Decision ID: 759f2d3a-5317-529e-b49b-0471df84271d
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im Mai 2011 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
angemeldet (IV-act. 1). Das Ostschweizer Kinderspital berichtete im Mai 2011, die
Versicherte leide an einer angeborenen leichtgradigen Aortenisthmusstenose und an
einer angeborenen peripheren Pulmonalstenose (IV-act. 6). Mit einer Mitteilung vom 30.
Mai 2011 sicherte die IV-Stelle der Versicherten die Vergütung der im Zeitraum bis zum
30. April 2016 anfallenden Kosten für die zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff.
313 Anh. GgV notwendigen medizinischen Massnahmen zu (IV-act. 8). Im Juli 2011
teilte das Ostschweizer Kinderspital der IV-Stelle mit, dass die Versicherte auch am
Geburtsgebrechen Ziff. 395 Anh. GgV leide (IV-act. 9) und dass der Verdacht auf eine
syndromale Erkrankung bestehe (IV-act. 15). Mit einer Mitteilung vom 16. September
2011 sicherte die IV-Stelle der Versicherten auch die Vergütung der in der Zeit bis zum
31. März 2013 anfallenden Kosten für die zur Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff.
395 Anh. GgV notwendigen medizinischen Massnahmen sowie die Vergütung der
Physiotherapiekosten für die Zeit bis zum 31. März 2013 zu (IV-act. 18). Im Mai 2012
meldeten die Eltern die Versicherte zum Bezug von Leistungen im Zusammenhang mit
einer Hörbehinderung an (IV-act. 19). Die Hals-Nasen-Ohrenklinik des Kantonsspitals
St. Gallen hatte bereits im März 2012 über eine mässiggradige sensorineurale
Schwerhörigkeit beidseits bei einem Williams-Beuren-Syndrom berichtet (IV-act. 22–4
f.). Das Ostschweizer Kinderspital teilte am 9. Januar 2013 mit (IV-act. 35), die
Versicherte leide an einem Williams-Beuren-Syndrom mit einer Aortenisthmusstenose,
einem allgemeinen Entwicklungsrückstand, einer cochleären Hörstörung beidseits,
einer Gedeihstörung, Ernährungsschwierigkeiten bei einer oralen Hypersensibilität und
einem geringen, nicht korrekturbedürftigen Astigmatismus hyperopicus simplex
beidseits. Die IV-Stelle sicherte der Versicherten mit je einer Mitteilung vom 13. und
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vom 20. Februar 2013 die Vergütung der zur Behandlung der Geburtsgebrechen Ziff.
446 und 485 Anh. GgV notwendigen Kosten für die Zeit bis zum 31. Dezember 2021
beziehungsweise bis zum 31. März 2022 zu (IV-act. 39 und 42).
A.b Im Dezember 2015 beantragte Dr. med. D._ vom Ostschweizer Kinderspital die
Vergütung der Kosten für eine Hüftorthese mit einem dynamischen Hüftgelenk (IV-act.
74 f.). Am 11. Februar 2016 berichtete Dr. D._ (IV-act. 86), die Versicherte befinde
sich in einer orthopädischen Behandlung, da sie an einer muskulären Hypotonie bei
einem Williams-Beuren-Syndrom leide. Die radiologischen Kontrollen hätten eine
Subluxationstendenz der Hüftgelenke, links mehr als rechts, gezeigt. Der
Migrationsindex betrage links 35 Prozent. Am 15. April 2016 notierte Dr. med. E._
vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD; IV-act. 88), Dr. D._ habe ihre
Arbeitshypothese, wonach die Hüftsubluxation auf das anerkannte Geburtsgebrechen
zurückzuführen sei, nicht weiter begründet. Gemäss der einschlägigen Fachliteratur
litten Patienten mit einem Williams-Beuren-Syndrom typischerweise an einer
besonderen Gesichtsform, an einem Minderwuchs, an radio-ulnaren Synostosen, an
einer Verkalkung der Disci intervertebrales mit Skoliosen und an anderen
Beschwerden, aber nicht an Pathologien der Hüften. Aus medizinischer Sicht sei die
Hüftsubluxation nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf das Williams-Beuren-
Syndrom zurückzuführen. Er empfehle deshalb die Abweisung des
Leistungsbegehrens. Am 19. April 2016 teilte die IV-Stelle dem Orthopädie-Techniker,
den Eltern der Versicherten, der obligatorischen Krankenpflegeversicherung und dem
Ostschweizer Kinderspital mit, dass sie die Kosten für die Hüftorthese nicht übernehme
(IV-act. 89). Am 17. Mai 2016 ersuchte Dr. D._ erneut um eine Kostenvergütung (IV-
act. 90). Sie hielt fest, in der Fachliteratur werde eine übermässige Beweglichkeit an
multiplen Gelenken bei jungen Patienten mit einem Williams-Beuren-Syndrom
beschrieben, die ihre Ursache im niedrigen Muskeltonus finde. Eine übermässige
Gelenkslaxität sei eine häufige Begleiterscheinung der Krankheit. Unregelmässig träten
deshalb Dislokationen beziehungsweise Luxationen der Gelenke auf. Das betreffe bis
zu zwei Prozent der Patienten mit einem Williams-Beuren-Syndrom. Die Versicherte
leide an einer solchen Gelenkslaxität im Rahmen des Williams-Beuren-Syndroms. Die
Hüftsubluxation werde deshalb als eine Folge dieser Gelenkslaxität respektive des
Geburtsgebrechens qualifiziert. Am 8. Juli 2016 notierte der RAD-Arzt Dr. E._ (IV-act.
99), im Fachartikel, den Dr. D._ eingereicht habe, heisse es wortwörtlich: „Persistent
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joint laxity may contribute to the infrequent reports of joint dislocation in the WS
population (up to 2%)“. Das werfe die Frage auf, ob ein derart seltenes Problem noch
zum typischen Symptomenkomplex gezählt werden könne. Im Übrigen litten („je nach
Quelle“) in Europa zwei bis vier Prozent der Neugeborenen an einer kongenitalen
Hüftdysplasie. Vor diesem Hintergrund erweise sich die Abweisung des
Leistungsbegehrens als richtig. Am 12. Juli 2016 teilte die IV-Stelle dem Ostschweizer
Kinderspital mit, dass sie an der Abweisung ihres Leistungsbegehrens festhalte (IV-act.
100). Dagegen wandte Dr. D._ am 4. August 2016 ein (IV-act. 102), die Versicherte
leide nicht an einer kongenitalen Hüftdysplasie. Die behandlungsbedürftige
Dezentrierung der Hüftgelenke sei eindeutig und uneingeschränkt auf die muskuläre
Hypotonie im Rahmen der Grunderkrankung (Williams-Beuren-Syndrom)
zurückzuführen. Die IV-Stelle teilte Dr. D._ am 2. September 2016 mit (IV-act. 103),
die Invalidenversicherung vergüte die Kosten für die Behandlung von Folgen eines
anerkannten Geburtsgebrechens nur, wenn diese Folgen in einem qualifizierten
Kausalzusammenhang mit dem Geburtsgebrechen stünden. Ein solcher
Zusammenhang sei hier nicht nachgewiesen. Die Eltern oder die
Krankenpflegeversicherung könnten eine anfechtbare Verfügung verlangen, falls sie mit
dem Entscheid nicht einverstanden seien. Am 19. September 2016 beantragten die
Eltern der Versicherten die Eröffnung einer beschwerdefähigen Verfügung (IV-act. 104).
Diesem Begehren kam die IV-Stelle nach, indem sie am 13. Oktober 2016 zunächst
einen Vorbescheid erliess (IV-act. 109), mit dem sie nochmals mitteilte, dass sie das
Leistungsbegehren abweisen werde. Die Eltern der Versicherten erklärten am 10.
November 2016 erneut, dass sie mit diesem Entscheid nicht einverstanden seien (IV-
act. 110). Am 6. Dezember 2016 eröffnete die IV-Stelle die Abweisung des
Leistungsbegehrens schliesslich in der Form einer anfechtbaren Verfügung (IV-act.
112).
B.
B.a Am 4. Januar 2017 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen einen „Einwand“ gegen die
Verfügung vom 6. Dezember 2016 erheben (act. G 1). Ihre Eltern beantragten die
Vergütung der Kosten für die Hüftorthese durch die Invalidenversicherung
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führten sie an, ihre Tochter
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leide im Rahmen des Williams-Beuren-Syndroms an einer deutlichen muskulären
Hypotonie. Dadurch sei es zu einer Hüftdezentrierung mit einer Subluxation
gekommen. Diese Subluxation müsse mit einer Hüftabduktionsorthese behandelt
werden.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 15. März 2017 unter Hinweis auf die
Notizen des RAD vom 15. April 2016 und vom 8. Juli 2016 sowie auf eine
Stellungnahme des „Fachbereichs“ vom 21. Februar 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). In jener Stellungnahme hatte ein Sachbearbeiter festgehalten,
gemäss den Ausführungen des RAD liege kein qualifizierter Kausalzusammenhang
zwischen dem Geburtsgebrechen und der Hüftsubluxation vor (IV-act. 127).
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 25. April 2017 an ihrem Antrag festhalten (act. G
6).
B.d Die Beschwerdegegnerin machte am 14. Juli 2017 geltend (act. G 12), der RAD-
Arzt Dr. E._ habe sich nochmals ausführlich mit den Argumenten der
Beschwerdeführerin respektive des Ostschweizer Kinderspitals auseinandergesetzt. Er
habe differenziert und plausibel begründet dargelegt, dass eine muskuläre Hypotonie
sowie spezifische Hüftpathologien gemäss der einschlägigen medizinischen Literatur
nicht zu den Kardinalsymptomen eines Williams-Beuren-Syndroms gehörten und auch
nicht vom Bundesverband Williams-Beuren-Syndrom e.V. als Leitsymptom aufgeführt
werde. Die Hüftdezentrierung stelle also keine „fast zwangsläufige Konsequenz“ eines
Williams-Beuren-Syndroms dar. Folglich liege kein qualifizierter Kausalzusammenhang
im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zwischen dem Williams-Beuren-
Syndrom und der Hüftsubluxation vor, weshalb sich die angefochtene Verfügung als
rechtmässig erweise. Der Duplik lag eine Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. E._ vom
12. Juli 2017 bei, in der dieser ausgeführt hatte, die Hüftsubluxation gehöre nicht zu
den Leitsymptomen bei einem Williams-Beuren-Syndrom (act. G 12.1).

Erwägungen
1.
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1.1 Laut dem Art. 13 Abs. 1 IVG haben Versicherte bis zum vollendeten 20. Altersjahr
einen Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendigen
medizinischen Massnahmen, wobei sich die Leistungspflicht gemäss dem Art. 13 Abs.
2 IVG allerdings nur auf jene Geburtsgebrechen erstreckt, die vom Bundesrat im
Anhang zur GgV angeführt worden sind. Das Williams-Beuren-Syndrom, an dem die
Beschwerdeführerin leidet, ist im Anhang zur GgV nicht angeführt. Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb die mit diesem Syndrom in Verbindung gebrachten
Gesundheitsschäden nicht direkt als Geburtsgebrechen anerkennen können, die eine
Leistungspflicht der Invalidenversicherung auslösen würden. Ihre
leistungsbegründenden Feststellungen beziehen sich folglich auf einzelne Gebrechen,
die eine Folge dieses Syndroms sind, aber im Anhang zur GgV als eigenständige
Geburtsgebrechen angeführt werden, nämlich auf eine angeborene Herz- und
Gefässmissbildung (Ziff. 313 Anh. GgV; verbindliche Mitteilung vom 30. Mai 2011), auf
eine leichte cerebrale Bewegungsstörung (Ziff. 395 Anh. GgV; verbindliche Mitteilung
vom 16. September 2011), auf eine angeborene Schallempfindungsschwerhörigkeit
(Ziff. 446 Anh. GgV; verbindliche Mitteilung vom 13. Februar 2013) und auf eine
kongenitale Dystrophie des Bindegewebes (Ziff. 485 Anh. GgV; verbindliche Mitteilung
vom 20. Februar 2013). Die Hüftsubluxation, für deren Behandlung die
Beschwerdeführerin um eine Kostenvergütung ersucht hat, weist offensichtlich keinen
Zusammenhang zu den verbindlich anerkannten Geburtsgebrechen Ziff. 313, 395 und
446 Anh. GgV auf. Fraglich ist also nur, ob die Hüftsubluxation ein Symptom (oder –
wie der RAD bzw. die Beschwerdegegnerin anzunehmen scheint – eine indirekte Folge
im Sinne der Rz 11 KSME) des Geburtsgebrechens Ziff. 485 Anh. GgV, also einer
kongenitalen Dystrophie des Bindegewebes als Symptom des Williams-Beuren-
Syndroms ist.
1.2 Der RAD-Arzt Dr. E._ hat (für medizinische Laien einigermassen verständlich)
dargelegt, dass bei den meisten Personen, die an einem Williams-Beuren-Syndrom
litten, die Synthese des Eiweisses Elastin beeinträchtigt sei. Bei diesem handle es sich
um ein Faserprotein, das in seiner Funktion für die Formgebung und den Halt
respektive für die Dehnungsfähigkeit grosser Blutgefässe verantwortlich sei. Da Elastin
dem Bindegewebe zugeordnet sei, weise dieser Defekt einen Zusammenhang mit dem
Geburtsgebrechen Ziff. 485 Anh. GgV auf. Unter einer Dystrophie verstehe man eine
degenerative Besonderheit, bei der es durch Entwicklungsstörungen einzelner
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Gewebe, Zellen, Körperteile, Organe oder auch des gesamten Organismus zu
entsprechenden Degenerationen komme. Das bedeutet, dass die Hüftsubluxation der
Beschwerdeführerin einen Zusammenhang mit einem degenerativen Defekt des
Bindegewebes aufweisen müsste, damit die Beschwerdegegnerin eine Leistungspflicht
für die Behandlung der Hüftsubluxation träfe. Die behandelnden Ärzte des
Ostschweizer Kinderspitals haben geltend gemacht, bei der Beschwerdeführerin liege
eine muskuläre Hypotonie vor, die ein Symptom des Williams-Beuren-Syndroms sei.
Laut dem Bericht vom 9. Januar 2013 ist die muskuläre Hypotonie sogar eines jener
Symptome gewesen, die ursprünglich den Verdacht auf das Vorliegen eines Williams-
Beuren-Syndroms geweckt hatten (vgl. IV-act. 35–4). Anscheinend stellt die muskuläre
Hypotonie also eine spezifische Ausprägung der für ein Williams-Beuren-Syndroms
typischen Bindegewebsstörung dar. Sie ist demnach ein (direktes) Symptom dieser
Erkrankung und nicht etwa bloss eine (indirekte) Folge im Sinne der Rz 11 KSME. Den
Stellungnahmen des RAD-Arztes Dr. E._ lässt sich kein Hinweis entnehmen, der
gegen diese offenbar von den behandelnden Ärzten vertretene Ansicht sprechen
würde. Die verbindliche Anerkennung der Leistungspflicht im Zusammenhang mit dem
Geburtsgebrechen Ziff. 485 Anh. GgV weist also einen direkten Zusammenhang mit der
muskulären Hypotonie auf.
1.3 Der RAD-Arzt Dr. E._ hat das Vorliegen eines Zusammenhangs zwischen der
Hüftsubluxation und dem Williams-Beuren-Syndrom respektive der muskulären
Hypotonie mit dem Argument verneint, in der Fachliteratur werde ein solcher
Zusammenhang nur in ganz seltenen Fällen beschrieben; sogar die Wahrscheinlichkeit,
dass ein ansonsten gesundes Kind an einer kongenitalen Hüftdysplasie leide, sei
höher. Offenbar hat Dr. E._ daraus nicht nur abgeleitet, dass eine Hüftsubluxation in
den allermeisten Fällen keinen Zusammenhang mit einem Williams-Beuren-Syndrom
aufweise, sondern – darüber hinausgehend – die Ansicht vertreten, selbst in jenen
Fällen, in denen ein solcher Zusammenhang nachgewiesen sei, dürfe die
Hüftsubluxation nicht als eine Folge eines anerkannten Geburtsgebrechens qualifiziert
werden, weil sie eben kein typisches Symptom sei. Diese Argumentation ist nicht
stichhaltig. Für die Rechtsanwendung sind nämlich nicht statistische Zusammenhänge,
Wahrscheinlichkeiten oder allgemeine Lebenserfahrungen, sondern die Umstände des
konkreten Einzelfalls massgebend. Etwas anderes gilt nur dort, wo sich der
Rechtsanwender nicht anders als mit einer allgemeinen Lebenserfahrung behelfen
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kann. Auch in solchen Fällen stellt die allgemeine Lebenserfahrung aber nur eine
Vermutung dar, die jederzeit durch einen Gegenbeweis widerlegt werden kann (vgl.
etwa OSCAR VOGEL/KARL SPÜHLER, Grundriss des Zivilprozessrechts, 7. Aufl. 2001,
Kap. 10, Rz 51). Das bedeutet, dass die tatsächlichen Verhältnisse des konkreten
Einzelfalls stets der allgemeinen Erfahrung vorgehen. Der RAD-Arzt Dr. E._, der als
juristischer Laie dieses Zusammenspiel zwischen der allgemeinen Lebenserfahrung
und den Umständen im konkreten Einzelfall nicht kennen kann, hat die Rangfolge in
seiner Argumentation auf den Kopf gestellt, indem er der Statistik den Vorrang vor den
Umständen des konkreten Einzelfalls eingeräumt hat. Würde man diese Argumentation
konsequent zu Ende führen, dürften die tatsächlichen Verhältnisse des konkreten
Einzelfalls nie mehr eine Rolle spielen, was offenkundig absurd wäre und zu einer
systematischen Verletzung des Gleichbehandlungsgebotes führen würde. Dieses
gebietet nämlich, nur Gleiches nach Massgabe seiner Gleichheit gleich zu behandeln
und Ungleiches dagegen nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich zu behandeln.
Massgebend ist also nicht, wie häufig das Auftreten einer Hüftsubluxation bei
Menschen ist, die an einem Williams-Beuren-Syndrom leiden, sondern nur, ob das
Williams-Beuren-Syndrom bei der Beschwerdeführerin ursächlich für die
Hüftsubluxation gewesen ist. Diese entscheidende Frage hat der RAD-Arzt Dr. E._
nicht beantwortet. Trotzdem erweist sich der Sachverhalt diesbezüglich als mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nac¬gewiesen, denn
die behandelnden Ärzte des Ostschweizer Kinderspitals haben überzeugend dargelegt,
dass der niedrige Muskeltonus bei der Beschwerdeführerin mit einer übermässigen
Gelenksbeweglichkeit einhergehe und dass diese übermässige Gelenkslaxität zu
Dislokationen respektive Luxationen des Hüftgelenks der Beschwerdeführerin geführt
habe. Dieser Zusammenhang sei „eindeutig und uneingeschränkt“ (IV-act. 102). Der
Behandlungsauftrag der Ärzte des Ostschweizer Kinderspitals schwächt die
Überzeugungskraft dieser Ausführungen nicht, denn das therapeutische Interesse wird
durch die Beantwortung der Frage nach dem Zusammenhang zwischen der
Hüftsubluxation und dem verbindlich anerkannten Geburtsgebrechen nicht berührt. Es
besteht also kein ernsthafter Zweifel daran, dass die Hüftsubluxation, an der die
Beschwerdeführerin leidet, eine direkte Folge des Williams-Beuren-Syndroms
respektive des verbindlich anerkannten Geburtsgebrechens Ziff. 485 Anh. GgV ist. Die
Invalidenversicherung trifft deshalb für deren Behandlung eine Leistungspflicht.
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1.4 Gestützt auf die überzeugenden Ausführungen der behandelnden Ärzte des
Ostschweizer Kinderspitals steht auch mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die Beschwerdeführerin eine
Hüftabduktionsorthese zur Behandlung der Hüftsubluxation benötigt. Grundsätzlich
besteht folglich ein entsprechender Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin. Die
Beschwerdegegnerin wird aber noch abzuklären haben, ob die beantragte Orthese die
weiteren Anspruchsvoraussetzungen (namentlich die Kriterien der Wirtschaftlichkeit
und der Zweckmässigkeit) erfüllt. Dafür wird die Sache an sie zurückgewiesen.
2.
Selbst wenn eine Leistungspflicht der Invalidenversicherung gestützt auf den Art. 13
IVG verneint werden müsste, hätte die Beschwerdeführerin gegenüber der
Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf eine Hüftabduktionsorthese. Es liegt nämlich
auf der Hand, dass die unbehandelte Hüftsubluxation die Eingliederung der
Beschwerdeführerin ins Erwerbsleben erheblich erschweren würde. Folglich wirkt sich
eine Hüftabduktionsorthese eingliederungsfördernd aus, weshalb die
Anspruchsvoraussetzungen des Art. 12 IVG erfüllt sind. Zwar gehören offenbar leichte
bis mittelschwere geistige Behinderungen zu typischen Symptomen eines Williams-
Beuren-Syndroms. Daraus kann aber nicht abgeleitet werden, dass zum Vorneherein
damit zu rechnen wäre, die Beschwerdeführerin werde nie einen ökonomisch
relevanten Mehrwert erzielen, das heisst nie erwerbstätig sein können. Die Akten
enthalten jedenfalls keinen Anhaltspunkt für eine solche Prognose. Folglich besteht
eine Ungewissheit bezüglich der späteren Eingliederungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin. Diese Unsicherheit müsste – als eine objektive Beweislosigkeit –
an sich zur Folge haben, dass der Beschwerdeführerin medizinische Massnahmen
gestützt auf den Art. 12 IVG verweigert werden müssten (vgl. Art. 8 ZGB). Das hätte
aber zur Folge, dass ganz bewusst eine erhebliche Erschwerung einer möglichen
späteren Eingliederung in Kauf genommen würde. Die Beschwerdeführerin könnte
dann nämlich erst kurz vor dem Ende der schulischen Ausbildung medizinische
Massnahmen beanspruchen und mit diesen Massnahmen müsste möglichst alles
wettgemacht werden, was in den Jahren davor versäumt worden wäre. Dies wäre
absurd und liefe offenkundig dem Sinn und Zweck des Art. 12 IVG zuwider, der auf
eine Optimierung der (späteren) Erwerbsfähigkeit und damit auf eine Minimierung des
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Risikos, eine Rente auszahlen zu müssen, abzielt. Jede durchgeführte
Eingliederungsmassnahme leistet grundsätzlich einen Beitrag zu dieser Optimierung;
jede verweigerte Eingliederungsmassnahme gefährdet eine spätere Erwerbsfähigkeit.
Je früher eine Eingliederungsmassnahme durchgeführt wird, umso bessere Erfolge sind
davon für die spätere Erwerbsfähigkeit zu erwarten. Das alles spricht für die
Notwendigkeit, selbst bei einer unsicheren Prognose bezüglich einer späteren
Eingliederungsfähigkeit so früh als möglich mit medizinischen Massnahmen zu
beginnen. Angesichts des Umstandes, dass Eingliederungsmassnahmen im Verhältnis
zu Rentenleistungen in aller Regel wesentlich kostengünstiger sind (und dass
vorliegend bereits ein Verwaltungsaufwand betrieben worden ist, der die Kosten der
Hüftabduktionsorthese um ein Vielfaches übersteigt), ist die Verweigerung einer
Eingliederungsmassnahme, die das Risiko einer späteren Rentenleistung erhöht, als
unverhältnismässig zu qualifizieren. Wenn also nicht mit einer hohen Plausibilität
feststeht, dass die versicherte Person später selbst im besten Fall und trotz maximaler
Unterstützung durch die Invalidenversicherung nie ein ökonomisch relevantes
Erwerbseinkommen wird erzielen können (weshalb Eingliederungsmassnahmen zum
Vorneherein ohne jeden Einfluss auf einen späteren Rentenanspruch wären), muss –
dem Sinn und Zweck des Art. 12 IVG folgend – ein Anspruch auf eine medizinische
Eingliederungsmassnahme bejaht werden (sofern die übrigen Voraussetzungen erfüllt
sind). Vor diesem Hintergrund müsste die Beschwerdegegnerin die Kosten der
beantragten Hüftabduktionsorthese also auch dann übernehmen, wenn der Art. 13 IVG
nicht zur Anwendung gelangen würde (vgl. zum Ganzen auch den Entscheid IV
2016/287 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 24. Januar 2018, E. 3.2).
3.
Folglich ist die angefochtene Verfügung aufzuheben und der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Versorgung mit einer Hüftabduktionsorthese ist dem
Grundsatz nach zu bejahen. Die Beschwerdegegnerin wird aber noch zu ermitteln
haben, wie die abzugebende Hüftabduktionsorthese konkret beschaffen sein muss. Sie
wird darüber noch zu verfügen haben. Bei diesem Verfahrensausgang ist in Bezug auf
die Gerichtskosten praxisgemäss von einem vollumfänglichen Obsiegen der
Beschwerdeführerin auszugehen. Die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- ist deshalb der
unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der
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von ihr geleistete Kostenvorschuss zurückerstattet. Die nicht anwaltlich vertretene
Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.