Decision ID: 122c3115-21e4-42be-b40f-0bac28e2608c
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Januar 2017 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Er gab an, er habe eine Berufslehre zum
kaufmännischen Angestellten bei einem Versicherungskonzern absolviert. Zuletzt habe
er als kaufmännischer Angestellter einen Jahreslohn von 84’000 Franken erzielt. Der
Psychiater Dr. med. B._ berichtete im Februar 2017 (IV-act. 11), der Versicherte leide
seit dem 16. Lebensjahr an einer Agoraphobie mit einer Panikstörung. Der
Schweregrad habe über die Jahre stetig zugenommen. Grundsätzlich bestünden keine
kognitiven Einschränkungen. Der Versicherte sei aber für den Wiedereinstieg auf eine
möglichst „stressfreie“ Arbeitssituation und auf eine gewisse zeitliche Flexibilität
angewiesen. Das Pensum sollte zunächst auf drei bis vier Stunden pro Tag angesetzt
werden. Die Prognose sei vorsichtig optimistisch, obwohl das Leiden chronifiziert sei.
Im April 2017 sprach die IV-Stelle dem Versicherten eine Frühinterventionsmassnahme
in der Form eines „Job Coaching“ zu (IV-act. 28 und 31). Der
Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle notierte im September 2017 (IV-act. 38),
gemäss den Zwischenberichten des „Job Coach“ erweise sich die Wiedereingliederung
des Versicherten auf dem ersten Arbeitsmarkt als schwieriger denn erwartet. Bevor die
nächsten Schritte getan würden, sollte die Arbeitsfähigkeit des Versicherten nochmals
beurteilt werden. Im Oktober 2017 konnte der Versicherte dann allerdings einen
Arbeitsversuch beginnen, der zunächst erfolgreich verlief (vgl. IV-act. 42). Die IV-Stelle
sprach ihm mit einer Verfügung vom 20. November 2017 ein Taggeld für die Dauer des
Arbeitsversuches zu (IV-act. 53). Die Arbeitgeberin forderte im Februar 2018 eine
Steigerung der Präsenz sowie eine erhöhte Flexibilität des Versicherten bezüglich der
Arbeitszeiten als Voraussetzungen für eine Festanstellung (vgl. IV-act. 62 f.). Der
Versicherte konnte sein Pensum in der Folge zwar steigern, aber nicht jene Leistung
A.a.
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erbringen, die die Arbeitgeberin für eine Festanstellung forderte (vgl. IV-act. 64). Nach
dem Ende des Arbeitsversuchs am 30. April 2018 konnte der Versicherte allerdings
einen weiteren Arbeitsversuch für ein Tochterunternehmen beginnen (vgl. IV-act. 68).
Im Mai 2018 erkrankte der Versicherte am „Pfeiffer’schen Drüsenfieber“, weshalb er für
längere Zeit arbeitsunfähig war (vgl. IV-act. 73 und 95–7). Da er in der Folge weiterhin
nur unregelmässig zur Arbeit erschien und stark schwankende Leistungen erbrachte,
brach die Arbeitgeberin den Arbeitsversuch per Ende August 2018 ab; der „Job
Coach“ hielt gegenüber dem Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle fest,
massgebend sei wohl nicht die Angst- und Panikstörung, sondern vielmehr eine
emotionale Problematik respektive ein „Peter Pan-Syndrom“ (vgl. IV-act. 78). Mit einer
Mitteilung vom 30. August 2018 wies die IV-Stelle das Begehren des Versicherten um
berufliche Eingliederungsmassnahmen ab (IV-act. 82).
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete der Neuropsychologe C._ am 20. Juni 2019
ein neuropsychologisches Gutachten (IV-act. 111). Er hielt fest, die Untersuchung habe
insgesamt vier Stunden gedauert. Das Verhalten des Versicherten sei unauffällig
gewesen. Die Symptomvalidierungstests hätten keine Hinweise auf eine negative
Antwortverzerrung geliefert, weshalb die Testergebnisse als valide zu qualifizieren
seien. In den Tests habe der Versicherte keine Beeinträchtigungen der Belastbarkeit,
des Gedächtnisses, der Lernfähigkeit und der allgemeinen Intelligenz gezeigt.
Gesamthaft sei das kognitive Leistungsprofil damit unauffällig und durchschnittlich
gewesen, weshalb aus neuropsychologischer Sicht keine Diagnose mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit gestellt werden könne. Am 27. Juli 2019 erstattete der Psychiater PD
Dr. med. D._ im Auftrag der IV-Stelle ein fachärztliches Gutachten unter
Berücksichtigung der Ergebnisse der neuropsychologischen Testung durch den
Sachverständigen C._ (IV-act. 115). Er führte aus, der Versicherte habe angegeben,
dass er in einem geringen Pensum im Bereich der medizinischen Massage arbeiten
könne und dass er nun gerne die zweijährige Ausbildung zum medizinischen Masseur
absolvieren würde. Er könne sich vorstellen, in diesem Beruf eine konstante Leistung
zu erbringen, ohne durch die Panikattacken oder die Angststörung beeinträchtigt zu
sein. Der psychiatrische Sachverständige hielt fest, der objektive klinische Befund sei
vollständig unauffällig gewesen. Die testpsychologischen Ergebnisse, die anhand
verschiedener Selbstbeurteilungsfragebögen gewonnen worden seien, seien ebenfalls
A.b.
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unauffällig gewesen. Diagnostisch leide der Versicherte an einer gegenwärtig
weitgehend remittierten Agoraphobie mit einer Panikstörung. Im Vordergrund stünden
sozialphobische Ängste bezogen auf Gruppensituationen und Situationen mit einer
ausgeprägten sozialen Interaktion. Darüber hinaus bestehe ein schädlicher Gebrauch
von Benzodiazepinen, möglicherweise auch noch ein Abhängigkeitssyndrom. Der vom
Versicherten ins Auge gefasste Ausweg aus der gegenwärtigen problematischen
angstbesetzten Situation in der Form eines Wechsels der Tätigkeit erscheine als so
vielversprechend, dass dieser beruflichen Weiterentwicklung Priorität einzuräumen sei.
Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit im kaufmännischen und Bürobereich oder im
Aussendienst einer Versicherung könne nur noch zu 20–30 Prozent ausgeübt werden.
Eine adaptierte Tätigkeit sei zunächst zu 50 Prozent zumutbar. Falls sich die Annahmen
des psychiatrischen Sachverständigen bestätigten, sollte rasch eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit erreicht werden können. Am 5. November 2019 notierte Dr. med. E._
vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD; IV-act. 117), das Gutachten werfe
diverse Fragen inhaltlicher und formaler Art auf. Es enthalte keine konkreten
Schilderungen der Einschränkungen durch die Ängste im Arbeitskontext. Der
Sachverständige habe keine Stellung zur Persönlichkeit des Versicherten genommen.
Die Arbeitsfähigkeitsschätzung für die angestammte Tätigkeit sei nicht hinreichend
nachvollziehbar begründet worden. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung für eine adaptierte
Tätigkeit sei prognostisch abgegeben worden. Das in Auftrag gegebene
Drogenscreening sei nicht durchgeführt worden. Der Sachverständige habe den
Medikamentenspiegel nicht bestimmt. Diverse Diskrepanzen (u.a. regelmässige
Teilnahme an Eishockey-Matches) seien nicht diskutiert worden.
Am 2. Oktober 2020 beauftragte die IV-Stelle den Psychiater Dr. med. F._ mit
einer fachärztlichen Begutachtung des Versicherten (IV-act. 141). Der Sachverständige
erstattete das Gutachten am 15. Dezember 2020 (IV-act. 144). Er hielt fest, der
objektive klinische Befund sei völlig unauffällig gewesen. Der Versicherte sei überzeugt,
dass er an einer Agoraphobie leide, habe jedoch auf spezifische Rückfragen hin keine
entsprechenden Symptome angeben können. Die Laboranalyse habe die Einnahme
von Paroxetin und Alprazolam belegt und die Einnahme von Benzodiazepinen gezeigt.
Diagnostisch lägen zwei spezifische isolierte Phobien im Zusammenhang mit der
Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und mit der Ausübung einer kontrollierenden
A.c.
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B.
Bürotätigkeit mit entsprechender Leistungsförderung und Kontrolle sowie eine
psychische und Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen bei einem ständigen
Substanzgebrauch vor. Die Kriterien für die Diagnose einer Agoraphobie seien nicht
erfüllt, denn der Versicherte könne bei grösseren Eishockeyspielen mit Freude zusehen,
Flughäfen aufsuchen, in ferne Länder fliegen und alleine Auto fahren. Da die
Angststörung bezüglich der Tätigkeit im kaufmännischen Bereich auf ganz spezifische
Situationen begrenzt sei, könne sie nicht als eine Agoraphobie oder als eine soziale
Phobie interpretiert werden. Die isolierten Phobien wiesen einen erheblichen
Schweregrad mit einem jahrelangen konstanten Vermeidungsverhalten auf. Die
Suchterkrankung sei nicht schwer ausgeprägt; es handle sich um eine sekundäre
Erkrankung. Sie bewirke keine kognitiven Beeinträchtigungen. Trotzdem sei ein
Benzodiazepinentzug dringend indiziert. Für die angestammte Tätigkeit sei eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit zu attestieren. Eine adaptierte Tätigkeit sei dem
Versicherten dagegen uneingeschränkt zumutbar. Die RAD-Ärztin Dr. med. G._
qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 150).
Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle verglich den zuletzt erzielten Lohn mit dem
statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne (Kompetenzniveau 2) und ermittelte so
einen Invaliditätsgrad von 17,2 Prozent (IV-act. 151). Mit einem Vorbescheid vom 25.
Februar 2021 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie die Abweisung des
Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades vorsehe (IV-
act. 153). Dagegen wandte der Versicherte am 9. April 2021 ein (IV-act. 156), er sei
nicht primär an einer Rente, sondern an beruflichen Eingliederungsmassnahmen
interessiert. Das Gutachten von Dr. F._ belege, dass er seinen erlernten Beruf nicht
mehr ausüben könne. Der Sachverständige Dr. F._ habe festgehalten, dass der
Versicherte einfache, niederschwellige Hilfstätigkeiten ausüben könne. Vor diesem
Hintergrund sei unverständlich, weshalb die IV-Stelle vom Kompetenzniveau 2
ausgegangen sei. Mit einer Verfügung vom 22. April 2021 wies die IV-Stelle das
Rentenbegehren ab (IV-act. 158).
A.d.
Am 21. Mai 2021 liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 22. April 2021 erheben
B.a.
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(act. G 1). Seine Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen Ver
fügung, die Gewährung von beruflichen Massnahmen in der Form einer Berufsberatung
und einer Umschulung sowie eventualiter die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zu weiteren Abklärungen. Zur Begründung
führte sie aus, der Sachverständige Dr. F._ habe eine widersprüchliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben, denn einerseits habe er für leidensadaptierte
Tätigkeiten eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit attestiert, andererseits habe er aber
festgehalten, dass der Beschwerdeführer in der „selbst gewünschten angepassten
Tätigkeit“ nur zu 80–100 Prozent, also nur zu 90 Prozent, arbeitsfähig sei. Für die
Bemessung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens müsse auf den
statistischen Zentralwert im Kompetenzniveau 1 abgestellt werden. Zudem sei ein
„Leidensabzug“ zu berücksichtigen. Die Erwerbseinbusse betrage damit mehr als 20
Prozent, weshalb ein Anspruch auf eine Umschulung bestehe.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 8. Juli 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie an, der Anspruch auf berufliche
Massnahmen habe nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung gebildet. Der
Beschwerdeführer habe nach dem Erlass der Mitteilung vom 30. August 2018, mit der
sein Begehren um berufliche Massnahmen abgewiesen worden sei, nie eine
anfechtbare Verfügung verlangt. Die Abweisung des Begehrens um berufliche
Massnahmen sei deshalb verbindlich geworden. Bezüglich des Rentenanspruchs
erweise sich die Berechnung in der angefochtenen Verfügung als rechtmässig, weshalb
die Beschwerde abzuweisen sei.
B.b.
Am 13. Juli 2021 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt (act. G 7).
B.c.
Der Beschwerdeführer liess am 9. August 2021 geltend machen (act. G 9), er
bestreite „im Grundsatz“ nicht, dass sein Begehren um berufliche Massnahmen am 30.
August 2021 abgewiesen worden sei. Mit seiner Eingabe vom 9. April 2021 gegen den
Vorbescheid vom 25. Februar 2021 habe er aber ausdrücklich erneut eine
Kostengutsprache für eine Berufsberatung und eine Umschulung beantragt. Die
Beschwerdegegnerin habe bis dato nicht über dieses Begehren entschieden, womit sie
das Verfahren in einer unangemessenen und pflichtwidrigen Weise verzögert habe.
B.d.
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Erwägungen
1.
Der Zweck dieses Beschwerdeverfahrens beschränkt sich auf die Überprüfung der
angefochtenen Verfügung auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des vorangegangenen, mit der angefochtenen Verfügung abgeschlossenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Der Beschwerdeführer hat im Januar 2017
sowohl berufliche Eingliederungsmassnahmen als auch eine Rente beantragt, letzteres
gemäss seinen eigenen Angaben allerdings nur eventualiter. Nachdem eine konkrete
Reintegrationsmassnahme gescheitert war, hat die Beschwerdegegnerin das Verfahren
betreffend berufliche Eingliederungsmassnahmen am 30. August 2018 per sofort
abgebrochen, indem sie einen weiteren Anspruch des Beschwerdeführers auf
berufliche Massnahmen verweigert hat. Ihren Entscheid hat sie zwar nur in der Form
einer Mitteilung im Sinne des Art. 51 ATSG und des Art. 58 IVG in Verbindung mit dem
Art. 74 IVV eröffnet, obwohl die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt gewesen sind,
weshalb eine Verfügung hätte ergehen müssen, aber dem Beschwerdeführer ist
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 10. September 2021 auf eine Duplik (act.
G 11).
B.e.
Am 16. September 2021 liess der Beschwerdeführer ein Schreiben der
Beschwerdegegnerin vom 12. August 2021 einreichen (act. G 12 und G 12.1), in dem
diese geltend gemacht hatte, sie habe in der Verfügung vom 22. April 2021 Stellung
zum neuen Begehren um Berufsberatung und Umschulung genommen. Der
Beschwerdeführer folgerte daraus, dass der Anspruch auf berufliche Massnahmen
entgegen der Behauptung der Beschwerdegegnerin in deren Beschwerdeantwort vom
8. Juli 2021 und entgegen einer kürzlich erfolgten „Relativierung“ des Schreibens vom
12. August 2021 eben doch zum Gegenstand des Beschwerdeverfahrens gehöre.
B.f.
Die Beschwerdegegnerin nahm am 8. Oktober 2021 Stellung zu dieser Eingabe
(act. G 14). Sie hielt fest, die Sachbearbeiterin, die das Schreiben vom 12. August 2021
verfasst habe, sei einem Irrtum unterlegen, denn sie habe fälschlicherweise ange
nommen, die Ausführungen zur Invalidenkarriere bezögen sich auf die umschulungs
spezifische und nicht (nur) auf die rentenspezifische Invalidität. Die
Beschwerdegegnerin habe der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers die Situation
am 8. September 2021 telefonisch erklärt und die Sache richtiggestellt.
B.g.
ter
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jedenfalls klar gewesen, dass die Beschwerdegegnerin damit sein Begehren um
berufliche Eingliederungsmassnahmen abgewiesen hat, wie er in seiner Replik selbst
eingeräumt hat. Ob, wie und innert welchem Zeitraum der Beschwerdegegner gegen
diese Mitteilung hätte vorgehen müssen, ist für dieses Beschwerdeverfahren irrelevant,
denn entscheidend ist, dass die Beschwerdegegnerin den Gegenstand des
Verwaltungsverfahrens ab dem 30. August 2018 auf die Prüfung eines
Rentenanspruchs des Beschwerdeführers eingeschränkt hat. Das geht beispielsweise
aus der internen Notiz vom 30. August 2018 hervor: „Da bereits viele Massnahmen im
Rahmen der BM durchgeführt wurden, sind keine weiteren BM angezeigt und der Fall
wird zur Einleitung der weiteren Abklärungen zur Bestimmung der AF an die
Rentenabteilung weitergeleitet“ (IV-act. 81). Mit der angefochtenen Verfügung vom 22.
April 2021 hat die Beschwerdegegnerin schliesslich das sich lediglich noch auf den
Rentenanspruch beschränkende Verwaltungsverfahren abgeschlossen. Den
Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens könnte folglich ausschliesslich die Frage
nach einem Rentenanspruch des Beschwerdeführers bilden. Mit seiner „Beschwerde“
vom 21. Mai 2021 hat der Beschwerdeführer aber nur die Gewährung beruflicher
Eingliederungsmassnahmen beantragt. Ein Anspruch auf berufliche Massnahmen hat
jedoch nicht zum Gegenstand der Verfügung vom 22. April 2021 gehört. Die Auslegung
der Verfügung vom 22. April 2021 und der Beschwerdeschrift vom 21. Mai 2021 zeigt
also, dass sich die „Beschwerde“ zwar formal gegen die Verfügung vom 22. April 2021
gerichtet, inhaltlich aber auf einen ausserhalb der Verfügung vom 22. April 2021
respektive des mit dieser Verfügung abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens bezogen
hat. Der Beschwerdeführer hat dies in seiner Replik selbst eingeräumt, denn er hat
geltend gemacht, seine Eingabe vom 9. April 2021 gegen den Vorbescheid vom 25.
Februar 2021 habe eigentlich keine Einwände gegen jenen Vorbescheid enthalten,
sondern sei als ein neues Leistungsbegehren zu verstehen, weshalb auch die inhaltlich
jener Eingabe entsprechende Beschwerdeschrift nichts anderes als ein Beharren auf
dem neuen Leistungsbegehren gewesen sein kann. Da der Beschwerdeführer in der
Replik geltend gemacht hat, die Beschwerdegegnerin habe eine Rechtsverzögerung
begangen, indem sie sich bislang nicht mit dem neuen Leistungsbegehren befasst
habe, ist zu prüfen, ob die sich vermeintlich gegen die Verfügung vom 22. April 2021
richtende Beschwerde eine Rechtsverzögerungsbeschwerde im Sinne des Art. 56 Abs.
2 ATSG gewesen ist. Das ist nicht der Fall gewesen, da die seit langen Jahren im
Sozialversicherungsrecht tätige Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers die
Beschwerde weder als eine Rechtsverzögerungsbeschwerde bezeichnet noch einen
entsprechenden Beschwerdeantrag gestellt hat. Das Schreiben der
Beschwerdegegnerin an den Beschwerdeführer vom 12. August 2021 ist für dieses
Beschwerdeverfahren irrelevant, weil für die Beantwortung der Eintretensfrage nur der
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Inhalt der Verfügung vom 22. April 2021 massgebend ist und weil die
Beschwerdegegnerin den Inhalt jener Verfügung nicht nachträglich hat verändern
können. Auch der vom Beschwerdeführer erwähnte Grundsatz „Eingliederung vor
Rente“ ändert nichts am Gegenstand der Verfügung vom 22. April 2021, denn bei
einem Invaliditätsgrad, der – wie unten dargelegt wird – selbst ohne eine berufliche
Eingliederung weniger als 40 Prozent beträgt, kann keine Schadenminderungspflicht im
Sinne des Grundsatzes „Eingliederung vor Rente“ (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar,
4. Aufl. 2020, Vorbemerkungen N 86 ff., mit Hinweisen) zur Diskussion stehen. Obwohl
die Eingabe vom 21. Mai 2021 keinen Hinweis darauf enthält, dass sie sich gegen die
Abweisung des Rentenbegehrens richten würde, ist sie als eine Beschwerde gegen die
Verfügung vom 22. April 2021 zu behandeln, auf die einzutreten ist. Soweit sie sich auf
berufliche Massnahmen bezieht, kann allerdings mangels eines Bezugs zum
Streitgegenstand nicht darauf eingetreten werden.
2.
Der Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung setzt gemäss dem Art. 28 Abs.
1 lit. c IVG einen Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent voraus. Für die
Bemessung der Invalidität wird nach Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu jenem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben wäre.
Der Beschwerdeführer hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert und dann als
Kaufmann gearbeitet. Er hat dabei zuletzt ein Erwerbseinkommen von 85’351 Franken
erzielt. Gemäss dem in jeder Hinsicht überzeugenden Gutachten von Dr. F._ vom 15.
Dezember 2020 leidet er nur an zwei spezifischen isolierten Phobien im
Zusammenhang mit der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und mit der
Ausübung einer kontrollierenden Bürotätigkeit mit entsprechender Leistungsförderung
und Kontrolle, was bedeutet, dass er zwar die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
Aussendienstmitarbeiter eines Versicherungskonzerns nicht mehr, jede
leidensangepasste Tätigkeit im kaufmännischen Bereich aber weiterhin
uneingeschränkt ausüben kann. Als kaufmännischer Angestellter mit der seinem
Jahrgang entsprechenden Berufserfahrung könnte der Beschwerdeführer einen Lohn
von mindestens 12 × 6’769 ÷ 40 × 41,7 = 84’680 Franken erzielen (LSE 2016, T17,
Berufsgruppe 41, Alter 30–49). Der Invaliditätsgrad beträgt folglich lediglich 0,79
Prozent. Damit erweist sich die Abweisung des Rentenbegehrens als rechtmässig.
3.
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Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzu
setzenden Gerichtskosten wären an sich dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzu
erlegen. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung ist er von der
Pflicht, die Gerichtskosten zu bezahlen, befreit. Da ihm auch die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung bewilligt worden ist, hat der Staat seiner Rechtsvertreterin eine
Entschädigung auszurichten, die 80 Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes
abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Der Vertretungsaufwand im Zusammenhang mit den
beruflichen Eingliederungsmassnahmen ist nicht erforderlich gewesen, weil er sich auf
einen ausserhalb des Streitgegenstandes liegenden Gegenstand bezogen hat.
Bezüglich der Rentenfrage ist nur ein unterdurchschnittlicher Aufwand betrieben
worden, weshalb die Entschädigung auf 80 Prozent von 2’000 Franken, also auf 1’600
Franken, festgesetzt wird. Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst
gestatten, wird der Beschwerdeführer zur Nachzahlung der Gerichtskosten und zur
Rückerstattung der Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).