Decision ID: b3dd600e-8100-5238-8b3b-597d39622026
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin reiste am 3. Juni 2016 in die Schweiz ein und
suchte gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
B._ um Asyl nach. Am 23. Juni 2016 wurde sie dort zu ihrer Identi-
tät, zum Reiseweg und summarisch zu den Asylgründen befragt. Das SEM
hörte sie sodann am 27. Februar 2018 ein erstes Mal ausführlich zu ihren
Asylgründen an.
A.b Dabei brachte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, sie
stamme aus C._ und gehöre dem Clan der Ashraf an. Im Jahr 2006
habe sie zum ersten Mal geheiratet. Sie habe vier Kinder aus erster Ehe.
Ab dem Jahr 2013 habe sie auf dem Markt einen Stand mit Esswaren und
Tee betrieben. Ihr Marktstand sei ein Treffpunkt für Beamte und Ausländer,
darunter auch Angehörige der African Union Mission in Somalia (AMISON),
gewesen. Nachdem sie diese Arbeit aufgenommen habe, sei sie mehrfach
von Al Shabab, insbesondere einem ihrer Anführer namens M., behelligt
worden. Sie sei wegen ihrer Arbeitstätigkeit beschimpft, und ihr sei vorge-
worfen worden, durch Geschäfte mit Ungläubigen schmutziges Geld zu
verdienen. Ausserdem habe M. versucht, sie als Selbstmordattentäterin
respektive Bombenlegerin zu rekrutieren. Als sie von einem geplanten At-
tentat im Mai 2014 in der Nähe von D._ erfahren habe, habe sie der
Polizei Meldung erstattet, worauf die Bombe rechtzeitig entschärft worden
sei. Daraufhin habe sie einen wütenden Drohanruf von Al Shabab erhalten.
Sie und ihr Mann, welcher für die Behörden gearbeitet habe, seien als Un-
gläubige beschimpft worden. Ihrem Sohn E._ sei in der Folge eine
Brandwunde an der Hand zugefügt worden. Die Polizei habe ihnen nicht
helfen können. Am 27. Mai 2014 sei ihr Mann von Al Shabab verschleppt
und mutmasslich umgebracht worden. Sie selbst habe weiterhin täglich An-
rufe von Al Shabab erhalten. Zudem sei sie einmal von der Ehefrau von M.
mit einer Waffe bedroht und aufgefordert worden, M. zu heiraten und für Al
Shabab zu kämpfen. Ihre Probleme mit Al Shabab habe sie den Behörden
nicht gemeldet, weil sie und ihre Angehörigen sonst umgebracht worden
wären. Ende Februar/Anfang März 2015 sei sie nach F._ gezogen.
Sie habe jedoch weiterhin telefonische Drohungen von Al Shabab erhalten
und sei zur Zusammenarbeit aufgefordert worden. Auch ihre Mutter sei be-
droht worden, zudem habe Al Shabab die Beschneidung ihrer Töchter be-
fohlen. Sodann habe die Frau von M. ihrer Mutter eine an sie (die Be-
schwerdeführerin) adressierte Vorladung eines Shabab-Gerichts in
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G._ überbracht. Sie sei beschuldigt worden, mit Ungläubigen zu-
sammenzuarbeiten. Da sie nicht zum Gerichtstermin erschienen sei, sei
sie in Abwesenheit zum Tod verurteilt worden. Sie habe sich in der Folge
entschlossen, aus Somalia auszureisen. Sie habe Kontakt mit H._
aufgenommen, welcher seit vielen Jahren in der Schweiz lebe, und diesen
im Juni 2015 (religiös) geheiratet. H._ sei eigens zur Hochzeit nach
F._ gekommen und Ende Juli 2015 wieder in die Schweiz zurück-
gekehrt. Am 10. Januar 2016 sei sie aus Somalia ausgereist. Nach der
Ausreise habe sie von ihrer Mutter erfahren, dass Al Shabab immer noch
anrufe und nach ihr (der Beschwerdeführerin) frage. Dies habe erst aufge-
hört, als ihre Mutter vorgegeben habe, sie sei auf der Reise nach Europa
im Meer ertrunken. Von ihrem zweiten Ehemann H._ sei sie inzwi-
schen nach einem Streit wieder geschieden.
A.c Mit Eingaben vom 13. Juni 2018 und 5. Juli 2018 teilte die Rechtsver-
treterin dem SEM mit, die Beschwerdeführerin habe ihr gegenüber geltend
gemacht, dass sie aufgrund des gemischtgeschlechtlichen Teams bei der
Anhörung vom 27. Februar 2018 nicht alles habe sagen können. Das SEM
führte daher am 10. Oktober 2018 eine zweite Anhörung in einem reinen
Frauenteam durch.
Dabei brachte die Beschwerdeführerin vor, sie habe im Januar 2014 ein
Auto mit Fahrer gemietet, um zum Einkaufen von C._ nach
F._ zu gelangen. Unterwegs seien sie von bewaffneten Strassen-
räubern angehalten worden. Die Räuber hätten sie mehrfach vaginal und
anal vergewaltigt und sie dabei im Intimbereich mit einem Messer schwer
verletzt. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt habe sie sich bei ei-
ner in G._ wohnhaften Freundin erholt und sei danach nach
C._ zurückgekehrt. Al Shabab habe dann im Jahr 2015 irgendwie
von diesem Vorfall erfahren. Deswegen habe sie Mitte Januar 2015 eine
Vorladung des Gerichts in G._ erhalten. Das Gericht habe befun-
den, sie müsse gesteinigt werden, da sie ihren Mann betrogen habe. Eben-
falls im Januar 2015 habe sie einen Anruf eines Shabab-Anführers erhal-
ten. Er habe sie beschuldigt, mit fremden Männern zu schlafen, ihr gedroht
und gesagt, sie müsse vor Gericht erscheinen. Sie habe daraufhin jede
Nacht an einem anderen Ort übernachtet. Am 28. Februar 2015 sei sie
nach G._ gezogen. Danach habe ihre Mutter einen weiteren Brief
erhalten, worin gestanden habe, sie (die Beschwerdeführerin) müsse so-
fort zurückkommen. Die Beschwerdeführerin erwähnte zudem, dass sie
beschnitten sei und auch ihre Töchter beschnitten worden seien.
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A.d Die Beschwerdeführerin reichte im Verlauf des vorinstanzlichen Ver-
fahrens folgende Unterlagen zu den Akten: eine Kopie des B-Ausweises
von H._, ein Foto der Handverletzung ihres Sohnes E._,
eine Bestätigung von (...) vom 7. September 2018 sowie ein Schreiben von
(...) vom 17. September 2018.
B.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 23. August 2019 fest, die Asylvorbrin-
gen der Beschwerdeführerin seien teils unglaubhaft, teils nicht asylrele-
vant. Demzufolge verneinte es die Flüchtlingseigenschaft, lehnte das Asyl-
gesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Infolge Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ordnete das SEM jedoch die vorläu-
fige Aufnahme der Beschwerdeführerin an.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 24. September
2019 beantragte die Beschwerdeführerin, die angefochtene Verfügung sei
bezüglich der Dispositivziffern 1–3 aufzuheben, und es sei die Flüchtlings-
eigenschaft festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. Eventuell sei die Sache
zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer
Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um unent-
geltliche Verbeiständung – unter Beiordnung der Rechtsvertreterin als amt-
liche Rechtsbeiständin.
Der Beschwerde lagen eine Vollmacht vom 23. September 2019 sowie die
angefochtene Verfügung (beide in Kopie) bei.
D.
Mit Eingabe vom 25. September 2019 wurde eine Fürsorgebestätigung
vom 24. September 2019 nachgereicht.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65
Abs. 1 VwVG) gut und verzichtete antragsgemäss auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses. Das Gesuch um unentgeltliche Verbeiständung wurde
ebenfalls gutgeheissen und der Beschwerdeführerin wurde ihre Rechtsver-
treterin als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Zudem wurde das SEM
eingeladen, innert Frist eine Vernehmlassung einzureichen.
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F.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 17. Oktober 2018 vollum-
fänglich an seiner Verfügung fest.
G.
Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 6. November 2019
und bestätigte die in der Beschwerde gestellten Anträgen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für
die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Asylpunkt im
Wesentlichen aus, die Aussagen der Beschwerdeführerin würden mehrere
Ungereimtheiten enthalten und seien zudem teilweise unsubstanziiert und
unplausibel. Sie habe bei der Befragung zur Person (BzP) andere Gründe
für die Verfolgung durch die Shabab geltend gemacht als in den Anhörun-
gen. Auf Vorhalt der Ungereimtheiten sei es ihr nicht gelungen, diese auf-
zulösen. Mehrere Sachverhaltselemente habe sie in der BzP nicht erwähnt
(Vereitelung eines Anschlagversuchs; Versuch, sie zur Heirat mit einem
Shabab-Anführer zu zwingen; Verurteilung durch ein Shabab-Gericht). Auf
entsprechenden Vorhalt habe sie eingewendet, sie habe keine Möglichkeit
gehabt, diese Dinge in der BzP anzusprechen. Dies überzeuge jedoch
nicht. Ferner habe sie in den beiden Anhörungen im Zusammenhang mit
der geltend gemachten Gerichtsvorladung – und verurteilung unterschied-
liche Angaben bezüglich Zustellung, Inhalt und Begründung der Vorladung
gemacht. Aus ihren auf Vorhalt gemachten Erklärungen ergebe sich kein
nachvollziehbares Bild der Ereignisse, zumal die geltend gemachte Verfol-
gung durch die Shabab auch nicht plausibel sei. Insgesamt sei aus diesen
Gründen nicht glaubhaft, dass die Beschwerdeführerin von der Shabab-
Miliz verfolgt und zum Tode verurteilt worden sei und auch heute noch eine
gezielte Verfolgung zu befürchten hätte. An dieser Einschätzung würden
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die eingereichten Beweismittel nichts ändern. Des Weiteren sei festzustel-
len, dass die geltend gemachte Genitalbeschneidung in keinem Zusam-
menhang zur Ausreise stehe und deswegen auch keine zukünftige Verfol-
gung zu befürchten sei. Dieses Vorbringen sei daher nicht asylrelevant. Die
Flüchtlingseigenschaft sei nach dem Gesagten zu verneinen und das Asyl-
gesuch abzulehnen.
4.2 In der Beschwerde werden zunächst der Sachverhalt und die Prozess-
geschichte wiederholt. Dabei wird angefügt, Al Shabab habe die Bevölke-
rung am Herkunftsort der Beschwerdeführerin über die Vergewaltigung in-
formiert. Ihr Stamm habe sie daraufhin verstossen, da sie dessen Ansehen
beschmutzt habe. Ihr Onkel habe ihr mitgeteilt, es wäre besser gewesen,
wenn sie bei diesem Überfall gestorben wäre. Ihre Kinder und ihre Mutter
seien beschimpft und erniedrigt worden. Sodann wird auf die Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts zum Thema frauenspezifische Ver-
folgung in Somalia, namentlich BVGE 2014/27 sowie das Urteil
D-2743/2016 vom 2. Juli 2018 verwiesen und geltend gemacht, es liege im
vorliegenden Fall eine asylbeachtliche geschlechtsspezifische Verfolgung
vor. Die von der Beschwerdeführerin erlittene Vergewaltigung sei glaubhaft
und vom SEM nicht angezweifelt worden. Auch die familiären Verhältnisse
der Beschwerdeführerin (Tode des Vaters, fehlende [erwachsene] männli-
che Familienmitglieder, Tod des ersten Ehemannes, Clanzugehörigkeit)
seien unbestritten. Die Beschwerdeführerin gehöre einem Minderheitsclan
(Ashraf) an. Ohnehin müssten vergewaltigte Frauen damit rechnen, von
ihrem Clan verstossen zu werden (Verweis auf die Schnellrecherche der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH] vom 28. August 2017 zu Somalia:
Situation von vergewaltigten Frauen). Dies sei vorliegend geschehen. Es
bestünden somit mehrere frauenspezifische Risikofaktoren: Die Beschwer-
deführerin sei Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt geworden und
danach sozial ausgegrenzt worden. Für weitere potentielle Täter gelte sie
nun als «Freiwild». Dazu komme, dass sie als alleinstehende, verwitwete
Frau ohne erwachsene männliche Familienmitglieder keinen Schutz durch
die Kernfamilie geniesse und von ihrem Clan – welcher ohnehin nur ein
Minderheitsclan sei – verstossen worden sei. Es bestehe daher eine kon-
krete Gefahr, dass sie erneut Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt
würde. Hinsichtlich der Frage der Glaubhaftigkeit der geltend gemachten
Verfolgung durch Al Shabab wird sodann vorgebracht, die Vorinstanz habe
keine objektive Gesamtwürdigung aller für und gegen die Glaubhaftigkeit
sprechenden Elemente vorgenommen. Ausserdem habe das SEM in Ver-
letzung der ihm obliegenden Prüfungspflicht die vorhandenen Indizien für
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eine bestehende Traumatisierung (Verweis auf die Anmerkungen der Hilfs-
werkvertretung zu den Anhörungen) nicht berücksichtigt und es unterlas-
sen, ein psychiatrisches Gutachten anzuordnen oder die Beschwerdefüh-
rerin zumindest aufzufordern, einen Arztbericht einzureichen. Bezüglich
der angeblichen Widersprüche sei vorab darauf hinzuweisen, dass die Be-
schwerdeführerin nur eine geringe Schulbildung aufweise und ihr der Ab-
lauf des Asylverfahrens fremd gewesen sei. Es sei das erste Mal gewesen,
dass sie mit jemandem über ihre traumatischen Erlebnisse gesprochen
habe. Anlässlich der BzP sei sie mehrfach aufgefordert worden, sich kurz
zu halten. Zudem sei der Sachverhalt komplex. Es lägen ausserdem An-
zeichen für eine bestehende Traumatisierung vor. All dies vermöge zu er-
klären, weshalb die Beschwerdeführerin ihre Asylgründe in der BzP nur
bruchstückhaft vorgetragen habe. Beim vermeintlichen Widerspruch be-
treffend die Sprengung des Verkaufsstandes handle es sich mutmasslich
lediglich um eine ungenaue Übersetzung oder ein Missverständnis. Es sei
sodann nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin die Schreiben des
Shabab-Gerichts in G._ weder in der BzP noch in der ersten Befra-
gung erwähnt habe, da diese nicht in einem gleichgeschlechtlichen Team
stattgefunden hätten, die erwähnten Schreiben jedoch in direktem Zusam-
menhang mit der bekannt gewordenen Vergewaltigung stünden. Dies er-
kläre, weshalb in Bezug auf die erhaltenen Briefe Unklarheiten entstanden
seien. Ferner seien die Schilderungen der Beschwerdeführerin bezüglich
die Verfolgung durch Al Shabab entgegen der Auffassung der Vorinstanz
ausführlich und authentisch ausgefallen und enthielten zahlreiche Real-
kennzeichen. Das spezielle Interesse von Al Shabab sei plausibel gemacht
worden. Die Verfolgungsvorbringen seien als glaubhaft zu erachten. Die
Beschwerdeführerin habe aufgrund der Drohungen durch Al Shabab unter
unerträglichem psychischen Druck gelitten und ernsthafte Nachteile erlit-
ten. Sie sei zum Tode verurteilt worden. Bei einer Rückkehr nach Somalia
müsse sie um ihr Leben fürchten. Sie sei daher als Flüchtling anzuerken-
nen, und es sei ihr Asyl zu gewähren. Hinsichtlich des Eventualantrags auf
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz wird sodann vorgebracht, das
SEM habe sich nicht zur geschlechtsspezifischen Verfolgung (Vergewalti-
gung), welche die Beschwerdeführerin erlitten habe, geäussert und damit
den Sachverhalt nicht korrekt gewürdigt. Infolge dieser Verletzung des Ge-
hörsanspruchs sei die vorinstanzliche Verfügung zu kassieren.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, die geltend gemachte
Vorverfolgung durch Al Shabab sei ungeachtet der Vorbringen in der Be-
schwerde nach wie vor als unglaubhaft zu erachten. Die Beschwerdefüh-
rerin habe erst auf Beschwerdeebene konkrete Probleme mit ihrem
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Clan/Stamm geltend gemacht. Dem SEM gegenüber habe sie weder die
Aussage des Onkels, wonach es besser gewesen wäre, wenn sie beim
Überfall gestorben wäre, noch die Verstossung durch den Clan erwähnt.
Die Beschwerdeführerin verunmögliche durch ihre unglaubhaften Aussa-
gen betreffend die Vorverfolgung eine abschliessende Beurteilung ihres
Gefährdungsprofils respektive könne nicht davon ausgegangen werden,
dass sie ein Gefährdungsprofil im Sinne von BVGE 2014/27 aufweise. Ihr
Fall sei nicht mit den in der Beschwerde zitierten Einzelfällen zu verglei-
chen.
4.4 In der Replik wird entgegnet, die Beschwerdeführerin habe in der er-
gänzenden Anhörung glaubhaft die gesellschaftlichen Folgen einer Verge-
waltigung nach deren Bekanntwerden angesprochen und gesagt, dies
gelte als Schande (Verweis auf A30 F56). Nach dem Bekanntwerden ihrer
Vergewaltigung sei sie von Al Shabab bedroht und damit verfolgt worden
(Drohanrufe; Vorladung vor das Gericht in Dinsor). Nach ihrer Flucht nach
F._ sei sie weiterhin telefonisch bedroht worden, zudem sei ihrer
Mutter ein weiterer Brief der Shabab ausgehändigt worden. Die Mutter sei
bedroht worden, und es sei die Rückkehr der Beschwerdeführerin gefor-
dert worden. Vor diesem Hintergrund sei nachvollziehbar, dass die Be-
schwerdeführerin in der ergänzenden Anhörung primär auf die Verfolgung
seitens von Al Shabab eingegangen sei, welche auch der unmittelbare
Auslöser für ihre Flucht gewesen sei. Nach der in der ergänzenden Anhö-
rung gestellten Frage, inwieweit «dieser Gewaltakt» das Leben der Be-
schwerdeführerin verändert habe (vgl. A30 F56), seien dazu seitens des
SEM keine weiteren Fragen mehr gestellt worden. Wie in der Beschwerde
erwähnt worden sei, gelte eine Vergewaltigung als Schande und habe Stig-
matisierung und Ausgrenzung zur Folge. Es sei naheliegend, dass die Be-
schwerdeführerin durch ihren Clan verstossen worden sei, auch wenn sie
dazu von sich aus keine detaillierten Angaben gemacht habe. Das SEM
wäre verpflichtet gewesen, den diesbezüglichen Sachverhalt in der ergän-
zenden Anhörung mittels konkreter Fragen hinreichend abzuklären. Entge-
gen dessen Auffassung weise die Beschwerdeführerin ein Gefährdungs-
profil im Sinne von BVGE 2014/17 (recte: BVGE 2014/27) auf.
5.
Die Beschwerdeführerin rügt, die Vorinstanz habe den rechtserheblichen
Sachverhalt ungenügend geprüft und gewürdigt und damit ihren Anspruch
auf rechtliches Gehör verletzt (vgl. Ziff. II.3 der Beschwerdebegründung).
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Seite 10
5.1 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs wird von der Bundesverfassung
garantiert (Art. 29 Abs. 2 BV) und in den Art. 26–35 VwVG konkretisiert. Er
umfasst verschiedene Verfahrensgarantien, namentlich das Recht, mit den
eigenen Begehren angehört zu werden, Einblick in die Akten zu erhalten
und zu den für die Entscheidung wesentlichen Punkten Stellung nehmen
zu können. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sach-
aufklärung und stellt andererseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwir-
kungsrecht der Parteien dar. Der Gehörsanspruch beinhaltet die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Be-
troffenen sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu
berücksichtigen (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Daraus folgt die grundsätzliche
Pflicht der Behörden, sich mit den wesentlichen Vorbringen des Rechtssu-
chenden zu befassen und Entscheide zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG;
vgl. zum Ganzen: BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
5.2 Die Beschwerdeführerin machte geltend, das SEM habe sich nicht zur
geschlechtsspezifischen Verfolgung (Vergewaltigung), welche sie erlitten
habe, geäussert und damit den Sachverhalt nicht korrekt gewürdigt.
5.2.1 In BVGE 2014/27 hat das Bundesverwaltungsgericht nach eingehen-
der Analyse festgestellt, dass für alleinstehende Frauen und Mädchen in
Somalia, welche nicht unter dem Schutz eines männlichen Familienmit-
glieds stehen, ein hohes Risiko bestehe, Opfer gezielter geschlechtsspezi-
fischer Verfolgung zu werden, dies insbesondere dann, wenn sie einem
Minderheitenclan angehören oder intern vertrieben sind. Die konsultierten
Berichte zur Situation von Mädchen und Frauen in Somalia zeichneten ein
erschreckendes Bild von Missbrauch und Gewalt, welche gleichermassen
von Angehörigen der Al-Shabaab-Miliz wie auch von Soldaten der Regie-
rungstruppen, von Lagervorstehern in IDP-Lagern, ja sogar von Soldaten
der internationalen Schutztruppen ausgehen würden. Die somalischen Be-
hörden könnten diese Frauen nicht schützen, und ein gewisser Schutz
könne einzig von den Clan-Strukturen oder von der eigenen Kernfamilie
ausgehen, was Frauen aus Minderheitenclans und Alleinstehende ohne
männliche Familienangehörige besonders verletzlich mache (vgl. BVGE
2014/2 E. 5.2 - 5.4).
5.3 Im vorliegenden Fall bestehen ungeachtet der Frage der Glaubhaf-
tigkeit der geltend gemachten Verfolgung durch Al Shabab deutliche Hin-
weise darauf, dass die Beschwerdeführerin mehrere der vorstehend ge-
nannten Risikofaktoren erfüllt und damit als «besonders verletzlich» im
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Sinne von BVGE 2014/27 zu erachten ist. Es ist dabei vorab darauf hinzu-
weisen, dass namentlich der in BVGE 2014/27 genannte Risikofaktor der
internen Vertreibung – welcher aufgrund der Aktenlage im vorliegenden
Fall wohl zu verneinen wäre – nicht kumulativ zu den anderen Risikofakto-
ren erfüllt sein muss, damit die besondere Verletzlichkeit bejaht werden
kann (vgl. dazu bereits die Regeste Ziff. 1 von BVGE 2014/27).
5.3.1 Den Angaben der Beschwerdeführerin zufolge sind sowohl ihr Vater
als auch ihr erster Ehemann (der Vater ihrer Kinder) verstorben. Sie hat
keine Brüder, und sie erwähnt auch keine anderweitigen, ihr nahestehen-
den (erwachsenen) männlichen Verwandten. Der in der Beschwerde zi-
tierte Onkel (vgl. Beschwerde S. 4) scheint ihr nicht wohlgesinnt zu sein.
Von ihrem zweiten, in der Schweiz wohnhaften Mann (religiös angetraut)
hat sich die Beschwerdeführerin wieder getrennt. Somit bestehen Hinweise
darauf, dass es sich bei der Beschwerdeführerin um eine alleinstehende
Frau handelt, welche über keine (erwachsenen) männlichen Familienan-
gehörigen verfügt, die sie bei Bedarf schützen könnten.
5.3.2 Die Beschwerdeführerin gehört den Akten zufolge dem Clan der Ash-
raf an. Die vorherrschenden Clans in der Herkunftsregion der Beschwer-
deführerin (C._) sind Digil und Mirifle (Clanfamilie: Rahanweyn).
Der Clan der Ashraf gehört formal weder zur Clanfamilie der Rahanweyn
noch zu einer anderen übergeordneten Clanfamilie und wird daher häufig
als Minderheit kategorisiert. Immerhin pflegt der Sub-Clan der Beschwer-
deführerin (Ashraf-Hassan) gute Beziehungen zu den Leysan, einem Sub-
Clan der Mirifle (vgl. dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Rahanweyn; Ca-
nada Immigration and Refugee Board, 1. März 1999, “Somalia: Location of
Dinsor, the dominant clans in the area, whether there has been fighting and
current situation”, https://www.refworld.org/docid/3ae6aafa5c.html; Can-
ada Immigration and Refugee Board, 23. November 2010, “Somalia: Infor-
mation in the Ashraf clan”, https://www.refworld.org/docid/4e43af802.html;
ACCORD, “Clans in Somalia”, Dezember 2009, S. 22,
https://www.ecoi.net/en/file/local/1001420/90_1261131016_accord-ber-
icht-clans-in-somalia-ueberarbeitete-neuausgabe-20091215.pdf). Im Er-
gebnis muss aber festgestellt werden, dass die Beschwerdeführerin kei-
nem der an ihrem Herkunftsort einflussreichen Hauptclans angehört.
5.3.3 Im Zusammenhang mit der Frage, ob die Beschwerdeführerin im
Falle einer zukünftigen geschlechtsspezifischen Verfolgung auf den Schutz
eines Clans zählen könnte, ist sodann zu berücksichtigen, dass sie in der
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ergänzenden Anhörung geltend machte, sie sei im Jahr 2014 von Stras-
senräubern vergewaltigt und im Intimbereich mit einem Messer verletzt
worden, und die Vergewaltigung sei später in ihrem sozialen Umfeld be-
kannt geworden. Bezüglich der erlittenen Verletzungen im Analbereich
reichte sie zwei ärztliche Schreiben zu den Akten. Das SEM hat sich in der
angefochtenen Verfügung nicht zu diesem Sachverhaltselement geäussert
und diese Vorbringen insbesondere auch nicht auf ihre Glaubhaftigkeit hin
überprüft. Falls diese Vorbringen als glaubhaft erachtet würden, hätte dies
entscheidende Auswirkungen auf die Beurteilung der Frage, ob die Be-
schwerdeführerin im Falle ihrer Rückkehr nach Somalia Schutz durch ei-
nen Clan erwarten könnte; denn wie in der Beschwerde unter Verweis auf
die Schnellrecherche der SFH vom 28. August 2017 zu Somalia («Situation
von vergewaltigten Frauen») zu Recht vorgebracht wird, gilt eine Verge-
waltigung als Schande und vergewaltigte Frauen werden stigmatisiert und
müssen damit rechnen, von ihrem Clan verstossen zu werden.
5.4 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung zwar erwähnt, dass die
Beschwerdeführerin Opfer einer Vergewaltigung geworden sei und ausser-
dem eine Genitalbeschneidung erlitten habe, hat dann aber in den Erwä-
gungen lediglich festgestellt, die Genitalverstümmelung sei infolge fehlen-
den Kausalzusammenhangs nicht asylrelevant. Hingegen hat es die Vorin-
stanz trotz Vorliegens der genannten aktenkundigen Hinweise gänzlich un-
terlassen, in den Erwägungen zum Asylpunkt in Anwendung der Recht-
sprechung gemäss BVGE 2014/27 zu prüfen (und bei Bedarf vorher näher
abzuklären), ob und wenn ja welche der in BVGE 2014/27 genannten Risi-
kofaktoren die Beschwerdeführerin erfüllt und ob sie demnach allenfalls als
besonders verletzliche Person zu qualifizieren ist, welche im Falle einer
Rückkehr nach Somalia begründete Furcht hat, einer (erneuten) ge-
schlechtsspezifischen, asylbeachtlichen Verfolgung ausgesetzt zu werden.
Die Vorinstanz hat dabei insbesondere auch die in der ergänzenden Anhö-
rung geltend gemachte Vergewaltigung sowie deren soziale Auswirkungen
mit keinem Wort gewürdigt.
5.5 Es ist damit festzustellen, dass die Vorinstanz im Rahmen ihrer Ent-
scheidfindung die wesentlichen Asylvorbringen der Beschwerdeführerin
nicht genügend sorgfältig und ernsthaft geprüft und gewürdigt und damit
den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt hat.
6.
Die Verletzung des rechtlichen Gehörs führt grundsätzlich – das heisst un-
geachtet der materiellen Auswirkungen – zur Aufhebung des ergangenen
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Seite 13
Entscheides. Eine Heilung der Gehörsverletzung auf Beschwerdeebene ist
im vorliegenden Fall nicht in Betracht zu ziehen, da die Gehörsverletzung
relativ schwer wiegt und überdies die rudimentären Ausführungen des
SEM zur Frage des Gefährdungsprofils der Beschwerdeführerin im Rah-
men der Vernehmlassung (vgl. dazu vorstehend E. 4.3) den Anforderungen
an die Prüfungs- und Begründungspflicht offensichtlich nicht zu genügen
vermögen.
7.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen, soweit damit die
Aufhebung der Dispositivziffern 1-3 der vorinstanzlichen Verfügung vom
23. August 2019 beantragt wird. Die entsprechenden Dispositivziffern der
vorinstanzlichen Verfügung sind demnach aufzuheben, und die Sache ist
zur erneuten Prüfung und Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Bei diesem Verfahrensausgang erübrigt es
sich, auf die weiteren Anträge und Beschwerdevorbringen näher einzuge-
hen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde
keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten auf-
grund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE)
ist der Beschwerdeführerin zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädi-
gung von insgesamt Fr. 1200.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-4936/2019
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