Decision ID: 4d570b2c-69b1-4247-bf66-39e931d52b0e
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend einfache Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, II. Abteilung, vom 26. April 2018 (DG170012)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 4. Mai 2017
(Urk. 22/5) ist diesem Urteil beigeheftet
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 53 S. 42 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
- der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 und 2 lit. a StGB
(Anklagesachverhalt 1);
- der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1
in Verbindung mit Ziff. 2 Abs. 2 und 4 StGB (Anklagesachverhalt 2);
- der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181 in Verbindung mit Art. 22
StGB (Anklagesachverhalt 3).
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 24 Monaten Freiheitsstrafe, als Zusatzstrafe zum
Urteil vom 26. Januar 2016 der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland, Zweig-
stelle Flughafen (Geschäfts-Nr. D-5/2016/00253), und zum Strafbefehl vom 20. Juli
2016 der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
(Geschäfts-Nr. A-3/2016/16467).
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird im Umfang von 15 Monaten aufgeschoben und
die Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (9 Monate) wird die Freiheits-
strafe vollzogen.
4. Das Begehren der Privatklägerin 1, dem Beschuldigten gestützt auf Art. 67b StGB
für die Dauer von fünf Jahren zu verbieten, mit der Geschädigten in Kontakt zu
treten, wird abgewiesen.
5. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin 1 aus dem
angeklagten Ereignis gemäss Anklageziffer 2. dem Grundsatze nach schadener-
satzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatz-
anspruches wird die Privatklägerin 1 auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
- 3 -
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 1 Fr. 4'000.– zuzüglich
5% Zins ab 14. Mai 2016 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das
Genugtuungsbegehren abgewiesen.
7. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 22. Juli 2016
beschlagnahmte Messer, Asservat-Nr. ..., wird nach Eintritt der Rechtskraft definitiv
eingezogen und vernichtet.
8. Die Entschädigung von Rechtsanwältin lic. iur. X._ für die amtliche Verteidi-
gung des Beschuldigten wird auf Fr. 26'338.15 festgesetzt, nämlich: Fr. 24'392.50
für den Aufwand, Fr. 586.30 für Barauslagen und Fr. 1'798.25 für
die Mehrwertsteuer im Jahre 2017 (8%) und Fr. 147.40 für die Mehrwertsteuer im
Jahre 2018 (7.7%).
9. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 6'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'700.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 814.45 Auslagen (Gutachten)
Fr. 26'338.15 Kosten amtliche Verteidigung
Fr. 35'852.60 Total
10. Die Kosten des Vorverfahrens und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Be-
schuldigten auferlegt.
11. Die Entschädigung von Rechtsanwältin lic. iur. Y._ für die unentgeltliche Ver-
tretung der Privatklägerin 1 wird auf Fr. 9'625.85 festgesetzt, nämlich: Fr. 8'433.30
für den Aufwand, Fr. 482.– für Spesen und Fr. 642.80 für die Mehrwertsteuer im
Jahre 2017 (8%) und Fr. 67.75 für die Mehrwertsteuer im Jahre 2018 (7.7%).
12. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung der Pri-
vatklägerschaft werden einstweilen auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten
bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
13. [Mitteilungen]
14. [Rechtsmittel]"
- 4 -
Berufungsanträge:
a) Der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 72 S. 1):
- Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der Körperverletzung, der Drohung und der
versuchten Nötigung freizusprechen.
- Das beschlagnahmte Messer gemäss Verfügung der Staatsanwaltschaft vom
22.07.2017 (act. 8/1) sei einzuziehen bzw. ist die Einziehung in Rechtskraft er-
wachsen.
- Die kosten der Untersuchung sowie des erst- und zweitinstanzlichen Gerichts-
verfahrens, einschliesslich jener der amtlichen Verteidigung, seien auf die
Staatskasse zu nehmen.
- Der Privatklägerin sei keine Genugtuung zuzusprechen.
b) Der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerin (Urk. 73 S. 1):
In Abänderung von Ziff. 6 des Urteils der Vorinstanz sei der Beschuldigte zu ver-
pflichten, der Privatklägerin eine Genugtuung von Fr. 10'000.–, zuzüglich Zins zu
5% seit 14. Mai 2016 zuzusprechen.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Beschuldigten.
c) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 75 S. 1):
1. Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils des Bezirksgerichts Dielsdorf vom
26. April 2018, mit folgender Ausnahme:
2. Die Freiheitsstrafe sei in vollem Umfang zu vollziehen.
- 5 -

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich (neuerdings Staatsanwalt-
schaft I des Kantons Zürich, nachfolgend: Staatsanwaltschaft) erhob am 4. Mai
2017 Anklage (Urk. 22/5). Der erste Teil der Hauptverhandlung wurde am
23. November 2017 durchgeführt (Prot. I S. 5 ff.). Die Fortsetzung fand am
19. April 2018 statt (Prot. I S. 12 ff.). Der Beschuldigte blieb beiden Verhandlun-
gen unentschuldigt fern (Prot. I S. 5 und S. 12). Auf eine mündliche Eröffnung des
Urteils wurde seitens der Parteien verzichtet (Prot. I S. 14). Das Urteil wurde am
26. April 2018 im Dispositiv schriftlich eröffnet (Urk. 45). Zum Verlauf des Verfah-
rens bis zum vorinstanzlichen Urteil sei im Übrigen auf das angefochtene Urteil
verwiesen 2018 (Urk. 53).
2. Die Vorinstanz sprach den Beschuldigten mit dem genannten Urteil der
Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 und 2 lit. a StGB, der einfachen Körper-
verletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 in Verbindung mit Ziff. 2 Abs. 2 und
4 StGB sowie der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181 in Verbindung mit
Art. 22 StGB schuldig und bestrafte ihn mit 24 Monaten Freiheitsstrafe, dies
als Zusatzstrafe zum Urteil [recte wohl: Strafbefehl] vom 26. Januar 2016 der
Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland, Zweigstelle Flughafen (Geschäfts-Nr. D-
5/2016/00253), und zum Strafbefehl vom 20. Juli 2016 der Staatsanwaltschaft IV
des Kantons Zürich (Geschäfts-Nr. A-3/2016/16467). Der Vollzug der Freiheits-
strafe wurde im Umfang von 15 Monaten aufgeschoben und die Probezeit auf
3 Jahre festgesetzt. Im Übrigen (9 Monate) wurde der Vollzug der Freiheitsstrafe
angeordnet. Weiter entschied die Vorinstanz über ein Kontaktverbot, die Zivilan-
sprüche der Privatklägerin und einen beschlagnahmten Gegenstand. Schliesslich
regelte sie die Kosten- und Entschädigungsfolgen (Urk. 53 S. 42 ff.).
3. Das schriftlich eröffnete Urteil vom 26. April 2018 wurde von der Vertei-
digung sowie der Staatsanwaltschaft am 27. April 2018 in Empfang genommen
(Urk. 46/1 bzw. Urk. 46/3). Die Vertreterin der Privatklägerin bestätigte den Erhalt
des Urteils unter dem 4. Mai 2018 (Urk. 46/4). Für den Beschuldigten mit un-
- 6 -
bekanntem Aufenthalt wurde das Urteil am 4. Mai 2018 im kantonalen Amtsblatt
publiziert (Urk. 46/2).
4. Das begründete Urteil der Vorinstanz wurde von der Verteidigung am
15. Januar 2019 in Empfang genommen (Urk. 52/1). Mit Eingabe vom 4. Februar
2019 (hier eingegangen am 5. Februar 2019) reichte sie fristgerecht ihre Beru-
fungserklärung ein (Urk. 55). Die Privatklägerin bestätigte den Erhalt des begrün-
deten Urteils unter dem 16. Januar 2019 (Urk. 52/4). Ihre Berufungserklärung vom
4. Februar 2019 (Urk. 57) erfolgte damit ebenfalls fristwahrend.
5. Mit Präsidialverfügung vom 5. Februar 2019 wurden die Berufungserklä-
rungen den jeweiligen Gegenparteien zugestellt mit Fristansetzung zur Erhebung
einer Anschlussberufung bzw. zum Antrag auf Nichteintreten auf die Berufung
(Urk. 59).
6. Am 19. Februar 2019 erhob die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung
mit Bezug auf die Berufung des Beschuldigten, was den Vollzug der Freiheits-
strafe betrifft (Urk. 61). Mit Eingabe vom 22. Februar 2019 erklärte die amtliche
Verteidigerin namens des Beschuldigten ihrerseits Anschlussberufung bezüglich
der Berufung der Privatklägerin (Urk. 63). Durch Präsidialverfügung vom 8. März
2019 wurden die Anschlussberufungserklärungen den jeweiligen Gegenparteien
zur Kenntnisnahme übermittelt (Urk. 65).
7. Am 14. November 2019 wurde zur Berufungsverhandlung auf den
20. Februar 2020 vorgeladen (Urk. 67). Am 3. Februar 2020 holte das Gericht ei-
nen neuen Strafregisterauszug ein (Urk. 69).
8. Am 20. Februar 2020 fand die Berufungsverhandlung statt, zu welcher
– neben Staatsanwältin lic. iur. F. Stadelmann sowie der Privatklägerin und ihrer
unentgeltlichen Vertreterin, Rechtsanwältin lic. iur. Y._, die amtliche Verteidi-
gerin des Beschuldigten, Rechtsanwältin lic. iur. X._, erschienen ist (Prot. II
S. 4). Der Beschuldigte ist – ohne Benachrichtigung – nicht erschienen (Prot. II
S. 4; Urk. 72 S. 1). Nach Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO "wird eine abwesende Partei,
die sich rechtmässig vertreten lässt, nicht als säumig betrachtet" (BBl 2006 1317).
- 7 -
Der Beschuldigte wurde durch die amtliche Verteidigung vertreten. Entsprechend
war die Berufungsverhandlung ohne den säumigen Beschuldigten durchzuführen.
Ein Abwesenheitsverfahren findet in einer solchen Konstellation nicht statt
(Art. 407 Abs. 2 StPO e contrario; Urteil 6B_1293/2018 vom 14. März 2019
E. 3.3.2). Vorfragen waren keine zu entscheiden und es waren keine Beweise
abzunehmen (Prot. II S. 5 f.). Die Parteien verzichteten auf eine mündliche Ur-
teilseröffnung (Prot. II S. 10). Das Urteil erging noch gleichentags und wurde den
Parteien vorab im Dispositiv schriftlich zugestellt (Prot. II S. 11 ff.).
II. Umfang der Berufung
1. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung auf-
schiebende Wirkung. Die Rechtskraft des angefochtenen Urteils wird somit im
Umfang der Berufungsanträge gehemmt, während die von der Berufung nicht er-
fassten Punkte in Rechtskraft erwachsen (vgl. BSK StPO-Eugster, 2. A., Art. 402
N 1 f).
2. Der Beschuldigte lässt das vorinstanzliche Urteil vollumfänglich anfechten
(Urk. 55 S. 1) und beantragt im Rahmen der Anschlussberufung eventualiter eine
tiefere Genugtuung (Urk. 63). Die Privatklägerin beantragt eine höhere Genugtu-
ung und im Übrigen die Bestätigung des angefochtenen Urteils (Urk. 57 S. 2). Die
Staatsanwaltschaft ficht mit ihrer Anschlussberufung lediglich den teilbedingten
Vollzug der Freiheitsstrafe an (Urk. 61 S. 1).
3. Anlässlich der Berufungsverhandlung präzisierte die amtliche Vertei-
digung des Beschuldigten, dass die Dispositivziffern 4 (Kontaktverbot), 7 (Ein-
ziehung des Messers), 8 (Festsetzung der Entschädigung der amtlichen Vertei-
digung), 9 (Kostenfestsetzung) und 11 (Festsetzung der Entschädigung der un-
entgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft) des vorinstanzlichen Urteils nicht
angefochten seien (Prot. II S. 5 f.). Diese sind somit in Rechtskraft erwachsen,
wovon mittels Beschluss Vormerk zu nehmen ist. Darüber hinaus (im Umfang der
nicht in Rechtskraft erwachsenen Dispositivziffern) ist das Urteil angefochten und
damit Gegenstand des Berufungsverfahrens.
- 8 -
III. Formelles
1. Soweit für die tatsächliche und die rechtliche Würdigung des eingeklagten
Sachverhaltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, so erfolgt dies
in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO, auch ohne dass dies jeweils explizit Er-
wähnung findet.
2. Das rechtliche Gehör nach Art. 29 Abs. 2 BV verlangt, dass die Behörde
die Vorbringen des von einem Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffenen
auch tatsächlich hört, prüft und in seiner Entscheidfindung berücksichtigt. Nicht
erforderlich ist, dass sie sich mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt. Vielmehr
kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte beschränken
(BGE 141 IV 249 E. 1.3.1; Urteil des Bundesgerichtes 6B_957/2016,
6B_1022/2016 vom 22. März 2017 E. 2.5.1; je mit Hinweisen).
3.1. Als Privatklägerschaft gilt die geschädigte Person, welche ausdrücklich
erklärt, sich am Strafverfahren als Straf- oder Zivilklägerin zu beteiligen, wobei der
Strafantrag dieser Erklärung gleichgestellt ist (Art. 118 Abs. 1 und 2 StPO). Ge-
mäss Art. 118 Abs. 3 StPO ist die Erklärung spätestens bis zum Abschluss des
Vorverfahrens abzugeben.
3.2. Die Geschädigte und heutige Privatklägerin stellte am 15. Mai 2016
Strafantrag betreffend Tätlichkeiten, Körperverletzung und Drohung (Urk. 1/4). Am
17. Oktober 2016 erklärte sie überdies explizit, sich als Privatklägerin im Straf-
und Zivilpunkt zu konstituieren (Urk. D5/5/3). Damit liegen die nötigen Erklärung
zur Geltendmachung von Rechten als Privatklägerschaft vor.
4.1. Die (u.a.) vorgeworfene einfache Körperverletzung und Drohung sehen
in ihrem Grundtatbestand ein Strafantragserfordernis vor (Art. 123 Ziff. 1 StGB
bzw. Art. 180 Abs. 1 StGB). Der Täter wird von Amtes wegen verfolgt, wenn er
der Ehegatte des Opfers ist und die Tat während der Ehe oder bis zu einem Jahr
nach der Scheidung begangen wurde (Art. 123 Ziff. 2 Abs. 4 StGB bzw. Art. 180
Abs. 2 lit. a StGB).
- 9 -
4.2. Die Privatklägerin war im Zeitpunkt der vorgeworfenen Delikte mit dem
Beschuldigten verheiratet (Urk. 1 S. 1; Urk. D5/5/7 S. 3). Damit waren die Vorwür-
fe von Amtes wegen abzuklären.
5.1. Als problematisch erweist sich der Einbezug von C._. Die Staats-
anwaltschaft führte C._ als Geschädigten "mit Konstituierung als Privatklä-
gerschaft" im entsprechenden Verzeichnis auf (Urk. 17). Auch die Vorinstanz er-
fasste ihn im Rubrum als Privatkläger (Urk. 63 S. 1).
5.2. C._ stellte gegen den Beschuldigten am 14. Mai 2016 Strafantrag
wegen Hausfriedensbruchs (Urk. D3/2), was zwar einer Konstituierung als Privat-
kläger gleichkommt (vgl. obige Ziff. 3.1.). Dieser Vorwurf wurde aber – nicht gera-
de naheliegend und nur vor dem Hintergrund der am 22. Juli 2016 erfolgten
einstweiligen Sistierung des Verfahrens im Übrigen (vgl. "Sistierungsverfügung
Häusliche Gewalt" gemäss Urk. 21) zu sehen – ausgeklammert und separat mit
Strafbefehl vom 20. Juli 2016 geahndet (Urk. D3/6). Es erschliesst sich daher
auch nicht, weshalb die Vorinstanz, welche das Vorgehen der Staatsanwaltschaft
zu Recht hinterfragt hatte (vgl. Urk. 53 S. 31), C._ trotzdem noch als Privat-
kläger im Rubrum anführte.
5.3. C._ wurde am 14. Mai 2016 als Auskunftsperson durch die Kan-
tonspolizei Zürich befragt (Urk. 4/1). Es erfolgte zu Beginn der Hinweis, dass er
nicht zur Aussage verpflichtet sei, ebenso wurde er – sinngemäss, d.h. ohne Ge-
setzesvorhalt – belehrt über die Folgen von Art. 303-305 StGB (Urk. 4/1 S. 1).
Am 19. Juli 2016 erfolgte seine Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft
(Urk. 4/2). Das Einvernahme-Protokoll trägt den Titel "Zeugeneinvernahme"
und den Untertitel "Art. 162 ff. StPO" (Urk. 4/2 S. 1). Im Verlauf kommen Hinweise
unter den Titeln "Belehrung Zeugnispflicht" (Urk. 4/2 S. 2) und "Allgemeines
Zeugnisverweigerungsrecht" (Urk. 4/2 S. 3). Die Einvernahme schliesst mit dem
Hinweis an den Befragten, dass er als Zeuge Anspruch auf eine angemessene
Entschädigung für Erwerbsausfall und Spesen habe (Urk. 4/2 S. 5). C._ be-
stätigte die Richtigkeit des Protokolls als Zeuge (Urk. 4/2 S. 5). Damit scheint ihm
in der Einvernahme prima vista die Rolle als Zeuge zugewiesen worden sein.
- 10 -
Allerdings findet sich ebenfalls innerhalb des Abschnitts "Belehrung Zeug-
nispflicht" unter Ziff. 4 was folgt: "Zudem werden Sie heute im Strafverfahren ge-
gen A._ betreffend Hausfriedensbruch als Auskunftsperson (Privatkläger)
einvernommen (Art. 178 Bst. a StPO).", gefolgt von den Hinweisen zur Aussage-
pflicht gemäss Art. 180 Abs. 2, 181 Abs. 1 StPO und zu den Folgen einer Wider-
handlung im Sinne von Art. 303-305 StGB (Urk. 4/2 S. 2). Dann folgt neuerdings
ein Hinweis für ihn als Zeuge, nämlich betreffend sein Aussageverweigerungs-
recht (Urk. 4/2 S. 3).
5.4. Zwar ist es möglich, dass eine Person ihre Rolle im Gang eines Verfah-
rens ändert. So wird eine Person nach ihrer Konstituierung nach Art. 118 StPO
als Auskunftsperson einvernommen, vorher erfolgt die Einvernahme als Zeugin
nach Art. 166 Abs. 1 StPO. Vor der Konstituierung gemachte Zeugenaussagen
behalten denn auch ihre Gültigkeit und Verwertbarkeit. Gleiches gilt für die Aus-
sagen von Auskunftspersonen, wenn diese später nach Art. 120 StPO auf die
Stellung als Privatklägerschaft verzichtet und damit wieder als Zeugin zu verneh-
men ist (vgl. Schmid/Jositsch, StPO Praxiskommentar, 3. Aufl., Art. N 178 N 4 f.).
Der vom Beschuldigten begangene, C._ betreffende Hausfriedensbruch
ergab sich im Gefolge der Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und
der Privatklägerin am 14. Mai 2016. Es geht auch hier nicht an, einer Person zur
Sachverhaltsabklärung in der gleichen Einvernahme fliessend zwei verschiedene
Rollen mit den jeweiligen, d.h. unterschiedlichen, Wahrheits- und Aussagepflich-
ten und -verweigerungsrechten zuzuweisen. C._ hatte – wie gesagt – am 14.
Mai 2016 als Mitbetroffener des Vorfalls Strafantrag gegen den Beschuldigten ge-
stellt (Urk. D3/2). Die Einvernahme mit den unterschiedlichen Rollen fand bei der
Staatsanwaltschaft am 19. Juli 2016 statt (Urk. 4/2). Unter gleichem Datum hat
sich C._ im Strafpunkt betreffend Hausfriedensbruch noch explizit als Privat-
kläger konstituiert und auf eine Zivilklage verzichtet (Urk. D3/5). Der Hausfrie-
densbruch wurde tags darauf mit Strafbefehl vom 20. Juli 2016 separat erledigt
(Urk. D3/6).
Daraus ergibt sich, dass C._ am 19. Juli 2016 – und damit am Tag der
Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft – konstituierter Privatkläger war und
- 11 -
demnach als Auskunftsperson und nicht als Zeuge hätte einvernommen werden
dürfen. Es stellte sich damit auch hier die Frage nach den Folgen dieser falschen
Rollenzuteilung mit Blick auf die Verwertbarkeit der getätigten Aussagen.
5.5. Der Gesetzgeber hat darauf verzichtet, abschliessend diejenigen Best-
immungen aufzulisten, die als Gültigkeitsvorschriften respektive als Ordnungsvor-
schriften zu betrachten sind. Soweit das Gesetz eine Bestimmung nicht selber als
Gültigkeitsvorschrift bezeichnet, hat die Praxis die Unterscheidung vorzunehmen,
wobei primär auf den Schutzzweck der Norm abzustellen ist. Zu prüfen ist dabei
im Einzelfall, ob die Verfahrensvorschrift für die Wahrung der geschützten Inte-
ressen der betroffenen Person eine derart erhebliche Bedeutung hat, dass sie ihr
Ziel nur erreichen kann, wenn bei Nichtbeachtung der Vorschrift der Beweis un-
verwertbar ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_1039/2014 Erw. 2.3.).
In der gesetzlichen Konzeption nimmt die Auskunftsperson eine Stellung ein,
welche zwischen derjenigen der beschuldigten Person und der Zeugin oder dem
Zeugen anzusiedeln ist. Anders als die beschuldigte Person wird sie keiner Straf-
tat konkret verdächtigt (vgl. Art. 111 Abs. 1 StPO), sie ist aber im Unterschied zur
Zeugin oder zum Zeugen an der zu untersuchenden Straftat auch nicht völlig un-
beteiligt (Art. 162 StPO). Dementsprechend sind die Mitwirkungspflichten der drei
Beteiligten-Kategorien im Strafprozess unterschiedlich geregelt. Während das
Aussageverweigerungsrecht der Auskunftsperson deren eigene Interessen
im Verfahren schützt, betrifft das Aussageverweigerungsrecht des Zeugen nicht
den Schutz der befragten, sondern den Schutz der beschuldigten Person
(vgl. BGE 144 IV 28 E. 1.3.1 S. 32).
5.6. C._, bis dahin nicht wirklich gegenseitig bekannter Nachbar des
Beschuldigten und der Privatklägerin (vgl. Urk. 4/2 S. 3), war in den vorliegend zu
beurteilenden Vorfall vom 14. Mai 2016 verwickelt, indem die Privatklägerin in
seiner Wohnung Zuflucht gesucht hatte, worauf der Beschuldigte ohne Erlaubnis
und gegen den Willen von C._ in dessen Wohnung eingedrungen ist, um zu
seiner Gattin (der heutigen Privatklägerin) zu gelangen (vgl. den rechtskräftigen
Strafbefehl vom 20. Juli 2016 gemäss Urk. D3/6).
- 12 -
Die Verteidigung hat bis anhin die Zuweisung einer doppelten Rolle in der
Einvernahme vom 19. Juli 2016 und damit die falsche Belehrung ebenfalls nicht
gerügt (vgl. Urk. 43/2) und damit auch nicht etwa geltend gemacht, C._ hätte
als (insofern korrekt einvernommene) Auskunftsperson ein anderes Aus-
sageverhalten an den Tag gelegt, als in der Rolle als Zeuge. Aus dem Umstand
der falschen (multiplen) Rollenzuteilung unter insgesamt falscher Rechts- und
Pflichtenbelehrung kann der Beschuldigte denn auch nichts zu seinen Gunsten
ableiten. Dem Beschuldigten steht es nicht zu, Vorschriften, welche den Schutz
anderer Verfahrensbeteiligter wie etwa der Auskunftsperson bezwecken, in deren
Namen als verletzt anzurufen und gestützt darauf die Unverwertbarkeit der unter
falscher Rechts- und Pflichtbelehrung durchgeführten Einvernahme geltend zu
machen. Dass er durch die fehlerhafte Rechts- und Pflichtbelehrung von C._
in eigenen Rechten betroffen wäre, legt er (bis heute) nicht dar und ist auch nicht
ersichtlich. Der blosse Hinweis auf angeblich zu schützende Interessen übriger
Verfahrensbeteiligter genügt hierfür jedenfalls nicht.
Indem C._ durch die Staatsanwaltschaft darauf aufmerksam gemacht
wurde, dass er keine falsche Aussage machen dürfe, andernfalls er nach Art. 307
StGB bestraft werden würde (Urk. 4/2 S. 2), wurde er in dieser Hinsicht strenger
belehrt als es das Gesetz für eine Auskunftsperson vorsieht. Dass sich dies in ir-
gendeiner Weise nachteilig auf den Beschuldigten ausgewirkt hätte, ist nicht er-
sichtlich und wird von diesem – wie gesagt – zu Recht auch nicht geltend ge-
macht. Die Teilnahme- und Mitwirkungsrechte des Beschuldigten wurden
im Übrigen gewahrt, indem der Beschuldigte mit der amtlichen Verteidigerin der
Einvernahme vom 19. Juli 2016 beiwohnte und somit auch die Möglichkeit hatte,
Ergänzungsfragen zu stellen (vgl. Urk. 4/2 S. 1 ff.). Die staatsanwaltliche Einver-
nahme von C._ erging damit lediglich in Verletzung einer Ordnungsvorschrift.
Sie ist folglich als Beweismittel verwertbar und unterliegt der pflichtgemässen rich-
terlichen Beweiswürdigung (vgl. hierzu auch Urteil des Bundesgerichts
6B_269/2018 vom 24. Oktober 2018, mit Hinweisen).
6.1. Die amtliche Verteidigerin beantragte schon vor Vorinstanz einen voll-
umfänglichen Freispruch (vgl. Urk. 43/2 S. 1). Mit Bezug auf die Stichverletzung
- 13 -
im Oberschenkel der Privatklägerin führte die Verteidigerin aus, es handle sich
dabei um ein unabsichtliches Geschehen, ein Unfallgeschehen mit einhergehen-
der Selbstverletzung der Privatklägerin im Rahmen eines Gerangels zwischen ihr
und dem Beschuldigten. Höchstens unter diesem Aspekt könnte das Vorliegen
einer (vom Beschuldigten) fahrlässig begangenen Körperverletzung geprüft wer-
den. Da aber eine fahrlässige Körperverletzung nicht eingeklagt worden sei, son-
dern die Anklageschrift ausdrücklich nur eine vorsätzliche Tatbegehung um-
schreibe, könne ohne Verletzung des Anklageprinzips deswegen keine Ver-
urteilung erfolgen (Urk. 43/2 S. 14).
6.2. Nach dem aus Art. 29 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV sowie aus Art. 6 Ziff.
1 und Ziff. 3 lit. a und b EMRK abgeleiteten und nunmehr in Art. 9 Abs. 1 StPO
festgeschriebenen Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegen-
stand des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion). Die Anklage hat die der
beschuldigten Person zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise
zu umschreiben, dass die Vorwürfe in objektiver und subjektiver Hinsicht genü-
gend konkretisiert sind (vgl. Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO). Zugleich bezweckt das
Anklageprinzip den Schutz der Verteidigungsrechte der angeschuldigten Person
und garantiert den Anspruch auf rechtliches Gehör (Informationsfunktion;
BGE 133 IV 235 E. 6.2 f.; 126 I 19 E. 2a, je mit Hinweisen). Die Anklageschrift ist
nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Umgrenzung des Prozess-
gegenstandes und der Information des Angeklagten, damit dieser die Möglichkeit
hat, sich zu verteidigen (Urteil des Bundesgerichts 6B_1011/2014 vom 16. März
2015 E. 1.5.3 mit Hinweis).
6.3. Indem die Anklage schreibt, der Beschuldigte habe, als er der Privat-
klägerin ein Messer mit einer rund 16 cm langen, geschliffenen Klinge in deren
rechten Oberschenkel, lateral, gerammt, "... gewusst, dass ein Stich mit einem
Messer, wie er es eingesetzt hatte, zu einer tiefen Stichverletzung führen kann,
was er auch wollte, zumindest aber in Kauf nahm, und wobei er wusste, dass die
konkrete Art und Weise der Verwendung des Messers die Gefahr einer schweren
Schädigung im Sinne von Art. 122 StGB mit sich bringt (qualifizierte einfache
Körperverletzung)...", umschreibt sie in der Tat nur eine Vorsatz- bzw. Eventual-
- 14 -
vorsatzvariante und kein Fahrlässigkeitsdelikt. Ein solches steht daher nicht zur
Disposition. Ob sich der Sachverhalt in der vorgeworfenen Art als Vorsatzdelikt
erstellen lässt, ist nachfolgend zu prüfen.
6.4. Die Anklage bezeichnet die von den Taten des Beschuldigten Betroffe-
ne teilweise im gleichen Abschnitt unterschiedlich, indem sie von "seiner Gattin
B._", von "seiner Gattin", von der "Geschädigten" und der "Privatklägerin"
spricht (vgl. Urk. 53 S. 2 f). Aus dem Kontext ist aber klar, dass es sich um ein
und dieselbe Person handelt, nämlich die heutige Privatklägerin. Als solche wird
sie denn fortan auch bezeichnet.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch in der von der Vorinstanz
getroffenen Regelung gemäss Urteilsdispositiv-Ziff. 4 davon auszugehen ist, dass
es sich bei der "Privatklägerin" und der "Geschädigten" um die gleiche Person
handelt (Urk. 53 S. 42).
7. Das Verfahren betreffend Entziehen von Minderjährigen (Dossier 2, "Ent-
ziehung von Unmündigen") wurde am 22. Juli 2016 eingestellt (Urk. D2/6).
Ebenso kam es am 4. Mai 2017 zur Einstellung der Verfahren betreffend zweier
Drohungen (Dossier 4 und 5; Urk. 22/8 und Urk. 22/11). Grund für diese Verfah-
renserledigungen war jeweils ein Rückzug des Strafantrags durch die Privatkläge-
rin, wie sich aus den genannten Verfügungen ergibt.
IV. Sachverhalt
A Anklagevorwurf
1.1. Der Beschuldigte sieht sich gemäss Anklageschrift vom 4. Mai 2017
(Urk. 22/5) zunächst mit dem Vorwurf konfrontiert, die Privatklägerin am 14. Mai
2016, um zirka 17.30 Uhr, anlässlich einer verbalen Auseinandersetzung in der
ehelichen Wohnung der Liegenschaft am D._ ..., E._, mit seiner rechten
Hand am Hals gepackt und ihr gegenüber unter anderem erklärt zu haben, er
werde sie umbringen, welche Worte die Privatklägerin in ihrem Sicherheitsgefühl
- 15 -
massiv eingeschränkt hätten, was der Beschuldigte mit seinem Handeln auch be-
zweckt, zumindest aber in Kauf genommen habe (Anklage-Ziffer 1, "Drohung").
1.2. Im weiteren Verlauf sei es der Privatklägerin gelungen, sich aus dem
Griff des Beschuldigten loszureissen und aus der Wohnung in den Treppengang
zu flüchten, wohin ihr der Beschuldigte gefolgt sei und wo er sie schliesslich auf
den dortigen Treppenstufen eingeholt habe. Hierauf habe der Beschuldigte der
Privatklägerin ein Messer mit einer rund 16 cm langen, geschliffenen Klinge in de-
ren rechten Oberschenkel, lateral, gerammt. Dadurch habe die Privatklägerin eine
zirka 3 cm lange und zirka 6 cm tiefe, klaffende Stichverletzung erlitten. Der Be-
schuldigte habe gewusst, dass ein Stich mit einem Messer, wie er es eingesetzt
habe, zu einer tiefen Stichverletzung führen könne, was er auch gewollt, aber zu-
mindest in Kauf genommen habe, wobei er gewusst habe, dass die konkrete Art
und Weise der Verwendung des Messers die Gefahr einer schweren Schädigung
im Sinne von Art. 122 StGB mit sich bringe (Anklage-Ziff. 2, "qualifizierte einfache
Körperverletzung").
1.3. Schliesslich soll der Beschuldigte die Privatklägerin bereits früher,
d.h. am 17. Oktober 2015, zu nötigen versucht haben, indem er von ihr die Her-
ausgabe von Fr 2'000.– verlangt habe, wobei die Privatklägerin der Aufforderung
nicht nachgekommen sei. Daraufhin habe er die Privatklägerin aufs Bett gedrückt
und ihr gesagt, sie solle ihm das Geld geben oder sie lebe nicht mehr. Dabei habe
er ihr mit beiden Händen rund fünf Sekunden den Hals dermassen zugedrückt,
dass es dadurch bei der Privatklägerin zu ungewolltem Urinabgang gekommen
sei. Diese Handlung des Beschuldigten habe bei der Privatklägerin zu einem
massiven Verlust des Sicherheitsgefühls geführt, was der Beschuldigte auch be-
zweckt, zumindest jedoch in Kauf genommen habe. Dennoch habe die Privat-
klägerin dem Beschuldigten das Geld nicht ausgehändigt (Anklage-Ziff. 3, "ver-
suchte Nötigung").
2. Aus Sicht der Vorinstanz hat sich der auf den Belastungen der Privat-
klägerin basierende angeklagte Sachverhalt ohne Zweifel so ereignet (Urk. 43
S. 16 f., S. 19 ff.). Dementsprechend erging am 26. April 2018 ein Schuldspruch
im Sinne der Anklage (Urk. 43 S. 42).
- 16 -
B Anerkannter und bestrittener Sachverhalt
Der Beschuldigte hat im Vorverfahren von Beginn weg seine Unschuld be-
teuert (vgl. Urk. 3/1-4), so persönlich letztmals in der Schlusseinvernahme vom
18. April 2017 (Urk. 3/5). An der Hauptverhandlung, welcher er unentschuldigt
fern blieb, und auch an der heutigen Berufungsverhandlung (vgl. Urk. 72 S. 1 ff.)
liess er die Vorwürfe durch die Verteidigung bestreiten. Anerkannt wird von ihm
zwar, dass es am 14. Mai 2016 zwischen ihm und der Privatklägerin zu einem
Streit gekommen ist und die Privatklägerin eine Verletzung mit dem Messer er-
litten hat. Zusammengefasst hält er der Darstellung der Privatklägerin aber entge-
gen, diese habe das Messer in der Küche behändigt und sei auf ihn losgegangen,
worauf er mit seiner linken Hand ihre rechte Hand gepackt habe, um ihr das
Messer wegzunehmen. Er wisse nicht, wie sie sich verletzt habe (Urk. 3/2 S. 5)
bzw. bei diesem Gerangel habe er sie wahrscheinlich versehentlich am Bein ver-
letzt (Urk. 3/1S. 3 ff., Urk. 3/2 S. 5). Der Sachverhalt, der unter dem Titel der ver-
suchten Nötigung vorgeworfen wird, bestreitet der Beschuldigte vollumfänglich
(Urk. 3/5 S. 3; Urk. 43/2 S. 15 f.).
C Allgemeines zur Beweiswürdigung
1. Das Gericht legt seinem Urteil denjenigen Sachverhalt zugrunde, den es
nach seiner freien aus dem gesamten Verfahren gewonnenen Überzeugung als
verwirklicht erachtet (Art. 10 Abs. 2 StPO). Eine strafrechtliche Verurteilung kann
nur erfolgen, wenn die Schuld des Beschuldigten mit hinreichender Sicherheit er-
wiesen ist. Es darf namentlich kein vernünftiger Zweifel darüber bestehen, dass
sich der dem Beschuldigten in der Anklageschrift vorgeworfene Tatbestand tat-
sächlich verwirklicht hat. Dies bedingt, dass das Gericht eine persönliche Gewiss-
heit erhält. Nicht ausreichend ist, wenn die vorliegenden Beweise objektiv klar auf
eine Schuld des Beschuldigten hindeuten, das Gericht aber persönlich nicht zu
überzeugen vermögen. Allfällige abstrakte theoretische Zweifel sind dabei aber
nicht massgebend, weil solche immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht
verlangt werden kann. Es muss ausreichen, wenn vernünftige Zweifel an der
Schuld des Beschuldigten ausgeschlossen werden können. Allerdings vermag ei-
ne blosse Wahrscheinlichkeit einen Schuldspruch nicht zu begründen. Wenn sich
- 17 -
das Gericht nach Erschöpfung aller Erkenntnisquellen weder von der Existenz
noch von der Nichtexistenz der beweisbedürftigen Tatsachen zu überzeugen
vermag, kommt der den Beschuldigten begünstigende Grundsatz "in dubio pro
reo" zur Anwendung. Hat das Gericht also erhebliche und nicht zu unterdrücken-
de Zweifel (d.h. solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen), so
muss es den Beschuldigten freisprechen.
2. Stützt sich die Beweisführung im Wesentlichen auf Aussagen von Betei-
ligten, so sind diese frei zu würdigen. Steht Aussage gegen Aussage, ist anhand
sämtlicher Umstände, die sich aus den Akten ergeben, zu untersuchen, welche
Sachdarstellung überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt
der Aussagen ankommt, verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben er-
folgen. Beim Abwägen der Aussagen ist im Besonderen zwischen der Glaubwür-
digkeit einer Person und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zu unterscheiden.
Während die erste Grundlage dafür liefert, ob einer Person getraut werden kann,
ist die letztere für die im Prozess massgebende Entscheidung bedeutungsvoll, ob
sich der Sachverhalt zur Hauptsache so zugetragen hat oder nicht (Hauser, Der
Zeugenbeweis im Strafprozess, Zürich 1974, S. 312 ff.). Grundsätzlich kommt der
Glaubwürdigkeit im Sinne einer dauerhaften personalen Eigenschaft bei der Aus-
sageanalyse keine wesentliche Bedeutung zu, sondern die Glaubhaftigkeit der
konkreten Aussage, welche durch methodische Analyse ihres Inhalts darauf
überprüft wird, ob die auf ein bestimmtes Geschehen bezogenen Angaben einem
tatsächlichen Erleben entspringen. Damit eine Aussage als zuverlässig gewürdigt
werden kann, ist sie insbesondere auf das Vorhandensein von Realitätskriterien
und umgekehrt auf das Fehlen von Fantasiesignalen (Bender/Nack/Treuer, Tat-
sachenfeststellungen vor Gericht, 4. Aufl., S. 76 ff.; Urteil des Bundesgerichtes
6B_390/2014 vom 20. Oktober 2014, BGE 133 I 33 E. 4.3.S. 45, BGE 129 I 49).
D Beweismittel
1. An Beweismitteln liegen neben den Aussagen des Beschuldigten
(Urk. 3/1-5) die Aussagen der Privatklägerin (Urk. 2/2-3, Urk. Prot. I S. 6 i.V.m.
Urk 35) vor, wobei deren staatsanwaltschaftliche Einvernahme vom 19. Juli 2017
auch audiovisuell aufgezeichnet wurde (vgl. SD-Karte als Beilage zu Urk. 2/2).
- 18 -
Weiter sind Aussagen von Drittpersonen vorhanden, so jene der (auch als Zeuge
einvernommenen) Auskunftsperson C._ (Urk. 4/1-2) sowie der Zeugen
F._ (Urk. 4/3) und G._ (Urk. 4/4). Eingeholt wurden sodann Gutachten
zur körperlichen Untersuchung der Privatklägerin (Urk. 5/6) und des Beschuldig-
ten (Urk. 6/1) sowie diverse Spitalberichte betreffend die Privatklägerin (Urk. 5/3-
5). An Dokumentationen vorhanden sind schliesslich Fotoaufnahmen der Tatwaf-
fe, des Tatortes, der Stichverletzung sowie von körperlichen Untersuchungen der
Privatklägerin und des Beschuldigten (vgl. Anhang zu Urk. 2/2 und Urk. 8/2).
2. Direkte Beobachtungen der Vorfälle vom 14. Mai 2016 durch unbeteiligte
Dritte liegen nicht vor. Mit Bezug auf den Vorfall vom 17. Oktober 2015 erfolgten
keine entsprechenden Befragungen Dritter.
E Beweismittel betreffend die Vorfälle vom 14. Mai 2016 (Drohung und
einfache Körperverletzung) und Würdigung
1. Aussagen der Privatklägerin
1.1. Die Vorinstanz hat die Aussagen der Privatklägerin ausführlich wieder-
gegeben (Urk. 63 S. 9 ff.). Darauf ist vorab zu verweisen. Soweit Bezug genom-
men wird auf "Aussagen der Privatklägerin im Gutachten des Instituts für Recht-
medizin" (Urk. 63 S. 9 und 13), findet sich dort was folgt: Die Privatklägerin soll
beim IRM angegeben haben, sie habe seit längerer Zeit Streitigkeiten mit ihrem
Ehemann bezüglich der Kinder. Diese seien zum momentanen Zeitpunkt vom
Ehemann zu dessen Eltern in den Kosovo geschickt worden. Nachdem ihr der
Ehemann verweigert habe, mit den Kindern zu telefonieren, habe sie ihm gedroht,
die Polizei zu informieren. Daraufhin habe er sie mit einer Hand von vorne am
Hals gepackt und ihr gedroht, dass er sie umbringen werde. Sie habe sich los-
reissen können und sei aus der Wohnung ins Treppenhaus geflohen. Der Ehe-
mann sei daraufhin mit einem Küchenmesser hinter ihr hergelaufen, habe sie ein-
geholt, sie dann mit dem linken Arm von hinten am Oberkörper umgriffen und mit
dem Messer in der rechten Hand ihr in den rechten Oberschenkel gestochen. An-
schliessend habe er das Messer umgehend wieder rausgezogen. Aufgrund des
entstandenen Lärms seien Nachbarn aufmerksam geworden und sie habe mit ei-
ner blutenden Wunde am rechten Oberschenkel in die Wohnung eines Nachbarn
- 19 -
flüchten können und dort auf die Ankunft der mittlerweile alarmierten Polizei und
Sanität warten können (Urk. 5/6 S. 3).
Dabei ist zu beachten, dass die Angaben der Privatklägerin gegenüber dem
IRM primär der Befunderhebung dienten und sie zuvor darüber orientiert wurde,
dass gegenüber den Ärzten des IRM-UZH keine Angaben zum gegenständlichen
Ereignis gemacht werden müssten (Urk. 5/6). Die dortigen Depositionen können
daher nicht einem exakten Wortlaut der Befragten gleichgesetzt werden, zumal
daselbst auch die Richtigkeit der Wiedergabe von ihr nicht bestätigt wurde.
1.2. Bei der polizeilichen Einvernahme vom 15. Mai 2017 wurde die Privat-
klägerin zuerst zu ihren Kindern, ihrem Ehemann und der Ehesituation befragt.
Sie berichtete dazu, dass sie seit 2009 zusammen seien, im Jahre 2011 geheira-
tet hätten und die Ehe bis 2015 ohne Probleme verlaufen sei (Urk 2/1 S. 2). Der
Streit habe begonnen, als der Beschuldigte eine Firma auf ihren Namen eröffnet
habe. Er habe, obwohl er gut Geld verdient habe, sich nicht wirklich um die Fami-
lie gekümmert und sei stattdessen täglich in den Ausgang gegangen und habe die
Rechnungen nicht bezahlt. Infolgedessen habe es grosse Spannungen in ihrer
Beziehung gegeben. Er habe sie auch mehrmals betrogen. Im Oktober 2015 habe
sie selber einen Job als Hilfsköchin gefunden und damit etwas Geld verdienen
können, um die Familie zu ernähren. Sie hätten dann eine Babysitterin engagiert,
damit sie – die Privatklägerin – selber mehr habe arbeiten können (Urk. 2/1 S. 2)
Sie und der Beschuldigte hätten täglich Streit gehabt. Er habe gesehen,
dass sie tief verschuldet seien. Die Privatklägerin schildert weiter, wie der Be-
schuldigte deswegen vorerst in den Kosovo zurückgekehrt, dann aber wieder in
die Schweiz zurückgekommen sei und sich bei ihr entschuldigt habe, worauf sie
ihn nochmals "bei uns" aufgenommen habe, dies nur den Kindern zuliebe. Bis
Ende April 2016 sei es dann relativ gut gegangen. Um bei der Suche nach einer
Arbeitsstelle flexibler zu sein, "haben wir unsere Tochter zu seiner Familie im
Kosovo geschickt." Der Beschuldigte habe ihr dann vorgeworfen, dass sie mit ei-
nem seiner Freunde eine Liebesbeziehung gehabt hätte, als er nicht in der
Schweiz gewesen sei, was absolut nicht der Tatsache entsprochen habe. Wegen
- 20 -
dieser falschen Anschuldigungen hätten sie wieder Streit bekommen (Urk. 2/1
S. 2).
Sie bestätigte sodann die vorgehaltene Zusammenfassung ihrer Aussagen
in der informellen Befragung am Vortag (Urk. 2/1 S. 3 f.).
Weiter führte sie auf entsprechende Frage zur behaupteten Drohung noch-
mals aus, dass der Beschuldigte sie im Streit am Arm zurückgezogen und ihr ge-
sagt habe, sie solle ihn ansehen, wenn er mit ihr spreche. Da sie aber abermals
nicht mit ihm habe diskutieren wollen, habe er sie mit der rechten Hand am Hals
gepackt. Er habe sie nicht gewürgt, lediglich ca. 2 Minuten gehalten, sie habe
noch atmen können. Er habe ihr in die Augen geschaut und gesagt, dass er sie
umbringen werde. Und weiter: "Ich habe ihm gesagt, dass ich jetzt die Tasche
nehme und zur Polizei gehen werde. Als er den Namen Polizei hörte, ging er in
die Küche und folgte mir anschliessend ins Treppenhaus. Ich habe vorerst das
Messer nicht gesehen. Das Messer habe ich erst wahrgenommen, als er zuge-
stochen hatte. Ich verspürte einfach wie es an meinem rechten Bein warm wurde.
Als ich runterschaute, sah ich, dass ich stark blutete. Das Messer liess A._
fallen und ging in die Wohnung zurück." Zum Stich sagte die Privatklägerin, der
Beschuldigte habe "einmal mit spürbarer voller Kraft auf mein Bein eingestochen,
danach das Messer wieder herausgezogen und anschliessend fallen lassen."
(Urk. 2/1 S. 5). Der Stich sei im Treppenhaus, auf dem Zwischengeschoss unter-
halb ihrer Wohnung erfolgt. Als sie in der Wohnung von Herr C._ gestanden
sei, habe der Beschuldigte sie auf Albanisch als Schlampe und Betrügerin be-
schimpft. Am Vorfall sei zu 100% der Beschuldigte schuld (Urk. 2/1 S. 7).
Angesprochen auf frühere Verhaltensweisen des Beschuldigten sagte die
Privatklägerin, es sei nicht das erste Mal gewesen, dass er nach einem Messer
gegriffen habe, sondern immer wieder, wenn sie Streit gehabt hätten, bisher habe
er aber nie zugestochen. Letzten Oktober habe er sie aufs Bett gedrückt und sie
mit beiden Händen am Hals gepackt und zugedrückt. Als dann aber ihr Sohn ins
Zimmer gekommen sei und auch die Babysitterin dies gesehen habe, habe er von
ihr abgelassen. Dies habe er während ca. 5 Sekunden gemacht. Sie habe sich
gewehrt und nach ihrem Sohn gerufen, als der Beschuldige habe nachfassen
- 21 -
müssen. Auf entsprechendes Nachfragen sagte sie, er habe sie da derart ge-
würgt, dass sie Urinabgang gehabt habe. Sie erinnere sich, dass sie anschlies-
send unter die Dusche gegangen sei (Urk. 2/1 S 6 f).
1.3. Die Aussagen der Privatklägerin anlässlich der staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme vom 19. Juli 2016 finden sich ihrem wesentlichen Inhalt nach
auch im vorinstanzlichen Urteil (vgl. Urk. 53 S. 11 f.). Sie wiederholte dort ihre
Schilderung betreffend ihre gemeinsamen Kinder und die Ehesituation, wobei sie
präzisierte, dass der Beschuldigte gesagt habe, man sollte den Sohn auch in den
Kosovo schicken, was sie auch beim Notariat erlaubt habe (Urk. 2/2 S. 4). Ebenso
bestätigte sie als Auslöser des Streits vom 14. Mai 2016 den vom Beschuldigten
unterbundenen telefonischen Kontakt mit dem Sohn. Sie sei zu ihm gegangen
und habe ihm gesagt, dass das, das was er jetzt machen würde, ungerecht sei.
Sie führte weiter aus: "Entweder solle er mir den Kontakt zu den Kindern nicht
verbieten, oder ich würde zu der Polizei gehen. Er kam in mein Zimmer, packte
mir da hin (fasst sich an den Hals) und sagte, er bringe mich um, aber Kontakt zu
den Kindern nie mehr. Er würde diese Woche noch runter gehen. Ich schaute
nach meiner Tasche, meinen Schuhen, bin von der Wohnung weg, sagte, ich
würde jetzt zu der Polizei gehen. Sobald er Polizei hörte, realisierte (er), dass ich
es ernst meinte, holte er das Messer in der Küche und erwischte mich im Trep-
penhaus." (Urk. 2/2 S 5). Das Packen am Hals konkretisierte sie auf Nachfrage
so, dass er sie mit einer Hand am Hals gepackt habe, nicht lange und nicht fest,
aber so, dass sie nicht habe weggehen können (Urk. 2/2 S. 5). Dies habe weder
Urinabgang noch Atemnot und auch keinen Schwindel ausgelöst. Er habe ihr da-
bei gesagt, dass er sie umbringen würde (Urk. 6/2 S. 6).
Sie habe dann Tasche und Schuhe gepackt und sei von der Wohnung weg-
gegangen. Im Treppenhaus, also zwei Treppen, habe er sie erwischt. Er habe sie
mit der linken Hand gepackt, in der rechten habe er das Messer gehabt. Sie habe
ihm dann gesagt, er solle keinen „Scheiss" machen, er ruiniere sein Leben, und
weiter: "Ich spürte dann nur Wärme im Fuss, mein Fuss wurde warm, weil er mit
dem Messer stach und dieses wieder rauszog. Als ich runter schaute, war der
ganze Fuss blutend." (Urk. 2/2 S. 7). Auf Nachfrage zum Festhalten gab sie zu
- 22 -
Protokoll, "... er hat meine beiden Hände mit seiner linken Hand so zusammen
festgehalten. (Die Privatklägerin verschränkt ihre beiden Arme vor der Brust). Ich
konnte mich nicht mehr bewegen und dann stach er mit dem Messer." Er habe mit
der rechten Hand gestochen, mit der linken habe er sie festgehalten und mit
dem Fuss habe er sie so blockiert, dass sie nicht haben laufen können. Er sei ge-
rade bei ihr gestanden, seitlich. Die Tasche, die sie in der rechten Hand und die
Schuhe, die sie links gehalten habe, seien während des Festhaltens durch den
Beschuldigten auf den Boden gefallen (Urk. 2/2 S. 25). Nach dem Stich sei sie
das Treppenhaus hinuntergelaufen und habe an verschiedenen Türen geklingelt.
Fast zuunterst habe der Nachbar Herr C._ das Klingeln gehört und die Türe
geöffnet. Der Beschuldigte sei nochmals auf sie zugekommen, als Herr C._
schon dabei gewesen sei. Vielleicht habe er sie schlagen wollen, "oder vielleicht
wieder mit dem Messer. Ich weiss nicht, ob er dieses noch in der Hand hatte." Er
sei mit der Faust auf sie zugekommen. Er habe die Faust vorbereitet gehabt
(Urk. 6/2 S. 10). Dabei habe er auf Albanisch gesagt, dass er sie umbringen wür-
de und sie eine Schlampe sei (Urk. 6/2 S. 11).
Auf Ergänzungsfrage der Verteidigung sagte sie, sie sei bei der Polizei
falsch verstanden worden, wenn geschrieben stehe, die Kinder seien ohne ihren
Willen in den Kosovo verbracht worden (Urk. 2/2 S. 23).
1.4. An der Hauptverhandlung vom 23. November 2017 vor Bezirksgericht
schilderte die Privatklägerin die Ereignisse nochmals, wie auch im erstinstanz-
lichen Urteil wiedergegeben (Urk. 53 S. 12 f.). Dabei gab sie als Grund des ehe-
lichen Streits vom 14. Mai 2016 den vom Beschuldigten unterbundenen Kontakt
mit dem Sohn an. Ihre Reaktion darauf beschrieb sie wie folgt (Urk. 35 S. 16 f.):
"Ich habe ihm dann gesagt, dass er mir das Telefon geben müsse, da ich sonst
zur Polizei gehe. Als ich das mit der Polizei gesagt habe, wurde er sauer. Er ist
in mein Zimmer gekommen und hat mich am Hals gepackt. Er war zuvor in der
Küche zum Telefonieren. Ich habe es von Weitem gehört. Er hat mich am Hals
gepackt und ich konnte mich losreissen und habe gesagt, dass ich zur Polizei ge-
hen würde. Ich habe meine Handtasche und Schuhe genommen und bin dann
raus gerannt. Ob ich die Schuhe angezogen habe, weiss ich nicht mehr. Im Trep-
- 23 -
penhaus hat er mich nach zwei Stufen erwischt. Er hat mich dann gepackt, fest-
gehalten und hatte das Messer und sagte, dass ich jetzt zur Polizei gehen könne.
Ich habe daraufhin gesagt, dass er sein Leben ruinieren würde. Ich habe das
Messer nicht gesehen. Ich habe es erst gesehen, als er es aus dem Bein ge-
zogen hat." Es sei auch alles ganz schnell gegangen. Auf Nachfrage der Verteidi-
gung, wann sie bei diesem Vorfall die Handtasche und Schuhe nicht mehr gehabt
habe, antwortete sie, sie wisse es nicht mehr. Es sei so lange her (Urk. 35 S. 19).
2. Aussagen des Beschuldigten
2.1. Der Beschuldigte sagte – wie erwähnt – nur im Vorverfahren aus. Die
Vorinstanz hat seine Aussagen im angefochtenen Urteil zusammengefasst wie-
dergegeben (Urk 53 S. 12 f.). Seine Sicht der Dinge präsentiert sich zusammen-
gefasst wie folgt: Der Beschuldigte führte anlässlich der polizeilichen Befragung
vom 15. Mai 2016 aus, die Privatklägerin habe ihn mit seinem Kollegen betrogen.
Zu Beginn habe sie noch versucht, alles zu bestreiten; als er ihr jedoch die Be-
weise vorgelegt habe, habe sie es eingestanden und gesagt, dass sie einen Feh-
ler begangen habe. Er habe jedoch die Scheidung verlangt (Urk. 3/1 S. 2). Die
letzten vier Wochen habe er mit ihr gar nichts mehr gesprochen. Hingegen habe
sie mittels aller Möglichkeiten versucht, mit ihm zu sprechen, unter anderem habe
sie versucht, ihn nicht mehr aus der Wohnung zu lassen. Zudem habe sie ihm
mitgeteilt, dass, wenn er sich scheiden lasse, sie die Kinder und ihn umbringen
werde (Urk. 3/1 S. 2).
Die Nacht vor dem Vorfall vom 14. Mai 2016 sei sie in sein Schlafzimmer
gekommen, habe sich auf ihn gesetzt und versucht ihn zu küssen, worauf er sie
weggeschickt habe. Auch danach habe sie ihm erneut mit dem Tod gedroht.
Dann habe er die Wohnung verlassen wollen, worauf sie zur Türe gerannt sei und
versucht habe, diese abzuschliessen. Er habe die Türe jedoch öffnen können,
während sie in der Küche ein Messer geholt habe. Als er auf der Treppe gewesen
sei, habe sie ihn plötzlich eingeholt, sei plötzlich bei der Treppe vor ihm gestan-
den und habe verlangt, dass er in die Wohnung zurückkehre, ansonsten sie ihn
massakrieren würde. Dann habe er mit seiner linken Hand ihre rechte Hand ge-
packt, in welcher sie auch das Messer gehalten habe. Er habe ihr das Messer
- 24 -
wegnehmen wollen, sie habe sich widersetzt und bei diesem Gerangel habe er
sie wahrscheinlich am Bein verletzt. Das habe auf dem Zwischenpodest zwischen
dem 3. und dem 2. Obergeschoss stattgefunden. Dann sei er in die Wohnung zu-
rückgegangen und habe das Messer in der Küche zurückgelassen. Daraufhin sei
er wieder nach unten gegangen, wobei seine Frau mit einem Mann, einer Frau
und deren beiden Kindern gesprochen habe. Er habe das Haus verlassen und die
Polizei avisiert. Die Wohnung des Nachbarn C._ habe er bestimmt nicht be-
treten (Urk. 3/1 S. 3).
Dass es zum Streit gekommen sei, weil die Privatklägerin ihren Sohn nicht
habe anrufen dürfen, wird von ihm bestritten, ebenso dass er sie dann mit der
rechten Hand am Hals gepackt und zu ihr gesagt habe, dass er sie umbringen
würde, worauf die Privatklägerin sich sofort habe losreissen und aus der Woh-
nung rennen können (Urk 3/1 S. 4). Er habe versucht, ihr das Messer wegzu-
nehmen, "... und das war's. Es war nicht das 1. Mal mit Messer und so. Deshalb
habe ich das nicht so ernst genommen." (Urk 3/1 S. 5). Auf Nachfrage, wie er das
Messer abgenommen habe, sagte der Beschuldigte: "Ich habe mit meiner linken
Hand ihre Hand gepackt und versucht, ihr das Messer wegzunehmen. Sie hat
sich widersetzt und irgendwie kam es zu Verletzungen." (Urk. 3/1 S. 5). Und wei-
ter zur Verletzung der Privatklägerin: "Zuerst habe ich gar nicht bemerkt, dass sie
verletzt war. Erst als ich nach Draussen wollte, den Stick geholt habe, sah ich,
dass sie blutete/geblutet hat. Erst dann habe ich bemerkt, dass etwas Ernstes
passiert ist." (Urk 3/1 S. 5). Im Kinderwagen habe er einen USB-Stick holen wol-
len, auf dem sich Fotos von SMS und Drohungen, die sie ihm gegenüber aus-
gesprochen habe, und Telefongespräche zwischen der Privatklägerin und
H._, mit dem sie eine Beziehung gehabt habe, befunden hätten. Diese "Sa-
che" habe er auf dem Stick gespeichert, weil die Privatklägerin schon 3 Handys
kaputt gemacht habe (Urk. 3/1 S. 6). Als er den Stick habe holen wollen, habe er
der Privatklägerin gesagt, "Okay, okay, du Hure, mach du so weiter.", die Woh-
nung von C._ habe er sicher nicht betreten, er sei aber vor dessen Woh-
nungstür am Korridor gestanden (Urk. 3/1 S. 7). Die Drohungen, die vor der Epi-
sode mit dem Messerstich erfolgt sein sollen, werden von ihm bestritten (Urk. 3/1
S. 8).
- 25 -
2.2. An der Haft-Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft vom 16. Mai 2016
bestritt der Beschuldigte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe mit gleicher Begrün-
dung. Die Privatklägerin sei immer gegen ihn gewesen. Sie habe einen anderen
Mann und sie möchte mit ihm zusammen "ficken", sie wolle ihn erledigen, ihn um-
bringen lassen (Urk. 3/2 S. 3). In der Nacht, bevor das passiert sei (Vorfälle vom
14. Mai 2016), sei die Privatklägerin – nachdem er vier Wochen nicht mit ihr ge-
schlafen habe – in sein Zimmer gekommen und habe versucht, ihn zu küssen.
Der Beschuldigte sagte weiter aus: "Ich habe hier am Hals auch Flecken. Sie woll-
te mit mir schlafen, aber ich wollte das nicht. Ich sagte zu ihr, 'du Hure, geh raus
und geh mit dem anderen, mit H._, schlafen, aber nicht mit mir'." Er habe sie
rausgeschickt und die Türe von innen zugemacht. Deshalb sei es am nächsten
Tag zu Streit gekommen. Sie habe gemerkt, dass er fertig sei mir ihr, dass er sich
scheiden lassen wolle. "Als ich die Wohnung verlassen wollte, nahm sie das Tür-
schloss in die Hand und wollte verhindern, dass ich gehe. Ich habe das Tür-
schloss dennoch aufgemacht. Sie ging daraufhin schnell in die Küche, nahm ein
Messer und kam ins Treppenhaus, dort, wo das passiert ist. Mit der linken Hand
habe ich sie an der Hand gepackt und wollte das Messer wegziehen. Ich weiss
nicht, wie sie sich verletzt hat, denn sie hatte das Messer in der Hand. Ich habe
gezogen, sie hat gezogen. Ich kann nicht sagen, wie sie sich verletzt hat. Irgend-
wann habe ich das Messer aus ihrer Hand weggezogen. Ich habe das Messer zu-
rück in die Küche gebracht und dann habe ich mich umgekehrt, wollte mich mit
dem Kollegen treffen. Ich habe nicht gesehen, dass sie verletzt ist. Einfach
im Treppenhaus sah ich Blut." (Urk. 3/2 S. 6). Weiterhin bestritt der Beschuldigte
vehement, die Wohnung des Nachbarn betreten zu haben, meinte dann noch,
vielleicht habe seine Frau etwas mit dem Nachbarn gehabt (Urk. 3/2 S. 6), denn
das stimme nicht, dass er dessen Wohnung betreten habe. Weiter führte er aus,
seine Frau habe ihn in der Vergangenheit mit dem Messer attackiert und verletzt,
habe Geld von ihm weggenommen und Kleider kaputt gemacht (Urk 3/2 S. 7). Er
verstehe nicht, weshalb sie jetzt behaupte, dass er sie gestochen habe, "das ist
dummes Zeug" (Urk. 3/2 S. 8).
- 26 -
2.3. An der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 20. Juli 2016 konze-
dierte der Beschuldigte nach der Befragung von C._ und G._, die Woh-
nung von C._ doch betreten zu haben (Urk. 3/3 S. 2).
2.4. An der Schlusseinvernahme vom 18. April 2017 gab er zu Protokoll, die
Privatklägerin sei damals schon verletzt gewesen, doch zu dieser Verletzung sei
sie nicht gekommen, wie sie das ausgesagt habe. Er bleibe zu 100 % bei seinen
Aussagen, die er gemacht habe (Urk. 3/4 S. 2 ff.).
3. Aussagen von C._
3.1. C._, Nachbar im betroffenen Mehrfamilienhaus, wurde am 14. Mai
2016 polizeilich befragt (Urk. 4/1). Er schilderte dabei die Begegnung mit der Pri-
vatklägerin vor seiner Wohnungstüre und in seiner Wohnung, wie auch das Auf-
tauchen und Verhalten des Beschuldigten. Er gab dabei zu Protokoll, dass er in
seiner Wohnung am Reinigen gewesen sei, als es geklingelt habe. Er habe eine
weibliche Person gesehen, die auf der Treppe gesessen habe. Er habe gedacht,
dass es sich um eine verwirrte Person handle. Er habe zuerst seinen Hund weg-
sperren müssen und habe sich dann zur Frau begeben. Sie habe ihm weinerlich
mitgeteilt, dass ihr Mann sie mit dem Messer in das Bein gestochen habe. Sie ha-
be eine Geste zu ihrem Bein gemacht. Er habe dann beim rechten Oberschenkel
eine Schnittwunde gesehen. Auf seine Frage, wer sie sei, habe sie geantwortet,
sie wohne im obersten Stockwerk mit ihrem Mann. Aus dem oberen Geschoss sei
eine weibliche Person gekommen, welche er nach Verbandsmaterial gefragt ha-
be, worauf sie in Begleitung ihres Mannes und jüngeren Bruders solches geholt
habe (Urk 4/1 S. 1).
Als er in der Wohnung sein Mobiltelefon habe holen wollen, sei die Geschä-
digte in seine Wohnung gestürmt. In der Folge habe er einen Mann gesehen, der
eine Zigarette geraucht und ihr mehrmals "gurva" zugerufen habe. Die Frau habe
sich hinter ihn (C._) gestellt, während er in der Wohnungstüre gestanden sei.
Die beiden hätten in ihrer Muttersprache gesprochen. Sie habe weinerlich und
nicht aggressiv gesprochen. Daraufhin sei der Mann ausgerastet und sei auf sie
zugegangen, worauf er – C._ – den Mann an beiden Schultern gepackt und
- 27 -
aus der Wohnung geworfen habe. Die anwesenden zwei Männer hätten den
Mann gehalten und an die Wand gedrückt und gefragt, was das solle. Der Mann
sei dann unter die Treppe zu einem parkierten Kinderwagen gegangen und habe
etwas hervorgenommen. Was es gewesen sei, hätten sie nicht gewusst. Er habe
gemerkt, dass der Mann sich nicht traue, nochmals in die Wohnung zu kommen.
Daraufhin hab er die Tür geschlossen und sich um die Geschädigte gekümmert.
Präzisierend sagte er, er habe die Privatklägerin anfangs als "ängstliche und ver-
wirrte, aufgelöste" Person wahrgenommen. In der Wohnung sei sie hinter ihm ge-
standen. Der Beschuldigte habe sich in seine Wohnung begeben und habe die
Frau schlagen wollen. Er habe sich nicht auf ihn – C._ – geachtet; sie sei das
Ziel gewesen. Er habe den Mann dann gepackt und aus der Wohnung gestossen
(Urk. 4/1 S. 3). Über den Standort der drei Personen fertigte C._ eine Skizze
an (vgl. Anhang zu Urk.4/1).
3.2. Im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 19. Juli
2017 bestätigte C._ (als Zeuge bzw. Auskunftsperson; vgl. obige Erwägun-
gen) seine bisherigen Aussagen. Insbesondere wiederholte er nochmals, wie der
Beschuldigte mit der Zigarette in der Hand die ganze Zeit "Courva, Courva" ge-
schrien habe. Als sie ihm etwas auf Albanisch gesagt habe, sei der Beschuldigte
ausgeflippt, habe auf sie losgehen wollen und sei in seine – C._s – Wohnung
rein gekommen. Er habe es nicht verstanden. Der Hauptgrund, den er von ihr
mitbekommen habe, sei gewesen, dass er die Kinder in den Kosovo gebracht ge-
habt habe und ihr dann den Kontakt zu den Kindern verweigert habe.
Auf Nachfrage, wie der Beschuldigte auf die Privatklägerin habe losgehen
wollten, sagte C._: "Er wollte sie zusammenschlagen. Dann wären Fäuste
geflogen, das kann ich garantieren. Hätte ich ihn nicht mit der Hilfe der anderen
im hohen Bogen rausgeworfen, dann wäre sie jetzt wahrscheinlich auch noch
verbeult im Gesicht." (Urk. 4/2 S. 4). Auf die Frage, wie man sich das vorstellen
müsse, sagte C._: "Er sprang, wollte zu ihr durch, an mir vorbei, und schlug
in dem Moment mit den Fäusten" (Urk 4/2 S 4), und auf die weitere Frage, was
die Privatklägerin in diesem Moment gemacht habe: "Sie versuchte sich zu schüt-
zen und nach meinem Wissen hat sie dann, wie das eine Frau eben macht, etwas
- 28 -
geschrien." (Urk 4/2 S. 5). C._ beschrieb sodann, dass der Beschuldigte
nach dem Rauswurf aus der Wohnung wütend gewesen und zum Kinderwagen
gelaufen sei und im Kinderwagen irgendetwas "rumgefingert" habe, jedenfalls ha-
be er dort was rumgefummelt. Sie habe ihm im Vorhinein noch gesagt, "Ach-
tung!", er habe eine Waffe. Die Privatklägerin habe aufgelöst, in Panik gewirkt. Sie
habe Todesangst gehabt, das habe er ihr am Gesicht angesehen. Er selber habe
im Securitas-Bereich gearbeitet und "habe schon in manche Gesichter geschaut",
er wisse, wenn jemand Todesangst habe. Die Privatklägerin habe er gestern (d.h.
am Tag vor dieser Einvernahme) nochmals zufälligerweise gesehen. Er habe sie
natürlich gefragt, was passiert sei. Von einem Nachbarn sei ja gemunkelt worden,
dass sie den Beschuldigten angeblich betrogen habe, dies sei ein Grund gewe-
sen. Er – C._ – habe die Privatklägerin darauf angesprochen, ob dies so sei,
was sie verneint habe. Gemäss C._ erzählte sie dann von der Situation mit
den Kindern, die in den Kosovo verbracht worden seien (Urk. 4/2 S. 5).
4. Aussagen von G._
Der Zeuge G._ wurde von der Staatsanwaltschaft ebenfalls am 19. Juli
2016 einvernommen (Urk 4/4). Er war offenbar bei seinen Eltern, welche im glei-
chen Wohnblock wie der Beschuldigte und die Privatklägerin wohnen, zu Besuch.
Er gab bei der Staatsanwaltschaft an, seine Frau habe die Wohnung verlassen
wollen, um etwas aus der eigenen Wohnung im Nachbarshaus zu holen. Dabei
habe sie die Privatklägerin im Treppenhaus gesehen, wie diese geblutet habe.
Sie könne kein Blut sehen, habe einen Schock bekommen und sei zurück in die
Wohnung der Eltern gerannt. Er sei dann zusammen mit seinem Bruder und sei-
ner Schwester die Treppe hinunter gegangen und habe dort die Privatklägerin ge-
troffen, welche noch ziemlich stark geblutet habe. Er habe in der Wohnung ein
Tuch geholt, es um das Bein gebunden und auf das Bein gedrückt. Dann führte er
aus: "In dieser Zeit kam Herr A._ aus seiner Wohnung auch raus zu uns
in den Keller. Die Ehefrau flüchtete dann zum Nachbarn C._. Dann wollte
A._ zur Ehefrau, drang in die Wohnung von C._ ein, Herr C._
schmiss ihn aus der Wohnung, also stiess ihn. Ich und mein Bruder hielten ihn
noch etwas zurück. Dann ging er noch zum Kinderwagen in dieser Zeit. Dann
- 29 -
sagte die Ehefrau, wir sollten weg gehen, da er womöglich eine Waffe dabei hät-
te. Ich sagte zu Herrn C._, er solle sich mit Frau B._ in seiner Wohnung
einschliessen, ich nahm dann meinen Bruder und meine Schwester und wir gin-
gen nach oben in unsere Wohnung und schlossen uns dort ein. Ich selber sah
keine Waffe, nichts, keine Gegenstände oder irgendwas, wir flüchteten aber trotz-
dem in die Wohnung, man weiss ja nie. Das ist alles." (Urk. 44 S. 3). Ganz am An-
fang habe ihnen die Frau gesagt, ihr Mann habe sie ins Bein gestochen. Sie habe
ängstlich und schüchtern gewirkt (Urk 44 S. 4). Zur Frage, was der Beschuldigte
in der Wohnung von C._ gewollt habe, sagte der Zeuge: "Wahrscheinlich zur
Ehefrau. Ob er sie jetzt schlagen, was man vermutet. .. Ich weiss es nicht genau.
Nach meiner Vermutung wollte er sie schlagen, weil er nach meiner Meinung
nach aggressiv in die Wohnung ging. Also er ging ja nur etwa 1-2 Schritte in die
Wohnung von der Haustüre aus.", weil C._ ihn dann aufgehalten habe. Der
Beschuldigte habe die Privatklägerin auf Albanisch als Betrügerin und als
Schlampe beschuldigt. Seines Wissens habe die Frau nichts gesagt (Urk. 4/4
S. 4).
5. Aussagen von F._
Der Zeuge F._, Vater der Privatklägerin und folglich Schwiegervater
des Beschuldigten, nahm sein Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch und
machte keine Aussagen zur Sache (Urk. 4/3).
6. Bilder der Tatwaffe
Die Urk. 2/2, Anhang Bild Nr. 9, sowie Urk. 3/1, Anhang "Act. 1", und
Urk. 5/6 S. 3 zeigen das Messer, das unbestrittenermassen zum Einsatz kam. Es
sind Blutanhaftungen auszumachen.
7. Gutachten
Die IRM-Gutachten vom 28. Juni 2016 (Urk. 5/6) bzw. 13. Juni 2016
(Urk. 6/1) äussern sich zur körperlichen Untersuchung der Privatklägerin und des
Beschuldigten. Betreffend Ursache für das Verletzungsbild bei der Privatklägerin
sagt das Gutachten u.a., dass aufgrund der Morphologie und Lokalisation der
- 30 -
festgestellten Verletzung eine Selbstverletzung grundsätzlich möglich wäre, je-
doch eher untypisch (Urk. 5/6 S. 5).
8. Prüfung der Glaubwürdigkeit der aussagenden Personen
8.1. Zur allgemeinen Glaubwürdigkeit der Privatklägerin ist darauf hinzuwei-
sen, dass diese zur Sache zweimal in den oben dargelegten gespaltenen Rollen
mit Belehrungen befragt wurde, die nicht lege artis erfolgten. Dass der Hinweis
auf die Bestimmungen von Art. 303-305 StGB bei der Polizei nicht erfolgte, relati-
viert ein Stück weit den Gehalt der ersten Schilderungen der Privatklägerin, ohne
dass dies zur generellen Unglaubwürdigkeit führen würde. Zu beachten gilt aber
auch, dass die Privatklägerin die Ehefrau des Beschuldigten und gemäss Anklage
die Direktgeschädigte ist, weshalb sie auch emotional am Verfahren beteiligt ist.
Sodann liess sie Schadenersatz dem Grundsatz nach sowie eine Genugtuung im
Umfang von CHF 20'000.-- beantragen (Urk. 41 S. 1). Damit ist ein gewisses – je-
doch nicht im Vordergrund stehendes – finanzielles Interesse am Ausgang des
Verfahrens gegeben. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass ihre Aussagen zu ei-
nem Zeitpunkt erfolgten, als sie schwerlich wissen konnte, dass sie vom Beschul-
digten allenfalls eine finanzielle Entschädigung für das aus ihrer Sicht durch ihn
erlittene Unrecht verlangen könnte.
Die Verteidigerin argumentierte vor Vorinstanz sodann mit den von der Pri-
vatklägerin angestrengten Anzeigen und Verfahren, die mehrfach zufolge Rück-
zugs der Strafanträge eingestellt wurden, so der Vorwurf der Anstiftung zu einem
Tötungsdelikt gemäss Dossier 1, welcher im Verlaufe der Untersuchung "verduns-
tet" sei und beim Abschluss des Verfahrens vollends vergessen gegangen sei,
bevor er dann – durch ihre Intervention – als blosse Drohung dargestellt und
durch Rückzug des Strafantrags erledigt worden sei (Urk. 43/2 S. 2 f.). Den Vor-
wurf des Entziehens von Unmündigen, welcher ebenfalls zufolge Rückzugs des
Strafantrags eingestellt worden sei, habe eine falsche Anschuldigung der Privat-
klägerin dargestellt, welche für sie bisher keine Konsequenzen gehabt habe
(Urk. 43/2 S. 3 f.). Gleich argumentiert die Verteidigerin hinsichtlich vorgeworfener
und eingestellter Drohungen (Urk. 43/2 S. 3 f.). Dieser Verfahrensablauf zeige
auf, wie es um die Glaubwürdigkeit der Privatklägerin stehe, nämlich ausge-
- 31 -
sprochen schlecht. Die Gründe hierfür mögen aus Sicht der Verteidigung in der
Persönlichkeit der Privatklägerin liegen, aber auch darin, dass sie Wege suche,
ihren Ehemann nicht nur mit scheidungsrechtlichen, sondern auch strafrechtlichen
Mitteln gleichsam zur Strecke zu bringen. Anders liessen sich ihre ständigen At-
tacken und ihre nachweislich unwahren oder sinnlosen Strafanzeigen nicht erklä-
ren. Anlässlich der Berufungsverhandlung machte die Verteidigung geltend, dass
das Bemühen der Vorinstanz, die Privatklägerin als glaubwürdig darzustellen bis
zur Unerträglichkeit zelebriert worden sei. Die Privatklägerin habe entgegen der
Vorinstanz aber nicht bloss in anderen Verfahren sondern auch im vorliegenden
Strafverfahren nicht nur die Unwahrheit gesagt, sondern auf der ganzen Linie
"ganz dicke gelogen". Entgegen den Erwägungen des Bezirksgerichts beträfen ih-
re voneinander abweichenden Aussagen dabei nicht bloss Nebensächlichkeiten
sondern Teile des Tatablaufs, welche für polizeiliche und untersuchungsrichter-
liche Interventionen bis hin zur Anordnung von Untersuchungshaft auslösend ge-
wesen seien (Urk. 72 S. 2).
Hierzu ist das Folgende zu sagen: Der Aspekt der Rückzüge der Strafanträ-
ge kann vor dem Hintergrund des Ehezwistes gesehen werden, aber auch als
Ausdruck der Hoffnung der Privatklägerin auf Normalisierung der Ehesituation,
vor allem den Kindern zuliebe, wie sie auch andernorts argumentierte (Urk. 2/1
S. 2). Dass die Vorwürfe von der Staatsanwaltschaft rechtlich anders gewürdigt
wurden, kann nicht der Privatklägerin angelastet werden, hatte diese doch
nur den Lebensvorgang aus ihrer Warte geschildert. Soweit die Verteidigung der
Privatklägerin die Glaubwürdigkeit mit deren Scheidungsansinnen und dem "Ver-
dacht, dass die Privatklägerin ihren nicht mehr so heiss geliebten Ehegespons mit
Hilfe des Strafrechts loswerden" wolle, begründet, setzt sie sich in Widerspruch
mit der Behauptung des Beschuldigten persönlich, der im von ihm behaupteten
Messerangriff eine Reaktion der Privatklägerin auf seine Scheidungsabsichten
sah (vgl. Urk. 3/1 S. 2).
Insgesamt kann der Privatklägerin die Glaubwürdigkeit nicht grundsätzlich
abgesprochen werden, ihre Aussagen sind aber mit der nötigen Zurückhaltung mit
Blick auf die genannten Eigeninteressen zu würdigen. Auf den Wahrheitsgehalt
- 32 -
ihrer Schilderungen im vorliegenden Verfahren wird sodann im Rahmen der Prü-
fung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zurückzukommen sein (vgl. nachfolgend
Erw. 9 ff.).
8.2. Hinsichtlich der allgemeinen Glaubwürdigkeit des Beschuldigten ist fest-
zuhalten, dass er im vorliegenden Verfahren nicht unter Strafandrohung zu wahr-
heitsgemässen Aussagen verpflichtet war und als direkt vom vorliegenden Straf-
verfahren Betroffener ein – insoweit legitimes – Interesse daran haben dürfte, die
Geschehnisse in einem für ihn günstigen Licht darzustellen. Das Nichterscheinen
zur Hauptverhandlung vor Vorinstanz und vor Obergericht kann letztlich als Aus-
druck seines Aussageverweigerungsrechts qualifiziert werden und ihm daher un-
ter dem Titel der Glaubwürdigkeit nicht zum Nachteil gereichen.
8.3. C._, der als Auskunftsperson (und Zeuge) einvernommen wurde,
wohnte damals seit ca. 4 Jahren im gleichen Mehrfamilienhaus wie
der Beschuldigte und die Privatklägerin. Letztere hatte er vorher ein- bis zweimal
gesehen. Die Drohung und das Zufügen des Messerstichs hatte er nicht gesehen.
Er hatte die Privatklägerin zunächst nicht erkannt, als sie auf der Treppe sass,
"dann dachte ich mir, wer das sei, ich habe sie zuvor noch nie gesehen, womög-
lich könnte es eine Verwirrte gewesen sein." Den Beschuldigten kenne er flüchtig,
er sei ihm anständig vorgekommen (Urk. 3/1 S. 2). C._ stellte zwar Strafan-
trag gegen den Beschuldigten wegen Hausfriedensbruchs, aber keine weiteren
Ansprüche, insbesondere verzichtete er auf einen Strafantrag wegen Tätlichkei-
ten, nachdem er im Gerangel der Eheleute auch vom Beschuldigten berührt wor-
den war (Urk. 4/1). Dass C._ die Privatklägerin am Tag vor der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahme per Zufall traf und sie fragte, was passiert sei, wäre nur
dann ein Indiz für deren Instruktion, wenn seine dortigen Angaben erheblich von
seinen früheren Depositionen bei der Polizei abweichen würden, was – wie nach-
folgend aufzuzeigen ist – nicht der Fall ist. Zudem wurde er ja bei der Polizei auf
die Folgen von Art. 303-305 StGB aufmerksam gemacht, bei der Staatsanwalt-
schaft wie dargelegt auch auf die strengeren gemäss Art. 307 StGB. Unter ange-
messener Berücksichtigung der eigenen Interessen betreffend Hausfriedensbruch
- 33 -
besteht insgesamt kein Anlass, auf seine Aussagen wegen eingeschränkter
Glaubwürdigkeit nicht abzustellen.
8.4. Der Zeuge G._ wohnt im Nachbarhaus des Beschuldigten und der
Privatklägerin und besuchte in deren Haus seine dort wohnhaften Eltern. Drohung
und den Messerübergriff hat er nicht gesehen. Seine Frau, die ihm Treppenhaus
die blutende Privatklägerin sah und darob einen Schock erlitt, informierte ihn, wo-
rauf der Zeuge mit Bruder und Schwester die Treppe runter zur Privatklägerin lief,
wo er sie notfallmässig versorgte. Er ist weder mit dem Beschuldigten noch mit
der Privatklägerin bekannt oder verwandt, was ihn, der unter der strengen Straf-
androhung von Art. 307 StGB Aussagen zur Sache machte (Urk. 4/4 S. 2), als
neutralen und absolut glaubwürdigen Zeugen erscheinen lässt.
9. Prüfung der Glaubhaftigkeit der Aussagen
9.1.1. Die Verteidigung monierte anlässlich der Berufungsverhandlung, dass
durch die Vorinstanz eine unhaltbare, ja eigentlich gar keine Beweiswürdigung
– jedenfalls nichts, was diesen Namen verdiene – erfolgt sei. Die eingeklagten
Sachverhalte würde einzig auf der Darstellung der Privatklägerin beruhen. Die
beiden Zeugen hätten zum relevanten Tatablauf zudem nichts beitragen können,
seien sie doch erst nach seiner Beendigung in Erscheinung getreten. Somit sei
auch nicht klar, wie die Vorinstanz darauf kommen könne, dass sich ihre Aus-
sagen mit jenen der Privatklägerin decken würden (Urk. 72 S. 3 f.) Es sei einzig
klar, dass die Privatklägerin einen Messerstich in den rechten Oberschenkel da-
vongetragen habe. Wie es dazu gekommen sei, werde aber kontrovers dar-
gestellt. Mit Verweis auf ihr erstinstanzliches Plädoyer erklärte die Verteidigung
weiter, dass die von der Privatklägerin abgegebene Schilderung so nicht zutreffen
könne, dies umso mehr, als diese in den verschiedenen Befragungen abweichend
oder widersprüchlich erfolgt sei. Die Vorinstanz habe sich damit begnügt, die Ver-
sion der Verteidigung als "eher gar nicht möglich" abzutun, ohne dies zu begrün-
den (Urk. 72 S. 5 f.).
9.1.2. Der Verteidigung ist darin zu widersprechen, dass die eingeklagten
Sachverhalte "einzig auf der Darstellung der Privatklägerin" beruhen würden. So
- 34 -
wurde der Beschuldigte zumindest mit dem Vorwurf der Drohung und der Körper-
verletzung konfrontiert und es wurde ihm Gelegenheit gegeben, seine Sicht der
Dinge darzutun. Im Umstand, dass die Vorinstanz seine Aussagen als unglaub-
haft taxiert hat und trotz der Einwände der Verteidigung zur Überzeugung gelang-
te, dass sich der Sachverhalt so wie von der Privatklägerin geschildert ereignet
haben musste, liegt keine willkürliche Sachverhaltserstellung. Eine Verletzung der
Begründungspflicht durch die Vorinstanz ist ebenfalls nicht auszumachen.
9.1.3. Aus der Gegenüberstellung der Aussagen des Beschuldigten und der
Privatklägerin ergibt sich zunächst, dass es mit der Ehe der beiden im Tat-
zeitpunkt nicht zum Besten stand. Beide berichten von ständigen Streitereien,
mitunter über den Aufenthaltsort der Kinder, wobei sie als Grund bzw. Auslöser
freilich je die Gegenseite nennen. Sie werfen sich je Fremdgehen vor. Am Vor-
abend oder ca. 2 Tage zuvor hat die Privatklägerin dem Beschuldigten sogenann-
te "Knutschflecken" verpasst, zugestandenermassen extra (nach ihrer Darstel-
lung, weil er sie mehrmals betrogen habe; Urk. 2/2 S. 13). Unbestritten ist es am
14. Mai 2016 zunächst in der Wohnung zu einer verbalen Auseinandersetzung
gekommen. Die Fortsetzung fand im Treppenhaus statt. Der Messerstich in die
Aussenseite des rechten Oberschenkels der Privatklägerin erfolgt auf dem Zwi-
schenboden. Das Verletzungsbild an sich wird auch nicht bestritten (vgl. Urk. 3/5
S. 4).
9.2.1. Die Privatklägerin beschrieb im Kern gleichlautend über alle Einver-
nahmen, dass der Streit im Zusammenhang mit den sich damals im Kosovo be-
findlichen Kindern entstand, weil der Beschuldigte sie mit ihnen nicht habe tele-
fonieren lassen. Weiter sagte sie, dass sie dann selber mit der Polizei gedroht
habe, worauf er sie am Hals gepackt und ihr gedroht habe, er werde sie umbrin-
gen. Ebenso schilderte sie jeweils, wie sie Tasche und Schuhe genommen habe
und ins Treppenhaus geflüchtet sei, dass sie der Beschuldigte an der Flucht zu
hindern versucht habe, er ihr mit dem Messer in den Oberschenkel gestochen
habe, er danach in die Wohnung zurückgegangen sei und ihr hernach nach unten
gefolgt sei, wo sie vorher von Nachbarn notfallmässig versorgt worden sei, und
- 35 -
der Beschuldigte neuerdings auf sie habe losgehen wollen. Diese Erklärungen er-
geben einen logischen Ablauf der Geschehnisse vom 14. Mai 2016.
9.2.2. Bezüglich der genauen Position der Beteiligten beim Messerstich ist
es zutreffend (so die Verteidigung, vgl. Urk. 43/2; Urk. 72 S. 5 f.), dass die Privat-
klägerin letztlich vage und prima vista divergierende Aussagen machte. Auch
mussten die Einvernehmenden öfters nachfragen. Einmal sagte die Privatkläge-
rin, er habe das Messer ergriffen, ging hinter mir her und steckte mir das Messer
ins Bein (Urk. 2/1 S. 6). Bei der Staatsanwaltschaft sprach sie dann davon, dass
er seitlich neben ihr stand und dann zugestochen habe (Urk. 2/2 S. 9), später sag-
te sie, "... er stand auf der Seite, neben mir". (Urk. 2/2 S. 24). Sie sei in der Ecke
des Treppenhauses gestanden (Urk. 2/2 S. 8). Auf Frage, ob sie in die Ecke ge-
schaut habe, sagte sie, sie habe ihren Mann angeschaut (Urk. 2/2 S. 24). Diese
Aspekte sind mit Blick auf die Laufrichtung und die örtlichen Gegebenheiten des
Treppenhauses (vgl. Urk. 2/2, Anhang Bild 2-4), wie die Verteidigerin bei ihrer
Beurteilung der einzelnen Konstellationen richtig anführt (Urk. 43/2 S. 11-13), von
Bedeutung. Allerdings kann in der Aussage, er "ging hinter mir her" auch als der
vorangegangene Abschnitt des Nachlaufens des Beschuldigten gesehen werden.
So sagte die Privatklägerin bei der Staatsanwaltschaft, der Beschuldigte sei auch
gerade nahe bei ihr gestanden, sie sei am Rennen gewesen, er sei ihr nach-
gerannt und habe sie mit der linken Hand gepackt (Urk. 2/2 S. 9). Damit wäre
beim Zustechen selber die Position einheitlich dargestellt worden. Eine gewisse
Diskrepanz liegt auch in ihren Aussagen zur Frage, was mit dem Messer nach
dem Stich passierte. Bei der Polizei gab die Privatklägerin zu Protokoll, der Be-
schuldigte habe dieses nach dem Stich fallen gelassen, dann sei er in die Woh-
nung zurück gegangen (Urk. 2/1 S. 4 und S. 5). Bei der Staatsanwaltschaft sagte
sie bezogen auf die Situation unten im Treppenhaus, sie wisse nicht, ob er das
Messer dort noch nicht der Hand gehabt habe (Urk. 2/2 S. 10).
9.2.3. Die Verteidigerin weist sodann darauf hin, dass bei den diskutierten
Konstellationen vorausgesetzt werde, dass die Privatklägerin sich "... überhaupt
nicht wehrt und alles lammfromm mit sich geschehen lässt", was sie selber als in
der Tat völlig unrealistische Annahme bezeichnet. Gerade die kurze Zeit dieser
- 36 -
Auseinandersetzung und der dynamische Ablauf lassen aber auch eine gewisse
Ungenauigkeit beim Positionenbeschrieb als nachvollziehbar erscheinen, ohne
dass der Schluss gezogen werden müsste, die Aussagen seien unglaubhaft.
9.2.4. Ebenfalls nicht ganz klar ist die Schilderung der Privatklägerin geblie-
ben, wo sich im Zeitpunkt des Messerstichs Schuhe und Tasche befanden. So
sagte sie, die Tasche sei auf der rechten Seite ihrer Hand gewesen, die Schuhe
auf der rechten Seite (Urk. 2/2 S. 25). Die Privatklägerin zeigte auch, wie der Be-
schuldigte sie im Treppenhaus gehalten habe, indem sie ihre beiden Arme vor der
Brust verschränkte. Sie habe sich nicht mehr bewegen könne und er habe dann
mit dem Messer zugestochen (Urk. 2/2 S. 8). Beim Verschränken der Arme wäre
in der Tat wenig Platz für Handtasche und Schuhe vorhanden gewesen, zudem
wäre dies auch für die Frage einer allfälligen Abwehrhandlung von Bedeutung.
Diese Aussagen bleiben jedenfalls vage, wobei der Vollständigkeit halber zu sa-
gen ist, dass der Beschuldigte hierzu auch kaum befragt wurde. Die Privatklägerin
verwies für die mangelnde genaue Erinnerung an der Hauptverhandlung vom
23. November 2017 letztlich auf den Zeitablauf (Urk. 35 S. 19), was über zwei
Jahre nach dem Vorfall auch seine Berechtigung hat, da dies im Gegensatz zum
Stich von weniger grosser Bedeutung gewesen sein dürfte.
9.2.5. Die Aussagen der Privatklägerin lassen allerdings eine nuancierte
Haltung dem Beschuldigten gegenüber ausmachen. So sagte sie einerseits, dass
sie den Vorfall des Würgens nicht der Polizei gemeldet habe, weil sie immer wie-
der auf bessere Zeiten gehofft habe (Urk. 2/2 S. 7). Und im Rahmen der gleichen
Thematik sagte sie bei der Staatsanwaltschaft am 19. Juli 2016, sie sei danach
weder zum Arzt noch zur Polizei gegangen, konkret: "Ich wollte meinen Mann nie
anzeigen oder so. Das war nicht das erste Mal. Er hat mehrfach Kleinigkeiten
gemacht. Als wir noch in Zürich, an der I._-Strasse wohnten, ich war im
6. Monat schwanger mit der Tochter, da schlug er mich, meine Nachbarn beka-
men das mit, riefen die Polizei, diese kam, fragten uns, ob es ein Problem geben
würde, ich sagte damals nein, obwohl er mir fast alle Haare ausriss, aber ich gab
es nicht zu.". Auf die Frage, weshalb nicht, sagte sie: "Ich wollte nicht, dass mein
Mann ins Gefängnis kam und er bedrohte mich auch, da hatte ich auch Angst."
- 37 -
(Urk. 2/2 S. 15). Solch wechselhaftes Aussageverhalten ist jedoch gerade in Fäl-
len häuslicher Gewalt typisch und bedeutet nicht, dass die Aussagen wider-
sprüchlich sind. Es macht die Aussagen der Privatklägerin denn auch nicht per se
unglaubhaft.
9.2.6. Die Privatklägerin zeigte in ihren Aussagen teilweise – mitunter durch
Pauschalisierungen – auch eine gewisse Tendenz zu Übertreibungen, indem sie
z.B. zur Frage, ob sie nach der Rückkehr des Beschuldigten ein normales Ehe-
leben geführt hätten, es habe "immer etwas" gegeben (Urk. 35 S. 25). Auf die
Frage, ob es vor dem Messer-Vorfall zu ähnlichen Vorfällen gekommen sei, ant-
wortete die Privatklägerin bei der Polizei: "Das war nicht das erste Mal, dass er
nach einem Messer greift. Immer wieder nimmt er ein Messer zu Hand, wenn wir
Streit haben." (Urk. 2/1 S. 6). Zur Frage, wer ihrer Meinung nach Schuld am Vor-
fall mit dem Messer, meinte die Privatklägerin: "Zu 100% A._. Ich wollte le-
diglich nicht mit ihm diskutieren, weil ich wusste, dass wenn ich mit ihm diskutie-
ren, dann schlägt er mich ab. Das hat er immer so gemacht." (Urk. 2/1 S. 7). Oder
dann sagte sie – wenn auch im Zusammenhang mit der versuchten Nötigung –,
sie habe sich dann ins Zimmer geschlossen und der Beschuldigte "... hat gegen
die Türe geschlagen - alle Türen in E._ waren kaputt." (Urk. 35 S. 21).
9.2.7. Die kritische Analyse des Anzeigen- und Aussagenverhaltens der Pri-
vatklägerin und ihrer Schilderungen ergibt, dass die chronologischen Abläufe und
ihr gelieferter Hintergrund des konkreten Streites grundsätzlich nachvollziehbar
sind. Die Aussagen im Einzelnen sind nicht widerspruchsfrei, wirken zufolge des
häufigen Nachfragens teilweise inhaltlich wenig spontan und sind letztlich eher
detailarm und pauschal geblieben. Vor diesem Hintergrund und ihrer eigenen In-
teressenverfolgung kann nicht gesagt werden, dass die Aussagen der Privat-
klägerin isoliert betrachtet restlos überzeugen. Zugunsten der Privatklägerin ist
jedoch auch festzuhalten, dass es sich beim angeklagten Vorfall um ein äusserst
emotionales, hochdynamisches Geschehen handelt, bei dem sich mehrere Hand-
lungen neben- oder unmittelbar nacheinander zugetragen haben können. Die ab-
weichende Schilderung einzelner Elemente des Kerngeschehens muss – entge-
gen der Ansicht der Verteidigung (vgl. Urk. 72 S. 5 f.) – vor diesem Hintergrund
- 38 -
nicht bedeuten, dass die Privatklägerin in Bezug auf die einen oder anderen Ele-
mente des Geschehens die Unwahrheit sagt. Es kommt hinzu, dass die Privatklä-
gerin gewisse Einzelheiten und Nebensächlichkeiten – wie z-B. das Behändigen
ihrer Tasche und der Schuhe vor dem Verlassen der Wohnung – durchaus kon-
stant und lebensnah schilderte, was der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zuträglich
ist. Weiter beschrieb die Privatklägerin – im Gegensatz zum Beschuldigten
(vgl. nachfolgend Erw. 9.3.5.) – einen plausiblen Lebensablauf, indem sie sowohl
ein einleuchtendes Motiv des Beschuldigten für die Tat nannte und nachvoll-
ziehbar den Auslöser des Streits und den anschliessenden Konflikt bis hin zur
Auseinandersetzung im Treppenhaus schilderte.
9.3.1. Den Aussagen der Privatklägerin stehen jene des Beschuldigten ge-
genüber, der die Vorwürfe pauschal bestreitet und daran festhielt, dass die Privat-
klägerin das Messer gehalten und er dieses habe entwinden oder blockieren wol-
len, was zu einem Gerangel mit Zug und Gegenzug geführt habe, worauf sie sich
selber oder er sie wahrscheinlich im Gerangel unabsichtlich (Urk. 3/1 S. 3) mit
dem Messer verletzt habe, als er seinen Zug gelockert habe und sie immer noch
dagegen gedrückt habe, wie die Verteidigung im Namen des Beschuldigten an
der Hauptverhandlung zusammenfassend (Urk. 43/2 S. 14), untermauert durch
eine eigene Foto-Tatrekonstruktion (Urk. 44/1-4), vor Vorinstanz ausführte
(Urk. 43/2 S. 14). Durch dieses Bestreiten verstrickte sich der Beschuldigte – was
in der Natur der Sache liegt – nicht in Widersprüche und sind seine Aussagen ei-
ner inhaltlichen Analyse auf solche nicht zugänglich.
9.3.2. Der Beschuldigte seinerseits zeigte gewisse Tendenzen zum Pau-
schalisieren bzw. Übertreiben, indem er z.B. sagte, die Privatklägerin sei "immer"
gegen ihn gewesen (Urk. 3/2 S. 2). Und weiter in der Hafteinvernahme: "Sie ist
immer aggressiv gegen mich. Seit der ganzen Zeit, seit über 6 Jahren sind wir zu-
sammen, ist sie immer aggressiv gegen mich. Ich weiss nichts davon, dass ich sie
einmal geschlagen haben sollte. Ich habe sie nie geschlagen." (Urk. 3/2 S. 8).
Damit probiert er auch sich in einem tadellosen Licht darzustellen.
9.3.3. Der Dramatisierungstendenz der Privatklägerin steht die Bagatellisie-
rungstendenz des Beschuldigten gegenüber. Er schildert sein Verhalten nach
- 39 -
dem Messerstich mit einer Sachlichkeit, die ihn schon fast als unbeteiligten Dritten
wirken lässt. Auf die Frage, wie es in der Folge weitergegangen sei, sagte der
Beschuldigte z.B.: "Ich bin in die Wohnung zurückgegangen und habe das Mes-
ser in der Küche zurückgelassen. Ich bin dann wieder nach unten gegangen."
(Urk. 3/1 S. 3). Das Messer – welches notabene sichtliche Blutanhaftungen hatte
(vgl. Urk. 2/2 Anhang Bild 9) – habe er "...in der Küche versorgt, dort wo es hin-
gehört." (Urk. 3/1 S. 6). Auf die Frage, wieso er nicht davongerannt sei, als die
Privatklägerin gemäss seiner Schilderung mit dem Messer ins Treppenhaus ge-
kommen sei, sagte er: "Ich habe nicht überlegt, was sie machen würde. Wieso
sollte ich denn weggehen? Ich habe ihr versucht das Messer wegzunehmen und
das wars. Es war nicht das 1. Mal mit Messer und so. Deshalb habe ich das nicht
so ernstgenommen." (Urk. 3/1 S. 5).
9.3.4. Die soeben gezeigte Sachlichkeit steht im Widerspruch zu seinen
Aussagen, wenn es um den unterstellten Ehebruch der Privatklägerin geht. So
führte der Beschuldigte aus, die Privatklägerin habe ihn mit seinem Kollegen
H._ betrogen (Urk. 3/1 S. 2). Der Beschuldigte sagte auf die Frage, weshalb
ihn die Privatklägerin falsch beschuldigten sollte: "Also sie hat einen anderen
Mann und sie möchte mit ihm zusammen 'ficken'. Sie will mich erledigen, mich
umbringen lassen. Denn ich habe Fakten, Beweise, ich habe Aufnahmen. Ich ha-
be Beweise, wo sie sagt, dass sie mich erledigen werde von dieser Welt, also,
dass sie mich umbringen lassen werde. Und die Kinder sogar auch noch, auch sie
werde sie umbringen lassen. Ich habe das aufgenommen, ich habe davon eine
Aufnahme." (Urk. 3/2 S. 3). Als sie tags zuvor Avancen gemacht habe, die zu den
Knutschflecken geführt hatten, will er zur Privatklägerin gemäss eigenen Worten
gesagt haben: "Du Hure, geh raus und geh mit dem anderen, mit H._, schla-
fen, aber nicht mit mir." (Urk. 3/2 S. 5). Weiter bestätigte er, dass er, als er zum
Kinderwagen habe gehen wollen, um den USB-Stick zu holen, zur Privatklägerin
auf Albanisch gesagt habe: "Okay okay du Hure, mach du so weiter. ", so bei der
Polizei (Urk. 3/1 S. 7, und bei der Staatsanwaltschaft bezüglich des gleichen
Momentes: "Du Idiot, du Hure, du Schlampe, hast die Familie kaputt gemacht
wegen des anderen Mannes. Und es ist wahr, dass ich 'Schlampe' auf Deutsch
gesagt habe." (Urk. 3/2 S. 6). Am Schluss vermutete er noch, dass die Privat-
- 40 -
klägerin vielleicht "etwas mit diesem C._ gehabt" habe, denn das stimme
nicht, dass er "in der Türe von Herr C._" gewesen sei (Urk. 3/2 S. 6). Mit die-
sem Quasi-Rundumschlag zeigt er auch eine Aggravationstendenz mit Bezug auf
das aus seiner Sicht eh schon schlechte Verhalten der Privatklägerin, indem er ihr
eine weitere Affäre unterstellt.
9.3.5. Letztlich blieben die Aussagen des Beschuldigten detailarm. Gerade
was den Hergang der (doch relativ heftigen) Auseinandersetzung angeht, erwei-
sen sie sich als blass und oberflächlich und es wird nicht greifbar, weshalb die
Privatklägerin (auch vor dem Hintergrund der Häufigkeit ihrer Auseinandersetzun-
gen) just in dieser Situation mit einem Messer auf ihn losgegangen sein soll. Nicht
bloss karg sondern lebensfremd wirken seine Schilderungen zum unmittelbaren
Nachgang der Tat. So erscheint es – auch angesichts der gemäss Zeugen sehr
aufgebrachten Gemütsverfassung des Beschuldigten (vgl. nachfolgend Erw. 9.5.)
– schlichtweg unglaubhaft, dass er unmittelbar nach seiner regelrechten Flucht
aus der Wohnung (gemäss seinen Aussagen habe ihn die Privatklägerin am Ge-
hen hindern wollen, vgl. Urk. 3/1 S. 3) und dem tätlichen Angriff durch die Privat-
klägerin wieder in die Wohnung zurückkehrte, nur um das Messer – nota bene
ohne die darauf befindlichen Blutspuren zu bemerken – wegzuräumen. Seine
Rückkehr in die Wohnung ergibt vor dem Hintergrund seiner restlichen Schilde-
rungen schlicht keinen Sinn.
9.3.6. Die Aussagen des Beschuldigten zum Ablauf unten im Treppenhaus
stehen zudem im Widerspruch zur Auskunftsperson C._ und zum Zeugen
G._, welche beide beschrieben, dass und wie der Beschuldigte in die Woh-
nung von C._ eindrang (vgl. oben). Entsprechende Falschaussagen des Be-
schuldigten wurden von diesem am Schluss der Untersuchung dann doch aner-
kannt, "... habe verstanden, dass ich hier einen Fehler gemacht habe." (Urk. 3/5
S. 2).
9.3.7. Insgesamt machte der Beschuldigte eine zugestandene Falschaus-
sage. Im Übrigen weisen die Aussagen des im Kern bestreitenden Beschuldigen
kaum Widersprüche, hingegen eine schon fast gespielte Sachlichkeit auf, soweit
es ums Messer und dessen Einsatz geht. Diese wird aber durchbrochen mit
- 41 -
Schilderungen, die sehr emotional und damit auch authentisch wirken. Sie
sind Ausdruck von Entrüstung, Enttäuschung und Wut, aber auch Eifersucht und
liefern damit durchaus ein Motiv für ein übergriffiges Verhalten zum Nachteil der
Privatklägerin. Abgesehen davon bleiben seine Aussagen aber blass und detail-
arm. Lebensfremd und nicht nachvollziehbar muten seine Ausführungen zum un-
mittelbaren Nachtatverhalten (Behändigen und Wegräumen des Messers) an.
Seine Aussagen können in der Gesamtbetrachtung daher nicht überzeugen.
9.4. Als Zwischenfazit kann festgehalten werden, dass isoliert betrachtet auf
Seiten des Beschuldigten wie auch der Privatklägerin gewisse Zweifel an der
Richtigkeit der jeweiligen Darstellung nicht von der Hand zu weisen sind. Fakt ist
aber, dass es zu einer Auseinandersetzung kam, in deren Verlauf die Privatkläge-
rin mit einem Messerstich am rechten Oberschenkel verletzt wurde, und als Ver-
ursacher bzw. Verursacherin nur der Beschuldigte und die Privatklägerin in Frage
kommen. Augenzeugen dafür gab es nicht. Es stellt sich daher die Frage, wie die
Aussagen der weiteren Beteiligten für die Phase nach dem Stich ins Bild passen.
9.5. Die vom Hausfriedensbruch betroffene Auskunftsperson C._ wie
auch der absolut neutrale Zeuge G._ bestätigen beide die vom Beschuldig-
ten bestrittene Version der Privatklägerin, wonach der Beschuldigte (auch) dort
(nochmals) versucht habe, unten im Treppenhaus auf sie loszugehen. C._
berichtete detailreich und erlebt, wie der Beschuldigte an ihm vorbei wollte, wie er
sprang, zu ihr durch wollte und in diesem Moment mit Fäusten um sich schlug
und die ganze Zeit "Courva, Courva" geschrien habe (Urk. 4/2 S. 4), was "Hure"
bedeuten soll. Um den Beschuldigten aus seiner Wohnung zu befördern, musste
C._ diesen packen und aus der Wohnung stossen (Urk. 4/1 S. 3), so auch
vom Zeugen G._ beschrieben (Urk. 4/5 S. 3), welcher ebenfalls aussagte,
dass der Beschuldigte die Privatklägerin auf Albanisch als Betrügerin und
Schlampe bezeichnet habe (Urk. 4/5 S. 4). Beide schildern sodann übereinstim-
mend, wie der Beschuldigte – äusserst agitiert – vom Zeugen und dessen Bruder
an die Wand gedrückt wurde und diese ihn fragten, was eigentlich laufen würde
(Urk. 4/5 S. 3 bzw. Urk. 4/2 S. 5). Die Auskunftsperson C._ las im Gesicht
der Privatklägerin Todesangst und machte auf ihn einen aufgelösten, panischen
- 42 -
Eindruck (Urk. 4/2 S. 8). Auf den Zeugen G._ wirkte die Privatklägerin ängst-
lich, schüchtern (Urk. 4/5 S. 4). Die Aussagen von C._ und G._ sind le-
bendig und lassen auf tatsächlich Erlebtes schliessen. Dafür sprechen auch De-
tailbeobachtungen wie jene der Auskunftsperson, wonach der Beschuldigte eine
Zigarette geraucht bzw. in der linken Hand eine Zigarette gehabt und die rechte
Hand in der Jackentasche gehabt habe (Urk. 4/1 S. 2 und S. 3).
9.6. Das nach dem Vorfall beschlagnahmte und mit Blut behaftete Messer
wurde soweit ersichtlich nicht spurenmässig untersucht, so dass sich damit auch
nicht sagen lässt, ob die Privatklägerin dieses damals in der Hand hatte, was sie
bestreitet, wobei Spuren freilich auch aus dem Alltagsgebrauch des Messers hät-
ten resultieren können.
10. Unter Einbezug sämtlicher Beweismittel ergibt sich, dass die Darstellung
der Privatklägerin zwar – wie von der Verteidigung zu Recht hervorgehoben
(Urk. 72 S. 3 f.) – nicht zum Kerngeschehen, dafür aber zum Nachtatgeschehen
von der Auskunftsperson C._ und dem Zeugen G._ bis in Details ge-
stützt werden. Insbesondere die Schilderung der beiden Zeugen, wonach der Be-
schuldigte wütend und aggressiv, die Privatklägerin jedoch verängstigt und wei-
nerlich gewesen sei, lässt Rückschlüsse auf die Richtigkeit auch auf die vor-
herigen Ereignisse zu. In der Gesamtbetrachtung ist daher die Version der Privat-
klägerin, wonach der Beschuldigte sie am 14. Mai 2016 bedroht und hernach mit
einem Küchenmesser im Treppenhaus gestochen habe, viel naheliegender als
jene des Beschuldigten. Dafür spricht im Übrigen auch das Verletzungsbild mit
der tiefen, klaffenden Wunde. Bei einem reinen Entwinden des Messers und ei-
nem Gerangel, wie es der Beschuldigte beschrieb, wäre viel eher mit einer
Schnitt- als mit einer Stichverletzung zu rechnen gewesen.
11. Es ist daher im Ergebnis mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass
sich der Sachverhalt im Sinne der Anklage gemäss Ziff. 1 und 2 ereignet hat
(vgl. Urk. 53 S. 16 f.).
12. Nicht ersichtlich ist, welcher zusätzliche Erkenntnisgewinn von einer
Tatrekonstruktion, wie sie die Verteidigung auch anlässlich der Berufungsver-
- 43 -
handlung wieder ins Spiel brachte (Urk. 72 S. 5) zu erwarten wäre. So könnten
problemlos beide von den Parteien vorgebrachten Tatabläufe nachgespielt wer-
den. Daraus liessen sich somit auch keinerlei Hinweise auf das tatsächliche Ge-
schehen ableiten. Die Tatrekonstruktion erweist sich zur Erstellung des Anklage-
sachverhalts zudem auch nicht als notwendig, lässt sich dieser im Lichte obiger
Erwägungen und anhand der im Recht liegenden Beweismittel mit hinreichender
Sicherheit erstellen.
F Beweismittel betreffend den Vorfall vom 17. Oktober 2015
(versuchte Nötigung) und Würdigung
1. Aussagen der Privatklägerin
1.1. Auch dieser Vorwurf basiert auf den Belastungen der Privatklägerin.
Die entsprechenden Ereignisse brachte die Privatklägerin – entgegen den Aus-
führungen der Vorinstanz (Urk. 53 S. 18) – jedenfalls mit dem Würgen bereits bei
der Polizei am 15. Mai 2016 vor (Urk. 2/1 S. 6 f.). Weiter äusserte sie sich hierzu
in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 19. Juli 2016 (Urk. 2/1 S. 13).
Die Vorinstanz hat die entsprechenden Schilderungen der Privatklägerin wieder-
gegeben, worauf zu verweisen ist (Urk. 53 S. 18 f.).
Bei der Staatsanwaltschaft wurde die Privatklägerin am 19. Juli 2016 ge-
fragt, ob Gewalt bereits früher ein Thema in der Ehe gewesen sei, was sie bejah-
te. Zwei Tage, bevor der Beschuldigte im Oktober 2015 in den Kosovo gegangen
sei, sei es um Geld gegangen. Auf die Frage, was er konkret gemacht habe, sag-
te die Privatklägerin: "Er verlangte von mir Fr. 2000.--. Diese waren für uns, um
die Wohnung zu zahlen. Er wollte die Fr. 2'000.-- nehmen und in den Kosovo ge-
hen. Dann gab ich es ihm nicht. Ich sagte ihm, er könne mich umbringen, aber
das Geld bekomme er nicht. Ich müsse die Wohnung zahlen. Ich war im Zimmer,
er kam zu mir, packte mich und ins Bett. Und er stand dann über mir, also mit
dem Fuss und packte mich dann mit beiden Händen am Hals. Das sah mein Sohn
und die Babysitterin." (Urk. 2/2 S. 13 f.). Sie sei im Schlafzimmer gewesen, habe
sie gepackt, geschoben, sie ins Bett gestossen und sei über sie gekommen, wo-
bei sie auf dem Rücken gelegen habe. Und weiter: "Er hatte beide Füsse so,
sass, mit dem Gesäss auf meinem Bauch und mit den Händen an meinem Hals.
- 44 -
Zwischenzeitlich kam der Sohn ins Zimmer und schrie: ,'Papi, lass Mami los!' Er
schrie den Sohn an, er solle raus gehen. Der Sohn sah, dass ich weinte, dann
kam auch die Babysitterin ins Schlafzimmer und sagte meinem Mann, er würde
spinnen, er solle die Wohnung verlassen. Er ging dann weg und liess mich los.
Ich sah dann, dass ich in die Hose gepinkelt hatte." (Urk. 2/2 S. 14). Er habe sie
ganz fest gepackt, sie habe nicht mehr atmen können und als er sie los gelassen
habe, sei sie ganz bleich im Gesicht gewesen (Urk. 2/2 S. 14).
1.2. An der Hauptverhandlung vor der Vorinstanz wiederholte sie ihre Dar-
stellung im Wesentlichen, wie der Beschuldigte von ihr Geld verlangt habe. Sie
habe ihm gesagt, dass sie das Geld nicht geben würde, da sie die Miete bezahlen
müsse und ausserdem noch die Kinder bei sich hätte. Da sei er wütend geworden
und habe herumgeschrien. Sie habe sich ins Zimmer eingeschlossen und er da-
raufhin gegen die Türe geschlagen – alle Türen in C._ seien kaputt gewesen.
Die Privatklägerin schilderte weiter: "Daraufhin habe ich die Türe geöffnet, er kam
rein, hat mich am Hals gepackt, mich gewürgt und auf das Bett gedrückt. Ich
weiss ab dann nichts mehr. Mein Sohn kam dann ins Zimmer und hat gesagt,
dass Papa spinnen würde." (Urk. 35 S. 21). Eine Cousine von ihr sei mit dabei
gewesen und habe es mitangesehen. Sie – die Cousine – habe die Polizei alar-
mieren wollen, aber sie – die Privatklägerin – habe das nicht gewollt (Urk. 35
S. 22). Sie sei dann mit der Cousine in der Wohnung geblieben (Urk. 35 S. 23).
Auf Nachfrage wiederholte die Privatklägerin, dass der Beschuldigte erst beim
Eintreffen des Sohnes mit dem Würgen aufgehört habe. Es habe ihr nachher am
Hals weh getan und die Stelle am Hals sei drei bis vier Tage blau gewesen. Nach
dem Vorfall habe sie die Wohnungstüre geschlossen. Der Beschuldigte sei nicht
wieder gekommen, sondern sei direkt nach dem Vorfall in den Kosovo gegangen
Dort sei er einige Monate geblieben, bis er seinen Vater geschlagen habe, worauf
er vom Vater angezeigt und von der Polizei gesucht worden sei. Deswegen sei er
zurückgekommen (Urk. 35 S. 23).
- 45 -
2. Aussagen des Beschuldigten
2.1. Nicht ganz zutreffend ist, dass der Beschuldigte mit diesem Vorwurf erst
in der Schlusseinvernahme konfrontiert wurde, so die Vorinstanz (Urk. 53 S. 19).
Immerhin wurde er im Rahmen der Hafteinvernahme unter dem Titel des Tatver-
dachts zu einem Teilaspekt befragt, nämlich wie er sich zum Vorwurf stelle, er
habe im Oktober 2015 die Privatklägerin in der gemeinsamen Wohnung, D._
..., E._, auf das Bett gedrückt, sie mit beiden Händen am Hals gepackt und
während ca. 5 Sekunden derart stark zugedrückt, dass sie Urinabgang gehabt
habe (Urk. 3/2 S. 3). Richtig ist, dass sich dort keine Verknüpfung mit der Heraus-
gabe von Geld ergibt.
Auf die Frage der Staatsanwaltschaft, wieso die Privatklägerin ihn falsch be-
lasten sollte, verwies er – wie erwähnt – auf den "anderen Mann" der Privatkläge-
rin und ihrem damit einhergehenden Ansinnen, ihn – den Beschuldigten – zu er-
ledigen (Urk. 3/2 S. 3).
2.2. Im Rahmen der Schlusseinvernahme bestritt er den Vorwurf, der dort
erstmals in der zur Anklage gebrachten Form unterbreitet wurde, gänzlich
(Urk. 3/5 S. 3).
3. Weitere Beweismittel
Die gemäss Darstellung der Privatklägerin damals anwesende Augenzeugin,
ihre Babysitterin bzw. Cousine, ist bekannt. Sie wurde von der Privatklägerin in
der ersten formellen Einvernahme bei der Polizei genannt (Urk. 2/1 S. 7) und im
Polizeirapport mit vollständigem Namen, Wohnort und Telefonnummer erwähnt
(Urk. 1/2 S. 4). Sie wurde allerdings weder vor Ort noch rechtshilfeweise befragt.
4. Würdigung
4.1. Der Umstand, dass bei den Vorwürfen gemäss Anklage-Ziff. 1 und 2 im
Ergebnis auf die Darstellung der Privatklägerin abgestellt wird, darf nicht dazu
führen, dass insgesamt auf sie und ihre Aussagen vorbehaltlos abgestellt werden
- 46 -
könnte. Wie bereits unter lit. IV.E dargelegt, sind bei der Glaubwürdigkeit der Pri-
vatklägerin (wie auch beim Beschuldigten) gewisse Abstriche zu machen.
4.2. Weder die eine noch die andere Version wird durch weitere Beweis-
mittel erhärtet, insbesondere wurde die Augenzeugin nicht befragt. Kommt hinzu,
dass zwar das Würgen zu Beginn der Untersuchung vorgebracht, aber erst bei
der Staatsanwaltschaft explizit mit einer ungerechtfertigten Geldforderung ver-
knüpft wurde (Urk. 2/2 S. 13). Beschuldigter und Verteidigerin nahmen zwar an
dieser Einvernahme teil (Urk. 2/2 S. 1) und hörten somit die Anschuldigungen der
Privatklägerin. Mit einem solchen Anklagevorwurf an sich wurde der Beschuldigte
aber erst mit dem Schlussvorhalt konfrontiert (Urk. 3/5 S. 3). Eine eigentliche, ein-
lässliche Befragung zur Sache erfolgte nicht.
4.3. Die Verteidigung hält explizit dafür, dass die Anklagebehörde die Folgen
der Beweislosigkeit zu tragen habe, nachdem sie eine unbeteiligte Zeugin, welche
den angeklagten Vorfall so beobachtet haben soll und darüber hätte Auskunft ge-
ben können, nicht befragt habe (Urk. 43/2 S. 16; Urk. 72 S. 4). Die Beweislage ist
hier in der Tat als dünn zu bezeichnen. Der Vorwurf wurde überdies erst im effek-
tiven Schlussvorhalt überhaupt unterbreitet, ohne dass der Beschuldigte hierzu
noch einlässlich befragt worden wäre. Bereits die Vorinstanz hielt fest, dass es
unbefriedigend sei, dass Beschuldigte nur sehr spät und nur sehr rudimentär zu
diesem Vorfall befragt worden sei (Urk. 53 S. 20). Dem ist zuzustimmen. Da beide
gerichtlichen Verfahren in Abwesenheit des Beschuldigten stattfanden, konnte er
auch nicht vor Schranken zum betreffenden Vorwurf einvernommen werden. Dies
wäre für den Fall eines Schuldspruchs im Hinblick auf die Gewährung des recht-
lichen Gehörs und die genügende Abklärung des Sachverhalts zweifellos nötig
gewesen. Mangels Einvernahme des Beschuldigten, aus Gründen des rechtlichen
Gehörs sowie in Beachtung des Fairnessgebots ist der Beschuldigte deshalb vom
Vorwurf der versuchten Nötigung freizusprechen.
- 47 -
V. Rechtliche Würdigung
1. Die Vorinstanz würdigte das Verhalten des Beschuldigten in rechtlicher
Hinsicht im Sinne der Anklage, was sich als zutreffend erweist (vgl. Urk. 53 S. 21).
2.1. Eine einfache Körperverletzung begeht, wer vorsätzlich einen Men-
schen in anderer Weise an Körper oder Gesundheit schädigt. Gebraucht der Tä-
ter dabei einen gefährlichen Gegenstand und handelt es sich beim Opfer um den
Ehegatten und ist die Tat während der Ehe begangen worden, liegt der qualifizier-
te Tatbestand im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 i.V.m. Ziff. 2 Abs. 2 und 4 StGB vor.
2.2. Ein Messer mit einer rund 16 cm langen, geschliffenen Klinge im be-
schriebenen Sinne stellt einen gefährlichen Gegenstand dar. Die Privatklägerin
war damals mit dem Beschuldigten verheiratet.
2.3. Die der Privatklägerin zugefügte Verletzung, gemäss erstelltem Sach-
verhalt eine zirka 3 cm lange und zirka 6 cm tiefe, klaffende Stichverletzung, er-
füllt den objektiven Tatbestand der einfachen Körperverletzung.
2.4. Wer jemandem in der erstellten Art ein Messer in den Oberschenkel
rammt, will eine Verletzung herbeiführen. Es ist von einem vorsätzlichen Handeln
auszugehen.
2.5. Der Beschuldigte ist daher in diesem Punkt anklagegemäss schuldig zu
sprechen.
3.1. Eine Drohung nach Art. 180 Abs. 2 lit. a StGB begeht, wer seinen Ehe-
gatten während der Ehe durch schwere Drohung in Schrecken oder Angst ver-
setzt.
3.2. Gemäss erstelltem Sachverhalt packte der Beschuldigte die Privat-
klägerin mit seiner rechten Hand am Hals und erklärte ihr gegenüber unter ande-
rem, er werde sie umbringen. Eine massive Einschränkung des Sicherheits-
gefühls ist nachvollziehbar und vorliegend erstellt.
- 48 -
3.3. Auch hier ist aufgrund der gegebenen Umstände von einem vorsätz-
lichen Handeln auszugehen.
4. Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe liegen nicht vor.
5. Der Beschuldigte ist daher schuldig zu sprechen der Drohung im Sinne
von Art. 180 Abs. 1 und 2 lit. a StGB (Anklagesachverhalt 1) sowie der der einfa-
chen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 in Verbindung mit Ziff. 2
Abs. 2 und 4 StGB (Anklagesachverhalt 2).
VI. Sanktion
1. Allgemeines zur Strafzumessung
1.1. Die Vorinstanz hat den Strafrahmen und die Strafzumessungskriterien
grundsätzlich korrekt aufgezeichnet, weshalb zur Vermeidung von Wiederholun-
gen darauf zu verweisen ist (Urk. 53 S. 23 ff.). In Ergänzung und teilweiser Ab-
weichung davon ist das Nachfolgende festzuhalten.
1.2. Zu ergänzen bleibt einerseits, dass bei Deliktsmehrheit eine Gesamt-
strafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB zu bilden ist. Dabei hat der Richter in einem ers-
ten Schritt innerhalb des zuvor festgestellten Strafrahmens unter Berücksich-
tigung der Tatkomponenten die Einsatzstrafe für die schwerste Tat festzusetzen.
In einem zweiten Schritt hat er diese Einsatzstrafe unter Einbezug der anderen
Straftaten in Anwendung des Asperationsprinzips angemessen zu erhöhen
(BGE 127 IV 101 E. 2b mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichtes 6B_460/2010
vom 4. Februar 2011 E. 3.3.4 mit Hinweis, nicht publ. in: BGE 137 IV 57).
Schliesslich sind die Täterkomponenten zu berücksichtigen und eine dem Ver-
schulden und den persönlichen Verhältnissen angemessene Gesamtstrafe fest-
zusetzen. Anderseits ist darauf hinzuweisen, dass sich die per 1. Januar 2018 in
Kraft getretene Revision des Sanktionenrechts vorliegend nicht zu Gunsten des
Beschuldigten auswirkt, weshalb von der Weitergeltung der bisherigen Normen
auszugehen ist (Art. 2 Abs. 2 StGB).
- 49 -
1.3. Die Vorinstanz sprach eine Freiheitsstrafe aus und gestaltete diese aus
als Zusatzstrafe zu zwei bereits ergangenen Strafbefehlen, mit denen je Geldstra-
fen verhängt worden waren (Urk. 53 S. 42, Dispositiv-Ziff. 2). Sie ging von einer
retrospektiven Konkurrenz aus (Urk. 53 S. 29 ff.).
Hat das Gericht eine Tat zu beurteilen, die der Täter begangen hat, bevor er
wegen einer anderen Tat verurteilt worden ist, so bestimmt es die Zusatzstrafe in
der Weise, dass der Täter nicht schwerer bestraft wird, als wenn die strafbaren
Handlungen gleichzeitig beurteilt worden wären (Art. 49 Abs. 2 StGB). Die Be-
stimmung will im Wesentlichen das in Art. 49 Abs. 1 StGB verankerte Asperati-
onsprinzip auch bei retrospektiver Konkurrenz gewährleisten. Voraussetzung hier-
für ist jedoch, dass gleichartige Strafen vorliegen, was hier, wie aufzuzeigen ist,
nicht der Fall ist (vgl. unten und zum Ganzen BGE 142 IV 265 E. 2.3.).
2. Konkrete Strafzumessung
2.1. Gemäss obigen Ausführungen bleiben zu sanktionieren die qualifizierte
einfache Körperverletzung und die Drohung. Die Vorinstanz hat bei gleicher
Strafandrohung von Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe zu Recht
die hypothetische Einsatzstrafe auf der Basis der Körperverletzung ermittelt und
erkannt, dass vorliegend keine Umstände vorliegen, die ein Verlassen des Straf-
rahmens rechtfertigen würden (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.8).
2.2. Die Vorinstanz hat das Tatverschulden des Beschuldigten betreffend
Körperverletzung als insgesamt "mittelschwer" taxiert (Urk. 53 S. 26). Diese Ein-
schätzung der Vorinstanz erweist sich im Lichte der nachfolgenden Erwägungen
als korrekt.
Der Beschuldigte hat der Privatklägerin ein Messer mit einer rund 16 cm
langen, geschliffenen Klinge in deren rechten Oberschenkel gerammt. Der Angriff
kam überraschend im Treppenhaus, wohin die Privatklägerin geflüchtet war,
nachdem sich die beiden Parteien in der ehelichen Wohnung gestritten hatten.
Die Privatklägerin erlitt durch diesen Stich eine zirka 3 cm lange und zirka 6 cm
tiefe, klaffende Verletzung. Sie musste medizinisch versorgt werden und ver-
- 50 -
brachte 10 Tage in Spitalpflege (Urk. 5/3). An der Hauptverhandlung, über zwei
Jahre nach dem Vorfall, berichtete die Privatklägerin über eine bleibende Narbe
und teilweise Schmerzen (Urk. 35 S. 20). Auch wenn schwerwiegendere Ver-
letzungen mit einem Messer – auch an anderen Stellen des Körpers – denkbar
sind, war dies doch ein massiver Angriff auf die körperliche Integrität der Privat-
klägerin. Er stellt auch einen erheblichen Vertrauensbruch des Ehegatten dar. Der
Beschuldigte handelte vorsätzlich, aus rein egoistischen Motiven; er wollte die
Privatklägerin an der Flucht und Alarmierung der Polizei hindern, sie beherrschen
und gab seiner Eifersucht und Wut freien Lauf. Sein Verhalten war in der Ge-
samtbetrachtung aggressiv und von einer erheblichen kriminellen Energie. Die
von der Vorinstanz ermittelten 18 Monate Freiheitsstrafe erscheinen als hypothe-
tische Einsatzstrafe damit eher mild. Es würde sich eine Einsatzstrafe von ca.
20 Monaten rechtfertigen.
2.3.1. Bezüglich der Drohung ist zu beachten, dass der Beschuldigte der
Privatklägerin mit dem Tode drohte, was als Androhung des schwersten Übels zu
betrachten ist. Er untermauerte seine Worte noch mit dem Griff an den Hals der
Privatklägerin. Dabei handelt es sich keinesfalls um eine Bagatelle. Vielmehr ver-
lieh er seiner Drohung mit dem Griff an den Hals eine sehr schwerwiegende
Komponente. Auch hier handelte er egoistisch und unbeherrscht. Er wollte seine
Macht demonstrieren und handelte vorsätzlich. Das Verschulden ist als insgesamt
nicht mehr leicht zu gewichten. Isoliert betrachtet wäre eine Sanktion im Bereich
von 6-8 Monaten angemessen.
2.3.2. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist die Bildung einer
Gesamtstrafe in Anwendung des Asperationsprinzips nach Art. 49 Abs. 1 StGB
nur möglich, wenn das Gericht im konkreten Fall für jeden einzelnen Norm-
verstoss gleichartige Strafen ausfällt (sog. "konkrete Methode"). Dass die anzu-
wendenden Strafbestimmungen abstrakt gleichartige Strafen androhen, genügt
nicht. Geldstrafe und Freiheitsstrafe sind keine gleichartigen Strafen im Sinne von
Art. 49 Abs. 1 StGB (BGE 144 IV 217 E. 2.2., mit Hinweisen). Eine Ausnahme von
der konkreten Methode in Form einer Gesamtbetrachtung ist – gemäss Bundes-
gericht anders noch als im Verfahren 6B_446/2011 – unabhängig von den anzu-
- 51 -
wendenden Bestimmungen und der Art der Delikte u.a. auch dann zulässig, wenn
verschiedene Straftaten zeitlich und sachlich derart eng miteinander verknüpft
sind, dass sie sich nicht sinnvoll auftrennen und für sich allein beurteilen lassen
(BGE 144 IV 217 E. 2.4.).
2.3.3. Es ist zwar nicht von "Tateinheit" im technischen Sinne zu sprechen,
wie die Vorinstanz dies tut (Urk.53 S. 28), aber die Drohung weist effektiv eine
sehr grosse zeitliche, örtliche, sachliche und als Aspekt des damals stattfinden-
den Ehestreites eine Nähe auf, die es erlaubt, auch für diesen Normverstoss eine
Freiheitsstrafe auszufällen und damit eine Gesamtstrafe in der Form einer Frei-
heitsstrafe zu bilden, zumal sich der Beschuldigte ja bis anhin nicht von Geldstra-
fen abschrecken liess. In Anwendung des Asperationsprinzips ist die hypotheti-
sche Einsatzstrafe für die Körperverletzung von ca. 20 Monaten daher nach oben
zu korrigieren, wobei eine Erhöhung um 5 Monate angemessen erscheint.
2.3.4. Unter dem Titel Tatkomponenten führt dies zu einer Einsatzstrafe von
25 Monaten.
2.4. Die Täterkomponenten wurden von der Vorinstanz ausführlich dargelegt
(Urk. 53 S. 26 f.). Die Biografie des Beschuldigten wirkt sich grundsätzlich neutral
aus. Negativ ins Gewicht fallen die im Zeitpunkt der heute zu beurteilenden Delin-
quenz bereits vorhandenen 3 Vorstrafen ins Gewicht. Sie sind zwar nicht ein-
schlägig, zeigen aber auf, dass der Beschuldigte nicht gewillt ist, sich an hiesige
Regeln zu halten. Der Beschuldigte, der nur vier Monate vorher mit einer Geld-
strafe belegt wurde (vgl. Urk. 69), liess sich von den bisherigen Geldstrafen nicht
abschrecken und zeigt als Ungeständiger naturgemäss weder Reue noch Ein-
sicht, was zwar neutral ausfällt, aber eben auch keine Korrektur nach unten zu
bewirken vermag. Gegenteils fallen die negativen Täterkomponenten mehr ins
Gewicht, weshalb die Einsatzstrafe um 2 Monate auf 27 Monate zu erhöhen ist.
Aufgrund des Verschlechterungsverbots und mangels Anschlussberufung kommt
jedoch vorliegend keine höhere als die von der Vorinstanz ausgefällte Strafe von
24 Monaten Freiheitsstrafe in Betracht. Aufgrund der milden Einsatzstrafe und
Asperation der Vorinstanz schlägt sich der heute erfolgte Freispruch vom Vorwurf
- 52 -
der versuchten Nötigung im Sinne obiger Erwägungen jedoch nicht in einer Re-
duktion der Strafe gegenüber dem vorinstanzlichen Urteil nieder.
2.5. Zusammenfassend führt dies zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten
für die noch verbleibenden Delikte.
VII. Vollzug
1. Allgemeines
1. Die Vorinstanz gewährte dem Beschuldigten den teilbedingten Vollzug,
wobei auf deren theoretischen Ausführungen vorweg zu verweisen ist. Im Rah-
men der Anschlussberufung beantragt die Staatsanwaltschaft eine unbedingte
Strafe (Urk. 61 S. 3).
2. Mit 24 Monaten Freiheitsstrafe sind grundsätzlich alle Vollzugsvarianten
möglich (Art. 42 StGB). Der Beschuldigte wies im Tatzeitpunkt bereits drei Vor-
strafen auf (vgl. Urk. 69). Bis dahin wurde er nie mit einer Freiheitsstrafe belegt.
Mit der zwischenzeitlichen Erfahrung von 67 Tagen Haft, welche ihm im Strafbe-
fehl betreffend Hausfriedensbruch angerechnet wurden (vgl. Urk. D3/6) und unter
der Wirkung eines heute zum Vollzug anzuordnenden Anteils der Freiheitsstrafe,
fällt die Legalprognose des Beschuldigten nach Vollzug des unbedingten Teils der
Strafe nicht ungünstig aus, welcher Umstand gemäss bundesgerichtlicher Recht-
sprechung in die Prognosestellung einzubeziehen ist (BGE 144 IV 277 E. 3.2).
Dem mittelschweren Tatverschulden Rechnung tragend, rechtfertigt sich die Fest-
setzung des vollziehbaren Strafteils mit der Vorinstanz im Umfang von 9 Monaten.
Für die restlichen 15 Monate der Freiheitsstrafe ist der bedingte Strafvollzug zu
gewähren, wobei die Probezeit – in Anbetracht der Vorstrafen – auf 3 Jahre fest-
zusetzen ist.
- 53 -
VIII. Zivilansprüche
1. Allgemeines
1.1. Die Privatklägerschaft kann zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat
adhäsionsweise im Strafverfahren geltend machen (Art. 122 Abs. 1 StPO). Dabei
ist die mit Zivilklage geltend gemachte Forderung spätestens im Parteivortrag
zu beziffern und zu begründen, ansonsten hat das Gericht die Zivilklage auf den
Zivilweg zu verweisen (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO). Bei Begehren von Personen,
welche unter Art. 1 OHG fallen, ist im Strafverfahren zumindest über die grund-
sätzliche Schadenersatzpflicht zu entscheiden. Im Übrigen kann das Begehren
auf den Zivilweg verwiesen werden, wenn das Begehren nicht genügend begrün-
det bzw. beziffert wurde (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO sowie Art. 126 Abs. 3 StPO).
Opfer gemäss Art. 116 Abs. 1 StPO ist, wer durch eine Straftat in seiner körper-
lichen, sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist.
Die Beeinträchtigung muss dabei eine gewisse Schwere aufweisen. Dabei ist
nicht die Schwere der Straftat, sondern der Grad der Betroffenheit der geschädig-
ten Person massgebend.
1.2. Wer eine Körperverletzung erleidet oder in seiner Persönlichkeit wider-
rechtlich verletzt wird, hat Anspruch auf die Leistung einer Geldsumme als Ge-
nugtuung, sofern dies durch die Schwere der Verletzung als gerechtfertigt er-
scheint und falls die Verletzung nicht anders wieder gut gemacht worden ist
(Art. 47 und Art. 49 Abs. 1 OR). Die Höhe der Genugtuung hängt in erster Linie
von der Art und Schwere der Verletzung, der Intensität und Dauer der Auswirkun-
gen auf die Persönlichkeit der betroffenen Person sowie vom Grad des Verschul-
dens des Schädigers am Schadensereignis ab. Die Bemessung der Genugtuung
steht im Ermessen des Gerichts. Bei der Festlegung der Höhe der Genugtuung
spielen die finanziellen Verhältnisse des Pflichtigen wie auch der Privatkläger-
schaft keine Rolle.
- 54 -
2. Anträge und Beurteilung
2.1. Die Vorinstanz stellte die Schadenersatzpflicht des Beschuldigten aus
dem angeklagten Ereignis gemäss Anklage-Ziff. 2 dem Grundsatz nach fest und
verwies die Privatklägerin betr. Umfang des Schadenersatzes auf den Zivilweg
(Urk. 53 S. 42, Dispo-Ziff. 5). Sodann wurde der Beschuldigte verpflichtet, der Pri-
vatklägerin 1 Fr. 4'000.– zuzüglich 5% Zins ab 14. Mai 2016 als Genugtuung zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wurde das Genugtuungsbegehren abgewiesen (Urk. 53
S. 42, Dispo-Ziff. 42). Diese Regelung hat sie ausführlich begründet, worauf vorab
zu verweisen ist (Urk. 53 S. 35 ff.).
2.2. Mit Berufung beantragt die Privatklägerin eine Genugtuung von
Fr. 10'000.– (Urk. 57 S. 2), der Beschuldigte im Rahmen der Anschlussberufung
für den Eventualfall eine solche von Fr. 1'000.-- (Urk. 63 S. 1).
2.3. Die Privatklägerin machte vor Vorinstanz im Wesentlichen geltend, sie
sei vorliegend schwer in ihrer psychischen und physischen Integrität verletzt wor-
den. Sie habe Todesangst ausgestanden, habe nach dem Messerstich notfall-
mässig medizinisch versorgt werden müssen und sei vom 14. Mai 2016 bis
23. Mai 2016 in stationärer Spitalbehandlung gewesen. Sie habe sich nach dem
Vorfall ab dem 16. November 2016 in psychotherapeutische Behandlung begeben
müssen. Die behandelnde Psychiaterin, Frau Dr. J._ halte in ihrem Bericht
vom 13. November 2017 fest, dass sie – die Privatklägerin – an einer posttrauma-
tischen Belastungsstörung sowie an einer Depression und an Ängsten leide. Die
Privatklägerin leide auch unter Schlafstörungen, ausgeprägter Schreckhaftigkeit
und emotionaler Dünnhäutigkeit mit Gereiztheit. Seit dem Umzug in eine neue
Wohnung habe sich die Situation etwas gebessert. Sie leide aber noch heute un-
ter Flashbacks mit Todesangst und Albträumen und bedürfe weiterhin einer re-
gelmässigen psychotherapeutischen Behandlung und Psychopharmakotherapie.
Bis heute (bzw. damals) befinde sie sich bei Frau Dr. J._ in Psychotherapie
und müsse Medikamente einnehmen. Sie sei seit dem 14. Mai 2016 bis heute
(bzw. damals) mit einem kurzen Unterbruch zu 100 % arbeitsunfähig, zunächst
wegen der Schmerzen und der Bewegungseinschränkungen, unter denen sie
- 55 -
längere Zeit gelitten habe, seit einiger Zeit sei sie dies aus psychischen Gründen
wegen der posttraumatischen Belastungsstörung (Urk. 41 S. 3 ff.).
2.4. Der Beschuldigte verwies in seiner Kurzbegründung für die eventuelle
Reduktion der Genugtuung auf die Falschaussagen und Falschanschuldigungen
der Privatklägerin, für welche sie bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen wor-
den sei (Urk. 63 S. 1).
3. Die Vorinstanz hat die Zivilansprüche sorgfältig begründet (Urk. 53 S. 35
ff.). Sie hat eine angemessene Gewichtung vorgenommen. Die Privatklägerin hat
durch den Angriff des Beschuldigten eine zirka 3 cm lange und zirka 6 cm tiefe,
klaffende Stichverletzung erlitten. Diese erforderte eine notfallmässige Ver-
sorgung und 10-tägige Hospitalisierung. Die Wunde führte zur Narbenbildung. Die
von der Privatklägerin geltend gemachten psychischen Leiden und Ängste ent-
sprechen den Folgen einer solchen Tat. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass
die geschilderten psychischen Probleme der Geschädigten zu einem grossen Teil
auf die monatelangen, massiven und teilweise tätlichen Auseinandersetzungen in
der Ehe zurückzuführen sind. Eine quantitative Differenzierung der Folgen auf-
grund der schweren Eheprobleme einerseits und aufgrund der beiden Straftaten,
für welche der Beschuldigte schuldig zu sprechen ist, andererseits, ist kaum
durchführbar. Trotzdem kann eine Genugtuung aber nur für Letzteres zuge-
sprochen werden. Vor diesem Hintergrund erscheint die von der Vorinstanz zuge-
sprochene Genugtuung von Fr. 4'000.-- (zuzüglich Zins seit dem Ereignisdatum)
auch mit Blick auf Referenzfälle (z.B. OGer ZH SB180360 vom 30. April 2019)
durchaus angemessen.
IX. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Da der Beschuldigte heute vom Vorwurf der versuchten Nötigung freige-
sprochen wurden, rechtfertigt es sich, ihm die Kosten der Untersuchung sowie
des erstinstanzlichen Verfahrens zu 9/10 aufzuerlegen. Im Umfang von 1/10 sind
diese auf die Staatskasse zu nehmen.
- 56 -
2. Da der Beschuldigte mit seiner Berufung und Anschlussberufung unter-
liegt, aber auch die Privatklägerin mit ihrer Berufung wie die Staatsanwaltschaft
mit ihrer Anschlussberufung nicht durchdringt, sind die Kosten des Berufungsver-
fahrens (mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgelt-
lichen Vertretung der Privatklägerin) dem Beschuldigten zu 16/20 oder 4/5, der
Privatklägerin zu 1/20 aufzuerlegen und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
3.1 Rechtsanwältin lic. iur. X._ reichte im Vorfeld der Berufungsver-
handlung ihre Honorarnote ein, in welcher sie einen Aufwand inklusive Baraus-
lagen von Fr. 4'579.40 geltend macht (Urk. 70). Rechtsanwältin lic. iur. Y._
machte ihrerseits als unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin Fr. 1'773.70 in-
klusive Barauslagen geltend (Urk. 71A).
3.2. Die Kosten sind ausgewiesen und scheinen mit nachfolgender Korrektur
angemessen. Unter Berücksichtigung der effektiven Dauer der Berufungsver-
handlung (vgl. Prot. II S. 4 und S. 10) sowie einer Stunde für die Nachbespre-
chung des Urteils, erscheint es angemessen, Rechtsanwältin lic. iur. X._
pauschal mit Fr. 4'200.– und Rechtsanwältin lic. iur. Y._ pauschal mit
Fr. 2'250.– aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
4. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertre-
tung der Privatklägerschaft sind einstweilen auf die Gerichtskassen zu nehmen.
Vorbehalten bleibt eine Nachforderung beim Beschuldigten gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO im Umfang von 16/20 bzw. 4/5. Die Rückzahlungspflicht der
Privatklägerin gemäss Art. 138 Abs. 1 StPO bleibt im Umfang von 1/20 vorbehal-
ten.
- 57 -