Decision ID: f8719706-cd39-415e-a92a-3063d52e5895
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit 5. November 1991. Am
Donnerstag, 12. September 2013 um 20.45 Uhr, beabsichtigte sie, in A mit dem
Personenwagen Peugeot 407 mit dem Kontrollschild SG 000'000 rückwärts zur
Liegenschaft B zu fahren. Sie geriet dabei mit der linken Fahrzeugseite auf die Wiese,
worauf das Fahrzeug immer weiter von der Strasse abkam. Da sie die Kontrolle über
das Fahrzeug verlor, sprang sie – nachdem sie die Handbremse voll angezogen hatte –
aus dem Wagen. In der Folge rutschte das führerlose Auto mit laufendem Motor auf
dem abfallenden Wiesenstück über einen Abhang 84 Meter hinunter, überquerte
anschliessend die C-Strasse, rutschte weitere 25 Meter auf Wiesland, querte eine
Quartierstrasse und kam nach weiteren 52 Metern auf der D-Strasse zum Stillstand. X
blieb beim Unfall unverletzt, das Auto hingegen erlitt Totalschaden.
B.- Am 26. September 2013 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt ein
Administrativverfahren gegen X und gewährte ihr das rechtliche Gehör. Es entzog ihr in
der Folge mit Verfügung vom 23. Oktober 2013 den Führerausweis wegen
mittelschwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer
eines Monats.
C.- Mit Eingabe vom 31. Oktober 2013 erhob X Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem sinngemässen Antrag, von einem
Führerausweisentzug abzusehen. Die Vorinstanz verzichtete am 27. November 2013
auf eine Vernehmlassung.
Mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes Altstätten vom 7. November 2013 – welcher
im Rekursverfahren beigezogen wurde – wurde X im Zusammenhang mit dem Ereignis
vom 12. September 2013 wegen der Verletzung von Verkehrsregeln (unvorsichtiges
Rückwärtsfahren) zu einer Busse von Fr. 300.– verurteilt. Der Strafbefehl erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
Auf die Ausführungen der Rekurrentin zur Begründung ihres Antrags wird, soweit

erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 31. Oktober 2013 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Die Vorinstanz stützte die angefochtene Verfügung auf Art. 31 Abs. 1 des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG). Nach dieser Bestimmung
muss der Führer das Fahrzeug ständig so beherrschen, dass er seinen
Vorsichtspflichten nachkommen kann. Sie stufte die Verkehrsregelverletzung als
mittelschwere Widerhandlung ein und entzog der Rekurrentin den Führerausweis
gestützt auf Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG für einen Monat.
a) Die Rekurrentin bestreitet nicht, am Donnerstag, 12. September 2013 um 20.45 Uhr,
in A zufolge unvorsichtigen Rückwärtsfahrens einen Selbstunfall verursacht zu haben.
Im Strafverfahren wurde sie wegen Verletzung von Art. 31 Abs. 1 SVG (unvorsichtiges
Rückwärtsfahren) schuldig gesprochen und zu einer Busse von Fr. 300.– verurteilt
(act. 11). Der Strafentscheid wurde nicht angefochten. Bei der Befragung durch die
Polizei sagte sie aus, da es geregnet habe, habe sie mit dem Auto rückwärts ans Haus
fahren wollen, obwohl sie dies bei Dunkelheit und Nässe normalerweise nicht mache.
Sie denke, dass sie von Anfang an falsch und zu weit der Wiese entlang gefahren sei.
Sie habe bemerkt, wie die linke Fahrzeugseite über die Strasse gekommen und auf der
Wiese gewesen sei, und versucht, das Auto wieder auf die Strasse zu bekommen.
Dabei habe sie gemerkt, wie die Räder durchdrehen. Dann sei alles ganz schnell
gegangen und sie sei aus dem Auto gesprungen. Das Auto sei einfach weiter gefahren
und sie habe beobachtet, wie es den Abhang hinunter gerollt sei. Sie habe die Polizei
nicht verständigen können, weil das Natel im Auto gewesen sei (act. 9/9 ff.).
b) Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03) ausgeschlossen ist, der
Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
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und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche Gefahr für
die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die Widerhandlung
schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung liegt vor, wenn
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorgerufen oder in Kauf genommen wird (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Von einer
mittelschweren Widerhandlung ist immer dann auszugehen, wenn nicht alle
privilegierenden Elemente einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer schweren
Widerhandlung erfüllt sind (vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4487).
aa) Auf einen Führerausweisentzug kann nur verzichtet werden – und stattdessen eine
Verwarnung ausgesprochen – werden, wenn weder eine mittelschwere, noch eine
schwere, sondern eine leichte Widerhandlung im Sinn von Art. 16a Abs. 1 SVG vorliegt
und dem fehlbaren Lenker in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis nicht
entzogen und keine andere Administrativmassnahme verfügt worden war (vgl. Art. 16a
Abs. 3 SVG). Eine leichte Widerhandlung setzt voraus, dass die vom Lenker durch die
Verkehrsregelverletzung bewirkte Gefahr für die Sicherheit anderer gering und das
Verschulden leicht ist. Beide Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein (BGE 135
II 138 E. 2.2.3). Demgegenüber ist eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer bei
einer konkreten oder auch erhöhten abstrakten Gefährdung zu bejahen. Ob solche
Gefährdungen vorliegen, hängt von den jeweiligen Verhältnissen des Einzelfalls ab (vgl.
BGE 131 IV 133 E. 3.2 mit Hinweisen; Urteile des Bundesgerichts 1C_156/2010 vom
26. Juli 2010 E. 4 und 1C_83/2010 vom 12. Juli 2010 E. 4).
bb) Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird dabei zwischen der einfachen und der erhöhten
abstrakten Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen
nach sich (Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann
auszugehen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten
betroffen werden können. Führte dieses hingegen zu einer Verletzung eines Rechtsguts
oder einer konkreten bzw. einer erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen
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Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181 Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Diese
zeichnet sich gegenüber der einfachen abstrakten Gefahr dadurch aus, dass die
Handlungsweise des Täters typischerweise besonders geeignet ist, Verletzungen der
geschützten Rechtsgüter herbeizuführen bzw. dass diese Art von Handlungen
erfahrungsgemäss besonders oft zu solchen Verletzungen führt (M.A. Niggli/G. Fiolka,
Ordnungswidrigkeit, einfache und grobe Verkehrsregelverletzung – Strafrechtliche
Grenzziehungen und deren Problematik, in: Strassenverkehrsrechtstagung 2012, Bern
2012, S. 112). Nach der Rechtsprechung ist eine konkrete Gefährdung gegeben, wenn
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge die Wahrscheinlichkeit oder nahe Möglichkeit
der Verletzung des geschützten Rechtsgutes besteht. Eine konkrete Gefährdung
besteht demnach, wenn ein Tatbestand darauf abstellt, dass ein bestimmtes Rechtsgut
bzw. ein bestimmtes Angriffsobjekt durch die Handlung des Täters gefährdet worden
ist. Der wesentliche Unterschied zwischen konkreter und abstrakter Gefährdung
besteht darin, dass die konkrete Gefährdung vom Nachweis eines tatsächlich
gefährdeten Rechtsgutsträgers abhängt (Niggli/Fiolka, a.a.O., S. 112, 113).
cc) Das Auto der Rekurrentin rutschte aufgrund eines Fahrfehlers beim
Rückwärtsfahren führerlos über eine Wiese hinunter und überquerte dann die C-
Strasse, eine Kantonsstrasse 2. Klasse. Danach überquerte das Fahrzeug eine
Gemeindestrasse 2. Klasse und blieb schliesslich auf der D-Strasse – ebenfalls eine
Gemeindestrasse 2. Klasse – stehen. Ob ein Verhalten gefährlich war, beurteilt sich
nicht danach, ob ein Rechtsgut tatsächlich verletzt wurde. Denn es ist nicht
ausgeschlossen, dass ein Verhalten extrem gefährlich ist und trotzdem zu keiner
Rechtsgutverletzung führt. Das führerlose Fahrzeug der Rekurrentin überquerte
insgesamt drei Strassen, wobei es sich bei ersterer um eine Hauptstrasse handelt.
Hätte sich zu diesem Zeitpunkt ein anderes Fahrzeug genähert, wäre eine Kollision
nicht auszuschliessen gewesen. Auch bei den Quartierstrassen wäre es durchaus
möglich gewesen, dass sich Personen darauf aufhalten. Schliesslich befanden sich,
kurz bevor das Auto der Rekurrentin ins Rutschen geriet, ihre zwei Kinder im
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Fahrzeuginnern. Dass sich unter diesen Umständen kein Unfall mit Personenschaden
ereignete, ist glücklichen Umständen zu verdanken.
c) Ist die von der Rekurrentin verursachte Gefahr nicht mehr als gering einzustufen,
kann nicht mehr von einer leichten Widerhandlung im Sinn von Art. 16a Abs. 1 lit. a
SVG ausgegangen werden, da diese eine geringe Gefahr und ein leichtes Verschulden
kumulativ voraussetzt. Der Grad des Verschuldens kann unter diesen Umständen offen
bleiben.
3.- Folglich ist die Vorinstanz zu Recht von einer mittelschweren Widerhandlung
gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG ausgegangen. Zu prüfen bleibt die Entzugsdauer. Die
Vorinstanz entzog den Führerausweis für einen Monat. Für eine mittelschwere
Widerhandlung handelt es sich dabei um die Mindestentzugsdauer (Art. 16b Abs. 2
lit. a SVG), die auch bei einem ungetrübten automobilistischen Leumund nicht
unterschritten werden darf (Art. 16 Abs. 3 SVG). Im Weiteren sieht das Gesetz nicht vor,
dass anstelle eines Führerausweisentzugs "ein zusätzlicher Betrag" bezahlt werden
kann. Die Massnahmearten sind im Gesetz abschliessend erwähnt. Folglich ist der
einmonatige Führerausweisentzug zu bestätigen.
4.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der Rekurrentin
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'000.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist zu verrechnen und der Rekurrentin im Restbetrag
von Fr. 200.– zurückzuerstatten.