Decision ID: a8db0271-bde5-575d-87da-f065b36969d6
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Mit Entscheid der Vizepräsidentin der 4. Abteilung des Bezirksgerichts St. Gallen
betreffend Eheschutzmassnahmen vom 3. Juli 2000 wurde B._ verpflichtet, ab dem
1. Juni 2000 monatlich Fr. 1'511.--, ab 1. Juli 2001 monatlich Fr. 1'386.-- an den
Unterhalt seiner Ehefrau A._ zu bezahlen. Zudem hatte er ab dem 1. Juni 2000
monatlich Fr. 650.-- an den Unterhalt seiner Tochter C._ sowie Fr. 450.-- für Sohn
D._ zu bezahlen (act. G 5.1). In Gutheissung des entsprechenden Gesuchs vom 18.
September 2001 (nicht bei den Akten) bewilligte das Sozialamt Abteilung Dienste
(heute: Soziale Dienste) St. Gallen mit Verfügung vom 9. Oktober 2001 die
Bevorschussung der Kinderalimente im Umfang von insgesamt Fr. 1'100.-- monatlich
ab dem 1. Oktober 2001 (act. G 5.2). Die Bevorschussung wurde betreffend C._ mit
Erreichen der Volljährigkeit per 31. Dezember 2011 eingestellt (Verfügung vom 17.
November 2011 [act. G 5.3]). Die Bevorschussung betreffend D._ wurde infolge
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wirtschaftlicher Selbstständigkeit des Unterhaltsberechtigten per 30. November 2015
ebenfalls eingestellt (Verfügung vom 6. April 2016 [act. G 5.4]).
A.b Mit Einzelrichterentscheid des Präsidenten des Bezirksgerichts Appenzell I.Rh.
vom 5. Dezember 2016 wurde B._ wegen langjähriger Nachrichtenlosigkeit per 3.
Januar 2008 für verschollen erklärt (act. 5.5). Mit "Revisions- und
Einstellungsverfügung" vom 5. Oktober 2017 stellten die Sozialen Dienste St. Gallen
die Alimentenbevorschussung rückwirkend per 31. Januar 2008 ein und forderten von
A._ die im Zeitraum vom 1. Februar 2008 bis zum 30. November 2015 zu viel
ausbezahlten Betreffnisse im Umfang von insgesamt Fr. 72'850.-- zurück (für C._: 47
Monate à Fr. 650.--; für D._ 94 Monate à Fr. 450.-- [act. G 5.9]).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich der Rekurs vom 3. November 2017 mit dem
Antrag auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Insbesondere sei von einer
Rückforderung der bevorschussten Unterhaltsbeiträge von insgesamt Fr. 72'850.--
abzusehen. Eventualiter sei der Rückforderungsbetrag auf Fr. 17'100.-- zu reduzieren.
Formell wird eine Verletzung des rechtlichen Gehörs gerügt, da die Rekurrentin zur
vorgesehenen Rückforderung nicht schriftlich habe Stellung beziehen können. Gemäss
Art. 81 Abs. 1 VRP könne die Wiederaufnahme des Verfahrens verlangt werden, wenn
die Verfügung oder der Entscheid durch Arglist oder eine strafbare Handlung
beeinflusst worden sei, sich die Behörde in einem offenkundigen Irrtum befunden habe
oder wesentliche Tatsachen oder Beweismittel, die zur Zeit des Erlasses der Verfügung
oder des Entscheids bestanden haben, nicht gekannt habe. Zudem sei das
Wiederaufnahmebegehren innert dreier Monate einzureichen, nachdem der Betroffene
vom Wiederaufnahmegrund Kenntnis erhalten habe. Der angefochtenen Verfügung
könne nicht entnommen werden, auf welchen Wiederaufnahmegrund sich die
Vorinstanz stütze. Ein solcher sei auch nicht ersichtlich. Im Weiteren sei die
angefochtene Verfügung vom 5. Oktober 2017 nicht innerhalb der 3-Monats-Frist
ergangen, habe doch die Vorinstanz bereits am 3. Mai 2017 Kenntnis davon gehabt,
dass die Panvica-Ausgleichskasse der Rekurrentin ab 1. Februar 2008
Hinterlassenenleistungen der AHV ausrichtete (Witwen- und Waisenrenten). Für eine
Rückforderung bestehe damit keine Grundlage mehr. Eventualiter werde die Einrede
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Verjährung vorgebracht. Auf Grund der fehlenden Regelung im GIVU und der
dazugehörenden Verordnung müsse hier die Regelung gemäss Art. 25 Abs. 2 ATSG
analog zur Anwendung gelangen. Demnach erlösche der Rückforderungsanspruch
spätestens mit dem Ablauf von fünf Jahren nach Entrichtung der einzelnen Leistung.
Auch Art. 128 Ziff. 1 OR, welche Bestimmung alternativ herangezogen werden könnte,
sehe eine Verjährungsfrist von fünf Jahren vor. Vorliegend könnten demnach lediglich
Leistungen ab dem 1. Oktober 2012 zurückgefordert werden, wodurch sich der
Rückforderungsbetrag auf Fr. 17'100.-- reduzieren würde (act. G 1).
B.b Mit Stellungnahme vom 25. Januar 2018 beantragt die Verwaltung Abweisung des
Rekurses. In formeller Hinsicht macht sie geltend, der Rekurs vom 8. November 2017
(richtig: 3. November 2017) sei verspätet erfolgt. Die Verfügung vom 5. Oktober 2017
sei gleichentags an die Rekurrentin versandt worden. Die neue Adresse, die ab 1.
Oktober 2017 gegolten habe, habe die Rekurrentin erst am 23. Oktober 2017 mit den
eingereichten Revisionsunterlagen mitgeteilt. Auf Grund dieser Mitteilung sei der
Rekurrentin eine Kopie der Verfügung zugestellt worden, ohne dass jedoch die am 5.
Oktober 2017 versandte Verfügung von der Post jemals retourniert worden wäre. Die
Verfügung vom 5. Oktober 2017 gelte somit am 6. Oktober 2017 als zugestellt, womit
die 14-tägige Rekursfrist nicht eingehalten worden sei. Zum rechtlichen Gehör bringt
sie vor, dieses sei der Rekurrentin am 28. September 2017 telefonisch gewährt
worden. Der Rekurrentin sei der Sachverhalt dargestellt worden und sie habe sich dazu
äussern können. Sie habe sich mit der Rückforderung einverstanden erklärt. Im
Weiteren gehe es vorliegend nicht um eine Wiederaufnahme des Verfahrens im Sinn
von Art. 81 VRP, sondern um eine Rückforderung nach Art. 10 der Vollzugsverordnung
zum GIVU. Damit sei auch die 3-Monats-Frist gemäss Art. 83 Abs. 1 VRP nicht von
Relevanz. Die Rückforderung nach Art. 10 der Vollzugsverordnung zum GIVU sei an
keine Frist gebunden. Die Rückforderung sei sodann auch nicht verjährt, beginne doch
die fünfjährige Frist nach der Rechtsprechung zu Art. 25 Abs. 2 ATSG erst zu laufen,
wenn die Leistung der anderen Sozialversicherung (hier die Hinterlassenenrenten der
AHV) rechtskräftig festgesetzt sei. Insofern beginne die Verjährungsfrist erst mit
Rechtskraft der Verfügung vom 3. Mai 2017. Schliesslich sei der Rückforderungsbetrag
von Fr. 72'850.-- durch das Versicherungsgericht sicherzustellen, da davon
auszugehen sei, dass die Rekurrentin den genannten Betrag bis Abschluss des
vorliegenden Verfahrens nicht mehr verfügbar haben werde (act. G 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c Mit Replik vom 22. Februar 2018 hält die Rekurrentin an ihren Anträgen und
Ausführungen fest. Zur Rechtzeitigkeit des Rekurses wird ausgeführt, dass die fragliche
Verfügung der Rekurrentin erstmalig am 24. Oktober 2017 zugestellt und somit an
diesem Datum eröffnet worden sei. Die Tatsachen der Zustellung und des
Zustellungszeitpunktes müssten mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden. Misslinge dieser Nachweis, dürfe der
Ansprecherin kein Nachteil erwachsen. Der blosse Versand per A-Post reiche nicht aus
für die Annahme einer Zustellung am Folgetag. Zudem habe die Rekurrentin darauf
vertrauen dürfen, dass die Ausgleichskasse die Verfügung vom 3. Mai 2017 gemäss
Verteiler auch der Vorinstanz zugestellt habe. Im Weiteren habe die Vorinstanz die
früher erlassenen Verfügungen widerrufen. Die gleichzeitig geltend gemachte
Rückforderung ändere formell nichts daran, dass es sich vorliegend um eine
Revisionsverfügung handle und ein Rückkommenstitel für eine rechtskräftige
Verfügung gegeben sein müsse. Demzufolge sei die Dreimonatsfrist gemäss Art. 83
Abs. 1 VRP zu beachten. Trotz Kenntnis der Rentenzusprache seit 4. Mai 2017 habe
die Vorinstanz die Revision nicht innert Frist eingeleitet. Nach dem Gesagten sei auch
keine Sicherstellung des Rückforderungsbetrags angezeigt (act. G 7). Die Vorinstanz
verzichtet auf eine Duplik (act. G 9).
B.d Auf ein Schreiben der Verfahrensleitung vom 5. April 2018, wonach ohne
Gegenbericht von einer formlosen Erledigung des Gesuchs um Sicherstellung der
Rückforderung ausgegangen werde, teilt die Vorinstanz mit, dass sie daran festhalte
(act. G 10 und 11). Mit Zwischenentscheid vom 25. Mai 2018 weist die Einzelrichterin
das Gesuch ab (act. G 12). Mit einem weiteren Schreiben vom 7. Juni 2018 ersucht die
Vorinstanz um prioritäre Behandlung der Angelegenheit, da sie nicht grundlos
befürchte, die Rekurrentin könnte den verbleibenden Betrag der Rentenauszahlung
verbrauchen oder in ihr Heimatland Brasilien verschieben (act. G 13).

Erwägungen
1.
Die Vorinstanz macht geltend, der Rekurs sei verspätet erfolgt. Die Verfügung vom 5.
Oktober 2017 sei gleichentags an die Rekurrentin gesandt worden. Die Zustellung sei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
an die der Vorinstanz bekannte Adresse erfolgt (Mühlenstrasse 12, 9000 St. Gallen). Die
neue Adresse (Goliathgasse 1, 9000 St. Gallen), welche ab 1. Oktober 2017 gelte, habe
die Rekurrentin erst am 23. Oktober 2017 mit den eingereichten Revisionsunterlagen
2017 mitgeteilt. Auf Grund dieser Mitteilung habe die Vorinstanz der Rekurrentin eine
Kopie der Verfügung vom 5. Oktober 2017 zugestellt, ohne dass die am 5. Oktober
2017 versandte Verfügung jemals von der Post mangels Zustellung retourniert worden
sei. Die Verfügung vom 5. Oktober 2017 gelte somit am 6. Oktober 2017 als zugestellt
und die Rekurseingabe sei unter Berücksichtigung der 14-tägigen Rekursfrist am 8.
November 2017 (richtig: 3. November 2017) zu spät erfolgt. Dem ist jedoch entgegen
zu halten, dass die Verfügung unbestrittenermassen nicht eingeschrieben, sondern
lediglich per A-Post verschickt wurde (act. G 5.9). Selbst wenn die Verfügung die
Rekurrentin erreicht haben sollte (etwa auf Grund eines Nachsendeauftrags) und
deswegen nicht an die Vorinstanz retourniert wurde, kann nicht ohne weiteres von einer
Zustellung am Folgetag, dem 6. Oktober 2017, ausgegangen werden. Dies ist auf
Grund der Adressänderung sogar eher unwahrscheinlich. Unabhängig von der
Adressänderung kann die Vorinstanz den genauen Zustellungszeitpunkt der Verfügung
vom 5. Oktober 2017 mangels Einschreibesendung nicht belegen. Von der Rekurrentin
wird anerkannt, dass ihr die Vorinstanz auf die Adressänderungsmeldung hin die
Verfügung am 23. Oktober 2017 in Kopie zugestellt hat (Eingang [Eröffnung]
unbestrittenermassen am Folgetag, dem 24. Oktober 2017 [act. G 1 und 1.3]). Die 14-
tägige Frist dauerte somit bis zum 7. November 2017. Der Rekurs vom 3. November
2017 ist demnach rechtzeitig eingereicht worden. Der Umzug erfolgte sodann
unbestrittenermassen per 1. Oktober 2017. Art. 8bis der Vollzugsverordnung zum
Gesetz über Inkassohilfe und Vorschüsse für Unterhaltsbeiträge (VV zum GIVU [sGS
911.511]) sieht eine Meldefrist von 30 Tagen seit Bekanntwerden der meldepflichtigen
Tatsache vor. Selbst wenn man davon ausgehen wollte, dass die Rekurrentin ihre neue
Adresse bereits vor dem 1. Oktober 2017 gekannt hat, könnte ihr bei einer Meldung am
17. Oktober 2017 (Eingang bei der Vorinstanz am 23. Oktober 2017 [act G 5.10])
zumindest keine gravierende Verletzung der Meldepflicht vorgeworfen werden, zumal
selbst ein juristischer Laie annehmen darf, dass ein Umzug innerhalb der gleichen
Gemeinde - bei ansonsten gleichen Verhältnissen - keinen Einfluss auf Anspruch oder
Berechnung der Bevorschussung hat. Somit kann offen bleiben, ob die Rekurrentin im
Oktober 2017 gegenüber der Vorinstanz überhaupt eine Meldepflicht traf, nachdem die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bevorschussungen bereits per Ende Dezember 2011 bzw. Ende November 2015
eingestellt worden sind (act. G 5.3 f.). Auf den Rekurs vom 3. November 2017 ist
folglich einzutreten.
2.
2.1 Die Rekurrentin beanstandet sodann eine Verletzung des rechtlichen Gehörs. Sie
sei vor Verfügungserlass lediglich mündlich über den Sachverhalt informiert worden,
was den Anforderungen an das rechtliche Gehör offensichtlich nicht genüge. Vielmehr
müsse dieser schriftlich eröffnet und der betroffenen Person die Möglichkeit
eingeräumt werden, sich ebenfalls schriftlich dazu äussern zu können. Ein
entsprechendes Schreiben finde sich nicht in den Akten. Die Vorinstanz führt dazu aus,
das rechtliche Gehör sei nach vorangegangener Kontaktaufnahme per Mail am 28.
September 2017 telefonisch gewährt worden. Dabei sei der Rekurrentin der
Sachverhalt dargestellt und der Inhalt der beabsichtigten Verfügung mitgeteilt worden.
Die Rekurrentin habe die Möglichkeit gehabt, sich zu äussern und habe sich mit der
Rückforderung einverstanden erklärt.
2.2 Gemäss Art. 15 Abs. 2 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRP; sGS
951.1) sind Verfügungen, die erheblich belasten, nur zulässig, wenn die Betroffenen
den wesentlichen Sachverhalt kennen und Gelegenheit zur Stellungnahme hatten.
Ausgenommen ist die Veranlagung von Steuern, Taxen und Gebühren. Nachdem es
vorliegend um eine Verfügung geht, welche die Rekurrentin zweifellos erheblich
belastet, war ihr vorgängig das rechtliche Gehör zu gewähren. Davon geht auch die
Vorinstanz aus, macht sie doch geltend, die Gehörsgewährung durchgeführt zu haben.
Die Rekurrentin moniert vorliegend die lediglich mündlich durchgeführte
Gehörsgewährung. Zwar ist ihr insofern Recht zu geben, dass es aus Beweisgründen in
der Regel angebracht ist, die Gehörsgewährung in schriftlicher Form durchzuführen,
wenn auch das Gesetz keine Schriftlichkeit verlangt (Art. 15 Abs. 2 VRP). Bei der
Auslegung von unbestimmten Rechtsvorschriften oder wenn die persönliche Situation
der betroffenen Person eine wesentliche Rolle für den Verfügungserlass spielt bzw.
wenn für die Verwaltung ein grosser Ermessensspielraum besteht, kann sich auch aus
Gründen der Sachverhaltsermittlung oder der Fairness (Überraschungseffekt bei
telefonischer Gehörsgewährung) die schriftliche Gehörsgewährung oder zumindest
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Protokollierung mit Unterschrift aufdrängen (vgl. auch UELI KIESER, ATSG-
Kommentar, 3. Aufl., Art. 42 N3). Vorliegend ist der Sachverhalt jedoch einfach und klar
(Verschollenerklärung des Ehemannes der Rekurrentin per 3. Januar 2008, wodurch
der Unterhaltsanspruch erlischt; von diesem Sachverhalt hatte die Rekurrentin im
Übrigen bereits vor der Vorinstanz Kenntnis). Es besteht sodann kein
Ermessensspielraum bei der Rückforderung zu viel ausgerichteter Bevorschussungen.
Vielmehr ist die Vor¬instanz auf Grund von Art. 10 VV zum GIVU verpflichtet, diese
zurückzufordern. Vorliegend macht die Vorinstanz geltend, sie habe die Rekurrentin am
28. September 2017 telefonisch über den Sachverhalt informiert. Dies wird von der
Rekurrentin nicht bestritten. Ist der Telefonkontakt unbestritten, ist sodann nicht
ersichtlich, was dabei anderes hätte besprochen werden sollen, als die auf Grund der
erfolgten Verschollenerklärung veränderte Rechtslage und die daraus abzuleitende
Rückforderung. Auch dieser Gesprächsinhalt wird von der Rekurrentin nicht in Abrede
gestellt. Sie hatte somit genügende Kenntnis über den entscheidrelevanten Sachverhalt
und konnte sich dazu äussern; beweisrechtliche Fragen stellten sich keine. Einen
anderen Sachverhalt macht sie im Übrigen auch im vorliegenden Rekursverfahren nicht
geltend. Im Weiteren ist nicht erforderlich, dass die betroffene Person mit der
vorgesehenen Verfügung einverstanden ist. Ob die Rekurrentin tatsächlich ihr
Einverständnis mit der Rückforderung geäussert hat, ist deshalb für die Frage der
Gehörsgewährung nicht relevant. Es ist somit festzustellen, dass das rechtliche Gehör
der Rekurrentin bei der gegebenen Sachlage adäquat gewahrt wurde. Daran vermag
schliesslich nichts zu ändern, dass die Rekurrentin anlässlich der Gehörsgewährung
mangels anwaltlicher Vertretung noch nicht sämtliche verfahrensrechtlichen Einwände
vorbringen konnte (Einhalten der Revisionsfrist).
3.
3.1 Im Weiteren macht die Rekurrentin geltend, die Rückforderungsverfügung sei zu
spät ergangen. So könne gemäss Art. 81 Abs. 1 VRP gegen Verfügungen und
Entscheide die Wiederaufnahme des Verfahrens mit der Begründung verlangt werden,
die Verfügung oder der Entscheid sei durch Arglist oder strafbare Handlung beeinflusst
gewesen (lit. a), die Behörde habe sich in einem offenkundigen Irrtum über
entscheidende Tatsachen befunden (lit. b) oder wesentliche Tatsachen oder
Beweismittel, die zur Zeit des Erlasses der Verfügung oder des Entscheids bestanden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hätten, nicht gekannt (lit. c). Auf Wiederaufnahmebegehren werde nur eingetreten,
wenn die Gründe mit einem ordentlichen Rechtsmittel nicht geltend gemacht werden
könnten und das auch bei zumutbarer Sorgfalt unmöglich gewesen sei (Art. 81 Abs. 2
VRP). Der angefochtenen Verfügung könne nicht entnommen werden, auf welchen
Wiederaufnahmegrund sie sich stütze. Ein solcher sei auch nicht ersichtlich. Der
Entscheid über die Alimentenbevorschussung sei weder durch strafbare Handlung
beeinflusst gewesen noch habe sich die Behörde bei Verfügungserlass in einem
offenkundigen Irrtum über entscheidende Tatsachen befunden. Zudem hätten zu
diesem Zeitpunkt keine Tatsachen oder Beweismittel existiert, welche der Vorinstanz
nicht bekannt gewesen seien.
3.2 Dem ist jedoch mit der Vorinstanz entgegen zu halten, dass es sich vorliegend
nicht um eine Wiederaufnahme des Verfahrens nach Art. 81 Abs. 1 VRP (prozessuale
Revision) handelt. Vielmehr war die mit Verfügung vom 9. Oktober 2001 zugesprochene
Alimentenbevorschussung zunächst unbestrittenermassen richtig, weshalb nicht darauf
zurückzukommen ist. Daran ändert nichts, dass die zuständige Stelle die
Leistungsausrichtung jährlich zu überprüfen hat (Art. 8 VV zum GIVU). Mit der
Überprüfung sollen Veränderungen im Sachverhalt festgestellt werden, die einen
Einfluss auf die Alimentenbevorschussung haben (wie z.B. Erreichen der Volljährigkeit,
Ausbildungsabbruch, [erneutes] Zusammenleben der Eltern, Wegzug aus der
Gemeinde, neues oder höheres Einkommen etc.). Die Leistungszusprache als solche
erfolgt jedoch grundsätzlich unbefristet und nicht nur für die nächsten 12 Monate. Auch
vorliegend wurde mit der Verfügung vom 9. Oktober 2001 zwar eine jährliche
Überprüfung der Leistungsausrichtung angekündigt, jedoch eine Revisionsverfügung
nur für den Fall in Aussicht gestellt, dass sich der zu bevorschussende Betrag ändert
(act. G 5.2 Ziff. 3). Soweit ersichtlich, erliess die Vorinstanz nie eine solche
Revisionsverfügung. Die Beträge von Fr. 650.-- bzw. Fr. 450.-- wurden denn auch bis
zu den Einstellungsverfügungen vom 17. November 2011 und 6. April 2016 unverändert
bevorschusst (vgl. act. G 5.3 f.). Mit der durch Urteil vom 5. Dezember 2016 auf den 3.
Januar 2008 erfolgten Verschollenerklärung des Unterhaltsschuldners (bzw. mit dem
vermuteten Tod, der aber die gleichen Rechtswirkungen entfaltet, wie wenn er
bewiesen wäre [Art. 38 Abs. 1 ZGB; SR 210]) ist mithin eine nachträgliche Änderung
des Sachverhalts eingetreten. Diese im Lauf der Leistungsausrichtung eingetretene
Sachverhaltsänderung bildete noch nie Gegenstand einer Leistungsanpassung,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weshalb auch nicht darauf zurückgekommen werden kann oder muss. Vielmehr ist sie
erstmalig zu berücksichtigen. Daran ändert nichts, dass die Leistungen in der
Zwischenzeit durch Verfügungen vom 17. November 2011 und vom 6. April 2016 per
31. Dezember 2011 bzw. per 30. November 2015 eingestellt wurden (act. G 5.3 f.), da
vorliegend (auch) nicht auf diese Einstellungsverfügungen zurückgekommen wird.
Entgegen dem Wortlaut im Dispositiv der angefochtenen Verfügung vom 5. Oktober
2017 wird weder auf die leistungszusprechende Verfügung vom 9. Oktober 2001 noch
auf die genannten "Einstellungsverfügungen" zurückgekommen. Vielmehr kann im Fall
einer Verschollenerklärung auf Grund der gesetzlichen Vorschriften (Wartefrist bei
Nachrichtenlosigkeit: 5 Jahre; Meldefrist mindestens ein Jahr [Art. 36 ZGB]; zuzüglich
Dauer bis zur Einleitung des Verfahrens durch eine berechtigte Person [vgl. Art. 35
ZGB] sowie die Verfahrensdauer selber) die dem Tod gleichgestellte Verschollenheit
immer nur rückwirkend - vorliegend erst nach rund neun Jahren - festgestellt werden.
Dies hat zur Folge, dass die Anpassung (d.h. die Aufhebung [vgl. nachstehende
Erwägung 4.1]) der Dauerleistung ebenfalls rückwirkend erfolgen muss. Entgegen der
Ansicht der Parteien spielt sodann auch die rückwirkend per Februar 2008 erfolgte
Zusprache von Hinterlassenenleistungen der AHV (Witwen- und Waisenrenten) keine
Rolle bei der Frage nach dem Anspruch auf Alimentenbevorschussung. Jene werden
vollständig unabhängig von den Unterhaltsbeiträgen festgesetzt. Während die
Unterhaltsbeiträge zivilrechtlich nach Massgabe der Leistungsfähigkeit des Schuldners
und des Bedarfs sowohl des Schuldners als auch der begünstigten Kinder festgesetzt
werden (Art. 285 Abs. 1 ZGB), werden die Hinterlassenenleistungen gemäss den
Vorschriften von Art. 29bis ff., 33 und 36 f. des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10 [IK-Einträge der verstorbenen Person
[massgebendes durchschnittliches Jahreseinkommen, Beitragsdauer]]) berechnet.
Diese können höher oder tiefer ausfallen als die Unterhaltsbeiträge, ohne dass etwa im
letzteren Fall ein Anspruch auf Differenzzahlungen entstehen würde (wie die Vorinstanz
in ihrer Stellungnahme vom 25. Januar 2018 offenbar meint [act. G 5 Ziff. 2.3]). Auch in
zeitlicher Hinsicht sind diese beiden privatrechtlichen respektive
sozialversicherungsrechtlichen Ansprüche durch den Tod der unterhaltsverpflichteten
bzw. versicherten Person klar voneinander getrennt. Während die Unterhaltspflichten -
und damit deren allfällige Bevorschussung durch die Vorinstanz (vgl. Art. 2 Abs. 1 des
Gesetzes über Inkassohilfe und Vorschüsse für Unterhaltsbeiträge [GIVU; sGS 911.51]:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"für die Dauer der Unterhaltspflicht der Eltern") - mit dem Tod der unterhaltspflichtigen
Person dahinfallen (vgl. nachstehende Erwägung 4.1), werden die
Hinterlassenenleistungen der AHV durch den Tod der versicherten Person gerade erst
ausgelöst (Art. 23 ff. AHVG). Nachdem es sich somit nicht um eine Wiederaufnahme
des Verfahrens nach Art. 81 Abs. 1 VRP, sondern um eine rückwirkende Anpassung an
einen nach Verfügungserlass vom 9. Oktober 2001 veränderten Sachverhalt handelt, ist
demzufolge die Dreimonatsfrist nach Art. 83 Abs. 1 VRP unbeachtlich.
4.
4.1 Gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. b VV zum GIVU sind unrechtmässig bezogene
Vorschüsse zurückzuerstatten oder werden mit laufenden Vorschüssen verrechnet,
insbesondere wenn infolge nachträglicher Veränderung der persönlichen oder
finanziellen Verhältnisse zu hohe Vorschüsse ausgerichtet wurden. Auf Grund der
rückwirkenden Verschollenerklärung des unterhaltsverpflichteten Kindsvaters B._
bestand ab Februar 2008 kein Rechtstitel mehr für die Zahlung von Alimenten und
damit für deren Bevorschussung. So hört die Unterhaltspflicht eines Elternteils mit
dessen Tod auf, auch wenn dies beim Kindesunterhalt - im Gegensatz zum
nachehelichen Unterhalt (Art. 130 Abs. 1 ZGB) - im Gesetz nicht explizit erwähnt wird
(vgl. BASLER KOMMENTAR, ZGB I, 5. Aufl., Peter Breitschmid, Art. 277 N 7). Der
Bezug von Alimentenvorschüssen im Zeitraum ab Februar 2008 bis zur Einstellung
Ende Dezember 2011 bzw. Ende November 2015 erweist sich damit als
unrechtmässig. Die entsprechenden Betreffnisse sind demzufolge grundsätzlich
rückerstattungspflichtig. In masslicher Hinsicht werden von der Rekurrentin keine
Einwände vorgebracht und sind auch keine ersichtlich. So betrugen die Vorschüsse für
die Tochter C._ stets Fr. 650.-- pro Monat. Mit der Vorinstanz ist somit von einem
Rückforderungsbetrag von Fr. 30'550.-- auszugehen (47 Monate à Fr. 650.--). Für Sohn
D._ richtete die Vorinstanz unbestrittenermassen Vorschüsse von monatlich Fr.
450.-- aus, so dass sich eine Rückforderung von Fr. 42'300.-- ergibt (94 Monate à Fr.
450.--), wie die Vorinstanz ebenfalls korrekt ermittelte. Die Rückforderung beträgt damit
total Fr. 72'850.--.
4.2 Die Rekurrentin bringt schliesslich im Eventualstandpunkt vor, der
Rückforderungsanspruch erlösche in analoger Anwendung von Art. 25 Abs. 2 ATSG
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(SR 830.1) spätestens fünf Jahre nach Ausrichtung der einzelnen Leistung. Alternativ
könne auch auf die Verjährungsfrist von Art. 128 Ziff. 1 OR (SR 220) abgestellt werden,
da das Schuldverhältnis grundsätzlich auf einer privatrechtlichen Grundlage basiere,
welche für periodische Leistungen ebenfalls eine Verjährungsfrist von fünf Jahren
vorsehe. Demnach könnten lediglich Leistungen ab dem 1. Oktober 2012
zurückgefordert werden, wodurch sich der Rückforderungsbetrag auf Fr. 17'100.-- (38
Monate à Fr. 450.--) reduzieren würde. Der Bevorschussungsanspruch ist
öffentlichrechtlicher Natur (s. auch Art. 293 Abs. 2 ZGB), wenn er auch nicht dem
Sozialversicherungsrecht zuzuordnen ist. Namentlich verweisen weder das GIVU noch
die dazugehörige Vollzugsverordnung auf den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts. Da die genannten Erlasse selber keine
Verjährungs¬bestimmungen enthalten, ist subsidiär auf die obligationenrechtlichen
Bestimmungen abzustellen. Entgegen der Ansicht der Rekurrentin geht es vorliegend
jedoch nicht um das Erlöschen der Obligation durch Zeitablauf (Verjährung nach Art.
127 f. OR), also nicht um die Frage, wann die periodische Leistung (hier die
Alimentenbevorschussung) verjährt bzw. nicht mehr gegen den Willen des Schuldners
eingefordert werden kann. Vielmehr geht es um das Entstehen einer Obligation aus
ungerechtfertigter Bereicherung (Art. 62 ff. OR). In Art. 67 Abs. 1 OR findet sich eine mit
Art. 25 Abs. 2 ATSG vergleichbare Regelung (mit relativer Verjährungsfrist ab Kenntnis
des Rückforderungsanspruchs sowie absoluter Frist seit Entstehen der Obligation),
wenn auch mit längerer absoluter Verjährungsfrist. In einem ähnlichen Fall hat denn
auch das Zürcher Verwaltungsgericht auf die Verjährungsregelung des Art. 67 Abs. 1
OR abgestellt (Entscheid VB.2007.00206 vom 31. Juli 2007 E. 3.5.2 mit Hinweisen).
4.3 Vorliegend wurde die Vorinstanz mit einer Verfügungskopie der Ausgleichskasse
Panvica vom 3. Mai 2017 betreffend Zusprache und Nachzahlung von Witwen- und
Waisenrenten im Umfang von total Fr. 325'338.-- (davon Fr. 4'087.30 an die Vorinstanz)
bedient. Diese Verfügung ging am 4. Mai 2017 bei der Vorinstanz ein (act. G 5.6).
Nachdem die Rekurrentin die Vorinstanz soweit ersichtlich nicht früher über das
Verschollenerklärungsurteil vom 5. Dezember 2016 informiert hatte, konnte diese
frühestens ab 4. Mai 2017 zumutbare Kenntnis darüber haben, dass der
Unterhaltsschuldner per Januar 2008 als verschollen gilt. Selbst wenn die Vorinstanz
noch im Dezember 2016 (Verschollenerklärungsurteil) vom Rückforderungstatbestand
Kenntnis erhalten hätte, würde die relative Verjährungsfrist entsprechend bis Dezember
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2017 laufen. Auf die Edition von Gesprächsprotokollen, mit welchen eine Kenntnis des
Rückforderungstatbestands bereits vor dem 3. Mai 2017 belegt werden soll (Antrag im
Rekurs, Ziff. 6.2), kann mithin verzichtet werden. Mit der Rückforderungsverfügung
vom 5. Oktober 2017 hat die Vorinstanz die einjährige relative Verjährungsfrist
jedenfalls eingehalten. Nachdem die Rekurrentin ab Februar 2008 aus einem
nachträglich weggefallenen Grund ungerechtfertigt aus dem Vermögen eines anderen
bereichert ist, ist davon auszugehen, dass der Rückforderungsanspruch mit der
Ausrichtung der jeweiligen Bevorschussung entstanden ist. Da die Alimente gemäss
Entscheid vom 3. Juli 2000 jeweils per 1. des Monats vorschüssig zu zahlen waren (act.
G 5.1), und die Bevorschussungen nicht vor Fälligkeit geleistet werden (vgl. Art. 2 Abs.
2 Ziff. 1 GIVU), ist dies frühestens ab Februar 2008 der Fall. Entgegen der Ansicht der
Vorinstanz werden die zu viel ausgerichteten Bevorschussungen nicht erst dadurch
unrechtmässig, dass die AHV Hinterlassenenleistungen erbringt, sondern bereits
dadurch, dass die Unterhaltspflicht des Vaters infolge der Verschollenerklärung
dahinfällt (vgl. vorstehende Erwägung 3.2). Die von ihr zitierte Rechtsprechung, wonach
die absolute Verjährungsfrist erst bei rechtskräftiger Leistungszusprache der anderen
Versicherung beginnen soll (BGE 127 V 490), ist deshalb auf den vorliegenden Fall nicht
anwendbar. Die absolute zehnjährige Verjährungsfrist dauerte somit mindestens bis
zum 31. Januar 2018. Auch diese Frist war bei Verfügungserlass vom 5. Oktober 2017
noch nicht abgelaufen, so dass sämtliche Betreffnisse rückforderbar sind.
5.
Nach dem Gesagten ist der Rekurs abzuweisen. Das Rekursverfahren ist grundsätzlich
kostenpflichtig (Art. 95 Abs. 1 VRP). In Anwendung von Art. 97 VRP ist jedoch
umständehalber auf die Erhebung von Gerichtsgebühren zu verzichten. Eine
Parteientschädigung ist nicht zuzusprechen, nachdem die Rekurrentin in der
Hauptsache vollständig unterliegt und das Begehren um Sicherstellung für sie
bezüglich Aufwand von völlig untergeordneter Bedeutung war.