Decision ID: 0783b7a7-105a-5935-af20-10351cafa932
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ war seit 1. Juli 2018 bei der B._ AG als Zytologieassistentin angestellt und
dadurch bei der Visana Versicherungen AG, Bern (nachfolgend: Visana), obligatorisch
gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 10. Januar 2020 liess sie dieser über ihre
Arbeitgeberin folgende Schadenmeldung betreffend ein Ereignis vom 15. November
2019 einreichen: "Infolge einer Schwangerschaftsvertretung Verräumen der
tagesaktuellen bearbeiteten Proben in den Kühlschrank und Verschieben der Proben
der gesamten Vorwoche ins Archiv. Das Archiv befindet sich im untersten
Kühlschrankfach. Die gesamte Tätigkeit musste in der Hocke vorgenommen werden.
Da der Probeneingang sehr gross war, dauerte dies eine Weile und in dieser Zeit
mussten drei Kollegen passieren. Aufgrund beengter Platzverhältnisse habe ich mich
jedes Mal verrenkt und eine Drehbewegung gemacht und dabei die Kühlschranktür
herangezogen. Infolgedessen ist mir ein stechender Schmerz durchs linke Knie
geschossen, den ich zunächst für eine starke Zerrung gehalten habe. Da der Schmerz
nach vier Wochen nicht besser wurde, habe ich einen Arzt aufgesucht. Im Zeugnis ist
Krankheit angegeben, wurde dann aber im Verlauf als Unfall erkannt." (act. G 3.1.1 f.).
Der erstbehandelnde Dr. med. C._, Sport- und Allgemeinmedizin, hatte am 18.
Dezember 2019 als Problem "Gonalgie links" festgehalten und als Befund unter
anderem vermerkt, die Patientin habe seit einiger Zeit Beschwerden im linken
Kniegelenk, die sich "auf Sitzen und Treppensteigen" verstärkten. Als Procedere hatte
er angegeben "initial NSAR und Schonung, Bandage, bei Persistenz Physio und ggf.
MRT". Anlässlich der Verlaufskontrolle vom 8. Januar 2020 hatte er festgehalten: "Mit
Bandage schon deutliche Besserung der Beschwerden. Auf ebenen Böden ging es
A.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über Weihnachten sehr gut, bei Anstiegen aber immer Beschwerden." Bei der
Diagnose Gonalgie links hatte er Schonung und Physiotherapie verordnet (act. G 3.1.6).
Im von der Visana zugesandten Fragebogen (act. G. 3.1.7), ausgefüllt am 20.
Januar 2020, beschrieb die Versicherte das Ereignis vom 15. November 2019 im
Wesentlichen gleich wie bereits in der Schadenmeldung UVG. Auf die Frage, ob sich
der Ablauf wie gewohnt und unter normalen Umständen zugetragen habe, antwortete
sie, es seien die zurzeit normalen räumlichen Gegebenheiten. Auf die Frage, ob der
Ablauf durch etwas Besonderes beeinträchtigt worden sei, fügte sie an, es sei schon
ungewöhnlich gewesen, dass in diesem Zeitpunkt so viele Kollegen hinter ihr
durchgelaufen seien. Weiter führte sie aus, vom 24. Dezember 2019 bis 2. Januar 2020
Urlaub gehabt und ab dem 3. Januar 2020 die Arbeit im üblichen Umfang wieder
aufgenommen zu haben.
A.b.
Mit Bericht vom 3. Februar 2020 teilte Dr. med. D._, FMH Radiologie,
Röntgeninstitut E._, dem zuweisenden Dr. C._ mit, dass das gleichentags
durchgeführte MRT des linken Kniegelenks eine Signalsteigerung im Hinterhorn des
medialen Meniskus mit Konturalteration auch der tibialen Oberfläche in dieser Region,
die bis in den Corpus hineinreiche, ergeben habe. Definitionsgemäss entspreche dies
einer Grad III Läsion. Ansonsten hätten sich ein normaler lateraler Meniskus und
normale übrige Kniebinnenstrukturen gezeigt (act. G 3.1.10). Der beratende Arzt der
Visana, Dr. med. F._, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie FMH, kam in seiner
Stellungnahme vom 19. Februar 2020 zum Schluss, die Versicherte habe sich eine
unfallähnliche Körperschädigung zugezogen, wobei es sich gemäss MRT um eine
überwiegend wahrscheinliche und vor allem vorwiegend degenerative
Innenmeniskushinterhornläsion am linken Knie ohne traumatische
Gewebeveränderungen handle und zwar in bekannter und klassischer Form loco typico
(act. G 3.1.14).
A.c.
Mit Schreiben vom 24. Februar 2020 teilte die Visana der Versicherten mit, dass
ihre Gesundheitsschädigung weder auf ein Unfallereignis im Rechtssinne noch auf eine
unfallähnliche Körperschädigung zurückzuführen sei, da letztere gemäss dem
beratenden Arzt überwiegend wahrscheinlich vorwiegend Folge einer Erkrankung oder
A.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Abnützung sei. Deshalb lehne sie einen Anspruch auf Versicherungsleistungen ab (act.
G 3.1.15 f.).
Am 19. März 2020 schrieb die Versicherte der Visana, dass sie mit der Ablehnung
nicht einverstanden sei. Die Arbeitssituation habe eine programmwidrige Bewegung
erfordert, die zu einem Meniskusriss geführt habe. Vor dem Ereignis sei sie am Knie
absolut beschwerdefrei gewesen. Der Kniespezialist Dr. med. G._ (von der
Orthopädie H._, dessen Bericht vom 24. Februar 2020 sie der Visana zukommen
liess [act. G 3.1.20 f.]), habe die Diagnose eines Verdrehtraumas gestellt. Ihre
Beschwerden seien von den Fachärzten nicht im Rahmen einer degenerativen
Veränderung interpretiert worden. Insofern sei die Beurteilung von Dr. F._ nicht
nachvollziehbar. Sie bitte um erneute Überprüfung der Leistungsübernahme (act. G
3.1.26).
A.e.
Mit Verfügung vom 13. Mai 2020 hielt die Visana an ihrer Auffassung fest und
verneinte einen Anspruch auf Versicherungsleistungen (act. G 3.1.33 ff.).
A.f.
Dagegen erhob die Versicherte am 2. Juni 2020 Einsprache. Sie machte geltend,
sie sei durch die beengten und unzumutbaren räumlichen Verhältnisse am Arbeitsplatz
zu einer forcierten Drehbewegung am halb geöffneten Kühlschrank gezwungen
gewesen, was eine Programmwidrigkeit und damit ein Unfallereignis darstelle, welches
eine mediale Meniskusläsion links bewirkt habe. Selbst wenn dies nicht so gesehen
werde, liege anerkanntermassen eine unfallähnliche Körperschädigung vor. Der
Entlastungsbeweis, dass diese vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung
zurückzuführen sei, sei nicht erbracht (act. G 3.1.37 ff.).
B.a.
Die Visana holte in der Folge die aktualisierten Verlaufseinträge bezüglich der
Gonalgie links von Dr. C._ ein (act. G 3.1.48) und unterbreitete das Dossier ihrem
beratenden Arzt Dr. med. I._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie FMH, zur
Beurteilung. In seiner Stellungnahe vom 12. August 2020 hielt Dr. I._ fest, die am
linken Knie erkennbaren pathologischen Befunde im medialen Kompartiment seien das
Ergebnis eines über einen längeren Zeitraum stattgehabten Prozesses und einzelne
traumatische Faktoren spielten hierbei keine erkennbare Rolle. Die pathologischen
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und vorliegend zu prüfen ist die Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin bezüglich des ihr am 10. Januar 2020 gemeldeten Ereignisses
vom 15. November 2019 (vgl. act. G 3.1.1).
Befunde seien somit überwiegend wahrscheinlich vorwiegend auf Abnützung oder
Erkrankung zurückzuführen (act. G 3.1.49 ff.).
Mit Entscheid vom 15. September 2020 wies die Visana die Einsprache ab (act. G
3.1.52 ff.).
B.c.
Dagegen erhob die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 15.
Oktober 2020 Beschwerde. Sie beantragte darmit, der Einspracheentscheid vom 15.
September 2020 sei aufzuheben und es seien ihr aufgrund ihres Meniskusrisses
Leistungen der Unfallversicherung zuzusprechen; alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge (act. G 1).
C.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 24. November 2020 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge (act. G 3).
C.b.
Am 27. November 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht des
Orthopäden Dr. med. J._ vom 16. November 2020 ein (act. G 4, G 4.1).
C.c.
Mit Replik vom 18. Januar 2021 (act. G 6) und Duplik vom 24. Februar 2021
(Datum Poststempel [act. G 8]) hielten die Parteien an ihren Anträgen und
Auffassungen fest. Die Beschwerdegegnerin legte der Duplik eine weitere
Stellungnahme von Dr. I._ vom 12. Januar 2021 bei (act. G 8.1).
C.d.
Gemäss Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
831.20) werden Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt. Als Unfall gilt gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
1.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die plötzliche, nicht beabsichtigte
schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den
menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen
Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. Dabei bezieht sich das Begriffsmerkmal der
Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern auf den Faktor
selbst. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere
Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog (BGE 112 V 202 f.
E. 1). Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er den Rahmen des im jeweiligen
Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ob dies zutrifft, beurteilt sich
im Einzelfall, wobei grundsätzlich nur die objektiven Umstände in Betracht fallen
(ANDRÉ NABOLD, N 42 zu Art. 6, in: Marc Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz
über die Unfallversicherung, Kommentar zum schweizerischen
Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert: KOSS UVG]; Irene Hofer, N 32 ff.
zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli [Hrsg.],
Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019 [nachfolgend zitiert: BSK UVG];
Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 31; RKUV 2000 Nr. U
368 S. 99 E. 2b mit Hinweisen; BGE 122 V 233 E. 1, 121 V 38 E. 1a, je mit Hinweisen).
Das für den Unfallbegriff wesentliche Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors
kann nach Lehre und Rechtsprechung auch in einer unkoordinierten Bewegung
bestehen. Bei unkoordinierten Bewegungen ist das Merkmal der Ungewöhnlichkeit
erfüllt, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer
Körperbewegung gleichsam „programmwidrig“ beeinflusst hat, was beispielsweise
dann zutrifft, wenn die versicherte Person stolpert, ausgleitet oder an einen
Gegenstand anstösst oder wenn sie, um ein Ausgleiten zu verhindern, eine reflexartige
Abwehrbewegung ausführt oder auszuführen versucht. Dass es tatsächlich zu einem
Sturz kommt, wird mithin nicht vorausgesetzt. Immerhin ist festzuhalten, dass der
Nachweis eines Unfalls bei Schädigungen, die sich auf das Körperinnere beschränken,
insofern strengen Anforderungen unterliegt, als die unmittelbare Ursache der
Schädigung unter besonders sinnfälligen Umständen gesetzt werden muss; denn ein
Unfallereignis manifestiert sich in der Regel in einer äusserlich wahrnehmbaren
Schädigung, während bei deren Fehlen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit rein
krankheitsbedingter Ursachen besteht (vgl. BGE 134 V 80 E. 4.3.2.1 mit Hinweisen;
Urteil des Bundesgerichts vom 25. März 2011, 8C_693/2010, E. 5; RKUV 1999 Nr. U
333 S. 199 E. 3c/aa und Nr. U 345 S. 422 E. 2b, RKUV 1996 Nr. U 253 S. 204 E. 4d;
KOSS UVG-Nabold, N 32 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 38 zu Art. 6; Rumo-Jungo/
Holzer, a.a.O., S. 40 f.; Alfred Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufl. 1989, S. 176 f.). Die Frage, ob die einzelnen Unfallbegriffsmerkmale im Sinne von
Art. 4 ATSG erfüllt sind, ist eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin
und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist (vgl. dazu RKUV 1990 Nr. U 86 S. 50).
Gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG erbringt die Versicherung ihre Leistungen auch bei den
folgenden, abschliessend aufgelisteten Körperschädigungen (vgl. dazu KOSS UVG-
Nabold, N 42 zu Art. 6), sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung
zurückzuführen sind: a. Knochenbrüche, b. Verrenkungen von Gelenken; c.
Meniskusrisse; d. Muskelrisse, e. Muskelzerrungen; f. Sehnenrisse; g. Bandläsionen; h.
Trommelfellverletzungen. Mit Art. 6 Abs. 2 lit. a bis h UVG wird die gesetzliche
(Kausalitäts-)Vermutung statuiert, dass der Unfallversicherer bei erfüllter
Listendiagnose leistungspflichtig ist. Dieser kann sich aber von seiner Leistungspflicht
befreien, wenn er den Nachweis erbringt, dass die Körperschädigung vorwiegend auf
Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist (Botschaft vom 30. Mai 2008, BBl 2008
S. 5411, und Zusatzbotschaft vom 19. September 2014, BBl 2014 S. 7922; SZS 2017
S. 33). Auf das Kriterium des äusseren Faktors wird explizit verzichtet (BBl 2014 S.
7922). Der Gegenbeweis der vorwiegend abnützungs- oder krankheitsbedingten
Verursachung beschlägt den natürlichen Kausalzusammenhang (vgl. dazu KOSS UVG-
Nabold, N 51 ff. zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 51 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O.,
S. 53 f.). Nur der rechtsgenügende Nachweis eines vorwiegend degenerativ oder
krankhaft verursachten Schadens kann zu einer Verneinung des natürlichen
Kausalzusammenhangs bzw. der Leistungspflicht des Unfallversicherers führen (SZS
2018 S. 358). Der (Gegen-)Beweis der vorwiegend krankhaften oder degenerativen
Pathogenese der Listendiagnose ist erbracht, wenn für die Richtigkeit einer degenerativ
oder krankhaft begründeten Listenverletzung mehr Indikatoren vorliegen als für die
traumatische Pathogenese (KOSS UVG-Nabold, N 44 zu Art. 6 mit Hinweisen; BSK
UVG-Hofer, N 55 f. zu Art. 6 mit Hinweisen; SZS 2018 S. 355 f.; SZS 2017 S. 34).
1.2.
Zur Feststellung der medizinischen Verhältnisse, konkret des Vorhandenseins einer
Listenverletzung sowie der Tatfrage, ob die Schädigung vorwiegend auf Abnützung
oder Erkrankung zurückzuführen ist, ist die rechtsanwendende Behörde auf Unterlagen
angewiesen, die ihr von Ärzten und Ärztinnen zur Verfügung zu stellen sind (vgl. Urteil
des Bundesgerichts vom 24. September 2019, 8C_22/2019, E. 8.6; vgl. BGE 122 V 157
E. 1b mit zahlreichen Hinweisen; BSK UVG-Hofer, N 59 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer,
a.a.O., S. 84; SZS 2018 S. 343, 357 f.).
1.3.
Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
1.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Zu prüfen ist zunächst, ob das Ereignis vom 15. November 2019 als Unfall zu
qualifizieren ist, und dabei insbesondere, ob im Sinn der Legaldefinition des Unfalls
gemäss Art. 4 ATSG von einem ungewöhnlichen äusseren Faktor gesprochen werden
kann.
Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den
Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 122 V 158 E. 1a, 121 V 210 E. 6c). Der
Untersuchungsgrundsatz schliesst eine Beweislast im Sinn einer Beweisführungslast
begriffsnotwendig aus. Die Parteien tragen aber eine Beweislast insofern, als im Fall
der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem
unbewiesenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte (BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen,
138 V 221 f. E. 6). Die Verwaltung respektive das Gericht dürfen eine Tatsache nur
dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind. Die Frage,
ob sich ein Unfallereignis im Rechtssinn ereignet hat (vgl. Erwägung 1.1) und ebenso
die Fragen, ob eine unfallähnliche Körperschädigung vorliegt und falls ja, ob die
Schädigung vorwiegend durch Abnützung oder Krankheit verursacht ist (vgl. Erwägung
1.3), beurteilen sich nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit; die blosse Möglichkeit eines Sachverhalts genügt
für die Begründung eines Leistungsanspruchs bzw. für die Verneinung einer
Leistungspflicht nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1 mit Hinweisen; vgl. Thomas Locher/
Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. 2014, § 70 N 58 f.).
Die obgenannte Beweislastregel kommt allerdings erst zur Anwendung, wenn im
Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes hinsichtlich der vorgenannten Fragen kein
überwiegend wahrscheinlicher Sachverhalt ermittelt werden kann (BGE 138 V 221 f. E.
6, 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen, 114 V 298 E. 5b). Wird auf dem Weg der
Beweiserhebung das Vorliegen eines Unfallereignisses nicht wenigstens mit
Wahrscheinlichkeit erstellt, so hat dieses als unbewiesen zu gelten, was sich zu Lasten
der den Anspruch erhebenden Person auswirkt (BGE 116 V 136 E. 4b; RKUV 1990 Nr.
U 86 S. 50). Bei der Frage, ob eine unfallähnliche Körperschädigung vorliegt, ist
ebenfalls die versicherte Person beweisbelastet. Die Beweislast in Bezug auf den
Nachweis der vorwiegend krankhaften oder degenerativen Verursachung einer in Art. 6
Abs. 2 lit. a bis h UVG aufgelisteten Körperschädigung trägt hingegen der
Unfallversicherer.
Die Arbeitgeberin (bzw. die Beschwerdeführerin selbst) gab in der
Schadenmeldung vom 10. Januar 2020 an, die als Zytologieassistentin tätige
2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin habe am 15. November 2019 die tagesaktuellen Proben in einen
Kühlschrank einräumen und diejenigen der gesamten Vorwoche ins Archiv, welches
sich im untersten Kühlschrankfach befinde, verschieben müssen. Sie habe die gesamte
Tätigkeit in der Hocke vornehmen müssen. Da der Probeneingang sehr gross gewesen
sei, habe dies eine Weile gedauert und in dieser Zeit hätten drei Kollegen passieren
müssen. Aufgrund beengter Platzverhältnisse habe sie sich jedes Mal verrenken, eine
Drehbewegung machen und dabei die Kühlschranktüre heranziehen müssen.
Infolgedessen sei ihr ein stechender Schmerz "durchs linke Knie geschossen", den sie
zunächst für eine starke Zerrung gehalten habe (act. G 3.1.1). Im Fragebogen der
Beschwerdegegnerin schilderte die Beschwerdeführerin das Ereignis im Wesentlichen
gleich und fügte hinzu, nach dem Schmerzeintritt habe ihr ein Kollege aufhelfen
müssen, da sie dies aus eigener Kraft nicht geschafft habe (act. G 3.1.7). In ihrer
Einsprache vom 2. Juni 2020 sowie der Beschwerde vom 15. Oktober 2020 führte sie
ergänzend aus, sie habe Urinproben, welche sich in der Türe eines am Boden
stehenden Kühlschranks befunden hätten, in das "Gemüsefach" des Kühlschranks auf
Bodenhöhe umräumen müssen. Dazu habe sie bei offener Kühlschranktüre in der
Hocke arbeiten müssen. Die Türe des Kühlschrankes schwinge derart auf, dass sie
einen Durchgang versperre, welcher regelmässig von anderen Angestellten benutzt
werde. Die anderen Angestellten hätten also die Kühlschranktüre zugedrückt, so dass
sie sich in der Hocke habe abdrehen müssen. Manchmal hätten diese auch gewartet,
so dass sie - die Beschwerdeführerin - schnell habe aufstehen müssen, um den Weg
frei zu machen. Da dies sehr mühsam gewesen sei, habe sie versucht, sich in der
Hocke möglichst weit wegzudrehen, damit die anderen Angestellten hätten passieren
können. Dabei sei es in einem Fall zu einem Drehtrauma gekommen, wobei sie wegen
der langsamen Bewegung vorerst gar nicht realisiert habe, was geschehen sei (act. G1,
G 3.1.37 ff.).
Die Beschwerdeführerin antwortete der Beschwerdegegnerin am 20. Januar 2020
auf die Frage, ob sich der Ablauf wie gewohnt und unter normalen Umständen
zugetragen habe, es hätten die derzeit normalen räumlichen Gegebenheiten
bestanden. Auf die Frage, ob der Ablauf durch etwas Besonderes beeinträchtigt
worden sei, fügte sie an, es sei schon ungewöhnlich gewesen, dass zu diesem
Zeitpunkt so viele Kollegen hinter ihr durchgelaufen seien (act. G 3.1.7). Am 19. März
2020 machte die Beschwerdeführerin geltend, die Arbeitssituation habe eine
programmwidrige Bewegung erfordert, ohne dies jedoch weiter auszuführen. Es sei zu
einem Verdrehtrauma gekommen (act. G 3.1.26). Wie die Beschwerdegegnerin jedoch
zu Recht ausführte, ist aufgrund der Schilderung der Beschwerdeführerin von einem
üblicherweise vorkommenden Ablauf im Hinblick auf ihre berufliche Tätigkeit als
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zytologieassistentin auszugehen, welcher den Rahmen des Alltäglichen nicht sprengt.
Bei dem geschilderten Drehen in Hockestellung sowie Aufstehen, um Arbeitskollegen
passieren zu lassen, handelt es sich zudem um Bewegungsabläufe, die mit dem Körper
ohne Weiteres ausgeübt werden können. Die Beschwerdeführerin hat das denn auch
wiederholt problemlos getan. Zudem führte sie die Bewegungen gemäss eigenen
Angaben (act. G 1, G 6) langsam aus, eine abrupte Beeinflussung derselben durch
einen ungewöhnlichen äusseren Faktor ist nicht ersichtlich. Auch erklärt die
Beschwerdeführerin nicht, wieso - ihrer Ansicht nach - solch langsame Bewegungen
typisch sein sollten für ein Verdrehtrauma (vgl. act. G 1, G 6). Wie die
Beschwerdegegnerin zu Recht ausführt (act. G 3), werden beim beschriebenen
Vorgang die Knie nach der allgemeinen Lebenserfahrung nicht in unnatürlicher Weise
verdreht, da eine solche Drehbewegung aus dem Rumpf bzw. der Hüfte ausgeführt
wird. Dies auch trotz der beengten räumlichen Verhältnisse am Arbeitsplatz der
Beschwerdeführerin. Den Schilderungen der Beschwerdeführerin ist insgesamt keine
programmwidrige oder sinnfällige Störung des natürlichen Ablaufs der körperlichen
Bewegungen zu entnehmen. Sie machte insbesondere weder ein Anrempeln noch
einen Sturz und auch kein Ausgleiten geltend (act. G 1, G 3.1.34, G 3.1.37 ff.).
Nach dem Gesagten ist das Merkmal der Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors
nicht erfüllt, weshalb das Ereignis vom 15. November 2019 keinen Unfall im Rechtssinn
darstellt. Daran ändert auch die von Dr. G._ gestellte Diagnose eines Verdrehtraumas
des Knies links (act. G 3.1.20), welche auf ein Unfallereignis hindeuten könnte, nichts.
Dies zumal er sich bei seiner Diagnose lediglich auf die anamnestischen Angaben der
Beschwerdeführerin stützte, keine weiteren Ausführungen zum Hergang des
Ereignisses machte und er zudem als Arzt ohnehin nicht berufen ist, die juristische
Frage, ob die Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt sind, zu beantworten.
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Damit bleibt eine Leistungspflicht gestützt auf Art. 6 Abs. 2 UVG zu prüfen. Bei der
Beschwerdeführerin wurde anlässlich der MRT-Untersuchung vom 3. Februar 2020 ein
Meniskusriss festgestellt (vgl. act. G 3.1.10), was, sollte sich die Diagnose als
zutreffend erweisen, einer Listendiagnose (Art. 6 Abs. 2 lit. c) entsprechen würde (act.
G 3.1.14, 3.1.33 ff., 3.1.49, 3.1.52 ff.). Die Beschwerdegegnerin stellt sich jedoch auf
den Standpunkt, die Grad III Läsion am Hinterhorn des medialen Mensikus sei
vorwiegend auf eine Abnützung zurückzuführen, weshalb eine Leistungspflicht entfalle
(act. G 3, G 3.1.52 ff.).
Der mit der MRT-Untersuchung betraute Radiologe Dr. D._ befand, es liege eine
Signalsteigerung im Hinterhorn des medialen Meniskus mit Konturalteration auch der
tibialen Oberfläche in dieser Region bis in den Corpus hineinreichend vor, was defini
tionsgemäss einer Grad III Läsion entspreche. Der laterale Meniskus und die übrigen
Kniebinnenstrukturen seien normal (act. G 3.1.10). Dr. F._ hielt am 19. Februar 2020
mit Verweis auf das erwähnte MRT fest, es handle sich um eine überwiegend
wahrscheinliche und vor allem vorwiegend degenerative
Innenmeniskushinterhornläsion am linken Knie ohne traumatische
Gewebeveränderungen und zwar in bekannter und klassischer Form loco typico (act. G
3.1.14). Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, Dr. F._ habe sie nicht persönlich
untersucht (act. G 1) ist darauf hinzuweisen, dass die Rechtsprechung Aktengutachten
als zulässig erachtet, wenn die Akten - wie vorliegend - ein vollständiges Bild über
Anamnese, Verlauf und gegenwärtigen Status ergeben und diese Daten unbestritten
sind. Voraussetzung ist ein lückenloser Untersuchungsbefund, damit der Experte bzw.
die Expertin imstande ist, sich aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein lückenloses
Bild zu verschaffen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 24. März 2017, 8C_780/2016,
E. 6.1). Dasselbe gilt auch für die Zulässigkeit der Aktenbeurteilungen von Dr. I._ (act.
G 3.1.49 ff., 8.1).
3.1.
Dieser führte am 20. August 2020 aus (act. G 3.1.49 ff.), in der MRT des
Kniegelenks vom 3. Februar 2020 zeigten sich als Hauptbefund Veränderungen im
medialen Kompartiment, vor allem betreffend den Meniskus, dessen Binnensubstanz
vom Hinterhorn bis zum dorsalen Korpus eine vorwiegend horizontal verlaufende,
hyperintense Signalveränderung aufweise, die in die Unterfläche ausstrahle und fokal
kapselnah einen transmuralen Aspekt annehme. Begleitet werde dies von einer
ödematösen Reaktion des subchondralen Knochens am Tibiaplateau, einem leichten
intraartikulären Erguss sowie einer kleinen Baker-Zyste, was gesamthaft dem typischen
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aspekt einer chronischen Überlastung entspreche. Betrachte man das MRT vom 3.
Februar 2020 genau, so erkenne man, dass im medialen Kompartiment nicht nur
Veränderungen des Meniskus vorlägen, sondern eben die ödematöse Reaktion des
subchondralen Knochens zu sehen sei. Dr. D._ habe dies in seinem äusserst kurz
gehaltenen Bericht nicht erwähnt (vgl. act. G 3.1.10). Dr. I._ folgerte, selbst wenn
diese Begleitveränderung nicht vorhanden wäre, würde dies eine chronische Läsion
des Meniskus keineswegs ausschliessen. Besonders der mediale Meniskus zeige -
wesentlich bedingt durch die fast fehlende Blutversorgung und die entsprechend
kompromittierte Versorgung mit Nährstoffen sowie die hohe mechanische Belastung -
bei vielen Personen schon in jungen Jahren (unter 40) Degenerationen der
Binnensubstanz, wie sie bei anderen Geweben mit besserer Durchblutung erst viel
später zu sehen seien. Die gesamte Morphologie der gefundenen Alterationen spreche
vorliegend klar für eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum. Sie sei somit
überwiegend wahrscheinlich rein degenerativer Natur und sei durch die Aktivitäten am
15. November 2019 lediglich schmerzhaft aktiviert worden, jedoch ohne objektiv
nachweisbare neue strukturelle Läsionen, wie sie für eine richtungsgebende
Veränderung zu fordern wären. Zudem entspreche der von der Beschwerdeführerin
geschilderte Ablauf des Ereignisses vom 15. November 2019 aus orthopädisch-
traumatologischer Sicht nicht einem Trauma im eigentlichen Sinn, sondern es handle
sich um Beschwerden im Zusammenhang mit einer Überbelastung (Overuse). Dazu
passten auch die Angaben von Dr. C._ gut (act. G 3.1.49 ff.). Dieser hatte am 18.
Dezember 2019 eine Gonalgie links festgehalten und als Befund angegeben, die
Beschwerdeführerin habe seit einiger Zeit Beschwerden am linken Kniegelenk, die sich
"auf Sitzen und Treppensteigen" verstärkten. Einen konkreten Auslöser für die
Knieproblematik nannte er nicht (act. G 3.1.6). Dr. I._ schlussfolgerte überzeugend, in
Zusammenfassung der anamnestischen Angaben, der zeitnah verfassten
medizinischen Berichte und des Befunds der MRT vom 3. Februar 2020 seien die am
linken Knie erkennbaren pathologischen Befunde im medialen Kompartiment das
Ergebnis eines über einen längeren Zeitraum stattgehabten Prozesses und die
einzelnen traumatischen Faktoren spielten hierbei keine erkennbare Rolle. Die
pathologischen Befunde seien somit überwiegend wahrscheinlich vorwiegend auf
Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen (act. G 3.1.49 ff.).
Wie Dr. I._ zutreffend ausführt (act. G 3.1.51), sind dem Bericht von Dr. G._
vom 24. Februar 2020 keine Argumente zu entnehmen, welche seine Einschätzung zu
widerlegen vermöchten. Dr. G._ hatte als Anamnese ein Verdrehtrauma des
Kniegelenks links in kniender Tätigkeit bei der Arbeit am 15. November 2019
festgehalten (act. G 3.1.20 f.). Es ergibt sich aus den Akten nicht, ob Dr. G._ die
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
MRT-Bilder zur eigenen Betrachtung zur Verfügung standen. Jedenfalls lässt sich
seinem Bericht als radiologischen Befund nur eine Innenmeniskusläsion im Hinterhorn
ohne Bewertung der pathologischen Befunde und deren Ursache entnehmen (vgl. act.
G 3.1.20 f.). Der Bericht stellt die Einschätzung von Dr. I._, wonach die Läsion
vorwiegend degenerativ bedingt sei, damit nicht in Frage. Soweit Dr. G._ und die
Beschwerdeführerin selbst angaben, vor dem Ereignis vom 15. November 2019 hätten
keine Kniebeschwerden bestanden (vgl. act. G 3.1.20 f., 3.1.26), ist festzuhalten, dass
die Formel "post hoc ergo propter hoc" nach ständiger Rechtsprechung für sich allein
nicht ergiebig ist (vgl. SVR 2009 UV Nr. 13 [8C_590/2007], S. 52 E. 7.2.4 mit weiteren
Hinweisen; BGE 119 V 340 E. 2b/bb). Dies umso weniger, als zwischen dem Ereignis
vom 15. November 2019 und der Erstbehandlung vom 18. Dezember 2019 doch
immerhin ein Monat bzw. bis zum MRT vom 3. Februar 2020 gar knapp drei Monate
vergangen waren, genügend Zeit also, in welchen sich auch andere Schadensursachen
hätten verwirklichen können.
Während des Beschwerdeverfahrens reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht
von Dr. J._ vom 16. November 2020 ein. Dieser hielt fest, auf den MRI-Bildern zeige
sich unter anderem eine Bonebruise-Bildung im Bereich des Tibiaplateaus. Er meinte
damit offensichtlich die von Dr. I._ am 12. August 2020 als ödematöse Reaktion des
subchondralen Knochens beschriebene und in der MRT markierte Veränderung (vgl.
act. G 3.1.50). Dr. J._ befand weiter, aus medizinischer Sicht lasse sich sagen, dass
eine Bonebruise-Bildung eine Überlastungsreaktion sein könne, man aber bei einer
frischen oder akuten Traumatisierung (zum Beispiel bei einer Kreuzbandruptur)
ebenfalls Ödembildungen im Bereich des Knochens sehe. Daher sei dies für ihn kein
schlüssiges Argument, dass keine Traumatisierung vorliegen solle. Im Gegenteil handle
es sich vorliegend um ein akutes Geschehen. Es zeige sich eine
Flüssigkeitsimbibierung im Bereich des tiefen Anteils des medialen Seitenbandes. Dies
könne auch "auf beide Seiten gedeutet" werden. Er empfehle ein unabhängiges
Gutachten zur weiteren Abklärung (act. G 4.1). Wie jedoch Dr. I._ am 12. Januar 2021
ausführte (vgl. act. G 8.1), war Dr. J._ offenbar nicht bekannt, dass das Ereignis vom
15. November 2019 nicht als Unfall klassifiziert worden war. Er stützte sich rein auf die
Angaben der Beschwerdeführerin, die gerade keine Kreuzbandruptur erlitten hatte, ab
und ging von einem Unfallereignis mit Distorsion aus (act. G 4.1). Ein solches lag
jedoch überwiegend wahrscheinlich nicht vor (vgl. E. 2.3). Im Übrigen brachte Dr. I._
zu Recht vor (vgl. act. G 8.1), dass für die vorliegend interessierende Frage der
Leistungspflicht für eine Listenverletzung nach Art. 6 Abs. 2 UVG ausschliesslich die
Alterationen am medialen Meniskus, welche einer Listendiagnose entsprächen,
entscheidend seien. Sämtliche übrigen Veränderungen, konkret diejenigen am
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
stellenweise ausgedünnten Knorpel sowie am Knochen, wo sich fokal ein Bonebruise
habe finden lassen, stellten keine Listendiagnosen dar und seien somit bei der
Beurteilung nicht unmittelbar zu berücksichtigen. Er habe diese in seiner
Stellungnahme vom 12. August 2020 nur erwähnt, um noch besser aufzeigen zu
können, dass es sich beim Gesamtbild der bestehenden Veränderungen überwiegend
wahrscheinlich um das Ergebnis einer länger dauernden, von einem Trauma
unabhängigen Entwicklung handle. Diese sei am 15. November 2019 durch eine
Überbelastung schmerzhaft aktiviert worden, was sich im Verlauf aber offenbar wieder
beruhigt habe, zumal Dr. J._ festhalte, die Meniskuszeichen seien negativ (act. G
8.1). Zusammenfassend seien Dr. J._ bei seiner Beurteilung nur wenige Dokumente
zur Verfügung gestanden, weshalb er davon ausgegangen sei, die Beschwerdeführerin
habe am 15. November 2019 einen Unfall erlitten. Entsprechend habe er sich auch gar
nicht zur Problematik einer Listenverletzung gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG geäussert. Es
könne damit uneingeschränkt daran festgehalten werden, dass die Läsion am medialen
Meniskus - die einzige vorliegende "UKS-Listendiagnose" - überwiegend
wahrscheinlich vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sei (act. G
8.1).
Insgesamt ist gestützt auf die überzeugenden Beurteilungen von Dr. I._ und Dr.
F._ mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Meniskusriss
vorwiegend auf ein degeneratives Geschehen zurückzuführen ist. Die Einschätzungen
der behandelnden Ärzte stellen diese Schlussfolgerung nicht in Frage. Damit ist eine
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin auch gestützt auf Art. 6 Abs. 2 UVG zu
verneinen. Weitere medizinische Abklärungen erübrigen sich.
3.5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist der Einspracheentscheid vom 15.
September 2020 nicht zu beanstanden und die dagegen erhobene Beschwerde
abzuweisen.
4.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember
2020 gültigen, für das vorliegende Verfahren gemäss Art. 82a ATSG noch
anwendbaren Fassung).
4.2.
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Als Versicherungsträger hat die obsiegende Beschwerdegegnerin
praxisgemäss ebenfalls keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung, soweit - wie
vorliegend - die Prozessführung der Gegenpartei nicht als mutwillig oder leichtsinnig zu
4.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
3. Für dieses Verfahren wird keine Parteientschädigung zugesprochen.
bezeichnen ist (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 218 zu Art. 61
ATSG). Ihr diesbezüglicher Antrag ist daher abzuweisen (vgl. act. G 3).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 24.09.2021 Art. 6 Abs. 1 f. UVG. Mangels ungewöhnlichen äusseren Faktors ist das Vorliegen eines Unfallereignisses zu verneinen. Beim vorliegenden Meniskusriss handelt es sich zwar um eine Listendiagnose, da der Meniskusriss jedoch überwiegend wahrscheinlich vorwiegend degenerativ bedingt ist, entfällt auch eine Leistungspflicht im Sinne von Art. 6 Abs. 2 UVG. Abweisung der Beschwerde (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 24. September 2021, UV 2020/81).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
2022-02-27T05:19:24+0100 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen