Decision ID: 351b6c98-5fc9-5da9-9ab4-b787b9befa9a
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis für die Fahrzeugkategorien A1, B, D1, BE und D1E seit
13. Juli 2001. Im Administrativmassnahme-Register ist er nicht verzeichnet. Am
Donnerstag, 14. Mai 2015, um 19.51 Uhr, wurde bei ihm anlässlich einer allgemeinen
Verkehrskontrolle Alkoholmundgeruch festgestellt. Die anschliessenden Atemlufttests
fielen mit 1,61 und 1,65 Gewichtspromille positiv aus. Die Auswertung der Blutprobe
durch das Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital St. Gallen (IRM) ergab eine
Blutalkoholkonzentration von mindestens 1,79 und maximal 2,24 Gewichtspromille. X
gab an, zwischen 15 und 18 Uhr 5 dl Bier und drei Gläser Weisswein getrunken zu
haben.
B.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen bestätigte am
20. Mai 2015 die vorläufige Abnahme des Führerausweises durch die Polizei. Es
eröffnete am 29. Mai 2015 ein Verfahren zur Abklärung der Fahreignung, kündigte die
Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung an und verbot X das Führen von
Motorfahrzeugen aller Kategorien vorsorglich ab sofort. Mit Strafbefehl des
Untersuchungsamts St. Gallen vom 1. Juni 2015 wurde er des Fahrens in nicht
fahrfähigem Zustand (qualifizierte Blutalkoholkonzentration) schuldig gesprochen und
zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je Fr. 200.– sowie einer Busse
von Fr. 2‘400.– verurteilt. Die am 24. Juni 2015 angeordnete Fahreignungsabklärung
wurde am 21. August 2015 durchgeführt. Im Gutachten vom 22. September 2015
wurde festgestellt, dass die Fahreignung aus verkehrsmedizinischer Sicht mit der
Auflage einer Alkoholabstinenz befürwortet werden könne.
C.- Mit Verfügung vom 16. Oktober 2015 (eröffnet am 22. Oktober 2015) hob das
Strassenverkehrsamt den vorsorglichen Führerausweisentzug auf (Ziffer 1 des
Rechtsspruchs) und versah den Führerausweis mit der Auflage (Ziffer 2), dass X unter
fachlicher Betreuung (Suchtfachstelle) eine vollständige, kontrollierte Alkoholabstinenz
einzuhalten habe (lit. a) mittels halbjährlichen Haaranalysen (lit. b) im Februar und
August (lit. c). Weiter wurde festgehalten, dass die Auflage auf unbestimmte Zeit
Gültigkeit habe und eine Aufhebung der Abstinenzkontrolle frühestens in einem Jahr
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geprüft werde (lit. d); bei Missachtung der Auflage sei mit einem Entzug des
Führerausweises – allenfalls auf unbestimmte Zeit – zu rechnen (lit. e). Einem allfälligen
Rekurs wurde die aufschiebende Wirkung entzogen (Ziffer 3) und die Gebühr für die
Verfügung von Fr. 350.– X auferlegt. Ebenfalls am 16. Oktober 2015 verfügte das
Strassenverkehrsamt für die Trunkenheitsfahrt vom 14. Mai 2015 einen
Führerausweisentzug für die Dauer von fünf Monaten.
D.- Gegen die Anordnung der Auflagen erhob X mit Eingabe seines Rechtsvertreters
vom 3. November 2015 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag,
unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei Ziffer 2d der angefochtenen Verfügung
dahingehend abzuändern, als eine Aufhebung der Abstinenzkontrolle nach
Durchführung der Haaranalyse im Februar 2016 erstmals überprüft werden könne.
Weiter beantragte er, dem Rekurs sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen. Die
Vorinstanz verzichtete am 25. November 2015 auf eine Vernehmlassung. Auf die
Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 3. November 2015 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist die in Ziffer 2d der angefochtenen Verfügung festgesetzte
Frist für die Überprüfung der Aufhebung der Auflagen nach frühestens einem Jahr
umstritten.
a) Nach den allgemeinen verwaltungsrechtlichen Grundsätzen ist es im Rahmen der
Verhältnismässigkeit zulässig, aus besonderen Gründen den Führerausweis mit
Auflagen zu versehen, wenn dies der Sicherstellung der Fahreignung und damit der
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Verkehrssicherheit dient sowie mit dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang steht. Die
Anordnung von Auflagen kommt dann in Frage, wenn der Lenker die gesetzlichen
Anforderungen an die Fahreignung bei Einhaltung bestimmter Massnahmen erfüllt; ein
Entzugsgrund nach Art. 16 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
muss dabei nicht gegeben sein. Erforderlich ist zudem, dass sich die Fahreignung nur
mit dieser Massnahme aufrechterhalten lässt und die Auflagen erfüll- und kontrollierbar
sind. Dass ein Fahrzeuglenker zum Alkoholmissbrauch neigt, stellt einen besonderen
Grund dar, der Auflagen rechtfertigt. In solchen Fällen ist eine Kontrolle erforderlich, um
die Verkehrssicherheit zu gewährleisten (vgl. Bundesblatt, abgekürzt: BBl, 1999, 4482;
BGE 131 II 248 E. 6; Philippe Weissenberger, Administrativrechtliche Massnahmen bei
Alkohol- und Drogengefährdung, in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2004,
St. Gallen 2004, S. 134 f.). Das Bundesgericht hielt ferner fest, dass die dauerhafte
Überwindung einer Sucht oder eines verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauchs während
vier bis fünf Jahren überwacht werden müsse. Es beanstandete nicht, dass eine
Wiedererteilung des Führerausweises von einer dreijährigen Totalabstinenz abhängig
gemacht wurde (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_342/2009 vom 23. März 2010
E. 2.4).
b) Das verkehrsmedizinische Gutachten vom 22. September 2015 stützt sich einerseits
ab auf die Vorgeschichte gemäss Akten, die verkehrsmedizinische Untersuchung, den
Bericht der Hausärztin sowie die Angaben des Rekurrenten, insbesondere zu seinem
Alkoholkonsum, andererseits auf die Befunde der körperlichen Untersuchung und die
Ergebnisse der Blut-, Urin- und Haaranalysen. Die Vorgeschichte und der
Untersuchungsgrund werden – soweit anhand der Akten überprüfbar – zutreffend
wiedergegeben. Die körperliche Untersuchung ergab verkehrsmedizinisch keine
relevanten Besonderheiten. Die Blutuntersuchung auf die für Alkohol relevanten
Parameter GOT, GPT, GGT, MCV und CDT ergab einen leicht verminderten Wert für
MCV. Die Urinprobe verlief negativ auf das Alkoholabbauprodukt Ethylglucuronid (EtG).
In der Haarprobe vom 21. August 2015 wurden im ersten Segment (0-3 cm ab
Kopfhaut) weniger als 7 pg/mg EtG nachgewiesen, im zweiten Segment (3-5 cm ab
Kopfhaut) fand sich kein EtG (act. 9/34 ff.). Die Gutachter kommen zum Schluss, aus
verkehrsmedizinischer Sicht sei zumindest eine Gefährdung durch episodenhaften
Alkoholüberkonsum abzuleiten, wobei eine Missbrauchsproblematik aufgrund der
Konsumangaben nicht sicher auszuschliessen sei. Die Fahreignung könne zwar
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befürwortet werden, wegen des Ereignisses und des dargelegten, teilweise
problematischen Trinkverhaltens sollte aber neben einer Alkoholabstinenzauflage auch
eine Fachtherapie angeordnet werden (act. 9/37). Der Rekurrent bestreitet zu Recht
nicht, dass die Vorinstanz mit Verfügung vom 16. Oktober 2015 den vorsorglichen
Führerausweisentzug aufhob und den Führerausweis mit der Auflage einer
Alkoholtotalabstinenz verband. Er erachtet es jedoch als unverhältnismässig, dass die
Aufhebung der Auflage frühestens in einem Jahr überprüft werden könne.
c) Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist eine Entlassung aus den Auflagen
bzw. aus der verkehrsmedizinischen Kontrolle grundsätzlich frühestens in drei Jahren
nach Wiedererteilung des Führerausweises möglich (vgl. BGer 6A.61/2005 vom
12. Januar 2006 E. 2.1). Die Vorinstanz blieb mit der für die frühestmögliche
Überprüfung angesetzten Frist von einem Jahr unter dieser Vorgabe. Die Auflagen
stehen im Zusammenhang mit einer nachgewiesenen Alkoholproblematik und zielen
auf eine möglichst hohe Verkehrssicherheit ab. In der Haarprobe vom 21. August 2015
wurde im ersten Segment (0-3 cm ab Kopfhaut) ein EtG-Wert unter 7 pg/mg
festgestellt. Bei EtG-Werten von mindestens 2, aber von weniger als 7 pg/mg ist kein
regelmässiger relevanter Alkoholkonsum nachgewiesen (vgl. zum Ganzen BGE 140 II
334 E. 7).
Anlässlich der Kontrolle vom 14. Mai 2015 stellte die Polizei Alkoholmundgeruch fest;
die Sprache und die Augen waren unauffällig, die Pupillen normal bzw. mittelweit (vgl.
act. 9/4 ff.). Gegenüber den Gutachtern erklärte der Rekurrent, sich trotz des
Alkoholkonsums motorisch noch tiptop gefühlt zu haben. Zwar habe er schon gemerkt,
dass er zu viel getrunken habe; Laufen, Reden und Sehen seien aber noch gut
gewesen. Er habe sich erstaunlicherweise gut gefühlt und sei erschrocken, als er die
Anzeige des Atemalkoholtests gesehen habe (vgl. act. 9/39). Die Analyse der Blutprobe
ergab für den Ereigniszeitpunkt eine Blutalkoholkonzentration zwischen 1.79 und 2.24
Gewichtspromille (Mittelwert: 2.015 Gewichtspromille). Damit muss beim Rekurrenten
von einer auffälligen Alkoholtoleranz (Giftfestigkeit) ausgegangen werden. Denn eine
Person, die nur selten Alkohol trinkt, ist ganz klar nicht in der Lage, eine
Blutalkoholkonzentration von 2 Gewichtspromille überhaupt zu erreichen, zumal sie –
aufgrund der alkoholtoxischen Wirkung – schon vorher mit unter anderem
zunehmender Übelkeit, Bewusstseinstrübung und beispielsweise Erbrechen reagiert.
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Eine derart beeinträchtigte Person wird von daher auch nicht mehr in der Lage sein, nur
noch halbwegs zielgerichtete Handlungen auszuführen, geschweige denn das
Fahrzeug zu finden bzw. dieses nur einigermassen korrekt bedienen und führen zu
können (B. Liniger, Verkehrsmedizin: Fahreignungsbegutachtung und Auflagen, in:
Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2004, St. Gallen 2004, S. 92 f.). Der Rekurrent
hält sich im Vergleich zu anderen für trinkfester (act. 9/39). Ob damit auch von einer
Alkoholgewöhnung auszugehen ist, kann offen bleiben. Zu berücksichtigen sind weiter
seine Angaben zu den Trinkgewohnheiten: Ca. alle ein bis zwei Wochen trinke er bis zu
einer Flasche Wein und ein Bier. Einmal monatlich betrage die maximale Menge zwei
Flaschen Wein; dann sei er betrunken. Folgeerscheinungen wie Erbrechen seien schon
ewig her. Kopfschmerzen gebe es, wenn er betrunken sei; dies nehme er in Kauf.
Ausserdem trinke er seit dem Ereignis vom 14. Mai 2015 bewusster und weniger
Alkohol, was er zukünftig beibehalten und nicht wieder in das alte Muster fallen wolle
(vgl. act. 9/39). Das Ergebnis der Haaranalyse spricht dafür, dass der Rekurrent seinen
Alkoholkonsum reduziert hat (vgl. act. 9/42). Zu einer längeren Alkoholabstinenz
veranlasste ihn das Ereignis vom 14. Mai 2015 indessen nicht. In den zwei Monaten vor
der Haarprobe begann er, wieder Alkohol zu trinken; dies war ihm zwar nicht verboten,
lässt im Hinblick auf die anstehende verkehrsmedizinische Untersuchung aber doch
den Schluss zu, dass er für längere Zeit nicht auf Alkoholkonsum verzichten kann. Dass
er trotz der nachgewiesenen Alkoholproblematik und der anlässlich des Ereignisses
vom 14. Mai 2015 festgestellten hohen Blutalkoholkonzentration weiterhin Alkohol
konsumiert, zeigt zudem, dass er noch kein Problembewusstsein entwickeln konnte.
Durch die Trunkenheitsfahrt vom 14. Mai 2015 ist überdies belegt, dass der Rekurrent
in alkoholisiertem Zustand keine Gewähr bietet, auf das Lenken eines Fahrzeugs zu
verzichten, auch wenn er dies in nüchternem Zustand beteuert. Indem die Aufhebung
der Abstinenzkontrolle frühestens in einem Jahr überprüft werden soll, trug die
Vorinstanz im Übrigen dem Umstand, dass der Rekurrent seinen Alkoholkonsum
reduzierte, bereits genügend Rechnung. Der Rekurs ist daher abzuweisen. Mit dem
Entscheid in der Sache ist das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung
hinfällig geworden.
3.- Mit den Auflagen soll sichergestellt werden, dass der Rekurrent zum Schutz der
Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer nur in fahrfähigem Zustand ein
Motorfahrzeug lenkt. Dieser Zweck wäre gefährdet, müsste er diese Auflagen während
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eines Beschwerdeverfahrens nicht einhalten. Einer allfälligen Beschwerde ist deshalb
die vom Gesetz vorgesehene aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 51 VRP).
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist zu verrechnen.