Decision ID: dcefec15-21b2-5c7d-b1cd-f57bbcf59531
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer Ethnie
– verliess gemäss eigenen Angaben sein Heimatland im Januar 2016 und
reiste nach Äthiopien, wo er sich bis Juni 2016 aufhielt. Anschliessend
reiste er über den Sudan und Libyen nach Italien. Am 28. Dezember 2017
reiste er in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch.
B.
Anlässlich einer am 4.Januar 2018 im Regionalspital B._ durchge-
führten Knochanaltersanalyse wurde beim Beschwerdeführer ein Kno-
chenalter von 17 Jahren gemäss Greulich und Pyle festgestellt.
In der Folge schätzte das SEM die Minderjährigkeit des Beschwerdefüh-
rers als glaubhaft ein, zeigte dem zuständigen Kanton den Beschwerde-
führer als unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden an und forderte die
kantonalen Behörden auf, dem Beschwerdeführer eine Vertrauensperson
beizuordnen.
C.
Am 15. Januar 2018 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Am
22. Februar 2018 wurde die einlässliche Anhörung des Beschwerdeführers
zunächst in Anwesenheit der Vertrauensperson zu den Asylgründen durch-
geführt.
Eingangs der Anhörung vom 22. Februar 2018 gab der Beschwerdeführer
zu Protokoll, er sei am (...) geboren und somit volljährig. Die Befragerin
des SEM hielt in der Folge fest, der Beschwerdeführer werde angesichts
seiner Volljährigkeit im weiteren Verlauf des Asylverfahrens als Erwachse-
ner behandelt, worauf die Vertrauensperson die Anhörung verliess (vgl.
Akte A14, Fragen 14-16).
Zur Begründung seines Asylgesuches trug der Beschwerdeführer bei der
BzP und der Anhörung folgenden Sachverhalt vor:
Er sei am (...) in C._, Subzoba D._, Zoba E._, ge-
boren und habe zuletzt dort gelebt. Er habe die Schule bis zur sechsten
Klasse in F._ besucht und sei ledig. Er habe keinerlei Identitätsdo-
kumente.
E-2185/2018
Seite 3
Er habe Eritrea verlassen, weil er ständig, beinahe täglich, von den Lehrern
geschlagen worden sei und deshalb die Schule habe abbrechen müssen.
Er sei im April 2015 letztmals zur Schule gegangen. Er sei nie politisch tätig
gewesen.
Einen Monat nach seinem Schulabbruch, im Mai 2015, habe er von den
Behörden in G._ eine Aufforderung erhalten, wonach er im Juni
2015 in G._ und anschliessend in H._ in den Militärdienst
hätte einrücken müssen. Es komme oft vor, dass Jugendliche, die die
Schule abgebrochen hätten, zum Militärdienst aufgeboten würden. Sein
Vater habe diesen Einrückungsbefehl, den der Beschwerdeführer selbst
gesehen habe, entgegengenommen. Der Beschwerdeführer sei zur Zeit
der Abgabe des Einrückungsbefehls am Tierhüten gewesen. Er sei erst-
mals im Juni 2015 gesucht worden; die Behörden hätten ihn im Juni 2015
mindestens einmal wöchentlich gesucht. Er habe sich zu diesem Zeitpunkt
nicht mehr zu Hause aufgehalten, sondern habe bei einem Nachbarn über-
nachtet. Ab Juli 2015 habe er die Tiere in eine verlassene Gegend mitge-
nommen und habe im Freien geschlafen. Auch nach seiner Ausreise habe
er Militäraufgebote erhalten. Er habe über den monatlichen telefonischen
Kontakt mit seiner Familie in der Heimat auch erfahren, dass er von den
Behörden gesucht werde. Weil er zu Hause nicht angetroffen worden sei,
hätten die Behörden seine Mutter im März 2016 zweimal aufgefordert, den
Beschwerdeführer auszuliefern.
Seine Ausreise aus Eritrea habe er mit weiteren drei Personen aus seinem
Dorf zu Fuss bestritten. Er sei über mehrere (namentlich genannte) Ort-
schaften in Eritrea illegal nach Äthiopien gelangt, wo er ein halbes Jahr
lang in einem Flüchtlingslager gelebt habe. Von Juni bis Oktober 2016 sei
er von den Rashaidas festgehalten worden. Danach sei er in den Sudan
weitergereist, wo er sich von Oktober 2016 bis Mai 2017 aufgehalten habe.
Anschliessend sei er drei Monate lang in Libyen gewesen und sei von dort
am 4. August 2017 nach Italien gereist.
Zu seinen familiären Verhältnissen trug der Beschwerdeführer weiter vor,
seine Eltern, fünf Schwestern und vier Halbbrüder würden in Eritrea von
der Landwirtschaft leben.
Am 15. März 2018 reichte der Beschwerdeführer Farbkopien der eritrei-
schen Identitätskarte seines Vaters zu den Akten.
E-2185/2018
Seite 4
D.
Mit Verfügung vom 6. März 2018, dem Beschwerdeführer am 14. März
2018 eröffnet, verneinte das SEM das Bestehen der Flüchtlingseigenschaft
des Beschwerdeführers, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte– unter
gleichzeitiger Anordnung des Wegweisungsvollzugs – seine Wegweisung
aus der Schweiz.
Zur Begründung führte das SEM insbesondere aus, die Asylvorbringen
hielten den Anforderungen an die Glaubhaftmachung beziehungsweise an
die Flüchtlingseigenschaft nicht stand; den Vollzug der Wegweisung be-
fand das SEM als zulässig, zumutbar und möglich. Die Vorbringen des Be-
schwerdeführers würden zahlreiche Unstimmigkeiten aufweisen. Er habe
die schriftliche Aufforderung, welche angeblich fluchtauslösend gewesen
sei, nicht eingereicht. Die Erklärung, er habe nicht daran gedacht, dieses
Schriftstück mitzunehmen, überzeuge nicht. Es wäre von ihm oder seinen
Familienangehörigen zu erwarten gewesen, dass er dieses wichtige Doku-
ment zum Nachweis seiner Verfolgung im Heimatstaat mitgenommen oder
in den zwei Jahren nach seiner Ausreise zumindest nachgereicht hätte,
nachdem der Beschwerdeführer mit der Absicht in Ausland gereist sei, ei-
nen Asylantrag zu stellen. Im Weiteren seien seine Aussagen nicht konsis-
tent ausgefallen. Er habe bei der Anhörung behauptet, im Juni 2015 einmal
pro Woche gesucht worden zu sein, weil er sich nicht bei den Behörden
gemeldet habe. Bei der BzP habe er dieses zentrale Sachverhaltselement
mit keinem Wort erwähnt. Bei der BzP habe er angegeben, bis Juli 2015
nicht mehr zu Hause, sondern bei einem Nachbarn und ab Juli 2015 mit
den Tieren draussen übernachtet zu haben. Bei der Anhörung habe er dies-
bezüglich andere Angaben gemacht und vorgetragen, bereits ab Juni 2015
in den Feldern übernachtet zu haben. Die ausdrücklich gestellte Vertie-
fungsfrage, ob er sonst noch irgendwo übernachtet habe, habe er verneint.
Zudem habe er zu Beginn der Anhörung zu Protokoll gegeben, erst ab Juli
2015 in den Feldern übernachtet zu haben.
Im Weiteren habe er das bei der Anhörung zu Protokoll gegebene Vorbrin-
gen, seine Mutter habe seinetwegen Probleme mit den Behörden bekom-
men, indem sie von Soldaten im März 2016 zweimal aufgefordert worden
sei, den Beschwerdeführer auszuliefern, bei der BzP nicht erwähnt und auf
die ausdrücklich gestellte Frage, ob nach seiner Ausreise irgendetwas pas-
siert sei, lediglich vorgetragen, seiner Mutter gehe es gesundheitlich nicht
gut. In der BzP habe er zudem angegeben, er habe auch nach seiner Aus-
reise Militäraufgebote erhalten, was er bei der Anhörung nicht vorgetragen
E-2185/2018
Seite 5
habe. Der Beschwerdeführer habe ferner bei der BzP zu Protokoll gege-
ben, seine Ausreise in seinem Herkunftsort zu Hause begonnen zu haben,
während er bei der Anhörung angegeben habe, er habe seine Ausreise
vom Holzhäuschen, welches etwa zwei bis zweieinalb Stunden Fuss-
marsch von seinem Dorf entfernt sei, angetreten.
Die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Probleme mit seinen Leh-
rern und der Abbruch der Schule nach der sechsten Klasse seien nicht
asylrelevant. Aus den Asylakten gingen keine Anhaltspunkte hervor, die ein
asylrechtlich relevantes Motiv für die vorgetragenen Behelligungen erkenn-
bar machen würden. Seine Erklärung, die Lehrer hätten sich entsprechend
verhalten, damit er nicht mehr in die Schule kommen und vielmehr ins Mi-
litär gehen würde, sei nicht überzeugend und rein spekulativ.
Gemäss Koordinationsurteil (publiziert als Referenzurteil) des Bundesver-
waltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 sei nicht davon aus-
zugehen, dass sich eritreische Staatsangehörige aufgrund ihrer illegalen
Ausreise mit asylbeachtlichen Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert
sehen würden. Andere Anknüpfungspunkte, welche den Beschwerdeführer
in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen
liessen, seien nicht ersichtlich, nachdem sich seine vorgetragenen Prob-
leme mit den Militärbehörden als nicht glaubhaft erwiesen hätten und der
Beschwerdeführer darüber hinaus zum Zeitpunkt seiner Ausreise als Min-
derjähriger das dienstpflichtige Alter noch nicht erreicht habe. Die geltend
gemachte illegale Ausreise vermöge für sich alleine keine Furcht vor einer
zukünftigen asylrelevanten Verfolgung zu begründen.
Eritrea weise gemäss übereinstimmenden Berichten zwar Defizite im
Bereich der Menschenrechte auf. Diese allgemein schlechte Menschen-
rechtslage reiche jedoch nicht aus, um dem Wegweisungsvollzug generell
entgegenzustehen. Vorliegend seien keine Hinweise auf ein «real risk» im
Sinne der Rechtsprechung zu Art. 3 EMRK ersichtlich. Die blosse
Möglichkeit, bei der Rückkehr zwecks Zuführung zu einem militärischen
Training allenfalls in Haft genommen zu werden, reiche für die Annahme
eines «real risk» nicht aus. Aufgrund der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen
betreffend Probleme mit den Militärbehörden könne nicht von einer
tatsächlichen und unmittelbaren Gefahr einer Einberufung in den
eritreischen Nationaldienst ausgegangen werden.
In Eritrea herrsche heute weder ein Krieg noch Bürgerkrieg oder eine Situ-
ation allgemeiner Gewalt im Sinne eines Wegweisungshindernisses. Aus
E-2185/2018
Seite 6
den Akten würden sich auch keine individuellen Gründe ergeben, die den
Wegweisungsvollzug als unzumutbar erscheinen liessen. Der mittlerweile
volljährige und soweit aktenkundig gesunde Beschwerdeführer verfüge im
Heimatland über ein intaktes und tragfähiges Beziehungsnetz, mit wel-
chem er auch von der Schweiz aus telefonischen Kontakt gepflegt habe.
Es sei davon auszugehen, dass seine Familie ihn bei einer Rückkehr wie-
der aufnehmen und unterstützten werde und kein Anlass zur Annahme be-
stehe, dass er in eine existenzbedrohende Notlage geraten werde.
Schliesslich habe der Beschwerdeführer eine Tante in der Schweiz, die ihn
bei Bedarf auch aus der Schweiz finanziell unterstützen würde.
E.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 13. April 2018 erhob der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean-
tragte die Aufhebung der Verfügung des SEM vom 6. März 2018, die Aner-
kennung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Even-
tualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und wegen Unzuläs-
sigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges die vorläufige Auf-
nahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Verfügung des SEM aufzuhe-
ben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht wurde um die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege inklusive Verbeiständung ersucht.
Zur Begründung wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer sei im Zeitpunkt
seiner Ausreise aus Eritrea noch nicht ganz (...)jährig gewesen. Es sei ihm
bei seiner Flucht primär darum gegangen, sich in Sicherheit zu bringen. Er
habe keine Vorstellungen davon gehabt, was auf ihn zukommen würde.
Seine Mutter könne nicht lesen und sein Vater sei bereits alt. Er habe er-
klärt, dass bei ihm zu Hause die Dokumente nicht aufbewahrt würden. Die
Erklärung, dass er nicht daran gedacht habe, die militärischen Aufgebote
mitzunehmen, sei deshalb überzeugend.
Der Beschwerdeführer habe seine Asylgründe bei der BzP, welche nur 80
Minuten gedauert habe, kurz geschildert. Seine Angaben würden im We-
sentlichen mit seinen Schilderungen in der Anhörung übereinstimmen.
Nachdem er bei der BzP vorgebracht habe, sich bereits ab Juni 2015 vor
den Behörden versteckt gehalten zu haben, falle nicht weiter ins Gewicht,
dass er nicht erwähnt habe, nach der Militäraufforderung gesucht worden
zu sein. Er habe sich ab Juni 2015 versteckt. Zunächst habe er sich in der
Nähe seines Heims aufgehalten; er habe die Tage zu Hause verbracht,
E-2185/2018
Seite 7
habe aber in der Nacht auf den umliegenden Feldern oder bei einem Nach-
barn geschlafen, bei welchem er bereits vor Erhalt des Militäraufgebotes
gelegentlich übernachtet habe. Innerhalb dieser Angaben seien keine Un-
stimmigkeiten erkennbar. Zudem habe er bei der BzP angegeben, nach
seiner Ausreise Aufforderungen vom Militär bekommen zu haben. In der
Anhörung habe er vorgetragen, dass seine Mutter von Soldaten aufgefor-
dert worden sei, ihn auszuliefern; ansonsten habe es keine Probleme mit
den Behörden mehr gegeben. Seine Angaben in der BzP hätten sich auf
die Aufforderungen von Soldaten bezogen, von welchen seine Mutter be-
troffen gewesen sei. Es handle sich somit um das gleiche Sachverhaltsele-
ment, welches der Beschwerdeführer auf zwei verschiedene Arten geschil-
dert habe; es liege kein Widerspruch vor. Das Holzhäuschen, von welchem
der Beschwerdeführer seine Ausreise angetreten habe, liegt zwar zwei bis
zweieinhalb Fussmarschstunden, etwa acht Kilometer, von seinem Dorf
entfernt; es gehöre jedoch noch zum Dorf, wie er bei der Anhörung ange-
geben habe. Die vom SEM vorgehaltene Unstimmigkeit sei somit geklärt.
Der Beschwerdeführer sei der militärischen Aufforderung nicht nach-
gekommen, weshalb ihm eine regierungsfeindliche Gesinnung unterstellt
worden sei. Nebst der illegalen Ausreise aus Eritrea liege somit ein weiterer
Anknüpfungspunkt im Sinne des Referenzurteils D-7898/2015 vom
15. Januar 2017 vor und der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlings-
eigenschaft. Er sei vor Erreichung des dienstpflichtigen Alters aus Eritrea
ausgereist und es sei davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr nach
Eritrea in den Nationaldienst eingezogen werde. Es bestehe deshalb ein
tatsächliches und unmittelbares Risiko für eine Verletzung von Art. 3 und
Art. 4 Abs. 2 EMRK, weshalb der Wegweisungsvollzug als unzulässig
einzustufen sei.
Das familiäre Netz des Beschwerdeführers sei nicht tragfähig. Der Vater
sei sehr alt und die Mutter schon früher auf die Hilfe des Beschwer-
deführers angewiesen gewesen. Seine Geschwister seien kriegsverletzt,
körperlich behindert oder würden im Militär dienen, weshalb sie keine
Kapazitäten hätten, den Beschwerdeführer zu unterstützen. Die in der
Schweiz lebende Tante lebe von der Sozialhilfe. Der Wegweisungsvollzug
sei deshalb als unzumutbar zu betrachten.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 1. Mai 2018 hielt das Bundesverwaltungsge-
richt fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung inklusive Verbeiständung wurden gutgeheissen und MLaw El
E-2185/2018
Seite 8
Uali Emmhammed Said, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (...),
wurde dem Beschwerdeführer als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 9. Mai 2018 hielt das SEM ohne ergän-
zende Ausführungen an seinen bisherigen Erwägungen fest.
H.
Mit Eingabe vom 29. Mai 2018 hielt der der Rechtsvertreter an den Rechts-
begehren fest und reichte eine detaillierte Kostennote zu den Akten.
I.
Mit Schreiben vom 16. Januar 2020 erkundigte sich der Beschwerdeführer
nach dem Verfahrensstand. Die Anfrage wurde vom Gericht am 20. Januar
2020 beantwortet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
E-2185/2018
Seite 9
1.5 Aus gerichtsinternen, organisatorischen Gründen im Geschäftsbetrieb
der Abteilung V ist Instruktionsrichterin Christa Luterbacher seit 1. März
2020 für das vorliegende Beschwerdeverfahren neu zuständig und amtet
daher als vorsitzende Richterin.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Glaubhaft gemacht
ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2). Unglaubhaft
sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig be-
gründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen
oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt
werden (Abs. 3).
Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit wird eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen die gesuchstellende Person sprechen, vor-
genommen. Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet
‒ im Gegensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und
lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen
der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die
Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
E-2185/2018
Seite 10
len. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit eines Verfol-
gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanti-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
dargelegten Vorkommnisse. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erleb-
nissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
3.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst oder zusätzlich geschaffen
worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von
Art. 54 AsylG geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE
2009/28 E. 7.1).
4.
Nach Durchsicht der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die
Vorinstanz die vom Beschwerdeführer vorgetragenen Fluchtgründe zu
Recht und mit zutreffender Begründung als teilweise nicht glaubhaft bezie-
hungsweise teilweise als nicht asylrelevant befunden hat
4.1 Zutreffend ist zunächst, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen
ist, überzeugende und nachvollziehbare Angaben zu seinen angeblich
mehrfach erhaltenen Militäraufforderungen zu machen.
4.1.1 Wie das SEM zutreffend festhielt, hat der Beschwerdeführer keinerlei
Beweismittel zur Stützung des Sachverhaltsvortrages hinsichtlich des Er-
halts mehrerer Militäraufforderungen eingereicht. Auch angesichts seines
minderjährigen Alters im Zeitpunkt seiner Ausreise ist seine Erklärung,
seine Familie bewahre keine Dokumente auf und er selbst habe nicht daran
gedacht, die Militäraufgebote mitzunehmen, realitätsfremd. Die blosse Be-
hauptung, er habe mehrmals Militäraufgebote erhalten, vermag für sich al-
leine keinen asylbeachtlichen Sachverhalt als überwiegend wahrscheinlich
darzutun. Die weiteren Angaben zum angeblichen Erhalt dieser Militärauf-
gebote sind zu Recht vom SEM als unglaubhaft gewürdigt worden.
E-2185/2018
Seite 11
4.1.2 Der Beschwerdeführer hat weiter vorgetragen, auch nach seiner Aus-
reise entsprechende Militäraufforderungen erhalten zu haben. Auch diese
angeblich zusätzlich erlassenen Aufgebote der eritreischen Militärbehör-
den hat er nicht über seine Familie in Eritrea beschafft und zur Untermau-
erung seiner Vorbringen im vorliegenden Asylverfahren eingereicht. Nach-
dem der Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben Eritrea in der Ab-
sicht verlassen haben will, im Ausland ein Asylgesuch zu stellen, bleibt
nicht nachvollziehbar, weshalb er in den Jahren nach seiner Ausreise nicht
konkrete Bemühungen unternahm, die sachdienlichen Dokumente nach-
zureichen.
4.1.3 Im Weiteren ist die Feststellung des SEM zu bestätigen, dass die
Vorbringen des Beschwerdeführers innerhalb seiner Kernvorbringen inkon-
sistent ausfielen. Einerseits trug er das bei der Anhörung geltend gemachte
zentrale Element seiner Asylbegründung, er sei im Juni 2015 wöchentlich
von den Behörden gesucht worden, bei der BzP nicht vor. Andererseits
weisen seine Schilderungen zu seinen Aufenthaltsorten bis Juli 2015 und
ab Juli 2015 Unstimmigkeiten auf. Bei der BzP trug er vor, er habe bis Juli
2015 nicht mehr zu Hause übernachtet, sondern bei einem Nachbarn; ab
Juli 2015 habe er sich mit den Tieren draussen übernachtet (vgl. A7, Ziff.
7.01). Demgegenüber gab er zu Beginn der Anhörung zu Protokoll, er habe
erst ab Juli 2015 in den Feldern übernachtet; im späteren Verlauf derselben
Anhörung trug er vor, er habe bereits ab Juni 2015 in den Feldern über-
nachtet. Die vom SEM gestellte Anschlussfrage, ob er auch anderswo die
Nächte verbracht habe, verneinte er (vgl. A14, Antworten 217 ff.). Diese
Unstimmigkeiten innerhalb seiner Schilderungen lassen darauf schliessen,
dass er dabei nicht von tatsächlich erlebten Vorfällen berichtet hat.
4.2 Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer die in der Anhörung vorge-
tragenen Probleme seiner Mutter im März 2016, wonach diese zweimal
aufgefordert worden sei, den Beschwerdeführer den eritreischen Behörden
auszuliefern, bei der BzP nicht ansatzweise erwähnt hat. Der in der Be-
schwerdeschrift erhobene Vorhalt, die BzP habe lediglich 80 Minuten ge-
dauert, vermag für sich alleine nicht zu überzeugen. Dem Beschwerdefüh-
rer wurde bei der BzP explizit die Frage gestellt, was nach seiner Ausreise
(im Januar 2016) passiert sei. Hierzu gab er an, er habe weitere Militärfor-
derungen erhalten. Sein Vater könne altershalber nicht eingezogen wer-
den; seiner Mutter gehe es gesundheitlich gut (vgl. Ziff. 7.01). Es bleibt
deshalb nicht nachvollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer auf diese
ausdrückliche Frage die angebliche behördliche Aufforderung an seine
E-2185/2018
Seite 12
Mutter, ihn den Behörden auszuliefern, nicht erwähnt oder zumindest an-
gedeutet hat. Auch das jugendliche Alter vermag dieses Aussageverhalten
nicht auf plausible Weise zu erklären.
4.3 Auch das vom Beschwerdeführer geschilderte Vorgehen der eritrei-
schen Behörden muss als realitätsfremd eingestuft werden. So hat er vor-
getragen, er sei im Juni 2015 mehrmals von den heimatlichen Sicherheits-
kräften gesucht werden. Auf die Aufforderung des SEM, die behördliche
Suche nach seiner Person im Juni 2015 zu schildern, gab er zu Protokoll:
«Im Juni wurde ich jedes Mal zuhause gesucht.» Auf die Aufforderung der
Befragerin, diese Aussage weiter zu erläutern, gab er weiter an: «1 Mal in
der Woche haben sie mich mindestens gesucht in dieser Zeit, im Juni» (vgl.
A14, Antworten 215 und 216). Gleichzeitig gab er an, er habe die Tage zu
Hause verbracht, jedoch in den umliegenden Feldern oder bei einem Nach-
barn übernachtet (vgl. A14, Antworten 217 und 222 sowie A7, Ziffer 7.01).
Bei dieser Sachlage muss mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
davon ausgegangen werden, dass es den eritreischen Behörden gelungen
wäre, anlässlich der angeblich mehrfachen Suchen am Wohnsitz des Be-
schwerdeführers diesen tagsüber zu Hause oder nachts beim Nachbarn zu
fassen und den Militärbehörden zuzuführen.
In diesem Zusammenhang muss auch der vom SEM festgehaltene Wider-
spruch zu den Orten, wo er ab Juni 2015 übernachtet haben will, vom Ge-
richt bestätigt werden. Gemäss BzP will der Beschwerdeführer bis Juli
2015 bei einem Nachbarn, ab Juli 2015 im Freien bei den Tieren übernach-
tet haben (vgl. A7, Ziff. 7.01). Seinen Angaben bei der Anhörung zufolge
habe er im Juni 2015 auf den Feldern draussen übernachtet (vgl. Antwor-
ten 218 ff.) Die anschliessend dem Beschwerdeführer zweimal explizit ge-
stellten Nachfragen, ob er – ausser im Freien bei den Tieren – noch an-
dernorts übernachtet habe, verneinte dieser. Erst bei der spezifizierten
Konfrontation mit dem Widerspruch führte der Beschwerdeführer aus, er
habe bei seinem Freund und Nachbarn «auch» übernachtet, weil er zu
Hause nicht habe erwischt werden wollen; zudem habe er bereits «vorher»
bei diesen Freund sporadisch übernachtet (vgl. A17, Antworten 222 und
223).
Diese Erklärung vermag die festgestellte Divergenz in den Schilderungen
nicht auszuräumen, auch wenn diese Unstimmigkeit für sich alleine kein
massgebliches Unglaubhaftigkeitselement darstellt, sondern lediglich als
zusätzliches Indiz bei der Qualifizierung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
des Beschwerdeführers herangezogen wird.
E-2185/2018
Seite 13
4.4 Schliesslich müssen die vom Beschwerdeführer geltend gemachten
Probleme mit seinen Lehrern und der Abbruch der Schule nach der sechs-
ten Klasse als nicht asylrelevant qualifiziert werden. Aus den Asylakten ge-
hen keine schlüssigen Anhaltspunkte hervor, die auf ein asylrechtlich rele-
vantes Motiv für die vorgetragenen Behelligungen hinweisen würden.
Seine Erklärung, die Lehrer hätten sich entsprechend verhalten, damit er
nicht mehr in die Schule kommen und vielmehr ins Militär gehen würde,
muss, wie die Vorinstanz bereits zutreffend festhielt, als nicht überzeugend
und rein spekulativ gewürdigt werden.
4.5 Andere Asylgründe hat der Beschwerdeführer nicht vorgetragen.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM mit zutreffender Be-
gründung die Schlussfolgerung gezogen hat, dass es dem Beschwerde-
führer nicht gelungen ist, seine Fluchtgründe – namentlich seine mehrfa-
che Einberufung durch die eritreischen Militärbehörden – glaubhaft darzu-
tun.
In der Beschwerdeeingabe wird nichts Stichhaltiges vorgetragen und es
wurden keine Beweismittel eingereicht, die an dieser Einschätzung etwas
zu ändern vermöchten.
Es ist dem Beschwerdeführer daher nicht gelungen, eine im Zeitpunkt sei-
ner Ausreise aus dem Heimatstaat bestehende asylbeachtliche Verfol-
gungssituation glaubhaft darzutun. Es ist auch nicht davon auszugehen,
dass er zu diesem Zeitpunkt konkrete Kontakte zu den eritreischen Militär-
behörden im Zusammenhang mit einer Rekrutierung in den National Ser-
vice im Sinne der Rechtsprechung (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen
der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3 E. 4.7
und 4.10) gehabt hat. Es ist daher auch nicht davon auszugehen, dass er
wegen Regimefeindlichkeit (Refraktion) ins Visier der eritreischen Behör-
den geraten ist und eine diesbezüglich begründete Furcht vor flüchtlings-
rechtlich relevanten Bestrafung zu bejahen ist.
4.6 Im Zusammenhang mit der vom Beschwerdeführer geltend gemachten
illegalen Ausreise aus Eritrea ist zudem auf das Referenzurteil des Bun-
desverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 zu verweisen.
Das Gericht geht nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon aus,
dass sich eritreische Staatsangehörige aufgrund einer illegalen Ausreise
mit Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert sehen, welche bezüglich
E-2185/2018
Seite 14
ihrer Intensität und der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nach-
teile im Sinne des Asylgesetzes darstellen (vgl. D-7898/2015, a.a.O. E.
5.1). Nach dieser Rechtsprechung ist nur dann von einer begründeten
Furcht vor intensiven und flüchtlingsrechtlich begründeten Nachteilen aus-
zugehen, wenn zur illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukommen, wel-
che die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als
missliebige Person erscheinen lassen (vgl. a.a.O., E. 5.1, letzter Absatz).
Entsprechende zusätzliche Anknüpfungspunkte im Sinne einer Profilschär-
fung sind beim Beschwerdeführer zu verneinen, zumal sich die vorgetra-
genen Militäraufgebote und die behördlichen Suchen als nicht glaubhaft
gemacht erwiesen haben und in der Beschwerdeeingabe auch keine sol-
che Anknüpfungspunkte spezifiziert werden.
4.7 Nach dem Gesagten hat das SEM mit zutreffender Begründung zu
Recht festgestellt, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllt. Die Abweisung des Asylgesuchs ist demnach zu Recht erfolgt.
5.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demzufolge zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37
E. 4.4).
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
5.1.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Vorliegend erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingsei-
genschaft nicht. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von
Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwend-
bar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge-
meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3
BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
E-2185/2018
Seite 15
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
5.1.2 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK und Art. 3 EMRK darf niemand
der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behand-
lung unterworfen werden.
5.1.3 Angesichts des Alters des Beschwerdeführers ist es durchaus mög-
lich, dass er bei einer Rückkehr in sein Heimatland in den Nationaldienst
eingezogen würde.
5.1.4 Im publizierten Urteil BVGE 2018 VI/4 klärte das Bundesverwaltungs-
gericht die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei drohen-
der Einziehung in den eritreischen Nationaldienst unter den Aspekten des
Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2 EMRK) und des Verbots der Folter
und der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK).
Es stellte fest, die Bemessung der Dienstdauer und die Gewährung von
Urlauben im eritreischen Nationaldienst seien für die Einzelperson kaum
vorhersehbar. Die durchschnittliche Dienstdauer lasse sich nicht genau be-
ziffern, auszugehen sei jedoch davon, dass sie zwischen fünf und zehn
Jahre betrage und in Einzelfällen darüber hinausgehen könne. Die Lebens-
bedingungen gestalteten sich sowohl in der Grundausbildung als auch im
militärischen und im zivilen Nationaldienst schwierig; der Nationaldienst-
sold reiche kaum aus, um den Lebensunterhalt zu decken. Darüber hinaus
komme es im eritreischen Nationaldienst – insbesondere in der Grundaus-
bildung und im militärischen Nationaldienst – zu Misshandlungen und se-
xuellen Übergriffen. Die Bedingungen im Nationaldienst seien folglich
grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifi-
zieren. Für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs rei-
che diese Einschätzung jedoch nicht aus. Vielmehr wäre hierfür erforder-
lich, dass durch die Einziehung in den eritreischen Nationaldienst das
ernsthafte Risiko einer schwerwiegenden Verletzung von Art. 4 Abs. 2
EMRK bestünde, mithin der Kerngehalt dieser Bestimmung verletzt würde.
Eine solche Situation liege indessen nicht vor. Nicht erstellt sei zudem,
dass die berichteten Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart sys-
tematisch stattfänden, dass jede Nationaldienstleistende und jeder Natio-
naldienstleistende dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche
Übergriffe zu erleiden (vgl. a.a.O. E. 6.1, insbes. 6.1.5).
E-2185/2018
Seite 16
5.1.5 Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte
(EGMR) müsste der Beschwerdeführer mit Blick auf Art. 3 EMRK eine kon-
krete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im
Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom
28. Februar 2008, Nr. 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Im Grundsatzur-
teil BVGE 2018 VI/4 (E. 6.1.6) wurde diesbezüglich ausgeführt, es existier-
ten keine hinreichenden Belege dafür, dass Misshandlungen und sexuelle
Übergriffe im Nationaldienst derart flächendeckend stattfinden würden,
dass jede Dienstleistende und jeder Dienstleistende dem ernsthaften Ri-
siko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden. Auch im Falle
des Beschwerdeführers besteht daher kein ernsthaftes Risiko einer Verlet-
zung von Art. 3 EMRK im Falle einer Einziehung in den eritreischen Natio-
naldienst.
5.1.6 Aus den Akten ergeben sich keine weiteren Gründe für die Annahme
der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im Falle einer freiwilligen
Rückkehr des Beschwerdeführers; er macht selbst keine weiteren Gründe
geltend. Der Wegweisungsvollzug ist folglich vorliegend als zulässig zu be-
trachten.
5.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
5.2.1 Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem
Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungs-
weise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausge-
gangen werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in ei-
nigen Bereichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor
schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation,
der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der
Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Kon-
flikte sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch
die umfangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil
der Bevölkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage
des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenz-
bedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen.
Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende
individuelle Faktoren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung für die
E-2185/2018
Seite 17
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer
D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen Mann, welcher
die Schule bis zur sechsten Klasse besucht hat (vgl. A7, Ziff. 1.06). In sei-
ner Heimat verfügt er über ein familiäres Beziehungsnetz (beide Elternteile,
fünf Schwestern und vier Halbbrüder), die alle in Eritrea leben (vgl. A7, Ziff.
3.01 sowie A14, Antworten 38 ff.). Er ist im Dorf C._ aufgewachsen
und hat bis zu seiner Ausreise mit seiner Familie dort gelebt (vgl. A14, Ant-
wort 17 ff. und 38). Seine Familie lebt nach wie vor in C._ und der
Beschwerdeführer steht gemäss eigenen Angaben mit seiner Familie in re-
gelmässigem Kontakt (vgl. A14, Antworten 63-70). Seine Familie ist in der
Landwirtschaft tätig und besitzt einige Tiere. Seine Familienmitglieder sol-
len alle ein eigenes Stück Land besitzen und es soll nie zu finanziellen
Engpässen gekommen sein (vgl. A14, Antworten 88-104). Es ist deshalb
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr wieder
bei seiner Familie wohnen kann und er bei der sozialen und wirtschaftli-
chen Wiedereingliederung seitens seiner Familie unterstützt wird. Medizi-
nische Probleme, die den Wegweisungsvollzug unter Umständen als un-
zumutbar erscheinen lassen könnten, ergeben sich aus den Akten nicht.
Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch in individueller Hin-
sicht als zumutbar.
5.3 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht aber praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit des
Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG entgegen. Es ob-
liegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
5.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
E-2185/2018
Seite 18
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ein mit der Beschwerde ge-
stelltes Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde jedoch mit Instruktionsverfügung
vom 1. Mai 2018 gutgeheissen. Folglich sind keine Verfahrenskosten zu
erheben.
7.2 Mit Instruktionsverfügung vom 1. Mai 2018 wurde sodann MLaw El Uali
Emmhammed Said, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende, (...), als amt-
licher Rechtsbeistand eingesetzt. Es ist deshalb für das vorliegende Ver-
fahren ein amtliches Honorar zuzusprechen.
Bei amtlicher Vertretung geht das Gericht in der Regel von einem Stunden-
ansatz von Fr. 100.− bis Fr. 150.− für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und
Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE]), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschä-
digen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Diese Bandbreite wurde dem Rechts-
vertreter in der Zwischenverfügung vom 1. Mai 2018 bekannt gegeben und
er hat sich – bereits in früheren Beschwerdeverfahren vor dem Bundesver-
waltungsgericht – mit dieser einverstanden erklärt.
Mit Eingabe vom 29. Mai 2018 reichte der Rechtsvertreter eine Kostennote
zu den Akten, in welcher ein Arbeitsaufwand von 7 h und 45 Minuten sowie
Auslagen von Fr. 32.60 ausgewiesen werden. Dieser Aufwand erscheint
angemessen. Dem amtlichen Rechtsbeistand ist somit ein amtliches Ho-
norar von insgesamt Fr. 1’195.- (inkl. Auslagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-2185/2018
Seite 19