Decision ID: 0e4dc779-4b29-4e53-af48-b2275c53baff
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend mehrfaches Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 4. Abteilung, vom 20. Mai 2019 (DG190032)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 29. Januar 2019 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. 18).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 36 S. 20 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Die Beschuldigte A._ ist schuldig
− des mehrfachen Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von
Art. 19 Abs. 1 lit. c und lit. d BetmG.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu
Fr. 30.–.
3. Die Geldstrafe wird vollzogen.
4. Der bedingte Vollzug bezüglich der mit Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich
vom 30. Januar 2017 ausgefällten Strafe von 9 Monaten Freiheitsstrafe wird wider-
rufen. Davon sind 4 Tage durch Haft erstanden.
5. Die nachfolgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom
29. Januar 2019 beschlagnahmten Betäubungsmittel werden eingezogen und der
zuständigen Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen:
- 70.6 Gramm mutmassliches Streckmittel oder Natron, Asservat Nr.
A010'693'217, BM Lager-Nummer S01836-2017
- 1 Minigrip mit Kokain, Asservat Nr. A011'669'628, BM Lager-Nummer S01614-
2018
- 6 eingepackte Portionen Kokain in Taschentuch, Asservat Nr. A011'669'639,
BM Lager-Nummer S01614-2018
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6. Die nachfolgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom
29. Januar 2019 beschlagnahmten Gegenstände werden der Beschuldigten auf
erstes Verlangen herausgegeben:
- Mobiltelefon Alcatel One Touch, Asservat Nr. A010'692'565
- Mobiltelefon Samsung, Asservat Nr. A010'693'002
- Natel LG mit SIM Lebara, Asservat Nr. A010'693'171
7. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 29. Januar 2019 be-
schlagnahmten Fr. 420.00 sowie EUR 150.00 werden zur teilweisen Deckung der
Verfahrenskosten verwendet.
8. Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für die amtliche Verteidigung der Beschuldigten
mit Fr. 12'953.– (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse entschädigt.
9. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 4'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'200.– Gebühr Strafuntersuchung
Fr. 12'953.– amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden der Beschuldigten auferlegt.
11. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen;
vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
12. (Mitteilungen)
13. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten (Urk. 61 S. 1):
1. Die Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
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2. Der Beschuldigten sei für die unrechtmässig erlittene Haft von 4 Tagen eine
Genugtuung von SFr. 800.– nebst Zins zu 5% seit 19.7.18 zuzusprechen.
3. Die beschlagnahmten Barmittel über SFr. 420.– und Euro 150.– seien der
Beschuldigten auf erstes Verlangen hin herauszugeben.
4. Die Kosten des Verfahrens seinen ausgangsgemäss auf die Staatskasse zu
nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 43 S. 1):
(schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Das vorliegende Verfahren betreffend Widerhandlungen gegen das Betäu-
bungsmittelgesetz, Anstiftung zu Diebstahl und Hehlerei (Urk. 1/1) wurde eröffnet,
nachdem B._ am 5. Juli 2017 in flagranti im Migros Markt C._ bei einem
Ladendiebstahl erwischt worden war und nachfolgend die Beschuldigte sowie
D._ (separates Verfahren) belastet hatte, den Diebstahl in Auftrag gegeben
zu haben respektive mit Betäubungsmitteln zu handeln.
1.2. Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 3. Abteilung – Einzelgericht, vom
7. Juni 2018 (Geschäfts-Nr. GG180094-L) wurde D._ in ihrem separat ge-
führten Verfahren vom Vorwurf des mehrfachen Vergehens gegen das Betäu-
bungsmittelgesetz im Sinne von dessen Art. 19 Abs. 1 lit. c freigesprochen.
Schuldiggesprochen wurde sie demgegenüber des Besitzes (zum Eigenkonsum)
und Konsums von Kokain, wofür sie mit einer Busse von Fr. 300.– bestraft wurde
(Urk. 29 und Beizugsakten Urk. 49/1-37).
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1.3. Am 29. Januar 2019 stellte die untersuchungsleitende Staatsanwältin
das Verfahren gegen die Beschuldigte betreffend Anstiftung zum Diebstahl und
Hehlerei ein (Urk. 19) und erhob betreffend Vergehen gegen das Betäubungs-
mittelgesetz Anklage bei der Vorinstanz (Urk. 18), welche am 20. Mai 2019 das
vorstehend wiedergegebene Urteil fällte (Urk. 30).
1.4. Hiergegen meldete der amtliche Verteidiger der Beschuldigten am 29. Mai
2019 die Berufung an (Urk. 32). Das begründete Urteil wurde ihm am 22. Juli
2019 zugestellt (Urk. 35/2), worauf er am 12. August 2019 innert Frist die Be-
rufungserklärung einreichte und den Beizug der Verfahrensakten GG180094-L
betreffend das Verfahren gegen D._, eventualiter die erneute Einvernahme
von B._, beantragte (Urk. 39). Die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat (fortan
Staatsanwaltschaft) verzichtete auf Anschlussberufung und beantragte die Ab-
weisung der Beweisanträge sowie ihre Dispensation von der Berufungsverhand-
lung (Urk. 43).
1.5. Mit Schreiben vom 13. September 2019 reichte die Verteidigung das aus-
gefüllte Datenerfassungsblatt betreffend die finanziellen Verhältnisse des Be-
schuldigten ein (Urk. 44 und 46). Bereits am 2. August 2019 war überdies ein
aktueller Strafregisterauszug über die Beschuldigte eingeholt worden (Urk. 37).
Sodann wurde mit Präsidialverfügung vom 17. September 2019 der Beweisantrag
der Beschuldigten auf Beizug der Verfahrensakten GG180094-L gutgeheissen
und die entsprechenden Akten wurden vom Bezirksgericht Zürich beigezogen
(Urk. 47 und 49/1-37).
1.6. Zur Berufungsverhandlung sind die Beschuldigte sowie ihr amtlicher Ver-
teidiger, Rechtsanwalt lic. iur. X._, erschienen (Prot. II S. 5). Die Staatsan-
waltschaft war lediglich fakultativ vorgeladen worden (Urk. 50).
2. Umfang der Berufung
Die Beschuldigte beantragt die Aufhebung der Dispositivziffern 1 bis 4, 7 sowie 10
und 11 des vorinstanzlichen Urteils und verlangt einen vollständigen Freispruch
(Urk. 39 und Urk. 61). Entsprechend ist vorab festzuhalten, dass lediglich die
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Ziffern 5 (Einzug und Vernichtung der beschlagnahmten Betäubungsmittel/
Streckmittel), 6 (Herausgabe der beschlagnahmten Mobiltelefone an die Beschul-
digte), 8 (Festsetzung der Entschädigung des amtlichen Verteidigers) und 9
(Festsetzung der weiteren Gerichtskosten) in Rechtskraft erwachsen sind (vgl.
Art. 402 StPO in Verbindung mit Art. 437 StPO; BSK StPO-Eugster, 2. Aufl. 2014,
Art. 402 N 1 f.).
3. Sachverhalt
3.1. Die Beschuldigte bestritt von Anfang an (Urk. 1/3/1 S. 1; Urk. 1/3/3 S. 2;
Prot. I S. 10) und auch heute (Urk. 60 S. 5 ff.), die ihr vorgeworfenen Be-
täubungsmittelvergehen begangen zu haben. Der für das Urteil massgebende
Sachverhalt ist damit zunächst im Rahmen der gerichtlichen Beweiswürdigung zu
erstellen.
Hinsichtlich der dabei zu beachtenden Grundsätze kann auf die Erwägungen im
angefochtenen Urteil verwiesen werden (Urk. 36 S. 4 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es am Staat liegt, der Beschuldigten ihre
Schuld nachzuweisen, ohne dass daran vernünftige Zweifel verbleiben. Ist dies
nicht möglich, ist sie freizusprechen. Soweit im Rahmen der Beweiswürdigung
Aussagen von Beteiligten zu würdigen sind, hängt die Beurteilung ihrer Glaubhaf-
tigkeit zunächst einmal davon ab, ob die Aussagen grundsätzlich überprüfbar sind
(formelle Validität), ob sie mit anderweitig im Verfahren erhobenen Fakten über-
einstimmen/in Einklang zu bringen sind (externe Validität) und ob sie in sich
konsistent sind (interne Validität). Schliesslich vermag auch die von der Vor-
instanz bereits erwähnte inhaltliche Analyse der einzelnen Aussagen auf das
Vorliegen von Realitätskriterien und Lügensignalen Anhaltspunkte für deren
Glaubhaftigkeit zu liefern.
3.2. Als Beweismittel liegen die protokollierten Aussagen von B._ (Urk.
1/5/1-3), D._ (Urk. 1/4) und der Beschuldigten (Urk. 1/3/1-4 und Urk. 2/3/1-3)
bei den Akten, wobei die Aussagen von D._ allerdings nur zu Gunsten der
Beschuldigten Berücksichtigung finden können, wurde diese doch nie mit
D._ konfrontiert. Neu kann auch auf die Prozessakten des Verfahrens gegen
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D._ – aber ebenfalls bloss zu Gunsten der Beschuldigten – zurückgegriffen
werden (Urk. 49/1-37). Des Weiteren wird hinsichtlich Dossier 1 (Anklagesach-
verhalt lit. a) der Bericht über die erfolgten Hausdurchsuchungen (Urk. 1/7/2-4)
und hinsichtlich Dossier 2 (Anklagesachverhalt lit. b) nebst den Hausdurchsu-
chungsberichten (Urk. 2/6/2-5) auch das eingeholte Gutachten betreffend Zuord-
nung der auf den sechs Knittersäckchen voller Kokaingemischs enthaltenen DNA
(Urk. 2/5/4) zu berücksichtigen sein.
3.3. Wie bereits aus der Prozessgeschichte erhellt, waren alle vorliegend Be-
fragten in eigenen Verfahren als Beschuldigte involviert und hatten entsprechend
erfahrungsgemäss ein (durchaus berechtigtes) Interesse daran, ihr eigenes Ver-
halten in ein möglichst positives Licht zu rücken. Dies gilt – entgegen der Vor-
instanz (Urk. 36 S. 5 f.) – insbesondere auch für B._. Dass er im vorliegen-
den Verfahren als Auskunftsperson unter den Strafandrohungen von Art. 303 ff.
StGB befragt wurde, vermag damit seinen Behauptungen nicht per se ein grösse-
res Gewicht respektive seiner Person grössere Glaubwürdigkeit zu verleihen,
nachdem er dabei lediglich bestätigt bzw. wiederholt hat, was er bereits als Be-
schuldigter aussagte. Hinzu kommt, dass sowohl die Beschuldigte als auch
D._ einschlägige Vorstrafen aufweisen und B._ als langjähriger Drogen-
konsument wohl auch nicht über einen blütenweissen Leumund verfügen dürfte.
Entsprechend kann keine der vorliegend einvernommenen Personen für sich in
Anspruch nehmen, als unbescholten und gesetzestreu zu gelten. Mithin werden
die vorliegenden Aussagen durchwegs mit besonders kritischer Vorsicht zu wür-
digen sein.
3.4. B._ wurde, wie bereits eingangs erwähnt, am 5. Juli 2017 in flagranti
dabei erwischt, wie er den Migros Markt C._ mit unbezahlten Waren im Wert
von 346.90 verlassen hatte (Urk. 1/1 in Verbindung mit Urk. 1/5/1). Eine Auflistung
des konkreten Diebesguts aus dem Migros Markt C._ liegt den Akten aller-
dings nicht bei, weshalb nicht überprüft werden kann, ob er tatsächlich lediglich
die angeblich bestellten Waren (Kaugummis und Gesichtscremen) gestohlen hat.
In der gleichentags folgenden polizeilichen Einvernahme als Beschuldigter durch
Det Wm mbA E._ anerkannte er den Diebstahlsvorwurf. Er habe den Laden
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betreten, um zu "klauen". Vorgängig sei er in einem Laden gewesen, um Kokain
zu holen. Man habe ihm gesagt, er solle gewisse Gegenstände bringen, dann
würde man ihm Kokain geben. Wie der Laden heisse, wisse er nicht, es sei ein
Coiffuregeschäft für Frauen. Die Haare schneide eigentlich nur eine Frau, das sei
auch diejenige, die das Kokain verkaufe. Tagsüber hielten sich aber meistens drei
bis fünf Frauen dort auf. Die Chefin schneide die Haare und sei auch diejenige,
welche die gestohlene Ware entgegennehme und deren Wert bestimme. Für die-
sen Wert gebe sie dann Kokain heraus, sowohl zum Schnupfen wie auch zum
Rauchen. Er kenne die Frau seit zwei oder drei Jahren, wisse aber nicht, wie sie
heisse. Sie sei eine schwarze Frau mit rotem Haar, etwa 43 Jahre alt, von kräfti-
ger Statur, ca. 178 cm gross. Dann gebe es eine zweite Frau. Diese verkaufe
Drogen zum Kochen, sprich Kokain zum Rauchen. Auch das sei eine schwarze
Frau mit schwarzem Haar. Sie trage viel goldfarbenen Schmuck und verstecke
das Kokain in ihrer Vagina. Die erste, die das Kokain in Pulverform verkaufe, ha-
be einen schwarzen Socken, den sie überall im Laden verstecke. Die Frau mit
dem schwarzen Haar sei etwas grösser als die andere, ca. 50-52 Jahre alt und
etwas schlanker. Er wisse nicht, wie sie heisse. Die Frauen würden nur den be-
kannten Kunden etwas verkaufen respektive von diesen gestohlene Ware an-
nehmen. Er denke, jede der Frauen arbeite für sich. Die Frage, ob er auch schon
gestohlene Ware für Drogen umgetauscht habe, wollte er nicht beantworten. Hin-
gegen bestätigte er, gegen Geld schon Drogen erhalten zu haben von der Chefin.
Er kaufe bei ihr drei- bis viermal pro Woche Kokain, jeweils ein halbes Gramm für
Fr. 50.–. Er schätze, er habe schon 15 mal ein halbes Gramm gekauft. Heute ha-
be ihn die Chefin beauftragt, Kaugummis für die Ferien und Gesichtscremen für
Frauen zu bringen. Die rote Tasche, die er beim Diebstahl dabei gehabt habe, sei
von der Frau gewesen. Diese hätte er mit den verlangten Gegenständen füllen
sollen. Im Gegenzug hätte er ein halbes Gramm Kokain erhalten sollen. Er sei
dann vom Coiffuregeschäft direkt zur Migros gegangen. Er sei direkt zu den Kau-
gummis und den Kosmetikartikeln gegangen, und habe die Ware wahllos in die
Tasche gesteckt (Urk. 1/5/1).
Am 7. Juli 2017 wurde er im Verfahren gegen die Beschuldigte durch Det Kpl
F._ als polizeiliche Auskunftsperson verhört. Auf die Frage, seit wann er in
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diesem Coiffuresalon Kokain beziehe, erklärte er, früher habe diese Gruppe
Schwarzafrikaner in der G._-gasse gewohnt. Als die Häuser zugegangen
seien, habe ihm auf der Strasse eine gesagt, er könne jeden Tag in den Coiffeur
kommen. Er sei dann ein paar Mal dorthin gegangen und habe jedes Mal jeman-
den von dieser Gruppe gesehen. Er gehe seit zwei bis drei Monaten dort hin und
hole ca. drei- bis viermal pro Woche ein halbes Gramm. In der Folge erkannte er
D._ im Rahmen einer Fotokonfrontation als diejenige, die Kokain zum Rau-
chen habe und nicht die Chefin sei. Ihren Namen kenne er nicht. Sodann erkann-
te er die Beschuldigte. Sie öffne den Laden. Manchmal komme ein Kunde, er
würde sagen im Monat 30 % Kundschaft, und dann kämen die Drogensüchtigen.
Es habe immer viel Alkohol dort. Alkohol, Parfüm, Telefone. Die Chefin akzeptiere
alles, aber die andere nehme meistens nur Geld. Von D._ habe er etwa 7
mal ein halbes Gramm gekauft, aber sie mache nie Geschenke. Sie koche das
Material im Coiffuresalon, dann in Alufolie und verkaufe es. Von der Chefin habe
er etwa 15 mal ein halbes Gramm gekauft, diese gebe manchmal etwas mehr.
Das gekochte Kokain sei in Alufolie, das andere in Plastik verpackt (Urk. 1/5/2).
Schliesslich wurde er in Gegenwart der Beschuldigten, D._s und der Vertei-
diger am 1. November 2017 auch noch untersuchungsrichterlich einvernommen.
Dabei erklärte er zunächst, er habe Amnesie. Er wisse noch, was passiert sei,
aber das Datum wisse er nicht mehr. Alles, was er beim ersten Mal erzählt habe,
sei die Wahrheit. An die Einvernahme vom 7. Juli 2017 könne er sich noch erin-
nern, er habe von A bis Z die Wahrheit gesagt, er habe aber schwache Erinne-
rungen. Auf die Aufforderung zu erzählen, wie dies genau abgelaufen sei, wenn
er bei den zwei Beschuldigten jeweils Kokain gekauft habe, erklärte er, er habe oft
Alkohol getauscht gegen Kokain. Auf Nachfrage ergänzte er, dies einmal bei jeder
einzeln und einmal bei beiden zusammen getan zu haben. Dies sei im Coiffuresa-
lon geschehen. Die eine Beschuldigte kenne er von früher, sie habe an der
G._-gasse gewohnt und sitze hier links (Anmerkung: bei der so identifizierten
Person handelte es sich um D._, vgl. Urk. 1/5/3 S. 3). Die andere kenne er
nicht. Die eine aber schon länger, sie habe an der G._-gasse gewohnt. Dort
habe es ein Haus gegeben, wo Drogen verkauft worden seien. Er habe aber bei
beiden Damen bezogen, von der Beschuldigten seit etwa einem Jahr. Auf die
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Frage, wann das letzte Mal von der Beschuldigten, erklärte er, seit drei Jahren,
aber nicht täglich. Auf erneutes Nachhaken dann: "Ich weiss es nicht mehr. Ich
habe extreme Amnesie." Auf Vorhalt seiner polizeilichen Aussagen bestätigte er
dann, es stimme, dass er seit dem 1. April 2017 bezogen habe. Die Staatsan-
wältin könne froh sein, dass er heute gekommen sei, er wisse vieles nicht mehr,
aber alles, was er bei der Polizei erzählt habe, stimme. Auf die Frage, wie oft er
bei der Beschuldigten bezogen habe, antwortete er, einmal pro Tag, aber nicht
jeden Tag, einfach viel Mal. Jedes Mal ein Gramm oder ein halbes Gramm. Dafür
habe er Fr. 80.– bezahlt oder Alkohol. Er habe mehr Alkohol gegeben statt Geld.
Auf die Frage, ob er bei beiden Frauen noch dieses Jahr Kokain bezogen habe,
erklärte er, das wisse er nicht mehr. Er gebe der Staatsanwältin seine Visitenkarte
und dann sehe sie, was laufe. Was für gestohlene Waren er im Gegenzug für Ko-
kain gebracht habe, wisse er nicht mehr genau, Whiskey zum Beispiel. Die Be-
schuldigte (und D._) hätten gewusst, dass es sich um gestohlene Ware ge-
handelt habe, sie hätten jedes Mal etwas bei ihm bestellt. Jede Flasche habe ih-
ren Preis, er könne sich nicht erinnern, welche Flaschen wieviel, er sei sehr süch-
tig gewesen. Sodann erklärte er, wohl an die Staatsanwältin gerichtet: "Sie haben
mir versprochen, dass ich wegkomme von dem Teufelskreis und dass sie mir da-
bei helfen und schliesslich habe ich eine hohe Busse erhalten. Ich habe eine Stra-
fe für Diebstahl und Tausch von Waren erhalten, das habe ich noch verstanden.
Aber sie haben gesagt, dass ich überall auf der Treppe, auf der Gasse etc. Dro-
gen konsumiert habe. Das habe ich nicht verstanden." Und auf Nachfrage des
Verteidigers: "Ich war bei dem Polizisten, dem habe ich alles erzählt. Dieser hat
mir eine Frau F._ geschickt, diese wollte, dass ich bei der Staatsanwaltschaft
Aussagen mache. Sie hat dann meiner Frau angerufen, die hat dann gesagt, sie
solle bitte nicht mehr stören. Ein paar Tage später habe ich dann eine Strafe be-
kommen wegen Konsum" (Urk. 1/5/3).
3.5. Bei den Akten liegt sodann (einzig) die polizeiliche Aussage von D._
vom 17. August 2017 (Urk. 1/4). Darin erklärte sie, der Coiffure-Salon gehöre ihrer
Freundin, der Beschuldigten. Sie gehe dahin, wenn sie Zeit habe. Weiter bejahte
sie, jemals Kokain verkauft zu haben. In den vergangenen Jahren habe sie Prob-
leme gehabt, seit ca. 11 Jahren. Das letzte Mal sei sie vor ein paar Monaten ver-
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haftet worden. Damals habe sie auch das letzte Mal Kokain verkauft. Sie konsu-
miere auch Kokain, ganz wenig. Sie habe erst kürzlich mit dem Konsum begon-
nen. Sie konsumiere ungefähr einmal pro Woche ein bisschen, sei aber nicht ab-
hängig.
Mangels Relevanz wird sodann an dieser Stelle darauf verzichtet, die weiteren
Aussagen von D._, welche sie als Beschuldigte in ihrem eigenen Verfahren
deponiert hat, im Detail wiederzugeben (Urk. 49/2/2-3).
Im Zusammenhang mit den Ermittlungen betreffend Anklagesachverhalt lit. b war
D._ offenbar von Anfang an geständig, H._ am 16. Juli 2018 im Coiffu-
re-Salon der Beschuldigten eine Portion Kokain verkauft zu haben. Auch rauche
sie täglich Kokain. Das Kokain in der Papiertaschentücherbox gehöre aber nicht
ihr (Urk. 2/4).
Die verkaufte Portion war offenbar identisch verpackt wie diejenigen, welche im
Taschentuchspender gefunden wurden, mithin handelte es sich um Kokain in
Pulverform in einem Plastiksäckchen (Urk. 2/1 S. 4).
3.6. Die Beschuldigte bestritt im Laufe der Untersuchung konstant, Kokain
verkauft zu haben (Urk. 1/3/1 S. 1; Urk. 1/3/3 S. 2; Prot. I S. 10; Urk. 60 S. 5 ff.).
Bei der Polizei erklärte sie am 17. August 2018, das anlässlich der Hausdurchsu-
chung vom Vortag gefundene weisse Pulver gehöre ihr nicht. D._ habe einen
Schlüssel zum Salon gehabt, als sie, die Beschuldigte vom 17. Juli bis 9. August
2017 in Afrika gewesen sei. Sie, die Beschuldigte, verkaufe keine Drogen mehr.
Vor zirka zwei Jahren habe sie Drogen verkauft und dann Probleme mit der Poli-
zei gehabt. Sie tausche auch keine Drogen gegen Sachen. Die vorgefundenen
Kosmetikartikel kaufe sie im Internet. Die Alkoholflaschen seien von der kame-
runischen Gemeinde bei ihr eingelagert worden für ein anstehendes Tauffest. Im
März oder April sei sie nicht im Salon gewesen. Damals habe die Polizei D._
mitgenommen, weil diese jemandem Drogen gegeben habe solle. Sie habe dann
allen klar gemacht, dass sie so einen Vorfall im Salon nicht mehr möchte und das
nicht mehr dulde. Wenn ein Drogenkonsument im Salon Drogen möchte, sage sie
ihm ruhig und sanft, dass sie nichts verkaufe und er wieder gehen solle. Ruhig
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und sanft, da er sonst aggressiv werden könnte (Urk. 1/3/1). Diese Aussagen be-
stätigte sie sinngemäss auch gegenüber der Staatsanwältin (Urk. 1/3/3).
Zu den Aussagen von B._ erklärte sie, ihm nie Drogen verkauft oder etwas
abgekauft zu haben. Im Kreis 4 seien die Leute sehr aggressiv und würden ihre
Türe aufbrechen, wenn sie sich weigere, sie reinzulassen. Wenn sie ihnen keine
Aufmerksamkeit schenke, dann drohten sie damit zur Polizei zu gehen. Es sei ei-
ne Erpressung. B._ kenne sie nicht, habe ihn aber schon einmal auf der
Strasse gesehen. Er spreche Französisch und begrüsse sie. Er habe der Polizei
falsche Informationen gegeben (Urk. 1/3/2, so sinngemäss auch in Urk. 1/3/3 S. 4
f., S. 8 f. sowie S. 14 f.).
Anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 17. Juli 2018 (betreffend Anklage-
sachverhalt lit. b) erklärte die Beschuldigte, seit vergangenem Donnerstag nicht
im Salon gewesen zu sein, da sie in Frankreich an einer Hochzeit teilgenommen
habe. D._ habe eine Schlüssel zum Salon gehabt, sie habe sich selbst eine
neue Frisur machen wollen. Das gefundene Kokain gehöre ihr nicht. Auf die Fra-
ge, ob sich Spuren von ihr auf dem Kokain finden lassen würde, erklärte sie, sie
denke nicht. Sie glaube nicht. Sie wisse nicht, wie lange das Kokain dort gelegen
habe, oder ob sie die Portion einmal berührt habe. Sie meine damit, sie habe es
wissentlich nicht berührt, aber sie krame oft in den Papieren. Sie verkaufe kein
Kokain (Urk. 2/3/1).
Bei der anschliessenden Hafteinvernahme führte sie aus, dass ausser ihr und
D._ niemand Zutritt zum Salon habe. Sie wisse nicht, wem die gefundenen
Portionen Kokain gehörten. Sie habe nicht gewusst, dass es dort Drogen habe
(Urk. 2/3/2).
An der Berufungsverhandlung hielt die Beschuldigte grundsätzlich an ihrer bishe-
rigen Darstellung fest. Zusammengefasst brachte sie vor, dass Sie B._ nicht
kennen würde und ihm auch nie etwas verkauft habe. Dieser sei von der Polizei
engagiert worden, um sie zu belasten. Weshalb auf den sichergestellten Kokain-
Portionen ihre DNA-Spuren gefunden worden seien, wisse sie nicht. Sie habe
kein Kokain berührt und sie habe kein Kokain verkauft (Urk. 60 S. 5 f.).
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3.7. a) Anlässlich der Hausdurchsuchung vom 16. August 2017 (Anklagesach-
verhalt lit. a) wurden im Salon der Beschuldigten zwei Portionen unbekanntes
weisses Pulver (insgesamt 70.6 g, vgl. Urk. 1/7/3 S. 1) sowie diverse Flaschen mit
alkoholhaltigen Getränken (Urk. 1/7/3 S. 3 ff.) sichergestellt (Urk. 1/7/2). In der
Wohnung von D._ konnten überdies drei Portionen Kokain (insgesamt 1.8 g)
sowie 9 Portionen unbekanntes Pulver (insgesamt 84.1 g) sichergestellt werden
(Urk. 1/7/3 S. 2). Gemäss der bei den Beizugsakten liegenden Betäubungsmittel-
Voruntersuchung vom 21. August 2017 handelt es sich bei dem im Coiffure-Salon
aufgefundenen Pulver um Natriumhydogencarbonat ("Natron"), welches im Zu-
sammenhang mit Kokainkonsum zur Herstellung der rauchbaren Form des Koka-
ins ("Crack") verwendet wird (Urk. 49/5/7 S. 3).
Die in der Wohnung von D._ aufgefundenen Kokainportionen waren in Pul-
verform. Gemäss BM-Sicherstellungsliste des vorliegenden Verfahrens waren sie
"in Cellophanfolie gewickelt" (Urk. 1/7/3 S. 2). Gemäss den Unterlagen des Paral-
lelverfahrens gegen D._ handelte es sich bei der Verpackung allerdings um
"kleine verknotete Knittersackanteile" (Urk. 49/5/6-7).
b) Auch anlässlich der Ermittlungen betreffend den Anklagesachverhalt lit. b kam
es zu Hausdurchsuchungen. Wie dem Polizeirapport vom 16. Juli 2018 hierzu zu
entnehmen ist, wurde dabei am Wohnort von D._ eine Dose mit (mutmassli-
chem) Streckmittel sichergestellt (Urk. 2/1 S. 3 in Verbindung mit Urk. 2/6/4). So-
dann fand man im Coiffeursalon der Beschuldigten in einem Papiertaschentuch-
spender sechs Portionen Kokain, verpackt in Plastik-Knittersäckchen sowie eine
Portion Kokain in einem Minigrip, lagernd in einer kleinen Kartonschachtel
(Urk. 2/6/2 und 5 in Verbindung mit Urk. 2/5/1). DNA-Spuren auf den sechs Knit-
tersäckchen aus dem Papiertaschentuchspender zeigten in den 16 analysierten
DNA-Systemen vollkommene Übereinstimmung mit dem DNA-Profil der Beschul-
digten. Entsprechend kamen die Gutachter zum Schluss, D._ könne als Spu-
rengeberin ausgeschlossen werden, die Beschuldigte nicht (Urk. 2/5/4). Das Ko-
kain in der Kartonschachtel wies keine verwertbaren DNA-Spuren auf (Urk. 1/13).
3.8. Aufgrund der oben im Detail dargelegten Beweislage ist vorab festzuhal-
ten, dass anlässlich der Hausdurchsuchung vom 16. August 2017 im Coiffure-
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geschäft der Beschuldigten keine Drogen und entsprechend auch keine schwarze
Socke gefunden wurde. Bei dem Pulver, welches in der Küche sichergestellt
werden konnte, handelte es sich um Natriumhydrogencarbonat, welches für die
Produktion von Crack benötigt wird. Crack wurde aber gemäss Aussagen von
B._ lediglich durch D._ "gekocht" und verkauft, weshalb aus diesem
Fund nichts zu Lasten der Beschuldigten abgeleitet werden kann. Dass D._
zum damaligen Zeitpunkt nur mit Crack zu tun hatte, ist überdies bereits durch die
bei ihr zuhause gefundenen drei Portionen Kokain in Pulverform widerlegt. Hinzu
kommt nun noch, dass D._, wie die Ereignisse aus dem Jahr 2018 (Anklage-
sachverhalt lit. b) zeigen, sehr wohl auch Kokain in Pulverform verkaufte, nicht nur
rauchbares Crack.
Aufgrund der festgestellten Übereinstimmung der DNA-Spuren auf den aus der
Taschentuch-Box sichergestellten sechs Kokainportionen mit der DNA der Be-
schuldigten ist demgegenüber davon auszugehen, dass die Beschuldigte zu ei-
nem gewissen Zeitpunkt mit diesen Säckchen hantiert hat. Dass die Spurenüber-
tragung lediglich zufällig, während der Behändigung von Taschentüchern aus der
Box geschehen sein soll, vermag nicht zu überzeugen. Notorischerweise muss
man nicht in den Tuchspender hinein greifen, um ein Taschentuch zu ziehen.
Kommt hinzu dass, sollte dies – allenfalls aufgrund eines Papierstaus oder ähn-
lichem – ausnahmsweise doch nötig sein, und die Hand statt eines Taschentuchs
auf ein Knittersäckchen stossen würde, dies wohl Anlass für eine genauere
Überprüfung des Boxinhalts wäre. Vor diesem Hintergrund ist insbesondere nicht
davon auszugehen, dass die Knittersäckchen voller Kokain hernach weiterhin in
der Box belassen würden. Dass die Beschuldigte anderweitig Anlass gehabt
hätte, im Rahmen ihrer Tätigkeit im Coiffure-Salon mit den (leeren) Säckchen zu
hantieren, wurde weder durch sie geltend gemacht, noch ist solches aufgrund der
allgemeinen Lebenserfahrung zu erwarten. Nachdem die Kokain-Säckchen mit
ihren DNA-Spuren in ihrem Coiffure-Salon aufgefunden wurden, zu welchem
gemäss eigenen Aussagen nur sie und D._ freien Zugang hatten, wobei die
Spurengeberschaft von Letzterer gutachterlich ausgeschlossen wurde, ist unter
Ausschluss rechtserheblicher Zweifel davon auszugehen, dass die Beschuldigte
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um deren Vorhandensein wusste bzw. diese (zumindest ursprünglich einmal) ge-
wollt in der Papiertaschentuch-Box verstaute.
Dieser Anklagevorwurf ist somit sachverhaltsmässig hinreichend erstellt.
3.9. Wie vorab ausgeführt, streitet die Beschuldigte jeglichen Kontakt mit Dro-
gen ab. Aus der Tatsache, dass der Drogenbesitz der Beschuldigten im Juli 2018
erstellt ist, lässt sich jedoch ableiten, dass die Beschuldigte entgegen ihren Be-
teuerungen mindestens bis zu diesem Zeitpunkt weiterhin mit Betäubungsmitteln
in Berührung kam.
Die Beweisführung betreffend den Anklagevorwurf 1 stützt sich einzig auf die be-
lastenden Aussagen von B._, welche dieser nach seiner Verhaftung wegen
Ladendiebstahls im Rahmen einer polizeilichen Einvernahme spontan deponier-
te und in den darauffolgenden Einvernahmen im Wesentlichen widerholte. Seine
Aussagen sind spezifisch, unterscheiden sich in origineller Weise zwischen den
Aussagen zur Beschuldigten und zu D._ und wirken insgesamt erlebt. Er
vermochte die Aufgabenteilung zwischen der Beschuldigten und D._ und den
Ablauf der Drogengeschäfte detailliert zu schildern. Dass B._ nach dem La-
dendiebstahl (den er vom ersten Moment an zugab und der sich noch fast im Be-
reich der Bagatell-Kriminalität befand) mit einer erfundenen Geschichte besser
wegkommen wollte, ist nicht nachvollziehbar. Damit hätte er sich keinen relevan-
ten Vorteil erwirken können. Für ein Lügen-Konstrukt einer falschen Belastung
hätte er zudem auch nicht zwei bekannte und daher überprüfbare Personen als
Anstifter zu einem Diebstahl gewählt.
Die sichergestellten alkoholhaltigen Getränke (Urk. 1/7/2 und Urk. 1/7/3 S. 3 ff.)
stützen die Tatvariante von B._. Es ist nicht ersichtlich, weshalb eine solche
Vielzahl an Alkoholflaschen in einem Coiffeurgeschäft gelagert werden sollen. Die
Version der Beschuldigten, wie sie den Alkohol oder auch die Kosmetika erwor-
ben haben will (ricardo.ch, Bekannte, etc.), vermag nicht zu überzeugen. Ebenso
wenig glaubhaft sind ihre Ausführungen, die alkoholhaltigen Getränke seien von
der kamerunischen Gemeinde für ein anstehendes Tauffest bei ihr eingelagert
worden.
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Zusammenfassend erscheinen die Aussagen der Beschuldigten unstimmig und
nicht überzeugend. Die Version, dass B._ von der Beschuldigten Kokain zum
Konsum bezogen und dieses mit Naturalien bezahlt hat, ist insgesamt glaubhaft
und plausibel. Es ist somit entgegen den Bestreitungen der Beschuldigten auf-
grund der belastenden Aussagen von B._ erstellt, dass sie diesem tatsäch-
lich Kokainportionen verkauft hat. Allerdings sind mit der Verteidigung (Urk. 61
S. 6 ff.) die Aussagen von B._ in Hinblick auf den konkreten Zeitraum und die
Anzahl der Bezüge äusserst inkonsistent wie auch inkongruent. Das Akkusations-
prinzip erfordert, dass die Anklage die dem Beschuldigten zur Last gelegte Tat mit
Beschreibung von Ort, Datum, Zeit, Art und Folgen der Tatausführung zu be-
zeichnen hat (Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO). Die Anklagebehörde musste sich auf-
grund dessen auf einen bestimmten Zeitraum und eine bestimmte Anzahl mut-
masslicher Drogen-Bezüge festlegen und hat dabei einfach eine von mehreren,
sich voneinander drastisch unterscheidenden Versionen von B._ übernom-
men. Dessen Angaben in den verschiedenen Einvernahmen sind nun aber der-
massen nicht deckungsgleich, dass zwar zweifelsfrei erstellt ist, dass B._
von der Beschuldigten Kokain gekauft hat, jedoch völlig offen bleibt, wann genau
und in welcher Menge dies geschehen ist. Somit lässt sich zugunsten der Be-
schuldigten der konkret eingeklagte Anklagesachverhalt nicht in einer Weise
rechtsgenügend erstellen, als dass gestützt darauf eine rechtliche Würdigung und
damit eine Verurteilung erfolgen könnte. Somit ist die Beschuldigte bezüglich den
Tatvorwurf in Anklagepunkt 1 gemäss dem Grundsatz in dubio pro reo freizuspre-
chen.
4. Rechtliche Würdigung
Nachdem der Beschuldigten der mehrfachen Betäubungsmittelverkauf gemäss
Art. 19 Abs. 1 lit. c BetmG (Anklagesachverhalt lit. a) nicht im Sinne der Anklage
rechtsgenügend nachgewiesen werden kann, ist sie von diesem Vorwurf freizu-
sprechen.
Hingegen hat sie sich gemäss erstelltem Sachverhalt des Besitzes bzw. der
Aufbewahrung von sechs Portionen Kokaingemisch von insgesamt 7.1 Gramm
(Anklagesachverhalt lit. b; der Reinheitsgehalt des Kokains wurde nicht ermittelt)
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schuldig gemacht, wobei von vorsätzlichem Verhalten auszugehen ist. Rechtfer-
tigungs- oder Schuldausschlussgründe sind nicht ersichtlich. Überdies war das
Kokain auch nicht für den Eigenkonsum gedacht (die Beschuldigte konsumiert
gemäss eigenen Angaben kein Kokain; Urk. 1/3/3 S. 14), weshalb die Beschuldig-
te des Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von dessen
Art. 19 Abs. 1 lit. d BetmG schuldig zu sprechen ist.
5. Strafzumessung und Vollzug
5.1. Die Vorinstanz hielt für die von ihr als erstellt erachteten Delikte eine Geld-
strafe für angemessen, was trotz des von ihr angeordneten Widerrufs des be-
dingten (Teil-)Vollzugs der Vorstrafe vom 30. Januar 2017 dazu führte, dass keine
Gesamtstrafe im Sinne von Art. 46 Abs. 1 StGB ausgefällt wurde (Urk. 36 S. 13).
Nachdem dieses Urteil lediglich von der Beschuldigten angefochten wurde, ver-
bietet es sich auch heute, für das aktuelle Delikt eine Freiheitsstrafe auszufällen
und diese allenfalls unter Einbezug der Vorstrafe zu einer Gesamtstrafe zu er-
weitern. Mithin kann heute lediglich noch eine Geldstrafe von maximal
150 Tagessätzen festgesetzt werden (sogenanntes Verschlechterungsverbot
gemäss Art. 391 Abs. 3 StPO).
Da die heute noch zu beurteilende Straftat nach dem 1. Januar 2018 begangen
wurde, kommt zweifellos das aktuell geltende Sanktionenrecht zur Anwendung.
Hinsichtlich der Vorgehensweise bei der Strafzumessung kann auf die zutreffen-
den Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 36 S. 14 f.).
5.2. Der vorliegend erstellte Vorwurf, 7.1 g Kokaingemisch in sechs Portionen
in einer Taschentuchschachtel verstaut zu haben, wiegt objektiv gesehen und mit
Blick auf die Bandbreite möglicher unter diesen Tatbestand fallender Delikte noch
leicht. Mit der Vorinstanz ist die Position der Beschuldigten in der Hierarchie der
Drogenhandelnden als am untersten Rand liegend zu werten, wobei offen bleibt,
in welcher konkreten Weise die Beschuldigte im Jahr 2018 mit Drogengeschäften
zu tun hatte. Subjektiv ist von vorsätzlichem Handeln einer selbst nicht drogen-
süchtigen Person auszugehen, welche nicht aus (suchtbedingter) Not handelte,
was das Tatverschulden indessen nicht weiter beeinflusst. Aufgrund der Tat-
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komponenten wäre eine Strafe im Rahmen von 80 Tagessätzen Geldstrafe an-
gemessen.
Diese Strafe ist nun jedoch aufgrund der Täterkomponenten spürbar zu erhöhen,
da die zweifach einschlägig vorbestrafte Beschuldigte die Portionen noch wäh-
rend der Probezeit der Vorstrafe vom 30. Januar 2017 und sogar während bereits
laufender Strafuntersuchung verstaute, wovon aufgrund der Tatsache, dass an-
lässlich der Hausdurchsuchung vom 16. August 2017 im Salon keine Drogen ge-
funden worden waren, auszugehen ist. Die weiteren Täterkomponenten, wie Vor-
leben, persönliche Verhältnisse und Nachtatverhalten sind demgegenüber straf-
zumessungsmässig nicht relevant. Hierzu kann auf die zutreffenden Erwägungen
der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 36 S. 16 f.). Ergänzend führte die Be-
schuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung aus, dass ihre Stelle im Rahmen
des Beschäftigungsprogramms des Sozialamtes im Mai 2020 zu Ende sei, wes-
halb sie sich aktuell auf Stellensuche befinde. Sie habe noch keine neue Stelle in
Aussicht (Urk. 60 S. 3).
Insgesamt erscheint eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen als angemessen. An-
gesichts ihrer aktuellen finanziellen Verhältnisse (Urk. 60 S. 2 f.) ist der vor-
instanzlich festgelegte Ansatz von Fr. 30.– pro Tagessatz zu bestätigen. Die er-
standene Untersuchungshaft (6 Tage) ist an diese Strafe anzurechnen (Art. 51
StGB).
5.3. Aufgrund ihrer einschlägig deliktischen Vorgeschichte kann mit Blick auf
die Legalprognose von "besonders günstigen Umständen", wie von Art. 42 Abs. 2
StGB gefordert, vorliegend nicht gesprochen werden. Entsprechend ist die Geld-
strafe zu vollziehen.
6. Widerruf
6.1. Begeht ein Verurteilter während der Probezeit ein Verbrechen oder Ver-
gehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben wird, so
widerruft das Gericht die bedingte Strafe oder den bedingten Teil der Strafe
(Art. 46 Abs. 1 Satz 1 StGB). Ist nicht zu erwarten, dass der Verurteilte weitere
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Straftaten begehen wird, so verzichtet das Gericht auf einen Widerruf. Es kann
den Verurteilten verwarnen oder die Probezeit um höchstens die Hälfte der im
Urteil festgesetzten Dauer verlängern (Art. 46 Abs. 2 Sätze 1 und 2).
6.2. Die Beschuldigte beging das vorliegende Delikt, nachdem sie mit Urteil des
Obergerichts vom 30. Januar 2017 wegen Verbrechen gegen das Betäubungs-
mittelgesetz im Sinne von dessen Art. 19 Abs. 2 lit. a zu einer Freiheitsstrafe von
18 Monaten, davon 9 Monate unbedingt vollziehbar, verurteilt worden war. Die
Probezeit für den bedingt vollziehbaren Strafanteil war auf 5 Jahre festgesetzt
worden und im Zeitpunkt der heutigen Tat entsprechend noch nicht verstrichen.
Die gegen dieses Urteil gerichtete Beschwerde war vom Bundesgericht am 5. Juli
2018 abgewiesen worden (Urk. 1/3/4 S. 8). Überdies war die Beschuldigte bereits
mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 4. Juli 2013 zu einer bedingt vollzieh-
baren Freiheitsstrafe von 20 Monaten verurteilt worden. Damals hatte sie sich
während der Probezeit allerdings bewährt (Urk. 37).
6.3. Anders als Art. 42 Abs. 2 StGB bedingt der Verzicht auf einen Widerruf
nicht besonders günstige Umstände, sondern lediglich das Fehlen einer ungüns-
tigen Prognose. Bei der Beurteilung dieser Frage kann auch die Wirkung eines
allfälligen Vollzugs der neu ausgesprochenen Strafe mitberücksichtigt werden
(BSK StGB-Schneider/Garré, 4. Auflage, Art. 46 N 43). Vorliegend wird die Be-
schuldigte die Geldstrafe zu bezahlen und sich entsprechend in ihrer Lebens-
haltung einzuschränken haben. Hinzu kommt nun aber auch noch, dass sie seit
der Tat vom 12. Januar 2019 bis 11. Oktober 2019 den unbedingten Teil der zur
Diskussion stehenden Vorstrafe abgesessen (Prot. I S. 10 in Verbindung mit
Urk. 54) und ihren Coiffuresalon aufgegeben hat und sich beruflich neu orientiert
(Prot. I S. 7 f. und S. 10; Urk. 60 S. 2 f.). Vor dem Hintergrund dieser Umstände
(Vollzug der neuen Strafe, Erstehen des mehrmonatigen Strafvollzugs, Schlies-
sung des Salons und damit örtliche Distanzierung vom Milieu) und angesichts der
Geringfügigkeit des neuen Delikts scheint es gerade noch gerechtfertigt, auf einen
Widerruf des bedingten Strafanteils der Vorstrafe vom 30. Januar 2017 zu ver-
zichten. Jedoch ist die Probezeit – um den trotz allem bestehenden Bedenken
Rechnung zu tragen – um zwei Jahre zu verlängern.
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7. Beschlagnahmung der Vermögenswerte
Mit Verfügung vom 29. Januar 2019 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft die
anlässlich der Durchsuchung vom 16. August 2017 sichergestellten Vermögens-
werte der Beschuldigten (Fr. 420.–/Asservat Nr. A010'693'024 sowie EUR 150.–/
Asservat Nr. 010'693'079, entsprechend damals Fr. 172.50, vgl. Urk. 1/7/4 und 7)
mit dem Hinweis, diese würden voraussichtlich zur Sicherstellung von Verfah-
renskosten, Geldstrafen, Bussen und Entschädigungen gebraucht (Urk. 1/7/8).
Gemäss Art. 267 Abs. 3 StPO ist über beschlagnahmte Vermögenswerte im Urteil
zu entscheiden. Dabei kann vom Vermögen der beschuldigten Person u.a. so viel
beschlagnahmt werden, als voraussichtlich zur Deckung der Geldstrafe nötig ist
(Art. 268 Abs. 1 lit. b StPO). Nachdem die Beschuldigte heute zu einer vollzieh-
baren Geldstrafe von 70 Tagessätzen à je Fr. 30.– zu verurteilen ist, sind die
obgenannten Vermögenswerte zur Urteilsvollstreckung zu verwenden.
8. Kosten- und Entschädigungsfolgen
8.1. Die beschuldigte Person trägt die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt
wird (Art. 426 Abs. 1 StPO). Die Kosten des Berufungsverfahrens sind den Par-
teien nach Massgabe ihres Obsiegens und Unterliegens aufzuerlegen (Art. 428
Abs. 1 StPO).
8.2. Die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Gerichtsverfah-
rens sind, mit Ausnahme der Kosten der amtlichen Verteidigung, zur Hälfte der
Beschuldigten aufzuerlegen und zur Hälfte auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die
durch die Vorinstanz festgesetzte Entschädigung der amtlichen Verteidigung wird
einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Vorbehalten bleibt eine Nachforde-
rung im Umfang der Hälfte der Kosten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
8.3. Ausgangsgemäss sind die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Aus-
nahme der Kosten der amtlichen Verteidigung, zu zwei Dritteln der Beschuldigten
aufzuerlegen und zu einem Drittel auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Kosten
der amtlichen Verteidigung für das Berufungsverfahren sind auf Fr. 7'000.– (inkl.
MwSt) festzusetzen. Diese sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen,
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wobei hinsichtlich zwei Drittel all dieser Kosten die Rückforderung bei der Be-
schuldigten vorzubehalten ist (Art. 135 Abs. 4 StPO).