Decision ID: f14e24e6-09ee-571c-a4fe-9c71d2d9d52a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 4. Februar 2020 in der Schweiz um
Asyl und wurde am 13. Februar 2020 als unbegleiteter minderjähriger Asyl-
suchender summarisch zu seiner Person befragt. Die vertiefte Anhörung
zu den Asylgründen fand am 12. März 2020 statt.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er sei afghanischer Staatsangehöriger und ethni-
scher Hazara schiitischen Glaubens. Er sei am (...) im Dorf B._ im
Distrikt C._ der Provinz D._ in Afghanistan geboren worden.
Der Vater habe als Polizist gearbeitet und sein älterer Bruder sei Soldat
und damit ebenfalls Staatsbediensteter gewesen. Vor etwa drei Jahren hät-
ten die Taliban eine Bombe am Fahrzeug seines Vaters angebracht. Bei
deren Explosion seien sein Vater und seine jüngere Schwester gestorben.
Nachdem sein Vater getötet worden sei, habe ihm seine Mutter erzählt, die
Familie habe von den Taliban einige Drohungen erhalten, weil der Vater
Staatsbeamter gewesen sei. Die Taliban hätten gedroht, sie würden die
Familie komplett vernichten. Etwa ein Jahr nach dem Angriff auf seinen
Vater und seine Schwester seien seine Mutter und sein älterer Bruder bei
einem Überfall von den Taliban zu Hause erschossen worden. Nach dem
Tod der Mutter und des Bruders habe er fliehen müssen. Er befürchte, die
Taliban kämen jetzt noch häufiger in das Heimatdorf, weil der Vater tot sei.
Es gebe jetzt niemanden mehr, der das Dorf verteidige. Der Beschwerde-
führer macht zudem geltend, er sei als schiitischer Hazara von den sunni-
tischen Paschtunen schikaniert worden und es gebe in seiner Heimatre-
gion keine Sicherheit. Es herrsche Krieg und das Gebiet sei von den Tali-
ban besetzt. Er habe Afghanistan Ende 2018 oder Anfang 2019 verlassen
müssen. Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Tazkira zu den
Akten.
C.
Der Beschwerdeführer wurde am 20. März 2020 dem erweiterten Verfah-
ren zugewiesen.
D.
Mit Verfügung vom 3. April 2020 (eröffnet am 4. April 2020) stellte die Vor-
instanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz,
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welche wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu Gunsten ei-
ner vorläufigen Aufnahme aufgeschoben wurde.
E.
Mit Eingabe vom 6. Mai 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, es sei die Verfügung der
Vorinstanz vom 3. April 2020 in den Dispositivpunkten 1–3 aufzuheben, die
Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren.
Eventualiter sei die Sache in den Dispositivpunkten 1–3 aufzuheben und
zur diesbezüglichen Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Dem Beschwerdeführer sei in prozessualer Hinsicht die unentgeltliche Pro-
zessführung zu bewilligen. Von der Erhebung eines Kostenvorschusses sei
abzusehen und es sei ihm in der Person der Unterzeichneten eine unent-
geltliche Rechtsbeiständin zu ernennen. Der Beschwerdeführer reichte
eine Vertretungsvollmacht, die Bestätigung der Beiständin, eine Fürsorge-
abhängigkeitsbestätigung und die Kostennote ein.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Mai 2020 hiess der Instruktionsrichter das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtlichen
Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, ordnete MLaw Olivia Eugster als amtliche Rechtsbeiständin bei
und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung.
G.
Am 2. Juni 2020 reichte die Vorinstanz die Vernehmlassung fristgerecht
ein.
H.
Mit Schreiben vom 4. Juni 2020 liess der Instruktionsrichter dem Beschwer-
deführer die Vernehmlassung der Vorinstanz zukommen und gab ihm die
Möglichkeit zur Replik und zur Einreichung von Beweismitteln.
I.
Mit Replik vom 16. Juni 2020 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehm-
lassung Stellung und reichte zudem eine aktualisierte Kostennote ein.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 In der Beschwerde wird eine Verletzung des Untersuchungsgrundsat-
zes beziehungsweise eine unvollständige Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts gerügt. Dabei handelt es sich um eine formelle Rüge,
welche vorab zu beurteilen ist, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
3.3 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
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sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.4 Die Behörde hat den Sachverhalt von Amtes wegen zu untersuchen
und daher bei Unklarheiten nachzufragen. Bei offengebliebenen Fragen
sind zusätzliche Untersuchungsmittel einzusetzen, wie beispielsweise eine
ergänzende Anhörung (KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 142; SPESCHA/
KERLAND/BÖLZLI, Handbuch zum Migrationsrecht, 4. Aufl. 2020, S. 436).
3.5 Der Beschwerdeführer rügt eine unvollständige Sachverhaltsabklä-
rung. Während seiner Anhörung sei er weder darauf hingewiesen worden,
seine Aussagen würden einen zu niedrigen Detaillierungsgrad aufweisen
noch sei er dazu aufgefordert worden, detailliertere Angaben zu machen.
Die in BVGE 2014/30 (E. 2.3) genannten Mindestgarantien müssen in Ver-
fahren von Minderjährigen eingehalten werden. Insbesondere in einer ers-
ten Phase sollen in Anhörungen von Minderjährigen Fragen zu den Asyl-
gründen offen formuliert werden, um einen freien Bericht zu fördern. Wird
die Anhörung eines unbegleiteten Minderjährigen nicht dem Alter entspre-
chend durchgeführt, stellt dies eine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar.
In Frage F70 der Anhörung (act. A14) wurde der Beschwerdeführer aufge-
fordert, zu schildern, weshalb er sein Heimatland verlassen habe, worauf
dieser in vier Zeilen knapp antwortete. Anstatt den minderjährigen Be-
schwerdeführer mit offenen Fragen zu ermuntern, weiter und detaillierter
über seine Erlebnisse zu erzählen, wechselte der Sachbearbeiter das
Thema und fragte ihn anschliessend, wann er seine Heimat verlassen
habe. Ziel der Anhörung ist, möglichst lange Erzählpassagen zu den Vor-
bringen zu fördern, um den rechtserheblichen Sachverhalt erstellen und
anhand dessen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen prüfen zu können. Ins-
gesamt wurden dem Beschwerdeführer kaum offene Fragen zu selbst Er-
lebtem gestellt. In Frage 91 (act. A14) fordert der Sachbearbeiter den Be-
schwerdeführer auf, zu schildern, wie sein Vater und seine Schwester im
Fahrzeug getötet worden seien. Gemäss seinen Angaben habe der Be-
schwerdeführer diesen Anschlag selber nicht miterlebt, sondern könne nur
vom Hörensagen davon erzählen. Nach der freien Erzählung des Be-
schwerdeführers hätte man ihn beispielsweise den Tag schildern lassen
können, als er vom Tode seiner Mutter und seines Bruders erfahren habe.
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Auch dem Protokoll der Befragung zur Person (act. A12) lässt sich entneh-
men, dass der Sachbearbeiter nach der freien Schilderung der Gesuchs-
gründe unter der Rubrik «Fragen zu den geltend gemachten Gesuchsgrün-
den» nicht weiter auf die geltend gemachten Vorbringen des Beschwerde-
führers eingegangen ist, sondern Fragen zu anderen Themenbereichen
wie der Schulzeit und dem angegebenen Alter gestellt hat. Auch hier wurde
der Beschwerdeführer zu wenig auf die Gesuchsgründe hin fokussiert be-
fragt.
Die Verletzlichkeit des minderjährigen Beschwerdeführers im Rahmen der
Befragung und der Anhörung wurde durch die Vorinstanz insofern berück-
sichtigt, als der Sachbearbeiter ein Klima des Vertrauens geschaffen hat.
Seine Frageweise entspricht jedoch nicht den in BVGE 2014/30 aufgestell-
ten Kriterien für eine kindgerechte Anhörung. Er hat zu wenige offene Fra-
gen gestellt, um den freien Bericht zu fördern. Zudem hätte der Sachbear-
beiter bei einem zu niedrigen Detaillierungsgrad der Aussagen – wie dies
dem Beschwerdeführer in der angefochtenen Verfügung vorgeworfen
wird – diesem klar signalisieren müssen, dass von ihm ausführlichere Aus-
sagen erwartet werden.
Es liegt damit eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor und aufgrund der
mangelhaft durchgeführten Anhörung wurde der Sachverhalt nicht vollstän-
dig erstellt. Weiter ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nur einmal
und nicht, wie von der Vorinstanz erwähnt, mehrmals aufgefordert wurde,
Beweismittel im Zusammenhang mit dem geltend gemachten Sachverhalt
(Tötung des Vaters, Tätigkeiten des Vaters und des Bruders für die Polizei
resp. Armee) einzureichen. Wäre das SEM davon ausgegangen, dass die
erwähnten Beweismittel den geltend gemachten Sachverhalt hätten bele-
gen können, hätte es dem Beschwerdeführer eine angemessene Frist zur
Einreichung der Beweismittel ansetzen müssen. Ihm wurde jedoch keine
Frist angesetzt und nur knapp drei Wochen nach der Anhörung wurde die
Verfügung erlassen. Im Übrigen ist es Sache der Behörde, den Sachverhalt
von Amtes festzustellen. Ob der Beschwerdeführer also im Beisein seiner
Rechtsvertretung angehört wurde oder nicht, ändert hieran, wie vom Be-
schwerdeführer geltend gemacht, nichts. Die Anwesenheit einer Rechts-
vertretung entbindet die Vorinstanz nicht von ihrer Untersuchungspflicht.
4.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Regel reformatorisch.
Nur ausnahmsweise wird eine angefochtene Verfügung kassiert und an die
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Vorinstanz zurückgewiesen. Vorliegend ist der rechtserhebliche Sachver-
halt nicht erstellt. Es ist nicht Sache des Gerichts als letztinstanzliche Be-
schwerdeinstanz Sachverhaltsabklärungen durchzuführen. Eine Kassation
der angefochtenen Verfügung ist daher gerechtfertigt. Die Beschwerde ist
gutzuheissen. Die Verfügung vom 3. April 2020 ist aufzuheben und zur voll-
ständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer
nochmals zu den Asylgründen anzuhören. Die Anhörung ist gemäss den in
BVGE 2014/30 aufgestellten Kriterien für eine kindgerechte Anhörung
durchzuführen.
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
6.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm not-
wendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechtsver-
treterin reichte eine Honorarnote in der Höhe von insgesamt Fr. 1'655.–
(inkl. Auslagen) bei einem Stundenansatz von Fr. 200.– ein. Der Aufwand
erscheint unter Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfakto-
ren (Art. 8-11 VGKE) angemessen. Aufgrund der Parteientschädigung er-
übrigt sich die Ausrichtung eines Honorars an die vom Gericht eingesetzte
amtliche Rechtsbeiständin.
(Dispositiv nächste Seite)
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