Decision ID: dd4e7cc3-d79a-5d7e-9355-14938122e343
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 5. November 2019 in der Schweiz ein
Asylgesuch. Am 15. November 2019 nahm die Vorinstanz seine Persona-
lien auf (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 10). Dabei gab er an, (...) 2010
erstmals in die Schweiz gelangt zu sein (SEM-act. 10/Ziff. 5.01). Abklärun-
gen des SEM ergaben, dass er in der Schweiz über eine Aufenthaltsbewil-
ligung verfügte, jedoch (...) 2015 als ausgereist galt (SEM-act. 11/2). Im
Rahmen des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) vom 21. November
2019 präzisierte er diesbezüglich, verheiratet gewesen zu sein, nach sei-
ner Scheidung im Jahr 2014 und dem Verlust seiner Arbeitsstelle jedoch
eine Ausreisefrist bis (...) 2015 erhalten zu haben. Er sei dann in die Türkei
zurückgereist und dort «erwischt worden». Nach seiner Freilassung sei er
zurück in die Schweiz gereist und danach nach Deutschland gegangen, wo
er um Asyl ersucht habe (SEM-act. 12/1).
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der europäi-
schen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass er
am 19. Mai 2015 in X._ daktyloskopiert worden war und selbentags
ein Asylgesuch eingereicht hatte (SEM-act. 7/2).
C.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs gewährte die Vorinstanz dem Beschwer-
deführer am 21. November 2019 das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach
Deutschland, welches gemäss der Dublin-III-VO grundsätzlich für die Be-
handlung seines Asylgesuchs zuständig sei. Hierbei gab er zu Protokoll,
die Schweiz sei für ihn wie ein Heimatland. Er habe sich immer wohl gefühlt
hier. In Deutschland habe er vor vier Jahren um Schutz ersucht. Aufgrund
der chaotischen Zustände sei er während drei Jahren von Camp zu Camp
transferiert worden, ohne je befragt worden zu sein. Mittlerweile habe er
das Vertrauen verloren. Hier in der Schweiz kümmere man sich um ihn.
Nach gesundheitlichen Beeinträchtigungen gefragt liess der Beschwerde-
führer protokollieren, er habe einen «vollen Kopf» und könne nicht gut
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schlafen. Er habe eine Sprechstunde bei einem Psychologen erhalten. Es
sei ihm zurzeit wohl und er fühle sich zu Hause (SEM-act. 12/1 f.).
D.
Am 21. November 2019 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO (SEM-act. 13). Deutschland lehnte das Gesuch zunächst ab, da der
Beschwerdeführer der Ladung zur Anhörung im Asylverfahren vom (...)
2017 keine Folge geleistet habe und das Asylverfahren daraufhin am
15. Mai 2017 eingestellt worden sei. Seit dem 31. März 2018 lägen der
deutschen Dublin Unit keine Erkenntnisse über den Aufenthalt und Verbleib
des Beschwerdeführers vor. Um die Zuständigkeit prüfen zu können, wür-
den weitere Informationen über den Reiseverlauf benötigt (SEM-act. 15).
E.
Mit Schreiben vom 30. November 2019 informierte der Beschwerdeführer
das SEM über den Widerruf der Vollmacht der ihm ursprünglich im Bunde-
sasylzentrum zugewiesenen Rechtsvertretung gemäss Art. 102f ff. AsylG
(SR 142.31) und die Mandatierung seines jetzigen Rechtsvertreters (SEM-
act. 17).
F.
Am 3. Dezember 2019 ersuchte die Vorinstanz im Rahmen des Remonst-
rationsverfahrens unter Angabe der ihr bekannten Informationen zum Rei-
severlauf des Beschwerdeführers die deutschen Behörden erneut um des-
sen Übernahme im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO (SEM-
act. 18). Diesem Gesuch wurde am 5. Dezember 2019 entsprochen (SEM-
act. 20).
G.
Mit Verfügung vom 6. Dezember 2019 (gemäss Angaben des Rechtsver-
treters eröffnet am 12. Dezember 2019) trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
nicht ein und verfügte dessen Überstellung nach Deutschland. Gleichzeitig
verfügte das SEM den Vollzug der Wegweisung nach Deutschland und
stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme
keine aufschiebende Wirkung zu (SEM-act. 22).
H.
Hiergegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 16. Dezember
2019 (unter Beilage von Beweismitteln betreffend B._) Beschwerde
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beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte, die Verfügung vom 6. De-
zember 2019 sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf sein Asyl-
gesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Es sei festzustellen, dass er schon vor 2015 in der Schweiz ge-
wesen sei. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um die Erteilung
der aufschiebenden Wirkung, die Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses. Zur Begründung führte er im Wesentli-
chen an, er sei religiös mit einer in der Schweiz niedergelassenen Person
getraut und habe am 30. November 2019 ein Ehevorbereitungsverfahren
eingeleitet. Die Beziehung sei intakt und werde tatsächlich gelebt, was die
beigelegten Fotos belegen würden. Eine Überstellung des Beschwerdefüh-
rers nach Deutschland würde daher gegen Art. 8 EMRK verstossen, wes-
halb die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet sei, das Selbsteintrittsrecht
auszuüben (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
I.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
17. Dezember 2019 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
J.
Mit superprovisorischer Verfügung vom 17. Dezember 2019 setzte die In-
struktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung
einstweilen aus (BVGer-act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 5
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.4 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG), wobei es
sich, wie nachfolgend aufgezeigt, vorliegend um eine solche handelt. Das
Urteil ist deshalb nur summarisch und unter Verzicht auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels zu begründen (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Der Beschwerdeführer beantragt, es sei festzustellen, dass er sich schon
vor 2015 in der Schweiz aufgehalten habe. Dass er sich bereits einmal in
der Schweiz aufgehalten hatte und hier über eine Aufenthaltsbewilligung
verfügte, wird vom SEM nicht bestritten, sondern explizit in den Akten ver-
merkt (SEM-act. 11/2). Da er damals über eine ausländerrechtliche Bewil-
ligung verfügte und sich nicht im Asylverfahren befand, ist sein damaliger
Aufenthalt überdies nicht verfahrensrelevant für die hier zu beurteilende
Frage der Dublin-Überstellung. Aufgrund des demnach fehlenden schutz-
würdigen Feststellungsinteresses ist nicht auf den Antrag einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
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3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). Der Voll-
ständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsu-
chenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber
auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: «take charge»)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-
tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei-
nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: «take back») findet
demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach
Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
3.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen würde, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitglied-
staat als zuständig bestimmt werden kann. Ist dies nicht der Fall, wird der
die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
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3.5 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
3.6 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). Diese Be-
stimmung ist nicht unmittelbar anwendbar, sondern kann nur in Verbindung
mit einer anderen Norm des nationalen oder internationalen Rechts ange-
rufen werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 5).
4.
4.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Euro-
dac-Datenbank ergab, dass dieser am 19. Mai 2015 in Deutschland ein
Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die deutschen
Behörden am 21. November 2019 und – nach der anfänglichen Ablehnung
des Ersuchens – am 3. Dezember 2019 im Rahmen des Remonstrations-
verfahrens um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf
Art. 18 Abs. 1 Bst. b i.V.m. Art. 23 Dublin-III-VO. Die deutschen Behörden
stimmten dem Gesuch um Übernahme am 5. Dezember 2019 schliesslich
zu (vgl. Sachverhalt unter D. und F.). Die grundsätzliche Zuständigkeit
Deutschlands ist somit gegeben. Der Beschwerdeführer bestreitet dies
denn auch nicht (explizite Anerkennung der Zuständigkeit Deutschlands in
BVGer-act. 1/10), macht jedoch geltend, die Schweiz sei aufgrund ihrer
aus Art. 8 EMRK fliessenden Verpflichtungen zum Selbsteintritt verpflich-
tet.
4.2 Nachfolgend ist demnach im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Deutschland würden
systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch-
lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-
Grundrechtecharta mit sich bringen würden (E. 5) und ob nach Art. 17
Abs. 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist (E. 6).
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5.
5.1 Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
5.2 Vor diesem Hintergrund erscheinen die im Rahmen des rechtlichen Ge-
hörs geäusserten Vorwürfe des Beschwerdeführers, wonach in Deutsch-
land chaotische Zustände herrschen würden und sein Asylgesuch während
Jahren nicht behandelt worden sei, unbegründet. Es liegen keinerlei Hin-
weise vor, Deutschland würde sich nicht an seine Verpflichtungen, ein
rechtsgenügliches und effizientes Asyl- und Wegweisungsverfahren durch-
zuführen, halten. Im Gegenteil scheint sich der Beschwerdeführer selbst
nicht an seine Mitwirkungspflichten gehalten zu haben, indem er seinen
Befragungstermin nicht wahrgenommen hat und gemäss eigenen Angaben
offenbar selbständig aus dem Asyl- und Aufnahmeverfahren ausgeschie-
den ist, um sich für ein Jahr nach Y._ zu Freunden zu begeben (vgl.
SEM-act. 12/1).
5.3 Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt. Zu prüfen bleibt im Folgenden die vom Beschwerde-
führer geforderte Ausübung des Selbsteintrittsrechts.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer fordert aufgrund seiner Beziehung zu einer in
der Schweiz niedergelassenen Frau die Anwendung der Ermessensklausel
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht
im Landesrecht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), gemäss
welcher das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch dann
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behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zu-
ständig wäre.
6.2 Gemäss Angaben des Beschwerdeführers habe er am 28. November
2019 religiös geheiratet. Die Eheschliessung sei gemäss türkischen
Brauchs als «Imam-Ehe» erfolgt. Seine religiös angetraute Ehefrau
B._ verfüge über eine schweizerische Niederlassungsbewilligung
und damit über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht. Die Beziehung sei intakt
und stabil. Zwar sei er offiziell in der ihm zugewiesenen staatlichen Unter-
kunft gemeldet, lebe aber eigentlich bei B._. Er habe zwischenzeit-
lich beim zuständigen Bundesasylzentrum einen entsprechenden Antrag
um Privatunterkunft bei seiner Ehefrau gestellt. Am 30. November 2019
hätten sie zudem ein Ehevorbereitungsverfahren eingeleitet (BVGer-act
1/11). Eine Überstellung des Beschwerdeführers würde daher gegen Art. 8
EMRK verstossen, weshalb das SEM verpflichtet sei, das Selbsteintritts-
recht auszuüben.
6.3
6.3.1 Das in Art. 8 Abs. 1 EMRK verankerte Recht auf Achtung des Famili-
enlebens könnte berührt sein, wenn die Überstellung des Beschwerdefüh-
rers nach Deutschland eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre
Beziehung zu einer in der Schweiz gefestigt anwesenheitsberechtigten
Person beeinträchtigen würde, ohne dass es dieser möglich beziehungs-
weise zumutbar wäre, ihr Familienleben andernorts zu pflegen (BGE 144
II 1 E. 6.1 m.H.; 139 I 330 E. 2.1 und E. 2.3). B._ verfügt gemäss
Angaben des Beschwerdeführers über eine Niederlassungsbewilligung
und damit grundsätzlich über ein gefestigten Anwesenheitsrechts in der
Schweiz.
6.3.2 Zum geschützten Familienkreis gehört in erster Linie die Kernfamilie,
das heisst die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjährigen Kin-
dern (BGE 144 II 1 E. 6.1; 135 I 143 E. 1.3.2). Der Beschwerdeführer macht
geltend, sich am 28. November 2019 religiös getraut zu haben. Hierfür
reicht er allerdings neben Fotos der geltend gemachten Trauung keine Be-
lege ein. Es ist nicht verifizierbar, woher die beigelegten und offenbar über-
setzten türkischen Scheidungsurteile und Auszüge aus dem Familienregis-
ter betreffend B._ stammen (BVGer-act. 1 Beschwerdebeilage 7
und 8). Die Dokumente sind jedoch ohnehin vorliegend nicht von Relevanz,
da sie keinen Beweis für eine angebliche Trauung enthalten. Aufgrund der
bisherigen Aktenlage kann demnach eine zivilrechtliche oder religiöse Ehe
zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Partner nicht als hinreichend
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Seite 10
erstellt erachtet werden (vgl. BVGE 2015/41 E. 7; Urteil des BVGer
E-412/2015 vom 27. Januar 2015 E. 3).
6.3.3 Neben rechtlich begründeten familiären Verhältnissen beziehungs-
weise gültig geschlossenen Ehen fallen aber auch faktische Beziehungen
in den Schutzbereich von Art. 8 EMRK, sofern sie genügend nahe sowie
echt sind und tatsächlich gelebt werden. Die partnerschaftliche Beziehung
muss dabei seit Langem eheähnlich gelebt werden und bezüglich Art und
Stabilität in ihrer Substanz einer Ehe gleichkommen. Als wesentliche Fak-
toren für eine tatsächlich gelebte Beziehung sind der gemeinsame Haus-
halt, die finanzielle Verflochtenheit, die Länge und Stabilität der Beziehung,
sowie das Interesse und die Bindung der Partner aneinander, etwa durch
Kinder oder andere Umstände, wie beispielsweise die Übernahme von
wechselseitiger Verantwortung, zu berücksichtigen (BGE 144 II 1 E. 6.1;
135 I 143 E. 3.1; Urteile des BGer 2C_880/2017 vom 3. Mai 2018 E. 3.1;
2C_208/2015 vom 24. Juni 2015 E. 1.2; Urteil des BVGer F-2645/2018
vom 25. November 2019 E. 5.4.1). Der Beschwerdeführer macht keine An-
gaben darüber, wie lange er sich bereits in einer Beziehung zu B._
befinde, wie und wann sie sich kennengelernt haben und wie sich ihr bis-
heriges Leben als Paar gestaltet habe. Der Beschwerdeführer hat einzig
ausgeführt, dass die religiöse Trauung vor nunmehr knapp zwei Monaten
stattgefunden habe. Er hat B._ jedoch anlässlich der Personalien-
aufnahme vom 15. November 2019 auf die Frage nach Beziehungen in der
Schweiz mit keinem Wort erwähnt, sondern diesbezüglich einzig seine in
der Schweiz lebenden Geschwister genannt (siehe SEM-act. 10 Ziff. 3).
Auch bei der Frage nach allfälligen Überstellungshindernissen erwähnt er
einzig seine Verbundenheit mit der Schweiz, nicht jedoch seine Verbindung
zu B._. Es gibt entsprechend keine Hinweise auf eine lang andau-
ernde, enge und stabile Beziehung im Sinn der zitierten Rechtsprechung.
Daran vermögen auch die eingereichten Fotografien des Beschwerdefüh-
rers und B._ nichts zu ändern.
6.3.4 Zusammenfassend ist nicht erstellt, dass der Beschwerdeführer eine
stabile und enge Beziehung zu B._ unterhält, die in den Schutzbe-
reich von Art. 8 EMRK fallen würde und daher die Anwendung der Selbst-
eintrittsklausel rechtfertigen würde. Ihm ist es jedoch unbenommen, im
Rahmen des Ehevorbereitungsverfahrens – das im Übrigen seine Anwe-
senheit nicht erfordert und sich auch von Deutschland aus organisieren
lässt – für die Eheschliessung zu gegebener Zeit einen Antrag auf eine
entsprechende Kurzaufenthaltsbewilligung zu stellen, sollte er an seinen
Heiratsplänen festhalten.
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6.4 Der Beschwerdeführer hat ferner keine konkreten Hinweise für die An-
nahme dargetan, Deutschland würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Auf-
nahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten.
Schliesslich steht auch sein Gesundheitszustand – gemäss eigenen Anga-
ben ein «voller Kopf» und Schlafprobleme (vgl. SEM-act. 12/2) – einer
Überstellung nach Deutschland nicht entgegen.
6.5 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Deutschland der
für die Behandlung der Asylgesuche des Beschwerdeführers zuständige
Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Deutschland ist verpflichtet, das Asyl-
verfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen.
7.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Weil
er nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilli-
gung ist, wurde die Überstellung nach Deutschland in Anwendung von
Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
8.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzu-
treten ist, und die Verfügung des SEM zu bestätigen. Das Beschwerdever-
fahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, weshalb sich der Antrag
auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als gegenstandslos erweist.
10.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
Die Verfahrenskosten sind demnach dem Beschwerdeführer aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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