Decision ID: d79504cc-3bd3-46a2-b47d-0964b9e8087e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 9. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck-
Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 10. November 2020 in Österreich
um Asyl ersucht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 16. Juni 2022 das rechtli-
che Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit der Überstellung nach Österreich, dessen Zuständigkeit für die Be-
handlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwer-
deführer führte aus, die österreichischen Behörden würden alle Kurden in
die Türkei ausschaffen. Er habe in Österreich – wie alle übrigen Kurden –
einen negativen Asylentscheid erhalten, obwohl er geltend gemacht habe,
dass es ihm in der Türkei schlecht gehe. Bei einer Rückkehr nach Öster-
reich fürchte er sich vor einer Ausschaffung in die Türkei. Zudem sei er in
Österreich nicht sicher, weil dort viele türkische Agenten seien. Zum medi-
zinischen Sachverhalt befragt, gab er an, an Angstzuständen zu leiden. Bei
seiner Festnahme in der Schweiz habe er Schlafmedikamente eingenom-
men; diese habe er nun aber abgesetzt.
C.
Die österreichischen Behörden lehnten das Gesuch des SEM vom 20. Juni
2022 um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO)
am 30. Juni 2022 ab. Am 6. Juli 2022 hiessen die österreichischen Behör-
den das Remonstrationsersuchen (Art. 5 Abs. 2 Verordnung [EG]
Nr. 1560/2003 der Kommission vom 2. September 2003 mit Durchfüh-
rungsbestimmungen zur Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates zur
Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitglied-
staats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist [nachfolgend: DVO])
des SEM vom 30. Juni 2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO
gut.
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D.
Mit Verfügung vom 7. Juli 2022 (eröffnet am folgenden Tag) trat das SEM
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Über-
stellung nach Österreich an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Am 15. Juli 2022 (Poststempel) gelangte der Beschwerdeführer an das
Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben und die Sache der Vorinstanz zur vollständigen und richti-
gen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und
zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei die Verfügung aufzu-
heben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten.
Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Voll-
zugsbehörden seien im Rahmen vorsorglicher Massnahmen anzuweisen,
bis zum Entscheid über die Beschwerde von jeglichen Vollzugshandlungen
abzusehen. Des Weiteren ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Am 18. Juli 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an. Am 21. Juli 2022 wurde der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zuerkannt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG
[SR 142.31]).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die üb-
rigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG],
Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich
erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
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unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Der Beschwerdeführer beantragt, die Sache sei wegen unvollständi-
ger und unrichtiger Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie
wegen Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Diese habe die österreichischen Behörden ursprünglich
gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO um Übernahme ersucht.
Dieses Ersuchen hätten die österreichischen Behörden abgelehnt. Im Rah-
men der Remonstration habe die Vorinstanz sich dagegen auf Art. 18 Abs.
1 Bst. d Dublin-III-VO gestützt, woraufhin die österreichischen Behörden
der Übernahme zugestimmt hätten. Es stehe somit fest, dass die Auffas-
sung der schweizerischen und der österreichischen Behörden nicht über-
einstimmen würden. Auf diese Widersprüche sei die Vorinstanz in der an-
gefochtenen Verfügung nicht eingegangen. Ferner habe sie seine Vorbrin-
gen nicht vollständig abgeklärt.
3.2. Die österreichischen Behörden haben dem Wiederaufnahmegesuch
der Vorinstanz gestützt auf die von dieser im Remonstrationsverfahren an-
gerufene Bestimmung – nämlich Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO – zuge-
stimmt. Eine Diskrepanz in der «Auffassung» der jeweiligen Behörden ist
nicht erkennbar, weshalb die formellen Rügen des Beschwerdeführers jeg-
licher Grundlage entbehren. Der Umstand, dass sich die Vorinstanz im ur-
sprünglichen Ersuchen an die österreichischen Behörden auf eine andere
Bestimmung gestützt hat als im Rahmen des Remonstrationsverfahrens,
vermag daran nichts zu ändern (vgl. dazu E. 5.2). Es ist weder eine Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV) noch der Pflicht zur voll-
ständigen und richtigen Sachverhaltsabklärung (Art. 49 Bst. b VwVG bzw.
Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) ersichtlich. Es besteht demnach keine Veran-
lassung, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Das entsprechende Rechtsbegehren ist abzu-
weisen.
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4.
4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
5.
5.1. Nachdem die österreichischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1
Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vo-
rinstanz zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit Österreichs grundsätzlich
gegeben.
5.2. Der Beschwerdeführer bestreitet die Zuständigkeit Österreichs und
bringt vor, die Vorinstanz habe Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG verletzt, da die
Voraussetzungen des Remonstrationsverfahrens nicht erfüllt gewesen
seien. Diese habe zwei unterschiedlich begründete und sich auf unter-
schiedliche Rechtsbestimmungen beziehende Ersuchen an die österreichi-
schen Behörden gestellt.
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Aus dem Umstand, dass sich die Vorinstanz im Rahmen des Remonstrati-
onsverfahrens auf eine andere Bestimmung der Dublin-III-VO gestützt hat
als anlässlich des ursprünglichen Wiederaufnahmegesuchs, und den
Sachverhalt präzisiert hat, ergibt sich keine Verletzung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG. Vom Remonstrationsverfahren kann gerade bei Vorliegen
neuer Beweismittel und damit auch bei Sachverhaltsänderungen Ge-
brauch gemacht werden (s. Wortlaut von Art. 5 Abs. 2 erster Satz DVO; vgl.
ferner FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, Art. 11 K3).
Dies gilt entsprechend ebenfalls für Präzisierungen des Sachverhalts und
der anwendbaren Bestimmungen, wie dies vorliegend der Fall ist. Die ös-
terreichischen Behörden haben dem Wiederaufnahmeersuchen der Vor-
instanz, wie von dieser beantragt, gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-
III-VO zugestimmt. Der Tatbestand dieser Bestimmung ist erfüllt, wurde
doch der Antrag des Beschwerdeführers in Österreich gemäss seinen ei-
genen Angaben abgelehnt. Österreich ist somit zur Wiederaufnahme des
Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO verpflichtet.
6.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob – wie beantragt – das Selbsteintrittsrecht
nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO auszuüben ist.
6.1. Der Beschwerdeführer führt an, er werde in der Türkei verfolgt und
habe von Anfang an in der Schweiz in der Nähe seiner Bekannten um
Schutz ersuchen wollen. Es dränge sich aus humanitären Gründen zwin-
gend auf, dass das SEM sein Asylgesuch behandle.
6.2. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, in der Türkei verfolgt zu
werden, ist darauf nicht einzugehen, da eine allfällige Wegweisung in die
Türkei nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet.
6.3. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden grundsätzlich kein
Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl.
BVGE 2010/45 E. 8.3). Die persönliche Präferenz des Beschwerdeführers
ist somit unerheblich.
6.4. Es liegen keine Hinweise dafür vor, dass die Behandlung des Asylge-
suches des Beschwerdeführers in Österreich mangelhaft gewesen sein
könnte und seine Wegweisung – sollte sie bereits ergangen sein – in Ver-
letzung des Non-Refoulement-Prinzips verfügt worden wäre. In diesem Zu-
sammenhang ist darauf hinzuweisen, dass ein allfälliger definitiver Ent-
scheid über ein Asylgesuch und die Wegweisung ins Heimatland nicht eo
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ipso eine Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips darstellen (siehe Urteil
des BVGer E-1234/2022 vom 23. März 2022 E. 6.2).
6.5. Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin-III-
VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die
Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten, noch
liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen wür-
den.
7.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat die Wegweisung nach Österreich angeordnet.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt die am 21. Juli 2022 angeordnete aufschiebende Wirkung
dahin.
9.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65
Abs. 1 VwVG) ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorste-
henden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Ver-
fahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
10.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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