Decision ID: 760f45f6-b1ad-55e9-b765-ee3a94af2b72
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im April 2018 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu einer
Altersrente der AHV an (act. G 3.1.42). Sie gab an, ihr Ehemann sei im Oktober 2014
verstorben. Sie lebe nun allein. Ihr Sparvermögen belaufe sich auf 59’400 Franken. Im
Juli 2018 ging der EL-Durchführungsstelle eine gerichtliche Vereinbarung betreffend
eine erbrechtliche Auskunftspflicht vom 14. Januar 2016 zu (act. G 3.1.37). Mit dieser
Vereinbarung war eine gerichtliche Streitigkeit bezüglich des Nachlasses des
verstorbenen Ehemannes der EL-Ansprecherin erledigt worden: Einer der drei Söhne
(B._) hatte auf jegliche Ansprüche betreffend den Nachlass des Vaters und den
künftigen Nachlass der Mutter verzichtet; im Gegenzug hatten die übrigen Erben – die
EL-Ansprecherin und die beiden anderen Söhne – auf eine Auskunft über Vorbezüge
und auf einen Ausgleich solcher Vorbezüge verzichtet und sie hatten B._ 17’500
Franken bezahlt. Gemäss einer Aufstellung hatte sich der Nachlass des verstorbenen
Ehemannes der EL-Ansprecherin – abgesehen von allfälligen Vorbezügen von B._ –
auf insgesamt 148’890 Franken belaufen. Davon hatte die EL-Ansprecherin 91’045
Franken (61%) erhalten; die beiden Söhne hatten je 28’922 bzw. 28’923 Franken (je
19,5%) erhalten. Die Anteile der Söhne beinhalteten allerdings auch eine Vergütung von
je 5’000 Franken für „Dienstleistungen gemäss Vertrag mit Mutter“. Alte
Steuerveranlagungsverfügungen zeigten (act. G 3.1.35), dass die EL-Ansprecherin und
ihr Ehemann in den Jahren 2009 und 2010 über ein Wertschriftenguthaben von knapp
500’000 Franken verfügt hatten (2009: 490’363 Franken; 2010: 458’895 Franken), dass
der Vermögensstand im Jahr 2011 aber nur noch 384’390 Franken betragen hatte. Im
A.a.
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Jahr 2012 hatte sich der Vermögensstand auf 417’516 Franken belaufen; die
Steuerbehörde hatte für jenes Jahr ermessensweise einen Ertrag von 17’000 Franken
als Gewinn aus einem Liegenschaftsverkauf angerechnet, nachdem das Ehepaar die
angeforderten Belege zu jenem Verkauf nicht eingereicht hatte (act. G 3.1.29). Im Jahr
2013 hatte der Vermögensstand 357’059 Franken betragen (act. G 3.1.31), per 31.
Oktober 2014 hatte er sich auf 231’586 Franken belaufen (act. G 3.1.32). Ende 2015
hatte die EL-Ansprecherin noch über ein Vermögen von 212’156 Franken verfügt (act.
G 3.1.34). Am Ende des Jahres 2016 hatte sich der Stand des Wertschriftenvermögens
auf bloss noch 91’460 Franken belaufen (act. G 3.1.39). Offenbar hatten zwei Söhne
der EL-Ansprecherin im Jahr 2016 eine Liegenschaft der EL-Ansprecherin
übernommen, denn die Steuerveranlagungsverfügung für das Jahr 2016 hatte den
Vermerk enthalten: „Z._ durch Brüder übernommen“. Ende 2017 hatte das
Wertschriftenvermögen der EL-Ansprecherin noch 65’333 Franken betragen (act. G
3.1.40).
Die EL-Durchführungsstelle forderte die EL-Ansprecherin am 19. Juli 2018 auf (act.
G 3.1.27), eine Aufstellung über sämtliche Vermögenswerte per Todestag, eine
Aufstellung der Erbteilung sowie einen Zahlungsnachweis betreffend die Erbschaft
einzureichen. Die EL-Ansprecherin reichte am 30. Juli 2018 entsprechende Belege ein
(act. G 3.1.26). Ein im November 2014 erstelltes Nachlassinventar hatte ein
Nachlassvermögen von 212’500 Franken (davon 52’560 Franken Vermächtnisse und
Vergabungen) ausgewiesen; der güterrechtliche Anspruch der EL-Ansprecherin hatte
sich auf lediglich 1’250 Franken belaufen. Die Erbengemeinschaft hatte sich aus der
EL-Ansprecherin und den drei Söhnen zusammengesetzt. Der nach Abzug der
Vermächtnisse und Vergabungen sowie des güterrechtlichen Anspruchs der EL-
Ansprecherin verbleibende Nachlass von 158’690 Franken war zur Hälfte der EL-
Ansprecherin und zu je einem Viertel zwei Söhnen zugeteilt worden, da der dritte Sohn
(B._) auf seinen Erbteil verzichtet hatte. Allerdings hatten die Erben im Juli 2016 einen
Erbteilungsvertrag geschlossen, laut dem das eheliche Vermögen nicht zur Hauptsache
dem Eigengut des Nachlassers, sondern der Errungenschaft zuzuweisen gewesen war.
Das hatte zur Folge gehabt, dass die EL-Ansprecherin aus der güterrechtlichen
Auseinandersetzung 106’250 Franken und aus der Erbteilung nochmals 26’845
Franken, total also 133’095 Franken, und die beiden Söhne nur je 13’422 bzw. 13’423
A.b.
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Franken erhalten hatten. Im Erbteil der beiden Söhne waren allerdings auch
Miteigentumsrechte zu einem Viertel an zwei Grundstücken enthalten gewesen, die mit
1’925 Franken angerechnet worden waren, obwohl sie nicht grundpfandbelastet
gewesen waren. Die EL-Durchführungsstelle forderte in der Folge von der EL-
Ansprecherin Belege betreffend die „zu hohen Vermögensrückgänge“ in den Jahren
2011, 2013, 2014, 2016 und 2017 sowie einen Kaufvertrag betreffend die im Jahr 2007
veräusserte Liegenschaft und einen Schätzungskataster des in den
Steuerveranlagungsverfügungen ausgewiesenen Grundeigentums an (act. G 3.1.25).
Einer der Söhne der EL-Ansprecherin teilte der EL-Durchführungsstelle am 5.
September 2018 mit (act. G 3.1.20), leider seien nicht mehr alle Belege auffindbar, aber
die EL-Ansprecherin sei mit hohen krankheitsbedingten Aufwendungen, unter anderem
für einen Pflegeheimaufenthalt, konfrontiert gewesen. Die AHV-Rente belaufe sich auf
2’110 Franken. Nach Abzug der Fixkosten für die Miete (ca. 1’000 Franken) und für die
Krankenkasse (über 500 Franken) bleibe zu wenig zum Leben übrig, weshalb die EL-
Ansprecherin ihr Vermögen habe anzehren müssen. Zudem habe sie ihre Wohnung
komplett neu eingerichtet. Der EL-Durchführungsstelle ging unter anderem auch eine
Klageschrift vom 23. Juli 2015 zu (act. G 3.1.18), die letztlich zum gerichtlichen
Vergleich vom 14. Januar 2016 geführt hatte. Darin waren Schenkungen des Erblassers
an den Sohn B._ im Betrag von 24’630 Franken und 43’000 Franken im Jahr 2007,
von 35’843 Franken, 83’760 Franken und 3’500 Franken im Jahr 2012, von 58’000
Franken im Jahr 2013 sowie von 138’000 Franken im Zusammenhang mit einem
Liegenschaftsverkauf im Jahr 2013 erwähnt worden.
Am 24. Oktober 2018 teilte die EL-Durchführungsstelle der EL-Ansprecherin mit
(act. G 3.1.14), dass sie von einem Vermögensverzicht ausgehe. Wenn man nämlich
den Vermögensstand am Ende des Jahres 2014 mit 6,8 Prozent multipliziere, ergebe
sich eine „theoretische BVG-Rente“ von 29’194 Franken pro Jahr. Zusammen mit einer
(nicht näher bezeichneten) „Pauschale“ von 10’000 Franken pro Jahr entspreche das
einem „nachvollziehbaren“ jährlichen Vermögensrückgang von 39’194 Franken. Im Jahr
2011 habe das Ehepaar 35’311 Franken zu viel verbraucht. Im Jahr 2013 sei der
Vermögensrückgang (unter Berücksichtigung von Heimkosten von 9’291 Franken) um
76’120 Franken zu hoch gewesen. Zusammen mit den Schenkungen an B._ von
67’630 Franken im Jahr 2007, von 123’103 Franken im Jahr 2012 und von 58’000
A.c.
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Franken im Jahr 2013 ergebe sich ein Vermögensverzicht von 360’164 Franken, der zu
drei Vierteln der EL-Ansprecherin anzurechnen sei (güterrechtlicher und erbrechtlicher
Anspruch der überlebenden Ehefrau). Im Zusammenhang mit einem
Liegenschaftsverkauf habe das Ehepaar auf 222’000 Franken verzichtet, wovon der EL-
Ansprecherin ebenfalls ein Anteil von drei Vierteln anzurechnen sei. Für das Jahr 2015
sei – unter Berücksichtigung der Todesfallkosten und der Auszahlung der Erbanteile
der Söhne – ein Verzicht von 2’098 Franken zu berücksichtigen. Das
Verzichtsvermögen sei mit 0,1 Prozent zu verzinsen. Die EL-Ansprecherin machte am
30. Oktober 2018 geltend, ihr Sohn habe das Geld verschwendet; sie könne die
Ausgaben nicht belegen (act. G 3.1.13). Mit einer Verfügung vom 29. November 2018
wies die EL-Durchführungsstelle das Leistungsbegehren ab (act. G 3.1.8). Zur
Begründung führte sie an (vgl. auch act. G 3.1.9), das noch vorhandene Sparguthaben
von 65’346 Franken ergebe zusammen mit dem zu berücksichtigenden
Vermögensverzicht von 266’464 Franken unter Berücksichtigung des Freibetrages von
37’500 Franken ein anrechenbares Vermögen von 294’310 Franken. Davon sei ein
Zehntel als hypothetischer Vermögensverzehr anzurechnen. Zusammen mit der AHV-
Rente und den (teils realen, teils hypothetischen) Vermögenserträgen resultiere ein
Einnahmentotal von 55’303 Franken, das das Ausgabentotal von 35’382 Franken um
knapp 20’000 Franken übersteige. Mangels eines anspruchsbegründenden
Ausgabenüberschusses bestehe kein Anspruch auf eine Ergänzungsleistung.
Am 14. Januar 2019 liess die EL-Ansprecherin eine Einsprache gegen die
Verfügung vom 29. November 2018 erheben (act. G 3.2.12). Ihr damaliger
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Zusprache einer Ergänzungsleistung und eventualiter die Durchführung von weiteren
Abklärungen bezüglich des Vermögensverzichtes, insbesondere zu den Gründen und
Umständen des im Rahmen der Klage vom 23. Juli 2015 geschlossenen Vergleichs.
Zur Begründung führte er aus, die EL-Durchführungsstelle hätte nicht unbesehen auf
die Ausführungen in der Klageschrift vom 23. Juli 2015 abstellen dürfen. Sie hätte
abklären müssen, welche Gründe zum Vergleich geführt hätten. Die EL-Ansprecherin
und die übrigen klagenden Erben seien anwaltlich vertreten gewesen, weshalb davon
ausgegangen werden müsse, dass es sich beim letztlich geschlossenen Vergleich um
eine vernünftige und sinnvolle Lösung gehandelt habe. Die EL-Durchführungsstelle
A.d.
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forderte den Rechtsvertreter der EL-Ansprecherin am 10. Mai 2019 auf (act. G 3.2.10),
weitere Angaben zu machen und Unterlagen einzureichen. Sie wies darauf hin, dass in
der Klageschrift vom 23. Juli 2015 verschiedene Belastungsanzeigen erwähnt worden
seien. Da stelle sich die Frage, ob dafür Gegenleistungen erbracht worden seien.
Ausserdem gehe aus der Klageschrift hervor, dass dem verstorbenen Ehemann der
Beschwerdeführerin aus einem Liegenschaftsverkauf ein Betrag von 360’000 Franken
zugestanden habe, er habe aber nur 138’000 Franken erhalten. Nicht bekannt sei, ob er
für den Restbetrag eine Gegenleistung erhalten habe. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung müsse ein Vermögensverzicht eines verstorbenen Ehegatten im
Rahmen der Erbquote dem überlebenden Ehegatten zugerechnet werden. Der
Rechtsvertreter der EL-Ansprecherin machte am 11. Juli 2019 geltend (act. G 3.2.9),
der verstorbene Ehemann der EL-Ansprecherin habe seine Finanzen „wie so viele
Männer seiner Generation“ alleine und ohne Beizug der Ehefrau geregelt. Die EL-
Ansprecherin und auch die Söhne hätten kaum Einblick in die finanzielle Situation der
Familie gehabt. Mit dem dritten Kind, B._, bestehe keinerlei Kontakt mehr. Die
finanziellen Ausgaben bis Ende 2014 seien deshalb grösstenteils nicht mehr
nachvollziehbar und auch nicht belegbar. Im Jahr 2014 sei bereits ein Teil der
Todesfallkosten angefallen; zudem habe die EL-Ansprecherin ihr Haus neu möblieren
müssen, weil das alte Mobiliar unbrauchbar geworden sei. Die Anrechnung eines
Vermögensrückgangs von 111’000 Franken im Jahr 2016 aufgrund einer angeblichen
Erbschaft sei rechtswidrig. Die Akten enthielten keine entsprechenden Belege. Die
Erwähnung des Betrages in der Klageschrift vom 23. Juli 2015 beweise nichts, da es
sich bei den Ausführungen in der Klageschrift naturgemäss um eine einseitige
Sachverhaltsschilderung handle. Die EL-Ansprecherin bestreite, dass in den Jahren
2007, 2012 und 2013 Schenkungen an den Sohn erfolgt seien. Mit einem Entscheid
vom 20. August 2019 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (act. G 3.2.7).
Zur Begründung führte sie an, bei einer Beweislosigkeit betreffend einen
Vermögensrückgang müsse nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ein
Verzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG angenommen werden.
Am 5. September 2019 teilte jener Rechtsanwalt, der die EL-Ansprecherin und
zwei der drei Söhne in der Erbschaftsangelegenheit vertreten hatte, der EL-
Durchführungsstelle mit (act. G 3.2.6), das dritte Kind, B._, habe auf seinen gesamten
A.e.
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B.
Erbanteil verzichtet, was der EL-Ansprecherin zugute gekommen sei. Da letztlich nicht
habe eruiert werden können, wie viel Geld der Nachlass des verstorbenen Ehemannes
von B._ zugute gehabt oder diesem geschuldet habe, sei der gerichtliche Vergleich
geschlossen worden, was nicht als ein Vermögensverzicht qualifiziert werden könne.
Der Rechtsanwalt reichte diverse Unterlagen ein (act. G 3.2.5). In einem Schreiben vom
2. April 2015 hatte B._ festgehalten, sein Vater habe ihm kein Geld geschenkt,
sondern in Unternehmen investiert, an denen B._ beteiligt gewesen sei (act. G 3.2.5–
60 f.). Offenbar hatte bereits Ende August 2019 eine persönliche Besprechung
zwischen zwei Söhnen der EL-Ansprecherin und einem Rechtsdienstmitarbeiter der
EL-Durchführungsstelle stattgefunden. Am 30. August 2019 hatte der
Rechtsdienstmitarbeiter die folgende Aufstellung bezüglich des Vermögensverzichtes
erstellt und darauf hingewiesen (act. G 3.2.4), dass mangels Akten nicht nachvollzogen
werden könne, ob es sich bei den Überweisungen an eine Unternehmung, an der B._
beteiligt gewesen sei, um Schenkungen oder um Darlehen gehandelt habe. Ausserdem
sei nicht bekannt, was mit den Einnahmen aus einem Liegenschaftsverkauf im Jahr
2007 geschehen sei. In einem weiteren Schreiben vom 11. September 2019 wies der
Rechtsdienstmitarbeiter darauf hin (act. G 3.2.4), dass sich am Ergebnis des
angefochtenen Einspracheentscheides nichts ändere, wenn man die Überweisungen
an die Unternehmung von B._ nicht als Vermögensverzichtsakte qualifiziere. Der EL-
Ansprecherin stehe die Möglichkeit frei, den Einspracheentscheid mit einer
Beschwerde anzufechten.
Am 13. September 2019 erhob die EL-Ansprecherin (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 20.
August 2019 (act. G 1). Sie machte geltend, dass sie nie auf Vermögen verzichtet habe.
Mit den Finanzangelegenheiten ihres Ehemannes habe sie nie etwas zu tun gehabt.
Immer, wenn sie etwas habe wissen wollen, sei sie sofort abgewiesen worden. Ihr
Ehemann habe ihr klar und deutlich mitgeteilt, dass sie das nichts angehe. Da er ein
Alkoholiker gewesen sei und da sie die Konsequenzen gefürchtet habe, habe sie nicht
viel nachgefragt. Die finanzielle Lage sei erst nach dem Tod des Ehemannes bekannt
worden. Sie bitte um eine erneute Prüfung der Sache.
B.a.
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Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides vom 20. August 2019 auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb
sein Gegenstand jenem des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Auch beim
Einspracheverfahren hat es sich um ein („echtes“) Rechtsmittelverfahren gehandelt,
dessen Zweck sich darin erschöpft hat, die vorangegangene Verfügung vom 29.
November 2018 auf deren Rechtmässigkeit zu überprüfen. Der Gegenstand des
Einspracheverfahrens hat also jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens
entsprechen müssen. Dieses hat die Prüfung eines erstmaligen Begehrens um die
Zusprache einer Ergänzungsleistung zum Inhalt gehabt. Das bedeutet, dass die
Beschwerdegegnerin sämtliche Anspruchsvoraussetzungen und alle
Berechnungspositionen hat prüfen müssen. Folglich ist auch in diesem
Beschwerdeverfahren umfassend zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf eine Ergänzungsleistung hat.
2.
Die Beschwerdeführerin hat eine Altersrente der AHV bezogen und sie hat ihren
Wohnsitz und ihren gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz gehabt, weshalb sie
grundsätzlich einen Anspruch auf eine Ergänzungsleistung gehabt hat (vgl. Art. 4 ELG).
Da sie sich im April 2018 zum Bezug von Ergänzungsleistungen angemeldet hat und da
keine der im Art. 12 Abs. 2 und 4 ELG erwähnten Ausnahmen vorgelegen hat, ist ein
Anspruch auf Ergänzungsleistungen für die Zeit ab dem 1. April 2018 zu prüfen (Art. 12
Abs. 1 ELG). Entscheidend ist, ob die anerkannten Ausgaben nach Art. 10 ELG die
anrechenbaren Einnahmen nach Art. 11 ELG überstiegen haben (Art. 9 Abs. 1 ELG).
3.
Die anerkannten Ausgaben nach Art. 10 ELG haben die kantonale Durchschnittsprämie
für die obligatorische Krankenpflegeversicherung, die Mietzinsen und die
Lebensbedarfspauschale umfasst. Das Total dieser Ausgaben hat sich auf 35’382
Franken belaufen. Als tatsächliche Einnahmen haben der Beschwerdeführerin die AHV-
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 18. Oktober 2019 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen Einsprache
entscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
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Rente von 25’332 Franken und ein geringfügiger Vermögensertrag zur Verfügung
gestanden. Real haben der Beschwerdeführerin zur Deckung ihres
ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzbedarfs also rund 10’000 Franken pro Jahr
gefehlt. Allerdings hat sie noch über ein Sparvermögen von 65’346 Franken verfügt
(vgl. act. G 3.1.43–2), das den gesetzlichen Freibetrag von 37’500 Franken (vgl. Art. 11
Abs. 1 lit. c ELG in der bis zum 31. Dezember 2020 gültigen Fassung) um 27’846
Franken überstiegen hat. Gemäss dem Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG hätte die
Beschwerdeführerin einen Zehntel des anrechenbaren Vermögens zur Bestreitung ihres
Existenzbedarfs verzehren müssen, weshalb bei der Anspruchsberechnung ein
sogenannter Vermögensverzehr von 2’785 Franken zu berücksichtigen ist, wodurch
sich der Ausgabenüberschuss auf rund 7’000 Franken reduzieren würde.
4.
Laut dem Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG in der für dieses Beschwerdeverfahren mass
gebenden Fassung, die bis zum 31. Dezember 2020 gültig gewesen ist, sind bei der
Anspruchsberechnung aber nicht nur die tatsächlichen Einnahmen und die
tatsächlichen Vermögenswerte, sondern auch Einnahmen und Vermögenswerte, auf
die verzichtet worden ist, zu berücksichtigen. Damit soll gemäss der hier
massgebenden, sich auf den „alten“ Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG beziehenden
Rechtsprechung des St. Galler Versicherungsgerichtes (vgl. statt vieler den Entscheid
EL 2018/2 vom 21. August 2019, E. 2.2 bis E. 2.4) verhindert werden, dass die
Ergänzungsleistungen einen finanziellen Bedarf decken, der nicht „zufällig“ im
versicherungsrechtlichen Sinn, sondern infolge der Verletzung einer
Schadenverhinderungs- oder Schadenminderungspflicht eingetreten ist. Hinter der
Anrechnung eines Verzichtsvermögens steht der Gedanke, dass die
Ergänzungsleistungen nicht für einen Bedarf aufkommen sollen, der nur deshalb
entstanden ist, weil der EL-Ansprecher vorhandene Vermögenswerte, die ein
„Vorsorgekapital“ für den Fall einer später eintretenden finanziellen Bedürftigkeit waren,
dem „Vorsorgezweck“ entzogen und beispielsweise verschenkt oder verschwendet
hat.
4.1.
Die Akten enthalten zwar verschiedene Hinweise, die den Verdacht begründen, der
Ehemann der Beschwerdeführerin könnte zu Lebzeiten namhafte Beträge verschenkt
haben. Ein entsprechender Vermögensverzicht ist aber nicht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt. Entgegen der von der
Beschwerdegegnerin vertretenen Auffassung kann die naturgemäss einseitige
Sachverhaltsdarstellung in der erbrechtlichen Klageschrift vom 23. Juli 2015 keine
ausreichende Beweisgrundlage für den Nachweis eines Vermögensverzichtes im Sinne
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/16
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5.
des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG bilden. Die Beschwerdeführerin hat glaubhaft dargelegt,
dass sie über die finanziellen Angelegenheiten ihres verstorbenen Ehemannes nicht im
Bilde gewesen sei, und der mutmasslich begünstigte Sohn B._ hat bis zuletzt vor
Schranken (in einem kreisgerichtlichen Verfahren) geltend gemacht, dass er die
erforderlichen Auskünfte nicht erteilen könne, weshalb die erbrechtliche Angelegenheit
schliesslich durch einen gerichtlichen Vergleich abgeschlossen worden ist. Vor diesem
Hintergrund ist von weiteren Sachverhaltsabklärungen in antizipierender
Beweiswürdigung kein wesentlicher Erkenntnisgewinn zu erwarten, weshalb bezüglich
eines allfälligen Vermögensverzichtes zu Lebzeiten des Ehemannes der
Beschwerdeführerin eine objektive Beweislosigkeit vorliegt. Diesbezüglich verbietet
sich gestützt auf den Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG die Anrechnung eines
Verzichtsvermögens, da kein Verzicht nachweisbar ist (vgl. aber die nachfolgende E. 5).
Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdeführerin anlässlich eines erst im Jahr 2016
erfolgten Liegenschaftsverkaufs im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG auf Vermögen
verzichtet hat. Gemäss dem im Juli 2016 geschlossenen Erbteilungsvertrag hat der
Nachlass des verstorbenen Ehemannes unter anderem je einen Miteigentumsanteil von
einem Viertel an zwei Grundstücken beinhaltet, die nicht mit Grundpfandschulden
belastet gewesen sind. Bei diesen beiden Grundstücken hat es sich um Ackerflächen in
der Landwirtschaftszone mit einer Gesamtfläche von knapp 45 Aren gehandelt (vgl.
<https://www.geoportal.ch/ktsg/map>, Suche nach den in den Akten angegebenen
Grundstücksnummern, Klick auf Informationen; abgerufen am 2. März 2021). In den
Steuerveranlagungsverfügungen sind die Miteigentumsanteile jeweils zum Gesamtwert
von 1’925 Franken angerechnet worden (vgl. etwa act. G 3.1.33). Bei diesem Betrag
muss es sich um den angemessenen Marktwert gehandelt haben. Bei der Erbteilung
sind diese beiden Miteigentumsanteile ebenfalls mit 1’925 Franken und damit zum
marktüblichen Preis angerechnet worden (vgl. act. G 3.1.26–27). Diesbezüglich liegt
deshalb kein Vermögensverzicht vor.
4.3.
Die Beschwerdegegnerin ist – der bundesgerichtlichen Auffassung folgend – davon
ausgegangen, dass auch dann ein Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g
ELG anzurechnen sei, wenn eine objektive Beweislosigkeit hinsichtlich des Verbleibs
von Vermögenswerten vorliege, das heisst wenn sich ein einmal vorhandenes
Vermögen stark vermindert hat, ohne dass nachvollziehbar wäre, was mit dem
angegebenen Vermögensabgang geschehen ist. Das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen hat schon mehrfach ausführlich dargelegt, dass diese Sichtweise
gesetzwidrig ist (vgl. etwa die Entscheide EL 2018/16 vom 21. August 2019, E. 4.2, mit
5.1.
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Hinweisen, und EL 2012/43 vom 17. Dezember 2013, E. 1.3). Die Anwendung des Art.
11 Abs. 1 lit. g ELG setzt nämlich zwingend den Nachweis einer Verzichtshandlung
voraus. Das bedeutet, dass in Anwendung des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG nur dann ein
hypothetisches Vermögen angerechnet werden kann, wenn eine Verzichtshandlung mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt ist. Das
ist in Fällen, in denen objektiv nicht bewiesen werden kann, was mit einem früher
nachweislich vorhandenen und nun – angeblich – nicht mehr vorhandenen Vermögen
geschehen ist, gerade nicht der Fall, weil die Verzichtshandlung in einem solchen Fall
nicht nachweisbar ist. Der analog angewendete Art. 8 ZGB ist eine rein
beweisrechtliche Norm, weshalb er offensichtlich ebenfalls keine Grundlage für die
Anrechnung eines hypothetischen Vermögens sein kann. Also müsste es eine andere
gesetzliche Grundlage geben, die es erlauben würde, ein hypothetisches Vermögen
anzurechnen. Eine solche existiert aber nicht. Die Anrechnung eines hypothetischen
Vermögens könnte folglich nur lückenfüllend zulässig sein, was allerdings eine
ausfüllungsbedürftige Gesetzeslücke erfordern würde. Eine solche Lücke gibt es aber
nicht, denn die analoge Anwendung des Art. 8 ZGB führt dazu, dass effektiv noch
vorhandenes Vermögen „nachgewiesen“ ist (indem das behauptete Verschwinden des
Vermögens wegen einer objektiven Beweislosigkeit als nicht nachweisbar ignoriert
werden muss). Ein effektiv vorhandenes Vermögen muss aber nicht gestützt auf den
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG, sondern gestützt auf den Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG angerechnet
werden. Zusammenfassend fehlt also jede Rechtfertigung für eine entsprechende
ausfüllungsbedürftige Lücke im Art. 11 Abs. 1 ELG. Die Beschwerdeführerin, die
zusammen mit ihrem Ehemann am Ende des Jahres 2009 noch über ein Vermögen von
490’363 Franken und im Zeitpunkt des Ablebens des Ehemannes beziehungsweise am
31. Oktober 2014 noch über ein Vermögen von 231’586 Franken verfügt hatte, hat bei
der Anmeldung zum Leistungsbezug eine ergänzungsleistungsrechtlich relevante
„Armut“ unter anderem mit dem Hinweis darauf behauptet, sie habe am 31. Dezember
2017 lediglich noch über ein Vermögen von 65’333 Franken verfügt. Sollte tatsächlich
eine objektive Beweislosigkeit bezüglich der Frage vorliegen, was mit dem angeblich
nicht mehr vorhandenen Vermögen geschehen ist, wie die Beschwerdegegnerin
angenommen hat, müsste die Beschwerdeführerin den Nachteil dieser objektiven
Beweislosigkeit tragen, das heisst der entsprechende Betrag müsste bei der
Anspruchsberechnung als effektiv noch vorhandenes Vermögen berücksichtigt werden.
Da die Einnahmen des Ehepaares vor November 2014 und die Einnahmen der
Beschwerdeführerin nach dem Tod des Ehemannes im November 2014
augenscheinlich nicht zur Deckung des Existenzbedarfs ausgereicht haben (vgl. E. 3),
ist die Beschwerdegegnerin grundsätzlich zu Recht davon ausgegangen, dass ein Teil
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/16
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des Vermögens für die Bestreitung des alltäglichen Lebensbedarfs verzehrt worden sei.
Die Idee, das Vermögen könne mit dem damals üblichen Umwandlungssatz von 6,8
Prozent multipliziert und als fiktive BVG-Rente berücksichtigt werden, ist allerdings
nicht nachvollziehbar. Für ein solches Vorgehen existiert weder eine gesetzliche
Grundlage noch lässt es sich mit der Systematik oder dem Sinn und Zweck des
Ergänzungsleistungsrechtes vereinbaren. Dasselbe gilt für die Pauschale von 10’000
Franken, die von der Beschwerdegegnerin als ein „allgemeiner Erfahrungswert“
ausgegeben worden ist. Die richtige Lösung muss sich an den gesetzlichen Vorgaben
orientieren. Das Ergänzungsleistungsrecht bezweckt die Deckung des Existenzbedarfs
von Bezügern einer Rente oder einer Hilflosenentschädigung der ersten Säule. Der Art.
10 ELG definiert diesen massgebenden ergänzungsleistungsrechtlichen
Existenzbedarf: Er entspricht der Summe der vom Art. 10 ELG anerkannten Ausgaben.
Diese Ausgaben sind gemäss dem Art. 11 Abs. 1 ELG primär durch die anrechenbaren
Einnahmen zu decken. Reichen diese nicht aus, um den
ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzbedarfs zu decken, ist der Fehlbetrag durch
eine Ergänzungsleistung auszugleichen (Art. 9 Abs. 1 ELG). Zu den anrechenbaren
Einnahmen gehört auch ein zumutbarer Vermögensverzehr, das heisst einem EL-
Ansprecher wird zugemutet, einen allfälligen Fehlbetrag zumindest teilweise durch den
Verbrauch seines Vermögens zu decken. Fliessen einem Bezüger einer Rente der
ersten Säule nur geringe Einnahmen zu, verfügt er aber noch über ein nennenswertes
Vermögen, ist er also gehalten, sein Vermögen zur Finanzierung seines Lebensbedarfs
zu verbrauchen. Dieser Vermögensverzehr muss sich allerdings in einem vernünftigen
Rahmen bewegen, das heisst er muss dem Umstand Rechnung tragen, dass das
Vermögen noch möglichst lange einem Vorsorgezweck dienen muss. Ein übermässiger
oder gar verschwenderischer Verbrauch des Vermögens hat zur Folge, dass die
versicherte Person früher eine Ergänzungsleistung benötigt, als wenn sie das
Vermögen vernünftig verbraucht hätte. Darin ist eine Verletzung der
ergänzungsleistungsspezifischen Schadenverhinderungs- respektive
Schadenminderungspflicht zu erblicken. Damit stellt sich die Frage, was als ein
angemessener Vermögensverbrauch zu qualifizieren ist. Diese Frage kann natürlich
nicht losgelöst von den massgebenden (altrechtlichen, d.h. bis zum 31. Dezember
2020 geltenden) Bestimmungen des ELG beantwortet werden. Angemessen im Sinne
des Ergänzungsleistungsrechtes kann grundsätzlich nur ein Vermögensverbrauch sein,
der die Deckung des ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzminimums erlaubt, denn
alles, was darüber hinaus geht, muss im Lichte des ELG als ein übermässiger, den
ergänzungsleistungsrechtlichen Vorsorgezweck des Vermögens missachtender
Vermögensverbrauch qualifiziert werden (sofern es sich dabei nicht um einmalige
Zusatzausgaben für notwendige Anschaffungen handelt). Folglich muss für die
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Bemessung des angemessenen Vermögensverzehrs eine hypothetische EL-
Anspruchsberechnung vorgenommen werden, bei der allerdings kein
Vermögensverzehr zu berücksichtigen ist, weil der resultierende „hypothetische EL-
Anspruch“ ja nur aufzeigen soll, wie viel Vermögen zur Deckung des
ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzbedarfs hätte verbraucht werden müssen (vgl.
zum Ganzen auch den Entscheid EL 2018/2 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom
21. August 2019, E. 2.8). Das Bundesgericht hat den Entscheid EL 2018/2 vom 21.
August 2019, in dem das St. Galler Versicherungsgericht seine langjährige Praxis
nochmals ausführlich begründet hat, mit seinem Urteil BGE 146 V 306 zwar
aufgehoben, aber es hat sich darin nicht mit der Argumentation des St. Galler
Versicherungsgerichtes auseinander gesetzt, sondern bloss festgehalten, dass kein
Grund für eine Änderung der (eigenen) Praxis ersichtlich sei. Namentlich stelle die
anstehende Revision des ELG keinen Grund für eine Änderung der
Bundesgerichtspraxis dar, weil eine solche Praxisänderung im Ergebnis einer
unzulässigen Vorwirkung der neuen Gesetzesbestimmungen gleichkäme. Bei richtiger
Betrachtung geht es aber gar nicht um eine Frage der Vorwirkung. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wertet eine Verschwendung von
Vermögen seit Jahrzehnten als einen Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit.
g ELG und es hat diese Auffassung wiederholt eingehend begründet (vgl. etwa die
Entscheide EL 2008/40 vom 6. Mai 2009, EL 2012/43 vom 17. Dezember 2013, EL
2014/31 vom 26. November 2015, EL 2015/11 vom 13. September 2016, EL 2017/6
vom 4. Januar 2018, EL 2016/57 vom 9. Januar 2018, EL 2016/36 vom 9. April 2018
und EL 2018/16 vom 21. August 2019). Eine unzulässige Vorwirkung läge nur vor, wenn
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen seine konstante Praxis aufgegeben
und die neue gesetzliche Regelung vor deren Inkrafttreten angewendet hätte, was aber
nicht der Fall gewesen ist. Das Bundesgericht hat auch übersehen, dass der
Gesetzgeber mit der neuen Regelung lediglich eine von ihm als falsch erachtete
höchstrichterliche Rechtsprechung hat korrigieren wollen, wie eindeutig aus der
Botschaft zur EL-Reform hervorgeht: „Im geltenden Recht wird der Vermögensverzicht
nicht definiert, er richtet sich nach der Rechtsprechung [...] Die versicherte Person
kann also ein Luxusleben führen und, wenn das Vermögen aufgebraucht ist, EL
beantragen, ohne Sanktionen in Kauf nehmen zu müssen. Die Kapitalbezüge aus der 2.
Säule werden ebenfalls in die EL-Berechnung einbezogen und auf einen allfälligen
Vermögensverzicht hin untersucht. Wie das Vermögen können auch sie ausgegeben
werden, ohne dass die Betroffenen bei der EL-Bemessung sanktioniert werden. Die
fehlenden Sanktionen können die Versicherten veranlassen, ihr gesamtes Vermögen
schnell zu verbrauchen. Dies wird insbesondere dann als stossend empfunden, wenn
das BVG-Guthaben zu vollkommen anderen Zwecken als für die Vorsorge verwendet
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wurde“ (BBl 2016, S. 32 f.). In diesem Punkt hat die EL-Reform also eindeutig auf die
Beseitigung einer vom Gesetzgeber als falsch erachteten höchstrichterlichen
Rechtsprechung abgezielt. Die Auffassung, die eindeutig falsche höchstrichterliche
Rechtsprechung müsse um jeden Preis beibehalten werden, bis die neue ELG-
Bestimmung zwingend angewendet werden müsse, ist unhaltbar. Das Bundesgericht
hätte den klaren Willen des Gesetzgebers ernst nehmen und seine als eindeutig falsch
bezeichnete Praxis möglichst rasch korrigieren müssen, was ohne Weiteres möglich
gewesen wäre, hat die Praxis des Versicherungsgerichtes doch schon seit Jahrzehnten
im Einklang mit der „alten“ gesetzlichen Regelung dem nun im Rahmen der EL-Reform
eindeutig formulierten Willen des Gesetzgebers entsprochen. Da das Bundesgericht
seinen oben erwähnten Leitentscheid BGE 146 V 306 zusammenfassend nicht mit einer
überzeugenden Begründung versehen hat, ist es dem Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen nicht möglich, vom eindeutig zum Ausdruck gebrachten Willen des
Gesetzgebers abzuweichen.
Die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann haben am Ende des Jahres 2009 über
ein Vermögen von 490’363 Franken verfügt. Beim Tod des Ehemannes im November
2014 respektive am 31. Oktober 2014 hat sich das Vermögen noch auf 231’586
Franken belaufen, was bedeutet, dass sich das Vermögen in der Zeit vom 1. Januar
2010 bis zum 31. Oktober 2014 um 258’777 Franken reduziert hat. Der Existenzbedarf
des Ehepaares ist natürlich höher als der Existenzbedarf der Beschwerdeführerin ab
November 2014 gewesen. Für die Berechnung des ergänzungsleistungsrechtlichen
Existenzminimums sind zwei Krankenkassenprämien, der Mietzins der Wohnung sowie
die Lebensbedarfspauschale für ein Ehepaar zu berücksichtigen, was einen
Gesamtbedarf von rund 51’000 Franken ergibt (vgl. E. 3). Nach Abzug der AHV-
Rentenleistungen, die rund eineinhalbmal so hoch wie jene gewesen sind, die die
Beschwerdeführerin ab November 2014 bezogen hat, und folglich rund 37’000 Franken
betragen haben (vgl. E. 3), ergibt sich ein Fehlbedarf von 14’000 Franken pro Jahr. Für
die Zeit vom 1. Januar 2010 bis zum 31. Oktober 2014 ist folglich ein
Vermögensverzehr für die Bestreitung des alltäglichen Lebensbedarfs von rund 68’000
Franken zu berücksichtigen (= 4,83 × 14’000 Franken). Infolge eines Heimaufenthaltes
im Jahr 2014 sind in jenem Jahr zusätzliche Kosten von knapp 22’000 Franken
entstanden (vgl. act. G 3.1.10–2 und G 3.1.16 f.). Die Akten enthalten keine Hinweise
auf weitere aussergewöhnliche Ausgaben. Folglich erweist sich ein Vermögensverzehr
von 90’000 Franken in der Zeit vom 1. Januar 2010 bis zum 31. Oktober 2014 als
nachvollziehbar. Der darüber hinausgehende Vermögensverbrauch von 168’777
Franken dürfte sich zum Teil mit Zuwendungen des verstorbenen Ehemannes an den
Sohn B._ oder an Unternehmen, an denen dieser beteiligt gewesen ist, erklären
5.3.
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lassen. In einem Schreiben vom 2. April 2015 hat B._ erklärt, dass der verstorbene
Ehemann der Beschwerdeführerin „Investitionen“ im Gesamtbetrag von etwas mehr als
300’000 Franken getätigt habe (act. G 3.2.5–60), aber die entsprechenden
Überweisungen sind grösstenteils vor dem 1. Januar 2010 erfolgt; nur ein Teilbetrag
von 35’843 + 83’760 + 3’500 = 123’103 Franken ist in der Zeit zwischen dem 1. Januar
2010 und dem 31. Oktober 2014 überwiesen worden (vgl. act. G 3.2.5–57). Entgegen
der Ansicht der Beschwerdegegnerin kann in diesen Überweisungen kein
Vermögensverzicht der Beschwerdeführerin im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG
erblickt werden. Die Beschwerdeführerin hat überzeugend dargelegt, dass ihr Ehemann
ihr jedes Mitbestimmungsrecht in Bezug auf die Ausgaben und sogar die Einsicht in die
finanziellen Verhältnisse verweigert hat. Dabei hat es sich nicht einfach nur um eine
Ausprägung eines altmodischen Rollenverständnisses gehandelt, denn dies dürfte in
einem engen Zusammenhang mit der Alkoholabhängigkeit des Ehemannes bzw. der
damit einher gehenden gesteigerten Aggressivität gegenüber der Beschwerdeführerin
gestanden haben. Vor diesem Hintergrund ist die Beschwerdeführerin bis November
2014 objektiv gar nie in der Lage gewesen, eine Verzichtshandlung zu „begehen“.
Damit verbleibt ein nicht nachvollziehbarer Vermögensrückgang von 168’777 – 123’103
= 45’674 Franken. Hinsichtlich des Verbleibs dieses Betrages besteht eine objektive
Beweislosigkeit, weshalb dieser Betrag als tatsächlich noch vorhandenes Vermögen zu
berücksichtigen ist.
Nach dem Tod des Ehemannes am 31. Oktober 2014 hat sich das Vermögen der
Beschwerdeführerin von 231’586 Franken (Stand am 31. Oktober 2014) auf 65’333
Franken (Stand am 31. Dezember 2017) verringert. Das entspricht einem
Vermögensrückgang von 166’253 Franken innerhalb von gut drei Jahren. Allerdings hat
die Beschwerdeführerin ihren beiden Söhnen zusammen 26’845 Franken (vgl. act. G
3.1.26–27) auszahlen und die Todesfallkosten von insgesamt 52’560 Franken (vgl. act.
G 3.1.26–26) begleichen müssen, wodurch sich das Vermögen im Jahr 2016 um
insgesamt 79’405 Franken verringert hat. Dadurch reduziert sich der (übrige)
Vermögensverbrauch von 166’253 Franken auf 86’848 Franken. Die
Beschwerdeführerin hat angegeben, dass sie ihre Wohnung neu habe möblieren
müssen. Die entsprechenden Ausgaben werden wohl als ein angemessener (d.h. nicht
übertriebenem Luxus geschuldeter) Vermögensverbrauch zu qualifizieren sein, aber die
Akten enthalten keine entsprechenden Kaufbelege. In Erfüllung ihrer
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) hätte die Beschwerdegegnerin
diesbezüglich weitere Abklärungen tätigen müssen. Da sie dies nicht getan hat, ist die
Verfügung vom 29. November 2018 respektive der angefochtene Einspracheentscheid
„verfrüht“ beziehungsweise in Verletzung der Untersuchungspflicht ergangen, weshalb
5.4.
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6.
Zusammenfassend ist der angefochtene Einspracheentscheid vom 20. August 2019
aufzuheben und die Sache ist zur Vervollständigung der Sachverhaltsabklärung und zur
anschliessenden neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Das
Verfahren ist gemäss dem nach Art. 83 ATSG anwendbaren Art. 61 lit. a ATSG in der
bis zum 31. Dezember 2020 gültigen Fassung kostenlos.