Decision ID: d5e35a88-a1cd-5528-a5d3-62aad7f89989
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Mit Gesamtbauentscheid vom 16. Juni 2016 erteilte das Regierungsstatthalteramt
Biel/Bienne dem Beschwerdegegner die Baubewilligung für den Neubau eines
Mehrfamilienhauses mit vier Wohnungen und Einstellhalle auf der Parzelle Pieterlen
Grundbuchblatt Nr. C._. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin mit Datum vom
25. Juli 2016 Beschwerde ein. Die Beschwerdeführerin bittet, ihre verspätet eingereichte
RA Nr. 110/2016/106 2
Beschwerde gutzuheissen. Sie bemerkt, als Laie habe sie nicht gewusst, dass eine
Fristverlängerung nicht möglich sei. Wegen unaufschiebbarer Abwesenheit habe sie die
Beschwerde erst am 25. Juli 2016 einreichen können.
2. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, stellte den
Verfahrensbeteiligten mit Verfügung vom 28. Juli 2016 die Beschwerde zu. Auf einen
Schriftenwechsel verzichtete es. Auf die Eingaben und vorhandenen Akten wird, soweit für
den Entscheid relevant, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden.
Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen den Gesamtentscheid zuständig.
Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung mit
Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin hat sich als Einsprecherin am
vorinstanzlichen Verfahren beteiligt. Sie ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid
beschwert und zur Beschwerdeführung legitimiert.
b) Laut Art. 40 Abs. 1 BauG beträgt die Beschwerdefrist 30 Tage seit Eröffnung des
Entscheids. Die dreissigtägige Frist zur Einreichung einer Beschwerde gegen einen
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
RA Nr. 110/2016/106 3
Gesamtentscheid ist eine gesetzliche Frist (Art. 11 Abs. 1 KoG in Verbindung mit Art. 40
Abs. 1 BauG). Gesetzliche Fristen sind nach Art. 43 Abs. 1 VRPG4 nicht erstreckbar.
c) Fristen, die wie hier durch eine Mitteilung ausgelöst werden, beginnen am folgenden
Tag zu laufen (Art. 41 Abs. 1 VRPG). Eine Frist ist gewahrt, wenn die fristgebundene
Prozesshandlung am letzten Tag der Frist (bis spätestens 24.00 Uhr) vorgenommen wird.
Eine Eingabe muss bis zu diesem Zeitpunkt der Behörde, der schweizerischen Post oder
einer schweizerischen diplomatischen oder konsularischen Vertretung übergeben werden
(Art. 42 Abs. 2 VRPG). Die Frist zur Einreichung eines Rechtsmittels ist eine
Verwirkungsfrist. Damit ist die Rechtzeitigkeit der Beschwerdeeinreichung eine
unabdingbare Eintretensvoraussetzung.
d) Der angefochtene Entscheid des Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne vom 16. Juni
2016 wurde von der Beschwerdeführerin am 18. Juni 2016 bei der Post abgeholt.5 Die
dreissigtägige Beschwerdefrist begann somit für die Beschwerdeführerin am 19. Juni 2016
zu laufen und endete am 18. Juli 2016. Sie hätte zur Wahrung der Frist die Beschwerde
also spätestens am 18. Juli 2016 der schweizerischen Post oder einer bernischen oder
eidgenössischen Verwaltungs- oder Gerichtsbehörde übergeben müssen (Art. 42 Abs. 2
und 3 VRPG). Die Beschwerde wurde jedoch erst am 25. Juli 2016 um 17.58 Uhr bei der
Poststelle Pieterlen aufgegeben. Somit erfolgte die Einreichung der Beschwerde sieben
Tage zu spät.
e) Nach Art. 43 Abs. 2 VRPG kann eine versäumte Frist auf Gesuch hin
wiederhergestellt werden, wenn eine Partei unverschuldeterweise abgehalten worden ist,
fristgerecht zu handeln. Diese Voraussetzung ist hier nicht erfüllt: Der Beschwerdeführerin
war aufgrund der Rechtsmittelbelehrung im angefochtenen Entscheid bewusst, dass sie
den Entscheid innert dreissig Tagen anfechten muss. Dies umso mehr, als sie nach
eigenen Angaben mit Schreiben vom 25. Juni 2016 beim Regierungsstatthalteramt eine
Fristverlängerung beantragte. Unbehelflich ist auch ihr Einwand, in der
Rechtsmittelbelehrung und in Art. 40 BauG werde nirgends erwähnt, dass die
dreissigtägige Beschwerdefrist nicht verlängerbar sei. Von Laien darf erwartet werden,
dass sie sich rechtzeitig erkundigen, z.B. mittels telefonischer Anfrage bei der zuständigen
Rechtsmittelbehörde oder durch Nachfragen bei einer rechtskundigen Person, ob eine Frist
4 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 5 Vgl. «Track & Trace» der Schweizerischen Post zur Nr. 98.00.256000.00210722
RA Nr. 110/2016/106 4
erstreckt werden kann, wenn eine unaufschiebbare Abwesenheit bevorsteht. Dafür stand
der Beschwerdeführerin genügend Zeit zur Verfügung: Von der Baubewilligung hat sie am
18. Juni 2016 Kenntnis erhalten. Danach verstrich gut eine Woche der Rechtsmittelfrist bis
sie beim Regierungsstatthalteramt eine Fristerstreckung beantragte und ihre Abwesenheit
begann. In dieser Zeit hätte die Beschwerdeführerin auch eine Rechtsvertretung beiziehen
können. Diese hätte die Beschwerde problemlos während der Dauer der dreissigtägigen
Rechtsmittelfrist einreichen können. Diese Vorkehrung traf die Beschwerdeführerin nicht.
Andere entschuldbare Gründe macht die Beschwerdeführerin nicht geltend. Solche sind
hier auch nicht ersichtlich. Auf die Beschwerde wird aus diesen Gründen nicht eingetreten.
2. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat damit
grundsätzlich die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Aufgrund des
geringen Aufwands wird hier jedoch auf die Erhebung von Verfahrenskosten verzichtet.
Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).