Decision ID: b2ee55b3-e78e-5553-88be-85e2f899f008
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 26. April 2016 in der Schweiz um Asyl.
Anlässlich der Befragung zur Person vom 3. Mai 2016 und der Anhörung
vom 15. Februar 2018 führte er im Wesentlichen aus, er sei Tamile. Im Jahr
2003 habe er den O-Level Abschluss gemacht und seither als Tuk-Tuk-
Fahrer gearbeitet. Er sei seit 2005 verheiratet und habe zwei Kinder. Bis
2005 habe er mit seiner Familie bei seinen Eltern in B._ gelebt, da-
nach in C._ (beides Nordprovinz). Sein Schwager, der Bruder sei-
ner Ehefrau, sei ein ranghohes Mitglied der Liberation Tigers of Tamil
Eelam (LTTE) gewesen und sei im Jahr 2000 den Heldentod gestorben. Ab
Januar 2006 habe er ungefähr sechs Monate lang sein Motorrad und das
gemietete Tuk-Tuk den LTTE für Waffentransporte zur Verfügung gestellt.
Am 19. April 2006 habe er sich kurz vor Beginn der Ausgangssperre im
Freien mit Freunden unterhalten. Dabei sei er vermutungsweise von Ange-
hörigen des Criminal Investigation Department (CID) am Bein angeschos-
sen worden. Er habe den Vorfall bei der Polizei angezeigt. Nach der Spita-
lentlassung habe ihm der Dorfvorsteher mitgeteilt, er müsse sich beim CID
melden. Das CID habe ihn zu den Waffen befragt und der Unterstützung
der LTTE beschuldigt. Sie hätten ihm eine wöchentliche Unterschriftspflicht
auferlegt. Dabei sei er auch gefoltert worden. Anfangs habe er sich im
D._ Camp melden müssen. Nach einem Ausreiseversuch im Jahr
2007 oder 2008 habe er im Hauptcamp in E._ Unterschrift geleistet.
Er sei jeweils mit seiner Ehefrau hingegangen. Ab Ende 2010 hätte er nur
noch einmal pro Monat Unterschrift leisten müssen, aber er sei der Unter-
schriftspflicht nicht mehr nachgekommen. Er habe daher letztmals im Jahr
2010 Kontakt mit dem CID gehabt. Von 2012 bis 2016 habe er wieder bei
den Eltern in B._ (ca. 25 Kilometer vom bisherigen Wohnort ent-
fernt) gelebt. Nach seiner Ausreise im Januar 2016 habe die Polizei, wel-
che mit dem CID zusammenarbeite, seine Ehefrau und seine Eltern aufge-
sucht und nach ihm gefragt. Es habe keinen speziellen Grund für die Aus-
reise gegeben. Er habe unter Druck gestanden und hätte keine Zukunft in
Sri Lanka gehabt. Er hoffe, er könne seine Familie nachkommen lassen.
Der Beschwerdeführer reichte seinen Geburtsschein (beglaubigte Kopie),
seine temporäre Identitätskarte, seine Identitätskarte (in Kopie), einen An-
trag auf Erneuerung der Identitätskarte, einen Eheschein (in Kopie), eine
Anzeige bei der Polizei betreffend Schussvorfall, einen Zeitungsartikel be-
treffend Schussvorfall, zwei Arztberichte und ein "Differently Abled Welfare
Book" des UNICEF ein.
E-1872/2018
Seite 3
B.
Mit Verfügung vom 22. Februar 2018 (eröffnet am 27. Februar 2018) stellte
die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
C.
Am 28. März 2018 stellte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer auf sein
Gesuch hin eine Kopie des Aktenverzeichnisses sowie Kopien der ge-
wünschten Akten zu, soweit sie dem Akteneinsichtsrecht unterlagen.
D.
Mit Eingabe vom 28. März 2018 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, es sei der Entscheid der
Vorinstanz vom 22. Februar 2018 vollumfänglich aufzuheben und dem Be-
schwerdeführer sei hierzulande Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Un-
zulässigkeit, allenfalls Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzu-
stellen und als Folge davon sei dem Beschwerdeführer die vorläufige Auf-
nahme in der Schweiz zu gewähren. Es sei dem Beschwerdeführer die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren und insbesondere auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Die Rechtvertreterin sei als
amtliche Rechtsbeiständin beizuordnen. Es sei festzustellen, dass die Be-
schwerde aufschiebende Wirkung habe.
E.
Am 6. April 2018 teilte der Instruktionsrichter dem Beschwerdeführer mit,
er könne den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwar-
ten.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 11. April 2018 hiess der Instruktionsrichter die
Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Verbeiständung
gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses – alles unter
Vorbehalt der Nachreichung einer Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung –
und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung.
G.
Am 13. April 2018 nahm die Vorinstanz zur Beschwerde Stellung. Die Ver-
nehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 18. April 2018 zugestellt.
E-1872/2018
Seite 4
H.
Am 8. Mai 2018 gab der Beschwerdeführer eine Fürsorgeabhängigkeits-
bestätigung zu den Akten.
I.
Am 24. August 2018 reichte der Beschwerdeführer vier Fotos seiner Nar-
ben und eine Honorarnote ein.
J.
Die Ehefrau des Beschwerdeführers reiste mit den beiden gemeinsamen
Kindern am 18. Juli 2019 in die Schweiz ein. Ihr mit Reflexverfolgung be-
gründetes Asylgesuch wurde von der Vorinstanz mit Verfügung vom
23. September 2019 abgelehnt. Die dagegen erhobene Beschwerde wird
vom Bundesverwaltungsgericht im Verfahren E-5092/2019 behandelt.
K.
Mit Schreiben vom 4. September 2020 reichte der Beschwerdeführer einen
Internetartikel der sri-lankischen Bauernzeitung "F._" vom 26. Sep-
tember 2016 ein, auf welchem er abgebildet ist.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Ge-
setzesbezeichnung verwendet.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer
E-1872/2018
Seite 5
ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländer-
rechts richtet sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Die Ehefrau des Beschwerdeführers macht eine Reflexverfolgung auf-
grund des Beschwerdeführers geltend. Zugleich führt sie frauenspezifische
Vorbringen an. Das Bundesverwaltungsgericht verzichtet daher auf eine
Vereinigung der beiden Beschwerdeverfahren. Das vorliegende Verfahren
und das Verfahren der Ehefrau E-5092/2019 wurden koordiniert behandelt
und unter Berücksichtigung der Familieneinheit beim Wegweisungsvollzug
entschieden.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich
kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grund-
sätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
E-1872/2018
Seite 6
5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, die Schussverletzung
des Beschwerdeführers sei – im Gegensatz zur Folter – durch Fotos und
eine Anzeige bei der Polizei gut belegt. Seine Erklärung, er habe auf die
Anzeige der Folter verzichtet, um weiterer Probleme zu vermeiden und weil
das CID es ihm verboten habe, sei unbehilflich. Auch auf dem Ausweis des
UNICEF sei nur die Schussverletzung dokumentiert. Dem Vorbringen,
seine Probleme würden unter anderem auf dem Heldentod seines Schwa-
gers im Jahr 2000 beruhen, könne nicht gefolgt werden. Die Probleme mit
dem CID hätten erst im Jahr 2006, ein Jahr nach der Hochzeit, begonnen.
Zudem hätten seine Ehefrau und ihre Geschwister deswegen nie Probleme
mit den Behörden gehabt. Es überzeuge nicht, dass er wegen der Leih-
gabe zweier Fahrzeuge an die LTTE einer mehrjährigen Unterschriftspflicht
mit Befragung und Folter unterlegen habe und ständig gesucht worden sei.
Vielmehr sei davon auszugehen, dass das CID oder die Polizei ab dem
Jahr 2010 kein ernsthaftes Verfolgungsinteresse mehr an ihm gehabt und
ihn nicht mehr gesucht habe. Eine asylrelevante Verfolgung durch die sri-
lankischen Behörden im Zeitpunkt seiner Ausreise und danach sei daher
unglaubhaft. Die Schussverletzung aus dem Jahr 2006 sei nicht als ge-
zielte Verfolgung zu qualifizieren. Zudem stünden die Schussverletzung
und die Unterschriftspflicht beim CID bis ins Jahr 2010 nicht in einem kau-
salen Zusammenhang mit der Ausreise im Jahr 2016. Diese Begebenhei-
ten seien demnach nicht asylrelevant. Der Beschwerdeführer weise nur ei-
nige, schwach risikobegründende Faktoren (Herkunft aus dem Norden, il-
legale Ausreise, Alter und Narbe) auf, welche indes nicht zur Annahme
führten, er sei bei einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit künf-
tigen asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt.
6.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe keine Anzeige wegen der
Folter gemacht, da er mit dem Tod bedroht worden sei und eine Anzeige
gegen Unbekannt (wie bei der Schussverletzung) nicht möglich gewesen
sei. Er hätte angegeben müssen, bei der Unterschriftsleistung gefoltert
worden zu sein, was sehr gefährlich gewesen wäre. Die Verwandtschaft
E-1872/2018
Seite 7
mit dem Schwager habe lediglich insoweit eine Rolle gespielt, als die LTTE
ihn dadurch für vertrauenswürdig gehalten und von ihm das Tuk-Tuk aus-
geliehen hätten. Seine Verfolgung basiere alleine auf seiner Unterstüt-
zungsleistung für die LTTE und den Verdacht, er kenne Waffenverstecke
der LTTE. Insbesondere der Verdacht betreffend Waffenverstecke habe zur
Unterschriftspflicht geführt, da sich der sri-lankische Staat vor einem Wie-
dererstarken der LTTE fürchte. Aus der Lockerung der Unterschriftspflicht
könne nicht gefolgert werden, er werde nicht mehr asylrelevant verfolgt. Er
fürchte sich neu vor Kriminellen, die im Auftrag des Staates politisch moti-
vierte Tötungen oder Einschüchterungen durchführten. Dass der Staat
nach seiner Ausreise die Suche nach ihm intensiviert habe, sei ein Indiz
dafür, dass er immer noch gesucht werde. Der Kausalzusammenhang zwi-
schen seiner Verfolgung und der Ausreise sei gegeben. Die Überwa-
chungssituation habe sich nur äusserlich geändert (keine Unterschrifts-
pflicht mehr). Inhaltlich sei sie durch andere Kontrollmechanismen wie die
regelmässige Kontrolle der Zu- und Wegzüge beim Dorfvorsteher bestehen
geblieben. Zudem sei sein Dossier im Hauptbüro hinterlegt gewesen, wes-
halb er sich nicht habe frei bewegen können. Im Zeitpunkt der Ausreise
habe er daher immer noch unter enger Kontrolle des Staates gestanden.
Er erfülle mehrere Risikofaktoren. Er habe einer Unterschriftspflicht unter-
standen, weise sichtbare Narben an Hand, Schulter, Bein und Hinterkopf
auf und sein Dossier sei beim Hauptcamp in E._ hinterlegt. Zudem
bestehe eine Verwandtschaft zu einer Heldenfamilie. Deshalb sei er mit
hoher Wahrscheinlichkeit auf einer "Stop-List" oder zumindest "Watch-List"
aufgeführt. Bei einer Rückschaffung hätte er mit einer Verhaftung und Ver-
hören zu rechnen. Sri Lanka sei derzeit nicht in der Lage oder willens, Ta-
milen in seiner Lage zu schützen. Das politische Klima in Sri Lanka habe
sich in jüngster Zeit verschlechtert. Insbesondere die innerstaatlichen
Spannungen zwischen Muslimen und Buddhisten hätten sich verschärft.
Es dränge sich die Erteilung einer vorläufigen Aufnahme auf. In der
Schweiz nehme er regelmässig an den Festlichkeiten des Märtyrertages
teil. Es gebe einen Youtube-Film, auf dem er zu erkennen sei.
6.3 Die Vorinstanz führt in der Vernehmlassung aus, die Risikofaktoren
seien nicht erfüllt. Der Beschwerdeführer habe kein Verfolgungsinteresse
seitens der Behörden darlegen können. Wäre er tatsächlich verdächtigt
worden, eine ernsthafte Gefahr für die Sicherheit des sri-lankischen Staa-
tes darzustellen, wäre er zu einem früheren Zeitpunkt inhaftiert worden.
E-1872/2018
Seite 8
7.
7.1 Die Vorinstanz hielt die Schilderung des Beschwerdeführers, er habe
im Jahr 2006 eine Schussverletzung erlitten und bis zum Jahr 2010 einer
Unterschriftspflicht unterlegen, für glaubhaft. Die Folter, die Probleme we-
gen des Schwagers sowie die Suche nach ihm nach dem Jahr 2010 stufte
sie hingegen als unglaubhaft ein. Für die Glaubhaftigkeit der Folter spricht,
dass der Beschwerdeführer die Folter in den Grundzügen beschreiben
konnte und er Narben aufweist, die von Folter stammen könnten. Dass er
aus Angst vor Repressalien keine Anzeige gegen das CID wegen der Folter
erstattete, erscheint plausibel. Es gibt aber auch Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit. So erklärte der Beschwerdeführer, er sei nicht wegen seiner Ver-
wandtschaft mit dem Schwager verfolgt worden, sondern einzig, weil er
den LTTE sein Tuk-Tuk ausgeliehen habe. Es ist schwer nachvollziehbar,
dass der Beschwerdeführer wegen diesem marginalen Beitrag für die LTTE
tatsächlich der geschilderten Folter ausgesetzt gewesen sein soll. Die
Frage der Glaubhaftigkeit der Folter kann indes aufgrund der Ausführun-
gen zur Asylrelevanz offenbleiben. Das Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers, er sei bis zu seiner Ausreise gesucht worden, befand die Vorinstanz
zu Recht für unglaubhaft. Der Beschwerdeführer gab mehrfach an, seit der
Lockerung seiner Unterschriftspflicht Ende 2010 habe er sich nicht mehr
im Camp gemeldet. Sein letzter Kontakt mit dem CID sei im Jahr 2010 ge-
wesen. Seit diesem Zeitpunkt lebte er zuerst noch über ein Jahr weiterhin
mit seiner Familie in C._. Im Jahr 2012 zog er zu seiner Familie
nach B._, wo er bereits in den Jahren vor 2006 gewohnt hatte. Bis
zu seiner Ausreise im Jahr 2016, mithin sechs Jahre nach seinem letzten
Treffen mit dem CID, wurden weder er noch seine Familie oder Verwandt-
schaft durch die sri-lankischen Behörden aufgesucht oder sonst wie behel-
ligt. Hätten die sri-lankischen Behörden weiterhin ein Interesse an ihm ge-
habt, so wäre zu erwarten gewesen, dass sie ihn in C._ oder am
Wohnort seiner Eltern, welches ihnen bekannt gewesen sein dürfte, aufge-
sucht hätten. Dass dies nicht geschah, legt nahe, dass die Behörden kei-
nerlei Interesse mehr am Beschwerdeführer gehabt haben und seine Un-
terschriftspflicht im Jahr 2010 aufgehoben worden ist. In der Beschwerde-
schrift führt er denn auch selbst aus, die Unterschriftspflicht sei im Jahr
2010 entfallen. Stattdessen habe es andere Kontrollmechanismen, wie die
Kontrolle der Zu- und Wegzüge beim Dorfvorsteher, gegeben. Auch diese
angeblichen Kontrollmechanismen hatten offensichtlich keinen Auswirkun-
gen für den Beschwerdeführer. So konnte er im Jahr 2010 ungehindert sei-
nen Wohnort zu seinen Eltern verlegen und dort bis zur Ausreise unbehel-
ligt leben. Der Beschwerdeführer konnte demnach nicht glaubhaft dartun,
nach dem Jahr 2010 von den sri-lankischen Behörden gesucht worden zu
E-1872/2018
Seite 9
sein. Folglich ist auch die behördliche Suche nach ihm bei der Ehefrau und
den Eltern nach seiner Ausreise als unglaubhaft zu qualifizieren. Im Schrei-
ben vom 4. September 2020 machte der Beschwerdeführer wiederum gel-
tend, das CID habe ihn zu Hause gesucht und den Dorfvorsteher darüber
informiert, dass er sich bei einer Rückkehr beim CID melden müsse. Nach-
dem die frühere behördliche Suche nach ihm für unglaubhaft befunden
worden ist, gibt es keinen Grund, die nicht weiter belegte behördliche Su-
che nach ihm im Jahr 2020, also rund zehn Jahre nach Ende der Unter-
schriftspflicht, für glaubhaft zu erachten.
Der Beschwerdeführer erlitt im Jahr 2006 eine Schussverletzung. Vom Jahr
2006 bis zum Jahr 2010 unterlag er einer Unterschriftspflicht. Er wurde
auch befragt und angeblich gefoltert. Die Unterschriftspflicht endete im
Jahr 2010. Im gleichen Jahr hatte er den letzten Kontakt mit dem CID. Bis
zur Ausreise im Jahr 2016 ist nichts mehr vorgefallen. Zwischen den Vor-
fällen bis zum Jahr 2010 und der Ausreise im Jahr 2016 fehlt es am zeitli-
chen Kausalzusammenhang. Hinsichtlich der Schussverletzung dürfte zu-
dem das Erfordernis der Gezieltheit des erlittenen Nachteils nicht erfüllt
sein. Der Beschwerdeführer hielt sich kurz vor Ausgangssperre mit zwei
weiteren Personen im Freien auf. Aus seinen Schilderungen geht nicht her-
vor, dass sich der Schuss gezielt gegen ihn gerichtet hat. Die erlittenen
Nachteile sind somit nicht asylrelevant.
7.2 An dieser Einschätzung ändern weder der Regierungswechsel vom
16. November 2019 noch die kürzlich erfolgte Verhaftung einer sri-lanki-
schen Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Colombo etwas, da
diesbezüglich kein individueller Bezug zum Beschwerdeführer ersichtlich
ist.
Hinsichtlich des Machtwechsels vom 16. November 2019 gilt festzuhalten:
Gotabaya Rajapaksa wurde damals zum neuen Präsidenten Sri Lankas
gewählt (vgl. Neue Zürcher Zeitung [NZZ], In Sri Lanka kehrt der Rajapa-
ksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019; https://www.theguar-
dian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-candidate-rajapaksa-
premadas-count-continues, abgerufen am 17.09.2020). Er war unter sei-
nem älteren Bruder, dem ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der
von 2005 bis 2015 an der Macht war, Verteidigungssekretär und wurde an-
geklagt, zahlreiche Verbrechen gegen Journalisten und Aktivisten began-
gen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechtsverlet-
zungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet die An-
schuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri Lanka,
E-1872/2018
Seite 10
14.01.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident seinen Bru-
der Mahinda sodann zum Premierminister und band einen weiteren Bruder,
Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Ma-
hinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett
zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institutionen (vgl.
https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-presidents-
brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-tate20191127174753/,
abgerufen am 17.09.2020). Beobachter und ethnische/religiöse Minderhei-
ten befürchten verstärkte Repression und die vermehrte Überwachung von
Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen und Journa-
listen, Oppositionellen und regierungskritischen Personen (vgl. Schweize-
rische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt Ängste bei Minder-
heiten, 21.11.2019). Anfang März 2020 löste Gotabaya Rajapaksa das Par-
lament vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri Lankas Prä-
sident löst das Parlament auf, 03.03.2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst, beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt sie
bei der Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand durch-
aus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage für Perso-
nen, die bestimmte Risikofaktoren erfüllen, auszugehen (vgl. Referenzur-
teil des Bundesverwaltungsgerichts E‐1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW,
Sri Lanka: Families of "Disappeard" Threatened, 16.02.2020). Dennoch
gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Ein-
zelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen
zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive deren Fol-
gen besteht.
Der Beschwerdeführer war in Sri Lanka keiner asylrelevanten Verfolgung
ausgesetzt. Auch unter Berücksichtigung des aktuellen politischen Kontex-
tes in Sri Lanka lässt sich nicht ableiten, er hätte künftig mit einer asylrele-
vanten Verfolgung zu rechnen.
7.3 Der Beschwerdeführer macht in der Beschwerdeschrift erstmals gel-
tend, er nehme in der Schweiz regelmässig an den Festlichkeiten des Mär-
tyrertages teil. Es gebe einen Youtube-Film, auf dem er zu erkennen sei.
Mit Schreiben vom 4. September 2020 gab er zudem an, in Genf an einer
regierungskritischen Demonstration teilgenommen zu haben. Als Beleg
E-1872/2018
Seite 11
reichte er einen Bericht der sri-lankischen Bauernzeitung "F._" vom
26. September 2016 ein, in welchem er abgebildet ist.
Subjektive Nachfluchtgründe sind dann anzunehmen, wenn eine asylsu-
chende Person erst durch die Flucht aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat
oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Wesentlich ist, ob die heimatlichen Be-
hörden das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen und
dieser deswegen bei einer Rückkehr eine Verfolgung befürchten muss.
Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, wer-
den jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (Art. 54 AsylG; vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.1 sowie Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2000 Nr. 16 E. 5a m.w.H.).
Der Beschwerdeführer reichte keine Belege für seine angeblichen Teilnah-
men an dem Märtyrertag ein. Auf dem eingereichten Internetartikel ist der
Beschwerdeführer zwar abgebildet, aber ohne Namen. Zudem ist er ein
Teilnehmer unter vielen, der nicht hervorsticht. So trägt er auch keine Fah-
nen oder Schals der LTTE, wie dies bei anderen Teilnehmern der Fall ist.
Es ist daher von einem derart unterschwelligen exilpolitischen Engagement
auszugehen, dass nicht anzunehmen ist, die sri-lankischen Behörden hät-
ten davon Kenntnis erhalten. Die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerde-
führers ist somit unter dem Aspekt der subjektiven Nachfluchtgründe ge-
mäss Art. 54 AsylG zu verneinen.
8.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Zur Beurtei-
lung des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form
von Verhaftung und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren
identifiziert. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene
Verbindung zu den LTTE, ein Eintrag in der „Stop List“ und die Teilnahme
an exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobe-
gründende Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten
Umständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begrün-
deten Furcht führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentli-
cher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine
gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegrün-
dende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden
E-1872/2018
Seite 12
Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden be-
strebt sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen und so
den sri-lankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Ri-
sikofaktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen
in der am Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" vermerkt seien und
der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Straf-
registereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten
Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für sri-lankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten (vgl.
a.a.O. E. 8).
8.2 Der Beschwerdeführer war nie Mitglied der LTTE. Er hat lediglich sechs
Monate lang sein Motorrad und das gemietete Tuk-Tuk den LTTE für Trans-
porte zur Verfügung gestellt. Deswegen unterlag er einer Unterschrifts-
pflicht, welche jedoch im Jahr 2010 endete (vgl. E. 7.1). Sein Schwager
war zwar ranghohes Mitglied bei den LTTE, er wurde aber bereits im Jahr
2000, also fünf Jahre vor der Heirat des Beschwerdeführers und seiner
Ehefrau, getötet. Zudem bekamen nach Angaben des Beschwerdeführers
weder er noch seine Ehefrau und ihre Familien deswegen Probleme mit
den Behörden. Seine Ehefrau erlitt keine asylrelevante Verfolgung. Des
Weiteren wurde der Beschwerdeführer weder verhaftet noch einer Straftat
angeklagt oder gar verurteilt und verfügt somit auch nicht über einen
Strafeintrag. Seine exilpolitische Tätigkeit ist als äusserst niederschwellig
einzustufen. Er weist mehrere Narben auf. Die Narben sind indes nicht
ohne Weiteres sichtbar. Aus der tamilischen Ethnie, den Narben und der
mittlerweile gut vierjährigen Landesabwesenheit kann er keine Gefährdung
ableiten, zumal er die sechs Jahre vor seiner Ausreise unbehelligt in Sri
Lanka leben konnte. Dass er in einer „Stop List“ aufgeführt sein soll, ist
aufgrund des Gesagten unwahrscheinlich. Zudem ist festzuhalten, dass
eine allfällige Befragung am Flughafen in Colombo und Kontrollmassnah-
men an seinem Heimatort keine asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen
darstellen (Urteil des BVGer D-5158/2018 vom 2. September 2019 E. 8.3).
Unter Würdigung aller Umstände ist somit anzunehmen, dass der Be-
schwerdeführer von der sri-lankischen Regierung nicht zu jener kleinen
Gruppe gezählt wird, die bestrebt ist, den tamilischen Separatismus wieder
aufleben zu lassen, und so eine Gefahr für den sri-lankischen Einheitsstaat
darstellt. Es ist nicht davon auszugehen, dass ihm persönlich im Falle einer
Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG
drohen würden.
E-1872/2018
Seite 13
8.3 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asylgesuch zu Recht abge-
lehnt.
9.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt.
Der Beschwerdeführer und seine Ehefrau verfügen weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen (Art. 32 Abs. 1 AsylV 1, SR 142.31). Die Wegweisung
wurde zu Recht angeordnet.
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
10.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Vorliegend kommt dem Beschwerdeführer keine Flüchtlings-
eigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von
Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwend-
bar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge-
meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3
BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst (vgl.
EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011,
Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Januar
2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien, Urteil vom
17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07). Dabei unterstreicht der Gerichts-
E-1872/2018
Seite 14
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehren-
den Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müssten im
Rahmen der Beurteilung, ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für
die Befürchtung habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Be-
fragung ein Interesse, verschiedene Aspekte – welche im Wesentlichen
durch die in Erwägung 8.1 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind
(vgl. EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94) – in Betracht gezogen
werden, wobei dem Umstand gebührend Beachtung zu schenken sei, dass
diese einzelnen Aspekte, auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglich-
erweise kein "real risk" darstellen, diese Schwelle bei einer kumulativen
Würdigung erreichen könnten.
Nachdem der Beschwerdeführer – wie in den Erwägungen 7 und 8.2 aus-
geführt – nicht darlegen konnte, dass er befürchten müsse, bei einer Rück-
kehr ins Heimatland die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Behörden in ei-
nem flüchtlingsrechtlich relevanten Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen
auch keine Anhaltspunkte dafür, ihm würde aus demselben Grund eine
menschenrechtswidrige Behandlung in Sri Lanka drohen.
10.3 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri
Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass
der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz (mit Ausnahme des Vanni-Ge-
biets) zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen
Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (Urteil E-1866/2015 E. 13.2). Im Refe-
renzurteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5 erachtet das Bundes-
verwaltungsgericht auch den Wegweisungsvollzug ins Vanni-Gebiet als zu-
mutbar. An dieser Einschätzung vermögen die Gewaltvorfälle in Sri Lanka
vom 21. April 2019, der gleichentags von der sri-lankischen Regierung ver-
hängte Ausnahmezustand, der am 28. August 2019 wieder aufgehoben
wurde, und die mit den Wahlen im November 2019 zusammenhängenden
gewalttätigen Ausschreitungen nichts zu ändern.
Der Beschwerdeführer und seine Ehefrau sind gesund. Er lebte bis ins Jahr
2010 mit seiner Familie in C._, Nordprovinz. Danach wohnte er bei
E-1872/2018
Seite 15
seinen Eltern in B._, Distrikt G._, Nordprovinz. Er verfügt
über eine gute Schulbildung und arbeitete vor seinem Umzug zu den Eltern
als Tuk-Tuk-Fahrer. Seine Ehefrau ging zwölf Jahre zur Schule und machte
den A-Level-Abschluss. Sie wohnte in einem eigenen Haus in H._.
Es ist anzunehmen, dass der Beschwerdeführer nach seiner Rückkehr
seine Tätigkeit als Tuk-Tuk-Fahrer wieder aufnehmen und mit seiner Fa-
milie im Haus seiner Ehefrau leben kann. Zudem verfügen der Beschwer-
deführer und seine Ehefrau mit seinen Eltern und seinen Geschwistern so-
wie ihrer Mutter und ihren Brüdern über ein tragfähiges familiäres Bezie-
hungsnetz in Sri Lanka, das in der Lage sein sollte, sie bei der Wiederein-
gliederung zu unterstützen. Im Schreiben vom 4. September 2020 brachte
der Beschwerdeführer erstmals vor, in psychiatrischer Behandlung zu sein,
ohne dafür einen Beleg einzureichen. Es kann daher nicht von einem Voll-
zugshindernis ausgegangen werden. Gemäss Arztbericht wurde beim äl-
teren Kind Asthma bronchiale diagnostiziert. Der Krankheitsverlauf ist aber
unauffällig. Sollte das Kind nach der Rückkehr dennoch eine medizinische
Behandlung benötigen, so ist diese in Sri Lanka gewährleistet. Die minder-
jährigen Kinder mit den Jahrgängen (...) und (...) sind aufgrund ihres Alters
und der kurzen Anwesenheitsdauer noch nicht in der Schweiz verwurzelt;
ihre Eltern stellen ihre wichtigsten Bezugspersonen dar. Das Wohl der Kin-
der steht einem Wegweisungsvollzug nicht entgegen (vgl. Art. 3 des Über-
einkommens über die Rechte des Kindes [KRK, SR 0.107]). Schliesslich
steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvollzug nicht entge-
gen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein
Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraus-
sichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate –
bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei
den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn
überhaupt – um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rah-
men der Vollzugsmodalitäten, ebenso wie der Familieneinheit, durch die
kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt
des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst wird. Der Vollzug er-
weist sich deshalb für den Beschwerdeführer und seine Familie auch in
individueller Hinsicht als zumutbar.
10.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeich-
nen, weil es dem Beschwerdeführer obliegt, bei der zuständigen Vertretung
seines Heimatstaats die für seine Rückkehr notwendigen Reisedokumente
zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AslyG; BVGE 2008/34 E. 12).
E-1872/2018
Seite 16
10.5 Die Vorinstanz hat somit den Wegweisungsvollzug zu Recht als zu-
lässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen
Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung den
rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt, Bundes-
recht nicht verletzt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich über-
prüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenver-
fügung vom 11. April 2018 wurden die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und Beiordnung einer amtlichen Rechtsbeistän-
din gutgeheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten zu erheben.
12.2 Die amtliche Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers reichte eine
Honorarnote in der Höhe von Fr. 2'185.50 (inkl. Auslagen). Dieser Betrag
erscheint angemessen und ist MLaw Cora Dubach als amtliches Honorar
zu Lasten des Gerichts auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1872/2018
Seite 17