Decision ID: ad2e4572-6d85-4b54-bbc2-ffd76a56dff5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger aus
B._ im Distrikt C._ in der Provinz D._ – suchte am 8.
November 2021 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Im Rahmen der Anhörung nach Art. 29 AsylG machte er zur Begründung
seines Asylgesuches im Wesentlichen geltend, er sei Hazara und habe
mehrheitlich in E._ und an verschiedenen Orten im Iran gelebt, wo-
bei er sich ungefähr alle eineinhalb Jahre jeweils für drei bis fünf Monate
hauptsächlich ferienhalber in Afghanistan aufgehalten habe. Seit zirka
März 2020 habe er wieder ständig in seinem Heimatdorf B._ gelebt
und dort Autos gekauft, repariert und wiederverkauft. Daneben habe er ein
Jahr vor seiner Ausreise heimlich Alkohol zumeist an junge Menschen, die
diesen für Hochzeitsfeste benötigt hätten, veräussert. Er habe den Alkohol
aus F._ bezogen und regelmässig an den Inhaber eines Blumenge-
schäftes in seinem Dorf weiterverkauft. Sechs bis sieben Monate nach Auf-
nahme des Geschäftes habe ihn der Mullah seiner Moschee auf seine ille-
gale Tätigkeit angesprochen und ihn mehrere Male zur Aufgabe des ver-
botenen Alkoholhandels aufgefordert. Er sei dieser Aufforderung nicht
nachgekommen, da der alleinige Verdienst aus dem Weiterverkauf der Au-
tos nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts ausgereicht habe. Zwanzig
bis dreissig Tage vor der Machtübernahme durch die Taliban habe der Mul-
lah ihm damit gedroht, ihn bei den Taliban wegen des Alkoholverkaufs an-
zuzeigen. Zudem behaupte dieser zu Unrecht, dass er die lokalen Sicher-
heitskräfte im Kampf gegen die Taliban unterstützt habe. Zwei, drei Tage
vor seiner Ausreise – die Taliban hätten D._ noch nicht eingenom-
men gehabt – habe er unterwegs von seiner Familie telefonisch erfahren,
dass die Taliban zuhause nach ihm gesucht hätten. Er habe grosse Angst
bekommen und sich daran erinnert, wie die Taliban während ihrer ersten
Machtübernahme (er sei noch ein Kind von sieben Jahren gewesen) sei-
nen Vater ohne Grund festgenommen und gefoltert hätten. Nach der War-
nung durch seine Familie habe er die Stadt D._ am nächsten Tag
verlassen und sei am 4. August 2021 in den Iran gereist. Anschliessend
habe er seine Reise über die Türkei, Griechenland und den Balkan fortge-
setzt. Am 8. November 2021 habe er mit dem Zug von Italien kommend
illegal die Schweizer Grenze überquert.
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C.
Am 22. Dezember 2021 wurde der Rechtsvertretung der Entscheidentwurf
des SEM zur Stellungnahme zugestellt. Diese ging beim SEM am 23. De-
zember 2021 ein.
D.
Mit gleichentags eröffnetem Entscheid vom 27. Dezember 2021 verneinte
die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und wies
dessen Asylgesuch ab. Gleichzeitig wurde indes der Vollzug der Wegwei-
sung zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben.
E.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner
Rechtsvertretung vom 25. Januar 2022 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht. Es wurde die Aufhebung der Dispositivziffern 1-3 der ange-
fochtenen Verfügung (Asyl und Wegweisung) beantragt. Die Vorinstanz sei
anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm
Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf das Erheben ei-
nes Kostenvorschusses ersucht.
F.
Mit Schreiben vom 28. Januar 2022 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.
G.
Mit Eingabe vom 8. März 2022 teilte die Rechtsvertretung mit, dass der
Beschwerdeführer in der Zwischenzeit von der Suche der Taliban nach ihm
erfahren habe. Seine Familie sei daher zum Onkel des Vaters des Be-
schwerdeführers nach D._ gegangen, später dann nach
G._. Der Cousin des Vaters des Beschwerdeführers sei für eine
Nacht verhaftet und unter Misshandlung zum Aufenthaltsort des Beschwer-
deführers befragt worden. Er sei nach seiner Freilassung in den Iran ge-
flüchtet.
H.
Mit Eingabe vom 8. April 2022 reichte die Rechtsvertretung (wie bereits mit
der Beschwerde) eine Fotografie eines Drohschreibens der Taliban ein.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG; Art. 48 Abs. 1 so-
wie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Beschwerde ist im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zu-
stimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin zu behan-
deln, weil sie sich im Ergebnis als offensichtlich unbegründet erweist (Art.
111 Bst. e AsylG). Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurde
verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung die geltend ge-
machten Vorbringen des Beschwerdeführers, von den Taliban wegen des
Verkaufs von Alkohol und des Verdachts, die lokalen Kräfte unterstützt zu
haben, gesucht worden zu sein, als nicht asylrelevant erachtet.
Sie führte aus, dass eine Anerkennung als Flüchtling eine gezielt gegen
eine Person gerichtete Verfolgungsmassnahmen aus den in Art. 3 AsylG
genannten Gründen voraussetze. Der Beschwerdeführer habe sich auf
keine solchen (wie Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer be-
stimmten sozialen Gruppe, politische Anschauungen) berufen, sondern
habe vielmehr nach Ansicht der Taliban gegen die islamischen Vorschriften
verstossen und angeblich gegen sie gekämpft. Somit fehle es an einer
grundsätzlichen Voraussetzung für die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft. Es bestehe zum jetzigen Zeitpunkt kein begründeter Anlass zur An-
nahme, dass der Beschwerdeführer mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zukunft flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt sein werde.
Die Rechtsvertretung habe in ihrer Stellungnahme vom 23. Dezember
2021 zum Entscheidentwurf geltend gemacht, dass der Beschwerdeführer
mit dem Alkoholverkauf nach den Ansichten der Taliban gegen eine islami-
sche Regel verstossen habe, weshalb eine unverhältnismässig hohe
Strafe oder die Todesstrafe drohe. Der örtliche Mullah habe im Weiteren
den Beschwerdeführer zu Unrecht beschuldigt, die lokalen Kräfte unter-
stützt zu haben, die gegen die Taliban gekämpft hätten. Der Beschwerde-
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führer werde aus religiösen und politischen Gründen verfolgt, was asylre-
levante Motive seien. In diesem Zusammenhang sei auf die ähnlich gela-
gerten Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts E-1638/2017 vom
2. April 2020 und D-4991/2019 vom 3. November 2020 hinzuweisen, in de-
nen das Gericht damals die Existenz flüchtlingsrechtlich relevanter Motive
bejaht habe. Dem Beschwerdeführer sei Asyl zu gewähren.
Hierzu sei festzuhalten, dass der Vertrieb von Alkohol zwar auch Gegen-
stand der zitierten Urteile des Bundesverwaltungsgerichts sei, es sich hier-
bei indessen um komplexere Vorbringen handle. So stelle im erstgenann-
ten Urteil der Alkohol bloss eine Facette eines grösseren Vorbringens dar;
der dortige Beschwerdeführer sei aufgrund seiner Geschäftsbeziehungen
mit einem lokalen Milizführer der Spionage verdächtigt worden, was vorlie-
gend nicht der Fall gewesen sei. Das zweitgenannte Urteil betreffe eine
Person, die über Jahre hinweg mit Alkohol gehandelt und konkrete Über-
griffe durch die Taliban erlitten habe und damit ganz offensichtlich im Visier
der Taliban gewesen sei. Im Fall des Beschwerdeführers liege keine ver-
gleichbare Konkretheit oder Intensität vor.
Bei offensichtlich fehlender flüchtlingsrechtlicher Relevanz könne darauf
verzichtet werden, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente in den Vorbrin-
gen einzugehen.
5.2 Im Rahmen der Rechtsmitteleingabe vom 25. Januar 2022 hat sich der
Beschwerdeführer sowohl zur Frage der Asylrelevanz als auch einlässlich
zur Frage der Glaubhaftigkeit seiner Asylvorbringen geäussert.
Hierzu hielt er zunächst fest, die Feststellung der Vorinstanz, wonach bei
offensichtlich fehlender Asylrelevanz darauf verzichtet werden könne, auf
allfällige Unglaubhaftigkeitselemente einzugehen, habe im Entwurf des
Entscheides noch gefehlt. Ferner sei die Vorinstanz nun zumindest implizit
von der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen ausgegangen. Vorfrageweise sei
nun auf die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen einzugehen. So habe er bei-
spielsweise nachvollziehbar darlegen können, was die Gründe für den Al-
koholverkauf gewesen seien. So habe er sich diesem Risiko ausgesetzt,
weil er in E._ nicht mehr habe arbeiten können und so eine wichtige
Einnahmequelle verloren gegangen sei (act. 14 F 35 ff., 48 f.). Weiter habe
er sowohl zur Beschaffung als auch zum Verkauf des Alkohols detaillierte
Angaben machen können (insb. act. 14 F 39 ff.). Bei den Ausführungen zu
den Gesprächen mit dem Mullah, welcher den Beschwerdeführer an die
Taliban verraten habe, habe er oft die direkte Rede verwendet und habe
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sich detailliert an den Gesprächsinhalt erinnern können (act. 14 F 35, 50-
52). Festzuhalten sei, dass sich in den Aussagen des Beschwerdeführers
insgesamt zahlreiche Glaubhaftigkeitselemente finden liessen, diese sub-
stantiiert und in sich schlüssig seien und keine Widersprüche bestünden,
weshalb im Sinne der geforderten Gesamtwürdigung von der überwiegen-
den Wahrscheinlichkeit der Glaubhaftigkeit der Vorbringen auszugehen
sei.
Hinsichtlich der Asylrelevanz der Vorbringen habe die Vorinstanz im Ent-
scheidentwurf lediglich festgehalten, dass es vorliegend an einem flücht-
lingsrelevanten Verfolgungsmotiv fehle, habe jedoch im darauffolgenden
Entscheid zudem damit argumentiert, dass die erforderliche Konkretheit
und Intensität der Verfolgung nicht gegeben seien. Damit sei dem Be-
schwerdeführer die Möglichkeit verweigert worden, zu diesem neuen Vor-
halt Stellung zu beziehen. Es bestehe im Fall des Beschwerdeführers eine
begründete Furcht vor Verfolgung, welche auch die geforderte Intensität
aufweise, wobei dieser geltend gemachten Bedrohungslage ein Motiv ge-
mäss Art. 3 AsylG zugrunde liege. Es sei davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer in den Augen der Taliban aufgrund des Alkoholverkaufs als
Ungläubiger betrachtet werde. Der Verkauf von Alkohol zähle nach der
Scharia zu den schwersten Verbrechen nach islamischem Recht. Die Ver-
folgung des Beschwerdeführers aufgrund von Verstössen gegen religiöse
Moralkodizes falle unter das Verfolgungsmotiv «Religion» im Sinne von
Art. 3 AsylG. Im Weiteren seien die Taliban der Ansicht, dass der Be-
schwerdeführer ein Widerstandskämpfer sei, womit auch ein politisches
Verfolgungsmotiv vorliege, werde er doch von den Taliban aufgrund der
Zugehörigkeit zu einer Widerstandsgruppe als politischer Gegner betrach-
tet. Es bestehe ein zeitlicher und sachlicher Kausalzusammenhang zwi-
schen Verfolgung und Ausreise und der Beschwerdeführer werde nach wie
vor von den Taliban gesucht. Hinsichtlich der vom SEM festgestellten Un-
terschiede zu den Konstellationen in den genannten Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zwar
nicht wie im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1638/2017 vom 2. Ap-
ril 2020 der Spionage verdächtigt werde, jedoch gingen die Taliban davon
aus, dass er zusätzlich zum Alkoholverkauf auch noch ein Widerstands-
kämpfer und somit ein politischer Gegner sei. Deshalb handle es sich
durchaus um «komplexere Vorbringen». Sodann habe der Beschwerdefüh-
rer aufgrund des Alkoholverkaufs Auseinandersetzungen mit dem Mullah
gehabt und sei über seine Familie von den Taliban bedroht worden. Dabei
sei unerheblich, dass der Beschwerdeführer im Vergleich zur Situation im
Beschwerdeverfahren D-4991/2019 nicht über die gleich lange Zeitspanne
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Alkohol vertrieben habe. Im Weiteren sei der Beschwerdeführer entgegen
der Ansicht der Vorinstanz bereits ins Visier der Taliban geraten. So hätten
die Taliban mehrmals bei der Familie des Beschwerdeführers nach ihm ge-
sucht und würden auch im heutigen Zeitpunkt nach ihm suchen, wie sich
aus dem neu eingereichten Drohbrief ergebe.
6.
6.1 Einleitend ist zu bemerken, dass die Vorinstanz entgegen der Auffas-
sung in der Beschwerde nicht implizit von der Glaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen ausgegangen ist. Vielmehr hat sie festgehalten, dass aufgrund der of-
fensichtlichen fehlenden Asylrelevanz darauf verzichtet werden könne, auf
allfällige Unglaubhaftigkeitselemente in den Vorbringen einzugehen.
6.2 Der Beschwerdeführer hat sich indes auf Beschwerdeebene gleich-
wohl einlässlich zu der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen geäussert, wes-
halb sich das Gericht veranlasst sieht, der Vollständigkeit halber nachfol-
gend auch hierauf einzugehen.
Entgegen der vom Beschwerdeführer vertretenen Auffassung erweisen
sich seine Angaben nicht als substanziiert und widerspruchslos, sondern
ganz im Gegenteil als auffallend substanzlos und zumeist auch nur wenig
lebensnah. Obwohl der Beschwerdeführer angegeben hatte, ein Jahr lang
illegal Alkohol verkauft zu haben, war er nicht annährend in der Lage, de-
taillierte Angaben zum Ankauf und Weiterverkauf des Alkohols zu machen
(vgl. Anhörungsprotokoll, act. 14 F40-42). Aufgrund der Illegalität einer sol-
chen Tätigkeit und dem damit notwendigerweise verbundenen sorgsamen
und vorsichtigen Planen wäre zu erwarten gewesen, dass eine Person, die
effektiv in diesem Bereich tätig war, detailliert über Ankauf, Vertrieb, Ware
und Sorgfaltsmassnahmen berichten kann. Nichts dergleichen liegt jedoch
im vorliegenden Fall vor. So brachte der Beschwerdeführer beispielsweise
auf die Frage nach seinen Bezugsquellen, wo er den Alkohol beschafft
habe, lapidar vor, es handele sich um irgendeine Person, die angeblich als
Autofahrer irgendwo auf der Strecke zwischen F._ und D._
arbeite (vgl. act.14 F42). Auch auf die Frage um was für Alkohol es sich
überhaupt gehandelt habe, konnte er ebenfalls kaum substanzielle Anga-
ben machen (vgl. act. 14 F40 «Diese wurden, denke ich, in F._ in
andere Flaschen umgefüllt. (..) Deshalb war keine Marke darauf ersicht-
lich»). Auch hinsichtlich der Umstände, wie er letztlich den Alkohol verkauft
haben will, erschöpften sich seine Angaben in Allgemeinplätzen. So
brachte er vor, er habe den Alkohol meistens einfach dem lokalen Blumen-
händler verkauft. Die meisten Leute hätten den Alkohol dort gekauft. Es
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hätten aber auch einige Personen seine Telefonnummer gekannt und den
Alkohol bei ihm gekauft (vgl. F44-46). Vor dem Hintergrund der Illegalität
seiner behaupteten Tätigkeit vermag zu erstaunen, dass der Beschwerde-
führer anscheinend keinerlei Vorsichtsmassnahmen getroffen hat und dar-
über hinaus den heimlichen Verkauf des Alkohols auch noch primär an ei-
nem Ort abgewickelt haben will, der anscheinend im ganzen Dorf allgemein
bekannt gewesen war. Ein derart sorgloses Verhalten erscheint angesichts
der Illegalität dieser Tätigkeit kaum lebensnah. Auch die infolge seines be-
haupteten Alkoholhandels angeblichen Gespräche mit dem Mullah erwe-
cken – insbesondere unter Berücksichtigung der behaupteten sehr gros-
sen Tragweite für den Beschwerdeführer – einen konstruierten und nicht
lebensnahen Eindruck (vgl. act. 14 F50 ff). So weisen die Schilderungen
dieser drei beziehungsweise vier Gespräche keinerlei erkennbare Sub-
stanz auf und erschöpfen sich praktisch in der repetitiv vorgetragenen
simplen Behauptung, der Mullah habe ihm gesagt, er solle mit dem Alko-
holverkauf aufhören. Vor dem Hintergrund, dass diese Gespräche der ei-
gentliche Grund für seine Ausreise gewesen sein sollen, ist nicht nachvoll-
ziehbar, dass er nicht in der Lage war, diese geradezu lebensprägenden
Ereignisse anschaulich und lebensnah und mit minimalen Gesprächsde-
tails versehen zu schildern. Die Schilderungen des Beschwerdeführers er-
scheinen insgesamt als nur wenig glaubhaft und wirken vielmehr schemen-
haft und konstruiert.
Vor diesem Hintergrund bestehen daher klare Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit der geltend gemachten Vorbringen und es besteht Grund zu der An-
nahme, dass der Beschwerdeführer vermutlich bloss aufgrund der allge-
meinen Kriegslage in seinem Heimatland ausgereist ist (vgl. act.14, F53).
An dieser Einschätzung vermögen im Übrigen auch die auf Beschwerde-
ebene nachgereichten Fotografien von Drohschreiben aufgrund deren sehr
geringen Beweiskraft nichts zu ändern. Die Frage der Glaubhaftigkeit der
Asylvorbringen kann letztlich aber aufgrund der ohnehin fehlenden Asylre-
levanz im Resultat offengelassen werden.
6.3 Hinsichtlich des Vorhalts in der Beschwerde, wonach die Vorinstanz im
Entscheidentwurf lediglich festgehalten habe, dass es vorliegend an einem
flüchtlingsrelevanten Verfolgungsmotiv fehle, jedoch im darauffolgenden
Entscheid zudem damit argumentiert habe, dass die erforderliche Konkret-
heit und Intensität der Verfolgung nicht gegeben seien, weshalb dem Be-
schwerdeführer die Möglichkeit verweigert worden sei, zu diesem neuen
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Vorhalt Stellung zu beziehen, ist festzuhalten, dass ein Anspruch der Par-
tei, sich vorgängig zur Argumentation bezüglich Asylrelevanz zu äussern,
zu verneinen ist.
6.4 Nicht jede Drohung durch die Taliban ist asylrelevant im Sinne des
Art. 3 AsylG. Die Drohungen müssen eine asylrelevante Intensität aufwei-
sen, deren Vorliegen das SEM in der angefochtenen Verfügung zu Recht
verneint hat. Anders als im von der Rechtsvertretung im Rahmen der Stel-
lungnahme zitierten Urteil E-1638/2017 des Bundesverwaltungsgerichts
vom 3. November 2020 (worin die Bedrohung durch die Taliban aufgrund
des Verdachts der Spionage wegen bestehender Geschäftsbeziehungen
unter anderem mit einem lokalen Milizführer auf einem relevanten Motiv
beruhend bezeichnet worden war), sind die (angeblichen) Bedrohungen
durch die Taliban aufgrund des – bei Wahrunterstellung seiner Vorbringen
– doch sehr geringen Profils des Beschwerdeführers nicht hinreichend in-
tensiv und konkret, dass hieraus eine begründete Furcht vor künftiger Ver-
folgung abgeleitet werden könnte. In diesem Zusammenhang ist auch kon-
kretisierend festzuhalten, dass die vom Beschwerdeführer behauptete ille-
gale Tätigkeit selbst bei Wahrunterstellung als sehr geringfügig einzustufen
wäre. So brachte er selber vor, der illegale Verkauf von Alkohol habe sich
quantitativ auf gerade einmal rund sieben Flaschen pro Monat erschöpft;
manchmal sogar noch weniger (vgl. act. 14 F43). Ferner ist darauf hinzu-
weisen, dass der behauptete Vorfall ohnehin rein lokal auf das Dorf be-
grenzt war, in welchem der Beschwerdeführer zuletzt gewohnt hat und es
ihm somit offen stünde, im Fall einer – angesichts seiner vorläufigen Auf-
nahme ohnehin rein theoretischen – Rückkehr nach Afghanistan sich zu
seinen in den beiden Grossstädten F._ und G._ wohnhaften
Verwandten (vgl. act. 14 F 23) zu begeben – wo sich im Übrigen seinen
eigenen Angaben zufolge zusätzlich mittlerweile auch seine Kernfamilie
aufhalten soll –, wo er von den lokal begrenzten Problemen in seinem
früheren Dorf ganz offenkundig nicht betroffen wäre.
An der Schlussfolgerung einer fehlenden Asylrelevanz vermag letztlich
auch die blosse, nicht näher substantiierte Behauptung, dass er in den Au-
gen der Taliban beziehungsweise des lokalen Mullahs irgendwie als Wider-
standskämpfer angesehen werden könnte, nichts zu ändern.
6.5 Somit ist die Einschätzung des SEM der fehlenden Asylrelevanz zu be-
stätigen. Der Beschwerdeführer erfüllt die Flüchtlingseigenschaft nicht.
Das SEM hat zu Recht sein Asylgesuch abgelehnt.
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7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrecht-
liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Mit der angefochtenen Verfügung wurde der Beschwerdeführer vorläu-
fig in der Schweiz aufgenommen. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse
alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51), besteht kein schutzwürdiges
Interesse an der Überprüfung, aus welchen Gründen die Vorinstanz den
Vollzug aufgeschoben hat (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
9.1 Mit dem vorliegenden Urteil wird das Gesuch um Verzicht auf das Er-
heben eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
9.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten
sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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