Decision ID: d296611e-8d66-53da-883b-0d82998d9a5c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger und ethnischer
Hazara mit letztem Wohnsitz in der Provinz Ghazni, verliess seinen Hei-
matstaat gemäss eigenen Angaben im 14. Lebensjahr. Anschliessend
reiste er über Pakistan, den Iran und die Türkei nach Europa, wo er sich
vorübergehend in Österreich, Deutschland, Dänemark und Norwegen auf-
hielt. In Norwegen reichte er ein Asylgesuch ein, welches abgelehnt wurde.
Anschliessend reiste er mit dem Zug über Schweden, Dänemark und
Deutschland am 31. Januar 2018 in die Schweiz ein und ersuchte gleichen-
tags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl.
B.
Am 12. Februar 2018 wurde beim Beschwerdeführer eine radiologische
Knochenaltersbestimmung nach Greylich und Pyle durchgeführt. Diese
Untersuchung ergab ein Knochenalter von 18 Jahren. Im diesbezüglichen
Bericht wurde festgehalten, ausgehend vom angegebenen Alter, sei mit ei-
ner doppelten Standardabweichung von +/- zwölf Monaten zu rechnen.
C.
Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) im EVZ vom 22. Februar 2018
trug der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er sei gemäss afghani-
schem Kalender am (...) ([...] 2002) in B._, Provinz Uruzgan gebo-
ren. Die Taliban hätten diese Gegend angegriffen, weshalb seine Familie
die Provinz Uruzgan habe verlassen müssen und in die Provinz Ghazni,
nach C._, Distrikt D._, umgezogen sei. Er habe nie die
Schule, sondern nur sieben Jahre lang den religiösen Unterricht besucht.
Die Taliban hätten die Schule geschlossen; ein Schulbesuch sei nicht mög-
lich gewesen. Die sieben letzten Jahre vor seiner Ausreise habe er in
C._ verbracht und habe zuletzt Vieh gehütet.
Er habe Afghanistan verlassen, weil dort Krieg geherrscht habe. Die Bevöl-
kerung sei von den Taliban angegriffen worden; auch ein Sohn seiner Tante
sei bei einem solchen Angriff ums Leben gekommen. Nachdem seine Fa-
milie in der Provinz Ghazni angekommen sei, hätten seine Leute entschie-
den, ins ursprüngliche Heimatdorf B._ zurückzukehren und dieses
von den Taliban zu befreien und zurückzuerobern. Alle jungen Leute hätten
an diesen Kämpfen teilnehmen sollen. Sein Vater habe ihm jedoch zur Aus-
reise geraten, da er selbst noch sehr jung gewesen sei. Er sei selbst nie in
Haft gewesen.
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Einen Reisepass oder einen afghanischen Ausweis (Taskara) habe er nie
besessen. Während seines zweimonatigen Aufenthaltes im Iran sei der
Weg nach Europa geöffnet worden, weshalb er diese Gelegenheit wahrge-
nommen habe.
Zu seinen persönlichen Verhältnissen trug er weiter vor, seine Eltern wür-
den in C._, Provinz Ghazni, leben. Zudem habe er zwei Schwestern
sowie mehrere Onkel und Tanten, die in Afghanistan leben würden. Ein
weiterer Bruder sei seit rund zehn Jahren, seit seiner Reise nach Europa,
verschollen.
Im Anschluss an die eigentliche BzP wurde der Beschwerdeführer mit den
Ergebnissen der Knochenaltersbestimmung konfrontiert, welche ergeben
hätten, dass er – bei einer Abweisung von +/- zwölf Monaten – 18-jährig
sei. Das SEM teilte ihm mit, er werde aufgrund dieser Ergebnisse im Asyl-
verfahren als volljährig behandelt und ihm werde keine Vertrauensperson
beigeordnet. Hierauf beharrte der Beschwerdeführer auf seinem zu Proto-
koll gegebenen Geburtsdatum und hielt an seiner Minderjährigkeit fest.
D.
Am 9. März 2018 wurde eine Nachbefragung des Beschwerdeführers zur
Person und zum Alter durchgeführt. Dabei trug dieser vor, er habe im Alter
von fünf oder sechs Jahren bei einem Imam mit dem Koran-Unterricht be-
gonnen. Als er siebenjährig gewesen sei, sei seine Familie in die Provinz
Ghazni umgezogen. Dort sei er ebenfalls nicht zur Schule gegangen, son-
dern habe, wie seine beiden Schwestern, den Religionsunterricht fortge-
setzt, bis er im Alter von 14 Jahren, im Jahr (...) (2015), aus Afghanistan
ausgereist sei. In Norwegen sei eine Knochenaltersanalyse durchgeführt
worden. In der Folge sei er von den norwegischen Behörden mit einem
Alter von 15 Jahren registriert worden. Er habe sich ein Jahr lang in einem
Camp für Minderjährige in E._ (Norwegen) aufgehalten, bis er ei-
nen negativen Asylentscheid erhalten habe. Man habe ihm gesagt, dass er
nach Afghanistan zurückkehren müsse, sobald er die Volljährigkeit erreicht
habe. Er kenne sein Geburtsdatum – (...) nach afghanischem Kalender
respektive (...) 2002 – weil sein Vater dieses Datum in seinem Koran fest-
gehalten habe.
Nach dieser Befragung ging das SEM davon aus, die Minderjährigkeit sei
glaubhaft gemacht. Das Geburtsdatum des Beschwerdeführers wurde im
ZEMIS (Zentrales Migrationsinformationssystem) wieder geändert und mit
Datum vom (...) 2002 erfasst.
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E.
Mit Schreiben des SEM vom 15. März 2018 wurde dem zuständigen Kan-
ton die Zuweisung eines unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden
(UMA) gemeldet.
F.
Am 18. April 2018 fand in Anwesenheit einer Vertrauensperson die einläss-
liche Befragung des Beschwerdeführers zu den Asylgründen statt. Dabei
trug er in Ergänzung seiner bisherigen Vorbringen vor, er habe zuletzt mit
seiner Familie in Afghanistan Kontakt gehabt, als er sich in Norwegen auf-
gehalten habe. Viele junge Männer in seinem ursprünglichen Heimatdorf
B._ in der Provinz Uruzgan hätten bei den Amerikanern in deren
Camps gearbeitet. Die Taliban hätten diese Männer bedroht und sie zur
Beendigung ihrer Tätigkeit für die Amerikaner aufgefordert. Als die Taliban
das Dorf tatsächlich angegriffen hätten, habe zwei Tage lang ein heftiger
Kriegszustand geherrscht. Neben anderen sei auch sein Cousin getötet
worden. Deshalb sei seine Familie nach Ghazni umgezogen und habe dort
in einem Zelt gelebt. In Ghazni habe der Beschwerdeführer bis zum 13.
oder 14. Lebensjahr zunächst Ruhe gehabt. Danach hätten die Leute, ins-
besondere der Mullah und das Gebietsoberhaupt, den Vater unter Druck
gesetzt, damit dieser seinen Sohn, den Beschwerdeführer, nach
B._ entsende, um das Dorf von den Taliban zu befreien und das
Land sowie das Vieh zurückzuerobern. Andere Familien hätten ihre Söhne
freiwillig zur Verfügung gestellt oder in den Iran geschickt, um sie vor dem
Krieg zu schützen. Weil der Druck zu gross geworden sei, habe sein Vater
den Beschwerdeführer ins Ausland geschickt.
G.
Mit Schreiben vom 2. Mai 2018 an die Gemeinde F._ teilte das Mig-
rationsamt des Kantons G._ die Zuweisung des Beschwerdefüh-
rers als unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden mit. Dabei wurde
ausgeführt, das SEM habe die wahrscheinliche Urteilsfähigkeit des jugend-
lichen Beschwerdeführers festgestellt. Einen Rechtsvertreter habe der Be-
schwerdeführer nicht bestimmt. Als Vertrauensperson wurde Frau Nora
Riss benannt, und die Trägerschaft der Rechtsberatungsstelle für Asyl- und
Ausländerrecht H._, geboren am (...) (RBS) entsprechend beauf-
tragt. Mit Beschluss vom 15. Mai 2018 errichtete die Kantonale Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde (KESB) für den Beschwerdeführer eine Bei-
standschaft gemäss Art. 306 Abs. 2 ZGB und ernannte Frau Eveline König,
G._, zur Beiständin.
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H.
Mit Verfügung vom 3. August 2018 – der Vertrauensperson (Frau Nora
Riss) am 9. August 2018 eröffnet – lehnte das SEM das Asylgesuch des
Beschwerdeführers ab und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz
an. Gleichzeitig verfügte es die vorläufige Aufnahme des Beschwerdefüh-
rers wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges.
Zur Begründung führte das SEM aus, die Vorbringen würden den Anforde-
rungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 des Asylgesetzes
(AsylG; SR 142.31) nicht standhalten.
Der geltend gemachten Rekrutierung aller jungen Männer seines
Heimatdorfes ab einem bestimmten Alter liege kein flüchtlingsrelevantes
Verfolgungsmotiv zugrunde. Anknüpfungspunkt dieser Gruppenformation,
um gegen die Taliban in der Region Uruzgan vorzugehen, sei damals der
Wohnort, das Alter und das Geschlecht der Betroffenen gewesen. Bei
diesen handle es sich aber nicht um die in Art. 3 AsylG erwähnten Eigen-
schaften, weshalb eine versuchte Zwangsrekrutierung von männlichen
Kindern und Jugendlichen nicht als flüchtlingsrelevante Verfolgung zu
qualifizieren sei. Das Bundesverwaltungsgericht habe dies im Entscheid E-
3437/2017 (recte D-3474/2017) vom 25. August 2017 analog für eine
Zwangsrekrutierung durch die Taliban festgestellt. Bei dieser offensichtlich
fehlenden Asylrelevanz könne darauf verzichtet werden, auf allfällige Un-
glaubhaftigkeitselemente im Sachverhaltsvortrag einzugehen. Nachdem
der Wegweisungsvollzug als unzumutbar eingestuft und die vorläufige
Aufnahme des Beschwerdeführers angeordnet werde, erübrige sich
zudem eine Prüfung weiterer Wegweisungsvollzugshindernisse.
I.
Mit Eingabe vom 6. September 2018 reichte der – nach wie vor minderjäh-
rige – Beschwerdeführer im eigenen Namen gegen die Verfügung des SEM
vom 3. August 2018 Beschwerde ein und beantragte die Aufhebung der
vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft
und die Asylgewährung; eventualiter sei die Sache zur hinreichenden Ab-
klärung und Würdigung des rechtserheblichen Sachverhalts an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses be-
antragt.
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Zur Begründung wurde ausgeführt, die Erwägungen des SEM zum fehlen-
den flüchtlingsrechtlichen Motiv der Zwangsrekrutierung der in C._
ansässigen Dorfbewohner gingen fehl. Relevant sei das Verfolgungsmotiv
der bestimmten sozialen Gruppe. Es gebe auf internationaler Ebene zwei
vorherrschende Ansätze zur Definition dieses Verfolgungsmotivs, wobei im
Zweifel dem «protected characteristics»-Ansatz der Vorzug zu geben sei,
wozu auf das Handbuch zum Asyl- und Wegweisungsverfahren der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH; 2. Auflage, S. 191) verwiesen
werde. Eine Legaldefinition dieses Ansatzes finde sich unter anderem in
der EU-Qualifikationsrichtlinie, gemäss welcher eine Gruppe insbesondere
dann als bestimmte soziale Gruppe gelte, wenn deren Mitglieder angebo-
rene Merkmale oder einen gemeinsamen Hintergrund, welcher nicht ver-
ändert werden könne, gemein hätten oder Merkmale oder eine Glaubens-
überzeugung teilen würden, die so bedeutsam für die Identität oder das
Gewissen seien, dass der Betreffende nicht gezwungen werden sollte, auf
sie zu verzichten. Demnach sei die Gruppe, analog zu den anderen Verfol-
gungsmotiven, basierend auf diskriminierungsrechtlich relevanten Eigen-
schaften zu definieren, zu denen auch das Alter und das Geschlecht gehö-
ren würden. Das UNHCR (United Nations High Commissioner for Refu-
gees) führe zu diesem Ansatz ebenfalls aus, die Interpretation, die den Be-
griff der «geschützten Merkmale» in den Mittelpunkt stelle, prüfe, ob eine
Gruppe ein unveräusserliches Merkmal oder ein für die menschliche
Würde so unverzichtbares Attribut teile, dass es einer Person nicht zuge-
mutet werden sollte, dieses aufzugeben. Ein unveräusserliches Merkmal
könne angeboren – wie das Geschlecht oder die ethnische Abstammung –
oder aus anderen Gründen unabänderbar sein, etwa aufgrund einer histo-
rischen Bindung, des Berufs oder der sozialen Stellung.
Der Umstand, dass nicht allen Männern des Heimatdorfes des Beschwer-
deführers eine Zwangsrekrutierung gedroht habe, sondern nur den jungen
und kampffähigen unter ihnen, unterstreiche das Merkmal der Bestimmt-
heit dieser sozialen Gruppe. Zweifellos müsse dies für das spezifische Kol-
lektiv von jungen Männern gelten, die aus einer bestimmten Dorfgemeinde
stammen würden und denen deshalb eine Zwangsrekrutierung drohe.
Das SFH-Handbuch halte weiter fest, es liege gemäss ständiger Praxis des
SEM eine bestimmte soziale Gruppe dann vor, wenn sich eine Gruppe von
Personen aufgrund eigenständiger und unveränderlicher Eigenschaften
klar von anderen Gruppen unterscheide und aufgrund dieser Eigenschaf-
ten Verfolgungsmassnahmen erleide oder befürchte. Dem Beschwerdefüh-
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rer habe wegen seines Alters und seines Geschlechts eine Zwangsrekru-
tierung gedroht; in Afghanistan drohe nur Männern eine Zwangsrekrutie-
rung, was klar an das Unterscheidungsmerkmal des Geschlechts an-
knüpfe.
Aus dem Entscheid des SEM gehe nicht hervor, aus welchen Gründen das
Alter und das Geschlecht nicht als flüchtlingsrelevante Eigenschaften gel-
ten würden. Dadurch sei die Vorinstanz ihrer Untersuchungs- und Begrün-
dungspflicht nicht nachgekommen. Auch der Verweis auf das Urteil
D-3474/2017 vermöge nicht zu überzeugen, da die dortige Argumentation
wenig nachvollziehbar bleibe. Der damals Betroffene habe eine drohende
Zwangsrekrutierung durch die Taliban geltend gemacht. Das Gericht habe
erkannt, dass der Beschwerdeführer einfach wegen seinen von den Taliban
gewünschten Eigenschaften – männlich und in einem bestimmten Alter –
für die Rekrutierung in Frage gekommen sei. Es sei bedauerlich, dass das
Bundesverwaltungsgericht dabei zu diesem Fehlschluss gekommen sei,
denn richtigerweise handle es sich auch bei den von den Taliban «ge-
wünschten» Eigenschaften um diskriminierungsrechtlich relevante Eigen-
schaften, aufgrund welcher ein gewisser Teil der afghanischen Bevölke-
rung zwangsrekrutiert worden sei.
Im Grundsatzentscheid EMARK (Entscheidungen und Mitteilungen der
Asylrekurskommission) 2006 Nr. 32 sei richtigerweise klargestellt worden,
dass die Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft nicht von einer bestimmten
Definition eines Verfolgungsbegriffs abhängig sei, denn der Verfolger be-
stimme letztlich alleine, wen er und weshalb er verfolge und damit auch,
ob und wie er die von ihm verfolgte «Rasse» oder «soziale Gruppe» defi-
niere. Ausschlaggebend müsse daher sein, ob die Verfolgung wegen
äusserer oder innerer Merkmale erfolgt sei oder drohe, die untrennbar mit
der Person des Opfers verbunden seien.
Das UNHCR halte ebenfalls fest, dass nicht-staatliche bewaffnete Gruppen
nicht berechtigt seien, Rekrutierung durch Zwang oder Gewalt zu betrei-
ben. Eine Person, die aus Angst vor ihrer Zwangsrekrutierung Schutz im
Ausland suche, könne Anspruch auf die Zuerkennung der Flüchtlingsei-
genschaft haben, sofern die anderen Elemente der Flüchtlingseigenschaft
gegeben seien. Besonderer Schutzbedarf sei gegeben, wenn Kindern
Zwangsrekrutierung drohe. Da der Beschwerdeführer sich nicht freiwillig
dem Befreiungskampf angeschlossen habe, hätten die Dorfbewohner ihn
mit Gewalt an die Front gebracht. Seine Weigerung hätte einen absoluten
Malus, die Zwangsrekrutierung, nach sich gezogen. Der Mullah und das
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Dorfoberhaupt hätten seine Weigerung als politisch motiviert betrachtet,
weshalb ein Politmalus vorliege. Dem Beschwerdeführer sei es daher nicht
zumutbar gewesen, länger im Heimatland zu verbeiben. Im Urteil
E-6352/2015 habe das Bundesverwaltungsgericht auch eine Zwangsrek-
rutierung durch den IS (Islamischer Staat) als relevant anerkannt. Die Rek-
rutierung selbst sei zwar nicht aufgrund eines asylrelevanten Motivs erfolgt.
Hingegen habe die dem Betroffenen drohende Verfolgung wegen des Wi-
derstands gegen eine Zusammenarbeit mit dem IS auf der unterstellten
politischen Gegnerschaft und somit auf einem flüchtlingsrelevanten Motiv
basiert. In den UNHCR-Richtlinien zur Feststellung des internationalen
Schutzbedarfs afghanischer Asylsuchender sei dementsprechend auch
festgehalten worden, dass für Männer im wehrpflichtigen Alter und für Kin-
der, die sich der Zwangsrekrutierung widersetzen würden, Bedarf an inter-
nationalem Flüchtlingsschutz aufgrund der ihnen zugeschriebenen politi-
schen Überzeugung oder aus anderen relevanten Gründen bestehen
könne. Der Beschwerdeführer habe sich der Aufforderung, sich der Rück-
eroberung seines Heimatdorfes anzuschliessen, widersetzt. Er werde des-
halb von seiner Dorfgemeinschaft als Verräter betrachtet und müsse mit
einer völkerrechtswidrigen Behandlung rechnen.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 12. September 2018 hielt das Bundesverwal-
tungsgericht fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfah-
rens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig wurde das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses verzichtet.
K.
In der Vernehmlassung vom 24. Oktober 2018 hielt das SEM an seinen
bisherigen Erwägungen fest und führte ergänzend aus, es könne offenge-
lassen werden, ob das Geschlecht, das Alter und der Wohnort ausreichen
würden, um eine bestimmte soziale Gruppe im Sinne des AsylG zu definie-
ren. Gemäss seinen eigenen Angaben sei der Beschwerdeführer nicht we-
gen seiner Zugehörigkeit zu dieser durch Geschlecht, Alter und Wohnort
definierten Gruppe von seiner Dorfgemeinschaft verfolgt worden, sondern
er erfülle lediglich zufällig die gewünschten Eigenschaften, die ihn zum
Kampf gegen die Taliban befähigen würden. Das Vorgehen der Dorfge-
meinschaft richte sich somit nicht gegen seine Eigenschaft als junger Mann
aus einem bestimmten Dorf, sondern sei lediglich die Konsequenz für seine
Weigerung, sich der Dorfarmee anzuschliessen. Vorliegend seien das Al-
ter, das Geschlecht und der Wohnort lediglich der Anknüpfungspunkt für
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eine drohende Zwangsrekrutierung und nicht die Motivation dafür gewe-
sen. Der geltend gemachten Verfolgung liege deshalb keine der in Art. 3
Abs. 1 AsylG erwähnten Eigenschaften zugrunde, weshalb das flüchtlings-
relevante Motiv fehle. Hierzu werde auf die Urteile des Bundesverwaltungs-
gerichts im Syrienkontext D-7294/2014 E. 7.3.3 (betreffend Rekrutierungen
durch die kurdische YPG im autonomen kurdischen Gebiet Syriens, An-
merkung des Gerichts) und E-1263/2015 E. 6.1.2 (betreffend Asylrelevanz
der Dienstverweigerung in Syrien, Anmerkung des Gerichts) verwiesen.
Das SEM habe seine Begründungspflicht nicht verletzt.
Der Beschwerdeführer habe weder in der BzP noch in der Anhörung gel-
tend gemacht, dass seine Haltung gegenüber der Dorfgemeinschaft als
politisch motiviert hätte angesehen werden können. Auf die konkrete
Frage, was wohl passiert wäre, wenn er sich weiterhin geweigert hätte, sich
am Kampf zu beteiligen, habe der Beschwerdeführer stets nur daran fest-
gehalten, dass er unter Zwang rekrutiert worden wäre (A14, S. 10). Ein
politisches Motiv für die Verfolgung sei deshalb nicht ersichtlich.
Der Beschwerdeführer habe vorgetragen, im Falle eines Verbleibs in der
Heimat wäre eine Zwangsrekrutierung unvermeidlich gewesen respektive
er hätte mit der Todesstrafe oder einer anderen völkerrechtlich verpönten
Strafe rechnen müssen. Es habe jedoch nicht unter dem Aspekt der Flücht-
lingseigenschaft geprüft werden müssen, mit welchen Konsequenzen der
Beschwerdeführer aufgrund seiner Weigerung, sich am Kampf der Dorfge-
meinschaft zu beteiligen, zu rechnen gehabt hätte. Die ihm drohende Ge-
fahr wäre erst im Hinblick auf die Prüfung der Zulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzuges relevant gewesen. Da die drei Bedingungen für den Weg-
weisungsvollzug alternativer Natur seien, habe vorliegend angesichts der
Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen der Unzumutbarkeit des Voll-
zugs auf die Erörterung der beiden anderen Voraussetzungen verzichtet
werden können.
L.
Mit Schreiben vom 13. November 2018 zeigte Frau Nora Maria Riss, RBS
H._, dem Gericht die Übernahme des Vertretungsmandats des Be-
schwerdeführers an.
M.
Mit Replikeingabe seiner Rechtsvertreterin vom 21. November 2018 liess
der Beschwerdeführer ergänzend ausführen, er habe in seiner Anhörung
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(Antwort 89) erklärt, dass er durch den Entscheid des Mullah und des Ge-
bietsoberhaupts gezwungen gewesen sei, am Krieg gegen die Taliban teil-
zunehmen. Er habe auch zu Protokoll gegeben, dass – im Fall einer Rück-
kehr in eine andere Provinz Afghanistans – die Leute ihn dort wieder finden
und zwingen würden, in den Krieg zu ziehen (Antwort 101). Im Weiteren
habe das SEM seine Minderjährigkeit in keiner Weise beachtet. Gemäss
den Prinzipien des UNHCR gelte eine Zwangsrekrutierung eines Minder-
jährigen als Grund für den Einschluss in die Flüchtlingseigenschaft, wie
dies im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-7538/2015 festgehalten
worden sei.
Es liege nicht am Beschwerdeführer, die konkreten Motive für die Verfol-
gung im genauen Wortlaut des Asylgesetzes wiederzugeben. Vielmehr
müsse die Vorinstanz abklären, aus welchem Grund jemand verfolgt
werde. Aus der Mitwirkungspflicht lasse sich – im Fall eines unbegleiteten
minderjährigen Asylsuchenden – nicht ableiten, dass die Asylsuchenden
das SEM auf die genauen Motive ihrer Verfolgung hinzuweisen hätten,
wenn die Verfolgung an sich glaubhaft gemacht sei. Vorliegend sei die Tat-
sache von Bedeutung, dass der Beschwerdeführer im Falle einer Weige-
rung als Minderjähriger zwangsrekrutiert worden wäre, was als eine völker-
rechtlich verpönte Handlung einzustufen sei. In einem solchen Fall sei be-
reits die Einberufung illegitim und daher flüchtlingsrechtlich relevant. Auch
wenn die Miliz, die den Beschwerdeführer habe rekrutieren wollen, nicht
mit dem IS zu vergleichen sei, werde die Weigerung, sich dieser Miliz an-
zuschliessen, als Verrat betrachtet. Der Sachverhalt sei daher vergleichbar
mit jenem im Entscheid E-6352/2015 E. 5.2.1. Auch diese Milizen würden
Personen, die sich ihnen nicht anschliessen, politische Motive unterstellen,
wozu auf die Guidelines des UNHCR zu Afghanistan (S. 52 ff.) verwiesen
werde. Die Zwangsrekrutierung von Minderjährigen, insbesondere durch
nicht-staatliche Akteure in einem Krieg, in welchem wiederholt und noto-
risch Kriegsverbrechen begangen würden, sei als flüchtlingsrelevant ein-
zustufen.
Im Weiteren wurde um die Beiordnung der mandatierten Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsbeiständin ersucht.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 28. November 2018 wurde das Gesuch um
amtliche Verbeiständung gutgeheissen und MLaw Nora Maria Riss, RBS
H._, als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.4 Der Beschwerdeführer war bei Einreichung seiner Beschwerde noch
minderjährig. Aufgrund der Akten ergeben sich keine Zweifel an seiner Ur-
teilsfähigkeit betreffend die Einreichung eines Asylgesuchs, das Vortragen
seiner Asylvorbringen und die Erhebung einer diesbezüglichen Be-
schwerde. Damit kann seine Prozessfähigkeit für das vorliegende Verfah-
ren bejaht werden (vgl. Entscheid D-5595/2014 vom 23. März 2015 E. 1.3).
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
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ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Glaubhaft gemacht
ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2). Unglaubhaft
sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig be-
gründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen
oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt
werden (Abs. 3).
Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit wird eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen die gesuchstellende Person sprechen, vor-
genommen. Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet
‒ im Gegensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und
lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen
der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die
Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit eines Verfol-
gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanti-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
dargelegten Vorkommnisse. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erleb-
nissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
4.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorbringen des im Zeitpunkt der Einreichung des Asyl-
gesuchs und der Durchführung der Befragungen minderjährigen Be-
schwerdeführers grundsätzlich glaubhaft ausgefallen sind.
Wie nachfolgend aufgezeigt wird, fallen die einzelnen Angaben in den zent-
ralen Punkten deckungsgleich aus und geben ein zusammenhängendes
Gesamtbild wieder. Der Beschwerdeführer hat seine Vorfluchtgründe de-
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tailliert und schlüssig geschildert. Sein Aussageverhalten ist altersentspre-
chend und seine Ausführungen hinterlassen einen lebensechten sowie
substantiierten Eindruck. Seine Angaben fielen widerspruchsfrei und im af-
ghanischen Länderkontext plausibel aus.
4.2 Vorweg ist nochmals zu betonen, dass der Beschwerdeführer im Zeit-
punkt der BzP im Februar 2018 (...). Zur Zeit seiner einlässlichen Anhörung
im April 2018 war er (...) 16-jährig.
4.2.1 Er trug bei der BzP einleitend vor, er habe nie eine Schule, sondern
nur den religiösen Unterricht besucht beziehungsweise habe aus dem Ko-
ran gelernt (A7, Ziff. 1.17.04 und 9.01). Er habe als Kind miterlebt, wie die
Taliban das ursprüngliche Heimatdorf seiner Familie in der Provinz Uruz-
gan angegriffen hätten und seine Familie in der Folge in die Provinz Ghazni
habe umziehen müssen. Ein Sohn seiner Tante sei bei diesen Kämpfen
ums Leben gekommen. Nachdem seine Familie eine gewisse Zeit lang in
C._ in der Provinz Ghazni gelebt habe und der Beschwerdeführer
etwa 13- oder 14-jährig gewesen sei, hätten die Dorfverantwortlichen («un-
sere Leute») entschieden, ins Herkunftsdorf B._ in der Provinz
Uruzgan zurückzukehren und dieses von der Herrschaft der Taliban zu be-
freien. Er sei im fraglichen Zeitpunkt noch sehr jung gewesen. Sein Vater
habe ihn nicht zur Teilnahme an diesen kriegerischen Auseinandersetzun-
gen mit den Taliban zwingen wollen, weshalb er ihm – dem Beschwerde-
führer – zur Flucht in den Iran und weiter nach Europa verholfen habe (vgl.
A7, Ziff. 7.01). Diese Angaben decken sich inhaltlich mit seinen Schilde-
rungen bei der einlässlichen Anhörung (vgl. A14, Antworten 15 ff. und 40
ff.).
4.2.2 Seine freien Schilderungen und Antworten auf konkrete Fragen sind
zwar nicht durchwegs mit Detailreichtum versehen, jedoch als Berichter-
stattung eines im jeweiligen Befragungszeitpunkt 16-Jährigen durchaus al-
tersentsprechend und als glaubhaft zu würdigen. So trug er vor, er habe
als etwa Siebenjähriger miterlebt, wie bei einem zweitägigen Kampf Men-
schen durch Raketenschüsse getötet und Häuser niedergebrannt seien;
die Taliban hätten «gesiegt» und hätten von der Dorfbevölkerung verlangt,
dass sie ihnen ihr Dorf überlasse. Es habe auch «Spione» der Taliban
gegeben, die «sogar das Leben ihrer eigenen Brüder verkaufen» würden
(A14, Antworten 43-51).
4.2.3 Der Beschwerdeführer war in der Lage, altersentsprechend Grössen-
angaben, Ortschaften und konkrete Begebenheiten zu Protokoll zu geben:
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Seite 14
Er habe bis zum 7. Lebensalter in B._ und danach bis zum 14. Le-
bensalter in C._ gelebt; es seien etwa 50 bis 70 Familien gewesen,
die aus B._ geflohen seien; in C._ hätten sie in einem Zelt
gelebt; die Familie habe dort sonst niemanden gekannt und keine Freunde
gehabt; er habe zu Beginn mit niemandem spielen können; nach einiger
Zeit habe er ein paar Jungen getroffen und habe mit diesen die Moschee
besucht, um Koranunterricht zu erhalten und um Teppiche zu knüpfen. Für
die Reise vom Iran in die Türkei habe sein Vater 1.8 Mio. Tuman und für
die Reise von der Türkei nach Griechenland 1'000 Dollar zahlen müssen
(A7, Ziff. 7.01, A14, Antworten 30, 52, 54, 57 und 95f.).
4.2.4 Auch seine Schilderungen zur Zwangsrekrutierung durch die Dorfbe-
wohner trug er grundsätzlich schlüssig und altersentsprechend vor: Als
sich seine Familie etwa zwei Jahre lang in C._ aufgehalten habe,
habe es «eine Art Sitzung» gegeben, an welcher die Anwesenden sich be-
raten hätten. Der Beschwerdeführer sei im Alter von zwölf Jahren bereits
grossgewachsen gewesen. Diese Leute hätten die Auffassung vertreten,
dass der Beschwerdeführer zu diesem Zeitpunkt «irgendetwas zum Krieg
beitragen» könne und entweder «aktiv an der Waffe am Krieg» teilnehmen
oder Bewachungsaufgaben verrichten könne. Der Mullah aus B._
namens «I._» oder «J._» und das Gebietsoberhaupt hätten
die Entscheidbefugnisse innegehabt. Seinem Vater sei nahegelegt wor-
den, seinen Sohn am Krieg teilnehmen zu lassen. Eines Abends sei sein
Vater nach Hause gekommen und habe seiner Ehefrau von den Beratun-
gen des Dorfrates berichtet. Manche Familien hätten ihre Söhne freiwillig
zur Verfügung gestellt; andere hätten ihre Söhne in den Iran geschickt, um
sie vor dem Krieg zu schützen. Der Druck auf seinen Vater müsse sehr
stark gewesen sein; die Dorfbewohner hätten den Vater dazu zwingen wol-
len, den Beschwerdeführer in den Krieg zu schicken (vgl. A14, Antworten
59, 61, 66, 67ff., 85 und 89).
4.2.5 Der Beschwerdeführer trug weiter vor, wenn er nicht aus Afghanistan
ausgereist wäre, wäre er «zu 100-Prozent in den Krieg geschickt» worden.
Seinem Vater sei mitgeteilt worden, der Beschwerdeführer wäre unter
Zwang zur Teilnahme an den Kämpfen gegen die Taliban rekrutiert worden
(vgl. A14, Antworten 85).
4.2.6 Diese Schilderungen sind insgesamt überzeugend ausgefallen und
mit Realkennzeichen versehen. Seine Erklärung, er sei aufgrund seines
grossgewachsenen Körperbaus bereits als 12- oder 13-jähriger für die
Kämpfe gegen die Taliban in Frage gekommen (vgl. A14, Antworten 72 ff.),
E-5072/2018
Seite 15
hinterlässt einen glaubhaften Eindruck und spricht ebenfalls dafür, dass
seine Ausführungen auf wirklichen Begebenheiten und tatsächlich Erleb-
tem beruhen.
4.3 Schliesslich lassen sich die Schilderungen des Beschwerdeführers
auch im afghanischen Länderkontext ohne Weiteres einordnen:
4.3.1 Es existieren diverse Berichte über Zwangsrekrutierungen durch lo-
kale Milizen. Das European Asylum Support Office (EASO) verweist in sei-
nem Bericht vom September 2016 wiederholt auf die Zwangsrekrutierung
von Personen für lokale Machthaber bzw. Milizen, welche auf der Seite der
Regierung gegen die Taliban kämpfen (EASO: Country of Origin Informa-
tion Report: Afghanistan – «Recruitment by armed groups», 19.09.2016,
https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/Afghanistan_recruit-
ment.pdf, abgerufen am 30.09.2020). In der öffentlich zugänglichen Notiz
des SEM über ein Referat von Thomas Ruttig von der Denkfabrik Afgha-
nistan Analysts Network (AAN) wird von diesem festgehalten, dass «auf
lokaler Basis häufig rekrutiert» werde; dies laufe über Familienoberhäupter
oder Ältere. Laut Ruttig könnten sich die Betroffenen diesem Druck nicht
entziehen. Zudem würden auch minderjährige Jungen rekrutiert, von de-
nen einige nicht zu Kampfeinsätzen eingesetzt würden, sondern kochen
und sich manchmal zu sexuellen Dienstleistungen zur Verfügung stellen
müssten. Nach Auffassung von Ruttig sei auch dieser Einsatz als Zwangs-
rekrutierung zu betrachten (vgl. SEM: «Notiz Afghanistan: Alltag in Kabul –
Referat von Thomas Ruttig [AAN]) am 12. April 2017» vom 20.06.2017,
https://www.sem.admin.ch/dam/data/sem/internationales/herkunftslaen-
der/asien-nahost/afg/AFG-alltagkabul-d.pdf, abgerufen am 30.09.2020).
4.3.2 Die vom Bundesverwaltungsgericht konsultierten Quellen verweisen
ferner auf die Präsenz von Anführern lokaler Milizen in den Hazara-Gebie-
ten, welche beschuldigt werden, Menschenrechtsverletzungen begangen
zu haben. Gemäss einem Bericht der Afghanistan Independent Human
Rights Commmission [AIHRC] aus dem Jahr 2012 sollen ehemalige Kom-
mandanten der Afghan Local Police Verbrechen begangen haben (vgl. Hu-
man Rights Watch [HRW]: «Today We Shall All Die: Afghanistan’s Strong-
men and the Legacy of Impunity»: 03.2015: https://www.hrw.org/sites/de-
fault/files/report_pdf/afghanistan0315_4up.pdf; AIHRC, “From Arbaki to
Local Police», 19.05.2012: https://www.aihrc.org.af/media/files/Re-
ports/Research/English/Report%20on%20Afghan%20Local%20Police%-
20(Final%20Draft% 2C%20English.pdf; Afghanistan Analysts Network:
“Security at the Fringes: the case of Shujai in Khas Uruzgan”, 15.04.2013,
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Seite 16
https://www.afghanistananalysts.org/en/reports/war-and-peace/security-
at-the-fringes-the-case-of-shujai-in-khas-uruzgan/; EASO: “1. Information
on the establishment of Jabha-ye Moqawamat [Resistance Front] armed
group: a. Structure b. Founder and year of creation c. Purpose d. Areas
where it operates e. Number of members f. Recruitment method g. Type of
operations h. Chain of command i. Whether the group takes part in conflicts
where civilians are present 2.Information on the treatment of the members
of the group by the government 3. Information on casualties of the group’s
members 4. Information on whether the group is targeted by other armed
groups [Q18-2019]”, 25.06.2019, https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/2012718/AFG_Q18.pdf; Reuters: “Afghan Shi'ite militia battles Taliban,
raising sectarian fears”, 03.11.2018, https://www.reuters.com/article/us-af-
ghanistan-security/afghan-shiite-militia-battles-taliban-raisingsectarian-
fears-idUSKCN1N80FC; alle abgerufen am 30.09.2020).
4.3.3 In den vom Gericht konsultierten Quellen finden sich zwar keine In-
formationen über weitere lokale Milizionäre in der Region um Ghazni und
Uruzgan. Aus der Abwesenheit von Informationen lässt sich jedoch nicht
darauf schliessen, dass keine weiteren Akteure aktiv gewesen sind. Die
New York Times (NYT) berichtete im Jahr 2010 über Zusammenstösse zwi-
schen Taliban und lokalen Milizen in Uruzgan. Dabei seien unter anderem
10 «village elders» getötet worden, die versucht hätten, eine traditionelle
lokale Miliz («arbiqui») aufzubauen. Ein im Bericht namentlich genannter
Sprecher der Taliban habe in den vergangenen zwei Jahren die Bevölke-
rung dazu aufgefordert, auf die Bildung von «arbiqui» zu verzichten. Die
NYT verwies in ihrem Bericht darauf, dass die Region abgeschieden sei
und sich Informationen nicht auf einfache Weise verifizieren liessen (vgl.
NYT: «Taliban Kill 9 Members of Minority in Ambush», 25.06.2010).
4.4 Nach dem Gesagten sind die Vorbringen des Beschwerdeführers zur
versuchten Zwangsrekrutierung seitens des Dorfrates, insbesondere des
Mullahs und Gebietsvorstehers, als glaubhaft einzuschätzen. Das Gericht
hat keine Veranlassung, an den Schilderungen des Beschwerdeführers zu
zweifeln. An dieser Stelle ist auch darauf hinzuweisen, dass das SEM sel-
ber an der Glaubhaftigkeit des diesbezüglichen Sachverhaltsvortrags des
Beschwerdeführers keine Zweifel angebracht, sondern dessen Asylrele-
vanz verneint hat.
E-5072/2018
Seite 17
Im Folgenden ist deshalb der Frage nachzugehen, ob die vom Beschwer-
deführer glaubhaft vorgetragene Drohung einer Zwangsrekrutierung sei-
tens lokaler Machthaber (Dorfrat respektive örtlicher Mullah und Gebiets-
oberhaupt) Asylrelevanz aufweist.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer hat im Rahmen seiner Befragungen nicht vor-
getragen, er habe vor der Ausreise bereits ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG erlebt. Vielmehr begründet er sein Asylgesuch damit, dass
ihm eine Zwangsrekrutierung für den Kampf gegen die Taliban konkret ge-
droht habe; dieser aktuell drohenden, bevorstehenden Zwangsrekrutierung
habe er sich nur durch seine Flucht aus Afghanistan entziehen können. Er
macht somit eine begründete Furcht vor zukünftigen Nachteilen im Zeit-
punkt der Ausreise geltend.
Die Vorinstanz verneint die Asylrelevanz der Vorbringen namentlich wegen
des Fehlens eines flüchtlingsrechtlichen Verfolgungsmotivs.
5.2 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten ernsthaften
Nachteile als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als
realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11
E. 5.1; 2010/57 E. 2.5; 2010/44 E. 3).
Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des
Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken. Es muss sich um Nachteile handeln, die sich
gezielt gegen den Betreffenden richten, und die bestehende oder drohende
Verfolgungssituation muss im Zeitpunkt der Ausreise aktuell sein.
Schliesslich müssen die (bestehenden oder drohenden) Nachteile auf ei-
ner flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmotivation beruhen (hierzu
vgl. nachfolgend E. 5.7).
5.3 Vorliegend machte der Beschwerdeführer zur Begründung seines Asyl-
gesuchs geltend, er habe sein Heimatland verlassen, weil er sich der Auf-
forderung seiner Dorfgemeinschaft, insbesondere seitens des Mullah und
E-5072/2018
Seite 18
des Gebietsoberhaupts, sich dem Kampf gegen die Taliban in B._
zur Verfügung zu stellen, entzogen habe. Alle Familien hätten ihre Söhne
im kampffähigen Alter zur Verfügung stellen müssen. Einige Familien seien
dieser Aufforderung gefolgt und hätten ihre Söhne in den Kampf gegen die
Taliban geschickt. Andere Familien hätten ihren Söhnen zur Flucht in den
Iran verholfen (vgl. A14, Antwort 59).
Soweit erkennbar, erfolgte die angedrohte Zwangsrekrutierung aufgrund
der Anknüpfungspunkte des Alters, des Geschlechts und der Zugehörigkeit
zur Dorfbevölkerung in B._. Den Angaben des Beschwerdeführers
zufolge wurden alle kampffähigen Burschen und jungen Männer in glei-
chem Masse von der Zwangsrekrutierung erfasst.
5.4 Wie nachfolgend erörtert wird, ist die bevorstehende Zwangsrekrutie-
rung eines Minderjährigen für einen Kampf- oder Kriegseinsatz, zu dem ihn
lokale Machthaber verpflichten wollen, als ernsthafter Nachteil – zumindest
im Sinne eines unerträglichen psychischen Drucks – anzuerkennen (vgl.
ausführlicher nachstehend E. 5.6). Der Beschwerdeführer hat auch glaub-
haft gemacht, dass er diesen Nachteil im Zeitpunkt der Ausreise für die
absehbare Zukunft aktuell und konkret begründet befürchten musste, und
dass die Aufforderung an ihn – beziehungsweise an seinen Vater, den
Sohn zu schicken – gezielt erfolgt ist.
5.5 Dass der Beschwerdeführer sich der Zwangsrekrutierung im Heimatort
oder anderswo in Afghanistan hätte entziehen können, kann nicht mit hin-
länglicher Sicherheit bejaht werden (vgl. namentlich oben die ländespezifi-
schen Einschätzungen in E. 4.3).
Namentlich kann nicht vom Bestehen einer innerstaatlichen Fluchtalterna-
tive in Afghanistan für den Beschwerdeführer ausgegangen werden. Ge-
mäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bedingt die An-
nahme einer innerstaatlichen Schutzalternative unter anderem, dass am
Zufluchtsort eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur besteht
und der Staat gewillt ist, der in einem anderen Landesteil von Verfolgung
betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Dieser muss es
zudem individuell zuzumuten sein, den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz
längerfristig in Anspruch nehmen zu können. Dabei sind die allgemeinen
Verhältnisse am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände der betroffe-
nen Person zu beachten und es ist unter Berücksichtigung des länderspe-
zifischen Kontextes im Rahmen einer individuellen Einzelfallprüfung zu be-
urteilen, ob ihr angesichts der sich konkret abzeichnenden Lebenssituation
E-5072/2018
Seite 19
am Zufluchtsort realistischerweise zugemutet werden kann, sich dort nie-
derzulassen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Für die Frage der
Zumutbarkeit kommt der Zumutbarkeitsbegriff gemäss Art. 83 AuG zur An-
wendung (vgl. BVGE 2011/51 E. 8).
Diese Voraussetzungen einer innerstaatlichen Fluchtalternative sind vor-
liegend nicht erfüllt, zumal der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ausreise
noch minderjährig war. Gemäss derzeitiger Rechtsprechung könnte einzig
eine innerstaatliche Fluchtalternative in den Städten Kabul, Herat oder Ma-
zar-i-Sharif in Frage kommen. Diese kommen alle als potenzielle Schutz-
alternativen nicht in Frage, da mangels persönlicher Bezugspunkte des Be-
schwerdeführers zu diesen Städten die von der Rechtsprechung verlang-
ten, besonders begünstigenden Umstände nicht gegeben sind (vgl. Urteile
des Bundesverwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4
zu Kabul, D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 E. 6.2.3.5 zu Mazar-i-Sharif,
und BVGE 2011/38 E. 4.3 zu Herat).
5.6 Bei der Zwangsrekrutierung, die dem Beschwerdeführer seinen glaub-
haften Darstellungen zufolge drohte, hätte es sich einerseits um eine Rek-
rutierung durch lokale, quasistaatliche respektive private Machthaber ge-
handelt. Andererseits war der Beschwerdeführer damals minderjährig.
Beide Aspekte führen dazu, dass die Zwangsrekrutierung ganz offensicht-
lich nicht als legitime (staatliche) Einberufung zu einer militärischen Dienst-
leistung gelten kann.
Zum einen ist in der schweizerischen Rechtspraxis anerkannt, dass militä-
rische Einberufungen durch quasi-staatliche Behörden illegitim sind (vgl.
EMARK 1996 Nr. 6 im Kontext des damaligen Krieges in Bosnien und Her-
zegowina).
Was zum andern die Zwangsrekrutierung von Minderjährigen betrifft, ist
diese im humanitären Völkerrecht grundsätzlich verboten. Die Rekrutie-
rung von Kindern unter 15 Jahren stellt ein Kriegsverbrechen dar und wird
im Rahmen des Universalitätsprinzips auch in der Schweiz strafrechtlich
verfolgt, selbst wenn die Tat im Ausland begangen wurde (vgl. Art. 2 Fakul-
tativprotokoll zur KRK; Art. 8 Abs. 2 Bst. b xxvi und Bst. e vii Römer Statut
des Internationalen Strafgerichtshofs vom 17. Juli 1998, SR 0.312.1; Art.
264f i.V.m. Art. 264m StGB). Die Schweiz hat auch die weitergehenden
Konventionen ratifiziert, welche jede Rekrutierung von Kindern unter 18
Jahren durch nichtstaatliche Gruppierungen verpönen und die Vertrags-
staaten verpflichten, alle Massnahmen zu ergreifen, um dieses Verbot
E-5072/2018
Seite 20
durchzusetzen (Fakultativprotokoll zur Kinderrechtskonvention, für die
Schweiz in Kraft seit 26. Juli 2002, sowie Konvention der ILO Nr. 182 über
die schlimmsten Formen der Kinderarbeit; für die Schweiz in Kraft seit
28. Juni 2001). Eine gegen den Willen eines minderjährigen Jugendlichen
erfolgte Einziehung ins Militär und seine Ausbildung zur Teilnahme an
Kampfhandlungen kann per se keine staatlich legitimierte Massnahme dar-
stellen (vgl. E-1144/2018 vom 29. Juni 2020 E. 7.3.1; E-2506/2017 vom 7.
Dezember 2018 E. 7.1; jeweils unter Hinweis auf CHRISTA LUTERBACHER,
Die flüchtlingsrechtliche Behandlung von Dienstverweigerung und Deser-
tion, 2004; S. 61 ff.).
Eine bevorstehende Zwangsrekrutierung eines Minderjährigen zur Teil-
nahme an Kampfhandlungen – zumal eine Zwangsrekrutierung durch lo-
kale, quasi-staatliche Machthaber oder private Milizenführer – muss als
nicht legitimer, ernsthafter und gezielter Nachteil gewertet werden, der
auch die erforderliche Intensität aufweist (vgl. E-1144/2018 vom 29. Juni
2020 E. 7.3.1).
5.7 In der Illegitimität der Einberufung zu militärischen Handlungen liegt
denn auch dogmatisch der zentrale Unterschied zu der vom SEM beigezo-
genen und zitierten Praxis (vgl. Vernehmlassung vom 24. Oktober 2018,
oben Bst. K); diese bezog sich nämlich vielmehr auf die (grundsätzlich)
legitime Einberufung von erwachsenen Dienstpflichtigen in den Militär-
dienst.
Wenn die Einberufung junger Männer in den Militärdienst an ihr dienst-
pflichtiges Alter, ihr Geschlecht und ihre Staatsangehörigkeit anknüpft, be-
ruht dies, wie das SEM diesbezüglich zutreffend festhält, nicht auf einem
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmotiv. Ausgangspunkt dieser
Überlegungen ist allerdings, dass es sich um eine legitime Einberufung zu
einer rechtsstaatlich legitimen staatsbürgerlichen Pflicht handelt, und die
Dienstverpflichtung daher auch keine Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen
Sinn darstellt (vgl. beispielsweise, im Kontext der Türkei, E-6209/2006 vom
29. Dezember 2009, E. 5.4.1 f.; E-2462/2007 vom 18. Februar 2010 E.
3.2.1 f.).
Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass eine illegitime Verpflichtung von
jungen Männern – oder gar Kindern – zu einem Dienst bei einer privaten
Miliz, welche an ähnliche Anknüpfungspunkte des Alters, Geschlechts und
der lokalen Herkunft anknüpft, ebenfalls keine Verfolgung darstelle, und
E-5072/2018
Seite 21
dass die entsprechenden Anknüpfungspunkte für die Zwangsrekrutierung
flüchtlingsrechtlich bedeutungslos seien.
Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils
m.w.H.). Die fünf in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten Verfolgungsmotive sind
gemäss gefestigter Praxis über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung
ihrer Begrifflichkeit hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen
äusserer oder innerer Merkmale, die untrennbar mit der Person oder Per-
sönlichkeit des Opfers verbunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht
(vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3).
Im Falle des Beschwerdeführers, dem die Zwangsrekrutierung aufgrund
seines Alters, seines Geschlechts und seines Wohnorts drohte, knüpfte die
drohende Verfolgung an solche nicht abänderbaren Merkmale an. Die Er-
wägungen des SEM in seiner Vernehmlassung – der Beschwerdeführer sei
nicht wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten, durch Geschlecht,
Alter und Wohnort definierten Gruppe im Visier für eine Zwangsrekrutie-
rung gestanden und verfolgt worden, sondern er habe lediglich zufällig die
gewünschten Eigenschaften erfüllt, die ihn zum Kampf gegen die Taliban
befähigt hätten – vermögen nicht zu überzeugen. Vielmehr gründet genau
darauf, dass jemand wegen unabänderlichen Eigenschaften in seiner Per-
son verfolgt wird, das Verfolgungsmotiv der Zugehörigkeit zu einer be-
stimmten sozialen Gruppe; die Ausführungen des Beschwerdeführers in
seiner Beschwerdeschrift (vgl. oben Bst. I), sind zutreffend.
6.
6.1 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer bei
seiner Ausreise aus Afghanistan die begründete Furcht haben musste, aus
einem asylrechtlich relevanten Motiv zu einem nicht legitimen Kampfein-
satz in einer quasistaatlichen oder privaten Miliz gezwungen zu werden;
ihm drohte ein gezielter ernsthafter Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG, dem
er sich in Afghanistan nirgends im Sinne einer Fluchtalternative hätte ent-
ziehen können.
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Seite 22
6.2 Auch im heutigen – für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft rele-
vanten – Zeitpunkt des Entscheids ist die begründete Furcht weiterhin an-
zuerkennen.
Zwar ist der Beschwerdeführer in der Zwischenzeit volljährig geworden;
der Aspekt der Illegitimität einer Rekrutierung von Kindersoldaten stellt sich
demnach heute nicht mehr in der geschilderten Weise. Weiterhin relevant
bleibt aber die Aussage, dass eine militärische Rekrutierung durch quasi-
staatliche Behörden nicht mit der legitimen Verpflichtung zur Leistung von
staatlichem Militärdienst gleichgesetzt werden kann (oben E. 5.6). Es kann
aufgrund der nach wie vor hochproblematischen Menschenrechtssituation
in Afghanistan auch nicht davon ausgegangen werden, die Verhältnisse
hätten sich in den letzten Jahren, seit der Ausreise des Beschwerdeführers
aus seinem Heimatland, in einer entscheidrelevanten Weise verbessert, so
dass die bei der Ausreise gegebene begründete Furcht in der Zwischenzeit
hätte wegfallen können.
Namentlich muss auch zum heutigen Zeitpunkt weiterhin davon ausgegan-
gen werden, dass für den Beschwerdeführer keine zumutbaren Zufluchts-
alternativen in Afghanistan zur Verfügung stünden.
Die in der Beschwerde dargelegten Befürchtungen, dass eine Weigerung,
sich am Kampf gegen die Taliban zu beteiligen, von den Dorf-Machthabern
als politisch motiviert betrachtet würde (vgl. Beschwerde S. 9 ff.), sind nach
Einschätzung des Gerichts nicht von der Hand zu weisen. Eine drohende
zukünftige Verfolgung des Beschwerdeführers – sei es weiterhin eine
Zwangsverpflichtung zum Kampfeinsatz, sei es eine Bestrafung wegen sei-
ner Weigerung – kann auch heute weiterhin nicht ausgeschlossen werden.
6.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Gründe für den
Ausschluss aus der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 1 Bst. F FK sind
nicht ersichtlich. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen und die Verfü-
gung der Vorinstanz ist aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, den Be-
schwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm – mangels Vorlie-
gens von Asylausschlussgründen (vgl. Art. 53 AsylG) – in der Schweiz Asyl
zu gewähren.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG
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Seite 23
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Parteientschädigung für
die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Eine
Entschädigung der als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzten Rechtsver-
treterin durch das Bundesverwaltungsgericht entfällt somit.
Die Rechtsvertreterin reichte keine Honorarnote zu den Akten. Praxisge-
mäss ist auf die Einholung einer solchen zu verzichten, nachdem sich der
entstandene Vertretungsaufwand aufgrund der Akten zuverlässig von Am-
tes wegen schätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE).
Unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 9-
13 VGKE) hat das SEM dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung
in der Höhe von insgesamt Fr. 800.- (inklusive Auslagen) zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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