Decision ID: 145b31f7-391d-513a-9f8c-efd920379daf
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KG
Chamber: SG_KG_002
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: civil_law

Sachverhalt:
1. Die Beschwerdegegnerin hat mit Eingabe vom (...) 2014 vor Kreisgericht X eine
Klage betreffend Revision des Entscheides des gleichen Kreisgerichtes vom (...)
anhängig gemacht und beantragt, es sei die güterrechtliche Auseinandersetzung im
Ehescheidungsverfahren vor dem Kreisgericht X in Anbetracht der Erkenntnisse aus
dem Strafverfahren gegen den Beschwerdeführer neu durchzuführen und der
Beschwerdegegnerin ein güterrechtlicher Ausgleichsbetrag nach durchgeführtem
Beweisverfahren zuzusprechen. Auf entsprechende Aufforderung der Familienrichterin
vom (...) 2014 hin reichte der Beschwerdeführer – nach gewährten Fristerstreckungen –
am (...) 2014 seine Stellungnahme zum Revisionsbegehren ein, wobei er diese als
Klageantwort bezeichnete. Er beantragte dessen Abweisung zufolge Unzulässigkeit
und Unbegründetheit.
Mit Schreiben vom (...) 2014 teilte die Familienrichterin den Parteien mit, die Akten
lägen beim Kantonsgericht, weshalb sie sich zu gegebener Zeit wieder melden und das
weitere Verfahren anzeigen werde. Es erfolgte eine Korrespondenz der Familienrichterin
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mit der Beschwerdegegnerin betreffend unentgeltliche Rechtspflege, welche mit einer
Abweisung des entsprechenden Gesuches am (...) 2015 abgeschlossen wurde. Mit
Schreiben vom (...) 2015 teilte diese den Parteien mit, das Revisionsverfahren ohne
Gegenantrag bis zum Vorliegen des Entscheides in der Strafsache zu sistieren. Ohne
entsprechende Aufforderung reichte die Beschwerdegegnerin am (...) 2015 beim
Kreisgericht X eine Stellungnahme ein. Diese Eingabe wurde dem Beschwerdeführer
nach dem Vorliegen des Entscheides in der Strafsache am (...) 2016 zugestellt. Am (...)
2016 reichte dieser - wiederum nach gewährten Fristerstreckungen - eine weitere, von
ihm als Duplik bezeichnete Eingabe ein. Diese wurde von der Familienrichterin der
Beschwerdegegnerin zugestellt. Gleichzeitig informierte diese die Parteien, dass als
nächster Schritt zu einer Instruktionsverhandlung vorgeladen würde. Kurz darauf
verlangte sie von der Beschwerdegegnerin einen Kostenvorschuss (...). Weiter
erkundigte sich der Beschwerdeführer mit Schreiben vom (...) 2016 bei der
Familienrichterin nach dem Ziel, welches mit der Instruktionsverhandlung verfolgt
würde. Daraufhin teilte sie mit Schreiben vom (...) Mai 2016 den Parteien u.a.
Folgendes mit:
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers würde das Gericht die Eingaben der
Parteien vom (...) 2015 und (...) 2016 nicht als Replik und Duplik im Sinne eines
zweiten Schriftenwechsels erachten. Es sei vorgesehen, anstatt wie angekündigt zur
Instruktionsverhandlung, direkt zur Hauptverhandlung vorzuladen. Da weder ein zweiter
Schriftenwechsel noch eine Instruktionsverhandlung stattgefunden hätten, könnten
neue Tatsachen und Beweismittel zu Beginn der Hauptverhandlung unbeschränkt
vorgebracht werden (Art. 229 Abs. 2 ZPO). Im Anschluss an die Verhandlung würde
das Gericht, vorbehältlich notwendiger Beweisabnahmen, entscheiden, ob das
Revisionsgesuch gutzuheissen oder abzuweisen sei. Erst nach rechtskräftiger
Gutheissung wäre gemäss Art. 333 ZPO in der Sache neu zu entscheiden. Schliesslich
wurde eine Terminabsprache für die Hauptverhandlung in Aussicht gestellt.
Gegen dieses Schreiben der Familienrichterin, welches der Beschwerdeführer als
prozessleitende Verfügung bezeichnet, erhebt er fristgerecht Beschwerde und
beantragt:
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Die prozessleitende Verfügung des Kreisgerichtes X vom (...) Mai 2016 betreffend
Revision sei aufzuheben und es sei festzustellen, dass im hängigen Revisionsverfahren
vor Kreisgericht X der doppelte Schriftenwechsel abgeschlossen und die
Novenschranke damit eingetreten ist.
(...)

Aus den Erwägungen:
2. Gemäss Art. 319 lit. b Ziff. 2 ZPO sind unter anderem prozessleitende Verfügungen
mit Beschwerde anfechtbar, wenn durch sie ein nicht leicht wiedergutzumachender
Nachteil droht. Darauf beruft sich nun der Beschwerdeführer und weist darauf hin, dass
die entsprechenden Voraussetzungen gegeben seien. Die Beschwerdegegnerin
verneint dies.
a) Zwischen den Parteien ist als erstes umstritten, ob das Schreiben des
Kreisgerichtes X vom (...) Mai 2016 (unterzeichnet von der Familienrichterin und der
Gerichtsschreiberin) überhaupt als prozessleitende Verfügung zu betrachten ist.
Während der Beschwerdeführer dies geltend macht, widerspricht die
Beschwerdegegnerin unter Hinweis darauf, dass die Voraussetzung gemäss Art. 124
ZPO nicht erfüllt sei.
b) Das Gericht leitet den Prozess. Es erlässt die notwendigen prozessleitenden
Verfügungen zur zügigen Vorbereitung und Durchführung des Verfahrens (Art. 124 Abs.
1 ZPO). Diese dienen dazu, den Prozess mit den notwendigen Schritten bis zum
Endentscheid zu führen. Prozessleitende Verfügungen sind damit Entscheide, die im
Laufe des Prozesses getroffen werden, ausser Zwischenentscheide, Endentscheide
und vorsorgliche Massnahmen (Leuenberger/Uffer-Tobler, Schweizerisches
Zivilprozessrecht, N 8.12). Mithin sind das alle Anordnungen, welche im Verlaufe des
Verfahrens für dessen ordnungsgemässe Abwicklung und für die Vorbereitung des
Urteils notwendig sind, ohne sich über die Zulässigkeit und Begründetheit der Klage
auszusprechen (BSK ZPO – Gschwend/Bornatico, Art. 124 N 1; A. Staehelin/
D. Staehelin/Grolimund § 17 N 18). Eine abschliessende Zusammenstellung von
möglichen prozessleitenden Verfügungen gibt es nicht, dazu gehören namentlich
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folgende Handlungen: Fristansetzungen in Bezug auf Rechtsschriften und auf Zahlung
von Vorschüssen (und deren Festlegung), Vorladungen zu Verhandlungen,
Beweisverfügungen, Trennung oder Vereinigung von Klagen, Entscheide über
Ausstandsgesuche, Verfügungen betreffend unentgeltliche Rechtspflege, Sistierung
des Verfahrens und Abschreibung des Verfahrens (Leuenberger/Uffer-Tobler, a.a.O.,
N 8.13 ff.). Im vorliegend zur Diskussion stehenden Verfahren hat die Familienrichterin
ganz verschiedene prozessleitende Verfügungen erlassen. Beispielhaft sind die
Fristansetzungen zur Stellungnahme zur Revisionsklage, zur Zahlung des
Kostenvorschusses, zur Einreichung weiterer Stellungnahmen, der Entscheid
betreffend unentgeltliche Prozessführung, der Entscheid betreffend Sistierung und
zuletzt im angefochtenen Schreiben die Ansetzung einer Hauptverhandlung zu nennen.
Es ist offensichtlich, dass das letztere Schreiben im erwähnten Zusammenhang eine
prozessleitende Verfügung ist und zwar eine solche, die im Gesetz im Zusammenhang
mit einer Beschwerde nicht ausdrücklich erwähnt wird. Daher ist hier die zusätzliche
Voraussetzung, dass diese nur anfechtbar ist, wenn durch sie ein nicht leicht
wiedergutzumachender Nachteil droht, zu prüfen (Art. 319 lit. b Ziff. 2 ZPO).
Das Schreiben vom (...) Mai 2016 enthält nun allerdings nicht nur den Umstand der
Festlegung einer Hauptverhandlung; vielmehr äussert es sich auch zur Frage der
Bedeutung der eingereichten Rechtsschriften und zur Problematik der Noven. Es stellt
sich die Frage, ob diese Anordnungen zu den prozessleitenden Verfügungen gehören,
die im Rahmen der Verfahrensleitung festzulegen sind. Dies erscheint fraglich, sind
diese Problemkreise doch grundsätzlich durch das zuständige Gericht und zwar nach
Anhörung der Parteien dazu (eine solche Gelegenheit wurde bisher den Parteien nicht
eingeräumt) zu erörtern und zu beurteilen. Grundsätzlich erscheint es nämlich
problematisch, wenn im Rahmen der Prozessleitung in Bezug auf einzelne Bereiche
(auch wenn diese formeller Natur sind) Fragen vorab und ohne jede Vorankündigung
beantwortet werden, die von der Revisionsinstanz zu beurteilen sind. Es erscheint sehr
fraglich, ob die entsprechenden Ausführungen von der Prozessleitung „abgedeckt“
sind und damit überhaupt zu den prozessleitenden Verfügungen gehören.
Selbst wenn man aber davon ausginge, dass eine solche Vorbeurteilung ohne weiteres
zuzulassen wäre, so würde sich dann die Frage des nicht leicht
wiedergutzumachenden Nachteiles stellen. Wie schon erwähnt ist die Frage der
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Zulassung von Akten, neuen Beweisen und überhaupt Noven u.a. gerade
Beurteilungsgegenstand des vom Gericht - vorliegend nach Durchführung der
angeordneten Verhandlung - zu beurteilenden Revisionsverfahrens. Diesbezügliche
Entscheide sind im Zusammenhang mit dem Haupturteil anzufechten. In dem Sinne
fehlt es vorliegend offensichtlich auch am nicht leicht wiedergutzumachenden Nachteil
(vgl. Freiburghaus/Afheldt, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger, ZPO Komm.,
Art. 319 N 14).
Immerhin ist aber festzuhalten, dass die Familienrichterin durch ihr Vorgehen das
vorliegende Verfahren gewissermassen „provoziert“ hat. Als Reaktion der betroffenen
Partei hätte es aber genügt, wenn sie beispielsweise dagegen Protest erhoben hätte,
sich die entsprechenden Einwendungen für die Hauptverhandlung vorbehalten hätte
und sich dann in dieser entsprechend wehren würde. Über die zur Diskussion
stehenden Fragen kann nämlich nur das urteilende Gericht, nicht aber die
Prozessleitung entscheiden, wobei es keine Rolle spielt, ob dies allenfalls die gleiche
Person ist.
In dem Sinne fehlt es in jedem Falle am nicht leicht wiedergutzumachenden Nachteil
und damit einer Voraussetzung für die Erhebung einer Beschwerde gemäss Art. 319 lit.
b Ziff. 2 ZPO. Auf diese ist daher nicht einzutreten.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Kantonsgericht, 09.08.2016 Art. 124 Abs. 1, 319 lit. b ZIff. 2 ZPO: Prozessleitende Verfügungen sind Anordnungen, welche im Verlaufe des Verfahrens für dessen ordnungsgemässe Abwicklung und für die Vorbereitung des Urteils notwendig sind, ohne sich über die Zulässigkeit und Begründetheit der Klage auszusprechen. Fraglich im Falle eines Schreibens, welches sich über die Frage der Bedeutung der eingereichten Rechtsschriften und zur Problematik der Noven äussert. Diesbezüglich sind ohnehin die Voraussetzungen für eine Beschwerde nicht gegeben (Kantonsgericht, Einzelrichter im Familienrecht, 9. August 2016, FE.2016.6).
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2021-09-19T08:15:07+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen