Decision ID: 0320476f-9f7e-4666-8633-f02bdac79886
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Christoph Anwander, Bahnhofstrasse 21, Post-
fach 21, 9101 Herisau,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 26. November 1987 zum Bezug von IV-Leistungen an (act.
G 4.2). Nach der Durchführung medizinischer Abklärungen verfügte die damalige VATI-
Ausgleichskasse am 20. Februar 1989, dass kein Rentenanspruch bestehe (act.
G 4.24). Den dagegen gerichteten Rekurs vom 28. März 1989 wies das
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 25. Januar 1990, IV 50/89, ab (act. G 4.33).
A.b Am 6. September 2006 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von IV-
Leistungen an (act. G 4.36). Der behandelnde Dr. med. B._, Facharzt für
Allgemeinmedizin FMH, diagnostizierte im Bericht vom 6. Oktober 2006 mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: massive degenerative Veränderungen an der LWS,
eine Pseudospondylolisthesis LWK4/LWK5, eine Irritation der Wurzel S1 rechts, eine
Diskus-protrusion im Segment L3/L4, eine schwere Chronifizierung des
Schmerzsyndroms, Anpassungsstörungen bei psycho-sozialer Belastungssituation mit
psychogenem Stupor und Hyperventilation. Seit 25. April 2006 bestehe bis auf weiteres
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit als "Aufräumerin" (vgl.
zum Beruf act. G 4.41). Die zumutbare Arbeitsfähigkeit in leidensangepassten
Tätigkeiten betrage etwa 30% (act. G 4.43). Die behandelnden medizinischen
Fachpersonen der Fachstelle für Sozialpsychiatrie und Psychotherapie Sargans
berichteten am 12. /17. Oktober 2006, dass die Versicherte mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit an einer rezidivierenden depressiven Störung gegenwärtig
mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11) sowie an einem
chronischen lumboradikulären Schmerzsyndrom links L5 leide. Die bisherige Tätigkeit
sowie leidensangepasste Tätigkeiten seien der Versicherten täglich 3 bis 4 Stunden
zumutbar (act. G 4.44).
A.c Am 24. Juli 2007 führte die IV-Stelle eine Abklärung im Haushalt der Versicherten
durch. Im Bericht vom 16. August 2007 ermittelte die Abklärungsperson für den
Haushaltsbereich eine Einschränkung von gerundet 18% (act. G 4.65).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Mit Vorbescheid vom 4. Dezember 2007 stellte die IV-Stelle die Ablehnung eines
Rentenanspruchs in Aussicht (act. G 4.69). Dagegen erhob die Versicherte am 16.
Januar 2008 Einwand (act. G 4.75).
A.e Die IV-Stelle beauftragte am 27. März 2008 das Medizinische Gutachtenzentrum
St. Gallen MGSG mit einer bidisziplinären (rheumatologisch-psychiatrischen)
Begutachtung (act. G 4.79). Die rheumatologische Begutachtung fand am 18. Juni
2008 (act. G 4.84-1), die neurologisch-psychiatrische Begutachtung am 1. August 2008
(act. G 4.85-1) und die interdisziplinäre Beurteilung am 19. Dezember 2008/5. Januar
2009 (act. G 4.85-15) statt. Die Gutachter stellten die Hauptdiagnosen eines
chronischen muskuloskelettalen Schmerzsyndroms sowie einer rezidivierenden
depressiven Störung, derzeit mittelgradig ausgeprägtes Syndrom (ICD-10: F33.1). Für
leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigten sie der Versicherten eine 50%ige
Restarbeitsfähigkeit (act. G 4.85-15 f.). Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD)
Ostschweiz hielt die gutachterliche Beurteilung in der Stellungnahme vom 20. Januar
2009 für "versicherungsmedizinisch plausibel nachvollziehbar" (act. G 4.86).
A.f Im Vorbescheid vom 27. Februar 2009 stellte die IV-Stelle der Versicherten erneut
in Aussicht, einen Rentenanspruch zu verneinen. Sie ermittelte im Rahmen der vom
Bundesgericht praktizierten gemischten Methode unter Berücksichtigung einer
50%igen Arbeitsunfähigkeit im Erwerbsbereich einen Invaliditätsgrad von 20%. Sie
ging davon aus, dass die Versicherte im Gesundheitsfall im Rahmen eines 45%igen
Pensums erwerbstätig wäre (act. G 4.90). Dagegen erhob die Versicherte am 30. März
2009 Einwand. Sie beantragte die Vornahme ergänzender medizinischer Abklärungen
und einer neuen Haushaltsabklärung. Des Weiteren reichte sie ärztliche Berichte der
behandelnden Dr. med. C._, Fachärztin für Anästhesiologie FMH und praktizierende
Ärztin, vom 31. März 2009 (act. G 4.94-2) und des Psychiatrie-Zentrums Werdenberg-
Sarganserland vom 7. April 2009 ein (act. G 4.93). Die IV-Stelle forderte daraufhin die
behandelnden medizinischen Fachpersonen des Psychiatrie-Zentrums Werdenberg-
Sarganserland zur Verlaufsbeurteilung auf. Im Verlaufsbericht vom 14. Juli 2009 führten
diese aus, dass der Gesundheitszustand stationär geblieben sei. Sie stellten die
Diagnosen einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode
ohne psychotische Symptome (ICD-10: F33.2) und einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4). Im Juni 2008 sei als Folge einer schweren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressiven Episode mit akuter Suizidalität und zwei Suizidversuchen ein stationärer
Klinikaufenthalt vom 5. Juni bis 31. Juli 2008 nötig gewesen. Zur genauen Beurteilung
der verbliebenen Arbeitsfähigkeit werde eine Arbeitsabklärung empfohlen. Betreffend
den Gesundheitsschaden teilten die medizinischen Fachpersonen des Psychiatrie-
Zentrums Werdenberg-Sarganserland die Einschätzung des psychiatrischen
Gutachters (act. G 4.96).
A.g Am 25. August 2009 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid vom
27. Februar 2009 und lehnte einen Rentenanspruch ab (act. G 4.101).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 25. August 2009 richtet sich die vorliegend zu
beurteilende Beschwerde vom 24. September 2009. Die Beschwerdeführerin beantragt
darin unter Kosten- und Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die Zusprache
einer IV-Rente. Eventuell sei die Streitsache zur Neubeurteilung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Zunächst bringt die Beschwerdeführerin vor,
dass die Bestimmung des Invaliditätsgrads nach der Methode des
Einkommensvergleichs zu erfolgen habe, da sie für den Gesundheitsfall als vollzeitlich
Erwerbstätige zu qualifizieren sei. Sie sei ferner nicht in der Lage, das von der
Beschwerdegegnerin ermittelte Invalideneinkommen von Fr. 18'670.-- zu erzielen. Bei
der Bemessung des Invalideneinkommens rechtfertige sich im Übrigen ein
Leidensabzug von 25%. Sollte die Beschwerdegegnerin an der Höhe des von ihr
ermittelten Invalideneinkommens festhalten, so würden weitere medizinische
Abklärungen und eine Arbeitsabklärung beantragt (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 19. November
2009 die Beschwerdeabweisung. Sie stimmt mit der Beschwerdeführerin darin überein,
dass die Invaliditätsbemessung nach der Methode des Einkommensvergleichs zu
erfolgen habe. Sie verneint indessen - entgegen dem von ihr im Verwaltungsverfahren
vertretenen Standpunkt - neu die invalidisierende Wirkung der gutachterlich
diagnostizierten psychischen Leiden. Ausgehend von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit
und unter Berücksichtigung eines 10%igen Leidensabzugs resultiere ein nicht
rentenbegründender Invaliditätsgrad von 10% (act. G 4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c In der Replik vom 18. Februar 2010 hält die Beschwerdeführerin unverändert an
den gestellten Anträgen fest. Die Verneinung der invalidisierenden Wirkung der
gutachterlich festgesetzten Arbeitsunfähigkeit hält sie für widersprüchlich und nicht
zutreffend (act. G 10).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat am 26. Februar 2010 auf eine Duplik verzichtet (act.
G 12).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist die Frage, ob die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf
Rentenleistungen hat.
1.1 Am 1. Januar 2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz, dass
der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung ist am
25. August 2009 ergangen (act. G 4.101), wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist
(Wiederanmeldung vom 6. September 2006, act. G 4.36), der vor dem Inkrafttreten der
revidierten Bestimmungen der 5. IV-Revision begonnen hat. Daher ist entsprechend
den allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007
auf die damals geltenden Bestimmungen und ab 1. Januar 2008 auf die neuen Normen
der 5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Nachfolgend werden die seit
1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG wiedergegeben, soweit
nicht ausdrücklich auf die altrechtlichen Bestimmungen verwiesen wird.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente,
wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente,
wenn sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
50% besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.4 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4 mit Hinweisen). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Beschwerdeverfahren gehen beide Parteien davon aus, dass die
Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall vollzeitlich einer Erwerbstätigkeit nachgehen
würde (act. G 1 und G 4, S. 4). Aus den Akten - insbesondere aus dem
Abklärungsbericht vom 16. August 2007 (vgl. zur offenen Antwort der
Beschwerdeführerin act. G 4.65-2) - ergeben sich keine Hinweise, die gegen eine
vollzeitliche Erwerbstätigkeit sprechen würden. Mit den Parteien ist daher von der
Anwendbarkeit eines Einkommensvergleichs zur Ermittlung des Invaliditätsgrads
auszugehen
3.
Der Bestimmung des Invaliditätsgrads im Erwerbsbereich legte die
Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung die gesamtgutachterliche
Beurteilung vom 19. Dezember 2008/5. Januar 2009 zugrunde (act. G 4.85-15 f.). Die
Beschwerdeführerin benennt keine Mängel am Gutachten, sondern stellt zur
Begründung ihres Rentenanspruchs darauf ab (act. G 10, S. 3). Es sind auch keine
Anhaltspunkte ersichtlich, die gegen die Beweiskraft des Gutachtens sprechen würden.
Zwar war den Gutachtern der stationäre Klinikaufenthalt im Psychiatrie-Zentrum
Werdenberg-Sarganserland vom 5. Juni bis 31. Juli 2008 (act. G 4.96) offenbar nicht
bekannt. Dieser Umstand vermag aber die Beweiskraft der gutachterlichen Beurteilung
insoweit nicht zu erschüttern, als die behandelnden medizinischen Fachpersonen des
Psychiatrie-Zentrums Werdenberg-Sargans-erland den Gesundheitsschaden am
14. Juli 2009 "in etwa ähnlich" einschätzten wie der psychiatrische Gutachter (act.
G 4.96-4). Gestützt auf die gesamtgutachterliche Beurteilung vom 19. Dezember
2008/5. Januar 2009 ist daher davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin aus
medizinisch-theoretischer Sicht über eine 50%ige Restarbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten verfügt (act. G 4.85-16).
3.1 Im Beschwerdeverfahren stellt sich die Beschwerdegegnerin neu auf den
Standpunkt, dass der gutachterlich festgesetzten Arbeitsunfähigkeit die
invalidisierende Wirkung abgehe (act. G 4).
3.2 Währenddem die Beschwerdegegnerin im Verwaltungsverfahren die
"invalidisierende Wirkung" der gutachterlich bescheinigten 50%igen Arbeitsunfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anerkannte (act. G 4.101), verneint sie diese im Beschwerdeverfahren (act. G 4). Ein
solches Verhalten ist mit dem von Verfassungs wegen von der Verwaltung zu
berücksichtigenden Gebot, sich im Rechtsverkehr redlich, vertrauenswürdig und
rücksichtsvoll zu verhalten (Art. 5 Abs. 3 der Bundesverfassung [BV; SR 101]), nicht
vereinbar. Dieses (regelmässig anzutreffende) widersprüchliche Vorgehen der
Beschwerdegegnerin wirft ein ungünstiges Licht auf ihre Abklärungs- und
Entscheidpraxis, zumal beschwerdeführende Parteien mit der Verneinung der
"invalidisierenden Wirkung" erst im mit Kostenrisiken behafteten Beschwerdeverfahren
konfrontiert werden. Dies erweist sich als umso stossender, als sie aufgrund des von
der Beschwerdegegnerin im Verwaltungsverfahren vertretenen gegenteiligen
Standpunkts ("invalidisierende Wirkung" wird nicht in Frage gestellt) nicht mit einem
widersprüchlichen Verhalten der Beschwerdegegnerin im Rahmen des
Beschwerdeverfahrens rechnen müssen. Im Übrigen ist dieses Verhalten auch unter
dem Aspekt des rechtlichen Gehörs nicht unbedenklich.
3.3 Der im Beschwerdeverfahren vertretenen Auffassung der Beschwerdegegnerin,
es bestehe keine invalidisierende Arbeitsunfähigkeit, kann im Übrigen nicht gefolgt
werden.
3.3.1 Gemäss gesamtgutachterlicher Beurteilung beruht die Arbeitsunfähigkeit
auf der diagnostizierten rezidivierenden depressiven Störung, derzeit mittelgradig
ausgeprägtes Syndrom (ICD-10: F33.1). Mit Blick auf diese Diagnose hat das
Bundesgericht ausgeführt, dass eine solche Erkrankung nicht ohne Weiteres als blosse
Begleiterscheinung einer somatoformen Schmerzstörung und damit als nicht-
invalidisierender Faktor qualifiziert werden könne. Wesentlich für die Beurteilung der
Erheblichkeit der psychischen Erkrankung waren im betreffenden Fall die
Begleitumstände der konkret zu beurteilenden Situation, so etwa die näheren
gutachterlichen Ausführungen zum psychischen Befund und dessen Auswirkungen auf
das tägliche Leben der Beschwerdeführerin gemäss Aktenlage (Urteil des
Bundesgerichts vom 24. August 2009, 9C_340/09, E. 3.4.3 mit Hinweisen; zur
Verneinung einer zumutbaren Willensanstrengung bei einer mittelgradigen depressiven
Episode mit somatischem Syndrom [ICD-10: F32.11] vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 25. Februar 2011, 8C_958/10).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3.2 Die Beschwerdegegnerin macht geltend, dass sich die mittelgradige
Depression im Wesentlichen aus der Schmerzverarbeitungsstörung ableiten lasse und
ihr keine invalidisierende Wirkung zukomme. Sie verweist in diesem Zusammenhang
auf S. 9 f. des psychiatrischen Teilgutachtens (act. G 4, S. 5 f.). Aus den von der
Beschwerdegegnerin referenzierten Seiten sowie dem übrigen psychiatrischen
Teilgutachten ergeben sich indessen keine Hinweise, welche die Argumentation der
Beschwerdegegnerin untermauern würden. Vielmehr kamen die Gutachter zum
Schluss, dass sich die Beeinträchtigungen des rheumatologischen, psychiatrischen
und neurologischen Fachgebiets nur teilweise überlappen (act. G 4.85-16). Folgerichtig
sprach der rheumatologische Teilgutachter auch von einer "zu vermutenden
psychiatrischen Co-Morbidität" (act. G 4.84-9). Hinzu kommt, dass der Schweregrad
der Depression nicht an leicht grenzt, sondern von mittel "unterhalb von schwer" liegt
(act. G 4.85-13). Aktenwidrig ist sodann das Vorbringen der Beschwerdegegnerin, es
seien anlässlich der psychiatrischen Begutachtung keine psychopathologischen
Befunde beschrieben worden (act. G 4, S. 5). Bei der Lektüre des psychiatrischen
Teilgutachtens ergibt sich vielmehr, dass der mimische Ausdruck der
Beschwerdeführerin durchgehend dysphorisch bis leidend gewesen sei (act. G 4.85-9).
Die Beschwerdeführerin hatte einen mimisch strapazierten und biologisch gealterten
Eindruck hinterlassen (act. G 4.85-8). Sie habe - nicht appellativ - ratlos und
desorganisiert gewirkt (act. G 4.85-10). Der psychiatrische Gutachter stellte
neurokognitive Beeinträchtigungen fest (Aufmerksamkeit, Konzentration,
Gedächtnisabruf). Beeinträchtigt seien ferner die Stimmung, der Antrieb, das inhaltliche
Denken, das Selbsterleben und die innere Einstellung zum Umgang mit der eigenen
Erkrankung. Auch auf der "Fähigkeitsebene" beschrieb er Verminderungen (act.
G 4.85-12). Er legte plausibel dar, weshalb der Beschwerdeführerin lediglich eine
teilweise willentliche Schmerzüberwindung zumutbar sei (auf Ressourcenseite sei
einzig der gute äussere Pflegezustand zu nennen, act. G 4.85-13). Vor diesem
Hintergrund ist davon auszugehen, dass ein eigenständiges psychisches Leiden mit
erheblichem graduellen Schweregrad besteht und der gutachterlich bescheinigten
50%igen Arbeitsunfähigkeit eine invalidisierende Wirkung nicht abgesprochen werden
kann. Damit geht einher, dass auch der RAD die gutachterliche Einschätzung
"versicherungsmedizinisch" für plausibel nachvollziehbar hielt (Stellungnahme vom
20. Januar 2009, act. G 4.86). Diese Betrachtungsweise wird ferner dadurch bestätigt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass sich die Schmerzen nur - aber immer- hin - zu einem geringen Teil auch klinisch
und radiologisch erklären liessen, "trotz multimodaler therapeutischer Bemühungen"
keine gesundheitliche Verbesserung erzielt werden konnte (act. G 4.84-8), sich die
Beschwerdeführerin im Juni 2008 wegen akuter Suizidalität und zwei Suizidversuchen
einer mehrwöchigen stationären psychiatrischen Behandlung unterziehen musste, die
teilstationär fortgeführt wurde (act. G 4.96), und ein mehrjähriger Gesundheitsverlauf
mit unveränderter bis progredienter Symptomatik besteht (act. G 4.85-13).
4.
Zu prüfen bleiben damit die erwerblichen Auswirkungen der 50%igen
Restarbeitsfähigkeit. Dabei bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass deren
Verwertbarkeit der Beschwerdeführerin nicht zumutbar wäre.
4.1 Da vorliegend für die Bestimmung des Valideneinkommens keine repräsentative
Grundlage besteht, ist - wie die Beschwerdegegnerin zutreffend ausführt (act. G 4,
S. 7) - entsprechend der Bestimmung des Invalideneinkommens auf die Tabelle TA1
der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik, Total
sämtlicher Wirtschaftszweige, Anforderungsniveau 4, Frauen, abzustellen. Da die
beiden Vergleichseinkommen somit auf derselben Grundlage zu berechnen sind, kann
ein Prozentvergleich vorgenommen werden. Zu klären ist damit lediglich noch die
Frage der Höhe des Tabellenabzugs bei der Bestimmung des Invalideneinkommens.
4.2 Mit dem Tabellenabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich
beeinträchtigte Personen, die selbst bei leichten Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind,
im Vergleich zu voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren arbeitnehmenden
Personen lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit unterdurchschnittlichen
Lohnansätzen rechnen müssen. Sodann wird dem Umstand Rechnung getragen, dass
weitere - entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin vor allem
invaliditätsfremde (eingehend hierzu und zum Hinweis der Beschwerdegegnerin auf
den nicht einschlägigen Verweis auf AHI-Praxis 1998, S. 177 f., vgl. etwa Urteile des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 4. Mai 2011, IV 2009/222, E. 2.5,
sowie vom 30. März 2009, IV 2007/147, E. 4.4.3) - persönliche und berufliche Merkmale
einer versicherten Person, wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad, Auswirkungen auf die Lohnhöhe
haben können (BGE 129 V 481 E. 4.2.3, vgl. auch BGE 134 V 327 E. 5.2).
4.3 Die Beschwerdegegnerin anerkannte im Beschwerdeverfahren einen 10%igen
Abzug, weil die Beschwerdeführerin nur noch körperlich leichte Hilfstätigkeiten
ausführen könne (act. G 4, S. 7). Mit Blick auf das fortgeschrittene Alter der
Beschwerdeführerin (geboren 1950; vgl. zur Benachteiligung von Personen ab 50
Jahren auch Bundesamt für Statistik, Erwerbstätigkeit der Personen ab 50 Jahren,
2008, S. 12) erscheint ein 10%iger Abzug den konkreten Verhältnissen nicht
angemessen. Vielmehr ist dieser entsprechend der Invaliditätsbemessung, wie sie der
angefochtenen Verfügung zugrunde liegt (vgl. act. G 4.68), auf 15% festzusetzen,
zumal der Beschwerdeführerin nur noch "sehr leichte körperliche" Tätigkeiten zumutbar
sind (act. G 4.85-16). Ergänzend ist zu bemerken, dass die von der
Beschwerdegegnerin im Beschwerdeverfahren geforderte Abzugshöhe von 10% am
Ergebnis (Invaliditätsgrad von 55%, Anspruch auf halbe Rente) nichts ändern würde.
Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin bestehen keine Anhaltspunkte, die
einen höheren Abzug rechtfertigen. Insbesondere ist nicht ersichtlich, dass die
Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Nationalität einen Lohnnachteil zu gewärtigen hätte.
4.4 Unter Berücksichtigung eines 15%igen Tabellenabzuges resultiert in Anwendung
eines Prozentvergleichs (vgl. hierzu vorstehende E. 4.1) ein Invaliditätsgrad von
gerundet 58% (50% + [50% x 0.15]). Damit hat die Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf eine halbe Rente.
5.
5.1 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 25. August 2009 in
Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und der Beschwerdeführerin ist eine halbe
Rente zuzusprechen. Zur Festsetzung des Rentenbeginns und der Rentenhöhe sowie
zur Ausrichtung der geschuldeten Leistungen ist die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat ausgangsgemäss die gesamte
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr.
600.-- ist der Beschwerdeführerin zurückzuerstatten.
5.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat auf die Einreichung einer Honorarnote
verzichtet. Der Bedeutung und dem Aufwand der Streitsache angemessen erscheint
eine Parteientschädigung von pauschal Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP