Decision ID: e100c41f-2b10-4e82-83ff-a4940c009fb3
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_001
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Am tt.mm.jjjj verstarb B. (Erblasserin) in Zofingen AG. Als gesetzliche Er-
ben hinterliess sie ihren (am tt.mm.jjjj zwischenzeitlich ebenfalls verstorbe-
nen) Sohn C., den Sohn D. sowie die Tochter E.. Mit Verfügung von Todes
wegen bedachte sie zudem A. (Berufungsklägerin), G., H. und I..
2.
2.1.
Am 30. August 2021 ersuchte I. für sich und für A. (Berufungsklägerin) und
H. das Bezirksgericht Zofingen sinngemäss um Aufnahme eines Siche-
rungsinventars.
2.2.
Mit Verfügung vom 15. September 2021 ordnete die Gerichtspräsidentin
von Zofingen gestützt auf Art. 553 Abs. 1 Ziff. 3 ZGB im Erbgang der Erb-
lasserin die Aufnahme eines Sicherungsinventars an. Mit der Inventarauf-
nahme wurde die Stadtkanzlei Zofingen AG beauftragt.
2.3.
Am 4. März 2022 reichte das Erbschaftsamt Zofingen das Sicherungsin-
ventar zur Prüfung und Genehmigung beim Bezirksgericht Zofingen ein.
2.4.
Am 11. März 2022 erkannte der Gerichtspräsident von Zofingen:
" 1. Das Sicherungsinventar über den Nachlass von B., geboren am tt.mm.jjjj, von Q. und R., gestorben am tt.mm.jjjj, wohnhaft gewesen J., 4800 , wird genehmigt.
2. Die Erben werden darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Erbschaft  drei Monaten ab Zustellung dieser Verfügung ausschlagen können (Art. 566 bis 568 ZGB).
3. Die Entscheidgebühr von Fr. 300.00 wird mit dem vom Gesuchsteller I. geleisteten Kostenvorschuss verrechnet."
3.
3.1.
Mit Eingabe vom 19. März 2022 (Postaufgabe) an das Bezirksgericht Zo-
fingen erhob die Berufungsklägerin "Einsprache" gegen diesen ihr am
14. März 2022 zugestellten Entscheid. Sie beantragte sinngemäss, dass
die im Sicherungsinventar als Aktivum genannte Liegenschaft der Erblas-
- 3 -
serin in Frankreich sowie die im Sicherungsinventar als Passivum genann-
ten Kosten bezüglich der K. aus dem Sicherungsinventar zu entfernen
seien. Die Eingabe stellte die Berufungsklägerin in Kopie auch dem Ober-
gericht zu.
3.2.
Mit Schreiben vom 22. März 2022 bat der obergerichtliche Instruktionsrich-
ter die Berufungsklägerin, sollte sie ihre Eingabe als Rechtsmittel (Beru-
fung) verstehen, dies dem Obergericht bis am 8. April 2022 schriftlich mit-
zuteilen, ansonsten ihre Eingabe vom 18. März 2022 abgelegt und nicht als
Rechtsmittel behandelt würde.
3.3.
Mit Eingabe vom 5. April 2022 (Postaufgabe) führte die Berufungsklägerin
sinngemäss aus, ihre Eingabe vom 19. März 2022 sei als Berufung zu ver-
stehen.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Angefochten ist ein Entscheid des Gerichtspräsidiums Zofingen betreffend
Genehmigung eines Sicherungsinventars (Art. 553 ZGB). Dabei handelt es
sich um einen Akt der freiwilligen Gerichtsbarkeit (BGE 5A_1036/2020
E. 2.1). Die Zivilprozessordnung (ZPO) regelt gemäss Art. 1 lit. b das Ver-
fahren für gerichtliche Anordnungen der freiwilligen Gerichtsbarkeit. Ge-
mäss Art. 248 lit. e ZPO ist für diese Angelegenheiten das summarische
Verfahren anwendbar. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
(BGE 139 III 225 E. 2.2) gilt Art. 1 lit. b ZPO allerdings nur dort, wo das
Bundesrecht selbst eine gerichtliche Behörde vorschreibt. In den übrigen
Bereichen der freiwilligen Gerichtsbarkeit, in welchen die Kantone in der
Bezeichnung der zuständigen Behörde frei sind, wenden diese weiterhin
kantonales Verfahrensrecht an, wobei sie eine eigene Regelung aufstellen
oder auf eine bestimmte Verfahrensordnung verweisen können. Deren Nor-
men stellen diesfalls aber nicht Bundesrecht, sondern kantonales Recht
dar.
1.2.
Bei der Anordnung und Genehmigung eines Sicherungsinventars sind die
Kantone frei in der Bezeichnung der zuständigen Behörde (Art. 551 ff.
i.V.m. Art. 54 Abs. 1 SchlT ZGB). Der Kanton Aargau hat diese Zuständig-
keit dem Gerichtspräsidium übertragen (§ 66 Abs. 3 EG ZGB) und die Be-
stimmungen des summarischen Verfahrens gemäss den Art. 248 ff. ZPO
als anwendbar erklärt (§ 66 Abs. 4 EG ZGB), welche somit als kantonales
Recht zur Anwendung gelangen.
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2.
2.1.
2.1.1.
Im summarischen Verfahren ergangene Endentscheide sind bei einem
Streitwert von mindestens Fr. 10'000.00 mit Berufung anfechtbar, sonst mit
Beschwerde (Art. 308 Abs. 1 lit. a und Abs. 2 sowie Art. 319 lit. a ZPO).
Dies gilt auch für erbrechtliche Angelegenheiten, die grundsätzlich als sol-
che vermögensrechtlicher Art erscheinen (BGE 5A_395/2010 E. 1.2.2). Die
Vorinstanz ist von einem Streitwert von mehr als Fr. 10'000.00 ausgegan-
gen, was in der Berufung nicht beanstandet wird. Damit ist als Rechtsmittel
die Berufung gegeben.
Mit Berufung können die unrichtige Rechtsanwendung und die unrichtige
Feststellung des Sachverhalts geltend gemacht werden (Art. 310 ZPO).
Neue Tatsachen und Beweismittel werden im Berufungsverfahren nur noch
berücksichtigt, wenn sie ohne Verzug vorgebracht werden und trotz zumut-
barer Sorgfalt nicht schon vor erster Instanz vorgebracht werden konnten
(Art. 317 Abs. 1 ZPO).
2.1.2.
Die Beschwer ist Zulässigkeitsvoraussetzung jedes Rechtsmittels; sie ist
das für das Rechtsmittelverfahren von Amtes wegen zu beachtende Pen-
dant zum Rechtsschutzinteresse im erstinstanzlichen Verfahren, welches
eine Prozessvoraussetzung darstellt (Art. 59 Abs. 2 lit. a ZPO). Formelle
Beschwer liegt vor, wenn das Dispositiv des erstinstanzlichen Entscheids
von den Rechtsbegehren der rechtsmittelwilligen Partei abweicht. Zudem
muss eine materielle Beschwer gegeben sein. Hierfür genügt, dass die Par-
tei durch den angefochtenen Entscheid besonders berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Abänderung hat (vgl.
Art. 76 Abs. 1 lit. b BGG), denn die Legitimationsvoraussetzungen im kan-
tonalen Verfahren dürfen gemäss Art. 111 Abs. 1 BGG nicht enger um-
schrieben werden als für die Beschwerde ans Bundesgericht (BGE 139 III
225 E. 2; BGE 2C_964/2012 E. 4.1). Hinreichend ist daher, dass mit der
Anfechtung ein wirtschaftlicher, ideeller oder materieller Nachteil beseitigt
werden könnte. Das Rechtsschutzinteresse ist dagegen zu verneinen,
wenn der Rechtsmittelkläger durch das Urteil nicht betroffen oder benach-
teiligt ist (SEILER, Die Berufung nach ZPO, Zürich 2013, Rz. 533). Die
Rechtsmittelbefugnis setzt ein aktuelles und praktisches Interesse an der
Gutheissung des Rechtsmittels voraus (BGE 140 III 92 E. 1.1). Ob eine
relevante Benachteiligung vorliegt, ist grundsätzlich aufgrund der Rechts-
mittelanträge und deren Begründung zu ermitteln (SEILER, a.a.O., Rz. 533).
Der Rechtsmittelkläger hat im Rechtsmittel darzulegen, woraus er seine
Legitimation ableitet (BGE 125 I 173 E. 1b; BGE 4P.231/2000 E. 1).
- 5 -
2.2.
Mit der Berufung bringt die Berufungsklägerin vor, die im Sicherungsinven-
tar genannte Liegenschaft der Erblasserin in Frankreich sei nicht im Siche-
rungsinventar anzuführen. Denn gemäss Art. 86 Abs. 2 IPRG sei betreffend
Grundstücke im Ausland die Zuständigkeit des Staates, der für Grundstü-
cke auf seinem Gebiet die ausschliessliche Zuständigkeit vorsehe, vorbe-
halten. Dies sei der Fall für Frankreich. Ausserdem seien auch die Kosten
bezüglich der K. nicht im Sicherungsinventar anzuführen. Diese Kosten be-
träfen das Räumen eines Hauses, welches in D. Eigentum sei, und damit
private Kosten von D. darstellten, welche nicht ins Sicherungsinventar ge-
hörten.
2.3.
Die Aufnahme eines Sicherungsinventars kann nach Art. 553 Abs. 1 Ziff. 3
ZGB namentlich angeordnet werden, wenn einer der Erben es verlangt.
Das Sicherungsinventar gemäss Art. 553 ZGB bezweckt, den Bestand der
bei Eröffnung des Erbgangs vorhandenen Vermögenswerte aufzunehmen,
um zu verhindern, dass solche zwischen Erbgang und Teilung unbemerkt
verschwinden können (BGE 118 II 264 E. 4b/bb). Es erbringt im Sinn von
Art. 9 ZGB Beweis dafür, dass die aufgeführten Vermögenswerte bei Eröff-
nung des Erbgangs in der im Inventar aufgeführten Weise vorhanden wa-
ren und gemäss den inventarisierten Angaben in diesem Zeitpunkt zum
Nachlass gehörten (BGE 120 Ia 258 E. 1c; BGE 5A_1036/2020 E. 2.1). Der
erforderliche Inhalt des Inventars bestimmt sich durch diese Sicherungs-
funktionen. Zu inventarisieren sind alle noch existierenden Vermögens-
werte des Nachlasses, mithin die Aktiven, nicht aber die Passiven (EMMEL,
Praxiskommentar zum Erbrecht, 4. Aufl. 2019, N. 2 zu Art. 553 ZGB; siehe
auch BGE 5A_434/2012 E. 3.2.2; in der Praxis – so auch vorliegend – wer-
den aber teilweise auch die Schulden verzeichnet). Im Inventar sind Zahl
und Art der zum Nachlass gehörenden Vermögensstücke aufzuführen
(KARRER/VOGT/LEU, in: Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch II, 6. Aufl.
2019, N. 1 zu Art. 553 ZGB). Das Inventar muss sich auf alle Vermögens-
werte erstrecken, einschliesslich derjenigen, die im Ausland liegen (BGE
5A_434/2012 E. 3.2.2). Umstrittene Vermögenswerte, deren Zugehörigkeit
zum Nachlass nicht klar feststeht, sind unter Vorbehalt ins Inventar aufzu-
nehmen (BGE 118 II 264 E. 4b/bb; KARRER/VOGT/LEU, BSK ZGB, a.a.O.,
N. 3 zu Art. 553). Das Sicherungsinventar dient nicht der Berechnung der
Erb- und Pflichtteile und kann nicht Rechnungsgrundlage für die Erbteilung
bilden (BGE 118 II 264 E. 4b/bb). Es kann nachträglich jederzeit abgeän-
dert werden, wenn es sich als unrichtig oder unvollständig herausstellen
sollte (BGE 5A_434/2012 E. 3.2.2; KARRER/VOGT/LEU, BSK ZGB, a.a.O.,
N. 16 zu Art. 553 ZGB).
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2.4.
Die Berufungsklägerin legt nicht dar, dass und inwiefern die Vorinstanz mit
der Schliessung der Inventaraufnahme und der Genehmigung des Inven-
tars über einen von ihr gestellten Antrag abschlägig entschieden hat. Mit
ihrer Eingabe vom 5. April 2022 (Postaufgabe) hat sie bestätigt, dass ihre
Eingabe vom 19. März 2022 (Postaufgabe) als Rechtsmittel ans Oberge-
richt zu verstehen sei, auch wenn die Eingabe formell zunächst an das Be-
zirksgericht Zofingen adressiert war. Nach der Schliessung der Inventarauf-
nahme durch die Vorinstanz blieb es der Berufungsklägerin unbenommen,
dieser entsprechende Ergänzungs- bzw. Berichtigungsanträge zu unter-
breiten, nachdem das Sicherungsinventar, wie vorstehend ausgeführt, je-
derzeit der Abänderung zugänglich ist. Ein Ergänzungs- bzw. Berichti-
gungsantrag wurde ausweislich der Akten aber vor Erlass des angefochte-
nen Entscheids nicht gestellt. Erst der (abschlägige) Entscheid über ein
Berichtigungsgesuch verleiht die für die Rechtsmittelergreifung erforderli-
che Beschwer (vgl. auch Anmerkung [Fussnote] 30 zum Kreisschreiben
des Obergerichts über die Ausstellung von Erbbescheinigungen und über
die Mitteilung des Auftrages an den Willensvollstrecker [GKA
155.200.1.215] für den analogen Fall der Anfechtung einer Erbbescheini-
gung; Entscheid des Obergerichts [3. Zivilkammer] vom 15. August 2011,
ZBE.2011.2, E. 2.3), sodass er mit Berufung i.S.v. Art. 308 ZPO angefoch-
ten werden kann. Die Berufungsklägerin ist somit durch den angefochtenen
Entscheid nicht beschwert, weshalb auf ihre Berufung nicht einzutreten ist.
3.
Bei diesem Ausgang werden die Kosten der Berufungsklägerin auferlegt
(Art. 106 ZPO). Eine Parteientschädigung ist nicht auszurichten.