Decision ID: f35cebfc-662d-52ba-98ec-4ebc5093101b
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin (geb. 1997) ist Kurdin und stammt aus Syrien. Am
14. Oktober 2015 reiste sie in die Schweiz ein und ersuchte gleichentags
um Asyl. Dieses Gesuch wurde am 7. Februar 2020 abgewiesen. Da das
SEM den Vollzug der Wegweisung nach Syrien als unzumutbar ansah, ord-
nete es die vorläufige Aufnahme an. Soweit ersichtlich, erwuchs diese Ver-
fügung unangefochten in Rechtskraft.
B.
B.a Am 28. Juli 2017 ersuchte die Beschwerdeführerin bei der Vorinstanz
um Feststellung ihrer Staatenlosigkeit. Sie machte im Wesentlichen gel-
tend, sie sei Kurdin aus Syrien und gehöre der Gruppe der Maktumin an
und folglich staatenlos. Sie habe – anders als Angehörige der Gruppe der
Ajanib – auch keine Möglichkeit, die syrische Staatsangehörigkeit zu er-
werben.
Am 2. August 2017 teilte die die Vorinstanz der Beschwerdeführerin mit,
sie gehe aufgrund der Aktenlage davon aus, dass die Beschwerdeführerin
syrische Staatsangehörige sei, und lud sie zu einer Stellungnahme ein.
Gleichzeitig gewährte die Vorinstanz ihr Einsicht in die relevanten Akten-
stücke aus dem Asylverfahren (Personalienblatt; Auszüge aus dem Proto-
koll der Befragung zur Person [BzP]; syrische Identitätsbescheinigung inkl.
Übersetzung; Eingabe der Beschwerdeführerin vom 3. Juni 2016). Die Be-
schwerdeführerin bestritt in ihrer Eingabe vom 15. August 2017, dass sie
syrische Staatsangehörige sei und wies darauf hin, dass sie auf dem Per-
sonalienblatt bei der Frage nach der Staatsangehörigkeit «Kurdish» ge-
schrieben habe. In der Befragung zur Person sei sie nicht direkt nach der
Staatsangehörigkeit gefragt worden, sondern nach ihrer Herkunft. Deshalb
habe sie Syrien genannt. Im Zusammenhang mit der syrischen Identitäts-
bescheinigung erklärte sie, die aufgeführte Registernummer sei die ihrer
Mutter; sie selber habe keine. Die Eingabe vom 3. Juni 2016 sei von einem
Übersetzer verfasst worden, der ihren Status in Syrien nicht gekannt habe
und deshalb geschrieben habe, sie sie syrische Staatsangehörige. Ferner
reichte sie ein weiteres syrisches Dokument inkl. Übersetzung ein («Aus-
zug aus dem ‘Maktoumin’-Register»).
In der Folge gab die Vorinstanz am 16. April 2018 eine amtliche Überset-
zung der syrischen Identitätsbescheinigung in Auftrag und gewährte der
Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zu der neuen Übersetzung. Die
Beschwerdeführerin hielt in ihrer Eingabe vom 4. Juni 2018 an den am
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2. August 2018 geltend gemachten Umständen fest. Ferner erklärte sie,
sowohl der Inhalt der Urkunde als auch deren Übersetzung vom 11. Januar
2017 wiesen Fehler auf. Am 12. September 2018 reichte die Beschwerde-
führerin die Kopie einer weiteren syrischen Urkunde («Urkunde für die nicht
registrierte[n] Personen deren Elternteil nicht registriert sind») inkl. Über-
setzung ein und stellte in Aussicht, das Original nachzureichen.
B.b Die Vorinstanz wies das Gesuch um Anerkennung der Staatenlosigkeit
mit Verfügung vom 10. Oktober 2018 ab. Sie kam zum Schluss, dass die
Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrem Status in Syrien widersprüch-
lich seien, wodurch ihre persönliche Glaubwürdigkeit «nachhaltig zerstört»
sei. Im Asylverfahren habe sie angegeben, syrische Staatsangehörige zu
sein. Hierzu passe die Registernummer auf einer der eingereichten syri-
schen Urkunden. Dem am 12. September 2018 Dokument komme keiner-
lei Beweiswert zu, da es nur als Kopie vorliege.
B.c Die Beschwerdeführerin ersuchte am 31. Oktober 2018 bei der Vor-
instanz um vollumfängliche Einsicht sowohl in die Akten des Asylverfah-
rens als auch in diejenigen des Verfahrens betreffend Anerkennung der
Staatenlosigkeit.
B.d Die Vorinstanz gewährte der Beschwerdeführerin am 6. November
2018 – mit einer Ausnahme – Einsicht in die Akten des Staatenlosenver-
fahrens. Am 8. November 2018 verweigerte sie ihr jedoch die Einsicht in
die Akten des noch hängigen Asylverfahrens.
C.
Mit Eingabe vom 14. November 2018 erhob die Beschwerdeführerin Be-
schwerde gegen die Verfügung vom 10. Oktober 2018 und stellte folgende
Anträge:
«1. Der Beschwerdeführerin sei vollumfänglich Einsicht in die Anhörungs-
protokolle des Asylverfahrens sowie in die Akte B4/3 zu gewähren.
2. Eventualiter sei das rechtliche Gehör zu den Anhörungsprotokollen
des Asylverfahrens sowie zu der Akte B4/3 zu gewähren.
3. Nach der Gewährung der Akteneinsicht und eventualiter des rechtli-
chen Gehörs sei der Beschwerdeführerin eine angemessene Frist zur
Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen.
4. Die Verfügung des SEM vom 10. Oktober 2018 sei aufzuheben und
die Sache dem SEM zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
5. Eventualiter sei die Verfügung des SEM vom 10. Oktober 2018 aufzu-
heben und die Beschwerdeführerin sei als Staatenlose anzuerkennen.
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6. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten.
7. Die Beschwerdeführerin sei weiter von der Bezahlung der Verfahrens-
kosten zu befreien.
8. Eventualiter sei eine angemessene Frist zur Bezahlung eines Ge-
richtskostenschusses anzusetzen.»
Die Beschwerdeführerin machte geltend, die Vorinstanz habe ihren An-
spruch auf rechtliches Gehör verletzt, indem sie die mit Eingabe vom
31. Oktober 2018 beantragte Einsicht in die Asylakten verweigert habe, ob-
wohl sie sich in der angefochtenen Verfügung darauf abgestützt habe.
Ebenfalls eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ergebe sich aus dem
Umstand, dass die Vorinstanz die Verfügung erlassen habe, obwohl sie –
die Beschwerdeführerin – das fehlende Original der syrischen Urkunde in
Aussicht gestellt habe. Allein aus diesen Gründen sei die angefochtene
Verfügung aufzuheben. Die Vorinstanz habe insgesamt den rechtserhebli-
chen Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt, deshalb sei die Sache an sie
zurückzuweisen.
Im Weiteren machte die Beschwerdeführerin geltend, die Vorinstanz sei zu
Unrecht davon ausgegangen, sie habe sich im Asylverfahren als syrische
Staatsangehörige bezeichnet. Die eingereichten syrischen Urkunden wie-
sen inhaltliche Fehler auf. So habe der Dorfvorsteher fälschlicherweise ei-
nen Registerort und eine Registernummer eingetragen. Diese Nummer sei
diejenige ihrer Mutter, die syrische Staatsangehörige sei. Zudem habe der
Übersetzer, der für sie das Schreiben vom 3. Juni 2016 verfasst habe, ihren
Status nicht gekannt und sie fälschlicherweise als syrische Staatsangehö-
rige bezeichnet. Indem die Vorinstanz «einem solch kleinen Detail eine
solch enorme Beachtung» schenke, handle sie willkürlich. Vielmehr wür-
den die bei der Vorinstanz eingereichten syrischen Dokumente eindeutig
belegen, dass sie Maktuma sei.
D.
Mit Verfügung vom 12. Dezember 2018 teilte das Gericht der Vorinstanz
mit, es beabsichtige das Akteneinsichtsgesuch bezüglich der Akten des
Asylverfahrens gutzuheissen, und gab ihr die Möglichkeit, allfällige Ein-
wände geltend zu machen.
E.
Am 31. Dezember 2018 reichte die Beschwerdeführerin das Original der
syrischen Urkunde ein, das sie im vorinstanzlichen Verfahren in Aussicht
gestellt hatte.
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Seite 5
F.
Die Vorinstanz teilte dem Gericht am 24. Januar 2019 mit, sie habe der
Beschwerdeführerin am 23. bzw. 24. Januar 2019 die beantragte Aktenein-
sicht gewährt. Daraufhin räumte das Gericht der Beschwerdeführerin am
13. Februar 2019 antragsgemäss eine Frist zur Ergänzung der Beschwer-
debegründung ein. Davon machte sie am 13. März 2019 Gebrauch.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 4. April 2019 hiess der damals zuständige In-
struktionsrichter das Gesuch um unentgeltliche Verfahrensführung gut.
H.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 27. Mai 2019 die Ab-
weisung der Beschwerde.
I.
Per 1. Juli 2019 wurde das Verfahren einer neuen Instruktionsrichterin
übertragen.
J.
Die Beschwerdeführerin hielt in ihrer Replik vom 1. Juli 2019 an ihren An-
trägen und deren Begründung fest.
K.
Am 23. August 2019 liess sich die Vorinstanz erneut vernehmen.
L.
Die Beschwerdeführerin reichte am 4. September 2019 eine syrische Be-
stätigung im Original vom 1. August 2019 und deren Übersetzung ein.
M.
Am 27. März 2020 reichte die Beschwerdeführerin Auszüge aus den Pro-
tokollen der Asylanhörungen eines ihrer Brüder zu den Akten ([...]). Hierzu
nahm die Vorinstanz am 19. Mai 2020 Stellung und die Beschwerdeführe-
rin antwortete am 3. Juni 2020 darauf. Am 10. Juni 2020 reichte die Be-
schwerdeführerin Kopien zweier syrischer Dokumente zu den Akten, die
gemäss ihren Angaben ihren Bruder betreffen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM betreffend Anerkennung der Staatenlosigkeit
unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 31 ff.
VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde
legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG; betr. Rechtsschutzinteresse vgl. BVGE
2014/5 E. 9). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (vgl. Art. 50 und 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann vorliegend die
Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Miss-
brauch des Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Unter Bundesrecht ist
auch das direkt anwendbare Völkerrecht zu verstehen (vgl. ZIBUNG/HOF-
STETTER, in Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, N 7 zu Art. 49 VwVG
m.H.), zu dem das hier in Frage stehende Staatenlosenübereinkommen zu
zählen ist. Das Bundesverwaltungsgericht ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeit-
punkt seines Entscheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht eine Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör durch die Vorinstanz geltend. Diese habe die Einsicht in
die Asylakten verweigert, obwohl sie sich in der angefochtenen Verfügung
darauf abgestützt habe und sie sie deshalb eigentlich in die Akten des
Staatenlosenverfahrens hätten aufnehmen müssen. Zudem habe sie die
Einsicht in das Ergebnis einer «Dokumentenprüfung» verweigert, obwohl
diese Prüfung für den Entscheid der Vorinstanz von Bedeutung sei.
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Seite 7
3.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist als selbständiges Grundrecht in
Art. 29 Abs. 2 BV verankert und wird für das Verwaltungsverfahren in den
Art. 29 ff. VwVG konkretisiert. Er dient einerseits in Ergänzung des Unter-
suchungsgrundsatzes der Sachaufklärung und stellt andererseits ein per-
sönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass von Verfügungen dar,
die in die Rechtsstellung des Einzelnen eingreifen (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3
m.H.; Urteil des BVGer A-6908/2017 vom 27. August 2019 E. 5.3.1 m.H.).
3.3 Soweit die Beschwerdeführerin eine Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör im Umstand sieht, dass die Vorinstanz ihr Gesuch vom
31. Oktober 2018 um Einsicht in die Asylakten am 8. November 2018 ver-
weigert hat, so ist ihre Rüge unbegründet. Die vorinstanzliche Verfügung
datiert vom 10. Oktober 2018, d.h., sie war zum Zeitpunkt des Aktenein-
sichtsgesuchs bereits erlassen, so dass die Verweigerung am 8. Novem-
ber 2018 durch die Vorinstanz keine Verletzung des Anspruchs auf rechtli-
ches Gehör in ihrem Verfahren darstellte. Abgesehen davon hatte die Vor-
instanz der Beschwerdeführerin via den bereits damals involvierten
Rechtsvertreter schon am 2. August 2017, also ganz zu Beginn des Ver-
fahrens, Einsicht in die aus ihrer Sicht relevanten Aktenstücke aus dem
Asylverfahren gewährt (Akten SEM B2; Sachverhalt Bst. B.a). Demnach
hat die Beschwerdeführerin auf Beschwerdeebene folgerichtig entspre-
chende Verfahrensanträge gestellt, denen auch Folge geleistet wurde
(Sachverhalt Bst. D und F). Vor diesem Hintergrund erübrigen sich Ausfüh-
rungen zur allgemeinen Kritik des Beschwerdeführers an der Aktenführung
der Vorinstanz.
3.4 Die Rüge, die Vorinstanz habe eines der Beweismittel nicht richtig ge-
würdigt ist keine Frage des rechtlichen Gehörs, wie die Beschwerdeführe-
rin geltend macht (Beschwerdeschrift «Art. 8»), sondern der (antizipierten)
Beweiswürdigung und ist daher weiter unten zu prüfen (vgl. E. 7.4).
4.
4.1 Gemäss Art. 1 Abs. 1 des Übereinkommens vom 28. September 1954
über die Rechtsstellung der Staatenlosen (Staatenlosenübereinkommen,
StÜ, SR 0.142.40) gilt jemand als staatenlos, wenn kein Staat ihn auf
Grund seiner Gesetzgebung (im englischen bzw. französischen Original-
text: «under the operation of its law», «par application de sa législation»)
als seinen Angehörigen betrachtet. Staatenlosigkeit bedeutet nach dieser
Begriffsumschreibung das Fehlen der rechtlichen Zugehörigkeit zu einem
Staat (sog. «de iure»-Staatenlosigkeit). Das Übereinkommen bezieht sich
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dagegen nicht auf Personen, die zwar formell noch eine Staatsangehörig-
keit besitzen, deren Heimatstaat ihnen aber keinen Schutz mehr gewährt
(sog. "de facto"-Staatenlose; vgl. YVONNE BURCKHARDT-ERNE, Die Rechts-
stellung der Staatenlosen im Völkerrecht und Schweizerischen Landes-
recht, 1977, S. 1 ff. m.H.; BGE 115 V 4 E. 2b; BVGE 2014/5 E. 4.1 m.H.;
Urteil des BGer 2C_661/2015 vom 12. November 2015 E. 3.1 m.H.).
Die Rechtsprechung hält dazu präzisierend fest, dass als staatenlos nur
angesehen werden kann, wem die Staatenlosigkeit nicht zuzurechnen ist,
beispielsweise, weil er die Staatsangehörigkeit ohne eigenes Zutun verlo-
ren hat und diese nicht (wieder-)erlangen kann. Wer dagegen seine Staats-
angehörigkeit freiwillig aufgibt oder es ohne triftigen Grund unterlässt, sie
zu erwerben oder wieder zu erwerben, kann sich nicht auf die Rechte aus
dem Staatenlosenübereinkommen berufen (Urteil des BGer 2C_36/2012
vom 10. Mai 2012 E. 3.1 m.H.). Damit wird verhindert, dass der Status der
Staatenlosigkeit den ihm im Übereinkommen zugedachten Auffang- und
Schutzcharakter verliert und zu einer Sache der persönlichen Präferenz
der betroffenen Person wird (Urteil des BGer 2C_763/2008 vom 26. März
2009 E. 3.2 m.H.).
4.2 Das Verfahren zur Anerkennung der Staatenlosigkeit ist nach den all-
gemeinen verwaltungsrechtlichen Grundsätzen zu führen. Dies bedeutet
unter anderem, dass die allgemeine Beweislastregel gilt, wonach grund-
sätzlich derjenige das Vorhandensein einer behaupteten Tatsache zu be-
weisen hat, der aus ihr Rechte ableitet (Art. 8 ZGB). Kann eine Tatsache
nicht bewiesen werden, trägt folglich derjenige die Folgen der Beweislosig-
keit, der daraus Rechte ableiten will. Geht es allerdings um den Beweis
negativer Tatsachen wie die fehlende Staatsangehörigkeit, bestehen ge-
wisse Beweiserleichterungen, weil sie nicht direkt bewiesen werden kön-
nen. Ist ein strikter Beweis nicht möglich oder nicht zumutbar, kann der
indirekte Beweis über Indizien ausreichen (Urteile des BVGer F-992/2017
vom 24. September 2018 E. 4.3; A-6314/2015 vom 25. Februar 2016
E. 5.5.4; je m.H.). Im Anwendungsbereich des Untersuchungsgrundsatzes
hat die Behörde den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen fest-
zustellen, indem sie sich notfalls der gesetzlich vorgesehenen Beweismittel
bedient (Art. 12 VwVG). Dieser allgemeine Grundsatz wird relativiert durch
die Mitwirkungspflicht der Partei. Diese kommt namentlich in Verfahren, die
von der Partei eingeleitet werden und in denen sie selbständige Begehren
stellt, zum Tragen (Art. 13 Abs. 1 Bst. a und Bst. b VwVG). Die Mitwir-
kungspflicht gilt dabei insbesondere für Tatsachen, die eine Partei besser
kennt als die Behörden und welche die Behörde ohne die Mitwirkung der
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Seite 9
Partei gar nicht oder nicht ohne vernünftigen Aufwand erheben kann (vgl.
BGE 130 II 449 E. 6.6.1 und BGE 128 II 139 E. 2b).
5.
Die Vorinstanz ist zum Schluss gekommen, dass der Beschwerdeführerin
der Nachweis der Staatenlosigkeit nicht gelungen sei. Im Rahmen des
Asylverfahrens habe sie angegeben, syrische Staatsangehörige zu sein.
Zudem habe sie mit keinem Wort erwähnt, dass sie Maktuma sei. Auch die
eingereichten Dokumente enthielten Hinweise auf die Staatsangehörigkeit
(Registernummer; Bezeichnung als «Bürgerin»; Bezeichnung als syrische
Staatsangehörige in Eingaben ans SEM). Für die Behauptung, es handle
sich um die Registernummer ihrer Mutter, einer syrischen Staatsangehöri-
gen, gebe es im ganzen Dokument keine Hinweise. Den eingereichten Be-
weismitteln sei zudem grundsätzlich ein geringer Beweiswert beizumes-
sen, da sie keine Sicherheitsmerkmale hätten und leicht gegen Geld be-
schafft werden könnten.
6.
Die Beschwerdeführerin behauptet zur Gruppe der Maktumin (Pl. von Mak-
tum bzw. Maktuma) zu gehören. Im syrischen Kontext sind Maktumin, so-
weit hier relevant, Kurden, die weitgehend rechtlos und in keinem Register
verzeichnet sind. Insbesondere haben sie im Gegensatz zur Gruppe der
Ajanib, die ebenfalls Kurden sind, keine Möglichkeit, sich einbürgern zu
lassen. In vorliegendem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass ein Mak-
tum zum Nachweis seiner Identität lediglich eine besondere, für Maktumin
bestimmte Bescheinigung des für ihn zuständigen Mukhtars (Dorfvorste-
hers) erhalten kann, das sogenannte Erkennungszeugnis (vgl. zum Gan-
zen ausführlich etwa Urteil des BVGer F-4188/2017 vom 13. Februar 2018
E. 4.1 m.H.).
7.
7.1 Die Beschwerdeführerin hat zu Beginn des Asylverfahrens auf dem
Personalienbogen in der Rubrik Staatsangehörigkeit «Kurdish» eingetra-
gen. Insofern ist es zutreffend, dass sie dort ihre Staatsangehörigkeit nicht
mit syrisch angegeben hat. Im Rahmen der Befragung zur Person wurde
allerdings protokolliert, sie sei syrische Staatsangehörige und das schon
bei Geburt (Akten SEM A4/11 Antworten zu den Fragen 1.09 und 1.11).
Das Protokoll wurde der Beschwerdeführerin rückübersetzt, und sie hat die
Richtigkeit des Inhalts mit ihrer Unterschrift bestätigt (Akten SEM A4/11
S. 8). Diesen Umstand muss sie sich im vorliegenden Verfahren entgegen-
halten lassen. Hinzu kommt, dass sie auch in den Gesuchen um Wechsel
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des Aufenthaltsorts vom Juni bzw. Juli 2016 angab, syrische Staatsange-
hörige zu sein (Akten SEM A9/3, A11/2). Auch den Inhalt dieser Schreiben
hat sie durch ihre Unterschrift anerkannt. Ihr Einwand, die Briefe seien von
einem Dolmetscher verfasst worden, dem ihr Status in Syrien nicht bekannt
gewesen sei, ist deshalb unbehelflich. Im Rahmen der Anhörung zu den
Asylgründen am 4. Februar 2020 erwähnte die Beschwerdeführerin, dass
sie, ihre Eltern und Geschwister – bis auf eine Schwester, die aufgrund
ihrer Ehe die syrische Staatsangehörigkeit erworben habe – Maktumin
seien und nur über Identitätsbescheinigungen und Auszüge aus dem Zivil-
register für Maktumin verfügen würden. Sie beschrieb einige Nachteile, die
Maktumin gegenüber Staatsangerhörigen haben und erklärte, sie wünsche
sich von der Schweiz eine Identitätskarte, weil sie noch nie im Leben eine
gehabt habe (Akten SEM A47/22 Fragen 14 ff., 159). Diesen Aussagen
kann allerdings kein allzu grosses Gewicht beigemessen werden, da sie zu
einem Zeitpunkt gemacht wurden, als das Thema aufgrund des vorliegen-
den Verfahrens besondere Bedeutung hatte. Zudem fällt auf, dass die Be-
schwerdeführerin ihre Mutter nicht erwähnte, als sie nach Familienmitglie-
dern mit syrische Staatsangehörigkeit gefragt wurde, obwohl sie diesen
Umstand früher im vorliegenden Verfahren mehrfach erwähnt hatte.
7.2 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, aus den Angaben ihres
Bruders im Rahmen seines Asylverfahrens gehe klar hervor, dass er Mak-
tum sei, kann ihr nicht gefolgt werden. Zwar trifft das auf die eingereichten
Auszüge aus dem Protokoll der Befragung zu seinen Asylgründen vom
24. Januar 2020 zu. Da die Beschwerdeführerin selbst auf das Asylverfah-
ren ihres Bruders hingewiesen hat, hat das Gericht Einsicht in das gesamte
Protokoll sowie in weitere Dokumente des Asylverfahrens des Bruders ge-
nommen. Sowohl aus dem Personalienbogen als auch aus dem Protokoll
der BzP vom 7. Januar 2020 geht hervor, dass er angegeben hat, syrischer
Staatsangehöriger zu sein. Er hat den Inhalt beider Dokumente mit seiner
Unterschrift bestätigt. Die Angaben des Bruders sind somit ein klares Indiz,
das gegen den von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Status in
Syrien spricht. Daran vermögen auch die am 10. Juni 2020 in Kopie einge-
reichten Dokumente (Akt. 25) nichts zu ändern, zumal deren Beweiswert
ohnehin gering ist (vgl. E. 7.3 hiernach).
7.3 Die Beschwerdeführerin legte vier syrische Dokumente inkl. Überset-
zungen vor, um ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Maktumin zu belegen.
Vorab ist zu betonen, dass der Beweiswert der eingereichten Dokumente
gemäss ständiger Praxis gering ist, wie die Vorinstanz zu Recht festgehal-
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Seite 11
ten hat (Akt. 12 S. 2, Akt. 16 S. 2). Gründe dafür sind, dass einerseits syri-
sche Dokumente, auch solche für syrische Staatsangehörige, gegen Geld
recht leicht zu beschaffen sind und dass andererseits die eingereichten
Dokumenten keinerlei Sicherheitsmerkmale aufweisen (vgl. Schweizeri-
sche Flüchtlingshilfe, Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse vom 7. Ja-
nuar 2015 zu Syrien: Pässe; Institute on Statelessness an Inclusion
[ISI]/Norwegian Refugee Council: www.syriannationality.org > Nationality,
documentation and statelessness in Syria > Syrian Documents: «Makotum
Kurds», abgerufen im Juni 2020; zur Beweiskraft amtlicher syrischer Do-
kumente vgl. Urteil des BVGer A-2291/2015 vom 17. August 2015 E. 7.1).
7.3.1 Bereits im Asylverfahren hatte die Beschwerdeführerin das Original
eines Erkennungszeugnisses eingereicht (nachfolgend: Dokument 1; vgl.
Akten SEM B27), das wie in E. 6 erwähnt, Maktumin ausgestellt wird. In
den Akten finden sich zwei Übersetzungen dieses Dokuments, eine davon
von der Vorinstanz in Auftrag gegeben (vgl. Akten SEM B5/5 S. 4 und B8/1
[amtliche Übersetzung]). Beide Übersetzungen stimmen darin überein,
dass das Dokument nicht datiert ist und eine Registernummer (Kh[ane]
[...]) sowie einen Registerort ([...]) aufweist. Solche Registernummern
(auch Familiennummer genannt) werden nur syrischen Staatsangehörigen
zugeteilt. Die Beschwerdeführerin macht geltend, es handle sich um die
Nummer ihrer Mutter, die syrische Staatsangehörige sei. Aus keiner der
Übersetzungen gehen allerdings Hinweise hervor, die auf einen Zusam-
menhang zwischen Registernummer und -ort und der Mutter der Be-
schwerdeführerin hindeuten. Dass Erkennungszeugnisse für Maktumin die
Registerangaben der Mutter enthalten können, konnte auch nicht via an-
dere Quellen bestätigt werden.
7.3.2 Am 15. August 2017 hat die Beschwerdeführerin ein weiteres Doku-
ment eingereicht (nachfolgend: Dokument 2; Akten SEM B3/7). Dabei han-
delt es sich gemäss Übersetzung um einen «Auszug aus dem ‘Maktoumin’-
Register». In diesem gemäss den beiden aktenkundigen Übersetzungen
nicht datierten Dokument ist die Beschwerdeführerin aufgeführt. Zudem
enthält es die gleichen Angaben zu Registernummer und den Registerort
wie das Dokument 1 (vgl. Akten SEM B3/7 S. 3, B5/5 S. 3). Eine von der
Vorinstanz veranlasste Überprüfung des Originals von Dokument 2 ergab
überdies Ungereimtheiten. So wurde festgestellt, dass das Formular mit-
tels Digitaldruck hergestellt wurde und nicht, wie sonst üblich, im Offset-
druckverfahren. Das Foto wies mehr Stempelspuren und Löcher von Heft-
klammern auf als für dieses Dokument notwendig (vgl. Akten SEM B18/3).
Vor diesem Hintergrund erübrigen sich Erörterungen zur Frage, um was für
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Seite 12
ein Dokument genau es sich handelt, da ja Maktumin in keinem Register
aufgeführt sind (E. 6) und daher ein «Auszug aus dem ‘Maktoumin’-Regis-
ter» widersprüchlich erscheint.
7.3.3 Am 18. September 2018 reichte die Beschwerdeführerin die Kopie
eines weiteren Dokuments ein (nachfolgend: Dokument 3; Akten SEM
B13/4). Das Original wurde auf Beschwerdeebene nachgereicht (vgl. Bei-
lage zu Akt. 4). Ein visueller Vergleich der arabischen Bezeichnung lässt
darauf schliessen, dass die Dokumente 2 und 3 auf der gleichen Quelle
basieren. Im Dokument 3 sind die Beschwerdeführerin und ihre fünf Ge-
schwister aufgeführt. Angeheftet sind Fotos aller sechs Personen. In der
Spalte «Registerort Wohnortnummer» steht bei allen Personen «Nicht re-
gistriert». Das Dokument trägt das Datum 24. Dezember 2011. Doku-
ment 3 enthält erhebliche Widersprüche. Das Geburtsjahr des jüngsten
Bruders der Beschwerdeführerin wird in der Übersetzung mit 2003 ange-
geben, im Original steht jedoch 2013. Das Geburtsjahr 2013 erscheint
plausibel, hat doch der Bruder der Beschwerdeführerin gemäss dem Pro-
tokoll seiner Asylbefragung vom 24. Januar 2020 das Alter seines jüngsten
Bruders mit acht oder neun Jahren angegeben (vgl. Akten SEM [...], [...]-
18/20 Frage 86 S. 16). Auch die Aussagen der Beschwerdeführerin im
Rahmen ihrer Asylanhörung vom 4. Februar 2020 deuten darauf hin, dass
der jüngste Bruder eher 2013 geboren ist als 2003 (Akten SEM A47/21
Frage 31 S. 5). Dass der Fehler bezüglich der Jahreszahl beim Übersetzen
von Dokument 3 unterlaufen ist, erscheint auch aufgrund der angehefteten
Fotos plausibel: Das Kind ganz links ist deutlich jünger als der junge Mann
auf dem Foto rechts daneben. Der Altersunterschied von nur einem Jahr
(2002 und 2003) ist daher nicht glaubhaft, ein solcher von elf Jahren (2002
und 2013) jedoch schon. Da das Dokument das Datum 24. Dezember 2011
trägt, stellt sich überdies die Frage, wie es Angaben zu einem Kind enthal-
ten kann, das erst 2013 geboren ist. Hinzu kommt, dass der Bruder mit
Geburtsjahr 2000 auf dem angehefteten Foto (drittes von links) deutlichen
Bartwuchs aufweist, was für ein angeblich höchstens elfjähriges Kind doch
eher ungewöhnlich scheint. Aus alledem folgt, dass der Inhalt des Doku-
ments insgesamt als unglaubhaft anzusehen ist. Folglich ist ihm jegliche
Beweiskraft abzusprechen.
7.3.4 Am 4. September 2019 schliesslich reichte die Beschwerdeführerin
ein weiteres Dokument ein (Original inkl. Übersetzung, vgl. Akt. 18; nach-
folgend: Dokument 4). Gemäss Übersetzung bestätigen die beiden Zeu-
gen, dass das «vorstehende Abbild» die Beschwerdeführerin zeigt, obwohl
das Dokument gar kein Foto aufweist. Dadurch wird auch der übrige Inhalt
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in Frage gestellt. Auch diesem Dokument ist die Beweiskraft abzuspre-
chen.
7.4 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass es der Beschwerdefüh-
rerin nicht gelungen ist, den geltend gemachten Status in Syrien (Maktuma)
glaubhaft darzulegen. Dafür wäre nötig gewesen, dass ihre Vorbringen in
dieser Hinsicht widerspruchsfrei gewesen wären. Ihre Angaben insbeson-
dere im Asylverfahren waren insofern widersprüchlich, als sie sich teilweise
als syrische Staatsangehörige bezeichnet hat (E. 7.1). Das gleiche gilt für
die Vorbringen ihres Bruders (E. 7.2). Auch die eingereichten syrischen Do-
kumente, denen grundsätzlich nur ein geringer Beweiswert zugesprochen
werden kann, enthalten Hinweise, die nicht mit dem geltend gemachten
Status als Maktuma in Übereinstimmung gebracht werden konnten. Über-
dies sind den Dokumenten 3 und 4 aufgrund offensichtlicher inhaltlicher
Widersprüche jeglicher Beweiswert abzusprechen (E. 7.3). Vor diesem
Hintergrund ist auch nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz das ange-
kündigte Original des Dokuments 3 nicht abgewartet hat, bevor sie die an-
gefochtene Verfügung erlassen hat (antizipierte Beweiswürdigung), auch
wenn sie es mit einer anderen Begründung getan hat (vgl. angefochtene
Verfügung E. 5.3).
8.
Da die Beschwerdeführerin ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Maktumin
nicht im erforderlichen Mass glaubhaft machen konnte und als Alternative
die syrische Staatsangehörigkeit in Frage kommt, bleibt der Status, den sie
in Syrien hatte, ungeklärt. Folglich kann – auch unter Berücksichtigung der
Erleichterungen beim Beweis negativer Tatsachen (E. 4.2) – nicht darauf
geschlossen werden, dass die Beschwerdeführerin keine Staatsangehö-
rigkeit hat bzw. staatenlos ist.
9.
Die Verfügung der Vorinstanz ist somit im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu
beanstanden. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). Da ihr jedoch die unentgelt-
liche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, ist
sie von der Bezahlung von Verfahrenskosten befreit.
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11.
Die im Laufe des Beschwerdeverfahrens eingereichten Originaldokumente
(vgl. Beilagen zu Akt. 4 und 18) werden der Vorinstanz übermittelt (vgl.
Art. 10 AsylG [SR 142.31]).