Decision ID: ba4311f4-c8f6-5a3f-80ae-f6ac96acc364
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess eigenen Angaben gemäss ihr Heimatland
im (...), reiste am 12. März 2016 in die Schweiz und stellte am darauffol-
genden Tag ein Asylgesuch. Am 24. März 2016 erfolgte die Befragung zur
Person (BzP) und am 16. August 2018 die vertiefte Anhörung zu den Asyl-
gründen.
B.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte die Beschwerdeführerin aus, sie
sei im Jahr (...) inhaftiert worden, weil sie sich geweigert habe, anlässlich
der (...) gemeinsam mit einem Mann einen (...). Die Aufführung sei vom
College organisiert worden, an welchem sie damals Schülerin gewesen
sei. Sie habe den Verantwortlichen erklärt, dass sie anständig erzogen wor-
den und nicht gewillt sei, solche Kleider zu tragen und vor Tausenden von
Menschen entlang der Strassen von D._ einen E._ aufzu-
führen. Aus diesem Grund habe sie bereits die Proben zu diesem
E._ verweigert. Dem F._, zu dem sie aufgrund ihrer Verwei-
gerung gebracht worden sei, habe sie angeboten, stattdessen G._
vorzutragen oder bei anderen Aktivitäten mitzuwirken. Sie sei als Verräterin
bezeichnet worden, welche die Feier des H._ verweigern würde,
weshalb sie gemeinsam mit anderen, die sich dem H._ verweigert
hätten, ins Gefängnis I._ gebracht worden sei. Nach (...) Monaten
sei sie ins Gefängnis J._ nach K._ verlegt worden. Dort
habe sie unter schlimmen Bedingungen leben müssen, so sei sie von den
Führern bedroht und schikaniert worden. Später sei sie an verschiedenen
Orten als L._ eingesetzt worden. Dank der Intervention ihres
M._ sei sie nach (...) Monaten aus der Haft entlassen worden. Ab
(...) habe sie Nationaldienst in einem Büro des T._ in N._
leisten müssen. Für diese Arbeit sei sie überqualifiziert gewesen, man habe
ihr aber in Aussicht gestellt, nach Ablauf von (...) Jahren die von ihr ge-
wünschte Stelle – (...) – antreten zu dürfen, weshalb sie die (...) Jahre dort
geduldig absolviert habe. Nach Ablauf besagter Zeit sei ihr jedoch der in
Aussicht gestellte Wechsel verweigert und ihr mitgeteilt worden, dass sie
diese Arbeit auf unbestimmte Zeit fortzuführen habe. Aus diesem Grund
habe sie sich entschieden, nicht mehr zur Arbeit zu gehen. Nach (...) Wo-
chen sei sie zu Hause von Soldaten aufgesucht worden, welche ihr die
Mitteilung überbracht hätten, dass ihr, sollte sie nicht zu ihrer Arbeitsstelle
zurückkehren, wegen Desertion eine Gefängnisstrafe drohe. Aus Furcht
D-7317/2018
Seite 3
vor einer erneuten Inhaftierung habe sie sich zum Verlassen ihres Heimat-
landes entschieden.
Den Gefängnisaufenthalt habe sie anlässlich der BzP nicht angegeben,
weil sie befürchtet habe, die eritreischen Behörden könnten davon erfahren
und sie deswegen in weitere Schwierigkeiten geraten könnte. Bis zur An-
hörung seien indessen zwei Jahre vergangen und zwischenzeitlich wisse
sie, dass sie den schweizerischen Behörden vertrauen könne, weshalb sie
das Vorgefallene im Rahmen der Anhörung habe erzählen können.
C.
Die Beschwerdeführerin lebt mit ihrem Lebensgefährten O._ (...),
den sie auf der Flucht kennengelernt habe, sowie den beiden in der
Schweiz geborenen Kindern B._ (geboren am [...]) und C._
(geboren am [...]) in einem Haushalt. Das SEM hat beide Dossiers unter
N (...) zusammengelegt, indessen die Verfahren separat behandelt.
D.
Mit Verfügung vom 21. November 2018 – eröffnet am 23. November 2018
– stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführerin und ihre Kinder die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen. Es lehnte deren Asylgesuche ab und
ordnete die Wegweisung der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
E.
Mit Eingabe vom 21. Dezember 2018 erhob die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Dabei beantragte sie, die ange-
fochtene Verfügung sei aufzuheben und sie sei als Flüchtling im Sinne von
Art. 3 AsylG (SR 142.31) anzuerkennen. Gestützt auf ihre Flüchtlingsei-
genschaft sei ihr eine Jahresaufenthaltsbewillligung (B-Ausweis) zu ertei-
len. Eventualiter seien die Ziffern 1 bis 5 des Dispositivs der vorinstanzli-
chen Verfügung aufzuheben und die vorläufige Aufnahme anzuordnen,
subeventualiter sei ihr eine Aufenthaltsbewilligung (F-Ausweis) zu erteilen.
Sodann ersuchte sie um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde, um Feststellung eines Aufenthaltsrechts während des laufenden
Verfahrens, um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses.
D-7317/2018
Seite 4
F.
Den Eingang der Beschwerde bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 28. Dezember 2018.
G.
Mit einer als Beschwerdeergänzung bezeichneten Eingabe vom 14. Januar
2019 reichte die Beschwerdeführerin drei fremdsprachige Beweismittel mit
deutscher Übersetzung zu den Akten.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Januar 2019 hielt die Instruktionsrichterin
fest, dass der Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung
zukomme (Art. 55 Abs. 1 VwVG), die Vorinstanz einer allfälligen Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung nicht entzogen habe und die ange-
fochtene Verfügung noch nicht in Rechtskraft erwachsen sei, weshalb auf
den Antrag, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren,
mangels Rechtsschutzinteresses nicht einzutreten sei. Gleichzeitig hielt sie
fest, dass die Beschwerdeführerin und ihre Kinder den Ausgang des Ver-
fahrens in der Schweiz abwarten dürften und dass über das Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung zu einem späteren Zeitpunkt befunden
werde. Sodann forderte sie die Beschwerdeführerin zur Einreichung einer
Fürsorgebestätigung auf, verzichtete einstweilen auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehm-
lassung ein.
I.
In seiner Vernehmlassung vom 29. Januar 2019 hielt das SEM vollumfäng-
lich an seinen Erwägungen fest und führte aus, die Beschwerdeschrift ent-
halte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine
Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Der Beschwerde-
führerin wurde die Vernehmlassung am 4. Februar 2019 zur Kenntnis ge-
bracht.
J.
Am 1. Februar 2019 reichte die Beschwerdeführerin eine Fürsorgebestäti-
gung des Kantons P._ vom (...) zu den Akten.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Februar 2019 hiess die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ge-
D-7317/2018
Seite 5
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG – unter Vorbehalt einer nachträglichen Verän-
derung der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers – gut und ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig wurde
der Beschwerdeführerin die Vernehmlassung vom 29. Januar 2019 erneut
zugestellt, ihr Gelegenheit zur Einreichung einer Replik und gegebenen-
falls einer Beschwerdeergänzung gewährt.
L.
Am 19. Februar 2019 reichte die Beschwerdeführerin eine Replik zu den
Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
D-7317/2018
Seite 6
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG.
3.
3.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM im Wesentlichen
aus, die Vorbringen hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit ge-
mäss Art. 7 AsylG nicht stand, so dass deren Asylrelevanz nicht geprüft
werden müsse. Im Rahmen der Anhörung habe die Beschwerdeführerin
vorgebracht, vom (...) bis zum (...) inhaftiert gewesen zu sein, weil sie sich
geweigert habe, am H._ einen E._ der Q._ in einem
(...) aufzuführen. Diese Haft habe sie bei der BzP nicht erwähnt und auch
die damals gestellte Frage, ob sie jemals verhaftet worden sei, verneint.
Stattdessen habe sie bei der BzP dargelegt, dass sie nach Beendigung der
Schule in R._ nicht direkt zum College gegangen sei, sondern eine
(...) Pause gemacht habe, nachdem ihr entsprechender Antrag bewilligt
worden sei. Erst (...) habe sie dann mit dem Studium begonnen. Die ver-
spätete Geltendmachung der Haft und ihre widersprüchlichen Angaben
zum Zeitraum zwischen (...) und (...) habe sie damit begründet, bei der
BzP Angst gehabt zu haben, die Regierung in Eritrea könnte etwas davon
erfahren. Sie habe damals noch nicht gewusst, ob sie den Schweizer Be-
hörden trauen könne. Diese Begründung sei nicht überzeugend. Zum ei-
nen sei sie bereits bei der BzP über die Verschwiegenheitspflicht aller An-
wesenden informiert und darüber aufgeklärt worden, dass die Behörden in
ihrem Heimatstaat keine Kenntnis von ihren Aussagen erhalten würden.
Zum anderen sei nicht plausibel, dass sie zwar Angst gehabt haben wolle,
von ihrer Haftzeit zu erzählen, zugleich jedoch offen über ihre Tätigkeit
beim T._ gesprochen habe, obwohl sie dort Zugang zu wichtigen
Dokumenten gehabt und befürchtet habe, dass sie im Fall einer Rückkehr
verdächtigt werden könnte, Informationen über Soldaten herausgegeben
zu haben. Die geltend gemachte Haft könne daher nicht geglaubt werden.
Sodann habe sie im Laufe des Verfahrens unterschiedliche Angaben zu
den Umständen der geltend gemachten Desertion gemacht. Einerseits
habe sie erklärt, mit beiden Soldaten persönlich gesprochen zu haben und
dass ihr diese ein Schreiben überreicht hätten, andererseits habe sie be-
richtet, dass eine Verwandte die Tür geöffnet habe und sie von den Solda-
ten zwar gesehen worden sei, sich jedoch nicht zu erkennen gegeben
habe. Nach Vorhalt der beiden abweichenden Darstellungen sei es ihr nicht
gelungen, den Widerspruch aufzulösen, weshalb die behaupteten Vor-
kommnisse – unerlaubtes Fernbleiben vom Dienst sowie die angebliche
D-7317/2018
Seite 7
Suche nach ihr – als unglaubhaft zu werten seien. Vielmehr seien viele
Möglichkeiten offen, so sei insbesondere denkbar, dass sie regulär aus
dem Nationaldienst entlassen worden sei. Ferner sei auch die illegale Aus-
reise nicht glaubhaft, so habe sie zeitlich abweichende Angaben zur Grenz-
überquerung gemacht. Einerseits habe sie erklärt, die Grenze in einer
Nacht überquert zu haben und anderseits zu Protokoll gegeben, die Grenz-
überquerung habe zwei Nächte gedauert. Angesichts der Gefährlichkeit ei-
ner illegalen Grenzüberquerung dürfte auch knapp (...) Jahre nach der
Ausreise noch in Erinnerung geblieben sein, ob sie für die Grenzüberque-
rung eine oder zwei Nächte benötigt habe und folglich tagsüber irgendwo
in der Einöde habe pausieren und sich verstecken müssen. Die eingereich-
ten Dokumente und Beweismittel würden an dieser Einschätzung nichts zu
ändern vermögen. Sie seien lediglich geeignet, die Angaben zu ihrer Iden-
tität, ihrer Ausbildung sowie zur grundsätzlichen Absolvierung des Militär-
dienstes zu stützen, jedoch seien sie nicht geeignet, die behauptete Haft,
das unerlaubte Entfernen aus dem Nationaldienst sowie eine illegale Aus-
reise zu belegen.
3.2 Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen an der Glaubhaftigkeit der
gemachten Aussagen festgehalten. Es spiele eine untergeordnete Rolle,
ob nun die Verwandte der Beschwerdeführerin oder sie selbst den Solda-
ten die Türe geöffnet habe und ob sie mit den Soldaten gesprochen habe
oder nicht. Fakt sei, dass die Soldaten den Auftrag gehabt hätten, sie zu
Hause abzuholen. Ebenfalls sei Fakt, dass der Beschwerdeführerin ein
Schreiben überreicht worden sei, indem ihr mit Haftstrafe auf unbestimmte
Zeit gedroht worden sei. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz habe die
Beschwerdeführerin glaubhaft gemacht, dass sie gesucht werde und ihr
mit einer Haftstrafe gedroht worden sei. Im Rahmen ihrer Arbeit im
S._ habe sie mit vertraulichen Informationen zu tun gehabt und
habe deswegen mit besonderen Repressalien zu rechnen, falls sie nach
Eritrea zurückreisen müsste. Entgegen der vorinstanzlichen Auffassung
habe sie auch die illegale Ausreise aus Eritrea glaubhaft gemacht, so sei
nicht relevant, ob die Grenzüberquerung eine oder zwei Nächte gedauert
habe. Es bestehe die konkrete Gefahr, dass sie auf unbestimmte Zeit in-
haftiert werde, was mit Art. 3 und 4 EMRK nicht vereinbar sei. Sollte sie
nicht inhaftiert werden, würde ihr lebenslänglicher Nationaldienst drohen.
Entgegen des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts E-5022/2017
vom 10. Juli 2018 sei sie der Ansicht, dass der lebenslängliche Militärdienst
eine Zwangsarbeit und somit eine Verletzung von Art. 4 Abs. 2 EMRK dar-
stelle. Sodann verweist die Beschwerdeführerin auf ihre beiden in der
D-7317/2018
Seite 8
Schweiz geborenen Kinder, ihren Partner und Vater der gemeinsamen Kin-
der, mit denen sie gemeinsam in einem Haushalt lebe. Aufgrund der fort-
geschrittenen Integration der gesamten Familie sei eine Rückführung in ihr
Heimatland nicht zumutbar.
3.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, die Beschwerdeschrift
enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche
eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten, gebe aber
trotzdem zu folgenden Bemerkungen Anlass: Befürchtungen, künftig staat-
lichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu sein, seien nur dann asyl-
relevant, wenn begründeter Anlass zur Annahme bestehe, dass sich die
Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
verwirklichen würden. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung
genüge nicht; es müssten konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt
der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Motive er-
folgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und dementsprechend die
Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen liessen. Der
Beschwerdeführerin sei es nicht gelungen, hinreichende Anhaltspunkte für
eine konkrete Bedrohung darzulegen. In der BzP habe sie lediglich vermu-
tet, es könne im Fall einer Rückkehr nach Eritrea sein, dass sie verdächtigt
werde, Informationen über die Soldaten herausgegeben zu haben. In der
Anhörung habe sie ebenfalls nur allgemein angegeben, die eritreischen
Behörden würden wissen, dass sie ihre Geschichte hier erzählt und alle
Geheimnisse offenbart habe. Auch in der Beschwerdeschrift werde nicht
näher ausgeführt, worauf konkret die geltend gemachte Befürchtung
gründe. Eine begründete Furcht lasse sich auch nicht unmittelbar aus der
behaupteten früheren Tätigkeit der Beschwerdeführerin beim T._
ableiten. Es sei nicht ersichtlich, inwiefern die von ihr geltend gemachten
Arbeiten und die Informationen über (...) in besonderem Masse vertraulich
sein könnten. Sodann würden auch ihre Aussagen, wonach nur ungebil-
dete Soldaten dort gearbeitet hätten und sie selbst für diese Arbeit über-
qualifiziert gewesen sei, nicht dafür sprechen, dass die Beschwerdeführe-
rin mit hoch vertraulichen Aufgaben betraut gewesen sei und sie Zugang
zu besonders sensiblen Informationen gehabt habe. Da die geltend ge-
machten Vorfluchtgründe (Haft, Desertion) und die illegale Ausreise nicht
glaubhaft seien, sei eine künftige Verfolgung der Beschwerdeführerin
durch die eritreischen Behörden allein aufgrund ihrer früheren Tätigkeit
beim T._ und der Tatsache, dass sie illegal ausgereist sei und in der
Schweiz einen Asylantrag gestellt habe, nicht wahrscheinlich.
D-7317/2018
Seite 9
3.4 In ihrer Replik vom 19. Februar 2019 führte die Beschwerdeführerin
aus, sie habe rechtsgenüglich nachgewiesen, dass sie in Eritrea für das
T._ tätig gewesen sei und mit vertraulichen Informationen gearbei-
tet habe. Sie habe mit entsprechenden Beweismitteln glaubhaft dargelegt,
dass sie im Falle einer Rückkehr nach Eritrea mit Repressalien rechnen
müsse. Sodann lebe sie mit ihrem Partner O._ und den zwei ge-
meinsamen Kindern im gemeinsamen Haushalt und sie wolle ihren Kindern
stabile und sichere Verhältnisse gewährleisten.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Den
frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen.
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2012/5 E. 2.2).
5.
5.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein, nicht der inneren Logik entbehren oder den Tatsa-
chen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind sub-
stantiiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderun-
gen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer An-
hörung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
D-7317/2018
Seite 10
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2, 2010/57 E. 2.2 und 2.3; Entscheidungen und Mitteilungen der vor-
maligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E.
6.1 S. 190 f.; ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprü-
fung im Asylverfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5).
5.2
5.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt zum Schluss, dass die Aus-
führungen in der Beschwerde nicht geeignet sind, die zutreffenden Erwä-
gungen in der vorinstanzlichen Verfügung zu widerlegen.
5.2.2 Vorab ist festzuhalten, dass den von der Vorinstanz als unglaubhaft
qualifizierten Haftvorbringen weder auf Beschwerdeebene noch im Rah-
men der Replik etwas entgegengehalten wird. Es ist deshalb auf die dies-
bezüglichen und vollumfänglich zu bestätigenden Erwägungen in der an-
gefochtenen Verfügung zu verweisen.
5.2.3 In der Beschwerde wird indessen an der Glaubhaftigkeit der geltend
gemachten Desertion festgehalten. Zu den von der Vorinstanz zahlreich
festgestellten Unstimmigkeiten und Widersprüchen im Sachvortrag wird
auf Beschwerdeebene entgegnet, es ändere nichts an der Sache, ob nun
eine Verwandte oder die Beschwerdeführerin selbst den Soldaten die Türe
geöffnet habe. Ebenso spiele es nur eine untergeordnete Rolle, ob sie mit
den Soldaten zuhause gesprochen habe oder nicht. Fakt sei, dass die Sol-
daten den Auftrag gehabt hätten, die Beschwerdeführerin zu Hause abzu-
holen.
Diese pauschalen Erklärungsversuche auf Beschwerdeebene lassen – ins-
besondere in Anbetracht der Wichtigkeit dieser Ereignisse – eine ernst-
hafte Auseinandersetzung mit der ausführlichen rechtlichen Würdigung
D-7317/2018
Seite 11
durch die Vorinstanz vermissen. So hat das SEM unter Verweis auf zahl-
reich festgestellte Unstimmigkeiten und Widersprüche ausführlich darge-
legt, aus welchen Gründen die behauptete Desertion beziehungsweise die
geltend gemachte behördliche Suche nach ihr den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit nicht zu genügen vermag. Die Beschwerdeführerin verzich-
tet auf eine konkrete Auseinandersetzung mit den vorinstanzlichen Erwä-
gungen und belässt es dabei, in pauschaler Art und Weise an der Glaub-
haftigkeit ihrer Aussagen festzuhalten. Damit gelingt es ihr indessen nicht,
die festgestellten Widersprüche auszuräumen. Im Rahmen der Kurzbefra-
gung hat die Beschwerdeführerin die Frage, ob sie persönlich mit den Sol-
daten gesprochen habe, explizit bejaht, sodann den angeblichen Dialog mit
den Soldaten geschildert und erklärt, dass ihr von diesen ein Schreiben
übergeben worden sei. In Widerspruch dazu erklärte sie im Rahmen der
Anhörung, dass die Tür von einer Verwandten geöffnet worden sei und sie
sich nicht zu erkennen gegeben habe. Auf Vorhalt dieses Widerspruchs
erklärte die Beschwerdeführern, sie habe nie gesagt, dass sie persönlich
mit den Soldaten gesprochen habe und gab diesbezüglich zu Protokoll
«was hätten sie mit mir zu besprechen gehabt?». Diesbezüglich ist festzu-
halten, dass die Beschwerdeführerin die Richtigkeit und Vollständigkeit der
protokollierten Aussagen unterschriftlich bestätigt hat, weshalb sie sich
grundsätzlich bei ihren Aussagen zu behaften lassen hat (vgl. A4/15 S. 12
und A31/26 S. 26). Der Einwand auf Beschwerdeebene, wonach die von
der Vorinstanz festgestellten Widersprüche als untergeordnet zu werten
seien beziehungsweise keine Rolle spielten, ist als unbeholfener Erklä-
rungsversuch für die aktenkundigen Widersprüche in ihren Kernvorbringen
zu werten und nicht geeignet, zu einer von der Vorinstanz abweichenden
Beurteilung zu führen. Nach dem Gesagten dürfte vielmehr davon auszu-
gehen sein, dass die Beschwerdeführerin regulär aus dem Militärdienst
entlassen worden ist. Es erübrigen sich sodann Ausführungen zu den ein-
gereichten Dokumenten (Schreiben des T._ Eritrea sowie ein Be-
stätigungsschreiben der Nationaldienst-Mitgliedschaft), da diese lediglich
in Kopie eingereicht wurden und denen aufgrund der leichten Manipulati-
onsmöglichkeiten kaum Beweiswert zukommt. Es gelingt der Beschwerde-
führerin damit nicht, die geltend gemachte Desertion sowie die behördliche
Suche nach ihr glaubhaft darzutun.
5.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM mit zutreffender
Begründung die Schlussfolgerung gezogen hat, dass es der Beschwerde-
führer nicht gelungen ist, eine ihr zum Zeitpunkt der Ausreise seitens der
eritreischen Behörden drohende Verfolgung glaubhaft zu machen.
D-7317/2018
Seite 12
5.4 Nachdem vorstehend erwogen wurde, dass die Beschwerdeführerin
nicht glaubhaft machen konnte, dass sie aus dem Militärdienst desertiert
oder aus anderen Gründen in den Fokus der eritreischen Behörden gera-
ten ist, bestehen keine Hinweise darauf, dass zusätzliche Anknüpfungs-
punkte existieren, die sie in den Augen der eritreischen Behörden als miss-
liebige Person erscheinen liessen. Es ist auch nicht davon auszugehen,
sie sei wegen Regimefeindlichkeit in den Fokus der eritreischen Behörden
geraten und habe deswegen begründete Furcht, einer flüchtlingsrechtlich
relevanten Bestrafung zu unterliegen.
5.5
5.5.1 Das Bundesverwaltungsgericht ging bis im Januar 2017 davon aus,
dass eine illegale Ausreise aus Eritrea als subjektiver Nachfluchtgrund an-
zusehen war, weil illegal Ausgereiste bei einer Rückkehr nach Eritrea mit
erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG rechnen mussten
(vgl. Urteil des BVGer D-3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.3). Diese
Rechtsprechung wurde in der Folge aufgegeben. Im Referenzurteil
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 kam das Bundesverwaltungsgericht
nach einer eingehenden quellengestützten Lageanalyse (E. 4.6–4.11) zum
Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se
zur Flüchtlingseigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden
könne (E. 5.1). Es sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise
aus Eritrea eine asylrelevante Verfolgung drohe (a.a.O.). Nicht asylrelevant
sei auch die Möglichkeit, dass jemand nach der Rückkehr in den National-
dienst eingezogen werde; ob eine drohende Einziehung in den National-
dienst unter dem Blickwinkel von Art. 3 und 4 EMRK relevant sein könnte,
betreffe die Frage der Zulässigkeit bzw. Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs. Für die Begründung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen
Kontext bedürfe es neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungs-
punkte, welche zu einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten (E. 5.2).
5.5.2 Die Frage der Glaubhaftigkeit der von der Beschwerdeführerin gel-
tend gemachten illegalen Ausreise aus Eritrea kann – aufgrund der mit Ur-
teil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 geänderten Praxis – letztlich offen-
bleiben, womit sich eine diesbezügliche Auseinandersetzung erübrigt. Lie-
gen nämlich keine zusätzlichen Anknüpfungspunkte vor, welche die asyl-
suchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige
Person erscheinen lassen, vermag die illegale Ausreise per se die Flücht-
lingseigenschaft nicht zu begründen. Das Vorliegen solcher zusätzlicher
D-7317/2018
Seite 13
Faktoren ist im Falle der Beschwerdeführerin zu verneinen, wobei zunächst
auf die Ausführungen zur Glaubhaftigkeit der Vorfluchtgründe verwiesen
werden kann (vgl. E. 3.2). Sodann sind aus den Akten auch keine anderen
zusätzlichen Anknüpfungspunkte ersichtlich, welche sie in den Augen der
eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen liessen.
5.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass sowohl das Vorliegen von Vor-
fluchtgründen im Sinne von Art. 3 AsylG als auch dasjenige von subjekti-
ven Nachfluchtgründen gemäss Art. 54 AsylG zu verneinen ist. Das SEM
hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin verneint
und ihr Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2
7.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
D-7317/2018
Seite 14
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhal-
tet die Verbote der Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der
Zwangs- oder Pflichtarbeit (Abs. 2 und 3).
7.2.2 Die Beschwerdeführerin macht in diesem Zusammenhang, wie in
E. 7.1 dargelegt, geltend, es bestehe für sie die erhebliche Gefahr dass sie
bei einer Rückkehr eine Einziehung in den eritreischen Militärdienst zu ge-
wärtigen hätte.
7.2.3 Im Urteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 (als Referenzurteil publi-
ziert) hat sich das Bundesverwaltungsgericht eingehend mit der Frage be-
fasst, ob im Zusammenhang mit dem eritreischen Nationaldienst eine Ver-
letzung von Art. 3 EMRK, wonach niemand der Folter oder unmenschlicher
oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden dürfe, ge-
geben sei (vgl. a.a.O. E. 12). Dabei gelangte das Gericht zum Schluss,
dass Personen, die erst nach der Leistung des Nationaldienstes ausgereist
sind, keine Haftstrafe zu gewärtigen haben werden, und bei solchen Per-
sonen auch nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszuge-
hen ist, dass sie bei einer Rückkehr nach Eritrea erneut in den National-
dienst eingezogen würden. In diesem Zusammenhang wies das Bundes-
verwaltungsgericht auch darauf hin, dass es regelmässig zu Entlassungen
aus dem Militärdienst komme, und führte dabei namentlich aus, dass
Frauen im Falle einer Geburt zunehmend vom Dienst befreit würden (vgl.
a.a.O. E. 13.3 i.V.m. E.12.5). Zwar bleiben in Eritrea auch aus dem Dienst
Entlassene grundsätzlich im Reservedienst dienstpflichtig, und offenbar
kann es zu Wiedereinberufungen kommen. Es ergibt sich aus den Berich-
ten jedoch nicht, dass dies systematisch vorkommen würde. Die aktuellen
Tendenzen, die eher in Richtung Beschränkung der Dienstdauer weisen,
deuten nicht darauf hin, dass das Risiko der Wiedereinberufung als hoch
zu beurteilen ist (vgl. a.a.O. E. 13.3).
D-7317/2018
Seite 15
7.2.4 Vorliegend ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin re-
gulär aus dem Militärdienst entlassen worden ist (vgl. E. 3.2.3.). Sie gehört
damit der Kategorie der Personen an, die ihren Militärdienst vor ihrer Aus-
reise bereits abgeleistet haben. Bei dieser Personengruppe hat das Bun-
desverwaltungsgericht – wie unter E. 6.2.3. vorstehend ausgeführt – die
Gefahr, im Falle einer Rückkehr nach Eritrea erneut in den Nationaldienst
einberufen zu werden, nicht als hoch eingestuft.
Angesichts dieser Sachlage ist nicht damit zu rechnen, dass sie bei einer
Rückkehr nach Eritrea wieder in den Nationaldienst eingezogen würde.
Dies umso weniger, als sie zwischenzeitlich Mutter von zwei Kindern ge-
worden ist und Mütter in Eritrea heute weitgehend vom Militärdienst befreit
sind (vgl. Urteile des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 4.8.3
[als Referenzurteil publiziert]; D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 12.4).
Auch die unbestrittenermassen problematische allgemeine Menschen-
rechtssituation in Eritrea lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen.
7.2.5 Es ist somit nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
(und ihre Kinder) für den Fall einer Rückkehr nach Eritrea mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre(n). Der Vollzug der Wegweisung
erweist sich damit – sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtli-
chen Bestimmungen – als zulässig.
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.2 Im bereits zitierten Referenzurteil D-2311/2016 kam das Bundesver-
waltungsgericht zum Schluss, dass die drohende Einziehung in den Natio-
naldienst nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führe
(E. 17.2). Eine allfällige Einziehung der Beschwerdeführerin in den Natio-
naldienst bei einer (freiwilligen) Rückkehr nach Eritrea führt damit nicht zur
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
D-7317/2018
Seite 16
Gemäss Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg, Bürger-
krieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise einer ge-
nerellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden.
In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in einigen Bereichen
verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig; die
medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zugang zu
Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist seit Jah-
ren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte sind nicht zu
verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die umfangreichen
Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Bevölkerung pro-
fitiere. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes muss je-
doch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung ausgegan-
gen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als noch unter
der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle Faktoren
nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs (vgl. Referenzurteil D-2311/2016 E. 16 f.).
7.3.3 Die Beschwerdeführerin verfügt über eine überdurchschnittlich gute
Ausbildung, so verfügt sie über (...). Gemäss ihren eigenen Angaben leben
in Eritrea (...). Sodann verfügt auch ihr Lebenspartner über eine gute Aus-
bildung sowie ein tragfähiges Beziehungsnetz, womit die wirtschaftliche
Existenz der Familie als gewährleistet erachtet werden kann. Da die Be-
schwerde des Partners der Beschwerdeführerin und Vater ihrer Kinder mit
Urteil (...) vom gleichen Datum ebenfalls abgewiesen wird, und dieser mit-
hin ebenfalls verpflichtet ist, die Schweiz zu verlassen, kann sie zudem mit
ihrem Partner nach Eritrea zurückkehren und dürfte von diesem sowohl in
wirtschaftlicher als auch in familiärer Hinsicht auf entsprechende Unterstüt-
zung zählen dürfen.
7.3.4 Bezüglich der geltend gemachten Integration in der Schweiz ist fest-
zuhalten, dass die Beschwerdeführerin in Eritrea geboren ist und dort den
grössten Teil ihres Lebens verbracht hat. Von einer Entwurzelung kann in
diesem Fall nicht gesprochen werden, dies auch unter Berücksichtigung
des vor Ort vorhandenen familiären Umfelds. Allfällige Bemühungen zum
Erhalt einer Wohnung und einer Arbeitsstelle sind ihr durchaus zuzumuten.
7.3.5 Entgegen der abweichenden Ansicht auf Beschwerdeebene sind den
Akten auch keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass das Kindeswohl
nach Art. 3 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte
des Kindes (KRK, SR 0.107) dem Wegweisungsvollzug der mittlerweile
D-7317/2018
Seite 17
zwei kleinen Kinder der Beschwerdeführerin und ihrem Partner entgegen-
stehen würde. Die Kinder sind zwar in der Schweiz geboren. Das ältere
Kind ist bald (...) und das jüngere ist (...) Jahre alt. Damit befinden sich
beide Kinder noch in einem Alter, in dem weiterhin die Eltern die Hauptbe-
zugspersonen darstellen. Mit ihnen zusammen wird die Beschwerdeführe-
rin nach Eritrea zurückkehren.
7.3.6 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl allgemein als auch in individueller Hinsicht als zumutbar im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG.
7.4 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass die zwangsweise Rückführung ab-
gewiesener Asylsuchender nach Eritrea zurzeit generell nicht möglich ist.
Die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der
Feststellung der Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs entgegen. Es
obliegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE 2008/34 E. 12). Der Voll-
zug der Wegweisung ist folglich auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83
Abs. 2 AIG).
7.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang
mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht geeignet
ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Bei
der Coronavirus-Pandemie handelt es sich, soweit derzeit feststellbar, al-
lenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den kanto-
nalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeitpunkts
des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler:
Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.).
7.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
D-7317/2018
Seite 18
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem mit Zwischenverfü-
gung vom 15. Februar 2019 das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen
worden ist und weiterhin von ihrer Bedürftigkeit auszugehen ist, sind ihr
keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-7317/2018
Seite 19