Decision ID: 72e10f41-baf8-49d0-b04f-c4305f9a79fb
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
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A. A.X. wurde am 19. September 1996 in Y./Togo als Sohn von B.X. und W.X.
geboren. Mit Urteil vom 9. Februar 2009 stellte der Cour d'Appel de Y., Tribunal de
Première Instance, fest, der Vorname des Vaters sei nicht B., sondern C.; am 3. August
2010 wurde die berichtigte togolesische Geburtsurkunde ausgestellt (act. 5/3 Akten
Migrationsamt Seiten 44/45).
C.X. (geb. 1970) verliess Togo nach eigenen Angaben im Februar 2000 und ersuchte in
Deutschland vergeblich um Asyl. Im Januar 2001 reiste er illegal in die Schweiz ein.
Sein Asylgesuch wurde abgewiesen, und er wurde aufgefordert, die Schweiz bis 22.
Februar 2005 zu verlassen. Am 11. Februar 2005 heiratete er M.G. (geb. 1957, von S.
und T./AR) und erhielt eine Aufenthaltsbewilligung (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seiten
52/53). Am 6. November 2009 wurde C.X. erleichtert eingebürgert. Vom 22. Juli bis 21.
August 2011 hielt sich A.X. zwecks Familienbesuchs in der Schweiz auf (act. 5/3 Akten
Migrationsamt Seite 145). Das kantonale Migrationsamt wies das Gesuch von C.X. vom
17. Oktober 2011, es sei A.X. – dessen Grossvater vor rund zwei Jahren gestorben sei
und dessen Grossmutter die Erziehung vernachlässige (act. 5/3 Akten Migrationsamt
Seite 68) – im Familiennachzug eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen (act. 5/3 Akten
des Migrationsamts Seite 58), am 19. April 2012 ab. Nach Auffassung des
Migrationsamts war die gesetzliche Nachzugsfrist nicht eingehalten und das Gesuch
rechtsmissbräuchlich, weil nicht das familiäre Zusammenleben, sondern die Umgehung
der Kontingentsvorschriften bezweckt werde (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seiten
85-90). Den dagegen erhobenen Rekurs wies das Sicherheits- und Justizdepartement
des Kantons St. Gallen am 21. November 2012 ab. Es hielt fest, A.X. sei am 29. August
2008 zwölfjährig geworden und das Nachzugsgesuch nicht innert Jahresfrist, sondern
erst am 17. Oktober 2011 gestellt worden (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seiten
103-112). Das Verwaltungsgericht schrieb die dagegen erhobene Beschwerde am 17.
Januar 2013 zufolge Rückzugs ab (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seiten 114-116; B
2012/261).
B. Am 12. März 2014 reiste A.X. angeblich ohne Pass und Visum in die Schweiz
ein und ersuchte um Asyl. In der Befragung gab er unter anderem an, sein Grossvater
sei vor sieben Jahren verstorben, seine Grossmutter sei zurück ins Dorf gezogen und
er habe bei einem Onkel väterlicherseits gelebt (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seite
145). Sein Asylgesuch vom 25. März 2014 begründete er damit, er habe Togo wegen
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den schwierigen Lebensumständen verlassen und wolle bei seinem Vater in der
Schweiz leben (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seite 148). Das Bundesamt (heute
Staatssekretariat) für Migration trat auf das Asylgesuch am 8. August 2014 nicht ein
und stellte fest, der Entscheid über den weiteren Aufenthalt und eine allfällige
Wegweisung falle in die Zuständigkeit der kantonalen Migrationsbehörden (act. 5/3
Akten Migrationsamt Seiten 151-155).
Das kantonale Migrationsamt nahm ein erneutes Gesuch vom 28. August 2014 um
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung für A.X. im Familiennachzug als
Wiedererwägungsgesuch entgegen und trat darauf am 13. Oktober 2014 nicht ein mit
der Begründung, es würden keine neuen Tatsachen belegt, welche – nach der
Abweisung des Gesuchs vom 17. Oktober 2011 am 19. April 2012 – eine erneute
materielle Prüfung verlangten (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seiten 158-160). Das
Sicherheits- und Justizdepartement wies den dagegen erhobenen Rekurs am 25.
November 2014 ab.
C. A.X. (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 26. November 2014 versandten
Entscheid des Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) mit Eingabe vom 29.
Dezember 2014 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den Rechtsbegehren, unter
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sei der angefochtene Entscheid
aufzuheben und das Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung im
Familiennachzug gutzuheissen. Die Vorinstanz beantragte am 8. Januar 2015 die
Abweisung der Beschwerde. Auf die Ausführungen der Vorinstanz im angefochtenen
Entscheid und des Beschwerdeführers zur Begründung seiner Anträge wird, soweit

wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59bis
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Der
Beschwerdeführer ist Adressat des angefochtenen und am 26. November 2014
versandten Entscheides, mit dem der Rekurs gegen die Nichtbehandlung seines
Gesuchs um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung im Familiennachzug durch das
kantonale Migrationsamt abgewiesen worden war, und damit zur Erhebung der
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Beschwerde befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Da Gegenstand des
angefochtenen Entscheides einzig die Frage ist, ob das kantonale Migrationsamt das
Gesuch um Familiennachzug zu Recht in der Sache nicht geprüft hat, kann auf den
Beschwerdeantrag, es sei das Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung im
Familiennachzug gutzuheissen, nicht eingetreten werden. Die Beschwerde gegen den
dem Beschwerdeführer gemäss seinen eigenen Angaben am 28. November 2014
zugestellten, mit dem Hinweis auf die 14-tägige Beschwerdefrist versehenen Entscheid
wurde am 29. Dezember 2014 und damit nach Ablauf der Frist am Freitag, 12.
Dezember 2014 erhoben (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47, Art. 58 Abs. 1, Art. 30 Abs.
1 VRP und Art. 143 Abs. 1 der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272). Das
Recht zur Beschwerdeerhebung ist damit verwirkt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47
Abs. 1, Art. 58 Abs. 1 und Art. 30bis VRP) und auf die Beschwerde, welche die
gesetzlichen Anforderungen in formeller und inhaltlicher Hinsicht zwar erfüllt (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 VRP), ist nicht einzutreten. Abgesehen davon erwiese
sich die Beschwerde in materieller Hinsicht als unbegründet.
2. Das kantonale Migrationsamt hat das Gesuch des Beschwerdeführers vom
28. August 2014 um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung im Familiennachzug als
Wiedererwägungsgesuch entgegen genommen und ist darauf nicht eingetreten,
nachdem es am 19. April 2012 ein inhaltlich übereinstimmendes Gesuch abgewiesen
hatte und diese Verfügung mit der Abschreibung des Beschwerdeverfahrens vor dem
Verwaltungsgericht am 17. Januar 2013 rechtskräftig geworden war. Der
Beschwerdeführer macht geltend, seine Einreise und der Umstand, dass er bei seinem
Vater lebe, zu dem er immer eine enge Beziehung gehabt habe, die heute noch stärker
sei, stellten neue Sachverhalte dar, die es rechtfertigten, das Gesuch als ein
Wiedererwägungsgesuch, gegebenenfalls als ein neues Gesuch in der Sache zu
behandeln.
Gemäss Art. 27 VRP sind Wiedererwägungsgesuche zulässig, begründen aber keinen
Anspruch auf eine Stellungnahme der Behörde in der Sache und hemmen den
Fristenlauf nicht. Ein Anspruch auf materielle Wiedererwägung besteht, wenn sich die
Verhältnisse (Sach- und Rechtslage) seit dem Erlass der ursprünglichen Verfügung
erheblich geändert haben, wenn wichtige Tatsachen oder Beweise geltend gemacht
werden, die zur Zeit der ersten Entscheidung nicht bekannt waren oder nicht geltend
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gemacht werden konnten (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St.
Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 575 mit Hinweisen). Die Ablehnung einer ausländerrechtlichen
Bewilligung entspricht einer Verfügung mit Dauerwirkung. Nach der
verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung bedeutet dies, dass auf eine ablehnende
Verfügung nicht ohne Weiteres zurückgekommen werden kann. Ein genereller
Anspruch auf Wiedererwägung nach Art. 27 VRP besteht nicht. Dagegen ist ein
Anspruch auf Wiedererwägung beziehungsweise auf Erlass einer neuen materiellen
Verfügung gegeben, wenn sich die Sach- und Rechtslage gegenüber den der formell
rechtskräftigen Verfügung zugrunde liegenden Umständen wesentlich geändert haben.
In Bezug auf ein ausländerrechtliches Bewilligungsverfahren bedeutet dies, dass auf
erneute Gesuche oder Anträge in der Regel nicht eingetreten werden muss, sofern ein
identisches Gesuch formell rechtskräftig abgewiesen worden ist. In solchen Fällen
besteht kein Anlass, vom ersten Entscheid abzuweichen, sondern es kann auf diesen
verwiesen werden. Die ursprüngliche Verfügung ist indessen auf ein gleiches Gesuch
hin in Wiedererwägung zu ziehen, wenn sich seit dem Erlass der früheren Verfügung
eine anspruchsbegründende neue Sach- oder Rechtslage ergeben hat (vgl. GVP 2007
Nr. 67).
Zwischen der formellen Rechtskraft der Verfügung vom 19. April 2012, die mit der
rechtskräftigen Abschreibung des Beschwerdeverfahrens am 17. Januar 2013
eingetreten ist, und dem Nichteintreten auf das neue Gesuch durch das kantonale
Migrationsamt am 25. November 2014 haben sich Sach- und Rechtslage insoweit
geändert, als der Beschwerdeführer seit seiner illegalen Einreise in die Schweiz im
März 2014 bei C.X., der gemäss berichtigter togolesischer Geburtsurkunde vom 3.
August 2010 sein Vater ist (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seite 47), lebt und am 19.
September 2014 volljährig wurde. Diese Änderungen sind indessen nicht geeignet,
dem Beschwerdeführer – im Gegensatz zur formell rechtskräftigen Beurteilung des
Gesuchs vom 17. Oktober 2011 - einen Anspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung in
der Schweiz zu begründen.
Die Frage, ob dem Beschwerdeführer als minderjährigem Sohn von C.X. für die
Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung im Familiennachzug erteilt werden kann, wurde im
Zusammenhang mit dem Gesuch vom 17. Oktober 2011 vom kantonalen
Migrationsamt am 19. April 2012 und von der Vorinstanz am 21. November 2012
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verneint. Mit der Abschreibung des beim Verwaltungsgericht anhängigen
Beschwerdeverfahrens am 17. Januar 2013 wurde diese Beurteilung rechtskräftig. Der
Umstand, dass der Beschwerdeführer nach einem regulären Besuchsaufenthalt in der
Schweiz im Sommer 2011 im Frühling 2014 illegal in die Schweiz einreiste, um sich bei
C.X. aufzuhalten, stellt – wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat – keine Tatsache
dar, welche geeignet ist, an der rechtlichen Beurteilung des Gesuchs vom 17. Oktober
2011 etwas zu ändern.
Mit der Volljährigkeit des Beschwerdeführers hat sich im Übrigen die Rechtslage zu
seinen Ungunsten verändert. Einen gesetzlichen Anspruch auf Erteilung der
Aufenthaltsbewilligung im Familiennachzug haben gemäss Art. 42 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer (Ausländergesetz; SR 142.20,
AuG) ausländische Ehegatten und ledige Kinder unter 18 Jahren von Schweizerinnen
und Schweizern, wenn sie mit diesen zusammenwohnen. Auch Art. 8 der Europäischen
Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, EMRK)
schützt, soweit er das Familienleben beschlägt, in erster Linie die Kernfamilie, das
heisst die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjährigen Kindern (vgl. BGE 135 I
143 E. 1.3.2 mit Hinweis auf BGE 129 II 11 E. 2). Auf den Schutz des Familienlebens
können sich deshalb lediglich minderjährige Kinder berufen, deren Eltern über ein
gefestigtes Anwesenheitsrecht in der Schweiz verfügen (vgl. BGE 2C_178/2010 vom 2.
März 2011 E. 1.3, 2C_531/2013 vom 19. Mai 2014 E. 1.2.2). Für volljährige Kinder
besteht ein Aufenthaltsanspruch nur, wenn zwischen den Eltern und den erwachsenen
Kindern ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis besteht (vgl. BGer 2D_95/2008 vom
16. Januar 2009 E. 2.3.2). Ein solches besonderes Abhängigkeitsverhältnis zwischen
dem Beschwerdeführer und C.X. ist nicht dargetan. Dass C.X., der 2001 als
Asylbewerber in die Schweiz einreiste, Vater eines in Togo lebenden Kindes sein soll,
wurde in der Schweiz erstmals im Zusammenhang mit dem im Jahr 2011 gestellten
Gesuch um Familiennachzug aktenkundig. Der 1996 geborene Beschwerdeführer lebte
seit 2000 getrennt von C.X. in Togo bei seinen Grosseltern. Dass der Beschwerdeführer
und C.X. bis zum Besuchsaufenthalt des Beschwerdeführers im Jahr 2011 in der
Schweiz trotz räumlicher Trennung im Rahmen der Möglichkeiten – Briefe, Telefon,
Internet – Kontakt pflegten, ist nicht ersichtlich. Ihre Angaben zum Zeitpunkt des Todes
des Grossvaters weichen zudem stark voneinander ab. C.X. behauptete im Januar
2012 "vor zwei Jahren" (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seite 68), der Beschwerdeführer
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im März 2014 "vor sieben Jahren" (act. 5/3 Akten Migrationsamt Seite 145). Diese
Umstände sprechen nicht für eine intensive persönliche Verbundenheit und damit auch
nicht für eine besondere Abhängigkeit zwischen dem Beschwerdeführer und C.X.
3. Zusammenfassend ergibt sich, dass auf die Beschwerde nicht eingetreten
werden kann. Im Übrigen hat das kantonale Migrationsamt das Gesuch des
Beschwerdeführers vom 28. August 2014 um Erteilung der Aufenthaltsbewilligung im
Familiennachzug zu Recht inhaltlich nicht behandelt und die Vorinstanz deshalb den
dagegen erhobenen Rekurs mit dem angefochtenen Entscheid vom 25. November
2014 zu Recht abgewiesen. Die Beschwerde erwiese sich deshalb auch als
unbegründet und wäre dementsprechend abzuweisen.
4. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 1'200 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der aus Togo stammende Beschwerdeführer
hält sich seit März 2014 in der Schweiz auf, ohne zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit
befugt zu sein. Auch künftige Aufenthalte zu Besuchszwecken in der Schweiz werden
nicht mit der Befugnis zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit verbunden sein. Unter
diesen Umständen rechtfertigt es sich, auf die Erhebung der amtlichen Kosten zu
verzichten (Art. 97 VRP). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
im Sinn des Verzichts auf eine Entscheidgebühr wird damit gegenstandslos und kann
abgeschrieben werden. Ausseramtliche Kosten wären bei diesem Verfahrensausgang
nicht zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1 und 98bis VRP). Ein Gesuch um ausseramtliche
Rechtsverbeiständung wurde nicht gestellt.