Decision ID: ed559b1b-94ec-48e2-9307-e39b91161be7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka gemäss eigenen Angaben
am 6. April 2017 und gelangte nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in
B._ am (...) auf dem Luftweg nach Genf. Am 9. Oktober 2017 stellte
er ein Asylgesuch in der Schweiz, wurde am 11. Oktober 2017 zur Person
befragt (BzP, act. A7/11) und am 24. Oktober 2019 vertieft zu den Asyl-
gründen angehört (act. A16/27).
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er sei sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie, geboren und aufgewachsen in C._ (Distrikt D._,
Nordprovinz). Er stamme aus einer mit den Liberation Tigers of Tamil
Eelam (LTTE) sympathisierenden Familie. Sein Vater und Onkel väterli-
cherseits seien ehemalige LTTE-Mitglieder und auch sein älterer Bruder
habe mit der LTTE zu tun gehabt. Dieser sei 2014 in die Schweiz geflohen.
Ebenfalls im Jahr 2014 habe er (der Beschwerdeführer) mehrere Male im
Vanni-Gebiet Hilfsgüter an kriegsgeschädigte Zivilpersonen verteilt. Dort
sei ihm das ehemalige LTTE-Mitglied E._ (nachfolgend:
E._) vorgestellt worden. Er sei daraufhin vom Criminal Investigation
Departement (CID) verhaftet, während zwei Tagen festgehalten und zu
E._ befragt worden. Während einer Demonstration im Jahr 2015
habe ihm sein Onkel das ehemalige LTTE-Mitglied F._ (nachfol-
gend: F._) vorgestellt. Später, (...), sei F._ getötet worden.
Sein Onkel sei daraufhin vom CID gesucht worden. Am (...) sei er (der Be-
schwerdeführer) erneut vom CID verhaftet und zu seinem Onkel und
F._ befragt, geschlagen und insgesamt drei Tage festgehalten wor-
den. Jemand habe seinen Kopf mit den Füssen zu Boden gedrückt und
ihm so den Kiefer gebrochen. Zudem sei er mit einer Metallstange am Knie
verletzt und mit einem Holzstück mehrere Male am linken Bein verbrannt
worden.
Bei einer Demonstration am (...) habe er G._ (nachfolgend:
G._) kennengelernt, der ebenfalls ehemaliges LTTE-Mitglied und
ein Freund seines Onkels gewesen sei. G._ habe ihm anlässlich
dieser Veranstaltung ein grosses Couvert mit der Aufforderung überreicht,
dieses aufzubewahren, bis sich jemand bei ihm melden werde. Er habe
das Couvert daraufhin auf dem Familiengrundstück vergraben. Am (...) sei
er erneut von Leuten des CID mitgenommen und auf G._ und die
Übergabe eines Gegenstandes während der Demonstration angesprochen
D-1665/2020
Seite 3
worden. Als er vorgab, nichts zu wissen, sei er geschlagen worden. Dann
sei er bis zur Bewusstlosigkeit mit Zigaretten am Rücken verbrannt worden.
Dieser Vorgang sei später wiederholt worden. Nach drei Tagen habe man
ihn unter Drohungen schliesslich gehen lassen. Am (...) sei G._
verhaftet worden. Einen Tag später habe das CID auch ihn (den Beschwer-
deführer) gesucht. Da er nicht zu Hause gewesen sei, sei seine taub-
stumme Mutter verhaftet und für mehrere Stunden festgehalten und ge-
schlagen worden. Er habe sich in der Folge beim Bruder seiner Grossmut-
ter versteckt. Am (...) hätten Leute des CID sein Haus und sein Zimmer
durchsucht und einige persönliche Gegenstände mitgenommen. Seine
Grosseltern hätten daraufhin seine Ausreise organisiert und finanziert. Am
(...) sei sein Vater von zwei Personen des CID verhört worden, insbeson-
dere sei er über ihn (den Beschwerdeführer) und zu ausländischen Geld-
quellen der Opposition befragt worden.
A.c Der Beschwerdeführer reichte seine sri-lankische Identitätskarte sowie
ein Schreiben seines in der Schweiz (mit Asylstatus) wohnhaften Bruders
zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 20. Februar 2020 – eröffnet am 21. Februar 2020 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an.
C.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 23. März 2020 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die vorinstanz-
liche Verfügung sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft fest-
zustellen und ihm Asyl zu gewähren; eventualiter sei ihm eine vorläufige
Aufnahme in der Schweiz zu gewähren, alles unter Kosten- und Entschä-
digungsfolge zu Lasten der Vorinstanz. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
wurde zudem beantragt, eventuell eine ergänzende Befragung des Be-
schwerdeführers anzuordnen.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 26. März 2020 hielt die damals zuständige In-
struktionsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Ver-
fahrens in der Schweiz abwarten und forderte ihn gleichzeitig auf, bis am
14. April 2020 einen Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 750.- zu leisten.
D-1665/2020
Seite 4
E.
Der eingeforderte Kostenvorschuss wurde am 30. März 2020 fristgemäss
geleistet.
F.
Mit Schreiben vom 3. Mai 2021 wurde das SEM eingeladen, bis zum
18. Mai 2021 eine Vernehmlassung einzureichen.
G.
In der Vernehmlassung vom 12. Mai 2021 hielt das SEM an seinen Erwä-
gungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
H.
Per 1. Januar 2022 wurde das vorliegende Beschwerdeverfahren aus or-
ganisatorischen Gründen zur Behandlung dem vorsitzenden Richter unter
der neuen Verfahrensnummer D-1665/2020 übertragen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 [VGG; SR 173.32] beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968 [VwVG;
SR 172.021]. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls grund-
sätzlich – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 [ AsylG; SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgeset-
zes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG; SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
[AS 2016 3101]; für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
D-1665/2020
Seite 5
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
dass die Vorbringen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit den
Ereignissen in den Jahren 2014 und 2015 die Anforderungen an die Asyl-
relevanz, insbesondere die Anforderungen an die Gezieltheit der Verfol-
gung nicht erfüllten. So seien gemäss den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers die beiden Festnahmen durch das CID erfolgt, um durch ihn mehr über
die LTTE-Mitglieder E._, F._, und seinen Onkel sowie deren
Tätigkeiten zu erfahren. Seine Person und die Verteilung von Hilfsgütern
D-1665/2020
Seite 6
hätten dabei nicht im Fokus der Ermittlungen gestanden. Er habe selbst
angegeben, nicht zu wissen, weshalb ihm das angetan worden sei, da er
nur geholfen habe. Er sei nach den Befragungen jeweils ohne Auflagen
wieder freigelassen und nicht mehr weiter belangt worden. Somit seien die
damaligen Ermittlungen des CID als abgeschlossen zu betrachten und es
sei kein Kausalzusammenhang zu seiner Ausreise zwei respektive drei
Jahre später erkennbar. Dass er nach den beiden Festnahmen die Hilfsgü-
terlieferungen fortgeführt und überdies an Demonstrationen teilgenommen
habe, ohne Probleme zu befürchten, bestätige diese Einschätzung.
Bezüglich der Übergabe des Couverts und der darauffolgenden Fest-
nahme, Befragung und Folter im Jahr 2017, führte die Vorinstanz aus, der
Beschwerdeführer habe seine Vorbringen nicht glaubhaft darzulegen ver-
mocht. Seine diesbezüglichen Aussagen seien äusserst stereotyp, wider-
sprüchlich und schwer nachvollziehbar ausgefallen. Es erstaune, dass ein
ehemaliges LTTE-Mitglied ein geheimes Dokument an eine unter polizeili-
cher Bewachung stehende Demonstration mitnehme, um es dort an eine
ihm bis dato unbekannte Person zu übergeben. Aufgrund der beachtlichen
Grösse des Umschlages, hätten folglich auch Polizisten die Übergabe be-
obachtet. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb G._ gerade den Be-
schwerdeführer ausgesucht habe, um ein solch heikles Dokument zu ver-
wahren und ihm dieses spontan anvertraut habe. Auf Nachfrage zum Inhalt
habe G._ ihm gesagt, dass er das nicht unbedingt wissen müsse.
Nebst dem grossen Vertrauen seitens G._ erstaune es, dass der
Beschwerdeführer den Umschlag offenbar entgegengenommen habe,
ohne den Inhalt zu kennen und nichts weiter zu befürchten schien. Ange-
sichts der von ihm geltend gemachten früheren Mitnahmen durch das CID
sei es schwer nachvollziehbar, dass er nicht mit weiteren Konsequenzen
gerechnet habe. Ferner verwundere es, dass das CID einerseits registriert
haben sollte, dass G._ ihm etwas übergeben habe, gleichzeitig
aber nicht zu wissen schien, was es war. Weiter erstaune die Überlegung
des Beschwerdeführers, er habe den ersten Tag der Folter durch das CID
im Jahr 2017 durchgehalten, ohne etwas vom Umschlag zu verraten, da er
andernfalls befürchtet habe, umgebracht zu werden. Er habe selbst ge-
sagt, bei der Mitnahme im Jahr 2015 nicht als schuldige Person hingestellt
worden zu sein, aber im Jahr 2017 anders befragt worden zu sein, da das
CID nun überzeugt gewesen sei, dass er etwas mit der Sache zu tun habe.
Folglich wäre zu erwarten gewesen, dass das CID ihn bei der dritten Mit-
nahme aufgrund seines Schweigens umso mehr in die Mangel nähme und
er durch Eingeständnisse die Situation hätte entschärfen können, zumal er
D-1665/2020
Seite 7
ja erneut nur als Helfer fungiert habe. Stattdessen habe er geltend ge-
macht, dass das CID ihn am zweiten Tag der Festhaltung im Jahr 2017 in
Ruhe gelassen habe und am dritten Tag unter Drohungen habe gehen las-
sen. Weiter gelte es festzuhalten, dass er die Folterspuren an Kiefer, Bein
und Oberkörper in der BzP explizit auf Misshandlungen bei den ersten zwei
Mitnahmen zurückgeführt und allfällige Misshandlungen bei der dritten
Festnahme nicht erwähnt habe. Erst in der Anhörung habe er dann geltend
gemacht, bei der dritten Mitnahme geschlagen und mit Zigaretten am Rü-
cken verbrannt worden zu sein. Letztlich überrasche es, dass er sich nach
seiner Freilassung trotz des unabgeschlossenen Falles und der Drohun-
gen des CID lediglich um seinen Alltag gekümmert und keine weiteren
Massnahmen ergriffen habe. Er habe sich erst auf Anraten seiner Grossel-
tern versteckt, als er erfahren habe, dass G._ respektive seine Mut-
ter festgenommen worden seien.
4.2 In der Beschwerdeschrift macht der Beschwerdeführer geltend, der
sachliche Konnex zwischen Verfolgung und Flucht in Bezug auf die beiden
Vorbringen aus den Jahren 2014 und 2015 sei klarerweise gegeben. Seine
Verfolgung sei damals aufgrund der Unterstützung seiner tamilischen
Landsleute mit Hilfsgütern erfolgt. Die Festnahmen, Befragungen und die
brutale Behandlung und Folter zeigten auf, dass nicht die Sache selbst im
Vordergrund gestanden habe, sondern die gezielte Verfolgung und Ernied-
rigung eines Tamilen. Die Sicherheitsbehörden hätten tamilische Aktivitä-
ten gezielt unterbinden wollen. Die Befragung habe zu seinem Onkel,
E._ und F._ stattgefunden, wovon letztere verdächtigt wor-
den seien, eine Nachfolgeorganisation der LTTE gründen zu wollen. Diese
Politik werde nach wie vor weitergeführt. Er sei bereits einmal Opfer staat-
licher Verfolgung geworden und aufgrund seiner weiteren Aktivitäten sowie
seines Herkommens aus einer regierungsfeindlichen Familie seien seine
(Vor-)Akten keinesfalls geschlossen, zumal auch das «Tarif zeigen» bei
ihm offensichtlich wenig bewirkt habe.
Bezüglich der Übergabe eines Couverts von G._ an ihn im Jahr
2017 sei darauf hinzuweisen, dass das ehemalige LTTE-Mitglied
G._ mit seinem Onkel befreundet gewesen sei. Aufgrund der Poli-
zeipräsenz sei es folgerichtig gewesen, dass G._ den Umschlag
nicht einem seiner altbekannten Vertrauten, sondern einem jungen, poli-
tisch interessierten Tamilen aus einer LTTE-Familie übergeben habe, der
mutmasslich leichter durch die Kontrollen durchkomme. Da ihm zudem mit-
geteilt wurde, es würde sich im Couvert um «wichtige Dokumente» han-
D-1665/2020
Seite 8
deln, sei es nachvollziehbar, dass er diesen rasch und ohne weitere Über-
prüfung des Inhalts in Sicherheit gebracht habe, vor allem auch wegen der
kulturellen Usanzen (Respektbezeugung gegenüber älteren Tamilen). Es
sei somit nachvollziehbar, dass er in diesem Moment mögliche Konse-
quenzen nicht bedacht, sondern einfach gehandelt habe. Das Argument,
er wäre unter den gegebenen Umständen von den Sicherheitskräften mehr
in die Mangel genommen worden und nicht am dritten Tag wieder entlas-
sen worden, überzeuge nicht. Er sei keinesfalls mit «Samthandschuhen»
angefasst, sondern intensiv befragt, mehrmals geschlagen und es seien
ihm Brandwunden mit Zigaretten am Rücken zugefügt worden. Es sei nicht
opportun, diese Misshandlungen und Folterungen mit dem Hinweis, bei
den früheren Mitnahmen sei es noch schlimmer gewesen, zu bagatellisie-
ren. Allein die letzte Einvernahme mit Folter sei als asylrelevant zu betrach-
ten, zumal die Sicherheitskräfte anschliessend noch unverhohlen Todes-
drohungen geäussert hätten.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz die vom Beschwerdeführer vorgetragenen
Fluchtgründe insgesamt zu Recht und mit zutreffender Begründung teil-
weise als nicht asylrelevant beziehungsweise als nicht glaubhaft befunden
hat. Der Beschwerdeführer vermag mit seinen Entgegnungen auf Be-
schwerdestufe die vom SEM getroffene Einschätzung nicht umzustossen.
Mit den nachfolgend dargelegten Ergänzungen kann im Wesentlichen auf
die entsprechenden vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden
(vgl. vorstehend E. 4.1).
5.2 Hinsichtlich der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Vorfälle im
November 2014 und im Juli 2015 ist mit der Vorinstanz einig zu gehen,
dass weder in zeitlicher noch in sachlicher Hinsicht ein genügend enger
Kausalzusammenhang zur Ausreise aus Sri Lanka im April 2017 besteht.
Insbesondere ist den Ausführungen des Beschwerdeführers nicht zu ent-
nehmen, dass er in den rund eineinhalb Jahren nach seiner zweiten Fest-
nahme bis zu der erneuten Verhaftung im Januar 2017 von den sri-lanki-
schen Sicherheitskräften weiter behelligt wurde, oder entsprechende Ver-
folgungshandlungen befürchtet hätte (act. A16/27 F41, F124). Es ist des-
halb mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass die damaligen Ermittlun-
gen des CID abgeschlossen waren und der Beschwerdeführer nicht weiter
im Fokus der Sicherheitsbehörden stand. Die Vorinstanz hielt zudem zu
Recht fest, dass die geschilderten Vorbringen die Anforderungen an die
D-1665/2020
Seite 9
Gezieltheit der Verfolgung nicht zu erfüllen vermögen, da der Beschwerde-
führer bei beiden Festnahmen lediglich als Auskunftsperson zu Tätigkeiten
ehemaliger LTTE-Mitglieder vernommen wurde und nicht selbst im Mittel-
punkt der Ermittlungen stand (act. A16/27 F41, F71 ff, F88, F99, F108,
F109). Dem Argument des Beschwerdeführers, er sei aufgrund der Unter-
stützung seiner Landsleute und als Tamile gezielt verfolgt worden, kann
somit nicht gefolgt werden. Hätte der Beschwerdeführer weiter im Fokus
von Verdächtigungen oder Ermittlungen der sri-lankischen Behörden ge-
standen, wäre zu erwarten gewesen, dass er nicht bedingungslos entlas-
sen, sondern mit weiteren Massnahmen belegt worden wäre. Bei dieser
Sachlage durfte die Vorinstanz darauf verzichten, die Glaubhaftigkeit der
entsprechenden Vorbringen zu prüfen. Im Übrigen erscheint es zwar nicht
ausgeschlossen, dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatstaat auf-
grund seiner Herkunft aus einer LTTE-nahen Familie gewissen behördli-
chen Behelligungen durch die Sicherheitskräfte ausgesetzt war. Seine Aus-
führungen zu den angeblichen Übergriffen bei der zweiten Verhaftung
(Schläge mit hölzernen oder metallenen Gegenständen, Verbrennen mit
Zigaretten) sind jedoch auffallend knapp und stereotyp ausgefallen (vgl.
act. A16/27 F41, F66, F70 ff.), weshalb ernsthafte Zweifel daran bestehen,
dass es sich um tatsächlich Erlebtes handeln könnte.
5.3 Hinsichtlich der Ereignisse im Januar 2017 betreffend die Übergabe
eines Couverts an den Beschwerdeführer durch G._ anlässlich
einer Demonstration kommt das Bundesverwaltungsgericht mit der
Vorinstanz zum Schluss, dass die entsprechenden Vorbringen als
unplausibel zu qualifizieren sind. Es widerspricht einer inneren Logik, dass
G._ – ein ehemaliges LTTE-Mitglied – einen Umschlag mit
geheimen Informationen an eine Demonstration mitgenommen haben soll,
von welcher er annehmen musste, dass sie polizeilich überwacht würde.
Weiter ungewöhnlich ist die spontane Übergabe dieses auffällig grossen
Dokumentes an den Beschwerdeführer inmitten der überwachten
Demonstration. Und schliesslich erscheint der Empfänger – eine für
G._ gänzlich unbekannte Person – willkürlich und nach nicht
nachvollziehbaren Kriterien ausgewählt. Zwar kann von einem unge-
wöhnlichen Vorgehen nicht zwingend auf die Unglaubhaftigkeit der Vor-
bringen geschlossen werden, sondern vielmehr hat die Glaubhaftigkeits-
prüfung mittels Gesamtschau sämtlicher Umstände zu erfolgen (vgl. Urteile
des Bundesverwaltungsgerichts D-7054/2014 und D-7056/2014 vom
22. April 2015, E. 5.3). Jedoch entbehrt es auch einer gewissen Logik, dass
die Polizei die Übergabe zwar beobachtet haben will, aber nicht einge-
griffen und den Beschwerdeführer nicht bereits vor Ort durchsucht haben
D-1665/2020
Seite 10
soll. Die Zweifel am Wahrheitsgehalt der Vorbringen des Beschwerde-
führers bestätigt auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer nicht
mittlerweile die Ausgrabung des laut seinen Angaben in unmittelbarer
Nähe des Familiengrundstücks vergrabenen Couverts veranlasst
(act. 16/27 F41, F146 ff.) respektive dahingehende Bemühungen akten-
kundig gemacht hat. Da er hin und wieder mit seinem dort lebenden und
mittlerweile erwachsenen Bruder telefoniert (act. 16/27 F27), wäre es ohne
weiteres möglich und zu erwarten gewesen, Kopien der geheimen Unter-
lagen zu beschaffen. Der Beschwerdeführer gab weiter an, das CID sei bei
der dritten Verhaftung überzeugt gewesen, dass er mehr wisse als er
zugebe (act. 16/27 F165 ff.). Unter dieser Annahme ist es unverständlich,
weshalb man ihn nach drei Tagen ohne Auflagen entlässt, nur um ihn
wenige Tage später erneut aufzusuchen. So gab der Beschwerdeführer
denn auch zu Protokoll, dass die Tage danach «normal» weitergegangen
seien (act. 16/27 F173), was angesichts der seitens des CID ausgespro-
chenen Todesdrohungen äusserst ungewöhnlich anmutet.
5.4 In Bezug auf die angeblichen Festnahmen ist zudem festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer in der BzP zu Protokoll gab, die Folterspuren an
Kiefer, Bein und Oberkörper seien während der ersten beiden Verhöre
2014 und 2015 entstanden; Misshandlungen bei der dritten Verhaftung er-
wähnte er keine (act. 7/11 7.02). Erst in der Anhörung zu den Asylgründen
brachte er vor, bei der dritten Mitnahme im Jahr 2017 geschlagen und mit
Zigaretten am Rücken verbrannt worden zu sein (act. 16/27 F159). Weiter
erklärte er in der Anhörung explizit, während der ersten Festnahme nicht
geschlagen worden zu sein (act. 16/27 F70). Auf Beschwerdeebene wurde
diesem Widerspruch nichts entgegengehalten. Zu erwarten wäre, dass ein
derart einschneidendes Erlebnis konsistent wiedergegeben wird. Die Fol-
tervorbringen bei der dritten Verhaftung hat der Beschwerdeführer sodann
auch vergleichsweise unsubstantiiert wiedergegeben und nur oberflächlich
beschrieben (act. 16/27 F159 ff.). Dem Umstand, dass er im Übrigen weit-
gehend widerspruchsfreie Angaben zum zeitlichen Ablauf, zur Anzahl Be-
helligungen und zu den beteiligten Personen gemacht hat, kann vor diesem
Hintergrund kein entscheidendes Gewicht beigemessen werden.
5.5 Abgesehen von den Inhaftierungen, welche der Beschwerdeführer we-
der substanziiert noch in sich schlüssig vorzutragen vermochte, spricht
auch der Umstand, dass der Vater des Beschwerdeführers im Heimatstaat
offenbar unbehelligt lebt, obwohl er im Krieg für die LTTE bis zur Kriegs-
verletzung gekämpft haben soll, dagegen, dass der Beschwerdeführer auf-
grund von LTTE-Verbindungen in den Fokus der sri-lankischen Behörden
D-1665/2020
Seite 11
geraten sein könnte. Zu den Aktivitäten des Onkels konnte der Beschwer-
deführer zudem keine Angaben machen (act. 16/27 F62 f. F86 ff.). Auch
zur politischen Aktivität des in der Schweiz lebenden Bruders vermochte
der Beschwerdeführer nichts zu berichten (act. 16/27 F60). Sein Argument,
er sei bei der Ausreise des Bruders noch jung gewesen, vermag nicht zu
überzeugen. Ebenfalls auffällig ist, dass der Bruder des Beschwerdefüh-
rers anlässlich seiner Anhörung zu den Asylgründen vom 28. Mai 2015
nichts von Inhaftierungen und LTTE-Verbindungen des Beschwerdeführers
erwähnte, obwohl der Beschwerdeführer zu diesem Zeitpunkt gemäss ei-
genen Angaben bereits einmal – als Minderjähriger – inhaftiert gewesen
sein soll. Der Umstand, dass der Bruder nichts darüber berichtete, er-
staunt, zumal er gemäss eigenen Angaben wöchentlich in telefonischem
Kontakt mit seiner Familie stand.
5.6 Weiter erscheint nicht nachvollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer
das Verhör seines Vaters durch das CID am (...) nicht an der Anhörung zu
den Asylgründen vom 24. Oktober 2019 erwähnte, sondern dieses Ereignis
vielmehr erst in der Beschwerdeschrift geltend machte (Ziffer II/1). Weiter
ist die in der Beschwerdeschrift angekündigte Bestätigung des Verhörs bis
zum heutigen Datum ausstehend. Bei dieser Sachlage ist das erwähnte
Ereignis als nachgeschoben und entsprechend als unglaubhaft zu qualifi-
zieren. Entsprechend kann auch auf die in der Beschwerdeschrift eventu-
aliter beantragte ergänzende Anhörung des Beschwerdeführers verzichtet
werden (vgl. BVGE 2008/24 E. 7.2, S. 357).
5.7 In Abwägung aller Elemente, die für oder gegen die Glaubhaftigkeit der
gemachten Vorbringen sprechen, kommt das Bundesverwaltungsgericht
zum Schluss, dass insgesamt die Elemente, welche gegen die Glaubhaf-
tigkeit sprechen, überwiegen und es dem Beschwerdeführer somit nicht
gelungen ist, glaubhaft zu machen, dass er im Zeitpunkt seiner Ausreise
aus Sri Lanka eine begründete Furcht vor Verfolgung hatte. Der Beschwer-
deführer erfüllte somit – zumindest im Zeitpunkt der Ausreise – die Flücht-
lingseigenschaft nicht.
6.
6.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer im heutigen Zeitpunkt bei
einer Rückkehr in sein Heimatland ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG drohen würden. Personen, die erst wegen ihrer Ausreise oder ihrem
Verhalten danach solchen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind respek-
tive begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden,
sind nach Art. 54 AsylG zwar als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen, indes
D-1665/2020
Seite 12
wegen sogenannter subjektiver Nachfluchtgründe von der Asylgewährung
auszuschliessen.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind. Das Gericht orientiert sich bei
der Beurteilung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nach-
teile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risi-
kofaktoren. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene
Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der sogenannten „Stop-List“ und
die Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden da-
bei als stark risikobegründende Faktoren eingestuft. Demgegenüber stel-
len das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri
Lanka, Narben und eine gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen
Land schwach risikobegründende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden,
die diese weitreichenden Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene
kleine Gruppe tatsächlich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der
sri-lankischen Behörden bestrebt sei, den tamilischen Separatismus wie-
deraufleben zu lassen. Das Gericht hat im Einzelfall die konkret glaubhaft
gemachten Risikofaktoren in einer Gesamtschau sowie unter Berücksich-
tigung der konkreten Umstände zu prüfen und zu erwägen, ob mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung vor-
liegt (vgl. a.a.O. E. 8).
6.3 Die Vorinstanz führt diesbezüglich aus, der Beschwerdeführer habe
nach Kriegsende noch rund sieben Jahre in Sri Lanka gelebt. Zwar seien
sein Vater und sein Onkel zu Kriegszeiten bei den LTTE gewesen und auch
sein Bruder habe gewisse Verbindungen zu ehemaligen LTTE-Mitgliedern.
Jedoch sei sein Vater seit 2009 nicht mehr belangt worden und der Bruder
habe Sri Lanka 2014 verlassen. Aus den Asylakten des Bruders sei weder
eine Verbindung zu ihm noch Hinweise auf eine Reflexverfolgung ersicht-
lich. Er selbst habe nie enge Verbindungen zur LTTE gehabt und bei den
von ihm geschilderten Bekanntschaften habe es sich immer um einmalige
Begegnungen gehandelt. Er weise somit kein Risikoprofil auf, das in den
Augen des sri-lankischen Staates als risikobehaftet erscheine. Es sei auf-
grund der Aktenlage nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter Weise
verfolgt werden sollte. Diese Einschätzung vermöge auch die im Jahr 2019
D-1665/2020
Seite 13
erfolgte Präsidentschaftswahl mit dem Sieg von Gotabaya Rajapaksa nicht
umzustossen.
6.4 In der Beschwerde wird geltend gemacht, das SEM habe in diesem
Punkt nicht im Einzelnen die effektive Verfolgungsgefahr geprüft, sondern
es bei einer für diesen Fall unpassenden Grobeinschätzung belassen. Er
sei bereits drei Mal von den Sicherheitskräften festgenommen worden und
es habe sich jeweils bei allen Festnahmen um Verbindungen zur LTTE (On-
kel, E._, F._, und G._) und um seine eigenen tamili-
schen Aktivitäten, insbesondere Hilfeleistungen an tamilische Zivilperso-
nen und Teilnahmen an politischen Demonstrationen gehandelt. Er selbst
weise diverse Narben von Folterungen auf, die ihn per se verdächtig mach-
ten. Er stamme bekanntermassen aus einer der LTTE nahestehenden Fa-
milie (sein Vater habe sich von Mai 2009 bis Oktober 2010 «rehabilitieren»
müssen) und sein Onkel habe nach wie vor Kontakte zu ehemaligen LTTE-
Mitgliedern. Bei solchen Verhältnissen bliebe es nicht bei einer folgenlosen
«normalen Kontrolle», sondern er geriete in besonderen Verdacht. Er er-
fülle deshalb die Flüchtlingseigenschaft aufgrund ernstlich drohender Ver-
folgung, weshalb er in der Schweiz als Flüchtling anzuerkennen sei.
6.5 Eine geltend gemachte Verbindung zu den LTTE vermag dann eine re-
levante Furcht vor ernsthaften Nachteilen im asylrechtlichen Sinn zu be-
gründen, wenn der betroffenen Person aus Sicht der sri-lankischen Behör-
den infolgedessen ein Interesse am Wiederaufflammen des tamilischen
Separatismus in Sri Lanka zugeschrieben und sie mithin als Gefahr für die
nach dem Krieg wiedergewonnene Einheit des Landes wahrgenommen
wird. Es sind keineswegs nur in besonderem Masse exponierte Personen
betroffen. So ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass die
sri-lankische Regierung auch Jahre nach Ende des Bürgerkrieges im Jahr
2009 noch über ein Wiederaufleben respektive Wiedererstarken der LTTE
besorgt ist und jeglichen Verdacht entsprechender Bestrebungen mit
grösster Aufmerksamkeit verfolgt. Hingegen sind nicht alle Rückkehren-
den, die eine irgendwie geartete tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle
oder vergangene Verbindung zu den LTTE aufweisen, einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Gefahr vor Verfolgung ausgesetzt, sondern nur jene,
die aus Sicht der sri-lankischen Regierung bestrebt sind, den ethnischen
Konflikt im Land wieder aufflammen zu lassen. Ob dies zu bejahen und
einer Person mithin die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen ist, ist im Ein-
zelfall zu erörtern, wobei eine asylsuchende Person die für diese Beurtei-
lung relevanten Umstände glaubhaft machen muss (vgl. Referenzurteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, E. 8.5.6 m.w.H.).
D-1665/2020
Seite 14
6.6 Vorliegend ist nicht von einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
gungsgefahr im Falle einer Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri
Lanka auszugehen. Aus den Akten geht zwar hervor, dass sowohl der Va-
ter des Beschwerdeführers sowie sein Onkel ehemalige LTTE-Mitglieder
sind. Auch der Bruder des Beschwerdeführers hat im Jahr 2015 aufgrund
seiner Verwandtschaft zu LTTE-Mitgliedern und seiner eigenen Verbindung
zur LTTE in der Schweiz Asyl erhalten. Dem Beschwerdeführer ist es je-
doch nicht gelungen, behördliche Behelligungen durch die sri-lankischen
Sicherheitskräfte aufgrund seiner Abstammung aus einer LTTE-nahen Fa-
milie und allfälligen Kontakten zu ehemaligen LTTE-Mitgliedern plausibel
darzulegen. Diesbezüglich kann auf die unter E. 5.6 gemachten Ausfüh-
rungen verwiesen werden. Der Beschwerdeführer verneinte sodann aus-
drücklich, in der Schweiz exilpolitisch tätig zu sein (act. 16/27 F199). Zwar
hat der Beschwerdeführer sein Heimatland ohne gültigen Reisepass ver-
lassen und müsste nach einem längeren Auslandaufenthalt mit temporären
Reisedokumenten zurückkehren. Auch verfügt der Beschwerdeführer über
allfällige Narben, welche den Sicherheitsbehörden ins Auge stechen könn-
ten. Diese Umstände sind jedoch lediglich als schwach risikobegründende
Faktoren anzusehen. Insgesamt weist der Beschwerdeführer kein Profil
auf, welches darauf schliessen liesse, dass er von den heimatlichen Si-
cherheitsbehörden als Unterstützer der LTTE respektive als Person wahr-
genommen wird, die bestrebt ist, den tamilischen Separatismus wiederauf-
leben zu lassen. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass ihm bei seiner
Rückkehr ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
6.7 Dies gilt auch unter Berücksichtigung der aktuellen politischen Lage in
Sri Lanka. Die Präsidentschaftswahlen von November 2019 und daran an-
knüpfende Ereignisse vermögen diese Einschätzung nicht in Frage zu stel-
len (vgl. dazu im Einzelnen: Urteil des BVGer E-1156/2020 vom 20. März
2020 E. 6.2). Es besteht zudem kein persönlicher Bezug des Beschwerde-
führers zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive de-
ren Folgen, womit er weder aus der Situation seit dem Machtwechsel im
Jahr 2019 noch aus der aktuellen Lage in Sri Lanka eine Gefährdung ab-
leiten kann. Die Wahl von Ranil Wickremesinghe am 20. Juli 2022 zum
Nachfolger des abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen Staatspräsi-
denten ändert vorerst ebenfalls nichts an der bisherigen Lageeinschät-
zung, ist dieser doch Teil der alten politischen Elite. Objektive Nachflucht-
gründe, bei denen eine Gefährdung entstanden ist aufgrund von äusseren,
nach der Ausreise eingetretenen Umständen, auf die der Betreffende kei-
nen Einfluss nehmen konnte (vgl. dazu BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.), lie-
D-1665/2020
Seite 15
gen demnach nicht vor. Es sind auch sonst keine Hinweise dafür ersicht-
lich, dass der Beschwerdeführer im aktuellen politischen Kontext in Sri
Lanka in den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten wäre und mit
asylrelevanter Verfolgung zu rechnen hätte.
6.8 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer keine
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden
nachgewiesen oder zumindest glaubhaft gemacht hat. Das SEM hat somit
die Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint und sein Asylgesuch abge-
lehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
D-1665/2020
Seite 16
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden.
8.2.3 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts – an wel-
cher auch unter Berücksichtigung der (sicherheits-)politischen Ereignisse
in den vergangenen Jahren (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D-1305/2020
Urteil vom 20. Januar 2022 E. 12.4, D-1211/2021 vom 30. August 2021
E. 9.2.2) weiterhin festzuhalten ist – lassen weder die Zugehörigkeit zur
tamilischen Ethnie noch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri
Lanka den Wegweisungsvollzug unzulässig erscheinen (vgl. das Referenz-
urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2015 E. 12.2 f.). Sodann ergeben sich we-
der aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten An-
haltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimat-
staat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder
Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss
der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR)
sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer
eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass
ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung
drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar
2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihm unter
Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen zum Asylpunkt und zur Flücht-
lingseigenschaft jedoch nicht gelungen. An dieser Einschätzung ändern
weder das Ergebnis der Präsidentschaftswahl vom November 2019 noch
die Wahl am 20. Juli 2022 von Ranil Wickremesinghe als neuen Staatsprä-
sidenten und deren Auswirkungen auf die Lage in Sri Lanka etwas, da kein
persönlicher Bezug des Beschwerdeführers zu diesen Ereignissen erkenn-
bar ist. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts lassen
weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungsvollzug als unzulässig
D-1665/2020
Seite 17
erscheinen (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2 f.).
An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der seither ergan-
genen politischen Entwicklungen in Sri Lanka festzuhalten (vgl. statt vieler
das Urteil BVGer D-3946/2020 vom 21. April 2022 E. 11.2 m.w.H.).
8.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies gilt auch unter
Berücksichtigung der aktuellen dortigen Ereignisse und Entwicklungen.
Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri
Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass
der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ostprovinz zumutbar ist, wenn
das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Exis-
tenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie
Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht
werden kann (vgl. das Referenzurteil E-1866/2015 E. 13.3.3 f.). Diese Ein-
schätzung hat weiterhin Gültigkeit (vgl. wiederum D-3946/2020, a.a.O.,
E. 11.3.2). Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der aktuellen politisch,
ökonomisch und sozial schwierigen Lage Sri Lankas bewusst, beobachtet
die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Ent-
scheidfindung.
8.3.2 Das SEM führte zur Frage der Zumutbarkeit des Vollzugs aus, der
Beschwerdeführer sei ein junger, gesunder, alleinstehender Mann und
habe die Schule bis zum O-Level besucht. Er verfüge über ein familiäres
Beziehungsnetz und eine gesicherte Wohnsituation in seiner Heimatre-
gion. Auch sei er aufgrund seiner gemachten (Arbeits-)Erfahrungen in der
Lage, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen.
8.3.3 In der Beschwerdeschrift wurde neben den Ausführungen zur allge-
meinen (Menschenrechts-)Lage in Sri Lanka erneut auf die Gefährdung
D-1665/2020
Seite 18
des Beschwerdeführers bei einer Rückkehr aufgrund seines Risikoprofils
hingewiesen. Nach den vorstehenden Ausführungen zum Asylpunkt ver-
mag er die zutreffenden und praxiskonformen Feststellungen des SEM da-
mit nicht in Frage zu stellen.
8.3.4 Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich in diesem Punkt den
überzeugenden Ausführungen der Vorinstanz an, weshalb – um unnötige
Wiederholungen zu vermeiden – vollumfänglich darauf verwiesen werden
kann (vgl. angefochtene SEM-Verfügung Ziffer III/2). Der Vollzug der Weg-
weisung erweist sich demnach auch als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls notwen-
digen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch
als möglich zu erachten ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig fest-
stellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – an-
gemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Der in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss ist zur Be-
zahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1665/2020
Seite 19