Decision ID: f8bd4ac0-7937-5323-a35a-924cc42781fb
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ wurde am 13. September 2013 von seinen Eltern bei der Invalidenversicherung
angemeldet für Hilfsmittel (Orthesen) und medizinische Massnahmen (Physiotherapie
wenn nötig) wegen „ausgeprägter Knick-Senkfuss und verkürzter Achillessehne“ seit
Geburt. Die Behandlung sei von September 2011 bis am 16. April 2013 im Kinderspital
St. Gallen (Orthopädie) erfolgt, seit 11. September 2013 finde die Behandlung in der
Klinik C._ (Orthopädie) statt. Seit September 2011 trage der Versicherte Orthesen
links und rechts (IV-act. 1). Am 1. Oktober 2013 berichtete Dr. med. D._, Oberärztin
der Kinderorthopädie an der Klinik C._, der Versicherte leide an radiologisch
ausgeprägtester Knick-/Senkfüssigkeit links mehr als rechts bei erheblicher Verkürzung
der Trizeps-surae-Muskulatur mit deutlicher Vergrösserung des talocalcanearen
Öffnungswinkels. Bei auskorrigiertem Fuss zeige sich eine Spitzfüssigkeit (von ca. 10
cm links, rechts Dorsalextension knapp über die Neutrale). Durch diese Verkürzung der
Achillessehne werde der Fuss weiterhin in den Rückfussvalgus gedrängt. Daher sei die
Indikation zur percutanen alternierenden Achillessehnenverlängerung beidseits zu
stellen, damit sich der Fuss während des weiteren Wachstums aufrichten könne. Im
Anschluss seien Unterschenkelgehgipse für vier Wochen anzulegen. Nach Entfernung
des Gipses seien schalenförmige Rückfussorthesen nach Mass mindestens ein Jahr zu
tragen. Im Verlauf sei mit einer deutlichen Verbesserung der Fussstellung zu rechnen.
Es liege das Geburtsgebrechen Nr. 177 vor (IV-act. 9-4/6 oben). Die Operation fand am
21. Oktober 2013 statt (IV-act. 8). Gemäss Voranschlag war mit Kosten für die (neuen)
Fussorthesen von Fr. 1‘432.75 zu rechnen (IV-act. 10). RAD-Arzt Dr. med. E._,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
praktischer Arzt FMH, beurteilte das Gesuch am 29. Januar 2014 aus
versicherungsmedizinischer Sicht und stellte fest, es bestehe kein Hinweis für ein
Geburtsgebrechen aus dem Kapitel „Gelenke, Muskeln und Sehnen“. Für das
Geburtsgebrechen Nr. 177 aus dem Kapitel „regionale Skelettmissbildungen-
Extremitäten“ seien die Voraussetzungen nicht erfüllt. Bei fehlendem
Geburtsgebrechen bestehe kein Leistungsanspruch bei der IV, ebenfalls nicht für die
propriozeptiven Schalenfussorthesen DFO als Behandlungsgerät (IV-act. 11).
B.
B.a Mit einem Vorbescheid vom 4. Februar 2014 kündigte die IV-Stelle an, das
Leistungsgesuch gestützt auf Art. 13 IVG sowie die Stellungnahme des RAD
abzuweisen (IV-act. 14). Dagegen wandte der Vater des Versicherten am 18. Februar
2014 ein, nach verschiedenen erfolglos durchgeführten nicht operativen Therapie- und
Heilungsmassnahmen am Kinderspital St. Gallen sei als Sofortmassnahme in der Klinik
C._ die Operation beider Füsse vorgenommen worden, weitere Operationen seien in
Aussicht gestellt worden. Diese Operationen machten nur Sinn bzw. seien
erfolgsversprechend, wenn Spezial-Fussorthesen und Spezialschuhe getragen würden.
Er bitte um Überarbeitung des Vorbescheids (IV-act. 15). Mit Verfügung vom 25. März
2015 lehnte die IV-Stelle das Leistungsgesuch im Sinn des Vorbescheids ab (IV-act.
16). Aus versicherungsmedizinischer Sicht bestehe bei fehlendem Geburtsgebrechen
nach GgV kein Leistungsanspruch bei der IV, auch nicht für die Schalenfussorthesen
als Behandlungsgerät. Die Anspruchsvoraussetzungen für Hilfsmittelleistungen seien
ebenfalls nicht erfüllt, da die Orthesen der Behandlung der Fussfehlstellung dienten (IV-
act. 16).
B.b Die behandelnde Oberärztin der Klinik C._, Dr. D._, wandte sich am 9. April
2014 an die SVA/IV-Stelle und führte ergänzend zum Einwandschreiben aus, beim
Versicherten zeige sich eine ausgeprägteste Knick-/Senkfüssigkeit im Sinn eines Talus
obliquus, also eine Fehlstellung des Skeletts im Sinn eines skelettalen Leidens
entsprechend GgV 177. Ziel der Behandlung im Sinn einer Achillessehnenverlängerung
sei das Aufrichten des Fusses, also eine Normalisierung der skelettalen Stellung des
Fusses. Bei Verzicht auf die Behandlung sei mit erheblichen Folgeproblemen zu
rechnen. Auch sie bat um nochmalige Prüfung des Entscheids (IV-act. 17).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
C.a Gegen die Verfügung vom 25. März 2014 reichte der Vater des Versicherten
(nachfolgend Beschwerdeführer) als dessen Vertreter am 17. April 2014 Beschwerde
ein und beantragte aufgrund des Berichts von Dr. D._ vom 9. April 2014 die
Anerkennung des Anspruchs auf medizinische Massnahmen zur Behandlung eines
anerkannten Geburtsgebrechens (act. G 1).
C.b In einer Stellungnahme bemängelt nunmehr RAD-Arzt Prof. Dr. med. F._,
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin FMH, am 28. Mai 2015, Dr. D._ gebe nicht
bekannt, ob dieses skelettale Leiden erworben oder angeboren sei. Unter Verweis auf
Fachliteratur erklärte er, der flexible Plattfuss mit verkürzter Triceps-surae-Muskulatur
werde auch Talus obliquus genannt. Bei diesem sei die Stellung des Talus nicht fixiert,
sondern eben flexibel, es bestehe also keine stabile Veränderung. Der flexible Plattfuss
beginne im Alter von etwa zwei Jahren und habe seine volle Ausprägung mit fünf bis
sechs Jahren. Die primären Ursachen für den flexiblen Plattfuss und damit für den talus
obliquus seien eine Bandlaxizität, eine konstituelle Veranlagung, Übergewicht und
Muskelschwäche und damit nicht primär eine Skelettdeformität. Der flexible Plattfuss
sei assoziiert mit angeborenen Störungen des Bindegewebes. Solche Störungen lägen
beim Versicherten nicht vor. Aufgrund der eindeutigen Tatsachen liege demnach keine
primäre skelettale Störung vor, die dem GG 177 zugeordnet werden könnte. Im Bereich
der GG für Gelenke, Muskeln und Sehnen, denen der kongenitale Plattfuss (GG 193)
zugeordnet sei, gebe es keine entsprechende GG-Ziffer für den talus obliquus, da
diese Veränderung nicht angeboren sei und erst mit zunehmendem Alter aufgrund einer
Bandlaxizität entstehe. Damit sei es auch nicht möglich, die für die Behandlung des
flexiblen Plattfusses benötigte Orthese zu übernehmen. Die Krankenkasse sei für die
Übernahme der Kosten der medizinisch notwendigen Behandlung zuständig (IV-act.
23).
C.c Am 13. Juni 2014 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde mit generellen Ausführungen zu Art. 12 und 13 IVG und auf die
Stellungnahme des RAD vom 28. Mai 2014. Der RAD habe ausführlich dargelegt,
warum beim Beschwerdeführer keine Skelettdeformität vorliege, weshalb auch keine
Subsumtion unter eine andere Ziffer der Liste der Geburtsgebrechen möglich sei. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abweisende Verfügung sei daher korrekt. Auch eine Kostenübernahme gemäss Art. 12
IVG komme nicht in Frage, weil die Grundvoraussetzung dazu nicht erfüllt sei:
Anspruch auf medizinische Massnahmen nach Art. 12 bedingten eine abgeschlossene
Behandlung der Krankheit mit einem zurückbleibenden Gesundheitsschaden, der ohne
weitere Behandlung stabil bleibe. Bei Minderjährigen könne die IV medizinische
Eingliederungsmassnahmen nach Art. 12 IVG jedoch ausnahmsweise übernehmen,
wenn noch nicht stabile oder relativ stabilisierte Zustände bestünden, nämlich dann,
wenn die auszuführende Massnahme mit hinlänglicher Zuverlässigkeit erwarten lasse,
dass damit einem später drohenden stabilen, nur schwer korrigierbaren Defekt
vorgebeugt werden könne, der sich wesentlich auf die Erwerbsfähigkeit oder
Berufsbildung auswirken würde (Art. 8 Abs. 2 ATSG, Art. 5 Abs. 2 IVG, Rz 54 KSME).
Bei nicht erwerbstätigen minderjährigen Versicherten könnten die Massnahmen zur
Verhütung oder Verzögerung einer Defektheilung oder eines sonst wie stabilisierten
Zustandes wohl eine gewisse Zeit andauern, sie dürften jedoch nicht Dauercharakter
tragen, d.h. zeitlich nicht unbegrenzt erforderlich sein. Dabei müsse hinlänglich
Wahrscheinlichkeit dafür bestehen, dass die Prognose günstig sei (Rz 63 KSME). Das
Ziel der beim Beschwerdeführer durchgeführten Behandlung sei die Normalisierung der
Stellung des Fusses, somit keine Massnahme, die später einen drohenden stabilen, nur
schwer korrigierbaren Defekt vorbeuge, der sich wesentlich auf die Erwerbstätigkeit
oder Berufsbildung auswirken würde, sondern es gehe um eine eigentliche
Leidensbehandlung sowie Prävention, welche nicht in den Bereich der IV gehöre.
Folglich komme eine Übernahme der Behandlung bzw. Behandlungsgeräte auch über
Art. 12 IVG nicht in Frage (act. G 4).
C.d Zum Schreiben von Dr. D._ nahm RAD-Arzt Dr. E._ am 15. Juli 2014 und damit
nach Erlass der Verfügung Stellung. Er führte aus, die Einschätzung von Dr. D._ sei
aus versicherungsrechtlicher Sicht nicht korrekt, es handle sich nicht um eine skelettale
Pathologie. Bezogen auf die Liste der Geburtsgebrechen sei Kapitel II Skelett (GG 121
bis 178) nicht massgebend. Eine Zuordnung der ausgeprägtesten Knick-/
Senkfüssigkeit zu GG 177 sei nicht möglich und wäre falsch. Vielmehr müsse Kapitel III
Gelenke, Muskeln und Sehnen (GG 180 bis 195) beachtet werden; die ausgeprägteste
Knick-/Senkfüssigkeit müsste einem GG der Ziffern 180 bis 195 zugeordnet werden
können, damit eine Leistungspflicht der IV zu begründen wäre. Das sei aber aus
medizinischer Sicht nicht möglich (act. G 6).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.e Der Beschwerdeführer verzichtete auf die Einreichung einer Replik (act. G 8).

Erwägungen
1.
Strittig ist vorliegend, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf die Übernahme der
Behandlungskosten für die beantragten medizinischen Massnahmen hat.
2.
2.1 Versicherte haben bis zur Vollendung des 20. Altersjahres einen Anspruch auf die
zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendigen medizinischen Massnahmen
(Art. 13 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, abgekürzt: IVG, SR
831.20). Als Geburtsgebrechen, für welche diese Massnahmen gewährt werden, gelten
die im Anhang zur Verordnung über Geburtsgebrechen (abgekürzt: GgV, SR
831.232.21) aufgelisteten Leiden (Art. 13 Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 3 der Verordnung über
die Invalidenversicherung, abgekürzt: IVV, SR 831.201 i.V.m. Art. 1 Abs. 2 GgV). Als
Geburtsgebrechen im Sinn von Art. 13 IVG gelten Gebrechen, die bei vollendeter
Geburt bestehen (Art. 1 Abs. 1 Satz 1 GgV). Dazu zählen unter anderem angeborene
Defekte und Missbildungen der Extremitäten, sofern eine Operation, eine
Apparateversorgung oder ein Gipsverband notwendig sind (Ziffer 177 Anhang GgV,
Liste der Geburtsgebrechen), und angeborene Plattfüsse, sofern eine Operation oder
ein Gipsverband notwendig sind (Ziffer 193 Anhang GgV).
2.2 Gemäss der Regelung für Geburtsgebrechen bezeichnet gemäss Art. 13 Abs. 2
erster Satz IVG der Bundesrat die Gebrechen, für welche diese medizinischen
Massnahmen gewährt werden. Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung
eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach
bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den
therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3
GgV). Sie umfassen nach Art. 14 Abs. 1 IVG die Behandlung, die vom Arzt selbst oder
auf seine Anordnung durch medizinische Hilfspersonen in Anstalts- oder Hauspflege
vorgenommen wird (mit Ausnahme von logopädischen und psychomotorischen
Therapien) und die Abgabe der vom Arzt verordneten Arzneien.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Gemäss Rz 177.1 des bundesamtlichen Kreisschreibens über die medizinischen
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (KSME, in der vorliegend
anwendbaren ab 1. März 2014 geltenden Fassung) gelten bestimmte unbedeutende
anatomische Skelettvarietäten bei den übrigen angeborenen Defekten und
Missbildungen der Extremitäten unter dem Kapitel „regionale Skelettmissbildungen –
Extremitäten“, sofern Operation, Apparateversorgung oder Gipsverband notwendig
sind,ausdrücklichnicht als Geburtsgebrechen. Die ausgeprägteste Knick-/
Senkfüssigkeit des Beschwerdeführers wird vom Regionalen Ärztlichen Dienst der
Invalidenversicherung (abgekürzt: RAD) nicht primär als eine Skelettdeformität
eingeordnet, sondern vielmehr einer Bandlaxizität zufolge konstitueller Veranlagung
zugeschrieben, die sich erst im Alter von etwa zwei Jahren zu zeigen beginne und ihre
volle Ausprägung im Alter von fünf bis sechs Jahren habe. Es liege also keine primäre
skelettale Störung vor, die dem GG 177 zugeordnet werden könne. Der RAD ging
demnach davon aus, dass der Gesundheitsschaden erworben und nicht angeboren
sei.
2.4 Als Knickfuss bezeichnet der Mediziner eine krankhafte Fehlstellung des Fusses
mit einer Senkung am inneren Fussrand und einer Anhebung des äusseren Fussrandes.
Eine stark ausgeprägte derartige Fehlstellung wird auch Talus obliquus genannt. Bei
schweren Knicksenkfüssen und verkürzter Trizeps-surae-Muskulatur sind der
Hochstand der Ferse und die Deviation (Abweichung) des Talus sehr ausgeprägt. Eine
frühzeitige Erkennung dieser Sondersituation sei entscheidend, da eine alleinige
perkutane Tenotomie (chirurgische Verlängerung einer verkürzten Sehne) der
Achillessehne mit einer Ruhigstellung im Gehgips bei reponiertem Fuss für wenige
Wochen die Prognose sehr positiv ändern könne. Symptomatische Knicksenkfüsse
zeigten sich in der Regel erst bei älteren Kindern ab dem 7. bis 8. Lebensjahr, eine
echte operative Fussaufrichtung (Calcaneus-Verlängerung nach Evans) sei erst ab
diesem Alter zu diskutieren (Dr. med. Rafael Velasco, Chefarzt Kinder- und
Jugendorthopädie an der Schulthess Klinik Zürich, Facharzt für Orthopädische
Chirurgie; Fussdeformitäten im Kindesalter, in: Pädiatrie 2/2012, S. 9 bis 16,
Schwerpunkt, www.tellmed.ch).
2.5 Die medizinische Darlegung des RAD vom 28. Mai 2015 ist gestützt auf die zitierte
Fachliteratur insofern nachvollziehbar, als die skelettale Beteiligung an der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
festgestellten ausgeprägten Fehlstellung der Füsse des Beschwerdeführers (Knick-/
Senkfüssigkeit) zu geringfügig sei, um eine Subsumtion unter die Ziffer II der Liste der
Geburtsgebrechen, Kapitel d. Extremitäten, und damit unter das Geburtsgebrechen Nr.
177 zu rechtfertigen. Eine Kostenübernahme der anbegehrten Massnahmen gestützt
auf Art. 13 IVG kommt daher nicht in Frage.
3.
3.1 Zu prüfen bleibt, ob eine Leistungspflicht der Invalidenversicherung gemäss Art. 12
IVG in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 IVG in Betracht fällt.
3.2 Gemäss Art. 12 Abs. 1 IVG (in der seit dem 1. Januar 2008 geltenden Fassung der
5. IV-Revision) haben Versicherte bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen Anspruch auf
medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern
unmittelbar auf die Eingliederung in das Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren. Dem Wortlaut dieser Bestimmung lässt sich nicht
entnehmen, was unter einer medizinischen Massnahme zu verstehen ist. Der
Gesetzgeber hat auf eine Umschreibung der medizinischen Massnahmen verzichtet,
weil er offenbar davon ausgegangen ist, dass sich die Bedeutung aus den
Bestimmungen anderer Sozialversicherungszweige (Krankenversicherung,
Unfallversicherung, Militärversicherung) betreffend die Heilbehandlungsleistungen
ableiten lasse. Deshalb rechtfertigt es sich, etwa den Regelungsinhalt des Art. 25 KVG
per analogiam zu übernehmen: Medizinische Massnahmen bestehen in der Diagnose
und der Behandlung von Krankheiten. Da in Fällen wie dem vorliegenden auch die
Leistungsvoraussetzungen der obligatorischen Krankenversicherung (KV) erfüllt sind,
besteht ein Koordinationsbedarf, denn es macht offensichtlich keinen Sinn, einer
versicherten Person eine Sachleistung (Art. 14 ATSG) zweimal zu erbringen, d.h. sie
sozusagen „doppelt“ medizinisch behandeln zu lassen. Damit kommt als
Koordinationslösung nur die ausschliessliche Leistungspflicht eines der beiden
grundsätzlich leistungspflichtigen Sozialversicherungszweige IV und KV in Frage (Art.
64 Abs. 1 ATSG). Diese Abgrenzung beruht auf dem Grundsatz, dass die Behandlung
einer Krankheit oder einer Verletzung ohne Rücksicht auf die Dauer des Leidens primär
in den Aufgabenbereich der Kranken- und Unfallversicherung gehört (BGE 104 V 79 E.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1 S. 81; 102 V 40 E. 1 S. 41; Urteil 9C_452/2014 vom 29. Oktober 2014 E. 2.1; vgl.
auch Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 26. November 2015,
IV 2014/ 128). Die IV geht der KV nur vor (Art. 64 Abs. 2 ATSG), wenn im konkreten Fall
die Leistungsvoraussetzungen der IV erfüllt sind. Denn tatsächlich enthält Art. 12 Abs.
1 IVG einen entsprechenden Vorbehalt: Nach der Rechtsprechung sind nur solche
Vorkehren von der Invalidenversicherung zu übernehmen, die nicht auf die Heilung
oder Linderung labilen pathologischen Geschehens gerichtet sind. Bei Jugendlichen
sind, der körperlichen und geistigen Entwicklungsphase Rechnung tragend,
medizinische Vorkehren trotz des einstweilen noch labilen Leidenscharakters von der
Invalidenversicherung zu übernehmen, wenn ohne diese in absehbarer Zeit eine
Heilung mit Defekt oder ein sonst wie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die
Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit oder beide beeinträchtigt würden (BGE 98 V
214 E. 2; 105 V 19 S. 20). Die Invalidenversicherung hat daher bei Jugendlichen nicht
nur die unmittelbar auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler Defektzustände oder
Funktionsausfälle gerichtete Vorkehren zu übernehmen, sondern auch dann Leistungen
zu erbringen, wenn es darum geht, mittels geeigneter Massnahmen einem die
berufliche Ausbildung oder die künftige Erwerbsfähigkeit beeinträchtigenden
Defektzustand vorzubeugen (Urteil des Bundesgerichts 9C_912/2014 vom 7. Mai 2015
E. 1.2; BGE 105 V 19 S. 20; AHI 2000 S. 63 E. 1; AHI 2003 S. 103 E. 2; Urteil I 23/04
vom 23. September 2004 E. 4.1)
3.3 Nur wenn die Heilbehandlung diese Bedingung erfüllt, geht die Pflicht der IV, diese
zu übernehmen, der entsprechenden Pflicht der KV vor. Die gesetzliche Regelung der
Leistungspflicht der KV weist keine Einschränkung auf. Zu prüfen ist somit, ob die
Fussoperationen (durchgeführt am 21. Oktober 2013), die Orthesen und allenfalls die
Physiotherapie unmittelbar auf die Eingliederung gerichtet und zudem geeignet
gewesen sind bzw. noch sind, die Erwerbsfähigkeit der Beschwerdeführerin vor einer
wesentlichen Beeinträchtigung zu bewahren.
4.
4.1 Praxisgemäss dienen medizinischen Massnahmen bei Personen, die das 20.
Altersjahr noch nicht vollendet haben, „schon dann überwiegend der beruflichen
Eingliederung [...], wenn ohne diese Vorkehren eine Heilung mit Defekt oder ein sonst
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit
oder beide beeinträchtigt würden“ (Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, bearbeitet von
Ulrich Meyer und Marco Reichmuth, 3. A., S. 142). Die Beschwerdegegnerin hat zur
Begründung ihrer Abweisung des Leistungsgesuches einerseits geltend gemacht, es
liege kein Geburtsgebrechen vor, und andererseits, bei den beantragten
Behandlungsgeräten handle es sich nicht um Hilfsmittel im Sinn der
Invalidenversicherung. Behandlungsgeräte könnten nur übernommen werden, wenn sie
im Zusammenhang mit einer von der Invalidenversicherung zugesprochenen
medizinischen Eingliederungsmassnahme erforderlich seien. Da das Leiden keinem
Geburtsgebrechen zugeordnet werden könne, könnten auch die propriozeptiven
Schalen-Fussorthesen DFO nicht als Behandlungsgerät übernommen werden, die
Orthesen würden der Behandlung der Fussfehlstellung dienen.
4.2 Die Beschwerdegegnerin hat in ihrer Beschwerdeantwort festgehalten, das Ziel der
beim Beschwerdeführer durchgeführten Behandlung sei die Normalisierung der
Stellung des Fusses, somit keine Massnahme, die später einem drohenden stabilen,
nur schwer korrigierbaren Defekt vorbeuge, der sich wesentlich auf die Erwerbstätigkeit
oder Berufsausbildung auswirken würde, sondern es gehe um eine eigentliche
Leidensbehandlung sowie Prävention, welche nicht in den Bereich der IV gehöre.
Demgegenüber hat Frau Dr. D._ ausgeführt, Ziel der Behandlung im Sinn einer
Achillessehnenverlängerung sei das Aufrichten des Fusses, also eine Normalisierung
der skelettalen Stellung des Fusses. Bei Verzicht auf die Behandlung sei mit
erheblichen Folgeproblemen zu rechnen. Genauere Ausführungen zu solchen
Folgeproblemen im direkten Zusammenhang mit Erwerbstätigkeit oder
Berufsausbildung hat sie nicht genannt. Der RAD hat sich zu den Folgen einer
unbehandelten Fussfehlstellung mit Bezug auf Berufsausbildung und Erwerbstätigkeit
überhaupt nicht geäussert.
4.3 Wie der bereits zitierten Fachliteratur zu entnehmen ist, kann die Verkürzung der
Trizeps-surae-Muskulatur einen negativen Einfluss auf die Entstehung und weitere
Entwicklung eines kindlichen Knicksenkfusses haben. Die Verkürzung der Trizeps-
surae-Muskulatur sei prognostisch ungünstig, da der Talus sozusagen gezwungen
werde, nach medio-plantar zu subluxieren. Somit werde im weiteren Wachstumsverlauf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die spontane Fussaufrichtung, die normalerweise im Laufe der ersten Dekade
stattfinde, gebremst bzw. verhindert (a.a.O., S. 13 und 14). Der Beschwerdeführer wäre
demnach ohne die Korrekturoperation mit der anschliessend notwendigen Behandlung
aufgrund der Fussfehlstellung möglicherweise nicht mehr fähig gewesen, ein normales
Gangbild zu zeigen, lange zu stehen, allenfalls zu rennen oder uneingeschränkt
sportliche Aktivitäten auszuüben. Ohne die Behandlung hätte also überwiegend
wahrscheinlich eine Einschränkung der Berufsziele/Berufsausbildung resultiert, weil
nicht alle Berufe in Frage gekommen wären, bei denen längere Zeit gestanden oder
auch gegangen werden muss. Eine nicht behandelte Fussfehlstellung in der sehr
ausgeprägten Form wie vorliegend ist als stabilisierter Defekt zu betrachten, weil er
eine dauerhafte Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit des Fusses zur Folge hat oder
überwiegend wahrscheinlich haben kann. Der Eintritt eines stabilisierten (Defekt-)
Zustandes (bei einem fiktiven Unterbleiben der Behandlung) im vorliegenden Fall ist
somit überwiegend wahrscheinlich. Diese Annahme wird von der Beschwerdegegnerin
insofern mitgetragen, als sie in der ablehnenden Leistungsverfügung davon
gesprochen hat, dass der Beschwerdeführer seit Geburt an einem schweren
Fussproblem leide und die Fussorthesen für die Behandlung eingesetzt würden. Es ist
demnach nicht davon auszugehen, dass ohne medizinische Massnahmen die
Fussfehlstellung einfach folgenlos (bzw. mit einer geringen und damit irrelevanten
Beeinträchtigung der Funktion der Füsse) abgeheilt wäre. Wenn damit zu rechnen ist,
dass bei Ausbleiben der (indizierten und durchgeführten) Achillessehnenverlängerung
ein stabilisierter Zustand einträte, der die normale Funktion der Füsse erheblich
beeinträchtigen würde, muss das ausreichen, um im Fall des Beschwerdeführers eine
Eingliederungsrelevanz der Operation und der nachfolgenden Versorgung samt
allfälliger Physiotherapie zu bejahen.
5.
5.1 Zu beurteilen bleibt, ob die Konsequenz eines (fiktiven) Unterbleibens der
Operation samt Nachbehandlung, nämlich der Eintritt eines stabilisierten
Gesundheitszustandes, die Berufsbildung und/oder die Erwerbsfähigkeit des
Beschwerdeführers erheblich beeinträchtigt. Die Beschwerdegegnerin hat sich dazu
nicht vernehmen lassen. Sie hat nur behauptet, eine wesentliche Beeinträchtigung der
Erwerbstätigkeit oder Berufsbildung liege nicht vor, es gehe „nur“ um eine eigentliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leidensbehandlung und Prävention, welche nicht in den Bereich der IV gehöre. Sie
hätte diesbezüglich ins Feld führen können, der Beschwerdeführer könne eine
Beeinträchtigung seiner Berufsausbildung dadurch verhindern, dass er einen Beruf
wähle, bei dessen Ausübung er durch die reduzierte Funktionsfähigkeit seiner Füsse
nicht benachteiligt wäre. Die Berufsbildungsfähigkeit wäre nämlich nur für jene
(belastenden) Berufe aufgehoben, in denen sich die Funktionseinschränkung der Füsse
auf die Arbeitsfähigkeit auswirken würde. Dem wäre entgegen zu halten, dass sich
damit die Zahl der für den Beschwerdeführer noch in Frage kommenden Berufe
erheblich verminderte (Berufe mit viel Gehen, Stehen, z.B. Gärtner, Verkäufer wären
nicht möglich). Der Beschwerdeführer wäre in seiner Berufswahl also stark
eingeschränkt. Das überdehnt seine auf die Vermeidung eines Bedarfs nach einer
Leistung nach Art. 12 IVG gerichtete Schadenminderungspflicht doch sehr. Die Kosten
für die Diagnosestellung, die Operation(en), die Behandlungsgeräte (Orthesen) und die
anschliessende Therapie, die dadurch hätten eingespart werden können, hätten
nämlich in einem grossen Missverhältnis zur Einschränkung des Beschwerdeführers
bezüglich seiner beruflichen Zukunft gestanden.
5.2 Schliesslich ist zu prüfen, ob die bisher durchgeführten Operationen (beidseitige
Achillessehnenverlängerung) geeignet waren, den Eintritt eines die
Berufsbildungsfähigkeit beeinträchtigenden stabilisierten Krankheitszustandes zu
verhindern, ob also nicht trotz der Operation die Gefahr bestanden hat, dass eine
erhebliche Funktionseinbusse der Füsse auftreten würde. Der Bericht der
behandelnden Ärztin Dr. D._ enthält keinen Hinweis darauf, dass der längerfristige
Erfolg der Operation unsicher gewesen wäre, vielmehr erklärte sie, im Verlauf sei mit
einer deutlichen Verbesserung der Fussstellung zu rechnen. Auch in der zitierten
Fachliteratur wird von einer sehr positiven Prognose ausgegangen (a.a.O. S. 14). Aus
dem Fehlen eines entsprechenden Hinweises im Bericht der behandelnden Ärztin kann
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit abgeleitet werden, dass
die durchgeführten Operationen an beiden Füssen mit anschliessender Gips- und
Orthesenversorgung sowie allenfalls Physiotherapie geeignet waren, die
Berufsbildungsfähigkeit und möglicherweise auch die spätere Erwerbsfähigkeit des
Beschwerdeführers vor einer wesentlichen Beeinträchtigung zu bewahren
(Defektprophylaxe).
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.1 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin zu Unrecht die
Anwendbarkeit des Art. 12 IVG und damit einen Leistungsanspruch des
Beschwerdeführers verneint hat. Die Beschwerdegegnerin ist deshalb zu verpflichten,
die Kosten der Achillessehnenverlängerung an beiden Füssen, der vorangehenden
Diagnosestellung, der zur Rehabilitation erforderlichen Gips- und Orthesen-Versorgung
samt allfälliger weiterer medizinisch notwendiger Therapieleistungen zu übernehmen.
Die Beschwerdegegnerin wird in diesem Sinne neu zu verfügen haben. Dazu ist die
Sache an sie zurückzuweisen.
6.2 Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird dem Vater des
Beschwerdeführers zurückerstattet. Die unterliegende Beschwerdegegnerin hat die
Gerichtsgebühr zu bezahlen, die praxisgemäss auf Fr. 600.-- festgesetzt wird.