Decision ID: c9b2199c-161a-44d3-bbc2-3795b0c89ef9
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Dezember 2008 erstmals bei der IV-Stelle des Kantons St.
Gallen zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 3). Im August
2010 wurde er im Auftrag der IV-Stelle von Dr. med. B._ orthopädisch begutachtet
(IV-act. 80). In seinem Gutachten vom 26. August 2010 hielt Dr. B._ fest, dass beim
Versicherten eine Osteochondrose und eine Spondylarthrose L4 bis S1, eine
Fenestration wegen der Diskushernie L4/5, eine Ansatztendinopathie der
Handextensoren rechts, Nervus ulnaris-Subluxationen beidseits sowie ein unklares
Muskelbrennen thorakal und dorsal bestünden. Die angestammte Tätigkeit als
Schuhmacher sei dem Versicherten nicht mehr zumutbar. Eine adaptierte Tätigkeit
habe vorwiegend im Sitzen mit der Möglichkeit, zwischendurch aufzustehen und
herumzugehen, ohne wiederholtes Heben von Lasten über 10kg und ohne
langandauernde Inklinationen des Oberkörpers zu erfolgen. Diese Vorgaben seien
zeitlich mit einer Einschränkung von gesamthaft 30% zu berücksichtigen. Die
Arbeitszeit sei am besten in zwei Blöcke zu unterteilen mit einer unüblichen Pause von
zwei bis drei Stunden. Prognostisch sei mit einem stationären Verlauf zu rechnen (IV-
act. 80-5 f.). Gestützt auf die gutachterliche Beurteilung lehnte die IV-Stelle das
Rentengesuch des Versicherten mit Verfügung vom 27. Januar 2011 ab (IV-act. 95).
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wies die gegen diese Verfügung
erhobene Beschwerde am 4. Februar 2013 ebenfalls ab. Das Gericht erachtete gestützt
auf das Gutachten von Dr. B._ einen Arbeitsfähigkeitsgrad von 70% in adaptierten
Tätigkeiten als überwiegend wahrscheinlich und ging von einem
rentenausschliessenden Invaliditätsgrad von 34% aus (IV 2011/79, IV-act. 117). Der
Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.b Mit Schreiben vom 6. September 2013 meldete Dr. med. C._ der IV-Stelle, dass
der Versicherte IV-Leistungen beanspruchen wolle (IV-act. 121). Die IV-Stelle
informierte den Versicherten daraufhin, dass auf das Gesuch nur eingetreten werden
könne, wenn sich die tatsächlichen Verhältnisse seit Erlass des rechtskräftigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entscheides in rechtserheblicher Weise veränderte hätten. Sie ersuchte den
Versicherten darum, durch Arztberichte, Lohnausweise etc. den Nachweis zu
erbringen, dass sich sein Gesundheitszustand relevant verändert habe. Ohne diesen
Nachweis könne auf das Gesuch nicht eingetreten werden (IV-act. 122). In der Folge
reichte der Versicherte innert der ihm angesetzten Frist diverse Arztberichte ein (IV-act.
123 ff.). Am 22. Oktober 2013 notierte der Regionale Ärztliche Dienst (RAD), dass aus
den eingereichten Unterlagen keine erhebliche Änderung des Gesundheitszustandes
hervorgehe (IV-act. 130-2, 131-3). Gestützt darauf kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten mit einem Vorbescheid vom 30. Oktober 2013 an, dass sie beabsichtige,
auf das erneute Leistungsbegehren nicht einzutreten (IV-act. 134). Am 7. Januar 2014
verfügte sie gemäss ihrem Vorbescheid (IV-act. 137). Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
A.c Am 9. November 2015 reichte der Versicherte der IV-Stelle erneut ein
Anmeldeformular zum Leistungsbezug ein (IV-act. 139). Am 17. November 2015 teilte
die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass mit den von ihm eingereichten Unterlagen
„eine relevante Änderung des rechtserheblichen Sachverhaltes seit der Abweisung der
beruflichen Massnahmen/Rente nicht ausreichend dokumentiert“ worden sei. Damit sei
eine wesentliche Veränderung noch nicht glaubhaft gemacht worden. Sie forderte den
Versicherten wiederum dazu auf, Dokumente einzureichen, aus welchen sich
Anhaltspunkte für das Vorliegen einer relevanten Änderung ergäben. Würden die
entsprechenden Nachweise bis zum 4. Dezember 2015 nicht beigebracht, könne sie
auf sein neues Gesuch nicht eintreten (IV-act. 142). Nachdem der Versicherte innert der
ihm angesetzten Frist keine weiteren Unterlagen eingereicht hatte, verfügte die IV-Stelle
am 11. Dezember 2015 das Nichteintreten auf das Leistungsbegehren um berufliche
Massnahmen und Rentenleistungen (IV-act. 146).
B.
B.a Dagegen erhob der Versicherte am 28. Dezember 2015 Beschwerde und
beantragte mit Beschwerdeergänzung vom 18. Januar 2016 die Aufhebung der
Verfügung vom 11. Dezember 2015 und die Zusprache einer halben Invalidenrente (act.
G 1, G. 3). Der Beschwerde legte er eine Stellungnahme seiner Hausärztin Dr. med.
D._ vom 21. Januar 2016 bei. Darin hatte Dr. D._ im Wesentlichen ausgeführt, dass
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beschwerdeführer gemäss ihrer Einschätzung nur noch maximal zu 50%
arbeitsfähig sei (act. G 3.1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 22. Februar 2016 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Der Beschwerdeführer habe
innert der ihm angesetzten Frist keine Unterlagen eingereicht. Im Gerichtsverfahren
bleibe kein Raum mehr für das Beibringen neuer Beweismittel. Deshalb könne das im
Beschwerdeverfahren eingereichte Schreiben von Dr. D._ nicht berücksichtigt
werden. Allerdings sei festzuhalten, dass auch diesem keine Verschlechterung des
Gesundheitszustandes zu entnehmen sei (act. G 6).
B.c Der Beschwerdeführer verzichtete auf die Einreichung einer Replik (vgl. act. G 8).

Erwägungen
1.
Mit Verfügung vom 11. Dezember 2015 ist die Beschwerdegegnerin auf das
Leistungsbegehren um „berufliche Massnahmen und Rentenleistungen“ nicht
eingetreten. Zwar hat sich der Beschwerdeführer am 9. November 2015 mittels eines
Anmeldeformulars mit dem Titel „Berufliche Integration/Rente“ angemeldet (IV-act.
139). In seiner ergänzenden Beschwerdeschrift vom 18. Januar 2016 hat er aber
lediglich die Ablehnung seines Rentengesuchs gerügt und die Zusprache einer halben
Invalidenrente beantragt (act. G 3). Bezüglich des Nichteintretens auf das Begehren um
berufliche Massnahmen hat der Beschwerdeführer die Verfügung vom 11. Dezember
2015 nicht angefochten. Damit ist dieser Verfügungsteil unangefochten in formelle
Rechtskraft erwachsen. Zu prüfen ist somit einzig, ob die Beschwerdegegnerin zu
Recht nicht auf das erneute Begehren des Beschwerdeführers um Ausrichtung einer
Invalidenrente eingetreten ist. Die materielle Beurteilung des Rentenbegehrens bildet
hingegen nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens.
2.
Gemäss Art. 87 Abs. 3 IVV wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn darin
glaubhaft gemacht wird, das sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erheblichen Weise geändert hat. Diese Bestimmung soll verhindern, dass sich der
Sozialversicherungsträger nach vorangegangener rechtskräftiger
Leistungsverweigerung immer wieder mit gleichlautenden und nicht näher
begründeten, d.h. keine Veränderung des Sachverhalts darlegenden Gesuchen
befassen muss (BGE 117 V 198 E. 4a mit Hinweis). Die Anforderung, bei einer erneuten
Anmeldung eine Veränderung glaubhaft zu machen, bedeutet, dass es dem
Beschwerdeführer obliegt, entsprechende ärztliche Berichte erhältlich zu machen und
einzureichen. Ebendies wurde ihm, wie aus der Sachverhaltsschilderung hervorgeht,
nach Eingang seines Gesuchs mitgeteilt, verbunden mit einer Fristansetzung sowie
dem Hinweis, dass andernfalls auf sein Begehren nicht eingetreten werde (vgl.
vorstehend E. 1.2). Ergeht im Rahmen eines Verwaltungsverfahrens, welches den
Erfordernissen betreffend Fristansetzung und Androhung der Säumnisfolgen genügt,
eine Nichteintretensverfügung, legt das Gericht seiner beschwerdeweisen Überprüfung
denjenigen Sachverhalt zu Grunde, der sich der Verwaltung bot. Für das Beibringen
neuer Beweismittel bleibt im Gerichtsverfahren rechtsprechungsgemäss kein Raum
mehr (BGE 130 V 64 E. 5.2.5, Urteil des Bundesgerichtes vom 5. Juni 2013,
8C_844/2012 E. 2.1-2.2). Da der Beschwerdeführer trotz Aufforderung bis zum Erlass
der angefochtenen Verfügung keinen einzigen ärztlichen Bericht eingereicht hat, hat für
die Beschwerdegegnerin keine Veranlassung bestanden, weitere Abklärungen zu
veranlassen. Der ärztliche Bericht von Dr. D._ ist erst im Beschwerdeverfahren und
damit verspätet beigebracht worden. Er ist daher für die vorliegend einzig zu
beurteilende Eintretensfrage (vgl. E. 1) unbeachtlich. Damit ist grundsätzlich nicht zu
beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin mangels glaubhaft gemachter erheblicher
Veränderung der tatsächlichen Verhältnisse nicht auf die erneute Anmeldung des
Beschwerdeführers zum Rentenbezug eingetreten ist.
3.
3.1 Zu prüfen bleibt aber, ob der Nichteintretensverfügung ein Vorbescheid hätte
vorausgehen müssen. Mit einem Vorbescheid teilt eine IV-Stelle der versicherten
Person den vorgesehenen Endentscheid über ein Leistungsbegehren mit. Die
versicherte Person hat Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne von Art. 42 ATSG (Art.
57a Abs. 1 IVG). Während es sich bei einer Eintretensverfügung, also bei einem
Entscheid, dass auf eine Neuanmeldung eingetreten wird, um einen Zwischenentscheid
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
handelt, welcher keines separaten Vorbescheids bedarf, wirkt der vorliegende
Entscheid, dass auf das erneute Leistungsgesuch mangels Glaubhaftmachung einer
tatsächlichen Veränderung nicht eingetreten werde, verfahrensabschliessend. Die
angefochtene Nichteintretensverfügung vom 11. Dezember 2015 stellt somit einen
Endentscheid im Sinne von Art. 57a Abs. 1 IVG dar. Entsprechend hat ihr ein
Vorbescheid vorauszugehen. In diesem Vorbescheid muss nicht nur das Nichteintreten
auf die Neuanmeldung angekündigt, sondern auch der Grund für den vorgesehenen
Nichteintretensentscheid genannt werden (vgl. auch die Urteile des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen, IV 2010/347 vom 9. August 2012 E.
2.1, IV 2009/174 vom 13. April 2010 E. 1.1, IV 2008/224 vom 3. November 2009 E. 4).
3.2 Vorliegend hat die Beschwerdegegnerin keinen als solchen betitelten und
ausgestalteten Vorbescheid erlassen. Damit hat sie ihre Vorbescheidspflicht formal
betrachtet eindeutig verletzt. Allerdings gilt es im vorliegenden Fall zu beachten, dass
die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer nach seiner Wiederanmeldung im
Schreiben vom 17. November 2015 ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass sie bis
zum 4. Dezember 2015 weitere Unterlagen benötige, da sie ansonsten nicht auf das
Gesuch eintreten werde (IV-act. 142). Damit hat sie den Beschwerdeführer darüber
informiert, welche Rechtsfolge er zu erwarten hat, falls er die erforderlichen Unterlagen
nicht einreicht. Hinzu kommt, dass es sich beim vorliegenden Verfahren bereits um das
zweite Neuanmeldungsverfahren nach der Erstanmeldung vom Dezember 2008 und
der Wiederanmeldung vom September 2013 handelt. Schon im Rahmen des ersten
Neuanmeldungsverfahrens hatte die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer
darüber informiert, dass sie nur auf das neue Gesuch eintreten könne, wenn er durch
entsprechende Nachweise eine wesentliche Veränderung seines
Gesundheitszustandes glaubhaft mache (vgl. IV-act. 122). Damals war der
Beschwerdeführer dieser Aufforderung denn auch ohne Weiterungen nachgekommen,
indem er aktuelle Arztberichte eingereicht hatte (IV-act. 123 ff.). Bei dieser
Ausgangslage ist der Beschwerdeführer bei Erhalt des Schreibens vom 17. November
2015 durchaus in der Lage gewesen zu erkennen, dass er zur Glaubhaftmachung der
behaupteten Veränderung auch dieses Mal weitere Arztberichte würde einreichen
müssen. Aufgrund seiner Kenntnisse aus dem vorangegangenen
Neuanmeldungsverfahren war es für den Beschwerdeführer somit auch ohne formellen
Vorbescheid ohne Weiteres erkenn- bzw. voraussehbar, dass er bei Nichteinreichung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der erforderlichen Dokumente (wiederum) mit einer Nichteintretensverfügung zu
rechnen hätte. Inhaltlich hat das Schreiben der Beschwerdegegnerin an den
Beschwerdeführer vom 17. November 2015 also das erreicht, was die Aufgabe eines
formal korrekten Vorbescheides gewesen wäre; nämlich den Beschwerdeführer
umfassend darüber aufzuklären, dass bei fehlender Glaubhaftmachung ein
Nichteintreten droht. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer darüber
hinaus sogar noch eine Woche über den angekündigten Fristablauf hinaus, d.h. bis
zum 11. Dezember 2015 (vgl. IV-act. 144-3), Zeit gegeben, die behauptete
Veränderung durch das Einreichen weiterer Indizien glaubhaft zu machen. Diese
Gelegenheit hat der Beschwerdeführer jedoch nicht ergriffen.
3.3 Zusammenfassend wurde dem Vorbescheidsanspruch des Beschwerdeführers mit
dem formlosen Schreiben vom 17. November 2015 de facto Genüge getan. Unter den
dargelegten besonderen Umständen des Einzelfalls wäre es allzu formalistisch, die
angefochtene Nichteintretensverfügung wegen einer Verletzung der
Vorbescheidspflicht aufzuheben, zumal der Beschwerdeführer in seiner
Beschwerdeschrift klar zu erkennen gegeben hat, dass er eine materielle Beurteilung
durch das Gericht erwartet. Die angefochtene Verfügung ist somit trotz der Verletzung
der Vorbescheidspflicht nicht zu beanstanden.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit auf sie einzutreten ist.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
Die Gerichtsgebühr ist durch den von ihm geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.--
gedeckt. Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung (vgl. Art. 61 lit. g ATSG).