Decision ID: 048069e2-acf5-4f47-9425-1e873288c64f
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorien B, D1, BE und D1E seit September
1982 und denjenigen für die Kategorie A seit April 2003. Am 2. Mai 2002 lenkte er ein
Fahrzeug unter Alkoholeinfluss (Mittelwert von 2,06 Gewichtspromille) und verursachte
einen Selbstunfall. In der Folge wurde ihm am 23. August 2002 ein vorsorgliches
Fahrverbot erteilt. Nach einer verkehrsmedizinischen Begutachtung entzog das
Strassenverkehrsamt am 18. Dezember 2002 X wegen des Vorfalls vom 2. Mai 2002
den Führerausweis für die Dauer von vier Monaten; die Massnahme wurde vom
23. August bis 22. Dezember 2002 vollzogen.
Nach einer hausärztlichen Mitteilung wegen erhöhter CDT-Resultate und eines
stationären Alkoholentzugs entzog das Strassenverkehrsamt am 16. September 2003 X
den Führerausweis erneut vorsorglich. Gestützt auf das Ergebnis der
verkehrsmedizinischen Begutachtung erteilte das Strassenverkehrsamt ihm mit
Verfügung vom 28. April 2004 den Führerausweis wieder mit der Auflage, eine
vollständige, strikte kontrollierte Alkoholabstinenz einzuhalten. Am 27. April 2005
wurden die Auflagen aufgehoben.
B.- Am 29. Juni 2013 lenkte X einen Personenwagen in angetrunkenem Zustand mit
einer Blutalkoholkonzentration von mindestens 2,52 Gewichtspromille. Der
Führerausweis wurde ihm auf der Stelle abgenommen. Mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Bischofszell vom 23. Juli 2013 wurde er deswegen des
vorsätzlichen Fahrens in qualifiziert fahrunfähigem Zustand und der vorsätzlichen
Verletzung der Verkehrsregeln schuldig gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe
von 160 Tagessätzen zu je Fr. 130.– sowie zu einer Busse von Fr. 3100.– verurteilt.
C.- Mit Verfügung vom 25. Juli 2013 entzog das Strassenverkehrsamt X den
Führerausweis vorsorglich und ordnete mit Zwischenverfügung vom 27. August 2013
eine verkehrsmedizinische Untersuchung an, welche am 19. November 2013
durchgeführt wurde. Am 11. April 2014 wurde ihm der Führerausweis auf unbestimmte
Zeit entzogen und eine Sperrfrist von drei Monaten (29. Juni – 28. September 2013)
festgesetzt. Als Bedingungen für die Aufhebung des Entzugs wurden eine kontrollierte
und fachlich betreute Alkoholabstinenz (Beratungsstelle und Haaranalyse) von
mindestens zwölf Monaten (gemäss Info-Blatt) und eine verkehrsmedizinische
Untersuchung bestimmt.
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D.- Am 20. August 2014 stellte X ein Gesuch um Wiedererteilung des Führerausweises.
In der Folge wurde er am 3. September 2014 verkehrsmedizinisch untersucht. Im
Kurzgutachten vom 24. September 2014 wurde die Fahreignung für die 3. medizinische
Gruppe bejaht unter der Auflage des Nachweises einer Alkoholabstinenz (Haaranalysen
alle 6 Monate und Fachtherapie). In der Folge hob das Strassenverkehrsamt mit
Verfügung vom 8. Oktober 2014 den Führerausweisentzug vom 11. April 2014 auf
(Ziffer 1) und versah den Führerausweis mit den Auflagen (Ziffer 2), dass X unter
fachlicher Betreuung (Suchtfachstelle) eine vollständige, kontrollierte Alkoholabstinenz
gemäss Info-Blatt einzuhalten habe mit halbjährlichen Berichterstattungen im März und
September und Haarprobeentnahmen (lit. a). Weiter wurde festgehalten, dass die
Auflagen auf unbestimmte Zeit Gültigkeit haben und eine Aufhebung der Auflagen
frühestens in drei Jahren geprüft werden könne (lit. b).
E.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 20. Oktober 2014 (Datum der
Postaufgabe) Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem sinngemässen
Antrag, dass eine Aufhebung der Auflagen nicht erst nach drei Jahren zu prüfen sei. Er
sei mit gewissen Auflagen einverstanden, die angeordneten Auflagen seien aber
absolut übertrieben und unverhältnismässig, insbesondere dass er auf unbestimmte
Zeit und mindestens drei Jahre zweimal jährlich Haarproben abgeben und parallel dazu
weiterhin eine Fachtherapie besuchen müsse. Die Vorinstanz verzichtete am
18. November 2014 auf eine Vernehmlassung.

Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 20. Oktober 2014 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
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Gegenstand der angefochtenen Verfügung vom 8. Oktober 2014 ist die Wiedererteilung
des Führerausweises unter der Auflage einer vollständigen, kontrollierten
Alkoholabstinenz. Die Verfügung vom 11. April 2014, mit welcher der Führerausweis
auf unbestimmte Zeit entzogen wurde, wurde unangefochten rechtskräftig. Soweit sich
die Rügen auf jenes Verfahren beziehen, ist darauf im vorliegenden Verfahren nicht
einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist die in Ziffer 2b der angefochtenen Verfügung festgesetzte
Frist für die Überprüfung der Aufhebung der Auflagen von mindestens drei Jahren
umstritten.
a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Nach Art. 14 Abs. 2 lit. c SVG
verfügt über die Fahreignung, wer frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von
Motorfahrzeugen beeinträchtigt. Wird nachträglich festgestellt, dass die gesetzlichen
Anforderungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen, ist der Führerausweis zu
entziehen (Art. 16 Abs. 1 SVG). Gemäss Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG wird der
Führerausweis einer Person auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn sie an einer Sucht
leidet, welche die Fahreignung ausschliesst.
Nach den allgemeinen verwaltungsrechtlichen Grundsätzen ist es im Rahmen der
Verhältnismässigkeit zulässig, aus besonderen Gründen den Führerausweis mit
Auflagen zu versehen, wenn diese der Sicherstellung der Fahreignung und damit der
Verkehrssicherheit dienen sowie mit dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang stehen
(vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4482). Die Anordnung von Auflagen kommt dann in
Frage, wenn der Lenker die gesetzlichen Anforderungen an die Fahreignung bei
Einhaltung bestimmter Massnahmen erfüllt; ein Entzugsgrund nach Art. 16 SVG muss
dabei nicht gegeben sein. Erforderlich ist zudem, dass sich die Fahreignung nur mit
dieser Massnahme aufrechterhalten lässt und die Auflagen erfüll- und kontrollierbar
sind (BGE 131 II 248 E. 6).
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Ob eine Alkoholsucht bzw. ein verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch dauerhaft
erfolgreich überwunden wurden, bedarf nach der Wiedererteilung des Führerausweises
in der Regel einer weiteren vier bis fünf Jahre dauernden Kontrolle der Einhaltung einer
vollständigen Alkoholabstinenz und der therapeutischen Begleitung. Dazu sind
regelmässige Laboruntersuchungen der alkoholrelevanten Blut- und Leberwerte
erforderlich. Bei günstigem Verlauf kann der Betroffene frühestens drei Jahre nach
Wiedererteilung des Führerausweises aus den Auflagen bzw. der
verkehrsmedizinischen Kontrolle entlassen werden. Es bedarf nach der Wiedererteilung
des Führerausweises noch während mindestens dreier Jahre einer verkehrsmedizinisch
kontrollierten gänzlichen Alkoholabstinenz. Darüber hinaus muss eine Suchttherapie
während mindestens zwei Jahren durchgeführt werden. Die betroffene Person hat dazu
regelmässig eine Beratungs- oder Therapiestelle (Suchtberatung, Psychologe,
Psychiater, Hausarzt usw.) für Beratungsgespräche aufzusuchen. Sofern eine
vollständige Alkoholabstinenz eingehalten wurde, die Laboruntersuchungen
regelmässig erfolgten und die Suchttherapie erfolgreich verlief, kann nach frühestens
zwei Jahren die Therapie sistiert werden, und es müssen dann nur noch die
Laborkontrollen durchgeführt werden (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 6A.61/2005
vom 12. Januar 2006 E. 2.1 mit Hinweis auf R. Seeger, Alkohol und Fahreignung, in:
Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, Bern 2005, S. 29).
b) aa) Im verkehrsmedizinischen Gutachten vom 18. Dezember 2013 wurde die
Fahreignung wegen eines zumindest verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauchs nicht
befürwortet (act. 2/6). Nachdem die Gutachter von den Berichten des Mühlhof,
Zentrum für Suchttherapie und Rehabilitation (act. 2/7, act. 10), sowie den
Austrittsberichten des Spitals Wattwil Kenntnis erhalten hatten, verneinten sie am
21. März 2014 die Fahreignung wegen einer Alkoholabhängigkeit gemäss ICD-10
(act. 2/4). In der Folge verfügte die Vorinstanz am 11. April 2014 einen
Sicherungsentzug auf unbestimmte Zeit (act. 2/3). Der Rekurrent bestreitet zu Recht
nicht, dass die Wiedererteilung des Führerausweises am 8. Oktober 2014 an Auflagen
geknüpft werden durfte. Er erachtet es jedoch als übertrieben und unverhältnismässig,
dass die Auflagen auf unbestimmte Zeit Gültigkeit hätten, und er mindestens für drei
Jahre zweimal jährlich Haarproben abgeben und parallel eine Fachtherapie besuchen
müsse.
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bb) Mit der Formulierung, dass die Auflagen auf unbestimmte Zeit Gültigkeit haben,
wird lediglich klargestellt, dass diese nicht auf eine bestimmte Dauer befristet sind.
Dies hätte nämlich zur Folge, dass die Auflagen nach Zeitablauf einfach dahinfallen
würden. Vielmehr ist die Aufhebung der Auflagen nach einer gewissen Frist zu
überprüfen. Im Folgenden ist daher zu prüfen, ob die von der Vorinstanz für die
frühestmögliche Überprüfung angesetzte Frist von drei Jahren angemessen ist.
Entsprechend der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist eine Entlassung aus den
Auflagen bzw. aus der verkehrsmedizinischen Kontrolle – wie von der Vorinstanz
angeordnet – frühestens in drei Jahren nach Wiedererteilung des Führerausweises
möglich. Dabei handelt es sich um eine Mindestdauer, um eine erfolgreiche Einhaltung
der Alkoholabstinenz nachzuweisen. Daneben muss zwingend während mindestens
zwei Jahren eine Suchttherapie durchgeführt werden (vgl. BGer 6A.61/2005 vom
12. Januar 2006 E. 2.1). Zwar ist aufgrund der Akten nicht nachvollziehbar, weshalb die
Gutachter aufgrund eigener Beobachtungen zunächst eine Alkoholabhängigkeit nach
ICD-10 verneinen, diese jedoch nach Vorliegen weiterer Berichte – sie stützen sich
insbesondere auf die Austrittsberichte des Spitals Wattwil, welche sich jedoch nicht in
den Akten befinden – schliesslich bejahen. Da die Zeitintervalle zur Überprüfung bzw.
Aufhebung der Auflagen unabhängig davon gelten, ob eine Alkoholsucht oder ein
verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch vorliegt, ist vorliegend auf diesen Widerspruch
nicht näher einzugehen. Die von der Vorinstanz angeordneten Auflagen (vollständige
Alkoholabstinenz während mindestens drei Jahren, zweimal jährliche Überprüfung
mittels Haaranalysen, Besuch einer Suchtfachstelle) stellen folglich den üblichen
Rahmen dar. Zu berücksichtigen ist aber, dass der Rekurrent nach eigenen Angaben
seit August 2013 alkoholabstinent ist, was durch das Kurzgutachten vom
24. September 2014 nicht widerlegt wird (act. 9/15). Im Gegenteil bestätigte der Bericht
des Mühlhof vom 11. Februar 2014, dass der Rekurrent während des ganzen
Aufenthalts vom 26. August 2013 bis 20. Februar 2014 vollständig abstinent geblieben
sei (act. 2/7). Nach dem Austritt aus dem Mühlhof nahm der Rekurrent die
Nachsorgeberatung des Blauen Kreuzes St. Gallen-Appenzell in Anspruch und
besuchte ab April 2014 zudem den FiaZ-Kurs "Das passiert mir nie wieder! – Oder
doch?". Dabei habe er sich motiviert an den Gruppengesprächen beteiligt und habe die
Hausaufgaben gewissenhaft gelöst (act. 9/43 ff.). Er scheint damit aus seinem
Fehlverhalten gelernt zu haben, weshalb es sich rechtfertigt, bei günstigem Verlauf eine
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Lockerung der Auflagen – beispielsweise durch Verzicht auf den Besuch einer
Suchtfachstelle – nach frühestens zwei Jahren zu prüfen. Der Rekurs ist daher teilweise
gutzuheissen
3.- Mit den Auflagen soll sichergestellt werden, dass der Rekurrent zum Schutz der
Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer nur in fahrfähigem Zustand ein
Motorfahrzeug lenkt. Dieser Zweck wäre gefährdet, müsste er diese Auflagen während
eines Beschwerdeverfahrens nicht einhalten. Einer allfälligen Beschwerde ist deshalb
die vom Gesetz vorgesehene aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 51 VRP).
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten von Fr. 1'200.– zu
zwei Dritteln dem Rekurrenten und zu einem Drittel dem Staat aufzuerlegen (Art. 95
Abs. 1 VRP; Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist zu verrechnen und dem Rekurrenten im
Restbetrag von Fr. 400.– zurückzuerstatten.