommen gestützt
hat, dürfte nicht dem zumutbarerweise erzielbaren Einkommen des Beschwerdeführers
an einem behinderungsadaptierten Nischenarbeitsplatz entsprechen, was sich auch
daran zeigt, dass der Beschwerdeführer bislang nie ein Einkommen in der Höhe eines
durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohns erzielt hat. Sollte die Verwertbarkeit an einem
Nischenarbeitsplatz verneint werden, wäre auch abzuklären, was der
Beschwerdeführer an einem geeigneten geschützten Arbeitsplatz verdienen könnte.
Erfahrungsgemäss ist eine Arbeitstätigkeit in einem geschützten Rahmen nicht
zwingend eine Beschäftigung, die keinen oder nur einen geringen ökonomischen
Mehrwert generiert. Auch gesundheitlich beeinträchtigte Personen können an einem
geschützten Arbeitsplatz ein für die Invaliditätsbemessung relevantes
Erwerbseinkommen erzielen. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat somit zu
Recht geltend gemacht, die Beschwerdegegnerin habe sich nicht genügend mit der
Frage nach der tatsächlichen Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit in einer ideal
adaptierten Tätigkeit auseinandergesetzt. Es bleibt darauf hinzuweisen, dass aufgrund
der gutachterlichen Einschätzung, der Beschwerdeführer benötige unbedingt eine
Hilfestellung bei der Arbeitsplatzsuche und hernach ein Coaching in der
Einarbeitungsphase, die erneute Prüfung entsprechender beruflicher Massnahmen
notwendig sein dürfte.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 26/27
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