Decision ID: 45aa7856-6cb1-49a6-bca1-36c9a5615688
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1978, Mutter eines Sohnes (Jahrgang 1997) und eines Stiefsohnes (Jahrgang 1995), meldete sich am 1
3.
Februar
20
12
unter Hinweis auf einen am 5
.
/
6.
August 20
11 erlittenen Unfall (vgl. Urk.
11/16/
206
) bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
11/8). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, teilte ihr am 1
1.
Juli 2012 mit, es seien keine beruflichen Massnahmen möglich (
Urk.
11/23).
Nach einem im Auftrag des beteiligten Haftpflichtversicherers
am
3.
Juni 2014 erfolgten Assessment (vgl.
Urk.
11/45) erklärte die IV-Stelle am 1
1.
August 2014 die Arbeitsvermittlung für abgeschlossen (
Urk.
11/46).
Im
Auf
trag der zuständigen Pensionskasse wurde am 1
7.
November 2017 ein rh
eumato
logisches Gutachten (Urk.
11/103
/1
52
=
Urk.
11/108/1-52
) und
am 2
1.
Novem
ber 2017
ein psychiatrisches Gutachten (
Urk.
11/103/53-119 =
Urk.
11/108/54-120
=
Urk.
3/11
) erstattet.
Die IV-Stelle veranlasste sodann ein polydisziplinäres Gutachten, das
von den Ärzten des
Z
en
tr
ums
Y._
am 1
7.
Dezember 2019 erstattet (
Urk.
11/176
=
Urk.
3/12
) und am
6.
März 2020 ergänzt (
Urk.
11/179
=
Urk.
3/13
)
wurde.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
11/181-182,
Urk.
11/187) ver
neinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 1
5.
Juni 2020 einen Rentenanspruch (
Urk.
11/19
1
=
Urk.
2).
2.
Die Versicherte erhob am 1
6.
Juli 2020 Beschwe
rde gegen die Verfügung vom 15.
Juni 2020 (
Urk.
2) mit den Anträgen (S. 2 oben), diese sei aufzuheben und es sei ihr mindestens eine halbe Invalidenrente zuzusprechen (
Ziff.
1), even
tuell sei die Sache zur ergänzenden Abklärung an die Verwaltung zurückzuweisen (Ziff.
2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
6.
August 2020 (
Urk.
10) die Abweisung der Beschwerde.
Mit Gerichtsverfügung vom
3.
September 2020 (
Urk.
13) wurde antragsgemäss die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung bewilligt und
es wurde
die Beschwerdeantwort der Beschwerde
führerin zur Kenntnis gebracht.
Der psychiatrische
Y._
-Gutachter erstattete aufforderungsgemäss (vgl.
Urk.
17) am 1
5.
Dezember 2020 eine ergänzende Stellungnahme (
Urk.
20). Die Beschwer
deführerin äusserte sich dazu am
5.
Januar 2021 (
Urk.
25), die Beschwerdegeg
nerin verzichtete am
1
9.
Janu
ar 2021 auf Stellungnahme (Urk.
2
7
),
w
as der Beschwerdeführerin am 2
5.
Januar 2021 mitgeteilt wurde (
Urk.
29).
3.
Die Suva sprach der Versicherten mit Verfügung vom 3
0.
Juni 2015 eine Invali
denrente entsprechend einer Erwerbseinbusse von 37
%
sowie eine Integritäts
entschädigung entsprechend einer Integritätseinbusse von 16.66
%
zu und ver
neinte die Adäquanz
noch bestehender psychischer Beeinträchtigungen (
Urk.
11/52
=
Urk.
3/8
).
Mit Verfügung vom
7.
Mai 2020 verneinte die Suva bei einem Invaliditätsgrad von nunmehr 8.78
%
einen weiteren Rentenanspruch (
Urk.
11/189/2-5).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die
es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlau
-
ben
, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141
V
281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchs
-
grundlage im Einzelfall anhand der
Standardindikatoren schlüssig und wider
-
spruchsfrei
mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E
. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
1.3
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
1.4
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funkti
onelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung;
IVG). Nach Art. 49
der Verordnung über die Invalidenversicherung (
IVV
)
beurteilen die RAD die medizinischen Voraussetzun
gen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rah
men ihrer medizinischen Fachkompetenz und der allgemeinen fachlichen Wei
sungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersuchen. Sie halten die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Praxisgemäss kommt einer reinen Aktenbeurteilung des RAD im Vergleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Expertise, welche auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und die Schluss
folgerungen widerspruchsfrei begründet, nicht der gleiche Beweiswert zu (Urteil des Bundesgerichts
8C_971/2012 vom 11. Juni 2013 E. 3.4).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon aus, gemäss den erfolgten gutachterlichen Abklärungen
sei die Beschwerdefüh
rerin nach dem
Unfall vom
6.
August 2011 erheblich
eingeschränkt
gewesen.
Aus medizinischer Sicht ha
be
sich die gesundheitliche Situation 6 Monate nach
dem U
nfall
erheblich verbessert
und se
it Februar 2012
sei ihr
die Ausübung einer Erwerbstätigkeit wieder
vollumfänglich möglich
(S. 2 oben)
.
Eine operationsbe
dingte Verschlechterung während drei Monate
n ab 30.
Mai 20
18
werde mangels Dauerhaftigkeit
nicht berücksichtigt
. Die gestellten
psychiatrischen
Diagno
-
sen
seien
- gestützt auf die Beu
rteilung durch den Regionalen Ä
rztlichen Dienst (RAD) -
aus
ihrer
Sicht
nicht
plausibel, weshalb
sie
nicht berücksichtigt w
ü
rden. Die Auswirkungen
einer
rezidivierenden depressiven Störung
entspr
ä
chen nicht dem geforderten ICD-Kriterium. Ebenfalls
könne
eine
komplexe
posttraumatische Belastungsstörung nicht nachvollzogen werden.
Aufgrund fehlender Dauerhaf
tigkeit der Arbeitsunfähigkeit besteh
e kein Rentenanspruch (S. 2 Mitte)
.
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1), es sei auf das von der Beschwerdegegnerin
ein
geholte
Y._
-
Gutachten
abzu
stellen und die seitens des RAD erhobenen Kritikpunkte seien aus näher darge
legten Gründen nicht stichhaltig (S. 7 ff.
Ziff.
23 ff.).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, wie es sich mit der Arbeitsfähigkeit der Beschwerde
führerin verhält und auf welche medizinische Beurteilung diesbezüglich abzu
stellen ist.
3.
3.1
Vom 3
1.
Oktober
2016
bis 2
3.
Februar 2017 wurde
die Beschwerdeführerin in der p
sychiatrischen
K
linik
Z._
teilstationär behandelt, worüber am 1
3.
März 2017 berichtet wurde (
Urk.
3/10). Dabei wurden folgende Diagnosen gestellt:
-
schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2)
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F62.0/43.1)
-
Status nach Anpassungsstörung bei schwerer psychosozialer Belastungs
situation 1999 bis 2001 (wiederholte Gewalt durch den Ehemann, dro
hende Ausschaffung)
-
complex
regional
pain
syndrome
(CRPS) Typ 2 Ellbogen rechts und chro
nische Schulter-/Arm-Schmerzen bei Status nach Autounfall am
6.
August 2011
3.2
M
ed.
pract
.
A._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und für Rheumatologie, erstattete am
1
7.
November 2017 ein Gutachten
im Auftrag der zuständigen Pensionskasse
(
Urk.
11/10
8/
1-52
)
.
Er nannte die folgenden, hier verkürzt angeführten rheumatologischen Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 40
Ziff.
5.1):
-
CRPS Typ 2
Ellbogen
rechts und chronische Schulter-/Armschmerzen
-
intermittierendes myofasziales überlastungsbedingtes Schmerzsyndrom linker Arm
Ferner nannte er als psychiatrische Diagnosen die im
Z._
-Bericht vom März 2017 gestellten (vorstehend E. 3.1) und die vom psychiatrischen Gutachter gestellten (nachstehend E. 3.3)
Diagnosen
.
Aus rheumatologischer Sicht sei die Versicherte in der zuletzt ausgeübten Tätig
keit im Reinigungsdienst als nicht mehr berufsfähig anzusehen (S. 46 Ziff. 6.3). Aus
bidisziplinärer
Sicht sei sie primär aufgrund der psychiatrischen Diagnosen nicht arbeits- und berufsfähig (S. 4
6
unten).
3.3
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erstattete am 2
1.
November 2017
ein psychiatrisches Gutachten
im Auftrag der zuständigen Pensionskasse
(
Urk.
11/108
/54-120
)
.
Er nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 65
lit
. a):
-
(komplexe) p
osttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
-
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, mit somatischem Syndrom (F33.11)
Auf die Frage, ob «seit der
Rentenzusprache
im Jahr 2014» eine dauerhafte Ver
besserung oder Verschlechterung des Gesundheitszustandes eingetreten sei, ant
wortete er, insgesamt habe sich der psychische Gesundheitszustand der Explo
randin und damit die berufliche Leistungsfähigkeit seit der
Rentenzusprache
von 2014 nicht verbessert, obwohl sie regelmässig eine ambulante Psychotherapie aufgesucht, eine
psychopharmakotherapeutische
Behandlung aufgenommen und eine tagesklinische Therapie besucht habe. Neue psychische Gesundheitsschäden
seien
seither gemäss Akten und laut Anamnese nicht eingetreten. Vielmehr könne ein chronischer Beschwerdeverlauf auf einem tiefen psychosozialen Funktionsni
veau festgestellt werden, der im Wesentlichen von diversen therapeutischen Bemühungen unbeeinflusst geblieben sei (S. 65
lit
. b).
Es bestehe sowohl in angestammter als auch in leidensadaptierter Tätigkeit aus psychiatrischer Sicht derzeit eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
(S. 65
lit
. f).
3.4
Am 1
7.
Dezember 2019 erstatteten die Ärzte des
Zent
r
ums
Y._
ein Gutachten im Auftr
ag der Beschwerdegegnerin (Urk.
11/176).
Die Gutachter nannten folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit (S. 8
Ziff.
4.2):
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung
-
chronische rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
-
Schmerzen der Halswirbelsäule nach Operation nach Spondylodese C6 bis C7
-
keine Radikulopathie
-
keine signifikante Bewegungsstörung
-
keine Auffälligkeiten der paravertebralen Muskulatur
-
Restbeschwerden des rechten Armes nach Defektverletzung und plasti
scher Deckung
-
Status nach mehrfach
en Operationen des rechten Arms/
Ellenbogens
-
unauffällige Muskulatur des rechten Unterarmes
-
unauffällige Zwischenhand-Muskulatur
-
keine zu objektivierende Bewegungseinschränkung der Gelenke des rechten Armes
Orthopädisch-
traumatologischerseits
habe eine Belastungseinschränkung des rechten Armes nicht objektiviert werden können. Aufgrund der Veränderungen der Halswirbelsäule sei
en
der Versicherten nur leichte bis mittelschwere Tätigkei
ten zuzumuten, dies in wechselnder Körperhaltung mit der Möglichkeit selber gewählter Positionswechsel und ohne Zwangshaltungen für die oberen Extremi
täten und die Halswirbelsäule. In der angestammten Tätigkeit bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von 50
%
und in einer angepassten Tätigkeit eine solche von 100
%
(S. 9 oben).
Aufgrund von Beeinträchtigungen in näher bezeichneten Fähigkeiten bezie
hungsweise aufgrund der anhaltenden Defizite ihres psychopathologischen Funk
tionsniveaus sei die Arbeitsfähigkeit in Bezug auf den ersten Arbeitsmarkt einge
schränkt (S. 9)
.
Die Arbeitsfähigkeit in leidensangep
assten Tätigkeiten betrage 50
%
,
dies aus psychiatrischer Sicht spätestens seit der im Oktober 2011 infolge des Unfallereig
nisses vom
1.
(richtig: 6.) August 2011 protrahiert stattgehabten Symptomakzen
tuierung
(S. 11
f.
Ziff. 4.7)
.
Die Gesamt-Arbeitsunfähigkeit und
Arbeitsfähigkeit begründe sich massgeblich auf die Gesundheitsstörungen des psychiatrischen Fachgebietes (S. 12
Ziff.
4.9).
3.5
Am
6.
März 2020 nahmen die
Y._
-Gutachter zu Ergänzungsfragen der Beschwerdegegnerin Stellung (
Urk.
11/179).
Betreffend die Ableitung der Diagnose «rezidivierende depressive Störung, gegen
wärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)» gemäss den ICD-10-Kriterien nann
ten sie als erstes Kriterium (G1), dass sich in der Anamnese wenigstens eine ent
weder leichte, mittelgradige oder schwere depressive Episode, die mindestens zwei Wochen an
gehalten habe
, finden müsse (S. 1 unten), und nannten dafür die fol
genden Berichte (S. 2 f.):
-
2
5.
September 2012: mittelgradig
e
bis schw
ere depressive Episode (F32.1)
-
2
0.
Dezember 2012
:
mitt
elgradige depressive Episode
-
4.
Oktober 2013: leichte bis mittelschw
ere depressive Episode (F32.0)
-
1
2.
Dezember 2013: rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mit
telgradige Episode (F33.1)
-
2
3.
Mai 2014: rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgra
dige Episode (F33.1)
-
3
0.
Juli 2015: rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgra
dige Episode (F33.1)
-
7.
März
2017
: s
chwere depressive Episode ohne
psychotische Symptome (F32.2)
-
1
7.
November
2017
: r
ezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig
mit
telgradige Episode
mit somatischem Syndrom (F33.11)
Ferner seien auch die Kriterien G2 (anamnestisch keine hypomanische oder manische Episode
)
und G3 (
Episode
nicht auf einen Missbrauch psychotroper Substanzen oder eine organische psychische Störung zurückzuführen) erfüllt
(S.
3 oben).
Betreffend die diagnostischen Kriterien für eine rezidivierende depressive Stö
rung, gegenwärtig mittelgradige Episode (F33.1)
,
wurde ausgeführt, die allgemei
nen Kriterien für eine rezidivierende depressive Störung (F33) seien wie dargelegt erfüllt (S. 3 Mitte
lit
. A). Sodann müssten mindestens zwei der folgenden Symp
tome erfüllt sein
, wofür sich näher bezeichnete Belege im Gutachten
fänden
(S. 3 f.):
-
depressive Stimmung in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnli
chem Ausmass
-
Interessens- oder Freudverlust an Aktivitäten
-
Verlust des Selbstvertrauens
-
verminderte
s Konzentrationsvermögen
-
Schlafstörungen jeder Art
-
Appetitverlus
t
Betreffend die diagnostizierte andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Ext
rembelastung (ICD-10 F62.0) wurde auf die Feststellung im Gutachten hingewie
sen, die Diagnose finde sich im
Z._
-Bericht vom März 2017 (vorstehend E. 3.1) und im
bidisziplinären
Gutachten vom November 2017 (vorstehend E.
3.
2 f.
) und werde in der aktuellen gutachterlichen Erhebung bestätigt (S. 4
lit
. a). Sodann wurden die zu erfüllenden Kriterien genannt und die im Gutachten festgehaltenen Befunde, welche diese bestätigten (S. 5
lit
. b). Schliesslich wurde auf die Stelle im Gutachten hingewiesen, wo explizit über Flashbacks berichtet worden war (S. 5
lit
. c).
Betreffend Mini-ICF-APP wurden die folgenden Einschränkungen festgehalten (S. 5 f.
Ziff.
3):
-
keine Beeinträchtigung der
-
Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen
-
Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen
-
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit
-
Fähigkeit zur Selbstpflege
-
Verkehrsfähigkeit
-
leichte Beeinträchtigung der
-
Kontaktfähigkeit zu Dritten
-
Selbstbehauptungsfähigkeit
-
Fähigkeit zu familiären beziehungsweise intimen Beziehungen
-
Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben
-
mittelgradige Beeinträchtigung der
-
Flexibilität und Umstellungsfähigkeit
-
Gruppenfähigkeit
-
Durchhaltefähigkeit
-
schwere Beeinträchtigungen der Fähigkeit zu Spontan-Aktivitäten
Auf die Frage, warum Aggravation nicht ausführlich diskutiert worden sei und vor allem warum trotzdem psychiatrische Diagnosen hätten gestellt werden kön
nen (S. 6
Ziff.
4), wurde darauf hingewiesen, dass aus klinisch-psychiatrischer Perspektive das Vorkommen von Aggravationstendenzen selbst bei eindeutigem Vorliegen schwerer psychischer Störungen kein allzu seltenes Phänomen sei (S.
6 unten), und es wurden folgende Passagen aus dem Gutachten zitiert
(S. 7 oben)
:
Den Observationsberichten
kann nach Einsichtnahme des Observationsmaterials zugestimmt werden. Die Beobachtungen stehen aus rein psychiatrischer Beurteilungsperspektive nicht im Widerspruch zu den von gutachterlicher Seite nachfolgend verifizierten basalen psychischen Krankheitsentitäten, welche in Bezug auf ihre Symptomex
pressionen durchaus fluktuierende Verläufe beinhalten, einschliesslich auftre
tender Phasen eines in oberflächlicher Betrachtung unauffällig anmutenden psychopathologischen Stabilitätsniveaus, dessen prinzipielle störungsspezifisch determinierte Vulnerabilität dennoch permanente Präsenz aufweist und im Falle einer individuell ungünstigen Konstellation stressgenerierender Faktoren jeder
zeit die Reaktivierung eines pathologischen Verhaltensmusters verursachen kann.
Zur Konsistenz und Plausibilität war im Gutachten ausgeführt worden (S. 7 Mitte):
Die Angaben der Versicherten wirkten aus psychiatrischer Sicht in ihren wesent
lichen Inhalten - besonders in Bezug auf die vielfältigen tragischen Lebenser
eignisse - konsistent und plausibel. Allerdings ergab sich allgemein der Verdacht auf ein anteiliges, subjektiv determiniertes Aggravationsbestreben im Zusam
menhang
mit
dem sich aktuell darstellenden Schweregrad von einzelnen durchaus auch objektiv nachvollziehbaren Defiziten des psychopathologischen Funktions
niveaus. Dieser Eindruck wurde durch die Ergebnisse der neuropsychologischen Erhebungen sowie retrospektiv durch die Berichte der stattgehabten Observati
onen bestätigt. Speziell die seitens der Versicherten im Rahmen einer diesbe
züglich zielgerichteten Exploration bekundeten psychotischen Symptome wirk
ten in ihrer Gesamtstruktur nicht vollständig authentisch, sondern - zumindest partiell - reaktiv orientiert an den durch den Referenten während der Befragung deskriptiv präsentierten Krankheitselementen. Unabhängig davon konnte nach zusammenfassender Analyse sämtlicher
Faktoren der sich zum Untersuchungs
zeitpunkt gesamthaft darstellenden medizinischen Sachverhalte das Vorliegen der wie oben definierten schwerwiegenden Krankheitsentitäten aus dem psy
chiatrischen Fachgebiet bestätigt werden.
Zur Feststellung, eine eigentliche Aktenwürdigung habe nicht stattgefunden und vor allem sei die sehr ausführliche RAD-Stellungnahme vom 2
3.
März 2018 nicht diskutiert worden (S. 8
Ziff.
5)
,
wurde zitiert, was im Gutachten zum Stichwort «Aktenwürdigung» ausgeführt worden war, nämlich:
Auf Basis der aktuell erhobenen Befunde, eigenanamnestischer Angaben sowie der zum Untersuchungszeitpunkt vorliegenden Aktenlage konnte die bereits im Verlauf der historischen Dokumentation wiederholt zur Darstellung gelangende Entität einer rezidivierenden depressiven Störung von gegenwärtig mittelgradi
ger Ausprägung (ICD-10 F33.1) sowie einer als grundlegende Störungsspezifität bestehenden komplexen posttraumatischen Belastungsstörung verifiziert wer
den. Letztere Krankheitsdefinition findet im Aktenv
erlauf erstmals im Bericht der p
sychiatrischen
K
linik
Z._
, Zentrum für
Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie, vom
7.
März
2017 sowie weitergehend im
bidisziplinären
Gutachten (
Dr.
A._
, Rheumatologie und
Allgemeine
Innere Medizin
/
Dr.
B._
, Psychiatrie
und Psychotherapie) vom
1
7.
November
2017 Erwähnung und wird in der aktuellen gutachter
li
chen Erhebung
bestätigt.
(...) Weitere sich aus dem archivierten anamnestischen Querschnitt ergebene diagnostische Bewertungen, wie z.B. eine Anpassungsstörung (ICD-10 F43.2), posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1), schwere depressive Epi
sode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2), leichte (ICD-10 F32.0) und mittelgradige (ICD-10 F32.1) depressive Episode, anhaltende Schmerzstörung (ICD-10 F45.4), chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) beziehungsweise dissoziative Störung (ICD-10 F44) blieben in den übergeordneten Kontext der vorab bezeichneten Deviationen zu integrieren.
Gemäss der Fragestellung im Gutachtensauftrag sei das Gutachten vom Novem
ber 2017 hauptsächlich aufgrund erheblicher Widersprüche zu den Aussagen in den Observationsabklärungen versicherungsmedizinisch ungenügend erschienen. Die im
bidiszipl
inären
Gutachten (Rheumatologie/
Allgeme
ine Innere Medizin, Psychiatrie/
Psychotherapie) vom psychiatrischen Sachverständigen
Dr.
B._
verifizierten basisbildenden diagnostischen Erhebungen («komplexe» posttrauma
tische Belastungsstörung, rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittel
gradige Episode) hätten sich aber im Rahmen der aktuellen gutachterlichen Untersuchung wie beschrieben bestätigen lassen. Allerding bestehe nach Ein
schätzung der Gutachter konträr zu den damaligen Bewertungen der Arbeitsfä
higkeit (Arbeitsunfähigkeit von 100
%
in bisheriger und leidensangepasster Tätigkeit) eine gesamthafte Arbeitsfähigkeit von 50
%
sowohl angestammt als auch adaptiert.
D
ie Beobachtungen der Observation
stünden
aus rein psychiatri
scher Beurteilungsperspektive nicht im Widerspruch zu den von gutachterlicher Seite verifizierten basalen psychischen Krankheitsentitäten (S. 8 unten).
3.6
Dr.
med.
C._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
RAD
, führte mit Stellungnahme vom
1
8.
März 2020 (Urk.
11/180 S. 23 f.)
aus, in der Antwort
auf
die gestellten Rückfragen (vorste
hend E. 3.5) habe der psychiatrische Gutachter die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung offensichtlich aufgrund der in den Akten genannten Diag
nosen hergeleitet. Dabei habe er sich die Frage
nicht gestellt, wie es beispielsweise möglich sei, dass im Bericht vom
4.
Oktober 2013 noch die Diagnosen einer leich
ten bis mittelschweren depressive Episode (F32.0) und nur 2 Monate später im Bericht vom 1
2.
Dezember 2013 die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (F33.1), habe gestellt werden können. Im Gutachten sei angegeben worden, dass die affektive Modulationsfähigkeit ein
geschränkt erschienen
und
die Grundstimmung hintergründig von einer depressiv gerichteten Basiskomponente
geprägt gewesen
sei
, dies entspreche nicht dem geforderten ICD-10-Kriterium «depressive Stimmung, in einem für die Betroffe
nen deutlich ungewöhnlichen Ausmass, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag und im Wesentlichen unbeeinflusst von den Umständen
»
. Abbruch der sozialen Kontakte und sich am liebsten alleine für sich Zurückziehen entspreche ebenfalls nicht dem geforderten ICD-10-Kriterium «Interessen- oder Freudeverlust an Aktivitäten, die normalerweise angenehm waren, Verlust der Fähigkeit zur Freude oder
Trauer. Die Stimmung ist durch Zuspruch nicht aufzuhellen
»
, da keine Aus
sage bezüglich Interesse
-
oder
Freudfähigkeit gemacht
werde
. Ein Mensch
könne
sehr wohl Interesse und Freude verspüren, auch wenn er
alleine
sei
. Viel weinen und keine Nerven mehr haben entspr
eche
nicht einem Verlust des Selbstvertrau
ens.
Ein Appetitverlust ohne Gewichtsveränderung
sei
kein ICD-10-Kriterium für eine Depression.
Zusammenfassend
könne
weiterhin keine mittelgradige depres
sive Symptomatik erkannt werden. Zudem
sei
die wahrscheinliche Aggravation hier gar nicht berücksichtigt
worden (S. 23 Mitte)
.
Die Diagnose
einer k
omplexe
n
posttraumatische
n
Belastungsst
ö
rung
sei
eben
-
falls aufgrund der Akten
hergeleitet
worden
. Im Gutachten selber
sei
kein
ICD-10-Code zugeordnet
worden
, bei der Beantwortung der
Rückfragen
vergebe der Gut
achter
d
en ICD-10-Code 62.0 (a
ndauernde Persönlichk
ei
tsänderung nach
Extrem
belastung).
Angst vor Nachbarn und fremden Menschen
könne
nicht als miss
trauische Haltung interpretiert werden.
Der Gutachter weis
e
auf den sozialen Rückzug hin, diesen h
abe
er allerdings schon im Zusammenhang mit
der
r
ezidi
vierende
n
depressive
n
Störung bemüht, was nicht wirklich nachvollzogen werden k
önne
. Sich
psychisch nicht gut fühlen und schnell nervös werden, k
önne kei
nesfalls als «
andauerndes Gefühl von
Nervosität
»
interpretiert werden.
Zusam
menfassend
könne weiterhin keine k
omplexe posttraumatische Belastungsstö
rung e
rkannt werden (S. 23).
Aufgrund
dieser
Ausführungen könn
t
en schwerwiegende Krankheitsentitäten nicht
nachvollzogen werden, so dass solche die beschriebenen Aggravationsten
denzen nicht im Lichte einer
psychischen Erkrankung erklären könn
t
en. In die
sem Fall
müsse
von bewusster
Aggravation ausgegangen
werden. Aus diesem Grund könn
t
en auch die Einschränkungen und
Arbeitsunfähigkeits
-Angaben nicht nachvollzogen
werden. Auf das psychiatrische Teilgutachten könne aus die
sen Gründen nicht abgestellt werden (S. 23 unten).
3.7
Lic. phil.
D._
, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, führte mit Stellungnahme vom
2
6.
April 2020 (
Urk.
11/188
=
Urk.
3/14
)
aus, sie begleite die Beschwerdeführerin seit vielen Jahren und habe sie in dieser Zeit nie glücklich erlebt (S. 1 unten).
3.8
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Y._
, erstattete am 1
5.
Dezember 2020 eine ergänzende Stellungnahme (
Urk.
20).
Er führte aus, die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung sei im Gut
achten sehr wohl hergeleitet worden (S. 1
lit
. a), und zitierte dazu aus dem Gut
achten (S. 2 oben):
Auf Basis der aktuell erhobenen Befunde, eigenanamnestischer Angaben sowie der zum
Untersuchungszeitpunkt vorliegenden Aktenlage konnte die bereits im Verlauf der historischen
Dokumentation wiederholt zur Darstellung gelangende Entität einer rezidivierenden depressiven
Störung von gegenwärtig mittelgradi
ger Ausprägung (ICD-10 F33.1) sowie einer als grundlegende
Störungsspezifität bestehenden komplexen posttraumatischen Belastungsstörung verifiziert
wer
den
.
Zum Kritikpunkt, er habe sich nicht mit der Frage befasst, wie es beispielsweise möglich sei, dass im Oktober 2013 die Diagnose einer leichten bis mittelschweren depressive Episode (F32.0) und nur 2 Monate später im Dezember 2013 die Diag
nose einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Epi
sode (F33.1)
,
habe gestellt werden können, führte der Gutachter aus, d
as Stabili
tätsniveau des psychopathologischen
Status im Rahmen der Grunderkrankung einer rezidivierenden depressiven Störung unterlieg
e
wiederkehrenden Schwan
kungen, welche sich durchaus innerhalb weniger Wochen einstellen und das
kli
nische Gesamtbild richtungsweisend verändern könn
t
en. Die minimale Dauer einer entsprechenden
Episode
werde in
der ICD-10 mit zwei Wochen definiert.
Es k
önne
jedoch darüber hinaus im hier zugrunde gelegten Fall mit hoher Wahr
scheinlichkeit davon
ausgegangen werden, dass die diagnostische Bewertung einer
«
leichten bis mittelschweren depressiven
Episode (F32.0)»
im Oktober
2013 rein auf Basis eines allgemeinen klinischen Eindrucks und
nicht streng gemäss den Vorgaben der ICD-10 erfolgt
sei, die eine derartige «
Mischklassifizierung
»
überhaupt nicht vors
eh
e
. Die Kodierung F32.0 entspr
eche
dabei einer leichten Ausprägungsform. Im
Bericht der Fachpsychologin für
Psychotherapie
vom Oktober 2013
sollte
so
mutmasslich ein Hinweis auf einen
möglicherweise doch schwereren Verlauf zum Ausdruck kommen, welcher sodann im
fachpsychiatri
schen Bericht
vom Dezember 2013 ja auch bestätigt worden sei (S. 2
lit
. b)
.
Zur Kritik, die Feststellung im Gutachten,
dass die affektive Modulationsfähigkeit eingeschränkt erschienen
sei
und
die Grundstimmung
sei
hintergründig geprägt gewesen von einer depressiv gerichteten
Basiskomponente
, entspreche
nicht dem geforderten ICD-10-Kriterium
einer d
epressive Stimmung
«
in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmass, die meiste Zeit des Tages, fast
jeden Tag und im Wesentlichen
unbeeinflusst von den Umständen», führte der Gutachter aus, er teile die
rein subjektive Gewichtung der RAD-Ärztin
, die
wäh
rend der Untersuchung nicht anwesend gewesen sei, nicht. Die
indirekt
erhobene
Forderung einer fachspezifischen Observation zumindest über den
Zeitraum eines ganzen Tages
lasse
sich
im Rahmen einer versicherungsmed
izinischen Erhebung leider
nicht
erfüllen. Sie sei
aber beispielsweise im Rahmen eines tagesklinischen
Behandlungsabschnitts der
Z._
vom
Oktober
2016 bis
Februar
2017
(vgl. vor
stehend E. 3.1)
mit zum Gutachten
im Wesentlichen deckungsgleicher diagnosti
scher Bewertung längst erfüllt (
S. 3
lit
. c)
.
Auch die Darstellung, d
ass der A
bbruch der sozialen Kontakte und sich am liebs
ten alleine für sich zurück
zu
ziehen
nicht dem geforderten ICD-10-Kriterium «
Interessen- oder Freudeverlust an Aktivitäten,
die normalerweise angenehm waren. Verlust der Fähigkeit zur Freude oder Trauer. Die
Stimmung ist durch Zuspruch nicht
aufzuhellen
»
entspreche
,
entstamm
e
ausschliesslich einem sub
jektiven Bewertungshorizont der RAD-Ärztin. Zur Beurteilung des sich bei der Versicherten zum Untersuchungszeitpunkt darstellenden
allgemeinen Stim
mungsniveaus
verwies er
auf den psychopathologischen Befund im
G
utachten. Die
Versicherte
neig
e
primärpersönlich keinesfalls zum Einzelgängertum. Sie
sei
in dritter
Ehe verheiratet und
habe
mit ihrer Entscheidung für eine Ausbildung zur
Coiffeuse
beziehungsweise
Weiterbildung
zur Pfleghelferin berufliche Tätig
keiten in engem Umgang mit Menschen gewählt. Der Abbruch sozialer
Kontakte bei parallel alleinigem Rückzug in das häusliche Umfeld
sei
daher durchaus mit einem
Interessens- sowie Freudeverlust an sozialen Aktivitäten gleichzusetzen
(S. 3
lit
. d)
.
Zur Feststellung, v
iel
zu
weinen und keine Nerven mehr
zu
haben entspr
e
ch
e
nicht einem Verlust des Selbstvertrauens
, führte er aus,
dass gerade
psychisch kranke Personen kaum in der Lage
seien
, die Beschreibung ihrer seelischen Befindlichkeiten mit
den Formulierungen im Katalog der ICD-10 in druckreifen Einklang zu bringen und dies sehr
wahrscheinlich auch im komplett remittierten Zustand nicht könnten. Anderenfalls wäre die
psychopathologische Beurteilung durch einen entsprechend fortgebildeten Laien ja völlig ausreichend.
Insofern oblieg
e
es stets dem jeweils zuständigen Fachspezialisten, diese auf Grundlage seiner Expertise
in einen fachlich korrekten Zusammenhang zu bringen.
Dies sei
eigentlich jedem Arzt mit
ausreichender Erfahrung in der klinischen Versorgung psychisch gestörter Menschen bestens bekannt
(S. 3 f.
lit
. e)
.
Zur Feststellung, e
in Appetitverlust ohne Gewichtsveränderung
sei
kein ICD-10-Kriterium für eine Depression
, führte er aus, es sei
der Versicherten in
Anbetracht ihrer ausgeprägten psychischen Beeinträchtigungen nicht vorzuwerfen, dass sie es
offensichtlich versäumt ha
be
, sich einer regelmässigen Gewichtskontrolle zu unterziehen und vor dem
Hintergrund ihrer vielschichtigen Lebensproblematik einen subjektiv empfundenen Gewichtsverlust nicht
für priorisiert erwähnenswert
gehalten habe.
Eine auch nur partiell von suggestiven Ansätzen geprägte explo
rative
Strategie
sei
aus
näher
genannten Gründen bewusst vermieden
worden (S. 4
lit
. f)
.
Eine potent
ielle Aggravation
sei im Gutachten
sehr eingehend und detailliert dis
kutiert
worden (S. 4 f.
lit
. g)
.
Zur Kritik an der Diagnose einer k
omplexe
n
post
traumatische
n
Belastungsstörung
verwies der Gutachter auf
seine bereit
s
in seiner ergänzenden Stellungnahme (vorstehend E. 3.5) zitierten
Ausfü
hrungen im Gut
achten (S. 5
lit
.
h)
.
Dass
Angst vor Nachbarn und fremden Menschen nicht als misstrauische Haltung interpretiert
werden
könne, sei eine Bewertung, die von ihm
nicht geteilt
werde (S. 6
lit
. i)
.
Zur Kritik, es leuchte nicht ein, dass er auf einen
sozialen Rückzug hin
weise
, den er schon im
Zusammenhang mit der
re
zidivierenden depressiven Störung
ange
führt habe
,
führte der Gutachter aus, e
s erschein
e
auf den ersten Blick plausibel, dass sich während ein und
derselben
Lebensperiode zeitgleich ein sozusagen «doppelter» sozialer Rückzug nicht durchführen lasse und daher - ausgehend von einem rein theoretischen Beurteilungsprinzip - nur einmal als Klassifizierungs
kriterium der ICD-10 Verwendung finden könne. Allerdings entstehe in der kli
nischen Realität ein solches Verhaltensmuster nicht selten auf der Grundlage sich überlappender psychopathologischer Defizite aus dem Kontext unterschiedlicher Komorbiditäten des psychiatrischen Fachgebietes, obschon dieses in der Tat zur gleichen Zeit nicht in zwei verschiedenen «Ausführungen» klassifikationsgerecht auftreten werde (S. 6
lit
. j).
Die Bewertung, s
ich psychisch nicht gut fühlen und schnell nervös werden
,
könne keinesfalls als «
andauerndes
Gefühl von Nervosität
»
interpretiert werden
, werde von ihm
nicht geteilt
(S. 6
lit
. k)
.
In der
RAD-
Stellungnahme vom
März
2018
werde
das psychiatrische Teilgutach
ten
von
Dr.
B._
(vgl. vorstehend E. 3.3)
beurteilt und im Fazit als nicht ausrei
chend
verwertbar erachtet.
Obgleich
einzelne in Bezug auf das
genannte
Gutach
ten kritisch
diskutierte
Sachverhalte
auch aus
seiner
Sicht
in übereinstimmender Weise bewertet
wü
rden, so änder
e
dies doch nichts an der Korrektheit der wesentlichen diagnostischen
Einschätzungen im Gutachten.
Denn auch auf Basis der im Rahmen der
Y._
-
Begutachtung erhobenen Befunde und
eigenanamnes
tischen Angaben sowie der zum Untersuchungszeitpunkt vorliegenden Aktenlage
hätten
sich die bereits im Aktenverlauf wiederholt zur Darstellung gebrachte Entität einer
r
ezidivierenden depressiven Störung von zum Untersuchungszeit
punkt mittelgradiger Ausprägung
(ICD-10 F33.1) sowie eine als grundlegende
Störungsspezifität bestehende k
omplexe
posttraumatische Belastungsstörung entsprechend den diesbezüglich seitens der ICD-10 definierten
Kriterien zweifels
frei verifizieren
lassen (S. 7 unten)
.
Die
im
Y._
-
Gutachten gestellten Diagnosen
hätten
leitliniengerecht erhoben werden
können
. Sie stütz
t
en
sich auf eine persönliche Exploration der Versicher
ten sowie die Korrelation der so gewonnen
Ergebnisse mit den zur Verfügung gestellten Unterlagen. Die Diagnosen
seien
hinreichend geeignet,
die Symptoma
tik der Versicherten zu erklären
;
eine bessere Erklärung als die erhobenen Diag
nosen
für die Beschwerden der Versicherten g
ebe
es aus
sein
er Sicht nicht
(S. 8 oben)
.
D
ie im
Y._
-
Gutachten als basisbildend
aufgeführten Diagnosen
seien
von zahlreichen
, näher bezeichnete
n
Fachspezialisten nach eigener Untersuchung sowie in
voneinander
unabhängiger Bewertung übereinstimmend und teilweise wiederholt verifiziert
worden (S. 8).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin stellte sich auf den Standpunkt, seit Februar 2012 sei der Beschwerdeführerin die Ausübung einer Erwerbstätigkeit wieder vollumfäng
lich möglich. Die im
Y._
-Gutachten gestellten Diagnosen würden, da sie «nicht plausibel»
seien
, nicht berücksichtigt
. Somit sei keine dauerhafte Arbeitsunfähig
keit ausgewiesen (vorstehend E. 2.1).
Dem stehen anderslautende Beurteilungen entgegen. So wurde im Rahmen einer
bidisziplinären
Begutachtung im Auftrag der zuständigen Pensionskasse
im November 2017 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in der bisherigen und in angepasster Tätigkeit attestiert (vorstehend E. 3.2). Im
Y._
-Gutachten, das im Dezember 2019 im Auftrag der Beschwerdegegnerin erstattet wurde, wurde
die Arbeitsfähigkeit in leidensangepassten Tätigkeiten aus psychiatrischer Sicht mit 50
%
ab
November
2011 beziehungsweise aus orthopädischer und inter
-
diszipli
när bestimmender Sicht mit 50
%
ab Februar 2012 beziffert (vorstehend E. 3.
4-3.
5).
4.2
Nach Würdigung des
Y._
-Gutachtens durch den RAD wurden dem psychiatri
schen Gutachter Ergänzungsfragen unterbreitet, zu denen er im März 2020 Stel
lung nahm (vorstehend E. 3.5). Darauf folgte die Beurteilung durch die RAD-Psychiaterin, welche zum Schluss gelangte, auf das psychiatrische Teilgutachten könne aus den von ihr dargelegten Gründen nicht abgestellt werden (vorstehend E. 3.6 am Ende).
Dem
Y._
-Gutachter wurde (erst) vom
hiesige
n Gericht Gelegenheit gegeben, zur seitens des RAD an seinem Gutachten geübten Kritik Stellung zu nehmen, was er in der Folge tat (vorstehend E. 3.8).
4.3
Der
Y._
-Gutachter legte in seiner Stellungnahme dar, aus welchen Gründen er eine rezidivierende depressive Störung von gegenwärtig mittelgradige
r Ausprä
gung diagnostiziert hat und inwiefern er die - je einzeln diskutierten - Kriterien der ICD-10 als erfüllt erachtete. Anzufügen ist, dass er schon in seiner ergänzen
den Stellungnahme im März 2020 darauf hingewiesen hatte, in welchen Arztbe
richten seit September 2012 immer wieder eine rezidivierende depressive Störung, meist mittelgradiger Ausprägung, diagnostiziert worden
war
(vorstehend E. 3.5).
Vor diesem Hintergrund kann der Standpunkt der Psychiaterin des RAD, es könne weiterhin «keine mittelgradige depressive Symptomatik erkannt werden» (vorste
hend E. 3.6 Mitte), nicht nachvollzogen werden.
Ebenso legte der
Y._
-Gutachter dar, inwiefern sich eine - auch schon 2017 diagnostizierte (vgl. vorstehend E. 3.1 und 3.3) - (komplexe) posttraumatische Belastungsstörung habe verifizieren lassen. Mithin erweist sich auch der Stand
punkt, eine solche
könne
weiterhin nicht erkannt werden (vorstehend E.
3.
6 am Ende), als nicht begründet.
Sodann setzte sich
der
Y._
-Gutachter auch mit der Behauptung
auseinander, er habe den Stellenwert früherer Observationsergebnisse und einer allfälligen Aggravation nicht oder nur unzureichend gewürdigt, so auseinander, dass der entsprechenden Kritik nicht gefolgt werden kann. Schliesslich
nahm er zur im März 20
20
erfolgten RAD-Beurteilung Stellung und legte nachvollziehbar dar, warum diese nicht geeignet sei, zu einer anderen als der im Gutachten erfolgten Beurteilung zu führen (vorstehend E. 3.8 am Ende).
4.4
Die Gesamtwürdigung der vorhandenen Beurteilungen führt zum Schluss, dass die am von der Beschwerdegegnerin eingeholten
Y._
-Gutachten geübte Kritik nicht stichhaltig ist, sondern dass sehr wohl
darauf
abgestellt werden kann und darauf abzustellen ist.
Dieses Gutachten erfüllt sämtliche Beweisvoraussetzungen (vgl. vorstehend E. 1.5)
.
Die gutachterliche Beurteilung umfasste das ganze Leis
tungsprofil mit sowohl negati
ven als auch positiven Anteilen
und ist so verfasst, dass die attestierte Arbeitsunfähigkeit «gleichsam aus dem Saldo aller wesentli
chen Belastungen und Ressourcen» (BGE 141 V 281 E. 3.4.2.1) abgeleitet wurde. Der psychiatrische Gutachter ist bei der Beantwortung der Frage, wie er das Leis
tungsvermögen einschätzte, den einschlägigen Indikatoren gefolgt, er hat aus
schliesslich funktionelle Ausfälle berücksichtigt, welche Folge der gesundheitli
chen Beeinträchtigung sind, und seine versicherungsmedizinische Zumutbar
keitsbeurteilung ist auf objektivierter Grundlage erfolgt. Die von der Rechtsan
wendung zu prüfende Frage, ob er sich an die massgebenden normativen Rah
menbedingungen gehalten und das Leistungsvermögen in Berücksichtigung der einschlägigen Indikatoren eingeschätzt hat (BGE 141 V 281 E. 5.2.2), ist klar zu bejahen. Die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesund
heitlichen Anspruchsgrundlage lassen sich anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nachwei
sen, womit den Anforderungen an das strukturierte Beweisverfahren Genüge getan wurde.
Somit ist, wie im Gutachten dargelegt (vorstehend E. 3.
4-3.
5),
von einer
vollen
Arbeitsfähigkeit
in näher bezeichneten angepassten Tätigkeiten aus orthopädi
scher Sicht und einer solchen
von 50
%
ab November 2011
aus psychiatrischer Sicht
auszugehen. Mit dieser Feststellung ist die Sache an die Beschwerdegegne
rin
zurückzuweisen, damit sie die Invaliditätsbemessung vornehme und über einen Rentenanspruch verfüge. Dementsprechend ist die angefochtene Verfügung in Gutheissung der dagegen erhobenen Beschwerde aufzuheben.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 800.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Der Aufwand des
unentgeltliche
n
Rechtsvertreter
s
der obsiegenden
Beschwerde
führerin
betrug laut
Honorarnote
vom
2
5.
November 2020 15.1 Stunden
(
Urk.
16
) und
laut Honorarnote vom
5.
Januar 2021
weitere
2.2 Stunden
(
Urk.
26), mithin total 17.3 Stunden, zuzüglich einer Kleinspesenpauschale von 3
%
.
Er ist somit
beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer)
mit
Fr.
4'222.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) von der Beschwer
degegnerin zu
entschädig
en.
5.3
Die Beschwerdegegnerin hat dem
Y._
-Gutachter keine Gelegenheit gegeben, zur -
entscheidwesentlichen
- an seinem Gutachten geübten Kritik Stellung zu nehmen, weshalb das Gericht dies nachzuholen hatte
. Somit
sind die
entspre
chend
en Kosten von
Fr.
1'051.95
(
Urk.
21) der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.