Decision ID: 956f36ec-8d3c-42b5-b8cc-e7a61012f785
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde erstmals im April/Mai 2012 von ihrer Mutter bei der IV-Stelle des
Kantons St. Gallen für berufliche Eingliederungsmassnahmen angemeldet (IV-act. 1).
Diese gab an, dass die Versicherte von August 2011 bis April 2012 das 1. Lehrjahr bei
der Schreinerei B._ absolviert habe. Gemäss den Rückmeldungen des
Lehrlingschefs sei es der Versicherten nicht gelungen, sich auf die erwarteten
Leistungen in der Schule und im Betrieb einzulassen. Zudem habe die Versicherte teils
grosse Auffälligkeiten im Verhalten und im Umgang mit den anderen Mitarbeitern
gezeigt. Es sei der Versicherten schwergefallen, sich an die geltenden Regeln zu
halten. Auch getroffene Abmachungen seien nicht eingehalten worden. Die Versicherte
sei motiviert, eine Ausbildung zu machen.
A.b C._, Psychologin und Psychotherapeutin, Kinder- und Jugendpsychiatrische
Dienste (KJPD), gab gegenüber RAD-Arzt Dr. med. D._ am 21. Mai 2015 die
folgenden Diagnosen mit Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit an (IV-act. 11):
• Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
• reaktive Bindungsstörung im Kindesalter
• Entwicklung einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Psychologin erklärte, dass für eine erstmalige berufliche Ausbildung wahrscheinlich
ein geschützter Rahmen, unter Umständen ein betreutes Wohnen sowie stabile
Beziehungen und ein pädagogisch geschulter Ausbildner notwendig seien.
A.c Am 28. Februar 2013 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die
Mehrkosten der Vorbereitung der erstmaligen beruflichen Ausbildung zur
Hotellerieangestellten im E._ vom 11. Dezember 2012 bis 31. Juli 2013 übernehme
(IV-act. 42).
A.d Am 11. April 2013 fand ein Standortgespräch zwischen der Versicherten, der
Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle und einem Vertreter der Ausbildungsstätte
E._ statt, da die Versicherte schon längere Zeit nicht mehr im F._ anwesend
gewesen war und auf verschiedene Kontaktaufnahmen nicht reagiert hatte (IV-act. 54).
Der Vertreter der Ausbildungsstätte hielt im Protokoll fest, die Versicherte habe
bestätigt, dass sie im Sommer nicht mit der Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnen
möchte. Sie habe erklärt, dass sie nie im Hotelbereich habe arbeiten wollen. Sie habe
nur "Ja" gesagt, weil ihre Mutter dies von ihr verlangt habe. Der Vertreter der
Ausbildungsstätte notierte weiter, die Anwesenden hätten mit etwas Unverständnis
reagiert, da die Versicherte in den vergangenen Monaten gute Arbeit geleistet und sich
optimal auf einen Lehreinstieg vorbereitet habe. Es sei schwierig nachzuvollziehen, was
der Versicherten nicht gefallen haben solle. Die Versicherte habe angegeben, dass sie
eine kaufmännische Ausbildung absolvieren wolle. Die Beteiligten hätten vereinbart,
dass die Berufsvorbereitung per sofort, d.h. per 11. April 2013, abgebrochen werde.
A.e Die Eingliederungsverantwortliche notierte am 16. April 2013, dass die Versicherte
für das Nichterscheinen am Arbeitsplatz gesundheitliche Gründe (Grippe/angerissene
Bänder) angegeben habe (IV-act. 51). Gleichzeitig habe sie gesagt, dass sie keine
Motivation für den Hotellerieberuf habe. Zurzeit sei unklar, ob weitere berufliche
Massnahmen in Frage kämen.
A.f Am 7. Januar 2014 meldete sich die Versicherte bei der
Eingliederungsverantwortlichen und erklärte, nun auf dem schulischen Weg eine
kaufmännische Ausbildung (KV) absolvieren zu wollen (IV-act. 57). Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsverantwortliche teilte der Versicherten mit, dass dieser Ausbildungsweg
nicht unterstützt werde.
A.g RAD-Arzt Dr. D._ erklärte anlässlich eines Strategiegesprächs vom 27.
Dezember 2014 (richtig: 27. Januar 2014), dass die Ausbildungsfähigkeit aus
medizinischer Sicht gegeben wäre, wenn sich die Versicherte in psychiatrischer
Behandlung befände. Der Gesundheitszustand sei noch nicht stabil (IV-act. 60). Es sei
der Versicherten zumutbar, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben.
A.h Die Eingliederungsverantwortliche hielt in ihrem Schlussbericht vom 28. Januar
2014 fest (IV-act. 64), dass sie trotz der Einschätzung des RAD wegen der sehr früh
gezeigten massiven Verhaltensauffälligkeiten und wegen der fehlenden Veränderung im
Vorlehrjahr, während dem eine sehr enge therapeutische und pädagogische Begleitung
gewährleistet worden sei, von einer längerfristig fehlenden Ausbildungsfähigkeit
ausgehe. Welcher Anteil als gesundheitliche Einschränkung geltend gemacht werden
könne und inwieweit eine fehlende Motivation für das Scheitern verantwortlich sei, sei
unklar.
A.i Am 29. Januar 2014 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass die Mitteilung vom
28. Februar 2013 per 11. April 2013 aufgehoben werde, da die Versicherte die
Vorbereitung auf die erstmalige berufliche Ausbildung zur Hotellerieangestellten per 11.
April 2013 abgebrochen habe (IV-act. 67).
A.j Die Eingliederungsverantwortliche notierte im Schlussbericht der Berufsberatung
vom 30. Mai 2014 (IV-act. 71), dass die Versicherte eine Einladung zu einem
Assessmentgespräch am 2. Mai 2014 (IV-act. 69) kurz vor dem Termin abgesagt habe.
Sie habe erklärt, dass sie zu viele andere Dinge zu erledigen habe, weshalb eine
Ausbildung zurzeit kein Thema sei. Die Eingliederungsverantwortliche hielt fest, dass
der Fall abgeschlossen werde, da keine beruflichen Massnahmen hätten konkretisiert
werden können.
A.k Nach der Durchführung des Vorbescheidverfahrens (IV-act. 75) wies die IV-Stelle
das Gesuch um berufliche Massnahmen und Rentenleistungen mit Verfügung vom 17.
Juni 2014 ab (IV-act. 77).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
B.a Im Februar/März 2015 meldete sich die Versicherte erneut bei der IV-Stelle für
berufliche Eingliederungsmassnahmen an (IV-act. 78 f.). Sie gab an, dass sie aktuell
unentgeltlich zu 70 % in der Küche der G._ arbeite. Ein Sozialberater der Soziale
Dienste St. Gallen hatte in einem Begleitschreiben vom 25. Februar 2015 festgehalten
(IV-act. 79), dass sich die Versicherte seit November 2014 in einem
Beschäftigungsprogramm befinde. Die Lebenssituation der Versicherten habe sich
seither zunehmend stabilisiert. Sie sei sehr motiviert, eine Berufslehre anzutreten.
B.b Am 29. März 2015 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass ihr Berufsberatung
und Abklärung der beruflichen Eingliederungsmöglichkeiten durch die Berufsberatung
gewährt werde (IV-act. 86).
B.c Die zuständige IV-Sachbearbeiterin notierte im Strategie-Protokoll vom 17. Juni
2015 (IV-act. 90), dass die Versicherte im Anschluss an die abgebrochene Vorbereitung
auf die erstmalige berufliche Ausbildung zur Hotellerieangestellten eine zweijährige
Ausbildung auf EBA-Niveau hätte absolvieren können und deshalb per 1. August 2015
eingegliedert gewesen wäre. Da sie die Ausbildung abgebrochen habe, seien zwei Jahr
Verzögerung entstanden, weshalb die Versicherte ab dem 1. August 2017 Anspruch
auf den Höchstansatz des kleinen Taggeldes habe. Eine andere IV-Sachbearbeiterin
notierte am 28. April 2016 (IV-act. 96), dass aufgrund der anzurechnenden, selber zu
vertretenden zweijährigen Verzögerung in der erstmaligen beruflichen Ausbildung
aktuell ein Anspruch auf das kleine Taggeld (gemeint wohl: den niedrigeren Ansatz des
kleinen Taggeldes) bestehe; erst ab dem 1. August 2018 werde die Versicherte einen
Anspruch auf den Höchstansatz des kleinen Taggeldes haben. Eine weitere IV-
Sachbearbeiterin notierte am 29. April 2016 (IV-act. 96), dass die Versicherte im
Sommer 2013 mit einer Ausbildung hätte beginnen können. Da die erste Lehre, welche
gesundheitsbedingt abgebrochen worden sei, im Juli 2015 fertig gewesen wäre, hätte
die Versicherte ein Jahr lang einen "Höchsttaggeld-Anspruch" gehabt. Die Versicherte
sei damals nicht bereit gewesen mitzuwirken, weshalb ihr die Verzögerung angerechnet
werde. Bei einer dreijährigen Ausbildung bestehe daher erst für das letzte Jahr ein
Anspruch auf den Höchstansatz.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Am selben Tag (29. April 2016) teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die
Kosten für die berufliche Abklärung im H._ vom 2. Mai bis 15. Juli 2016 übernehme
(IV-act. 98). Mit Verfügung vom 5. Mai 2016 sprach die IV-Stelle der Versicherten für
die Gesamtdauer der IV-Massnahme (2. Mai bis 17. Juli 2016) ein Taggeld
(Grundentschädigung) von Fr. 40.70 pro Tag (10 % des Höchstbetrages des
versicherten Tagesverdienstes gemäss UVG von Fr. 407.--) zu (IV-act. 99).
B.e Med. pract. I._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, berichtete der
IV-Stelle am 8. Juli 2016 (IV-act. 107), dass er die Versicherte seit dem 29. Juni 2016
ambulant psychiatrisch behandle. Die Versicherte sei nicht damit einverstanden, dass
sie während des ersten Lehrjahres nur ein kleines Taggeld erhalte, denn sie habe das
Praktikum im Jahr 2013 aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen. Bis ca. Ende
2015 sei es ihr auch psychisch so schlecht gegangen, dass sie keine Ausbildung habe
absolvieren können. In einem Bericht vom 29. August 2016 (IV-act. 119) gab derselbe
Arzt als Diagnosen ein ADHS (F90.0), eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung
vom Borderline-Typus (F60.31), eine posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) und
eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert (F33.4), an. Er erklärte,
für ihn sei nicht nachvollziehbar, weshalb die IV-Stelle der Versicherten nur das kleine
Taggeld bezahlen wolle. Die Versicherte habe das Vorpraktikum als Hotelfachfrau im
Jahr 2013 aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen und anschliessend bis zur
erneuten Anmeldung bei der IV im Jahr 2015 aus gesundheitlichen Gründen nicht an
beruflichen Massnahmen teilnehmen können. Für ihn seien die anamnestischen
Angaben der Versicherten nachvollziehbar.
B.f Am 22. September 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die
Mehrkosten der erstmaligen beruflichen Ausbildung zur Kauffrau EFZ, Profil B im H._,
vom 1. August 2016 bis 31. Juli 2018 übernehme (IV-act. 121).
B.g Mit Verfügung vom 30. September 2016 sprach die IV-Stelle der Versicherten für
die Zeit vom 1. August 2016 bis 31. Dezember 2016 ein Taggeld von Fr. 40.70 pro Tag
zu (IV-act. 125). Auch hier hielt sie wieder fest, dass die Grundentschädigung des
kleinen Taggeldes 10 % des Höchstbetrages des versicherten Tagesverdienstes von
Fr. 407.-- entspreche.
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.a Gegen die Verfügung vom 30. September 2016 erhob die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) am 17. Oktober 2016 Beschwerde (act. G 1). Sie beantragte
sinngemäss die Aufhebung der Verfügung und die Zusprache eines grossen
Taggeldes. Zur Begründung machte sie geltend, dass sie die praktische Ausbildung als
Hotelfachfrau aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen habe. Sie sei lange Zeit
nicht arbeitsfähig gewesen, weshalb der Abbruch nicht selbstverschuldet gewesen sei.
Der Beschwerde lag der Bericht von med. pract. I._ vom 29. August 2016 bei (act. G
1.1).
C.b Auf eine interne Anfrage des Rechtsdienstes der IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) antwortete RAD-Arzt Dr. D._ am 5. Dezember 2016 (IV-act.
138), dass sich die Ausbildungsfähigkeit nicht nur nach medizinischen Massstäben
bemesse. Vielmehr müsse eine versicherte Person objektiv und subjektiv in der Lage
sein, berufsbildende Massnahmen zu bestehen. Neue objektivierbare medizinische
Befunde oder Funktionseinschränkungen habe med. pract. I._ nicht mitgeteilt. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht bestehe deshalb kein Grund, von der bisherigen
Beurteilung abzuweichen.
C.c Die Beschwerdegegnerin beantragte am 20. Januar 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie aus, dass die Beschwerdeführerin
die im Jahr 2013 zugesprochene erstmalige Ausbildung nicht wegen Invalidität
abgebrochen habe. Damals hätten keine Arbeitsunfähigkeitszeugnisse vorgelegen. Die
Gespräche vom 11. und 24. April 2014 hätten gezeigt, dass die Beschwerdeführerin die
Ausbildung aufgrund fehlender Motivation abgebrochen habe. Die Beschwerdeführerin
stehe erst seit dem 29. Juni 2016 bei med. pract. I._ in Behandlung. Med. pract. I._
habe sich bei seinen Ausführungen auf die subjektiven Angaben der
Beschwerdeführerin gestützt. Die damaligen Abklärungen der Beschwerdegegnerin
hätten ein anderes Bild ergeben. Da der Abbruch der erstmaligen beruflichen
Ausbildung nicht wegen Invalidität erfolgt sei, sei zu Recht keine Erhöhung des
Taggeldes auf 30 % des während der abgebrochenen Ausbildung zuletzt erzielten
Monatseinkommens vorgenommen worden.
C.d Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 7 f.).

Erwägungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.
Gemäss Art. 42 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) haben die Parteien eines
Sozialversicherungsverfahrens Anspruch auf rechtliches Gehör. Sie müssen nicht
angehört werden vor Verfügungen, die durch Einsprache anfechtbar sind. Verfügungen
der IV-Stellen unterliegen nicht dem Einspracheverfahren, sondern sind direkt vor dem
Versicherungsgericht anfechtbar (Art. 69 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG, SR 831.20] i.V.m. Art. 52 ATSG). Die Parteien müssen
daher vor Verfügungserlass angehört zu werden. Gemäss Art. 57a Abs. 1 IVG teilt die
IV-Stelle der versicherten Person den vorgesehenen Endentscheid über ein
Leistungsbegehren oder den Entzug oder die Herabsetzung einer bisher gewährten
Leistung mittels Vorbescheid mit. Die Vorbescheidspflicht gilt also ausnahmslos. Der
Verordnungsgeber hat sie ungeachtet dessen in Art. 73bis Abs. 1 der Verordnung über
die Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) auf die Fragen, die in den Aufgabenbereich
der IV-Stellen (Art. 57 Abs. 1 lit. c-f IVG) fallen, beschränkt. In diesen Aufgabenbereich
fallen weder die betragsmässige Festsetzung der Invalidenrenten noch die Festlegung
von Taggeldern; diese Aufgaben übernehmen die Ausgleichskassen. Das
Bundesgericht hat Art. 73bis Abs. 1 IVV trotzdem für gesetzmässig erklärt (BGE 134 V
97 E. 2). Daraus kann aber nicht abgeleitet werden, dass es in diesen Bereichen
überhaupt keinen Anspruch auf rechtliches Gehör gäbe. Vielmehr ist das rechtliche
Gehör auch dann zu gewähren, wenn kein Vorbescheidverfahren durchgeführt werden
muss (BGE 134 V 97 E. 2.8.2; siehe auch Entscheid des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 17. September 2014, IV 2013/271 E. 1.1 f.). Die angefochtene
Taggeldverfügung datiert vom 30. September 2016. Bereits am 8. August 2016 hat der
behandelnde Psychiater med. pract. I._ der Beschwerdegegnerin mitgeteilt, die
Beschwerdeführerin sei nicht damit einverstanden, dass die Beschwerdegegnerin ihr
im ersten Lehrjahr nur ein kleines Taggeld bezahlen möchte (IV-act. 107-2). Das
bedeutet, dass die Beschwerdeführerin vor dem Erlass der Taggeldverfügung über die
Höhe des Taggeldes informiert gewesen sein muss. Sie hat also die Möglichkeit
gehabt, sich zum beabsichtigten Taggeldentscheid zu äussern. Die
Beschwerdegegnerin hat den Anspruch auf rechtliches Gehör der Beschwerdeführerin
also gewahrt.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Gemäss Art. 22 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG,
SR 831.20) haben Versicherte während der Durchführung von
Eingliederungsmassnahmen nach Art. 8 Abs. 3 IVG Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie
an wenigstens drei aufeinander folgenden Tagen wegen der Massnahmen verhindert
sind, einer Arbeit nachzugehen, oder in ihrer gewohnten Tätigkeit zu mindestens 50 %
arbeitsunfähig sind. Versicherte in der erstmaligen beruflichen Ausbildung und
Versicherte, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben und noch nicht
erwerbstätig gewesen sind, haben Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie ihre
Erwerbsfähigkeit ganz oder teilweise einbüssen (Art. 22 Abs. 1bis IVG).
2.2 Das Taggeld besteht aus einer Grundentschädigung, auf die alle Versicherten
Anspruch haben, und aus einem Kindergeld für Versicherte mit Kindern (Art. 22 Abs. 2
IVG). Die Grundentschädigung beträgt 80 % des letzten ohne gesundheitliche
Einschränkung erzielten Erwerbseinkommens, jedoch nicht mehr als 80 % des
Höchstbetrages des Taggeldes nach Art. 24 Abs. 1 IVG (Art. 23 Abs. 1 IVG; sog.
grosses Taggeld, siehe z.B. Urteil des Bundesgerichts vom 7. Juni 2013,
8C_530/2012). Für Versicherte, die das 20. Altersjahr vollendet haben und ohne
Invalidität nach abgeschlossener Ausbildung eine Erwerbstätigkeit aufgenommen
hätten, beträgt die Grundentschädigung 30 % des Höchstbetrages des Taggeldes
nach Art. 24 Abs. 1 IVG (Art. 23 Abs. 2 IVG; sog. höherer Ansatz des kleinen Taggeldes;
dieser Höchstbetrag macht gemäss Art. 22 Abs. 1 UVV seit 1. Januar 2016 pro Tag Fr.
407.-- aus; 30 % somit Fr. 122.10). Für Versicherte in der erstmaligen beruflichen
Ausbildung und für Versicherte, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben und
noch nicht erwerbstätig gewesen sind, beträgt die Grundentschädigung gemäss Art. 23
Abs. 2bis Satz 1 IVG höchstens 30 % des Höchstbetrages des Taggeldes nach Art. 24
Abs. 1 IVG (sog. niedrigerer Ansatz des kleinen Taggeldes). Der Bundesrat setzt die
Höhe der Grundentschädigung fest (Art. 23 Abs. 2bis Satz 2 IVG). In Art. 22 Abs. 1 der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV, SR. 831.201) ist festgelegt, dass das
Taggeld von Versicherten in der erstmaligen beruflichen Ausbildung 10 % des
Höchstbetrages des Taggeldes nach Art. 24 Abs. 1 IVG entspricht (d.h. Fr. 40.70).
Nach Art. 22 Abs. 2 IVV erhöht sich das Taggeld bei Versicherten, die wegen ihrer
Invalidität eine erstmalige berufliche Ausbildung abbrechen und eine neue beginnen
mussten, gegebenenfalls auf einen Dreissigstel des während der abgebrochenen
Ausbildung zuletzt erzielten Monatseinkommens. Vorbehalten bleibt Art. 6 Abs. 2 IVV:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Musste eine erstmalige berufliche Ausbildung wegen Invalidität abgebrochen werden,
so ist eine neue berufliche Ausbildung der Umschulung gleichgestellt, wenn das
während der Ausbildung zuletzt erzielte Erwerbseinkommen höher war als das Taggeld
nach Art. 23 Abs. 2 IVG.
3.
Im Hinblick auf den Taggeldanspruch ist also von Bedeutung, ob die zugesprochene
Ausbildung als erstmalige berufliche Ausbildung oder als Umschulung zu qualifizieren
ist. Unbestritten und durch die Akten belegt ist, dass die Beschwerdeführerin die im
August 2011 begonnene Schreinerlehre während des 1. Lehrjahres aus
gesundheitlichen Gründen abgebrochen hat (IV-act. 1-4). Eine neue berufliche
Ausbildung wäre gemäss Art. 6 Abs. 2 IVV dann einer Umschulung gleichgestellt, wenn
das während der abgebrochenen Ausbildung zuletzt erzielte Erwerbseinkommen höher
gewesen wäre als das Taggeld nach Art. 23 Abs. 2 IVG. Der Lohn im 1. Lehrjahr als
Schreinerin müsste also Fr. 122.10 pro Tag (30 % des Höchstbetrages des
versicherten Tagesverdienstes gemäss UVG) überstiegen haben. Aus den Akten geht
nicht hervor, wie hoch der damalige Lehrlingslohn der Beschwerdeführerin gewesen
ist. Im Jahr 2016 hat der Verband Schweizerischer Schreinermeister und
Möbelfabrikanten des Kantons St. Gallen (VSSM) im 1. Lehrjahr einen Monatslohn von
Fr. 560.-- empfohlen (siehe www.schreinerzeitung.ch/de/artikel/ hoehere-loehne-fuer-
schreinerlernende-efz, besucht am 23. Januar 2018; die aktuellen Lohnempfehlungen
des VSSM sind abrufbar unter: www.vssm.ch/sites/default/files/vssm/BB/docs/EFZ/
VSSM_Merkblatt_Lohnempfehlungen_Lehrlingsloehne_2017.pdf, besucht am 26.
Januar 2018); der Lehrlingslohn der Beschwerdeführerin im Jahr 2011/2012 ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit noch tiefer gewesen. Ein Monatslohn von Fr. 560.--
entspricht einem Tageslohn von Fr. 18.70. Der von der Beschwerdeführerin während
des 1. Lehrjahres zur Schreinerin erzielte Lohn hat also die Grenze von Art. 6 Abs. 2 IVV
(Fr. 122.10 pro Tag) nicht erreicht. Die Beschwerdegegnerin hat die im August 2016
begonnene Ausbildung zur Kauffrau EFZ somit richtigerweise als erstmalige berufliche
Ausbildung qualifiziert. Der Beschwerdeführerin steht daher lediglich ein kleines
Taggeld zu.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Zu prüfen bleibt, ob die Beschwerdeführerin für den Zeitraum 1. August bis 31.
Dezember 2016 Anspruch auf den niedrigeren oder auf den höheren Ansatz des
kleinen Taggeldes hat. Hierfür ist entscheidend, wann die Beschwerdeführerin das 20.
Altersjahr vollendet und wann sie ihre berufliche Ausbildung abgeschlossen hätte,
wenn sie gesundheitlich nicht beeinträchtigt gewesen wäre (vgl. Rz 3103 des
Kreisschreibens über die Taggelder der Invalidenversicherung, KSTI; vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 26. September 2014, IV 2013/251
E. 2.1).
4.2 Die 19_ geborene Beschwerdeführerin ist im Zeitpunkt des Beginns der
Ausbildung zur Kauffrau im August 2016 fast _-jährig gewesen. Die Schreinerlehre
hatte sie am 1. August 2011 begonnen und hätte sie bei einem ordnungsgemässen
Verlauf am 31. Juli 2015 abgeschlossen (IV-act. 9). Die Beschwerdeführerin hätte also
ohne Gesundheitsschaden im August 2016 über eine abgeschlossene
Berufsausbildung verfügt und wäre einer Erwerbstätigkeit nachgegangen. Demnach
sollte eigentlich Art. 23 Abs. 2 IVG zur Anwendung kommen, d.h. die
Grundentschädigung sollte 30 % des Höchstbetrages des Taggeldes gemäss Art. 24
Abs. 1 IVG ausmachen, also Fr. 122.10. Nun hat die Beschwerdegegnerin aber gestützt
auf Art. 22 Abs. 1 IVV nur eine Grundentschädigung von 10 % des Höchstbetrages des
Taggeldes nach Art. 24 Abs. 1 IVG zugesprochen, nämlich Fr. 40.70. Sie hat dieses
Vorgehen damit begründet, dass die Beschwerdeführerin, hätte sie die am 11.
Dezember 2012 begonnene Vorbereitung der erstmaligen beruflichen Ausbildung zur
Hotellerieangestellten am 11. April 2013 nicht selbstverschuldet abgebrochen, im
Anschluss (d.h. im August 2013) eine Ausbildung zur Hotellerieangestellten/EBA (zwei
Jahre) hätte absolvieren können und somit per 1. August 2015 eingegliedert gewesen
wäre (IV-act. 139). Während der Ausbildung zur Hotellerieangestellten (August 2013 bis
Juli 2015) hätte die Beschwerdeführerin lediglich Anspruch auf den niedrigeren Ansatz
des kleinen Taggeldes gehabt, da sie damals weder das 20. Altersjahr vollendet hatte
noch ohne Invalidität über eine abgeschlossene Ausbildung verfügt hätte, denn sie
hätte die Schreinerlehre erst Ende Juli 2015 abgeschlossen. Während die
Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin also für die zweijährige erstmalige
berufliche Ausbildung zur Hotellerieangestellten lediglich den niedrigeren Ansatz des
kleinen Taggeldes hätte bezahlen müssen, hätte die Beschwerdeführerin nun aufgrund
der zeitlichen Verzögerung gemäss Art. 23 Abs. 2 IVG für die ganze Dauer der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausbildung zur Kauffrau Anspruch auf den höheren Ansatz des kleinen Taggeldes. Die
Verzögerung sei der Beschwerdeführerin anzurechnen, weil der Abbruch des
Vorbereitungsjahres nicht aus gesundheitlichen Gründen erfolgt sei. Die
Beschwerdeführerin habe daher während der ersten zwei Jahre der Ausbildung zur
Kauffrau lediglich Anspruch auf dasjenige Taggeld, welches sie während der
Ausbildung zur Hotellerieangestellten erhalten hätte, d.h. auf den niedrigeren Ansatz
des kleinen Taggeldes. Die Beschwerdegegnerin ist also davon ausgegangen, dass die
Beschwerdeführerin ihre Schadenminderungspflicht verletzt habe, indem sie die
Ausbildung (bzw. das Vorbereitungsjahr) zur Hotellerieangestellten aus
invaliditätsfremden Gründen abgebrochen habe. Diese Verletzung der
Schadenminderungspflicht rechtfertige es, der Beschwerdeführerin während der ersten
zwei Jahre der Ausbildung (d.h. so lange, wie die Ausbildung zur Hotellerieangestellten
gedauert hätte) nur jenes Taggeld zu bezahlen, das sie während der Ausbildung zur
Hotellerieangestellten erhalten hätte. Eine Gesetzesbestimmung, die explizit eine
Pflicht, so bald als möglich eine erstmalige berufliche Ausbildung zu absolvieren,
vorsehen und die Missachtung dieser Pflicht mit der Anwendung von Art. 22 Abs. 1 IVV
(statt Art. 23 Abs. 1 IVG) sanktionieren würde, existiert nicht. Damit stellt sich die Frage,
ob es zur allgemeinen Schadenminderungspflicht der Beschwerdeführerin gehört hat,
die Ausbildung zur Hotellerieangestellten von August 2013 bis Juli 2015 und somit die
erstmalige berufliche Ausbildung vor der Vollendung des 20. Altersjahres und vor dem
Zeitpunkt, in dem sie ohne Invalidität ihre Ausbildung zur Schreinerin abgeschlossen
hätte, zu absolvieren, um so die Ausrichtung des höheren Ansatzes des kleinen
Taggeldes gemäss Art. 23 Abs. 2 IVG zu vermeiden. Diese Frage ist zu verneinen, denn
selbst wenn es eine derartige Ausprägung der sozialversicherungsrechtlichen
Schadenminderungspflicht gäbe, würde diese voraussetzen, dass die
Beschwerdeführerin bei pflichtgemässer Sorgfalt um die Folgen einer Verzögerung der
erstmaligen beruflichen Ausbildung auf den Taggeldanspruch hätte wissen müssen.
Das ist angesichts der Komplexität der Bestimmungen zur Koordination zwischen dem
Taggeldanspruch gemäss Art. 23 Abs. 2 IVG und demjenigen gemäss Art. 22 Abs. 1
IVV offensichtlich nicht der Fall gewesen. In diesem Zusammenhang darf nicht mit der
Fiktion der allgemeinen Gesetzeskenntnis operiert werden, denn diese hat nicht den
Zweck, Grundlage einer Schadenminderungspflicht zu bilden. Nichts lässt darauf
schliessen, dass die Beschwerdeführerin gewusst hat oder hätte wissen müssen, dass
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich der Taggeldanspruch für die Dauer einer erstmaligen beruflichen Ausbildung
erhöht, sobald sie das 20. Altersjahr vollendet hat und ohne Invalidität die
abgebrochene Ausbildung zur Schreinerin abgeschlossen hätte. Die
Beschwerdeführerin hat also um die Folgen der Verzögerung der erstmaligen
beruflichen Ausbildung auf den Taggeldanspruch weder gewusst noch wissen müssen.
Dies schliesst es aus, die Beschwerdeführerin zu sanktionieren, d.h. sie bezüglich des
Taggeldes so zu stellen, wie wenn sie die erstmalige berufliche Ausbildung im August
2013 begonnen hätte (vgl. hierzu Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen vom 15. September 2014, IV 2013/302 E. 2.1). Damit kann offen bleiben, ob die
Beschwerdeführerin das Vorbereitungsjahr, wie sie geltend gemacht hat, aus
gesundheitlichen Gründen abgebrochen hat und ob sie ab dem Abbruch des
Vorbereitungsjahres im April 2013 bis zum Ende des Jahres 2015 aus gesundheitlichen
Gründen nicht ausbildungsfähig gewesen ist. Diese Fragen könnten im Übrigen im
vorliegenden Verfahren gar nicht geklärt werden, da dem Gericht zum
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin zwischen April 2013 und Ende 2015
keine Berichte der behandelnden Ärzte vorliegen. Zusammenfassend ist festzuhalten,
dass sich die angefochtene Verfügung insofern als rechtswidrig erweist, als die
Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin für den Zeitraum 1. August 2016 bis 31.
Dezember 2016 bloss den niedrigeren Ansatz des kleinen Taggeldes zugesprochen
hat. Die Beschwerdeführerin hat ab dem 1. August 2016 einen Anspruch auf den
höheren Ansatz des kleinen Taggeldes gehabt.
4.3 Demnach ist die Verfügung vom 30. September 2016 aufzuheben und der
Beschwerdeführerin ist gestützt auf Art. 23 Abs. 2 IVG für die Zeit vom 1. August 2016
bis 31. Dezember 2016 ein Taggeld von Fr. 122.10 pro Tag zuzusprechen.
5.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist der Beschwerdeführerin
zurückzuerstatten.