Decision ID: 874898ae-802c-5071-a08f-097a4620ac71
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. K.L., geb. 1971, Staatsangehöriger von Kosovo, hielt sich in den Jahren 1990 bis
1994 als Saisonnier in der Schweiz auf und erhielt am 17. November 1994 eine
ordentliche Aufenthaltsbewilligung (Vorakten Migrationsamt, nachfolgend Dossier,
S. 7 ff.). Am 21. April 1995 heiratete er im Kosovo die Landsfrau P.Q., die am 19. Juli
1995 in die Schweiz einreiste und im Rahmen des Familiennachzugs die
Aufenthaltsbewilligung erhielt. Aus der Ehe gingen Kinder hervor, die inzwischen
volljährig sind. Am 21. Januar 2004 wurde die Ehe geschieden. Am 1. Juni 2004
heiratete K.L., der seit 9. August 2004 (Dossier, S. 150) über eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Niederlassungsbewilligung verfügt, im Kosovo die Landsfrau M.L. und reichte für sie
am 10. Juni 2004 ein Gesuch um Familiennachzug ein. Dieses wurde vom damaligen
Ausländeramt am 17. November 2004 wegen fehlender finanzieller Mittel und
bestehender Schulden abgewiesen. Ein weiteres Gesuch vom 18. Januar 2005 wurde
vom Migrationsamt unter der Bedingung bewilligt, dass weitere Rückzahlungen an das
Sozialamt erfolgen und keine weiteren Schulden gemacht würden. M.L. reiste daraufhin
in die Schweiz ein und erhielt eine ordentliche Aufenthaltsbewilligung zum Verbleib bei
ihrem Ehemann. Aus dieser Ehe gingen die Kinder N.L., geb. 2006, und O.L., geb.
2008, ebenfalls Staatsangehörige des Kosovo, hervor.
Aufgrund der Nichteinhaltung der Bedingungen verweigerte das Migrationsamt mit
Verfügung vom 13. Februar 2007 die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung von M.L.
und wies sie an, den Kanton St. Gallen zu verlassen. Das damalige Bundesamt für
Migration dehnte die Wegweisung tags darauf auf die Schweiz und das Fürstentum
Liechtenstein aus. M.L. reiste darauf am 19. April 2007 zusammen mit dem damals
einzig geborenen Kind N.L. aus.
Am 15. Oktober 2013 / 23. Dezember 2013 stellte K.L. für seine Ehefrau und die beiden
Kinder N.L. und O.L. ein Gesuch um Familiennachzug (Dossier, S. 198 f.), das er am
27. Februar 2014 zurückzog. Am 8. Dezember 2015 / 21. Dezember 2015 stellte er
erneut ein Gesuch um Familiennachzug (Dossier, S. 266). Dieses wies das
Migrationsamt mit Verfügung vom 26. Mai 2016 ab (act. 9/1). Mit Eingabe vom 10. Juni
2016 bzw. 19. Juli 2016 erhob K.L., vertreten durch Rechtsanwalt Adrian Fiechter,
Rekurs gegen die Verfügung des Migrationsamts (act. 9/1). Diesen Rekurs wies das
Sicherheits- und Justizdepartement am 18. September 2017 ab (act. 2/2).
B. K.L. (Beschwerdeführer) erhob gegen den Entscheid des Sicherheits- und
Justizdepartements (Vorinstanz) vom 18. September 2017 durch seinen
Rechtsvertreter mit Eingabe vom 3. Oktober 2017 und Ergänzung vom 30. Oktober
2017 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den Rechtsbegehren, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge, eventualiter unter Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und -verbeiständung, sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und
das Familiennachzugsgesuch für seine Ehefrau und die beiden gemeinsamen Kinder zu
bewilligen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Vernehmlassung vom 13. November 2017 verwies die Vorinstanz auf die
Erwägungen in ihrem Entscheid und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen des
Beschwerdeführers zur Begründung seiner Rechtsbegehren sowie die Akten wird,
soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2. Ausländische Ehegatten und ledige Kinder unter 18 Jahren von Personen mit
Niederlassungsbewilligung haben Anspruch auf Erteilung und Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung, wenn sie mit diesen zusammenwohnen (Art. 43 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer; SR 142.20, AuG). Auch Art. 8
der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten
(SR 0.101, EMRK) garantiert den Schutz des Familienlebens. Die Bestimmung
verschafft aber an sich kein Recht auf Aufenthalt in einem Konventionsstaat. Hat aber
eine Ausländerin nahe Verwandte in der Schweiz, ist diese familiäre Beziehung intakt
und wird sie tatsächlich gelebt, kann es das in Art. 8 Ziff. 1 EMRK beziehungsweise
Art. 13 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101,
BV) garantierte Recht auf Achtung des Familienlebens verletzen, wenn ihr die
Anwesenheit in der Schweiz untersagt wird. Der sich hier aufhaltende Angehörige muss
dabei über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht verfügen. Dies ist der Fall, wenn er eine
Niederlassungsbewilligung besitzt.
Da der Beschwerdeführer über die Niederlassungsbewilligung verfügt, haben seine
Ehefrau und die beiden Kinder grundsätzlich Anspruch auf Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung.
3. Umstritten ist vorliegend in erster Linie, ob die Frist für den Familiennachzug am
8./21. Dezember 2015 abgelaufen war bzw. ob der Fristenlauf während der Dauer des
ersten Verfahrens betreffend den Familiennachzug stehengeblieben war.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1. Der Anspruch auf Familiennachzug muss innerhalb von fünf Jahren geltend
gemacht werden (Art. 47 Abs. 1 AuG; BGer 2C_914/2014 vom 18. Mai 2015 E. 4.1). Die
Fristen beginnen grundsätzlich mit der Erteilung der Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung oder der Entstehung des Familienverhältnisses zu laufen
(Art. 47 Abs. 3 lit. b AuG beziehungsweise Art. 73 Abs. 2 der Verordnung über
Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit, SR 142.201, VZAE). Übergangsrechtlich
beginnen diese jedoch erst mit dem Inkrafttreten des AuG am 1. Januar 2008 zu laufen,
sofern die Einreise vor diesem Zeitpunkt erfolgt beziehungsweise das
Familienverhältnis vor diesem Zeitpunkt entstanden ist (Art. 126 Abs. 3 AuG). Die Frist
begann vorliegend somit am 1. Januar 2008 zu laufen. Für die nach diesem Zeitpunkt
geborene Tochter O.L. begann die Frist im Zeitpunkt ihrer Geburt, das heisst 2008, zu
laufen.
3.2. Da somit bereits das erste Gesuch um Familiennachzug vom 15. Oktober /
23. Dezember 2013 verspätet eingereicht worden war, konnte dieses die bereits
abgelaufene Frist nicht verlängern. Wie der Beschwerdeführer zum Schluss kommt,
dass dieses Gesuch rechtzeitig eingereicht worden war, erläutert er nicht. Bei der
Einhaltung solcher Fristen kann die Invalidität des Beschwerdeführers (vgl. auch act. 5
S. 2) nicht zu dessen Gunsten berücksichtigt werden; er hätte sich wie bei der
vorliegenden Beschwerde, die rechtzeitig eingereicht worden ist, vertreten lassen
können. Auch hilft ihm eine allfällige Rechtsunkenntnis ebenso wenig wie allen anderen
Rechtsuchenden.
3.3. Die Nachzugsfrist war somit nicht eingehalten worden. Ein ordentlicher Anspruch
auf Familiennachzug besteht damit nicht.
4. Zu prüfen ist deshalb, ob allenfalls wichtige familiäre Gründe nach Art. 47 Abs. 4
AuG vorliegen, die den Familiennachzug erforderlich machen.
4.1. Der Beschwerdeführer bringt dazu vor, dass das Getrenntleben von seiner Familie
für ihn unzumutbar sei. Zudem würden seine Kinder einen Vater brauchen. Die
mehrjährige Trennung sei für die Familie nicht mehr auszuhalten. Laut ärztlichen
Berichten würde sich ein positiver Entscheid betreffend den Familiennachzug positiv
auf die Verbesserung der psychischen Erkrankung des Beschwerdeführers auswirken
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beziehungsweise zur Stabilisierung seines Gesundheitszustands beitragen. Art. 47
Abs. 4 AuG wolle die Integration der Kinder erleichtern, indem diese durch einen
frühzeitigen Nachzug unter anderem auch eine möglichst umfassende Schulbildung in
der Schweiz geniessen sollten. Im Übrigen solle mit der Norm verhindert werden, dass
Nachzugsgesuche missbräuchlich, das heisst erst kurz vor Erreichen des
erwerbsfähigen Alters, gestellt würden. Seit der angefochtene Entscheid ergangen sei,
drohe die Tochter N.L. mit Suizid. Sie würde nicht mehr leben wollen, falls sie nicht
zum Vater ziehen könne. Das Kindeswohl sei damit schwerwiegend gefährdet. Und bei
einem allfälligen Suizid würde die ganze Familie psychisch geschädigt. Die Ehefrau
drohe mit der Scheidung, falls die Familie nicht wieder zusammen leben könne. Bei
einer allfälligen Scheidung wären die Kinder völlig alleine gestellt, da im Kosovo eine
geschiedene Ehefrau zurück in den Haushalt der Eltern müsse und die Kinder zum
Vater müssten. Da die Kinder aktuell nicht in die Schweiz könnten, wäre deren
Betreuung nicht mehr gewährleistet, was wegen ihres Alters nicht mit dem Kindeswohl
zu vereinbaren wäre. Dem Beschwerdeführer sei es nicht zumutbar, in den Kosovo
zurückzukehren, auch weil er gesundheitlich angeschlagen und daher stets auf
medizinische Behandlung angewiesen sei, aber die medizinischen
Behandlungsmöglichkeiten im Kosovo nicht den hier verfügbaren entsprächen. Das
Alter der Töchter lasse keine Integrationsschwierigkeiten befürchten.
4.2. Entscheidend ist bei der Frage der Anwendung von Art. 47 Abs. 4 AuG, ob den in
der Schweiz ansässigen Familienangehörigen zugemutet werden kann, das
Familienleben im Ausland zu leben. Dies ist vorliegend zu bejahen, da der
Beschwerdeführer erst im Alter von 19 Jahren erstmals in der Schweiz als Saisonnier
tätig wurde und seine prägenden Kinder- und Jugendjahre somit im Kosovo verbracht
hat und mit der dortigen Kultur und Sprache bestens vertraut ist. Der
Beschwerdeführer wusste zudem bereits vor der Geburt seiner Töchter bestens um die
Schwierigkeiten im Zusammenhang mit einem Familiennachzug, war doch seinem
Familiennachzugsgesuch betreffend seine Ehefrau nur unter der Bedingung
entsprochen worden, dass weitere Rückzahlungen an das Sozialamt erfolgen und
keine weiteren Schulden gemacht würden. Dennoch entschloss er sich, mit seiner
Ehefrau zwei Kinder zu haben, im Bewusstsein aller Rahmenbedingungen. Auch die
Ehefrau war sich dieser Schwierigkeiten bewusst. Würde sie sich deshalb zu einer
Scheidung entschliessen, so wäre dieser Akt und die damit allenfalls erschwerte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kinderbetreuung ihr Entscheid und wäre nicht von den hiesigen Behörden zu
verantworten. Denn das Kindeswohl wäre bei einer Rückkehr des Beschwerdeführers
in den Kosovo bestens gewährleistet. Auch wenn die medizinische Betreuung im
Kosovo nicht den hiesigen Standards entspricht, ist doch die Grundbetreuung in einem
ausreichenden Mass gewährleistet, das einer Ausweisung nach ständiger
Rechtsprechung nicht entgegensteht, selbst bei psychischen Erkrankungen. Die Kinder
leben seit Jahren von ihrem Vater getrennt. Dass die Nachzugsfrist nicht eingehalten
worden ist, dokumentiert, dass dies nicht unzumutbar war, ansonsten der
Beschwerdeführer sich intensiv um den rechtzeitigen Nachzug bemüht hätte. Die
Weiterführung der bisherigen Familiensituation ist möglich und zumutbar; dasselbe gilt
für eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Kosovo. Veränderte Verhältnisse,
welche die Weiterführung der bisherigen Familiensituation nicht mehr tragbar machen
würden, sind nicht erkennbar, nachdem die Suizidalität der Tochter nicht belegt ist.
Aber auch dies würde vorliegend nichts daran ändern, dass dem Beschwerdeführer,
wie bereits ausgeführt, eine Rückkehr in den Kosovo zumutbar wäre. Das Kindeswohl
kann somit nicht nur durch einen Nachzug in die Schweiz sachgerecht gewahrt
bleiben. Eine Kinderanhörung ist für die Beurteilung dieser Frage nicht erforderlich, da
sich die wesentlichen Fakten aus den Akten ergeben (M. Spescha, in: Spescha/Thür/
Zünd/Bolzli/Hruschka, Kommentar Migrationsrecht, 4. Aufl. 2015, N 8 zu Art. 47 AuG).
Wichtige Gründe für den Nachzug der Ehefrau und Kinder des Beschwerdeführers
gemäss Art. 47 Abs. 4 AuG liegen damit nicht vor. Unter diesen Umständen ist die
Verweigerung des Nachzugs auch verhältnismässig und verletzt weder Art. 8 EMRK
beziehungsweise Art. 13 BV. Auch aus dem Übereinkommen über die Rechte des
Kindes (SR 0.107, KRK) ergibt sich kein über Art. 47 Abs. 4 AuG hinausgehender
Anspruch auf einen Nachzug der Ehefrau mit den Kindern (VerwGE B 2015/284 vom
20. Dezember 2016 E. 3.3, www.gerichte.sg.ch). Hingegen besteht ein öffentliches
Interesse an der Durchsetzung einer restriktiven Einwanderungspolitik, welches die
privaten Interessen des Beschwerdeführers und seiner Familienangehörigen nach den
obigen Ausführungen ohne weiteres überwiegt. Die Verweigerung des
Familiennachzugs steht damit nicht im Widerspruch zu Art. 47 Abs. 4 AuG und ist
verhältnismässig.
5. Der angefochtene Entscheid der Vorinstanz erweist sich damit als rechts- und
verhältnismässig, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6. Dem Verfahrensausgang entsprechend hat der Beschwerdeführer die Kosten zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von CHF 2‘000 ist angemessen
(Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).
Voraussetzung für die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege ist nicht nur die
Bedürftigkeit der gesuchstellenden Person und dass diese eines Rechtsvertreters
bedarf, sondern auch, dass das Verfahren nicht aussichtslos ist (Art. 99 Abs. 2 VRP in
Verbindung mit Art. 117 lit. a und b der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272).
Vorliegend erscheint aufgrund der Tatsache, dass der Beschwerdeführer mit keinem
Wort begründete, warum das erste Gesuch trotz den Ausführungen der Vorinstanz
rechtzeitig hätte gewesen sein sollen, und dass auch die übrigen Ausführungen der
Vorinstanz deutlich und überzeugend ausfielen, die Beschwerde als von Anfang an
aussichtslos, da die Gewinnaussichten beträchtlich geringer waren als die
Verlustgefahren und daher kaum als ernsthaft bezeichnet werden konnten. Eine Partei,
die über die nötigen finanziellen Mittel verfügt und den Prozess auf eigene Kosten und
Gefahr führen müsste, hätte diesen Prozess kaum geführt. Das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege ist daher abzuweisen. Dies gilt auch für die
Rechtsverbeiständung, weshalb bei diesem Ausgang des Verfahrens eine
ausseramtliche Entschädigung ausser Betracht fällt (Art. 98 Abs. 1 in Verbindung mit
Art. 98 VRP). Indessen ist es mit Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des
Beschwerdeführers gerechtfertigt, auf die Erhebung der Entscheidgebühr zu verzichten
(Art. 97 VRP).