Decision ID: 7f41566a-3d4a-4851-9ae3-c075803b5efa
Year: 2021
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
a.
Die 1981 geborene A._ (Versicherte und Beschwerdeführerin) war seit dem 2. August 2001
bei der B._ tätig und damit bei der Allianz Suisse Versicherungsgesellschaft AG (Allianz)
obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfälle versichert, als sie im
Oktober 2002 mit dem Fahrrad verunfallte und sich ein Schädelhirntrauma mit multiplen
intracerebralen Blutungen sowie eine Claviculafraktur rechts zuzog.
Die Versicherte konnte in Zusammenarbeit mit dem Case Management der Allianz sowie der
Invalidenversicherung die Handelsschule abschliessen und zur Informations- und
Dokumentations-Assistentin mit Abschluss im August 2009 umgeschult werden. Mit Verfügung
vom 19. Juli 2011 (bg.Bel. 393) schloss die Allianz den Fall ab und sprach der Versicherten
eine Invalidenrente entsprechend einem Invaliditätsgrad von 46% ab 1. Januar 2011 sowie
eine Integritätsentschädigung von 50% zu. Die Rentenverfügung blieb unangefochten.
b.
Die Invalidenversicherung sprach der Versicherten mit Verfügung vom 24. Oktober 2011 eine
Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 42% ab 1. Januar 2011 zu (IV-act. 325).
Aufgrund des von der Versicherten im September 2013 eingeleiteten Revisionsverfahrens
verfügte die Invalidenversicherung am 5. November 2014 eine Erhöhung der Invalidenrente
ab 1. Oktober 2013 bei einem Invaliditätsgrad von 55% (IV-act. 383).
c.
Im Januar 2015 orientierte die Versicherte die Allianz über die Rentenanpassung der
Invalidenversicherung (bg.Bel. 436). Im Rahmen des daraufhin eröffneten
Revisionsverfahrens wurde beim Zentrum für Medizinische Begutachtungen (ZMB) das
Verlaufsgutachten vom 27. Oktober 2015 eingeholt (bg.Bel. 456). Mit Verfügung vom 11. April
2016 errechnete die Allianz einen Invaliditätsgrad von 58% (bg.Bel. 472). Dagegen erhob die
Versicherte am 9. Mai 2016 Einsprache (bg.Bel. 475). Am 10. September 2019 stellte die
Allianz der Versicherten eine drohende reformatio in peius in Aussicht, worauf sich die
Versicherte am 10. Oktober 2019 vernehmen liess (bg.Bel. 532 und 536).
3
Mit Entscheid vom 15. November 2019 wies die Allianz die Einsprache ab, hob die Verfügung
vom 11. April 2016 auf und bestätigte die Weiterausrichtung der Rente gemäss Verfügung
vom 19. Juli 2011 (bg.Bel. 538). Einer allfälligen Beschwerde wurde die aufschiebende
Wirkung entzogen.
B.
Gegen den Einspracheentscheid liess die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 3. Januar
2020 beim Verwaltungsgericht Nidwalden Beschwerde mit folgenden Anträge stellen:
«1. Der Einsprache-Entscheid vom 15. November 2019 sei aufzuheben.
2. Die Einsprache vom 9. Mai 2016 sei vollumfänglich gutzuheissen.
3. Eventualiter sei die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 11. April 2016 zu
bestätigen.
4. Die Beschwerdeführerin habe der Beschwerdegegnerin vorbezahlte CHF 4'700.00
infolge bewilligter Therapiesitzungen zurück zu erstatten.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin.»
C.
Die Allianz schloss mit Beschwerdeantwort vom 3. Februar 2020 auf Abweisung der
Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei.
D.
Am 12. Februar 2020 verfügte die Verfahrensleitung den Beizug der Akten der
Invalidenversicherung.
E.
Mit Replik vom 16. März 2020 und Duplik vom 14. April 2020 erneuerten die Parteien ihre
Rechtsbegehren. Damit war der Rechtsschriftenwechsel abgeschlossen.
F.
Die Sozialversicherungsabteilung des Verwaltungsgerichts Nidwalden hat die vorliegende
Streitsache an ihrer Sitzung vom 29. Juni 2020 abschliessend beraten und beurteilt. Auf die
Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften und in den Akten wird – soweit für die
Entscheidfindung erforderlich – in den Erwägungen eingegangen.
4

Erwägungen:
1.
Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet der Einspracheentscheid der Allianz
vom 15. November 2019. Gemäss Art. 1 Abs. 1 UVG i.V.m. Art. 56 Abs. 1 und Art. 58 Abs. 1
ATSG (SR 830.1) kann gegen diesen Entscheid Beschwerde beim Versicherungsgericht
desjenigen Kantons erhoben werden, in welchem die versicherte Person zur Zeit der
Beschwerdeerhebung Wohnsitz hat. Die Beschwerdeführerin hat ihren Wohnsitz in Hergiswil
NW, womit die örtliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts des Kantons Nidwalden
gegeben ist. Sachlich zuständig für die Beurteilung ist die Sozialversicherungsabteilung des
Verwaltungsgerichts, welche in Dreierbesetzung entscheidet (Art. 39 GerG i.V.m. Art. 33 Ziff. 2
GerG [NG 261.1]). Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin des angefochtenen Entscheides
berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen gerichtlicher Überprüfung (Art. 59
ATSG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist somit
einzutreten (Art. 60 und Art. 61 lit. b ATSG).
2.
Die Beschwerdeführerin beanstandet zunächst die Untätigkeit der Allianz im Anschluss an die
Einsprache vom 9. Mai 2016. Soweit sie damit eine Rechtsverzögerung geltend machen sollte,
ist hierauf mangels eines Rechtsschutzinteresses nicht einzutreten, da die Allianz einen
Einspracheentscheid erlassen hat.
3.
3.1
Die Allianz erwog gestützt auf das im Rahmen des Revisionsverfahrens eingeholte
Verlaufsgutachten ZMB vom 27. Oktober 2015, der gesundheitliche Zustand der Versicherten
habe sich seit der erstmaligen Begutachtung durch das Schweizerische Institut für
Versicherungsmedizin (SIVM) im Mai 2011 nicht verändert. Ebenso wenig lägen
wirtschaftliche Tatsachen vor, die eine revisionsrelevante Veränderung bewirkten. Demnach
liege kein Revisionsgrund vor, weshalb die Revisionsverfügung vom 11. April 2016 ersatzlos
aufzuheben sei und es bei der Anspruchsberechtigung gemäss der Verfügung vom 19. Juli
2011 bleibe.
5
3.2
Die Beschwerdeführerin macht sowohl eine massgebliche Verschlechterung des
Gesundheitszustandes als auch eine wirtschaftliche Veränderung im Zeitpunkt der Verfügung
vom 11. April 2016 geltend.
3.3
Strittig und zu prüfen ist, ob wegen einer wesentlichen Veränderung des
Gesundheitszustandes oder der wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschwerdeführerin die
Voraussetzungen für eine Revision gegeben sind.
4.
4.1
Die Revision einer Invalidenrente der Unfallversicherung richtet sich – vom vorliegend nicht
erfüllten Spezialfall von Art. 22 UVG abgesehen – nach Art. 17 Abs. 1 ATSG (vgl. Art 1 Abs. 1
UVG). Gemäss dieser Norm wird die Rente dann von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für
die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben, wenn sich der
Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers erheblich ändert. Anlass
zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit
Zusprache der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Anspruch zu
beeinflussen; insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des
Gesundheitszustands revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebenem
Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Aufgabenbereich von
Bedeutung; dazu gehört die Verbesserung der Arbeitsfähigkeit aufgrund einer Angewöhnung
oder Anpassung an die Behinderung. Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung
eines im Wesentlichen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext
unbeachtlich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen). Für das Vorliegen einer erheblichen
Sachverhaltsänderung genügt es nicht, dass der bereits bekannte, im Zeitpunkt der
ursprünglichen Rentenverfügung gegebene Sachverhalt anders bewertet wird und daraus
andere Schlussfolgerungen gezogen werden als im früheren Verwaltungs- und/oder
Beschwerdeverfahren. Vielmehr bedarf es neuer Elemente tatsächlicher Natur, die nach der
ursprünglichen Rentenverfügung eingetreten und zu dem damals gegebenen Sachverhalt
hinzugekommen sind oder diesen verändert haben. Ein unveränderter Gesundheitszustand
bzw. die bloss auf einer anderen Wertung beruhende medizinische oder rechtliche
Einschätzung von im Wesentlichen unveränderten tatsächlichen Verhältnissen führt nicht zu
6
einer materiellen Revision (Urteil des Bundesgerichts 9C_418/2010 vom 29. August 2011 E.
4.1; BGE 115 V 308 E. 4a/bb).
Ob eine derartige tatsächliche Änderung oder ob eine revisionsrechtlich unbeachtliche
abweichende ärztliche Einschätzung eines im Wesentlichen gleich gebliebenen
Gesundheitszustandes vorliegt, bedarf ‒ auch mit Blick auf die mitunter einschneidenden
Folgen für die versicherte Person ‒ einer sorgfältigen Prüfung. Dabei gilt der Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit; die blosse Möglichkeit einer Verbesserung tatsächlicher
Art genügt nicht (Urteil des Bundesgerichts 8C_373/2012 vom 25. Oktober 2012 E. 5.1).
Bei prozentgenauen Renten wie bei der Unfallversicherung wird eine erhebliche Änderung
angenommen, wenn sich der Invaliditätsgrad um 5% ändert (BGE 133 V 545 E. 6.2 mit
Hinweisen).
4.2
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in rechtlicher und
tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere
Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen und E. 6.1). Entsprechend ist
gegebenenfalls nicht nur der natürliche Kausalzusammenhang, sondern auch dessen
Adäquanz für die Zukunft neu zu prüfen, wobei die im Zeitpunkt der erwogenen
revisionsweisen Leistungsanpassung gegebenen tatsächlichen Verhältnisse massgebend
sind (u.a. Urteile des Bundesgerichts 8C_248/2017 vom 24. Mai 2018 E. 3.3; 8C_147/2017
vom 2. August 2017 E. 3.2 mit Hinweisen). Ist eine anspruchserhebliche Änderung des
Sachverhalts nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, bleibt es dagegen nach dem
Grundsatz der materiellen Beweislast beim bisherigen Rechtszustand (Urteil des
Bundesgerichts 9C_478/2012 vom 14. Dezember 2012 E. 2).
4.3
Zeitlicher Ausgangspunkt für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung des
Invaliditätsgrades ist die letzte rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung
des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und –
sofern Anhaltspunkte für eine Veränderung der erwerblichen Auswirkungen einer
Gesundheitsschädigung bestehen – Durchführung eines Einkommensvergleichs beruht
(BGE 134 V 131 E. 3, 133 V 108 E. 5.3.1 und E. 5.4).
7
4.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das
Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und
bezüglich welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind ärztliche
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen
den Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 S. 99 f., 125 V 256 E. 4
S. 261).
4.6
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben den Sachverhalt von Amtes
wegen festzustellen und die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln,
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen (Art. 61 lit. c ATSG). Sie haben alle
Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu
entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen
Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere dürfen sie bei einander widersprechenden
medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu
würdigen und die Gründe anzugeben, warum sie auf die eine und nicht auf die andere
medizinische These abstellen (BGE 125 V 351 E. 3a).
4.7
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in
der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V
231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
Der Beweiswert eines zwecks Rentenrevision erstellten Gutachtens hängt wesentlich davon
ab, ob es sich ausreichend auf das Beweisthema - erhebliche Änderung(en) des Sachverhalts
- bezieht. Einer für sich allein betrachtet vollständigen, nachvollziehbaren und schlüssigen
medizinischen Beurteilung, die im Hinblick auf eine erstmalige Beurteilung der
Rentenberechtigung beweisend wäre, mangelt es daher in der Regel am rechtlich
erforderlichen Beweiswert, wenn sich die (von einer früheren abweichende) ärztliche
https://www.koordination.ch/de/online-handbuch/atsg/rentenrevision/vorgehen-gutachten/
8
Einschätzung nicht hinreichend darüber ausspricht, inwiefern eine effektive Veränderung des
Gesundheitszustandes stattgefunden hat. Vorbehalten bleiben Sachlagen, in denen es
evident ist, dass die gesundheitlichen Verhältnisse sich verändert haben. Dabei ist zu
berücksichtigen, dass weder eine im Vergleich zu früheren ärztlichen Einschätzungen ungleich
attestierte Arbeitsunfähigkeit noch eine unterschiedliche diagnostische Einordnung des
geltend gemachten Leidens genügt, um auf einen verbesserten Gesundheitszustand zu
schliessen; notwendig ist vielmehr eine veränderte Befundlage (Urteil des Bundesgerichts
8C_300/2020 vom 2. Dezember 2020 E. 2.6.2 mit weiteren Hinweisen).
4.8
Der Invaliditätsbegriff der Invalidenversicherung und der Unfallversicherung stimmt
grundsätzlich überein (vgl. Art. 8 ATSG und Art. 18 UVG). Das hat zur Folge, dass die
Schätzung der Invalidität mit Bezug auf den gleichen Gesundheitsschaden im Regelfall in
beiden Versicherungszweigen zum selben Ergebnis zu führen hat. Abweichungen sind
dennoch nicht ausgeschlossen (BGE 126 V 288 E. 2a und 2b mit Hinweisen). So hat nämlich
jede Versicherung die Invaliditätsbemessung selbständig und basierend auf einer eigenen
Prüfung vorzunehmen (BGE 133 V 549 E. 6.1, BGE 126 V 288 E. 2d). Gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung entfaltete die Invaliditätsschätzung der
Invalidenversicherung gegenüber dem Unfallversicherer keine Bindungswirkung - und
umgekehrt (BGE 133 V 549 E. 6.2, 131 V 362 E. 2.2.1 vgl. auch Urteil des Bundesgerichts
8C_754/2014 vom 27. März 2015 E. 2).
4.9
Der gerichtliche Überprüfungszeitraum beschränkt sich grundsätzlich auf den Sachverhalt, wie
er sich bis zum Erlass der streitigen Verwaltungsverfügung verwirklicht hat (BGE 132 V 215
E. 3.1.1). Nachdem die Beschwerdeführerin keine seit der Begutachtung vom Oktober 2015
bis zum angefochtenen Entscheid eingetretene Veränderung des Gesundheitszustandes
geltend macht, besteht keine Veranlassung zur Annahme, dass das Revisionsgutachten
zufolge veränderter Verhältnisse an Aktualität eingebüsst hat (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_331/2010 vom 12. Juli 2010 E. 3.3.3 mit weiteren Hinweisen).
9
5.
5.1
Zeitliche Vergleichsbasis zu den mit dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 15.
November 2019 beurteilten Verhältnissen bildet der Sachverhalt, auf dessen Grundlage die
Allianz mit Verfügung vom 19. Juli 2011 eine Rente bei einem Invaliditätsgrad von 46%
zusprach.
5.2
5.2.1
Grundlage für die ursprüngliche Rentenverfügung vom 19. Juli 2011 bildete das neurologische
Gutachten des Schweizerischen Instituts für Versicherungsmedizin (SIVM) vom 5. Mai 2011
(bg.Bel. 376). Der Neurologe Dr. med. C._ stellte folgende Diagnosen:
− Leichte bis mittelschwere Hirnfunktionsstörung nach schwerer traumatischer Hirnverletzung mit
rechtsseitigen fronto-parieto-temporaler Hirnkontusion, linksseitiger okzipitaler Hirnkontusion und diffuser
axonaler Hirnschädigung. Konsekutives sensomotorisches Hemisyndrom rechts (remittiert) und Aphasie
(Wortfindungsstörung)
− Posttraumatische belastungsabhängige Spannungstyp-Kopfschmerzen
− Posttraumatische Epilepsie
− Zentrale Hörbeeinträchtigung
− St. n. Subdural- und Subarachnoidalblutung fronto-parieto-temporal links
− St. n. Nadeltrepanation frontal rechts und Einlage einer intraparenchymatösen Hirndrucksonde am
14.10.2002
− St. n. Hemikraniektomie links am 15.10.2002
− St. n. nicht dislozierter medialer und lateraler Orbitawandfraktur rechts
− St. n. Hämatosinus ethmoidalis rechts
− St. n. Clavikulafraktur rechts
− Tinnitus aurium, AU seit Mitte 80-er Jahre (Bericht vom 18.11.2004)
In seiner Beurteilung hielt der Neurologe unter anderem fest, es bestehe insgesamt als Folge
der schweren Hirnverletzung, mit unter anderem links fronto-basalen posttraumatischen
Hirnparenchymveränderungen, eine reduzierte körperliche und geistige Belastbarkeit,
Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen sowie Störungen der kognitiven Flüssigkeit, was
sich in einer Verlangsamung des Denkens und Lernens äussere (S. 20 Abs. 6). Die kognitiven
Störungen förderten eine verstärkte Ermüdbarkeit und verminderte Belastbarkeit, was sich bei
Arbeiten äussere, die eine hohe Konzentration und geringe Fehlerquote voraussetzten. Die
Auswirkungen auf den Alltag würden sich während der Untersuchungssituation nicht getreu
prüfen oder abklären lassen, lägen aber im Erfahrungsspektrum mit Menschen dieses
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Verletzungsgrades. Die posttraumatische Epilepsie zeige gestörte elektrophysiologische
Abläufe im Gehirn, die sich typischerweise in Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen
äusserten. Obschon nicht von vergleichbarer Bedeutung wie die Veränderungen des
Hirnparenchyms, habe die Behandlung der Epilepsie mit Tegretol einen ungünstigen Effekt
auf die Aufmerksamkeit und das Lernen (S. 20 Abs. 7).
Hinsichtlich der angestammten Tätigkeit als Export-Assistentin notierte der Gutachter, die
Versicherte sei zur Zeit des Unfalls noch in Ausbildung gewesen. Sie habe zwar als Export-
assistentin bei der Firma D._ gearbeitet, aber vorgehabt, die Berufsmatura abzulegen und
eine Ausbildung als Übersetzerin in Angriff zu nehmen. Ihre Tätigkeit als Exportassistentin
habe in der Ausstellung von Speditionsverträgen und Ursprungszeugnissen, der
Dossierbearbeitung, Telefonaten, Besprechungen und Fotokopieren bestanden. Rund 80%
der Arbeit habe sie am Computer erledigt. Die aktuelle Arbeitsunfähigkeit in dieser Tätigkeit
hänge weniger von den einzelnen Aufgaben ab, als von der Last der Arbeit (erwarteter
«output») und der Anforderung, verschiedene Tätigkeiten zugleich oder unter
Berücksichtigung anderer Tätigkeiten (Priorisieren, sicherer Griff auf Wissen oder notwendige
Fakten, etc.) mit Durchsetzungsvermögen durchzuführen. In einem hektischen Umfeld mit
hohen Ansprüchen an Qualität, Effizienz und Leistung sei die Arbeitsfähigkeit nicht mehr
gegeben, in einer wenig anspruchsvollen Tätigkeit der gleichen Art könne eine
Restarbeitsfähigkeit bestehen. Einschränkend wirke sich die verstärkte Ermüdbarkeit und der
vermehrte Erholungsbedarf aus (S. 23 Ziff. 3.1.1). Im herrschenden wettbewerbs- und
leistungsorientierten Umfeld erachte er die Arbeitsunfähigkeit als Exportassistentin bei 40%
bei einer zusätzlichen Leistungseinbusse von 20% (S. 23 Ziff. 3.1.3). Tätigkeiten, die ein hohes
Mass an Selbstorganisation, Lernen von Fakten oder Abläufen, Dauerkonzentration oder
Übersicht über mehrere Abläufe erfordern, seien nicht geeignet, da sie intakte fronto-parietale
Hirnstrukturen voraussetzten (S. 23 Ziff. 3.1.2).
Die aktuelle Tätigkeit als I&D-Assistentin bzw. Handbuchbinderin in der E._ sei bereits besser
geeignet als die frühere, um ein höheres Arbeitspensum über längere Zeit zu bestehen (S. 24
Ziff. 3.2.2). Sie habe wegen den hohen Anforderungen an Konzentration und Fehlerquote
jedoch nicht standhalten können und das Pensum von 80% auf 60% reduzieren müssen (S.
26 Ziff. 2a). Die Versicherte sei der Meinung, dass sie in einer stärker handwerklich orientierten
Tätigkeit, bei welcher die erwähnten ungünstigen kognitiven Inhalte nicht oder kaum aufträten,
eine Arbeitsfähigkeit von mindestens 80% möglich wäre. Geeignet sein könnten Tätigkeiten
landwirtschaftlicher Art (z.B. Gärtnerei), eventuell Sicherheits- oder
Qualitätssicherungsaufgaben. Denkbar seien seines Erachtens auch Betreuungsaufgaben
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eventuell, pflegerische Tätigkeiten. Die ihm vorschwebenden Tätigkeiten dürften kognitive
Ansprüche stellen, allerdings nicht an ein hohes Leistungsvermögen gebunden sein.
Tätigkeiten, die bei hohen Leistungserwartungen eine konstant hohe Konzentration erfordern,
eine geringe Fehlerquote zuliessen und überdies durch externe Bedingungen (Telefonate,
Grossraumbüro etc.) die Ablenkbarkeit schürten, seien als dauerhafter Arbeitsplatz ungeeignet
(S. 24 Ziff. 3.2.2).
5.2.2
Ausgehend von einer Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Exportassistentin von
40% mit einer zusätzlichen Leistungseinbusse von 20% und einer Arbeitsfähigkeit von 80% in
einer angepassten Tätigkeit, errechnete die Allianz anhand der statistischen
Durchschnittswerte der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für
Statistik, Tabelle TA1 2008, Anforderungsniveau 4, einen Invaliditätsgrad von 46%.
5.3
Das im Rahmen der Rentenrevision eingeholte interdisziplinäre Gutachten des Zentrums für
Medizinische Begutachtungen (ZMB) vom 27. Oktober 2015 basiert auf den Untersuchungen
des Internisten Dr. med. F._, des Orthopäden Dr. med. G._, des Neurologen Dr. med. H._,
des Psychiaters Dr. med. I._ und des Neuropsychologen lic. phil. J._ (bg.act. 456). Die
Gutachter stellten folgende Diagnosen:
Status nach Fahrradsturz mit schwerem Schädelhirntrauma am 14.10.2002 − ausgedehnte Kontusionsblutungen fronto-temporo-parietal links und pariental rechts, «shearing injuries»
fronto-parietal links, Subdural- und Subarachnoidalblutung links; nicht dislozierte mediale und laterale Orbitawandfaktur rechts; Hämatosinus ethmoidalis rechts
− Status nach Implantation einer Hirndrucksonde rechts frontal am 14.10.2002
− Status nach Hemicarniektomie links am 15.10.2002 bei massiver Hirnschwellung
− Status nach Wiedereinsetzen des Knochendeckels am 30.01.2003
− klinisch sensomotorisches Hemisyndrom rechts und Aphasie
− Claviculafraktur rechts (konservative Therapie)
residuell:
− Organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma
− sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Schädigung des Gehirns nach
Unfall
− Smyptomatische Epilepsie mit sekundär generalisierten Anfällen 01/2009 und 08/2009
− unter antieptileptischer Abschirmung anfallsfrei
− anamestisch Verdacht auf intermittierenden benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel im Sinne einer
Canalolithiasis
− Sensibilitätsstörung am lateralen linken Fuss
12
− Status nach rezidivierend depressiven Störungen, aktuell remittiert
− Migräne ohne Aura
− Tinnitus aurium seit ca. 1994
− Status nach Velounfall am 04.06.2008 mit
− Kniekontusion rechts, Kopf-/HWS-Distorsion
− Status nach Ulnaabsprengfraktur Handgelenk links 12/2000
− substituierte Hypothyreose seit circa 10/2014
Im Rahmen der interdisziplinären Konsensbesprechung wurden aus internistischer und
orthopädischer Seite keine Unfallfolgen festgehalten (S. 72 Abs. 3 f.). Die
Nackenbeschwerden konnten aus orthopädischer Sicht nicht objektiviert werden (S. 74 Ziff.
7.1.3).
Aus neurologischer Sicht wurde das schwere Schädelhirntrauma mit ausgedehnter
Kontusionsblutung cerebral bestätigt. Residuell würden kognitive Defizite im Rahmen eines
organischen Psychosyndroms nach Schädelhirntrauma persistieren. Die symptomatische
Epilepsie mit sekundär generalisierten Anfällen sei unter antiepileptischer Abschirmung mit
Tegretol soweit behandelt, dass die Versicherte anfallsfrei sei. Im Vordergrund stünden die
kognitiven Defizite, anamnestisch in erster Linie mit einer verminderten Belastbarkeit
respektive vermehrten Ermüdbarkeit. Auch die Probleme auf emotionaler Ebene seien bei
frontaler (v.a. linksseitiger) Hirnschädigung auf der Basis einer organisch-traumatischen
Grundlage zu erklären. Die von der Versicherten beschriebenen intervallartig auftretenden
Kopfschmerzen seien im Rahmen einer Migräne ohne Aura zu sehen. Der beidseitige Tinnitus
sei prätraumatisch vorbestehend und stehe nicht im Vordergrund. Aus neurologischer Sicht
sei seit Jahren von einem Endzustand auszugehen. Im Vordergrund stünden die kognitiven
und emotional-affektiven Probleme als Folge des erlittenen Schädelhirntraumas mit
struktureller Hirnschädigung (S. 72 Abs. 5).
In der neuropsychologischen Untersuchung habe sich eine deutlich beeinträchtigte Merk-
fähigkeit für Texte, eine Überforderung am Telefon, eine deutlich verlangsamte Reaktionszeit
und eine Unsicherheit im Links-/Rechts-Schema von Körperteilen gezeigt. Unter Berück-
sichtigung der prämorbid überdurchschnittlichen Leistungsfähigkeit der Explorandin müsse
von einer leichten bis mittelschweren neuropsychologischen Beeinträchtigung ausgegangen
werden (S. 72 f. Abs. 6).
Aus psychiatrischer Sicht erfülle die Versicherte sämtliche Kriterien nach ICD-10 für ein
organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma. Sie weise Gedächtnisstörungen auf,
habe Lernschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen, reagiere mit geistiger Ermüdung bei
Belastungen. Zudem bestehe auch eine sonstige organische Persönlichkeits- und
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Verhaltensstörung mit affektiver Affektarmut bis zur Affektstarre aufgrund der Schädigung des
Gehirns. Die Versicherte sei vermindert flexibel, vermindert stressbelastungsfähig, vermindert
umstellfähig und verfüge über eine deutlich verminderte psychische Belastbarkeit. Auch aus
psychiatrischer Sicht müsse von einer deutlichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
ausgegangen werden (S. 73).
Die Gutachter hielten fest, dass alle kognitiven Symptome unter der Diagnose organisches
Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma zusammengefasst und mit den bildgebend
dokumentierten posttraumatischen Veränderungen am Gehirn korrelieren würden. Auch die
2009 aufgetretenen epileptischen Anfälle, die aktuell unter Therapie nicht mehr aufträten,
seien mit den strukturellen Gehirnveränderungen zu erklären (S. 74 Ziff. 7.1.3). Alle kognitiven
Defizite wie die Probleme mit der geteilten Aufmerksamkeit, die erhöhte Interferenzanfälligkeit,
die verminderte Belastbarkeit, die vermehrte Ermüdbarkeit, Lernschwierigkeiten sowie
allgemeine Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpfungsgefühle, Reizbarkeit,
Gedächtnis- und Schlafstörungen, verminderte Belastungsfähigkeit bei Stress und bei
emotionalen Reizen seien mit dem organischen Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma
bzw. mit der Diagnose «sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund
einer Schädigung des Gehirns nach Unfall» zu erklären. Dies gelte auch für die
posttraumatisch aufgetretene Epilepsie (S. 74 f. Ziff. 7.1.4). Eine psychische Fehlverarbeitung
des Unfallereignisses wurde explizit ausgeschlossen (S. 76 Ziff. 7.2.3).
Insgesamt seien seit der Begutachtung vom 5. Mai 2011 keine neuen diagnostischen Aspekte
hinzugekommen; es persistiere das organische Psychosyndrom sowie auch die Tendenz bei
vermehrter Belastung mit mangelnder Flexibilität zu reagieren, was unter der Diagnose
«sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Schädigung des
Gehirns nach Unfall» zusammengefasst worden sei. Unter Kenntnis des Verlaufs seit 2011 bis
dato sei die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit im SIVM Gutachten vom Mai 2011 zu
optimistisch gewesen. Die dazumal attestierte 80%ige Arbeitsfähigkeit habe die Versicherte,
wie der Verlauf gezeigt habe, nicht aufrechterhalten können. Sie sei am Arbeitsort als
Bibliothekarin überfordert und erschöpft gewesen, weshalb sie diese Stelle im April 2012
aufgegeben habe. Es müsse davon ausgegangen werden, dass sie am Arbeitsplatz aufgrund
ihrer verminderten Belastbarkeit, bedingt durch das organische Psychosyndrom, überfordert
gewesen sei (S. 77 Ziff. 7.3.1).
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Formal neu sei die Diagnose «sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung
aufgrund einer Schädigung des Gehirns nach Unfall». Es liege aber keine eigentliche
Veränderung des Gesundheitszustandes vor. Diese Problematik habe bereits im Zeitpunkt der
Begutachtung 2011 bestanden, sei aber nicht als Diagnose formuliert worden (S. 78 Ziff.
7.3.2).
Die unfallbedingte Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als
Exportassistentin hängt von äusseren Umständen ab. Es sind Umgebungsreize gemeint. In
einem ruhigen Umfeld, in dem die Versicherte für sich arbeiten könne, scheine eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit halbtags der Leistungsfähigkeit zu entsprechen, wobei von einer zusätzlichen
Rendementverminderung im Bereich von 20% auszugehen sei. Eine identische Tätigkeit in
einem Grossraumbüro sei kaum möglich (S. 78 Ziff. 7.4.1.1).
Die Versicherte sei in allen Tätigkeiten überfordert, bei denen Stress und ein hektisches
Umfeld bzw. Zeitdruck herrsche, wo hohe Ansprüche an Qualität, Effizienz und Leistung
gefordert seien. Auch eine vermehrte Reizüberflutung wie z.B. Telefonate, gleichzeitige
Konferenzen und Gespräche mit Mitarbeitern, würden zu einer Überforderung führen und
könnten nicht ausgeführt werden (S. 78 f. Ziff. 7.4.1.2).
In adaptierten Tätigkeiten, die in einem ruhigen Umfeld stattfinden, ohne Stress und Hektik,
Tätigkeiten, welche sie für sich selbst an einem Arbeitsplatz erledigen könne, bei denen sie
nicht von Reizen überflutet werde und nicht mehrere Dinge gleichzeitig erledigen müsse,
bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 50% mit einem leichten Rendement von circa 10% (S. 79
Ziff. 7.4.2.1). Die Tätigkeit beim Handelsregisteramt sei als ideal anzusehen (S. 80 Ziff.
7.4.2.2).
5.4
Insgesamt konnten die Gutachter keine neuen Befunde erheben, mithin keine wesentliche
Veränderung des Gesundheitszustandes ausmachen. Die neu gestellte Diagnose der
«sonstigen organischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Schädigung
des Gehirns nach Unfall» erfasst Befunde, die schon bei der monodisziplinären Begutachtung
2011 bestanden hätten, aber nicht als Diagnose formuliert worden seien. Unter Kenntnis des
Verlaufs seit 2011 bis dato erachteten die Gutachter die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des
damaligen Gutachters als zu optimistisch.
15
6.
6.1
6.1.1
Die Beschwerdeführerin macht geltend, das Gutachten ZMB dokumentiere sehr wohl eine
Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes. Während der SIVM-Gutachter eine
psychische Fehlverarbeitung ausschloss und eine leichte bis maximal mässige depressive
Verstimmung festhielt, komme das psychiatrische ZMB-Teilgutachten zum Schluss, es könne
gesichert davon ausgegangen werden, dass immer wieder, je nach Stressbelastung,
depressive Episoden aufgetreten seien. Aus psychiatrischer Sicht werde ihr denn auch eine
50%ige Arbeitsunfähigkeit zugesprochen.
6.1.2
Der SIVM-Gutachter verneinte eine psychische Fehlverarbeitung des Unfalls. Die depressive
Verstimmung sei klinisch leicht bis maximal mässig und lasse sich ausreichend als Folge der
Hirnschädigung resp. als Reaktion auf die verminderte, unfallbedingte Leistungsfähigkeit
verstehen.
Der psychiatrische ZMB-Teilgutachter, Dr. med. I._, schloss eine psychische
Fehlverarbeitung des Unfallereignisses ebenfalls explizit aus (vgl. E. 5.3). Er hielt auch eine
rezidivierende depressive Störung fest, gegenwärtig remittiert (F33.4). Insofern ergeben sich
keine Divergenzen. Die seitens des Psychiaters attestierte Arbeitsunfähigkeit dürfte vielmehr
das ebenfalls diagnostizierte organische Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma (das
vielfältige Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpfung, Reizbarkeit,
Schwierigkeiten bei der Konzentration und bei geistigen Leistungen sowie Gedächtnis- und
Schlafstörungen und verminderte Belastbarkeit bei Stress und emotionalen Reizen umfasst)
und sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Schädigung
des Gehirns nach Unfall (verminderte Flexibilität, Stressbelastungs- und Umstellungsfähigkeit
sowie eine deutlich verminderte Belastbarkeit) beschlagen. Es ist an dieser Stelle denn auch
daran zu erinnern, dass nicht die Diagnose, sondern die daraus resultierende Auswirkung auf
die funktionelle Leistungsfähigkeit massgebend ist. Überdies ist die im Rahmen der
interdisziplinären Konsensbesprechung festgelegte Arbeitsfähigkeit massgebend.
16
6.2
6.2.1
Die Beschwerdeführerin erblickt eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes im
Umstand, dass das Gutachten SIVM die Kopf- und Schwindelbeschwerden als nicht mass-
geblich einstufte, während der neurologische ZMB-Gutachter den Schwindel als benigner
paroxysmaler Lagerungsschwindel im Sinne einer Canalolithiasis beurteilt.
6.2.2
Richtig ist, dass der neurologische ZMB-Gutachter festhielt, dass sich anamnestisch diese
Verdachtsdiagnose stelle. Er hielt aber auch fest, dass es sich dabei um eine häufige
Komplikation nach Schädelhirntrauma handle, die Explorandin im Untersuchungszeitpunkt
beschwerdefrei gewesen sei und auch bei entsprechender Lagerung kein entsprechender
Schwindel habe evoziert werden können. Im Übrigen vermag eine Verdachtsdiagnose nicht
das erforderliche Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu erfüllen. Daran
vermögen auch die in den Akten liegenden Arztberichte der behandelnden Neurologin K._
nichts zu ändern, die nicht durchwegs, sondern nur partiell einen Schwindel erwähnen.
6.3
6.3.1
Schliesslich macht die Beschwerdeführerin geltend, die ständigen und belastenden
Kopfschmerzen hätten zwischen den Gutachten zugenommen. Im ZMB-Gutachten würden
diese als Folge des organischen Psychosyndroms qualifiziert. Vor dem Unfallereignis habe sie
weder unter Migräne noch sonstigen Kopfschmerzen gelitten. Auch die behandelnde
Neurologin K._ sei sich ihrer Diagnose nicht sicher gewesen. In jedem Fall hätten die
Kopfschmerzen unter Bildschirmarbeit zugenommen.
6.3.2
Bereits anlässlich der SIVM-Begutachtung klagte die Beschwerdeführerin über
Kopfschmerzen, die der Gutachter als posttraumatische belastungsabhängige Spannungstyp-
Kopfschmerzen diagnostizierte. Die ZMB-Gutachter ordneten den Spannungskopfschmerz
der Diagnose «sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer
Schädigung des Gehirns nach Unfall» zu. Für die im Rahmen der ZMB-Exploration berichteten
intervallartig auftretenden Kopfschmerzen, immer halbseitig und ausschliesslich rechts
17
lokalisiert, mit einem Stechen im Auge, begleitet von vegetativen Zeichen, erachtete der
neurologische Teilgutachter die Kriterien für die Diagnose Migräne ohne Aura erfüllt. Diese sei
überwiegend wahrscheinlich nicht unfallkausal, sondern prätraumatisch. Im Übrigen gilt eine
gesundheitliche Schädigung beweisrechtlich nicht schon dann als durch den Unfall verursacht,
weil sie nach diesem aufgetreten ist.
6.4
Insgesamt erweisen sich die von der Beschwerdeführerin gegenüber dem ZMB-Gutachten
angebrachten Vorbehalte als nicht stichhaltig. Vielmehr erfüllt das Gutachten die erforderlichen
Kriterien (vorstehend E. 4.7). Eine veränderte Befundlage, die auf eine effektive
Verschlechterung des Gesundheitszustandes schliessen lässt, ist nicht gegeben. Divergenzen
in den Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit liegen nur scheinbar vor. Die Einschätzung der ZMB-
Gutachter erfasst die Tätigkeit der Beschwerdeführerin im kaufmännischen Bereich, in dem
ihr auch der SIVM-Gutachter bloss eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (mit Rendement-
Verminderung) attestiert hatte. Identisch ist auch das seitens der ZMB-Gutachter formulierte
Zumutbarkeitsprofil einer Verweistätigkeit.
6.5
6.5.1
Die Beschwerdeführerin verweist auf die aufgrund der Belastung erfolgte Kündigung beim
Handelsregisteramt, womit auch eine wirtschaftliche Veränderung im Zeitpunkt der
angefochtenen Verfügung vorgelegen habe.
6.5.2
Die Invalidenrente ist auch revidierbar, wenn das Leistungsvermögen unverändert bleibt, sich
aber die erwerblichen Möglichkeiten oder die berufliche Situation verändert haben (BGE 130
V 343 E. 3.5; Urteil des Bundesgerichts 8C_270/2013 vom 29. August 2013 E. 4). Dies kann
zutreffen, wenn die versicherte Person eine Ausbildung abgeschlossen hat (BGE 119 V 475
E. 1b/aa), wenn sie ihre Anstellung aufgibt und eine selbständige Erwerbstätigkeit aufnimmt
(Urteil des Bundesgerichts 8C_551/2017 vom 2. August 2018 E. 4 f.) oder wenn sie eine
besser entlöhnte Stelle findet (THOMAS FLÜCKIGER, in: Frésard-Fellay, Klett, Leuzinger [Hrsg.],
BSK-ATSG, 2020, N. 27 zu Art. 17 ATSG).
18
Im vorliegenden Fall hat die Beschwerdeführerin ihre Erwerbstätigkeit aufgegeben. Der im
Rahmen der Rentenverfügung durchgeführte Einkommensvergleich basiert nicht auf den
konkreten Einkommensverhältnissen, sondern auf den statistischen Werten des Bundesamtes
für Statistik (LSE). Insofern bewirkt die Stellenaufgabe keine rentenrelevante wirtschaftliche
Veränderung.
6.6
Insgesamt lässt sich nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine anspruchserhebliche
Änderung des Sachverhalts erstellen, weshalb es beim jetzigen Rechtszustand bleibt. Eine
allseitige Prüfung ist ausgeschlossen.
7.
Die Beschwerdeführerin beantragt die Erstattung von Therapiekosten im Betrage von
Fr. 4'700.‒.
Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse
zu überprüfen beziehungsweise zu beurteilen, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde
vorgängig verbindlich ‒ in Form einer Verfügung beziehungsweise eines
Einspracheentscheids ‒ Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt der angefochtene
Einspracheentscheid den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand.
Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer
Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfügung beziehungsweise kein
Einspracheentscheid ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1; 125 V 413 E. 1a). Nachdem im
Einspracheentscheid zur entsprechenden Frage nicht verbindlich Stellung genommen wurde,
ist auf diesen Antrag nicht einzutreten.
8.
Insgesamt erweist sich der angefochtene Entscheid als rechtens, was zu einer Abweisung der
Beschwerde führt.
9.
Es sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG) und ausgangsgemäss keine
Parteientschädigung zu sprechen (Art. 61 lit. g ATSG).
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