Decision ID: 6becda67-8d20-50cd-bc90-e0b48c0bd771
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 22.03.2012 Art. 9 ff. ELG, Art. 17 Abs. 2 ATSG. Berechnung der Ergänzungsleistungen. Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 22. März 2012, EL 2011/26).Vizepräsidentin Miriam Lendfers, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-Studerus; a.o. Gerichtsschreiberin Annina BaltisserEntscheid vom 22. März 2012in SachenA._,Beschwerdeführerin,vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Marcel Landolt, Molkereistrasse 1, Postfach, 8645 Jona,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErgänzungsleistung zur IVSachverhalt
A.
A.a A._ bezieht seit Juli 2003 Ergänzungsleistungen (EL) zu ihrer IV-Viertelsrente (vgl.
EL-act. 28). Es erfolgten mehrere Anpassungen (vgl. EL-act. 95, EL-act. 74), wobei in
der Berechnung das Ehepaar und die zwei Kinder berücksichtigt und jeweils das
Einkommen des Ehemannes angerechnet wurden.
A.b Mit Verfügung vom 29. April 2010 forderte die EL-Durchführungsstelle
Ergänzungsleistungen im Umfang von Fr. 96'671.-- für die Jahre 2006 bis März 2010
zurück, mit der Begründung, dass sich das Einkommen des Ehemannes seit dem Jahr
2006 erhöht habe. Die offene Forderung werde direkt mit den monatlichen
Ergänzungsleistungen verrechnet (EL-act. 41). Ein Gesuch um Erlass der
Rückforderung wies die EL-Durchführungsstelle ab (EL-act. 42).
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A.c Mit einer weiteren Verfügung vom 29. April 2010 sprach die Durchführungsstelle
der Versicherten Ergänzungsleistungen im Umfang von monatlich Fr. 1177.-- (davon
Fr. 417.-- ausserordentliche EL) mit Wirkung ab 1. April 2010 zu. Angerechnet wurden
das Einkommen des Ehemannes und der Lehrlingslohn der Tochter von insgesamt
Fr. 99'092.-- brutto (EL-act. 40).
A.d Mit Verfügung vom 15. Juli 2010 wies die Durchführungsstelle einen Anspruch auf
Ergänzungsleistungen ab dem 1. August 2010 ab. Die Tochter wurde in der
Berechnung nicht mehr berücksichtigt (vgl. EL-act. 33).
B.
B.a Gegen diese Verfügung vom 15. Juli 2010 erhob die Versicherte am 9. August 2010
Einsprache und beantragte eine erneute Berechnung basierend auf den beigelegten
Lohnauszügen ihres Ehemannes von Januar bis Juli 2010 (EL-act. 30).
B.b In einer Stellungnahme des Fachbereichs vom 18. September 2010 wurde
erwähnt, dass die Anrechnung der ausserordentlichen Ergänzungsleistungen
vergessen worden sei, weshalb sowohl mit den Lohnangaben von 2009 als auch mit
den aktuellen von 2010 ein Anspruch auf EL bestehe (EL-act. 28).
B.c Im Rahmen des Einspracheverfahrens wurde der Versicherten am 18. November
2010 eine drohende Schlechterstellung angekündigt und mitgeteilt, dass aufgrund der
eingereichten Lohnabrechnungen neu ein Einkommen des Ehemannes von
Fr. 81'385.-- statt Fr. 92'592.-- berücksichtigt werde. Allerdings sei festgestellt worden,
dass irrtümlicherweise unterlassen worden sei, der Versicherten ein Einkommen von
Fr. 24'960.-- gemäss Art. 14a der Verordnung über Ergänzungsleistungen zur Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV; SR 831.301) anzurechnen. Da eine
Berechnung der EL mit Einbezug der Tochter vorteilhafter sei, werde deren Lohn
überdies entsprechend mit Fr. 11'050.-- berücksichtigt. Somit werde ein
Gesamteinkommen von Fr. 117'395.-- berücksichtigt. Da der Einnahmeüberschuss
Fr. 5'882.-- (statt Fr. 262.--) betrage, bestehe kein EL-Anspruch. Entscheidend sei
jedoch, dass allfällige Krankheitskosten nicht mehr ab einem Betrag von Fr. 262.--
berücksichtigt würden (EL-act. 24).
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B.d In der Einspracheergänzung vom 7. Januar 2011 liess die Versicherte die
Aufhebung der Verfügung vom 15. Juli 2010 sowie rückwirkend Ergänzungsleistungen
im Umfang von Fr. 465.-- ab dem 1. August 2010 beantragen. Bestritten wurden im
Wesentlichen die anrechenbaren Einkommen des Ehemannes und der Tochter.
Aufgrund der Lohnausweise von Januar bis Dezember 2010 ergäbe sich ein
Erwerbseinkommen des Ehemannes von Fr. 73'751.45. Das Einkommen der Tochter
belaufe sich auf Fr. 8'600.-- und setze sich aus monatlich Fr. 500.-- (bis Juli 2010) und
Fr. 850.-- (ab August 2010) inklusive 13. Monatslohn zusammen. Unter
Berücksichtigung der Sozialabzüge, des Freibetrages gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. a des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) und unter Anrechnung der IV-Rente der
Versicherten ergäben sich anrechenbare Einnahmen von Fr. 71'179.70 und damit einen
Ausgabenüberschuss von Fr. 5'580.30 (EL-act. 17). Mit Ergänzung der
Einsprachebegründung vom 27. Januar 2011 liess die Versicherte den Lohnausweis
des Ehemannes für 2010 nachreichen und um Berücksichtigung eines Bruttolohnes
des Ehemannes von Fr. 72'251.-- anstatt Fr. 73'751.45 ersuchen (EL-act. 15).
B.e Am 3. Mai 2011 reichte der Ehemann der Versicherten bei der Durchführungsstelle
Lohnabrechnungen der Monate Januar bis April 2011 ein. Zusätzlich legte er einen ab
dem 1. April 2011 gültigen Arbeitsvertrag (50% Pensum) der Versicherten sowie Be
werbungsunterlagen und mehrere Absagen bei (EL-act. 8-11).
B.f Am 17. August 2011 meldete die Versicherte der Durchführungsstelle die
Kündigung ihrer Arbeitsstelle per 10. Juni 2011 und reichte Lohnabrechnungen von Mai
und Juni 2011 sowie Lohnabrechnungen ihres Ehemannes von Mai bis Juli 2011 ein
(EL-act. 97).
B.g Mit Einspracheentscheid vom 5. September 2011 wies der Rechtsdienst der SVA
die Einsprache vom 9. August 2010 in Vertretung der EL-Durchführungsstelle ab. Zur
Begründung wurde im Wesentlichen angeführt, das Einkommen von Fr. 24'960.-- hätte
der Versicherten auch schon vor August 2010 angerechnet werden müssen, da sie die
Vermutung, dass sie dieses Einkommen erzielen könne, nicht habe widerlegen können.
Bezüglich des Einkommens des Ehemannes wurde ausgeführt, dieser habe seit
Oktober 2009 immer weniger verdient, wobei ein Missverhältnis zwischen dem stark
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gesunkenen Einkommen und den unverändert hohen Pauschalspesen bestehe. Des
halb sei nicht der tatsächlich erzielte, sondern der zumutbare Lohn massgebend. Dem
Ehemann wäre es zumutbar gewesen, ein Einkommen wie im Jahr 2008 respektive wie
vor Oktober 2009 zu erzielen (EL-act. 99).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid vom 5. September 2011 richtet sich die
vorliegende Beschwerde vom 10. Oktober 2011. Die Beschwerdeführerin beantragt,
der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und es seien ihr ab 1. August 2010
monatliche Ergänzungsleistungen von Fr. 482.-- und ab 1. Januar 2011 solche von
Fr. 2'507.-- zuzusprechen. Es wird beanstandet, dass die Beschwerdegegnerin nicht
von den tatsächlichen Verhältnissen ausgegangen sei, sondern entgegen der klaren
Aktenlage sowohl der Beschwerdeführerin als auch ihrem Ehemann ein hypothetisches
Einkommen angerechnet habe. Dem Ehemann könne nicht vorgeworfen werden, er
habe sich nicht um eine bessere Stelle bemüht, da er mit Wirkung ab 1. August 2011
eine neue Stelle angetreten habe. Bezüglich des Einkommens der Tochter sei der
Sachverhalt falsch dargestellt worden, da diese im Jahr 2010 Fr. 7'750.-- und nicht
Fr. 11'050.-- verdient habe. Darüber hinaus habe die Beschwerdeführerin durch die
Bewerbungsunterlagen und durch ihre Erwerbstätigkeit die Vermutung umgestossen,
dass ihr ein pauschal vorgegebenes Einkommen gemäss Art. 14a ELV anzurechnen
sei. Es dürfe ihr entsprechend für das Jahr 2011 kein hypothetisches Einkommen mehr
angerechnet werden. Der Lohn des Ehemannes sei gemäss den Lohnabrechnungen
Januar bis Juli 2011 auf das ganze Jahr hochzurechnen (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt am 28. Oktober 2011 unter Verweis auf die
Erwägungen des angefochtenen Einspracheentscheides die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3).

Erwägungen:
1.
Streitig und vorliegend zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch der
Beschwerdeführerin auf Ergänzungsleistungen ab August 2010 zu Recht verneint hat.
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Beanstandet wird, dass bei der Berechnung des Einkommens der Tochter von einem
falschen Sachverhalt ausgegangen und sowohl bei der Versicherten als auch bei ihrem
Ehemann ein hypothetisches Einkommens angerechnet worden sei.
2.
Zum Einkommen der Tochter:
2.1 Gemäss Art. 9 Abs. 1 ELG entspricht die jährliche Ergänzungsleistung dem
Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen.
Nach Abs. 2 dieser Bestimmung werden die anerkannten Ausgaben sowie die
anrechenbaren Einnahmen von Ehegatten zusammengerechnet. Kinder, deren
anrechenbare Einnahmen die anerkannten Ausgaben übersteigen, fallen für die
Berechnung der jährlichen Ergänzungsleistung ausser Betracht (Art. 9 Abs. 4 ELG; Art.
8 Abs. 2 ELV). Zeitlich massgebend für die Berechnung der jährlichen
Ergänzungsleistungen sind in der Regel die während des vorausgegangenen
Kalenderjahres erzielten anrechenbaren Einnahmen sowie das am 1. Januar des
Bezugsjahres vorhandene Vermögen (Art. 23 Abs. 1 ELV).
2.2 Gemäss Lehrvertrag betrug der Bruttolohn der Tochter der Beschwerdeführerin im
ersten Bildungsjahr Fr. 500.--, im zweiten Fr. 850.-- und im dritten 1'200.-- pro Monat.
Die Tochter hat ihre Ausbildung im August 2009 begonnen, womit sie in den Monaten
Januar bis und mit Juli 2010 je Fr. 500.--, in den Monaten August 2010 bis Juli 2011 je
Fr. 850.-- und ab August 2011 monatlich Fr. 1'200.-- verdiente. Zusätzlich wurde ein
entsprechender 13. Monatslohn ausbezahlt (EL-act. 25). Da im vorliegenden Fall die
EL-Berechnung mit Einbezug der Tochter für die Beschwerdeführerin vorteilhafter ist,
wird auch das Einkommen der Tochter angerechnet. Dabei rechnet man das im
Zeitraum, auf welchen sich die Verfügung stützt, erzielte Einkommen in
Ganzjahreswerte um. Auf diesen Grundlagen ist der Beschwerdeführerin folgendes
Einkommen der Tochter anzurechnen: Für die Monate Januar bis Juli 2010 Fr. 6'500.--
(13 x Fr. 500.--), für die Monate August 2010 bis Juli 2011 Fr. 11'050.-- (13 x Fr. 850.--)
sowie ab August 2011 Fr. 15'600.-- (13 x Fr. 1'200.--). Davon in Abzug zu bringen sind
die Privilegierung gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG sowie die
Sozialversicherungsbeiträge gemäss Art. 10 Abs. 3 lit. c ELG (EL-act. 16-34). Da die
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Tochter gemäss Lehrvertrag Kosten wie Reisespesen, Verpflegung und Schulmaterial
selber zu tragen hat (vgl. den Arbeitsvertrag, Punkt 7; EL-act. 25), ist darüber hinaus
die Höhe der diesbezüglich anzurechnenden Gewinnungskosten gemäss Art. 10 Abs. 3
lit. a ELG abzuklären.
3.
Zum Einkommen der Beschwerdeführerin:
3.1 Bei der Berechnung des Anspruchs auf Ergänzungsleistungen sind unter anderem
auch Einkünfte und Vermögenswerte, auf die verzichtet worden ist, anzurechnen
(Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG). Ein Verzicht auf Erwerbseinkommen liegt vor, wenn die
versicherte Person keine Erwerbstätigkeit ausübt, obwohl ihr dies zumutbar und
möglich wäre, oder wenn sie zwar eine Erwerbstätigkeit ausübt und Erwerbseinkünfte
erzielt, es ihr aber zumutbar und möglich wäre, mehr zu verdienen. Zur Beantwortung
der Frage, ob und allenfalls in welchem Betrag auf Erwerbseinkommen verzichtet
wurde, ist zu ermitteln, wie hoch das Erwerbseinkommen bei einer zumutbaren und
möglichen Ausnützung der Erwerbsfähigkeit wäre; ist dieses zumutbarerweise
erzielbare Erwerbseinkommen höher als das tatsächlich erzielte Erwerbseinkommen,
liegt ein Verzicht in der Höhe der Differenz zwischen diesen beiden Vergleichsgrössen
vor. Bei der Ermittlung des zumutbarerweise erzielbaren Erwerbseinkommens sind alle
Umstände des Einzelfalls, insbesondere beruflich-erwerbliche Kenntnisse, Fähigkeiten
und Erfahrungen, bei invaliden Personen der Arbeitsunfähigkeitsgrad, allfällige
arbeitsmarktliche Konkurrenznachteile (wie unterdurchschnittliche berufliche
Fähigkeiten oder fehlende Berufserfahrung, fehlende Sprachkenntnisse, eine erhebliche
intellektuelle Einschränkung, eine besondere geistige Unbeweglichkeit oder ähnliche
Nachteile), die Arbeitsmarktlage und die familiäre Situation zu berücksichtigen (vgl. zum
Ganzen Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: SBVR XIV, Soziale Sicherheit,
2. Aufl., Basel 2007, S. 1759 ff., Rz. 179 ff.).
3.2 Die Beschwerdeführerin bezieht seit 2003 Ergänzungsleistungen, wobei über den
Anspruch mehrfach rechtskräftig verfügt wurde. Bis und mit Verfügung vom 15. Juli
2010 wurde ihr nie ein Erwerbseinkommen angerechnet. Erst am 18. November 2010
(EL-act. 24) wurde der Beschwerdeführerin im Rahmen der Ankündigung einer
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Schlechterstellung mitgeteilt, dass irrtümlicherweise unterlassen worden war, ihr ein
hypothetisches Einkommen anzurechnen, und dass ihr ein solches nun mit Wirkung ab
1. August 2010 angerechnet werde. Die Beschwerdeführerin machte von ihrem Recht,
die Einsprache zurückzuziehen, keinen Gebrauch. Nachdem die Beschwerdegegnerin
über den Anspruch auf eine jährliche Ergänzungsleistung bereits mehrfach rechtskräftig
verfügt hatte, ist zunächst zu prüfen, ob sie auf die Frage der Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens überhaupt zurückkommen durfte. Bei der Prüfung
der Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens bei der Berechnung des
EL-Anspruchs ist der Tatsache Rechnung zu tragen, dass sich die Verhältnisse auf
dem tatsächlichen Arbeitsmarkt ständig verändern, weshalb insoweit eine (letztlich
jederzeitige) Überprüfung im Rahmen eines Revisionsverfahrens im Sinne von Art. 17
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) auch ohne Veränderung der persönlichen Verhältnisse der betroffenen
Person möglich ist. Gerade bezüglich der Anrechnung allfälliger hypothetischer
Erwerbseinkommen bei der Berechnung eines Anspruchs auf Ergänzungsleistungen
wird auch entsprechend verfahren: Die EL-Durchführungsstellen fordern dabei mit
gewisser Regelmässigkeit (aktuelle) Bewerbungsunterlagen ein, anhand derer sie
jeweils neu überprüfen, ob ein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen ist.
Dabei handelt es sich im Grunde um regelmässige Revisionsverfahren (Entscheid des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen vom 16. Februar 2012, EL 2011/19, E.
1). Entsprechend ist die Möglichkeit einer solchen Neuüberprüfung vorliegend zu
bejahen, weshalb der angefochtene Einspracheentscheid vom 5. September 2011
insofern nicht zu beanstanden ist.
3.2.1 Was den Umstand betrifft, dass die Beschwerdegegnerin das hypothetische
Einkommen rückwirkend und ohne vorgängige Abmahnung anrechnete, so ist zu
berücksichtigen, dass die EL-spezifische Schadenminderungspflicht grundsätzlich
Ausfluss des Sozialhilfe- und Versicherungsleistungscharakter der
Ergänzungsleistungen ist und keine explizite gesetzliche Grundlage benötigt. Niemand
soll sich auf die Solidarität der Gesellschaft oder der Versichertengemeinschaft berufen
können, wenn er den Schaden selbst verursacht respektive nicht alles Zumutbare
vorgekehrt hat, um den Schaden so klein wie möglich zu halten. Das bedeutet, dass
die EL-spezifische Schadenminderungspflicht nicht in jedem Fall abgemahnt werden
muss, denn sie ist auch für einen juristischen Laien selbstverständlich (vgl. Art. 17 des
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Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIG,; SR 837.0], der ebenfalls keine Abmahnung der Pflicht
zur Stellensuche vorsieht, sondern davon ausgeht, dass diese Pflicht spätestens mit
dem Eintritt der Arbeitslosigkeit entsteht; vgl. Entscheid des Versicherungsgerichtes
des Kantons St. Gallen vom 13. August 2009, EL 2008/47 E. 3).
3.2.2 Im vorliegenden Fall wurde der Beschwerdeführerin jedoch während Jahren
kein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet. Obwohl sie seit 2003 Anspruch
auf Ergänzungsleistungen hat, war sie nie darüber informiert worden, dass sie ihre
Restarbeitsfähigkeit von 50% verwerten müsste. Dass nun von ihr verlangt würde, im
Rahmen ihrer Möglichkeiten einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, konnte und musste
sie nach der während Jahren konstanten EL-Ausrichtung ohne Anrechnung eines
Einkommensverzichtes nicht wissen. Nach Treu und Glauben geht es daher nicht an,
der Beschwerdeführerin ohne Abmahnung rückwirkend ein hypothetisches
Erwerbseinkommen anzurechnen. Die Anrechnung eines Einkommens nach Art. 14a
Abs. 2 ELV würde gemäss Art. 25 Abs. 4 ELV ohnehin erst sechs Monate nach
Zustellung der entsprechenden Verfügung wirksam. Eine solche Übergangsfrist wäre
der Beschwerdeführerin somit in jedem Fall zuzubilligen gewesen. Da die
Beschwerdeführerin erst im Rahmen des Einspracheverfahrens am 18. November 2010
(EL-act. 24) davon Kenntnis erhalten hat, dass ihr ein hypothetisches Einkommen
angerechnet werde, rechtfertigt es sich vorliegend analog, eine Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens erst ab Juni 2011 zu prüfen.
4.
4.1 Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV bestimmt, dass bei Teilinvaliden das Einkommen aus
einer zumutbaren Erwerbstätigkeit als Erwerbseinkommen anzurechnen ist, wobei als
anrechenbares Mindesteinkommen für noch nicht sechzigjährige Versicherte bei einem
Invaliditätsgrad von 40 bis unter 50% der um einen Drittel erhöhte Höchstbetrag für
den Lebensbedarf von Alleinstehenden nach Art. 10 Abs. 1 lit. a Ziff. 1 ELG gilt. Nach
der Rechtsprechung kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass es dem
teilinvaliden Versicherten vermutungsweise möglich und zumutbar ist, die in Art. 14a
ELV festgelegten Grenzbeträge zu erreichen. Dies hat eine Umkehr der Beweislast zur
Folge, indem bei unbewiesen gebliebener Unmöglichkeit, dieses Arbeitsvermögen zu
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verwerten, die entsprechende Pauschale angerechnet wird (ZAK 1989 S. 568 E. 3c).
Dass ein entsprechendes Einkommen erzielt werden kann, folgt aus der aus der
allgemeinen Lebenserfahrung resultierenden Vermutung, dass eine arbeitswillige und
einsatzfreudige, nötigenfalls auch einen unterdurchschnittlichen Lohn akzeptierende
Person im Allgemeinen eine Arbeitsstelle finden kann. Diese Vermutung wird durch
ernsthafte, aber erfolglose Bewerbungen widerlegt; solche Stellenbemühungen sind
sodann auch Ausdruck der Pflicht, soweit als möglich aus eigener Kraft den
Existenzbedarf zu bestreiten (vgl. hierzu den Entscheid EL 2009/46 des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 10. August 2010, E. 1.4, mit
Hinweisen).
4.2 Nachdem der Beschwerdeführerin im Jahr 2010 bis und mit Mai 2011 aufgrund
der Anpassungsfrist (vgl. vorstehend E. 3.2.2) kein hypothetisches Einkommen
angerechnet werden darf, erübrigt sich die Prüfung der Stellenbemühungen in diesen
Monaten. Ab April 2011 bis zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses per 10. Juni 2011
arbeitete die Beschwerdeführerin (EL-act. 10; EL-act. 97). Im April 2011 erzielte die
Beschwerdeführerin ein Bruttoeinkommen von Fr. 1'657.55, im Mai 2011 ein solches
von Fr. 2'422.60 und bis 10. Juni 2011 eines von Fr. 1'785.05. Die Beschwerdeführerin
war im Stundenlohn angestellt; das Pensum sollte in etwa 50% entsprechen (EL-
act. 10-1). 50% eines vollen Pensums entsprechen bei der statistischen
betriebsüblichen durchschnittlichen Arbeitszeit von 41.6 Wochenstunden etwa 90
Stunden im Monat. Im Juni 2011 arbeitete die Beschwerdeführerin nicht mehr den
ganzen Monat. Rechnet man die in jenem Monat geleisteten 70 Arbeitsstunden auf 90
Stunden hoch, ergibt sich ein Betrag von Fr. 2'295.05. Legt man diese Werte zugrunde
und rechnet sie auf ein Jahr auf, so ergibt sich ein Einkommen von gerundet Fr.
25'500.- brutto ([Fr. 1'657.55 + Fr. 2'422.60 + Fr. 2'295.05] / 3 x 12). Für die Zeit nach
dem Stellenverlust wurden keine Stellenbemühungen eingereicht, jedoch gibt die
Beschwerdeführerin an, sie sei intensiv auf Stellensuche. Es ist somit für diese Monate
abzuklären, ob sie sich in diesem Zeitraum nachweislich ernsthaft um eine Stelle
bemüht hat. Andernfalls ist ein hypothetisches Einkommen anzurechnen.
5.
Zum Einkommen des Ehemannes:
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5.1 Die Beschwerdegegnerin macht geltend, dem Ehemann der Beschwerdeführerin
wäre es zuzumuten gewesen, ein Einkommen wie im Jahr 2008 oder vor Oktober 2009
zu erzielen, weshalb nicht der tatsächliche, sondern der zumutbare Lohn massgebend
sei.
5.2 Der Ehemann der Beschwerdeführerin arbeitete seit 2004 bei der Allianz Suisse
und ist seit dem 1. August 2011 bei der Vaudoise als Versicherungsvertreter tätig. Im
Rahmen dieser Tätigkeit erzielt er sein Einkommen grösstenteils auf Provisionsbasis,
weshalb sein monatliches Einkommen je nach Anzahl abgeschlossener Verträge
betragsmässig höher oder tiefer ausfällt (vgl. EL-act. 16-8 ff.; act. G 1.1.5). Es ist
entgegen den Ausführungen der Beschwerdegegnerin davon auszugehen, dass der
Ehemann der Beschwerdeführerin in den entsprechenden Monaten kein höheres
Einkommen erzielen konnte und die Einkommensschwankungen auf die
Wirtschaftslage sowie weitere Umstände, die sich dem Einfluss des Ehemannes
entziehen (vgl. act. G 1), zurückzuführen sind. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen,
dass er nach wie vor ein Einkommen in beachtlicher Höhe erzielt. Was den Einwand
der Beschwerdegegnerin betrifft, die Spesen seien trotz sinkendem Einkommen gleich
hoch geblieben, so ist darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei um Pauschalspesen
handelt, welche unabhängig vom Einkommen ausgerichtet werden. Ein Verzicht auf
Erwerbseinkommen gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG liegt somit nicht vor und es ist
entgegen den Ausführungen der Beschwerdegegnerin zumindest für den vorliegend
relevanten Zeitraum kein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen, sondern
auf das tatsächlich erzielte Erwerbseinkommen abzustellen. Für den Ehemann ist somit
das effektive Einkommen inklusive Pauschalspesen als Lohnbestandteil anzurechnen,
und es sind die entsprechenden Abzüge vorzunehmen. Für das Jahr 2010 ist dabei auf
den Lohnausweis des Ehemannes der Beschwerdeführerin (EL-act. 4-8) abzustellen,
mithin ein Bruttoeinkommen von Fr. 91'259.-- (= Fr. 71'951.-- + Fr. 19'308.--)
anzurechnen. Für das Jahr 2011 ist der entsprechende Lohnausweis einzufordern.
6.
Zusammenfassend ergibt sich, dass für die Monate August 2010 bis und mit März
2011 bei der Tochter und beim Ehemann der Beschwerdeführerin vom tatsächlich
erzielten Einkommen auszugehen ist und für die Beschwerdeführerin für diesen
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Zeitraum kein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werden darf. In den
Monaten April bis Juni 2011 ist sowohl bei der Tochter und dem Ehemann der
Beschwerdeführerin als auch bei dieser selbst auf das tatsächlich erzielte Einkommen
abzustellen, wobei allfällige Gewinnungskosten (vgl. auch E. 2.2) zu berücksichtigen
sind. Für die darauffolgenden Monate sind weitere Abklärungen im Sinne der
vorstehenden Erwägungen vorzunehmen.
7.
7.1 Demnach ist die Beschwerde vom 10. Oktober 2011 insofern gutzuheissen, als
der angefochtene Einspracheentscheid vom 5. September 2011 aufgehoben und die
Sache an die Beschwerdegegnerin zur Durchführung weiterer Abklärungen,
Neuberechnung des EL-Anspruchs ab August 2010 und anschliessender
Neuverfügung zurückgewiesen wird.
7.2 Gerichtskosten sind gemäss Art. 61 lit. a ATSG keine zu erheben. Die
Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin mit einer praxisgemässen Pauschale
von Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen
(Art. 61 lit. g ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP