Decision ID: 12582ea5-9b5e-5591-9e50-448f71133243
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführenden vom 24. März
2019 mit Verfügung vom 3. September 2020 – eröffnet am 9. September
2020 – abwies und die Wegweisung sowie den Vollzug anordnete,
dass es dabei in Bezug auf die vorliegend strittige Frage der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs zur Begründung im Wesentlichen ausführte, die
Beschwerdeführenden seien beide mittleren Alters, der Beschwerdeführer
habe die Schule bis zur Sekundarstufe besucht, könne Arbeitserfahrung im
Baugewerbe vorweisen, sei bei guter Gesundheit, habe eine Schwester in
Lagos, seine Mutter, die nach wie vor in Benin City im eigenen Haus lebe,
werde von deren Brüdern unterstützt, und er verfüge zudem über weitere
Verwandte, die ihn bei einer Rückkehr unterstützen könnten,
dass die Beschwerdeführerin die Primarschule absolviert habe, über prak-
tische Erfahrung im landwirtschaftlichen Bereich verfüge und auch ihre
Mutter sowie ihre zwei Brüder und ihre drei verheirateten Schwestern nach
wie vor in Benin City leben würden,
dass die gemeinsamen Kinder zwar gemäss ihren Angaben nie in Nigeria
gelebt hätten, aufgrund ihres jungen Alters jedoch davon auszugehen sei,
dass sie sich dort schnell einleben würden, zumal sie sich vergleichsweise
nur für kurze Zeit in der Schweiz aufgehalten hätten, so dass nicht davon
auszugehen sei, dass sie hier stark verwurzelt seien,
dass eine Behandlung von Diabetes in Nigeria möglich und das von der
Beschwerdeführerin benötigte Medikament erhältlich sei,
dass es den Beschwerdeführenden ausserdem freistehe, bei der kantona-
len Rückkehrberatungsstelle medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen
(Art. 93 AsylG [SR 142.31]),
dass die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 8. Oktober 2020 gegen
diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhoben
und die Aufhebung der Ziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung, die
Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und die Ertei-
lung einer vorläufigen Aufnahme beantragten,
dass sie der Verfügung des SEM im Wesentlichen entgegenhielten, sie
hätten sich seit siebzehn Jahren ausserhalb Nigerias aufgehalten, so dass
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eine Rückkehr und eine Integration die neunköpfige Familie völlig überfor-
dern würde, zumal die Kinder noch nie in Nigeria gewesen seien,
dass nigerianische Staatsangehörige, die aus Europa zurückkehren wür-
den, sich mit Stigmatisierung und Elend konfrontiert sähen,
dass der Vater des Beschwerdeführers gestorben sei, die Mutter mit Ver-
wandten in einem kleinen Zweizimmerhaus im Eigentum der Familie in Be-
nin City lebe und die Schwestern nach Lagos geflohen seien,
dass bei der Beschwerdeführerin mehrere Familien in einem kleinen Haus
leben würden, das ihre Eltern gemietet hätten,
dass die Rückkehr einer neunköpfigen Familie die Verwandtschaft völlig
überfordern würde, zumal die von der Vorinstanz erwähnten Häuser klein
seien, sodass es den Verwandten kaum möglich sein werde, ihre grosse
Familie aufzunehmen,
dass sie die Situation in Nigeria nicht mehr kennen würden,
dass große Teile der nigerianischen Bevölkerung immer noch in Armut und
ohne angemessenen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen leben
würden und die Covid-19 Pandemie die wirtschaftliche Lage in Nigeria zu-
sehends verschlimmert habe,
dass der Beschwerdeführer zudem mit dem Druck des geheimen Kultes
seines verstorbenen Vaters konfrontiert wäre,
dass sie in formeller Hinsicht um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 102m AsylG und um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersuchten,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
12. Oktober 2020 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 2
AsylG),
dass der mit Zwischenverfügung vom 16. Oktober 2020 verlangte Kosten-
vorschuss am 28. Oktober 2020 fristgerecht geleistet wurde,
dass am 12. November 2020 eine Eingabe des neu mandatierten Rechts-
vertreters beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht wurde,
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dass dabei noch einmal auf die familiäre Situation in Nigeria, die unzu-
reichende Berufsbildung der Beschwerdeführenden und das Kindeswohl
hingewiesen sowie ein ärztlicher Bericht aufgrund psychischer Probleme
der Beschwerdeführerin in Aussicht gestellt wird,

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen
(Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass die Beschwerdeführenden am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen haben, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
sind, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung haben und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
sind (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass sich die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen
Rügen im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG richten (vgl.
BVGE 2014/26 E. 5),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb das Urteil
nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit der Beschwerde vom 8. Oktober 2020 lediglich der Vollzug der
Wegweisung angefochten wurde, womit die Verfügung vom 3. September
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2020 in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft, den Asylpunkt und die Weg-
weisung in Rechtskraft erwachsen ist,
dass das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestim-
mungen über die vorläufige Aufnahme regelt, wenn der Vollzug der Weg-
weisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]),
dass beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft gilt, das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.),
dass der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig ist, wenn völkerrechtliche
Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des
Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenste-
hen (Art. 83 Abs. 3 AIG),
dass keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden darf, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]),
dass der Vollzug der Wegweisung vorliegend in Beachtung dieser mass-
geblichen völker- und landesrechtlichen Bestimmungen zulässig ist, da es
den Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, weshalb das in
Art. 5 AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoule-
ment im vorliegenden Verfahren keine Anwendung findet,
dass sodann keine Anhaltspunkte für eine im Heimat- oder Herkunftsstaat
drohende menschenrechtswidrige Behandlung im Sinne von Art. 25 Abs. 3
BV, von Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter
und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung
oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK ersichtlich sind,
dass sich der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer als unzumutbar
erweist, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen
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wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage kon-
kret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AIG),
dass weder die allgemeine Lage im Heimat- beziehungsweise Herkunfts-
staat der Beschwerdeführenden noch individuelle Gründe auf eine kon-
krete Gefährdung im Falle einer Rückkehr schliessen lassen,
dass die vorinstanzlichen Erwägungen in Bezug auf die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs vollumfänglich zu stützen sind und zur Vermeidung
von Wiederholung darauf verwiesen werden kann,
dass darauf hinzuweisen ist, dass blosse soziale und wirtschaftliche
Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölkerung im Allgemeinen be-
troffen ist, grundsätzlich nicht genügen, um eine Gefährdung im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AuG darzustellen (vgl. BVGE 2008/34 E. 11.2.2),
dass die Beschwerdeführenden nach eigenen Angaben aus Benin-City
stammen, wo sie bis zu ihrer Ausreise aus Nigeria lebten und ihre Eltern
sowie zum Teil ihre Geschwister und weitere Verwandte, mit denen sie in
Kontakt stehen, weiterhin leben, womit sie über ein tragfähiges familiäres
Beziehungsnetz verfügen, sodass sie nach einer Rückkehr nicht auf sich
allein gestellt sein werden,
dass der Hinweis in der Beschwerde auf die Wohnsituation und die wirt-
schaftlich prekäre Lage der Familie am Bestehen des Beziehungsnetzes
nichts zu ändern vermag, zumal davon auszugehen ist, dass die Verwand-
ten den Beschwerdeführenden, wenn sie diese nicht bei sich aufnehmen
können, eine passende Unterkunft vermitteln könnten,
dass es sich bei den Beschwerdeführenden zwar um eine Grossfamilie mit
sieben Kindern handelt, deren Rückkehr das Beziehungsnetz in Nigeria
kurzzeitig strapazieren könnte, dies aber nicht zu einer andauernden exis-
tenzbedrohlichen Situation zu führen vermag,
dass der Beschwerdeführer über Berufserfahrung als Hilfsmaurer und Ma-
ler verfügt und die Beschwerdeführerin eine Ausbildung als Coiffeuse be-
gonnen und in der Landwirtschaft gearbeitet hat,
dass ihre Befürchtungen, wonach sie in Nigeria mit ihren Kindern mit Stig-
matisierung und Elend konfrontiert wären, angesichts des bestehenden
Beziehungsnetzes nicht berechtigt sind,
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dass sie mit ihren Kindern in ihren angestammten Kulturraum in Nigeria
zurückkehren können, wo sie keine unüberwindbaren sprachlichen, gesell-
schaftlichen und wirtschaftlichen Barrieren vorfinden werden,
dass das Gericht nicht verkennt, dass eine Rückkehr nach langjährigem
Aufenthalt ausserhalb des Heimatstaats eine Herausforderung ist, dies
eine Reintegration aber nicht verunmöglicht und die Beschwerdeführenden
nicht daran hindert, sich eine neue Existenz aufzubauen,
dass schliesslich auf die Möglichkeit hinzuweisen ist, die Rückkehrhilfe der
Schweiz (Art. 93 AsylG) in Anspruch zu nehmen, was den Wiedereinstieg
in Nigeria ebenfalls zu erleichtern vermag,
dass auch die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführenden nicht
gegen den Vollzug der Wegweisung spricht und diesbezüglich auf die Er-
wägungen in der vorinstanzlichen Verfügung zu verweisen ist, denen in der
Beschwerde inhaltlich kaum Wesentliches entgegengehalten wurde,
dass die mit Eingabe des neu mandatierten Rechtsvertreters geltend ge-
machten psychischen Probleme nicht weiter substantiiert werden und bis
anhin auch nicht vorgebracht wurden, weshalb in antizipierender Beweis-
würdigung die Einreichung des in Aussicht gestellten Arztberichtes nicht
abzuwarten ist,
dass auch der angebliche Druck des geheimen Kultes des verstorbenen
Vaters nicht gegen den Vollzug der Wegweisung spricht, zumal der Vater
schon seit Jahren tot ist und der Beschwerdeführer diesbezüglich in der
Verfügung der Vorinstanz auf die mögliche staatliche Schutzgewährung
verwiesen wurde,
dass auch das Kindeswohl nicht gegen den Vollzug der Wegweisung
spricht,
dass die Kinder aufgrund ihres Alters noch stark an ihre Eltern als wich-
tigste Bezugspersonen gebunden sind und eine Übersiedelung nach Nige-
ria mit ihren Eltern nicht zu einer Entwurzelung führt, zumal sie sich erst
eineinhalb Jahre in der Schweiz aufhalten,
dass in Nigeria die Grosseltern und Geschwister ihrer Eltern sowie weitere
Verwandte leben, was eine rasche Integration der Kinder im Familienver-
band gewährleistet,
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dass der Vollzug der Wegweisung nach dem Gesagten zumutbar ist,
dass der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden in den Hei-
matstaat schliesslich möglich ist, da keine Vollzugshindernisse bestehen
(Art. 83 Abs. 2 AIG), und es den Beschwerdeführenden obliegt, bei der Be-
schaffung gültiger Reisepapiere mitzuwirken (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und
dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
dass nach dem Gesagten der vom Staatssekretariat verfügte Vollzug der
Wegweisung zu bestätigen ist,
dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechts-
erheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1
AsylG) und – soweit überprüfbar – angemessen ist, weshalb die Be-
schwerde abzuweisen ist,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und
dieser Betrag dem einbezahlten Kostenvorschuss zu entnehmen ist.
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