Decision ID: 72676fb7-a114-4c6d-8722-66c1e234df7b
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Jakob Rhyner, St. Gallerstrasse 46, Postfach 945,
9471 Buchs,
gegen
Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft, Hohlstrasse 552, Postfach, 8048 Zürich,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ war als auszubildende Köchin bei der B._ AG angestellt und dadurch bei
der Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft (Allianz) obligatorisch gegen die Folgen
von Unfällen versichert. Gemäss Unfallmeldung vom 24. Juni 2010 hatte die
Versicherte am Abend des 2. Juni 2010 Teile ihres Körpers mit Benzin übergossen und
angezündet, wobei sie starke Verbrennungen erlitten hatte (UV-act. 002). Die
Notfallversorgung erfolgte im Spital C._, wo ein Verbrennungstrauma mit/bei
Verdacht auf Verbrennung 2. Grades auf ca. 50% der Körperoberfläche, vor allem
ventrales Integument, eine Verbrennung 3. Grades stellenweise im Gesicht, an den
Händen beidseits und der Schulter links sowie ein Inhalationstrauma mit
Russanhaftungen und Schleimhautläsionen diagnostiziert wurden. Unmittelbar nach
der Erstbehandlung wurde die Versicherte ins Verbrennungszentrum des
Universitätsspitals Lausanne (Centre hospitalier universitaire vaudois, CHUV) verlegt
(UV-act. 001, 004).
A.b Im Arztzeugnis vom 15. Juli 2010 stellte Dr. med. D._, Facharzt FMH für
Intensivmedizin sowie Allgemeine Innere Medizin, CHUV, die Diagnose Verbrennung 2.
und 3. Grades auf 50% der Körperoberfläche (UV-act. 017). Im Konsultationsbericht
vom 21. Juli 2010 diagnostizierte Dr. med. E._, CHUV, im Wesentlichen einen
postnarkotischen Verwirrungszustand sowie eine Anpassungsstörung mit Angst und
depressiver Reaktion gemischt (UV-act. 099, 108). Dr. med. F._, Spital C._, führte
im Arztzeugnis vom 22. Juli 2010 zum Unfallhergang aus, die Versicherte habe sich in
suizidaler Absicht Sprit (richtig wohl: Benzin) über den Körper gegossen und sich selbst
angezündet (UV-act. 019; vgl. auch die Stellungnahme vom 1. Oktober 2010, UV-act.
037). Im Bericht vom 18. August 2010 stellten die behandelnden Ärzte des CHUV im
Wesentlichen die Diagnosen Verbrennungen 2. und 3. Grades auf 50% der
Körperoberfläche nach Selbstverbrennung (Gesicht, Thorax, Arm, Rumpf, untere
Extremitäten) sowie oto-rhino-laryngeales Inhalationstrauma (UV-act. 023).
A.c Nach Durchführung mehrerer Transplantationen wurde die Versicherte am 19.
August 2010 ins Universitätsspital Zürich zur Rehabilitation und stationären
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Weiterbehandlung verlegt (UV-act. 024, 027). Im Konsiliarbericht gleichen Datums
wurde eine Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion (F43.21) erhoben und
festgehalten, die Versicherte habe ausgesagt, die Selbstverbrennung sei eine
Kurzschlusshandlung gewesen (UV-act. 93; vgl. auch den Verlaufsbericht vom 20.
August bis 29. Oktober 2010).
A.d Gegenüber dem zuständigen Schadeninspektor der Allianz führte der Vater der
Versicherten gemäss Bericht vom 31. August 2010 im persönlichen Gespräch vom 30.
August 2010 im Wesentlichen aus, die Versicherte sei noch nie wegen psychischer
Probleme oder dergleichen in ärztlicher Behandlung gewesen (UV-act. 032). Am 6.
September 2010 wechselte die Versicherte zur Fortsetzung der stationären
Rehabilitation in die Rehaklinik Bellikon (UV-act. 034).
A.e Nachdem die Allianz im Schreiben vom 14. Oktober 2010 eine Leistungspflicht
mangels rechtsgültigem Unfallereignis verneint hatte (UV-act. 038), brachte der Vater
der Versicherten im Schreiben vom 18. Oktober 2010 im Wesentlichen vor, der
Hergang des Ereignisses sei für die erstbehandelnden Ärzte des Spitals C._ nicht
feststellbar gewesen, da die Versicherte unter Schock eingeliefert worden sei.
Schliesslich hätten weder die Versicherte selbst noch ihre Mutter von suizidaler Absicht
gesprochen (UV-act. 043).
A.f Im Schreiben vom 19. November 2010 führte Prof. Dr. med. G._, Fachärztin FMH
für Anästhesiologie sowie Intensivmedizin, CHUV, insbesondere aus, die behandelnden
Psychiater hätten weder einen suizidalen Zug noch eine zu einem Selbstmordversuch
passende Persönlichkeitsstörung gefunden (UV-act. 052). Dr. med. H._, Facharzt
FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsspital Zürich, gab als
psychiatrischer Konsiliarius seinerseits im Bericht vom 14. Februar 2011 an, aufgrund
der vorliegenden Informationen fänden sich mehrere Hinweise dafür, dass das
Unfallereignis in suizidaler Absicht geschehen sei (UV-act. 059).
A.g Mit Schreiben vom 31. März 2011 brachte der Rechtsvertreter der Versicherten,
Rechtanwalt Dr. iur. Jakob Rhyner, Buchs, im Wesentlichen vor, massgebende Indizien
würden dafür sprechen, dass die Versicherte im Zeitpunkt der Tat infolge einer
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schweren, ganz offensichtlich akut psychotischen Bewusstseinsstörung gänzlich
unfähig gewesen sei, vernunftgemäss zu handeln (UV-act. 061).
A.h Mit Verfügung vom 12. April 2011 verneinte die Allianz einen Anspruch der
Versicherten auf Leistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung. Aufgrund der
Abklärungen und Ausführungen in den medizinischen Akten müsse davon
ausgegangen werden, dass die Handlung willentlich ausgeführt worden sei. Es seien
keine Anzeichen vorhanden, welche darauf hinweisen könnten, dass die Versicherte bei
der Tat vollständig urteilsunfähig gewesen sei (UV-act. 062).
A.i Im Austrittsbericht vom 5. Mai 2011 hielten die behandelnden Ärzte der Rehaklinik
Bellikon hinsichtlich des Aufenthaltes der Versicherten vom 6. September 2010 bis 21.
April 2011 fest, beim Eintritt in die Klinik habe sich ein stark regressives Zustandsbild
mit dissoziativem/depressivem Stupor nach selbst zugefügter schwerster
Brandverletzung gezeigt. Im Verlauf habe sich eine posttraumatische Störung
entwickelt, welche aktuell nur noch geringfügige Restsymptome zeige. Der Austritt
erfolge in deutlich gebessertem Allgemeinzustand bei subjektivem Wohlbefinden (UV-
act. 064).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 12. April 2011 liess die Versicherte am 9. Mai 2011
durch ihren Rechtsvertreter Einsprache erheben und geltend machen, der Bericht des
Schadensinspektors der Allianz vom 31. August 2010 (UV-act. 032), die angebliche
Anamnese der Versicherten und ihrer Mutter sowie die Arztberichte des
erstbehandelnden Spitals C._ vom 22. Juli und 1. Oktober 2010 (UV-act. 019, 037)
seien nicht geeignet für die Annahme, es hätte am 2. Juni 2010 eine (beschränkte)
Urteilsfähigkeit bei der Versicherten bestanden. Indem weder die involvierten Personen
befragt noch eine Oberexpertise veranlasst worden sei, seien Verfahrensregeln verletzt
worden (UV-act. 066).
B.b Im Bericht vom 28. April 2011 stellte lic. phil. I._, klinische Psychologin, Klinik
Bellikon, die folgenden psychopathologischen Diagnosen: Status nach dissoziativem/
depressivem stuporösem Zustand einige Wochen nach Brandereignis (ICD-10 F44.2),
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posttraumatische Belastungsstörung, derzeit teilremittiert (ICD-10 F43.1),
interaktionelle Störung während der Adoleszenz mit narzisstischen, histrionischen,
zwanghaften und emotional instabilen Akzentuierungen (ICD-10 F73.1) sowie Verdacht
auf Selbstschädigung durch Feuer und Flamme (ICD-10 X76). Die Versicherte habe
zum Hergang des Ereignisses angegeben, sie habe eine Art Kurzschlusshandlung
vollzogen. Sie habe nicht in suizidaler oder selbstschädigender Absicht gehandelt,
sondern habe die willentliche Kontrolle über ihr Handeln verloren. Allenfalls sei ein
dissoziativer Zustand vor der Selbstentzündung, ausgelöst durch die kumulierten
Belastungen, in Betracht zu ziehen, dagegen scheine jedoch die volle Erinnerbarkeit
der Handlung zu sprechen (UV-act. 92).
B.c In der Folge veranlasste die Allianz eine psychiatrische Begutachtung bei Dr. med.
J._, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, (UV-act. 068, 082, 084,
085). Diese stellte im Gutachten vom 30. Dezember 2011 folgende Diagnosen: Status
nach akuter Belastungsreaktion am 2. Juni 2010 (ICD-10 F43.0), vorsätzliche
Selbstbeschädigung durch Feuer und Flammen (ICD-10 X76) sowie Status nach
posttraumatischer Belastungsstörung (ICD-10 F43.1). Aufgrund der zur Verfügung
stehenden Akten und den erhobenen Befunden könne kein Hinweis dafür gefunden
werden, dass sich die Versicherte im Zeitpunkt ihrer Selbstverbrennung im Zustand
völliger Urteilsunfähigkeit befunden habe (UV-act. 109).
B.d Mit Schreiben vom 15. März 2012 brachte der Rechtsvertreter der Versicherten
gestützt auf eine Stellungnahme von Dr. med. K._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 25. Februar 2012 (UV-act. 114) vor, die Schlussfolgerungen von
Dr. J._ seien nicht überzeugend (UV-act. 113). Mit Stellungnahme vom 30. Mai 2012
hielt Dr. J._ an ihren Ausführungen und den gestellten Diagnosen fest (UV-act. 117).
B.e Im Bericht vom 17. August 2012 führten die behandelnden Ärzte des Spital L._,
Departement Psychiatrie und Psychogeriatrie, aus, im Rahmen eines
Abklärungsgesprächs im Hinblick auf eine ambulante psychiatrisch-
psychotherapeutische Behandlung am 12. Juli 2012 hätten sich deutliche Hinweise auf
eine schwere psychiatrische Erkrankung gezeigt (bei UV-act. 123).
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B.f Mit Schreiben vom 31. August 2012 hielt der Rechtsvertreter an seinem Vorbringen
fest (UV-act. 125). Dabei stützte er sich auf eine weitere Stellungnahme von Dr. K._
vom 19. August 2012 sowie auf Notizen von Prof. Dr. med. emerit. M._, Psychiater
und Psychotherapeut, vom 13. August 2012 (vgl. UV-act. 123).
B.g Mit Einspracheentscheid vom 5. Dezember 2012 wies die Allianz die Einsprache
vom 9. Mai 2011 ab. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen an, die Beurteilung
der medizinischen Situation durch Dr. J._ sei einleuchtend. Die Ausführungen von Dr.
K._ und Prof. M._ seien nicht geeignet, um Zweifel an den Schlussolgerungen Dr.
J._s hervorzurufen. Auf weitere Erhebungen könne verzichtet werden (UV-act. 131).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob der Rechtsvertreter der Versicherten mit
Eingabe vom 14. Januar 2013 und Ergänzung vom 4. Februar 2013 Beschwerde mit
den Anträgen, der Einspracheentscheid sei aufzuheben und es sei eine psychiatrische
Oberbegutachtung durch einen neutralen Experten anzuordnen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin. Zur Begründung wurde
insbesondere angeführt, bezüglich der entscheidenden Frage, ob die
Beschwerdeführerin am 2. Juni 2010 gänzlich oder nur beschränkt unfähig gewesen
sei, vernunftgemäss zu handeln, lägen zwei sich widersprechende psychiatrische
Berichte vor, weshalb eine gerichtliche Oberbegutachtung anzuordnen sei. Eine
antizipierte Beweiswürdigung erweise sich als unzulässig (act. G 1, 3).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 20. Februar 2013 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Das Gutachten von Dr. J._
werde den Anforderungen der Rechtsprechung an ein beweiskräftiges Gutachten
vollumfänglich gerecht. Die Ausführungen von Dr. K._ und Prof. M._ würden weder
inhaltlich noch formell zu überzeugen vermögen (act. G 5).
C.c Mit Replik vom 8. April 2013 (act. G 7) und Duplik vom 13. Mai 2013 (act. G 9) be
stätigten die Parteien ihre Standpunkte.
C.d Auf Anfrage des Gerichtes vom 22. Juli 2013 reichte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 6. August 2013 die Austrittsberichte der
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Psychiatrischen Klinik N._ vom 17. Juli 2012 sowie der O._ AG vom 15. August
und 10. September 2012 ein. Darin diagnostizierten die behandelnden Ärzte im
Wesentlichen eine bipolare affektive Störung (act. G 11, 12).
C.e Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der

übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen näher
eingegangen.
Erwägungen:
1.
1.1 Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin als Unfallversicherer für die
Folgen des Ereignisses vom 2. Juni 2010 leistungspflichtig ist.
1.2 Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) werden Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt. Hat die versicherte Person den Gesundheitsschaden oder den Tod
absichtlich herbeigeführt, besteht gemäss Art. 37 Abs. 1 UVG (mit Ausnahme allfälliger
Bestattungskosten) kein Anspruch auf Versicherungsleistungen. Wollte sich die
versicherte Person nachweislich das Leben nehmen oder sich selbst verstümmeln,
findet Art. 37 Abs. 1 UVG dann keine Anwendung, wenn die versicherte Person zur Zeit
der Tat ohne Verschulden gänzlich unfähig war, vernunftgemäss zu handeln, oder
wenn die Selbsttötung, der Selbsttötungsversuch oder die Selbstverstümmelung die
eindeutige Folge eines versicherten Unfalles war (Art. 48 der Verordnung über die
Unfallversicherung [UVV; SR 832.202]).
2.
2.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob die Versicherte im
Zeitpunkt der am 2. Juni 2010 vorgenommenen Selbstverbrennung ohne Verschulden
gänzlich unfähig war, vernunftgemäss zu handeln. Ein versicherter Unfall als Ursache
für die Selbstverbrennung fällt ausser Betracht.
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2.2 Gemäss Art. 48 UVV gelten Selbsttötung, Selbsttötungsversuch oder
Selbstverstümmelung als Unfall, wenn bei der versicherten Person im Tatzeitpunkt die
Fähigkeit gänzlich aufgehoben war, vernunftgemäss zu handeln. Diese
Verordnungsbestimmung stellt eine Konkretisierung des Unfallbegriffes für die Belange
von Suizid, Suizidversuch und Selbstschädigung dar, indem die Unfreiwilligkeit dann
gegeben ist, wenn der Versicherte im Zustande vollständiger Urteilsunfähigkeit
gehandelt hat. Dabei ist auf die Urteilsfähigkeit nach Art. 16 des Schweizerischen
Zivilgesetzbuchs (ZGB; SR 210) abzustellen und diese in Bezug auf die in Frage
stehende konkrete Handlung und unter Würdigung der bei ihrer Vornahme
herrschenden objektiven und subjektiven Verhältnisse zu prüfen (BGE 120 V 352 S.
354, E. 4b; BGE 113 V 63, E. 2c, je mit Hinweisen). Massgeblich ist, ob im
entscheidenden Moment jenes Minimum an Besinnungsfähigkeit zur kritischen,
bewussten Steuerung der endothymen, d.h. vor allem der triebhaften innerseelischen,
Abläufe vorhanden war. Damit eine Leistungspflicht des Unfallversicherers entsteht,
muss die Tat mit anderen Worten mit überwiegender Wahrscheinlichkeit aufgrund einer
Geisteskrankheit oder einer schweren Störung des Bewusstseins, also
psychopathologischen Symptomen wie Wahn, Sinnestäuschungen, depressiver Stupor
(plötzlicher Erregungszustand mit Selbsttötungstendenz), Raptus (plötzlicher
Erregungszustand als Symptom einer seelischen Störung) u.a.m., erfolgen. Dazu muss
das Motiv seinen Ursprung in der geisteskranken Symptomatik haben; mit anderen
Worten muss die Tat "unsinnig" sein. Eine blosse "Unverhältnismässigkeit" der Tat,
indem der Handelnde seine Lage in depressiv-verzweifelter Stimmung einseitig und
voreilig einschätzt, genügt nicht zur Annahme einer Urteilsunfähigkeit. Für deren
Nachweis ist nicht bloss die zu beurteilende Suizid- bzw. Selbstschädigungshandlung
von Bedeutung und somit nicht allein entscheidend, ob diese als unvernünftig,
uneinfühlbar oder abwegig erscheint. Vielmehr ist aufgrund der gesamten Umstände,
wozu das Verhalten und die Lebenssituation der versicherten Person vor dem Ereignis
insgesamt gehören, zu beurteilen, ob sie in der Lage gewesen wäre, den Suizid resp.
die Selbstschädigung vernunftmässig zu vermeiden oder nicht. Ist die
Urteilsunfähigkeit lediglich mehr oder weniger vermindert, so ist die freie
Willensentscheidung nicht völlig ausgeschlossen, die Absicht also vorhanden, und der
Unfallbegriff nicht erfüllt (vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesgerichtes vom 17. April
2009, 8C_496/2008, E. 2.3, mit Hinweisen; Urteil des Eidgenössischen
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Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 6. Mai 2002, U 395/01, E. 1; Urteil des EVG vom 14. Februar
2002, U 276/01, E. 1b; BGE 113 V 63, E. 2c; vgl. auch A. Rumo-Jungo/A. Holzer,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. 2012, S. 196 f. zu Art. 37 UVG, mit
Hinweisen).
2.3 Die Frage danach, ob die versicherte Person ohne Verschulden gänzlich unfähig
war, vernunftgemäss zu handeln, ist eine Rechtsfrage. Es ist Aufgabe des Arztes bzw.
der Ärztin, aufzuzeigen, inwieweit dem Suizid oder der Selbstschädigung eine
Geisteskrankheit zugrunde liegt und somit vollständige Urteilsunfähigkeit vorliegt. Das
Gericht weicht nicht ohne zwingende Gründe von solchen Gutachten ab, ist aber
grundsätzlich nicht an die fachliche Beurteilung gebunden (vgl. A. Rumo-Jungo/A.
Holzer, a.a.O., S. 197 zu Art. 37 UVG).
2.4 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Die
Verwaltung als verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht haben von
sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts
zu sorgen. Dabei sind rechtserheblich alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt,
ob über den streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. Der
Untersuchungsgrundsatz schliesst eine Beweislast im Sinne einer Beweisführungslast
begriffsnotwendig aus. Wenn es sich jedoch als unmöglich erweist, im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die
Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen, greift die Beweisregel
Platz, dass die Parteien eine Beweislast insofern tragen, als im Fall der Beweislosigkeit
der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen
Sachverhalt Rechte ableiten wollte (BGE 117 V 264 E. 3b, 115 V 142 E. 8a).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin stützt sich in ihrem Einspracheentscheid vom 5.
Dezember 2012 insbesondere auf die psychiatrische Begutachtung von Dr. J._ vom
30. Dezember 2011 (UV-act. 109) sowie deren Stellungnahme vom 30. Mai 2012 (UV-
act. 117). Dr. J._ führt aus, es gebe Hinweise, dass die Beschwerdeführerin zu
Beginn ihrer selbstverletzenden Handlung (beim Übergiessen mit Benzin und
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Anzünden) am Abend des 2. Juni 2010 eine teilweise Dissoziation durchgemacht habe,
während der sie kurzzeitig ihre Gefühle nicht mehr wahrgenommen habe. Die nach der
ICD-10-Klassifikation erforderlichen diagnostischen Kriterien für eine eigenständige
dissoziative Störung seien im Fall der Beschwerdeführerin klar nicht erfüllt. Aufgrund
der Tatsache, dass sich die Beschwerdeführerin im Rahmen eines logischen,
zielgerichteten und beabsichtigten Handlungsablaufs nach entsprechender
Vorbereitung ohne Verzug angezündet habe, sei diagnostisch von einer akuten
Belastungsreaktion nach ICD-10: F43.0 auszugehen. Das Symptom der
vorübergehenden partiellen Dissoziation sei in Übereinstimmung mit den
diagnostischen Kriterien nach ICD-10 und DSM-IV als Teil dieser akuten
Belastungsreaktion anzusehen, wobei festzuhalten sei, dass die akute
Belastungsreaktion nicht einem psychotischen Zustand und auch keinem Raptus
entspreche. Es liege auch kein depressiver Stupor vor und es bestünden keinerlei
Hinweise für eine substanzinduzierte Bewusstseinstrübung. Aus psychiatrischer Sicht
wirke die just für den Zeitpunkt des Anzündens postulierte Annahme eines
vollständigen Kontrollverlusts und das Vorliegen einer schweren Bewusstseinsstörung
konstruiert. Die einseitige, alle vernünftigen Proportionen übersteigende Verzweiflung
als Motiv zu einer selbständigen Handlung entspreche keiner vollständigen Aufhebung
der Urteilsfähigkeit, sondern lediglich einer qualitativen Einengung des Bewusstseins
und einer teilweisen Einschränkung der Urteilsfähigkeit. Nach der Selbstverbrennung
habe die Beschwerdeführerin vorübergehend eine posttraumatische Belastungsstörung
sowie eine Veränderung ihrer Affektivität zum depressiven Pol entwickelt. Für die Zeit
vor der Tat seien anamnestisch keine depressiven Stimmungen berichtet worden;
gleichermassen verneinten die dokumentierten fremdanamnestischen Auskünfte
Depressivität vor der Tat.
3.2 Die Beschwerdeführerin macht ihrerseits geltend, zum Zeitpunkt der
Selbstanzündens gänzlich unfähig gewesen zu sein, vernunftgemäss zu handeln. Dabei
stützt sie sich auf die psychiatrische Stellungnahme von Dr. K._ vom 25. Februar
2012 (UV-act. 113). Darin bringt dieser im Wesentlichen vor, entscheidend sei, wie man
in psychopathologischer Hinsicht genau jenen Moment bewerte, in dem sich die
Beschwerdeführerin angezündet habe. Eine dissoziative Störung, wie die im
vorliegenden Fall im Zeitpunkt der Tat vorliegende, entspreche einer schweren
Bewusstseinsstörung. Die Feststellung einer Dissoziation im Zeitpunkt des
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Selbstanzündens lasse keinen anderen Schluss zu als denjenigen, dass genau dieser
Zustand mit einem Verlust jeder vernünftigen Handlungskontrolle einhergegangen sei,
also eine vernunftgemässe Kontrolle des Tuns vollkommen verunmöglicht habe.
3.3 Die psychiatrische Beurteilung von Dr. J._, wonach die Beschwerdegegnerin im
Zeitpunkt der Selbstschädigung in ihrer Urteilsunfähigkeit lediglich teilweise
eingeschränkt gewesen sei, stützt sich auf eine umfassende Würdigung der
medizinischen Akten sowie der psychiatrischen Exploration der Beschwerdeführerin.
Die erhobenen Befunde und diesbezüglichen Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar
und in sich stimmig. Im Gegensatz zu Dr. K._, welcher sich in seinen Stellungnahmen
auf den Moment des Selbstanzündens als Kern der Tathandlung fokussiert, beurteilt
Dr. J._ die vorgenommene Selbstschädigung rechtsprechungsgemäss unter
Einbezug der gesamten Umstände der Tat und damit insbesondere der
Lebenssituation sowie der Vorgeschichte der Beschwerdeführerin. Die auf einer
vollständigen Anamnese und dem nicht anzuzweifelnden Handlungsablauf beruhende,
die allgemeine psychische Verfassung der Beschwerdeführerin berücksichtigende
Beurteilung der Gutachterin vermag vorliegend zu überzeugen. Soweit Dr. K._
hinsichtlich der Selbstverbrennung von einer "unsinnigen Tat" spricht (vgl. UV-act.
113-5 f.), ist darauf hinzuweisen, dass die Handlung der Beschwerdeführerin nach ihrer
eigenen glaubhaften und konsistenten Darstellung darauf ausgerichtet war, die
Teilnahme an der am Folgetag stattfindenden Lehrabschlussprüfung zu verhindern.
Eine solch einschneidende Tat mag ohne Zweifel als unverhältnismässig erscheinen;
sie hat jedoch im Resultat den von der Beschwerdeführerin beabsichtigten Zweck
erfüllt und ist damit, wie von Dr. J._ ausgeführt (vgl. UV-act. 109-13), keineswegs
unsinnig. Vor diesem Hintergrund überzeugt die von Dr. J._ gestellte Diagnose der
vorübergehenden partiellen Dissoziation und die Annahme einer lediglich teilweisen
Einschränkung der Urteilsfähigkeit im Zeitpunkt der Selbstschädigung. Doch selbst
wenn davon auszugehen wäre, dass die Beurteilung Dr. J._s aufgrund der
Argumentation von Dr. K._ und insbesondere dessen Ausführungen zur
psychopathologischen Interpretation von Dissoziationen in Zweifel zu ziehen wäre, ist
der Nachweis, dass die Beschwerdeführerin gänzlich unfähig war, vernunftgemäss zu
handeln, weder durch die apodiktisch begründeten Schlussfolgerungen Dr. K._s
noch durch die handschriftlichen Notizen von Dr. M._ erbracht, zumal Letzterer
lediglich mit stichwortartigen Anmerkungen zum Ausdruck bringt, der Argumentation
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von Dr. K._ zuzustimmen, und solche nicht näher begründete Feststellungen der
Beweisanforderung der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nicht zu genügen
vermögen.
3.4 Auch den vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführer eingereichten
Austrittsberichten der Psychiatrischen Klinik N._ vom 17. Juli 2012 über die
stationäre Behandlung vom 3. bis 6. Juni 2012 sowie der O._ AG vom 15. August
und 10. September 2012 über den stationären Aufenthalt vom 31. Juli bis 5. September
2012 (act. G 12.1, 12.2, 12.3) sind keine Hinweise auf eine im Zeitpunkt der
Selbstverbrennung vorliegende vollständige Urteilsunfähigkeit zu entnehmen. Dass
bereits vor bzw. im Zeitpunkt der Verbrennungshandlung vom 2. Juni 2010 eine
bipolare affektive Störung vorgelegen hat, geht weder aus den eingereichten Berichten
noch aus den übrigen Unterlagen hervor. Eine solche bipolare affektive Störung,
teilweise mit manischen Episoden, wurde sodann erstmals im Juli 2012 diagnostiziert.
Eine Bezugnahme auf das Ereignis vom Juni 2010 findet sich in den Berichten einzig in
der Hinsicht, als die psychiatrische Vorgeschichte der Beschwerdeführerin eigen-
sowie fremdanamnestisch als bis zu diesem Datum bland beschrieben werde und sich
die seinerzeit vorliegende Intention der Selbstverbrennung nicht zweifelsfrei klären
lasse (vgl. diesbezüglich auch den Bericht des Spitals L._ vom 17. August 2012, bei
UV-act. 123). Schliesslich sind den Akten auch keine Anhaltspunkte für andere
psychische Auffälligkeiten für die Zeit vor der Selbstschädigungshandlung am 2. Juni
2010 zu entnehmen.
3.5 Insgesamt kann eine vollständige Urteilsunfähigkeit retrospektiv nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit als erstellt erachtet werden.
3.6 Von weiteren Erhebungen sind keine entscheidrelevanten neuen Erkenntnisse zu
erwarten, zumal den eingeholten Verlaufsberichten (act. G 12.1, 12.2 und 12.3) keine
nähere Auseinandersetzung mit der Verbrennungshandlung vom 2. Juni 2010 zu
entnehmen ist und sich die gegenwärtigen psychiatrischen Behandlungen
ausnahmslos auf die derzeitige Situation der Beschwerdeführerin zu beschränken
scheinen. Auf weitere Abklärungen kann damit verzichtet werden (antizipierte
Beweiswürdigung; BGE 136 I 236 E. 5.3; BGE 134 I 148 E. 5.3 und BGE 124 V 94 E.
4b).
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4.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass vorliegend nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt ist, dass die Beschwerdeführerin im
Zeitpunkt der Selbstverbrennung vom 2. Juni 2010 vollständig urteilsunfähig war.
Damit hat sie die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen und die Beschwerdegegnerin
hat ihre Leistungspflicht aus der obligatorischen Unfallversicherung zu Recht verneint.
5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 5. Dezember 2012 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine
zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39