Decision ID: 23999559-e9db-563b-9f45-a487af30b2eb
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist seit dem 9. Mai 2012 im Besitz eines Führerausweises auf Probe für die
Kategorie B. Am Samstag, 22. März 2014, um 7.45 Uhr, lenkte er den Personenwagen
mit dem Kontrollschild SG 0000 von Saland auf der Tösstalstrasse in Richtung Wila. In
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Linkskurve des Bahnübergangs Talau verlor er die Herrschaft über das
Motorfahrzeug, überquerte die Gegenfahrbahn und kollidierte auf der linken
Strassenseite seitlich frontal mit der offenen Bahnschranke. Dabei entstand
Sachschaden am Motorfahrzeug sowie an der Bahnschranke.
B.- Am 21. Mai 2014 erliess das Statthalteramt des Bezirks Pfäffikon, Kanton Zürich,
aufgrund des Vorfalls vom 22. März 2014 einen Strafbefehl gegen X, womit dieser einer
Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG schuldig gesprochen und mit einer
Busse von Fr. 300.– bestraft wurde.
C.- Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs verfügte das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen am 16. Juli 2014 gegen X den Entzug des
Führerausweises auf Probe für die Dauer eines Monats. Das Führen von
Motorfahrzeugen aller Kategorien und Unterkategorien sowie der Spezialkategorie F
wurde ihm während der Dauer des Entzugs untersagt, wobei die Massnahme auch den
Entzug allfälliger Lernfahrausweise und internationaler Führerausweise sowie die
Aberkennung ausländischer Führerausweise zur Folge habe. Die Probezeit des auf
Probe ausgestellten Führerausweises wurde um ein Jahr verlängert, weshalb nach
Ablauf der Entzugsdauer auf seine Kosten ein neuer Führerausweis auf Probe erstellt
werde. Dagegen erhob X am 22. Juli 2014 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit den sinngemässen Anträgen, die
Administrativmassnahme sei aufzuheben und der Vorfall vom 22. März 2014 sei als
leichte Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften zu würdigen. Das
Strassenverkehrsamt verzichtete auf eine Stellungnahme.
Auf die Ausführungen des Rekurrenten sowie die Begründung der Vorinstanz in der
angefochtenen Verfügung wird, soweit erforderlich, in den rechtlichen Erwägungen
eingegangen

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 22. Juli 2014 ist rechtzeitig eingereicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS
951.1, abgekürzt: VRP, Art. 30 Abs. 1 VRP i.V.m. Art. 145 Abs. 1 lit. a der
schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272, abgekürzt: ZPO). Auf den Rekurs ist
einzutreten.
2.- Das Statthalteramt des Bezirks Pfäffikon, Kanton Zürich, stellte im Strafbefehl vom
21. Mai 2014 fest, dass ein Nichtbeherrschen des Fahrzeugs und mangelnde
Aufmerksamkeit vorliegen würden, indem der Beschuldigte in der Linkskurve vor dem
Bahnübergang Talau die Herrschaft über seinen Personenwagen verloren habe und
schliesslich seitlich frontal mit der offenen Bahnschranke kollidiert sei. Dabei sei ein
Sachschaden am Personenwagen sowie an der Bahnschranke entstanden. Die
Vorinstanz ihrerseits hingegen ging davon aus, dass der Rekurrent den Personenwagen
mit nicht angepasster Geschwindigkeit gelenkt und dadurch einen Verkehrsunfall
verursacht habe. Da der Sachverhalt, auf den die Vorinstanz in ihrer Verfügung vom 16.
Juli 2014 abstellte, von demjenigen, auf den im Strafbefehl vom 21. Mai 2014 abgestellt
wurde, abweicht, ist vorab zu klären, welche Sachverhaltsfeststellungen vorliegend
massgeblich sind und inwieweit die Administrativbehörde an die rechtliche Würdigung
der Strafverfolgungsbehörden gebunden ist.
a) Nach Strassenverkehrsdelikten befindet das Strafgericht über die strafrechtlichen
Sanktionen (Freiheitsstrafe, Geldstrafe, Busse) und die Verwaltungsbehörde in einem
separaten Verfahren über Administrativmassnahmen (insbesondere
Führerausweisentzug, Verwarnung). Die Zweispurigkeit des Verfahrens ist zulässig,
kann aber – bei fehlender Koordination – dazu führen, dass derselbe Lebensvorgang zu
voneinander abweichenden Sachverhaltsfeststellungen von Verwaltungs- und
Justizbehörden führt und die erhobenen Beweise abweichend gewürdigt und rechtlich
beurteilt werden. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat die Verwaltungsbehörde
gemäss konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich mit ihrem
Entscheid zuzuwarten, bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Denn das
Strafverfahren bietet durch die verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die
umfassenderen persönlichen und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die
weiterreichenden prozessualen Befugnisse besser Gewähr dafür, dass das Ergebnis
der Sachverhaltsermittlung näher bei der materiellen Wahrheit liegt als im nicht
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
durchwegs derselben Formstrenge unterliegenden Verwaltungsverfahren. An die
rechtliche Würdigung durch das Strafgericht ist die Verwaltungsbehörde nur dann
gebunden, wenn diese stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, die dem
Strafgericht besser bekannt sind als der Verwaltungsbehörde. Für den Betroffenen
bedeutet dies auf der anderen Seite, dass er nicht das Verwaltungsverfahren abwarten
darf, um allfällige Rügen vorzubringen und Beweisanträge zu stellen, sondern nach
Treu und Glauben verpflichtet ist, dies bereits im Rahmen des Strafverfahrens zu tun
und allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu ergreifen (BGE 119 Ib 158 E. 2/c/bb und E. 3/
c/bb; BGE 123 II 97 E. 3c/aa; VRKE IV-2009/152 vom 27. Mai 2010 im Internet abrufbar
unter www.gerichte.sg.ch).
Massgeblich ist also grundsätzlich der Sachverhalt, wie er im Strafverfahren festgestellt
wurde. Nach konstanter Rechtsprechung darf die Verwaltungsbehörde von den
tatsächlichen Feststellungen im Strafurteil nur dann abweichen, wenn sie Tatsachen
feststellt und ihrem Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren
oder die er nicht beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung
zu einem anderen Entscheid führt, wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter
den feststehenden Tatsachen klar widerspricht, oder wenn der Strafrichter bei der
Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat,
namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103
E. 1c; VRKE IV-2012/126 vom 21. März 2013).
b) Vorliegend fand keine Beweiswürdigung durch ein Strafgericht statt. Das
strafrechtliche Verfahren wurde vom Statthalter des Bezirks Pfäffikon, Kanton Zürich,
gestützt auf den Polizeirapport vom 9. April 2014 mit einem Strafbefehl erledigt. Im
Strafbefehl setzte er sich weder mit dem Sachverhalt noch mit der rechtlichen
Subsumtion näher auseinander. Er kannte also die Tatsachen nicht besser als die
Administrativbehörde, die sich gleichermassen auf den Polizeirapport vom 9. April 2014
stützte. Auf Tatsachen, die im Strafverfahren unbeachtet blieben, darf somit abgestellt
werden. Zudem ist die Administrativbehörde nicht an die rechtliche Würdigung des
Sachverhalts durch den Statthalter gebunden.
3.- Strittig ist, ob es sich beim Vorfall vom 22. März 2014 um eine leichte oder eine
mittelschwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften handelt.
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
a) aa) Der Lenker muss das Fahrzeug ständig so beherrschen, dass er seinen
Vorsichtspflichten nachkommen kann (Art. 31 Abs. 1 SVG). Das "Beherrschen" des
Fahrzeugs bedeutet, dass der Lenker jederzeit in der Lage ist, auf die jeweils
erforderliche Weise auf das Fahrzeug einzuwirken und auf jede Gefahr ohne Zeitverlust
genügend schnell und zweckmässig zu reagieren (vgl. BGE 120 IV 63 E. 2a). Der
Lenker muss jederzeit die volle Kontrolle über sein Fahrzeug ausüben und die
Verkehrsregeln beachten können. Er muss jederzeit in der Lage sein, selbst auf
überraschende Verkehrsverhältnisse mit einer durchschnittlichen Reaktionszeit
angemessen zu reagieren. Eine unzureichende Beherrschung des Fahrzeugs kann
unter anderem auf eine ungenügende Aufmerksamkeit im Verkehr oder Überforderung
des Fahrzeuglenkers bzw. des Fahrzeugs, beispielsweise durch übersetzte
Geschwindigkeit zurückzuführen sein (Philippe Weissenberger, Kommentar SVG und
OBG, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2015, Art. 31 N 1 ff.). Der Fahrzeugführer muss seine
Aufmerksamkeit der Strasse und dem Verkehr zuwenden (Art. 3 Abs. 1 Satz 1 der
Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt: VRV). Die Geschwindigkeit ist stets
den Umständen anzupassen, namentlich den Besonderheiten von Fahrzeug und
Ladung, sowie den Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen (Art. 32 Abs. 1 SVG).
bb) Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren
(Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte
Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr
für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft
(Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch
Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in
Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und
wird dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in
Kauf genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Die
mittelschwere Widerhandlung nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG stellt einen
Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer
leichten Widerhandlung und nicht alle qualifizierenden Elemente einer schweren
Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 II 138 E. 2.2.2).
cc) Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Administrativmassnahmen wird dabei zwischen der einfachen und der erhöhten
abstrakten Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen
nach sich (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann
auszugehen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten
betroffen werden können. Führte dieses hingegen zu einer Verletzung eines Rechtsguts
oder einer konkreten bzw. einer erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen
Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete
Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten, tatsächlich daherkommenden
Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die Gefahr einer Körperverletzung
oder gar Tötung bestand (J. Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12).
Zudem ist das Ausmass der üblicherweise entstehenden Schädigung bei Eintritt der
Rechtsgutverletzung zu berücksichtigen (vgl. VRKE IV-2011/113 vom 24. November
2011 E. 3b).
b) aa) Gemäss Rapport vom 9. April 2014 erklärte der Rekurrent gegenüber der Polizei,
dass er bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h mit geschätzten 70
km/h unterwegs gewesen sei. In der massgeblichen Linkskurve habe er plötzlich
bemerkt, dass das Heck rechts ausbreche, weshalb er versucht habe, das
Motorfahrzeug zu bremsen, und gleichzeitig gegengelenkt habe. Seine
Geschwindigkeit in der Kurve sei nicht angepasst gewesen, weshalb er die Herrschaft
über sein Fahrzeug verloren habe. In seiner Stellungnahme vom 5. Juli 2014 an das
Strassenverkehrsamt erklärte er hingegen, dass weder eine überhöhte noch eine
unangepasste Geschwindigkeit vorgelegen habe. Der Unfall habe sich aufgrund einer
Unachtsamkeit seinerseits sowie Kies auf der rechten Strassenseite ereignet. Im
Strafbefehl wurde die Verkehrsregelverletzung mit Nichtbeherrschen des Fahrzeugs
und mangelnder Aufmerksamkeit, nicht aber mit nichtangepasster Geschwindigkeit,
begründet. Insoweit ergab sich für den Rekurrenten keine Veranlassung, hinsichtlich
der Geschwindigkeit Einsprache gegen den Strafbefehl bzw. seine Einwände bereits im
Strafverfahren zu erheben. Da die Vorinstanz von einer nicht angepassten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Geschwindigkeit ausging, sind die diesbezüglichen Vorbringen des Rekurrenten
vorliegend zu prüfen. Gemäss Polizeirapport war zum Unfallzeitpunkt nur ein
schwaches Verkehrsaufkommen zu verzeichnen. Die Strasse war trocken und die
Strecke dem Rekurrenten gemäss seinen eigenen Aussagen bestens bekannt. Es gab
keine Sichtbehinderung. Aus den dem Polizeirapport angefügten Übersichtsaufnahmen
ist ersichtlich, dass es sich um eine relativ weite, übersichtliche Kurve ausserorts
handelt. Es weist nichts darauf hin, dass die Kurve bei den massgeblichen, guten
Strassen- und Witterungsverhältnissen nicht mit 70 km/h befahren werden könnte.
Dass dem Rekurrenten – gemäss einer Zusammenfassung seiner eigenen Aussagen im
Polizeirapport – in der Kurve das Heck rechts ausgebrochen sei, könnte zwar ein Indiz
für eine überhöhte bzw. nicht angepasste Geschwindigkeit darstellen, aus dem
Polizeirapport geht aber nichts hervor, was darauf schliessen lassen würde, dass der
Rekurrent tatsächlich schneller als die von ihm behaupteten 70 km/h gefahren wäre.
Dementsprechend ist eine überhöhte bzw. nicht angepasste Geschwindigkeit nicht
nachgewiesen.
bb) Der Rekurrent erklärte in seinem Rekurs vom 22. Juli 2014 selbst, dass der Unfall
aufgrund einer Unachtsamkeit seinerseits erfolgt sei. Er bestreitet also seine
mangelnde Aufmerksamkeit nicht. Er machte vor der Vorinstanz erstmals geltend, dass
die rechte Strassenseite durch Kies verunreinigt gewesen sei. Aus dem Polizeirapport
geht hingegen nichts dergleichen hervor. Entsprechende Vorbringen hätte der
Rekurrent bereits im Strafverfahren vortragen können und müssen. Im Übrigen muss
ein Lenker sein Motorfahrzeug – wie voranstehend ausgeführt – jederzeit, also auch
dann, wenn die Fahrbahn tatsächlich durch Kies oder Ähnliches verunreinigt ist, unter
Kontrolle haben. Unzweifelhaft hatte der Rekurrent sein Fahrzeug in der Kurve, in der er
von der Fahrbahn abkam und mit einer offenen Bahnschranke auf der linken
Strassenseite kollidierte, nicht im Griff. Damit ist erstellt, dass der Rekurrent sein
Fahrzeug aufgrund seiner mangelnden Aufmerksamkeit im fraglichen Zeitpunkt nicht
beherrschte, womit er eine Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften
beging.
cc) Wäre dem Rekurrenten zum fraglichen Zeitpunkt ein anderes Fahrzeug
entgegengekommen – womit auf einer Strasse mit Gegenverkehr jederzeit zu rechnen
ist –, wäre eine Frontalkollision bei relativ hoher Geschwindigkeit kaum vermeidbar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen. Dies hätte zur Verletzung oder gar Tötung anderer Verkehrsteilnehmer führen
können. Insoweit kann die erhöhte abstrakte Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer
nicht mehr als leicht erachtet werden. Auch das Ausmass des Verschuldens kann bei
einem derartigen Unfall, der aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit geschah, nicht
mehr als leicht beurteilt werden. Dementsprechend ist vorliegend eine mittelschwere
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a
SVG gegeben.
dd) An der Einordnung als mittelschwere Widerhandlung ändert auch der Umstand
nichts, dass der Rekurrent im Strafverfahren wegen einfacher Verkehrsregelverletzung
gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG gebüsst wurde. Die einfache Verkehrsregelverletzung nach
Art. 90 Abs. 1 SVG umfasst administrativrechtlich die leichte und mittelschwere
Widerhandlung gemäss Art. 16a und 16b SVG. Das straf- und das
administrativrechtliche Sanktionensystem sind insoweit nicht deckungsgleich. Von der
strafrechtlichen Sanktion kann deshalb nicht immer und ohne Weiteres auf die
anzuordnende Verwaltungsmassnahme geschlossen werden (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 1C_259/2011 vom 27. September 2011 E. 3.4, und 1C_282/2011 vom
27. September 2011 E. 2.4; VRKE IV-2011/58 vom 24. November 2011 E. 3b).
4.- Zusammengefasst ist erstellt, dass der Rekurrent sein Fahrzeug aufgrund
mangelnder Aufmerksamkeit nicht beherrschte, wodurch er eine Widerhandlung gegen
die Strassenverkehrsvorschriften beging. Da aufgrund der konkreten Umstände weder
die Gefährdung als gering noch das Verschulden als leicht betrachtet werden können,
ist die Widerhandlung als mittelschwer einzustufen (Art. 16b SVG).
5.- Nach einer mittelschweren Widerhandlung wird der Führerausweis für mindestens
einen Monat entzogen (Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG). Der Leumund des Rekurrenten als
Motorfahrzeuglenker war bisher ungetrübt. Eine Entzugsdauer von einem Monat
entspricht der Mindestentzugsdauer, die nicht unterschritten werden darf.
Entsprechend ist die angefochtene Verfügung auch hinsichtlich der Massnahmedauer
zu bestätigen.
6.- Wird dem Inhaber der Ausweis auf Probe wegen einer Widerhandlung entzogen, so
wird die Probezeit um ein Jahr verlängert. Dauert der Entzug über die Probezeit hinaus,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beginnt die Verlängerung mit der Rückgabe des Führerausweises (Art. 15a Abs. 3 SVG;
vgl. auch Art. 35 der Verkehrszulassungsverordnung, SR 741.51, abgekürzt: VZV).
Dementsprechend ist auch Ziffer 4 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung vom
16. Juli 2014 (Probezeitverlängerung) nicht zu beanstanden.
7.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Rekurrenten
zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist zu verrechnen.