Decision ID: e4198642-72e0-4af7-97ba-5ec0b2031720
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) war seit 1. Juni 2011 mit einem Pensum von 100
% als Mitarbeiterin Produktion bei der B._ AG tätig und dadurch bei der
Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva) gegen die Folgen von
Unfällen versichert. Am 23. Januar 2015 meldete die Arbeitgeberin, dass die
Versicherte am 15. Januar 2015 beim Umstellen eines schweren Tisches einen Finger
eingeklemmt habe (Suva-act. 1). Am Unfalltag hatte sich die Versicherte in die zentrale
Notfallaufnahme des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) begeben, wo ein
Quetschtrauma Digitus III links mit Anästhesie ab dem proximalen
Interphalangealgelenk (PIP) diagnostiziert worden war (Suva-act. 19). Mit Schreiben
vom 27. Januar 2015 anerkannte die Suva ihre Leistungspflicht und erbrachte die
gesetzlichen Versicherungsleistungen (Suva-act. 4).
A.a.
Bei anhaltender kompletter Asensibilität des linken Mittelfingers wurde am 1. Juni
2015 im KSSG eine Neurolyse (N5/N6) durchgeführt (Suva-act. 37). Daran
anschliessend persistierten bei zurückgekehrter Sensibilität im Bereich des
Mittelfingers (Suva-act. 58) Schmerzen und Dysästhesien (Suva-act. 47, 55, 63),
woraufhin die Versicherte am 11. November 2015 eine Behandlung im
Schmerzzentrum des KSSG aufnahm (Suva-act. 70) und am 23. November 2015 erneut
operiert wurde (Ringbandspaltung A1 und Synovialektomie bei diagnostiziertem
schnellendem Mittelfinger links; Suva-act. 78). In der Folge wurde anlässlich der
Verlaufskonsultationen im Schmerzzentrum des KSSG bei diagnostiziertem
A.b.
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chronifiziertem neuropathischem sowie teilweise nozizeptivem Schmerzsyndrom keine
Besserung der Schmerzsymptomatik beschrieben (Suva-act. 90, 99, 110).
Nach einer Testphase (Suva-act. 150 ff.) wurde der Versicherten bei
diagnostiziertem therapieresistentem CRPS (Neurodystrophie) des Mittelfingers der
linken Hand am 9. Februar 2017 ein Neurostimulator zur Hinterstrangstimulation (SCS)
implantiert (Suva-act. 156). Im Bericht des Schmerzzentrums des KSSG vom 12. Juli
2017 wird in der Folge eine nachhaltige Besserung des Grundschmerzes beschrieben
(Suva-act. 184). Nachdem es im weiteren Verlauf zu Problemen beim Ladevorgang des
Stimulators gekommen war (Suva-act. 186, 195, 214), wurde am 18. Januar 2018 der
Impulsgeber gegen einen nicht wieder aufladbaren Impulsgeber ausgetauscht (Suva-
act. 230).
A.c.
Mit neurologischer Beurteilung vom 24. September 2018 führte Dr. med. C._,
Facharzt FMH für Neurologie vom Suva-Kompetenzzentrum Versicherungsmedizin,
aus, dass die Versicherte durch die Implantation des SCS-Systems gut behandelt sei.
Die unfallbedingte Behandlung mit SCS und eine stabilisierende angepasste
multimodale Schmerztherapie seien weiterhin erforderlich. Aus unfallbedingten
Gründen sei in der angestammten Tätigkeit als Mitarbeiterin in der Produktion einer
optischen Firma, welche gleichzeitig als bestangepasste Tätigkeit gelten könne, eine
Arbeitsfähigkeit von 60 bis 80 %, möglicherweise mit einem leicht verminderten
Rendement, ausgewiesen. Die Versicherte könne sämtliche leichten Tätigkeiten
ausüben, bei welcher die linke Hand in nur geringem Ausmass und insbesondere ohne
Kontakt zum Mittelfinger benutzt werden könne. Es sei hier von einer Hilfshand
auszugehen. Klimatisch besonders herausfordernde Tätigkeiten wie zum Beispiel das
Verpacken von Gefriergut könne die Versicherte nicht leisten. Auch Tätigkeiten, bei
welcher sie Schutzhandschuhe tragen müsse, seien ungeeignet (Suva-act. 259). Den
Integritätsschaden schätzte Dr. C._ auf 10 % (Suva-act. 264). Am 14. August 2019
präzisierte Dr. med. D._, Facharzt FMH für Neurologie vom Suva-Kompetenzzentrum
Versicherungsmedizin, die Beurteilung von Dr. C._ dahingehend, dass er die
Arbeitsfähigkeit der Versicherten sowohl in der angestammten als auch in adaptierter
Tätigkeit auf 70 % schätzte (Mittelwert von 60 bis 80 %), wobei 10 % für zusätzliche
Pausen zu veranschlagen seien (Suva-act. 288).
A.d.
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B.
Mit Verfügung vom 11. September 2019 sprach die Suva der Versicherten ab 1.
Oktober 2019 eine Invalidenrente von monatlich Fr. 1'807.80 auf der Basis einer
Erwerbsunfähigkeit von 53 % bei einem versicherten Jahresverdienst von Fr. 51'164.--
sowie eine Integritätsentschädigung von Fr. 12'600.-- bei einer Integritätseinbusse von
10 % zu. Die subjektiven resp. psychischen Beschwerden, welche sich seit dem Unfall
entwickelt hatten (vgl. dazu unter anderem Suva-act. 239, 244), wurden als nicht
adäquat kausal beurteilt (Suva-act. 298).
A.e.
Gegen die Verfügung vom 11. September 2019 liess die Versicherte, vertreten
durch Rechtsanwalt Laurent Häusermann, St. Gallen, am 14. Oktober 2019 Einsprache
erheben. Es sei die Verfügung vom 11. September 2019 in Bezug auf die
Integritätsentschädigung aufzuheben. Es seien weitere Abklärungen durchzuführen und
sodann sei die Integritätsentschädigung durch einen Fachexperten oder eine
Fachexpertin neu zu beurteilen (Suva-act. 309).
B.a.
Im März 2020 veranlasste die IV-Stelle des Kantons St. Gallen eine
polydisziplinäre medizinische Untersuchung (Suva-act. 315) bei der estimed AG,
MEDAS Zug (nachfolgend: estimed), in den Disziplinen Innere Medizin, Neurologie,
Psychiatrie, Neuropsychologie und Handchirurgie (Suva-act. 323-8). Die Versicherte
wurde im Juli, August und September 2020 an mehreren Tagen untersucht; die
Expertise selbst datiert vom 21. September 2020 (Suva-act. 323-4 ff.). Im Konsens
diagnostizierten die Gutachter und die Gutachterin eine schmerzhafte
Gebrauchsunfähigkeit bei Funktionsverlust der linken Hand bei Status nach
Quetschtrauma, Neurolyse und Ringbandspaltung, ein schweres CRPS bei Zustand
nach Implantation eines Neurostimulators sowie einen Status nach depressiver
Episode (Suva-act. 323-17). Aus handchirurgischer und neurologischer Sicht sowie
auch im Konsens wurde in adaptierter Tätigkeit eine 60%-ige Arbeitsunfähigkeit
bescheinigt (Suva-act. 323-19). Die schwerwiegend relevanten funktionellen
Einschränkungen im Bereich der linken Hand kombiniert mit einer massiven
Schmerzempfindung, die durch die attackenweisen Anfälle noch gesteigert würden,
würden es der Versicherten nicht mehr gestatten, die notwendigen Greif- und
Haltefunktionen auszuführen. Feinmotorische Arbeiten seien mit diesen vorhandenen
B.b.
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C.
Funktionseinschränkungen vollkommen ausgeschlossen. Der Mittelfinger der linken
Hand sei in einer permanenten Beugestellung fixiert. Er berühre mit der Fingerspitze die
Hohlhand und könne aktiv nicht mehr gestreckt werden. Durch diese Tatsache sei das
Fingerspiel der benachbarten Finger massiv eingeschränkt. Eine geringe Greiffunktion
könne nur noch zwischen Daumen und Zeigefinger ausgeübt werden. Die Kraft, die
dort entstehe, sei kaum verwertbar (Suva-act. 323-17). Mit Verfügung vom 24. Februar
2021 wurde der Versicherten ab 1. September 2016 bei einem Invaliditätsgrad von 60
% eine Dreiviertelsrente der Invalidenversicherung zugesprochen (Suva-act. 335).
Mit Verfügung vom 25. März 2021 errechnete die Suva eine Komplementärrente
von monatlich Fr. 1'137.30 und forderte zu viel erbrachte Geldleistungen zurück (Suva-
act. 349). Diese Verfügung blieb unangefochten.
B.c.
Mit Entscheid vom 10. Juni 2021 wies die Suva die Einsprache gegen die
Verfügung vom 11. September 2019 bezüglich Höhe der Integritätsentschädigung (vgl.
vorstehend lit. B.a) ab (Suva-act. 354).
B.d.
Gegen den Einspracheentscheid vom 10. Juni 2021 liess die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin), weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt
Häusermann, mit Eingabe vom 17. Juli 2021, welche am 6. Dezember 2021 ergänzt
wurde, Beschwerde erheben. Die Verfügung vom 11. September 2019 sei in Bezug auf
die Integritätsentschädigung aufzuheben. Die Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) sei zu verpflichten, der Beschwerdeführerin eine
Integritätsentschädigung gestützt auf einen Integritätsschaden von 40 % zu bezahlen.
Eventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren Abklärung und Neubeurteilung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, der
Beschwerdeführerin die Kosten von Fr. 500.-- für die chirurgisch-
versicherungsmedizinische Beurteilung zu erstatten. Der Beschwerdeführerin sei die
unentgeltliche Rechtshilfe mit dem unterzeichnenden Rechtsanwalt als unentgeltlichem
Rechtsbeistand zu gewähren. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich
Mehrwertsteuer zu Lasten der Beschwerdegegnerin (act. G 1 und 11). Mit der
Beschwerde reichte Rechtsanwalt Häusermann unter anderem eine Beurteilung von Dr.
C.a.
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Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde bildet der Einspracheentscheid
vom 10. Juni 2021 (Suva-act. 354), welchem die Verfügung vom 11. September 2019
med. E._, Fachärztin FMH für Chirurgie, vom 11. September 2021 (inklusive
Rechnung) ein (act. G 11.3 f.).
In der Beschwerdeantwort vom 2. März 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung des Einspracheentscheids vom
10. Juni 2021 (act. G 18). Mit der Beschwerdeantwort legte die Beschwerdegegnerin
eine ärztliche Beurteilung von Dr. med. F._, Fachärztin FMH für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Suva-Versicherungsmedizin
Ost und Süd, vom 21. Februar 2022 ins Recht (act. G 18.1).
C.b.
Am 7. März 2022 wurde dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung durch Rechtsanwalt Häusermann entsprochen (act. G 19).
C.c.
In der Replik vom 7. Juni 2022 ergänzte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin die Beschwerde dahingehend, dass die Beschwerdegegnerin zu
verpflichten sei, der Beschwerdeführerin die Kosten von Fr. 1'146.20 für die
chirurgisch-versicherungsmedizinische Beurteilung vom 11. September 2021 sowie die
chirurgisch-versicherungsmedizinische Stellungnahme vom 6. Juni 2022 zu erstatten
(act. G 25). Mit der Replik reichte Rechtsanwalt Häusermann unter anderem
vorgenannte Stellungnahme vom 6. Juni 2022 (inklusive Rechnung) von Dr. E._ ein
(act. G 25.3 f.).
C.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine umfassende Duplik und reichte am
4. Juli 2022 eine kurze Stellungnahme ein. Darin erneuerte sie ihren Antrag auf
Abweisung der Beschwerde und verwies insbesondere auf ihre Ausführungen in der
Beschwerdeantwort (act. G 27).
C.e.
Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der
übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
C.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/13
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(Suva-act. 298) zugrunde liegt. Mit dieser hat die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin ab 1. Oktober 2019 eine Rente auf der Basis einer
Erwerbseinbusse resp. eines Invaliditätsgrads von 53 % sowie eine
Integritätsentschädigung basierend auf einer Integritätseinbusse von 10 %
zugesprochen. In der Folge hat die Beschwerdeführerin gegen die Höhe der
Integritätsentschädigung, nicht aber gegen den Rentenanspruch Einsprache erhoben
(Suva-act. 309). Der Verfügungsteil betreffend den Rentenanspruch ist damit
unangefochten in Rechtskraft erwachsen und bildet nicht Gegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens. Zwischen den Parteien streitig und zu prüfen ist
damit einzig die Höhe der Integritätsentschädigung.
2.
Gemäss Art. 24 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) hat die versicherte Person Anspruch auf eine angemessene
Integritätsentschädigung, wenn sie durch den Unfall eine dauernde erhebliche
Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität erleidet. Art. 36
Abs. 1 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) bestimmt, dass
ein Integritätsschaden als dauernd gilt, wenn er voraussichtlich während des ganzen
Lebens mindestens in gleichem Umfang besteht (Satz 1); er ist erheblich, wenn die
körperliche, geistige oder psychische Integrität, unabhängig von der Erwerbsfähigkeit,
augenfällig oder stark beeinträchtigt wird (Satz 2).
2.1.
Laut Art. 25 Abs. 1 UVG wird die Integritätsentschädigung in Form einer
Kapitalleistung gewährt. Sie wird entsprechend der Schwere des Integritätsschadens
abgestuft, wobei sie den am Unfalltag geltenden Höchstbetrag des versicherten
Jahresverdienstes nicht übersteigen darf. Nach Art. 25 Abs. 2 UVG regelt der
Bundesrat die Bemessung der Entschädigung. Von dieser Befugnis hat er in Art. 36
UVV Gebrauch gemacht. Gemäss Abs. 2 dieser Vorschrift gelten für die Bemessung
der Integritätsentschädigung die Richtlinien des Anhangs 3. Darin hat der Bundesrat in
einer als gesetzmässig erkannten, nicht abschliessenden Skala (BGE 113 V 219 f. E.
2a) häufig vorkommende und typische Schäden prozentual gewichtet (BGE 124 V 32 E.
1b). Für die im Anhang 3 zur UVV genannten Integritätsschäden entspricht die
Entschädigung im Regelfall dem angegebenen Prozentsatz des Höchstbetrages des
versicherten Verdienstes (Ziff. 1 Abs. 1). Die Entschädigung für spezielle oder nicht
aufgeführte Integritätsschäden wird nach dem Grad der Schwere vom Skalenwert
abgeleitet. Das gilt auch für das Zusammenfallen mehrerer körperlicher, geistiger und
psychischer Integritätsschäden (Ziff. 1 Abs. 2). Integritätsschäden, die gemäss der
Skala 5 % nicht erreichen, geben keinen Anspruch auf Entschädigung (Ziff. 1 Abs. 3).
2.2.
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Demgemäss ist davon auszugehen, dass ein Schaden erheblich im Sinne von Art. 24
Abs. 1 UVG ist, wenn er den Wert von mindestens 5 % erreicht (Thomas Frei, N 24 zu
Art. 24, in: Marc Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, Kommentar zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, 2018,
[nachfolgend zitiert: KOSS UVG]). Die völlige Gebrauchsunfähigkeit eines Organs wird
dem Verlust gleichgestellt; bei teilweisem Verlust und teilweiser Gebrauchsunfähigkeit
wird der Integritätsschaden entsprechend geringer, wobei die Entschädigung ganz
entfällt, wenn der Integritätsschaden weniger als 5 % des Höchstbetrages des
versicherten Verdienstes ergäbe (Ziff. 2).
Die medizinische Abteilung der Suva hat in Weiterentwicklung der bundesrätlichen
Skala zusätzliche Bemessungsgrundlagen in tabellarischer Form (sog. Feinraster)
erarbeitet. Diese Tabellen sind, soweit sie lediglich Richtwerte enthalten, mit denen die
Gleichbehandlung aller Versicherten gewährleistet werden soll, mit dem Anhang 3 zur
UVV vereinbar (BGE 124 V 32 E. 1c, 116 V 157 E. 3a mit Hinweis). Trotz des Feinrasters
der Suva-Tabellen gibt es Integritätsschäden, die sich nicht direkt einer Position der
Skala von Anhang 3 zur UVV oder der Suva-Tabellen zuordnen lassen. In diesen Fällen
ist in direkter oder analoger Anwendung von Ziff. 1 Abs. 2 von Anhang 3 zur UVV der
Grad der Schwere für spezielle oder nicht aufgeführte Integritätsschäden vom
Skalenwert bzw. von Positionen der Suva-Tabellen abzuleiten. Zuerst ist mithin zu
prüfen, ob ein Integritätsschaden in der Skala von Anhang 3 zur UVV figuriert. Falls dies
nicht zutrifft, ist in den Suva-Tabellen eine passende Position zu suchen. Bei negativem
Ausgang der Suche ist schliesslich die Schwere des Integritätsschadens mittels
Vergleichs zu den Werten in der Skala von Anhang 3 zur UVV oder der Suva-Tabellen
abzuleiten (KOSS UVG-Frei, N 17 f. zu Art. 25).
2.3.
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Bezüglich Beweiswert eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
2.4.
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3.
Die Beschwerdegegnerin sprach der Beschwerdeführerin gestützt auf die Einschätzung
von Dr. C._ vom 24. September 2018 (Suva-act. 264), bestätigt durch Dr. F._ mit
Beurteilung vom 21. Februar 2022 (act. G 18.1), eine Integritätsentschädigung
basierend auf einem Integritätsschaden von 10 % zu. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin beantragt deren Erhöhung auf 40 % und verweist insbesondere
auf die Einschätzungen von Dr. E._ vom 11. September 2021 (act. G 11.3) und 6.
Juni 2022 (act. G 25.3), welche für ihre Einschätzung auf das estimed-Gutachten
verweist.
der medizinischen Fachperson begründet und nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E.
3a mit Hinweisen). Berichte und Gutachten, welche die Versicherungen während des
Administrativverfahrens von ihren eigenen Ärzten und Ärztinnen einholen, können
beweistauglich sein. An deren Beweiswürdigung sind indes strenge Anforderungen zu
stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen
vorzunehmen (BGE 135 V 470 f. E. 4.4 mit Hinweis; bestätigt in: Urteil des
Bundesgerichts vom 23. November 2012, 8C_592/2012, E. 5.3). Den im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens formgerecht eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten,
welche auf Grund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach
Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4).
Dr. C._ führte in seiner (Akten-)Beurteilung vom 24. September 2018 aus, dass
es bei der Versicherten im Rahmen der Quetschverletzung des Mittelfingers der linken
Hand zu einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) gekommen sei. Es
hätten mehrfach handchirurgische Eingriffe vorgenommen werden müssen, auch eine
invasive Neurostimulation, um die langanhaltende Schmerzsituation im Bereich des
Mittelfingers halbwegs zu kontrollieren. Aufgrund der intensiven neuropathischen
Schmerzen im Rahmen des CRPS sei die Funktionsfähigkeit der linken Hand
insgesamt beeinträchtigt. Im Quervergleich mit der Suva-Tabelle 3 (Integritätsschaden
bei einfachen oder kombinierten Finger-, Hand- und Armverlusten) werde für den
Verlust des Mittelfingers im PIP ein Integritätsschaden von 6 % angenommen. Da
zusätzlich zum Funktionsverlust Dauerschmerzen wechselnder Intensität vorliegen
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/13
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würden, werde ein zusätzlicher Schaden von 4 % angenommen. Es resultiere ein
Gesamtintegritätsschaden von 10 % (Suva-act. 264).
3.2.
Anlässlich der bei der estimed am 18. September 2020 durchgeführten
handchirurgischen Exploration durch Dr. med. G._, Facharzt für Unfallchirurgie, war
der linke Mittelfinger in maximaler Beugestellung fixiert. Die Fingerkuppe berührte die
Handinnenfläche und der Mittelfinger konnte in keiner Weise aktiv oder passiv in
irgendeine Streckstellung gebracht werden. Bei dessen Versuch beschrieb die
Beschwerdeführerin laut dem Gutachter glaubhaft einen massiven Schmerz im Bereich
des gesamten linken Arms. Die Beweglichkeit der angrenzenden Finger war durch die
permanente Fixationsstellung des linken Mittelfingers ebenfalls in Mitleidenschaft
gezogen. Der Gutachter beschrieb, dass sich die Finger in Ruhestellung überwiegend
in einer mittelgradigen Beugestellung befinden würden (Suva-act. 323-89 f.). Ein
aggravierendes Verhalten oder eine Betonung von Krankheitssymptomen konnte über
den gesamten Explorationszeitraum nicht beobachtet werden. Die Entkleidung und
Bekleidung im Oberkörperbereich geschahen vollständig unter Ausschluss der linken
Hand (Suva-act. 323-95). Ein Blatt Papier könne die Beschwerdeführerin zwischen dem
linken Daumen und dem linken Zeigefinger gerade einklemmen; ihr sei es aber nicht
möglich, Dinge des täglichen Lebens (Gabel, Getränkeglas, Schreibgeräte, Zahnbürste
etc.) mit der linken Hand zu halten oder funktionell einzusetzen (Suva-act. 323-97). Dr.
G._ diagnostizierte eine schmerzhafte Gebrauchsunfähigkeit bei Funktionsverlust der
linken Hand (Suva-act. 323-100). Der neurologische Gutachter der estimed, Dr. med.
H._, Facharzt für Neurologie, zertifizierter medizinischer Gutachter SIM,
diagnostizierte nach eigenhändigem Untersuch vom 24. Juli 2020 ein schweres CRPS
und verneinte Hinweise auf Aggravation oder Simulation (Suva-act. 323-141 ff.).
3.2.1.
Der Beweiswert des estimed-Gutachtens vom 21. September 2020 ist nicht in
Zweifel zu ziehen. Die Expertise in der Gesamtbeurteilung (Suva-act. 323-4 ff.) und ihre
Teilgutachten (Handchirurgie [Suva-act. 323-82 ff.], Allgemeine Innere Medizin [Suva-
act. 323-110 ff.], Neurologie [Suva-act. 323-128 ff.], Neuropsychologie [Suva-act.
323-148 ff.] und Psychiatrie [Suva-act. 323-175 ff.) beruhen auf einem umfassenden
Aktenstudium und setzen sich eingehend mit den bisherigen fachärztlichen Berichten
(Suva-act. 323-24 ff.) auseinander. Es erfolgte gestützt auf ausführliche und
umfangreiche klinische Untersuchungen und Befragungen der Beschwerdeführerin in
den jeweiligen Fachgebieten. Das Gutachten berücksichtigt auch alle von der
Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden und ist in seinen Schlussfolgerungen
3.2.2.
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nachvollziehbar und überzeugend. Widersprüchlichkeiten oder Unklarheiten sind keine
auszumachen. Gestützt auf das in allen Belangen überzeugende estimed-Gutachten,
insbesondere das handchirurgische Teilgutachten, ist die Funktionalität der gesamten
linken Hand massiv eingeschränkt resp. die Kraft, die noch erzeugt werden kann, kaum
verwertbar (Suva-act. 323-17). Jegliche Bewegung des linken Mittelfingers, dessen
Fingerkuppe in Beugestellung permanent die Handinnenseite berührt und dabei die
anderen Langfinger in Mitleidenschaft zieht, verursacht grosse Schmerzen. In diesem
Sinne äussert sich in ihren Beurteilungen auch Dr. E._, welche mit Verweis auf das
estimed-Gutachten gar von faktischer Einhändigkeit ausgeht und den
Integritätsschaden auf 40 % beziffert, was dem Verlust einer Hand entspricht (act. G
11.3, 25.3). Zwar weist Dr. F._ mit ärztlicher Stellungnahme vom 21. Februar 2022
darauf hin, dass es im estimed-Gutachten zu einer Vermischung der von der
Beschwerdeführerin berichteten Einschränkungen und der bei der Untersuchung
objektivierten Befunde gekommen sei und die objektivierbaren Beeinträchtigungen eine
Integritätsentschädigung basierend auf einer Einbusse von 10 % rechtfertigen würden
(act. G 18.1 S. 5 f.). Bezüglich dieses Einwands ist aber festzuhalten, dass der
Beschwerdeführerin bei der somatischen Exploration kein aggravierendes Verhalten
attestiert wurde (Suva-act. 323-102 f., 323-144), womit ihren Schilderungen bei
eigenhändigem klinischem Untersuch durch die Fachärzte im estimed-Gutachten
adäquat Rechnung getragen wurde. Ferner wurden keine relevanten unfallfremden
psychiatrischen resp. somatoformen Diagnosen/Befunde gestellt/erhoben (Suva-act.
323-201 ff.), welche nebst den somatischen unfallkausalen Diagnosen die glaubhaft
geschilderten und demonstrierten Einschränkungen und Schmerzen im Bereich der
linken Hand erklären könnten. Die massive Funktionseinschränkung und
Schmerzproblematik fussen dementsprechend, entgegen der Beurteilung von Dr.
F._, überwiegend wahrscheinlich auf objektivierbaren somatischen Befunden und
sind gesamthaft in die Beurteilung des Integritätsschadens miteinzubeziehen. In
Beachtung dieser Umstände sind zumindest geringe Zweifel an der Einschätzung des
Integritätsschadens auf lediglich 10 % durch Dr. C._ auszumachen, selbst wenn die
Höhe der Integritätsentschädigung eine typische Ermessensfrage darstellt. Der Verweis
auf Suva-Tabelle 3 und dabei die analoge Anwendung des Integritätsschadens bei
Verlust des Mittelfingers ab PIP von 6 % und ein Zuschlag von 4 % aufgrund der
Schmerzproblematik scheinen – im Vergleich zum Wert von 40 % bei
Gebrauchsunfähigkeit einer Hand – zu kurz zu greifen und insbesondere dem fast
vollständigen Funktionsverlust der gesamten linken Hand bei anhaltender
Beugestellung des linken Mittelfingers zu wenig Rechnung zu tragen.
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4.
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass gestützt auf das Gesagte bezüglich Höhe
des Integritätsschadens bei zumindest geringen Zweifeln nicht abschliessend auf die
versicherungsinternen Beurteilungen abgestellt werden kann. Ob beim vorliegenden
Beschwerdebild, wie es die Beschwerdeführerin gestützt auf die Beurteilungen von Dr.
E._ beantragt, von einer völligen Gebrauchsunfähigkeit der linken Hand auszugehen
ist, was einen Integritätsschaden von 40 % rechtfertigen würde (vgl. Anhang 3 zur UVV
Ziff. 2 Satz 1; vgl. ferner Suva-Tabelle 3, Seite 7), oder ob allenfalls eine Kürzung des
Integritätsschadens angezeigt ist (vgl. Anhang 3 zur UVV Ziff. 2 Satz 2) resp. andere
Suva-Tabellen zur Herleitung einer angemessenen Integritätsentschädigung
beizuziehen sind, wird die Beschwerdegegnerin mittels externer Beurteilung abzuklären
haben.
3.3.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde dahingehend gutzuheissen, als der
Einspracheentscheid vom 10. Juni 2021 aufzuheben und die Streitsache zu
ergänzenden medizinischen Abklärungen (externe Beurteilung des Integritätsschadens)
und neuer Verfügung bezüglich Anspruch auf eine Integritätsentschädigung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist. Ein Gerichtsgutachten drängt sich (noch)
nicht auf, zumal seitens der Beschwerdegegnerin noch keine externe Beurteilung in
Auftrag gegeben wurde und der Sachverhalt aufgrund dessen als nicht umfassend
abgeklärt gelten kann.
4.1.
Gerichtskosten sind mangels gesetzlicher Grundlage im UVG keine zu erheben
(vgl. dazu Art. 61 lit. f ATSG).
4.2. bis
Die obsiegende Beschwerdeführerin (als Obsiegen gilt auch die Rückweisung der
Sache an die Verwaltung zwecks ergänzender Abklärungen [BGE 127 V 234 f. E. 2b/
bb]) hat Anspruch auf eine Parteientschädigung gegenüber der Beschwerdegegnerin
(Art. 61 lit. g ATSG). Es rechtfertigt sich, diese ermessensweise – wie in vergleichbar
aufwändigen Fällen üblich – auf pauschal Fr. 4'000.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzulegen. Mit der Zusprache der Parteientschädigung erübrigt sich
die Frage einer Entschädigung aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung.
4.3.
Die Beschwerdeführerin lässt beantragen, der Beschwerdegegnerin seien die ihr
entstandenen Kosten im Umfang von Fr. 1'146.20 (Fr. 500.-- + Fr. 646.20) für die
Stellungnahmen von Dr. E._ (act. G 11.3 f., act. G 25.3 f.) aufzuerlegen. Die
Beurteilungen durch Dr. E._ führten, nebst den Feststellungen im estimed-Gutachten,
zu den erwähnten Zweifeln an den Einschätzungen der versicherungsinternen Ärzte.
Sie waren notwendig, zumal sich die estimed-Experten nicht zur Höhe eines
4.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/13
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