Decision ID: ddb4afb3-02cd-4c11-bbad-37ae94718e2f
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Die Vizepräsidentin entnimmt den Akten:
1.
A. reichte am 30. August 2019 bei der Kantonspolizei Aargau, Stützpunkt
Baden, u.a. gegen B. Strafantrag wegen Tätlichkeiten, begangen am
16. Juli 2019 im Nagelstudio "E." in Q., ein.
2.
Die Staatsanwaltschaft Baden stellte das Strafverfahren gegen B. mit Ver-
fügung vom 23. August 2021 gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO ein.
Diese Einstellungsverfügung wurde am 25. August 2021 von der Ober-
staatsanwaltschaft des Kantons Aargau genehmigt.
3.
3.1.
Gegen die ihr am 30. August 2021 zugestellte Einstellungsverfügung erhob
A. mit Eingabe vom 3. September 2021 (am Schalter abgegeben am
8. September 2021) bei der Beschwerdekammer in Strafsachen des Ober-
gerichts des Kantons Aargau Beschwerde mit folgenden Anträgen:
" 1. Die Einstellungsverfügung vom 23. August 2021 sei aufzuheben und die Angelegenheit sei zur Durchführung einer umfassenden  an die Vorinstanz zurückzuweisen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zuzüglich Mehrwertsteuer  der Vorinstanz."
3.2.
Mit Eingabe vom 21. Oktober 2021 liess die Beschwerdeführerin über ihren
am 7. September 2021 bevollmächtigten Rechtsbeistand eine Ergänzung
der Beschwerde einreichen.
3.3.
Die Beschwerdeführerin leistete die von der Verfahrensleiterin der Be-
schwerdekammer in Strafsachen mit Verfügung vom 25. Oktober 2021 ein-
verlangte Sicherheit von Fr. 800.00 für allfällige Kosten am 4. November
2021.
3.4.
Die Staatsanwaltschaft Baden ersuchte mit Beschwerdeantwort vom
15. November 2021 um Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolgen.
3.5.
Die Beschuldigte beantragte in ihrer Beschwerdeantwort vom 3. Dezember
2021:
- 3 -
" 1. Es sei die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen, sofern darauf  wird.
2. Alles unter o/e Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdeführerin (inkl. MwSt)."

Die Vizepräsidentin zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Verfügungen der Staatsanwaltschaft betreffend die Einstellung eines Straf-
verfahrens sind gemäss Art. 322 Abs. 2 i.V.m. Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO
mit Beschwerde anfechtbar. Vorliegend bestehen keine Beschwerdeaus-
schlussgründe gemäss Art. 394 StPO. Damit ist die Beschwerde zulässig.
Die übrigen Eintretensvoraussetzungen sind erfüllt und geben zu keinen
Bemerkungen Anlass. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (vgl. Art. 396 Abs. 1 i.V.m. Art. 385 Abs. 1 StPO) ist somit einzu-
treten.
1.2.
Ist die Beschwerdeinstanz ein Kollegialgericht, was im Kanton Aargau ge-
mäss § 65 Abs. 2 GOG i.V.m. § 9 f. und Anhang 1 Ziff. 2 Abs. 5 der Ge-
schäftsordnung des Obergerichts vom 21. November 2012 der Fall ist, so
beurteilt die Verfahrensleitung die Beschwerde gemäss Art. 395 lit. a StPO
allein, wenn diese - wie im vorliegenden Fall - ausschliesslich Übertretun-
gen zum Gegenstand hat.
1.3.
1.3.1.
Die Beschwerde ist innert zehn Tagen schriftlich und begründet bei der Be-
schwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO). Diese gesetzliche
Frist kann nicht erstreckt werden (Art. 89 Abs. 1 StPO). Die Partei, die das
Rechtsmittel ergreift, hat in der Beschwerdeschrift genau anzugeben, wel-
che Punkte des Entscheids sie anficht, welche Gründe einen anderen Ent-
scheid nahelegen, und welche Beweismittel sie anruft (Art. 385 Abs. 1
StPO). Erfüllt die Eingabe diese Anforderungen nicht, so weist die Rechts-
mittelinstanz sie zur Verbesserung innerhalb einer kurzen Nachfrist zurück.
Genügt die Eingabe auch nach Ablauf der Nachfrist den Anforderungen
nicht, so tritt die Rechtsmittelinstanz auf das Rechtsmittel nicht ein (Art. 385
Abs. 2 StPO).
Nicht jeder Begründungsmangel, der nicht mehr innert der gesetzlichen
Rechtsmittelfrist behebbar ist, kann indessen zu einer Nachfrist nach
- 4 -
Art. 385 Abs. 2 StPO führen. Es kann nicht Sinn und Zweck einer Nachfrist
sein, grundlegend mangelhafte Rechtsschriften gegenüber prinzipiell
rechtsgenüglichen Eingaben zu privilegieren, zumal Letztere unter Um-
ständen die inhaltlichen Eintretenserfordernisse auch nicht in allen Punkten
erfüllen. Die Beschwerdemotive müssen daher in jedem Fall, auch in Lai-
enbeschwerden, bis zum Ablauf der zehntägigen Frist (Art. 396 Abs. 1
StPO) so konkret dargetan sein, dass klar wird, aus welchen Gründen der
angefochtene Entscheid falsch sei. Ebenso müssen sich die innert gesetz-
licher Frist gemachten Ausführungen wenigstens ansatzweise auf die Be-
gründung des angefochtenen Entscheids beziehen. Anträge indessen kön-
nen insbesondere in Laieneingaben auch aus der Begründung hervorge-
hen (Urteil des Bundesgerichts 6B_280/2017 vom 9. Juni 2017 E. 2.2.2;
PATRICK GUIDON, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessord-
nung, 2. Aufl. 2014, N. 9c und 9e zu Art. 396 StPO).
1.3.2.
Aus der soeben zitierten Lehre und Rechtsprechung folgt, dass der Be-
schwerdeführerin entgegen ihrem in der Eingabe vom 24. September 2021
gestellten Antrag keine Nachfrist zur Beschwerdeergänzung gewährt wer-
den konnte. Dies umso mehr, als mit Blick auf Form und Inhalt der Be-
schwerde sowie der Absenderadresse ("[...]") davon auszugehen ist, dass
diese nicht von der Beschwerdeführerin persönlich, sondern von ihrer
früheren Rechtsanwältin F., [...], verfasst wurde, weshalb nicht von einer
Laieneingabe gesprochen werden kann.
Die Einstellungsverfügung vom 23. August 2021 wurde der Beschwerde-
führerin am 30. August 2021 zugestellt. Die zehntägige Beschwerdefrist
begann somit am 31. August 2021 zu laufen und endete am 9. September
2021. Nach dem 9. September 2021 war eine Ergänzung der Beschwer-
debegründung demnach nicht mehr möglich. Die Eingabe der Beschwer-
deführerin vom 21. Oktober 2021 ist daher aus dem Recht zu weisen, so-
weit mit ihr die Begründung der Beschwerde ergänzt wurde.
2.
2.1.
Die Staatsanwaltschaft Baden führte in der angefochtenen Einstellungsver-
fügung im Wesentlichen aus, die Aussage der Beschwerdeführerin, sie sei
von der Beschuldigten auf den Boden gedrückt worden, stehe der Aussage
der Beschuldigten entgegen, wonach sie schlichtend eingegriffen bzw. die
Beschwerdeführerin an den Armen festgehalten habe, um sie wegziehen
zu können. Die Aussagen der Beschuldigten stimmten im Wesentlichen mit
sämtlichen anderen Aussagen überein. Ausserdem würden die Aussagen
der Beschwerdeführerin nicht durch weitere Indizien besonders gestützt.
Die gemäss Arztbericht festgestellten Hämatome an den Armen passten
sowohl zum Sachverhaltsbeschrieb der Beschwerdeführerin wie auch zu
jenem der Beschuldigten. Anlässlich der Einvernahme vom 30. August
- 5 -
2019 habe die Beschwerdeführerin mitgeteilt, dass sie keine Entbindungs-
erklärung ihres Arztes - den sie nach der Tätlichkeit aufgesucht habe - un-
terzeichne, weshalb hierzu auch keine Weiterungen möglich gewesen
seien. Es gebe vorliegend keine weiteren Hinweise, die den Tatverdacht
gegen die Beschuldigte erhärten würden. Nach Würdigung aller Aussagen
könne der angezeigte Sachverhalt nicht rechtsgenüglich erstellt werden,
wonach die Beschuldigte die Beschwerdeführerin tätlich angegriffen habe.
Vielmehr stimmten alle weiteren Aussagen insofern überein, als die Mitbe-
schuldigten in rechtfertigender Notwehr eingegriffen hätten. Die Beschwer-
deführerin selbst habe ausgesagt, sie habe der Arbeitgeberin die Tasche
entreissen wollen. Bei einer Anklage sei gestützt hierauf nicht mit einem
verurteilenden Erkenntnis zu rechnen, weshalb das Strafverfahren gegen
die Beschuldigte wegen Tätlichkeiten einzustellen sei (Art. 319 Abs. 1 lit. a
StPO).
2.2.
Die Beschwerdeführerin ersuchte in ihrer Beschwerde um Aufhebung der
Einstellungsverfügung und Rückweisung der Sache an die Staatsanwalt-
schaft Baden "zur Durchführung einer umfassenden Strafuntersuchung".
Zur Begründung machte sie im Wesentlichen geltend, sie habe sich gleich
nach der Auseinandersetzung vom 16. Juli 2019 am 22. Juli 2019 ärztlich
untersuchen lassen. Der Arztbericht der behandelnden Ärztin Dr. G. habe
festgehalten, dass sie an ihrem Arbeitsplatz Gewalt erfahren und der Ehe-
mann ihrer Arbeitgeberin, der Mitbeschuldigte H., sie gewaltsam an den
Armen gepackt, zu Boden geworfen und ihr auf die Brust gedrückt habe.
Die festgestellten Verletzungen (Hämatome auf beiden Seiten ihrer Arme
und auf ihrer rechten Brust) stimmten mit der beschriebenen erlittenen Ge-
walt über. Sie habe eine posttraumatische Belastungsstörung. Sodann
habe Dr. I. mit Arztzeugnis vom 27. November 2019 bestätigt, dass die Be-
schwerdeführerin aufgrund des Konflikts am Arbeitsplatz Panik habe und
eine Depression entwickelt habe. Es bestehe eine hundertprozentige Ar-
beitsunfähigkeit. Die drei Beschuldigten würden bestreiten, dass sie zu Bo-
den gedrückt und festgehalten worden sei. Die von ihr beschriebene Aus-
einandersetzung spiegle sich jedoch deutlich in den Verletzungen wieder.
Auch der Zeuge J. habe anlässlich der Einvernahme vom 1. März 2021
bestätigt, dass die drei Beschuldigten die Beschwerdeführerin auf den Bo-
den gedrückt und festgehalten hätten. Ihre Aussagen seien einheitlich; sie
habe den Vorfall zeitnah ihren Ärzten geschildert und in den Einvernahmen
übereinstimmende Aussagen gemacht. Entgegen der Staatsanwaltschaft
Baden stehe nicht einfach Aussage gegen Aussage. Aufgrund des unkla-
ren Sachverhalts, die Aussagen der drei Beschuldigten auf der einen und
jene der Beschwerdeführerin auf der anderen Seite, wären weitere Sach-
verhaltsabklärungen durchzuführen gewesen. Insbesondere wären die zur
Tatzeit anwesenden Kunden zu befragen gewesen. Mit der vorliegenden
Einstellung sei der Grundsatz "in dubio pro duriore" verletzt worden.
- 6 -
2.3.
Die Staatsanwaltschaft Baden verwies in ihrer Beschwerdeantwort auf die
Begründung der angefochtenen Einstellungsverfügung.
2.4.
Die Beschuldigte brachte in ihrer Beschwerdeantwort im Wesentlichen vor,
es fehlten eindeutige Beweise in Bezug auf die angeblich erlittenen Verlet-
zungen der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit der angezeigten
tätlichen Auseinandersetzung. Da die Beschwerdeführerin nicht bereit ge-
wesen sei, ihren behandelnden Arzt vom Berufsgeheimnis zu entbinden,
hätten die entsprechenden Aussagen und Patientenakten nicht eingeholt
werden können. Das Schreiben einer in R. ansässigen Ärztin vom 22. Juli
2019 äussere sich nicht zu den angeblichen Verletzungen. Offenbar sei die
Beschwerdeführerin nicht bereit, bei der Aufklärung des Sachverhalts mit-
zuwirken, was zu ihren Lasten zu werten sei. Im Übrigen habe sie sich nicht
zu Art und Aussehen sowie den Entstehungszeitraum der angeblichen Ver-
letzungen, die Untersuchung und das Datum der Untersuchung geäussert.
Beim von der Beschwerdeführerin eingereichten Arztbericht handle es sich
zudem um ein Privatgutachten, welchem lediglich die Bedeutung einer Par-
teibehauptung ohne Beweiswert zu komme. Allfällige Streitigkeiten aus
dem Arbeitsvertrag zwischen der Beschwerdeführerin und K. seien nicht
Gegenstand der Ermittlungen gegen die Beschuldigte und hätten mit ihr
nichts zu tun. Im Ergebnis habe die Beschwerdeführerin mit ihrem am
16. Juli 2019 gezeigten Verhalten vielmehr die drei Beschuldigten geschä-
digt, indem sie im Nagelstudio von K. getobt habe und in Anwesenheit von
Kunden sehr laut gewesen sei, H. in den Unterarm gebissen habe, wild
herumgefuchtelt habe, als sie versucht habe, K. die Tasche zu entreissen,
und dabei K. geschlagen habe. Die Beschuldigte habe lediglich beschwich-
tigend eingegriffen. Während die Aussagen der Beschwerdeführerin wider-
sprüchlich und unklar seien, seien die Aussagen der übrigen Beteiligten
und Zeugen in sich schlüssig, einheitlich und nachvollziehbar. Es sei davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin durch H. und die Beschuldigte
von einem Angriff auf K. abgehalten worden sei. Die Beteiligten hätten so-
mit schlichtend in das Geschehen eingegriffen, ohne unverhältnismässige
Mittel anzuwenden, zumal die Beschwerdeführerin ausser sich gewesen
sei. Das Strafverfahren sei deshalb zu Recht eingestellt worden.
3.
3.1.
Nach Art. 7 Abs. 1 StPO sind die Strafbehörden grundsätzlich verpflichtet,
im Rahmen ihrer Zuständigkeit ein Verfahren einzuleiten und durchzufüh-
ren, wenn ihnen Straftaten oder auf Straftaten hinweisende Verdachts-
gründe bekannt werden.
Die Staatsanwaltschaft verfügt namentlich dann die vollständige oder teil-
weise Einstellung des Verfahrens, wenn kein Tatverdacht erhärtet ist, der
- 7 -
eine Anklage rechtfertigt (Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO). Entscheidend dafür
ist, ob der Verdacht gegen die beschuldigte Person in der Untersuchung
nicht in dem Masse erhärtet wurde, dass Aussicht auf eine Verurteilung
besteht, m.a.W. ein Freispruch zu erwarten ist. Der Tatverdacht ist bereits
dann als anklagegenügend anzusehen, wenn die Tatbeteiligung der be-
schuldigten Person und eine strafrechtliche Reaktion (Strafe oder Mass-
nahme) im Zeitpunkt des Entscheids über die Frage, ob Anklage zu erhe-
ben oder das Verfahren einzustellen ist, bloss wahrscheinlich erscheint.
Dies bedeutet, dass auch in denjenigen Fällen Anklage zu erheben ist, in
denen die Waagschalen von "schuldig oder unschuldig" ungefähr gleich
stehen, insbesondere bei schweren Delikten. Anklage ist auf jeden Fall zu
erheben, wenn eine Verurteilung wahrscheinlicher erscheint als ein Frei-
spruch. Die Staatsanwaltschaft hat nicht eine abschliessende Beurteilung
darüber vorzunehmen, ob sich die beschuldigte Person einer ihr zur Last
gelegten Tat schuldig gemacht hat, sondern nur, ob genügend Anhalts-
punkte vorhanden sind, die es rechtfertigen, das Verfahren weiterzuführen.
In Zweifelsfällen tatsächlicher oder rechtlicher Natur darf das Verfahren
nicht eingestellt werden, da in diesen Fällen das Urteil dem Gericht über-
lassen bleiben soll. Beim Entscheid über Anklageerhebung oder Einstel-
lung gilt der Grundsatz "in dubio pro reo" nicht. Der Grundsatz, dass im
Zweifelsfall nicht eingestellt werden darf, ist auch bei der gerichtlichen
Überprüfung von Einstellungsverfügungen zu beachten (NATHAN LANDS-
HUT/THOMAS BOSSHARD, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozess-
ordnung, 3. Aufl. 2020, N. 15 ff. zu Art. 319 StPO; BGE 138 IV 86 E. 4.1
und 4.2 S. 90 f. sowie BGE 138 IV 186 E. 4.1 S. 190).
3.2.
3.2.1.
Wer gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des Kör-
pers oder der Gesundheit zur Folge haben, ist gemäss Art. 126 Abs. 1
StGB zu bestrafen.
3.2.2.
Gemäss dem schriftlichen Arbeitsvertrag vom 17. Januar 2019 (Untersu-
chungsakten [UA] Reg. 4) und nach ihren übereinstimmenden Aussagen
gegenüber der Kantonspolizei Aargau war die Beschwerdeführerin ab
15. Januar 2019 im Nagelstudio "E." von K., der Ehefrau von H., im L. in
einem Teilzeitpensum als Naildesignerin angestellt. Während des Arbeits-
verhältnisses kam es zu Differenzen zwischen der Beschwerdeführerin und
K. betreffend die Ausstellung von Lohnabrechnungen, die Auszahlung des
Lohns und die Höhe der von der Beschwerdeführerin zu bezahlenden AHV-
Beiträge. Am 2. Juli 2019 erhielt die Beschwerdeführerin vom Treuhänder
von K. die Lohnabrechnungen für Januar bis Juni 2019 per E-Mail zuge-
sandt. Wegen angeblicher Unstimmigkeiten kam es am 16. Juli 2019 zu
einer Aussprache zwischen der Beschwerdeführerin und K. Im Anschluss
- 8 -
daran soll es zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen der Be-
schwerdeführerin einerseits sowie K., H. und der Beschuldigten anderer-
seits gekommen sein.
Am 17. Juli 2019 bescheinigte Dr. med. M., Facharzt für Allgemeine innere
Medizin und Arbeitsmedizin FMH, S., der Beschwerdeführerin eine Arbeits-
unfähigkeit zu 100 % ab 17. Juli 2019 bis voraussichtlich 28. Juli 2019 (UA
Reg. 4). In ihrem Schreiben vom 22. Juli 2019 hielt Dr. med. G., Fachärztin
für innere Medizin FMH, R., fest, sie habe bei der Beschwerdeführerin Hä-
matome an beiden Armen und an der linken Brust festgestellt. Diese Ver-
letzungen stimmten überein mit der Schilderung der Beschwerdeführerin,
wonach der Ehemann ihrer Arbeitgeberin sie an ihren Armen kräftig ge-
packt und, nachdem er sie auf den Boden geworfen habe, Druck auf ihren
Brustkorb ausgeübt habe. Die Beschwerdeführerin leide gemäss ihrer Un-
tersuchung sodann an einem posttraumatischen Stresssyndrom (UA
Reg. 4). In der Folge war die Beschwerdeführerin vom 29. Juli 2019 bis
30. September 2019 zu 100 % arbeitsunfähig (vgl. die ärztlichen Zeugnisse
von Dr. med. G. vom 26. Juli 2019 und des Psychiaters Dr. I., T., vom
20. September 2019 in UA Reg. 4). Die Beschuldigte machte nicht geltend,
dass diese ärztlichen Zeugnisse von der Beschwerdeführerin - die sich als
Privatklägerin konstituiert hat - rechtswidrig erlangt wurden. Solches ergibt
sich auch nicht aus den Akten. Gemäss Art. 139 Abs. 1 StPO setzen die
Strafbehörden zur Wahrheitsfindung alle nach dem Stand von Wissen-
schaft und Erfahrung geeigneten Beweismittel ein, die rechtlich zulässig
sind. Es ist auch nicht ersichtlich, weshalb den zitierten ärztlichen Berichten
keinerlei oder von vornherein nur beschränkter Beweiswert zukommen soll.
Es gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 10 Abs. 2 StPO).
Dieser Grundsatz bezieht sich insbesondere auf die Würdigung der erho-
benen Beweise, deren Überzeugungskraft der Richter von Fall zu Fall an-
hand der konkreten Umstände zu prüfen und bewerten hat, ohne dabei an
gesetzliche Regeln gebunden zu sein oder sich von schematischen Be-
trachtungsweisen leiten zu lassen (BGE 133 I 33 E. 2.1 S. 36). Inwiefern
die von der Beschwerdeführerin vorgelegten ärztlichen Zeugnisse die von
ihr erlittenen Verletzungen unzutreffend wiedergeben sollen, ist nicht er-
sichtlich. Der Beschwerdeführerin wurde am Tag nach dem Vorfall eine Ar-
beitsunfähigkeit zu 100 % bescheinigt und die Diagnose von Dr. med. G.
im am 22. Juli 2019 (d.h. sechs Tage nach dem Vorfall) erstellten Zeugnis
beruht auf ihrer eigenen Untersuchung ("Le médecin soussigné a procédé
à un examen clinique."). Im vorliegenden Verfahren ist demnach auf die
ärztlichen Zeugnisse abzustellen.
Als Beweismittel für den Ablauf des Vorfalls vom 16. Juli 2019 stehen die
gegenüber der Kantonspolizei gemachten Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin einerseits, der Beschuldigten, der Mitbeschuldigten K. und H. ande-
rerseits sowie des als Auskunftsperson befragten J. zur Verfügung.
- 9 -
3.2.3.
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass im vorliegenden Beschwerdeverfahren
keine umfassende Beweiswürdigung und auch keine abschliessende Prü-
fung der Glaubwürdigkeit der einzelnen Beteiligten und der Glaubhaftigkeit
ihrer Aussagen vorzunehmen ist, sondern dies nur insofern zu prüfen ist,
als es für die Frage, ob die Untersuchung zu Recht eingestellt wurde oder
nicht, von Bedeutung ist.
3.2.4.
3.2.4.1.
Die Beschwerdeführerin sagte in der polizeilichen Einvernahme vom
30. August 2019 aus, K. habe ihr seit Beginn des Arbeitsverhältnisses kei-
nen Lohn ausbezahlt, jedoch AHV-Beiträge in bar von ihr eingezogen. An-
hand der am 2. Juli 2019 erhaltenen Lohnabrechnungen habe sie festge-
stellt, dass sie K. pro Monat höhere Beträge als in den Lohnabrechnungen
verzeichnet abgegeben habe. Am folgenden Tag habe sie K. damit kon-
frontiert, dass sie gemäss den Lohnabrechnungen zu hohe AHV-Beiträge
von ihr eingezogen habe und sie das Geld zurückhaben wolle. Daraufhin
habe K. handschriftliche Quittungen erstellt, auf denen sie rückwirkend un-
terschriftlich hätte bestätigen sollen, dass sie Lohn in bar erhalten habe,
was jedoch nicht stimme. Vielmehr habe sie bis zu diesem Zeitpunkt noch
gar keinen Lohn erhalten. Darum habe sie sich geweigert, die handschrift-
lichen Quittungen zu unterschreiben, auch an den folgenden Tagen, als K.
dies von ihr jeweils verlangt habe. Am 16. Juli 2019 sei K. zu ihr gekommen
und habe ihr gesagt, dass sie ihr den Lohn nicht rückwirkend auf ihr Konto
überweisen könne, ihr diesen für die letzten sechs Monate aber bar aus-
zahlen werde, wenn sie die Quittungen unterschreibe. Ebenfalls werde sie
ihr die überschüssigen AHV-Beiträge zurückerstatten. Weil sie ihren Lohn
für die letzten sechs Monate habe erhalten wollen, habe sie die Quittungen
unterschrieben, aber mit dem aktuellen Datum. Daraufhin habe K. ihr die
Quittungen wieder weggenommen, die Lohnabrechnungen ausgedruckt,
die ihnen der Buchhalter geschickt habe, und von ihr die unterschriftliche
Bestätigung verlangt, dass sie die entsprechenden Löhne am Ende jedes
Monats erhalten habe. Weil sie endlich ihren Lohn gewollt habe und ihr K.
versprochen habe, nach ihrer Unterschrift das Geld auszuzahlen, habe sie
die Lohnabrechnungen rückwirkend unterschrieben. Danach habe K. die
Lohnabrechnungen genommen, diese in ihre Handtasche gesteckt und den
Aufenthaltsraum verlassen. Sie sei K. gefolgt und habe sie immer wieder
gefragt, wo jetzt ihr Geld sei, doch K. habe ihr sinngemäss geantwortet, es
gebe kein Geld. Sie sei dumm und würde sowieso den Kürzeren ziehen,
da sie keine Beweise habe und sie die Chefin sei. Sie habe K. hinterherge-
rufen: "Hilfe, das ist Diebstahl! Raub! Raub!" Daraufhin habe K. gemeint,
ihren Aussagen glaube sowieso niemand. Schliesslich sei sie Ausländerin,
und ihre Angestellten würden zu ihr halten. Sie sei K. hinterhergelaufen und
habe nochmals versucht, mit ihr zu reden, doch K. habe nicht zuhören wol-
len und versucht, den Laden zu verlassen. Sie habe daraufhin versucht, K.
- 10 -
den Weg zu versperren, damit diese das Geschäft nicht habe verlassen
können. K. habe dann H., der auch im Nagelstudio anwesend gewesen sei,
aufgefordert, sie (die Beschwerdeführerin) zu packen und festzuhalten, da-
mit sie den Laden habe verlassen können. H. habe sie von vorne an den
Unterarmen gepackt und festgehalten. K. habe versucht, sich an ihr vorbei-
zudrängen. Aus lauter Verzweiflung habe sie nach dem Riemen der Hand-
tasche von K. gegriffen, welche diese umgehängt gehabt habe. Daraufhin
habe H. sie zu Boden gebracht, so dass sie auf dem Rücken gelegen sei.
K. habe sie ebenfalls auf dem Boden festgehalten. Sie habe versucht, sich
zu wehren, doch sie habe nur ihren Kopf bewegen können. Danach sei die
Beschuldigte gekommen, die ebenfalls im Laden gewesen sei, und habe
sie ebenfalls auf den Boden gedrückt. Dies habe K. die Möglichkeit geben,
den Laden zu verlassen. Anschliessend hätten die Beschuldigte und H. sie
an den Armen festgehalten und zurück in den Aufenthaltsraum befördert,
wo sie ihr gesagt hätten, sie solle endlich ruhig sein und aufhören, so her-
umzuschreien. Andernfalls würden sie die Polizei rufen. Danach habe die
Beschuldigte sie zum Bahnhof Baden begleitet, wo sie den Zug in Richtung
Basel genommen habe. Durch den Vorfall habe sie Blutergüsse an der
Brust, ihren Armen und Schultern erlitten und sei deswegen zu einer Ärztin
gegangen (UA Reg. 2, Einvernahmeprot. vom 30. August 2019, S. 3 ff.).
Anlässlich der Konfrontationseinvernahme mit K. vom 25. Februar 2020
machte die Beschwerdeführerin übereinstimmende Aussagen (UA Reg. 7,
Einvernahmeprot. vom 25. Februar 2020, S. 5 ff., 14 f.).
3.2.4.2.
K. führte in der Einvernahme vom 5. November 2019 gegenüber der Kan-
tonspolizei Aargau aus, sie habe der Beschwerdeführerin jeweils Ende Mo-
nat den Lohn ausbezahlt. Wenn sie es verlangt habe, habe sie ihr auch
einen Vorschuss gegeben. Sie habe ihr das Geld aber nicht überwiesen,
sondern in bar gegeben. Dies sei zwei- oder dreimal im Monat passiert. Im
Nachhinein habe sie von der Beschwerdeführerin deren Unterschrift ver-
langt, da sie das Geld schon erhalten habe. Die Aussagen der Beschwer-
deführerin zur Auseinandersetzung vom 16. Juli 2019 stimmten nicht. Ins-
besondere sei nicht wahr, dass sie das Geschäft habe verlassen wollen,
was die Beschwerdeführerin habe verhindern wollen, worauf sie ihren Ehe-
mann H. aufgefordert haben solle, die Beschwerdeführerin zu packen und
festzuhalten, damit sie das Geschäft habe verlassen können. In ihrer Hand-
tasche sei der Umsatz von drei Tagen gewesen, über Fr. 10'000.00. Die
Beschwerdeführerin habe ihr die Handtasche entreissen wollen, was sie
nicht habe zulassen wollen. H. habe die Tasche in der Hand gehabt. Die
Beschwerdeführerin habe sie ihm entreissen wollen. Er habe die Tasche
schützen wollen, darum habe ihn die Beschwerdeführerin gebissen. Wäh-
rend des Vorfalls seien sie und die Beschwerdeführerin zusammen auf den
Boden gestürzt. Die Beschwerdeführerin habe einfach ihre Handtasche ha-
ben wollen. Sie habe nicht gewollt, dass die Beschwerdeführerin ihr vor
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ihren Kunden die Handtasche entreisse. Sie habe ihr gesagt, sie solle in
aller Ruhe mit ihr reden, nicht aber ihre Handtasche wegnehmen. Als eine
Kundin die Polizei verständigt habe, habe die Beschwerdeführerin sofort
das Geschäft verlassen (UA Reg. 5, Einvernahmeprot. vom 5. November
2019, S. 5 ff.).
An der Konfrontationseinvernahme vom 25. Februar 2020 wiederholte K.
im Wesentlichen ihre am 5. November 2019 gemachten Aussagen. Insbe-
sondere hielt sie daran fest, der Beschwerdeführerin immer den Lohn aus-
bezahlt zu haben, aber nicht per Überweisung, sondern in bar. Sie habe
der Beschwerdeführerin wöchentlich die verlangten Lohnvorschüsse in bar
übergeben. Die Beschwerdeführerin habe nichts unterschrieben, aber sie
habe Augenzeugen. Dabei handle es sich um ehemalige und aktuelle An-
gestellte des Nagelstudios. Sie habe von der Beschwerdeführerin manch-
mal eine Unterschrift verlangt, in einem Buch, aber vielleicht sei es verloren
gegangen. Die Lohnvorschüsse hätten manchmal Fr. 500.00, manchmal
Fr. 1'000.00 betragen. Sie habe der Beschwerdeführerin von Januar bis
Juni 2019 jeden Monat den genauen Lohnbetrag als Vorschuss ausbezahlt,
so dass am Ende des Monats kein Lohn mehr fällig gewesen sei. Am
16. Juli 2019 sei es wieder um die Auszahlung eines Lohnvorschusses ge-
gangen. Diesen habe sie der Beschwerdeführerin aber nicht, wie ge-
wünscht, in bar übergeben, sondern überweisen wollen. Zuerst habe sie
gewollt, dass die Beschwerdeführerin die bereits erhaltenen Lohnzahlun-
gen unterschriftlich bestätige. Die Beschwerdeführerin habe die Belege zu-
rückhaben wollen, sie habe sie ihr jedoch nicht gegeben. Sie habe die Be-
schwerdeführerin nicht geschlagen und ihr Ehemann auch nicht. Die Be-
schwerdeführerin habe die Belege zurückholen wollen. Sie habe sie ange-
schrien und ihren Ehemann verletzt. Als die Polizei gekommen sei, sei die
Beschwerdeführerin weggewesen (UA Reg. 7, Einvernahmeprot. vom
25. Februar 2020, S. 6 ff., 15).
3.2.4.3.
H. wurde am 28. Mai 2020 von der Kantonspolizei Aargau einvernommen.
Er gab an, als er in das Geschäft gekommen sei, habe er gesehen, dass
seine Ehefrau K. mit der Beschwerdeführerin gestritten habe. Sie hätten
eine Tasche auseinandergezogen. Er habe "Stopp" gesagt, nach den
Handgelenken der Beschwerdeführerin gegriffen und sie von K. weggezo-
gen, wobei sich die Beschwerdeführerin extrem gewehrt habe. Gleichzeitig
habe er auch versucht, die Finger der Beschwerdeführerin von der Hand-
tasche von K. zu lösen. Anstatt aufzuhören, habe die Beschwerdeführerin
ihn in den linken Unterarm gebissen. Als er versucht habe, den Streit auf-
zubrechen und die Beschwerdeführerin von K. wegzuziehen, habe die Be-
schwerdeführerin immer wieder versucht, nach der Handtasche von K. zu
greifen. Als die Beschwerdeführerin die Handtasche endlich losgelassen
habe, sei er mit ihr zu Boden gegangen. Danach sei die Beschwerdeführe-
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rin aufgestanden und habe wieder auf K. losgehen wollen. Er habe ihr ge-
sagt, sie solle damit aufhören, es seien Kunden im Geschäft. Als die Be-
schwerdeführerin erneut nach der Handtasche von K. habe greifen wollen,
sei eine weitere Frau dazugekommen und habe sie zurückgehalten. Ca.
fünf Minuten später hätten die Beschwerdeführerin und diese Frau das Ge-
schäft verlassen. Die Beschwerdeführerin habe ihn gebissen, bevor sie zu
Boden gegangen seien. Die Beschwerdeführerin habe K. nicht aktiv ange-
griffen. Soweit er es gesehen habe, habe sie K. nur die Handtasche ent-
reissen wollen (UA Reg. 8, Einvernahmeprot. vom 28. Mai 2020, S. 4 ff.).
3.2.4.4.
J. sagte in der polizeilichen Einvernahme vom 1. März 2021 aus, er sei mit
K. befreundet und habe am 16. Juli 2019 K. und die Beschwerdeführerin in
der Mitarbeiterräumlichkeit vis-à-vis an einem Tisch sitzen und diskutieren
sehen. Er sei dann weggegangen, weil er das Gespräch nicht habe stören
wollen. Etwa eine Minute später seien ihm K. und die Beschwerdeführerin
gefolgt. Dann sei es plötzlich laut geworden. Als er hingeschaut habe, habe
die Beschwerdeführerin mit der offenen Hand von allen Seiten her gegen
den Oberkörper von K. geschlagen und versucht, an die Tasche zu gelan-
gen. Sie habe regelrecht herumgefuchtelt. H. sei dazwischengegangen und
habe versucht, die beiden zu trennen. Das sei ihm nur halbwegs gelungen
und er sei dabei von der Beschwerdeführerin in den Arm gebissen worden.
Eine weitere Person (Mann oder Frau) sei ebenfalls dazwischengegangen.
Die Beschwerdeführerin und K. hätten in der Folge voneinander abgelas-
sen und kurze Zeit später sei die Polizei gekommen. Wer zuerst tätlich ge-
worden sei, habe er nicht gesehen. Er habe gewusst, dass es beim Disput
zwischen der Beschwerdeführerin und K. um Geld gegangen sei, da sie
Lohnstreitigkeiten gehabt hätten. Davon, dass die Beschwerdeführerin K.
die Handtasche habe entreissen wollen, weil Letztere mit den sich in der
Tasche befindenden, von der Beschwerdeführerin unterschriebenen Lohn-
abrechnungen (welche als Quittungen dienen sollten) das Geschäft habe
verlassen wollen, wisse er nichts. Er könne sich das auch nicht vorstellen.
Nachträglich habe ihm K. gesagt, sie habe der Beschwerdeführerin immer
den vollen Lohn überwiesen und verstehe nicht, warum diese so wütend
sei. Es stimme, dass die Beschwerdeführerin während der tätlichen Ausei-
nandersetzung von K., H. und einer weiteren Frau (der Beschuldigten) auf
den Boden gedrückt und festgehalten worden sei, weil sie sich so aufbrau-
send und aggressiv verhalten habe (UA Reg. 8, Einvernahmeprot. S. 2 und
4 f.).
3.2.4.5.
Die Beschuldigte gab am 27. Dezember 2019 in der Befragung durch die
Kantonspolizei an, sie kenne die Beschwerdeführerin seit Anfang 2018 und
habe ihr gelegentlich mit Übersetzungen bei Anwalts- und Arztterminen ge-
holfen. Anfang 2019 habe sie der Beschwerdeführerin die Arbeitsstelle bei
K. vermittelt. Am 16. Juli 2019 sei sie im Nagelstudio anwesend gewesen,
- 13 -
weil K. sie gebeten habe, im Konflikt mit der Beschwerdeführerin zu schlich-
ten. K. habe der Beschwerdeführerin Dokumente zum Unterschreiben ge-
geben. Dann sei es zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen den
beiden gekommen. Dabei habe die Beschwerdeführerin K. die Handtasche
entreissen wollen und sich an der Handtasche festgehalten. K. habe die
Handtasche aber nicht losgelassen. H. und sie selber hätten die Beschwer-
deführerin an den Armen gegriffen und sie weggezogen, um den Streit zu
beenden. Es stimme aber nicht, dass sie und H. die Beschwerdeführerin
während der Auseinandersetzung auf den Boden gedrückt und festgehal-
ten hätten. Nachdem sie die Beschwerdeführerin weggezogen habe, habe
sie diese gefragt, was sie denn mache und ob sie das Geschäft von K.
zerstören wolle. Sie habe die Beschwerdeführerin aufgefordert, ihre Sa-
chen zu packen, und dann mit ihr das Geschäft verlassen (UA Reg. 6, Ein-
vernahmeprot. vom 27. Dezember 2019, S. 3 ff.).
3.2.5.
Dr. med. G. stellte bei der Beschwerdeführerin Hämatome an beiden Ar-
men und an der linken Brust fest. Diese Verletzungen stimmen überein mit
der Schilderung der Beschwerdeführerin, wonach sie an ihren Armen kräf-
tig gepackt und auf den Boden gedrückt worden sei. Ins Bild, Opfer einer
tätlichen Auseinandersetzung geworden zu sein, passt auch, dass die Be-
schwerdeführerin an einem posttraumatischen Stresssyndrom litt.
Die Aussagen der Beschwerdeführerin zum Ablauf der Auseinanderset-
zung sind detailliert, konstant und erscheinen grundsätzlich schlüssig und
in sich stimmig. Zudem wurden sie in den wesentlichen Punkten von den-
jenigen der Beschuldigten, von H. und J. bestätigt. Die Aussagen der Be-
schwerdeführerin erscheinen demnach grundsätzlich nicht weniger glaub-
haft als jene der Beschuldigten. Insbesondere J., der an der tätlichen Aus-
einandersetzung nicht beteiligt war, sondern diese nur beobachtet hatte,
bestätigte, dass die Beschwerdeführerin während der tätlichen Auseinan-
dersetzung von K., H. und der Beschuldigten auf den Boden gedrückt und
festgehalten worden sei. Der nicht mitbeschuldigte J. kann von der Staats-
anwaltschaft Baden noch als Zeuge unter Wahrheitspflicht und Androhung
der Straffolgen von Art. 307 StGB bei falschem Zeugnis befragt werden.
Beim derzeitigen Stand der Untersuchung ist nicht ersichtlich, weshalb H.,
K. und J. die Beschuldigte zu Unrecht einer Straftat bezichtigen sollten, zu-
mal sich H. und K. damit auch selbst belasten würden. Andererseits hat die
Beschuldigte wegen der möglichen strafrechtlichen Folgen ein erhebliches
Interesse an der Feststellung, dass sie gegenüber der Beschwerdeführerin
keine Tätlichkeiten begangen habe.
Demzufolge kann beim gegenwärtigen Untersuchungsstand nicht gesagt
werden, dass bei einer Anklage wegen Tätlichkeiten i.S.v. Art. 126 Abs. 1
StGB höchstwahrscheinlich mit einem Freispruch der Beschuldigten zu
rechnen wäre.
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3.3.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Voraussetzungen für eine
Einstellung der Strafuntersuchung gegen die Beschuldigte gestützt auf
Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO im heutigen Zeitpunkt nicht erfüllt sind. In Gut-
heissung der Beschwerde ist die Einstellungsverfügung der Staatsanwalt-
schaft Baden vom 23. August 2021 deshalb aufzuheben.
4.
4.1.
Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die Kosten des Rechts-
mittelverfahrens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. Hebt
die Rechtsmittelinstanz einen Entscheid auf und weist sie die Sache zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück, so trägt der Kanton die Kos-
ten des Rechtsmittelverfahrens und, nach Ermessen der Rechtsmittel-
instanz, jene der Vorinstanz (Art. 428 Abs. 4 StPO). Diese letztgenannte
Bestimmung bezieht sich insbesondere auf kassatorische Entscheide über
Beschwerden gemäss Art. 397 Abs. 2 StPO (THOMAS DOMEISEN, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 25 zu
Art. 428 StPO).
Ausgangsgemäss sind die Kosten des vorliegenden Beschwerdeverfah-
rens somit auf die Staatskasse zu nehmen. Über die Tragung der Untersu-
chungskosten wird zu gegebener Zeit die Staatsanwaltschaft Baden bzw.
das angerufene erstinstanzliche Gericht zu entscheiden haben.
4.2.
Der Anspruch der Beschwerdeführerin auf angemessene Entschädigung
für notwendige Aufwendungen richtet sich nach Art. 433 StPO und hängt
vom Ausgang des Strafverfahrens ab. Es ist deshalb zurzeit nicht möglich,
die Entschädigung für das vorliegende Beschwerdeverfahren festzulegen.
Das Beschwerdeverfahren betreffend die Einstellungsverfügung wird im
Rahmen der Regelung der Entschädigung der Parteien im Endentscheid
zu berücksichtigen sein (Art. 421 Abs. 1 StPO; vgl. Urteil des Bundesge-
richts 1B_531/2012 vom 27. November 2012 E. 3).