Decision ID: 0266fb08-3514-4c90-abe2-8f81d0c29936
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X besitzt den Führerausweis unter anderem für die Kategorien C, C1 und D1
(2. medizinische Gruppe). Wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand, begangen am
30. Oktober 2009 mit einer Blutalkoholkonzentration von mindestens 1,74 und
höchsten 2,19 Gew.-‰, war ihm der Führerausweis für die Dauer von vier Monaten
vom 1. November 2009 bis 28. Februar 2010 entzogen. Im Bericht vom 15. August
2011 über die regelmässig erforderliche Kontrolluntersuchung hielt der Vertrauensarzt
fest, X habe im Zusammenhang mit einem insulinpflichtigen Diabetes den rechten Fuss
gebrochen, und empfahl eine verkehrsmedizinische Untersuchung. Das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen ordnete mit
Zwischenverfügung vom 2. September 2011 die entsprechende Untersuchung an. Am
13. September 2011 ging der Bericht eines Diabetologen ein, in welchem die
Stoffwechselkontrolle als mässig gut bezeichnet sowie die gutachterlichen Fragen
beantwortet, insbesondere verkehrsmedizinisch relevante Beeinträchtigungen verneint
und eine täglich mehrfache Blutzuckerkontrolle und eine spezialärztliche Betreuung in
grösseren Abständen empfohlen werden. In einem Aktengutachten erachtete das
Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen am 19. September 2011 eine
umfassende verkehrsmedizinische Begutachtung als angezeigt. Sie wurde vom
Strassenverkehrsamt am 24. Oktober 2011 angeordnet.
B.- Am 17. Januar 2012 wurde X am Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St.
Gallen verkehrsmedizinisch untersucht. Im Gutachten vom 21. März 2012 wird die
Fahreignung für die 2. und 3. medizinische Gruppe bejaht bei regelmässiger
hausärztlicher und diabetologisch-fachärztlicher Behandlung und Kontrolle,
Verbesserung der Blutzuckereinstellung mit Anpassung/Optimierung der
Insulintherapie durch den Diabetologen, jährlichen Augenarztkontrollen, Anwendung
des Merkblatts für Fahrzeuglenker mit Diabetes mellitus, Einreichen von
Verlaufsberichten und einer Haaranalyse auf Ethylglucuronid (EtG) als Verlaufskontrolle
des Alkoholkonsums in vier Monaten. Das Strassenverkehrsamt verfügte die
empfohlenen Auflagen am 30. Mai 2012 und entzog einem allfälligen Rekurs die
aufschiebende Wirkung.
C.- Gegen die Anordnung der Auflagen vom 30. Mai 2012 erhob X durch seinen
Rechtsvertreter mit Eingabe vom 15. Juni 2012 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit den Anträgen, unter Kosten- und
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Entschädigungsfolge und Erteilung der aufschiebenden Wirkung sei von der
Verlaufskontrolle des Alkoholkonsums abzusehen, eventualiter die Haaranalyse Mitte
August 2012 durch Blutanalysen alle zwei Monate während eines halben Jahres zu
ersetzen. Die Vorinstanz beantragt mit Vernehmlassung vom 6. Juli 2012 die
Abweisung des Rekurses. Der zuständige Abteilungspräsident erteilte dem Rekurs mit
Verfügung vom 18. Juli 2012 die aufschiebende Wirkung. Die Kosten der
Zwischenverfügung blieben bei der Hauptsache. Auf die Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten zur Begründung der Rekursanträge wird, soweit erforderlich, in

den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 15. Juni 2012 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS
951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs wird einzig beanstandet, dass die Auflagen, die mit der Erkrankung des
Rekurrenten an Diabetes mellitus zusammenhängen, auch eine Verlaufskontrolle des
Alkoholkonsums vorsehen.
a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Nach Art. 14 Abs. 2 lit. b SVG
darf der Führerausweis nicht erteilt werden, wenn der Bewerber nicht über eine
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit verfügt, die zum sicheren Führen von
Motorfahrzeugen ausreicht. Wird nachträglich festgestellt, dass die gesetzlichen
Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen, ist der Führerausweis
zu entziehen (Art. 16 Abs. 1 SVG). Gemäss Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG wird der
Führerausweis einer Person auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn ihre körperliche und
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geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht, ein Motorfahrzeug sicher zu
führen.
Nach den allgemeinen verwaltungsrechtlichen Grundsätzen ist es im Rahmen der
Verhältnismässigkeit zulässig, aus besonderen Gründen den Führerausweis mit
Auflagen zu versehen, wenn diese der Sicherstellung der Fahreignung und damit der
Verkehrssicherheit dienen sowie mit dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang stehen
(vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4482). Die Anordnung von Auflagen kommt dann in
Frage, wenn der Lenker die gesetzlichen Anforderungen an die Fahreignung bei
Einhaltung bestimmter Massnahmen erfüllt; ein Entzugsgrund nach Art. 16 SVG muss
dabei nicht gegeben sein. Erforderlich ist zudem, dass sich die Fahreignung nur mit
dieser Massnahme aufrechterhalten lässt und die Auflagen erfüll- und kontrollierbar
sind (BGE 131 II 248 E. 6).
b) Bei behandelten Diabetikern bilden Unterzuckerungszustände (Hypoglykämien) eine
der Hauptursachen für anfallartig auftretende Bewusstseinsstörungen am Steuer. Bei
einer Unterzuckerung wird die Fahrfähigkeit aufgrund einer plötzlich und oft
unvorhersehbaren Bewusstseinsbeeinträchtigung innert sehr kurzer Zeit massiv gestört
oder gänzlich aufgehoben, sodass sich bei einem solchen Ereignis eine erhebliche
Verkehrsgefährdung ergibt. Personen mit stark überhöhtem Blutzucker
(Hyperglykämien) zeigen oftmals Symptome wie Schwäche, Übelkeit, Verlangsamung,
gestörte Wahrnehmung und Schläfrigkeit, welche die Fahrfähigkeit ebenfalls deutlich
beeinträchtigen. Personen mit Diabetes mellitus sind in der Regel nur für die Fahrzeuge
der 3. medizinischen Gruppe (insbesondere Kategorien A und B) fahrgeeignet. Es muss
eine stabile Blutzuckereinstellung ohne Vorkommen von schweren Hypoglykämien und
ohne wesentliche Hyperglykämien bestehen. Bei aussergewöhnlich günstigen
Umständen kann die Fahreignung in Ausnahmefällen auch für die 2. medizinische
Gruppe befürwortet werden. Die medizinischen Voraussetzungen sind in einem
ausführlichen Gutachten durch einen entsprechend befähigten Arzt darzulegen.
Zuckerkranke Fahrzeuglenker, die unter einer Therapie mit Insulin stehen oder
blutzuckersenkende und damit potentiell eine Hypoglykämie auslösende Tabletten
(Sulfonylharnstoffe, Glinide) einnehmen, müssen in der Lage sein, eine Unterzuckerung
während des Fahrens zuverlässig zu vermeiden. Dazu gehört die strikte Einhaltung
bestimmter Verhaltensregeln, wie sie im Merkblatt für Fahrzeuglenker mit Diabetes
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mellitus festgehalten sind (vgl. R. Seeger, Diabetes Mellitus und Fahreignung, in:
Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, Bern 2005, S. 67 f. und S. 148).
Hypoglykämien führen zu einer schlechteren Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit
während der Fahrt. Umgekehrt führt das Lenken wegen der Konzentration auf das
Fahren zu einer schlechteren Wahrnehmung der Symptome einer Hypoglykämie. Der
Konsum von Alkohol kann zu Hypoglykämien führen und verdeckt deren Wahrnehmung
(vgl. Schweizerische Diabetes-Gesellschaft, Diabetes & Autofahren, veröffentlicht auf
www.diabetesgesellschaft.ch, vgl. auch des Merkblatt des Instituts für Rechtsmedizin
der Universität Zürich für Fahrzeuglenker mit Diabetes mellitus, veröffentlicht auf
www.irm.uzh.ch).
c) Der Rekurrent besitzt den Führerausweis auch für Fahrzeuge der 2. medizinischen
Gruppe. Für diese Gruppe kann die Fahreignung bei Diabetes mellitus nur unter
besonders günstigen Umständen bejaht werden. Diese können als erfüllt betrachtet
werden, wenn der Rekurrent die von der Vorinstanz verfügten Auflagen beachtet. Dazu
gehört auch ein kontrollierter und verantwortungsbewusster Umgang mit Alkohol, der –
wie dargestellt – in Wechselwirkungen mit der Diabeteserkrankung tritt. Der Rekurrent
lenkte Ende Oktober 2009 ein Fahrzeug in angetrunkenem Zustand mit einer
Blutalkoholkonzentration zwischen 1,74 und 2,19 Gew.-‰ (Mittelwert 1,97 Gew.-‰).
Eine solche schwere Alkoholisierung lässt sich mit einer verlässlichen eigenen
Beobachtung sich abzeichnender Symptome von Hypo- und Hyperglykämien nicht
vereinbaren. Hinzu kommt, dass der Diabetologe im Bericht vom 9. September 2011
festhielt, die Stoffwechselkontrolle sei mässig gut. Die depressiven Verstimmungen,
welche der Rekurrent schilderte, und die damit verbundene Absicht, er wolle die
Neueinstellung des Diabetes "auf bessere Zeiten verschieben", deuten auf eine
zuweilen eingeschränkte Compliance (Zuverlässigkeit) bei der persönlichen Kontrolle
des Blutzuckergehaltes hin. Die Auflage einer Verlaufskontrolle des Alkoholkonsums
erscheint unter diesen Umständen als angemessen, umso mehr als eine weitere
Überwachung nur vorgesehen ist, wenn das Ergebnis auf einen übermässigen
Alkoholkonsum hinweisen sollte.
3.- Im Rekurs wird eventualiter beantragt, an Stelle der – aus Kostengründen
unverhältnismässigen – Haaranalyse seien zweimonatliche Bluttests während eines
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halben Jahres durchzuführen. Abgesehen davon, dass die über Bluttests bestimmten
Parameter aufgrund ihres lediglich mittelbaren Zusammenhangs mit dem Konsum von
Alkohol zum verlässlichen Nachweis der Konsummenge weniger geeignet sind als das
durch die Haaranalyse ermittelte Ethylglucuronid, bei dem es sich um ein in den Haaren
abgelagertes Abbauprodukt des Trinkalkohols handelt (vgl. dazu Urteil des
Bundesgerichts 6A.8/2007 vom 1. Mai 2007 E. 2.3 mit Hinweisen), sind die Kosten
gemäss den unbestrittenen Angaben der Vorinstanz in der Vernehmlassung für eine
Haaranalyse (Fr. 250.--) nur unwesentlich höher als für die dreimalige Durchführung von
Blutanalysen (Fr. 240.--). Der Rekurs erweist sich dementsprechend auch insoweit als
unbegründet, als damit die Durchführung von Blutanalysen anstelle der angeordneten
Haaranalyse beantragt wird.
4.- Dementsprechend ist der Rekurs abzuweisen. Eine Entscheidgebühr von
Fr. 1'400.--, darin enthalten die Kosten von Fr. 200.-- für die Präsidialverfügung vom
17. Juli 2012, mit welcher dem Rekurs die aufschiebende Wirkung erteilt wurde,
erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).
Dem Verfahrensausgang entsprechend – dem Rekurs war zwar die aufschiebende
Wirkung zu erteilen, jedoch unterlag der Rekurrent in der Sache – sind die amtlichen
Kosten zu sechs Siebteln dem Rekurrenten aufzuerlegen; einen Siebtel der Kosten
trägt der Staat (Art. 95 Abs. 1 VRP). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'500.-- ist mit dem
Kostenanteil des Rekurrenten von Fr. 1'200.-- zu verrechnen und im Mehrbetrag
zurückzuerstatten. Bei dieser Verlegung der amtlichen Kosten besteht kein Anspruch
auf die Entschädigung ausseramtlicher Kosten (vgl. Art. 98 und 98 VRP; R. Hirt, Die
Regelung der Kosten nach st. gallischem Verwaltungsrechtspflegegesetz, St. Gallen
2004, S. 182 ff.).