Decision ID: cbbd1e57-051c-501d-8da7-aae1e4077433
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
R._ und T._, Staatsangehörige von Russland (Tschetschenien) reisten zusammen mit
ihrem Sohn B._, geb. 2006, am 25. April 2012 in die Schweiz ein und ersuchten um
Asyl. Ihre Tochter A._ kam am 11. August 2012 in St. Gallen zur Welt und wurde in
das Asylgesuch einbezogen. Das damalige Bundesamt für Migration (BFM; heute
Staatssekretariat für Migration, SEM) lehnte die Asylgesuche am 27. September 2012
ab und ordnete die Wegweisung der Familie aus der Schweiz an. Eine dagegen
erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit
Urteil D-5649/2012 vom 5. Februar 2013 ab. Auch ein zweites Asylgesuch der Familie
vom 10. August 2015 wies das SEM mit Verfügung vom 9. Oktober 2015 ab. Einer
dagegen erhobenen Beschwerde war kein Erfolg beschieden (vgl. BVGer
D-7246/2015 vom 21. September 2017). Am 6. Februar 2018 reichte B._, vertreten
durch seine Eltern, beim SEM ein Asylgsuch ein, welches als Wiedererwägungsgesuch
entgegengenommen und auf welches am 15. Februar 2018 mangels neuer Tatsachen
nicht eingetreten wurde. Die dagegen erhobene Beschwerde wies das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-1177/2018 vom 5. März 2018 ab. Am 20. März
2018 reichte A._, vertreten durch die Eltern, beim SEM ein Wiedererwägungsgesuch
ein. Gleichzeitig ersuchten sie um Anordnung eines Vollzugsstopps. Mit Entscheid vom
27. März 2018 hielt das SEM am Vollzug der Wegweisung fest. Am 28. März 2018
wurden die Beschwerdeführerin und ihre Familie mittels Sonderflug nach Russland
überstellt. Das SEM schrieb mit Abschreibungsbeschluss vom 20. April 2018 das
Wiedererwägungsgesuch vom 20. März 2018 als gegenstandslos geworden ab. Ein
weiteres Wiedererwägungsgesuch der Familie wurde vom SEM mit "internem
Abschreibungsbeschluss" vom 21. Juni 2018 als gegenstandslos geworden
abgeschrieben. Eine dagegen gerichtete Beschwerde wies das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-3714/2018 vom 24. Juli 2018 ab. Am
20. September 2018 reichte die Familie beim UNO-Kinderrechtsausschuss in Genf
Beschwerde gegen die Schweiz ein; das Verfahren ist nach Lage der in diesem
Verfahren eingereichten Akten noch hängig (act. G 1 S. 2, G 4 Beilagen 3 f.).
A.a.
Mit Eingabe an das SEM vom 22. Oktober 2018 liess A._, vertreten durch die Eltern
und Klaus-Franz Rüst-Hehli, Engelburg, um Erteilung einer Einreisebewilligung wegen
widerrechtlich verletzter Identität gemäss Art. 8 Abs. 2 des Übereinkommens vom
A.b.
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-5649/2012 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-7246/2015 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3714/2018
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20. November 1989 über die Rechte des Kindes (SR 0.107; Kinderrechtskonvention,
KRK) ersuchen. Das Gesuch wurde damit begründet, dass die Ausschaffung (vom
28. März 2018) rechtswidrig gewesen sei. Die Entwicklung des Kindes im Sinne von
Art. 8 KRK sei dadurch widerrechtlich abgebrochen worden. Die Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde (KESB) hätte eine Kindesschutzmassnahme näher prüfen,
gemäss ihrer eigenen Erkenntnis eine Kindesschutzmassnahme anordnen und diese
Massnahme allenfalls an eine äquivalente russische Institution zu übertragen versuchen
müssen. Erst unter Berücksichtigung dieser Umstände hätten die Asylinstanzen das
Vorliegen von Wegweisungshindernissen prüfen können. Angesichts der verletzten
Identität habe die Schweiz ihre Schutz- und Beistandspflicht zu prüfen. Nur die
Erteilung von Einreisevisa an die Beschwerdeführerin, deren Mutter und den Bruder
könne die Identität wiederherstellen. Mit Urteil F-15/2019 vom 23. April 2019 wies das
Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde ab mit der Feststellung, dass keine
Hinweise auf ein vom SEM zu erteilendes humanitäres Visum vorliegen würden und die
Zuständigkeit für ein nationales Visum bei den kantonalen Behörden liege. Am 29. Mai
2019 stellte A._, vertreten durch Klaus-Franz Rüst-Hehli, beim Migrationsamt
St. Gallen ein Gesuch um Einreise- und Aufenthaltsbewilligung aufgrund von Art. 8 Abs.
2 KRK (Wiederherstellung der Identität) und Art. 10 Abs. 2 der Bundesverfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV). Zur Begründung wurde
festgehalten, die bei Geburt fast taube Gesuchstellerin sei anlässlich ihrer Aufenthalte
in der Schweiz stundenweise betreut worden, ohne dass ihr die notwendige
Hörprothese Cochlea angepasst worden sei. Sie habe in der Schweiz die Grundlagen
der auf der deutschen Sprache beruhenden Gebärdensprache erlernt und eine Lern-
und Arbeitsbeziehung zur Betreuerin entwickelt. Eine andere Sprache habe A._ nicht
erlernt, weshalb dies der einzige Kommunikationskanal zur Umwelt sei. Die notwendige
medizinische Betreuung könne sie in Russland nicht erhalten. Angesichts der verletzten
Identität habe die Schweiz ihre Schutz- und Beistandspflicht zu überprüfen (act. G 6/10
I/104).
Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs verweigerte das Migrationsamt mit Verfügung
vom 23. Oktober 2019 die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung an A._ zur
medizinischen Behandlung (act. G 6/10 I/117). Das Sicherheits- und Justizdepartement
(SJD) schrieb das gegen diese Verfügung erhobene Rekursverfahren am 11. März 2020
ab, nachdem die Verfügung vom Migrationsamt am 5. März 2020
wiedererwägungsweise aufgehoben worden war (act. G 6/10 I/132 und 135). In der
Folge verweigerte das Migrationsamt nach Einräumung des rechtlichen Gehörs mit
Verfügung vom 17. Juni 2020 die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung an A._ mit der
A.c.
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B.
Begründung, dass das Verfahren bezüglich Ausreise der ganzen Familie rechtskräftig
abgeschlossen sei. Zudem sei es nicht Sache des Migrationsamtes, die Modalitäten
des Wegweisungsvollzugs nach Rückkehr der Gesuchstellenden zu überprüfen. Die
Verfügung beschränke sich auf die Frage der Erfüllung der Voraussetzungen für eine
Wiedereinreise in die Schweiz. Weiter gewähre Art. 8 KRK kein Recht auf Einreise,
weshalb die Fragen offenbleiben könnten, ob die Schweiz die KRK verletzt habe oder
ob die gelernte Gebärdensprache einen Teil von A._s Identität darstelle und diese
nicht in ihrem Heimatland ausgelebt werden könne. Die Rechte der BV bezögen sich
auf die in der Schweiz lebende Bevölkerung, weshalb sie daraus kein Recht (auf
Einreise) ableiten könne. Inwiefern Art. 13 des Übereinkommens über die Rechte von
Menschen mit Behinderungen (SR 0.169, BRK) angesichts der zahlreichen in der
Schweiz geführten Verwaltungsverfahren verletzt worden sei, sei nicht ersichtlich. Ein
Recht auf Einreise sei hieraus oder in Kombination mit anderen völkerrechtlichen und
landesrechtlichen Bestimmungen nicht ersichtlich. Auch erfülle sie die
Voraussetzungen zur Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zur medizinischen
Behandlung nicht, weil sie sich mit ihrer Familie in Russland befinde und das SEM bzw.
das Bundesverwaltungsgericht jeweils die Zumutbarkeit/Zulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs geprüft hätten und keine konkrete Gefährdung im Heimatland
hätten erkennen können. Einziger Bezug zur Schweiz seien die aus der medizinischen
Grundversorgung erbrachten Leistungen und die private Initiative einer Logopädin (act.
G 6/10 I/145). Den gegen diese Verfügung von Klaus-Franz Rüst-Hehli erhobenen
Rekurs (act. G 6/1-8) wies das SJD mit Entscheid vom 4. Dezember 2020 (act. G 2) ab.
Gegen diesen Entscheid erhob N._ für A._ mit Eingabe vom 21. Dezember 2020
Beschwerde mit den Anträgen, der Entscheid sei aufzuheben und es sei das
Migrationsamt anzuweisen, der Beschwerdeführerin und ihrer Mutter – gemäss Ziff. V
S. 5 der Beschwerde auch dem Bruder – eine Einreisebewilligung zwecks
Wiederherstellung der Identität der Beschwerdeführerin zu erteilen, eventuell den
Sachverhalt zu ergänzen. Es sei die unentgeltliche Rechtspflege/Rechtsverbeiständung
zu gewähren und von einer Kostenvorschusszahlungspflicht abzusehen. Unter Kosten-
und Entschädigungspflicht zulasten des Staates (act. G 1).
B.a.
In der Vernehmlassung vom 11. Januar 2021 beantragte die Vorinstanz Abweisung der
Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen im angefochtenen
Entscheid (act. G 5).
B.b.
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Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die Beschwerdeführerin
ist zur Beschwerde gegen den Rekursentscheid vom 4. Dezember 2020, mit dem ihr
Rechtsmittel gegen die Verfügung des Migrationsamts vom 17. Juni 2020 abgewiesen
wurde, befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerde wurde
mit Eingabe vom 21. Dezember 2020 rechtzeitig erhoben und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47
Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Auf die Vorbringen in der Beschwerde wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.
B.c.
bis
Streitig ist, ob die Vorinstanz die Abweisung des Gesuchs um Erteilung einer
Einreisebewilligung wegen verletzter Identität gemäss Art. 8 Abs. 2 KRK zu Recht
bestätigte. Nicht Gegenstand des vorinstanzlichen Verfahrens bildete die vom
Bundesverwaltungsgericht als rechtmässig bestätigte Wegweisung der
Beschwerdeführerin und ihrer Familie sowie der von der Beschwerdeführerin als
widerrechtlich gerügte Entzug von Sozialhilfeleistungen, die Platzierung der
Beschwerdeführerin in einem Nothilfezentrum und die Verweigerung von
Kindesschutzmassnahmen durch die KESB. Soweit die Beschwerdeführerin zu den
letztgenannten Punkten Ausführungen macht (vgl. act. G 1 S. 3 f.), kann darauf nur
insoweit eingetreten werden, als ein konkreter Bezug zum Streitgegenstand besteht.
2.1.
Ausländerinnen und Ausländer können grundsätzlich nur bei Vorliegen von bestimmten
Zulassungsvoraussetzungen eine Aufenthaltsbewilligung beantragen (vgl. Art. 18 ff. des
Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (SR
142.20, AIG). Ausnahmsweise kann eine Aufenthaltsbewilligung ohne Vorliegen dieser
Voraussetzungen erteilt werden, insbesondere wenn schwerwiegenden persönlichen
Härtefällen oder wichtigen öffentlichen Interessen Rechnung zu tragen ist (Art. 30
Abs. 1 lit. b AIG). Nach der Praxis liegt ein Härtefall vor, wenn sich die betroffene
Person in einer persönlichen Notlage befindet. Ihre Lebens- und Daseinsbedingungen
2.2.
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müssen, gemessen am durchschnittlichen Schicksal von anderen ausländischen
Personen, in gesteigertem Mass in Frage gestellt sein (siehe BGE 130 II 39 E. 3; BGE
128 II 200 E. 4). Der Begriff des schwerwiegenden persönlichen Härtefalls ist dabei
restriktiv auszulegen. Bei der Prüfung der nicht abschliessenden Kriterien in Art. 31
Abs. 1 der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (SR 142.201,
VZAE; vgl. BVGer C 930/2009 vom 5. Dezember 2012 E. 4.1), das heisst der
Integration, der Respektierung der Rechtsordnung, der Familienverhältnisse, des
Zeitpunkts der Einschulung und der Dauer des Schulbesuchs der Kinder, der
finanziellen Verhältnisse sowie des Willens zur Teilhabe am Wirtschaftsleben und zum
Erwerb von Bildung, der Dauer der Anwesenheit in der Schweiz, des
Gesundheitszustands, der Möglichkeit für eine Wiedereingliederung im Herkunftsland
sowie der Offenlegung der Identität, ist deshalb ebenfalls ein strenger Massstab
anzulegen (VerwGE B 2016/47 vom 26. Oktober 2017 E. 2 mit Hinweisen). Bei
Härtefallgesuchen von Familien darf die Situation einzelner Familienmitglieder nicht
isoliert betrachtet werden, da das Schicksal der Familie eine Einheit darstellt (BVGer
C 3770/2011 vom 3. Januar 2013 E. 4.3). Die familiäre Situation ist gesamthaft zu
beurteilen und die Lebenslage der Gesuchsteller muss gesamthaft betrachtet die
Annahme einer Härtefallsituation der ganzen Familie rechtfertigen. Den Kindern ist
dabei besonderes Augenmerk zu widmen, das heisst deren sozialer und schulischer
Integration wird besonderes Gewicht beigemessen (BVGer C 930/2009 vom
5. Dezember 2012 E. 4.4). Ein Anspruch auf Erteilung einer Härtefallbewilligung besteht
nicht. Nach der kantonalen Praxis ist eine dauerhafte wirtschaftliche Existenz
anzustreben; berücksichtigt werden dabei die Prognose hinsichtlich
Sozialhilfeabhängigkeit und Arbeitswillen. Im Weiteren bedarf die Erteilung einer
Härtefallbewilligung der Zustimmung des SEM (vgl. Art. 30 Abs. 2 und Art. 99 AIG,
Art. 85 Abs. 1 und 2 VZAE und Art. 5 lit. d der Verordnung des EJPD über die dem
Zustimmungsverfahren unterliegenden ausländerrechtlichen Bewilligungen und
Vorentscheide, SR 142.201.1).
Nach Art. 10 Abs. 2 BV hat jeder Mensch das Recht auf persönliche Freiheit,
insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit.
Das von der Verfassung garantierte Recht, sich ohne staatliche Eingriffe frei bewegen
zu können, steht aber unter dem Vorbehalt ausländerrechtlicher
(Bewilligungs-)Vorschriften sowie rechtsgültig angeordneter Fernhaltemassnahmen.
Sowohl die Geltendmachung des Rechts auf Bewegungsfreiheit wie auch des Rechts
auf Wirtschaftsfreiheit setzt notwendigerweise ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz
voraus (vgl. BVGer F-5785/2019 vom 30. April 2020 E. 7.3 m.H.). Nach Art. 29 AIG
können Ausländerinnen und Ausländer zu medizinischen Behandlungen zugelassen
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werden. Die Finanzierung und die Wiederausreise müssen gesichert sein.
Eine Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung muss dem Grundsatz der
Verhältnismässigkeit Rechnung tragen. Dabei sind nach Art. 96 Abs. 1 AIG namentlich
die öffentlichen Interessen, die persönlichen Verhältnisse des Gesuchstellers und seine
Integration in der Schweiz zu berücksichtigen.
Die Vorinstanz hielt im angefochtenen Entscheid unter anderem gestützt auf die
vorerwähnten Rechtsgrundlagen fest, aus Art. 8 Abs. 2 KRK lasse sich nach der
Rechtsprechung kein Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung ableiten,
zumal ein Einreisegesuch in einer vergleichbaren Konstellation ohnehin nicht in den
Anwendungsbereich von Art. 8 Abs. 2 KRK falle. Entsprechend könne offenbleiben,
inwiefern die Schweiz die KRK überhaupt verletzt habe oder ob die in der Schweiz
erlernten Ansätze der Gebärdensprache tatsächlich einen Teil der Identität der
Beschwerdeführerin darstellten bzw. ob diese von ihr nicht in ihrem Herkunftsland
ausgelebt werden könnten. Jedenfalls seien die gesundheitlichen Beeinträchtigungen
der Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung des Kindeswohls nach Art. 3 KRK
bereits früher einer Prüfung unterzogen worden. Soweit die Beschwerdeführerin die
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung in Anwendung von Art. 13 BRK zu erlangen
versuche, verkenne sie, dass diese Bestimmung den Zugang zur Justiz regle und damit
keinen Anspruch auf Einreise in die Schweiz enthalte. Inwiefern Art. 13 BRK angesichts
der Vielzahl der in der Schweiz geführten Verwaltungsverfahren überhaupt verletzt sein
solle, sei nicht ersichtlich. Im Weiteren könne sich die Beschwerdeführerin nicht auf Art.
10 Abs. 2 BV berufen, weil sie kein Aufenthaltsrecht in der Schweiz besitze. Eine
Zulassung zu medizinischer Behandlung nach Art. 29 AIG falle nicht in Betracht, weil es
der Beschwerdeführerin und ihrer Familie an den erforderlichen finanziellen Mitteln
fehle. Aufgrund der Feststellungen des Bundesverwaltungsgerichts liege bei der
Beschwerdeführerin keine persönliche Notlage vor. Die einzigen Bezüge der
Beschwerdeführerin zur Schweiz seien die vornehmlich innerhalb der medizinischen
Grundversorgung des Asylverfahrens vorgenommenen Leistungen und die private
Initiative einer Logopädin gewesen. Ihr Aufenthalt in der Schweiz sei kurz gewesen,
weshalb auch nicht von einer stattgefundenen Integration in der Schweiz gesprochen
werden könne. Sie halte sich seit mehr als zweieinhalb Jahren wieder im Herkunftsland
auf. Die finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerin und ihrer Familie seien
unzureichend, weshalb auch die Gefahr der Abhängigkeit von staatlichen Leistungen
bestehe. Die Voraussetzungen für die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung seien
daher nicht erfüllt. Nach den rechtskräftigen und für die kantonalen Behörden
2.3.
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verbindlichen Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts vermöchten weder
internationale Kinder- und Behindertenrechte noch nationale Rechtsgrundlagen die
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zu rechtfertigen. Die öffentlichen Interessen an
der Verweigerung der Bewilligung würden überwiegen, namentlich die Gefahr einer
Abhängigkeit von staatlichen Leistungen. In Anlehnung an die Urteile des
Bundesverwaltungsgerichts D-7246/2018 (richtig: 2015) a.a.O. und F-15/2019 a.a.O.
sei bei der Beschwerdeführerin weiterhin davon auszugehen, dass im Herkunftsland
keine Entwurzelung aus dem sozialschulischen sowie persönlichen Umfeld oder eine
beachtliche Gefährdung ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung vorliege. Die
Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung sei somit verhältnismässig (act. G 2 S. 7-10).
Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin wendet ein, diese sei in der Schweiz
während des ersten Asylverfahrens, welches ihre Eltern eingeleitet hätten, geboren
worden. Nachdem ihre (Fast-)Taubheit festgestellt worden sei, habe sie auf private
Initiative einer Sprachheillehrkraft (der Rechtsvertreterin in diesem Verfahren)
stundenweise Betreuung erhalten, ohne dass das zur Spracherlernung nötige Cochlea-
Gerät eingepflanzt worden sei. Nach ihrer freiwilligen Rückkehr nach Tschetschenien
habe sie ebenfalls kein solches Gerät erhalten. Im zweiten Asylverfahren habe die
Beschwerdeführerin weiterhin rudimentäre Betreuung durch die Sprachheillehrkraft
erhalten. Eine Kindeswohlgefährdung zufolge Ausschaffung sei nie im Rahmen einer
pflichtgemässen Untersuchung im Sinn von Art. 3 KRK ausgeschlossen worden. Weder
sei die Erhältlichkeit eines Cochlea-Implantats noch die Verfügbarkeit der
Nachbehandlung oder der schulischen Begleitmassnahmen in Russland substantiiert
geprüft worden. Die Beschwerdeführerin habe in der Schweiz eine deutschbasierte
Gebärdensprache erlernt und eine Lern- und Arbeitsbeziehung zu ihrer
Sprachheillehrkraft entwickelt. Die notwendige medizinische Behandlung könne das
Kind in Russland nicht erhalten. Hätte die Beschwerdeführerin eine Beschulung sowie
das Cochlea-Implantat erhalten, so hätte es zum Zeitpunkt der Ausschaffung eine voll
ausgebildete Identität für den deutschschweizerischen Sprachraum erreicht gehabt.
Die behindertengerechte Betreuung sei durch die überstürzte, Treu und Glauben
verletzende Ausschaffung vorenthalten worden. Die Ausschaffung sei deshalb
rechtswidrig gewesen, habe die Entwicklung des Kindes gemäss Art. 6 Abs. 2 KRK
widerrechtlich abgebrochen. Die Frage, ob in Russland eine für die Kinder hinreichend
sichere Lebenssituation anzutreffen sei, sei in keinem die Beschwerdeführerin
betreffenden Verfahren geprüft worden. Angesichts der verletzten Identität habe die
Schweiz ihre Schutz- und Beistandspflicht zu prüfen und zu bejahen. Nur ein
Einreisevisum für die Beschwerdeführerin sowie deren Mutter und Bruder könne die
2.4.
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3.
Identität wiederherstellen. Im Weiteren könne ein Härtefallgesuch auch aus dem
Ausland gestellt werden. Die Beschwerdeführerin könne in Russland mangels
Sprachkenntnissen nicht integriert werden. Dies verletze Art. 37 lit. a KRK und könne
durch eine Härtefallbewilligung gemildert werden. Die Abhängigkeit von
Familienmitgliedern, die in die Beschulung mit Gebärdensprache einbezogen gewesen
seien, bringe es mit sich, dass auch Mutter und Bruder in die Härtefallbewilligung
eingeschlossen werden müssten. Die Vorinstanz habe die Kindesinteressen nach Art. 3
KRK nicht ermittelt und deren Vorrang nicht beachtet (act. G 1).
In BVGer D-7246/2015 a.a.O. betreffend die Beschwerdeführerin hatte das
Bundesverwaltungsgericht ausgeführt, dass keine erhebliche Prägung durch das
hiesige kulturelle und soziale Umfeld stattgefunden habe und die medizinischen
Behandlungsmöglichkeiten in Russland vorhanden seien, weshalb eine zwangsweise
Rückkehr in die Russische Föderation noch keine Entwurzelung aus dem sozial-
schulischen sowie persönlichen Umfeld oder eine beachtliche Gefährdung der
körperlichen und geistigen Entwicklung der Beschwerdeführerin bedeuten würde.
Dagegen spreche bereits die relativ kurze Dauer, welche sie in der Schweiz verbracht
habe. Hinzu komme, dass weder die Beschwerdeführerin noch ihr Bruder in einem
Alter seien, in welchem eine starke Assimilierung an die hiesigen Verhältnisse
stattgefunden hätte und davon gesprochen werden könnte, sie hätten prägende Jahre
ihrer Jugendzeit in der Schweiz verbracht. An dieser Einschätzung ändere auch der
Umstand nichts, dass eine Wiedereingliederung in der Russischen Föderation mit
gewissen Reintegrationsschwierigkeiten verbunden sein dürfte (BVGer D-7246/2015
a.a.O. E. 6.3.5). Im Urteil F-15/2019 a.a.O. betreffend die Beschwerdeführerin hielt das
Bundesverwaltungsgericht sodann fest, dass Art. 8 Abs. 2 KRK aufgrund seines
Wortlauts keine unmittelbaren Rechte und Pflichten zu erzeugen vermöge, weshalb er
nicht direkt anwendbar (non self-executing) sei (BVGer F-15/2019 a.a.O. E. 7.1.3). Mit
Hinweis auf Art. 4 Abs. 2 der Verordnung vom 15. August 2018 über die Einreise und
die Visumerteilung (VEV, SR 142.204), wonach ein humanitäres Visum erteilt werden
kann, wenn bei einer Person aufgrund des konkreten Einzelfalls offensichtlich davon
ausgegangen werden muss, dass sie im Heimat- oder Herkunftsstaat unmittelbar,
ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet ist, kam das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass diesbezüglich bei der
Beschwerdeführerin keine Hinweise bestünden, weshalb aufgrund der bereits
3.1.
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in potentieller Hinsicht nicht gegebenen konkreten Gefährdung die Sache auch nicht
unter diesem Aspekt zu prüfen gewesen sei (BVGer F-15/2019 a.a.O. E. 7.2.1).
Nach Art. 3 KRK ist bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von
öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten,
Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, das Wohl des
Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist. Gemäss Art. 8 KRK
verpflichten sich die Vertragsstaaten, das Recht des Kindes zu achten, seine Identität,
einschliesslich seiner Staatsangehörigkeit, seines Namens und seiner gesetzlich
anerkannten Familienbeziehungen, ohne rechtswidrige Eingriffe zu erhalten (Abs. 1).
Werden einem Kind widerrechtlich einige oder alle Bestandteile seiner Identität
genommen, so gewähren die Vertragsstaaten ihm angemessenen Beistand und Schutz
mit dem Ziel, seine Identität so schnell wie möglich wiederherzustellen (Abs. 2). Nach
Art. 37 lit. a KRK stellen die Vertragsstaaten sicher, dass kein Kind der Folter oder einer
anderen grausamen, unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung oder Strafe
unterworfen wird.
Soweit die Beschwerdeführerin unmittelbar aus Art. 8 Abs. 2 KRK einen Anspruch auf
Einreise ableiten möchte, ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die genannte
Bestimmung keine unmittelbaren Rechte und Pflichten zu erzeugen vermag, da sie
nicht direkt anwendbar ist und die Erteilung einer Einreisebewilligung ohnehin nicht in
den Anwendungsbereich von Art. 8 Abs. 2 KRK fällt (vgl. BVGer F-7403/2018 vom 5.
September 2019 E. 7.4 m.H.). Gesundheitliche Beeinträchtigungen der
Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung des Kindeswohls nach Art. 3 KRK wurden
bereits in BVGer D-7246/2015 a.a.O. und später in BVGer F-15/2019 a.a.O. in die
Prüfung einbezogen. Die entsprechenden Feststellungen in den vorerwähnten Urteilen
haben im vorliegenden Verfahren nach wie vor Gültigkeit. Von daher erscheint auch der
Einwand der Beschwerdeführerin, die Vorinstanz habe die Kindesinteressen nach Art. 3
KRK nicht ermittelt und deren Vorrang nicht beachtet, nicht berechtigt. Die Kinder- und
Jugendpsychiatrischen Dienste St. Gallen (KJPD) hatten im Bericht vom 7. März 2018
bei der damals 5 1⁄2-jährigen Beschwerdeführerin die Notwendigkeit einer ihrer
Behinderung angemessenen Beschulung bescheinigt (act. G 6/10 I/83). Diese
Beschulung war jedoch zufolge der am 28. März 2018 erfolgten Ausschaffung der
Familie der Beschwerdeführerin (act. G 6/10 I/85) nicht mehr durchführbar, jedenfalls
nicht mehr hier in der Schweiz. Anhaltspunkte für eine unmittelbare und ernsthafte
Gefährdung an Leib und Leben im Zeitpunkt der Ausschaffung und danach können
aufgrund der Akten nicht als dargetan gelten. Die Voraussetzungen für eine allfällige
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
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4.
Rückkehr- und Wiedereingliederungshilfe im Sinn von Art. 60 Abs. 2 lit. a AIG (schwere
allgemeine Gefährdung; vgl. Spescha, in: Spescha/Zünd/Bolzli/Hruschka/de Weck
[Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 5. Aufl. 2019, N 2 zu Art. 60 AIG) bzw. der
Gewährung eines vorübergehenden Schutzes im Sinn von Art. 4 Asylgesetz (SR
142.31, AsylG; vgl. Hruschka, in: Kommentar Migrationsrecht, a.a.O., N 2 zu Art. 4
AsylG) waren im Fall der Familie der Beschwerdeführerin insoweit nicht gegeben, als in
den BVGer-Urteilen D-5649/2012, D-7246/2015 und D-1177/2018 a.a.O. die
Flüchtlingseigenschaft verneint und die Gesuchabweisung jeweils bestätigt wurde. Die
von der Beschwerdeführerin angesprochene (fehlende) Erhältlichkeit eines Cochlea-
Implantats und Verfügbarkeit der Nachbehandlung oder der schulischen
Begleitmassnahmen in Russland hätten somit nicht mit Massnahmen im Sinn von Art.
60 AIG bzw. Art. 4 AsylG unterstützt bzw. behoben werden können.
Zum Einwand, die Beschwerdeführerin könne in Russland mangels Sprachkenntnissen
nicht integriert werden, ist festzuhalten, dass beide Elternteile diese Sprache
beherrschen und die russische Sprache auch als Gebärdensprache erlernt werden
kann. Soweit die Beschwerdeführerin eine Verletzung von Art. 37 lit. a KRK rügt (act. G
1 S. 5 unten), ist nicht dargetan, inwiefern diese Bestimmung im vorliegenden Kontext
tangiert ist. Würden schulische Massnahmen in der Schweiz, wie sie die
Beschwerdeführerin verlangt, durchgeführt, beträfen diese vorab den deutschen
Sprachraum bzw. hätten die deutschbasierte Gebärdensprache zum Inhalt. Für die
schulische und soziale Integration in Russland würden schulische Massnahmen in der
Schweiz nicht bzw. nur sehr beschränkt weiterhelfen. Unter Berücksichtigung der
geschilderten Gegebenheiten, insbesondere der relativ kurzen Aufenthaltsdauer in der
Schweiz und des Umstandes, dass der Flüchtlingsstatus der Beschwerdeführerin und
ihrer Familie bzw. das Aufenthaltsrecht durchwegs verneint worden war, lässt es sich
nicht beanstanden, dass die Vorinstanz die Ablehnung einer Härtefallbewilligung durch
das Migrationsamt bestätigte.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
Die Beschwerdeführerin stellt ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (act. G 1).
Gemäss Art. 99 Abs. 2 VRP in Verbindung mit Art. 117 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung (SR 272) wird die unentgeltliche Rechtspflege gewährt, wenn die
Gesuchsteller nicht über die erforderlichen Mittel verfügen und wenn das Verfahren
4.1.
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-5649/2012 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-7246/2015
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