Decision ID: a4905cbd-1283-4cd1-ab0c-6bdc9716884e
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
M._,
Beschwerdeführer, Rekurrent, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Markus
Stadelmann, Marktstrasse 28, 8570 Weinfelden,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse und
Familienausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St.
Gallen,
Beschwerdegegnerin, Vorinstanz,
betreffend
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Schadenersatzforderung
Sachverhalt:
A.
A.a Die A._ 2004 mit einem Stammkapital von Fr. 20'000.-- gegründet. Seit der
Gründung und bis September 2007 war M._ als Gesellschafter und Geschäftsführer
mit Einzelzeichnungsberechtigung mit einem Stammanteil von Fr. 19'000.-- im
Handelsregister eingetragen (act. G 3.181 im Verfahren AHV 2010/9; bei den
nachfolgend zitierten Akten handelt es sich um diejenigen des Verfahrens AHV 2010/9,
soweit nicht anders vermerkt). Am 10. Dezember 2004 wurde die Gesellschaft als
beitragspflichtige Arbeitgeberin bei der Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen
angemeldet (act. G 3.5).
A.b Über die Gesellschaft wurde am November 2007 der Konkurs eröffnet (act.
G 3.110). Mangels Aktiven wurde der Konkurs am Januar 2009 eingestellt (act.
G 3.154). Nach zuvor eingeholter Stellungnahme verpflichtete die Ausgleichskasse
M._ mit Verfügung vom 13. Oktober 2009 zur Bezahlung von Schadenersatz im
Betrag von Fr. 121'196.20 (Fr. 112'314.-- für entgangene bundesrechtliche Beitrage
sowie Fr. 8'882.20 für entgangene kantonalrechtliche Beiträge; act. G 3.177).
B.
Dagegen erhob M._ am 16. November 2009 Einsprache (act. G 3.178), welche die
Ausgleichskasse mit Entscheid vom 26. Februar 2010 abwies (act. G 3.185).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid vom 26. Februar 2010 richtet sich betreffend den
kantonalrechtlichen Teil der vorliegende Rekurs vom 15. März 2010. Der Rekurrent
beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolge dessen Aufhebung.
Eventualiter sei die Schadenersatzforderung angemessen zu reduzieren.
Subeventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Er bestreitet, dass die Haftungsregelung von Art. 52 AHVG auch
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betreffend Beiträge für die Familienausgleichskasse nach kantonalem Recht
anwendbar sei. Denn es fehle die hierfür erforderliche hinreichend klare und eindeutige
Verweisung. Ohnehin sei die Schadenersatzverfügung erst nach eingetretener
Verjährung ergangen. Des Weiteren macht der Rekurrent geltend, dass er lediglich als
Strohmann aufgetreten sei. Es treffe ihn kein grobfahrlässiges oder absichtliches
Verschulden am eingetretenen Schaden. Vielmehr liege ein offensichtliches
Selbstverschulden der Vorinstanz vor, da diese der Gesellschaft immer wieder
Zahlungsaufschübe gewährt habe, ohne beförderliche Vorkehren zur Eintreibung der
geschuldeten Beiträge getroffen zu haben. Hinzu komme, dass die Vorinstanz die
Akontobeiträge nicht entsprechend der voraussichtlichen Lohnsumme angepasst habe
(act. G 1 im Verfahren KZL 2010/6).
C.b Die Vorinstanz beantragt in der Vernehmlassung vom 26. März 2010 die
Abweisung des Rekurses. Die kantonalrechtliche Gesetzgebung enthalte bezüglich der
Arbeitgeberhaftung und Schadenersatzpflicht einen ausdrücklichen Verweis auf die
AHV-Gesetzgebung. Die Schadenersatzforderung sei nicht verjährt. Die Gesellschaft
habe am 18. Januar 2005 eine Lohnsumme von Fr. 100'000.-- gemeldet. Mit der
Jahresabrechnung 2005 habe sie keine Anpassung der Lohnsumme trotz Hinweises in
der Anleitung zur Jahresabrechnung verlangt. Die formellen Organe würden
unabhängig von ihrer tatsächlichen Funktion und Einflussnahme auf die Willensbildung
der Gesellschaft haften. Weder die Zeichnungsberechtigung noch der Grund für die
Mandatsübernahme würden eine Rolle für die Haftung spielen (act. G 3 im Verfahren
KZL 2010/6).
C.c Betreffend den bundesrechtlichen Teil der Schadenersatzforderung erhebt M._
am 31. März 2010 Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 26. Februar 2010.
Deren Anträge und Begründung lauten im Wesentlichen gleich wie diejenige der
Rekurseingabe (act. G 1).
C.d Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 14. April 2010
die Beschwerdeabweisung. Zur Begründung verweist sie auf die Vernehmlassung vom
26. März 2010. Ergänzend bringt sie vor, dass ein erster Ratenplan vom 29. August
2006 eingehalten worden sei und somit keinen Einfluss auf den Schaden gehabt habe.
Einen zweiten Ratenplan habe die Gesellschaft am 11. April 2007 verlangt. Wie
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gewünscht seien neun Raten zwischen April und Dezember 2007 bewilligt worden. Da
die Gesellschaft bereits die erste, im Gesuchsmonat fällige Rate nicht überwiesen
habe, habe ihr Gesuch wohl die Fortführung des Betriebs auf Kosten der Sozialwerke
und keine Sanierung der Finanzen bezweckt. Nach Dahinfallen des Ratenplans seien
die Inkassomassnahmen fortgeführt worden. Es treffe sie kein Selbstverschulden (act.
G 3).
C.e Der Rekurrent und Beschwerdeführer verzichtet auf die Einreichung einer Replik
(act. G 7 im Verfahren KZL 2010/6 und act. G 5).

Erwägungen:
1.
Da die Beschwerdeverfahren AHV 2010/9 und KZL 2010/6 den gleichen Sachverhalt
betreffen und gestützt auf dieselben bzw. analogen rechtlichen Erwägungen zu
entscheiden sind, sind die Verfahren zu vereinigen (vgl. BGE 123 V 215 E. 1).
2.
In den vorliegenden Verfahren ist die Schadenersatzpflicht des Beschwerdeführers/
Rekurrenten (nachfolgend ausschliesslich als Beschwerdeführer bezeichnet) für
nichtgeleistete bundes- und kantonalrechtliche Beitragsforderungen für 2006 bis Juni
2007 umstritten und zu prüfen.
3.
Betreffend die kantonalrechtliche Schadenersatzforderung ist vorweg der Einwand des
Beschwerdeführers zu prüfen, für die kantonalrechtlichen Beiträge (FAK-Beiträge)
bestehe keine ausreichende gesetzliche Grundlage.
3.1 Die Familienzulagen ausserhalb der Landwirtschaft richten sich für den hier
streitigen Zeitraum (Beiträge Januar 2006 bis Juni 2007; vgl. act. G 3.185) nach
kantonalem Recht, nämlich nach dem Kinderzulagengesetz des Kantons St. Gallen
(KZG; sGS 371.1). Art. 52 des Bundesgesetzes über die Alters- und
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Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) stellt demgegenüber keine
unmittelbare gesetzliche Grundlage dar für die Erhebung von Schadenersatz für
entgangene kantonalrechtliche Beiträge (vgl. BGE 124 V 146 E. 1).
3.2 Das KZG ist ein formelles Gesetz. Der vorliegend einschlägige Art. 47 Abs. 1 lit. d
aKZG (in der bis 31. Dezember 2008 gültigen, vorliegend anwendbaren Fassung) lautet:
"Soweit dieses Gesetz keine Regelung enthält, werden die Bestimmungen der
Bundesgesetzgebung über die Alters- und Hinterlassenenversicherung und über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts sachgemäss angewendet,
insbesondere für: [...] d) Arbeitgeberhaftung und Schadenersatzpflicht;". Dieser
ausdrückliche Verweis des kantonalen Rechts auf die AHV-rechtliche
Haftungsbestimmung des Art. 52 AHVG ist hinreichend klar und eindeutig. Das
kantonale Recht bietet gestützt auf Art. 47 Abs. 1 lit. d KZG eine genügende
gesetzliche Grundlage für die Schadenersatzpflicht für entgangene kantonale Beiträge.
4.
Des Weiteren stellt sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt, dass die dem
Einspracheentscheid zugrundeliegende Schadenersatzverfügung vom 13. Oktober
2009 erst nach eingetretener Verjährung ergangen sei (act. G 1).
4.1 Gemäss Art. 52 Abs. 3 Satz 1 AHVG verjährt der Schadenersatzanspruch zwei
Jahre, nachdem die zuständige Ausgleichskasse vom Schaden Kenntnis erhalten hat,
jedenfalls fünf Jahre nach Eintritt des Schadens. Die Ausgleichskasse erlangt in dem
Zeitpunkt Kenntnis vom Schaden, in dem sie unter Beachtung der ihr zumutbaren
Aufmerksamkeit erkennen muss, dass die tatsächlichen Gegebenheiten nicht mehr
erlauben, die Beiträge einzufordern, wohl aber eine Schadenersatzpflicht begründen
können (BGE 129 V 195 E. 2.1).
4.2 Die Beschwerdegegnerin macht geltend, dass die Verjährungsfrist mit der
Publikation der Einstellung des Konkursverfahrens mangels Aktiven vom Januar 2009
(act. G 3.154) begonnen habe und die Schadenersatzverfügung vom 13. Oktober 2009
somit innerhalb der zweijährigen Verjährungsfrist ergangen sei (act. G 3.185). Die
Auffassung der Beschwerdegegnerin/Vorinstanz (nachfolgend ausschliesslich als
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Beschwerdegegnerin bezeichnet) entspricht konstanter höchstrichterlicher
Rechtsprechung (vgl. etwa BGE 128 V 13 E. 5b-d sowie Marco Reichmuth, Die Haftung
des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG, Zürich 2008, S. 204, mit
weiteren Hinweisen auf die Rechtsprechung). Was der Beschwerdeführer dagegen
vorbringt, vermag nicht zu überzeugen. Er führt aus, dass die Verjährungsfrist bereits
mit dem Eingang des provisorischen Pfändungsverlustscheins am 3. Oktober 2007 bei
der Beschwerdegegnerin begonnen habe (act. G 1). Die Zustellung eines
provisorischen Pfändungsverlustscheins vermag rechtsprechungsgemäss jedoch nicht,
die Kenntnis des Schadens bei der Ausgleichskasse im Sinn von Art. 52 Abs. 3 AHVG
mithin den Beginn der Verjährungsfrist zu begründen. Denn es entspricht einer
Erfahrungstatsache, dass im Pfändungsstadium noch namhafte Beträge von
Schuldnern eingehen können, bei denen eine Fortsetzung des Betreibungsverfahrens
zunächst als erfolglos erscheint (Reichmuth, a.a.O., S. 200, insbesondere FN 1182, mit
Hinweisen auf die Rechtsprechung). Auch die vom Beschwerdeführer ins Feld
geführten erkennbaren Zahlungsschwierigkeiten sind nicht geeignet, den Beginn der
Verjährungsfrist im Januar 2009 in Frage zu stellen. Es ergeben sich aus den Akten
auch keine weiteren Umstände, die zu einer anderen Bewertung der Verjährungsfrage
führen könnten.
5.
Zu prüfen bleiben damit die Haftungsvoraussetzungen von Art. 52 Abs. 1 AHVG.
5.1 Laut Art. 52 Abs. 1 AHVG hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder
grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften der Ausgleichskasse einen Schaden
verursacht, diesen zu ersetzen. Ist der Arbeitgeber eine juristische Person, so können
subsidiär gegebenenfalls die verantwortlichen Organe belangt werden (BGE 123 V 15
E. 5b mit Hinweisen). Art. 52 Abs. 1 AHVG sieht eine Verschuldenshaftung nach
öffentlichem Recht vor. Damit eine Schadenersatzpflicht entstehen kann, müssen alle
Haftungsvoraussetzungen gegeben sein, d.h. es muss ein Schaden eingetreten sein,
der auf ein widerrechtliches und schuldhaftes Verhalten des verantwortlichen Organs
zurückzuführen ist.
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5.2 Die Beschwerdegegnerin fordert vom Beschwerdeführer für entgangene bundes-
und kantonalrechtliche Beiträge für das Jahr 2006 sowie für Januar bis Juni 2007
insgesamt Schadenersatz im Betrag von Fr. 121'196.20 (Fr. 112'314.-- für entgangene
bundesrechtliche Beitrage sowie Fr. 8'882.20 für entgangene kantonalrechtliche
Beiträge je inkl. Verwaltungskosten, Verzugszinsen und Mahngebühren, vgl. act. G
3.159-162).
5.2.1 Die Schadenersatzpflicht des verantwortlichen Organs setzt zunächst den Eintritt
eines Schadens bei der Ausgleichskasse voraus. Der Schaden kann unbezahlt
gebliebene paritätische AHV/IV/EO- und ALV-Beiträge, Verwaltungskostenbeiträge,
Mahngebühren, Veranlagungs- und Betreibungskosten sowie Verzugszinsen für
rückständige Beiträge umfassen (Thomas Nussbaumer, Das Schadenersatzverfahren
nach Art. 52 AHVG, in: Schaffhauser/Kieser [Hrsg.], Aktuelle Fragen aus dem
Beitragsrecht der AHV, St. Gallen 1998, S. 100). Zeitliche Grenze des zu
berücksichtigenden Schadens bildet grundsätzlich die Konkurseröffnung bzw. im Falle
des Beschwerdeführers das Ausscheiden als Gesellschafter und Geschäftsführer am
17. September 2007. Die schadenersatzpflichtige Person hat aufgrund ihrer
Mitwirkungspflichten den Schadensbetrag substantiiert zu bestreiten, soweit die
Forderung - wie vorliegend - nicht auf rechtskräftigen Verfügungen beruht (ZAK 1991
S. 125, AHI-Praxis 1993 S. 172, SVR 2001 AHV S. 51 Nr. 15).
5.2.2 Der von der Beschwerdegegnerin nachvollziehbar begründete Schadensbetrag
(act. G 3.177 sowie 3.159-162 und 182) blieb vom Beschwerdeführer unbestritten. Es
ergeben sich aus den Akten auch keine offensichtlichen Berechnungsfehler, weshalb
sich hierzu Weiterungen erübrigen und mit der Beschwerdegegnerin von einem
Schadensbetrag von Fr. 121'196.20 bis September 2007 auszugehen ist.
5.3 Weitere Haftungsvoraussetzung für die vorliegend massgebliche
Schadenersatzforderung ist die Widerrechtlichkeit.
5.3.1 Art. 14 Abs. 1 AHVG in Verbindung mit Art. 34 ff. der Verordnung über die Alters-
und Hinterlassenenversicherung (AHVV; SR 831.101) schreibt vor, dass der Arbeitgeber
bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen
mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Bei einer
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Lohnsumme von über Fr. 200'000.-- hat der Arbeitgeber die Beiträge monatlich zu
zahlen (Art. 34 Abs. 1 lit. a AHVV). Die Ausgleichskasse setzt hierzu Akontobeiträge
aufgrund der voraussichtlichen Lohnsumme fest (Art. 35 Abs. 1 AHVV). Die Arbeitgeber
haben der Ausgleichskasse wesentliche Änderungen der Lohnsumme während des
laufenden Jahres zu melden (Art. 35 Abs. 2 AHVV). Die Beitragszahlungs- und
Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene
öffentlichrechtliche Aufgabe. Dazu hat die Rechtsprechung festgehalten, dass die
Nichterfüllung dieser öffentlichrechtlichen Aufgabe eine Missachtung von Vorschriften
im Sinn von Art. 52 Abs. 1 AHVG bedeute und grundsätzlich die volle
Schadensdeckung nach sich ziehe (BGE 118 V 195 E. 2a mit Hinweisen).
5.3.2 Aus den Akten ergibt sich, dass die Gesellschaft nicht vollumfänglich der
Beitragspflicht nachgekommen ist, was zum Schaden der Beschwerdegegnerin geführt
hat. Die Gesellschaft, bzw. deren Organe, haben damit die Beitragszahlungspflicht
betreffend die von der Beschwerdegegnerin geltend gemachten Ausstände missachtet,
bzw. sich nicht darum gekümmert, womit die Widerrechtlichkeit als
Haftungsvoraussetzung zu bejahen ist. Ein Rechtfertigungsgrund ist nicht ersichtlich
und wird vom Beschwerdeführer auch nicht vorgebracht.
5.4 Im Weiteren ist zu prüfen, ob die Vorschriften absichtlich oder grobfahrlässig
missachtet wurden.
5.4.1 Bei der Prüfung der Verschuldensfrage ist zu berücksichtigen, dass sowohl ein
Verschulden des Arbeitgebers wie des verantwortlichen Organs vorliegen muss. Nach
der Rechtsprechung ist nicht jede Verletzung der öffentlichrechtlichen Aufgaben durch
den Arbeitgeber ohne weiteres einem qualifizierten Verschulden seiner Organe
gleichzusetzen. Vorausgesetzt ist vielmehr ein Normverstoss von einer gewissen
Schwere. Eine Nichtabrechnung oder Nichtbezahlung der Beiträge genügt noch nicht,
um ein qualifiziertes Verschulden anzunehmen. Vielmehr sind die gesamten Umstände
zu würdigen. Die Frage der Dauer des Normverstosses ist dabei ein
Beurteilungskriterium, das im Rahmen der Gesamtwürdigung zu berücksichtigen ist
und im Sinn der Rechtsprechung zu den Entlastungsgründen zur Verneinung der
Schadenersatzpflicht führen kann (BGE 121 V 244 E. 4b mit Hinweisen). Von einem
qualifizierten Verschulden ist in der Regel auszugehen, wenn beispielsweise ein
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Arbeitgeber über längere Zeit seine Abrechnungs- und/oder Ablieferungspflichten nur
schleppend oder bloss teilweise erfüllt. Gegen ein qualifiziertes Verschulden kann
beispielsweise eine relativ kurze Dauer des Beitragsausstands sprechen (BGE 121 V
244 E. 4b mit Hinweis). Bei der Verschuldensbeurteilung gilt ein objektiver
Verschuldensmassstab, weshalb subjektive Entschuldbarkeit oder die Gründe für die
Mandatsübernahme unbeachtlich sind (Ueli Kieser, Alters- und
Hinterlassenenversicherung, in: Ulrich Meyer [Hrsg.], Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Band XIV, Soziale Sicherheit, 2. Auflage 2007, H 272 mit
Hinweisen).
5.4.2 Bei der Beurteilung der Verschuldensfrage wendet der seit der
Gesellschaftsgründung bis September 2007 im Handelsregister als Gesellschafter und
Geschäftsführer mit Einzelunterschrift eingetragene Beschwerdeführer ein, dass er
lediglich als "Strohmann" fungiert habe (act. G 1). Wie die Beschwerdegegnerin zu
Recht ausgeführt hat, hält dieses Argument - selbst wenn es den tatsächlichen
Umständen entspräche - indessen nicht Stich. Denn ein geschäftsführender
Gesellschafter kann sich, wenn es wie beim Beitragswesen um die Verantwortung in
Geschäften geht, mit denen er sich von Gesetzes wegen befassen musste, nicht mit
dem Einwand entschuldigen, er habe keinen tatsächlichen Einfluss auf die
Geschäftsführung gehabt. Denn der Schuldvorwurf, der einen "Strohmann" trifft (BGE
112 V 3), rührt gerade aus dem Umstand, sich auf eine Organstellung eingelassen zu
haben, die ihm die richtige gesetzlich vorgeschriebene Erfüllung dieses Amts, d.h. die
ihm nach Art. 811 Abs. 1 des Obligationenrechts (OR; SR 220) in Verbindung mit
Art. 716 Abs. 2 OR und Art. 718 Abs. 1 OR obliegenden Aufgaben, verunmöglichen
(vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 13. Februar 2001, H 87/00,
E. 3b). Die Motive, die den Beschwerdeführer zur Übernahme dieses Mandats
bewegten, braucht sich die Beschwerdegegnerin ohnehin nicht entgegen halten zu
lassen. Als Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter (Inhaber von Fr. 19'000.-- von
Fr. 20'000.-- Stammkapital) war er jedenfalls in einer Position, in der er die
erforderlichen Abrechnungen und Zahlungen hätte veranlassen können und müssen.
5.4.3 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer als Organ der GmbH nicht dafür
gesorgt, dass die während seiner Zeit als Geschäftsführer für das Jahr 2006 und das
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Jahr 2007 bis und mit Juni geschuldeten Sozialversicherungsbeiträge ordnungsgemäss
abgerechnet und bezahlt wurden. Der Beschwerdeführer hat damit als verantwortliches
Organ in erheblicher Weise und über einen längeren Zeitraum gegen elementare
Vorschriften der Beitragsablieferungspflicht verstossen und in Kauf genommen, dass
der Beschwerdegegnerin im Fall der Uneinbringlichkeit ihrer Forderungen ein Schaden
entsteht, so dass sein Verhalten grobfahrlässig im Sinn von Art. 52 AHVG war. Dem
Vorbringen des Beschwerdeführers, dass die Beschwerdegegnerin wegen
Zahlungsaufschübe ein erhebliches Selbstverschulden an der Schadenshöhe treffe,
kann nicht gefolgt werden. Im vorliegenden Kontext ist von Belang, dass die
Beschwerdegegnerin, die - im Gegensatz zu anderen Gläubigern - öffentliche Aufgaben
wahrnimmt, stets auch das Prinzip der Verhältnismässigkeit zu berücksichtigen hat,
weshalb es ihr nicht ohne Weiteres zum Verschulden gereicht, wenn sie - etwa um
einer in Schwierigkeiten befindlichen Gesellschaft noch eine Chance zu geben - nicht
mit aller Härte gegen sie vorgeht. Allein daraus ein Selbstverschulden der
Beschwerdegegnerin ableiten zu wollen, ist der Sache nicht angemessen. Dass die
Rüge des Beschwerdeführers, die Beschwerdegegnerin sei untätig geblieben, im
vorliegenden Fall auch inhaltlich nicht begründet ist, belegen allein schon die
zahlreichen in den Akten liegenden Mahnungen sowie Betreibungs- und
Fortsetzungsbegehren (vgl. etwa act. G 3.43, G 3.66, G 3.82 f., G 3.86, G 3.89 f.,
G 3.96 f., G 3.100 f. und G 3.107 ff.). Der Beschwerdeführer benennt keine weiteren
überzeugenden Gründe, die sein Verhalten als nicht grobfahrlässig erscheinen lassen
oder ein Selbstverschulden der Beschwerdegegnerin belegen würden. Solche ergeben
sich auch nicht aus den Akten.
5.5 Schliesslich muss zwischen der schuldhaften Verletzung von Vorschriften und dem
Eintritt des Schadens ein adäquater Kausalzusammenhang bestehen. Ein Ergebnis hat
dann als adäquate Ursache eines Schadens zu gelten, wenn es nach dem
gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach allgemeiner Lebenserfahrung an sich geeignet
ist, einen Erfolg in der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt des Erfolgs
durch das Ereignis also allgemein als begünstigt erscheint (AHI 1994 S. 204 mit
Hinweisen). Vorliegend ist ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen den
Unterlassungen des Beschwerdeführers und dem eingetretenen Schaden gegeben.
Hätte der Beschwerdeführer dafür gesorgt, dass die A._ ihren Beitragsabrechnungs-
und Ablieferungspflichten nachkommt, namentlich im Jahr 2006 rechtzeitig eine
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Erhöhung der mutmasslichen Lohnsumme meldet (vgl. act. G 3.40 und 3.76, 77 sowie
Art. 35 Abs. 2 AHVV), wäre kein Schaden in dieser Höhe entstanden.
5.6 Nach dem Gesagten sind somit die Voraussetzungen für die Leistung von
Schadenersatz erfüllt. Exkulpations- oder Rechtfertigungsgründe liegen keine vor. Die
Beschwerdegegnerin hat demnach den Beschwerdeführer zu Recht verpflichtet,
Schadenersatz für entgangene bundesrechtliche Beiträge von Fr. 112'314.-- und für
entgangene kantonalrechtliche Beiträge von Fr. 8'882.20 je inkl. Nebenkosten zu
bezahlen.
6.
6.1 Die Beschwerde betreffend die bundesrechtlichen Beiträge und der Rekurs
betreffend die kantonalrechtlichen Beiträge sind abzuweisen.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist gemäss Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kostenlos.
Angesichts der Tatsache, dass das kantonalrechtliche Verfahren, das einen wesentlich
tieferen Streitwert aufweist, zusammen mit dem kostenlosen bundesrechtlichen
Verfahren erledigt wurde, rechtfertigt es sich, im kantonalrechtlichen Verfahren in
Anwendung von Art. 97 VRP auf die Erhebung von Gerichtskosten zu verzichten.
Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53