Decision ID: cbe15e06-ea08-49ae-8ed9-c25ca19d4f78
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1968, ist gelernte Bäckerei-Konditorei-Verkäuferin und arbeitete - nach verschiedenen Anstellungen in ihrem Beruf – auch als Logistik- bzw. Lagermitarbeiterin (
Urk.
7/14), zuletzt seit
1.
März 2011 bei der
Y._
zu einem Teilpensum von 90
%
(
Urk.
7/9). Am
9.
September 2011 erlitt sie bei der Arbeit ein Kontusionstrauma (
Urk.
7/2/2) und leidet seither an Rückenbeschwerden. Die als Unfallversicherung zuständige Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG stellte ihre Leistungen (Taggeld und Heilkosten) mit Verfügung vom
8.
März 2012 per
5.
Dezember 2011 ein (
Urk.
7/12/25-26). Die Arbeitgeberin kündigte das Arbeitsverhältnis auf Ende August 201
2.
Seither ist
X._
arbeitslos, wobei sie seit 3
0.
Juni 2014 gemäss Rahmenvertrag mit der
Z._
auf Abruf arbeitet, nach eigenen Angaben zu einem durchschnittlichen Pensum von 20-30
%
(
Urk.
7/68/4-6,
Urk.
1 S. 12).
Am 21. Februar 2012 (Eingangsdatum) meldete sich die Versicherte bei der Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistu
n
gsbezug an (Urk. 7/4). Daraufhin tätigte die IV-Stelle erwerbliche und medizinische Abklärungen. Mit Vorbescheid vom 8. April 2014 wurde der Versicherten die Abweisung ihres Leistungsbegehrens in Aussicht gestellt (Urk. 7/49), wogege
n sie am 8. Mai resp. 16. Juni 2014 Einwand erhob (Urk. 7/50 und Urk. 7/67).
Mit Verfügung vom 1. September 2014 verneinte die IV-Stelle einen Rentenan
spruch von
X._
(Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
die Versicherte
am 2. Oktober 2014
Beschwerde
und beantragte, es sei die Verfügung vom 1. September 2014 aufzuheben, ein Gerichtsgutachten einzuholen und gestützt auf dessen Abklärungsergebnisse eine angemessene Invalidenrente und/oder berufliche Massnahmen zuzusprechen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Zudem ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Ernennung von Rechtsanwalt
lic
.
iur
. Holger Hügel als unentgeltlichen Rechtsbeistand (Urk. 1). Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 31. Oktober 2014 auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6, unter Beilage ihrer Akten, Urk. 7/1-75). Mit Verfügung vom 16. Dezember 2014 wurde der Versicherten die unentgeltli
che Prozessführung gewährt, Rechtsanwalt Holger Hügel als unentgeltlicher Rechtsvertreter
für das vorliegende Verfahren
bestellt und ein zweiter
Schrif
tenwechsel
angeordnet
(Urk. 14). Mit Eingabe vom 3. März 2015 erstatte
te
die Versicherte ihre Replik (Urk. 21). Der Verzicht auf Duplik (Urk. 24) wurde der Beschwerdeführerin am 31. März 2015 mitgeteilt (Urk. 25).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird - soweit erforderlich - im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG).
Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung,
IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung
und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog.
Invalideneinkom
men
), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der
Einkom
mensvergleich
hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die b
eiden hypo
thetischen Erwerbsein
kommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des
Einkom
mensvergleichs
; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
1.4
Versicherungsträger und Sozialversicherungsgerichte haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfüg
baren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztbe
richtes
ist also entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfas
send ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwer
den berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grund
sätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gut
achten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
Nach der Rechtsprechung ist es dem Sozialversicherungsgericht nicht verwehrt, einzig oder im Wesentlichen gestützt auf die (versicherungsinterne) Beurteilung des
Regionalen Ärztlichen Dienstes (
RAD
)
zu entscheiden. In solchen Fällen sind an die Beweiswürdigung jedoch strenge Anforderungen in dem Sinne zu stellen, dass bei auch nur geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen ergänzende Abklärungen vorzunehmen sind (Urteil des Bundesgerichts 9C_8/2011 vom 2
1.
Februar 2011 E. 4.1.3 mit Hinweisen).
1.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundes
gerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
Be
i
ungenügenden Abklärungen
durch den Versicherungsträger holt
die Be
schwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein
, wenn sie einen (im Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt über
haupt für gutachtlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine
Administrativ
expertise
in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betref
fende Beweiserhebung erfolgt alsdann vor der
–
anschliessend
reformatorisch entscheidenden
–
Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. E
ine Rückweisung an den Versicherungsträger
bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten
Frage begründet
ist.
Ausserdem
bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurück
zuweisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachtlichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE
137 V 210
E.
4.4.1.
4 mit Hin
weisen; Urteil des Bundesgerichts
8C_815/2012 vom 21.
Oktober 2013 E.
3.4
,
publi
ziert in SVR 1/2014 UV Nr. 2 S.
3)
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründet die Verneinung des
Rentengesuchs im Wesent
lichen g
estützt auf die Stellungnahme des
RAD
vom 3. April 2014, wonach die vorliegenden gesundheitlichen Einschränkungen
(rein somatischer Rückenschmerz ohne neurologische Ausfallerscheinungen)
keinen lang
an
dau
ernden Gesundheitsschaden
darstellen würden, d
er die Arbeitsfähigkeit
- in optimal leidensangepasster Tätigkeit mit entsprechendem Belastungsprofil -
in erheblichem Masse einzuschränken verm
öge.
Entsprechend sei kein invaliden
versicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden ausgewiesen.
Überdies seien im
Einwandverfahren
keine fachärztlich-psychiatrischen Tatsachen und Befunde vorgebracht worden,
weshalb das Einholen eines
psychiatrischen Gut
ach
tens nicht notwendig erscheine
(Urk. 2)
.
Im Rahmen der Beschwerdeantwort
führte die Beschwerdegegnerin aus, dass die Einschätzung des RAD auf der aktuellen Aktenlage
beruht habe. So habe sich die zuständige Kundenberaterin bei der Beschwerdeführerin jeweils nach dem
Stand der Dinge erkundigt.
Im Weiteren müsse angesichts der ursprünglichen Ausbildung zur Bäckerei-Verkäuferin und
de
r
folgenden Tätigkeiten
der Beschwerdeführerin
von einer Verkaufstätigkeit als angestammte Tätigkeit aus
gegangen werden. Eine rückenadaptierte Tätigkeit (ohne Lasten über 5 Kilogramm) im Verkaufsbereich sei der Beschwerdeführerin weiterhin zu 100 % zumutbar, weshalb sie in ihrer Leistungsfähigkeit in einer angestammten Tätigkeit lediglich qualitativ eingeschränkt sei.
Mangels relevantem
Invalidi
tätsgrad
seien auch keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen im Sinne einer Umschulung angezeigt
(Urk. 6)
.
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte dagegen vor,
dass ein somatischer Rücken
schmerz ausgewiesen sei und
eine invalidenversicherungsrechtlich relevante Einschränkung ihrer Arbeitsfähigkeit bewirke. Der RAD habe die gesundheitli
che Situation auf einer unvollständigen Aktenlage eingeschätzt und den Untersuchungsgrundsatz verletzt.
Dr.
A._
vom RAD habe als Allgemeinmedi
ziner nicht die fachliche Qualifikation, um die orthopädischen oder rheumatolo
gischen Beschwerden
rechtsgenüglich
zu beurteilen. Deshalb dränge sich eine gerichtsgutachterliche medizinische Abklärung auf (Urk. 1).
3.
3.1
Dr.
med.
B._
, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, führte in seinem Bericht (undatiert, eingegangen am 24. April 2012, Urk. 7/16) folgende Diag
nosen auf:
-
Chronisches
Lumbovertebralsyndrom
bei
-
Status nach akutem
Lumbovertebralsyndrom
und Kontusion der
LWS nach R
otationstrauma in geb
ückter Stellung (9. September
2011)
-
Persistierendes
lumbosakrales
Schmerzsyndrom
-
Aktivierte Facettengelenksarthrose L4/L5 links
-
Status nach akutem
thorakovertebralem
Schmerzsyndrom nach
Verhebetrauma
(9. Februar 2005)
-
Untergewichtigkeit bei asthenischem Körperbau
-
Status nach Infektion der oberen Atemwege mit chronischem
Tubenmittelohrkatarrh (2007)
Die Beschwerdeführerin sei vom 14. September bis 6. November 2011 zu 100 %, vom 7. November 2011 bis 14. Januar 2012 zu 40 % und seit dem 15. Januar 2012 zu 100 % in ihrer aktuellen Tätigkeit als Allrounderin im Zoofachhandel arbeitsunfähig.
Die Prognose sei offen.
Aufgrund der anhaltenden
lumbosakra
len
Rückenschmerzen bei verminderter Beweglichkeit der LWS und der Schmer
zen bereits beim Heben von geringen Lasten sei ihr die bisherige Tätigkeit nur bei einer verringerten Belastbarkeit und Zeitarbeit noch zumutbar.
Eine
behin
derungsangepasste
Tätigkeit (Wechselbelastung der LWS und Umfang initial) sei mit einem stufenweisen Einstieg möglich.
Ab Mai 2012 sei ein
Arbeitsversuch geplant.
3.2
Dr.
med.
C._
, Facharzt FMH für Anästhesiologie, von der
D._
nannte in seinem Bericht vom 28. November 2012 (Urk. 7/26) als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit einen thera
pie
re
fraktären
lumbosakralen
Schmerz links
bei geringster Belastung
.
Diverse diagnostische Infiltrationen
, eine gepulste Radiofrequenzbehandlung im Schambereich loco
dolendi
und eine Physiotherapie seien effektlos geblieben.
Ein
psychologisches Assessment sei unauffällig gewesen.
Seit dem 1. Januar 2012 sei die Beschwerdeführerin zu 100 % arbeitsunfähig. Sie sei körperlich nicht belastbar, solange keine Schmerzreduktion erzielt werden könne.
Eine
50%ige Tätigkeit wäre bei einer Umschulung auf eine körperlich nicht belas
tende Funktion denkbar.
3.3
Im Bericht vom 19. Oktober 2013 (Urk. 7/32) führte
Dr.
C._
aus, dass die Notwendigkeit einer Operation von chirurgischer Seite verneint worden sei. Die Beschwerdeführerin befinde sich seither in physiotherapeutischer Behandlung, führe die angewiesenen Stärkungsmassnahmen pflichtgetreu durch, leide jedoch unvermindert an ihrem Schmerzsyndrom, welches mittels Spinalkanalanästhesie jedoch komplett
blockierbar
sei. Eine
somatoforme
Störung könne somit mit Sicherheit ausgeschlossen werden.
3.4
Im Bericht vom 1
3.
November 2013 (
Urk.
7/35) stellte
Dr.
C._
fest,
dass ein
therapie
re
fraktärer
lumbosakraler
Schmerz links bei alter Fraktur des
Process
u
s
artikularis
superior
S1 links vorliege und
dass ein SMP (
Sympathetically
Main
tained
Pain
) ausgeschlossen werden könne. Somit könne nach diversen Inter
ventionen gesagt werden, dass es sich um einen
nozizeptiven
Schmerz handeln müsse, der spinal komplett
blockierbar
sei.
3.5
RAD
-Arzt
Dr.
med.
A._
, Facharzt Allgemeinmedizin,
zertifizierter Gutach
ter SIM,
hält in seiner Stellungnahme vom 14. November 2013
(Urk. 7/46 S. 2)
fest, dass keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfä
higkeit vorlägen und insbesondere keine psychiatrischen Einschränkungen bekannt seien. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit sei das chronische
lum
bosakrale
Schmerzsyndrom. Eine Arbeitsunfähigkeit sei seit Januar 2012 bescheinigt, aber nicht ausgewiesen. Die Arbeitsfähigkeit sei aber zumindest gefährdet.
Eine leichte wechselbelastende Tätigkeit ohne Heben von Lasten über 5 Kilogramm sei der Beschwerdeführerin zumutbar. Die Prognose sei unklar. Aus medizinischer Sicht seien somit berufliche Massnahmen angezeigt.
3.6
Dr.
C._
führte in seinem Bericht vom 2
7.
März 2014 (Urk. 7/45) weiter aus, dass diverse
interventionelle
Massnahmen insofern effektlos geblieben seien, als dass die Symptomatik bislang nicht habe gelindert werden können. Diagnos
tisch auffallend sei eine Fraktur des
Processus
artikularis
superior
S1 links, wel
che auf der rechten Seite nicht vorliege. Deshalb bestünden Zweifel, dass es sich dabei um eine angeborene Normvariante handle. Tatsache sei, dass die Beschwerdeführerin vor dem erlittenen Arbeitsunfall gesund und beschwerdefrei gewesen sei, jedoch seit dem Unfall schmerzgeplagt sei und im Bereich des Schmerzareals diese abgelaufene Fraktur nachgewiesen werden könne.
Auf
grund der vollständigen
Blockierbarkeit
der Schmerzsymptomatik mittels
kathetergesteuerter
Epiduralanästhesie
sei nachgewiesen, dass es sich beim vor
liegenden Schmerzbild um ein somatisches Geschehen handeln müsse, welches im Anschluss an das Unfallereignis neu aufgetrete
n sei (ICD-10: M 48.39)
. E
ine
somatoforme
oder psychosomatische Komponente beziehungsweise eine Schmerzverarbeitungsstörung könne somit mit an Sicherheit grenzender Wahr
scheinlichkeit ausgeschlossen werden.
3.7
RAD-Arzt
Dr.
A._
kam in seiner Stellungnahme vom
3.
April 2014
(Urk. 7/46 S. 3)
zum Schluss, dass der aktuelle Bericht des Anästhesiologen
Dr.
C._
die letzte RAD-Stellungnahme vollumfänglich bestätige. Damit sei aufgrund klinischer Erfahrung weiterhin
eine 100
%
-
ige
Rest-Arbeitsfähigkeit in optimal leidensangepasster Erwerbstätigkeit ausgewiesen.
3.8
Zu den im Rahmen des
Einwandverfahrens
eingereichten Unterlagen nahm Dr.
A._
am 2
0.
Juni 2014 Stellung (Urk. 7/70)
und
hielt an
den letzten RAD-Stellungnahmen vom 1
4.
November 2013 und vom
3.
April 2014
fest
. Demnach seien keine fachärztlich-psychiatrischen Tatsachen und Befunde vorgebracht worden, welche allenfalls noch eine Plausibilisierung mit einem psychiatrischen Gutachten notwendig erscheinen liessen.
Die rein somatischen Befunde und Einschränkungen am Rücken seien aufgrund der Aktenlage klar. Es sei zu prä
zisieren, dass ein rein somatischer Rückenschmerz, ohne neurologische Aus
fallerscheinungen, aufgrund klinischer und versicherungsmedizinischer Erfah
rung generell keine Arbeitsunfähigkeit in optimal leidensangepasster Erwerbs
tätigkeit mit entsprechendem Belastungsprofil zu begründen vermöge.
4.
4.1
RAD-Arzt Dr.
A._
attestiert der Beschwerdeführerin in optimal
leidensangepass
ter
Tätigkeit (leichte wechselbelastende Tätigkeiten ohne
Las
tenheben
über 5 Kilogramm) eine volle Arbeitsfähigkeit (E. 3.5, 3.7, 3.8). Er begründet diese Einschätzung mit klinischer und versicherungsmedizinischer
Erfahrung (E. 3.8). Eine eigene Untersuchung der Beschwerdeführerin fand nicht statt. Demgegenüber berichten die behandelnden Ärzte, dass schon geringfügige Belastungen zu einer Schmerzzunahme führen würden (E. 3.1, E. 3.2), und schätzt Dr.
C._
die Arbeitsfähigkeit in leidensangepasster Tätigkeit auf bloss 50 %, ohne die Gründe der zeitlichen oder allenfalls leistungsmässigen Einschränkung genau darzulegen. Aufgrund seiner Ausführungen muss davon ausgegangen werden, dass dem Schmerzgeschehen eine organische Läsion zugrunde liegt – was unbestritten ist -, und dass Dr.
C._
die Wiedererlan
gung der Arbeitsfähigkeit von der Symptomlinderung oder –
sistierung
abhängig macht. Er zog therapeutisch auch eine
epidurale
Neurostimulation in Erwägung (Urk. 7/45), wobei nicht aktenkundig ist, ob eine solche und mit welchem Resultat durchgeführt wurde. Damit liegen zwei einander widersprechende Ein
schätzungen zur Arbeitsfähigkeit vor, wobei weder die eine noch die andere so schlüssig und überzeugend begründet ist, dass darauf abgestellt werden kann. Wohl vermag Schmerz allein nicht zu einer Arbeitsunfähigkeit zu führen. Auf
grund der Schilderungen von Dr.
C._
(und des Hausarztes Dr.
B._
) kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass die Schmerzen aufgrund kör
perlicher Betätigungen derart zunehmen, dass dadurch die Arbeitsfähigkeit nicht nur in qualitativer Hinsicht, sondern auch in zeitlicher Hinsicht beschränkt ist. In diesem Zusammenhang ist auch unklar, ob eine zumutbare medikamentöse Behandlung zur Schmerzreduktion und allenfalls massgeblicher Leistungsfähigkeit führen könnte. Die hier strittigen Auswirkungen der Symp
tomatik auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sind demnach nicht abschliessend geklärt, weshalb ein fachärztliches Gutachten einzuholen ist.
Auch sonst genügen seine Stellungnahmen den beweisrechtlichen Anforderun
gen an medizinische Ber
ichte nicht (vgl.
vorstehend E
. 1.5); s
o erklärt
Dr.
A._
seine Einschätzung bloss mit „klinischer und versicherungsmedizinischer Erfahrung“
(vgl. E. 3.8).
4.2
N
ach der gesetzlichen Konzeption
obliegt
dem Versicherungsträger die Abklä
rung des rechtserheblichen Sachverhalts (vgl.
Art.
43
Abs.
1 ATSG in Verbin
dung mit
Art.
69
Abs.
2 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV])
,
und entsprechend dem Untersuchungsgrundsatz
ist es
in erster Linie Sache der zuständigen Behörde, die materielle Wahrheit zu ermitteln (Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 478/04 vom
5.
Dezember 2006
E.
2.2.4.3).
Nach dem Gesagten lässt sich aufgrund der vorhandenen medizinischen Berichte nicht zuverlässig beurteilen, ob und gegebenenfalls inwieweit die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen in invalidenversicherungsrechtlich relevanter We
ise
in der Zeit bis zum Erlass der
angefochtenen Verfügung in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war
und greifen die Folgen einer Beweislosigkeit noch nicht.
Da die Beschwerdegegnerin ihren Untersuchungsverpflichtungen gemäss Art.
43 ATSG nicht nachgekommen ist
,
ist die Sache an die Beschwer
degegnerin zurückzuweisen
, damit sie entsprechende Abklärungen treffe und hernach über den Rentenanspruch neu befinde.
6.
6.1
Die Gerichtskosten werden nach dem Verfahrensau
fwand und unabhängig vom St
reitwert im Rahmen von Fr. 200.-- und Fr. 1‘000.-- festgeleg
t
(Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Vorliegend sind die Kosten auf Fr.
6
00.-- anzusetzen und
aus
gangsgemäs
s
der Beschwerdegegnerin als unterliegender Partei aufzuerlegen.
6.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Ver
w
al
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollstä
ndiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Die obsiegende
vertretene Beschwerdeführerin
hat Anspruch auf den vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen festzusetzenden Ersatz der Parteikosten (§ 34 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
).
Der von Rechtsanwalt Holger Hügel mit Eingabe vom 22. Januar 2016 (Urk. 27) geltend gemachte Aufwand von 18.20 Stunden ist der Bedeutung der Streitsa
che und der Schwierigkeit des Prozesses nicht angemessen. Namentlich erschei
nen der Aufwand für das Aktenstudium und für die Beschwerdeverfassung von circa 6 Stunden als überhöht, da Rechtsanwalt Hügel bereits im
Vorbescheid
verfahren
involviert war und bereits damals mehrheitlich dieselbe Argumenta
tion verwendete (vgl. Vollmacht vom 7. Mai 2014, Urk. 7/51
,
sowie Urk. 7/67 und Urk. 1).
Zudem erscheinen ein Korrespondenz- und Instruktionsaufwand von zusammengefasst etwa 4 Stunden als überhöht. Der
Aufwand für das Lesen
des vorliegenden
Endentscheides
ist
im Umfang von maximal
1 Stunde zu berücksichtigen
.
Dies ergibt einen anrechenbaren Aufwand von
12 Stunden. Beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) und einer Barauslagenpauschale von 3
%
ergibt dies ein Total von rund
Fr.
2‘
950
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer).