Decision ID: 905357a3-6089-5d0e-9d74-d613fd140672
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 8. Dezember 2015 in der Schweiz um
Asyl nach. Am 14. Dezember 2015 fand die Befragung zur Person (BzP)
und am 11. August 2018 die Anhörung zu den Asylgründen statt.
Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er sei afghani-
scher Staatsangehöriger paschtunischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in
Kabul. Im Alter von vier oder fünf Jahren sei er mit seiner Familie nach
Mazar-i-Sharif gezogen. Nach einem Studium in B._, habe er ab
Ende 2010 beim Aussenministerium in Kabul gearbeitet. Von Mai 2013 bis
Juli 2014 sei C._, der Sohn einer bekannten Persönlichkeit, sein
Vorgesetzter gewesen. Anfang 2014 sei er – wie auch andere Angestellte,
die unter C._ gearbeitet hätten – per Telefon von den Taliban unter
Drohungen dazu aufgefordert worden, sich von C._ fernzuhalten.
Er habe jedoch seinen Vorgesetzten nicht meiden können. Ab 2011 bis im
November 2014 sei er zudem freiwillig für die Nichtregierungsorganisation
D._ tätig gewesen. Im August 2014 habe er einen Drohanruf der
Taliban erhalten, sich von D._ fernzuhalten. Im Oktober 2014 sei
die Entscheidung gefällt worden, dass er im Rahmen seiner Anstellung
beim Aussenministerium als Diplomat nach E._ geschickt werde.
Am (...) November 2014 sei er beim Vorsitzenden von D._ zum Es-
sen gewesen, als die Taliban einen Angriff auf dessen Haus, wo sich eben-
falls das Büro der Organisation befunden habe, durchgeführt hätten, wobei
er durch Verstecken entkommen sei. Der Vorsitzende und seine (...) Kinder
seien getötet worden. Daraufhin sei das Büro geräumt worden. Er habe
den Sicherheitsdienst des Aussenministeriums über die Drohungen infor-
miert, dieser habe indes nichts dagegen unternommen. Nach diesem Vor-
fall bis zu seiner Ausreise aus Afghanistan hätten ihn Autos auf dem Ar-
beitsweg eskortiert.
Im Januar 2015 habe er eine Stelle als Konsul in der Rechtsabteilung der
afghanischen Botschaft in E._ begonnen. Im Februar 2015 hätten
die Taliban (...) angerufen und unter Todesdrohungen verlangt, dass er den
Beschwerdeführer von den Behörden und vor allem von internationalen
Organisationen wie der UNO fernhalten solle. Am (...) April 2015 habe es
einen Anschlag auf (...) Justizamt gegeben, wobei dieser verletzt worden
sei. Anfang September 2015 habe er (der Beschwerdeführer) im Rahmen
seiner Tätigkeit in E._ den Auftrag erhalten, Abklärungen zu allfälli-
E-6597/2018
Seite 3
gen (...) Bankkonten eines Afghanen zu treffen, der Geld von einer afgha-
nischen Bank gestohlen habe. Ein einflussreicher Mitarbeiter der Botschaft
habe ihn unter Androhung von Repressalien aufgefordert, dies nicht zu tun.
Als ein neuer Aussenminister sein Amt angetreten habe, sei beschlossen
worden, dass er (der Beschwerdeführer) doch die ihm ursprünglich zuge-
teilte Position im F._ antreten müsse. Dies, weil der neue Aussen-
minister Tadschike sei und entsprechend Tadschiken bevorzuge (mithin
nach E._ schicke) und Paschtunen benachteilige. Per E-Mail habe
er (der Beschwerdeführer) den afghanischen Botschafter in G._,
den er von früher gekannt habe, über diesen Missstand informiert, worauf
der afghanische Staatspräsident den neuen Aussenminister deswegen zur
Rede gestellt habe. Letzterer habe herausgefunden, dass der Beschwer-
deführer diese E-Mail geschrieben habe. Zwei Personen des Aussenminis-
teriums – beide waren Konsuln in E._ – hätten ihn in E._ im
Oktober 2015 bedroht. Die Anstellung in E._ habe am (...) Oktober
2015 geendet. Bei einer Rückkehr nach Afghanistan wäre er sowohl durch
diesen Aussenminister und Personen im Umkreis des einflussreichen Bot-
schaftsangestellten sowie durch die Taliban bedroht.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer folgende Dokumente zu
den Akten: einen Diplomatenpass im Original sowie einen Diplomatenpass
für Auslandsreisen in Kopie, seinen Service-Pass (in Kopie) und seine
Tazkara (im Original), ein auf den 7. Dezember 2015 datiertes Schreiben,
in dem er seine Asylgründe erklärt, einen Ausdruck eines E-Mail-Verkehrs
zwischen ihm und dem afghanischen Botschafter in G._, diverse
Studienunterlagen, diverse Zertifikate und Schulunterlagen, diverse Unter-
lagen von seiner Tätigkeit für das Aussenministerium, zwei Zutritt-Badges
vom Aussenministerium, sowie einen USB-Stick mit Informationen zum An-
griff auf (...), Dateien über die H._ und einigen Fotos.
B.
Mit Verfügung vom 17. Oktober 2018 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Voll-
zug an.
C.
Mit Eingabe vom 22. November 2018 reichte der Beschwerdeführer gegen
diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein. Am
23. November 2018 ging zudem eine Beschwerde seines Rechtsvertreters
mit Datum vom 21. November 2018 beim Bundesverwaltungsgericht ein.
E-6597/2018
Seite 4
In den Rechtsschriften wird beantragt, die Verfügung der Vorinstanz sei
aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers sei festzu-
stellen und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei wegen Unzulässig-
keit beziehungsweise Unzumutbarkeit vom Wegweisungsvollzug abzuse-
hen. Subeventualiter sei die Sache zur neuen Entscheidung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Es sei die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilli-
gen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten, und ihm
ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 26. November 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Rechtsverbeiständung unter Vorbehalt der fristgemässen Nachreichung ei-
nes Bedürftigkeitsbelegs gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses und bestellte dem Beschwerdeführer in der Person von Dr.
iur. Nicolas Roulet einen amtlichen Rechtsbeistand.
E.
Mit Eingabe vom 3. Dezember 2018 reichte der Rechtsvertreter die Fürsor-
gebestätigung und seine Honorarnote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
E-6597/2018
Seite 5
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
2.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die
Asylrelevanz gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. Er habe nicht geltend ge-
macht, dass er wegen dem Vorfall vom (...) November 2014 oder den zuvor
erfolgten telefonischen Drohungen Afghanistan verlassen habe. Vielmehr
sei er im Rahmen seiner Anstellung beim Aussenministerium ins Ausland
geschickt worden. Somit existiere kein Kausalzusammenhang zwischen
der geltend gemachten Bedrohung durch die Taliban und seiner Ausreise
aus Afghanistan. Zusätzlich gebe es keine Hinweise darauf, dass der An-
griff am (...) November 2014 ihm gegolten habe. Der Angriff sei auf das
Haus des D._-Vorsitzenden durchgeführt worden, dieser sowie
seine (...) Kinder seien dabei getötet worden, dem Beschwerdeführer sei
indes nichts passiert, so dass naheliegend scheine, dass der Angriff gene-
rell oder spezifisch dem Vorsitzenden gegolten habe. Weiter habe er nicht
erwähnt, weshalb er bei einer Rückkehr nach Afghanistan durch die Taliban
bedroht wäre. Die früheren Bedrohungen durch die Taliban (wegen seines
Vorgesetzen beim Aussenministerium C._ und seiner Tätigkeit für
E-6597/2018
Seite 6
D._) seien seit 2014 nicht mehr aktuell, weshalb nicht ersichtlich
sei, warum er noch heute im Visier der Taliban stehen sollte. Es bestehe
somit kein begründeter Anlass zur Annahme, dass er bei einer Rückkehr
nach Afghanistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft von den Taliban verfolgt würde.
Weiter habe er Vorbringen geltend gemacht, die sich aufgrund seiner Tä-
tigkeit bei der afghanischen Botschaft in E._ ab Januar 2015 und
somit nach seiner Ausreise aus seinem Heimatstaat ergeben hätten. Es
gebe keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Anschlag auf das Jus-
tizamt im April 2015 spezifisch (...) gegolten habe. Presseberichte würden
den Anschlag als einen Angriff auf das Büro des Generalstaatsanwalts/Pro-
vinzstaatsanwalts von Mazar-i-Sharif darstellen. An dieser Einschätzung
könne auch das Video auf dem eingereichten USB-Stick nichts ändern, das
den Anschlag zeige. Es sei davon auszugehen, dass es sich bei dem An-
schlag um eine Folge der Situation allgemeiner Gewalt in Afghanistan
handle und nicht um einen gezielten Angriff auf (...). Dementsprechend
könne dieser Anschlag auch nicht als eine Folge seiner beruflichen Tätig-
keit eingestuft werden, womit das Vorbringen nicht asylrelevant sei. Auch
gebe es keine Anzeichen dafür, dass ihm für seine Intervention beim Prä-
sidenten via den afghanischen Botschafter in G._ und den damit
verbundenen Vorwürfen tatsächlich so gravierende Konsequenzen gedroht
hätten, wie er geltend mache. Nach den genauen Ereignissen im Zusam-
menhang mit den Bedrohungen durch zwei Personen des Aussenministe-
riums gefragt, sei seinen Aussagen zu entnehmen, dass er lediglich ver-
mute, dass die beiden ihn mit dem Tod bedroht hätten. Für seine restliche
Zeit in E._ habe er zudem keine weiteren Schwierigkeiten mit die-
sen Personen geltend gemacht. Selbst habe er nie Kontakt mit dem Aus-
senminister gehabt. Es sei somit lediglich eine unbelegte Vermutung, dass
der Aussenminister ihm etwas habe antun wollen, das über eine legitime
Ahndung seiner Handlungen hinausgegangen wäre. Trotz der geltend ge-
machten angeblichen Todesdrohungen durch den Aussenminister und
seine Leute sei gemäss seinen Aussagen nicht einmal sein Arbeitsverhält-
nis im diplomatischen Dienst beendet, sondern er lediglich auf seine
frühere respektive eigentliche Position versetzt worden, ohne dass es Hin-
weise auf konkrete Probleme bis zum Abschluss seiner Tätigkeit in
E._ gebe. Es sei davon auszugehen, dass der Aussenminister ihn
zumindest nach Afghanistan zurückbeordert hätte, wenn er ihm etwas
hätte antun wollen. Es gebe somit keine Anzeichen dafür, dass er wegen
dieses Vorbringens bei einer Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft mit Verfolgung zu rechnen
E-6597/2018
Seite 7
hätte. Betreffend die Drohung eines Mitarbeiters der Botschaft, keine Ab-
klärung zu allfälligen (...) Bankkonten eines Afghanen zu tätigen, sei fest-
zuhalten, dass er diesbezüglich keine tatsächlich erlittenen Nachteile gel-
tend gemacht habe und seinen Aussagen und den Akten keine Hinweise
darauf zu entnehmen seien, dass diese angebliche Bedrohung aus einem
der Motive gemäss Art. 3 AsylG erfolgt sei, sondern vielmehr aus rein kri-
minellen Interessen, um nämlich den betreffenden Afghanen vor möglichen
Konsequenzen seiner Tat zu schützen, womit das Vorbringen nicht asylre-
levant sei. An den bisherigen Ausführungen würden auch die eingereichten
Beweismittel nichts zu ändern vermögen. Diese würden seine Ausbildun-
gen und Tätigkeit für das Aussenministerium belegen, welche vom SEM
nicht bezweifelt würden.
Hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führte das SEM
aus, die besonders begünstigenden Umstände seien sowohl für einen
Wegweisungsvollzug nach Kabul als auch nach Mazar-i-Sharif zu bejahen.
Der Beschwerdeführer sei in Mazar-i-Sharif aufgewachsen und habe dort
die Schule besucht, später habe er vier Jahre in Kabul gelebt und gearbei-
tet. Seine Eltern würden in Mazar-i-Sharif leben und er habe Verwandte
und Freunde in Kabul und Mazar-i-Sharif. Somit sei davon auszugehen,
dass er in beiden Städten über ein tragfähiges soziales Netz verfüge, wel-
ches ihm eine zumindest vorübergehende Unterkunft bieten und bei einer
raschen sozialen Reintegration helfen könne. Weiter habe er eine ausge-
zeichnete Ausbildung mit Universitätsabschluss und mehrjährige Berufser-
fahrung in einer anspruchsvollen Position bei einer staatlichen Behörde in-
klusive einem Einsatz im Ausland, weshalb davon ausgegangen werden
könne, dass er sich auch wirtschaftlich rasch wieder integrieren und finan-
zielle Unabhängigkeit erreichen könne. Er habe auch bereits mehrere
Jahre selbständig in B._ sowie in Kabul gelebt und im Rahmen sei-
ner Tätigkeit für das Aussenministerium verschiedene Auslandsreisen ab-
solviert, womit er die Fähigkeit bewiesen habe, sich gut an verschiedene
Umstände anpassen zu können. Dies und sein Alter von (...) Jahren spre-
che dafür, dass er rasch wieder eigenständig leben könne. Er mache auch
keine gesundheitlichen Probleme geltend.
5.2 Der Beschwerdeführer rügt auf Beschwerdeebene, er sei bei dem An-
griff auf das Haus des D._-Vorsitzenden am (...) November 2014
nur verschont worden, weil er sich versteckt habe. Der Angriff habe nicht
namentlich ihm gegolten, indes könne nicht davon ausgegangen werden,
dass er bloss zufällig ins Visier der Taliban geraten und zum Zeitpunkt des
Anschlags vor Ort gewesen sei, zumal er bereits zuvor telefonisch bedroht
E-6597/2018
Seite 8
worden sei. Er sei den Taliban namentlich bekannt. Bereits im Oktober
2014, also schon einen Monat vor dem Angriff, sei er im Rahmen seiner
Anstellung beim Aussenministerium offiziell nach I._ in F._
versetzt worden. Aufgrund des engen zeitlichen Zusammenhangs zwi-
schen dem Anschlag auf D._ und der Möglichkeit, im Ausland als
Diplomat arbeiten zu können, habe sich die eigentliche Flucht vor der Ver-
folgung durch die Taliban erübrigt. Er sei an der Anhörung nicht gefragt
worden, was er unternommen hätte, falls er nicht ohnehin ins Ausland ver-
setzt worden wäre. Die Annahme des Postens in E._ sei als Flucht
vor den Taliban zu verstehen und damit von einem Kausalzusammenhang
zwischen Verfolgung und Flucht auszugehen.
Der Zusammenhang zwischen der Drohung und dem Anschlag auf (...)
am (...) April 2015 sei offensichtlich. (...) sei im Februar 2015 von den
Taliban angerufen und aufgefordert worden, den Beschwerdeführer zu
überzeugen, sich von den Behörden und von ausländischen Organisatio-
nen wie der UNO fernzuhalten. Er sei bedroht worden, umgebracht zu
werden, wenn er es nicht tun würde. Zudem handle es sich bei diesem
Vorbringen nicht um einen Nachfluchtgrund, sondern um die weitere Es-
kalation der Verfolgung durch die Taliban, welche der Beschwerdeführer
bis kurz vor seiner Anstellung in E._ selbst erlebt habe. Selbst
wenn es sich um einen Nachfluchtgrund handeln würde, müsse ihm der
Status eines vorläufig aufgenommenen Flüchtlings zugesprochen wer-
den, und die Wegweisung (recte: Wegweisungsvollzug) wäre aufgrund
der Verfolgung durch die Taliban unzulässig.
Entgegen der Behauptung des SEM, wonach die Bedrohung durch die Ta-
liban seit 2014 nicht mehr aktuell sei, sei mit Verweis auf den Bericht der
SFH vom 12. September 2018 festzuhalten, dass die Verfolgung von aktu-
ellen und ehemaligen Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung sowie von
Unterstützern internationaler Organisationen durch die Taliban als noto-
risch gelten müsse. Er müsse noch immer davon ausgehen, im Visier der
Taliban zu stehen, da er als Diplomat in E._ mit internationalen Or-
ganisationen zu tun gehabt habe. Insgesamt habe er asylrechtlich rele-
vante Verfolgungsgründe im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft machen kön-
nen und die Vorinstanz habe damit die Flüchtlingseigenschaft und das
Asylgesuch zu Unrecht abgelehnt.
Da wegen seiner Intervention ein Zwist zwischen dem afghanischen Präsi-
denten und dem Aussenminister entstanden sei, habe der Aussenminister
E-6597/2018
Seite 9
den aus seiner Sicht missliebigen Beschwerdeführer zum Schweigen brin-
gen wollen. Daraufhin sei ihm klar gemacht worden, dass er bei einer Rück-
kehr nach Afghanistan mit dem Schlimmsten zu rechnen habe. Der Aus-
senminister habe es sich nicht erlauben können, ihn nach Afghanistan zu-
rückzubeordern, um ihn dort verschwinden zu lassen. Vielmehr hätte mit
der Versetzung in den F._ der Schein gewahrt und sichergestellt
werden sollen, dass er J._ verlasse, da es hier schwieriger sein
dürfte, einen Dissidenten verschwinden zu lassen.
Weiter drohe dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Afgha-
nistan eine Gefahr für Leib und Leben aufgrund seines Verhaltens im Zu-
sammenhang mit der Korruptions- und Geldwäschereiaffäre rund um die
H._. Er habe eine Meldung der afghanischen Behörden im Zusam-
menhang mit Bankkonten von K._ in der J._ an die
J._ Behörden weitergeleitet, obwohl ihm dafür Nachteile seitens ei-
nes Familienangehörigen von K._ angedroht worden seien. Ange-
sichts der Deliktssumme und der damit verbundenen finanziellen Interes-
sen der Familie von K._ müsse davon ausgegangen werden, dass
er aufgrund seiner Rolle in der Ermittlung betreffend diese Bankkonten in
der J._ um sein Leben fürchten müsse, wenn er nach Afghanistan
und damit in den Machtbereich der Familie um K._ zurückkehren
müsse. Der afghanische Staat sei zu schwach, um ihm ausreichend Schutz
zu bieten.
Wegen seiner Ausbildung und vorherigen Tätigkeiten als ehemaliger Kon-
sul in der afghanischen Botschaft in E._ und als freiwilliger Mitar-
beiter von D._ entspreche er dem Gefährdungsprofil, womit er be-
gründete Furcht davor habe, im Fall einer Rückkehr in seine Heimat ernst-
haften Nachteilen und Verfolgung durch die Taliban ausgesetzt zu sein,
ohne dass er auf einen genügenden staatlichen Schutz zählen könnte.
Eine innerstaatliche Fluchtalternative fehle. Die Sicherheitslage in Afgha-
nistan sei sehr schlecht. Auch wenn er sein ganzes Leben auf niedrigstem
Niveau verbringen würde, könnte er sich, seine Familie, seine Verwandte
und Freunde nicht vor den Taliban in Sicherheit bringen. Deshalb erweise
sich der Wegweisungsvollzug sowohl als unzulässig als auch als unzumut-
bar.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
E-6597/2018
Seite 10
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
7.
7.1 Vorab ist festzustellen, dass die Vorinstanz die Vorbringen des Be-
schwerdeführers betreffend seine Arbeitsverhältnisse sowie die Bedrohung
durch die Taliban nicht bezweifelt. Auch das Gericht stellt diese nicht in
Frage. Der Beschwerdeführer hat hierzu zahlreiche Beweismittel einge-
reicht.
7.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne
von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme
besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder
werde sich – aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in
absehbarer Zukunft verwirklichen (BVGE 2010/57 E. 2.5). Aufgrund der
Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person
in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE
2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutztheo-
E-6597/2018
Seite 11
rie ist somit die flüchtlingsrechtliche Relevanz einer nichtstaatlichen Verfol-
gung vom Vorhandensein eines adäquaten Schutzes durch den Heimat-
staat abhängig. Dieser Schutz ist als hinreichend zu qualifizieren, wenn die
betroffene Person effektiven Zugang zu einer funktionierenden und effi-
zienten Schutzinfrastruktur hat und ihr die Inanspruchnahme eines solchen
innerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar ist (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.3).
7.3
7.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat zuletzt im Referenzurteil
D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 eine Lagebeurteilung zu Afghanistan
vorgenommen. Zusammenfassend ergibt sich eine deutliche Verschlech-
terung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Gerichts im
Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der International Security As-
sistance Force (ISAF) über alle Regionen hinweg. Seit dem Übergang der
Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die Afghan National Security
Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr den Charakter eines Bür-
gerkrieges angenommen, wobei grosse Teile des Staatsgebiets direkt von
Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen terroristische Anschläge
in den von offenen Gefechten weitgehend ausgenommenen urbanen Zen-
tren. Im Visier stehen vor allem die Grossstädte Kabul und Kandahar, aber
auch kleinere Städte wie Dschalalabad und Kunduz (vgl. dazu ausführlich
a.a.O. E. 7.3 und E. 7.4 sowie zu den jüngsten Anschlägen: Zeit online,
Landesweite Taliban-Angriffe in Afghanistan, 22. April 2020,
https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-04/afghanistan-taliban-angriffe-lan-
desweit-tote, abgerufen am 20.01.2021, sowie Schweizerische Flüchtlings-
hilfe [SFH], «Afghanistan: Die aktuelle Sicherheitslage» vom 30. Septem-
ber 2020).
7.3.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich Gruppen von Per-
sonen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, wel-
che der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft in-
klusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer
derselben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der af-
ghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entspre-
chende Personen (vgl. dazu: United Nations High Commissioner for Refu-
gees [UNHCR], Eligibility Guidelines for Assessing the International Pro-
tection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 30. August 2018,
S. 40 ff. sowie die beiden Berichte des European Asylum Office [EASO]
"Country of Origin Information Report: Afghanistan: Individuals targeted by
E-6597/2018
Seite 12
armed actors in the conflict" vom Dezember 2017, S. 34 und 35 und "Coun-
try Guidance: Afghanistan: Guidance note and common analysis" vom Juni
2018, S. 41-43). Auch andere Quellen berichten von gezielten Angriffen auf
Mitarbeiter der afghanischen Regierung oder internationaler Organisatio-
nen und einem erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – ins-
besondere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl.
EASO: «Afghanistan Security situation» vom September 2020, Kapitel
1.3.4; SFH: «Afghanistan: Gefährdungsprofile» vom 30. September 2020,
S. 9 ff.).
Der Beschwerdeführer hat glaubhaft machen können, für das afghanische
Aussenministerium gearbeitet und sich für D._, eine Nichtregie-
rungsorganisation engagiert zu haben. Insofern gehört er zu jener Perso-
nengruppe, welche aufgrund ihrer Exponiertheit bereits an sich einem er-
höhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt ist. Anfangs 2014 sowie im August
2014 habe er einen Drohanruf der Taliban erhalten mit der Forderung, sich
von C._ respektive D._ fernzuhalten (vgl. A11 F75 ff.). Be-
reits im Oktober 2014 erhielt er die Zusage betreffend seine Versetzung
nach E._. Nach dem Anschlag auf den Hauptsitz von D._
ergriff er Sicherheitsmassnahmen und wurde bis zu seiner Ausreise aus
Afghanistan jeweils auf seinem Arbeitsweg von Autos eskortiert (vgl. A4
S. 7 und A11 F51). Nach seiner Ausreise hätten die Taliban im Februar
2015 (...) mit dem Tod bedroht und von ihm verlangt, dass er den Be-
schwerdeführer dazu bringen solle, sich von den Behörden und internatio-
nalen Organisationen fernzuhalten. Am (...) April 2015 gab es einen An-
schlag auf (...), bei welchem dieser verletzt wurde.
Vor diesem Hintergrund hatte der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der
Ausreise begründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen im Sinne von
Art. 3 AsylG durch die Taliban. Nachdem sich die Sicherheits- und Verfol-
gungslage in Afghanistan seit seiner Ausreise nicht verbessert, sondern
vielmehr über alle Regionen hinweg weiter verschlechtert hat (siehe
E. 7.3.1 f.), ist anzunehmen, dass er im Falle einer Rückkehr nach Afgha-
nistan begründeterweise auch zum heutigen Zeitpunkt künftige Übergriffe
seitens der Taliban oder ihr nahestehender Gruppierungen zu befürchten
hat. Eine innerstaatliche Fluchtalternative fällt ausser Betracht. Angesichts
seiner beruflichen Schwierigkeiten und der zwischenzeitlich veränderten
Machtverhältnisse im Aussenministerium (ethnische Änderungen in der
Nachfolge des ihm wohlgesinnten Vorgesetzten), kann überdies auch nicht
garantiert werden, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach
Afghanistan besonderer behördlicher Schutz zukommen würde, so wie es
E-6597/2018
Seite 13
in der Vergangenheit vorgekommen ist. Damit ist schliesslich die Inan-
spruchnahme von staatlicher Schutzinfrastruktur zu verneinen, namentlich
steht auch in Kabul keine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur
zur Verfügung (vgl. dazu Urteile des BVGer D-2879/2018 vom 7. Mai 2020
E. 7.6 sowie E-4454/2017 vom 10. Oktober 2019 E. 6.3.4).
7.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die Voraus-
setzungen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Ausschluss-
gründe liegen nicht vor (Art. 53 AsylG). Die Vorinstanz hat demnach zu
Unrecht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und
sein Asylgesuch abgewiesen. Die Beschwerde ist gutzuheissen, die ange-
fochtene Verfügung vom 17. Oktober 2018 aufzuheben, der Beschwerde-
führer als Flüchtling anzuerkennen und die Vorinstanz anzuweisen, ihm
Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Der Rechtsvertreter reichte mit der Eingabe vom 3. Dezember 2018 eine
Honorarnote ein. Darin weist er einen zeitlichen Aufwand von 7.75 Stunden
basierend auf einem Stundenansatz von Fr. 220.– sowie Auslagen im Be-
trag von Fr. 58.40 aus. Der ausgewiesene zeitliche Aufwand scheint dem
vorliegenden, nicht übermassig komplexen oder umfangreichen Verfahren
nicht vollumfänglich angemessen und ist auf fünf Stunden zu kürzen. Die
Parteientschädigung ist demnach auf Fr. 1’248.– (inkl. Auslagen und Mehr-
wertsteuerzuschlag) festzusetzen, welche von der Vorinstanz auszurichten
ist.
8.3 Mit vorliegendem Urteil sind die mit Zwischenverfügung vom 26. No-
vember 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbei-
ständung gegenstandslos geworden.
E-6597/2018
Seite 14