Decision ID: 71e7058d-9dc4-5c70-ad91-d05d342d852e
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am 21. April 2004, um 16.45 Uhr, lenkte X.Y. seinen Personenwagen auf der Z-
strasse in A. in Richtung B. Nach der linksseitigen Einmündung der C-strasse kollidierte
er im Bereich des Fussgängerstreifens mit der von links die Fahrbahn überquerenden
Fussgängerin. Diese wurde dabei verletzt und musste ins Spital in A. eingeliefert
werden. Auf Strafantrag der Geschädigten wurde gegen X.Y. ein Strafverfahren
eröffnet.
B.- Mit Verfügung vom 10. August 2004 entzog das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen, Abteilung Personenzulassung, X.Y. den
Führerausweis wegen konkreter Gefährdung des Verkehrs und schuldhafter grober
Verkehrsregelverletzung in Anwendung von Art. 33 Abs. 2 SVG i.V.m. Art. 16 Abs. 3 lit.
a aSVG für die Dauer eines Monats.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X.Y. durch seinen Vertreter mit Eingabe vom 25.
August 2004 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, die
angefochtene Verfügung sei unter Kosten und Entschädigungsfolge aufzuheben und es
sei keine Administrativmassnahme zu verfügen. Zudem sei dem Rekurs die
aufschiebende Wirkung zu belassen. - Auf die Ausführungen zur Begründung der
Anträge wird, soweit notwendig, in den Erwägungen eingegangen.
Mit Vermerk vom 23. September 2004 verzichtete die Vorinstanz auf eine
Vernehmlassung.
D.- Der zuständige Abteilungspräsident sistierte am 21. Oktober 2004 das
Rekursverfahren bis zum rechtskräftigen Abschluss des Strafverfahrens. Mit Verfügung
des Untersuchungsamtes A. vom 23. November 2004 wurde das Strafverfahren gegen
X.Y. wegen fahrlässiger Körperverletzung aufgehoben. Diese Verfügung ist
rechtskräftig. Am 27. Dezember 2004 wurde die Sistierung aufgehoben und das
Rekursverfahren fortgeführt.

Erwägungen:
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 25. August 2004 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 24 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt:
SVG; Art. 41 lit. e, 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS
951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Am 1. Januar 2005 ist die Änderung des Strassenverkehrsgesetzes vom 14.
Dezember 2001 in Kraft getreten, mit der insbesondere die Bestimmungen im Bereich
der Administrativmassnahmen revidiert wurden. Materiell ist die Rekurssache jedoch
entsprechend Abs. 1 der Übergangsbestimmungen noch nach den bis zum 31.
Dezember 2004 geltenden Vorschriften zu beurteilen (vgl. AS 2002 S. 2767 ff. und AS
2004 S. 2849).
3.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 in der bis 31. Dezember 2004 geltenden Fassung des
Strassenverkehrsgesetzes vom 19. Dezember 1958 (AS 1959 S. 679, abgekürzt: aSVG)
kann der Führerausweis entzogen werden, wenn der Führer Verkehrsregeln verletzt und
dadurch den Verkehr gefährdet oder andere belästigt hat. In leichten Fällen kann eine
Verwarnung ausgesprochen werden. Der Führerausweis muss entzogen werden, wenn
der Führer den Verkehr in schwerer Weise gefährdet hat (Art. 16 Abs. 3 lit. a aSVG).
4.- Die Vorinstanz wirft dem Rekurrenten die Verletzung seiner Vorsichtspflicht
gegenüber Fussgängern im Sinn von Art. 33 Abs. 2 SVG vor. Nach dieser Bestimmung
hat der Fahrzeugführer vor Fussgängerstreifen besonders vorsichtig zu fahren und
nötigenfalls anzuhalten, um den Fussgängern den Vortritt zu lassen, die sich schon auf
dem Streifen befinden oder im Begriffe sind, ihn zu betreten. Vor Fussgängerstreifen
ohne Verkehrsregelung muss der Fahrzeugführer jedem Fussgänger den Vortritt
gewähren, der sich bereits auf dem Streifen befindet oder davor wartet und ersichtlich
die Fahrbahn überqueren will. Er muss die Geschwindigkeit rechtzeitig mässigen und
nötigenfalls anhalten, damit er dieser Pflicht nachkommen kann (Art. 6 Abs. 1 der
Verkehrsregelnverordnung, SR. 741.11, abgekürzt: VRV).
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Der Fahrzeugführer darf jedoch damit rechnen, dass Fussgänger den Streifen nicht
überraschend und auch dann nicht betreten, wenn das Fahrzeug nicht mehr vor dem
Streifen halten könnte (R. Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen
Strassenverkehrsrechts, Band I, 2. Auflage, Bern 2002, Rz. 656 mit Hinweisen). Im
Folgenden ist zu prüfen, ob der Rekurrent Art. 33 Abs. 2 SVG verletzt hat.
b) Der Rekurrent macht im Wesentlichen geltend, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben, weil ihm am Unfall vom 21. April 2004 keine Schuld treffe. Er begründet
seinen Antrag damit, dass er aufgrund des Kolonnenverkehrs und des Verhaltens der
Fussgängerin trotz Anwendung der nötigen Sorgfalt nicht in der Lage gewesen sei, die
Kollision zu verhindern. Die Fussgängerin habe die Strasse plötzlich und ohne
Anzeichen betreten. Sie habe dabei den Verkehr in Richtung B. nicht beachtet und sei
über die Strasse gerannt. Ein solches Verhalten sei nicht vom Vortrittsrecht auf dem
Fussgängerstreifen gedeckt. Weiter macht er geltend, er habe sich bereits schon sehr
nahe bei der Überquerstelle der Fussgängerin befunden, als diese die Strasse
unvermittelt betreten habe. Er habe dadurch gar nicht genug Zeit gehabt, um noch zu
bremsen. Im Strafverfahren sei noch kein Entscheid gefallen. Das gegen den
Rekurrenten geführte Strafverfahren wegen Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung
wurde mit Verfügung vom 23. November 2004 aufgehoben.
c) Im Interesse von Rechtseinheit und Rechtssicherheit gilt es zu vermeiden, dass
derselbe Lebensvorgang zu voneinander abweichenden Sachverhaltsfeststellungen
von Verwaltungs- und Justizbehörden führt und die erhobenen Beweise abweichend
gewürdigt und rechtlich beurteilt werden. Das Strafverfahren bietet durch die
verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die umfassenderen persönlichen
und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die weiterreichenden prozessualen
Befugnisse (insbesondere im Zusammenhang mit Zeugenbefragungen) besser Gewähr
dafür, dass das Ergebnis der Sachverhaltsermittlung näher bei der materiellen Wahrheit
liegt als im nicht durchwegs derselben Formstrenge unterliegenden
Verwaltungsverfahren. Die Verwaltungsbehörde hat daher - sofern eine Anzeige an den
Strafrichter erfolgt oder mit einer solchen zu rechnen ist - grundsätzlich mit ihrem
Entscheid zuzuwarten, bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt, soweit der
Sachverhalt oder die rechtliche Qualifikation des in Frage stehenden Verhaltens für das
Verwaltungsverfahren von Bedeutung sind; dies ist etwa dann nicht der Fall, wenn nur
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die Frage des bedingten Strafvollzuges streitig ist oder wenn klar ist, dass ein Rückfall
im Sinn von Art. 17 Abs. 1 lit. d aSVG gegeben ist. Ausnahmen sind indessen nur dann
zuzulassen, wenn in Bezug auf den Schuldpunkt der in Frage stehenden SVG-
Widerhandlung keinerlei Zweifel bestehen (z.B. Beweis des Fahrens in angetrunkenem
Zustand aufgrund einer Blutprobe, deren Ergebnis anerkannt ist). Das Verfahren ist
formell nicht einzustellen, sondern auszusetzen oder zu sis-tieren (vgl. BGE 119 Ib 158
E. 2c/bb).
Von den tatsächlichen Feststellungen im Strafurteil darf die Verwaltungsbehörde nur
dann abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid zugrunde legt, die
dem Strafrichter unbekannt waren oder die er nicht beachtet hat, wenn sie zusätzliche
Beweise erhebt, deren Würdigung zu einem anderen Entscheid führt, oder wenn die
Beweiswürdigung durch den Strafrichter den feststehenden Tatsachen klar
widerspricht (hat sie hingegen keine zusätzlichen Beweise erhoben, hat sie sich
grundsätzlich an die Würdigung des Strafrichters zu halten) oder schliesslich wenn der
Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht sämtliche
Rechtsfragen abgeklärt, insbesondere die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln
übersehen hat. Die Verwaltungsbehörde hat insbesondere dann auf die Tatsachen im
Strafurteil abzustellen, wenn dieses im ordentlichen Verfahren mit öffentlicher
Verhandlung unter Anhörung der Parteien und Einvernahme von Zeugen ergangen ist,
es sei denn, es bestünden klare Anhaltspunkte für die Unrichtigkeit dieser
Tatsachenfeststellung; in diesem Fall hat die Verwaltungsbehörde nötigenfalls
selbständige Beweiserhebungen durchzuführen (vgl. BGE 119 Ib 158 E. 3c/aa).
Hängt die rechtliche Würdigung sehr stark von der Würdigung von Tatsachen ab, die
der Strafrichter besser kennt als die Verwaltungsbehörde (was etwa dann der Fall ist,
wenn er den Beschuldigten persönlich einvernommen hat), so ist die
Verwaltungsbehörde auch in Bezug auf die Rechtsanwendung an die rechtliche
Qualifikation des Sachverhalts durch das Strafurteil gebunden (vgl. BGE 119 Ib 158 E.
3c/bb).
d) In der Aufhebungsverfügung vom 23. November 2004 stellte der zuständige
Untersuchungsrichter fest, in beiden Fahrtrichtungen habe im Zeitpunkt des Unfalles
dichter Kolonnenverkehr geherrscht. Er zog in Erwägung, dass die Fussgängerin
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unmittelbar, überraschend und ohne erkennbares Zeichen die Fahrbahn betreten habe.
Da sie unmittelbar hinter einem in Richtung A. fahrenden Wagen auf die Strasse
getreten sei, sei sie für den Rekurrenten nicht erkennbar gewesen. Dabei habe ein in
Richtung A. fahrendes Auto vor dem Fussgängerstreifen eine Vollbremsung eingeleitet,
worauf die Fussgängerin über die Strasse gerannt sei. Dabei habe sie die Strecke von
etwa 2.50 m bis zur Kollisionszone innerhalb von nicht ganz einer Sekunde
zurückgelegt. Dem Rekurrenten sei eine Reaktionszeit von einer Sekunde zuzubilligen.
Demzufolge sei ihm keine kollisionsverhindernde Reaktion möglich gewesen, weshalb
ihm keine Sorgfaltspflichtverletzung vorgeworfen werden könne. Das Strafverfahren
wegen fahrlässiger Körperverletzung wurde daher mangels Verschulden in Anwendung
von Art. 182 Abs. 1 des Strafprozessgesetzes (sGS 962.1, abgekürzt: StP) aufgehoben.
Die Aufhebung des Verfahrens hat die Bedeutung eines gerichtlichen Freispruchs (Art.
182 Abs. 3 StP).
e) Es kann nicht gesagt werden, die Würdigung der Beweise durch den Strafrichter
widerspreche klar den feststehenden Tatsachen, wie sie den den Verwaltungsbehörden
vorliegenden Akten zu entnehmen sind. Unfallrelevante Spuren konnten auf dem tro-
ckenen Teerbelag nicht festgestellt werden. Die polizeilich befragte Lenkerin des vor
dem Fussgängerstreifen bremsenden Fahrzeuges gab zu Protokoll, eine Gruppe
Mädchen habe den Fussgängerstreifen betreten, so dass sie stark habe abbremsen
müssen. Eines der Mädchen sei darauf in Richtung der anderen Strassenseite gerannt,
wobei es vom ungebremsten Fahrzeug des Rekurrenten auf dem Fussgängerstreifen
erfasst worden sei. Aus ihrer Sicht hätte der Rekurrent genügend Zeit gehabt, um vor
dem Fussgängerstreifen abzubremsen. Ein weiterer Lenker gab anlässlich der
polizeilichen Befragung an, das Mädchen habe ohne anzuhalten und auf den Verkehr
zu achten den Fussgängerstreifen betreten. Der Rekurrent führte gegenüber der Polizei
aus, er habe das Mädchen nicht gesehen. Er sei sich jedoch bewusst gewesen, dass er
auf einen Fussgängerstreifen zufahre. Diese Aussagen decken sich im Wesentlichen
mit den untersuchungsrichterlichen Feststellungen. Auch die obige Aussage einer
Lenkerin, wonach der Rekurrent genügend Zeit gehabt habe, um noch zu bremsen,
vermag an den Feststellungen in der Aufhebungsverfügung nichts zu ändern, da diese
Aussage dem zuständigen Untersuchungsrichter bekannt war und in die strafrechtliche
Würdigung nach Vornahme zweier Zeugenbefragungen miteinbezogen wurde.
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Abgesehen davon, dass keine klaren Anhaltspunkte für die Unrichtigkeit der
untersuchungsrichterlichen Tatsachenfeststellung vorliegen, welche die
Verwaltungsbehörde zur Erhebung weiterer Beweise verpflichten würde, ist schliesslich
nicht ersichtlich, welche zusätzlichen Beweise zum Nachweis erhoben werden
könnten, dass der Unfall auf ein schuldhaftes Verhalten des Rekurrenten
zurückzuführen war. Die Vorinstanz, welche die strafrechtliche Erledigung des Vorfalls
vom 21. April 2004 nicht abgewartet hat, stellte im Rekursverfahren auch keine
entsprechenden Anträge.
Dementsprechend steht fest, dass die Beweiswürdigung durch den Strafrichter den
feststehenden Tatsachen nicht klar widerspricht. Ebenso wenig sind von der
Verwaltungsbehörde zusätzliche Beweise zum Nachweis einer massnahmerechtlich
relevanten Schuld des Rekurrenten am Unfall vom 21. April 2004 zu erheben.
f) Zusammenfassend ergibt sich, dass aufgrund der feststehenden Tatsachen und
Aussagen keine straf- und massnahmenrechtliche relevante Verletzung von Art. 33
Abs. 2 SVG bzw. ein entsprechendes Verschulden des Rekurrenten vorliegt. Daher ist
der Rekurs gutzuheissen und die angefochtene Verfügung der Vorinstanz vom 10.
August 2004 aufzuheben.
5.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'000.-- ist angemessen (vgl.
Ziff. 362 Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Die Finanzverwaltung ist anzuweisen, dem
Rekurrenten den geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 1'000.-- zurückzuerstatten.
Gemäss Art. 98 Abs. 2 VRP werden im Rekursverfahren ausseramtliche Kosten
entschädigt, soweit sie aufgrund der Rechts- und Sachlage als notwendig und
angemessen erscheinen. Im vorliegenden Fall war der Verzicht auf den Beizug eines
Rechtsvertreters im Rekursverfahren nicht zumutbar. Eine Kostennote ist nicht
eingereicht worden. Angesichts der nicht sehr umfangreichen Akten und des
ersichtlichen Aufwands für die Rekurseingabe erscheint eine Entschädigung von Fr.
1'200.-- zuzüglich Mehrwertsteuer als angemessen (Art. 19, 22 Abs. 1 lit. b und 28 der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten; sGS 963.75). Die
ausseramtliche Entschädigung wird den am Verfahren Beteiligten nach Obsiegen und
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Unterliegen auferlegt (Art. 98bis VRP). Angesichts des Verfahrensausgang sind dem
Rekurrenten die ausseramtlichen Kosten vollständig, d.h. mit Fr. 1'200.-- (inklusive
Barauslagen) zuzüglich Mehrwertsteuer auf diesem Betrag, zu entschädigen (Art. 98ter
VRP). Kostenpflichtig ist der Staat.