Decision ID: 64d75f5e-1c5d-58c9-9b27-ec6d82b7bb00
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war bei der B._ AG als Leiter Technik
angestellt und dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt
(nachfolgend: Suva) obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und
Nichtberufsunfällen versichert. Am 24. Mai 2019 liess der Versicherte durch seine
Arbeitgeberin melden, dass am 23. Mai 2019 beim Begehen eines feuchten Weges
dessen oberste Schicht weggerutscht sei, so dass er ausgeglitten und auf die Schulter
gestürzt sei. Als Verletzung wurde eine Prellung der Schulter angegeben (Suva-act. 1).
A.a.
Die Erstbehandlung war gemäss dem am 16. September 2020 bei der Suva
eingegangenen Arztzeugnis UVG am 24. Mai 2019 durch Dr. med. C._, Facharzt für
Innere Medizin FMH, erfolgt. Dieser hatte in der klinischen Untersuchung eine Elevation
ab 15o und eine Anteversion ab 20o mit Schmerzen sowie eine Druckdolenz im
Subacromialraum erhoben. Mit der gleichentags durchgeführten Röntgenuntersuchung
hatte eine Fraktur ausgeschlossen werden können. Eine Arbeitsunfähigkeit war nicht
attestiert worden (Suva-act. 14).
A.b.
Am 29. Mai und 7. August 2019 hatte Dr. C._ Physiotherapieverordnungen mit
den Diagnosen einer Schulterkontusion rechts, einer Rotatorenmanschettenläsion ohne
A.c.
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Fraktur zur Verbesserung der Gelenks- und Muskelfunktion sowie zur
Entzündungshemmung ausgestellt (Suva-act. 2, 3). Eine weitere physiotherapeutische
Behandlung verschrieb er am 5. November 2019 (Suva-act. 6).
Die Suva erbrachte für die Folgen des Unfalls vom 23. Mai 2019 die gesetzlichen
Versicherungsleistungen (vgl. Suva-act. 8 ff., vgl. auch Suva-act. 21).
A.d.
Nachdem sich der Versicherte im Dezember 2019 aufgrund einer anhaltenden
leichten Kraftminderung und Bewegungseinschränkungen erneut bei Dr. C._
vorgestellt hatte (Suva-act. 14-2), wurde am 13. Dezember 2019 eine Arthro-MRI-
Untersuchung der rechten Schulter durchgeführt. Laut Beurteilung des untersuchenden
Radiologen Dr. med. D._, Facharzt für Radiologie, Medizinisch Radiologisches
Zentrum, Klinik E._, zeigte diese insbesondere eine ausgedehnte
Rotatorenmanschettenläsion, d.h. eine vollständige, komplett durchgehende Ruptur
der Supraspinatus- und Infraspinatussehne, jeweils begleitet von einer erheblichen
muskulotendinösen Retraktion und einer mittelgradigen Atrophie der entsprechenden
Muskelbäuche (Suva-act. 4).
A.e.
Am 7. Januar 2020 wurde der Versicherte durch Dr. med. F._, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Orthopädie
G._, untersucht, der im Untersuchungsbericht vom 13. Januar 2020 eine irreparable
Rotatorenmanschettenläsion rechts diagnostizierte. Aufgrund erheblicher
Veränderungen mit fortgeschrittener muskulärer Degeneration sei ein rekonstruktives
Vorgehen beim Versicherten nicht mehr erfolgsversprechend. Klinisch sei die Situation
recht gut kompensiert. Er empfehle dem Versicherten weitere Physiotherapie (Suva-
act. 5).
A.f.
Am 27. Januar 2020 verordnete Dr. C._ aufgrund einer irreparablen
Rotatorenmanschettenläsion rechts ein weiteres Mal Physiotherapie für 9
Behandlungen (Suva-act. 7).
A.g.
Nachdem sich die Suva am 6. Juli 2020 beim Versicherten nach dem aktuellen
Stand des Heilverlaufs erkundigt hatte (Suva-act. 8), teilte ihr der Versicherte am 15.
Juli 2020 mit, dass die Behandlung noch nicht abgeschlossen sei. Er befände sich in
A.h.
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physiotherapeutischer Behandlung. Diese sei infolge Corona unterbrochen (Suva-act.
9).
Am 28. August 2020 erkundigte sich die Suva abermals nach dem aktuellen Stand
des Heilverlaufs (Suva-act. 10), woraufhin der Versicherte ihr am 7. September 2020
unter Hinweis auf den nächsten Termin abermals mitteilte, dass er sich in
physiotherapeutischer Behandlung befinde (Suva-act. 11).
A.i.
Am 9. September 2020 verordnete Dr. C._ Physiotherapie als
Langzeitbehandlung aufgrund einer irreparablen Rotatorenmanschettenläsion rechts
mit der Bemerkung "bis Ende Juni 2021" (Suva-act. 43).
A.j.
Am 22. Oktober 2020 legte die Suva den Schadenfall ihrem Kreisarzt Dr. med.
H._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, zur Beurteilung der
Frage vor, ob die aktuell geltend gemachten Beschwerden auf den Unfall vom 23. Mai
2019 zurückzuführen seien. Dr. H._ bat gleichentags um detaillierte Abfrage des
Vorzustands, des Unfallhergangs und der Brückensymptome beim Versicherten (Suva-
act. 17). Anlässlich eines Telefongesprächs mit der Suva vom 2. November 2020 gab
der Versicherte an, am 23. Mai 2019 rückwärts auf die Schulter gestürzt und bis zum
Ereignis beschwerdefrei gewesen zu sein. Er habe seit dem Ereignis bis zum aktuellen
Zeitpunkt immer Beschwerden gehabt. Er habe keinen Vorzustand und sei vor dem
Unfall von Seiten der Schulter beschwerdefrei gewesen (Suva-act. 20).
A.k.
In seiner nachfolgenden Beurteilung vom 3. November 2020 hielt Kreisarzt Dr.
H._ insbesondere basierend auf dem radiologischen Untersuchungsergebnis vom 13.
Dezember 2019 fest, dass die aktuell beklagten Beschwerden nach bildgebendem
Ausschluss unfallbedingter struktureller Läsionen nicht mehr auf das Ereignis vom 23.
Mai 2019 zurückzuführen seien. Überwiegend wahrscheinlich sei es zu einer
vorübergehenden Verschlimmerung eines erheblichen degenerativen Vorzustandes der
Rotatorenmanschette rechts gekommen. Eine richtunggebende Verschlimmerung
könne ausgeschlossen werden. Der Zustand, wie er sich auch ohne den Unfall vom 23.
Mai 2019 eingestellt hätte, sei spätestens sechs Monate nach dem Ereignis eingetreten
(Suva-act. 17).
A.l.
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B.
Mit Schreiben vom 4. November 2020 eröffnete die Suva dem Versicherten, dass
die aktuell bestehenden Schulterbeschwerden rechts gemäss kreisärztlicher
Beurteilung nicht mehr unfallbedingt seien. Sie müsse den Fall abschliessen und die
Versicherungsleistungen per Briefdatum einstellen (Suva-act. 21).
A.m.
Nachdem der Versicherte der Suva am 5. November 2020 mittgeteilt hatte, mit der
Einstellung der Leistungen nicht einverstanden zu sein (Suva-act. 26), verfügte die
Suva am 6. November 2020 die Leistungseinstellung rückwirkend per 4. November
2020 (Suva-act. 27).
A.n.
Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte am 8. November 2020
"Rekurs" (richtig: Einsprache) und reichte Fotos zum Unfallhergang ein (Suva-act. 35).
B.a.
Am 12. November 2020 teilte der Versicherte der Suva abermals mit, dass er mit
der Leistungseinstellung nicht einverstanden sei. Er habe seit dem Ereignis immer
Beschwerden gehabt und sei sich sicher, dass die aktuellen Beschwerden auf das
Unfallereignis zurückzuführen seien (Suva-act. 37).
B.b.
Gleichentags legte die Suva den Schadenfall erneut ihrem Kreisarzt Dr. H._ zur
Beurteilung vor (Suva-act. 36). In seiner ausführlichen Beurteilung vom 16. November
2020 hielt Dr. H._ an seiner bisherigen Beurteilung fest (Suva-act. 38).
B.c.
Mit Einspracheentscheid vom 14. Dezember 2020 wies die Suva die Einsprache
des Versicherten ab (Suva-act. 42).
B.d.
Nachdem der Versicherte am 4. Januar 2021 gegenüber der Suva vorgebracht
hatte, deren Aktennotizen würden unrichtig protokollierte Sachverhalte beinhalten,
welche die ärztliche Beurteilung beeinflusst haben könnten (Suva-act. 44), teilte die
Suva dem Versicherten am 5. Januar 2021 mit, dass sie am Einspracheentscheid
festhalte (Suva-act. 44).
B.e.
Mit E-Mail vom 6. Januar 2021 machte der Versicherte gegenüber der Suva
nochmals geltend, dass in den Aktennotizen der Suva der Unfallhergang falsch
wiedergegeben werde (Suva-act. 45).
B.f.
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C.

Erwägungen
1.
Gegen den Einspracheentscheid vom 14. Dezember 2020 richtet sich der vom
Versicherten (nachfolgend: Beschwerdeführer) am 29. Januar 2021 eingereichte
"Rekurs" (richtig: Beschwerde). Er beantragt sinngemäss die Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheids und die Ausrichtung der gesetzlichen Leistungen
über den Leistungseinstellungszeitpunkt hinaus (act. G 1).
C.a.
In der Beschwerdeantwort vom 26. Februar 2021 beantragt die Suva
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
C.b.
In der Replik vom 23. März 2021 hält der Beschwerdeführer sinngemäss an
seinem Beschwerdeantrag fest (act. G 5).
C.c.
Mit Eingabe vom 10. Mai 2021 verzichtet die Beschwerdegegnerin auf eine
ausführliche Duplik und beantragt unter Verweis auf den Einspracheentscheid und die
Beschwerdeantwort erneut die Abweisung der Beschwerde (act. G7).
C.d.
Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften und die Ausführungen in
den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
C.e.
Vorliegend anerkannte die Beschwerdegegnerin eine Leistungspflicht im
Zusammenhang mit dem Unfall vom 23. Mai 2019 und richtete entsprechend
Versicherungsleistungen (Heilkostenleistungen) aus der Unfallversicherung aus. Streitig
und zu prüfen ist die Rechtsmässigkeit der Leistungseinstellung per 4. November 2020
(vgl. Suva-act. 21, 27), wobei die Beschwerdegegnerin gestützt auf die Beurteilungen
von Kreisarzt Dr. H._ vom 22. Oktober und 3. November 2020 (Suva-act. 17, 38) von
einem Status quo sine vel ante (zur Bedeutung vgl. nachfolgende Erwägung 1.3)
spätestens 6 Monate nach dem Unfall vom 23. Mai 2019 ausgegangen ist (vgl. dazu
nachfolgende Erwägung 3).
1.1.
Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) werden Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen,
1.2.
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Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt. Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der Unfallversicherung
bildet die Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht besteht demnach nur für
Gesundheitsschäden, die natürlich und adäquat-kausal mit einem versicherten
Unfallereignis zusammenhängen (BGE 129 V 181 E. 3.1 f. mit Hinweisen; siehe dazu
André Nabold, N 48 ff. zu Art. 6, in: Marc Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz
über die Unfallversicherung, Kommentar zum schweizerischen
Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert: KOSS UVG]; Irene Hofer, N 63 ff.
zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Barbara Klett/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli
[Hrsg.], Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019 [nachfolgend zitiert: BSK
UVG]; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 53 ff.). Für die
Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im
Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf Angaben ärztlicher Experten oder
Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist
demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis
entwickelten Regeln zu beurteilen ist (Urteil des Bundesgerichts vom 1. September
2008, 8C_522/2007, E. 4.3.2; KOSS UVG-Nabold, N 53, 59 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer,
N 66, 74 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55, 58). Bei physischen Unfallfolgen
hat indessen die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers gegenüber dem
natürlichen Kausalzusammenhang praktisch keine selbstständige Bedeutung (BGE 118
V 291 f. E. 3a). Ob ein natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist, beurteilt sich
nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit; die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die
Begründung eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen;
Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl.
2014, § 70 N 58 f.).
Ist die Unfallkausalität einmal mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen, so entfällt die Leistungspflicht des Unfallversicherers erst, wenn der
Unfall nicht mehr die natürliche (und adäquate) Ursache des Gesundheitsschadens
darstellt, wenn also Letzterer nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen
beruht. Dies trifft dann zu, wenn entweder der (krankhafte) Gesundheitszustand, wie er
unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante), oder aber derjenige
Zustand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften oder
andersartig geschädigten Vorzustands auch ohne den Unfall früher oder später
1.3.
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eingestellt hätte (Status quo sine), erreicht ist (vgl. zum Ganzen RKUV 1994 Nr. U 206
S. 328 f. E. 3b, mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 6. August 2008,
8C_101/2008, E. 2.2; KOSS UVG-Nabold, N 54 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 71 zu Art.
6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 54). Trifft ein Unfall auf einen vorgeschädigten Körper
und steht medizinisch fest, dass weder der Status quo ante noch der Status quo sine je
wieder erreicht werden können, spricht die Rechtsprechung von einer
richtungsgebenden Verschlimmerung (BSK UVG-Hofer, N 71 zu Art. 6; Rumo-Jungo/
Holzer, a.a.O., S. 54; Urteil des Bundesgerichts vom 25. Oktober 2007, 8C_467/2007,
E. 3.1). Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenhang muss
das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines
Gesundheitsschadens mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sein (Urteile des Bundesgerichts vom 15. Mai 2014, 8C_805/2013, E.
3.2, und 6. August 2008, 8C_101/2008, E. 2.2).
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss, zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw.
Anamnese abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (zum Ganzen BGE 125 V
352 E. 3a mit Hinweis; Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 130 zu Art. 61).
Auch den Berichten beratender Ärzte und Ärztinnen von Versicherungen kann
rechtsprechungsgemäss Beweiswert beigemessen werden, solange nicht konkrete
Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen. Auf das Ergebnis von
Abklärungen beratender Ärzte und Ärztinnen kann nicht abgestellt werden, wenn auch
nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (BGE 139 V
229 E. 5.2, 135 V 469 f. E. 4.4 und 471 E. 4.7; Urteil des Bundesgerichts vom 16.
September 2014, 8C_385/2014, E. 4.2.2).
1.4.
Da es sich bei der Einstellung von Versicherungsleistungen um eine
anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die Beweislast für den Wegfall der vom
1.5.
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2.
Unfallversicherer zunächst anerkannten natürlichen Kausalität - anders als bei der
Frage, ob ein leistungsbegründender Kausalzusammenhang überhaupt je gegeben war
- nicht bei der versicherten Person, sondern beim Unfallversicherer (RKUV 2000 Nr. U
363 S. 46 E. 2 mit Hinweisen; BGE 117 V 261 f. E. 3b; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S.
54 f.). Allerdings tragen die Parteien im Sozialversicherungsrecht in der Regel eine
Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten
jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten
wollte. Diese Beweisregel greift erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im
Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der
Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 138 V 222 E. 6 mit Hinweisen; Rumo-Jungo/Holzer,
a.a.O., S. 4, 55).
Im Zeitpunkt des von Dr. H._ beurteilten Status quo sine vel ante (spätestens
sechs Monate nach dem Unfall vom 23. Mai 2019; vgl. Suva-act. 17, 38) wies die
rechte Schulter des Beschwerdeführers unbestrittenermassen eine
kernspintomographisch objektivierte ausgedehnte Rotatorenmanschettenläsion mit
vollständigen, komplett durchgehenden Rupturen der Supraspinatus- und
Infraspinatussehne auf (Suva-act. 4). Im November 2019 sowie im Januar und
September 2020 sind dem Beschwerdeführer sodann durch Dr. C._ mit der Diagnose
einer Schulterkontusion rechts bzw. einer irreparablen Rotatorenmanschettenläsion
rechts Physiotherapieverordnungen, die letzte "bis Ende Juni 2021", ausgestellt
worden (Suva-act. 2 f., 6, 43). Die Beschwerdegegnerin stellte allerdings ihre
Leistungen per 4. November 2020 und damit einen Tag nach Vorliegen der
kreisärztlichen Beurteilung von Dr. H._ vom 3. November 2020 (Suva-act. 17) ein.
Streitig und zu prüfen ist, ob diese Leistungseinstellung zu Recht erfolgt ist.
2.1.
In Bezug auf die Rotatorenmanschette gilt es zu beachten, dass diese zur
Degeneration neigt. Allerdings kann die Rotatorenmanschette auch als Folge eines
Traumas ein- oder abreissen (vgl. dazu Alfred M. Debrunner, Orthopädie,
Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. 2005, S. 628, 724 f., 728 ff., 732; Roche Lexikon,
Medizin, 5. Aufl. 2003, S. 225, 1681; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl.
2017, S. 250). Nachfolgend ist also zunächst zu prüfen, ob es sich bei der
ausgedehnten Rotatorenmanschettenläsion des Beschwerdeführers mit Beteiligung
zweier Sehnen um eine direkte Unfallverletzung oder einen degenerativen Vorzustand
handelt. Allgemein ist vorwegzunehmen, dass die Ausdrücke "Ruptur" und "Läsion"
2.2.
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nicht automatisch auf ein erlittenes Trauma hindeuten (Debrunner, a.a.O., S. 412, 628,
724 f., 728 ff; Roche Lexikon, a.a.O., S. 1681; Pschyrembel, a.a.O., S. 1576, 1646).
Der Vergleich bildgebender Untersuchungsergebnisse aus der Zeit vor und nach
dem Unfall stellt für die Abgrenzung Vorzustand bzw. neue unfallbedingte strukturelle
Schädigung eine bedeutsame Beweisgrundlage dar (vgl. dazu BGE 134 V 121 E. 9, 117
V 363 E. 5d/aa; Urteil des Bundesgerichts vom 28. Oktober 2009, 8C_216/2009, E. 2;
SVR 2007 UV Nr. 25 S. 81 E. 5.4 mit Hinweisen [U 479/05]). Ist es durch den Unfall zu
keinen neuen unfallbedingten Schäden gekommen, trifft er aber auf einen
vorgeschädigten Körper, kommt eine unfallkausale Gesundheitsschädigung höchstens
als vorübergehende oder richtunggebende Verschlimmerung des Vorzustandes in
Betracht. Eine richtunggebende Verschlimmerung liegt nach der Rechtsprechung vor,
wenn medizinischerseits feststeht, dass weder der Status quo ante noch der Status
quo sine wieder erreicht werden können (Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 54). Von einer
vorübergehenden unfallbedingten Verschlimmerung eines Vorzustandes wird dann
gesprochen, wenn Unfallfolgen oder deren Anteil an einer Gesundheitsschädigung im
Rahmen des posttraumatischen Verlaufs nie konkret beschrieben oder radiologisch als
strukturelle Verletzung der Gelenke oder Knochen sichtbar gemacht werden können. In
solchen Fällen wird bei einem geeigneten und adäquaten Ereignis in einer ersten Phase
davon ausgegangen, dass dieses eine schädigende Wirkung auf den Körper habe. Die
aufgetretenen oder ausgelösten Beeinträchtigungen werden, obwohl sie
möglicherweise weiterbestehen, nach einer gewissen Zeit gestützt auf medizinische
Erfahrung aber nicht mehr dem Unfall angelastet. Die Unfallversicherung übernimmt in
diesen Fällen nur den durch das Unfallereignis ausgelösten Beschwerdeschub, d.h. sie
hat bis zum Erreichen des Status quo sine vel ante Leistungen für das unmittelbar im
Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom zu erbringen. Als Beispiel
dafür gelten insbesondere auch Kontusionsfolgen (vgl. nachfolgende Erwägung 3.; vgl.
Urteile des Bundesgerichts vom 26. Februar 2013, 8C_423/2012, E. 5.3, 9. Januar
2012, 8C_601/2011, E. 3.2, und 24. Juni 2008, 8C_326/2008, E. 3.2 und 4; Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 14. März 2000, U 266/99, E. 1; vgl.
auch Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55 f.; vgl. dazu KOSS UVG-Nabold, N 57 zu Art.
6). Bei einer Kontusion handelt es sich um eine Weichteilverletzung. Ihre Diagnose
definiert eine schädigende Einwirkung des Unfalls auf den Körper, die insbesondere
anhand klinischer Befunde - wie Hämatome, Schwellungen, Druckdolenzen,
Bewegungseinschränkungen, Muskelverhärtungen - objektiviert wird (vgl. dazu
Debrunner, a.a.O., S. 412; Pschyrembel, a.a.O., S. 1139; Roche Lexikon, a.a.O., S.
357). Während der Beschwerdeführer davon ausgeht, er habe sich die ausgedehnte
Rotatorenmanschettenläsion beim Sturz als direkte Unfallfolge zugezogen (act. G 1, G
2.3.
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5), ist die Beschwerdegegnerin der Ansicht, es sei lediglich zu einer vorübergehenden
Verschlimmerung eines erheblich degenerativen Vorzustandes ausgelöst durch eine
Prellung bzw. Kontusion gekommen, welche spätestens sechs Monate nach dem
Unfallereignis wieder abgeheilt gewesen sei (Suva-act. 38, act. G 3, G 7).
Im konkreten Fall liegen keine vor dem Unfall erstellten radiologischen Bilder vor,
weshalb diesbezügliche Erkenntnisse fehlen. Die ausgedehnte
Rotatorenmanschettenläsion wurde im Rahmen der Arthro-MRI-Untersuchung vom 13.
Dezember 2019 erhoben (Suva-act. 4), womit an sich nicht ausgeschlossen ist, dass
sich der Beschwerdeführer die Rotatorenmanschettenläsion beim Unfall vom 23. Mai
2019 zugezogen hat und diese demnach eine traumatische Verletzung darstellt. Doch
gilt es zu beachten, dass der bildgebende Befund - unabhängig von den Gründen,
weshalb die radiologische Untersuchung erst zu einem späteren Zeitpunkt
durchgeführt wurde (vgl. dazu act. G 1, Ziff. 6) - nicht mehr als unfallnah angesehen
werden kann. Es kann damit nicht mehr von einer zeitlichen Konnexität gesprochen
werden, welche ein Indiz für eine traumatische Läsion darstellen würde.
2.4.
Erkenntnisse für die Kausalitätsbeurteilung lassen sich sodann insbesondere auch
aus der Art und Weise der echtzeitlich aufgetretenen Beschwerden, den initial
erhobenen Befunden sowie dem zeitlichen Ablauf entnehmen.
2.5.
Eine bestimmte Verletzung geht in der Regel mit verletzungsspezifischen
Symptomen bzw. typischen klinischen Befunden einher, insofern die klinischen
Befunde des konkreten Falls von Bedeutung sind. Entsprechend ist das zeitliche
Zusammentreffen von verletzungsspezifischen Symptomen mit einem Unfall
grundsätzlich als Indiz für eine Unfallkausalität zu werten. Gemäss Arztzeugnis UVG
vom 16. September 2020 hatte der Beschwerdeführer anlässlich der Erstbehandlung
vom 24. Mai 2019 durch Dr. C._ angegeben, Schmerzen bei Ruhe gehabt zu haben.
Eine Anteversion oder Elevation von mehr als 20o sei nicht mehr möglich gewesen. In
der klinischen Untersuchung hatte der Beschwerdeführer bei Elevation ab 15o und bei
Anteversion ab 20o Schmerzen angegeben. Als weitere Befunde hatte Dr. C._ gute
ossäre Kanten, eine Druckdolenz im Subacromialraum sowie einen positiven Jobe- und
Lift-off-Test erhoben. Der Röntgenbefund war sodann unauffällig (Suva-act. 14). Ein
echtzeitlich positiver Jobe- sowie Lift-off-Test ist grundsätzlich ein Hinweis auf
Pathologien der Rotatorenmanschette (der Supraspinatus- bzw. Subscapularissehne),
doch muss die Ursache der Pathologien nicht traumatischer Natur sein (vgl. Debrunner,
a.a.O., S. 726; Pschyrembel, a.a.O., S. 862; S2e-Leitlinie "Rotatorenmanschette",
Version vom März 2017, zu finden unter: https://www.awmf.org/uploads/
2.5.1.
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tx_szleitlininen/033-041l_S2e_Rotatorenmanschette_2017-04-02.pdf, abgerufen am 2.
August 2021 [nachfolgend zitiert: AWMF-Leitlinien]). So ist bereits an dieser Stelle
vorweg zu nehmen, dass die Pathologien im Bereich der Subscapularissehne
degenerativer Natur waren (vgl. dazu nachfolgende Erwägung 2.7.1). Ein typisches
Symptom einer traumatisch bedingten Läsion der Supraspinatussehne ist laut
medizinischer Literatur und bundesgerichtlicher Rechtsprechung die Pseudoparalyse,
bei welcher der Arm nicht mehr aktiv über die Horizontale gehoben werden kann
(Debrunner, a.a.O., S. 728; Pschyrembel, a.a.O., S. 1576; Swiss Medical Forum,
Ausgabe 2019/1516, Übersichtsartikel, Revidierte Unterscheidungskriterien,
Degenerative oder traumatische Läsionen der Rotatorenmanschette, zu finden unter
https://doi.org/ 10.4414/smf.2019.03247, S. 263, abgerufen am 2. August 2021
[nachfolgend zitiert: Swiss Medical Forum]). Die beim Beschwerdeführer klinisch
erhobene Funktionseinschränkung bei der Elevation des rechten Arms würde einer
Pseudoparalyse entsprechen. Auffällig ist hingegen, dass Dr. C._ offensichtlich in
Bezug auf die ebenfalls vollständig gerissene Infraspinatussehne keinen auffälligen
Befund erhob. Mit dem Aussenrotations-Test (mit angelegtem und auch bei seitlich
erhobenem Arm) hätten Hinweise auf Pathologien an der Infraspinatussehne erhoben
werden können (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 726). Eine traumatische
Rotatorenmanschettenläsion ist sodann mit einem sehr heftigen Schmerz verbunden
(Swiss Medical Forum, a.a.O., S. 263), welcher zwar vom Beschwerdeführer in der
Einsprache vom 8. November 2020 vorgebracht wurde (Suva-act. 35), im Arztzeugnis
UVG hingegen nicht beschrieben ist. In der Physiotherapieverordnung vom 29. Mai
2019 führte Dr. C._ sodann zwar eine Rotatorenmanschettenläsion auf, als
Hauptdiagnose erscheint jedoch eine Schulterkontusion (Suva-act. 2; zur
Kontusionsdiagnose siehe auch nachfolgende Erwägung 3). Die Durchführung einer
MRI-Untersuchung erachtete er schliesslich angesichts der vorgenannten
echtzeitlichen Befundsituation offensichtlich nicht als notwendig. Zusammenfassend ist
festzuhalten, dass die dargelegte initiale Beschwerde- und Befundsituation insgesamt
nicht als Indiz für eine überwiegend wahrscheinlich traumatisch verursachte
Rotatorenmanschettenläsion gesehen werden kann, sondern die echtzeitlich
objektivierten Befunde bzw. Bewegungseinschränkungen gerade auch oder zumindest
gleich wahrscheinlich die Folge der erlittenen Kontusionsverletzung gewesen sein
können.
Übereinstimmend mit dem Gesagten zeigt sich auch der zeitliche Ablauf, wie er
sich abgespielt hat. In ihm ist ein Indiz für eine auf Abnützung oder Erkrankung
zurückzuführende Ursache zu sehen. Während einer, wie vorliegend, mehrmonatigen
2.5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/25
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Latenzzeit (zwischen Unfallereignis im Mai 2019 und MRI-Untersuchung im Dezember
2019) sind die unfallunabhängigen Vorgänge in einem menschlichen Körper vielfältig
und der Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit für eine traumatische
Unfallfolge ohne klar ersichtlichen Hinweis auf eine solche kaum zu erreichen. Gerade
bei vorgeschädigten Sehnen einer Rotatorenmanschette sind auch spontane Rupturen
nicht selten (Debrunner, a.a.O., S. 728). Im Arztzeugnis UVG vom 16. September 2020
hielt Dr. C._ fest, dass initial unter NSAR (Tilur) und dann noch Physiotherapie eine
konstante Besserung des Bewegungsumfangs habe herbeigeführt werden können und
weniger Schmerzen bestanden hätten (Suva-act. 14). Die nächsten nach der
Erstbehandlung vom 24. Mai 2019 dokumentierten Arztkonsultationen datieren erst
wieder vom Dezember 2019 bei Dr. C._ (Suva-act. 14-2) und vom Januar 2020 bei
Facharzt Dr. F._, der basierend auf dem kernspintomographischen
Untersuchungsergebnis vom 13. Dezember 2019 (Suva-act. 4) die irreparable
Rotatorenmanschettenläsion Schulter rechts diagnostizierte (Suva-act. 5). Im Bericht
der kernspintomographischen Untersuchung vom 13. Dezember 2019 war - wohl
basierend auf der vorangegangenen Zuweisung von Dr. C._ - ebenfalls festgehalten
worden, dass sich anfangs eine deutliche Besserung unter Physiotherapie gezeigt
habe, nun aber ein konstantes Beschwerdebild mit schmerzhafter Elevation ab 90°,
Kraftminderung Aussenrotation und einem positivem Jobe-Test bestehe (Suva-act. 4).
In seinem Untersuchungsbericht vom 13. Januar 2020 hielt Dr. F._ zwar
anamnestisch fest, dass seit dem Sturz im Mai 2019 eine schmerzhafte
Bewegungsstörung persistiere. Andererseits schrieb er auf, dass der Beschwerdeführer
im Alltag nur durch leichte Schmerzen und eine leichte Kraftminderung beeinträchtigt
sei (Suva-act. 5). Ein Sachverhalt mit unfallbedingt nur einer Kontusionsverletzung
sowie einer vorbestehenden degenerativen Schulterproblematik, welche gerade auch
innerhalb des rund halbjährigen Zeitraums nach dem Unfallereignis fortgeschritten sein
kann, erscheint damit nicht ausgeschlossen. Degenerative Erkrankungen zeichnen sich
naturgemäss durch einen progredienten Verlauf (beispielsweise durch eine
Vergrösserung einer einzelnen Schädigung oder durch ein Hinzutreten von
Begleiterscheinungen) aus, was auch erklärt, dass ihre typische Symptomatik nicht von
Beginn weg umfassend und mit ganzer Schwere auftreten muss, sondern bei
wachsender Ausprägung zunächst schleichend beginnt und sich irgendwann deutlich
manifestiert. Ein zu Beginn symptomloser oder höchstens geringe Beschwerden
bereitender degenerativer Zustand wird also in einem bestimmten Zeitpunkt - in der
Regel dann, wenn die Degeneration einen gewissen Schweregrad überschreitet -
symptomatisch (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 586, 728 ff.). Eine Kontusionsverletzung
ohne strukturelle Schädigung der Gelenke und Knochen heilt demgegenüber nach der
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medizinischen Erfahrung ohne spezifische Behandlung innert kurzer Zeit folgenlos aus
und die mit ihr verbundenen Beschwerden bilden sich demzufolge gänzlich zurück
(Debrunner, a.a.O., S. 412). Der dargelegte Sachverhalt beinhaltet insbesondere auch
den typischen degressiven Verlauf, wie er in der Regel nach einer traumatischen
Schmerzverursachung durch eine Kontusion zu erwarten ist.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich aufgrund der Art und
Weise der echtzeitlich aufgetretenen Beschwerden und klinischen Befunde in
Verbindung mit dem zeitlichen Ablauf nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit auf eine traumatische Kausalität der vollständigen, komplett
durchgehenden Rupturen der Supraspinatus- und Infraspinatussehne schliessen lässt.
2.5.3.
Ein weiteres bedeutsames Kriterium für die Beurteilung der Ursächlichkeit einer
Rotatorenmanschettenläsion bildet der Unfallmechanismus. Dr. H._ hielt in seiner
kreisärztlichen Beurteilung vom 16. November 2020 diesbezüglich fest, dass der
Beschwerdeführer im Garten ausgerutscht und auf die rechte Schulter gestürzt sei.
Aufgrund dieser Schilderung könne mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einem
direkten Anpralltrauma der rechten Schulter ausgegangen werden. Ein solches sei
gemäss medizinscher Literatur jedoch nicht geeignet, eine
Rotatorenmanschettenläsion herbeizuführen (Suva-act. 38-2).
2.6.
Insbesondere für Rotatorenmanschettenläsionen werden in medizinischen
Fachartikeln konkrete Verletzungsmechanismen beschrieben, welche zu einer
traumatischen Sehnenruptur führen können. Als potenziell geeignete
Verletzungsmechanismen werden namentlich genannt: das Abscheren des
Sehnenansatzes von innen, sobald der maximal zulässige Rotationswinkel
überschritten ist und der Sehnenansatz mit dem Pfannenrand in Konflikt gerät
(sogenanntes inneres Impingement), z.B. bei einer Schulter(sub)luxation; die passive
Traktion, z.B. nach unten (beim Versuch einen schweren fallenden Gegenstand
aufzufangen), ventral oder medial; die exzentrische Belastung angespannter Anteile der
Rotatorenmanschette, z.B. bei passiv forcierter Aussen- oder Innenrotation bei
anliegendem oder abgespreiztem Arm, z.B. bei einem Sturz vom Gerüst nach vorn mit
dem Versuch, den Fall durch Festhalten abzufangen (Alexandre Lädermann/ Bernhard
Jost/Dominik Weishaupt/Didier Elsig/Matthias Zumstein, Revidierte
Unterscheidungskriterien, Degenerative oder traumatische Läsionen der
Rotatorenmanschette in: Swiss Medical Forum, Ausgabe 2019/15-16, S. 260-267, zu
finden unter: <https://www.researchgate.net/publication/
332331925_Degenerative_oder_traumatische_Lasionen_der_Rotatorenmanschette,
2.6.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/25
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[Download full-text PDF]>, abgerufen am 2. August 2021 [nachfolgend zitiert: Swiss
Medical Forum]; AWMF-Leitlinien).
Das Bundesgericht gab in seinem Urteil vom 22. Oktober 2019, 8C_446/2019, E.
5.2.2 f., die vorgenannten Unfallmechanismen wieder und ging gestützt auf eine
weitere Publikation davon aus, dass die direkte Krafteinwirkung auf die Schulter (Sturz,
Prellung, Schlag) ein ungeeigneter Hergang für eine Rotatorenmanschettenschädigung
sei, da die Rotatorenmanschette durch den knöchernen Schutz der Schulterhöhe
(Akromion) und durch den Deltoideusmuskel gut abgeschirmt sei. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat in seinen früheren Entscheiden
gestützt auf das vorgenannte Bundesgerichtsurteil ein direktes Anpralltrauma der
Schulter als bedeutsamen Faktor gegen eine traumatische Genese einer
Rotatorenmanschettenläsion gewertet. In einer zum obgenannten Urteil des
Bundesgerichts vom 22. Oktober 2019 im Namen der Expertengruppe Schulter- und
Ellbogenchirurgie der Schweizerischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie
Swiss Orthopaedics (verfasst von Prof. Dr. med. O. Borens,
Prof. Dr. med. B. Jost, Prof. Dr. med. M. Zumstein, Prof. Dr. med. A. Müller;
nachfolgend zitiert: Expertengruppe Schulter- und Ellbogenchirurgie) verfassten, auf
den 1. Oktober 2020 datierten, Stellungnahme (zu finden unter: <https://
www.schadenanwaelte.ch/
wp-content/uploads/2020/10/Orthopaeden-Bundesgericht.pdf>, abgerufen am 2.
August 2021) widerspricht nun die Expertengruppe Schulter- und Ellbogenchirurgie der
Auffassung des Bundesgerichts und gelangt zum Schluss, dass ein direktes
Schultertrauma durchaus zu einer Rotatorenmanschettenruptur führen könne. Die
Expertengruppe Schulter- und Ellbogenchirurgie gibt an, die aktuelle internationale
Literatur nochmals genau gesichtet und systematisch nach Artikeln gesucht zu haben,
die über akute, rein traumatisch bedingte Rotatorenmanschettenrupturen berichteten.
Sie führt die von ihr durchgesehenen Artikel an und hält fest, ihnen könne
zusammenfassend entnommen werden, dass ein direktes Schultertrauma durchaus ein
überwiegend wahrscheinlicher Mechanismus für eine akute/traumatische
Rotatorenmanschettenruptur sein könne und sogar einer der häufigsten Mechanismen
sei. Das Bundesgerichtsurteil sei demgegenüber nicht wissenschaftlich begründet,
basiere auf einer veralteten Expertenmeinung und ignoriere aktuelle, auf neuester
Literatur basierende Meinungen von Schulterexperten. Wenn das Bundesgericht seine
Entscheide auf aktuellste wissenschaftliche Erkenntnisse höchstmöglicher Evidenz
abstütze, könne das fragliche Bundesgerichtsurteil nicht als richtungsweisend
angesehen werden. Bereits in dem im Swiss Medical Forum veröffentlichten Artikel (S.
2.6.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/25
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263) hatten Experten, darunter wiederum Mitglieder der Expertengruppe Schulter- und
Ellbogenchirurgie, ihre Meinung kundgetan, wonach eine Rotatorenmanschettenläsion
nicht nur durch die in fünf Studien beschriebenen, sondern auch durch andere
Verletzungsmechanismen, namentlich auch durch ein Direkttrauma der Schulter,
entstehen könne. Zur Begründung im Bundesgerichtsurteil - die Rotatorenmanschette
sei durch das darüber liegende Schulterdach (Acromion) und den Deltoideusmuskel vor
einer Gewalteinwirkung geschützt - führt die Expertengruppe in der Stellungnahme
vom 1. Oktober 2020 aus, dass diese Hypothese in keinem der von ihr gesichteten
Artikeln durch eine biomechanische oder klinische Studie untermauert werde. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat zwar, wie gesagt, in seinen früheren
Entscheiden hinsichtlich Verletzungsmechanismus auf die obgenannte
bundesgerichtliche Rechtsprechung abgestellt. Es hat jedoch den Artikel im Swiss
Medical Forum im Rahmen der Kausalitätsbeurteilung von
Rotatorenmanschettenläsionen grundsätzlich als wegweisend erachtet. Angesichts
dessen, dass der Nachweis des natürlichen Kausalzusammenhangs im Bereich der
Medizin in der Regel basierend auf Angaben ärztlicher Experten oder Expertinnen zu
erbringen ist (vgl. Erwägung 1.2) und die Expertengruppe Schulter- und
Ellbogenchirurgie in ihrer Stellungnahme vom 1. Oktober 2020 die bereits im Swiss
Medical Forum (S. 263) von einigen ihrer Experten geäusserte Meinung nochmals
bekräftigt hat, wonach bei einem Direkttrauma der Schulter ohne explizit
ausgestreckten Arm ebenfalls eine Rotatorenmanschettenläsion entstehen könne, hat
das Versicherungsgericht in seinen Entscheiden UV 2020/22 vom 20. April 2021 und
UV 2019/24 vom 21. April 2021 festgehalten, es sehe keinen Grund, künftig nicht auch
die plausible und nachvollziehbare Stellungnahme der Expertengruppe Schulter- und
Ellbogenchirurgie vom 1. Oktober 2020 zu berücksichtigen.
Das Bundesgericht hat in seinen erst nach diesen Entscheiden publik
gewordenen Urteilen vom 7. April 2021, 8C_740/2020, E. 4, und vom 15. April 2021,
8C_672/2020, E. 4, ebenfalls auf die Stellungnahme der Expertengruppe Schulter- und
Ellbogenchirurgie vom 1. Oktober 2020 Bezug genommen. Dabei hat es darauf
hingewiesen, dass deren Meinungsäusserung wissenschaftlich nicht belegt sei und die
Frage, ob und inwiefern Anpralltraumen geeignet seien, Rotatorenmanschettenläsionen
zu verursachen, in der medizinischen Literatur kontrovers diskutiert werde. Es sei nicht
Aufgabe des Bundesgerichts, den Expertenstreit hinsichtlich des Nachweises der
Unfallkausalität von Rotatorenmanschettenläsionen zu entscheiden. Zur Beurteilung
der Unfallkausalität werde dem Kriterium des Unfallmechanismus keine übergeordnete
Bedeutung mehr beigemessen (vgl. dazu auch Urteil des Bundesgerichts vom 14. April
2.6.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/25
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2020, 8C_59/2020, E. 5.3. f.). Es gehe vielmehr darum, die einzelnen Kriterien, die für
oder gegen eine traumatische Genese der Verletzung sprächen, aus medizinischer
Sicht gegeneinander abzuwägen und den Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die
Wahrscheinlichkeit für sich habe, der Wahrheit zu entsprechen. Dabei gelte es etwa,
die bildgebenden Befunde, die Vorgeschichte, den Unfallhergang, den Primärbefund
und den Verlauf zu berücksichtigen (Urteile des Bundesgerichts vom 7. April 2021,
8C_740/2020, E. 4.2 und vom 15. April 2020, 8C_672/2020, E. 4.1.3).
Der Beschwerdeführer konsultierte einen Tag nach dem Unfall, am 24. Mai 2019,
Dr. C._. Dieser notierte in dem am 16. September 2020 bei der Suva eingegangenen
Arztzeugnis UVG, der Beschwerdeführer sei laut eigenen Angaben am Vortag auf
nassem, rutschigem Boden ausgeglitten, mit den Füssen abgehoben und auf die
rechte Schulter gestürzt (Suva-act. 14). Ähnlich lautet die Sachverhaltsschilderung in
der Bagatellunfall-Meldung UVG vom 24. Mai 2019. Beim Begehen eines feuchten
Weges sei dessen oberste Schicht weggerutscht, so dass der Beschwerdeführer
ausgeglitten und auf die Schulter gestürzt sei (Suva-act. 1). Dr. C._ diagnostizierte in
den Physiotherapieverordnungen vom 29. Mai, 7. August und 5. November 2019 eine
Schulterkontusion rechts (vgl. Suva-act. 2 f., 6). Für die erstmalige Beurteilung des
Schadenfalls bat Dr. H._ um eine detaillierte Abfrage des Vorzustandes, des
Unfallherganges und von Brückensymptomen seit dem angegebenen Ereignis (Suva-
act. 17). Im Rahmen des am 2. November 2020 diesbezüglich geführten Telefonats mit
der Beschwerdegegnerin teilte der Beschwerdeführer gemäss der Telefonnotiz der
Beschwerdegegnerin, grundsätzlich übereinstimmend mit der Bagatellunfall-Meldung
UVG und dem Arztzeugnis UVG, mit, beim Begehen eines feuchten Weges
ausgerutscht und rückwärts auf die Schulter gestürzt zu sein (Suva-act. 20). In der
Einsprache vom 8. November 2020 brachte der Beschwerdeführer allerdings vor und
wiederholt dies auch in der Beschwerde vom 2. Januar 2021, dass der Unfallhergang
von der Beschwerdegegnerin falsch beschrieben worden sei, denn er sei nicht
rückwärts, sondern vorwärts gestürzt. Ausserdem sei er nicht auf weichen Boden,
sondern auf einen Steinhaufen mit Muschelkalksteinen geprallt (Suva-act. 47 Ziff. 1, act
G 1 Ziff. 1).
2.6.4.
Im Rahmen seiner Beurteilung vom 16. November 2020 (Suva-act. 38), auf
welche die Beschwerdegegnerin im angefochtenen Einspracheentscheid vom 14.
Dezember 2020 abstellt (Suva-act. 42), geht Dr. H._ in Kenntnis der Einsprache vom
8. November 2020 und in Übereinstimmung mit der Sachverhaltsschilderung des
Beschwerdeführers von einem Sturz auf die rechte Schulter mit Landung auf einem
Steinhaufen mit Muschelkalksteinen aus. Dem Umstand, ob der Beschwerdeführer nun
2.6.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/25
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vorwärts oder rückwärts auf die rechte Schulter gestürzt ist, scheint Dr. H._
offensichtlich und nachvollziehbarerweise keine Bedeutung beizumessen (Suva-act.
38). Entsprechend dem Unfallmechanismus - Sturz vorwärts oder rückwärts - ging Dr.
H._ jedenfalls überzeugend mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit von einem direkten Anpralltrauma aus, was auch der von Dr. C._
gestellten Diagnose einer Schulterkontusion rechts entspricht (Suva-act. 2 f., 6). Der
Beschwerdeführer selbst bestreitet ein direktes Anpralltrauma als Unfallmechanismus
ebenfalls nicht (vgl. Suva-act. 35, act. G 1, act. G 3 Ziff. 5.1). Die in der
Beschwerdeschrift geltend gemachten Scherwirkungen (Suva-act. G 1 Ziff. 2) und eine
damit verbundene Abscherverletzung kann gemäss den obgenannten
Sachverhaltsdarstellungen nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als erstellt
gelten. Für eine Überschreitung des maximal möglichen Rotationswinkels der Schulter
gibt es weder in den Akten Hinweise noch enthalten die Eingaben des
Beschwerdeführers Ausführungen zu einem entsprechenden Unfallhergang. Eine
Schulterluxation (vgl. Erwägung 2.6.1) gilt als äusserst schmerzhaft und ist leicht zu
diagnostizieren (vgl. dazu Debrunner, a.a.O., S. 721 f.). Es ist somit sehr
unwahrscheinlich, dass sie im Unfallzeitpunkt nicht erkannt worden wäre. Vorliegend
kann offenbleiben, ob ein Anpralltrauma bzw. eine Kontusion entsprechend der
genannten neueren wissenschaftlichen Literatur (vgl. Erwägung 2.6.1 f.) grundsätzlich
geeignet war, die ausgedehnte Rotatorenmanschettenläsion des Beschwerdeführers zu
verursachen. Dies, zumal der Unfallmechanismus laut bundesgerichtlicher
Rechtsprechung nur ein (wenn auch) bedeutsames Merkmal darstellt und - wie sich
aus den vorangehenden und der nachfolgenden Erwägung 2.7 ergibt - der
medizinische Sachverhalt auch hinsichtlich weiterer bedeutsamer Kriterien nicht mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit für eine traumatisch bedingte
Rotatorenmanschettenläsion spricht. Zumindest ist eine solche nicht wahrscheinlicher
als eine degenerativ bedingte Rotatorenmanschettenläsion.
Dr. H._ diskutiert in seiner Beurteilung vom 16. November 2020 insbesondere
auch den Gesamtzustand des rechten Schultergelenks des Beschwerdeführers und
hält diesbezüglich fest, dass mit der Arthro-MRI-Untersuchung vom 13. Dezember
2019 gravierende degenerative Veränderungen zur Darstellung gelangt seien, welche
zu ihrer Entstehung mindestens zwei bis drei Jahre benötigt hätten (Suva-act. 38). Der
Einbezug der Gesamtsituation eines Gelenks in die Beurteilung einer Unfallkausalität
erscheint schlüssig und überzeugend. Weist ein Gelenk umfassende, unstreitig
degenerative Veränderungen auf, sind diese häufig miteinander verbunden und stellen
insofern gegenseitige Begleitpathologien dar (vgl. dazu Debrunner, a.a.O., S. 579 ff., S.
724 ff.). So ist es verständlich, dass bei Vorliegen weiterer umfassender degenerativer
2.7.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/25
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Gesundheitsschäden, die Herauslösung einzelner Gesundheitsschäden und deren
Betrachtung als unabhängige, traumatisch bedingte Gesundheitsschäden ohne
konkreten Grund kein nachvollziehbares Ergebnis darstellt. Zumindest ist es nicht
wahrscheinlicher als eine durch Degeneration begünstigte Entwicklung.
Beim Beschwerdeführer zeigte die Arthro-MRI-Untersuchung vom 13. Dezember
2019 neben den Gesundheitsschäden im Bereich der Supraspinatus- und
Infraspinatussehne auch eine geringe Insertionstendinose der Subscapularissehne mit
Tendinose und leichter interstitieller Zerrung ansatznah im kranialen Abschnitt, eine
mässige superiore Labrumpathologie/SLAP-Läsion mit vorwiegend interstitieller
Aufsplitterung basisnah betont entlang der apikalen Zirkumferenz zwischen 11 und 1
Uhr sowie kleine basisnahe Einrisse ventro-kranial und dorso-kranial bei 2-3 Uhr bzw.
9-11 Uhr, eine mässige Tendinopathie (Tendinose, leichte interstitielle Partialruptur) der
langen Bizepssehne ursprungsnah betont im horizontalen Abschnitt, sowie eine
hypertrophe AC-Arthrose mit reaktivem Knochenmarködem und kleinzystischen
Veränderungen subchondral in der lateralen Klavikula (Suva-act. 4). Eine SLAP-Läsion
kann zwar die Folge eines vorangegangenen Traumas (insbesondere einer Luxation)
sein. Sie wird jedoch in der medizinischen Literatur auch als degenerativer
Gesundheitsschaden beschrieben (Debrunner, a.a.O., S. 722, 732, vgl. auch S. 975).
Zudem ist, wie in Erwägung 2.6.5 festgestellt, im konkreten Fall nicht von einem
Luxationstrauma auszugehen. Eine Tendinose bzw. Tendinopathie, wie sie in der
Arthro-MRI-Untersuchung bei der Subscapularissehne und der Bizepssehne erhoben
wurden, stellt sodann eine Entzündung der Sehne in Ansatznähe und damit
grundsätzlich ein krankheitsbedingtes Leiden dar, welches im Zusammenhang mit
einem degenerativen Prozess auftreten kann (vgl. Debrunner, a.a.O., S. 628;
Pschyrembel, a.a.O., S. 1782; Roche Lexikon, a.a.O., S. 1807 f.; <https:// gelenk-
klinik.de/Orthopaedie-glossar/tendinopathie.html>, abgerufen am 2. August 2021). Bei
einer AC-Gelenkarthrose handelt es sich sodann im Regelfall ebenfalls um einen
krankheitsbedingten bzw. degenerativen Gesundheitsschaden (Debrunner, a.a.O., S.
579 ff., 725, 733, 735; Pschyrembel, a.a.O., S. 152 f., 297; Roche Lexikon, a.a.O., S.
134, 280). Im Weiteren entnimmt Dr. H._ dem Arthro-MRI-Untersuchungsbericht
zutreffend, dass die Supraspinatus- und Infraspinatussehnenläsion jeweils begleitet
von einer erheblichen muskulotendinösen Retraktion und mittelgradigen Atrophie der
entsprechenden Muskelbäuche waren. Es fänden sich ein positives Zanetti-Zeichen
und eine Muskelverfettung des Musculus supraspinatus Grad III nach Goutallier (Suva-
act. 4, 38-3). Angesichts der dargelegten Befundsituation geht Dr. H._ beim
Beschwerdeführer - belegt auch durch die medizinische Literatur - einleuchtend von
2.7.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/25
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insgesamt gravierenden degenerativen Veränderungen aus. Laut Swiss Medical Forum
(S. 264) unterscheidet sich die Entwicklungsdauer der fettigen Infiltration danach, ob
eine traumabedingte oder eine allmählich fortschreitende Ausgangssituation vorliegt.
Bei einer traumabedingten Ausgangssituation und bei massiven Läsionen (zwei oder
mehr Sehnen) manifestiere sich die fettige Infiltration grundsätzlich schneller. Die
Entwicklungsdauer nach Symptombeginn bei einer fettigen Infiltration Grad III und IV
liege jedoch bei einer traumabedingten und bei einer allmählich fortschreitenden
Ausgangssituation zwischen 5 und 4 Jahren für die Supraspinatus- bzw.
Infraspinatussehne. Bei einem Patienten mit einer erheblichen fettigen Infiltration nach
Goutallier (Grad III und IV) habe sich demzufolge eine bereits vorbestehende, nun
dekompensierte Läsion entwickelt oder es sei zu einer akuten Vergrösserung einer
bereits vorbestehenden Läsion gekommen. Eine Verfettung der Muskelmasse Grad III
nach Goutallier wird offenbar generell einem degenerativen Prozess zugeschrieben
(Swiss Medical Forum, a.a.O., S. 265). Dass aus dem Retraktionsgrad der Sehnen
Hinweise auf die Ursache herausgelesen werden kann, ist sodann zwar in der Lehre
umstritten (vgl. Alexandra Jochner, Unterschiede zwischen chronisch degenerativen
und traumatischen Rupturen der Supraspinatussehne, 2016, S. 62 f., <https://
edoc.ub.uni-muenchen.de/20413/2/Jochner_Alexandra.pdf>, abgerufen am 2. August
2021). Die Beurteilung von Dr. H._, dass die weiteren umfassenden degenerativen
Veränderungen zu ihrer Entstehung mindestens zwei bis drei Jahre benötigten, d.h.
deutlich länger als sieben Monate (= der Zeitraum vom Unfalldatum bis zur
durchgeführten Arthro-MRI-Diagnostik der Schulter), ist jedoch angesichts der obigen
Darlegungen insgesamt ein nachvollziehbares Ergebnis. Zumindest ist in Bezug auf die
vorliegenden Rotatorenmanschettenläsionen ein traumatischer Gesundheitsschaden
nicht wahrscheinlicher als eine durch Degeneration begünstigte Entwicklung. In
Übereinstimmung mit Dr. H._ sprach im Übrigen auch Dr. F._ in seinem Bericht
vom 13. Januar 2020 angesichts der kernspintomograpisch erhobenen Befunde von
erheblichen Veränderungen mit fortgeschrittener muskulärer Degeneration,
insbesondere des Supraspinatus, geringgradig auch des Infraspinatus (Suva-act. 5).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Gesamtsituation des rechten
Schultergelenks des Beschwerdeführers ein weiteres, bedeutsames Indiz für eine
degenerativ bedingte Supraspinatus- und Infraspinatussehne darstellt.
2.7.2.
Dr. H._ weist in seiner Beurteilung vom 16. November 2020 zudem darauf hin,
dass in der Arthro-MRI-Bildgebung keine zusätzlichen strukturellen unfallkausalen
Läsionen wie beispielsweise Anzeichen eines Rest-Hämatoms, Narben im
Deltoideusmuskel, ein Gelenkerguss in der Schulter oder andere Hinweise für eine
2.8.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/25
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zusätzliche frische Schädigung der Rotatorenmanschette der rechten Schulter
erkennbar gewesen seien. Er folgert daraus schlüssig und überzeugend, dass damit
nicht von einer schweren Gewalteinwirkung auf die betroffene Schulter auszugehen sei,
die geeignet gewesen wäre, die diagnostizierten Läsionen der Rotatorenmanschette
hinreichend zu erklären (Suva-act. 38). Auch das Fehlen von mit einem Trauma häufig
vergesellschafteten Begleitverletzungen (vgl. dazu Debrunner, a.a.O., S. 125) fügt sich
mithin in das degenerative Bild ein.
Der Umstand, dass der Beschwerdeführer angeblich vor dem Unfall vollständig
gesund gewesen sei, beruht auf dem für den Nachweis einer unfallkausalen
Schädigung nicht massgebenden Grundsatz "post hoc ergo propter hoc". Die rein
zeitliche Abfolge beinhaltet keine Aussage zur Kausalität, denn der zeitliche Aspekt
besitzt keine wissenschaftlich genügende Erklärungskraft. Andernfalls würde man sich
mit dem blossen Anschein des Beweises bzw. mit der blossen Möglichkeit begnügen
und davon ausgehen, dass eine gesundheitliche Schädigung schon dann durch den
Unfall verursacht sei, wenn sie nach diesem auftrat (Kieser, N 69 zu Art. 4 ATSG; Alfred
Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. 1989, S. 460 N 1205; SVR
2009 UV Nr. 13 [8C_590/2007], S. 52 E. 7.2.4 mit weiteren Hinweisen; BGE 119 V 340
E. 2b/bb).
2.9.
Damit steht mit dem im Sozialversicherungsrecht geforderten Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass beim Beschwerdeführer sowohl eine
durch den Unfall vom 23. Mai 2019 verursachte neue, bleibende
Gesundheitsschädigung im Sinn einer strukturellen Veränderung als auch eine
richtunggebende Verschlimmerung eines degenerativen Vorzustandes auszuschliessen
ist. Genauso wie eine unfallbedingte Rotatorenmanschettenläsion als objektiviert gilt,
wenn diese durch einen entsprechenden apparativen/bildgebenden
Untersuchungsbefund erhoben wird bzw. bestätigt werden kann (vgl. Erwägung 2.1),
gilt dies grundsätzlich für eine richtunggebende Verschlimmerung eines Vorzustandes,
bei einer Arthrose beispielsweise in Form eines höheren Schweregrades oder bei einer
vorbestehenden Ruptur in Form einer Vergrösserung des ersten Risses. Eine
unfallkausale richtunggebende Verschlimmerung wird jedoch in den medizinischen
Akten nirgends explizit diskutiert. Für eine solche ist bei der umfassenden
degenerativen Problematik des Beschwerdeführers im rechten Schultergelenk auch
kaum Raum gegeben. Sie dürfte aus denselben Gründen, wie sie in Erwägung 2.5 in
Bezug auf das Nichtvorliegen einer primären strukturellen Rotatorenmanschettenläsion
dargelegt worden sind, ausser Betracht fallen.
2.10.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/25
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3.
Wie bereits erwähnt (vgl. Erwägung 2.3), kann ein Vorzustand durch einen Unfall
ausgelöst oder vorübergehend verschlimmert werden. So kann eine Kontusion der
Schulter ohne Weiteres einen bisher stummen degenerativen Vorzustand der
Rotatorenmanschette bzw. des AC-Gelenks symptomatisch machen. In diesem Fall
übernimmt der Unfallversicherer die Leistungen bis zur Heilung des durch ein
Unfallereignis ausgelösten Beschwerdeschubs (Rumo-Jungo, a.a.O., S. 54).
3.1.
Bei der Kontusion handelt es sich, wie bereits erwähnt, um eine
Weichteilverletzung, welche - wie im konkreten Fall - nicht von einer strukturellen
Läsion begleitet sein muss, die jedoch in gewissen Fällen anhand klinischer Befunde
objektiviert werden kann (vgl. Debrunner, a.a.O., S: 412; Roche Lexikon, a.a.O., S. 357;
vgl. Erwägung 2.3). Es ist eine medizinische Erfahrungstatsache, dass
Weichteilverletzungen wie Kontusionen normalerweise innert kurzer Zeit abheilen und
sich die damit verbundenen Beschwerden gänzlich zurückbilden (vgl. Debrunner,
a.a.O., S. 412). Insofern geht eine vorübergehende Verschlimmerung eines Vorzustands
im Bereich der Schulter im Regelfall mit einer stetigen Besserung des unfallkausalen
Beschwerdeanteils einher. Die medizinische Erfahrungstatsache darf im Rahmen des
im Sozialversicherungsrecht zur Anwendung gelangenden
Wahrscheinlichkeitsbeweises berücksichtigt werden (Locher/Gächter, a.a.O., § 70 N.
58 f.). Dies hat insbesondere für den Nachweis des Dahinfallens natürlich kausaler
Unfallfolgen zu gelten, bei dem es sich um einen hypothetischen Zustand handelt,
welcher sich häufig nur mit Erfahrungswerten bestimmen lässt (Urteil des EVG vom 18.
September 2002, U 60/02, E. 2.2.). Fortdauernde Beschwerden werden also auch ohne
Veränderung bzw. Besserung der klinischen Befundsituation ab einem bestimmten
Datum aufgrund der obgenannten medizinischen Erfahrungstatsache eben nicht mehr
dem Unfall angelastet. Dass damit der Zeitpunkt der Leistungseinstellung ein Stück
weit theoretisch bleibt, versteht sich aus der Sache selbst bzw. ergibt sich aus der
mangelnden Wahrnehmbarkeit der Verletzung. Medizinische Erfahrungssätze beziehen
sich auf den Regelfall, d.h. auf medizinische Sachverhalte, die sich im konkreten Fall
gleich dargestellt haben. Eine Ausnahme von der Regel ist grundsätzlich nicht
ausgeschlossen, doch muss sie sich eben als solche präsentieren. Konnten spezifische
Kontusionsfolgen objektiviert werden, übernimmt der Unfallversicherer
selbstverständlich die Leistungen bis zur Heilung dieser spezifischen Kontusionsfolgen,
d.h. bis zum Status quo ante (BSK UVG-Hofer, N 71 zu Art. 6; KOSS UVG-Nabold, N
54 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 54).
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 23/25
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Dr. H._ geht in seinen Beurteilungen vom 22. Oktober und 16. November 2020
davon aus, dass das Unfallereignis vom 23. Mai 2019 mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu einer vorübergehenden Verschlimmerung des
erheblich degenerativen Vorzustandes der Rotatorenmanschette der rechten Schulter
geführt habe. Spätestens sechs Monate nach dem Unfallereignis sei die
physiotherapeutische Behandlung jedoch nicht mehr den Unfallfolgen geschuldet
gewesen (Suva-act. 17, 38).
3.3.
Die kreisärztliche Beurteilung erscheint angesichts des in Erwägung 3.2
dargelegten Erfahrungssatzes ohne Weiteres plausibel und überzeugend. Gemäss dem
Arztzeugnis UVG vom 16. September 2020 hatte der Beschwerdeführer anlässlich der
Erstbehandlung vom 24. Mai 2019 durch Dr. C._ angegeben, Schmerzen bei Ruhe
gehabt zu haben. In der klinischen Untersuchung erhob Dr. C._ als Befunde
Schmerzen bei Elevation ab 15o und bei Anteversion ab 20o sowie eine Druckdolenz im
Subacromialraum (vgl. Suva-act. 14). Abgesehen von diesen Befunden hat Dr. C._
offenbar jedoch im Rahmen der Erstbehandlung keine weiteren typischen Befunde für
eine Kontusion wie Hämatome und Schwellungen erhoben (vgl. Erwägung 2.3), welche
auf eine namhafte Krafteinwirkung auf die rechte Schulter hinweisen und damit für eine
längere Heilungsdauer sprechen würden. Visuell sichtbare Befunde wären - anders als
die Angaben von Schmerzen - zumindest ein objektivierbarer Hinweis auf ein
schwereres Trauma gewesen. Wie in Erwägung 2.8 dargelegt, konnten sodann
insbesondere auch radiologisch keine häufig mit einer erheblichen Gewalteinwirkung
vergesellschafteten Begleitverletzungen festgestellt werden. Aufgrund der initialen
Beschwerde- und Befundsituation drängt sich mithin eine Ausnahme von der Regel
nicht auf (vgl. Erwägung 3.4).
3.3.1.
Die von Dr. H._ festgelegte Heilungsdauer überzeugt insbesondere auch mit
Blick auf den in Erwägung 2.5.2 dargelegten zeitlichen Ablauf. Im Arztzeugnis UVG
vom 16. September 2020 hielt Dr. C._ fest, dass initial unter NSAR (Tilur) und dann
noch Physiotherapie eine konstante Besserung des Bewegungsumfangs habe
herbeigeführt werden können und weniger Schmerzen bestanden hätten (Suva-act.
14). Die nächsten nach der Erstbehandlung vom 24. Mai 2019 dokumentierten
Arztkonsultationen datieren erst wieder vom Dezember 2019 bei Dr. C._ (Suva-act.
14-2) und vom Januar 2020 bei Dr. F._ (Suva-act. 5). Ärztliche Behandlungen und
Konsultationen sind somit während mehreren Monaten nicht aktenkundig und waren
offenbar medizinisch und aus Sicht des Beschwerdeführers und von dessen Befinden
her auch nicht erforderlich. Aufgrund des Gesagten ist insgesamt vor den erneuten
Arztkonsultationen - zumindest in Bezug auf die Kontusionsverletzung - von einer
3.3.2.
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4.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist der Einspracheentscheid vom 14. Dezember
2020 nicht zu beanstanden. Die dagegen erhobene Beschwerde ist im Sinn der
vorstehenden Erwägungen abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61
lit. f ATSG). Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.