Decision ID: 487e562d-888e-524d-a640-ab793ff8408f
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit 1972. Wegen Fahrens in
angetrunkenem Zustand, begangen am 9. September 2008 mit einer
Blutalkoholkonzentration zwischen 0,50 Gew.-‰ und 0,55 Gew.-‰, und
ungenügenden Abstands beim Hintereinanderfahren am 16. September 2008, war er
ihm für die Dauer von drei Monaten vom 20. Juni bis 19. September 2011 entzogen.
B.- Am Mittwoch, 27. Juni 2012 um 12.51 Uhr, lenkte X den Personenwagen
"Mercedes" mit dem amtlichen Kennzeichen SG 00'000 auf der Hauptstrasse in
Wildhaus in Richtung Unterwasser. Eine Geschwindigkeitskontrolle ergab, dass er bei
einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h mit einer rechtlich relevanten
Geschwindigkeit von 77 km/h unterwegs war.
Mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes Uznach vom 25. Juli 2012 wurde X im
Zusammenhang mit der Geschwindigkeitsüberschreitung vom 27. Juni 2012 wegen
grober Verletzung von Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe in der Höhe von 15
Tagessätzen zu je Fr. 840.-- sowie zu einer Busse von Fr. 5'000.-- verurteilt. Der
Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.- Am 2. August 2012 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt ein
Administrativverfahren gegen X und gewährte ihm das rechtliche Gehör. Es entzog ihm
in der Folge mit Verfügung vom 5. September 2012 den Führerausweis wegen
schwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von
zwölf Monaten.
D.- Am 11. September 2012 erhob X mit Eingabe seines Rechtsvertreters Rekurs bei
der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei die angefochtene Verfügung aufzuheben. Die innert Frist
nachgereichte Rekursbegründung datiert vom 13. November 2012. Die Vorinstanz
verzichtete am 22. November 2012 auf eine Vernehmlassung.
Im Rekursverfahren wurden weitere Abklärungen (insbesondere zum Standort des
Radargeräts) vorgenommen, zu welchen X mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
28. Januar 2013 Stellung nahm.
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Auf die Ausführungen des Rekurrenten zur Begründung seiner Anträge wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 11. September 2012 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 13. November 2012 in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45,
47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt:
VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz (SR 741.03) ausgeschlossen ist, der
Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Eine mittelschwere Widerhandlung liegt vor, wenn durch Verletzung von Verkehrsregeln
eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen wird
(Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird
dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf
genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
a) Im Rekursverfahren wird in tatsächlicher Hinsicht zu Recht nicht bestritten, dass der
Rekurrent am 27. Juni 2012 auf der Hauptstrasse in Wildhaus in Richtung Unterwasser
mit einem Personenwagen die allgemeine Höchstgeschwindigkeit innerorts von 50 km/
h um 27 km/h überschritten hat. Im Strafverfahren wurde er deswegen der groben
Verletzung von Verkehrsregeln nach Art. 90 Ziff. 2 SVG schuldig gesprochen. Der
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Rekurrent macht indessen geltend, nicht gewusst zu haben, dass er sich in einem
50 km/h-Bereich befunden habe. Er habe vielmehr das Gefühl gehabt, dass er an
dieser Stelle in einem Ausserortsbereich fahre.
b) Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG entspricht in Wortlaut und Sinn der Strafbestimmung von
Art. 90 Ziff. 2 SVG (vgl. BGE 132 II 234 E. 3.2). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung begeht ungeachtet der konkreten Umstände objektiv eine schwere
Verkehrsregelverletzung, wer die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts von
50 km/h um 25 km/h oder mehr überschreitet (vgl. BGE 123 II 106 E. 2c). In subjektiver
Hinsicht ist ein rücksichtsloses oder sonst schwerwiegend verkehrswidriges Verhalten
verlangt, d.h. ein schweres Verschulden, bei fahrlässigem Handeln mindestens grobe
Fahrlässigkeit. Letzteres ist immer dann zu bejahen, wenn der Fahrzeuglenker sich der
allgemeinen Gefährlichkeit seiner verkehrswidrigen Fahrweise bewusst ist. Grobe
Fahrlässigkeit kann aber auch vorliegen, wenn er die Gefährdung anderer
Verkehrsteilnehmer pflichtwidrig gar nicht in Betracht zieht, also unbewusst fahrlässig
handelt. In solchen Fällen bedarf jedoch die Annahme grober Fahrlässigkeit einer
sorgfältigen Prüfung. Sie wird nur zu bejahen sein, wenn das Nichtbedenken der
Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer ebenfalls auf Rücksichtslosigkeit beruht und
daher besonders vorwerfbar ist (vgl. BGE 118 IV 285 E. 4). Bei einer Überschreitung der
zulässigen Höchstgeschwindigkeit, die in objektiver Hinsicht den Tatbestand von
Art. 90 Ziff. 2 bzw. Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG erfüllt, geht das Bundesgericht in
konstanter Rechtsprechung davon aus, dass dem Lenker eine solche Überschreitung
nicht verborgen bleiben kann und sie zumindest auf grober Fahrlässigkeit beruht. Nach
der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist indes nicht jede Prüfung der Umstände
des Einzelfalls ausgeschlossen. Vielmehr ist zu ermitteln, ob nicht besondere
Umstände vorliegen, die es rechtfertigen, die Widerhandlung trotzdem als mittelschwer
oder gar als leicht zu betrachten. Dies kann etwa dann der Fall sein, wenn der Lenker
aus nachvollziehbaren Gründen gemeint hat, er befinde sich noch nicht oder nicht
mehr im Innerortsbereich (BGE 6P.15/2004 und 6S.44/2004 vom 28. Juni 2004 E. 4.1;
BGE 123 II 37 sowie 128 II 131; M. Schubarth, Antworten des Rechts auf den Stand
der Kenntnisse von Physiologie und Psychologie – Versuch einer Stellungnahme, in:
R. Schaffhauser [Hrsg.], Aspekte der Überforderung im Strassenverkehr – Forderungen
an die Praxis, St. Gallen 1997, S. 117).
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aa) Der Bereich "innerorts" beginnt gemäss Art. 1 Abs. 4 der Signalisationsverordnung
(SR 741.21, abgekürzt: SSV) beim Signal "Ortsbeginn auf Hauptstrassen" (4.27) oder
"Ortsbeginn auf Nebenstrassen" (4.29) und endet beim Signal "Ortsende auf
Hauptstrassen" (4.28) oder "Ortsende auf Nebenstrasse" (4.30). Der Bereich
"ausserorts" beginnt beim Signal "Ortsende auf Hauptstrassen" oder "Ortsende auf
Nebenstrassen" und endet beim Signal "Ortsbeginn auf Hauptstrassen" oder
"Ortsbeginn auf Nebenstrassen". Bei der Beurteilung von
Geschwindigkeitsüberschreitungen darf auf diese Signalisation abgestellt werden
(Urteil des Bundesgerichts 6A.81/2006 vom 22. Dezember 2006, E. 2.4). Eine
Überschreitung der signalisierten Höchstgeschwindigkeit um 27 km/h im
Innerortsbereich entspricht nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts einer
schweren Gefährdung (vgl. BGE 124 II 259 E. 2b/bb; Ph. Weissenberger, Kommentar
zum Strassenverkehrsgesetz, Zürich/St. Gallen 2011, N 7 vor Art. 16a-c). Dies gilt
unabhängig von den konkreten Umständen wie beispielsweise günstigen
Verkehrsverhältnissen (vgl. BGE 1C_222/2008 vom 18. November 2008 E. 2.2.5). Der
objektive Tatbestand der schweren Widerhandlung ist damit erfüllt.
bb) In subjektiver Hinsicht ist das Verschulden des Rekurrenten zu prüfen. Er machte
geltend, sich an der fraglichen Stelle nicht mehr im Innerortsbereich gewähnt zu haben.
Die Fotodokumentationen des Standorts des Radargeräts und die Flugaufnahmen
zeigen, dass die besagte Strecke durch Elemente geprägt ist, die für einen
Innerortsbereich charakteristisch sind. So befindet sich in unmittelbarer Nähe der
Messstelle das Hotel-Restaurant Schönau (vgl. act. 20/2) und direkt auf der
gegenüberliegenden Seite eine Bushaltestelle. Auf beiden Seiten muss deshalb mit
Fussgängerverkehr gerechnet werden. Ausserdem ist die Strecke auf Höhe der
Messstelle beidseitig überbaut. Auf der einen Seite münden die Ausfahrten der Häuser
direkt in die Strasse, auf der anderen Seite säumt ein Gehweg die Strasse (vgl.
act. 18/4, 20/2+4). Die Ortsendtafel befindet sich schliesslich etwa 300 m von der
Messstelle entfernt (vgl. act. 17). Obwohl die Strecke am Messpunkt durch kein
eigentliches Ortszentrum führt, überwiegt der Innerorts-charakter klar, weshalb sich der
Rekurrent nicht im Ausserortsbereich wähnen konnte (vgl. auch BGE 6B_893/2010 vom
5. April 2011 E. 2.4; VRKE IV-2005/128 vom 19. April 2006, E. 3b/bb, http://
www.gerichte.sg.ch/home/dienstleistungen/rechtsprechung.html).
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cc) Aufgrund der verschiedenen, aussagekräftigen Fotografien der Messstelle und
deren näherer und mittlerer Umgebung sowie der im Gericht vorhandenen Ortskenntnis
erscheint ein Augenschein nicht erforderlich; der entsprechende Beweisantrag ist
daher abzuweisen. Unter diesen Umständen steht fest, dass das Verschulden des
Rekurrenten als schwer – zumindest als grobfahrlässig – zu bewerten ist. Zusammen
mit der in objektiver Hinsicht schweren, wenn auch abstrakt gebliebenen Gefährdung
ergibt sich, dass die Vorinstanz dem Rekurrenten zu Recht den Führerausweis wegen
einer schweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften gemäss
Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG entzogen hat.
3.- Zu prüfen bleibt die von der Vorinstanz verfügte Entzugsdauer des Führerausweises
von zwölf Monaten.
a) Gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. c SVG wird der Lernfahr- oder Führerausweis nach einer
schweren Widerhandlung für mindestens zwölf Monate entzogen, wenn in den vor
angegangenen fünf Jahren der Ausweis einmal wegen einer schweren oder zweimal
wegen mittelschweren Widerhandlungen entzogen wurde. Bei einem früheren
Ausweisentzug ist der Tag massgebend, an dem diese Massnahme endete
(Weissenberger, a.a.O., N 17 zu Art. 16a SVG). Die Rückfallfrist ist dementsprechend
eine Bewährungsfrist, die erst dann zu laufen beginnt, wenn die Entzugsdauer
abgelaufen ist (BGE vom 22. September 2010 1C_180/2010 E. 2.3). Im Gegensatz zum
früheren Recht darf die Mindestentzugsdauer gemäss Art. 16 Abs. 3 Satz 2 SVG nicht
mehr unterschritten werden.
b) Dem Rekurrenten wurde mit Verfügung vom 7. Juni 2010 der Führerausweis wegen
einer schweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer
von drei Monaten entzogen. Die Massnahme wurde vom 20. Juni bis 19. September
2011 vollzogen. Vor Ablauf der fünfjährigen Bewährungsfrist beging er mit der
Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h innerorts um
27 km/h am 27. Juni 2012 erneut eine schwere Widerhandlung. Der Führerausweis ist
ihm dementsprechend für mindestens zwölf Monate zu entziehen. Die von der
Vorinstanz verfügte Mindestentzugsdauer trägt dem Verschulden des Rekurrenten und
der von ihm verursachten Gefährdung angemessen Rechnung. Die besonderen
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Umstände des Einzelfalls dürfen nur bis zur gesetzlich vorgeschriebenen
Mindestentzugsdauer berücksichtigt werden (vgl. BGE 135 II 334 E. 2.2).
4.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen.