Decision ID: ce1c3031-c6a0-4216-bd92-bbeaf0e97119
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
versicherter Verdienst
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
A.a A._ meldete sich am 2. Februar 2011 beim Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (in der Folge: RAV) zur Arbeitsvermittlung an und stellte
Antrag auf Arbeitslosenentschädigung. Das Arbeitsverhältnis mit der B._ AG sei am
31. Januar 2011 wegen Einstellung der Geschäftstätigkeit und Zahlungsunfähigkeit der
Arbeitgeberfirma aufgelöst worden (act. G 3.1 / 2 und 5). Gemäss
Arbeitgeberbescheinigung vom 22. Februar 2011 war die Versicherte seit dem 1. Juni
1983 als Übersetzerin, Dolmetscherin und Sachbearbeiterin bei der B._ AG in
angestellt gewesen (act. G 3.1 / 13). Seit dem 29. Januar 2009 amtete sie ausserdem
als Präsidentin des Verwaltungsrates (Handelsregisterauszug; act. G 3.1 / 39). Am 29.
Oktober 2010 erfolgte eine Teilliquidation der B._ AG, indem wesentliche Teile des
Betriebsvermögens an die C._ GmbH verkauft wurden (act. G 3.1 / 26).
A.b Am 22. März 2011 verfügte die Kantonale Arbeitslosenkasse, dass der Antrag der
Versicherten auf Arbeitslosenentschädigung ab dem 1. Februar 2011 abgelehnt werde.
Als Begründung wurde angeführt, dass der Versicherten nach wie vor eine
arbeitgeberähnliche Stellung im Betrieb zukomme (act. G 3.1 / 18). Die hiegegen
erhobene Einsprache der Versicherten vom 23. März 2011 (act. G 3.1 / 19) wies die
Arbeitslosenkasse mit Entscheid vom 31. März 2011 ab (act. G 3.1 / 34).
A.c Am 2. Mai 2011 wurde über die B._ AG der Konkurs eröffnet (act. G 3.1 / 38).
Mit Eingabe vom 18. Mai 2011 stellte die Versicherte einen neuerlichen Antrag auf
Arbeitslosenentschädigung, dies ab dem 2. Mai 2011 (act. G 3.1 / 51). Die
Arbeitslosenkasse hiess den Antrag im Grundsatz gut und eröffnete eine Rahmenfrist
für den Leistungsbezug vom 3. Mai 2011 bis 30. November 2013. Bei der Festsetzung
der Entschädigung ging sie von einem versicherten Verdienst von Fr. 5'619.00 aus (act.
G 3.1 / 57). Die Versicherte teilte mit Schreiben vom 12. Juli 2011 mit, es sei für sie
nicht nachvollziehbar, dass bei der Berechnung nicht von der deklarierten
Bruttolohnsumme von Fr. 90'923.-- ausgegangen worden sei. Ihr monatliches Gehalt
habe rund Fr. 6'500.-- zuzüglich Fr. 500.-- Spesen betragen (act. G 3.1 / 63). Die
Arbeitslosenkasse verfügte am 25. Juli 2011, dass der Versicherte Verdienst auf Fr.
5'661.-- festgesetzt werde, die Fr. 5'619.-- seien falsch berechnet worden. Sie zeigte
anhand einer tabellarischen Darstellung auf, wie die Berechnung im Einzelnen aussehe.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zudem erklärte sie, weshalb gemäss der nach dem versicherten Verdienst abgestuften
Regelung über die Wartezeit für den Monat Mai 2011 zehn Wartetage zu
berücksichtigen seien (act. G 3.1 / 65).
B.
B.a Die Versicherte erhob gegen diese Verfügung mit Schreiben vom 10. August 2011
Einsprache. Darin führte sie aus, bei der Berechnung des versicherten Verdienstes sei
zwingend von der deklarierten Jahreslohnsumme von Fr. 90'923.-- auszugehen. Sie
habe diesbezüglich genügend Beweise geliefert. Sie fände es empörend, dass ihr ab
Februar 2011 die Monate mit Fr. 0.- berechnet worden seien. Im Prinzip müsste sie
dafür sogar eine Insolvenzentschädigung erhalten, wenn die Arbeitslosigkeit nicht
anerkannt werde. Im Übrigen legte sie dar, sie sei immer Angestellte der B._ AG
gewesen, niemals Inhaberin der Firma, niemals im Verwaltungsrat. Nur wegen des
plötzlichen Ablebens des damaligen Verwaltungsratspräsidenten im August 2008 - weil
sich niemand anderes zur Verfügung gestellt habe - sowie wegen der
Demenzerkrankung des Inhabers und Geschäftsführers habe sie zur Sicherung der
Arbeitsplätze und der Firma vorübergehend diese Positionen übernehmen müssen. Sie
habe nach einem geeigneten Nachfolger gesucht. Ohne ihre Bemühungen wären vier
Personen arbeitslos geworden (act. G 3.1 / 72).
B.b Mit Entscheid vom 3. Oktober 2011 wies die Arbeitslosenkasse die Einsprache
ab. Sie erklärte, aus dem Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ergebe sich, dass das
Arbeitsverhältnis mit der B._ AG bis am 31. Januar 2011 gedauert habe. Das
Arbeitsverhältnis sei gekündigt worden, weil die Firma zahlungsunfähig gewesen sei.
Für den Zeitraum vom 1. Februar 2011 bis 2. Mai 2011 könne kein Beweis für
Lohnzahlungen erbracht werden. Was im Übrigen den Anspruch auf
Insolvenzentschädigung betreffe, so könne dieser nicht im vorliegenden Verfahren
geprüft werden (act. G 1.1).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde der Versicherten
vom 3. November 2011 mit dem Antrag, der Entscheid sei aufzuheben, unter Kosten-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und Entschädigungsfolgen. Die Beschwerdeführerin legte nochmals dar, ihre Angaben
seien nicht fingiert, sondern sie habe die korrekte Jahreslohnsumme von Fr. 90'923.--
ausgewiesen. Ihre erste Anmeldung beim Arbeitslosenamt sei am 1. Februar 2011
erfolgt, weil erst im Januar absehbar gewesen sei, dass es für die B._ AG keine
Zukunft gebe. Sie sei nebst ihrer intensiven Arbeitssuche weiter ohne Lohn für die
B._ AG tätig gewesen. Die restlichen Zahlungseingänge habe sie zur Abdeckung
offener Schulden verwendet. Die vorübergehende Übernahme der Geschäftsführung
und des Verwaltungsratspräsidiums sei notgedrungen erfolgt. Sie habe trotz
Mehrarbeit und Mehrverantwortung niemals Vorteile oder finanzielle Entschädigungen
erhalten. Am 1. April 2009 habe sie sogar zur Überbrückung der Liquiditätsengpässe
die private Hypothek erhöht, um der AG ein Darlehen von Fr. 60'000.-- zu gewähren.
Der Einspracheentscheid habe fälschlicherweise von einem Darlehen der AG an die
Beschwerdeführerin gesprochen (act. G 1).
C.b In der Beschwerdeantwort vom 14. Dezember 2011 stellte die
Beschwerdegegnerin den Antrag, dass die Beschwerde abgewiesen werde und zudem
im Sinn einer "reformatio in peius" für die Ermittlung des versicherten Verdienstes auch
der Lohn für die Monate November 2010 bis Januar 2011 mit Null zu berechnen seien.
Die Beschwerdegegnerin führte aus, die Aktivitäten der B._ AG hätten seit Ende
Oktober 2010 geruht. Nach dem Verkauf der Geschäftstätigkeiten, dem Lager, der
registrierten Markennamen, der Rezepturen und Herstellungsverfahren habe die Firma
nur noch aus einer leeren Schale bestanden. Diese sei ausgehöhlt, wertlos und
zahlungsunfähig gewesen, wie dies die Beschwerdeführerin in der Einsprache gegen
die Verfügung vom 22. März 2011 selber dargelegt habe. Die B._ AG habe am 29.
Oktober 2010 wesentliche Rechte an die C._ GmbH ("Teilverkauf") verkauft. Die
Beschwerdeführerin habe in ihrem ersten Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ange
geben, die Firma sei wegen mangelnder Liquidität verkauft worden. Im zweiten Antrag
habe sie ausgeführt, es habe am 29. Oktober 2010 ein Teilverkauf der Firma
stattgefunden. Danach habe die Firma keine Aufträge mehr erhalten. Die
Beschwerdeführerin habe zwar erst seit Februar 2011 keinen Lohn mehr erhalten. Sie
sei in einer arbeitgeberähnlichen Stellung für eine AG tätig gewesen, welche die
Tätigkeiten seit Ende Oktober 2010 eingestellt gehabt habe und zahlungsunfähig
gewesen sei. Sie sei als Liquidatorin tätig gewesen und habe keinen Lohn mehr
erhalten. Aufgrund der ihr zustehenden Befugnisse habe eine Missbrauchsgefahr,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
insbesondere der Bestätigung von fiktiven Lohnzahlungen bestanden. Gemäss der
Rechtsprechung könne daher für die Berechnung des versicherten Verdienstes nicht
auf einen früher regelmässig bezahlten oder vereinbarten Verdienst abgestellt werden.
Es sei nämlich seit Anfang November 2010 unklar und nicht ausreichend bewiesen,
dass tatsächlich ein Lohn von der B._ AG bezahlt worden sei. Es sei somit - und
zuungunsten der Beschwerdeführerin - auch der Lohn für die Monate November 2010
bis Januar 2011 für die Berechnung des versicherten Verdienstes mit einem Betrag von
Null zu berücksichtigen (act. G 3).
C.c In ihrer Replik vom 29. Februar 2012 macht die Beschwerdeführerin geltend, dass
sie grosse Anstrengungen zur Rettung der B._ AG unternommen habe. Weder die
Sozialversicherungsanstalt noch die Bank würden falsche Dokumente ausstellen. Dass
sie bis Ende Januar 2011 ihren Lohn bezogen habe, sei ein Faktum und dürfe nicht
angezweifelt werden. Sie habe sich in all den Jahren nie zu Unrecht bereichert, sondern
sich engagiert, weil niemand anderes zur Verfügung gestanden habe. Sie habe die
Verantwortung übernehmen müssen, weil ihr an Demenzerkrankter Mann dazu nicht
mehr in der Lage gewesen sei. Sie habe die Firma entweder gewinnträchtig verkaufen
oder an einen geeigneten Nachfolger übergeben wollen (act. G 10).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 12).

Erwägungen:
1.
Streitig ist vorliegend, ob der versicherte Verdienst der Beschwerdeführerin von der
Beschwerdegegnerin korrekt ermittelt wurde. Im Vordergrund steht die Frage, welches
bzw. ob überhaupt ein Einkommen für die Monate November 2010 bis April 2011 zu
berücksichtigen ist.
2.
2.1 Als versicherter Verdienst nach Art. 23 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR
837.0) gilt der im Sinn der AHV-Gesetzgebung massgebende Lohn, der während eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bemessungszeitraums aus einem oder mehreren Arbeitsverhältnissen normalerweise
erzielt wurde; eingeschlossen sind die vertraglich vereinbarten regelmässigen Zulagen,
soweit sie nicht Entschädigung für arbeitsbedingte Inkonvenienzen darstellen. Bei der
Ermittlung des versicherten Verdiensts gemäss Art. 23 Abs. 1 AVIG ist der tatsächlich
bezogene Lohn massgebend; eine davon abweichende Lohnabrede zwischen
Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden hat grundsätzlich unbeachtlich zu bleiben (BGE
131 V 450 f. E. 3.2.1 mit Hinweisen). Für den Nachweis der Lohnbezüge trägt die
versicherte Person die Beweislast. Sie hat darzutun, welchen Lohn sie erhalten hat. Als
Beweis für den tatsächlichen Lohnfluss genügen Belege über entsprechende
Zahlungen auf ein Post- oder Bankkonto der versicherten Person. Bei behaupteter
Barzahlung fallen Lohnquittungen und Auskünfte von ehemaligen Mitarbeitenden in
Betracht. Arbeitgeberbescheinigungen, unterzeichnete Lohnabrechnungen und
Steuererklärungen sowie Eintragungen im individuellen Konto bilden blosse Indizien für
tatsächliche Lohnzahlungen (BGE 131 V 447 E. 1.2 mit Hinweisen).
2.2 Gemäss Art. 37 Abs. 1 der Verordnung über die Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) wird der versicherte Verdienst nach dem
Durchschnittslohn der letzten sechs Beitragsmonate vor Beginn der Rahmenfrist für
den Leistungsbezug bemessen. Art. 37 Abs. 2 AVIV sieht vor, dass sich der versicherte
Verdienst nach dem Durchschnittslohn der letzten zwölf Beitragsmonate vor Beginn
der Rahmenfrist für den Leistungsbezug bemisst, wenn dieser Durchschnittslohn höher
ist als derjenige nach Absatz 1. Der Bemessungszeitraum beginnt, unabhängig vom
Zeitpunkt der Anmeldung zum Taggeldbezug, am Tag vor dem Eintritt eines
anrechenbaren Verdienstausfalls. Voraussetzung ist, dass vor diesem Tag mindestens
zwölf Beitragsmonate innerhalb der Rahmenfrist für die Beitragszeit liegen (Art. 37 Abs.
3 AVIV).
2.3
2.3.1 Vorliegend ist zunächst der Zeitraum November 2010 bis Januar 2011 zu
betrachten. Die Beschwerdegegnerin hat für diese Monate in der Verfügung vom 25.
Juli 2011 je einen Grundlohn von Fr. 6'532.60 zuzüglich Fr. 544.38 Anteil 13.
Monatslohn sowie Fr. 500.-- Spesen einberechnet. In ihrer Beschwerdeantwort vom
14. Dezember 2011 machte sie hingegen geltend, aufgrund der Befugnisse, welche der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin zugestanden hätten, habe die Gefahr der Selbstausstellung von
Dokumenten, wie fiktiver Lohnzahlungen oder auch der Auszahlung von
selbstfinanzierten Löhnen, bestanden. Es sei seit November 2010 unklar, ob die
Arbeitgeberin tatsächlich einen Lohn bezahlt habe. Die fraglichen drei Monate seien
deshalb mit Fr. 0.- zu berechnen.
2.3.2 Entgegen dieser Vorbringen der Beschwerdegegnerin erscheinen die
Lohnzahlungen für November 2010 bis Januar 2011 im vorliegenden Fall als
hinreichend belegt. Aus den Akten ergeht, dass die fraglichen Lohnbeträge der
Beschwerdeführerin tatsächlich zugeflossen sind. Einem Auszug des Kontos der
Beschwerdeführerin für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 2011 ist zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin am 9. Dezember 2010 eine Zahlung in der
Höhe von Fr. 11'463.45 erhielt, bestehend aus dem November-Lohn und den
Gratifikationen für das Jahr 2010. Am 31. Dezember 2010 erfolgte sodann für den Lohn
Dezember 2010 eine Zahlung im Betrag von Fr. 5'688.15 (act. G 3.1 / 48). Schliesslich
ist durch einen Zahlungseingang vom 10. Februar 2011 die Überweisung des Lohns für
Januar 2011 in der Höhe von ebenfalls Fr. 5'688.15 ausgewiesen (Kontoauszug per 13.
Mai 2011; act. G. 3.1 / 41).
2.3.3 Gemäss obigen Erwägungen (E. 2.1) genügt es nach der Rechtsprechung
des Bundesgerichts für den Nachweis einer Lohnzahlung, wenn diese mittels eines
Bankauszuges belegt werden kann (BGE 131 V 447 E. 1.2 mit Hinweisen). Nachdem
also für die Monate November 2010 bis Januar 2011 erstellten Kontoauszüge
vorliegen, welche die Lohnzahlungen für diesen Zeitraum belegen, besteht kein Anlass
daran zu zweifeln, dass die nämlichen Beträge tatsächlich von der B._ AG an die
Beschwerdeführerin ausbezahlt worden sind. Zu beachten ist in diesem
Zusammenhang auch, dass die durch den Kontoauszug ausgewiesenen
Nettolohnbeträge für die Monate November 2010 bis Januar 2011 mit den
Lohnüberweisungen für die vorangegangenen Monate übereinstimmen (vgl. act. G 3.1 /
48). Darüber hinaus liegen keine Anhaltspunkte vor, dass die Beschwerdeführerin als
Geschäftsführerin der B._ AG sich die Löhne von November 2010 bis Januar 2011
auszahlen liess, ohne ihre als Arbeitnehmerin geschuldete Gegenleistung erbracht zu
haben. Im Übrigen existieren auch keine Hinweise für eine Selbstfinanzierung der
Löhne durch die Beschwerdeführerin. Somit ist festzuhalten, dass die Berechnung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monate November 2010 bis Januar 2011 (entsprechend der Erwägung 2.3.1) gemäss
der Verfügung vom 25. Juli 2011 vorzunehmen ist. Der Antrag der Beschwerdegegnerin
auf Schlechterstellung ist abzuweisen.
2.4
2.4.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin bei der
Berechnung des versicherten Verdienstes zu Recht die Monate Februar bis April 2011
mit Null berücksichtigte. Dabei erscheint zunächst unbestritten, dass die
Beschwerdeführerin in den Monaten Februar bis April 2011 von der B._ AG keinen
Lohn mehr bezog. Gemäss Angaben der Beschwerdeführerin habe im Januar 2011 die
Zahlungsunfähigkeit der B._ AG festgestanden. Sie sei deshalb Anfang Februar 2011
auf Stellensuche gegangen. Fraglich ist, ob damit das Arbeitsverhältnis gleich per
31. Januar 2011 beendet war. Die Beschwerdegegnerin stellt sich vorliegend auf den
Standpunkt, dass bezüglich der Beendigung des Arbeitsverhältnisses die Einhaltung
der dreimonatigen Kündigungsfrist zu beachten gewesen wäre, womit jenes erst per
Ende April 2011 geendet habe. Die Beschwerdegegnerin hatte die Beschwerdeführerin
bereits im Rahmen des Einspracheentscheids vom 31. März 2011 betreffend die
Verfügung vom 22. März 2011 darauf hingewiesen, dass bei einem Gesuch um
Arbeitslosenentschädigung nach der Konkurseröffnung zu berücksichtigen sei, dass
das Arbeitsverhältnis mangels abweichender vertraglicher Regelung einer
dreimonatigen Kündigungsfrist unterstehe (act. G 3.1 / 34).
2.4.2 Es ist an sich zutreffend, dass auf das Arbeitsverhältnis zwischen der
Beschwerdeführerin und der konkursiten Arbeitgeberin grundsätzlich die ordentlichen
Kündigungsfristen anwendbar wären. Gleichwohl ist mit der Beschwerdeführerin darin
einig zu gehen, dass jenes per 31. Januar 2011 beendet war. Das Vorgehen der
Beschwerdeführerin ist nämlich als fristlose Kündigung der Arbeitnehmerin zufolge
Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers zu qualifizieren. Die Beschwerdeführerin hatte
sich gleich Anfang Februar 2011 auf Stellensuche begeben und sich bei der
Arbeitsvermittlung gemeldet. Die restlichen Aufgaben, welche sie für die B._ AG bis
zur Konkurseröffnung am 2. Mai 2011 erledigt hatte, hatten ausschliesslich im
Zusammenhang mit ihrer Stellung als Liquidatorin gestanden. Im Übrigen mag es zwar
auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, dass die Beschwerdeführerin in ihrem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Antrag auf Arbeitslosenentschädigung einerseits von einer Auflösung des
Arbeitsverhältnisses per 31. Januar 2011 sprach, andererseits jedoch gegenüber der
B._ AG in Bezug auf die Kündigungsfrist Lohnansprüche für 90 Tage - also bis Ende
April 2011 - geltend machte (act. G 3.1 / 51). Allerdings ist letzteres offensichtlich auf
den erwähnten rechtlichen Hinweis der Beschwerdegegnerin im Einspracheentscheid
vom 31. März 2011 betreffend Einhaltung der Kündigungsfristen zurückzuführen
(vorstehend E. 2.4.1 a.E.), aufgrund dessen die Beschwerdeführerin annehmen musste,
dass die Einhaltung der Kündigungsfrist in diesem Fall zwingend sei. Für den Umstand,
dass die Beschwerdeführerin bei der Geltendmachung ihrer Ansprüche durch den
besagten Hinweis beeinflusst wurde, spricht insbesondere, dass sie in ihrem ersten
Antrag vom 2. Februar 2011 nichts von einer Kündigungsfrist bzw. von
Lohnansprüchen innert derselben erwähnt hatte.
2.4.3 Nachdem vorliegend wie erwähnt von einer fristlosen Kündigung seitens
der Arbeitnehmerin ausgegangen werden muss, ist diese nach den einschlägigen
gesetzlichen Bestimmungen zu beurteilen. Gemäss Art. 337a des Bundesgesetzes vom
30. März 1911 betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
(Fünfter Teil: Obligationenrecht; OR; SR 220) kann der Arbeitnehmer das
Arbeitsverhältnis fristlos auflösen, sofern ihm für seine Forderungen aus dem
Arbeitsverhältnis nicht innert angemessener Frist Sicherheit geleistet wird. Vorliegend
ist schon mit Blick auf die Tatsache, dass über die B._ AG am 2. Mai 2011 der
Konkurs eröffnet wurde, nicht anzuzweifeln, dass diese im Januar 2011
zahlungsunfähig war. Bezüglich einer allfälligen Sicherstellung bzw. einer
entsprechenden Aufforderung der Versicherten an den Arbeitgeber ist den Akten nichts
zu entnehmen. Allerdings spielen diese Fragen im vorliegenden Zusammenhang auch
keine Rolle, da die Nichteinhaltung des Verfahrens nach Art. 337a OR zwar
gegebenenfalls Entschädigungsansprüche des Arbeitgebers nach sich zieht, an der
Gültigkeit der Kündigung als solcher ändert sich jedoch nichts. Die fristlose Kündigung
hat auf jeden Fall die unmittelbare Auflösung des Arbeitsverhältnisses per 31. Januar
2011 zur Folge.
2.5 Nachdem somit das Arbeitsverhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und der
B._ AG per 31. Januar 2011 beendigt wurde, ist bei der Beschwerdeführerin ab dem
1. Februar 2011 ein Verdienstausfall eingetreten. Der Antrag für das vorliegende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfahren wurde indes erst am 18. Mai 2011 gestellt bzw. ist der Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung für die Zeit ab dem 2. Mai 2011 zu beurteilen. Nach der
grundsätzlichen Gutheissung des Anspruchs durch die Arbeitslosenversicherung wurde
die Rahmenfrist für den Leistungsbezug per 3. Mai 2011 eröffnet. Gemäss der bereits
zitierten Bestimmung des Art. 37 AVIV bemisst sich der versicherte Verdienst nach dem
Durchschnittslohn der letzten sechs Beitragsmonate vor Beginn der Rahmenfrist für
den Leistungsbezug (Abs. 1) bzw. nach den letzten zwölf Beitragsmonaten, wenn
dieser Durchschnittslohn höher ist als derjenige nach Absatz 1 (Abs. 2) und mindestens
zwölf Beitragsmonate vor dem Eintritt des anrechenbaren Verdienstausfalls innerhalb
der Rahmenfrist für die Beitragszeit liegen (Abs. 3). Da vorliegend die Bruttoeinkünfte
der Beschwerdeführerin in den Monaten zwischen dem 1. Februar 2010 und dem 31.
Januar 2011, welche alle innerhalb der Rahmenfrist für die Beitragszeit liegen, konstant
waren, spielt es an sich keine Rolle, ob für die Bemessung des versicherten
Verdienstes auf die letzten sechs oder zwölf Beitragsmonate abgestellt wird. Berechnet
wird der versicherte Verdienst wie folgt: Auszugehen ist von dem Grundgehalt in der
Höhe von Fr. 6'532.60 (act. G 3.1 / 40). Hinzuzurechnen ist der Anteil 13. Monatslohn
im Betrag von Fr. 544.38 (Fr. 6'532.60 / 12). Zu berücksichtigen sind schliesslich
"Autospesen" von Fr. 200.-- und "Spesen" von Fr. 300.--, welche AHV-rechtlich als
massgebender Lohn erfasst wurden (act. G. 3.1 / 40). Auf diese Weise resultiert ein
Gesamtbetrag von Fr. 7'576.98. Dieser Betrag entspricht den von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Jahreseinkünften in der Höhe von Fr.
90'923.76, verteilt auf zwölf Monate, wie sie auch bei der kantonalen Ausgleichskasse
abgerechnet wurden (act. G 3.1 / 49).
2.6 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist daher in Gutheissung der
Beschwerde der Einspracheentscheid vom 3. Oktober 2011 aufzuheben und der
versicherte Verdienst für die ab 3. Mai 2011 laufende Rahmenfrist für den
Leistungsbezug auf Fr. 7'577.-- festzusetzen.
3.
3.1 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG; SR 830.1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Bei einer Prozessführung in eigener Sache wird in der Regel keine
Parteientschädigung zugesprochen (BGE 110 V 132). Die Voraussetzungen, die
gemäss BGE 110 V 134 f. E. 4d kumulativ gegeben sein müssen, damit eine
Ausnahmesituation anzunehmen ist (komplexe Sache mit hohem Streitwert, hoher
Arbeitsaufwand, vernünftiges Verhältnis zwischen dem betriebenen Aufwand und dem
Ergebnis der Interessenwahrung), sind im vorliegenden Fall nicht erfüllt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht