Decision ID: ee78b6db-5a67-494f-852f-dcbb44003f1d
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X.Y., geboren am 20. Januar 1996, wohnhaft in Q., besuchte im Schuljahr
2011/2012 die erste Klasse der Kantonsschule Wattwil mit Schwerpunkt Wirtschaft und
Recht.
Mit Schreiben vom 16. November 2011 informierte der Prorektor der Kantonsschule die
Eltern von X.Y. über den Leistungsstand des Gymnasiasten und wies darauf hin, dass
seine bisherigen Leistungen nur knapp über den Anforderungen liegen und daher das
Bestehen der Probezeit gefährdet sei. In den Promotionsfächern war der Notenstand
wie folgt: zweimal die Note 3.5 (Biologie, Geschichte), dreimal die Note 4 (Französisch,
Geografie, Wirtschaft/Recht), dreimal die Note 4.5 (Deutsch, Englisch, Chemie), einmal
die Note 5.0 (Ø der Fächer bildnerisches Gestalten & Musik) und einmal die Note 5.5
(Mathematik).
Am 20. Januar 2012 fand die Promotionskonferenz der Kantonsschule Wattwil statt.
Kurz zuvor informierte der Klassenlehrer X.Y., dass er in der Prüfung vom 10. Januar
2012 im Fach Betriebswirtschaftslehre nur die Note 2.6 erreicht habe.
B./ Mit Verfügung vom 27. Januar 2012 teilte die Kantonsschule Wattwil X.Y. mit, dass
er die Probezeit nicht bestanden habe.
C./ Mit Eingabe vom 27. Januar 2012 erhob X.Y., vertreten durch seine Mutter U.Z.,
gegen den negativen Promotionsentscheid Rekurs beim Erziehungsrat und beantragte,
die Probezeit sei um ein Semester zu verlängern. Begründet wurde der Rekurs damit,
dass die ungenügende Semesternote von 3.5 im Fach Wirtschaft und Recht die Folge
einer akuten psychischen Leistungsbeeinträchtigung sei, denn kurz vor der Prüfung im
Fach Betriebswirtschaftslehre vom 10. Januar 2012 habe der Gymnasiast vom Suizid
eines ehemaligen Klassenkameraden erfahren. Die unerwartet schlechte Prüfungsnote
von 2.6 sei nur durch diesen Umstand erklärbar. X.Y. wies darauf hin, dass er das
Gespräch mit dem Klassenlehrer und dem Prorektor der Kantonsschule gesucht habe,
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und dies noch bevor er die Verfügung mit dem negativen Promotionsentscheid erhalten
habe. Ihm sei dabei mitgeteilt worden, dass eine Wiederholung der Prüfung nicht
möglich sei.
Mit Schreiben vom 9. Februar 2012 nahm die Kantonsschule Wattwil zum Rekurs
Stellung. Auch ein sehr knappes Resultat führe zu einem Nichtbestehen der Probezeit.
Eine "Würdigung der Persönlichkeit" wie beim Maturitätsprüfungsreglement sei nicht
möglich, da im Promotionsreglement ein entsprechender Artikel fehle. Die
Promotionskonferenz habe die Kompetenz, ein Provisorium zu verlängern oder anstelle
einer Nichtpromotion eine provisorische Promotion anzuordnen, wenn die
Leistungsfähigkeit durch unverschuldete besondere Umstände wesentlich
beeinträchtigt war. Voraussetzung sei, dass die besonderen Umstände sofort mitgeteilt
und durch eine Fachperson (Arzt, Schulpsychologe usw.) untersucht und bestätigt
werden. Dies sei vorliegend nicht erfolgt.
In der Replik vom 24. Februar 2012 beantragte X.Y., dass er die Prüfung in
Betriebswirtschaftslehre wiederholen könne oder ihn psychologisch abklären zu lassen,
damit festgestellt werden könne, dass seine Leistung durch das tragische Ereignis
beeinträchtigt gewesen sei.
Mit E-Mail vom 29. Februar 2012 verzichtete die Kantonsschule Wattwil auf eine
Duplik.
D./ Mit Entscheid von 11. April 2012 wies der Erziehungsrat des Kantons St. Gallen den
Rekurs ab. Begründet wurde der Entscheid im Wesentlichen damit, dass X.Y. die
Kantonsschule vor der Promotionskonferenz auf die verminderte Leistungsfähigkeit
hätte hinweisen müssen.
E./ Mit Eingabe vom 30. April 2012 erhob X.Y., vertreten durch seine Mutter U.Z.,
Beschwerde beim Verwaltungsgericht und beantragte, es sei der Entscheid des
Erziehungsrates des Kantons St. Gallen vom 11. April 2012 aufzuheben. Eingebracht
wurden ergänzende Erläuterungen zur Situation des Beschwerdeführers und seiner
Familie nach Kenntnis des Suizids des ehemaligen Klassenkameraden des
Beschwerdeführers. Hingewiesen wurde zudem auf die Kontakte des
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Beschwerdeführers mit dem Klassenlehrer am 23. Januar und dem Prorektor am
24. Januar 2012, an denen er über die Auswirkungen des tragischen Todes informierte.
Der Prorektor habe ihn wegen der Nichtpromotion auf den Rekursweg verwiesen. Auf
Nachfrage wurde der Mutter des Beschwerdeführers von der Kantonsschule mitgeteilt,
dass sie den Rekurs basierend auf dem Zeugnis (Promotionsentscheid), welches am
letzten Schultag (27. Januar 2012) ausgehändigt werde, einzureichen habe.
Das Bildungsdepartement des Kantons St. Gallen beantragte in seiner Vernehmlassung
vom 29. Mai 2012 die Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge zu Lasten des
Beschwerdeführers. Begründet wurde dies insbesondere damit, dass der
Beschwerdeführer verpflichtet gewesen wäre, vor der Prüfung auf die verminderte
Leistungsfähigkeit aufmerksam zu machen.
Mit Eingabe von 18. Juni 2012 nahm der Beschwerdeführer Stellung zur
Vernehmlassung des Bildungsdepartements. Hingewiesen wurde insbesondere darauf,
dass ausserordentliche Ereignisse zu einer psychischen Belastung und zu einer
verminderten Leistungsfähigkeit führen könnten, deren sich der Betroffene oft gar nicht
bewusst sei und sich folglich auch nicht diesbezüglich artikuliere. Für ihn würden diese
Auswirkungen zutreffen.
Mit Schreiben vom 28. Juni 2012 reichte der Beschwerdeführer einen Notenspiegel des
zweiten Semesters ein. Am 20. Juli 2012 reichte der Beschwerdeführer Kopien der
Schulzeugnisse vom 1. und 2. Semester des Schuljahres 2011/2012 ein. Gemäss dem
Zeugnis des 2. Semesters erreichte der Beschwerdeführer 5.25 Differenznotenpunkte
und erhielt den "Promotionsentscheid: Definitiv promoviert".
Auf die weiteren Begründungen der Verfahrensbeteiligten sowie die Ausführungen im

angefochtenen Entscheid wird, soweit notwendig, in den folgenden Erwägungen
eingegangen.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
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2. Beschwerdegegenstand bildet die Frage, ob die Nichtpromotion zu Recht erfolgt ist.
Zur Beurteilung der Beschwerde sind insbesondere folgende Rechtsquellen relevant:
Das Mittelschulgesetz vom 12. Juni 1980 (sGS 215.1, abgekürzt MSG), die
Mittelschulverordnung vom 17. März 1981 (sGS 215.11, abgekürzt MSV), das
Promotionsreglement des Gymnasiums vom 24. Juni 1998 (nachfolgend
Promotionsreglement) und das VRP für das Verfahren und den Rechtsschutz, sofern
das MSG keine abweichenden Bestimmungen enthält (Art. 76 MSG).
2.1 Die angefochtene Verfügung wurde von der Kantonsschule Wattwil erlassen. Die
Kantonsschule Wattwil ist eine staatliche Mittelschule (Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1
lit. a MSG), weshalb die MSV vorliegend anwendbar ist. Beim angefochtenen Zeugnis/
Promotionsentscheid handelt es sich um ein Zeugnis im Sinne von Art. 34 MSG, denn
es werden die Leistungen des Beschwerdeführers am Ende des Semesters mit Noten
bewertet.
2.2 Art. 14 MSV regelt die Leistungsbewertung. Gemäss Abs. 1 werden im Zeugnis die
Leistungen mit Noten von 6 bis 1 bewertet. Die Noten 6 bis 4 bezeichnen genügende
Leistungen, die Noten unter 4 ungenügende Leistungen. Halbe Noten sind zulässig.
Der Beschwerdeführer hat folgende Noten in den Promotionsfächern im ersten
Semester des Schuljahres 2011/12 erreicht:
Deutsch 4.0
Französisch 4.5
Englisch 4.5
Mathematik 4.5
Biologie 3.5
Chemie 4.5
Geschichte 3.5
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Geographie 4.0
Bildnerisches Gestalten 4.5
Musik 5.0
Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht 3.5
Differenznotenpunkte -0.25
2.3 Die Nichtpromotion und damit das Nichtbestehen der Probezeit erfolgt gestützt auf
Art. 8bis lit. b in Verbindung mit Art. 2 Promotionsreglement, wenn der
Differenznotenpunktesaldo negativ ist. Dieser errechnet sich gemäss Art. 2
Promotionsreglement aus der Summe der Notenabweichungen von 4 nach oben
abzüglich der doppelten Summe der Notenabweichungen unter 4. Das 9.
Promotionsfach "Musik & bildnerisches Gestalten" wird ermittelt aus dem
Notendurchschnitt der beiden Schulfächer "Musik" und "bildnerisches
Gestalten" (Art. 1 Abs. 2 und Anhang zum Promotionsreglement).
Es ist offensichtlich, dass die Kantonsschule und die Vorinstanz von der Note 4.75 für
das 9. Promotionsfach "Musik & bildnerisches Gestalten" ausgegangen sind. Die Note
4.75 entspricht dem arithmetischen Mittel der Note 5.0 für das Fach "Musik" und der
Note 4.5 für das Fach "bildnerisches Gestalten" (vgl. Entscheid Vorinstanz S. 1). Bei
Berücksichtigung der Note 4.75 resultiert ein Differenznotenpunktesaldo von -0.25.
Fach Note Differenznotenpunkte
Deutsch 4.0
Französisch 4.5 0.5
Englisch 4.5 0.5
Mathematik 4.5 0.5
Biologie 3.5 -1.0
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Chemie 4.5 0.5
Geschichte 3.5 -1.0
Geographie 4.0
Bildnerisches Gestalten & Musik 4.75 0.75
Wirtschaft und Recht 3.5 -1.0
Differenznotenpunktesaldo -0.25
Der negative Differenznotenpunktesaldo führt zum Nichtbestehen der Probezeit
(Art. 8bis lit. b und Art. 2 Promotionsreglement).
2.4 Das Verwaltungsgericht ist im Beschwerdeverfahren im Allgemeinen nicht
verpflichtet, von sich aus nach Unrichtigkeiten in der Sachverhaltsfestlegung zu
suchen. Eine Überprüfung des Sachverhalts muss dann erfolgen, wenn die Beteiligten
eine unrichtige oder unvollständige Festlegung durch die Vorinstanz beanstandet
haben. Das Verwaltungsgericht kann jedoch zur Wahrung öffentlicher Interessen ohne
entsprechende Rüge die Beweismittel neu würdigen (vgl. Art. 12 Abs. 2 VRP; Cavelti/
Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt am Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht, 2. Auflage, Rz. 633 ff.). Die rechtssatzkonforme Ermittlung
eines Promotionsentscheides liegt im Interesse aller Schulpflichtigen und ist im Übrigen
von Amtes wegen als Rechtsfrage zu prüfen. Folglich ist eine Überprüfung der
korrekten Ermittlung des Promotionsentscheides anhand der Zeugnisnoten statthaft.
Während das Promotionsreglement insbesondere die Promotionsfächer und die
Anforderungen für eine definitive Promotion bestimmt, hat die Leistungsbewertung
nach Art. 14 MSV zu erfolgen, zumal das Promotionsreglement ausdrücklich auf Art. 14
MSV verweist. Gemäss Art. 14 MSV sind nur ganze und halbe Noten zulässig. Daher
verstösst die Verwendung der Note 4.75 für das Promotionsfach "Musik &
bildnerisches Gestalten" gegen den Art. 14 MSV. Folglich ist die Note 4.75, da keine
spezifische Rundungsregelung existiert, gemäss den üblichen Rundungsregeln für
Viertelnoten auf die Note 5.0 aufzurunden, was dem Standard in anderen Kantonen
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entspricht (vgl. etwa § 3 Abs. 4 des Promotionsreglements für Gymnasien des Kantons
Zürich vom 10. März 1998 [LS 413.251.1]).
2.5 Bei Berücksichtigung der Note 5.0 für das Promotionsfach "Musik & bildnerisches
Gestalten" resultiert ein Differenznotenpunktesaldo von 0.0. Dieses Ergebnis führt nach
Art. 8bis lit. a und Art. 2 Promotionsreglement zum Bestehen der Probezeit und damit
zu einer definitiven Promotion des Beschwerdeführers ins Folgesemester. Die
Beschwerde ist deshalb gutzuheissen.
Folglich erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit der geltend gemachten
verminderten Leistungsfähigkeit während der Prüfung im Fach Betriebswirtschaftslehre
und deren Berücksichtigung beim Promotionsentscheid.
3. (...).