Decision ID: fd4eea74-af5f-5b23-bdc3-ada885202d48
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) war durch ihre Anstellung bei der B._ AG bei
der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva) gegen die Folgen
von Unfällen versichert, als sie am 10. September 2018 auf einem Fussgängerstreifen
zusammen mit ihrem Sohn von einem Personenwagen angefahren wurde und dabei
auf den rechten Ellbogen stürzte (Suva-act. 1, 39). Eine Erstbehandlung fand am
Unfalltag in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG)
durch Dr. med. C._ statt, gegenüber dem die Versicherte zudem über Schmerzen im
Bereich des linken Unterschenkels klagte. Nach Röntgenuntersuchungen des rechten
Ellbogens und linken Unterschenkels ohne Nachweis von Frakturen stellte Dr. C._ die
Diagnose einer Ellbogenkontusion rechts (Suva-act. 6). Durch Hausärztin Dr. med.
D._, Fachärztin für Allgemeinmedizin FMH, wurde der Versicherten ab 10. September
2018 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (Suva-act. 9-2). Mit Schreiben vom
16. Oktober 2018 sprach die Suva der Versicherten für die Folgen des
Nichtberufsunfalls vom 10. September 2018 die gesetzlichen Leistungen
(Heilbehandlung und Taggeld) zu (Suva-act. 12).
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wegen zunehmender Lendenschmerzen wurden bei der Versicherten auf
Zuweisung von Dr. D._ am 3. Oktober 2018 im Röntgeninstitut E._, Diagnostic
Center F._, Röntgenuntersuchungen der Lendenwirbelsäule (LWS) und des Beckens
durchgeführt. Dabei zeigten sich eine rechtskonvexe Rotationsskoliosefehlhaltung der
mittleren und unteren LWS, jedoch kein Hinweis auf eine frakturverdächtige Läsion,
und ein leichter Beckenschiefstand (ca. 5 mm Seitendifferenz zu Ungunsten der
rechten Seite), jedoch auch hier normale ossäre Strukturen im Beckenskelett (Suva-act.
47). Am 8. Oktober 2018 stellte Dr. D._ bei der Verdachtsdiagnose von
Lendenschmerzen bei Schiefhaltung des Iliosakralgelenks (ISG) rechts bei Status nach
Autounfall eine Physiotherapieverordnung aus (Suva-act. 21). Am 10. Oktober 2018
wurde die Versicherte in der Klinik G._ durch Dr. med. H._, Facharzt Psychiatrie
und Psychotherapie, Chefarzt, und Dr. med. I._, Oberärztin, untersucht, welche die
Verdachtsdiagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung im Rahmen des
Verkehrsunfalls (ICD-10: F43.1) sowie die Diagnose eines Nagelbeissens (ICD-10:
F98.8) stellten und als weiteres Procedere die Einleitung einer
Gesprächspsychotherapie sowie eine Anpassung und Optimierung der
medikamentösen Therapie empfahlen (act. G 1.5; vgl. dazu auch die Überweisung an
die Klinik G._ durch Dr. med. J._, Facharzt für Allgemeinmedizin [D] FMH, St.
Gallen [Suva-act. 57]). Am 5. November 2018 wurde bei der Versicherten auf
Veranlassung von Dr. D._ im Röntgeninstitut E._ eine MRT-Untersuchung der LWS
durchgeführt, welche eine vermehrte Flüssigkeit in den Intervertebralgelenken L3/4 und
L4/5 im Sinne einer mässigen Überlastungsreaktion der Intervertebralgelenke auf
diesen beiden Niveaus, ansonsten jedoch eine normale Darstellung der Bandscheiben,
insbesondere ohne Hinweis auf eine neurale Kompression, eine normale übrige
Wirbelsäule sowie auch normale paravertrebrale Weichteile zur Darstellung brachten
(Suva-act. 34). Am 27. November 2018 reichte Dr. D._ einen ärztlichen
Zwischenbericht mit den Diagnosen Angstzustand und depressive Verstimmung nach
Autounfall, Status nach Kontusion Ellbogen rechts und Unterschenkel, Lumbalgien bei
Flüssigkeitsansammlung L3/L4 und L4/L5 bei Status nach Sturz mit Kontusion ein. Im
Weiteren hielt sie fest, dass sich die Versicherte weiterhin in psychiatrischer
Behandlung befinde, die LWS verzögert heile und die psychische Belastung persistiere
(Suva-act. 17). Dr. D._ attestierte der Versicherten weiterhin eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 13 ff., 18). Am 18. Dezember 2018 wurde die Versicherte
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates
des KSSG durch Dr. med. K._, Oberarzt, und Dr. med. L._, Assistenzarzt,
untersucht, welche die Diagnose unspezifischer Lendenschmerzen links bei
Auffahrtrauma durch PKW am 10. September 2018 stellten (act. G 1.4). Mit einem
ärztlichen Zwischenbericht vom 15. Januar 2019 teilte Dr. D._ mit, dass die
Physiotherapie keine Besserung gebracht habe. Die Lendenbeschwerden seien nicht
besser und die Versicherte sei psychisch immer noch sehr belastet (Suva-act. 24). Dr.
D._ bescheinigte weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 25 f., 29, 38).
Am 25. Januar 2019 wurde die Versicherte durch Dr. med. M._, Chiropraktor SCG/
ECU, untersucht, der ein unfallbedingtes lumbovertebrales Syndrom, einen Status nach
Becken- und LWS-Kontusion infolge Autounfall, eine statische Haltungsinsuffizienz und
Tendenz zu psychosomatischer Überlagerungssymptomatik diagnostizierte (Suva-act.
45). Anlässlich einer Besprechung mit der Suva berichtete die Versicherte, dass ihr
rechter Ellbogen wieder geheilt sei, nicht jedoch die Rücken- und Beinschmerzen
(Suva-act. 31). Am 4. März 2019 reichte Dr. M._ einen ärztlichen Zwischenbericht mit
folgenden Diagnosen ein: Becken- sowie LWS-Kontusion infolge Autounfall; seither
linksseitige Becken- sowie LWS-Schmerzproblematik; psychosomatische
Überlagerungsproblematik; Schmerzverarbeitungsstörung? (Suva-act. 39). Dr. D._
bescheinigte weiterhin eine 100%ige- Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 51). Am 11. April
2019 reichten Dr. H._ und Dr. I._ der Suva einen Bericht ein. Als Datum der letzten
Kontrolle nannten sie darin den 28. März 2019 und als Diagnosen eine
Anpassungsstörung mit Angst und Depression, gemischt (ICD-10: F43.22), und ein
Schmerzsyndrom links, Punktum maximum Lendenbereich mit Ausstrahlungen in die
linke (untere) Extremität (Suva-act. 55).
Am 22. Mai 2019 nahm Suva-Kreisarzt Dr. med. N._, Allgemeine Innere Medizin,
zu den Fragen Stellung, ob zwischen den aktuellen Beschwerden der Versicherten und
dem Unfall vom 10. September 2018 noch ein natürlicher Kausalzusammenhang
bestehe und falls nein, seit wann nicht mehr (Suva-act. 61). Gestützt auf die
kreisärztliche Beurteilung stellte die Suva mit Verfügung vom 11. Juni 2019 die
Versicherungsleistungen per 18. Juni 2019 ein. Der Zustand der Rückenbeschwerden
der Versicherten, wie er sich auch ohne den Unfall vom 10. September 2018 eingestellt
hätte, sei gemäss medizinischer Beurteilung spätestens am 10. März 2019 erreicht
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
C.
gewesen. Aktuell würden keine behandlungsbedürftigen Unfallfolgen mehr vorliegen.
Die jetzt noch geklagten Beschwerden seien organisch als Folge des erlittenen Unfalls
nicht mehr erklärbar. Gemäss fachlicher Beurteilung seien psychische Gründe dafür
verantwortlich. Weil das Unfallereignis höchstens als mittelschwer eingestuft werden
könne und die weiteren relevanten Begleitumstände fehlten, stünden die Auswirkungen
der psychischen Gründe zum Unfall nicht in einem rechtserheblichen Zusammenhang
und seien nicht durch den Unfallversicherer zu entschädigen (Suva-act. 66). Im
Zeitpunkt des Verfügungserlasses war die Versicherte durch Dr. I._ zu 100 %
arbeitsunfähig geschrieben (Suva-act. 77).
Mit Eingabe vom 2. Juli 2019 erhob die Versicherte, vertreten durch Dr. iur. F.
Teichmann, St. Gallen, gegen die Verfügung vom 11. Juni 2019 Einsprache (Suva-act.
80).
B.a.
Nach Einholung einer kreisärztlichen Beurteilung von Dr. N._ (Suva-act. 84) wies
die Suva die Einsprache mit Entscheid vom 22. Juli 2019 ab (Suva-act. 86).
B.b.
Gegen den Einspracheentscheid erhob Rechtsanwalt Teichmann für die
Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) mit Eingabe vom 6. September 2019
Beschwerde mit folgenden Anträgen: 1. Der Einspracheentscheid vom 22. Juli 2019 sei
aufzuheben und der Beschwerdeführerin seien weiter die Suva-Taggelder zu
entrichten. 2. Eventualiter sei der Sachverhalt zwecks weiterer Abklärungen
zurückzuweisen und alsdann seien der Beschwerdeführerin weitere Suva-Taggelder zu
entrichten. 3. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge (zuzüglich Mehrwertsteuer)
zu Lasten der Suva (nachfolgend: Beschwerdegegnerin). 4. Es sei der
Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und es sei ihr in
der Person des Unterzeichneten ein unentgeltlicher Rechtsbeistand beizugeben (act.
G1). Zusammen mit der Beschwerde reichte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin verschiedene Unterlagen sowie eine Kostenvorschussrechnung
über insgesamt Fr. 5'258.45 ein (act. G 1.1-11).
C.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin bestreitet beschwerdeweise namentlich
nur die Rechtmässigkeit der Einstellung der Taggelder per 18. Juni 2019, obwohl die
Beschwerdeführerin gemäss Akten offensichtlich nach dem
Leistungseinstellungsdatum auch Heilbehandlungen in Anspruch nahm (vgl. G 1.6, G
13.1.1). Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
auch einen Leistungsanspruch auf Heilbehandlung geltend macht. Strittig und zu
prüfen ist demnach im vorliegenden Fall, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht einen
In der Beschwerdeantwort vom 27. September 2019 beantragte die
Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. B. Frischkopf, Sursee, die
Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei (act. G 6).
C.b.
Mit Schreiben vom 2. Oktober 2019 entsprach die verfahrensleitende Richterin
dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verfahren vor
Versicherungsgericht (act. G 7).
C.c.
Mit Replik vom 4. Dezember 2019 hielt der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin an den Anträgen Ziff. 1. und 2. aus der Beschwerde fest. Anstelle
der Beschwerdeanträge Ziff. 3. und 4. beantragte er: 3. Alles unter Kosten-und
Entschädigungsfolge (zuzüglich Mehrwertsteuer) zu Lasten der Beschwerdegegnerin
resp. des Staates infolge bewilligter unentgeltlicher Rechtspflege sowie
Rechtsverbeiständung (act. G 13). Zusammen mit der Replik reichte er einen
Erstkonsultationsbericht von Dr. med. O._, Leitender Arzt des Schmerzzentrums des
KSSG, vom 10. Oktober 2019 ein (act. G 13.1.1).
C.d.
Mit Schreiben vom 20. Dezember 2019 hielt der Rechtsvertreter der
Beschwerdegegnerin ihrerseits an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest
und verzichtete auf eine ausführliche Duplik (act. G 15).
C.e.
Mit Schreiben vom 27. Oktober 2020 (act. G 17) reichte die die
Beschwerdeführerin vertretende Rechtsanwaltskanzlei eine Kostennote über insgesamt
Fr. 3'220.25 ein (act. G 17.1).
C.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anspruch der Beschwerdeführerin auf Versicherungsleistungen über den 18. Juni 2019
hinaus abgelehnt hat.
2.
Der Anspruch auf Leistungen der Unfallversicherung setzt zunächst einen Unfall im
Sinne von Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) voraus. Als solcher gilt eine plötzliche,
nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors
auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen oder
geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. Ist die versicherte Person infolge des
Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG), so hat sie Anspruch auf ein
Taggeld (Art. 16 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG; SR
832.20]). Sie hat zudem Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen
(Art. 10 UVG). Angesichts dieser gesetzlichen Bestimmungen bildet die Unfallkausalität
Anspruchsvoraussetzung für Heilkosten- und Taggeldleistungen der
Unfallversicherung. Eine Leistungspflicht des Unfallversicherers besteht demnach nur
für Gesundheitsschäden, die natürlich und adäquat kausal mit einem versicherten
Unfallereignis zusammenhängen (BGE 129 V 181 E. 3.1 f. mit Hinweisen; André
Nabold, N 48 ff. zu Art. 6, in: Marc Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, Kommentar zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, 2018
[nachfolgend zitiert: KOSS UVG]; Irene Hofer, N 63 ff. zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-
Fellay/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli [Hrsg.], Unfallversicherungsgesetz, Basler
Kommentar, 2019 [nachfolgend zitiert: BSK UVG]; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre
Holzer, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer
[Hrsg.], Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl.
2012, S. 53 ff.). Für die Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher
Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf
Angaben ärztlicher Experten und Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht
nach den von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist (BGE 129 V 181
E. 3.1; Urteil des Bundesgerichts vom 1. September 2008, 8C_522/2007, E. 4.3.2;
KOSS UVG-Nabold, N 53, 59 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 66, 74 zu Art. 6; Rumo-
Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55, 58). Im Bereich klar ausgewiesener organischer
Unfallfolgen im Sinn von nachweisbaren strukturellen Veränderungen spielt die
Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem natürlichen Kausalzusammenhang
sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine Rolle, da sich hier die
adäquate weitgehend mit der natürlichen deckt (vgl. BGE 134 V 111 E. 2, 127 V 103 E.
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5b/bb, 117 V 365 mit Hinweisen; SVR 2000 UV Nr. 14 S. 45; BSK UVG-Hofer, N 80 zu
Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S.58 f.). Sind dagegen die Unfallfolgen organisch
nicht (hinreichend) fassbar, bewirkt die Bejahung der natürlichen Kausalität nicht
automatisch auch die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs. In diesen
Fällen ist eine eigenständige Adäquanzbeurteilung nach der Rechtsprechung gemäss
BGE 115 V 133, E. 6c/aa vorzunehmen. Ob ein natürlicher Kausalzusammenhang
gegeben ist, beurteilt sich nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit; die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs
genügt für die Begründung eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit
Hinweisen; Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts,
4. Aufl. 2014, § 70 N 58).
Ein einmal bestehender natürlicher Kausalzusammenhang zwischen einem Unfall
und einem Gesundheitsschaden kann mit dem Zeitablauf wieder wegfallen. Damit
endet die Leistungspflicht des Unfallversicherers. Bei einer vollständigen Heilung der
Unfallfolgen wird der Zustand, wie er unmittelbar vor dem Unfallereignis bestanden hat,
wieder erreicht (Status quo ante; KOSS UVG-Nabold, N 54 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer,
N 71 zu Art. 6). Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche
Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sein (Urteil des Bundesgerichts vom 6. August 2008, 8C_101/2008, E.
2.2; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 4; Locher/Gächter, a.a.O., § 70 N 58 f.).
2.2.
Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (BGE
125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen; vgl. auch BGE 130 I 183 f. E. 3.2).
Dieser schliesst eine Beweislast im Sinn der Beweisführungslast begriffsnotwendig aus.
Die Parteien tragen aber eine Beweislast insofern, als im Fall der Beweislosigkeit der
Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesenen Sachverhalt
Rechte ableiten wollte. Wird also auf dem Wege der Beweiserhebung der Wegfall des
Kausalzusammenhangs nicht wenigstens mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit erstellt, so hat dieser als unbewiesen zu gelten, was sich zu Lasten
des Unfallversicherers auswirkt (BGE 129 V 177 E. 3.1, 117 V 360 E. 4a, je mit
Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 6. August 2008, 8C_101/2008, E. 2.2.;
Locher/Gächter, a.a.O., § 70 N 58 f.; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 4, 54 f.). Dieser
muss jedoch nicht den Beweis für unfallfremde Ursachen erbringen. Ebenso wenig
geht es darum, vom Unfallversicherer den negativen Beweis zu verlangen, dass kein
Gesundheitsschaden mehr vorliege oder dass die versicherte Person nun bei voller
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Gesundheit sei (Urteil des Bundesgerichts vom 29. April 2008, 8C_465/2007, E. 3.1 mit
Hinweisen).
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
auch die beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten oder der Expertin begründet sind.
Ausschlaggebend für den Beweiswert eines ärztlichen Gutachtens ist grundsätzlich
weder die Herkunft noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen
Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a). Auch Berichte und
Gutachten, welche die Versicherungen während des Administrativverfahrens von ihren
eigenen Ärzten und Ärztinnen einholen, können beweistauglich sein. An die
Beweiswürdigung der Beurteilungen versicherungsinterner Ärzte und Ärztinnen sind
indes strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an deren
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE
135 V 469 f. E. 4.4. mit Hinweis; bestätigt in Urteil des Bundesgerichts vom 23.
November 2012, 8C_592/2012, E. 5.3). Die Rechtsprechung erachtet sodann reine
Aktengutachten als beweiskräftig, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im
Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden
medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der
versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteil des Bundesgerichts vom 18. Juni
2014, 9C_196/2014, E. 5.1.1). Angesichts der obigen Darlegungen sprechen keine
formell-rechtlichen Gründe gegen den Einbezug der Aktenbeurteilungen von Suva-
Kreisarzt Dr. N._ vom 22. Mai 2019 (Suva-act. 61) und 12. Juli 2019 (Suva-act. 84).
2.4.
Die Beschwerdegegnerin hat unbestrittenermassen anerkannt, dass die
Beschwerdeführerin am 10. September 2018 einen Unfall im Sinne des Gesetzes mit
schädigenden Einwirkungen auf den Körper erlitten hat und hat ihr mit Schreiben vom
16. Oktober 2018 Heilkosten- und Taggeldleistungen zugesichert (Suva-act. 12). Mit
Einspracheentscheid vom 22. Juli 2019 (Suva-act. 86) bzw. der diesem zugrunde
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Laut Untersuchungsbericht über die am 10. September 2018 in der ZNA des KSSG
erfolgte Erstbehandlung klagte die Beschwerdeführerin über Schmerzen im Bereich
des linken Unterschenkels (Suva-act. 6). In sämtlichen nachfolgenden aktenkundigen
Arztberichten ist jedoch in Bezug auf das linke Bein weder eine konkrete medizinische
Behandlung dokumentiert noch - abgesehen von der Diagnose eines Status nach
Kontusion Unterschenkel, mit der einzig ausgesagt wird, dass die Beschwerdeführerin
beim Unfall eine Prellung erlitten hat - eine spezifische Diagnose gestellt worden (vgl.
insbesondere Suva-act. 17, 39, 46). Im Licht dieser Umstände ist davon auszugehen,
dass auch die Beinverletzung der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der
Leistungseinstellung verheilt gewesen ist. So ist auch festzustellen, dass die
Beschwerdeführerin anlässlich der Besprechung mit der Beschwerdegegnerin vom 12.
Februar 2019 die Schmerzen im Bein vor allem als vom Rücken bzw. Gesäss sowie
von oberhalb des Hosenbunds ausstrahlend beschrieb (Suva-act. 31) und gemäss
Bericht von Dr. H._ und Dr. I._ vom 11. April 2019 auch diesen gegenüber
berichtete, sie leide seit dem Unfall unter Rückenschmerzen sowie
liegenden Verfügung vom 11. Juni 2019 (Suva-act. 66) hat die Beschwerdegegnerin
ihre Versicherungsleistungen per 18. Juni 2019 eingestellt. Die Beschwerdeführerin
leidet seit dem Unfallereignis vom 10. September 2018 über den 18. Juni 2019 hinaus
an Lendenschmerzen mit Ausstrahlung ins linke Bein bis zum Fuss (Suva-act. 31, 34,
45, 55, act. G 1, G 13.1.1) und macht daher über den Leistungseinstellungszeitpunkt
hinaus Versicherungsleistungen geltend. Die oberflächlichen Schürfungen sowie die
Kontusion ohne strukturelle Verletzung bzw. Fraktur (vgl. Ergebnis der
Röntgenuntersuchung in der ZNA des KSSG vom 10. September 2018 [Suva-act. 6]),
welche die Beschwerdeführerin beim Unfall am rechten Ellbogen erlitten hat (Suva-act.
6), sind indessen unstreitig verheilt (Suva-act. 31).
Für die Annahme unfallkausaler somatischer Restfolgen werden grundsätzlich eine
unfallkausale strukturelle Läsion bzw. eine schlecht verheilte strukturelle Läsion als
objektivierbares Korrelat verlangt. Objektivierbar sind Untersuchungsergebnisse, die
reproduzierbar und von der Person des Untersuchenden und den Angaben des
Patienten bzw. der Patientin unabhängig sind. Folglich kann von objektiv
ausgewiesenen organisch-strukturellen Unfallfolgen erst dann gesprochen werden,
wenn die erhobenen Befunde mit - wissenschaftlich anerkannten - apparativen/
bildgebenden Abklärungen (wie Röntgen, MRI, CT, Arthroskopie) bestätigt werden (vgl.
BGE 138 V 248 E. 5.1, 134 V 232 E. 51 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom
28. Oktober 2009, 8C_216/2009, E. 2 mit Hinweisen; BSK UVG-Hofer, N 81 zu Art. 6).
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzbeschwerden im linken Lendenbereich, mit Ausstrahlung in das linke Bein bis
zum Fuss (Suva-act. 55). Daraus ist zu schliessen, dass der Ursprung der
Beinschmerzen nicht in einer Beinläsion, sondern - wenn überhaupt - in einer Rücken-
oder Beckenverletzung liegen würde.
5.
Eine erste radiologische Untersuchung der LWS und des Beckens der
Beschwerdeführerin fand am 3. Oktober 2018 durch Dr. P._ statt, wobei sich auf
dem Röntgenbild bezüglich der LWS eine rechtskonvexe Rotationsskoliosefehlhaltung
der mittleren und unteren LWS, im Übrigen aber eine normale Kontur, Struktur und
Konfiguration der einzelnen Lendenwirbelkörper mit normalem dorsalem Alignement
und kein Hinweis auf eine frakturverdächtige Läsion zeigten. Auch auf dem Röntgenbild
des Beckens konnten normale ossäre Strukturen im Beckenskelett gesichtet werden.
Die Darstellung der Hüftgelenke war normal und symmetrisch und es gab keinen
Hinweis auf eine frakturverdächtige Strukturalteration. Die periartikulären Weichteile
waren ebenfalls normal. Das Becken zeigte lediglich einen leichten Schiefstand (ca. 5
mm Seitendifferenz zu Ungunsten der rechten Seite [Suva-act. 47]). Die am 5.
November 2018 durch Dr. P._ von der LWS mittels MRT erstellten Bilder zeigten eine
leicht vermehrte Flüssigkeit in den Intervertebralgelenken L3/4 und L4/5 im Sinne einer
mässigen Überlastungsreaktion der Intervertebralgelenke auf diesen beiden Niveaus,
ansonsten jedoch eine normale Darstellung der Bandscheiben, insbesondere ohne
Hinweis auf eine neurale Kompression, eine normale übrige Wirbelsäule sowie auch
normale paravertebrale Weichteile (Suva-act. 34).
5.1.
Wie von Dr. N._ in seinen ärztlichen Beurteilungen vom 22. Mai 2019 (Suva-act.
61) und 12. Juli 2019 (Suva-act. 89) überzeugend festgestellt, steht ausser Frage, dass
die in Erwägung 5.1 genannten Röntgen- und MRT-Untersuchungen keine organisch-
strukturellen Unfallfolgen zutage gebracht haben. Bei den zwar organischen Substraten
der Skoliosefehlhaltung und des Beckenschiefstands handelt es sich um eine
vorbestehende Wachstumsdeformität bzw. die Folge einer unterentwickelten
Beckenhälfte mit einseitiger Beinverkürzung, welche gerade zusammen mit einer
Skoliose auftreten kann (vgl. Alfred Debrunner, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 4.
Aufl. 2005, S. 827 ff.; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 223,
1678; Roche Lexikon, Medizin, 5. Aufl. 2003, S. 197, 1715). Die leicht vermehrte
Flüssigkeit in den Intervertebralgelenken L3/4 und L4/5 wurde von Dr. P._ im Sinne
einer mässigen Überlastungsreaktion der Intervertebralgelenke auf diesen beiden
Niveaus, also nicht als Begleitpathologie einer Unfallverletzung gesehen.
5.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eine einem fassbaren organischen Korrelat zuordenbare unfallkausale Diagnose ist
sodann auch nicht den aktenkundigen (Untersuchungs-)Berichten der behandelnden
Ärzte zu entnehmen. Dr. D._ diagnostizierte im ärztlichen Zwischenbericht vom 27.
November 2018 eine Lumbalgie (Suva-act. 17). Mit einer Diagnose wird im Regelfall
das Beschwerdebild fassbar gemacht. Belegt wird mit der Lumbalgie demzufolge nur,
dass der Patient bzw. die Patientin Schmerzen in der unteren Lumbalregion aufweist.
Rückenschmerzen können ganz unterschiedliche, grundsätzlich auch traumatische
Ursachen, wie Wirbel- und Beckenfrakturen, haben. Im Regelfall sind sie jedoch
unfallfremd (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 862 f.; Pschyrembel, a.a.O., S. 1070; Roche
Lexikon, a.a.O., S. 1132). Für die Annahme einer spezifisch traumatischen
Schmerzursache wird demzufolge zusätzlich eine für die Lumbalgie unfallspezifische
organisch begründbare Ursache verlangt. Wie in Erwägung 5.1 dargelegt, ergaben
jedoch die radiologischen Untersuchungen keinen Hinweis auf eine durch den Unfall
verursachte LWS- oder Beckenläsion. Dr. D._ und Dr. M._ diagnostizierten
ausserdem in den ärztlichen Zwischenberichten vom 27. November 2018 (Suva-act.
17) und vom 4. März 2019 (Suva-act. 39) sowie im Bericht vom 28. Januar 2019 (Suva-
act. 45) einen Status nach Sturz mit Kontusion (Suva-act. 17), eine Becken- und LWS-
Kontusion (Suva-act. 39) sowie einen Status nach Becken- und LWS-Kontusion (Suva-
act. 45). Mit der Status-Diagnose wird einzig ausgesagt, dass die Beschwerdeführerin
beim Unfall vom 10. September 2018 eine Prellung erlitten hat, hingegen nichts über
deren Folgen. Eine Kontusion stellt im Regelfall eine vorübergehende
Weichteilverletzung ohne strukturelle Schädigung der Gelenke und Knochen dar
(Debrunner, a.a.O., S 412; vgl. dazu nachfolgende Erwägung 6). Die von Dr. M._ im
Bericht vom 28. Januar 2019 und im ärztlichen Zwischenbericht 4. März 2019
ausserdem gestellten Diagnosen eines unfallbedingten lumbovertebralen Syndroms
(Suva-act. 45) bzw. einer seit dem Autounfall bestehenden linksseitigen Becken-/LWS-
Schmerzproblematik bezeichnen für sich alleine keine traumatische Verletzung,
sondern gründen höchstens auf einer solchen. Laut Roche Lexikon (a.a.O., S. 1791)
handelt es sich bei einem Syndrom um ein sich stets mit etwa den gleichen
Krankheitszeichen, d.h. einer Symptomatik mit weitgehend identischem
"Symptommuster" manifestierendes Krankheitsbild mit unbekannter, vieldeutiger,
durch vielfältige Ursachen bedingter oder nur teilweise bekannter Ätiogenese. Zur
fraglichen Diagnose führt mithin eher das vom jeweiligen Patienten bzw. der jeweiligen
Patientin subjektiv angegebene "Symptommuster" als ein objektiv erhobener
organischer Befund. Dasselbe gilt für die Diagnose einer subjektiv angegebenen
Schmerzproblematik. Dr. M._ nannte jedenfalls keine strukturelle LWS-Diagnose, mit
welcher die Schmerzen organisch begründet werden könnten. Dagegen stellte er die
Verdachtsdiagnosen einer psychosomatischen Überlagerungsproblematik und
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzverarbeitungsstörung (Suva-act. 39) bzw. hielt eine Tendenz zu
psychosomatischer Überlagerungssymptomatik fest (Suva-act. 45). Tatsächlich befand
sich die Beschwerdeführerin ab 10. Oktober 2018 in der Klinik G._ in psychiatrischer
Behandlung, deren Ärzte Dr. H._ und Dr. I._ eine Anpassungsstörung mit Angst
und Depression, gemischt, sowie ein Schmerzsyndrom, Punktum maximum
Lendenbereich mit Ausstrahlungen linke Extremität diagnostizierten (Suva-act. 55). Die
Diagnose-Formulierung der Ärzte Dr. K._ und Dr. L._ unspezifischer
Lendenschmerzen bei Auffahrunfall durch PKW am 10. September 2018 im
Untersuchungsbericht vom 19. Dezember 2018 (act. G 1.4) zeigt sodann die
Unmöglichkeit der Zuordnung der Lendenschmerzen zu einer konkreten
Gesundheitsstörung auf. Dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ist zwar darin
zuzustimmen, dass die Ärzte zum Ergebnis gekommen sind, die Beschwerdeführerin
leide unter Lendenschmerzen, weshalb solche in ihre Diagnosen aufgenommen
werden, doch formulieren sie, sofern sie sich in ihren Berichten überhaupt dazu
äussern, keine Unfallkausalität. Vielmehr ordnen Dr. K._ und Dr. L._ im
Untersuchungsbericht vom 19. Dezember 2018 den Schmerz in der Lendengegend am
ehesten dem Musculus quadratus lumborum links zu, definieren die Beschwerden als
am ehesten posttraumatisch haltungsbedingt und stellen vor allem ebenfalls fest, dass
sich konventionell radiologisch und MR-tomographisch kein pathomorphologisches
Korrelat darstellen lasse (act. G 1.4). Damit übereinstimmend stellte Dr. M._ im
ärztlichen Bericht vom 28. Januar 2019 die Diagnose einer statischen
Haltungsinsuffizienz (Suva-act. 45). Befunde wie eine muskuläre Dysbalance,
segmentale Dysfunktion, paravertebrale Muskelverspannung, Dysfunktion der
Muskulatur vermögen ebenfalls nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit unfallkausale Restfolgen zu belegen. Das Ursachenspektrum ist
diesbezüglich vielfältig. Eine Unfallbedingtheit der genannten Befunde ist zwar nicht
ausgeschlossen. Für eine sekundäre unfallkausale Situation bedarf es jedoch auch hier
einer unfallkausalen Körperverletzung wie beispielsweise einer Fraktur (vgl. SVR 2008,
UV Nr. 2 S. 3 E. 5.2 mit Hinweisen, U 328/06; Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG] vom 6. Dezember 2006, U 334/06, E. 3). Als Folge einer
gewöhnlichen Kontusion ist die Entwicklung einer unfallkausalen und vor allem
fortdauernden muskulären Problematik nicht erklärbar. Zu ergänzen ist schliesslich,
dass auch Dr. O._ im Erstkonsultationsbericht vom 10. Oktober 2019 (act. G 13.1.1)
festhielt, dass von somatischer Seite aktuell kein weiterer Handlungsbedarf gesehen
werde. Die Abklärung bei den Kollegen der Neurochirurgie habe keine Ätiologie und
keinen Interventionsbedarf für die Beschwerden ergeben. Zusammenfassend ist
festzuhalten, dass bei vorliegend fehlender unfallkausaler Körperverletzung nicht von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
einem überwiegend wahrscheinlichen Kausalzusammenhang der obgenannten
Diagnosen zum Unfall vom 10. September 2018 ausgegangen werden kann.
Angesichts der obigen Erwägungen sind keine Gründe ersichtlich, derentwegen
die Richtigkeit der Beurteilung von Dr. N._, dass die Beschwerdeführerin mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit durch den Unfall vom 10.
September 2018 keine neue, bleibende Gesundheitsschädigung im Sinn einer
strukturellen Veränderung erlitten habe, welche fortdauernde Rücken- bzw.
Lendenbeschwerden bewirken könnte, in Zweifel zu ziehen wäre.
5.4.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin bringt nichts Überzeugendes vor, was
diese Schlussfolgerung in Frage stellen würde. So vermag auch er keine konkrete
strukturelle Läsion zu benennen, welche durch den Unfall vom 10. September 2018
verursacht worden sein könnte. Zu seiner Feststellung in der Beschwerde vom 6.
September 2019, die Beschwerdeführerin habe durch den Unfall nicht nur
oberflächliche Schürfwunden, sondern auch therapieresistente Lendenschmerzen mit
Ausstrahlung ins linke Bein bis zum Fuss erlitten (act. G 1, III/2), hält die
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vom 27. September 2019 zutreffend
fest, dass Schmerzen nicht durch den Unfall erlittene Verletzungen seien, sondern
höchstens die Folgen von irgendwelchen Verletzungen sein könnten. In diesem Sinne
sei der Hinweis nicht stichhaltig (act. G 6).
5.5.
Wie bereits erwähnt (vgl. Erwägung 5.3), hat die Beschwerdeführerin hingegen
gemäss dem ärztlichen Zwischenbericht von Dr. D._ vom 27. November 2018 (Suva-
act. 17) sowie den ärztlichen (Zwischen-)Berichten von Dr. M._ vom 28. Januar und
4. März 2019 (Suva-act. 45, 39) eine Kontusionsverletzung im Bereich der LWS erlitten.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin bezüglich dieser
Unfallverletzung ihre Versicherungsleistungen zu Recht per 18. Juni 2019 eingestellt
hat.
6.1.
Bei der Kontusion handelt es sich, wie bereits erwähnt, um eine
Weichteilverletzung, welche - wie im konkreten Fall - nicht von einer strukturellen
Läsion begleitet sein muss, die jedoch in gewissen Fällen anhand klinischer Befunde -
wie Hämatome, Schwellungen, Druckdolenzen, Bewegungseinschränkungen,
Sensibilitätsstörungen, Muskelverhärtungen - objektiviert werden kann (vgl. Debrunner,
a.a.O., S: 412; Roche Lexikon, a.a.O., S. 357). Häufig zeichnet sich aber eine
Kontusionsverletzung gerade dadurch aus, dass sie im Rahmen des posttraumatischen
Verlaufs nie wirklich sichtbar gemacht werden konnte. Dennoch wird in einer ersten
6.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Phase gestützt auf einen geeigneten Unfallmechanismus sowie auf klinische Befunde
von einer schädigenden Einwirkung auf den Körper ausgegangen. Es ist jedoch eine
medizinische Erfahrungstatsache, dass Weichteilverletzungen wie Kontusionen
normalerweise innert kurzer Zeit abheilen und sich die damit verbundenen
Beschwerden gänzlich zurückbilden (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 412). Diese
medizinische Erfahrungstatsache darf im Rahmen des im Sozialversicherungsrecht zur
Anwendung gelangenden Wahrscheinlichkeitsbeweises berücksichtigt werden (Locher/
Gächter, a.a.O., § 70 N. 58 f.). Dies hat insbesondere für den Nachweis des
Dahinfallens natürlich kausaler Unfallfolgen zu gelten, bei dem es sich um einen
hypothetischen Zustand handelt, welcher sich häufig nur mit Erfahrungswerten
bestimmen lässt (Urteil des EVG vom 18. September 2002, U 60/02, E. 2.2.).
Fortdauernde Beschwerden werden also auch ohne Veränderung bzw. Besserung der
klinischen Befundsituation per einem bestimmten Datum aufgrund der obgenannten
medizinischen Erfahrungstatsache eben nicht mehr dem Unfall angelastet. Dass damit
der Zeitpunkt der Leistungseinstellung ein Stück weit theoretisch bleibt, versteht sich
aus der Sache selbst bzw. ergibt sich aus der mangelnden Wahrnehmbarkeit der
Verletzung. Medizinische Erfahrungssätze beziehen sich auf den Regelfall, d.h. auf
medizinische Sachverhalte, die sich im konkreten Fall gleich dargestellt haben. Eine
Ausnahme von der Regel ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen, doch muss sie sich
eben als solche präsentieren. Konnten spezifische Kontusionsfolgen objektiviert
werden, übernimmt der Unfallversicherer selbstverständlich die Leistungen bis zur
Heilung dieser spezifischen Kontusionsfolgen, d.h. bis zum Status quo ante (BSK UVG-
Hofer, N 71 zu Art. 6; KOSS UVG-Nabold, N 54 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O.,
S. 54; vgl. Erwägung 2.2).
Dr. N._ geht in seinen Beurteilungen vom 22. Mai 2019 (Suva-act. 61) und 12.
Juli 2019 (Suva-act. 84) von einer Heilungsdauer von sechs Monaten aus, was
angesichts des obgenannten Erfahrungssatzes ohne Weiteres plausibel und
überzeugend erscheint. In den medizinischen Akten sind keine spezifischen
Kontusionsfolgen als augenscheinliche Hinweise auf einen weiter andauernden
Heilungsprozess vermerkt (Suva-act. 17, 39, 45). Aus dem Untersuchungsbericht von
Dr. C._ vom 10. September 2018 über die gleichentags erfolgte Erstbehandlung in
der ZNA des KSSG geht eine Rückenproblematik aus den Befunden und der Diagnose
nicht einmal hervor (Suva-act. 6). Eine genaue Erfassung des Heilungszeitpunkts, d.h.
exakte zeitliche Bestimmung, wann die überwiegend wahrscheinlichen unfallbedingten
von unfallfremden Faktoren abgelöst wurden, ist aufgrund des fliessenden Charakters
der Heilung nicht möglich. Weitere Ausführungen zum Dahinfallen der Unfallkausalität
als die Annahme einer Kontusionsverletzung mit der Schlussfolgerung, fortdauernde
6.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerden seien sechs Monate nach dem Unfall vom 10. September 2018 nur noch
möglicherweise auf diesen zurückzuführen, konnten von Dr. N._ nicht verlangt
werden. Seine Schlussfolgerung überzeugt, indem sie in der Erfahrungsmedizin eine
eindeutige Stütze findet. Vor dem Hintergrund der oben dargelegten Sachlage ist
jedenfalls kein Ausnahmefall anzunehmen. Hingegen ist es gerade ein bekanntes
Phänomen, dass psychische Probleme, wie sie vorliegend aktenkundig sind (Suva-act.
39, 45, 55; vgl. auch nachfolgende Erwägung 8), als körperlich imponieren können (vgl.
dazu Pschyrembel, a.a.O., S. 1620 "somatoformer Schmerz", Schmerz, chronischer";
S. 1682 "Somatisierung", "Somatisierungsstörung").
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass gestützt auf die Aktenbeurteilungen von
Dr. N._ der überwiegend wahrscheinliche Beweis erbracht ist, dass die LWS-
Becken-Beschwerden mit Ausstrahlung ins linke Bein und in den linken Fuss sechs
Monate nach dem Unfall vom 10. September 2018 nicht mehr unfallbedingt waren, d.h.
der natürliche Kausalzusammenhang per vorgenanntem Datum dahingefallen war. Die
Leistungseinstellung durch die Beschwerdegegnerin erfolgte formell-rechtlich
korrekterweise erst nach Verfügungserlass, konkret per 18. Juni 2019 (vgl. dazu BGE
145 V 148 E. 7.3.2).
6.4.
Der vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin in der Replik vom 4. Dezember
2019 vorgebrachte Einwand (act. G 13), Dr. N._ habe als Facharzt für Allgemeine und
Innere Medizin das notwendige, medizinische Fachwissen zur Beurteilung der
chronischen Schmerzstörung gefehlt, ist nicht zu hören. Grundsätzlich wäre zwar für
die Würdigung des konkreten Falles ein Facharzt der Orthopäde, Neurologe oder
Rheumatologie qualifizierter gewesen. Doch ist mit Blick auf die vorliegende eindeutige
und ein vollständiges Bild abgebende medizinische Sachlage nicht erkennbar,
inwiefern ein Arzt der vorgenannten Fachrichtungen zu einem anderen Schluss hätte
kommen können als der Allgemeinpraktiker und Internist. Im Übrigen ist festzuhalten,
dass die Beschwerdeführerin in der Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates des KSSG durch Dr. K._ und Dr. L._
untersucht wurde, deren Beurteilung im Untersuchungsbericht vom 19. Dezember 2018
gerade massgebend diejenige von Dr. N._ stützt und eine bedeutsame Grundlage für
deren Zuverlässigkeit bildet (vgl. Erwägung 5.3). Die Beschwerdeführerin wurde zudem
von Dr. M._ behandelt, der als Chiropraktor Funktionsstörungen des
Bewegungsapparates behandelt und dessen Behandlungsziel es ist, Schmerzen zu
lindern und die normale Beweglichkeit vor allem der Wirbelsäule wiederherzustellen
(vgl. Debrunner, a.a.O., S. 867; Pschyrembel, a.a.O., S. 319; Roche Lexikon, a.a.O., S.
313). Auch seine Berichte (Suva-act. 39, 45) lassen die Beurteilung von Dr. N._ als
6.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.
In Würdigung der hinreichend aufschlussreichen medizinischen Aktenlage ist mithin
das Vorliegen organischer Unfallfolgen über den Zeitpunkt der Leistungseinstellung (18.
Juni 2019) hinaus zu verneinen. Aufgrund der medizinischen Aktenlage sind die LWS-
und Beckenbeschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht auf ein
organisches Substrat zurückzuführen und es bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass
weitere Abklärungen andere Erkenntnisse erbrächten.
8.
schlüssig und überzeugend erscheinen (vgl. Erwägung 5.3). Schliesslich ist anzufügen,
dass Dr. N._ in seiner Beurteilung vom 12. Juli 2019 (Suva-act. 84) die Anamnese
("Evolution suivant les pièces communiquées") lückenlos darlegt und demzufolge
davon auszugehen ist, dass seine Beurteilung insbesondere auch auf den
vorgenannten Akten basiert.
Nachdem die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Leistungseinstellung noch über
gesundheitliche Beschwerden geklagt hat und sich - wie bereits erwähnt - auch eine
psychische Gesundheitsstörung in körperlichen Beschwerden zeigen kann, bleibt das
Vorliegen fortdauernder unfallkausaler psychischer Unfallfolgen zu prüfen.
8.1.
Den vorliegenden Akten sind unstreitig Hinweise auf eine psychische Problematik
zu entnehmen. Die Beschwerdeführerin befindet sich seit dem 10. Oktober 2018 in der
Klinik G._ in psychiatrischer Behandlung, wo die Ärzte Dr. H._ und Dr. I._ im
Bericht vom 11. April 2019 eine Anpassungsstörung mit Angst und Depression,
gemischt, sowie ein Schmerzsyndrom, Punktum maximum Lendenbereich mit
Ausstrahlungen in die linke (untere) Extremität diagnostizierten (Suva-act. 55). Am 8.
Oktober 2019 wurde die Beschwerdeführerin im Schmerzzentrum des KSSG durch Dr.
O._ untersucht, der im Untersuchungsbericht vom 10. Oktober 2019 die Diagnose
einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(ICD-10: F45.41), u.a. bei Status nach Verkehrsunfall als Fussgängerin (von Auto
angefahren) September 2018, sowie die Verdachtsdiagnosen posttraumatische
Belastungsstörung sowie depressive Anpassungsstörung stellte (act. 13.1.1). Der
Hergang des Unfalls vom 10. September 2018, die seither von der Beschwerdeführerin
erlebte Beschwerdesymptomatik und die ärztlich erhobenen Befunden werden sodann
in der Anamnese erwähnt. Dr. H._ und Dr. I._ halten fest, dass bei der
Beschwerdeführerin insbesondere im Strassenverkehr Ängste bestünden und sie
"Flashbacks" vom Unfallgeschehen schildere. Dr. O._ schreibt, dass er das
8.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallereignis nochmals mit der Beschwerdeführerin angeschaut habe, wobei sie
berichtet habe, dass sie sehr häufig an dieses denken müsse, dass sie sich auch im
Nachhinein noch Sorgen um ihren Sohn mache, der am Unfall beteiligt gewesen sei
und dass sie nachts manchmal aus dem Schlaf hochschrecke und die Unfallbilder vor
Augen habe. Auch wenn die Ärzte in den vorgenannten Berichten nicht explizit zur
natürlichen Unfallkausalität der ausgewiesenen psychischen Problematik Stellung
bezogen haben, lässt ihr Inhalt dennoch davon ausgehen, dass sie eine solche implizit
bejahen. Letztlich kann jedoch die Frage des natürlichen Kausalzusammenhangs
zwischen dem Unfall vom 10. September 2018 und der psychischen Problematik
deshalb offengelassen werden, weil ein adäquater Kausalzusammenhang verneint
werden muss (Urteil des Bundesgerichts vom 3. Juni 2009, 8C_951/2008, E. 3.4.2; SVR
1999 UV Nr. 23 S. 67; vgl. nachfolgende Erwägungen 8.3).
Die Beschwerdegegnerin hat im angefochtenen Einspracheentscheid die Kriterien
zur Prüfung der Adäquanzfrage für psychische Beeinträchtigungen nach Massgabe der
in BGE 115 V 133 begründeten Rechtsprechung zu den psychogenen Unfallfolgen
bzw. der sogenannten "Psycho-Praxis" korrekt wiedergegeben. Darauf wird verwiesen
(Suva-act. 86, Erwägung 3). Zu ergänzen ist, dass die Adäquanzprüfung im Zeitpunkt
des Dahinfallens der kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines
somatischen Gesundheitsschadens vorzunehmen ist. Die psychischen Beschwerden
sind auszuklammern und nur die physischen Unfallfolgen können berücksichtigt
werden, was sich daraus ergibt, dass es gerade um die Beurteilung der Unfallkausalität
psychischer Beschwerden geht. Ein organisch nicht hinreichend nachweisbarer
Schaden ist daher grundsätzlich nur adäquat kausale Folge eines Unfallereignisses,
wenn der Unfall und dessen organische Folgen von erheblicher Schwere sind (BGE 140
V 356 E. 5.1, 134 V 109 E. 6.1, 115 V 140 E. 6c/aa; Urteile des Bundesgerichts vom 15.
Januar 2016, 8C_568/2015, E. 3.6, und 9. April 2009, 8C_825/2008, E. 4.6; BSK UVG-
Hofer, N 90 zu Art. 6). Einig sind sich die Parteien darin, dass der Unfall vom 10.
September 2018 im Rahmen einer objektivierten Betrachtungsweise auf Grund des
augenfälligen Geschehensablaufs mit den sich dabei entwickelnden Kräften - die durch
das Ereignis verursachten Verletzungen sind nicht zu berücksichtigen (Urteil des
Bundesgerichts vom 12. Mai 2011, 8C_1044/2010, E. 4.3) - und mit Blick auf die
Kasuistik (BGE 115 V 139 E. 6a; Urteile des Bundesgerichts vom 14. April 2010,
8C_714/2009, E. 5, und 14. Mai 2009, 8C_526/2008, E. 5.1) als mittelschwer
einzustufen ist. Bei in engerem Sinne mittelschweren Unfällen müssen drei der
massgeblichen Kriterien (oder eines der Kriterien ausgeprägt) erfüllt sein (Urteil des
Bundesgerichts vom 29. Januar 2010, E. 4.5; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 65). Die
Kriterien körperliche Dauerschmerzen sowie Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit
8.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
können jedoch - entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters der
Beschwerdeführerin - hinsichtlich der ihnen zukommenden zeitlichen Komponente
(Dauer) bei einer Zeitspanne von einem halben Jahr bis zur Heilung der somatischen
Unfallfolgen nicht als erfüllt betrachtet werden (Urteil des Bundesgerichts vom 26. Juni
2009, 8C_116/2009, E. 4.6). Die Genesung wurde im Verlauf der Zeit durch die
psychische Fehlentwicklung überlagert, doch dürfen psychische Beschwerden, wie
gesagt, nicht in die Adäquanzbeurteilung einbezogen werden, insbesondere auch dann
nicht, wenn sie als körperlich imponieren (vgl. Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 72, Urteil
des Bundesgerichts vom 9. April 2009, 8C_825/2008, E. 4.6). Hinsichtlich des
Adäquanzkriteriums der besonders dramatischen Begleitumstände oder der
besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls ist sodann nicht auf das subjektive Empfinden
bzw. Angstgefühl der versicherten Person, sondern auf die objektive Eignung der
Umstände, bei den Betroffenen psychische Beeinträchtigungen auszulösen,
abzustellen (Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 69; RKUV 1999 Nr. U 335 S: 209 E. 3b/cc).
Sieht man davon ab, dass kein Unfall, der nicht zum vornherein als Bagatellunfall oder
als leichter Unfall einzustufen ist, einer gewissen Eindrücklichkeit entbehrt (vgl. Rumo-
Jungo/Holzer, a.a.O., S. 69), sind hier - in Übereinstimmung mit der
Beschwerdegegnerin - keine besonders dramatischen Begleitumstände oder
besondere Eindrücklichkeit auszumachen. Wie genau die Beschwerdeführerin von
einem PKW angefahren wurde, geht aus den Akten nicht hervor. Dass sie dabei -
entsprechend der Diagnose von Dr. M._ im ärztlichen Zwischenbericht vom 4. März
2019 (Suva-act. 39) - mehrere Meter weggeschleudert worden sein soll, lässt sich
jedenfalls keiner der Anamnesen in den weiteren ärztlichen Berichten - auch nicht
derjenigen von Dr. M._ im Bericht vom 28. Januar 2019 (Suva-act. 45) -, aber vor
allem auch nicht der Schadenmeldung UVG vom 28. September 2018 (Suva-act. 1) und
dem Bericht über die Besprechung zwischen der Beschwerdeführerin und der
Beschwerdegegnerin vom 12. Februar 2019 (Suva-act. 31), entnehmen. Das in der
Replik vom 4. Dezember 2019 (act. G 13) vorgebrachte angebliche Empfinden der
Beschwerdeführerin - es sei für sie zusätzlich belastend gewesen, dass sie gemeinsam
mit ihrem Sohn auf dem Fussgängerstreifen angefahren worden sei; seither habe sie
grosse Angst um ihren Sohn und lasse ihn ungern allein nach draussen gehen - spricht
für sich allein nicht für einen besonders dramatischen Unfall. Wie gesagt, wird nicht auf
das subjektive Erleben bzw. Empfinden abgestellt. Zudem erscheint dieses fraglich.
Jedenfalls machte die Beschwerdeführerin anlässlich der Besprechung mit der
Beschwerdegegnerin am 12. Februar 2019 keine entsprechenden Angaben, sondern
berichtete in Bezug auf ihren Sohn einzig, dass bei ihm alles wieder gut sei (Suva-act.
31). Im Vergleich mit den Sachverhalten, bezüglich welcher das EVG das
Adäquanzkriterium der besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls bejaht hat (Rumo-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
9.
Jungo/Holzer, a.a.O., S. 69 f.; RKUV 1999 Nr. U 335 S. 207 ff.; Urteile vom 26. Mai
2000, U 86/98, und 25. März 1998, U 137/96, und vom 18. Februar 1997, U 137/96),
sind schliesslich im vorliegenden Fall nicht ansatzweise vergleichbare Umstände
gegeben. Objektiv betrachtet ist damit das Kriterium der besonders dramatischen
Begleitumstände oder der besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls nicht erfüllt. Die
Erfüllung weiterer Kriterien wird vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin zu Recht
nicht geltend gemacht. Nach dem Gesagten ist kein Kriterium, auch nicht in einfacher
Form, erfüllt. Damit hat die Beschwerdegegnerin auch mangels adäquaten
Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall vom 10. September 2018 und den
psychischen Gesundheitsschäden eine Leistungspflicht über den 18. Juni 2019 hinaus
zu Recht verneint.
Zusammenfassend lässt sich der angefochtene Einspracheentscheid vom 22. Juli
2019 nicht beanstanden. Die dagegen erhobene Beschwerde ist im Sinn der
vorstehenden Erwägungen abzuweisen.
9.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).9.2.
Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 Honorarordnung (HonO; sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Der Vertreter der Beschwerdeführerin hat eine
nach Zeitaufwand (11.5 h zu Fr. 250.--) bemessene (ungekürzte) Honorarnote über Fr.
3'220.25 (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) eingereicht (act. G 17.1). Ein
Honorar nach Zeitaufwand sieht die Honorarordnung im Verfahren vor dem
Versicherungsgericht grundsätzlich nicht vor. Nachdem die Honorarnote nach Art. 22
Abs. 1 lit. b HonO tarifkonform und für das vorliegende Beschwerdeverfahren
angemessen ist, kann trotzdem darauf abgestellt werden. Das Honorar ist indes
zufolge unentgeltlicher Prozessführung um einen Fünftel herabzusetzen (Art. 31 Abs. 3
des Anwaltsgesetzes; sGS 963.70). Der Entschädigungsanspruch ist damit auf Fr.
2'600.95 festzusetzen (Fr. 2'300.-- [Fr. 2'875.-- x 0.8] Honorar + 115.-- [4% von Fr.
2'875.--] Pauschalvergütung für Barauslagen [Art. 28bis HonO] + 185.95 [7.7% von
2'415.--] Mehrwertsteuer [Art. 29 HonO]).
9.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte