Decision ID: f6d189ba-6509-4317-80ed-01ee61e9cd9f
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
K._,
Beschwerdeführer,
gegen
Kontrollstelle für Krankenversicherung der Stadt Wil, Rathaus Marktgasse 58, 9500 Wil
2,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Befreiung vom Krankenversicherungsobligatorium
Sachverhalt:
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A.
Der 1955 geborene K._ (nachstehend: Versicherter) meldete sich auf den 1.
November 2006 in Wil an (Zuzug von Deutschland). In der Folge wies er der
Stadtverwaltung Wil die Europäische Krankenversicherungskarte (AOK) vor (act. G
5.1/1a). Mit Schreiben vom 8. Januar 2007 forderte die Kontrollstelle für
Krankenversicherung (nachstehend: Kontrollstelle) den Versicherten auf, sich bis Ende
Januar 2007 mit ihr in Verbindung zu setzen (act. G 5.1/1). Im Schreiben vom 20.
Februar 2007 stellte die Kontrollstelle dem Versicherten die Zuweisung an eine
schweizerische Krankenversicherung in Aussicht, wenn nicht spätestens bis 15. März
2007 ein Befreiungsgesuch eingereicht oder der Abschluss einer schweizerischen
Krankenversicherung nachgewiesen werde (act. G 5.1/3). Nachdem zwischenzeitlich
von Seiten des Versicherten keine Reaktion erfolgt war, teilte die Kontrollstelle diesem
am 22. März 2007 verfügungsweise mit, er werde mit Wirkung ab 1. Februar 2007 der
Concordia Krankenkasse zugewiesen (act. G 5.1/4). Mit Fax vom 26. April 2007 liess
der Versicherte der Kontrollstelle die Bestätigung der AOK über die noch andauernde
Kranken- und Pflegeversicherung in Deutschland zukommen (act. G 5.1/7, 7a). Hierauf
eröffnete die Kontrollstelle dem Versicherten für den Fall, dass es sich bei seiner Fax-
Mitteilung um eine Einsprache handle, eine Nachfrist zur Einreichung eines Antrags,
einer Darstellung des Sachverhalts und einer Begründung (act. G 5.1/9). Mit Eingabe
vom 18. Mai 2007 reichte der Versicherte eine entsprechend ergänzte Einsprache ein
(act. G 5.1/10, 11). Mit Entscheid vom 25. Mai 2007 wies die Kontrollstelle die
Einsprache ab.
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob der Versicherte mit Eingabe vom 27.
Juni 2007 Beschwerde. Zur Begründung legte er dar, er habe in dieser Angelegenheit
einen Fehler gemacht. Es sei nicht einfach, nach 14-jährigem Auslandaufenthalt allein,
fern der Familie (diese komme im August nach) in einem neuen Betätigungsfeld gleich
alles richtig zu machen. Er sei immer noch bei der AOK familienversichert und werde
das bis Ende August 2007 bleiben. Er sei davon ausgegangen, dass er sich mit seiner
Familie in der Schweiz versichern lassen werde, wenn diese im August nachkomme. Er
habe den vollen Versicherungsschutz, und es komme auch niemand zu Schaden.
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B.b In der Beschwerdeantwort vom 11. Juli 2007 beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten des
Beschwerdeführers. Zur Begründung hielt sie fest, der Beschwerdeführer habe mit
seinem Verhalten (Nichtbeachtung der Fristen und Mitwirkungspflicht) die Zuweisung
selber verschuldet. Eine nachträgliche Befreiung könnte nur noch erfolgen, wenn kein
Selbstverschulden vorliegen würde. Dies sei jedoch zu verneinen. Zudem bestehe
keine Befreiungsmöglichkeit aus dem vom Beschwerdeführer geltend gemachten
Grund (doppelte finanzielle Belastung).
B.c Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik.

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 3 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG; SR
832.10) muss sich jede Person mit Wohnsitz in der Schweiz innert drei Monaten nach
der Wohnsitznahme oder der Geburt in der Schweiz für Krankenpflege versichern oder
von ihrem gesetzlichen Vertreter bzw. ihrer gesetzlichen Vertreterin versichern lassen.
Nach Art. 6 Abs. 2 KVG weist die vom Kanton bezeichnete Behörde Personen, welche
der Versicherungspflicht nicht nachkommen, einem Versicherer zu. Gemäss Art. 6 des
Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung (EGKVG;
sGS 331.11) fordert die Kontrollstelle der Krankenversicherung eine
versicherungspflichtige Person, die keine Auskunft über ihre Versicherung erteilt oder
nicht versichert ist, auf, sich unverzüglich versichern zu lassen (Abs. 2). Sie weist eine
versicherungspflichtige Person, die nicht innert vierzehn Tagen dieser Aufforderung
nachgekommen ist, einem Versicherer zur Aufnahme zu (Abs. 3). Wer eine Ausnahme
von der Versicherungspflicht beansprucht, reicht das Gesuch der Kontrollstelle ein (Art.
7 der Verordnung zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung über die
Krankenversicherung [EVKVG]; sGS 331.111).
1.2 Die Beschwerdegegnerin führte im angefochtenen Entscheid aus, der
Beschwerdeführer habe es verpasst, innert der gesetzlichen bzw. zu seinen Gunsten
verlängerten Frist ein Befreiungsgesuch mit den nötigen Unterlagen einzureichen.
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Somit könne auf ein Befreiungsgesuch zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr eingetreten
werden (act. G 1.1). Die dargelegten gesetzlichen Regelungen sehen keine Frist vor,
innert welcher ein Gesuch um Befreiung vom Krankenversicherungsobligatorium
einzureichen wäre. Setzt ein Versicherungsträger eine Frist für eine bestimmte
Handlung an, so droht er gleichzeitig die Folgen eines Versäumnisses an. Andere als
die angedrohten Folgen treten nicht ein (Art. 40 Abs. 2 ATSG; SR 830.1). Nachdem die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer am 20. Februar 2007 bei unbenütztem
Ablauf der von ihr angesetzten Frist die Zuweisung an eine schweizerische
Krankenversicherung in Aussicht gestellt hatte (act. G 5.1/3), teilte sie ihm am 22. März
2007 verfügungsweise mit, er werde mit Wirkung ab 1. Februar 2007 der Concordia
Krankenkasse zugewiesen. Gleichzeitig stellte sie den Rückzug dieser Verfügung in
Aussicht, wenn innert 10 Tagen der Ausweis über eine bereits abgeschlossene
Mitgliedschaft bei einer schweizerischen Krankenversicherung beigebracht werde.
Sodann wies die Kontrollstelle darauf hin, dass bei Nichtbefolgung der Auskunftspflicht
ein Strafverfahren eingeleitet oder eine Ordnungsbusse erhoben werden könne (act. G
5.1/4). Da die Beschwerdegegnerin in den vorerwähnten Schreiben für den Fall des
unbenützten Ablaufs der angesetzten Frist zwar die Zuweisung an einen
Krankenversicherer, nicht jedoch im Sinn von Art. 40 Abs. 2 ATSG ein Nichteintreten
auf ein Befreiungsgesuch angedroht hatte, kam ein Nichteintreten auf das
Befreiungsgesuch - entgegen der erwähnten Ausführungen im angefochtenen
Entscheid - nicht in Betracht. Insbesondere stellte das In-Aussicht-Stellen des
Rückzugs der Zuweisungs-Verfügung, wenn innert 10 Tagen der Ausweis über eine
bereits abgeschlossene Mitgliedschaft bei einer schweizerischen Krankenversicherung
beigebracht werde, keine Ankündigung mit Verwirkungsfolge bei Fristablauf dar. Die
Beschwerdegegnerin prüfte die Angelegenheit denn auch in materieller Hinsicht und
erliess einen Abweisungsentscheid. Ihr in der Beschwerdeantwort angeführter
Standpunkt, wonach eine nachträgliche Befreiung nur noch erfolgen könnte, wenn kein
Selbstverschulden (durch Nichtbeachtung von Fristen und Mitwirkungspflichten)
vorliegen würde (act. G 5), ist insofern nicht zutreffend, als solche Rechtsfolgen
gesetzlich nicht vorgesehen sind und auch nicht vorgängig angedroht wurden.
1.3 Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer bis Ende August 2007 bei der AOK
Sachsen in Deutschland krankenversichert war. Streitig ist die Frage der Befreiung vom
schweizerischen Krankenversicherungsobligatorium für die Zeit von Februar bis und
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mit August 2007. In Betracht kommt dabei vorderhand der Befreiungsgrund nach Art. 2
Abs. 2 der Verordnung über die Krankenversicherung (KVV; SR 832.102). Für das
Vorliegen der anderen in Art. 2 KVV genannten Befreiungsgründe lassen sich den Akten
keine Anhaltspunkte entnehmen. Nach Art. 2 Abs. 2 KVV sind auf Gesuch hin von der
Versicherungspflicht ausgenommen Personen, die nach dem Recht eines Staates, mit
dem keine Regelung über die Abgrenzung der Versicherungspflicht besteht,
obligatorisch krankenversichert sind, sofern der Einbezug in die schweizerische
Versicherung für sie eine Doppelbelastung bedeuten würde und sie für Behandlungen
in der Schweiz über einen gleichwertigen Versicherungsschutz verfügen. Dem Gesuch
ist eine schriftliche Bestätigung der zuständigen ausländischen Stelle mit allen
erforderlichen Angaben beizulegen. - Für Personen, die nach der Verordnung (EWG)
1408/71 (SR 0.831.109.268.1) den schweizerischen Rechtsvorschriften unterliegen und
zudem in der Schweiz wohnen, ist in den Anhängen III Teil A und IV der Verordnung
1408/71 in der Fassung gemäss Freizügigkeitsabkommen (FZA; SR 0.142.112.681)
keine Ausnahme von der Versicherungspflicht in der schweizerischen
Krankenversicherung vorgesehen (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
[EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 29.
März 2006 i/S V. [K 25/05], Erw. 3.2; auszugsweise publiziert in BGE 132 V 310). Art. 2
Abs. 2 KVV verstösst weder gegen das Gesetz noch gegen die Bundesverfassung
noch gegen das FZA, soweit er keine Befreiungsmöglichkeit vorsieht für Personen, die
in der Schweiz eine Erwerbstätigkeit ausüben, in der Schweiz wohnen, nach Titel II der
Verordnung Nr. 1408/71 den schweizerischen Rechtsvorschriften unterstehen und über
eine freiwillige private Krankenversicherung in einem Staat verfügen, dessen
Rechtsvorschriften sie nach der Verordnung Nr. 1408/71 nicht mehr unterliegen (vgl.
Urteil, a.a.O., Erw. 8 und 9).
1.4 Zusammen mit dem Schreiben vom 20. Februar 2007 erhielt der Beschwerdeführer
von der Beschwerdegegnerin die einschlägigen rechtlichen Grundlagen betreffend
Befreiung vom Krankenversicherungsobligatorium sowie die entsprechenden
Formulare "Befreiungsgesuch" und "Bescheinigung des ausländischen
Krankenversicherers" (act. G 5.1/3a, 3b). Nachdem er hierauf nicht reagiert und
deswegen mit Verfügung vom 22. März 2007 einem schweizerischen
Krankenversicherer zugewiesen worden war, liess der Beschwerdeführer der
Beschwerdegegnerin am 26. April 2007 die Bestätigung seiner deutschen
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Krankenkasse über die immer noch andauernde Versicherung zukommen (act. G
5.1/7). Nachdem die Beschwerdegegnerin eine Nachfrist zur Einspracheergänzung
angesetzt hatte (act. G 5.1/9), stellte der Beschwerdeführer in der Eingabe vom 18. Mai
2007 dann erstmals ausdrücklich ein Befreiungsgesuch mit dem Hinweis, dass er über
eine Versicherung in Deutschland verfüge und seine Familie Ende August 2007
ebenfalls in die Schweiz nachkomme (act. G 5.1/11). In der Beschwerde machte er
sodann eine Doppelbelastung (im Sinn von Art. 2 Abs. 2 KVV) geltend.
1.5 Die Beschwerdegegnerin prüfte das im Nachgang zur Zuweisungsverfügung vom
22. März 2007 eingereichte Befreiungsgesuch des Beschwerdeführers vom 18. Mai
2007 nicht im Rahmen einer neuen Verfügung, sondern im Einspracheentscheid. Allein
gestützt auf die Ausführungen im Gesuch vom 18. Mai 2007 war nicht klar, ob der
Beschwerdeführer bis August 2007 über eine obligatorische Krankenversicherung im
Sinn von Art. 2 Abs. 2 KVV in Deutschland verfügte, inwiefern der Abschluss einer
schweizerischen Versicherung eine Doppelbelastung bedeutet hätte und ob die
deutsche Versicherung einen gleichwertigen Schutz bot. Es wäre im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes Sache der Beschwerdegegnerin gewesen, dies beim
Beschwerdeführer abzuklären bzw. ihm eine Nachfrist zur Vervollständigung des
Gesuchs - allenfalls mit Androhung von Verwirkungsfolgen im Sinn von Art. 40 Abs. 2
ATSG - anzusetzen. Dies wird sie noch nachzuholen haben. Erst anhand dieser
Abklärungen wird sich zeigen, ob Gründe vorliegen, welche eine Aufhebung der
Zuweisung an einen schweizerischen Krankenversicherer rechtfertigen.
2.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist der Einspracheentscheid vom 25. Mai 2007
in teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die Sache zur weiteren
Abklärung betreffend Befreiung vom schweizerischen
Krankenversicherungsobligatorium und zu neuer Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Gerichtskosten sind nicht zu erheben (Art. 61 lit.
a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG
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