Decision ID: b3139a9e-09db-5561-8f73-4e6fa8da9528
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger Sri Lankas tamilischer
Ethnie – reichte am 3. Mai 2017 in der Schweiz ein Asylgesuch ein und
wurde dem ehemaligen Testbetrieb in Zürich zugewiesen (Aktenstücke des
SEM [A]1-7). Er wurde am 9. Mai 2017 summarisch zu seiner Person (A11),
am 22. Mai 2017 anlässlich der Erstbefragung (A20) und am 6. Juni 2017
vertieft zu seinen Asylgründen angehört (A21). Die Anhörung vom 6. Juni
2017 wurde wegen Verständigungsproblemen zwischen dem Beschwerde-
führer und dem Dolmetscher abgebrochen (A21 S. 5 f.). Am 8. Juni 2017
wurde er dem erweiterten Verfahren und dem Kanton (...) zugewiesen
(A22, A25). In der Folge legte die amtlich zugewiesene Rechtsvertretung
am 15. Juni 2017 ihr Mandat nieder (A26). Am 5. Juli 2017 fand eine er-
gänzende Anhörung zu seinen Asylgründen statt (A30). Anlässlich der Erst-
befragung reichte er Kopien der Identitätskarte, der Geburtsurkunde, des
Führerausweises und eines Schreibens der sri-lankischen Polizei vom
(...) April 2017 zu den Akten und reichte am 6. Juni 2017 eine beglaubigte
Kopie des Geburtsregisters sowie das Original des Schreibens der Polizei
nach (vgl. A20 F3; A21 F3).
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen folgendes geltend:
Er habe mit seiner Familie in B._, Distrikt B._, Nordwest-
Provinz, gelebt und dort die Schule besucht. An der Adresse seiner Eltern
sei er bis zuletzt gemeldet gewesen (A11 F2.01 f.). Er habe bis zum Beginn
seiner Probleme im Februar 2010 sowohl in der (...) wie auch im (...)ge-
schäft seines Vaters gearbeitet, danach nicht mehr.
Im Jahr 2004 habe sein Bruder eine Frau aus C._ geheiratet. Über
deren Bruder habe er einen Mann namens D._ kennengelernt. Er
habe von Anfang an gewusst, dass D._ ein Mitglied der Liberation
Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gewesen sei. Dieser habe Waren für die Be-
wegung eingekauft und sie damit versorgt. Im Auftrag von D._ habe
er ab 2006 oder 2007 gegen Bezahlung Waren, die nach und nach verbo-
ten worden seien, wie [diverse Waren, Treibstoff] in B._ eingekauft
und per Boot nach C._ bringen lassen; in der Regel habe er die
Transporte nicht selber begleitet; nur zweimal sei er mitgegangen. Später
habe er auch Personen der Bewegung, die von Jaffna her gekommen
seien, mit seinem Van von B._ aus nach Colombo transportiert. Er
E-3615/2020
Seite 3
habe dies tun können, weil er beide Sprachen, Tamil und Singhalesisch,
habe sprechen können – z. B. im Fall einer Kontrolle oder zur Beantragung
eines Passes. In dieser Zeit habe es für ihn keine Probleme gegeben, nach
C._ zu reisen. Der Krieg sei etwa im Jahr 2006 wieder ausgebro-
chen. Das Militär sei dort gewesen und es habe Checkpoints gegeben. Er
habe jeweils nichts mitgenommen, das hätte beanstandet werden können,
wie z.B. Waffen, weshalb er auch nicht behelligt worden sei. Im Jahr 2009,
nach dem Ende des Krieges, habe er seine Aktivitäten eingestellt. Auch
D._ habe wieder ein normales Leben geführt, er habe nichts mehr
gebraucht, weshalb ihm auch nichts mehr habe geliefert werden müssen.
Er habe in der Folge noch sporadisch telefonischen Kontakt mit D._
gehabt.
lm Februar 2010 sei er frühmorgens zuhause bei seinen Eltern von vier
nicht-uniformierten Armee-Angehörigen festgenommen und in ein Camp
gebracht worden. Die Soldaten hätten ihm mitgeteilt, dass es Probleme
gegeben habe, und dass er deshalb befragt werden müsse. Sein Vater
habe mitkommen wollen; das sei nicht möglich gewesen. Auf der Fahrt hät-
ten sie ein schwarzes Tuch über seinen Kopf gestülpt, deshalb wisse er
nicht, wohin sie ihn gebracht hätten. Er sei während der Haft regelmässig
über den Verbleib und die Vorhaben der transportierten Personen befragt,
angeschrien und mit Schlägen misshandelt worden. Sein Ellbogen sei da-
bei gebrochen worden, er könne den Arm deshalb nicht vollständig stre-
cken. Zudem hätten ihn drei uniformierte Soldaten mehrfach sexuell miss-
braucht. Nach etwa sechs Wochen habe sein Vater ihn gefunden und frei-
kaufen können. Er sei während der Nacht aus dem Gefängnis geschleust
und mit einem Jeep weggebracht worden. Auf der (...)strasse sei er aus-
geladen worden. ln der Folge sei er bis zur Ausreise hauptsächlich in Co-
lombo gewesen und von der Familie unterstützt worden, damit er dort ein
Zimmer habe mieten können. An der letzten Adresse sei er etwa eineinhalb
Jahre gewesen. Teilweise habe er in Teilzeit als (...) für eine (...) gearbeitet.
Als sein Vater ihn damals freigekauft habe, sei ihnen gesagt worden, alle
Dokumente ihn betreffend seien vernichtet worden. Er habe sich deshalb
in Colombo sicher gefühlt.
lm März 2017 habe er erfahren, dass die Behörden – nachdem eine andere
Person verhaftet worden sei – nach D._ suchen würden. In diesem
Zusammenhang sei auch er gesucht worden. Die Behörden hätten ihm am
7. April 2017 eine Vorladung einer Spezialuntersuchungsabteilung in [Co-
lombo] zur Befragung an die Adresse der Familie in B._ geschickt;
es habe sich um die Vorladung in ein CID-Office für den (...) April 2017
E-3615/2020
Seite 4
gehandelt. Er sei der Vorladung nicht nachgekommen. Statt dessen habe
er sich zur Flucht entschlossen, habe sein Heimatland am (...). April 2017
mit einem gefälschten malaysischen Reisepass über den Flughafen von
Colombo verlassen und sei über Malaysia und Istanbul in die Schweiz ge-
reist, wo er am Tag seiner Ankunft in Kreuzlingen sein Asylgesuch einge-
reicht habe.
A.c Am 17. Juli 2019 liess der Beschwerdeführer einen ausführlichen Arzt-
bericht vom 11. Juni 2019 zu seinem psychischen Gesundheitszustand ein-
reichen (A31). Darin wird eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-
10 F43.1 mit Zusatzinformation PTSD als Opfer von Folter, [genaue Be-
zeichnung], gestützt auf die Testung mit Auswertung
(UCLA PTSD INDEX FOR DSM IV) sowie eine rezidivierende mittelgradige
depressiven Episode (ICD10 F32.1) diagnostiziert. Gemäss der Testung
vom 3. Mai 2019 erfülle der Patient die Kriterien für eine «(...)» vollumfäng-
lich. Der Overall Score (allgemeine Punktezahl) weise auf ein «severe
Trauma», d.h. auf eine schwere psychische Erkrankung hin. Der Patient
werde psychotherapeutisch in Einzeltherapie (Sitzungsfrequenz: zweiwö-
chentlich) sowie mit Mirthocipin (recte: Mirtazapin [Antidepressivum]) be-
handelt. Es wird darin auf einen Klinikaufenthalt in der psychiatrischen Kli-
nik (...) verwiesen (vgl. A31 S. 3 ff.).
A.d Aufforderungsgemäss liess der Beschwerdeführer am 26. Mai 2020
einen aktuellen Arztbericht vom 25. Mai 2020 einreichen, worin ausser der
aktuellen gesundheitlichen Beurteilung auf die angepasste Medikation
(Mirtazapin und Quetiapin [atypisches Neuroleptikum]), auf einen aktuell
wöchentlichen Einsatz durch die Psychiatrie Spitex sowie auf zwei statio-
näre Hospitalisierungen in der Klinik (...) in (...) (je Alkoholentzug im März
und September 2019) hingewiesen wird (A37).
A.e Mit Verfügung vom 12. Juni 2020 – eröffnet am 16. Juni 2020 – führte
das SEM aus, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz an (Dispositivziffern [Ziff.] 1-3). Es setzte ihm Frist bis zum 31. Juli
2020, das Staatsgebiet der Schweiz sowie den Schengen-Raum zu verlas-
sen (Ziff. 4), beauftragte den Kanton (...) mit dem Vollzug der Wegweisung
(Ziff. 5) und führte aus, dem Beschwerdeführer würden die editionspflichti-
gen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt (Ziff. 6; A38 f.).
E-3615/2020
Seite 5
B.
B.a Mit Eingabe vom 16. Juli 2020 erhob der Beschwerdeführer – nunmehr
vertreten durch Rechtsanwältin Nadja Zink – Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht und beantragte, die Verfügung vom 12. Juli 2020 sei
aufzuheben und das Verfahren zur erneuten Beurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Eventualiter sei Asyl zu gewähren oder jedenfalls die
Flüchtlingseigenschaft festzustellen. Subeventualiter sei die Unzulässig-
keit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung fest-
zustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Im Weiteren ersuchte
er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, den Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und die Bestellung seiner Rechts-
vertreterin als unentgeltliche Rechtsbeiständin, alles unter Kosten und Ent-
schädigungsfolge zu Lasten der Vorinstanz. Er reichte weiter den Bericht
der Hilfswerkvertretung (nachfolgend: HWV-Bericht) zur Anhörung vom
6. Juli 2017 (Datum der Telefaxübermittlung: 10. Juli 2020) sowie eine Un-
terstützungsbestätigung der Sozialberatung und Asylbetreuung Standort
(...) vom 10. Juli 2020 zu den Akten (Beschwerdeakten [B-act.] 1).
B.b Mit Zwischenverfügung vom 27. Juli 2021 hielt die Instruktionsrichterin
fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten dürfe, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung und um amtliche Rechtsverbeiständung gut und
setzte Rechtsanwältin Nadia Zink als amtliche Rechtsbeiständin des Be-
schwerdeführers ein. Weiter lud sie die Vorinstanz zur Einreichung einer
Vernehmlassung ein (B-act. 3).
B.c Mit Vernehmlassung vom 31. Juli 2020 hielt die Vorinstanz im Wesent-
lichen an ihren Erwägungen in der Verfügung fest (B-act. 4).
B.d Am 18. August 2020 liess der Beschwerdeführer seine Replik sowie
die Kostennote seiner Anwältin einreichen (B-act. 6).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
E-3615/2020
Seite 6
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG); Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer rügt in formeller Hinsicht eine Verletzung seines
Anspruchs auf rechtliches Gehör, namentlich, die Anhörung vom 6. Juni
2017 sei wegen unbestrittenen Verständigungsproblemen zwischen ihm
(als Gesuchsteller) und dem Dolmetscher nicht verwertbar und daher auch
nicht in die Beurteilung einzubeziehen. Dass die Anhörung vom 6. Juni
2017, obwohl sie wegen Verständigungsschwierigkeiten hatte abgebro-
chen werden müssen, dennoch zur Begründung der mangelnden Glaub-
haftigkeit beigezogen worden sei, sei unzulässig (Beschwerde S. 8 f.). Die
einseitige und unausgewogene Glaubhaftigkeitsprüfung der Vorinstanz
stelle letztlich eine ungenügende Verfügungsbegründung dar (Beschwerde
S. 8 Ziff. 16 f.).
E-3615/2020
Seite 7
Zu den weiteren Befragungen (Erstbefragung vom 22. Mai 2017, nachge-
holte Zweitbefragung vom 5. Juli 2017) wird ferner festgehalten, dass auch
aus dem Protokoll der Erstbefragung hervorgehe, dass es Schwierigkeiten
bei der Verständigung gegeben habe und der Beschwerdeführer nur sehr
grob und gedrängt in der Lage gewesen sei, seine Gesuchsgründe vorzu-
bringen. Es entstehe weiter der Eindruck, er habe auch Mühe bekundet,
das Erlebte wiederzugeben. Hinsichtlich der Anhörung vom 5. Juli 2017 sei
zu berücksichtigen, dass auch hier der Dolmetscher angemerkt habe, der
Beschwerdeführer spreche einen schwer verständlichen Dialekt. Insge-
samt fehle in der Sache eine Gesamtbetrachtung und es bestehe der Ein-
druck, dass nur Elemente aus seinen Aussagen gesucht worden seien, die
gegen ihn sprechen würden. Zudem verwies er auf die Angabe des Hilfs-
werksvertreters zur Anhörung vom 5. Juli 2017, dass er auch aufgrund
einer Traumatisierung nicht in der Lage gewesen sein könnte, vollständig
und genügend ausführlich Auskunft zu geben.
3.2 Die formellen Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie sich allenfalls
dazu eignen, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff.
m.w.H.).
3.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Ab-
fassung der Begründung soll es der betroffenen Person ermöglichen, den
Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl
die betroffene Person als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite
des Entscheides ein Bild machen können; diesem Gedanken trägt die be-
hördliche Begründungspflicht Rechnung. Die Begründungsdichte als sol-
che richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrens-
umständen und den Interessen der betroffenen Person, wobei bei schwer-
wiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffe-
nen eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1
und statt vieler: Urteil D-3159/2015 vom 29. August 2016 E. 3.1).
E-3615/2020
Seite 8
3.2.2 Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs führt grundsätzlich – das
heisst ungeachtet der materiellen Auswirkungen – zur Aufhebung des er-
gangenen Entscheides. Eine Heilung von Gehörsverletzungen aus pro-
zessökonomischen Gründen ist jedoch möglich, sofern das Versäumte
nachgeholt wird, der Beschwerdeführer dazu Stellung nehmen kann und
der Beschwerdeinstanz für die konkrete Streitfrage die freie Überprüfungs-
befugnis in Bezug auf Tatbestand und Rechtsanwendung zukommt. Unter
diesen Voraussetzungen kann selbst bei einer schwerwiegenden Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör von einer Rückweisung in der
Sache an die Vorinstanz abgesehen werden, wenn und soweit die Rück-
weisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzö-
gerungen führen würde, die mit dem Interesse der betroffenen Partei an
einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären
(vgl. dazu z.B. Urteil des BVGer E-2768/2018 vom 14. Juli 2020 E. 4.9.2
mit Hinweisen auf BGE 142 II 218 E. 2.8.1, 137 I 195 E. 2.3.2, 133 I 201
E. 2.2, BVGE 2008/47 E. 3.3.4, sowie z.B. BVGer D-4036/2018 vom
9. März 2020 E. 5.3).
3.2.3 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043; statt vieler: Urteil E-1542/2020
vom 26. Mai 2020 E. 4.1).
3.3 Die Vorinstanz bezieht sich in ihrer Beurteilung massgeblich auf die
Akte 21 (Anhörung vom 6. Juni 2017), die aufgrund von (nicht «angebli-
chen», wie das SEM in seiner Verfügung festhält, sondern realen) Verstän-
digungsproblemen zwischen dem Dolmetscher und dem Beschwerdefüh-
rer nach 32 Fragen abgebrochen wurde und mit Rückübersetzung rund
eine Stunde dauerte (Protokoll von 6 Seiten).
3.3.1 Auf Seite 4 der Verfügung zitiert das SEM aus den Aussagen des
Beschwerdeführers anlässlich dieser Bundesanhörung. Es führt dazu aus,
diese Anhörung sei zwar wegen angeblicher Verständigungsprobleme ab-
gebrochen worden, der Beschwerdeführer habe aber die Übereinstimmung
der Angaben im Protokoll durch seine Unterschrift bestätigt, weshalb er
sich auf seine Aussagen zu seinen Ungunsten behaften lassen müsse.
E-3615/2020
Seite 9
3.3.2 Diese Argumentation ist nicht zulässig. Soweit das SEM seine Argu-
mentation auf die Aussagen des Beschwerdeführers anlässlich der Anhö-
rung nach Art. 17 Abs. 2 lit b TestV vom 6. Juni 2017 stützt, kann auf die
Aussagen des Beschwerdeführers darin – wie er zu Recht ausführen lässt
(B-act. 1 Rz. 20) – nicht abgestellt werden. Gestützt auf die Akten wurde
die Anhörung nach kurzer Zeit durch den befragenden Sachbearbeiter –
nach Rücksprache mit dem Rechtsvertreter – abgebrochen, weil die Ver-
ständigung «nicht optimal» gewesen sei und die beiden sich einig waren,
dass zwar der Sinn verständlich, aber die Details unklar geblieben seien.
Mit dem Abbruch sollten Missverständnisse vermieden werden (A21 F33).
Der Abbruch war Folge davon, dass der Dolmetscher den Beschwerdefüh-
rer ungenügend verstanden hatte. Daraus folgt, dass bei der Rücküberset-
zung die nicht genügend präzis protokollierten Aussagen noch weniger
präzis beziehungsweise unvollständig rückübersetzt worden sein dürften
(vgl. zur Nichtverwertbarkeit einer wegen Verständigungsschwierigkeiten
mangelhaften Befragung z.B. E-953/2014 vom 6. März 2014 E. 5.1 f.). Das
ungenügende Setting der Anhörung kann dem Beschwerdeführer nicht an-
gelastet werden. Daran ändert auch nichts, dass der Beschwerdeführer die
Durchführung der Anhörung und die Rückübersetzung – soweit vorhanden
und verstanden – quittiert hat.
3.3.3 Die Aussagen des Beschwerdeführers vom 6. Juni 2017 sind dem-
nach nicht zu berücksichtigen. Es kann nicht angehen, dass die Vorinstanz
auf eine Anhörung, welche nach kurzer Zeit wegen Verständigungsschwie-
rigkeiten zwischen dem Beschwerdeführer und dem Dolmetscher abgebro-
chen wurde, und demzufolge die protokollierten Antworten sich nicht als
genügend präzis erweisen, zu Lasten des Beschwerdeführers abstellt, um
seine Aussagen als substanzlos und stereotyp zu charakterisieren.
3.4 Weiter ist auf Rügen des Beschwerdeführers hinsichtlich der weiteren
Anhörungen vom 22. Mai 2017 und vom 5. Juli 2017 sowie deren Zitierung
durch die Vorinstanz einzugehen.
3.4.1 Das SEM bezieht sich in der Verfügung (S. 4 unten bis S. 6 oben) auf
die Angaben des Beschwerdeführers in der nachgeholten Zweitanhörung,
zitiert aber in diesem Zusammenhang unrichtig und referenziert anstatt der
Akte A30 die nicht verwertbare Akte 21.
3.4.2 Das SEM führt dazu in der Vernehmlassung vom 21. Juli 2020 aus,
es handle sich um einen Kanzleifehler, in der Verfügung ab Seite 4 unten
E-3615/2020
Seite 10
sei jeweils die ergänzende Anhörung vom 5. Juli 2021 (A28; Anmerkung
des Gerichts: recte A30) gemeint.
3.4.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, auf die Anhörung vom 5. Juli
2017 könne grundsätzlich abgestellt werden, zu berücksichtigen sei jedoch
einerseits, dass der Dolmetscher dieser Anhörung angemerkt habe, der
Beschwerdeführer spreche einen schwer verständlichen Dialekt (B-act. 1
Rz. 26 f.), andererseits habe der bei der ergänzenden Anhörung anwe-
sende Hilfswerksvertreter vermerkt, allenfalls sei der Beschwerdeführer
aufgrund einer Traumatisierung nicht in der Lage gewesen, vollständig und
genügend ausführlich Auskunft zu geben.
3.4.4 Gestützt auf die Ausführungen in der Vernehmlassung sowie die Sei-
ten- respektive Fragenverweise des SEM im Abschnitt S. 4 unten bis S. 6
der Verfügung, geht ohne Zweifel hervor, dass die Vorinstanz aus der er-
gänzenden Anhörung vom 5. Juli 2017 zitiert; namentlich werden Protokoll-
stellen (Seitenzahlen; Fragennummern) genannt, die es im Aktenstück A21
gar nicht gibt. Es handelt sich beim zitierten Aktenstück um die Akte 30
(und nicht wie vernehmlassungsweise ausgeführt A28). Bei der Zitierung
der Akte 21 in diesem Teil der Verfügung handelt es sich demnach um ei-
nen Kanzleifehler. Der Inhalt dieses Teils der Verfügung ist demnach in ma-
terieller Hinsicht zu prüfen.
3.4.5 Zur ersten Anhörung vom 22. Mai 2017 lässt der Beschwerdeführer
ausführen, auch in dieser Befragung scheine die Verständigung zwischen
ihm und dem Übersetzer nicht ideal gewesen zu sein. Teilweise habe der
Beschwerdeführer die gestellten Fragen anders als zu erwarten gewesen
wäre, beantwortet, wie wenn er die Fragen nicht richtig verstanden hätte.
Da er auch sehr präzise Antworten und Beschreibungen gegeben habe,
seien die Nachfragen anders nicht nachzuvollziehen (B-act. 1 Rz. 22 ff.).
Da die Anhörung respektive deren Inhalt grundsätzlich nicht bestritten wird,
ist auf allfällige Verständigungsprobleme und die damit verbundenen Ant-
worten in der ersten Anhörung im Rahmen der materiellen Beurteilung ein-
zugehen (E. 6.1, 6.3.1).
3.4.6 Die Aussagen des Beschwerdeführers in der ergänzenden Anhörung
vom 5. Juli 2017 sind demnach zusammen mit seinen Angaben aus der
grundsätzlich verwertbaren Anhörung vom 22. Mai 2017 wesentlich in die
Beurteilung der Vorinstanz eingeflossen. Deshalb ist nachfolgend in mate-
rieller Hinsicht zu prüfen, ob der Sachverhalt – unter Berücksichtigung der
Anhörungen vom 22. Mai 2017 und vom 5. Juli 2017 – sich als genügend
E-3615/2020
Seite 11
vollständig ermittelt erweist und ob über das Asylgesuch des Beschwerde-
führers entschieden werden kann. Der Beschwerdeführer konnte im Ver-
fahren vor Bundesverwaltungsgericht replikweise zu allen Akten – insbe-
sondere zu allen Anhörungen und der Vernehmlassung der Vorinstanz –
Stellung nehmen, auch zum Punkt des Kanzleifehlers. Das Bundesverwal-
tungsgericht verfügt ausserdem dahingehend über die volle Kognition (vgl.
Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die massgebliche Verwendung der nicht verwert-
baren Anhörung vom 6. Juni 2017 durch die Vorinstanz stellt zwar eine
schwere Gehörsverletzung dar. Indes kann hier auf die Verwertung der
Aussagen aus dieser Anhörung verzichtet werden, da eine ergänzende An-
hörung durchgeführt wurde und die erfragten Geschehnisse der Anhörung
vom 6. Juni 2017 in der ergänzenden Anhörung vom 5. Juli 2017 nochmals
erfragt wurden. Es verbleibt somit die offensichtlich falsche Referenzierung
der zweiten Anhörung in der Verfügung als Kanzleifehler (S. 4 unten bis
S. 6). Eine Kassation aus formellen Gründen würde unter diesen Umstän-
den einem überspitzten Formalismus gleichkommen und zu einem pro-
zessualen Leerlauf führen, der auch nicht mit dem Interesse des betroffe-
nen Beschwerdeführers an einer beförderlichen Beurteilung der Sache zu
vereinbaren wäre. Das entsprechende Rückweisungsbegehren ist dem-
nach abzuweisen und die Sache in materieller Hinsicht zu prüfen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-3615/2020
Seite 12
5.
5.1
5.1.1 Das SEM hält die Vorbringen des Beschwerdeführers für nicht hinrei-
chend begründet und führt aus, es handle sich bei seinen Asylgründen um
ein substanzloses Konstrukt, dem kein Glauben geschenkt werden könne.
Es geht zwar davon aus, dass der Beschwerdeführer von 2006 bis 2009
geschäftlich Waren und Personen transportiert habe. Wenig plausibel sei
jedoch, dass er diese Aktivität im Auftrag eines LTTE-Mitglieds durchge-
führt habe, zumal er bezüglich der allgemeinen Kriegssituation mehrfach
ausgeführt habe, es habe keinerlei Probleme gegeben, oder er habe viel-
leicht nichts davon gemerkt (A20 F88-F89). Weiter habe er nur dürftige An-
gaben über D._ und dessen LTTE-Kollegen gemacht. Er habe we-
der zu dessen Funktion noch über die physische Präsenz der Bewegung
in der Region berichten können. Auch sei er nicht in der Lage gewesen zu
erklären, unter welchen Umständen er D._’s LTTE-Kollegen ken-
nengelernt habe. Was die Angaben zum Transport von Waren und Perso-
nen angehe, seien in Anbetracht dessen, dass es sich um eine illegale und
hoch riskante Aktivität handle, die Aussagen als oberflächlich und realitäts-
fremd zu betrachten (A20 S. 12-13). Auch sei der angegebene Grund für
das eingegangene Risiko – er sei Tamile und habe aus Wut so agiert –
wenig überzeugend (A20 F126).
5.1.2 Gestützt auf die Anhörung vom 6. Juni 2017 (A21) führt das SEM
weiter aus, der Beschwerdeführer habe nicht beschreiben können, was un-
mittelbar nach seiner Ankunft im Camp geschehen sei. Er habe gesagt,
dass seine Augen verbunden gewesen seien. Weiter habe er auch keine
ausführlichen Angaben zu den Ereignissen, die in der Folge stattgefunden
hätten, machen können. Weder sei es ihm gelungen, detailliert den Befra-
gungsraum zu beschreiben, noch habe er Auskünfte zu den Fragen, die
ihm angeblich gestellt worden seien, geben können. Ferner sei er nicht in
der Lage gewesen, stichhaltig, detailliert und realitätsnah den Alltag im Ge-
fängnis zu beschreiben. Für eine Person, die angeblich einen Monat lang
in der Haft gewesen sei, würden sich seine Angaben als äusserst haltlos
und entsprechend ungenügend erweisen. Es sei weiter erstaunlich, dass
er nicht habe wissen wollen, was sein Vater unternommen habe, um seine
Freilassung zu erwirken. Im Zusammenhang mit den Erwägungen, die sich
auf die abgebrochene Anhörung vom 6. Juni 2017 stützen, führte das SEM
aus, diese Anhörung sei zwar wegen angeblicher (sic) Verständigungs-
probleme abgebrochen worden, der Beschwerdeführer habe aber die
Übereinstimmung der Angaben des Protokolls mit seinen Aussagen durch
seine Unterschrift bestätigt, er müsse sich darauf behaften lassen.
E-3615/2020
Seite 13
5.1.3 Das SEM fährt fort, auch die Aussagen in der Zweitanhörung würden
nicht überzeugen. Die Beschreibung des Zimmers mit einem Tisch und
einem Stuhl reiche nicht. Was die gestellten Fragen betreffe, seien die Aus-
künfte dürftig und realitätsfremd. Angeblich sei er nach dem Aufenthalt der
von 2006 – 2009 transportierten Personen befragt worden; auch die sri-
lankischen Behörden hätten sich bewusst sein sollen, dass er den Aufent-
haltsort der Passagiere nicht habe kennen können. Die Frage, woher die
Behörden gewusst hätten, dass er Personen transportiert habe, habe er
ebenfalls nicht überzeugend beantworten können. Es erstaune auch, dass
die Soldaten angeblich immer nur dieselbe Frage gestellt hätten und er
weder über den Alltag in der Haft, noch über die Soldaten, die ihn befragt
haben sollen, habe berichten können. Er habe nur ausgesagt, dass er in
einem kleinen Zimmer aus Holz gewesen sei und es sich bei den befra-
genden Soldaten um jeweils verschiedene Personen gehandelt habe. Er
habe den ganzen Tag geschlafen und drei Mahlzeiten erhalten und es sei
langweilig gewesen. Diese Aussagen seien dürftig und stereotyp. Die An-
gaben, er sei in der Haft mehrmals sexuell missbraucht worden, vermoch-
ten das SEM ebenfalls nicht zu überzeugen (A30 F34 ff.). Es wies die Be-
schreibung als standardisiert und substanzlos zurück, da es jegliche Rea-
litätsmerkmale vermisste. Er habe zwar ausgesagt, dass es die Leute (...)
gewesen seien, die ihm (...) gebracht hätten. Er habe aber keine weiteren
Angaben zu den Männern machen können. Er habe nur gesagt, er habe
sich nicht wehren können, da sie ihm (...) hätten. Er habe die Ereignisse
verdrängt und erst als seine Rechtsvertretung ihn über Geschehnisse in
der Haft befragt habe, sich an die Übergriffe erinnert (A30 F58-60). Diese
Aussagen seien insgesamt nicht glaubhaft.
Auch die Aussagen zur Flucht aus dem Camp seien substanzlos. Er habe
angegeben, nichts gesehen zu haben, weil es dunkel gewesen sei. Er habe
nichts gehört, da er in Panik gewesen sei. Es erstaune daher, dass er
wisse, in einem Jeep abgeholt worden zu sein, aber nicht wisse, in wel-
chem Camp er festgehalten gewesen sei. Auf Nachfrage habe er angege-
ben, das Camp habe sich zwischen C._ und B._ befunden.
Er habe keine Details gewusst, obwohl es ja einfach gewesen wäre, den
Fahrer des Jeeps nach Informationen zu fragen; und es erstaune, dass er
nichts über die Organisation der Freilassung habe wissen wollen und es
nicht als notwendig erachtet habe, seinem Vater dazu Fragen zu stellen,
da er ja freigelassen worden sei.
5.1.4 Zu den Angaben des Beschwerdeführers zum Anlass seiner Flucht
aus seinem Heimatland, der (angeblichen) Vorladung durch die Polizei im
E-3615/2020
Seite 14
April 2017, führte die Vorinstanz schliesslich aus, auch diese seien dürftig.
Er habe keine stichhaltige Erklärung für die Suchaktion der Behörden ge-
ben können. Zur Untermauerung habe er die Vorladung der Polizei einge-
reicht. Über ihren Inhalt habe er kaum Angaben machen können. Sein
Name sei darin erwähnt, er könne zwar etwas Singhalesisch lesen, aber
das Dokument sei schwierig zu entziffern. Es erstaune, dass die Vorladung
per Post an die Adresse der Eltern geschickt worden sei, es sei davon aus-
zugehen, dass die Behörden, falls diese wegen Verdachts der Zusammen-
arbeit mit den LTTE tatsächlich ein Verfolgungsinteresse gehabt hätten,
sich nicht mit einem Postbrief begnügt hätten. Schliesslich bestehe keine
Evidenz, dass die Polizei ihn in Bezug auf seine angebliche LTTE-Unter-
stützung vorgeladen habe. Im Übrigen handle es sich bei dem Dokument
nicht um eine Vorladung, sondern um einen Befehl an den Polizeiposten
B._, ihn aufzusuchen, um ihn zu einem Gespräch einzuladen. Es
bleibe offen, wie er in den Besitz dieses Dokument gekommen sei, und
inhaltlich sei dem Schreiben nicht zu entnehmen, dass das angebliche Ge-
spräch in Zusammenhang mit irgendwelchem Verdacht stehe, den LTTE
geholfen zu haben.
5.2
5.2.1 Der Beschwerdeführer rügt zur Glaubhaftigkeitsprüfung des SEM,
diese sei mangelhaft. Sie stütze ihre Beurteilung massgeblich auf die Plau-
sibilität. Beim Kriterium der Plausibilität dürfe deren Beurteilung gemäss
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (unter Verweis auf den
Entscheid E-4108/2017 vom 25. April 2019 E. 7.1) gerade nicht darauf be-
ruhen, ob ein Vorbringen für in der Schweiz lebende Personen vorstellbar
sei oder ob etwas aussergewöhnlich oder ungewöhnlich sei. Es sei deshalb
bei der Beurteilung der Plausibilität Vorsicht angezeigt, und grundsätzlich
sollten nur naturwissenschaftliche beziehungsweise physikalische und bi-
ologische Aspekte der Plausibilität bewertet werden. Die Argumentation
des SEM, die sich einzig auf die Plausibilität der vorgebrachten Ereignisse
stütze, sei deshalb nicht dazu geeignet, die fehlende Glaubhaftigkeit der
Aussagen des Beschwerdeführers zu belegen. Zudem beruhe das Resul-
tat der Glaubhaftigkeitsanalyse nicht auf einer ausgewogenen Abwägung.
Eine Gesamtbetrachtung fehle. Es scheine, dass möglichst überzeugend
aufgezeigt werden solle, dass der Beschwerdeführer nicht die Wahrheit er-
zähle. Die Vorinstanz habe kein einziges Element gefunden, welches dafür
sprechen würde, dass er in Sri Lanka allenfalls verfolgt worden sei und die
Rückkehr eine Gefahr für ihn darstellen könnte. Damit habe das SEM den
Untersuchungsgrundsatz verletzt.
E-3615/2020
Seite 15
5.2.2 Die Plausibilitätsüberlegungen des SEM würden ferner nicht über-
zeugen. Es erscheine beispielsweise auch aus einem schweizerischen
Kontext heraus durchaus als glaubhaft, dass der Beschwerdeführer keine
grossen Details darüber gewusst habe, wie sein Vater hin freigekauft habe,
zumal er offensichtlich alles, was mit seiner Inhaftierung zu tun hatte, habe
vergessen wollen und versucht habe, danach ein ruhiges unauffälliges Le-
ben fernab seines Heimatortes zu leben (vgl. A30 F59, F61 ff.; [A21 F32]).
Er habe auch einen plausiblen Grund für die Suchaktion der Behörden
nach ihm angegeben. Da er nach 2010 ein unauffälliges Leben gelebt
habe, sei es plausibel, dass die Behörden ihn im Zusammenhang mit sei-
ner früheren Tätigkeit für die LTTE gesucht hätten (vgl. A30 F81 ff. insb.
F98; vgl. auch A20 F137 mit dem Hinweis, dass sein früherer Auftraggeber
ihn später jeweils von verschiedenen Nummern aus angerufen habe). Es
habe ansonsten für eine behördliche Suche ja keinen Grund gegeben. Es
sei ausserdem zu beachten, dass asylrelevante staatliche Verfolgungs-
massnahmen oft von Willkür und deshalb gerade dadurch geprägt seien,
dass sie eben nicht logisch oder nachvollziehbar seien. Es sei schliesslich
angesichts der Tatsache, dass der Beschwerdeführer offiziell immer noch
am Wohnort seiner Eltern registriert gewesen sei, durchaus nachvollzieh-
bar, dass die Vorladung an sein Elternhaus zugestellt worden sei (A20 F28,
F30). Auch die Ausführungen der Vorinstanz zur Flucht des Beschwerde-
führers aus dem Camp seien erstaunlich; diese würden ja davon ausge-
hen, dass es ein normales Verhalten des sich auf dem Boden des Flucht-
autos duckenden Beschwerdeführers gewesen sein sollte, den ihm unbe-
kannten Fahrer zu Einzelheiten des soeben verlassenen Haftorts zu befra-
gen.
5.2.3 Als Gründe für die teilweise knappen Aussagen lässt der Beschwer-
deführer ausführen, dass schon der Hilfswerkvertreter anlässlich der er-
gänzenden Anhörung vom 5. Juli 2017 angemerkt habe, dass die Wort-
kargheit des Gesuchstellers auch auf das traumatische Erlebnis der Ver-
gewaltigung zurückgeführt werden könnte, welches seiner Ansicht nach
glaubhaft erschienen sei und den Gesuchsteller während der gesamten
Anhörung bedrückt habe. So habe er den Haftaufenthalt zunächst sehr un-
detailliert und oberflächlich beschrieben, trotz der vielen Fragen dazu. Man
habe aber gemerkt, dass der Gesuchsteller von etwas sehr nervös gewe-
sen sei, da er ständig mit dem Fuss auf und ab gewippt habe (B-act. 1
Beil. 3 Ziff. 6). Mit dem eingereichten Arztbericht vom 11. Juni 2019 (A31)
sei erstellt, dass der Beschwerdeführer unter einer schweren posttrauma-
tischen Belastungsstörung (PTBS) leide. Personen, welche sexuelle Ge-
walt erlitten hätten, hätten in der Regel Mühe, umfassend über das Erlebte
E-3615/2020
Seite 16
zu sprechen. Der Grund dafür liege im oft vorkommenden Vermeidungs-
verhalten hinsichtlich Gedanken, Gefühlen und Gesprächen mit Bezug auf
die traumatischen Erlebnisse (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.3 mit Hinweis auf
EMARK 2003 Nr. 17, E. 4a-c). Dies sei jüngst vom Bundesverwaltungsge-
richt im Kontext von Sri Lanka auch wieder bestätigt worden (BVGer
E-4502/2017 vom 12. September 2019 E. 6.3.2). Dass der Beschwerde-
führer unter einer schweren PTBS leide, sei auch vom SEM nicht in Zweifel
gezogen worden. Er lässt darauf verweisen, dass es dem typischen Ver-
meidungsverhalten von Opfern sexueller Gewalt entspreche, dass er die
Fragen, was die Männer während der sexuellen Misshandlungen gesagt
hätten, nicht habe beantworten können und gesagt habe, er wisse nicht,
was er sagen solle, und dass er offensichtlich versucht habe, die Antworten
kurz zu halten und möglichst wenig zu sagen (A30/F34 ff.).
Er fügt ausserdem an, dass die beschriebenen Ereignisse seiner Tätigkeit
für die LTTE im Zeitpunkt der Anhörungen bereits bis zu 11 Jahre zurück-
gelegen hätten und er deshalb auch angegeben habe, nicht mehr genau
zu wissen, wann genau etwas geschehen sei – oder wer die Personen ge-
wesen seien.
Dennoch würden seine Aussagen durchaus Details enthalten (Beschwerde
Ziff. 30) und seien im Übrigen auch kohärent und widerspruchsfrei (Be-
schwerde Ziff. 8).
5.2.4 Zur Vorladung im Jahr 2017, dem Auslöser seiner Flucht, führt er aus,
er stamme aus einer eher wohlhabenden Familie und habe trotz der Tatsa-
che, dass er nur noch zu Besuch in seinen Heimatort zurückgekehrt sei
und ansonsten aus Angst vor Problemen in Colombo gelebt habe (vgl. A20
F22, F86; A30 F61 ff.), grundsätzlich keine finanziellen Schwierigkeiten
oder Probleme mit den Behörden (A30 F70 f., vgl. auch A20 F23 f.) gehabt,
wie die Vorinstanz selbst festhalte. Es sei abgesehen von der angegebe-
nen erlittenen Folter und den sexuellen Misshandlungen nicht ersichtlich,
weshalb er einen anderen Grund als die Vorladung gehabt hätte, sein Hei-
matland zu verlassen. Angesichts der bereits erlebten Misshandlungen
habe er eine Vorladung um jeden Preis verhindern wollen. Dass der Bruder
des Beschwerdeführers nach seiner Flucht nach seinem Verbleib befragt
worden sei, untermauere seine Vorbringen (A30 76 ff., 100 f.).
6.
Zunächst ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht den Vorbringen die
Glaubhaftigkeit abgesprochen hat.
E-3615/2020
Seite 17
6.1 Vorab ist indes auf die Kommunikation während der ersten Anhörung
(in materieller Hinsicht) einzugehen, da der Beschwerdeführer auch dort
Verständigungsschwierigkeiten mit dem Dolmetscher geltend macht.
6.1.1 Im Rahmen der Erstbefragung vom 22. Mai 2017 hat der Beschwer-
deführer angegeben, er verstehe den Dolmetscher klar und habe die Ein-
leitung verstanden (A20 F1 f.). Es werden zu diesem Protokoll ausser Kor-
rekturen des Beschwerdeführers zum Namen der (...), in welcher er zuletzt
arbeitete, keine Anmerkungen hinsichtlich allfälliger Kommunikationsprob-
leme zwischen dem Dolmetscher und dem Beschwerdeführer gemacht,
ausser zwei Ergänzungen zu den Fragen 36 und 40 (Ergänzung der Be-
wohner des elterlichen Hauses in B._ und Reisen nach Colombo
vor 2010, vgl. A20 S. 18). Dass sich aber teilweise Antworten finden, wel-
che die gestellten Fragen nicht beantworten, überrascht, da insgesamt auf-
grund der weiteren Antworten auf die Fragen der Eindruck entsteht, der
Beschwerdeführer sei bereit und gewillt gewesen, diese korrekt und präzis
zu beantworten, auch wenn die Antworten teilweise kurz ausfallen. In der
Beschwerde wird die Vermutung geäussert, dass der Beschwerdeführer
nicht alles richtig verstanden habe und auch in dieser Anhörung die Kom-
munikation zwischen ihm und dem Dolmetscher nicht ideal gewesen sei
(vgl. z.B. A20 F21-24, vgl. auch B-act. 1 Rz. 22 zu F108 f., F120 ff., F131)
und daher auch die Rückübersetzungen nicht genügend präzis ausgefallen
sein dürften. Auffallend ist, dass auch nach Antworten des Beschwerdefüh-
rers, die nicht zur gestellten Frage passten und auf ein Missverständnis
schliessen liessen, in der Regel nicht klärend nachgefragt worden ist, was
gemeint sei.
6.1.2 Was die Ausführungen des Beschwerdeführers zu den eigentlichen
Gesuchsgründen (A20 F86) betrifft, fällt auf, dass er sehr gedrängt schien,
diese insgesamt und kurz und knapp zu erklären. In der freien Rede zur
Darlegung seiner Asylgründe schilderte er die Ereignisse ab dem Jahr
2004 im Verlauf sehr verkürzt und mit einem unmittelbaren Zeitsprung in
der Erzählung ins Jahr 2017, wobei er gleichzeitig das Erlebte reflektierte.
Dies dürfte es für die Zuhörer schwierig gemacht haben, ihm zu folgen.
Allerdings hat er – gestützt auf die anschliessenden Fragen (auch in der
ergänzenden Anhörung) – seine Geschichte so dargelegt, dass sich insge-
samt ein roter Faden zu den Ereignissen ergibt. Es kann deshalb grund-
sätzlich auf die Ausführungen in dieser Anhörung abgestellt werden.
Dass der Beschwerdeführer in seinen freien Schilderungen zwar chronolo-
gisch sprunghaft, keineswegs gradlinig, sondern vielmehr ungeordnet
E-3615/2020
Seite 18
seine Erlebnisse darstellte, dass sich seine Aussagen aber letztlich im Ab-
lauf durchwegs als stimmig erweisen, stellt ein starkes Realkennzeichen
dar. Eine solche Art der Erzählung, wie sie sich in A20 F86 sehr ausgeprägt
findet, zeichnet die Schilderung von tatsächlich Erlebtem aus; eine erfun-
dene, nicht wahrheitsgetreue Geschichte wird kaum in solcher Form prä-
sentiert.
6.2 Soweit das SEM sich auf die Ausführungen des Beschwerdeführers in
der Anhörung vom 6. Juni 2017 (A21) bezieht, ist auf das in E. 3.3.3 hiervor
Gesagte zu verweisen.
6.3
6.3.1 Zu seiner Tätigkeit für die LTTE hat der Beschwerdeführer einerseits
angegeben, er habe im Auftrag eines LTTE-Mitglieds namens D._,
welcher zu den Sea Tigers gehört habe (A20 F93 ff.), anfänglich Waren
besorgt und von B._ nach C._ transportieren lassen. Er
schilderte, um welche Waren es sich gehandelt habe, und dass es um den
Transport der Waren über eine Etappe ging, die Waren wurden umgeladen
von Personen, die er mit Übernamen (nom de guerre) bezeichnete (vgl.
A20 F90 F104 ff. F115), und weitergeschickt (A20 F119). Im Wesentlichen
habe er die Waren ([...] oder [...]) von der Küste bei B._ aus Fi-
schern mitgegeben und sei nicht selbst mitgegangen. Es seien Waren ge-
wesen, deren Transport auf der Strasse schon verboten gewesen sei (A20
F106). Da er sie auf dem Seeweg in Richtung C._ geschickt habe,
musste er mit diesen Waren selbst auch keine Checkpoints überwinden.
Damit ist, entgegen der Auffassung der Vorinstanz, nachvollziehbar, dass
er – wenn er keine verbotenen Waren wie Waffen über die Grenzen mit-
führte – auch unbehelligt reisen konnte.
Als Grund für seine Tätigkeit zugunsten der LTTE gab der Beschwerdefüh-
rer an, er habe dies gemacht, weil er Tamile sei und weil D._ von
ihm Hilfe verlangt habe. Im Zusammenhang mit der gemischten Bevölke-
rung von mehrheitlich Singalesen und Muslimen in seiner Ortschaft habe
er auch aus Wut mitgemacht (A20 F126). Soweit das SEM in der ange-
fochtenen Verfügung festhält, dies sei als Motivation ungenügend und un-
substantiiert, ist anzumerken, dass diesbezüglich keinerlei Nachfrage er-
folgt ist. Aus den weiteren Ausführungen des Beschwerdeführers geht her-
vor, dass D._ auch ein Freund gewesen zu sein scheint, will er ihm
doch auch Geld geliehen haben; er gab an, sie hätten sich gut verstanden,
und seien auch nach Ende des Kriegs im Jahr 2009 in sporadischem tele-
fonischem Kontakt geblieben, obwohl es nach dem Krieg keinen Anlass
E-3615/2020
Seite 19
mehr zur Zusammenarbeit gegeben habe (A20 F108, 132 f., F137, A30
F79).
6.3.2 Was die nach Colombo transportierten Personen betrifft, gab der Be-
schwerdeführer an, jeweils einen Treffpunkt erhalten und Leute mitgenom-
men zu haben, aber sich nicht mit ihnen unterhalten zu haben, beispiels-
weise über ihren Reisegrund. Er wurde für die Dienstleistung auch bezahlt
(A20 F108 ff., A30 F 18), was unbestritten ist. Bei einer Tätigkeit als reiner
Taxidienst (inklusive Verpflegungsservice für die Kundschaft), ist ohne Wei-
teres nachvollziehbar, dass er später auch keine näheren Auskünfte zu sei-
nen Kunden geben konnte. Dass er hierzu möglichst wenig wissen wollte,
dürfte ein Sicherheits- respektive Schutzelement sowohl für ihn wie auch
für die transportierten Personen dargestellt haben, da er dahingehend ge-
genüber den sri-lankischen Behörden im Falle einer Kontrolle oder Verhaf-
tung auch keine näheren Angaben hätte machen können. Zudem hätten
die Passagiere gemäss seinen Angaben jeweils eine ID-Karte dabei ge-
habt und der Beschwerdeführer sprach Singhalesisch und hatte Geld, um
bei Problemen Bestechungsgelder zu zahlen. Daher habe er nie ein
schwerwiegenderes Problem gehabt, obwohl es gefährlich gewesen sei
(A20 F112 ff., F129). Dazu, dass der Beschwerdeführer möglichst wenig
angeben konnte, passt auch, dass sowohl der Transport der für die Sea
Tigers organisierten Waren wie auch der Transport von Menschen etap-
penweise organisiert war. Umso mehr ist nachvollziehbar, dass es sowohl
für die zudienenden Akteure wie den Beschwerdeführer wie auch für die
Besteller der Waren beziehungsweise die zu transportierenden Kunden am
sichersten war, möglichst wenig zu wissen und einzig Treffpunkte und Lie-
ferorte zu kennen. Dazu gehört auch, dass der Beschwerdeführer die rich-
tigen Namen der beteiligten LTTE-Mitglieder oder Mittelsmänner nicht an-
geben konnte und nur die ihm bekannten «Noms de guerre» nannte, aber
wusste, dass alle Fischer gewesen sind (A20 F90, F93). Das Gericht
schliesst sich der Einschätzung des SEM, diese Aussagen seien oberfläch-
lich und realitätsfremd, nicht an. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz
ist glaubhaft, dass der Beschwerdeführer die geltend gemachten Tätigkei-
ten von 2006 – 2009 im Auftrag der LTTE durchgeführt hat und damit ins
Visier der sri-lankischen Behörden geraten ist.
6.4 Zur den geltend gemachten Geschehnissen um die Verhaftung, Inter-
nierung und Befreiung des Beschwerdeführers ergibt sich Folgendes.
6.4.1 Zu den Umständen der Verhaftung im Februar 2010 am frühen Mor-
gen, wonach der Beschwerdeführer gezielt gesucht worden sei, deswegen
E-3615/2020
Seite 20
das Haus der Familie durchsucht, und er mitgenommen worden sei, ist
festzuhalten, dass sich auch dies als nachvollziehbar erweist. Ebenfalls
nachvollziehbar ist, dass er nicht wissen sollte, in welches Lager er ge-
bracht wurde, und ihm deshalb die Augen verbunden wurden. Er konnte
daher bei den Anhörungen des SEM nicht sagen, wohin er gebracht wurde.
Er konnte jedoch den Weg am Anfang des Transports (bis ihm die Augen
verbunden wurden) und ein Zeitgefühl angeben, wie lange der Transport
ins Lager gedauert habe (vgl. A20 F141). Im Rahmen der Fragen zu seiner
Befreiung konnte er ausserdem angeben, dass das Lager habe zwischen
B._ und C._ sein müssen; nach der Befreiung sei er nach
einer zirka 30-45 minütigen Fahrt auf der (...)strasse ausgeladen worden
und habe nachher zu Fuss in zirka zwei Stunden B._ erreicht (A30
F9 und F53 f.). Er konnte ferner angeben, das Lager habe ein kleines Ein-
gangstor gehabt, es sei rundum Wald gewesen und habe wie ein Camp
ausgesehen, wie eine Unterkunft, und es sei nicht gesichert gewesen (A30
F52-55).
Das International Truth and Justice Project Sri Lanka (ITJSL) hat am
18. Juni 2020 ein Verzeichnis von Torture Sites (d.h. Orten, wo gefoltert
wurde) veröffentlicht (vgl. https://itjpsl.com/assets/press/18-June-torture-
map-press-release-2.pdf, abgerufen am 30.3.2021). Im genannten Bericht
der ITJSL wird jedoch festgehalten, dass die darauf verzeichneten Folter-
orte nicht vollständig sein dürften. Es kann deshalb in Berücksichtigung
dieses Verzeichnisses und auf die Beschreibungen des Beschwerdefüh-
rers nicht abschliessend beurteilt werden, wo das Militärcamp lag, in wel-
chem der Beschwerdeführer interniert war. Die Internierung im beschriebe-
nen Lager als solche wird jedoch – wie noch weiter ausgeführt wird – vom
Gericht nicht in Frage gestellt.
6.4.2 Auch dass die Befragungen unter Folterbedingungen stattfanden, ist
entgegen der Auffassung der Vorinstanz im Hinblick auf das vorhandene
Machtgefälle der Armee gegen einen verdächtigten Helfer der LTTE eben-
falls nachvollziehbar, da nicht davon ausgegangen werden kann, dass die
Befragungen nach einer üblichen rechtstaatlichen Ordnung abgelaufen
wären. Ins Bild passt, dass jeweils ein Soldat befragte und weitere Anwe-
sende den Verdächtigen durch ihre Präsenz bedrohten – und auch schlu-
gen. Der Beschwerdeführer gab dahingehend an, sie hätten keine Beweise
zu seiner Beteiligung gehabt, solche aber vermutet, weshalb sie ihn ver-
haftet hätten (A30 F20, F25-29). So ist denn auch nachzuvollziehen, dass
die Behörden via den Beschwerdeführer zu Informationen zu LTTE-Akteu-
ren gelangen wollten. Deshalb wurden immer dieselben Fragen nach dem
https://itjpsl.com/assets/press/18-June-torture-map-press-release-2.pdf https://itjpsl.com/assets/press/18-June-torture-map-press-release-2.pdf
E-3615/2020
Seite 21
Transport und Aufenthalt der transportierten Personen gefragt und ihm an-
dererseits in Aussicht gestellt, er werde freigelassen, wenn er die Wahrheit
sage (A30 F22, F25; [A21 F21-F22, F25-F28]). Als Beleg dafür, dass der
Beschwerdeführer bei den Befragungen misshandelt wurde, spricht unter
anderem, dass ihm in der Haftzeit der Ellbogen so gebrochen wurde, dass
er den Arm bis heute nicht mehr richtig strecken kann. Die Verletzung am
Ellbogen erwähnte er im Übrigen nicht nur bei den Aussagen zur Haft, son-
dern auch in ganz anderem Zusammenhang (vgl. A20 F21 bei den Aussa-
gen zu seinen Arbeitsstellen; A20 F146 bei Aussagen zu seinem Gesund-
heitszustand), was als Realkennzeichen zu Gunsten der Glaubhaftigkeit zu
werten ist. Dass diese Verletzung anlässlich der Internierung passiert sein
könnte, passt insofern ins Bild, als der Arm im Rahmen der beschriebenen
Haftbedingungen nicht richtig versorgt worden sein dürfte und deshalb blei-
bend geschädigt wurde. Insgesamt finden sich in den Erwägungen des
SEM keinerlei Ausführungen zu körperlichen Misshandlungen und zu den
Folgen des gebrochenen Arms, obwohl letzteres in den Anhörung vom 22.
Mai 2017 und vom 5. Juli 2017 angesprochen wurde und auch ersichtlich
gewesen sein muss (A20 F146; A30 F91-F93).
6.4.3 Die Vorinstanz wirft dem Beschwerdeführer weiter vor, er habe zu
wenig zur Ausstattung des Zimmers, in welchem er eingesperrt gewesen
sei, und zum Tagesablauf während der Haft aussagen können. Die ent-
sprechenden Angaben – insbesondere hinsichtlich des Zimmers – sind tat-
sächlich knapp. Es ist indes nachzuvollziehen, dass ein Verdächtiger, über
welchen an Informationen gelangt werden soll, nicht beschäftigt wurde und
insbesondere auch keinen Austausch mit anderen Gefangenen haben soll-
te. Ausser den Verhören dürfte daher für den Beschwerdeführer keine Be-
schäftigung bestanden haben, was seine Beschreibung, dass die restliche
Zeit, in der er allein gewesen sei (A30 F33), irgendwie vorbeigehen musste
und er sich gelangweilt habe, nachvollziehbar macht. Ebenfalls passt dazu
eine simple Ausstattung des Zimmers, einzig mit einem Bett und einem
Tisch, ohne Wasser oder Toilette (vgl. A30 F30 ff. [A21 F30 f.]).
6.4.4 Die Angaben des Beschwerdeführers, er sei in dieser Zeit mehrfach
(vielleicht mehr als zehnmal) sexuell missbraucht worden, hält die Vor-
instanz für unsubstantiiert und unglaubhaft. Es fehlten auch jegliche Reali-
tätsmerkmale. Die Antworten auf die ihm zu einem späteren Zeitpunkt ge-
stellten Fragen vermöchten die fehlende Glaubwürdigkeit nicht aufzuwie-
gen. Dieser Einschätzung schliesst sich das Gericht nicht an.
Nach konstanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kann
E-3615/2020
Seite 22
ein verspätetes Vorbringen sexueller Gewalterfahrungen durch kulturell be-
dingte Schuld- und Schamgefühle beziehungsweise einen entsprechenden
Selbstschutzmechanismus erklärbar sein. Es ist bekannt, dass Opfer von
sexueller Gewalt in der Regel Mühe haben, umfassend über das Erlebte
zu sprechen. Der Grund dafür liegt im oft vorkommenden Vermeidungsver-
halten hinsichtlich Gedanken, Gefühlen und Gesprächen mit Bezug auf die
traumatischen Erlebnisse (vgl. BVGE 2013/22 E. 5.5, 2009/51 E. 4.2.3 mit
Verweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 17, E. 4b, siehe z.B. E-5365/2019
vom 26. Februar 2021 E. 5.4).
Der Beschwerdeführer hatte gemäss dem Protokoll offenkundig grosse
Mühe, sich zu diesen Geschehnissen zu äussern, was dieser Einschätzung
entspricht. Er erzählte nicht von sich aus, sondern erst auf Nachfrage, ob
sonst etwas Besonderes geschehen sei (A30 F34), zögerte, machte an-
fänglich nur Andeutungen, hielt in der Folge die Hände vor das Gesicht und
sagte, er wisse nicht, wie er es sagen solle. Er sprach in der Folge aber
trotzdem davon, dass die drei Personen, die uniformiert gewesen seien,
gekommen seien, wann sie wollten und getan hätten, was sie wollten und
er ihnen ausgeliefert gewesen sei (A30 F37-45). Im Befragungsprotokoll
sind als nonverbale Äusserungen vermerkt, der Gesuchsteller «schweige»,
«zögere und halte die Hände vors Gesicht», und ein weiteres Mal, er «zö-
gere» (vgl. Anmerkungen A30 zu den Fragen 34, 37 und 39). Die bei der
Anhörung anwesende Hilfswerkvertretung notierte im selben Zusammen-
hang, der Gesuchsteller sei während der ganzen Befragung aufgrund von
etwas «nervös gewesen, habe ständig mit dem Fuss gewippt», auf die
Frage hin, ob ihm noch etwas Spezielles zugestossen sei, sei er «sofort
erstarrt und [habe] einen leeren Blick [gehabt]»; diese Reaktion sei authen-
tisch und glaubhaft erschienen (vgl. HWV Bericht Ziff. 6; Beschwerdebei-
lage 3).
Es entspricht auch den genannten Erfahrungen von Folter- und Vergewal-
tigungsopfern, dass der Beschwerdeführer nach seiner Befreiung aus dem
Lager nie mit jemandem darüber gesprochen habe und sich dahingehend
nicht habe ärztlich behandeln lassen. Ab und zu habe er Erinnerungsbilder
bekommen. Er habe sich geekelt und nichts essen können. Er habe immer
wieder versucht es zu vergessen, er habe dafür fast zwei, drei Jahre ge-
braucht. (In der Schweiz) habe er sich erst später (d.h. im Verlauf des Ver-
fahrens) erinnert und die Bilder seien wieder hochgekommen. Als seine
erste Rechtsvertreterin in der Schweiz (Anmerkung des Gerichts: gemeint
ist noch im Rahmen des Testbetriebs) ihn gefragt habe, ob etwas in der
E-3615/2020
Seite 23
Haft geschehen sei, habe er es noch nicht so sagen können (A30 F58 ff.).
Bezeichnenderweise war der Beschwerdeführer erst in der Anhörung vom
5. Juli 2017 in Lage, darüber zu sprechen, als die Anhörung in einer reinen
Männerrunde stattfand.
Dafür, dass der Beschwerdeführer die geltend gemachten Misshandlungen
tatsächlich erlebt hat, spricht vorliegend auch, dass er seit September 2017
in der Schweiz in psychiatrischer Behandlung wegen einer schweren post-
traumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1 mit Zusatzinformation
PTSD als Opfer von Folter, [...]) und einer rezidivierenden mittelgradigen
depressiven Episode (ICD-10 F32.1; siehe oben Bst. A.c) ist. Im Rahmen
der PTSD-Testung gab der Beschwerdeführer explizit an, im Jahr 2010 se-
xuelle Übergriffe von Soldaten erlebt zu haben; dies und die erlebte Folter
seien das Schlimmste gewesen.
Das SEM stellt zwar nicht in Frage, dass der Beschwerdeführer an einer
schweren PTBS leidet. Diese Diagnose und die vorliegenden Arztberichte
würdigte das SEM indessen in der angefochtenen Verfügung einzig im
Wegweisungsvollzugspunkt und unterliess es, entsprechende Überlegun-
gen auch bei der Glaubhaftigkeitsprüfung, zumindest als Indiz in eine Ab-
wägung einfliessen zu lassen. Soweit ferner in der angefochtenen Verfü-
gung festgestellt wird, die posttraumatische Belastungsstörung könne nicht
in Zusammenhang mit den Asylvorbringen stehen, da diese ja eindeutig
unglaubhaft seien (Verfügung S. 9), greift dies als Begründung zu kurz.
Eine konkrete Auseinandersetzung mit der ärztlichen Beurteilung findet
nicht statt. Auch in dieser Hinsicht erweist sich die Begründung der ange-
fochtenen Verfügung als ungenügend.
6.4.5 Den Ausführungen der Vorinstanz zur Flucht des Beschwerdeführers
aus dem Camp ist Folgendes entgegenzuhalten: Wenn eine Person wäh-
rend rund sechs Wochen in einem Gefängnis in einem kleinen Raum fest-
gehalten, wiederholt mit immer denselben Fragen unter Androhung und
Vollzug von physischer Gewalt verhört und sexuell misshandelt wird, und
schliesslich eines Nachts – aus welchem Grund auch immer – aus dem
Camp geführt wird, erweist es sich als realitätsfremd, der Person vorzu-
werfen, den Fluchthelfer nicht über die Organisation der Flucht oder Frei-
lassung befragt zu haben, wie in der Beschwerde zu Recht geltend ge-
macht wird (oben E. 5.2.2 in fine). Der Beschwerdeführer hat sich jedoch
durchaus – auch in der abgebrochenen Anhörung vom 6. Juni 2017 – wie-
derholt dazu geäussert, wie respektive weshalb sein Vater in der Lage ge-
wesen sein dürfte, ihn herauszuholen (er kannte die wichtigen Leute, hatte
E-3615/2020
Seite 24
Geld und offenbar auch so viel Einfluss, dass (...) («[...] [...]. [...]» A20 F86;
A30 F56 f., F71, F93-F94; [sowie A21 F24 f., F32]). Es ist weiter beachtlich,
dass der Beschwerdeführer nach seiner Flucht aus dem Lager nur noch
wenig Kontakt mit der Familie hatte (A30 F61, siehe auch E. 6.5.1), einer-
seits weil sie seine Zusammenarbeit mit den LTTE nicht gebilligt habe (A20
F128), und allenfalls auch, weil man ihn am Wohnort der Familie hätte su-
chen können. Daher wird sich auch kaum eine Gelegenheit ergeben ha-
ben, den Vater, solange er lebte (A20 F19, F45 f.), über die genauen Um-
stände der Befreiungsorganisation zu befragen, zumal dies den Vater oder
die Familie hätte in Gefahr bringen können.
6.5 Weiter ist auf den Aufenthalt des Beschwerdeführers in Colombo im
Nachgang zu seiner Befreiung aus der Internierung im Frühling 2010 und
auf die polizeiliche Vorladung vom (...) April 2017 einzugehen, zumal das
SEM auch hier unsubstantiierte und nicht nachvollziehbare Geschehnisse
ortet und das vorgelegte Dokument als untauglich erachtet. Diese Ein-
schätzung teilt das Gericht nicht.
6.5.1 Der Beschwerdeführer erläuterte in den Befragungen, er habe nach
2010 seine Familie in B._ verlassen und habe an verschiedenen
Orten gelebt, im Wesentlichen in Colombo, die letzten anderthalb Jahre in
Colombo an der angegebenen letzten Adresse. Er sei von der Familie fi-
nanziell unterstützt worden. Er habe die Familie aber nur noch selten be-
sucht. Er habe sich erst gewisse Zeit nach der Befreiung aus der Internie-
rung wieder zu seiner Familie zurück gewagt (A20 F86 in fine, A30 F61-
F64, F94). In Colombo habe zwar der Vermieter registriert, dass er in dem
Haus wohne, aber bei einer Behörde sei nicht registriert worden, dass er
dort lebe. Seine offizielle (behördliche) Adresse sei immer bei seinen Eltern
in B._ gewesen (A20 F28 f., F42).
Diese Aussagen lassen sich mit den Gegebenheiten in Sri Lanka durchaus
vereinbaren. Gemäss verschiedenen Quellen wurde seit Mitte 2010 die
Pflicht, sich als Tamile in Colombo zu registrieren, gelockert, auch wenn
die Polizei die Registrierung von Tamilen in Colombo begrüsste (vgl. aus-
führlich: Immigration and Refugee Board of Canada [IRB], Registration re-
quirements in Colombo for Tamil and Sinhalese citizens who migrate from
Jaffna or other regions of the country [LKA103816.E], abgerufen auf
https://www.ecoi.net/en/document/1105061.html, abgerufen am
10.03.2021; vgl. auch australisches Department of Foreign Affairs and
Trade [DFAT], DFAT Country Information Report Sri Lanka, 04.12.2019,
https://www.dfat.gov.au/sites/default/files/country-information-report-sr-
https://www.dfat.gov.au/sites/default/files/country-information-report-sr-lanka.pdf
E-3615/2020
Seite 25
lanka.pdf, abgerufen am 10.03.2021; UK Home Office, Sri Lanka Country
of Origin [COI] Report, 07.03.2012, https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/1266544/90_1331280907_2012-03-07-ukba-srilka-coi.pdf, abgerufen
am 11.03.2021). Nach Auslaufen der Emergency Regulation im Mai 2010
bestand gemäss der Nichtregierungsorganisation Law and Society Trust
keine rechtliche Grundlage mehr für eine Registrierung (vgl. IRB, Registra-
tion requirements in Colombo for Tamil and Sinhalese citizens ..., a.a.O.).
Auch wenn unklar bleibt, wie diese Regelung im Einzelfall noch umgesetzt
wurde, dürfte es ab Mitte 2010 bis im Frühling 2017 für den Beschwerde-
führer möglich gewesen sein, unbehelligt als Tamile in Colombo ohne offi-
zielle Registrierung zu leben, zumal auch berichtet wird, dass Vermieter oft
einer allfälligen Meldepflicht nicht nachgekommen seien (vgl. z.B. U.S. De-
partment of State, 2010 Country Reports on Human Rights Practices – Sri
Lanka, 08.04.2011, https://2009-2017.state.gov/j/drl/rls/hrrpt/2010/sca/-
154486.htm, abgerufen am 11.03.2021) und der norwegische Herkunfts-
länderdienst Landinfo im Jahr 2012 keine Berichte mehr über willkürliche
Entführungen von Tamilen in Colombo erhielt (vgl. Landinfo, Sri Lanka: Hu-
man rights and security issues concerning the Tamil population in Colombo
and the Northern Province, 07.12.2012, https://www.landinfo.no/as-
set/2321/1/2321_1.pdf, abgerufen am 10.03.2021). Die entsprechenden
Darstellungen des Beschwerdeführers können demnach als glaubhaft gel-
ten.
Daher ist – entgegen der Ausführungen des SEM – nicht widersprüchlich,
dass die Polizeivorladung an den Beschwerdeführer an die Adresse seiner
Eltern nach B._ geschickt wurde, da den Behörden nur diese Ad-
resse des Beschwerdeführers bekannt war.
6.5.2 Das eingereichte Dokument der Polizeivorladung trägt den Titel
«Message Form» und wurde von der Polizeistation in B._ ausge-
stellt. Das vorgedruckte Formular enthält Felder für Ausstelldatum, Auftrag,
Ausführung und Zustellung sowie Aktennummer (je in Singhalesisch und
Englisch) sowie Linien für die konkrete Vorladung. Das Formular ist hand-
schriftlich ausgefüllt, enthält eine Unterschrift und einen Stempel (Überset-
zung SEM: Chefuntersuchungsbeamter, Hauptquartier, B._) sowie
den Inhalt, die «besondere Untersuchungsabteilung» (Übersetzung: SEM)
in (...), District Colombo, führe eine Untersuchung durch und der Be-
schwerdeführer habe am (...) April 2017 um (...) Uhr dort zu erscheinen.
Vorab ist festzuhalten, dass die (...) Police Station, District Colombo, in den
Quellen des International Truth and Justice Project Sri Lanka (ITJSL), vom
https://www.dfat.gov.au/sites/default/files/country-information-report-sr-lanka.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/1266544/90_1331280907_2012-03-07-ukba-srilka-coi.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/1266544/90_1331280907_2012-03-07-ukba-srilka-coi.pdf
E-3615/2020
Seite 26
18. Juni 2020 als ein Ort, wo gefoltert wurde ("Torture Site") aufgeführt ist
(vgl. ITJSL, Sri Lankan Torture Sites, Nr. 166, https://itjpsl.com/as-
sets/press/18-June-torture-map-press-release-2.pdf, abgerufen am
30.3.2021, schon oben E. 6.4.1). Weiter finden sich gemäss vom Bundes-
verwaltungsgericht konsultierten Quellen in Artikeln der tamilischen online-
Zeitung Tamil Guardian, der Online-Zeitung Asian Tribune, auf der Website
Tamilnet sowie in Tweets Bilder von verschiedenen Vorladungen in Form
von sogenannten «Police Message Forms» der Terrorism Investigation Di-
vision (TID) beziehungsweise der Counter Terrorism and Investigation Di-
vision (CTID) sowie anderer Polizeiabteilungen aus den Jahren 2015 bis
2020. Solche Vorladungen sind häufig handschriftlich und in Singhalesisch
verfasst (vgl. z.B. Tamil Guardian, TID summons spokesperson of former
LTTE cadre political party, 15.12.2018, statt vielen: https://www.tamilguard-
ian.com/content/tid-summons-spokesperson-former-ltte-cadre-political-
party, je abgerufen am 10.06.2020; Tamil Guardian, ITAK activist latest in
spate of summons by terrorism division as Maaveerar Naal approaches,
03.11.2019; Tamil Guardian, TID summons Jaffna journalist along with 5
others, 11.08.2018; Tamil Guardian, Vavuniya newspaper director sum-
moned by Sri Lanka's TID after covering UN Human Rights Council,
03.03.2020; Tamil Guardian, TID summons Mullaitivu human rights activist,
02.11.2018; Tamil Guardian, Former LTTE cadre called for TID inquiry after
chairing Mullivaikkal event, 24.05.2018; Tamil Guardian, Two former LTTE
cadres called for TID inquiry, 27.05.2018; Tamil Guardian, Domestic and
international pressure reverses police summons for civil society activist,
20.05.2017; Tamilnet, Colombo's TID wants to interrogate Tamil journalist
from Batticaloa, 22.06.2018, https://www.tamilnet.com /art.html? catid=
13&artid=39106, abgerufen am 10.06.2020; The Asian Tribune, Tamils Still
Receive Police Summons In Sinhala Language, 18.07.2017,
http://www.asiantribune.com/node/90724, abgerufen am 10.06.2020;
sowie via Twitter z.B. கரிகாலன் garikaalan [@garikaalan], So called
#Yahapalanaya’s intimidation of #Tamil activists continues;#Pu-
thukudiyiruppu based HR activist T.#Yoheswaran has been summoned to
appear before #TID tomorrow in #Colombo;reasons not informed. #Intmi-
dation, 14.02.2018, https://twitter.com/garikaalan/status/
963841766125330432, abgerufen am 10.06.2020).
Im Vergleich mit den in den gennannten Medien publizierten Vorladungen
handelt es sich bei dem vom Beschwerdeführer eingereichten Originaldo-
kument eindeutig um eine übliche «Police Message Form», wie sie in zahl-
reichen anderen Fällen ebenfalls als Vorladung verwendet worden ist; das
den Beschwerdeführer betreffende Dokument weist keine Auffälligkeiten
E-3615/2020
Seite 27
auf. Namentlich lässt sich angesichts der in den zitierten Quellen abgebil-
deten Vorladungen das Argument des SEM nicht aufrechterhalten, die
«Police Message Form» stelle keine Vorladung, sondern eine behördenin-
terne, an den Polizeiposten von B._ adressierte Anordnung dar. Es
ist ferner nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer, der zwar über Sin-
ghalesisch-Kenntnisse verfügt, aber tamilischer Muttersprache ist, die
handschriftlich verfasste Vorladung nicht vollständig entziffern, aber jeden-
falls seinen Namen und das Datum sowie den Einvernahmeort verstehen
konnte. Zu den Umständen der Vorladung äusserte er sich auch und gab
an, es sei jemand verhaftet worden, D._ sei im März 2017 gesucht
worden, der sei aber nicht in C._, sondern in [Ausland]. Es gehe um
die damaligen Warentransporte (A 20 F135 ff., A30 F81 ff.). Es ist deshalb
durchaus nachvollziehbar, dass im Hinblick auf neue Ermittlungen betref-
fend die alte LTTE-Verbindung des Beschwerdeführers Näheres in Erfah-
rung gebracht werden sollte. Wie die sri-lankischen Behörden nach Jahren
wieder auf ihn als Mittelsmann kamen, spielt dabei keine Rolle.
6.5.3 Insgesamt überzeugen die Erwägungen der Vorinstanz nicht. Zudem
weist die Verfügung Mängel auf. Sowohl die Erwägungen des SEM, die im
Jahr 2010 erlebte Haft und die damaligen Misshandlungen und sexuellen
Übergriffe seien unplausibel und nicht glaubhaft, als auch die Erwägungen
zur im Jahr 2017 erhaltenen Vorladung müssen nach dem oben Gesagten
als nicht überzeugend eingeschätzt werden. Das Bundesverwaltungsge-
richt geht von der Glaubhaftigkeit der Vorbringen aus, auch wenn die An-
gaben des Beschwerdeführers teilweise wenig detailliert ausgefallen sind.
Andererseits darf festgehalten werden, dass seine Angaben keine Wider-
sprüche aufweisen und auch nicht von übertreibenden Darstellungen ge-
prägt sind; gerade seine chronologisch sprunghaften Schilderungen stellen
ein starkes Realkennzeichen dar; die erlebten sexuellen Übergriffe sind
aufgrund der Aktenlage nicht in Zweifel zu ziehen. Nach den obigen Erwä-
gungen ist es unter Gesamtwürdigung aller Elemente als glaubhaft zu er-
achten, dass der Beschwerdeführer von der sri-lankischen Armee im Jahr
2010 interniert wurde und dabei massive physische und sexuelle Gewalt
erlitten hat. Weiter hat er belegt, dass er im April 2017 von der sri-lanki-
schen Polizei beziehungsweise vom CID (Spezialuntersuchungsabteilung)
wiederum behelligt werden sollte.
7.
Im Folgenden bleibt zu prüfen, ob die als glaubhaft befundenen Vorbringen,
namentlich die Vorladung durch die sri-lankische Polizei in [Colombo],
flüchtlingsrechtlich relevant im Sinne des Asylgesetzes sind.
E-3615/2020
Seite 28
7.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37), ohne dass die betroffene Person in ihrem Hei-
mat- oder Herkunftsstaat ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE
2008/12 E.7.2.6.2, BVGE 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides. Die Verfolgung muss grundsätzlich auch im
Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein, wobei erlittene Verfolgung
oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfol-
gung auf eine andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen
der Situation im Heimat- oder Herkunftsstaat zwischen Ausreise und Asyl-
entscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person zu
berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2, BVGE 2010/9 E. 5.2, BVGE
2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
7.2 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur
Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr-
scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei-
lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE
2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
7.3 Der Beschwerdeführer hat glaubhaft geltend gemacht, dass er im
Nachgang zum Bürgerkrieg im Jahr 2010 während etwa sechs Wochen
Opfer massiver physischer und sexueller Gewalt seitens des sri-lankischen
Militärs wurde. Die ausgeübte Gewalt fusste darin, dass er von den sri-
E-3615/2020
Seite 29
lankischen Behörden als Helfer der LTTE verdächtigt wurde. Der Be-
schwerdeführer hat demnach ohne Zweifel im Frühling 2010 einen ernst-
haften Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG erlitten, der vom sri-lankischen
Staat gegen ihn aufgrund der politischen Verfolgungsmotivation im Kontext
zu den LTTE ausging.
7.4 Zu prüfen ist weiter, ob die Verfolgungssituation im Zeitpunkt der Aus-
reise des Beschwerdeführers im April 2017 aktuell gewesen ist, bezie-
hungsweise ob ein zeitlicher und sachlicher Kausalzusammenhang zwi-
schen der erlebten Vorverfolgung und der Ausreise bejaht werden kann,
zumal der Beschwerdeführer nach Ende seiner Inhaftierung im Frühling
2010 – zwar unregistriert an verschiedenen Adressen in Colombo und da-
her für die Behörden einigermassen unsichtbar – ohne weitere Behelligung
bis im Frühling 2017 in Colombo leben konnte. Weiter steht auch fest, dass
eine Polizeivorladung zu einer Befragung für sich allein gesehen aus ob-
jektiver Sicht keine asylrelevante Furcht vor Verfolgung verursachen kann.
Grundsätzlich müsste vorliegend von einem fehlenden zeitlichen Kausal-
zusammenhang zwischen den Ereignissen im Jahr 2010 und der Ausreise
ausgegangen werden, da die in der Praxis angenommene Dauer von
sechs bis zwölf Monaten, nach der in der Regel der Kausalzusammenhang
als abgebrochen gilt (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.H.), klarerweise über-
schritten wurde.
Indes liegt hier ein Sachverhalt vor, bei welchem die Furcht des Beschwer-
deführers vor Verfolgung mit der Vorladung vom (...) April 2017 (wieder)
auflebte. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass der Erhalt der Polizeivorladung
zur Befragung – welcher für sich allein gesehen aus objektiver Sicht wohl
nicht genügen würde, um eine asylrelevante Furcht vor Verfolgung zu ver-
ursachen – in Verbindung mit den früher erlebten Gewalterfahrungen des
Beschwerdeführers geeignet war, eine begründete Furcht auszulösen; der
Beschwerdeführer, der wegen seiner durch die Behörden bereits früher
vermuteten Beteiligung für die LTTE bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hatte tatsächlich objektive Gründe für eine aus-
geprägtere (subjektive) Furcht (oben E. 7.2).
7.5 Im vorliegenden Kontext, der Vorladung einer Spezialuntersuchungs-
einheit der Polizei vom (...) April 2017, zusammen mit den Angaben des
Beschwerdeführers, ein damaliges LTTE-Mitglied sei verhaftet worden und
sein damaliger Auftraggeber, der LTTE-Mitglied gewesen sei, werde ge-
E-3615/2020
Seite 30
sucht, ergibt sich ausser der subjektiven auch eine objektiv nachvollzieh-
bare und reale Furcht, dass dem Beschwerdeführer eine neuerliche Ver-
haftung durch die sri-lankischen Behörden wegen der vermuteten Bezie-
hung zu den LTTE mit für ihn unbekannten schwerwiegenden Auswirkun-
gen hätte drohen können. Zur Plausibilität einer aktuellen realen Gefahr
einer erneuten Verfolgung durch den sri-lankischen Staat im Zeitpunkt der
Ausreise trägt bei, dass nach der Ausreise des Beschwerdeführers sein
Bruder nach seinem Verbleib befragt wurde (A30 F99-F102), was belegt,
dass die Polizei an den entsprechenden Untersuchungen gegen ihn fest-
hielt. Dass dem Beschwerdeführer bei einer Verhaftung bei der Polizei-
stelle in [Colombo] wiederum ernsthafte Nachteile gegen Leib und Freiheit
hätten drohen können, belegt ausserdem die Aufführung dieses Ortes als
«Torture Site» (oben E. 6.5.2).
Dass der Beschwerdeführer eine neuerliche Verhaftung durch die Krimi-
nalpolizei beziehungsweise ihre Spezialuntersuchungsabteilung demnach
unbedingt vermeiden wollte, ist unter Berücksichtigung des Erlebten ohne
Weiteres nachzuvollziehen und erklärt, weshalb er, der aus einer gut situ-
ierten Familie in B._ mit verschiedenen eigenen Geschäften
stammt (z.B. A30 F70), und in [EU-Raum] eine verheiratete Schwester hat,
im April 2017 sein Heimatland Hals über Kopf verliess und in die Schweiz
flüchtete, obwohl er zu diesem Land keine Beziehungen hatte, wohin sich
aber eine Flucht innert nützlicher Frist organisieren liess (vgl. A11 F5.01,
A20 F66-F85).
7.6 Die im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Ver-
folgung ist auch im heutigen Zeitpunkt weiterhin als aktuell und relevant
anzuerkennen. Die Verhältnisse in Sri Lanka haben sich in den letzten Jah-
ren nicht entspannt oder entscheidend verbessert, und namentlich die Ge-
fährdungslage für der LTTE-Aktivitäten verdächtigte Personen besteht
nach wie vor. Gemäss dem derzeitigen Kenntnisstand zur Entwicklung in
Sri Lanka ist vielmehr sogar von einer möglichen Akzentuierung der Ge-
fährdungslage auszugehen, der Personen mit einem bestimmten Risi-
koprofil ausgesetzt sind beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren
(vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-3931/2020 vom 22. März 2021 E. 11.1
f. mit Hinweis auf das Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 u.w.H.).
Die Gefahr, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in seine Heimat
verhaftet würde und wiederum Gewalt erfahren könnte, besteht auch im
E-3615/2020
Seite 31
heutigen Zeitpunkt weiterhin, wie der Beschwerdeführer zu Recht ausfüh-
ren lässt (vgl. B-act. 1 Ziff. 39). Vom Vorliegen einer aktuellen, real begrün-
deten Furcht im Sinne von Art. 3 AsylG sowohl bei seiner Ausreise im April
2017 wie auch noch im jetzigen Zeitpunkt ist deshalb im Kontext mit dem
im Jahr 2010 Erlebten auszugehen. Eine vorhandene Rückkehralternative
in Sri Lanka ist im Übrigen nicht ersichtlich, da die drohende Verfolgung
vom sri-lankischen Staat ausgeht.
7.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorbringen im Sinne von Art. 7
AsylG glaubhaft sind und der Beschwerdeführer die Voraussetzungen der
Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Die Beschwerde ist gutzu-
heissen. Ausschlussgründe liegen keine vor. Die angefochtene Verfügung
vom 12. Juni 2020 ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, den Be-
schwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die bei den Akten liegende Kostennote vom 18. August 2020 weist einen
Aufwand von 10,5 Stunden sowie Auslagen von Fr. 43.60 aus. Der Auf-
wand erscheint den Verfahrensumständen als angemessen, und der aus-
gewiesene Stundenansatz von Fr. 300.- ist reglementskonform (vgl. Art. 10
Abs. 2 VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädi-
gung ist demnach auf insgesamt Fr. 3’193.60 (inkl. Auslagen) festzusetzen.
Die Parteientschädigung umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im
Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3615/2020
Seite 32