Decision ID: 120cb472-0e31-4a7d-80cf-a43ba4dadd02
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) und ihre beiden Kinder,
B._ (nachfolgend: der Beschwerdeführer 1) und C._ (nach-
folgend: der Beschwerdeführer 2), verliessen ihr Heimatland am
26. Juli 2020 legal per Flugzeug und reisten nach Serbien. Von dort aus
gelangten sie auf dem Landweg am 6. August 2020 in die Schweiz, wo sie
am 11. August 2020 um Asyl nachsuchten.
B.
B.a Am 13. August 2020 fanden im Bundesasylzentrum (BAZ) der Region
(...) die Personalienaufnahmen (PA), am 20. August 2020 die persönlichen
Dublin-Gespräche gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die
Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) und am 22. September 2020 die Anhörun-
gen gemäss Art. 29 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG;
SR 142.31) der Beschwerdeführerin und des Beschwerdeführers 1 statt.
B.b Anlässlich der Befragungen machte die Beschwerdeführerin zu ihrem
persönlichen Hintergrund und zur Begründung ihres Asylgesuchs im We-
sentlichen geltend, sie sei türkischer Staatsangehörigkeit, kurdischer Eth-
nie und alevitischen Glaubens. Sie stamme aus einer politisch aktiven Fa-
milie. Ihr Vater sei seit ihrer Kindheit für die Partiya Karkerên Kurdistanê
(Kurzbezeichnung: PKK; kurdisch für Arbeiterpartei Kurdistans) und die
Halkların Demokratik Partisi (Kurzbezeichnung: HDP; türkisch für Demo-
kratische Partei der Völker) politisch aktiv und deshalb mehrmals inhaftiert
und gefoltert worden. Ihr Cousin und ihr Schwager hätten sich ebenfalls für
die PKK engagiert. Nachdem ihr Schwager als Märtyrer gestorben sei,
habe ihre Schwester Suizid begangen. In der Folge sei sie deswegen von
ihrem faschistischen (...)-Lehrer schikaniert worden, weshalb sie die
Schule schliesslich in der (...) Oberstufe abgebrochen habe. Sie sei da-
raufhin zu ihrer älteren Schwester nach D._ gezogen und habe de-
ren Kinder gehütet. Anschliessend sei sie nach E._ zurückgekehrt,
wo sie kleinere Arbeiten angenommen habe. Im Jahr 2001 habe sie gehei-
ratet. Da sie im Zeitpunkt der Heirat noch minderjährig gewesen sei, sei die
Ehe erst 2003 offiziell registriert worden. Mit ihrem Ehemann habe sie in
D._ gelebt. Seit der Hochzeitsnacht sei ihr Ehemann ihr gegenüber
D-2424/2021
Seite 3
gewalttätig gewesen. Sie habe deshalb wiederholt Anzeigen wegen Miss-
handlungen erstattet, allerdings sei sie von den zuständigen Polizeibeam-
ten nicht ernstgenommen worden. Als sie sich an die Staatsanwaltschaft
gewendet habe, habe diese zwar ihre Aussagen entgegengenommen, an-
schliessend habe sie jedoch nichts unternommen. Im Jahr 2009 habe sie
sich dann von ihrem Ehemann getrennt und sei von D._ nach
E._ umgezogen. Da er sie weiterhin belästigt habe, habe sie im
Jahr 2014 ein Gerichtsverfahren gegen ihn angestrengt; aufgrund von Dro-
hungen gegen sie und die gemeinsamen Kinder habe sie ihre Klage jedoch
wieder zurückgezogen. Im Jahr 2017 habe sie sich schliesslich von ihrem
Ehemann scheiden lassen. Sie sei allerdings weiterhin von ihm beschimpft
und bedroht worden. Als Kurdin und Alevitin sei sie zudem von Anwohne-
rinnen und Anwohner in ihrem Wohnquartier unter Druck gesetzt worden.
Ausserdem habe die Polizei aufgrund der politischen Aktivitäten ihres Bru-
ders immer wieder Razzien durchgeführt und ihre Wohnung durchsucht.
Des Weiteren brachte die Beschwerdeführerin vor, sie selber habe sich
ebenfalls für die HDP eingesetzt. Sie sei zwar nicht Mitglied gewesen, habe
aber ab 2014 an Sitzungen sowie Demonstrationen teilgenommen und sei
im Jahr 2015 als (...) tätig gewesen. Sie habe sich auch auf (...) kritisch
geäussert, weshalb ihr Account gesperrt worden sei. Nach der Beerdigung
ihres Cousins, welcher ebenfalls als Märtyrer gestorben sei, sei sie noch
mehr beobachtet worden und die Anzahl der Razzien hätten weiter zuge-
nommen. Am (...) 2020 habe sie an einer Demonstration teilgenommen.
Dabei sei sie von Polizisten aufgefordert worden, für sie als Informantin zu
arbeiten und sei gleichzeitig von diesen sexuell belästigt worden. Die Situ-
ation habe sie emotional so aufgewühlt, dass sie versucht habe Selbstmord
zu begehen, wobei ihre Mutter sie davon habe abhalten können. In der
Folge habe sie sich entschieden, die Türkei zusammen mit ihren beiden
Kindern zu verlassen.
B.c Der Beschwerdeführer 1 bestätigte im Rahmen der Befragungen im
Wesentlichen die Angaben seiner Mutter und machte keine eigenen Asyl-
gründe geltend.
B.d Der Beschwerdeführer 2, welcher zu diesem Zeitpunkt erst (...) Jahre
alt war, wurde nicht befragt.
B.e Mit Verfügung vom 28. September 2020 wurde das Asylverfahren der
Beschwerdeführenden ins erweiterte Verfahren überführt und tags darauf
wurden sie dem Kanton F._ zugewiesen.
D-2424/2021
Seite 4
B.f Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichten die Beschwerdefüh-
renden zum Nachweis ihrer Identität und zur Untermauerung ihrer Vorbrin-
gen die folgenden Unterlagen als Beweismittel zu den Akten:
- ihre türkischen Identitätskarten (Nüfus; alle im Original [Beweismit-
tel 1]),
- Anwaltsschreiben vom 19. Juni 2020 (Beweismittel 2),
- zwei Gerichtsdokumente betreffend ein Scheidungsverfahren aus dem
Jahr 2012 (Beweismittel 3),
- ein Anwaltsschreiben vom 8. Dezember 2014 (Beweismittel 4),
- ein Scheidungsurteil vom 22. September 2017 respektive vom 18. Ok-
tober 2017 (Beweismittel 5),
- diverse Dokumente betreffend nicht bezahlter Unterhaltskosten (Be-
weismittel 6),
- undatiertes Bestätigungsschreiben der HDP samt Foto der Beschwer-
deführerin mit G._, Abgeordneter und Bürgermeister von
H._ (Beweismittel 7),
- mehrere Screenshots des (...)-Accounts der Beschwerdeführerin (Be-
weismittel 8),
- Auszug der WhatsApp-Konversation zwischen der Beschwerdeführerin
und ihrem Ex-Ehemann (Beweismittel 9),
- Medizinische Unterlagen betreffend den Beschwerdeführer 1 (Beweis-
mittel 10).
C.
Mit Verfügung vom 23. April 2021 – eröffnet am 26. April 2021 – verneinte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden (Disposi-
tivziffer 1), lehnte ihre Asylgesuche ab (Dispositivziffer 2) und ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz an (Dispositivziffer 3), schob jedoch den
Vollzug der Wegweisung infolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläu-
figen Aufnahme auf (Dispositivziffern 4–6). Gleichzeitig wurden die editi-
onspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis den Beschwerdeführenden
ausgehändigt (Dispositivziffer 7).
D.
Mit Eingabe vom 21. Mai 2021 (Datum des Poststempels: 22. Mai 2021)
erhoben die Beschwerdeführenden – handelnd durch ihren am 3. Mai 2021
mandatierten Rechtsvertreter – gegen die Verfügung vom 23. April 2021
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragten, die ange-
fochtene Verfügung sei aufzuheben (Rechtsbegehren 1), ihre Asylgesuche
seien gutzuheissen und ihre Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen
D-2424/2021
Seite 5
(Rechtsbegehren 2). Eventualiter sei das Verfahren zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen (Rechtsbegehren 3). In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung und Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen
Rechtsbeistand (Rechtsbegehren 4).
Der Beschwerde lagen gemäss Beilagenverzeichnis – nebst einer Anwalts-
vollmacht vom 3. Mai 2021 (Beilage 1) und Kopien der vorinstanzlichen
Verfügung (Beilage 2) und des Rückscheins vom 26. April 2021 (Beilage 3)
sowie einer Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit des Amts für Migration
und Zivilrecht F._ vom 30. April 2021 (Beilage 4) – Fotos und di-
verse Unterlagen des Ehescheidungsverfahrens (Beilage 5), eine Bestäti-
gung der HDP (Beilage 6), ein Foto mit einem HDP-Abgeordneten in einem
Wahllokal (Beilage 7), ein Schreiben des HDP-Abgeordneten I._
vom 5. Mai 2021 (Beilage 8) sowie eine Bestätigung der Rechtsanwältin
J._ vom 29. April 2021 (Beilage 9) bei.
E.
Am 25. Mai 2021 lagen die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form
vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG). Gleichentags bestätigte das Bundesverwal-
tungsgericht den Eingang der Beschwerde.
F.
Mit Eingabe vom 25. Mai 2021 liessen die Beschwerdeführenden eine Er-
klärung des HDP-Politikers K._ mitsamt freier Übersetzung (Bei-
lage 10) nachreichen.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 31. Mai 2021 teilte die damals zuständige In-
struktionsrichterin den Beschwerdeführenden mit, sie dürften den Ab-
schluss des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Sodann hiess sie das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte Rechtsanwalt
lic. iur. Stephan K. Nyffenegger als amtlichen Rechtsbeistand ein. Gleich-
zeitig wurde das SEM eingeladen, eine Vernehmlassung einzureichen.
H.
Am 16. Juni 2021 liess sich die Vorinstanz innert erstreckter Frist zur Be-
schwerde vom 21. Mai 2021 vernehmen.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 1. Juli 2021 wurde den Beschwerdeführenden
D-2424/2021
Seite 6
die Vernehmlassung des SEM vom 16. Juni 2021 zugestellt und Gelegen-
heit gegeben, eine Replik sowie entsprechende Beweismittel einzureichen.
J.
Die Beschwerdeführenden replizierten innert erstreckter Frist mit Eingabe
vom 2. August 2021.
In der Beilage wurden diverse fremdsprachige Unterlagen betreffend eines
in der Türkei eingeleiteten Strafverfahrens gegen die Beschwerdeführerin
(Beilagen 11–14) ins Recht gelegt.
K.
Mit Instruktionsverfügung vom 3. August 2021 wurde das SEM zur Einrei-
chung einer zweiten Vernehmlassung eingeladen.
L.
Am 4. August 2021 wurde das vorliegende Verfahren aus organisatori-
schen Gründen auf die gemäss Rubrum vorsitzende Richterin umgeteilt.
M.
Mit Eingabe vom 13. August 2021 nahm die Vorinstanz Stellung zur Ein-
gabe vom 2. August 2021.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2021 wurde den Beschwerdefüh-
renden die ergänzende Vernehmlassung vom 13. August 2021 zugestellt
und Gelegenheit eingeräumt, eine Stellungnahme sowie entsprechende
Beweismittel einzureichen.
O.
Am 17. September 2021 nahmen die Beschwerdeführenden innert er-
streckter Frist zur vorinstanzlichen Vernehmlassung vom 13. August 2021
Stellung.
Der Eingabe lagen eine Kopie eines Schreibens der türkischen Rechtsan-
wältin J._ vom 27. August 2021 (Beilage 15), ein beglaubigter Aus-
zug des Türkiye Cumhuriyeti vom 24. November 2017 (Beilage 16) sowie
eine Kostennote vom 21. September 2021 (Beilage 17) bei.
P.
P.a Mit Eingabe vom 31. Oktober 2021 informierte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin das Bundesverwaltungsgericht darüber, dass seine
D-2424/2021
Seite 7
Mandantin einen Suizidversucht unternommen habe und sich derzeit in
psychiatrischer Behandlung in der Klinik (...) in L._ befinde und be-
antragte, es sei den Beschwerdeführenden zu erlauben, den Ausgang des
Verfahrens bei der Familie ihrer Schwester im Kanton M._ abzu-
warten und die Beschwerdeführer 1 und 2 seien während des Aufenthalts
der Beschwerdeführerin in der Klinik in die Obhut der Schwester zu geben.
P.b Mit Zwischenverfügung vom 5. November 2021 überwies die Instrukti-
onsrichterin das Schreiben betreffend das Gesuch um Kantonswechsel zu-
ständigkeitshalber zur Behandlung an das SEM. Betreffend die Regelung
der Obhut über die beiden Kinder der Beschwerdeführerin verwies sie den
Rechtsvertreter mangels Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts an
die zuständige Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB).
Q.
Die Asylakten des Bruders der Beschwerdeführerin (N._, N [...] und
E-1019/2018) sowie die vorinstanzlichen Dossiers der Schwestern der Be-
schwerdeführerin (O._, N [...], und P._, N [...]) wurden bei-
gezogen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968 (VwVG;
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der
Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005
[BGG; SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
D-2424/2021
Seite 8
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Be-
schwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig aufgenommen hat.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/25
E. 5).
4.
4.1 Im vorliegend zu beurteilenden Fall ist umstritten, ob die Vorinstanz zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden verneint und
ihre Asylgesuche abgelehnt hat.
4.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; frauenspezifischen Flucht-
gründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.3 Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG und Art. 1 A Ziff. 2 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK; SR 0.142.30) er-
wähnten fünf Verfolgungsmotive (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörig-
keit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und politische Anschauungen)
sind über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit
D-2424/2021
Seite 9
hinaus so zu verstehen, dass solche dann vorliegen, wenn die Verfolgung
wegen äusserer oder innerer Merkmale, die untrennbar mit der Person
oder Persönlichkeit des Opfers verbunden sind, erfolgt ist, beziehungs-
weise droht. Nachteile, die Frauen zugefügt werden oder zugefügt zu wer-
den drohen, liegt ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv folglich dann zu-
grunde, wenn diese Nachteile in diskriminierender Weise an das Merkmal
des (weiblichen) Geschlechts anknüpfen. Zielt eine glaubhaft gemachte
Verfolgung also darauf ab, das weibliche Geschlecht zu unterdrücken, ist
das für die Entstehung der Flüchtlingseigenschaft relevante Verfolgungs-
motiv gegeben. Mit anderen Worten kann in der Verfolgung einer Frau we-
gen ihres Geschlechts grundsätzlich unabhängig davon, ob und inwieweit
diese Frau zusammen mit anderen eine bestimmte soziale Gruppe gemäss
Art. 3 Abs. 1 AsylG beziehungsweise Art. 1 A Ziff. 2 FK bildet, ein flücht-
lingsrechtlich relevantes Verfolgungsmotiv erblickt werden. Ein solches ist
gegeben, wenn das Ausbleiben eines adäquaten staatlichen Schutzes vor
ihren Verfolgern in einer Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts be-
gründet liegt (vgl. Urteil des BVGer E-2108/2011 vom 1. Mai 2013 E. 6.2
und Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 2006 Nr. 32 E. 8.7.2 f. und E. 8.8.1).
4.4 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auch auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Re-
flexverfolgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der
Reflexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung vgl. BVGE 2007/19
E. 3.3 m.w.H.). Die erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete
Furcht vor zukünftiger (Reflex-)Verfolgung muss ferner sachlich und zeit-
lich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und
grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein.
4.5 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3
AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das
Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19
D-2424/2021
Seite 10
und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. beispielsweise BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.
5.1 In ihrer abweisenden Verfügung kam die Vorinstanz zum Schluss, die
Vorbringen der Beschwerdeführenden würden den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Zur Begrün-
dung führte sie aus, soweit die Beschwerdeführerin häusliche Gewalt und
Todesdrohungen seitens ihres Ex-Ehemannes geltend gemacht habe, sei
festzustellen, dass die türkischen Behörden sich ihr gegenüber schutzfähig
und -willig gezeigt hätten. So habe sie sich von ihrem Ehemann trennen
und schliesslich scheiden lassen können, wobei das Gericht ihn zu Unter-
haltszahlungen verpflichtet und ihr das Sorgerecht für die beiden gemein-
samen Kinder zugesprochen habe. Auch wenn die vom Beschwerdefüh-
rer 1 geschilderte desolate Situation mit seinem Vater nicht verkannt
werde, sei ergänzend darauf hinzuweisen, dass seine Familie seinen An-
gaben zufolge keine Hilfe bei der Polizei gesucht habe. Weiter mangle es
dem Druck, welchen die Beschwerdeführerin seitens Anwohnerinnen und
Anwohnern in ihrem Quartier erfahren habe, an der nötigen flüchtlings-
rechtlich relevanten Intensität. Hinsichtlich den geltend gemachten Raz-
zien durch die Behörden, welche wegen ihres Bruders stattgefunden und
nach dem Tod ihres Cousins weiter zugenommen hätten, könnten den An-
gaben der Beschwerdeführerin keine Hinweise entnommen werden, dass
sie mit schwerwiegenden flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteilen durch
die Behörden konfrontiert gewesen sei. Insbesondere sei weder ihren
Äusserungen noch der Aktenlage zu entnehmen, dass gegen sie aufgrund
des politischen Hintergrunds ihrer Familie ein Verfahren eröffnet worden
sei. Obwohl die behördlichen Kontakte beängstigend gewesen sein dürf-
ten, würden sie keine flüchtlingsrechtliche Intensität erreichen. Alsdann
habe der Beschwerdeführer 1 angegeben, die Razzien hätten nicht ihnen
gegolten und sie hätten keine Probleme mit den Behörden gehabt. Vor die-
sem Hintergrund sei die Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter Verfol-
gung als nicht begründet einzustufen. Ferner würde sich aus den Asylgrün-
den der Geschwister der Beschwerdeführerin respektive der Onkel und
Tanten der Beschwerdeführer 1 und 2 kein Bezug herleiten lassen. Als-
dann habe sie sich in den sozialen Medien nicht in herausragender Weise
politisch betätigt. Den Grund für die Sperrungen ihres (...)-Accounts kenne
sie nicht und überdies sei ihr Profil auch wieder entsperrt worden. Ausser-
dem bestünden keine konkreten Anhaltspunkte für eine strafrechtliche Vor-
belastung der Beschwerdeführerin. Zwar könne aufgrund ihrer Tätigkeit für
D-2424/2021
Seite 11
die HDP nicht ausgeschlossen werden, dass es tatsächlich zu einem An-
griff gekommen sei, bei welchem sie, wie dargelegt, schikaniert worden sei,
indes würden auch diese Vorbringen nicht genügen, um eine begründete
Furcht vor einer zukünftigen flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung an-
zunehmen. Sie sei nicht in exponierter Stellung in der HDP tätig gewesen
und habe bisher keine Belege etwaiger gegen sie eingeleiteter Strafverfah-
ren eingereicht. Schliesslich sei der Vollständigkeit halber in Bezug auf die
Schikanen durch ihren Lehrer zu erwähnen, dass diese weder entscheid-
relevant seien noch in zeitlichem Kontext zu ihrer Ausreise stehen würden.
5.2 In der Beschwerde wurde eingewendet, die Beschwerdeführerin habe
im Asylverfahren zu wenig deutlich dargelegt, dass sie Mitglied einer poli-
tisch aktiven Kämpferfamilie sei. So stehe ihr Neffe, Q._, als Kom-
mandant der PKK beziehungsweise der Koma Civakên Kurdistan (KCK)
auf sämtlichen türkischen Fahndungslisten. Weiter sei ihr Schwager,
R._, welcher seit 2006 als politischer Flüchtling in der Schweiz lebe,
Gründungsmitglied der PKK und mit Abdullah Öcalan eng verbunden. So-
wohl er als auch ihr Vater seien jahrelang als politische Gefangene in tür-
kischen Gefängnissen inhaftiert gewesen. Aufgrund der Todesdrohungen
durch ihren Ex-Ehemann, welche sie gezeichnet und traumatisiert hätten,
habe sie sodann anlässlich der Anhörung auch ihr eigenes politisches En-
gagement zu wenig zum Ausdruck gebracht. Mit den in der Zwischenzeit
zu den Akten gereichten Beweismitteln werde bestätigt, dass sie nicht nur
familiär der Opposition nahe gestanden sei, sondern diese auch durch per-
sönliche Tätigkeiten unterstützt habe, weshalb sie ebenso ins Visier der
Strafuntersuchungsbehörden und anderer staatlicher Organisationen ge-
rückt sei. Eine zwischenzeitlich erfolgte Abklärung in der Türkei habe erge-
ben, dass zurzeit vier Untersuchungsdossiers gegen die Beschwerdefüh-
rerin geführt werden würden. Damit sei erstellt, dass sie aufgrund ihrer po-
litischen Tätigkeiten in der Türkei mit strafrechtlichen Repressionen, Ver-
folgung und Verhaftung rechnen müsse. Weiter sei belegt, dass es sich
nicht um eine Strafverfolgung im Sinne einer Reflexverfolgung handle, son-
dern sie in ihrer Person und aufgrund ihrer eigenen Handlungen an Leib
und Leben in der Türkei bedroht sei.
5.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz fest, es könne nicht gehört
werden, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihres psychischen Zu-
stands nicht in der Lage gewesen sein soll, das politische Profil ihrer Fami-
lie und ihr eigenes politisches Engagement in genügender Weise darzule-
gen. Dem Anhörungsprotokoll sei zu entnehmen, dass sie sämtliche Ge-
schehnisse detailliert habe darlegen können. Ohne zu verkennen, dass sie
D-2424/2021
Seite 12
aus einer politisch aktiven Familie stamme und psychisch angeschlagen
sei, sei aus ihren Ausführungen nicht ersichtlich, dass sie deswegen flücht-
lingsrechtlich relevante Nachteile erlitten hätte. Die mit der Beschwerde
neu eingereichten Beweismittel würden zwar ihr geltend gemachtes Enga-
gement für die HDP widerspiegeln, dennoch sei sie dabei nicht exponiert
gewesen. Den Beweismitteln komme ohnehin nur ein geringer Beweiswert
zu, da deren Ursprung nicht mit Sicherheit ausgemacht werden könne und
sie zudem den Charakter von Gefälligkeitsschreiben hätten. Überdies sei
sie strafrechtlich nicht vorbelastet. Insofern als sie neu geltend mache,
dass gegen sie bei der Oberstaatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren
wegen Propaganda und Terrororganisation in den sozialen Medien einge-
leitet und sie zur Fahndung ausgeschrieben worden sein soll, sei einerseits
nicht nachvollziehbar, weshalb sie erst nach Eröffnung des Asylentscheids
Ermittlungen gegen sich geltend mache, die gestützt auf die Verfahrens-
nummer (...) wohl bereits seit letztem Jahr laufen würden, und andererseits
seien die Vorbringen derart vage formuliert, dass sich daraus nicht ableiten
lasse, auf welchen Tatbestand und Zeitraum sich das Verfahren beziehe.
Angesichts dessen, dass sie in der Türkei anwaltlich vertreten sei, wäre zu
erwarten gewesen, dass längstens ein Gesuch um Akteneinsicht gestellt
worden sei und entsprechende Ermittlungs- respektive Gerichtsakten ein-
gereicht worden wären.
5.4 Mit ihrer Replik reichten die Beschwerdeführenden diverse Unterlagen
eines Strafverfahrens, welches in der Türkei gegen die Beschwerdeführe-
rin wegen politischer Agitation geführt werde, ein und führten darin aus,
dass damit der behauptete Sachverhalt des politischen Asyls erstellt sei.
5.5 In seiner Duplik hielt das SEM zu den mit der Replik eingereichten Un-
terlagen fest, dass es sich dabei um eine Überweisung der Gendarmerie
E._ an die Staatsanwaltschaft von E._ zu Ermittlungen hin-
sichtlich der (...)-Posts der Beschwerdeführerin vom (...) 2020 sowie um
einen Rechercherapport der Polizeidirektion der Provinz S._ vom
(...) 2021 handle. Der in der Überweisung geltend gemachte Verstoss ge-
gen Art. 7/2 des Gesetzes Nr. 3713 zur Bekämpfung des Terrors sei als
vorsorgliche oder umfassende Standardwendung anzusehen, ohne dass
im vorliegenden Anfangsstadium der Ermittlungen ein konkretes Indiz dafür
bestehe. Da es inhaltlich um Beiträge auf (...) und (...) gehe, sei gemäss
der türkischen Strafprozesspraxis überwiegend von einem Propaganda-
beziehungsweise Ehrverletzungsdelikt gemäss Art. 7 Abs. 2 des Antiterror-
gesetzes oder Art. 299 des türkischen Strafgesetzbuches auszugehen. Da
D-2424/2021
Seite 13
nur Untersuchungsberichte der Polizei vorliegen würden, sei davon auszu-
gehen, dass die Ermittlungen sich erst im Anfangsstadium befinden wür-
den und bisher weder ein Festnahme- noch ein Haftbefehl erlassen oder
Anklage erhoben worden sei. Mit den neu eingereichten Beweismitteln und
den darin beziehungsweise in der Beschwerdeschrift genannten Ermittlun-
gen wolle die Beschwerdeführerin sinngemäss Nachfluchtgründe geltend
machen. Aufgrund des noch frühen Ermittlungsstadiums sei das Risiko für
die Beschwerdeführerin, bei der Einreise in die Türkei festgenommen zu
werden, als gering einzustufen. Da sie bisher nicht strafrechtlich in Erschei-
nung getreten sei und – wie im Asylentscheid dargelegt worden sei – sie
kein genügendes politisches Risikoprofil aufweise, sei überdies auch die
Wahrscheinlichkeit gering, im Falle einer – zum heutigen Zeitpunkt noch
keineswegs absehbaren – Verurteilung, tatsächlich zu einer unbedingten
Haftstrafe verurteilt zu werden. Zurzeit liege weder eine (solche) Verurtei-
lung vor, noch sei eine solche aufgrund des Verfahrensstadiums inklusive
Anklage absehbar. Insgesamt würden die neuen Nachfluchtgründe nicht
genügen, um die Anforderungen an eine begründete Furcht vor flüchtlings-
rechtlich relevanten Nachteilen gemäss Art. 3 AsylG i.V.m. Art. 54 AsylG
zu erfüllen, weshalb ihr auch unter der Ausschlussklausel von
Art. 54 AsylG die Flüchtlingseigenschaft nicht zuerkannt werden könne.
Ferner sei mit Blick auf Art. 7 AsylG bezüglich den Beweismitteln auffällig,
dass obwohl die Ermittlungen der Oberstaatsanwaltschaft E._ ge-
mäss der Verfahrensnummer im Jahr (...) eingeleitet worden seien, hierfür
lediglich Untersuchungsakten, die vermutlich aus einem Vorstadium vor
der (vermeintlichen) Anhandnahme des Verfahren (...) stammen, einge-
reicht worden seien. Da keine Akten aus einem späteren Stadium der Er-
mittlungen eingereicht worden seien, würden sich zwischen dem neu ein-
gereichten Übermittlungsrapport respektive dem Polizeirapport und der
Verfahrensnummer (...) kein Konnex finden. Weiter mute es befremdend
an, dass das Anwaltsschreiben vom 29. April 2021, welches mit der Be-
schwerde zu den Akten gereicht worden sei, im Gegensatz zu dem mit der
Replik eingereichten Schreiben, mit zwei handschriftlichen Unterschriften
und einer Stempelung versehen sei. Weiter werde weder begründet, aus
welchem Anlass die türkische Anwältin vor Ort Recherchen hinsichtlich der
laufenden Ermittlungen unternommen habe noch wie sie zu den neuen Be-
weismitteln gekommen sei. Da das vorliegende Engagement der Be-
schwerdeführerin in den sozialen Medien praktisch lediglich auf den Zeit-
raum nach ihrer Ausreise anzugliedern sei, entstehe insgesamt der Ein-
druck eines selbst konstruierten Nachfluchtgrunds und somit eines des
Asylrechts sachfremden Umstands.
D-2424/2021
Seite 14
5.6 In ihrer Triplik führten die Beschwerdeführenden aus, mit dem Bestäti-
gungsschreiben der Rechtanwältin J._ vom 27. August 2021 werde
belegt, dass die Beschwerdeführerin in der Türkei durch ordentliche An-
wälte vertreten werde. Weiter sei klar erstellt, dass gegen sie ein Strafver-
fahren laufe. Dabei könne – entgegen der Ansicht des SEM – nicht von
einem Ordnungsbussen- oder Bagatelldeliktsverfahren ausgegangen wer-
den, insbesondere da sie bereits in der Vergangenheit mehrfach in Straf-
verfahren gegen sie wegen politischen Aktionen gegen den türkischen
Staat beziehungsweise dessen Staatspräsidenten verwickelt gewesen sei.
Bei einer Ausschaffung in die Türkei würde ihr folglich nicht nur eine lang-
jährige Strafe wegen des geschilderten pendenten Strafverfahrens drohen,
sondern es sei auch davon auszugehen, dass sämtliche in der Vergangen-
heit angeblich eingestellten Verfahren ebenfalls wieder aufgenommen und
neu zur Beurteilung herangezogen werden würden.
6.
6.1 Zunächst ist festzustellen, dass die Vorinstanz in Bezug auf die von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Schikanen ihres Lehrers während
ihrer Schulzeit (vgl. SEM-Akte [...]-40/16, F15) zutreffend festhielt, dass
diese bereits mangels zeitlichem Kausalzusammenhang zur Ausreise der
Asylrelevanz entbehren (vgl. dort E. II, Ziff. 3.2). Dies wurde auf Beschwer-
deebene nicht bestritten, weshalb sich diesbezüglich weitere Ausführun-
gen erübrigen.
6.2 Soweit die Beschwerdeführerin sodann vorbrachte, sie sei als Kurdin
und Alevitin in ihrem Wohnquartier unter Druck gesetzt worden (vgl. SEM-
Akte [...]-40/16, F55), ist es durchaus glaubhaft, dass sie – ungeachtet der
Frage der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens – im türkischen Alltag als An-
gehörige der kurdischen Ethnie und des alevitischen Glaubens Diskrimi-
nierungen erfahren hat. Indessen führen solche allgemein die kurdische
und/oder alevitische Bevölkerungsgruppe betreffenden Nachteile praxisge-
mäss nicht zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft, da sie die
Schwelle der Asylrelevanz im Sinne von Art. 3 AsylG nicht erreichen. Die
lediglich vage und unsubstantiiert vorgebrachten Benachteiligungen als
Kurdin und Alevitin gingen jedenfalls nicht über die Nachteile hinaus, wel-
che Teile der kurdischen und alevitischen Bevölkerung in der Türkei in ähn-
licher Weise treffen könnten. Die Vorbringen des Beschwerdeführers 1,
wonach er von seinem Freundeskreis ausgeschlossen worden sei und sich
einige Lehrer ihm gegenüber komisch verhalten hätten, weil er Kurde sei
(vgl. SEM-Akte [...]-41/11, F52), vermögen ebenfalls keine in ihrer Intensi-
D-2424/2021
Seite 15
tät genügende Verfolgungssituation zu begründen. Hinzu kommt, dass pra-
xisgemäss sehr strenge Anforderungen für die Annahme einer Kollektivver-
folgung gestellt werden (vgl. BVGE 2014/32 E. 6.1 und 2013/12 E. 6), die
im Falle der Kurden und der Aleviten in der Türkei nicht als erfüllt zu erach-
ten sind, dies auch unter Berücksichtigung der aktuellen politischen Ent-
wicklungen in der Türkei (vgl. hierzu Urteile des BVGer E-3917/2021 vom
11. Januar 2022 E. 6.3, D-2759/2020 vom 29. September 2021 E. 7.2 und
D-36/2018 vom 12. Oktober 2020 E. 6.2).
6.3
6.3.1 Hinsichtlich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten ge-
walttätigen Übergriffen und Bedrohungen durch ihren Ex-Ehemann ist – in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz – festzustellen, dass diese Vorbringen
– ungeachtet der Frage ihrer Glaubhaftigkeit – nicht zur Bejahung der
Flüchtlingseigenschaft zu führen vermögen. Eine allfällige Bedrohung vor
diesem Hintergrund ist als eine Verfolgung durch einen nicht-staatlichen
Akteur zu beurteilen. Über das Bestehen eines Schutzbedürfnisses ist im
Rahmen einer individuellen Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des
länderspezifischen Kontextes zu befinden, wobei es den Asylbehörden ob-
liegt, die Effektivität des Schutzes der Verfolgung im Heimatstaat abzuklä-
ren und zu begründen (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.4 m.w.H.). Ein absoluter
Schutz vor Verfolgung, welche von Privatpersonen ausgeht, ist in asyl-
rechtlicher Hinsicht nicht erforderlich; entscheidend ist vielmehr, dass die
Betroffenen effektiven Zugang zu einer vorhandenen Schutzinfrastruktur
haben und ihnen zugemutet werden darf, diese in Anspruch zu nehmen
(vgl. dazu BVGE 2011/51 E. 7 und EMARK 2006 Nr. 18 E. 7.5 ff.). Wie be-
reits erwähnt, ist ein flüchtlingsrechtlich relevantes Verfolgungsmotiv gege-
ben, wenn das Ausbleiben eines adäquaten staatlichen Schutzes vor Ver-
folgern in einer Diskriminierung aufgrund des Geschlechts begründet liegt
(vgl. E. 4.3 hiervor). Es handelt sich dabei um eine frauenspezifische Ver-
folgung. Indes reicht dieses Verfolgungsmotiv bei einer Verfolgung durch
Dritte nicht aus, um auch flüchtlingsrechtlich relevant zu sein. Dazu ist wei-
ter zu prüfen, ob der Heimatstaat schutzfähig und schutzwillig ist.
6.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in den letzten Jahren mehr-
fach zur Schutzfähigkeit und zum Schutzwillen der türkischen Behörden
hinsichtlich des Umgangs mit Opfern von häuslicher Gewalt und Zwangs-
heirat auseinandergesetzt, wobei es grundsätzlich davon ausging, dass die
türkischen Behörden hinsichtlich der Gewalt gegen Frauen bei innerfamili-
ären Übergriffen grundsätzlich schutzfähig und -willig sind (vgl. Referenz-
D-2424/2021
Seite 16
urteil des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018, E. 5.2 ff., m.w.H., bestä-
tigt in den Urteilen des BVGer E-4242/2017 vom 27. März 2019 E. 5.5;
E-4377/2019 vom 8. November 2019 E. 6.1; D-5702/2019 vom 8. Novem-
ber 2019 E. 6.1; E-1175/2020 vom 16. März 2020 E. 7.2.2; E-2338/2020
vom 6. Mai 2021 E. 7.2 und E-2593/2021 vom 31. August 2021 E. 7.3.1, je
m.w.H.). Im Referenzurteil E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 wurde hierzu
ausgeführt, dass die Türkei in den vergangenen Jahren kontinuierliche
Schritte zur Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation
der Frauen und im Besonderen zu deren Schutz vor Übergriffen mit sozio-
kulturellem Hintergrund (bis hin zum Ehrenmord) unternommen habe. Das
Gesetz Nr. 6284 zum Schutz der Familie und zur Verhütung von Gewalt
gegen Frauen vom Jahr 2012 ziele auf den Opferschutz und die Anord-
nung von verschiedenen Sicherheits- und Unterstützungsmassnahmen ab,
wobei alle Frauen, einschliesslich die Unverheirateten, vom Schutz um-
fasst seien. Bei der Revision des türkischen Strafgesetzbuchs im
Jahre 2004 seien der Strafrahmen für Strafen bei Taten gegen Frauen er-
höht und die Strafmilderungsgründe bei Fällen von Ehrenmord und Verge-
waltigung aufgehoben worden. Bereits im Jahr 1990 seien Frauenhäuser
in der Türkei eröffnet worden, um Hilfe für Opfer von häuslicher Gewalt zu
bieten. Auch wenn in der Türkei unbestrittenermassen trotz dieser staatli-
chen Bemühungen nach wie vor Ehrenmorde und häusliche Gewalt zu re-
gistrieren seien, bedeute dies nicht, dass die bedrohten Frauen innerfami-
liären Übergriffen völlig schutzlos ausgeliefert wären. Die türkischen Be-
hörden seien entschlossen, gegen das Phänomen effektiv vorzugehen und
grundsätzlich auch in der Lage, Schutz zu gewähren. Die Schutzinfrastruk-
tur sei in den städtischen Gebieten der Türkei jedoch dichter als in ruralen
Gegenden insbesondere Zentral- und Ostanatoliens (vgl. Referenzurteil
des BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 5.2.2). Es bestünden indes-
sen Anzeichen dafür, dass die Türkei den oben beschriebenen Reformkurs
seit einiger Zeit nicht mehr konsequent weiterverfolge. Der türkische
Staatspräsident Erdogan sei in den letzten Jahren wiederholt mit umstrit-
tenen Äusserungen zur Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft in den
Medien zitiert worden. Im November 2016 hätte seine Regierungspartei
AKP überraschend den Entwurf eines Amnestiegesetzes ins Parlament
eingeworfen, der Sexualtäter in Einzelfällen vor Strafe schützen wollte,
wenn sie ihr minderjähriges Opfer heiraten; nach heftigen Protesten der
Opposition und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (englisch:
United Nations Children's Fund [Unicef]) sei der Vorstoss zurückgezogen
worden (vgl. a.a.O. E. 5.2.3). Auch werde seit dem gescheiterten Putsch
von Mitte Juli 2016 in der Türkei von einer Zunahme der Gewalt gegen
Frauen berichtet (vgl. a.a.O. E. 5.2.4). Diese Feststellungen würden die
D-2424/2021
Seite 17
gefestigte Praxis des Bundesverwaltungsgerichts zur Schutzfähigkeit und
Schutzbereitschaft der türkischen Behörden jedoch nicht grundlegend zu
beeinflussen vermögen. Soweit im Referenzurteil darauf hingewiesen
wurde, dass auf diese Feststellung zurückzukommen wäre, sollten in Zu-
kunft negative institutionelle Entwicklungen – namentlich in der türkischen
Gesetzgebung – oder andere tiefgreifende Veränderungen der Gesell-
schaft zu verzeichnen sein (vgl. a.a.O. E. 5.2.5), ist festzuhalten, dass sol-
che tiefgreifenden Veränderungen nicht ersichtlich sind. Zwar ist die Türkei
per 1. Juli 2021 aus dem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung
und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt vom
11. Mai 2011 (Istanbul-Konvention) ausgetreten (vgl. hierzu beispiels-
weise Amnesty International, "Türkei: Austritt aus der Istanbul-Konvention
gefährdet Frauen und Mädchen", 11. Mai 2021, <https://www.amne-
sty.ch/de/laender/europa-zentralasien/tuerkei/dok/2021/istanbul-konven-
tion-austritt>; Schweizer Radio und Fernsehen [SRF], Die Türkei ist ab
heute nicht mehr Teil der Istanbul-Konvention, 1. Juli 2021, <https://www.
srf.ch/news/international/schutz-von-frauen-gegen-gewalt-die-tuerkei-ist-
ab-heute-nicht-mehr-teil-der-istanbul-konvention>, beide zuletzt abgerufen
am 7. April 2022). Ob und inwiefern sich dadurch der Schutz der Frauen
weiter verschlechtert, wird zu beobachten sein. Jedenfalls ist im heutigen
Zeitpunkt nicht bereits von einem faktischen Wegfall der bisherigen recht-
lichen Möglichkeiten zur Schutzinanspruchnahme auszugehen (vgl. Urteil
des BVGer E-2593/2021 vom 31. August 2021 E. 7.3.1). Damit ist anzu-
nehmen, dass die Beschwerdeführerin und ihre Kinder allfälligen innerfa-
miliären Übergriffen nicht schutzlos ausgeliefert und ihnen bei Bedarf die
Inanspruchnahme der staatlichen Schutzeinrichtungen und rechtlichen An-
laufstellen in der Türkei zuzumuten wären.
6.3.3 Im vorliegenden Fall geht aus den Akten hervor, dass die türkischen
Behörden sich bereits in der Vergangenheit im Umgang mit dem Ehemann
der Beschwerdeführerin als schutzfähig und -willig zeigten. So konnte sie
gemäss eigenen Angaben im Jahr 2014 ein Gerichtsverfahren anhängig
machen, wobei sie die Klage wegen weiteren Drohungen von sich aus wie-
der zurückzog (vgl. SEM-Akte [...]-40/16, F55). Soweit die Beschwerde-
führerin behauptete, die Polizeibeamten hätten sie nicht ernst genommen,
als sie wiederholt Anzeigen gegen ihren Ehemann erstattet habe und ihr
nicht weitergeholfen hätten (vgl. SEM-Akte [...]-40/16, F46 f.), ist entge-
genzuhalten, dass selbst wenn ihre Anzeigen von der Polizei nicht entge-
gengenommen worden wären, die Möglichkeit bestanden hätte, sich – nö-
tigenfalls mit Hilfe einer Anwältin oder eines Anwalts – an eine andere oder
D-2424/2021
Seite 18
übergeordnete Stelle zu wenden, um sich mit ihrem Anliegen Gehör zu ver-
schaffen. Das Gleiche gilt hinsichtlich ihrer Vorbringen, wonach die Staats-
anwaltschaft zwar ihre Aussagen entgegengenommen aber anschliessend
nichts weiter unternommen habe (vgl. SEM-Akte [...]-40/16, F48 f.). So-
dann konnte die Beschwerdeführerin ihre Rechte offenbar auch im Schei-
dungsverfahren durchsetzen, indem ihr das Sorgerecht für die gemeinsa-
men Kinder sowie Unterhaltsbeiträge zugesprochen wurden (vgl. hierzu
SEM-Akten [...]-40/16, F67 und [...]-42/2 sowie [...], Beweismittel 1 [An-
waltsschreiben vom 19. Juni 2020], Beweismittel 3 [Anwaltsschreiben vom
8. Dezember 2014] und Beweismittel 5 [Dokumente betreffend die Nicht-
bezahlung der Unterhaltskosten]). Es kann folglich nicht auf eine generelle
Schutzverweigerung der türkischen Behörden geschlossen werden. Die
vom Beschwerdeführer 1 vorgebrachten und mit ärztlichen Unterlagen be-
legten psychischen Probleme (vgl. SEM-Akte [...], Beweismittel 10 [Ge-
sundheitsdossier Sohn]) lassen zwar auf traumatisierende Erlebnisse in
der Vergangenheit schliessen und sind somit als Indiz für die Glaubhaf-
tigkeit der geschilderten gewalttätigen Übergriffe durch seinen Vater zu
werten. Dies ändert aber nichts an der fehlenden asylrechtlichen Relevanz
dieses Sachverhaltselements.
6.3.4 Nach dem Gesagten ist nicht davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin und ihre Kinder im Ausreisezeitpunkt einer asylbeachtli-
chen Verfolgung durch ihren Ehemann respektive Vater ausgesetzt waren.
6.4
6.4.1 Hinsichtlich des geltend gemachten politischen Engagements der
Beschwerdeführerin, welches grundsätzlich nicht in Abrede gestellt wird,
ist – in Übereinstimmung mit der Vorinstanz – davon auszugehen, dass sie
dadurch nicht öffentlich exponiert in Erscheinung getreten ist. So brachte
sie in der Anhörung vor, sie habe sich nach der Trennung von ihrem Ehe-
mann wieder vermehrt mit ihren Freundinnen aus der HDP getroffen und
habe dann nach ihrer Scheidung aktiv begonnen bei der HDP zu arbeiten.
Sie sei jedoch wegen ihren Kindern nicht Mitglied geworden. Sie sei vor
allem für die Bewegung der "Samstagsmütter" in H._ da gewesen
und habe an Friedensdemonstrationen teilgenommen. Ausserdem habe
sie im Jahr 2015 als (...) fungiert (vgl. SEM-Akte [...]-40/16, F60). Zwar
lässt das vorgelegte Foto von ihr und dem HDP-Abgeordneten und Bürger-
meister von H._, G._ (vgl. vgl. SEM-Akte [...], Beweismit-
tel 7 und BVGer-Akte 1, Beilage 7), darauf schliessen, dass sie sich für die
HDP engagierte, es ist jedoch nicht ersichtlich, inwiefern sie sich in diesem
D-2424/2021
Seite 19
Rahmen exponiert haben könnte, zumal sie offenbar auch keine bedeut-
same Position innerhalb der Partei innehatte. Sodann sind das handschrift-
lich verfasste Schreiben des ehemaligen HDP-Abgeordneten, I._,
vom 5. Mai 2021 (vgl. BVGer-Akte 1, Beilage 8) sowie das undatierte
Schreiben des HDP-Politikers K._ (vgl. BVGer-Akte 3, Beilage 10)
als Gefälligkeitsschreiben mit geringem Beweiswert zu werten, welche in
der Sache nichts zu ändern vermögen. Hinsichtlich des undatierten Bestä-
tigungsschreibens der HDP (vgl. SEM-Akte [...], Beweismittel 7 und
BVGer-Akte 1, Beilage 6) kann – zur Vermeidung von Wiederholungen –
auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung
verwiesen werden, welchen die Beschwerdeführerin inhaltlich nichts ent-
gegenhielt. Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass sie
wegen ihren Tätigkeiten für die HDP eine objektiv begründete Furcht vor
asylrelevanten Nachteilen hatte.
6.4.2 Betreffend des gemäss der Beschwerdeführerin fluchtauslösenden
Vorfalls anlässlich der Demonstration vom (...) 2020 in H._, bei
dem sie von Polizeibeamten sexuell belästigt worden sei (vgl. SEM-
Akte [...]-40/16, F68), wurde – so gravierend die Folgen dieses einmaligen
Ereignisses auch sein mögen – die erforderliche Schwelle der Intensität an
erlittenen Nachteilen nicht erreicht, um von einer asylrelevanten Verfolgung
auszugehen. Die von ihr geschilderten Eingriffe in die persönliche Freiheit
und in ihre körperliche Unversehrtheit waren zwar aus Sicht der Beschwer-
deführerin dazu geeignet, um sie subjektiv in Angst zu versetzen, insbe-
sondere da ihr im Zeitpunkt der Festhaltung noch nicht klar war, welchen
Verlauf die sexuellen Belästigungen noch nehmen könnten. Die tatsächlich
erlittenen Grenzüberschreitungen nahmen in ihrer Gesamtheit aber bei ob-
jektiver Betrachtung aufgrund ihrer Art und Dauer nicht schon ein derart
hohes Mass an Intensität an, dass bereits dieser isolierte, abgeschlossene
sexuelle Übergriff für die Annahme einer asylrelevanten Vorverfolgung ge-
nügen würde (vgl. D-5439/2018 vom 27. Juli 2020 E. 6.4.2; vgl. demge-
genüber etwa den Sachverhalt B.a und E. 6.1 des Urteils des BVGer E-
6542/2017 vom 11. November 2019, wo eine Beschwerdeführerin mehr-
mals sexuell belästigt worden war).
6.5
6.5.1 Im Zusammenhang mit der geltenden gemachten Reflexverfolgung
aufgrund des familiären Umfelds der Beschwerdeführerin ist vorab festzu-
stellen, dass das Bundesverwaltungsgericht in konstanter Praxis davon
ausgeht, dass in der Türkei staatliche Repressalien gegen Familienange-
hörige von politischen Aktivisten angewendet werden, die als sogenannte
D-2424/2021
Seite 20
Reflexverfolgung flüchtlingsrechtlich erheblich im Sinne von Art. 3 AsylG
sein können. Auch zum heutigen Zeitpunkt lässt sich die Gefahr von allfäl-
ligen Repressalien gegen Familienangehörige mutmasslicher Aktivisten
der PKK oder anderer von den türkischen Behörden als separatistisch ein-
gestuften kurdischen Gruppierungen nicht grundsätzlich ausschliessen.
Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer solchen Reflexverfolgung zu werden,
erhöht sich vor allem dann, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied
gefahndet wird und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, dass jemand
mit der gesuchten Person in engem Kontakt steht. Am ehesten dürften Per-
sonen von einer Reflexverfolgung bedroht sein, bei denen ein eigenes nicht
unbedeutendes politisches Engagement für illegale politische Organisatio-
nen hinzukommt beziehungsweise ihnen seitens der Behörden unterstellt
wird, und die sich offen für politisch aktive Verwandte einsetzen (vgl. hierzu
etwa Urteile des BVGer E-1659/2020 vom 5. Januar 2022, E. 5.5.1,
E-702/2018 vom 17. März 2021 E. 7.1, D-5089/2015 vom 30. Mai 2018
E. 8.2 oder D-7146/2014 vom 12. Mai 2015 E. 5.5.1 sowie Entscheidungen
und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
2005 Nr. 21 E. 10.1, m.w.H.).
6.5.2 Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie stamme aus einer poli-
tisch aktiven Familie. Ihre Angehörigen seien bereits wegen ihres Gross-
vaters, T._, (Anmerkung des Gerichts: ein alevitischer, zazakud-
rischer politischer Anführer des Dersim-Aufstands, welcher nach einem
Gerichtsverfahren im Jahr 1937 hingerichtet wurde), unter Druck gesetzt
worden (vgl. SEM-Akte [...]-40/16, F10). Weiter sei ihr Vater, welcher für
die PKK und die HDP tätig gewesen sei, wiederholt festgenommen, inhaf-
tiert und dabei auch gefoltert worden (vgl. SEM-Akte [...]-40/16, F9). Fer-
ner seien ihre Cousins, darunter Q._, Guerillas gewesen (vgl. SEM-
Akte [...]-40/16, F12 und F61). Der Ehemann ihrer Schwester, U._,
sei ebenfalls Guerilla gewesen und sei als Märtyrer gestorben (vgl. SEM-
Akte [...]-40/16, F14). Die Angaben zu diesen Familienangehörigen wur-
den durch ihre in der Schweiz lebenden Geschwister, N._
(vgl. SEM-Akten [...]-42/18, F58, F81 ff. und F106 ff., [...]-50/2, F5 ff., F11
und F18 ff. sowie [...]-82/15, F61 und F64 ff.) und O._ (vgl. SEM-
Akte N [...] A18/8, Ziff. 15 sowie A39/7, S. 2 und S. 4) bestätigt und auch
vom SEM grundsätzlich nicht in Abrede gestellt.
6.5.3 Sodann ergibt sich vorliegend, dass mehrere der Beschwerdeführe-
rin nahestehende Verwandte in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt wor-
den sind. So brachte ihr Schwager, R._, gemäss den vor-
D-2424/2021
Seite 21
instanzlichen Akten (N [...]) vor, wegen des Vorwurfs, ein Gründungsmit-
glied der PKK zu sein, mehrfach zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt
worden zu sein und unter behördlichem Druck gestanden zu haben. Nach-
dem im (...) 2006 sein Wohnhaus in der Nacht beschossen worden sei und
er gegen Unbekannt Anzeige erstattet habe, sei er von der Polizei bedroht
und aufgefordert worden, seine Anzeige zurückzuziehen. Mit seiner Verfü-
gung vom 23. Januar 2009 kam das vormalige Bundesamt für Migration
(BFM; heute: SEM) zum Schluss, der Schwager der Beschwerdeführerin,
R._, erfülle die Flüchtlingseigenschaft aufgrund der in der Türkei
erlittenen Nachteilen und des Bestehens einer begründeten Furcht vor wei-
teren ernsthaften Nachteilen (vgl. SEM-Akte N [...] A 48/4). Dessen Ehe-
frau, V._, wurde ebenfalls die originäre Flüchtlingseigenschaft zu-
erkannt und Asyl gewährt (vgl. SEM-Akte N [...] A 48/4), allerdings verzich-
tete diese mit Schreiben vom 24. August 2012 auf die Flüchtlingseigen-
schaft und das ihr in der Schweiz gewährte Asyl (vgl. SEM-Akte N [...]
C3/1), sodass das SEM in der Folge mit Verfügung vom 30. August 2012
förmlich festhielt, dass das ihr gewährte Asyl erloschen sei und sie nicht
mehr als Flüchtling im Sinne des internationalen Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK; SR 0.142.30)
gelte (vgl. SEM-Akte N [...] C4/4). Des Weiteren wurde der Bruder der Be-
schwerdeführerin, N._, mit Verfügung vom 23. März 2020 als
Flüchtling anerkannt und ihm wurde in der Schweiz Asyl gewährt
(vgl. SEM-Akte [...]-88/3). Dessen Ehefrau, W._, und der gemein-
same Sohn, X._, wurden mit derselben Verfügung des SEM in die
Flüchtlingseigenschaft ihres Ehemannes respektive ihres Vaters einbezo-
gen, während ihre originäre Flüchtlingseigenschaft verneint wurde
(vgl. SEM-Akte [...]-88/3). Aus den beigezogenen Asylverfahrensakten
geht hervor, dass der Bruder der Beschwerdeführerin (N [...]) seit (...) 2017
Mitglied des Menschenrechtsvereins İnsan Hakları Derneği (İHD) ist und
bereits zuvor schon als freiwilliger Mitarbeiter des Vereins regelmässig an
Vorträgen, öffentlichen Medienmitteilungen und Kundgebungen teilgenom-
men hat. Gestützt auf die Resultate der Abklärung der Schweizerischen
Botschaft in S._ vom (...) 2019 verbreitete er ausserdem auf sei-
nem (...)-Profil, welches auf seinen Namen lautet, verschiedenste regie-
rungskritische Posts, weshalb zwei Strafverfahren wegen des Vorwurfs der
"Propaganda für eine Terrororganisation" und der "Beleidung des Staats-
präsidenten" eingeleitet worden sind. Ausserdem wird er landesweit ge-
sucht und es existieren sowohl ein Festnahmebeschluss als auch ein Ein-
trag in der zentralen Sicherheitsdatenbank Genel Bilgi Zoplama Sistemi
(GBT).
D-2424/2021
Seite 22
6.5.4 Die Beschwerdeführerin stammt folglich unbestrittenermassen aus
einer politisch aktiven Familie, welche sich seit Jahrzehnten durch ihr poli-
tisches Engagement für die Anliegen der kurdischen Bevölkerung expo-
niert hat und deswegen von erheblichen Verfolgungsmassnahmen seitens
der türkischen Behörden betroffen war und auch weiterhin ist. Aus diesem
Grund wurden insbesondere ihrem Schwager, R._, und ihrem Bru-
der, N._, in der Schweiz die Flüchtlingseigenschaft zugesprochen
(vgl. E. 6.5.3 hiervor). Nach Ansicht des Gerichts konnte sie sodann glaub-
haft machen, in diesem Zusammenhang ebenfalls bereits behördliche Be-
helligungen erlitten zu haben. Ihre Angaben, wonach mehrmals an ihren
Wohnorten Razzien wegen ihres Bruders, N._, durchgeführt wor-
den seien (vgl. SEM-Akte [...]-40/16, F54, F56 ff.) und sie nach ihrer Teil-
nahme an der Beerdigung ihres Cousins, Q._, unter vertiefter Be-
obachtung der türkischen Behörden gestanden habe (vgl. SEM-Akte [...]-
40/16, F61 f.), erscheinen in sich schlüssig und wirken in keiner Weise
überzogen. Diese Vorbringen wurden im Übrigen auch von der Vorinstanz
nicht wegen fehlender Glaubhaftigkeit abgelehnt.
6.5.5 In Anbetracht des geschilderten politischen Profils der Verwandten
der Beschwerdeführerin ist – entgegen der Ansicht der Vorinstanz – von
einem weiterhin bestehenden erheblichen Verfolgungsinteresse der türki-
schen Behörden an diesen Personen auszugehen. Dies dürfte umso mehr
der Fall sein, als zumindest gegen den in der Schweiz als Flüchtling leben-
den Bruder der Beschwerdeführerin, N._, noch zwei Strafverfahren
hängig sind, er landesweit gesucht wird und sowohl ein Festnahmebe-
schluss als auch ein Eintrag in der Datenbank GBT besteht (vgl. hierzu
N [...]). Es erscheint demnach wahrscheinlich, dass die türkischen Behör-
den ein Interesse daran haben, die Beschwerdeführerin im Falle einer
Rückkehr in die Türkei zu befragen, um insbesondere Informationen über
ihren Bruder zu erhalten. Unter Berücksichtigung dieser Umstände gelangt
das Gericht zum Schluss, dass sie bereits bei der Einreise in die Türkei
aufgrund ihres dargelegten, als oppositionell bekannten familiären Umfelds
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft mit massiven
behördlichen Beeinträchtigungen zu rechnen hätte, welche ein asylrecht-
lich relevantes Ausmass erreichen dürften. Angesichts der in den letzten
Jahren zu beobachtenden verstärkten Repression von potenziellen Re-
gimekritikerinnen und Regimekritiker insbesondere kurdischer Ethnie, un-
ter Berücksichtigung der aktuellen Lage im Heimatstaat und der konkreten
familiären Umstände besteht Grund zur Annahme, dass auch die Be-
schwerdeführerin Opfer asylbeachtlicher Übergriffe werden könnte. Da die
befürchteten Nachteile von den türkischen Sicherheitskräften ausgehen,
D-2424/2021
Seite 23
welche auf dem ganzen Territorium der Türkei die Staatsmacht repräsen-
tieren, ist im vorliegenden Fall auch nicht vom Bestehen einer sicheren in-
nerstaatlichen Flucht- respektive Schutzalternative auszugehen.
6.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin die Vo-
raussetzungen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Den
Akten sind sodann keine Anhaltspunkte für ein Vorliegen von Ausschluss-
gründen im Sinne von Art. 53 AsylG zu entnehmen. Der Beschwerdeführe-
rin ist demnach Asyl zu gewähren (Art. 2 Abs. 1 AsylG).
6.7 Nachdem der Beschwerdeführerin bereits aufgrund der ihr persönlich
erlittenen behördlichen Behelligungen und insbesondere wegen ihres fa-
miliären Hintergrundes eine flüchtlingsrelevante Verfolgung droht, kann die
Berechtigung der Zweifel der Vorinstanz an der Sperrung des (...)-Ac-
counts offengelassen werden. Ebenso erübrigt sich bei diesem Verfahren-
sausgang eine Prüfung, ob ihr aufgrund der von ihr geltend gemachten Ak-
tivitäten in den sozialen Medien, welche nach ihrer Ausreise zur Einleitung
eines Ermittlungsverfahrens geführt haben sollen, die Flüchtlingseigen-
schaft wegen Vorliegens subjektiver Nachfluchtgründe im Sinne von
Art. 54 AsylG anzuerkennen wäre.
7.
7.1 Ehegatten von Flüchtlingen und ihre minderjährigen Kinder werden als
Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, wenn keine besonderen Um-
stände dagegensprechen (Art. 51 Abs. 1 AsylG).
7.2 Dass auch die beiden Söhne der Beschwerdeführerin eine Reflexver-
folgung befürchten müssten, ist aufgrund der Akten nicht anzunehmen
(vgl. hierzu Art. 37 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen [AsylV 1;
SR 142.311]). Vorliegend sind keine besonderen Umstände auszumachen,
die gegen eine Anerkennung der zum Zeitpunkt der Gesuchstellung min-
derjährigen Söhne der Beschwerdeführerin als Flüchtlinge sprechen
(vgl. hierzu Urteil des BVGer D-8662/2020 vom 1. Februar 2011 E. 6.1).
Sie sind daher in die Flüchtlingseigenschaft und das Asyl ihrer Mutter ein-
zubeziehen.
8.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung
vom 23. April 2021 aufzuheben und das SEM anzuweisen, die Beschwer-
deführenden im Sinne der Erwägungen als Flüchtlinge anzuerkennen und
D-2424/2021
Seite 24
ihnen Asyl zu gewähren. Angesichts der Gutheissung des Hauptantrags
wird der Eventualantrag gegenstandslos.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu
erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfü-
gung vom 18. September 2020 gewährte unentgeltliche Prozessführung
gegenstandslos.
9.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG eine Entschä-
digung für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig ho-
hen Kosten zuzusprechen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der
Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die mit Instruktionsverfügung vom
31. Mai 2021 gewährte unentgeltliche Rechtsverbeiständung erweist sich
damit ebenfalls als gegenstandslos, weil eine öffentlich-rechtliche Entschä-
digung eines amtlichen Rechtsbeistandes oder einer amtlichen Rechtsbei-
ständin lediglich subsidiär zum Tragen kommt.
9.3 Der Rechtsvertreter reichte mit der Replikeingabe vom 17. Septem-
ber 2021 eine Kostennote zu den Akten. Darin bezifferte er seinen zeitli-
chen Arbeitsaufwand mit 9.3 Stunden und beantragte einen Stundenan-
satz von Fr. 220.–. Zudem machte er Auslagen (für Fotokopien und Porti)
von Fr. 137.10 geltend. Der veranschlagte Stundenansatz bewegt sich im
gemäss Art. 10 Abs. 2 VGKE vorgesehenen Rahmen. Die Auslagen er-
scheinen ebenfalls angemessen. Der ausgewiesene Arbeitsaufwand er-
scheint in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich als angemessen, wobei die Ein-
gabe vom 31. Oktober 2021 noch nicht berücksichtigt wurde. Der diesbe-
zügliche Aufwand ist deshalb von Amtes wegen zu schätzen und wird auf
eine halbe Stunde veranschlagt. Des Weiteren sind hierfür zusätzliche Aus-
lagen in der Höhe von Fr. 4.40 (Portospesen von Fr. 3.40 und Fotokopien
von Fr. 1.–) zu berücksichtigen. Hinsichtlich des Vorbehalts in der Honorar-
note, wonach der zeitliche Aufwand für die Erläuterung des Entscheids
noch nicht berücksichtigt worden sei und deshalb dazu zu schlagen sei, ist
festzuhalten, dass die Urteilsbesprechung künftigen Aufwand darstellt, wel-
cher nicht zu entschädigen ist. Die von der Vorinstanz auszurichtende Par-
teientschädigung ist demnach auf (gerundet) Fr. 2'475.– (einschliesslich
Auslagen und inklusive Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1
Bst. c VGKE) festzusetzen.
D-2424/2021
Seite 25