Decision ID: c264beca-a275-53ef-8b6e-62270607f799
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der 1976 geborene türkische Staatsangehörige A._ (im Folgenden:
Versicherter oder Beschwerdeführer) erhielt 1994 die Niederlassungsbe-
willigung in der Schweiz. Wegen verschiedener Delikte (Totschlag, Frei-
heitsberaubung, Vergewaltigung, Entführung, Tätlichkeit, einfache Körper-
verletzung sowie Drohung) wurde er mehrmals strafrechtlich verfolgt und
zu insgesamt über sieben Jahren Gefängnis oder Zuchthaus verurteilt. Mit
Beschluss des B._ vom 26. Mai 2004 wurde er für die Dauer von
zehn Jahren aus der Schweiz ausgewiesen; die hiergegen eingereichte
Beschwerde wurden mit Entscheiden des Verwaltungsgerichts C._
vom 24. November 2004 und des Bundesgerichts vom 7. Februar 2005
abgewiesen. Nachdem er die gesetzte Ausreisefrist ungenutzt hatte ver-
streichen lassen und daraufhin zwecks Sicherstellung der Rückführung
verhaftet worden war, verfügte das Migrationsamt am 28. März 2006 die
sofortige Wegweisung und ordnete die Ausschaffungshaft an. Letztere An-
ordnung wurde mit Verfügung des Bezirksgerichts D._ vom 29.
März 2006 bestätigt (act. im Verfahren C-7817/2009 [C-act.] 1, Beilage 3).
B.
Der Versicherte war vom 17. Juli 2001 bis Ende Oktober 2005 im Restau-
rant E._ als Buffetmitarbeiter beschäftigt (Akten der Vorinstanz zum
Verfahren C-7817/2009 [V-act.] 26). Zufolge psychischer Beschwerden
meldete er sich mit Datum vom 6. Mai 2005 (V-act. 2) zum Bezug von Leis-
tungen der schweizerischen Invalidenversicherung (IV) an. Im Rahmen der
Abklärungen betreffend die Beurteilung des Leistungsanspruchs wurden
insbesondere folgende medizinische Unterlagen zu den Akten gereicht:
 ein Überweisungsschreiben zur stationären Aufnahme an F._ vom 19.
März 2005 (V-act. 6 S. 1) sowie ein Arztbericht Eidgenössische Invalidenver-
sicherung IV vom 1. September 2005 (V-act. 12 S. 1 bis 4) von Dr. G._,
Facharzt für Innere Medizin;
 ein Arztbericht mit Beilagen zu Handen der Eidgenössischen Invalidenversi-
cherung (IV) sowie eine medizinische Beurteilung der Arbeitsbelastbarkeit des
F._ vom 23. Mai 2005 (V-act. 7);
 drei Berichte des H._, betreffend die zweite, dritte und vierte stationäre
Einweisung zur Behandlung vom 27. Juni 2005 (V-act. 12 S. 6 und 7), vom 12.
Juli 2005 (V-act. 9 S. 6 bis 11) und vom 31. August 2005 (V-act. 11 S. 8 und
9);
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 ein Kurzaustrittsbericht der I._ vom 8. Juli 2005 (V-act. 9 S. 5);
 eine ärztliche Beurteilung inklusive medizinische Beurteilung der Arbeitsbe-
lastbarkeit vom 17. August 2005 (V-act. 13) sowie eine kurzer Austrittsbericht
vom 19. August 2005 (V-act. 11 S. 4 und 5) des J._;
 ein Arztbericht der K._ vom 28. August 2005 (V-act. 11 S. 6 und 7).
C.
Nach Durchführung der für die Beurteilung des Leistungsanspruchs mass-
geblichen Abklärungen (V-act. 1 bis 17) erliess die IV-Stelle des Kantons
L._ (im Folgenden: IV-Stelle) wegen Nichterfüllens der einjährigen
gesetzlichen Wartezeit (ab März 2005) am 14. September 2005 eine ab-
weisende Verfügung (V-act. 17).
D.
Am 13. Februar 2006 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungs-
bezug an (V-act. 32). Dabei wurden insbesondere die nachfolgenden me-
dizinischen Unterlagen zu den Akten gereicht:
 zwei vorläufige Austrittsberichte vom 23. September 2005 (V-act. 19) und vom
8. März 2006 (V-act. 28 S. 1), eine medizinische Beurteilung der Arbeitsbelas-
tung vom 14. März 2006 (V-act. 29 S. 5 und 6), ein Bericht über die stationäre
Behandlung vom 17. März 2006 (Akten der Vorinstanz [act.] 32) sowie ein Arzt-
bericht Eidgenössische Invalidenversicherung IV vom 21. März 2006 (V-act.
36 S. 1 bis 4) der M._;
 ein Verlegungsbericht des N._ vom 23. Februar 2006 (V-act. 25 S. 1
und 2);
 ein Kurzaustrittsbericht der I._ vom 15. Februar 2006 (V-act. 25 S. 6
und 5);
 ein Arztbericht Eidgenössische Invalidenversicherung IV des H._, vom
1. Juni 2006 (V-act. 31).
E.
Mit Vorbescheid der IV-Stelle vom 4. Juli 2006 wurde dem Beschwerdefüh-
rer mit Wirkung ab 1. März 2006 eine ganze IV-Rente in Aussicht gestellt
(V-act. 33).
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F.
Nachdem die Pensionskasse O._ hiergegen am 2. August 2006
ihre Einwendungen vorgebracht hatte (V-act. 37) und – da der Versicherte
die Schweiz per April 2006 verlassen musste (vgl. Bst. A. hiervor) – das
Dossier während des laufenden Vorbescheidsverfahrens an die IV-Stelle
für Versicherte im Ausland (im Folgenden: IVSTA oder Vorinstanz) über-
wiesen worden war (V-act. 48), liess der Versicherte durch seinen Rechts-
vertreter, Rechtsanwalt Lukas Nater, am 9. Mai 2007 mitteilen, dass er mit
dem Vorbescheid vom 4. Juli 2006 einverstanden sei (V-act. 62). Daraufhin
vertrat der Psychiater P._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst Rhone
(im Folgenden: RAD) am 26. Juli 2007 die Ansicht, es sei zufolge der un-
klaren Diagnosen ein psychiatrisches Gutachten nach Möglichkeit in der
Schweiz zu erstellen (act. 64). In der Folge konnte die beabsichtigte Be-
gutachtung durch Dr. Q._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
nicht durchgeführt werden, da das damalige Bundesamt für Migration (im
Folgenden: BFM; heute: Staatssekretariat für Migration SEM) am 11. De-
zember 2007 das erforderliche Visum verweigert hatte (act. 68 bis 85; C-
act. 1, Beilage 4). Aufgrund dieser Sachlage wurde die türkische Verbin-
dungsstelle mit der Begutachtung beauftragt (act. 86 bis 93, 95 bis 101).
Infolge der Untersuchung des Beschwerdeführers sprach sich Dr.
R._, Dekan und Mitglied des Lehrerkollegiums Psychiatrie und Ex-
perte in Psychiatrie der Ia._ am 10. und 19. Juni 2008 für das Vor-
liegen einer Schizophrenie aus und beurteilte die Arbeitsunfähigkeit auf
80% (V-act. 99 und 100). Nach Einsicht der entsprechenden medizinischen
Akten durch den RAD (V-act. 103) hielt Dr. S._, Psychiater, am 21.
August 2008 dafür, dass zufolge einer paranoiden Schizophrenie (ICD-10:
F20.0) sowohl in der bisherigen als auch in einer leidensadaptierten Tätig-
keit ab dem 5. März 2005 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestehe (V-
act. 104). Hierauf stellte die IVSTA dem Versicherten mit Vorbescheid vom
26. August 2008 erneut die Ausrichtung einer ganzen IV-Rente mit Wirkung
ab 1. März 2006 in Aussicht (V-act. 105).
G.
Während sich der Versicherte mit dem vorgesehenen Entscheid einver-
standen erklären konnte (V-act. 106), zeigte die O._ mit Schreiben
vom 22. September und 28. Oktober 2008 kein Einverständnis mit der be-
absichtigten Berentung (V-act. 109, 110 und 112). Sie stützte sich dabei
auf das von ihrem Vertrauensarzt Dr. T._, FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, am 27. Oktober 2008 erstellte Aktengutachten (V-act.
111), worin die Diagnose einer Anpassungsstörung gestellt und hinsichtlich
der Arbeits- und Leistungsfähigkeit ausgeführt worden war, sowohl in der
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Tätigkeit als Buffetmitarbeiter als auch in einer adaptierten Verweisungstä-
tigkeit bestehe eine volle Arbeitsfähigkeit mit 20-30%iger (in hektischen Ar-
beitsphasen 50%iger) resp. 20%iger Verminderung der Leistungsfähigkeit.
In der Folge wurde das Dossier erneut dem RAD zur Stellungnahme un-
terbreitet (act. 117). Am 25. Februar 2009 berichtete der RAD-Arzt Dr.
U._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, er schliesse sich ohne
Vorbehalte der Auffassung von Dr. P._ vom 26. Juli 2007 an und
vertrete die Meinung, dass nur ein Gutachten eines klinisch und versiche-
rungsrechtlich gewieften Schweizer Psychiaters definitive Klarheit schaffen
könne (V-act. 119).
H.
Aufgrund der Stellungnahme von Dr. U._ vom 25. Februar 2009 er-
suchte die IVSTA mit Schreiben vom 29. April 2009 das BFM um Erteilung
eines Visums, damit der Versicherte in der Schweiz psychiatrisch begut-
achtet werden könne (V-act. 123). Am 12. Mai 2009 teilte das BFM der
IVSTA mit, dass man bereit sei, unter Auflagen (Garantie der Reise- und
Aufenthaltskosten, genaues Ein- und Ausreisedatum, Einreise auf dem
Luftweg [Flugplan], gültiges Reisedokument, Betreuung während der An-
wesenheit [bspw. durch die Polizei; V-act. 128]) eine Suspendierung der
Einreisesperre für maximal drei Tage vorzunehmen (V-act. 124).
I.
Mit Schreiben vom 20. November 2009 teilte die IVSTA dem Rechtsvertre-
ter des Versicherten unter anderem mit, aufgrund der jetzigen Aktenlage
könne kein Entscheid getroffen werden, weshalb die Überprüfung des Leis-
tungsgesuchs vom 13. Februar 2006 bis zur Aufhebung der Einreisesperre
in die Schweiz suspendiert werde (V-act. 133). Am 3. Dezember 2009 ver-
fügte die IVSTA die entsprechende Sistierung (V-act. 135). Zur Begrün-
dung führte sie im Wesentlichen aus, man sei nicht in der Lage, die durch
das BFM gestellten Bedingungen zu erfüllen. Eine Betreuung über 24 Stun-
den während dreier Tage für die medizinische Abklärung sei mit überhöh-
tem Kostenaufwand verbunden. Durch die Vorgeschichte des Versicherten
würde man auch ein unkalkulierbares Risiko eingehen.
J.
Die dagegen erhobene Rechtsverzögerungsbeschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht vom 16. Dezember 2009 (Akten der Vorinstanz [act.] 1 S.
3-8) wurde mit Urteil C-7817/2009 vom 23. Juni 2010 gutgeheissen und die
Sache wurde im Sinne der Erwägungen zum Erlass einer materiellen Ver-
fügung an die zuständige IV-Stelle überwiesen (act. 5).
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Seite 6
K.
Im Laufe des Abklärungsverfahrens wurde ein Arztbericht des Psychiat-
risch-Psychologischen Dienstes des Justizvollzugs L._ vom 31. Ja-
nuar 2011 (act. 33) sowie ein ärztlicher Bericht der Ia._, vom 14.
Juni 2011 (act. 20) eingeholt.
L.
Nach verschiedenen Abklärungen kam die IV-Stelle zum Schluss, dass
eine Begutachtung in der Schweiz nicht durchgeführt werden könne und
leitete die Akten am 10. September 2012 an die IVSTA weiter (act. 11).
M.
Der Beschwerdeführer reichte nach Aufforderung durch die IVSTA am 20.
November 2012 einen weiteren ärztlichen Bericht der Ia._, vom 5.
Februar 2013 zu den Akten (act. 52).
N.
In seinen Schlussberichten vom 17. Mai 2013 (act. 57) und 18. Juni 2013
(act. 60) nahm der RAD-Arzt Dr. U._ zu den medizinischen Unter-
lagen Stellung. Dabei stellte er fest, dass die ärztlichen Berichte der
Ia._ vom 14. Juni 2011 und vom 5. Februar 2013 im Wesentlichen
deckungsgleich seien. Es handle sich um kurze Arztberichte und es finde
sich keinerlei kritische Auseinandersetzung mit den Vorakten.
O.
Die Vorinstanz erteilte am 16. Juni 2014 den Auftrag zur Begutachtung des
Beschwerdeführers in der Türkei (act. 76) durch Dr. V._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie. Dieser erstellte am 9. Oktober 2014
ein entsprechendes Gutachten (act. 85). Nach Würdigung des Gutachtens
durch den RAD-Arzt Dr. W._, Arzt für Psychiatrie und Psychothera-
pie, gelangte dieser am 26. November 2014 zum Schluss, dass beim Be-
schwerdeführer keine Arbeitsunfähigkeit bestehe (act. 89).
P.
Mit Verfügung vom 23. Februar 2015 wurde das Leistungsbegehren des
Beschwerdeführers abgewiesen (act. 93).
Q.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer am 14. März 2015 Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der vo-
rinstanzlichen Verfügung und das Zusprechen der gesetzlichen Leistungen
der IV. Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, das Gutachten von
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Seite 7
Dr. V._ vom 9. Oktober 2014 sei nicht schlüssig, es gehe auf die
effektiven Leiden nicht ein und vieles werde pauschalisiert. Zudem beant-
worte der Gutachter die gestellten Fragen nicht. Aus diesem Grund werde
ein weiteres Gutachten verlangt, welches den Anforderungen entspreche.
Der Beschwerdeführer ersuchte zudem um unentgeltliche Rechtspflege
samt Rechtsverbeiständung durch seinen Rechtsvertreter (Akten im Be-
schwerdeverfahren [B-act.] 1).
R.
Mit Vernehmlassung vom 30. April 2015 beantragte die Vorinstanz die Ab-
weisung der Beschwerde. Sie brachte im Wesentlichen vor, der IV-Stelle
sei es unbesehen der vorgebrachten Mängel möglich gewesen, anhand
des Gutachtens mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auszuschliessen,
dass in psychiatrischer Hinsicht Funktionseinschränkungen vorhanden
seien, welche die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit in relevanter Weise beein-
flussten (B-act. 7).
S.
Mit Zwischenverfügung vom 9. September 2015 wurde das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege im Beschwerdeverfahren gutgeheissen (B-act.
13).
T.
Das dem Beschwerdeführer mit Instruktionsverfügung vom 9. September
2015 (B-act. 14) gewährte Replikrecht blieb ungenutzt, sodass der Schrif-
tenwechsel mit Instruktionsverfügung vom 27. Oktober 2015 (B-act. 15)
abgeschlossen wurde.
U.
Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften der Parteien
ist – soweit erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen weiter einzu-
gehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
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Seite 8
1.
Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen, ob die Prozessvo-
raussetzungen erfüllt sind und ob auf eine Beschwerde einzutreten ist
(BVGE 2007/6 E. 1 mit Hinweisen).
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, SR 172.021, sofern
kein Ausnahmetatbestand erfüllt ist (vgl. Art. 31 und 32 VGG). Zulässig
sind Beschwerden gegen Verfügungen von Vorinstanzen gemäss Art. 33
VGG. Die IV-Stelle für Versicherte im Ausland ist eine Vorinstanz im Sinne
von Art. 33 Bst. d VGG (vgl. auch Art. 69 Abs. 1 Bst. b IVG [SR 831. 20]).
Deren Verfügung vom 23. Februar 2015 stellt eine Verfügung nach Art. 5
VwVG dar. Eine Ausnahme nach Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundes-
verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Beschwerde zuständig.
1.2 Der Beschwerdeführer hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom-
men, ist als Adressat durch die angefochtene Verfügung in besonderer
Weise berührt und hat an deren Aufhebung oder Änderung ein schutzwür-
diges Interesse (Art. 48 Abs. 1 VwVG; vgl. auch Art. 59 ATSG [SR 830.1]).
Er ist zur Beschwerde legitimiert.
1.3 Die angefochtene Verfügung datiert vom 23. Februar 2015 und wurde
dem Beschwerdeführer am 3. März 2015 zugestellt. Die Beschwerdeschrift
wurde am 14. März 2015 aufgegeben und ging am 16. März 2015 beim
Bundesverwaltungsgericht ein (B-act. 1; Umschlag). Die Beschwerde
wurde fristgerecht innerhalb von dreissig Tagen nach Eröffnung der ange-
fochtenen Verfügung eingereicht (Art. 60 ATSG in Verbindung mit Art. 38
Abs. 1 und 3 ATSG und Art. 39 Abs. 1 ATSG).
1.4 Die Beschwerde enthält einen Antrag und eine Begründung und wurde
vom bevollmächtigten Rechtsvertreter des Beschwerdeführers unter-
schrieben. Die angefochtene Verfügung und weitere Beweismittel wurden
beigelegt (BVGer act. 1, Beilage). Die Beschwerde wurde formgerecht ein-
gereicht (Art. 52 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 9. September 2015 gutge-
heissen und der Beschwerdeführer von der Bezahlung von Verfahrenskos-
ten befreit wurde (BVGer act. 13), ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
Zum Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht ist Folgendes voraus-
zuschicken:
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Seite 9
2.1 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt. Gemäss Art. 3 Bst.
dbis VwVG bleiben in den sozialversicherungsrechtlichen Verfahren die be-
sonderen Bestimmungen des ATSG vorbehalten. Gemäss Art. 2 ATSG sind
die Bestimmungen dieses Gesetzes auf die bundesgesetzlich geregelten
Sozialversicherungen anwendbar, wenn und soweit die einzelnen Sozial-
versicherungsgesetze es vorsehen. Nach Art. 1 IVG sind die Bestimmun-
gen des ATSG auf die Invalidenversicherung (Art. 1a - 26bis und 28 - 70
IVG) anwendbar, soweit das IVG nicht ausdrücklich eine Abweichung vom
ATSG vorsieht. In formellrechtlicher Hinsicht finden nach den allgemeinen
intertemporalrechtlichen Regeln mangels anderslautender Übergangsbe-
stimmungen grundsätzlich diejenigen Rechtssätze Anwendung, welche im
Zeitpunkt der Beschwerdebeurteilung Geltung haben (BGE 130 V 1 E. 3.2).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG; Kognition, vgl.
BENJAMIN SCHINDLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum
Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, Zürich 2008, Rz. 1 ff. zu
Art. 49). Das Bundesverwaltungsgericht ist gemäss dem Grundsatz der
Rechtsanwendung von Amtes wegen nicht an die Begründung der Begeh-
ren der Parteien gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Im Rahmen seiner Kog-
nition kann es die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemach-
ten Gründen gutheissen oder den angefochtenen Entscheid im Ergebnis
mit einer Begründung bestätigen, die von jener der Vorinstanz abweicht
(vgl. FRITZ GYGI, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Auflage, Bern 1983,
S. 212; vgl. BGE 128 II 145 E. 1.2.2, BGE 127 II 264 E. 1b).
2.3 Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel zu
würdigen sind. Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren
gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versiche-
rungsträger und Sozialversicherungsgerichte die Beweise frei, das heisst
ohne förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu wür-
digen. Dies bedeutet für das Gericht, dass es alle Beweismittel, unabhän-
gig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden
hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strei-
tigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander wi-
dersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge-
ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These
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Seite 10
abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a). Dabei sind die rechtsanwendenden Behör-
den in der Schweiz nicht an Feststellungen und Entscheide ausländischer
Versicherungsträger, Krankenkassen, Behörden und Ärzte bezüglich Inva-
liditätsgrad und Anspruchsbeginn gebunden (AHI-Praxis 1996, S. 179; vgl.
auch ZAK 1989 S. 320 E. 2). Vielmehr unterstehen auch aus dem Ausland
stammende Beweismittel der freien Beweiswürdigung des Gerichts (Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG, seit 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 11. Dezember 1981
i.S. D.).
2.4 Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern
das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines
bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Der
Richter und die Richterin haben vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu
folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahr-
scheinlichste würdigen (BGE 126 V 353 E. 5b, BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen). Der Sozialversicherungsträger als verfügende Instanz und –
im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewie-
sen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind (Urteil des
Bundesgerichts [BGer] 8C_494/2013 vom 22. April 2014 E. 5.4.1).
2.5 Das sozialversicherungsrechtliche Verfahren ist vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 43 ATSG). Danach hat die Verwaltung und im
Beschwerdeverfahren das Gericht von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des erheblichen Sachverhalts zu sorgen. Dieser
Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet zum einen sein
Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien (Art. 28 ff. ATSG; BGE
125 V 195 E. 2, BGE 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). Zum anderen
umfasst die behördliche und richterliche Abklärungspflicht nicht unbesehen
alles, was von einer Partei behauptet oder verlangt wird. Vielmehr bezieht
sie sich nur auf den im Rahmen des streitigen Rechtsverhältnisses (Streit-
gegenstand) rechtserheblichen Sachverhalt. Rechtserheblich sind alle Tat-
sachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch
so oder anders zu entscheiden ist (GYGI, a.a.O., S. 43 und 273). In diesem
Rahmen haben Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte
zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen,
wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den Ak-
ten ergebender Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V
282 E. 4a mit Hinweis; Urteil des EVG I 520/99 vom 20. Juli 2000).
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Seite 11
3.
3.1 Am 1. Mai 1969 unterzeichneten die Schweiz und die Republik Türkei
das Abkommen zwischen der Schweiz und der Republik Türkei über sozi-
ale Sicherheit (Sozialversicherungsabkommen, SR 0.831.109.763.1, in
Kraft getreten am 1. Januar 1972 mit Wirkung ab 1. Januar 1969).
3.2 Angehörige der jeweiligen Staaten sind den Angehörigen des Partner-
staates in Rechten und Pflichten betreffend die angeführten Sozialversi-
cherungen, darunter die Invalidenversicherung (Art. 1 Ziff. 1 Bst. B lit. b
Sozialversicherungsabkommen), gleichgestellt, insoweit nicht das Abkom-
men selbst eine Differenzierung vorsieht (Art. 2 Abs. 1 Sozialversiche-
rungsabkommen).
3.3 Als Abweichung von diesem Gleichbehandlungsgebot sieht das Sozi-
alversicherungsabkommen vor, dass schweizerische IV-Renten türkischen
Staatsangehörigen nach deren endgültigem Verlassen der Schweiz nur
ausgerichtet werden, wenn diese mindestens zur Hälfte invalid sind (Art.
10 Abs. 2 Sozialversicherungsabkommen).
3.4 Zur Anwendung kommt das Recht desjenigen Vertragsstaates, in des-
sen Gebiet eine Erwerbstätigkeit ausgeübt wurde (Art. 4 Abs. 1 Sozialver-
sicherungsabkommen). Das Abkommen sieht lediglich für den Fall der Zu-
sammenrechnung von Beitragszeiten eine parallele Anwendung der Ge-
setzgebung beider Vertragsstaaten vor (Art. 10 Abs. 3 und 4 Sozialversi-
cherungsabkommen).
3.5
3.5.1 Der Beschwerdeführer ist Staatsangehöriger eines Vertragsstaats
und beansprucht Leistungen aus der Invalidenversicherung. Persönliche
und sachliche Geltung des Sozialversicherungsabkommens sind damit er-
stellt.
3.5.2 Sowohl die angefochtene Verfügung vom 23. Februar 2015 wie auch
der zugrundeliegende Sachverhalt fallen in die Geltungszeit des Sozialver-
sicherungsabkommens. Seine zeitliche Anwendbarkeit steht deshalb aus-
ser Frage.
3.5.3 Strittig ist die Berechtigung auf eine Rente der Schweizer Invaliden-
versicherung aufgrund einer früheren Erwerbstätigkeit des Beschwerde-
führers in der Schweiz. Es ist nach dem Sozialversicherungsabkommen,
C-1630/2015
Seite 12
im Rahmen der konventionsrechtlichen Schranken, ausschliesslich
Schweizer Recht anwendbar.
3.6 In materiellrechtlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechts-
vorschriften anwendbar, die bei Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden
Sachverhalts Geltung haben (BGE 134 V 315 E. 1.2; BGE 130 V 329 E.
2.3). Ein allfälliger Leistungsanspruch ist für die Zeit vor einem Rechts-
wechsel aufgrund der bisherigen und ab diesem Zeitpunkt nach den neuen
Normen zu prüfen (pro rata temporis; vgl. BGE 130 V 445). Damit finden
grundsätzlich jene schweizerischen Rechtsvorschriften Anwendung, die
beim Erlass der angefochtenen Verfügung vom 23. Februar 2015 in Kraft
standen; weiter aber auch solche Vorschriften, die zu jenem Zeitpunkt be-
reits ausser Kraft getreten waren, die aber für die Beurteilung eines allen-
falls früher entstandenen Rentenanspruchs von Belang sind. Neben dem
IVG (ab 1. Januar 2012 in der Fassung vom 18. März 2011 [AS 2011 5659;
6. IV-Revision]) und der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invali-
denversicherung (IVV, SR 831.201; in der entsprechenden Fassung) sind
das ATSG und die Verordnung vom 11. September 2002 über den Allge-
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV, SR 830.11) anwendbar.
Die im ATSG enthaltenen Formulierungen der Arbeitsunfähigkeit (Art. 6),
Erwerbsunfähigkeit (Art. 7), Invalidität (Art. 8) und des Einkommensver-
gleichs (Art. 16) entsprechen den bisherigen von der Rechtsprechung zur
Invalidenversicherung entwickelten Begriffen und Grundsätzen (vgl. BGE
130 V 343 E. 3.1 ff.). Daran hat sich auch nach Inkrafttreten der 5. und 6.
IV-Revision nichts geändert, weshalb im Folgenden auf die dortigen Be-
griffsbestimmungen verwiesen wird.
4.
Nach schweizerischem Recht ist folgender Invaliditätsbegriff massgebend:
4.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde, ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit oder Unmöglichkeit,
sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen, verstanden (vgl. Art. 8
Abs. 1 und 3 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beein-
trächtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom-
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt. Für die Beurteilung des Vorliegens
einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitli-
chen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt
zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7
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ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperli-
chen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teil-
weise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare
Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in
einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG).
4.2 Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können
auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7
ATSG). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und da-
mit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkun-
gen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung al-
len guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, ab-
wenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv
bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2; BGE 130 V 352 E. 2.2.1; SVR 2014 IV Nr.
2 S. 5 E. 3.1). Entscheidend ist, ob und inwiefern es der versicherten Per-
son trotz ihres Leidens sozialpraktisch zumutbar ist, die Restarbeitsfähig-
keit auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offen stehenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt zu verwerten, und ob dies für die Gesellschaft tragbar ist. Dies
ist nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu prüfen (BGE 136 V
279 E. 3.2.1).
4.3 Zur Annahme einer Invalidität ist - auch bei psychischen Erkrankungen
- ein medizinisches Substrat unabdingbar, das (fach-)ärztlicherseits schlüs-
sig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbs-
fähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale und soziokul-
turelle Faktoren wie beispielsweise Sorge um die Familie oder Zukunfts-
ängste im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild
mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte
psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das klinische Be-
schwerdebild darf nicht einzig aus Beeinträchtigungen bestehen, welche
von belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, sondern hat davon
psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen, etwa eine von de-
pressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde De-
pression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psy-
chischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssitu-
ation zu unterscheidende und verselbständigte psychische Störungen mit
Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, da-
mit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo die begutach-
tende Person dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, die in den
psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklä-
rung finden und in diesen aufgehen, liegt kein invalidisierender psychischer
C-1630/2015
Seite 14
Gesundheitsschaden vor (BGE 127 V 294 E. 5a; Urteil des BGer 8C_730/
2008 vom 23. März 2009 E. 2).
4.4 Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Be-
richt für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchun-
gen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis
der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der me-
dizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Si-
tuation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Aus-
schlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her-
kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in
Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern
dessen Inhalt (BGE 137 V 210 E. 6.2.2; 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer hat sich am 6. Mai 2005 erstmals zum Bezug
von IV-Leistungen angemeldet (V-act. 2). Sein Gesuch wurde mit Verfü-
gung der IV-Stelle vom 14. September 2005 abgewiesen. Zur Begründung
wurde vorgebracht die Abklärungen hätten ergeben, dass der Beschwer-
deführer seit März in seiner Arbeitsfähigkeit zu 100% eingeschränkt sei.
Daher laufe die gesetzliche Wartefrist frühestens im März 2006 ab.
5.2 Obwohl damit in Bezug auf den Beschwerdeführer bereits eine rechts-
kräftige Verfügung vorliegt, handelt es sich bei der anschliessend anhand
genommenen Prüfung nicht um die Beurteilung einer Neuanmeldung. Eine
solche liegt nur vor, wenn ein bestimmter Leistungsanspruch rechtskräftig
explizit verneint wurde. Ein allfälliger Rentenanspruch wurde jedoch von
der IV-Stelle nicht geprüft, womit folglich noch keine rechtskräftige Ableh-
nung eines Rentenanspruchs vorliegt. Bezieht sich die Ablehnung auf eine
andere Frage, liegt später bezüglich der Rente keine Neuanmeldung vor
(vgl. Urteil des BVGer C-2218/2013 vom 16. November 2015 E. 7). Nach-
folgend gilt es daher nicht zu beurteilen, ob sich der Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers nach der Verfügung der IV-Stelle vom 14. Septem-
ber 2005 wesentlich verändert hat, sondern es gilt einen erstmaligen An-
trag zu überprüfen.
6.
Zum Gesundheitszustand und der Arbeitsfähigkeit finden sich in den vo-
rinstanzlichen Akten Einschätzungen, die im Zeitpunkt vor der Ausreise des
C-1630/2015
Seite 15
Beschwerdeführers aus der Schweiz im Jahr 2006 gemacht wurden. Dazu
ist folgendes erwähnenswert:
6.1 In seinem Überweisungsschreiben an das F._ vom 19. März
2005 stellte Dr. G._ anamnestisch fest, der Beschwerdeführer habe
eine lange und komplizierte Lebensgeschichte. Seit mehreren Jahren habe
er in einem Restaurant gearbeitet und keine Probleme gehabt. Seit zwei
bis drei Wochen habe er massive vegetative Dystonie mit Schlafstörungen,
Unwohlsein, massive Nervosität, Aggressionsausbrüche und Suizidideen,
gelegentlich konkrete Pläne. Der depressiv, nervös und machtlos wirkende
Beschwerdeführer sei in recht gutem Allgemeinzustand. Die Grundstim-
mung sei depressiv mit Insuffizienzgefühlen. Der Versicherte spreche stän-
dig vom Suizid, könne sich im Moment jedoch davon distanzieren (V-act. 6
S. 1). Dr. G._ stellte in seinem Arztbericht vom 1. September 2005
als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine schwere depres-
sive Episode mit psychotischen Symptomen sowie einen Status nach
(nachfolgend: St.n.) Gefängnisstrafe und beurteilte die Arbeitsunfähigkeit
als Küchenhilfe zu 100% seit 5. März 2005 bis auf weiteres. Schliesslich
wies er daraufhin, er könne sich zum aktuellen Zustand des Beschwerde-
führers nicht korrekt äussern, da sich der Beschwerdeführer in stationärer
psychiatrischer Behandlung befinde (V-act. 12 S. 1-4).
6.2 Das F._ stellte im Arztbericht vom 23. Mai 2005 eine schwere
depressive Episode mit psychotischen Symptomen (F32.3) als Diagnose
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Als Beschwerden wurden aufge-
führt, Todeswünsche seien erstmals drei Wochen vor Aufnahme aufgetre-
ten, konkrete Suizidphantasien habe der Versicherte aber verneint. Seit ei-
nem Monat leide er zudem unter Stimmenhören, die beim Einschlafen und
in der Nacht aufträten und seinen Namen ruften. Er sehe in der Nacht wäh-
rend des Schlafes auch eine Person, welche ihn würge. Seit Wochen leide
er an Schlaflosigkeit und Appetitmangel. Er schlafe noch zwei Stunden pro
Nacht und habe in den letzten Wochen zehn Kilogramm Körpergewicht
verloren. Während der Arbeit im Restaurant leide er an Konzentrations-
mangel. Die Befunderhebung bei der Aufnahme ergab im Wesentlichen,
dass der Versicherte im Affekt starr, ratlos, deprimiert, traurig, hoffnungslos
und innerlich unruhig sei. Der Antrieb sei vermindert und psychomotorisch
sei er gehemmt. Von der akuten Suizidalität habe er sich glaubhaft distan-
ziert. Hinsichtlich der therapeutischen Massnahmen wurde festgehalten,
unter neuroleptischer Medikation mit Seroquel habe sich eine Verminde-
rung des psychotischen Erlebens gezeigt. In prognostischer Hinsicht
C-1630/2015
Seite 16
wurde davon ausgegangen, dass bei unveränderter psychosozialer Prob-
lematik (drohende Ausschaffung) von keiner wesentlichen Besserung des
Zustandsbildes ausgegangen werden dürfe. Die Zumutbarkeit einer Er-
werbstätigkeit im bisherigen Beruf wurde auf mindestens halbtags festge-
setzt (V-act. 7).
6.3 Dr. X._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie des
H._, stellte in seinem Überweisungsschreiben, „2. stationäre Ein-
weisung“, an die I._ vom 27. Juni 2005 die Diagnosen schwere de-
pressive Episode mit psychotischen Symptomen (F32.3) sowie St.n. Ge-
fängnisstrafe (Z65.1; V-act. 12 S. 6-7). Gemäss Kurzaustrittsbericht der
I._ vom 8. Juli 2005 wurde beim Beschwerdeführer eine depressive
Anpassungsstörung bei belastender sozialer Situation (drohende Aus-
schaffung aus der Schweiz) diagnostiziert. Die Medikation betrug 200 mg
Seroquel (Quetiapin) am Abend sowie 50 mg Truxal (Chlorprothixen) zur
Nacht (V-act. 9 S. 5).
6.4 In ihren Überweisungsschreiben, „3. stationäre Einweisung“, an das
Psychiatrie-Zentrum Hard vom 12. Juli 2005 (V-act. 9 S. 6-8) sowie „4. sta-
tionäre Einweisung“, an die M._ vom 31. August 2005 (V-act. 11 S.
8 und 9) diagnostizierten Dr. Y._, Facharzt Psychiatrie und Psycho-
therapie, und Dr. phil. Z._, Klinischer Psychologe und Supervisor
des H._, eine schwere depressive Episode mit psychotischen
Symptomen (F32.3) sowie einen St.n. Gefängnisstrafe (Z65.1). Schliess-
lich nannten Dr. Y._ und Dr. phil. Z._ im Arztbericht vom 1.
Juni 2006 als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine
schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (F32.3) und
einen Verdacht auf (nachfolgend: V.a.) paranoide Schizophrenie (F20.0)
sowie ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit einen St.n. Gefängnis-
strafe (Z65.1). Es wurde festgestellt, dass der Beschwerdeführer seit März
2005 elf stationäre Behandlungen in psychiatrischen Kliniken hinter sich
habe und bisher die Arbeitsfähigkeit nicht habe wiederhergestellt werden
können. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sei er zu 100% arbeitsunfähig.
Er sei auch auf längere Sicht als zu 100% arbeitsunfähig zu beurteilen, da
er nur Tage ausserhalb des stationären Rahmens habe verbringen können,
dann aber wegen Rückzug, Stimmen, Angst und Suizidalität wieder habe
eingewiesen werden müssen. Psychosozial belastend sei die drohende
Ausweisung aus der Schweiz, was die Situation sicherlich aggraviere. Wie
sich die Situation entwickle, wenn die Belastung nicht mehr vorhanden sei,
sei gegenwärtig nicht abschätzbar. Mit der Belastung bestehe bis auf wei-
teres, auch auf längere Sicht eine 100% Arbeitsunfähigkeit.
C-1630/2015
Seite 17
6.5 Im Arztbericht für die Beurteilung des Anspruchs von Erwachsenen
auf: Rente, Berufliche Massnahmen vom 17. August 2005 diagnostizierten
Dr. Aa._, Oberarzt, und Dr. Ba._, Assistenzarzt des
J._, eine Anpassungsstörung F43.2. Es wurde vermerkt, dass keine
relevanten psychiatrischen Diagnosen gesehen würden, welche eine IV-
Berentung rechtfertigten. In prognostischer Hinsicht wurde aufgrund des
hochgradigen Verdachts auf überwertige Ideen bei psychosozialer Belas-
tungssituation eine eher gute Prognose gesehen. In der medizinischen Be-
urteilung der Arbeitsbelastung vom 17. August 2005 wurde entsprechend
der Einschätzungen die Wiederaufnahme der bisherigen Berufstätigkeit zu
100% als zumutbar erachtet (V-act. 13). Im kurzen Austrittsbericht von
med. pract. Ca._, stv. Oberärztin des J._, vom 19. August
2005 schliesslich wurden eine Anpassungsstörung mit Angst und depres-
siver Reaktion und überwertigen paranoiden Ideen/Halluzinationen
(F43.22) sowie St.n. Gefängnisstrafe bis 2001 (Z65.1) diagnostiziert. Dabei
wurden als psychosoziale Belastung die hängige Ausschaffung (in die Tür-
kei) sowie Angst vor Gewalt (Rache) durch die Herkunftsfamilie in der Tür-
kei genannt. Die Austrittsmedikation betrug 500 mg Seroquel (Quetiapin)
zur Nacht (V-act. 11).
6.6 Gemäss Arztbericht von Dr. G._ lauten die Diagnosen mit Aus-
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Schwere depressive Episode mit psycho-
tischen Symptomen und St.n. Gefängnisstrafe. Die Arbeitsunfähigkeit
wurde auf 100% ab 5. März 2005 bis auf weiteres festgesetzt. Der Arzt
betonte dabei jedoch, dass er, da sich der Versicherte in stationärer Be-
handlung befinde, sich zum aktuellen Zustand nicht äussern könne (V-act.
12 S. 1-4).
6.7 Im vorläufigen Austrittsbericht von Dr. Da._, Assistenzärztin der
M._, vom 23. September 2005 wurde noch einzig die Diagnose An-
passungsstörung mit depressiver Reaktion bei starker belastender sozialer
Situation genannt (V-act. 19). Hingegen stellten Dr. Ea._, Oberärz-
tin, und Dr. Fa._, Assistenzärztin, der M._ im Arztbericht
vom 21. März 2006 ergänzend zur Diagnose der schweren psychosozialen
Belastungssituation (drohende Ausschaffung) die Diagnose V.a. paranoide
Schizophrenie (welche im Februar 2006 erstmals gestellt worden sei). Da-
bei wurde hinsichtlich des Psychostatus im Wesentlichen festgehalten, es
handle sich um einen älter wirkenden, wachen, bewusstseinsklaren Pati-
enten, der allseits orientiert sei. Die Auffassung und Merkfähigkeit seien
intakt, die Konzentration geringgradig vermindert. Im formalen Denken sei
er unauffällig, bis auf das Gedankenkreisen und die Stimmen des Onkels.
C-1630/2015
Seite 18
Er habe Ängste vor der Rache des Onkels, vor fremden Personen, im
Schlaf von einer dunklen Person, die ihn würge und am Körper schlage.
Ein Händewaschzwang werde bejaht, wirke aber unglaubwürdig. Er fühle
sich von fremden Personen beobachtet und teilweise verfolgt. Der Patient
höre Stimmen, die imperative Stimme des Onkels auf Türkisch, die ihm
befehle, sich vom Balkon zu stürzen, sich in die Hände zu schneiden, und
warum er nicht mache, was der Onkel sage. Selten höre er Stimmen von
unbekannten Personen auf Türkisch. Seit drei Tagen höre er keine Stim-
men mehr. Im Affekt sei der Versicherte traurig, nicht misstrauisch, kaum
spürbar und die Schwingungsfähigkeit sei eingeschränkt. Psychomotorisch
sei er ruhig, der Antrieb sei mittelgradig vermindert und er habe Einschlaf-
störungen (schlafe bis acht Uhr morgens nicht ein, dann schlafe er von acht
bis elf Uhr und tagsüber mehrmals kurz). Appetit und Gewicht seien deut-
lich vermindert. Er habe innerhalb eines Jahres elf Kilogramm Gewicht ver-
loren. Von akuter Suizidalität distanziere er sich und sei bündnisfähig.
Fremdaggression werde verneint. In prognostischer Hinsicht wurde die
Möglichkeit einer schlüssigen Beurteilung verneint, da diese unter ande-
rem auch von der drohenden Ausschaffung durch die Fremdenpolizei ab-
hänge. Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit auf längere Sicht wurde auf die Be-
urteilung durch den ambulanten Nachbehandler verwiesen. Eine Rückkehr
in den primären Arbeitsmarkt wurde jedoch auf Grund des Krankheitsver-
laufs als unwahrscheinlich eingeschätzt (V-act. 29).
6.8 Med. pract. Ga._ stellte im Kurzaustrittsbericht der I._
vom 15. Februar 2006 die Diagnosen: V.a. paranoide Schizophrenie
(F20.0) und differentialdiagnostisch (DD) Anpassungsstörung mit Angst
und depressiver Reaktion, gemischt (F43.22). Hinsichtlich der Situation
des Beschwerdeführers wurde festgehalten, dieser habe sich bei Eintritt
glaubhaft von Suizidalität distanzieren können. Zu den akustischen Hallu-
zinationen habe er widersprüchliche Angaben gemacht. Teilweise habe er
sie als beeinflussbare eigene Gedanken, andererseits als akustische Hal-
luzinationen im eigentlichen Sinne beschrieben (V-act. 25 S. 6). Im Verle-
gungsbericht des N._ vom 23. Februar 2006 diagnostizierte Dr.
Ha._, Oberärztin, Anpassungsstörungen, längere depressive Re-
aktion (F43.21). Der Versicherte habe bei Eintritt über eine Zunahme von
depressiven Symptomen wie Angst, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und
Suizidgedanken seit dem Austritt aus der I._ am 15. Februar 2006.
Dies sei einhergegangen mit dem vermehrten Auftreten von imperativen
Stimmen. Der Versicherte lebe relativ isoliert in seiner Wohnung und sei in
den letzten Jahren mehrfach in verschiedenen psychiatrischen Kliniken
hospitalisiert gewesen. Er habe einen kleinen Bekanntenkreis, der mit der
C-1630/2015
Seite 19
Unterstützung an seine Grenzen stosse. Eine drohende Ausweisung aus
der Schweiz mache, neben der psychiatrischen Grunderkrankung, die ak-
tuelle Situation besonders schwierig (V-act. 25 S. 1 und 2).
7.
Für den Zeitraum nach Ausreise des Beschwerdeführers aus der Schweiz
und dem Erlass der vorliegend angefochtenen Verfügung vom 23. Februar
2015 finden sich im Wesentlichen Beurteilungen von Schweizer Ärzten, die
sich auf die bestehende medizinische Dokumentation stützen sowie medi-
zinische Unterlagen von Ärzten aus der Türkei:
7.1 Dr. P._, Psychiater des RAD Rhone, stellte in seiner Stellung-
nahme vom 26. Juli 2007 die Hauptdiagnose der Anpassungsstörung F
43.2. In seiner Beurteilung der medizinischen Aktenlage stellte er fest, die
Diagnosen reichten von einer Anpassungsstörung über eine Depression
bis zu einem V.a. Schizophrenie. Es seien durchaus relevante Diagnosen
vorhanden. Eine depressive oder Anpassungsstörung sollten jedoch inner-
halb von zwei Jahren deutlich gebessert sein und eine Schizophrenie sei
nicht gesichert gewesen. Er empfahl daher die Erstellung eines psychiatri-
schen Gutachtens, nach Möglichkeit in der Schweiz (V-act. 64).
7.2 Dr. R._ diagnostizierte am 10. Juni 2008 eine Schizophrenie
und beurteilte einen Verlust der Arbeitsfähigkeit von 80% (V-act. 99). Im
Bericht vom 19. Juni 2008 schliesslich führte er aus, die Untersuchung des
Beschwerdeführers habe ergeben, dass dieser seit 1996 unter Ängsten
leide, dass ihm andere Menschen etwas Schlechtes anhaben wollten, dass
sein Onkel ihm sage, er werde ihn töten, dass er Stimmen höre, die ihm
sagten, er solle vom Balkon springen, dass er introvertiert sei, mit nieman-
dem spreche, sich im Haus einschliesse und mit sich selber spreche. Auf
der anderen Seite fehlende Reflexion, Rückzug aus dem sozialen Leben,
fehlende Kommunikation mit anderen und Probleme bei der Differenzie-
rung. Zuvor seien ihm Antipsychotika verschrieben worden. Da die medi-
kamentöse Behandlung keine positive Reaktion hervorgerufen habe, sei
beim Beschwerdeführer eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert wor-
den mit einem Verlust der Arbeitsfähigkeit von 80% (V-act. 100).
7.3 Im Schlussbericht des RAD-Rohne vom 21. August 2008 stellte Dr.
S._ fest, die Einschätzungen von Dr. R._ deckten sich mit
denjenigen zahlreicher Vorbehandler, stellte als Hauptdiagnose eine para-
noide Schizophrenie F20.0 und beurteilte die Arbeitsunfähigkeit sowohl in
der bisherigen als auch in einer angepassten Tätigkeit zu 100% seit 5.
C-1630/2015
Seite 20
März 2005. Ergänzend führte er aus, es handle sich um eine paranoide
Psychose. Die Symptomatik habe im Januar 2005 begonnen. Der Be-
schwerdeführer sei seit März 2005 mehrfach wegen Suizidalität und psy-
chotischem Erleben hospitalisiert gewesen. Es handle sich im vorliegen-
den Fall um eine schwere psychiatrische Erkrankung im Sinne der IV (V-
act. 104).
7.4 In einem ausführlichen, von der O._ veranlassten Parteigut-
achten beurteilte Dr. T._ aufgrund der ihm zur Verfügung gestellten
medizinischen Akten im Wesentlichen, die psychische Erkrankung müsse
im Zusammenhang mit der häufig als psychosoziale Situation beschriebe-
nen Ausschaffung gesehen werden. Bei den stationären Behandlungen sei
nach kurzer Behandlungsdauer eine Besserung im Befinden des Be-
schwerdeführers festgestellt, aber auch auf einen möglichen Rückfall im
Falle einer drohenden Ausweisung hingewiesen worden. Es sei recht gut
verständlich, dass ein Mann, der seit seiner Jugendzeit in der Schweiz
lebe, aus Angst vor Repressionen, vor einer Rückschaffung Angst habe
und psychische Probleme entwickle. Die psychotischen Erlebnisse seien
keine Halluzinationen im eigentlichen Sinne, sie träten praktisch nur in der
Nacht auf, gar im Schlaf. Es handle sich dabei um Alpträume, andererseits
möglicherweise um Illusionen, da bei den „Fehlwahrnehmungen“ immer
das Tötungsdelikt und der Onkel das Thema gewesen seien. Der Versi-
cherte selber gebe zudem unterschiedliche Angaben an, mal spreche er
von Gedanken, die laut würden, mal von akustischen Halluzinationen. Von
optischen rede er nie, die schwarze Gestalt respektive den Onkel sehe er
im Traum. Solche psychischen Phänomene seien bei Menschen, in einer
beengenden, bedrohlichen Lebenssituation, als Paniksymptome durchaus
bekannt, erlaubten aber nicht die Diagnose der paranoiden Schizophrenie.
Abgesehen davon sei das Denken nie als pathologisch beschrieben wor-
den und es hätten keine Ich-Störungen bestanden. Dass es dem Versicher-
ten bei den kurzen psychiatrischen Hospitalisierungen schnell besser ge-
gangen sei, habe damit zu tun, dass er sich in einer sicheren Umgebung
habe fühlen können. Es sei durchaus denkbar und auch verständlich, dass
der Versicherte seine psychische Befindlichkeit aggraviert habe, um die
Ausschaffung in die Türkei, eine ihn bedrohende Umgebung, zu umgehen.
Vor diesem Hintergrund sei die Beurteilung von Dr. S._ vom 21.
August 2008 mit der Annahme einer paranoiden Schizophrenie mit 100%i-
ger Arbeitsunfähigkeit, auch in angepasster Tätigkeit weder verständlich
noch nachvollziehbar. Zu klar sei der Zusammenhang mit der bevorstehen-
den Ausschaffung. Unter Annahme einer Anpassungsstörung, mit der De-
pression und Angst gemischt, wäre eine Arbeitsfähigkeit zu erwarten. Er
C-1630/2015
Seite 21
gehe davon aus, dass die behandelnden Ärzte die Depression als leicht
eingestuft hätten. Folglich müsse von einer vollen Arbeitsfähigkeit ausge-
gangen werden. Bei den vom Arbeitgeber beschriebenen hektischen Es-
senszeiten ergäbe sich eine verminderte Leistungsfähigkeit von gegen
50%. In alternativen Arbeitszeiten, ohne die hektischen Essenszeiten, sei
die leistungsmässige Einbusse auf etwa 20-30% anzusetzen. Als Fabrikar-
beiter bestehe volle Arbeitsfähigkeit mit einer 20% Leistungsminderung (V-
act. 111).
7.5 Am 25. Februar 2009 gelangte Dr. U._ des RAD Rhone zur Ein-
schätzung, dass beim Beschwerdeführer kein langandauernder psychi-
scher oder geistiger Gesundheitsschaden im Sinne der einschlägigen ge-
setzlichen Bestimmungen vorliege, schloss sich ohne Vorbehalt der Auf-
fassung von Dr. P._ vom 26. Juli 2007 an und vertrat die Meinung,
dass nur ein Gutachten eines klinisch und versicherungsrechtlich gewief-
ten Schweizer Psychiaters definitive Klarheit schaffen könne. Als Diagnose
nannte er anamnestisch eine Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion
F43.20 oder eine Anpassungsstörung mit langandauernder depressiver
Reaktion F43.21 im Zusammenhang mit der Ausschaffung 2005 bis maxi-
mal 2006, derzeit nicht nachweisbar (V-act. 119).
8.
Nachdem das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil C-7817/2009 vom 23.
Juni 2010 festgestellt hatte, dass eine Begutachtung des Beschwerdefüh-
rers in der Schweiz zumutbar und möglich sei, wurden weitere medizini-
sche Unterlagen zu den Akten gereicht:
8.1 Dr. R._, Psychiater an der Ia._, diagnostizierte in sei-
nem Arztbericht vom 14. Juni 2011, den er anlässlich einer am selben Tag
durchgeführten Untersuchung verfasst hatte, eine Schizophrenie. Beim
sich nicht in psychiatrischer Behandlung befindlichen Beschwerdeführer
bestehe verminderte Selbstversorgung, Verlangsamung des motorischen
Verhaltens, Spracharmut, Verminderung der Gedankeninhalte, Affektver-
flachung, Wahnvorstellungen, dass ihm etwas Schlimmes widerfahren
werde, akustische Halluzinationen sowie nicht vorhandene Einsichtsfähig-
keit. Die Arbeitsunfähigkeit wurde auf 80% beurteilt (act. 20). Im anlässlich
einer weiteren Untersuchung vom 14. Januar 2013 verfassten Arztbericht
vom 5. Februar 2013 gelangte Dr. Virit zu denselben Schlussfolgerungen
wie in seinem Arztbericht vom 14. Juni 2011, diagnostizierte eine therapie-
resistente paranoide Schizophrenie und beurteilte eine Arbeitsunfähigkeit
von 80% (act. 52).
C-1630/2015
Seite 22
8.2 In den Schlussberichten des RAD Rohne vom 17. Mai 2013 (act. 57)
und vom 18. Juni 2013 (act. 60) nannte Dr. U._ als Nebendiagnose
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit anamnestisch eine Anpassungs-
störung mit langandauernder depressiver Reaktion F43.21 im Zusammen-
hang mit der Ausschaffung 2005 bis 2006.
8.3 Am 9. Oktober 2014 verfasste Dr. V._, Facharzt für Psychiatrie
und Psychotherapie, anlässlich einer Begutachtung des Beschwerdefüh-
rers in der Türkei vom 15.-16. August 2014 ein in deutscher Sprache aus-
gefertigtes Gutachten (act. 85; eingehend dazu nachfolgend E. 9).
9.
Der Beschwerdeführer rügt das Gutachten von Dr. V._ vom 9. Ok-
tober 2014. Darin werde auf die effektiven Leiden nicht eingegangen. Vie-
les werde pauschalisiert und nicht nachvollziehbar dargestellt. Bei der Be-
urteilung der Arbeitsfähigkeit sei in Bezug auf die körperliche Ebene nicht
nachvollziehbar, worauf sich die Verweise auf zuvor gemachte Ausführun-
gen bezögen. Die Angaben bei der psychischen Ebene seien sehr unge-
nau und nicht kohärent. Zudem würden die gestellten Fragen nicht beant-
wortet.
9.1 Das Gutachten von Dr. V._ umfasst 16 Seiten, erläutert den
Gutachtensanlass, enthält Angaben des Beschwerdeführers zur Anam-
nese und zu aktuellen Beschwerden sowie Ergebnisse zu diversen Test-
psychologischen Untersuchungen und einer persönlichen Untersuchung
am 15. und 16. August 2014. Es folgen eine Diagnosestellung, eine Beur-
teilung und eine Prognose. Abschliessend wird der Punkt Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt. Der Aufbau des Gutachtens folgt damit
weitgehend den Qualitätsleitlinien für psychiatrische Gutachten in der Eid-
genössischen Invalidenversicherung der Schweizerischen Gesellschaft für
Psychiatrie und Psychotherapie SGPP von Februar 2012
(http://www.swiss-insurance-medicine.ch/tl_files/firstTheme/PDF% 20Da-
teien%20ab%202015/4%20Fachwissen%20nachschlagen/Medizinische
%20Gutachten/SIM%20Qualitaetsleitlinien%20IV%20Gutachten.pdf; ab-
gerufen im Februar 2017; nachfolgend: Qualitätsleitlinien).
9.1.1 Der Beschwerdeführer berichtete ab dem Zeitpunkt, als er durch die
Intrigen seiner Ex-Gattin wieder ins Gefängnis habe gehen und anschlies-
send die Schweiz habe verlassen müssen (im Jahr 2005) sei es ihm
schlechter gegangen. Er sei ständig hospitalisiert worden. Nach seiner
C-1630/2015
Seite 23
Ausreise sei er in der Türkei, auf Veranlassung der schweizerischen Inva-
lidenversicherung, drei Mal zur Abklärung ins Krankenhaus geschickt wor-
den. Einmal sei ihm eine Spritze gegeben worden, worauf er sich ver-
krampft habe und sofort einen Arzt aufgesucht habe. Dieser habe ihm eine
weitere Spritze gegeben und danach eine Schachtel Akineton erhalten. An-
sonsten habe er, seit er in der Türkei lebe, weder eine Therapie besucht,
noch Medikamente genommen. Er könne sich nicht konzentrieren, wenn
er dunkle Gestalten sehe. Dann fühle er sich unwohl und habe Angst. Des-
halb könne er sein Umfeld nicht verlassen, um zu arbeiten. Wenn er alleine
sei, höre er alle zwei Tage verschiedene Stimmen. Er fühle sich niederge-
schlagen, müde und kraftlos. Zudem leide er unter Kopfschmerzen, Hüft-
und Rückenschmerzen, Brennen an den Füssen, einem trockenen Mund
und Schwindel. Dies mache für ihn selbst das „Herumwerken“ im Garten
manchmal unmöglich. Einem Beruf nachzugehen bringe er nicht fertig. Be-
reits das Einkaufen ohne die Unterstützung seiner Tante sei für ihn nicht
möglich gewesen.
9.1.2 Der Beschwerdeführer erschien dem Begutachter allgemein gepflegt.
Beim Sprechen habe er einen überlegten, scheuen und pessimistischen
Eindruck gemacht und habe nicht selbstsicher gewirkt. Er sei zurückgezo-
gen in der emotionalen Kontaktaufnahme, abwartend und gehemmt aber
sachlich. Die Stimmung sei depressiv-resigniert und affektiv gespannt.
Trotz anderslautender Behauptungen des Beschwerdeführers sei sowohl
in der Exploration als auch im Krankenhaus mit den Mitarbeitern ein trag-
fähiger Kontakt herstellbar gewesen. Nach Angaben der Psychologin und
des Krankenhauspersonals habe er einen kommunikativen, fröhlichen und
gewitzten Eindruck gemacht. Der affektive Rapport sei während der ge-
samten Exploration gut herstellbar gewesen.
9.1.3 Als Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit wurden ge-
nannt eine langandauernde leichte bis mittelgradig psychoreaktive Depres-
sion (F32.1) sowie V.a. posttraumatische Belastungsstörung im Sinne trau-
matisierender Ereignisse mit ängstlichen Zügen (F43.22). Als Diagnosen
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit wurden Pseudohalluzinationen
und eine Anpassungsstörung aufgeführt. In Bezug auf die leichte bis mit-
telgradige Depression wurde festgehalten, der Versicherte beschuldige
sich nicht und die typischen Symptome seien nicht stark ausgeprägt. Das
Vorliegen einer leichten bis mittelschweren Depression werde auch durch
die Beck-und-Hamilton Depressionsskala bestätigt. Hinsichtlich der post-
traumatischen Belastungsstörung wurde erwogen, der Versicherte wolle
sich nicht an die Tötung seines Vaters erinnern und nicht darüber sprechen.
C-1630/2015
Seite 24
Versuche, das Thema anzugehen, schlage er ab, indem er angebe, sich
nicht erinnern zu können oder es nicht zu wissen. Was ihn am meisten
belaste sei, dass er trotz Unschuld an der Tötung seines Vaters beschuldigt
worden sei. Diese Beschuldigungen und was seine Ex-Gattin ihm nach
dem Gefängnisaufenthalt angetan habe, habe ihn sehr gekränkt und ge-
brochen. Während er über eine Niederlassungsbewilligung verfügt habe,
habe die Ex-Gattin lediglich eine Aufenthaltsbewilligung gehabt. Nach sei-
ner Haftstrafe habe man sie ausweisen wollen. Doch habe er mit dem Geld,
das er im Gefängnis gespart habe, einen Anwalt für sie bezahlt. Sie aber
habe ihn hintergangen, indem sie behauptet habe, dass man sie in der
Türkei umbringen wolle und der Beschwerdeführer schon in der Schweiz
ihr gegenüber gewalttätig gewesen sei. Diese Lügen und Intrigen hätten
schliesslich dazu geführt, dass er wieder verhaftet und anschliessend aus
der Schweiz ausgewiesen worden sei. Dadurch sei es erklärbar, weshalb
der Beschwerdeführer unter Pseudohalluzinationen leide und sich von die-
sen glaubhaft distanzieren könne (Angst vor Gesichtsverlust bei Druck-
und Schuldgefühlen). Eine posttraumatische Belastungsstörung habe sich
sowohl in der Exploration als auch in diversen Tests, wie bspw. die PTSD-
Checkliste oder dem Civilian Version (PCL-C) Test, bestätigt. Hinsichtlich
einer paranoiden Schizophrenie wurde festgehalten, ausser den Behaup-
tungen des Versicherten, dass er akustische und optische Halluzinationen
habe, hätten keine weiteren Merkmale festgestellt werden können. Zudem
seien die optischen Halluzinationen angeblich nachts passiert und daher
eher als Alpträume zu bezeichnen. Die akustischen Halluzinationen seien
in der Schweiz noch der Halbonkel gewesen, gemäss Angaben in der Tür-
kei hingegen seien die Stimmen unbekannt gewesen. Zudem tauchten
diese Stimmen nicht ständig auf, sondern regelmässig alle zwei Tage. Da-
her könne im vorliegenden Fall von Pseudohalluzinationen ausgegangen
werden. Das Hören der Stimmen interpretierte Dr. V._ als eine Aus-
wirkung auf die akute Belastungssituation, in die der Versicherte in den
Jahren 2005 und 2006 gefallen sei, als er aus der Schweiz ausgewiesen
worden sei.
9.2
9.2.1 In Bezug auf die aktenkundigen medizinischen Unterlagen ist festzu-
stellen, dass das Gutachten keine chronologische Abfolge der relevanten
Aktenstücke enthält. Einzig bei der Diagnosestellung werden einige der
medizinischen Unterlagen zitiert, die Diagnosen aufgeführt und nach be-
stehender und fehlender Übereinstimmung mit den eigenen Erkenntnissen
C-1630/2015
Seite 25
aufgeteilt. Eine weitergehende Auseinandersetzung im Sinne einer Gegen-
überstellung der anderslautenden früheren Beurteilungen, der Darlegung
und Begründung der abweichenden Ergebnisse, findet hingegen nicht
statt. Dabei fällt insbesondere auf, dass eine eingehende Beurteilung des
wiederholt geäusserten Verdachts auf paranoide Schizophrenie (V-act. 29,
31 act. 32) sowie der gefestigten Diagnose der paranoiden Schizophrenie
(V-act. 99, 100 und 104) fehlt. Einzig hinsichtlich des Arztberichts von
R._ (act. 52) wurde festgehalten, dass die darin erwähnten Symp-
tome in der Exploration nicht hätten bestätigt werden können. Eine weiter-
gehende Begründung findet sich hingegen nicht.
9.2.2 Die vom Beschwerdeführer genannten Leiden wurden im Gutachten
berücksichtigt. Die klinischen Untersuchungen und Beobachtungen in den
einzelnen Teilen erscheinen zwar umfassend, die Schlussfolgerungen sind
aber nur teilweise schlüssig. Insbesondere die Ausführungen zur Ver-
dachtsdiagnose der posttraumatischen Belastungsstörung sind nicht gänz-
lich nachvollziehbar. Diese Abweichung zu den Vordiagnosen wurde auch
nicht weiter begründet. Zudem sind Teile des in deutscher Sprache ver-
fassten Gutachtens nur schwer verständlich: Fachausdrücke werden wört-
lich oder sinngemäss übersetzt. Zudem lässt sich teilweise aus den For-
mulierungen nicht mit hinreichender Sicherheit feststellen, was genau ge-
meint ist. Daher erscheinen auch die Zusammenhänge und medizinischen
Schlussfolgerungen teilweise nicht hinreichend begründet.
9.2.3 Schliesslich werden im letzten Teil des Gutachtens die Fragen zu den
Auswirkungen der Beschwerden auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt. Doch
werden zentrale Fragen nicht bzw. nicht hinreichend nachvollziehbar be-
antwortet. So wird unter anderem hinsichtlich der objektiven Beeinträchti-
gungen auf psychischer Ebene festgestellt, dass leichte bis keine vorhan-
den seien, dann aber pauschal auf die vorangehenden Ausführungen ver-
wiesen. Ebenso verhält es sich mit den weiteren Fragen betreffend die Aus-
wirkungen der Störungen auf die Arbeitsfähigkeit sowie einer möglichen
Verbesserung der Restarbeitsfähigkeit. Die wiederholten Globalverweise
sowie die teilweise kurzen Antworten stehen der Nachvollziehbarkeit und
Kohärenz der psychiatrischen Einschätzung diametral entgegen. Eine ver-
sicherungsmedizinische Beurteilung, wie in den „Qualitätsleitlinien“ vorge-
sehen, wurde nicht vorgenommen. Es ist auch nicht möglich, aus den Aus-
sagen von Dr. V._ oder seinen Verweisen nachvollziehbare
Schlüsse hinsichtlich der Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers zu
ziehen.
C-1630/2015
Seite 26
9.2.4 Insgesamt fällt auf, dass das Schwergewicht des Gutachtens bei den
verschiedenen durchgeführten Testmethoden liegt, aber zentrale, zwin-
gend erforderliche Elemente – wie die versicherungsmedizinische Beurtei-
lung – ausgelassen werden. Auch die weiteren Ausführungen im Gutach-
ten lassen keine Schlüsse auf die Arbeitsfähigkeit zu. Somit erfüllt das Gut-
achten die Anforderungen an ein psychiatrisches Gutachten gemäss den
„Qualitätsleitlinien“ und der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht.
9.3
9.3.1 Mit Stellungnahme vom 26. November 2014 wertete Dr. W._,
des RAD Rhone das Gutachten von Dr. V._ aus. Er stellte dabei
fest, dass das insgesamt sehr umfangreiche Gutachten zum Teil auch eine
detailreiche Anamneseerhebung enthalte. Dennoch seien die Angaben ge-
legentlich schwer verständlich und die diagnostizierte Einschätzung nicht
vollständig nachvollziehbar. Nach den Kriterien der ICD-10 lasse sich al-
lenfalls eine leichte depressive Episode feststellen. Die Halluzinationen
ohne Nachweis sonstiger psychotischer Symptome schätze der Psychiater
als Pseudohalluzinationen ein, da sich der Versicherte davon distanzieren
könne. Für die vom Gutachter geäusserte Verdachtsdiagnose der posttrau-
matischen Belastungsstörung fänden sich in den anamnestischen Anga-
ben und den erhobenen Befunden keinerlei Anhaltspunkte (act. 89).
Schliesslich gelangte der RAD-Arzt zum Schluss, dass somit aus psychi-
atrischer Sicht keine derart schweren Einschränkungen vorhanden seien,
um eine rentenrelevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu begründen.
9.3.2 Obwohl der RAD-Arzt gewisse Beanstandungen gegen das Gutach-
ten vorgebracht hat, empfahl er die Vornahme weiterer Abklärungen nicht.
Es ist somit davon auszugehen, dass er das Gutachten unter Berücksich-
tigung der gesamten medizinischen Aktenlage als hinreichend für die Be-
urteilung des Leistungsgesuchs qualifizierte. Dies ist jedoch nach dem Ge-
sagten unzutreffend. Unter Berücksichtigung der medizinischen Dokumen-
tation sowie der „Qualitätsleitlinien“ hätte der RAD die Unvollständigkeit
des Gutachtens von Dr. V._ feststellen können und müssen. Der
RAD hat im Rahmen der Plausibilisierung eines externen Gutachtens zu
prüfen, ob der begutachtende Arzt frühere, unter Umständen anders lau-
tende Stellungnahmen aufgenommen und diskutiert hat. Der Gutachter hat
gegebenenfalls die Gründe darzulegen, weshalb er von einer anderslau-
tenden Einschätzung abweicht. Tut er dies nicht, ist das Gutachten unvoll-
ständig. Unvollständig ist das Gutachten auch, wenn eine versicherungs-
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Seite 27
medizinische Beurteilung fehlt und, wie im vorliegenden Fall, der (pau-
schale) Verweis auf vorherige Ausführungen keine versicherungsmedizini-
sche Einschätzung erlaubt. Mängel in einem Gutachten können unter Wah-
rung des Grundsatzes der Verhältnismässigkeit durch Erläuterung oder Er-
gänzung verbessert werden. Zur Ergänzung des Gutachtens wäre im vor-
liegenden Fall eine umgehende Rückfrage an Dr. V._ angezeigt
gewesen. Auf diesem Weg hätte ihm Gelegenheit gegeben werden kön-
nen, seine Ausführungen zu ergänzen. Nun aber, im Beschwerdeverfahren
und zweieinhalb Jahre nach der psychiatrischen Untersuchung vom 15.-
16. August 2014, ist eine entsprechende Rückfrage nicht mehr opportun.
9.4 Der psychische Gesundheitszustand zum Verfügungszeitpunkt am 23.
Februar 2015 lässt sich aufgrund der Aktenlage nicht zuverlässig beurtei-
len. Zunächst stand in den Jahren 2005/2006 die drohende Ausschaffung
des Beschwerdeführers als psychosoziale Belastungssitaution im Vorder-
grund und erlaubte keine langfristige Beurteilung seines Gesundheitszu-
standes. Die Meinungen der Ärzte gingen dabei massgeblich auseinander
und es wurden Diagnosen von Anpassungsstörung über unterschiedliche
Schweregrade von Depression bis zur Schizophrenie gestellt. Diese Unsi-
cherheit betreffend die Leiden des Beschwerdeführers zeigte sich auch in
der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit, welche von 0-100% eingeschätzt
wurde oder gar unbeantwortet blieb. Nach der Ausschaffung des Be-
schwerdeführers wurden grösstenteils Einschätzungen aufgrund der be-
stehenden Akten vorgenommen, welche jedoch lediglich eine Beurteilung
der gesundheitlichen Situation vor der Ausschaffung erlaubten. Es besteht
im Wesentlichen Einigkeit darüber, dass sich der aktuelle psychische Ge-
sundheitszustand des Beschwerdeführers, nach Wegfall der psychosozia-
len Belastungssituation auch erst nachträglich beurteilen lässt. Aus diesem
Grund sprachen sich die RAD-Ärzte mehrheitlich, wie auch Dr. T._,
für eine aktuelle, persönliche und umfassende Abklärung des Gesundheits-
zustandes des Beschwerdeführers in der Schweiz aus. Somit gelten so-
wohl der psychische Gesundheitszustand als auch das Leistungsvermö-
gen als nicht rechtsgenüglich abgeklärt, weshalb die Verfügung vom 23.
Februar 2015 aufzuheben ist.
9.5 Die Sache ist daher gestützt auf Art. 61 Abs. 1 VwVG an die Vorinstanz
zurückzuweisen, damit sie ein neues, voll beweiskräftiges Gutachten zum
psychischen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers vorzugsweise in
der Schweiz einholen kann. Dieses Vorgehen ist insbesondere deshalb ge-
boten, weil die erkennbare Unvollständigkeit des Gutachtens von Dr.
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Seite 28
V._ nicht wahrgenommen und auf eine umgehende Rückfrage ver-
zichtet wurde, womit im Ergebnis ein vermeidbarer Mehraufwand verur-
sacht wurde. Aufgrund dieses Versäumnisses ist denn auch kein gerichtli-
ches Gutachten einzuholen (vgl. BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4 und Urteil des
BGer 8C_633/2014 vom 11. Dezember 2014 E. 3). Würde eine derart man-
gelhafte Sachverhaltsabklärung durch Einholung eines Gerichtsgutach-
tens im Beschwerdeverfahren korrigiert, bestünde die konkrete Gefahr der
unerwünschten Verlagerung der den Durchführungsorganen vom Gesetz
übertragenen Pflicht zur Abklärung des rechtserheblichen medizinischen
Sachverhalts auf das Gericht mit entsprechender zeitlicher und personeller
Inanspruchnahme der Ressourcen. In Fällen mit Auslandsbezug ist die Ge-
fahr der Verlagerung der Expertentätigkeit von der administrativen auf die
gerichtliche Ebene umso grösser, weil die RAD-Ärzte oftmals Beurteilun-
gen gestützt auf ausländische Arztberichte vornehmen, die nicht selten we-
der eine erforderliche interdisziplinäre Gesamtbeurteilung enthalten noch
in Kenntnis der versicherungsmedizinischen Anforderungen verfasst wur-
den (vgl. Urteil des BVGer C-5862/2014 vom 5. April 2016). Mit der Begut-
achtung ist ein nicht vorbefasster Psychiater oder eine Psychiaterin in der
Schweiz zu betrauen. Die Vorinstanz hat auf der Grundlage des neuen
Gutachtens erneut über berufliche Massnahmen und den Rentenanspruch
zu befinden.
10.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass sich Gesundheitszustand
und Arbeitsfähigkeit aufgrund der Aktenlage nicht abschliessend beurteilen
lassen. Auf das Gutachten von Dr. V._ kann nicht abgestellt werden.
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz präsentiert sich die Sachlage
nicht als klar. Die Sache ist an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie
ein neues Gutachten zum psychischen Gesundheitszustand und zur Ar-
beitsfähigkeit veranlasst. Dieses Vorgehen ist deshalb geboten, weil die
Vorinstanz die erkennbare Unvollständigkeit des Gutachtens von Dr.
V._ nicht moniert hat. Die Vorinstanz hat auf der Grundlage des
neuen Gutachtens, das vorzugsweise in der Schweiz durchzuführen ist,
erneut über den Rentenanspruch zu befinden. Die Beschwerde erweist
sich als begründet und ist gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung ist
aufzuheben.
11.
Zu befinden bleibt noch über die Verfahrenskosten und eine allfällige Par-
teientschädigung.
C-1630/2015
Seite 29
11.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1
VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei. Da
eine Rückweisung praxisgemäss als volles Obsiegen der Beschwerde füh-
renden Partei gilt (BGE 137 V 57 E. 2.1 mit Hinweisen), der Vorinstanz aber
keine Verfahrenskosten auferlegt werden (Art. 63 Abs. 2 VwVG), sind im
vorliegenden Fall keine Verfahrenskosten zu erheben.
11.2 Der obsiegende Beschwerdeführer hat gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG
in Verbindung mit Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteientschädigung zu Lasten der Ver-
waltung (vgl. Urteile des BGer 9C_122/2010 vom 4. Mai 2010 und 9C_592/
2010 vom 23. März 2011). Mangels Einreichung einer Kostennote wird die
Parteientschädigung unter Berücksichtigung des gebotenen und aktenkun-
digen Anwaltsaufwands auf Fr. 2'700.– (inkl. Auslagen) festgesetzt (Art. 65
Abs. 5 VwVG in Verbindung mit Art. 14 Abs. 2 VGKE [SR 173.320.2]). Die
Mehrwertsteuer ist vorliegend nicht geschuldet (Art. 1 Abs. 2 i.V.m. Art. 8
Abs. 1 und Art. 18 Abs. 1 MWSTG [SR 641.20]).
Dispositiv Seite 30
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