Decision ID: d02aad69-bd7b-4b8f-a16d-7d2e7632a8c8
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 11. Oktober 2017 anerkannte die Vorinstanz die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers und gewährte ihm Asyl.
B.
Gemäss dem Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) reiste der
Beschwerdeführer am 31. August 2019 aus der Schweiz aus.
C.
Mit Schreiben vom 22. Dezember 2020 informierte die Vorinstanz den sich
mittlerweile in den B._ aufhaltenden Beschwerdeführer unter ande-
rem darüber, dass sie beabsichtige zu prüfen, ob das in der Schweiz ge-
währte Asyl aufgrund seiner länger andauernden Landesabwesenheit er-
loschen sei und räumte ihm Gelegenheit ein, innert Frist dazu Stellung zu
nehmen.
D.
Der Beschwerdeführer nahm mit Schreiben vom 11. Januar 2021 (Eingang
SEM: 25. Januar 2021) Stellung zu einem möglichen Erlöschen des Asyls
in Schweiz.
In seiner Stellungnahme machte er im Wesentlichen geltend, er habe die
Schweiz anfangs September 2019 verlassen und sei nach C._ ge-
reist. Von dort sei er weiter nach D._, E._, F._,
G._, H._ und I._ bis nach J._ gelangt, wo er
einen Monat in Haft verbracht habe. Nach seiner Entlassung sei er in die
B._ weitergereist, wo er erneut inhaftiert worden sei.
Zusammen mit der Stellungnahme gab der Beschwerdeführer unter ande-
rem die Bordkarte einer Fluggesellschaft, Unterlagen über ausländische
Haftaufenthalte sowie ausländische Gerichtsunterlagen und einen wäh-
rend der Haft ausgestellten ärztlichen Beleg zu den Akten.
E.
Mit Verfügung vom 3. Februar 2021 stellte die Vorinstanz fest, das dem
Beschwerdeführer in der Schweiz gewährte Asyl sei erloschen.
F.
Eine vom Beschwerdeführer auf den 4. April 2021 datierte und an die Vor-
instanz gerichtete Eingabe leitete diese mit Schreiben vom 14. April 2021
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gestützt auf Art. 8 VwVG als Beschwerde an das Bundesverwaltungsge-
richt weiter.
G.
In seiner Beschwerde vom 4. April 2021 (Eingang Gericht: 15. April 2021)
beantragt der Beschwerdeführer sinngemäss, der Entscheid der Vor-
instanz sei aufzuheben.
Als Beweismittel reichte er diverse medizinische Berichte einer Haftanstalt
(...) zu den Akten.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 26. April 2021 ersuchte die Instruktionsrichte-
rin den Beschwerdeführer, innert Frist weitere Beweismittel betreffend
seine Haftaufenthalte sowie ergänzende Ausführungen zu seinem Ausrei-
segrund einzureichen. Ferner forderte sie ihn auf, die Rechtsmitteleingabe
zu unterzeichnen.
I.
Am 2. Juni 2021 gingen beim Gericht innert Frist die verbesserte und un-
terzeichnete Rechtsmitteleingabe des Beschwerdeführers sowie weitere
Beweismittel betreffend seinen Haftaufenthalt in den B._ ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Verfahrensgegenstand bildet vorliegend die Frage, ob das dem Beschwer-
deführer gewährte Asyl inzwischen erloschen ist (Art. 64 Abs. 1 Bst. a
AsylG). Die Flüchtlingseigenschaft wird durch das Erlöschen des Asyls
nicht tangiert (CESLA AMARELLE, in: Code annoté de droit des migrations,
vol. IV: Loi sur l'asile, 2015, Art. 64 S. 469).
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3.
In der angefochtenen Verfügung führt die Vorinstanz aus, gemäss ZEMIS
sei der Beschwerdeführer seit dem 31. August 2019 als ausgereist erfasst.
Mit E-Mail vom 9. November 2020 habe er der Schweizerischen Vertretung
in K._ mitgeteilt, er habe die Schweiz am 2. September 2019 ver-
lassen und sei später illegal in die B._ eingereist, nachdem er durch
verschiedene (...)- und (...) Länder gereist sei. In den B._ habe er
rund (...) Monate in Haft verbracht. Weiter führe er aus, er würde seine in
der Schweiz lebende Familie vermissen und wolle in die Schweiz zurück-
kehren, weshalb er die Schweizerische Vertretung in K._ um Hilfe
gebeten habe. Die Vorinstanz kommt zum Schluss, den Akten sei zu ent-
nehmen, dass der Beschwerdeführer sich seit seiner Auseise aus der
Schweiz während mehr als einem Jahr im Ausland aufgehalten habe, wes-
halb das in der Schweiz gewährte Asyl gestützt auf Art. 64 Abs. 1 Bst. a
AsylG erloschen sei. Die Vorinstanz hält weiter fest, dass trotz Erlöschens
des Asyls in der Schweiz die anerkannte Flüchtlingseigenschaft bestehen
bleibe.
4.
In der Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer im Wesentlichen
geltend, er habe die Schweiz und die dort lebenden Angehörigen in einem
Zustand grossen Stresses verlassen, aus Furcht davor, was allenfalls pas-
sieren könnte ("um die gefährlichen Sequenzen zu vermeiden, die passie-
ren würden", vgl. Beschwerdeschrift [act. 1]). Er habe seinen Reisepass
sowie weitere Dokumente in D._ verloren, sei dort von den Behör-
den aufgegriffen und dann Schleppern ("Menschenhandelsgruppe") über-
geben worden, welche ihn nach E._ gebracht hätten. Von dort sei
er von einem Land zum anderen bis nach J._ gebracht worden, wo
man ihn zirka einen Monat gefangen gehalten habe. Am 1. Januar 2020
sei er in den B._ angekommen, wo er rund (...) Monate inhaftiert
worden sei. Während des Haftaufenthaltes habe er den Wunsch verspürt,
seine Familie zu treffen, habe jedoch keine Gelegenheit gehabt, mit Ver-
tretern der Schweizer Behörden in Kontakt zu treten. Ebenfalls sei er in
dieser Zeit an (...) erkrankt. Kurz nach seiner Freilassung habe er die
Schweizer Botschaft kontaktiert.
In der dem Gericht am 2. Juni 2021 zugestellten Eingabe führt der Be-
schwerdeführer sodann im Wesentlichen aus, er habe in der Schweiz Prob-
leme mit der (...) Regierung nahestehenden Personen bekommen. Dies
habe ihn geistig belastet ("Diese Unterstützer und Diener missbrauchten
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mich immer geistig, wenn ich sie traf") und er sei sich marginalisiert vorge-
kommen. Diese Personen hätten seine Frau manipuliert, worunter ihre Be-
ziehung stark gelitten habe. Er habe sich auch nicht mehr auf seine Aus-
bildungen konzentrieren können. Mit seinen Problemen habe er sich an
seinen Arbeitschef sowie seinen Sozialbetreuer gewandt, welche ihn je-
doch nicht verstanden, sondern Drohungen ausgesprochen hätten. Er
habe deshalb begonnen alles zu hassen, was viel Stress verursacht habe.
Deshalb habe er seine Angehörigen, namentlich seine geliebte Tochter,
verlassen müssen.
5.
5.1 Gemäss Art. 64 Abs. 1 Bst. a AsylG erlischt das in der Schweiz ge-
währte Asyl, wenn sich Flüchtlinge während mehr als einem Jahr im Aus-
land aufgehalten haben. Das SEM kann diese Frist verlängern, wenn be-
sondere Umstände vorliegen (Art. 64 Abs. 2 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderer-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die wesentli-
chen Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Ent-
scheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und
fristgerechten Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der
konkreten Streitfrage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begrün-
dung muss so abgefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid gegebe-
nenfalls sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen
Überlegungen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und
auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Be-
gründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
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jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65
E. 5.2).
5.3 Es ist vorliegend unbestritten, dass sich der Beschwerdeführer nach
Erhalt des Asylstatus länger als ein Jahr im Ausland aufgehalten hat. Wie
bereits dargelegt, führt dies grundsätzlich zum Erlöschen des Asyls (Art. 64
Abs. 1 Bst. a AsylG). Es liegt indes im Ermessen der Vorinstanz, bei be-
sonderen Umständen trotz Ablauf der Einjahresfrist von der Feststellung
des Erlöschens abzusehen beziehungsweise kann sie "die Frist [...] ver-
längern" (Art. 64 Abs. 2 AsylG).
6.
Der Beschwerdeführer hat (auch bereits im erstinstanzlichen Verfahren)
zahlreiche Dokumente eingereicht, aus welchen prima vista zuverlässig
hervorzugehen scheint, dass er während seines Auslandaufenthalts
mehrere Monate in Haft verbrachte. Das Gericht gelangt zur Auffassung,
dass dieser Tatbestand – unter Einbezug der weiteren wesentlichen
Gegebenheiten des konkreten Falles – einen besonderen Umstand
darstellen könnte (vgl. diesbezüglich bereits Urteil des BVGer
E-3799/2021 vom 23. November 2021 E. 4.6 f.). Dem angefochtenen Ent-
scheid kann jedoch nicht entnommen werden, ob die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer in Bezug auf die Haftaufenthalte überhaupt Glauben
schenkte und falls ja, inwiefern dies im Entscheid berücksichtigt wurde. Die
Vorinstanz verfügt bei der Anwendung von Art. 64 Abs. 2 AsylG gemäss
Wortlaut ("kann die Frist [...] verlängern") über Ermessen. Die Beschwer-
deinstanz kann solche Entscheide immerhin auf das Vorliegen qualifizierter
Ermessensfehler überprüfen (Ermessensmissbrauch, Ermessensüber-
schreitung und Ermessensunterschreitung; vgl. dazu HÄFELIN/MÜL-
LER/UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, Rz. 396 ff.).
Insofern hätte sich auch unter diesem Aspekt aufgedrängt, im angefochte-
nen Entscheid darzulegen, von welchen Überlegungen sich die Vorinstanz
im Zusammenhang mit den vorgebrachten Haftaufenthalten hat leiten las-
sen.
7.
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Begründung der Vorinstanz
den aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör fliessenden Anforderungen
nicht zu genügen vermag. Unter anderem setzt sie sich mit entscheidwe-
sentlichen Umständen nicht beziehungsweise ungenügend auseinander.
Somit ist die Sache zur vollständigen und rechtsgenüglichen Entscheidbe-
gründung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es ist darauf hinzuweisen,
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dass durch den vorliegenden Entscheid bezüglich der Frage des Vorlie-
gens besonderer Umstände (im erwähnten Sinne) nicht vorgegriffen wird.
8.
Aufgrund des Ausgeführten ist die Beschwerde gutzuheissen, die ange-
fochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur neuen Entscheidung
an die Vorinstanz zurückzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu auferlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden
Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr er-
wachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der Beschwerdeführer war im Beschwerdeverfah-
ren nicht vertreten, weshalb davon auszugehen ist, dass ihm keine verhält-
nismässig hohen Kosten entstanden sind. Es ist deshalb keine Entschädi-
gung zuzusprechen.
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