Decision ID: 0f4b9c08-215d-5607-938d-1ae6601e4009
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Robert Baumann, Waisenhausstrasse 17,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a S._ meldete sich am 24. November 2003 zum Bezug von Rentenleistungen an
(act. G 4.1). Sie wurde am 27. Juni 2005 (rheumatologisch) und am 23. November 2005
(psychiatrisch) begutachtet. Im interdisziplinären Gutachten vom 5. Dezember 2005 der
Drs. med. A._ und B._ wurde der Versicherten für jede körperlich leichte Tätigkeit
eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit bescheinigt (act. G 4.24).
A.b Mit Verfügung vom 4. Januar 2006 lehnte die IV-Stelle mangels Vorliegens einer
Invalidität einen Rentenanspruch der Versicherten ab (act. G 4.29), woran sie im
Einspracheentscheid vom 15. Dezember 2006 festhielt (act. G 4.56). Die dagegen
gerichtete Beschwerde vom 19. Januar 2007 (act. G 4.59) hiess das
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 29. August 2008, IV 2007/39, teilweise gut
und wies die Sache zur weiteren medizinischen Abklärung im Sinn der Erwägungen an
die IV-Stelle zurück (act. G 4.104).
A.c Vom 29. September bis 19. Dezember 2008 befand sich die Versicherte in der
Psychiatrischen Tagesklinik für Erwachsene, St. Gallen, in Behandlung. Die
behandelnde Dr. med. C._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, stellte
folgende psychiatrischen Diagnosen im Austrittsbericht vom 19. Januar 2009:
Mehrfachbelastung (Migration, Berufstätigkeit, mehrfache Mutter, Verlust der Eltern,
Ablösung der Kinder, Probleme in der Beziehung zum Ehemann) unter dem Bild einer
rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10:
F33.1) bei anhaltender somatoformer Schmerzstörung (ICD-10: F45.4); DD: kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit emotionaler Instabilität und abhängigen Zügen (ICD-10:
F61.0; act. G 4.110).
A.d Am 1. April 2009 wurde die Versicherte von der ABI Aerztliches
Begutachtungsinstitut GmbH interdisziplinär (internistisch, rheumatologisch und
psychiatrisch) untersucht. Im Gutachten vom 20. Mai 2009 stellten die Experten
folgende Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: leichte bis mittelgradige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressive Episode (ICD-10: F32.0, F32.1), eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4), ein chronisches zervikospondylogenes
Schmerzsyndrom (ICD-10: M53.1) sowie ein chronisches lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom (ICD-10: M54.4). Die angestammte Tätigkeit als
Reinigungsangestellte sei der Versicherten nicht mehr zumutbar. Für körperlich leichte,
rückenadaptierte Tätigkeiten bestehe eine vollschichtig realisierbare zumutbare
Arbeitsfähigkeit von 70%. Eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sei seit 9. Dezember
2002 anzunehmen. Im perioperativen Zeitraum der HWS-Operation vom Dezember
2002 sowie der LWS-Operation vom November 2004 und August 2005 könne
retrospektiv eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit angenommen werden. Ebenso
habe während der Hospitalisation in der Psychiatrischen Klinik vom 27. März bis
20. April 2007 sowie vom 29. November 2007 bis 27. Juni 2008 eine volle
Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätigkeit bestanden (act. G 4.117).
A.e Auf Wunsch der Versicherten wurden am 7. August 2009 die beruflichen
Eingliederungsbemühungen eingestellt (vgl. Schlussbericht der beruflichen
Eingliederung vom 7. August 2009, act. G 4.123; vgl. auch Mitteilung vom 9. November
2009, act. G 4.132).
A.f Im Vorbescheid vom 6. November 2009 ermittelte die IV-Stelle ausgehend von einer
70%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten einen Invaliditätsgrad von
26%. Sie stellte der Versicherten in Aussicht, einen Anspruch auf Rentenleistungen zu
verneinen (act. G 4.131).
A.g Dagegen erhob die Versicherte am 8. Dezember 2009 Einwand (act. G 4.133). In
der ergänzenden Eingabe vom 14. Januar 2010 beantragte sie "mit Wirkung ab wann
rechtens, allerspätestens jedenfalls ab 1. Dezember 2003" die Zusprache einer ganzen
Rente. Eventualiter seien weitere medizinische Abklärungen vorzunehmen. Sie brachte
im Wesentlichen vor, dass die Beurteilung der Restleistungsfähigkeit durch die ABI
sowie die Ermittlung des Invalideneinkommens unzutreffend seien (act. G 4.135). Der
Eingabe legte sie einen Bericht der behandelnden Dr. C._ bei. Darin diagnostizierte
diese aus psychiatrischer Sicht eine mittelgradig bis schwergradig depressive Episode
mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11), eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4), einen Verdacht auf kombinierte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Persönlichkeitsstörung mit emotionaler Instabilität und abhängigen
Persönlichkeitszügen (ICD-10: Z60.3), Schwierigkeiten bei der kulturellen
Eingewöhnung (ICD-10: Z60.0), Anpassungsprobleme bei Veränderung der
Lebensumstände (ICD-10: Z63.0) sowie Probleme in der Beziehung zum Ehepartner.
Sie bescheinigte der Versicherten ab März 2007 bis auf weiteres eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit. Aufgrund psychischer Ursachen sowie der sprachlichen und
kulturellen Schwierigkeiten sowie des niedrigen Bildungsstands hielt Dr. C._ eine
Reintegration der Versicherten nicht für möglich. Aufgrund des niedrigen
Bildungsstands seien allenfalls Hilfsarbeiten möglich, die indessen schon aufgrund von
vielen dokumentierten körperlichen Beschwerden nicht möglich seien (act. G 4.136).
A.h Nach einer Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD; vgl.
Stellungnahme vom 26. Januar 2010, act. G 4.137), verfügte die IV-Stelle am 1. Februar
2010 entsprechend dem Vorbescheid vom 6. November 2009 und lehnte einen
Rentenanspruch ab (act. G 4.138).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 1. Februar 2010 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 2. März 2010. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolge deren Aufhebung, sowie die Zusprache einer ganzen
Invalidenrente "mit Wirkung ab wann rechtens, spätestens jedenfalls ab 1. Dezember
2003". Eventualiter sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
diese weitere Berichte und Gutachten einhole. Sie stellt sich im Wesentlichen auf den
Standpunkt, dass sie zu 100% arbeitsunfähig sei, was durch verschiedene Berichte der
behandelnden medizinischen Fachpersonen bestätigt werde. Es müsse zumindest von
einer beträchtlich höheren Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden, als derjenigen,
welche die ABI-Gutachter ermittelt hätten. Das ABI-Gutachten leide an verschiedenen
Mängeln, weshalb nicht darauf abgestellt werden dürfe. Des Weiteren hält sie bei der
Bestimmung des Invalideneinkommens einen Leidensabzug von 25% für gerechtfertigt
(act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 30. März 2010
die Beschwerdeabweisung. Zur Begründung führt sie aus, dass die gegen das ABI-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Einwände nicht stichhaltig seien
und auf die Beurteilung der ABI-Gutachter abgestellt werden könne. Es sei davon
lediglich bezüglich der durch die psychischen Beschwerden verursachten
Arbeitsunfähigkeit von 30% abzuweichen. Denn die im ABI-Gutachten diagnostizierten
psychischen Beschwerden führten rechtsprechungsgemäss nicht zu einer
invalidisierenden Wirkung. Insgesamt müsse daher von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit
für leidensangepasste Leiden ausgegangen werden. Bei der Bestimmung des
Invalideneinkommens sei ein 10%iger Leidensabzug gerechtfertigt. Insgesamt
resultiere in Anwendung der jüngeren Rechtsprechung zur Parallelisierung der
Vergleichseinkommen (unter Beachtung einer 5%igen Parallelisierungsdifferenz) ein
nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 24% (act. G 4).
B.c In der Replik vom 8. Juni 2010 hält die Beschwerdeführerin unverändert an ihren
Anträgen und deren Begründung fest. Ergänzend macht sie geltend, dass die
depressive Störung ein selbstständiges Leiden mit invalidisierender Wirkung sei (act.
G 8).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist die Frage, ob die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf
Rentenleistungen der Invalidenversicherung hat.
1.1 Am 1. Januar 2004 sind die neuen Normen der 4. IV-Revision und am 1. Januar
2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung über
die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiell-rechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche
Grundsatz, dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei
Erlass des angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben,
als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
BGE 127 V 467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung
ist am 1. Februar 2010 ergangen (act. G 4.138), wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist,
der vor dem Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 4. und 5. IV-Revision
begonnen hat. Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung
betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den
allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2003 bzw.
bis 31. Dezember 2007 auf die damals geltenden Bestimmungen und ab 1. Januar
2008 auf die neuen Normen der 5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE
130 V 445 ff.; Urteil des Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Nachfolgend
werden die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG
wiedergegeben, soweit nicht ausdrücklich auf die altrechtlichen Bestimmungen
verwiesen wird.
1.2 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4 mit Hinweisen). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen).
1.4 Gemäss aArt. 28 Abs. 1 IVG (in der bis 31. Dezember 2003 gültigen Fassung)
besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu zwei Dritteln, derjenige auf eine halbe Rente, wenn sie wenigstens zur
Hälfte invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 40% vor, so besteht ein
Anspruch auf eine Viertelsrente. Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG (in der seit 1. Januar 2004
bis 31. Dezember 2007 gültigen Fassung) und Art. 28 Abs. 2 IVG (in der seit 1. Januar
2008 gültigen Fassung) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.5 Im Fall einer rückwirkenden Rentenfestsetzung ist es unter Umständen erforderlich,
den Invaliditätsgrad für verschiedene zurückliegende Zeitabschnitte nach Massgabe
der jeweiligen Erwerbsunfähigkeit unterschiedlich hoch zu bemessen (vgl. BGE 106 V
16 und 109 V 125).
2.
Vorab ist die Frage zu beantworten, ob die medizinische Aktenlage eine
rechtsgenügliche Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin erlaubt.
2.1 In medizinischer Sicht stützte sich die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung vom 1. Februar 2010 auf das ABI-Gutachten vom 20. Mai 2009 (act.
G 4.138). Die Beschwerdeführerin erachtet dieses aus verschiedenen Gründen für nicht
beweistauglich.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Gegen das ABI-Gutachten bringt die Beschwerdeführerin vor, dass dessen
psychiatrische Beurteilung nicht mit den Einschätzungen von Dr. C._ vom 6. Januar
und 24. Februar 2010 zu vereinbaren sei (act. G 1, S. 5 ff.).
2.2.1 Vorweg ist darauf hinzuweisen, dass rechtsprechungsgemäss unter Beachtung
der Divergenz von medizinischem Behandlungs- und Abklärungsauftrag es nicht
angehen kann, eine medizinische Administrativ- oder Gerichtsexpertise stets dann in
Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die
behandelnden Ärzte nachher zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen oder an
solchen vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält
es sich hingegen, wenn die behandelnden Ärzte objektiv feststellbare Gesichtspunkte
vorbringen, welche im Rahmen der psychiatrischen Begutachtung unerkannt geblieben
und die geeignet sind, zu einer abweichenden Beurteilung zu führen (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 13. März 2006, I 676/05, E. 2.4 mit Hinweisen).
2.2.2 Dr. C._ bescheinigte der Beschwerdeführerin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
(act. G 4.136 und G 1.2), währenddem der psychiatrische ABI-Gutachter eine 30%ige
Arbeitsunfähigkeit attestierte (act. G 4.117-13). In ihren Berichten bringt Dr. C._
indessen nichts vor, was Zweifel an der einlässlich begründeten Einschätzung des ABI-
Gutachters entstehen liesse. Sie schätzte denselben (psychiatrischen) Sachverhalt
lediglich anders ein und benannte keine objektiven Gesichtspunkte, die der
psychiatrische ABI-Experte ausser Acht gelassen hätte. Sie bringt denn auch keine
Einwände gegen die vom ABI-Gutachter vorgenommene psychopathologische
Befunderhebung vor (vgl. hierzu act. G 4.117-11). Damit geht einher, dass sie auf eine
entsprechende Frage des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin, weshalb sie im
Vergleich zum ABI-Gutachten von einer höheren Arbeitsunfähigkeit ausgehe, am
6. Januar 2010 Folgendes erwiderte: "Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten,
ich kann Ihnen lediglich meine und die Einschätzung meiner Kollegen aus der Klinik
nach Aktenlage mitteilen" (act. G 4.136-2). Auch im späteren Bericht vom 24. Februar
2010 vermochte sie ihre im Vergleich zum ABI-Gutachten abweichende Einschätzung
nicht mit abweichenden Befunden zu begründen. Vielmehr beschränkte sie sich auf die
Annahme, dass der psychiatrische Gutachter "nur einen relativ kurzen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beobachtungszeitraum" gehabt habe (act. G 1.2), ohne indessen relevante
Anhaltspunkte aufzuzeigen, die nicht bereits im ABI-Gutachten enthalten sind.
2.2.3 Ferner weist die Beschwerdeführerin darauf hin, dass Dr. C._ eine mittelgradig
bis schwergradig depressive Episode diagnostiziert habe, was gegen die ABI-Diagnose
einer leichten bis mittelgradig depressiven Episode spreche (act. G 1, S. 5 f.). Diese
Rüge zeigt auf, dass - behandelnde und begutachtende - Psychiater, mit der gleichen
Person als Patientin oder Explorandin in verschiedenen Zeitpunkten und Situationen
konfrontiert, zu unterschiedlichen Beurteilungen der psychischen Beeinträchtigungen
und - invalidenversicherungsrechtlich entscheidend - deren Schweregrades mitsamt
den sich daraus ergebenden Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit gelangen können.
Diese in der Natur der Sache begründete weitgehend fehlende Validierbarkeit
("Reliabilität") psychiatrischer Diagnosen, namentlich im depressiven Formenkreis
sowie bei den neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen gemäss
ICD-10, kann nicht automatisch zu Beweisweiterungen bei sich widersprechenden
psychiatrischen Berichten und Expertisen führen, wenn - wie vorliegend - die
gutachterliche Einschätzung die Anforderungen an beweiskräftige Gutachten erfüllt
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 29. September 2009, 9C_661/09, E. 3.2).
2.2.4 Ergänzend ist zu bemerken, dass Dr. C._ bei der von ihr vorgenommenen
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung im Gegensatz zur Einschätzung durch die ABI auch
leidensfremde Aspekte wie sprachliche und kulturelle Schwierigkeiten berücksichtigte
(act. G 4.136-3).
2.3 Die Beschwerdeführerin stellt sich des Weiteren auf den Standpunkt, dass das ABI-
Gutachten keine zuverlässigen Schlüsse enthalte, da es lediglich auf einer einmaligen
Untersuchung und auf einer Momentaufnahme basiere (act. G 1, S. 7). Zwar ist fraglich,
ob die Vornahme der polydisziplinären (Ober-)Begutachtung lediglich an einem Tag mit
Blick auf das zu beurteilende, schwer fassbare Beschwerdebild angemessen ist. Wie
die Beschwerdegegnerin zutreffend ausführt (act. G 4), erfolgte indessen die ABI-
Begut-achtung in Kenntnis sowie in Würdigung der umfassenden Voraktenlage und die
Gutachter berücksichtigten die vollständige Leidensgeschichte der
Beschwerdeführerin. Diese zeigt denn auch nicht auf, welche entscheidwesentlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesichtspunkte ausser Acht gelassen worden sind, weshalb sich Weiterungen
erübrigen.
2.4 Den Beweiswert des ABI-Gutachtens sieht die Beschwerdeführerin auch im
Umstand erschüttert, als es für die Monate März/April 2007 sowie den Zeitraum vom
29. November 2007 bis 27. Juni 2008 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit während den
entsprechenden Klinikaufenthalten feststelle, dann aber für die Zeiträume nach der
Entlassung aus der Klinik deren Auffassungen betreffend Arbeitsunfähigkeit nach
Austritt nicht folgen wolle (act. G 1, S. 8). Darin kann indessen kein Widerspruch in der
gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung gesehen werden, die grundsätzlich von
einer 30%igen Arbeitsunfähigkeit ausgeht. Denn die Bescheinigung einer vollen
Arbeitsunfähigkeit während der von der Beschwerdeführerin genannten Perioden
wurde nicht aufgrund von gesundheitlichen Verschlechterungen vorgenommen.
Vielmehr wurde sie durch Operationen und Hospitalisationen gerechtfertigt, die aus
medizinischer Sicht vor-übergehend - entsprechend der Dauer der Massnahmen - zur
Verneinung einer (verwertbaren) Arbeitsfähigkeit führten bzw. die einer (verwertbaren)
Arbeitsfähigkeit entgegenstanden (act. G 4.117-21). Diese Betrachtungsweise findet
ihre Bestätigung darin, dass auch Dr. C._ den psychischen Zustand der
Beschwerdeführerin "seit langem" als stationär bezeichnet (act. G 4.136-2).
2.5 Die Rüge der Beschwerdeführerin, die Gutachter hätten keine "eigentliche
Auseinandersetzung" mit den übrigen ärztlichen Einschätzungen vorgenommen (act.
G 1, S. 10), erweist sich mit Blick auf die im ABI-Gutachten vorgenommene Auflistung
der Vorakten, den Auszug aus den wichtigsten Vorakten und die im Gutachten
enthaltenen Stellungnahmen zu früheren ärztlichen Einschätzungen (act. G 4.117) als
unzutreffend.
2.6 Die Beschwerdeführerin beanstandet am ABI-Gutachten weiter, dass zwar ein
rheumatologischer, aber kein orthopädischer Experte an der Begutachtung beteiligt
gewesen sei (act. G 1, S. 11).
2.6.1 Wirbelsäulensyndrome sind dem medizinischen Fachgebiet der Rheumatologie
zuzuordnen (M. Franke, Erkrankungen des Bewegungsapparates, in: H. H. Marx
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
[Hrsg.], Medizinische Begutachtung, Grundlagen und Praxis, 6. Auflage 1992, S. 368
und 376).
2.6.2 Die Beschwerdeführerin wurde im Rahmen der polydisziplinären ABI-
Begutachtung durch Dr. med. D._ rheumatologisch untersucht. Dr. D._ verfügt
nebst dem Facharzttitel Innere Medizin auch über den Facharzttitel Rheumatologie. Es
darf deshalb davon ausgegangen werden, dass er ein auf Wirbelsäulensyndrome
spezialisierter Experte ist und er Gewähr für eine zuverlässige Begutachtung des
vorliegenden Wirbelsäulenleidens bietet. Zwar kann es für die Beurteilung von
invalidenversicherungsrechtlichen Leistungen als wünschenswert oder unter
Umständen - die vorliegend aufgrund der einlässlichen rheumatologischen
Untersuchung indes nicht gegeben sind - als unabdingbar erachtet werden, wenn sich
Experten aus der rheumatologischen und orthopädischen Fachrichtung zu
Wirbelsäulensyndromen äussern. Für den hier zu beurteilenden Fall ist entscheidend,
dass aus dem rheumatologischen Teil des ABI-Gutachtens die von der
Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden und Beeinträchtigungen umfassend
Berücksichtigung fanden, der rheumatologische Experte klinische Untersuchungen
vornahm und unter Einbezug sämtlicher relevanter Akten (namentlich auch derjenigen,
die bei der Erstbegutachtung unberücksichtigt geblieben sind; act. G 4.117-15) zu einer
schlüssigen somatischen Einschätzung gelangte. Es fällt auf, dass die vorgenommenen
Operationen an der Halswirbelsäule (Dezember 2002, act. G 4.1/13) und an der
lumbalen Wirbelsäule (November 2004 und August 2005, act. G 4.1/98) aus
orthopädischer Sicht an sich gute Ergebnisse zeigten. Es ist vor diesem Hintergrund
nicht ersichtlich und wird von der Beschwerdeführerin nicht aufgezeigt, inwiefern eine
zusätzliche orthopädische Beurteilung am gutachterlichen Ergebnis etwas geändert
hätte. Aus dem Rückweisungsentscheid des Versicherungsgerichts vom 29. August
2008, IV 2007/39, ergibt sich kein Erfordernis für die Teilnahme eines orthopädischen
Facharztes.
2.7 Schliesslich wendet die Beschwerdeführerin ein, dass der rheumatologische ABI-
Gutachter festgehalten habe, zur Erhöhung der diagnostischen Sicherheit wäre eine
neurologische Untersuchung überlegenswert (act. G 1, S. 12). Die Beschwerdegegnerin
hat in der Beschwerdeantwort vom 30. März 2010 einlässlich und zutreffend dargelegt
(act. G 4, S. 4), dass sich aus dieser von der Beschwerdeführerin nur gekürzt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
widergegebenen gutachterlichen Anmerkung kein Erfordernis für ein neurologisches
Konsilium ergibt. Ins Gewicht fällt vor allem, dass der rheumatologische Experte
ausdrücklich klarstellte: "Weitere Abklärungen sind im Moment nicht indiziert..." (act.
G 4.117-19) und die Beschwerdeführerin nicht darlegt, aus welchen Gründen sich eine
Veranlassung für ein neurologisches Konsilium ergeben könnte. Entsprechende Gründe
lassen sich auch nicht aus den Akten entnehmen.
2.8 Insgesamt ist mit Blick darauf, dass das polydisziplinäre ABI-Gutachten auf
umfassenden - wenn auch nur an einem einzigen Tag vorgenommenen -
Untersuchungen beruht, in Würdigung der Vorakten und in Auseinandersetzung mit
den abweichenden ärztlichen Stellungnahmen sowie unter Berücksichtigung des
vollständigen Beschwerdebildes erfolgte, gestützt auf die gutachterliche Beurteilung
davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin für eine leidensangepasste Tätigkeit
über eine Restarbeitsfähigkeit von 70% verfügt.
3.
3.1 Während dem die Beschwerdegegnerin im Verwaltungsverfahren die
"invalidisierende Wirkung" der vom psychiatrischen ABI-Gutachter bescheinigten
30%igen Arbeitsunfähigkeit anerkannte (act. G 4.138), verneint sie diese im
Beschwerdeverfahren (act. G 4). Dieses (regelmässig anzutreffende) widersprüchliche
Vorgehen der Beschwerdegegnerin wirft ein ungünstiges Licht auf ihre Abklärungs- und
Entscheidpraxis, zumal beschwerdeführende Parteien mit der Verneinung der
"invalidisierenden Wirkung" erst im mit Kostenrisiken behafteten Beschwerdeverfahren
konfrontiert werden. Dies erweist sich umso stossender, als sie aufgrund des von der
Beschwerdegegnerin im Verwaltungsverfahren vertretenen gegenteiligen Standpunkts
("invalidisierende Wirkung" wird nicht in Frage gestellt) nicht mit einem
widersprüchlichen Verhalten der Beschwerdegegnerin im Rahmen des
Beschwerdeverfahrens rechnen müssen. Im Übrigen erweist sich dieses zwiespältige
Verhalten auch unter Gehörsaspekten als nicht unbedenklich. Ferner entsteht durch die
neue, in Widerspruch zum bisherigen Verhalten stehende zusätzliche
Argumentationslinie ein erhöhter prozessualer Aufwand. Da sich der von der
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vertretene Standpunkt vorliegend als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
materiell unrichtig erweist (vgl. nachstehende E. 3.2), erübrigen sich indessen nähere
Ausführungen hierzu.
3.2 Die Verneinung der invalidisierenden Wirkung der psychiatrischerseits
bescheinigten 30%igen Arbeitsunfähigkeit durch die Beschwerdegegnerin beruht auf
einer ungenauen Lektüre des ABI-Gutachtens. Der psychiatrische ABI-Gutachter
diagnostizierte nämlich eine leichte bis mittelgradige depressive Episode und "zudem"
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (act. G 4.117-13). Der psychiatrische
Gutachter bringt damit klar zum Ausdruck, dass die beiden Diagnosen eigenständig
bestehen. Aus dem Gutachten ergibt sich denn auch nicht, dass die depressive
Erkrankung der somatoformen Schmerzstörung zuzurechnen sei bzw. deren blosse
Nebenerscheinung darstellen würde. Damit geht einher, dass der psychiatrische
Experte die depressive Erkrankung an erster Stelle diagnostizierte (act. G 4.117-12; zur
Aufzählung der Diagnosen nach Wertigkeit vgl. Leitlinien der Schweizerischen
Ärztegesellschaft für Rheumatologie für die Begutachtung rheumatologischer
Krankheiten und Unfallfolgen, in: Schweizerische Ärztezeitung, 2007;88: 17, S. 739). Es
besteht daher eine erhebliche im Vordergrund stehende, ausgeprägte, langandauernde
psychische Komorbidität. Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin zusätzlich an
erheblichen seit Jahren bestehenden somatischen Beschwerden leidet. Allein diese
führen - wie von der Beschwerdegegnerin selbst im Beschwerdeverfahren ausdrücklich
anerkannt wird (act. G 4) - zu einer invalidisierenden Arbeitsunfähigkeit von 20%
bezogen auf leidensadaptierte Tätigkeiten (act. G 4.117-18). Des Weiteren wurden trotz
der zahlreichen, zum Teil stationären Behandlungsbemühungen keine befriedigenden
Behandlungsergebnisse erzielt (vgl. etwa HWS-Operation vom Dezember 2002; LWS-
Operation vom November 2004 und August 2005, Hospitalisation in einer
psychiatrischen Klinik vom 27. März bis 20. April 2007 und vom 29. November 2007 bis
27. Juni 2008; vgl. act. G 4.117-21; bei der stationären Behandlung ab 29. November
2007 erfolgte ein fürsorgerischer Freiheitsentzung, act. G 4.1/118-17). Im Licht dieser
Umstände ist nicht bloss die invalidisierende Wirkung des depressiven Leidens,
sondern auch - ausnahmsweise - diejenige der anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung zu bejahen. Diese Auffassung wird dadurch bestätigt, dass aus dem
ABI-Gutachten keine Ressourcen der Beschwerdeführerin hervorgehen, die für eine
vollständige Schmerzüberwindung sprechen.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausgehend von einer Restarbeitsfähigkeit von 70% bleiben noch deren erwerblichen
Auswirkungen zu prüfen.
4.1 Da vorliegend für die Bestimmung des Valideneinkommens keine repräsentative
Grundlage besteht (seit anfangs 2003 keine Erwerbstätigkeit mehr; zuvor Tätigkeit für
viele verschiedene Arbeitgeber; mehrere längere Phasen von Arbeitslosigkeit; grosse
Schwankungen der erzielten Löhne; nicht näher dokumentierte Arbeitsverhältnisse; vgl.
den IK-Auszug in act. G 4.5), ist entsprechend der Bestimmung des
Invalideneinkommens auf die Tabelle TA1 der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung
(LSE) des Bundesamtes für Statistik, Total sämtlicher Wirtschaftszweige,
Anforderungsniveau 4, Frauen, abzustellen. Da die beiden Vergleichseinkommen somit
auf derselben Grundlage zu berechnen sind, kann ein Prozentvergleich vorgenommen
werden. Zu klären ist damit lediglich noch die Frage der Höhe des Tabellenabzugs bei
der Bestimmung des Invalideneinkommens.
4.2 Nach der Rechtsprechung hängen die Fragen, ob und in welchem Ausmass
Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen - entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin (act. G 4.138-2)
insbesondere auch von invaliditätsfremden Faktoren - des konkreten Einzelfalles ab
(etwa leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/
Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25%
festzusetzen ist. Eine schematische Vornahme des Leidensabzuges ist unzulässig
(BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt etwa in AHI 2002 S. 62 und BGE 129 V 481 E. 4.2.3 mit
Hinweisen).
4.3 Da die Beschwerdeführerin nur noch leichte Hilfstätigkeiten ausführen kann, hat die
Beschwerdegegnerin zu Recht einen Tabellenabzug für gerechtfertigt gehalten. Der von
ihr gewährte Abzug von 10% (act. G 4, S. 8) erscheint indessen den vorliegenden
Umständen nicht angemessen. Zum einen trägt dieser Abzug weder den begrenzten
Sprachkenntnissen der Beschwerdeführerin (zu den "sprachlichen Schwierigkeiten"
vgl. act. G 4.136-3 bzw. zur "Bildungsferne" act. G 4.24-8; zur Berücksichtigung von
begrenzten Sprachkenntnissen bei der Bemessung des Leidensabzugs siehe Urteil des
Bundesgerichts vom 22. April 2010, 9C_17/10, E. 3.3.3), noch den zu erwartenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zeitweisen Zustandsverschlechterungen und (teil-)stationären Behandlungen Rechnung
(act. G 4.136-2). Ein derartiges erhöhtes Krankheits- und Absenzenrisiko wirkt sich
lohnsenkend aus (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 25. November 2008,
9C_650/08, E. 5.4, sowie vom 9. Dezember 2009, 9C_68/09, E. 3.2 f.). Allein schon
aufgrund dieser Sachlage ist mindestens von einem 15%igen Leidensabzug und somit
mindestens von einem rentenbegründenden Invaliditätsgrad von gerundet 41% (100%
- [70% x 0.85]) auszugehen. Die Fragen, ob diese Bemessung aufgrund der genannten
Umstände noch erhöht werden müsste und ob der 1956 geborenen
Beschwerdeführerin (act. G 4.1) noch zusätzlich ein Abzug aufgrund ihres Alters (zur
Benachteiligung von Personen ab 50 Jahren vgl. auch Bundesamt für Statistik,
Erwerbstätigkeit der Personen ab 50 Jahren, 2008, S. 12; zur Berücksichtigung des
Faktors Alter vgl. anstatt vieler Urteil des Bundesgerichts vom 22. April 2010,
9C_17/10, E. 3.3.3) oder des plötzlich auftretenden "Einnässens" (vgl. hierzu act.
G 4.117-13) zu gewähren ist, sind grundsätzlich zu bejahen, können letztlich aber
vorliegend offen bleiben. Denn selbst die Gewährung eines höchstzulässigen
Leidensabzugs von 25% führt nicht zu einem anderen rentenrelevanten Ergebnis.
Vielmehr resultiert auch bei einem Abzug von 25% ein Invaliditätsgrad von gerundet
48% (100% - [70% x 0.75]) bzw. ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
4.4 Gemäss ABI-Gutachten besteht eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit seit
9. Dezember 2002 (act G 4.117-21). Die IV-Anmeldung erfolgte am 24. November 2003
(act. G 4.1). In Nachachtung der einjährigen Wartefrist gemäss aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG
(in der bis 31. Dezember 2007 gültigen, vorliegend anwendbaren Fassung) hat die
Beschwerdeführerin damit (rückwirkend) ab dem 1. Dezember 2003 einen Anspruch
auf eine Viertelsrente.
4.5 Zu beachten gilt noch folgender, von der Beschwerdegegnerin bislang übersehener
rentenrelevanter Umstand: Der Beschwerdeführerin wurde im ABI-Gutachten
vorübergehend eine über dreimonatige 100%ige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche
Tätigkeiten während der zweiten Hospitalisation in der Psychiatrischen Klinik vom
29. November 2007 bis 27. Juni 2008 bescheinigt (act. G 4.117-21). Unter
Berücksichtigung der bei der Rentenanpassung gemäss Art. 88a Abs. 1 und 2 IVV
geltenden dreimonatigen Wartefrist und mit Blick darauf, dass gemäss Art. 19 Abs. 3
ATSG Renten für den ganzen Kalendermonat im Voraus ausbezahlt werden, ergibt sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für die Beschwerdeführerin ein Anspruch auf eine ganze Rente ab Februar bis und mit
September 2008. Ab Oktober 2008 hat die Beschwerdeführerin wieder einen Anspruch
auf eine Viertelsrente.
5.
5.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom
1. Februar 2010 aufzuheben und der Beschwerdeführerin ist rückwirkend eine
Viertelsrente für die Zeit ab 1. Dezember 2003 bis 31. Januar 2008, eine ganze Rente
für die Zeit vom 1. Februar bis 30. September 2008 und eine Viertelsrente ab
1. Oktober 2008 zuzusprechen. Die Sache ist zur Festsetzung und Ausrichtung der
geschuldeten Leistungen (einschliesslich Zusatz- und Kinderrenten) an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
teilweisen Obsiegen entsprechend bezahlen die Beschwerdegegnerin und die
Beschwerdeführerin die Gerichtsgebühr je im Betrag von Fr. 300.--. Der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist der Beschwerdeführerin im Umfang von Fr. 300.--
daran anzurechnen und im Umfang von Fr. 300.-- zurückzuerstatten.
5.3 Da die Beschwerdeführerin teilweise obsiegt, hat sie einen reduzierten Anspruch
auf eine Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen,
wobei insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu
tragen ist. Bei vollständigem Obsiegen wäre eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen. Wegen des nur teilweisen
Obsiegens erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 1'750.-- als gerechtfertigt. Die
Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin somit eine Parteientschädigung von
Fr. 1'750.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht