Decision ID: ad8e9e4d-e0d6-55af-9bb0-bc8741f12c12
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 29. Oktober 2019 in der Schweiz um
Asyl nach. In der Folge wurde sie dem Bundesasylzentrum (BAZ) (...) zu-
gewiesen. Am 6. November 2019 wurde sie zu ihrer Person und zu ihrem
Reiseweg befragt. Am 19. März 2020 wies das SEM sie dem erweiterten
Verfahren zu. Am 17. Juli 2020 wurde das Dublinverfahren beendet. Am
5. August 2020 hörte das SEM die Beschwerdeführerin zu ihren Gesuchs-
gründen an.
B.
Zu ihrem persönlichen Hintergrund und zur Begründung ihres Asylgesuchs
brachte sie im Wesentlichen vor, sie sei afghanische Staatsangehörige tad-
schikischer Ethnie und stamme aus B._, Provinz C._. Eine
Schule habe sie nicht besucht und sie sei stets als Hausfrau tätig gewesen.
Ihr Ehemann habe als Direktor einer Abteilung in einem Gefängnis in
D._ fungiert, in welchem auch Anhänger der Taliban inhaftiert wor-
den seien. Im Jahr 2019 sei ihr Ehemann bei einem Anschlag auf mehrere
afghanische Beamte verletzt worden. Anschliessend seien Anhänger der
Taliban an ihn herangetreten und hätten ihn aufgefordert, einen Gefange-
nen aus dem Gefängnis in D._ freizulassen. Ihr Ehemann habe
dem jedoch nicht nachkommen wollen. Zur Intensivierung des Drucks auf
ihren Ehemann seitens der Taliban sei schliesslich der gemeinsame Sohn
der Eheleute im Juni 2019 durch die Taliban entführt und am fünften Tag
der Entführung durch die afghanische Polizei befreit worden. Die Be-
schwerdeführerin selbst sei nie bedroht worden. Am 2. Juli 2019 – einen
Tag nach der Befreiung des Sohnes – hätten sie, ihr Ehemann, der ge-
meinsame Sohn und dessen Familie Afghanistan verlassen. Gemeinsam
mit ihrem Sohn (N [...]) sei die Beschwerdeführerin schliesslich mit einem
Visum legal nach Italien gelangt und am 29. Oktober 2019 illegal in die
Schweiz eingereist.
Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin durch ihren Sohn (N [...])
unter anderem mehrere Schreiben verschiedener afghanischer Behörden
ein.
C.
Mit Verfügung vom 17. Februar 2021 – eröffnet am 19. Februar 2021 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus
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der Schweiz. Gleichzeitig ordnete es infolge Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an.
D.
Mit Eingabe vom 21. März 2021 erhob die Beschwerdeführerin durch ihre
Rechtsvertreterin gegen die vorinstanzliche Verfügung Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragte die Aufhebung der Dispositiv-
ziffern 1–3 der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlings-
eigenschaft und die Asylgewährung. Eventualiter sei die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und die unentgeltliche Verbeiständung durch die
im Rubrum aufgeführte Rechtsvertreterin.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung sowie
eine Vertretungsvollmacht bei.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 21. April 2021 hiess der Instruktionsrichter die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie der
amtlichen Rechtsverbeiständung unter der Voraussetzung des fristgerech-
ten Nachreichens einer Fürsorgebestätigung gut. Gleichzeitig forderte er
die Beschwerdeführerin auf, ebendiese nachzureichen oder zu Gunsten
der Gerichtskasse einen Kostenvorschuss einzuzahlen.
F.
Mit Eingabe vom 22. April 2021 reichte die Beschwerdeführerin fristgerecht
eine Fürsorgebestätigung gleichen Datums nach.
G.
Innert der mit Instruktionsverfügung vom 23. April 2021 angesetzten Frist
liess sich die Vorinstanz mit Eingabe vom 30. April 2021 vernehmen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht
Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf
dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die
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Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung
legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 2 AsylG, Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin rügt unter anderem, die Vorinstanz habe im
Verfahren ihres Sohnes (N [...]) den Sachverhalt nicht vollständig festge-
stellt, indem sie ihn nicht zu seinem Hauptvorbringen, der Entführung durch
die Taliban, angehört habe. Im Hinblick auf die Prüfung einer Reflexverfol-
gung der Beschwerdeführerin sei der Sachverhalt somit auch im vorliegen-
den Fall nicht erstellt worden und die Sache dementsprechend an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen. Diese formelle Rüge ist vorab zu beurteilen, da
sie gegebenenfalls geeignet ist, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfü-
gung zu bewirken.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/
35 E. 6.4.1). Ausserdem ist die Vorinstanz an den Untersuchungsgrund-
satz gebunden. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts bildet demnach einen Beschwerdegrund
(Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung,
wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde
gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist
sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände
berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043; statt
vieler: Urteil des BVGer E-3615/2020 vom 18. Mai 2021 E. 3.2.3).
3.3 Nach Konsultation der Akten des Sohnes (N [...]), dessen Beschwerde
ebenfalls am Bundesverwaltungsgericht hängig ist (Verfahrensnummer
[...]), gelangt das Gericht zum Schluss, dass die Rüge der Beschwerde-
führerin begründet ist. Zwar gab die Vorinstanz ihrem Sohn im Rahmen
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seiner am 5. August 2020 durchgeführten Anhörung, die Gelegenheit sich
zur vorgebrachten Entführung durch die Taliban zu äussern, unterbrach
seine Ausführungen dann jedoch mit der Begründung, ihn zu einem späte-
ren Zeitpunkt in einem weiteren Gespräch dazu detailliert befragen zu wol-
len. Ein Hinweis auf eine weitere Anhörung ist den Akten des Sohnes je-
doch nicht zu entnehmen. Ebenso wenig findet sich darin eine Begrün-
dung, weshalb die Vorinstanz trotz ausdrücklicher Ankündigung darauf ver-
zichtet hat, ihn zu befragen, obwohl sie dem Protokoll nach offensichtlich
selbst der Ansicht war, die Anhörung des Sohnes vom 5. August 2020 ge-
nüge einer vollständigen Sachverhaltsfeststellung nicht. Das Säumnis im
Verfahren des Sohnes betrifft sodann auch die Beschwerdeführerin. Insbe-
sondere im Hinblick auf eine allfällige Reflexverfolgung der Beschwerde-
führerin ist der Sachverhalt mangels Befragung des Sohnes zu seiner gel-
tend gemachten Entführung durch die Taliban unvollständig erstellt.
3.4 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung in den Dispositivziffern 1–3 und
die Rückweisung an die Vorinstanz beantragt wird, und die Sache ist zur
erneuten Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es erübrigt sich
demnach, auf die weiteren mit der Beschwerdeschrift geltend gemachten
Rügen einzugehen.
4.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
5.
Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Seitens der
Rechtsvertretung wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb
die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind
(Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden
Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist der Beschwerdeführerin zulas-
ten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 500.– zu-
zusprechen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die amtliche Rechts-
verbeiständung hinfällig geworden.
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