Decision ID: 2411cb03-8959-4351-851b-3dbae53fb513
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 22.10.2020 Art. 17 ATSG. Art. 43 Abs. 1 ATSG. Rentenrevision. Sachverhaltsabklärung. Untersuchungspflicht. Bedeutung der „Standardindikatoren“ gemäss BGE 141 V 281 (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 22. Oktober 2020, IV 2018/304).
Entscheid vom 22. Oktober 2020
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
IV 2018/304
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Adrian Fiechter, Anwalt und Beratung GmbH,
Poststrasse 6, Postfach 239, 9443 Widnau,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Rentenrevision (Erhöhung)
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 1991 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 3). Der Allgemeinmediziner Dr. med. B._ berichtete
im März 1991 (IV-act. 11), der Versicherte leide an einer Allergie auf Chromat, weshalb
er seine Tätigkeit als Hilfsarbeiter in einem Hartchromwerk nicht mehr ausüben könne.
Gemäss einem Arbeitgeberbericht hatte der Versicherte als Schichtarbeiter im
Dezember 1990 einen Monatslohn von 4’892 Franken erzielt, der sich aus einem
Grundlohn von 2’750 Franken und Schichtzulagen sowie einer Überzeitentschädigung
von insgesamt 2’142 Franken zusammengesetzt hatte (IV-act. 13). Mit einer Verfügung
vom 26. Juni 1991 wurde dem Versicherten eine einjährige Umschulung zum
Druckereimitarbeiter zugesprochen (IV-act. 21). Der Versicherte konnte diese
Umschulung erfolgreich abschliessen, erzielte in der Folge aber (wohl mangels
Schichtzulagen) ein tieferes Erwerbseinkommen; die Erwerbseinbusse war allerdings
nicht so hoch, dass ein Rentenanspruch im Raum gestanden hätte (IV-act. 25). Im
August 1995 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act. 32).
Im Oktober 1995 berichtete Dr. B._ (IV-act. 38), der Versicherte leide an lumbo-
vertebralen Beschwerden mit einem fraglichen Bandscheibenschaden und einem
Ischiassyndrom rechts. Der Arbeitsfähigkeitsgrad betrage 50 Prozent. Die berufliche
Abklärungsstelle (BEFAS) Appisberg hielt in einem Bericht vom 5. Juni 1997 fest (IV-
act. 50), sie habe die von der IV-Stelle in Auftrag gegebene berufliche Abklärung nach
drei Wochen vorzeitig abgebrochen, weil sich der Versicherte träge und desinteressiert
gezeigt habe. Er habe ungepflegt gewirkt und in fast regelmässigen Abständen ein eher
theatralisch wirkendes Stöhnen von sich gegeben. Insgesamt sei der Eindruck
entstanden, dass der Versicherte nicht sein wahres Gesicht gezeigt habe. Der
Arbeitsfähigkeitsgrad betrage 80 Prozent. Ein Arzt des IV-internen regionalen ärztlichen
A.a.
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Dienstes (RAD) notierte im Juni 1997, dem Versicherten könne gemäss dem Bericht der
BEFAS Appisberg eine adaptierte Tätigkeit im Umfang von 80 Prozent zugemutet
werden (IV-act. 51). Die IV-Stelle verglich den von der ehemaligen Arbeitgeberin des
Versicherten (Hartchromwerk) angegebenen hypothetischen Lohn von 63’700 Franken
(IV-act. 52) mit 80 Prozent eines durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohnes, was einen
Invaliditätsgrad von 47 Prozent ergab (vgl. IV-act. 54). Mit einer Verfügung vom 13.
November 1997 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1. Oktober
1995 eine Viertelsrente der Invalidenversicherung zu (IV-act. 67). Eine gegen diese
Verfügung erhobene Beschwerde (IV-act. 68) wurde zurückgezogen (vgl. IV-act. 74),
nachdem die IV-Stelle dem Versicherten mit einer Verfügung vom 23. April 1998 eine
halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von 46 Prozent (sogenannte Härtefall-Regelung)
zugesprochen hatte (IV-act. 73). Am 12. November 1998 erging eine korrigierte
Rentenverfügung, nachdem die Ausgleichskasse den Betrag der halben Invalidenrente
unter Berücksichtigung der Beitragszeiten im Herkunftsland des Versicherten neu
berechnet hatte (IV-act. 76). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle
Rechtskraft.
Im Rahmen eines im Oktober 2001 eingeleiteten Verfahrens zur Überprüfung des
Rentenanspruchs beantragte der Versicherte unter Hinweis auf eine Verschlechterung
seines Gesundheitszustandes die Erhöhung der laufenden halben Rente auf eine ganze
Rente. Die IV-Stelle beauftragte in der Folge die medizinische Abklärungsstelle
(MEDAS) Ostschweiz mit einer polydisziplinären Begutachtung. Die MEDAS
Ostschweiz erstattete das Gutachten am 6. November 2003 (IV-act. 121). Die
Sachverständigen hielten fest, der Versicherte leide an einem chronischen lumbo-
vertebralen Schmerzsyndrom, an einem Status nach einem verheilten Abriss an der
Basis der Metatarsale V rechts, an einem Diabetes mellitus Typ 2 mit einer
beginnenden Nephropathie, an einer Allergie auf Chromatverbindungen sowie an einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung mit einer dissoziativ-hypochondrischen
Reaktionsbereitschaft. Aus somatischer Sicht seien dem Versicherten leidensadaptierte
Tätigkeiten vollschichtig zumutbar; aus psychiatrischer Sicht bestehe ein
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 20 Prozent. Mit einer Verfügung vom 19. Februar 2004
setzte die IV-Stelle – noch vor dem Abschluss des Rentenrevisionsverfahrens – die
laufende Rente zufolge der mit der vierten IVG-Revision in Kraft getretenen neuen
A.b.
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Abstufungen der Renten auf eine Viertelsrente herab (IV-act. 131). Mit einer Verfügung
vom 9. März 2004 wies die IV-Stelle das Revisionsbegehren des Versicherten mit der
Begründung ab, der Sachverhalt habe sich nicht wesentlich verändert (IV-act. 136).
Eine gegen die Verfügungen vom 19. Februar 2004 und vom 9. März 2004 erhobene
Einsprache wurde von der IV-Stelle mit einem Entscheid vom 2. Juli 2004 abgewiesen
(IV-act. 158). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wies eine gegen den
Einspracheentscheid vom 2. Juli 2004 erhobene Beschwerde mit einem Entscheid vom
24. März 2005 ab (IV 2004/67; vgl. IV-act. 219). Eine gegen diesen
Beschwerdeentscheid erhobene Verwaltungsgerichtsbeschwerde an das
Bundesgericht wurde mit einem Urteil vom 25. August 2005 ebenfalls abgewiesen (I
363/05; vgl. IV-act. 229).
Nachdem der Versicherte im Oktober 2005 sinngemäss um eine Rentenerhöhung
ersucht (IV-act. 235) und einen Bericht des Rheumatologen Dr. med. C._ vom 8. Juni
2005 eingereicht hatte, in dem festgehalten worden war, dass das Gutachten der
MEDAS Ostschweiz nach einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes nicht
mehr aktuell sei (IV-act. 232), empfahl ein RAD-Arzt eine polydisziplinäre
Verlaufsbegutachtung (IV-act. 233). Die MEDAS Ostschweiz erstattete am 5. Januar
2007 im Auftrag der IV-Stelle ein Verlaufsgutachten (IV-act. 241). Die Sachverständigen
hielten fest, die Anamneseerhebung sei erschwert gewesen, weil die
Deutschkenntnisse des Versicherten mangelhaft gewesen seien. Die älteste Tochter
des Versicherten habe deshalb als Übersetzerin fungiert. Der Versicherte sei aggressiv
und gereizt gewesen, weshalb die Anamneseerhebung habe gekürzt werden müssen.
Die elektroneurodiagnostische Untersuchung habe weitgehend unauffällige Befunde
geliefert. Da der Versicherte aber nur teilweise kooperiert habe, hätten eventuelle
radiculäre Schmerzen und Paresen nicht zuverlässig von hauptsächlich
weichteilrheumatischen oder somatoformen Schmerzen und Paresen abgegrenzt
werden können. Klinisch hätten die geklagten Schmerzen angesichts ihrer diffusen
Ausdehnung und der ubiquitären bis generalisierten Druckdolenzen weitaus mehr
weichteilrheumatisch gewirkt. Bei der rheumatologischen Untersuchung hätten keine
sicheren sensiblen oder motorischen cervico-radiculären Defizite objektiviert werden
können. Die Kraftentfaltung im Bereich der oberen rechten Extremität sei gegenüber
links generell vermindert erfolgt. Die vom Versicherten angegebene Hypästhesie im
A.c.
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gesamten rechten Arm und im gesamten linken Bein habe weder dem
Ausbreitungsgebiet eines peripheren Nervs noch einem Nervensegment zugeordnet
werden können. In psychiatrischer Hinsicht habe sich der Zustand weitgehend
unverändert dargestellt. Der Versicherte sei vor allem auf den somatischen Bereich
fixiert gewesen. Er habe zwar erwähnt, dass er nun auch an „Depressionen“ leide, aber
damit habe er eigentlich nur seine Nervosität, Anspannung, Reizbarkeit und
Aggressivität gemeint. Dabei handle es sich um Verstimmungszustände im
Zusammenhang mit einem chronischen Schmerzsyndrom und einer schwierigen
psychosozialen Lage. Der Arbeitsunfähigkeitsgrad liege aus psychiatrischer Sicht nun
leicht höher, bei 30 Prozent. An eine Wiedereingliederung sei nicht zu denken. Der
Versicherte halte an seiner Invalidenrolle fest. Er habe sich das Arbeiten völlig
abgewöhnt und er zeige keinerlei Bereitschaft, daran zu denken geschweige denn
stundenweise etwas zu arbeiten. Gesamthaft sei unter Berücksichtigung „auch der
somatischen Aspekte“ eine Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent selbst für
leidensadaptierte Tätigkeiten zu attestieren. Die IV-Stelle ermittelte ausgehend von
diesen Angaben einen Invaliditätsgrad von 58 Prozent, weshalb sie die laufende
Viertelsrente mit einer Verfügung vom 10. Juli 2008 rückwirkend ab dem 1. Oktober
2005 auf eine halbe Rente erhöhte (IV-act. 261).
Der behandelnde Psychiater Dr. med. D._ hatte bereits im August 2007 darauf
hingewiesen, dass der Versicherte zu mindestens 75 Prozent arbeitsunfähig sei (IV-act.
254). Im Oktober 2008 reichte der Versicherte ein Rentenerhöhungsgesuch ein, das
von Dr. D._ verfasst worden war (IV-act. 268). In diesem Schreiben hatte Dr. D._
wiederum einen Arbeitsunfähigkeitsgrad von mindestens 75 Prozent attestiert; zur
Begründung hatte er neu auf eine Verschlechterung der Sehfähigkeit des Versicherten
als Folge des Diabetes mellitus hingewiesen. Im Juni 2009 machte Dr. D._ geltend,
der Versicherte müsse als vollständig arbeitsunfähig qualifiziert werden (IV-act. 281).
Weil der Versicherte trotz einer Aufforderung der IV-Stelle, eine Veränderung des
Invaliditätsgrades glaubhaft zu machen, keine entsprechenden Belege eingereicht
hatte, trat die IV-Stelle – nach der Durchführung des sogenannten
„Vorbescheidsverfahrens“ – mit einer Verfügung vom 22. Juli 2009 nicht auf das
Rentenrevisionsbegehren ein (IV-act. 283). Eine dagegen erhobene Beschwerde wurde
vom Versicherungsgericht mit einem Entscheid vom 21. September 2011 abgewiesen
A.d.
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(IV 2009/277; vgl. IV-act. 307). Das Bundesgericht wies eine gegen diesen
Beschwerdeentscheid erhobene Beschwerde mit einem Urteil vom 2. Dezember 2011
ab (9C_811/2011; vgl. IV-act. 311).
Im März 2012 beantragte Dr. D._ erneut eine Rentenerhöhung (IV-act. 314). Die
IV-Stelle forderte den Versicherten auf, eine wesentliche Veränderung des
Invaliditätsgrades glaubhaft zu machen (IV-act. 315). Im Mai 2012 nahm die Klinik E._
Stellung für den Versicherten (IV-act. 319). Die Ärzte hielten fest, der Versicherte
befinde sich bereits seit dem 30. März 2012 in einer stationären psychiatrischen
Behandlung. Er leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer
gegenwärtig schweren Episode und mit psychotischen Symptomen. Mit Blick auf die
Berichte aus der Vergangenheit müsse von einer wesentlichen Verschlechterung des
psychischen Gesundheitszustandes ausgegangen werden. Der Versicherte sei
vollständig arbeitsunfähig. Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die MEDAS Oberaargau
am 3. Februar 2015 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 389). Die Sachverständigen
führten aus, der Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit
einer aktuell zumindest mittelgradigen Episode bei einem chronischen
Krankheitsverlauf, an einer arteriellen Hypertonie, an einem Status nach einem
einmaligen tachykarden Vorhofflimmern im Januar 2013, an einer Sinustachykardie, an
einem chronischen aktuell linksseitigen lumbo-spondylogenen Schmerzsyndrom, an
chronischen cervical rechtsbetonten vertebralen und spondylogenen Beschwerden
sowie an einer leichten, asymptomatischen peripheren arteriellen Verschlusskrankheit
des rechten Arms. Aus interdisziplinärer Sicht sei die zuletzt ausgeübte Tätigkeit nicht
mehr zumutbar. Eine angepasste Tätigkeit sei erst nach einer vorgängigen
medikamentösen Neueinstellung und einer Behandlung der Ruhetachykardie zumutbar.
Aus psychiatrischer Sicht sei eine angepasste Tätigkeit nur während vier Stunden pro
Tag zumutbar; zudem bestehe eine Leistungsminderung um zehn Prozent. Diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung gelte seit März 2012. Der RAD-Arzt Dr. med. F._
qualifizierte das Gutachten der MEDAS Oberaargau als überzeugend und empfahl, die
behandelnden Ärzte zur Neueinstellung der Medikation anzuhalten (IV-act. 390). Im
Dezember 2015 hielt er fest, aufgrund der zwischenzeitlich eingegangenen Berichte der
behandelnden Ärzte sei davon auszugehen, dass die Medikation optimiert worden sei,
weshalb nun eine Verlaufsbegutachtung angezeigt sei (IV-act. 400). Die IV-Stelle
A.e.
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beauftragte in der Folge die MEDAS Oberaargau mit einer Verlaufsbegutachtung (IV-
act. 402). Dieses Gutachten wurde am 29. März 2017 erstellt (IV-act. 415). Die
Sachverständigen hielten fest, der Versicherte leide an einer chronifizierten
rezidivierenden depressiven Störung mittelgradiger Ausprägung, an einer arteriellen
Hypertonie, an einem paroxysmalen Vorhofflimmern, an einer subjektiv und objektiv
eingeschränkten körperlichen Leistungsfähigkeit, an einer leichten, asymptomatischen,
peripheren arteriellen Verschlusskrankheit des rechten Arms, an einem chronischen
linksbetonten lumbo-spondylogenen Schmerzsyndrom sowie an einer Periarthropathia
humero-scapularis rechts. Aus internistischer Sicht habe sich der Gesundheitszustand
als seit der letzten Begutachtung weitgehend unverändert dargestellt. Der Diabetes sei
immer noch schlecht eingestellt und der Versicherte habe seinen Nikotinkonsum nicht
sistiert, weshalb prognostisch von einer weiteren Progredienz der bekannten
Erkrankungen auszugehen sei. Aus angiologischer und kardiologischer Sicht seien dem
Versicherten nun angepasste Tätigkeiten uneingeschränkt zumutbar. Die in der letzten
Untersuchung festgestellte Ruhetachykardie habe nicht mehr vorgelegen. In
rheumatologischer Hinsicht habe sich der objektive klinische Befund als unverändert
erwiesen. Auch aus psychiatrischer Sicht habe sich der Zustand als weitgehend
unverändert dargestellt. Aus interdisziplinärer Sicht seien dem Versicherten
leidensadaptierte Tätigkeiten im Umfang von vier Stunden pro Tag bei einer
Leistungsminderung von zehn Prozent zumutbar. Der RAD-Arzt Dr. med. F._ notierte
am 15. Mai 2017 (IV-act. 418), die vollständige Lektüre des Gutachtens werde durch
multiple Wiederholungen der Aktenlage, die das Volumen unnötig aufblähten,
erschwert. Er schlage allerdings vor, dass auf die Gesamtbeurteilung abgestellt werde.
Ein Mitarbeiter des Rechtsdienstes notierte am 1. September 2017 (IV-act. 419), in
somatischer Hinsicht habe sich der Sachverhalt seit der letzten Rentenerhöhung nicht
wesentlich verändert. In psychiatrischer Hinsicht sei zu berücksichtigen, dass das
Behandlungspotential noch nicht ausgeschöpft worden sei, weshalb keine seit
mehreren Jahren und trotz einer adäquaten Therapie behandlungsresistente,
invalidisierende Depression vorliege. Folglich stelle sich auch der psychische
Gesundheitszustand als unverändert dar. Mangels eines Revisionsgrundes sei das
Rentenerhöhungsbegehren abzuweisen. Mit einem Vorbescheid vom 14. September
2017 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie die Abweisung seines
A.f.
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B.
Rentenerhöhungsgesuchs mangels einer relevanten Sachverhaltsveränderung vorsehe
(IV-act. 421). Dagegen liess der Versicherte am 10. November 2017 einwenden (IV-act.
427), die behandelnden Ärzte hätten eindeutig eine Verschlechterung seines
Gesundheitszustandes festgestellt. Auch die Sachverständigen der MEDAS
Oberaargau hätten einen wesentlich tieferen Arbeitsfähigkeitsgrad als jenen für
leidensadaptierte Tätigkeiten attestiert, der der letzten Rentenrevisionsverfügung
zugrunde gelegt worden sei. Der Versicherte habe kürzlich einen Herzinfarkt erlitten.
Nachdem die medizinischen Berichte zur Behandlung nach dem im September 2017
erlittenen Herzinfarkt eingegangen waren, hielt der RAD-Arzt Dr. F._ in einer
Aktenwürdigung vom 27. März 2018 fest, die Berichte belegten eine gute
Kompensation der bereits bekannten Gesundheitsbeeinträchtigung unter Behandlung,
weshalb insofern von einem unveränderten Gesundheitszustand seit der letzten
Begutachtung ausgegangen werden könne (IV-act. 437). Die IV-Stelle räumte dem
Versicherten am 31. Mai 2018 die Gelegenheit ein, zu den neusten Akten Stellung zu
nehmen (IV-act. 439). Der Versicherte liess am 3. Juli 2018 an seinem Standpunkt
festhalten und nochmals die Zusprache einer ganzen Rente beantragen (IV-act. 443).
Mit einer Verfügung vom 13. Juli 2018 wies die IV-Stelle das Rentenerhöhungsgesuch
ab (IV-act. 444).
Am 14. September 2018 liess der Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 13. Juli 2018 erheben
(act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Zusprache einer unbefristeten ganzen
Rente für die Zeit ab dem 11. Mai 2012. Zur Begründung führte er aus, der
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich seit dem 10. Juli 2008 sowohl
in somatischer als auch in psychischer Hinsicht massiv verschlechtert. Gestützt auf die
Berichte der behandelnden Ärzte müsse von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit
ausgegangen werden. Selbst wenn ein Pensum von 40 Prozent mit einer
Leistungsminderung um 10 Prozent berücksichtigt würde, ergäbe sich ein
Invaliditätsgrad von über 70 Prozent. Die Behandelbarkeit einer Depression sage nach
der neusten bundesgerichtlichen Praxis nichts mehr über die invalidisierende Wirkung
aus. Massgebend sei die „Indikatorenpraxis“.
B.a.
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Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 13. Juli 2018 hat die Beschwerdegegnerin ein
im Frühjahr 2012 gestelltes Rentenrevisionsbegehren abgewiesen, mit dem die
Erhöhung der mit einer Verfügung vom 10. Juli 2008 auf eine halbe Rente erhöhten, am
13. November 1997 zugesprochenen Rente der Invalidenversicherung beantragt
worden war. Das am 13. Juli 2018 abgeschlossene Verwaltungsverfahren ist inhaltlich
also auf die Frage nach einer allfälligen revisionsrechtlich relevanten
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 9. November
2018 die Abweisung der Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie an, in
somatischer Hinsicht habe sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers seit
der letzten Rentenerhöhung nicht in einer für den Anspruch relevanten Weise
verändert. In psychiatrischer Hinsicht könne eine ärztliche Arbeitsfähigkeitsschätzung
nicht den rechtlich geforderten Beweis für das Vorliegen einer Erwerbsunfähigkeit
erbringen, weil sie weitgehend vom Ermessen des medizinisch-psychiatrischen
Sachverständigen abhänge. Die medizinische Einschätzung stelle aber eine wichtige
Grundlage für die juristische Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistung der
versicherten Person noch zugemutet werden könne, dar. Bei psychischen
Erkrankungen habe die rechtsanwendende Behörde die Arbeitsfähigkeit aufgrund der
ärztlichen Feststellungen anhand der Standardindikatoren frei zu prüfen. Aus
rechtlicher Sicht könne von einer medizinischen Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit
abgewichen werden, ohne dass diese ihren Beweiswert verlöre. Mit Blick auf die vom
Bundesgericht definierten Standardindikatoren müsse die neu diagnostizierte
depressive Störung des Beschwerdeführers als invalidenversicherungsrechtlich
irrelevant qualifiziert werden, weshalb auch in psychischer Hinsicht keine wesentliche
Sachverhaltsveränderung eingetreten sei.
B.b.
Der Beschwerdeführer liess am 17. Dezember 2018 an seinem Antrag festhalten
(act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).
B.c.
Am 24. Januar 2019 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine
Honorarnote ein, die ein Honorar von 3’290.25 Franken bei einem Stundenansatz von
250 Franken auswies (act. G 10.1).
B.d.
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Sachverhaltsveränderung nach dem 10. Juli 2008 beschränkt gewesen (die sich
allerdings nur auf den Rentenanspruch in der Zeit nach dem im März 2012 gestellten
Rentenerhöhungsgesuch hätte auswirken können). Da dieses Beschwerdeverfahren die
Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf deren Rechtmässigkeit bezweckt, darf
sein Gegenstand nicht weiter als jener des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens
sein, was bedeutet, dass nur die Frage zu beantworten ist, ob sich der für den
Rentenanspruch massgebende Sachverhalt in der Zeit zwischen dem 10. Juli 2008 und
dem 13. Juli 2018 wesentlich verändert hat.
2.
Da der Beschwerdeführer nur eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes
und damit einhergehend eine Reduktion seiner Resterwerbsfähigkeit geltend gemacht
hatte und da keine Hinweise auf eine anderweitige anspruchsrelevante
Sachverhaltsveränderung vorgelegen hatten, hat die Beschwerdegegnerin die
Sachverhaltsabklärung auf die Ermittlung des aktuellen Gesundheitszustandes
konzentriert. Sie hat die MEDAS Oberaargau mit der Erstellung eines polydisziplinären
Gutachtens beauftragt. Dieses ist im Februar 2015 erstattet worden. Es hat aber wegen
einer akuten, noch nicht adäquat behandelten Ruhetachykardie keine Aussage zur
massgebenden Arbeitsfähigkeit in längerfristiger Hinsicht enthalten. Im März 2017 hat
deshalb ein Verlaufsgutachten erstellt werden müssen. In diesem Verlaufsgutachten
haben die Sachverständigen der MEDAS Oberaargau gestützt auf umfassende
persönliche Untersuchungen des Beschwerdeführers in internistischer, angiologischer,
kardiologischer, rheumatologischer und psychiatrischer Hinsicht sowie auf eine
eingehende Würdigung der medizinischen Vorakten aus interdisziplinärer Sicht eine
chronifizierte rezidivierende depressive Störung mittelgradiger Ausprägung, eine
arterielle Hypertonie, ein paroxysmales Vorhofflimmern, eine subjektiv und objektiv
eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit, eine leichte, asymptomatische periphere
arterielle Verschlusskrankheit des rechten Arms, ein chronisches linksbetontes lumbo-
spondylogenes Schmerzsyndrom sowie eine Periarthropathia humero-scapularis rechts
diagnostiziert. Sie haben mit einer überzeugenden Begründung dargelegt, dass sich
der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers im Vergleich zur Referenzsituation am
10. Juli 2008 respektive im Vergleich zum Gutachten der MEDAS Ostschweiz vom 5.
Januar 2007, auf dem die Verfügung vom 10. Juli 2008 in medizinischer Hinsicht beruht
hatte, nicht in einer anspruchsrelevanten Weise geändert hatte. Wohl waren neue
somatische Beschwerden aufgetreten, aber diese haben auch im März 2017 noch
keine längerdauernde Einschränkung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers für
ideal leidensadaptierte Tätigkeiten zur Folge gehabt, wie die Sachverständigen der
2.1.
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MEDAS Oberaargau überzeugend aufgezeigt haben. In somatischer Hinsicht fehlt es
also gestützt auf das Gutachten der MEDAS Oberaargau vom 29. März 2017
überwiegend wahrscheinlich an einer nach dem 10. Juli 2008 eingetretenen
Sachverhaltsveränderung.
In psychiatrischer Hinsicht scheint dagegen eine relevante
Sachverhaltsveränderung eingetreten zu sein, denn im Gutachten der MEDAS
Oberaargau vom 29. März 2017 ist eine chronifizierte rezidivierende depressive
Störung mittelgradiger Ausprägung diagnostiziert und eine Arbeitsfähigkeit von nur
noch vier Stunden pro Tag bei einer Leistung von 90 Prozent attestiert worden,
während im psychiatrischen Teilgutachten der MEDAS Ostschweiz vom 5. Januar 2007
lediglich Verstimmungszustände im Zusammenhang mit einem chronischen
Schmerzsyndrom und einer schwierigen psychosozialen Lage diagnostiziert worden
waren, was eine Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent zur Folge gehabt hatte. Die
Beschwerdegegnerin hat allerdings zu Recht darauf hingewiesen, dass nicht
unbesehen auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung im Gutachten der MEDAS Oberaargau
vom 29. März 2017 abgestellt werden kann, denn die Aussagekraft des Gutachtens im
sozialversicherungsrechtlichen Verfahren hängt – wie bei jedem anderen medizinischen
Bericht auch – davon ab, ob es unter Berücksichtigung der massgebenden normativen
Vorgaben erstellt worden ist. Nach der gerade aktuellen bundesgerichtlichen
Auffassung ist insbesondere massgebend, ob die Arbeitsfähigkeitsschätzung unter
Berücksichtigung der sogenannten „Standardindikatoren“ abgegeben worden ist (vgl.
BGE 141 V 281). Solche normativen Vorgaben sollen es den Rechtsanwendern, die ja
medizinische Laien sind, erlauben, die Frage zu beantworten, ob die in einem
medizinischen Gutachten abgegebene Arbeitsfähigkeitsschätzung aus juristischer Sicht
als überzeugend zu qualifizieren sei. Die medizinischen Sachverständigen sind also
gehalten, bei der Begutachtung den massgebenden normativen Vorgaben, wie etwa
dem „Standardindikatoren-Katalog“ Rechnung zu tragen, das heisst den medizinischen
Sachverhalt diesen normativen Vorgaben entsprechend zu erheben. Der
„Standardindikatoren-Katalog“ zielt demnach auf eine zielgerichtete und umfassende
Ermittlung des für die Rechtsanwendung massgebenden Sachverhaltes ab. Deshalb
müssen die medizinischen Sachverständigen in ihrem Gutachten aufzeigen, ob und wie
sie den massgebenden normativen Vorgaben Rechnung getragen haben, damit der
Rechtsanwender dann anhand dieser normativen Vorgaben prüfen kann, ob es aus
juristischer Sicht zulässig ist, auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung der medizinischen
Sachverständigen abzustellen. Diese juristische Überprüfung eines medizinischen
Gutachtens auf dessen sozialversicherungsrechtliche Aussagekraft kann offenkundig
nur zwei mögliche Resultate liefern: Entweder kann auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung
2.2.
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abgestellt werden oder die Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugt nicht. Die Annahme,
die rein juristische Überprüfung eines medizinischen Gutachtens durch einen
medizinischen Laien könne eine vom Gutachten abweichende und zugleich
überzeugendere Arbeitsfähigkeitsschätzung zum Ergebnis haben, ist deshalb
unhaltbar. Das Vorgehen der Beschwerdegegnerin erweist sich somit als rechtswidrig.
Das psychiatrische Teilgutachten der MEDAS Oberaargau vom 29. März 2017 enthält
zwar (anders als jenes vom 3. Februar 2015, das vor dem Ergehen des in BGE 141 V
281 publizierten Bundesgerichtsurteils erstellt worden ist) Ausführungen zum
„Standardindikatoren-Katalog“. Diese Ausführungen sind aber sehr kurz und
rudimentär gehalten; es handelt sich nur um eine oberflächliche, „checklistenmässige“
Abarbeitung der einzelnen im BGE 141 V 281 genannten „Standardindikatoren“. Sie
haben es der Beschwerdegegnerin als Rechtsanwenderin nicht erlaubt, die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der MEDAS Oberaargau auf deren Überzeugungskraft zu
prüfen. Die Beschwerdegegnerin hat sich nicht einmal sicher sein können, dass der
psychiatrische Sachverständige der MEDAS Oberaargau den massgebenden
medizinischen Sachverhalt umfassend und sorgfältig erhoben hat. Der massgebende
Sachverhalt steht nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, denn die Akten liefern nicht alle Fakten, die für die
Beantwortung der Frage nach der Überzeugungskraft der Arbeitsfähigkeitsschätzung
der MEDAS Oberaargau erforderlich sind. Der Versuch der Beschwerdegegnerin, diese
„Lücke“ in den Akten mit einer eigenen Arbeitsfähigkeitsschätzung zu „füllen“, ist zum
Vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen, weil es ja bereits an einem ausreichend
dokumentierten medizinischen Sachverhalt gefehlt hat, den die Beschwerdegegnerin
als Rechtsanwenderin anhand der „Standardindikatoren“ hätte würdigen können. Da
davon auszugehen ist, dass der psychiatrische Sachverständige der MEDAS
Oberaargau die Begutachtung lege artis durchgeführt und es bloss versäumt hat, all
seine für die rechtliche Würdigung erforderlichen Sachverhaltserkenntnisse
aktenmässig festzuhalten, hätte die Beschwerdegegnerin ihn zu einer Ergänzung des
psychiatrischen Teilgutachtens in der Form einer konsequenten Auseinandersetzung
mit den „Standardindikatoren“ anhalten müssen. Weshalb der RAD dies nicht
vorgeschlagen hat, ist nicht nachvollziehbar. Es kann offensichtlich nicht die Aufgabe
des Versicherungsgerichtes sein, ein derartiges Versäumnis der Beschwerdegegnerin
bei der Erfüllung der ureigensten Aufgabe – der Sachverhaltsabklärung – zu beheben
(und dem Beschwerdeführer dadurch ohne jede Notwendigkeit die Möglichkeit zu
nehmen, sich am Verwaltungsverfahren zu beteiligen und allenfalls beim
Versicherungsgericht Beschwerde zu erheben). Die blosse Ergänzung eines
Gutachtens rechtfertigt nach der aktuellen bundesgerichtlichen Auffassung eine
Rückweisung (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4 S. 264 f. mit Hinweisen). Die Sache ist deshalb
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
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St.Galler Gerichte
3.
Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung gilt
rechtsprechungsgemäss hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als ein
vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei. Die angesichts des
durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden
Gerichtskosten sind folglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die unterliegende
Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung
auszurichten, die angesichts des als durchschnittlich zu qualifizierenden notwendigen
Vertretungsaufwandes, der Honorarnote gemäss, auf 3’290.25 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.