Decision ID: 5f4e4b33-bfe5-4ff8-97e9-8e2a59cbb39a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Mit Eingabe vom 29. Oktober 2019 wandte sich die Agencia Tributaria,
Oficina Nacional de Investigación del Fraude, Equipo Central de Informa-
ción (nachfolgend: AT) an die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV)
und stellte ein Amtshilfeersuchen betreffend die Inhaberin oder den Inha-
ber der Bankkarte Nr. (...) (nachfolgend: betroffene Person).
Sie ersuchte die ESTV um folgende Informationen betreffend den Zeitraum
vom (...) bis (...):
Full details (name, family name, date of birth, address and, where appropriate,
Spanish TIN) of the identity of the individual registered as holder of the bank
card number (...).
ldentification of the bank account linked to the above mentioned bank card.
Full details (name, family name, date of birth, address and, where appropriate,
Spanish TIN) of the identity of the individuals registered as holders and/or ben-
eficial owners of the bank account linked to the above mentioned bank card.
ldentification of any other bank account that may be registered under the name
of any of the above mentioned individuals.
A.b In Bezug auf den Sachverhalt führte die AT aus, dass eine Untersu-
chung zu Transaktionen mittels ausländischer Bankkarten, mit denen in
Spanien vor allem Bargeld von (...) abgehoben wurde, durchgeführt werde.
Die Bankkarte Nr. (...), ausgestellt von der (...) (nachfolgend: B._), sei
in diesem Zusammenhang identifiziert worden. Es seien damit regelmässig
Geldbeträge in der Region (...) abgehoben worden. Die Häufigkeit der Ab-
hebungen, die Höhe der Beträge (insgesamt EUR [...]) sowie die Tatsache,
dass die Karte nie in spanischen Geschäften oder Restaurants gebraucht
wurde, liessen den Verdacht entstehen, dass die betroffene Person ihren
steuerrechtlichen Wohnsitz in Spanien habe.
Die AT habe alle verfügbaren innerstaatlichen Mittel ausgeschöpft, um an
die angeforderten Informationen zu gelangen.
Falls die betroffene Person tatsächlich ihren Wohnsitz in Spanien habe,
unterliege sie in Bezug auf ihr weltweites Einkommen und Vermögen der
spanischen Einkommens- und Vermögenssteuer. Damit seien die gefor-
derten Informationen voraussichtlich erheblich für die Durchsetzung der
spanischen Steuergesetze.
A-1783/2020
Seite 3
B.
B.a Mit Editionsverfügung vom 8. November 2019 forderte die ESTV die
B._ dazu auf, ihr die ersuchten Informationen zuzustellen und die im
Ausland ansässige betroffene Person über das laufende Amtshilfeverfah-
ren zu informieren.
B.b Mit Schreiben vom 19. November 2019 lieferte die B._ einen Teil
der geforderten Informationen und teilte der ESTV mit, dass das Aufladen
der in Frage stehenden Prepaid-Karte über ein bei ihrem Vertriebspartner,
der (...) in (...) (nachfolgend: C._), geführtes Konto abgebucht werde.
Dem Schreiben beigelegt war eine Kopie des eingeschriebenen Briefes,
mit welchem die B._ die betroffene Person über das Amtshilfeverfah-
ren informierte, jedoch ohne Zustellungsnachweis.
C.
C.a Mit Editionsverfügung vom 22. November 2019 forderte die ESTV die
C._ dazu auf, ihr die übrigen ersuchten Informationen zuzustellen und
die im Ausland ansässige betroffene Person über das laufende Amtshilfe-
verfahren zu informieren.
C.b Mit Schreiben vom 5. Dezember 2019 lieferte die C._ der ESTV
die geforderten Informationen und wies darauf hin, dass sie die betroffene
Person telefonisch sowie per E-Mail über das Amtshilfeverfahren informiert
habe.
D.
Am 17. Dezember 2019 informierte die ESTV die betroffene Person mittels
Publikation im Bundesblatt über das Amtshilfeersuchen und setzte ihr eine
Frist von 10 Tagen zur Bezeichnung einer zur Zustellung bevollmächtigten
Person in der Schweiz.
E.
E.a Mit E-Mail vom 17. Dezember 2019 teilte der Rechtsvertreter der be-
troffenen Person der ESTV mit, dass er mit der Interessenwahrung betraut
worden sei und bat um Akteneinsicht.
E.b Mit Schreiben vom 31. Dezember 2019 gewährte die ESTV der be-
troffenen Person bzw. ihrem Rechtsvertreter Akteneinsicht und setzte ihr
eine Frist bis zum 13. Januar 2020, um zur beabsichtigten Übermittlung
der Informationen Stellung zu nehmen.
A-1783/2020
Seite 4
F.
Mit Schlussverfügung vom 23. Januar 2020 hielt die ESTV fest, dass der
AT Amtshilfe in Bezug auf die betroffene Person geleistet werde. Diese
Verfügung wurde durch die Wiedererwägungsverfügung vom 26. Februar
2020 ersetzt, mit welcher die ESTV ebenfalls festhielt, dass der AT Amts-
hilfe in Bezug auf die betroffene Person geleistet werde, jedoch die gemäss
Ziff. 2 Bst. d der Schlussverfügung zu übermittelnden Informationen korri-
gierte.
G.
G.a Mit Eingabe vom 30. März 2020 beantragte die betroffene Person
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) beim Bundesverwaltungsgericht die
Wiederherstellung der Frist zur Einreichung einer Beschwerde gegen die
Wiedererwägungsverfügung vom 26. Februar 2020.
G.b Mit Verfügung vom 2. April 2020 hielt das Bundesverwaltungsgericht
fest, dass die Beschwerdefrist soweit ersichtlich eingehalten und ein Be-
schwerdewille ersichtlich sei, aber die Voraussetzungen, die das Bundes-
gesetz vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (Verwal-
tungsverfahrensgesetz, VwVG, SR 172.021) in Art. 52 VwVG an eine Be-
schwerde stelle, nicht erfüllt seien. Es forderte die Beschwerdeführerin
dazu auf, bis zum 4. Mai 2020 eine Beschwerdeverbesserung einzu-
reichen.
H.
Mit Beschwerde vom 4. Mai 2020 beantragt die Beschwerdeführerin, die
Wiederwägungsverfügung vom 26. Februar 2020 sei aufzuheben und auf
das Amtshilfeersuchen vom 29. Oktober 2019 sei nicht einzutreten. Even-
tualiter sei die Wiedererwägungsverfügung aufzuheben und das Amtshil-
feersuchen vom 29. Oktober 2019 abzuweisen, alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zzgl. Mehrwertsteuer zulasten der Vorinstanz.
In prozessualer Hinsicht beantragt die Beschwerdeführerin die Ansetzung
einer «Nachfrist von vorerst 40 Tagen», um die in der Beschwerdeschrift
vorgebrachte Begründung zu ergänzen.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 6. Mai 2020 wies das Bundesverwaltungsge-
richt den prozessualen Antrag zur Ansetzung einer Nachfrist ab.
J.
Mit Vernehmlassung vom 18. Juni 2020 beantragt die ESTV (nachfolgend:
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Seite 5
Vorinstanz), auf die «Beschwerde vom 30. März 2020 bzw. 4. Mai 2020»
sei nicht einzutreten. Eventualiter sei diese kostenpflichtig abzuweisen.
Auf die detaillierten Vorbringen der Verfahrensbeteiligten und die einge-
reichten Akten wird, soweit entscheidwesentlich, im Rahmen der folgenden
Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Dem vorliegenden Verfahren liegt ein Amtshilfeersuchen der AT ge-
stützt auf das Abkommen vom 26. April 1966 zwischen der Schweizeri-
schen Eidgenossenschaft und Spanien zur Vermeidung der Doppelbesteu-
erung auf dem Gebiete der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen
(SR 0.672.933.21; nachfolgend: DBA CH-ES) zugrunde. Die Durchführung
der mit diesem Abkommen vereinbarten Bestimmungen richtet sich nach
dem Bundesgesetz vom 28. September 2012 über die internationale Amts-
hilfe in Steuersachen (Steueramtshilfegesetz, StAhiG, SR 651.1). Vorbe-
halten bleiben abweichende Bestimmungen des im vorliegenden Fall an-
wendbaren DBA CH-ES (Art. 1 Abs. 2 StAhiG).
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Beurteilung von Beschwerden
gegen Schlussverfügungen der ESTV betreffend die Amtshilfe gestützt auf
das DBA CH-ES zuständig (vgl. Art. 19 Abs. 5 StAhiG i.V.m. Art. 31 – 33
des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesverwaltungsge-
richt [Verwaltungsgerichtsgesetz, VGG, SR 173.32]). Das Verfahren vor
diesem Gericht richtet sich dabei nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz,
soweit das VGG oder das StAhiG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG
und Art. 19 Abs. 5 StAhiG). Die Zuständigkeit des Bundesverwaltungsge-
richts zur Behandlung der Beschwerde ist somit gegeben.
1.3 Die Beschwerdeführerin hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom-
men und ist mit Blick auf die sie betreffenden, gemäss der angefochtenen
Schlussverfügung an die AT zu übermittelnden Informationen materiell be-
schwert. Sie ist damit und als Adressatin der angefochtenen Verfügung zur
Beschwerdeführung berechtigt (vgl. Art. 19 Abs. 2 StAhiG i.V.m. Art. 48
Abs. 1 VwVG).
1.4 Zunächst ist zu prüfen, ob die vorliegende Beschwerde frist- und form-
gerecht eingereicht wurde:
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Seite 6
1.4.1 Die Vorinstanz beantragt in der Vernehmlassung vom 18. Juni 2020,
auf die Beschwerde vom 30. März 2020 bzw. 4. Mai 2020 sei nicht einzu-
treten. Die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin habe mit Eingabe
vom 30. März 2020 die Wiederherstellung der Frist zur Einreichung einer
Beschwerde gegen die Wiedererwägungsverfügung vom 26. Februar 2020
beantragt und dies unter anderem mit der COVID-19 Pandemie und dem
damit verbundenen weltweiten Ausnahmezustand begründet. Vorliegend
seien aber die formellen Voraussetzungen für einen Antrag zur Fristwieder-
herstellung nicht erfüllt gewesen, da die Eingabe binnen Rechtsmittelfrist
eingereicht worden sei. Der Vertreter der Beschwerdeführerin habe zudem
vor Eintreten des Ausnahmezustands ausreichend Zeit gehabt, um die Be-
schwerde auszuarbeiten.
1.4.2 Gemäss Art. 52 Abs. 1 VwVG hat die Beschwerdeschrift die Begeh-
ren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift
des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; die Ausferti-
gung der angefochtenen Verfügung und die als Beweismittel angerufenen
Urkunden sind beizulegen, soweit der Beschwerdeführer sie in Händen
hat. Genügt die Beschwerde diesen Anforderungen nicht oder lassen die
Begehren des Beschwerdeführers oder deren Begründung die nötige Klar-
heit vermissen und stellt sich die Beschwerde nicht als offensichtlich unzu-
lässig heraus, so räumt die Beschwerdeinstanz dem Beschwerdeführer
eine kurze Nachfrist zur Verbesserung ein (Art. 52 Abs. 2 VwVG). Sie ver-
bindet die Nachfrist mit der Androhung, nach unbenutztem Fristablauf auf
Grund der Akten zu entscheiden oder, wenn Begehren, Begründung oder
Unterschrift fehlen, auf die Beschwerde nicht einzutreten (Art. 52 Abs. 3
und Art. 23 erster Satz VwVG).
Die Ansetzung einer Nachfrist soll die Formenstrenge dort mildern, wo sie
sich nicht durch schutzwürdige Interessen rechtfertigen lässt. Es handelt
sich dabei um eine Verpflichtung, welcher die Rechtsmittelbehörde zwin-
gend nachzukommen hat, bzw. um einen Anspruch der Beschwerdeführe-
rin. Unterlässt es eine Behörde zu Unrecht, der Beschwerdeführerin die
Möglichkeit einer Verbesserung einzuräumen, kann die nächsthöhere In-
stanz wegen überspitztem Formalismus bzw. formeller Rechtsverweige-
rung angerufen werden (Urteile des BGer 2C_496/2021 vom 30. Novem-
ber 2021 E. 4.3; 1C_380/2005 vom 19. Mai 2008 E. 2.4; 1P.254/2005 vom
30. August 2005 E. 2; Urteil des BVGer A-174/2020 vom 2. Februar 2021
E. 2.3). Ein Nichteintretensentscheid gemäss Art. 52 Abs. 3 VwVG darf nur
gefällt werden, wenn auch nach Ablauf der Nachfrist Begehren, Begrün-
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Seite 7
dung oder Unterschrift immer noch fehlen und diese Rechtsfolge bei An-
setzung der Nachfrist angedroht wurde (Urteil des BGer 9C_553/2008 vom
6. Juli 2009 E. 2.2; Urteil des BVGer A-174/2020 vom 2. Februar 2021
E. 2.3.2).
Die Aufforderung zur Verbesserung der Beschwerde kommt freilich nur
dann in Betracht, wenn überhaupt eine – gegebenenfalls mangelhafte –
Beschwerde vorliegt. Damit eine Eingabe als Beschwerde qualifiziert wer-
den kann, muss daraus der klare Wille einer individualisierten Person her-
vorgehen, als Beschwerdeführende aufzutreten und die Änderung einer
bestimmten, sie betreffenden und mittels Verfügung geschaffenen Rechts-
lage anzustreben (Urteil des BGer 2C_770/2021 vom 19. Oktober 2021
E. 2.2 und 2.3).
1.4.3 Aus der innert gesetzlicher Beschwerdefrist beim Bundesverwal-
tungsgericht eingegangenen Eingabe vom 30. März 2020 geht ein Be-
schwerdewille hervor. Die Beschwerde stellt sich auch nicht als offensicht-
lich unzulässig heraus. Das Bundesverwaltungsgericht war demnach ver-
pflichtet, der Beschwerdeführerin eine kurze Nachfrist einzuräumen (vgl.
E. 1.4.2), was es mit Verfügung vom 2. April 2020 auch tat (vgl. Sachver-
halt G.b). Aufgrund der damals aktuellen Situation («Corona») wurde die
praxisgemässe Frist von 5 Tagen ausnahmsweise auf 30 Tage verlängert.
Die Beschwerdeführerin reichte innerhalb der angesetzten Nachfrist eine
verbesserte, nunmehr formgerechte Beschwerde ein. Die Beschwerde
wurde somit form- und fristgerecht eingereicht (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52
Ab. 1 VwVG).
1.4.4 Auf die Beschwerde ist demnach einzutreten.
1.5 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid in
vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführerin kann neben der Ver-
letzung von Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG) und der unrichtigen oder
unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts (Art. 49
Bst. b VwVG) auch die Unangemessenheit rügen (Art. 49 Bst. c VwVG).
2.
2.1
2.1.1 Staatsvertragliche Grundlage für die Leistung von Amtshilfe in Steu-
ersachen gegenüber Spanien ist vorliegend Art. 25bis DBA CH-ES sowie
Ziff. IV des dazugehörigen Protokolls vom 29. Juni 2006 (nachfolgend:
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Protokoll zum DBA CH-ES). Die aktuell geltenden Fassungen sind diejeni-
gen gemäss Art. 9 bzw. Art. 10-12 des Protokolls vom 27. Juli 2011 zwi-
schen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Königreich Spa-
nien zur Änderung des Abkommens zur Vermeidung der Doppelbesteue-
rung auf dem Gebiete der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen
(AS 2013 2367, nachfolgend: Änderungsprotokoll vom 27. Juli 2011).
Diese sind am 24. August 2013 in Kraft getreten und auf das vorliegende
Amtshilfeersuchen, welches Einkommens- und Vermögenssteuern für das
Jahr (...) betrifft, anwendbar (vgl. Art. 13 Abs. 2 Bst. [iii] des Änderungs-
protokolls vom 27. Juli 2011).
2.1.2 Artikel 25bis DBA CH-ES entspricht weitgehend dem Wortlaut von Ar-
tikel 26 des OECD-Musterabkommens (vgl. Botschaft des Bundesrats vom
23. November 2011 zur Genehmigung eines Protokolls zur Änderung des
Doppelbesteuerungsabkommens vom 26. April 1966 zwischen der
Schweiz und Spanien auf dem Gebiete der Steuern vom Einkommen und
vom Vermögen, BBl 2011 9153 9160). Gemäss Art. 25bis Abs. 1 DBA CH-
ES tauschen die zuständigen Behörden der Vertragsstaaten diejenigen In-
formationen aus, die zur Durchführung des Abkommens oder zur Anwen-
dung oder Durchsetzung des innerstaatlichen Rechts über Steuern jeder
Art und Bezeichnung, die für Rechnung der Vertragsstaaten, ihrer politi-
schen Unterabteilungen oder lokalen Körperschaften erhoben werden, vor-
aussichtlich erheblich sind, soweit die diesem Recht entsprechende Be-
steuerung nicht dem Abkommen widerspricht. Dabei ist der Informations-
austausch nicht durch Art. 1 DBA CH-ES (persönlicher Geltungsbereich)
und Art. 2 DBA CH-ES (unter das Abkommen fallende Steuern) einge-
schränkt.
2.2 Die formellen Voraussetzungen für Amtshilfebegehren gestützt auf das
DBA CH-ES sind in Ziff. IV Abs. 2 des Protokolls zum DBA CH-ES gere-
gelt. Demnach besteht Einvernehmen darüber, dass die Steuerbehörden
des ersuchenden Staats bei der Stellung eines Amtshilfebegehrens nach
Artikel 25bis den Steuerbehörden des ersuchten Staats die nachstehenden
Angaben zu liefern haben:
a) die Identität der in eine Überprüfung oder Untersuchung einbezoge-
nen Person;
b) die Zeitperiode, für welche die Informationen verlangt werden;
c) eine Beschreibung der verlangten Informationen sowie Angaben
hinsichtlich der Form, in der der ersuchende Staat diese Informatio-
nen vom ersuchten Staat zu erhalten wünscht;
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d) den Steuerzweck, für den die Informationen verlangt werden;
e) soweit bekannt, den Namen und die Adresse des mutmasslichen In-
habers der verlangten Informationen.
2.3 Gemäss Art. 25bis Abs. 1 DBA CH-ES tauschen die zuständigen Behör-
den der Vertragsstaaten diejenigen Informationen aus, die zur Durchfüh-
rung des Abkommens oder zur Anwendung oder Durchsetzung des inner-
staatlichen Rechts über Steuern jeder Art und Bezeichnung voraussichtlich
erheblich sind.
2.3.1 Gemäss Ziff. IV Abs. 3 des Protokolls zum DBA CH-ES besteht Ein-
vernehmen darüber, dass der Zweck der Verweisung auf Informationen,
die voraussichtlich erheblich sind, darin besteht, einen möglichst weitge-
henden Informationsaustausch in Steuerbelangen zu gewährleisten, ohne
den Vertragsstaaten zu erlauben, «fishing expeditions» zu betreiben oder
um Informationen zu ersuchen, deren Erheblichkeit hinsichtlich der Steu-
erbelange einer bestimmten steuerpflichtigen Person unwahrscheinlich ist.
Ziff. IV Abs. 2 des Protokolls sieht zwar wichtige verfahrenstechnische Vor-
aussetzungen für die Vermeidung von «fishing expeditions» vor; seine
Buchstaben a–e sind jedoch nicht so auszulegen, dass sie einen wirksa-
men Informationsaustausch behindern.
2.3.2 Die voraussichtliche Erheblichkeit von geforderten Unterlagen oder
Auskünften bezieht sich auf die Erhebung der Steuer durch den ersuchen-
den Staat (BGE 141 II 436 E. 4.4.3). Sie muss sich bereits aus dem Amts-
hilfegesuch ergeben (vgl. BGE 143 II 185 E. 3.3.2; 141 II 436 E. 4.4.3; Ur-
teil des BVGer A-2725/2019 vom 25. Februar 2020 E. 2.4.3, je mit Hinwei-
sen). Dem «voraussichtlich» kommt eine doppelte Bedeutung zu. Zum ei-
nen bezieht es sich darauf, dass der ersuchende Staat die Erheblichkeit
voraussehen und diese dem Amtshilfegesuch zu entnehmen sein muss,
wobei im Einklang mit dem völkerrechtlichen Vertrauensprinzip (vgl. nach-
folgend E. 2.5) vermutet wird, dass der ersuchende Staat nach Treu und
Glauben handelt. Zum anderen sind nur solche Informationen zu übermit-
teln, die voraussichtlich erheblich sind (vgl. zum Ganzen statt vieler: BGE
143 II 185 E. 3.3.2 mit Hinweisen).
2.3.3 Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit ist erfüllt,
wenn im Zeitpunkt der Gesuchstellung eine vernünftige Möglichkeit be-
steht, dass sich die angefragten Angaben als erheblich erweisen werden
(BGE 144 II 206 E. 4.3; 143 II 185 E. 3.3.2). Hingegen spielt es keine Rolle,
wenn sich – einmal beschafft – herausstellt, dass die Informationen nicht
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Seite 10
relevant sind. Es liegt nicht am ersuchten Staat, ein Ersuchen oder die
Übermittlung von Auskünften zu verweigern, weil er der Meinung ist, es
fehle an der Erheblichkeit der Anfrage oder der dieser zugrundeliegenden
Überprüfung. Die ersuchte Behörde hat somit nicht zu entscheiden, ob der
im Amtshilfegesuch dargestellte Sachverhalt gänzlich der Realität ent-
spricht, sondern muss nur überprüfen, ob die ersuchten Informationen ei-
nen Bezug zu diesem Sachverhalt haben und ob sie möglicherweise dazu
geeignet sind, im ausländischen Verfahren verwendet zu werden (BGE 144
II 29 E. 4.2.2; 143 II 185 E. 3.3.2; 142 II 161 E. 2.1 ff.). Der ersuchte Staat
kann Auskünfte daher nur verweigern, wenn ein Zusammenhang zwischen
den verlangten Angaben und der Untersuchung wenig wahrscheinlich bzw.
unwahrscheinlich erscheint (BGE 143 II 185 E. 3.3.2; 141 II 436 E. 4.4.3).
Die Beurteilung der voraussichtlichen Erheblichkeit der Informationen
kommt demnach in erster Linie dem ersuchenden Staat zu. Der Begriff (der
voraussichtlichen Erheblichkeit) bildet dabei eine nicht sehr hohe Hürde für
ein Amtshilfeersuchen (BGE 143 II 185 E. 3.3.2; 142 II 161 E. 2.1.1).
2.3.4 Soweit die Behörden des ersuchenden Staates verpflichtet sind, den
massgeblichen Sachverhalt darzulegen, kann von ihnen nicht erwartet
werden, dass sie dies bereits lückenlos und völlig widerspruchsfrei tun.
Dies wäre mit dem Sinn und Zweck der Amtshilfe (wie mit jenem der
Rechtshilfe) nicht vereinbar, sollen doch aufgrund von Informationen und
Unterlagen, die sich im ersuchten Staat befinden, bisher im Dunkeln ge-
bliebene Punkte erst noch geklärt werden (vgl. BGE 142 II 161 E. 2.1.1;
BVGE 2011/14 E. 2; statt vieler: Urteil des BVGer A-4144/2018 vom
28. Mai 2019 E. 2.1.7). Daher verlangt die Rechtsprechung von der ersu-
chenden Behörde nicht den strikten Beweis des Sachverhalts, sondern sie
muss nur (aber immerhin) hinreichende Verdachtsmomente für dessen
Vorliegen dartun (BGE 139 II 451 E. 2.1 und E. 2.2.1; 139 II 404 E. 7.2.2;
Urteil des BVGer A-4144/2018 vom 28. Mai 2019 E. 2.1.7).
2.4
2.4.1 Einem Amtshilfeersuchen fehlt es namentlich dann an der voraus-
sichtlichen Erheblichkeit, wenn es zur Beschaffung von Beweismitteln aufs
Geratewohl und ohne konkreten Zusammenhang zu laufenden Steuerver-
fahren gestellt wird (BGE 146 II 150 E. 6.1.2). Das Verbot der Beweisaus-
forschung ist Ausdruck des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes. Es sollen
soweit als möglich relevante Informationen ausgetauscht werden können,
ohne dass ein Vertragsstaat «fishing expeditions» eines anderen Staates
unterstützen oder Informationen liefern muss, deren Relevanz unwahr-
scheinlich ist (BGE 144 II 206 E. 4.2; Urteil des BVGer A-4987/2021 vom
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Seite 11
20. Mai 2022 E. 2.2.1 mit weiteren Hinweisen). Art. 7 Bst. a StAhiG sieht –
in Umsetzung des Verbots der «fishing expeditions» – vor, dass auf Ersu-
chen nicht eingetreten wird, wenn diese zum Zweck der Beweisausfor-
schung gestellt wurden.
2.4.2 Um bei Gruppenersuchen, welche die betroffenen Personen nicht na-
mentlich identifizieren, unzulässige Beweisausforschungen, d.h. «fishing
expeditions», auszuschliessen, ist nach der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung verlangt (BGE 143 II 136 E. 6.1.2), dass die ersuchende Be-
hörde in ihrem Ersuchen
(i) eine detaillierte Beschreibung der Gruppe geben, welche die spezifi-
schen Tatsachen und Umstände beschreibt, die zum Ersuchen geführt
haben;
(ii) das anwendbare (Steuer-)Recht erläutern und aufzeigen, weshalb
Gründe vorliegen, welche annehmen lassen, die Steuerpflichtigen in der
Gruppe hätten ihre Verpflichtungen nicht erfüllt, d.h. das Steuerrecht
verletzt; und
(iii) aufzeigen, dass die eingeforderten Informationen zur Erfüllung der
Verpflichtungen der Steuerpflichtigen der Gruppe führen können.
Diese Kriterien gelten aus Kohärenzgründen nicht nur für die ursprünglich
ins Auge gefassten Gruppenersuchen nach Art. 3 Bst. c StAhiG, sondern
finden nach der Rechtsprechung ebenfalls auf sog. Listenersuchen Anwen-
dung (vgl. BGE 146 II 150 E. 6.1.3; 143 II 628 E. 5.1). Als Listenersuchen
bezeichnet werden Ersuchen, die eine Mehrzahl von Personen betreffen
und welche die betroffenen Personen namentlich oder mittels einer Liste
mit Nummern – etwa Kreditkarten- oder Bankkontonummern – identifizie-
ren (BGE 146 II 150 E. 4.3).
2.5
2.5.1 Ein wichtiges Element in der internationalen Behördenzusammenar-
beit bildet der Grundsatz, wonach – ausser bei offenbarem Rechtsmiss-
brauch oder bei berechtigten Fragen im Zusammenhang mit den in Art. 7
StAhiG genannten Konstellationen – prinzipiell kein Anlass besteht, an
Sachverhaltsdarstellungen und Erklärungen anderer Staaten zu zweifeln
(sog. völkerrechtliches Vertrauensprinzip; BGE 146 II 150 E. 7; 144 II 206
E. 4.4; 143 II 224 E. 6.3, je mit weiteren Hinweisen; Urteil des BVGer
A-2175/2021 vom 22. September 2021 E. 2.3). Auf diesem Vertrauen
gründet letztlich das ganze Amtshilfeverfahren. Die Vermutung des guten
Glaubens kann nur aufgrund konkreter, nachgewiesener Anhaltspunkte
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umgestossen werden (vgl. BGE 146 II 150 E. 7.1; 144 II 206 E. 4.4). Dem-
entsprechend ist die ESTV an die Darstellung des Sachverhalts im Ersu-
chen insoweit gebunden, als diese nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lü-
cken oder Widersprüche sofort entkräftet werden kann (vgl. BGE 139 II 451
E. 2.2.1; Urteile des BVGer A-4987/2021 vom 20. Mai 2022 E. 2.3;
A- 2175/2021 vom 22. September 2021 E. 2.3). Gleiches gilt für die vom
ersuchenden Staat abgegebenen Erklärungen. Werden diese sofort ent-
kräftet, kann der ersuchte Staat ihnen nicht mehr vertrauen (vgl. Urteil des
BVGer A-674/2020 vom 24. August 2021 E. 3.9). Es liegt dabei an der be-
troffenen Person, den Sachverhalt mittels Urkunden klarerweise und ent-
scheidend zu widerlegen (zum Ganzen vgl. Urteile des BVGer A-674/2020
vom 24. August 2021 E. 3.9; A-4163/2019 vom 22. April 2020 E. 2.2 mit
Hinweisen).
2.5.2 Auf ein Ersuchen ist nach Art. 7 Bst. c StAhiG nicht einzutreten, wenn
es den Grundsatz von Treu und Glauben verletzt, «insbesondere wenn es
auf Informationen beruht, die durch nach schweizerischem Recht strafbare
Handlungen erlangt worden sind». Letzteres bedeutet, dass die objektiven
Tatbestandsmerkmale eines Straftatbestandes des Schweizerischen Straf-
gesetzbuches vom 21. Dezember 1937 (StGB, SR 311.0) erfüllt sein müs-
sen und die Delikte unter die schweizerische Straf- bzw. Gerichtshoheit
gemäss Art. 3 bis 8 StGB fallen (BGE 143 II 202 E. 8.5.6; Urteil des BVGer
A-1450/2021 vom 3. Mai 2022 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen). Gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist jedoch nur dann in jedem Fall von
einem treuwidrigen Verhalten auszugehen, wenn ein Staat schweizerische
Bankdaten kauft, um sie danach für ein Amtshilfegesuch zu verwenden.
Ansonsten ist die Frage, ob ein Staat den Grundsatz von Treu und Glauben
bei von Art. 7 Bst. c StAhiG erfassten Konstellationen verletzt hat, nach
den Umständen des Einzelfalls zu beurteilen (BGE 143 II 224 E. 6.4; Ur-
teile des BGer 2C_979/2021 vom 13. Dezember 2021 E. 2.2 und
2C_750/2020 vom 25. März 2021 E. 5.1).
3.
Im vorliegenden Fall beantragt die Beschwerdeführerin, die Wiedererwä-
gungsverfügung vom 26. Februar 2020 sei aufzuheben und es sei auf das
Amtshilfeersuchen vom 29. Oktober 2019 nicht einzutreten, da es zum
Zweck der Beweisausforschung gestellt worden sei. Eventualiter sei die
Wiedererwägungsverfügung vom 26. Februar 2020 aufzuheben und das
Amtshilfeersuchen vom 29. Oktober 2019 abzuweisen, da die betroffene
Person bzw. sie selbst im Ersuchen nicht mit Namen identifiziert werde.
Auch habe die ESTV «mangels Unterlegung mit Beweisen» nicht auf das
A-1783/2020
Seite 13
Amtshilfeersuchen eintreten dürfen; eventualiter hätte sie das Amtshilfege-
such gemäss Art. 6 Abs. 3 StAhiG zur schriftlichen Ergänzung an die AT
zurückweisen müssen. Zudem müsse davon ausgegangen werden bzw.
bestehe die Möglichkeit, dass die AT Informationen durch nach schweize-
rischem Recht strafbare Handlungen erlangt habe, weshalb gemäss Art. 7
Bst. c StAhiG nicht auf das Amtshilfeersuchen einzutreten sei.
Zunächst wird geprüft, ob das Amtshilfeersuchen vom 29. Oktober 2019
die formellen Voraussetzungen gemäss DBA CH-ES erfüllt (E. 3.1). An-
schliessend wird auf die Rügen der Beweisausforschung (E. 3.2), der feh-
lenden voraussichtlichen Erheblichkeit (E. 3.3) und der Verletzung von
Treu und Glauben (E. 3.4) eingegangen.
3.1
3.1.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass sämtliche Amtshilfeer-
suchen, welche auf dem DBA CH-ES basieren, die betroffene Person mit
Namen identifizieren müssten. So schreibe der klare Wortlaut von Abs. IV
Abs. 2 Bst. a des Protokolls zum DBA CH-ES vor, dass der ersuchende
Staat die Identität der in eine Überprüfung oder Untersuchung einbezoge-
nen Person zu liefern habe. Nach allgemeingültigem sprachlichem Ver-
ständnis werde eine Person durch ihren Namen und nicht durch die Num-
mer einer Bank- oder Kreditkarte identifiziert.
Weder – so die Beschwerdeführerin weiter – das OECD Musterabkommen
noch dessen Kommentierung hätten ursprünglich «Gruppenanfragen bzw.
Einzelersuchen ohne Namensnennung» vorgesehen. Erst der am 17. Juli
2012 geänderte Kommentar zu Art. 26 des OECD Musterabkommens
habe klargestellt, dass die Amtshilfe fortan sowohl einzelne, durch Na-
mensnennung oder auf andere Art identifizierte Steuerpflichtige als auch
mehrere, durch Namensnennung oder auf andere Art identifizierte Steuer-
pflichtige betreffen könne. Der OECD-Kommentar sei statisch und nicht dy-
namisch zu verwenden. In seiner am 17. Juli 2012 geänderten Fassung
dürfe der Kommentar daher vorliegend nicht für die Auslegung des DBA
CH-ES verwendet werden. Die in den Urteilen des Bundesverwaltungsge-
richts A-6306/2015 vom 15. Mai 2017 und A-6733/2015 vom 29. Juni 2017
wiedergegebene Rechtsprechung sei deshalb zu revidieren.
3.1.2 Die Vorinstanz vertritt die Ansicht, dass das Protokoll zum DBA CH-
ES nicht dahingehend interpretiert werden könne, dass die Amtshilfe
grundsätzlich nur zu leisten sei, wenn eine Person mittels Namen identifi-
ziert werde. Vielmehr präzisiere Ziff. IV Abs. 3 des Protokolls zum DBA CH-
A-1783/2020
Seite 14
ES gerade, dass soweit als möglich relevante Informationen ausgetauscht
werden sollen, ohne jedoch «fishing expeditions» zuzulassen.
3.1.3 Das Bundesverwaltungsgericht sieht keinen Anlass, im vorliegenden
Fall von seiner ständigen Rechtsprechung abzuweichen:
3.1.3.1 Im Urteil A-6306/2015 vom 15. Mai 2017 rief das Bundesverwal-
tungsgericht die Entwicklung des Informationsaustausches in Steuerange-
legenheiten in Erinnerung (E. 5.1). Der Bundesrat habe auf Antrag des
EFD vom 15. Februar 2011 hin entschieden, die Bestimmungen in den
Doppelbesteuerungsabkommen dahingehend anzupassen, dass die Iden-
tifikation der Steuerpflichtigen und der Informationsinhaber auch durch an-
dere Mittel als durch Nennung von Namen und Adressen zugelassen
werde. Damit habe den Anforderungen des «Peer-Review-Prozesses» des
Global Forum on Transparency and Exchange of Information for Tax Pur-
poses (Global Forum) Rechnung getragen werden sollen. Im Rahmen die-
ses Prozesses sei festgestellt worden, dass gewisse von der Bundesver-
sammlung am 18. Juni 2010 verabschiedete Doppelbesteuerungsabkom-
men ausdrücklich die Angabe des Namens forderten und damit zu restrik-
tive Bedingungen betreffend die Identifikation der steuerpflichtigen Person
enthielten. Die betreffenden Abkommen seien in Folge angepasst worden
(vgl. Botschaft des Bundesrats vom 6. April 2011 zur Ergänzung der am
18. Juni 2010 von der Schweizerischen Bundesversammlung genehmigten
Doppelbesteuerungsabkommen, BBl 2011 3749). Das DBA CH-ES sei zu
diesem Zeitpunkt ebenfalls überarbeitet worden, was es möglich gemacht
habe, eine dem OECD-Standard entsprechende Auslegungsregel aufzu-
nehmen (vgl. das Änderungsprotokoll vom 27. Juli 2011). Alle später von
der Schweiz abgeschlossenen Doppelbesteuerungsabkommen seien
nach diesem Muster gestaltet und präzisierten – gemäss der in Ziff. IV
Abs. 2 des Protokolls zum DBA CH-ES verwendete Formulierung –, dass
Angaben «zur Identität der in eine Überprüfung oder Untersuchung einbe-
zogenen Person» erforderlich sind. Eine Klarstellung, wonach die Identität
der steuerpflichtigen Person auch durch andere Mittel als durch Nennung
des Namens erfolgen könne, sei nicht enthalten. Eine solche Klarstellung
habe nämlich nur bei denjenigen Doppelbesteuerungsabkommen Sinn er-
geben, die vorgängig die Angabe des Namens forderten, was beim DBA
CH-ES nicht der Fall gewesen sei. Zudem sei mit dem Änderungsprotokoll
vom 27. Juli 2011 die vormals im Verhältnis mit Spanien geltende Meistbe-
günstigtenklausel ausser Kraft gesetzt worden. Diese hatte Spanien garan-
tiert, automatisch von der weitergehenden Amtshilfe für Steuerfragen pro-
A-1783/2020
Seite 15
fitieren zu können, die die Schweiz allenfalls mit einem anderen EU-Mit-
gliedstaat vereinbart hatte. Diese Klausel sei ausser Kraft gesetzt worden,
weil mit den mit dem Änderungsprotokoll vom 27. Juli 2011 eingeführten
Änderungen der OECD-Standard vollumfänglich übernommen worden sei.
Somit könnten von den spanischen Steuerbehörden nicht weitergehende
Informationen gefordert werden als von anderen Staaten. Demgemäss sei
die Angabe des Namens der vom Amtshilfeersuchen betroffenen Person
kein formelles Erfordernis für die Gewährung der Amtshilfe an Spanien (Ur-
teil des BVGer A-6306/2015 vom 15. Mai 2017 E. 5.1.6).
Dieses Urteil wurde durch zahlreiche Urteile bestätigt (vgl. u.a. die Urteile
des BVGer A-2451/2021 vom 15. Februar 2022 E. 4.4; A-1866/2018 vom
24. August 2020 E. 6.2.2.2; A-2591/2017 vom 5. März 2019 E. 5.1.1;
A-6733/2015 vom 29. Juni 2017 E. 5.2).
3.1.3.2 Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers stützt sich diese
Rechtsprechung nicht oder zumindest nicht in erster Linie auf die Kommen-
tierung des OECD Musterabkommens, sondern vielmehr auf den Wortlaut
des DBA CH-ES bzw. dessen Protokolls (vgl. Urteil des BVGer
A- 6306/2015 vom 15. Mai 2017 E. 5.1.5). Ob der Kommentar zu Art. 26
des OECD Musterabkommens in der am 17. Juli 2012 geänderten Fas-
sung vorliegend als Auslegungshilfe beizuziehen wäre, kann somit offen-
gelassen werden. Gemäss Ziff. IV Abs. 2 Bst. a des Protokolls zum DBA
CH-ES haben die Steuerbehörden des ersuchenden Staats bei der Stel-
lung eines Amtshilfebegehrens nach Artikel 25bis den Steuerbehörden des
ersuchten Staats «die Identität der in eine Überprüfung oder Untersuchung
einbezogenen Person» zu liefern (vgl. oben E. 2.2). Die Angabe des Na-
mens der betroffenen Person wird jedoch – anders als bei anderen DBA,
welche im Anschluss an den Entscheid des Bundesrats vom Februar 2011
angepasst wurden – nicht ausdrücklich vorausgesetzt. Wie die Vorinstanz
zutreffend ausführt, präzisiert Ziff. IV Abs. 3 des Protokolls zum DBA CH-
ES zudem, dass Ziff. IV Abs. 2 Bst. a–e des Protokolls nicht so auszulegen
sind, dass sie einen wirksamen Informationsaustausch behindern. Daraus
folgt ohne weiteres, dass ein Amtshilfeersuchen nicht bereits aus formellen
Gründen abgelehnt werden darf, weil der Name der vom Amtshilfeersu-
chen betroffenen Person fehlt (vgl. Urteile des BVGer A-1866/2018 vom
24. August 2020 E. 6.2.2.2; A-6306/2015 vom 15. Mai 2017 E. 5.1.6).
Insoweit als die Beschwerdeführerin auf den Bundesgerichtsentscheid
BGE 143 II 136 verweist und geltend macht, aus diesem seien für Amtshil-
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Seite 16
feersuchen gestützt auf das DBA CH-ES falsche Schlüsse gezogen wor-
den, ist ihr nicht zu folgen. In diesem Urteil setzte sich das Bundesgericht
vertieft mit dem Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz
und dem Königreich der Niederlande auseinander (Abkommen vom
26. Februar 2010 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und
dem Königreich der Niederlande zur Vermeidung der Doppelbesteuerung
auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen und zur Vermeidung von
Steuerbetrug und Steuerflucht [SR 0.672.963.61, nachfolgend: DBA CH-
NL]). Das Bundesgericht kam zum Schluss, dass das DBA CH-NL in Ver-
bindung mit der Verständigungsvereinbarung vom 31. Oktober 2011 über
die Auslegung von Paragraph XVI Buchstabe b des Protokolls zum Abkom-
men vom 26. Februar 2010 zwischen der Schweizerischen Eidgenossen-
schaft und dem Königreich der Niederlande zur Vermeidung der Doppel-
besteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen (AS 2012 4079)
Amtshilfe auch ohne Identifikation durch Namen erlaubt (BGE 143 II 136
E. 5.4). Der Abschluss einer solchen Verständnisvereinbarung war jedoch
– wie im Urteil des BVGer A-6306/2015 vom 15. Mai 2017 dargelegt – für
das DBA CH-ES nicht notwendig, weil dieses die Nennung des Namens
nicht ausdrücklich voraussetzt. Die Beschwerdeführerin kann demnach
aus dem Fehlen einer solchen Verständigungsvereinbarung in Bezug auf
das DBA CH-ES nichts zu ihren Gunsten ableiten.
3.1.4 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das Amtshilfeersuchen
vom 29. Oktober 2019 nicht bereits aus formellen Gründen abzuweisen ist,
weil der Name der betroffenen Person nicht genannt wird. Ob die angege-
benen Informationen vorliegend ausreichend sind, um die betroffene Per-
son zu identifizieren, wird im Zusammenhang mit dem Verbot der Beweis-
ausforschung geprüft werden (vgl. nachfolgend E. 3.2).
3.1.5
3.1.5.1 Auch die übrigen formellen Voraussetzungen des Amtshilfeersu-
chens gemäss Ziff. IV Abs. 2 des Protokolls zum DBA CH-ES sind vorlie-
gend erfüllt (vgl. oben E. 2.2). Die AT nennt die Zeitperiode, für welche die
Informationen verlangt werden (das Steuerjahr (...)); den Steuerzweck (die
Einkommens- und Vermögensbesteuerung auf das weltweite Einkommen
und Vermögen); den Namen und die Adresse des mutmasslichen Informa-
tionsinhabers (die B._) und sie beschreibt die verlangten Informatio-
nen.
A-1783/2020
Seite 17
3.1.5.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, die ESTV habe «mangels
Unterlegung mit Beweisen» nicht auf das Amtshilfeersuchen eintreten dür-
fen bzw. hätte dieses «eventualiter» gemäss Art. 6 Abs. 3 StAhiG zur
schriftlichen Ergänzung an die AT zurückweisen müssen (vgl. Beschwerde
vom 4. Mai 2020, S. 7).
Hierzu ist festzuhalten, dass Art. 6 Abs. 2 StAhiG aufgrund der in Ziff. IV
Abs. 2 des Protokolls zum DBA CH-ES statuierten Regelung nicht ein-
schlägig ist, soweit er strengere Anforderungen aufstellt (Art. 1 Abs. 2 StA-
hiG; vgl. BGE 142 II 218 E. 3.4; 142 II 161 E. 2.1.4; Urteil des BVGer
A-4603/2019 vom 17. August 2020 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen). Ohne-
hin wird aber die Unterlegung durch Beweise auch durch Art. 6 Abs. 2 StA-
hiG nicht vorausgesetzt, weshalb ein Ersuchen um schriftliche Ergänzung
des Amtshilfeersuchens gemäss Art. 6 Abs. 3 StAhiG in dem von der Be-
schwerdeführerin geforderten Sinn von Vorhinein ausgeschlossen ist.
3.1.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Amtshilfeersuchen die
formellen Voraussetzungen gemäss Ziff. IV Abs. 2 des Protokolls zum DBA
CH-ES erfüllt.
3.2
3.2.1 Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, das Amtshilfeersu-
chen vom 29. Oktober 2019 sei «klarerweise zum Zweck der Beweisaus-
forschung gestellt worden». Spanien führe offensichtlich eine flächende-
ckende Untersuchung aufgrund eines fiskalpolitischen Generalverdachts
durch. Ein Anfangsverdacht gegen die von der Untersuchung betroffenen
Personen habe nicht bestanden. Das Ersuchen sei als Listenersuchen zu
qualifizieren. Es handle sich zwar um ein sie betreffendes Einzelersuchen,
dieses sei aber materiell im Rahmen einer Listenanfrage gestellt worden.
Die Rechtsprechung verlange bei Listenersuchen den Nachweis von Tat-
sachen, die auf ein gesetzeswidriges Verhalten der Gruppenangehörigen
hindeuteten. Diesen Nachweis habe die AT vorliegend nicht erbracht.
3.2.2 Die Vorinstanz hält dagegen, es könne von einem reinen spekulati-
ven Ersuchen keine Rede sein. Das Amtshilfeersuchen sei genügend aus-
führlich formuliert und begründet. Das Amtshilfeersuchen sei nicht zum
Zwecke der Beweisausforschung gestellt worden und sie sei zu Recht da-
rauf eingetreten.
3.2.3
https://entscheide.weblaw.ch/cache.php?link=BGE-142-II-218 https://entscheide.weblaw.ch/cache.php?link=BGE-142-II-161
A-1783/2020
Seite 18
3.2.3.1 Das Amtshilfeersuchen vom 29.Oktober 2019 bezieht sich auf eine
einzige Bankkarte bzw. deren Inhaberin (vgl. Sachverhalt Bst. A). Die Be-
gründung bezieht sich auf konkrete, angeblich mit dieser Karte getätigte
Bezüge. Damit betrifft das Ersuchen – anders als ein Listen- oder Grup-
penersuchen (vgl. E. 2.4.2) – keine Mehrzahl von Personen, sondern nur
die Beschwerdeführerin. Die Beschwerdeführerin begründet auch nicht nä-
her, weshalb das Ersuchen Teil einer Liste sein soll, sondern verweist le-
diglich darauf, dass die AT eine Untersuchung zu Transaktionen mittels
ausländischer Bankkarten, mit denen in Spanien vor allem Bargeld von (...)
abgehoben wurde, durchführe (vgl. Sachverhalt Bst. A.b). Zudem seien
derzeit «unzählige solche durch die AT übermittelte Amtshilfeersuchen
pendent bzw. bereits erledigt» worden (Beschwerde vom 4. Mai 2020,
S. 5). Damit ist aber nicht erstellt, dass sich die AT vorliegend in irgendeiner
Form auf eine Liste mit Bankkartennummern stützte. Entgegen der Auffas-
sung der Beschwerdeführerin handelt es sich somit vorliegend nicht um ein
Listenersuchen.
3.2.3.2 Diese Frage kann aber letztlich offenbleiben. Die an Gruppen- und
Listenersuchen gestellten höheren Anforderungen (vgl. oben E. 2.4.2) sind
nämlich vorliegend ohne weiteres erfüllt, soweit sie auf ein Einzelersuchen,
wie das Vorliegende, überhaupt angewandt werden können.
Erstens nennt die AT spezifische Tatsachen und Umstände, welche zu der
Anfrage geführt haben: Sie verweist auf Untersuchungen zu Transaktionen
mittels ausländischer Bankkarten, die in Spanien im Jahr (...) hauptsäch-
lich zum Bezug von Bargeld verwendet wurden. Aufgrund der Art und
Weise ihrer Verwendung sei die fragliche Bankkarte in diesem Rahmen
identifiziert worden. Die AT nennt die Nummer der identifizierten Bankkarte,
welche der Beschwerdeführerin zuordenbar ist.
Zweitens erläutert die AT in knapper, jedoch ausreichender Form das an-
wendbare Steuerrecht und zeigt auf, weshalb Gründe vorliegen, welche sie
annehmen lassen, dass die Beschwerdeführerin ihre Verpflichtungen nicht
erfüllt, d.h. das Steuerrecht verletzt habe: Die AT weist darauf hin, dass die
Inhaberin der Bankkarte Einkommens- und Vermögenssteuern auf das
weltweite Einkommen und Vermögen zu entrichten habe, sollte sie ihren
steuerlichen Wohnsitz in Spanien haben. Aufgrund der Art und Weise der
Verwendung der Karte ergäben sich konkrete Anhaltspunkte, welche da-
rauf hindeuteten, dass die betroffene Person ihren steuerlichen Wohnsitz
in Spanien haben könnte. So seien im Jahr (...) (...) Geldbezüge in der
A-1783/2020
Seite 19
Höhe von insgesamt EUR (...) mit der genannten Bankkarte getätigt wor-
den. Die AT gibt für jeden Monat die Anzahl und die Höhe der getätigten
Bezüge an. Des Weiteren führt die AT aus, dass sämtliche Bezüge in der
Region (...) getätigt worden seien und dass die Karte nie in spanischen
Geschäften (Läden, Restaurants, Tankstellen etc.) verwendet worden sei.
Solche Informationen sind gemäss der Rechtsprechung geeignet, um ei-
nen Verdacht der Steuerpflicht bzw. deren Missachtung zu begründen (vgl.
für vergleichbare Konstellationen die Urteile des BVGer A-2376/2021 vom
1. Februar 2022 E. 4.6.4; A-2076/2020 vom 16. Juni 2021 E. 5.3.2.6;
A-1866/2018 vom 24. August 2020 E. 6.2.1.2)). Entgegen der Auffassung
der Beschwerdeführerin war die AT nicht verpflichtet, auf die (hypotheti-
sche) Frage eines nur partiellen steuerlichen Wohnsitzes in Spanien ein-
zugehen und in diesem Zusammenhang einschlägige Gesetzesbestim-
mungen zu nennen.
Drittens geht auch ohne Weiteres aus dem Amtshilfeersuchen hervor, dass
die eingeforderten Informationen zur Erfüllung der Verpflichtungen der Be-
schwerdeführerin führen können: Anhand der Informationen zur Inhaberin
der Bankkarte und zum dazugehörenden Bankkonto kann die AT nämlich
Aufschluss über die Gründe der auffälligen Bankkartenverwendung erlan-
gen und dem Verdacht auf eine Steuerpflicht bzw. deren Missachtung
nachgehen.
Das Amtshilfeersuchen vom 29. Oktober 2019 ist folglich genügend prä-
zise und ausführlich formuliert, damit es von einer verpönten Beweisaus-
forschung abgegrenzt werden kann.
3.2.4 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das Amtshilfeersuchen
vom 29. Oktober 2019 das Verbot der Beweisausforschung nicht verletzt.
3.3
3.3.1 Die Beschwerdeführerin macht weiter sinngemäss geltend, dass die
ersuchten Informationen nicht voraussichtlich erheblich seien (vgl. Be-
schwerde vom 4. Mai 2020 S. 7). Die von der AT beigelegte Liste mit an-
geblichen Transaktionen sei «nichts weiter als eine Auflistung von Behaup-
tungen der AT», welche sie bestreite. Auch stelle alleine der Umstand, dass
mit einer in der Schweiz herausgegebenen Bankkarte (angeblich) in Spa-
nien Bargeldbezüge getätigt wurden, kein Indiz dafür dar, dass ein allen-
falls diese Bankkarte alimentierendes Konto nicht ordnungsgemäss ver-
steuert worden sei, geschweige denn überhaupt zu versteuern wäre.
A-1783/2020
Seite 20
3.3.2 Aufgrund des völkerrechtlichen Vertrauensprinzips ist die Vorinstanz
an die Darstellung des Sachverhalts im Ersuchen insoweit gebunden, als
diese nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Widersprüche so-
fort entkräftet werden kann (vgl. oben E. 2.5.1). Die Beschwerdeführerin
bestreitet vorliegend zwar den von der AT dargelegten Sachverhalt, weist
aber weder auf offensichtliche Fehler, Lücken oder Widersprüche hin noch
reicht sie Unterlagen (wie z.B. Kartenabrechnungen) zu den Akten, welche
geeignet wären, ihre Bestreitung zu untermauern. Die AT ist als ersu-
chende Behörde nicht verpflichtet, den strikten Beweis des Sachverhalts
zu erbringen (vgl. oben E. 2.3.4). Sie war lediglich verpflichtet, hinrei-
chende Verdachtsmomente für das Vorliegen des Sachverhalts darzutun,
was sie mit den detaillierten Angaben zu den angeblichen Bezügen (inkl.
Höhe und Ort der Bezüge, vgl. oben E. 3.2.3.2) auch tat. Unter diesen Um-
ständen kam die Vorinstanz zu Recht zum Schluss, dass kein Anlass be-
stehe, an den Sachverhaltsdarstellungen der AT zu zweifeln.
3.3.3 Mit dem Amtshilfeersuchen vom 29. Oktober 2019 ersuchte die AT
um Informationen zur Identität der betroffenen Person, zu dem mit der
Bankkarte verbundenen Konto sowie zu allfälligen weiteren Konten der be-
troffenen Person (vgl. Sachverhalt Bst. A). Es besteht eine Verbindung zwi-
schen dem dargelegten Sachverhalt und den ersuchten Informationen. Es
besteht auch eine vernünftige Möglichkeit, dass sich die angefragten An-
gaben als für die Erhebung der Steuer in Spanien erheblich erweisen wer-
den (vgl. oben E. 2.3). Die Informationen sind nämlich zielführend im Hin-
blick auf die Abklärung, ob die betroffene Person tatsächlich ihren Wohnsitz
in Spanien hat. Zudem besteht die Möglichkeit, dass die AT dadurch Klar-
heit über den Ursprung der abgehobenen Gelder erlangt. Damit erweisen
sich die geforderten Informationen als voraussichtlich erheblich (vgl. für
eine vergleichbare Konstellation anstelle vieler: Urteil des BVGer
A- 2519/2019 vom 2. Juni 2021 E. 5.2.1.2).
3.4
3.4.1 Schliesslich bringt die Beschwerdeführerin vor, es stelle sich die
Frage, wie die AT an die «durchaus nicht öffentliche» Information gelangt
sei, dass mit einer Bankkarte, deren Inhaberin sie sei, in Spanien Bargeld-
bezüge getätigt worden seien. Es handle sich um höchst sensitive Informa-
tionen, die bestimmt auch in Spanien mindestens aus datenschutzrechtli-
chen Gründen geschützt seien. Es müsse davon ausgegangen werden
bzw. es bestehe die Möglichkeit, dass die ersuchende Behörde diese In-
A-1783/2020
Seite 21
formation durch nach schweizerischem Recht strafbare Handlungen er-
langt habe, was gemäss Art. 7 Bst. c StAhiG zu einem Nichteintreten füh-
ren müsse.
3.4.2 Wie die Vorinstanz in der Vernehmlassung vom 18. Juni 2020 zu
Recht darlegt, kann die auf das völkerrechtliche Vertrauensprinzip ge-
stützte Vermutung, dass ein ersuchender Staat in Treu und Glauben han-
delt, nur auf der Grundlage fundierter und konkreter Beweise widerlegt wer-
den (vgl. BGE 146 II 150 E. 7.1; 144 II 206 E. 4.4; siehe oben E. 2.5). Die
vorliegend von der Beschwerdeführerin geäusserte Vermutung, welche
sich weder auf konkrete Hinweise noch Beweise stützt, ist offensichtlich
nicht geeignet, diese Vermutung umzustossen. Hinzu kommt, dass für ei-
nen Nichteintretensentscheid gestützt auf Art. 7 Bst. c StAhiG nach der
Rechtsprechung die objektiven Tatbestandsmerkmale eines Straftatbe-
standes des StGB erfüllt sein und die Delikte unter die schweizerische
Straf- bzw. Gerichtshoheit fallen müssen (vgl. oben E. 2.5.2). Insoweit als
die Beschwerdeführerin mutmasst, die Informationen seien in Verletzung
datenschutzrechtlicher Bestimmungen in Spanien erlangt worden, ist ihren
Ausführungen auch aus diesem Grund nicht zu folgen. Die diesbezügliche
Rüge der Beschwerdeführerin erweist sich als offensichtlich haltlos.
3.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Amtshilfeersuchen vom
29. Oktober 2019 die formellen und materiellen Voraussetzungen erfüllt.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht darauf eingetreten. Die Anträge der
Beschwerdeführerin auf Aufhebung der Wiedererwägungsverfügung vom
26. Februar 2020 und auf Nichteintreten auf das Amtshilfeersuchen vom
29. Oktober 2019 bzw. auf Abweisung desselben sind abzuweisen.
4.
Das in Art. 25bis Abs. 2 DBA CH-ES enthaltene Spezialitätsprinzip bedeu-
tet, dass der ersuchende Staat die vom ersuchten Staat erlangten Informa-
tionen einzig in Bezug auf Personen oder Handlungen verwenden darf, für
welche er sie verlangt und der ersuchte Staat sie gewährt hat (Urteil des
BGer 2C_545/2019 vom 13. Juli 2020 E. 4.7; statt vieler: Urteile des BVGer
A- 6925/2019 vom 13. Dezember 2021 E. 3.2.6; A-1502/2020 vom 17. Au-
gust 2021 E. 2.2.2). Nachdem aber international wie national unterschied-
liche Auffassungen darüber bestehen, wie weit dieser Spezialitätsvorbehalt
reicht und insbesondere, ob ihm eine persönliche Dimension zukommt, ist
es angezeigt, dass die ESTV die AT anlässlich der Übermittlung der er-
suchten Informationen über den Umfang der Verwendungsbeschränkung
informiert (vgl. BGE 147 II 13 E. 3.7; Urteil des BGer 2C_545/2019 vom
A-1783/2020
Seite 22
13. Juli 2020 E. 4.7; Urteile des BVGer A-2258/2020 vom 19. Februar 2021
E. 4; A-5522/2019 vom 18. August 2020 E. 3.4.3). Die Vorinstanz wird Zif-
fer 3 des Dispositivs der angefochtenen Wiedererwägungsverfügung ent-
sprechend zu präzisieren haben.
5.
Ausgangsgemäss sind die Verfahrenskosten der Beschwerdeführerin auf-
zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind auf Fr. 5'000.– festzusetzen
(vgl. Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss
ist für die Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden. Eine Parteient-
schädigung ist nicht zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario
und Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario sowie Art. 7 Abs. 3 VGKE).
6.
Dieser Entscheid auf dem Gebiet der internationalen in Steuersachen kann
gemäss Art. 83 Bst. h des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das
Bundesgericht (BGG, SR 173.110) innerhalb von 10 Tagen nur dann mit
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesge-
richt weitergezogen werden, wenn sich eine Rechtsfrage von grundsätzli-
cher Bedeutung stellt oder wenn es sich aus anderen Gründen um einen
besonders bedeutenden Fall im Sinn von Art. 84 Abs. 2 BGG handelt (Art.
84a und Art. 100 Abs. 2 Bst. b BGG). Ob dies der Fall ist, entscheidet das
Bundesgericht.
(Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.)
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