Decision ID: 622f4c3a-9a64-5c25-a449-febd04b11656
Year: 2021
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ wird seit August 2018 von der Einwohnergemeinde (EG) B._ mit wirtschaftlicher Hilfe unterstützt. Mit einem als «Verfügung WSH 01.07.2019 - 30.06.2020» betitelten Hoheitsakt (nachfolgend Rahmenbudget) stellte die EG B._ die Ausgaben von A._ den Einnahmen gegenüber und setzte den Fehlbetrag auf Fr. 2'761.30 fest. Darin wurden sodann die Kosten für die monatliche Prämie der obligatorischen Krankenpflegeversicherung in der Höhe von Fr. 448.30 als «Direktausgaben durch Soziale Dienste» und die individuelle Prämienverbilligung im Betrag von Fr. 221.-- als «Direkteinnahmen durch Soziale Dienste» ausgewiesen. Diese Anordnung blieb unangefochten.
B.
Gegen das von der EG B._ für den Monat April 2020 erstellte Budget vom 23. März 2020 (betitelt mit «Budget April 01.04.2020 - 30.04.2020») erhob A._ am 2. April 2020 Beschwerde beim Regierungsstatthalteramt (RSA) Bern-Mittelland, worin sie dessen Abänderung und unter anderem sinngemäss die Auszahlung der individuellen Prämienverbilligung in der Höhe von Fr. 221.-- beantragte. Das RSA Bern-Mittelland wies die Beschwerde mit Entscheid vom 16. Oktober 2020 ab, soweit es darauf eintrat. Den Entscheid traf der Leiter der Abteilung «Recht».
C.
Gegen diesen Entscheid hat A._ am 13. November 2020 Verwaltungsgerichtsbeschwerde erhoben. Sie beantragt, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und ihr sei die Prämienverbilligung in der Höhe von monatlich Fr. 221.-- rückwirkend seit August 2018 auszuzahlen. Daneben beantragt sie u.a. die Überprüfung des Verbuchungsvorgangs bei
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 30.11.2021, Nr. 100.2020.410U, Seite 3
der Gemeinde hinsichtlich der Prämienverbilligungen sowie die Sistierung des Verfahrens bis zum rechtskräftigen Entscheid der Beschwerdekammer in Strafsachen des Obergerichts des Kantons Bern im Verfahren BK .... Des Weiteren stellt sie ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege.
Die EG B._ beantragt mit Beschwerdeantwort vom 25. November 2020 die Abweisung der Beschwerde und des Gesuchs um unentgeltliche Rechtspflege. Das RSA Bern-Mittelland verzichtet mit Eingabe vom 3. Dezember 2020 auf Vernehmlassung und verweist auf den angefochtenen Entscheid sowie die Akten.
Mit Eingabe vom 2. Januar 2021 (persönliche Übergabe am 4.1.2021) hat A._ weitere Unterlagen zu den Akten gereicht.
Am 20. Mai 2021 hat das RSA Bern-Mittelland dem Verwaltungsgericht drei nachträglich auch vom Regierungsstatthalter-Stellvertreter unterzeichnete Originalexemplare des angefochtenen Entscheids zukommen lassen.

Erwägungen:
1.
1.1 Das Verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Beschwerde als letzte kantonale Instanz gemäss Art. 74 Abs. 1 i.V.m. Art. 76 und 77 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) zuständig (vgl. auch Art. 52 Abs. 3 des Gesetzes vom 11. Juni 2001 über die öffentliche Sozialhilfe [Sozialhilfegesetz, SHG; BSG 860.1]).
1.2 Das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht ist auf den  beschränkt. Dieser wird durch den angefochtenen Entscheid (sog. ) und innerhalb dieses Rahmens durch die Anträge der  Partei bestimmt (BVR 2020 S. 59 E. 2.2, 2017 S. 514 E. 1.2, 2011 S. 391 E. 2.1 mit Hinweisen; Ruth Herzog, in Herzog/Daum
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 30.11.2021, Nr. 100.2020.410U, Seite 4
[Hrsg.], Kommentar zum bernischen VRPG, 2. Aufl. 2020, Art. 84 N. 5, Art. 72 N. 12 ff.).
1.2.1 Vor der Vorinstanz war das Sozialhilfebudget der Gemeinde vom 23. März 2020 für den Zeitraum vom 1. bis 30. April 2020 angefochten. Strittig war – soweit hier von Interesse – die individuelle Prämienverbilligung im Betrag von Fr. 221.--, welche im angefochtenen Sozialhilfebudget als «Direkteinnahmen durch Soziale Dienste» ausgewiesen wird (vorne Bst. A). Das RSA Bern-Mittelland ist in seinem Entscheid vom 16. Oktober 2020 auf die Beschwerde insoweit nicht eingetreten, als die Beschwerdeführerin die rückwirkende Auszahlung der Prämienverbilligung (für den Zeitraum von August 2018 bis März 2020) beantragte (S. 4 4 Ziff. 5.2). Im Übrigen hat es die Beschwerde – soweit hier interessierend – abgewiesen.
1.2.2 Soweit die Beschwerdeführerin vor Verwaltungsgericht (erneut) die Auszahlung der individuellen Prämienverbilligung für den Zeitraum von August 2018 bis März 2020 beantragt, ist auf die Beschwerde nicht einzutreten. Die Beschwerdeführerin befasst sich lediglich mit der materiellen Seite des Streitfalles, setzt sich jedoch nicht mit der Begründung für das Nichteintreten auseinander. Bei Beschwerden gegen vorinstanzliche Nichteintretensentscheide genügt dies dem Erfordernis einer sachbezogenen Begründung nicht (Michel Daum, in Herzog/Daum [Hrsg.], Kommentar zum bernischen VRPG, 2. Aufl. 2020, Art. 32 N. 27).
1.2.3 Was die Kritik an der Verbuchungspraxis der Beschwerdegegnerin bezüglich der individuellen Prämienverbilligung anbelangt, ist festzuhalten, dass das Verwaltungsgericht nicht Aufsichtsbehörde der Gemeinden ist und diesen keine aufsichtsrechtlichen Weisungen zu erteilen hat. Soweit die kommunale Praxis betreffend ist daher auf die Beschwerde ebenfalls nicht einzutreten.
1.3 Der vorliegende Entscheid fällt mit Blick auf den Streitwert (individuelle Prämienverbilligung für den Monat April 2020 in der Höhe von Fr. 221.--) an sich in die einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 57 Abs. 1 des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]). Da die Streitigkeit von
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 30.11.2021, Nr. 100.2020.410U, Seite 5
grundsätzlicher Bedeutung ist, urteilt das Verwaltungsgericht indes in Fünferbesetzung (Art. 56 Abs. 2 Bst. a GSOG).
1.4 Der Ausgang des vorliegenden Verfahrens hängt nicht vom Strafverfahren ab, in dem die Beschwerdeführerin an das Obergericht gelangt ist (vorne Bst. C). Der Antrag auf Sistierung des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens ist daher abzuweisen (Art. 38 VRPG).
2.
2.1 Das RSA Bern-Mittelland hat im Entscheid vom 16. Oktober 2020 erwogen, es sei fraglich, ob das angefochtene Sozialhilfebudget für April 2020 tatsächlich eine Verfügung darstelle oder ob die Gemeinde damit lediglich informell die aktuellen Bemessungsfaktoren für den nächsten Monat habe bekanntgeben wollen, die aber bereits zuvor (mittels Rahmenbudget für den Zeitraum vom 1.7.2019 bis 30.6.2020) verfügt worden seien. Es ist letztlich aber ohne nähere Begründung von einem zulässigen Anfechtungsobjekt ausgegangen (vgl. S. 3 Ziff. 4). Das Verwaltungsgericht hat sich bislang zu den Fragen der Verfügungsqualität bzw. des Verfügungsgehalts von Rahmenbudget und Monatsbudget sowie deren Verhältnis zueinander nicht näher geäussert. Der hier zu beurteilende Fall erfordert, diese Fragen von Amtes wegen (Art. 20a VRPG; vgl. hinten E. 4.2) zu klären.
2.2 Der Gesetzgeber hat das Verfahren im Sozialhilferecht teilweise abweichend vom VRPG geregelt: Gemäss Art. 51 Abs. 1 SHG trifft und eröffnet der Sozialdienst seine Entscheide nur «grundsätzlich» in Form einer beschwerdefähigen Verfügung (vgl. Art. 49 Abs. 1 VRPG). Begünstigende Entscheide können auch in anderer Form getroffen und eröffnet werden (Art. 51 Abs. 2 Satz 1 SHG). Auf Verlangen ist jedoch auch für diese Entscheide eine Verfügung zu erlassen (Art. 51 Abs. 2 Satz 2 SHG). Der Regierungsrat hat im Vortrag zum Sozialhilfegesetz erläutert, die Verfügungsform gelte auf jeden Fall für belastende Entscheide (beispielsweise Sanktionen). Begünstigende Entscheide wie namentlich die Gewährung von Hilfe könnten auch in anderer Form (beispielsweise einfache Schriftlichkeit) getroffen und
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eröffnet werden (Vortrag des Regierungsrates an den Grossen Rat zum Gesetz über die öffentliche Sozialhilfe [Sozialhilfegesetz, SHG], in Tagblatt des Grossen Rates 2001, Beilage 16, S. 25). Art. 51 Abs. 2 Satz 1 SHG verankert mithin eine spezialgesetzliche Formerleichterung. Auch Entscheide «in anderer Form» stellen aber in der Regel Verfügungen dar, welche zu einer rechtsbeständigen Regelung des Rechtsverhältnisses führen (zum Ganzen BVR 2010 S. 557 E. 2).