Decision ID: 5240cc4a-fe4a-477f-9a71-aad730857b4c
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis für die Kategorien B und BE sowie die Unterkategorien
A1, D1 und D1E am 25. Oktober 1990. Seit dem 22. September 2000 ist er zudem für
die Kategorie C und seit dem 29. Januar 2004 für die Kategorie CE fahrberechtigt. Im
Informationssystem über die Verkehrszulassung (IVZ; früher: Administrativ-
massnahmen-Register) ist er nicht verzeichnet. Er leidet seit fünfzehn Jahren an
Multipler Sklerose, wogegen er gemäss eigener Angabe vom 28. November 2019 seit
etwas mehr als einem Jahr das Medikament Gilenya einnehme. Zudem nimmt er seit
mehreren Jahren das Medikament Modasomil gegen Müdigkeit.
B.- Am 1. August 2019, 19.15 Uhr, meldete die Ehefrau von X der Kantonalen
Notrufzentrale St. Gallen, dass ihr Ehemann die Wohnung nach einem Streit verlassen
habe, und sie befürchte, er könnte sich etwas antun. Rund eine Stunde später wurde X
von der Kantonspolizei St. Gallen vor seiner Wohnung in einem Motorfahrzeug
angehalten. Aufgrund des Verdachts auf Fahrunfähigkeit wegen Alkoholisierung wurde
eine Blutprobe angeordnet. Die Auswertung der Probe ergab für den Zeitpunkt des
Ereignisses eine Blutalkoholkonzentration (BAK) von mindestens 2,62 und höchstens
3,18 Gewichtspromille. Wegen Suizidäusserungen wurde X noch gleichentags von der
Amtsärztin des Kantons St. Gallen fürsorgerisch in der Psychiatrischen Klinik Waldhaus
in Chur untergebracht, wo er fünf Tage hospitalisiert war.
Am 17. September 2019 stellte das Strassenverkehrsamt eine verkehrsmedizinische
Untersuchung in Aussicht und verbot X das Führen von Motorfahrzeugen vorsorglich
ab sofort. Mit Strafbefehl des Untersuchungsamts A vom 2. Oktober 2019 wurde er
wegen Fahrens in nicht fahrfähigem Zustand (qualifizierte Alkoholkonzentration) und
fahrlässigen Nichtmitführens des Führerausweises zu einer bedingten Geldstrafe von
100 Tagessätzen zu je Fr. 20.– und einer Busse von Fr. 400.– verurteilt. Am 4. Oktober
2019 ordnete das Strassenverkehrsamt eine verkehrsmedizinische Untersuchung an,
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welcher sich X am 28. November 2019 im Institut für Rechtsmedizin (IRM) am
Kantonsspital Graubünden, Chur, unterzog. Im verkehrsmedizinischen Gutachten vom
19. Dezember 2019 wurde die Fahreignung aufgrund eines verkehrsrelevanten
Alkoholmissbrauchs aus verkehrsmedizinischer Sicht verneint.
C.- Mit Verfügung vom 22. Januar 2020 entzog das Strassenverkehrsamt X den
Führerausweis auf unbestimmte Zeit und ordnete eine Sperrfrist von drei Monaten
(1. August bis 31. Oktober 2019) an. Als Bedingungen für die Aufhebung des Entzugs
wurden eine kontrollierte Alkoholabstinenz mittels Haaranalysen von mindestens zwölf
Monaten, eine begleitende Behandlung und Betreuung nach Ermessen eines
Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie mit Verlaufsberichten, eine Behandlung
der Multiplen Sklerose und der Folgeerkrankungen nach Massgabe des behandelnden
Neurologen inklusive Verlaufsbericht, optional eine verkehrspsychologische
Begutachtung nach Abschluss der kontrollierten Alkoholabstinenz, sofern nach wie vor
das Medikament Modasomil verordnet ist, sowie eine verkehrsmedizinische
Kontrolluntersuchung festgelegt. Einem allfälligen Rekurs wurde die aufschiebende
Wirkung entzogen. X wurde zudem darauf hingewiesen, dass die Abstinenz bis zur
Neubeurteilung bzw. Wiedererteilung des Führerausweises fortgesetzt werden sollte,
zumal mit entsprechenden Auflagen zu rechnen sei.
D.- Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 22. Januar 2020 erhob X mit
Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 5. Februar 2020 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) und beantragte, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben, der Sachverhalt sei durch die Rekursinstanz
richtig und vollständig festzustellen, insbesondere sei eine erneute Haaranalyse
durchzuführen mit Messung und unter Berücksichtigung der
Haarwuchsgeschwindigkeit des Rekurrenten, und es sei durch die Rekursinstanz in der
Sache neu zu entscheiden, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Mit
Vernehmlassung vom 24. Februar 2020 beantragte das Strassenverkehrsamt die
Abweisung des Rekurses; eventualiter sei zum Befund bzw. zur Interpretation des
Haaranalyseergebnisses eine Stellungnahme eines Toxikologen (beispielsweise am
Institut für Rechtsmedizin in St. Gallen) einzuholen. Die Rechtsvertreterin reichte am
3. März 2020 eine Honorarnote ein. Am 3. April 2020 stellte sie dem Gericht zudem das
Ergebnis der periodischen ärztlichen Kontrolluntersuchung zur Fahreignung von X vom
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30. März 2020 zu. Am 15. Mai 2020 nahm das IRM Zürich zu den Vorbringen von X
Stellung und beantwortete die vom Gericht mit Schreiben vom 16. April 2020 gestellten
Fragen. Dazu äusserte sich die Rechtsvertreterin mit Eingabe vom 26. Mai 2020. Am 7.
Juli 2020 teilte sie zudem mit, dass sich der Rekurrent am IRM Zürich einer
Haaranalyse unterziehen werde.
Auf die Ausführungen zur Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der
Rekurs vom 5. Februar 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller
und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz die Fahreignung des
Rekurrenten zu Recht verneint, den Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen und
die Wiedererteilung des Führerausweises von verschiedenen Bedingungen abhängig
gemacht hat.
a) Die Vorinstanz geht in der angefochtenen Verfügung von einer mangelnden
Fahreignung aufgrund eines erheblichen Alkoholproblems aus. Sie stützt sich dabei auf
das Ereignis vom 1. August 2019 und das verkehrsmedizinische Gutachten des IRM
Chur vom 19. Dezember 2019 (inklusive der Haaranalyse des IRM Zürich vom 4.
Dezember 2019). Aus dem Gutachten ergebe sich aufgrund der
Untersuchungsbefunde, dass die Fahreignung abgesprochen werden müsse. Das
Gutachten zeige keine offenkundigen Mängel, welche die Richtigkeit und Schlüssigkeit
in Frage stellen würden. Es erscheine schlüssig, sei nachvollziehbar begründet und
zeige keine Indizien, welche gegen dessen Zuverlässigkeit sprechen würden. Dass ein
erhebliches Alkoholproblem vorliegen müsse, habe sich im Vorfall vom 1. August 2019
manifestiert. Die Tatsache, dass der Rekurrent trotz 2,62 Gewichtspromille in der Lage
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gewesen sei, ein Fahrzeug zu führen, spreche für eine ausgeprägte
Toleranzentwicklung gegenüber Alkohol.
b) Der Rekurrent macht demgegenüber geltend, dass die Haaranalyseresultate des
IRM Zürich vom 4. Dezember 2019 die konkreten Umstände nicht berücksichtige. Er
leide an Multipler Sklerose und nehme seit mehr als einem Jahr das Medikament
Gilenya. Dieses habe Auswirkungen auf den Haarwuchs und könne zu Haarausfall
führen. Seit der Einnahme dieses Medikaments habe er einen verminderten Haarwuchs
und insbesondere einen erheblich verlangsamten Haarwuchs. Seine Haare würden
nicht gemäss Norm ca. 1 cm, sondern lediglich ca. 0,2 cm pro Monat wachsen. Dies
sei nicht berücksichtigt worden. Das Resultat der Haaranalyse des IRM Zürich vom 4.
Dezember 2019 stehe deshalb im Widerspruch zum Umstand, dass er seit dem Vorfall
vom 1. August 2019 keinen Alkohol mehr konsumiert habe. Am 6. Januar 2020 habe er
sich einem CDT-Test unterzogen, welcher für den Zeitraum von ca. 6. Oktober 2019 bis
6. Januar 2020 über den Alkoholkonsum Auskunft gebe. Das Resultat spreche gegen
einen Alkoholkonsum im fraglichen Zeitraum und stehe zusammen mit dem Resultat
des CDT-Tests im Rahmen der Begutachtung im Widerspruch zum Ergebnis der
Haaranalyse. Eine Alkoholsucht im verkehrsrechtlichen Sinn müsse nachgewiesen
werden. Eine Fahrt mit einer sehr hohen BAK reiche gemäss Bundesgericht für sich
allein noch nicht aus, um eine Alkoholsucht zu bejahen. Auch würden
verkehrsmedizinische Gutachten allein gestützt auf biochemische Analyseresultate von
u.a. Haarproben keine genügende Grundlage für einen Sicherungsentzug darstellen.
Die Frage der Fahreignung hänge nicht lediglich vom naturwissenschaftlichen
Nachweis des Alkoholkonsums ab, sondern sei Gegenstand einer juristischen Wertung.
Im Bericht des Psychiatriezentrums Werdenberg-Sarganserland vom 11. Dezember
2019 sei ebenfalls festgehalten, dass es keine Hinweise auf einen Alkohol- oder
Drogenkonsum gebe. Für eine Alkoholsucht gemäss ICD-10 müssten drei oder mehr
Kriterien erfüllt sein; er erfülle – wenn überhaupt – nur zwei der Kriterien. Für einen
Sicherungsentzug müsse eine Sucht vorliegen, welche die Fahreignung ausschliesse.
Das Gutachten komme aber gerade nicht zum Schluss, dass eine Abhängigkeit
vorliege, sondern lediglich eine mit einer "Alkoholabhängigkeit vergleichbare"
Alkoholproblematik. Deshalb sei der Sicherungsentzug nicht gerechtfertigt. Er sei als
Chauffeur sehr viel gefahren, ohne je gegen das Strassenverkehrsgesetz verstossen zu
haben.
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3.- a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die
Fahreignung. Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen
Voraussetzungen, um ein Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die
Fahreignung muss grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Unter
anderem verfügt über Fahreignung, wer frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen
von Motorfahrzeugen beeinträchtigt (Art. 14 Abs. 2 lit. c des Strassenverkehrsgesetzes,
SR 741.01, abgekürzt: SVG). Wird nachträglich festgestellt, dass die gesetzlichen
Anforderungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen, ist der Führerausweis zu
entziehen (Art. 16 Abs. 1 SVG). Gemäss Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG wird der
Führerausweis einer Person auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn sie an einer Sucht
leidet, welche die Fahreignung ausschliesst. Im Zusammenhang mit Alkohol ist auf
fehlende Fahreignung zu schliessen, wenn die Person nicht mehr in der Lage ist,
Alkoholkonsum und Strassenverkehr ausreichend zu trennen, oder wenn die nahe
liegende Gefahr besteht, dass sie im akuten Rauschzustand am motorisierten
Strassenverkehr teilnimmt (BGE 127 II 122 E. 3; Ph. Weissenberger, Kommentar SVG
und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 16d SVG N 28).
b) Die Vorinstanz trägt die Beweislast für das Vorliegen der fehlenden Fahreignung. Die
persönlichen Verhältnisse des Betroffenen sind in jedem Fall und von Amtes wegen
genau abzuklären. Das Ausmass der notwendigen behördlichen Nachforschungen
richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls und liegt im pflichtgemässen
Ermessen der Entzugsbehörde (BGE 129 II 82 E. 2.2). Bei Verdacht auf eine
Suchterkrankung wird die betroffene Person verkehrsmedizinisch untersucht und
gestützt auf das ärztliche Gutachten werden die notwendigen
Administrativmassnahmen angeordnet. Solchen Gutachten kommt nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie schlüssig erscheinen,
nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien
gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 123 V 331 E. 1c). Das verkehrsmedizinische
Gutachten unterliegt der freien richterlichen Beweiswürdigung (Art. 21 Abs. 3 und
Art. 58 Abs. 1 VRP). In Sachfragen weicht der Richter nur aus triftigen Gründen von
einer gerichtlichen Expertise ab. Er prüft, ob sich aufgrund der übrigen Beweismittel
und der Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände gegen die Schlüssigkeit eines
Gutachtens in wesentlichen Punkten aufdrängen. In diesem Fall hat er nötigenfalls
ergänzende Beweise zur Klärung der Zweifel zu erheben (BGE 133 II 384 E. 4.2.3 mit
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weiteren Hinweisen). Das verkehrsmedizinische Gutachten soll in der
Gesamtbeurteilung die erhobenen Befunde hinsichtlich der Fragestellung würdigen und
so gewichten, dass die Schlussfolgerungen und die Beantwortung der Fragestellung
auch für einen Laien nachvollziehbar sind (Bächli-Biétry, Inhalt des Gutachtens,
Würdigung, Folgefragen aus verkehrspsychologischer Sicht, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2009, S. 58).
c) Die verkehrsmedizinische Untersuchung des Rekurrenten fand am 28. November
2019 statt. Gestützt auf die Vorakten, die verkehrsmedizinischen Abklärungen, die
Haaranalyseresultate des IRM Zürich vom 4. Dezember 2019, den Austrittsbericht der
Psychiatrischen Klinik Waldhaus, einen Bericht des Psychiatriezentrums Werdenberg-
Sarganserland sowie Fremdauskünfte kamen die Gutachter zum Schluss, dass die
Fahreignung wegen Vorliegens eines verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauchs nicht
bejaht werden könne. Wer in der Lage sei, ein Fahrzeug mit einer BAK von mindestens
2,62 Gewichtspromille noch lenken zu können, sei an die Alkoholwirkung gewöhnt. Die
Haaranalyse habe für den Zeitraum zwischen Mitte Juni und Mitte November 2019 eine
sehr hohe Konzentration von EtG ergeben. Dies belege einen chronischen,
übermässigen Alkoholkonsum mindestens in diesem Zeitraum. Es bestehe eine
schwere Alkoholproblematik, vergleichbar mit einer Alkoholabhängigkeit.
d) aa) Bei der forensisch-toxikologischen Haaranalyse auf EtG handelt es sich um eine
direkte, beweiskräftige Analysemethode, deren Resultate objektive Rückschlüsse zum
Alkoholkonsum eines Probanden während einer bestimmten Zeit erlauben (vgl. zum
Ganzen Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin, Arbeitsgruppe Haaranalytik,
Bestimmung von Ethylglucuronid [EtG] in Haarproben, Version 2014, Ziff. 3.1). Die
bundesgerichtliche Rechtsprechung anerkennt die Haaranalyse als geeignetes Mittel
zum Nachweis sowohl eines übermässigen Alkoholkonsums als auch der Einhaltung
einer Abstinenzverpflichtung. Der vom Rekurrenten erwähnte Bundesgerichtsentscheid
1C_20/2012 vom 18. April 2012 wurde in BGer 1C_809/2013 vom 13. Juni 2014
relativiert und ist deshalb nicht einschlägig. Die Haaranalyse gibt direkten Aufschluss
über den Alkoholkonsum. Nach dem Alkoholkonsum wird das Abbauprodukt EtG im
Haar eingelagert. Weil EtG ein Abbauprodukt von Alkohol ist, korreliert die festgestellte
EtG-Konzentration mit der aufgenommenen Menge an Trinkalkohol. Aufgrund des
Kopfhaar-Längenwachstums von rund einem Zentimeter pro Monat lassen sich
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Aussagen über den Alkoholkonsum während der entsprechenden Zeit vor der
Haarentnahme machen (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_491/2017 vom 9. Mai
2018 E. 3.2, 1C_615/2014 vom 11. Mai 2015 E. 2.3.1; BGE 140 II 334 E. 3 mit
Hinweisen).
bb) Die dem Rekurrenten anlässlich der verkehrsmedizinischen Untersuchung am
28. November 2019 abgenommene Kopfhaarprobe wies im kopfhautnahen Segment
einen EtG-Gehalt von 160 pg/mg und im kopfhautfernen Segment einen EtG-Gehalt
von 230 pg/mg auf. Wie im verkehrsmedizinischen Gutachten vom 19. Dezember 2019
dazu ausgeführt wird, stellt dies eine hohe Konzentration dar, welche einen
chronischen, übermässigen Alkoholkonsum belegt. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung ist dies bereits bei EtG-Werten von 45 und 66 pg/mg der Fall
(vgl. BGer 1C_150/2010 vom 25. November 2010 E. 5.3). Ein EtG-Wert von 94 pg/mg
begründet nach der Praxis des Bundesgerichts ein schwerwiegendes Indiz für einen
verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch mit Suchtgefährdung im Sinn von Art. 16d
Abs. 1 lit. b SVG (vgl. BGer 1C_243/2010 vom 10. Dezember 2010 E. 2.7). Die
vorliegend festgestellten EtG-Werte entsprechen einem Mehrfachen des Wertes von
30 pg/mg, wo die Mediziner die Grenze zum übermässigen Alkoholkonsum lokalisieren
(vgl. Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin, a.a.O., Ziff. 6.2; vgl. BGE 140 II
334 E. 7). Bereits eine Konzentration von 30 pg/mg EtG deutet auf einen massiven
täglichen Alkoholkonsum von über 60 Gramm Ethanol hin (vgl. Schweizerische
Gesellschaft für Rechtsmedizin, a.a.O., Ziff. 6.1 und 6.2; Consensus of the Society of
Hair Testing on Hair Testing for Chronic Excessive Alcohol Consumption 2009, in:
Toxichem Krimtech 76/2009 S. 252, www.gtfch.org). Die ausgewiesenen EtG-Werte
von über 100 pg/mg belegen damit einen durchschnittlichen Alkoholkonsum von weit
mehr als 60 Gramm Ethanol pro Tag, was einem massiven täglichen
Alkoholüberkonsum entspricht.
cc) Der Rekurrent macht geltend, dass er aufgrund der Einnahme des Medikaments
Gilenya verlangsamtes Haarwachstum habe und die Haaranalyse deshalb nicht
aussagekräftig sei. Das Medikament Gilenya kann gemäss Gebrauchsinformation für
Anwender als häufige Nebenwirkung Haarausfall verursachen. Von verlangsamtem
Haarwachstum steht darin, soweit ersichtlich, indessen nichts. Die Rechtsmediziner
des IRM Zürich führten dazu in der Stellungnahme vom 15. Mai 2020 aus, dass
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Haarausfall unter anderem dadurch gekennzeichnet sein könne, dass der prozentuale
Anteil der Haare in der Telogen-Phase (Ruhephase vor dem Ausfall des Haars) deutlich
erhöht sei. Damit sinke der Anteil der Haare in der Anagen-Phase (Wachstumsphase),
wodurch der Eindruck des verlangsamten Haarwachstums entstehen könne. Selbst
wenn man beim Rekurrenten von einem veränderten Haarwachstum ausginge, änderte
dies an den gemessenen EtG-Werten nichts. Denn gemäss Stellungnahme des IRM
Zürich vom 15. Mai 2020 beeinflusst ein verändertes Haarwachstum das analytische
Ergebnis der Konzentration von EtG im Haar nicht (Ziff. 2). Ein allfällig verändertes
Haarwachstum hat jedoch Auswirkungen auf das Zeitfenster, das die Haarprobe
repräsentiert. Ist die Anzahl telogener Haare erhöht, so deckt die Haarprobe ein zeitlich
länger zurückliegendes Zeitfenster ab als bei normalem Haarwachstum (Stellungnahme
des IRM vom 15. Mai 2020 Ziff. 2). Beim Rekurrenten ist somit trotz eines allfällig
veränderten Haarwachstums von EtG-Werten von 160 pg/mg und 230 pg/mg
auszugehen. Aufgrund des allfällig veränderten Haarwachstum lässt sich allerdings
nicht genau bestimmen, in welchem Zeitraum das EtG in die Haare abgelagert wurde.
Allenfalls reicht der Zeitraum weiter als Mitte Juni 2019, wie im Ergebnis der
Haaranalyse vom 4. Dezember 2019 festgehalten, zurück. Dass die Haaranalyse
allenfalls einen weiter zurückliegenden Zeitraum abdeckt als im Gutachten angegeben,
vermag das Gutachten nicht zu erschüttern. Beim angegebenen Zeitraum handelt es
sich immer um eine grobe Schätzung, die das individuelle Haarwachstum nicht
berücksichtigt. Die Gutachter wussten zudem nicht, dass beim Rekurrenten allenfalls
ein verändertes Haarwachstum vorliegen könnte, da er dies erst im Rekurs vorbrachte.
Unabhängig vom genauen Zeitrahmen ist aufgrund der hohen EtG-Werte jedenfalls ein
übermässiger Alkoholkonsum nachgewiesen.
dd) Wenn jemand regelmässig so viel Alkohol trinkt, dass er die genannten Grenzwerte
überschreitet, wird der betroffenen Person die Fahreignung abgesprochen werden
müssen, weil dann die naheliegende Gefahr besteht, dass sie in fahrunfähigem Zustand
ein Fahrzeug lenkt. Ein solches Konsumverhalten erlaubt es kaum je, ausreichend
zwischen dem Suchtmittelkonsum und dem Strassenverkehr zu trennen. Der Rekurrent
ist deshalb mehr als jede andere Person der Gefahr ausgesetzt, sich in einem Zustand
ans Steuer eines Fahrzeugs zu setzen, der das sichere Führen nicht mehr
gewährleistet. Bei einem regelmässigen, nach den gesetzlichen Grenzwerten als
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übermässig geltenden Alkoholkonsum stellt ein Sicherungsentzug die Regel dar
(Weissenberger, a.a.O., Art. 16d N 30).
ee) Dem Rekurrenten ist zuzustimmen, dass auch signifikant erhöhte biochemische
Werte nicht immer einen zweifelsfreien Schluss auf eine den Sicherungsentzug
rechtfertigende fehlende Fahreignung im Sinn von Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG erlauben.
Deutlich erhöhte EtG-Werte sind zwar ein wichtiges Indiz für mangelnde
Fahrtüchtigkeit. Als Voraussetzung für den Sicherungsentzug braucht es aber immer
eine ausreichende verkehrsmedizinische Abklärung (BGer 1C_150/2010 vom
25. November 2010 E. 5.1 mit Hinweisen und E. 5.3 sowie 1C_615/2014 vom 11. Mai
2015 E. 2.5.1). Dem ist die Vorinstanz im vorliegenden Fall in genügendem Masse
nachgekommen, indem sie eine verkehrsmedizinische Untersuchung anordnete und
den Sicherungsentzug auf das verkehrsmedizinische Gutachten vom 19. Dezember
2019, welchem eine umfassende Abklärung der Verhältnisse des Rekurrenten und nicht
nur die biochemische Haaranalyse des IRM vom 4. Dezember 2019 zugrunde liegt,
stützte.
e) Dass die Gutachter nicht zum Schluss kamen, es liege eine Alkoholabhängigkeit vor,
sondern ein verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch, welcher vergleichbar mit einer
Abhängigkeit sei, ist nicht zu beanstanden. Der Suchtbegriff des Verkehrsrechts stimmt
mit jenem der Medizin nicht überein. Das verkehrsrechtliche Verständnis der Sucht
erlaubt, auch bloss suchtgefährdete Personen, bei denen aber jedenfalls ein die
Verkehrssicherheit beeinträchtigender regelmässiger Alkoholmissbrauch vorliegt, vom
Führen eines Motorfahrzeugs fernzuhalten. Gegenüber dem medizinischen ist beim
verkehrsrechtlichen Suchtbegriff der Bezug zum Strassenverkehr von entscheidender
Bedeutung. Eine Sucht oder Suchtgefährdung ist strassenverkehrsrechtlich dann
relevant, wenn sie so beschaffen ist, dass die Gefahr besteht, dass sich die betroffene
Person in nicht fahrfähigem Zustand ans Lenkrad setzen wird (Weissenberger, a.a.O.,
Art. 16d SVG N 28; BGE 129 II 82 E. 4.1 mit Hinweisen; BGer 6A.8/2007 vom 1. Mai
2007 E. 2.1). Diese Gefahr hat sich beim Rekurrenten am 1. August 2019 verwirklicht.
Er lenkte ein Fahrzeug mit einer sehr hohen BAK von mindestens 2,62 und maximal
3,18 Gewichtspromille. Da ein Sicherungsentzug nicht wegen eines schuldhaften
Verhaltens des Ausweisinhabers erfolgt, sondern im Interesse der Verkehrssicherheit,
gilt die Unschuldsvermutung nicht und darf beim Alkoholisierungsgrad auf den
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Mittelwert abgestellt werden (BGE 140 II 331 E. 6). Dieser beträgt 2,9 Gewichtspromille.
Dem Rekurrenten ist zuzustimmen, dass allein die hohe BAK für die Annahme einer
Alkoholsucht nicht genügt. Der hohe Wert weist aber klar auf eine allgemeine
Alkoholgewöhnung des Rekurrenten hin. Die gemessenen, sehr hohen EtG-Werte
stehen dazu nicht im Widerspruch. Für Personen, welche nur selten Alkohol trinken, ist
es gar nicht möglich, eine Blutalkoholkonzentration von mehr als 2,0 Gewichtspromille
überhaupt zu erreichen, zumal sie – aufgrund der alkoholtoxischen Wirkung – schon
vorher mit zunehmender Übelkeit, Bewusstseinsstörungen und beispielsweise
Erbrechen reagieren. Derart beeinträchtigte Personen sind nicht mehr in der Lage, nur
noch halbwegs zielgerichtete Handlungen auszuführen, geschweige denn das
Fahrzeug zu finden und dieses einigermassen korrekt bedienen und führen zu können
(vgl. B. Liniger, Verkehrsmedizin: Fahreignungsbegutachtung und Auflagen, in:
Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2004, St. Gallen 2004, S. 92). In der Fachliteratur
wird zudem darauf hingewiesen, dass von der durchschnittlich alkoholgewohnten
Bevölkerung Werte von über 1,6 Gewichtspromille nicht erreicht werden und das
einmalige Erreichen oder Überschreiten dieses Wertes auch ohne aktive
Verkehrsteilnahme bereits ein Beleg eines gesundheitsschädigenden und
missbräuchlichen Umgangs mit Alkohol ist, welcher mit einer Suchtgefährdung
einhergeht (vgl. Liniger, a.a.O., S. 93). Deshalb muss beim Rekurrenten aufgrund des
hohen Alkoholisierungsgrades im Ereigniszeitpunkt – in Übereinstimmung mit dem
Gutachten – von einer erheblichen Toleranzentwicklung ausgegangen werden, welche
sich nur durch ein längerfristiges normabweichendes Trinkverhalten entwickeln kann.
Dementsprechend lässt sich das fragliche Ereignis nicht mit einem einmaligen
Alkoholüberkonsum erklären. Vielmehr ist unter den gegebenen Umständen von einem
verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch mit Suchtgefährdung auszugehen.
f) Vor diesem Hintergrund erweist sich die Schlussfolgerung der Gutachter, dass die
Fahreignung des Rekurrenten nicht befürwortet werden könne, als schlüssig und
nachvollziehbar. Sowohl der Bericht des Neurologen vom 13. Januar 2020, wonach der
CDT-Wert beim Rekurrenten normal sei, sowie der Bericht des Psychiatriezentrums
Werdenberg-Sarganserland vom 11. Dezember 2019, wonach keine Hinweise auf einen
Alkoholkonsum vorgelegen hätten, vermögen an diesem Ergebnis nichts zu ändern.
Einerseits können die aus dem Blut ermittelten Werte einen Alkoholkonsum nicht wie
die Haaranalyse direkt nachweisen, und andererseits kommt einem Arztzeugnis nicht
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der gleich hohe Stellenwert wie einer verkehrsmedizinischen Untersuchung zu. Der
Bericht des Psychiatriezentrums Werdenberg-Sarganserland stützt sich zudem
lediglich auf die Angaben des Rekurrenten zum Alkoholkonsum. Ebenso wenig
aussagekräftig sind der (nicht unterzeichnete) Bericht der ärztlichen
Kontrolluntersuchung vom 30. März 2020 – wobei diesbezüglich nicht klar ist, ob die
Ärztin Kenntnis hatte von der Trunkenheitsfahrt vom 1. August 2019 – sowie die
schriftlichen Angaben des Neurologen und der Augenärztin vom 9. Dezember 2019,
welche sich zu einem allfälligen Alkoholkonsum des Rekurrenten überhaupt nicht
äussern.
4.- Insgesamt ergibt sich damit, dass die Vorinstanz zu Recht auf das
verkehrsmedizinische Gutachten vom 13. August 2019 abgestellt und den
Führerausweis des Rekurrenten gestützt auf Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG aufgrund eines
verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauchs entzogen hat. Der mit dem Sicherungsentzug
verbundene Eingriff in die Persönlichkeitssphäre des Rekurrenten ist angesichts der auf
dem Spiel stehenden öffentlichen Inter-essen der Sicherheit anderer
Verkehrsteilnehmer erforderlich und angemessen und liegt nicht zuletzt auch in seinem
eigenen, wohlverstandenen Interesse (vgl. BGer 6A.15/2000 vom 28. Juni 2000 E. 4).
Dem ungetrübten automobilistischen Leumund des Rekurrenten kommt im
Sicherungsentzugsverfahren keine entscheidende Bedeutung zu, denn bei Vorliegen
einer fehlenden Fahreignung muss zwingend ein Entzug auf unbestimmte Zeit erfolgen
(vgl. Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG; BGE 133 II 331 E. 9.1; Weissenberger, a.a.O., Art. 16d
N 10). Ob der Rekurrent – wie er geltend macht – seit dem Vorfall vom 1. August 2019
alkoholabstinent ist, muss erst im Rahmen des Verfahrens um Wiedererteilung des
Führerausweises überprüft werden (vgl. Art. 17 Abs. 3 SVG).
5.- Dass die Vorinstanz als Bedingungen für die Aufhebung des Führerausweisentzugs
eine kontrollierte Alkoholabstinenz mittels Haaranalysen von mindestens zwölf
Monaten, eine begleitende Behandlung und Betreuung nach Ermessen eines
Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie mit Verlaufsberichten, eine Behandlung
der Multiplen Sklerose und der Folgeerkrankungen nach Massgabe des behandelnden
Neurologen inklusive Verlaufsbericht, optional eine verkehrspsychologische
Begutachtung nach Abschluss der kontrollierten Alkoholabstinenz, sofern nach wie vor
das Medikament Modasomil verordnet ist, sowie eine verkehrsmedizinische
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Kontrolluntersuchung festlegte, ist nicht zu beanstanden. Insbesondere bei einem
verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch muss das Alkoholtrinkverhalten in dem Sinn
ausreichend geändert worden sein, dass Trinken und Fahren zuverlässig getrennt
werden können. Die Änderung des Alkoholtrinkverhaltens muss derart stabil gefestigt
sein, dass die Verhaltensänderung in der Regel zwölf Monate konsequent vollzogen
wurde (Seeger, Alkohol und Fahreignung, in: Arbeitsgruppe Verkehrsmedizin [Hrsg.],
Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, 1. Aufl. 2005, S. 27). Auch wenn
beim Rekurrenten aufgrund der Einnahme des Medikaments Gilenya der Anteil
telogener Haare erhöht sein könnte, ist davon auszugehen, dass bei einer Haaranalyse
nach sechs bzw. zwölf Monaten nicht allein aufgrund des Anteils telogener Haare EtG
nachgewiesen wird (sogenanntes Auswachsphänomen, vgl. Stellungnahme IRM Zürich
vom 15. Mai 2020 Ziff. 3). Es ist somit nichts gegen die Methode der Haaranalyse zum
Nachweis der Alkoholabstinenz einzuwenden. Der Rekurrent hat zudem mitgeteilt, dass
er sich einer erneuten Haaranalyse unterziehen werde. Zu den weiteren Bedingungen
für die Aufhebung des Führerausweisentzugs wird im Rekurs nichts vorgebracht,
weshalb auf diese nicht weiter einzugehen ist.
6.- Mit dem Sicherungsentzug soll sichergestellt werden, dass der Rekurrent zum
Schutz der Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer vom Strassenverkehr
ferngehalten wird. Dieser Zweck wäre gefährdet, wenn der Rekurrent während des
Beschwerdeverfahrens als Motorfahrzeugführer zum Strassenverkehr zugelassen
würde. Einer allfälligen Beschwerde ist deshalb die gesetzlich vorgesehene
aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 und Art. 51 VRP).
7.- a) Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem
Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1‘500.–
(vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12) erscheint angemessen.
Der Kostenvorschuss von Fr. 1'500.– ist damit zu verrechnen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist keine ausseramtliche Entschädigung
zuzusprechen (Art. 98 VRP).