Decision ID: e1e0e42f-d92f-48d3-9fe4-90edbdf40d80
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren
1961, war seit November 2003 bei
Y._
als Lagerist beschäftigt, als er am
1.
August 2010 bei Arbeiten mit dem Gabelstapler verunfallte und sic
h dabei eine distale Unterschen
keltrüm
merfraktur mit Beteiligung des oberen Sprunggelenks zuzog. Der zuständige Unfallversicherer (
Swica
) sprach
ihm - namentlich auf der Grund
lage des im Frühjahr 2012 durch Ärzte der
Klinik
Z._
verfassten Gutachtens psychiatrischer, orthopädischer und neu
rologis
cher Fachrichtung (
Urk.
7/26,
7
/32) - mit Verfügung vom 3
0.
Januar 2014 mit Wirkung ab
1.
April 2013 eine Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 21
%
sowie eine Entschädigung auf der Basis einer Integri
tätseinbusse von 20
%
zu (
Urk.
7
/83).
Am 1
1.
März 2011 (
Urk.
7
/10-13) meldete sich
X._
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich
, IV-Stelle, zum Bezug von Leis
tungen der Invalidenversicherung an. Nach Einholung einer interdisziplinären Expertise (Psychiatrie, Innere Medizin, Orthopädie und Neurologie) bei der
A._
(MEDAS), datierend vom
8.
November 2013 (
Urk.
7/72), verneinte
die
IV-Stelle -
nach durchgeführ
tem
Vorbesche
idverfahren
(
Urk.
7/81, 7/89,
7
/91)
- mit Verfügung vom 1
1.
April 2014 einen Rentenanspruch
mangels einer renten
begründenden Invalidität
(
Urk.
7/92)
.
Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit Urteil vom 2
1.
Dezember 2015 ab (
Urk.
7/124).
1.2
Bereits am
6.
Juni 2014 hatte
X._
ein
erneutes
Leistungsgesuch gestellt (
vgl.
Urk.
7/96-
100
, 7/101
). Auf dieses
Leistungsbegehren trat die IV-Stelle
nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
7/128, 7/131) mit Verfü
gung vom 2
6.
Mai 2016 nicht ein (
Urk.
7/134).
1.3
Am
7.
Juli 2017 meldete sich
X._
zum Bezug eines Hilfsmittels an
(
Urk.
7/143
). Am 2
2.
März 2018 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für orthopädische Serienschuhe (
Urk.
7/163). Mit Schreiben vom
7.
Februar 2019 reichte
X._
einen Bericht der
i
ntegrierte
n
Psychiatrie
B._
vom
6.
Juli 2018 ein (
Urk.
7/168, 7/169). Dieses Schreiben nahm die IV-Stelle als Neuanmeldung entgegen (
Urk.
7/174). In der Folge holte sie den Bericht des Hausarztes
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Allgemeine Medizin, vom 1
3.
Au
gust 2019
sowie des
B._
vom 2
3.
September 2
019
ein
(
Urk.
7/183/4-5,
7/185
).
Mit Mitteilun
g vom 2
5.
Oktober 2019 gab die IV-Stelle
X._
bekannt
, dass eine polydisziplinäre Un
tersuchung in den Fachrichtungen Allge
meine/Innere Medizin,
Rheumatologie, Neurologie
und Psychiatrie
notwendig se
i. Die Wahl der
Gutachterstelle erfolge nach dem
Zufallsprinzip (
Art.
72
bis
der Verordnung über die Invalidenversicherung, IVV)
. Gleichzeitig unterbreitete sie den Frage
n
katalog und räumte die Möglichkeit zur Stellung von Zusatzfragen ein
(
Urk.
7/187).
Mit Mit
teilung vom
2
3.
Januar 2020
gab die IV-Stelle
die B
egut
a
chtung durch die
MEDAS
A._
samt Namen der Gutachter
(Allgemeine Innere Medizin:
Frau
Dr.
med.
D._
;
Neurologie: Herr
Dr.
med.
E._
; Psychiatrie: Herr
Dr.
med.
F._
; Orthopädie [anstelle Rheumatologie]: Frau
Dr.
med.
G._
) bekannt (
Urk.
7/194, vgl. auch
Urk.
7/191, 7/193). Mit Eingabe vom 2
4.
Februar 2020 liess
X._
über seinen Rechtsvertreter mitteilen, dass er mit der Begutachtung in dieser Zusammensetzung nicht einverstanden sei
.
Frau
Dr.
G._
, Frau
D._
und Herr
Dr.
E._
würden abgelehnt
(
Urk.
7/200). Daraufhin bestätigte die IV-Stelle
mit Verfügung vom 1
0.
März 2020
die Durchführung der Begutachtung mit den genannten Gutachterpersonen
(
Urk.
2).
2.
Dagegen liess
X._
mit Eingabe vom 2
7.
April 2020 Beschwerde erheben und beantragen, es sei von der Begutachtung an vorgesehener Stelle abzusehen und eine neue Begutachtung einzuleiten, eventualiter sei von einer Begutachtung abzusehen (
Urk.
1 S. 2). Die IV-Stelle schloss in der Beschwerde
antwort vom 2
6.
Mai 2020 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), was dem Beschwerdeführer zur
Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8
).
Mit Eingabe vom 2
2.
Juni 2020 liess er sich nochmals vernehmen (
Urk.
9).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Zwischenverfügungen können gemäss Art. 55 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (
VwVG
) bei Bejahung eines nicht
wieder gutzumachenden
Nachteils (Art. 46 Abs. 1
lit
. a
VwVG
) unter Erhebung aller gesetzlich vorgesehener Rügen rech
t
licher und tatsächlicher Natur angefochten werden. Bei der Beurteilun
g des Merk
mals des nicht
wieder
gutzumachenden
Nachteils im Kontext der Gutachtenano
rdnung ist die
Eintretensvoraussetzung
des nicht wieder gutzu
machenden Nach
teils für das erstinstanzliche Beschwerdeverfahren zu bejahen, zumal die nicht sachgerechte Begutachtung in der Regel einen rechtlichen und nicht nur einen tatsächlichen Nachteil bewirken wird.
1.2
Beschwerdeweise geltend gemacht werden können materielle Einwendungen bei
spielsweise des Inhalts, die in Aussicht genommene Begutachtung sei nicht notwendig, weil sie – mit Blick auf einen bereits umfassend abgeklärten Sachver
halt – bloss einer Zweitmeinung entspreche (BGE 137 V 210 E. 3.4.2.7 mit Hin
wei
sen; noch anders: BGE 136 V 156). Sodann können personenbezogene
Ausstandsgründe
gerügt werden. Gemäss Art. 44 ATSG kann die versicherte Person einen Gutachter aus triftigen Gründen ablehnen und Gegenvorschläge machen. Zum einen werden von den triftigen Gründen die eigentlichen gesetzlichen
Aus
standsgründe
erfasst (vgl. Art. 10
VwVG
und Art. 36 Abs. 1 ATSG). Zum anderen zählen auch weitere Aspekte – etwa die fehlende Sachkenntnis – zu den triftigen Gr
ünden (
Kieser
, ATSG-Kommentar, 4. Auflage, 2020, Art. 44 N 58
).
Nicht gehört werden kann indessen das Vorbringen, die Abgel
tung der Gutachten aus Mitteln der Invalidenversicherung führe zu einer Befangenheit der MEDAS (BGE 137 V 210 E. 3.4.2.7).
2.
2.1
Die IV-Stelle erwog in der angefochtenen Verfügung vom 1
0.
März 2020, dass es sich bei der
MEDAS
A._
um eine anerkannte Gutachterstelle handle. Die dort tätigen Gutachter erfüllten die notwendigen Voraussetzungen, die an eine Gutachtertätigkeit für die IV gestellt wü
rd
en. Dies gelte insbesondere für
Dr.
D._
,
Dr.
E._
,
Dr.
F._
u
nd
Dr.
G._
. Sodann
seien keine Gründe ersichtlich, die gegen eine Zumutbarkeit einer polydisziplinären Begut
achtung sprächen. Solche würden auch nicht geltend gemacht (
Urk.
2).
2.2
Der Beschwerdeführer macht
e
in der Beschwerde geltend, unverzichtbare Grund
lage einer jeden Begutachtung sei ein Vertrauen, das der Explorand in die Fach
person habe. Gerade im Bereich der psychiatrischen Abklärungen, aber auch bei den anderen Fachgebieten, sei es zentral, dass der Versicherte sich der Ärztin, dem Arzt gegenüber öffne und so deren/dessen Arbeit erst ermögliche. Immerhin dringe jede Begutachtung in die physische und psychische Intimsphäre des Untersuchten ein und gerade bei
Begutachtungen im Rahmen von IV-Verfahren erschwere der Umstand die Vertrauensbildung, dass der Explorand die medizini
sche Fachperson nicht kenne und dennoch über die intimsten Details seiner physischen und psychischen Integrität Auskunft geben müsse
. Umso zentraler sei ein Einverständnis des Versicherten, dass die Begutachtung durch die durch das Zufallsprinzip ausgewählte
n
Gutachterperson
en durchgeführt werde (
Urk.
1 S. 4). Der Beschwerdeführer sei nicht damit einverstanden, sich bei den ausgewählten Expertinnen
Dr.
D._
und
Dr.
G._
begutachten zu lassen. Aufgru
nd der trau
matischen Erlebnisse
im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch sehe er
sich nicht im Stande, sich von Frauen untersuchen zu lassen. Über das stark schambelastete Thema des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit/Jugend zu spre
chen, falle ihm
ohnehin schwer. Dass er in Marokko aufgewachsen und von einem bestimmten Frauenbild geprägt worden sei, komme erschwerend hinzu. Dabei sei unerheblich, dass bei den Fachbereichen Innere Medizin und Orthopädie der sexuelle Missbrauch und dessen Folgen nicht im Zentrum stünden (
Urk.
1 S. 5). Im Eventualantrag stellt
e
der Beschwerdeführer
sich
auf den Standpunkt, ange
sichts der bei den Akten liegenden Arztberichten, insbesondere jene
n
des
B._
, erweise sich der Sachverhalt ohnehin als genügend abgeklärt, weshalb sic
h die Einholung eines Gutachtens
erübrige (
Urk.
1 S. 5).
3.
3.1
Die Gutachterwahl bei polydisziplinären Gutachten hat immer nach dem Zufalls
prinzip zu erfolge
n (BGE 139 V 349 E. 5.2.1
). Für eine einvernehmliche Benen
nung der Experten bleibt kein Raum (
BGE 140 V 507
E. 3.2.1).
Soweit der Beschwerdeführer auf ei
n Einverständnis seinerseits zu den Gutachterpersonen
insistiert (
Urk.
1
S. 4), ist er nicht zu hören.
3
.2
3
.2.1
Zu prüfen
ist, ob aufgrund des vom Beschwerdeführer
erlittene
n sexuellen Miss
brauchs ein tri
ftiger Grund vorliegt, der
allgemein
die Ablehnung der
weiblichen
Gutachterperson
en
recht
fertigt.
3
.2.2
Im Falle einer versicherten
Person, die Opfer eines sexuellen Missbrauchs gewor
den ist,
stellt sich die Frage, ob sie
im invalidenversicherungsrechtlichen Abklä
rungsverfahren Anspruch auf eine Begutachtung durch eine Gutachterperson gleichen Geschlechts hat.
Im Strafprozessrecht können
Opfer von Straftaten gegen
die sexuelle Integrität
verlangen, von einer Person gleichen Ges
chlechts einvernommen zu werden (
Art.
153
Abs.
1 der Strafprozessordnung, StPO).
Damit soll ein schonender
Umgang mit der verletzten
Persönlichkeit des Opfers besser gewährleistet werden
(vgl.
Gomm
/Stein/
Zehntner
, Kommentar zum Opferhil
fege
setz, Bern 1995,
Art.
6 N 11). Letzteres kommt
bezogen auf das invalidenversi
cherungsrechtliche Abklärungsverfahren
dann
zum Tragen
, wenn der sexuelle Missbrauch beziehungsweise seine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit Gegen
stand der Begutachtung ist. Inwiefern dies nun beim
Beschwerdeführer
in Hin
blick auf die somatischen Untersuchungen der Fall sein soll, ist nicht ersichtlich und wird von ihm auch nicht dargetan.
Bejahendenfalls kann sich ein solche
r Anspruch bei
ihm
also bloss auf die psychiatrische Untersuchung beziehen.
3
.2.3
Nachdem für die psychiatrische Begutachtung
Dr.
F._
, al
so eine Person männ
lichen Geschlechts
, in Aussicht genommen wurde, kann die Frage
offen bleiben
, ob
dem Beschwerdeführer
im invalidenversicherun
gsrechtlichen Verfahren
ohne
hin ein Anspruch zustehen würde
, dass die
psychiatrische
Beg
utachtung durch eine Person gleichen Geschlechts durchgeführt wird. Für die weiteren
, somati
schen
Fachdisziplinen ist ein solcher Anspruch zu verneinen, weshalb
die in Aus
sicht genommene Begutachtung durch die Fachärztinnen
Dr.
D._
(Allge
meine Innere Medizin) und
Dr.
G._
(Orthopädie) nicht zu beanstanden ist.
3
.2.4
Davon abgesehen erscheint im
Falle des Beschwerdeführer
s das Argument der Unzumutbarkeit einer Begutachtung durch weibliche Gutachterpersonen als vorgeschoben, um sich einer Begutachtung an der
MEDAS
A._
zu entziehen. Beim
B._
ist der Beschwerdeführer seit
1.
Juli 201
6
(wieder)
in Behandlung
(
Urk.
7/185/2,
vgl. ferner
Urk.
7/49)
. B
etreut wird er dort durch die Fachps
ychologin
H._
. Dabei steht ihr Geschlecht der Behandl
ung offensichtlich nicht im Weg
, zumindest enthalten die Akten kei
ne dahingehenden
Hinweise (
Urk.
7/168, 7/175, 7/185
).
Darüber hinaus erwähnte
der Beschwerde
führer im
Einwandverfahren
zwar eine Unzumutbarkeit einer Begutachtung durch
Dr.
G._
aufgrund ihres Geschlechts, argumentierte aber in erster Linie
mit der angeblichen
Versicherungsfreundlichkeit von
Dr.
D._
,
Dr.
E._
und
Dr.
G._
(
Urk.
7/200).
Entsprechendes wiederholte er in Bezug auf
Dr.
E._
in der Eingabe vom 2
2.
Juni 2020 (
Urk.
9).
Dabei handelt es sich um ein Vorbrin
gen, das im vorliegenden Zusammenhang nicht zu hören ist (E. 1.2 hiervor).
3
.3
Was den Eventualstandpunkt des Beschwerdeführers anbelangt, ist nicht zu beanstanden, dass die IV-Stelle sich im Rahmen ihrer
Abklärungspflicht (
Art.
43 ATSG)
veranlasst sieht,
zusätzliche Abklärungen
in Form eines polydisziplinären Gutachtens
vorzunehmen
.
Es liegt im Ermessen der Verwaltung, darüber zu ent
scheiden, mit welchen Mitteln die Sachverhaltsabklärung zu erfolgen hat (
Bun
desgerichtsurteil 9C_186/2013 vom 1
2.
Juli 2013 E. 3.2.1).
Der medizinische Sachverhalt erweist sich jedenfalls nicht als spruchreif, da
nach erfolgter Neuan
meldung vom
7.
Februar einzig die
Berichte des Hausarztes
Dr.
C._
vom 1
3.
August 2019 und des
B._
vom 2
3.
September 2019 bei den Akten liegen
(
Urk.
7/183/4-5, 7/185)
.
Von einer unzulässigen "
second
opinion
" (hie
rz
u BGE 136 V 156 E. 3.3 S. 158) kann
angesichts
dieser Sachlage
nicht gesprochen wer
den.
3
.4
Diese Erwägungen führen zur Abweisung der Bes
chwerde.
4
.
Da es vorliegend nicht um die Bewilligung
oder Verweigerung von Versiche
rungsleistungen geht, ist das Verfahren kosten
los (
Art.
61
lit
. a ATSG in Ver
bin
dung mit
Art.
69
Abs.
1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung,
IVG).