Decision ID: 87f01c83-855a-4cb7-a950-d6d8d10ee71d
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 3. Abteilung, vom 14. Dezember 2015 (DG150295)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
22. September 2015 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 21).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 46 S. 55 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Die Beschuldigte A._ ist schuldig der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne
von Art. 122 Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Vom Vorwurf der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB wird die Beschuldigte freige-
sprochen.
3. Die Beschuldigte wird bestraft mit 21 Monaten Freiheitsstrafe.
4. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre fest-
gesetzt.
5. Die nachfolgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
15. September 2015 beschlagnahmten und bei der Bezirksgerichtskasse gelagerten
Gegenstände (Sachkaution-Nr. ...) werden dem/der Inhaber/in der Bar "B._", ... [Ad-
resse], innert 3 Monaten nach Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlangen hin zurückgege-
ben und hernach der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen:
- 3 Whiskygläser,
- 1 Bierflasche "Heineken".
6. Die nachfolgenden, von der Privatklägerin eingereichten, mit Verfügung der
Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 15. September 2015 beschlagnahmten und
bei der Bezirksgerichtskasse gelagerten Gegenstände (Sachkaution-Nr. ...) werden der Pri-
vatklägerin innert 3 Monaten nach Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlangen hin zurück-
gegeben und hernach der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen:
- 1 Bundesordner mit diversen Modezeichnungen,
- 1 Stoffsack mit diversen Stoffresten.
7. Die von der Beschuldigten eingereichte, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des
Kantons Zürich vom 15. September 2015 beschlagnahmte und bei der Bezirksgerichtskasse
gelagerte Stofftasche mit 3 Kleidern (Sachkaution-Nr. ...) wird der Beschuldigten innert
3 Monaten nach Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlangen hin zurückgegeben und her-
nach der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen.
- 3 -
8. Die Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin Schadenersatz von Fr. 1'052.35
zuzüglich 5 % Zins ab 8. September 2014 zu bezahlen.
9. Die Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin Fr. 5'000.– zuzüglich 5 % Zins ab
8. September 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das
Genugtuungsbegehren abgewiesen.
10. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 4'200.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 7'000.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 581.25 Auslagen Untersuchung
Fr. 17'300.– amtliche Verteidigung
Fr. 11'000.– unentgeltliche Rechtsvertreterin Privatklägerin
11. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen
der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltliche Rechtsvertreterin der Privatklägerin,
werden der Beschuldigten auferlegt.
12. Die amtliche Verteidigung wird mit Fr. 17'300.– (gerundet, inkl. Mehrwertsteuer) entschä-
digt. Diese Kosten werden auf die Gerichtskasse genommen, vorbehalten bleibt eine Nach-
forderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
13. Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Privatklägerin wird mit Fr. 11'000.– (pauschal, inkl.
Mehrwertsteuer) entschädigt. Diese Kosten werden auf die Gerichtskasse genommen, vor-
behalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 426 Abs. 1 und Abs. 4 StPO, Art. 138
Abs. 1 und Art. 135 Abs. 4 StPO.
14. (Mitteilungen.)
15./16. (Rechtsmittel.)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 4 f.)
a) der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
(schriftlich, Urk. 68 S. 1)
1. Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils betreffend den Schuldspruch
gemäss Urteil-Dispositiv Ziffer 1 (versuchte schwere Körperverletzung
im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
- 4 -
StGB) sowie den Freispruch gemäss Urteil-Dispositiv Ziffer 2 (Nöti-
gung).
2. Die Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 3 3⁄4 Jahren zu be-
strafen.
3. Es seien der Beschuldigten sämtliche Kosten dieses Verfahrens,
inkl. Kosten des Berufungsverfahrens aufzuerlegen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Rechtsbeistandschaft
seien auf die Staatskasse zu nehmen.
b) der amtlichen Verteidigung der Beschuldigten:
(Anschlussberufung, schriftlich, Urk. 69 S. 1 f.)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 14. Dezember 2015 in die-
ser Sache sei im Schuldpunkt zu bestätigen; dagegen sei die ausgefäll-
te Strafe auf 18 Monate zu reduzieren, wobei der Vollzug der Strafe
aufzuschieben sei, unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren;
2. Eventualiter sei die erstinstanzliche Freiheitsstrafe von 21 Monaten be-
dingt zu bestätigen;
3. Sämtliche Zivilansprüche seien abzuweisen oder ins Zivilverfahren zu
verweisen;
4. Die Verfahrenskosten seien auf die Staatskasse zu nehmen. Eventuali-
ter seien sie teilweise auf die Staatskasse zu nehmen.
c) der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft:
(schriftlich, Urk. 70 S. 1)
1. Es sei Antrag Ziffer 2 der Anschlussberufung der Beschuldigten vom
29. April 2016 (Schadenersatz- und Genugtuungsforderung) voll-
umfänglich abzuweisen und Dispositiv Ziffer 8 und Ziffer 9 des Urteils
des Bezirksgerichts Zürich, 3. Abteilung, vom 14. Dezember 2015, zu
bestätigen.
- 5 -
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zuzüglich Auslagen und
MWSt) zu Lasten der Beschuldigten.
prozessuales Gesuch:
Es sei der Privatklägerin für das vorliegende Berufungsverfahren die unent-
geltliche Prozessführung zu gewähren und in der Person von RAin lic. iur.
Y._ ab dem 25. April 2016 eine unentgeltliche Rechtsvertreterin zu er-
nennen.

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte und Umfang der Berufung
1. Verfahrensgang
1.1. Mit Urteil vom 14. Dezember 2015 sprach das Bezirksgericht Zürich,
3. Abteilung, die Beschuldigte und Berufungsbeklagte sowie Anschlussberufungs-
klägerin (hernach die Beschuldigte) der versuchten schweren Körperverletzung im
Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig.
Vom Vorwurf der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB wurde die Beschuldigte
demgegenüber freigesprochen.
Die Beschuldigte wurde mit 21 Monaten Freiheitsstrafe bestraft. Der Vollzug der
Freiheitsstrafe wurde aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt.
Weiter wurde festgehalten, dass die beschlagnahmten Whiskygläser und die Bier-
flasche dem/der Inhaber/in der Bar "B._" auf dessen/deren Verlangen hin zu-
rückgegeben und andernfalls nach drei Monaten der Lagerbehörde zur gutschei-
nenden Verwendung überlassen werden. Gleich verfahren hat die Vorinstanz mit
Bezug auf die von der Privatklägerin und der Beschuldigten eingereichten und
hernach beschlagnahmten Gegenstände (Privatklägerin: Bundesordner und di-
verse Modezeichnungen bzw. Beschuldigte: Stofftasche mit 3 Kleidern), welche –
sollten jene nicht innert drei Monaten von der daran Berechtigten herausverlangt
werden – der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen wurden.
- 6 -
Weiter wurde die Beschuldigte verpflichtet, der Privatklägerin Schadenersatz von
Fr. 1'052.35 zuzüglich 5 % Zins ab 8. September 2014 sowie eine Genugtuung
von Fr. 5'000.– zuzüglich 5 % Zins ab 8. September 2014 zu bezahlen, wobei das
Genugtuungsbegehren im Mehrbetrag abgewiesen wurde.
Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltliche Rechtsvertreterin
der Privatklägerin, wurden der Beschuldigten auferlegt.
1.2. Gegen das Urteil meldete die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich mit
Eingabe vom 16. Dezember 2015 rechtzeitig Berufung an (vgl. Urk. 39). Mit Ein-
gabe vom 9. März 2016 erstattete die Staatsanwaltschaft die schriftliche Beru-
fungserklärung (Urk. 47).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 8. April 2016 wurde der Beschuldigten sowie der
Privatklägerin unter Zustellung einer Kopie der Berufungserklärung der Staatsan-
waltschaft Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder Nichteintreten
auf die Berufung zu beantragen (Urk. 51; Zustellungsbestätigung Urk. 52).
1.4. Mit Eingabe vom 25. April 2016 wurde seitens der Privatklägerin mitgeteilt,
dass auf Anschlussberufung verzichtet werde (Urk. 53).
1.5. Die Beschuldigte erhob demgegenüber mit Eingabe vom 29. April 2016
Anschlussberufung (Urk. 55).
1.6. Mit Präsidialverfügung vom 3. Mai 2016 wurde der Privatklägerin und der
Staatsanwaltschaft eine Kopie der schriftlichen Anschlussberufungserklärung der
Beschuldigten bzw. der Staatsanwaltschaft sowie der Beschuldigten eine Kopie
der Eingabe der Privatklägerin vom 25. April 2016 zugestellt (Urk. 57; Zu-
stellungsbestätigung Urk. 58).
1.7. Am 29. Juni 2016 ergingen die Vorladungen an die Staatsanwaltschaft, die
Privatklägerin und die Beschuldigte zur heutigen Berufungsverhandlung
(vgl. Urk. 59).
- 7 -
2. Umfang der Berufung
Die Staatsanwaltschaft hat ihre Berufung auf Dispositiv-Ziffer 3 (Sanktion), sinn-
gemäss einschliesslich Dispositiv-Ziffer 4 (Vollzug), beschränkt (vgl. Urk. 47;
Urk. 68 S. 1; Prot. II S. 4).
Seitens der Beschuldigten wurden im Rahmen ihrer Anschlussberufung die
Dispositiv-Ziffern 1 (Schuldspruch schwere Körperverletzung), 3 (Sanktion),
8 (Schadenersatz), 9 (Genugtuung) und 11 (Kostenauflage) angefochten (Urk. 69
S. 1 f.; Prot. II S. 5). In der abschliessenden Antragsstellung im Rahmen des Par-
teivortrags wurde der Schuldspruch wegen schwerer Körperverletzung allerdings
akzeptiert. Dispositiv-Ziffer 1 des vorinstanzlichen Urteils ist folglich nicht ange-
fochten.
Demgemäss bilden die Dispositiv-Ziffern 3, 4, 8, 9 und 11 des erstinstanzlichen
Urteils Berufungsgegenstand.
Die übrigen Dispositiv-Ziffern des erstinstanzlichen Urteils – Dispositiv-Ziffern 1
(Schuldspruch), 2 (Freispruch Nötigung), 5 bis 7 (Beschlagnahmungen), 10 (Kos-
tenfestsetzung), 12 (Entschädigung amtliche Verteidigung) und 13 (Entschädi-
gung unentgeltliche Rechtsvertretung Privatklägerin) – wurden demgegenüber
nicht angefochten und sind daher in Rechtskraft erwachsen, was festzustellen ist.
II. Prozessuales
1. Die Ausführungen der Vorinstanz in Bezug auf die von ihr abgewiesenen
Beweisanträge der Beschuldigten – betreffend eines Augenscheines des von ihr
am Vorfalltag getragenen Kleides einerseits, betreffend eine Befragung
von Pastor C._ andererseits – sind zutreffend, weshalb vollumfänglich auf
die entsprechenden Erwägungen verwiesen werden kann (Urk. 26, 27 u. 46
E. I.1.2. u. 1.3.; Prot. I S. 9 ff.).
2. Auch die von der Vorinstanz zur Konstituierung der Privatklägerschaft sowie
der Verwertbarkeit der Beweismittel bzw. der allgemeinen Würdigung von Be-
- 8 -
weismitteln gemachten Erwägungen sind zutreffend und geben zu keinen weite-
ren Bemerkungen Anlass, weshalb ebenso vollumfänglich auf diese verwiesen
werden kann (vgl. Urk. 46 E. I.2. bzw. II.3.1. u. 3.2.).
3. Auf die Stellung von Beweisanträgen im vorliegenden Berufungsverfahren
wurde seitens der Beschuldigten verzichtet. Ebenso wurden seitens der Verteidi-
gung keine prozessualen Einwendungen vorgebracht (vgl. dazu Prot. II S. 6-8).
III.Sanktion
1. Strafrahmen
1.1. Die tat- und täterangemessene Strafe ist grundsätzlich innerhalb des or-
dentlichen Strafrahmens der schwersten anzuwendenden Strafbestimmung fest-
zusetzen. Dieser Rahmen ist vom Gesetzgeber in aller Regel sehr weit gefasst
worden, um sämtlichen konkreten Umständen Rechnung zu tragen. Entgegen ei-
ner auch in der Praxis weit verbreiteten Auffassung wird der ordentliche Straf-
rahmen bei Vorliegen von Strafschärfungs- oder -milderungsgründen nicht auto-
matisch erweitert, worauf dann innerhalb dieses neuen Rahmens die Strafe nach
den üblichen Strafzumessungskriterien festzusetzen wäre. Der ordentliche Rah-
men ist nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die
für die betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart bzw. zu milde
erscheint. Der vom Gesetzgeber vorgegebene ordentliche Rahmen ermöglicht in
aller Regel, für eine einzelne Tat die angemessene Strafe festzulegen. Er versetzt
den Richter namentlich in die Lage, die denkbaren Abstufungen des Verschul-
dens zu berücksichtigen (BGE 136 IV 55 E. 5.8). Vorliegend führt der Versuch
(Art. 22 StGB) nicht dazu, den ordentlichen Strafrahmen – und schon gar nicht
von vornherein – zu unterschreiten. Gleiches gilt für die nachfolgend zu erörtern-
den weiteren Strafmilderungsgründe der verminderten Schuldfähigkeit und des
Notwehrexzesses. Es liegen auch diesbezüglich keine aussergewöhnlichen Um-
stände vor, die eine Unterschreitung des ordentlichen Strafrahmens indizieren
würden. Diese Strafmilderungsgründe werden innerhalb des ordentlichen Straf-
rahmens vielmehr straf- bzw. verschuldensmindernd zu berücksichtigen sein.
- 9 -
1.2. Wie von der Vorinstanz zutreffend erwogen (Urk. 46 E. IV.1.1.-1.2.), ist der
ordentliche Strafrahmen vorliegend mangels aussergewöhnlicher Umstände somit
nicht zu verlassen, weshalb jener von einem halben Jahr bzw. 180 Tagessätzen
Geldstrafe bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe reicht.
1.3. Es liegt hier ein vollendeter Versuch vor, da es nicht im Wirkungsbereich der
Beschuldigten lag, ob der Erfolg letztlich eintrat oder nicht. Bei der Verschuldens-
bewertung spielt es eine Rolle, ob der Täter aus eigenem Antrieb zurückgetreten
ist. Dies ist ein Umstand, welcher verschuldensmindernd zu gewichten ist. Tritt
dagegen der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht ein, ohne vom Täter
beeinflusst worden zu sein, bleibt das Verschulden unberührt. Gleichwohl hat sich
dieser Umstand aber zugunsten des Täters auszuwirken (BGE 123 IV 49). Beim
vollendeten Versuch geht es um eine Tatkomponente, die sich dadurch auszeich-
net, dass sie verschuldensunabhängig ist (so – zutreffend – auch die Vorinstanz
in Urk. 46 E. IV.3.3., wohingegen die von ihr davor unter E. IV.1.1. gemachten
Erwägungen dem zu widersprechen scheinen). Deshalb wird sie bei der Gesamt-
einschätzung des Verschuldens auch nicht einbezogen. Sie hat sich indessen im
Sinne einer Reduzierung der (hypothetischen) verschuldensangemessenen Strafe
auszuwirken (s. hierzu nachstehend; vgl. auch MATHYS, Leitfaden Strafzu-
messung, Basel 2016, Rz. 215 ff. bzw. MATHYS, Zur Technik der Strafzumessung,
in: SJZ 100 (2004) Nr. 8 S. 178).
2. Strafzumessungsfaktoren
Die Vorinstanz hat die zu den Kriterien der Strafzumessung nötigen theoretischen
Ausführungen gemacht. Darauf und auf die aktuelle Rechtsprechung des Bun-
desgerichts zum Thema (BGE 136 IV 55 E. 5.4. ff.; 135 IV 130 E. 5.3.1; 132 IV
102 E. 8.1; je mit Hinweisen) kann vorab verwiesen werden. Zutreffend wurde
auch festgehalten, dass zwischen der Tat- und Täterkomponente sowie der objek-
tiven und subjektiven Tatschwere zu unterscheiden ist (s. Urk. 46 E. IV.2.1.-2.4.;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
- 10 -
3. Tatkomponente
3.1. Objektive Tatschwere
Die Vorinstanz (s. Urk. 46 E. IV.3.1. bzw. E. III.2.6.) hat in Bezug auf die objektive
Tatschwere zutreffend ausgeführt, dass die Beschuldigte unvermittelt einen
Schlag – wovon nunmehr auch (wenngleich primär aus beweisrechtlichen Überle-
gungen) die Anklagebehörde ausgeht (Prot. II S. 7 f.) – mit einem gefährlichen
Gegenstand gegen einen der sensibelsten Körperteile des menschlichen Körpers
ausführte, welcher die Privatklägerin nur durch Zufall nicht schwer verletzt habe,
wobei keine Lebensgefahr bestanden habe. Das Ausmass der Gefährdung ist an-
gesichts dieser Umstände als nicht unbeträchtlich einzustufen. Überdies hat die
Beschuldigte der Privatklägerin bleibende Schäden zugefügt: Anlässlich der vor-
instanzlichen Hauptverhandlung wurde mangels ärztlicher Befunde zu den Lang-
zeitfolgen (s. Urk. 4/3 S. 2 und 4/4 bzw. Urk. 4/5 S. 2 und 4/6) im Rahmen eines
Augenscheines festgestellt, dass am Kopf der Privatklägerin eine kleinere Wöl-
bung ober- und unterhalb der Augenbraue bestehe und diese sodann eine 2 cm
lange Narbe in den Haaren auf der linken Kopfseite, eine Delle auf dem Nasen-
rücken und eine fast 1 cm grosse, dreieckige Narbe auf dem linken Augenlid auf-
weise (Prot. I S. 11 f.; Urk. 46 E. II.3.7.2.). Dieselben Feststellungen konnte die
hiesige Kammer aufgrund eines eigenen Augenscheins anlässlich der Berufungs-
verhandlung machen (Prot. II S. 8). Gestützt darauf erscheint die von der Vor-
instanz gemachte Feststellung, dass die vom Schlag der Beschuldigten davonge-
tragenen Narben zwar eher klein aber doch nicht unerheblich und (im damaligen
Zeitpunkt) noch sichtbar seien, als angemessen. Die Privatklägerin wird durch die
Narben jedenfalls täglich an die Tat erinnert. Demgegenüber ist der Ansicht der
Anklagebehörde (Urk. 47 S. 1 f.), wonach die der Privatklägerin zugefügten Ver-
letzungen als arge und bleibende Entstellungen des Gesichts zu bezeichnen sei-
en, nicht zu folgen. Ebenso hat die Vorinstanz den Umstand, dass die voran-
gehende tätliche Auseinandersetzung von der Privatklägerin initiiert wurde, zutref-
fend verschuldensmindernd miteinbezogen. Die objektive Tatschwere ist unter
Berücksichtigung dieser Umstände, angesichts des weiten Strafrahmens und mit
Blick auf mögliche schwerere Körperverletzungen als leicht zu bezeichnen. Eine
Einsatzstrafe von 30 Monaten Freiheitsstrafe erscheint angemessen.
- 11 -
3.2. Subjektive Tatschwere
3.2.1. Art. 19 Abs. 2 StGB bestimmt, dass das Gericht die Strafe mildert, wenn
der Täter zur Zeit der Tat nur teilweise fähig war, das Unrecht seiner Tat einzuse-
hen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln. Gemäss bundesgerichtlicher Recht-
sprechung besteht bei einer Blutalkoholkonzentration zwischen 2 und 3 Promille
eine Vermutung für eine Verminderung der Schuldfähigkeit, welche aber im Ein-
zelfall durch Gegenindizien umgestossen werden könne (BGE 122 IV 49 E. 1b).
Besteht ernsthafter Anlass, an der Schuldfähigkeit des Täters zu zweifeln, so ord-
net die Untersuchungsbehörde oder das Gericht die sachverständige Begutach-
tung durch einen Sachverständigen an (Art. 20 StGB). Art. 20 StGB greift als Re-
gel über die Beweisführung in das Prozessrecht ein und weist darauf hin, dass in
der Regel eine Begutachtung zu erfolgen hat (BSK StGB I-BOMMER, Art. 20 N 14
m.w.H.; TRECHSEL/JEAN-RICHARD, StGB Praxiskommentar, Art. 20 N 1 m.w.H.),
wobei das Bundesgericht gewisse Ausnahmen zulässt (zu den Voraussetzungen
einer Begutachtung: BGE 116 IV 273). So ist es gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung zulässig, auf die Anordnung eines Gutachtens zu verzichten,
wenn keine ernsthaften Zweifel an einem Rest noch von erhaltener Schuldfähig-
keit besteht (Urteil des Bundesgerichts vom 7. Mai 2002, Pra 2002, Nr. 157, 845).
Es liegt kein Gutachten über die Schuldfähigkeit der Beschuldigten im Tat-
zeitpunkt vor. Die Vorinstanz stützt sich vorliegend auf den durch die Stadtpolizei
Zürich durchgeführten Alkoholtest (Urk. 1 S. 1), demgemäss die Beschuldigte
einen Atemalkoholgehalt von 2.04 ‰ aufgewiesen habe, sowie die Aussagen der
Beschuldigten und der Zeugen D._ und E._ (Urk. 46 E. III.4.1.-4.4.), um
der Beschuldigten eine leichte bis mittelgradige Schuldverminderung zu attestie-
ren.
Die vorinstanzlichen Erwägungen und die daraus gezogene Schlussfolgerung
(Urk. 46 E. III.4.3.-4.4.) sind nicht zu beanstanden. Je nach Einvernahme machte
die Beschuldigte geltend, im fraglichen Moment "sehr stark betrunken" (Urk. 6/1
S. 1), "etwas betrunken" (Urk. 6/2 S. 6), "total betrunken" (Urk. 36 S. 4) bzw.
"komplett betrunken" (Urk. 6/4 S. 9) und zuletzt "sehr betrunken" (Urk. 66 S. 6)
gewesen zu sein. Ebenso widersprüchlich sind ihre – von der Vorinstanz zutref-
- 12 -
fend erörterten (Urk. 46 III. 4.3.) – Angaben zur Art und Menge des in der fragli-
chen Nacht konsumierten Alkohols.
Die Aussagen der Zeugen zum Alkoholkonsum und Alkoholisierungsgrad der Be-
schuldigten sind zwar nicht einhellig, vermögen indes doch ein klares Bild zu
zeichnen: Der Zeuge F._ gab zu Protokoll, dass die Beschuldigte zum
Abendessen vielleicht eine halbe Flasche Wein und hernach ein bis 2 Whiskys
getrunken habe, bevor sie um zwei Uhr morgens in die Bar B._ gekommen
seien (Urk. 8/1 S. 7 f.). Die Zeugin G._ erwähnte, die Beschuldigte habe
normal gewirkt, wobei sie nicht einfach vom Ansehen erkenne, ob jemand viel ge-
trunken habe oder nicht (Urk. 8/3 S. 10). Der Zeuge D._ gab wiederum zu
Protokoll, dass sowohl die Privatklägerin wie auch die Beschuldigte sehr stark be-
trunken gewesen seien, was man auch an der Mimik, am Gang und am gesamten
Verhalten gesehen habe (Urk. 8/4 S. 7 f.). Der Zeuge E._ gab schliesslich zu
Protokoll, dass beide Frauen damals "aggressiv und alkoholisiert" bzw. "ziemlich
betrunken" gewesen seien, was sich daran gezeigt habe, wie sie herumgelaufen
seien, indem sie beim Gehen geschwankt hätten bzw. wie sie gesprochen haben
(Urk. 8/5 S. 4 u. 9).
Gestützt auf die Würdigung der verfügbaren Beweismittel und insbesondere auf
den durch die Stadtpolizei Zürich durchgeführten Alkoholtest ist zu Gunsten der
Beschuldigten – mit der Vorinstanz – eine leichte bis mittelgradige Verminderung
der Schuldfähigkeit anzunehmen, wohingegen eine gänzliche Schuldunfähigkeit – entgegen der früheren Ansicht der Verteidigung, gemäss welcher bei einer
Alkoholisierung über zwei Promille kaum mehr vernunftgemässes Handeln mög-
lich sei (Urk. 55 S. 7 f.) – ausser Betracht fällt.
3.2.2. Die Vorinstanz (s. Urk. 46 E. IV.3.2.) hat die Umstände, dass die Schuld-
fähigkeit der Beschuldigten – wie vorstehend erörtert – im Tatzeitpunkt aufgrund
des Atemalkoholgehalts von rund zwei Promille leicht bis mittelgradig ein-
geschränkt war und dass sie nicht mit direktem, sondern mit Eventualvorsatz ge-
handelt hat, zu Recht zu ihren Gunsten berücksichtigt. Weiter wurde zutreffend
erwogen, dass die Beschuldigte die Tat nicht geplant hat und vorgängig insoweit
durch die Privatklägerin provoziert resp. tätlich angegangen wurde, als sie von
- 13 -
dieser an den Haaren gezogen wurde (zum Notwehrexzess sogleich). Entgegen
der Vorinstanz ist indes nicht davon auszugehen, dass die Beschuldigte im Tat-
zeitpunkt "zu keiner Zeit nervös" und damit beherrscht und ruhig war. Es ist viel-
mehr davon auszugehen, dass die Beschuldigte sich im fraglichen Zeitpunkt in ei-
nem impulsiv-aggressiven Gemütszustand befand, weil sie das Herantreten der
Privatklägerin von hinten und das Ziehen an ihren Haaren als Angriff oder zumin-
dest als massive Aggression wahrgenommen hat, wobei der alkoholisierte Zu-
stand der Beschuldigten diese Wahrnehmung noch verstärkt haben dürfte. Wie
von der Anklagebehörde geltend gemacht (Urk. 47 S. 2), zeugt die Reaktion der
Beschuldigten durchaus von einer erschreckenden Hemmungslosigkeit, indem die
Beschuldigte durchaus (so die Vorinstanz in Urk. 46 E. III.2.6.) nach dem Motto
"komme was wolle" der Privatklägerin mit einem Whiskyglas an den Kopf schlug.
3.2.3. Ein Rechtfertigungsgrund für das Handeln der Beschuldigten in Form einer
Notwehrhandlung gemäss Art. 15 StGB (oder anderer Art) liegt hier – wie von der
Vorinstanz zutreffend eingeschätzt (Urk. 46 E. III.3.1.-3.3.) – entgegen der frühe-
ren Ansicht der Verteidigung (Urk. 55 S. 8) nicht vor. So muss der Angriff durch
eine den Umständen angemessene Weise abgewehrt werden, wobei die gesetz-
lich geforderte Angemessenheit sowohl Erforderlichkeit der entsprechenden
Handlung wie auch deren Verhältnismässigkeit im engeren Sinne voraussetzt
(BSK StGB I-SEELMANN, Art. 15 N 11 m.w.H.). Obschon in objektiver Hinsicht – mit
der Verteidigung (Urk. 69 S. 5) – von einem Angriff der Privatklägerin auszugehen
ist, indem diese von hinten auf die Beschuldigte zuging und diese an den Haaren
zog, hat die Beschuldigte durch ihre Reaktion – Schlag mit dem Glas – weder die
ungefährlichste Art der Verteidigung gewählt noch eine verhältnismässige Verhal-
tensweise an den Tag gelegt.
Nicht zu folgen ist allerdings der Ansicht der Vorinstanz, dass es an der für die
Annahme einer Notwehrlage erforderlichen Intensität des Angriffs fehle, da die
Beschuldigte gemäss eigenen Angaben nicht zumindest etwas beunruhigt gewe-
sen wäre, weshalb sich die Beschuldigte aus diesem Grund nicht auf die rechtfer-
tigende Notwehr im Sinne von Art. 15 StGB berufen könne (Urk. 46 E. III.3.2.).
Angesichts der damaligen Gemütslage der Beschuldigten ist vielmehr davon aus-
zugehen, dass diese sich im fraglichen Zeitpunkt in einem impulsiv-aggressiven
- 14 -
Gemütszustand befand und das Herantreten der Privatklägerin von hinten und
das Ziehen an ihren Haaren durchaus als Angriff wahrgenommen hat. Die darauf
folgende Reaktion der Beschuldigten war indessen keineswegs angemessen, in-
dem sie durch das Zuschlagen mit dem Whiskyglas sowohl gegen das Subsidiari-
täts- wie auch das Proportionalitätsgebot verstiess. Die Beschuldigte überschritt
mit ihrer Abwehrreaktion die Grenzen der zulässigen Notwehr gemäss
Art. 15 StGB; es liegt mit anderen Worten ein sogenannter Notwehrexzess im
Sinne von Art. 16 Abs. 1 StGB vor. Vor diesem Hintergrund ist in subjektiver Hin-
sicht zu relativieren, dass die Beschuldigte mit einem Glas zugeschlagen hat.
Überrascht vom Angriff, führte die Beschuldigte quasi reflexartig den Gegen-
schlag aus. Es kann ihr jedenfalls nicht unterstellt werden, sie hätte bewusst für
ihren Gegenschlag das Whiskyglas ergriffen und dieses zur (übermässigen) Ver-
teidigung eingesetzt. Vielmehr hielt sie das Glas just in diesem Moment mehr zu-
fällig in der Hand. Dieser Notwehrexzess ist ebenfalls strafmindernd zu berück-
sichtigen.
3.2.4. Insgesamt vermag die subjektive Tatschwere die objektive deutlich zu re-
duzieren, da die Gründe für das Verhalten der Beschuldigten mehr in ihrer einge-
schränkten Steuerungsfähigkeit, ihrem Temperament und im Angriff durch die
Privatklägerin zu verorten sind als in einer ausgeprägten Skrupellosigkeit ihrer-
seits, was bei einem – wie von der Vorinstanz angenommenen – ruhigen Ge-
mütszustand, welchem generell ein überlegteres Handeln folgt, anders zu be-
urteilen gewesen wäre. Deshalb kann der Ansicht der Anklagebehörde, gemäss
welcher die Beschuldigte eine "Kaltblütigkeit sondergleichen" an den Tag gelegt
habe und ihr Verhalten gar grenzwertig zur eventualvorsätzlich versuchten Tötung
erachtet wurde (Urk. 47 S. 2; Urk. 68 S. 3), nicht gefolgt werden. Es rechtfertigt
sich unter Berücksichtigung der erörterten Umstände eine Reduktion der Einsatz-
strafe auf 24 Monate Freiheitsstrafe vorzunehmen.
3.3. Vollendeter Versuch als verschuldensunabhängige Tatkomponente
3.3.1. Schliesslich gilt es in Betracht zu ziehen, dass es vorliegend beim (vollen-
deten) Versuch blieb. Wie bereits vorstehend ausgeführt, hat sich dies im Sinne
einer Reduzierung der (hypothetischen) verschuldensangemessenen Einsatzstra-
- 15 -
fe auszuwirken. Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe beim vollendeten
Versuch hängt unter anderem von der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolgs
und von den tatsächlichen Folgen der Tat ab. Die Reduktion der Strafe wird mit
anderen Worten umso geringer, je näher der tatbestandsmässige Erfolg und je
schwerwiegender die tatsächliche Folge der Tat war. Stets ist aber eine Herab-
setzung der Strafe wegen des Ausbleibens des tatbestandsmässigen Erfolgs zu-
lässig (BGE 123 IV 49).
3.3.2. In Betracht zu ziehen ist hierbei, dass es – wie zuvor bereits erwähnt – nur
dem Zufall und nicht dem Verhalten der Beschuldigten zuzuschreiben ist, dass die
Privatklägerin nicht schwer verletzt wurde. Diese Einschätzung findet auch in den
ärztlichen Befunden ihre Bestätigung (vgl. Urk. 4/3 S. 2 und 4/4 bzw. Urk. 4/5 S. 2
und 4/6), wonach mit den Augen und den Halsgefässen lebenswichtige Strukturen
in unmittelbarer Nähe der Schnittverletzungen der Privatklägerin gelegen hätten,
auch wenn "eher" keine unmittelbare Lebensgefahr bestanden habe.
3.3.3. Aus diesen Gründen ist mit der Vorinstanz (Urk. 46 E. IV.3.3.) festzustellen,
dass die Tatsache, dass es bei einem blossen Versuch geblieben ist, vorliegend
nur zu einer marginalen Reduktion der Strafe führt. Eine Reduktion der für das ob-
jektive und subjektive Tatverschulden festgesetzten Strafe auf 21 Monate Frei-
heitsstrafe erweist sich als angemessen und das seitens der Vorinstanz – vor
dem Hintergrund des weiten Strafrahmens – als noch leicht bezeichnete Ver-
schulden als zutreffend.
3.4. Täterkomponente
3.4.1. Die verschuldensangemessene Strafe kann aufgrund von Umständen, die
mit der Tat grundsätzlich nichts zu tun haben, erhöht oder herabgesetzt werden.
Massgebend sind hierfür im Wesentlichen täterbezogene Komponenten wie die
persönlichen Verhältnisse, Vorstrafen, Leumund, Strafempfindlichkeit und Nach-
tatverhalten (Geständnis, Einsicht, Reue etc.).
3.4.2. Zu den persönlichen Verhältnissen kann auf die Ausführungen der Vor-
instanz verwiesen werden (Urk. 46 E. IV.4.1.). Anlässlich der Berufungsverhand-
- 16 -
lung ergab sich, dass die Beschuldigte ein 8-monatiges Baby hat. Der Vater sei
Herr F._, mit dem sie auch wieder zusammen sei und in der gleichen Woh-
nung lebe (s. zum Ganzen Prot. II S. 2-8). In Bezug auf die Täterkomponente hielt
die Vorinstanz zutreffend fest (s. Urk. 46 E. IV.4.1.-4.2.), dass sich aus den per-
sönlichen Verhältnissen der Beschuldigten wie auch ihrer Vorstrafenlosigkeit
(Urk. 49) keine strafzumessungsrelevanten Umstände ableiten lassen.
3.4.3. Zum Nachtatverhalten der Beschuldigten ist Folgendes zu sagen: Im Rah-
men ihres Schlusswortes anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung ent-
schuldigte sich die Beschuldigte zwar bei der Privatklägerin, indes führte sie
gleichzeitig aus, dass dies nicht geschehe, weil sie schuldig sei, sondern weil sie
beide betrunken gewesen seien (Urk. 36 S. 9). An der Berufungsverhandlung
liess die Beschuldigte den Schuldpunkt entgegen ihrer Berufungserklärung nicht
mehr anfechten und ist insofern geständig (vgl. Urk. 69). Allerdings machte die
Beschuldigte selber im Rahmen ihrer Befragung keine näheren Angaben zum
Vorfall. Sie berief sich vor allem darauf, dass sie sich nicht mehr genau erinnere
und stark alkoholisiert gewesen sei (Urk. 66 S. 9 ff.). Im Lichte dieser geltend ge-
machten Erinnerungslücken, ohne eigenständiges Tateingeständnis der Beschul-
digten erscheint dieses späte Geständnis im Rahmen des Parteivortrags (in der
Form der Anerkennung des Schuldspruchs) eher taktisch motiviert. Zudem hat es
auch nicht zu einer Verfahrensvereinfachung geführt. Auch in der Berufungsver-
handlung zeigte die Beschuldigte keine aufrichtige Reue. Im Schlusswort sagte
sie lediglich, es sei ihr sehr unangenehm, sie sei wegen der Situation betrübt.
Gegenüber der Privatklägerin habe sie sich persönlich entschuldigt und mit ihr
gesprochen (Prot. II S. 8). Diese Entschuldigung, die von Seiten der Privatklägerin
unbestritten geblieben ist sowie die späte und mehr taktisch motivierte Anerken-
nung des Schuldspruchs führen zu einer lediglich leichten Strafminderung.
3.5. Ergebnis
Nach Würdigung der Tat- und der Täterkomponente, unter Berücksichtigung des
Versuchs und der Tatkomponenten erweist sich eine Freiheitsstrafe im Umfang
von 18 Monaten Freiheitsstrafe als angemessen.
- 17 -
VI. Vollzug
Zu den Voraussetzungen des bedingten Strafvollzuges äusserte sich bereits die
Vorinstanz ausführlich und zutreffend, weshalb auf jene Ausführungen verwiesen
werden kann (Urk. 46 E. V.1.-3.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Ihrer Auffassung kann voll-
umfänglich gefolgt werden, weshalb der Vollzug der auszufällenden Freiheits-
strafe aufzuschieben ist. Dabei ist die Probezeit mit der Vorinstanz auf 2 Jahre
festzusetzen.
VII. Zivilansprüche
1. Die Vorinstanz hat die erforderlichen rechtlichen Ausführungen zu den
Voraussetzungen für die Zusprechung von Schadenersatz und Genugtuung ge-
macht, weshalb vollumfänglich auf diese verwiesen werden kann (Urk. 46 E. VII.3.
u. 5.1.).
2. Die Vorinstanz verpflichtete die Beschuldigte, der Privatklägerin Schadener-
satz in Höhe von Fr. 1'052.35 sowie eine Genugtuung in Höhe von Fr. 5'000.–,
jeweils zuzüglich 5% Zins seit dem 8. September 2014, zu bezahlen. Im Mehrbe-
trag wurde das Genugtuungsbegehren der Privatklägerin abgewiesen (Urk. 46
Dispositiv-Ziffern 8 und 9).
3. Die Beschuldigte anerkennt weder einen Schadenersatz- noch einen Ge-
nugtuungsanspruch der Privatklägerin (zuletzt Urk. 69 S. 7). Sie macht geltend,
dass die Schnitte nicht gravierend und nur oberflächlich gewesen zu sein schei-
nen. Sie hätten in der Notfallstation im Rahmen einer Wundpflege ambulant be-
handelt werden können. Ausserdem habe die Privatklägerin den Vorfall mitunter
selbstverschuldet, indem sie die Beschuldigte nachweislich provoziert habe
(Urk. 55 S. 8).
4. Der von der Privatklägerin geltend gemachte und dieser von der Vorinstanz
zugesprochene Schadenersatz für den Beizug des Krankenwagens (inkl. Be-
handlung durch die Rettungssanitäter), die Versorgung im Stadtspital Triemli und
den Medikamentenbezug von insgesamt Fr. 1'052.35 ist gestützt auf die von ihr
- 18 -
eingereichten Belege (Urk. 32) ausgewiesen. Der Beizug eines Krankenwagens
erscheint unter Berücksichtigung der in der Tatnacht gemachten eindrücklichen
Bilder, welche eine blutüberströmte und am Kopf mehrmals geschnittene Privat-
klägerin zeigen (Urk. 3), keinesfalls unangemessen. Ferner wird die Erforderlich-
keit einer ärztlichen Versorgung der Privatklägerin seitens der Beschuldigten auch
nicht wirklich in Frage gestellt. Schliesslich ist es angesichts der erheblichen Ver-
letzungen der Privatklägerin unangebracht und vor allem für die Beurteilung des
Schadenersatzanspruches gänzlich ohne Belang, wenn die Privatklägerin von
nicht gravierenden und nur oberflächlich gewesen zu sein scheinenden Schnitten
spricht. Der von der Vorinstanz zugesprochene Schadenersatz im Betrag von
Fr. 1'052.35 ist nach dem Gesagten nicht zu beanstanden.
5. In Bezug auf die der Privatklägerin zugesprochene Genugtuung erwog die
Vorinstanz, dass der Anspruch darauf angesichts der Schwere der ihr von der
Beschuldigten widerrechtlich zugefügten Verletzungen ohne Weiteres zu bejahen
sei (Urk. 46 E. VII.5.3.), was zutreffend ist. Bei der Bemessung der Genugtuung
berücksichtigte die Vorinstanz, dass die Darstellungen der Privatklägerin anläss-
lich der staatsanwaltlichen Einvernahme vom 26. Februar 2015 (Urk. 7/2 S. 12 f.),
dass nach wie vor Schmerzen bestehen würden, glaubhaft wirken würden, zumal
sie nicht den Eindruck erwecke, als würde sie dabei übertreiben oder die Be-
schuldigte übermässig belasten. Demgemäss spüre die Privatklägerin lediglich an
der Wunde, wo die Flasche aufgeschlagen sei, noch Schmerzen und ein Pulsie-
ren des Blutes, wobei es sich um keinen kontinuierlichen Schmerz handle, wel-
cher vielleicht ein bis zwei Mal pro Woche beim Haare waschen auftrete. Dage-
gen erachtete die Vorinstanz die anlässlich der vorinstanzlichen Haupt-
verhandlung von der Rechtsvertreterin der Privatklägerin vorgetragenen Angaben
als teilweise übertrieben, worin ihr beizupflichten ist, zumal erstellt ist, dass die
Beschuldigte nicht mit Tötungs- oder direktem Vorsatz gehandelt hat und für die
Privatklägerin gestützt auf den ärztlichen Befund kaum eine aktuelle Lebensge-
fahr bestanden hat. Die dahin zielenden Ausführungen der Privatklägerin gehen
deshalb fehl. Ferner ist der Vorinstanz gestützt auf den von der hiesigen Kammer
im Rahmen der Berufungsverhandlung gewonnen Eindruck auch in ihren Erwä-
gungen beizupflichten, dass die Privatklägerin aus dem Vorfall sichtbare Narben
- 19 -
(teilweise an exponierten Stellen wie dem Nasenrücken) davon trägt, welche
durchaus psychisch belastend sein können. Die Zusprechung einer Genugtuung
im Betrag von Fr. 5'000.- ist angesichts dieser Umstände nicht zu beanstanden.
Die amtliche Verteidigerin brachte im Rahmen der Berufungsverhandlung im übri-
gen nichts Substantiiertes gegen die zugesprochene Genugtuung vor.
6. Nicht in Betracht gezogen wurde von der Vorinstanz indes ein allenfalls die
Genugtuung reduzierendes Selbstverschulden der Privatklägerin (Urk. 46
E. VII.5.3.). Von einer Eigengefährdung bzw. einem Selbstverschulden ist insbe-
sondere auszugehen, wenn sich der Geschädigte aussergewöhnlichen Gefahren
oder Wagnissen aussetzt und dabei verletzt wird (HÜTTE/ LANDOLT, Genugtuungs-
recht, Bd. 2, Zürich/St. Gallen 2013, S. 164 m.w.H.). Hat der Geschädigte in die
schädigende Handlung eingewilligt, oder haben Umstände, für die er einstehen
muss, auf die Entstehung oder Verschlimmerung des Schadens eingewirkt oder
die Stellung des Ersatzpflichtigen sonst erschwert, so kann der Richter die Er-
satzpflicht ermässigen oder gänzlich von ihr entbinden (Art. 44 Abs. 1 OR analog;
vgl. BSK OR I-KESSLER, Art. 47 N 20b). So kann ein auch nur untergeordnetes
Mitverschulden zu einer Reduktion des Genugtuungsanspruches führen (BGE124
II 8 E. 5).
Die Privatklägerin erhob den Einwand, es handle sich beim Vorbringen des
Selbstverschuldens um ein unechtes Novum, das im Berufungsverfahren nicht
mehr zu hören sei (Urk. 70 S. 3 ff.). Dieser Einwand geht indes fehl. Einerseits
greift die im Zivilprozessrecht verankerte Novenschranke im Strafverfahren
– auch in Bezug auf die adhäsionsweise geltend gemachten Zivilansprüche –
nicht. Andererseits und vor allem handelt es sich hierbei auch nicht um Noven.
Die tatsächlichen Umstände, welche hier zur Annahme eines die Genugtuung re-
duzierenden Selbstverschuldens der Privatklägerin (ihr Angriff auf die Beschuldig-
te) führen, ergeben sich (bereits) aus den Untersuchungsakten. Solche Tat-
sachen, die sich bereits aus den staatsanwaltschaftlichen Abklärungen zu den
Deliktsvorwürfen ergeben, sind vom Gericht auch bei der Beurteilung der Zivil-
klage zu beachten, ohne dass es darauf ankommt, ob sie von den Parteien aus-
- 20 -
drücklich behauptet wurden (vgl. LIEBER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, StPO
Komm., Art. 123 N 2 m.w.H.).
Der Privatklägerin ist vorliegend ein Selbstverschulden anzulasten. Eine Redukti-
on der Genugtuung infolge Eigengefährdung erscheint deshalb angesichts der
Tatsache, dass die Privatklägerin die Beschuldigte mehrmals provoziert hatte und
schliesslich zuerst tätlich wurde, indem sie die Beschuldigte an den Haaren zog,
gerechtfertigt (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 6B_529/2010 vom
9. November 2010 E. 4.3.). Auch wenn die Privatklägerin nicht mit der unver-
hältnismässigen Reaktion der Beschuldigten hat rechnen müssen, so hat sie doch
einen wesentlichen Beitrag zum Streit geliefert, der in der Folge eskalierte. Beim
Mitverschulden handelt es sich allerdings nur um einen Aspekt zur Beurteilung
der Genugtuung, dem die bereits erwähnten gesundheitlichen Beeinträchtigungen
der Privatklägerin entgegenstehen. In Anbetracht der gesamten Umstände und
unter Berücksichtigung der massgeblichen Gerichtspraxis erscheint eine Redukti-
on der von der Vorinstanz festgesetzten Genugtuung um 20% infolge des erwie-
senen Selbstverschuldens der Privatklägerin als angemessen. Die Beschuldigte
ist demnach zu verpflichten, der Privatklägerin eine Genugtuung in der Höhe von
Fr. 4'000.– zuzüglich 5 % Zins ab 8. September 2014 zu bezahlen. Im Mehrbetrag
ist das Genugtuungsbegehren der Privatklägerin abzuweisen.
VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die vorinstanzliche Kostenauferlegung ist bei diesem Verfahrensausgang zu
bestätigen.
2. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt (Art. 428 Abs. 1 StPO).
In Bezug auf das Strafmass obsiegt die Beschuldigte, bezüglich Zivilforderungen
unterliegt sie leicht. Im Lichte einer interessengemässen Wertung rechtfertigt es
sich, die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der Kosten der amtli-
chen Verteidigung und derjenigen der unentgeltlichen Rechtsvertretung der Pri-
- 21 -
vatklägerin, der Beschuldigten zu 1/10 aufzuerlegen und zu 9/10 auf die Gerichts-
kasse zu nehmen.
Die von der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsvertretung gel-
tend gemachten Aufwendungen sind angemessen und entsprechend zu ent-
schädigen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen
Rechtsvertretung der Privatklägerin sind zu 9/10 definitiv und zu 1/10 einstweilen
auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Rückzahlungspflicht bleibt im Umfang von
1/10 vorbehalten.