Decision ID: 0be95f9a-86f8-4d8f-9506-e52ec327a1aa
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X.Y. ist Eigentümer des Grundstücks Nr. 0000 an der A.-strasse 02 in St.
Margrethen. Das leicht trapezförmige Grundstück mit einer Fläche von 284
Quadratmetern liegt in der Wohn- und Gewerbezone WG3 und gehört zum Freiraum
eines kommunal geschützten Ortsbildes. Entlang der südlichen Grenze des
Grundstücks verläuft die A.-strasse. Der nordöstliche Bereich war mit einer Scheune
mit steilem, in west-östlicher Richtung verlaufendem Satteldach und westlich
angebautem Schopf mit flachem Pultdach überbaut. Deren nordöstliche Ecke war mit
einem Gebäude auf dem nördlich angrenzenden Grundstück Nr. 0003 verbunden. Vom
Wohnhaus Vers.-Nr. 004 auf dem östlich gelegenen Grundstück Nr. 0001 war sie
lediglich durch einen schmalen Durchgang getrennt. Im Vergleich mit diesem
Wohnhaus war die Scheune gegenüber der A.-strasse deutlich zurückversetzt. Ihr First
lag unterhalb jenes des Wohnhauses (act. 13/12, Fotodossier zur Vorgeschichte).
B./ Am 3. August 2009 bewilligte der Gemeinderat St. Margrethen als Ersatz für die
Scheune samt Schopf den Bau eines mit gleichen Fluchten an das Gebäude Vers.-Nr.
004 angebauten Wohnhauses mit Erdgeschoss, zwei Vollgeschossen und
ausgebautem Dachgeschoss. Nach den damals genehmigten Plänen führt der bis zum
Gebäudezentrum verlaufende Ostfirst den westlichen Arm des Kreuzgiebels des
Gebäudes Vers.-Nr. 004 weiter. Der Hauptfirst verläuft in nord-südlicher Richtung und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
damit quer zum First der früheren Scheune. Der Westfirst, welcher den Balkon des
zweiten Obergeschosses überdacht, ist wesentlich tiefer gesetzt.
Am 15. Dezember 2010 reichte X.Y. geänderte Pläne ein, die unter anderem einen
Kreuzfirst - das heisst die Anhebung des Westfirstes auf die Höhe des Ostfirstes - und
die Nutzung des neu mit einem Balkon versehenen Dachgeschosses als Atelier
vorsahen. Die kantonale Denkmalpflege vertrat am 7. Januar 2011 die Auffassung, das
geschützte Ortsbild verlange, dass der westliche Quer- mindestens 40 Zentimeter unter
dem Hauptfirst liege und bedeutend kleiner als dieser sei. X.Y. reichte am 16. März
2011 den Vorgaben der Denkmalpflege entsprechende Baupläne ein. Der Gemeinderat
bewilligte am 16. Mai 2011 das geänderte Projekt.
C./ Am 7. Juni 2012 reichte X.Y. erneut geänderte Pläne ein. Der vorgesehene
Kreuzgiebel, der wiederum mit einer Anhebung des Westfirstes auf die Höhe des
Haupt- und des Ostfirstes verbunden war, wurde am 25. Juni 2012 nicht bewilligt. Am
28. August 2012 legte X.Y. neue Pläne vor, nach denen das Wohnhaus nach wie vor
einen Kreuzgiebel aufweist, der zudem 22 Zentimeter über jenem des Nachbarhauses
liegt. Am 17. September 2012 lehnte die Gemeinde St. Margrethen die
Projektänderung ab und ordnete den Rückbau des Daches auf die Firsthöhe des
Nachbarhauses an. Dazu, dass der westliche Giebel gegenüber dem Hauptfirst nicht
abgesenkt ist, äussert sich die Verfügung nicht.
Gegen die Verfügung vom 17. September 2012 erhob X.Y. beim Baudepartement am 6.
Oktober 2012 Rekurs. Der Gemeinderat St. Margrethen wies am 19. November 2012
darauf hin, die Mehrhöhe betrage tatsächlich 36 Zentimeter, und beantragte die
Abweisung des Rekurses. Die kantonale Denkmalpflege teilte am 7. Dezember 2012
mit, sie hätte einem Projekt mit dieser Überhöhe nicht zugestimmt. Der Konsens habe
darin bestanden, die Ersatzbaute mit einem Kreuzfirst an das bestehende Wohnhaus
Vers.-Nr. 004 anzubinden. Die Einhaltung der Höhe des Dachfirstes sei ein zentrales
Anliegen der Ortsbildpflege. Obwohl das Baudepartement nach einem am 10. Januar
2013 durchgeführten Augenschein die Mehrhöhe als bewilligungsfähig erachtete, hielt
der Gemeinderat St. Margrethen an seiner Verfügung fest. Das Baudepartement hiess
den Rekurs am 8. April 2013 gut, hob den Beschluss des Gemeinderats St. Margrethen
vom 17. September 2012 auf und wies die Angelegenheit zur Erteilung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Baubewilligung an den Gemeinderat zurück. Die in den Erwägungen auf 3'500 Franken
festgesetzten amtlichen Kosten wurden nicht erhoben und die Gemeinde St.
Margrethen verpflichtet, X.Y. mit 1'872 Franken zuzüglich Mehrwertsteuer
ausseramtlich zu entschädigen.
D./ Die politische Gemeinde St. Margrethen (nachfolgend Beschwerdeführerin) erhob
gegen den Rekursentscheid des Baudepartements (nachfolgend Vorinstanz) vom 8.
April 2013 mit Eingabe vom 23. April 2013 und Ergänzung vom 23. Mai 2013
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Rechtsbegehren, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und der Beschluss
vom 17. September 2013 (richtig 2012) zu bestätigen. Die Vorinstanz beantragte mit
Vernehmlassung vom 5. Juni 2013, die Beschwerde sei abzuweisen. X.Y. (nachfolgend
Beschwerdegegner) beantragte mit Vernehmlassung vom 20. Juni 2013 die
kostenpflichtige Abweisung der Beschwerde.
Das Gesuch des Beschwerdegegners, es sei der Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zu entziehen und es sei ihm im Sinn einer vorsorglichen Massnahme zu
erlauben, das Projekt zu realisieren, wies der Präsident des Verwaltungsgerichts am 10.
Juni 2013 ab. Die amtlichen Kosten der Verfügung von 500 Franken wurden dem
Beschwerdegegner auferlegt. Ausseramtliche Kosten wurden nicht entschädigt.
Das Verwaltungsgericht führte am 19. November 2013 in der Beschwerdesache einen
Augenschein durch. Daran nahmen, neben dem Beschwerdeführer, seiner Ehefrau und
seinem Rechtsvertreter, für die Beschwerdeführerin A.T., Gemeindepräsident, O.L.,
Gemeinderat und Mitglied der Baukommission, und D.G., Leiter der Bauverwaltung,
sowie für die Vorinstanz B.W., Mitarbeiterin Rechtsdienst, und F.M., Leiter
Denkmalpflege, teil. Auf die schriftlichen und mündlichen Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie auf das Ergebnis des
Augenscheins wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Sachentscheid zuständig (Art. 59bis Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die örtliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Baupolizei und damit die Erteilung von Baubewilligungen fallen in die Zuständigkeit der
politischen Gemeinde (vgl. Art. 2 Abs. 1 und Art. 87 des Gesetzes über die
Raumplanung und das öffentliche Baurecht [Baugesetz; sGS 731.1, abgekürzt BauG]).
Die Beschwerdeführerin, die auch Adressatin des angefochtenen Entscheides ist, ist
deshalb zur Erhebung des Rechtsmittels befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs.
2 VRP). Die Eingabe vom 23. April 2013 wurde rechtzeitig eingereicht und erfüllt
zusammen mit der Ergänzung vom 23. Mai 2013 in formeller und inhaltlicher Hinsicht
die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Der Beschwerdegegner hat am 28. August 2012 neue Pläne eingereicht, nach denen
der Kreuzfirst den First des östlich angebauten Gebäudes Vers.-Nr. 004 um 22
Zentimeter übersteigt (act. 13/7-2). Die Beschwerdeführerin lehnte diese
Projektänderung am 17. September 2012 ab. Der Beschwerdeführer erhob gegen
diesen Entscheid Rekurs bei der Vorinstanz. Im Lauf des Rekursverfahrens zeigte die
teilweise Realisation des Bauvorhabens, dass der First jenen des angebauten
Gebäudes tatsächlich um zwei Steinreihen, das heisst 36 Zentimeter übersteigen wird
(act. 13/7-4). Dafür hat der Beschwerdegegner bei der Beschwerdeführerin kein
Änderungsgesuch eingereicht. Da sich anlässlich des Augenscheins ergab, dass die
Errichtung eines Kreuzgiebels – anstelle eines gegenüber dem Hauptfirst abgesenkten
Westfirstes – nicht mehr umstritten ist, ist Streitgegenstand – unabhängig vom
Ausmass der Überschreitung – einzig die Verpflichtung des Beschwerdegegners, den
Dachfirst bei unveränderter Dachneigung auf die Höhe des Firstes des Nachbarhauses
zurückzubauen. Angesichts des tatsächlichen Baufortschritts ist die Vorinstanz zu
Recht davon ausgegangen, die Baute sei mangels Bewilligung in formeller Hinsicht
baurechtswidrig. Sie hat deshalb geprüft, ob der Höhenunterschied von 36 Zentimetern
gegenüber dem tiefer gelegenen First des angebauten Nachbargebäudes auch in
materieller Hinsicht baurechtswidrig ist.
3. Kann für die formell rechtswidrige Baute eine ordentliche Baubewilligung gemäss
Art. 87 Abs. 1 BauG erteilt werden, ist sie materiell nicht rechtswidrig. Die
Verfahrensbeteiligten sind sich einig, dass die tatsächliche Firsthöhe die in der Wohn-
und Gewerbezone WG3 geltenden Regelbauvorschriften, nach denen eine Firsthöhe
von 14 Metern zulässig ist (vgl. Art. 27 in Verbindung mit Art. 17 des Baureglements der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
politischen Gemeinde St. Margrethen vom 21. September 1999), einhält. Umstritten ist,
ob die Baute, die auf einem Grundstück steht, welches zum Freiraum eines kommunal
geschützten Ortsbildes gehört (vgl. www.geoportal.ch, Darstellung kommunale
Schutzverordnung, zuletzt aufgesucht am 19. November 2013), den gestalterischen
Anforderungen genügt.
3.1. Bundesrecht und kantonales Recht schreiben gleichermassen vor, dass unter
anderem bedeutende Ortsbilder zu erhalten sind (vgl. Art. 17 Ingress und lit. c des
Bundesgesetzes über die Raumplanung [Raumplanungsgesetz; SR 700, abgekürzt
RPG] und Art. 98 Abs. 1 Ingress und lit. c BauG). Die Beschwerdeführerin hat gestützt
auf ihre Zuständigkeit gemäss Art. 101 in Verbindung mit Art. 99 Abs. 3 BauG die
künstlerisch oder geschichtlich wertvollen Ortsbilder festgelegt (vgl. dazu B. Heer, St.
Gallisches Bau- und Planungsrecht, Bern 2003, S. 62). Gemäss Art. 23 Abs. 2 ihrer
Schutzverordnung haben sich in diesen Gebieten Neu- und Umbauten bezüglich
Massstäblichkeit der Baumassen, der Fassadengestaltung und der Materialwahl der
besonderen Baustruktur anzupassen und sich derart in das Ortsbild einzufügen, dass
eine befriedigende Gesamtwirkung erzielt wird. Anstelle bestehender Bauten zu
errichtende Ersatzbauten haben sich im Wesentlichen dem bisherigen Bestand
anzupassen, soweit der Schutz des Ortsbildes nichts anderes erfordert. Art. 24 der
Schutzverordnung regelt die Freiräume innerhalb der geschützten Ortsbilder. Danach
sind bestehende, ein Ortsbild oder einzelne Kulturobjekte prägende Freiräume,
Vorgärten und Bäume nach Möglichkeit zu erhalten; von besonderer Bedeutung sind
die im Plan bezeichneten Freiräume. Nach Art. 25 der Schutzverordnung sind Bauten
und Anlagen in der Umgebung von Schutzobjekten so zu gestalten, dass deren
künstlerischer oder geschichtlicher Wert nicht erheblich beeinträchtigt wird.
Die Frage, ob ein Bauvorhaben den Anforderungen der Schutzverordnung genügt und
eine befriedigende Gesamtwirkung erzielt wird, ist im Einzelfall anhand der konkreten
Verhältnisse zu prüfen. Den kommunalen Behörden steht bei der Anwendung dieser
Ästhetikvorschrift ein besonderer Ermessensspielraum zu, der im Rechtsmittelverfahren
zu beachten ist. Ist der Einordnungsentscheid einer kommunalen Behörde
nachvollziehbar, beruht er mithin auf einer vertretbaren Würdigung der massgebenden
Sachumstände, so haben die Rechtsmittelinstanzen diesen zu respektieren und dürfen
das Ermessen der kommunalen Behörde nicht durch ihr eigenes ersetzen (vgl.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beispielsweise BGer 1C_434/2012 vom 28. März 2013 E. 3.3, 1C_39/2012 vom 2. Mai
2012 E. 2.3.2).
3.2. Zwischen den Verfahrensbeteiligten ist umstritten, ob der Ortsbildschutz verlangt,
dass das auf dem Grundstück Nr. 0000 an Stelle einer Scheune errichtete Wohnhaus -
wie in sämtlichen Plänen bis im August 2012 vorgesehen - die Firsthöhe des
angebauten bestehenden Gebäudes zu übernehmen hat.
3.2.1. Die Beschwerdeführerin macht geltend, die gleiche Firsthöhe sei hinsichtlich der
ohnehin nicht voll überzeugenden Einfügung in das geschützte Ortsbild zentraler
Bestandteil der Baubewilligung gewesen. Eine Firstüberhöhe von 36 Zentimetern sei
deshalb nicht geringfügig und missachte das mit der Bauverwaltung und der
kantonalen Denkmalpflege nach intensiver Beratung gemeinsam erarbeitete Projekt in
schwerwiegender Weise. Der Beschwerdegegner bezwecke einzig, die
wohnhygienische Raumhöhe von 2,30 Metern auch im Dachstock sicherzustellen. Die
kantonale Denkmalpflege hätte einer Überschreitung der Firsthöhe um 36 Zentimetern
nicht zugestimmt, da sie sich nicht befriedigend ins bestehende Ortsbild einfüge (vgl.
act. 13/12).
Die Vorinstanz führt aus, obwohl die Regelbauweise dies ohne Weiteres zulassen
würde, habe der Beschwerdegegner auf Drängen der Beschwerdeführerin auf ein
zusätzliches Geschoss verzichtet. Die nachträglich realisierte Firstmehrhöhe sei mit den
Interessen des Ortsbildschutzes vereinbar.
Der Beschwerdegegner führt aus, die Bebauungssituation im Umfeld der Neubaute sei
äusserst heterogen und ein Nachteil weder für die Standortgemeinde noch für das
Quartier erkennbar. Die Beschwerdeführerin lege nicht dar, inwiefern die Mehrhöhe den
Ortsbildschutz tangiere. Ein Rückbau rette das Ortsbild nicht. Die heimische Baukultur
könne auch mit der beanstandeten Baute geschützt werden.
3.2.2. Das Ortsbild ist die Erscheinungsform einer Gruppe von Bauten und Anlagen. Es
handelt sich dabei um Baugruppen, deren Einzelbauten sich einerseits zu einem Bild
augenfälliger Geschlossenheit vereinen und anderseits in die Umgebung einordnen. Zu
unterscheiden ist zwischen dem inneren Ortsbild, z.B. Gassen- und Platzbild, und dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
äusseren Ortsbild, z.B. Lage und Stellung in der Landschaft. Der Ortsbildschutz geht
über den Schutz allfälliger, das Ortsbild prägender Einzelobjekte hinaus und soll das
Gesamtbild einer Baugruppe wahren (vgl. VerwGE B 2011/206 vom 23. August 2012 E.
5.1 mit Hinweisen). Die Anwendung einer positiven Ästhetikklausel darf nicht dazu
führen, dass generell – etwa für die ganze Dorfkernzone - die Zonenordnung ausser
Kraft gesetzt wird. Hat der Gesetzgeber beispielsweise eine bestimmte Geschosszahl
zugelassen, geht es nicht an, generell nur ein Geschoss weniger zu bewilligen mit der
Begründung, nur dadurch würde eine gute Gesamtwirkung erreicht (vgl. BGer
1C_434/2012 vom 28. März 2013 E. 3.3 mit Hinweisen).
Der historische und künstlerische Wert des von der Beschwerdeführerin grossflächig
geschützten Ortsbildes besteht entlang der A.-strasse in der Verdichtung von
Wohnbauten und Höfen (vgl. www.georportal.ch und Inventarblatt Einzelelement E
1.0.6, veröffentlicht auf www.sg.ch unter Kultur, Denkmalpflege, Ortsbilder/ISOS, ISOS
und Ortsplanung, Inventarblätter der schützenswerten Ortsbilder, Liste der
schützenswerten Ortsbilder von kommunaler Bedeutung, zuletzt aufgesucht am 19
November 2013). Das Einzelelement ist Teil des als bäuerlicher Ortskern geschützten
alten Unterdorfs an A.- und U.-strasse (18./19. Jahrhundert) mit der reformierten Kirche
(vgl. Inventarblatt Gebiet G 1, a.a.O.). Der abwechslungsreiche ländliche Gassenraum
mit Wiesen, Nuss- und Obstbäumen wird hie und da durch Neubauten unterbrochen,
welche in das lockere und für jeden Eingriff ausserordentlich empfindliche Gefüge von
Bauten, Gärten mit alten Mäuerchen und Hägen hineinwirken. Trotzdem scheint die
bäuerlich-ländliche Ganzheit mit ihren grossen Freiräumen noch nicht unter extremem
Baudruck zu leiden. Zwischen den Hauptbauten stehen immer wieder kleine, ältere
Wohn- und Nebenbauten. Im Bereich des Grundstücks Nr. 0000, das heisst im
östlichen, kompakteren Abschnitt ist die Bebauung etwas jünger. Sie stammt
vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert (vgl. Inventarblatt S. 6, a.a.O.). Die Ausführungen
der Beschwerdeführerin zum Bauermittlungsgesuch aus dem Jahre 2006 und den dazu
erstellten Bildern (act. 13/12, Fotodossier zur Vorgeschichte) bestätigen, dass der
Ortsbildschutz im Umfeld des Grundstücks Nr. 0000 in erster Linie den Charakter des
Strassenzuges zum Gegenstand hat. Der Augenschein hat zudem deutlich gemacht,
dass der bäuerlich-ländliche Charakter des Baugefüges im Umfeld des Grundstücks
Nr. 0000 insbesondere in der Kombination von als Hauptbauten in Erscheinung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
tretenden Wohngebäuden und hinsichtlich Grösse und – teilweise - Baumaterialien
untergeordnet wirkenden Ökonomie- und Nebengebäuden zum Ausdruck kommt.
3.2.3. Das Grundstück Nr. 0000 war bisher mit einer Scheune samt westlich an der
Stirnfassade angebautem Schopf überbaut. Das relativ steile und tief
hinuntergezogene, grossflächige Satteldach fiel gegen die A.-strasse hin ab. Der
eingeschossige über die ganze Stirnseite reichende Schopf war mit einem relativ
flachen Pultdach versehen. Das Gebäude war im Vergleich mit dem in sehr geringem
Abstand östlich stehenden Wohnhaus deutlich zurückversetzt, so dass gegen die
Strasse hin ein Vorplatz entstand, wie er regelmässig zu einem landwirtschaftlichen
Betriebszentrum gehört. Der First lag unterhalb jenes des Wohnhauses (act. 13/12,
Fotodossier zur Vorgeschichte).
Die Überbauung mit dem von der Beschwerdeführerin rechtskräftig bewilligten
Wohnhaus mit einem Garagenanbau gegen Westen weicht von der früheren
Überbauung des Grundstücks erheblich ab. Die Gebäudegrundfläche wird dergestalt
gegen die A.-strasse hin verschoben, dass die Fassade des Neubaus die Flucht des
bestehenden Wohnhauses übernimmt und lediglich der Garagenanbau leicht
zurückversetzt ist. Damit wird der Vorplatz deutlich kleiner und verliert seinen früheren
Charakter als Freiraum weitgehend. Der geringfügige Abstand zum östlich gelegenen
Gebäude entfällt gänzlich. Gegen die A.-strasse hin erscheint nicht wie bisher eine
einstöckige traufständige Ökonomiebaute mit tief heruntergezogenem, steilem und
flächigem Dach, sondern die Fassade eines nahe an die Strasse gebauten
giebelständigen Wohngebäudes mit drei Vollgeschossen und einem Dachgeschoss.
Die Beschwerdeführerin hat damit eine in wesentlichen Gesichtspunkten –
Nutzungsart, Lage und Ausrichtung auf dem Grundstück, Dimension, Dachneigung -
nicht an den bisherigen Bestand angepasste Ersatzbaute im Sinn von Art. 23 Abs. 2
Satz 2 der Schutzverordnung bewilligt. Auch den im Plan zur Schutzverordnung
bezeichneten Freiraum (vgl. www.geoportal.ch) hat sie nur teilweise durchgesetzt,
indem sie für das bestehende Wohnhaus Vers.-Nr. 004 und das neue Gebäude eine
gemeinsame Flucht akzeptierte. Das neu bewilligte Wohnhaus ist deshalb als Neubaute
im Sinn von Art. 23 Abs. 2 Satz 1 der Schutzverordnung zu behandeln. Als solche hat
sie sich bezüglich Massstäblichkeit der Baumassen, der Fassadengestaltung und der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Materialwahl der besonderen Baustruktur anzupassen und sich derart in das Ortsbild
einzufügen, dass eine befriedigende Gesamtwirkung erzielt wird.
3.2.3. Zu klären bleibt die Bedeutung der Firsthöhe im Zusammenhang mit dem Schutz
des Ortsbildes. Dabei ist zu unterscheiden zwischen dem Blick aus der Entfernung auf
die Siedlungsstruktur und die Dachlandschaft einerseits ("Vogelperspektive"; vgl. dazu
nachfolgend E. 3.2.3.1) und dem Blick aus der Sicht des Fussgängers
("Froschperspektive", vgl. dazu nachfolgend E. 3.2.3.2).
3.2.3.1. Die Vorinstanz hat im angefochtenen Entscheid in tatsächlicher Hinsicht
festgestellt, dass mehrere Gebäude im Schutzgebiet über eine ehemalige Scheune
verfügen, deren Firste meist tiefer als die Hauptfirste der Wohnhäuser lägen. Andere
einzeln zusammengebaute Häuser verfügten dagegen über eine einheitliche Firsthöhe.
Die Dachlandschaft im Ortsbildschutzgebiet sei durch unterschiedliche Dachformen
sowie uneinheitliche Dachfirstausrichtungen und Dachneigungen geprägt. Auch das
Strassenbild zeige sich uneinheitlich und werde insbesondere nicht durch gleich
ausgerichtete Dachfirste geprägt (angefochtener Entscheid E. 4.2.8). Die
Beschwerdeführerin wendet sich nicht gegen diese tatsächlichen Feststellungen.
In Würdigung dieser tatsächlichen Feststellungen ist davon auszugehen, dass die
Wirkung der Dachlandschaft aus der Entfernung betrachtet jedenfalls im Bereich des
Grundstücks Nr. 0000 für den Schutz des Ortsbildes von untergeordneter Bedeutung
ist, umso mehr als entlang der A.-strasse gemäss dem Ortsbildinventar die Verdichtung
von Wohngebäuden und Höfen geschützt werden soll (vgl. oben E. 3.2.2.). Dies wird
sowohl durch die Fotografien, welche anlässlich des vorinstanzlichen Augenscheins
aufgenommen wurden, als auch durch die Wahrnehmungen anlässlich des
gerichtlichen Augenscheins bestätigt. Die Beschwerdeführerin macht weder geltend
noch belegt sie, dass aus der Distanz die gewachsene heterogene Dachlandschaft
durch markante Einzelobjekte oder einen besonderen Rhythmus geprägt wäre, welcher
durch den Höhenunterschied gegenüber dem First des angebauten Nachbarhauses
gestört werden könnte. Der Neubau nimmt die Hauptrichtung des Dachfirstes – in
west-östlicher Richtung – des bestehenden östlich angebauten Gebäudes auf. Mit dem
Kreuzfirst wird auch die Form des Daches übernommen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2.3.2. Der Augenschein hat – wovon die Verfahrensbeteiligten übereinstimmend
ausgehen - bestätigt, dass die in Ost-West-Richtung verlaufenden Firste der
aneinander gebauten Wohnhäuser und damit der zurzeit bestehende
Höhenunterschied aus der Sicht des Fussgängers im Umfeld der beiden Gebäude nur
sehr beschränkt, konkret einzig von einem kurzen Abschnitt der F.-strasse aus,
wahrgenommen werden können. Allein deshalb kann allerdings die Gesamtwirkung
noch nicht als befriedigend bezeichnet werden.
Die Firsthöhe wirkt sich auf die Höhe der Fassade aus und beeinflusst damit indirekt
die Wirkung der Neubaute im Zusammenspiel mit dem bereits bestehenden Wohnhaus
und dem baulichen Gefüge in seiner Umgebung. Die im Vergleich mit dem
bestehenden Wohnhaus und den weiteren nördlich an die A.-strasse angrenzenden
Gebäuden geringe Dachneigung von nur dreissig Grad führt zu einer flächigeren und
damit dominanten Wirkung der Fassade. Diese Wirkung verstärkt sich mit der Höhe
des Gebäudes. Sie fällt sowohl von der beim bestehenden Wohnhaus eine leichte
Krümmung aufweisenden A.-strasse beim Blick in westlicher Richtung (vgl. act. 13/23,
Fotodokumentation zum vorinstanzlichen Augenschein, Seite 2, Bild unten links) als
auch aus der Sicht von der F.-strasse her auf (vgl. act. 13/23, Seite 1, Bild oben links).
Sie führt dazu, dass der neue Baukörper im Verhältnis zum bestehenden Gebäude als
Hauptbaute erscheint. Damit hat sich das frühere Verhältnis zwischen Wohngebäude
und beigeordnetem weniger hohem Ökonomiegebäude mit der Neubaute in sein
Gegenteil verkehrt.
Eine Herabsetzung des Dachstuhls um immerhin 36 Zentimetern ändert zwar nichts an
der vergleichsweise flachen Dachneigung, ist aber geeignet, das Verhältnis der Masse
der beiden Bauten ausgeglichener zu gestalten. Sie orientiert sich damit nicht zuletzt
auch an zusammen gebauten Wohnhäusern mit auf gleichem Niveau anschliessenden
Firsten, die allerdings in ihrer baulichen Grundstruktur nicht auf zwei aneinander
angebauten Kreuzgiebeln, sondern auf einem Haupt- und Quergiebel beruhen (vgl. act.
13/23, Seite 1, Bild unten links).
3.2.4. Indem die Beschwerdeführerin in der Verfügung vom 17. September 2012
ausführte, aus Gründen des Ortsbildschutzes sei die gleiche Firsthöhe im Sinn eines
Mindeststandard zentraler Bestandteil der Baubewilligung gewesen, stützte sie die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verweigerung der nachträglichen Bewilligung auf einen sachlichen Grund. Damit hat sie
sich im Beurteilungsspielraum bewegt, welcher ihr als kommunaler Behörde bei der
Handhabung ihrer Ästhetikvorschriften zukommt. Mit Blick auf den Inhalt des
Ortsbildschutzes im Bereich des Grundstücks Nr. 0000 (vgl. dazu oben E. 3.2.2.) hat
der Ausgleich der umstrittenen Höhendifferenz des Dachfirstes zum bestehenden
Wohnhaus eine Bedeutung, welche geeignet ist, die Gesamtwirkung der Baute zu
verbessern. Insoweit erscheint die Würdigung der Sachumstände durch die
Beschwerdeführerin als vertretbar.
Die Vorinstanz geht davon aus, bei der Übernahme der Firsthöhe des
Nachbargebäudes habe es sich nicht um eine ausdrücklich verfügte Auflage gehandelt.
Es fehle daher an einer verbindlichen Festlegung der exakt gleichen Firsthöhe zum
Nachbarhaus. Es gebe keinen Vertrauensschutz zugunsten der Behörde. Deshalb
könne davon abgewichen werden. Dieser Auffassung ist entgegen zu halten, dass die
Pläne, aus denen die gleiche Firsthöhe und der abgesenkte Westgiebel klar
hervorgingen, Teil der Gesuche waren, von der zuständigen Behörde ohne Hinweis auf
Vorbehalte als genehmigt abgestempelt wurden (vgl. insbesondere act. 12-7,
Mäppchen "24. März 2011 Neuauflage aufgrund Projektänderung, 14. April 2011
Einsprache, 16. Mai 2011 Baubewilligung"), in den Bewilligungen auf sie verwiesen
wurde und die Absenkung des westlichen Giebels gegenüber dem Hauptfirst von
zentraler Bedeutung erschien. Auch wenn der Leiter des kantonalen Amtes für
Denkmalschutz die gleiche Firsthöhe in seinem Bericht nicht thematisiert, geht aus
seinen Plänen hervor, dass es sich für ihn dabei wohl um eine Selbstverständlichkeit
handelte. Deshalb war es auch für den Beschwerdegegner erkennbar, dass bei einem
unmittelbaren Anbau der Ersatzbaute an das Nachbargebäude die Übernahme der
Firsthöhe als wesentlich betrachtet wurde.
3.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass die – deutliche – Überschreitung der
bewilligten Firsthöhe geeignet ist, die Gesamtwirkung der Neubaute, insbesondere im
Zusammenspiel mit dem bestehenden Wohnhaus und den weiteren, südlich an die A.-
strasse angrenzenden Gebäuden ungünstig zu beeinflussen. Wenn die
Beschwerdeführerin darin ein Element erblickt hat, welches zu einer unbefriedigenden
Gesamtwirkung führt, hat sie sich innerhalb des ihr zustehenden Ermessensspielraums
bei der Handhabung der im Bereich des kommunalen Ortsbildschutzes geltenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ästhetikvorschrift bewegt. Indem die Vorinstanz die Verfügung der Beschwerdeführerin
vom 17. September 2012 aufgehoben hat, hat sie deshalb in den Ermessensbereich
der Beschwerdeführerin eingegriffen. Die Beschwerde erweist sich dementsprechend
als begründet und ist gutzuheissen.
4. Es ist sodann festzustellen, dass dem Beschwerdegegner mit der Verpflichtung zum
Rückbau kein Schaden erwächst, der das öffentliche Interesse zu überwiegen
vermöchte. Nach der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung geht es nicht an,
wissentlich Bauvorschriften zu missachten und sich anschliessend der
Wiederherstellung unter Berufung auf die Kosten zu widersetzen (VerwGE B
2006/42-44 vom 14. September 2006, abrufbar auf www.gerichte.sg.ch).
Der Beschwerdegegner verwahrt sich zwar gegen den Vorwurf, sich bewusst über
geltende Vorschriften und Bewilligungen hinweg gesetzt zu haben. Die trotz der
Begleitung durch den bauleitenden Architekten realisierte Mehrhöhe gründe in einem
Kommunikationsfehler unter den Beteiligten. Ins Gewicht fällt allerdings, dass die
Realisation der Mehrhöhe nicht erst nach Fertigstellung des Dachstuhls, sondern
bereits bei der von den genehmigten Bauplänen (act. 13/12, nicht datierte am 16. Mai
2011 genehmigte Pläne) abweichenden Errichtung der Mauern des Obergeschosses
erkennbar wurde. Unter diesen Umständen kann nicht anders als davon ausgegangen
werden, dass der Beschwerdegegner – der im Übrigen den angeblichen
Kommunikationsfehler in der Beschwerdeantwort nicht konkretisiert – sich wissentlich
über ein wesentliches Element der Baubewilligung hinweggesetzt hat.
Obwohl Gegenstand der Verfügung der Beschwerdeführerin vom 17. September 2012
auch die Verpflichtung zum Rückbau des Daches auf die Firsthöhe des bereits
bestehenden Gebäudes war, hat sich der Beschwerdeführer weder im Rekurs- noch im
Beschwerdeverfahren zu den damit verbundenen Kosten geäussert. Er hat auch nicht
beantragt, die Angelegenheit sei – für den Fall, dass sich die realisierte Firsthöhe nicht
als bewilligungsfähig erweisen sollte – zur Beurteilung der Verhältnismässigkeit der
Verpflichtung zum Rückbau an die Vorinstanz zurückzuweisen. In der Verfügung vom
17. September 2012 ging die Beschwerdeführerin von Kosten für den Rück- und
Wiederaufbau von 10'000 Franken, entsprechend drei Prozent der angegebenen
Baukosten von 300'000 Franken, aus. Nach einer Besichtigung am 19. November 2012
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schätzte ein Fachmann die Gesamtkosten für ein Tiefersetzen auf rund 15'000 Franken
(act. 13-7/4). Damit beliefen sich die Rück- und Wiederaufbaukosten auf 7,5 Prozent
der Bausumme.
Insgesamt fallen die Kosten im vorliegenden Fall somit nicht derart hoch aus, dass sie
einen Rückbau als unverhältnismässig erscheinen liessen.
5. Dementsprechend ergibt sich, dass die Beschwerde gutzuheissen und der
angefochtene Entscheid der Vorinstanz aufzuheben ist. Zur Klarheit ist anzufügen, dass
es damit bei der Verfügung der Beschwerdeführerin vom 17. September 2012 bleibt.
Zu Ziffer 3.1 der Verfügung ist klärend und unter Hinweis auf Ziffer 2.2 anzumerken,
dass der Beschwerdegegner verpflichtet ist, den bestehenden Dachstuhl bei
unveränderter Dachneigung nicht nur um 22 Zentimeter, sondern so herabzusetzen,
dass der Ostfirst der Neubaute auf gleiche Höhe wie der Westfirst des bestehenden
Wohnhauses zu liegen kommt.
6. (...).
Demnach hat das Verwaltungsgericht