Decision ID: b2a187a2-8990-5933-92fb-f3a0728bd782
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog Ergänzungsleistungen zu einer Halbwaisenrente der AHV. Im Januar
2015 zog sie zu ihrem Vater in den Nachbarkanton. Die EL-Durchführungsstelle erhielt
im Februar 2015 Kenntnis von dieser Tatsache (vgl. EL 2018/56, act. G 3.4.35). Sie
stellte die laufende Ergänzungsleistung per 1. März 2015 ein (EL 2018/56, act. G
3.4.33). Die EL-Bezügerin beantragte in der Folge die Aufhebung der
Ergänzungsleistung bereits per 1. Februar 2015, weshalb die EL-Durchführungsstelle
mit einer Verfügung vom 12. März 2015 die für den Monat Februar 2015 bereits
ausbezahlte Ergänzungsleistung von 857 Franken zurückforderte (EL 2018/56, act. G
3.4.30). Da der EL-Anspruch der EL-Bezügerin für den Monat Februar 2015 im
Nachbarkanton nur 739 Franken betragen hatte, konnte die EL-Durchführungsstelle
des Kantons St. Gallen ihre Rückforderung von 857 Franken nur teilweise mit dem
Anspruch im Nachbarkanton verrechnen (vgl. EL 2018/56, act. G 3.4.27). Mit einem
Schreiben vom 29. Mai 2015 informierte sie die EL-Bezügerin darüber, dass sich die
von ihr direkt zu bezahlende Rückforderung auf 118 Franken belaufe (EL 2018/56, act.
G 3.4.26).
A.a.
Am 27. Juni 2016 beantragte die EL-Bezügerin den Erlass dieser sowie zwei
weiterer Rückforderungen (EL 2018/56, act. G 3.4.11–20 f.). Zur Begründung führte sie
aus, sie habe die Leistungen im guten Glauben empfangen. Da sie eine finanzielle
Unterstützung des Sozialamtes erhalte, liege auch eine grosse Härte vor. Mit einer
Verfügung vom 21. September 2018 wies die EL-Durchführungsstelle das Erlassgesuch
betreffend den Teilbetrag von 118 Franken der für den Monat Februar 2015
ausgerichteten Ergänzungsleistungen mit der Begründung ab, die EL-Bezügerin habe
ihren Wohnsitzwechsel verspätet gemeldet, weshalb ein Erlass der Rückforderung
nicht in Frage komme (EL 2018/56, act. G 3.5.2). Am selben Tag erliess die EL-
Durchführungsstelle zwei weitere Verfügungen betreffend die beiden anderen
Erlassbegehren der EL-Bezügerin, die sich auf zwei weitere Rückforderungen bezogen
hatten (EL 2018/56, act. G 3.5.4 f.). Die von der EL-Bezügerin am 10. Oktober 2018
A.b.
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B.
erhobene Einsprache gegen die drei Verfügungen vom 21. September 2018 (EL
2018/56, act. G 3.5.14) wurde von der EL-Durchführungsstelle mit einem Entscheid
vom 31. Oktober 2018 abgewiesen (EL 2018/56, act. G 3.5.16).
Am 3. Dezember 2018 erhob die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerde
führerin) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 31. Oktober 2018 (EL
2018/56, act. G 1). Das Versicherungsgericht führte in seinem Beschwerdeentscheid
EL 2018/56 vom 10. November 2020 aus, die Beschwerdeführerin habe bei genauer
Betrachtung am 10. Oktober 2018 drei Einsprachen erhoben, nämlich je eine gegen die
drei Erlassverfügungen vom 21. September 2018. Die gemeinsame Behandlung der
Einsprachen habe nicht zu einer „Verschmelzung“ der drei Streitgegenstände geführt,
weshalb die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) am 31.
Oktober 2018 drei Einspracheentscheide erlassen habe, gegen die die
Beschwerdeführerin dann drei Beschwerden erhoben habe. Diese drei Beschwerden
seien zwar auch vom Versicherungsgericht gemeinsam behandelt worden, aber die
Streitgegenstände seien weiterhin voneinander unabhängig geblieben. Bezüglich der
Rückforderung vom 12. März 2015 sei das Erlassgesuch verspätet eingereicht worden,
denn der Art. 4 Abs. 4 ATSV verlange, dass ein Erlassgesuch spätestens 30 Tage nach
dem Eintritt der Rechtskraft der Rückforderungsverfügung eingereicht werde. Bei
dieser Frist handle es sich um eine Ordnungsfrist, was bedeute, dass sie in
begründeten Fällen – anders als eine Rechtsmittelfrist – erstreckt werden könne. Sie
könne aber nicht stillschweigend ignoriert werden, weil der Art. 4 Abs. 4 ATSV
ansonsten sinnlos und überflüssig wäre. Die Beschwerdegegnerin hätte deshalb nicht
auf das Erlassgesuch vom 27. Juni 2016 betreffend die Rückforderungsverfügung vom
12. März 2015 eintreten dürfen. Diesbezüglich sei der angefochtene
Einspracheentscheid folglich aufzuheben und durch den Entscheid zu ersetzen, nicht
auf das Erlassgesuch einzutreten.
B.a.
Die Beschwerdeführerin erhob am 17. Dezember 2020 beim Bundesgericht eine
Beschwerde gegen den Entscheid EL 2018/56 des St. Galler Versicherungsgerichtes
vom 10. November 2020. In seinem Urteil 9C_795/2020 vom 10. März 2021 hielt das
Bundesgericht fest (E. 5), bei der Frist gemäss dem Art. 4 Abs. 4 ATSV handle es sich
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/6
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Erwägungen
1.
Der Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens ist vom Bundesgericht in dessen mit
seiner Eröffnung formell rechtskräftig gewordenen Urteil 9C_795/2020 vom 10. März
2021 verbindlich definiert worden (woran der Umstand, dass sich das Bundesgericht in
Verletzung seiner Begründungspflicht nicht mit der Argumentation des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen im Zusammenhang mit der
Interpretation des Art. 4 Abs. 4 ATSV auseinandergesetzt hat, nichts ändert): Das
Versicherungsgericht hat materiell zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin das
Erlassbegehren der Beschwerdeführerin betreffend die am 12. März 2015 verfügte
Rückforderung zu Recht abgewiesen hat, obwohl das Erlassgesuch nach Ablauf der
Frist gemäss dem Art. 4 Abs. 4 ATSV gestellt worden ist. Das Rückweisungsurteil des
Bundesgerichts kann nur so interpretiert werden, dass ein Erlassgesuch jederzeit, auch
lange nach dem Eintritt der Rechtskraft des Rückforderungsentscheides und auch
lange nach der Bezahlung der Rückforderung, gestellt werden kann. Die Möglichkeit,
ein Erlassgesuch zu stellen, dürfte also nach der Auffassung des Bundesgerichts erst
mit der Verwirkung der Rückforderung enden. Damit ist der Art. 4 Abs. 4 ATSV, soweit
er das Stellen eines Erlassgesuches nur während innert dreissig Tagen nach dem
Eintritt der Rechtskraft des Rückforderungsentscheids zulässt, wohl als gesetzwidrig zu
qualifizieren.
2.
um eine Ordnungsfrist und „nicht um eine Verwirkungsfrist“, weshalb die
Beschwerdegegnerin zu Recht auf das Erlassbegehren eingetreten sei. Das St. Galler
Versicherungsgericht habe keine „ernsthaften Gründe“ genannt, die eine Überprüfung
„dieser Rechtsprechung“ nahelegen würden; betreffend die am 12. März 2015 verfügte
Rückforderung sei der Entscheid EL 2018/56 vom 10. November 2020 aufzuheben.
Das Bundesgericht wies die Sache diesbezüglich zur materiellen Entscheidung an das
Versicherungsgericht zurück.
Laut dem Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG müssen unrechtmässige Leistungen
grundsätzlich zurückerstattet werden. Dieser Grundsatz bezweckt die Durchsetzung
des Legalitätsprinzips und des Gleichbehandlungsgebotes, indem er dafür sorgt, dass
eine versicherte Person, die Leistungen erhalten hat, auf die sie von Gesetzes wegen
keinen Anspruch gehabt hat, diese Leistungen zurückerstatten muss. Dadurch wird der
2.1.
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3.
Das Beschwerdeverfahren ist gemäss dem Art. 83 ATSG in Verbindung mit dem Art. 61
lit. a ATSG in der bis zum 31. Dezember 2020 gültigen Fassung kostenlos.