Decision ID: 7ebbf4d0-4ec6-51b1-ba0e-37bcf87e08cb
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein in B._ (Provinz C._) im
Nordirak geborener Kurde, reichte am (...) in der Schweiz ein erstes Asyl-
gesuch ein. Zur Begründung machte er geltend, er sei in B._ auf-
gewachsen und habe dort, ohne jemals eine Schule besucht zu haben,
zunächst als (Nennung Tätigkeit) gearbeitet. Im Jahr (...) sei sein Chef, als
er (Nennung Arbeit) mitgeholfen habe, bedroht worden, seine Tätigkeit für
(Nennung Anhänger einer Religionsgemeinschaft) einzustellen. Kurz da-
rauf sei der Chef von Männern mit langen Bärten mitgenommen worden.
Er selber sei gestossen worden und vom Baugerüst hinuntergefallen. Da-
bei habe er sich schwer verletzt und sei ein (Nennung Dauer) arbeitsunfä-
hig gewesen. In dieser Zeit habe man seinen Chef freigelassen, diesem
jedoch mit dem Tod gedroht, sollte er weiter für (Nennung Anhänger einer
Religionsgemeinschaft) arbeiten. Er (Beschwerdeführer) habe nach seiner
Genesung wieder als (Nennung Tätigkeit) gearbeitet. Im (Nennung Zeit-
punkt) habe er eine schriftliche Drohung zur Weiterleitung an seinen Chef
erhalten. Noch am selben respektive am nächsten Tag seien – während
der Ausführung von Renovationsarbeiten an einem Haus eines (Nennung
Anhänger einer Religionsgemeinschaft) – (...) Männer aufgetaucht und hät-
ten ihn sowie den Chef mitgenommen und in ein Haus geführt. Dort sei er
aufgefordert worden, einen hohen Geldbetrag zu bezahlen, ansonsten er
umgebracht werde. Er habe in einem unbewachten Moment die Flucht er-
greifen können und sei schliesslich aus seiner Heimat ausgereist.
A.b Mit Verfügung vom 27. Januar 2012 lehnte das SEM das Asylgesuch
ab, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an und erklärte den Weg-
weisungsvollzug als zulässig, zumutbar und möglich. Das SEM führte zur
Begründung aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers genügten den
Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht. Die Aussagen im Zusammen-
hang mit dem im (...) erhaltenen Schreiben würden sich als widersprüchlich
erweisen und die Schilderungen der Entführung und Flucht seien stereotyp
sowie oberflächlich. Ferner sei der Vollzug der Wegweisung als zulässig,
zumutbar und möglich zu erachten.
A.c Die gegen diese Verfügung am 15. Februar 2012 erhobene Be-
schwerde wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-867/2012
vom 21. März 2012 abgewiesen. Zur Begründung hielt das Gericht im We-
sentlichen fest, das SEM habe in der angefochtenen Verfügung mit zutref-
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fender Begründung dargelegt, weshalb die geltend gemachten Verfol-
gungsvorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht genüg-
ten. Hinsichtlich des mit der Rechtsmitteleingabe eingereichten Haftbefehls
falle zunächst das Fehlen eines Zustellcouverts für den Haftbefehl auf, was
dessen Beweiswert mindere, zumal das Dokument per Brief aus
D._ an den Beschwerdeführer in der Schweiz gesandt worden sei.
Weiter stehe das im Haftbefehl genannte Entführungsdatum in Wider-
spruch zu den vom Beschwerdeführer anlässlich der Anhörungen genann-
ten Daten. Sodann habe der Beschwerdeführer die dargelegte Verfolgung
sowohl im erstinstanzlichen Verfahren als auch auf Beschwerdeebene
stets mit seiner Tätigkeit bei einem Arbeitgeber begründet, welcher Arbei-
ten für (Nennung Religionsgemeinschaft) Auftraggeber ausgeführt habe.
Es sei deshalb nicht nachvollziehbar, dass er nunmehr einen Haftbefehl
einreiche, demzufolge er von den Familienangehörigen seines Arbeitge-
bers angeklagt werde. Noch weniger nachvollziehbar sei der darin nicht
genannte Grund für den Erlass des Dokuments. Zudem sei der Haftbefehl
erst (...) Jahre nach der angeblichen Entführung des Arbeitgebers ausge-
stellt worden. Unter diesen Umständen komme dem Haftbefehl keinerlei
Beweiswert zu. Schliesslich sei auch die Wegweisung und deren Vollzug
zu Recht angeordnet worden.
B.
Mit Verfügung vom 23. Mai 2012 trat die Vorinstanz auf ein erstes Wieder-
erwägungsgesuch des Beschwerdeführers vom 18. April 2012 nicht ein.
Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.
Ein zweites Wiedererwägungsgesuch vom 17. Juli 2015 wies das SEM mit
Verfügung vom 11. April 2016 ab, erklärte die Verfügung vom 27. Januar
2012 als rechtskräftig und vollstreckbar und erhob eine Gebühr in der Höhe
von CHF 600.–. Diese Verfügung erwuchs ebenfalls unangefochten in
Rechtskraft.
D.
D.a Am 7. März 2018 stellte der Beschwerdeführer in Kreuzlingen ein
neues Asylgesuch. Am 19. März 2018 fand die Befragung zur Person (BzP)
statt.
D.b Am 31. Oktober 2018 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, dass
das Dublin-Verfahren beendet worden sei und das nationale Asyl- und
Wegweisungsverfahren durchgeführt werde.
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D.c Am 17. Oktober 2019 wurde der Beschwerdeführer vom SEM zu sei-
nen Asylgründen angehört.
D.d Zur Begründung seines neuerlichen Gesuchs gab er dabei im Wesent-
lichen an, er habe am (...) die Schweiz verlassen und sei nach E._
gereist, weil er seine sich dort aufhaltenden Eltern habe besuchen und
ihnen helfen wollen. Er habe sie jedoch nicht gefunden. Anlässlich einer
Kontrolle in E._ am (...) habe er keinen Pass vorweisen können und
sei in der Folge bis am (...) inhaftiert und dabei wiederholt geschlagen wor-
den. Da nichts gegen ihn vorgelegen habe, habe man ihn wieder gehen
lassen, worauf er am (...) in die Schweiz zurückgereist sei. Er sei im (...)
aus seinem Heimatstaat ausgereist und lebe seit nunmehr (...) Jahren in
der Schweiz. Er habe sich dem hiesigen System angepasst, weshalb er in
der Schweiz bleiben wolle. In seiner Heimat gebe es keinen Strom, kein
Wasser und es herrsche Krieg.
E.
Mit Verfügung vom 8. Januar 2020 stellte das SEM fest, der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte sein Asylgesuch
ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung des Beschwerdeführers aus
der Schweiz sowie den Vollzug an.
F.
Mit Eingabe vom 11. Februar 2020 erhob der Beschwerdeführer dagegen
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, die ange-
fochtene Verfügung sei aufzuheben und ihm sei die vorläufige Aufnahme
zu gewähren, eventualiter sei die Sache an das SEM zu neuem Entscheid
zurückzuweisen und seine Ausreisepflicht sei zu sistieren. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung zu gewähren, das zuständige Migrationsamt sei anzuwei-
sen, allfällige Vollzugshandlungen zu sistieren und es sei das Asylverfah-
ren wieder zu eröffnen und ihm ein neuer N-Ausweis auszustellen. Sodann
sei ihm die unentgeltliche Prozessführung samt Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und die amtliche Rechtsverbeiständung unter
Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters zu gewähren.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Februar 2020 wies die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und un-
entgeltlichen Rechtsverbeiständung ab und forderte den Beschwerdefüh-
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rer auf, bis zum 6. März 2020 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leis-
ten. Zudem stellte sie fest, der Beschwerde komme von Gesetzes wegen
die aufschiebende Wirkung zu und die Vorinstanz habe diese nicht entzo-
gen.
H.
Der Kostenvorschuss wurde am 26. Februar 2020 bezahlt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015)
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist
einzutreten.
1.4 Auf den Antrag, es sei dem Beschwerdeführer ein neuer N-Ausweis
auszustellen, ist mangels Zuständigkeit nicht einzutreten.
1.5 Angesichts des am (...) (neuerlich) in Gang gesetzten Asylverfahrens
erweist sich der Antrag auf Wiedereröffnung des Asylverfahrens als hinfäl-
lig.
2.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den Vollzug der Weg-
weisung. Die Ziffern 1 (Verneinung der Flüchtlingseigenschaft), 2 (Ableh-
nung des Asylgesuchs) und 3 (Wegweisung aus der Schweiz) des Dispo-
sitivs der Verfügung vom 8. Januar 2020 sind mangels Anfechtung in
Rechtskraft erwachsen. Prozessgegenstand bildet damit einzig die Frage
nach der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
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3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügt sinngemäss, das SEM habe den Sachver-
halt unrichtig und unvollständig abgeklärt und die Begründungspflicht ver-
letzt. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen.
4.2 Das SEM hat einerseits die Pflicht, den rechtserheblichen Sachverhalt
richtig und vollständig abzuklären (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG) und
hierzu alle für das Verfahren rechtlich relevanten Umstände abzuklären so-
wie ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei hat es alle sach-
und entscheidwesentlichen Tatsachen und Ereignisse in den Akten festzu-
halten (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Andererseits ergibt sich aus dem
Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 20 Abs. 2 BV) das Recht der Parteien
auf vorgängige Äusserung und Anhörung, welches den Betroffenen Ein-
fluss auf die Ermittlung des wesentlichen Sachverhalts sichert, sowie die
Pflicht der Behörde, die Vorbringen sorgfältig und ernsthaft zu prüfen sowie
in der Entscheidfindung zu berücksichtigen. Unerlässliches Gegenstück
dazu bildet die Pflicht der Parteien, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken (Art. 8 AsylG).
4.3 Konkret bemängelt der Beschwerdeführer die Ausführungen des SEM
zum Wegweisungsvollzug (Kapitel III Ziff.2 des angefochtenen Ent-
scheids). Diese seien zu einseitig ausgefallen und nicht aktuell. Die Vor-
instanz sei deshalb zu verpflichten, die Zumutbarkeit einer Ausschaffung
detaillierter auszuarbeiten, zu begründen und einen neuen Entscheid zu
verfügen.
4.4 Es ergeben sich nach Prüfung der Akten keine hinreichenden Anhalts-
punkte, welche den Schluss zulassen würden, das SEM habe den Sach-
verhalt unrichtig oder unvollständig abgeklärt. Die Vorinstanz hat bei der
Prüfung des Wegweisungsvollzugs zunächst die völkerrechtlichen Weg-
weisungsvollzugshindernisse berücksichtigt, sich danach zur Zumutbarkeit
des Vollzugs geäussert und sich dabei – in Ermangelung von Beweismit-
teln – insbesondere an den vom Beschwerdeführer angeführten Äusserun-
gen zum allfälligen Bestand eines sozialen oder familiären Beziehungsnet-
zes orientiert. Dabei wurden ihm sowohl anlässlich der BzP als auch der
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Anhörung zum noch vorhandenen Beziehungsnetz in seiner Heimat di-
verse Fragen gestellt (vgl. act. D8/15, S. 7; D28/11, S. 4, F15 ff.). Schliess-
lich erachtete es den Vollzug der Wegweisung auch als möglich. Der Um-
stand, dass es nach einer gesamtheitlichen Würdigung der Parteivorbrin-
gen respektive der aktuellen Situation im Irak zu einem anderen Schluss
als der Beschwerdeführer gelangte, stellt keine unrichtige oder unvollstän-
dige Feststellung des Sachverhalts oder des rechtlichen Gehörs dar. Unter
diesen Umständen ist das Vorbringen, die Ausführungen des SEM seien
zu einseitig ausgefallen und nicht aktuell, als nicht stichhaltig zu erachten.
Im Übrigen ist auch keine Verletzung der Begründungspflicht zu erkennen,
weil es dem Beschwerdeführer möglich war, sich ein Bild über die Trag-
weite des vorinstanzlichen Entscheides zu machen und diesen – wie die
vorliegende Beschwerde zeigt – sachgerecht anzufechten (BGE 129 I 232
E. 3.2).
4.5 Die Rüge der Verletzung formellen Rechts erweist sich als unbegrün-
det. Der Eventualantrag auf Rückweisung der Sache an das SEM ist dem-
zufolge abzuweisen.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.
6.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung des angeordneten Wegwei-
sungsvollzugs aus, da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle, könne der Grundsatz der Nichtrückschiebung nicht angewen-
det werden. Auch würden keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass ihm
eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Ein
Wegweisungsvollzug sei daher als zulässig zu erachten.
Der Beschwerdeführer stamme aus einer der vier von der kurdischen Re-
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gionalregierung (KRG) kontrollierten nordirakischen Provinzen Dohuk, Er-
bil, Halabdscha und Sulaimaniyya. Die Konfliktlage im Irak zeichne sich
durch eine grosse Volatilität und Dynamik aus. Jedoch sei die aktuelle Si-
cherheits- und Versorgungslage in der KRG nicht derart gravierend, dass
für die einheimische kurdische Bevölkerung generell von einer konkreten
Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG gesprochen werden könne. In
der KRG herrsche insgesamt keine Situation allgemeiner Gewalt. Der
Wegweisungsvollzug sei aufgrund der Sicherheits- und Menschenrechts-
lage in der KRG grundsätzlich zumutbar. Zudem würden auch keine indivi-
duellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs spre-
chen. Der Beschwerdeführer sei gesund, habe aber (Nennung Probleme).
Bis anhin habe er deswegen in der Schweiz keinen Arzt aufgesucht, wes-
halb diese Beschwerden nicht als derart akut zu betrachten seien, dass sie
der Zumutbarkeit der Wegweisung entgegenstehen könnten. Zudem habe
er bis ins Jahr (...) in der autonomen Region Kurdistan gelebt und dort auch
gearbeitet, weshalb er über Arbeitserfahrung in seiner Heimat verfüge. Des
Weiteren seien die von ihm gemachten Angaben zu seinem sozialen Be-
ziehungsnetz in der Heimat zu bezweifeln. In der BzP im Jahr (...) habe er
nämlich angegeben, (Nennung Verwandte) in B._ zu haben, woge-
gen er in der Anhörung vom 17. Oktober 2019 angeführt habe, im Irak über
keine Verwandten mehr zu verfügen. Seine (Nennung Verwandte) würden
in der D._ leben, sein (Nennung Verwandter) sei verstorben und
(Nennung Verwandter) und dessen Frau seien nach F._ gegangen.
Weitere (Nennung Verwandter) habe er nicht. Auf die Nachfrage, weshalb
er nur noch einen (Nennung Verwandter) habe, habe er keine konkreten
Antworten zu geben vermocht. Es sei daher davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer im Irak noch über Verwandte – mindestens (Nennung
Verwandte) – verfüge, die ihn im Falle einer Rückkehr bei der Wiederein-
gliederung unterstützen könnten. Aus diesen Gründen sei der Wegwei-
sungsvollzug auch in individueller Hinsicht als zumutbar zu erachten. Aus-
serdem sei der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und praktisch
durchführbar.
6.2 Demgegenüber wendete der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmittel-
eingabe ein, eine Wegweisung in seine Heimat sei nach einem (...) Jahre
andauernden Aufenthalt in der Schweiz als unzumutbar zu erachten. Der
Norden Iraks sei eine Region allgemeiner Gewalt. Diese Einschätzung
werde durch den ins Recht gelegten Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung
(NZZ) vom 10. Februar 2020 untermauert. Zudem laufe er Gefahr, bei einer
Ausschaffung in den Norden Iraks von den kurdischen Streitkräften
zwangsrekrutiert zu werden. Diese Möglichkeit sei für ihn, der zwar gesund
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aber militärisch nicht ausgebildet sei, unzumutbar. Hinzu komme, dass
nicht auszuschliessen sei, dass das türkische Militär dereinst in den Nor-
den Iraks einmarschiere.
7.
7.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder
unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen
werden.
7.2 Infolge der auf den Vollzugspunkt beschränkten Anfechtung ist die
Feststellung, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfüllt, in Rechtskraft erwachsen. Das Non-Refoulement-Prinzip im Sinne
der vorgenannten flüchtlingsrechtlichen Bestimmungen ist daher nicht tan-
giert.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des aus der Provinz
C._ stammenden Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhalts-
punkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in die KRG-Region
dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1
FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis
des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener
des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine kon-
krete Gefahr („real risk“) nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im
Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse
Kammer 37201/06, §§ 124-127 m.w.H.). Nachdem es dem Beschwerde-
führer nicht gelungen ist, eine Verfolgung durch die kurdischen Behörden
nachzuweisen oder auch nur glaubhaft zu machen und eine solche kon-
krete Gefahr auch nicht für den Fall einer – erstmals auf Beschwerdeebene
geltend gemachten – hypothetischen Zwangsrekrutierung zu erkennen ist,
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ist diese Voraussetzung nicht erfüllt. Auch die allgemeine Menschenrechts-
situation im Gebiet der KRG lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen
Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen (vgl. den als Referenzurteil publi-
zierten Entscheid des BVGer E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 E. 6.3
m.H.a. Urteil E-847/2014 vom 13. April 2015; vgl. auch Urteil E-6504/2018
vom 11. Dezember 2018 E. 7.2.2). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der
Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
7.3.1 In seinem Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015
(E. 7.4) bestätigte das Bundesverwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5
publizierte Praxis zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in
die kurdischen Provinzen im Nordirak. Es hielt dabei Folgendes fest: In den
vier Provinzen des „Kurdistan Regional Government (KRG) – das betref-
fende Gebiet wird seit Anfang 2015 durch die Provinzen Dohuk, Erbil, Su-
leimaniya sowie der von Letzterer abgespalteten Provinz Halabja gebildet
– sei nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG auszugehen, und es lägen auch keine konkreten Anhaltspunkte
dafür vor, dass sich dies in absehbarer Zeit massgeblich ändern würde.
Diese Einschätzung hat nach wie vor Gültigkeit. Die langjährige Praxis im
Sinne von BVGE 2008/5 für aus dem KRG-Gebiet stammende Kurdinnen
und Kurden bleibt somit weiterhin anwendbar. Besonderes Gewicht ist dem
Vorliegen begünstigender individueller Faktoren beizumessen (vgl. u.a. Ur-
teile des BVGer E-2855/2018 vom 14. Januar 2019 E. 5.6.1; D-1779/2016
vom 6. Dezember 2018 E. 7.3.2; E-2036/2016 vom 21. November 2018
E. 6.3.1). Die Anordnung des Wegweisungsvollzugs setzt insbesondere
voraus, dass die betreffende Person ursprünglich aus der Region stammt
oder längere Zeit dort gelebt hat und dort über ein soziales Beziehungsnetz
(Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu
den herrschenden Parteien verfügt. Andernfalls dürfte eine soziale und
wirtschaftliche Integration in die kurdische Gesellschaft nicht gelingen, da
der Erhalt einer Arbeitsstelle oder von Wohnraum weitgehend von gesell-
schaftlichen und politischen Beziehungen abhängt (vgl. BVGE 2008/5
E. 7.5; ausführlich zudem das Urteil des BVGer E-6430/2016 vom 31. Ja-
nuar 2018 E. 6.4.1 ff., m.w.H.).
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-3737/2015 http://links.weblaw.ch/BVGer-E-847/2014
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7.3.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich – soweit aktenkundig – um
einen (...)-jährigen, alleinstehenden und – abgesehen von (Nennung Prob-
leme), die aber bislang keinen Arztbesuch zur Folge hatten – auch den
eigenen Angaben nach (vgl. Beschwerdeschrift S. 4 Mitte) gesunden kur-
dischen Mann, der aus dem Dorf G._ in der unmittelbaren Nähe der
Stadt B._, Provinz C._, in der KRG stammt, wo er gemäss
seinen Aussagen bis zu seiner Ausreise ständig gelebt hat. Es ist demnach
nicht ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführer im Falle des Wegwei-
sungsvollzugs in die Provinz C._ aus individuellen Gründen wirt-
schaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedro-
hende Situation geraten könnte. Zwar erklärte er in der Anhörung, er habe
keine Verwandten mehr in seiner Heimat respektive sein einziger (Nen-
nung Verwandter) lebe mittlerweile im F._ (vgl. act. D28/11, S. 4 f.).
Indessen stehen diese Angaben im Widerspruch zu seinen Äusserungen
im ersten Asylverfahren (vgl. act. A1/11, F 15 ff.), wo er ausführte, insge-
samt fünf (Nennung Verwandte) zu haben. Es ist unter diesen Umständen
von einem weiterhin bestehenden sozialen Beziehungsnetz auszugehen,
zumal er diese gegensätzlichen Ausführungen auch nicht plausibel zu er-
klären vermochte und die Beschwerdeschrift zu diesem Punkt keine Ent-
gegnungen enthält. Sodann verfügt der Beschwerdeführer über (Nennung
Berufserfahrungen) (vgl. act. D8/15, S. 5). An dieser Schlussfolgerung ver-
mag weder das – für den Fall einer hypothetischen Zwangsrekrutierung –
vorgebrachte Fehlen einer militärischen Ausbildung noch der Hinweis in
der Rechtsmitteleingabe auf einen Beitrag in der NZZ vom 10. Februar
2020, worin der betreffende Autor die Überzeugung äussert, dass der so-
genannte Islamische Staat (IS) im Irak wieder erstarken werde, und auf die
– den schweizerischen Asylbehörden bekannte – schwierige Lage im Nor-
den Iraks hinweist, etwas zu ändern.
7.3.3 Bezüglich der vom Beschwerdeführer geäusserten Integrationsbe-
mühungen in der Schweiz und seinem Wunsch, hierzulande zu arbeiten
und ein normales Leben zu führen, ist darauf hinzuweisen, dass eine weit
fortgeschrittene Integration nach Gesetz und Praxis höchstens indirekt bei
der Beurteilung der Zumutbarkeit des Vollzugs eine Rolle spielen kann,
nämlich wenn die Assimilierung der betreffenden Person in der Schweiz
derart stark ist, dass diese eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge
haben kann (vgl. zu dieser vorab für Kinder und Jugendliche entwickelten
Praxis insbes. BVGE 2009/28 E. 9.3 und 2009/51 E. 5.6 m.w.H.). Aus den
Akten ergeben sich jedoch keine Hinweise für das Vorliegen einer derarti-
gen Situation des im Erwachsenenalters aus dem Heimatstaat ausgereis-
ten Beschwerdeführers. Im Übrigen steht es dem Beschwerdeführer offen,
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sich betreffend eine Härtefallregelung an die kantonale Behörde zu wen-
den.
7.3.4 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich insgesamt als zumutbar.
7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und praxisgemäss auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der am 26. Februar 2020 in der gleichen Höhe
geleistete Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu ver-
wenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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