Decision ID: 94ae8ac0-f89f-4412-8233-e30a9ac48936
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
R._, geb. 2001, lebte mit ihren gemeinsam sorgeberechtigten Eltern K._ und M._ in
X._/SG. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (nachfolgend KESB) Rheintal
wies R._ am 22. Dezember 2015 superprovisorisch und am 23. Dezember 2015
vorsorglich ins "Y._" des Kinderschutzzentrums St. Gallen ein. Für die Dauer der
Abklärungen wurde den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht vorsorglich entzogen.
Per 31. Dezember 2015 zog der Vater nach E._/SG, per 31. Januar 2016 die Mutter in
die Gemeinde P._/SG. Die KESB Rheintal setzte für R._ am 22. Februar 2016 eine
Verfahrensvertretung und – nachdem im Eheschutzverfahren das Kreisgericht Rheintal
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am 21. März 2016 festgehalten hatte, die Zuständigkeit für die Regelung von Obhut
und Betreuung von R._ bleibe bei der KESB Rheintal – am 19. April 2016 eine
Beistandschaft ein. Am 30. Mai 2016 hob die KESB Rheintal das elterliche
Aufenthaltsbestimmungsrecht auf und ordnete die dauernde Fremdplatzierung von
R._ ab 1. Juni 2016 im Wohnheim für Kinder und Jugendliche "F._", St. Gallen, an.
Vom 7. August 2017 bis 30. November 2017 hielt sich R._ in G._/LU im
Therapiezentrum "Z._" auf (vgl. Darstellung in der Verfügung des Amtes für Soziales
vom 9. Dezember 2019, act. 10/3 Beilage 1).
B.
Das Kinderschutzzentrum St. Gallen ersuchte am 26. Dezember 2015, das Wohnheim
"F._" am 2. Juni 2016 und das Therapieheim "Z._" am 8. August 2017 – alle werden
dem Bereich A gemäss der Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen
(IVSE) zugerechnet – das kantonale Amt für Soziales um Kostenübernahmegarantie für
den Aufenthalt von R._. Das Amt stellte die Gesuche der Politischen Gemeinde X._
zur Unterzeichnung zu.
Die Sozialkommission der Politischen Gemeinde X._ beschränkte die
Kostenübernahmegarantie mit Beschlüssen vom 30. Juni 2016 auf die Zeit bis
31. Dezember 2015. Sie hielt fest, bezüglich der Heimkosten sei auf den zivilrechtlichen
Wohnsitz von R._ abzustellen. Mangels eines gemeinsamen Wohnsitzes der Eltern seit
1. Januar 2016 könne für R._ kein Wohnsitz mehr abgeleitet werden. Ihr Aufenthaltsort
gelte deshalb als zivilrechtlicher Wohnsitz. Für die sozialhilferechtlichen Kosten der
Unterbringung (Elternbeitrag und Nebenkosten) sei auf den Unterstützungswohnsitz
von R._ abzustellen. Bei fehlendem gemeinsamem Wohnsitz der Eltern teile sie den
Unterstützungswohnsitz des Elternteils, bei dem sie wohne. Einen definitiven Entscheid
über den Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts habe die KESB Rheintal bisher
noch nicht gefällt. Deshalb habe die Fremdplatzierung nur provisorischen und
vorläufigen Charakter, und R._ habe in X._ keinen eigenen Unterstützungswohnsitz
begründet. Da R._ seit 23. Dezember 2015 bei keinem Elternteil lebe und die noch
gemeinsam sorgeberechtigten Eltern seit 1. Januar 2016 getrennt seien, könne ihr
Unterstützungswohnsitz nicht mehr von den Eltern abgeleitet werden. Seither habe sie
einen eigenen Unterstützungswohnsitz am jeweiligen Aufenthaltsort. Gleichzeitig
erklärte sich die Sozialkommission der Politischen Gemeinde X._ bereit, die Kosten
ohne Anerkennung der Zuständigkeit zu decken (vgl. act. 10/3 Beilagen 21, 22 und 25).
Am 10. Februar 2017 wies die Politische Gemeinde X._ die Einsprachen der
Politischen Gemeinde St. Gallen ab. Innert der Rechtsmittelfrist einigten sich die
Gemeinden am 14./17. März 2017 dahingehend, dass einerseits die Politische
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Gemeinde St. Gallen den Unterstützungswohnsitz ab 1. Juli 2016 in St. Gallen
anerkannte und die "Kosten bezüglich des Unterstützungswohnsitzes" ab diesem
Zeitpunkt übernimmt, anderseits die Politische Gemeinde X._ die bis 30. Juni 2016
angefallenen Kosten "diesbezüglich" selbst trägt. Der Einspracheentscheid wurde in
der Folge unangefochten rechtskräftig.
C.
Das Amt für Soziales stellte mit Verfügung vom 9. Dezember 2019 fest, die Politische
Gemeinde X._ sei zur Tragung der Kosten der Aufenthalte von R._ im
"Y._" (1. Januar bis 31. Mai 2016), im "F._" (1. Juni 2016 bis 6. August 2017) und im
"Z._" (7. August bis 30. November 2017) zuständig (Ziffer 1) und forderte sie auf, die
Kostenübernahmegarantie zu unterzeichnen und CHF 54’829.30 für die
Leistungsabgeltung des Aufenthalts im "Z._" zurückzuerstatten (Ziffer 2). Vorbehalten
blieb die Kostentragung für die Beiträge der Unterhaltspflichtigen (Kost und Logis)
durch die zur Unterstützung Bedürftiger zuständige Gemeinde (Ziffer 3). Zur
Begründung ging das Amt für Soziales im Wesentlichen davon aus, dass auch der
zuletzt abgeleitete zivilrechtliche Wohnsitz Minderjähriger perpetuiere. Ob er von einem
oder von beiden Elternteilen abgeleitet worden sei, spiele keine Rolle. Der Grundsatz,
dass der Aufenthalt in einer Erziehungseinrichtung für sich allein keinen Wohnsitz
begründe, gelte auch für den Aufenthalt Minderjähriger. Deshalb sei die Politische
Gemeinde X._ für die Kostentragung der Kindesschutzmassnahmen für R._
zuständig.
Den von der Politischen Gemeinde X._ gegen die Verfügung des Amtes für Soziales
erhobenen Rekurs wies das Departement des Innern mit Entscheid vom 12. April 2021
ab, soweit es darauf eintrat. Nicht Gegenstand des angefochtenen Entscheides sei die
Frage der Unterstützungszuständigkeit (Kost und Logis). Diesbezüglich hätten die
Politischen Gemeinden X._ und St. Gallen einen Vergleich abgeschlossen. Das
Verwaltungsgericht sei in seiner Rechtsprechung von der Perpetuierung des
zivilrechtlichen Wohnsitzes eines Kindes, dessen Wohnsitz vom obhuts- und mit dem
anderen Elternteil sorgeberechtigten Elternteils abgeleitet wurde, ausgegangen. Triftige
Gründe, weshalb eine solche Perpetuierung nicht auch bei einer Anknüpfung am
gemeinsamen Wohnort der beiden Inhaber der elterlichen Sorge stattfinden solle, lägen
nicht vor. Ein Rückgriff auf die Regeln zum Unterstützungswohnsitz könne deshalb
unterbleiben. R._ habe den von den Eltern abgeleiteten Wohnsitz nach der
Unterbringung im "Y._" für die Dauer der Abklärungen in der Politischen Gemeinde
X._ beibehalten. Es bestehe kein Anlass für eine Ausnahme vom Grundsatz, wonach
der Aufenthalt in einer Einrichtung keinen zivilrechtlichen Wohnsitz schaffe. Auch bei
den anschliessenden Übertritten ins "F._" und in den "Z._" sei R._ in Einrichtungen
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untergebracht gewesen, bei denen der Aufenthalt keinen Wohnsitz begründe. Sie sei
dort mit dem Ziel untergebracht worden, später entweder wieder zu einem
sorgeberechtigten Elternteil zurückzukehren oder aber eine selbständige
Anschlusslösung zu finden.
D.
Die Politische Gemeinde X._ (Beschwerdeführerin) erhob gegen den Rekursentscheid
des Departements des Innern (Vorinstanz) vom 12. April 2021 mit Eingabe ihres
Vertreters vom 26. April 2021 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den
Rechtsbegehren, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei der angefochtene
Entscheid aufzuheben und es sei festzustellen, dass für die Kostentragung im Rahmen
der IVSE-Leistungsabgeltung für R._ ab 1. Januar 2016 nicht mehr X._, sondern die
Politische Gemeinde St. Gallen örtlich zuständig sei. Letztere sei zu verpflichten, der
Politischen Gemeinde X._ die von ihr seit dem 1. Januar 2016 ohne Anerkennung
einer Rechtspflicht einstweilen übernommenen Kosten über CHF 213’835.07 innert
dreissig Tagen zurückzuerstatten.
Die Vorinstanz überwies dem Gericht am 26. Mai 2021 die Vorakten und verzichtete
stillschweigend auf eine Vernehmlassung. Die Politische Gemeinde St. Gallen
(Beschwerdegegnerin) liess sich am 22. Juni 2021 vernehmen und beantragte die
Abweisung der Beschwerde unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Die
Beschwerdeführerin nahm dazu am 5. Juli 2021 Stellung. Die Beschwerdegegnerin
verzichtete am 14. Juli 2021, sich dazu zu äussern. Die Vorinstanz hielt mit Eingabe
vom 16. August 2021 an der von ihr im angefochtenen Entscheid vertretenen
Auffassung fest. Die übrigen Verfahrensbeteiligten verzichteten stillschweigend auf
weitere Äusserungen.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die
Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Eintreten
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die Beschwerdeführerin,
deren Rechtsmittel gegen die Verpflichtung, für die Tragung der Kosten der Aufenthalte
von R._ im "Y._" und im "F._" in St. Gallen sowie im "Z._" in G._/LU
aufzukommen, vor der Vorinstanz erfolglos blieb, ist zur Erhebung der Beschwerde
befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP; Art. 5 Abs. 1 des
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Sozialhilfegesetzes, sGS 381.1, SHG). Die Beschwerde gegen den Rekursentscheid
vom 12. April 2021 wurde mit Eingabe vom 26. April 2021 rechtzeitig erhoben und
erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2. Streitgegenstand
Die Beschwerdeführerin und die Beschwerdegegnerin haben sich in der Vereinbarung
vom 14./17. März 2017 über die Zuständigkeit zur Tragung der Unterstützungskosten
(Kost und Logis) geeinigt. Die Vereinbarung war Folge eines – schliesslich
unangefochten rechtskräftig gewordenen – Entscheides der Beschwerdeführerin vom
10. Februar 2017, mit welcher sie zwei Einsprachen der Beschwerdegegnerin
abgewiesen (Ziffern 1 und 2 des Dispositivs) und festgestellt hatte, der selbständige
Unterstützungswohnsitz von R._ befinde sich seit 1. Januar 2016 in der Stadt
St. Gallen, die Stadt St. Gallen sei für die Übernahme der Unterstützungskosten örtlich
zuständig (Ziffer 3 des Dispositivs) und habe der Beschwerdeführerin sämtliche für den
Zeitraum ab 1. Januar 2016 übernommenen Unterstützungskosten für R._ von
CHF 8’815.15 zurückzuerstatten (Ziffer 4 des Dispositivs). Gegenstand der
Vereinbarung sind einzig die Kosten für Kost und Logis, nicht aber die Kosten der
Unterbringung. Auch die Beschwerdeführerin kann deshalb daraus nicht ableiten, die
Beschwerdegegnerin habe sich mit der Vereinbarung ihr gegenüber verpflichtet, ab
1. Juli 2016 (gemeint möglicherweise 1. Juni 2016 als Zeitpunkt der Unterbringung im
"F._") die Kosten der Unterbringung von R._ zu tragen. Die Vorinstanz ist zu Recht
davon ausgegangen, der Vergleich beziehe sich allein auf die
Unterstützungszuständigkeit.
3. Kosten der Unterbringung
Zwischen der Beschwerdeführerin und der Beschwerdegegnerin bleibt die
Zuständigkeit zur Tragung der Kosten der Unterbringung von R._ in der Zeit vom
1. Januar 2016 bis 30. November 2017 umstritten.
Rechtsgrundlage
Nach aArt. 41 Ingress lit. b Ingress und Ziff. 2 des Sozialhilfegesetzes (SHG, sGS 381.1)
in der vom 1. Januar 2014 bis 31. Dezember 2017 anwendbar gewesenen Fassung
(nGS 33-104) erhielten Heime und Einrichtungen im Kanton Beiträge nach der
Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen (sGS 381.31, IVSE) für
st. gallische Betreuungsbedürftige in sachgemässer Anwendung der Bestimmungen
dieser Vereinbarung. Die zuständige Stelle des Staates leistete
Kostenübernahmegarantie bei zivilrechtlicher Unterbringung und bei einer
3.1.
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Unterbringung durch die Eltern in einem Kinder- oder Jugendheim bis zum vollendeten
20. Altersjahr (aArt. 42 Abs. 1 SHG). Die zuständige politische Gemeinde trägt bei
Unterbringung in ein Kinder- oder Jugendheim zwei Drittel der Leistungsabgeltung
nach Abzug der Beiträge der Unterhaltspflichtigen sowie der weiteren gesetzlichen
Kostenträger und die Beiträge der Unterpflichtigen nach Art. 22 IVSE, wenn diese nicht
leistungsfähig sind (aArt. 43 Abs. 1 SHG).
Nach Art. 4 Ingress und lit. d IVSE ist der Wohnkanton derjenige Kanton, in dem die
Person, welche die Leistungen beansprucht, ihren zivilrechtlichen Wohnsitz hat. Der
Wohnsitz einer Person befindet sich gemäss Art. 23 Abs. 1 Satzteil 1 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, ZGB) an dem Orte, wo sie sich mit der
Absicht dauernden Verbleibens aufhält. Nach Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB begründet
der Aufenthalt zum Zweck der Ausbildung oder die Unterbringung einer Person in einer
Erziehungs- oder Pflegeeinrichtung, einem Spital oder einer Strafanstalt für sich allein
keinen Wohnsitz. Diese Bestimmung wurde im Zuge der Revision des
Vormundschaftsrechts mit Wirkung ab 1. Januar 2013 eingefügt. Zuvor war der
Aufenthalt zu Sonderzwecken unter dem Randtitel "Aufenthalt in Anstalten" in aArt. 26
ZGB geregelt. Dessen Inhalt ist nun – systematisch richtig – unmittelbar im Anschluss
an die Definition des Wohnsitzes eingereiht. Eine materielle Änderung des geltenden
Rechts wurde nicht vorgenommen, lediglich eine redaktionelle Überarbeitung. Mit der
Formulierung "für sich allein" wird klargestellt, dass die Begründung eines neuen
Wohnsitzes am Ort der Anstalt (heute vorab Einrichtung) nicht per se ausgeschlossen
ist, wenn der dortige Aufenthalt nicht nur dem Sonderzweck dient (vgl. BGE 141 V 255
E. 4.1 mit Hinweisen). Als Wohnsitz des Kindes unter elterlicher Sorge gilt gemäss
Art. 25 Abs. 1 ZGB der Wohnsitz der Eltern oder, wenn die Eltern keinen gemeinsamen
Wohnsitz haben, der Wohnsitz des Elternteils, unter dessen Obhut das Kind steht; in
den übrigen Fällen gilt sein Aufenthaltsort als Wohnsitz. Der einmal begründete
Wohnsitz bleibt gemäss Art. 24 Abs. 1 ZGB bis zum Erwerbe eines neuen Wohnsitzes
bestehen. Diese Regel gilt auch für den abhängigen Wohnsitz nach Art. 25 ZGB (BGE
61 II 65; Hausheer/Aebi-Müller, Das Personenrecht des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches, 4. Aufl. 2016, Rz. 09.46). Grundsätzlich nicht bestehen bleibt der am
Aufenthaltsort anknüpfende und damit dem wechselnden Aufenthaltsort folgende
Wohnsitz gemäss Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB (vgl. D. Staehelin, in: Basler
Kommentar, ZGB I, 5. Aufl. 2014, N 8 zu Art. 25 ZGB; vgl. VerwGE B 2016/114 und
VerwGE B 2017/28, beide vom 27. September 2018, jeweils E. 2.1).
Davon abweichend hat das Verwaltungsgericht in einem neueren Entscheid
festgehalten, der Wohnsitz unmündiger Kinder unter elterlicher Sorge bestimme sich
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zwingend und abschliessend nach Art. 25 ZGB. Lasse er sich nicht von den Eltern
ableiten, sei stets auf den Aufenthaltsort abzustellen ("in den übrigen Fällen"). Art. 24 –
und wohl auch Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 – ZGB fänden gerade keine Anwendung,
ansonsten auf einen perpetuierten und völlig fiktiven Wohnsitz abgestellt werden
müsste, was indessen nicht angehe (vgl. VerwGE B 2021/96 vom 26. Juni 2021 E. 3.3).
Anwendung3.2.
Zivilrecht
Im Zeitpunkt ihrer superprovisorischen beziehungsweise vorläufigen Unterbringung im
"Y._" in St. Gallen am 22. beziehungsweise 23. Dezember 2015 hatte R._
unbestrittenermassen – vom gemeinsamen zivilrechtlichen Wohnsitz ihrer Eltern –
abgeleiteten zivilrechtlichen Wohnsitz in der Politischen Gemeinde X._. Der
gemeinsame zivilrechtliche Wohnsitz der Eltern entfiel mit dem Wegzug des Vaters aus
X._ per 31. Dezember 2015. Die im Sinn von Art. 25 Abs. 1 ZGB massgebliche
tatsächliche Obhut hatte in diesem Zeitpunkt keiner der Elternteile inne. Nach der
neueren Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts wäre damit davon auszugehen,
dass R._ mit dem Wegfall des gemeinsamen zivilrechtlichen Wohnsitzes der Eltern
über keinen abgeleiteten Wohnsitz mehr verfügte und gemäss Art. 25 Abs. 1 letzter
Satzteil ZGB ihr Aufenthaltsort als zivilrechtlicher Wohnsitz gilt.
3.2.1.
IVSE
Das öffentliche Recht knüpft zur Bestimmung des Wohnsitzes meist – wie vorliegend
Art. 4 Ingress und lit. d IVSE ausdrücklich – am zivilrechtlichen Wohnsitzbegriff an,
wobei der zivilrechtliche Wohnsitz in einer funktionalisierenden Auslegung zur
angemessenen Berücksichtigung der Interessen der Beteiligten und der Allgemeinheit
teilweise modifiziert wird. Das Verwaltungsgericht hat in diesem Zusammenhang darauf
hingewiesen, bei der Wohnsitzbestimmung sei in erster Linie das Kindeswohl zu
berücksichtigen. Dieses verlange in der Regel eine stabile Zuständigkeit für
Kindesschutzmassnahmen und die Vermögensverwaltung, die an einem schnell
wechselnden Aufenthaltsort meist nicht sichergestellt werden könne, sondern vielmehr
am Wohnsitz des Sorgeberechtigten (vgl. VerwGE B 2021/96 vom 26. Juni 2021
E. 3.1.2). Zudem soll mit den Regeln, wie sie die Interkantonale Vereinbarung für
soziale Einrichtungen hinsichtlich der Umschreibung des Wohnsitzes und des
Standorts der Einrichtung vorsieht, die Finanzierungszuständigkeit der Standortkantone
und -gemeinden vermieden werden. Da die Anknüpfung am zivilrechtlichen Wohnsitz
häufiger als vermutet zu einer dem Sinn und Zweck der Regeln zur Kostentragung
widersprechenden Standortbelastung führte, wurde eine Klärung für jene Fälle
3.2.2.
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angestrebt, in denen mit dem Eintritt in die Einrichtung oder während des Aufenthaltes
in einer Einrichtung ein Wechsel des zivilrechtlichen Wohnsitzes an den Standort
stattfindet, weil sich der Wohnsitz der untergebrachten minderjährigen Person nicht
mehr von den sorgeberechtigten Eltern ableiten lässt (vgl. Konferenz der kantonalen
Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren, Erläuterungen zur Teilrevision vom
23. November 2018, Ziff. 2.1; www.sodk.ch IVSE/Sammlung Erlasse IVSE).
Begründet eine Person mit dem Aufenthalt oder während des Aufenthalts in einer
Einrichtung des Bereichs A – wie dem "Y._" in St. Gallen – ihren zivilrechtlichen
Wohnsitz am Standort der Einrichtung, ist gemäss Art. 5 Abs. 1 IVSE der Kanton des
letzten von den Eltern oder eines Elternteils abgeleiteten zivilrechtlichen Wohnsitz für
das Leisten der Kostenübernahmegarantie zuständig. Damit wurde in der
Interkantonalen Vereinbarung dem in diesen Fällen bei einer rein zivilrechtlichen
Betrachtung unbefriedigenden Ergebnis mit einer funktionalisierenden Korrektur zur
Vermeidung der finanziellen Belastung der Standorte der Einrichtung Rechnung
getragen. Die Bestimmung war zwar Teil der Revision vom 23. November 2018, die für
den Kanton St. Gallen erst am 1. Juni 2020 in Kraft getreten ist. Der Vorstand der
Vereinbarungskonferenz IVSE empfiehlt indessen, mit einer einheitlichen Anwendung
der IVSE bereits vor dem Inkrafttreten die unter dem bisherigen Recht – wie im
vorliegenden Fall – noch mögliche Standortbenachteiligung sofort zu eliminieren und
die Änderung auf alle laufenden und neuen Kostenübernahmegarantien im Bereich A
anzuwenden. Damit werde auch die Rechtssicherheit erhöht und ein relativ
konfliktfreier Übergang einer bestehenden Kostenübernahmegarantie auf den neuen
Wohnkanton gemäss Ausnahmetatbestand ermöglicht (vgl. Konferenz der kantonalen
Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren, Empfehlung über die vorwirkende
Anwendung der "Änderung der IVSE [Art. 5 Abs. 1 ] vom 23. November 2018" vom
7. September 2018; www.sodk.ch, IVSE/Sammlung Erlasse IVSE).
Im Übrigen hat das Bundesgericht für den Fall einer dauerhaften Fremdplatzierung
eines minderjährigen Kindes festgestellt, das Abstellen auf den zivilrechtlichen
Wohnsitz in der Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen führe zu einer
bundesrechtswidrigen Diskrepanz zum Unterstützungswohnsitz nach dem
Bundesgesetz über die Zuständigkeit für die Unterstützung Bedürftiger
(Zuständigkeitsgesetz; SR 851.1, ZUG). Letzteres sieht in Art. 7 Abs. 3 Ingress und lit. c
vor, dass das minderjährige Kind am letzten Unterstützungswohnsitz der Eltern einen
eigenen Unterstützungswohnsitz hat, wenn es dauernd nicht bei den Eltern oder einem
Elternteil wohnt. Die Frage der Dauerhaftigkeit war im Einzelfall zu prüfen. Mit dieser
bis
bis
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4. Zusammenfassung
Zusammenfassend ergibt sich deshalb, dass die Vorinstanz den Rekurs gegen die
Verfügung vom 9. Dezember 2019, mit welcher das Amt für Soziales die Zuständigkeit
der Beschwerdeführerin zur Tragung der Kosten der Aufenthalte von R._ im
"Y._" (1. Januar bis 31. Mai 2016), im "F._" (1. Juni 2016 bis 6. August 2017) und im
"Z._" (7. August bis 30. November 2017) festgestellt hatte, im Ergebnis zurecht
abgewiesen hat. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
5. Kosten
Bei diesem Ausgang sind die Kosten des Beschwerdeverfahrens der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
CHF 1'500 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung; sGS
941.12). Die Beschwerdeführerin verfolgt zwar überwiegend finanzielle Interessen,
jedoch ist aufgrund der besonderen Umstände des Einzelfalls auf die Erhebung zu
verzichten (Art. 95 Abs. 3 und Art. 97 VRP). Entsprechend dem Ausgang des
Verfahrens und mangels Anspruchs der obsiegenden Beschwerdegegnerin sind keine
ausseramtlichen Kosten zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1 und Art. 98 VRP; vgl.
A. Linder, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege,
Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2020, N 20 zu Art. 98 VRP).