Decision ID: 480df7f3-45f8-56d7-9709-40540bd26aab
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis für die Fahrzeugkategorien B und BE sowie die
Unterkategorien D1 und D1E seit dem 10. Februar 1993. Für die Fahrzeugkategorie A
ist er seit dem 23. September 2008 fahrberechtigt. Am 29. Oktober 2015 wurde ihm der
Führerausweis vom Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen für drei Monate
entzogen, nachdem er am 17. Mai 2015 mit einem Personenwagen in A ausserorts die
erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um 35 km/h überschritten hatte. Diese
Administrativmassnahme wurde vom 30. November 2015 bis 29. Februar 2016
vollzogen.
B.- Der Präfekt der Provinz Como verhängte gegen X wegen einer Widerhandlung im
Strassenverkehr mit Entscheid vom 15. Juli 2019 für das Staatsgebiet von Italien ein
Fahrverbot für die Dauer von 180 Tagen. Gemäss der Verkehrspolizei Como hatte er
am 25. Juni 2019 mit einem Motorrad auf der Autobahn in B die erlaubte
Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h um 62 km/h überschritten (nach Abzug der
Messtoleranz). Das Fahrverbot für Italien begann am Tag der Begehung, d.h. am
25. Juni 2019 für 180 Tage zu laufen.
C.- Gestützt auf eine Mitteilung der Präfektur Como eröffnete das Strassenverkehrsamt
gegen X wegen der Geschwindigkeitsüberschreitung vom 25. Juni 2019 ein
Administrativmassnahmeverfahren. Dieses teilte ihm am 6. November 2019 mit, dass
die in Italien begangene Geschwindigkeitsüberschreitung eine schwere Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften darstelle und deswegen auch hierzulande ein
Führerausweisentzug vorgesehen sei. Es stellte einen Führerausweisentzug von
mindestens zwölf Monaten in Aussicht und gewährte ihm das rechtliche Gehör. Mit
Stellungnahme vom 23. Dezember 2019 beantragte X, dass auf eine
Administrativmassnahme zu verzichten sei. Eventualiter sei die Entzugsdauer auf
maximal sechs Monate zu beschränken, unter Anrechnung an den bereits erfolgten
Ausweisentzug. Im Wesentlichen wurde vorgebracht, dass in Italien kein
rechtsgenügliches Strafverfahren durchgeführt worden sei, da nur ein polizeilicher
Bussenentscheid vorliege. Zudem wurde die Zuverlässigkeit der Radarmessungen in
Italien in Zweifel gezogen.
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D.- Mit Verfügung vom 29. Januar 2020 entzog das Strassenverkehrsamt X den
Führerausweis wegen einer schweren Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von neun Monaten.
Dagegen erhob X mit Eingabe vom 17. Februar 2020 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK). Er beantragte, unter
Kosten- und Entschädigungsfolge sei die Verfügung vom 29. Januar 2020 hinsichtlich
des Entzugs des Führerausweises für die Dauer von neun Monaten aufzuheben.
Eventualiter sei die Entzugsdauer auf maximal sechs Monate zu reduzieren. Mit
Schreiben vom 18. Februar 2020 reichte der Rekurrent ein Bestätigungsschreiben des
Präfekten der Provinz Como vom 13. Februar 2020 ein. Darin wurde ausgeführt, dass
dem Rekurrenten der Schweizer Führerausweis am 25. Juni 2019 von den italienischen
Behörden abgenommen und am 2. August 2019 wieder ausgehändigt worden sei. Die
Vorinstanz verzichtete am 19. März 2020 auf eine Stellungnahme.
Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der
Rekurs vom 17. Februar 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller
und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.10, abgekürzt:
SVG) wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen
das Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen
ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen.
Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b
SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit
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anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a
SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Von einer mittelschweren
Widerhandlung ist immer dann auszugehen, wenn nicht alle privilegierenden Elemente
einer leichten und nicht alle qualifizierenden Bestandteile einer schweren
Widerhandlung erfüllt sind (vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4487).
b) Nach einer Widerhandlung gegen die Vorschriften des Strassenverkehrs im Ausland
wird der Führerausweis (in der Schweiz) entzogen, wenn im Ausland ein Fahrverbot
verfügt wurde und die Widerhandlung nach den Artikeln 16b und 16c SVG als
mittelschwer oder schwer zu qualifizieren ist (Art. 16c Abs. 1 SVG). Wer in Italien ein
Motorfahrzeug lenkt, ist dem italienischen Strassenverkehrsrecht unterworfen. Die
Strassen- und Verkehrsverhältnisse in den Nachbarstaaten der Schweiz entsprechen
ebenso wie deren Verkehrsordnungen weitgehend den hiesigen. Es besteht daher
grundsätzlich kein Anlass, für das in der Schweiz durchzuführende
Verwaltungsverfahren nicht auf einen in Rechtskraft erwachsenen italienischen
Massnahmeentscheid abzustellen (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_33/2018 vom
6. Juli 2018 E. 2.2 mit Hinweis auf 1C_271/2014 vom 20. Februar 2015 E. 2.4).
Der Rekurrent rügt eine unrichtige Feststellung des Sachverhalts durch die Vorinstanz.
Er bestreitet, am 25. Juni 2019 die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h um
mehr als 40 km/h überschritten zu haben. Insbesondere wird die Messgenauigkeit der
in Italien eingesetzten Radarmessgeräte angezweifelt. Zudem bringt er vor, dass die
Sachverhaltserhebung mit dem polizeilichen Bussenentscheid nicht in einem
rechtsgenüglichen Strafverfahren durchgeführt worden sei. Auf diese Einwände ist
vorab einzugehen.
3.- a) Der Rekurrent wurde mit Bussenentscheid der Sezione Polizia Stradale di Como
vom 25. Juni 2019 mit € 847.– sanktioniert, weil er die erlaubte Höchstgeschwindigkeit
von 130 km/h um 62 km/h überschritten hatte (act. 11/42). Der Bussenentscheid
erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
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b) Ein Strafurteil vermag die Verwaltungsbehörde grundsätzlich nicht zu binden.
Allerdings gebietet der Grundsatz der Einheit der Rechtsordnung, widersprüchliche
Entscheide im Rahmen des Möglichen zu vermeiden, weshalb die Verwaltungsbehörde
beim Entscheid über die Massnahme von den tatsächlichen Feststellungen des
Strafrichters nur abweichen darf, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid
zugrunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren, wenn sie zusätzliche Beweise
erhebt oder wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht
alle Rechtsfragen abgeklärt hat. Die Verwaltungsbehörde hat vor allem auf die
Tatsachen im Strafurteil abzustellen, wenn dieses im ordentlichen Verfahren mit
öffentlicher Verhandlung unter Anhörung von Parteien und Einvernahme von Zeugen
ergangen ist, es sei denn, es bestünden klare Anhaltspunkte für die Unrichtigkeit dieser
Tatsachenfeststellung; in diesem Fall hat die Verwaltungsbehörde nötigenfalls
selbstständige Beweiserhebungen durchzuführen.
Die Verwaltungsbehörde ist unter bestimmten Umständen auch an die
sachverhaltlichen Feststellungen des Strafentscheids gebunden, der im
Strafbefehlsverfahren ergangen ist, selbst wenn er ausschliesslich auf einem
Polizeibericht beruht. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Betroffene weiss oder
wissen muss, dass neben dem Strafverfahren ein Administrativverfahren eröffnet wird
und er es trotzdem unterlässt oder darauf verzichtet, im Rahmen des Strafverfahrens
die ihm garantierten Verteidigungsrechte geltend zu machen. Nach dem Grundsatz von
Treu und Glauben muss der Betroffene nämlich allfällige Verteidigungsrechte und
Beweisanträge im Strafverfahren vorbringen und dort die nötigen Rechtsmittel ergreifen
(BGer 1C_33/2018 vom 6. Juli 2018 E. 3.2 mit Hinweisen zur Rechtsprechung).
Zu prüfen ist, ob eine Bindungswirkung des Bussenentscheids vom 25. Juni 2019
besteht.
c) Der Administrativmassnahmeentscheid des Präfekten der Provinz Como vom 15. Juli
2019 (vgl. act. 11/40 f.) stützt sich einzig auf den Bussenentscheid der Sezione Polizia
Stradale di Como vom 25. Juni 2019. Die Anzeige enthält keine Wahrnehmungen von
Polizisten vor Ort oder sonstige Aussagen von Beteiligten; die
Geschwindigkeitsüberschreitung wurde hingegen mit einem Messgerät erfasst
(vgl. act. 11/42). Dies bedeutet indessen nicht, dass nicht auf den im italienischen
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Bussenentscheid festgestellten Sachverhalt abgestellt werden kann. Vielmehr gilt auch
in diesem Fall der Grundsatz, dass die Verwaltungsbehörde in der Regel an die
tatsächlichen Feststellungen der ausländischen Strafbehörden gebunden ist. Der
Rekurrent bringt dagegen vor, dass er am 25. Juni 2019 maximal 160 km/h gefahren
sei. Ihm seien keinerlei Verfahrensrechte zuerkannt und jegliche Verteidigungsrechte
verweigert worden. Weder seien ihm ein Beweisfoto ausgehändigt noch die Eichung
und Genauigkeit des Messgeräts kontrolliert worden. Weshalb er unter den gegebenen
Umständen nicht auf die Herausgabe eines Beweisfotos beharrte, ist nicht leicht
verständlich. Sowohl der Bussenentscheid vom 25. Juni 2019 als auch der
Administrativentscheid vom 15. Juli 2019 konnten gemäss den darauf vermerkten