Decision ID: 8fd48f73-79f6-452d-ba05-9e5c7407fc2e
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Y._
, geboren
1967, meldete sich am 29. Mai 2018 bei der
Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
, als
Selbständiger
werbende
an (Urk. 6/1). Mit Schreiben vom 19. Oktober 2018 (Urk. 6/28) teilte ihr die Ausgleichskasse mit, dass
sie arbeitsorganisatorisch von den Unterneh
mun
gen
X._
AG
und
Z._ AG
abhängig sei und sie kein unternehmerisches Risiko trage, weshalb ihre Tätigkeiten für die genannten Ge
sellschaften als unselbständig zu qualifizieren seien und sie nicht als selbständig erwerbstätig registriert werden könne.
Nach erfolgten Interventionen von
Y._
(Urk. 6/31) und der
X._
AG (Urk. 6/32) hielt die Ausgleichskasse mit Verfügungen vom 9. November 2018 (Urk. 6/33-34) an ihrer Rechtsauffassung fest und wies das Gesuch vom 29. Mai um Anschluss und Registrierung als
Selbständigerwerbende
ab.
Die dagegen von der
X._
AG erhobene Einsprache (Urk. 6/37) wies die Ausgleichskasse mit Entscheid vom 28. November 2019 (Urk. 2) ab.
2.
Mit Eingabe vom 10. Januar 2020 (Urk. 1) erhob die
X._
AG Be
schwerde gegen den genannten
Einspracheentscheid
vom 28. November 2019 mit folgenden Anträgen:
1.
Frau
Y._
sei für das Auftragsverhältnis mit
X._
bei der Ausgleichskasse als
Selbständigerwerbende
zu registrieren.
2.
Das an Frau
Y._
ausbezahlte Honorar sei von
X._
nicht als Arbeitnehmereinkommen mit der Ausgleichskasse abzurechnen.
3.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der SVA.
Die Ausgleichskasse schloss in ihrer Beschwerdeantwort vom 21. Februar 2020 (Urk. 5) auf Abweisung der Beschwerde.
Replicando
und
duplicando
hielten die Parteien an ihren Anträgen fest (Urk. 9 und 12), was ihnen wechselseitig zur Kenntnis gebracht wurde (vgl. Urk. 11 und 13). Mit Verfügung vom 21. Januar 2021 (Urk. 14) wurde
Y._
zum Prozess beigeladen und ihr Gelegenheit zu
r
Stellungnahme
eingeräumt. Es gingen keine weiteren Stellungnahmen ein.
Auf die Ausführungen der Parteien ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforder
lich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
D
a der
Entscheid über die Ablehnung des Gesuchs einer versicherten Person um Anschluss als
Selbständigerwerbende
und Eintrag im Register
nach der mit BGE 132 V 257 begründeten höchstrichterlichen Praxis rechtsgestaltender Natur ist, ist auf die Beschwerde einzutreten, ohne dass geprüft werden müsste, ob ein Fest
stellungsinteresse im Sinne von Art. 49 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den
All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vorliegt. Im Übrigen wär
e ein solch schützenswertes Interesse offensichtlich gegeben.
2.
2.1
Die sozialversicherungsrechtliche Beitragspflicht Erwerbstätiger richtet sich unter anderem danach, ob das in einem bestimmten Zeitraum erzielte Erwerbsein
kommen als solches aus selbständiger oder aus unselbständiger Erwerbstätigkeit zu qualifizieren ist (Art. 5 und 9
des Bundesgesetzes über die Alters- und
H
in
terlassenenversicherung
[AHVG]
sowie Art. 6 ff.
der Verordnung über die Alters-
und
Hinterlassenenversicherung
[AHVV]
). Nach Art. 5 Abs. 2 AHVG gilt als mass
gebender Lohn jedes Entgelt für in unselbständiger Stellung auf bestimmte oder unbestimmte Zeit geleistete Arbeit; als Einkommen aus selbständiger Erwerbs
tätigkeit gilt nach Art. 9 Abs. 1 AHVG jedes Einkommen, das nicht Entgelt für in unselbständiger Stellung geleistete Arbeit darstellt.
Nach der Rechtsprechung beurteilt sich die Frage, ob im Einzelfall selbständige oder unselbständige Erwerbstätigkeit vorliegt, nicht aufgrund der Rechtsnatur des Vertragsverhältnisses zwischen den Parteien. Entscheidend sind vielmehr die wirtschaftlichen Gegebenheiten. Die zivilrechtlichen Verhältnisse vermögen da
bei allenfalls gewisse Anhaltspunkte für die AHV-rechtliche Qualifikation zu bieten, ohne jedoch ausschlaggebend zu sein. Als unselbständig erwerbstätig ist im Allgemeinen zu betrachten, wer von einem Arbeitgeber in betriebswirt
schaft
licher beziehungsweise arbeitsorganisatorischer Hinsicht abhängig ist und kein spezifisches Unternehmerrisiko trägt.
Aus diesen Grundsätzen allein lassen sich indessen noch keine einheitlichen, schematisch anwendbaren Lösungen ableiten. Die Vielfalt der im wirtschaftlichen Leben anzutreffenden Sachverhalte zwingt dazu, die beitragsrechtliche Stellung einer erwerbstätigen Person jeweils unter Würdigung der gesamten Umstände des Einzelfalles zu beurteilen. Weil dabei vielfach Merkmale beider Erwerbsarten zu Tage treten, muss sich der Entscheid oft danach richten, welche dieser Merkmale im konkreten Fall überwiegen (BGE 144 V 111 E. 4.2 mit Hinweisen).
2.2
Die beitragsrechtliche Unterscheidung des
Selbständigerwerbenden
vom
Unselb
ständigerwerbenden
beruht auf einer unabhängigen Begriffsbildung, die sich ins
besondere mit dem, was üblicherweise unter einem (
Un
-)Selbständigen ver
stan
den
werden mag, nicht zu decken braucht. In diesem Sinne ist bei einem Ver
si
cherten, der gleichzeitig mehrere Tätigkeiten ausübt, jedes Erwerbsein
kommen dahinge
hend zu prüfen, ob es aus selbständiger oder unselbständiger Erwerbs
tätig
keit stammt, selbst wenn die Arbeiten für eine und dieselbe Firma vor
ge
nommen wer
den (BGE 122 V 169 E. 3b; AHI-Praxis 1996 S. 241 f., je mit Hin
weisen).
2.3
2.3.1
Charakteristische Merkmale einer selbständigen Erwerbstätigkeit sind die Täti
gung erheblicher Investitionen, die Benützung eigener Geschäftsräumlichkeiten sowie die Beschäftigung von eigenem Personal (BGE 119 V 163 E. 3b). Das spe
zifische Unternehmerrisiko besteht dabei darin, dass unabhängig vom Arbeit
s
er
folg Kosten anfallen, die der V
ersicherte selber zu tragen hat (ZAK 1986 S. 333 E. 2d und S. 121 E. 2b). Für die Annahme selbständiger Erwerbstätigkeit spricht sodann die gleichzeitige Tätigkeit für mehrere Gesellschaften in eigenem Namen, ohne indessen abhängig zu sein (ZAK 1982 S. 215). Massgebend ist da
bei nicht die rechtliche Möglichkeit, Arbeiten von mehreren Arbeitgebern anzu
nehmen, sondern die tatsächliche Ausgangslage (vgl. ZAK 1982 S. 186 E. 2b).
Von unselbständiger Erwerbstätigkeit ist auszugehen, wenn die für den Arbeits
vertrag typischen Merkmale vorliegen, das heisst wenn d
er V
ersicherte
Dienst auf Zeit zu leisten hat, wirtschaftlich vom Arbeitgeber abhängig und während der Arbeitszeit auch in dessen Betrieb eingeordnet ist, praktisch also keine an
dere Erwerbstätigkeit ausüben kann. Indizien dafür sind das Vorliegen eines be
stimm
ten Arbeitsplans, die Notwendigkeit, über den Stand der Arbeiten Be
richt zu er
statten, sowie das
Angewiesensein
auf die Infrastruktur am Arbeitsort (ZAK 1986 S. 121 E. 2b, S. 333 E. 2d) oder - bei einer regelmässig ausgeübten Tätig
keit - darin, dass bei Dahinfallen des Erwerbsverhältnisses eine ähnliche Situa
tion
ent
steht, wie dies beim Stellenverlust eines Arbeitnehmers der Fall ist. Die Ab
hän
gig
keit der eigenen Existenz vom persönlichen Arbeitserfolg ist pra
xisge
mäss
nur dann als Risiko eines
Selbständigerwerbenden
zu werten, wenn be
trächt
li
che In
vestitionen zu tätigen oder Angestelltenlöhne zu bezahlen sind. Mit einem
Ar
beits
- und Lohnausfall müssen alle jene Personen rechnen, die ihre berufliche Tätigkeit von Fall zu Fall ausüben und nicht in einem fest
entlöhnten
Arbeits
ver
hältnis stehen (BGE 119 V 163 E. 3b).
2.3.2
Es ist
eine bekannte Erscheinung der neueren Zeit, dass sich sowohl Einzelperso
nen als auch Organisationen, die auf ein bestimmtes
technisches oder kauf
män
nisches Fachgebiet spezialisiert sind, einem Unternehmen (exklusiv oder neben anderen) auf bestimmte oder unbestimmte Zeit in Beraterfunktion zur Ver
fü
gung stellen. Personen, die einmalig oder
wiederholt zur Lösung von Sach
problemen hinzugezogen werden, ohne eindeutig in einem Arbeitsverhältnis zum
Auftragge
ber zu stehen, gelten dafür als
selbständigerwerbend
. Dabei hat bei
der Abgren
zungsfrage, ob selbständige oder unselbständige Erwerbstätigkeit vorliegt,
das Un
terscheidungsmer
kmal des Unternehmerrisikos in den Hinter
grund zu treten, weil für die Beratung als Dienstleistung oft weder besondere Investitionen zu tätigen, noch notwendigerweise Angestellte zu beschä
ftigen sind (BGE
110 V 72 E. 4b; ZAK 1984 S.
558; ZAK 1983 S.
198; ZAK 1971 S.
163; vgl. zum
Ganzen auch Ueli
Kieser
, Alters- und
Hinterlassenenversicherung
, 3. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2012
, S. 64
).
2.4
Die Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Be
stehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Ent
scheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweis
grad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Ge
richt folgt vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 353 E. 5b mit Hinweisen; vgl. BGE 130 III 321 E. 3.2 und 3.3).
3.
3.1
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beigeladene hinsichtlich ihrer Tätigkeit für die Beschwerdeführerin beitragsrechtlich als selbständig oder unselbständig erwerbs
tätig zu qualifizieren ist.
3.2
Die Beschwerdegegnerin führte diesbezüglich
im angefochtenen
Einspracheent
scheid
(Urk. 2) im Wesentlichen aus,
dass die Beigeladene bereits früher für die Beschwerdeführerin tätig gewesen sei. Praxisgemäss seien deshalb erhöhte Anfor
derung
en
für die Anerkennung des Status als
Selbständigerwerbende
zu stellen, wenn die versicherte Person weiterhin in bedeutendem Umfang für den bishe
rigen Arbeitgeber tätig sei. Die Beigeladen
e
handle weder in eigenem Namen noch auf eigene Rechnung. Sie erbringe ihre Dienstleistungen im Namen der Be
schwer
deführerin. Die Rechnungsstellung erfolge über die Beschwerdeführerin. Die Bei
geladene trage kein Inkasso- und Delkredere-Risiko. Bei Absage eines Kunden
innerhalb von 24 Stunden werde der Beigeladenen der Termin trotzdem vollum
fänglich vergütet. Sie müsse auch keine Unkosten tragen; es würden ihr Fahr
zeiten und andere Zeitaufwendungen (zum Beispiel Raum-Buchungen) mit Fr. 75.
--
pro 60 Minuten vergütet. Die Beigeladene verfüge über kein Personal und keine eigenen Geschäftsräumlichkeiten. Sie habe keine erheblichen Inves
ti
tionen tätigen müssen. Die Beigeladene trage demzufolge kein spezifisches Unter
nehmerrisiko. Zudem unterstehe sie dem Weisungsrecht der Beschwerdeführerin. Die Beigeladene müsse sich an die internen Richtlinien und Protokoll-Formulare der Beschwerdeführerin halten. Sie könne auch die Preise für ihre Beratungs
tätigkeit nicht frei bestimmen. Es sei festgelegt, dass eine fünfzigminütige Sitzung (plus zehn Minuten administrativer Aufwand) mit Fr. 150.
--
vergütet werde. Auch
die Räumlichkeiten, in denen die Beratungen durchgeführt würden, müssten zu
erst von der Beschwerdeführerin besichtigt und genehmigt werden. Die Beigeladene müsse die Beschwerdeführerin über wesentliche Änderungen in den Räumlich
keiten informieren. Zudem best
ehe ein Konkurrenzverbot, das mit einer Konven
tionalstrafe bewehrt sei. Es bestehe somit ein Abhängigkeitsverhältnis im be
triebswirtschaftlichen und arbeitsorganisatorischen Sinne.
Im Rahmen des vorliegenden Prozesses hielt die Beschwerdegegnerin im Wes
ent
lichen an dieser Sichtweise fest und präzisierte, dass in den neuen Vertrags
be
dingungen der Beschwerdeführerin das ursprünglich vorhanden gewesene Kon
kurrenzverbot gestrichen worden sei. Dies ändere jedoch an der Qualifikation der Beigeladenen als unselbständig Erwerbstätige nichts (Urk. 5 und 12).
3.3
Demgegenüber führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus (Urk. 1), dass sie ihren Kunden (den Arbeitgebern der Klienten) eine EAP-Dienstleistung an
biete. Diese beinhalte, dass die Klienten (Arbeitnehmer der Kunden)
sich kostenlos bei der Beschwerdeführerin telefonisch und anonym von Psychologen oder Juristen beraten lassen könnten. Stelle ein Psychologe anlässlich einer solchen telefonischen Beratung fest, dass beim Klienten ein komplexes psychologisches Problem vorliege, könne er eine oder mehrere Beratungssitzungen mit einem unabhängigen Psychotherapeuten in die Wege leiten. Die Beschwerdeführerin garantiere den Kunden einen Psychotherapeuten in einer halben Stunde Ent
fernung vom Arbeitsort. Dazu habe sie ein Netzwerk von derzeit 92 selbständigen und unabhängigen Psychotherapeuten, mit denen jeweils ein Auftragsverhältnis bestehe. Diese Psychotherapeuten verfügten über eine eigene Praxisbewilligung und gehörten einem Berufsverband an. Der
X._
-Psychologe suche im Netzwerk einen passenden Psychotherapeuten und frage diesen an, ob er Kapazität für den Klienten habe. Der Psychotherapeut könne frei entscheiden, ob er den Klienten annehmen wolle oder nicht. Wenn er den Klienten annehme, erh
alte
dieser die
Kontaktinformationen des Psychotherapeuten und könne sich mit seiner Fall
nummer melden. Der Psychotherapeut erhalte lediglich die Fallnummer des Klien
ten, dem es so möglich sei, anonym zu bleiben. Nach den erfolgten Sitzungen beim Psychotherapeuten schreibe dieser einen anonymisierten Abschlussbericht und stelle Rechnung an die Beschwerdeführerin. Die Beigeladene sei eine dieser
unabhängigen Psychotherapeutinnen im Netzwerk der Beschwerdeführerin (S.
2 f.). Die Beschwerdegegnerin sei
unzutreffenderweise
davon ausgegan
gen, dass die Beigeladene
, die früher als
«Head
of
Psychological
and
Legal Services» bei der Beschwerdeführerin tätig gewesen sei, als
Selbständigerwerbende
weiter
hin eine vergleichbare Tätigkeit ausübe. Das sei nicht der Fall. Sie sei nunmehr - wie aufgezeigt - als selbständige Psychotherapeutin im Netzwerk der Beschwer
deführerin tätig.
Die Beigeladene sei aber ohnehin nicht in bedeutendem Umfang für die Beschwerdeführerin tätig; seit der Beendigung i
hres Anstellungsverhält
nisses (p
er Ende Juni 2018) seien der Beigeladenen lediglich drei Fälle zugewiesen worden (S. 3). Es treffe auch nicht zu, dass die Beigeladene weder in eigenem Namen, noch auf eigene Rechnung handle und gegenüber den Klienten nie in eigenem Namen auftrete
. Die Rechnungsstellung erfolge nicht an die Klienten, sondern an den Arbeitgeber (Kunden) durch die Beschwerdeführerin, um die Ano
nymität der Klienten zu wahren. Würde die Beigeladene den Klienten Rechnung stellen, könnte das nicht gewährleistet werden. Gegenüber den Klienten trete die Beigeladene aber sehr wohl in eigenem Namen auf, wenn sie sie für Bera
tungsgespräche empfange. Im Rahmen des Qualitätsmanagements erfrage die Beschwerdeführerin aktiv ein Feedback über die erfolgte Beratung bei den Klienten. Diese Feedbacks könnten Auswirkungen darauf haben, ob und wie viele Klienten der Beigeladenen von der Beschwerdeführerin zugewiesen würden. Das zeige, dass die Beigeladene auch insoweit das Unternehmerrisiko trage. Bei Ab
sage eines Klienten innerhalb von weniger als 24 Stunden vergüte die Be
schwer
deführerin der Beigeladenen den Termin, was allgemein bei Ärzten oder Psycho
therapeuten üblich sei.
Die Beschwerdeführerin übernehme diese Vergütung an die Beigeladene, weil die Dienstleistung für die Klienten kostenlos sei. Die Ver
gütung sei jedoch in jedem Fall im Preis inbegriffen, welchen die Arbeitgeber der
Klienten der Beschwerdeführerin für die Dienstleistung bezahlen müssten. Die Be
schwerdegegnerin habe willkürlich das Vorhandensein eines spezifischen Unter
nehmerrisikos verneint. Die Beigeladene tätige ihre Investitionen selb
ständig und trage ihre Unkosten selbst (S. 4). Die Beigeladene unterstehe auch keinem arbeits
rechtlichen Weisungsrecht
. Das
Weisungsrecht, das im Vertrag
mit der Beige
ladenen vorgesehen sei, betreffe Qualitätsstandards und Datenschutzvorschriften; das sei kein arbeitsrechtliches Weisungsrecht. Es bestehe kein Unterordnungs
verhältnis. Die Beschwerdeführerin erteile der Beigeladenen keine Weisungen
(S. 5). Es sei keine Präsenzpflicht vereinbart worden und auch keine Arbeitszeiten. Die Beigeladene habe keinen Arbeitsplatz bei der Beschwerdeführerin. Es würden ihr keine Arbeitsgeräte und kein Arbeitsmaterial zur Verfügung gestellt. Die Beigeladene habe gegenüber der Beschwerdeführerin keine Ansprüche während einer Ausfallzeit. Sie bekomme keine periodischen Entgeltleistungen. Dass die Beigeladene ihre Tarife nicht selbst festlegen könne, sei irrelevant. Das sei bei einer amtlichen Verteidigung auch nicht anders. Auch die Krankenkassen legten Tarife fest. Das früher vereinbarte Konkurrenzverbot mit Konventionalstrafe sei nicht relevant und ohnehin nicht umfassend gewesen; es sei gestrichen worden
(S. 6)
.
In ihrer Replik vom 24. März 2020 (Urk. 9) hielt
die Beschwerdeführerin an ihren Ausführungen in der Beschwerdeschrift
fest.
Insbesondere führte sie nochmals aus, dass sie gegenüber der Beigeladenen kein arbeitsrechtliches Weisungsrecht habe. Sie setze lediglich Qualitätsstandards und Datenschutzvorschriften um. Die Beschwerdeführerin garantiere den Klienten eine bestimmte Qualität. Auch die
Besichtigung der Räumlichkeiten der Psychotherapeuten durch die Beschwerde
führerin erfolge, um die den Kunden garantierte Qualität zu gewährleisten. Es bestehe aber kein Unterordnungsverhältnis der Beigeladenen gegenüber der Be
schwerdeführerin (S. 3).
4.
4.1
Aus den Akten und den Parteivorbringen ergibt sich, dass das Vertragsverhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und der Beigeladenen durch den «Vertrag zur Erbringung von Beratungsdienstleistungen für
X._
AG» (Urk. 3/8) beziehungsweise durch die Neufassung dieses Vertrages, nämlich den «Vertrag zur Erbringung von unabhängigen Beratungsdienstleistungen für
X._
AG» (Urk. 3/10) geregelt ist. Diese beiden Vertragsfassungen unterscheiden sich - abgesehen von der Vertragsbezeichnung, die in der neuen Fassung das Attribut «unabhängig» verwendet - im Wesentlichen dadurch
, dass in der neuen Fassung auf die Vereinbarung eines Konkurrenzverbotes und einer Konventionalstrafe verzichtet wird (vgl. dazu die Bestimmungen von Ziffern 8 und 13 von Urk. 3/8, die in Urk. 3/10 fehlen beziehungsweise einen anderen Inhalt haben).
Diesbezüglich ist vorweg festzuhalten, dass der Umstand, dass der genannte Ver
trag neugefasst wurde, im vorliegenden Kontext nicht streitentscheidend ist. Zum einen lässt sich die Frage der sozialversicherungsrechtlichen Qualifikation einer Erwerbstätigkeit als selbständig oder unselbständig nicht durch die Wahl
von
Attribute
n
im Titel des Vertrages oder
in
dessen Bestimmungen präjudizieren und
zum anderen führt allein die Streichung von Konkurrenzverbot und Konven
tio
nalstrafe - wie sogleich zu zeigen sein wird - im vorliegenden Kontext im Ergebnis zu keiner abweichenden Beurteilung des Vertrages.
4.2
Nach der oben in E. 2
.3.2 dargestellten Praxis
, die zwar auf eine technische oder kaufmännische Beratertätigkeit Bezug nimmt, die aber insoweit grundsätzlich auch auf psychologische oder psychotherapeutische Beratungen übertragbar ist,
kann im vorliegenden Fall nicht ausschlaggeben
d
sein, dass das unterneh
meri
sche Risiko (insbesondere das Investitionsrisiko) der Beigeladenen
in Be
zug
auf ihre
Tätigkeit für die Beschwerdeführ
erin wohl eher als gering einzuschätzen ist.
Unerheblich ist
in diesem Zusammenhang
auch,
ob die Beigeladene einen von ihr
en Wohnräumen
(strikt) getrennten Behandlungsraum
ha
t oder von zuhause aus arbeitet. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die Beigeladene keinen Arbeitsplatz in den Räumlichkeiten der Beschwerdeführerin hat, was ein gewisses Indiz für das Vorliegen einer selbständigen Erwerbstätigkeit
darstellt
. Das stärkste Indiz, das vorliegend auf das Vorliegen einer selbständigen Erwerbstätigkeit hindeutet, ist die Möglichkeit der Beigeladenen, von der Beschwerdeführerin zugewiesene Klienten abzulehnen (Urk. 3/10 Ziffer 1.1).
In dieses Bild fügt sich auch, dass keine Arbeitszeiten beziehungsweise Zeiten, in denen sich die Beigeladene zur Verfügung halten muss, vereinbart wurden. Allerdings
wird dieses Indiz durch den Umstand
relativiert
, dass der Beigeladenen - wie die Beschwerdeführerin aus
führte - ohnehin nur sehr selten Klienten zugewiesen wurden, sodass d
erartige Verpflichtungen von vornherein
weder angemessen noch sinnvoll wären.
Gegen das Vorliegen einer selbständigen Erwerbstätigkeit sprechen demgegen
über die nachfolgenden
Faktoren. I
n erster Linie sind dabei die ausgedehnten Kontroll- und Weisungsbefugnisse der Beschwerdeführerin gegenüber der Beige
ladenen zu nennen:
-
Die Bindung de
r Beigeladenen an die internen
Richtlinien und Pro
tokoll-Formulare (Leitfaden F2F) und Prozesse von
X._
(Urk. 3/10 Ziffer 1.2).
-
Die Besichtigung der Räumlichkeiten der Beigeladenen durch die
X._
und die Pflicht der Beigeladenen zur Benachrichtigung der
X._
über wesentliche Änderungen in den Räumlichkeiten (Urk. 3/10 Ziffer 5.1).
-
Die Pflicht der Beigeladenen, sich bei Unsicherheiten betreffend die geltenden Verhaltensregeln umgehend an den «Head
of
Clinical Services von
X._
» zu wenden (Urk. 3/10 Ziffer 8).
-
Die Pflicht, allfällige Interessenkonflikte mit
X._
zu «besprechen» (Urk. 3/10 Ziffer 9).
Replicando
legte die Beschwerdeführerin dar, dass sie im Rahmen des Quali
tätsmanagements aktiv ein Feedback
über die erfolgte Beratung beim Klienten erfrage. Diese Rückmeldungen könnten Auswirkungen darauf haben, ob und wie viele Klienten der Beigeladenen zugewiesen würden (Urk. 9 S. 2). Die Beschwer
deführerin überwacht und kontrolliert mit anderen Worten die Tätigkeit der Beigeladenen zeitnah und
umfassend, was der Grundkonzeption einer selbstän
digen Tätigkeit nicht entspricht.
Ein weiteres Indiz, das gegen das Vorliegen einer selbständigen Erwerbstätigkeit spricht, ist
der Umstand
, dass die Beigeladene einem strikten Tarifsystem unter
liegt, und der Umstand, dass die Beigeladene von der Beschwerdeführerin bezahlt wird: Die Beschwerdeführerin vergütet der Beigeladenen für eine Sitzung von 50 Minuten Dauer (sowie 10 Minuten für administrativen Aufwand) Fr. 150.
--
(Urk. 3/10 Ziffer 3.1 Abs. 1). Für Fahrzeiten werden Fr. 75.
--
pro Stunde bezahlt (Urk. 3/10 Ziffer 3.1 Abs. 2). Bei kurzfristigen Terminabsagen (weniger als 24 Stunden im Voraus) vergütet die Beschwerdeführerin der Beigeladenen für die ausgefallene Beratungssitzung Fr. 150.
--
(Urk. 3/10 Ziffer 3.1 Abs. 4). Daraus ist ersichtlich, dass die Beigeladene in der Vereinbarung ihrer Tarife nicht frei ist, sondern strikt an die Vereinbarung mit der Beschwerdeführerin gebunden ist. Zudem übernimmt die Beschwerdeführerin einen wesentlichen Teil des Ausfall
risikos der Beigeladenen.
Schliesslich stellt die Beigeladene nicht ihren Klienten Rechnung, sondern reicht ihre Abrechnung zusammen mit dem Schlussbericht der Beschwerdeführerin ein (Urk. 3/10 Ziffer 3.2).
4.3
Zusammenfassend ergibt sich zwar, dass gewisse Indizien vorhanden sind, die auf eine selbständige Erwerbstätigkeit hindeuten (keine vereinbarten Arbeits- oder Präsenzzeiten; keine Annahmepflicht; keine Zurverfügungstellung von Räumlichkeiten, Material oder dergleichen). Streitentscheidend fällt aber vorlie
gend ins Gewicht, dass die Beigeladene umfassenden Weisungs- und Kontroll
be
fugnissen der Beschwerdeführerin unterliegt, was für eine selbständige Erwerb
s
tätigkeit nicht nur sehr ungewöhnlich, sondern vollkommen atypisch ist. Offen
sichtlich tritt die Beigeladene auch nicht in eigenem Namen auf. Der Umstand, dass sie sich den Klienten mit ihrem Namen vorstellt, ändert daran natürlich nichts. Sie akquiriert (im vorliegenden Kontext) keine Klienten; diese werden ihr von der Beschwerdeführerin zugewiesen. Die Beigeladene stellt keine (externen) Rechnungen im eigentlichen Sinne, son
dern reicht
der Beschwerdeführerin viel
mehr zusammen mit ihrem Schlussbericht «Abrechnungen» ein. Das ist offen
sichtlich nicht dasselbe.
Ein Delkredere- oder Inkassoris
iko trägt die Beigeladene
nicht: Wenn ein «Kunde» insolvent wird, trägt dieses Risiko die Beschwerde
führerin, nicht die Beigeladene, die ihre Ansprüche (auch im Konkursfall des «Kunden») weiter gegen die Beschwerdeführerin geltend machen kann.
4.4
Soweit die Beschwerdeführerin geltend machte, dass
sich
die an fixe
Tarife ge
bundene Beigeladene in einer vergleichbaren Situation befinde wie ein Rechts
anwalt, der eine amtliche Verteidigung übernehme, ist ihr zwar zuzustimmen, dass auch der amtliche Ver
teidiger keinen Einfluss auf den
ihm vom Gericht konzedierten Stundenansatz hat. In übri
ger Hinsicht unter
scheidet sich die Situation der Beigeladenen und des amtlichen Verteidigers
aber
in grundlegender Weise: Kein Rechtsanwalt dürfte sich im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit Weisungen und Kontrollen unterwerfen, die denjenigen der Beschwerdeführerin entsprächen. Auch ist es nicht üblich, dass Gerichte, Staatsanwaltschaften oder andere Behörden bei ehemaligen Mandanten eines Rechtsanwaltes ein «Feedback» einholen.
Fehl geht auch die Auffassung der Beschwerdeführerin, dass sie die Anonymität der «Klienten» nur dadurch schützen könne, dass die Beschwerdeführerin selbst und nicht die Beigeladene Rechnung an die «Kunden» stelle. Es wäre nämlich letztlich einerlei, ob die Beigeladene oder die Beschwerdeführerin die Namen der Klienten auf der Rechnung anonymisier
en
. Es geht ja um die Anonymität der Klienten und nicht um diejenige der Beigeladenen.
Inwieweit der Umstand, dass die Kunden der Beschwerdeführerin eine jäh
rliche Pauschale bezahlen, eine direkte
Rechnungsstellung der
Beigeladenen absolut verunmöglichen würde, ist nicht einsichtig. Aber falls dies tatsäch
lich der Fall wäre, müsste
die Beschwer
deführerin
eben
ihr Abrechnungssystem
überprüfen bezi
e
hungsweise
anpassen.
Schliesslich erweist sich auch der Einwand, dass die Beigeladene gegenüber der
Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf Leistungen während Ausfallzeiten habe
, als nicht stichhaltig beziehungsweise als reiner Zirkelschluss. Es stimmt zwar, dass im Vertrag zwischen der Beschwerdeführerin und der Beigeladenen insoweit keine spezifischen Regelungen getroffen wurden. Das bedeutet aber nicht, dass solche Ansprüche ausgeschlossen sind, denn - je nach zivilrechtlicher Qualifi
kation des streitgegenständlichen Vertragsverhältnisses - würden entsprechende Ansprüche von Gesetzes wegen bestehen. Einer vertraglichen Fixierung bedürfte es
diesfalls
eben gerade nicht. Diese Frage, mithin die zivilrechtliche Qualifi
ka
tion, kann letztlich aber vorliegend offenbleiben.
5.
Aus dem Gesagten folgt, dass die Erwerbstätigkeit, welche die Beigeladene im Rahmen der mit der Beschwerdeführerin abgeschlossenen Vereinbarung «Vertrag zur Erbringung von unabhängigen Beratungsdienstleistungen für
X._
AG» ausübt,
sozialversicherungsrechtlich
als unselbständig zu qualifizieren ist.
Entscheidend für diese Qualifikation sind das Fehlen eines Delkredere- und Inkassorisikos, das Nichtauftreten in eigenem Namen (keine Kundenakquisition, keine Rechnungsstellung an die Klienten beziehungsweise Kunden) sowie in erster Linie die umfassenden Kontroll- und Weisungsbefugnisse der Beschwerde
führerin gegenüber der Beigeladenen, die mit einer selbständigen Erwerbstätig
keit schlechterdings unvereinbar sind.
Demzufolge ist die Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid
vom 28. Novem
ber 2019 kosten- und entschädigungslos abzuweisen.