Decision ID: d7ae6909-19ba-4be0-b876-d31d44ce047d
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
1970
, Mutter von
zwei
Kindern (Jahrgang
1990 und 1996
), war
seit
1.
Dezember 2000 im Altersheim
Y._
als
Küchenhilfe
tätig
, zuletzt mit einem Pensum von 70 %
(
Urk.
6/11/1-7;
Urk.
6/3
Ziff.
5.4
;
Urk.
6/26/2 Mitte
)
.
Unter Hinweis auf
psychische B
eschwer
den
meldete sich
die Versicherte
am
2
9.
September 2011
bei der Invalidenversi
cherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
6/3
).
Per Ende Oktober 2012 löste die
Z._
das Arbeitsverhältnis mit der Versicherten auf (
Urk.
6/29/3).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizi
nisc
he und erwerbliche Situation ab
und holte bei
Dr.
med.
A._
und
Dr.
med.
B._
ein
bi
disziplinäres
Gutachten ein, das am
1
4.
Januar 2013
erstattet wurde (
psychiatrisches Gutachten mit interdisziplinä
rer Zusammenfassung,
Urk.
6/
34; vgl. auch rheumatologisches Gutachten in
Urk.
6/33/2-44
).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
6/
51
;
Urk.
6/
56
) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 1
8.
Februar 2014
einen Rentenanspruch (Urk.
6/60 =
Urk.
2)
.
2.
Die Versicherte erhob am
1
7.
März 2014
Beschwerde
gegen die Verfügung vom 1
8.
Februar 2014 (
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihr mit Wirkung ab sechs Monaten nach der Anmeldung eine Rente der Invaliden
versicherung zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2 oben).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
9.
April 2014 (
Urk.
5) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin am 1
0.
Juni 2014 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
(IVG) Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
destens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6
des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8
Abs.
1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7
Abs.
1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Er
werbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
1.3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von
Art.
4
Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
8 ATSG bewirken. Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als rele
vant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Per
son bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des
Forderbaren
wird dabei weitgehend objektiv bestimmt. Festzustellen ist, ob und in welchem Umfang die Ausübung einer Erwerbstätigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit der psychi
schen Beeinträchtigung vereinbar ist. Ein psychischer Gesundheitsschaden führt also nur soweit zu einer Erwerbsunfähigkeit (
Art.
7 ATSG), als angenommen werden kann, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit (
Art.
6 ATSG) sei der versi
cherten Person sozial-praktisch nicht mehr zumutbar (BGE 131 V 49 E. 1.2 mit Hinweisen).
1.4
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss
Art.
16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a
Abs.
1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit
bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog.
Invalideneinkom
men
), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der
Einkom
mensvergleich
hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypo
thetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (allgemeine Methode des
Einkommensver
gleichs
; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Invali
denrente, mithin
insbesondere
Arbeits
fähigkeit und Invaliditätsgrad.
2.2
Die Beschwerdegegnerin stellte sich in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) auf den Standpunkt, dass
die depressive Störung der Beschwerdeführerin auf die schizophrene Erkrankung ihres Bruders zurückzuführen sei.
Die gegenwärtige depressive Kompensation sei ausgelöst worden, nachdem der Bruder der Be
schwerdeführerin seit 2010 im Heimatland vermisst werde. Aufgrund dieser Krankheitsentwicklung und der Beurteilung gehe hervor, dass die depressive Störung durch die Erkrankung des jüngeren Bruders und nun vor allem auf Grund seines
Verschwindens
ausgelöst und aufrechterhalten werde. Es handle sich somit um psychosoziale Belastungsfaktoren, welche die psychische Störung aufrechterhalten
würden
(S. 1 unten). Psychosoziale Belastungsfaktoren seien von der Invalidenversicherung nicht abgedeckt und somit auch nicht versichert (S. 2 oben).
2.3
Die Beschwerdeführerin machte in der Beschwerde (
Urk.
1) geltend,
gutachter
lich
sei
ein schweres psychiatrisches Krankheitsbild diagnostiziert worden, was vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der Beschwerdegegnerin und den behandelnden Ärzten bestätigt worden sei
(S. 8 Mitte)
.
Es sei nicht zulässig, eine im IVG nicht aufgeführte, zusätzliche negative materielle
Anspruchsvorausset
zung
zu prüfen (beispielsweise kein Auslöser im psychosozialen Bereich). Die
Annahme, dass die depressive Störung auf die Erkrankung des Bruders zurück
zuführen sei, sei aktenwidrig. Aus den Akten gehe ein Krankheitsbeginn bereits ab 2001 und eine Behandlungsbedürftigkeit ab 2004 hervor (S. 6 Mitte). Zudem sei ihr vor einigen Jahren verschwundener Bruder seit längerem wieder in ärzt
licher Behandlung und lebe bei seiner Familie. Damit sei ein Mitauslöser für die Verschlechterung der Beschwerden im Jahr 2010 weggefallen, ohne dass sich ihre psychische Situation danach gebessert hätte (S. 6 unten).
Angesichts der gutachterlichen Beurteilung sei es aktenwidrig davon auszugehen, dass psy
chosozialen Faktoren eine dominierende Rolle zukomme. Vielmehr liege eine ausgeprägte psychische Störung mit Krankheitswert vor, die eine Inv
alidität begründe (S. 8 Mitte).
3.
3.1
Dem Bericht der Ärzte der
C._
, Klinik
D._
,
vom 1
4.
Oktober 2011 zuhanden der Beschwerdegegnerin (
Urk.
6/13) sind folgende Hauptdiagnosen mit Auswirkung auf die Arbei
tsfähigkeit zu ent
nehmen (Ziff.
1.1):
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psy
chotische Symptome
Angststörung mit generalisierten Ängsten, Panikanfällen und
Geräusche
empfindlichkeit
(
Hyperakusis
)
Verdacht auf posttraumatische Belastungsstörung
primäres, generalisiertes
myofasziales
/
panvertrebrales
Schmerzsyndrom (Fibromyalgie)
Die Ärzte der
C._
führten aus,
bei der Beschwerdeführerin bestünden seit dem frühen Tod der Mutter im Jahr 1976 wiederholt depressive Stimmungslagen. Etwa im Jahr 2000 sei bei ihrem Bruder eine Schizophrenie diagnostiziert wor
den, was sie erheblich belastet habe. Von April 2004 bis Januar 2005 sei eine psychiatrische Behandlung an der Psychiatrischen Poliklinik der
C._
erfolgt.
Verschiedene Psychopharmaka hätten keine positive Wirkung gezeigt.
Mitte des Jahres 2009, nach Verschwinden des an Schizophrenie erkrankten Bruders in der
E._
, habe sich die Depression ver
stärk
t
. Seit April 2010 stehe die Beschwerdeführerin bei
Dr.
med. F._
in ambulanter psychiatri
scher Behandlung (
Ziff.
1.4).
Bei Austritt aus der Depressions- und Angststation am 1
8.
Oktober 2011
(vgl. auch Austrittsbericht vom 2
1.
Oktober 2011,
Urk.
6/17/8-13)
zeige sich ein nur leicht gebessertes depressives Zustandsbild mit weiterhin bestehenden Konzentrations- und Gedächtnisstörungen,
Gedan
ken
kreisen
, Schlafproblemen, chronischer Suizidalität und unveränderter Selbstwahrnehmung der Schmerzsymptomatik. Es bestehe eine eingeschränkte
Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit. Ein zu hoher Stress stelle einen deutli
chen Risikofaktor für weitere depressive Episoden dar.
Nach Behandlung der Depression sei aus psychiatrischer Sicht die bisherige Tätigkeit zumutbar (
Ziff.
1.7).
3.2
G._
, Fachärztin
für Allgemeine Innere Medizin
, nannte im Bericht vom 2
2.
Januar 2012 zuhanden der Beschwerdegegnerin (
Urk.
6/17/
5
-7)
die bekannten Diagnosen (
Ziff.
1.1) und führte aus, dass die Beschwerdeführerin sie seit 2002 immer wieder wegen Nackenschmerzen, Rückenschmerzen und Müdigkeit mit Erschöpfung konsultiert habe. Seit 2004 berichte sie auch über Freudlosigkeit, Melancholie, zunehmend weniger Lebenskraft und thematisiere auch die
familiäre Belastung (
Ziff.
1.4).
Eine reguläre körperliche Arbeit sei wegen der Schmerzen und muskulären Schwäche nicht möglich. Die Be
schwerdeführerin könne keine Lasten tragen und eine teamgebundene Arbeit sei nicht möglich, da sie ihren Teil nicht zuverlässig erfüllen könne. Sie sei sehr unkonzentriert und wäre im leistungsorientierten Arbeitsprozess für den Arbeit
geber zurzeit nicht tragbar (
Ziff.
1.7). Die Beschwerdeführerin sei
seit dem
5.
August 2011
bis auf weiteres (zu rechnen sei mit Jahren) zu 100 % arbeits- und erwerbsunfähig (S. 3 Mitte).
3.3
Die Ärzte des
H._
nann
ten im Bericht vom
6.
Februar 2012
zuhanden der Beschwerdegegnerin
(
Urk.
6/19/6-9)
folgende Hauptdiagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
1.1):
primäres, generalisiertes
myofasziales
/
panvertrebrales
Schmerzsyndrom (Fibromyalgie)
mittelschwere bis schwere Depression
Die Ärzte des
H._
hielten fest, dass die Beschwerdeführerin derzeit nicht in der Lage sei, Tätigkeiten durchzuführen, die mit Heben und Tragen sowie längerer stehender Tätigkeit verbunden seien. Durch die Schmerzsymptomatik komme es zu einer Minderung der Konzentrationsfähigkeit sowie zu einer weiteren Schmerzverstärkung durch körperliche Belastung. Anzuraten sei eine leichte Tätigkeit mit der Möglichkeit zur Wechselbelastung (
Ziff.
1.7).
3.4
I._
, Fachärztin für
Allgemeine
Innere Medizin, führte am
1.
April 2012 zuhanden der Pensionskasse der Beschwerdeführerin (
Urk.
6/22) aus, die Beschwerdeführerin leide an einer psychiatrischen Erkrankung
mit schwer depressiver Stimmungslage und an Schmerzen am ganzen Körper, wel
che teilweise in Zusammenhang mit dem psychischen Leiden und teilweise in Zusammenhang mit einer Erkrankung aus dem rheumatologischen Formenkreis stünden. Die Symptomatik sei sehr ausgeprägt und habe sich bisher nur wenig
gebessert. Ihr scheine es wichtig, die bis Ende Mai 2012 geplanten
Arbeitsversu
che
zu realisieren und das Resultat derselben abzuwarten.
3.5
Dr.
med.
F._
,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Leiten
der Arzt
Psychiatrische Poliklinik am
H._
,
führte mit Stellungnahme vom 2
2.
August 2012 zuhanden der Beschwerdegegnerin (
Urk.
6/28) aus, dass die Beschwerde
führ
erin seit April 2010 durchgängig in regelmässiger ambulanter psychiatrischer Behandlung stehe. Aufgrund der schweren psychischen Erkran
kung bestehe seit März 2011 mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit.
Im Verlauf des letzten Jahres habe die Beschwer
deführerin verschiedene intensive Behandlungsmöglichkeiten wahrge
nommen:
Hospitalisation
Rheumatologie
H._
(1
8. April
-0
6. Mai
2011),
Hospi
ta
lisation
Depression
s
- un
d Angststation Klinik
D._
(1
4. September
-1
8. Oktober
2011), tagesklinisches Behandlungsprogramm der
C._
(2
8. Novem
ber
2011-2
4. Fe
bruar
2012;
S. 1). Bei einem Arbeitsversuch im Februar 2012 sei es zu dissoziativen Zuständen am Arbeitsplatz gekommen, worauf der Arbeits
versuch nach einer Woche wieder abgebrochen worden sei
. Die Beschwerde
führerin ha
be bei allen bisher verordneten und empfohlenen Massnahmen stets voll mitgewirkt. Die bestehenden Limitierungen seien jeweils krankheitsbedingt gewe
sen. Etwaige Arbeitsreintegrationsmassnahmen seien erst nach Erreichen eines verbesserten Funktionsniveaus und psychischen Zustandes wieder sinnvoll (S. 2).
3.
6
Dr.
med.
A._
,
Fachärztin für
Rheumatologie, stellte im
Gutachten
vom 1
1.
Januar 2013 (
Urk.
6/33/2-44)
keine
rheumatologischen
Diagnose
n
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest
(S. 38
Ziff.
7.1)
.
Als
Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
nannte sie einen Nikotin-Abusus, ausge
dehnte chronische Schmerzen sowie einen Vitamin D-Mangel
(S. 3
8 Ziff.
7
.2).
In der klinischen Untersuchung sei eine leicht eingeschränkte Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule in der Lateralflexion beidseits der wesentlichste Befund. Die Beweglichkeit der Halswirbelsäule sei unter Ablenkung gänzlich normal. Alle grossen peripheren Gelenke seien seitengleich norma
l beweglich. Die vorhande
nen Befunde
könnten das Ausmass ihrer Beschwerden nicht erklären. Die Beschwerdeführerin könne sämtliche Tätigkeiten, welche Frauen ihres Alters üblicherweise machen könnten, zu 100 % ausüben (S. 39
Ziff.
8).
Aus rheuma
tologischer Sicht sei sie nie langfristig arbeitsunfähig gewesen (S. 41
Ziff.
9.2).
3.
7
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und
Dr.
A._
erstatteten am
1
4.
Januar 2013
ein psychiatrisches Gutachten mit interdisziplinärer Zusammenfassung
(
Urk.
6/34). Darin wurde aus psychiatri
scher Sicht eine rezidivierende depressive Störung gegenwärtig mittelgradiger
bis schwerer Episode mit somatischen Symptomen diagnostiziert (S. 8
Ziff.
5.1).
Dr.
B._
führte aus
,
dass die Beschwerdeführerin bereits seit 2001 unter wie
derholten depressiven Phasen leide, die in den Jahren 2003/2004/2005 auch behandlungsbedürftig gewesen seien. Die depressive Störung sei auf die schizo
phrene Erkrankung des Bruders beziehungsweise
die
symbiotische Schwester-Bruder-Beziehung zurückzuführen. Auch die gegenwärtige depressive Dekom
pensation sei ausgelöst worden, nachdem der Bruder der Beschwerdeführerin seit 2010 in seinem Heimatland vermisst werde.
Die schweren emotionalen Aus
einandersetzungen bei bereits vorbestehender genetischer Vulnerabilität und Persönlichkeitsfaktoren (ängstlich-abhängige Persönlichkeit) seien als ursäch
lich für die Entwicklung der depressiven Störung anzunehmen und damit könne von einer „endogenen Komponente“ ausgegangen werden (S. 8
Ziff.
6).
Anläss
lich der Exploration habe die Beschwerdeführerin mittelschwere bis schwere Konzentrationsstörungen, formale Denkstörungen,
Deprimiertheit
, Antriebsstö
run
gen und Störungen der Psychomotorik aufgewiesen. Anamnestisch seien eine deutliche Selbstwertproblematik, Perspektivenlosigkeit, Schlafstörungen
, Appetitschwankungen, Interessen- und Freudlosigkeit sowie ein deutlicher
Libidoverlust
erhoben worden
(S. 8 f.
Ziff.
6).
Die früher
vorliegend
en psycho
tischen Symptome hätten sich aufgrund einer medikamentösen Behandlung zumindest vorübergehend zurückgebildet.
Aufgrund der gegenwärtig mittel
schweren bis schweren depressiven Symptomatik beziehungsweise mittelschwe
ren bis schweren Einschränkung der psychokognitiven Funktionen könne
de
r
Beschwerdeführerin allerdings
weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätigkeiten attestiert werden. Die Therapieoptionen seien bei
ihr
als weitgehend ausgeschöpft zu betrachten
(S. 9
Ziff.
6)
.
Eine
nachhaltige Verbes
serung
der Arbeitsfähigkeit sei
in naher Zukunft nicht zu erwarten
(S. 9
Ziff.
8.1).
Dementsprechend
wurde der Beschwerdeführerin auch im Rahmen der interdisziplinären Beurteilung eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit seit März 2011 attestiert (S. 10
Ziff.
9.2).
3.
8
Aus d
em Bericht über die
Abklärung
der beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit in
Beruf und Haushalt vom 1
6.
Mai 2013 (
Urk.
6/48)
ergibt sich eine Qualifikation der Beschwerdeführerin als zu 80 % erwerbstätig und zu 20 % im Haushalt tätig (S. 3 unten). Unter Berücksichtigung der zumutbaren Mithilfe des Ehemannes, welcher nicht arbeitstätig ist und eine Invalidenrente bezieht, sowie der beiden Söhne (vgl. S. 5 Mitte) wurde eine Einschränkung im Haushaltsbereich von ins
gesamt 11.5 % festgestellt (S. 8 Mitte).
3.9
Im Rahmen der
Stellungnahme vom 1
4.
August 2013 (
Urk.
6/45)
führte
Dr.
A._
aus,
bei der Beschwerdeführerin seien in der
Dolorimetrie
alle 18 Tender Points pathologisch gewesen, wie auch 7 der 8 Kontrollpunkte. Damit
erfüll
e sie die gemäss ACR (American C
ollege
of
R
heumatology
) aktuell gültigen Kriterien für die Diagnose einer Fibromyalgie nicht, da die Mehrheit der Kon
trollpunkte pathologisch gewesen sei.
Deshalb habe sie bei der Beschwerdefüh
rerin ausgedehnte chronische Schmerzen diagnostiziert und nicht eine Fibromy
algie.
3.
10
Dr.
med.
J._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin,
RAD
der
Beschwer
degegnerin
,
hielt mit Stellung
nahme vom 2
3.
Januar 2013 (Urk.
6/49/4) fest, das aktuelle
bidisziplinäre
Gutachten
sei
umfassend und schlüs
sig
.
Es sei ein relevanter Gesundheitsschaden vorhanden in Form einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige bis schwere Episode mit somatischem Syndrom. Damit sei in jeder Erwerbstätigkeit eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit seit März 2011 ausgewiesen
. Die Prognose bleibe schlecht, da von einer endogenen Komponente der depressiven Störung ausge
gangen werde.
3.11
Dr.
F._
(vorstehend E. 3.
5
) nannte mit Bericht vom 1
8.
Februar 2014 zuhan
den der Beschwerdegegnerin (
Urk.
6/61) folgende Diagnosen (S. 1 Mitte):
chronische, schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (therapieresistent)
Angststörung mit sozialer Phobie, Agoraphobie, Panikstörung und
Hypera
kusis
primäres, generalisiertes
myofasziales
-panvertebrales Schmerzsyndrom (Fibromyalgie)
Dr.
F._
führte aus,
dass bei der Beschwerdeführerin eine schwere psychi
sche Beeinträchtigung aus dem ängstlich-depressiven Formenkreis bestehe. Die depressive Erkrankung sei langjährig bekannt. Seit 2009 sei es zu einer weiteren Zunahme der depressiven Symptomatik der Beschwerdeführerin gekommen, mit einer schwerwiegenden Einschränkung in allen Funktionsbereichen. Seit März 2011 bestehe im Zusammenhang mit der psychischen Erkrankung eine voll
ständige Arbeitsunfähigkeit. Die von therapeutischer Seite erfolgten intensiven Massnahmen hätten bis anhin zu keiner Besserung der depressiven Symptoma
tik geführt (S. 1). Die Argumentation der Beschwerdegegnerin sei fachlich nicht nachvollziehbar. Psychosoziale Faktoren spielten bei schweren psychischen Störungen eine untergeordnete Rolle. Darüber hinaus sei darauf hinzuweisen, dass der Bruder der Beschwerdeführerin seit zwei Jahren wieder aufgetaucht
sei
, in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden sei und nun bei seiner Familie in der
E._
lebe. Der geltend gemachte psychosoziale Belastungsfaktor sei also gar nicht mehr vorhanden (S. 1 f.).
4.
4.1
Aus psychiatrischer Sicht ergibt sich aus den vorliegenden Akten die
Haupt
d
iag
nose
einer mittelschweren bis schweren depressiven Störung. Während die Ärzte der Klinik
D._
im Oktober 2011 noch festhielten, dass der Beschwer
deführerin die bisherige Tätigkeit nach Behandlung der Depression wieder zumutbar sei, wurde ihr in den
zeitlich
späteren Arztberichten
durch
wegs
eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert.
Dies
nachdem die therapeutischen Massnahmen zu keiner Besserung der depressiven Symptomatik geführt hatten
und
auch
in naher Zukunft keine nachhaltige Verbesserung der Arbeitsfähigkeit zu erwarten war
.
4.2
Zur Annahme der Invalidität nach
Art.
8 ATSG ist - auch bei psychischen Erkran
kungen - in jedem Fall ein medizinisches Substrat unabdingbar, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosozi
ale und soziokulturelle Faktoren wie beispielsweise Sorge um die Familie oder Zukunftsängste (etwa ein drohender finanzieller Notstand) im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vor
handen sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum
B
eispiel eine von depressiven
Verstimmungszu
ständen
klar unterscheidbare andauernde Depression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die
Ar
beits
- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo die begutachtende Person dagegen im Wesentli
chen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben (BGE 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2).
Wenn und soweit psychosoziale und soziokulturelle Faktoren
zu einer eigentli
chen Beeinträchtigung der psychischen Integrität füh
ren, indem sie einen ver
selbst
ändigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner - unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden - Fol
gen verschlimmern, können sie sich mittelbar invaliditätsbegründend auswirken
(Urteil
des Bundesgerichts
9C_537/2011
vom
2
8.
Juni 20
12
E. 3.2
mit Hinwei
sen
).
4.3
Soweit die Beschwerdegegnerin
vorliegend
aufgrund der psychosozialen
Belas
tungsfaktoren
einen invalidisierenden psychischen Gesundheitsschaden ver
neint,
ist dies angesichts der Aktenlage nicht nachvollziehbar.
Sämtliche fachärztlichen Einschätzungen
, darunter auch das seitens der
Beschwer
degegnerin
veranlasste psychiatrische Gutachten,
gehen von einer schweren psychischen Beeinträchtigung und
aufgrund
dies
er von einer
volle
n
Arbeitsunfähigkeit
aus
.
Es wird nicht angezweifelt, dass das psychiatrische Gut
ach
ten schlüssig und umfassend ist, wie sich auch aus der Stellungnahme des RAD-Arztes ergibt.
Ebenso u
nbestritten
ist
, dass die depressive Störung
auch in
Zusammenhang mit der Erkrankung und dem Verschwinden des Bruders steht respektive sich durch diese Faktoren verstärkt hat
. D
ennoch ergibt sich aufgrun
d der
vorliegenden Berichte
klar, dass eine verselbständigte psychische Störung vorliegt, welche sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt.
Im Übrigen hat sich der psychische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin auch nicht gebessert, nachdem ihr Bruder wieder aufgetaucht ist.
Festzuhalten
bleibt
, dass d
ie gestellte Diagnose und die Auswirkungen auf die Arbeitsunfähigkeit ungeachtet ihrer Genese
bestehen
.
Mag die Erkrankung auch auf dem Boden psychosoz
ialer Faktoren entstanden sein,
die Arbeitsunfähigkeit bl
eibt dennoch
krankheitsbe
dingt
.
Gestützt auf die vorliegenden Berichte ist somit von einer 100%igen Arbeitsun
fähigkeit der Beschwerdeführerin
auch in einer leidensangepassten Tätigkeit
auszugehen.
4.
4
Angesichts dessen erübrigt sich ein Einkommensvergleich.
Gemäss
Abklärungs
bericht
wurde die Beschwerdeführerin als zu 80 % erwerbstätig und zu 20 % im Haushalt tätig qualifiziert.
In der Beschwerde machte sie geltend, dass sie als Gesunde nach Abschluss der Sekundarschulzeit des jüngeren Sohnes im Juli 2013 ein Vollzeitpensum ausgeübt hätte (
Urk.
1 S. 8 unten).
Vorliegend kann offen bleiben, ob die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall ein
Arbeitsp
ensum von 80 % oder
100 %
ausüben würde.
A
uch bei einer Qualifikation der
Beschwerdeführerin
als Teilerwerbstätige (
80
% Erwerbstätigkeit
und 20
% Auf
ga
benbereich)
würde
ein Invaliditätsgrad von mindestens
80
% resultieren. Dies führt zu einem Anspruch der
Beschwerdeführerin
auf eine ganze Rente (vgl. E.
1.
1
). Zu prüfen bleibt der Zeitpunkt des Rentenbeginns.
4.
5
Gemäss
Art.
29
Abs.
1 IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach
Art.
29
Abs.
1 ATSG.
Die Beschwerdeführerin meldete sich am 2
9.
September 2011 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (
Urk.
6/3).
Zum Zeitpunkt des frü
hestmöglichen Rentenbeginns am
1.
April 20
12
war
sie
seit über einem Jahr
,
nämlich seit
März 2011
,
in der bisherigen wie auch in einer angepassten Tätig
keit ununterbrochen zu
10
0
% arbeitsunfähig.
Folglich hat
die
Beschwerdefüh
rerin
ab
dem
1.
April 20
12
Anspruch auf eine ganze Invalidenrente.
Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde.
5.
Die Gerichtskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
7
00
.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens steht der Beschwerdeführerin eine
Prozess
entschädigung
zu, die beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
200.-- (zu
züglich Mehrwertsteuer)
für bis Ende 2014 entstandenen Aufwand
auf
Fr.
1’900
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bemessen und der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen ist.