Decision ID: ae90fbd7-692a-52ef-9156-863bf8905634
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Mit Gesamtentscheid vom 21. August 2012 (bbew 25/2012) erteilte das
Regierungsstatthalteramt Obersimmental-Saanen der Beschwerdegegnerin die
Baubewilligung für den Neubau eines Mehrfamilienhauses mit Einstellhalle auf Parzelle
Gsteig Grundbuchblatt Nr. H._. Eine von den Beschwerdeführenden dagegen
erhobene Beschwerde wies die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern
(BVE) am 20. Dezember 2012 ab (RA Nr. 110/2012/145). Im Verfahren vor dem
Verwaltungsgericht beantragte die Beschwerdegegnerin, nach dem das Bundesgericht die
sofortige Anwendbarkeit der Zweitwohnungsinitiative bejahte, die Baubewilligung sei unter
der Auflage zur Erstwohnungsnutzung zu bestätigen. Antragsgemäss ergänzte das
Verwaltungsgericht die Baubewilligung mit der entsprechenden Auflage (VGE 2013/30 vom
22. Januar 2015) und hiess die Beschwerde teilweise gut. Im Übrigen wies es die
Beschwerde ab. Dieses Urteil vom 22. Januar 2015 haben die Beschwerdeführenden mit
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht angefochten
(Verfahren Nr. 1C_114/2015). Das Verfahren ist zurzeit beim Bundesgericht hängig.
2. Am 4. November 2014 reichte die Beschwerdegegnerin bei der Gemeinde Gsteig ein
neues Baugesuch ein. Es umfasst den Neubau einer Wohn- und Geschäftsliegenschaft mit
Einstellhalle. Das Vorhaben ist auf der gleichen Parzelle Gsteig Grundbuchblatt
Nr. H._ geplant. Gegen das Baugesuch erhoben die Beschwerdeführenden
Einsprache. Mit Verfügung vom 10. Februar 2015 sistierte das Regierungsstatthalteramt
Obersimmental-Saanen das Baubewilligungsverfahren auf Antrag der
Beschwerdegegnerin bis ein rechtskräftiges Urteil über den Gesamtbauentscheid (bbew
25/2012) vom 21. August 2012 des Regierungsstatthalteramts Obersimmental-Saanen
vorliegt.
3. Gegen die Sistierungsverfügung vom 10. Februar 2015 reichten die
Beschwerdeführenden am 2. März 2015 Beschwerde bei der BVE ein. Sie stellen folgende
Rechtsbegehren: "1. Es sei festzustellen, dass die angefochtene Verfügung nichtig ist.
2. Eventualiter zu 1: Die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
3
3. Es sei festzustellen, dass das Baugesuch unzulässig ist und das
Baubewilligungsverfahren nicht durchgeführt werden darf
4. Eventualiter zu 3: Das Baugesuch sei abzuweisen
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen"
Sie machen zusammengefasst eine Gehörsverletzung, Rechtsmissbrauch,
Rechtsverzögerung und eine unzulässige Gesuchshäufung geltend.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. In ihrer Beschwerdeantwort vom
23. März 2015 beantragt die Beschwerdegegnerin, auf die Beschwerde sei nicht
einzutreten, eventuell sei sie abzuweisen. Das Regierungsstatthalteramt Obersimmental-
Saanen und die Gemeinde Gsteig haben in ihren Stellungnahmen vom 30. März 2015 und
31. März 2015 darauf verzichtet, einen förmlichen Antrag zu stellen. Mit Eingabe vom
23. April 2015 haben die Beschwerdeführenden im Wesentlichen an ihrer Beschwerde vom
2. März 2015 festgehalten.

II. Erwägungen
1. Zuständigkeit
Nach Art. 40 Abs. 1 BauG2 können Bauentscheide bei der BVE angefochten werden. Bei
der angefochtenen Verfügung der Vorinstanz handelt es sich um eine Zwischenverfügung
nach Art. 61 VRPG3. Sie ist im Rahmen eines Baubewilligungsverfahrens ergangen. Die
BVE ist damit für die Beurteilung der Beschwerde zuständig.4
2. Nicht wieder gutzumachender Nachteil
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191). 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0). 3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21). 4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 61 N 7.
4
a) Angefochten ist eine Sistierungsverfügung in einem Baubewilligungsverfahren.
Solche Zwischenverfügungen sind unter anderem nur dann selbständig anfechtbar, wenn
sie einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken können (Art. 61 Abs. 3 Bst. a
VRPG). Der nicht wieder gutzumachende Nachteil muss von der Person nachgewiesen
werden, die gegen die Zwischenverfügung opponiert.5
b) Ein nicht wieder gutzumachender Nachteil im Sinn von Art. 61 Abs. 3 Bst. a VRPG
liegt vor, "wenn ein schutzwürdiges Interesse an der sofortigen Aufhebung oder
Abänderung der Zwischenverfügung gegeben ist. Es genügt ein tatsächlicher Nachteil; ein
irreparabler Schaden ist nicht erforderlich. Ein tatsächliches Interesse ist ausreichend,
sofern es der beschwerdeführenden Partei nicht bloss darum geht, eine Verteuerung oder
eine aus wirtschaftlicher Sicht ungünstige Verlängerung des Verfahrens zu verhindern. In
jedem Fall sind die Verfahrensumstände zu würdigen. Es gibt keine einfache,
allgemeingültige Umschreibung des nicht wieder gutzumachenden Nachteils; massgebend
sind die Umstände des Einzelfalls. So kann die Sistierung eines Verfahrens für eine am
raschen Verfahrensausgang interessierte Partei einen nicht wieder gutzumachenden
Nachteil bewirken. Das schutzwürdige Interesse kann aber auch in der Prozessökonomie
liegen und wurde etwa bejaht zur frühzeitigen Klärung von wichtigen Verfahrensfragen
oder bei grundlegenden prozessleitenden Anordnungen wie dem Entscheid über die Wahl
eines bestimmten Verfahrens. Der nicht wieder gutzumachende Nachteil muss von der
Person nachgewiesen werden, die gegen die Zwischenverfügung opponiert."6
c) Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie hätten einen Anspruch auf
beförderliche Beurteilung der in ihrer Einsprache erhobenen Rüge, wonach eine
unzulässige Gesuchshäufung vorliege. Der nicht wieder gutzumachende Nachteil bestehe
darin, dass die Sistierung des Baubewilligungsverfahrens für sie zu einer untragbaren
Situation führe. Sie sähen sich die ganze Zeit über dem hängigen Bauprojekt ausgesetzt.
Dies habe negative Auswirkungen auf die Nutzung ihrer Liegenschaft (Vermietung, Verkauf
usw.). Dieser Nachteil könne später nicht wieder gutgemacht werden, weil die ordentliche
Nutzung durch die Sistierung des unzulässigen Baubewilligungsverfahrens in dieser langen
Zeit behindert werde. Hinzu komme, dass sie durch das zweite Bauprojekt, welches ein
Garagenbetrieb zum Gegenstand habe, in rechtsmissbräuchlicher Weise schikaniert
5 BVR 2001 S. 137 E. 1b. 6 Vgl. VGE 2013/385 vom 15. Januar 2014, E. 2.2 mit zahlreichen Hinweisen.
5
würden. Dieser Angriff auf die persönliche Freiheit sei als nicht wieder gutzumachender
Nachteil anzusehen.
d) Die Beschwerdegegnerin hält dem entgegen, bei Verfahrenssistierungen erleide
regelmässig jene Partei, die von der Sache her an einem raschen Ausgang des Verfahrens
interessiert sei, einen Nachteil. Im Rahmen eines Baubewilligungsverfahrens sei dies die
Baugesuchstellerin und nicht die einsprechende Nachbarschaft. Der Ausgang des
Verfahrens vor dem Bundesgericht sei für sie entscheidend, ob sie das neue
Baugesuchsverfahren fortsetzen wollen oder nicht. Sie habe unter Berücksichtigung der
Tatsache, dass sie aufgrund der aktuellen Ausgangslage nur Erst- und nicht
Zweitwohnungen erstellen könne, entschieden zu prüfen, ob sich auf dem Grundstück
allenfalls eine Liegenschaft mit einem Nutzungsmix von Wohn- und Geschäftsräumen
besser verkaufen liesse. Diesbezügliche Abklärungen seien derzeit am Laufen.
e) Vorliegend hat das Regierungsstatthalteramt Obersimmental-Saanen das
Baugesuchsverfahren auf Gesuch der Beschwerdegegnerin hin sistiert. Durch die
Verfahrenssistierung wird das separate Baugesuchsverfahren (bbew 74/2014)
vorübergehend, d.h. bis ein rechtskräftiges Urteil betreffend den Gesamtentscheid des
Regierungsstatthalteramts Obersimmental-Saanen vom 21. August 2012 (Neubau eines
Mehrfamilienhauses mit Einstellhalle) vorliegt, nicht mehr fortgeführt. Über die genauen
Bauabsichten der Beschwerdegegnerin bleibt damit zwar eine gewisse Unsicherheit
bestehen. Hier wäre mit einem raschen Entscheid für die Beschwerdeführenden aber
nichts gewonnen: Eine Konstellation, wo ein neues Bauprojekt mittels Eventualbegehren
oder mit einer Projektänderung in ein und dasselbe Verfahren eingeführt wird, liegt nicht
vor.7 Was an diesem Verhalten rechtsmissbräuchlich oder schikanös sein soll, ist nicht
einzusehen. Es spricht deshalb nichts dagegen, wenn Bauherrschaften die
Wirtschaftlichkeit und die rechtlichen Rahmenbedingungen eines Bauprojekts laufend
prüfen und aufgrund veränderter Rahmenbedingungen ihre Planungsabsichten an die
neuen Gegebenheiten anpassen. Für Nachbarn bleibt so immer eine gewisse
Ungewissheit bestehen, wie ein Nachbargrundstück effektiv überbaut wird. Ein rascher
Entscheid würde den Beschwerdeführenden somit nicht besser dienen. Im Gegenteil:
Vorliegend kann durch die Verfahrenssistierung das umstrittene Bauvorhaben (bbew
74/2014) vorübergehend nicht realisiert werden. Dazu kommt, dass hier die Sistierung eine
7 BVR 1989 S. 400 E. 2b u. 2c.
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Verfahrensvereinfachung zur Folge hat. Bis ein rechtskräftiger Entscheid betreffend das
erste Baugesuchsverfahren (bbew 25/2012) vorliegt, fallen nur betreffend dieses Verfahren
Prozesshandlungen an. Dies liegt zweifellos im Interesse der Beschwerdeführenden.8
f) Die Beschwerdeführenden vermögen auch nicht darzutun, inwiefern sich die
bestimmungsgemässe Nutzung der Bauparzelle negativ auf die ordentliche Nutzung ihrer
Liegenschaft, das I._Haus, auswirkt (Vermietung, Verkauf usw.). Bei diesem
Vorbringen handelt es sich um einen rein hypothetischen Nachteil. Zudem müssen
potentielle Mieter oder Käufer des I._Hauses ohnehin damit rechnen, dass die
Beschwerdegegnerin ihre Absicht, das fragliche Grundstück zu überbauen, einmal
verwirklicht. Zu berücksichtigen ist schliesslich, dass die Beschwerdegegnerin frei ist, ihren
Boden in den gesetzlichen Schranken für die Erstellung von Bauten und Anlagen zu
nutzen. Vor diesem Hintergrund kann auch nicht von einem Angriff auf die persönliche
Freiheit der Beschwerdeführenden gesprochen werden. Nach dem Gesagten ist in der
Sistierung des Baubewilligungsverfahrens kein Nachteil zu sehen, der die Anfechtbarkeit
der Zwischenverfügung rechtfertigt. Auf die Beschwerde wird in diesem Punkt nicht
eingetreten.
3. Nichtigkeit und Rechtsverzögerung
a) Die Beschwerdeführenden rügen, die angefochtene Verfügung des
Regierungsstatthalteramts sei nichtig, weil es Verfahrensfehler begangen habe. Die
Nichtigkeit sei von Amtes wegen festzustellen. Zudem bringen die Beschwerdeführenden
vor, die Sistierung verletze das Beschleunigungsgebot und bewirkte eine
Rechtsverzögerung. Diese Rüge könne nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
geltend gemacht werden, ohne dass das Erfordernis eines nicht wieder gutzumachenden
Nachteils vorliege.
b) Wie oben ausgeführt, handelt es sich bei der angefochtenen Sistierungsverfügung
um eine nicht selbständig anfechtbare Zwischenverfügung. Bei solchen
Zwischenverfügungen kann die Behörde darauf verzichten, die Parteien anzuhören, bevor
sie verfügt oder entscheidet (Art. 21 Abs. 2 Bst. a VRPG). Es ist somit nicht zu
8VGE 2013/385 vom 15. Januar 2014, E. 2.4.
7
beanstanden, dass das Regierungsstatthalteramt Obersimmenthal-Saanen den
Beschwerdeführenden die Sistierungsverfügung zusammen mit dem Sistierungsgesuch
eröffnete und nicht näher begründete. Eine Gehörsverletzung liegt nicht vor.
c) Unbegründet ist schliesslich der Vorwurf, die Sistierung verletze das
Beschleunigungsgebot und bewirke eine Rechtsverzögerung oder stelle eine
Rechtsverweigerung dar. Es liegt zwar in der Natur von Sistierungen, dass diese zu
Verzögerungen führen. Die Verzögerung trifft hier jedoch die Bauherrschaft und nicht die
Beschwerdeführenden, die das Bauvorhaben verhindern wollen (vgl. E. 2e). Durch die
Sistierung entstehen für sie keine nicht wieder gutzumachenden Nachteile. Soweit die
Beschwerdeführenden die Nichtigkeit und eine Rechtsverzögerung rügen, ist ihre
Beschwerde abzuweisen.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 800.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19
Abs. 1 GebV9).
b) Die Beschwerdeführenden haben zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten
zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Beschwerdegegnerin ist mehrwertsteuerpflichtig10
und kann somit die von ihrem Rechtsvertreter auf sie überwälzte Mehrwertsteuer in ihrer
eigenen Mehrwertsteuerabrechnung als Vorsteuer abziehen. Ihr fällt daher betreffend
Mehrwertsteuer kein Aufwand an und eine Abgeltung der Mehrwertsteuer käme einer mit
Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG unvereinbaren Überentschädigung gleich.
Nach der Praxis des Verwaltungsgerichts ist deshalb die in der Kostennote der
Rechtsvertreterin der Beschwerdegegnerin aufgeführte Mehrwerteuer bei der Bestimmung
des Parteikostenersatzes nicht zu berücksichtigen.11 Die Beschwerdeführenden haben
9 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21). 10 Siehe Unternehmens-Identifikationsnummer-Register, einsehbar unter: <https://www.uid.admin.ch> 11 BVR 2014 S. 484 E. 6.
8
somit der Beschwerdegegnerin die Parteikosten von Fr. 2'987.00 (Anwaltsgebühr
Fr. 2'900.00, Auslagen Fr. 87.00) zu ersetzen.