Decision ID: fbde1410-d3ac-492f-8326-769b885a7084
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) Oktober 2019 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Personalienaufnahme (PA) vom 1. November
2019 und der Anhörung vom 5. Dezember 2019 machte er im Wesentli-
chen Folgendes geltend:
Er sei kurdischer Ethnie, geboren in B._, C._, wo er bis zu
seiner Ausreise im (...) 2019 gewohnt habe. Sein Vater sei im Jahr (...)
getötet worden, weil er als Terrorist bezeichnet worden sei. Wegen dieses
Vorwurfs habe er (der Beschwerdeführer) während der Schulzeit unter
Mobbing gelitten. Er habe wiederholt an Demonstrationen der HDP (Halkla-
rin Demokratik Partisi) teilgenommen und das Newroz-Fest gefeiert. Im
Jahr 2008 sei er von Faschisten mit dem Messer verletzt worden, da er in
einem Café mit einem Freund auf Kurdisch gesprochen habe. Seit 2013
sei er auf Facebook aktiv und setze sich dort für die Rechte der Kurden
und Kurdinnen ein. Er sei deshalb beschuldigt worden, eine illegale Orga-
nisation zu führen und Mitglied derselben zu sein. Gemäss einem Gerichts-
urteil vom (...) 2013 sei er aus der Haft entlassen worden, wobei ihm eine
Ausreisesperre auferlegt und er dazu verpflichtet worden sei, (...) eine Un-
terschrift zu leisten. Vor dem Hintergrund des Massakers in B._ im
Jahr 2015 sei er vom Islam zum Christentum konvertiert. Am (...) 2019 sei
er am Flughafen in D._ vier Stunden lang von der Polizei festgehal-
ten worden. Diese habe ihm den Pass abgenommen und ein Dokument
ausgehändigt. Er habe viele regierungskritische Beiträge auf Facebook ge-
postet und einige davon wieder gelöscht. Wegen seiner Aktivitäten habe
die Antiterrorpolizei Anfang (...) 2019 in ziviler Kleidung seine Tür aufge-
brochen und eine Razzia bei ihm durchgeführt. Seine Mutter habe ihm da-
nach erzählt, dass die Polizisten sie beschimpft und gedroht hätten, ihn
(den Beschwerdeführer) zu töten. Er sei in Unterwäsche geflüchtet und
habe sich zu seiner Schwester begeben. Nachdem er sich zwei Tage lang
dort versteckt gehabt habe, sei er zu seinem Onkel in E._ gegan-
gen. Dort sei er sechs Monate lang geblieben. Dieses Dorf grenze an
Kobane und die türkische Regierung habe dort Militärbasen errichten wol-
len. Ungefähr im (...) 2019 seien er und die anderen Bewohner seines Dor-
fes daher dazu aufgefordert worden, im Rahmen der «(...)» das Dorf zu
verlassen. Danach habe er sich definitiv dazu entschlossen, sein Heimat-
land zu verlassen.
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Anfang (...) 2019 habe die Polizei seine Ehefrau im Dorf aufgesucht und
komme seither regelmässig bei ihr vorbei.
Als Nachweis für seine Identität legte der Beschwerdeführer seine Identi-
tätskarte sowie seinen Führerschein (jeweils in Kopie) ins Recht. Weiter
reichte er folgende Beweismittel zu den Akten:
– Gerichtsbeschluss betreffend Inhaftierung vom (...) 2013 und Freilas-
sung vom (...) 2013
– Gerichtsdokument betreffend Haft vom (...) 2013 (mit den Auflagen:
Ausreisesperre und Unterschriftenleistung jeweils (...) beim nächsten
Polizeiposten)
– Facebook-Post vom (...) Juni 2015 mit regierungskritischem Inhalt
– Ausreiseverbot vom (...) 2019
– Aufforderung an die Dorfbewohner von E._, das Dorf zu verlas-
sen
– Zwei Fotos der Umgebung des Dorfes E._
– Schreiben eines Freundes des Vaters aus dem Jahr 1982
B.
Mit Verfügung vom 10. September 2020 – eröffnet 15. September 2020 –
verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdefüh-
rers und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie seine Weg-
weisung aus der Schweiz und den Vollzug an.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 15. Oktober 2020
beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Ver-
fügung, die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Erteilung von
Asyl. Eventualiter sei die Verfügung in den Dispositivpunkten 3 und 4 auf-
zuheben, die Unzulässigkeit sowie die Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeven-
tualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Bestellung der rubrizierten Rechtsvertreterin als unentgeltliche
Rechtsbeiständin.
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Der Beschwerde legte er ein Referenzschreiben von F._ (angeblich
ehemalige [...] der HDP von C._), ein Schreiben von G._
(angeblicher ehemaliger (...) vom H._ in C._), ein Schreiben
von Rechtsanwalt I._ vom 21. September 2020, ein Einvernahme-
befehl der Staatsanwaltschaft C._ an die Sicherheitsdirektion der
Polizei vom (...) August 2020, Fotos betreffend die geltend gemachte
Hausdurchsuchung und von Polizeiautos sowie mehrere Medienartikel zur
«Selbstorganisation im Südosten der Türkei», betreffend Anschläge gegen
Kurden und Kurdinnen in C._ sowie betreffend Verfolgungsmass-
nahmen gegen politische Aktivisten und Aktivistinnen bei.
D.
Mit Instruktionsverfügung vom 29. Oktober 2020 hiess die Instruktionsrich-
terin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie
um amtliche Rechtsverbeiständung unter der Voraussetzung des fristge-
rechten Nachreichens einer Fürsorgebestätigung gut. Gleichzeitig lud sie
die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
E.
Mit Eingabe vom 30. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Für-
sorgebestätigung nach.
F.
Mit Vernehmlassung vom 18. November 2020 hielt die Vorinstanz mit er-
gänzenden Ausführungen an ihrer Verfügung fest.
G.
Am 24. November 2020 wurde dem Beschwerdeführer Gelegenheit zur
Einreichung einer Replik gewährt. Mit Eingabe vom 9. Dezember 2020
reichte er unter Beilage weiterer Beweismittel (Strafanzeige an die Staats-
anwaltschaft C._ vom (...) Juli 2020 sowie Auszüge aus seinem Fa-
cebook-Profil) eine Replik ein.
H.
Am 16. Dezember 2020 reichte der Beschwerdeführer weitere, bereits in
der Beschwerdeschrift angekündigte Beweismittel (Bestätigungsschreiben
des J._ vom 21. September 2020, Fotos von seinen Teilnahmen an
politischen Anlässen) zu den Akten.
I.
Die Vorinstanz wurde am 18. Dezember 2020 dazu aufgefordert, zur Replik
und den neu eingereichten Beweismitteln Stellung zu nehmen.
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Seite 5
J.
Mit Duplik vom 6. Januar 2021 hielt das SEM mit ergänzenden Ausführun-
gen an seiner Verfügung fest.
K.
Der Beschwerdeführer wurde am 8. Januar 2021 zur Einreichung einer
Triplik eingeladen. Diese reichte er am 25. Januar 2021 ein und legte dabei
Beweismittel im Original bei, welche er zuvor als Kopien eingereicht hatte
(Referenzschreiben von F._, Schreiben von G._; vgl. Bst.
C). Weiter reichte er die gegen ihn erhobene Strafanzeige an die Staats-
anwaltschaft C._ vom (...) Juli 2020 mit dem Stempel Asli Gibidir –
was gemäss dem Beschwerdeführer «wie im Original» bedeutet – nach
(vgl. Bst. G).
L.
Mit Eingaben vom 12. Februar 2021, vom 25. Januar 2021 (Eingang beim
BVGer: 8. März 2021) und vom 25. März 2021 reichte der Beschwerdefüh-
rer folgende weitere Beweismittel zu den Akten:
– Gerichtlicher Vorführbefehl des Haftrichters vom (...) September 2020
– Vollmacht zugunsten des Rechtsanwalts K._ in L._ vom
(...) März 2021
– Arztbericht vom 2. März 2021
– Schreiben des Rechtsanwalts K._ in L._ (undatiert)
– Einvernahmebefehl der Staatsanwaltschaft C._ an die Sicher-
heitsdirektion der Polizei vom (...) Juli 2020
– Eingabe der Staatsanwaltschaft C._ an das (...) C._
vom (...) September 2020
– Ermittlungsakte mit dem Titel (...); Untersuchung des Facebook-Profils
des Beschwerdeführers vom (...) September 2020
– Urteil des ersten (...) C._ vom (...) September 2020
– Eingabe der Gendarmerie Abteilung (...) an die Staatsanwaltschaft
(Abteilung [...]) vom (...) November 2020
– Personalienblatt Beschuldigter
– Beschluss über die Vereinigung des Verfahrens vom (...) Dezember
2020
– Protokoll der Staatsanwaltschaft vom (...) November 2020
M.
Mit Zwischenverfügung vom 1. April 2021 wurde der Beschwerdeführer
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Seite 6
dazu aufgefordert, Übersetzungen der eingereichten fremdsprachigen Do-
kumente einzureichen. Dieser Aufforderung kam er am 14. April 2021
nach.
N.
Mit Eingabe vom 15. April 2021 legte er das bereits in Kopie eingereichte
Schreiben des Rechtsanwalts K._ in L._ im Original zu den
Akten. Ausserdem reichte er erneut den gerichtlichen Vorführbefehl des
Haftrichters vom (...) September 2020 – neu mit einem Stempel versehen
– ein und machte geltend, es handle sich dabei um einen beglaubigten
Ausdruck des türkischen Justiz-Informationssystems UYAP (Ulusal Yargı
Ağı Bilişim Sistemi), was durch die Unterschrift des Gerichtsschreibers be-
ziehungsweise der Gerichtsschreiberin bestätigt worden sei. Zudem legte
er eine Bestätigung für die Registrierung auf UYAP bei.
O.
Die Vorinstanz wurde am 19. April 2021 eingeladen, sich zu den neu ein-
gereichten Beweismitteln zu äussern.
P.
Am 10. Mai 2021 reichte der Beschwerdeführer weitere Übersetzungen
von Beweismitteln ein, welche dem SEM in der Folge zugestellt wurden.
Q.
Mit Eingabe vom 8. Juni 2021 hielt die Vorinstanz an ihrer Verfügung fest.
R.
Am 10. Juni 2021 wurde dem Beschwerdeführer Gelegenheit gegeben,
sich zu den Ausführungen der Vorinstanz zu äussern. Diese Gelegenheit
nahm er mit Eingabe vom 25. Juni 2021 wahr.
S.
Am 29. Januar 2022, am 18. Februar 2022 und am 26. Mai 2022 reichte
der Beschwerdeführer folgende weitere Beweismittel zu den Akten:
– Anweisung der Staatsanwaltschaft D._ an die (...) ([...]) vom
(...) Juli 2021
– Anweisung der Staatsanwaltschaft ([...]) an das (...) vom (...) Juni 2021
– Anzeigeschreiben gegen den Beschwerdeführer vom (...) Juni 2021
– Verhandlungsprotokoll des (...) Strafgerichts C._ vom (...) De-
zember 2021
– Klageschrift der Staatsanwaltschaft C._ vom (...) Juni 2021
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– Haftbefehl des (...) Strafgerichts C._ vom (...) Juli 2021
– Verhandlungsprotokoll des (...) Strafgerichts C._ vom (...) April
2022
– Haftbefehl des (...) vom (...) August 2021
T.
Am 31. März 2022 erkundigte sich der Beschwerdeführer über den Verfah-
rensstand. Die Instruktionsrichterin informierte ihn am 5. April 2022 dar-
über, dass das Verfahren in Bearbeitung sei, jedoch keine verbindlichen
Angaben über die voraussichtliche Dauer bis zum Urteilszeitpunkt gemacht
werden könnten.
U.
Mit Instruktionsverfügung vom 22. Juni 2022 wurde der Beschwerdeführer
zur Übersetzung von weiteren Beweismitteln aufgefordert. Dieser Auffor-
derung kam er mit Eingabe vom 30. Juni 2022 (Poststempel) nach.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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Seite 8
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, dass die Vorbringen
des Beschwerdeführers nicht asylrelevant beziehungsweise unglaubhaft
seien. Die zweimonatige Untersuchungshaft im Jahr 2013 sei aus einem
anderen als dem von ihm angegebenen Grund erfolgt. In der Entlassungs-
anordnung sei nämlich aufgeführt, seine Untersuchungshaft sei einzig we-
gen Verstosses gegen (...) Gesetz Nr. (...) angeordnet worden. Deshalb
sei davon auszugehen, dass der andere Anklagepunkt im Feststellungs-
protokoll – mithin die Gründung einer Organisation mit dem Ziel der Bege-
hung von Straftaten im Sinne von Art. 220 tStGB (türkisches Strafgesetz-
buch) – nicht ihn, sondern andere Mitangeklagte betreffe. Die Haft würde
deshalb keine Asylrelevanz entfalten. An einer Stelle habe er angegeben,
wegen seiner Ethnie und Zugehörigkeit zu einer politischen Familie nicht
mehr zur Schule zugelassen worden zu sein. An einer anderen Stelle habe
er demgegenüber ausgesagt, er habe aufgrund des erlittenen Mobbings
keine Lust mehr gehabt, die Schule zu besuchen. Seine behauptete Lese-
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Seite 9
schwäche sei unglaubhaft. Es handle sich dabei um ein Täuschungsma-
növer, um sein Unwissen über den Haftgrund sowie die verhängten Aufla-
gen zu erklären. Die Razzia habe er unsubstantiiert geschildert, weshalb
sie unglaubhaft sei. Es sei zudem nicht nachvollziehbar, dass seine Fami-
lienmitglieder trotz des Eintretens der Haustür nicht aufgestanden seien.
Ausserdem habe er nicht erwähnt, sich angesichts der Razzia um seine
Ehefrau und Kinder gesorgt zu haben, was aber zu erwarten sei. Unglaub-
haft sei ausserdem, dass gegen ihn eine Ausreisesperre verhängt worden
sei. Im Jahr 2018 sei ihm ein Pass ausgestellt worden und am (...) 2019
sei er – anstatt sofort festgenommen zu werden – vom Flughafen nach
C._ geschickt worden. Dass er einer gemäss seinen Angaben poli-
tischen Familie angehöre, ändere nichts an dieser Einschätzung. Der Tod
seines Vaters im Jahr (...) stehe in keinem zeitlichen und sachlichen Kau-
salzusammenhang zu seiner Ausreise.
4.2 Dem entgegnet der Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeschrift,
das SEM habe den Sachverhalt nicht richtig und ungenügend festgestellt
sowie die Beweismittel falsch gewürdigt. Er habe seit seiner Kindheit von-
seiten des Staats und der Gesellschaft Gewalt erlebt. Daher sei er trauma-
tisiert. Aufgrund seines schulischen und kulturellen Hintergrunds habe er
die Fragen nicht verstanden und immer mit Beispielen geantwortet. Es sei
ihm nicht möglich gewesen, auf eine andere Art von seinen Asylgründen
zu berichten. Mit der Erwähnung der zweimonatigen Untersuchungshaft
habe er weder sein Asylgesuch begründen noch das SEM täuschen wol-
len. Er habe angegeben, lediglich zu vermuten, dass er damals aufgrund
seiner Aktivitäten auf Facebook inhaftiert worden sei. Zum jetzigen Zeit-
punkt laufe tatsächlich ein Verfahren gegen ihn aufgrund Aktivitäten auf
den sozialen Medien. Es werde ihm die «Beleidigung des türkischen
Staatsoberhaupts» vorgeworfen. Im August 2020 sei sein Haus durchsucht
worden und es stünden Polizeiautos vor seiner Tür. Er habe an keiner
Stelle erwähnt, nicht mehr für die Schule zugelassen worden zu sein. Statt-
dessen habe er geltend gemacht, als «Sohn eines Terroristen» abgestem-
pelt worden zu sein und, dass er deshalb nicht mehr habe dorthin gehen
können. Das SEM begründe nicht, weshalb es seine Leseschwäche für
unglaubhaft befinde. Betreffend die politische Einstellung seiner Familie
habe er keine Reflexverfolgung geltend machen wollen. Vielmehr habe er
damit aufzeigen wollen, weshalb er sich für die kurdische Freiheitsbewe-
gung einsetze. Beweismittel in Bezug auf seine politisch aktiven Familien-
mitglieder wolle er erst beibringen, wenn diese sich in Sicherheit befinden
würden.
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4.3 In ihrer Vernehmlassung vom 18. November 2020 hält die Vorinstanz
fest, es erstaune, dass der Beschwerdeführer – trotz der erklärten Schwei-
gepflicht des SEM – Beweise betreffend die Verfolgung seiner politisch ak-
tiven Verwandten nicht einreichen wolle. Es sei ausserdem nicht erstellt,
inwiefern diese Verwandten politisch aktiv seien und weshalb der Be-
schwerdeführer eine Reflexverfolgung zu befürchten habe. Auf die behaup-
tete Lese- und Schreibschwäche sei schon in der Verfügung eingegangen
worden. In der Befragung seien keine Anzeichen für eine Traumatisierung
festgestellt worden. Die auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel
lägen nur in Kopie vor und hätten deshalb eine geringe Beweiskraft. Die
Schreiben mit dem Titel «An die zuständige Behörde» (Ilgili Makama), wel-
che auf Wunsch des Beschwerdeführers ausgestellt worden seien, seien
vage und unsubstantiiert. Aus ihnen gehe kein Gefährdungsprofil des Be-
schwerdeführers hervor. Die geltend gemachte Strafverfolgung wegen Prä-
sidentenbeleidigung sei durch die eingereichten Beweismittelkopien nicht
belegt. Eine allenfalls eingeleitete behördliche Verfolgung ziehe noch lange
keine flüchtlingsrechtlich relevante Verurteilung nach sich. Die Verfahrens-
akten, auf welche der Staatsanwalt in seinem Schreiben Bezug nehme,
lägen nicht vor. Die in der Beschwerdeschrift erwähnten Beweismittel seien
im Beschwerdedossier nicht vorhanden. Auch sonst lägen dem SEM keine
Informationen zu den geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten vor.
Personen mit hängigen Ermittlungsverfahren ohne Festnahme- bezie-
hungsweise Vorführbefehl ohne zusätzliche Risikofaktoren erfüllten die
Flüchtlingseigenschaft in der Regel nicht. Sodann stünden die eingereich-
ten Internetausdrucke und Zeitungsartikel nicht im Zusammenhang mit sei-
ner Person. Aus den Fotoausdrucken sei weder eine Hausdurchsuchung
noch eine Polizeipräsenz erkennbar, die eine allfällige Verfolgung unter-
mauern könnten. Es erstaune, dass er auf Beschwerdeebene untaugliche
Beweismittel eingereicht habe, anstatt seine Person betreffende Akten,
etwa einen Haftbefehl oder eine Anklageschrift, aus der offiziellen Online-
Plattform E-Devlet herunterzuladen und beizubringen.
4.4 Der Beschwerdeführer repliziert, für die erwähnte Reflexverfolgung
könne er momentan keine Beweise vorlegen, da die erwähnte Person sich
in der Türkei befinde und sich vor Repressionen durch die türkische Polizei
fürchte. Er (der Beschwerdeführer) befinde sich in Quarantäne, weshalb er
die Belege betreffend seine weiteren Verwandten nicht beschaffen könne.
Seine Aussagefähigkeit in den Befragungen sei aufgrund der Lese- und
Schreibschwäche sowie wegen seiner Traumatisierung beeinträchtigt. Als
abgewiesener Asylsuchender sei es schwierig, einen Therapieplatz zu er-
halten. Erstaunlich sei, dass das SEM fest davon überzeugt sei, dass er
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Seite 11
nicht traumatisiert sei. Die Unterlagen des Strafverfahrens wegen Beleidi-
gung des Staatsoberhaupts würden Rechtsanwältinnen nur in Kopie erhal-
ten. Der Zugang zu Akten von Ermittlungsverfahren auf dem UYAP-Portal
beziehungsweise auf E-Devlet sei schwierig. Es müsse zu diesem Zweck
ein Antrag an die zuständige Staatsanwaltschaft gestellt und bewilligt wer-
den. Sein Rechtsanwalt in der Türkei habe das Mandat niedergelegt, da er
(der Beschwerdeführer) die Anwaltskosten nicht mehr tragen könne. Er
habe durch eine Bekannte weitere Ermittlungsakten beschaffen können.
(...)., welcher auf Gemeindeebene in der Parteiführung der (...) ([...]) ar-
beite, habe gegen ihn eine Strafanzeige wegen seiner Aktivitäten in den
sozialen Medien erhoben. Daraufhin habe der Staatsanwalt die zuständige
Polizeiabteilung angewiesen, ihn (den Beschwerdeführer) als beschuldigte
Person einzuvernehmen. Die Beleidigung des Staatsoberhaupts werde mit
einer Freiheitsstrafe von einem bis vier Jahren bestraft. Wenn die Beleidi-
gung öffentlich – wie vorliegend in den sozialen Medien – erfolge, werde
die Strafe um einen Sechstel erhöht. Die Menschenrechtslage in der Türkei
verschlechtere sich stetig, und Folter sowie unmenschliche Behandlung
kämen immer öfter vor. Es stehe fest, dass gegen ihn ein Strafverfahren
eingeleitet worden sei. Ein Festnahme- beziehungsweise Vorführbefehl
folge erst, wenn die Polizei feststelle, dass er dem Einvernahmebefehl
keine Folge leiste. Das Strafverfahren habe er in der Anhörung vom 5. De-
zember 2019 nicht erwähnen können, da es erst im Jahr 2020 eröffnet wor-
den sei.
4.5 In der Duplik vom 6. Januar 2021 hält die Vorinstanz fest, dass hängige
Untersuchungs- beziehungsweise Gerichtsverfahren wegen Präsidenten-
beleidigung für sich allein keine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung
begründeten. Sodann erwähnt sie erneut, dass Beweismittelkopien nur
eine beschränkte Beweiskraft aufwiesen.
4.6 Dem hält der Beschwerdeführer in seiner Triplik vom 25. Januar 2021
entgegen, ihm drohe aufgrund der Äusserung seiner Meinung auf den so-
zialen Medien ein hohes Strafurteil. Die Verfolgung gründe auf seinen po-
litischen Aktivitäten in der Türkei und in der Schweiz. Die zahlreichen straf-
rechtlichen Untersuchungen in der Türkei wegen Präsidentenbeleidigung
zeigten auf, dass es sich um politisch motivierte Verfolgungsmassnahmen
handle.
4.7 Das SEM führt in seiner Quadruplik vom 8. Juni 2021 aus, das einge-
reichte Beweismittel mit dem Titel Yakalama Emri stelle keinen Haftbefehl,
sondern einen gerichtlichen Vorführbefehl zwecks Befragung durch die
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Staatsanwaltschaft dar. Im Entscheidprotokoll des Haftrichters vom
(...) September 2020 sei ausdrücklich erwähnt, dass der Beschwerdefüh-
rer nach der Einvernahme wieder auf freien Fuss zu setzen sei. Das allfäl-
lige Gerichtsverfahren falle in die sachliche Zuständigkeit des Strafgerichts
für leichtere Straftaten, welches milder urteile als das Gericht für schwere
Straftaten. Es sei zwar damit zu rechnen, dass er bei der Einreise am Flug-
hafen angehalten und eine Einvernahme via Skype durch die zuständige
Staatsanwaltschaft durchgeführt werde. Es sei aber nicht davon auszuge-
hen, dass er in Untersuchungshaft genommen werde, zumal keine ein-
schlägigen Vorstrafen gegen ihn vorlägen. Selbst wenn durch die Staats-
anwaltschaft eine Untersuchungshaft beim Haftrichter beantragt würde,
werde diese gemäss Praxis der türkischen Haftrichter aufgrund der Unver-
hältnismässigkeit abgelehnt. Allenfalls werde ihm eine Meldepflicht sowie
eine Ausreisesperre auferlegt. Diese Massnahmen würden jedoch man-
gels Intensität keine Asylrelevanz entfalten. Mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit habe er mit einer Busse oder einer bedingten Freiheitsstrafe
zu rechnen.
4.8 In der Eingabe vom 25. Juni 2021 macht der Beschwerdeführer gel-
tend, die Polizei suche in der Türkei noch immer nach ihm und bedrohe
seine Familie. Zuletzt habe sie am (...) Juni 2021 eine Hausdurchsuchung
in seiner Wohnung in der Türkei durchgeführt. Die Beamten hätten behaup-
tet, dass er seit Jahren Propaganda für die PKK (Partiya Karkerên Kur-
distanê) verbreite. Vor allem für Personen, die wegen tatsächlicher oder
vermuteter Verbindungen zur PKK strafrechtlich verfolgt würden, bestehe
ein erhebliches Risiko von Misshandlungen und Folter bei Festnahmen
oder ausstehenden Haftstrafen. Die Verfolgung sei nachgewiesen und das
SEM habe den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig und falsch
festgestellt. Der Quintuplik legte er Fotos der behaupteten Hausdurchsu-
chung bei.
5.
5.1 In der Beschwerdeschrift wird der Vorinstanz eine Verletzung des Un-
tersuchungsgrundsatzes vorgeworfen. Diese formelle Rüge ist vorab zu
prüfen, da sie allenfalls geeignet sein könnte, eine Kassation der erstin-
stanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2).
5.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m.
Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige
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Seite 13
und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sor-
gen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die
rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber
Beweis zu führen. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn
nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt
wurden, unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird, etwa, weil die Rechtserheblichkeit einer Tat-
sache zu Unrecht verneint wird, so dass diese nicht zum Gegenstand eines
Beweisverfahrens gemacht wird, oder weil Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.2 m.w.H.).
5.3
5.3.1 Die Vorinstanz geht davon aus, dass der Beschwerdeführer mangels
einschlägiger Vorstrafen nicht in Untersuchungshaft genommen werde.
Falls eine solche beantragt würde, würde diese wohl aufgrund der Unver-
hältnismässigkeit abgelehnt. Er habe allenfalls mit einer Meldepflicht, einer
Ausreisesperre, einer Busse oder einer bedingten Freiheitsstrafe zu rech-
nen. All diese Massnahmen würden jedoch mangels Intensität keine Asyl-
relevanz entfalten. Nach Auffassung des Gerichts greift diese Darstellung
zu kurz, zumal nicht ersichtlich ist, auf welche Quellen sich die Einschät-
zung der Vorinstanz abstützt.
5.3.2 Die Türkei hatte seit 2001 eine Reihe von Justiz-Reformen durchge-
führt, die dem Ziel dienen sollten, die Voraussetzungen für eine Aufnahme
in die Europäische Union (EU) zu erfüllen. Insgesamt stellten die eingelei-
teten umfassenden Rechtsreformen in rechtsstaatlicher Hinsicht einen
Fortschritt dar. Gleichwohl blieb die Situation in der Praxis auch nach die-
sen Reformen problematisch. Namentlich tatsächliche oder mutmassliche
Mitglieder von als staatsgefährdend eingestuften Organisationen blieben
gefährdet, von den Sicherheitskräften verfolgt und in deren Gewahrsam
misshandelt oder gefoltert zu werden. Auch die repressive Politik des tür-
kischen Staates gegen linksgerichtete und kurdische Journalisten dauert
weiter an und wurde sogar verstärkt. Grundlage für die Haft und Verurtei-
lungen sind das TCK oder das ATG. Diese Gesetze sind namentlich des-
halb problematisch, weil die darin enthaltenen vagen Bestimmungen dazu
führen, dass legale politische Aktivitäten wie die freie Meinungsäusserung
oder das Demonstrieren als terroristisch eingestuft und als solche verfolgt
werden können (vgl. BVGE 2013/25 E. 5.2.2, E. 5.4.1 und E. 5.4.2.). Nach
den Parlamentswahlen im Juni 2015 respektive im November 2015 und
dem gleichzeitigen Wiederaufflackern des Kurdenkonflikts hat sich die
Menschenrechtslage in der Türkei zudem wieder deutlich verschlechtert
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und seit dem gescheiterten Militärputsch gegen die Regierung vom
15./16. Juli 2016 ist gar eine Eskalation bezüglich Inhaftierungen und poli-
tische Säuberungen festzustellen (vgl. dazu die Urteile des BVGer
D-3154/2021 vom 1. November 2021 E. 6.3 m.w.H. und D-5836/2018 vom
6. April 2021 E. 5.3.2). Trotz der Aufhebung des zweijährigen Ausnahme-
zustandes im Juli 2018 sind die negativen Auswirkungen der getroffenen
Notstandsmassnahmen auf Demokratie und Grundrechte weiterhin stark
zu spüren. Namentlich wird die Meinungsäusserungs- und die Versamm-
lungsfreiheit von Oppositionspolitiker/-innen, Journalist/-innen, Menschen-
rechtsverteidiger/-innen sowie Kritiker/-innen der Regierungspolitik nach
wie vor eingeschränkt und diese sind ständig mit gerichtlichen Schikanen
konfrontiert. Dies betrifft insbesondere kurdische und prokurdische Orga-
nisationen und Parteien (vgl. AUSTRIAN CENTRE FOR COUNTRY OF ORIGIN
AND ASYLUM RESEARCH AND DOCUMENTATION [ACCORD], Türkei: COI-Com-
pilation, Dezember 2020, S. 42 ff., 120 f., 203 ff.; EUROPÄISCHE KOMMIS-
SION, Commission Staff Working Document, Turkey 2020 Report, 6. Okto-
ber 2020, S. 10 ff.). Die türkischen Behörden gehen rigoros gegen tatsäch-
liche und vermeintliche Regimekritiker und Oppositionelle vor. Dabei sind
fingierte Terrorismus-Anklagen sowie übermässig lange und willkürliche In-
haftierungen an der Tagesordnung. Die türkische Justiz ist ebenfalls politi-
schem Druck ausgesetzt, was eine faire und unabhängige Prozessführung
erschwert (vgl. Urteile des BVGer D-3595/2020 vom 30. April 2021 E. 6.3,
E-2168/2018 vom 7. Dezember 2020 E. 6, D-5655/2017 vom 17. März
2020 E. 3.5.5, jeweils m.w.H.). Vor diesem Hintergrund geht das Bundes-
verwaltungsgericht in seiner aktuellen Praxis davon aus, dass im Einzelfall
Personen, denen in der Türkei Unterstützung von als terroristisch einge-
stuften Organisationen vorgeworfen wird, begründete Furcht vor Verfol-
gung haben (vgl. Urteile des BVGer E-3665/2020 vom 14. September 2022
E. 5.4 und E-1264/2020 vom 6. April 2020 E. 5.2, jeweils m.w.H.).
5.3.3 Aus den vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismitteln lässt
sich – unter Vorbehalt deren Echtheit – schliessen, dass in der Türkei of-
fenbar seit Juli 2020 mehrere strafrechtliche Ermittlungsverfahren im Zu-
sammenhang mit Einträgen respektive geteilten Beiträgen auf Facebook
gegen ihn hängig sind. Der Beschwerdeführer wird anscheinend verdäch-
tigt, den Staatspräsidenten beleidigt sowie «Propaganda für eine Terroror-
ganisation» betrieben zu haben. Aus den eingereichten Unterlagen geht
hervor, dass die Generalstaatsanwaltschaft von C._ am (...) Juni
2021 gestützt auf die erfolgten Ermittlungen wegen Beleidigung des
Staatspräsidenten einen Strafantrag gegen den Beschwerdeführer erlas-
sen sowie die Auferlegung von Sicherheitsmassnahmen nach Art. 53
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tStGB beantragt hat. In der Folge wurde er am (...) Juli 2021 von der (...)
Kammer für Strafsachen in C._ für eine Befragung am (...) 2021
vorgeladen. Gemäss Verhandlungsprotokoll des (...) Strafgerichts in
C._ konnte der Haftbefehl gegen den Angeklagten nicht vollstreckt
werden und die Befragung wurde auf den (...) 2022 vertagt. Am (...) 2022
wurde die Anhörung aufgrund der Abwesenheit des Beschwerdeführers
wiederum auf den (...) 2022 verschoben. Des Weiteren ist offenbar gegen
ihn am (...) Juni 2021 eine Anzeige aufgrund seiner seit dem (...) 2016 ge-
posteten Beiträge in den sozialen Medien erhoben worden. Am (...) Juni
2021 hat der Staatsanwalt des «(...)» offenbar die diesbezüglichen Unter-
lagen zuständigkeitshalber dem «(...)» weitergeleitet.
5.3.4 Vorliegend hat sich das SEM nicht explizit zur Echtheit der vom Be-
schwerdeführer eingereichten Beweismittel geäussert. Aufgrund seiner Er-
wägungen ist indessen davon auszugehen, dass es diese grundsätzlich
nicht in Frage stellt. Vielmehr geht die Vorinstanz davon aus, dass der Be-
schwerdeführer als Ersttäter mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht
mit ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG, sondern mit einer
Busse oder einer bedingten Freiheitsstrafe zu rechnen habe. Es könne
sein, dass ihm bei einer Rückkehr eine Meldepflicht oder eine Ausreise-
sperre auferlegt werde.
Geht man von der Echtheit der eingereichten Beweismittel aus, ist anzu-
nehmen, dass gegen den Beschwerdeführer in der Türkei wegen Beleidi-
gung des Staatspräsidenten sowie «Propaganda für eine Terrororganisa-
tion» Ermittlungs- beziehungsweise Strafverfahren eingeleitet worden sind
und er zur Einvernahme vorgeladen wurde. Mehrere Vorladungstermine
hätte er aufgrund seiner Landesabwesenheit verpasst. Angesichts dessen
ist nicht auszuschliessen, dass inzwischen über ihn ein Datenblatt angelegt
wurde. Der Beschwerdeführer reicht auf Beschwerdeebene neue Beweis-
mittel ein, welche die Vorinstanz noch nicht hat berücksichtigen können.
Mit Blick auf die eingereichten Unterlagen ist zurzeit unklar, ob – wie dies
vom Beschwerdeführer behauptet wird – er tatsächlich verhaftet und zu
einer langen Freiheitstrafe verurteilt würde. Die Frage, ob er im Falle einer
Rückkehr in die Türkei dort einer asylbeachtlichen Verfolgung seitens der
türkischen Behörden ausgesetzt wäre, kann daher bei der derzeitigen Ak-
tenlage und ohne weitergehende Abklärungen nicht mit ausreichender Si-
cherheit beantwortet werden.
5.4 Gestützt auf die Sachverhaltsfeststellungen der Vorinstanz sieht sich
das Gericht nicht in der Lage, über die Asylrelevanz der vorgebrachten
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Strafverfolgung zu befinden. Die Auffassung der Vorinstanz, es ergäben
sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür, dass dem Beschwerdefüh-
rer im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung
drohe, greift insbesondere im Hinblick auf die eingereichten Beweismittel
zu kurz. Die Vorinstanz wäre gehalten gewesen, weitere Abklärungen zu
den Vorbringen des Beschwerdeführers vorzunehmen. Indem sie dies je-
doch unterliess und die objektive Begründetheit der vom Beschwerdefüh-
rer vorgebrachten Furcht vor ernsthaften Nachteilen verneinte, hat sie den
Sachverhalt nicht richtig abgeklärt und damit den Untersuchungsgrundsatz
verletzt.
6.
6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz-
lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden,
wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er-
scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. dazu BVGE 2012/21 E. 5). Vorlie-
gend liegt der Mangel in einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung,
wobei die unterbliebenen notwendigen Abklärungen eine relativ aufwän-
dige und umfangreiche Beweiserhebung darstellen, weshalb sich eine
Kassation der angefochtenen Verfügung rechtfertigt. Im Übrigen bleibt auf
diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als das
Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet.
6.2 Die eingebrachten Dokumente betreffend die in der Türkei gegen den
Beschwerdeführer laufenden Verfahren und die damit einhergehende Ge-
fährdungslage des Beschwerdeführers im Falle einer Rückkehr in die Tür-
kei sind durch das SEM näher zu prüfen.
6.3 Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die angefochtene Verfü-
gung ist aufzuheben, und die Sache ist zur vollständigen Feststellung des
Sachverhalts im Sinne der vorstehenden Erwägungen sowie zur neuen
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Bei diesem Verfahrens-
ausgang erübrigt es sich, auf die übrigen Ausführungen und Rügen in der
Beschwerde näher einzugehen.
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7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
8.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1'800.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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