Decision ID: 9b016eae-d79b-5257-aba7-d2694ab80990
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamili-
scher Ethnie – suchte am 18. August 2016 in der Schweiz um Asyl nach.
Bei der Summarbefragung (BzP) vom 25. August 2016 und der Anhörung
vom 17. September 2019 machte er übereinstimmend geltend, dass er zwi-
schen seinem 5. und 17. Lebensjahr bei seinem Onkel in B._
(Vanni-Gebiet) und ab 2010 bis zu seiner Ausreise zusammen mit seinen
Eltern und seinen Geschwistern in C._ (Jaffna-Distrikt) gelebt habe.
Er habe zehn Jahre die Schule besucht und in der Folge auf den landwirt-
schaftlichen Feldern seiner Eltern und seines Onkels gearbeitet.
A.b Im Weiteren führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, er sei
2009 von Angehörigen der sri-lankischen Armee mehrmals misshandelt
worden, weil sie ihn verdächtigt hätten, Verbindungen zu den LTTE (Libe-
ration Tigers of Tamil Eelam) zu haben. 2010 und 2012 sei er von der sri-
lankischen Armee beziehungsweise von Personen in ziviler Kleidung an
einen ihm unbekannten Ort gebracht worden, wo er, unter erneuten Miss-
handlungen, mutmassliche LTTE-Mitglieder habe identifizieren müssen.
2013 sei eine ihm unbekannte Person auf dem Feld seines Onkels getötet
worden, worauf ihm unbekannte Personen an seinem Wohnhaus erschie-
nen seien und ihn nach Verbindungen zu dieser Tat befragt hätten. Als er
2014 und 2015 auf den Feldern seines Onkels gearbeitet habe, sei er von
Soldaten beziehungsweise von ihm unbekannten Personen behelligt und
geschlagen worden.
A.c Anlässlich der Anhörung vom 17. September 2019 machte der Be-
schwerdeführer erstmals geltend, er sei wegen der LTTE-Zugehörigkeit
zweier seiner im Krieg gefallenen Onkel in den Fokus der sri-lankischen
Behörden geraten und von diesen mehrmals zu seinen Verbindungen zu
den LTTE befragt und misshandelt worden. Zudem habe er zwischen 2010
und 2015 in D._ Unterschrift leisten müssen, wobei er erneut be-
fragt und misshandelt worden sei. Nachdem 2013 auf dem Feld seines On-
kels eine Leiche gefunden worden sei, hätten ihn Soldaten mit dem Tod
bedroht, sollte er sich weiterhin nach B._ zu seinem Onkel bege-
ben. Als er 2015 auf den Feldern seines Onkels gearbeitet habe, sei er von
zwei Soldaten kontrolliert und in der darauffolgenden Nacht im Haus seines
Onkels aufgespürt worden, wobei die Soldaten seinem Onkel auf den Kopf
geschlagen hätten. Aus Angst vor weiteren Behelligungen sei er am 29.
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Januar 2016 aus Sri Lanka ausgereist. Nach seiner Ausreise hätten sich
Soldaten am Wohnhaus seiner Eltern nach ihm erkundigt.
B.
Mit am 11. November 2019 eröffneter Verfügung vom 7. November 2018
[recte: 2019] stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flücht-
lingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 11. Dezember 2019 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seinen Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht ge-
gen diesen Entscheid Beschwerde und beantragte, die angefochtene Ver-
fügung sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen
und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei er wegen Unzulässigkeit be-
ziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzu-
nehmen. Subeventualiter sei die Sache zur vollständigen Sachverhaltser-
hebung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Als Beschwerdebeilagen reichte der Beschwerdeführer ein Schreiben von
E._, datiert vom 1. Dezember 2019, ein Schreiben von F._,
datiert vom 30. November 2019, einen ärztlichen Verlaufsbericht von Dr.
med. G._, datiert vom 5. Dezember 2019, verschiedene Medienbe-
richte und Fotos seines Onkels (H._) und eines zerstörten Hauses,
ein.
D.
Mit Schreiben vom 13. Dezember 2019 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Dezember 2019 teilte der Instruktionsrich-
ter dem Beschwerdeführer mit, er dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Gleichzeitig forderte er den Beschwerdeführer auf, bis
zum 3. Januar 2020 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten, wel-
cher in der Folge fristgerecht bezahlt wurde.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Ge-
setzesbezeichnung verwendet.
2.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsad-
ressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition im Bereich des
Ausländerrechts richtet sich nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel
verzichtet.
4.
4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu beurteilen sind. Der Beschwerdeführer rügt eine unvollstän-
dige und unrichtige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie
die Verletzung des rechtlichen Gehörs und eine willkürliche Sachverhalts-
feststellung.
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Seite 5
4.2 Betreffend die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs wird in der
Rechtsmitteleingabe geltend gemacht, dass zwischen den Befragungen in
der Schweiz und den asylrelevanten Ereignissen in Sri Lanka mehrere
Jahre vergangen seien. Es entspreche nicht der kognitiven Fähigkeit einer
Person, sich nach rund vier Jahren oder länger an genaue Details erinnern
zu können. Mit ähnlicher Begründung wird der Vorwurf erhoben, die
Vorinstanz habe ein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Be-
hörden zum Zeitpunkt der Ausreise des Beschwerdeführers zu Unrecht als
nicht glaubhaft erachtet und damit den Sachverhalt willkürlich festgestellt.
Des Weiteren stimme die befragende Person nicht mit der verfügenden
überein. Bei einem solchen Vorgehen gingen bedeutsame subjektive Ein-
drücke vom Befragten verloren. Schliesslich habe die Vorinstanz die Vor-
bringen und Antworten des Beschwerdeführers nicht ernsthaft und korrekt
geprüft.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Erinnerungen in der Regel mit
dem Ablauf der Zeit verblassen. Beziehen sich diese aber auf Vorfälle und
Ereignisse, die eine Person dazu veranlasst haben, ihren Heimatstaat oder
ihren Herkunftsort durch Flucht zu verlassen und an einem anderen Ort um
Schutz zu ersuchen, kann davon ausgegangen werden, dass diese Person
auch mehrere Jahre später in der Lage ist, solche prägende Ereignisse
genügend konkret, detailliert und differenziert darzulegen, dass sie den
Eindruck vermitteln, sie habe das Geschilderte selbst erlebt. Ob dies der
Fall ist, ist jedoch nicht eine Frage des rechtlichen Gehörs, sondern der
materiell-rechtlichen Würdigung der Vorbringen.
Hinsichtlich des Einwands, die befragende Person und die Verfasser der
negativen Verfügung seien nicht identisch, ist festzuhalten, dass das Asyl-
gesuch insbesondere auf der Grundlage der Konsistenz, Schlüssigkeit so-
wie Plausibilität der Vorbringen des Gesuchstellers beurteilt wird (vgl.
BVGE 2012/5 E. 2.2). Somit bildet ein rechtskonform erstelltes Protokoll
grundsätzlich genügende Grundlage für einen Asylentscheid. Dass die Er-
hebung der Beweise (Befragungen sowie Erstellung des Protokolls) und
die spätere Würdigung derselben (Entscheidfällung) von derselben Person
vorgenommen werden müsste, lässt sich dem Gesetz nicht entnehmen.
Die Behauptung, beim kritisierten Vorgehen gingen bedeutsame subjektive
Eindrücke vom Befragten verloren, zum Beispiel, dass der Beschwerde-
führer emotional geworden sei oder geweint habe, ist für das Gericht in
dieser pauschalen Form im Übrigen nicht nachvollziehbar, umso weniger,
als anlässlich der Anhörung verbalisiert wurde, wenn der Beschwerdefüh-
rer gestikulierte oder den gleichen Inhalt wiederholte (vgl. act. A11/22,
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F78/90/95/104/124). Die Verfahrensführung der Vorinstanz ist somit nicht
zu beanstanden.
4.3 Im Zusammenhang mit der Frage der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
wirft der Beschwerdeführer der Vorinstanz zudem eine unvollständige, un-
richtige und willkürliche Feststellung des Sachverhalts vor, wobei er vorab
auf seine Ausführungen zur Verletzung des rechtlichen Gehörs verweist
und daran festhält, er habe die Geschehnisse und Vorfälle in Sri Lanka
detailliert, schlüssig und nachvollziehbar dargelegt, wogegen die Vo-
rinstanz, anstatt die unzähligen für die Glaubhaftigkeit sprechenden Fakto-
ren zu berücksichtigen, gezielt nach angeblichen Ungereimtheiten gesucht
habe.
Soweit in der Beschwerde im Zusammenhang mit der Ermittlung des
rechtserheblichen Sachverhalts und der Beweiswürdigung eine Verletzung
des Willkürverbots gerügt wird, ist Folgendes festzuhalten: Gemäss Lehre
und Rechtsprechung liegt Willkür nicht schon dann vor, wenn eine andere
Lösung in Betracht zu ziehen oder sogar vorzuziehen wäre, sondern nur
dann, wenn ein Entscheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der tatsächlichen
Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen unumstritte-
nen Rechtsgrundsatz klar verletzt oder in stossender Weise dem Gerech-
tigkeitsgedanken zuwiderläuft (vgl. JÖRG PAUL MÜLLER/MARKUS SCHÄFER,
Grundrechte in der Schweiz, 4. Aufl., 2008, S.11; ULRICH HÄFELI/WALTER
HALLER/HELEN KELLER/DANIELA THURNHERR, Bundesstaatsrecht, 9. Auf-
lage 2016, N 811 f.; BGE 133 I 149 E. 3.1, m. w. H.). Dabei muss die an-
geblich willkürliche Begründung rechtsgenüglich dargelegt werden (BGE
116 Ia 426 S. 428, m. w. H.). Für eine willkürliche Feststellung des Sach-
verhalts finden sich vorliegend keine Anhaltspunkte.
Zudem vermengt der Beschwerdeführer die Frage der Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen Würdigung,
wenn er moniert, die Vorinstanz habe es unterlassen, seine Vorbringen kor-
rekt zu würdigen.
Die Ausführungen in der Beschwerde dazu, weshalb der Sachverhalt un-
richtig und unvollständig festgestellt worden sei, und dass die Vorinstanz
die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht korrekt geprüft habe, tangie-
ren die Frage der Glaubhaftigkeit, weshalb nachfolgend bei der rechtlichen
Würdigung darauf einzugehen sein wird (vgl. nachstehend E. 6.1).
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4.4 Vor dem Hintergrund der vorangehenden Erwägungen besteht somit
kein Grund, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ei-
nem publizierten Entscheid dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Da-
rauf kann hier verwiesen werden (BVGE 2015/3 E. 6.5.1, m.w.H.).
6.
6.1 Entgegen der sinngemässen Beanstandung durch den Beschwerde-
führer hat die Vorinstanz die Beweisregel von Art. 7 AsylG nicht zu restriktiv
gehandhabt. So wird bei eingehender Prüfung der Befragungsprotokolle
deutlich, dass das SEM zu Recht Ungereimtheiten, einen fehlenden Reali-
tätsbezug und eine unzureichende Substanz in den Aussagen des Be-
schwerdeführers festgestellt hat. Die Würdigung dieser Unzulänglichkeiten
als Erkennungsmerkmale für die Unglaubhaftigkeit der betreffenden Vor-
bringen im Sinne von Art. 7 Abs. 3 AsylG ist nicht zu beanstanden.
So mutet es in der Tat unplausibel an, dass der Beschwerdeführer wegen
der angeblichen LTTE-Verbindungen seiner Onkel in den Fokus der sri-
lankischen Behörden gelangt sein soll. Der Beschwerdeführer macht näm-
lich geltend, die besagten Onkel seien im Jahr (...) beziehungsweise we-
nige Jahre später im Krieg gefallen. Demnach erscheint es unglaubhaft,
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dass er über (...) Jahre nach deren Tod und nachdem weder er selbst noch
andere Familienangehörige jemals bei den LTTE gewesen sind, auf einmal
persönlich im Visier der sri-lankischen Behörden gestanden und einer asyl-
rechtlich relevanten (Reflex-)Verfolgung ausgesetzt gewesen sein soll,
selbst wenn es sich, wie in der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 7) geltend
gemacht, bei einem der Onkel um eine «LTTE-Kaderperson» gehandelt
haben soll. Bezeichnenderweise sind die Schilderungen des Beschwerde-
führers zu den geltend gemachten Behelligungen durch die sri-lankischen
Behörden auch durchwegs substanzarm ausgefallen. Beispielhaft hierzu
aufzuführen sind seine Ausführungen zu den angeblich erlebten Misshand-
lungen. Der Beschwerdeführer zählte zwar auf Rückfrage hin verschiedene
Formen der Gewaltanwendung auf, liess aber klar umrissene Aussagen,
durch welche die jeweiligen Interaktionen und seine eigene Teilnahme am
Geschehen wie insbesondere körperliche Empfindungen und psychische
Vorgänge widerspiegelt worden wären, gänzlich vermissen (vgl. act.
A11/22, F66/73/77/85). Die Sichtweise in der Beschwerde (vgl. daselbst,
S. 7 f.), dass die Ausführungen des Beschwerdeführers den Umständen
entsprechend detailliert gewesen seien, findet in den Protokollen keine Be-
stätigung. Folgerichtig ist hinlänglich auszuschliessen, dass der Beschwer-
deführer in der behaupteten Weise gefangen gehalten und Misshandlun-
gen ausgesetzt worden wäre, was die Vorinstanz zutreffend erkannt hat.
Im Weiteren hat sich der Beschwerdeführer in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz auch Ungereimtheiten hinsichtlich der Art und Weise entgegen-
halten zu lassen, in welcher er gemäss seinen Angaben von den sri-lanki-
schen Behörden angegangen worden sein will. Im Gegensatz zu seinen
Aussagen in der BzP, dass er 2012 von zivilgekleideten Personen zu
Hause aufgesucht und mitgenommen worden sei, liess er dieses Ereignis
in der Anhörung gänzlich unerwähnt. Auch die Ausführungen des Be-
schwerdeführers in der Anhörung, dass ihm durch die sri-lankischen Be-
hörden Knochenbrüche und schwere Verbrennungen zugefügt worden
seien, wurden vom Beschwerdeführer in der BzP noch mit keinem Wort
erwähnt, obwohl es sich klarerweise um wesentliche Erlebnisse handelt.
Gegen die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Bedrohungslage
spricht schliesslich auch der Umstand, dass er trotz der angeblich bereits
2009 beginnenden Verfolgungshandlungen seitens der sri-lankischen Be-
hörden mit seiner Ausreise noch mehr als fünf Jahre zugewartet hat. Ein
solches Verhalten entspricht offensichtlich nicht einer an Leib und Leben
bedrohten Person, die sich vor Verfolgung fürchtet, was auch die Vor-
instanz zutreffend erkannt hat. Keine schlüssigen Hinweise auf einen Re-
alitätshintergrund der Vorbringen des Beschwerdeführers lassen sich auch
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Seite 9
aus den von ihm auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismitteln her-
leiten. Den eingereichten Bestätigungsschreiben (vgl. Bst. C vorstehend)
kommt angesichts der naheliegenden Möglichkeit, dass es sich um blosse
Gefälligkeitsschreiben handelt, und der Tatsache, dass die Dokumente
auch keine Sicherheitsmerkmale aufweisen, ein lediglich geringer Beweis-
wert zu. Auch die neu eingereichten Fotos, die einen Onkel des Beschwer-
deführers und dessen zerstörtes Haus zeigen sollen, vermögen die ge-
schilderten Vorbringen nicht zu belegen, da sich deren Authentizität nicht
überprüfen lässt. Schliesslich sind auch die im ärztlichen Bericht von Dr.
med. G._ festgehaltenen medizinischen Beschwerden (Schulter-
und Magenschmerzen) nicht geeignet, die vom Beschwerdeführer geltend
gemachte Verfolgung nachzuweisen, zumal nicht feststeht, dass diese, wie
in der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 5) geltend gemacht, von seinen an-
geblich erlebten Misshandlungen durch die sri-lankischen Behörden her-
rühren.
Aus diesen Gründen lässt sich das Fazit ziehen, dass der Beschwerdefüh-
rer die wesentlichen Teile seiner Gesuchsbegründung weder nachzuwei-
sen noch glaubhaft im Sinne von Art. 7 Abs. 2 und 3 AsylG zu machen
vermag. Angesichts der aufgezeigten Sachlage erübrigt es sich, auf wei-
tere Einwendungen in der Beschwerde einzugehen, da diese nicht geeig-
net sind, eine andere Einschätzung in der Frage der Glaubhaftmachung
eines unter dem Blickwinkel von Art. 3 AsylG relevanten Sachverhalts her-
beizuführen.
6.2 Es liegen auch keine Risikofaktoren vor (vgl. zu diesen Faktoren Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 9.2.4
[als Referenzurteil publiziert]), die für den Beschwerdeführer die ernsthafte
Gefahr begründeten, bei einer Rückkehr nach Sri Lanka Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt zu werden. Der Beschwerdeführer konnte keine asyl-
relevante Verfolgung vor seiner Ausreise glaubhaft machen. Vielmehr
konnte er vor Ort leben, die Schule abschliessen und arbeiten. Die – sofern
überhaupt glaubhaften – Ausführungen zu den Beziehungen seiner Onkel
zu den LTTE sind zu oberflächlich ausgefallen und haben kein Verfolgungs-
interesse seitens der sri-lankischen Behörden an seiner Person ausgelöst
respektive haben sich als unglaubhaft erwiesen. Es bestehen keine hinrei-
chenden Anhaltspunkte dafür, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rück-
kehr nach Sri Lanka persönlich ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG drohen könnten.
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Seite 10
6.3 Seit Einreichung des Asylgesuchs durch den Beschwerdeführer war
die Lage in Sri Lanka verschiedenen Veränderungen unterworfen, wobei
namentlich politische Spannungen, die verheerenden Terroranschläge an
Ostern 2019 sowie zuletzt die Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum Präsi-
denten von Sri Lanka zu erwähnen sind. Der neue Präsident war unter sei-
nem älteren Bruder Mahinda Rajapaksa, der seinerseits von 2005 bis 2015
Präsident Sri Lankas war, Verteidigungssekretär. Er wurde angeklagt,
zahlreiche Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Akti-
visten begangen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschen-
rechtsverletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er be-
streitet die Anschuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report
2020 – Sri Lanka, 14.1.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Prä-
sident seinen Bruder Mahinda zum Premierminister und band einen weite-
ren Bruder, Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Go-
tabaya, Mahinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regie-
rungskabinett zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institu-
tionen (vgl. vgl. https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-inclu-
ding-presidents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-
state/20191127174753/, abgerufen am 4. März 2020). Beobachter und
ethnische / religiöse Minderheiten befürchten insbesondere mehr Repres-
sion und die vermehrte Überwachung von Menschenrechtsaktivistinnen
und -aktivisten, Journalistinnen und Journalisten, Oppositionellen und re-
gierungskritischen Personen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]:
Regierungswechsel weckt Ängste bei Minderheiten, 21.11.2019). Anfang
März 2020 löste Gotabaya Rajapaksa das Parlament vorzeitig auf und kün-
digte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri Lankas Präsident löst das Parlament
auf, 3.3.2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
sie bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E 1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri
Lanka: Families of «Disappeared» Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt
es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Ein-
zelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen
D-6586/2019
Seite 11
zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive deren Fol-
gen besteht. Ein solcher Bezug ist vorliegend, wie sich aus den vorstehen-
den Erwägungen ergibt, nicht ersichtlich.
6.4 Damit ist nach Würdigung der gesamten Umstände als Ergebnis fest-
zuhalten, dass der Beschwerdeführer die Voraussetzungen der Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht erfüllt. Folgerichtig bleibt
ihm die Gewährung von Asyl durch die schweizerischen Behörden versagt
(Art. 2 Abs. 1 und Art. 49 AsylG). Die Ablehnung des entsprechenden Ge-
suchs durch die Vorinstanz ist zu bestätigen.
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
8.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völkerrecht-
liche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder
des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen-
stehen.
Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist das
flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG auf ihn nicht anwendbar. Die Zulässigkeit
des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs-
und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Über-
einkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR
0.105]; Art. 3 EMRK).
Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegwei-
sungsvollzug – auch mit Blick auf die in der Beschwerde zitierten Berichte
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Seite 12
– nicht als unzulässig erscheinen (BVGE 2011/24 E. 10.4). Auch der Euro-
päische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat wiederholt festge-
stellt, dass nicht generell davon auszugehen sei, Rückkehrern drohe in Sri
Lanka eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoeinschätzung müsse
im Einzelfall vorgenommen werden (Urteil des EGMR R.J. gegen Frank-
reich vom 19. September 2013, 10466/11, Ziff. 37). Weder aus den Be-
schwerdeausführungen noch aus den Akten ergeben sich konkrete An-
haltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer für den Fall einer Ausschaf-
fung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
EMRK oder FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. So
weist der Beschwerdeführer kein Profil auf, das auf die Gefahr hindeutet,
zukünftig staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu sein. Es sind
keine Anhaltspunkte ersichtlich, nach denen der Beschwerdeführer Mass-
nahmen zu befürchten hätte, die – wenn überhaupt – über einen sogenann-
ten background check (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In-
und Ausland) hinausgingen oder dass ihm persönlich im Falle einer Rück-
kehr eine Gefährdung drohen könnte. Solches lässt sich gemäss oben ste-
henden Ausführungen auch nicht annehmen. Aussergewöhnliche Um-
stände, die gestützt auf die Praxis des EGMR zu Art. 3 EMRK zur Feststel-
lung der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzuges aus gesundheitlichen
Gründen führen könnten (vgl. dazu EGMR, Urteil i.S. N gegen Grossbritan-
nien vom 27. Mai 2008, Beschwerde Nr. 26565/05, §§ 34 und 42 ff.; BVGE
2009/2 E. 9.1.3; EGMR, Urteil i.S. Paposhvili gegen Belgien vom 17. April
2014, Beschwerde-Nr. 41738/10), sind aufgrund der Akten ebenfalls nicht
ersichtlich. Der Vollzug der Wegweisung ist zulässig.
8.3 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den
LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka we-
der Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt; dies gilt auch angesichts
der dortigen aktuellen Ereignisse (vgl. Urteil des BVGer D-2205/2018 vom
25. Januar 2019, E. 11.2.1). Mit Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 hat das Bundesverwaltungsgericht seine bisherige Rechtsprechung
(vgl. BVGE 2011/24) und die gegenwärtige Praxis des SEM bestätigt, wo-
nach der Wegweisungsvollzug in die Ost- und Nordprovinz grundsätzlich
zumutbar ist, was gemäss Urteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 (als
Referenzurteil publiziert) auch für das Vanni-Gebiet gilt.
https://hudoc.echr.coe.int/eng#{"appno":["41738/10"]}
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Seite 13
Der Beschwerdeführer stammt aus C._ (Jaffna Distrikt), wo er ab
2010 bis zu seiner Ausreise gelebt hat. Der Vollzug in dieses Gebiet ist
gemäss gefestigter Rechtsprechung grundsätzlich zumutbar. Auch spre-
chen keine individuellen Gründe gegen einen Wegweisungsvollzug. So
verfügt der junge Beschwerdeführer mit Schulabschluss und erster Arbeits-
erfahrung in Sri Lanka über ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz (El-
tern, Geschwister, weitere Verwandte), auf dessen Hilfe er – sofern not-
wendig – bei seiner Wiedereingliederung zählen kann. Dem mit der Be-
schwerde eingereichten ärztlichen Verlaufsbericht von Dr. med. G._
ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer an Schulter- und Magenbe-
schwerden leidet. Diese Befunde stehen der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ebenfalls nicht entgegen, zumal von der Behandelbarkeit
dieser Beschwerden im Heimatland ausgegangen werden kann.
8.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeichnen,
weil es dem Beschwerdeführer obliegt, sich die für eine Rückkehr notwen-
digen Reisedokumente bei der zuständigen Vertretung seines Heimat-
staats zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG, vgl. dazu BVGE 2008/34 E. 12).
Der Vollzug der Wegweisung ist möglich.
8.5 Die Vorinstanz hat den Vollzug demnach zu Recht als zulässig, zumut-
bar und möglich erachtet. Damit fällt die Anordnung der vorläufigen Auf-
nahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG und Art. 49 VwVG). Zur Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz besteht nach dem Gesagten kein Anlass. Die Beschwerde ist
abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1-
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der am 23. De-
zember 2019 in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss wird zur Bezah-
lung der Verfahrenskosten verwendet.
(Dispositiv nächste Seite)
D-6586/2019
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