Decision ID: 7de245f2-fc66-5627-9340-d3aeddeced3c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der aus B._ stammende Beschwerdeführer reichte am (...) ein
erstes Asylgesuch in der Schweiz ein. Darin führte er zur Begründung eine
Verfolgung von Islamisten an, da er (Nennung Tätigkeit) gearbeitet habe.
Am (...) lehnte die Vorinstanz das Gesuch ab. Dieser Entscheid erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
A.b Am (...) ging der Beschwerdeführer mit (Nennung Person) die Ehe ein,
nachdem am (...) der gemeinsame Sohn zur Welt gekommen war. Die Ehe
wurde am (...) geschieden, worauf ihm die erteilte Aufenthaltsbewilligung
am (...) – auch in Berücksichtigung seines (Nennung Verhalten) Verhaltens
in der Schweiz – nicht mehr verlängert wurde.
A.c Am (...) wurde der Beschwerdeführer nach Algerien zurückgeführt.
B.
B.a Am (...) suchte der Beschwerdeführer in der Schweiz erneut um Asyl
nach. Er wurde in der Folge ins Bundesasylzentrum (BAZ) C._
überwiesen. Am 28. Mai 2020 fand die Personalienaufnahme (PA) statt.
B.b Anlässlich des persönlichen Dublin-Gesprächs gemäss Art. 5 der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 vom 2. Juni 2020 führte der Beschwerdeführer
an, er habe D._ – wo er am (...) um Asyl nachgesucht habe – nach
Erhalt eines negativen Asylentscheids verlassen und sei über (Nennung
Länder), wo er in E._ am (...) um Asyl ersucht habe und wo das
Asylverfahren noch hängig sei, und schliesslich F._ bis in die
Schweiz gelangt. Weiter habe er physische und psychische Probleme,
weshalb er Medikamente benötige. Wenn er diese nicht erhalte, müsse er
(Nennung Stoff) nehmen. Er habe in Algerien bereits zwei Suizidversuche
unternommen.
B.c Am 31. August 2020 wurde der Beschwerdeführer vom SEM zu seinen
Asylgründen angehört. Zur Begründung führte er im Wesentlichen an, er
habe nach seiner Rückführung im Jahr (...) zusammen mit (Nennung Ver-
wandte) und der Familie einer weiteren (Nennung Verwandte) in deren
Haus in B._ gelebt. Er habe kurze Zeit im (Nennung Tätigkeit) ge-
arbeitet. Danach habe ihn seine (Nennung Person)mit Geldzahlungen aus
der Schweiz unterstützt. Bereits vor seiner Rückreise sei er (Nennung Lei-
den und Behandlung) gewesen. Im Jahr (...) habe er erfolglos mit Tabletten
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versucht, sich das Leben zu nehmen. Es sei ihm nicht gelungen, sich wie-
der in seiner Heimat zu integrieren. Er habe sich fremd und als Ausländer
gefühlt. Er habe sich auch während (Nennung Dauer) in seinem Zimmer
eingeschlossen. Zudem habe er viel Geld für die Beschaffung von (Nen-
nung Stoff) ausgegeben, welches er nun seiner Familie schulde. Deswe-
gen sei er von seiner (Nennung Verwandte), welche im Jahr (...) seiner
(Nennung Verwandte) das Haus abgekauft habe, aufgefordert worden, das
Haus zu verlassen. Sie habe ihm mit der Polizei gedroht, falls er es nicht
tue. Er habe überdies vergeblich versucht, in Algerien medizinische Hilfe
zu erhalten. Im Spital sei ihm gesagt worden, dass die von ihm vorgelegten
medizinischen Unterlagen nicht interessieren würden, da er in Algerien und
nicht in der Schweiz sei. Ausserdem habe er aus Angst, verrückt zu wer-
den, keinen Entzug im Spital gemacht. Schliesslich habe er Algerien im (...)
erneut verlassen.
Der Beschwerdeführer reichte keine Identitätsdokumente, jedoch verschie-
dene (Nennung Beweismittel) zu den Akten.
B.d Das SEM räumte der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers am
7. September 2020 Gelegenheit ein, sich zum ablehnenden Entscheident-
wurf zu äussern. In ihrer Stellungnahme vom 8. September 2020 verwies
die Rechtsvertretung zunächst auf den bereits dargelegten Sachverhalt
und führte zudem aus, das SEM habe im Entscheidentwurf den Gesund-
heitszustand des Beschwerdeführers zwar korrekt dargestellt und ausge-
führt, dass dieser unter (Nennung Leiden) leide. Es werde jedoch nicht
ausreichend begründet, weshalb ein Wegweisungsvollzug dennoch als zu-
mutbar eingestuft werde. Die Arbeitsfähigkeit und die damit verbundenen
existenzsichernden Verdienstmöglichkeiten des Beschwerdeführers wür-
den offensichtlich beschönigend dargestellt. Die erwähnte Berufserfahrung
liege mehrere Jahrzehnte zurück und sei nicht geeignet, den Wiederein-
stieg in das Berufsleben zu sichern. Zudem sei schleierhaft, inwiefern der
Beschwerdeführer in Anbetracht seiner (Nennung Erkrankung) an seine
kurze damalige Tätigkeit in (Nennung Tätigkeit) anknüpfen können sollte.
Zwar bestünden psychiatrische und medizinische Institutionen in Algerien,
es sei ihm jedoch der effektive Zugang zur benötigten Behandlung ver-
wehrt geblieben. Sodann gehöre seine Suizidalität zu seinem Krankheits-
bild und sei entsprechend zu berücksichtigen. Schliesslich verfüge er über
kein tragfähiges familiäres Netz.
C.
Mit Verfügung vom 9. September 2020 – gleichentags eröffnet – stellte das
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SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung sowie deren Voll-
zug an. Ferner entzog es einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende
Wirkung und händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten
gemäss Aktenverzeichnis aus.
D.
Der Beschwerdeführer focht diesen Entscheid mit Eingabe vom 9. Oktober
2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte, es seien die Dis-
positivziffern drei bis fünf der angefochtenen Verfügung aufzuheben und
es sei die vorläufige Aufnahme in der Schweiz infolge Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs anzuordnen. Eventualiter sei die Sache zur vollstän-
digen Abklärung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Ferner sei die Dispositivziffer sechs des angefochtenen Entscheids aufzu-
heben und der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren. Die
Vorinstanz und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen von vorsorglichen
Massnahmen anzuweisen, bis zum Beschwerdeentscheid von jeglichen
Vollzugshandlungen abzusehen.
Der Beschwerde lagen (Nennung Beweismittel) bei.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
12. Oktober 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
F.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Oktober 2020 stellte die Instruktionsrich-
terin die aufschiebende Wirkung der Beschwerde wieder her und teilte dem
Beschwerdeführer gleichzeitig mit, dass er den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten dürfe.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
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entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 Verordnung über
Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus
(Covid-19-Verordnung Asyl, SR 142.318) und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist ein-
zutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen die Wegweisung als
solche sowie den Vollzug der Wegweisung. Die Ziffern 1 (Verneinung der
Flüchtlingseigenschaft) und 2 (Ablehnung des Asylgesuchs) des Disposi-
tivs der Verfügung vom 9. September 2020 sind mangels Anfechtung in
Rechtskraft erwachsen.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügt, das SEM habe den Sachverhalt unrichtig
und unvollständig abgeklärt. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen.
4.2 Das SEM hat einerseits die Pflicht, den rechtserheblichen Sachverhalt
richtig und vollständig abzuklären (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG) und
hierzu alle für das Verfahren rechtlich relevanten Umstände abzuklären so-
wie ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei hat es alle sach-
und entscheidwesentlichen Tatsachen und Ereignisse in den Akten festzu-
halten (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Andererseits ergibt sich aus dem
Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 20 Abs. 2 BV) das Recht der Parteien
auf vorgängige Äusserung und Anhörung, welches den Betroffenen Ein-
fluss auf die Ermittlung des wesentlichen Sachverhalts sichert, sowie die
Pflicht der Behörde, die Vorbringen sorgfältig und ernsthaft zu prüfen sowie
in der Entscheidfindung zu berücksichtigen. Unerlässliches Gegenstück
dazu bildet die Pflicht der Parteien, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken (Art. 8 AsylG).
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4.3 Konkret bemängelt der Beschwerdeführer die Ausführungen des SEM
zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (Kapitel III Ziff.2 des ange-
fochtenen Entscheids). So sei sein aktueller Gesundheitszustand oder
auch die von ihm benötigte Behandlung und die faktische Verfügbarkeit
und Möglichkeit der Inanspruchnahme einer solchen Behandlung nicht ein-
zelfallspezifisch geprüft worden. Es wäre seitens der Vorinstanz angezeigt
gewesen, eine vertiefte ärztliche Begutachtung in Auftrag zu geben.
4.4 Es ergeben sich nach Prüfung der Akten keine hinreichenden Anhalts-
punkte, welche den Schluss zulassen würden, das SEM habe den Sach-
verhalt unrichtig oder unvollständig abgeklärt. Die Vorinstanz hat bei der
Prüfung des Wegweisungsvollzugs zunächst die völkerrechtlichen Weg-
weisungsvollzugshindernisse berücksichtigt, sich danach zur Zumutbarkeit
des Vollzugs geäussert und sich dabei insbesondere an den vom Be-
schwerdeführer angeführten Äusserungen sowie den eingereichten ärztli-
chen Unterlagen – so auch (Nennung Beweismittel) – orientiert. Dabei hat
es auch explizit seine gesundheitliche Situation sowie die Behandlungs-
möglichkeiten in Algerien erläutert. Der Umstand, dass es nach einer ge-
samtheitlichen Würdigung der Parteivorbringen respektive der Situation in
Algerien zu einem anderen Schluss als der Beschwerdeführer gelangte,
stellt keine unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts
oder Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Unter diesen Umständen ist
das Vorbringen, die Ausführungen des SEM seien zu wenig einzelfallspe-
zifisch und nicht aktuell, als nicht stichhaltig zu erachten. Im Übrigen ist
auch keine Verletzung der Begründungspflicht zu erkennen, weil es dem
Beschwerdeführer möglich war, sich ein Bild über die Tragweite des vo-
rinstanzlichen Entscheides zu machen und diesen – wie die vorliegende
Beschwerde zeigt – sachgerecht anzufechten (BGE 129 I 232 E. 3.2).
4.5 Die Rüge der Verletzung formellen Rechts erweist sich als unbegrün-
det. Der Eventualantrag auf Rückweisung der Sache an das SEM ist dem-
zufolge abzuweisen.
5.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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6.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.
7.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung des angeordneten Wegwei-
sungsvollzugs aus, da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle, könne der Grundsatz der Nichtrückschiebung nicht angewen-
det werden. Auch würden keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass ihm
eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Ein
Wegweisungsvollzug sei daher als zulässig zu erachten.
Weiter sei der Vollzug der Wegweisung nach Algerien grundsätzlich zumut-
bar. Es herrsche im Land kein Bürgerkrieg. Auch die aktuell herrschende
politische Situation oder andere Gründe würden der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs nicht entgegenstehen. Zudem würden auch keine
individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
sprechen. Hinsichtlich der sozialen Situation des Beschwerdeführers sei
festzuhalten, dass er trotz angeblich schlechten Verhältnissen in Algerien
immer noch über seine (Nennung Verwandte) und deren Familien sowie
seine (Nennung Verwandte) verfüge, die ihm immer wieder geholfen hät-
ten. Er habe früher teils auch (Nennung Tätigkeiten). Er könne an diese
Tätigkeiten wieder anknüpfen. Insbesondere werde er auch durch seine
(Nennung Person)und seinen Sohn regelmässig mit für algerische Verhält-
nisse relativ hohen Beträgen unterstützt. Aus der Tatsache, dass sich seine
(Nennung Person)und sein Sohn in der Schweiz aufhielten, könne er für
sich kein Bleiberecht hierzulande ableiten. Die mittels medizinischen Un-
terlagen belegten gesundheitlichen Schwierigkeiten seien in der Schweiz
psychotherapeutisch und medikamentös behandelt worden. Eine Weiter-
behandlung seiner Beschwerden sei – gerade auch in seiner Herkunfts-
stadt B._ – gewährleistet. Seine Behauptung, im Spital in
B._ seien seine medizinischen Unterlagen aus der Schweiz nicht
berücksichtigt worden, spreche nicht gegen die Behandlungsmöglichkeiten
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in Algerien. Es sei das Recht jedes Landes, seine Patienten nach den ei-
genen Richtlinien zu behandeln. Auch ein zur Schweiz unterschiedlicher
Behandlungsstandard spreche nicht gegen eine Behandlung in Algerien.
Weiter sei auf die Möglichkeit der medizinischen Rückkehrhilfe zu verwei-
sen. Die angebliche Suizidalität mache nach gefestigter Rechtsprechung
den Vollzug der Wegweisung nicht unzumutbar. Dieser wäre bei einem
zwangsweisen Wegweisungsvollzug im Rahmen der Vollzugsmodalitäten
Rechnung zu tragen. In seiner Stellungnahme vom 8. September 2020
habe der Beschwerdeführer keine Tatsachen oder Beweismittel vorge-
bracht, die eine Änderung des vorinstanzlichen Standpunktes zu bewirken
vermöchten. Bezüglich der Existenzsicherung sei nicht einzusehen, wes-
halb er von den Verwandten in Algerien und seiner (Nennung Person)nicht
(weiterhin) sollte unterstützt werden können. Zudem sei es ihm möglich,
trotz seiner Suchtabhängigkeit einen eigenen Beitrag zur Existenzsiche-
rung zu leisten. Ausserdem sei der Vollzug der Wegweisung technisch
möglich und praktisch durchführbar.
7.2 Demgegenüber legte der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmittelein-
gabe in einlässlicher Weise seine bereits in der Stellungnahme vom
8. September 2020 vorgebrachte Argumentation, die einem Wegweisungs-
vollzug entgegenstehe, dar. So verfüge er über kein tragfähiges soziales
Netz, da er sich mit seinen (Nennung Verwandte) zerstritten habe und
seine (Nennung Verwandte) bereits alt und gesundheitlich angeschlagen
sei. Vor seiner Ausreise sei er praktisch obdachlos gewesen und schulde
verschiedenen Familienangehörigen insgesamt einen hohen Geldbetrag.
Auch könne er aufgrund seiner langen Landesabwesenheit und seiner ge-
sundheitlichen Probleme (...) nicht mehr auf Freunde zurückgreifen. Dies
erschwere – nebst fehlender Berufsbildung und wenig Berufserfahrung –
die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in erheblicher Weise. Zudem lägen
seine ehemaligen beruflichen Erfahrungen sehr lange zurück. Weiter sei
seine (Nennung Person) nicht zu Unterhaltszahlungen verpflichtet und
könne ihn angesichts ihrer neuen familiären Situation nicht weiter unter-
stützen. Bei einer Rückkehr würde er deshalb in eine existenzielle Notlage
geraten, zumal ihm angesichts der fehlenden familiären Unterstützung
auch die Obdachlosigkeit drohe. Er sei nach wie vor in einem schlechten
psychischen Zustand und angesichts der Mängel im algerischen Gesund-
heitssystem und seiner persönlichen Vorgeschichte bleibe ihm der effek-
tive Zugang zur benötigten Behandlung verwehrt.
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8.
8.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder
unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen
werden.
8.2
8.2.1 Infolge der auf den Vollzugspunkt beschränkten Anfechtung ist die
Feststellung, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfüllt, in Rechtskraft erwachsen. Das Non-Refoulement-Prinzip im Sinne
der vorgenannten flüchtlingsrechtlichen Bestimmungen ist daher nicht tan-
giert. Ferner bestehen keine konkreten und gewichtigen Anhaltspunkte für
die Annahme, dass er im Falle einer Ausschaffung nach Algerien mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre (vgl. aus der Praxis des Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) etwa die Urteile i.S. Bensaid,
Rep. 2001-I, S. 303, sowie i.S. Saadi vom 28. Februar 2008 [Grosse Kam-
mer], Beschwerde Nr. 37201/06, Ziff. 124 ff.). Auch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Algerien bietet zum heutigen Zeitpunkt keinen kon-
kreten Anlass zur Annahme, dem Beschwerdeführer drohe eine entspre-
chende Gefährdung.
8.2.2 Gesundheitliche Probleme stellen unter dem Blickwinkel von Art. 3
EMRK im Übrigen nur unter ganz aussergewöhnlichen Umständen ein völ-
kerrechtliches Wegweisungsvollzugshindernis dar (vgl. Urteil des EGMR
Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, § 183). Solche Umstände liegen nicht nur in Fällen vor, in denen
sich die von einer Ausschaffung betroffene Person in unmittelbarer Gefahr
befindet zu sterben, sondern auch dann, wenn Personen darunter fallen,
die angesichts fehlender Behandlungsmöglichkeiten im Zielstaat der Aus-
schaffung einem realen Risiko einer schwerwiegenden, raschen und irre-
versiblen Verschlechterung des Gesundheitszustands ausgesetzt werden,
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die zu heftigen Leiden oder einer erheblichen Reduktion der Lebenserwar-
tung führen. Solche aussergewöhnlichen Umstände können aber hier hin-
länglich ausgeschlossen werden (vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1 S. 117 f., BVGE
2009/2 E. 9.1.3). Der Vollzug erweist sich damit als zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Die allgemeine Lage in Algerien ist weder von Bürgerkrieg noch von
allgemeiner Gewalt gekennzeichnet, so dass der Vollzug der Wegweisung
dorthin grundsätzlich zumutbar ist.
8.3.2 Es bestehen auch sonst keine Anhaltspunkte, die darauf schliessen
liessen, der Beschwerdeführer sei in individueller Hinsicht bei einer Rück-
kehr nach Algerien einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4
AIG ausgesetzt. Insbesondere ist nicht davon auszugehen, dass er in Al-
gerien in wirtschaftlicher Hinsicht in eine existenzbedrohende Situation ge-
langen wird. Gemäss eigenen Angaben hat der Beschwerdeführer in Alge-
rien nach seiner Rückkehr im Jahr (...) für kurze Zeit als (Nennung Tätig-
keit) gearbeitet (vgl. Anhörungsprotokoll vom 31. August 2020, F41, F49,
F104 f). Seinen Angaben zufolge erhielt er diese Arbeit von einem Kollegen
mit eigenem Geschäft, der ihm eine Chance gab. Trotzdem legte er diese
Tätigkeit offenbar freiwillig nieder und versuchte auch nicht, eine andere
Arbeit zu finden (vgl. Anhörungsprotokoll vom 31. August 2020, F104 f.).
Entgegen seinen Äusserungen ist demnach davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer weiterhin über Kontakte und Möglichkeiten verfügt, die
es ihm bei entsprechender Anstrengung seinerseits ermöglichen sollten,
eine Erwerbsmöglichkeit aufzunehmen. Er gibt denn auch an, er habe in
der Schweiz (Nennung Tätigkeiten) gearbeitet (vgl. Anhörungsprotokoll
vom 31. August 2020, F91). Die dabei erworbenen Berufserfahrungen dürf-
ten ihm ohne Weiteres zu Gute kommen, weshalb er über die Vorausset-
zungen verfügt, um auch künftig ein Einkommen erwirtschaften zu können.
Zudem leben in Algerien diverse Verwandte, auf deren Unterstützung er
zumindest bei Einzelnen zurückgreifen kann, so insbesondere bei seiner
(Nennung Verwandte) sowie (Nennung Verwandte) und einem (Nennung
Verwandter), die ihm seinen Angaben nach Geld gegeben haben (vgl. An-
hörungsprotokoll vom 31. August 2020, F96 und F57). Ausserdem hat ihm
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der Ehemann der mit ihm zerstrittenen (Nennung Verwandte) angeblich
geholfen und war bestrebt, den Streit zu schlichten (vgl. Anhörungsproto-
koll vom 31. August 2020, F87, F103), woran dieser (Nennung Verwandte)
ebenfalls gelegen sein müsste, zumal sie das dem Beschwerdeführer aus-
geliehene Geld dargelegtermassen zurückerstattet haben will. Sodann er-
hält der Beschwerdeführer gelegentliche Geldzahlungen von seinem Sohn
(vgl. Anhörungsprotokoll vom 31. August 2020, F48). Auch wurde er durch
seine (Nennung Person) von der Schweiz aus während mehreren Jahren
finanziell unterstützt, weshalb er im Bedarfsfall erneut auf deren Unterstüt-
zung zählen können dürfte. Jedenfalls sind die in der Beschwerdeschrift
(S. 7, 2. Absatz) erwähnten Gründe, weshalb ihr dies nicht mehr möglich
sein sollte, als wenig überzeugend zu erachten. Dabei ist zu berücksichti-
gen, dass die Lebenshaltungskosten in Algerien um ein Vielfaches geringer
sind als in der Schweiz und daher bereits kleine Beträge einen grossen
wirtschaftlichen Nutzen darstellen (vgl. www.laenderdaten.info%2Flebens-
haltungskosten.php&usg=AOvVaw106OFP_XPGjfNG3R8aHLAI; letzt-
mals abgerufen am 16.10.2020).
8.3.3 Das SEM ist sodann übereinstimmend mit der Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts davon ausgegangen, dass psychische Erkran-
kungen in Algerien behandelt werden können (vgl. das Urteil des BVGer
D-1763/2019 vom 29. April 2019 E. 7.5). Es ist deshalb davon auszuge-
hen, dass sich der Beschwerdeführer – auch in Berücksichtigung der ins
Recht gelegten medizinischen Unterlagen – in Algerien weiterbehandeln
lassen können wird. Die Einwände in der Beschwerde betreffend die me-
dizinische Versorgung in Algerien (Wartezeiten, fehlende Verfügbarkeit von
Medikamenten, Qualität der medizinischen Versorgung, Unterhalt und die
Hygiene der Spitäler, Gleichgültigkeit des Gesundheitspersonals den Pati-
enten gegenüber) sind nicht stichhaltig (vgl. zum Ganzen das Urteil des
BVGer E-6848/2018 vom 18. Dezember 2018 E. 7.4.4 f.). Wie die Vor-
instanz zu Recht und mit zutreffender Begründung erkannte, konnte der
Beschwerdeführer nicht konkret und überzeugend darlegen, dass ihm der
Zugang zur medizinischen Versorgung verwehrt geblieben wäre. Seinen
Aussagen zufolge ist vielmehr zu schliessen, dass er aus eigener Über-
zeugung auf eine Behandlung seiner (Nennung Krankheit) in dem von ihn
erwähnten Spital verzichtete (vgl. Anhörungsprotokoll vom 31. August
2020, F68 ff.). Im Weiteren ist zur Überbrückung möglicher finanzieller
Schwierigkeiten auf die Möglichkeit der medizinischen Rückkehrhilfe zu
verweisen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG). Schliesslich macht eine Suizidalität
nach gefestigter Rechtsprechung den Vollzug der Wegweisung nicht unzu-
mutbar. Dieser wäre bei einem zwangsweisen Wegweisungsvollzug im
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Rahmen der Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. zuletzt das Ur-
teil des BVGer E-14/2019 vom 10. Mai 2019 E. 8.4.1 m.w.H.).
8.4 Es obliegt sodann dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG), weshalb der Vollzug
der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Die durch die Vorinstanz verfügte Wegweisung und deren Vollzug ste-
hen somit in Übereinstimmung mit den zu beachtenden Bestimmungen und
sind zu bestätigen, weshalb es sich erübrigt, auf die weiteren Vorbringen
und Beweismittel näher einzugehen. Die Anordnung der vorläufigen Auf-
nahme fällt ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus den Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bun-
desrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und voll-
ständig feststellt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist
(Art. 106 AsylG; Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
10.
10.1 Mit dem vorliegenden Entscheid in der Hauptsache ist der Antrag auf
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos ge-
worden.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass
sein Begehren nicht von vornherein aussichtlos war. Während seines Auf-
enthalts im Bundeszentrum unterliegt er einem Arbeitsverbot und ist mittel-
los (Art. 43 Abs. 1 AsylG). Die Voraussetzungen des Art. 65 Abs. 1 VwVG
sind demnach erfüllt und das Gesuch ist gutgeheissen. Auf die Erhebung
der Verfahrenskosten ist zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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