Decision ID: f68c2222-36a8-4f06-b7cd-d92692b1eb6d
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Jürg Grämiger, LL.M., Toggenburgerstrasse 35,
9500 Wil,
gegen
Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG, Postfach, 8085 Zürich,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Leistungskürzung
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Sachverhalt:
A.
A._ war bei den B._, als Mitarbeiterin Geschirrwäscherei tätig und dadurch bei der
Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG (nachstehend: Zürich) unfallversichert, als sie am
7. Juli 2010 beim Versuch, vom Dach her ins verschlossene Haus zu gelangen,
ausrutschte, sich den Unterschenkel verletzte und ca. fünf Meter in die Tiefe auf den
Vorplatz stürzte (UV-act. Z1, Z21; act. G 3.3). Dabei zog sie sich unter anderem Kopf-
und Schulterverletzungen zu (UV-act. Z6). Nach Durchführung von ärztlichen
Behandlungen und weiteren Abklärungen gab die Zürich der Versicherten mit
Verfügung vom 10. Januar 2011 bekannt, am 7. Juli 2010 sei sie die Hausfassade
hinauf geklettert und dabei vom Dach gestürzt. Wegen Vorliegens eines Wagnisses
würden die Taggeldleistungen um 50% gekürzt. Dies gelte auch für allfällige
Leistungen für eine reduzierte Erwerbsfähigkeit und die Integritätsentschädigung (UV-
act. Z51). Die hiergegen von Rechtsanwalt lic. iur. J. Grämiger, Wil, für die Versicherte
erhobene Einsprache (UV-act. Z53) wies die Zürich mit Einspracheentscheid vom
27. Juni 2011 ab.
B.
B.a Gegen diesen Entscheid erhob Rechtsanwalt Grämiger für die Versicherte mit
Eingabe vom 19. August 2011 Beschwerde mit den Anträgen, der Entscheid und die
gleichlautende Verfügung vom 10. Januar 2011 seien aufzuheben und es sei von einer
Leistungskürzung wegen Selbstverschuldens vollumfänglich abzusehen. Zur
Begründung legte der Rechtsvertreter unter anderem dar, die von der
Beschwerdeführerin am 3. Juni 2010 besuchte Feuerlöschübung an ihrem Arbeitsplatz
habe ihr derart Eindruck gemacht, dass sie am Unfalltag wegen des in ihrer Wohnung
in Betrieb befindlichen Küchenherdes in Erinnerung an die
Brandverhütungsdemonstration in grosse Panik geraten sei. Sie habe angenommen,
dass nun ohne sofortiges Handeln die Wohnung und das Haus in Kürze explodieren
würden. Diese Paniksituation habe sich noch dadurch gesteigert, dass keine Nachbarn
im Haus oder in der Nachbarschaft erreichbar gewesen seien. Auf ihr Läuten und Rufen
habe niemand reagiert, womit die Beschwerdeführerin in offensichtlich nicht mehr
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zurechenbarer Paniksituation vermutlich den Spalierbaum an der Hausfassade
hochgeklettert und es zum Sturz gekommen sei. Die fehlende Urteilsfähigkeit sei schon
damit erstellt, dass die Beschwerdeführerin in ihrer Panik trotz grosser Höhenangst den
Spalierbaum hochzuklettern versucht habe. Allenfalls könnten die Tatsachen der Panik,
der fehlenden Urteilsfähigkeit und der grossen Höhenangst auch spezialärztlich geprüft
und abgeklärt werden. Wegen der schweren Traumatisierung sei die
Beschwerdeführerin in psychiatrischer Behandlung. Sie habe keineswegs eine
gefährliche oder völlig unvernünftige Hausfassadenkletterei durchgeführt. Ihr Verhalten
sei erklärbar mit ihrem Zustand der Urteilsunfähigkeit in Panikreaktion. Die
Beschwerdeführerin habe sich weder vorsätzlich noch grob fahrlässig auf dieses
Wagnis eingelassen. Sie sei unbewusst, unüberlegt, ohne Absicht und trotz grosser
Höhenangst den Spalierbaum hochgeklettert. Eine vernunftgemässe Reaktion sei nicht
mehr möglich gewesen. Die Beschwerdeführerin habe auch kein Telefon gehabt und
Hilferufe und Läuten bei den Nachbarn seien ohne Erfolg geblieben. Fehle es an der
Zurechnungsfähigkeit, sei die Urteilsfähigkeit zu verneinen, selbst wenn ein relatives
Wagnis wider Erwarten zu bejahen wäre. Es sei eindeutig, dass sich die
Beschwerdeführerin nicht mit Wissen und Willen in diese gefährliche Situation gebracht
habe; auch sei ihr der Zustand, in dem sie sich zu einer vermeintlichen Rettungsaktion
verpflichtet gesehen habe, nicht anrechenbar. Es habe sich nicht nur um eine
Rettungshandlung zugunsten von Eigentum und Vermögen gehandelt. Die
Beschwerdeführerin habe mindestens vermeintlich eine Rettungshandlung auch
zugunsten von Personen vorgenommen. Andere Massnahmen wie ein Hilferuf oder das
Einschlagen eines Fensters seien an den verfügbaren Möglichkeiten und am
vernunftgemässen Handeln zufolge Panik und Schockzustand gescheitert. Sie sei
körperlich und psychisch sehr schwer verletzt worden, ohne dass ihr hierfür ein
Verschulden zugerechnet werden könne. Sie habe sich aufgrund ihres Helfersyndroms
trotz grosser Höhenangst in diese Gefahr begeben, um vermeintlich oder real Schaden
von Personen und Sachen abzuwenden. Es sei völlig unbillig und rechtlich nicht
haltbar, sie mit einer Leistungskürzung zu bestrafen.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 22. September 2011 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die
Ausführungen im angefochtenen Entscheid. Entgegen der Annahme der
Beschwerdeführerin ergebe sich aus der polizeilichen Bilddokumentation, dass sie über
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die Nordwest-Fassade auf das Dach des Anbaus geklettert sei, beim Spalierbaum
einen 1.2 Meter breiten Übergang habe überwinden wollen und entlang der Fassade
und dem Spalierbaum abgestürzt sei. Sie habe in 5 Metern Höhe ein waghalsiges
Unternehmen ausgeführt, indem sie ohne jegliche Haltemöglichkeit einen 1.2 Meter
breiten Übergang habe überwinden wollen. Dies sei vergleichbar mit dem gefährlichen
Klettern an einer Hausfassade. Die Beschwerdeführerin habe in einer Panikreaktion die
Situation nicht adäquat eingeschätzt und aus verschiedenen Handlungsoptionen die
falsche - da viel zu gefährliche - Option gewählt. Es fehle offensichtlich an einem für
eine Urteilsunfähigkeit vorausgesetzten Zustand wie Kindesalter, Geisteskrankheit,
Geistesschwäche, Trunkenheit oder ähnlichen Zuständen. Ihr Verhalten sei ihr

zurechenbar. Die Beschwerdeführerin habe nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, dass
eine allfällige "Explosion" Menschenleben in angrenzenden Häusern oder auf der
Strasse hätte gefährden können. Sie habe ihr Hab und Gut in der Wohnung vor einem
allfälligen Brand schützen wollen.
B.c Mit Replik vom 14. Oktober 2011 (act. G 5) bestätigte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin seinen Standpunkt.
Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 39 UVG (in der seit 1. Januar 2003 gültigen Fassung) kann der
Bundesrat aussergewöhnliche Gefahren und Wagnisse bezeichnen, die in der
Versicherung der Nichtberufsunfälle zur Verweigerung sämtlicher Leistungen oder zur
Kürzung der Geldleistungen führen. Die Verweigerung oder Kürzung kann er in
Abweichung von Art. 21 Abs. 1 - 3 ATSG ordnen. Von dieser Kompetenz hat die
Exekutive unter anderem mit dem Erlass von Art. 50 UVV (in Kraft seit 1. Januar 1984)
Gebrauch gemacht. Danach werden bei Nichtberufsunfällen, die auf ein Wagnis
zurückgehen, die Geldleistungen um die Hälfte gekürzt und in besonders schweren
Fällen verweigert (Abs. 1). Wagnisse sind Handlungen, mit denen sich der Versicherte
einer besonders grossen Gefahr aussetzt, ohne die Vorkehren zu treffen oder treffen zu
können, die das Risiko auf ein vernünftiges Mass beschränken (Abs. 2 Satz 1). Der
Begriff des Wagnisses im Sinne der genannten Bestimmungen ist mit jenem identisch,
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welcher unter der Herrschaft des bis 31. Dezember 1983 in Kraft gestandenen KUVG
gültig war (Art. 67 Abs. 3 KUVG). Nachdem ursprünglich anhand ausschliesslich
objektiver Kriterien beurteilt wurde, ob eine Handlung als Wagnis zu qualifizieren sei,
differenzierte BGE 97 V 72ff. danach, ob die Unternehmung mit so erheblichen
Gefahren für Leib und Leben verbunden ist, dass diese Gefahren durch die handelnden
Personen nicht auf ein vernünftiges Mass reduziert werden können, unabhängig davon,
wer auch immer unter noch so günstigen Umständen zu Werke gehen mag. Ist diese
Frage zu verneinen und die zu beurteilende Betätigung an sich schützenswert, ist
anhand der konkreten Umstände des Einzelfalles, worunter die persönlichen
Fähigkeiten der Beteiligten und die Art der Durchführung des Unternehmens, zu prüfen,
ob die objektiv vorhandenen Risiken und Gefahren auf ein vertretbares Mass
herabgesetzt wurden (a.a.O., E. 2c und 5). Diese Grundsätze gelten nach wie vor.
1.2 Mit der Lehre (Alfred Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, Bern
1985, S. 508f. mit Hinweisen; Alexandra Rumo-Jungo, Die Leistungskürzung oder -
verweigerung gemäss Art. 37 - 39 UVG, Diss. Freiburg 1993, S. 296 und 302f.) und der
Judikatur (BGE 97 V 72ff., 125 V 315 E. 3a am Ende; RKUV 2001 Nr. U 424 [U 187/99]
S. 205 Erw. 2b) ist die Frage des schützenswerten Charakters einer Handlung nicht erst
auf der Ebene des relativen (in diesem Sinne: BGE 112 V 47 E. 2a, 112 V 300 E. 1b),
sondern auf derjenigen des absoluten Wagnisses zu prüfen. Ein absolutes Wagnis liegt
demnach in zwei Konstellationen vor: Zum einen, wenn eine Handlung auf Grund
objektiver Gegebenheiten mit Gefahren verbunden ist, die unabhängig von den
konkreten Verhältnissen nicht auf ein vernünftiges Mass herabgesetzt werden können.
Mangelt es am schützenswerten Charakter einer Handlung, indem z.B. unsinnigerweise
ein Trinkglas, sei es aus Jux oder aus der Wut heraus, mit einer Hand
zusammengepresst wird, ist aus objektiven Gründen ebenfalls auf ein absolutes
Wagnis zu erkennen (so implizit unter anderen BGE 125 V 315 E. 3a am Ende). Die für
den Begriff des relativen Wagnisses charakteristische Berücksichtigung der konkreten
Verhältnisse scheidet hier von vornherein aus (Alfred Maurer, a.a.O., S. 508f. mit
Hinweisen; Alexandra Rumo-Jungo, a.a.O., S. 96 und 302f.; anders: Alexandra Rumo-
Jungo, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, in: Murer/ Stauffer [Hrsg.],
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 3. Aufl., Zürich
2003, S. 228 mit Hinweisen).
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1.3 Im vorliegenden Fall steht klarerweise ein relatives Wagnis zur Debatte, denn
weder eine Fassadenkletterei noch das Übersetzen von einem Hausdach auf ein
nächstes Hausdach können als Handlungen bezeichnet werden, welche mit
unbeherrschbaren objektiven Gefahren behaftet wären. Sie können auch nicht vor
vornherein als nicht schützenswert gelten.
2.
2.1 Im Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin vom 21. Juli 2010 wurde unter
anderem festgehalten, die Beschwerdeführerin habe dringend wieder in ihre Wohnung
gelangen wollen, da sie einen Kuchen im Backofen gebacken habe. Da die Türen
verschlossen gewesen seien, dürfte sie versucht haben, über zwei Dächer in ihre
Wohnung zu gelangen. Dabei habe sie vom einen zum anderen Dach springen müssen,
wobei sie möglicherweise aufgrund der schlechten Fussbekleidung ausgerutscht und
abgestürzt sei. Am Absturzort solle ein Mauerhaken (für den Draht des Spalierbaums)
befestigt gewesen sein. Dieser Mauerhaken sei umgebogen gewesen, und in
unmittelbarer Nachbarschaft seien Fettgewebeantragungen an der Hauswand
festgestellt worden. Unter dem Gewicht der Beschwerdeführerin habe vermutlich der
Mauerhaken nachgegeben, worauf sie abgeglitten sei. Zudem sei der Spalierbaum
abgebrochen gewesen. Die gerichtsärztliche Untersuchung der Beschwerdeführerin am
Unfalltag habe eine nur leicht bewusstseinsgetrübte Frau ergeben. Sie sei zum
Zeitpunkt des Ereignisses alkoholnüchtern gewesen und habe nicht unter
Drogeneinfluss gestanden (act. G 3.3). Im Bericht des Schadeninspektors der
Beschwerdegegnerin vom 13. September 2010 wurde der Unfallhergang gestützt auf
die Angaben der Beschwerdeführerin wie folgt geschildert: Sie sei damit beschäftigt
gewesen, im Freien Wäsche aufzuhängen. Das (elektrisch betriebene) Garagentor als
einziger offener Zugang zum Hausinnern habe sich aus unbekannten Gründen
geschlossen. Da die Beschwerdeführerin keinen Hausschlüssel bei sich getragen habe,
habe sie versucht, die Nachbarn um Einlass zu bitten. Es sei jedoch niemand zu Hause
gewesen. Plötzlich sei sie "vom Gedanken getrieben" worden, möglicherweise den
Backofen nicht ausgeschaltet zu haben. Sie sei in Panik geraten und habe befürchtet,
das Haus könne in Flammen aufgehen. Ab diesem Zeitpunkt könne sich die
Beschwerdeführerin an keine Details zum weiteren Ablauf erinnern. Anhand der
erlittenen Verletzungen spreche vieles dafür, dass sie aus einer Kurzschlusshandlung
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heraus versucht habe, die Hausfassade hochzuklettern, um über den Balkon in die
Wohnung zu gelangen. Die Beschwerdeführerin habe extreme Höhenangst. Infolge
Amnesie erinnere sie sich an den Hergang erst ab dem Zeitpunkt des Transports auf
die Notfallstation (UV-act. Z21). Auch anlässlich der Befragung durch die Polizei am 4.
Oktober 2010 gab die Beschwerdeführerin an, sich nicht an den Vorfall erinnern zu
können. Eine Woche vor dem Unfall habe sie am Arbeitsplatz an einer Feuerwehrübung
teilgenommen; es sei dort brennendes Öl gelöscht worden und es habe eine Explosion
gegeben. Hieran habe sie sich am Unfalltag erinnert und Angst gehabt, dass das Haus
in die Luft fliege und abbrenne. Das Bild vom explodierenden Haus sei ihre letzte
Erinnerung vor dem Unfall. Danach erinnere sie sich nur daran, dass sie im Spital
aufgewacht sei (act. G 3.3).
2.2 Während die Beschwerdeführerin sich auf den Standpunkt stellt, sie sei vor dem
Unfall vermutlich den Spalierbaum an der Hausfassade hochgeklettert (act. G 1 S. 3),
verweist die Beschwerdegegnerin auf die polizeiliche Bilddokumentation (in act. G 3.3),
aus welcher sich ergebe, dass die Beschwerdeführerin über die Nordwest-Fassade auf
das Dach des Anbaus geklettert sei, beim Spalierbaum einen 1.2 Meter breiten
Übergang habe überwinden wollen und entlang der Fassade und des Spalierbaums
abgestürzt sei (act. G 3 S. 2). Unabhängig davon, von welchem Ablauf im einzelnen
ausgegangen wird, zeigt der Sachverhalt, dass die Beschwerdeführerin sich
unmittelbar vor dem Unfallereignis subjektiv insofern in einer Ausnahmesituation
befand, als sie Wege suchte, um ins Haus und zu dem sich in Betrieb befindlichen
Backofen zu gelangen. Auf ihre Handlungsplanung dürfte auch der Umstand eingewirkt
haben, dass sie einige Zeit vorher (am 3. Juni 2010; Beilage 1 zur ergänzenden
Einsprachebegründung vom 21. März 2011) am Arbeitsplatz an einer
Brandschutzübung teilgenommen hatte und sie sich am Unfalltag mögliche
Brandszenarien vorstellte. Mit ihrem Vorgehen versuchte die Beschwerdeführerin nach
ihren Darlegungen, einen Brand zu vermeiden und Sachwerte (Haus und Mobiliar) zu
retten. Nach Angaben der Auskunftsperson M. Blöchlinger war im Unfallzeitpunkt
niemand im Haus (Befragungsprotokoll vom 7. Juli 2010 in act. G 3.3). Dies war der
Beschwerdeführerin bekannt, da zuvor auf ihr Läuten niemand reagiert hatte. Ihre
subjektiven Rettungsabsichten konnten sich somit nicht auf Personen bezogen haben.
Im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen gab sie denn auch zu Protokoll, sie habe
Angst gehabt, das Haus brenne ab; Personen erwähnte sie nicht (Befragungsprotokoll
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vom 4. November 2010 S. 3 in act. G 3.3). Rettungshandlungen, welche an sich
Wagnisse darstellen, sind lediglich dann versichert, wenn sie zu Gunsten von Personen
erfolgen. Auf diese Regelung kann sich auch berufen, wer selber versucht hat, sich aus
einer gefährlichen Situation zu befreien, in der er sich ohne sein Verschulden befand
(RKUV 1996 Nr. U 250 S. 186 ff. Erw. 3, insbesondere Erw. 3c/bb). Die
Beschwerdeführerin befand sich jedoch nicht in einer gefährlichen Lage im Sinn dieser
Rechtsprechung, weshalb ihr Handeln nicht unter diesem Aspekt als schützenswert
betrachtet werden kann. Es konnte von ihr erwartet werden, dass sie sich in einer
Situation, wie sie unmittelbar vor dem Unfall vorlag, richtig verhält und die bestehenden
Möglichkeiten - Kontaktierung von Feuerwehr/Polizei/Schlüsselservice mit Hilfe von
Passanten und Nachbarn im weiteren Umkreis, Kontaktierung des Ehemannes an
seinem Arbeitsort in der Nähe des Wohnorts (vgl. Befragungsprotokoll vom 7. Juli 2010
in act. G 3.3), Fensterscheibe einschlagen - mit der gebotenen Sorgfalt sondiert und
abwägt. Wenn sie sich in grosser Panik zum sofortigen Handeln verpflichtet sah, wie
sie geltend macht lässt (act. G 1 S. 6), so erscheint nicht klar, aus welchem Grund sie
nicht die zur Verfügung stehenden ungefährlichen Varianten wählte; diese hätten
ebenfalls ein sofortiges Handeln erlaubt. Als sie - ob nun über das Dach des Vorbaus
und von dort zum 1.2 Meter breiten Übergang oder entlang des Spalierbaums -
panikartig auf das Dach kletterte, um in die Küche zu gelangen, befand sie sich nicht in
einem Zustand, der ein der Vernunft entsprechendes Handeln nicht mehr zugelassen
hätte. Als sie den ca. 1.2 Meter breiten Dachübergang in Hausschuhen (Pantoffeln
ohne Fersenteil; s. Foto in act. G 3.3) zu überqueren bzw. von unten auf das Dach zu
steigen versuchte, musste sie damit rechnen, dass der - für die
Spalierbaumbefestigung und damit für eine Belastung mit kleinen Gewichten
angebrachte - Mauerhaken sie nicht tragen oder aber sie durch ihr Schuhwerk bedingt
ausrutschen und abstürzen würde. Ein Augenschein am Unfallort, wie ihn die
Beschwerdeführerin beantragen lässt, vermöchte hier überwiegend wahrscheinlich
nicht zu weiteren Erkenntnissen zu führen. Nach ihren eigenen Angaben litt sie zudem
schon immer unter Höhenangst (vgl. UV-act. M53 S. 2, M55 S. 2, M58 S. 2), was für sie
umso mehr Grund gewesen wäre, ein derartiges Risiko nicht einzugehen. Indem sie die
Überquerung bzw. den Aufstieg dennoch versuchte, nahm sie unter Missachtung
elementarer Vorsichtsgebote einen Schadenseintritt in Kauf und ging damit ein Wagnis
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im Sinn von Art. 39 UVG ein (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 5. Oktober 2007,
U 612/06, E. 4.1.2).
2.3 Nach der Rechtsprechung liegt kein zu einer Leistungskürzung berechtigendes
Wagnis vor, wenn die versicherte Person zum massgebenden Zeitpunkt vollständig
zurechnungs- bzw. schuldunfähig war. Eine bloss teilweise Schuldunfähigkeit führt
demgegenüber nicht dazu, dass die versicherungsrechtlichen Konsequenzen des
Wagnisses ausbleiben würden (Urteil des Bundesgerichts vom 16. Juni 2008,
8C_504/2007, E. 6.3 mit Hinweis auf BGE 98 V 144 E. 4a S. 149). Urteilsfähig und
damit schuldfähig ist jede Person, der nicht wegen ihres Kindesalters oder infolge von
Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Trunkenheit oder ähnlichen Zuständen die
Fähigkeit abgeht, vernunftgemäss zu handeln (vgl. Art. 16 ZGB). Vorliegend ist
aufgrund der Darlegungen im gerichtsmedizinischen Gutachten nicht von einer völlig
fehlenden Schuldfähigkeit auszugehen, indem die Untersuchung der
Beschwerdeführerin am Unfalltag wie erwähnt eine nur leicht bewusstseinsgetrübte
Frau ergeben hatte (Gutachten S. 2; act. G 3.3 Beilage). Dies, obschon die
Beschwerdeführerin zu jenem Zeitpunkt noch unter dem unmittelbaren Eindruck des
gleichentags passierten Unfalls mit erheblichen Verletzungen gestanden haben dürfte.
Weitere nachträgliche Abklärungen, wie sie von der Beschwerdeführerin beantragt
werden (act. G 1 S. 3), vermöchten hier nicht zu einem anderen Resultat führen. Die
vorbestehende Höhenangst und die Panik am Unfalltag sind im Übrigen aktenkundig
und unbestritten und bedürfen keiner weiteren Abklärung. Sie vermögen die
Urteilsfähigkeit/Schuldfähigkeit nicht in Frage zu stellen, denn die Eindrücke des
Besuchs eines Brandschutzkurses und die aus der Erinnerung an letztere resultierende
Panik sind für sich allein offensichtlich nicht geeignet, eine gänzliche
Schuldunfähigkeit/Urteilsunfähigkeit zu bewirken.
3.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 27. Juni 2011 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP
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