Decision ID: caf08d75-0d9d-43a9-b50a-4b7bef06b520
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2020 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu einer
Rente der Invalidenversicherung an (EL-act. 46), die ihm mit einer Verfügung vom 25.
Februar 2020 rückwirkend per 1. Oktober 2018 zugesprochen worden war (vgl. EL-act.
41). Mit einer Verfügung vom 24. April 2020 sprach die EL-Durchführungsstelle dem
EL-Ansprecher ebenfalls rückwirkend ab dem 1. Oktober 2018 eine
Ergänzungsleistung zu (EL-act. 40). Bei der Anspruchsberechnung hatte sie die
kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung, die
Nichterwerbstätigenbeiträge an die AHV, an die IV und an die EO, die Pauschale für
den allgemeinen Lebensbedarf sowie einen „Mietzins“ von einem Drittel des
Eigenmietwertes des von den Eltern des EL-Ansprechers bewohnten Hauses (bei
denen der EL-Ansprecher lebte) als Ausgaben und die Renten der
Invalidenversicherung und der obligatorischen Unfallversicherung, einen Fünfzehntel
des nach Abzug des Freibetrages verbleibenden Sparguthabens sowie einen
Vermögensertrag von zwei Franken als Einnahmen berücksichtigt (EL-act. 34 ff.). Das
Sparvermögen hatte sich am Ende des Jahres 2018 auf knapp 20’000 Franken
belaufen (vgl. EL-act. 37). Infolge der Nachzahlungen von Rentenleistungen der
Invalidenversicherung und der obligatorischen Unfallversicherung sowie von
Ergänzungsleistungen hatte es sich per Ende April 2020 auf 84’422 Franken erhöht
(vgl. EL-act. 34).
A.a.
Am 11. Mai 2020 teilte die Mutter des EL-Bezügers der EL-Durchführungsstelle
telefonisch mit (EL-act. 33), ihr Sohn habe nun viele Jahre „gratis“ bei ihnen gelebt,
A.b.
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weshalb er jetzt eine Rückzahlung an die Eltern leisten werde. Am 12. Mai 2020 liess
der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung vom 24. April 2020 erheben (EL-
act. 31). Er liess geltend machen, die Nachzahlungen von
Sozialversicherungsleistungen dürften sich nicht auf die EL-Anspruchsberechnung
auswirken, denn er könne ja nichts dafür, dass die Abklärungen so lange gedauert
hätten und dass man deshalb längst geschuldete Leistungen habe nachzahlen
müssen. Die Eltern hätten ihn seit dem Jahr 2017 unterstützt und seine Ausgaben
vorfinanziert. Am 27. August 2020 liess der EL-Bezüger eine Aufstellung über Kosten
einreichen (EL-act. 26), die in der Zeit von Juni 2017 bis und mit März 2020 angefallen
waren. Diese Kosten umfassten Versicherungsprämien, Wehrpflichtersatzabgaben,
Rechnungen für medizinische Leistungen, Ausgaben für den PKW-Führerausweis,
Ausgaben für verschiedene Reisen sowie einen Mietzinsanteil für 32 Monate und einen
Anteil an die Lebenshaltungskosten für 38 Monate. Das Total belief sich auf 71’638.65
Franken. Die EL-Durchführungsstelle wies am 8. September 2020 darauf hin (EL-act.
25), dass Unterlagen fehlten, die eine Rückerstattungspflicht des EL-Bezügers zum
Zeitpunkt der Zahlungen belegen würden (EL-act. 25). Der EL-Bezüger liess am 29.
September 2020 geltend machen, solche Belege existierten nicht (EL-act. 24). Mit
einem Entscheid vom 26. November 2020 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache ab (EL-act. 22). Zur Begründung führte sie an, die angebliche
Rückerstattungspflicht des EL-Bezügers sei weder schriftlich definiert noch gegenüber
den Steuerbehörden deklariert worden, weshalb überwiegend wahrscheinlich davon
auszugehen sei, dass ursprünglich keine solche Rückerstattungspflicht bestanden
habe. Von den Nachzahlungen der Sozialversicherungen könne folglich kein
entsprechender Abzug vorgenommen werden. Sollte der EL-Bezüger seinen Eltern die
nicht einwandfrei belegten Schulden zurückzahlen, werde dies als ein
Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG qualifiziert werden müssen.
Dieser Einspracheentscheid erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Im Januar 2021 ging der EL-Durchführungsstelle ein Beleg zu, laut dem der EL-
Bezüger seinen Eltern am 31. August 2020 einen Betrag von 77’500 Franken
überwiesen hatte (EL-act. 16–2). Mit einer Verfügung vom 12. Januar 2021 setzte die
EL-Durchführungsstelle die laufende Ergänzungsleistung, die mit einer Verfügung vom
18. Dezember 2020 per 1. Januar auf 777 Franken pro Monat erhöht worden war (EL-
A.c.
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B.
act. 20), mit Wirkung auf den 1. Februar 2021 auf 716 Franken herab (EL-act. 14). Dem
Berechnungsblatt zur Verfügung (EL-act. 13) liess sich – im Vergleich mit jenem zur
Verfügung vom 18. Dezember 2020 (EL-act. 18) – entnehmen, dass die EL-
Durchführungsstelle neu anstatt eines Sparguthabens von 84’422 Franken und eines
Sparzinses von zwei Franken ein Sparguthaben von 17’566 Franken, ein Verzichts
vermögen von 77’500 Franken, einen Sparzins von zwei Franken und einen (fiktiven)
Verzichtsvermögensertrag von 29 Franken berücksichtigt hatte. Am 12. Februar 2021
liess der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung vom 12. Januar 2021
erheben (EL-act. 11). Er liess geltend machen, es sei schade, dass die EL-
Durchführungsstelle nicht anerkenne, dass ein über 20 Jahre alter Mann nicht
vollumfänglich auf Kosten der Eltern leben könne. Es müsste doch möglich sein,
wenigstens die Hälfte des Betrages als Rückerstattung anzuerkennen. Stossend sei
auch, dass die „Amortisation“ erst ab dem Jahr 2022 zu laufen beginne. Der Betrag
des Verzichtsvermögens müsse schon im Jahr 2021 erstmals reduziert werden. Mit
einem Entscheid vom 8. April 2021 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab
(EL-act. 7). Zur Begründung führte sie an, da die Rückerstattungspflicht respektive die
entsprechende Schuld des EL-Bezügers nicht belegt sei, habe er die Zahlung von
77’500 Franken an seine Eltern ohne eine rechtliche Verpflichtung geleistet, weshalb
diese als ein Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG zu qualifizieren
sei.
Am 19. April 2021 liess der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 8. April 2021 erheben (act. G 1).
Seine ihn vertretenden Eltern beantragten die folgenden Korrekturen: „Die
Rückerstattung der Lebenskosten [...] über 77’500 Franken ist nicht vollumfänglich,
sondern zu 50 Prozent als Vermögensverzicht zu betrachten; die Amortisation des
geduldeten Vermögensverzichtes startet bereits 2021 (und nicht erst ab 2022)“. Zur
Begründung führten sie aus, ihr Sohn habe im Oktober 2016 einen Unfall erlitten, bei
dem er sich schwere Hirnverletzungen zugezogen habe. Bis zum Abschluss des IV-
Rentenverfahrens im Frühjahr 2020 habe er vollumfänglich auf Kosten der Eltern gelebt.
Die Nachzahlungen von Sozialversicherungsleistungen hätten es ihm ermöglicht, die
aufgelaufenen Schulden von 77’500 Franken zurückzuerstatten. Weshalb die EL-
B.a.
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Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Auch beim Einspracheverfahren hat es
sich um ein („echtes“) Rechtsmittelverfahren gehandelt, das heisst sein Zweck hat sich
in der Überprüfung der Verfügung vom 12. Januar 2021 auf deren Rechtmässigkeit
erschöpft, was bedeutet, dass sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprochen haben muss. Auf den ersten Blick scheint die
Beschwerdegegnerin mit ihrer Verfügung vom 12. Januar 2021 (nur) auf eine
Sachverhaltsveränderung, nämlich auf eine Veränderung der Vermögenssituation des
Beschwerdeführers, reagiert zu haben. Dieser Eindruck täuscht aber. Zwar hat die
Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) das nicht akzeptiere, sei
nicht einzusehen. Ein Vertrag könne auch mündlich geschlossen werden. Die
Argumentation, die Schulden hätten gegenüber den Steuerbehörden deklariert werden
müssen, sei abwegig. Die Eltern hätten ja gar nicht wissen können, ob der
Beschwerdeführer jemals eine Nachzahlung erhalten werde. Zudem habe die
Beschwerdegegnerin ja einen anteiligen „Mietzins“ berücksichtigt. Dieser „Mietzins“
könne nicht nur für die Zukunft geschuldet sein; auch für die Vergangenheit müsse
dieser „Mietzins“ angerechnet werden. Bereits im Verwaltungsverfahren hätten die
Eltern einen Praktikumsvertrag vom August 2016 eingereicht (vgl. act. G 1.8), der einen
monatlichen Abzug des (vom Vater als Arbeitgeber geschuldeten) Praktikumslohnes
von 400 Franken pro Monat für Kost und Logis vorgesehen habe. Das belege, dass der
Beschwerdeführer nicht „gratis“ bei seinen Eltern gelebt habe. Es sei doch
nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer zwischen dem Unfall und der
Rentennachzahlung Kosten verursacht habe. Niemand könne ohne Geld leben. Auch
sei doch nachvollziehbar, dass die Eltern in einer solchen Situation ihr Kind
unterstützten, die entstandenen Kosten jedoch zurückforderten, sobald die finanzielle
Situation es erlaube.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 6. Mai 2021 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 3).
B.b.
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Verfügung vom 12. Januar 2021 tatsächlich – auch – einer Sachverhaltsveränderung,
nämlich der Erhöhung des Vermögens von 84’422 Franken auf 17’566 + 77’500 =
95’066 Franken, Rechnung getragen, aber die Beschwerdegegnerin hat sich zusätzlich
nochmals eingehend mit der Schuldenfrage befasst, die sich bereits bei der
ursprünglichen Ergänzungsleistungszusprache (und dem anschliessenden
Einspracheverfahren) gestellt hatte, wie sich den diesbezüglichen Ausführungen im hier
angefochtenen Einspracheentscheid entnehmen lässt. Wäre das am 12. Januar 2021
abgeschlossene Verwaltungsverfahren (und auch das anschliessende
Einspracheverfahren) wirklich nur ein Revisionsverfahren im Sinne des Art. 17 Abs. 2
ATSG gewesen, hätte sich die Beschwerdegegnerin mit der Schuldenfrage nicht erneut
befasst, da sich der massgebende Sachverhalt diesbezüglich ja nicht in einer
relevanten Weise verändert hatte. Für die EL-Anspruchsberechnung hat es nämlich
keine Rolle gespielt, ob der Beschwerdeführer weiterhin über ein reales Sparguthaben
von 95’066 Franken oder aber über ein teils reales und teils fiktives Sparguthaben von
95’066 Franken verfügt hat. Folglich muss geprüft werden, wie der Umstand, dass die
Beschwerdegegnerin sich mit dieser Frage nochmals befasst hat, verfahrensrechtlich
zu qualifizieren ist. Die Beschwerdegegnerin hatte im Verwaltungs- und
Einspracheverfahren betreffend die ursprüngliche Zusprache einer Ergänzungsleistung
eingehend geprüft, ob Schulden des Beschwerdeführers gegenüber dessen Eltern
bestanden hatten, die vom Sparvermögen hätten abgezogen werden müssen. Sie hatte
diese Frage – mangels Anfechtung des Einspracheentscheides verbindlich – verneint.
Im hier angefochtenen Einspracheentscheid betreffend die Verfügung vom 12. Januar
2021 hat sie sich nochmals mit der Frage befasst, ob der Beschwerdeführer mit der
Überweisung von 77’500 Franken an seine Eltern eine Schuld getilgt oder aber auf
Vermögen verzichtet habe. Das bedeutet, dass die Beschwerdegegnerin die im
früheren, formell rechtskräftig abgeschlossenen Verfahren bereits verbindlich
beantwortete Frage nochmals aufgeworfen und geprüft hat. Neue Tatsachen oder
Beweismittel im Sinne des Art. 53 Abs. 1 ATSG, die zu einer solchen Überprüfung im
Rahmen einer sogenannt prozessualen Revision gezwungen hätten, haben nicht
vorgelegen. Folglich kann es sich bei dieser Überprüfung in verfahrensrechtlicher
Hinsicht nur um eine Wiedererwägung im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG gehandelt
haben. Das bedeutet, dass es sich beim mit der Verfügung vom 12. Januar 2021
abgeschlossenen Verwaltungs- und beim anschliessenden, mit dem angefochtenen
Entscheid vom 8. April 2021 abgeschlossenen Einspracheverfahren um ein
kombiniertes Revisions- und Wiedererwägungsverfahren gehandelt hat. In diesem
Beschwerdeverfahren muss deshalb nicht nur die Rechtmässigkeit der Revision der
laufenden Ergänzungsleistung per 1. Februar 2021, sondern auch die Rechtmässigkeit
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der Wiedererwägung der ursprünglichen leistungszusprechenden Verfügung überprüft
werden.
2.
Gemäss dem Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger eine formell
rechtskräftige Verfügung oder einen formell rechtskräftigen Einspracheentscheid
wiedererwägungsweise korrigieren, wenn diese respektive dieser zweifellos unrichtig
ist und wenn die Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Im ursprünglichen
Verfahren, das mit der leistungszusprechenden Verfügung vom 24. April 2020
abgeschlossen worden ist, hat der Beschwerdeführer geltend gemacht, seinem
Barvermögen, das sich fast ausschliesslich aus Nachzahlungen der
Invalidenversicherung, der obligatorischen Unfallversicherung und der
Ergänzungsleistungen zusammensetzte, stehe eine Forderung seiner Eltern gegenüber,
die ihn während der Zeit bis zum Abschluss des IV-, des UV- und des EL-Verfahrens
finanziell unterstützt hätten. Die Beschwerdegegnerin hat in ihrer ursprünglichen
leistungszusprechenden Verfügung vom 24. April 2020 und auch im diese Verfügung
ersetzenden Einspracheentscheid vom 26. November 2020 das Bestehen einer Schuld
des Beschwerdeführers gegenüber seinen Eltern verneint. Im Rahmen des
Wiedererwägungsverfahrens, das mit der Verfügung vom 12. Januar 2021
abgeschlossen worden ist, hat sie geprüft, ob es zweifellos unrichtig gewesen war, das
Bestehen einer Schuld des Beschwerdeführers gegenüber seinen Eltern zu verneinen.
Bei dieser Prüfung ist sie erneut zum Schluss gekommen, dass keine solche Schuld
bestanden hatte und dass folglich die Verfügung vom 24. April 2020 respektive der
Einspracheentscheid vom 26. November 2020 nicht zweifellos unrichtig gewesen war.
In diesem Beschwerdeverfahren ist zu prüfen, ob diese Schlussfolgerung richtig ist.
2.1.
Die Beschwerdegegnerin hat argumentiert, da nicht nachgewiesen sei, dass der
Beschwerdeführer mit der Überweisung von 77’500 Franken an seine Eltern eine
bestehende Schuld getilgt habe, müsse die Vermögenshingabe als ein
Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG qualifiziert werden. Der
Beschwerdeführer hat das Bestehen der behaupteten Schuld zwar tatsächlich nicht
strikt nachweisen können, aber im Sozialversicherungsrecht gilt nach der
bundesgerichtlichen Auffassung nicht der im allgemeinen Verwaltungsrecht
massgebende Beweisgrad, sondern der reduzierte Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit. Das bedeutet, dass die strittige Überweisung als eine
Schuldentilgung qualifiziert werden muss, wenn anhand sämtlicher Umstände des
konkreten Falles mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass die
behauptete Schuld gegenüber den Eltern tatsächlich bestanden hatte. Der
2.2.
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Beschwerdeführer hat im Oktober 2016 im Alter von etwas mehr als 20 Jahren einen
Unfall mit schweren Hirnverletzungen erlitten, der zu einer vollständigen Invalidität
(Invaliditätsgrad von 77 Prozent) geführt hat. Das IV-Rentenverfahren ist erst im
Frühjahr 2020 abgeschlossen worden. Von Oktober 2016 bis März 2020 und auch
darüber hinaus hat der Beschwerdeführer bei seinen Eltern gelebt. Die Eltern haben ihn
nicht nur kostenlos bei sich wohnen lassen, sondern sie haben ihm auch die Ausgaben
für die obligatorische Krankenpflegeversicherung und für medizinische Leistungen
bezahlt, wie aus ihrer im Verwaltungsverfahren eingereichten Aufstellung hervorgeht.
Zudem hat der Beschwerdeführer sich kostenlos bei seinen Eltern verpflegen können.
Es liegt auf der Hand, dass die Eltern des Beschwerdeführers sich nach dessen
schweren Unfall (moralisch) verpflichtet gesehen haben, für ihn zu sorgen. Daraus kann
aber nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, dass die Eltern ihren Sohn zum
Vorneherein unentgeltlich, das heisst ohne eine Entschädigung bei einer späteren
Verbesserung der finanziellen Situation des Beschwerdeführers, hätten entschädigen
wollen, denn das hätte – angesichts einer dreieinhalb Jahre umfassenden finanziellen
Unterstützung – bedeutet, dem Beschwerdeführer („definitiv“) einen sehr hohen Betrag
zu schenken, obwohl zu erwarten gewesen war, dass er später
Sozialversicherungsleistungen erhalten werde. Eine solche Schenkung muss nach der
allgemeinen Lebenserfahrung als sehr ungewöhnlich bezeichnet werden, was bedeutet,
dass handfeste Anhaltspunkte dafür vorliegen müssten. In aller Regel erfolgt eine
solche Unterstützung in einer Notsituation nur vorläufig unentgeltlich respektive unter
der Bedingung einer Entschädigung für den Fall, dass die unterstützte Person
nachträglich zu Geld kommen, das heisst insbesondere
Sozialversicherungsleistungsnachzahlungen für den fraglichen Zeitraum erhalten sollte.
Eine solche Unterstützung ist ergänzungsleistungsrechtlich eine private Leistung mit
einem ausgesprochenen Fürsorgecharakter im Sinne des Art. 11 Abs. 3 lit. c ELG oder,
wenn sie von nahen Verwandten erbracht wird, eine Verwandtenunterstützung im Sinne
des Art. 11 Abs. 3 lit. a ELG. Ihrem Wesen nach entspricht sie einer „gewöhnlichen“
Fürsorgeleistung der öffentlichen Sozialhilfe im Sinne des Art. 11 Abs. 3 lit. b ELG.
Diese wird nämlich ebenfalls vorläufig unentgeltlich gewährt, denn sie soll ja gerade
einer Person zugute kommen, die im Moment finanziell nicht in der Lage ist, für ihren
eigenen Lebensbedarf zu sorgen; ihr steht aber immer eine bedingte
Rückerstattungspflicht der unterstützten Person gegenüber, wobei die Bedingung
erfüllt ist, sobald die unterstützte Person zu Geld kommt. Die bedingte
Rückerstattungspflicht verschafft keinen juristisch durchsetzbaren Anspruch, das
heisst solange sie nur bedingt besteht, handelt es sich nicht um eine Schuld, die
eingefordert werden könnte. Erst wenn die Bedingung erfüllt ist, entsteht der juristisch
durchsetzbare Anspruch auf eine Rückerstattung der Unterstützungsleistungen, was
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bedeutet, dass erst ab jenem Zeitpunkt eine Schuld im Rechtssinne besteht. Aus dem
Umstand, dass die Eltern des Beschwerdeführers in den Jahren vor der Zusprache von
Sozialversicherungsleistungen gegenüber der Steuerbehörde kein Guthaben aus einem
dem Beschwerdeführer gewährten Darlehen deklariert haben, lässt sich deshalb nichts
ableiten, denn solange der Beschwerdeführer nicht zu Geld gekommen ist, ist er nicht
zu einer Rückerstattung der finanziellen Unterstützung verpflichtet gewesen. Eine
solche Verpflichtung hätte auch nicht bestanden, wenn die finanzielle Unterstützung
von der öffentlichen Sozialhilfe gewährt worden wäre. Dass die Eltern und der
Beschwerdeführer nicht im Voraus einen schriftlichen Vertrag geschlossen haben, der
eine bedingte Rückerstattungspflicht des Beschwerdeführers vorgesehen hätte,
entspricht dem normalen Verhalten (und wäre wohl nur relevant, wenn das Bestehen
der bedingten Rückerstattungspflicht strikt nachgewiesen werden müsste). Ein Hinweis
darauf, dass die Eltern dem Beschwerdeführer die (beachtlichen) finanziellen
Unterstützungsleistungen hätten schenken wollen, was nach der allgemeinen
Lebenserfahrung als äusserst ungewöhnlich qualifiziert werden müsste, ist nicht
ersichtlich. Im Gegenteil spricht der im August 2016 zwischen dem Vater und dem
Beschwerdeführer abgeschlossene Praktikumsvertrag dafür, dass die Eltern dem
Beschwerdeführer ihre finanzielle Unterstützung nicht (definitiv) haben schenken
wollen. Der dem Vater gehörende Praktikumsbetrieb hat nämlich für die Dauer des
Praktikums einen Abzug vom Praktikumslohn als eine Entschädigung für Kost und
Logis bei den Eltern vorgenommen, was zeigt, dass die Eltern des Beschwerdeführers
ihre finanzielle Unterstützung nicht als eine Schenkung, sondern als eine grundsätzlich
rückerstattungspflichtige vorübergehende Hilfeleistung verstanden haben. Die
Unterstützung kann auch nicht als ein Kindesunterhalt im Sinne des Art. 277 Abs. 2
ZGB qualifiziert werden, da sich der Beschwerdeführer im massgebenden Zeitraum
nicht in Ausbildung befunden hat und auch gar nicht ausbildungsfähig gewesen ist.
Überwiegend wahrscheinlich haben die Eltern also – ohne eine gesetzliche
Verpflichtung – vorübergehend eine Bedürftigkeit des Beschwerdeführers abdecken
wollen, was bedeutet, dass es sich bei dem freien Logis, der freien Kost und der
Übernahme der Krankenkassenprämien etc. um eine – bedingt
rückerstattungspflichtige – private Leistung mit einem ausgesprochenen
Fürsorgecharakter im Sinne des Art. 11 Abs. 3 lit. c ELG gehandelt hat (vgl. Ralph Jöhl/
Patricia Usinger, Die Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Band XIV Soziale Sicherheit, 3. Aufl. 2016, Rz. 227).
Die Unterstützungsleistungen der Eltern haben gemäss der im ersten
Einspracheverfahren eingereichten Aufstellung (EL-act. 26) einen Mietanteil, eine
Entschädigung für „Essen, Wäsche etc.“, Krankenkassenprämien, Kostenbeteiligungen
2.3.
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an Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung, verschiedene
administrative Gebühren, Auslagen für die (erneute) Führerscheinprüfung sowie
Auslagen im Zusammenhang mit Ferienreisen beinhaltet. Die Aufstellung hat nur die
Kosten ab Juni 2017 enthalten, was angesichts der Bemerkung: „Ab Ende Ausbildung
(1. Juni 2017)“ dahingehend zu interpretieren ist, dass die Eltern die Auslagen bis Ende
Mai 2017 als durch den Abzug vom Praktikumslohn abgegolten qualifiziert haben. Den
Mietanteil haben sie für 32 Monate berücksichtigt, was dem Zeitraum vom 1. Juni 2017
bis und mit Januar 2020 entspricht und somit im Einklang mit der Zusprache von
Ergänzungsleistungen im Februar 2020 steht. Betraglich haben sich die Eltern an der
EL-Anspruchsberechnung orientiert, was selbstverständlich als angemessen qualifiziert
werden muss. Die Pauschalentschädigung für „Essen, Wäsche etc.“ ist auf 400
Franken festgesetzt gewesen, was als eher tief, aber durchaus noch angemessen zu
qualifizieren ist. Diese Entschädigung haben die Eltern aus nicht nachvollziehbaren
Gründen nicht für 32 Monate, sondern für 38 Monate geltend gemacht. Wie sich aus
den nachstehenden Ausführungen ergeben wird, spielt es keine Rolle, ob man 32 × 400
= 12’800 Franken oder 38 × 400 = 15’200 Franken anrechnet. Die Auslagen für
Krankenkassenprämien, Kostenbeteiligungen und administrative Gebühren sowie für
die erneute Führerscheinprüfung sind detailliert aufgelistet. Die Eltern haben zwar die
entsprechenden Belege nicht eingereicht, aber es ist kein Grund ersichtlich, der gegen
die Korrektheit der akkurat geführten Liste sprechen würde, weshalb die Auflistung als
überwiegend wahrscheinlich zutreffend zu qualifizieren ist. Das gesamte Ausgabentotal
beläuft sich auf 71’638.65 Franken oder, wenn man die Entschädigung für „Essen,
Wäsche etc.“ nur für 32 statt für 38 Monate berücksichtigt, auf 69’238.65 Franken. Das
bedeutet, dass die Beschwerdegegnerin im ursprünglichen Verwaltungsverfahren vom
damaligen Vermögen des Beschwerdeführers eine – mit der Nachzahlung von
Sozialversicherungsleistungen neu entstandene – Schuld von mindestens 69’238.65
Franken hätte in Abzug bringen müssen. Damit hätte ein Nettovermögen resultiert, das
unterhalb des Vermögensfreibetrages von 37’500 Franken gelegen hätte: 84’422 –
69’239 = 15’183 Franken. Die in der ursprünglichen leistungszusprechenden Verfügung
vom 24. April 2020 respektive im Einspracheentscheid vom 26. November 2020
enthaltene Anrechnung eines (fiktiven) Vermögensverzehrs von 3’128 Franken als
Einnahme erweist sich folglich als zweifellos unrichtig im Sinne des Art. 53 Abs. 2
ATSG. Die Berichtigung dieses Fehlers ist von erheblicher Bedeutung, weil sie sich
massgeblich auf den Betrag der dem Beschwerdeführer zustehenden
Ergänzungsleistung auswirkt.
Die Beschwerdegegnerin ist als objektive Rechtsanwenderin selbstverständlich
daran interessiert gewesen, dem Legalitätsprinzip und dem Gleichbehandlungsgebot
2.4.
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zum vollen Durchbruch zu verhelfen. Wäre sie bereits im am 12. Januar 2021
abgeschlossenen Wiedererwägungsverfahren oder im am 8. April 2021
abgeschlossenen Einspracheverfahren zum Schluss gelangt, dass die Wiedererwägung
des Einspracheentscheides vom 26. November 2020 eine Auswirkung auf die Höhe der
Ergänzungsleistung habe, hätte sie die Korrektur deshalb ex tunc vorgenommen, das
heisst rückwirkend per Anspruchsbeginn am 1. Oktober 2018. Sie hat also den Betrag
der Ergänzungsleistung nur deshalb erst per 1. Februar 2021 korrigiert, weil sie
fälschlicherweise angenommen hat, die wiedererwägungsweise Überprüfung des
Einspracheentscheides vom 26. November 2020 führe zum selben Resultat wie die
damalige Prüfung der Rechtmässigkeit der ursprünglichen leistungszusprechenden
Verfügung vom 24. April 2020. Der in der Verfügung vom 12. Januar 2021 respektive im
Einspracheentscheid vom 8. April 2021 enthaltene Wirkungszeitpunkt steht damit einer
Korrektur ex tunc nicht entgegen. Das bedeutet, dass die Ergänzungsleistung
grundsätzlich rückwirkend per 1. Oktober 2018 zu korrigieren ist.
Für die Zeit von Oktober 2018 bis und mit Dezember 2019 hat die
Beschwerdegegnerin bereits im ursprünglichen Verfahren keinen (fiktiven)
Vermögensverzehr berücksichtigt, weil der Beschwerdeführer in jenem Zeitraum
effektiv noch über kein Vermögen verfügt hatte. Somit besteht weiterhin ein Anspruch
auf eine monatliche Ergänzungsleistung von 1’286 Franken für die Monate Oktober bis
und mit Dezember 2018 und von 939 Franken für das Jahr 2019. Die
Anspruchsberechnung für die Monate Januar bis und mit März 2020 ist zu korrigieren:
Das Einnahmentotal muss um den von der Beschwerdegegnerin berücksichtigten
Betrag des (fiktiven) Vermögensverzehrs von 1’286 Franken reduziert werden, wodurch
sich der Ausgabenüberschuss um eben diesen Betrag von 9’856 Franken auf 11’142
Franken pro Jahr erhöht. Der Beschwerdeführer hat für die Monate Januar bis und mit
März 2020 also einen Anspruch auf eine monatliche Ergänzungsleistung von 929
Franken. Für den Monat April ist der Ausgabenüberschuss von 8’776 Franken um den
von der Beschwerdegegnerin berücksichtigten Betrag von 2’366 Franken als (fiktiver)
Vermögensverzehr zu erhöhen, sodass sich ein Ausgabenüberschuss von 11’142
Franken und damit ein EL-Anspruch von 929 Franken für den Monat April 2020 ergibt.
Für die Zeit ab Mai 2020 ist ebenfalls ein Ausgabenüberschuss von 11’142 Franken zu
berücksichtigen (= 8’014 + 3’128 Franken), sodass auch für die Zeit ab Mai 2020 ein
Anspruch auf eine monatliche Ergänzungsleistung von 929 Franken besteht. Für die
Zeit ab Januar 2021 resultiert trotz des (wohl im Verlauf des Jahres 2020) erhöhten
Gesamtbetrag des Vermögens weiterhin ein Nettovermögen von weniger als 37’500
Franken, denn selbst wenn man die Differenz zwischen der minimalen Schuld von
69’239 Franken und der Überweisung von 77’500 Franken vollumfänglich als einen
2.5.
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3.
Gerichtskosten sind nicht zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG).