Decision ID: 792b5fe3-4f49-51a6-a835-978369a2ba88
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1997, leidet unter einem angeborenen
Psycho-Organi
schen Syndrom (
POS; Urk. 9/4 S. 2). Seit dem Kleinkinderalter zeigte er ein auf
fälliges Verhalten im Sinne einer motorischen Unruhe beziehungsweise Hyperak
tivität, erhöhter Impulsivität und verminderter Impulskontrolle (vgl. Urk. 9/1
S. 3, Urk. 9/3 S. 1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, übernahm die Kosten für die erforderlichen Behandlungen des Geburtsgebrechens Ziff. 404 gemäss Verordnung über Geburtsgebrechen (
GgV
; [ambulante] Thera
pien [Psycho/Ergo], Sonderschulmassnahmen und weitere medizinische Mass
nahmen wie [stationäre] Aufenthalte)
, erstmals mit Verfügung vom 2
5.
Februar 2005 (
Urk.
9/6).
1.2
Am 16. August 2015 (Urk. 9/118) meldete sich der mittlerweile volljährige Versi
cherte bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug (berufliche Integration/Rente) an. Mit Schreiben vom 28. September 2015 (Urk. 9/121) bestätigte die IV-Stelle den Ein
gang der Anmeldung und teilte unter Bezugnahme auf die Mitteilung vom 10. Februar 2015 (Abbruch der erstmaligen beruflichen Ausbildung
;
Urk.
9/111)
mit, dass er ein Motivationsschreiben zuzustellen und mitzuteilen habe, bei wem er sich seit wann in psychiatrischer Behandlung befinde, was sie mit Schreiben vom 9. November und 28. Dezember 2015 - nunmehr unter der Androhung, dass bei Säumnis aufgrund der Akten entscheiden werde - wiederholte (Urk. 9/122 und Urk. 9/124).
Mit Vorbescheid vom 22. Januar 2016 (Urk.
9
/128)
stellte
die IV-Stelle die Ab
w
eisung des Leistungsbegehrens in Aussicht
. Dagegen erhob sein Beistand am 8. Februar 2016 (Urk.
9
/130)
unter Beilage des Motivationsschreibens des Versi
cherten vom
7.
Januar 2016 (
Urk.
9/129)
Einwand, den er mit Schreiben vom 19. April 2016 (Urk.
9
/134) und 26. April 2016 unter Beilage von Unterlagen er
gänzte (Urk.
9
/136-137). Am 29. April 2016 verfügte die IV-Stelle im angekün
digten Sinne (Urk.
9/139
).
Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das hiesige Gericht in dem Sinne gut, dass es die Sache zur versicherungsexternen Begutach
tung an die IV-Stelle zurückwies (
Urk.
9/148
; Prozess IV.2016.00627
).
1.3
Diese gab in der Folge ein psychiatrisches Gutachten bei
Dr.
med.
Y._
, Fach
arzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, in Auftrag, welches am
3.
Oktober 2017 erstattet wurde (
Urk.
9/176). Nach Prüfung des Gutachtens kam der Regio
nale Ärztliche Dienst (RAD) zum Schluss, dass das vorliegende Gutachten aus versicherungsmedizinischer Sicht nicht verwertbar
und ein
bidisziplinäres
Gut
achten in Auftrag zu geben sei (Psychiatrie, Neuropsychologie;
Urk.
9
/200 S. 8
f.). Das neurops
ychologische Teilgutachten des p
sychologischen Psychothera
peu
ten und Fachpsy
chologen für Neuropsychologie Z._
erging am 1
0.
Januar 2018 (
Urk.
9/195), das psychiatrische Teilgutachten von
Dr.
med.
A._
, Fach
arzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, sowie die Konsensbeurteilung ergingen am 2
5.
Januar 2018 (
Urk.
9/197 f.). Mit Vorbescheid vom 1
4.
Februar 2018 stellte die IV-Stelle die Abweisung des Leistungsbegehren
s
in Aussicht (
Urk.
9/201). Im Rahmen des
Einwandverfahrens
reichte der Vertreter des
Versi
cherten einen Praktikumsvertrag im Hinblick auf eine Ausbildung zum Logistiker (
Urk.
9/210) und in der Folge den entsprechenden Lehrvertrag ein (Urk. 9/212). Mit Verfügung vom 1
9.
April 2018 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (
Urk.
9/218 =
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der
Vertreter
des Versich
erten am 2
3.
Mai 2018
Beschwerde
und beantragte, es seien berufliche Massnahmen einzuleiten und dem Beschwerde
führer bei seiner Ausbildung ein Coach zur Unterstützung zur Seite zu stellen, unter Ausrichtung eines Taggeldes; eventualiter sei eine IV-Rente nach den ge
setzlichen Bestimmungen zuzusprechen
. Weiter sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und ihm in der Person des Unter
zeichnenden ein unentgeltlicher Rechtsvertreter zu bestellen
(
Urk.
1 S. 2).
Mit Schreiben vom 2
2.
Juni 2018 reichte der Vertreter des Beschwerdeführers einen Bericht der den Beschwerdeführer betreuenden Lerntherapeutin ein (Urk. 6 f.). Mit Beschwerdeantwort vom 2
8.
Juni 2018
schloss die Beschwerde
gegnerin auf Abweisung der Beschwerde
(
Urk.
8) und verzichtete in der Folge auf eine Stellungnahme zum nachträglich zugestellten Bericht der Lerntherapeutin (
Urk.
11)
, wovon dem Beschwerdeführer
mit Verfügung vom 1
3.
Juli 2018
Kennt
nis gegeben wurde (Urk.
12).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 16 Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
ha
ben Versicherte, die noch nicht erwerbstätig waren und denen infolge Invalidität bei der erstmaligen beruflichen Ausbildung in wesentlichem Umfange zusätzliche Kosten entstehen, Anspruch auf Ersatz dieser Kosten, sofern die Ausbildung den Fähigkeiten der versicherten Person entspricht. Als erstmalige berufli
che Ausbil
dung gilt gemäss Art. 5 Abs.
1
der Verordnung über die Invalidenversicherung
(
IVV
)
die berufliche Grundbildung nach dem Berufsbildungsgesetz (BBG) sowie, nach Abschluss der Volks- oder Sonderschule, der Besuch einer Mittel-, Fach- oder Hochschule und die berufliche Vorbereitung auf eine Hilfsarbeit oder auf die Tätigkeit in einer geschützten Werkstätte.
1.2
Unter erstmaliger beruflicher Ausbildung im Sinne von
Art.
16
Abs.
1 IVG ist die gezielte und planmässige Förderung in beruflicher Hinsicht zu verstehen, mit an
deren Worten, der systematische Erwerb oder die Vermittlung spezifischer beruf
licher Kenntnisse und Fertigkeiten (AHI 2002 S. 176 E. 3
b.aa
mit Hinweis). Als derartige Ausbildung gelten Massnahmen erst dann, wenn sie nach getroffener Berufswahl zur Vorbereitung auf die eigentliche Berufsausbildung notwendig werden. Die schulischen Vorkehrungen müssen abgeschlossen, die Berufswahl getroffen und die vorgesehenen Massnahmen als integrierende Bestandteile des Berufszieles formuliert worden sein. Vorbereitende Massnahmen fallen dann un
ter
Art.
16 IVG, wenn sie nach getroffener Berufswahl als gezielte Vorbereitung auf die eigentliche Berufsausbildung notwendig werden. Nicht zur erstmaligen beruflichen Ausbildung gehören Zwischenjahre, die der Förderung der Berufs
wahlreife, der Berufsfindung, dem Ausfüllen schulischer Lücken und der Förde
rung des Arbeitsverhaltens dienen (Urteil des Bundesgerichts I 485/01 vom 1
5.
Mai 2002
m.w.H
.).
1.3
Als invalid im Sinne von
Art.
16 IVG gilt, wer aus gesundheitlichen Gründen bei einer seinen Fähigkeiten entsprechenden Ausbildung erhebliche Mehrkosten auf sich nehmen muss. Bezüglich psychischer Beeinträchtigungen sind die von der Rechtsprechung zum invalidisierenden geistigen oder psychischen Gesundheits
schaden (
Art.
4
Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
7 und 8
Abs.
1
des Bundesge
setzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts;
ATSG) ent
wickelten Grundsätze auch im Bereich des
Art.
16 IVG massgeblich; dabei ist jedoch nicht die Erwerbstätigkeit, sondern der beabsichtigte Ausbildungsgang mit seinen spezifischen Anforderungen Bezugspunkt (BGE 114 V 29 E. 1b in
fine
mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts I 159/05 vom 16. März 2006 E. 3.2.2). So
dann ist es unerheblich, ob die versicherte Person bei Erlass der Verwaltungsver
fügung an einem invalidisierenden Gesundheitsschaden leidet. Denn es kommt im Rahmen von
Art.
4
Abs.
1 IVG (in Verbindung mit
Art.
7 und 8
Abs.
1 ATSG), von seinem ausdrücklichen Wortlaut wie von der Systematik der Invalidenversi
cherung als final konzipierte Erwerbsausfallversicherung (AHI 1999 S. 79) her, nicht auf die Gleichzeitigkeit (
Kontemporalität
), sondern auf die Kausalität von Gesundheitsschaden und Erwerbsunfähigkeit an (BGE 126 V 461 E. 2 in
fine
, AHI 2003 S. 158 E. 2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung damit, dass
keine gesundheitliche Beeinträchtigung ausgewiesen sei, welche einen Anspruch auf eine erstmalige berufliche Ausbildung auslösen würde. Die Intelligenz des Beschwerdeführers sei normal, die leichten kognitiven Einschränkungen seien teilweise durch aktuellen und langjährigen Substanzgebra
u
ch und durch motiva
tionale sowie umgebungsbedingte Faktoren bedingt. Dem Beschwerdeführer sei eine absolute Drogen- und Alkoholabstinenz zuzumuten, zudem müsse der Nach
weis einer mindestens 6-monatigen psychiatrisch-psychotherapeutischen Be
handlung
in Kombination mit einer geeign
eten medikamentösen Therapie er
bracht werden (
Urk.
2).
2.2
Demgegenüber macht der Vertreter des Beschwerdeführers im Wesentlichen gel
tend, dass
es unverständlich sei, dass die Beschwerdegegnerin nach dem Gutach
ten bei
Dr.
Y._
noch einmal ein Gutachten in Auftrag gegeben habe. Das Gutachten
A._
/
Z._
sei dabei nicht verwertbar, da es sich mit dem Vor
gutachten nicht auseinandersetze und damit wesentliche Akten nicht berücksich
tige (
Urk.
1 S. 8). Zudem gehe der Neuropsychologe von einer Arbeitsfähigkeit von 50
%
aus, während anlässlich der
Konsiliarbesprechung
eine solche von 90
%
ermittelt worden sei, was dringend begründungspflichtig wäre; weiter sei das Teilgutachten von
Dr.
A._
auch in sich widersprüchlich (S. 9 f.).
Die Rück
führung der kognitiven Einschränkungen auf akuten oder langfristig bedingten Substanzgebrauch sei bei fehlenden Anzeichen für aktuellen Drogenkonsum ab
solut willkürlich (S. 10);
Dr.
A._
gehe zudem davon
aus
, dass der schädliche Gebrauch von Marihuana ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bleibe, sodass auch aus diesem Grund keine Abstinenz ge
f
ordert werden könne (S. 11).
3.
3.1
Dr.
Y._
führte
in seinem Gutachten vom
3.
Oktober 2017 aus, dass von einem typischen Verlauf einer ADH
S-Problematik
(relevanter Gesundheitsschaden im Sinne des IVG)
mit einem
komorbi
d
auffälligen Sozialverhalten im Sinne von Opposition und Verweigerung gesprochen werden könne. Eine Behandlung des Störungsbildes sei dabei immer wieder in Ansätzen erfolgt, aber eine kontinuier
liche Therapie habe ni
e realisiert werden können. Die
s
sei auch dem Umstand geschuldet, dass eine «Karriere» mit derart komplexen Störungsbildern von Ab
brüchen geprägt sei
, was naturgemäss eine Behandlung auch unterbreche. Auf
grund des Vorliegens des erwähnten Gesundheitsschadens werde empfohlen, nach Abbruch der ersten Ausbildung zum zweiten Mal eine erstmalige berufliche
Ausbildung im geschützten Rahmen zu gewähren. Die Voraussetzungen
,
eine
praktische Ausbildung (
PrA
)
durchzustehen
,
würden als günstig erachtet. Eine psychiatrisch/psychotherapeutische Behandlung könne nicht empfohlen werden, da es insbesondere an der Eigenmotivation fehle, dasselbe gelte auch für eine medikamentöse Therapie.
Am ehesten denkbar seien praxisbezogene Coaching-Gespräche mit einem Job-Coach der IV. Eine Schadenminderungspflicht im Sinne einer Auflage zur Psychotherapie bestehe aus gutachterlicher Sicht nicht.
Weiter würden keine Hinweise auf Drogenkonsum bestehen, eine Haaranalyse werde nicht empfohlen. Das kognitive Potential werde als stark eingeschränkt beurteilt und liege nach aktueller Einschätzung im Bereich e
iner
PrA
-Ausbildung nach INSOS (
Urk.
9/176 S. 5 f.).
3.2
Die für das
bidisziplinäre
Gutachten vom 2
5.
Januar 2018 verantwortlichen Fach
personen diagnostizierten
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine leichte bis mittelschwere kognitive Funktionsbeeinträchtigung in den Bereichen Auf
merksamkeit und Konzentration, Lernen und Gedächtnis, Exekutivfunktionen und der Zahlenverarbeitung sowie eine leichte kognitive Störung, nicht in Ver
bindung mit einer Systemerkrankung (ICD-10 F06.70). O
hne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestehe ein schädlicher Gebr
auch von Marihuana (ICD-10 F12;
Urk.
9/198 S. 4).
Die kognitiven Einschränkungen könnten ex
plizit nicht verändert werden. Ü
ber die rein kognitiv bedingte Arbeitsunfähigkeit hinaus würden sich auch motiva
tionale und nicht krankheitsbedingte psychosoziale, milieubedingte Beeinträch
tigungen finden, welche in einer Psychotherapie angegangen werden könnten.
Da eine
Marihuanazufuhr
die kognitiven Fähigkeiten, die motivationalen Fähig
keiten und die Gesamtsituation verschlechtere, sei vom Beschwerdeführer eine absolute und vollständige Abstinenz von Marihuana und anderen Suchtstoffen, auch von Alkohol, zu fordern (S. 5). Eingliederungsmassnahmen seien aufgrund des wiederholten, nicht nur krankheitsbedingten Versagens und der geringen Mo
tivation nicht erfolgsversprechend. Bei einer vollständigen Ausbildung (Lehre) sei zudem davon auszugehen, dass eine solche auch aufgru
nd der kognitiven Ein
schränkung
ni
cht durchgehalten werden könne.
Aus neuropsychologis
cher Sicht bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von maximal 50 %. Aus psychiatrischer Sicht sei zum aktuellen Zeitpunkt von einer 70%igen Arbeitsfähigkeit in einer angelernten Tätigkeit ohne Ausbildung auszugehen. Da
bei sei ausschliesslich die psychiatrische Krankheit ausschlaggebend für die Er
werbsunfähigkeit und Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (S. 6). Unter Berück
sichtigung der motivationalen Aspekte bei der neuropsychologischen Untersu
chung sei in der angestammten Tätigkeit (angelernte Tätigkeit ohne Ausbildung)
von einer Arbeitsunfähigkeit von 30
%
auszugehen (S. 8)
.
Die kognitiven Beein
trächtigungen würden den Abschluss einer Lehre unwahrscheinlich machen
.
In einer
einfache
n
ungelernte
n
Tätigkeit ohne hohe kognitive Anstrengungen und spezifisch ohne Anforderungen an die Rechentätigkeit, den Umgang mit Geld oder Anforderungen an Bearbeitung von Dokumentationen und Schriftstücken sei eine Arbeitsfähigkeit von 90
%
gegeben (S. 9). Für die psychiatrische Erkran
kung sei keine Psychotherapie indiziert
(S. 9), eine solche würde sich nur auf die psychosoziale Begleitsituation auswirken. Der Abschluss einer Ausbildung bleibe, basierend auf der kognitiv unveränderlichen Einschränkung, jedoch weiterhin unwahrscheinlich (S. 13).
3.3
B._
,
dipl.
Lerntherapeutin ILT, hielt in ihrem Bericht vom 1
9.
Juni 2018 fest, dass
die Mutter des Beschwerdeführers mit ihr Kontakt aufgenommen habe betreffend Stützunterricht ab sofort und während der Lehre als Logistiker. Der Beschwerdeführer habe grosse Defizite im Rechnen, eine schwere Dyskalkulie; dazu komme ein ADHS. Als Vorbereitung auf die Berufsschule würden sie die Stofflücken im Rechnen nun angehen. Ziel sei es, den Beschwerdeführer so zu unterstützen, dass er das Lehrabschlusszeugnis als Logistiker in 2 Jahren in den Händen halte. Sie halte es für absolut notwendig, dass er diese Unterstützung von der IV finanziert bekomme, die Eltern seien dazu nicht in der Lage. Die Lehrab
schlussprüfung würde es ihm zudem ermöglichen
,
auf eigenen Beinen zu stehen und seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen (
Urk.
7).
4.
4.1
Vorauszuschicken ist, dass der Beschwerdeführer im Hinblick auf den Lehrbeginn zum Logistiker EBA in der Zeit vom
1.
März bis 3
1.
Juli 2018 ein Vorlehrprakti
kum absolvieren konnte (
Urk.
9/210). Der Lehrvertrag für die entsprechende Lehre konnte im März 2018 unterzeichnet werden (Lehre vom
1.
August 2018 bis 3
1.
Juli 2020;
Urk.
9/212); der Lehrvertrag wurde vom Kanton Schaffhausen am 2
2.
März 2018 genehmigt (
Urk.
9/214).
Die von der Beschwerdegegnerin mit einer Begutachtung beauftragten Fachper
sonen gehen von
unterschiedlichen
Diagnosen aus und schätzen den Sachverhalt insbesondere
auch
hinsichtlich der möglichen Eingliederungsmass
nahmen ver
schieden ein. Aufgrund der nachfolgend
en Ausführungen kann aber offen
blei
ben, welche Einschätzung die zutreffendere ist.
4.2
Würde man sich auf den Standpunkt stellen, dass die Einholung des Gutachtens bei
Dr.
A._
sowie
dipl.
psych.
Z._
eine unzulässige
second
opinion
dar
stell
te, wäre gestützt auf das Gutachten von
Dr.
Y._
von einer typischen ADHS-
Problematik bei intaktem Eingliederungspotential
auszugehen.
Diese Ein
schätzung der Sachlage stünde etwa mit der bisherigen Kostenübernahme der IV-Stelle in Einklang (vgl. Sachverhalt 1.1).
Aufgrund der Ausführungen von
B._
würden dem Beschwerdeführer dabei bei der schulischen
Nachholarbeit
Mehrkosten entstehen, die von der Beschwerdegegnerin zu übernehmen wären.
Psychotherapeutische Massnahmen wären dabei gemäss
Dr.
Y._
nicht ange
zeigt, der Nachweis einer Drogenabstinenz entfiele mangels Hinweisen auf einen Drogenkonsum.
4.3
Ginge
man entsprechend der RAD-Einschätzung vom
9.
Oktober 2017
von einer mangelnden Beweistauglichkeit des Gutachtens von
Dr.
Y._
aus (
Urk.
9/200 S. 8 f.), führte dies
bezüglich der Anspruchsprüfung betreffend beruflicher Mass
nahmen
im Ergebnis nicht zu einer anderen Einschätzung.
So geht auch
Dr.
A._
von einem grundsätzlich IV-relevante
n
Gesundheits
schaden aus, indem er eine leichte kognitive Störung im Sinne von ICD-10 F06.70 diagnostiziert. Eine solche kann vor, während oder nach einer Vielzahl zerebraler und systemischer Infektionen und körperlichen Erkrankungen auftreten (ein
schliesslich HIV;
Internationale
Klassifikation psychisch
er Störungen, ICD-10 Ka
pitel V [
F
]
, 1
0.
Auflage, S. 99).
Dabei
handelt
es sich
gemäss
Dr.
A._
um unveränderliche kognitive Einschränkungen, wobei sich der
vermutete
Mari
huanakonsum
nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt. Selbst wenn die kognitiven Probleme auf einen längerfrist
igen Drogenkonsum zurück
ge
führt werden könn
ten
, wären diese
gemäss
der Einschätzung von
Dr.
A._
als irreversibel und damit als IV-relevant anzusehen.
Nach
der Rechtsprechung führt Drogensucht (wie auch Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch)
zwar
als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Dagegen wird sie im Rahmen der Invali
denversicherung relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchti
gender Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder wenn sie selber Folge eines kör
perlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist, dem Krankheitswert zukommt (BGE 124 V 265 E. 3c).
Aufgrund der kognitiven Probleme wäre dabei selbst in einer angelernten Tätigkeit ohne Ausbildung von einer um 30
%
verminderten Arbeitsfähigkeit auszugehen. Entsprechend der Einschätzung des Lehrbetriebs so
wie der kantonalen Bewilligungsstelle
liegt eine zweijährige Ausbildung als Lo
gistiker im Bereich der Möglichkeiten des Beschwerdeführers. Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer dabei im kognitiven Bereich, insbesondere beim Er
lernen von Rechentätigkeiten (vgl.
Urk.
7,
Urk.
9/198 S. 9 oben), Unterstützung brauchen wird. Diese Mehrkosten sind invaliditätsbedingt und von der Beschwer
degegnerin zu übernehmen.
Was die Schadenminderungspflicht betrifft, ist auch
Dr.
A._
der Auffas
sung, dass
eine solche allein
für die krankheitsbedingten kognitiven Probleme nicht angezeigt ist. Die Erhöhung der Eingliederungsfähigkeit sowie der Motiva
tion erscheint aufgrund der nun aufgenommenen Berufslehre aktuell nicht mehr im Vordergrund zu stehen (vgl.
Urk.
7), sodass sich auch diesbezüglich keine the
rapeutischen Massnahmen aufdrängen. Selbst wenn man weiter von einem an
dauernden
Marihuanakonsum
des Beschwerdeführers ausginge, wäre auch dies
bezüglich keine Auflage einer Schadenminderungspflicht möglich. So muss eine zumutbare Behandlung gemäss
Art.
21
Abs.
4 ATSG eine wesentliche Verbesse
rung der Erwerbsfähigkeit oder eine neue Erwerbsmöglichkeit
versprechen. Ge
mäss der Einschätzung von
Dr.
A._
bleibt
der schädliche Gebrauch von Ma
rihuana aber ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit, sodass auch in dieser Hinsicht keine Auflagen angezeigt sind. Hinzuweisen ist dabei zudem, dass
Dr.
Y._
keine Hinweise für einen Drogenkonsum sieht (
Urk.
9/176 S. 6).
4.4
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer unter einem IV-relevanten Gesundheitsschaden leidet, welcher sich insbesondere auf die schuli
schen Leistungen der nun angetretenen Ausbildung zum Logistiker auswirken dürfte. Die dabei entstehenden Mehrkosten sind invaliditätsbedingt und von der Beschwerdegegnerin im Rahmen der Gewährung einer erstmaligen beruflichen Ausbildung im Sinne von
Art.
16
Abs.
1 IVG zu übernehmen.
Dies führt in Gut
heissung der Beschwerde zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 1
9.
April 2018.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerde
führer eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwen
dung von
Art.
61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses sowie nach Einsicht in die Honorarnote vom 1
1.
Dezember 2018 (
Urk.
13) auf
Fr.
2'388.55 (inklusive Bar
auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird das Gesuch betreffend Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie der unentgeltlichen Rechtsvertretung ge
genstandslos.