Decision ID: cd5cec51-d367-4d20-9591-95e504b19159
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
B.
A._ meldete sich am 9. März 2021 bei der Sozialversicherungsanstalt (SVA) des
Kantons St. Gallen zum Bezug einer Vaterschaftsentschädigung an. Am 14. Dezember
2020 sei sein Sohn B._ zur Welt gekommen, worauf er vom 4. bis 15. Januar 2021
Vaterschaftsurlaub bezogen habe (act. G 3.1.1).
A.a.
Mit Verfügung vom 23. März 2021 wies die SVA das Leistungsbegehren ab. Seit
dem 1. Januar 2021 hätten erwerbstätige Väter Anspruch auf einen zweiwöchigen
Vaterschaftsurlaub. Da die Bestimmungen per 1. Januar 2021 in Kraft gesetzt worden
seien, bestehe für Geburten vor diesem Datum kein Anspruch auf eine
Vaterschaftsentschädigung (act. G 3.1.2).
A.b.
Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte am 12. April 2021 Einsprache. Er
machte geltend, das Gesetz definiere nicht, wann die Rahmenfrist von sechs Monaten
beginne. Zudem bestünden verschiedene Lehrmeinungen, wonach auch eine Geburt
vor dem 1. Januar 2021 abgedeckt sein müsste, sofern die Rahmenfrist eingehalten
werde (act. G 3.1.3).
B.a.
Mit Einspracheentscheid vom 10. September 2021 wies die SVA die Einsprache
ab. Zur Begründung führte sie aus, dass das Gesetz in erster Linie nach seinem
Wortlaut auszulegen sei. Nach diesem würden Rahmenfrist und Anspruch auf
Vaterschaftsentschädigung am Tag der Geburt des Kindes beginnen. Somit würden
der Beginn der Rahmenfrist wie auch der Beginn des Anspruchs an sich an den Tag
der Geburt des Kindes anknüpfen. Dies lasse darauf schliessen, dass nur eine Geburt,
die nach Inkrafttreten der Gesetzesbestimmungen zum Vaterschaftsurlaub
B.b.
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C.
stattgefunden habe, einen Anspruch begründen könne. Im Unterschied zur
Gesetzesrevision betreffend die Einführung der Mutterschaftsentschädigung habe der
Gesetzgeber hier keine Schlussbestimmung zur Änderung vom 27. September 2019
erlassen, die den zeitlichen Geltungsbereich der Bestimmungen zur
Vaterschaftsentschädigung auf Geburten ausweite, die vor dem Inkrafttreten der
Änderung erfolgt seien. Weder aus der Entstehungsgeschichte noch aus der
parlamentarischen Debatte liessen sich irgendwelche Hinweise entnehmen, dass auch
Geburten vor Inkrafttreten der Gesetzesänderungen zum Bezug einer
Vaterschaftsentschädigung berechtigen sollten. Mit Blick auf den Mutterschaftsurlaub
von 14 Wochen, der eindeutig kein Elternurlaub sei, sondern dem Mutterschutz
entspreche, stehe fest, dass die zur Diskussion stehende Gesetzesänderung nicht eine
Deckungslücke im Zusammenhang mit einer bestehenden
sozialversicherungsrechtlichen Entschädigung beseitige, sondern sie mit dem
Vaterschaftsurlaub bzw. dem Entschädigungsanspruch für Väter eine gänzlich neue
Sozialversicherungsleistung eingeführt habe. Hinzu komme, dass sich die
Stimmbevölkerung auf der Grundlage einer Referendumsvorlage und amtlicher
Informationen für den Vaterschaftsurlaub ausgesprochen habe, die weder ausdrücklich
noch implizit auf eine unechte Rückwirkung hätten schliessen lassen. Vor diesem
Hintergrund spreche insbesondere die teleologische Auslegung dafür, sinngemäss eine
unechte Rückwirkung zu untersagen. Daher könnten nur Väter von Kindern, die nach
dem 31. Dezember 2020 geboren seien, einen Anspruch auf eine
Vaterschaftsentschädigung haben (act. G 3.1.6).
Dagegen richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 15. September 2021 mit
dem Antrag auf Aufhebung des angefochtenen Entscheids und auf Gewährung einer
Vaterschaftsentschädigung. Zur Begründung hält der Beschwerdeführer fest,
inzwischen habe auch das Obergericht Appenzell Ausserrhoden in einem 100 %
analogen Fall den Einspracheentscheid aufgehoben und dem Beschwerdeführer den
Anspruch auf eine Vaterschaftsentschädigung zugestanden. Auf Grund der national
geregelten Vaterschaftsentschädigung dürfe es keinen Unterschied machen, wo die die
Sozialversicherungsleistungen beanspruchende Person ihren Wohnsitz habe (act. G 1).
C.a.
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Erwägungen
1.
2.
Mit Eingabe vom 1. Oktober 2021 beantragt die Beschwerdegegnerin mit Hinweis
auf die Erwägungen im Einspracheentscheid und unter Verzicht auf eine umfassende
Beschwerdeantwort die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
C.b.
Der Beschwerdeführer verzichtet auf eine weitere Stellungnahme (act. G 5).C.c.
Vorliegend ist streitig und zu prüfen, ob der Beschwerdeführer infolge der Geburt
seines Sohnes am 14. Dezember 2020 für die Zeit seines Urlaubs vom 4. bis 15. Januar
2021 Anspruch auf eine Vaterschaftsentschädigung hat.
1.1.
Die Änderungen des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende
und bei Mutterschaft (EOG; SR 834.1), mit welchen die Vaterschaftsentschädigung
eingeführt wurde, sind am 1. Januar 2021 in Kraft getreten (AS 2020 S. 4689). Gemäss
Art. 16i Abs. 1 EOG setzt der Anspruch auf Vaterschaftsentschädigung voraus, dass
der Mann im Zeitpunkt der Geburt des Kindes der rechtliche Vater ist oder dies
innerhalb der folgenden sechs Monate wird (lit. a), er während der neun Monate
unmittelbar vor der Geburt des Kindes im Sinne des Bundesgesetzes über die Alters-
und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) obligatorisch versichert war (lit. b),
er in dieser Zeit mindestens fünf Monate lang eine Erwerbstätigkeit ausgeübt hat und er
im Zeitpunkt der Geburt des Kindes Arbeitnehmer im Sinne von Art. 10 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1, lit. d Ziff. 1) oder Selbständiger im Sinne von Art. 12 ATSG ist (lit. d Ziff. 2)
oder er im Betrieb der Ehefrau mitarbeitet und einen Barlohn bezieht (lit. d Ziff. 3). Der
Vater hat Anspruch auf höchstens 14 Taggelder (Art. 16k Abs. 2 EOG). Für den Bezug
der Vaterschaftsentschädigung gilt eine Rahmenfrist von sechs Monaten, wobei die
Rahmenfrist und der Anspruch am Tag der Geburt des Kindes beginnen. Der Anspruch
endet unter anderem nach Ablauf der Rahmenfrist (Art. 16j EOG).
1.2.
Gemäss Auffassung des Beschwerdeführers entsteht in intertemporalrechtlicher
Hinsicht ein Anspruch auf Vaterschaftsentschädigung, wenn das Kind vor Inkrafttreten
der Gesetzesänderung am 1. Januar 2021 geboren und der Vaterschaftsurlaub nach
Inkrafttreten der Gesetzesänderung (vorliegend vom 4. bis 15. Januar 2021), aber
2.1.
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3.
innerhalb der sechsmonatigen Rahmenfrist gemäss Art. 16j Abs. 1 EOG, bezogen
wurde.
Der Beschwerdeführer beruft sich in seiner Begründung auf ein einzelrichterliches
Urteil des Obergerichts Appenzell Ausserrhoden vom 2. Juli 2021 i. S. X gegen
Ausgleichskasse Appenzell Ausserrhoden (ERV 21 25). Darin wurde festgestellt, dass
die neuen Bestimmungen über den Vaterschaftsurlaub nach dem Willen des
Gesetzgebers zum Zweck hätten, die frühe Bindung zwischen Vater und Kind zu
fördern und zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit
beizutragen. Es entspreche daher dem Gesetzeszweck, wenn auch Väter von vor dem
1. Januar 2021 geborenen Kindern einen Anspruch auf eine Vaterschaftsentschädigung
hätten. Da der Wortlaut des Gesetzes offen lasse, ob die Geburt oder die Rahmenfrist
für den Anspruch per 1. Januar 2021 massgebend seien, sich auch der
Entstehungsgeschichte der Norm diesbezüglich wenig entnehmen lasse und der
Gesetzeszweck klar für die Massgeblichkeit der Rahmenfrist und nicht der Geburt des
Kindes spreche, sei Art. 16j EOG so auszulegen, dass diese Bestimmung auch auf
Fälle anwendbar sei, bei denen das Kind im Jahr 2020 geboren wurde, jedoch ein
Bezug des Vaterschaftsurlaubs innerhalb der Rahmenfrist nach dem 1. Januar 2021
noch möglich gewesen sei. Demgegenüber legte das Verwaltungsgericht des Kantons
Bern in einem Urteil vom 18. August 2021 i.S. A. AG gegen Ausgleichskasse
Arbeitgeber Basel (VGE 200.2021.415, BVR 2022/1) die Frage eines Anspruchs auf
Vaterschaftsentschädigung so aus, dass sie einen solchen nur für Geburten bejahte,
welche nach dem 31. Dezember 2020 erfolgt sind. Da richterliche Behörden nach Art.
191c der Bundesverfassung (BV; SR 101) in ihrer rechtsprechenden Tätigkeit
unabhängig und nur dem Recht verpflichtet sind, ist das hiesige Versicherungsgericht
an keines der zitierten Urteile gebunden.
2.2.
Der Gesetzgeber hat keine Übergangsregelung erlassen. Auch die Materialien des
Gesetzgebers schweigen sich dazu aus (vgl. Amtliches Bulletin des National- und
Ständerates zum Geschäft 18.441: AB 2019 S 554 ff. und AB 2019 N 1442 ff.).
3.1.
Nachdem eine übergangsrechtliche Regelung fehlt, stellt sich die Frage nach einer
unechten Rückwirkung, die zur Folge hat, dass das künftige Recht nur für die Zeit nach
seinem Inkrafttreten (ex nunc et pro futuro) zur Anwendung kommt, aber dabei auf
einen Sachverhalt abstellt, der bereits vor Inkrafttreten vorlag (Ulrich Häfelin/Georg
Müller/Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. A., Zürich/St. Gallen 2020, N
282 m.w.H.). Nach der Rechtsprechung ist die unechte Rückwirkung grundsätzlich
3.2.
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zulässig, sofern ihr nicht wohlerworbene Rechte entgegenstehen (BGE 146 V 371
E. 7.1). Ob einer neuen bundesgesetzlichen Bestimmung die Bedeutung unechter
Rückwirkung zukommt, muss sich aus dem Wortlaut, der sinngemässen Auslegung
oder durch Lückenfüllung ergeben (BGE 122 V 8 E. 3a mit Hinweis).
In Art. 16i EOG werden unter dem Titel "Anspruchsberechtigte" verschiedene
Voraussetzungen für den Anspruch auf Vaterschaftsentschädigung definiert. In dessen
Abs. 1 lit. a ist festgehalten, dass die Anspruchsberechtigung als solche an die
Vaterschaft des Mannes geknüpft ist. Anspruchsberechtigt ist der Mann, der im
Zeitpunkt der Geburt des Kindes der rechtliche Vater ist oder dies innerhalb der
folgenden sechs Monate wird. Die lit. b - d desselben Absatzes legen die
versicherungstechnischen Voraussetzungen für den Anspruch fest. Als erstes ist
deshalb festzustellen, dass es sich bei der Vaterschaft um ein Rechtsverhältnis in Form
eines Dauersachverhaltes handelt. Erster Anknüpfungspunkt für den Anspruch ist die
Vaterschaft. Der Gesetzestext macht keinerlei Aussagen dazu, dass nur nach dessen
Inkraftsetzung begründete Vaterschaften zu einem Anspruch berechtigen sollen.
3.3.
In Art. 16j EOG werden "Rahmenfrist, Beginn und Ende des Anspruchs" festgelegt.
Die massgebliche Bestimmung für den Beginn des Anspruches findet sich in dessen
Abs. 2 und lautet wie folgt: "Die Rahmenfrist und der Anspruch auf
Vaterschaftsentschädigung beginnen am Tag der Geburt des Kindes." Dieses muss
gemäss Art. 23 Abs. 1 der Erwerbsersatzverordnung (EOV; SR 834.11), wie auch beim
Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung, lebensfähig geboren werden. Gemäss dem
Wortlaut dieser Bestimmungen bzw. nach der grammatikalischen Auslegung löst die
Geburt eines Kindes den Anspruch auf Vaterschaftsentschädigung als solchen sowie
den Beginn der Rahmenfrist aus.
3.4.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob nur eine Geburt nach Inkrafttreten der
Gesetzesänderung per 1. Januar 2021 einen Anspruch auf eine
Vaterschaftsentschädigung begründen kann (verneinend: Daniel Kettiger,
Übergangsrechtliche Frage beim Vaterschaftsurlaub, swisslawlist vom 21.10.2020, und
Georges Chansons, Übergangsrechtliche Frage beim Vaterschaftsurlaub, swisslawlist
vom 22.10.2020, beide erwähnt in: Philippe Nordmann/Christoph Burckhardt,
"Vaterschaftsurlaub jetzt! - Und wie weiter?", in: AJP 12/2020 S. 1528 Fn 28, sowie ein
Teil der Lehre zitiert in Karl Kümin, Urlaub auch für Geburten vor 2021, plädoyer 6/2020
S. 23; bejahend: Nordmann/Burckhardt, a.a.O., S. 1528).
3.5.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2022&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=BGE+126+V+134&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F122-V-6%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page8
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4.
Unter Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte ist wie bereits erwähnt (vgl.
Erwägung 3.1) festzuhalten, dass die parlamentarischen Debatten eine Übergangs
bestimmung gar nie thematisierten (vgl. BBl 2019 S. 3405ff., AB 2019 S 554 ff. und AB
2019 N 1442 ff.). Einzig der Publikation des BSV "Fragen und Antworten -
Vaterschaftsurlaub" im Rahmen der Volksabstimmung vom 27. September 2020 war zu
entnehmen, dass, würden die Stimmberechtigten Ja zum Vaterschaftsurlaub sagen,
der Bundesrat das Inkrafttreten bestimme, was voraussichtlich per 1. Januar 2021
geschähe. Weiter hielt das BSV fest: "Das bedeutet, dass Väter von Kindern, die nach
dem 31. Dezember 2020 geboren werden, Anspruch auf den Vaterschaftsurlaub
haben." (pdf unter: https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialversicherungen/eo-
msv/reformen -und-revisionen/eo-vaterschaftsurlaub-200927.html, abgerufen am
6.04.2022). Aus dieser Information, die - wie bei Erlass neuer Gesetzesbestimmungen
üblich - unter dem Vorbehalt weiterer Detaillierung durch Übergangsbestimmungen
und/oder des Erlasses von Verwaltungsanweisungen stand, kann noch nichts
abgeleitet werden.
4.1.
Bei der Vaterschaft, die erster Anknüpfungspunkt für den strittigen Anspruch
darstellt, handelt es sich um einen Dauersachverhalt, der unabhängig von der
Gesetzesnovelle bereits vor deren Inkraftsetzung eingetreten sein kann. Mit der
Einführung der sechsmonatigen Rahmenfrist für den Bezug der
Vaterschaftsentschädigung schafft die Gesetzesnovelle zudem eine zeitliche
Komponente, die bei Geburten ab dem 2. Juli 2020 in deren Gültigkeitsdauer
hineinreicht.
4.2.
Der Sachverhalt ist vergleichbar mit folgendem: Mit der 8. AHV-Revision wurde ab
1. Januar 1973 neu auch ein Witwenrentenanspruch für Frauen eingeführt, die im
Zeitpunkt der Verwitwung für Pflegekinder (und nicht nur für eigene oder adoptierte
Kinder) zu sorgen hatten. Das Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG) bejahte den
Anspruch auch für Frauen, die bereits vor Inkrafttreten der Revision verwitwet waren
und zu diesem Zeitpunkt für Pflegekinder zu sorgen hatten, und stellte fest, dass
diesen mit Wirkung ab dem 1. Januar 1973 Anspruch auf eine Witwenrente der AHV
zustehen würde (BGE 99 V 203).
4.3.
Was die teleologische Auslegung betrifft, führte das Eidgenössische
Versicherungsgericht in BGE 99 V 203 E. 3a aus, der Zweck einer Gesetzesänderung
könne darin bestehen, den geltenden Rechtszustand für die Zukunft zu Gunsten jener
Normadressaten zu verbessern, deren Anspruch unter der Herrschaft und nach
4.3.1.
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Massgabe des neuen Rechts entstehen werde. Die Änderung könne aber auch auf die
Beseitigung bestehender Lücken im Leistungssystem gerichtet sein, mit dem Ziel, die
Ausrichtung von Leistungen in Fällen zu ermöglichen, in welchen sie nach bisherigem
Recht verweigert werden mussten. Namentlich im Sozialversicherungsrecht liege
Gesetzesrevisionen häufig dieses zweite Motiv zu Grunde. Die Beispiele für
Gesetzesänderungen, bei welchen das neue Recht ohne ausdrückliche
Übergangsregelung auch auf Sachverhalte angewendet wurde, die sich vor
Inkrafttreten ereignet hätten, seien denn auch zahlreich (siehe zu den Beispielen: E. 3a,
des Weiteren nachfolgende Erwägung 4.3.5).
In besagtem BGE 99 V 200 ff. hatte sich das EVG mit folgendem
Übergangsproblem zu befassen: Der Ehemann einer Versicherten, bei welcher zwei
Pflegekinder lebten, war am 16. April 1965 gestorben. Die damals geltende Fassung
des Art. 23 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) sah nur für den Fall einen Anspruch auf
eine Witwenrente vor, dass eine Witwe im Zeitpunkt der Verwitwung leibliche oder an
Kindes Statt angenommene Kinder hatte. Mit der am 1. Januar 1973 in Kraft getretenen
8. AHV-Revision wurde der Art. 23 Abs. 1 AHVG durch eine lit. c ergänzt. Danach hatte
nun auch jene Witwe Anspruch auf eine Witwenrente, die im Zeitpunkt der Verwitwung
Pflegekinder hatte. Die Versicherte stellte daher ein Gesuch um Ausrichtung einer
Witwenrente, welches jedoch abgewiesen wurde. Erst das EVG schützte ihr Ersuchen.
Es führte aus, eine sog. unechte Rückwirkung sei grundsätzlich als zulässig zu
erachten, sofern ihr nicht wohlerworbene Rechte entgegenstünden. Keine Bedenken
würden sich ergeben, falls sich die Gesetzesänderung in einer Verbesserung des
Rechtszustandes zu Gunsten der Normadressaten erschöpfe. Dies bedeute jedoch
nicht, dass den Betroffenen unter diesen Umständen generell ein Anspruch auf
rückwirkende Anwendung des neuen Rechts zustehe (E. 2).
4.3.2.
Die Erweiterung des Witwenrentenanspruchs auf Witwen mit Pflegekindern habe
ein von verschiedener Seite erhobenes Postulat dargestellt, welches im Vorfeld der 8.
AHV-Revision auch zu einem parlamentarischen Vorstoss geführt habe. Die
Bestrebungen seien darauf gerichtet worden, die als unbefriedigend erachtete
ungleiche versicherungsrechtliche Behandlung von Witwen mit Pflegekindern und
Witwen mit leiblichen oder adoptierten Kindern zu beseitigen. Es dürfe als sicher
gelten, dass das Begehren auf Gleichstellung der beiden Versichertenkategorien zu
einem wesentlichen Teil im Hinblick auf die nach früherem Recht abgewiesenen
Begehren gestellt worden sei, in der Meinung, dass gestützt auf die zu schaffende
gesetzliche Grundlage auch in diesen Fällen Leistungen zu erbringen seien. Die
4.3.3.
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Betroffenen hätten daher zu Recht erwarten dürfen, dass Leistungen auch dann
ausgerichtet würden, wenn die hierfür geltenden Anspruchsvoraussetzungen bereits
vor Inkrafttreten des neuen Rechts erfüllt gewesen seien. Tatsächlich hätte es als
stossend betrachtet werden müssen, wenn gerade in Fällen, die Anlass zur Änderung
des Gesetzes gegeben hätten, die Leistungen weiterhin verweigert würden. Daher
stellte das EVG fest, dass auch Witwen, welche die Voraussetzungen gemäss Art. 23
Abs. 1 lit. c AHVG bereits vor Inkrafttreten erfüllt hätten, mit Wirkung ab 1. Januar 1973
ein Anspruch auf Witwenrente der AHV zustehe (E. 3b).
Nordmann/Burckhardt gehen davon aus, die vorliegende Gesetzesrevision
unterscheide sich insofern von diesem Beispiel, als es nicht um das Beseitigen einer
Deckungslücke im Zusammenhang mit einer bestehenden
sozialversicherungsrechtlichen Entschädigung gehe, sondern um die Einführung einer
neuen Entschädigung (vgl. Nordmann/Burckhardt, a.a.O., S. 1528). Dies mag zwar auf
die Einführung von Art. 23 Abs. 1 lit. c AHVG zutreffen. Demgegenüber erwähnte das
EVG unter seinen Beispielen auch die Einführung von Art. 43 AHVG, welche mit
Wirkung ab 1. Januar 1969 Altersrentnern Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung
bei Hilflosigkeit schweren Grades gab. Obgleich eine diesbezügliche
Übergangsbestimmung fehlte, wurde diese neue Leistung auch den vor Inkrafttreten
der Gesetzesnovelle in schwerem Grade hilflos gewordenen Altersrentnern
ausgerichtet (vgl. BGE 99 V 104 E. 3a). Somit vermag die Argumentation von
Nordmann/Burckhardt nicht zu überzeugen.
4.3.4.
bis
Ralph Jöhl interpretiert in seiner Dissertation "Übergangsrechtliche Probleme im
Leistungsrecht der Sozialversicherung" (herausgegeben von: Yvo Hangartner, St.
Gallen 1996, S. 33) den Pflegekinderfall dahingehend, als für das EVG
übergangsrechtlich nicht die Erfüllung der Voraussetzungen im Zeitpunkt der
Verwitwung, sondern der aktuelle Leistungsbedarf massgebend gewesen sei. Dies
lasse sich wohl dadurch erklären, dass hier eine Rente, also eine Dauerleistung zur
Diskussion gestanden habe. Auch bei der vorliegend zu beurteilenden Leistung ist von
einer Dauerleistung auszugehen. In diesem Sinne bejaht auch Thomas Geiser - aus
intertemporaler arbeitsrechtlicher Sicht - den Anspruch auf Vaterschaftsurlaub für
Väter, deren Kind vor dem 1. Januar 2021 geboren ist. Zur Begründung führt er aus, es
handle sich um einen Daueranspruch. Falle ein Teil dieser Dauer in die Zeit nach dem
1. Januar 2021, könne der Anspruch noch geltend gemacht werden (Thomas Geiser,
Neuer Vaterschaftsurlaub, https://www.blog. hrtoday.ch/neuer-vaterschaftsurlaub/).
Konkret gilt im Privatrecht gemäss Schlusstitel Art. 3 des Zivilgesetzbuches (ZGB;
SR 210), dass Rechtsverhältnisse, deren Inhalt unabhängig vom Willen der Beteiligten
4.3.5.
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5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und der Einsprache
entscheid vom 10. September 2021 aufzuheben. Da die Beschwerdegegnerin die
weiteren Anspruchsvoraussetzungen noch nicht geprüft hat, ist die Angelegenheit zu
deren Prüfung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Gerichtskosten sind keine
zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG).