Decision ID: 23271d83-5717-40f6-94e7-ece2b4add1b6
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 18.12.2019 Art. 43 Abs. 1 ATSG. Willkürliche, aber vom BGer zu verantwortende Anwendung der Kalenderjahr-Praxis für einen einzigen von über 10'000 per 1. Jan. 2018 revidierten Fälle. Zwingende Notwendigkeit einer umfassenden Sachverhaltsabklärung analog einer erstmaligen EL-Zusprache (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 18. Dezember 2019, EL 2018/24).
Entscheid vom 18. Dezember 2019
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
EL 2018/24
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Hans Frei, Kriessernstrasse 40, 9450 Altstätten,
gegen
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Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, EL-Durchführungsstelle,
Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt
A.
A._ bezog gestützt auf einen Einspracheentscheid der EL-Durchführungsstelle
vom 23. Juni 2016 (act. G 3.3.29) mit Wirkung ab dem 1. August 2014 eine
Ergänzungsleistung zu einer Rente der Invalidenversicherung. Die EL-
Durchführungsstelle hatte bei der Anspruchsberechnung (vgl. act. G 3.3.27 ff.) unter
anderem ein hypothetisches Erwerbseinkommen der Ehefrau im Betrag von 39’532
Franken respektive – unter Berücksichtigung der sogenannten „Privilegierung“ des
Erwerbseinkommens – von 25’354 Franken als Einnahme berücksichtigt.
A.a.
Im August 2016 reichte die Ehefrau des EL-Bezügers Nachweise über
Stellenbemühungen ein, die sie im Juli 2016 getätigt hatte (act. G 3.3.26). Gleichzeitig
erfuhr die zuständige AHV/IV-Zweigstelle, dass sich die Ehefrau des EL-Bezügers zum
Bezug einer Rente der Invalidenversicherung angemeldet hatte (act. G 3.3.25). Im
November 2016 reichte die Ehefrau des EL-Bezügers weitere Nachweise über
Stellenbemühungen ein, die die Monate Juli bis Oktober 2016 betrafen (act. G 3.3.12).
Mit einer Verfügung vom 19. Dezember 2016 passte die EL-Durchführungsstelle die
laufende Ergänzungsleistung an eine Erhöhung der kantonalen Durchschnittsprämie für
die obligatorische Krankenpflegeversicherung per 1. Januar 2017 an (act. G 3.3.9). Die
Anspruchsberechnung wies ein unverändertes hypothetisches Erwerbseinkommen der
Ehefrau von 39’532 Franken aus (act. G 3.3.10). Im März 2017 reichte die Ehefrau des
EL-Bezügers weitere Stellenbemühungsnachweise ein (act. G 3.3.6). Ein Mitarbeiter
des Sozialamtes wies darauf hin (act. G 3.3.6–3), dass das Sozialamt die
Stellenbemühungsnachweise nur mit Blick auf eine allfällige Erhöhung der
A.b.
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Ergänzungsleistung verlange, denn für das Sozialamt sei klar, dass die Ehefrau des EL-
Bezügers wegen ihrer ungenügenden Sprachkenntnisse, ihres Alters, ihrer schlechten
gesundheitlichen Verfassung, der fehlenden Ausbildung etc. keine Arbeitsstelle finden
werde. Die Nachweise über die verlangten Stellenbemühungen hätten nur dank einer
massiven Mithilfe des Sohnes erstellt werden können. Das Sozialamt sei der Ansicht,
dass auf die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens – wenn möglich
rückwirkend – verzichtet werden sollte. Im August 2017 wies das Sozialamt darauf hin,
dass die Ehefrau des EL-Bezügers das 60. Altersjahr vollendet habe, weshalb gestützt
auf die Art. 14a und 14b ELV kein hypothetisches Erwerbseinkommen mehr
angerechnet werden dürfe (act. G 3.3.5).
Im Auftrag der IV-Stelle hatte die SMAB AG am 15. Mai 2017 ein polydisziplinäres
Gutachten betreffend die Ehefrau des EL-Bezügers erstellt (act. G 3.5.1). Die
Sachverständigen hatten festgehalten, die Ehefrau des EL-Bezügers leide an einer
arteriellen Hypertonie, anamnestisch an einem rezidivierenden Reflux, an einem Status
nach einer viralen Gastroenteritis, an einer reizlosen Varikosis beidseits, an einer
kleinen Nabelhernie, an einem lumbo-vertebralen Schmerzsyndrom, an einer
retropatellaren Chondropathie links, an einer Adipositas sowie an einem
vasomotorischen Kopfschmerz und an einem Schwindel bei einer Hypertonie.
Angesichts der insgesamt geringfügigen Gesundheitsbeeinträchtigungen sei es der
Ehefrau des EL-Bezügers zumutbar, ihre bisherige Tätigkeit als Hausfrau oder jede
andere leichte bis mittelschwere Tätigkeit ohne Einschränkungen zu verrichten. Mit
einer Verfügung vom 25. Oktober 2017 verneinte die IV-Stelle einen Anspruch der
Ehefrau des EL-Bezügers auf berufliche Massnahmen (act. G 3.5.5). Ein Sachbearbeiter
der EL-Durchführungsstelle hatte bereits am 20. Oktober 2017 notiert (act. G 3.3.4),
aus objektiver Sicht sei die Ehefrau des EL-Bezügers uneingeschränkt arbeitsfähig. Sie
fühle sich aber nur noch für ein bescheidenes Arbeitspensum (wenn überhaupt)
arbeitsfähig. Es gehe nicht an, nicht durchsetzbare Rentenforderungen mittels
Ergänzungsleistungen zu kompensieren. Aufgrund der subjektiven
Krankheitsüberzeugung der Ehefrau müsse davon ausgegangen werden, dass diese
ihre Schadenminderungspflicht nicht vollumfänglich erfüllen würde, wenn ihr eine
Arbeitsstelle angeboten würde. Ihre Arbeitsbemühungen seien folglich als nicht
ausreichend ernsthaft zu qualifizieren, weshalb weiterhin ein hypothetisches
A.c.
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Erwerbseinkommen angerechnet werden müsse. Mit einer Verfügung vom 23. Oktober
2017 wies die EL-Durchführungsstelle „das Gesuch um Ausscheidung des
hypothetischen Erwerbseinkommens für die Ehefrau“ ab (act. G 3.3.3).
Am 4. Dezember 2017 liess der nun anwaltlich vertretene EL-Bezüger geltend
machen (act. G 3.4.12), die Fiktion, dass seine Ehefrau ein Erwerbseinkommen von
39’532 Franken erzielen könne, sei völlig unrealistisch. Die Sachverständigen der
SMAB AG hätten anerkannt, dass die Ehefrau des EL-Bezügers an diversen
Gesundheitsbeeinträchtigungen leide. Sie hätten diese einfach nicht als so gravierend
eingeschätzt, wie sie von der Ehefrau empfunden würden. Allerdings hätten sie darauf
hingewiesen, dass die Ehefrau des EL-Bezügers „compliant“ sei. Diese sei im Übrigen
seit ihrer Einreise in die Schweiz im Jahr 1991 nie ausserhäuslich erwerbstätig
gewesen. Da sie mittlerweile über 60 Jahre alt, in ihren Bewegungen verlangsamt und
„nicht ganz gesund“ sei, kein Deutsch verstehe und nach ihrer Schulbildung
abgesehen von einer halbjährigen Anlehre zur Näherin keine Ausbildung absolviert
habe, habe sie keine Chance, auf dem freien Arbeitsmarkt eine Arbeitsstelle zu finden.
Sowohl das Sozialamt als auch das regionale Arbeitsvermittlungszentrum hätten
bestätigt, dass die Ehefrau des EL-Bezügers keine Arbeitsstelle mehr finden könne.
Sollte die EL-Durchführungsstelle weiterhin ein hypothetisches Erwerbseinkommen
berücksichtigen wollen, habe sie eine anfechtbare Verfügung zu eröffnen. Mit einer
Verfügung vom 18. Dezember 2017 passte die EL-Durchführungsstelle die laufende
Ergänzungsleistung an eine Erhöhung der kantonalen Durchschnittsprämie für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung per 1. Januar 2018 an (act. G 3.4.11).
Bereits am 15. Dezember 2017 hatte sie dem Rechtsvertreter des EL-Bezügers
mitgeteilt (act. G 3.4.8), dass sie auf sein Wiedererwägungsbegehren nicht eintreten
werde. Im Sinne einer Auskunft weise sie ihn aber darauf hin, dass sie am
18. Dezember 2017 eine Verfügung betreffend den EL-Anspruch ab dem 1. Januar
2018 erlassen werde, die mit einer Einsprache angefochten werden könne. Am 29.
Januar 2018 liess der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung vom 18.
Dezember 2017 erheben (act. G 3.4.7). Sein Rechtsvertreter beantragte den Verzicht
auf die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau und
eventualiter die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens von 12’860
Franken. Zur Begründung führte er aus, der Ehefrau des EL-Bezügers sei es nicht
A.d.
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B.
zumutbar, ein Erwerbseinkommen zu erzielen. Für den Fall, dass dieser Ansicht nicht
gefolgt werde, sei auf den Art. 14b ELV hinzuweisen. Dieser sehe nämlich für über 50
Jahre alte Frauen ohne minderjährige Kinder nur ein hypothetisches
Erwerbseinkommen von 12’860 Franken vor. Mit einem Entscheid vom 23. März 2018
wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (act. G 3.4.3). Zur Begründung
führte sie an, der Ehefrau des EL-Bezügers sei es gemäss dem Gutachten der SMAB
AG zumutbar, einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Das Alter, die Absenz
vom Arbeitsmarkt und die fehlenden Deutschkenntnisse stünden der Aufnahme einer
Erwerbstätigkeit nicht entgegen. Angesichts des Umstandes, dass sich die Ehefrau des
EL-Bezügers gegenüber den Sachverständigen der SMAB AG als nicht arbeitsfähig
präsentiert habe, müsse davon ausgegangen werden, dass sie sich gar nicht ernsthaft
um eine Arbeitsstelle bemüht habe. Selbst wenn ein entsprechender Arbeitswille
vorhanden gewesen wäre, müssten die getätigten Stellenbemühungen als
unzureichend qualifiziert werden, weil sich die Ehefrau des EL-Bezügers um
Arbeitsstellen beworben habe, die nicht ihrem Fähigkeitsprofil entsprächen. Die
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens von 39’532 Franken sei
rechtmässig, weshalb die Einsprache abzuweisen sei.
Am 7. Mai 2018 liess der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 23. März 2018 erheben (act. G 1).
Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides und den Verzicht auf die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens der Ehefrau sowie eventualiter die Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens von 12’680 Franken. Zur Begründung führte er
aus, das angerechnete Erwerbseinkommen von 39’532 Franken sei völlig unrealistisch.
Die Ehefrau des Beschwerdeführers sei im Jahr 1991 in die Schweiz eingereist. Sie
habe sich um die Erziehung der Kinder gekümmert; deshalb sei sie nie einer
ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit nachgegangen. Sie verstehe nur sehr schlecht
Deutsch und sie spreche praktisch gar kein Deutsch; für einen deutschen Text fehle ihr
jegliches Leseverständnis. Ihrer Herkunft und Religion entsprechend sei sie traditionell
mit einem Kopftuch, einem langen Mantel und einer Jacke gekleidet. Sie besitze keinen
Führerausweis. Zudem leide sie an erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen.
B.a.
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Erwägungen
1.
Bei der Verfügung vom 18. Dezember 2017 hat es sich um eine Revisionsverfügung im
Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt, mit der die Beschwerdegegnerin die
laufende Ergänzungsleistung ausschliesslich an eine Erhöhung der kantonalen
Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung angepasst hat.
Als echtes Rechtsmittelverfahren hätte das Einspracheverfahren keinen weiteren oder
anderen Gegenstand als jenes Verwaltungsverfahren haben dürfen, das mit der
Verfügung vom 18. Dezember 2017 abgeschlossen worden war. Mit anderen Worten
hätte im Einspracheverfahren nur geprüft werden dürfen, ob es rechtmässig gewesen
ist, die laufende Ergänzungsleistung per 1. Januar 2018 an eine Erhöhung der
kantonalen Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung
anzupassen. Ohne sich auch nur mit einem Wort dazu zu äussern, hat die
Beschwerdegegnerin dann aber einen in der Einsprache gestellten Antrag materiell
beurteilt, der keinen Zusammenhang mit dem Gegenstand der angefochtenen
Verfügung vom 18. Dezember 2017, also der Erhöhung der kantonalen
Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung, aufgewiesen
hat. Das bedeutet, dass die Beschwerdegegnerin die Revisionsverfügung vom 18.
Dezember 2017 im Einspracheverfahren – entgegen ihrer eigenen ständigen Praxis – in
eine sogenannte „Kalenderjahrpraxis“-Verfügung umgedeutet haben muss. Die
Beschwerdegegnerin hat im Einspracheverfahren also fingiert, dass sie mit ihrer
Verfügung vom 18. Dezember 2017 die Ergänzungsleistung per 1. Januar 2018
umfassend neu und ohne jede Bindung an frühere formell rechtskräftige Verfügungen
festgesetzt habe, dass sie also auch die Anrechnung des hypothetischen
Erwerbseinkommens der Ehefrau ab dem 1. Januar 2018 neu verfügt habe. Gemäss
Gemäss dem Art. 14b ELV dürfe einer über 50 Jahre alten Frau nur maximal ein
Erwerbseinkommen von 12’860 Franken angerechnet werden.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 23. Mai 2018 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
Am 28. Mai 2018 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege
respektive die unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt (act. G 4).
B.c.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (act. G 10).B.d.
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der ständigen Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen ist dieses
Vorgehen als gesetzwidrig zu qualifizieren, denn die Gesetzesbestimmungen zum
Einspracheverfahren sehen diese Möglichkeit einer „Umdeutung“ der einspracheweise
angefochtenen Verfügung gar nicht vor und es gibt auch keine Gesetzesbestimmung,
die das Erlöschen der Verbindlichkeit einer EL-Verfügung mit dem Ende des
Kalenderjahres vorsähe. Selbst das Bundesgericht hat schon verschiedentlich
festgehalten, dass ein EL-Ansprecher nicht mehrfach dieselben
Berechnungsgrundlagen beanstanden könne, ohne sich dem Vorwurf einer mutwilligen
Prozessführung auszusetzen, was rechtslogisch voraussetzt, dass eine EL-Verfügung
über die Dauer eines Kalenderjahres hinaus verbindlich bleibt (z.B. Urteil 8C_94/2007
vom 15. April 2008; Urteil 9C_52/2015 vom 3. Juli 2015). Auch im Schrifttum wird
selbst von Autoren, die für die sogenannte „Kalenderjahr-Praxis“ plädieren, die
Auffassung vertreten, dass EL-Verfügungen teilweise über einen
Kalenderjahreswechsel hinaus rechtsbeständig blieben: „Wo es aber nicht zu solchen
erheblichen Änderungen kommt, geht die Verwaltungspraxis zu Recht davon aus, dass
eine Verfügung über eine jährliche Ergänzungsleistung gilt, bis sich die für den
Anspruch massgebenden Verhältnisse rechtserheblich ändern“ (Ulrich Meyer-Blaser,
Die Anpassung von Ergänzungsleistungen wegen Sachverhaltsveränderungen, in: René
Schaffhauser/Franz Schlauri [Hrsg.], Die Revision von Dauerleistungen in der
Sozialversicherung, 1999, S. 34). Allerdings ist die dabei implizit vertretene Auffassung,
die Verwaltung könne willkürlich darüber entscheiden, welche Elemente verbindlich
blieben und welche nicht, offensichtlich unhaltbar, denn das liefe sowohl dem
Legalitätsprinzip als auch dem Gleichbehandlungsgebot zuwider. Entgegen der Ansicht
der Beschwerdegegnerin hat die Verfügung vom 18. Dezember 2017 also gemäss der
ständigen Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen keine umfassende
Prüfung sämtlicher Anspruchspositionen erlaubt beziehungsweise erfordert.
Hinsichtlich des hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau hat folglich nur
geprüft werden dürfen, ob diesbezüglich eine massgebende Veränderung eingetreten
war, ob also zu Unrecht keine revisionsweise Anpassung dieser Einnahmenposition
erfolgt sei. Das ist nicht der Fall gewesen, weshalb die Voraussetzungen für eine
revisionsweise Anpassung der entsprechenden Berechnungsposition nicht erfüllt
gewesen sind. Im Ergebnis erweist sich der Einspracheentscheid vom 23. März 2018
deshalb trotz seiner gesetzwidrigen Begründung als rechtmässig, weshalb die
Beschwerde abzuweisen ist.
2.
Im Sinne eines obiter dictum ist auf Folgendes hinzuweisen: Die „Kalenderjahrpraxis“
des Bundesgerichts kann nur so interpretiert werden, dass bei ihrer Anwendung im
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Einspracheverfahren betreffend die Verfügung vom 18. Dezember 2017 keinerlei
Bindung an frühere Verfügungen bestanden hätte und dass die Beschwerdegegnerin
die Ergänzungsleistung im Einspracheentscheid vom 23. März 2018 folglich wie bei
einer erstmaligen Zusprache einer Ergänzungsleistung vollständig neu hätte
zusprechen müssen. Selbstverständlich hätte dieser vollständigen Neufestsetzung der
Ergänzungsleistung ohne jede Bindung an frühere Verfügungen in Nachachtung des
Untersuchungsgrundsatzes eine umfassende Ermittlung des gesamten für den EL-
Anspruch ab 1. Januar 2018 massgebenden Sachverhaltes vorausgehen müssen. Das
Bundesgericht hat in ähnlich gelagerten Fällen, in denen das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen im kantonalen Beschwerdeentscheid explizit auf diesen Umstand
hingewiesen hatte, diese Konsequenz der „Kalenderjahr-Praxis“ aus nicht
nachvollziehbaren Gründen ausgeblendet. Der Gegenstand des Einspracheverfahrens
hätte jedenfalls – nach der Auffassung des Bundesgerichts – zwingend jenem eines
Verwaltungsverfahrens mit dem Ziel der erstmaligen Zusprache einer
Ergänzungsleistung per 1. Januar 2018 entsprechen müssen. Demnach hätte die
Beschwerdegegnerin notwendigerweise umfassende Abklärungen zu jeder in Frage
kommenden Ausgaben- und Einnahmenposition tätigen müssen. Andernfalls hätte eine
Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) vorgelegen. Dabei hätte
sich die Beschwerdegegnerin in keinem Punkt auf eine frühere Sachverhaltswürdigung
stützen dürfen, denn ansonsten hätte die Gefahr bestanden, dass sie einen früher
begangenen Fehler übersehen hätte. Der gesamte Sachverhalt hätte komplett neu
abgeklärt werden müssen. Es könnte offensichtlich nicht der Inhalt des
erstinstanzlichen Beschwerdeverfahrens sein, jene Abklärungen nachzuholen, welche
die Beschwerdegegnerin in rechtswidriger Weise unterlassen hätte, denn die originäre
Sachverhaltsabklärung kann nur die Aufgabe der Beschwerdegegnerin und nicht
diejenige der Beschwerdeinstanz sein. Die Sache müsste deshalb zur umfassenden
Sachverhaltsabklärung per 1. Januar 2018 an die Beschwerdegegnerin
zurückgewiesen werden. Diese müsste den Beschwerdeführer auffordern, ein
detailliertes Gesuchsformular, wie es für die erstmalige Zusprache einer
Ergänzungsleistung zur Anwendung gelangt, auszufüllen und die Belege einzureichen,
die erforderlich wären, um sämtliche massgebende Ausgaben- und
Einnahmenpositionen per 1. Januar 2018 zu ermitteln. Wenn nötig müsste die
Beschwerdegegnerin anschliessend weitere Abklärungen tätigen, bis der gesamte
massgebende Sachverhalt per 1. Januar 2018 abschliessend ermittelt wäre. Dann
müsste die Beschwerdegegnerin über den EL-Anspruch des Beschwerdeführers ab
dem 1. Januar 2018 neu entscheiden, wie wenn sie dem Beschwerdeführer erstmals
eine Ergänzungsleistung zusprechen würde. Da die Beschwerdegegnerin den
Gegenstand des Verfahrens erst im Einspracheverfahren von einer Leistungsrevision in
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eine erstmalige Leistungszusprache „verwandelt“ hat, könnte die Sache nicht zur
Durchführung eines mit einer Verfügung abzuschliessenden Verwaltungsverfahrens an
die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden. Vielmehr müsste die
Beschwerdegegnerin die erforderlichen Abklärungen im Rahmen des wieder
aufzunehmenden, vom Beschwerdeführer am 29. Januar 2018 angestossenen
Einspracheverfahrens vornehmen und dann einen neuen Einspracheentscheid erlassen.
Die Sache wäre demnach zur Weiterführung des Einspracheverfahrens im Sinne der
Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Der unterliegende
Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Der Staat hat
seinem Rechtsvertreter zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung eine Entschädigung auszurichten, die angesichts des als
durchschnittlich zu qualifizierenden erforderlichen Vertretungsaufwandes praxisgemäss
auf 80 Prozent (Art. 31 Abs. 3 AnwG) von 3’000 Franken, das heisst auf 2’400 Franken,
festzusetzen ist. Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird
der Beschwerdeführer zur Rückerstattung dieser Entschädigung verpflichtet werden
können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).