Decision ID: eeb3258c-962e-4eca-9353-28a8a79bc567
Year: 2018
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Am 10. Oktober 2012 erhob die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach folgen-
de Anklage gegen den Beschuldigten:
"I. Zur Last gelegte strafbare Handlungen (Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO)
1. Ausnützung einer Notlage (Art. 193 Abs. 1 StGB) zum Nachteil von A., geb. [...], begangen in der Zeit vom 1. November 2008 bis zum 15. März 2009 in Q.
Der Beschuldigte hat unter Ausnützung eines  eine Person veranlasst, sexuelle Handlungen vorzunehmen und zu dulden, in dem er Folgendes getan hat:
F. hat als selbsternannter Zen-Meditationslehrer und "spiritueller " das von A. entgegengebrachte Vertrauen und ihren blinden  in seine Lehre, seine Autorität und seine Macht sukzessive zu einem intensiven persönlichen Vertrauensverhältnis ausgebaut,  in einer regelrechten Hörigkeit gipfelte. Dieses Verhältnis ging so weit, dass A. ihren "Meister" in jeder erdenklichen Lebenslage um seine Meinung fragte und ihre Entscheidungen ausschliesslich danach  (Act. 391 f./ 410). Durch die ständigen Ermahnungen von F., sie  ihre Erleuchtung niemals ohne seine Hilfe erreichen können und müsse gar "unzählige weitere Leben leiden" (Act. 253 / 394) geriet sie letztlich in seine Abhängigkeit.
Unter Ausnützung dieser Abhängigkeit hat F. A., welche sich zu diesem Zeitpunkt aufgrund einer von F. angeordneten Trennung (Act. 390)  in einem emotionalen Tief und damit in einer psychisch labilen Verfassung befand, zu seiner "Auserwählten" erkoren und in der Folge im Zeitraum zwischen dem 1. November 2008 und dem 15. März 2009 wiederholt sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen bzw. solche durch sie an sich vornehmen lassen. Aus "pure[r] Angst vor der Hölle" folgte sie seinen Anweisungen und wehrte sich nicht gegen die  (Act. 440 / 394).
Konkret hat er anlässlich einer ersten Übernachtung an seinem  in Q., [...]-Strasse, mitte November, mutmasslich am Freitag, 14. November 2008, der Zivilklägerin sowohl am Geschlechtsteil als
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auch an den Brüsten herumgerissen. In den folgenden beiden Nächten verlangte er von ihr dann die orale Befriedigung. Die von Ängsten  und dem Beschuldigten hörige Zivilklägerin duldete die  Übergriffe und nahm auch die verlangte orale Befriedigung vor, obschon sie grundsätzlich auch hätte fliehen können und sich bei einer Drittperson auch entschieden dagegen gewehrt hätte. Der  indes war sich der labilen psychischen Verfassung der Privatklägerin und seiner eigenen Rolle als ihr "spiritueller Meister" sehr wohl . Nach der gleichgelagerten Verurteilung durch das Amtsgericht Solothurn-Lebern rund zwei Jahre davor und dem im Tatzeitpunkt in selber Sache sogar noch hängigen Verfahren vor dem Solothurner Obergericht musste dem Beschuldigten darüber hinaus auch völlig klar sein, dass ein solches Verhalten strafrechtlich relevant ist.
Nach dem genannten Wochenende Mitte November verlangte der Beschuldigte während rund 4 Monaten, d.h. bis Mitte März 2009 weitere insgesamt etwa zehn Mal die orale Befriedigung durch die . Sämtliche Übergriffe fanden im Zimmer des Beschuldigten an der [...]-Strasse in Q. statt, wobei sich das Muster stets wiederholte (Act. 426). Ebenso riss der Beschuldigte der Zivilklägerin wiederholt am Geschlechtsteil und an den Brüsten und verlangte von ihr, dass sie ihm sagte, wie sehr sie seinen Penis brauche.
Der Beschuldigte bestreitet vollumfänglich, jemals mit der Zivilklägerin sexuellen Kontakt in irgendeiner Form gehabt zu haben.
2. Ausnützung einer Notlage (Art. 193 Abs. 1 StGB) zum Nachteil von
B., geb. [...], begangen in der Zeit vom 1. Januar 2007 bis zum 13. April 2008 in Q.
Der Beschuldigte hat unter Ausnützung eines  eine Person veranlasst, sexuelle Handlungen vorzunehmen und zu dulden, in dem er Folgendes getan hat:
F. hat als selbsternannter Zen-Meditationslehrer und "spiritueller " während rund 9 Jahren ein Vertrauensverhältnis zu seiner "" B. aufgebaut. Ende 2006 eröffnete er ihr dann, dass er sie zu seiner "geistigen Frau" haben wolle und stellte ihr "die Erleuchtung" in . B. fühlte sich durch diese Auswahl geehrt und geschmeichelt. Am 1. Januar 2007 kam es auf Initiative von F. zu einem ersten Treffen auf dem Parkplatz des Mc Donald's Restaurants in Lenzburg. Anlässlich dieses Treffens kam es zu Küssen sowie zum gegenseitigen Massieren von Brust und Geschlechtsteilen, jedoch noch über den Kleidern (Act. 633). Im Anschluss daran kam es bis zum 13. April 2008 zu  Treffen zwischen F. und B.. Die Treffen fanden sowohl am Wohnort von F. in Q., [...]-Strasse (ca. 50-mal), als auch am Wohnort von B. in R., [...]-Strasse (ca. 10-mal) sowie auf öffentlichen Parkplätzen im Raum Q. (ca. 5 mal) statt. B., die sich von F. die Erleuchtung erhoffte und bei Ablehnung des "Meisters" unter anderem sogar den Tod , wehrte sich nicht dagegen (Act. 639 f.). Sie war F. zwischenzeitlich vollständig hörig und traute sich nicht mehr, Handlungen ohne seinen Rat vorzunehmen (Art. 637).
Die Übergriffe spielten sich stets nach einem ähnlichen Muster ab. So musste die Privatklägerin den Beschuldigten stets oral bis zur  befriedigen und das Ejakulat vollständig schlucken. Ein eigentlicher Geschlechtsverkehr fand nie statt. Der Beschuldigte führte jedoch  seine Finger in die Scheide der Privatklägerin ein und riss
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daran; dasselbe tat er auch mit ihren Brüsten. Im Weiteren verlangte er stets, dass sie ihm sagen musste, wie sehr sie seinen Penis brauchte. Weigerte sich die Privatklägerin, zog er sie an den Haaren zu seinem Penis und forderte sie auf, ihn zu "waschen" (Act. 632). Der  hielt dieses Verhältnis unter anderem auch durch Aussagen, die bei der Privatklägerin Angst und Verunsicherung auslösten (z.B. die Drohung einer "karmischen Verfolgung", Act. 635, oder der Zerstörung der Energiezentren mit Todesfolge, Act. 639), bis im April 2008 . Im April 2008 verbot der Beschuldigte der Privatklägerin dann jede weitere Teilnahme an seinen Veranstaltungen mit der , sie würde ihn bzw. Drittpersonen "geistig angreifen" (Act. 641/636).
In Anbetracht der Tatsache, dass die sexuellen Handlungen mit einer seiner "Schülerinnen" nur gerade 2 Monate nach seiner Verurteilung durch das Amtsgericht Solothurn-Lebern erfolgt sind, ist erstellt, dass sich der Beschuldigte der Grundproblematik bewusst gewesen sein musste. Aufgrund seines Verhaltens und seiner Wortwahl (z.B. dem Umstand, dass sein Samen nicht "verschwendet" werden durfte (Act. 632 / 670), musste ihm zudem auch klar sein, dass sich B. nur aufgrund des Meister-Schüler-Verhältnisses mit ihm einliess bzw. sich nicht zur Wehr setzte.
Abgesehen von den sexuellen Handlungen auf Parkplätzen bestreitet der Beschuldigte die sexuellen Kontakte mit B. nicht. Er behauptet  eine grundsätzlich normale Liebesbeziehung mit einer " Sexualität" (Act. 648).
II. Anträge
1. Der Beschuldigte sei im Sinne der Anklage schuldig zu sprechen.
2. Er sei zu verurteilen zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
III. Untersuchungskosten
Die Untersuchungskosten belaufen sich auf CHF 8'457.40."
1.2.
Mit Schreiben vom 19. November 2012 teilte die Staatsanwaltschaft Brugg-
Zurzach dem Bezirksgericht Zurzach mit, gegen den Beschuldigten sei eine
weitere Untersuchung eröffnet und der Beschuldigte am 14. November
2012 vorläufig festgenommen worden. Gleichzeitig ersuchte sie um eine
Sistierung des vorliegenden Verfahrens. Mit Verfügung vom 21. November
2012 wurde das Verfahren sistiert.
1.3.
Mit Schreiben vom 5. Februar 2013 ersuchte die Anklägerin um eine Rück-
überweisung des Verfahrens. Am 25. Juni 2013 wurde der Antrag um Rück-
überweisung an den amtlichen Verteidiger des Beschuldigten sowie die
Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerschaft 1 und 2 zur allfälligen Stel-
lungnahme zugestellt. Die Vertreterin der Zivil- und Strafklägerschaft 1 und
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2 teilte mit Schreiben vom 27. Juni 2013 mit, sie unterstütze den Antrag um
Rücküberweisung vollumfänglich. Der Beschuldigte beantragte mit Einga-
be vom 4. Juli 2013, das Gesuch der Anklägerin um Rücküberweisung des
Verfahrens sei abzuweisen. Mit Zwischenentscheid vom 6. November 2013
hat das Bezirksgericht Zurzach das Gesuch um Rücküberweisung abge-
wiesen.
1.4.
Daraufhin reichte die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach am 6. März 2015
folgende Zusatzanklage ein:
" I. Zur Last gelegte strafbare Handlungen
1. Ausgangslage
Die nachfolgend im Einzelnen aufgeführten strafbaren Handlungen  allesamt im Kontext der Meditationsschule des Beschuldigten F. stattgefunden und sind dementsprechend in diesem Milieu zu begreifen.
Die G., wie die Meditationsschule sowohl vom Beschuldigten wie auch von den "Schülern" genannt wurde, wies im Deliktszeitraum eine Vielzahl von Merkmalen auf, welche die Fachstelle Infosekta (eine konfessionell und politisch unabhängige  von Stadt und Kanton Zürich) als Hinweis auf eine Sekte : So wurde die "Schule" in der Person des Beschuldigten durch einen autoritären Anführer geleitet, welcher sich selbst als den höchsterleuchteten Mann auf Erden bezeichnete und von seinen "Schülern" auch als solchen wahrgenommen wurde. Er bestimmte die Regeln zur Lebensführung, definierte was gut oder schlecht, wahr oder falsch, "Licht" oder "Dunkelheit" war. Die "Schüler" hatten ihn mit "Meister [...]" anzusprechen und ihm bei der Begrüssung Respekt zu zollen. Er war für sämtliche Fragen zuständig und kompetent und , zusammen mit dem "Allumfassenden", über das Schicksal des Einzelnen und der Gemeinschaft. Zugleich wurde die "Schule" gegen aussen in aller Deutlichkeit abgegrenzt. Der Beschuldigte  die Welt ausserhalb der Meditationsschule als "Dunkelheit", welche dem Licht der "Schule" und deren Mitglieder gefährlich werden konnte. Die "Schule" selbst bezeichnete er als die "höchste Schule auf Erden", deren "Schüler" als Elite. Vor diesem Hintergrund drängte er seine "Schüler" regelmässig zur Trennung von Partnern, die nicht in seiner "Schule" aktiv waren. Ebenso war er darauf bedacht, dass die "Schüler" sowohl untereinander als auch mit Drittpersonen nicht über die "Schule" und deren Mitglieder sprachen.
Kritik wertete der Beschuldigte als "Dunkelheit", als Gefahr für das "Licht", als "Angriff von dunkeln Mächten" auf ihn, den  Mann auf Erden. Bei Fragen oder Widerstand reagierte er mit Tadel, verbaler Erniedrigung und Blossstellung vor der versammelten "Schule" und ging bei einzelnen Personen so weit, die (orale) sexuelle Befriedigung des Meisters und das Schlucken seines "heiligen " als einzige Lösung zur Befreiung von der "Dunkelheit" zu .
Den eigenen Willen und Verstand sollten die "Schüler" hinter sich lassen und stattdessen durch exzessives Meditieren dem Rat des Buddhas bzw. des Allumfassenden folgen. Durch das ständige und
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gezielte Ermahnen, den Willen des Buddhas richtig zu erkennen,  er bei den "Schülern" ein Klima des schlechten Gewissens, welches bei einzelnen "Schülern" bis hin zu massiven  reichte. Da er zugleich als "höchsterleuchteter Mann" den Willen des Buddhas zu kennen vorgab, war es ihm problemlos möglich,  "Schüler" auszunutzen und zu manipulieren. Er kontrollierte in  Rolle sämtliche Lebensbereiche dieser "Schüler" und erreichte, dass sie ihn letztlich bei den banalsten Fragen wie beispielsweise dem Kauf von Schuhen um Rat ersuchten und er so auf ihren Willen Einfluss nahm.
Als Lohn für ihre Bemühungen winkte den "Schülern" die Erlösung, welche der Beschuldigte in der Form der "Erleuchtung" propagierte, aber auch individuelle Hilfe in allen möglichen Lebensfragen, je nach den Bedürfnissen des Einzelnen.
Die "Schüler" der G., insbesondere die "Schülerinnen", welche später zu Opfern des Beschuldigten wurden, zeichneten sich ihrerseits  durch spezielle Eigenheiten aus. So wiesen alle, namentlich die Privatklägerinnen, ein weit über dem Durchschnitt liegendes  an Übersinnlichem auf, was Grundvoraussetzung dafür war,  jemandem Folge zu leisten, der eine spirituelle Führerrolle für sich in Anspruch nimmt. Je stärker ausgeprägt diese esoterischen Tendenzen zudem vorhanden sind, desto stärker ist eine Person auch in einem Abhängigkeitsverhältnis gefangen; so wirkte bei einer  der Beziehung nicht nur der Verlust des Kontakts zum  als Autoritätsperson bedrohlich, sondern auch die , die von den übersinnlichen Kräften – im vorliegenden Fall dem Allumfassenden – zu erwarten gewesen wären. Weiter haben die späteren Opfer den Kontakt zum Beschuldigten stets auf der  nach Hilfe gefunden, wobei die Probleme vielfältiger Natur waren. Während dem die einen lediglich aufgrund von medizinischen  auf der Suche nach einem Naturarzt waren, hatten andere tiefgreifende psychische Probleme und standen am Rand des . In allen Fällen dieser persönlichen Schwächen und  der Opfer anerbot sich der Beschuldigte als Helfer, teilweise gar als letzte Rettung. Die Opfer wiederum, welche allesamt nicht nur in der Situation für zweifelhafte Hilfe empfänglich waren, sondern – in unterschiedlich starker Ausprägung – auch über einen Hang zur  eines Abhängigkeitsverhältnisses verfügten und zum Teil bewusst auf der Suche nach einer Autoritätsperson waren, waren dem Beschuldigten für seine Lösungsansätze geradezu dankbar, was vom Beschuldigten auch so erkannt wurde.
Diese Ausgangslage nutzte der Beschuldigte sodann systematisch und berechnend aus. In einer ersten Phase gab er sich als jenen Helfer und Heiler aus, den die "Schülerinnen" (bzw. häufig auch noch "Patientinnen") in ihm sehen wollten. Er anerbot in einer scheinbar absoluten Selbstlosigkeit seine Hilfe, versprach Linderung und "Licht" und war Ansprechperson zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit. Zugleich begann er jedoch, für seine Opfer kaum erkennbar,  auszuloten und Grenzen zu testen. In einem nächsten Schritt, zu einem Zeitpunkt in welchem seine spirituellen Fähigkeiten und sein Status als Heiler für die Betroffenen längst unbestritten waren,  er seinen Opfern nicht nur seine Besonderheit, sondern auch die Tatsache, dass sie selber von einer höheren Macht als seine Frau
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auserwählt worden und dementsprechend etwas Besonderes,  seien. Dadurch gelang es ihm, seine Opfer nicht nur aus dem früheren sozialen Umfeld, sondern zusätzlich auch noch aus der Meditationsgruppe herauszulösen und abzuschirmen. Er selbst verblieb als einzige Bezugsperson. Die Opfer fühlten sich – nun an der Seite des höchsterleuchteten Mannes auf Erden – anfänglich ausserordentlich geehrt, sehr rasch aber auch verängstigt.  lag es in der Natur der Sache, dass sie selber nicht in der Lage waren, den Willen des "Allumfassenden", des "Buddhas", des "Rates der Weisen" oder wie auch immer der Beschuldigte die übergeordnete Instanz gerade nannte, zu erkennen. Und so verblieb ihnen nichts , als sich nach der Interpretation des Beschuldigten zu richten und diesen um Rat zu fragen. Dieser wiederum neigte jedoch  dazu, von den Opfern zu verlangen, den Willen des "" selber zu erkennen und tadelte stattdessen nur, wenn sie nach seiner Auslegung falsch lagen. Mittels Tadel, Verachtung und verbaler Erniedrigung erreichte er in kürzester Zeit ein Klima der , welches bis zu existenziellen Ängsten gehen konnte. Die Opfer befürchteten stets, falsch zu liegen. So konnte er letztlich – ohne überhaupt zu Wissen, mit was seine Opfer gerade beschäftigt waren – eine simple SMS an seine "Frau" schicken und sie fragen, wo sie wieder ihre Gedanken hätten, und diese fühlten sich sogleich "ertappt" und plagten sich mit einem schlechten Gewissen und .
In diesem Milieu war es dem Beschuldigten nicht nur möglich, den Alltag seiner Opfer zu kontrollieren und zu lenken, sondern auch die nachstehend unter Ziffer 2 – 4 einzeln aufgeführten sexuellen  einzufordern. Schmerz war im System des Beschuldigten ebenso zu überwinden wie Ekel, und war das Opfer dazu nicht in der Lage, so lag der Fehler alleine beim Opfer, welches die notwenige geistige Reife noch nicht aufwies und entsprechend weiter daran  musste. Einen Ausweg aus der Situation gab es für die Opfer entsprechen auch nur dann, wenn sich der Beschuldigte dafür , dieses aus der Schule oder zumindest aus der Gruppe . Selbst das tat er jedoch mit der Begründung, dass das Opfer einen "zu schlechten Geist" habe und damit ihm, der Schule oder Drittpersonen schade, was wiederum dazu führte, dass sich selbst Ausgeschlossene nicht von ihm abwandten, sondern beim nächsten Hilfsangebot erneut darauf hofften, ihren "Geist" wieder  zu können.
2. Strafbare Handlungen zum Nachteil von C.
2.1. Sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB) zum Nachteil von C., geb. [...], begangen im April 2001 in Zäziwil
Der Beschuldigte hat eine Person, welche er unter psychischen Druck gesetzt hat, zur Duldung einer sexuellen Handlung genötigt, indem er  getan hat:
Nachdem sich die Privatklägerin C. im Alter von 17 Jahren an den als Naturarzt und Meditationslehrer praktizierenden Beschuldigten  hatte, weil sie selber aufgrund des Suizids ihres Vaters mit massiven psychischen Problemen bis hin zu Selbstmordgedanken zu kämpfen hatte, nutzte dieser die psychische Labilität und  der Privatklägerin systematisch aus, um sie mit gezielter  von Autorität, Hilfsbereitschaft und spirituellem Gedankengut in
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eine vollumfängliche psychische und physische Abhängigkeit zu drängen.
Anlässlich einer Meditationswoche auf dem Appenberg in 3532 /BE im April 2001 griff der Beschuldigte F. der Privatklägerin C. auf einem gemeinsamen Spaziergang mit seiner Hand überraschend und gegen ihren Willen in ihre Hose, packte sie an der Scheide und riss sie daran hoch, sodass es schmerzte. Er begründete seine Handlung ihr gegenüber damit, dass sie sich wieder spüren müsse. Die , welche zu diesem Zeitpunkt infolge des Suizides ihres  massive psychische Probleme hatte, wehrte sich nicht gegen  Übergriff. Der Beschuldigte konnte sowohl sie als auch ihre  sogar davon überzeugen, dass es aufgrund der akuten , welcher sie wohl tatsächlich ausgesetzt war, notwendig sei, dass sie zu ihm an die [...]-Strasse nach S. ziehe.
2.2. Mehrfache sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB) zum Nach-
teil von C., geb. [...], begangen zwischen April 2001 und April 2005 in S., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat eine Person, welche er unter psychischen Druck gesetzt, ihr Gewalt angedroht und z.T. auch angetan hat, zu sexuellen Handlungen genötigt, indem er Folgendes getan hat:
Nachdem der Beschuldigte die Privatklägerin C. mit der Begründung, man müsse sie aufgrund ihrer akuten Suizidalität intensiv betreuen, im April 2001 zu sich an die [...]-Strasse in S. geholt hatte und sie fortan bei ihm wohnte, verlangte der Beschuldigte in Ausnutzung der von ihm zwischenzeitlich geschaffenen Hörigkeit im April und Mai 2001 während ungefähr einem Monat praktisch täglich die orale  durch die Privatklägerin. In Vermischung mit der von ihm gelehrten spirituellen Theorie verlangte er dabei von der , dass sie ihn zur Entwicklung ihrer geistigen Reife und zur  der persönlichen Erleuchtung als spirituellen Meister sexuell  und seinen heiligen Samen (d.h. sein Ejakulat) bis auf den letzten Tropfen schlucke. Dabei erniedrigte er die Privatklägerin  verbal und fügte ihr Schmerzen und teilweise sogar Blutungen zu, indem er mit seinen Händen an ihren Brüsten und im Intimbereich herumriss.
Auch nach dem ersten Monat in S. hatte die Privatklägerin den  in der gleichen Form ungefähr zwei Mal pro Woche oral zu befriedigen, während Wochenkursen sogar weiterhin täglich. Die Übergriffe waren stets begleitet von verbaler Erniedrigung und  Gewalt und führten neben einer permanenten massiven  Belastung zu Hämatomen an Brüsten und Intimbereich,  gar zu offenen Blutungen und zu Schluckbeschwerden  der tiefen oralen Penetration, welche bei der Privatklägerin  Brechreiz auslöste.
Nachdem die sexuellen Übergriffe aufgrund einer Verhaftung des  durch die [...]-Strafverfolgungsbehörden zwischen dem 25. Oktober 2004 und dem 16. November 2004 kurzzeitig aufgehört hatten, gingen sie unmittelbar nach seiner Entlassung aus der  mit einer noch grösseren Intensität weiter. In der ersten Woche nach der Haftentlassung musste die Privatklägerin den  jede Nacht gegen ihren Willen oral befriedigen bzw.  der ganzen Nacht seinen Penis im Mund behalten um ihn "vom
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ganzen Dreck der Haft" und um sie selber vom "Gift der Unwahrheit" zu reinigen.
2.3. Mehrfache sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB) zum Nach-
teil von C., geb. [...], begangen zwischen April 2005 und  2006 in Q., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat eine Person, welche er unter psychischen Druck gesetzt, ihr Gewalt angedroht und z.T. auch angetan hat, zu sexuellen Handlungen genötigt, indem er Folgendes getan hat:
Nach dem Umzug nach Q. im April 2005 fanden die sexuellen  auf C. in der Form von oraler Befriedigung wieder täglich statt und die damit einhergehende Gewalt nahm an Intensität weiter zu. Als sich die Privatklägerin einige Male verbal und physisch zu wehren versuchte, packte der Beschuldigte sie jeweils an den Haaren und drückte ihren Kopf mit den Händen zwischen seine Beine, bis sie den Widerstand aufgab und die einverlangte orale Befriedigung vornahm.
Die sexuellen Übergriffe, gemäss Privatklägerin über die Jahre in S. und Q. gerechnet hunderte von Einzelhandlungen, endeten Anfangs 2007, als der Beschuldigte sie mit einem Mitglied der G. verkuppelte und sich seinerseits einem neuen Opfer – B. – zuwandte.
2.4. Qualifizierte sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 3 StGB) zum Nach-
teil von C., geb. [...], begangen Ende 2006 in Q., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat eine Person, welche er unter psychischen Druck gesetzt hat, in grausamer Art und Weise zu einer sexuellen Handlung genötigt, indem er Folgendes getan hat:
Gegen Ende des unter Ziff. 1.1. bis 1.3. angeklagten sexuellen  zum Nachteil von C. d.h. gegen Ende des Jahres 2006  der Beschuldigte F. die ihm aufgrund einer Mischung von , Gewalt und spirituellem Gedankengut vollständig hörige und  Privatklägerin in ihrem Zimmer am gemeinsamen Wohnort in Q., [...]-Strasse, auf, sich hinzulegen und ihn oral zu . Als sich die Privatklägerin jedoch weigerte, zog der  seine Hose runter und legte sich unter Einsatz seines  Körpergewichts auf ihr Gesicht. Er drang sodann mit seinem Penis tief in ihren Hals ein und drückte ihr zugleich mit seinem Bauch die Nase zu. Die Privatklägerin, welche sich nicht wehren und auch nicht schreien konnte, litt dabei unter massivsten Todesängsten. Sie gab an, sie sei in diesem Moment emotional gestorben und habe gedacht, es wäre schöner zu sterben, als dass er dies noch einmal mit ihr .
2.5. Nötigung (Art. 181 StGB) zum Nachteil von C., [...], begangen am
13. bzw. 14. Dezember 2011 in Q., [...]-Strasse bzw. 5200 Brugg, Wildischachenstrasse 14
Der Beschuldigte hat jemanden durch Gewalt und durch die  der Handlungsfähigkeit genötigt, etwas zu tun, indem er Folgendes getan hat:
Der Beschuldigte hat die Privatklägerin C. im Rahmen der  gegen den Beschuldigten wegen sexueller Übergriffe auf B. (ST05B.2009.1524) in Ausnützung des Abhängigkeitsverhältnisses und unter Anwendung von massivem psychischen Druck genötigt, in der Zeugeneinvernahme der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach vom
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14. Dezember 2014 bei Staatsanwalt G. zu Gunsten des  falsche Aussagen zu machen, was diese in der Folge auch tat.
2.6. Drohung (Art. 180 Abs. 1 StGB) zum Nachteil von C., geb. [...],
begangen am 8. November 2012 in 5116 Schinznach Bad,  Badstübli
Der Beschuldigte hat jemanden durch schwere Drohung in Angst , indem er Folgendes getan hat:
Der Beschuldigte hat Herrn H., dem damaligen Lebenspartner der  C., über seine damalige Partnerin I. anlässlich eines  am 8. November 2012 um 11.00 Uhr auf dem Parkplatz des  Badstübli in Schinznach Bad ausrichten lassen, dass die "Dunkelheit" bzw. Boshaftigkeit der Privatklägerin C. derart gross sei, dass er (H.) sie ohne Schaden aus geistiger Sicht zu Tode schlagen könne. Dies würde darüber hinaus auch noch ein gutes Karma geben. Herr H. solle zudem sofort das gemeinsame Kind nehmen und in ein Hotel ziehen. Die Äusserungen, welche H. zuhause seiner  schilderte, lösten bei dieser eine grosse Angst aus. Sie schloss sich, in der Angst, der Beschuldigte könnte jemanden davon überzeugen, sie tatsächlich zu töten, in ihr Haus ein und gelangte  einen Tag später an die Polizei.
3. Strafbare Handlungen zum Nachteil von D.
3.1. Mehrfache Ausnützung einer Notlage (Art. 193 Abs. 1 StGB) zum Nachteil von D., geb. [...], begangen von Ende April bis Ende September 2008 in Q., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat unter Ausnützung eines Abhängigkeitsverhältnisses eine Person veranlasst, sexuelle Handlungen vorzunehmen bzw. zu , indem er Folgendes getan hat:
Der Beschuldigte hat als selbsternannter Zen-Meditationslehrer und "spiritueller Meister" ein intensives Abhängigkeitsverhältnis mit der Privatklägerin D. aufgebaut, welche ab September 2005 als "" an seinen Meditationskursen teilnahm. Als sich die Privatklägerin Anfangs 2008 in einer sowohl privaten als auch beruflichen Hinsicht schwierigen Zeit befand, offenbarte ihr der Beschuldigte, dass sie vom "Grossen Rat" zu seiner Frau auserkoren worden sei. Durch  Offenbarung, welcher im Kontext dieser "Meditationsschule" eine ausserordentlich grosse Bedeutung zukam, fühlte sich die  gleichermassen geehrt wie auch verängstigt.
Unter Ausnützung dieser Abhängigkeit hat der Beschuldigte sodann im Zeitraum von April bis Ende September 2008 an seinem Wohnort in Q., [...]-Strasse, zwei bis drei Mal pro Woche die orale Befriedigung durch die Privatklägerin verlangt. Mit der Begründung, er sei ein  Mann und sein "heiliger Samen" dürfe nicht verschwendet , verlangte er von der Privatklägerin, dass sie sein Ejakulat stets bis auf den letzten Tropfen schluckte. Auch führte er aus, sein Samen sei Licht, welches sie trinken müsse, um in ihrer geistigen Entwicklung auf dem Weg zur Erleuchtung weiterzukommen. Die in der "Lehre" des Beschuldigten völlig gefangene Privatklägerin kam diesen  in einer Mischung aus Angst und Unterwürfigkeit nach,  zu Hinterfragen oder aktive Gegenwehr zu leisten.
Nachdem es der Privatklägerin infolge des psychischen Drucks immer schlechter ging, stellte der Beschuldigte sie Ende September 2008
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vor die Tür und untersagte ihr mit der Begründung, ihr Geist sei schlecht, die weitere Teilnahme an den "Meditationskursen". In Tat und Wahrheit wechselte der Beschuldigte in diesem Zeitpunkt das Opfer und wandte sich der Privatklägerin (ST05B.2009.1524) A. zu.
3.2. Mehrfache sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB) zum Nachteil
von D., geb. [...], begangen von Mitte 2009 bis Ende Mai 2010 in Q., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat einer Person, welche er unter psychischen Druck gesetzt, Gewalt angedroht und z.T. auch angetan hat, zu sexuellen  genötigt, indem er Folgendes getan hat:
Nachdem der Beschuldigte die Privatklägerin D. im September 2008 aufgrund ihres "schlechten Geistes" aus der "Meditationsgruppe"  hatte, kontaktierte er sie Mitte 2009 – unter dem  ihr helfen zu wollen und ihren Geist zu heilen – erneut. Er  sie nach Sursee und fragte sie dort, ob sie denn nicht wisse wo sie hingehöre und wozu sie da sei, wobei er klarerweise auf die orale Befriedigung anspielte. Er verlangte in der drauffolgenden Zeit wiederholt, dass sie ihm per SMS mitteilte, wie sehr sie seinen "Schwanz im Mund" haben wolle. Er wiederholte stets, dass seine orale Befriedigung ein zentrales Element auf dem Weg zu ihrer  sei und es, wenn sie zur Erleuchtung gelangen wolle, auch leiden müsse. In der Folge bestellte der Beschuldigte die  wieder regelmässig – hauptsächlich an den "" – nach Q., wo er die orale Befriedigung von ihr einforderte. Im Gegensatz zu früher verlieh er seinen Forderungen nun jedoch mehr Nachdruck, indem er sie mit den Händen an den Haaren riss und ihren Kopf so zu seinem Penis führte, ihr seinen Penis gewaltsam bis tief in den Rachen stiess oder ihr gleichzeitig auch noch an den Brüsten und am Geschlechtsteil herumriss. Weiter verlangte er von ihr nun auch, dass sie seine "Eier" in den Mund nahm oder in einzelnen Fällen , dass sie seinen "Schwanz" die ganze Nacht hindurch im Mund behalten musste. Er verband dies zugleich mit der Drohung, dass er – sollte sie sich weigern – halt "andere Massnahmen" ergreifen , wobei er ihr explizit in Aussicht stellte, ihr in den Mund zu urinieren.
3.3. Mehrfache sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB) zum Nach-
teil von D., geb. [...], begangen von Juni bis August 2010 in Z., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat einer Person, welche er unter psychischen Druck gesetzt, Gewalt angedroht und z.T. auch angetan hat, zu sexuellen  genötigt, indem er Folgendes getan hat:
Da der Beschuldigte auf Anordnung der Strafvollzugsbehörden seine vom Obergericht des Kantons Solothurn verhängte Freiheitsstrafe in der Form von Electronic Monitoring im Kanton Solothurn zu vollziehen hatte, wechselte der Tatort der unter Ziffer. 2.2 beschriebenen  von Juni bis August 2010 an den [...]-Strasse in Z.. Die Übergriffe intensivierten sich in zeitlicher Hinsicht, da die  nun aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfreiheit des  praktisch täglich in seiner Wohnung war und die  Besorgungen für ihn erledigte.
Der Beschuldigte hat dementsprechend im Zeitraum zwischen Juni und August 2010 praktisch täglich die orale Befriedigung durch die Privatklägerin D. einverlangt und auch erhalten.
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3.4. Mehrfache sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB) zum Nach-
teil von D., geb. [...], begangen von September 2010 bis Januar 2011 in Q., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat eine Person, welche er unter psychischen Druck gesetzt, ihr Gewalt angedroht und z.T. auch angetan hat, zu sexuellen Handlungen genötigt, indem er Folgendes getan hat:
Nachdem die Strafverfolgungsbehörden des Kantons Solothurns das Einverständnis zum Vollzug des Electronic Monitoring im Kanton Aargau gaben, änderte sich entsprechend im September 2010 auch der Tatort wieder an die [...]-Strasse in Q.. Es folgten weitere sexuelle Übergriffe zum Nachteil der Privatklägerin D., wobei sich die Intensität der Gewalttätigkeit neben der erzwungenen oralen Befriedigung in der Form von Reissen mit den Händen an den Brüsten und  sowie vor allem verbaler Erniedrigung weiter steigerte. Die , welche zunehmend unter Angstzuständen litt, jedoch  "offiziell" an den "Meditationsveranstaltungen" teilnehmen durfte, liess die sexuellen Handlungen infolge des psychischen Drucks . Im Januar 2011 teilte der Beschuldigte der Privatklägerin D. – wohl aus Überdruss über die psychischen Probleme seines Opfers – ein zweites Mal mit, dass die Beziehung beendet werde. Sie schade mit ihrem negativen Geist der Privatklägerin C. und ihrem Kind. In Wahrheit wechselte der Beschuldigte lediglich ein weiteres Mal sein Opfer.
4. Strafbare Handlungen zum Nachteil von E.
4.1. Mehrfache sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB) zum  von E., geb. [...], begangen von Februar 2011 bis Oktober 2012 in Q., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat eine Person, welche er unter psychischen Druck gesetzt, ihr Gewalt angedroht und z.T. auch angetan hat, zu sexuellen Handlungen genötigt, indem er Folgendes getan hat:
Nachdem der Beschuldigte im Januar 2011 das Verhältnis zur  D. abgebrochen hatte und zugleich auch die Privatklägerin C. zusammen mit ihrer Mutter aus dem gemeinsamen Haus an der [...]-Strasse ausgezogen waren, zog die Privatklägerin E., welche bislang ebenfalls als "Schülerin" an der "Meditationsgruppe des Beschuldigten teilnahm, ins Obergeschoss an besagter Adresse ein.
Auch im Falle der Privatklägerin E. begann der Beschuldigte , ein intensives Abhängigkeitsverhältnis aufzubauen und so sein Opfer mit einer Mischung aus spirituellem Gedankengut und  aber vor allem auch verbaler Erniedrigung unter Druck zu . Auch ihren Geist bezeichnete der Beschuldigte als schlecht oder dunkel. In Ausschöpfung seiner ganzen Autorität als "spiritueller " schüchterte er sein ihm vollends höriges Opfer ein, übte  Kritik und machte sie für das Leiden anderer Menschen  verantwortlich. Zugleich zeigte er ihr als einzigen Ausweg die orale Befriedigung des Meisters auf, was zu einer "Verbesserung ihres Geistes" führen würde. Diese Praxis trieb er derart weit, dass die Privatklägerin in Ihrer Panik, für das Leiden und Sterben anderer Menschen verantwortlich zu sein, zum Teil sogar von sich aus darum bat, ihren Meister oral zu befriedigen, um "geistig wieder besser ".
- 13 -
Die orale Penetration vollzog der Beschuldigte sodann derart tief und heftig, dass die Privatklägerin regelmässig keine Luft mehr bekam und gelegentlich auch erbrechen musste. Begleitend dazu riss er auch ihr an Brüsten und im Intimbereich. Im Zeitraum zwischen Februar 2011 und Oktober 2012 kam es somit auch gegenüber der Privatklägerin E. zu einer Vielzahl von sexuellen Nötigungen in der genannten Form, wobei die Privatklägerin selbst nicht beziffern kann oder will, um wie viele Handlungen es sich  hat.
5. Strafbare Handlungen gegen die Rechtspflege
Anstiftung zu falschem Zeugnis (Art. 24 StGB i.V.m. Art. 307 Abs. 1 StGB), begangen zwischen dem 7. und dem 14. Dezember 2011 in Q., [...]-Strasse
Der Beschuldigte hat jemanden vorsätzlich dazu bestimmt, als Zeuge bei der Staatsanwaltschaft falsch auszusagen:
Der Beschuldigte hat im Zeitraum zwischen dem 7. Dezember 2011 (Datum Vorladung) und dem 14. Dezember 2011 (Datum ) mit der damals als Zeugin von der Staatsanwaltschaft Brugg- vorgeladenen C. die Einvernahme vorbesprochen und sie somit angestiftet bzw. unter dem Eindruck der vorgängig formulierten  Abhängigkeit genötigt, zu seinen Gunsten als Beschuldigter im Verfahren ST05B.2009.1524 falsche Aussagen zu machen bzw. Aussagen zu seinen Gunsten gar nicht zu machen.
C. erschien in der Folge am 14. Dezember 2011 um 09.15 Uhr bei der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach, Herrn Staatsanwalt G., und machte falsche Aussagen, welche den Beschuldigten entlasteten bzw. zumindest geeignet waren, den Tatverdacht gegen ihn zu .
Konkret bezeichnete sie die Privatklägerin B. als "Psycho", welche die Gruppe psychisch geschädigt habe. Auch sei die eigenwillige  bzw. Satzstellung nicht vom Beschuldigten F. gekommen,  erst mit B. "ins Haus gekommen". Ihrer Ansicht nach sei B. kein Opfer, die Dinge, die sie ausgesagt habe, seien falsch.
C. gab in ihrer Einvernahme vom 23. November 2012 in der  als Privatklägerin gegen den Beschuldigten gegenüber der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach, Frau Assistenzstaatsanwältin J. zu, auf Instruktion und unter dem Druck des Beschuldigten falsche Aussagen, insbesondere über die Privatklägerin B., gemacht zu .
II. Anträge
1. Der Beschuldigte sei im Sinne der Anklage schuldig zu sprechen.
2. Die Anträge werden vor Schranken bekannt gegeben.
III. Weitere Angaben
1. Der Beschuldigte befindet sich seit dem 14. November 2012 in .
- 14 -
2. Folgende Gegenstände wurden zur Beweissicherung : - Schwarzer Ordner Akten E.
- Diktiergerät Sony inkl. Kassette
- Kassette Sony
- 2 DVD Sony
- Diverse handschriftliche Notizen
- Buchhaltungsunterlagen G.
- Bestätigung Auszahlung Kinderzulagen C.
- Box grün mit Aufschrift "Altar Meister [...]" inkl. 3 Gegenstände und 2 Batterien
- Laptop "Asus" inkl. Ladekabel
- Externe Harddisk Verbatim mit Datenkabel
- Externe Harddisk Clickfree mit Datenkabel
- Mobiltelefon Sony Ericsson inkl. Ladekabel
- 6 Handschriftliche Zettel
- Karte "Rose" (Eigentum I.)
- Handschriftliche Notizen (Eigentum I.)
3. Die Untersuchungskosten belaufen sich auf CHF 60'859.60 ( separat)
4. Die Polizeikosten belaufen sich auf CHF 50.00.
5. Die Anklagegebühr beträgt CHF 8'000.00.
6. Die Privatklagen werden, soweit der Staatsanwaltschaft bekannt,  der Hauptverhandlung formuliert."
2.
2.1.
Das Bezirksgericht Zurzach ordnete mit Verfügung vom 22. Juni 2015 Be-
weiserhebungen an und räumte eine nicht erstreckbare Frist bis zum
5. August 2015 für schriftlich begründete Anträge auf Ergänzung der Be-
weismittel ein.
2.2.
Die Vertreterin der Zivil- und Strafklägerinnen 1 - 4 sowie die Vertreterin der
Zivil- und Strafklägerin 5 beantragten mit Eingaben vom 3. August 2015 die
Dispensierung der Privatklägerinnen von der Hauptverhandlung und den
Verzicht auf ihre Befragung als Auskunftspersonen.
2.3.
Der Beschuldigte stellte mit Schreiben vom 14. August 2015 folgende Be-
weisanträge:
" 1.
Es sei beim Zentralgefängnis Lenzburg, [...] zeitnah zur erstinstanzlichen Hauptverhandlung ein Führungsbericht über den Angeklagten einzuholen.
- 15 -
2. Es seien anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung vor  Zurzach folgende Personen als Zeugen resp. Auskunftspersonen zu laden und zu vernehmen:
[...]
3. Unter o/e-Kostenfolge."
2.4.
In Gutheissung der entsprechenden Anträge wurden die Zivil- und Strafklä-
gerinnen 1 - 5 mit Verfügung vom 4. September 2015 von der persönlichen
Teilnahme an der Hauptverhandlung vor Bezirksgericht Zurzach dispen-
siert und es wurde auf eine Einvernahme als Auskunftspersonen verzichtet.
2.5.
In teilweiser Gutheissung der Beweisergänzungsanträge der Verteidigung
wurde zudem verfügt, es sei ein aktueller Führungsbericht über den Be-
schuldigten beim Zentralgefängnis Lenzburg einzuholen. Der Beweiser-
gänzungsantrag betreffend Zeugenbefragung wurde hingegen abgewie-
sen.
2.6.
Am 17. November 2015 fand die Hauptverhandlung vor dem Bezirksgericht
Zurzach mit Befragung des Beschuldigten statt. Mit Urteil vom 23. Novem-
ber 2015 sprach das Bezirksgericht Zurzach den Beschuldigten der qualifi-
zierten sexuellen Nötigung i.S.v. Art. 189 Abs. 3 StGB zum Nachteil von C.,
der mehrfachen sexuellen Nötigung i.S.v. Art. 189 Abs. 1 StGB zum Nach-
teil von C., E. und D., der Ausnützung der Notlage i.S.v. Art. 193 Abs. 1
StGB zum Nachteil von P., der Nötigung i.S.v. Art. 181 StGB und der Anstif-
tung zum falschen Zeugnis i.S.v. Art. 307 Abs. 1 i.V.m. Art. 24 Abs. 1 StGB
schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 9 3⁄4 Jahren, die
teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil des Obergerichtes des Kantons Solo-
thurn vom 22. April 2008 ausgesprochen wurde. Das Urteil wurde den Par-
teien am 24. November 2015 im Dispositiv schriftlich eröffnet.
3.
3.1.
Die Staatsanwaltschaft, die Zivil- und Strafklägerinnen 1 - 4 wie auch der
Beschuldigte meldeten Berufung gegen das Urteil an und reichten nach
Erhalt des schriftlich begründeten Urteils am 1. Februar 2016 ihre Beru-
fungserklärungen beim Obergericht des Kantons Aargau ein. Der Beschul-
digte beantragte insbesondere, das erstinstanzliche Urteil vom 23. Novem-
ber 2015 sei vollumfänglich aufzuheben und die Strafsache zur Durchfüh-
rung eines StPO- und EMRK-konformen gerichtlichen Verfahrens sowie zur
entsprechenden Neubeurteilung an das Bezirksgericht Zurzach zurückzu-
weisen.
- 16 -
3.2.
Das Obergericht hiess die Berufung des Beschuldigten insofern gut, als es
das Urteil des Bezirksgerichts vom 23. November 2015 mit Beschluss vom
14. April 2016 aufhob und die Sache im Sinne der Erwägungen zur erneu-
ten Durchführung des Hauptverfahrens und neuen Entscheidung zurück-
wies. Überdies wurde festgehalten, dass im Hinblick auf die beantragte
Verwahrung ein Ergänzungsgutachten einzuholen sei.
4.
4.1.
Das Bezirksgericht Zurzach teilte den Parteien mit Schreiben vom 11. Mai
2016 mit, dass dem Gutachter AA. mit Blick auf die Prüfung einer Verwah-
rung nach Art. 64 Abs. 1 StGB eine Ergänzungsfrage gestellt werde. Den
Parteien wurde eine Frist zur Stellungnahme von 10 Tagen eingeräumt.
4.2.
Innert erstreckter Frist beantragte der Beschuldigte mit Eingabe vom
10. Juni 2016, es sei auf die Formulierung von weiteren Fragen an AA. zu
verzichten. Dieser Antrag wurde abgelehnt und am 30. Juni 2016 wurde die
ergänzende Begutachtung des Beschuldigten durch med. pract. AA., Fach-
arzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, verfügt.
4.3.
Am 1. September 2016 (Eingang: 5. September 2016) reichte med. pract.
AA. das Ergänzungsgutachten über den Beschuldigten zu den Akten. Mit
Verfügung vom 13. Oktober 2016 wurde das Gutachten an die Parteien zur
allfälligen Stellungnahme innert 20 Tagen zugestellt. Gleichzeitig wurden
Beweiserhebungen angeordnet (Einvernahme der Zivil- und Strafklägerin-
nen 1, 3, 4 und 5 als Auskunftspersonen) sowie Beweisergänzungsanträge
abgewiesen (Einvernahme von K., L., M., N. und O. als Auskunftsperso-
nen). Mit Schreiben vom 24. November 2016 wurde beim Zentralgefängnis
Lenzburg ein aktueller Führungsbericht über den Beschuldigten einver-
langt.
4.4.
Am 6. Dezember 2016 fand die Hauptverhandlung vor dem Bezirksgericht
Zurzach statt, anlässlich welcher die Zivil- und Strafklägerinnen 1, 3, 4 und
5 befragt wurden. Der Beschuldigte wurde von der Teilnahme an der
Hauptverhandlung auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin und unter Ver-
zicht auf das Konfrontationsrecht mit den Auskunftspersonen dispensiert.
Die Schlussanträge lauten:
- Staatsanwaltschaft (Vertreter):
- 17 -
" 1. Der Beschuldigte sei schuldig zu sprechen - der mehrfachen sexuellen Nötigung zum Nachteil von A. - der mehrfachen Ausnützung einer Notlage sowie der mehrfachen sexu-
ellen Nötigung zum Nachteil von B. - der qualifizierten sexuellen Nötigung sowie der mehrfachen sexuellen
Nötigung zum Nachteil von C. - der Nötigung zum Nachteil von C. - der Drohung zum Nachteil von C. - der mehrfachen Ausnützung einer Notlage sowie der mehrfachen sexu-
ellen Nötigung zum Nachteil von D. - der mehrfachen sexuellen Nötigung zum Nachteil von E.
2. Der Beschuldigte sei hierfür mit einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren zu , unter Anrechnung der bislang ausgestandenen .
3. Beim Beschuldigten sei die anschliessende Verwahrung gemäss Art. 64 Abs. 1 StGB anzuordnen.
4. Der dem Beschuldigten gemäss Urteil des Obergerichts des Kantons  gewährte bedingte Strafvollzug von 21 Monaten sei zu widerrufen und für vollstreckbar zu erklären.
5. Die beschlagnahmten Gegenstände seien gestützt auf Art. 69 StGB  und zu archivieren.
6. Dem Beschuldigten seien die Verfahrenskosten aufzuerlegen.
7. Die dem amtlichen Verteidiger auszurichtende Entschädigung sei vom  zurückzufordern."
- Zivil- und Strafklägerschaft 1-4 (Vertreterin):
" Abgesehen von den bereinigten Schadenersatzforderungen und den ak-
tualisierten Kostennoten wird vollumfänglich an den bisher gestellten  festgehalten."
- Zivil- und Strafklägerschaft 5 (Vertreterin):
" 1.
Der Beschuldigte sei schuldig zu sprechen im Sinne der Anklage und  zu bestrafen.
2. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, Schadenersatz wie folgt zu bezahlen: - CHF 1‘422.00 an die Privatklägerin persönlich - CHF 7‘918.35 an das Departement Gesundheit und Soziales, Fachbe-
reich Opferhilfe, Kanton Aargau
- 18 -
3. Der Beschuldigte sei dem Grundsatz nach zu verpflichten, zukünftige - und Fahrtkosten der Privatklägerin E., welche im Zusammenhang mit den vorliegend zu beurteilenden Straftaten stehen, zu bezahlen.
4. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin E. eine  von CHF 37'000.00 zuzüglich 5 % Zins seit November 2012 zu .
5. Dem Beschuldigten seien die Verfahrenskosten inkl. unentgeltliche Rechtsvertretung der Privatklägerin aufzuerlegen."
- Beschuldigter (amtlicher Verteidiger):
" 1.
Der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe vollumfänglich freizusprechen.
2. Die Adhäsionsklagen seien abzuweisen bzw. allenfalls auf den Zivilweg zu verweisen.
3. Der Beschuldigte sei sofort aus der Haft zu entlassen."
4.5.
Das Bezirksgericht Zurzach erkannte am 6. Dezember 2016:
" 1.
Das Verfahren wird infolge Verjährung eingestellt in Bezug auf den Vorwurf
- der Ausnützung der Notlage i.S.v. Art. 193 Abs. 1 StGB zum Nachteil
von A. (Anklageziffer 1), - der Ausnützung der Notlage i.S.v. Art. 193 Abs. 1 StGB zum Nachteil
von B. (Anklageziffer 2), - der sexuellen Nötigung i.S.v. Art. 189 Abs. 1 StGB zum Nachteil von
C., begangen im April 2001 (Zusatzanklageziffer 2.1) sowie zwischen April 2001 und 06.12.2001 (Zusatzanklageziffer 2.2),
- der mehrfachen Ausnützung der Notlage i.S.v. Art. 193 Abs. 1 StGB zum Nachteil von D. (Zusatzanklageziffer 3.1).
2. Der Beschuldigte wird vom Vorwurf der Drohung i.S.v. Art. 180 StGB ( 2.6) freigesprochen.
3. Der Beschuldigte ist schuldig
- der qualifizierten sexuellen Nötigung i.S.v. Art. 189 Abs. 3 StGB zum
Nachteil von C. (Zusatzanklageziffer 2.4), - der mehrfachen sexuellen Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB zum
Nachteil von C., D. und E. (Zusatzanklageziffern 2.2, 2.3, 3.2-3.4, 4.1), - der Nötigung gemäss Art. 181 StGB (Zusatzanklageziffer 2.5), - der Anstiftung zu falschem Zeugnis i.S.v. Art. 307 Abs. 1 i.V.m. Art. 24
Abs. 1 StGB (Zusatzanklageziffer 5).
- 19 -
4. Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 3 erwähnten  sowie gestützt auf Art. 40, Art. 47, Art. 49 Abs. 1 und 2 StGB bestraft
- mit einer Freiheitsstrafe von 3 3⁄4 Jahren als Zusatzstrafe zum Urteil des
Obergerichts des Kantons Solothurn vom 22.04.2009 für die bis zu  Zeitpunkt angeklagten Handlungen sowie
- mit einer Freiheitsstrafe von 5 1⁄2 Jahren für die nach dem 22.04.2009
angeklagten Handlungen,
d.h. insgesamt mit einer Freiheitsstrafe von 9 1⁄4 Jahren.
5. Die ausgestandene Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft von 1'484 Tagen (14.11.2012 bis und mit 06.12.2016) wird dem Beschuldigten gemäss Art. 51 StGB auf die Freiheitsstrafe angerechnet.
6. Gestützt auf Art. 64 Abs. 1 StGB wird gegenüber dem Beschuldigten die Verwahrung angeordnet.
7. Der dem Beschuldigten mit Urteil des Obergerichts des Kantons Solothurn vom 22.04.2009 gewährte bedingte Strafvollzug für die Freiheitsstrafe von 21 Monaten wird gestützt auf Art. 46 Abs. 1 StGB widerrufen. Die Strafe ist zu vollziehen.
8. Folgende Gegenstände werden dem Beschuldigten nach Rechtskraft des Entscheides zurückgegeben:
- Schwarzer Ordner mit den Akten E. - Diktiergerät Sony inkl. Kassette - Kassette Sony - 2 DVD Sony - Diverse handschriftliche Notizen - Buchhaltungsunterlagen G. - Bestätigung Auszahlung Kinderzulagen C. - Box grün mit Aufschrift "Altar Meister [...]" inkl. 3 Gegenstände und 2
Batterien - Laptop "Asus" inkl. Ladekabel - Externe Harddisk Verbatim mit Datenkabel - Externe Harddisk Clickfree mit Datenkabel - Mobiltelefon Sony Ericsson inkl. Ladekabel - 6 Handschriftliche Zettel
9. Die Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche der Zivil- und  1, A., werden auf den Zivilweg verwiesen.
10. Die Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche der Zivil- und  2, B., werden auf den Zivilweg verwiesen.
- 20 -
11. 11.1. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 3, C., eine Genugtuung in der Höhe von CHF 25'000.00 zuzüglich Zins zu 5 % seit 01.01.2007 zu bezahlen.
11.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 3, C.,  in der Höhe von CHF 1‘072.70 zuzüglich Zins zu 5 % seit 06.12.2016 zu bezahlen.
11.3. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Zivil- und  3 aus dem eingeklagten Ereignis für zukünftige Forderungen im Zusammenhang mit den beurteilten Straftaten dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfangs des Schadenersatzanspruches wird die Zivil- und Strafklägerin auf den  verwiesen.
11.4. Der Zivil- und Strafklägerin 3, C., wird die unentgeltliche Rechtspflege  und Frau Dr. iur. Yvonne Meier, Rechtsanwältin, Baden als ihre  Rechtsvertreterin eingesetzt.
11.5. Im Übrigen werden die Anträge der Zivil- und Strafklägerin 3 abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.
12. 12.1. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 4, D., eine Genugtuung in der Höhe von CHF 15'000.00 zuzüglich Zins zu 5 % seit 01.03.2011 zu bezahlen.
12.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 4, D.,  in der Höhe von CHF 2'381.13 zuzüglich Zins zu 5 % seit 06.12.2016 zu bezahlen.
12.3. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Zivil- und  4 aus dem eingeklagten Ereignis für zukünftige Forderungen im Zusammenhang mit den beurteilten Straftaten dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfangs des Schadenersatzanspruches wird die Zivil- und Strafklägerin auf den  verwiesen.
12.4. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 4, D., eine Entschädigung von CHF 8‘185.15 (Honorar inkl. Auslagen und MWST von Rechtsanwältin Dr. iur. Yvonne Meier) zu leisten.
12.5. Im Übrigen werden die Anträge der Zivil- und Strafklägerin 4 abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.
- 21 -
13. 13.1. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 5, E., eine Genugtuung in der Höhe von CHF 15'000.00 zuzüglich Zins zu 5 % seit 01.11.2012 zu bezahlen.
13.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 5, E.,  in der Höhe von CHF 1‘422.00 sowie eine  in der Höhe von CHF 371.40, je zuzüglich Zins zu 5 % seit 06.12.2016 zu bezahlen.
13.3. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Zivil- und  5 aus dem eingeklagten Ereignis für zukünftige Forderungen im Zusammenhang mit den beurteilten Straftaten dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfangs des Schadenersatzanspruches wird die Zivil- und Strafklägerin auf den  verwiesen.
13.4. Der Zivil- und Strafklägerin 5, E., wird die unentgeltliche Rechtspflege  und Frau lic. iur. Bibiane Egg, Rechtsanwältin, Zürich als ihre  Rechtsvertreterin eingesetzt.
13.5. Im Übrigen werden die Anträge der Zivil- und Strafklägerin 5 abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.
14. 14.1. Die Verfahrenskosten bestehen aus: a) der Gerichtsgebühr von CHF 5'000.00 b) der Anklagegebühr von CHF 8'000.00 c) den Kosten für die amtliche Verteidigung von CHF 92‘771.20 d) den Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Zivil- und Strafklägerin 3 CHF 14‘348.80 e) den Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Zivil- und Strafklägerin 5 CHF 11‘081.45 f) den Kosten für Gutachten von CHF 60‘141.00 g) den Spesen von CHF 1‘056.10 h) andere Auslagen CHF 1'717.90 Total CHF 194‘116.45
14.2. Dem Beschuldigten werden die Gebühren gemäss lit. a und b sowie die Kosten gemäss lit. f bis h im Gesamtbetrag von CHF 75‘915.00 zu drei Vierteln, d.h. mit CHF 56‘936.30, auferlegt.
14.3. Die Gerichtskasse wird angewiesen, dem amtlichen Verteidiger des  dessen richterlich genehmigtes Honorar von CHF 92‘771.20 (inkl. MWST und Auslagen) zu entrichten (Kosten gemäss lit. c).
Auf eine Rückforderung dieser Entschädigung gestützt auf Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO wird im Umfang von einem Viertel verzichtet. Im Umfang von
- 22 -
drei Vierteln der Kosten (CHF 69‘578.40) wird die Entschädigung  auf der Gerichtskasse Zurzach vorgemerkt, unter dem Vorbehalt der späteren Rückforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO.
14.4. Die Gerichtskasse wird angewiesen, der unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 3, Dr. iur. Yvonne Meier, Rechtsanwältin, , die richterlich auf CHF 14‘348.80 (inkl. Auslagen und MWST)  Entschädigung zu entrichten (Kosten gemäss lit. d).
Der Beschuldigte ist verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die unentgeltliche Vertretung der Privatklägerin zurückzuzahlen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben.
14.5. Die Gerichtskasse wird angewiesen, der unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 5, lic. iur. Bibiane Egg, Rechtsanwältin, Zürich, die richterlich auf CHF 11‘081.45 (inkl. Auslagen und MWST) festgesetzte Entschädigung zu entrichten (Kosten gemäss lit. e).
Der Beschuldigte ist verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die unentgeltliche Vertretung der Privatklägerin zurückzuzahlen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben.
15. Über die Tragung der Vollzugskosten, unter Einschluss der Kosten der  und auf die Strafe angerechneten Untersuchungs-/, entscheidet die Vollzugsbehörde."
4.6.
Mit dem Urteil erging ebenfalls der Beschluss:
"Der Beschuldigte geht zur Sicherung des Strafvollzuges zurück in ."
4.7.
Das Urteil wurde schriftlich eröffnet und den Parteien am 13. Dezem-
ber 2016 im Dispositiv zugestellt.
4.8.
Mit Eingabe vom 20. Dezember 2016 meldete die Zivil- und Strafklägerin 1
Berufung gegen das Urteil an.
4.9.
Mit Eingabe vom 21. Dezember 2016 meldete der Beschuldigte Berufung
gegen das Urteil an.
4.10.
Das begründete Urteil wurde den Parteien am 7. Februar 2017 zugestellt.
- 23 -
5.
5.1.
Am 22. Februar 2017 teilte die Zivil- und Strafklägerin 1 den Rückzug ihrer
Berufungsanmeldung mit.
5.2.
Der Beschuldigte erklärte mit Eingabe vom 24. Februar 2017 die Berufung
und beantragte die Aufhebung des erstinstanzlichen Urteils und die Rück-
weisung der vorliegenden Strafsache zur Durchführung eines StPO- und
EMRK-konformen gerichtlichen Verfahrens sowie zur Neubeurteilung.
Eventualiter stellte er den Antrag, es sei das Urteil vom 6. Dezember 2016
insofern abzuändern, als F. von der Anklage der qualifizierten sexuellen
Nötigung, der mehrfachen sexuellen Nötigung, der Nötigung sowie der An-
stiftung zu falschem Zeugnis vollumfänglich freizusprechen sei. Weiter rich-
tete er sich auch gegen die Anordnung der Verwahrung und das Urteil der
Vorinstanz im Zusammenhang mit seiner Verurteilung zur Leistung von Ge-
nugtuungs- und Schadenersatz- sowie Entschädigungszahlungen an die
Zivil- und Strafklägerinnen 3 - 5.
Mit gleicher Eingabe stellte der Beschuldigte folgende Beweisanträge:
" 1. Es sei K., whf. [...]-Strasse, Stallikon, im vorliegenden Verfahren als
Zeuge resp. als Auskunftsperson zur Hauptverhandlung vorzuladen.
2. Es sei L., whf. [...]-Strasse, Menziken, im vorliegenden Verfahren als
Zeuge resp. als Auskunftsperson zur Hauptverhandlung vorzuladen.
3. Es sei M., whf. [...]-Strasse, Meggen, im vorliegenden Verfahren als
Zeuge resp. als Auskunftsperson zur Hauptverhandlung vorzuladen.
4. Es sei N., whf. [...]-Strasse, Bülach, im vorliegenden Verfahren als
Zeuge resp. als Auskunftsperson zur Hauptverhandlung vorzuladen.
5. Es sei O., whf. [...]-Strasse, Klingnau, im vorliegenden Verfahren als
Zeuge resp. als Auskunftsperson zur Hauptverhandlung vorzuladen.
6. Unter o/e-Kostenfolge."
5.3.
Mit Eingabe vom 2. März 2017 verzichtete die Staatsanwaltschaft Brugg-
Zurzach auf einen Antrag auf Nichteintreten auf die Berufung bzw. auf eine
Anschlussberufung. Sie beantragte ausserdem die Abweisung der Anträge
des Beschuldigten, insbesondere des Rückweisungsantrages.
5.4.
Am 18. April 2017 verfügte der Verfahrensleiter mit Einverständnis der Par-
teien die Durchführung des schriftlichen Verfahrens und setzte dem Be-
schuldigten eine Frist von 20 Tagen an, um seine Berufungsanträge ab-
schliessend zu stellen und zu begründen.
- 24 -
5.5.
Innert erstreckter Frist reichte der Beschuldigte am 10. Juli 2017 seine Be-
rufungsbegründung ein. Er stellte darin folgende Anträge:
" 1. Das Urteil des Bezirksgerichts Zurzach vom 6. Dezember 2016 sei vollumfänglich aufzuheben und die vorliegende Strafsache sei zur  Durchführung eines StPO- und EMRK-konformen  Verfahrens und zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz .
2. Eventualiter sei Ziff. 3 des Urteils des Bezirksgerichts Zurzach vom
6. Dezember 2016 insofern abzuändern, als F. vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Nötigung zum Nachteil von AB., begangen in Z. (vgl. Ziff. 3.3 der Zusatzanklageschrift vom 6. März 2015) sowie vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Nötigung zum Nachteil von E. (vgl. Ziff. 4.1. der Zusatzanklageschrift vom 6. März 2015)  freizusprechen sei. Demgemäss seien auch die Ziff. 12.1 ( an AB.), die Ziff. 12.2 (Schadenersatz an AB.) und Ziff. 12.4 (Parteientschädigung) des Urteils des Bezirksgerichts Zurzach vom 6. Dezember 2016 aufzuheben. Zudem seien in Bezug auf E. die  13.1, 13.2, 13.3 und 14.5 Absatz 2 des Urteils des  Zurzach vom 6. Dezember 2016 aufzuheben.
3. F. sei – eventualiter – in Abänderung von Ziff. 3 und 4 des Urteils des
Bezirksgerichts Zurzach der qualifiziert sexuellen Nötigung zum Nachteil von C., der mehrfachen sexuellen Nötigung zum Nachteil von C. und AB., der Nötigung sowie der Anstiftung zu falschem Zeugnis schuldig zu sprechen und zu einer angemessenen  resp. Freiheitsstrafe zu verurteilen.
4. Es sei Ziff. 6 des Urteils des Bezirksgerichts Zurzach aufzuheben und
es sei von der Anordnung der Verwahrung gegenüber F. abzusehen.
5. Die gegen F. am 22. April 2009 vom Obergericht des Kantons Solo-
thurn bedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe von 21 Monaten sei nicht für vollziehbar zu erklären und Ziff. 7 des Urteils des  Zurzach vom 6. Dezember 2016 entsprechend aufzuheben.
6. Unter o/e-Kostenfolge zulasten des Staates.
Es sei F. (auch) im vorliegenden Berufungsverfahren die amtliche Verteidigung mit dem Unterzeichneten zu bewilligen."
Gleichzeitig stellte er folgende Verfahrensanträge:
"1. Es sei F. insofern ein Replikrecht zu gewähren, als ihm Gelegenheit
zu geben ist, auf eine Vernehmlassung oder Berufungsantwort der Gegenparteien zur vorliegenden Berufungsbegründung zu .
2. Es sei der Verteidigung nach Beendigung des Schriftenwechsels im
vorliegenden Verfahren Gelegenheit zu geben, ihre Honorarnote zur Substantiierung der Entschädigung der amtlichen Verteidigung (Art. 135 StPO) einzureichen."
- 25 -
5.6.
Mit Eingabe vom 9. August 2017 beantragte die Staatsanwaltschaft die Ab-
weisung der Berufung unter Kostenfolge. Zur Begründung verwies sie auf
die Anklageschrift, die Ausführungen anlässlich der Hauptverhandlung so-
wie insbesondere auf die daraus gefolgten zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz.
5.7.
Mit Eingabe vom 10. August 2017 beantragte die Zivil- und Strafklägerin 5
ebenfalls die Abweisung der Berufung unter Kosten- und Entschädigungs-
folgen zulasten des Beschuldigten. Die gleichen Anträge stellten die Zivil-
und Strafklägerinnen 3 und 4 mit Eingabe vom 28. August 2017.
5.8.
Mit Eingabe vom 11. September 2017 teilte der Beschuldigte mit, auf eine
Replik zu den Eingaben der Staatsanwaltschaft und der Zivil- und Strafklä-
gerinnen zu verzichten.
5.9.
Mit Verfügung vom 28. Februar 2018 hielt der Verfahrensleiter fest, dass
sich nach einem genaueren Studium der Akten die Notwendigkeit einer Be-
rufungsverhandlung mit persönlicher Befragung des Beschuldigten und
des Experten ergeben habe. Entsprechend werde zur Berufungsverhand-
lung vorgeladen. Den Privatklägerinnen werde die Teilnahme an der Beru-
fungsverhandlung freigestellt.
5.10.
Die Berufungsverhandlung mit persönlicher Befragung des Beschuldigten
und des Experten AA. fand am 6. Juni 2018 statt. Sowohl der Beschuldigte
wie auch die Staatsanwaltschaft hielten an ihren bereits in der schriftlichen
Berufungsbegründung (oben E. 5.5.) bzw. Berufungsantwort (oben E. 5.6.)
gestellten Anträgen fest. Der Beschuldigte stellte darüber hinaus den An-
trag, er sei umgehend aus der Haft zu entlassen (Protokoll S. 23).

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1. Rückweisungsantrag
Der Beschuldigte macht im Hauptstandpunkt schwerwiegende Verfahrens-
fehler im vorinstanzlichen Verfahren geltend und beantragt die Aufhebung
des vorinstanzlichen Urteils und die Rückweisung der Strafsache zur
Durchführung eines neuen Verfahrens und zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz.
Der Beschuldigte begründet seinen Antrag damit, dass die Vorinstanz die
Befragung der seitens der Verteidigung beantragten Entlastungszeugen
- 26 -
mit der Begründung, die Einvernahme der Entlastungszeugen sei in antizi-
pierter Beweiswürdigung für das Verfahren nicht notwendig, abgewiesen
habe. Damit seien die Grundsätze des fairen Verfahrens verletzt und we-
sentliche Verteidigungsrechte des Beschuldigten missachtet worden. Die
Einvernahme der Entlastungszeugen sei insbesondere deshalb notwendig,
weil diese Aussagen zum Verhältnis zwischen den Meditationsschülern
und dem Beschuldigten machen könnten, was sich auf das Vorhandensein
des nötigenden Tatbestandselements auswirke. Ausserdem sei es für ein
faires Verfahren notwendig, dass die Entlastungszeugen unter denselben
Bedingungen wie die Belastungszeugen, also auch im Rahmen einer ge-
richtlichen Hauptverhandlung, einvernommen würden (Berufungsbegrün-
dung, S. 5 f.; Gerichtsakten [GA] act. 160, 635).
1.1.
1.1.1. Rechtslage
Gemäss Art. 409 Abs. 1 StPO ist eine Aufhebung des vorinstanzlichen Ur-
teils und eine Rückweisung der Sache an das erstinstanzliche Gericht zur
Durchführung einer neuen Hauptverhandlung und zur Fällung eines neuen
Urteils nur dann vorgesehen, wenn das erstinstanzliche Verfahren schwere
Mängel aufweist, die im Berufungsverfahren nicht geheilt werden können.
Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn eine gehörige Verteidigung
fehlt, wenn Teilnahmerechte verweigert wurden, wenn der Sachverhalt im
grossen Stil ungenügend abgeklärt wurde oder wenn sich zeigt, dass die
Feststellung des Sachverhalts offensichtlich unrichtig ist oder auf einer
Rechtsverletzung beruht (RIKLIN, Schweizerische Strafprozessordnung, 2.
A., 2014, Art. 409 N 2).
Bei einem Mangel bezüglich des Grundsatzes des fairen Verfahrens kann
es sich um einen schweren Mangel im Sinne von Art. 409 Abs. 1 StPO
handeln. Der Grundsatz des fairen Verfahrens ist in Art. 6 EMRK verankert,
wobei es die Konvention grundsätzlich dem nationalen Recht überlässt,
welche Beweismittel zuzulassen und wie die Beweiserhebung und Beweis-
würdigung zu regeln sind, d.h. auf welche Weise der Schuldnachweis zu
führen ist. Das nationale Recht kann somit die Gründe festlegen, in denen
die Beweiserhebung im Einzelfall abgelehnt werden darf oder muss. Es
muss nur insgesamt ein faires Verfahren gewahrt sein. Allerdings gewähr-
leistet die Konvention auch das Recht, Entlastungszeugen zu laden und
vernehmen zu lassen, so dass die Ablehnung einer von der Verteidigung
beantragten Zeugeneinvernahme gegen Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK ver-
stossen kann, wenn die Verfahrenserheblichkeit für das Gericht ersichtlich
war. Eine Beweiserhebung darf demnach nicht willkürlich abgelehnt wer-
den (vgl. Urteil des Bundesgerichtes 6B_62/2008 vom 17. Juni 2008
E. 3.2.).
Nichts anderes folgt aus Art. 29 Abs. 2 BV, der verlangt, dass die Behörde
die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffenen
- 27 -
auch tatsächlich hört, prüft und bei der Entscheidfindung berücksichtigt
(BGE 124 I 49 E. 3a mit Hinweisen). Keine Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs liegt jedoch vor, wenn ein Gericht auf die Abnahme beantragter Be-
weismittel verzichtet, weil es auf Grund der bereits abgenommenen Bewei-
se seine Überzeugung gebildet hat und ohne Willkür in vorweggenomme-
ner Beweiswürdigung annehmen kann, dass seine Überzeugung durch
weitere Beweiserhebungen nicht geändert würde (Urteil des Bundesge-
richtes 6B_233/2010 vom 6. Mai 2010 E. 1.1; BGE 134 I 140 E. 5.3; 131 I
153 E. 3). Lehnt die Strafbehörde einen Beweisantrag ab, hat sie jedoch
nicht nur darzulegen, weshalb sie aufgrund der bereits abgenommenen Be-
weise eine bestimmte Überzeugung gewonnen hat, sondern auch, weshalb
die beantragte Beweisabnahme aus ihrer Sicht nichts an ihrer Überzeu-
gung zu ändern vermag (Urteil des Bundesgerichtes 6B_764/2013 vom
26. Mai 2014 E. 4.3.).
1.1.2. Erwägungen der Vorinstanz
Die Vorinstanz begründet die Ablehnung des Beweisantrages damit, dass
bereits im Untersuchungsverfahren verschiedene Entlastungszeugen ein-
vernommen worden seien. Dazu gehöre insbesondere auch O., die erneut
als Entlastungszeugin vom Beschuldigten aufgeführt werde. Die Entlas-
tungszeugen konnten bzw. könnten keine Auskünfte zu den zwischen den
Privatklägerinnen und dem Beschuldigten angeblich vorgefallenen sexuel-
len Handlungen machen. Daran habe sich zwischenzeitlich nichts geändert
und dies gelte auch für die zusätzlich beantragten Entlastungszeugen, was
zwischenzeitlich auch der Beschuldigte anerkenne (GA act. 597). Überdies
sei anzumerken, dass nicht geltend gemacht werde, es hätte zu sämtlichen
Teilnehmern der G. ein Abhängigkeitsverhältnis bestanden. Der Sachver-
halt sei durch die sich aus den Akten ergebenden Beweise bereits hinläng-
lich abgeklärt. Es sei deshalb davon auszugehen, dass die Einvernahme
der vom Beschuldigten beantragten Zeugen am Beweisergebnis nichts
mehr ändern könnte (vorinstanzliches Urteil E. 3.1.3.).
1.1.3. Beurteilung
Tatsächlich sind im Untersuchungsverfahren neben den Privatklägerinnen
eine Auskunftsperson und zehn Zeugen einvernommen worden, wobei
mehrere dieser Zeugen dem Beschuldigten gegenüber neutral bzw. positiv
eingestellt waren. Entscheidend ist jedoch, dass die Vorinstanz für die Fra-
ge, ob die Privatklägerinnen vom Beschuldigten abhängig waren bzw. ob
der Beschuldigte ihnen gegenüber Nötigungsmittel eingesetzt hat, nicht auf
ein in der Meditationsschule herrschendes sektenähnliches Klima abge-
stellt hat, sondern auf die Aussagen der Privatklägerinnen zu ihrem spezi-
fischen Verhältnis zum Beschuldigten sowie teilweise auf die Gemeinsam-
keiten, welche in den verschiedenen Opferaussagen zum Ausdruck kom-
men. Die vorinstanzlichen Schuldsprüche wegen Nötigung bauen mithin
nicht auf einem sektiererischen Milieu in der Meditationsschule bzw. auf
https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/50c55f08-a490-429d-9acc-83c180819aef?citationId=4030bc1d-3787-47a2-b6d8-e1c510f99e20&source=document-link&SP=16|d4fxbc https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/a950f8c3-fef0-487b-9d64-ceab8f6a14de?citationId=3392cd98-9288-49b5-a0ff-e40872340996&source=document-link&SP=16|d4fxbc https://swisslex.ch/Doc/ShowDocComingFromCitation/a950f8c3-fef0-487b-9d64-ceab8f6a14de?citationId=3392cd98-9288-49b5-a0ff-e40872340996&source=document-link&SP=16|d4fxbc
- 28 -
einer generellen, institutionell-geprägten Abhängigkeit sämtlicher Kursteil-
nehmer/Schüler auf, vielmehr begründet die Vorinstanz die Abhängigkeiten
der Privatklägerinnen ad personam. An einer Stelle erwähnt zwar die Vor-
instanz, dass neben den konkreten Umständen, die auf eine Nötigung
schliessen lassen, auch die Atmosphäre innerhalb der Gruppe sowie das
Lehrer/Guru/Heiler-Schüler-Verhältnis zu berücksichtigen seien (E. 8.4.1.2.
in fine). Solche Überlegungen zu generellen Abhängigkeiten innerhalb der
Meditationsschule haben jedoch in der Folge effektiv keinen Eingang in die
vorinstanzlichen Erwägungen gefunden. Vielmehr hielt die Vorinstanz aus-
drücklich fest, dass nicht zu sämtlichen Teilnehmern der Schule ein Ab-
hängigkeitsverhältnis bestanden habe. Die Vorinstanz liess zudem die Fra-
ge ausdrücklich offen, ob es sich bei der Meditationsschule um eine sek-
tenähnliche Gruppierung gehandelt hat oder nicht. Da die Vorinstanz somit
nicht von einer generellen Abhängigkeit sämtlicher Meditationsschüler aus-
gegangen ist, die sich in gleicher Weise auch bei den Opfern der Sexual-
straftaten zeigte, konnte sie auf die Befragung von weiteren Kursteilneh-
mern verzichten, die sich zum Unterrichtsstil des Beschuldigten oder zum
Milieu innerhalb des Kurses hätten äussern können. Eine solche Beweis-
abnahme hätte höchstens die von der Vorinstanz bereits als erwiesen be-
trachtete, letztlich aber irrelevante Tatsache untermauern können, dass der
Beschuldigte auf die verschiedenen Kursteilnehmer durchaus eine unter-
schiedliche (teilweise auch positive) Wirkung gehabt hat. Selbst wenn wei-
tere Zeugen ein neutrales Bild von der Schule oder vom Beschuldigten
zeichnen würden, schlösse dies Nötigungshandlungen zum Nachteil der
Privatklägerinnen in keiner Weise aus. Der Beschuldigte macht im Übrigen
auch nicht geltend, die beantragten Zeugen könnten sich in spezifischer
Weise zum Verhältnis der Privatklägerinnen zum Beschuldigten äussern.
Die Vorinstanz hat den rechtserheblichen Sachverhalt somit genügend ab-
geklärt. Der Anspruch des Beschuldigten auf ein faires Verfahren wurde
nicht verletzt. Es besteht unter diesen Umständen kein Anlass, das Verfah-
ren an die Vorinstanz zurückzuweisen.
1.2. Schlussfolgerung
Der Beschuldigte rügt zudem eine Verletzung des Unmittelbarkeitsprinzips.
Da jedoch die Abnahme der vom Beschuldigten offerierten Beweise für den
Ausgang des Verfahrens nicht von Bedeutung ist, kann der Vorinstanz
auch keine Verletzung des Unmittelbarkeitsprinzips vorgeworfen werden.
Ins Leere sticht schliesslich auch der Einwand, die Vorinstanz habe ihre
Begründungspflicht verletzt, legte diese doch in E. 3.1.3. ausdrücklich dar,
weshalb sie die Beweisanträge abwies. Dem Beschuldigten war es somit
ohne weiteres möglich, den vorinstanzlichen Entscheid sachgerecht anzu-
fechten.
- 29 -
2. Beweisantrag im Berufungsverfahren
Für den Fall, dass das vorliegende Verfahren nicht an die Vorinstanz zu-
rückgewiesen werden sollte, stellte der Beschuldigte mit Eingabe vom
24. Februar 2017 den Antrag auf Einvernahme folgender Zeugen: K., L.,
M., N. und O.. Dieser Beweisantrag ist in antizipierter Beweiswürdigung
abzuweisen. Die Einvernahme der zusätzlichen Zeugen könnte nur bestä-
tigen, was schon als erstellt zu gelten hat, nämlich, dass nicht alle Kursteil-
nehmer in gleicher Weise abhängig waren vom Beschuldigten und dass
nicht allein aus der Zugehörigkeit zur Meditationsschule oder aufgrund des
Unterrichtsstils des Beschuldigten auf eine besondere Abhängigkeit der
einzelnen Teilnehmer geschlossen werden kann.
3. Gegenstand des Berufungsverfahrens
Nachdem der Hauptantrag des Beschuldigten auf Rückweisung des Ver-
fahrens abzuweisen ist, sind dessen Eventualanträge zu behandeln. Der
Beschuldigte beantragt für diesen Fall die Anpassung des vorinstanzlichen
Urteils in folgenden Punkten:
- Schuldspruch der mehrfachen sexuellen Nötigung zum Nachteil von D.,
begangen in Z., gemäss Ziff. 3.3 der Zusatzanklageschrift vom 6. März
2015;
- Schuldspruch der mehrfachen sexuellen Nötigung zum Nachteil von E.
gemäss Ziff. 4.1 der Zusatzanklageschrift vom 6. März 2015;
- Verurteilung des Beschuldigten zur Leistung von Genugtuungs-, Scha-
denersatz- sowie Entschädigungszahlungen an die Privatklägerinnen
AB. und E. in den angefochtenen Anklagepunkten;
- Strafzumessung;
- Anordnung der Verwahrung;
- Widerruf der Vorstrafe.
4. Sexuelle Nötigungen z.N. D. in Z.
4.1. Anklage / vorinstanzlicher Entscheid
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten in Ziffer 3.3 der Zusatzan-
klage vor, er habe D. unter psychischen Druck gesetzt, ihr Gewalt ange-
droht, z.T. auch angetan und sie zu sexuellen Handlungen genötigt, indem
er von ihr zwischen Juni und August 2010 in Z. praktisch täglich die orale
Befriedigung einverlangt und auch erhalten habe. Die Vorinstanz erkannte
insofern auf einen Schuldspruch.
4.2. Einwand der fehlenden örtlichen Zuständigkeit
4.2.1.
Der Beschuldigte begründet seine Berufung insofern mit der fehlenden ört-
lichen Zuständigkeit der Vorinstanz. Weil sich der Sachverhalt im Kanton
Solothurn ereignet habe und erst angeklagt worden sei, nachdem die An-
klage vom 10. Oktober 2012 bereits hängig gewesen sei, seien die Straf-
verfahren getrennt zu führen. Eine Vereinigung der Verfahren sei in solchen
- 30 -
Fällen nicht mehr möglich. Die Vorinstanz hätte daher auf diesen Anklage-
punkt nicht eintreten dürfen bzw. das entsprechende Strafverfahren einstel-
len oder an die Behörden im Kanton Solothurn überweisen müssen. Zudem
sei auch die Feststellung der Vorinstanz, wonach die Rüge der örtlichen
Unzuständigkeit des Beschuldigten anlässlich der Hauptverhandlung vom
17. November 2015 verspätet erfolgt sei, unzutreffend, hätte die Vorinstanz
doch die Frage der örtlichen Zuständigkeit bei Eingang der Anklage von
Amtes wegen prüfen müssen (schriftliche Berufungsbegründung des Be-
schuldigten vom 10. Juni 2017, nachfolgend "Berufungsbegründung",
Rz. 15 ff.; Protokoll zur Berufungsverhandlung vom 6. Juni 2018, nachfol-
gend "Protokoll", S. 24).
4.2.2.
Gemäss Art. 41 Abs. 1 StPO hat eine Partei, welche die Zuständigkeit der
mit dem Strafverfahren befassten Behörde anfechten will, dieser unverzüg-
lich die Überweisung des Falles an die zuständige Strafbehörde zu bean-
tragen. Als letztmöglicher Zeitpunkt, den Antrag auf Überprüfung der örtli-
chen Zuständigkeit zu stellen, muss die Anzeige des Abschlusses der
Untersuchung gemäss Art. 318 StPO gelten (vgl. KUHN, Basler Kommentar
StPO, N. 5 zu Art. 41 StPO).
Vorliegend wurde die entsprechende Mitteilung über den bevorstehenden
Abschluss der Strafuntersuchung vom 29. Januar 2015 im Hinblick auf die
erweiterte Anklage, welche auch die in Z. zum Nachteil der Privatklägerin
4 D. begangenen Delikte umfasste, vom Beschuldigten mit seinem Schrei-
ben vom 12. Januar 2015 an die ermittelnde Staatsanwaltschaft Brugg-Zur-
zach quittiert. Die örtliche Zuständigkeit hat der Beschuldigte im Rahmen
dieser – im Sinne der obigen Erwägungen letzten – Gelegenheit jedoch
nicht in Frage gestellt (Schreiben des Beschuldigten vom 12. Januar 2015,
Ordner 6 Griff 1 in fine). Vielmehr erhob er die Rüge der fehlenden örtlichen
Zuständigkeit erst im Rahmen der Hauptverhandlung vom 17. November
2015 (GA act. 175). Nachdem er seinen Antrag somit erst im erstinstanzli-
chen Hauptverfahren stellte, erfolgte dieser – wie die Vorinstanz zutreffend
erwogen hat – offensichtlich verspätet (Entscheid der Beschwerdekammer
des Bundesstrafgerichts BG.2013.24 vom 19. November 2013). Im Übri-
gen kann auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wer-
den (vorinstanzliches Urteil E. 2.3.1.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
4.2.3.
Fehl geht auch das Vorbringen des Beschuldigten, die Vorinstanz sei des-
halb nicht zuständig gewesen, weil die Verfahren gar nicht mehr hätten ver-
einigt werden dürfen und sie entsprechend auf diesen Anklagepunkt nicht
hätte eintreten dürfen bzw. das entsprechende Strafverfahren einstellen
oder an die Behörden im Kanton Solothurn hätte überweisen müssen:
- 31 -
Art. 29 Abs. 1 StPO verankert den Grundsatz der Verfahrenseinheit. Art. 34
Abs. 1 StPO erlaubt entsprechend eine Vereinigung von Strafverfahren,
wenn die beschuldigte Person mehrere Straftaten an verschiedenen Orten
verübt hat. Gemäss Art. 34 Abs. 2 StPO werden die Verfahren getrennt
geführt, wenn in einem beteiligten Kanton im Zeitpunkt des Gerichtsstands-
verfahrens nach den Art. 39 - 42 StPO wegen einer anderen Straftat schon
Anklage erhoben wurde. Mithin ist eine Vereinigung von Verfahren mit ver-
schiedenen interkantonalen Zuständigkeiten nur bis zum Eingang der An-
klage beim erstinstanzlichen Gericht möglich (Urteil BG.2012.24 des
Bundesstrafgerichts vom 18. Oktober 2012 E. 3.1 mit Hinweisen;
MOSER/SCHLAPBACH, Basler Kommentar zur Schweizerischen Strafpro-
zessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 13 zu Art. 34 StPO [nachfolgend zitiert:
BEARBEITER, Basler Kommentar StPO]; KUHN, Basler Kommentar StPO,
N. 5 zu Art. 39 StPO).
Der Gerichtsstand ist nicht pro Straftat, sondern pro Strafverfahren zu be-
stimmen. Sofern eine beschuldigte Person mehrere Straftaten an verschie-
denen Orten verübt hat, schreibt das Gesetz für das (gesamte) Strafver-
fahren einen einheitlichen Gerichtsstand vor (Art. 34 Abs. 1 StPO). Hätte
man vorliegend die Verfahren, die in der Anklage vom 10. Oktober 2012
und in der Zusatzanklage vom 6. März 2015 mündeten, getrennt geführt,
hätte dies entgegen der Auffassung des Beschuldigten zu keiner Abspal-
tung der Zuständigkeit bezüglich der Tathandlungen geführt, die der Be-
schuldigte laut Anklage in Z. zum Nachteil von D. begangen hat. Vielmehr
wäre diesfalls für sämtliche Delikte, die zur Zusatzanklage geführt haben,
ein einheitlicher Gerichtsstand festzulegen gewesen. Dieser befindet sich
im Bezirk [...], nachdem der grösste Teil der Tathandlungen zum Nachteil
von D., C. und E. in Q. stattgefunden haben soll, die Strafanzeige bei der
Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach (Aargau) eingereicht und die ersten
Strafverfolgungshandlungen ebenfalls im betreffenden Aargauer Bezirk
vorgenommen worden sind. Da für die Delikte gemäss Anklage vom
10. Oktober 2012 derselbe Gerichtsstand gilt, liegen zwei Strafverfahren
mit demselben inter- und innerkantonalen Gerichtsstand vor. Art. 34 Abs. 2
StPO, der sich ausschliesslich auf das interkantonale Verhältnis bezieht
(vgl. Urteil des Bundesstrafgerichtes SK.2013.39 vom 22. April 2014
E. 1.2.4.), gelangt deshalb nicht zur Anwendung. Die beiden Strafverfahren
konnten somit auch nach Erhebung der Anklage noch vereinigt werden.
Der Einwand der Verteidigung betreffend die angeblich fehlende Zustän-
digkeit erweist sich somit auch unter diesem Gesichtspunkt als unbegrün-
det.
4.3. Materielle Beurteilung
Da der Beschuldigte einen Freispruch betreffend die Tathandlungen zwi-
schen Juni und August 2010 in Z. zum Nachteil von D. beantragt, ist der
vorinstanzliche Schuldspruch zu überprüfen.
https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/7bd9569e-67a8-4150-8b3d-56b0404a2647?source=document-link&SP=13|zredkm https://www.swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/00000000-0000-0000-0000-000000000000?source=document-link&SP=13|zredkm
- 32 -
4.3.1. Tatbestand und rechtliche Ausführungen
Gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB begeht eine sexuelle Nötigung, wer eine
Person zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuel-
len Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet,
sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht.
Eine qualifizierte sexuelle Nötigung nach Art. 189 Abs. 3 StGB liegt vor,
wenn der Täter grausam handelt, namentlich eine gefährliche Waffe oder
einen anderen gefährlichen Gegenstand verwendet.
Die sexuellen Nötigungstatbestände verbieten den Angriff auf die sexuelle
Freiheit. Sie gelten als Gewaltdelikte und sind damit prinzipiell als Akte
physischer Aggression zu verstehen. Dabei stellt aber die Tatbestandsvari-
ante des Unter-psychischen-Druck-Setzens klar, dass sich die tatbestands-
mässige Ausweglosigkeit der Situation für das Opfer auch ergeben kann,
ohne dass der Täter eigentliche Gewalt anwendet; es kann vielmehr genü-
gen, dass dem Opfer eine Widersetzung unter solchen Umständen aus an-
deren Gründen nicht zuzumuten ist. Eine Situation kann somit für das Opfer
bereits auf Grund der sozialen Dominanz des Täters aussichtslos im Sinne
der genannten Tatbestände sein. Diese Dominanz muss nicht notwendig-
erweise mit der Furcht des Opfers vor körperlicher Gewalt verknüpft sein;
vielmehr kann für eine tatbestandsmässige Nötigung schon genügen, wenn
das Opfer Angst vor der Unnachgiebigkeit oder Strenge des Täters hat, den
Verlust seiner Zuneigung fürchtet, unter dem Eindruck eines Schweigege-
bots in einen unentrinnbaren, lähmenden Gewissenskonflikt gerät oder
wenn der Täter das Opfer psychisch und physisch so erschöpft, dass es
sich dem ungewollten Sexualakt oder anderen sexuellen Handlungen nicht
mehr widersetzt. Bei Erwachsenen kommt ein psychischer Druck nur bei
ungewöhnlich grosser kognitiver Unterlegenheit oder emotionaler wie
sozialer Abhängigkeit in Betracht. Das Ausnützen allgemeiner Abhängig-
keits- oder Freundschaftsverhältnisse für sich genommen genügt nicht, um
einen relevanten psychischen Druck im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB zu
begründen (BGE 128 IV 106 E. 3 mit weiteren Hinweisen). Das Bundesge-
richt verwendet den Begriff der strukturellen Gewalt zur Beschreibung einer
der möglichen Tatvarianten der psychischen Nötigung mittels Instrumenta-
lisierung sozialer Verhältnisse durch den Täter. Dabei setzt dieser die struk-
turellen (auch funktionellen oder institutionellen) Verhältnisse als Nöti-
gungsmittel für seine sexuellen Ziele ein. Vorausgesetzt wird dabei eine
"Instrumentalisierung" struktureller Gewalt, das heisst, dass die vorgefun-
dene oder vom Täter geschaffene soziale Situation als Druckmittel einge-
setzt wird. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn der Täter - ohne physische
Gewalt anzuwenden oder zu drohen - in seiner Funktion als Erzieher mit
den ihm zur Verfügung stehenden Erziehungsmitteln und Machtbefugnis-
sen das Opfer in die Enge treibt, so dass es kapitulieren muss. Das Opfer
hat Angst vor der Unnachgiebigkeit oder Strenge des Erziehers oder fürch-
tet um den Verlust seiner Zuneigung, es sieht sich ohne dessen Hilfe für
verloren oder fürchtet sich vor den Konsequenzen einer Verweigerung oder
- 33 -
ist physisch und psychisch so erschöpft, dass es sich nicht widersetzen
kann. Hier wird das Erziehungsverhältnis als Mittel zum Zwecke der Er-
zwingung sexuellen Verhaltens gebraucht. Es wird daher nicht aus dem
Bestand eines soziologischen Sachverhalts der strukturellen Gewalt auf die
tatbestandserfüllende psychische Nötigung geschlossen bzw. diese in der
blossen Ausnützung dieses Sachverhalts erblickt. Vielmehr müssen die
mittels instrumentalisierter struktureller Gewalt geschaffenen tatsächlichen
Verhältnisse die tatbestandlichen Anforderungen eines Nötigungsmittels
erfüllen. Ob dies zutrifft, lässt sich nur aufgrund der konkreten Umstände
entscheiden. Die Erwägung, dass auch kognitive Unterlegenheit und
emotionale wie soziale Abhängigkeit einen ausserordentlichen psychi-
schen Druck erzeugen können, ist in diesem Zusammenhang und unter
dem Blickwinkel des mutmasslichen Sexualstraftäters zu sehen, der diesen
Druck in ein Nötigungsmittel für seine sexuelle Zielsetzung umfunktioniert.
Es ist aber wie bei der physischen Gewalt und Drohung immer eine erheb-
liche Einwirkung auf die Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung erforder-
lich. Der Begriff der Instrumentalisierung struktureller Gewalt darf somit
nicht als Ausnützung vorbestehender gesellschaftlicher oder privater
Machtverhältnisse missverstanden werden. Es muss für die Erfüllung des
Tatbestands durch den Täter eine "tatsituative Zwangssituation" nachge-
wiesen sein. Das bedeutet nicht, dass der Täter diese jedes Mal wieder auf
die gleiche Weise neu entstehen lassen muss. Es genügt, wenn das Opfer
zunächst in dem ihm möglichen Rahmen Widerstand leistet und der Täter
in der Folge den Zwang aktualisiert, so dass jede weitere sexuelle Ausbeu-
tung nur aufgrund der strukturellen und aktualisierten Gewalterfahrung er-
folgt (BGE 131 IV 107 E. 2.4 m. weiteren Hinweisen).
4.3.2. Aussagen D.
Die Anklage basiert im Wesentlichen auf den Aussagen von D. anlässlich
ihrer Einvernahmen durch die Staatsanwaltschaft vom 13. Dezember 2012
und vom 14. März 2013.
In ihrer ersten Einvernahme sagte D. aus, sie habe zwischen September
2005 bis April 2008 die G. des Beschuldigten besucht, wobei der Beschul-
digte diese als die höchste auf Erden bezeichnet habe. Seine Schüler seien
auserwählt und es gäbe nichts Besseres als das. Als D. anfangs 2008 eine
schwierige Zeit gehabt habe, habe der Beschuldigte ihr am Ende einer Me-
ditationswoche gesagt, sie solle sich von ihrem Partner trennen. Kurz da-
rauf habe sie auch SMS vom Beschuldigten erhalten, welche darauf hin-
ausliefen, dass sie vom Grossen Rat der geistigen Welt dazu ausgesucht
worden sei, um die Frau an seiner Seite zu sein. Darüber sei sie sehr glück-
lich gewesen, da ihr das Spirituelle und die spirituelle Entwicklung hin zur
Erleuchtung sehr wichtig gewesen seien (UA Ordner 3 act. 63 f.). Am Wo-
chenende, nachdem ihr der Beschuldigte eröffnet habe, dass sie auser-
wählt worden sei, habe sie Samstagnacht das erste Mal bei ihm übernach-
- 34 -
tet. In dieser Nacht sei es dann auch das erste Mal zu Oralverkehr gekom-
men, wobei ihr der Beschuldigte klar gemacht habe, dass dies für ihre spiri-
tuelle Entwicklung wichtig sei. Am Sonntag sei sie dann über das Gesche-
hene schockiert gewesen, da sie sich davor nicht habe vorstellen können,
das Glied eines Mannes in den Mund zu nehmen. In der nachfolgenden
Zeit sei sie häufig beim Beschuldigten gewesen und es sei häufig zu Oral-
verkehr gekommen. D. berichtet auch davon, dass der Beschuldigte die
ersten Male versucht habe, mit einem Finger vaginal in sie einzudringen,
um sie dort fest anzupacken. Nachdem sie ihm aber gesagt habe, dass sie
in der Pubertät von einem Familienmitglied missbraucht worden sei, habe
er es sein lassen. Er habe jedoch begonnen, an ihren Schamlippen und an
ihren Brüsten zu reissen. Wenn sie jeweils gesagt habe, sie habe Schmer-
zen, habe er ihr gesagt, sie müsse lernen, mit Schmerzen umzugehen. Als
es ihr daraufhin immer schlechter gegangen sei, habe er sich dann im Sep-
tember 2008 von ihr getrennt und sie auch von den Meditationskursen aus-
geschlossen. Er habe ihr dann vorgeworfen, sie sei schlecht, ihr Geist sei
schlecht. Dadurch sei für sie eine Welt zusammengebrochen, da ihr Leben
nur Sinn gemacht habe, wenn sie auf dem Weg zur spirituellen Erleuchtung
gegangen sei. Sie habe deshalb zurück gewollt. Auch habe sie kaum Kon-
takte gehabt, da sie viele Freunde im Umfeld des Beschuldigten gehabt
habe, zu denen ihr der Zugang vom Beschuldigten verwehrt worden sei
(UA Ordner 3 act. 64).
Der Beschuldigte habe dann im Jahr 2009 wieder Kontakt zu ihr aufgenom-
men, wobei es Mitte 2009 zu einem Treffen gekommen sei (UA Ordner 3
act. 64). Anlässlich dieses Treffens, habe der Beschuldigte bereits wieder
die orale Befriedigung verlangt. Es sei dann immer wieder zu Treffen ge-
kommen, anlässlich welchen sie ihn oral habe befriedigen müssen. Er habe
sie dann auch nach Z. bestellt, wo sie jeweils geputzt, eingekauft, gekocht
und alles eingerichtet habe. Sie sei jeweils jeden Abend oder jeden zweiten
Abend dort gewesen. Sie habe gewusst, dass er die Wohnung nicht ver-
lassen könne, da er dort seine Strafe habe absitzen müssen. Zu dieser
Strafe sei es nach seinen Aussagen gekommen, weil er die Füsschen eines
Kindes nicht richtig angefasst habe. Er habe das Ganze damit begründet,
dass die Dunkelheit ihn als grösstes Licht angreife. Das habe sie ihm ge-
glaubt. Die erneute Beziehung zwischen ihr und dem Beschuldigten sei
geheim gewesen. Am 6. August 2010 habe er ihr dann gesagt, dass sie
wieder meditieren dürfe. Das sei für sie das Grösste gewesen, wieder zur
Gruppe zu gehören (UA Ordner 3 act. 65). Die sexuellen Kontakte hätten
weiterhin stattgefunden, bis er ihr im Januar oder Februar 2011 zum zwei-
ten Mal gesagt habe, dass es mit ihr keinen Sinn mache (UA Ordner 3
act. 66).
In der zweiten Einvernahme vom 14. März 2013 hat D. diese Aussagen
bestätigt. Von einzelnen Erlebnissen berichtete sie in der ersten und zwei-
ten Einvernahme mit weitgehender Übereinstimmung. So schilderte sie den
- 35 -
Ablauf kongruent und wiederholte zum Beispiel ihre Aussage, dass der Be-
schuldigte sie anlässlich des Treffens Mitte 2009 gefragt habe, ob sie nicht
wisse, wo sie hingehöre und wozu sie hier sei, worauf es zu erneutem Oral-
verkehr gekommen sei (UA Ordner 3 act. 64, 82 f.). Auch bestätigte sie,
dass der Beschuldigte mit der Zeit immer gewalttätiger geworden sei (UA
Ordner 3 act. 83). Was konkret den Zeitraum zwischen Juni 2010 und Au-
gust 2010 betrifft, wiederholte D. ihre Aussage, wonach der Beschuldigte
ihr erzählt habe, er sei als Licht von der Dunkelheit angegriffen worden, da
das Dunkle das Licht zerstören wolle. Er habe ihr erzählt, dass er die Strafe
absitzen müsse, habe dies jedoch damit begründet, dass er ein Füsschen
eines Kindes falsch angefasst habe und die Mutter ihn angeklagt habe. Das
habe sie geglaubt (UA Ordner 3 act. 84 f.). Sie sei dann, wenn sie nicht
habe arbeiten müssen, jeweils in Z. gewesen und habe für ihn gekocht oder
Hausarbeit gemacht. Dabei sei es auch wieder zu Oralverkehr gekommen,
wobei er im Vergleich zu früher grober geworden sei (UA Ordner 3 act. 85).
D. verwies an der Verhandlung vor der Vorinstanz auf ihre Aussagen, wur-
de jedoch nicht mehr detailliert dazu befragt.
4.3.3. Standpunkt des Beschuldigten
Der Beschuldigte räumt grundsätzlich sexuelle Handlungen ein, indes be-
streitet er, dass er D. dabei sexuell genötigt haben soll. Die sexuellen Hand-
lungen seien nicht einseitig gewesen (UA Ordner 3 act. 177).
4.3.4. Theoretisches zur Aussageanalyse
Da es sich vorliegend um ein typisches Vieraugendelikt handelt, sind die
Aussagen von D. und des Beschuldigten auf ihre Glaubhaftigkeit hin zu
untersuchen.
Bei der Abklärung des Wahrheitsgehalts von Aussagen hat sich in der Pra-
xis die so genannte Aussageanalyse weitgehend durchgesetzt. Dieser Me-
thode liegt die Erkenntnis zugrunde, dass wahre und falsche Schilderungen
unterschiedliche geistige Leistungen erfordern (BGE 129 I 49 E. 5; 128 I 81
E. 2). Während die Wiedergabe eines tatsächlich erlebten Ereignisses ko-
gnitiv relativ leicht fällt, ist es intellektuell schwieriger, eine Aussage über
ein komplexes Handlungsgeschehen ohne Erlebnishintergrund zu reprodu-
zieren und über einen längeren Zeitraum hinweg konstant zu schildern (vgl.
etwa FERRARI, Erkenntnisse aus der Aussagepsychologie, plädoyer 4/09,
S. 36; LUDEWIG/TAVOR/BAUMER, Wie können aussagepsychologische Er-
kenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen, AJP 11/2011,
S. 1423). Wahre und erfundene Darstellungen unterscheiden sich deshalb
regelmässig in ihrer inhaltlichen Qualität. Ein Lügner verfolgt zudem das
Ziel, beim Empfänger den Eindruck der Glaubwürdigkeit zu erwecken. Er
versucht im Allgemeinen Selbstkorrekturen, Erinnerungslücken und Selbst-
belastungen zu vermeiden (LUDEWIG/TAVOR/BAUMER, a.a.O., S. 1423 f.;
- 36 -
FERRARI, a.a.O., S. 36). Auch dieser Umstand kann sich in seinen Aussa-
gen niederschlagen.
Im Rahmen der Aussageanalyse wird geprüft, ob die aussagende Person
unter Berücksichtigung der Umstände, ihrer intellektuellen Leistungsfähig-
keit und ihrer Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen Erlebnis-
hintergrund machen könnte. Als Analysemittel dienen vorab die so genann-
te Realkennzeichen. Dabei handelt es sich um wissenschaftlich definierte
Qualitätsmerkmale für die Bewertung der Glaubhaftigkeit von Aussagen.
Je mehr Kriterien erfüllt sind, desto glaubhafter erscheint die Aussage (vgl.
etwa BGE 133 I 33 E. 4.3; 129 I 49 E. 5; 128 I 81 E. 2; Urteile des Bundes-
gerichts 6B_760/2016 vom 29. Juni 2017 E. 4.2 und 6B_793/2010 vom
14. April 2011 E. 1.3.1.). Zu diesen Realkennzeichen gehören beispielswei-
se die logische Konsistenz, der quantitative Detailreichtum oder die Schil-
derung von Komplikationen im Handlungsablauf (vgl. zu den Realkennzei-
chen im Einzelnen etwa DITTMANN, Zur Glaubhaftigkeit von Zeugenaussa-
gen, plädoyer 2/97, S. 33 ff.; FERRARI, a.a.O., S. 35 f.; LUDEWIG/TA-
VOR/BAUMER, a.a.O., S. 1425). Bei der Prüfung der Realkennzeichen bzw.
der Realitätskriterien ist gleichzeitig auch Phantasie- oder Lügensignalen
Beachtung zu schenken. Weiter kann es hilfreich und geboten sein, die
Entwicklungsgeschichte der Aussage zu untersuchen sowie die Aussagen
einem Strukturvergleich zu unterziehen. Im Rahmen des Strukturvergleichs
wird die Qualität der Aussage zum Kerngeschehen der Qualität der Schil-
derungen zu nicht tatbezogenen Inhalten gegenüber gestellt (LUDEWIG/TA-
VOR/BAUMER, a.a.O., S. 1428 ff.). Weiter ist nach möglichen Fehlerquellen
zu forschen, die etwa darin bestehen können, dass die aussagende Person
über ein Motiv zur Falschaussage verfügt oder Umstände vorhanden sind,
welche die Aussage beeinflusst haben könnten. Schliesslich ist zu untersu-
chen, ob es Übereinstimmungen oder Widersprüche zu anderen Beweisen
gibt.
Bei der Glaubhaftigkeitsbeurteilung ist immer davon auszugehen, dass die
Aussage auch nicht realitätsbegründet sein kann. Ergibt die Prüfung, dass
diese Unwahr- bzw. Nullhypothese mit den erhobenen Fakten nicht mehr
in Übereinstimmung stehen kann, so wird sie verworfen. Es gilt dann die
Alternativhypothese, dass die Aussage wahr ist (vgl. etwa BGE 133 I 33
E. 4.3; BGE 129 I 49 E. 5).
4.3.5. Beurteilung der Glaubhaftigkeit
4.3.5.1. Aussagekompetenz
Vorab ist festzuhalten, dass bei D. keine Hinweise auf eine psychische Er-
krankung oder auf kognitive Defizite vorhanden sind, welche ihre Aussage-
kompetenz einschränken würden.
- 37 -
4.3.5.2. Entstehungsgeschichte
Was die Entstehungsgeschichte der Aussage anbelangt, fällt zwar auf,
dass D. im August 2010 gegenüber der Kantonspolizei Aargau noch keine
Auskunft geben wollte. Dies lässt sich jedoch damit erklären, dass sie da-
mals noch unter dem Einfluss des Beschuldigten stand (UA Ordner 3
act. 67). Nach eigenen Angaben hatte sie erstmals im August 2010 die
Kraft, das Wort gegen den Beschuldigten zu erheben (UA Ordner 3
act. 68). Richtig begonnen aufzuwachen habe sie jedoch erst an Ostern
2012, als sie vom Artikel in der Aargauer Zeitung erfahren habe (UA Ord-
ner 3 act. 66 und 85). Es ist somit ohne weiteres nachvollziehbar, weshalb
D. im August 2010 noch keine Vorwürfe gegen den Beschuldigten erhoben
hat. Vergleicht man ihre Aussagen vom 13. Dezember 2012 und diejenigen
vom 14. März 2013, so fällt auf, dass D. gewisse Details erst in der zweiten
Einvernahme erwähnt hat (wie z.B., dass sie auch die Eier des Beschuldig-
ten habe in den Mund nehmen müssen: UA Ordner 3 act. 86). Insgesamt
ist zwischen den beiden Befragungen jedoch keine auffällige Aggravation
der Vorwürfe auszumachen, die gegen die Glaubhaftigkeit der Aussagen
von D. sprechen würde. Die Entstehungsgeschichte der Aussage ist somit
unauffällig.
4.3.5.3. Inhaltsanalyse
Analysiert man den Inhalt der Aussagen von D., so ergibt sich im Einzelnen
Folgendes:
Die Aussagen sind in sich stimmig und ausserordentlich homogen, ohne
dass der Eindruck entsteht, D. habe eine auswendig gelernte Geschichte
mehrfach reproduziert. Sie schildert einen äussert komplexen Sachverhalt
in freier Form und mit unterschiedlichen Worten, ohne sich dabei in irgend-
welche Widersprüche zu verstricken. Diese logische Konsistenz ist ein Kri-
terium für die Glaubhaftigkeit der Aussage. Auch wenn sich D. bemüht, sich
bei ihren Aussagen an den zeitlichen Ablauf zu halten, fügt sie auch chro-
nologisch nicht passende Ergänzungen ein (z.B. UA Ordner 3 act. 65, 83,
84). Eine solche ungeordnete sprunghafte Darstellung ist ebenfalls als Indiz
für die Glaubhaftigkeit der Aussage zu werten.
Die Schilderungen enthalten sodann zahlreiche Einzelheiten. Insbesonde-
re schildert D. die sexuellen Handlungen relativ genau, indem sie be-
schreibt, dass der Beschuldigte von ihr nur Oralverkehr verlangt habe und
ihr klar zu verstehen gegeben habe, dass es dabei wichtig sei, dass sie
seinen Samen trinke (UA Ordner 3 act. 64). Auch beschreibt sie, wie der
Beschuldigte die ersten 2 oder 3-mal versucht habe, mit dem Finger in ihre
Vagina einzudringen, dies aber gelassen habe, nachdem sie ihm gesagt
habe, dass sie schon als Kind in der Pubertät missbraucht worden sei. Der
Beschuldigte habe immer nur Oralverkehr verlangt. Wobei sie ihm auch
habe schreiben müssen, wie sehr sie es sich wünsche, seinen Schwanz im
- 38 -
Mund zu haben (UA Ordner 3 act. 65). Sie führt weiter aus, wie der Beschul-
digte an ihren Brüsten und ihren Schamlippen herumgerissen habe (UA
Ordner 3 act. 64). Die Schilderungen enthalten aber auch ausserhalb des
Kerngeschehens zahlreiche Einzelheiten. So kann D. relativ genau schil-
dern, wie sie als erwachsene Frau in eine derart starke Abhängigkeit zum
Beschuldigten geraten konnte (z.B. UA Ordner 3 act. 63, 64, 82). Sie kann
sich aber auch an nebensächliche Details erinnern (z.B. UA Ordner 3
act. 64 "Es war Mitte 2009, ich trug Sandalen, es war warm"). Die Kriterien
des quantitativen Detailreichtums und der Schilderung nebensächlicher
Einzelheiten sind somit ebenfalls erfüllt.
Die Aussagen von D. weisen im Übrigen ausreichende raumzeitliche Ver-
knüpfungen auf. Sie kann relativ genau angeben, wann und an welchen
verschiedenen Orten die sexuellen Handlungen stattgefunden haben. So-
dann gibt sie in- und ausserhalb des Kerngeschehens Äusserungen wieder
(z.B. UA Ordner 3 act. 65, "Es hat mir gesagt, das müsse das Wichtigste in
meinem Leben sein, immer auf dem Weg sein und das bedeute halt auch
zu leiden, wenn man die Erleuchtung erlangen wolle"; UA Ordner 3 act. 64,
Reaktion des Beschuldigten auf ihre Aussage, dass sie in der Pubertät
missbraucht worden sei: "ah jetzt ist klar, wie kann man denn so lange die
Beine auseinander halten"; UA Ordner 3 act. 69: "Er sagte, ob ich nicht
begreife, dass das meine Aufgabe sei, dass ich für seinen Schwanz zu-
ständig sei..."). Das Realkennzeichen der Wiedergabe von Gesprächen ist
somit ausgeprägt vorhanden.
D. schildert weiter Komplikationen im Handlungsablauf, was den Wahr-
heitsgehalt ihrer Aussagen ebenfalls steigert: So führt sie aus, dass sie auf
Anweisung des Beschuldigten dessen Samen habe schlucken müssen,
wobei sie beinahe habe erbrechen müssen. Der Beschuldigte habe dann
ein Glas Wasser geholt. Er habe ihr den Mund zugehalten und sie habe
das trinken müssen (UA Ordner 3 act. 70).
D. schildert darüber hinaus eigene psychische Vorgänge. So beschreibt sie
eindrücklich ihre Gefühlslage, nachdem der Beschuldigte sie angewiesen
habe auszuziehen, ihr verboten habe zu meditieren und zu ihr gesagt habe,
ihr Geist sei schlecht: "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, für
mich machte das Leben nur Sinn, wenn ich auf dem spirituellen Weg zur
Erleuchtung ging" (z.B. UA Ordner 3 act. 65).
D. schreckt aber auch nicht davor zurück, Erinnerungslücken einzugeste-
hen (z.B. "Irgendwann Ende Mai oder Anfang Juni musste ich dann statt
nach Q. nach Z. fahren, er hat mir eine Adresse angegeben, ich weiss nicht
mehr genau, wie das gelaufen ist" (UA Ordner 3 act. 65). Teilweise erhebt
sie auch Einwände gegen die Richtigkeit oder Glaubhaftigkeit der eigenen
Aussage ("Heute habe ich das Gefühl, ich erzähle Ihnen einen Blödsinn,
wenn ich das sage, damals habe ich daran geglaubt" (UA Ordner 3 act. 65).
- 39 -
Sie versucht auch nicht, Selbstbelastungen zu vermeiden. Vielmehr gibt sie
unumwunden zu, damit einverstanden gewesen zu sein, mit dem Beschul-
digten eine Beziehung zu führen (UA Ordner 3 act. 69) und dass sie sich
gegen die sexuellen Handlungen nicht gewehrt habe (UA Ordner 3 act. 73).
Ebenso wenig versucht D. zu verbergen, dass sie beim Beschuldigten die
elektronischen Fussfesseln gesehen habe (UA Ordner 3 act. 65 und 85).
Gleichzeitig verzichtet sie auf naheliegende Mehrbelastungen, die sich zur
Anreicherung einer Lügengeschichte geeignet hätten und schwer überprüf-
bar gewesen wären. So sagte sie aus, der Beschuldigte habe sie nicht ge-
schlagen und er habe sie auch nicht mit dem Leben oder so bedroht (UA
Ordner 3 act. 71).
Zusammenfassend sind in den Aussagen von D. zahlreiche Realkennzei-
chen vorhanden. Dazu gehören die Realkennzeichen der logischen Kon-
sistenz, der ungeordnet sprunghaften Darstellung, des quantitativen Detail-
reichtums, der raum-zeitlichen Verknüpfungen, der Interaktionsschilderun-
gen, der Wiedergabe von Gesprächen, der Schilderung von Komplikatio-
nen im Handlungsablauf, der Schilderung nebensächlicher Einzelheiten,
der Schilderung eigener psychischer Vorgänge, des Eingestehens von Er-
innerungslücken, der Einwände gegen die Richtigkeit der eigenen Aussage
und des Verzichts auf naheliegende Mehrbelastungen. Andere Realkenn-
zeichen sind nicht oder nicht in relevanter Ausprägung vorhanden. Lügen-
signale sind nicht auszumachen.
4.3.5.4. Strukturvergleich
Die Aussagen von D. halten überdies einem Strukturvergleich stand. Der
Detaillierungsgrad der Aussagen zum Kernsachverhalt weist nämlich nicht
signifikant von demjenigen der Aussagen zu nicht tatbezogenen Inhalten
ab. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang etwa, dass D. am Ende
der staatsanwaltschaftlichen Befragung vom 13. Dezember 2012 nochmals
auf die sexuellen Handlungen zu sprechen kam und von sich aus Einzel-
heiten ergänzte. So schilderte sie, dass sie einige Male, Atemnot und Angst
gehabt habe, erdrückt zu werden und zu ersticken, weil der Beschuldigte
über ihr gelegen habe und "weil er mir seinen Schwanz so weit nach hinten
in den Mund gesteckt hat" (UA Ordner 3 act. 72; vgl. auch act. 89).
4.3.5.5. Hinweise auf Aussageverfälschungen
Es sind keine Motive für eine Falschaussage erkennbar. Es bestehen auch
keine Anzeichen dafür, dass die Zivil- und Strafklägerin in ihren belasten-
den Aussagen von Dritten beeinflusst worden sein könnte. Zwar gab D. zu
(UA act. 62 f.), mit E. telefoniert und von ihr erfahren zu haben, dass C.
Strafanzeige gegen den Beschuldigten erstattet habe, es gibt jedoch keine
Hinweise zur Annahme, D. wäre von E. oder von anderen Personen beein-
flusst worden.
- 40 -
4.3.5.6. Zwischenbilanz
Bei einer Gesamtwürdigung der Aussagen von D. gelangt das Obergericht
zum Ergebnis, dass die Aussagen einen realen Erlebnishintergrund haben
müssen. Es erscheint selbst bei einer Person mit uneingeschränkter Aus-
sagekompetenz als sehr unwahrscheinlich, dass sie eine erfundene Ge-
schichte in dieser spezifischen Art und Weise vortragen könnte.
4.3.5.7. Externe Validierung
Die Glaubhaftigkeit der Aussagen von D. erhöht sich durch den Umstand,
dass sich ihre Schilderungen durch weitere Beweismittel validieren lassen.
Insbesondere fällt eine weitreichende Kongruenz zu Aussagen anderer
Frauen auf, die ebenfalls angegeben haben, durch den Beschuldigten se-
xuell genötigt worden zu sein. Diese weitgehend übereinstimmenden Aus-
sagen von verschiedenen Frauen lassen ein eigentliches Tatmuster des
Beschuldigten erkennen.
Der Beschuldigte baute zunächst Vertrauen auf zu Frauen, die seinen Rat
und seine Hilfe gesucht haben, weil sie entweder nach der Suche nach
Antworten waren (P., GA act. 629), sich in einer schwierigen Lebensphase
befanden (C., UA Ordner 3 act. 29 und 34, 52; D.; UA Ordner 3 act. 63 und
82) oder an körperlichen Beschwerden litten (E., UA Ordner 3 act. 106).
Der Aufbau von Vertrauen gelang dem Beschuldigten, indem er anfänglich
seine helfende Seite in den Vordergrund stellte und er ihnen einen spiritu-
ellen Weg zur Erleuchtung aufzeigte. Er präsentierte ihnen auf der Basis
der buddhistischen Lehre ein Weltbild, in dem er sich selbst als Meister
bzw. (heiliger) Vertreter des Allwissenden ins Zentrum stellte und sich über
die Schülerinnen und Schüler hob. In dieser autoritären Funktion bestimmte
er, welche Regeln gelten und welche Verhaltensweisen auf der Seite des
Lichts und welche auf der Seite der Dunkelheit stehen. Er vermochte die
Frauen davon zu überzeugen, dass er übernatürliche Fähigkeiten besitzt
und nur er ihnen einen Weg zum Licht zeigen bzw. nur er sie von der Dun-
kelheit schützen könne. Durch verschiedene Mechanismen gelang es ihm,
die Abhängigkeiten von einzelnen Frauen in der Gruppe gezielt zu verstär-
ken. Dazu gehörte, dass er diese entwertete, ihnen Schuldgefühle einjagte,
sie ständig kontrollierte (E., GA act. 607; C., GA act. 614), auf sich fokus-
sierte und sie so zunehmend destabilisierte (vgl. E., GA act. 607; C., GA
act. 614). So behauptete er namentlich, ihr Geist sei böse und schade un-
mittelbar der Gesundheit anderer Personen, so dass diese gar daran ster-
ben könnten (E., GA act. 607, UA Ordner 3 act. 107; C., GA act. 615; D.:
UA Ordner 3 act. 64 und 66, 71, 84 f., 87). Er erniedrigte die Opfer, indem
er ihnen einredete, sie seien nichts wert (P., GA act. 629; C., UA Ordner 3
act. 42 und 56; D., UA Ordner 3 act. 64) und sie würden nichts richtig ma-
chen (E., GA act. 608; UA Ordner 3 act. 106; D.: UA Ordner 3 act. 83) oder,
indem er sie vor der Gruppe blossstellte (P., GA act. 629; C., UA Ordner 3
act. 42; D., UA Ordner 3 act. 67, 85, 87). Dabei gelang es dem Beschuldig-
- 41 -
ten teilweise auch, die Opfer sozial zu isolieren und vom kursexternen Um-
feld abzutrennen (E., GA act. 604 und 609; P.: GA act. 629; GA act. 629;
C., UA Ordner 3 act. 35, 38 und 54 f.; D.; UA Ordner 3 act. 82). Indem der
Beschuldigte mit Gunst und Missgunst spielte, Zuneigung und Abneigung,
Lob und Tadel, Bevorzugung und Verstossung, manipulierte er die Betrof-
fenen und erhielt so eine Gedanken- und Gefühlskontrolle über diese. Er
versprach ihnen teilweise die Erleuchtung und machte ihnen vor, eine über-
geordnete Macht habe sie zu seiner Frau auserwählt (C., GA act. 622; UA
Ordner 3 act. 30, 35 und 44 f.; D., GA act. 622; UA Ordner 3 act. 63 und
82; P., GA act. 629), was den Opfern schmeichelte, sie aber gleichzeitig
stärker isolierte und sie dem noch grösseren Einfluss des Beschuldigten
aussetzte. Gleichzeitig gelang es dem Beschuldigten, die betroffenen Frau-
en in seiner abgeschotteten Welt gefangen zu halten, indem er ihnen ande-
re Strategien zur Lösung ihrer Probleme raubte. Ausserhalb seiner Welt
bzw. der Schule des Beschuldigten existierte nach seinen spirituellen Vor-
gaben nur die Dunkelheit bzw. nichts, was den Opfern als Alternative hätte
dienen können (vgl. Aussagen von E., GA act. 606 f.). Bei unerwünschtem
Verhalten mussten die betroffenen Frauen mit massiven Konsequenzen
rechnen. So drohte er ihnen etwa mit der Beendigung der Beziehung und
dem Ausschluss aus der Gemeinschaft, wenn sie ihren Geist nicht verbes-
sern würden (vgl. Aussagen von E., GA act. 606), oder stellte ihnen andere
Nachteile in Aussicht, indem er etwa angab, die Leute, welche die Gruppe
verlassen müssten, würden dreckig, todkrank oder landeten in der Hölle
(C., UA Ordner 3 act. 41 und 47).
Auch was die sexuellen Handlungen anbelangt, sind die Aussagen der be-
troffenen Frauen weitgehend kongruent. So schildern die Opfer überein-
stimmend, dass der Beschuldigte von ihnen Oralverkehr verlangt habe,
was er mit Gründen aus seiner Lehre gerechtfertigt habe. Das Schlucken
seines (heiligen) Samens sei erforderlich, damit sie auf dem Weg der Er-
leuchtung weiterkämen (E., GA act. 608, UA Ordner 3 act. 110; C., UA Ord-
ner 3 act. 36, 42 f., 53 f. D., UA Ordner 3 act. 70, 82, 87). Man müsse Licht
in sie hineinspritzen und sie so befreien, sonst drohe ihnen Dunkelheit (vgl.
C., UA Ordner 3 act. 42; D., UA Ordner 3 act. 70, 82, 87; E., UA Ordner 3
act. 110). Der heilige Samen müsse geschluckt und dürfe nicht vergeudet
werden (C., UA Ordner 3 act. 43; D., UA Ordner 3 act. 70, 82, 87). Ver-
schiedene Opfer gaben zudem an, dass der Beschuldigte ihnen an der
Scheide (C., UA Ordner 3 act. 36 und 43, 49, 53; D., UA Ordner 3 act. 65,
70, 86; E., UA Ordner 3 act. 110) und an den Brüsten gerissen habe (vgl.
C., UA Ordner 3 act. 36 und 42, 53; D.: UA Ordner 3 act. 64 f., 70, 86; E.,
GA act. 609; UA Ordner 3 act. 110) oder sie angewiesen habe, die ganze
Nacht hindurch seinen Penis im Mund zu behalten (C., UA Ordner 3 act. 36,
50; D., UA Ordner 3 act. 73, 90; E., UA Ordner 3 act. 107). Drei Opfer sag-
ten zudem übereinstimmend aus, der Beschuldigte habe ihnen den Penis
so weit in den Mund gesteckt, dass sie Angst gehabt hätten zu ersticken
(E., GA act. 608; UA Ordner 3 act. 110; C., GA act. 616; UA Ordner 3
- 42 -
act. 35 und 38, 53 f., 55; D., UA Ordner 3 act. 86). Auf diese Weise nutzte
der Beschuldigte die zuvor gezielt geschaffene Abhängigkeit der betroffe-
nen Frauen zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse aus. Zudem ver-
mochte er mittels devianter Sexualpraktiken dieses Machtgefälle zu erhal-
ten und auszubauen. Je mehr Eigenwillen die betroffenen Frauen entwi-
ckelten, desto häufiger und brutaler verging er sich an ihnen. Um Wider-
stand zu verhindern, gab er ihnen vor, das Leiden gehöre zum Weg der
Erleuchtung (C., GA act. 623; D.; GA act. 623; UA Ordner 3 act. 65); sie
müssten lernen den Willen loszulassen (D., UA Ordner 3 act. 90).
Obwohl sich die Aussagen der Opfer in vielen Punkten decken, entsteht
nicht der Eindruck, dass es sich um ein Komplott handelt bzw. dass sich
diese untereinander abgesprochen haben, weichen doch ihre Aussagen in
den Details teilweise durchaus signifikant voneinander ab. So gab bei-
spielsweise nur E. an, der Beschuldigte habe ihr beim Reissen an der
Scheide gesagt, er wolle, dass ihre Schamlippen 5 cm lang seien (GA
act. 609). Nur in den Aussagen von D. findet sich sodann die Angabe, der
Beschuldigte habe ihr damit gedroht, nicht nur den Samen, sondern auch
Urin reinzumachen, wenn sie sich nicht mehr Mühe gebe (D., UA Ordner 3
act. 73), oder dass sie es irgendwann schaffen müsse, seine Eier und sei-
nen Schwanz gleichzeitig in den Mund zu nehmen (UA Ordner 3 act. 86).
4.3.5.8. Schlussfolgerung zur Glaubhaftigkeit
Die Aussagen von D. erscheinen somit aufgrund ihrer inhaltlichen Qualität
und angesichts der Tatsache, dass sie sich durch die Aussagen anderer
Opfer validieren lassen, als glaubhaft. Daran vermag der Umstand nichts
zu ändern, dass der Beschuldigte bestreitet, ein Abhängigkeitsverhältnis zu
D. aufgebaut und diese sexuell genötigt zu haben (UA Ordner 3
act. 168 ff.). Soweit der Beschuldigte die Aussage nicht verweigert hat, er-
schöpfen sich seine Ausführungen in pauschalen Bestreitungen und im Zu-
geben von unverfänglichen Sachverhaltselementen. Seine Aussagen wei-
sen keine inhaltliche Qualität auf, die ihren Wahrheitsgehalt indizieren wür-
de.
4.3.6. Objektiver Tatbestand
Was die Frage der Abhängigkeit betrifft, ist aufgrund der Ausführungen von
D., die sich durch die Aussagen anderer Opfer in zahlreichen Punkten vali-
dieren lassen, sowie gestützt auf das Gutachten über D. vom 7. Oktober
2013 vom folgendem Sachverhalt auszugehen: Der Beschuldigte hat als
Meditationslehrer und spiritueller Meister über eine längere Zeit hinweg ein
Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihm und D. aufgebaut, bis diese ihm voll-
ständig hörig war. So geht auch aus dem über D. erstellten Gutachten her-
vor, dass sie zwar nach aussen als "mit beiden Beinen im Leben stehende
Frau" auftrat, im Innern aber auf der Suche nach einer Autoritätsperson
war, an welcher sie sich orientieren konnte. Sie hatte damit eine gewisse
- 43 -
Anfälligkeit dafür, diese personelle Abhängigkeit zu entwickeln (UA Ord-
ner 3 act. 248). Dadurch ist sie auch bereit gewesen, für den Kontakt mit
dem Beschuldigten alles zu tun. Sie hat begonnen regelmässig zu meditie-
ren, hat ihre sozialen Kontakte vernachlässigt und schliesslich eine intime
Partnerschaft beendet. Alle Aktivitäten waren auf den Beschuldigten aus-
gerichtet. Der hohe Grad der Abhängigkeit zeigt sich auch darin, dass sie
nach dem Verweis aus der Meditationsschule sich selbst und nicht den Be-
schuldigten hinterfragt hat. Sie war bemüht, dessen Gunst wieder zu er-
langen (UA Ordner 3 act. 249). Für D. war die Meditation gleichgesetzt mit
dem Sinn des Lebens, weshalb nach der Wiederaufnahme ein freiwilliger
Austritt nicht in Frage kam (vgl. UA Ordner 3 act. 251). Das Verhalten von
D. war immer weniger durch die eigene Willensbildung, sondern zuneh-
mend von Vermeidung von Strafe durch den Beschuldigten geprägt gewe-
sen. Ein Hinweis auf eine autonome und selbstbestimmte Lebensführung
ist für diese Zeit laut Gutachten nicht vorhanden (UA Ordner 3 act. 259).
Der Beschuldigte hatte sie davon überzeugt, dass sie im Dunkeln und er
der einzige ist, der sie aus dieser Dunkelheit ins Licht führen kann. Ferner
schürte er ihre Angst davor, dass er ihren Geist "in die Hölle stellen" würde,
was sie in Angst versetzte und bis zur Schlaflosigkeit führte (UA Ordner 3
act. 84, 87). Indem er sie bzw. ihren schlechten Geist ferner für das Leid
anderer verantwortlich machte, versetzte er sie in Angst- und Panikzustän-
de, insbesondere weil sie selber nicht gewusst habe, was sie mit ihrem
schlechten Geist machen sollte. Vor dem Hintergrund dieser Angst, Panik
und Hilflosigkeit stellte der Beschuldigte D. in Aussicht, die orale Befriedi-
gung würde sie unter anderem in die Lage versetzen, ihren "schädlichen"
Geist in den Griff zu bekommen und dadurch weniger Schaden anzurichten
(UA Ordner 3 act. 87). D. war dem Beschuldigten – aufgrund der von ihm
geschaffenen Struktur – vollkommen ausgeliefert. Einzig aus diesem
Grund, liess sie die sexuellen Handlungen über sich ergehen bzw. nahm
die sexuellen Handlungen an ihm vor. Dass dies keineswegs einvernehm-
lich geschah, geht schon daraus hervor, dass der Beschuldigte ihr immer
wieder gesagt hat, dass es immer noch zu wenig sei und sie lernen müsse,
mit Schmerzen umzugehen (UA Ordner 3 act. 64), und dass man leiden
müsse, wenn man die Erleuchtung erlangen wolle (UA Ordner 3 act. 65).
Dieses Abhängigkeitsverhältnis bestand insbesondere auch in der Zeit, in
welcher der Beschuldigte in Z. bleiben musste. D. besuchte ihn dort mehr
oder weniger täglich, um Besorgungen zu machen, zu kochen, den Haus-
halt zu erledigen und sich um die Bedürfnisse des Beschuldigten zu küm-
mern, wobei sie jeweils auch Oralverkehr am Beschuldigten vornehmen
musste. Auffallend ist dabei, dass der Beschuldigte just in dieser Zeit D. in
Aussicht gestellt hatte, dass sie wieder an Meditationen teilnehmen dürfe,
was dieser sehr viel bedeutet hat (UA Ordner 3 act. 65). Er verstärkte also
in dieser Zeit das bereits vorhandene Abhängigkeitsverhältnis dadurch,
dass er ihr ein Fortkommen auf dem Weg zur Erleuchtung versprach, wel-
- 44 -
che sie ohne ihn nie erreichen würde. Das beschriebene Abhängigkeitsver-
hältnis ging damit weit über ein normales Freundschafts- oder Abhängig-
keitsverhältnis hinaus. D. sah damals den Sinn des Lebens darin, diese
Erleuchtung zu erlangen. Dadurch, dass der Beschuldigte ihr versprach, er
würde sie dorthin führen, dass sie ohne seine Hilfe diese Erleuchtung nie
erreichen würde und dass dazu auch die orale Befriedigung gehöre, wurde
sie vom Beschuldigten so sehr unter Druck gesetzt, dass sie keinen ande-
ren Ausweg sah, als die sexuellen Handlungen vorzunehmen. Indem der
Beschuldigte D. im Rahmen der gemeinsamen geistigen Arbeit jeweils auf-
forderte, ihn oral zu befriedigen, aktualisierte er einerseits den über lange
Zeit aufgebauten Zwang mit Blick auf die Notwendigkeit der oralen Befriedi-
gung auf dem Weg der Erleuchtung. Andererseits aktualisierte er durch das
Einverlangen des Oralverkehrs nicht nur die bei D. stets geschürte Angst
vor den negativen Konsequenzen ihres vermeintlich schlechten Geistes für
ihre persönliche Entwicklung, sondern auch ihre Furcht vor dem Schadens-
potential ihres schlechten Geistes. Seine Aufforderungen waren ferner je-
weils auch geeignet, D. ihre Hilflosigkeit bzw. die besagte Abhängigkeit von
seiner Hilfe und Gunst zu verdeutlichen. Insgesamt hat der Beschuldigte
die von ihm gezielt aufgebaute Abhängigkeit von D. dazu missbraucht, von
ihr sexuelle Handlungen zu verlangen, die sie nur aufgrund der beschrie-
benen strukturellen und jeweils aktualisierten Gewalterfahrungen über sich
ergehen liess bzw. die sie ohne den beschriebenen, im Hinblick auf die
Taten jeweils aktualisierten Druck nicht vorgenommen hätte. Dass sich D.
physisch und verbal nicht stärker gegen die sexuellen Übergriffe gewehrt
hatte, ist mithin auch damit zu erklären, dass der Beschuldigte bei den se-
xuellen Handlungen zunehmend grober und gewalttätiger wurde (vgl. UA
act. 85 f.) und ihre Versuche, sich im Rahmen des Oralverkehrs (physisch)
gegen ihn zu wehren, eine gegenteilige Wirkung hatten: "Es wurde dann
nur härter, wenn ich das versucht habe, er wurde dann nur stärker und
gewalttätiger mit dem an mir herumreissen" (UA Ordner 3 act. 86).
Nach dem Gesagten ist eine dem Tatbestand von Art. 189 Abs. 1 StGB
entsprechende Zwangslage zu bejahen. Wie die Vorinstanz zutreffend er-
wogen hat, sind auch die übrigen objektiven Tatbestandselemente dieser
Norm erfüllt.
4.3.7. Subjektiver Tatbestand
Art. 189 Abs. 1 StGB verlangt Vorsatz, wobei vorsätzlich handelt, wer den
Erfolg mit Wissen und Willen herbeiführt oder ihn zumindest mit Wissen in
Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 1 StGB). Der Beschuldigte hat das Abhängigkeits-
verhältnis zu D. gezielt aufgebaut, um sie zu sexuellen Handlungen zu brin-
gen, die sie bei freier Willensbildung nicht vorgenommen hätte. Er wusste,
dass die Erleuchtung das Lebensziel von D. war, und nutzte dies gekonnt
aus, indem er ihr einredete, dass die orale Befriedigung und das Schlucken
seines Samens notwendig seien, um dieses Ziel zu erreichen. Es war ihm
somit bewusst, dass D. die sexuellen Handlungen nur aufgrund des von
- 45 -
ihm aufgebauten Drucks vornahm. Es war ihm auch bekannt, dass D. die
sexuellen Handlungen nicht wollte. Ihren Widerstand erstickte er jedoch im
Keim, indem er ihr vorhielt, sie habe einen zu starken Willen und sie müsse
auf dem Weg zur Erleuchtung lernen, diesen Willen loszulassen (UA Ord-
ner 3 act. 90) und Schmerzen zu ertragen (UA Ordner 3 act. 64). Der Be-
schuldigte führte die sexuellen Nötigungen somit wissentlich und willentlich
aus, womit er auch den subjektiven Tatbestand von Art. 189 Abs. 1 StGB
erfüllt hat.
4.3.8. Rechtfertigungs- und Schuldausschlussgründe
Rechtfertigungs- und Schuldausschliessungsgründe sind keine ersichtlich.
Der Beschuldigte hat sich deshalb der mehrfachen sexuellen Nötigung
i.S.v. Art. 189 Abs. 1 StGB zum Nachteil von D., begangen in Z., schuldig
gemacht.
5. Sexuelle Nötigungen z.N. von E.
5.1. Anklage / vorinstanzliche Beurteilung
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten in Ziffer 4.1 der Zusatzan-
klage vor, zu E. gezielt ein Abhängigkeitsverhältnis aufgebaut zu haben
und das ihm hörige Opfer zwischen Februar 2011 und Oktober 2012 in Q.
mehrfach dazu gebracht zu haben, ihn oral zu befriedigen. Die Vorinstanz
hat den Beschuldigten im Sinne der Anklage der mehrfachen sexuellen Nö-
tigung zum Nachteil von E. schuldig gesprochen.
5.2. Berufungsbegründung
Der Beschuldigte richtet sich in seiner Berufung gegen diesen Schuld-
spruch. Er macht geltend, es habe bei E. keine Zwangssituation bestanden.
Ein massgeblicher Kontroll- und Autonomieverlust könne bei der Würdi-
gung der gesamten Situation in der Meditationsschule nicht begründet wer-
den (Berufungsbegründung Rz. 18 ff.). Sie habe im Untersuchungsverfah-
ren ausgesagt, sie sei verliebt gewesen, und Verliebtsein erfülle den Tatbe-
stand nicht (Berufungsbegründung Rz. 22).
5.3. Aussagen E.
Die Anklage stützt sich im Wesentlichen auf die Aussagen von E.. Diese
war ebenfalls Schülerin in der G. des Beschuldigten, wobei sie im Februar
2011 zu ihm nach Q. gezogen sei, als C. und AC. weggezogen seien. E.
war nach eigenen Angaben verliebt in den Beschuldigten und zog deshalb
zu ihm nach Q.. Dazu sei es gekommen, weil der Beschuldigte sie gewollt
habe. Sie habe ihn erst nicht gewollt, aber sie habe sich geschmeichelt
gefühlt und ihn dann ebenfalls gewollt (UA Ordner 3 act. 109). Sie habe
dort in der Folge den Haushalt gemacht und gekocht (UA Ordner 3
act. 106). Sie berichtet von einem rauen Umgangston des Beschuldigten.
Er habe sie immer als böse, als bösen Geist bezeichnet. Daher habe sie
auch nie mitdürfen auf Besuche. Der Beschuldigte habe ihr stets vorgehal-
ten, dass sie böse sei und dass auch C. und AC. über sie schimpfen würden
- 46 -
(UA Ordner 3 act. 106 f.). Sie habe gedacht, sie hätte eine Beziehung mit
dem Beschuldigten, aber eigentlich sei es nur um Oralverkehr gegangen.
Sie habe jeweils seinen Penis die ganze Nacht über im Mund behalten
müssen, weil sie so schlimm gewesen sei. Sie habe das dann gemacht, mit
dem Gedanken, dass sie dann weniger schlimm wäre und dass es den
Leuten um sie herum besser gehen würde (UA Ordner 3 act. 107). E. be-
richtet, dass sie keine Freunde mehr gehabt habe, dass sie dafür auch kei-
ne Zeit gehabt habe. Sie habe sich total abgeschottet. Zwar habe der Be-
schuldigte ihr den Kontakt zu Freunden oder Familie nie verboten, aber sie
habe Angst gehabt, dass sie ein böser Mensch sei und andere umbringe,
da der Beschuldigte ihr bereits gesagt habe, C. und AC. seien beinahe ge-
storben wegen ihr (UA Ordner 3 act. 107). Im Verlauf des Zusammenlebens
sei es häufiger zu Streit zwischen ihr und dem Beschuldigten gekommen.
Nach dem Streit habe sie sich schuldig gefühlt und darum gebeten, den
Beschuldigten oral befriedigen zu dürfen, oder er habe ihr jeweils gesagt,
sie dürfe ihn oral befriedigen. Dies habe sie getan, weil sie das Gefühl ge-
habt habe, sie habe etwas falsch gemacht (UA Ordner 3 act. 108). Sie habe
den Beschuldigten jeweils dann oral befriedigt, wenn sie das Gefühl gehabt
habe, sie sei schuld. Das sei jeweils so weit gegangen, dass sie das Gefühl
gehabt habe, sie müsse erbrechen oder sie ersticke (UA Ordner 3 act. 109).
E. bestätigte sodann, dass der Beschuldigte auch bei ihr an den Brüsten
und am Geschlechtsteil herumgerissen habe. Auf die Frage, ob sie dabei
Schmerzen verspürt habe, wollte sie nicht antworten, berichtete aber, dass
sie ihm gesagt habe, dass es zu fest sei, worauf er meistens schon feiner
geworden sei, manchmal aber auch nicht. Sie habe sich selten gewehrt.
Sie sei ja gesund und normal und hätte auch nein sagen können, aber das
habe sie nicht gesagt. Im Nachhinein verstehe sie das nicht. Sie sei naiv
und blöd gewesen (UA Ordner 3 act. 110). Der Beschuldigte habe ihr ge-
sagt, sie sei nicht frei bzw. ihr Geist sei nicht frei, das werde aber besser,
wenn sie ihn oral befriedige. Das habe sie geglaubt (UA Ordner 3 act. 111).
Auf die Frage, ob die sexuellen Handlungen freiwillig gewesen seien, ant-
wortete sie, dass dies rückblickend nicht im ganzen Ausmass der sexuellen
Handlungen der Fall sei (UA act. 110). Damals habe sie dies nicht als Über-
griff empfunden, wobei es schon schlimm gewesen sei, als sie fast keine
Luft bekommen habe (UA act. 111).
Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung berichtete E., dass der
Beschuldigte sie bereits im Alter von 14/15 Jahren als Teenager kennen-
gelernt und so ihr Vertrauen gewonnen habe. Dieses Vertrauen habe er
über die Jahre hinweg ausgebaut und seine Welt als die reale Welt darge-
stellt. Ausserhalb dieser Welt habe es keine Realität mehr gegeben. Es
habe nur noch das gegeben. Seine Wahrheit sei die absolute Wahrheit ge-
wesen (GA act. 606). Der Beschuldigte habe sie auch angewiesen, über
ihn und ihre Liebe zu ihm zu meditieren. Hätte sie dies nicht getan, hätte
sie seine Welt verlassen müssen. Das sei keine Option gewesen, da es die
einzige Welt gewesen sei (GA act. 608).
- 47 -
E. ist zwar nach eigenen Angaben einer Arbeit nachgegangen, der Be-
schuldigte habe ihr aber ebenfalls vorgegeben, wie sie sich bei der Arbeit
zu verhalten habe. Sie habe sich auch kontrolliert gefühlt, weil der Beschul-
digte ihr SMS geschrieben habe. So sei sie auch während der Arbeit auf
ihn fokussiert gewesen. In diesen SMS habe er ihr geschrieben, dass sie
ihn mit ihrem Geist angegriffen und ihm wehgemacht habe. Sie habe auch
C. und AC. mit dem Geist angegriffen, so dass diese ins Spital gekommen
und fast gestorben seien. Er habe ihr ferner gesagt, dass sie, wenn sie nicht
gut genug sei, damit andere und ihn verletze; dass sie in Richtung Dunkel-
heit gehe statt in Richtung Buddha und Licht, wie sie es sich doch ge-
wünscht hatte. Sie habe sich so viel Mühe gegeben, aber es sei nie gut
genug gewesen. Er habe ihr eingeredet, dass sie immer böser werde, und
er sei immer der einzige gewesen, der das retten und wieder gut machen
konnte (GA act. 607). Sie habe auch niemandem sagen dürfen, dass sie
seine Frau sei (GA act. 608). Der Beschuldigte habe sie zu seiner Sklavin
gemacht. Sie habe ihn oral befriedigen und seinen Samen schlucken müs-
sen. Er habe gesagt, der Samen sei heilend und könne ihren Geist heilen
(GA act. 608). Als sie habe erbrechen müssen, habe sie sich schlecht ge-
fühlt, weil sie sich seines Samens nicht würdig erwiesen habe (GA
act. 609).
Manchmal habe sie sich getraut, ihm zu sagen, es tue weh oder es sei zu
fest. Er habe dann jeweils gesagt, sie müsse besser nachdenken. Das sei
genau das, was sie wolle. Daher habe sie gar nichts dagegen sagen kön-
nen; er habe ja immer Recht gehabt (GA act. 609).
5.4. Aussagen des Beschuldigten
Der Beschuldigte selbst spricht von einer Liebesbeziehung zwischen ihm
und E.. Jedoch hätten sie keine grossen Chancen gehabt. Andere Perso-
nen hätten ihre Liebe zerstört (UA Ordner 3 act. 187). I. sei schuld am
Scheitern der Liebesbeziehung, weil sie ihn aufgefordert habe, E. vor die
Tür zu setzen. Sie habe ihr danach auch verboten, wieder ins Haus zu
kommen (UA Ordner 3 act. 189). Während der Liebesbeziehung mit E. sei
es auch zu Sexualverkehr gekommen. Die Initiative dazu sei meistens von
E. ausgegangen. Die Frage, ob es dabei zu Vaginalverkehr gekommen sei,
beantwortete der Beschuldigte nicht, sondern führte aus, dass der Sexual-
verkehr so stattgefunden hätte, weil E. jeweils das Verlangen – nicht aber
das Wollen – danach gehabt habe (UA act. 190).
Anlässlich der vorinstanzlichen Verhandlung wie auch anlässlich der Befra-
gung in der Berufungsverhandlung (Protokoll S. 3) verzichtete der Beschul-
digte darauf, Aussagen zu machen.
5.5. Aussageanalyse
Die Aussagen von E. und des Beschuldigten sind auf ihre Glaubhaftigkeit
hin zu untersuchen.
- 48 -
5.5.1. Aussagekompetenz und Verfälschungsmotive
Da es an Hinweisen für eine Erkrankung bzw. eine kognitive Beeinträchti-
gung fehlt, ist anzunehmen, dass E. über eine uneingeschränkte Aussage-
kompetenz verfügt. Es gibt auch keine Anhaltspunkte für Falschbelastungs-
motive oder für anderweitige Aussageverfälschungen.
5.5.2. Entwicklungsgeschichte
Was die Entwicklungsgeschichte ihrer Aussagen anbelangt, fällt auf, dass
E. im Rahmen der Einvernahme vom 1. März 2013 Mühe hatte, über die
sexuellen Handlungen zu erzählen (UA Ordner 3 act. 104 ff.), und dass sie
dem Beschuldigten im Rahmen dieser ersten Einvernahme kaum Vorwürfe
machte, sondern den Fehler eher bei sich selbst suchte. An der erstinstanz-
lichen Hauptverhandlung machte sie teilweise nähere Angaben zu den se-
xuellen Handlungen (GA act. 602 ff.) und belastete den Beschuldigten stär-
ker. Diese Aggravation der Vorwürfe lässt sich jedoch mit der Traumatisie-
rung erklären, an der E. leidet. Diese Traumatisierung zeigt sich etwa darin,
dass sie den Kanton Aargau meidet, sie nicht mehr kochen und putzen
kann sowie Probleme hat mit dem Einkaufen (GA act. 603 f.). Der Umstand,
dass E. den Beschuldigten an der zweiten Einvernahme stärker belastete
und teilweise genauere Angaben zu den sexuellen Handlungen machte,
lässt sich mit der fortschreitenden psychischen Verarbeitung der Gescheh-
nisse begründen. Insgesamt weist die Entwicklungsgeschichte der Aussa-
ge somit keine Besonderheiten auf, welche gegen die Glaubhaftigkeit der
Aussagen von E. sprechen würden.
5.5.3. Inhaltsanalyse
Was den Inhalt der Aussagen von E. betrifft, fällt auf, dass ihre Aussagen
zu den sexuellen Handlungen nicht sehr detailliert ausfallen. Das lässt sich
einerseits mit ihrer Traumatisierung erklären und andererseits damit, dass
es sich laut Anklage um eine Mehrzahl von gleichartigen Vorfällen gehan-
delt hat, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt haben. Das ändert
jedoch nichts daran, dass die Aussagen zum Kerngeschehen keinen De-
tailreichtum aufweisen, der die Glaubhaftigkeit der Aussage indizieren wür-
de. Ausserhalb des Kerngeschehens hat E. dagegen teilweise Aussagen
gemacht, die detailliert sind und aussergewöhnliche Einzelheiten aufwei-
sen. Das gilt etwa für die Angaben, wie sie für die Buddhas kochen musste
(GA act. 605 f.) oder wie der Beschuldigte sie in die Abhängigkeit getrieben
hat (GA act. 607 f.). Der quantitative Detailreichtum der Aussagen ist insge-
samt aber eher gering. Die Aussagen enthalten zudem kaum raum-zeitliche
Verknüpfungen. Hingegen bleiben sie innerhalb einer Einvernahme und
zwischen verschiedenen Einvernahmen stimmig. E. verzichtete ausserdem
darauf, den Beschuldigten übermässig zu belasten. Sie nahm ihn in der
ersten Befragung teilweise sogar in Schutz, indem sie aussagte, sie habe
die Handlungen damals nicht als Übergriffe empfunden (UA Ordner 3
act. 111). Sie gab ferner zu, dass sie in den Beschuldigten verliebt gewe-
sen sei und mit ihm habe zusammenziehen wollen (UA Ordner 3 act. 107).
- 49 -
Zwar stufte sie die sexuellen Handlungen rückblickend nicht im ganzen
Umfang als freiwillig ein (UA Ordner 3 act. 110), sie räumte aber etwa ein,
wenn sie Streit mit dem Beschuldigten gehabt habe, bei diesem meistens
um den Oralverkehr gebettelt zu haben, weil sie mit Blick auf die Streiterei-
en das Gefühl gehabt habe, etwas falsch gemacht zu haben (UA Ordner 3
act. 108). Auch warf sie dem Beschuldigten keine weiteren sexuellen Hand-
lungen vor und verneinte die Frage danach, ob sie vom Beschuldigten ge-
schubst, geschlagen oder bedroht worden sei (UA Ordner 3 act 108 und
114). Vielmehr sagte sie aus, der Beschuldigte sei meistens feiner gewor-
den, wenn sie ihm gesagt habe, es gehe gar nicht oder es sei zu fest (UA
Ordner 3 act. 110). Sie gab ferner selbstkritisch zu, sich selten gewehrt zu
haben; sie hätte auch "nein" sagen könne, da sie ja gesund und normal sei.
Sie sei naiv, blöd oder verliebt gewesen (UA Ordner 3 act. 110). E. räumte
auch ein gewusst zu haben, dass gegen den Beschuldigten ein Verfahren
wegen sexueller Nötigung lief (UA act. 112). Derartige entlastende Elemen-
te würden in einer Lügengeschichte kaum vorkommen. Ferner gab E. ein-
zelne Äusserungen des Beschuldigten in direkter Rede wieder (GA
act. 609: "Er hat gesagt, gell das ist gut, jetzt kommt dann der heilige Sa-
men. Gell das ist gut."). Zudem erhob sie Einwände gegen die Richtigkeit
bzw. Glaubhaftigkeit der eigenen Aussagen (GA act. 606): Wenn sie heute
sage, dass sie für die Buddhas gekocht habe, töne dies völlig bescheuert;
damals sei es die Realität gewesen. Er habe sie auch darüber meditieren
lassen, wie gross ihre Liebe für ihn sei, was ein Blödsinn sei (GA act. 608).
Teilweise schilderte die Zivil- und Strafklägerin auch Interaktionen zwi-
schen ihr und dem Beschuldigten (GA act. 509: Der Beschuldigte sei ent-
täuscht gewesen, wenn sie beim Oralverkehr erbrochen habe, weil sie das
Beste nicht zu würdigen wisse). Weitere Realkennzeichen sind in den Aus-
sagen von E. nicht oder nicht in relevanter Ausprägung vorhanden. Lügen-
signale sind nicht erkennbar.
5.5.4. Strukturvergleich
Vergleicht man die Qualität der Aussagen zu den sexuellen Handlungen
mit der Qualität zum Rahmengeschehen, fällt auf, dass die Aussagen zum
Rahmengeschehen eher detaillierter ausfallen als diejenigen zum Kernge-
schehen. Der Strukturvergleich vermag daher die Glaubhaftigkeit der Aus-
sagen von E. nicht zu untermauern, auch wenn diese Qualitätsunterschie-
de durchaus mit der Traumatisierung begründbar sind.
5.5.5. Zwischenbilanz
In den Aussagen von E. sind somit mehrere Elemente vorhanden, die eine
Falschaussage unwahrscheinlich machen. Dazu gehören das fehlende
Motiv für eine Falschaussage, die logische Konsistenz, der mehrfache Ver-
zicht auf naheliegende Mehrbelastungen, die Einwände gegen die Glaub-
haftigkeit der eigenen Aussagen sowie vereinzelte Interaktionsschilderun-
gen.
- 50 -
5.5.6. Externe Validierung
Die Glaubhaftigkeit der Aussagen von E. wird massgeblich erhöht durch
den Umstand, dass sich ihre Aussagen in zahlreichen Punkten durch die
Aussagen von anderen betroffenen Frauen validieren lassen. Übereinstim-
mend mit anderen Frauen sagt sie namentlich aus, sie sei durch den Be-
schuldigten oft zusammengeschissen worden; man habe es ihm nicht recht
machen können (UA Ordner 3 act. 106; GA act. 608). Der Beschuldigte
habe ihr eingeredet, einen bösen Geist zu haben, der andere Personen in
ihrer Gesundheit gefährde (GA act. 607). Was den Oralverkehr anbelangt,
schilderte sie in Übereinstimmung mit anderen betroffenen Frauen, dass
der Beschuldigte behauptet habe, sie könne durch den Oralverkehr mit
dem Beschuldigten ihren Geist verbessern (UA Ordner 3 act. 109; GA
act. 608). Kongruent zu anderen Opfern sagte sie aus, dass Sie teilweise
den Penis des Beschuldigten die ganze Nacht hindurch im Mund habe be-
halten müssen, dass sie beim Oralverkehr teilweise habe erbrechen müs-
sen und sie Angst gehabt habe zu ersticken (UA Ordner 3 act. 109; vgl. zu
den Aussagen der anderen Privatklägerinnen vorne E. 4.3.5.7. hiervor).
5.5.7. Fazit
Zusammenfassend erscheinen die Aussagen von E., insbesondere wegen
der Kongruenz zu Aussagen anderer Opfer, als glaubhaft und der Anklage-
sachverhalt damit als erstellt. Daran vermag auch der Umstand nichts zu
ändern, dass der Beschuldigte die Vorwürfe bestreitet. Zwar weisen seine
Aussagen ebenfalls keine klaren Lügensignale auf, es ist jedoch kognitiv
nicht besonders anspruchsvoll, einen (komplexen) Sachverhalt zu bestrei-
ten, weshalb bei einer blossen Bestreitung im Allgemeinen auch keine Un-
gereimtheiten zu erwarten sind. Immerhin fällt negativ auf, dass sich der
Beschuldigte erkennbar darum bemüht, E. in ein negatives Licht zu rücken.
So behauptet er, diese habe bereits während ihrer Studienzeit jeden Mann
gewollt und habe alles dafür getan, jeden Mann zu bekommen. Sie habe
die Männer wie die Unterhosen gewechselt (UA Ordner 3 act. 194).
5.6. Tatbestandsmässigkeit
5.6.1. Objektiver Tatbestand
E. beschreibt ein Abhängigkeitsverhältnis zum Beschuldigten, welches von
diesem nicht bestritten wird (vgl. Berufungsbegründung Rz. 20). Er bestrei-
tet jedoch, dass dieses ausreicht, um eine tatbestandsmässige Zwangsla-
ge zu begründen.
Der Beschuldigte hat das Abhängigkeitsverhältnis zu E. über mehrere Jah-
re hinweg aufgebaut. Aufgrund ihres jungen Alters war sie besonders anfäl-
lig für seine Beeinflussung. Sie glaubte an seine Lehre. Er versprach ihr
den Weg zur Erleuchtung, den sie ohne ihn nicht erreichen würde. Gleich-
zeitig machte er ihr Glauben, dass abseits dieses Pfads der Erleuchtung
nur die Dunkelheit existiere. Zudem gelang es ihm, E. von ihrem sozialen
Umfeld abzukoppeln, indem er ihr keine Zeit liess, dieses noch zu pflegen,
- 51 -
und er ihr zudem einredete, ihr schlechter Geist schade unmittelbar ande-
ren Menschen. Die Abhängigkeit von E. förderte er durch sein autoritäres
Verhalten, das durch ständige Kontrolle und Erniedrigung geprägt war.
Mithin baute der Beschuldigte (auch) im Verhältnis zu E. eine soziale Struk-
tur auf, die vollständig von seiner dominanten Person beherrscht und in der
ein Widerstand durch E., im Zeitpunkt der sexuellen Handlungen, nicht
mehr zu erwarten war. Er brachte sie dazu zu glauben, sie sei tatsächlich
ein böser Mensch bzw. habe einen bösen Geist, der anderen Menschen
schade, ja diese gar zu töten vermocht hätte. In dieser belastenden Situa-
tion bot er ihr nur einen einzigen Ausweg an, um ihren Geist zu verbessern,
der Dunkelheit zu entkommen und um den drohenden Schaden von Dritten
abzuwenden, nämlich seine orale Befriedigung. Er versetzte sie damit in
eine Zwangslage. Sehr ähnlich wie bei D. aktualisierte der Beschuldigte
immer dann, wenn er E. aufforderte, ihn oral zu befriedigen, den mit der
laufend zunehmenden Abhängigkeit aufgebauten Zwang, die orale Befrie-
digung des Beschuldigten vornehmen zu müssen, um auf dem Weg zur
Erleuchtung vorwärts zu kommen. Die Aufforderungen, ihn zu befriedigen,
standen bei E. sodann stets auch im Zusammenhang mit der vom Beschul-
digten laufend geschürten Angst vor dem Schadenspotential ihres schlech-
ten Geistes, mit welchem er sie für das Leiden ihrer Mitmenschen und ihres
Meisters (des Beschuldigten) verantwortlich machte. Zwar willigte E. vor
diesem Hintergrund schliesslich in die sexuellen Handlungen ein, diese
Einwilligung war jedoch die Folge der vom Beschuldigten gezielt geschaffe-
nen Drucksituation. Dies versetzte den Beschuldigten in die Lage, E. durch
das schlichte Einverlangen von Oralverkehr meist ohne eigentlichen Wider-
stand zu den von ihm verlangten sexuellen Handlungen zu bewegen, die
sie ohne die beschriebenen strukturellen und jeweils aktualisierten Gewalt-
erfahrungen im Vorfeld dieser Taten nicht vorgenommen hätte. Die gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung geforderte "tatsituative Zwangssitua-
tion" lag damit – entgegen den Einwänden des Beschuldigten – durchaus
vor, zumindest in jenen Fällen, in welchen der Beschuldigte die orale Be-
friedigung bei E. – auf welche Weise auch immer (verbale oder nonverbale
Kommunikation oder mittels physischer Einwirkung) – einverlangt hat.
Demgegenüber kann in jenen Fällen, in welchen die Initiative für die orale
Befriedigung des Beschuldigten einzig von E. ausging und sie beim Be-
schuldigten regelrecht darum "gebettelt" hat, ihn oral befriedigen zu dürfen,
nicht von einer solchen tatsituativen Zwangssituation gesprochen werden.
Soweit der Beschuldigte kurz vor der Tat in keiner Weise auf E. eingewirkt
und damit auch keinerlei vorbestehende strukturellen Gewalterfahrungen
aktualisiert hatte, kann der Tatbestand der sexuellen Nötigung nicht als er-
füllt betrachtet werden.
Nach dem Gesagten ist das unter dem objektiven Tatbestandsmerkmal von
Art. 189 Abs. 1 StGB geforderte Element der Zwangslage hinsichtlich all
- 52 -
jener von Anklageziffer 4.1 umfassten Einzeltaten erfüllt, in denen der Be-
schuldigte im Vorfeld oder während der einzelnen Taten jeweils in irgend-
einer Form auf die Privatklägerin 5 eingewirkt bzw. den Oralsex eingefor-
dert hat. Soweit der Beschuldigte diesbezüglich vorbringt, die Zwangslage
sei nicht geeignet gewesen, einen besonnenen Menschen in der Situation
von E. gefügig zu machen (vgl. Berufungsbegründung S. 14), ist er damit
nicht zu hören: Das vom Beschuldigten aufgebaute Abhängigkeitsverhält-
nis ging weit über ein normales Freundschafts- oder Abhängigkeitsverhält-
nis hinaus. Das zeigen auch die psychischen Folgen, die E. glaubhaft schil-
derte und bis heute davonträgt. Zwar mag es für Aussenstehende auf den
ersten Blick schwer nachvollziehbar sein, wie es zu einer derart ausgepräg-
ten Abhängigkeit von E. gegenüber dem Beschuldigten kommen konnte,
jedoch zeigt das vorliegende Verfahren, dass der Beschuldigte ein derarti-
ges Abhängigkeitsverhältnis gegenüber mehreren Frauen zu begründen
vermochte. Das ist einerseits auf eine gewisse Vulnerabilität der von ihm
gezielt ausgesuchten Opfer und andererseits auf ein besonderes Charisma
sowie spezielle manipulative Fähigkeiten des Beschuldigten zurückzufüh-
ren. Eine tatbestandsmässige Zwangslage ist zu bejahen. Wie die Vorin-
stanz zutreffend erwogen hat, sind für diese Taten auch die übrigen objek-
tiven Tatbestandselemente des Art. 189 Abs. 1 StGB erfüllt.
In den dem Beschuldigten in Anklageziffer 4.1 vorgeworfenen Fällen, in
welchen die Privatklägerin 5 nach einem vorgängigen Streit mit dem Be-
schuldigten von sich aus darum gebettelt hat, ihn oral befriedigen zu dürfen,
ist der objektive Tatbestand dagegen nicht erfüllt. Die Berufung des Be-
schuldigten ist in diesem beschränkten Umfang gutzuheissen und er inso-
weit vom Vorwurf der sexuellen Nötigung gemäss Anklage Ziffer 4.1 freizu-
sprechen.
5.6.2. Subjektiver Tatbestand
Der Beschuldigte hat E. gezielt unter Druck gesetzt, um von ihr den oralen
Verkehr einzuverlangen und möglichst ohne Widerstand zu erlangen. In-
dem er ihr den oralen Verkehr als einzigen Ausweg präsentierte, um die
Erleuchtung zu erlangen, der Dunkelheit zu entkommen und die Gefahr für
Dritte abzuwenden, setzte er E. wissentlich und willentlich unter psychi-
schen Druck, ihn oral zu befriedigen. Damit ist auch der subjektive Tatbe-
stand von Art. 189 Abs. 1 StGB erfüllt.
5.7. Rechtfertigungs- und Schuldausschlussgründe
Rechtfertigungs- und Schuldausschliessungsgründe sind keine ersichtlich.
Der Beschuldigte hat sich deshalb der mehrfachen sexuellen Nötigung
i.S.v. Art. 189 Abs. 1 StGB zum Nachteil von E. schuldig gemacht.
- 53 -
6. Strafzumessung
6.1. Schuldsprüche (Rekapitulation)
Der Beschuldigte ist somit schuldig
- der qualifizierten sexuellen Nötigung i.S.v. Art. 189 Abs. 3 StGB zum
Nachteil von C. (in Rechtskraft erwachsen)
- der mehrfachen sexuellen Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB zum
Nachteil von C. (in Rechtskraft erwachsen)
- der mehrfachen sexuellen Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB zum
Nachteil von D.
- teilweise der mehrfachen sexuellen Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 1
StGB zum Nachteil von E.
- der Nötigung gemäss Art. 181 StGB (in Rechtskraft erwachsen),
- der Anstiftung zu falschem Zeugnis i.S.v. Art. 307 Abs. 1 i.V.m. Art. 24
Abs. 1 StGB (in Rechtskraft erwachsen).
6.2. Vorinstanzliches Strafmass
Die Vorinstanz verurteilte den Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von
3 3⁄4 Jahren als Zusatzstrafe zum Urteil des Obergerichts des Kantons Solo-
thurn vom 22. April 2009 für die bis zu diesem Zeitpunkt angeklagten Hand-
lungen sowie zu einer Freiheitsstrafe von 5 1⁄2 Jahren für die nach dem
22. April 2009 angeklagten Handlungen, insgesamt zu einer Freiheitsstrafe
von 9 1⁄4 Jahren.
6.3. Berufungsbegründung
Der Beschuldigte begründet seine Anträge zur Strafzumessung mit seinem
Begehren um Einstellung bzw. Freispruch und mit einer Verletzung des Be-
schleunigungsgebots.
6.4. Beurteilung Strafmass
6.4.1.
Zunächst ist festzuhalten, dass das Vorgehen der Vorinstanz, hinsichtlich
der bis 22. April 2009 begangenen Delikte eine Zusatzstrafe und für die
nach diesem Zeitpunkt erfolgten Taten dagegen eine separate Strafe aus-
zusprechen, nicht zu beanstanden ist. Dieses Vorgehen steht im Einklang
mit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 142 IV 265 E. 2.4.7.)
und erscheint zweckmässig, weshalb daran festzuhalten ist.
6.4.2.
Die Vorinstanz erkannte in ihrem Urteil hinsichtlich der vorliegend in Frage
stehenden mehrfachen sexuellen Nötigungen zum Nachteil von E. auf ei-
nen vollumfänglichen Schuldspruch, was sie im Rahmen ihrer Strafzumes-
sung als schweres Verschulden qualifizierte (vorinstanzliches Urteil
E. 13.5.4.3.). Zu Recht berücksichtigte sie das teilweise äusserst brutale
Vorgehen des Beschuldigten während der Übergriffe, die bei der Privat-
klägerin 5 immer wieder zu Erbrechen führten und teilweise vom Beschul-
- 54 -
digten beinahe bis zum Ersticken seines Opfers fortgeführt wurden. Regel-
mässig riss der Beschuldigte zusätzlich teilweise heftig an Brust und Schei-
de der Privatklägerin 5. Die gewaltsamen Übergriffe beeinträchtigen die Pri-
vatklägerin 5 auch heute noch in ihrem Alltag erheblich (vgl. GA act. 604,
607, 609).
Wie bereits beschrieben, drängte der Beschuldigte die Privatklägerin 5 mit-
tels sozialer Isolation, falscher Versprechungen betreffend den Weg zur Er-
leuchtung und insbesondere der Angst davor, sie würde mit ihrem – vom
Beschuldigten nach seinem Belieben als mehr oder weniger "schlecht"
identifizierten – Geist ihn und auch andere Mitmenschen schädigen oder
gar mit dem Tod bedrohen, die Privatklägerin 5 in ein komplettes Abhängig-
keitsverhältnis. Indem er der ihm hörigen Privatklägerin 5 als einzigen Aus-
weg die orale Befriedigung in Aussicht stellte, vermochte er die Beschul-
digte in eine derart intensive Zwangslage zu versetzen, dass diese sich
gegen die Übergriffe kaum mehr wehrte und – vordergründig – sogar in
diese einwilligte. Das systematische, zielgerichtete und rücksichtslose Vor-
gehen des Beschuldigten, mit welchem er einzig auf das Ziel, sein Opfer
zu seiner eigenen Befriedigung sexuell auszubeuten, hinarbeitete, sucht
seinesgleichen. Sämtliche Taten führte der Beschuldigte mit direktem Vor-
satz aus. Entsprechend wirken sich die vorliegend in begrenztem Umfang
erfolgten Freisprüche bzw. die entsprechend nicht zu berücksichtigende
Tatsache, dass das vom Beschuldigten geschaffene Abhängigkeitsverhält-
nis im "Betteln" der Privatklägerin 5 nach oraler Befriedigung des Beschul-
digten gipfelte, gegenüber der vorinstanzlichen Strafzumessung (vorin-
stanzliches Urteil E. 13.5.4.3.) nur geringfügig auf sein Verschulden aus.
Es ist demnach immer noch von einem schweren Verschulden auszu-
gehen.
Im Übrigen kann an dieser Stelle auf die von der Vorinstanz korrekt vorge-
nommene Strafzumessung verwiesen werden (insbesondere vorinstanzli-
ches Urteil E. 13.3.1. - 13.4.6 zur Zusatzstrafe für die Taten vor dem 22. Ap-
ril 2009; E. 13.5.4.1. - 13.5.4.5. betreffend die Taten nach dem 22. April
2009; E. 13.4.4. und 13.5.5. zur Täterkomponente; Art. 82 Abs. 4 StPO).
6.4.3.
Näher einzugehen ist auf die vom Beschuldigten gerügte und von der Vor-
instanz verneinte Verletzung des Beschleunigungsgebotes.
Nach Art. 29 Abs. 1 BV hat in Verfahren vor Gerichts- und Verwaltungsin-
stanzen jedermann Anspruch auf Beurteilung seiner Sache innert ange-
messener Frist. Die Beurteilung der Verfahrensdauer entzieht sich starren
Regeln. Es ist vielmehr in jedem Einzelfall unter Würdigung aller konkreten
Umstände zu prüfen, ob sich diese als angemessen erweist. Wird eine Ver-
letzung des Beschleunigungsgebotes festgestellt, ist diesem Umstand im
- 55 -
Rahmen der Strafzumessung angemessen Rechnung zu tragen. Der Rich-
ter ist verpflichtet, die Verletzung des Beschleunigungsgebotes in seinem
Urteil ausdrücklich festzuhalten und gegebenenfalls darzulegen, in wel-
chem Ausmass er diesen Umstand berücksichtigt hat (Urteil des Bundes-
gerichtes 6B_294/2011 vom 16.09.2011 E. 3.3).
Wie bereits die Vorinstanz festgehalten hat, wurde die Untersuchung gegen
den Beschuldigten am 13. November 2012 (vgl. UA Ordner 6 act. 382) er-
öffnet. Die Einvernahmen der Geschädigten fanden am 23. November
2012, am 13. Dezember 2012, am 1. März 2013 und am 14. März 2013
statt. Die Einvernahmen des Beschuldigten erfolgten zwischen dem 15. No-
vember 2012 und dem 3. April 2013. Weitere Zeugen und Auskunftsperso-
nen wurden am 4. Dezember 2012, 25. Januar 2013, 21. Februar 2013,
26. Februar 2013, 11. April 2013, 24. April 2013, 2. Mai 2013, 3. Mai 2013,
16. Mai 2013 sowie am 12. Juni 2013 befragt. Am 11. Juli 2013 wurde eine
Begutachtung des Beschuldigten in Auftrag gegeben, wobei das Gutachten
am 14. Februar 2014 bei der Staatsanwaltschaft eingereicht worden ist. Am
5. März 2014 ordnete diese eine Ergänzung des Gutachtens an, welche
am 27. März 2014 in Auftrag gegeben und am 14. Juli 2014 ausgefertigt
worden ist. Am 25. Januar 2015 fand eine Schlusseinvernahme des Be-
schuldigten statt, wonach am 6. März 2015 Anklage erhoben worden ist.
Das Bezirksgericht ordnete mit Verfügung vom 22. Juni 2015 Beweiser-
hebungen an und setzte den Parteien eine Frist zur Ergänzung der Beweis-
mittel bis am 5. August 2015 an. Ebenfalls im August 2015 erfolgten Ter-
minabsprachen für die Durchführung der Hauptverhandlung. Die Hauptver-
handlung wurde mit Verfügung vom 3. September 2015 auf den erstmögli-
chen Termin am 17. November 2015 angesetzt. Am 23. November 2015
wurde das erstinstanzliche Urteil gefällt. Nachdem sowohl die Anklägerin
als auch der Beschuldigte sowie die Zivil- und Strafklägerschaft 1 - 4 die
Berufung angemeldet haben, erfolgte die Ausfertigung des begründeten
Urteils, welches am 1. Februar 2016 spediert wurde. In der Folge reichten
die Anklägerin am 15. Februar 2016 und der Beschuldigte sowie die Zivil-
und Strafklägerschaft 1 - 4 am 22. Februar 2016 je ihre Berufungserklärung
beim Obergericht ein. Auf Antrag des Beschuldigten hin hob das Ober-
gericht mit Beschluss vom 14. April 2016 das Urteil des Bezirksgerichts
vom 23. November 2015 auf und wies die Sache zur erneuten Durchfüh-
rung des Hauptverfahrens und neuen Entscheidung zurück (GA act. 471).
Auf Hinweis des Obergerichtes hin wurde dem Gutachter sodann eine Er-
gänzungsfrage unterbreitet. Den Parteien wurde mit Schreiben vom
11. Mai 2016 die Möglichkeit eingeräumt, zu der gestellten Ergänzungsfra-
ge Stellung zu nehmen. Mit Verfügung vom 30. Juni 2016 wurde die er-
wähnte Frage dem Gutachter AA. zur Beantwortung unterbreitet. Das Er-
gänzungsgutachten wurde mit Eingabe vom 1. September 2016 zu den Ak-
ten gereicht. Am 13. Oktober 2016 wurde das Ergänzungsgutachten an die
Parteien zur allfälligen Stellungnahme zugestellt. Die erneute Hauptver-
handlung vor dem Bezirksgericht fand am 6. Dezember 2016 statt, wobei
- 56 -
das Urteil gleichentags eröffnet worden ist. Das begründete Urteil wurde
den Parteien am 7. Februar 2017 zugestellt.
Aufgrund der Untersuchungen wurden dem Beschuldigten mehrere hun-
dert Einzeldelikte zum Nachteil von fünf Geschädigten vorgeworfen, welche
zwischen Anfang 2001 und Ende 2012 begangen worden sein sollen. Ne-
ben zahlreichen Sexualstraftaten wurden ihm auch Nötigung, Drohung und
Anstiftung zu falschem Zeugnis zum Nachteil der Geschädigten vorgeworf-
en. Sodann war im Hinblick auf die beantragte Verwahrung die Erstellung
eines Gutachtens notwendig, wobei der Beschuldigte sich nicht bereit er-
klären konnte, mit dem Gutachter zusammenzuarbeiten. Aus einer daraus
entstehenden Verzögerung kann er nichts zu seinen Gunsten ableiten. An-
gesichts der Anzahl und Schwere der Delikte und der Anzahl Geschädigter
sowie der damit verbundenen Untersuchungshandlungen ist weder in der
Strafuntersuchung noch im gerichtlichen Verfahren eine Untätigkeit der Be-
hörden erkennbar, die auf eine Verletzung des Beschleunigungsgebots
schliessen lässt. Wenngleich die auf Antrag des Beschuldigten hin erfolgte
Rückweisung des ersten vorinstanzlichen Urteils durch das Obergericht
dem Beschuldigten nicht angelastet werden kann, ändert dies am Resultat
nichts. Aus den Ausführungen hiervor ist erkennbar, dass die Vorinstanz
nach der Rückweisung das Verfahren überdurchschnittlich schnell voran-
getrieben hat. In einer Gesamtbetrachtung erweist sich die insgesamt zwar
lange Verfahrensdauer somit dennoch nicht als übermässig.
Wie dargelegt, ist gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung in jedem
Einzelfall unter Würdigung aller konkreter Umstände zu prüfen, ob die
Dauer des Verfahrens als angemessen erscheint. Der Beschuldigte kann
daher aus anderen bundesgerichtlichen Entscheiden nichts zu seinen
Gunsten ableiten. Insbesondere ist der vorliegende Fall, wie auch der Be-
schuldigte zu Recht feststellt, ungleich schwieriger und komplexer als der
dem Entscheid des Bundesgerichtes vom 15. Oktober 2015 1B_330/2015
zugrundeliegende Fall und damit nicht vergleichbar.
Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass die Verfahrensdauer dem Umfang
und der Komplexität des vorliegenden Falles angemessen ist und das Be-
schleunigungsgebot nicht verletzt worden ist.
6.5. Fazit
Nachdem es weitestgehend bei der von der Vorinstanz korrekt vorgenom-
menen Strafzumessung bleibt und sich die – in Relation mit der gesamten
Anzahl der vom Beschuldigten begangenen Taten – nur in sehr beschränk-
ten Umfang erfolgten Freisprüche wie dargelegt nur geringfügig auf sein
schweres Verschulden auswirken, erscheint vorliegend für die nach dem
22. April 2009 begangenen Delikte eine gegenüber der vorinstanzlichen
Sanktion nur geringfügig tiefere Strafe von insgesamt 5 1⁄4 Jahren Freiheits-
strafe angemessen.
- 57 -
Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass das auf den 1. Januar 2018
in Kraft getretene neue Sanktionenrecht (Schweizerisches Strafgesetzbuch
und Militärstrafgesetz, Änderungen des Sanktionenrechts, Änderung vom
19. Juni 2015) sich im vorliegenden konkreten Fall als nicht milder erweist,
weshalb es bei der Anwendung des bisherigen Rechts bleibt. Zusammen-
fassend ist festzuhalten, dass der Beschuldigte im vorliegenden Verfahren
mit einer Freiheitsstrafe von 3 3⁄4 Jahren als Zusatzstrafe für die vor dem
22. April 2009 begangenen Delikte und mit einer Freiheitsstrafe von
5 1⁄4 Jahren für die nach dem 22. April 2009 begangenen Delikte, d.h. mit
einer Freiheitsstrafe von insgesamt 9 Jahren zu bestrafen ist.
7. Anrechnung Untersuchungshaft
Das Gericht rechnet gestützt auf Art. 51 StGB die Untersuchungshaft, die
der Täter während dieses oder eines anderen Verfahrens ausgestanden
hat, auf die Strafe an.
Der Beschuldigte wurde am 14. November 2012 inhaftiert und befindet sich
seither in Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft. Folglich sind dem Beschul-
digten 2'031 Tage Untersuchungs-/Sicherheitshaft an die Freiheitsstrafe
anzurechnen.
8. Widerrufsproblematik
8.1. Berufungsbegründung
Der Beschuldigte wendet sich in seiner Berufung weiter gegen den durch
die Vorinstanz angeordneten Widerruf des bedingten Teils von 21 Monaten
der durch das Kantonsgericht Solothurn am 22. April 2009 verhängten Frei-
heitsstrafe von 27 Monaten. Er macht geltend, dass im Zeitpunkt des erst-
instanzlichen Urteils seit dem Ende der Probezeit bereits mehr als drei Jah-
re vergangen seien, weshalb ein Widerruf nicht mehr möglich sei (Beru-
fungsbegründung Rz. 45 f.).
8.2. Rechtslage
Gemäss Art. 46 Abs. 5 StGB kann ein Widerruf nicht mehr angeordnet wer-
den, wenn seit dem Ablauf der Probezeit drei Jahre vergangen sind. Die
Probezeit beginnt für die bedingten Strafen mit der Eröffnung des Urteils zu
laufen, das vollstreckbar wird (BGE 120 IV 172 E. 2a). Wird ein Teil der
Freiheitsstrafe vollzogen, so verlängert sich die Probezeit (vgl. Urteil des
Bundesgerichtes vom 9. November 2017 6B_257/2017 E. 2.3).
8.3. Beurteilung im konkreten Fall
Das Urteil des Kantonsgerichts Solothurn wurde am 22. April 2009 gefällt
und am 29. April 2009 eröffnet (UA Ordner 1 act. 4). Die Probezeit für die
bedingte Strafe wurde auf 2 Jahre festgesetzt. Selbst wenn man die Pro-
bezeit um 6 Monate verlängert, ist diese am 29. Oktober 2011 abgelaufen.
- 58 -
Die dreijährige Frist gemäss Art. 46 Abs. 5 StGB ist somit vor dem erstin-
stanzlichen Urteil vom 6. Dezember 2016 abgelaufen, womit ein Widerruf
nicht mehr angeordnet werden kann.
9. Massnahme
9.1. Antrag Staatsanwaltschaft / Entscheid Vorinstanz
Die Staatsanwaltschaft beantragt, der Beschuldigte sei im Anschluss an
den Strafvollzug gemäss Art. 64 Abs. 1 StGB zu verwahren (GA act. 218).
Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass die Voraussetzungen für die Anord-
nung der Verwahrung nach Art. 64 Abs. 1 StGB erfüllt sind, und ordnete die
Verwahrung des Beschuldigten an.
9.2. Berufungsbegründung
Berufungsweise macht der Beschuldigte geltend, die Vorinstanz habe mit
der Anwendung des neuen Verwahrungsrechts das Rückwirkungsverbot
verletzt. Da er nicht an einer schweren psychischen Störung leide, komme
eine Verwahrung nach altem Verwahrungsrecht nicht in Frage. Unter die-
sen Umständen erweise sich das alte Massnahmerecht als das mildere. Da
eine gleichzeitige Anwendung von altem und neuem Verwahrungsrecht
nicht zulässig sei, müsse man berücksichtigen, dass der Schwerpunkt der
verwahrungsrelevanten Delinquenz vor dem 1. Januar 2007 stattgefunden
habe, was zur integralen Anwendung des alten Verwahrungsrechts führen
müsse. Die nach dem 1. Januar 2007 begangenen Delikte würden zudem
nicht die Schwere und Intensität erreichen, um eine Verwahrung rechtferti-
gen zu können (Berufungsbegründung Rz. 30 ff.; Protokoll S. 25 ff.).
Ferner sei auch die Anordnung einer stationären Massnahme gemäss
Art. 59 StGB nicht zulässig. Zum einen komme eine solche bereits deshalb
nicht in Frage, weil eine gemäss Art. 59 StGB vorausgesetzte schwere psy-
chische Störung beim Beschuldigten nicht vorliege. Zum andern würde eine
Anordnung ohnehin gegen das Übermassverbot verstossen: Der Gutachter
AB. habe ausgeführt, dass es eine langjährige Therapie brauchen würde,
um beim Beschuldigten überhaupt eine allfällige Motivation bzw. Therapie-
willigkeit hervorzurufen. In Anbetracht dessen, dass der Beschuldigte be-
reits einen grossen Teil seiner Freiheitsstrafe abgesessen habe, wäre die
Anordnung einer solchen Massnahme nicht verhältnismässig (Protokoll
S. 25).
9.3. Einwände gegen das Gutachten
9.3.1. Unzulässiges Zweitgutachten
Der Beschuldigte rügt vorab, es sei unzulässigerweise ein Zweitgutachten
erstellt worden, nachdem das Ergebnis des ersten Gutachtens nicht den
Vorstellungen der Staatsanwaltschaft entsprochen habe. Überhaupt sei die
Anordnung der Verwahrung gestützt auf ein Aktengutachten höchst proble-
matisch und bundesrechts- und verfassungswidrig (Berufungsbegründung
Rz. 34 ff.; Protokoll S. 27 f.).
- 59 -
Das Gutachten unterliegt der freien richterlichen Beweiswürdigung. Ob ein
Gericht die im Gutachten enthaltenen Erörterungen für überzeugend hält
oder nicht und ob es dementsprechend den Schlussfolgerungen des Exper-
ten folgen oder ein Ergänzungsgutachten durch denselben Experten be-
ziehungsweise eine Oberexpertise einholen soll, ist eine Frage der Be-
weiswürdigung (Urteil des Bundesgerichtes 6B_773/2013 vom 28. Juli
2014 E. 1.3). Gemäss Art. 189 StPO lässt die Verfahrensleitung das Gut-
achten von Amtes wegen oder auf Antrag einer Partei durch die gleiche
sachverständige Person ergänzen oder verbessern oder bestimmt weitere
Sachverständige, wenn (lit. a) das Gutachten unvollständig oder unklar ist,
(lit. b) mehrere Sachverständige in ihren Ergebnissen erheblich voneinan-
der abweichen oder (lit. c) Zweifel an der Richtigkeit des Gutachtens be-
stehen. Ein Gutachten ist auch zu ergänzen, wenn aufgrund einer verän-
derten Sachlage mit hinreichender Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen ist,
dass die Antworten auf die Gutachterfragen zufolge der Entwicklung seit
der Gutachtenserstellung anders ausfallen könnten als das Ergebnis der
bereits erstellten Expertise (Urteil des Bundesgerichtes 6B_727/2012 vom
29. Oktober 2012 E. 2.3.4.). Wie die Vorinstanz richtig erkannt hat, regelt
Art. 189 StPO, unter welchen Voraussetzungen von Amtes wegen oder auf
Antrag einer Partei eine ergänzende Begutachtung durchgeführt werden
muss, und nicht etwa, unter welchen Voraussetzungen eine solche zulässig
ist. Die Zulässigkeit der ergänzenden Begutachtung hängt folglich nicht
vom Vorliegen der in Art. 189 StPO genannten Voraussetzungen ab.
Selbst wenn die Voraussetzungen von Art. 189 StPO nicht erfüllt sind, steht
es den Strafverfolgungsbehörden im Rahmen der Beweiserhebung und der
freien Beweiswürdigung offen, ein weiteres Gutachten einzuholen. Da vor-
liegend das erste Gutachten die massgeblichen Fragen zu einem grossen
Teil offen liess, stand es den Strafverfolgungsbehörden frei, ein zweites
Gutachten einzuholen. Da sich im Strafverfahren die Frage aufdrängt, ob
eine Massnahme im Sinne der Art. 59 - 65 StGB anzuordnen ist oder nicht,
sind die Strafverfolgungsbehörden auf ein Gutachten angewiesen, das sich
mit dieser Thematik befasst. Der Staatsanwaltschaft kann nicht vorgewor-
fen werden, sie habe ein zweites Gutachten in Auftrag gegeben, weil sie
mit dem Ergebnis des ersten Gutachtens nicht einverstanden gewesen sei.
Vielmehr lag der Grund für das zweite Gutachten darin, dass das erste Gut-
achten keine der relevanten Fragen zu beantworten vermochte (UA Ord-
ner 5 act. 2 ff.). Es besteht im Übrigen auch kein Grund zur Annahme, die
Staatsanwaltschaft habe auf den Inhalt des zweiten Gutachtens Einfluss
genommen. Gegen den Umstand, dass die Staatsanwaltschaft ein zweites
Gutachten in Auftrag gegeben hat, ist somit nichts einzuwenden.
9.3.2. Aktengutachten
Der Beschuldigte macht weiter geltend, es sei höchst problematisch und
nicht verfassungskonform, dass sich die Vorinstanz bei der Anordnung ei-
https://swisslex.ch/DOC/ShowLawViewByGuid/315c575f-b12a-4355-a1ad-3474409d0494/dbf15886-a45b-4df3-afc0-64fe408a19b2?source=document-link&SP=15|dt0rds
- 60 -
ner Verwahrung, die nur als ultima ratio in Betracht komme, auf ein zwei-
felhaftes Aktengutachten stütze. Zweifelhaft sei das zweite Gutachten ins-
besondere deswegen, weil die erste Gutachterin mit nachvollziehbarer Be-
gründung zum Ergebnis gelangt sei, ohne Explorationsgespräch mit dem
Beschuldigten könne keine psychiatrische Diagnose gestellt werden (Beru-
fungsbegründung, S. 19 ff.; Protokoll S. 26 f.).
Grundsätzlich können sachverständige, psychiatrische Gutachten nur bei
persönlicher Untersuchung des Probanden fachgerecht erstattet werden.
Aktengutachten müssen die Ausnahme darstellen. Eine solche Ausnahme
ist etwa möglich, wenn über den zu begutachtenden Täter bereits ein oder
mehrere Gutachten erstattet worden sind, die überdies jüngeren Datums
sein müssen, und wenn sich die Grundlagen der Begutachtung nicht we-
sentlich geändert haben (nach wie vor gleiches Krankheitsbild). Ein Akten-
gutachten kommt auch in Betracht, wenn der Proband nicht oder nur
schwer erreichbar ist oder sich einer Begutachtung verweigert. Ob sich bei
einer derartigen Konstellation ein Aktengutachten verantworten lässt, hat
in erster Linie der angefragte Sachverständige zu beurteilen (BGE 127 I 54
E. 2 f).
Im konkreten Fall hat der Beschuldigte die Mitwirkung an beiden Gutachten
sowie am Ergänzungsgutachten verweigert (UA act. 5 und 37; GA
act. 527). Dass eine persönliche Untersuchung unterblieb, hat er sich somit
selbst zuzuschreiben. Unter diesen Umständen ist es nicht zu beanstan-
den, dass die Strafverfolgungsbehörden ein Aktengutachten in Auftrag ge-
geben haben. Der zweite Gutachter sah sich aufgrund der ihm vorliegen-
den umfangreichen Informationen in der Lage, eine Reihe der ihm unter-
breiteten Fragen zu beantworten. Die Entscheidung, ob und inwieweit er
ein Aktengutachten erstatten kann, lag in seiner Verantwortung als Sach-
verständiger. Nachdem dem Experten neben den umfangreichen Strafak-
ten mit diversen Einvernahmeprotokollen des Beschuldigten und von Dritt-
personen – unter anderem ein forensisch-psychiatrisches Gutachten über
den Beschuldigten aus dem Jahr 2006 sowie Gutachten über zwei Opfer –
vorlagen, erscheint es grundsätzlich nachvollziehbar, dass sich der Sach-
verständige in der Lage sah, einen Grossteil der ihm unterbreiteten Fragen
lege artis zu beantworten. Soweit der Gutachter gewisse Fragen ohne per-
sönliche Exploration des Beschuldigten nicht beantworten konnte, hat er
dies im Gutachten korrekterweise festgehalten. Er hat zudem klar ausge-
wiesen, wenn seine Antworten nicht gesichert sind bzw. auf Mutmassungen
beruhen, so dass die Strafverfolgungsbehörden in der Lage sind, den ver-
bleibenden Unsicherheiten im Rahmen der Beweiswürdigung Rechnung zu
tragen (vgl. Protokoll S. 14 f.). Zudem hat der Gutachter auf die Diagnose
einer psychischen Krankheit korrekterweise verzichtet, weil sich gewisse
Kriterien ohne persönliche Exploration des Beschuldigten nicht erhärten
liessen. Das Vorgehen des Sachverständigen ist deshalb nicht zu bean-
- 61 -
standen. Der Beschuldigte vermag im Übrigen auch nicht aufzuzeigen, wel-
che Schlussfolgerungen der Gutachter ohne persönliche Exploration nicht
hätte ziehen dürfen. Anzufügen ist, dass sich den umfangreichen Strafak-
ten auch keine Anhaltspunkte für die Annahme entnehmen lassen, der Ge-
sundheitszustand des Beschuldigten habe sich seit dem Jahr 2006 wesent-
lich verändert. Der Umstand, dass der Gutachter den Beschuldigten nicht
persönlich befragen konnte, wird somit zumindest teilweise durch den Um-
stand kompensiert, dass der Experte auf ein früheres Gutachten über den
Beschuldigten zurückgreifen konnte.
9.3.3. Methodische Mängel
Soweit der Beschuldigte methodische Kritik am Gutachten AB. übt, ist auf
den in Art. 185 StPO verankerten Grundsatz der Methodenfreiheit hinzu-
weisen, wonach die sachverständigen Personen darüber zu entscheiden
haben, welche Erhebungen, Untersuchungen etc. für die Ausarbeitung
eines Gutachtens erforderlich sind und unter welchen Bedingungen solche
durchgeführt werden. Davon zu unterscheiden ist die Ermittlung im Tatge-
schehen, welche eine notwendige Grundlage für die Begutachtung bilden
kann. Hier darf der Gutachter nicht in Konkurrenz zu den Strafbehörden
treten und eigene Ermittlungen durchführen (vgl. HEER Basler Kommentar
StPO, N. 1 f. zu Art. 185). Fremdanamnesen sind somit – unter Beachtung
von strafprozessualen Grundsätzen – grundsätzlich zulässig. Damit greift
die methodische Kritik des Beschuldigten ins Leere.
Was die fremdanamnetischen Erhebungen anbelangt, weist der Gutachter
AA. im Übrigen an einigen Stellen auf die Unzuverlässigkeit von einzelnen
fremdanamnetischen Angaben hin und lässt diese in seiner Beurteilung un-
berücksichtigt (UA Ordner 5 act. 121, 122). Soweit Fremdauskünfte in die
Beurteilung eingeflossen sind, kam diesen bei der Begründung der gutach-
terlichen Schlussfolgerungen keine entscheidende Bedeutung zu. Sie dien-
ten höchstens der Abrundung des Bildes, das sich dem Gutachter aus den
übrigen Quellen ergab. Vor diesem Hintergrund muss nicht näher auf die
Kritik des Beschuldigten an den Fremdanamnesen eingegangen werden.
9.4. Verwahrung
9.4.1. Begründung der Vorinstanz
Die Vorinstanz erachtete wie dargelegt die Voraussetzungen einer Ver-
wahrung nach Art. 64 Abs. 1 StGB als erfüllt und ordnete diese schliesslich
auch an. Sie wies in ihrer Begründung zutreffend darauf hin, dass eine Ver-
wahrung nur als "ultima ratio" ausgesprochen werden dürfe, und brachte in
diesem Zusammenhang zutreffend die vom Bundesgericht vorgeschriebe-
ne strikte Subsidiarität der Verwahrung im Verhältnis zu den kurativen
Massnahmen zum Ausdruck. Auf die zutreffenden rechtlichen Erwägungen
kann vorliegend grundsätzlich verwiesen werden (vgl. vorinstanzliches Ur-
teil E. 15.7.1.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Im Rahmen der Prüfung der besagten
Subsidiarität gelangte die Vorinstanz sodann zum Schluss, eine stationäre
- 62 -
oder gar ambulante Massnahme sei insbesondere angesichts der fehlen-
den Einsicht und der fehlenden Therapiewilligkeit beim Beschuldigten vor-
liegend nicht angezeigt, womit sie der Empfehlung des Gutachters AA. folgt
(vorinstanzliches Urteil E. 15.7.2.).
9.4.2. Bedeutung der Therapiewilligkeit
Der Gutachter hat festgestellt, dass der Beschuldigte sich bisher jeglichen
Gesprächen mit psychiatrischen oder psychologischen Fachpersonen im
Rahmen der Begutachtungen entziehe, weshalb nicht ersichtlich sei, dass
er im Rahmen einer stationären Massnahmenbehandlung – in welcher psy-
chotherapeutische, auf die begangenen Delikte fokussierte Gespräche
zentral wären – sein Verhalten ändern würden. Solange er die von ihm be-
gangenen Taten konsequent bestreite und nicht bereit sei, an der Klärung
der Deliktdynamik mitzuarbeiten, sei eine relevante Risikosenkung im Rah-
men einer stationären Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB wegen feh-
lender Massnahmenwilligkeit nicht möglich (GA act. 528).
Das Bundesgericht hat sich bereits mehrfach zur Frage, in wie weit sich die
Therapiewilligkeit bzw. Therapieunwilligkeit von beschuldigten Personen
auf die Zweckmässigkeit bzw. Durchführbarkeit der vom Gesetz zur Verfü-
gung gestellten kurativen Massnahmen auswirkt, auseinandergesetzt.
Demnach verlangt eine stationäre Behandlung vom Betroffenen ein Min-
destmass an Kooperationsbereitschaft. An die Therapiewilligkeit im Zeit-
punkt des richterlichen Entscheids dürfen bei der stationären Behandlung
von psychischen Störungen nach Art. 59 StGB jedoch keine allzu hohen
Anforderungen gestellt werden. Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass
es durchaus aufgrund der psychischen Erkrankung des Betroffenen an der
Fähigkeit fehlen kann, die Notwendigkeit und das Wesen einer Behandlung
abzuschätzen. Mangelnde Einsicht gehört bei schweren, langandauernden
Störungen häufig zum typischen Krankheitsbild. Ein erstes Therapieziel be-
steht daher oft darin, Einsicht und Therapiewilligkeit zu schaffen, was ge-
rade im Rahmen einer stationären Behandlung auch Aussicht auf Erfolg
hat. Dass die Motivation für eine Behandlung beim Betroffenen nicht von
Anfang an klar vorhanden ist, spricht nicht gegen ihre Anordnung. Es ge-
nügt, wenn er wenigstens motivierbar ist. Von der Anordnung einer statio-
nären therapeutischen Massnahme ist nach der Rechtsprechung somit
nicht bereits deshalb abzusehen, weil der Betroffene diese kategorisch ab-
lehnt. Ob eine – und gegebenenfalls welche – Massnahme anzuordnen ist,
entscheidet sich nach objektiven Gesichtspunkten. Auf die subjektive Mei-
nung der betroffenen Person kommt es grundsätzlich ebenso wenig an wie
auf deren persönliche Empfindung. Entscheidend ist, ob beim Betroffenen
eine minimale Motivierbarkeit für eine therapeutische Behandlung erkenn-
bar ist (Urteile des Bundesgerichts 6B_1287/2017 vom 18. Januar 2018
E. 1.3.3; 6B_463/2016 vom 12. September 2016 E. 1.3.3; 6B_543/2015
vom 10. Dezember 2015 E. 4.2.3; je mit Hinweisen).
- 63 -
Der Gutachter erachtet die Therapiefähigkeit beim Beschuldigten als gege-
ben. Die bei ihm festgestellten deliktrelevanten Problembereiche seien
grundsätzlich behandelbar und er weise auch keine kognitiven Einschrän-
kungen auf, die eine Auseinandersetzung mit den begangenen Delikten
verunmöglichen würden (GA act. 528). Zwar weise der Beschuldigte – wie
hiervor dargelegt – zurzeit keine Bereitschaft auf, im Rahmen einer thera-
peutischen Massnahme mit psychiatrischen oder psychologischen Fach-
personen zu sprechen. Solange diese Bereitschaft fehle, bestünden für
eine stationäre Massnahme geringe Aussicht auf Erfolg. Allerdings räumte
der Gutachter ein, dass sich diese fehlende Bereitschaft einerseits von Sei-
ten des Beschuldigten selber aus jederzeit ändern könne (Protokoll S. 6).
Zum andern sei es bei der Anordnung einer solchen Massnahme dennoch
möglich, dass mit der Zeit aufgrund des durch die Massnahme erfolgenden
Drucks die Behandlungsmotivation verbessert würde (GA act. 527). Dabei
würde ein primäres Ziel der dem Beschuldigten im Rahmen einer therapeu-
tischen Massnahme zur Verfügung gestellten psychiatrischen und/oder
psychologischen Therapie darin bestehen, seine bislang fehlende Einsicht
und Motivation zu erarbeiten (Protokoll S. 9).
Nach dem Gesagten darf die Verwahrung des Beschuldigten einer statio-
nären oder ambulanten therapeutischen Massnahme nicht einfach deshalb
vorgezogen werden, weil der Beschuldigte diese zur Zeit kategorisch ab-
lehnt bzw. keine Motivation zeigt, sich im Rahmen einer Therapie mit sei-
nen Taten und seinem Befund auseinanderzusetzen. In Anbetracht des-
sen, dass seine fehlende Therapiebereitschaft mitunter durch die beim ihm
festgestellte (deliktsrelevante und entsprechend behandlungsbedürftige)
narzisstische Persönlichkeitsstörung hervorgerufen bzw. gefördert wird
(Protokoll S. 9), erscheint es umso weniger als angezeigt, den Beschuldig-
ten zu verwahren statt ihn zu therapieren. Das muss umso mehr gelten,
weil bei ihm bisher, soweit ersichtlich, noch keine Therapieversuche – we-
der ambulant noch in einem geschlossenen Setting – unternommen wur-
den, die beim heutigen Kenntnisstand bereits den Schluss zuliessen, dass
sich eine Therapie auch mit Blick auf seine bislang fehlende Therapiewillig-
keit von vorherein als erfolglos erweisen würde. Vielmehr kann etwa in der
Tatsache, dass der Beschuldigte im Jahr 2004 im Rahmen der Strafunter-
suchung zu verschiedenen im Kanton Solothurn begangenen Delikte offen-
bar noch bereit war, sich vom damaligen Gutachter persönlich untersuchen
zu lassen und sich insofern zumindest teilweise kooperativ zeigte (UA Ord-
ner 5 act. 9, 21 und 94), ein Hinweis darauf erkannt werden, dass diesbe-
zügliche Fortschritte beim Beschuldigten noch nicht vornherein ausge-
schlossen werden können. Entsprechend ist vorliegend zumindest von
einer minimalen Motivierbarkeit für eine therapeutische Behandlung auszu-
gehen.
Im Ergebnis ist einer therapeutischen Massnahme im Sinne von Art. 59
oder Art. 63 StGB – zumindest vorerst – der Vorzug vor der rein sichernden
- 64 -
Verwahrung zu gewähren. Erst wenn sich im Rahmen dieses Therapiever-
suches zeigen sollte, dass selbst mittels therapeutischer Behandlung des
Beschuldigten keine massgeblichen Fortschritte erzielt werden können,
wird sich eine erneute Prüfung der Verwahrung des Beschuldigten auf-
drängen.
9.5. Therapeutische Massnahme
9.5.1. Allgemein
Ist der Täter psychisch schwer gestört, so kann das Gericht gemäss Art. 59
Abs. 1 StGB eine stationäre Behandlung anordnen, wenn das Verbrechen
oder Vergehen des Täters in Zusammenhang mit seiner psychischen Stö-
rung steht (lit. a) und zu erwarten ist, dadurch lasse sich der Gefahr weiterer
mit seiner Störung in Zusammenhang stehender Taten begegnen (lit. b).
Es muss eine hinreichende Wahrscheinlichkeit dafür bestehen, dass sich
durch eine solche Massnahme über die Dauer von fünf Jahren die Gefahr
weiterer Straftaten deutlich verringern lässt (BGE 134 IV 315 E. 3.4.1). Ge-
mäss Art. 63 Abs. 1 StGB kann das Gericht anordnen, dass der psychisch
schwer gestörte oder von Suchtstoffen abhängige Täter nicht stationär,
sondern ambulant behandelt wird, wenn er eine mit Strafe bedrohte Tat
verübte, die mit seinem Zustand in Zusammenhang steht (lit. a), und zu
erwarten ist, dadurch lasse sich der Gefahr weiterer mit dem Zustand des
Täters in Zusammenhang stehender Taten begegnen (lit. b). Sind mehrere
Massnahmen in gleicher Weise geeignet, ist aber nur eine notwendig, so
ordnet das Gericht diejenige an, die den Täter am wenigsten beschwert
(Art. 56a Abs. 1 StGB).
9.5.2. Anlasstaten
Der Beschuldigte wird im vorliegenden Verfahren unter anderem verurteilt
wegen mehrfacher sexueller Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB. Es
handelt sich dabei um Delikte, die mit einer Höchststrafe von mehr als fünf
Jahren bedroht sind und somit um Verbrechen. Damit ist das Erfordernis
der Anlasstat sowohl hinsichtlich einer stationären Massnahme (Art. 59
Abs. 1 lit. a StGB) wie auch hinsichtlich einer ambulanten Massnahme
(Art. 63 Abs. 1 lit. a StGB) erfüllt.
9.5.3. Besonderer psychischer Zustand des Beschuldigten
Sowohl die ambulante als auch die stationäre Massnahme setzen mitunter
– wie soeben gezeigt – eine schwere psychische Störung des Täters vor-
aus.
AE. kommt in ihrem Aktengutachten vom 14. Februar 2014 zum Ergebnis,
dass eine eigentliche Begutachtung nicht möglich sei. Aufgrund der Weige-
rungshaltung des Beschuldigten sowie des Umstands, dass keine lücken-
losen Untersuchungsbefunde vorhanden seien, die ein vollständiges Bild
über Vorgeschichte, Verlauf und gegenwärtigen Zustand ergäben, sei sie
nicht in der Lage, ein (vollständiges) Gutachten zu erstellen, weshalb sie
- 65 -
die ihr unterbreiteten Fragen unbeantwortet liess (UA Ordner 5 act. 31 ff.).
Die Gutachterin hält referierend fest, dass im Gutachten vom 30. Januar
2006 akzentuierte narzisstische Persönlichkeitszüge festgestellt worden
und als an der Grenze der Norm liegend beschrieben worden seien. Sie
hält weiter fest, wenn die von den verschiedenen Geschädigten beschrie-
benen Einstellungen und Verhaltensweisen zutreffen würden, mindestens
eine narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung weiterhin vorläge, wobei
auch an das Vorliegen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu den-
ken wäre (UA Ordner 5 act. 25). Das im früheren Strafverfahren dargestell-
te und von den Geschädigten ähnlich beschriebene Sexualverhalten könne
keineswegs als "normal" bezeichnet werden – dieses würde aufgrund der
Ausschliesslichkeit, der Häufigkeit und der Vorgehensweise deutlich
ausserhalb der Norm liegen. Die Gutachterin betont jedoch, dass diese Er-
gebnisse nicht als gesichert gelten könnten (UA Ordner 5 act. 28).
Der Gutachter AA. stellte die Aussagekraft seines Gutachtens unter die
Voraussetzung, dass die Angaben der Privatklägerinnen und Zeuginnen
wahr seien. Sollte sich dies nicht bestätigen, so wäre das Gutachten als
nicht relevant zu betrachten (UA Ordner 5 act. 120). Wenn jedoch die An-
gaben der Privatklägerinnen und der Zeuginnen wahr seien, sei von einer
akzentuierten narzisstischen Persönlichkeit auszugehen (UA Ordner 5
act. 126). Gemäss dem Gutachter könne trotz der grundsätzlichen Schwie-
rigkeit einer psychiatrischen Diagnose beim Beschuldigten eine Vielzahl
von Störungen ausgeschlossen werden. Schwieriger zu beantworten sei
die Frage, ob beim Beschuldigten eine wahnhafte Störung oder ein Wahn
vorliege, welche ihn glauben lasse, tatsächlich der höchsterleuchtete Bud-
dha auf Erden zu sein. Da allerdings keine Hinweise auf formale Denkstö-
rungen oder eine Wahndynamik bestünden und zudem das Verhalten
kontrolliert, durchdacht und höchst manipulativ wirke, könne eine wahn-
hafte Störung als sehr unwahrscheinlich betrachtet, aber nicht mit Sicher-
heit ausgeschlossen werden (UA Ordner 5 act. 127 f.). Der Gutachter führt
weiter aus, dass keine adäquate Beurteilung der Sexualität des Beschul-
digten möglich sei, da dazu zu wenige Angaben vorliegen würden. Aller-
dings kämen – in Anbetracht der vorgeworfenen Tathandlungen – eine Pä-
dophile aufgrund der früheren sexuellen Handlungen mit Kindern und eine
sadistische Devianz aufgrund der Gewaltanwendungen und damit verur-
sachten Schmerzen sowie Demütigungen verschiedener Opfer in Frage.
Eine Pädophilie sei jedoch eher zu verneinen, da bei einer der Geschädig-
ten keine Anklage erhoben worden sei und bei einer zweiten Geschädigten
die Anklage mit einem Freispruch geendet habe. Verurteilt worden sei der
Beschuldigte nur wegen sexueller Handlungen mit einer Geschädigten, die
damals 14 bis 16 Jahre alt gewesen sei. Von einer Pädophilie im engeren
Sinne werde jedoch nur bei Geschädigten bis zu einem Alter von ca. 12 bis
13 Jahren gesprochen (UA Ordner 5 act. 127).
- 66 -
Der Sachverständige AA. stellt beim Beschuldigten eine akzentuierte nar-
zisstische Persönlichkeit fest, die als deliktsrelevant einzustufen sei. Allein
diese Problematik könne aber das Tatverhalten des Beschuldigten keines-
falls erklären. Es müsse daher ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal vor-
handen sein, das sein Tatverhalten beeinflusse, wobei drei Möglichkeiten
in Betracht kämen. Am Unwahrscheinlichsten, aber eben nicht ausschliess-
bar, sei das Vorliegen eines wahnhaften Syndroms. Eine zweite Möglich-
keit bestehe darin, dass beim Beschuldigten eine sexuelle Devianz vorlie-
ge, wobei eine Pädosexualität auszuschliessen sei, weshalb eher eine sa-
distische Devianz in Frage komme. Dafür würden die gewalttätigen Hand-
lungen und das Leiden der Geschädigten sprechen. Jedoch gäbe es keine
Hinweise darauf, dass der Beschuldigte die Angst oder den Schmerz der
Geschädigten als besonders erregend empfunden habe. Das Bestehen
einer sadistischen Devianz könne aufgrund der fehlenden Angaben des
Beschuldigten nicht ausgeschlossen werden, sei aber ebenfalls als un-
wahrscheinlich zu betrachten. Am Wahrscheinlichsten liege ein sogenann-
ter Dominanzfokus vor, bei welchem der Beschuldigte das Erleben von
eigener Überlegenheit, vor allem aber das Erleben von Unterlegenheit
Dritter als in besonderer Weise attraktiv empfinde (UA act. 132 f.). Der Gut-
achter kommt ferner zum Schluss, dass beim Beschuldigten mindestens
eine hohe Rückfallgefahr für einschlägige Sexualdelikte an erwachsenen
Frauen bestehe (UA Ordner 5 act. 141).
Der Beschuldigte wendet diesbezüglich ein, dass eine stationäre Massnah-
me von vornherein nicht in Betracht komme, weil bei ihm gerade keine "psy-
chische Störung" vorliege (Protokoll S. 25). Soweit der Beschuldigte mit
diesem Einwand dahin zielt, dass der Gutachter keine psychische Störung
im engeren Sinn nach den Diagnosesystemen bzw. Klassifikationsinstru-
menten der Allgemeinpsychiatrie – wie ICD-10 oder DSN-5 – festgestellt
hat und entsprechend darauf zu schliessen wäre, dass eine in Art. 59
Abs. 1 StGB wie auch von Art. 63 Abs. 1 StGB vorausgesetzte schwere
psychische Störung nicht vorliege, ist er damit nicht zu hören. Der Gesetz-
geber hat – insbesondere zuletzt im Rahmen der Revision des Massnah-
merechts 2007 – bewusst darauf verzichtet, den Begriff der "psychischen
Störung" an derartige Klassifikationsinstrumenten zu binden. Eine thera-
peutische Massnahme soll demnach grundsätzlich für die ganze Bandbrei-
te der nach wissenschaftlichen Kriterien diagnostizierbaren, vom soge-
nannt "Normalen" abweichenden psychischen Phänomene möglich sein
(vgl. dazu ausführlich und unter Verweis auf die Materialen HEER/HABER-
MEYER, in: Basler Kommentar StGB I, 3. Aufl. 2013, N. 12 f. zu Art. 59
StGB). Entsprechend hat auch das Bundesgericht in seiner Rechtspre-
chung klargestellt, dass die Frage der rechtlichen Relevanz der medizini-
schen Diagnose juristischer Natur sei. Die Beurteilung, ob eine vom psy-
chiatrischen Sachverständigen diagnostizierte Störung als "schwere psy-
chische Störung" im Sinne von Art. 59 Abs. 1 und Art. 63 Abs. 1 StGB zu
qualifizieren ist, obliegt daher dem Gericht (vgl. Urteile des Bundesgerichts
- 67 -
6B_28/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.4 sowie 6B_993/2013 vom 17. Juli
2014 E. 4.6).
Aus den beiden Gutachten lässt sich entnehmen, dass der Beschuldigte
zumindest die Merkmale einer akzentuierten narzisstischen Persönlichkeit
aufweist, die aufgrund ihrer hohen Ausprägung in den vergangenen zehn
bis fünfzehn Jahren als Persönlichkeitsmerkmal mit Störcharakter zu be-
zeichnen seien (UA Ordner 5 act. 132). Gemäss dem Gutachten von AA.
steht diese in moderat ausgeprägtem Zusammenhang mit den vorgeworfe-
nen Taten. Zusätzlich stellt der Gutachter beim Beschuldigten einen Domi-
nanzfokus als weiteren Problembereich fest, der sehr ausgeprägt sei und
eine sehr hohe Bedeutung für das Tatverhalten aufweise (UA Ordner 5 act.
145). Zusammenfassend diagnostizierte er beim Beschuldigten zwar keine
psychische Störung im engeren Sinn, es seien jedoch langanhaltende
"deliktsrelevante Persönlichkeitsmerkmale mit Krankheitswert" festgestellt
worden (UA Ordner 5 act. 145 f.). Hinzu kommt, dass die beiden festge-
stellten Persönlichkeitsmerkmale mit Krankheitswert nicht nur isoliert ne-
beneinander bestehen, sondern sich auch gegenseitig negativ zu beein-
flussen scheinen (vgl. dazu insbesondere Urteil des Bundesgerichts
6B_993/2013 vom 17. Juli 2014 E. 4.6), weshalb im Gutachten auch fest-
gestellt wird, dass die akzentuierte narzisstische Persönlichkeit als Boden
anzusehen sei, auf dem der ohnehin bereits sehr stark ausgeprägte Domi-
nanzfokus entstehen konnte und letztlich zu den zahlreichen sexuellen
Übergriffen geführt hatten (UA Ordner 5 act. 132, 135). Insgesamt reichen
die medizinischen Feststellungen für die Annahme einer schweren psychi-
schen Störung im Sinne von Art. 59 Abs. 1 StGB und Art. 63 Abs. 1 StGB
als Voraussetzung für eine stationäre oder ambulante Massnahme aus.
Der geforderte symptomatische Zusammenhang zwischen den zur Beur-
teilung stehenden Taten und dem festgestellten psychischen Zustand
(vgl. Art. 59 Abs. 1 lit. a StGB und Art. 63 Abs. 1 lit. a StGB) besteht nach
dem Gesagten ebenfalls.
9.5.4. Gefährlichkeit des Täters
Die Anordnung einer Massnahme nach Art. 59 StGB setzt weiter eine Ge-
fährlichkeit des Täters für die Allgemeinheit voraus. Gemeint ist damit die
durch die geistige Abnormität bedingte Rückfallwahrscheinlichkeit. Das öf-
fentliche Interesse an der Verhütung weiterer Delikte des Täters bemisst
sich nach der Schwere der möglichen Delikte, ihrer Häufigkeit und der
Grösse der Wahrscheinlichkeit, mit der sie zu befürchten sind. Die Gefähr-
lichkeit bezieht sich nicht nur auf Nähe und Ausmass der Gefahr, sondern
auch auf Art bzw. Bedeutung des gefährdeten Rechtsguts. Bei Gefährdung
hochwertiger Rechtsgüter wie Leib und Leben sind an Nähe und Ausmass
der Gefahr weniger hohe Anforderungen zu stellen als bei der Gefährdung
weniger bedeutender Rechtsgüter wie Eigentum und Vermögen (BGE 118
- 68 -
IV 108 E. 2a S. 113; HEER, in: Basler Kommentar StGB I, 3. Aufl. 2013,
N. 48 ff. zu Art. 59 StGB).
Der Gutachter AB. kommt – wie dargelegt – zum Schluss, dass beim Be-
schuldigten mindestens eine hohe Rückfallgefahr für einschlägige Sexual-
delikte an erwachsenen Frauen bestehe (UA Ordner 5 act. 141). Die fest-
gestellten deliktsrelevanten Persönlichkeitsmerkmale (akzentuierte nar-
zisstische Persönlichkeit und sehr starker Dominanzfokus) würden einen
engen Zusammenhang mit dieser Rückfallgefahr für Sexualdelikte an Er-
wachsenen aufweisen (UA Ordner 5 act. 146).
Zur Kritik des Beschuldigten hinsichtlich der Rückfallprognose, wonach der
Gutachter sinngemäss eine für die juristischen Zwecke zu ungenaue bzw.
zu offen formulierte Prognose aufgestellt habe (Protokoll S. 31 f.), ist Fol-
gendes anzumerken: Zur Quantifizierung der Rückfallwahrscheinlichkeit
äusserte sich der Gutachter dahingehend, dass eine exakte Prozentanga-
be – nicht nur vorliegend, sondern generell – nicht möglich sei. Zur Einord-
nung der Rückfallwahrscheinlichkeit diene die Anlehnung an die aus Stu-
dien gewonnenen Rückfall- bzw. Basisrate für Sexualdelikte an Erwachse-
nen, welche je nach Studie zwischen 20 % bis 50 % liege. Diesbezüglich
kommt der Gutachter klar zum Schluss, dass die Rückfallwahrscheinlich-
keit beim Beschuldigten höher als diese Basisrate liege und letztlich als
hoch einzustufen sei (Protokoll S. 17 f.). Diese Prognose bzw. deren me-
thodische Herleitung ist – insbesondere unter Verweis auf die Ausführun-
gen zur Methodenfreiheit (oben E. 9.3.3.) – nicht zu beanstanden. Nach-
dem es sich bei der sexuellen Integrität um ein hohes Rechtsgut handelt,
ist nach dem Gesagten von einer hohen Gefährlichkeit für die Allgemeinheit
auszugehen.
9.5.5. Verhältnismässigkeit
Die Anordnung einer Massnahme setzt zudem voraus, dass der mit ihr ver-
bundene Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Täters im Hinblick auf die
Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten nicht unverhältnismäs-
sig ist (Art. 56 Abs. 2 StGB). Das Verhältnismässigkeitsprinzip umfasst drei
Teilaspekte. Eine Massnahme muss geeignet sein, beim Betroffenen die
Legalprognose zu verbessern. Weiter muss sie notwendig sein. Sie hat zu
unterbleiben, wenn eine gleich geeignete, aber mildere Massnahme für den
angestrebten Erfolg ausreichen würde. Dieses Kriterium trägt dem Aspekt
des Verhältnisses zwischen Strafe und Massnahme bzw. der Subsidiarität
bei Massnahmen Rechnung. Schliesslich muss zwischen dem Eingriff und
dem angestrebten Zweck eine vernünftige Relation bestehen (Verhältnis-
mässigkeit i.e.S.). Das bedeutet, dass die betroffenen Interessen gegen-
einander abgewogen werden müssen. Bei einer Prüfung des Zweck-Mittel-
Verhältnisses fällt im Rahmen der Gesamtwürdigung auf der einen Seite
insbesondere die Schwere des Eingriffs in die Freiheitsrechte des Betroffe-
- 69 -
nen in Betracht. Auf der anderen Seite sind das Behandlungsbedürfnis so-
wie die Schwere und die Wahrscheinlichkeit künftiger Straftaten relevant
(Urteil des Bundesgerichts 6B_596/2011 vom 19. Januar 2012, E. 3.2.3).
9.5.5.1. Geeignetheit, Notwendigkeit, Wahl der mildesten erfolgver-
sprechenden Massnahme
Beide beim Beschuldigten festgestellten deliktsrelevanten Problemberei-
che sind grundsätzlich behandelbar – vorwiegend durch psychotherapeuti-
sche Behandlung sowie mittels therapeutischer Begleitung im Alltag (UA
Ordner 5 act. 148; vgl. auch die Ausführungen zur Therapiefähigkeit oben
E. 9.4.2.). Gemäss Gutachten wäre eine im Rahmen einer stationären the-
rapeutischen Massnahme durchgeführte deliktsorientierte Behandlung des
Beschuldigten geeignet, die Rückfallgefahr zu senken (UA Ordner 5
act. 147). Wie bereits ausgeführt, steht die gegenwärtig vom Beschuldigten
selber geäusserte Therapieunwilligkeit einer Behandlung im Rahmen einer
therapeutischen Massnahme nicht entgegen, ist doch zumindest von einer
minimalen Motivierbarkeit für eine therapeutische Behandlung auszugehen
(vgl. ausführlich oben E. 9.4.2.).
Unter dem Kriterium der Erforderlichkeit ist wie dargelegt zu prüfen, ob eine
gleich geeignete, aber mildere Massnahme für den angestrebten Erfolg
ausreichen würde. Auf der einen Seite ist festzuhalten, dass im Fall des
Beschuldigten der reine Vollzug der Freiheitsstrafe ohne eine (zumindest
vollzugsbegleitende) Massnahme nicht genügen würde, um die Gefährlich-
keit des Beschuldigten auf ein für die Öffentlichkeit vertretbares Mass zu
senken (Protokoll S. 10). Andererseits ist gestützt auf die Ausführungen
des Gutachters AA. in dessen Gutachten sowie im Rahmen seiner Befra-
gung als Sachverständiger an der Berufungsverhandlung davon auszuge-
hen, dass aufgrund der bislang vom Beschuldigten geäusserten Therapie-
unwilligkeit eine therapeutische Massnahme nur erfolgversprechend sein
kann, wenn diese in einem "geschlossenen Setting" durchgeführt wird (Pro-
tokoll S. 6). Laut Gutachten sei bei unmotivierten Tätern erfahrungsgemäss
ein gewisser, durch den Freiheitsentzug erzeugter Leidensdruck notwen-
dig. Bei einer rein ambulanten Behandlung in Freiheit wären die Chancen,
die notwendige Motivation beim Beschuldigten – überhaupt bzw. zumindest
innert verhältnismässiger Therapiedauer – herbeizuführen, dagegen kaum
realistisch (Protokoll S. 9).
In Frage kommen folglich einzig eine stationäre Massnahme nach Art. 59
StGB oder eine vollzugsbegleitend durchgeführte ambulante Massnahme
nach Art. 63 StGB. Die eingriffsintensivere stationäre Massnahme ist ge-
genüber der milderen ambulanten Massnahme subsidiär, auch wenn letzte-
re vollzugsbegleitend angeordnet wird (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_633/2015 vom 12. Januar 2016, insbesondere E. 4.3.2.). Laut Gutach-
ten wären bei einer stationären Massnahme die Chancen, die für eine wirk-
same Behandlung des Zustandes des Beschuldigten notwendige Einsicht
- 70 -
und Motivation zu erlangen, zwar besser bzw. diese Einsicht und Motivation
schneller zu erzielen (Protokoll S. 6 f.). Nach Ansicht des Obergerichts ist
vorliegend – insbesondere mit Blick auf den Grundsatz, wonach bei mehre-
ren in Frage kommenden Massnahmen zwingend die weniger einschrän-
kende anzuordnen ist – einer vollzugsbegleitenden ambulanten Massnah-
me dennoch der Vorzug zu gewähren, und zwar aus folgenden Gründen:
Der Gutachter AA. präzisierte seine Einschätzung über den Beschuldigten
in seinem Ergänzungsgutachten dahingehend, dass das Hinarbeiten auf
die bislang fehlende Therapiewilligkeit mit Hilfe einer psychotherapeuti-
schen Therapie im Einzelsetting erfolgen könne, und dies mit nur leicht ge-
ringeren Erfolgsaussichten als in einem milieutherapeutischen Setting im
Rahmen einer stationären Massnahme (GA act. 529). Diese Einschätzung
des Gutachters basierte zwar auf seiner Empfehlung, den Beschuldigten
zu verwahren und gleichzeitig dennoch in Einzeltherapien zu betreuen.
Nachdem bei der Verwahrung der Vollzug der Freiheitsstrafe der eigentli-
chen Verwahrung gemäss Art. 64 Abs. 2 StGB vorgeht, unterscheidet sich
das Haftregime des Verwahrten und des sich im gewöhnlichen Strafvollzug
befindlichen Täters in dieser ersten Phase nicht. Entsprechend lässt sich
diese Einschätzung des Gutachters zur Verwahrung ohne weiteres auf eine
vollzugsbegleitend angeordnete ambulante Massnahme mit Einzelsettings
übertragen. Entsprechend ist auch aus therapeutischer Sicht davon auszu-
gehen, dass die vollzugsbegleitende ambulante Massnahme zumindest für
die erste elementare Phase der Behandlung des Beschuldigten als geeig-
net einzustufen ist. Dass gilt umso mehr, als die zuständige Behörde ge-
mäss Art. 63 Abs. 3 StGB selbst bei einer ambulanten Massnahme im Rah-
men des Vollzugs verfügen kann, dass der Täter vorübergehend – bis zu
zwei Monate lang – stationär behandelt wird, wenn dies notwendig er-
scheint. Bei der nunmehr angeordneten Freiheitsstrafe von 9 Jahren ver-
bleiben dem Beschuldigten unter Anrechnung der bisher ausgestandenen
Haft immer noch rund 3 1⁄2 Jahre Strafvollzug. Angesichts dieser Länge der
noch zu verbüssenden Strafe kann jedenfalls nicht von vornherein gesagt
werden, es bestünden kaum Chancen darauf, dass die vollzugsbegleitende
Therapie beim Beschuldigten früher oder später die geforderte Einsicht und
Therapiewilligkeit hervorzurufen vermag. Hinzu kommt, dass bei freiheits-
entziehenden sichernden oder therapeutischen Massnahmen sich die Er-
kenntnis des Täters, dass eine Kooperation mit den Therapeuten bzw. sei-
ne Einlassung auf die Therapie die einzige realistische Möglichkeit auf eine
Entlassung in die Freiheit innert absehbarer Zeit darstellt, positiv auf seine
Therapiewilligkeit auswirken kann (Protokoll S. 9). Insofern kann nach Da-
fürhalten des Obergerichts davon ausgegangen werden, dass vorliegend
die Gewährung einer vollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme – an-
stelle einer bereits zum jetzigen Zeitpunkt ausgesprochenen stationären
Massnahme – auf den Beschuldigten durchaus motivierend wirken kann,
wären doch auch damit die vergleichsweise schärferen Massnahmen, wie
- 71 -
die stationäre Therapie oder sogar die Verwahrung, noch keineswegs dau-
erhaft vom Tisch: Bei Scheitern der vollzugsbegleitenden ambulanten
Massnahme müsste die Umwandlung in einer stationären Massnahme ge-
prüft werden, wie dies das Gesetz in Art. 63b Abs. 5 StGB vorsieht. Und
dem Beschuldigten muss nach dem Gesagten klar sein, dass die übrigen
Voraussetzungen einer stationären Massnahme nach Art. 59 Abs. 1 StGB
– nach den heutigen Verhältnissen – durchaus gegeben wären. Ebenso
muss er sich auch vor Augen führen, dass für den Fall, dass er sich künftig
– sei dies nun im Rahmen einer vollzugsbegleitenden ambulanten oder
einer allenfalls später angeordneten stationären Massnahme – weiterhin in
der Therapie gänzlich unkooperativ zeigt, selbst eine Verwahrung gemäss
Art. 64 StGB unweigerlich wieder zum Thema werden wird (vgl. dazu be-
reits oben E. 9.4.2. in fine).
Diese potentiell motivierenden Tatsachen sowie die Einschätzung des Gut-
achters, wonach bei einmal vorhandener Einsicht und Therapiewilligkeit
des Beschuldigten die Erfolgschancen der eigentlichen deliktsorientierten
Therapie bei einer (vollzugsbegleitenden) ambulanten Massnahme nicht
geringer sind, als sie dies bei einer stationären Massnahme wären (Proto-
koll S. 7 Frage 17), hat beim Obergericht die Erkenntnis gefestigt, der mil-
deren vollzugsbegleitend durchgeführten ambulanten Massnahme – zu-
mindest vorerst – den Vorzug zu gewähren.
9.5.5.2. Verhältnismässigkeit im engeren Sinn
Das Verhältnismässigkeitsprinzip verlangt nicht nur, dass eine Massnahme
zu unterbleiben hat, wenn eine gleich geeignete, aber mildere Massnahme
für den angestrebten Erfolg ausreichen würde. Vorausgesetzt ist auch,
dass der mit der Massnahme verbundene Eingriff in die Persönlichkeits-
rechte des Täters im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit und Schwere wei-
terer Straftaten verhältnismässig ist (Art. 56 Abs. 2 StGB). Zwischen dem
Eingriff und dem angestrebten Zweck muss somit auch eine vernünftige
Relation bestehen, wobei im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Schwere
des Eingriffs in die Freiheitsrechte des Betroffenen gegen das Behand-
lungsbedürfnis sowie die Schwere und die Wahrscheinlichkeit künftiger
Straftaten abzuwägen sind. Selbst eine geeignete und notwendige Mass-
nahme kann sich als übermässig erweisen, wenn der mit ihr verbundene
Eingriff im Vergleich zur Bedeutung des angestrebten Ziels unangemessen
ist. Den Gefahren, die von einem Täter zu befürchten sind, muss bei einer
Interessenabwägung grössere Bedeutung zukommen als der Schwere des
mit der Massnahme verbundenen Eingriffs (Urteil des Bundesgerichts
6B_63/2013 vom 4. März 2013, E. 3.2.1; HEER, a.a.O., N. 36 zu Art. 56
StGB).
Ausgehend von der durch seinen psychischen Zustand bedingten hohen
Rückfallgefahr sowie in Anbetracht dessen, dass es sich bei den durch
- 72 -
einen Rückfall gefährdeten Rechtsgütern – der sexuellen Integrität (vorwie-
gend) erwachsener Frauen – um hohe Rechtsgüter handelt, besteht ein
grosses Interesse der Öffentlichkeit an der Verhütung weiterer Delikte des
Beschuldigten. Der mit der Massnahme verbundene Eingriff in die Grund-
rechte des Beschuldigten, insbesondere seine persönliche Freiheit (Art. 10
Abs. 2 BV), erscheint gegenüber dem öffentlichen Interesse an der Ver-
hütung weiterer – insbesondere auch schwerer – Straftaten des Beschul-
digten keineswegs als übermässig. Die gewichtigen öffentlichen Interessen
am Schutz vor dem Beschuldigten würden – wenngleich dies vorliegend
nicht abschliessend beurteilt werden muss – nach Ansicht des Oberge-
richts auch die Anordnung einer vergleichsweise "schärferen" stationären
Massnahme nach Art. 59 StGB rechtfertigen. Entsprechend ist die Verhält-
nismässigkeit der nun angeordneten vollzugsbegleitenden Massnahme
klarerweise gegeben.
9.5.6. Anwendbares Recht
Der Vollständigkeit halber ist an dieser Stelle zu der auch vom Beschuldig-
ten aufgeworfenen übergangsrechtlichen Thematik Folgendes festzuhal-
ten: Am 1. Januar 2007 sind der revidierte Allgemeine Teil des Strafgesetz-
buches (erstes Buch) und die revidierten Bestimmungen über die Einfüh-
rung und Anwendung des Gesetzes (drittes Buch) vom 13. Dezember 2002
bzw. vom 24. März 2006 in Kraft getreten. Gemäss Ziffer 2 Abs. 1 der
Schlussbestimmungen der Änderung vom 13. Dezember 2002 sind die
Vorschriften des neuen Rechts über die Massnahmen nach Art. 56 - 65
StGB auch auf die Täter anwendbar, die vor deren Inkrafttreten eine Tat
begangen haben. Ausnahmen von dieser echten Rückwirkung des neuen
Massnahmenrechts greifen von Gesetzes wegen bei der nachträglichen
Verwahrung nach Art. 65 Abs. 2 StGB und bei den Massnahmen für junge
Erwachsene und ferner auch – allerdings gestützt auf die spezifische
Rechtsprechung des Bundesgerichts – hinsichtlich der Verwahrung, bei
welcher das völkerrechtliche Rückwirkungsverbot laut Bundesgericht den-
noch gelten müsse. Die Anwendung des neuen Verwahrungsrechts auf Tä-
ter, die vor dessen Inkrafttreten delinquiert haben, ist deshalb nur zulässig,
wenn es nicht strenger ist (sogenannte "lex mitior"; BGE 134 IV 121 E. 3.3.3
mit Hinweisen).
Der Tatzeitpunkt gewisser der hier beurteilten Straftaten des Beschuldigten
fällt auf die Zeit vor Inkrafttreten des neuen Massnahmerechts zurück.
Nachdem vorliegend – entgegen der Vorinstanz – von der Anordnung einer
Verwahrung abzusehen und stattdessen eine (vollzugsbegleitende) ambu-
lante Massnahme anzuordnen ist, ist gemäss Ziffer 2 Abs. 1 der Schluss-
bestimmungen das revidierte Massnahmerecht anwendbar. Der Anwen-
dungsbereich der soeben erwähnten Ausnahmen ist somit vorliegend nicht
berührt, weshalb die Frage, ob das alte Massnahmerecht mit Blick auf eine
- 73 -
Verwahrung milder wäre, offen bleiben kann. Auf die entsprechenden Rü-
gen des Beschuldigten (Berufungsbegründung S. 16 ff.; Protokoll S. 25 f.)
braucht nicht weiter eingegangen zu werden.
9.5.7. Fazit
Nach dem Gesagten ist eine vollzugsbegleitend durchzuführende ambu-
lante Massnahme gemäss Art. 63 Abs. 1 StGB anzuordnen.
10. Zivilansprüche
10.1. Vorinstanzlicher Entscheid
Die Vorinstanz hat der Geschädigten D. eine Genugtuung in Höhe von
Fr. 15'000.00 zuzüglich Zins zu 5 % seit 1. März 2011 und Schadenersatz
in der Höhe von Fr. 2'381.13 zuzüglich Zins zu 5 % seit 6. Dezember 2016
und der Geschädigten E. eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 15'000.00
zuzüglich Zins zu 5 % seit 1. November 2012 und Schadenersatz in der
Höhe von Fr. 1‘422.00 sowie eine Umtriebsentschädigung in der Höhe von
Fr. 371.40, je zuzüglich Zins zu 5 % seit 06.12.2016, zugesprochen.
10.2. Berufungsbegründung und Beurteilung
Der Beschuldigte beantragt in der Berufung die Abweisung bzw. die Ver-
weisung der Zivilansprüche von D. und E. auf den Zivilweg. Seine Anträge
betreffend Verweisung der Zivilforderungen von D. und E. auf den Zivilweg
begründet er ausschliesslich mit seinem Begehren um Einstellung bzw.
Freispruch. Da seine Berufung diesbezüglich abzuweisen ist, besteht kein
Anlass, das angefochtene Urteil in diesem Punkt zu korrigieren (vgl. vorin-
stanzliches Urteil E. 18).
11. Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens
11.1. Verfahrenskosten
Fällt die Berufungsinstanz einen neuen Entscheid, so befindet sie darin
auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Nachdem es bei den vorinstanzlichen Schuldsprüchen bleibt,
besteht kein Anlass, die vorinstanzliche Verteilung der Verfahrenskosten
zu korrigieren. Der Beschuldigte hat diese zu 3⁄4 zu tragen. Er ist verpflichtet,
dem Staat die Kosten der amtlichen Verteidigung vor Vorinstanz zu 3⁄4 zu-
rückzubezahlen, sobald es seine wirtschaftliche Situation erlaubt (Art. 135
Abs. 4 StPO).
11.2. Entschädigung der Strafklägerin 4
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten verpflichtet, der Zivil- und Strafklä-
gerin 4 eine Entschädigung von Fr. 8'185.15 auszurichten. Der Beschuldig-
te hat diesen Punkt zwar angefochten, der Ausgang des Berufungsverfah-
rens gibt jedoch keinen Anlass, den vorinstanzlichen Entscheid in dieser
Hinsicht zu korrigieren. Es kann insofern auf die Erwägungen der Vor-
instanz verwiesen werden (vorinstanzliches Urteil E. 1.6.3.; Art. 82 Abs. 4
StPO).
- 74 -
11.3. Entschädigung der Privatklägerinnen 3 und 5 aus unentgeltli-
cher Rechtspflege
Die unentgeltlichen Rechtsvertreterinnen der Zivil- und Strafklägerinnen 3
und 5 haben gegen die Honorarfestsetzung der Vorinstanz am 14. Februar
2017 (Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin 5) sowie am 16. Februar 2017
(Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin 3) Beschwerde erhoben. Die Ver-
fahrensleiterin der Beschwerdeinstanz sistierte die jeweiligen Beschwerde-
verfahren (SBK.2017.52 und SBK.2017.58) mit Verfügungen vom 1. März
2017. Sie erwog unter Hinweis auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung
(BGE 139 IV 199 E. 5.6), das Berufungsgericht habe auch über die Ent-
schädigung der unentgeltlichen Rechtsvertreterinnen im erstinstanzlichen
Verfahren zu entscheiden, sofern es auf die Berufungen eintrete. Mit Ein-
gaben vom 28. August 2017 (Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin 3) so-
wie vom 7. September 2017 (Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin 5) hiel-
ten die unentgeltlichen Rechtsvertreterinnen im Berufungsverfahren an ih-
ren Honorarbeschwerden fest, so dass über die Entschädigungen der un-
entgeltlichen Rechtsvertreterinnen im Verfahren vor Vorinstanz neu zu ent-
scheiden ist.
11.4. Honorar der unentgeltlichen Vertreterin der Privatklägerin 3
11.4.1. Vorinstanzlicher Entscheid
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 3 machte
vor Vorinstanz ein Honorar von Fr. 32'826.25 geltend. Die Vorinstanz er-
wog, es falle auf, dass der Vertretungsaufwand der Zivil- und Strafklägerin
3 mit 141.7 Stunden um rund 100 Stunden höher ausfalle als der Vertre-
tungsaufwand der Zivil- und Strafklägerin 4, die von derselben Anwältin
vertreten worden sei. Zudem weiche er auch stark vom Aufwand ab, den
die Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin 5 mit 53 Stunden geltend mache.
Insgesamt mache die Vertreterin für die Teilnahme an Einvernahmen (inkl.
Reisezeit) einen Aufwand von 73.3 Stunden geltend. Es sei jedoch nicht
ersichtlich, inwiefern die Anwesenheit der Vertreterin bei der Einvernahme
der Zeugen für die Geltendmachung der Zivilansprüche notwendig gewe-
sen wäre. Das an der ersten Hauptverhandlung erstattete Plädoyer der
Vertreterin befasse sich auf 25 von 35 Seiten und damit zu rund 70% mit
der Beweiswürdigung bzw. dem relevanten Sachverhalt, wobei nicht gel-
tend gemacht werde, die Anklägerin habe ihre Arbeit im Strafpunkt nicht
richtig gemacht. Entsprechend sei auch der Aufwand für das Plädoyer um
70 % von 4 Stunden zu reduzieren. Zudem umfasse die Kostennote für die
zweite Hauptverhandlung einen Aufwand von 6.5 Stunden, der das Be-
schwerdeverfahren vor Obergericht betreffe. Dafür seien der Vertreterin der
Zivil- und Strafklägerin 3 aber mit Abschreibungsbeschluss des Oberge-
richts vom 31. Mai 2016 pauschal Fr. 300.00 zugesprochen worden. Dieser
Aufwand bleibe daher unberücksichtigt. Augenfällig sei auch der Aufwand,
den die Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin 3 für Besprechungen mit
ihrer Klientin geltend mache. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb es am
- 75 -
22. und 23. November 2012 zwei Besprechungen gebraucht habe. Die ge-
samte Dauer für diese beiden Besprechungen von 120 Minuten sei er-
messensweise zu reduzieren. Es sei insgesamt von einem honorarberech-
tigten Aufwand von 70 Stunden auszugehen. Übergangsrechtlich gelange
allerdings der bis zum 31. Dezember 2015 geltende Anwaltstarif zur An-
wendung, weshalb an sich eine Entschädigung nach Streitwert im Vorder-
grund stehe. Die streitwertabhängige Entschädigung bezifferte die Vorin-
stanz auf Fr. 4'558.30, was nicht mehr als angemessen erscheine. Unter
Berücksichtigung des anerkannten Aufwandes von 70 Stunden sowie des
minimalen Stundenansatzes von Fr. 180.00, der Auslagen und der Mehr-
wertsteuer von 8 % errechnete die Vorinstanz schliesslich ein Honorar von
Fr. 14'348.80, das sie zusprach (Dispositiv-Ziffer 14.4. des Urteils vom
6. Dezember 2016).
11.4.2. Standpunkt der unentgeltlichen Vertreterin der Privatklägerin
3
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 3 beantragt,
die Kosten für ihre unentgeltliche Rechtsvertretung seien auf Fr. 34'132.20
festzusetzen. Sie macht geltend, dass es mehrere Geschädigte gegeben
habe und die Geschädigten in einem sektenartigen Verhältnis zum Be-
schuldigten gestanden hätten, was den Fall komplex und die Strafuntersu-
chung aufwendig gemacht habe. Insbesondere die durch die langjährige
Abhängigkeit begründete besondere Hilflosigkeit der Zivil- und Strafkläge-
rin 3 habe einen zusätzlichen Aufwand erfordert. Bis zur ersten Hauptver-
handlung vor Vorinstanz habe das Strafverfahren drei Jahre gedauert; bis
zur zweiten habe es ein weiteres Jahr gedauert. Im ganzen Verfahren seien
weit über 10 Einvernahmen angefallen. Da der Verteidiger des Beschuldig-
ten anwesend gewesen sei, habe auch die Vertreterin der Zivil- und Straf-
klägerin 3 daran teilnehmen müssen. Aufgrund der Komplexität des Falles
sowie der Begutachtung hätten mehrere Besprechungen mit der Klientin
durchgeführt werden müssen; es seien über die gesamte Dauer des Straf-
verfahrens auch viele Telefonate, E-Mail-Korrespondenz und Korrespon-
denz mit Strafbehörden angefallen. Hinzu kämen die Aufwendungen für die
Vorbereitung der beiden Hauptverhandlungen, die Besprechung mit der
Klientin und ihrer Therapeutin, die Ausarbeitung des Plädoyers sowie die
Teilnahme an beiden Hauptverhandlungen.
Entgegen der Vorinstanz habe sie mit der Teilnahme an den Zeugenein-
vernahmen keinen übermässigen Aufwand betrieben. Den Akten sei zu
entnehmen, dass es sich um eine sektenähnliche Gruppierung gehandelt
habe und die Mitglieder eine stark emotionale Bindung zum Beschuldigten
gehabt hätten. Diese psychische Abhängigkeit sei im ganzen Verfahren
von zentraler Bedeutung gewesen, weshalb das Konstrukt der Sekte gut
habe dokumentiert werden müssen. Im Zusammenhang mit der psychi-
schen Abhängigkeit der Zivil- und Strafklägerin 3 sei auch die Abhängigkeit
der anderen Mitglieder der Sekte von zentraler Bedeutung gewesen. Da
- 76 -
sich die Zivil- und Strafklägerin 3 auch im Strafpunkt konstituiert habe und
somit auch im Strafpunkt Partei mit Teilnahmerechten sei, sei sie als un-
entgeltliche Rechtsvertreterin für die Teilnahme an diesen Einvernahmen
wie der amtliche Verteidiger zu entschädigen, zumal es sich um einen
Sachverhalt mit erheblichem strafrechtlichem und zivilrechtlichem Aus-
mass gehandelt habe. Zumindest müssten aber pro Zeuge zwei Stunden
für das Studium der Einvernahmeprotokolle entschädigt werden.
Der Zeitaufwand für die Ausarbeitung des Plädoyers sei ebenfalls nicht
übersetzt. Da der Beschuldigte den Sachverhalt bestritten habe, habe die
Zivil- und Strafklägerin in Bezug auf die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen
und in Bezug auf das Gutachten argumentieren müssen. Zudem habe die
Vertreterin mit rund 10 Seiten zum Zivilanspruch plädiert. Ein Aufwand von
4 Stunden sei unter Berücksichtigung der umfassenden Aktenlage und des
Umfangs der Zivilforderung und dessen Aufteilung in einzelne Schadens-
positionen äusserst gering.
Bereits die Besprechungen, welche für die zentralen Schritte im Verfahren
erforderlich gewesen seien, würde 12 Stunden in Anspruch nehmen. Da es
der Geschädigten zudem gesundheitlich sehr schlecht gegangen sei, hät-
ten die Besprechungen länger gedauert. Der Geschädigten hätten die ein-
zelnen Schritte und der Verfahrensablauf von Anfang an geschildert wer-
den müssen. Hinzu komme, dass die Geschädigte aufgrund der langen
Verfahrensdauer mindestens jährlich einen Anspruch auf eine Bespre-
chung zum aktuellen Verfahrensstand habe. Die geltend gemachte Bespre-
chungsdauer sei daher voll zu entschädigen.
Das Honorar sei auch im Quervergleich zum Aufwand korrekt, der für die
Vertretung der Zivil- und Strafklägerin 5 entstanden sein. Als sich diese als
Zivil- und Strafklägerin konstituiert habe, seien viele wesentliche Untersu-
chungshandlungen bereits getätigt gewesen. Zudem sei es bei der Ge-
schädigten 3 zu Mehraufwendungen im Zusammenhang mit der Begutach-
tung und wegen ihres Gesundheitszustands gekommen.
Sofern man vom tatsächlichen Aufwand ausgehe, belaufe sich der von der
Vorinstanz vergütete Stundenansatz lediglich auf Fr. 100.00, womit die In-
frastrukturkosten einer Anwaltspraxis nicht gedeckt werden und schon gar
kein Einkommen erzielt werden könne. Gemäss altem Anwaltstarif betrage
der Stundenansatz Fr. 220.00, gemäss neuem Fr. 200.00. Es sei deshalb
nicht ersichtlich, weshalb die Vorinstanz auch noch die Höhe des Stunden-
ansatzes korrigiert habe, zumal es sich offensichtlich nicht um einen einfa-
chen Fall handle. Der tatsächliche Aufwand sei daher mit Fr. 220.00 und
ab dem 1. Juni 2016 mit Fr. 200.00 pro Stunde zu entschädigen.
Der geltend gemachte Aufwand sei notwendig gewesen und verhältnismäs-
sig. Die reduzierte Parteientschädigung würde bei einem Minimalansatz
- 77 -
von Fr. 180.00 lediglich einen Aufwand von 80 Stunden abdecken, während
dem Verteidiger bei gleicher Berechnungsbasis 515 Stunden zur Verfü-
gung stünden. Die zugesprochene Entschädigung erlaube keine wirksame
Vertretung einer Zivil- und Strafklägerin. Sie erlaube weder eine Teilnahme
an den Zeugeneinvernahmen noch ein Studium der betreffenden Einver-
nahmeprotokolle. Auf der Basis des zugesprochenen Honorars könnten die
Interessen der Zivil- und Strafklägerin nicht mehr gewahrt werden. Die re-
duzierte Entschädigung stehe auch in keinem Verhältnis zu den Kosten der
Verteidigung von Fr. 92'000.00, weshalb von Waffengleichheit keine Rede
mehr sein könne.
11.4.3. Honorarberechtigter Aufwand
Ausgehend von der Anwendbarkeit der bis zum 31. Dezember 2015 gelten-
den Fassung des Anwaltstarifs erwog die Vorinstanz, dass ein (nach da-
maliger Fassung noch mögliches) streitwertabhängiges Honorar sich auf
Fr. 4'558.30 belaufen würde. Dem Standpunkt der unentgeltlichen Rechts-
vertreterin der Privatklägerin 3 sowie der Einschätzung der Vorinstanz, wo-
nach diese Entschädigung dem im vorliegenden Fall geboten erscheinen-
den Vertretungsaufwand nicht gerecht werde, ist zuzustimmen. Entspre-
chend ist nachfolgend zu erörtern, ob die Vorinstanz den Stundenaufwand
der unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Privatklägerin 3 zu Recht als
übersetzt eingestuft und gekürzt hat.
Entschädigungspflichtig sind nur diejenigen Bemühungen, die in einem
kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der Rechte im Strafverfahren
stehen und die notwendig und verhältnismässig sind. Das Honorar muss
allerdings so festgesetzt werden, dass der unentgeltlichen Rechtsvertre-
tung ein Handlungsspielraum bleibt und sie das Mandat wirksam ausüben
kann (vgl. BGE 141 I 124 E. 3.1). Was unter notwendigen Aufwendungen
zu verstehen ist, wird weder im Gesetz ausgeführt noch in der Rechtspre-
chung abschliessend umschrieben. Im Anwendungsbereich von Art. 433
StPO (Entschädigungsanspruch der Privatklägerschaft gegenüber dem
Beschuldigten) wird in der Lehre die Auffassung vertreten, notwendige Auf-
wendungen lägen insbesondere vor, wenn die Privatklägerschaft wesent-
lich zur Abklärung einer Strafsache und zur Verurteilung des Täters beige-
tragen habe oder bei komplexen, nicht leicht überschaubaren Straffällen,
an deren gründlicher Untersuchung und gerichtlicher Beurteilung der Klä-
ger ein erhebliches Interesse habe oder wenn der Beizug eines Anwalts im
Hinblick auf die sich stellenden, nicht einfachen rechtlichen Fragen gerecht-
fertigt erscheine (Urteil 6B_226/2017 des Bundesgerichts vom 10.07.2017
Er. 4.3.1). Übernimmt man die Regeln, welche für die Überprüfung des Ho-
norars des amtlichen Verteidigers entwickelt wurden, so hängt die Höhe
der Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsvertretung von der Schwie-
rigkeit der Sache, von der Persönlichkeit des Vertretenen und von der Be-
deutung ab, welche die Sache für den Vertretenen hat (vgl. in Bezug auf
die amtliche Verteidigung RUCKSTUHL, in: Basler Kommentar StPO, N. 3 zu
- 78 -
Art. 135). Was die Angemessenheit des Aufwands betrifft, gibt es jedoch
durchaus auch Unterschiede zwischen der amtlichen Verteidigung des Be-
schuldigten und der unentgeltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers.
Nach geltendem Recht ist die unentgeltliche Rechtspflege auf die Durch-
setzung der Zivilansprüche und damit auf den Adhäsionsprozess be-
schränkt (Art. 136 Abs. 1 StPO). Soweit der Privatkläger allerdings Zivilan-
sprüche stellt, darf der unentgeltliche Rechtsbeistand auch im Strafpunkt
tätig werden (vgl. Botschaft zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts
vom 21. Dezember 2005, BBl 2006 1085, S. 1181; vgl. auch MAZZUCHHEL-
LI/POSTIZZI, Basler Kommentar StPO, N. 4 zu Art. 136), wobei sich die un-
entgeltliche Rechtsvertretung jedoch auch in dieser Hinsicht auf das Not-
wendige zu beschränken hat. Im Zivilpunkt geht es im Wesentlichen darum,
Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche anzumelden und den Scha-
den – soweit bestritten – nachzuweisen. Die Vertretung des Strafanspruchs
obliegt dagegen grundsätzlich der Staatsanwaltschaft, was es der unent-
geltlichen Rechtsvertretung im Allgemeinen erlaubt, den eigenen Aufwand
zu begrenzen. Der notwendige Aufwand umfasst regelmässig die Verschaf-
fung einer Übersicht über die Anklage und den Verfahrensgang inkl. Akten-
studium, die Instruktion der Klientin, die laufende Information, die Vorberei-
tung der Verhandlung sowie die Teilnahme daran inkl. Anreise und die
Nachbesprechung. Nicht erfasst ist die übrige Beteiligung am Strafverfah-
ren, sofern diese zur Geltendmachung der Zivilansprüche nicht nötig ist.
Unerheblich ist die effektiv geleistete oder als wünschbar erachtete anwalt-
liche Unterstützung.
Im konkreten Fall ist die Privatklägerin Opfer einer schweren, traumatisie-
renden Straftat geworden. Entsprechend gross ist die Bedeutung des Straf-
verfahrens für das Opfer, welches ihm moralische und finanzielle Wieder-
gutmachung verspricht. Es ist ferner ohne weiteres nachvollziehbar, dass
sich die gesundheitliche Verfassung der Privatklägerin, welche nach wie
vor von den Delikten gezeichnet ist, in einem erhöhten Aufwand ihrer
Rechtsvertreterin niederschlug. Nachdem jedoch kein Grund zur Annahme
besteht, die Staatsanwaltschaft habe die Strafuntersuchung nicht mit der
erforderlichen Gründlichkeit durchgeführt, bedurfte es im Strafpunkt keines
grossen Aufwands der unentgeltlichen Rechtsvertretung. Insbesondere er-
gab sich keine Notwendigkeit, an den Befragungen weiterer Zeugen teilzu-
nehmen, kommt es doch für den Standpunkt der Privatklägerin 3 im Straf-
und Zivilpunkt nicht entscheidend auf die Frage an, ob sich der Beschuldig-
te auch gegenüber anderen Personen in ähnlicher Weise strafbar gemacht
hat oder nicht. Zudem gab es keinen Grund zur Annahme, die Staatsan-
waltschaft würde den Sachverhalt von sich aus nicht genügend abklären.
Es hätte insofern genügt, dass die unentgeltliche Rechtsvertreterin Einblick
in die betreffenden Einvernahmeprotokolle genommen und ihre Klientin pe-
riodisch über den Gang der Untersuchung und die Ergebnisse der übrigen
Opferbefragungen informiert hätte. Auf diese Weise wäre die unentgeltliche
Rechtsvertreterin ohne Weiteres in der Lage gewesen, die Ergebnisse aus
- 79 -
den Befragungen der übrigen Opfer zu verwenden, um die Glaubwürdigkeit
ihrer Klientin zu untermauern. Das Interesse der Privatklägerin an der Teil-
nahme ihrer Vertreterin an den Zeugenbefragungen, die letztlich der Vali-
dierung der eigenen Aussagen dienten, kann im Übrigen nicht gleich hoch
gewichtet werden, wie das Interesse des Beschuldigten, bei solchen Ein-
vernahmen verteidigt zu werden. Zwar darf ein Opfer damit rechnen, dass
ihm die Verarbeitung der Straftat bei einem günstigen Verfahrensausgang
leichter fällt, das Verfahrensinteresse einer beschuldigten Person, die sich
mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert sieht und der eine mehrjähri-
ge Freiheitsstrafe und eine Verwahrung droht, ist jedoch höher zu gewich-
ten. Dem Verteidiger kommt ausserdem die Aufgabe zu, den formell korrek-
ten Ablauf solcher Einvernahmen zum Schutze des Beschuldigten zu über-
wachen. Dieser Aspekt kommt bei der Opfervertretung nicht in demselben
Ausmass zum Tragen. Dem Verteidiger ist schon aus diesen Gründen im
Allgemeinen ein höherer Vertretungsaufwand zuzugestehen als der Privat-
klägerschaft. Ausserdem greift der Vergleich zwischen dem honorarbe-
rechtigten Aufwand des Verteidigers und dem anerkannten Vertretungsauf-
wand der Privatklägerin 3 zu kurz, sah sich doch der Beschuldigte im Straf-
verfahren mit mehreren Privatklägern und der Staatsanwaltschaft konfron-
tiert.
Die Vorinstanz hat den Aufwand der unentgeltlichen Rechtsvertreterin für
die Teilnahme an den Einvernahmen auf 61.8 Stunden beziffert und der
geltend gemachte Aufwand um diese Stundenzahl reduziert. In ihren Kos-
tennoten macht die Vertreterin für die Teilnahme an den Befragungen von
verschiedenen Zeugen folgenden Aufwand (in Minuten) geltend:
[...]
Nicht erfasst von dieser Kürzung ist die Teilnahme der unentgeltlichen
Rechtsvertreterin an der Einvernahme der eigenen Klientin am 23. Novem-
ber 2012 (inkl. Vorbesprechung und Weg), welche mit 5.3 Stunden zu Bu-
che schlug. Dieser Aufwand ist nicht zu beanstanden. Dasselbe gilt hin-
sichtlich der Einvernahme des Beschuldigten, unabhängig davon, ob er mit
den Aussagen der Privatklägerin 3 oder mit denjenigen von anderen Zeu-
gen konfrontiert worden ist. Für die Lektüre der Protokolle der Zeugenein-
vernahmen (inkl. den Einvernahmen der Zeugin D.), welche rund 220 Sei-
ten ausmachen, sind der unentgeltlichen Rechtsvertreterin ermessenswei-
se rund 8 Stunden einzuräumen, weshalb der geltend gemachte Aufwand
unter diesem Titel um (gerundet) 50 Stunden zu reduzieren ist.
Die Vorinstanz kürzte zudem auch den auf die Privatklägerin 3 fallenden
Aufwand für das Plädoyer um 70% von 4 Stunden, d.h. um 2.8 Stunden,
mit der Begründung, dieses äussere sich schwergewichtig zur Beweiswür-
digung und zum relevanten Sachverhalt. Allerdings erscheint der auf die
Privatklägerin 3 fallende Zeitaufwand für die Ausarbeitung des Plädoyers
- 80 -
mit 4 Stunden angesichts der Komplexität des Falles und der Bedeutung
des Verfahrens für das Opfer als vertretbar. Da die Beweiswürdigung und
die Feststellung des Sachverhalts auch den Straf- sowie den Zivilpunkt be-
schlägt, ist es legitim, dass die Vertreterin der Privatklägerinnen 1-4 in ih-
rem Plädoyer einerseits auf die spezifische Situation der einzelnen Klien-
tinnen eingegangen ist und andererseits die Gemeinsamkeiten in den an-
geklagten Straftaten herausgeschält hat. Die rechtlichen Ausführungen
sind zudem relativ knapp gehalten. Mit einem Aufwand von 4 Stunden be-
wegt sich der Aufwand noch im Rahmen des Handlungsspielraums, wel-
cher der unentgeltlichen Rechtsvertretung zur wirksamen Ausübung des
Mandats eingeräumt werden muss. Das gilt umso mehr, als sich für die
Vertretung der Privatklägerschaft bei der Vorbereitung des Plädoyers nicht
zuverlässig abschätzen lässt, inwieweit bereits der Vortrag des Staatsan-
walts Aspekte abdeckt, die für die Position des Privatklägers im Straf- und
Zivilpunkt von Bedeutung sind. Dass es unter diesen Umständen zu gewis-
sen Doppelspurigkeiten kommt, ist nicht zu vermeiden. Der anteilsmässige
Aufwand für das Plädoyer ist somit als notwendig und angemessen einzu-
stufen.
Nicht zu beanstanden ist hingegen, dass die Vorinstanz den geltend ge-
machten Aufwand um weitere 6.5 Stunden gekürzt hat mit der Begründung,
dieser Aufwand betreffe das Beschwerdeverfahren vor Obergericht und sei
mit Entscheid vom 31. Mai 2016 bereits mit pauschal Fr. 300.00 vergütet
worden. Die unentgeltliche Rechtsvertreterin trägt auch nichts vor, welche
diese Auffassung als unrichtig erscheinen lassen würde.
Die Vorinstanz hat den geltend gemachten Aufwand sodann um weitere
0.6 Stunden gekürzt mit der Begründung, die Besprechungen der unent-
geltlichen Vertreterin mit ihrer Klientin vom 22. November 2012 und vom
23. November 2012 hätten zusammengelegt werden können. Die unent-
geltliche Rechtsvertreterin bestreitet hingegen, in dieser Hinsicht einen
übersetzten Aufwand betrieben zu haben. Die Begründung der Vorinstanz
ist zwar grundsätzlich nachvollziehbar, nachdem sich jedoch der geltend
gemachte Aufwand für Besprechungen und Korrespondenz der unentgelt-
lichen Vertreterin mit ihrer Klientin in der von der Vorinstanz näher unter-
suchten Phase vom 12. November 2012 bis zum 11. Juni 2015 (rund 31
Monate) auf insgesamt 12.7 Stunden bzw. auf monatlich vertretbare rund
25 Minuten belief, ist von diesem geringfügigen Abzug abzusehen. Dieser
Besprechungs- und Betreuungsaufwand erscheint infolge der Komplexität
des Verfahrens sowie der schwierigen gesundheitlichen Verfassung der
Privatklägerin 3, der sich in einem erhöhten Betreuungs- und Instruktions-
aufwand niedergeschlagen hat, vertretbar. Gerade die schwierige gesund-
heitliche Verfassung einer Klientin kann einen Grund bilden, Besprechun-
gen aufzuteilen.
- 81 -
Der geltend gemachte Aufwand von 141.7 Stunden ist somit um 56.5 Stun-
den auf 85.2 Stunden zu kürzen.
11.4.4. Massgeblicher Stundenansatz
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin kritisiert sodann, dass die Vorinstanz
den Aufwand lediglich zu einem Stundenansatz von Fr. 180.00 entschädigt
habe. Mit diesem Vorgehen habe die Vorinstanz das Honorar gleich dop-
pelt, nämlich über den Zeitaufwand und über den Stundenansatz gekürzt.
Der bundesgerichtlich auf Fr. 180.00 festgelegte minimale Stundenansatz
dient der Beantwortung der Frage, ob eine tarifkonforme Honorarpauschale
zu einem angemessenen, verfassungskonformen Honorar führt oder nicht.
Soweit diese Frage zu bejahen ist, bleibt es bei einer pauschalen Honorar-
bemessung. Ist die Frage zu verneinen, fällt die im Tarif vorgesehene pau-
schale Honorarbemessung ausser Betracht mit der Folge, dass das Hono-
rar praxisgemäss nach dem Zeitaufwand zu bemessen ist. In diesem Fall
rechtfertigt es sich jedoch, den Aufwand nach den tariflich vorgesehenen
Stundenansätzen zu entschädigen und nicht nach dem bundesgerichtlich
zur Überprüfung von Honorarpauschalen festgelegten Mindestansatz von
Fr. 180.00 pro Stunde (vgl. auch Urteil des Obergerichts vom 21. Mai 2015
[SST.2014.104], E 14.3]; Entscheid des Vizepräsidenten der Beschwerde-
kammer vom 5. März 2013 [SBK.2012.267], E. 2.3.3). Der Regelansatz für
die amtliche Verteidigung und die Verbeiständung des Beschuldigten be-
züglich Zivilansprüche im Strafprozess betrug nach dem Anwaltstarif in der
bis zum 31. Dezember 2015 geltenden Fassung Fr. 220.00 pro Stunde und
beträgt seit 1. Januar 2016 in der Regel Fr. 200.00 (§ 9 Abs. 2bis bzw. § 9
Abs. 3bis AnwT in der seit 1. Januar 2016 in Kraft stehenden Fassung). Es
rechtfertigt sich, diesen Regelansatz auch auf die unentgeltliche Rechts-
vertretung anzuwenden, soweit die streitwertabhängige Pauschale (wie
hier) zu keiner angemessenen Entschädigung führt (vgl. auch Entscheid
des Vizepräsidenten der Beschwerdekammer vom 5. März 2013
[SBK.2012.267], E. 2.3.3). In solchen Fällen, in denen sowohl der Verteidi-
ger als auch der unentgeltliche Vertreter des Privatklägers nach Aufwand
entschädigt werden, erschiene es problematisch, wenn dem Verteidiger zur
Abwehr von Zivilansprüchen gestützt auf § 9 Abs. 3 AnwT ein Stundenan-
satz von Fr. 220.00 und dem unentgeltlichen Rechtsvertreter des Privatklä-
gers zur Geltendmachung solcher Ansprüche lediglich ein Stundenansatz
von Fr. 180.00 zugestanden würde.
Nach dem Gesagten ist vorliegend sowohl für die vor dem 31. Dezember
2015 erbrachten Leistungen (aAnwT) der unentgeltlichen Rechtsvertre-
tung, wie auch – gemäss nunmehr mit der Revision eingeführter ausdrück-
licher Bestimmung (vgl. § 9 Abs. 3 revAnwT) – für die danach erbrachten
Leistungen der gleiche Regelansatz wie für den amtlichen Verteidiger an-
zuwenden. Da sich keine Abweichung vom Regelansatz aufdrängt, ist der
- 82 -
Honorarbemessung praxisgemäss für die bis am 31. Dezember 2015 ent-
standenen Aufwendungen ein Stundenansatz von Fr. 220.00 und ab 1. Ja-
nuar 2016 von Fr. 200.00 zugrunde zu legen.
11.4.5. Fazit
Nachdem der entschädigungsberechtigte Aufwand von 85.2 Stunden hin-
sichtlich der bis am 31. Dezember 2015 erbrachten Leistungen nach einem
Stundenansatz von Fr. 220.00 und hinsichtlich der ab 1. Januar 2016 er-
brachten Leistungen nach einem Stundenansatz von Fr. 200.00 zu ver-
güten ist, resultiert ein Honorar von Fr. 18'384.00 Hinzu kommen die Aus-
lagen von Fr. 686.00 sowie die Mehrwertsteuer von 8 % (mithin
Fr. 1'525.60), was zu einem Honoraranspruch der unentgeltlichen Vertre-
terin von Fr. 20'595.60 führt. Die von der Vorinstanz erkannte Rückzah-
lungspflicht in Dispositiv-Ziffer 14.4. Absatz 2 des vorinstanzlichen Urteils
hat der Beschuldigte hinsichtlich der unentgeltlichen Vertretung der Privat-
klägerin 3 nicht angefochten, weshalb diese keiner Überprüfung zu unter-
ziehen ist.
11.5.Honorar der unentgeltlichen Vertreterin der Privatklägerin 5
11.5.1. Vorinstanzlicher Entscheid
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 5 machte
vor Vorinstanz ein Honorar von Fr. 16'426.90 (zuzüglich einer Entschädi-
gung für die zweite Hauptverhandlung und für deren Nachbearbeitung) gel-
tend.
Die Vorinstanz erwog, dass die Kostennote mutmasslich auch Aufwand
umfasse, den das Obergericht im Beschwerdeverfahren bereits mit
Fr. 300.00 pauschal entschädigt habe. Die Vorinstanz kürzte deshalb den
geltend gemachten Aufwand in der Zeit vom 10. Dezember 2015 bis am
25. April 2016, d.h. um insgesamt 210 Minuten. Da eine Entschädigung
nach Streitwert gemäss dem Anwaltstarif in der anwendbaren und bis zum
31. Dezember 2015 geltenden Fassung zu keinem angemessenen Hono-
rar führe, sei der anerkannte Zeitaufwand von 50.77 Stunden gemäss dem
bundesgerichtlich festgelegten minimalen Stundenansatz von Fr. 180.00
pro Stunde zu entschädigen. Unter Berücksichtigung der Auslagen (gekürzt
für die Zeit vom 10. Dezember 2015 bis 25. April 2016) und der Mehrwert-
steuer belaufe sich das entschädigungsberechtigte Honorar auf
Fr. 11'081.45.
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Privatklägerin 5 beantragt eine
Entschädigung von Fr. 18'352.30. Der geltend gemachte Aufwand bemisst
sich auf 74 Stunden. Sie stellt sich vorab auf den Standpunkt, dass sich die
Entschädigung nach dem aktuellen Anwaltstarif bemesse. Der Wortlaut von
§ 17 Abs. 1 AnwT sei klar und lasse keinen Raum für eine teleologische
Interpretation aufgrund der Materialien. Im Übrigen habe sich eine Entschä-
- 83 -
digung nach Aufwand bereits nach den früheren Tarifbestimmungen aufge-
drängt. Eine ungleiche Behandlung der beiden durch den Staat eingesetz-
ten Vertretungen, d.h. den amtlichen Verteidiger des Beschuldigten einer-
seits und des unentgeltlichen Rechtsvertreters des Privatklägers anderer-
seits, sei im Resultat verfassungswidrig, indem sie dem Rechtsgleichheits-
gebot widerspreche und den Anspruch des Privatklägers auf unentgeltliche
Rechtsvertretung verletze. Eine verfassungskonforme Auslegung von § 9
Abs. 3 AnwT führe deshalb zur Annahme, dass diese Bestimmung nicht
nur die Verbeiständung des Beschuldigten bezüglich zivilrechtlicher An-
sprüche im Strafprozess betreffe, sondern auch die unentgeltliche Rechts-
vertretung von Privatklägern. § 3 Abs. 2 AnwT könne dagegen nur die er-
betene Vertretung von Privatklägern, und nicht die unentgeltliche Rechts-
vertretung betreffen. Die Bemessung des Honorars müsse aber auch des-
halb nach Aufwand erfolgen, weil die streitwertabhängige Honorarbemes-
sung zu keiner angemessenen Entschädigung führe. Die Vorinstanz sei zu
Unrecht davon ausgegangen, dass die Privatklägerin 5 ihre Parteikosten
auf lediglich Fr. 13'783.10 beziffert habe. Die Vorinstanz gehe ausserdem
unzutreffend davon aus, dass der geltend gemachte Honoraranspruch
auch den pauschal abgegoltenen Aufwand für das Beschwerdeverfahren
betreffe. Die Vorinstanz habe ferner in willkürlicher Weise einen Stunden-
ansatz von Fr. 180.00 zur Anwendung gebracht. Richtigerweise hätte sich
bei Anwendung des Anwaltstarifs in der früheren Fassung ein Stundenan-
satz von Fr. 220.00 und bei der Anwendung des Tarifs in der neueren Fas-
sung ein Stundenansatz von Fr. 200.00 aufgedrängt. Es sei nicht ersicht-
lich, weshalb der Stundenansatz für einfache Fälle zur Anwendung gelang-
en sollte, zumal die Privatklägerin 5 schwerst traumatisiert sei und sich
auch in rechtlicher Hinsicht erhebliche Probleme gestellt hätten.
11.5.2. Beurteilung
Der Einwand der unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Privatklägerin 5, wo-
nach sie im vorinstanzlichen Verfahren ein Honorar von Fr. 16'426.90 (zu-
züglich einer Entschädigung für die zweite Hauptverhandlung und für deren
Nachbearbeitung) geltend gemacht hat, ist richtig. Die Vorinstanz ging mit-
hin von einer falschen Honorarforderung aus.
Der Anwaltstarif in der alten Fassung sah eine Entschädigung der unent-
geltlichen Rechtsvertretung nach Streitwert vor. Nachdem eine streitwert-
abhängige Bemessung des Honorars jedoch im vorliegenden Fall selbst
unter Einbezug von § 7 Abs. 1 AnwT zu keiner angemessenen Entschädi-
gung führt, ist das Honorar praxisgemäss nach dem Zeitaufwand festzu-
setzen (vgl. oben E. 11.4.3.).
Die von der unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Privatklägerin 5 erhobene
Kritik am von der Vorinstanz angewendeten Stundenansatz von Fr. 180.00
ist berechtigt. Wie bereits dargelegt, ist eine solche tarifäre Ungleichbe-
handlung von unentgeltlicher Rechtsvertreterin und amtlichem Verteidiger
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nicht statthaft. Dies gilt wie dargelegt sowohl für die unter Geltung des frü-
heren AnwT bis 31. Dezember 2015 erbrachten Leistungen und ergibt sich
seither ausdrücklich aus dem Normtext des revidierten AnwT (vgl. § 9
Abs. 3 revAnwT; vgl. zum Ganzen oben E. 11.4.4.). Da sich auch hier keine
Abweichung vom Regelansatz aufdrängt, gilt für die Honorarbemessung
grundsätzlich auch hier, dass praxisgemäss für die bis am 31. Dezember
2015 entstandenen Aufwendungen von einem Stundenansatz von
Fr. 220.00 und ab 1. Januar 2016 von Fr. 200.00 auszugehen ist.
Das von der unentgeltlichen Vertreterin der Privatklägerin 5 vorliegend gel-
tend gemachte Honorar inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer setzt sich
wie folgt zusammen:
Leistungen vom 17.10.2013-13.11.2015 Fr. 10'828.60 Rechnung vom 16.11.2015
Leistungen vom 16.11.2015-24.11.2015 Fr. 2'643.80 Rechnung vom 01.12.2015
Leistungen vom 04.12.2015-05.12.2016 Fr. 2'954.50 Rechnung vom 05.12.2016
Leistungen vom 06.12.2016-19.12.2016 Fr. 1'925.40 Rechnung vom 19.12.2016
Total Fr. 18'352.30
Die Rechnung vom 19. Dezember 2016 erfasst den Aufwand für die zweite
Hauptverhandlung, womit sich die Erhöhung der Forderung von
Fr. 16'426.90 (ohne Aufwand für die zweite Hauptverhandlung) auf
Fr. 18'352.30 (mit Aufwand für die zweite Hauptverhandlung) ohne weite-
res erklären lässt. Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Privatklägerin 5
hat ausserdem belegt, dass sie den Aufwand, der im Beschwerdeverfahren
entstanden ist, mit einer anderen Rechnung (datiert vom 03.12.2015) er-
fasst hat und dieser somit in der obgenannten Honorarforderung nicht ent-
halten ist. Das ihr vom Kanton Aargau am 9. August 2016 für das Be-
schwerdeverfahren ausbezahlte Honorar von Fr. 300.00 wurde zwar im
Leistungsrapport zur Rechnung vom 5. Dezember 2016 ursprünglich abge-
zogen, nachdem der Aufwand für das Beschwerdeverfahren jedoch nicht
in diese Rechnung eingeflossen ist, hat die unentgeltliche Rechtsvertreterin
diesen Abzug zu Recht durch einen Zuschlag auf der Rechnungszwischen-
summe von Fr. 2'654.50 ausgeglichen. Da somit der Aufwand für das Be-
schwerdeverfahren nicht in die Honorarforderung eingeflossen ist, hat die
Vorinstanz den geltend gemachten Zeitaufwand zu Unrecht um 210 Minu-
ten gekürzt. Da die Vorinstanz den übrigen Aufwand nicht in Frage gestellt
hat und die von der unentgeltlichen Rechtsvertreterin angewandten Stun-
denansätze im Lichte der hiervor gemachten Erwägungen nicht zu bean-
standen sind, ist ihr das Honorar in der geltend gemachten Höhe von
Fr. 18'352.30 (inkl. MwSt. und Auslagen) auszubezahlen.
11.5.3. Rückzahlungspflicht des Beschuldigten
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten gestützt auf Art. 138 Abs. 2 i.V.m.
422 Abs. 1 und 2 sowie 426 Abs. 1 und 4 StPO zur Rückzahlung der Kosten
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der unentgeltlichen Verbeiständung der Privatklägerin 3 vor Vorinstanz ver-
pflichtet (vorinstanzliches Urteil E. 19.3.2.1. in fine). Gemäss Wortlaut von
Art. 426 Abs. 4 StPO kann der Beschuldigte jedoch nur dann zur Rückzah-
lung verpflichtet werden, wenn er sich "in günstigen wirtschaftlichen Ver-
hältnissen" befindet. Dies ist vorliegend unbestrittenermassen nicht gege-
ben (vgl. etwa UA act. 97 ff. in Ordner 1 zur Hauptanklage 10. Oktober 2012
sowie UA act. 13). Auf eine Rückforderung ist folglich zu verzichten.
12. Kosten des Berufungsverfahrens
12.1. Verfahrenskosten
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob bzw. inwie-
weit eine Partei im Sinne dieser Bestimmung obsiegt oder unterliegt, hängt
davon ab, in welchem Ausmass ihre im Berufungsverfahren gestellten An-
träge gutgeheissen werden (Urteil des Bundesgerichtes 6B_10/2015 vom
24. März 2015 E. 4.2.1.).
Die Berufung des Beschuldigten ist weitestgehend abzuweisen. Die Beru-
fung ist bezüglich des Antrags auf Widerruf der Vorstrafe sowie hinsichtlich
des Verzichts auf Anordnung der Verwahrung nach Art. 64 StGB gutzuheis-
sen. Die weiteren Berufungsanträge auf Einstellung des Verfahrens wegen
mehrfacher sexueller Nötigung zum Nachteil von D., begangen in Z., auf
Freispruch des Verfahrens wegen mehrfacher sexueller Nötigung zum
Nachteil von E., auf Verweis der damit verbundenen Zivilforderungen auf
den Zivilweg sowie auf Anpassung der Strafzumessung sind dagegen wei-
testgehend abzuweisen. Aufgrund dieses Verfahrensausgangs und unter
Berücksichtigung der Berufungsanträge rechtfertigt es sich, dem Beschul-
digten die Kosten des Berufungsverfahrens zu 1/2 aufzuerlegen. Im Übri-
gen sind die Kosten auf die Staatskasse zu nehmen.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung gehören zwar nach Art. 422 Abs. 2
StPO zu den Verfahrenskosten, diese sind jedoch von der Kostentragungs-
pflicht der beschuldigten Person ausgenommen (Art. 426 Abs. 1 StPO).
Soweit die beschuldigte Person allerdings zu den Verfahrenskosten verur-
teilt wird, ist sie verpflichtet, dem Staat die Kosten der amtlichen Verteidi-
gung zurückzubezahlen, sobald es ihre wirtschaftliche Situation erlaubt
(Art. 135 Abs. 4 StPO). Der Beschuldigte hat somit die im Berufungsver-
fahren angefallenen Kosten der amtlichen Verteidigung zu 1/2 zurückzube-
zahlen, sobald dies seine wirtschaftliche Situation zulässt.
Der amtliche Verteidiger ist durch die Gerichtskasse zu entschädigen
(Art. 135 StPO i.V.m. Art. 426 StPO). Er machte mit Kostennote vom 6. Ju-
ni 2018 einen Aufwand für das obergerichtliche Verfahren in Höhe von 32.5
Stunden à 220.00 sowie Barauslagen in Höhe von Fr. 221.10 zuzüglich
Mehrwertsteuer geltend. Der zeitliche Verteidigungsaufwand erscheint der
Bedeutung und dem Umfang der vorliegenden Strafsache als angemessen.
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Demgegenüber setzt der amtliche Verteidiger den Stundenansatz mit
Fr. 220.00 – ausser für die beiden noch vor 31. Dezember 2015 erbrachten
Leistungen (vgl. § 9 Abs. 2bis aAnwT, in Kraft bis 31. Dezember 2015) – zu
hoch an. Gemäss § 9 Abs. 3bis AnwT (in Kraft ab 1. Januar 2016) beträgt
der Stundenansatz für amtliche Verteidiger in der Regel Fr. 200.00. Ent-
sprechend ist dem amtlichen Verteidiger eine richterlich auf Fr. 7'262.00
(Honorar von Fr. 6'511.60 inkl. Auslagen von Fr. 221.10 sowie Mehrwert-
steuer von 8 % für die Leistungen bis 31. Dezember 2017 [Fr. 289.90] und
von 7.7 % für Leistungen ab 1. Januar 2018 [Fr. 249.40, zusammen
Fr. 529.30]) festgesetzte Entschädigung auszurichten.
Die dem amtlichen Verteidiger ausgerichtete Entschädigung (Fr. 7'262.00)
ist vom Beschuldigten zu 1/2 mit Fr. 3'631.00 zurückzufordern, sobald es
seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO).
12.2. Entschädigung der Privatklägerschaft
12.2.1. Entschädigung der Privatklägerin 4
Die Privatklägerin 4 liess zwar durch ihre Anwältin einen Antrag auf Ent-
schädigung stellen. Gemäss Art. 433 Abs. 2 StPO hat indes die Privatklä-
gerschaft ihre Entschädigungsforderung zu beziffern und zu belegen.
Kommt sie dieser Pflicht nicht nach, so tritt die Strafbehörde auf den Antrag
nicht ein. Da die Privatklägerin 4 ihre Entschädigungsforderung weder be-
ziffert noch belegt hat, ist auf ihren Antrag nicht einzutreten.
12.2.2. Entschädigung der unentgeltlich vertretenen Privatklägerin-
nen 3 und 5
Den Zivil- und Strafklägerinnen 3 und 5 wurde im vorinstanzlichen Verfah-
ren die unentgeltliche Rechtspflege gewährt. Praxisgemäss gilt die unent-
geltliche Rechtspflege auch für das Berufungsverfahren, solange sie nicht
widerrufen wird (vgl. Art. 137 StPO). Den unentgeltlichen Rechtsvertreterin-
nen der Zivil- und Strafklägerinnen 3 und 5 sind somit die Kosten der Vertre-
tung vor Berufungsinstanz aus der Staatskasse zu ersetzen. Nachdem die
Berufung im Februar 2017 angemeldet worden ist, gelangt in dieser Instanz
§ 9 AnwT in der seit 1. Januar 2016 geltenden Fassung zur Anwendung.
Mithin greift im Berufungsverfahren eine vom Aufwand abhängige Honorar-
bemessung zu einem Stundenansatz von Fr. 200.00 (§ 9 Abs. 3bis AnwT).
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 3 hat keine
Kostennote eingereicht. Entsprechend hat das Obergericht den anwaltli-
chen Aufwand nach seinem pflichtgemässen Ermessen zu schätzen. Ihr
Aufwand belief sich im Rechtsmittelverfahren – soweit ersichtlich – auf ein
Minimum, weshalb ein zu entschädigender Zeitaufwand von 3 Stunden als
angemessen erscheint. Gemäss § 9 Abs. 3bis AnwT beträgt der massgeb-
liche Stundenansatz – wie gesagt – Fr. 200.00, womit sich die Entschädi-
gung auf Fr. 600.00 beläuft. Zusätzlich ist praxisgemäss eine Spesenpau-
schale von 3%, mithin Fr. 18.00, zu veranschlagen. Insgesamt ergibt sich
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somit ein Total von Fr. 667.45 (inklusive MwSt. von Fr. 49.45 zum bis
31. Dezember 2017 geltenden Satz von 8%, da der Aufwand mutmasslich
vorwiegend im Jahr 2017 angefallen sein dürfte).
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 5 machte
mit Kostennote vom 11. Juni 2018 einen Aufwand für das obergerichtliche
Verfahren in der Höhe von 3 Stunden und 55 Minuten (=3.9166 h) à
Fr. 200.00 sowie Barauslagen in Höhe von Fr. 15.30 geltend. Der zeitliche
Aufwand erscheint der Bedeutung und dem Umfang der vorliegenden Straf-
sache als angemessen. Demgegenüber scheint der Honorarnote ein Be-
rechnungsfehler zu Grunde zu liegen, weist die Vertreterin doch für die 3.91
Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 200.00 einen offensichtlich fal-
schen Betrag von Fr. 933.30 – statt korrekterweise Fr. 783.35 – aus. Nicht
nachvollziehbar ist sodann die Berechnungsweise der mit Fr. 15.30 ausge-
wiesenen Auslagen. Zu den Portokosten in der Höhe von Fr. 7.30 kommen
10 Fotokopien, welche gemäss § 13 Abs. 3 AnwT mit je Fr. 0.50, mithin mit
zusammen Fr. 5.00, zu veranschlagen sind. Daraus ergeben sich Auslagen
in der Höhe von Fr. 12.30. Entsprechend ist die Obergerichtskasse anzu-
weisen, das Honorar von Fr. 783.35 zuzüglich Fr. 12.30 Barauslagen und
die Mehrwertsteuer von Fr. 63.15 (8 % Mehrwertsteuer für die Leistungen
und Auslagen bis 31. Dezember 2017 und 7.7 % für Leistungen und Aus-
lagen ab 1. Januar 2018), insgesamt Fr. 858.80, an die unentgeltliche
Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 5 auszubezahlen.
Nachdem es sich bei den Zivil- und Strafklägerinnen 3 und 5 um Opfer im
Sinne des Opferhilfegesetzes handelt, besteht gemäss Art. 30 Abs. 3 OHG
bei beiden keine Rückerstattungspflicht der Kosten für ihre unentgeltliche
Vertretung. Wie bereits dargelegt, kommt auch eine Kostenauflage an den
Beschuldigten gemäss Art. 426 Abs. 4 StPO aufgrund seiner schlechten
finanziellen Verhältnisse nicht in Frage (vgl. oben E. 11.5.3.).
13.
Über das Haftentlassungsgesuch hat das Obergericht mit separatem Be-
schluss vom 6. Juni 2018 entschieden und dieses abgewiesen. Demnach
bleibt der Beschuldigte im Hinblick auf ein allfälliges Beschwerdeverfahren
vor Bundesgericht in Sicherheitshaft.