Decision ID: 1cd7d0d5-da0b-5c87-b71f-d615607466eb
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden suchten am 22. Oktober 2019 in der Schweiz
um Asyl nach und wurden dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region
E._ zugewiesen. A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer)
wurde am 25. November 2019 summarisch und am 17. Dezember 2019
eingehend zu seinen Asylgründen befragt. B._ (nachfolgend: Be-
schwerdeführerin) und ihre Töchter C._ und F._ wurden am
26. November 2019 einlässlich zu ihren Fluchtgründen angehört. Am
20. Dezember 2019 wurden die Beschwerdeführenden dem erweiterten
Verfahren zugewiesen. Eine ergänzende Anhörung der Beschwerdeführe-
rin wurde am 20. Januar 2020 durchgeführt.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs machten die Beschwerdeführenden im
Wesentlichen geltend, irakische Staatsangehörige kurdischer Ethnie zu
sein und aus der Autonomen Region Kurdistan (ARK) zu stammen; vor ih-
rer Ausreise hätten sie in Dohuk gelebt.
Der Beschwerdeführer brachte vor, im Jahre 1991 Opfer einer Minenexplo-
sion geworden zu sein und dabei ein Bein verloren zu haben. Er habe an
der Universität in G._ (...) und (...) studiert und nach dem Studium
als Lehrer und später als Direktor in der (...)schule H._ gearbeitet.
Ab dem Jahr 2004 sei er als Prüfungsaufseher in der Erziehungsdirektion
beschäftigt gewesen. Am (...) August 2019 habe er die Gesamtaufsicht
über die Prüfungen in der (...)schule I._ gehabt und dabei beobach-
tet, dass eine Schülerin mithilfe eines Bluetooth-Gerätes betrogen habe.
Der Leiter des Prüfungssaales habe sodann einen Rapport verfasst, den
er, der Beschwerdeführer, unterschrieben habe, während eine weitere Auf-
sichtsperson die Unterschrift verweigert habe. Bei der Schülerin habe es
sich um die Tochter der (...) von J._, eine Familienangehörige des
einflussreichen Barzani-Clans, gehandelt. Zwei Tage nach dem Vorfall
habe ihn der Leiter der Erziehungsdirektion von K._ angerufen und
ihm mitgeteilt, dass er seine Arbeit als Prüfungsaufseher nicht mehr wahr-
nehmen könne und ein Komitee der Erziehungsdirektion von L._
gegen ihn ermitteln würde. Tags darauf seien zwei Mitglieder der Asayesh
zu ihm nach Hause gekommen und hätten eine Vorladung überbracht. In
der folgenden Nacht seien bewaffnete Männer, welche dem Clan der
Barzani angehören würden, in seine Wohnung eingedrungen, hätten ihn
mitgenommen und aufgefordert, gegenüber dem Ermittlungskomitee und
der Asayesh auszusagen, dass die betreffende Schülerin nicht betrogen
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habe und er von der Oppositionspartei Newiy Neu für diese Lüge bezahlt
worden sei. Sollte er dieser Aufforderung nicht nachkommen, würde er der
sexuellen Belästigung der Schülerin sowie des Hochverrats am kurdischen
Volk und der kurdischen Regierung beschuldigt werden. Er sei auch mit
dem Tod bedroht worden. Danach sei er freigelassen worden. Gleichen-
tags habe er sich bei der Asayesh gemeldet, wo er ein Dokument unter-
schrieben habe. Ihm sei mitgeteilt worden, dass am (...) September 2019
das Ermittlungskomitee Untersuchungen vornehmen würde und er sich ei-
nen Tag zuvor wieder bei ihnen melden müsse. Ausserdem habe er die
Auflage erhalten, L._ während der nächsten zehn Tage nicht zu ver-
lassen. Aus Angst, vom Barzani-Clan umgebracht zu werden oder eine le-
benslange Haftstrafe verbüssen zu müssen, habe er mit seiner Familie die
ARK am 28. August 2019 Richtung Türkei verlassen. Nach seiner Ausreise
sei seine Wohnung von der Regierung versiegelt und beschlagnahmt wor-
den.
Die Beschwerdeführerin brachte vor, im Jahre 1995 in L._ das (...)
abgeschlossen und zuletzt im (...) in M._ gearbeitet zu haben. Ihr
Vater sei Mitglied in der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) und
Oberhaupt des Dorfes gewesen. Da er sich geweigert habe, zwischen der
KDP und der Baath-Partei zu vermitteln, sei er im Jahre 1986 von der KDP
umgebracht worden. Ihre Brüder hätten sich geweigert, der KDP beizutre-
ten, weswegen man das Haus der Familie im Jahre 1995 in Brand gesetzt
habe, wobei sie und ihre Schwester sich Verbrennungen zugezogen hät-
ten. Nachdem ihr Ehemann im Jahre 2019 Probleme mit dem Barzani-Clan
bekommen habe, habe sie um sein Leben gefürchtet. Es seien Mitglieder
der Asayesh zu ihr gekommen und hätten ein Schreiben für ihn abgegeben.
In der darauffolgenden Nacht seien Männer ins Haus eingedrungen, hätten
ihren Ehemann mitgenommen und sie derart gestossen, dass sie ihr Be-
wusstsein verloren habe.
Die Töchter machten keine eigenen Asylgründe geltend, sondern führten
aus, wegen der Probleme ihres Vaters ausgereist zu sein.
Zum Nachweis ihrer Identität reichten die Beschwerdeführenden Kopien
ihrer irakischen Identitätskarten sowie einen Eheschein vom 6. Februar
1999 zu den Akten. Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Be-
schwerdeführer verschiedene Beweismittel ein, namentlich seinen Arbeits-
ausweis des Erziehungsministeriums Kurdistan, den Invalidenausweis des
Sozialversicherungsamtes, einen Invalidenausweis, eine Kopie des
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Schreibens des Prüfungsamtes vom (...) August 2019, eine Kopie des Prü-
fungsplanes der Schule, eine Kopie des Prüfungsausweises der betreffen-
den Schülerin sowie eine Kopie der Vorladung der Asayesh. Die Beschwer-
deführerin reichte je zwei Arbeitsbestätigungen von sich und ihrem Ehe-
mann ein.
Die Akten des in der Schweiz lebenden Bruders des Beschwerdeführers
(N [...]), welcher ebenfalls ein Asylverfahren durchlaufen hatte, wurden zur
Entscheidfindung konsultiert.
B.
Mit Verfügung vom 24. März 2020 – eröffnet am 25. März 2020 – stellte die
Vorinstanz fest, dass die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllen, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung sowie
den Wegweisungsvollzug. Für die zwischenzeitlich volljährige Tochter
F._ (N [...]; E-2185/2020) erging gleichentags eine separate Verfü-
gung.
C.
Mit Eingabe vom 24. April 2020 erhoben die Beschwerdeführenden, han-
delnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter, Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht und beantragten die Aufhebung der vorinstanzlichen
Verfügung und die Gewährung von Asyl unter Anerkennung ihrer Flücht-
lingseigenschaft. Eventualiter seien die Dispositivziffern 3, 4 und 5 der Ver-
fügung aufzuheben und infolge Unmöglichkeit und Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeven-
tualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zur Sachverhaltser-
gänzung beziehungsweise Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen.
In formeller Hinsicht beantragten sie, dass das vorliegende Verfahren mit
demjenigen ihrer volljährigen Tochter F._ zu vereinen sei. Zudem
sei ihnen die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses sei zu verzichten und es sei ihnen in der Person
des rubrizierten Rechtsvertreters ein amtlicher Rechtsbeistand beizuord-
nen. Unter Hinweis auf Art. 30 Abs. 1 BV sei ihnen die Zusammensetzung
des Spruchkörpers bekanntzugeben.
D.
Am 28. April 2020 (Datum Poststempel) wurde eine Fürsorgebestätigung
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des Departements Gesundheit und Soziales des Kantons N._ vom
27. April 2020 nachgereicht.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2020 wurde das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses sowie um Beiordnung des mandatierten Rechts-
vertreters als amtlicher Rechtsbeistand gutgeheissen. Der rubrizierte
Rechtsvertreter wurde amtlich beigeordnet. Es wurde darauf hingewiesen,
dass das Beschwerdeverfahren mit demjenigen der volljährigen Tochter
(E-2195/2020) koordiniert behandelt werde. Zudem wurde die Vorinstanz
zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
F.
Mit Vernehmlassung vom 25. Mai 2020 hielt die Vorinstanz mit ergänzen-
den Ausführungen an ihren Erwägungen fest und beantragte die Abwei-
sung der Beschwerde.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Mai 2020 wurden die Beschwerdeführen-
den zur Einreichung einer Replik eingeladen, welche diese nach geneh-
migter Fristerstreckung am 26. Juni 2020 einreichten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Der Spruchkörper wird in der Regel auf Antrag hin bekanntgegeben. Dies
ist vorliegend versehentlich unterblieben. Der Spruchkörper wird mithin mit
vorliegendem Urteil bekanntgegeben.
4.
4.1 Die Beschwerdeführenden erheben verschiedene formelle Rügen, wel-
che vorab zu beurteilen sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.1.1 Die Beschwerdeführenden rügen zunächst, dass sie an der Persona-
lienaufnahme nicht wie den Titeln entsprechend bloss zu ihren Personalien
befragt worden seien, sondern dass sie auch zu anderen Aspekten hätten
Aussagen machen müssen. Die entsprechenden Protokolle seien zudem
weder von der befragenden Person noch vom Dolmetscher und auch nicht
von den Beschwerdeführenden unterzeichnet worden, was verfahrens-
rechtlich nicht korrekt sei.
Auch hätten die Erstbefragungen erst am 25. beziehungsweise am 26. No-
vember 2019 stattgefunden, womit die zulässige Höchstfrist von 21 Tagen
nach Art. 26 Abs. 1 AsylG überschritten worden sei.
In Bezug auf die Beschwerdeführerin hielten sie fest, dass lediglich eine
verspätete vertiefte Anhörung stattgefunden habe, obwohl zunächst eine
summarische Befragung hätte durchgeführt werden sollen. Zum Ende der
Befragung sei ferner festgestellt worden, dass die Zeit für eine ausführliche
Befragung nicht reiche, was nicht zulässig sei, zumal ihr im vorinstanzli-
chen Entscheid Aussagen jener Befragung entgegengehalten worden
seien.
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In Bezug auf den Beschwerdeführer rügten sie ferner, dass er bereits zu
Beginn der Anhörung vom 17. Dezember 2019 darauf hingewiesen habe,
dass er in den Nächten vor der Anhörung nicht gut geschlafen habe und
unter Kopfschmerzen leide. Nach der Mittagspause habe er auf die Frage
hin, wie es ihm gehe, geantwortet, dass er wegen seiner kranken Tochter
seit zwei Tagen nicht genug geschlafen habe und er sich seit dem Mittag-
essen benommen fühle. Er habe somit klar zum Ausdruck gebracht, dass
es ihm nicht gut gehe und er sich nicht konzentrieren könne. Daraufhin
habe die befragende Person zu Protokoll gegeben, dass sie die Anhörung
abbrechen könnten, es dann aber eine Weile dauern würde, bis die
nächste Anhörung stattfinden könne und dass dies nicht zu seinem Vorteil
sei. Unter dem Einfluss dieser Aussage habe er sich entschieden, die An-
hörung fortzusetzen und darum gebeten, sich kurz das Gesicht waschen
zu dürfen, woraufhin die befragende Person gesagt habe, wenn er sich nur
das Gesicht waschen müsse, könne es ihm nicht schlecht gehen, und sie
verstehe sein Problem nicht. Er sei folglich unter Druck gesetzt worden und
es seien ihm Nachteile in Aussicht gestellt worden, für den Fall, dass die
Anhörung nicht fortgesetzt würde. Diese hätte aber an dieser Stelle abge-
brochen werden müssen, zumal er mehrmals explizit darum gebeten habe.
4.1.2 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz diesbezüglich aus, dass
entgegen der Ausführungen in der Beschwerde an der Personalienauf-
nahme des Beschwerdeführers keine Fragen zu dessen Asylgründen ge-
stellt worden seien, sondern lediglich sicherheitsrelevante Fragen zu
dschihadistischen Organisationen und persönlichen Übergriffen, die kei-
nerlei Einfluss auf das Asylverfahren hätten. Das Protokoll der Personali-
enaufnahme werde ausserdem weder von den teilnehmenden Personen
unterschrieben noch für die Entscheidfindung beigezogen. Es könne mithin
nicht von einem inkorrekten Verfahren gesprochen werden.
Betreffend die Rüge, dass die 21-tägige Frist (der Vorbereitungsphase)
nicht eingehalten worden sei, sei festzuhalten, dass es sich hierbei um eine
Ordnungsfrist handle, deren Nichteinhaltung sich nicht per se auf die
Rechtmässigkeit des materiellen Entscheids auswirke.
In Bezug auf die Beschwerdeführerin sei einzuräumen, dass die Anhörung
nach Art. 29 AsylG fälschlicherweise als Erstbefragung nach Art. 26 AsylG
bezeichnet worden sei. Dabei handle es sich um einen blossen Redakti-
onsfehler.
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Was das Unwohlsein betreffe, welches der Beschwerdeführer zu Beginn
der Anhörung vom 17. Dezember 2019 geltend gemacht habe, sei festzu-
stellen, dass die befragende Person durchaus auf sein Befinden eingegan-
gen sei. Es sei ihm mitgeteilt worden, dass die Anhörung auch verschoben
werden könne. Ausser dem Hinweis darauf, dass er für die Neuansetzung
der Anhörung mit längeren Wartezeiten rechnen müsse, seien ihm keinerlei
Nachteile in Aussicht gestellt worden. Nach einem Unterbruch der Anhö-
rung habe sich der Beschwerdeführer bereit gezeigt, mit dieser fortzufah-
ren. Selbst die anwesende Rechtsvertretung habe keinerlei Bedenken ge-
äussert. Der Vorwurf, der Beschwerdeführer sei unter Druck gesetzt wor-
den, damit die Anhörung fortgesetzt werde, sei somit nicht statthaft.
4.1.3 In der Replik wird in formeller Hinsicht ausgeführt, dass sämtliche
Aussagen der asylsuchenden Personen von Belang seien, somit auch die
Personalienaufnahme. An der Anhörung des Beschwerdeführers habe die
befragende Person den Beschwerdeführer in unangebrachter Weise ange-
gangen, nachdem er um eine kurze Pause gebeten habe. Schliesslich sei
daran festzuhalten, dass der Vorinstanz bei der Anhörung der Beschwer-
deführerin ein Verfahrensfehler unterlaufen sei und es sich nicht um einen
blossen Redaktionsfehler handle.
4.2 Das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass sich die for-
mellen Rügen als unbegründet erweisen.
4.2.1 Hinsichtlich des Protokolls der Personalienaufnahme ist festzustel-
len, dass anlässlich einer solchen jeweils standardisiert die Identität, Auf-
enthalte, verwandtschaftliche Beziehungen, der Besitz von Ausweispapie-
ren und Angaben zum Reiseweg erfasst werden. Dem schliessen sich je
nach Herkunftsland standardisierte sicherheitsrelevante Fragen zu
dschihadistischen Organisationen und persönlichen Übergriffen im Hei-
matstaat an. Eine Befragung zu den Asylgründen findet auch in summari-
scher Form nicht statt. Dass die Beschwerdeführerin sich im Rahmen der
Ergänzungsfragen zur Situation ihrer Familie und zu den Umständen des
Todes ihres Vaters geäussert hat, ändert an der Qualifizierung des Proto-
kolls als solches der Personalienaufnahme nichts (s. SEM Akte [...]-37/10
[nachfolgend A37/10] F5.06). Eine Unterzeichnungspflicht der Beteiligten
ergibt sich nur für das Protokoll der einlässlichen Anhörung nach Art. 29
AsylG (vgl. Abs. 3), welches jeweils rückübersetzt wird. Verfahrensfehler
des SEM im Zusammenhang mit der Personalienaufnahme oder deren
Verwertung lassen sich mithin nicht feststellen.
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4.2.2 Soweit moniert wird, das SEM habe die gesetzlich in Art. 26 AsylG
vorgesehene Frist für das Vorbereitungsverfahren, welche in der Regel
21 Tage beträgt, überschritten, ist festzustellen, dass es sich dabei, wie
bereits auf Vernehmlassungsebene vom SEM ausgeführt, lediglich um
eine Ordnungsfrist handelt. Die Nichteinhaltung der Frist wirkt sich grund-
sätzlich nicht per se auf die Rechtmässigkeit des materiellen Entscheids
aus, sondern kann allenfalls Auswirkungen auf die Triage des SEM haben,
welcher Verfahrenstyp (beschleunigtes Verfahren oder erweitertes Verfah-
ren) im konkreten Fall zur Anwendung gelangt. Vorliegend wurde die Ord-
nungsfrist von 21 Tagen gemäss Art. 26 Abs. 1 AsylG um 13 beziehungs-
weise 16 Tage überschritten. Unter Berücksichtigung dessen, dass die Be-
schwerdeführenden ohnehin dem erweiterten Verfahren zugewiesen wor-
den sind, ist ihnen durch die Überschreitung der Frist kein Nachteil erwach-
sen. Ein solcher wird vom Rechtsvertreter im Übrigen auch nicht geltend
gemacht.
4.2.3 Wie von der Vorinstanz eingeräumt, ist ihr bei der Bezeichnung der
beiden Anhörungen der Beschwerdeführerin ein redaktioneller Fehler un-
terlaufen. Hieraus ist ihr aber kein Nachteil entstanden, zumal sie insge-
samt, genau wie ihr Ehemann, im Rahmen von zwei Anhörungen (einer
Anhörung sowie einer ergänzenden Anhörung) eingehend zu ihren Asyl-
gründen angehört wurde.
4.2.4 Was den Vorwurf des Beschwerdeführers betrifft, er sei bei der An-
hörung vom 17. Dezember 2019 unter Druck gesetzt worden, ist auf die
Ausführungen des SEM in der Vernehmlassung zu verweisen; das Gericht
teilt diese Auffassung. Nachdem sich der Beschwerdeführer nach der Mit-
tagspause über Unwohlsein beklagt hat, ist er von der befragenden Person
auf die Möglichkeit des Abbruchs und Neuansetzung der Anhörung hinge-
wiesen worden. Wenn auch deren Ausdrucksweise etwas forsch erschei-
nen mag, ist sie auf sein Befinden eingegangen. Der Beschwerdeführer hat
sich anschliessend mit seiner Rechtsvertretung beraten und sich damit ein-
verstanden erklärt, die Anhörung fortzusetzen (SEM-Akte [...]-68/23 [nach-
folgend: A68/23] F139 ff.). Die anwesende Rechtsvertretung hatte offenbar
keine Einwände hierzu. Der Vorwurf, der Beschwerdeführer sei unter Druck
gesetzt worden, lässt sich nicht bestätigen.
4.3 Zusammengefasst besteht keine Veranlassung, die Sache aus formel-
len Gründen aufzuheben und zur Sachverhaltsergänzung beziehungs-
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weise Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbezüg-
liche Rechtsbegehren ist abzuweisen. Auf die erstellten Protokolle kann bei
der Beurteilung vollumfänglich abgestellt werden.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 m.w.H.).
6.
6.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz
aus, dass die Vorbringen nicht glaubhaft gemacht werden konnten. So wür-
den die Aussagen des Beschwerdeführers hinsichtlich seines Ausreise-
grundes Realkennzeichen vermissen lassen. An der Erstbefragung habe
er die Ereignisse lediglich aneinandergereiht, ohne dass eine persönliche
Note sichtbar gewesen wäre. An der Anhörung habe er sodann seine be-
reits getätigten Schilderungen in stereotyper Art und Weise ohne zusätzli-
che Details wiederholt. Seine Aussagen würden einen undifferenzierten
Eindruck hinterlassen und jegliche inhaltliche Besonderheiten vermissen
lassen. Beispielsweise würden individualisierte Aussagen, welche seine
persönliche Betroffenheit oder ein persönlich geprägtes Reaktionsmuster
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Seite 11
zum Ausdruck bringen würden, fehlen. Selbst als er explizit nach seinen
Empfindungen gefragt worden sei, habe er lediglich in stereotyper Art und
Weise wiederholt, er habe Angst gehabt und seine Ehefrau habe sich Sor-
gen gemacht, dass ihm dasselbe zustossen würde wie bereits ihrem Vater.
Des Weiteren falle auf, dass seine Antworten auch auf Nachfrage hin ins-
gesamt detailarm ausgefallen seien und jegliche Konkretheit oder An-
schaulichkeit vermissen lassen würden, welche vernünftigerweise verlangt
werden könne. So habe er auf die Frage, ob ihm vom nächtlichen Überfall
durch die Mitglieder des Barzani-Clans etwas Spezielles in Erinnerung ge-
blieben sei, lediglich ausführen können, dass er seine Beinprothese nicht
habe anziehen dürfen, bevor er ins Auto gebracht worden sei. Auf die Frage
hin, was die Männer gesprochen hätten, habe er geantwortet, nicht zuge-
hört zu haben. Die Fragen, ob etwas auf der Autofahrt passiert sei oder ob
er während der Fahrt etwas wahrgenommen hätte, habe er verneint. Dazu
aufgefordert den Raum, in dem er untergebracht worden sei, zu beschrei-
ben, habe er erneut in allgemeiner Art und Weise die Geschehnisse wie-
derholt. Wiederum auf den Raum angesprochen habe er sodann ausge-
führt, er könne nicht genau sagen, wie er den Raum wahrgenommen habe,
weil er nicht auf die Umgebung geachtet habe, der Raum sei aber hell ge-
wesen. Sodann habe er erneut den Ablauf der Geschehnisse zu schildern
begonnen. Aufgrund der insgesamt undifferenzierten und oberflächlichen
Angaben könne ihm nicht geglaubt werden, dass er Selbsterlebtes wieder-
gegeben habe. Es müsse davon ausgegangen werden, dass es sich bei
den geltend gemachten Vorbringen um einen konstruierten Sachverhalt
handle.
Weiter habe der Beschwerdeführer widersprüchliche Aussagen hinsichtlich
der Freilassung nach der Entführung durch den Barzani-Clan gemacht. Ei-
nerseits habe er vorgebracht, bei der Freilassung sei ihm ein sackartiger
Gegenstand über den Kopf gezogen worden und er sei mit den Männern
etwa zehn Minuten zu Fuss gegangen, bis man ihn freigelassen habe. An-
dererseits habe er angegeben, die Männer hätten ihn aus dem Raum in
ein Fahrzeug gebracht, mit welchem er an einen Ort gefahren worden sei,
an dem man ihn dann freigelassen habe.
Was die Aussagen der Beschwerdeführerin anbelangt, hielt das SEM fest,
dass diese wenig konkret ausgefallen seien. So sei sie an der Anhörung
aufgefordert worden, die Ereignisse rund um den Besuch der Asayesh-Mit-
glieder bei sich zu Hause zu schildern. Sie sei aber nicht auf die Frage
eingegangen und habe lediglich zu Protokoll gegeben, dass sie das Schrei-
ben, das sie von ihnen erhalten habe, fotografiert und ihrem Ehemann
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übermittelt habe. Auf erneute Aufforderung hin, die Situation zu beschrei-
ben, habe sie lediglich vorgebracht, dass zwei Männer ihr gesagt hätten,
sie müsse das Schreiben ihrem Ehemann geben. Weiterführende Erklä-
rungen habe sie keine anbringen können. Unter Berücksichtigung, dass es
sich hierbei um ein einschneidendes Erlebnis handle, das einen nachhalti-
gen Eindruck hinterlassen haben dürfte, sei es erstaunlich, dass sie den
Vorfall nicht näher habe schildern können.
Ausserdem sei ohnehin fraglich, ob eine Angehörige des Barzani-Clans
eine öffentliche Schule in der ARK besuchen würde. Es erscheine zudem
massiv übertrieben, dass der Clan den Beschwerdeführer des Hochverrats
bezichtigen und ihn verfolgen würde, nur weil er eine Angehörige des Clans
beim Betrug erwischt haben soll. Seine Erklärung, es sei um den Ruf des
Clans gegangen, überzeuge nicht. Auch die Erklärung der Beschwerdefüh-
rerin, bei den Barzanis handle es sich um einen Clan mit grossem politi-
schem Einfluss in der ARK, der gegen Personen, die seinen Ruf schädigen
könnten, vorgehen würde, überzeuge nicht.
Was die als Beweismittel eingereichten Akten betreffend die Berufsaus-
übung der Beschwerdeführenden betreffe, sei festzuhalten, dass an ihren
beruflichen Tätigkeiten keine Zweifel bestünden. Das Schreiben des Prü-
fungsamtes sowie der Prüfungsausweis der betreffenden Schülerin wür-
den aber nur als Kopien vorliegen und aufgrund der leichten Manipulier-
barkeit einen verminderten Beweiswert aufweisen. Die eingereichte Kopie
der Vorladung der Asayesh weise formelle Mängel auf, beispielsweise sei
nicht vermerkt, auf welchem Posten sich der Beschwerdeführer hätte mel-
den müssen, und der Briefkopf sowie die Nummer der Vorladung würden
fehlen. Ohnehin seien Beweismittel im Irak käuflich leicht erhältlich und
würden einen verminderten Beweiswert aufweisen.
Bei den weiteren von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Vorfäl-
len, ihr Vater sei im Jahre 1986 von der KDP umgebracht worden und ihre
Brüder seien zum Beitritt zur KDP aufgefordert worden, was diese verwei-
gert hätten, weswegen ihr Haus im Jahre 1995 niedergebrannt worden sei,
fehle es schliesslich an einem genügend engen zeitlichen und sachlichen
Kausalzusammenhang und mithin an der Asylrelevanz.
6.2 Die Beschwerdeführenden hielten dem in der Beschwerde entgegen,
es sei nicht nachvollziehbar, wie die Vorinstanz zum Schluss gelangt sei,
dass der Beschwerdeführer im Rahmen der Anhörung lediglich Gescheh-
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nisse ohne persönliche Note aneinandergereiht habe. Es sei vielmehr da-
von auszugehen, dass die befragende Person bereits vor Abschluss der
Befragungen zur Einsicht gelangt sei, dass der Beschwerdeführer lediglich
eine konstruierte Geschichte wiedergebe. Der Beschwerdeführer habe an
der Befragung auf persönliche, widerspruchslose und absolut nachvoll-
ziehbare Weise gespickt mit Details und Realkennzeichen Auskunft über
die fluchtauslösenden Ereignisse gegeben. Er sei zu Beginn der Anhörung
darauf aufmerksam gemacht worden, vollständige Aussagen zu machen,
woraufhin er möglichst detailliert auf die Fragen geantwortet und oft in der
direkten Rede gesprochen habe. Die befragende Person habe ihn darauf
hingewiesen, die direkte Rede nicht mehr so viel zu verwenden, sondern
nur die wichtigsten Punkte zu erwähnen. Weiter sei er angehalten worden,
nicht jedes Detail anzugeben, da es nur um die wichtigsten Punkte gehe.
Die Befragung sei sodann auch abrupt abgebrochen worden. Es könne
aber nicht angehen, dass ihm einerseits nahegelegt werde, er solle sich
kürzer fassen, um ihm dann in der Verfügung vorzuwerfen, seine Aussagen
seien unpersönlich und würden Realkennzeichen vermissen lassen. In Be-
zug auf die eingehende Anhörung vom 17. Dezember 2019 sei festzuhal-
ten, dass der Beschwerdeführer klar zum Ausdruck gebracht habe, dass
es ihm nicht gut gehe und er sich nicht voll konzentrieren könne. Dass es
ihm an der Anhörung gesundheitlich nicht gut gegangen sei und er sich
nicht habe konzentrieren können, dürfe nicht zu seinem Nachteil verwen-
det werden. Dass er die Ereignisse auf die gleiche Weise wiedergegeben
habe, spreche für die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen. Er habe alle rele-
vanten Szenen plausibel geschildert und, entgegen des vorinstanzlichen
Vorwurfs, inhaltliche Besonderheiten erwähnt. Soweit die Vorinstanz vor-
bringe, es fehle an individualisierten Aussagen, sei festzuhalten, dass er
ein zurückhaltender und analytischer Mensch sei. Er habe an der Befra-
gung mehrmals seine persönliche Betroffenheit zum Ausdruck gebracht.
Dass er beispielsweise nichts über den Raum, in den er verbracht worden
sei, habe berichten können, liege daran, dass ihm ein Sack über den Kopf
gezogen worden sei und zum Zeitpunkt, als sie den Sack entfernt hätten,
die Befragung begonnen habe, woraufhin er sich auf die Fragen und die
Männer konzentriert habe. Er habe sich in einer extremen Stresssituation
befunden, unter anderem weil einer der Männer ihn mit einer Pistole be-
droht habe. Es sei nicht klar, was er emotional sonst noch zum Ausdruck
hätte bringen sollen, zumal er an mehreren Stellen der Anhörung ausge-
führt habe, welche Ängste er gehabt und welche Gedanken er sich ge-
macht habe.
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Was den von der Vorinstanz festgestellten Widerspruch in Bezug auf die
Freilassung des Beschwerdeführers anbelange, sei festzuhalten, dass es
sich dabei um eine leichte und einmalige Abweichung in seinen Aussagen
handle, die entschuldbar sei.
Bezüglich des vorinstanzlichen Vorwurfs, die Beschwerdeführerin habe le-
diglich wenig konkrete Aussagen getroffen, sei anzuführen, dass die Vor-
instanz offensichtlich nur ihre Ausführungen zu den Asayesh bemängle.
Ihre übrigen Aussagen seien aber nicht in Frage gestellt worden. Insge-
samt seien ihre Vorbringen denn auch als stimmiges Ganzes zu werten.
Die Ausführungen würden genügend Realkennzeichen und keine Wider-
sprüche aufweisen. In Bezug auf den Besuch der Asayesh sei nicht ersicht-
lich, was die Beschwerdeführerin noch für Angaben hätte machen sollen.
Insbesondere habe sie an der ergänzenden Anhörung vom 20. Januar
2020 weitere ausführende Bemerkungen zum Vorfall gemacht.
Ausserdem stelle die Aussage der Vorinstanz, dass Angehörige des
Barzani-Clans nicht die öffentliche Schule besuchen würden, eine blosse
Behauptung dar. Bei den Barzanis handle es sich um einen Clan, der seit
Jahren die Regierung in der ARK bilde und das dortige Geschehen be-
stimme. Wer sich gegen den Clan stelle und dessen Ruf beeinträchtige,
lande meist im Gefängnis oder werde beseitigt. Ausserdem werde der
Asayesh vom Barzani-Clan kontrolliert. Der Versuch des Prüfungsbetrugs
der Schülerin sei ausserdem keine Bagatelle gewesen. Da es sich um Wie-
derholungsprüfungen gehandelt habe, hätte sie das Schuljahr nicht ab-
schliessen können, dieses wiederholen müssen und hätte als Betrügerin
dagestanden – eine Schande, die von der Familie nicht akzeptiert worden
wäre.
Schliesslich würden die Beweismittel die Vorbringen der Beschwerdefüh-
renden untermauern. Dass der Beschwerdeführer nicht wisse, wie eine
Vorladung aussehen müsse, dürfe ihm nicht zur Last gelegt werden. Aus-
serdem lade der Asayesh auch auf mündliche Art und Weise Personen zu
Verhören vor.
Insgesamt seien die Asylgründe glaubhaft und nachvollziehbar dargelegt
worden. Es gebe keine Gründe, wieso die Fluchtgründe erfunden sein soll-
ten, zumal sowohl der Beschwerdeführer als auch die Beschwerdeführerin
eine sehr gute Arbeitsstelle gehabt hätten und ihr komfortables Leben in
ihrer Heimat nicht freiwillig aufgegeben hätten.
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6.3 In der Vernehmlassung wurde in materieller Hinsicht ausgeführt, dass
an der Anhörung vom 25. November 2019 dem Beschwerdeführer im Rah-
men der freien Erzählung seiner Asylgründe genügend Raum gegeben
worden sei, ohne unterbrochen zu werden. Es sei ausserdem die anwe-
sende Rechtsvertretung gewesen, die den Beschwerdeführer unterbro-
chen habe, mit dem Hinweis darauf, er solle die Mittagspause bei seiner
Erzählung miteinberechnen. Erst anschliessend habe die befragende Per-
son den Beschwerdeführer darauf hingewiesen, die direkte Rede weniger
zu benutzen. Nach der Mittagspause habe sie denselben Hinweis noch
einmal angebracht, als er sich in der Schilderung eines Telefongesprächs
in der direkten Rede verloren habe. An der Befragung vom 17. Dezember
2019 sei der Beschwerdeführer lediglich drei Mal unterbrochen worden,
wobei es sich jeweils um Verständigungsfragen gehandelt habe. Es könne
somit nicht davon gesprochen werden, dass er unter Druck gesetzt worden
wäre.
6.4 In der Replik wird von den Beschwerdeführenden in materieller Hinsicht
ausgeführt, dass es keinen Sinn mache, diese Geschichte zu erfinden, und
dass sie nicht geflüchtet wären, hätten sie eine andere Wahl gehabt.
7.
7.1 Das Gericht teilt nach Prüfung der Akten im Ergebnis die Einschätzung
der Vorinstanz, dass die Beschwerdeführenden ihre Flüchtlingseigenschaft
nicht glaubhaft machen konnten respektive eine asylrelevante Verfolgung
im Heimatstaat zu verneinen ist.
7.2 Zwar wirkt die Erzählweise des Beschwerdeführers an den beiden An-
hörungen auf den ersten Blick durchaus ausführlich und detailliert. Seine
Schilderungen fielen durch die Verwendung der direkten Rede im Zusam-
menhang mit der Widergabe von Gesprächen äusserst umfangreich aus.
Sodann hat der Beschwerdeführer in seinem freien Vortrag auch vermeint-
liche Nebensächlichkeiten wiedergegeben, was unter Umständen als Re-
alkennzeichen gewertet werden kann. Insofern sind die Erwägungen der
Vorinstanz zu relativieren. Gleichwohl teilt das Bundesverwaltungsgericht
die Gesamteinschätzung der Vorinstanz, dass es sich bei der vorgetrage-
nen Fluchtgeschichte um eine konstruierte handelt. Trotz der ausführlichen
Erzählweise gelingt es nämlich weder dem Beschwerdeführer noch der Be-
schwerdeführerin, in Bezug auf die Bedrohungslage im Heimatstaat ein
nachvollziehbares, plausibles und in sich stimmiges Bild des Erlebten zu
zeichnen. In diesem Zusammenhang ist zunächst festzuhalten, dass der
Beschwerdeführer anlässlich beider Anhörungen den Sachverhalt im freien
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Vortrag nahezu identisch wiedergegeben hat, dies auch sofern er Details
geschildert hat. Auch die Beschwerdeführerin kommt in ihrem freien Vor-
trag der Wortwahl ihres Ehemannes teilweise auffallend nah. Die bereits
erwähnten «Nebensächlichkeiten» in den Schilderungen des Beschwerde-
führers wurden von der Beschwerdeführerin ebenfalls als solche aufgegrif-
fen. Dies betrifft beispielsweise die Erwähnung, dass der Beschwerdefüh-
rer nach seiner Festnahme in einem Taxi nach Hause gekommen sei und
wieder nach unten habe gehen wollen, um das Taxi zu bezahlen. Dies habe
aber die in der Wohnung zu diesem Zeitpunkt anwesende Nachbarin getan
(Anhörung Beschwerdeführerin, SEM-Akte [...]-67/13 [nachfolgend:
A67/13] F45, Anhörung Beschwerdeführer, SEM-Akte [...]-64/16 [nachfol-
gend: A64/16] F59). Sodann erwähnte die Beschwerdeführerin beispiels-
weise, dass ihr Mann sich wegen der erfolgten Vorladung auf den Weg zu
den Asyesh gemacht habe, wobei er das Vorladungspapier, seine ID-Karte
und etwas Geld mitgenommen habe (act. A67/13 F45). Auch der Be-
schwerdeführer erwähnte im freien Vortrag, dass er das Papier, seine ID-
Karte und etwas Geld mitgenommen habe (act. A68/23 F142).
Was seine als einschneidend zu wertende Festnahme durch die Männer
des Barzani-Clans anbelangt, welche er mit zahlreichen Gesprächen in der
direkten Rede geschildert hat (act. A64/16 F56 S. 10), fehlt es in verschie-
denen Aspekten an individuellen Eindrücken, Emotionen und einer persön-
lichen Betroffenheit. So machte der Beschwerdeführer beispielsweise gel-
tend, die in seine Wohnung eingedrungen Männer hätten seine Ehefrau
gegen einen Türrahmen gestossen, sodass er geschrien habe, sie hätten
seine Ehefrau getötet (act. A64/16 F56 S. 10). Auch die Ehefrau bestätigte,
dass sie nach einem Angriff auf ihre Person gegen einen Rahmen geprallt,
ohnmächtig geworden und erst wieder zu sich gekommen sei, als der Be-
schwerdeführer bereits weggewesen sei (act A67/13 F45). Dennoch hat
der Beschwerdeführer auf die Frage, was er sich im Anschluss während
des Transportes zu den Räumlichkeiten des Barzani-Clans überlegt habe,
lediglich vage Angaben dahingehend gemacht, dass er diese Verhaftung
mit dem Betrugsversuch der Schülerin in Zusammenhang gebracht habe
(vgl. act. A68/23 F85). Hingegen stellte er offensichtlich keine Überlegun-
gen dazu an, wie es um seine Ehefrau bestellt sei und um seine kleine
Tochter, die als Einzige mit ihnen in der Wohnung anwesend gewesen sein
soll. Seine Art der Schilderung vermittelt insgesamt den Eindruck eines von
den Beschwerdeführenden einstudierten Sachverhalts.
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7.3 Diese Ansicht wird dadurch verstärkt, als die Schilderungen des Be-
schwerdeführers zu seinen Fluchtgründen überdies nicht logisch und nach-
vollziehbar sind. Zum einen erscheint es, trotz respektive gerade wegen
des grossen politischen Einflusses des Barzani-Clans in der Tat nicht plau-
sibel, dass dieser aufgrund eines misslungenen Betrugsversuchs einer An-
gehörigen auf (...)schulebene derart weitreichende Massnahmen ergreifen
würde und zudem innerhalb einer äusserst kurzen Zeitspanne von einem
respektive zwei Tagen sowohl die Asayesh als auch das Erziehungsminis-
terium in der von den Beschwerdeführenden beschriebenen Art und Weise
involviert haben könnte.
Sodann erschliesst sich aus dem Vorbringen des Beschwerdeführers nicht,
welcher Zusammenhang zwischen dem Barzani-Clan und den Asayesh,
die bereits zwei Tage später eine offizielle Ermittlung gegen ihn eingeleitet
haben sollen, besteht, und woher er wisse, dass die Entführer vom Clan
beauftragt worden seien. Nicht vereinbar mit seinen Ausführungen zur For-
derung des Clans, er solle den Asayesh beziehungsweise dem Ermitt-
lungskomitee eine andere Version der Vorkommnisse erzählen, ist ausser-
dem, dass er auf Beschwerdeebene ausführt, der Clan würde die Asayesh
kontrollieren (Beschwerde S. 15). Wenn dem so wäre, wäre eine Unter-
drucksetzung des Beschwerdeführers durch den Clan gar nicht notwendig
gewesen.
Ebenfalls unplausibel mutet es an, dass nur der Beschwerdeführer und
nicht auch der Leiter des Saales beziehungsweise die anderen Aufseher,
die das Protokoll die Schülerin betreffend verfasst beziehungsweise unter-
schrieben haben sollen, belangt worden sind (act. A68/23 F153). Dass die
beiden anderen Personen ihm die Tat in die Schuhe hätten schieben wol-
len, ist lediglich eine Vermutung des Beschwerdeführers, die er nicht plau-
sibel machen konnte (act. A68/23 F153, 156 f.). Auch dass er sich bei den
anderen beiden involvierten Personen vor dem weitreichenden Entschluss,
mit der gesamten Familie auszureisen, nicht erkundigt haben soll, ob sie
ebenfalls Probleme erhalten haben, ist kein nachvollziehbares Verhalten
(act. A68/23 F158 f.). Zudem widerspricht sich der Beschwerdeführer hin-
sichtlich seiner eigenen Funktion an den Prüfungen, indem er einerseits
ausführt, der Bericht sei vom Leiter des Prüfungssaals verfasst und unter-
schrieben worden (act. A68/23 F25); er selbst sei lediglich Aufsichtsperson
gewesen (act. A68/23 F44). Andererseits bringt er später vor, er selbst sei
der «Führer» und somit die oberste Person der Prüfungsaufsicht gewesen
(act. A68/23 F58 ff.).
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Weiter ist nicht nachzuvollziehen, dass der Beschwerdeführer, ein offen-
sichtlich gebildeter Mann, das Schreiben, welches er auf dem Asayesh-
Posten habe unterschreiben müssen, nicht gelesen habe, und somit des-
sen Inhalt nicht kennen will, aber dennoch gesehen habe, dass sein Name
darauf stehe (act. A68/23 F178).
7.4 Wie auch bereits von der Vorinstanz festgestellt, besteht schliesslich
ein wesentlicher Widerspruch in den Ausführungen des Beschwerdefüh-
rers, was seine Freilassung aus den Händen der Angehörigen des Barzani-
Clans anbelangt. Zum einen führt er an der Erstbefragung aus, die besag-
ten Personen hätten ihm eine Mütze übergezogen, seien zehn Minuten mit
ihm gelaufen und hätten ihn dann freigelassen. Von dort aus habe er mit
einem Taxi nach Hause fahren können (act. A64/16 F59, F133). Auch führte
er einerseits aus, er sei bei seiner Freilassung von einem einzigen Mann
begleitet worden (act. A64/16 F59), andererseits sprach er von mehreren
Personen, die ihn zu Fuss begleitet hätten (act. A68/23 F133). Hierzu wi-
dersprüchlich führte er aus, von den Personen in einem Fahrzeug an einen
Ort gefahren worden zu sein, an dem er dann entlassen worden sei
(act. A68/23 F107 ff.). Ebenfalls nicht stimmig ist, dass er einerseits vor-
brachte, in der Nacht entlassen worden zu sein (act. A68/23 F108), es aber
Morgen gewesen sein soll, als er zu Hause angekommen sei (act. A67/13
F45; SEM-Akte [...]-80/11 [nachfolgend: act. A80/11] F10 S. 4) – zumal er
sich nach seiner Ankunft zu Hause um etwa 10 Uhr (act. A68/23 F106)
beziehungsweise 10.30 Uhr zu den Asayesh aufgemacht habe
(act. A64/16 F59). Davon ausgehend, dass er in der Nähe von O._
und P._ (s. act. A64/16 F74) festgehalten worden, bei der Entfüh-
rung etwa eine halbe Stunde bis vierzig Minuten mit dem Auto gefahren
(act. A68/23 F80) und etwa eine Stunde festgehalten worden sein soll
(act. A68/23 F122), geht seine Schilderung in zeitlicher Hinsicht nicht auf.
Selbst unter Berücksichtigung seines Unwohlseins an der Anhörung sind
die genannten Widersprüche und Ungereimtheiten als wesentlich zu be-
zeichnen. Unter diesen Umständen vermochte der Beschwerdeführer ins-
besondere die Umstände seiner Entführung und der Freilassung nicht
glaubhaft zu machen.
7.5 Die älteren Töchter der Beschwerdeführenden wurden ebenfalls im
vorinstanzlichen Verfahren angehört, wobei die zum Zeitpunkt der Anhö-
rung (...)-jährige Tochter F._ angab, sie selbst habe keine Probleme
im Heimatstaat gehabt und sei wegen der Gründe ihres Vaters ausgereist.
Auf die Frage hin, ob sie wisse, warum ihre Eltern den Heimatstaat verlas-
sen hätten, antwortete sie, das Problem nicht vollumfänglich zu kennen,
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nur unterwegs sei ihr bei der Ausreise kurz erzählt worden, weshalb sie
das Land hätten verlassen müssen. Der Vater habe Probleme mit den
Asayesh, den Sicherheitsbehörden, mit den Barzani-Leuten und mit dem
Erziehungsamt gehabt (SEM-Akte [...]-65/6 F36). Die (...) jüngere
Schwester C._ hat anlässlich ihrer Anhörung ebenfalls geltend ge-
macht, am Tag der Ausreise, als sie bereits unterwegs gewesen seien,
habe sie erfahren, dass ihr Vater Probleme gehabt habe. Auf die Frage,
was für Probleme ihr Vater im Heimatstaat gehabt habe, gab sie im Wort-
laut ihrer Schwester nahezu gleichlautend an, der Vater habe Probleme mit
den Asayesh, dem Erziehungsamt und den Angehörigen von Barzani ge-
habt (SEM-Akte [...]-66/7 F37), ohne weitere Angaben hierzu zu machen.
Abgesehen von der praktisch wortgetreuen Übereinstimmung lassen die
Antworten der beiden Töchter, die während der Anhörung nicht mehr im
Kindesalter waren, sondern nahe dem Erwachsenenalter, jede Reflektion
über die Situation der Familie und insbesondere die eigene Situation ver-
missen. Dies scheint auch unter Berücksichtigung des kulturellen Kontexts
nicht nachvollziehbar und wenig authentisch.
7.6 Was die Beweismittel anbelangt, kann auf die Ausführungen der Vor-
instanz verwiesen werden. Die Beweismittel sind nicht geeignet, die gel-
tend gemachte Verfolgungssituation zu belegen. In Bezug auf die in Kopie
eingereichte «Vorladung» der Asayesh mutet es in der Tat seltsam an, dass
diese beispielsweise keinen Ort nennt, an welchem sich der Beschwerde-
führer einzufinden hatte. Der Beschwerdeführer wurde auf diese Unstim-
migkeit angesprochen und führte in diesem Zusammenhang aus, er habe
sich zu einem Posten der Asayesh begeben, von welchem er vermute,
dass es der richtige sei (vgl. act. A68/23 F145).
7.7 Zusammenfassend ist es den Beschwerdeführenden nicht gelungen,
ihre Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu
machen. Die Vorinstanz hat ihr Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
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solchen (Art. 32 AsylV1). Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
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Seite 21
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
«real risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl.
Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Nachdem es den Beschwerdeführenden
nicht gelungen ist, eine Verfolgung nachzuweisen oder auch nur glaubhaft
zu machen, ist diese Voraussetzung nicht erfüllt. Ferner lässt die allge-
meine Menschenrechtssituation im Gebiet des «Kurdistan Regional
Government (KRG)» den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt
nicht als unzulässig erscheinen (vgl. den als Referenzurteil publizierten
Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer] E-3737/2015 vom
14. Dezember 2015 E. 6.3, mit Hinweis auf E-847/2014 vom 13. April 2015;
vgl. E-6504/2018 vom 11. Dezember 2018 E. 7.2.2). Nach dem Gesagten
ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der
völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.4.1 In seinem Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015
(E. 7.4) bestätigte das Bundesverwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5
publizierte Praxis zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in
die kurdischen Provinzen im Nordirak. Es hielt dabei Folgendes fest: In den
vier Provinzen des KRG – das betreffende Gebiet wird seit Anfang 2015
durch die Provinzen Dohuk, Erbil, Suleimaniya sowie der von Letzterer ab-
gespalteten Provinz Halabja gebildet – sei nicht von einer Situation allge-
meiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen, und es lägen
keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass sich dies in absehbarer Zeit
massgeblich ändern würde. Diese Einschätzung hat nach wie vor Gültig-
keit. Die langjährige Praxis im Sinne von BVGE 2008/5 für aus dem KRG-
Gebiet stammende Kurdinnen und Kurden bleibt somit weiterhin anwend-
bar. Besonderes Gewicht ist angesichts der Belastung der behördlichen
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Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene («Internally Displaced Per-
sons» [IDPs]) dem Vorliegen begünstigender individueller Faktoren beizu-
messen (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-2775/2020 vom 8. Juli 2020
E. 8.3.2; D-787/2020 vom 17. April 2020 E. 7.3; D-7151/2018 vom 25. Feb-
ruar 2020 E. 7.4.4, m.w.H.; E-2855/2018 vom 14. Januar 2019 E. 5.6.1;
D-1779/2016 vom 6. Dezember 2018 E. 7.3.2; BVGE 2008/5 E. 7.5). Die
Anordnung des Wegweisungsvollzugs setzt insbesondere voraus, dass die
betreffenden Personen ursprünglich aus der Region stammen oder längere
Zeit dort gelebt haben und dort über ein soziales Beziehungsnetz (Familie,
Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu den herr-
schenden Parteien verfügen. Andernfalls dürfte eine soziale und wirtschaft-
liche Integration in die kurdische Gesellschaft nicht gelingen, da der Erhalt
einer Arbeitsstelle oder von Wohnraum weitgehend von gesellschaftlichen
und politischen Beziehungen abhängt (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5; ausführ-
lich zudem Urteil des BVGer E-6430/2016 vom 31. Januar 2018 E. 6.4.1 ff.,
m.w.H.). Unter Beachtung der genannten Grundsätze qualifiziert das Ge-
richt auch den Vollzug der Wegweisung von Familien mit Kindern in die
KRG-Region nicht als grundsätzlich unzumutbar (vgl. das Urteil BVGer
E-7174/2018 vom 14. Februar 2020 E. 8.3.5 mit Hinweisen auf entspre-
chende Entscheide).
9.4.2 Die Beschwerdeführenden lebten bis zu ihrer Ausreise Ende August
2019 in Dohuk. Gemäss eigenen Aussagen verfügt sowohl der Beschwer-
deführer mit der Mutter und Cousins in Dohuk (act. A64/16 F28 und F38)
als auch die Beschwerdeführerin mit der Mutter, Geschwistern und Onkel,
(vgl. act. A67/13 F24 ff.) über nahe Familienmitglieder und weitere Ver-
wandte in Dohuk beziehungsweise der ARK. Demnach kann davon ausge-
gangen werden, dass die Beschwerdeführenden dort über ein tragfähiges
Beziehungsnetz verfügen, auf dessen Unterstützung sie zählen können.
Es liegen überdies keine Anhaltspunkte für relevante gesundheitliche Prob-
leme vor und beide verfügen über eine sehr gute Schul- und Berufsbildung
sowie langjährige Berufserfahrung.
9.4.3 Insgesamt sind keine Aspekte ersichtlich, die darauf schliessen las-
sen würden, dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr aus per-
sönlichen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Art in
eine existenzielle Notlage geraten würden.
9.4.4 Sind von einem Wegweisungsvollzug (auch) minderjährige Kinder
betroffen, ist bei der Beurteilung der Zumutbarkeit desselben der Aspekt
des Kindeswohls zu berücksichtigen.
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9.4.4.1 Unter dem Aspekt des Kindeswohls im Sinne von Art. 3 Abs. 1 KRK
sind im Rahmen der Prüfung der Zumutbarkeit des Vollzugs sämtliche Um-
stände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegwei-
sung wesentlich erscheinen. In Bezug auf das Kindeswohl sind für ein Kind
namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer gesamtheitlichen Beurtei-
lung von Bedeutung: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität,
Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen
(insbesondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prog-
nose bezüglich Entwicklung/Ausbildung, sowie der Grad der erfolgten In-
tegration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade letzterer
Aspekt, die Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hinblick auf die
Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Reintegration beziehungs-
weise Integration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu
werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem einmal vertrauten
Umfeld herausgerissen werden sollten. Dabei ist aus entwicklungspsycho-
logischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes
(d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige
soziale Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke
Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben,
indem eine starke Assimilierung in der Schweiz eine Entwurzelung im Hei-
matstaat zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr
dorthin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. dazu BVGE 2009/51 E. 5.6
und 2009/28 E. 9.3.2).
9.4.4.2 Das jüngere Kind der Beschwerdeführer ist drei Jahre alt und dürfte
in erster Linie an seinen Eltern und Geschwistern orientiert sein. Die ältere
Tochter befindet sich in der Phase der Adoleszenz und dürfte sich mit einer
Rückkehr in das Heimatland schwerer tun. Da beide Kinder jedoch mit ih-
ren Geschwistern und Eltern im Familienverband in den Nordirak zurück-
kehren werden, wo sie über ein tragfähiges familiäres Netz verfügen, wer-
den auch sie sich im Nordirak zurechtfinden können. Abgesehen von der
nur rund einjährigen Dauer des Aufenthalts in der Schweiz lassen sich den
Akten keine Anhaltspunkte für eine besondere Verwurzelung der Kinder in
der Schweiz entnehmen. Es besteht kein Grund zur Annahme, sie hätten
sich in der Schweiz bereits derart stark assimiliert, dass eine Reintegration
im Heimatland verunmöglicht würde oder unzumutbar wäre. Es kann da-
von ausgegangen werden, dass die Kinder aufgrund des Zusammenle-
bens mit den Eltern und dem längeren vorangehenden Aufenthalt im Nord-
irak mit der dortigen Kultur und Sprache vertraut sind, weshalb ihnen die
Reintegration im Heimatland ohne grössere Probleme gelingen dürfte.
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9.4.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung für die
gesamte Familie als zumutbar.
9.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang mit der weltweiten Aus-
breitung der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) sind aufgrund ihrer vorüber-
gehenden Natur nicht geeignet, die obigen Schlussfolgerungen in Frage zu
stellen. Würden diese im vorliegenden Fall den Vollzug der Wegweisung
vorübergehend verzögern, so würde dieser zwangsläufig zu einem späte-
ren, angemessenen Zeitpunkt erfolgen (vgl. statt vieler: Urteil der BVGer
E-895/2020 vom 15. April 2020 E. 9.6).
9.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG)
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung
vom 8. Mai 2020 wurde jedoch das Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen, weshalb keine Verfah-
renskosten zu erheben sind.
11.2 Ebenfalls mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2020 wurde das Ge-
sucht um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und der rubrizierte
Rechtsvertreter lic. iur. Roger Kuhn als amtlicher Rechtsbeistand einge-
setzt. Eine Kostennote wurde nicht eingereicht. Auf die Nachforderung ei-
ner solchen kann indessen verzichtet werden, weil der Vertretungsaufwand
zuverlässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). In Anwendung der
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genannten Bestimmung und unter Berücksichtigung der massgeblichen
Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) ist dem Rechtsvertreter ein Honorar
im Umfang von Fr. 1’500.– (inkl. Auslagen) zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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