Decision ID: 60a7bc7c-38f1-43b7-a5f5-e2e5571f1752
Year: 2019
Language: de
Court: AG_HG
Chamber: AG_HG_002
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Handelsgericht entnimmt den Akten:
1.
Die Klägerin ist eine Genossenschaft mit Sitz in Y. Sie bezweckt die Wah-
rung der Rechte der Urheber, Urheberinnen, Verlage und anderer Rechts-
inhaber bzw. Rechtsinhaberinnen von literarischen und dramatischen Wer-
ken sowie von Werken der bildenden Kunst und der Photographie, soweit
ihr diese Rechte vertraglich zur kollektiven Wahrnehmung anvertraut wer-
den.
Mit Bewilligungen vom [...] 2013 und [...] 2017 ermächtigte das Eidgenös-
sische Institut für Geistiges Eigentum (nachfolgend: IGE) die Klägerin, die
Vergütungsansprüche nach dem Urheberrechtsgesetz für die Jahre 2013
bis 2022 geltend zu machen (Klagebeilage [KB] 2).
2.
Der Beklagte ist eine natürliche Person mit Wohnsitz in Z. Er betreibt unter
der Firma "B. [...]" ein Einzelunternehmen in X. Dieses bezweckt Dienst-
leistungen in den Bereichen Buchhaltung, Steuern und Treuhand für KMU
und Privatpersonen sowie Finanzberatungen und Firmengründungen
(KB 3).
3.
Nachdem der Beklagte der Klägerin das Erhebungsformular nicht einge-
reicht hatte, nahm diese eine Einschätzung des beklagtischen Unterneh-
mens vor. Weil der Beklagte die Einschätzung nicht innert 30 Tagen bean-
standete (Klage Rz. 8), stellte ihm die Klägerin folgende Beträge in Rech-
nung (KB 4):
 Rechnung Nr. 19125457 vom 8. April 2016: Fr. 30.75;
 Rechnung Nr. 19167757 vom 7. April 2017: Fr. 26.15;
 Rechnung Nr. 19233104 vom 5. April 2018: Fr. 26.15.
4.
Mit Schreiben vom 28. September 2018 mahnte die Klägerin die ausste-
henden Forderungen von insgesamt Fr. 83.05 und forderte den Beklagten
auf, den offenen Betrag bis spätestens am 8. Oktober 2018 zu überweisen
(KB 6). Der Beklagte kam der Aufforderung nicht nach.
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5.
Mit Klage vom 6. Dezember 2018 (elektronisch übermittelt: gleichentags)
stellte die Klägerin die folgenden Rechtsbegehren:
" 1.
Die beklagte Partei sei zu verpflichten, der Klägerin CHF 30.75 gemäss
den Forderungen aus dem Jahre 2016 zu bezahlen, zzgl. Zins zu 5 % seit
09.10.2018.
2.
Die beklagte Partei sei zu verpflichten, der Klägerin CHF 26.15 gemäss
den Forderungen aus dem Jahre 2017 zu bezahlen, zzgl. Zins zu 5 % seit
09.10.2018.
3.
Die beklagte Partei sei zu verpflichten, der Klägerin CHF 26.15 gemäss
den Forderungen aus dem Jahre 2018 zu bezahlen, zzgl. Zins zu 5 % seit
09.10.2018.
4.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich MwSt. zu Lasten der
beklagten Partei."
Zur Begründung führte die Klägerin im Wesentlichen aus, es handle sich
um Ansprüche aus unbezahlten Forderungen basierend auf der urheber-
rechtlichen Vergütungspflicht des Beklagten, die auf dem Gemeinsamen
Tarif 8 (Reprografie im Dienstleistungsbereich [GT 8 VI bzw. VII]) und dem
Gemeinsamen Tarif 9 (Nutzung von geschützten Werken und geschützten
Leistungen in elektronischer Form zum Eigengebrauch mittels betriebsin-
ternen Netzwerken im Dienstleistungsbereich [GT 9 VI bzw. VII]) beruhten
(vgl. KB 5).
6.
Mit Verfügung vom 11. Dezember 2018 bestätigte der Gerichtspräsident
den Parteien den Eingang der Klage und setzte der Klägerin Frist an bis
zum 7. Januar 2019 zur Bezahlung eines Gerichtskostenvorschusses von
Fr. 909.00.
7.
Die Eingangsbestätigung vom 11. Dezember 2018 konnte dem Beklagten
nicht zugestellt werden.
8.
Nachdem die Klägerin den Kostenvorschuss in Höhe von Fr. 909.00 be-
zahlt hatte, verfügte der Präsident am 4. Januar 2019 die Zustellung des
Doppels der Klage mit den Beilagen an den Beklagten und setzte ihm eine
Frist zur Erstattung einer schriftlichen Antwort bis zum 6. Februar 2019.
- 4 -
9.
Dem Beklagten konnte auch die Verfügung vom 4. Januar 2019 nicht zu-
gestellt werden. Entsprechend hatte er noch immer keine Kenntnis vom
hängigen Verfahren. Daher ordnete der Präsident mit Verfügung vom
24. Januar 2019 einen erneuten Versuch der Zustellung der Eingangsbe-
stätigung vom 11. Dezember 2018 mit Hilfe der Polizei an und nahm dem
Beklagten die Frist zur Erstattung der Antwort einstweilen ab.
10.
Die Verfügung vom 24. Januar 2019 sowie die beigelegte Eingangsbestä-
tigung vom 11. Dezember 2018 konnten dem Beklagten am 28. Januar
2019 polizeilich zugestellt werden.
11.
Mit Verfügung vom 11. Februar 2019 stellte der Präsident dem Beklagten
das Doppel der Klage inklusive Beilagen zu und setzte ihm eine Frist zur
Erstattung einer schriftlichen Antwort bis zum 14. März 2019 an.
12.
Weil der Beklagte mit der Antwort säumig blieb, setzte ihm der Präsident
mit Verfügung vom 19. März 2019 eine letzte, nicht erstreckbare Frist von
10 Tagen zur Erstattung einer schriftlichen Antwort an. Damit war die An-
drohung verbunden, dass das Gericht bei erneuter Säumnis einen Endent-
scheid fälle, sofern die Angelegenheit spruchreif sei, oder zur Hauptver-
handlung vorlade (vgl. Art. 223 Abs. 2 ZPO). Der Beklagte liess auch die
angesetzte Nachfrist ungenutzt verstreichen.
13.
Mit Verfügung vom 11. April 2019 wurde die Streitsache ans Handelsge-
richt überwiesen.

Das Handelsgericht zieht in Erwägung:
1. Prozessvoraussetzungen
Das Gericht prüft die Prozessvoraussetzungen von Amtes wegen (Art. 60
ZPO). Darunter fallen insbesondere die örtliche und die sachliche Zustän-
digkeit des angerufenen Gerichts sowie die Zulässigkeit der objektiven Kla-
genhäufung.
1.1. Örtliche Zuständigkeit
Für Klagen aus dem Bereich einer geschäftlichen oder beruflichen Nieder-
lassung oder einer Zweigniederlassung ist das Gericht am Wohnsitz oder
Sitz der beklagten Partei oder am Ort der Niederlassung zuständig (Art. 12
ZPO). In den Anwendungsbereich von Art. 12 ZPO gehört unter anderem
die berufliche oder geschäftliche Niederlassung einer natürlichen Person
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oder eines Einzelunternehmens (Art. 934 OR).1 Laut Auszug aus dem Han-
delsregister hat der Beklagte Wohnsitz in Z. und betreibt ein Einzelunter-
nehmen in X. (KB 3). Sowohl der Wohnsitz des Beklagten als auch seine
Geschäftsniederlassung liegen im Kanton Aargau. Folglich sind die aargau-
ischen Gerichte örtlich zuständig.
1.2. Sachliche Zuständigkeit
Gemäss Art. 6 Abs. 4 lit. a i.V.m. Art. 5 Abs. 1 lit. a ZPO i.V.m. § 12 Abs. 1
lit. a EG ZPO ist das Handelsgericht für urheberrechtliche Streitigkeiten zu-
ständig. Die eingeklagten Ansprüche stützen sich auf Urheberrecht. Damit
liegt die sachliche Zuständigkeit beim Handelsgericht. Da der Streitwert die
für die Zulässigkeit der Beschwerde in Zivilsachen an das Bundesgericht
vorgeschriebene Höhe von Fr. 30'000.00 nicht erreicht (vgl. Art. 74 Abs. 1
lit. b BGG), entscheidet das Handelsgericht in Dreierbesetzung (§ 3 Abs. 6
lit. b GOG).
1.3. Objektive Klagenhäufung
Die klagende Partei kann mehrere Ansprüche gegen dieselbe Partei in ei-
ner Klage vereinen, sofern das gleiche Gericht dafür sachlich zuständig ist
und die gleiche Verfahrensart anwendbar ist (Art. 90 ZPO). Aufgrund der
gleichen sachlichen Zuständigkeit sowie der Anwendbarkeit des ordentli-
chen Verfahrens für alle drei Ansprüche erweist sich die objektive Klagen-
häufung als zulässig.
2. Versäumte Klageantwort
Der Beklagte ist mit der Erstattung einer Klageantwort auch innert der ihm
gestützt auf Art. 223 Abs. 1 ZPO angesetzten Nachfrist säumig geblieben.
Bei zweimaliger Säumnis erlässt das Gericht entweder einen Endent-
scheid, sofern die Angelegenheit spruchreif ist, oder es lädt zur Hauptver-
handlung vor (Art. 223 Abs. 2 ZPO).
Die in der Klageschrift vorgebrachten Tatsachenbehauptungen sind vorlie-
gend (formell) unbestritten geblieben. Anerkannt sind damit die Tatsachen,
nicht aber die klägerischen Rechtsbegehren. Bei erheblichen Zweifeln an
der Richtigkeit einer nicht streitigen Tatsache, d.h. bei fehlender Spruch-
reife, kann das Gericht nach Art. 153 Abs. 2 ZPO von Amtes wegen Beweis
erheben. Diesfalls hat es in der Regel eine Verhandlung anzusetzen.
Ist die Angelegenheit hingegen spruchreif, trifft das Gericht direkt einen En-
dentscheid. Hierzu muss die Klage soweit geklärt sein, dass darauf man-
gels Prozessvoraussetzungen nicht eingetreten oder sie durch Sachent-
scheid erledigt werden kann. Dies setzt voraus, dass die Vorbringen der
1 LEUENBERGER/UFFER-TOBLER, Schweizerisches Zivilprozessrecht, 2. Aufl., Bern 2016, Rz. 2.57 mit Hinweisen.
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Klägerin nicht unklar, widersprüchlich, unbestimmt oder offensichtlich un-
vollständig sind, weil das Gericht andernfalls seine Fragepflicht ausüben
müsste.2
3. Aktiv- und Passivlegitimation
3.1. Parteibehauptungen
Die Klägerin behauptet, sie sei eine konzessionierte Verwertungsgesell-
schaft im Sinne von Art. 40 ff. URG, besitze eine Bewilligung des IGE für
die Geltendmachung der gesetzlichen Vergütungsansprüche und sei somit
aktivlegitimiert (KB 2, Klage Rz. 2). Der Beklagte sei gestützt auf Art. 19 f.
URG verpflichtet, für seine urheberrechtlichen Nutzungen eine Vergütung
zu bezahlen. Er sei trotz wiederholter Mahnungen seiner Zahlungspflicht
nicht nachgekommen und deshalb hinsichtlich der eingeklagten Forderun-
gen passivlegitimiert (Klage Rz. 3)
3.2. Rechtslage
Gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c URG dürfen veröffentlichte Werke zum Eigen-
gebrauch verwendet werden. Darunter fällt das Vervielfältigen (inkl. die in-
terne Verbreitung und das Zugänglichmachen über ein betriebsinternes
Netzwerk) von Werkexemplaren in Betrieben, öffentlichen Verwaltungen,
Instituten, Kommissionen und ähnlichen Einrichtungen für die interne Infor-
mation oder Dokumentation. Der Betriebsbegriff ist weit auszulegen. Eine
Rechtspersönlichkeit oder Betriebsstätte ist dazu nicht notwendig.3 Erfasst
wird somit die gesamte Berufs- und Arbeitswelt, egal ob öffentlich oder pri-
vat, von den Selbständigerwerbenden über Beamte, Verbände, Interessen-
organisationen bis zu den internationalen Konzernen.4 Weiter bestimmt
Art. 20 Abs. 2 URG, dass dem Urheber oder der Urheberin hierfür eine Ver-
gütung schuldet, wer nach Art. 19 Abs. 1 lit. c URG Werke auf irgendwel-
che Art vervielfältigt. Gemäss Art. 20 Abs. 4 URG können diese Vergü-
tungsansprüche nur kollektiv von Verwertungsgesellschaften wahrgenom-
men werden, die über eine Bewilligung des IGE im Sinne der Art. 41 ff.
URG verfügen. Die Verwertungsgesellschaften sind nach Art. 44 URG ver-
pflichtet, die zu ihrem Tätigkeitsgebiet gehörenden Rechte wahrzunehmen.
Dazu stellen die Verwertungsgesellschaften für die von ihnen geforderten
Vergütungen gemäss Art. 46 Abs. 1 URG Tarife auf.
Sind mehrere Verwertungsgesellschaften im gleichen Nutzungsbereich tä-
tig, so stellen sie sogenannte gemeinsame Tarife (GT) auf und bezeichnen
eine gemeinsame Zahlstelle (Art. 47 Abs. 1 URG). Gemäss Art. 46 Abs. 3
2 Zum Ganzen: LEUENBERGER, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger (Hrsg.), Kommentar zur
Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO), 3. Aufl. 2016, Art. 223 N. 5 und 7; BSK ZPO-, 3. Aufl. 2017, Art. 223 N. 18 ff.
3 SHK URG-GASSER, 2. Aufl. 2012, Art. 19 N. 19, 21; REHBINDER/VIGANÒ, URG Kommentar, 3. Aufl. 2008, Art. 19 N. 26.
4 BARRELET/EGLOFF, Das neue Urheberrecht, Kommentar zum Bundesgesetz über das Urheberrecht und verwandte Schutzrechte, 3. Aufl. 2008, Art. 19 N. 16.
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URG sind die Tarife der Eidgenössischen Schiedskommission für die Ver-
wertung von Urheberrechten und verwandten Schutzrechten (ESchK;
Art. 55 URG) zur Genehmigung vorzulegen und nach Genehmigung zu ver-
öffentlichen. Im Dienstleistungsbereich wurden dazu insbesondere die ge-
meinsamen Tarife 8 VI und 8 VII für die Reprografie (Gültigkeitsdauer:
1. Januar 2012 bis 31. Dezember 2016 bzw. 1. Januar 2017 bis 31. De-
zember 2021; vgl. KB 5) rechtskräftig aufgestellt.5
3.3. Würdigung
Die Klägerin weist nach, dass sie eine vom IGE bewilligte Verwertungsge-
sellschaft im Sinne von Art. 41 ff. URG ist (KB 2). Gemäss Ziff. 4 GT 8 VI
und GT 8 VII ist die Klägerin für diese Tarife Vertreterin und gemeinsame
Zahlstelle der Verwertungsgesellschaften (KB 5). Als solche ist sie berech-
tigt und verpflichtet, die Rechte der Urheberinnen und Urheber und damit
deren Vergütungsansprüche einzufordern und nötigenfalls durchzusetzen.
Die Klägerin ist aktivlegitimiert.
Der Beklagte ist laut Auszug aus dem Handelsregister Inhaber eines Ein-
zelunternehmens, das Buchhaltungs-, Steuer- und Treuhanddienstleistun-
gen für KMU und Privatpersonen erbringt sowie Finanzberatungen und Fir-
mengründungen ausführt (KB 3). Damit wird er vom Betriebsbegriff des
Art. 19 Abs. 1 lit. c URG erfasst und schuldet dem Urheber oder der Urhe-
berin nach Art. 20 Abs. 2 URG für die Vervielfältigung von Werkexemplaren
grundsätzlich eine Vergütung. Nach Massgabe der Zweckumschreibung ist
der Beklagte mit seinem Einzelunternehmen im Dienstleistungsbereich tä-
tig (KB 3). Gemäss Ziff. 2.1 GT 8 VI und GT 8 VII beziehen sich die Tarife
auch auf den Dienstleistungsbereich und decken unter anderem die Bran-
chen "Rechtsanwälte, Notariate, Wirtschafts- und Unternehmensberatung,
Immobilienverwaltungen, Treuhand, Revision und Inkasso" (GT 8 VI) bzw.
"Rechtsanwälte, Notariate, Wirtschafts- und Unternehmensberatung, Im-
mobilienverwaltungen, Vermögensverwalter, Treuhand, Revision und In-
kasso" (GT 8 VII) ab (vgl. KB 5). Aufgrund der Dienstleistungen, die der
Beklagte über sein Einzelunternehmen erbringt, untersteht er den genann-
ten Tarifen und ist passivlegitimiert.
4. Vergütungsanspruch
4.1. Parteibehauptungen
Die Klägerin behauptet, sie habe die Fotokopiervergütung sowie die be-
triebsinterne Netzwerkvergütung des Beklagten gestützt auf Ziff. 6 ff. und
insbesondere Ziff. 8.3 GT 8 VI bzw. GT 8 VII sowie Ziff. 8.3 GT 9 VI bzw.
GT 9 VII eingeschätzt, weil er das Erhebungsformular nicht ausgefüllt zu-
rückgesandt habe. Der Beklagte habe diese Einschätzung nicht bean-
standet, weshalb sie als anerkannt gelte (Klage Rz. 8). Nachdem der Be-
5 Vgl. dazu auch SHK URG-GASSER (Fn. 3), Art. 20 N. 11.
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klagte den offenen Betrag der beigelegten Rechnungen (KB 4) trotz mehr-
maliger Aufforderung nicht beglichen habe, habe ihn die Klägerin nochmals
gemahnt. Wiederum habe der Beklagte keine Zahlung geleistet. Auch auf
eine weitere schriftliche sowie eine telefonische Zahlungsaufforderung
durch die Rechtsvertreter der Klägerin sei keine Reaktion erfolgt (Klage
Rz. 9; KB 6). Insgesamt belaufe sich der offene Rechnungsbetrag auf
Fr. 83.05 (Klage Rz. 10; KB 4).
4.2. Rechtslage
Tatsächlich hat die Klägerin dem Beklagten mit Faktura Nr. 19125457 vom
8. April 2016, Faktura Nr. 19167757 vom 7. April 2017 sowie Faktura
Nr. 19233104 vom 5. April 2018 lediglich die Fotokopier-Vergütungen von
insgesamt Fr. 83.05 in Rechnung gestellt, wobei sie sich jeweils auf den
GT 8 VI bzw. den GT 8 VII stützt. Dementsprechend kann sich die Erörte-
rung der Rechtslage auf diese beiden Tarife beschränken.
Art. 51 Abs. 1 URG sowie Ziff. 8.4 des GT 8 VI und Ziff. 8.4 des GT 8 VII
sehen eine Auskunftspflicht der Nutzer gegenüber den Verwertungsgesell-
schaften vor. Die Nutzer müssen demnach den Verwertungsgesellschaften
alle Auskünfte erteilen, welche diese für die Gestaltung und die Anwendung
des Tarifs benötigen, soweit es ihnen zuzumuten ist. Die jeweilige Ziff. 8.2
des GT 8 VI und des GT 8 VII hält dazu fest, dass die benötigten Angaben
mittels Erhebungsbogen erfasst werden. Dieser muss innert 30 Tagen
nach Aufforderung mit den notwendigen Angaben an die Klägerin retour-
niert werden.
Werden die notwendigen Angaben nach einer schriftlichen Mahnung auch
innert Nachfrist nicht eingereicht, kann die Klägerin diese schätzen und ge-
stützt darauf Rechnung stellen (Ziff. 8.3 GT 8 VI bzw. GT 8 VII). Der in
Art. 20 Abs. 2 URG statuierte Vergütungsanspruch der Urheberinnen und
Urheber für Reprografien im Dienstleistungsbereich wird unter anderem
von GT 8 VI und GT 8 VII konkretisiert. Die Tarife sind für die Gerichte
grundsätzlich verbindlich.6 Gibt der Nutzer die für die Berechnung notwen-
digen Angaben innerhalb von 30 Tagen nach Zustellung der Schätzung
nicht schriftlich bekannt, gilt die Schätzung als anerkannt.
4.3. Würdigung
Die klägerische Behauptung, die Einschätzung des Beklagten sei aufgrund
des fehlenden Eingangs des Erhebungsformulars erfolgt, blieb unbestrit-
ten. Weil der Beklagte seiner Auskunftspflicht nicht nachgekommen war,
war die Klägerin berechtigt, ihn einzuschätzen.
Die Rechnungen der Klägerin (KB 4) wurden vom Beklagten nicht bestrit-
ten. Die Klägerin stützt die geltend gemachten Vergütungsansprüche auf
6 BGE 125 III 141 E. 4a; BGer 4A_203/2015 vom 30. Juni 2015 E. 3.3.
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GT 8 VI Ziff. 6.3.3 und GT 8 VII Ziff. 6.4.3 (KB 4). Dabei handelt es sich um
den Ansatz für "Rechtsanwälte, Notariate, Wirtschafts- und Unternehmens-
beratung, Immobilienverwaltungen, Treuhand, Revision und Inkasso" (GT
8 VI) bzw. "Rechtsanwälte, Notariate, Wirtschafts- und Unternehmensbe-
ratung, Immobilienverwaltungen, Vermögensverwalter, Treuhand, Revision
und Inkasso" (GT 8 VII).
Angesichts des publizierten statutarischen Zwecks der Einzelunterneh-
mung des Beklagten ("Erbringen von Buchhaltungs-, Steuer- und Treu-
handdienstleistungen für KMU bis Privatpersonen sowie Finanzberatungen
und Firmengründungen" [KB 3]) ist diese Einteilung nicht zu beanstanden.
Die Rechnungsbeträge für die Jahre 2016 bis 2018 korrespondieren mit
den Vergütungen gemäss den obgenannten Bestimmungen der anwend-
baren gemeinsamen Tarife. Der Klägerin ist der eingeklagte Betrag von to-
tal Fr. 83.05 zuzusprechen.
5. Verzugszinsen
5.1. Begehren
Die Klägerin verlangt zudem Verzugszinsen von 5 % auf Fr. 83.05 seit
9. Oktober 2018.
5.2. Rechtslage
Der Schuldner hat Verzugszins von 5 % zu leisten, wenn er sich mit der
Zahlung einer Geldschuld in Verzug befindet (Art. 104 Abs. 1 OR). Schuld-
nerverzug setzt die Fälligkeit der Forderung voraus (Art. 102 Abs. 1 OR).
Fällig ist eine Forderung dann, wenn deren Gläubiger die Leistung fordern
und einklagen darf. Dabei gilt der Grundsatz, dass eine Forderung sofort
fällig wird, sofern nichts anderes verabredet wurde oder sich aus der Natur
des Rechtsverhältnisses ergibt (Art. 75 OR).
Der Schuldner einer fälligen Forderung gerät entweder durch Mahnung
(Art. 102 Abs. 1 OR) oder, sofern die Parteien einen bestimmten Verfalltag
verabredet haben, schon mit dessen Ablauf (Art. 102 Abs. 2 OR) in Verzug.
Praxisgemäss gerät er auch mit Ablauf einer in einer Rechnung gesetzten
Zahlungsfrist, wie „zahlbar 30 Tage netto“, ohne weitere Mahnung in Ver-
zug.7
5.3. Würdigung
Die Klägerin verlangt Verzugszins ab 9. Oktober 2018. Sie stellt damit auf
den Tag nach Ablauf der mit Mahnung vom 28. September 2018 gesetzten
Zahlungsfrist ab (KB 6). Da die entsprechenden Rechnungen innerhalb von
30 Tagen zahlbar waren (KB 4), fiel der Beklagte jeweils bereits ab dem
7 AGVE 2003, S. 38; BSK OR I-WIEGAND, 6. Aufl. 2015, Art. 102 N. 9; BK OR-WEBER, 2000, Art. 102
N. 115 m.w.N.; KOLLER, Schweizerisches Obligationenrecht: Allgemeiner Teil, 3. Aufl. 2009, S. 882 N. 33.
- 10 -
31. Tag in Verzug. Der Verzugsbeginn liegt folglich jeweils vor dem von der
Klägerin geforderten Beginn des Zinsenlaufs. In Anwendung der Dispositi-
onsmaxime (Art. 58 Abs. 1 ZPO) sind der Klägerin die beantragten Ver-
zugszinsen zuzusprechen.
6. Prozesskosten
Abschliessend sind die Prozesskosten entsprechend dem Verfahrensaus-
gang zu verlegen. Sie bestehen aus den Gerichtskosten und der Parteient-
schädigung (Art. 95 Abs. 1 ZPO). Die Klägerin obsiegt vollumfänglich. Bei
diesem Ausgang des Verfahrens sind die Prozesskosten antragsgemäss
dem Beklagten aufzuerlegen (Art. 106 Abs. 1 ZPO).
6.1. Gerichtskosten
Die Gerichtskosten bestehen einzig aus der Entscheidgebühr (Art. 95
Abs. 2 lit. b ZPO). Der Grundansatz für die Gerichtsgebühr beträgt bei ei-
nem Streitwert von Fr. 83.05 (Zinsen werden nicht mitgerechnet [Art. 91
Abs. 1 Satz 2 ZPO]) gestützt auf § 7 Abs. 1 VKD Fr. 909.00. Die Gerichts-
kosten sind ausgangsgemäss vom Beklagten zu tragen und werden mit
dem von der Klägerin geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 909.00 verrech-
net (Art. 111 Abs. 1 ZPO). Der Beklagte hat der Klägerin die Gerichtskosten
von Fr. 909.00 direkt zu ersetzen (Art. 111 Abs. 2 ZPO).
6.2. Parteikosten
Die Parteientschädigung besteht aus den Kosten der berufsmässigen Ver-
tretung der Parteien (Art. 95 Abs. 3 lit. b ZPO). Bei ihrer Festsetzung ist von
den kantonalen Tarifen auszugehen (Art. 105 Abs. 2 i.V.m. Art. 96 ZPO).
Gemäss § 3 ff. AnwT bemisst sich die Parteientschädigung grundsätzlich
nach dem Streitwert. Dieser beträgt vorliegend Fr. 83.05. Die Grundent-
schädigung beläuft sich somit gestützt auf § 3 Abs. 1 lit. a Ziff. 1 AnwT auf
Fr. 1'128.27, womit eine Rechtsschrift und die Teilnahme an einer behörd-
lichen Verhandlung abgegolten sind (§ 6 Abs. 1 AnwT). Dem eingesparten
Aufwand der behördlichen Verhandlung wird praxisgemäss mit einem Ab-
schlag von 20 % Rechnung getragen (§ 6 Abs. 2 AnwT). Hinzu kommt der
pauschale Auslagenersatz von praxisgemäss rund 3 % (§ 13 AnwT). Die
Parteientschädigung beläuft sich somit gerundet auf insgesamt Fr. 930.00.
Dem klägerischen Antrag auf Zusprechung des Mehrwertsteuerzuschlags
ist nicht zu entsprechen. Die Klägerin ist gemäss UID-Register8 selber
mehrwertsteuerpflichtig. Sie kann die ihren Anwälten bezahlte Mehrwert-
steuer als Vorsteuer von ihrer eigenen Mehrwertsteuerrechnung in Abzug
8 Vgl. https://www.uid.admin.ch/Detail.aspx?uid_id=CHE-108.028.505, zuletzt besucht am 23. April
2019.
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bringen (Art. 28 MWSTG).9 Die Mehrwertsteuer stellt somit keinen zusätz-
lichen Kostenfaktor dar und ist bei der Bemessung der Parteientschädigung
nicht zu berücksichtigen.