Decision ID: d904dfac-e1c7-5181-855f-a58180a394af
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog ab Dezember 2003 Ergänzungsleistungen zu ihrer IV-Rente und ab 1.
Oktober 2014 zu ihrer AHV-Rente (Dossier 1 [act. G 3.1], act. 74, act. 176-4 f., 185).
A.a.
Im Rahmen einer im Jahr 2006 eingeleiteten periodischen Überprüfung der
Ergänzungsleistungen (Dossier 1, act. 169) stellte die EL-Durchführungsstelle einen
hohen Vermögensverbrauch fest (Dossier 1, act. 156). In der Folge rechnete sie der
Versicherten ab dem 1. Oktober 2007 ein hypothetisches Vermögen von Fr. 15'102.--
und hypothetische Zinsen aus diesem hypothetischen Vermögen von Fr. 75.-- pro Jahr
an (Dossier 1, act. 154 f.). Per 1. Januar 2008 reduzierte die EL-Durchführungsstelle
das hypothetische Vermögen um Fr. 10'000.-- auf Fr. 5'201.--. Der hypothetische Zins
betrug neu Fr. 30.-- (0.6 % von Fr. 5'201.--; Verfügung vom 21. Dezember 2007,
Dossier 1, act. 152 f.). Ab dem 1. Januar 2009 berücksichtigte die EL-
Durchführungsstelle weiterhin ein hypothetisches Vermögen von Fr. 5'102.-- und neu
A.b.
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hypothetische Zinsen von Fr. 40.-- (Dossier 1, act. 149). Sie hatte in den Akten
vermerkt, dass das hypothetische Vermögen versehentlich bereits per 1. Januar 2008
reduziert worden sei (Art. 17a ELV), obwohl die erste Reduktion erst per 1. Januar 2009
hätte erfolgen sollen. Per 1. Januar 2009 werde daher der alte Verzichtsbetrag
belassen und neu ein Zins von 0.8 % angerechnet (Dossier 1, act. 150).
Auf Nachfrage hin informierte die EL-Durchführungsstelle die Versicherte am 31.
März 2009, dass das hypothetische Vermögen von Fr. 5'102.-- und der dazugehörige
Zins aus übrigem Vermögen erst per Januar 2010 aus der Berechnung genommen
werden könnten (Dossier 1, act. 133).
A.c.
Mit Verfügung vom 28. Dezember 2009 nahm die EL-Durchführungsstelle wie
angekündigt das hypothetisches Vermögen per 1. Januar 2010 aus der EL-Berechnung
(Dossier 1, act. 115). Die Zinsen aus übrigem Vermögen von Fr. 30.-- rechnete sie
hingegen weiterhin an.
A.d.
Mit Verfügung vom 7. Januar 2010 setzte die EL-Durchführungsstelle die EL
rückwirkend für die Zeit vom 1. Oktober 2009 bis 31. Dezember 2009 neu fest (Dossier
1, act. 111). Sie hatte den Mietzinsanteil des Sohnes der Versicherten aus der
Berechnung genommen, da dieser per 30. September 2009 aus der gemeinsamen
Wohnung ausgezogen war (Dossier 1, act. 114, 119). Gleichzeitig hatte sie den
hypothetischen Vermögensertrag aus der Berechnung genommen (Dossier 1, act. 114).
In den Anspruchsberechnungen ab 1. Januar 2011, 1. Januar 2012 und 1. Januar 2013
(Dossier 1, act. 109, 104, 98) war der hypothetische Zins dann wieder enthalten
(Verfügungen vom 29. Dezember 2010 [Dossier 1, act. 107], vom 28. Dezember 2011
[Dossier 1, act. 106] und vom 27. Dezember 2012 [Dossier 1, act. 99]).
A.e.
Am 1. April 2013 leitete die EL-Durchführungsstelle eine periodische Überprüfung
der Ergänzungsleistungen ein (Dossier 1, act. 96). Im entsprechenden Formular
beantwortete die Versicherte die Frage, wie viele Personen (sie eingeschlossen) im
Haushalt wohnen, mit "KEINE" (Dossier 1, act. 93). Bei Fragen nach den Ausgaben,
dem Vermögen und den Einnahmen ihres Ehepartners/ihrer Kinder strich die
Versicherte jeweils den Begriff "Ihr Ehepartner" durch. Mit Verfügung vom 25. August
2013 setzte die EL-Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung aufgrund der
A.f.
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Ergebnisse der periodischen Überprüfung rückwirkend ab 1. April 2012 neu fest
(Dossier 1, act. 88). In der Anspruchsberechnung waren weiterhin der volle Mietzins
und der hypothetische Vermögensertrag von Fr. 30.-- berücksichtigt worden. (Dossier
1, act. 85-87). Auch in den folgenden Anspruchsberechnungen wurde immer ein
hypothetischer Vermögensertrag von Fr. 30.-- angerechnet (Dossier 1, act. 79, 72, 66,
63, 60, 57, 49 f.).
Am 5. August 2018 leitete die EL-Durchführungsstelle die nächste periodische
Überprüfung der Ergänzungsleistungen ein (Dossier 1, act. 37). Im entsprechenden
Formular vom 11. September 2018 gab die Versicherte an, dass sie zusammen mit
ihrem Sohn im Haushalt wohne (Dossier 1, act. 34-3).
A.g.
Mit Verfügung vom 20. Dezember 2018 setzte die EL-Durchführungsstelle die EL
ab 1. Januar 2019 neu fest (Dossier 1, act. 33). Die EL-Durchführungsstelle hatte
verschiedene Berechnungspositionen angepasst. Der Mietzins war jedoch weiterhin
voll angerechnet worden. Auch der hypothetische Vermögensertrag von Fr. 30.-- war
immer noch in der Anspruchsberechnung enthalten (Dossier 1, act. 31).
A.h.
Im Februar/März 2019 stellte die Versicherte ein Gesuch um eine private
Haushaltshilfe zu den Ergänzungsleistungen (Dossier 3 [act. G 3.3], act. 52, 57). Im
entsprechenden Formular vom 2./4. März 2019 (eingegangen am 8. März 2019) erklärte
die Versicherte erneut, dass (sie eingeschlossen) zwei Personen im Haushalt wohnten
(Dossier 3, act. 52).
A.i.
Am 18. Juli 2019 fragte die EL-Durchführungsstelle die Versicherte an, seit wann ihr
Sohn bei ihr im Haushalt lebe (Dossier 1, act. 30). Die Versicherte antwortete der EL-
Durchführungsstelle am 12. September 2019 telefonisch, dass ihr Sohn seit Oktober
2012 durchgehend bei ihr wohne (Dossier 1, act. 27). Die entsprechende schriftliche
Bestätigung folgte am 19. September 2019 (Dossier 1, act. 26).
A.j.
Mit Verfügung vom 31. Oktober 2019 setzte die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistung ab 1. November 2019 neu fest (Dossier 1, act. 25). Vom Mietzins
hatte sie die Hälfte abgezogen ("Anteil Mitbewohner"). Bei den Einnahmen hatte sie
keine Vermögenserträge (bisher Fr. 1.--) mehr angerechnet, auch keine hypothetischen
Vermögenserträge mehr (bisher Fr. 30.-- unter "Einnahmen diverse").
A.k.
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Mit Verfügung vom 24. April 2020 berechnete die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistungen unter Berücksichtigung des Abzugs des Mietzinsanteils des
Sohnes rückwirkend neu (Dossier 1, act. 9). In der Verfügungsbegründung hielt sie fest,
dass sie aufgrund der periodischen Überprüfung festgestellt habe, dass die Versicherte
seit Oktober 2012 einen Mitbewohner habe. Die Rückforderung erfolge rückwirkend um
fünf Jahre, das heisst vom 1. Mai 2015 bis 30. April 2020 (wobei die
Ergänzungsleistungen mit Verfügung vom 31. Oktober 2019 bereits ab November 2019
angepasst worden seien). Die EL-Durchführungsstelle hatte in der
Anspruchsberechnung neu nur noch die Hälfte des Mietzinses als Ausgabe
berücksichtigt. Bei den Einnahmen hatte sie die hypothetischen Vermögenserträge von
Fr. 30.-- nicht mehr angerechnet. Für die Zeit ab dem 1. Januar 2018 hatte die EL-
Durchführungsstelle neu Erträge aus Sparguthaben/Wertschriften von Fr. 2.-- (bisher
Fr. 1.--) und ab 1. Januar 2019 von Fr. 0.-- (bisher Fr. 1.--) berücksichtigt. Für die Zeit
vom 1. Mai 2015 bis 31. Oktober 2019 resultierte eine Rückforderung von insgesamt
Fr. 35'138.--.
A.l.
Gegen diese Verfügung liess die Versicherte am 25. Mai 2020 Einsprache erheben
(Dossier 2 [act. G 3.2], act. 10). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der
Verfügung; eventualiter sei auf die Rückforderung in Anwendung von Art. 3 Abs. 3
ATSV zu verzichten. Zur Begründung machte sie geltend, dass die Versicherte bereits
im Revisionsformular vom 11. September 2018 angegeben habe, dass ihr Sohn im
selben Haushalt lebe. Das Formular sei am 26. September 2018 bei der EL-
Durchführungsstelle eingegangen. Der Anspruch auf die Rückforderung sei spätestens
ein Jahr nach dem Eingang des Formulars erloschen. Abgesehen davon sei für die EL-
Durchführungsstelle bereits anlässlich der periodischen Überprüfung im Jahr 2013
erkennbar gewesen, dass die Versicherte mit ihrem Sohn in einer Wohngemeinschaft
lebe. Im fraglichen Formular habe die Versicherte auf Seite 3/7 bei den Antworten zu
verschiedenen Fragen den vorgeschlagenen Ehepartner durchgestrichen und die
Lebenssituation ihrer Kinder − in Abweichung zu den Vorjahren − berücksichtigt.
A.m.
Mit Entscheid vom 10. August 2020 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache ab (Dossier 2, act. 4). Zur Begründung hielt sie fest, die Versicherte habe
erst bei der periodischen Überprüfung im September 2018 gemeldet, dass ihr Sohn im
selben Haushalt wohne. Dass er bereits seit Oktober 2012 bei ihr wohne, habe sie der
A.n.
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EL-Durchführungsstelle erst mit Schreiben vom 19. September 2019 (vorab per Telefon
am 12. September 2019) mitgeteilt. Bis zu diesem Zeitpunkt habe die Versicherte ihre
Meldepflicht verletzt. Die Anpassung der Ergänzungsleistungen an die geänderte
Wohnsituation der Versicherten habe unter Berücksichtigung von Art. 25 Abs. 2 lit. d
ELV rückwirkend ab dem 1. Oktober 2012 erfolgen müssen. In der Verfügung vom 20.
Dezember 2018 betreffend den EL-Anspruch ab 1. Januar 2019 habe die EL-
Durchführungsstelle den Mietzinsanteil des Sohnes versehentlich nicht berücksichtigt.
Dieser Fehler hätte der Versicherten bei Erhalt der Verfügung vom 20. Dezember 2018
auffallen müssen. Dennoch habe sie die EL-Durchführungsstelle nicht darauf
aufmerksam gemacht. Damit habe die Versicherte ihre Kontroll- und Hinweispflicht
verletzt. Eine Verletzung der Kontroll- und Hinweispflicht sei einer
Meldepflichtverletzung wertungsmässig gleichzusetzen, weshalb die Möglichkeit einer
rückwirkenden Herabsetzung und Rückforderung der Ergänzungsleistungen gemäss
Art. 25 Abs. 2 lit. d ELV über den Wortlaut der Norm hinaus auch auf den Fall des
Vorliegens einer Kontroll- und Hinweispflichtverletzung auszudehnen sei. Die
Revisionsverfügungen ab dem 27. Dezember 2012 bis 20. Dezember 2018 hätten somit
in Wiedererwägung gezogen und der Mietanteil des Sohnes ab dessen Einzug
entsprechend berücksichtigt werden müssen. Die Wiedererwägungsverfügung vom 24.
April 2020 erweise sich somit als rechtmässig. Mit Bezug auf die Rückforderung führte
die EL-Durchführungsstelle aus, anlässlich der periodischen Überprüfung im Jahr 2013
habe die Versicherte noch angegeben, dass keine weiteren Personen mit ihr im
Haushalt wohnten. Die übrigen Angaben auf dem Formular hätten entgegen den
Ausführungen der Rechtsvertreterin der Versicherten keinesfalls dazu veranlasst, eine
weitere Überprüfung der Wohnsituation vorzunehmen oder diesbezüglich Rückfragen
zu stellen. Der Rückforderungsanspruch habe erst mit Schreiben vom 19. September
2019 (vorab per Telefon vom 12. September 2019) betragsmässig festgestellt werden
können. Die relative Verwirkungsfrist habe also erst ab dem 12. September 2019 zu
laufen begonnen. Die relative Verwirkungsfrist sei mit der Verfügung vom 24. April 2020
somit gewahrt worden. Die mit der Verfügung vom 24. April 2020 gestellte
Rückforderung umfasse die unrechtmässig bezogenen Leistungen im Zeitraum 1. Mai
2015 bis 30. April 2020, womit auch die fünfjährige absolute Verwirkungsfrist
berücksichtigt worden sei. Schliesslich prüfte die EL-Durchführungsstelle noch, ob auf
die Rückforderung von Amtes wegen zu verzichten sei, verneinte dies jedoch.
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B.
Gegen diesen Einspracheentscheid liess die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) am 11. September 2020 Beschwerde erheben (act. G 1). Ihre
Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung des Einspracheentscheides und die
Feststellung, dass kein Rückforderungsanspruch bestehe. Eventualiter sei auf die
Rückforderung in Anwendung von Art. 3 Abs. 3 ATSV zu verzichten. Zur Begründung
machte die Rechtsvertreterin ergänzend zur Einsprachebegründung geltend, dass die
EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) bereits im Mai 2013
Hinweise auf einen möglichen Rückerstattungsanspruch erhalten habe und deshalb die
konkreten Umstände hätte abklären müssen. Da damals explizit nach der Anzahl im
Haus lebenden Personen inklusive der Beschwerdeführerin gefragt worden sei, sei
offensichtlich gewesen, dass die Antwort "Keine" falsch gewesen sei. Die Angaben der
Beschwerdeführerin zur Vermögenssituation der Kinder, welche sie in den Jahren zuvor
(2009 und 2004) nicht gemacht habe, hätten die Beschwerdegegnerin zusätzlich zur
Abklärung der Unklarheiten veranlassen müssen. Im Formular der periodischen
Überprüfung des Jahres 2018 habe die Beschwerdeführerin unmissverständlich
angegeben, dass ihr Sohn im selben Haushalt wohne. Vor diesem Hintergrund sei nicht
nachvollziehbar, weshalb erst das Gesuch vom 4. März 2019 als fristauslösendes
Ereignis in Betracht gezogen werde. Abgesehen davon werde die Zweigstelle B._ der
AHV-Ausgleichskasse von der Abteilung Soziales und Gesellschaft der Gemeinde
B._ geführt und damit von derselben Stelle, bei welcher sich der Sohn der
Beschwerdeführerin im Jahr 2014 zum Bezug von Sozialhilfe angemeldet habe.
Aufgrund der Durchlässigkeit im zwischenbehördlichen Verhältnis sei diese Kenntnis
der Beschwerdegegnerin zuzurechnen. Ob die Verwirkungsfrist in den Jahren 2013,
2014, am 20. September 2018 oder am 26. September 2018 zu laufen begonnen habe
oder ob zusätzlich eine Bearbeitungszeit von ein paar Tagen zu gewähren sei, könne
dahingestellt bleiben; fest stehe jedenfalls, dass die einjährige Frist am 24. April 2020
abgelaufen gewesen sei. Schliesslich machte die Rechtsvertreterin noch Ausführungen
zum Erlass der Rückforderung gemäss Art. 3 ATSV.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 8. Oktober 2002 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid.
B.b.
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Erwägungen
1.
2.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der dem angefochtenen Einspracheentscheid
vorausgegangenen Verfügung vom 24. April 2020 die Ergänzungsleistungen
rückwirkend unter Berücksichtigung des Abzugs des Mietzinsanteils des Sohnes der
Beschwerdeführerin neu berechnet. Beim Einzug des Sohnes im Oktober 2012 hat es
sich um eine Sachverhaltsveränderung während des laufenden Bezugs von
Ergänzungsleistungen gehandelt. Bei der entsprechenden Korrektur hat es sich also
(entgegen der irrtümlichen Bezeichnung im angefochtenen Einspracheentscheid als
Wiedererwägung) um eine Revision im Sinne von Art. 17 Abs. 2 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) gehandelt.
1.1.
Die Verfügung vom 24. April 2020 ist nicht nur eine Revisions-, sondern auch eine
Rückforderungsverfügung. Der Begründung dieser Verfügung lässt sich entnehmen,
dass die Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistungen rückwirkend ab Oktober 2012
hat revidieren wollen. Da sie jedoch (wie nachfolgend aufgezeigt wird, zu Recht) davon
ausgegangen ist, dass die im Zeitraum Oktober 2012 bis April 2015 zu Unrecht
bezogenen Ergänzungsleistungen wegen des Eintritts der absoluten Verwirkungsfrist
(25 Abs. 2 ATSG) nicht mehr zurückgefordert werden könnten, hat sie sich im Sinne der
Verfahrensökonomie darauf beschränkt, die Ergänzungsleistungen lediglich ab 1. Mai
2015 neu zu berechnen. Nachfolgend ist also zunächst zu prüfen, ob die
revisionsweise Herabsetzung der Ergänzungsleistungen rückwirkend ab Oktober 2012
rechtmässig gewesen ist. Sollte dies der Fall sein, ist weiter zu prüfen, ob die
Rückforderung der unrechtmässig bezogenen Ergänzungsleistungen (Fr. 35'138.--)
rechtmässig gewesen ist.
1.2.
Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht dem Betrag, um den die anerkannten
Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung, ELG, SR 831.30). Die anerkannten Ausgaben und die
anrechenbaren Einnahmen, worin in bestimmtem Umfang auch das Vermögen
einbezogen ist, werden nach den in Art. 10 und 11 ELG sowie in Art. 11 bis 18 der
Verordnung über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELV, SR 831.301) festgelegten Bestimmungen ermittelt.
2.1.
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Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten (Art. 25 Abs. 1 Satz 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG,
SR 830.1). Gemäss Art. 25 Abs. 2 lit. d ELV ist die jährliche Ergänzungsleistung bei der
periodischen Überprüfung auf den Beginn des Monats, in dem die Änderung gemeldet
wurde, frühestens aber des Monats, in dem diese eingetreten ist, und spätestens auf
den Beginn des Monats, der auf die neue Verfügung folgt, neu zu verfügen; vorbehalten
bleibt die Rückforderung (richtig: rückwirkende Anpassung) bei Verletzung der
Meldepflicht. Ob letztere Bestimmung gesetzeskonform ist, kann offengelassen
werden, denn im vorliegenden Fall liegt eine Meldepflichtverletzung vor: Die
Beschwerdeführerin hat der Beschwerdegegnerin den Einzug ihres Sohnes im Oktober
2012 nicht unverzüglich, sondern erst im September 2018 im Rahmen der periodischen
Überprüfung der Ergänzungsleistungen gemeldet. Die Voraussetzungen für eine
rückwirkende Herabsetzung der Ergänzungsleistungen sind somit erfüllt. Entgegen
dem Wortlaut ("Vorbehalten bleibt die Rückforderung bei Verletzung der Meldepflicht")
handelt es sich bei Art. 25 Abs. 2 lit. d ELV lediglich um eine Ausführungsbestimmung
zum Verwaltungsverfahrensrecht (Art. 17 Abs. 2 ATSG) und nicht zum
Rückforderungsrecht (At. 25 Abs. 1 ATSG). Für die Frage, ob eine rückwirkende
Anpassung der Ergänzungsleistungen ab Einzug des Sohnes zulässig ist, ist daher
irrelevant, ob bzw. wie die Beschwerdegegnerin auf die Meldung im September 2018
reagiert hat (vgl. Erw. 4.3 f. des Einspracheentscheides).
2.2.
Die Beschwerdegegnerin hat die EL rückwirkend ab dem 1. Oktober 2012 mit der
Begründung korrigiert, dass ab dem 1. Oktober 2012 der Sohn der Beschwerdeführerin
im selben Haushalt gewohnt habe und dass der Mietzins deshalb hälftig aufzuteilen sei.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob dies korrekt gewesen ist.
2.3.
Als Ausgaben anzurechnen sind nach 10 Abs. 1 lit. b ELG der Mietzins einer
Wohnung und die damit zusammenhängenden Nebenkosten (Ziff. 1). Der
Bruttomietzins der Wohnung der Beschwerdeführerin hat sich ab dem 1. April 2012 auf
Fr. 16'200.-- (Dossier 1, act. 92-2) und ab dem 1. Oktober 2017 auf Fr. 15'084.-- pro
Jahr belaufen (Dossier 1, act. 52-2).
2.4.
Werden Wohnungen oder Einfamilienhäuser auch von Personen bewohnt, welche
nicht in die EL-Berechnung eingeschlossen sind, dann ist der Mietzins auf die
einzelnen Personen aufzuteilen. Die Mietzinsanteile der Personen, welche nicht in die
EL-Berechnung eingeschlossen sind, werden bei der Berechnung der jährlichen
Ergänzungsleistung ausser Betracht gelassen (Art. 16c Abs. 1 ELV). Die Aufteilung hat
grundsätzlich zu gleichen Teilen zu erfolgen (Abs. 2). Es ist unbestritten, dass der Sohn
der Beschwerdeführerin seit Oktober 2012 wieder in der Wohnung der
2.5.
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Beschwerdeführerin wohnt. Die Ergänzungsleistungen sind daher rückwirkend
revisionsweise insoweit anzupassen, als bei den Ausgaben nur noch ein hälftiger
Mietzinsanteil der Beschwerdeführerin zu berücksichtigen ist. Aus den Akten geht nicht
hervor, ob der Sohn per 1. Oktober 2012 oder erst im Laufe des Monats bei der
Beschwerdeführerin eingezogen ist; je nachdem wäre die Anpassung per 1. Oktober
2012 oder erst per 1. November 2012 vorzunehmen. Weitere Abklärungen hierzu
können jedoch im Interesse der Verfahrensökonomie ausnahmsweise unterbleiben, da,
wie nachfolgend noch aufgezeigt wird, der Rückforderungsanspruch bis und mit April
2015 ohnehin verwirkt ist. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass ab dem Einzug des
Sohnes lediglich noch die Hälfte des Mietzinses als Ausgabe in der EL-
Anspruchsberechnung zu berücksichtigen ist. Die anrechenbaren Mietzinsausgaben
haben sich ab 1. Oktober (oder 1. November 2012) somit auf Fr. 8'100.-- pro Jahr
(Fr. 16'200.-- / 2) und ab 1. Oktober 2017 auf Fr. 7'542.-- pro Jahr (Fr. 15'084.-- / 2)
belaufen.
Gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. b ELG werden als Einnahmen Einkünfte aus
beweglichem und unbeweglichem Vermögen angerechnet. Die Beschwerdegegnerin
hat mit der Verfügung vom 28. Dezember 2009 das bisher angerechnete hypothetische
Vermögen von Fr. 5'102.-- per 1. Januar 2010 aus der Berechnung genommen. Dabei
hat sie es allerdings versäumt, auch den hypothetischen Zins von Fr. 30.-- pro Jahr aus
dem hypothetischen Vermögen aus der Anspruchsberechnung auszuscheiden. Diesen
Fehler hat sie mit der dem angefochtenen Einspracheentscheid vorausgegangenen
Verfügung vom 24. April 2020 (zu Gunsten der Beschwerdeführerin) korrigiert und
rückwirkend ab dem 1. Januar 2010 keine hypothetischen Vermögenserträge mehr
angerechnet. Der Einspracheentscheid vom 10. August 2020 resp. die diesem
zugrundeliegende Verfügung vom 24. April 2020 enthält also nicht nur eine
rückwirkende Revision per 1. Oktober 2012 (resp. 1. November 2012), sondern auch
eine Wiedererwägung der Revisionsverfügung vom 28. Dezember 2009, mit der die
laufende Ergänzungsleistung per 1. Januar 2010 angepasst worden ist. Der
Versicherungsträger kann auf formell rechtskräftige Verfügungen zurückkommen, wenn
diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung
ist (Art. 53 Abs. 2 ATSG). Die Anrechnung der hypothetischen Vermögenserträge von
Fr. 30.-- ab dem 1. Januar 2010 ist zweifellos unrichtig gewesen. Zwar handelt es sich
bei den zu Unrecht angerechneten hypothetischen Vermögenserträgen aufs Jahr
gesehen nicht um einen bedeutenden Betrag; würde die Berichtigung jedoch nicht
vorgenommen, so bestünde keine Möglichkeit mehr, diese Vermögenserträge aus der
Anspruchsberechnung zu nehmen. In der Summe würde sich also ein Betrag von
erheblicher Bedeutung ergeben. Die Beschwerdegegnerin hat die Revisionsverfügung
2.6.
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3.
vom 28. Dezember 2009 somit zulässigerweise in Wiedererwägung gezogen und die
hypothetischen Vermögenserträge von Fr. 30.-- pro Jahr rückwirkend ab 1. Januar
2010 aus der Anspruchsberechnung genommen.
Die Beschwerdegegnerin hat im angefochtenen Einspracheentscheid respektive
der diesem vorausgegangenen Verfügung vom 24. April 2020 auch die Erträge aus
dem Sparguthaben revisionsweise angepasst: Ab dem 1. Januar 2018 hat sie noch
einen Ertrag von Fr. 1.-- (bisher Fr. 2.--) und ab dem 1. Januar 2019 keinen Ertrag mehr
(bisher Fr. 1.--) berücksichtigt. Abklärungen dazu, ob diese Anpassungen korrekt
gewesen sind, können im Interesse der Verfahrensökonomie ausnahmsweise
unterbleiben, denn die Anpassungen haben wegen ihrer geringen Höhe keinen Einfluss
auf die Höhe der Ergänzungsleistungen resp. die Höhe des Rückforderungsbetrages
gehabt.
2.7.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin die
Ergänzungsleistungen zu Recht rückwirkend ab 1. Oktober 2012 (respektive 1.
November 2012) in Revision gezogen und dem Sohn den hälftigen Mietzins
angerechnet hat. Zudem hat die Beschwerdegegnerin zu Recht gleichzeitig die
Revisionsverfügung vom 28. Dezember 2009 in Wiedererwägung gezogen und die
hypothetischen Vermögenserträge von Fr. 30.-- pro Jahr rückwirkend ab 1. Januar
2010 aus der Anspruchsberechnung genommen.
2.8.
Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdegegnerin gestützt auf die rückwirkende
Anpassung der Ergänzungsleistungen für den Zeitraum 1. Mai 2015 bis 31. Oktober
2019 zu Recht einen Betrag von Fr. 35'138.-- von der Beschwerdeführerin
zurückgefordert hat.
3.1.
Gemäss Art. 25 Abs. 2 erster Satz ATSG erlischt der Rückforderungsanspruch mit
dem Ablauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis
erhalten hat, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der
einzelnen Leistung. Bei den genannten Fristen handelt es sich um Verwirkungsfristen
(BGE 140 V 521 E. 2.1). Die Korrektur- und Rückforderungsverfügung datiert vom 24.
April 2020. Die bis und mit April 2015 unrechtmässig entrichteten Leistungen können
somit nicht mehr zurückgefordert werden, da bezüglich dieser Leistungen die absolute
Verwirkungsfrist von fünf Jahren eingetreten ist. Nach der Rechtsprechung des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen beginnt die einjährige, relative
Verwirkungsfrist erst an dem Tag zu laufen, an dem die der Rückforderung
zugrundeliegende Korrekturverfügung formell rechtskräftig geworden ist, da der
3.2.
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4.
5.
Versicherungsträger erst an dem Tag definitiv Kenntnis von allen Einzelheiten des
Rückforderungsanspruchs hat (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen vom 16. November 2016, IV 2014/559 E. 2.2; Entscheid vom 26. Juni 2017, EL
2016/8 E. 5.2). Da die Rückforderungsverfügung im vorliegenden Fall bereits in der
Korrekturverfügung vom 24. April 2020 enthalten gewesen ist, ist die relative, einjährige
Verwirkungsfrist gewahrt worden.
Demnach hat die Beschwerdegegnerin die im Zeitraum 1. Mai 2015 bis 31.
Oktober 2019 unrechtmässig bezogenen Leistungen zu Recht von der
Beschwerdeführerin zurückgefordert. Auch die Höhe des zurückgeforderten Betrags
von Fr. 35'138.-- erweist sich als korrekt (29 Monate x Fr. 672.-- [{Fr. 8'100.-- - Fr.
30.--} / 12] + 25 Monate x Fr. 626.-- [{Fr. 7'542.-- - Fr. 30.--} / 12]).
3.3.
Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat eventualiter beantragt, es sei
gestützt auf Art. 3 Abs. 3 der Verordnung über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSV, SR 830.11) auf die Rückforderung zu verzichten.
Gemäss dieser Bestimmung verfügt der Versicherer den Verzicht auf die
Rückforderung, wenn offensichtlich ist, dass die Voraussetzungen für den Erlass
gegeben sind. Die dem angefochtenen Einspracheentscheid zugrundeliegende
Verfügung vom 24. April 2020 hat lediglich die rückwirkende Herabsetzung und
Rückforderung der Ergänzungsleistungen zum Gegenstand gehabt, nicht jedoch den
Erlass der Rückforderung. Gegenstand des Einspracheentscheides kann nur sein, was
Gegenstand der angefochtenen Verfügung gewesen ist. Die Beschwerdegegnerin hätte
sich im angefochtenen Einspracheentscheid also gar nicht mit der Erlassfrage
auseinandersetzen dürfen. Der angefochtene Einspracheentscheid ist deshalb in Bezug
auf die Erlassfrage aufzuheben. Die Beschwerdegegnerin wird das in der Einsprache
vom 25. Mai 2020 und in der Beschwerde vom 11. September 2020 enthaltene
Erlassgesuch also erst nach Eintritt der Rechtskraft der Rückforderungsverfügung
prüfen können (siehe Art. 4 Abs. 4 ATSV).
4.1.
Demnach ist der Einspracheentscheid vom 10. August 2020 in Bezug auf die
Erlassfrage aufzuheben. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
4.2.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember
2020 gültigen, für das vorliegende Verfahren gemäss Art. 82a ATSG noch
anwendbaren Fassung).
5.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/13
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St.Galler Gerichte