Decision ID: 734af328-3a2f-5475-b916-69944efc4490
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ unterzog sich am 11. August 2004 aufgrund einer rezidivierenden
Sigmadivertikulitis einem von Dr. med. B._, Chefarzt Chirurgie des Kantonalen
Spitals C._, durchgeführten operativen Eingriff. Beim Versuch der laparoskopischen
Sigmaresektion wurde die Vena iliaca communis links verletzt, weshalb der Operateur
eine Laparatomie durchführte, ein Veneninterponat im Bereich der verletzten Vene
einsetzte und eine offene Rektosigmoidresektion mit Deszendorektostomie vornahm
(UV-act. 51). In der Folge traten Bauch- und Beinbeschwerden auf. Die Suva lehnte
eine Leistungspflicht mit der Begründung ab, die Venenverletzung anlässlich der
Operation vom 11. August 2004 stelle keine weit ausserhalb des normalen Risikos der
Krankheitsbehandlung liegende schädigende Einwirkung dar. Der Versicherte habe
demnach keinen Unfall im Rechtssinn erlitten (Verfügung vom 15. Juli 2005, UV-act. 1).
Dagegen erhob der Versicherte am 25. Juli 2005 Einsprache und brachte vor, die
Abweichung vom medizinisch Üblichen und die Verwirklichung des entsprechend
grossen Risikos und damit ein Unfallereignis seien zu bejahen (als UV-act. 67
bezeichnet, nach act. 3 eingeordnet). Auf seinen Antrag wurde das Verfahren sistiert.
A.b Prof. Dr. med. D._, Ärztlicher Direktor der Chirurgischen Klinik E._, erstattete
am 15. Oktober 2009 ein viszeralchirurgisches Fachgutachten. Er gelangte zum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schluss, dass die Operation vom 11. August 2004 chirurgisch einwandfrei durchgeführt
worden sei. Allerdings seien nach der Operation Kommunikations- bzw.
Organisationsprobleme aufgetreten. So sei die vom Operateur am Ende des
Operationsberichts angeordnete Thromboembolieprophylaxe während der
postoperativen Phase in den ersten 48 Stunden nicht durchgeführt worden (UV-act. 22;
vgl. zur unterbliebenen Prophylaxe auch die gutachterliche Stellungnahme von Dr.
med. F._, Facharzt für Chirurgie und Herzchirurgie, vom 17. Oktober 2010, UV-act.
26). Mit Einspracheentscheid vom 8. Februar 2011 wies die Suva die Einsprache vom
25. Juli 2005 ab. Sie stellte sich auf den Standpunkt, die Durchtrennung von
Blutgefässen gehöre zum normalen Risiko der durchgeführten Operation (UV-act. 31).
A.c Am 20. Januar 2012 reichte der Versicherte ärztliche Beurteilungen ein, worin sich
die Experten kritisch zur Operation vom 11. August 2004 äusserten (deutsche
Übersetzung eines in kroatischer Sprache abgefassten Gutachtens der Prof. Dr. sc.
G._, Fachärztin für Chirurgie und Gefässchirurgie, und Prof. Dr. sc. H._, Facharzt
für
Gerichtsmedizin, UV-act. 34; Stellungnahme von Prof. Dr. med. I._, Leiter der
Abteilung für Gefässchirurgie Klinik J._, vom 31. Oktober 2011, der u.a. festhielt,
dass die Blutung ganz offensichtlich durch die Präparation entstanden sei, UV-act. 36).
Die Suva teilte dem Versicherten gleichentags mit, dass aufgrund der nun neu
zugestellten Unterlagen keine Veranlassung bestehe, auf den rechtskräftigen
Einspracheentscheid vom 8. Februar 2011 zurückzukommen (UV-act. 38).
A.d Der Versicherte sandte der Suva am 27. Juli 2013 eine gutachterliche Kurz-
Stellungnahme von Dr. med. K._ vom 15. Mai 2013 zu. Dieser führte darin aus, die
Präparation des Sigmas sei in einer falschen Ebene, d.h. zu weit dorsal (rückenwärts)
erfolgt, so dass es hierbei zu einer Verletzung der Beckenvene gekommen sei. Die vom
Operateur vorgebrachte mangelnde Übersicht auf Grund einer Fettleibigkeit stelle keine
Rechtfertigung für fehlerhaftes Präparieren dar. Ein grober Behandlungsfehler sei nicht
erkennbar (UV-act. 39). Die Suva erwiderte im Schreiben vom 14. Oktober 2013,
aufgrund der neu zugestellten Unterlagen bestehe keine Veranlassung, auf den
rechtskräftigen Einspracheentscheid vom 8. Februar 2011 zurückzukommen (UV-act.
41).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Im Revisionsgesuch vom 2. September 2014 beantragte der Versicherte, es sei
von Amtes wegen eine prozessuale Revision einzuleiten und der Einspracheentscheid
vom 8. Februar 2011 revisionsweise aufzuheben; es seien ihm rückwirkend ab 11.
August 2004 die vollen Leistungen aus UVG auszurichten. Unter Hinweis auf die
gutachterliche Stellungnahme von Dr. K._ und ein Gutachten von Prof. Dr. med.
L._, Facharzt Chirurgie, spez. Thorax- und Viszeralchirurgie, vom 6. August 2014
(UV-act. 45) machte der Versicherte geltend, es lägen mehrere Behandlungsfehler vor.
Das Gutachten von Prof. L._ bringe Sachverhaltselemente zu Tage, die im Zeitpunkt
des Einspracheentscheids nicht bekannt gewesen seien (UV-act. 42). Die Suva verfügte
am 25. September 2014, auf das Revisionsgesuch werde nicht eingetreten, da die
Gutachten von Dr. K._ und von Prof. L._ lediglich neue Würdigungen von bereits
im Zeitpunkt des Einspracheentscheids vom 8. Februar 2011 bekannten Tatsachen
enthalten und daher keinen prozessualen Revisionsgrund darstellen würden (UV-act.
47).
A.f Dagegen erhob der Versicherte am 21. Oktober 2014 Einsprache. Er beantragte,
auf das Revisionsgesuch sei einzutreten, es sei gutzuheissen und es seien ihm die
vollen Leistungen aus UVG auszurichten (UV-act. 57). Die Suva wies die Einsprache ab
(Einspracheentscheid vom 13. Februar 2015, UV-act. 60).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 13. Februar 2015 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 18. März 2015. Der Beschwerdeführer beantragt darin dessen
Aufhebung. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, auf das Revisionsgesuch
einzutreten. Es seien ihm die vollen Leistungen aus dem UVG zuzusprechen; unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Er bringt zur Begründung vor, aus dem Gutachten
von Prof. L._ ergebe sich, dass Dr. B._ beim Präparieren des zu entfernenden
Darmabschnitts zwar grundsätzlich die richtige Schicht anvisiert, diese avaskuläre (das
heisse nicht von Blutgefässen durchzogene) Schicht, in der gefahrlos präpariert werden
könne, jedoch nicht aufgefunden habe. Dr. B._ habe sich in dieser avaskulären
Schicht geglaubt, weshalb er die vorgefundenen Gewebestrukturen als
Darmanhaftungen interpretiert und wegpräpariert habe. Nur durch diese Verwechslung
lasse sich schlüssig erklären, dass Dr. B._ die Vene mit der chirurgischen Schere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
durchtrennt habe. Ursache dafür sei eine "Manipulation ins Ungewisse" trotz fehlender
Übersicht, was einem erfahrenen Operateur bei einer Standardoperation wie der
Sigmaresektion als schwerer Fehler anzulasten sei. Neu im revisionsrechtlichen Sinn
sei das von Prof. L._ aufgezeigte Sachverhaltselement, dass Dr. B._ die über der
Gefässstrombahn liegende Ebene wegpräpariert habe. Dadurch habe er die Gefahr
einer Gefässverletzung massgeblich erhöht. In der Folge habe er eine Vene mit einer
Darmanhaftung verwechselt. Die Versorgung der Venenverletzung habe einen weiteren
Gefahrenzustand geschaffen, der ein neues Sachverhaltselement darstelle. Die neuen
Tatsachen und Beweismittel seien erheblich und deren frühere Entdeckung
unzumutbar gewesen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 30. April 2015
die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Streitgegenstand bilde
lediglich die Frage, ob der Einspracheentscheid vom 8. Februar 2011 in prozessuale
Revision zu ziehen sei. Auf die Anträge um Gutheissung des Revisionsgesuchs und um
Ausrichtung von Leistungen könne nicht eingetreten werden. Sollte die Beschwerde
wider Erwarten gutgeheissen werden, so wäre die Sache an sie (die Suva) zur weiteren
Prüfung zurückzuweisen. Sie machte geltend, dass die Präparation am falschen Ort
erfolgt sei, liege auf der Hand, ansonsten es nicht zur Gefässverletzung gekommen
wäre. Die Aussagen von Prof. L._ entsprächen nicht einer neuen Tatsache, sondern
lediglich einer Würdigung/Bewertung von Tatsachen, die bereits im Zeitpunkt des
Einspracheentscheids vom 8. Februar 2011 bekannt gewesen seien. Insbesondere
seien Prof. D._ und Dr. F._, auf deren Ausführungen sich der rechtskräftige
Einspracheentscheid stütze, zweifelsohne auch mit den anatomischen Verhältnissen im
Operationsbereich (vaskuläre / avaskuläre Schichten) vertraut gewesen. Die
Voraussetzungen für eine prozessuale Revision seien nicht erfüllt. Insbesondere sei
auch die relative Frist von 90 Tagen nach der Entdeckung der neuen Tatsache nicht
eingehalten worden (act. G 3).
B.c In der Replik vom 3. Juni 2015 hat der Beschwerdeführer unverändert an der
Beschwerde festgehalten (act. G 7).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf eine einlässliche Duplik verzichtet und ihren
Antrag auf Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei, erneuert (act. G
9).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.e Am 1. Juli 2016 hat der Beschwerdeführer die im Haftpflichtfall am 30. März 2016
beim Kreisgericht M._ erhobene Teilklage gegen die Spitalregion N._ eingereicht
(act. G 11 und G 11.1). In der Stellungnahme vom 9. August 2016 hat die
Beschwerdegegnerin hierzu ausgeführt, dass sich daraus keine neuen Gesichtspunkte
ergäben, die für die gerichtliche Beurteilung der vorliegenden Angelegenheit relevant
wären (act. G 13).

Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand der Beschwerde bildet der Einspracheentscheid vom 13.
Februar 2015, worin die Beschwerdegegnerin das am 25. September 2014 verfügte
Nichteintreten auf das Gesuch um prozessuale Revision bestätigt hat.
1.1 Formell rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide müssen gemäss
Art. 53 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Revision gezogen werden, wenn die
versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue
Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht
möglich war. Das schriftliche Gesuch um prozessuale Revision hat namentlich die
Begehren, eine Begründung betreffend den Revisionsgrund mit Angabe der
Beweismittel und betreffend die Rechtzeitigkeit des Begehrens zu enthalten (Art. 55
Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 67 Abs. 3 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren
[VwVG; SR 172.021] i.V.m. Art. 52 Abs. 1 VwVG). Genügt das Revisionsbegehren
diesen formellen Anforderungen nicht, oder lassen die Begehren oder deren
Begründung die nötige Klarheit vermissen und stellt sich das Revisionsgesuch nicht als
offensichtlich unzulässig heraus, so räumt die Revisionsinstanz dem Gesuchsteller eine
kurze Nachfrist zur Verbesserung ein. Die Revisionsinstanz verbindet diese Nachfrist
mit der Androhung, nach ungenutztem Fristablauf aufgrund der Akten zu entscheiden
oder, wenn Begehren, Begründung oder Unterschrift fehlen, auf das Revisionsgesuch
nicht einzutreten (Art. 55 Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 67 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 52 Abs. 2
und Abs. 3 VwVG; vgl. AUGUST MÄCHLER, in: CHRISTOPH AUER/MARKUS
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
MÜLLER/BENJAMIN SCHINDLER [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren, Zürich 2008, Rz 11 zu Art. 67).
1.2 Es ergibt sich weder aus den Akten noch den Ausführungen der
Beschwerdegegnerin, dass das Revisionsgesuch die formellen Anforderungen (siehe
hierzu vorstehende E. 1.1) nicht erfüllt hätte. Das Nichteintreten hat die
Beschwerdegegnerin sowohl in der Verfügung vom 25. September 2014 als auch im
angefochtenen Einspracheentscheid hauptsächlich damit begründet, dass die gestützt
auf die Beurteilungen von Dr. K._ und Prof. L._ im Revisionsgesuch vorgebrachten
Umstände keine neuen Tatsachen im revisionsrechtlichen Sinn gemäss Art. 53 Abs. 1
ATSG bzw. keinen Revisionsgrund darstellen würden (UV-act. 47 und UV-act. 60, Rz
5). Aus dieser Begründung ergibt sich eindeutig, dass die Beschwerdegegnerin eine
materielle Prüfung der Voraussetzungen von Art. 53 Abs. 1 ATSG vorgenommen hat.
Sie ist folglich auf das Revisionsgesuch eingetreten und hat geprüft, ob auf den
rechtskräftigen Einspracheentscheid vom 8. Februar 2011 zurückgekommen werden
kann. Insbesondere beurteilte sie, ob die vorgebrachten Revisionsgründe stichhaltig
sind. Entgegen dem Wortlaut des Dispositivs der Verfügung vom 25. September 2014
(UV-act. 47) und des Einspracheentscheids vom 13. Februar 2015 (UV-act. 60, Rz 3b
am Schluss und Rz 5) ist die Beschwerdegegnerin auf das Revisionsgesuch des
Beschwerdeführers eingetreten, hat es materiell geprüft und aufgrund des Fehlens von
erheblichen neuen Tatsachen und massgebenden Beweismitteln abgewiesen.
2.
Nachdem die Beschwerdegegnerin auf das Revisionsgesuch eingetreten ist und es
abgewiesen hat, bleibt zu prüfen, ob neue Tatsachen oder Beweismittel vorliegen, die
eine prozessuale Revision des Einspracheentscheids vom 8. Februar 2011 zulassen.
2.1 Eine prozessuale Revision aufgrund neuer Tatsachen und Beweismittel ist
angezeigt, wenn Tatsachen vorliegen, die sich vor Erlass des Entscheids, der einer
Revision unterzogen werden soll, verwirklicht haben, jedoch der gesuchstellenden
Person damals trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt waren; es handelt sich somit
um unechte Noven. Die neuen Tatsachen müssen erheblich sein, also geeignet, die
tatbeständliche Grundlage des Entscheids, dessen Revision beantragt wird, zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verändern und bei zutreffender rechtlicher Würdigung zu einer andern Entscheidung zu
führen. Neue Beweismittel haben entweder dem Beweis einer eine Revision
begründenden neuen erheblichen Tatsache oder dem Beweis von Tatsachen zu
dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen, aber zum Nachteil des
Revisionsgesuchstellers unbewiesen geblieben sind. Erheblich ist ein Beweismittel,
wenn anzunehmen ist, es hätte zu einem anderen Urteil geführt, falls die
Entscheidinstanz davon Kenntnis gehabt hätte. Ausschlaggebend ist, dass das
Beweismittel nicht bloss der Sachverhaltswürdigung, sondern der
Sachverhaltsermittlung dient. Es bedarf dazu neuer Elemente tatsächlicher Natur,
welche die Entscheidgrundlagen als objektiv mangelhaft erscheinen lassen (Urteil des
Bundesgerichts vom 29. Oktober 2015, 8C_683/2015, E. 2.2 mit Hinweisen; vgl. auch
MIRIAM LENDFERS, Möglichkeiten und Grenzen der Korrektur von Dauerleistungen
mittels prozessualer Revision, in: UELI KIESER/MIRIAM LENDFERS [Hrsg.],
Sozialversicherungsrechtstagung 2011, St. Gallen 2012, S. 189 ff.).
2.2 Dem in Rechtskraft erwachsenen Einspracheentscheid vom 8. Februar 2011, worin
das Leistungsgesuch des Beschwerdeführers abgewiesen wurde (UV-act. 31), lagen in
medizinischer Hinsicht die Gutachten von Prof. D._ vom 15. Oktober 2009 und von
Dr. F._ vom 17. Oktober 2010 zugrunde. Beide Experten stützten ihre Gutachten auf
die damalige Aktenlage, insbesondere den Operationsbericht vom 11. August 2004
(siehe hierzu UV-act. 51). Aus diesen Beurteilungen zog die Beschwerdegegnerin
damals den Schluss, die Durchtrennung von Blutgefässen gehöre zum normalen Risiko
der durchgeführten Operation. Für eine grobe und ausserordentliche
Ungeschicklichkeit oder sogar für eine absichtliche Schädigung seitens des Operateurs
bestünden keine Anhaltspunkte (UV-act. 31-4 f.).
2.2.1 Prof. D._ führte aus, unerwartet habe sich bereits in der Anfangsphase der
Operation als Folge mehrfach abgelaufener Divertikulitisschübe ein Adhäsionskonvolut
als Ausdruck der Folge einer Peridivertikulitis gefunden, das zunächst vom Operateur
habe freipräpariert werden müssen. In diesem Zusammenhang sei es zu der seltenen,
jedoch gemäss der internationalen Literaturdarstellung möglichen Komplikation einer
Verletzung der grossen Beckenvene links gekommen. Trotz eines raschen,
verantwortungsvollen Umsetzens der Operation von der ursprünglichen
laparoskopischen Technik auf ein weiteres offenes Vorgehen sei es dem Operateur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht gelungen, die sich bereits retrahierten, durchtrennten Venenenden chirurgisch-
operativ zu verbinden. Bei fehlender zur Verfügung stehender Möglichkeit der
Einpflanzung eines körpereigenen Venenimplantats habe sich der Operateur zur
Überbrückung des Venendefekts entschlossen, ein Goretex-Kunststoff-Implantat in die
durchtrennte Vene einzufügen. Dieses weitere operative Vorgehen sei problemlos
gelungen, trotz des hohen Schwierigkeitsgrads. Nunmehr habe im weiteren
postoperativen klinischen Verlauf eine Fehlerkette eingesetzt, die auf der Grundlage
eines organisatorischen Versagens offenbar über vorhandene
Kommunikationsprobleme verhindert habe, dass die vom Operateur für den
postoperativen Verlauf verordnete und empfohlene Thromboembolieprophylaxe in den
nächsten 48 Stunden zur Anwendung gekommen sei (UV-act. 22-20 f. und UV-act.
22-23 f.).
2.2.2 Dr. F._ vertrat in der gutachterlichen Stellungnahme vom 17. Oktober 2010
die Auffassung, die aufgetretene Gefässverletzung an der Beckenvene sei Teil des
eingriffsimmanenten Risikospektrums bei dem ausgeführten Eingriff in Form einer
laparoskopischen Entfernung der Divertikel tragenden und rezidivierend entzündlichen
Dickdarmabschnitte. Am chirurgischen Management, das bei der Versorgung der
Gefässverletzung angewandt worden sei, sei prinzipiell nichts zu beanstanden. Der
Einschätzung von Prof. D._ könne zugestimmt werden. Im Kontext der vorliegenden
medizinischen Informationen und Unterlagen sei von einem voll beherrschbaren Risiko
in Form von Mängeln in der Organisation auszugehen (UV-act. 26-1 f.). Die
Thrombosierung der Vena iliaca communis sinistra im Anschluss an die
gefässchirurgische Versorgung sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als Folge der
unterlassenen Gabe von gerinnungshemmenden Medikamenten anzusehen und nicht
als Risiko der ursprünglichen Operation (UV-act. 26-3 und UV-act. 26-5 oben).
2.3 Sowohl Dr. K._ als auch Prof. L._ berücksichtigten im Wesentlichen die gleiche
Voraktenlage, wie sie auch den Beurteilungen von Prof. D._ und Dr. F._ zugrunde
lag. Wie die Beschwerdegegnerin zutreffend ausführt (act. G 3, Rz 8.2), lag
insbesondere bereits vor dem Einspracheentscheid vom 8. Februar 2011 auf der Hand,
dass die venendurchtrennende Präparation am falschen Ort erfolgt ist. Andernfalls
wäre es nicht zur Gefässverletzung gekommen. Das postoperative Verhalten der
medizinischen Fachpersonen wurde sodann bereits von Prof. D._ und Dr. F._ als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
fehlerhaft kritisiert. Aus den Beurteilungen des operativen und postoperativen
Verhaltens durch Prof. L._ und Dr. K._, die je eine eigene Würdigung derselben
tatsächlichen Grundlage darstellen (siehe hierzu nachstehende E. 2.4), gehen keine
neuen Tatsachen im Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG hervor.
2.4 Die Beurteilungen von Prof. L._ und Dr. K._ stellen sodann keine
revisionsbegründenden Beweismittel dar. Sie erschöpfen sich in einer Würdigung der
bereits im Zeitpunkt des Einspracheentscheids vom 8. Februar 2011 bekannten und
von Prof. D._ sowie Dr. F._ begutachteten Tatsachen. Dies gilt nicht bloss
hinsichtlich der versehentlich vorgenommenen Durchtrennung der Beckenvene,
sondern auch bezüglich des Rests der Operation und der postoperativen Behandlung.
Insbesondere kann die Operation nur anhand des OP-Berichts beurteilt werden, worauf
Prof. I._ hinwies (UV-act. 36-10). Auch die Gutachten der Prof. G._ und H._ (UV-
act. 34) sowie von Prof. I._ (UV-act. 36) stellen je lediglich eigene
Sachverhaltswürdigungen dar, die sich im Übrigen grösstenteils mit den medizinischen
Grundlagen des Einspracheentscheids vom 8. Februar 2011 decken. Namentlich
führten die Prof. G._ und H._ die Durchtrennung auf eine ungenügende
Überschaubarkeit zurück (UV-act. 34-1; zu den unerwartet schwierigen Verhältnissen
bei Beginn der operativen Massnahme siehe UV-act. 22-11) und Prof. I._ führte die
Venendurchtrennung "ganz offensichtlich" auf die Präparation zurück (UV-act. 36-4; zur
schwierigen Präparation wegen "entzündlicher Verwachsungen", siehe auch UV-act.
22-11). Schliesslich legt der Beschwerdeführer weder nachvollziehbar dar noch ist
ersichtlich, weshalb ihm die Beibringung privatgutachterlicher Stellungnahmen nicht
bereits vor Erlass des Einspracheentscheids vom 8. Februar 2011 möglich gewesen
wäre. Nichts anderes gilt für die Eingabe des Beschwerdeführers vom 1. Juli 2016 samt
Beilage.
2.5 Des Weiteren fällt ins Gewicht, dass Dr. K._ - wie die Beschwerdegegnerin im
Einspracheentscheid vom 8. Februar 2011 (siehe vorstehende E. 2.2) - zum Schluss
gelangte, es sei kein grober Behandlungsfehler erkennbar (UV-act. 39-49). Prof. L._
ging wie Dr. K._ davon aus, dass der Operateur den Eingriff in einer unrichtigen
Schicht vorgenommen habe, was zur Venenverletzung geführt habe. Er teilte die
Beurteilung von Dr. K._ ausdrücklich "vollumfänglich" (UV-act. 45-10). Hier handle es
sich nicht um eine Komplikation, sondern wie bereits im Gutachten von Dr. K._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
festgehalten, um einen operativen Fehler (UV-act. 45-11). Aus den weiteren
Ausführungen von Prof. L._ geht nicht hervor, dass er von der Beurteilung von Dr.
K._ abwich und den Operationsfehler als groben Behandlungsfehler qualifiziert hätte.
Er ging ferner nicht von einem Manipulationsfehler aus (UV-act. 45-13). Auch wenn
davon ausgegangen würde, es seien neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel
aufgefunden worden, so fehlte es am Tatbestandsmerkmal der Erheblichkeit (siehe
hierzu vorstehende E. 2.1).
2.6 Zusammenfassend liegen weder erhebliche neue Tatsachen noch Beweismittel im
Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG vor. Ein Rückkommen auf den Einspracheentscheid vom
8. Februar 2011 im Rahmen einer prozessualen Revision fällt daher ausser Betracht.
Vor diesem Hintergrund kann die zwischen den Parteien umstrittene Frage offen
bleiben, ob das Revisionsgesuch rechtzeitig gestellt worden ist.
3.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung.