Decision ID: 3cd751a0-0af5-4ba6-b2de-b91c3aeac0bd
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Vergewaltigung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster vom 21. Juli 2011 (DG110002)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 14. Februar
2011 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 24).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 80 S. 124 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB, − der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB, − der mehrfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1
StGB in Verbindung mit Art. 123 Ziff. 2 Abs. 6 StGB, − der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB, − der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB, − der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB in Verbindung mit
Art. 180 Abs. 2 lit. b StGB − der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB in
Verbindung mit Art. 126 Abs. 2 lit. c StGB.
2. Vom Vorwurf der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB zum Nachteile
des Geschädigten C._ (ND) wird der Beschuldigte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 5 Jahren und 3 Monaten Freiheitsstrafe
(wovon 365 Tage durch Haft erstanden sind).
4. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV vom 20. Januar 2011 be-
schlagnahmten Gegenstände
− Leibgurt schwarz, mit Nieten; − Leibgurt schwarz; − Leibgurt schwarz, mit Schnalle silberfarben und drehbar; − Leibgurt schwarz; − Leibgurt schwarz, Stoff, Marke "Diesel";
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− Leibgurt schwarz, silberfarbene Schnalle mit Kuhkopf; − Leibgurt schwarz, "Indiana Jones"
werden eingezogen und der Bezirksgerichtskasse Uster zur Vernichtung
überlassen.
5. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV vom 20. Januar 2011 be-
schlagnahmte Kuvert mit handschriftlicher Notiz des Beschuldigten an die
Geschädigte wird dem Beschuldigten nach Eintritt der Rechtskraft dieses
Entscheids auf erstes Verlangen herausgegeben. Wird die Herausgabe nicht
innert eines Jahres ab Eintritt der Rechtskraft verlangt, so wird dieser Ge-
genstand der Bezirksgerichtskasse Uster zur Vernichtung überlassen.
6. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin aus
dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist.
Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches
wird die Privatklägerin auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin Fr. 12'000.– als Genug-
tuung zu bezahlen.
8. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 6'000.00 die weiteren Kosten betragen: Fr. 22'433.70 Untersuchungskosten
Fr. 8'000.00 Gebühr Strafuntersuchung § 4 BegStrV
Fr. 900.00 Kosten der Kantonspolizei
Fr. 16'000.00 Akonto-Zahlung amtliche Verteidigung
Fr. 22'263.45 weitere Kosten der amtlichen Verteidigung
Fr. 25'036.25 Kosten der Vertreterin der Privatklägerin.
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausge-
nommen derjenigen der amtlichen Verteidigung sowie die Kosten der Vertre-
terin der Privatklägerin, werden dem Beschuldigten auferlegt.
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10. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie die Kosten der Vertreterin der
Privatklägerin werden auf die Staatskasse genommen; vorbehalten bleibt ei-
ne Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO. Über die Höhe der Kosten
der amtlichen Verteidigung und der Kosten der Vertreterin der Privatklägerin
wurde bereits mit separaten Beschlüssen entschieden.
11. (Mitteilung)
12. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 8 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(schriftlich und mündlich; Urk. 128 S. 2 ff.)
A. Antrag auf Nichteintreten:
Infolge Befangenheit des erstinstanzlichen Gerichts sei auf die Berufung nicht einzutreten und die Akten zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
B. Haupt- und Eventualanträge: 1. Der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen. 2. Dem Beschuldigten sei im Falle eines vollumfänglichen resp. teilweisen
Freispruchs nach Ermessen des Gerichts in angemessenen Umfang für die erstandene U-Haft resp. Überhaft Schadenersatz und  zuzusprechen.
3. Auf das Genugtuungsbegehren der Klägerin sei bei einem  oder Teilfreispruch nicht einzutreten resp. es sei auf den Zivilweg zu verweisen.
4. Die Kosten der Untersuchung sowie der gerichtlichen Verfahren seien auf die Gerichtskasse zu nehmen, im Falle einer Teilverurteilung anteilsmässig dem Beschuldigten aufzuerlegen.
5. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf die Gerichtskasse zu nehmen.
6. Die Kosten der amtlichen Klägerinnenvertretung seien auf die  zu nehmen resp. der Klägerin aufzuerlegen.
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C. Prozessualer Antrag:
Die polizeiliche Einvernahme vom 3. Dezember 2009 sei aus dem Recht zu weisen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(schriftlich und mündlich; Urk. 129 S. 1)
1. Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils vom 21. Juli 2011 mit  wesentlichen Ausnahmen:
2. Schuldigsprechung betreffend Drohung (ND1) 3. Bestrafung mit 5 1/2 Jahren Freiheitsstrafe unter Anrechnung der
erstandenen Haft und Fr. 700.-- Busse 4. Vollzug der Freiheitsstrafe
c) Der Privatklägerschaft B._:
(schriftlich und mündlich; Urk. 130 S. 1)
1. Es sei das Urteil des Bezirksgerichtes Uster vom 21. Juli 2011  zu bestätigen.
2. Es seien die Kosten des Strafverfahrens, einschliesslich der Kosten der Geschädigtenvertretung, vollumfänglich dem Beschuldigten .

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte und Gegenstand der Berufung
1. Zum bisherigen Verfahrensgang ist auf das angefochtene Urteil zu verwei-
sen (Urk. 80 S. 4 f.).
2. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil des Bezirksgerichtes Uster vom
21. Juli 2011 wurde der Beschuldigte wie folgt schuldig gesprochen (vgl. Urk. 80
S. 124 ff.): der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB, der sexuellen
Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB, der mehrfachen Körperverletzung
im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 123 Ziff. 2
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Abs. 6 StGB, der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB, der versuchten Nötigung
im Sinne von Art. 181 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, der Drohung
im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 180 Abs. 2 lit. b StGB,
der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB in Verbindung
mit Art. 126 Abs. 2 lit. c StGB. Vom Vorwurf der Drohung im Sinne von Art. 180
Abs. 1 StGB zum Nachteil des Geschädigten C._ (ND) sprach das
Bezirksgericht den Beschuldigten frei. Der Beschuldigte wurde mit einer Freiheits-
strafe von 5 Jahren und 3 Monaten bestraft, unter Anrechnung von 365 Tagen
Haft. Weiter wurden durch die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte Gegenstände
(diverse Leibgurte) eingezogen und der Bezirksgerichtskasse Uster zur Vernich-
tung überlassen. Hinsichtlich eines beschlagnahmten Couverts mit handschriftli-
cher Notiz des Beschuldigten an die Geschädigte erkannte die Vorinstanz auf
Herausgabe an den Beschuldigten auf dessen erstes Verlangen. Sodann wurde
die grundsätzliche Schadenersatzpflicht des Beschuldigten gegenüber der Privat-
klägerin aus dem eingeklagten Ereignis festgestellt. Zur genauen Feststellung des
Umfanges des Schadenersatzanspruches verwies die Vorinstanz die Privatkläge-
rin auf den Weg des Zivilprozesses. Zudem verpflichtete die Vorinstanz den
Beschuldigten, der Privatklägerin Fr. 12'000.-- als Genugtuung zu bezahlen. Die
Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens – ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung und der Vertreterin der Privatklägerin –
wurden dem Beschuldigten auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung
sowie die Kosten der Vertreterin der Privatklägerin wurden auf die Staatskasse
genommen, unter Vorbehalt einer Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
3.1 Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte durch seinen damaligen amtli-
chen Verteidiger, Rechtsanwalt lic. iur. D._, mit Eingabe vom 28. Juli 2011
rechtzeitig Berufung anmelden (Urk. 59).
3.2 Mit Schreiben vom 29. Juli 2011 teilte Rechtsanwalt lic. iur. D._ mit,
dass er sein Mandat infolge ihm nunmehr fehlender notwendiger Objektivität
sowie fehlender Distanz niederlege und das Mandat Rechtsanwalt lic. iur.
E._, der die Bereitschaft zur Interessenwahrung bekundet habe, übergeben
werde. Gleichzeitig ersuchte er, diesen als amtlichen Verteidiger zu bestellen
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(Urk. 60). Auf Rückfragen seitens des Bezirksgerichts erläuterte Rechtsanwalt
lic. iur. D._ präzisierend, dass er sich infolge drastischer Verschlechterung
seines Gesundheitszustandes in jüngster Zeit (MS und namentlich massive Ver-
schlechterung des Augenlichts) für die Zukunft ausserstande sehe, das
anspruchsvolle Mandat fachlich weiter zu betreuen. Gleichzeitig geht aus den
Äusserungen aber hervor, dass Rechtsanwalt lic. iur. D._ sich bis dahin in
der Lage gefühlt hatte, das Verteidigungsmandat mit voller Energie, richtig und
gewissenhaft auszuüben (Urk. 63, 64 und 67). Mit Verfügung des Vizepräsidenten
vom 22. August 2011 entsprach das Bezirksgericht Uster dem Gesuch, entliess
Rechtsanwalt lic. iur. D._ per sofort als amtlichen Verteidiger des
Beschuldigten und ernannte mit sofortiger Wirkung Rechtsanwalt lic. iur. E._
zum neuen amtlichen Verteidiger des Beschuldigten (Urk. 69).
3.3 Nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 78 = Urk. 80) liess der
Beschuldigte durch seinen neuen amtlichen Verteidiger am 10. November 2011
fristgerecht am Obergericht die Berufungserklärung einreichen. Mit seiner Beru-
fung strebt der Beschuldigte einen vollumfänglichen Freispruch an (Urk. 82).
4.1 Mit Präsidialverfügung vom 14. November 2011 wurde die Berufungserklä-
rung in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO sowie Art. 401 StPO der Pri-
vatklägerin und der Staatsanwaltschaft übermittelt (Urk. 84). Die Staatsanwalt-
schaft teilte innert Frist am 9. Dezember 2011 mit, dass sie Anschlussberufung
erhebe, wobei sie diese zunächst nicht beschränkte (Urk. 88). Die Privatklägerin
liess mit Eingabe vom 24. November 2011 mitteilen, dass auf Anschlussberufung
verzichtet und die Bestätigung des angefochtenen Urteils beantragt werde
(Urk. 86).
4.2 Im Rahmen der Berufungserklärung vom 10. November 2011 stellte die Ver-
teidigung den Beweisantrag, es sei "betreffend die Glaubhaftigkeit der Aussagen
der Privatklägerin B._ und der übrigen Belastungszeugen" ein Gutachten
einzuholen (Urk. 82 S. 2), wobei sie diesen Beweisantrag nicht weiter begründete.
Mit Präsidialverfügung vom 15. Dezember 2011 wurde dieser Beweisantrag
abgewiesen (Urk. 93).
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4.3 Am 27. April 2012 wurden die Parteien zur Berufungsverhandlung auf den
7. Juni 2012 vorgeladen (Urk. 95).
4.4 Mit Telefon und Schreiben vom 29. Mai 2012 ersuchte Rechtsanwalt lic. iur.
E._ um Entlassung als amtlicher Verteidiger des Beschuldigten. Zur Begrün-
dung verwies er auf den Umstand, dass das Vertrauensverhältnis zwischen dem
Beschuldigten und ihm leider dermassen gestört sei, dass eine Weiterführung des
Mandats nicht mehr möglich sei (Urk. 97). Darauf hin wurden am 30. Mai 2012 die
Ladungen abgenommen und die Verhandlung verschoben (Urk. 99). Mit Präsidi-
alverfügung vom 31. Mai 2012 wurde der beantragte Wechsel der amtlichen Ver-
teidigung im Berufungsverfahren gutgeheissen und Rechtsanwalt lic. iur. E._
als amtlicher Verteidiger des Beschuldigten entlassen; zudem wurde dem Be-
schuldigten Frist angesetzt, um dem Obergericht allfällige Wünsche betreffend die
Person der neuen amtlichen Verteidigung mitzuteilen (Urk. 100). Nachdem der
Beschuldigte fristgerecht mit Schreiben vom 15. Juni 2012 mitgeteilt hatte, dass
er gerne Rechtsanwalt Dr. X._ als neuen amtlichen Verteidiger hätte und
dieser bereit sei, das Mandat zu übernehmen, was auf Rückfrage des Gerichts
bestätigt wurde (Urk. 102 und Urk. 104), bestellte das Gericht mit Präsidialverfü-
gung vom 20. Juni 2012 Rechtsanwalt Dr. X._ rückwirkend per 31. Mai 2012
zum neuen amtlichen Verteidiger des Beschuldigten (Urk. 105).
4.5 Auf Antrag der bisherigen Vertreterin der Privatklägerin, Rechtsanwältin
lic. iur. Y._, wurde sodann die unentgeltliche Vertretung der Privatklägerin
B._ von Rechtsanwältin lic. iur. Y._ per 18. Juli 2012 auf Rechtsanwalt
Dr. Z._ übertragen (Urk. 107 und 109).
4.6 Zur Berufungsverhandlung wurde neu auf den 22. November 2012 vorgela-
den (Urk. 110).
4.7 Einem Verschiebungsgesuch der Verteidigung vom 20. November 2012
entsprechend (Urk. 114), wurden die Vorladungen auf den 22. November 2012
abgenommen und die Berufungsverhandlung wurde neu auf den 30. Januar 2013
angesetzt (Urk. 116).
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4.8 Im Nachgang zur Berufungsverhandlung vom 30. Januar 2013 reichte der
Verteidiger dem Gericht eine Kopie seines Schreibens an die Staatsanwaltschaft
IV des Kantons Zürich vom 1. Februar 2013 ein, mit welchem er Strafanzeige
gegen Unbekannt resp. gegen B._ einreichte (Urk. 135 S. 1). Der Verlauf
dieser Strafuntersuchung ist für das vorliegende Verfahren nicht von Relevanz.
5.1 Mit ihrer Berufung verlangt die Verteidigung die folgenden Änderungen des
Urteils (Urk. 128 S. 2 ff.): Nichteintreten auf die Berufung und Rückweisung zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz; Freisprechung des Beschuldigten; Übernahme
sämtlicher Kosten auf die Gerichtskasse, Abweisung der Schadenersatz- und
Genugtuungsansprüche der Privatklägerin und Ausrichtung einer persönlichen
Entschädigung / Genugtuung an den Beschuldigten nach richterlichem Ermessen
insbesondere für die erstandene Untersuchungshaft.
5.2 Auch wenn die Verteidigung ihre Berufung ausdrücklich nicht beschränkte,
sondern auf das ganze Urteil bezog (Urk. 82 S. 1; Urk. 128 S. 2 ff.), sind mangels
Spezifizierung (Art. 399 Abs. 3 Ziff. 2 StPO i.V.m. Art. 385 Abs. 1 lit. a StPO) im
Ergebnis die folgenden Regelungen rechtskräftig geworden (vgl. auch Prot. II
S. 10)
- die Anordnung zur Vernichtung der diversen beschlagnahmten Leibgurte
(Dispositiv Ziffer 4)
- die Anordnung zur Herausgabe des beschlagnahmten Couverts an den
Beschuldigten (Dispositiv Ziffer 5)
- die Kostenfestsetzung (Dispositiv Ziffer 8)
- die Regelung betreffend die Kosten der amtlichen Verteidigung und der Vertrete-
rin der Privatklägerin (Dispositiv Ziffer 10)
Diese Anordnungen sind in Rechtskraft erwachsen (Art. 399 Abs. 3 in Verbindung
mit Art. 402, Art. 404 Abs. 1 und 437 StPO). Das ist vorab mit Beschluss festzu-
halten.
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6.1 Die Verteidigung stellte anlässlich der Berufungsverhandlung die folgenden
Beweisanträge (Urk. 125):
"1. Es sei die Klägerin B._ als Zeugin vorzuladen und durch das Gericht zu befragen.
2. Es sei Frau F._ als Zeugin vorzuladen und durch das Gericht zu .
3. Es sei Frau G._ als Zeugin vorzuladen und durch das Gericht zu .
4. Es sei Frau H._ als Zeugin vorzuladen und durch das Gericht zu .
5. Es sei Herr I._ als Zeuge vorzuladen und durch das Gericht zu .
6. Es sei ein medizinisches Gutachten zur Frage einzuholen, ob die Klägerin die Verletzungen im Gesicht sich selber beigebracht haben kann.
7. Der Fusselroller sei durch den wissenschaftlichen Dienst auf DNA-Spuren des Beschuldigten sowie der Klägerin hin zu untersuchen. Sollten sich Hinweise auf Körperflüssigkeiten insbesondere auf Blut ergeben, so seien diese genau zuzuordnen.
8. Der Bericht des Zahnarztes Dr. J._ in ..., bezüglich des gebrochenen Zahnes der Klägerin sei einzuholen.
9. Es seien die ins Recht gelegten Handys Modell: Nokia E65 sowie Nokia 5500, Nokia 6233 und Nokia 6111 sowie die SIM-Karte des Beschuldigten auf die nachstehend bezeichneten SMS zu untersuchen. Zudem seien die erwähnten Handys und SIM-Karte durch den wissenschaftlichen Dienst der Kantonspolizei hinsichtlich prozessrelevantem Material auswerten zu lassen.
10. Es seien die Handys der Klägerin sowie das Handy von Frau F._  den relevanten Zeitraum der Beziehung zum Beschuldigten auf die erfolgten telefonischen Kontakte resp. die versendeten resp. erhaltenen SMS auszuwerten.
11. Es sei nach Vornahme dieser Beweisergänzungen ein Beziehungsgutachten über das Verhältnis der Klägerin B._ und des Beschuldigten A._ einzuholen.
12. Es sei ein Gutachten bezüglich der Glaubwürdigkeit der Klägerin resp. der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zu erstellen, insbesondere vor dem  einer allfällig vorhandenen pathologischen .
13. Es seien die dem Gericht eingereichten Unterlagen u.a. SMS-Auszüge und Fotos gemäss Beweisverzeichnis zu den Akten zu nehmen."
6.2 Auf die vorstehenden Beweisanträge der Verteidigung ist im Zusammen-
hang mit den nachfolgenden Erwägungen einzugehen, wobei an dieser Stelle
festzuhalten ist, dass nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts die antizipier-
te Beweiswürdigung zulässig ist, wenn das Gericht aufgrund bereits abgenomme-
ner Beweise seine Überzeugung gebildet hat und die beantragte Beweiserhebung
daran nichts zu ändern vermag. Es ist folglich das derzeit bestehende vorläufige
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Beweisergebnis hypothetisch um die Fakten des Beweisantrags zu ergänzen und
zu würdigen. Zulässig ist die Ablehnung des Beweisantrags dann, wenn die zu
beweisende Tatsache nach dieser Würdigung als unerheblich, offenkundig oder
bereits rechtsgenügend erwiesen anzusehen ist. In jedem Fall ist die Beweisanti-
zipation restriktiv zu handhaben (BSK StPO - Hofer, Basel 2011, Art. 10 N 67 f.
mit Verweis auf Praxis und Lehre, ferner Art. 139 N 48 ff.; BSK StPO - Max Hauri,
Basel 2011, Art. 343 N 35).
7.1 Die Verteidigung macht Befangenheit des erstinstanzlichen Gerichts
geltend, da dieses aufgrund der Aussage der Privatklägerin unter Hinweis auf
Art. 307 StGB von erhöhter Glaubwürdigkeit der Privatklägerin ausgehe, während
die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten infolge seines Rechts, ungestraft allenfalls
auch Lügen zu erzählen, als vermindert angesehen werde. Dieses Kriterium stelle
einen krassen Verstoss gegen die Unschuldsvermutung von Art. 6 EMRK dar
(Urk. 128 S. 2, 5-7).
7.2 Befangenheit bezeichnet eine innere Einstellung der in der Strafbehörde
tätigen Person zu den Verfahrensbeteiligten oder zum Gegenstand des konkreten
Verfahrens, welche die gebotene Distanz vermissen lässt und aus der heraus die
Person sachfremde Elemente einfliessen lässt mit der Folge, dass sie einen Ver-
fahrensbeteiligten benachteiligt oder bevorzugt oder zumindest dazu neigt (BSK
StPO - Markus Boog, Basel 2011, Vor Art. 56-60 N 7 mit Hinweisen). Nach der
Formel der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist Befangenheit einer Gerichts-
person gegeben, wenn Umstände vorliegen, die geeignet sind, Misstrauen in ihre
Unparteilichkeit zu erwecken (BSK StPO - Markus Boog, Basel 2011, Vor Art. 56-
60 N 8 mit zahlreichen Hinweisen). Solches ist vorliegend nirgends ersichtlich und
wird nicht einmal behauptet. Entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 128
S. 6) stellt die Vorinstanz auch nicht einzig oder überwiegend auf die Glaubwür-
digkeit der Beteiligten ab, sondern würdigt – völlig fachgerecht – hauptsächlich
den Inhalt der konkreten Aussagen und wertet deren Überzeugungskraft.
7.3 Der Nichteintretensantrag der Verteidigung ist folglich abzuweisen.
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II. Schuldpunkt - eingeklagter Sachverhalt
1. Verfahrenshintergrund
Zum besseren Verständnis ist vorab kurz der Hintergrund des Verfahrens darzu-
stellen: Der heute 33-jährige A._, ... Staatsangehöriger [des Staats
K._], kam ca. mit 8 Jahren in die Schweiz, wo er die obligatorische Schulzeit
absolvierte, eine Lehre im Reinigungsbereich abschloss und fortan auf dem Beruf
arbeitete. Die Privatklägerin, B._, Staatsangehörige von L._ und heute
24-jährig, wuchs ebenfalls in der Schweiz auf, besuchte die Schulen und schloss
eine Anlehre als Verkäuferin ab. Der Beschuldigte und die Privatklägerin führten
ca. vier Jahre lang eine Beziehung, wovon sie während knapp zwei Jahren, ab
Dezember 2007 bis im November 2009, in M._ in einer gemeinsamen Woh-
nung lebten. Die Familie von B._ hätte sich gewünscht, dass die
Privatklägerin jemanden aus L._ nehme, einen "...". B._ brach deshalb
den Kontakt zu ihrer Familie (vorübergehend) ab. Im Herbst 2009 wohnte auch
die Ex-Freundin des Beschuldigten, F._, während einiger Wochen im Haus-
halt des Beschuldigten und der Privatklägerin, wobei eine Art Dreierbeziehung
bestand. Während der Dauer des Zusammenlebens haute die Privatklägerin etwa
zwei Dutzend Mal ab, kehrte aber jeweils zum Beschuldigten zurück. Am tt. No-
vember 2009 verliess die Privatklägerin den Beschuldigten definitiv und erstattete
am 2. Dezember 2009 Strafanzeige gegen ihn.
2. Anklagevorwurf
In der Anklage (Urk. 24 S. 1-13) werden dem Beschuldigten unzählige gewalttäti-
ge Übergriffe auf die Geschädigte B._ (im folgenden als Privatklägerin be-
zeichnet) vorgeworfen, die überwiegend in der gemeinsamen Wohnung in
M._ stattgefunden haben sollen.
Zusammengefasst und ungefähr auf einen Nenner gebracht wirft die Anklage dem
Beschuldigten vor, er habe der Privatklägerin von ca. von Mai 2008 bis November
2009 anlässlich wiederholter verbaler und körperlicher Auseinandersetzungen
Schläge mit der Hand oder mit einem Gurt am ganzen Körper zugefügt, ihr Ohr-
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feigen verpasst und Faustschläge bzw. Schläge mit einem Gurt ins Gesicht verab-
reicht, sie an den Haaren gepackt und ihren Kopf gegen einen Baumstamm ge-
schlagen, ihr Gesicht in die Toilettenschüssel gedrückt, ihr die Haare an der lin-
ken Kopfhälfte sowie am Hinterkopf abgeschnitten, sie an den Schultern gepackt
und geschüttelt, ihr für einige Sekunden ein Kissen auf das Gesicht gedrückt
und sie mit seinen Händen am Hals gepackt. Dadurch habe sie unter anderem
Hämatome und Schwellungen an diversen Körperstellen und im Gesicht sowie
(Kopf)Schmerzen erlitten, ferner ungewollten Urinabgang, Nasenbluten, Schwin-
del, Atemnot, multiple Gesichtsprellungen und ein Brillenhämatom. Weiter lastet
die Anklage dem Beschuldigten an, der Privatklägerin einmal einen Kugelschrei-
ber, Schriftteil voran, in das linke Auge gepresst zu haben, was für ca. zwei bis
drei Tage zu einer Rötung in ihrem Auge geführt habe.
Sodann wird dem Beschuldigten vorgeworfen, drei bis vier Mal mit der Faust
gegen den Bauch der Privatklägerin geschlagen zu haben, was bei ihr Bauch-
schmerzen bewirkt habe. Gleichzeitig habe er ihr erklärt, da solle nie ein Kind
herauskommen, aus so einer Schlampe. Und sollte sie jemals schwanger werden,
werde er sie und das Kind umbringen. Auch habe er ihr im Kinderzimmer der
Wohnung seiner Tante gedroht, ihre ganze Familie einzeln umzubringen, wenn
sie ihn verlasse.
Überdies habe der Beschuldigte der Privatklägerin im Schlafzimmer der Wohnung
seiner Eltern befohlen, sich nackt auszuziehen und sich zu seinem schlafenden
Vater im Wohnzimmer zu begeben. Zu diesem Zweck habe er die nackte Privat-
klägerin kurz auf den Korridor direkt gegenüber dem Wohnzimmer geschoben.
Einmal habe der Beschuldigte einen Kleiderroller, Griffteil voran, anal in die auf
dem Bett liegende Privatklägerin einzuführen versucht, was zu analen Blutungen
und Schmerzen geführt habe.
Schliesslich wird dem Beschuldigten vorgeworfen, im Anschluss an das Verabrei-
chen vielfältiger Schläge gegen den Willen der Privatklägerin einmal den
Geschlechtsverkehr mit ihr erzwungen zu haben.
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Zu den verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen sei es gekommen, weil
der Beschuldigte jeweils intime Details aus der Vergangenheit der Privatklägerin
habe wissen wollen, insbesondere, wie viele Freunde und wen sie vor ihm gehabt
habe und wie sie mit diesen intim verkehrt sei. Er habe ihr nicht geglaubt, dass sie
vor ihm keine intimen Freundschaften gepflegt habe und behauptet, sie lüge. Als
Strafe für diese angeblichen Lügen habe er sie in der genannten Art und Weise
geschlagen und in der Folge auch die weiteren ihm vorgehaltenen Handlungen
getätigt. Aus der Anklage geht zudem hervor, dass der Beschuldigte seine Hand-
lungen teilweise mit der Forderung an die Privatklägerin unterstrichen haben soll,
nun endlich die Wahrheit über ihre Vergangenheit offen zu legen und mit Lügen
aufzuhören. Sie sei für dieses Geschehen verantwortlich, tue es sich selber an.
Gemäss Anklage hat der Beschuldigte all diese Handlungen ungeachtet des
jeweiligen Bittens und Flehens, damit aufzuhören, sowie teilweise Weinens und
Schreiens der Privatklägerin vor Schmerzen und damit gegen ihren erkennbaren
Willen vorgenommen.
3. Standpunkt des Beschuldigten
3.1 In der ersten Einvernahme vom 3. Dezember 2009 gegenüber der Kantons-
polizei Zürich (Urk. 3/1) bestritt der Beschuldigte die gegen ihn erhobenen Vor-
würfe grösstenteils. Er machte aber Teilgeständnisse indem er erklärte, die Pri-
vatklägerin und er hätten oft gestritten, dies aus reiner Eifersucht (Urk. 3/1 S. 1 f.
und 12). Er habe ihr Ohrfeigen gegeben, ca. einmal pro Monat ein bis zwei
(Urk. 3/1 S. 3 f. und 8; ähnlich Urk. 3/1 S. 17), er habe sie ein paar Mal mit den
Händen auf den Hintern geschlagen, auch mit dem Handy, er habe genommen,
was gerade herumgelegen sei, auch mal Gegenstände, einen Schuh, nach ihr
geworfen (Urk. 3/1 S. 5 und S. 9). Er habe ihr dann noch die Hose ausgezogen
und sie wieder geschlagen (Urk. 3/1 S. 5). Er habe schon ein paar Mal einen Gurt
in der Hand gehabt, aber er möge sich nicht erinnern, dass er sie jedes Mal mit
dem Gurt geschlagen habe (Urk. 3/1 S. 9). Sie übertreibe. Es könnte sein, dass er
sie am Gesicht bzw. Hals gepackt und gedroht habe, sie zu würgen (Urk. 3/1
S. 9 f., 11). Er habe sie mit dem Kissen geschlagen, aber nicht mit dem Kissen
auf ihr Gesicht gedrückt (Urk. 3/1 S. 11). Es könne gut möglich sein, dass er sie
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einmal gewürgt habe (Urk. 3/1 S. 11). Blaue Flecken hätten schon beide gehabt,
vielleicht habe sie mehr gehabt als er. Sie hätten sich so verhalten, als wären sie
vom Teufel besessen gewesen. Jemand von ihnen habe geblutet (Nasenbluten),
er glaube sie (Urk. 3/1 S. 12 f.). Seit ein paar Monaten habe er sich voll unter
Kontrolle, in letzter Zeit habe es keine Gewalt gegeben (Urk. 3/1 S. 14). Er bejah-
te ausdrücklich, ihr im Falle ihres Weggehens gedroht zu haben, er würde sie
überall finden und ihre ganze Familie umbringen, auch sie. Darum habe sie Angst
bekommen und sei abgehauen. Auch ihrer kleinen Schwester habe er es gesagt
(Urk. 3/1 S. 15 f.). Das mit dem Umbringen habe er nicht so gemeint. Wenn er es
gewollt hätte, hätte er es schon lange gemacht. Er könne sich vorstellen, dass sie
deswegen Angst vor ihm habe. Er hätte diese Drohung nicht machen sollen
(Urk. 3/1 S. 16 f.). Vergewaltigt habe er sie nie, aber ihr einmal den Finger mit
Gewalt hineingesteckt. Im Nachhinein sei sie einverstanden gewesen (Urk. 3/1
S. 15). Der Beschuldigte räumte ein, im Umgang mit der Privatklägerin Fehler
gemacht, konkret sie bedroht ("Scheissdrohungen") und die Eifersucht nicht unter
Kontrolle gehabt zu haben (Urk. 3/1 S. 17 ff.). Wiederholt verlangte er noch eine
letzte Chance und erklärte abschliessend, Eifersucht (und Gewalt) interessierten
ihn nicht mehr (Urk. 3/1 S. 20).
3.2 Schon anlässlich dieser ersten Befragung (Urk. 3/1) und besonders in der
Hafteinvernahme vom folgenden Tag (Urk. 3/2) schwächte der Beschuldigte seine
partiellen Eingeständnisse deutlich ab. Zum Beispiel behauptete er auf Vorhalt,
dass ca. alle 14 Tage Gewaltübergriffe stattgefunden hätten, praktisch in einem
Atemzug, es sei nicht so, es sei nicht regelmässig gewesen. Es sei öfters vorge-
kommen. Es sei ein bis zwei Mal pro Monat gewesen. ... Einmal vielleicht in drei
Monaten (Urk. 3/1 Antwort auf Frage 82). Auf seine Widersprüchlichkeit ange-
sprochen meinte er, man müsse ihn nochmals fragen, er wolle einfach sagen,
dass es nicht regelmässig vorgekommen sei (Urk. 3/1 Antwort auf Frage 83). Er
habe sie schon mit dem Gurt geschlagen, aber nicht so stark (Urk. 3/2 S. 4). So-
dann machte der Beschuldigte wiederholt sinngemäss geltend, die Privatklägerin
habe ihm dasselbe angetan oder gab vermehrt an, etwas nicht mehr zu wissen.
Ab der dritten Einvernahme vom 28. Januar 2010 gegenüber der Staatsanwalt-
schaft bestritt der Beschuldigte die eingeklagten Vorwürfe vollumfänglich (Urk. 3/3
- 16 -
ff.). Alles sei aus Neid und Eifersucht erzählt. Das Ganze sei ein Missverständnis
und ein Racheakt wegen seiner Ex-Freundin (z.B. Urk. 3/3 S. 1; Urk. 3/5 S. 9). Er
habe der Privatklägerin nur ganz feine Ohrfeigen gegeben, um sie zu beschützen,
damit sie aufhöre, sich selber zu verletzen (Urk. 3/4 S. 7 f. und 13 f.). Geschlagen
habe er sie nicht, lediglich bei Liebesspielen von ihr gewünscht auf ihren Hintern.
Sie habe sogar gewollt, dass er fester schlage (Urk. 3/4 S. 15). Es sei möglich,
dass sie mal gestritten hätten, aber ohne Gewalt. Misshandelt habe er sie nie
(Urk. 3/5 S. 2 uns 8). Er sei viel zu ehrlich; um jemanden in Schutz zu nehmen,
würde er sogar falsch aussagen bei der Polizei (Urk 3/10 S. 5; ähnlich Urk. 40
S. 5 f.: Seine Aussagen – gemeint die Eingeständnisse – in der polizeilichen Be-
fragung seien erfunden um sie zu beschützen, aus seinem Beschützerinstinkt. In
Wahrheit sei dies alles nicht passiert. Sie habe nie gelitten, Gewalt habe es keine
gegeben und sie seien glücklich gewesen.) Darum habe er improvisiert bei der
Polizei (Urk. 3/10 S. 5). Am Ende der Befragung vom 8. November 2010 drückte
er sein Unverständnis darüber aus, dass die Privatklägerin nicht einfach ihr Leben
leben könne und ihn einfach in Ruhe lassen (mit den Vorwürfen). Sie habe ihm
genug geschadet, sei es draussen oder im Gefängnis (Urk. 3/10 S. 6). Anlässlich
der Schlusseinvernahme vom 11. Januar 2011 bezeichnete der Beschuldigte
sämtliche Vorwürfe als vollumfänglich falsch und alles erfunden (Urk. 3/13 S. 11).
Dabei blieb er auch vor Vorinstanz, wo er ausdrücklich eine Ohrfeige zugab. Er
habe die Privatklägerin mit den falschen Aussagen bei der Polizei vor ihrer eige-
nen Familie schützen wollen, habe diese doch mit dem Tod der Privatklägerin
gedroht. Er habe die Befürchtung, dass die Privatklägerin dies alles im voraus
geplant habe. Sie hätte einen andern Mann heiraten sollen, sei aber schon ent-
jungfert worden. Bei dieser Familie im L._ müsste sie noch Jungfrau sein.
Sie habe ihn ausgesucht, weil es ihm nicht wichtig gewesen sei, ob sie noch
Jungfrau sei oder nicht. Sie habe den Fehler gemacht, sich einen ... [Angehörigen
des Staates K._] auszusuchen (Urk. 40 S. 4 ff.). Die Privatklägerin tue ihm
leid, dass sie hier lügen müsse und wieder weine (Prot. I S. 13). An der Beru-
fungsverhandlung führte der Beschuldigte wiederum aus, der anklagte Sachver-
halt sei falsch bis erfunden. Er bestritt auch, der Privatklägerin eine Ohrfeige ge-
geben zu haben. Er selbst habe Sachen zugegeben, die die Privatklägerin ausge-
- 17 -
sagt hatte, um sie vor ihrer Familie zu beschützen, die Drohungen gegen sie aus-
gesprochen habe. In Wahrheit habe er der Privatklägerin das alles nicht angetan.
Er führte aus, er habe die Privatklägerin beschützen wollen, da falsche Aussagen
strafbar seien (Urk. 124 S. 14 ff.).
3.3 Die Verteidigung legte in der Berufungsverhandlung eine Alternativversion
der Geschehnisse dar (Urk. 128 S. 25 ff.). Sie beschrieb eine Beziehungs-
geschichte zwischen dem Beschuldigten und vier Frauen, die alle den gleichen
Mann begehrt und als Mann fürs Leben gewünscht und sich insofern in einem
Wettbewerb befunden hätten. Es könne festgehalten werden, dass all diese Frau-
en nicht immer wieder zu ihm zurückgekehrt wären, wenn er gewalttätig gewesen
wäre. Nie habe sich eine der Frauen über Schläge, Drohungen oder irgendeine
Form von Gewalt beklagt. Zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin
habe sich zunehmend eine Kontrollsucht eingestellt und zwar auf beiden Seiten.
Aus Eifersucht und Misstrauen sei es immer wieder zu Streit gekommen.
Schliesslich habe der Beschuldigte der Privatklägerin jedoch einen Heiratsantrag
gemacht, welchen diese freudig angenommen habe. Dann sei es allerdings zu ei-
nem Vorfall gekommen, bei welchem der Beschuldigte am PC das Bild von
F._ betrachtet habe, als die Privatklägerin dazu gestossen sei. Die Privatklä-
gerin sei völlig ausgerastet und habe wutentbrannt das Zimmer verlassen. Kurz
darauf sei die Privatklägerin erneut abgehauen.
3.4 Es ist deshalb davon auszugehen, dass sämtliche Anklagepunkte, in wel-
chen der Beschuldigte schuldig gesprochen wurde, nach wie vor bestritten sind.
Somit ist im Folgenden zu prüfen, ob der eingeklagte Sachverhalt aufgrund der
Akten rechtsgenügend nachgewiesen werden kann. Dabei gebietet es der An-
spruch auf rechtliches Gehör, dass die Überlegungen genannt werden, von denen
sich das Gericht leiten lässt und auf welche sich sein Entscheid stützt. Das be-
deutet indessen nicht, dass es sich ausdrücklich mit jeder tatsächlichen Behaup-
tung und jedem rechtlichen Einwand auseinander setzen muss; vielmehr kann es
sich auf die für die Entscheidfindung wesentlichen Gesichtspunkte beschränken
(vgl. BGE 6P.62/2006 E. 4.2.2 vom 14.11.2006 unter Hinweis auf BGE 126 I 97
E. 2b, BGE 125 II 369 E. 2c, BGE 124 V 180 und BGE 112 Ia 107 E. 2b). Auf die
- 18 -
Argumente der Verteidigung ist daher nur soweit einzugehen, als es für die
Urteilsfindung notwendig ist.
4. Beweismittel und Beweisanträge
4.1.1 Als Beweismittel liegen vor:
- die Aussagen des Beschuldigten anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 3. Dezember 2009 (Urk. 3/1), der staatsanwaltlichen Einvernahmen vom
4. Dezember 2009 bis 11. Januar 2011 (Urk. 3/2-13) sowie anlässlich der Haupt-
verhandlung vom 23. Juni 2011 (Urk. 40, Prot. I S. 4 ff.), der Wiederaufnahme der
Parteiverhandlung vor Vorinstanz vom 21. Juli 2011 (Prot. I S. 13 f.) und der Beru-
fungsverhandlung (Urk. 124);
- die Aussagen der Privatklägerin anlässlich der polizeilichen Einvernahmen
vom 2. und 3. Dezember 2009 (Urk. 2/1-2) und der staatsanwaltschaftlichen Zeu-
geneinvernahmen zwischen dem 19. Januar 2010 und dem 8. November 2010
(Urk. 2/3-6) sowie der Einvernahme als Auskunftsperson anlässlich der Wieder-
aufnahme der Parteiverhandlung vor Vorinstanz vom 21. Juli 2011 (Urk. 56);
- das Gutachten der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 8. Dezem-
ber 2010 (Urk. 7/16), die Akten bezüglich der Verletzungen der Privatklägerin
(Urk. 6/1-6), der Spurenbericht des Kantonalen Labors Zürich (Urk. 8/2), die
Arbeitspläne O._ [Firma] (Urk. 11/1-2), die ärztlichen Zeugnisse für die Pri-
vatklägerin (Urk. 39) und für die Zeugin F._ (Urk. 5/3 und 32)
- die Zeugenaussagen von F._ (Urk. 41), P._ (Urk. 4/10 und 4/12),
Q._ (Urk. 4/13 und 4/15), R._ (Urk. 4/1-3), S._ (Urk. 4/24), T._
(Urk. 4/19), U._ (Urk. 4/20), V._ (Urk. 4/21), I._ (Urk. 4/22),
W._ (Urk. 4/23), AA._ (Urk. 4/25), AB._ (Urk. 4/26), AC._
(Urk. 4/6-7) und AD._ (Urk. 4/8-9).
4.1.2 Die Verteidigung machte anlässlich der Berufungsverhandlung geltend, die
polizeiliche Einvernahme des Beschuldigten vom 3. Dezember 2009 sei aus dem
Recht zu weisen. Der Verteidiger macht einen Verstoss gegen den Grundsatz des
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fairen Verfahrens (Art. 29 Abs. 1 BV) sowie das Vorliegen einer verbotenen
Beweiserhebungsmethode (Art. 139 StPO) geltend (Art. 128 S. 4, 7-9, 85).
Der Beschuldigte sei völlig durcheinander und nicht in der Lage gewesen, die
Bedeutung seiner Aussagen zu erfassen noch die ihm vorgelesenen Rechte zu
schweigen oder einen Verteidiger beizuziehen auf ihre Bedeutung hin zu über-
denken. Es werde bestritten, dass er in der Lage gewesen sei zu beurteilen, ob
wirklich das von ihm Gesagte vom polizeilichen Sachbearbeiter aufgeschrieben
worden sei. Der Beschuldigte habe das heulende Elend gehabt und in einem sol-
chen Zustand vernehme man keinen Beschuldigten. In besonderer Weise unfair
und unzulässig sei gewesen, dass der Polizeibeamte zu Beginn der Einvernahme
nur häusliche Gewalt erwähnt habe und nicht auch die dem Beschuldigten in ers-
ter Linie gemachten Vorwürfe einer Vergewaltigung und sexuellen Nötigung, auf
welche er erst am Schluss der Einvernahme zu sprechen gekommen sei. Hätte
der Beschuldigte um diese krassen Vorwürfe gewusst, hätte er ein anderes Aus-
sageverhalten an den Tag gelegt und insbesondere schon zur ersten Befragung
den Zuzug eines amtlichen Verteidigers verlangt (Urk. 128 S. 7 f.).
Zudem führte der Beschuldigte an der Berufungsverhandlung aus (Urk. 124
S. 14 ff.), er sei verwirrt gewesen, habe erbrechen müssen und habe Liebeskum-
mer gehabt. Er hätte alles zugegeben, was der Polizist behauptet hätte. Diese Be-
fragungen seien neu für ihn gewesen. Er sei damals in einem schlechten Zustand
gewesen und er erinnere sich nicht an viel von der Einvernahme. Es sei so aufge-
schrieben worden, wie er es gesagt habe, er sei aber oft unterbrochen worden
und habe den Faden verloren. Sein Anwalt habe die Einvernahme jedoch durch-
gelesen. Er selbst habe die Einvernahme nicht durchgelesen, sondern nur seine
Initialen darunter gesetzt. Der Beschuldigte führte weiter aus (Urk. 124 S. 25), er
sei in einem schrecklichen Zustand gewesen, da er sich um B._ gesorgt ha-
be, als diese abgehauen sei. Er habe sich Sorgen gemacht, dass sie sich umbrin-
gen würde. Er sei schon vor der Verhaftung in einem schlechten Zustand gewe-
sen, die Verhaftung habe den Zustand aber noch verschlechtert.
4.1.3 Das Bundesgericht hielt in einem Entscheid fest (BGE 130 I 126, E. 2.3-
2.5), dass die Pflicht zur Belehrung des Angeschuldigten betreffend seine Rechte
- 20 -
im polizeilichen Ermittlungsverfahren (insb. das Aussageverweigerungsrecht) we-
der aus dem kantonalen Recht, noch aus dem Konventionsrecht gemäss EMRK
und IPBPR abgeleitet werden kann, sondern sich allein aus der Bundesverfas-
sung ergibt. Diese knüpft entscheidend an das Kriterium des Freiheitsentzuges an
(Art. 31 Abs. 2 BV), wobei das Bundesgericht im vorerwähnten Entscheid erwägt,
die besondere Drucksituation des Freiheitsentzuges berge eine erhöhte Gefahr in
sich, dass der Betroffene seine Rechte nicht oder nur unzureichend wahrzuneh-
men vermag. Mithin bildet eine besondere Drucksituation den vorliegend interes-
sierenden Anknüpfungspunkt. Die Verwertbarkeit von Beweismitteln stellt in erster
Linie eine Frage der Anwendung und Auslegung des nationalen Rechts dar. Aus
dem Grundsatz des "fair trial" ergibt sich diesbezüglich nur – aber immerhin –,
dass in Strafverfahren keine Beweismittel unter Missbrauch staatlicher Zwangs-
massnahmen, beispielsweise unzulässiger Drohungen, erlangt werden dürfen
(IntKomm EMRK, Miehsler/Vogler, Rz 368 zu Art. 6 EMRK; Villiger, Handbuch der
Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK), 2 . A., Zürich 1999, S. 311 f,
N. 486 f.). Die Verwertung von Aussagen, die der Angeschuldigte im Ermittlungs-
verfahren vor der Polizei gemacht hat, verstösst auch nicht gegen die in Art. 6
Abs. 2 EMRK statuierte Unschuldsvermutung, soweit die belastenden Aussagen
nicht durch Misshandlungen erpresst worden sind (IntKomm EMRK, Vogler,
Rz. 392 f. zu Art. 6 EMRK).
4.1.4 Eine besondere Drucksituation ist im vorliegenden Fall zwar zu bejahen,
aber kein Missbrauch staatlicher Zwangsmassnahmen und keine unzulässigen
Drohungen. Dies wurde weder geltend gemacht noch ist es ersichtlich. Der
Beschuldigte wurde sowohl auf das Aussageverweigerungsrecht als auch auf sein
Recht auf Beizug eines Verteidigers aufmerksam gemacht.
4.1.5 Wohl war der Beschuldigte emotional aufgewühlt und heulte wiederholt.
Dies insbesondere, wenn er sich zu vergegenwärtigen schien, dass sich die Pri-
vatklägerin von ihm losgesagt, er sie mithin definitiv verloren hatte. Entsprechend
schimmerte jeweils Selbstmitleid und -bedauern durch, welches den Tränenfluss
offensichtlich förderte (u.a. Urk. 3/1 S. 1, 15, 18 f.). Dass das Ende einer Bezie-
hung sehr schmerzhaft sein kann, bedarf keiner weiteren Worte. Beim Beschul-
- 21 -
digten, der gemäss eigener Beschreibung ein gefühlvoller, netter und ehrlicher
Mensch ist (u.a. Urk. 124 S. 4 und 8), wirkte sich dies entsprechend heftig aus.
Aussageverhalten und Aussagen anlässlich der polizeilichen Befragung entbehr-
ten umgekehrt nicht einer gewissen Theatralik und Übertreibung (vgl. Urk. 3/1
S. 15 f.: "Ich habe seit drei Wochen nicht gegessen und geschlafen. Ich liebe sie.
Es wird nie mehr vorkommen. ... Ich mache alles was sie will. Ich möchte sie wie-
der zurück. Ich schaue für sie. Ich schlage sie nie mehr. Ich gebe das schriftlich
ab." Ferner, Urk. 3/1 S. 3: "Ich möchte nicht mehr leben, wenn sie nicht bei mir ist.
Mein Leben hat keinen Sinn mehr, wenn ich alleine bin. Wenn Schluss ist,
brauche ich einen Psychiater. Ich brauche Hilfe. ..." ).
Trotz Gefühlsaufwallungen hatte der Beschuldigte aber auch sehr viel berichtet,
dies weitgehend in freier Rede und auf offene Fragen. Unzählige Male schilderte
er seine Sicht der Dinge. Dies beinhaltete nebst einigen Zugaben namentlich, was
die Privatklägerin ihm alles an Gewalt angetan habe (u.a. Urk. 3/1 S. 4 und 8).
Dazwischen überlegte er (z.B. Urk. 3/1 S. 9, 12 und 15), war also durchaus in der
Lage, abzuwägen, was und wie er etwas sagen soll. Von den punktuellen emotio-
nalen Überwältigungen abgesehen hatte der Beschuldigte sich und sein Aussa-
geverhalten durchaus unter Kontrolle. Das steht seiner Darstellung im Berufungs-
verfahren entgegen. Der Beschuldigte wurde im weiteren Prozessverlauf noch 13
Mal in Anwesenheit seines (früheren) Verteidigers einvernommen, die letzten
zwei Mal vor Bezirks- und Obergericht, und er konnte sich jeweils einlässlich zu
den ihm gemachten Vorwürfen äussern und auch explizit Erläuterungen zu seinen
polizeilichen Aussagen vom 3. Dezember 2009 abgeben (vgl. namentlich in
Urk. 3/4). Dabei erklärte er auf konkrete Vorhalte wiederholt, es könne gut
möglich sein, dass er das gesagt habe bzw. er bejahte, die betreffende Aussage
gemacht zu haben (Urk. 3/4 S. 7 ff.). So führte er anlässlich der Befragung vom
16. Februar 2010 aus:
"Ich hätte bei der Polizei keine Aussagen [machen] müssen oder bei
der Staatsanwaltschaft. Ich hätte schon dort einen Anwalt haben
können. Und sagen können, dass ich nichts sage ohne meinen Anwalt.
Das habe ich aber nicht getan." (Urk. 3/4 S. 17).
- 22 -
Daraus ist zu schliessen, dass er trotz Drucksituation aufgrund des Freiheitsent-
zugs bei der polizeilichen Einvernahme seine Rechte verstanden und dennoch
Aussagen gemacht hatte, dies bewusst und gewollt. Weder im Rahmen der über
ein Jahr dauernden Untersuchung noch vor Vorinstanz brachte der rechtskundig
vertretene Beschuldigte je vor oder liess vorbringen, es habe ihm bei der polizeili-
chen Befragung vom 3. Dezember 2009 an Einvernahmefähigkeit gemangelt.
Dies relativiert auch seine Behauptung anlässlich der Berufungsverhandlung,
nicht sagen zu können, ob der Polizist auch das aufschrieb, was er ausgesagt
habe und dass er die Einvernahme nur unterschrieben, nicht aber durchgelesen
habe. Nachdem die Einvernahme um 10.30 Uhr begonnen hatte und vom Be-
schuldigten um 13.04 Uhr als "Selbst gelesen und bestätigt" unterzeichnet worden
war (Urk. 3/1 S. 1 und 20), stand ihm zweifellos genügend Zeit für die Durchsicht
zur Verfügung. Zudem enthält das Einvernahmeprotokoll insgesamt ein Dutzend
Handkorrekturen bzw. -ergänzungen des Beschuldigten; folglich hatte er sich
auch inhaltlich mit seinen Aussagen auseinandergesetzt und diese – wo für ihn
erforderlich – angepasst.
4.1.6 Aufgrund all dieser Umstände ist nicht zweifelhaft, dass sich der Beschul-
digte von sich aus und bewusst zur Aussage entschieden hatte und sich auch im
Klaren war, was er zu Protokoll gab, ebenso dass er das Einvernahmeprotokoll
anschliessend auch tatsächlich und wirkungsvoll zur Kenntnis genommen hatte.
4.1.7 Richtig ist, dass die spezifische Frage nach sexueller Gewalt in der
Beziehung und mithin der schwerste Vorwurf erst etwa im letzten Drittel der
Einvernahme angesprochen wurde (Urk. 3/1 S. 15).
Einerseits ist dazu festzuhalten, dass dem Beschuldigten von allem Anfang an
deklariert wurde, er sei wegen dringenden Verdachts von Häuslicher Gewalt fest-
genommen worden sei (Urk. 3/1 S. 1). Nach landläufiger Vorstellung geht es bei
Häuslicher Gewalt um Misshandlungen physischer, psychischer und sexueller Art
gegenüber im gleichen Haushalt lebender Personen. Solch gewaltsames Verhal-
ten umfasst verschiedene mögliche Straftatbestände gegen Leib und Leben, die
Freiheit und die sexuelle Integrität. Ein eigenständiger Straftatbestand existiert
nicht, ebenso wenig eine allgemeine Definition in der Gerichtspraxis. Der
- 23 -
Beschuldigte interpretierte den Ausdruck sogleich als physische Gewalt (Urk. 3/1
S. 1 ff.). Die Befragung entwickelte sich darauf hauptsächlich aufgrund seiner
Schilderungen, indem der Beschuldigte aufgefordert wurde, weiter zu berichten
oder es ergaben sich Anschlussfragen basierend auf seiner Darstellung. Dabei
nahmen Gewalt allgemein sowie körperliche Gewalt breiten Raum ein (Urk. 3/1
S. 4 ff.), wie sich schliesslich auch der Anklageschrift entnehmen lässt. Nachdem
vielfältigste körperliche Gewalt und auch Drohungen zur Sprache gekommen wa-
ren, erkundigte sich der einvernehmende Polizist allgemein nach sexueller Ge-
walt, was der Beschuldigte – nach Überlegung und mit einer Ausnahme (gewalt-
sames Fingerhineinstecken mit nachträglichem Einverständnis der Privatklägerin
im Rahmen von Sexspielen) – jedoch apodiktisch verneinte (Urk. 3/1 S. 15). Mehr
wurde in der polizeilichen Einvernahme nicht thematisiert.
Solch stufenweises Vorgehen ist zum einen keineswegs ungewöhnlich und auch
vertretbar. Zudem wurde das Thema sexuelle Gewalt nach Verneinung durch den
Beschuldigten nicht weiter verfolgt, der Beschuldigte mit andern Worten auch
nicht zu diesbezüglichen Aussagen angehalten oder gar unter Druck gesetzt.
4.1.8 Insgesamt ist vorliegend von einem fairen Verfahren auszugehen. Die poli-
zeiliche Einvernahme ist verwertbar. Aber selbst wenn die erste Einvernahme
vom 3. Dezember 2009 unverwertbar wäre oder der Beschuldigte im Verfahren
ganz oder teilweise von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht hätte, wären
die eingeklagten Sachverhalte aufgrund des übrigen Beweisergebnisses als
erstellt anzusehen, wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen ergeben wird.
Die teilweisen Zugaben des Beschuldigten bestätigen lediglich die Erkenntnisse
aus den übrigen Beweismitteln.
4.2 Die Teilnahmerechte des Beschuldigten bei den Beweiserhebungen wurden
gewahrt und die genannten Beweismittel sind uneingeschränkt verwertbar. Be-
züglich der Zeugenaussagen ist mit der Vorinstanz zu bemerken, dass es sich bei
den angeklagten Sachverhalten weitestgehend um sog. Vier-Augen-Delikte han-
delt und daher die meisten Aussagen von Drittpersonen lediglich für die Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit der Aussagen der beiden Beteiligten herangezogen wer-
- 24 -
den können, da die einvernommenen Personen zu den inkriminierten Zeitpunkten
grundsätzlich nicht anwesend waren.
4.3 Die Verteidigung machte anlässlich der Berufungsverhandlung Mängel in
der Untersuchungsführung geltend (Urk. 128 S. 15 ff.). So seien die Handydaten
von F._ und der Privatklägerin nicht ausgewertet worden. Er wäre nicht ver-
wunderlich, wenn diese Handys zwischenzeitlich entsorgt worden wären. Die
Nichtauswertung des Handys der Privatklägerin grenze an eine Beweisunter-
schlagung. Die beiden persönlichen Handys des Beschuldigten seien aus seiner
Wohnung entwendet worden, wie verschiedene andere Gegenstände auch. Die
Privatklägerin müsse nicht nur ihre persönlichen Gegenstände abgeholt, sondern
die Wohnung von sie selber diskreditierendem Beweismaterial gesäubert haben.
Weiter würden die Droh- resp. Abschiedsbriefe von F._ und der Privatkläge-
rin an den Beschuldigten sowie eine Kamera mit beträchtlichem Fotobestand feh-
len.
Dazu ist festzuhalten, dass nicht ersichtlich ist, inwiefern die SMS-Kommunikation
auf den mutmasslich verschwundenen Handys den Beschuldigten entlasten könn-
te. Sollten sich in der Kommunikation keine Anzeichen von Gewalt in der Bezie-
hung zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin finden, bedeutet dies
noch nicht, dass auch keine Gewalt stattgefunden hat. Weiter ist, wie nachfolgend
zu zeigen sein wird, die ambivalente Beziehung zwischen dem Beschuldigten und
der Privatklägerin nicht bestritten. Die Privatklägerin hat selbst eingeräumt, dass
es gute Zeiten gegeben habe. Durch allfällige weitere Fotos oder SMS werden die
durchwegs glaubhaften Aussagen der Privatklägerin sodann nicht einfach um-
gestossen. Es ist daher nicht ersichtlich, inwiefern die Auswertung der fraglichen
Handys noch etwas am bisherigen Beweisergebnis ändern würde.
4.4 Dem Beweisantrag des Beschuldigten auf Einholung eines Gutachtens
betreffend die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Privatklägerin und der übrigen
Belastungszeugen (vgl. Urk. 82 S. 2; Urk. 125) ist aus den nachstehenden
Gründen nicht zu entsprechen.
- 25 -
Die Prüfung der Glaubhaftigkeit von Aussagen ist Teil der Beweiswürdigung und
gehört damit primär zum Aufgabenbereich des Gerichts. Nach ständiger Recht-
sprechung drängt sich eine Begutachtung der Aussagen durch eine sachverstän-
dige Person nur bei Vorliegen besonderer Umstände auf, beispielsweise bei
schwer interpretierbaren Äusserungen eines Kleinkinds oder bei Anzeichen
ernsthafter geistiger Störungen, welche die Aussageehrlichkeit einer Zeugin be-
einträchtigen könnten, oder wenn Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die Zeugin
einer Beeinflussung durch Drittpersonen ausgesetzt war (Urteil des Bundesge-
richts 6B_795/2009 vom 13.11.2009, E. 3; BGE 129 IV 179 E. 2.4; BGE 129 I 49
E. 4; Urteil des Bundesgerichts 6S.12/2006 vom 29.3.2006; BGE 128 I 81 E. 2;
BGE 118 Ia 28 E. 1c). Solche Umstände wurden nicht geltend gemacht und sind
– wie sich zeigen wird (siehe nachstehende Erwägung II 7.11.) – auch nicht er-
sichtlich. Die entsprechenden Beweise wurden zudem ordnungsgemäss, voll-
ständig und umfassend erhoben und bieten eine ausreichende Grundlage für die
Beurteilung des Falles. Das gilt namentlich auch hinsichtlich der Aussagen der
Privatklägerin. Es liegen keine widersprüchlichen Aussagen vor, die besonders
schwierig zu würdigen wären. Für eine weitere Einvernahme vor der Berufungs-
instanz besteht keine Notwendigkeit, zumal die Privatklägerin bereits vor
Vorinstanz noch einmal befragt wurde (Art. 308 und 343 StPO). Gegen eine
erneute Beweisabnahme sprechen schliesslich auch der Schutz der bereits mehr-
fach befragten Privatklägerin (Art. 152 ff. StPO) sowie die Tatsache, dass das
menschliche Erinnerungsvermögen mit der Zeit abnimmt. Ersteres gilt ganz be-
sonders bei Opfern von Übergriffen auf die körperliche, psychische und sexuelle
Integrität, welche durch erneute Einvernahme in der Bearbeitung der traumati-
schen Erinnerungen zurückgeworfen werden können.
5. Grundsätze der Beweiswürdigung und Aufbau des Urteils
5.1 Zu den Grundsätzen der Beweiswürdigung hat sich die Vorinstanz
zutreffend geäussert. Auf diese Ausführungen kann verwiesen werden (Urk. 80
S. 7 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
5.2 Die Vorinstanz hat sich zunächst mit der Glaubwürdigkeit des Beschul-
digten und der Privatklägerin befasst sowie ihre Beziehung beleuchtet (Urk. 80 S.
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10-33) und in der Folge die einzelnen Delikte beurteilt (Urk. 80 S. 33-95). Dieser
Systematik folgend ist zunächst ebenfalls allgemein näher auf die Aussagen und
das Aussageverhalten der beiden Direktbeteiligten sowie auf die aus deren Um-
feld erhobenen Drittaussagen einzugehen. Dabei kann angesichts der Tatsache,
dass die Vorinstanz die wesentlichen Aussagen sowohl des Beschuldigten als
auch der Privatklägerin und der weiteren Personen ausführlich und zum Teil wört-
lich im angefochtenen Urteil wiedergegeben hat – sei es im Rahmen der Bezie-
hung oder bei den einzelnen Delikten –, darauf verzichtet werden, die Aussagen
erneut im Detail darzustellen (vgl. Urk. 85 S. 31 ff.); es kann auf den vorinstanzli-
chen Entscheid verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
6. Glaubwürdigkeit sowie Beziehung zwischen dem Beschuldigten und der
Privatklägerin
6.1 Beim Abwägen von Aussagen ist zwischen der Glaubwürdigkeit einer Per-
son und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zu unterscheiden. Die Glaubwürdig-
keit liefert die Grundlage dafür, ob einer Person getraut werden kann. Sie ergibt
sich aus der prozessualen Stellung einer Person sowie aus ihren persönlichen
Beziehungen und Bindungen zu den übrigen Prozessbeteiligten. Die Glaubhaf-
tigkeit betrifft nur die spezifische Aussage und damit deren Wahrheitsgehalt.
Bei der Beweiswürdigung ist in erster Linie der innere Gehalt der Aussagen
massgeblich (Glaubhaftigkeit).
6.1.1 Was die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten anbelangt, ist vorerst festzu-
halten, dass ein Beschuldigter im Strafprozess Objekt und Subjekt zugleich ist
(Niklaus Schmid, Strafprozessrecht, 4. Aufl. Zürich 2004, N 613 u. N 469 ff.). Sei-
ne Doppelstellung bedeutet konkret, dass sich einerseits das Strafverfahren ge-
gen ihn richtet, andererseits seine Aussagen als Beweismittel für und gegen ihn
verwendet werden können. Eine Pflicht, durch aktives Verhalten die Untersu-
chung zu fördern und so zu seiner eigenen Überführung beizutragen, trifft den
Beschuldigten nicht (Niklaus Schmid, N 472 ff.). So ist ein Beschuldigter im Rah-
men der Selbstbegünstigung grundsätzlich nicht zur wahrheitsgemässen Aussage
verpflichtet, was einleuchtet. Vielmehr hat er ein durchaus legitimes Interesse
- 27 -
daran, die Geschehnisse in einem für ihn günstigen Licht darzustellen. Dies wird
bei der Würdigung seiner Aussagen zu berücksichtigen sein.
6.1.2 Was die Glaubwürdigkeit der Privatklägerin anbetrifft, wurde im angefoch-
tenen Urteil einerseits richtig erwogen, dass sie ihre Aussagen bei der Staatsan-
waltschaft als Zeugin unter der strengen Strafandrohung von Art. 307 StGB und
als Auskunftsperson vor Gericht unter der Androhung von Art. 303, 304 und 305
StGB tätigte. Diese rein prozessuale Stellung verleiht ihr allerdings keine spezielle
Glaubwürdigkeit. Die Vorinstanz hielt umgekehrt korrekt fest, dass sie Schaden-
ersatz- und Genugtuungsansprüche geltend macht. Die finanziellen Interessen
scheinen nicht im Vordergrund zu stehen; zu beachten ist aber die persönliche
Beziehung zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin, welche mit der
Strafanzeige und der Inhaftierung des Beschuldigten ihr Ende gefunden hat.
Darauf ist noch näher einzugehen.
6.1.3 Diverse Familienangehörige sowohl der Privatklägerin (B._) als auch
des Beschuldigten (A._) sagten ebenfalls als Zeugen unter der Strafandro-
hung von Art. 307 StGB aus. Ihre persönliche Verbindung mit dem jeweiligen
Familienmitglied ist bei der Würdigung der konkreten Aussagen ebenfalls im Auge
zu behalten.
6.1.4 Ferner wurde die Ex-Freundin des Beschuldigten, F._, als Zeugin be-
fragt. Angesichts der mehrjährigen gemeinsamen Vergangenheit mit dem
Beschuldigten und der späteren Bekanntschaft auch zur Privatklägerin kann sie
ebenfalls nicht als gänzlich unbeteiligt gelten.
Eine gewisse Zurückhaltung rechtfertigt sich sodann bezüglich der Zeuginnen aus
dem beruflichen Bereich der Privatklägerin, nämlich R._, P._, Q._,
S._ sowie der zwei Auskunftspersonen AE._ und AF._. Allerdings
ist bei keiner dieser Personen ein persönliches Interesse am Ausgang des Ver-
fahrens ersichtlich.
- 28 -
6.1.5 Die ehemaligen Wohnungsnachbarinnen AC._ und AD._ sind als
neutrale Zeuginnen anzusehen, hatten sie doch zu keinem der Direktbeteiligten
näheren Kontakt.
6.1.6 Insoweit nachstehend die Beziehung zwischen dem Beschuldigten und der
Privatklägerin zu beleuchten ist, ist neben der Glaubwürdigkeit ebenso die Glaub-
haftigkeit der konkreten, im Prozess relevanten Äusserungen aller genannten
Personen tangiert. Bei den folgenden Erwägungen handelt es sich somit auch um
Beweiswürdigung.
6.2 Die Vorinstanz hat zur Glaubwürdigkeit des Beschuldigten und zur
Glaubhaftigkeit seiner Aussagen betreffend die Beziehung zwischen ihm und der
Privatklägerin gestützt auf seine Aussagen und das psychiatrische Gutachten
vom 8. Dezember 2010 (Urk. 7/16) etliche Erwägungen angestellt. Darauf kann
vorab zustimmend verwiesen werden (Urk. 80 S. 10-14; Art. 82 Abs. 4 StPO).
6.2.1 Wie bereits vorne in Erwägung II. 3. dargelegt, hat der Beschuldigte das bei
der Polizei abgelegte Teilgeständnisse gestützt auf verschiedene Argumenta-
tionen in der Folge gänzlich widerrufen, was im Rahmen der Aussageanalyse
näher zu würdigen sein wird. Hier festzuhalten ist, dass der Beschuldigte durch
den Widerruf nicht übereinstimmende Aussagen machte, was sich negativ auf
seine Glaubwürdigkeit und die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen auswirkt
(Entscheid des Bundesstrafgerichts vom 30. Januar 2008, SK.2007.6, E. 4.2.4.1).
6.2.2 Die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten und namentlich die Glaubhaftigkeit
seiner Schilderungen werden ferner beeinträchtigt durch gegenteilige Aussagen
des Beschuldigten zum Thema Eifersucht. Während er anlässlich der polizeilichen
Einvernahme vom 3. Dezember 2009 noch einräumte, die Privatklägerin habe ihn
eifersüchtig gemacht (Urk. 3/1 Antwort auf Frage 5), er hätte die Fragerei besser
bleiben lassen sollen, da jedes Mal mehr herausgekommen sei (Urk. 3/1 Antwort
auf Frage 6), er habe die Eifersucht nicht unter Kontrolle gehabt (Urk. 3/1 Antwort
auf Frage 86) und alles sei nur aus Dummheit und Eifersucht passiert (Urk. 3/1
Antwort auf Frage 2), führte er anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einver-
nahme vom 22. Februar 2010 aus, eigentlich gar nicht eifersüchtig zu sein
- 29 -
(Urk. 3/5 S. 2). Er sei nur einmal eifersüchtig gewesen. Auf den Hinweis der
Staatsanwältin, dass seine Aussagen bei der Polizei eher auf Eifersucht schlies-
sen lassen würden, erklärte er gewusst zu haben, dass die Privatklägerin bei der
Psychologin gesagt habe, dass er sie aus Eifersucht schlagen würde. Deshalb
habe er zuerst bejaht, eifersüchtig zu sein. Dieser Erklärungsversuch für seine
Kehrtwende erscheint seltsam und überzeugt gar nicht (vgl. auch die nach-
stehende Erwägung II. 6.2.4 ). Weiter sagte er, Eifersucht in einer Beziehung sei
da, doch er sei nicht krankhaft eifersüchtig (Urk. 3/5 S. 4). Bei dieser Aussage
blieb er (Urk. 3/11 S. 4; Urk. 40 S. 8: Eifersucht wie ein Durchschnittsmensch; zur
Eifersucht auch Erwägung II. 6.3.3).
6.2.3 Zutreffend verwies die Vorinstanz auch auf die vielfältige und widersprüchli-
che Argumentation des Beschuldigten, mit welcher er darzulegen versuchte,
weshalb die Privatklägerin zu Unrecht die massiven Vorwürfe gegen ihn erhoben
habe. So sah er als Auslöser und Urheber des vorliegenden Strafverfahrens alle
möglichen Personen, nur nicht sich selbst (zum Anzeigemotiv der Privatklägerin
vgl. die nachfolgende Erwägung II. 6.3.2).
6.2.4 Weiter verstrickte sich der Beschuldigte anlässlich seiner Einvernahmen
in diverse – doch eher wirr und konstruiert anmutende – Erklärungsversuche,
namentlich betreffend das geschwollene Gesicht der Privatklägerin oder weshalb
sie einmal ohnmächtig gewesen sei. So führte er auf die Frage, wieso die Privat-
klägerin im Gesicht geschwollen gewesen sei, zunächst aus (Urk. 3/1 Antwort auf
Frage 64): "Ich nehme an von ihren eigenen Schlägen oder sie sagte, dass sie
von Kollegen besoffen Probleme gehabt habe. Sie wurde immer geschwollener.
Sie schlägt sich selber mit den Fäusten und reisst sich an den Haaren oder rennt
selber gegen die Wand. Ich gebe ihr zwei Flättern. Dann hört sie auf." Nur drei
Antworten später erläuterte er (Urk. 3/1 Antwort auf Frage 67): "Ich schlug sie,
aber nicht ins Gesicht. Ich weiss nicht, wieso sie geschwollen wurde. Vielleicht
standen wir einander zu nahe und meine Spucke spritzte in ihr Gesicht. Vielleicht
hat sie sich deshalb infiziert und ein geschwollenes Gesicht bekommen."
Nochmals drei Antworten später schwor er ("bei Gott"), sie nie mit dem Gurt ins
Gesicht geschlagen zu haben. Aus einer einzigen Situation mache sie ein Riesen-
- 30 -
theater. Sie habe sich selber auch den Kopf an die Bettkante geschlagen
(Urk. 3/1 Antwort auf Frage 70). Gegenüber der Staatsanwältin am 16. Februar
2010 mutmasste er, die Schwellungen stammten von der sehr heissen Dusche,
unter welcher er die damals weggetretene Privatklägerin vorgefunden und ihr
ganz feine Ohrfeigen gegeben habe um sie zu wecken. Die Privatklägerin habe
ihm ins Ohr geflüstert und ihn gebeten, die Erklärung mit der Spucke und der
dadurch bewirkten Schwellung gegenüber der anwesenden Zeugin F._ zu
nennen (Urk. 3/4 S. 4). Mit dieser Behauptung widersprach der Beschuldigte je-
doch klar der Aussage der Zeugin F._, wonach der Beschuldigte selber
(ebenso wie die Privatklägerin) ihr gegenüber deklariert habe, dass er die Schwel-
lungen im Gesicht der Privatklägerin verursacht habe. Weiter erwähnte der Be-
schuldigte, er sei kein Arzt und wisse nicht, ob Spucke Schwellungen im Gesicht
erzeugen könne (Urk. 41 S. 3 und 7). Wenige Fragen später erklärte der Beschul-
digte auf den Hinweis, dass er gegenüber der Polizei die Schwellungen allenfalls
darauf zurückgeführt habe, dass sich die Privatklägerin jeweils selber schlage, es
sei gut möglich, dass die Privatklägerin dies am besagten Tag getan habe
(Urk. 3/4 S. 6).
An den Haaren gerissen habe er sie schon, als sie einmal Nasenbluten gehabt
habe, das solle gegen die Blutung helfen; er habe jedoch nur leicht gezogen
(Urk. 3/3 S. 4). Die Privatklägerin sei immer abgehauen – schon bevor sie richtig
zusammengekommen seien – weil sie den Kick habe, sie habe jedes Mal
etwas Anderes gesagt; manchmal sei sie abgehauen wenn sie gar nicht sollte,
manchmal, um ihm eins auszuwischen (Urk. 3/1 S. 3 f.).
All diese Umschreibungen sind mit der Vorinstanz als widersprüchlich, gesucht
und konstruiert, aber auch als wirr einzustufen. Teilweise wich der Beschuldigte
auch schlicht den gestellten Fragen aus, indem er entweder Nichtwissen vorgab
oder die Ausgangslage drehte und sich mit seiner Antwort in die Rolle der Retters
versetzte: z.B. Abhalten der Privatklägerin vor (weiteren) Selbstverletzungen
durch zwei Ohrfeigen bzw. Versetzen von zwei ganz feinen Ohrfeigen, um die
Privatklägerin aus der (selbstverschuldeten) Ohnmacht zu holen oder (leichtes)
Haarereissen als Mittel gegen Nasenbluten. Als nicht minder konfus, selbst entwi-
- 31 -
ckelt und seiner Glaubwürdigkeit sowie der Glaubhaftigkeit seiner Schilderungen
abträglich ist der Erklärungsversuch zur Ohnmacht der Privatklägerin wegen zu
heissen Duschens (Urk. 3/1 Antwort auf Frage 57; Urk. 3/2 S. 5). Dass eine Per-
son so lange zu heiss duscht, bis sie ohnmächtig wird, ist nicht nachvollziehbar
und wohl erfunden.
6.2.5 Inkohärent und realitätsfremd muten weiter die Erläuterungen des Beschul-
digten auf die Frage an, weshalb bei seiner Verhaftung in der Innentasche seiner
Jacke der Reisepass der Privatklägerin vorgefunden wurde: Er habe den Ausweis
aus Sicherheit dabei gehabt. So könne er die Angelegenheiten beim Betreibungs-
amt für sie machen. So wisse er wenigstens, wo der Ausweis sei (Urk. 3/1 Ant-
wort auf Frage 80). Analog verhält es sich bezüglich seiner Angaben zu sämtli-
chen Zimmerschlüsseln für die gemeinsame Wohnung: Er habe diese alle auf
sich getragen, weil er gewollt habe, dass sie sich bei ihm melde, wenn sie nach
Hause komme. Er habe auf sie gewartet, habe sich alleine in dieser Wohnung
nicht wohl gefühlt, sei zu den Eltern gegangen. Er wolle mit ihr zusammenleben ...
(Urk. 3/1 Antwort auf Frage 84).
6.2.6 Als diffus erweisen sich zudem die Ausführungen des Beschuldigten, was
seine geltend gemachte Schutzfunktion gegenüber der Privatklägerin anbelangt.
Einerseits will er ihr Ohrfeigen gegeben haben um sie zu beruhigen, wenn sie sich
selbst verletzte (Urk. 3/2 S. 2 f.; Urk. 3/4 S. 8; Urk. 3/10 S. 2). Anderseits will er
die Privatklägerin vor ihrer eigenen Familie geschützt haben, weil diese der
Privatklägerin gedroht habe (Urk. 40 S. 6). Gegenüber dem Gutachter (vgl. das
Psychiatrische Gutachten der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom
8. Dezember 2010; Urk. 7/16) schilderte der Beschuldigte, sein Verhalten habe
immer nur dazu gedient, die Privatklägerin zu schützen (Urk. Urk. 7/16 S. 71,
1. Abschnitt). Wie dem auch sei, das Argument, Gewalt an einer Person auszu-
üben mit der Begründung, die Person durch eben diese Gewaltzufügung schützen
zu wollen, kann nicht nachvollzogen werden und ist als abstrus zu bezeichnen.
6.2.7 Zutreffend verwies die Vorinstanz sodann auf das erwähnte Psychiatrische
Gutachten, gemäss welchem der Beschuldigte dazu neige, sich selbst in einem
günstigen Licht darzustellen und er mitunter eine Überangepasstheit zeige. Weiter
- 32 -
wird im Gutachten ausgeführt, der Beschuldigte habe eine Neigung gezeigt, dem
Untersucher schmeicheln zu wollen. Dabei habe er leicht manipulativ gewirkt. Er
habe die Untersuchung genutzt, um sehr weit ausholend seine Sichtweise der
inkriminierten Tat(en) zu erläutern. Der Sinn des Gutachtens bestehe seines
Erachtens darin, herauszufinden, dass er ein anständiger und guter Mensch sei
(Urk. 7/16 S. 70, 2. Abschnitt). Im Gutachten wird weiter ausgeführt, der Beschul-
digte neige dazu, Antworttendenzen im Sinne einer sozialen Erwünschtheit
zu geben (Urk. 7/16 S. 82, 4. Abschnitt und S. 92). Aufgrund dieser von Fach-
personen festgestellten und vom Beschuldigten auch nicht bestrittenen Neigung
erscheinen die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten und die Glaubhaftigkeit seiner
facettenreichen Explikationen ebenfalls als geschmälert. All diese Neigungen
schimmerten auch immer wieder in seinen Einvernahmen durch, wo er laufend
eigene positive Eigenschaften herausstrich und sich als Gutmensch hinstellte,
etwa: "Ich bin offen und ehrlich." (Urk. 3/1 S. 6), "Ich musste sie zwingen ins Spital
zu fahren. Ich liebe sie und wollte nur das Beste für sie." (Urk. 3/1 S. 13); dies im
Gegensatz zur Privatklägerin, der er anlastete, von Anfang nicht ehrlich gewesen
zu sein (Urk. 3/1 S. 18) und ihn plagen, sich an ihm rächen zu wollen (Urk. 3/1
S. 4, 6).
6.2.8 Schliesslich ist mit der Vorinstanz zu bemerken, dass der Beschuldigte
– dies wiederum im Einklang mit der gutachterlichen Charakterbeschreibung –
während der Untersuchung und auch vor Gericht die Tendenz zeigte, ständig
die Schuld bzw. die Ursache bei Dritten zu suchen und sich selber aus dem
"Schussfeld" zu nehmen.
So war es die Privatklägerin, die gemäss seinen Ausführungen wollte, dass
F._ bei ihnen übernachtete (Urk. 3/9 S. 8). Weiter führte der Beschuldigte
wie erwähnt aus, dass sich die Privatklägerin jeweils selber verletzt habe (Urk. 3/1
Antwort auf Frage 7). Dies soll im Übrigen auch die Zeugin F._, seine Ex-
Partnerin getan haben. Der Beschuldigte machte betreffend beider Frauen
geltend, dass er sie nur festgehalten habe, um sie zu beruhigen (bezüglich
F._ in Urk. 3/3 S. 3; bezüglich der Privatklägerin u.a. in Urk. 40 S. 7). Weiter
führte er ähnlich aus, die Privatklägerin sei selber Schuld gewesen, dass sie
- 33 -
ohnmächtig geworden sei (Urk. 3/1 Antwort auf Frage 57). Auch schilderte der
Beschuldigte, die Privatklägerin sei einmal geschwollen gewesen, weil sie sich
selber mit den Fäusten geschlagen habe (Urk. 3/1 Antwort auf Frage 59) bzw. die
Privatklägerin sei deshalb nicht mehr in ihre Hosen gekommen, weil sie zuge-
nommen habe und nicht aufgrund geschwollener Beine (Urk. 3/4 S. 9). Die letzte
Aussage des Beschuldigten widerspricht überdies den Ausführungen zahlreicher
Zeugen, welche aussagten, die Privatklägerin habe während der Beziehung stark
an Gewicht verloren (Zeugin P._ in Urk. 4/12 S. 5; Zeugin U._ in
Urk. 4/20 S. 6; Zeugin S._ in Urk. 4/24 S. 8). Weiter soll die Privatklägerin,
nachdem er ihr mit Gewalt den Finger in die Vagina hineingesteckt habe, gesagt
haben, dass sie selber schuld sei (Urk. 3/1 Antwort auf Frage 75). Wiederholt
machte er pauschal geltend, die Privatklägerin sei an allem Schuld, und vor Vo-
rinstanz erklärte er, alle Probleme seien aufgrund der Familie der Privatklägerin
entstanden (Urk. 40 S. 8). Dann wiederum in gegensätzlichem Tenor: Sie seien
so glücklich gewesen, irgend jemand habe ihr das in den Kopf gesetzt (Urk. 3/1
S. 9). Im Gutachten steht sodann die Meinung des Beschuldigten zu lesen, er sei
durch feindseliges Handeln zweier Frauen selbst geschädigt und ins Gefängnis
gebracht worden (Urk. 7/16 S. 72, 2. Abschnitt). Auch diese Neigung, Ursache
und Schuld andern zuzuschieben, wirkt sich negativ auf die Glaubwürdigkeit des
Beschuldigten und die Glaubhaftigkeit seiner Depositionen aus.
In dieses Kapitel gehört endlich auch die öfters durchschimmernde Tendenz des
Beschuldigten, auf konkrete Vorhalte sich postwendend selber als Opfer von
Attacken darzustellen bzw. seine Handlungen als Retorsion erscheinen zu lassen:
sie sei auch gewalttätig gegen ihn gewesen, er habe auch Ohrfeigen von ihr
kassiert, sie habe ihn auch mit dem Gurt geschlagen, sie habe ihn auch immer
gekratzt, sie habe ihn die Treppe hinunter geschubst, sie sei auf ihn gesprungen
und habe ihn gepackt (u.a. Urk. 3/1 S. 1, 4, 5, 8), sie habe zuerst seinen
Hinterkopf an den Baum geschlagen und er habe dann dasselbe mit ihrem Kopf
gemacht (Urk. 3/3 S. 4).
6.2.9 Solches (nur beispielhaft den Akten entnommenes) Aussageverhalten
beeinträchtigt die Plausibilität der Aussagen des Beschuldigten und den Gehalt
- 34 -
seiner Stellungnahmen insgesamt stark (vgl. auch Urk. 80 S. 14; Art. 82 Abs. 4
StPO).
6.2.10 Zur Glaubwürdigkeit des Beschuldigten und der Glaubhaftigkeit seiner
Aussagen bleibt noch das Folgende anzufügen: Anlässlich seines (zweiten)
Schlusswortes vor Vorinstanz führte der Beschuldigte aus: "Sie stellt mich anders
dar, als ich wirklich bin. Ich kann verstehen, dass alle gegen mich sind. Ich bin der
Mann und komme aus ... [Osteuropa]. Niemand glaubt mir. Ich habe genug gelit-
ten, niemand fragt, wie ich wirklich bin. Das interessiert niemanden." (Prot. I S. 13
f.). Hierzu ist zu sagen, dass die Unschuldsvermutung gegenüber jeder Person
gilt, unabhängig von Geschlecht und Herkunft und vorliegend speziell gegenüber
dem Beschuldigten. Dagegen spricht auch in keiner Weise, wenn im Verfahren
der Begriff "Geschädigte" für die Privatklägerin verwendet wird, der laut Verteidi-
gung bereits auf eine Beweislastumkehr hindeute (Urk. 128 S. 10). Es ist Sache
der Anklagebehörde, die Schuld des Beschuldigten zu beweisen und nicht dieser
hat seine Unschuld nachzuweisen (BGE 127 I 38 E. 2a).
6.3 Was die Glaubwürdigkeit der Privatklägerin und den materiellen Gehalt ihrer
Aussagen zur Beziehung betrifft, lassen sich mit der Vorinstanz keine negativen
Umstände finden.
Die Privatklägerin erstattete ca. drei Wochen, nachdem sie ihn definitiv verlassen
hatte, Strafanzeige gegen den Beschuldigten. Sie hatte zuerst bei einer Kollegin
gewohnt und befand sich seit dem tt. November 2009 im Frauenhaus in
AG._ .
6.3.1 Anzeigeerstattung und Aussageverhalten
6.3.1.1 Es ist kein Grund ersichtlich, weshalb die Privatklägerin den Beschuldig-
ten zu Unrecht belasten sollte. Insbesondere erhob sie nicht einfach deshalb An-
zeige, um den Beschuldigten los zu werden. Aktenkundig ist eher das Gegenteil.
Die Anzeige deponierte sie erst im Nachgang zu ihrem Entschluss, sich definitiv
von ihm zu trennen, und – wie die zeitliche Distanz zeigt – nicht leichthin, sondern
offensichtlich erst nach längerer Überlegung. Schon zuvor hatte sie sich gemäss
- 35 -
übereinstimmender Darstellung unzählige Male entfernt und war doch wieder zum
Beschuldigten zurückgekehrt. Sie sei nicht abgehauen, weil sie Lust gehabt hätte,
im Freien zu leben, sondern weil sie seinen Schlägen habe entkommen wollen,
einfach, dass sie einen Tag mehr überlebe (Urk. 2/5 S. 14). Auf ihre jeweilige
Rückkehr angesprochen erläuterte sie bei der Polizei, der Beschuldigte habe sie
eingeschüchtert, sie habe ja nicht einmal ihrer Familie etwas sagen dürfen
(Urk. 2/1 S. 5). Sie habe nur kurze Kontakte, 10-15 Minuten, zu ihrer Familie
haben dürfen, weil er Angst gehabt habe, dass sie etwas ausplaudere (Urk. 2/5
S. 16). Sie habe einfach nicht daran geglaubt, dass ihr jemand helfen könne. Und
ihre Familie habe sie eh recht selten gesehen (Urk. 2/2 S. 14). Zu ihrem langen
Ausharren an der Seite des Beschuldigten führte sie zudem aus: "Ich hoffte
immer, es werde wieder besser, denn ich wusste nicht wohin. Und er wusste das
ja auch. Er sagte mir auch immer, ob ich wirklich glauben würde, dass mich noch
einer wolle, so eine Schlampe wie ich sei. Und teilweise glaubte ich ihm das auch.
Ich wusste ja, dass ich nicht zu meiner Familie zurückkonnte, denn ich hatte mich
damals gegen sie gestellt und mich für A._ entschieden. Meine Familie
akzeptierte nicht, dass ich mir selber einen Mann ausgesucht habe und dann
auch noch mit ihm zusammen gezogen bin und ich wusste wirklich nicht wohin.
Ich bin einige Male weggerannt, habe mich ein paar Stunden z.B. im Bahnhof ...
versteckt und er hat mich dann wieder via SMS und so manipuliert, dass ich
wieder zurückkomme und alles werde wieder gut und so weiter." (Urk. 2/2 S. 9).
Daraus ergibt sich, dass die Privatklägerin gestützt auf seine Versprechen, er ha-
be sich abgeregt, er mache dies nie mehr, dem Beschuldigten glaubte und immer
wieder hoffte, dass es das letzte Mal gewesen sei, dass er ihr so etwas angetan
habe und dass es wieder so würde wie damals, als sie ihn kennen lernte. Klar ist
ferner, dass die Privatklägerin keinen andern Ort hatte, wo sie hingehen konnte
(Urk. 2/5 S. 14 f.; Urk. 2/6 S. 10; Urk. 56 S. 6 f.). Sie befand sich in einer Zwick-
mühle. Auch hatte die Privatklägerin – gemäss ihrer Schilderung auf Wunsch des
Beschuldigten – ihre damalige Stelle gekündigt, um mit dem Beschuldigten zu-
sammen etwas aufzubauen (Urk. 2/5 S. 12 f.). Damit hatte sie auch ihre berufliche
Zukunft in die Hände des Beschuldigten gelegt. Ihr Leben war engstens mit jenem
- 36 -
des Beschuldigten verknüpft. Dass sie sich dennoch am tt. November 2009 end-
gültig vom Beschuldigten absetzte, spricht für einen sehr gravierenden Anlass.
Die Ausweglosigkeit, in welcher sich die noch junge und familiär praktisch auf sich
allein gestellte Privatklägerin befunden haben muss, bewirkte, dass sie sich lange
schützend vor den Beschuldigten stellte. So erfand sie am 24. Mai 2009 im Kan-
tonsspital AG._ betreffend ihrer Verletzungen eine Geschichte (Schlägerei
mit andern Frauen im Ausgang), weil sie den Beschuldigten damals noch schüt-
zen wollte (Urk. 2/1 S. 3; Urk. 2/2 S. 4; Urk. 2/3 S. 9). Der Beschuldigte führte da-
zu aus, sie habe die Geschichte erfunden, weil sie Angst gehabt habe, er könnte
verhaftet werden. Ihm sei es in jenem Moment gleich gewesen, ob sie die
Wahrheit erzähle oder nicht. Wichtig sei ihm gewesen, mit ihr ins Krankenhaus zu
fahren (Urk. 3/2 S. 5). Auch bezüglich der eingeklagten Vergewaltigung erklärte
die Privatklägerin ihren Verzicht, die Polizei zu avisieren, u.a. damit, sie habe ihn
nicht in Schwierigkeiten bringen wollen; er habe eh schon genug Probleme
gehabt (Urk. 2/5 S. 11).
Das häufige Abhauen mit anschliessender Rückkehr wurde auch vom Beschuldig-
ten wiederholt beschrieben, wobei er die Ursache (mit unterschiedlichen Begrün-
dungen) der Privatklägerin zuschob und sich als gutmütigen Partner hinstellte, der
sich sehr um sie geängstigt und sie auf ihr Flehen wieder aufgenommen habe,
wobei sie sich jeweils für ihr Verhalten entschuldigt habe.
6.3.1.2 Die Privatklägerin betonte ferner stets, es habe immer wieder gute Zeiten
gegeben. Die beiden verkehrten auch regelmässig intim miteinander, gemäss
Privatklägerin ca. drei Mal pro Woche, wobei die Privatklägerin öfters einfach ihre
"Pflicht" erfüllte, wie sie sich ausdrückte. Der letzte einvernehmliche Geschlechts-
verkehr fand am tt. November 2009 statt, dem Geburtstag des Beschuldigten, und
somit nur einen Tag, bevor sich die Privatklägerin definitiv vom Beschuldigten
trennte und floh (Urk. 2/1 S. 9 f.; Urk. 2/5 S. 14). In der bis vier Jahre dauernden
Beziehung, wovon rund zwei Jahre in der gemeinsamen Wohnung, ist es gemäss
Privatklägerin sicher zwei Mal "so heftig" gegen ihren Willen zu Geschlechtsver-
kehr gekommen (u.a. Urk. 2/2 S. 10; eingeklagt ist ein Vorfall, vgl. Urk. 24 S. 4,
Anklage Ziffer 1), was zeigt, dass die Privatklägerin selbst nach der Anzeige
- 37 -
Rücksicht übte, hätte sie den Beschuldigten doch viel stärker belasten können,
wenn sie gewollt hätte. Diese Einschätzung gilt auch für die übrigen Vorwürfe
gegenüber dem Beschuldigten.
6.3.1.3 Auf ihre Gefühle für den Beschuldigten angesprochen, hielt sich die
Privatklägerin ebenfalls sehr zurück. A._ sei einmal ihre grosse Liebe
gewesen. Jetzt empfinde sie einen gewissen Hass auf ihn (Urk. 2/1 S. 5). Sie
äusserte sich während des ganzen Verfahrens nicht abfällig über ihn, obwohl sie
anfänglich extreme Angst vor ihm hatte und sich nicht alleine auf die Strasse
getraute (Urk. 2/1 S. 5). Am Schluss ihrer letzten Zeugeneinvernahme fügte sie
lediglich hinzu, sie wünsche keiner Frau, was sie erlebt habe. Ihm wünsche sie,
dass er eine Sekunde lang in ihrer Haut stecken würde und fühlen könnte, wie sie
sich jeweils fühle (gefühlt habe). Das sei alles (Urk. 2/6 S. 11). Auch anlässlich
der Befragung als Auskunftsperson vor Vorinstanz gelangte kein einziges
unfreundliches Wort betreffend den Beschuldigten über ihre Lippen, obwohl
aktenkundig ist, dass sie sich stark unter Druck gesetzt fühlte und nach wie vor in
psychotherapeutischer Behandlung stand (Urk. 39, 53 und 56). Dies alles zeugt
von grosser Zurückhaltung und dass sie auch in der Untersuchung ambivalenten
Gefühlen ausgesetzt war.
Im Gegensatz dazu ordnete der Beschuldigte der Privatklägerin eine Vielzahl von
negativen Eigenschaften zu: sie sei eifersüchtig, raste schnell aus oder
explodiere, sei jeweils aggressiv, sie greife ihn an, komme mit primitiven Wörtern,
habe Selbstmitleid (u.a. Urk. 3/4 S. 6), verletze sich selbst und habe einen Kick
(häufiges Weglaufen, vgl. Urk. 3/5 S. 2). An anderer Stelle gab er indessen zu
Protokoll, er sei sehr zufrieden mit ihr gewesen, sie sei eine gute Frau und er
könne sie im Grund genommen gar nicht kritisieren (Urk. 3/5 S. 2), eine Wider-
sprüchlichkeit, die einmal mehr seiner Glaubwürdigkeit abträglich ist. Ins haupt-
sächlich negative Bild, das der Beschuldigte von der Privatklägerin zeichnete,
passt im Übrigen auch seine Darstellung des Kennenlernens, wonach die Privat-
klägerin sich an ihn herangemacht habe bzw. – sinngemäss – an ihn verkuppelt
worden sei. Er habe damals eine andere Freundin gehabt, eine sehr gute Bezie-
hung, und habe der Privatklägerin erklärt, aus ihnen könne nichts werden, ausser
- 38 -
Freundschaft (Urk. 3/2 S. 2; Urk. 3/3 S. 2 f.). In ähnliche Richtung deuten seine
Hinweise, er bereue nicht, dass er sein Leben für sie (die Privatklägerin), für ihre
Beziehung geopfert habe bzw. er habe B._ immer beschützen wollen, auch
wenn sein Leben darunter gelitten habe (Urk. 3/10 S. 2).
6.3.1.4 Diese geschilderte Ausgangslage sowie am Rande der Umstand, dass
der Beschuldigte anfänglich die Vorwürfe von B._ zu einem (kleinen) Teil an-
erkannte, spricht deutlich gegen grundlose oder übertriebene Anschuldigungen
durch die Privatklägerin betreffend die nun gänzlich bestrittenen Anklagesachver-
halte.
6.3.2 Motiv für Anzeige
Der Beschuldigte und die Verteidigung machten vor Vorinstanz verschiedene
Gründe geltend, weshalb die Glaubwürdigkeit der Privatklägerin reduziert sei
(Urk. 45). Die Vorinstanz hat sich damit auseinandergesetzt und die richtigen
Schlüsse gezogen, worauf vorab verwiesen werden kann (Urk. 80 S. 14-23;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Zusammenfassend und teilweise ergänzend ist dazu
festhalten:
6.3.2.1 Eine Anzeigeerstattung der Privatklägerin gegen den Beschuldigten, um
sich – aus welchem Grund auch immer – von einem Vergewaltigungsvorfall im
L._ durch einen Mann namens "..." reinzuwaschen (Urk. 45 S. 20), kann
nicht bestätigt werden.
Vielmehr ist aufgrund der einmütigen Aussagen der Privatklägerin und des Be-
schuldigten im Ergebnis davon auszugehen, dass die Privatklägerin ein solches
Ereignis nur erfand. Sie tat dies, um den ständigen Befragungen des Beschuldig-
ten über intime Details aus ihrer Vergangenheit zu genügen; auch sonst erzählte
sie ihm aufgrund seiner Fragerei Dinge, die nicht der Wahrheit entsprachen, nur
damit er befriedigt war und sie nicht mehr weiter – mit Schlägen – drankam
(Urk. 2/5 S. 14; Urk. 2/6 S. 9 f.). Daher kann diese angebliche Vergewaltigung
durch einen Landsmann der Privatklägerin weder Anlass zur Strafanzeige gegen
- 39 -
den Beschuldigten gebildet haben noch Aufschluss über Streitigkeiten bezüglich
der Jungfräulichkeit der Privatklägerin geben (Urk. 80 S. 11 und 14 f.).
6.3.2.2 Auch das Argument von Verteidigung und Beschuldigtem, die Privatklä-
gerin und die Zeugin F._, die sich sehr ähneln würden, hätten sich nach der
Dreierbeziehung gegen den Beschuldigten gewandt und ihn seit seiner Verhaf-
tung zu "vernichten" versucht, zielt ins Leere (Urk. 45 S. 7).
Der Beschuldigte selber führte aus, es sei gut möglich, dass die beiden Frauen
dies geplant und sich untereinander manipuliert hätten, weil sie ihn sehr geliebt
hätten und sich nicht von ihm trennen konnten, beide nicht (Urk. 3/9 S. 4 f.; vgl.
auch Gutachten Urk. 7/16 S. 66, wonach die Privatklägerin ihm gesagt habe, sie
habe mit F._ abgemacht, ihn in den Knast zu bringen). Anlässlich der Beru-
fungsverhandlung führte er aus (Urk. 124 S. 13), die Privatklägerin und F._
hätten ihm Briefe mit Drohungen hinterlassen, sie würden es ihm zeigen und ihn
vernichten. Neu führte der Beschuldigte aus, am tt. November 2009
habe es bei seiner Tante einen Vorfall gegeben. Er habe sich im Zimmer seines
Cousins am Computer das Facebook-Profilbild von F._ angeschaut, als die
Privatklägerin das Zimmer betreten habe. Die Privatklägerin sei sehr wütend ge-
worden und habe Drohungen ausgesprochen. Wie sich ein Komplott von F._
und der Privatklägerin aber abgespielt haben soll, legen weder der Verteidiger
noch der Beschuldigte dar und es finden sich auch keine Anhaltspunkte in den
Akten. Im Gegenteil führten sowohl die Privatklägerin als auch die Zeugin
F._ übereinstimmend aus, dass sie letztmals im Herbst 2009 miteinander
Kontakt hatten (Urk. 2/5 S. 19; Urk. 2/6 S. 3; Urk. 41 S. 2 und 7). Als Auskunfts-
person vor Vorinstanz bestätigte die Privatklägerin, jedenfalls seit der Anzeige
vom 2. Dezember 2009 (Urk. 1/1) keinen Kontakt mehr mit F._ gehabt zu
haben (Urk. 56 S. 7). Das deckt sich mit dem ebenfalls kongruent deklarierten Ziel
der beiden Frauen, sich definitiv vom Beschuldigten und der mit ihm zusammen-
hängenden Vergangenheit distanzieren zu wollen. Sodann ist nicht einzusehen,
weshalb der Beschuldigte nicht bereits früher im Verfahren den Vorfall mit dem
Facebook-Profilbild als Motiv für die Anzeigeerstattung genannt hatte. Das nun
- 40 -
behauptete Motiv erscheint unter diesen Umständen als nachgeschoben und
entbehrt somit eines realen Hintergrundes.
6.3.2.3 Zur Glaubwürdigkeit der Zeugin F._ und der Glaubhaftigkeit von de-
ren Aussagen betreffend die Beziehung von Beschuldigtem und Privatklägerin ist
an dieser Stelle festzuhalten, dass kein Grund erkennbar ist, weshalb sie den Be-
schuldigten zu Unrecht belasten sollte, auch wenn es sich bei ihr um seine
Ex-Freundin handelt.
Die Vorinstanz hat korrekt erwogen, dass es gegen eine Racheaktion der Zeugin
F._ beziehungsweise den Versuch, den Beschuldigten zu vernichten, spricht,
dass die Zeugin sich bis zur Hauptverhandlung vom 23. Juni 2011 erfolgreich
gegen eine Einvernahme wehrte. So liess sie sich mit einem ärztlichen Zeugnis
attestieren, dass sie Angst vor den Reaktionen des Beschuldigten habe (Urk. 5/3,
vgl. auch Urk. 32). Eine Entbindung ihres Psychiaters vom ärztlichen Berufsge-
heimnis lehnte sie in der Folge ebenfalls ab (Urk. 5/5 und 5/6). Auch an der Ein-
vernahme vom 23. Juni 2011 nahm sie nur teil, weil ihr im Vorfeld eine polizeiliche
Vorführung angedroht worden war (Urk. 32 ff.; Urk. 37; Urk. 41 S. 6 : "Ich wollte
auch heute nicht erscheinen ... aber jetzt musste ich ja kommen."). Weiter spricht
gegen ein gezieltes Vorgehen der Zeugin zu Lasten des Beschuldigten, dass sie
– trotz geltend gemachter körperlicher und psychischer Gewalt auch ihr gegen-
über (nämlich Tätlichkeiten und Drohungen, sexuelle Gewalt schloss sie demge-
genüber ausdrücklich aus, vgl. Urk. 41 S. 4) – selber keine Strafanzeige gegen
den Beschuldigten deponierte. Details zu eigens Erlebtem nannte sie unter
Berufung auf ihr diesbezügliches Zeugnisverweigerungsrecht nicht (Urk. 41 S. 4).
Ihre Aussage, die ganze Geschichte sei für sie abgeschlossen (Urk. 41 S. 6),
deckt sich mit dem geschilderten Verhalten und überzeugt. Gleiches ergibt sich
aus dem nicht mehr auffindbaren Abschiedsbrief von damals, den sie aus freiem
Willen und selbst geschrieben habe und worin sie dem Beschuldigten mitgeteilt
hatte, nichts mehr mit ihm zu tun haben zu wollen (Urk. 41 S. 7).
Anderseits ist wie gesehen aktenkundig, dass die Privatklägerin, der Beschuldigte
und die Zeugin F._ eine Art Dreierbeziehung führten. Das zeigt, dass sowohl
zum Beschuldigten wie auch zur Privatklägerin eine gewisse Nähe bestand.
- 41 -
Weiter bleibt bei der Würdigung ihrer Aussagen zu beachten, dass die Zeugin
F._ nicht bloss eine kurze Affäre mit dem Beschuldigten hatte, sondern eine
neunjährige Beziehung ab ihrem 15. Altersjahr (Urk. 41 S. 1), der Beschuldigte
mithin einen Grossteil ihrer Adoleszenz und des frühen Erwachsenenlebens mit-
geprägt hatte. Weiter zu berücksichtigen ist, dass sie zusammen mit der Privat-
klägerin vom Beschuldigten abgehauen ist (Urk. 41 S. 6). Jedoch hat die Zeugin
F._ ausgeführt – und dies in Übereinstimmung mit der Privatklägerin (Urk. 56
S. 7) –, dass sie ca. eine Woche, nachdem die den Brief geschrieben habe und
mit der Privatklägerin abgehauen sei, den letzten Kontakt zu dieser gehabt habe
(Urk. 41 S. 7). F._ hat seit Ende 2009 erkennbar äusserlich und innerlich von
der ganzen Angelegenheit Distanz gewinnen und sich von der gemeinsamen
Vergangenheit mit dem Beschuldigten, seiner Person sowie der damit
zusammenhängenden Beziehung zur Privatklägerin definitiv lösen können. Dass
sie zur persönlichen Aufarbeitung und Bewältigung dieses Lebensabschnittes
fachliche Hilfe beanspruchte (Urk. 5/3), führt zu keinem andern Schluss. Heute
(gemeint anlässlich der Zeugeneinvernahme vom 23. Juni 2011) gehe es ihr nicht
gut, ansonsten aber eigentlich schon (Urk. 41 S. 6). F._ erweist sich damit
doch weitgehend als unabhängige Zeugin, auf deren Aussagen abgestellt werden
kann.
Somit deutet nichts darauf, dass sich die Privatklägerin und die Zeugin F._
abgesprochen und gegen den Beschuldigten verschworen hätten. Die entspre-
chende Behauptung des Beschuldigten und der Verteidigung ist nicht zu hören.
Es ist der Vorinstanz zuzustimmen, wenn sie in Anbetracht der genannten Um-
stände zum Ergebnis gelangte, dass der Zeugin F._ trotz der Verflechtung
mit der Privatklägerin und dem Beschuldigten (Dreierbeziehung) eine beträchtli-
che Glaubwürdigkeit zukommt (Urk. 80 S. 31 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Im Vorder-
grund steht aber ohnehin der Inhalt der Aussagen. Wie sich zeigen wird, enthalten
ihre Schilderungen weder Übertreibungsmerkmale noch Lügensignale, was für
deren Glaubhaftigkeit spricht.
An dieser Stelle ist auch der Beweisantrag des Beschuldigten, F._ sei erneut
als Zeugin einzuvernehmen (Urk. 125 S. 1, S. 9 f.), abzuweisen. Es kann auf die
- 42 -
bisherigen Aussagen von F._ abgestellt werden. Hinsichtlich der Beziehung
zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin sagte sie sehr
zurückhaltend und überzeugend aus. Zu ihrer eigenen Beziehung zum Beschul-
digten schwieg sie und machte klar, dass die Vergangenheit mit dem Beschuldig-
ten für sie abgeschlossen sei. Die Entstehung, der Verlauf und das Ende der
vorübergehend bestehenden Dreierbeziehung ist sodann für die Beweiswürdi-
gung der vorliegend eingeklagten Delikte unmassgeblich. Die Dreierbeziehung ist
nicht Anklagegegenstand und daraus wird auch nichts zum Nachteil des Beschul-
digten abgeleitet. Daher ist folglich auch der Antrag, G._ sei als
Zeugin einzuvernehmen (Urk. 125 S. 2, S. 12 f.), abzuweisen, auch wenn diese
gemäss neuen Schilderungen der Grund für das Auseinanderbrechen der Dreier-
beziehung gewesen sei. Es ist nicht ersichtlich, dass sie keine sachdienlichen
Aussagen zu den eingeklagten Vorfällen machen könnte.
6.3.2.4 Mit der Vorinstanz zu verwerfen ist weiter die Bezichtigung durch den
Beschuldigten, die Privatklägerin wolle sich mit der Anzeige an ihm rächen, weil
er mit seiner Ex-Freundin F._ Kontakt gehabt habe (vgl. Urk. 80 S. 16).
Weshalb die Privatklägerin, welche gemäss dem Beschuldigten das Zusammen-
leben zu Dritt initiiert haben soll (u.a. Urk. 3/5 S. 18), ihn aufgrund von Eifersucht
gegenüber eben dieser Drittperson (F._) anzeigen sollte, ist nicht
ersichtlich. Folgte man seiner Argumentation, würde dies folgerichtig bedeuten,
dass die Privatklägerin ihren Aufenthalt im Frauenhaus und die psychologische
Unterstützung durch Dr.med. AB._ sowie später Dr. phil. AH._ aus Ra-
che gestützt auf ihre Eifersucht gegenüber F._ in Anspruch genommen hätte.
Für ein solch durchtriebenes Verhalten gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Ganz ab-
gesehen davon hat die Privatklägerin verneint, dass ein Zusammenleben zu Dritt
ihre Idee gewesen sei ("sicher nicht"). Sie brauche das nicht, noch eine zweite
Frau, sie habe ihn gewollt, nicht jedoch eine zweite Frau; das leuchtet wahrhaftig
ein. Selbst wenn es ihre Meinung gewesen wäre, ihre Meinung habe nie gezählt
(Urk. 2/6 S. 6).
Die überaus bedachten Schilderungen sprechen gerade nicht dafür, dass die Pri-
vatklägerin den Beschuldigten "vernichten" wollte. So äusserte sie sich wiederholt
- 43 -
positiv über den Beschuldigten: dass es immer wieder schöne Momente und Tage
in der Beziehung gegeben habe, als er kochte und lieb mit ihr gewesen sei
(Urk. 2/2 S. 9), dass es sich bei ihm eigentlich um einen lieben Menschen handle
(Urk. 2/1 S. 5).
Auch die Vorwürfe der Privatklägerin fielen, wie teilweise schon aufgezeigt,
zurückhaltend aus. Die Privatklägerin vermied es auf konkrete Vorhalte offensicht-
lich, den Beschuldigten übermässig und somit zu Unrecht zu belasten: es habe
freiwilligen Geschlechtsverkehr gegeben (u.a. Urk. 2/2 S. 9), die Vergewaltigung
habe lediglich ein paar Minuten gedauert und er habe nicht versucht, anal in sie
einzudringen (Urk. 2/2 S. 8; Urk. 2/3 S. 4 f.), er habe ihren Kopf (lediglich) 2-3 Mal
gegen den Baum geschlagen (Urk. 2/3 S. 12), er habe sie (nur) ein paar Sekun-
den mit beiden Händen am Hals gepackt (Urk. 2/4 S. 12 f.), es sei ihr schwindlig
geworden, aber sie sei nicht ohnmächtig geworden (Urk. 2/4 S. 13), er habe das
Kissen nicht lange, (nur) ein paar Sekunden auf ihr Gesicht gedrückt (Urk. 2/4
S. 15), von den Schlägen in ihr Gesicht habe sie zum Teil zwischendurch Nasen-
bluten gehabt (Urk. 2/4 S. 15), es sei (nur) einmal zu Urinabgang gekommen
(Urk. 2/4 S. 13 und 15). Ferner verneinte sie auf entsprechende Frage, dass der
Beschuldigte sie jemals mit einem Messer oder einer Schusswaffe bedroht habe
(Urk. 2/4 S. 18 f; Urk. 2/1 S. 3) und erklärte andernorts, an diesem Tag habe er
keinen Gurt eingesetzt (Urk. 2/5 S. 5 f.). Wenn sie schlussendlich etwas nicht
mehr wusste, deklarierte sie dies offen und füllte die Erinnerungslücke nicht
einfach mit einer Behauptung (z.B. Urk. 2/5 S. 3).
Der Rachevorwurf im Zusammenhang mit der Ex-Freundin des Beschuldigten,
F._, findet in den Akten keine Stütze. Viel eher zutreffend und im
Einklang mit ihren eigenen Depositionen erscheint demgegenüber die Erklärung
der Privatklägerin, sie wolle sich nicht am Beschuldigten rächen, sondern ihre
Aussagen würden die Realität zeigen und er solle zugeben, was er gemacht habe
(Urk. 2/5 S. 13).
6.3.2.5 Im angefochtenen Urteil hat sich die Vorinstanz sodann einlässlich mit der
anderweitigen Behauptung des Beschuldigen befasst, der Hauptgrund für die
(vermeintliche) Rache der Privatklägerin sei ihre Familie gewesen, nämlich der
- 44 -
Vater der Privatklägerin (Urk. 3/9 S. 6). Auch dieser Einwand wurde im angefoch-
tenen Urteil unter Würdigung der diesbezüglichen Aussagen des Beschuldigten
sowie von Mitgliedern beider Familien zutreffend entkräftet (vgl. Urk. 80 S. 17-23;
Art. 82 Abs. 4 StPO), was sich folgendermassen zusammenfassen lässt:
Es ist richtig, dass zwischen den beiden Nationalitäten L._ (Familie der
Privatklägerin) sowie K._ (Familie des Beschuldigten) divergierende
Bräuche und Gepflogenheiten herrschen und die zwei Familien ob der Beziehung
der Privatklägerin und des Beschuldigten in Probleme gerieten. Insbesondere die
Familie der Privatklägerin tat sich offenbar schwer mit der Verbindung. Die Privat-
klägerin war erheblichem familiären Druck ausgesetzt. Wie sie schlüssig ausführ-
te, akzeptierte ihre Familie nicht, dass sie sich selber einen Mann aussuchte und
dann auch noch mit ihm zusammenzog, was der Tradition widersprach. Vor die
Wahl gestellt, entschied sich die Privatklägerin für den Beschuldigten und wandte
sie sich von ihrer eigenen Familie ab. Ein Jahr lang hatte sie laut ihren Angaben
keinen Kontakt zu dieser (Urk. 2/2 S. 9 und Urk. 2/5 S. 10 f.; gemäss dem Vater
der Privatklägerin, T._, bestand ca. zwei Jahre lang kaum Kontakt, vgl. Urk.
4/19 S. 18). Aufgrund der Zeugenaussagen von Mitgliedern beider Familienseiten
steht jedoch fest, dass die Spannungen zwischen den Familien nach einigen Mo-
naten bzw. spätestens nach einem Jahr beigelegt werden konnten und mit Hilfe
eines Verwandten der Familie ... [von B._] Frieden geschlossen wurde. Man
traf sich in der Folge dann auch, ass zusammen und telefonierte. Dieser Frieden
wurde gemäss den genannten Zeugen vor der Anzeige der Privatklägerin
geschlossen. Wie mehrere Zeugen einhellig ausführten, hätte die Privatklägerin
ab dann ihre Familie immer besuchen können, wenn sie dies gewollt hätte. Doch
sie habe dies nicht gewollt (vgl. Urk. 4/21 S. 3 und 9; Urk. 4/25 S. 11 und 13; laut
der Privatklägerin hat der Beschuldigte ihr das untersagt). Dieses Faktum eines
praktisch fehlenden Kontaktes zwischen der Privatklägerin und ihrer Familie
ändert nichts, dass die beiden Familien im Zeitpunkt der Anzeige versöhnt waren,
womit das Argument eines allfälligen Racheaktes von Seiten der Familie der
Privatklägerin als Hintergrund der Anzeige entfällt. Die aufrechterhaltene Distanz
zur angestammten Familie veranschaulicht vielmehr den nach wie vor bestehen-
den herkunftsbedingten Zwiespalt der Privatklägerin und gleichermassen ihre
- 45 -
konsequente Haltung zum einst selber gefällten Entscheid, indem sie ihre Familie
nicht mit ihrem Kummer behelligen wollte.
Abgesehen davon bestanden die Spannungen zwischen den beiden Familien im
Wesentlichen darin, dass man nicht miteinander sprach. Drohungen der Familie
... [von B._] gegenüber der Familie ... [von A._] oder gegenüber dem
Beschuldigten wurden einzig vom Bruder des Beschuldigten, dem Zeugen
I._ erwähnt, und auch dies erst auf Ergänzungsfrage des Beschuldigten am
Schluss der Einvernahme sowie zu einem frühen Stadium (vgl. Urk. 4/22 S. 14:
Frage: "Hat der ältere Bruder von B._ mir jemals gedroht, mich umzubrin-
gen?" Antwort: "Ja, das war am Anfang so. Eben, er war nicht einverstanden da-
mit und er sagte am Telefon, er wolle nichts mit K._ zu tun haben, ...
[Staatsangehörige von K._] seien für ihn gestorben. Und er solle nicht mehr
anrufen oder versuchen, Frieden zu schliessen, denn sonst knalle es."). Damit ist
davon auszugehen, dass es sich bei der erwähnten Drohung um einen singulären
Ausspruch des älteren Bruders der Privatklägerin gegenüber dem Beschuldigten
per Telefon handelte, und zwar zu Beginn der Beziehung zwischen der Privatklä-
gerin und dem Beschuldigten, als die Familien noch im Streit lagen. Es war mithin
vor allem der ältere Bruder der Privatklägerin, der sich zunächst nicht mit der Ver-
bindung von Privatklägerin und Beschuldigtem abfinden konnte, und nicht deren
Vater oder gar die ganze Sippschaft. T._ und der Beschuldigte haben denn
auch nach dem Verschwinden der Privatklägerin am tt. November 2009 gemein-
sam nach der Tochter / Partnerin gesucht (Urk. 3/6 S. 2 und Urk. 4/19 S. 7 f.),
was bei Fortbestehen der Familienstreitigkeit und Ausstossen der Tochter wohl
undenkbar gewesen wäre. Als die Privatklägerin ihren Vater vom Frauenhaus aus
anrief, habe sie ihm nur gesagt, dass sie den Beschuldigten nicht mehr liebe,
sonst nichts (Urk. 4/19 S. 10). Dass sie vom Beschuldigten geschlagen worden
sei, habe er erst durch den Brief aus dem Frauenhaus erfahren. Die Privatklägerin
habe ihm vor diesem Brief nie gesagt, dass sie vom Beschuldigten "geplagt" wor-
den sei (Urk. 4/19 S. 13).
6.3.2.6 Im Ergebnis hat sich keine der verschiedensten und zum Teil auch wider-
sprüchlichen Begründungen des Beschuldigten für eine Anzeige der Privat-
- 46 -
klägerin bzw. der Privatklägerin und F._ oder aber der Familie ... [von
B._] aus Rache bewahrheitet. Namentlich kann nicht gesagt werden, die Pri-
vatklägerin habe den Beschuldigten aufgrund ihrer kulturellen Herkunft nicht ver-
lassen dürfen und mit dem Tod rechnen müssen, wenn sie nach Hause gegangen
wäre. Damit ist auch das Argument des Beschuldigten entkräftet, er habe die Pri-
vatklägerin aufgrund von Drohungen vor ihrer eigenen Familie schützen müssen
bzw. wollen. Ebenso wenig bestand für die Privatklägerin nur die Strafanzeige
gegen den Beschuldigten bzw. deren Aufrechterhaltung als Möglichkeit, ihren fa-
miliären Frieden wieder zu finden. Für Einzelheiten kann im Übrigen auf die detail-
lierten Erwägungen im angefochtenen Urteil verwiesen werden (Urk. 80 S. 20-23).
6.3.3 Eifersucht und Kontrolle
Für die Glaubwürdigkeit der Privatklägerin und ihre Darstellung spricht weiter,
dass ihre Behauptung, wonach der Beschuldigte sehr eifersüchtig sei und sie
ständig kontrolliert habe, durch diverse Zeuginnen bestätigt wurde, was schon die
Vorinstanz mit Recht konstatiert hat und worauf vorab zu verweisen ist (Urk. 80
S. 23-27; Art. 82 Abs. 4 StPO). Nachfolgend ein Überblick:
6.3.3.1 Die Zeugin F._ bezeichnete den Beschuldigten anlässlich der Ein-
vernahme vom 23. Juni 2011 als übertrieben eifersüchtig. Dies zeige sich in ver-
schiedenen Verhaltensweisen. Konkret führte sie aus (Urk. 41 S. 5): "Wenn ein
Mensch auf alles eifersüchtig ist, auch auf die Familie, auf alles und jeden, ist er
schon sehr eifersüchtig. Er war auf alle eifersüchtig, die mit seiner Freundin zu tun
hatten." Auf die Frage, ob der Beschuldigte kontrollsüchtig sei, ob sie selber
während ihrer Beziehung übermässig kontrolliert und überwacht worden sei,
verneinte sie dies für den Anfang. Gegen Ende sei es aber immer schlimmer
geworden. Der Beschuldigte habe ständig angerufen. Ob er sie ständig überwacht
habe, wisse sie nicht; er sei nicht ständig an der Arbeitsstelle bzw. in der Schule
vorbeigekommen (Urk. 41 S. 5).
Diese Schilderungen erweisen sich als ebenso klar wie differenziert und
behutsam und es besteht kein Anlass, ihren Wahrheitsgehalt anzuzweifeln.
- 47 -
6.3.3.2 Die mit der Privatklägerin bis ca. September 2008 am gleichen Arbeits-
platz tätig gewesene Zeugin Q._ (Urk. 4/13 und 4/15) sprach von sicher fünf
Telefonanrufen des Beschuldigten pro Tag. Als eindrückliches Beispiel von Kon-
trolle berichtete sie von einem Anruf des Beschuldigten, als die Privatklägerin kurz
Briefmarken einkaufen gegangen sei. Als sie dies der Privatklägerin nach deren
Rückkehr mitgeteilt habe, sei diese stark erschrocken und habe den Beschuldig-
ten sofort zurückgerufen. Im Übrigen habe die Privatklägerin ihr gegenüber ge-
äussert, er sei gefährlich und sie habe Angst vor ihm. Es sei für sie viel besser
wenn sie arbeite als wenn sie zu Hause beim Beschuldigten sei. Der Beschuldigte
habe ihr, der Zeugin, einmal am Telefon gesagt, die Privatklägerin habe eine Affä-
re mit dem Techniker von O._. Das habe aber überhaupt nicht gestimmt,
dies könnte sie gar beweisen. Sie habe dann die Privatklägerin darauf angespro-
chen und diese habe geantwortet, sie sei in einer unvorstellbar schwierigen Situa-
tion gewesen und habe dies gegenüber dem Beschuldigten bejahen müssen. Der
Beschuldigte habe dies erfunden, damit er auch etwas habe, um die Privatkläge-
rin zu belasten.
Zur Kündigung der Privatklägerin führte die Zeugin aus, die Privatklägerin habe
nicht kündigen wollen. Die Privatklägerin habe ihr gesagt, dass sie es aber ma-
chen müsse, wenn der Beschuldigte dies so entscheide.
6.3.3.3 Die Zeugin P._ (Urk. 4/12), Vorgesetzte der Privatklägerin ab Mai
2009, bestätigte, dass der Beschuldigte die Privatklägerin drei bis vier Mal pro
Tag bei der Arbeit angerufen sowie sie am Morgen zur Arbeit gebracht und am
Abend auch wieder abgeholt habe. Nach einer gewissen Zeit habe dies für sie wie
"totale Kontrolle" ausgesehen. Weiter bekundete die Zeugin, dass die Privatkläge-
rin jeweils sofort ängstlich gewesen sei, wenn der Beschuldigte zur Arbeit er-
schienen sei, dass die Privatklägerin nicht von sich aus, sondern wegen der Eifer-
sucht des Beschuldigten gekündigt habe. Wie ihr die Privatklägerin erzählt
habe, sei der Beschuldigte sehr eifersüchtig auf den Techniker von O._ ge-
wesen. Die Privatklägerin habe ihren Dienstplan daher so einrichten wollen, dass
ein Zusammentreffen mit diesem nicht möglich war, um Konfliktsituationen zu
Hause zu vermeiden.
- 48 -
6.3.3.4 Die Schwester der Privatklägerin, Zeugin U._ (Urk. 4/20),
erinnerte sich zum Thema Eifersucht, der Beschuldigte habe ihr gegenüber nach
dem (definitiven) Abhauen ihrer Schwester "Typen" erwähnt und dass sie, die
Zeugin, ihm sagen solle, wenn sie etwas von diesen wisse (Urk. 4/20 S. 14).
6.3.3.5 Gemäss der Zeugin S._ (Urk. 4/24), der früheren Lehrmeisterin der
Privatklägerin, welche mit beiden, auch dem Beschuldigten, einen sehr guten
Kontakt pflegte (man habe sich damals Bruderherz und Schwesterherz
genannt), hat der Beschuldigte ihr mit der Zeit erzählt, dass die Privatklägerin ihn
anscheinend betrogen oder mit irgendeinem Typen geflirtet habe und dass er
damit nicht umgehen könne. Weiter habe er ihr gesagt, er habe die Privatklägerin
erwischt, sie beobachtet und auch gestellt und dass die Privatklägerin dies ihm
gegenüber zugegeben habe (Urk. 4/24 S. 7 f.).
6.3.3.6 Eine weitere ehemalige Arbeitskollegin und direkte Vorgesetzte der
Privatklägerin, AE._ (Urk. 4/16), äusserte als Auskunftsperson ihre Eindrücke
zum Verhältnis zwischen der Privatklägerin und dem Beschuldigten: Die Privat-
klägerin habe z.B. bei einem kurzfristig organisierten Essen nicht mitmachen kön-
nen und das damit begründet, ihr Freund komme sie gleich holen. Habe der Be-
schuldigte einmal angerufen und die Privatklägerin den Anruf nicht entgegen
nehmen können, so habe sie diesen sofort zurückgerufen. Wenn er da gewesen
sei, sei sie sehr "tuuch" gewesen und habe dann auf auffällige Art versucht, ihm
alles sehr Recht zu machen. Die Privatklägerin habe immer eine Art "tucktere"
Haltung vor ihm eingenommen und sei auch gleich "gehöselt", wenn er etwas ge-
wollt habe.
6.3.3.7 Auch die Auskunftsperson AF._ (Urk. 4/17), eine andere frühere Ar-
beitskollegin bei O._, hatte das Gefühl, die Privatklägerin sei sehr kontrolliert
gewesen durch den Beschuldigten, da er sie immer zur Arbeit gebracht und wie-
der abgeholt habe. Weiter hatte sie den Eindruck, die Privatklägerin sei beim Be-
schuldigten unter "dem Hammer" gewesen. Er habe sie voll im Griff gehabt und
sie habe vor ihm "gekuscht". Auch schien sie keine eigene Meinung gehabt zu
haben. Der Beschuldigte habe sehr korrekt gewirkt, sehr freundlich und hilfsbereit,
aus ihrer Sicht völlig übertrieben.
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6.3.3.8 Aus der Sicht einer weiteren ehemaligen Arbeitskollegin der Privat-
klägerin, R._ (Urk. 4/3), wurde die Privatklägerin von ihrem Freund kontrol-
liert und psychisch unter Druck gesetzt. Anfänglich sei die Privatklägerin noch
fröhlich und lebhaft gewesen, nachher sei es ihr nicht mehr so gut gegangen.
Ferner sei die Privatklägerin jeweils nervös geworden, wenn sie länger als geplant
habe arbeiten müssen (Urk. 4/3 S. 8).
6.3.3.9 Als Fazit kann mit der Vorinstanz konstatiert werden, dass sich aus den
zitierten und inhaltlich sehr ähnlich ausgefallenen Zeugenaussagen, die auf
eigener und direkter Wahrnehmung von damaligen Kolleginnen und Vorgesetzten
aus verschiedenen O._-Filialen basieren und unabhängig voneinander er-
folgten, erhebliche Eifersucht des Beschuldigten und starke Kontrolle des Be-
schuldigten über die Privatklägerin erkennen lassen. Dem standen Einschüchte-
rung und Angst auf Seiten der Privatklägerin gegenüber. Auch bezüglich der Zeu-
ginnen F._ und U._, die nichts miteinander zu tun hatten, ist eine vor-
gängige Absprache auszuschliessen (Urk. 80 S. 26).
6.3.3.10 Vervollständigt wird dieses Bild einer von Eifersucht, Übermacht und
rigoroser Kontrolle durch den Beschuldigten geprägten Beziehung durch die
Befunde im psychiatrischen Gutachten vom 8. Dezember 2010 (Urk. 7/16 S. 87 f.
und 91 f.), namentlich anhand der folgenden Passage:
"Obwohl der Expl. konsequent bis jetzt seine Liebe zu B._. beteuert, wird nir-
gends deutlich, dass die Beziehung durch das Gefühl von Zuneigung bestimmt ge-
wesen ist. Viel wichtiger erscheinen Dominanz, Besitzanspruch und Verfügungs-
gewalt über einen anderen Menschen, der theatralisch und durch überschwängli-
che Ausdrucksweisen als Verantwortung für B._ präsentiert wird." (HD 7/1
S. 88 3. Abschnitt).
Die geltend gemachte Verantwortung erscheint tatsächlich als blosser Deck-
mantel für den Herrschanspruch des Beschuldigten über die Partnerin, deren Au-
tonomie (und Integrität) laufend missachtet wurde und die unter ständigem Druck
stand, den Anforderungen ihres alleinbestimmenden Gefährten zu genügen.
- 50 -
6.3.3.11 Anzufügen ist, dass der Beschuldigte in seiner ersten Aussage (Urk. 3/1)
noch wiederholte Male zugegeben hat, eifersüchtig gewesen zu sein und die Pri-
vatklägerin kontrolliert zu haben, ja die Eifersucht nicht unter Kontrolle gehabt und
der Privatklägerin im Falle ihres Weggehens von ihm gedroht zu haben, er würde
sie überall finden und umbringen, da er ihr einfach habe klar machen wollen, dass
sie nicht abhaue. Auch räumte damals er ein, dass sie deswegen Angst vor ihm
hatte und wegging und dass er die Drohung besser nicht hätte machen sollen. Die
Drohung sei an allem Schuld. Die Bedrohung sei ein Fehler gewesen, was der
Beschuldigte mehrfach betonte. Er habe sie nicht stark kontrollieren wollen. Zu-
dem erwähnte er seine Fragerei (betreffend Männer in der Vergangenheit der Pri-
vatklägerin), die seine Eifersucht steigerte und die er besser hätte bleiben lassen.
Diese Bekenntnisse wurden vom Beschuldigten freimütig zu Protokoll gegeben
und wirken authentisch. Es ist nicht einzusehen, weshalb der Beschuldigte
damals falsche Zugaben gemacht und nicht die Wahrheit gesprochen haben soll,
zumal die Themen Eifersucht, Ausfragen und Drohung im Falle ihres Weggehens
und damit sinngemäss die Kontrolle über das Leben und das Dasein der Privat-
klägerin in der Einvernahme breiten Raum einnahmen. Die (Teil)Eingeständnisse
decken sich zudem mit den Ausführungen der zitierten Zeuginnen und jenen
der Privatklägerin sowie mit der Charakterbeschreibung des Beschuldigten im
Gutachten.
6.3.3.12 Aber selbst ohne die (Teil)Eingeständnisse des Beschuldigten ist als
erwiesen anzusehen, dass der Beschuldigte sehr eifersüchtig war, die Privat-
klägerin systematisch kontrollierte – namentlich durch Ausfragen über die
Vergangenheit, häufige Telefonanrufe, Bringen zur und Abholen von der Arbeit,
Abhalten/Untersagen von Kontakten mit Drittpersonen, sei es Familie, Kollegin-
nen, Ärzte oder Polizei – und damit weitgehend über ihr Leben bestimmte.
6.3.3.13 Die Privatklägerin hat konstant beschrieben, dass das inkriminierte Ver-
halten des Beschuldigten immer damit angefangen habe, dass er sie aufgrund
seiner Eifersucht zu ehemaligen Freunden befragt habe. Der Umstand, dass das
Vorliegen der Eifersucht des Beschuldigten und damit auch die Ausführungen der
- 51 -
Privatklägerin zur Grundproblematik in der Beziehung bestätigt sind, stärkt ihre
Glaubwürdigkeit ebenso wie die Glaubhaftigkeit ihrer Schilderungen.
6.3.4 Ambivalente Beziehung
6.3.4.1 Wie aufgezeigt, hat die Privatklägerin trotz der geltend gemachten massi-
ven Vorwürfe ca. eineinhalb bis zwei Jahre in der Wohngemeinschaft an der Seite
des Beschuldigten ausgeharrt, ist nach häufigem Ausreissen immer wieder zu ihm
zurückgekehrt und hat nach ihrem definitiven Weggehen noch rund drei Wochen
mit der Anzeige zugewartet. Wie im Zusammenhang mit den Erwägungen zur An-
zeigeerstattung (II. 6.3.1 hiervor) beschrieben, befand sie sich dabei in einem
Spannungsfeld von Druck, Angst, Verzweiflung, Isolation, Hoffnung und dem Ver-
trauen in die Versprechen des Beschuldigten. Sie hat dabei sehr unverfälscht,
situationsadäquat und nachvollziehbar dargelegt, weshalb es ihr nicht gelang,
sich früher aus der Beziehung zu lösen (vgl. dazu auch die Übersicht in Urk. 80
S. 28).
6.3.4.2 Die Zeugin Q._ (Urk. 4/13 und 4/15) konnte einmal am Handy hören,
wie die Privatklägerin, nachdem sie vom Beschuldigten geflohen war, diesen um
Verzeihung bat: B._ habe geweint, eine zittrige Stimme gehabt und sich im-
mer wieder bei ihm entschuldigt, dass sie von zu Hause weggerannt sei. Er habe
dann gesagt, sie sei entschuldigt und könne nach Hause kommen. Der Beschul-
digte habe – im Gegensatz zur Privatklägerin – gewusst, dass sie (Zeugin) dies
mithörte (Urk. 4/13 S. 4 und 4/15 S. 4). Solches Vorgehen bestätigte auch der Beschuldigte: die Privatklägerin habe sich für ihren Fehler entschuldigt und ihn
angefleht, sie wieder aufzunehmen (u.a. Urk. 3/1 S. 10). Damit wurde die jeweili-
ge Rückkehr der Privatklägerin zu einer Art Gnadenakt des Beschuldigten, was
wiederum dafür spricht, dass er in der Gemeinschaft den Ton angab und ihr Los
in seinen Händen lag.
6.3.4.3 In diesem Zusammenhang ist mit der Vorinstanz (Urk. 80 S. 29 f.) auch auf den Jahresbericht 2010 der Beratungs- und Informationsstelle für Frauen (bif)
und ergänzend dazu auf das "Informationsblatt: Gewaltspirale in Paarbezie-
hungen" des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann
- 52 -
sowie das Dokument "Häusliche Gewalt - eine reine Privatsache?" der IST
Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt des Kantons Zürich hinzuweisen.
Seit dem 1. Januar 2002 ist die Beratungsstelle bif eine vom Regierungsrat des Kantons Zürich anerkannte Opferhilfestelle mit einem spezifischen Beratungs-
auftrag gemäss dem Opferhilfegesetz. Im Jahresbericht 2010 – nachstehend
teilweise ergänzt durch die ähnlich lautenden weiteren Fachdokumente – ist die
Rede davon, dass eine grosse Mehrheit der von häuslicher Gewalt betroffenen
Frauen der Gewalt über längere Zeit ausgesetzt sei. Es gebe eine Phase des Spannungsaufbaus (1). Diese Phase ist zunächst geprägt von verbaler Gewalt wie Abwertungen, Demütigungen, Beschimpfungen. Die Frauen versuchen und
hoffen, mittels Anpassung Misshandlungen zu vermeiden. Wenn es trotzdem zu
einem Ausbruch der Gewalt (2) komme, steige die Bereitschaft der Frauen, die Beziehung zu beenden. Die Frauen reagieren mit Flucht, Gegenwehr oder Ertra-
gen der Misshandlung. Da die betroffenen Frauen oft auch gute Erlebnisse zu
berichten hätten, sei ein Trennungsentscheid für die Betroffenen widersprüchlich
und schmerzhaft. Im Gewaltkreislauf folge auf ein Gewaltereignis eine Zeit der Reue und Versprechungen, die sogenannte Honeymoon-Phase (3). Der Täter umsorgt das Opfer, beteuert ihm seine Liebe und in überzeugender Weise das
Ende der Gewalt. Das Opfer vertraut seinem Versprechen auf Verhaltensände-
rung und hofft auf bleibende Verbesserung. Beziehungsmuster, Persönlichkeit
und strukturelle Bedingungen würden dabei eine Rolle spielen, weshalb viele
Frauen den schönen Worten und dem Blumenstrauss noch so gerne glauben
möchten. Auch die Angst vor der Einsamkeit spiele eine Rolle. Nach der Reue
folge bei vielen Tätern eine Suche nach der Ursache des Gewaltausbruchs, aber
nicht bei sich selbst, sondern in den äusseren Umständen (z.B. Alkoholkonsum,
Schwierigkeiten bei der Arbeit) oder bei der Partnerin: "Warum hast du mich
gereizt?". Die Schuld wird bei andern gesucht, was einem Abschieben der  (4) gleichkommt. Viele Gewaltbetroffene akzeptieren dies, verzeihen dem reuigen Partner, übernehmen sogar die Verantwortung für das gewalttätige
Handeln: "Ich habe ihn provoziert". Dazu gesellen sich auch Schuldgefühle, weil
sie den Gewaltausbruch nicht verhindern konnten. Der Ausstieg aus der Gewalt-
spirale werde erschwert, weil es in Gewaltbeziehungen auch gute Zeiten gebe
- 53 -
und viele Opfer nur die Gewalt, nicht aber die Beziehung abbrechen wollten. Wei-
ter schränke sich die Handlungsfähigkeit von Frauen, die über längere Zeit psy-
chische und/oder physische Gewalt erfahren hätten, ein. Jahrelange Abwertungen
wie "du bist dumm, du bist nichts wert" oder "du bist an allem Schuld" würden ver-
innerlicht und die Betroffenen schwächen. Die psychische Traumatisierung, gera-
de durch Übergriffe von nahestehenden Menschen, bei denen man sich sicher
fühlen sollte, werde als Diskrepanzerlebnis zwischen der bedrohlichen Situation
und den individuellen Ressourcen beschrieben. Als Folge würden Gefühle der
Hilflosigkeit und eine Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses stehen
(Beratungs- und Informationsstelle für Frauen [bif], Jahresbericht 2010,
S. 4 f., http://www.bif-frauenberatung.ch/fileadmin/Dateien/Dokumente/bif_Jahres-
bericht2010.pdf, [zuletzt besucht am 18. Mai 2012]; Informationsblatt: Gewalt-
spirale in Paarbeziehungen, 29.10.2007, S. 1-3, www.gleichstellung-schweiz.ch/
Dokumentation/Publikationen/Informationsblätter Häusliche Gewalt/ Informations-
blatt: Gewaltspirale in Paarbeziehungen.pdf, [zuletzt besucht am 18. Mai 2012];
Häusliche Gewalt - eine reine Privatsache?, S. 105 / 7-8, www.ist.zh.ch/IST
Manual 2011 für Fachleute/Kapitel 1 Häusliche Gewalt - eine reine Privat-
sache?pdf, [zuletzt besucht am 18. Mai 2012]).
Oft befinden sich die weiblichen Opfer in einer ambivalenten Bindung zum
gewaltausübenden Partner, was sich u.a. in der inneren Zerrissenheit zeigt. Das
Opfer meint, die Gewalt zu Recht zu erfahren, fühlt sich ausgeliefert und hat die
negativen Beschuldigungen und Zuschreibungen verinnerlicht. Charakteristisch
für gewaltbetroffene Personen in ambivalenten Bindungen ist ausserdem, dass
sie sich häufig nicht als Opfer sehen, obwohl sie traumatisiert sind, dass sie "in
der Vergangenheit gefangen" sind, dass sie hin- und hergerissen sind, dass sie
sich selbst beschuldigten (Häusliche Gewalt - eine reine Privatsache?, S. 105 / 8).
Auch die Privatklägerin befand sich in einer ambivalenten Beziehung zum
Beschuldigten. Dies geht unter anderem aus den von der Verteidigung ins Recht
gereichten Fotos (Urk. 126/9 und 126/14), aber auch aus den sich bei den Akten
befindlichen SMS (Urk. 132) hervor. In der Beziehung der Privatklägerin und des
Beschuldigten gab es auch gute Zeiten, was Teil des Zyklus von Häuslicher
- 54 -
Gewalt ist. Weiter zeigt ein SMS der Privatklägerin auf, dass sie sich offenbar die
Schuld am Zustand ihrer Beziehung zu geben schien (Urk. 126/8: "Scheiss läbe
mit mir entschuldige bitte ..."). Auch beispielhaft für den dargelegten Zyklus häus-
licher Gewalt sind die SMS-Beteuerungen und Liebeschwüre des Beschuldigten,
mit welchen er nach einem Streit und der Flucht der Privatklägerin jeweils ver-
suchte, sie zurück zu holen und wieder gefügig zu machen (vgl. Urk. 126/12 und
126/15).
An dieser Stelle ist auch der Beweisantrag der Verteidigung (vgl. Urk. 125 S. 2,
S. 13 f.), zwei Zeugen aus der Familie ... [von A._] einzuvernehmen, die die
Freude der Privatklägerin über die Heiratspläne von November 2009 bezeugen
könnten, abzuweisen. Es ist erstellt, dass die Beziehung durch ein ständiges Auf
und Ab geprägt war, was typisch ist für den Mechanismus der Häuslichen Gewalt.
Darin hat Freude über einen Heiratsantrag ohne weiteres Platz. Die begehrten
Zeugeneinvernahmen würden daher nichts Neues zu Tage führen. Mit demselben
Argument ist der Antrag auf Auswertung verschiedener Handys des Beschuldig-
ten (Urk. 125 S. 3 f., 15 f.) abzuweisen. Was auch immer zu Tage käme, wäre
nicht mehr als ein weiterer Hinweis auf das ambivalente Verhältnis zwischen der
Privatklägerin und dem Beschuldigten, ein Konglomerat aus Sehnsucht, Zunei-
gung, Vertrauen, Angst, Enttäuschung, Verzweiflung etc. Die SMS stellten auch
nur Momentaufnahmen und die Widergabe einer punktuellen Stimmung dar, ohne
Bezug zu den eingeklagten Vorfällen. Dies gilt auch für die eingereichten und wei-
tere erwähnte Fotos, Fotoalben und Filme.
6.3.4.4 Die frühere Psychologin und Psychiaterin der Privatklägerin, die Zeugin Dr. med. AB._ (Urk. 4/26), bei welcher die Privatklägerin durch Vermittlung
ihres Hausarztes am 3. Oktober 2009 – und somit mehr als einen Monat vor
ihrem definitiven Weggehen vom Beschuldigten – zum ersten Gespräch erschie-
nen war, erklärte auf die Frage, wie sie die Situation der Privatklägerin zu jener
Zeit einschätzte, man könne von einer Gehirnwäsche sprechen. Die Privatklägerin
habe sich nicht mehr distanzieren können. Sie habe geglaubt, die Gewalt habe
eine Berechtigung, weil sie ein schlechter Mensch sei (Urk. 4/26 S. 4). In den
ersten fünf bis zehn Minuten der ersten Konsultation – sie lasse die Leute anfangs
- 55 -
immer reden – habe die Privatklägerin gesagt, dass sie sich vor drei Wochen von
ihrem Freund getrennt habe, dass sie grosse Schuld- und Schamgefühle gegen-
über ihrer Familie habe, weil es in ihrer Kultur nicht gehe, mit einem Mann
zusammen zu ziehen und sich dann wieder von ihm zu trennen, dass sie grosse
Angst verspüre, dass der Freund sie zurückhole und dass sie deswegen nicht
mehr aus dem Haus – damals vorübergehend ein Hotel in ..., auch mal die Ju-
gendherberge, die Eltern – gehe (konkret Angst, der Freund warte auf sie, könnte
auf sie einreden und dass sie zu ihm zurückgehen würde), dass es mit dem
Freund viel Streit und auch Gewalt gegeben habe, dass sie sich in ihrer
Persönlichkeit verändert fühle, dass es bei ihr zu einem Gewichtsverlust von 3-4
kg gekommen sei und dass sie ein Jahr zuvor eine Intoxikation durch Einnahme
von Entkalkungsmitteln erlitten habe, einfach, weil sie es nicht mehr ausgehalten
habe. Die Privatklägerin habe auffallend leise und monoton gesprochen, einge-
schüchtert, verunsichert, ängstlich. Deutlich erkennbar sei für sie (Zeugin) gewe-
sen, dass sich die Privatklägerin wertlos gefühlt habe, als schlechten Menschen
mit Fehlern und dass sie die Schläge verdient hätte und darum geschlagen
worden sei (Urk. 4/26 S. 2 f.). Damals und auch in den folgenden acht Konsulta-
tionen hat die Privatklägerin laut der Zeugin nie den Namen des Beschuldigten
genannt. Von Schlägen habe sie zwar berichtet, aber ohne genaue Angaben. Sie
sei mit dem Reden über die Beziehung sehr zurückhaltend gewesen, habe vieles
nur angedeutet. Sie habe der Privatklägerin immer wieder geraten, sich an die
Polizei zu wenden, was diese dann Ende November, nachdem sie ins
Frauenhaus gegangen sei, gemacht habe (Urk. 4/26 S. 3, 6 und 8).
Diese überaus sachlichen und handfesten Aussagen der Zeugin offenbaren in
optima forma die damals grosse Ambivalenz der Privatklägerin in Bezug auf den
Beschuldigten als ihren Partner und die Beziehung, an welche sie sich aufgrund
ihrer familiären und kulturellen Umstände offensichtlich gebunden fühlte. Die
Privatklägerin war – aus dem Blickwinkel der Fachärztin leicht erkennbar – mit
andern Worten (noch) in der Vergangenheit gefangen, hin- und hergerissen, be-
schuldigte sich selbst und sah sich damit nicht als Opfer. Dies sind wie gesehen
lauter charakteristische Merkmale für gewaltbetroffene Personen in ambivalenten
Bindungen. Die Privatklägerin fühlte sich zwar ausdrücklich nicht psychisch
- 56 -
abhängig vom Beschuldigten (Urk. 56 S. 6), was aber ebenfalls zu den Merk-
malen der ambivalenten Beziehung zählt.
6.3.4.5 Wie bereits im angefochtenen Urteil zutreffend angemerkt (Urk. 80
S. 30 f., 44 ff. und 68 ff.), war die Privatklägerin ein Opfer von häuslicher Gewalt.
So ist aktenkundig bzw. aufgrund des Gesagten erwiesen, dass die Privatklägerin
für den Beschuldigten den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen und etwas
später auf seinen Druck auch ihre Arbeitsstelle aufgegeben hat, womit sie jegli-
cher tragfähiger sozialer Kontakte sowie eines minimalen sozialen Netzes beraubt
wurde. Zurück blieb eine eingeschüchterte junge Frau ohne Bezugspersonen,
aber abhängig von einem dominanten, egozentrischen und selbstüberzeugten
Partner (ebenso Gutachten, Urk. 7/16 S. 84 und 87 f.). Der Beschuldigte erklärte
auch selber gegenüber der Staatsanwaltschaft, die Privatklägerin sei von ihm
abhängig gewesen (Urk. 3/8 S. 7). Die Privatklägerin versuchte mittels Anpassung
– zum Beispiel, indem sie nicht zu jenen Zeiten arbeiteten wollte, an welchen der
Techniker im O._ war oder durch falsches Eingeständnis von früheren an-
geblich intimen Beziehungen gegenüber dem Beschuldigten – den Beschuldigten
zu besänftigen, Konfliktsituationen zu vermeiden und das Schlimmste (Misshand-
lungen) zu verhindern. Doch sie konnte letztlich sagen und tun was sie wollte, er
glaubte ihr nicht, misstraute ihr fortwährend und bohrte unvermindert weiter (sie
solle ihm endlich die Wahrheit sagen, Urk. 2/2 S. 9 f.; er werde ihr die Muschi
rausreissen, denn man wisse ja nicht, wer da alles schon drin gewesen sei,
Urk. 2/2 S. 11; ferner Urk. 2/3 S. 5). Selbst am tt. November 2009, dem Tag ihrer
definitiven Flucht, hat der Beschuldigte laut Privatklägerin ihr vorgeworfen, er
wisse gar nichts von ihren Ex und sie erzähle gar nie etwas davon, sie solle jetzt
mal ehrlich sein und alles sagen, dann wäre dieses ganze Theater nicht passiert
(Urk. 2/4 S. 19 f.). Wenn sie intime Beziehungen vor der Zeit mit dem Beschuldig-
ten verneint habe, so die Privatklägerin, sei sie mit Schlägen drangekommen, da
sie ihm etwas vorspiele. Wenn sie dann irgendeine Geschichte erfunden habe, sei
sie zwar auch drangekommen, aber nicht so extrem, allenfalls nicht mit dem
Gürtel, sondern nur mit der Faust (Urk. 2/6 S. 10). Gegenwehr nützte der Privat-
klägerin beim gegebenen Kräfteverhältnis verständlicherweise nichts: 165 bzw.
- 57 -
168 cm und ca. 48-49 kg (gegen Ende des Zusammenlebens mit dem Beschul-
digten ca. 46 kg) im Vergleich zu 175 cm und ca. 85-87 kg (vgl. Urk. 2/2 S. 4 und
2/5 S. 20). Und auch ihre Versuche auf die "liebe Tour": "bitte Schatz hör auf, mir
tut alles weh" (vgl. Urk. 2/4 S. 13), verhallten ungehört und machten den Beschul-
digten nur noch aggressiver. Schreien hätte der Privatklägerin gemäss ihrer
nachvollziehbaren Einschätzung auch nichts gebracht, denn es fand sich
niemand, der ihr hätte helfen können (Urk. 2/4 S. 14). Ein Gewaltausbruch des
Beschuldigten bewirkte daher jeweils, dass die Privatklägerin – als einzigen, wenn
auch nur vorübergehenden Ausweg – abhaute. Wie die Privatklägerin und die
Zeugin Q._ einhellig und glaubhaft darlegten, konnte der Beschuldigte mittels
SMS und Beteuerungen bei der Privatklägerin aber Hoffnungen für eine bessere
Zukunft schüren und sie damit wieder zurückholen. Abgesehen davon wusste die
(sozial isolierte) Privatklägerin zum einen auch gar nicht, wohin sie sonst hätte
gehen sollen, und zweitens war sie auch nicht im Bilde darüber gewesen, welch
grossen Schutz Opfer von häuslicher Gewalt geniessen würden, sonst hätte sie
nie so lange gewartet (u.a. Urk. 56 S. 6). Auch bestätigte sie mit der Aussage "Ich
kam gar nicht auf die Idee, wegzugehen." die im obenzitierten Jahresbericht fest-
gehaltene Tendenz, dass die Handlungsfähigkeit von während längerer Zeit ge-
waltbetroffener Personen eingeschränkt wird. Zudem stellte auch die Zeugin
AB._ als Fachperson fest, dass die Handlungsfähigkeit der Privatklägerin
aufgrund einer "Gehirnwäsche" eingeschränkt gewesen sei. Weiter typisch für ein
Opfer von häuslicher Gewalt übernahm die Privatklägerin zuletzt die Verantwor-
tung für die erfahrenen Misshandlungen, indem sie sich einredete, selber Schuld
zu sein (u.a. Urk. 2/1 S. 4), womit sich der Gewaltkreislauf schloss.
Die Ausführungen der Privatklägerin, weshalb sie trotz aller Vorwürfe so lange
beim Beschuldigten geblieben ist und weshalb sie immer wieder zum Beschuldig-
ten zurückkehrte, sind glaubhaft und erscheinen vor dem gesamten Kontext auch
plausibel. Dass die Privatklägerin während eineinhalb Jahren oder länger an der
Seite des Beschuldigten ausharrte, dessen Verhalten über sich ergehen liess,
sich nicht dauerhaft von ihm abgrenzen und losmachen konnte und selbst nach
ihrer definitiven Flucht vorerst noch mit der Anzeige zuwartete, vermag daher
weder an ihrer Glaubwürdigkeit noch an der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zur
- 58 -
Beziehung zu rütteln. Das über lange Zeit unentschlossene Verhalten war viel-
mehr Ausdruck ihres tiefen Zwiespaltes, ihrer sozialen Einsamkeit und Hilflosig-
keit sowie ihrer augenfälligen psychischen Abhängigkeit vom Beschuldigten.
6.3.4.6 Schliesslich spricht auch die Einschätzung der Psychologin, Zeugin
AB._, es habe sich um heftige Gewalt gehandelt (Urk. 4/26 S. 4), für die
Glaubwürdigkeit der Privatklägerin und die Wahrhaftigkeit ihrer Darlegungen, da
sich diese Einschätzung mit den Ausführungen der Privatklägerin deckt. Der wie-
derholte Rat der Zeugin AB._, sich an die Polizei zu wenden (Urk. 4/26 S. 6),
lässt erkennen, dass sie den Ausführungen der Privatklägerin glaubte, was sie –
als Fachperson – denn auch explizit erklärte (Urk. 4/26 S. 8). Ferner bekräftigen
(indirekt) die Arztzeugnisse bezüglich der Zeugin F._, welche bei den Akten
liegen (Urk. 5/3, Urk. 32) sowie zwei Schreiben der Psychotherapeutin der Privat-
klägerin (Urk. 2/6 Anhang, Urk. 39) die Schilderungen der Privatklägerin. Laut
diesen Dokumenten gehen die Fachpersonen von traumatischen Erlebnissen in
der Beziehung zum Beschuldigten bzw. von einer schweren posttraumatischen
Belastungsstörung nach häuslicher Gewalt aus.
6.3.5 Zusätzlich, wie von der Verteidigung beantragt (vgl. Urk. 125 S. 4 und 6),
ein Beziehungsgutachten zu erstellen, erscheint nicht notwendig. Aufgrund des
eben Gesagten liegt hier typischerweise eine Beziehung vor, die durch häusliche
Gewalt geprägt ist. Dafür gibt es genügend Hinweise, darunter auch Ein-
schätzungen von Fachpersonen.
7. Eingeklagte Sachverhalte
7.1 Allgemeines
Die Privatklägerin hat entgegen der Darstellung der Verteidigung (Urk. 128
S. 87 ff.) sowohl bei der Polizei (Urk. 2/1 und 2/2) als auch als Zeugin bei der
Staatsanwaltschaft (Urk. 2/3 - 2/6) sowie als Auskunftsperson vor Vorinstanz
(Urk. 56) weitestgehend konstant, detailreich, lebendig und bildhaft, zugleich auch
sachlich und zurückhaltend ausgesagt, so dass aufgrund ihrer Darstellungen
- 59 -
keine vernünftigen Zweifel bestehen, dass sie das Geschilderte auch tatsächlich
erlebt hat.
Soweit kleinere Differenzen bestehen, ist zu beachten, dass insgesamt sieben
Befragungen stattfanden, wobei sich die ersten sechs, die substanziellen Befra-
gungen, über einen Zeitraum von rund 11 Monaten erstreckten. Die beschriebe-
nen Vorkommnisse lagen ihrerseits teilweise ein Jahr oder etwas länger zurück.
Auch stand eine Vielzahl von Ereignissen zur Debatte, die sich teilweise sehr
ähnlich abspielten. Nuancen bestärken sogar die Glaubhaftigkeit von Aussagen
und machen sie umso authentischer. Das gilt auch für klar deklarierte Erinne-
rungslücken insbesondere hinsichtlich genauer Zeitpunkte und der Reihenfolge
von Ereignissen, beides hier untergeordnete und die Aussagekraft als solche
nicht beeinträchtigende Aspekte.
Demgegenüber hat es der Beschuldigte, von den anfänglichen (Teil)Ein-
geständnissen abgesehen, hinsichtlich der konkreten Tatvorwürfe im Wesentli-
chen bei blossen Bestreitungen bewenden lassen, was naturgemäss wenig Raum
für Aussagenwürdigung bietet.
Die Aussagen sind nicht separat und isoliert zu betrachten, sondern es sind weite-
re Beweismittel und Indizien zu berücksichtigen, die Auskunft über den Wert der
Aussagen geben können und die zudem direkt oder indirekt den bestrittenen
Anklagesachverhalt untermauern oder in Frage stellen können (Urteil des
Bundesgerichts 6B_ 236/2008 vom 1. September 2008 E. 3.2). Es ist mit andern
Worten eine Gesamtwürdigung aller Darstellungen unter Einbezug auch weiterer
Umstände, wie sie sich aus den übrigen Akten ergeben, vorzunehmen. Hierzu
gehört namentlich auch der bereits geschilderte Beziehungshintergrund der
beiden Direktbeteiligten sowie ihr familiäres Umfeld (vorstehende Erwägung II. 6.;
vgl. auch den dadurch erstellten Ingress der Anklage, Urk. 24 S. 2 f.).
7.2 Vergewaltigung gemäss Ziff. 1 Absatz 2 und 3 der Anklageschrift (Urk. 24)
7.2.1 Der konkrete Vorwurf ergibt sich aus der Anklageschrift (Urk. 24 S. 4). Eine
zusammenfassende Darstellung der diesbezüglichen Aussagen der Privatkläge-
- 60 -
rin, des Beschuldigten und der Zeuginnen F._, P._ und AB._ findet
sich im vorinstanzlichen Urteil (Urk. 80 S. 33-36). Darauf kann ohne Ergänzung
verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.2.2 Es ist der Vorinstanz zuzustimmen, wenn sie die Aussagen der Privatkläge-
rin als sehr detailreich, ohne relevante Widersprüche, weder einseitig noch
übertrieben, sondern als differenziert und stimmiges Ganzes wahrnahm (Urk. 80
S. 36 f.).
Auch in Anbetracht des Zeitablaufs und eines allfälligen, in Fällen wie dem vorlie-
genden immer wieder zu beobachtenden, Verdrängungsmechanismus hat die
Privatklägerin gleichbleibende und anschauliche Angaben gemacht. Dass sie das
genaue Datum des Vorfalls, den sie als schlimmes Erlebnis bezeichnete (es habe
schlimmere und weniger schlimme gegeben; vgl. Urk. 2/2 S. 4) nicht mehr wuss-
te, beeinträchtigt die Glaubhaftigkeit der Aussage nicht. Die vorgenommene Ein-
grenzung auf Mai und Juni 2008 orientiert sich an einem ca. zwei Monate später
stattgefundenen Arbeitsortwechsel und ist überdies plausibel verknüpft mit weite-
ren Ereignissen etwas früher am betreffenden Abend, die als Tätlichkeiten unter
Ziff. 1 Abs. 1 Eingang in die Anklageschrift gefunden haben (Urk. 24 S. 3 f.). Es
habe immer so Ballungen gegeben, da sei er mehrere Tage hintereinander völlig
am Ausrasten gewesen und dann sei wieder für eine Woche oder zwei Ruhe
eingekehrt (Urk. 2/2 S. 4).
Diese Überlegungen gelten sinngemäss auch für die weiteren zu würdigenden
Anklagesachverhalte.
Den Ablauf der eigentlichen Vergewaltigung hat die Privatklägerin zwar kurz, aber
prägnant und mit vielen stimmigen Einzelheiten geschildert, was für wahrheits-
getreue Aussage spricht und in den wesentlichen Aspekten in die Anklageschrift
floss. Dazu zählen die Ankündigung des Beschuldigten, sie solle nun erleben,
wenn man "brutal gefickt" werde, ihr von ihm wahrgenommenes Flehen damit
aufzuhören, sein zunächst gescheiterter Versuch des vaginalen Eindringens, sein
Spucken zwischen ihre Gesässbacken damit sie feucht werde, dass sie befehls-
gemäss auf dem Bauch lag und dass er ihr nach mehrmaligem Eindringen dann
- 61 -
auf ihren Rücken spritzte. Weiterer Details bedurfte es nicht, zumal das Kernge-
schehen nur ein paar Minuten dauerte, während die ganze Streiterei den Abend
bis gegen Mitternacht gefüllt hatte (Urk. 2/2 S. 8). Damit ergibt sich zugleich, dass
die Privatklägerin Zurückhaltung übte und nicht frei dazudichtete oder unnötig
ausschmückte. Insbesondere verneinte sie ausdrücklich, dass der Beschuldigte
damals versucht habe, anal in sie einzudringen (Urk. 2/3 S. 5). Mässigung zeigt
sich im Übrigen auch darin, dass sie nur eine Vergewaltigung, die aus ihrer Sicht
schlimmste, zur Anzeige brachte. In der Untersuchung hatte die Privatklägerin
nämlich glaubhaft ausgeführt, es habe immer wieder solche Übergriffe gegeben,
in denen er sich geholt habe, was er wollte, dies meist nach einem Streit und mit
dem Kommentar, er werde sie auch noch durchbumsen, sie habe das verdient
(Urk. 2/2 S. 9).
Bestens zum Handlungsablauf passend nannte die Privatklägerin – nebst dem
eben erwähnten Kommentar – verschiedene Bemerkungen des Beschuldigten
während des Geschehens: Er habe ihr gegenüber erwähnt, dass sie dies nun
auch noch erleben müsse und dass sie dies sicher gerne haben würde; sie solle
nicht so tun, sie würde doch auf so eine Art Sex stehen; wiederholt habe er ihr
gesagt, die vielen Flecken würden ihn anekeln, doch mache er jetzt trotzdem
fertig. Selbst nach dem Vorfall habe er darauf beharrt, sie solle ihm nun endlich
die Wahrheit sagen, damit er seine Eifersucht wegbekomme, dann sei er auch
nicht mehr aggressiv (u.a. Urk. 2/2 S. 8 f.; Urk. 2/3 S. 5; Urk. 2/5 S. 15). Solche
Bemerkungen als spezielle Inhalte gehören ebenfalls zu den Realkennzeichen für
eine wirklichkeitsgetreue Darstellung.
Demgegenüber erscheint die in seine Bestreitungen eingebettete Behauptung
des Beschuldigten, man habe guten Sex gehabt und die Privatklägerin habe
manchmal bis zu fünf Mal pro Tag Sex haben wollen (Urk. 3/4 S. 19) als schlicht
übertrieben und damit als Lügensignal. Mit einer solchen Behauptung wollte der
Beschuldigte offensichtlich vom eigenen Fehlverhalten ablenken.
7.2.3 Den Zeuginnen F._ und P._ hat die Privatklägerin bereits vor der
Anzeigeerhebung von sexuellen Übergriffen berichtet, wenn auch eher vage und
ohne Einzelheiten. Insbesondere die Zeugin F._ erklärte, sie habe keine
- 62 -
sexuellen Übergriffe des Beschuldigten gegenüber der Privatklägerin direkt
mitbekommen. Die Privatklägerin habe ihr aber von sexuellen Übergriffen erzählt.
An Details könne sie sich nicht erinnern (Urk. 41 S. 3 f.). Von den sexuellen Über-
griffen habe ihr die Privatklägerin erst erzählt, als sie nicht mehr in der Wohnung
zusammengelebt hätten. Gleichzeitig erklärte F._, dass der letzte Kontakt zur
Privatklägerin eine Woche nach der Flucht stattfand (Urk. 41 S. 6 f.), mithin vor
der Anzeige. Auch diese Angaben sind von grosser Zurückhaltung geprägt. Die
Zeugin F._ behauptete keine eigene Wahrnehmung, sondern deklarierte,
dass ihre Kenntnis auf blossem Hörensagen beruht. Die Aussagen erscheinen
glaubhaft.
Die Zeugin AB._ vernahm dagegen erst im Januar 2010 und somit nach der
Anzeigeerstattung von Gewalt in der Sexualität und dies auch nicht ausführlicher.
Alle Zeuginnen haben nur vom Hörensagen Kenntnis, und diese reicht nicht
wesentlich über Andeutungen hinaus (Urk. 80 S. 37 f.). Die Tatsache, dass die
äusserst zaghafte Privatklägerin gegenüber Dritten überhaupt solche Übergriffe
durchblicken liess, deutet hingegen zusätzlich auf tatsächlich Erlebtes. Die
Hinweise der Zeuginnen können zumindest als Indizien zur Abrundung heran-
gezogen werden.
7.2.4 Es ist jedoch mit der Vorinstanz festzuhalten, dass der Sachverhalt gemäss
Ziff. 1 Absatz 2 und 3 der Anklageschrift bereits gestützt auf die klaren,
stringenten, detailreichen und glaubhaften Aussagen der Privatklägerin als erstellt
anzusehen ist, während die Bestreitungen und Darlegungen des Beschuldigten
als reine Schutzbehauptungen zu qualifizieren sind (Urk. 80 S. 38).
7.2.5 Vervollständigend und gültig hinsichtlich der nachfolgenden Beurteilung
aller Vorwürfe ist an dieser Stelle kurz auf das wiederholte Weinen der Privatklä-
gerin während der Einvernahmen einzugehen. Beschuldigter und Verteidigung
bezeichneten dies als Theater und Schauspielerei. Zu Unrecht. Die emotionale
Aufwallung stand klar erkennbar im Zusammenhang mit dem jeweils Berichteten,
was ohne weiteres auch verständlich ist. Die Privatklägerin verspürte zugleich
(übermässiges) Herzklopfen und erklärte nachvollziehbar, es sei, als wenn alles
nochmals hochkomme (z.B. Urk. 2/2 S. 6).
- 63 -
7.3 Sexuelle Nötigung gemäss Ziff. 3.2 der Anklageschrift (Urk. 24)
7.3.1 Der konkrete Vorwurf ergibt sich aus der Anklageschrift (Urk. 24 S. 6 f.).
Eine zusammenfassende Darstellung der diesbezüglichen Aussagen der Privat-
klägerin, des Beschuldigten sowie der Zeuginnen F._ und P._ findet
sich im vorinstanzlichen Urteil (Urk. 80 S. 39 f.), worauf ohne Ergänzung verwie-
sen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.3.2 Auch zu diesem Anklagevorwurf erfolgten die Schilderungen der Privat-
klägerin detailreich, konkret, widerspruchsfrei, nicht übertrieben und schlüssig, so
dass mit der Vorinstanz von einem realen Erlebnishintergrund auszugehen ist.
Als exklusiv erweist sich zum einen der benützte Gegenstand, ein Fusselroller,
mit welchem der Beschuldigte anal in die Privatklägerin eingedrungen sein soll,
als sie mit dem Bauch auf dem Bett gelegen habe und mit den Beinen auf dem
Boden (u.a. Urk. 2/4 S. 9), eine für das vorgeworfene Handeln plausible Körper-
position. Ein Kleiderfusselroller konnte – auf entsprechenden Hinweis der Privat-
klägerin – denn auch tatsächlich aus der Nachttischschublade links vom Bett der
gemeinsamen Wohnung sichergestellt werden (Urk. 9/1 und Urk. 12/4). Das
belegt die Existenz eines solchen Gegenstandes in Griffnähe. Es ist nicht einzu-
sehen, weshalb die Privatklägerin die (nicht bestimmungsgemässe) Verwendung
eines solchen Fusselrollers einfach erfunden haben soll, zumal der den Vorfall
zwar bestreitende Beschuldigte immerhin einräumte, dass bei den Liebesspielen
auch Sachen mit Gegenständen ausprobiert worden seien (Urk. 3/4 S. 15 und
19). Auch falls, wie die Verteidigung ausführte (Urk. 128 S. 106 ff.), solche Sex-
praktiken in der Beziehung zwischen der Privatklägerin und dem Beschuldigten
üblich gewesen sein sollten, schliesst dies keinesfalls aus, dass es zum von der
Privatklägerin beschriebenen, von ihr nicht gewollten Vorfall gekommen ist.
Daran ändert nichts, dass das vom Kantonalen Labor Zürich gemessene schwach
positive Signal für Enterobacteriaceen-DNA auf dem Papier der Fusselrolle nicht
eindeutig auf eine fäkale Verunreinigung hinweist, da diese Bakterien nicht
ausschliesslich Darmbewohner sind, sondern überall in der Umwelt vorkommen
können (Urk. 8/2 S. 2).
- 64 -
Es steht denn auch nicht fest, ob das aus der Schublade sichergestellte Exemplar
das "Tatinstrument" war und falls ja, ist nicht bekannt, ob es z.B. nach dem Vorfall
gewaschen wurde. Ob Blutspuren vorhanden waren oder nicht, schliesst den ein-
geklagten Sachverhalt weder aus, noch beweist es ihn. Fehlen Blutspuren, so ist
dies jedenfalls kein Beweis gegen den Vorfall. Falls Blutspuren (der Privat-
klägerin) vorhanden wären, wäre dies höchstens ein Indiz für den Vorfall, aber
auch dann wäre nicht erstellt, wovon die Blutspuren herrühren, könnten sie doch
auch von einer anderen Verletzung (Blutung am Finger, Nasenbluten etc.) stam-
men, wurde der Fuselroller doch in einem wichtigen Behältnis des täglichen Ge-
brauchs aufbewahrt. Es ist folglich festzuhalten, dass eine weitere Untersuchung
des Fuselrollers nicht hilfreich ist, um den eingeklagten Sachverhalt zu erstellen
oder zu widerlegen. Damit ist der Beweisantrag des Beschuldigten abzuweisen.
Dass der scharfrandige und harte Plastikgriff von ca. 2 - 2,5 cm Durchmesser an
dessen Griffende (vgl. Urk. 9/1) zu Verletzungen mit Blutungen führen kann – ein
Resultat, das die Privatklägerin mehrfach erwähnte –, leuchtet ebenfalls ein,
zumal der Griff hinten "offen wie eine Flasche" (zutreffende Beschreibung durch
die Privatklägerin in Urk. 2/4 S. 9) war mit entsprechend grossem Verletzungs-
potential. Die umschriebene Empfindung bezüglich des "Plastikdings" als "so spi-
tzig" ist ebenfalls akkurat. Daher verwundert es auch nicht, dass die Privatklägerin
vor Schmerzen aufschrie und dies dem Beschuldigten auch noch mit Worten – es
tue weh – kommunizierte (Urk. 2/4 S. 8). Zudem entlastete die Privatklägerin den
Beschuldigten noch, indem sie ausführte, er habe irgendwann aufgehört und
es sei ihm nicht gelungen, den Fusselroller ganz einzuführen (Urk. 2/4 S. 9).
Entsprechend sprach die Privatklägerin, wiederum schonend, auch nur davon, er
habe probiert, ihr den Fusselroller in ihren Po zu stecken (Urk. 2/4 S. 8).
Als absolut folgerichtig erweisen sich sodann die Gedanken und Vorkehren der
Privatklägerin nach dem Ereignis: Sie habe versucht, so wenig wie möglich zu
essen, um nicht zur Toilette gehen zu müssen, denn nur schon das Wasserlassen
habe Schmerzen verursacht (Urk. 2/2 S. 11; Urk. 2/4 S. 8). Gerade auch
eine derart aussergewöhnliche Strategie zur Vermeidung von (zusätzlichen)
- 65 -
Schmerzen weist auf eine negative persönliche Erfahrung hin, wie sie von der
Privatklägerin vorgebracht wird.
Wiederum nannte die Privatklägerin verschiedene Begleitvoten des Beschuldig-
ten, die sich mit dem eingeklagten Tun in Einklang bringen lassen und ein sehr
plastisches Bild des Vorganges vermitteln. Dazu zählt etwa sein Hinweis, er wolle
sie so viel wie möglich verletzen und dass sie selber schuld sei (Urk. 2/2 S. 11),
dass er zu härteren Massnahmen greifen müsse und dabei nach Gegenständen
gesucht und einen Fusselroller gefunden habe (Urk. 2/4 S. 8), wenn sie nicht mit
der Wahrheit herausrücken wolle, müsse sie jetzt spüren (Urk. 2/4 S. 8), dass er
am liebsten alle Löcher wegreissen würde, sie hätte ja die Chance zum Reden
(Urk. 2/4 S. 8), etc.
7.3.3 Wie schon der in Erwägung 7.2 hiervor gewürdigte Vorwurf der Vergewalti-
gung stellt der hier zu beurteilende Vorfall die Kulmination dar nach vorgängiger
tätlicher Auseinandersetzung vom gleichen Tag (Urk. 24 S. 6 f.). Das ist ein weite-
res Beispiel für die von der Privatklägerin immer wieder beschriebene Steigerung
der Gewaltanwendung durch den Beschuldigten, wenn er sie über ihre (Männer-)
Vergangenheit ausquetschte und ihren Angaben einfach nicht glaubte.
7.3.4 Zu Recht hat die Vorinstanz die Aussagen des Beschuldigten als wider-
sprüchlich, inkonstant und zum Teil auch verwirrend bezeichnet und nicht darauf
abgestellt (Urk. 80 S. 44). Seine zur Schau gestellte Unwissenheit (z.B. Urk. 3/4
S. 19) überzeugt in keiner Weise.
Bemerkenswert ist, dass der Beschuldigte von sich aus Ausführungen zu ver-
suchtem Analsex gemacht hat, der angeblich von beiden gewollt bzw. gar aus-
drücklich von ihr gewünscht worden sei. Er habe ihr mitgeteilt, dass er das nicht
so hygienisch finde, worauf sie aggressiver geworden sei. Sie habe ihm irgendwie
Leid getan und er sei in sie eingedrungen, worauf die Privatklägerin geschrien
und gesagt habe, es tue ihr weh. Er habe ihr dann angekündigt, dass er an etwas
Anderes denken werde, damit sein Penis kleiner werde. Die Privatklägerin habe
aber weiterhin laut geschrien, Schmerzen geltend gemacht, geschwitzt und
schwer geatmet, dann habe er aufgehört (Urk. 3/3 S. 6). Dieses Aussageverhal-
- 66 -
ten zeigt anschaulich auf, wie der Beschuldigte die Privatklägerin als Initiantin
für die eigene Schmerzzufügung hinzustellen versucht, um sein Handeln schön-
zureden und zu rechtfertigen – ein Paradebeispiel für reinen Egoismus trotz
erkennbarer Brutalität.
7.3.5 Was die Zeugenaussagen anbelangt, denen hier ohnehin nur marginale
Bedeutung zukommt, rechtfertigt sich der blosse Hinweis auf die korrekten
Darlegungen im angefochtenen Urteil (Urk. 80 S. 41; Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.3.6 Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, ist im Übrigen auf die sorg-
fältige Beweiswürdigung im angefochtenen Urteil und den dort gezogenen, einzig
richtigen Schluss zu verweisen: dass auch dieser, auf den konsequenten und
sorgfältigen Aussagen der Privatklägerin basierende Sachverhalt gemäss
Anklageschrift als klar erwiesen zu betrachten ist (Urk. 80 S. 40-44; Art. 82
Abs. 4 StPO).
7.4 Mehrfache Körperverletzung gemäss Ziff. 2.1 und 5 der Anklageschrift
(Urk. 24)
7.4.1 Diese Anklagevorwürfe finden sich in Urk. 24 S. 4 f. und 9. f. und wurden im
erstinstanzlichen Urteil über 15 Seiten hinweg minutiös abgehandelt (Urk. 80
S. 44-59; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die Vorinstanz beachtete dabei sämtliche
massgebenden Aussagen, nämlich – hinsichtlich Anklageziffer 2.1 – jene der
Privatklägerin, des Beschuldigten, der Zeuginnen R._, AB._ und
S._ (Urk. 4/1, 4/3, 4/24, 4/26, 6/6) und – hinsichtlich Anklageziffer 5 – jene
der Privatklägerin, des Beschuldigten sowie der dazu befragten Zeugen F._
(Urk. 41), Q._ (Urk. 4/13 und 4/15), W._ (Urk. 4/23), AA._
(Urk. 4/25), I._ (Urk. 4/22). Überdies stützte sich die Vorinstanz auf den Be-
richt des Kantonsspitals AG._ vom 24. Mai 2009 (Urk. 6/1).
Auch in diesen Anklagepunkten stehen die in sich geschlossenen, grundsätzlich
widerspruchsfreien und auch im Verlauf der verschiedenen Einvernahmen jeweils
annähernd deckungsgleich gemachten sowie vorsichtigen Aussagen der Privat-
klägerin den wenig kohärenten, wiederholt ausweichenden und unglaubhaften
- 67 -
Darlegungen des Beschuldigten gegenüber. Die Angaben der Privatklägerin
werden zudem durch mehrere Zeugenaussagen gestärkt.
Die Vorinstanz hat alle wesentlichen Aspekte aufgelistet und die zitierten
Beweismittel korrekt gewichtet und gewürdigt. Ihren einlässlichen Erwägungen
kann sich die Berufungsinstanz ohne Abweichung anschliessen (Urk. 80 S. 44-59;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.4.2 Damit steht einerseits fest (Ziff. 2.1 der Anklageschrift), dass der Beschul-
digte der Privatklägerin nach dem Abholen von der Arbeit im Mai/Juni 2008 schon
unterwegs im Fahrzeug eine Ohrfeige verpasste, sie später im Wald an den
Haaren packte, ihren Kopf zwei bis drei Mal gegen einen Baumstamm (jenen zu
einem früheren Zeitpunkt mit dem Herz und den Initialen ihrer Vornamen geritzten
Baum, der eigentlich als Symbol für ewiges Zusammensein gedacht war, vgl.
Urk. 2/4 S. 3) schlug, was Nasenbluten zur Folge hatte, die am Boden liegende
Privatklägerin an deren Haaren über den Waldboden zurück zum Fahrzeug zog,
ihr nochmals mit der Faust ins Gesicht schlug (und damit erneut Nasenbluten
auslöste), weil er auf dem Weg zurück seine Autoschlüssel vermisste und zuletzt
im Auto wegen dorthin gelangter Blutflecken der Privatklägerin nochmals einen
Schlag ins Gesicht versetzte. Als Folge der Übergriffe erlitt die Privatklägerin
Schwellungen im Gesicht, Kopfschmerzen und Nasenbluten.
Hervorzuheben ist bei diesem Vorfall die mit dem Geschehen übereinstimmende
Äusserung des Beschuldigten, dass sie nicht meinen solle, er habe Mitleid, nur
weil sie (aus der Nase) blute (Urk. 2/3 S. 12).
Als besonders logische Handlungsabfolgen erscheinen die durch den noch mehr
in Wut hineingesteigerten Beschuldigten zusätzlich ausgeteilten Strafen wegen
des vermissten Autoschlüssels und weil die Privatklägerin das Auto mit Blut
beschmutzte. Selbst für Störungen im Rahmen des Tatablaufs schob er der
Privatklägerin noch die Verantwortung zu, ein Phänomen, welches die Privat-
klägerin einmal mit "Egal was es war, ich war immer schuld an allem" treffend
in Worte kleidete (Urk. 2/3 S. 13). Schliesslich korrespondieren die erlittenen
Verletzungen mit den Schilderungen der Privatklägerin.
- 68 -
Demgegenüber erweisen sich die Aussagen des Beschuldigten hier auch deshalb
als völlig unglaubhaft und augenfällig aus der Luft gegriffen, weil er in seiner
dritten Einvernahme den Spiess umdrehte mit der Behauptung, die Privatklägerin
habe ihn – wegen eines vom ihm gemachten Witzes zu den Initialen – beim
besagten Baum auf den Hinterkopf geschlagen und er darauf den Kopf am Baum
angeschlagen, weshalb er dasselbe mit ihr gemacht habe, aber nur leicht
(Urk. 3/3 S. 4), womit der Beschuldigte zudem einmal mehr eine nicht überzeu-
gende Abschwächung vornahm. Analog zu würdigen ist die lapidare Bemerkung
des Beschuldigten, er wisse nicht mehr, ob sie oder er geblutet und den Türgriff
des Autos verschmiert habe (Urk. 3/1 S. 11).
7.4.3 Erstellt ist auch der Sachverhalt gemäss Ziff. 5 der Anklageschrift, mit Aus-
nahme der Passage "Aus lauter Angst vor Übergriffen seitens des Beschuldigten
erwiderte ihm die Geschädigte – wahrheitswidrig – sie sei mit diesem Mitarbeiter
ins Lager gegangen." (Urk. 24 S. 9 f.).
Es geht um mehrere Schläge ins Gesicht der Privatklägerin mit einem Gurt, nach-
dem der Beschuldigte den Verdacht hegte, sie betrüge ihn mit einem Mitarbeiter
an ihrem Arbeitsplatz (mit dem Elektriker bzw. Techniker von O._). Dabei handelt es sich um eine Eifersuchtsszene par excellence, woraus multiple
Gesichtsprellungen sowie ein Brillenhämatom resultierten. Diese Verletzungen
sind fotografisch dokumentiert und mit ärztlichem Befund unterlegt (Urk. 6/1).
Als prägnantes Beispiel für glaubhafte und überzeugende Aussagen der Privat-
klägerin herauszupflücken ist hier ihre äusserst plastische Umschreibung, wie der
Beschuldigte ausrastete, nach dem Gurt griff, damit gegen ihren Kopf schlug und
gar nicht mehr aufhörte. An diesem Tag habe er sie spitalreif geschlagen. Es sei
extrem gewesen. Darauf habe er sie aufgefordert, in den Spiegel zu schauen und
sie ausgelacht, sie sehe aus wie ein Alien (den letztgenannten Ausdruck erwähnt
zu haben bestätigte auch der Beschuldigte, allerdings im Zusammenhang mit
einer anderen turbulenten Szene, in welcher er sich vielmehr als Beschützer
hervorhob, was gänzlich zu verwerfen ist, vgl. dazu Urk. 3/4 S. 3 ff., gerafft darge-
stellt in Urk. 80 S. 52). Sie habe vorne keine Haare mehr gehabt, diese seien erst
- 69 -
jetzt wieder nachgewachsen (Urk. 2/3 S. 9). Ihr Gesicht sei derart geschwollen
gewesen, dass sie praktisch nichts mehr habe sehen können (Urk. 2/2 S. 12).
Dieses zutreffend skizzierte Verletzungsbild ist unschwer auch auf den damals im
Spital erstellten Fotos zu erkennen (2 Fotos Anhang Urk. 6/1 = 2 Fotos Anhang
Urk. 2/2 im Vergleich zum dritten ganzseitigen Foto im Anhang von Urk. 2/2).
Gemäss übereinstimmender Aussage beider Beteiligter tischte die Privatklägerin
den Ärzten im Kantonsspital AG._ als Erklärung ihrer Verletzungen – wie
schon bei anderen Gelegenheiten, etwa gegenüber Kolleginnen am Arbeitsplatz
(z.B. Urk. 4/15 S. 3 und 7: Autounfall als Ursache) – eine selbst erfundene falsche
Geschichte auf, nämlich eine tätliche Auseinandersetzung mit Freundinnen im
Ausgang (Urk. 2/3 S. 9). Dies tat sie, weil sie nicht wollte, dass es eskalierte bzw.
um den Beschuldigten zu schützen und vor einer allfälligen Verhaftung zu
bewahren (Urk. 2/3 S. 9 f.; Urk. 3/2 S. 5). Auch schloss sie sich den Ausführungen
des Beschuldigten an und redete sich entsprechend ein, dass ihr niemand, auch
nicht die Polizei, Glauben schenken würde, wenn sie die Wahrheit erzählen wür-
de. Damit steht im Einklang, dass sie – gemäss sich ebenfalls deckenden Aus-
sagen – medizinische Hilfe ablehnte und vom Beschuldigten gezwungen werden
musste, ins Spital zu fahren. Dies alles zeigt mit unvergleichlicher Deutlichkeit,
dass die Privatklägerin im Banne des Beschuldigten stand, ihr Wille gebrochen
und ihre Handlungsfähigkeit praktisch erloschen war; lauter charakteristische
Merkmale von ambivalenter Bindung im Rahmen Häuslicher Gewalt.
Die Zeugin F._ erklärte, sich zu erinnern und dabei gewesen zu sein, als der
Beschuldigte die Privatklägerin ins Spital gefahren habe (ebenso der Beschuldig-
te, Urk. 3/4 S. 9). Die Privatklägerin habe damals schlimm ausgesehen im
Gesicht. Diese Verletzungen habe ihr der Beschuldigte zugefügt. Das habe ihr
sowohl die Privatklägerin als auch der Beschuldigte selber so geschildert (Urk. 41
S. 6 f.). Als der Beschuldigte die Verletzungen verursacht habe, sei sie aber nicht
dabei gewesen (Urk. 41 S. 3 f.). Auch diese Aussage erweist sich als glaubhaft
und es ist darauf abzustellen, nicht zuletzt weil die Zeugin präzis zwischen
eigener Wahrnehmung und Mitteilung Dritter unterscheidet.
- 70 -
Die auf diesen Anklagevorwurf vorgebrachten mannigfaltigen Erklärungsversuche
des Beschuldigten, etwa betreffend Selbstverletzungen oder eventuell durch sei-
ne Spucke bewirkte Schwellungen, wurden bereits im Rahmen der allgemeinen
Glaubwürdigkeit und der Würdigung der Beziehung beleuchtet und entpuppten
sich als reine Ausflüchte (siehe vorne Erwägung II. 6.2.4). Die Zeugin F._
drückte sich vorsichtig und nachvollziehbar dahin aus, sie glaube nicht, dass sich
die Privatklägerin je selbst verletzt habe (Urk. 41 S. 5). Auch die Zeuginnen
P._, U._ und S._ vernahmen nie Derartiges von der Privatklägerin
und konnten auch nie etwas in diese Richtung bei der Privatklägerin beobachten
(Urk. 4/12 S. 9; Urk. 4/20 S. 12; Urk. 4/24 S. 13).
7.4.4 In Anbetracht dieses Beweisergebnisses besteht kein Anlass für weitere
Abklärungen. Namentlich bedarf es keines medizinischen Gutachtens betreffend
die Verletzungen im Gesicht der Privatklägerin. Ebenso wenig ist ein Zahnarzt-
bericht über die Privatklägerin einzuholen, da ein abgebrochener Zahn nicht
eingeklagt und somit nicht sachrelevant ist.
7.5 Nötigung gemäss Ziff. 4.3 der Anklageschrift (Urk. 24)
Auch dieser in Urk. 24 S. 8 f. präsentierte Anklagesachverhalt ist mit der
Vorinstanz und gestützt auf deren korrekte Begründung ohne Weiteres als erstellt
zu betrachten (Urk. 80 S. 59 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO), und es bedarf keiner
weiterer Ausführungen.
7.6 Versuchte Nötigung gemäss Ziff. 7 der Anklageschrift (Urk. 24)
7.6.1 Die unter dieser Ziffer eingeklagte Szene (Urk. 24 S. 10 f.) stellte
gewissermassen den Schlussakt der Beziehung zwischen dem Beschuldigten und
der Privatklägerin dar. Es geht um den gemeinsamen Besuch bei der Tante des
Beschuldigten in ..., anlässlich welchem der Beschuldigte im dortigen Kinderzim-
mer einmal mehr das Gefühl geäussert haben soll, die Privatklägerin verberge in-
time Details aus ihrer Vergangenheit vor ihm. Im Zuge des verbalen Schlagabtau-
sches soll er ihr gedroht haben, falls sie von ihm weggehe, werde er ihre gesamte
Familie einzeln umzubringen, bis sie zurück komme. Trotz dieser Worte und in
- 71 -
der Vorahnung, dass es zu Hause wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf sie
kommen werde, fasste die Privatklägerin den Entschluss, sich definitiv vom Be-
schuldigten zu trennen und flüchtete in der Folge (Zum Ganzen: Urk. 2/4 S. 19-
21, sehr einlässlich, realitätsnah und glaubhaft von der Privatklägerin beschrie-
ben).
7.6.2 Wenn die Vorinstanz zusammengefasst erwog (vgl. Urk. 80 S. 63 f.), der
Beschuldigte habe zu diesem Vorwurf mehrere verschiedene und somit wider-
sprüchliche Aussagen gemacht, ursprüngliche Zugaben in sehr weitschweifenden
sowie teils wirren Erläuterungen zurückgenommen, sein Verhalten zunehmend
verharmlost, sogar – einmal mehr – die Schuld der Privatklägerin aufgebürdet (sie
habe ihm die Todesdrohung in den Mund gelegt, eine Verdrehung, wie sie auch in
andern, teils schon genannten Aspekten aktenkundig ist) und sich zuletzt in eine
Erinnerungslücke geflüchtet, so ist dem vorbehaltlos zuzustimmen.
Folglich kann den Aussagen des Beschuldigten auch zu diesem Vorfall keine
Glaubhaftigkeit attestiert werden. Ebenfalls Recht zu geben ist der Vorinstanz,
wenn sie in nicht zu beanstandender freier Beweiswürdigung (vgl. Art. 10 Abs. 2
StPO) das Eingeständnis des Beschuldigten betreffend die vorgeworfene Dro-
hung in der spontanen Erstaussage bei der Polizei als der Wahrheit entsprechend
taxierte und umgekehrt seine Rücknahmen bis hin zur theatralischen
Inszenierung als Retter und Beschützer der Privatklägerin als haltlos und reine
Schutzbehauptungen bezeichnete (Urk. 80 S. 64-66; Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.6.3 Die Zeugin F._ bejahte die Frage, ob sie verbale Drohungen des
Beschuldigten gegenüber der Privatklägerin habe feststellen können und fügte an,
die genaue Wortwahl nicht mehr zu wissen. Aber der Beschuldigte habe die
Privatklägerin mit dem Tod bedroht (Urk. 41 S. 3). Es besteht keinerlei Anlass,
dieser differenzierten Antwort keinen Glauben zu schenken, zumal sie auf eigener
Wahrnehmung der Zeugin beruht. Die fehlende Erinnerung an den genauen Wort-
laut vermag dies nicht herabzumindern. Überdies werden Morddrohungen
– indirekt – auch durch die Zeuginnen U._ und AB._ bestätigt (Urk. 4/20
S. 8; Urk. 4/26 S. 4).
- 72 -
7.6.4 Zu den realitätsnahen, stimmigen und sehr konstanten Aussagen der
Privatklägerin, die im Übrigen in vielen Punkten deckungsgleich mit denjenigen
des Beschuldigten bei der Polizei sind, bleibt anzufügen, dass aus ihren Schilde-
rungen unzweifelhaft hervorgeht, dass sie die Drohung ernst nahm (Urk. 2/2
S. 13; Urk. 2/4 S. 18). Mit seiner Bekundung, er würde sie überall finden (Urk. 2/1
S. 3; Urk. 2/2 S. 13) und sie – gemäss anfänglicher Zugabe – umbringen (Urk. 3/2
S. 4), offenbarte der Beschuldigte seinen Besitzanspruch auf die Privatklägerin
(vgl. auch Gutachten Urk. 7/16 S. 88 und 91). Wünsche und Empfindungen der
Privatklägerin zählten für ihn offenkundig nicht. Einen solchen totalen Herr-
schaftsanspruch über die Privatklägerin lässt sich zudem der Zeugeneinvernahme
P._ entnehmen, wonach der Beschuldigte einmal zur Privatklägerin gesagt
haben soll, sie gehöre zu ihm und zu keinem anderen. Wenn sie ihn verlassen
würde, würde er sie überall finden und zwingen bei ihm zu bleiben. Ferner soll er
gesagt haben, er müsste sie nur sehen und wüsste genau, sie würde wieder zu
ihm kommen (Urk. 4/10 S. 6 f. und Urk. 4/12 S. 11). Dies alles erfuhr die Zeugin
zwar von der Privatklägerin und damit vom Hörensagen und nicht gestützt auf
eigene Wahrnehmung. Dennoch bestehen keine Zweifel, dass der Beschuldigte
tatsächlich in dieser Weise gegenüber der Privatklägerin gesprochen hat und
die Privatklägerin – in ihrer Einsamkeit und Not – sich dann ihrer Vorgesetzten
anvertraute.
7.6.5 Insgesamt verbleiben auch für die Berufungsinstanz keinerlei vernünftige
Zweifel, dass sich dieser Sachverhalt, so wie er eingeklagt wurde, effektiv
abgespielt hat (Urk. 80 S. 60-67; Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.7 Drohung gemäss Ziff. 6.2 der Anklageschrift (Urk. 24)
7.7.1 Der Vorwurf ergibt sich aus Urk. 24 S. 10 und die Aussagen der beiden
Beteiligten – detaillierte und realitätsnahe Schilderung seitens der Privatklägerin,
kurze und pauschale Bestreitung durch den Beschuldigten – sind im vorinstanzli-
chen Urteil korrekt dargestellt (Urk. 80 S. 67 f.).
7.7.2 Die Sachdarstellung gemäss Anklageschrift ist auch in diesem Punkt mit
der zutreffenden Begründung der Vorinstanz (Urk. 80 S. 68; Art. 82 Abs. 4 StPO)
- 73 -
fraglos erwiesen. Der knappe Hinweis des Beschuldigten, er und die Privat-
klägerin hätten sich beide Kinder gewünscht (Urk. 3/5 S. 9), was durchaus
glaubhaft ist, da auch die Privatklägerin gute Zeiten und freiwilligen Sex erwähnte,
schliesst die eingeklagte Drohung (aus so einer Schlampe solle nie ein Kind
herauskommen und im Falle einer Schwangerschaft würde er sie und auch das
Kind umbringen) keineswegs aus. Die Drohung erscheint vielmehr als nahtlose
und stimmige Fortsetzung der vorgängigen Schläge auf den Bauch der Privat-
klägerin (nachfolgende Erwägung 7.8).
7.7.3 Ins gewonnene Bild passt schliesslich die Schilderung der Privatklägerin,
wie der Beschuldigte sie vor ihren (Wohnungs-)Eingang geschubst und gesagt
habe, sie solle doch lieber rausgehen. Alle Nachbarn sollten sehen, was für eine
Schlampe da drin wohne. Am liebsten wäre sie gegangen, nur einfach weg von
ihm. Doch er habe sie wieder reingezogen (Urk. 2/4 S. 16).
7.8 Mehrfache Tätlichkeiten gemäss Ziff. 1 Absatz 1, Ziff. 2.2, 3.1, 4.1, 4.2, 4.4
und 6.1 der Anklageschrift
7.8.1 Allgemeines
Die dem Beschuldigten als Tätlichkeiten angelasteten Vorfälle beschlagen eine
Zeitspanne von Mai 2008 bis Mai 2009, wobei sechs der sieben Handlungs-
komplexe das Jahr 2008 (Mai bis August) betreffen.
Was nachfolgend bezüglich des ersten Handlungskomplexes ausgeführt wird, gilt
sinngemäss auch für die weiteren zu prüfenden Vorfälle, soweit es um das Aus-
sageverhalten des Beschuldigten geht oder um Abläufe und Vorgehensweisen,
die sich gemäss den Darlegungen der Privatklägerin ziemlich stereotyp abgespielt
haben sollen. Das ist vor allem auch deshalb angezeigt, weil die über die Bestrei-
tungen hinausgehenden Schilderungen des Beschuldigten meistens allgemeiner
Natur sind und sich nicht auf bestimmte Tage oder konkrete Vorwürfe beziehen.
- 74 -
7.8.2 Tätlichkeiten gemäss Ziff. 1 Abschnitt 1 der Anklageschrift (Urk. 24)
7.8.2.1 Die Ausführungen der Privatklägerin, des Beschuldigten sowie die
Zeugenaussagen von F._, S._, Q._, P._, R._, AB._,
AC._, AD._ und die Aussagen der Auskunftspersonen AE._ und
AF._ wurden von der Vorinstanz exakt und umfassend dargestellt, so dass
zur Vermeidung überflüssiger Wiederholungen darauf verwiesen werden kann
(Urk. 80 S. 69-76; zu den Schilderungen des Beschuldigten vgl. auch die vorste-
henden Erwägungen II. 3 und II. 6.2).
7.8.2.2 In ihrer Beweiswürdigung hat die Vorinstanz zusammengefasst festgehal-
ten (vgl. Urk. 80 S. 77 ff.), dass die Eifersucht des Beschuldigten erstellt sei,
ebenso, dass sich die Privatklägerin nicht selber geschlagen habe und dass
die Fragerei des Beschuldigten nach ehemaligen (intimen) Freundschaften der
Privatklägerin zu Streit geführt habe.
In Bezug auf die Aussagen des Beschuldigten – d.h. von den Zugaben verschie-
dener Gewalttätigkeiten in der polizeilichen Einvernahme (Ohrfeigen, Schlagen
auf den Po mit Händen und Gegenständen, auch mit dem Gurt, Schütteln) über
die Relativierungen (ganz feine Ohrfeigen, nicht fest geschlagen, nicht mit dem
Gurt) bis zur totalen Bestreitung jeglicher körperlicher Gewalt in der Beziehung
(nur von der Privatklägerin gewünschte Schläge anlässlich von Liebesspielen
oder Handausrutschen seinerseits zum Schutz der Privatklägerin vor Selbst-
verletzungen) – erwog die Vorinstanz das Folgende: Der Beschuldigte habe sich
in den verschiedenen Einvernahmen wiederholt widersprochen. Anlässlich der
polizeilichen Einvernahme vom 3. Dezember 2009 habe er detailreich und teilwei-
se auch deckungsgleich mit der Privatklägerin ausgesagt. Aufgrund dessen, der
zeitlichen Nähe zu den Geschehnissen und der inneren Geschlossenheit seiner
damaligen Ausführungen sowie unter erneutem Hinweis auf die Ausführungen zu
den "Aussagen der ersten Stunde" und den nicht glaubhaften Begründungen des
Beschuldigten, weshalb er seine Teilgeständnisse widerrufen habe, sei davon
auszugehen, dass der Beschuldigte damals – als er einräumte, die Privatklägerin
mit einem Gurt geschlagen zu haben – die Wahrheit gesagt habe. Da die danach
- 75 -
erfolgten Aussagen widersprüchlich gewesen seien, komme ihnen keine Glaub-
haftigkeit zu und sie würden als reine Schutzbehauptung wirken (Urk. 80 S. 77 f.).
Dieser Argumentation ist in vollem Umfang beizupflichten. Das ursprüngliche
(Teil)Geständnis bleibt auch nach einem Widerruf als Beweismittel bestehen und
unterliegt der freien Beweiswürdigung. Die anfänglichen Zugaben des Beschuldig-
ten erfolgten spontan. Sie erscheinen authentisch, unbefangen und zuverlässig.
Dies im Gegensatz zu seinen späteren rechtfertigenden Erklärungen, teils abstru-
sen und weitschweifenden Begründungen sowie starren Bestreitungen (vgl. auch
Urk. 80 S. 64; vorne Erwägung II. 6.3.3.11). Überdies sind seine wiederholten
Gegenanschuldigungen auf die Privatklägerin (auch er habe Schläge von ihr
kassiert, auch sie habe ihn mit dem Gurt geschlagen, auch sie sei gewalttätig
gewesen) als klare Lügensignale zu werten.
7.8.2.3 Demgegenüber stufte die Vorinstanz die Aussagen der Privatklägerin
richtigerweise als sehr detailreich, lebensnah und ohne erhebliche Widersprüche
und damit glaubhaft ein.
Wer – wie die Privatklägerin – bildhaft, sachlich und ohne Übertreibungen berich-
tet, wie ihr Peiniger sie jeweils hartnäckig ausfragte, ihren Beteuerungen, er sei
der erste Intimpartner, keinen Glauben schenkte, ihr mit dem Ledergürtel in der
Hand befahl, sich bis auf den Tanga auszuziehen und sich bäuchlings aufs Bett
zu legen, wie er sie "serienmässig" bzw. "extrem" aufs Hinterteil, die Oberschen-
kel und den Rücken schlug, wie er ihr in kurzen Pausen Zeit gab um zu erzählen,
wie er ihr Schreien mit einem Kissen auf ihren Kopf buchstäblich im Keim erstick-
te, wie er sehr aggressiv war, fest schwitzte und ihr Flehen einfach überhörte, wie
sie bei Zusammenzucken oder dem Versuch, sich zu bedecken, zusätzliche
Schläge erhalten hat, wie sei einfach alles gemacht habe, was er sagte, damit er
nicht noch aggressiver wurde – wer solches beschreibt, der hat dies tatsächlich
am eigenen Leib erfahren müssen. Sowohl die beschriebene zunehmende
Aggression im Handlungsablauf des Täters als auch die Folgsamkeit des Opfers
bis hin zur Selbstaufgabe (das Opfer tut alles, damit die Situation nicht noch
weiter eskaliert) gehören zu den charakteristischen Phänomenen von Häuslicher
Gewalt. Der Hinweis auf das starke Schwitzen ist ein zu den dargestellten Hand-
- 76 -
lungen passendes physiologisches Phänomen und damit auch ein Realkennzei-
chen für wahrheitsgetreue Aussage. Ebenso erscheint der erfolgte ungewollte
Urinabgang eine plausible und in solch extremer Bedrängnis wohl unvermeidliche
Folge beim geschundenen und total verängstigten Opfer. Sie habe es nicht
einmal bemerkt, dass sie sich in die Hose gemacht habe. Dieser völlige Verlust
von Kontrolle spricht für die ausserordentliche Heftigkeit des multiplen Gewalt-
aktes. Von einem weiteren ungewollten Urinabgang bei einem andern Vorfall
berichtete die Privatklägerin nicht, sondern verneinte das auf Frage ausdrücklich.
Auch dies ist ein Exempel für zurückhaltende Belastung des Beschuldigten und
ein Zeichen für wahrheitsgetreue Aussage.
7.8.2.4 Als anschauliche und zugleich ergreifende Beispiele für Gesprächs-
inhalte, Handlungsabläufe und Aggravierung im fortschreitenden Geschehen
seien die folgende Passage aus der Zeugeneinvernahme der Privatklägerin vom
19. Januar 2010 zitiert sowie die anschliessenden Hinweise angebracht:
"Er fragte mich, wie viele Freunde ich damals [mit ca. 16 Jahren] hatte und was
ich mit ihnen angestellt hätte. ... Er wollte alles im Detail wissen. Er sagte dann,
das sei nicht schlimm genug, ich sei eine schwanzgesteuerte Frau. Und immer,
wenn es ihm nicht passte, er das Gefühl hatte, ich sage nicht die Wahrheit, holte
er den Gurt. ... Er sagte, er gebe mir eine Chance und frage mich nochmals. Und
sobald er merke, dass ich lüge, werde er mich schlagen. Und er schlug mich. Ich
konnte mich nie verteidigen oder meine Meinung sagen. Ich sagte sogar Sachen,
die ich gar nie gemacht hatte. ... Angenommen, ich hatte meinen Freund nur
geküsst und das passte ihm nicht, dann sagte ich einfach, ich sei noch weiter
gegangen, ich hätte ihn auch noch gestreichelt. Weil er meinte, das kann gar nicht
sein, dass ich nicht weitergegangen bin." (Urk. 2/3 S. 6). Und darauf kam es laut
der Privatklägerin zu Schlägen mit dem Gurt auf ihren ganzen Körper (Urk. 2/3
S. 7).
Lebensnah und den aktenkundigen Gepflogenheiten des Beschuldigten entspre-
chend schilderte die Privatklägerin, wie der Beschuldigte zwischendurch mit
Schlagen innehielt unter der Aufforderung, sie habe nun Gelegenheit zum
- 77 -
Sprechen; auch musste der Beschuldigte laut der Privatklägerin ab und zu
pausieren, weil er müde geworden war ob all der Schläge.
Bildlich präsentierte die Privatklägerin zudem, wie der Beschuldigte den Gürtel für
die Schläge meistens in die Hälfte legte bzw. faltete, oft auch mit dem Schnallen-
teil zuschlug, manchmal mit der Löcherseite (Urk. 2/2 S. 6; Urk. 2/3 S. 7). Es sei
auch vorgekommen, dass der Gürtel dabei kaputt gegangen sei und er sich einen
neuen geholt habe. Oder er habe gesagt, wegen ihr seien seine Gürtel kaputt
gegangen (Urk. 2/3 S. 7). Diese Schilderung von Besonderheiten oder Komplika-
tionen im Handlungsverlauf unterstreicht den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen.
Passend zu den Vorgängen und damit nicht minder glaubhaft führte die Privatklä-
gerin aus, sie sei meistens nackt gewesen, weil er zu ihr gesagt habe, sie solle
sich ausziehen für die Schläge. Meistens habe er sie im Schlafzimmer geschla-
gen. Darum habe sie das Schlafzimmer und die ganze Wohnung so gehasst.
Überall seien Erinnerungen, wo er sie gepackt und geschlagen habe. Weiter legte
sie überzeugend dar, wenn sie ihre Kleider nicht ausgezogen hätte, wäre er noch
aggressiver geworden und sie hätte zusätzliche Schläge bekommen. Deshalb
machte sie einfach alles, was er ihr sagte (Urk. 2/3 S. 7). Dieses mehrfach darge-
legte Anpassungsverhalten der Privatklägerin ist wie gesehen typisch für Opfer in
ambivalenter Beziehung bzw. von Häuslicher Gewalt.
In dieses Kapitel gehört auch das Thema Abwehr: Die Privatklägerin wehrte sich
gemäss ihren Angaben zwar immer gegen gewalttätige Übergriffe seitens des
Beschuldigten. Doch gross wehren konnte sie sich einerseits wegen des Kräfte-
verhältnisses nicht. Zudem war sie oft schon durch Drohungen oder erste körper-
liche Attacken eingeschüchtert und sie wusste, dass Abwehr (weitere) Schläge
provozieren würde. Deshalb versuchte sie sich (nur) noch verbal zu wehren und
hörte dann irgendwann auf (u.a. Urk. 2/5 S. 5).
7.8.2.5 Die Aussagen der Privatklägerin zur Fragerei und zu den Schlägen des
Beschuldigten werden durch die Aussagen verschiedener Zeuginnen bestärkt,
auch wenn diese Drittpersonen hauptsächlich Berichtetes wiedergaben.
- 78 -
So führten die Zeuginnen S._, Q._, P._ und R._ unabhängig
voneinander und glaubhaft aus, die Privatklägerin habe ihnen davon
erzählt, dass sie geschlagen worden sei (Urk. 4/24 S. 8, Urk. 4/13, Urk. 4/10) bzw.
sie habe es durch Mimik angedeutet (Zeugin R._ in Urk. 4/3 S. 4). Zudem
erklärte die Zeugin F._ überzeugend, gesehen zu haben, wie der Beschul-
digte die Privatklägerin geohrfeigt habe und dass ihr die Privatklägerin von Schlä-
gen mit einem Gurt erzählt habe (Urk. 41 S. 3). Auch die Auskunftspersonen
AE._ und AF._ untermauerten mit ihren Aussagen die Ausführungen
der Privatklägerin, dass sie geschlagen worden sei und davon blaue Flecken ge-
habt habe, indem sie ausführten, es sei aufgefallen, dass sich die Privatklägerin
nie vor anderen Mitarbeitern umgezogen habe. Endlich bestätigten die Nachba-
rinnen AC._ und AD._ die Aussage der Privatklägerin, dass die Vorfälle
meistens in der Nacht erfolgt seien. Sie hörten, wie der Beschuldigte auf die Pri-
vatklägerin eingeschwatzt und eingeschrien habe, dies zwischen 22.00 Uhr und
03.00 Uhr. Die Rede ist von einem "Riesenpalaver" bzw. er habe "wie verrückt"
geschrien. Die Privatklägerin, welche den Zeuginnen unterwürfig erschien und un-
terdrückt vorkam, habe man nie gehört. Die Zeuginnen erinnerten sich auch, dass
zweimal die Polizei erschienen war (Urk. 4/6 bis 4/9).
7.8.2.6 Dass die Privatklägerin blaue Flecken am Körper gehabt habe, ergibt sich
sodann aus den Depositionen des Beschuldigten (Urk. 3/2 S. 4). Weiter kann mit
der Vorinstanz auf den "Versprecher" des Beschuldigten hingewiesen werden,
wonach er nicht gewollt habe, dass die Privatklägerin ihm einen Gurt von O._
schenke, da es ihm vorgekommen sei, als würde sie sich die Gurte selber aus-
suchen (Urk. 3/1 S. 9). Auch dieser Versprecher des Beschuldigten bekräftigt die
Glaubhaftigkeit der Aussagen der Privatklägerin. Schliesslich gab der Beschuldig-
te anfänglich noch zu, die Privatklägerin mit einem Gurt geschlagen zu haben. Auf
dieser Aussage ist er zu behaften, da seine späteren Ausführungen wie dargelegt
unglaubhaft sind und als reine Schutzbehauptung erscheinen. Für wahrheits-
getreue Aussagen der Privatklägerin spricht nicht zuletzt auch, dass bereits
erstellt ist, dass der Beschuldigte sie im Mai 2009 mit einem Gurt geschlagen und
sogar erheblich verletzt hat (vgl. vorne Erwägung 7.4.3, Ziff. 5 der Anklageschrift).
- 79 -
7.8.2.7 Zusammengefasst lässt sich übereinstimmend mit der Vorinstanz festhal-
ten, dass die klaren Aussagen der Privatklägerin, welche ins Gesamtbild passen
und in die Anklage geflossen sind, glaubhaft erscheinen, weshalb darauf abzu-
stellen ist. Entsprechend gilt der Sachverhalt gemäss Ziff. 1 Abs. 1 der Anklage-
schrift als erstellt (auch Urk. 80 S. 69-79; Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.8.3 Tätlichkeiten gemäss Ziff. 2.2 der Anklageschrift (Urk. 24)
7.8.3.1 Diese Vorwürfe betreffen die Fortsetzung des bereits erstellten gewalt-
tätigen Übergriffs des Beschuldigten auf die Privatklägerin vom Mai / Juni 2008 im
Wald (vgl. vorne Erwägung 7.4.2, Ziff. 2.1 der Anklageschrift). Sie sind daher im
Zusammenhang mit jenem Ereignis zu verstehen und zu würdigen.
7.8.3.2 Präzis, lebendig und ohne Übertreibungsmerkmale berichtete die Privat-
klägerin als Zeugin in der Untersuchung und vor Vorinstanz, wie der Beschuldigte
sie nach dem Vorfall im Wald auch zu Hause weitergeschlagen und ausgefragt
hat, wie er im Gäste-WC ihren Kopf in die WC-Schüssel gedrückt hat, wie er sie
zum Sprechen aufforderte und sie erwiderte, schon alles gesagt zu haben, wie er
ihr nicht glaubte, eine Schere holte und ihr an der linken Kopfhälfte und am
Hinterkopf ziemlich viel Haare abschnitt, nämlich bis auf ca. 2 cm. Sie habe
damals die Haare über Schulterlänge getragen. Sie habe ausgesehen "wie ein
Huhn" und habe den Kopf abdecken müssen, bis es wieder nachgewachsen sei.
Er habe zu ihr gesagt: "Schau, was du dir antust. Das ist, weil du dich weigerst,
die Wahrheit zu sagen." Dann – da das WC voller Blutspritzer gewesen sei –
habe er gesagt, dass sie einen Lappen nehmen und das Blut wegwischen solle,
da das ja ekelhaft sei. Er wolle keinen einzigen Blutstropfen mehr sehen und er
habe kein Mitleid, nur weil sie blute. Als sie am Putzen gewesen sei, habe er
gelacht und gesagt, sie sei eine armselige Frau und solle selber schauen, wie
weit sie es gebracht habe. Auch das Blut auf dem Parkett habe sie putzen
müssen (Urk. 2/3 S. 13 f.; Urk. 56 S. 3).
7.8.3.3 Der Beschuldigte räumte von Beginn weg ein, der Privatklägerin am
besagten Tag eine Haarsträhne abgeschnitten zu haben. Bezüglich deren Länge
widersprach er sich jedoch und seine Zugabe schmolz nach bekanntem Muster
- 80 -
dahin. Anlässlich der ersten Einvernahme erwähnte er ca. 10 bis 15 cm (Urk. 3/1
S. 10), an der Hauptverhandlung waren es noch 5 cm bzw. lediglich die Spitzen
(Urk. 40 S. 7), an der Berufungsverhandlung ein kleines Stück (Urk. 124 S. 16).
Uneinheitlich sind auch die Aussagen des Beschuldigten zum Bluten: Zuerst
erwähnte er, jemand von ihnen habe bei der Rückkehr in die Wohnung geblutet,
er denke sie (Urk. 3/1 S. 12), vor Vorinstanz führte er hingegen aus, niemand
habe geblutet (Urk. 40 S. 8).
7.8.3.4 Auf die widersprüchlichen und zum Teil widersinnigen Behauptungen des
Beschuldigten – so zum Beispiel, als er die Privatklägerin an den Haaren gerissen
habe, habe sie ihm gesagt, er könne sie ja ausreissen, die Privatklägerin habe
absichtlich überall in der Wohnung ihr Blut verschmiert, er habe ihr eigentlich
mehr aus Witz ganz wenige Haare abgeschnitten (Urk. 3/3 S. 5) – ist nicht
abzustellen. Vielmehr ist auch in diesem Punkt den klaren und überzeugenden
Schilderungen der Privatklägerin zu folgen, die im Übrigen logisch und nahtlos an
das Geschehen im Wald anknüpfen. Der Anklagesachverhalt, der auf diesen
Schilderungen beruht, ist in Bestätigung der Vorinstanz (Urk. 80 S. 79-81) als
erwiesen zu betrachten.
7.8.4 Tätlichkeiten gemäss Ziff. 3.1 der Anklageschrift (Urk. 24)
Bei diesem Vorfall zwischen Juni und Juli 2008 kam wieder der Gurt zum Einsatz
und die Privatklägerin wurde an Gesäss und Oberschenkeln regelrecht und
erbarmungslos verdroschen.
Es bestehen aufgrund der schlüssigen und überzeugenden Aussagen der Privat-
klägerin und ergänzend jenen von Zeugen, die im angefochtenen Urteil korrekt
dargestellt und gewürdigt sind, keinerlei Zweifel, dass die Privatklägerin auch
diesen Gewaltausbruch des Beschuldigten erleiden musste. Besonders eindrück-
lich beschrieb die Privatklägerin eine Art Aggressionsspirale beim Beschuldigten,
beginnend mit Worten, Schlägen, Griff zum Gurt und zuletzt zum Fusselroller
(Urk. 2/4 S. 8; vgl. vorne Erwägung 7.3, Ziff. 3.2 der Anklageschrift). Als sehr plas-
tisch und ebenso überzeugend erweist sich zudem ihre Schilderung, sie sei an
den Oberschenkeln und am Po so geschwollen gewesen, habe einen extremen
- 81 -
Bluterguss (ca. 15 cm) sowie überall blaue Flecken gehabt, dass sie nicht mehr in
ihre Hosen gepasst habe, obwohl diese breit geschnitten gewesen seien. Als sie
duschte, habe der Beschuldigte noch zu ihr gesagt, das gehe nie mehr weg. Sie
habe in der Apotheke nach einem Mittel gegen Blutergüsse wie für Sportler
gefragt und eine Salbe erhalten, die nach zwei Tagen schon aufgebraucht
gewesen sei, weil es so viele blaue Flecken gewesen seien (Urk. 2/4 S. 17; auch
Urk. 2/1 S. 3).
Es ist der Vorinstanz ohne weiteres zuzustimmen, wenn sie im Rahmen einer
Gesamtbetrachtung zum Ergebnis gelangte, dass auch dieser Anklagesach-
verhalt als erstellt zu betrachten ist (Urk. 80 S. 81 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.8.5 Tätlichkeiten gemäss Ziff. 4.1 der Anklageschrift (Urk. 24)
7.8.5.1 Auch dieser Anklagevorhalt ist mit der Vorinstanz, auf deren Erwägungen
pauschal verwiesen werden kann (Urk. 80 S. 82-86, Art. 82 Abs. 4 StPO), fraglos
erstellt.
7.8.5.2 Die Privatklägerin hat in verschiedenen Einvernahmen wiederum lebens-
nah, detailreich und nicht übertrieben geschildert, was sich an jenem Tag
zwischen Juli und August 2008 in der Wohnung der Eltern des Beschuldigten in
... abspielte. Davon ist vorbehaltlos auszugehen. Zum wiederholten Male sticht
das bewährte Vorgehensmuster des Beschuldigten ins Auge, hier von der hartnä-
ckigen Fragerei über (am Hals) Packen, Schütteln, Schlagen bis hin zu Würgen
und Kissen-aufs-Gesicht-Drücken. Mit dem letztgenannten Schritt ging es darum,
die Privatklägerin am Schreien zu hindern. Selbst der wie so oft uneinheitlich, un-
stimmig und ausweichend argumentierende Beschuldigte hatte in der Hafteinver-
nahme vom 4. Dezember 2009 erklärt, die Privatklägerin am Gesicht gepackt und
ihr mit der Hand den Mund zugehalten zu haben, damit sie nicht habe schreien
können (Urk. 3/2 S. 5). Mit den Handlungen im Einklang stehen auch die Empfin-
dungen der Privatklägerin: namentlich Schmerzen, kurzfristige Atemnot, Schwin-
del, Fingerabdrücke. Als zurückhaltend einzustufen sind die Ausführungen der
Privatklägerin u.a. deshalb, weil sie (nur) von einigen Sekunden sprach, (lediglich)
kurzzeitige Atemnot vorbrachte, hier nicht geltend machte, ohnmächtig geworden
- 82 -
zu sein oder einen unkontrollierten Urinabgang gehabt zu haben. Überdies geht
aus ihren Depositionen hervor, dass es mehrmals zu Würgeaktionen gekommen
sei (gewürgt habe er sie meistens im Bett, vgl. Urk. 2/1 S. 2; Urk. 2/4 S. 14), aber
nur ein solcher Sachverhalt Eingang in die Anklage fand.
Typisch für die konkrete Situation an einem fremden Ort legte die Privatklägerin
dar, dass ihr damals in ... gar nicht in den Sinn gekommen sei zu
schreien, dass sie im Gegenteil aufgepasst habe, dass niemand sie höre (Urk. 2/4
S. 13 f.). Das leuchtet völlig ein; gewiss hätte sich die Privatklägerin als Gast bei
den Quasi-Schwiegereltern geschämt, wäre sie als Lärmquelle unangenehm auf-
gefallen. Entsprechend versuchte sie, den Beschuldigten auf die liebe Tour ("bitte
Schatz, hör auf ...") zur Raison zu bringen. Auch der Beschuldigte habe
aufgepasst, dass er nicht zu laut geworden sei (Urk. 2/4 S. 13 f.). Die Eltern des
Beschuldigten erklärten denn auch als Zeugen, nie einen Streit miterlebt zu haben
(Urk. 4/21 S. 4; Urk. 4/23 S. 7).
Als charakteristisch für die Misshandlungsphase im Rahmen von Häuslicher
Gewalt erscheinen sodann wiederum die tatbegleitenden Bemerkungen des
Beschuldigten, dass er sie am liebsten umbringen möchte, dass er sie gerne noch
mehr bestrafen und ihr noch mehr Schmerzen zufügen würde (u.a. Urk. 2/4
S. 13).
Alles in allem bleiben auch bei diesem Anklagevorwurf keinerlei Zweifel, dass es
sich um tatsächlich Erlebtes handelt.
7.8.6 Tätlichkeit gemäss Ziff. 4.2 der Anklageschrift (Urk. 24)
7.8.6.1 Der hier gegenständliche Handlungsablauf zeigt abermals das bekannte
Muster der Schmerz- und Schadenszufügung durch den Beschuldigten, begleitet
von dazu passenden Phrasen. Er stellt die Fortsetzung der eingeklagten Tätlich-
keiten von Ziff. 4.1 der Anklageschrift dar (vorstehende Erwägung 7.8.5) und
belegt zugleich die schon anderweitig angetroffene Steigerung im Aggressions-
potential.
- 83 -
7.8.6.2 Erwägungen und Fazit der Vorinstanz sind auch in diesem Punkt nach-
vollziehbar und zu teilen und der eingeklagte Sachverhalt als erwiesen anzusehen
(Urk. 80 S. 86-88; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Der generellen Bestreitung durch den Beschuldigten stehen erneut die realitäts-
nahen, beständigen und glaubhaften Aussagen der Privatklägerin gegenüber.
Ausgehend davon sowie im Gesamtkontext der Gewaltübergriffe am fraglichen
Tag und während der ganzen Beziehung verbleibt kein vernünftiger Zweifel, dass
die Privatklägerin auch hier wirklich Geschehenes berichtete. Somit steht zusam-
mengefasst fest, dass der Beschuldigte der Privatklägerin ankündigte, er werde
sie noch mehr bestrafen und ihr noch mehr Schmerzen zufügen, wobei er einen
Kugelschreiber behändigte mit der erklärten Absicht, ihr die Augen auszustechen
und ihr so gerne eine Narbe zuzufügen, damit sie sich immer daran erinnern
könne, weil sie ja selber Schuld sei, dass es so weit komme. Sein Zustechen mit
dem Schriftteil voran bei nicht ausgefahrener Mine verursachte nebst Tränen für
ca. zwei bis drei Tage einen roten Punkt im linken Auge. Der Umstand, dass die
Privatklägerin keinen Arzt aufsuchte, weil sie nicht über die Sache sprechen
wollte, weil sie habe schweigen müssen (Urk. 2/5 S. 7; ähnlich auch Urk. 56 S. 4),
offenbart einmal mehr das Ausmass ihrer Unterdrückung und Hilflosigkeit als
Opfer einer durch wiederkehrende Gewalt geprägten Beziehung.
7.8.7 Tätlichkeiten gemäss Ziff. 4.4 der Anklageschrift (Urk. 24)
Der letzte Akt gewalttätigen Tuns bei des Beschuldigten Eltern in ... an
einem Datum im Juli oder August 2008 – nachdem der Beschuldigte die nackte
Privatklägerin vom Korridor wieder ins Schlafzimmer hineingezogen hatte
(Ziff. 4.3 der Anklageschrift) – beinhaltet gemäss Anklage mehrere Ohrfeigen und
mehrfaches sehr heftiges Schütteln an den Schultern der auf dem Bett liegenden
Privatklägerin, bis der Privatklägerin schwindelig und schwarz vor den Augen
wurde (Urk. 24 S. 9).
Die Vorinstanz hat dazu alles Nötige gesagt und den richtigen Schluss gezogen,
indem sie auch diesen Sachverhalt als erwiesen ansah (Urk. 80 S. 88 f., Art. 82
Abs. 4 StPO). Das ist ohne weitere Worte zu bestätigen.
- 84 -
7.8.8 Tätlichkeit gemäss Ziff. 6.1 der Anklageschrift (Urk. 24)
Dieser Vorwurf, datiert Mai 2009, betrifft rund drei bis vier Faustschläge des
Beschuldigten mit der Faust gegen den Bauch der Privatklägerin, wodurch die
Privatklägerin Bauchschmerzen erlitt (Urk. 24 S. 10).
Wenn die Vorinstanz, den differenzierten Äusserungen der Privatklägerin folgend,
auch diesen Anklagesachverhalt – der in die bereits erstellte und damit zu-
sammenhängende Drohung gemäss Ziff. 6.2 der Anklageschrift mündete (vgl.
Erwägung 7.7 hiervor) – zweifelsfrei als feststehend beurteilte, so kann auch dem
kurzerhand zugestimmt werden (Urk. 80 S. 89 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
7.8.9 Mehrfache Tätlichkeiten gemäss Zeugin F._ (Urk. 41)
7.8.9.1 Die Zeugin F._ sagte aus, der Beschuldigte habe die Privatklägerin
während ihres Zusammenlebens zu Dritt zwischen Sommer und Herbst 2009
geohrfeigt. Dies nicht täglich, aber doch hie und da. Über die Intensität könne sie
keine Aussagen machen. Sie habe jedoch nicht selbst gesehen, wie der Beschul-
digte die Privatklägerin mit einem Gurt geschlagen habe, dies habe ihr die Privat-
klägerin erzählt. Von den Schlägen habe die Privatklägerin ein angeschwollenes
Gesicht und blaue Flecken gehabt. Weiter habe es viele Rangeleien zwischen der
Privatklägerin und dem Beschuldigten gegeben, wobei der Beschuldigte die
aktivere Person gewesen sei (Urk. 41 S. 3). Im Übrigen führte die Zeugin F._
aus, dass der Beschuldigte auch gegenüber ihr körperliche Gewalt (Tätlichkeiten)
ausgeübt habe (Urk. 41 S. 4). Diese Aussagen sind äusserst zurückhaltend und
glaubhaft.
7.8.9.2 Aus dieser Zeitspanne des Zusammenlebens zu Dritt sind allerdings
keine derartigen Sachverhalte eingeklagt. Daraus ergibt sich zweierlei: Wie die
Privatklägerin selber wiederholt zum Ausdruck brachte, hob sie bei ihren Darle-
gungen nur die (ganz) schlimmen und spezifischen Ereignisse hervor, die dann in
die Anklageschrift flossen. Manche Vorfälle, zu denen es in den ca. zwei Jahren
der Wohngemeinschaft mit dem Beschuldigten etwa 14-täglich gekommen sei,
nahm die Privatklägerin jedoch hin. Das ist ein weiteres Indiz für die geradezu
- 85 -
rücksichtsvolle Aussageweise der Privatklägerin und gleichzeitig die Wahrhaf-
tigkeit der von ihr näher umschriebenen und eingeklagten Vorkommnisse. Ebenso
wenig besteht Anlass daran zu zweifeln, dass auch F._, die langjährige Ex-
Freundin des Beschuldigten, körperliche Gewalt vom Beschuldigten erfahren hat.
Auch wenn vorliegend kein Thema, erweist sich diese Gegebenheit ganz
allgemein als ein weiteres handfestes Indiz, das die vorliegende Anklage
ergänzend stützt.
7.9 Anklagegrundsatz
7.9.1 Die Verteidigung bemängelte im Rahmen der Hauptverhandlung vor
Vorinstanz wiederholt, dass viele der geltend gemachten Vorfälle in der Anklage-
schrift an keine konkreten Daten festgemacht worden seien, sondern jeweils von
einem nicht mehr eruierbaren Datum gesprochen werde (Urk. 45 S. 9-12). Sinn-
gemäss machte die Verteidigung damit eine Verletzung des Anklagegrundsatzes
geltend.
7.9.2 Eine Straftat kann nur dann gerichtlich beurteilt werden, wenn die Staats-
anwaltschaft gegen eine bestimmte Person wegen eines genau umschriebenen
Sachverhalts beim zuständigen Gericht Anklage erhoben hat (Art. 9 StPO).
Gemäss Art. 325 Abs. 1 lit. f und g StPO bezeichnet die Anklageschrift die der
beschuldigten Person vorgeworfenen Taten mit Beschreibung von Ort, Datum,
Zeit, Art und Folgen der Tatausführung möglichst kurz, aber genau, und nennt die
nach der Auffassung der Staatsanwaltschaft erfüllten Straftatbestände unter
Angabe der anwendbaren Gesetzesbestimmungen. Der Anklagegrundsatz
bestimmt, dass die Anklageschrift die dem Beschuldigten zur Last gelegten straf-
baren Handlungen in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben hat, dass die
Vorwürfe im objektiven und subjektiven Bereich genügend konkretisiert sind (BGE
126 I 19, E. 2a; BGE 120 IV 348, E. 2b); aus ihr muss sich erhellen, welcher
Lebensvorgang Gegenstand der Beurteilung bilden soll und welcher strafrechtli-
che Tatbestand darin zu finden ist (BGE 120 IV 348, E. 3c). Ob die zeitliche
Umschreibung ausreicht, ist nicht abstrakt, sondern zusammen mit dem übrigen
Inhalt der Anklage zu beurteilen (Urteile des Bundesgerichts 6B_432/2011 vom
- 86 -
26. Oktober 2011 E. 2.2 mit Hinweisen, 1P.636/2006 vom 14. Dezember 2006
E. 2.8 mit Hinweisen).
Im Urteil 6B_432/2011 vom 26. Oktober 2011 E. 2.3 hat das Bundesgericht seine
Praxis wie folgt dargestellt:
"2.3 Das Bundesgericht befasste sich in seiner unpublizierten Praxis schon oft mit der zeitlichen Bestimmtheit der Anklage. Es hielt beispielsweise eine Eingrenzung des Vorwurfs sexueller Nötigung auf drei Monate für hinreichend, weil der genaue Zeitraum wegen der mehrere Jahre zurückliegenden Tat nicht mehr eruierbar war (6B_333/2007 vom 7. Februar 2008 E. 2.1.5 mit Hinweis). Auch die Angabe einer bestimmten Jahreszeit wie "Herbst 1998", "Winter 1999", die Beschränkung auf wenige Monate wie "November oder Dezember 1999" oder auf einen nicht näher bestimmten Zeitpunkt innerhalb eines einzigen Monats liess es genügen (Urteile 6B_233/2010 vom 6. Mai 2010 E. 2 und 2.3; 6B_684/2007 vom 26. Februar 2008 E. 1.4; 6B_255/2008 vom 10. Oktober 2008 E. 2.6; 1P.547/1999 vom 3. Dezember 1999 E. 4b; je mit Hinweisen). In gewissen Fällen akzeptierte es einen längeren Zeitraum. So erachtete es die Angabe "in den Skiferien von Februar 1993 bis  1996" in Verbindung mit der genauen Bezeichnung des Tatortes für  detailliert umschrieben (Urteil 6B_830/2008 vom 27. Februar 2009 E. 1 und E. 2.4 mit Hinweisen). Auch bei gewerbsmässigem Handeln stellte es nicht allzu hohe Anforderungen an die zeitliche Umschreibung, mit der Begründung, es würden mehrere selbstständig strafbare Handlungen durch den Tatbestand der Gewerbsmässigkeit zu einer rechtlichen Einheit verschmolzen. Deshalb komme es nicht so sehr darauf an, welche einzelnen Handlungen dem Angeklagten  würden, sondern dass die Umstände die Verbrechenseinheit erkennen liessen (Urteile 6B_5/2010 vom 30. Juni 2010 E. 2.5; 6B_451/2009 vom 23. Oktober 2009 E. 2.2; 6B_254/2007 vom 10. August 2007 E. 3.2; je mit Hinweisen; kritisch: Urteil 6B_528/2007 vom 7. Dezember 2007 E. 2.1.5 mit Hinweisen)."
In einem weiteren Urteil hat das Bundesgericht sodann festgehalten, dass
beispielsweise die Datumsangabe "von Sommer 2001 bis zum 17. Februar 2002"
genüge (Urteil des Bundesgerichts 6B_731/2009 vom 9. November 2010, E. 3.5,
nicht publizierte Erwägung von BGE 137 IV 33).
7.9.3 Die dem Beschuldigten vorgeworfenen Handlungen, welche gemäss Sach-
verhaltserstellung zwischen Mai und Juni 2008 (Ziff. 1 und 2 der Anklageschrift,
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Urk. 24 S. 3 ff.), zwischen Juni und Juli 2008 (Ziff. 3 der Anklageschrift, Urk. 24
S. 6 f.), zwischen Juli und August 2008 (Ziff. 4 der Anklageschrift, Urk. 24 S. 7 ff.)
und im Mai 2009 (Ziff. 6 der Anklageschrift, Urk. 24 S. 10) vorgefallen sind,
erweisen sich angesichts der zitierten Bundesgerichtspraxis ohne weiteres als
in zeitlicher Hinsicht genügend bestimmt und konkret. Sie entsprechen dem
Anklageprinzip (auch Urk. 80 S. 95 f.).
7.10 Fazit erstellte Sachverhalte
Zusammenfassend ist übereinstimmend mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die
Sachverhalte bezüglich der Vergewaltigung (Urk. 24 Ziff. 1 Absatz 2 und 3), sexu-
ellen Nötigung (Urk. 24 Ziff. 3.2), mehrfachen Körperverletzung (Urk. 24 Ziff. 2.1
und 5), Nötigung (Urk. 24 Ziff. 4.3), versuchten Nötigung (Urk. 24 Ziff. 7), Drohung
(Urk. 24 Ziff. 6.2) und der mehrfachen Tätlichkeiten (Urk. 24 Ziff. 1 Absatz 1, 2.2,
3.1, 4.1, 4.2, 4.4, 6.1) gemäss Anklageschrift erstellt sind. Die Gesamtheit dieser
Ereignisse lässt deutlich erkennen, dass sich die Privatklägerin im Teufelskreis
von Häuslicher Gewalt befand. Der Beschuldigte verkörperte für sie Bedrohung
und Gewalt sowie Vertrautheit und Geborgenheit zugleich. Es dauerte – wie oft in
vergleichbaren Fällen – lange, bis sie sich emotional von ihm lösen und den
Schritt zur definitiven Trennung vollziehen konnte.
7.11 Beweisantrag Glaubhaftigkeitsgutachten
Wie schon eingangs angetönt (vgl. Erwägung II. 4.3), besteht nach dem Gesagten
keinerlei Anlass zur Einholung eines Gutachtens "betreffend die Glaubhaftigkeit
der Aussagen der Privatklägerin B._ und der übrigen Belastungszeugen"
(Urk. 82 S. 2). Weder bei der Privatklägerin noch bei andern Zeugen zeigten sich
etwa Anzeichen ernsthafter geistiger Störungen, welche die Aussageehrlichkeit
beeinträchtigen könnten oder aber Anhaltspunkte dafür, dass eine Zeugin oder
ein Zeuge einer Beeinflussung durch Drittpersonen ausgesetzt war. Die Beweis-
würdigung hat nichts Derartiges ergeben, namentlich auch nicht hinsichtlich der
Privatklägerin.
- 88 -
8. Sachverhalt im Nebendossier
8.1 Die Vorinstanz hat die Aussagen der Beteiligten korrekt zusammengefasst
und zutreffende Ausführungen zur Glaubwürdigkeit gemacht (Urk. 80 S. 90 ff.).
Darauf kann zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen werden (Art. 82
Abs. 4 StPO), allerdings mit folgender wesentlicher Ausnahme. Wenn die Vor-
instanz ausführt, AI._ habe als Zeugin ausgesagt, ist ihr zu widersprechen. In
den Akten findet sich keine Zeugenaussage von AI._, sie wurde lediglich
polizeilich befragt. Ihre Aussagen können daher nicht zum Nachteil des Beschul-
digten verwendet werden.
8.2 Die Aussagen von C._ sind widersprüchlich betreffend die Anzahl ge-
führter Telefonate sowie die Stimmlage des Beschuldigten bei der ausgesproche-
nen Drohung. Zudem hatte C._ gemäss eigener Aussage schon anlässlich
des ersten Telefonats des Beschuldigten und damit vor der eigentlichen einge-
klagten Drohung dem Beschuldigten gesagt, er habe die Nase voll und er (der
Beschuldigte) habe nun eine Anzeige am Hals. Die Aussagen von C._ sind
zum Kerngeschehen insgesamt daher nicht allzu überzeugend, auch wenn die
restlichen Aussagen weitgehend konstant sind und der Geschädigte seine eigene
Rolle auch nicht beschönigt.
8.3 Mit der Vorinstanz lässt sich der Anklagesachverhalt gemäss Nebendossier
daher nicht rechtsgenügend erstellen, weshalb der Beschuldigte in Anwendung
des Grundsatzes "in dubio pro reo" freizusprechen ist. Die Staatsanwaltschaft
brachte anlässlich der Berufungsverhandlung nichts vor, was zu einer
abweichenden Einschätzungen führen könnte (vgl. Urk. 129). Der Freispruch der
Vorinstanz ist zu bestätigen (Urk. 80 S. 90-94; Art. 82 Abs. 4 StPO).
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III. Schuldpunkt - Rechtliche Würdigung
1. Vergewaltigung
1.1 Die Vorinstanz würdigte das Verhalten des Beschuldigten gemäss Ziff. 1
Absatz 2 und 3 der Anklageschrift als Vergewaltigung im Sinne von Art. 190
Abs. 1 StGB.
1.2 Zu den theoretischen Voraussetzungen kann auf die Erwägungen im
angefochtenen Urteil verwiesen werden (Urk. 80 S. 96 f.).
Die Vorinstanz führte zusammengefasst aus, der Beschuldigte habe der im Bett
liegenden Privatklägerin erklärt, dass sie nun erleben solle, wie das sei, wenn
man "brutal gefickt" werde. Obwohl ihn die Privatklägerin angefleht habe aufzuhö-
ren und damit klar zum Ausdruck gebracht habe, dass sie an diesem Tag den
Geschlechtsverkehr ablehne, habe der Beschuldigte nach einem zunächst miss-
lungenen Versuch der Privatklägerin zwischen die Gesässbacken gespuckt und
sei vaginal in sie eingedrungen. Die Privatklägerin habe diesen Geschlechtsver-
kehr schliesslich über sich ergehen lassen, weil sie neuerliche tätliche Übergriffe
seitens des Beschuldigten befürchtet habe und ihr der Beschuldigte körperlich
auch überlegen gewesen sei, weshalb ihr ein Widerstand, welcher das Flehen
überstiegen hätte, nicht zumutbar und auch nicht möglich gewesen sei. Der
Beschuldigte habe an diesem Tag trotz klar – durch Flehen – zum Ausdruck
gebrachtem Widerstand der Privatklägerin den Geschlechtsverkehr vollzogen. Mit
seiner körperlichen Überlegenheit und durch die Angst der Privatklägerin
vor weiteren tätlichen Übergriffen habe er ihren Widerstand gebrochen und sie
gefügig gemacht. Der objektive Tatbestand sei somit erfüllt.
Den subjektiven Tatbestand erachtete die Vorinstanz mit der Begründung als
erfüllt, der Beschuldigte habe aufgrund der ausdrücklichen Erklärung der Privat-
klägerin, dass sie zum besagten Zeitpunkt keinen Geschlechtsverkehr mit ihm
wolle, gewusst, dass sie sein sexuelles Ansinnen ablehne. Trotzdem habe er
angekündigt, er werde sie nun brutal ficken und in der Folge den Geschlechts-
verkehr mit ihr vollzogen. Daraus ergebe sich, dass er den entgegenstehenden
- 90 -
Willen der Privatklägerin brechen und sie habe veranlassen wollen, den
Geschlechtsverkehr zu dulden (Urk. 80 S. 97 f.).
1.3 Diese Subsumtion ist in allen Teilen zutreffend. Der Beschuldigte handelte
mit direktem Vorsatz. Da auch die Verteidigung keine Einwände dagegen erhoben
hat und weder Rechtfertigungs- noch Schuldausschlussgründe vorliegen, ist der
Beschuldigte in Bestätigung der Vorinstanz der Vergewaltigung im Sinne von
Art. 190 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
2. Sexuelle Nötigung
2.1 Die theoretischen Grundlagen zu diesem Straftatbestand finden sich im
angefochtenen Urteil (Urk. 80 S. 98).
2.2 Indem der Beschuldigte im Zuge einer Auseinandersetzung der Privatkläge-
rin ankündigte, er müsse zu härteren Massnahmen (als Schlägen mit dem Gurt)
greifen und versuchte, ihr – trotz ihrem Schreien und Flehen und damit erkenn-
barem Widerstand – einen Fusselroller, Griffteil voran, anal einzuführen, erfüllte er
den objektiven Tatbestand der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1
StGB. Aufgrund ihrer Angst vor neuerlichen tätlichen Übergriffen durch den
Beschuldigten und seiner körperlichen Überlegenheit war der Privatklägerin ein
weitergehender Widerstand nicht zumutbar. Es ist nicht, wie die Verteidigung
ausführte (Prot. II S. 13), von einem Versuch auszugehen, da der Beschuldigte
durch das mindestens partielle Einführen des Fusselrollers die Tathandlung
bereits vollendete.
Durch ihr wiederholtes inständiges Bitten damit aufzuhören und ihre schmerzer-
füllten Schreie war für den Beschuldigten klar erkennbar, dass sie die sexuelle
Handlung nicht wollte, und ebenso war er sich ihrer Angst und seiner körperlichen
Überlegenheit bewusst. Dennoch führte er sein Vorhaben aus, weshalb er direkt-
vorsätzlich handelte und auch der subjektive Tatbestand gegeben ist.
2.3 Im Übrigen wird die rechtliche Einordnung dieses Sachverhalts von der
Verteidigung zu Recht nicht beanstandet. Mangels Rechtfertigungs- und Schuld-
- 91 -
ausschlussgründen ist der Beschuldigte in Bestätigung der Vorinstanz der
sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
3. Körperverletzungen
3.1 Die theoretischen Grundlagen ergeben sich aus dem vorinstanzlichen Urteil
(Urk. 80 S. 99 ff.).
3.2 Der Vorinstanz ist ohne Weiteres zuzustimmen, wenn sie die durch die
Privatklägerin im Wald erlittenen Verletzungen – Schwellungen im Gesicht, Kopf-
schmerzen und Nasenbluten – als Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB einstufte (Ziff. 2.1 der Anklageschrift; Urk. 80 S. 101).
Es handelte sich keineswegs mehr um bloss harmlose Beeinträchtigungen der
körperlichen Integrität und des gesundheitlichen Wohlbefindens, die in kürzester
Zeit wieder verschwinden, sondern um physische Beeinträchtigungen, die das
Aussehen der Privatklägerin für einige Zeit in Mitleidenschaft zogen, eine gewisse
Heilungszeit erforderten und teilweise auch erhebliche Schmerzen verursachten.
Das gilt einerseits für die Schwellungen im Gesicht, die erfahrungsgemäss nicht
von einem Tag auf den andern wieder abklingen, aber auch für die Kopfschmer-
zen, die bei grösseren Erschütterungen entsprechend stärker und hartnäckiger
ausfallen. Schwellungen sind zudem regelmässig mit Druckdolenz verbunden.
Laut Bundesgericht ist etwa ein Faustschlag ins Gesicht erfahrungsgemäss mit
besonderen Schmerzen verbunden (BGE 125 II 265 E.4e.cc). Nicht anders
verhält es sich, wenn wie hier ein Kopf mehrere Male gegen einen Baumstamm
geschlagen wird. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte die Privatklägerin an den
Haaren über den Waldboden zog und ihr danach noch zwei Faustschläge ins
Gesicht versetzte. Auch die auf vielfache Einwirkungen zurückzuführenden Kopf-
schmerzen erreichten folglich ein ganz erhebliches Ausmass. Selbst das Nasen-
bluten, welches zweimal – durch Anprallen gegen den Baumstamm sowie durch
einen Faustschlag ins Gesicht – ausgelöst wurde und wie gesehen noch zu Blut-
spuren im Auto und in der Wohnung führte, war offensichtlich von ungewöhnlicher
Heftigkeit und Dauer. Es muss klarerweise von einfacher Körperverletzung
gemäss Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB ausgegangen werden.
- 92 -
Korrekt würdigte die Vorinstanz das Vorgehen des Beschuldigten aufgrund des
engen räumlichen und zeitlichen Zusammenhangs als auf einem einheitlichen
Willensakt beruhend und damit als Einheitsdelikt (Urk. 80 S. 101 f.).
3.3 Die multiplen Gesichtsprellungen und das Brillenhämatom, welche die
Privatklägerin beim Vorfall vom 22. Mai 2009 durch mehrfache Schläge mit dem
Gurt ins Gesicht erlitt (Ziff. 5 der Anklageschrift), was auch aktenkundig ist und
überdies ärztliche Versorgung nötig machte (Urk. 6/1), sind mit der Vorinstanz
ebenso zweifelsfrei als Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
zu qualifizieren (Urk. 80 S. 102 f.). Ergänzend kann sinngemäss auf die Überle-
gungen in Erwägung 3.2 hiervor verwiesen werden. Nach diesem Vorfall blieb die
Privatklägerin zudem eine Woche lang der Arbeit fern (und bezog anschliessend
noch Ferien), weil ihr Gesicht derart geschwollen war, dass sie praktisch nichts
mehr sehen konnte (Urk. 2/1 S. 3; Urk. 2/2 S. 12). Diese Absenz ist auch aus dem
Zeitprotokoll der Arbeitgeberin ersichtlich (Urk. 11/1).
3.4 Bei beiden Ereignissen nahm der Beschuldigte zumindest billigend in Kauf,
dass die Privatklägerin durch seine Einwirkungen die erwähnten Verletzungen
erleiden würde, womit ihm eventualvorsätzliches Handeln im Sinne von Art. 12
Abs. 2 StGB anzulasten ist (auch Urk. 80 S. 101 und 102).
3.5 Da der Beschuldigte und die Privatklägerin zum Zeitpunkt der Taten auf
unbestimmte Zeit einen gemeinsamen Haushalt führten, gelangt sodann Art. 123
Ziff. 2 Abs. 6 StGB zur Anwendung. Somit ist der Beschuldigte der mehrfachen
einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 in Verbindung mit
Art. 123 Ziff. 2 Abs. 6 StGB schuldig zu sprechen.
4. Nötigung und versuchte Nötigung
4.1 Der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB macht sich schuldig, wer
jemanden durch Gewalt oder Androhung ernstlicher Nachteile oder durch andere
Beschränkung seiner Handlungsfreiheit nötigt, etwas zu tun, zu unterlassen oder
zu dulden.
- 93 -
Bezüglich der Definition der Gewaltanwendung als Nötigungsmittel kann auf die
Ausführungen der Vorinstanz zum Delikt Vergewaltigung verwiesen werden
(Urk. 80 S. 96 f.). Eine Androhung ernstlicher Nachteile liegt vor, wenn nach der
Darstellung des Täters der Eintritt des Nachteils als von seinem Willen abhängig
erscheint und wenn die Androhung geeignet ist, den Betroffenen in seiner Ent-
scheidungsfreiheit einzuschränken (BSK StGB II - Delnon/Rüdy, 2. Aufl. Basel
2007, Art. 181 N 25). Nicht erforderlich ist die Absicht, die Drohung wahr zu ma-
chen, doch muss das Opfer sie ernst nehmen. Massgebend für die Ernstlichkeit
des angedrohten Nachteils sind grundsätzlich objektive, absolute Kriterien – es ist
zu fragen, ob die Androhung geeignet ist, auch eine verständige Person in der
Lage des Betroffenen gefügig zu machen (Trechsel/Fingerhuth, Schweizerisches
Strafgesetzbuch Praxiskommentar, Zürich/St.Gallen 2008, Art. 181 N 4 f.). Weiter
muss der Täter beim Opfer ein bestimmtes Verhalten bewirken, wobei zwischen
dem Nötigungsmittel und dem Nötigungserfolg ein Kausalzusammenhang beste-
hen muss (BSK StGB II - Delnon/Rüdy, a.a.O., Art. 181 N 45). Das heisst, das
Opfer muss gerade durch die erwähnten Mittel zu dem vom Täter gewollten
Verhalten gebracht werden. Geht es dabei um eine Handlung, so wird die
Nötigung wohl damit vollendet, dass der Geschädigte sie vorzunehmen beginnt
(Donatsch, Strafrecht III, Delikte gegen den Einzelnen, 9. Auflage, Zürich/Basel/
Genf 2008, § 53 1.2). Verhält sich das Opfer nicht so, wie der Täter es will,
so liegt nur Nötigungsversuch vor (BSK StGB II - Delnon/Rüdy, a.a.O., Art. 181
N 57). Um den Tatbestand der Nötigung gemäss Art. 181 StGB zu erfüllen, muss
die Rechtswidrigkeit weiter positiv begründet werden. Diese liegt vor, wenn das
Mittel oder der Zweck unerlaubt ist oder wenn das Mittel zum erstrebten Zweck
nicht im richtigen Verhältnis steht oder wenn die Verknüpfung zwischen einem an
sich zulässigen Mittel und einem erlaubten Zweck rechtsmissbräuchlich oder
sittenwidrig ist (BSK StGB II - Delnon/Rüdy, a.a.O., Art. 181 N 50). Dabei ist das
Nötigungsmittel Gewalt in der Regel rechtswidrig (Trechsel/Fingerhuth, a.a.O.,
Art. 181 N 11 mit Hinweisen).
Subjektiv ist Vorsatz erforderlich, der sich auf die Beeinflussung und auf das
abgenötigte Verhalten beziehen muss; dabei genügt Eventualvorsatz. Eine
- 94 -
weitergehende Absicht ist nicht erforderlich (Trechsel/Fingerhuth, a.a.O., Art. 181
N 14 mit Hinweisen).
4.2 Mit überzeugender Begründung, deren Details dem angefochtenen Urteil
entnommen werden können (Urk. 80 S. 104 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO), hat die
Vorinstanz den Tatvorwurf von Ziff. 4.3 der Anklageschrift zutreffend als Nötigung
im Sinne von Art. 181 StGB qualifiziert.
Das Nötigungsmittel der Gewalt bestand in einer physischen Einwirkung auf die
Privatklägerin, indem der Beschuldigte sie in den Korridor hinaus stiess, was
rechtswidrig war und welchem Tun die Privatklägerin aufgrund ihrer körperlichen
Unterlegenheit und der Angst vor weiteren tätlichen Übergriffen des Beschuldig-
ten nichts entgegensetzen konnte, womit ihr Widerstand gebrochen war. Ein über
das Weinen hinausgehender Widerstand war ihr nicht zuzumuten, zumal sie infol-
ge ihrer Nacktheit besonders verletzlich und – da als Gast in der Wohnung der
Eltern des Beschuldigten – überdies und verständlicherweise darauf bedacht war,
keinen Lärm zu veranstalten. Aufgrund ihres Weinens wusste der Beschuldigte,
dass er die völlig entblösste Privatklägerin gegen ihren Willen auf den Korridor
stiess und zur Duldung dieser Situation zwang. Er handelte mit direktem Vorsatz
und erfüllte somit auch den subjektiven Tatbestand von Art. 181 StGB.
4.3 Auch die rechtliche Einordnung des Sachverhalts gemäss Ziff. 7 der Ankla-
geschrift durch die Vorinstanz ist als zutreffend zu übernehmen (Urk. 80 S. 105 f.;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
Das Tatmittel bestand diesmal in der Androhung ernstlicher Nachteile, nämlich,
falls sie ihn verlasse, ihre gesamte Familie einzeln umzubringen, bis sie wieder-
komme. Die Privatklägerin nahm die Drohung ernst (Urk. 2/2 S. 13; Urk. 2/4 S. 18,
20). Dass sie auch ernst gemeint war, was der Beschuldigte wiederholt negierte,
ist wie gesagt nicht erforderlich. Aufgrund ihrer Erfahrung mit dem Beschuldigten,
seiner Gewaltbereitschaft und der durch ihn wiederholt erlebten vielfältigen
Gewaltausübung entschied sie trotz dieser Worte, sich definitiv vom Beschuldig-
ten zu trennen und flüchtete ("Weil ich wusste, was auf mich zukommen würde zu
Hause. Diese Schläge, die Fragen und das Ausrasten.", Urk. 2/4 S. 20). Sie ver-
- 95 -
liess das Auto des kurzzeitig abwesenden Beschuldigten, rannte weg hinter ein
Gebüsch und bewegte sich ca. zwei Stunden lang nicht mehr, bis sie das Gefühl
hatte, er sei jetzt nicht mehr da und sie könne weg (Urk. 2/4 S. 21). Durch ihre
endgültige Flucht verhielt sich die Privatklägerin somit nicht nach dem Willen des
Beschuldigten, liess sich nicht gefügig machen und verharrte nicht mehr an seiner
Seite, weshalb ein objektives Tatbestandsmerkmal fehlt und lediglich versuchte
Tatbegehung vorliegt.
Der Beschuldigte wollte mit seiner erkennbar rechtswidrigen Drohung auf das
Verhalten der Privatklägerin einwirken und erreichen, dass sie bei ihm bleibt.
Dadurch setzte er seinen Tatentschluss um und handelte zumindest eventual-
vorsätzlich, womit der subjektive Tatbestand gegeben ist.
4.4 Der Beschuldigte ist, auch hier der Vorinstanz folgend, der Nötigung gemäss
Art. 181 StGB und der versuchten Nötigung gemäss Art. 181 StGB in Verbindung
mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
5. Drohung
Zur rechtlichen Würdigung des unter diesem Titel eingeklagten Sachverhalts
(Ziff. 6.2 der Anklageschrift) hat die Vorinstanz alles Notwendige ausgeführt und
ist auch in diesem Anklagepunkt zum richtigen Ergebnis gelangt, indem sie den
Beschuldigten der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB in Verbindung
Art. 180 Abs. 2 lit. b StGB für schuldig befand (Urk. 80 S. 106 f.; Art. 82 Abs. 4
StPO).
6. Tätlichkeiten
Das Bezirksgericht hat sich sodann einlässlich und gründlich mit der rechtlichen
Qualifizierung der Tatvorwürfe der Tätlichkeit(en) gemäss Ziff. 1 Absatz 1 sowie
Ziff. 2.2, 3.1, 4.1, 4.2, 4.4, 6.1 der Anklageschrift befasst. Es hat dabei richtig
gesehen, dass die Ohrfeigen, Faustschläge ins Gesicht und in den Bauch, die
Schläge mit einem Gurt an Kopf, Beine, Arme, auf Gesäss und Rücken der
Privatklägerin (soweit diese Handlungen nicht als Körperverletzungen zu qualifi-
zieren sind, vgl. Erwägung III. 3. hiervor) sowie das Haareschneiden, heftige
- 96 -
Schütteln, kurzzeitige Würgen, mit dem Kugelschreiber ins Auge Pressen alle-
samt als Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 StGB einzustufen sind. Korrekt hat
die Vorinstanz weiter festgestellt, dass überwiegend entweder lediglich eine
Handlung oder aber eine Handlungseinheit (Einheitsdelikte) vorlag und nur
teilweise pro Ereignis mehrere, als separate Tätlichkeiten zu beurteilende Hand-
lungen gegeben waren. Sodann ergibt sich absolut zutreffend aus dem angefoch-
tenen Urteil, dass die Einwirkungen auf den Körper der Privatklägerin bzw. die
resultierenden Beeinträchtigungen das allgemein übliche und gesellschaftlich
geduldete Mass deutlich und zum Teil sogar bei Weitem überschritten. Hinsicht-
lich des Tatvorwurfs gemäss Ziff. 6.1 der Anklageschrift ist das an dieser Stelle
entsprechend zu ergänzen (vgl. Urk. 80 S. 111). Das bedeutet mit andern Worten,
dass der jeweilige Handlungserfolg teilweise nahe an der Grenze zur einfachen
Körperverletzung lag. In subjektiver Hinsicht ist der Vorinstanz ebenfalls beizu-
pflichten, wenn sie durchwegs davon ausging, der Beschuldigte habe die durch
sein Verhalten hervorgegangenen Beeinträchtigungen zumindest billigend in Kauf
genommen und damit jedenfalls mit Eventualvorsatz gehandelt.
Wiederholungen erübrigen sich und es ist für Einzelheiten gänzlich auf die ent-
sprechenden Darlegungen im erstinstanzlichen Urteil zu verweisen. Damit ist der
Beschuldigte in Bestätigung der Vorinstanz der mehrfachen Tätlichkeiten im
Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 126 Abs. 2 lit. c StGB
schuldig zu sprechen (Urk. 80 S. 108-112).
IV. Strafzumessung
1. Ausgangslage
1.1 Die Staatsanwaltschaft stellte vor Vorinstanz den Antrag, den Beschuldigten
mit einer Freiheitsstrafe von 5 1⁄2 Jahren zu bestrafen, unter Anrechnung der
erstandenen Haft. Die Vorinstanz belegte den Beschuldigten mit einer Freiheits-
strafe von 5 Jahren und 3 Monaten, unter Anrechnung von 365 Tagen, die durch
Haft erstanden sind. Die Verteidigung erachtet diese Strafe als viel zu hoch und
stellt eventualiter den Antrag, die Strafe auf maximal drei Jahre zu reduzieren,
- 97 -
davon zwei Jahre bedingt mit einer Probezeit von maximal drei Jahren (Urk. 82
S. 2). Für die Staatsanwalt ist diese Strafe zu niedrig; sie beantragt, wie vor
Vorinstanz, der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 5 1⁄2 Jahren zu
bestrafen (Urk. 129 S. 1).
1.2 Das Bezirksgericht sprach den Beschuldigten u.a. der mehrfachen Tätlich-
keiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 126 Abs. 2 lit. c
StGB schuldig. Bei Tätlichkeiten handelt es sich um Übertretungen, die einzig mit
Busse bedroht sind (Art. 103 und 126 Abs. 1 StGB). Für diese mehrfachen Über-
tretungen ist daher – in Korrektur bzw. Ergänzung des erstinstanzlichen Urteils –
zwingend eine Busse auszusprechen (vgl. die nachfolgende Erwägung IV. 4.).
2. Strafrahmen
2.1 Hat der Täter, wie hier der Beschuldigte, mehrere Straftatbestände und teil-
weise mehrfach erfüllt, ist für die Strafzumessung von der Tat mit der höchsten
Strafdrohung auszugehen und die Dauer der für sie auszufällenden Strafe ange-
messen, jedoch nicht um mehr als die Hälfte, zu erhöhen. Dabei ist der Richter an
das gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB).
2.2 Der Strafrahmen für Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB
reicht von einem Jahr bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe. Für sexuelle Nötigung
im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB sieht das Gesetz Freiheitsstrafe bis zu zehn
Jahren oder Geldstrafe vor. Einfache Körperverletzung nach Art. 123 Ziff. 1 und 2
StGB wird mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft. Die glei-
che Sanktion ist angedroht für Nötigung gemäss Art. 181 StGB und für Drohung
gemäss Art. 180 StGB. Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 und 2 StGB sind mit
Busse bis Fr. 10'000.– (Art. 106 Abs. 1 StGB) bedroht.
2.3 Deliktsmehrheit und mehrfache Tatbegehung können sich grundsätzlich
gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB strafschärfend auswirken und vorliegend den oberen
ordentlichen Strafrahmen auf bis zu 15 Jahren Freiheitsstrafe öffnen. In den meis-
ten Fällen ist die tat- und täterangemessene Strafe jedoch grundsätzlich innerhalb
des ordentlichen Strafrahmens der (schwersten) anzuwendenden Strafbestim-
- 98 -
mung festzusetzen. Dieser Rahmen ist vom Gesetzgeber in aller Regel sehr weit
gefasst worden, um sämtlichen konkreten Umständen Rechnung zu tragen. Ent-
gegen einer auch in der Praxis verbreiteten Auffassung wird der ordentliche Straf-
rahmen durch Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründe nicht automatisch
erweitert, worauf dann innerhalb dieses neuen Rahmens die Strafe nach den übli-
chen Zumessungskriterien festzusetzen wäre. Zwar ist auch in der bundesgericht-
lichen Rechtsprechung darauf hingewiesen worden, das Gesetz sehe eine Straf-
rahmenerweiterung vor (vgl. BGE 116 IV 300 E. 2a S. 302). Damit sollte aber nur
ausgedrückt werden, dass der Richter infolge eines Strafschärfungs- bzw. Straf-
milderungsgrundes nicht mehr in jedem Fall an die Grenze des ordentlichen Straf-
rahmens gebunden ist. Der ordentliche Rahmen ist nur zu verlassen, wenn aus-
sergewöhnliche Umstände vorliegen und die für die betreffende Tat angedrohte
Strafe im konkreten Fall zu hart bzw. zu milde erscheint. Die Frage einer Unter-
schreitung des ordentlichen Strafrahmens kann sich stellen, wenn verschuldens-
bzw. strafreduzierende Faktoren zusammentreffen, die einen objektiv an sich
leichten Tatvorwurf weiter relativieren, so dass eine Strafe innerhalb des ordentli-
chen Rahmens dem Rechtsempfinden widerspräche. Dabei hat der Richter zu
entscheiden, in welchem Umfang er den unteren Rahmen wegen der besonderen
Umstände erweitern will. Der vom Gesetzgeber vorgegebene ordentliche Rahmen
ermöglicht in aller Regel, für eine einzelne Tat die angemessene Strafe festzule-
gen. Er versetzt den Richter namentlich in die Lage, die denkbaren Abstufungen
des Verschuldens zu berücksichtigen. Zum Beispiel führt die verminderte Schuld-
fähigkeit allein deshalb grundsätzlich nicht dazu, den ordentlichen Strafrahmen zu
unterschreiten. Dazu bedarf es weiterer ins Gewicht fallender Umstände, die das
Verschulden als besonders leicht erscheinen lassen. Nur eine solche Betrach-
tungsweise vermag der gesetzgeberischen Wertung des Unrechtsgehaltes einer
Straftat und damit letztlich der Ausgleichsfunktion (auch) des Strafrechts Rech-
nung zu tragen (BGE 136 IV 55 E. 5.8; Urteil des Bundesgerichts 6S.73/2006
E. 3.2 vom 5. Februar 2007; BGE 116 IV 300 E. 2a S. 302; Schwarzenegger /
Hug / Jositsch, Strafrecht II, 8. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2007, S. 74).
Das Gericht ist indessen verpflichtet, die Strafschärfungs- oder Strafmilderungs-
gründe mindestens straferhöhend bzw. -mindernd zu berücksichtigen, wobei sich
- 99 -
diese in ihrer zweiten Bedeutung kompensieren können (BGE 121 IV 49, 54 f.;
BGE 116 IV 13 f.; BGE 116 IV 300 E. 2a).
Vorliegend besteht kein Anlass, den ordentlichen Strafrahmen des schwersten
Deliktes zu verlassen, da sich die Strafe ohne Berücksichtigung des Strafschär-
fungsgrundes nicht am oberen Rand des ordentlichen Strafrahmens des schwer-
sten Deliktes bewegen würde. Die Tatmehrheit ist daher im Rahmen der Tatkom-
ponente lediglich straferhöhend zu berücksichtigen (Donatsch / Flachsmann / Hug
/ Weder, Kommentar Schweizerisches Strafgesetzbuch, 18. Aufl. Zürich 2010,
Art. 48a N 4; BGE 136 IV 55 E. 5.8).
2.4 Am 1. Februar 2010 wurde bei der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich,
PD Dr. med. AJ._, ein Gutachten in Auftrag gegeben, das sich zu den Fra-
gen nach einer psychischen Störung des Beschuldigten, der Schuldfähigkeit, der
Rückfallgefahr sowie einer allfälligen Massnahme äussern solle (Urk. 7/1). Ge-
mäss dem Gutachten vom 8. Dezember 2010 (Urk. 7/16) haben die psychiatri-
schen und neuropsychiatrischen Untersuchungen, die sich über insgesamt 8 1⁄2
Stunden erstreckten, ergeben, dass beim Beschuldigten akzentuierte Persönlich-
keitszüge mit histrionischen und narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen vorlie-
gen. Diese erfüllen nach den gängigen Klassifikationssystemen jedoch nicht den
Schweregrad einer Persönlichkeitsstörung, weshalb die erwähnten akzentuierten
Persönlichkeitszüge auch keinen eigenen Krankheitswert haben (Urk. 7/16 S. 81,
84, 94). Der Gutachter kommt weiter zum Schluss, dass beim Beschuldigten zu
den deliktrelevanten Zeitpunkten keine Verminderung der Schuldfähigkeit gege-
ben war. Vielmehr ist aus gutachterlicher Sicht sowohl von erhaltener Einsichtsfä-
higkeit als auch von erhaltener Steuerungsfähigkeit auszugehen (Urk. 7/6 S. 95).
Im Einklang mit der Vorinstanz sind keine Gründe ersichtlich, an diesem sehr
ausführlichen und sorgfältig begründeten Gutachten zu zweifeln, weshalb darauf
abzustellen ist. Somit ist festzuhalten, dass die Schuldfähigkeit des Beschuldigten
zur Zeit der Taten nicht vermindert war. Entsprechend steht nicht zur Debatte,
den ordentlichen Strafrahmen zu unterschreiten, und es ergibt sich unter diesem
Titel auch sonst kein Faktor, der strafreduzierend zu berücksichtigen wäre.
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2.5 Als Strafmilderungsgrund fällt vorliegend zudem in Betracht, dass es bezüg-
lich Ziff. 7 der Anklage bei einer versuchten Nötigung geblieben ist (Art. 22 Abs. 1
StGB). Der Strafmilderungsgrund des Versuchs bewirkt grundsätzlich eine
Öffnung des Strafrahmens nach unten. Dieser Umstand der bloss versuchten
Tatbegehung ist bei der nachfolgenden Strafzumessung aber innerhalb des
ordentlichen Strafrahmens strafmindernd zu berücksichtigen.
2.6 Weitere Strafmilderungs- oder Strafminderungsgründe sind nicht ersichtlich.
Insbesondere liegen keine Verschuldensminderungsgründe im Sinne von Art. 48
StGB vor. Folglich ist vom ordentlichen Strafrahmen für das schwerste Delikt, die
Vergewaltigung gemäss Art. 190 Abs. 1 StGB, von einem Jahr bis zu zehn Jahren
Freiheitsstrafe auszugehen, nebst einer Busse von höchstens Fr. 10'000.-- für die
Tätlichkeiten.
3. Strafzumessung
3.1 Zu den theoretischen Grundsätzen der Strafzumessung kann vorab auf die
Erwägungen der Vorinstanz (Urk. 80 S. 112-114.) sowie auf das Urteil des
Bundesgerichts 6B_390/2009 vom 14. Januar 2010 E. 2.3.1 (mit Hinweisen auf
die weitere bundesgerichtliche Praxis) verwiesen werden.
3.2 Bei der verschuldensmässigen Beleuchtung der einzelnen Taten und Tat-
komplexe ist zu beachten, dass vorliegend die Taten bzw. die Tatabläufe teilweise
ineinander fliessen und die jeweilige Würdigung der Vorgänge und Verhaltens-
weisen zum Teil auch allgemeiner Natur ist und auf mehrere Delikte zutrifft, ohne
dass dies nachfolgend bei jedem Delikt speziell erwähnt wird.
3.3 Vorerst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die Verschul-
densbewertung festzulegen und zu bemessen. Es gilt zu prüfen, wie stark das
strafrechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt worden ist. Darunter
fallen etwa das Ausmass des Erfolges (Deliktsbetrag, Gefährdung, Risiko, Sach-
schaden etc.) sowie die Art und Weise des Vorgehens. Von Bedeutung ist auch
die kriminelle Energie, wie sie durch die Tat und die Tatausführung offenbart wird
(Wiprächtiger, BSK StGB I, 2. Auflage, Basel 2007, Art. 47 N 69 ff.; Trechsel /
- 101 -
Affolter-Eijsten, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, Zürich/
St.Gallen 2008, Art. 47 N 19 ff.).
Zu erwähnen ist, dass die schweizerische Praxis bei nicht besonders schwerem
Verschulden in aller Regel die Strafen im unteren bis mittleren Teil des vor-
gegebenen Strafrahmens ansiedelt. Strafen im oberen Bereich, insbesondere
Höchststrafen, sind bloss ausnahmsweise und bei sehr schwerem Verschulden
des Täters auszusprechen (Wiprächtiger, BSK StGB I, Art. 47 N 15).
Bei der Bewertung des subjektiven Verschuldens stellt sich die Frage, wie dem
Täter die objektive Tatschwere tatsächlich anzurechnen ist. Der Richter hat im
Urteil darzutun, welche verschuldensmindernden und welche verschuldens-
erhöhenden Gründe im konkreten Fall gegeben sind, um so zu einer Gesamt-
einschätzung des Tatverschuldens zu gelangen. Dazu gehören etwa die Frage
der Schuldfähigkeit (Art. 19 StGB) sowie das Motiv. Auch ist in diesem
Zusammenhang entscheidend, über welches Mass an Entscheidungsfreiheit der
Täter verfügte. Unter anderem trifft denjenigen ein geringerer Schuldvorwurf, dem
lediglich eventualvorsätzliches Handeln anzulasten ist (Art. 12 Abs. 2 StGB) oder
der die Tat durch Unterlassung begeht (Art. 11 Abs. 4 StGB).
3.4 Vergewaltigung
3.4.1 Objektive Tatschwere
Die Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB gehört zu den schwersten
Delikten im Strafgesetzbuch und zählt insbesondere auch zu den qualifizierten
Anlasstaten gemäss Art. 64 StGB. Geschützt ist jede weibliche Person in ihrer
sexuellen Selbstbestimmung. Über dieses Selbstbestimmungsrecht der Privatklä-
gerin hat sich der Beschuldigte in krass egoistischer und erniedrigender Weise
hinweggesetzt. Das wiederholte Flehen der bereits durch die vorangegangenen
Tätlichkeiten (in Intervallen verabreichte Schläge mit einem Gurt) ermattet auf
dem Bett liegenden und am Gesäss, an den Oberschenkeln und an den Oberar-
men massiv geschundenen Privatklägerin verhallte ungehört bzw. wurde von ihm
ignoriert. Es zählte nur, was der Beschuldigte wollte und verlangte; ihre Meinung
- 102 -
und ihre Gefühle waren nicht gefragt. Statt aufzuhören ging der Beschuldigte
vielmehr sehr zielgerichtet vor und bekräftigte dies auch noch mit Worten ("brutal
ficken", sie stehe ja auf solche Sachen) und unterstützender Handlung (Spucken
zwischen die Gesässbacken der Privatklägerin). Damit setzte er seine körperliche
Übermacht hartnäckig ein. Als besonders erniedrigenden Anwurf erscheint die
Bemerkung des Beschuldigten anlässlich eines kurzzeitigen Unterbruchs, er habe
doch keine Lust, da sie ihn anekeln würde mit all den vielen Flecken. Dennoch
setzte er sein Tun durch erneutes Eindringen ohne weitere Umschweife und mit
dem Hinweis fort, dass er dies nun doch zu Ende bringen werde. Mit diesem
Intermezzo von betonter Abscheu einerseits und gespielter Überwindung auf der
andern Seite brachte er sinngemäss zum Ausdruck, dass sie froh sein müsse,
dass er sie – trotz dem von ihm verursachten Zustand – noch nehme. Alles in
allem handelt es sich um eine äusserst demütigende und verwerfliche Machtde-
monstration. Das zeigt sich darüber hinaus auch darin, dass er sie vor diesem
Schlussakt in die Bauchlage befohlen und ihr letztendlich auf den Rücken
gespritzt hatte. Die Vergewaltigung wurde so zur Kulmination der Demütigung. An
dieser Einschätzung vermag der Umstand nichts zu ändern, dass die eigentliche
Tat nur ein paar Minuten dauerte und nicht besonders auffällig verlief. Nachdem
der Beschuldigte die Privatklägerin schon den Abend hindurch psychisch
eingeschüchtert, körperlich traktiert und bis zur Erschöpfung niedergekämpft hatte
(Ziff. 1 Abs. 1 der Anklage), womit das ohnehin ungleiche Kräfteverhältnis noch
ausgeprägter geworden war, verwundert ihre rasche Kapitulation nicht. Es konnte
für sie nur noch darum gehen, alles rasch hinter sich zu bringen und so weitere
Erniedrigungen und Schläge abzuwenden. Das in Ziff. 1 der Anklage als Ganzes
an den Tag gelegte Verhalten des Beschuldigten zeigt schlechthin, wie er die
Privatklägerin richtiggehend unterdrückte, beherrschte und ihr Leben fremdbe-
stimmte, indem er sie einschüchterte, bedrohte sowie ihr zur Verfolgung seiner
Ziele und Absichten nach Bedarf auch körperlich zusetzte, bis hin zum rohen
Sexualakt. Auch psychisch nahm er sie vollständig in Besitz, einschliesslich ihrer
Vergangenheit: ein Psychoterror mittels unaufhörlicher Unterstellungen. Dabei
entlastet es den Beschuldigten keineswegs, dass sie an seiner Seite ausharrte
und auch immer wieder freiwillig mit ihm geschlechtlich verkehrte. Gerade auch
- 103 -
darin widerspiegelt sich die Ambivalenz in der gewalttätigen Beziehung. Ergän-
zend sei auf die vorstehende Erwägung II. 7.2 verwiesen werden sowie auf die
Ausführungen der Vorinstanz (Urk. 80 S. 114 f.).
Insgesamt ist hinsichtlich des Vergewaltigungsvorwurfs von einem innerhalb des
weiten Strafrahmens jedenfalls mittelschweren objektiven Tatverschulden auszu-
gehen. Die hypothetische Einsatzstrafe wäre somit nicht mehr im untersten Drittel,
sondern an der Schwelle zum mittleren Drittel des ordentlichen Strafrahmens
anzusiedeln, vorliegend bei 3 3⁄4 bis 4 Jahren.
3.4.2 Subjektive Tatschwere
In subjektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschuldigte direkt vorsätzlich
und bei intakter Schuldfähigkeit gehandelt hat. Dabei ging es ihm neben der
Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse auch um die Durchsetzung seiner
eigenen Vorstellungen, das Erzwingen von Gehorsam und Verhalten nach seinen
Vorgaben sowie die Unterwerfung und Erniedrigung der Privatklägerin. Ergän-
zend kann auf die vorstehenden Ausführungen unter Erwägung II. 6.3 verwiesen
werden. Sein Motiv war rein egoistischer Natur, was straferhöhend zu gewichten
ist. Auch seine Entscheidungsfreiheit war in keiner Weise eingeschränkt.
Aufgrund der erschwerend wirkenden subjektiven Komponente erhöht sich die
hypothetische Einsatzstrafe auf 4 Jahre.
3.4.3 Es resultiert eine hypothetische Einsatzstrafe für diese schwerste Tat von
rund 4 Jahren Freiheitsstrafe.
3.5 Sexuelle Nötigung
3.5.1 Objektive Tatschwere
Auch dieses Delikt zählt mit einem Strafrahmen bis zu zehn Jahren zu den
schweren im Strafgesetzbuch. Mit seinem Handeln (vorne Erwägung II. 7.3) hat
der Beschuldigte der Privatklägerin nicht nur grosse Schmerzen bereitet und
Verletzungen verursacht, sondern sie auch in hohem Masse erniedrigt und zum
blossen Sexualobjekt degradiert. Auffällig ist wiederum das absolut gezielte und
- 104 -
beharrliche Vorgehen durch mehrmaligen Anlauf, den Griff des Fusselrollers
einzuführen. Ihre Schmerzensschreie kümmerten ihn nicht, sondern er machte ihr
auch mit Worten (dass er nun zu härteren Massnahmen – gemeint: als den zuvor
verübten blossen Tätlichkeiten – greifen müsse) klar, dass er nun noch brutaler
vorgehen werde. Der Ausdruck müssen impliziert, dass der Beschuldigte die
Verantwortung für sein Tun der Privatklägerin zuschob, und entsprechend äusser-
te er rechtfertigend, sie sei selber Schuld. Beim Fusselroller handelt es sich um
einen Gegenstand, der bei der hier zur Diskussion stehenden Art und Weise der
Verwendung zu schweren Darmverletzungen führen kann. Unter diesen Umstän-
den rückt das inkriminierte Verhalten durchaus in Richtung des qualifizierten
Tatbestandes der sexuellen Nötigung, wonach das Verwenden eines gefährlichen
Gegenstandes als grausames Handeln einzustufen ist und mit Freiheitsstrafe
nicht unter drei Jahren geahndet wird (Art. 189 Abs. 3 StGB; Donatsch /
Flachsmann / Hug / Weder, Art. 123 N 8 und 10 sowie Art. 189 N 23). Das
verwerfliche Vorgehen des Beschuldigten wurde noch unterstrichen durch seine
Bemerkung, er wolle sie so viel wie möglich verletzen. Das gelang ihm insoweit,
als die Privatklägerin Blutungen erlitt und noch in den Tagen darauf Schmerzen
beim Toilettengang verspürte, weshalb sie den Toilettengang sogar zu vermeiden
trachtete. Dass ein vollständiges anales Eindringen mit dem ganzen Griff letztlich
misslang und der Beschuldigte irgendwann aufhörte, mindert sein objektives
Verschulden, welches auch hier jedenfalls mittelschwer wiegt, kaum. Mit dem von
ihm umschriebenen ähnlich gelagerten, aber nicht eingeklagten Vorfall (dazu
Urk. 80 S. 42 mit Hinweisen) machte der Beschuldigte selber deutlich, wie sehr
sein Streben nach Dominanz über allem stand und es ihm gänzlich an Empathie
mangelte. Auch die vorliegende sexuelle Nötigung bildete den Schlusspunkt nach
einer ausgedehnten Quälrunde mit Gürtelschlägen und traf ein bereits völlig er-
schöpftes, lädiertes und eingeschüchtertes Opfer (Ziff. 3 der Anklage als Ganzes).
Zur Abrundung sei auf die vorstehende Erwägung zur Vergewaltigung (IV. 3.4)
verwiesen.
- 105 -
3.5.2 Subjektive Tatschwere
Auch dieser Tat liegen direkter Vorsatz, ein absolut egoistisches Motiv sowie eine
erniedrigende menschenverachtende Machtdemonstration zugrunde, weshalb die
subjektive Tatkomponente das objektive Verschulden noch erhöht (vgl. Erwägung
IV. 3.4.2).
3.5.3 Separat betrachtet würde sich für dieses Delikt eine Strafe von jedenfalls
mehr als einem Jahr rechtfertigen. In Nachachtung des Asperationsprinzips recht-
fertigt sich zur Abgeltung der sexuellen Nötigung eine Erhöhung der Einsatzstrafe
um 1 Jahr auf 5 Jahre.
3.6 Mehrfache Körperverletzung, vollendete und versuchte Nötigung, Drohung
3.6.1 Objektive Tatschwere
Dieser Tatkomplex (siehe die vorstehenden Erwägungen II. 7.4 bis 7.7; ferner II.
6.3 und ergänzend auch III. 3.4 und 3.5) – aus rechtstechnischen Gründen aus-
genommen die mehrfachen Tätlichkeiten – ist als Deliktsgruppe zu würdigen. Er
ist dadurch gekennzeichnet, dass der Beschuldigte das Selbstbestimmungsrecht
der Privatklägerin massiv untergrub und ihre Bewegungsfreiheit enorm beschnitt,
sie rigoros kontrollierte und zunehmend isolierte, wiederholt ihre physische und
psychische Integrität verletzte (letzteres etwa durch übersteigertes Misstrauen
verknüpft mit der Androhung schärferer Massnahmen, durch zynische
Bemerkungen, verhöhnendes Auslachen abwechselnd mit geheuchelter Fürsor-
ge, Schuldzuweisungen etc.), sie regelrecht unterdrückte und von ihm abhängig
machte, ihren Willen brach und sie letztendlich (vorübergehend) ihrer Persönlich-
keit beraubte. Seine körperliche Überlegenheit und die von ihm erzielte Abhän-
gigkeit der Privatklägerin nützte er schamlos aus. Sein Verhalten ihr gegenüber
stellte eine von regelmässiger seelischer und körperlicher Gewaltanwendung
begleitete Machtdemonstration dar. Der Beschuldigte liess seine Lebenspartnerin
immer wieder wie eine Marionette nach seinem Gutdünken tanzen und leiden.
Durch diese vom Beschuldigten aufgebaute, von Besitznahme und Herrschafts-
anspruch sowie Brutalität durchdrungene Lebenssituation legte er gegenüber
- 106 -
seiner Partnerin bezüglich dieser Delikte insgesamt ein schweres Verschulden an
den Tag. Statt ihm vertrauen zu können, namentlich auch im Hinblick auf eine
gemeinsame Zukunft mit Kindern – was für die Privatklägerin essentiell war,
nachdem sie sich zu Gunsten des Beschuldigten von ihrer angestammten Familie
distanziert hatte –, musste sie im Banne des Beschuldigten immer wieder Höllen-
qualen erdulden und Wechselbäder der Gefühle verarbeiten (totale Erniedrigung
und extreme Angst einerseits, Hoffnung auf und Glaube an Änderung zum Guten
anderseits). Doch ist das Phänomen des Ausharrens in gewalttätigen Beziehun-
gen notorisch (vgl. Erwägungen II. 6.3.4 und IV. 3.4.1). Gerade in Beziehungen
wie der hier zu beurteilenden, in welcher das ausgesprochen kontrollierende,
isolierende und einengende Verhalten des Beschuldigten zu einer die Aussenwelt
weitgehend ausschliessenden Verbindung geführt hat, ist es geradezu klassisch,
dass das Opfer gewalttätiger Übergriffe sich eben nicht einfach aus der Bezie-
hung lösen und sich gegen den Täter stellen kann, sondern dass es dazu unter
Umständen mehrerer erfolgloser Anläufe und/oder der Unterstützung Dritter
bedarf.
Zulasten des Beschuldigten wirkt sich die teilweise mehrfache Tatbegehung aus.
Zu berücksichtigen ist umgekehrt, dass es bei einem der Nötigungsvorfälle bei
bloss versuchter Tatbegehung blieb. Das ist aber lediglich leicht reduzierend zu
werten, denn es ist von vollendetem Versuch auszugehen, welcher das Verschul-
den des Täters an sich unberührt lässt. Gleichwohl hat sich dieser Umstand
zumindest strafmindernd auszuwirken. Das objektive Verschulden für diesen
Tatkomplex würde eine Strafe von rund 2 Jahren als berechtigt erscheinen
lassen.
3.6.2 Subjektive Tatschwere
Egoistische Motive und der immer wieder aufscheinende Exklusivitätsanspruch
des Beschuldigten auf die Privatklägerin stehen auch hier im Vordergrund. Seine
Entscheidungsfreiheit war nicht beeinträchtigt und er handelte mit erheblicher
krimineller Energie. Anderseits handelte der Beschuldigte zum Teil bloss mit
Eventualvorsatz, namentlich kann ihm hinsichtlich der Verletzungen kein direkter
- 107 -
Vorsatz nachgewiesen werden, womit die subjektive Tatschwere das objektive
Tatverschulden im Ergebnis nur noch leicht erhöht.
3.6.3 Insgesamt wäre dieser Tatkomplex für sich allein genommen mit einer Frei-
heitsstrafe von jedenfalls 2 Jahren zu ahnden. Aufgrund des Asperationsprinzips
ist die Einsatzstrafe um weitere 1 1⁄2 Jahre auf 6 1⁄2 Jahre anzuheben.
3.7 Fazit Tatkomponente
Wie eingangs bei der Strafzumessung erwähnt, fliessen die Taten bzw. Tatabläu-
fe teilweise ineinander, stellen Vorstufen oder Folgehandlungen voneinander dar
und spielten sich zum Teil am gleichen Tag ab, manchmal fast ohne (zeitliche)
Zäsur. Der Unrechtsgehalt des Täterverhaltens bei den strafbaren Handlungen
lässt sich nicht immer klar abgrenzen und einem Delikt bzw. einer Deliktsgruppe
zuordnen. Das gilt sowohl für die mit Freiheitsstrafe zu bestrafenden Delikte als
auch für die mit Busse zu ahnenden Tätlichkeiten (siehe nachstehende Erwägung
IV. 4.). Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung erscheint es unter diesen Umstän-
den gerechtfertigt, eine über die übliche Aspiration hinausgehende Korrektur zu
Gunsten des Beschuldigten vorzunehmen. Im Ergebnis ist die Einsatzstrafe für
die Tatkomponente auf 5 1⁄2 Jahre festzusetzen.
3.8 Täterkomponente
Die Täterkomponente (vgl. Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB) umfasst das Vorleben,
die persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im
Strafverfahren. Bei der Beurteilung des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohl-
verhalten, andererseits Zahl, Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht.
Unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Verhältnisse ist etwa zu berück-
sichtigen, ob sich der Täter im Strafverfahren kooperativ verhielt, ob er Reue und
Einsicht zeigte, ob er mehr oder weniger strafempfindlich ist.
3.8.1 Werdegang und persönliche Verhältnisse
Zur Biografie des Beschuldigten ergibt sich aufgrund seiner Angaben (vgl.
Urk. 7/16 S. 53 ff.; Urk. 17/6; Urk. 40 2-4), dass er in K._ zur Welt kam und
- 108 -
die ersten Jahre der Kindheit inklusive Einschulung zusammen mit seinem Bruder
bei einer Tante der Mutter in K._ verbrachte, da seine Eltern
damals zwischen der Heimat und der Schweiz gependelt seien. Im Alter von
8 Jahren zog er mit seinen Eltern in die Schweiz. Er habe wegen schwacher
Deutschkenntnisse die erste Klasse wiederholt und etwa mit 17 oder 18 Jahren
die Schulzeit, die er in angenehmer Erinnerung habe, beendet. Er habe zunächst
keine Lehrstelle finden können und sei provisorisch zu einer Reinigungsfirma
gegangen. Der Beruf habe ihm mit der Zeit gefallen und er arbeite seither in der
Reinigungsbranche. Er habe die Lehre als "Reinigungsmann" abgeschlossen,
seine Berufsbezeichnung sei Eidg. Dipl. Gebäudereiniger. Er sei der Erste
gewesen, der diese dreijährige Lehre mit Fachausweis abgeschlossen habe.
Mittlerweile sei er spezialisiert auf die Reinigung von Steinen, Platten, Werk-
stoffen und die Lösung von Flecken. Er dürfe auch Personal ausbilden. Zeitweise
sei er selbständig erwerbend gewesen. Illegale Drogen habe er niemals konsu-
miert und Alkohol trinke er sehr selten; er sei in seinem Leben noch nie betrunken
gewesen. Der Beschuldigte besitzt die Niederlassungsbewilligung C.
Ab ca. 2003/2004 war der Beschuldigte eine Zeitlang mit einer ... [Staatsangehö-
rigen von K._] verheiratet, wobei die Heirat in der Heimat stattgefunden hat-
te. Nach Auffassung des Beschuldigten war er durch Verwandte und Bekannte in
K._, namentlich durch deren Cousin, verkuppelt, zu dieser Heirat gezwungen
und sogar bedroht worden (es passiere etwas, wenn er sie nicht nehme). Die
Frau habe ihn auch gewollt. Er sei auf der Flucht vor der ganzen Tradition, der
Mentalität und der Kultur gewesen, denn er sei ja in der Schweiz angepasst ge-
wesen. Er habe die Frau in die Schweiz geholt und man habe bei seinen Eltern
gewohnt, doch er sei nie richtig mit der Frau zusammen gewesen. Er habe der
Frau gesagt, dass er sie nicht liebe und sie habe von Anbeginn gewusst, dass er
eine Freundin habe (F._, mit welcher der Beschuldigte während ca. neun
Jahren zusammen war). Sie habe extrem gelitten und er habe Mitleid mit ihr ge-
habt. Mittlerweile habe sie mehrere neue Partner, wozu er ihr auch verholfen ha-
be. Die Scheidung habe in K._ stattgefunden und es bestehe kein Kontakt
mehr zu ihr. Laut dem Beschuldigten wurde er auch mit der Privatklägerin ver-
kuppelt, nämlich durch seine Mutter und die damalige Vorgesetzte der Privatklä-
- 109 -
gerin. Die Privatklägerin sei sehr in ihn verliebt gewesen, habe mit ihm leben und
ihn an sich binden wollen. Als er sich auch in sie verliebt habe, habe er sich dis-
tanzieren wollen, was jedoch von ihr abgelehnt worden sei (Urk. 7/16 S. 55 ff.;
Urk. 17/6 S. 2). Wie bekannt, wohnten die Privatklägerin und der Beschuldigte
dann während ca. zwei Jahren bis zur Flucht der Privatklägerin am tt. November
2009 zusammen.
Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft am 2. Dezember 2010
(Urk. 16/17-16/19) wohnte der Beschuldigte bei seinen Eltern in ... und nunmehr
in ... . Er arbeite seit drei Monaten wieder in der Reinigungsbranche bei
AK._, wo es vermutlich zu einer Festanstellung kommen werde. Er werde als
Spezialist in diesem Unternehmen ein monatliches Bruttoeinkommen von ca.
Fr. 6'500.-- bis Fr. 7'000.-- erzielen. Vermögen hat er keines. Seine Schulden be-
laufen sich auf ca. Fr. 2'000.-- bis Fr. 3'000.--. Das Verhältnis zu seiner Familie
bezeichnet er als gut. Ohne diese wäre er während der Verfahrensdauer noch viel
tiefer gesunken. Er könne sich nicht vorstellen, in einem andern Land zu leben. Er
habe vor allem berufliche Visionen, die er gerne in der Schweiz verwirklichen
würde; ein eigenes Reinigungsunternehmen wäre sein Ziel. Sein Beruf sei sein
Hobby. Er gehe wenig in den Ausgang, denn er habe Angst, eine der beiden (die
Privatklägerin oder F._) zu sehen. Er habe eine neue Freundin. Eine Frau
aus seinem Kollegenkreis habe ihn in dieser Zeit unterstützt und es sei eine nahe
Beziehung entstanden. Er kenne sie seit 7 oder 8 Jahren. Er sei sehr glücklich mit
ihr. Sie habe ihm sogar einen Heiratsantrag gemacht, eine Heirat sei aber nicht
geplant, da sie nicht wüssten, was aufgrund des Verfahrens mit ihm geschehe
(Urk. 17/6 S. 2 f.; Urk. 40 S. 2-4; Urk. 124 S. 1 ff.).
Aus dieser Biografie und der aktuellen Lebenssituation ergeben sich keine für die
Strafzumessung relevanten Faktoren.
3.8.2 Vorstrafen
Was das Vorleben betrifft, kommt bei der Strafzumessung den Vorstrafen grund-
sätzlich eine ausserordentlich wichtige Rolle zu (Wiprächtiger, BSK StGB I,
- 110 -
Art. 47 N 94 ff.; Schwarzenegger / Hug / Jositsch, Strafrecht II, 8. Auflage,
Zürich 2007, S. 100).
Gemäss Auszug aus dem Schweizerischen Strafregister (Urk. 120) weist der
Beschuldigte aus dem Jahre 2005 eine nicht einschlägige Vorstrafe auf. Mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis vom 3. Februar 2005 wurde
er wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln mit einer bedingt vollziehbaren
Busse von Fr. 1'500.-- belegt. Angesichts auch der zeitlichen Distanz fällt diese
Vorstrafe bei der Strafzumessung mit der Vorinstanz nicht nennenswert ins
Gewicht.
3.8.3 Nachtatverhalten
Bei der Strafzumessung ist, wie erwähnt, auch das Nachtatverhalten eines Täters
zu beachten. Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafverfahren.
Insbesondere wirken ein Geständnis, das kooperative Verhalten eines Täters bei
der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und aufrichtige Reue strafmin-
dernd (Trechsel / Affolter-Eijsten, Art. 47 N 22 ff.; Wiprächtiger, BSK StGB I,
Art. 47 N 131; Schwarzenegger / Hug / Jositsch, S. 101 ff.). Das Bundesgericht
hielt in seinen Entscheiden BGE 118 IV 349 und 121 IV 202 dafür, ein positives
Nachtatverhalten könne zu einer Strafreduktion im Bereich von einem Fünftel bis
zu einem Drittel führen (Wiprächtiger, BSK StGB I, Art. 47 N 131), was ein Teil
der Lehre allerdings zu Recht kritisch hinterfragt (Schwarzenegger / Hug /
Jositsch, S. 101 f.; Trechsel / Affolter-Eijsten, Art. 47 N 24).
Das Nachtatverhalten gibt vorliegend keinen Anlass zu einer Strafreduktion. Der
Beschuldigte wirkte im Strafverfahren und namentlich bei der Begutachtung zwar
mit, verhielt sich darüber hinaus aber nicht kooperativ. Von einem Geständnis und
damit Einsicht in das Unrecht seines Verhaltens oder gar Reue kann jedenfalls
nicht im Geringsten gesprochen werden. Das hat sich – wie zum Schuldpunkt in
den Erwägungen II. und III. dargelegt – schon in seinen zahlreichen Einvernah-
men zur Sache mit aller Deutlichkeit gezeigt. Dabei blieb er nicht nur bei blossen
Bestreitungen, sondern präsentierte eine vielfältige Palette von ausschweifenden
Erklärungen mit der unverkennbaren Absicht, der Privatklägerin oder ihrer Familie
- 111 -
die Schuld für alles Geschehene zuzuweisen und sie als Person zu diskreditieren.
Zudem erklärte er in der Einvernahme zur Person am 11. Januar 2011 gegenüber
der Staatsanwältin auf die Frage, ob er weitere Angaben zu machen habe, er sei
in die Pfanne gehauen worden. Er habe Schlafstörungen durch das Leiden. Jeder
Vorwurf tue immer noch weh, vor allem, dass es erfunden sei. Seine Familie ken-
ne ihn und wisse, dass er ihr (der Privatklägerin) sicher nichts getan habe und wie
gut er sei. Er könne ein guter Liebhaber sein und sei das auch zu ihr gewesen.
Die Privatklägerin habe extrem gute Aussagen gemacht. Er sei richtig reingelegt
worden. Wegen dieser B._ habe er alles verloren (Urk. 17/6 S. 3). An der
Hauptverhandlung vor Vorinstanz gab der Beschuldigte überdies zu Protokoll, er
nehme an, dass der Psychiater aufgrund der vielen Lügen ein falsches Bild von
ihm habe (Urk. 40 S. 2). Und zu seiner Person sagte er abschliessend, das
Gericht habe ein falsches Bild von ihm. Er sei sehr ehrlich. Er beschütze und
merke nicht, dass er sich selbst belaste. Er meine es nur gut. Er sei sehr hilfs-
bereit (Urk. 40 S. 3 f.). Bis zuletzt bezichtigte er die Privatklägerin der Lüge (Prot. I
S. 13). Er habe genug gelitten (Prot. I S. 9 und 14). Das Eingeständnis einer
einzigen Ohrfeige (u.a. Prot. I S. 13) ist nicht mehr als ein Lippenbekenntnis und
vermag den Beschuldigten keinesfalls zu entlasten.
Selbst nach der Eröffnung des erstinstanzlichen Urteils vom 21. Juli 2011 liess
der Beschuldigte jegliche Einsicht in das Unrecht seines Verhaltens vermissen.
So nahm er von ca. Mitte August bis Anfang September 2011 Dutzende Male via
Facebook Kontakt auf mit der Privatklägerin, wobei er sie durchwegs mit ihrem
früheren Kosenamen "..." – ... [Fremdsprache] für "Spatz" – ansprach (Urk. 75
und Urk. 76, Urk. 77/2). Er belästigte und bedrängte sie und leistete auch in alter
Manier "Liebesschwüre", beispielsweise wie folgt: han zwei ticket für morn abig ...
so chömer eus richtig kännelehre ufs neue ... kei teama vo schnee vo gester,
sondern voll ufs neue ok? (vgl. 18. August); oder: hesch du mich jemals gliebt? di
frag muesch mer antworte ... das schuldisch mir nach all dem! (vgl. 21. August);
oder: es git kei zit wo liebi vergaht, und alles chamer verzeie, ... (vgl. 25. August);
oder: din traum ma wartet uf dini antwort? ich wird dich nieeee nieeee entüsche
das vesprech ich dir hoch und heilig (25. August); oder: ich han dich extrem gliebt
... ha no nie für e frau so viel empfunde ... (26. August); ferner: guet nacht
- 112 -
wünscht dir din ängel ... du hexe! nödemal guet nacht chasch säge! (vgl.
26. August); ferner: bisch es nöd wert gsi dass ich mich für dich geopfert han und
mir sälber släbe erschwert han für dich! weisch du überhaupt was ich alles dure
gmacht han? und trotzdem dich no lieb? (vgl. 26. August); ferner: i miss you so
much ...[Fremdwort] und schrieb äntli zruck big kiss ... so guet nacht Baby i love
you 4ever (vgl. 28. August). Weiter äusserte er, eine kleine Familie gründen zu
wollen und gute Eltern zu werden, wozu es zwei brauche, die sich unendlich lie-
ben würden, die alles vergessen was gewesen sei und in die Zukunft schauten.
Das und sehr viel mehr schrieb der Beschuldigte offensichtlich im Wissen darum,
dass die Privatklägerin keinen Kontakt mehr zu ihm wollte und ebenso im Wissen,
dass sie vor ihm Angst hatte. Dieses penetrante Behelligen der Privatklägerin
über das namentlich unter der jungen Generation sehr verbreitet genutzte soziale
Medium Facebook ist als verwerflich zu bezeichnen. Dadurch perpetuierte er ihre
Angst und erschwerte ihre Ablösung von ihm. Es liegt auf der Hand, dass die Pri-
vatklägerin (erneut) psychisch stark belastet wurde. Durch seine anhaltenden
Kontaktversuche offenbarte der Beschuldigte Hartnäckigkeit und eine gewisse
Unbelehrbarkeit sowie fehlenden Respekt gegenüber der Privatklägerin und de-
ren Wunsch, keinen Kontakt mehr zu ihm haben zu wollen. Mit Verfügung der
Stadtpolizei Winterthur vom 6. September 2011 wurde dem Beschuldigten ge-
stützt auf das Gewaltschutzgesetz für je 14 Tage ein Kontakt- und Rayonverbot
(am Arbeitsort der Privatklägerin in ...) auferlegt, welches durch das Bezirksge-
richt Winterthur verlängert wurde (Urk. 77/1). Immerhin scheint sich der Beschul-
digte daran gehalten zu haben.
Das umschriebene Verhalten des Beschuldigten im Strafverfahren ist offensicht-
lich Ausdruck einer über blosses Schweigen bzw. Leugnen der Taten hinaus-
gehenden fehlenden Einsicht und Reue, was gemäss konstanter bundesgerichtli-
cher Rechtsprechung zulasten eines Beschuldigten gewertet werden darf und
sich hier leicht straferhöhend niederschlägt (BGE 113 IV 56; zuletzt Urteil des
Bundesgerichts 6B_759/2011 vom 19. April 2012 E. 2.2 und Urteil des Bundes-
gerichts 6B_162/2011 vom 8. August 2011 E. 7.4 mit weiteren Verweisen).
- 113 -
Dass sich der Beschuldigte seit der Entlassung aus der Untersuchungshaft vor
etwas mehr als zwei Jahren (2. Dezember 2010) ansonsten wohl verhalten hat,
darf vorausgesetzt werden und bildet keinen Grund zur Strafreduktion. Ein Wohl-
verhalten nach der Tat stellt keine besondere Leistung dar. Die Straffreiheit wäh-
rend des hängigen Verfahrens ist daher neutral zu werten (Urteile des Bundes-
gerichts 6B_87/2010 vom 17. Mai 2010 E. 5.4, 6B_242/2008 vom 24. September
2008 E. 2.1.2; 6S.85/2006 vom 27. Juni 2006 E. 2.4), wie auch die Vorstrafen-
losigkeit nach der neueren Rechtsprechung nicht mehr zwingend zu einer
Strafminderung führt (BGE 136 IV 1 E. 2.6).
3.8.4 Strafempfindlichkeit
Schliesslich ist die Wirkung der Strafe auf das Leben der Beschuldigten zu
berücksichtigen. Mit dieser neu ins Gesetz aufgenommenen Formulierung (Art. 47
Abs. 1 StGB) wird letztlich die Strafempfindlichkeit angesprochen. Die Berücksich-
tigung der Strafempfindlichkeit kommt namentlich in Betracht, wenn der Täter aus
medizinischen Gründen wie Krankheit, Alter oder Haftpsychose besonders
empfindlich ist (BGE 6S.703/1995 vom 26. März 1996, E. c mit Hinweisen). Im
Übrigen ist erhöhte Strafempfindlichkeit nur sehr zurückhaltend, bei Vorliegen
aussergewöhnlicher Umstände, anzunehmen (Urteile des Bundesgerichts
6B_1065/2010 vom 31. März 2011 E. 1.10, 6B_415/2010 vom 1. September 2010
E. 5.8, 6B_470/2009 vom 23. November 2009 E. 2.5 und 6B_626/2009 vom
3. November 2009 E. 2.2).
Solch aussergewöhnliche Umstände sind vorliegend nicht ersichtlich. Der
Beschuldigte ist mit 33 Jahren weder alt noch ist er krank. Unterhaltspflichten hat
er keine. Er scheint zwar beruflich wieder integriert und auch in der
(Herkunfts-)Familie eingebettet zu sein. Das ist jedoch – entgegen der Ansicht im
angefochtenen Urteil (Urk. 80 S. 116) – kein Grund, von besonderer Strafempfind-
lichkeit auszugehen. Gemäss konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist
die Verbüssung einer Freiheitsstrafe für jeden in ein familiäres Umfeld eingebette-
ten Beschuldigten mit einer gewissen Härte verbunden. Ebenso unbestritten ist,
dass ein Strafvollzug für die Angehörigen eine grosse Belastung darstellt.
Einschränkungen im sozialen und beruflichen Umfeld sind eine gesetzmässige
- 114 -
und damit unvermeidliche Konsequenz jeder freiheitsentziehenden Sanktion.
Daran würde sogar der Verlust einer selbständigen Arbeitstätigkeit nichts ändern.
Jedes Strafverfahren bringt neben dem Schuldspruch und der Sanktion zusätzli-
che Belastungen mit sich (Urteil des Bundesgerichts 6B_107/2011 vom 23. Mai
2011 E. 3.3.2). Wenn der Gesetzgeber für schwere Delikte langjährige Freiheits-
strafen vorsieht, gibt er damit zu erkennen, dass es Strafen immanent ist, dass sie
tief ins Leben von Bestraften eingreifen können. Diese Folge ist gewollt und
kann nicht als Begründung für eine besondere Strafempfindlichkeit dienen
(Wiprächtiger, BSK StGB I, Art. 47 N 117 ff.; Trechsel / Affolter-Eijsten, Art. 47
N 33; Urteil des Bundesgerichts 6P.39/2004 vom 23. Juli 2004 E. 7.4). Somit lässt
sich vorliegend keine besondere Strafempfindlichkeit aus persönlichen und / oder
beruflichen Gründen ableiten, die zu berücksichtigen wäre.
3.9 Fazit Freiheitsstrafe
Ausgehend von der im Rahmen der Tatkomponente festgesetzten Einsatzstrafe
von 5 1⁄2 Jahren und unter Berücksichtigung des leicht straferhöhend zu werten-
den Faktors des Nachtatverhaltens bei der Täterkomponente resultiert für die
begangenen Verbrechen und Vergehen eine Freiheitsstrafe von 5 3⁄4 Jahren.
4. Mehrfache Tätlichkeiten
4.1 Der Beschuldigte wird wie dargelegt auch wegen mehrfacher Tätlichkeiten
schuldig gesprochen. Dabei handelt es sich um Übertretungen, welche mit
separater Busse von höchstens Fr. 10'000.-- bedroht sind (Art. 106 Abs. 2 StGB).
4.2 Die für die Übertretungen auszusprechende Busse bemisst sich gemäss
Art. 106 Abs. 3 StGB nach den Verhältnissen des Täters (Günter Stratenwerth,
AT II, S. 75 f. N 31 ff.). Für die Festsetzung der Höhe ist primär das Verschulden
und sekundär die finanzielle Situation massgebend (Heimgartner, BSK StGB I,
Art. 106 N 20).
Über rund ein Jahr hinweg beging der Beschuldigte immer wieder und in äusserst
grober, ja niederträchtiger Art und Weise Tätlichkeiten gegenüber der Privat-
klägerin. Mit diesen geradezu gewohnheitsmässig verübten tätlichen Übergriffen
- 115 -
fügte er der Privatklägerin nicht nur heftige körperliche Schmerzen, sondern auch
erhebliche seelische Unbill zu, namentlich infolge vorübergehender Entstellungen
durch Schwellungen und Hämatomen im Gesicht und am übrigen Körper, weswe-
gen sie auch öfters der Arbeit fern blieb und was überdies ihre soziale Isolierung
verstärkte. Zudem gelang es dem Beschuldigten mit seinem gewalttätigen Verhal-
ten, die Privatklägerin völlig einzuschüchtern, sie zu unrichtigen "Eingeständ-
nissen" bezüglich ihrer (sexuellen) Vergangenheit zu bewegen und sich ihm
letztlich zu unterwerfen. Sein Verschulden hinsichtlich dieser Tätlichkeiten ist als
schwer bis sehr schwer einzustufen. Eine gewisse Relativierung ergibt sich inso-
fern, als die Tätlichkeiten öfters auch als Vorstufen oder Begleiterscheinungen zu
schwereren Delikten stattfanden und durch den teilweise fliessenden Übergang
bezüglich ihrer physischen und psychischen Auswirkungen eine klare Abgrenzung
im Unrechtsgehalt erschwert erscheint (vgl. Erwägung IV. 3.7 hievor). Der Grad
des Verschuldens würde eine Busse im obersten Drittel des Bussenrahmens
rechtfertigten.
Zu den finanziellen Verhältnissen des Beschuldigten ergibt sich, dass er
einerseits einige Schulden hat, anderseits aber leistungsfähig und seit der Haft-
entlassung auch wieder berufstätig ist und keine Unterhaltspflichten hat. Es kann
daher nicht von knappen finanziellen Verhältnissen die Rede. Anderseits ist vor-
liegend eine mehrjährige Freiheitsstrafe auszusprechen. Unter diesen Umständen
und aufgrund der Schwere des Verschuldens erscheint für die Tätlichkeiten eine
Busse von Fr. 2'000.-- angemessen.
5. Ergebnis Sanktion
In Würdigung aller genannten Strafzumessungsgründe erscheint eine Freiheits-
strafe von 5 3⁄4 Jahren sowie eine Busse von Fr. 2'000.-- dem Verschulden und
den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten angemessen. Die ausgestan-
dene Haft von 365 Tagen – 3. Dezember 2009 bis 2. Dezember 2010 – ist
gemäss Art. 51 StGB auf diese Strafe anzurechnen.
Ein bedingter oder teilbedingter Vollzug der ausgefällten Freiheitsstrafe ist bereits
aus objektiven Gründen nicht möglich, da der Beschuldigte zu einer Freiheits-
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strafe von mehr als 36 Monaten zu verurteilen ist (Art. 42 Abs. 1 und Art. 43
Abs. 1 StGB).
Die Busse ist zu bezahlen (Art. 105 Abs. 1 StGB). Bezahlt der Beschuldigte die
Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle – bei einem Umwandlungssatz von
Fr. 100.-- – eine Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen (Art. 106 Abs. 2 StGB).
V. Zivilansprüche
1. Schadenersatz
Die Vorinstanz hat die Parteistandpunkte korrekt dargestellt, mit zutreffender
Begründung die Voraussetzungen der Schadenersatzpflicht bejaht und ist zum
richtigen Ergebnis gelangt: dass eine abschliessende Beurteilung der Höhe des
Schadens zur Zeit noch nicht möglich ist (Urk. 80 S. 117-119; Art. 82 Abs. 4
StPO). Da die Privatklägerin zudem nur die Feststellung der Schadenersatzpflicht
dem Grundsatze nach beantragt und somit auf ihr Recht auf die abschliessende
gerichtliche Beurteilung gemäss Art. 126 Abs. 4 StPO verzichtet hat, ist die Scha-
denersatzpflicht antragsgemäss und mit der Vorinstanz nur dem Grundsatz nach
festzustellen und die Privatklägerin ist zur genauen Feststellung des Umfangs des
Schadenersatzanspruches auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
2. Genugtuung
2.1 Die Privatklägerin hat vor Vorinstanz einen Genugtuung von Fr. 20'000.--
beantragt. Die Vorinstanz hat der Privatklägerin eine Genugtuung in der Höhe von
Fr. 12'000.-- zugesprochen und die Forderung im Mehrbetrag abgewiesen.
2.2 Die Voraussetzungen betreffend Anspruch auf Leistung einer Genugtuung
sowie die Bemessungskriterien zur Höhe dieser Leistung finden sich im angefoch-
tenen Urteil (Urk. 80 S. 120; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Nach zu teilender Auffassung der Vorinstanz hat der Beschuldigte widerrechtlich
und schuldhaft in die psychische und physische Integrität der Privatklägerin
eingegriffen, sie dadurch in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt und ihr seelische
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Unbill zugefügt. Im Weitern stützte sich die Vorinstanz auf die Ausführungen der
Psychotherapeutin Dr. phil. AH._ vom 21. Juni 2011, bei welcher die Privat-
klägerin damals seit 10 Monaten in Behandlung stand. Diese führte zum psychi-
schen Zustand ihrer Patientin aus, sie leide aufgrund häuslicher Gewalt und se-
xueller Vergewaltigung durch ihren ehemaligen Partner, den Beschuldigten, an
einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung. Dieses Leiden äussere
sich trotz Bearbeitung der traumatischen Erinnerungen anhaltend durch
depressive Verstimmung, erhöhte Schreckhaftigkeit, erhöhtes allgemeines
Ängstlichkeitsniveau, Panikattacken, Nachhallerinnerungen und flash-backs, eine
massive Einbusse an Selbstvertrauen und Selbstsicherheit sowie massive Schlaf-
störungen. Mit der Vorinstanz sind diese Angaben der Fachperson als glaubhaft
und überzeugend einzustufen (Urk. 39). Ferner führte die Vorinstanz zu Recht
aus, die Übergriffe gegenüber der Privatklägerin hätten zumeist in ihren eigenen
vier Wänden, einem Ort scheinbarer Sicherheit, durch ihren Partner, welchem sie
hätte vertrauen können sollen, stattgefunden. Die psychischen Probleme der
Privatklägerin, die sie heute noch habe (Urk. 39; Urk. 56 S. 2), seien auf die
Übergriffe des Beschuldigten zurückzuführen. Auch bleibe zu berücksichtigen,
dass die Übergriffe über eine lange Dauer hinweg stattfanden, der Beschuldigte
ein gewaltintensives Umfeld aufgebaut habe, die Privatklägerin für den Beschul-
digten zu ihrer Familie den Kontakt abgebrochen und er ihre Abhängigkeit
ausgenützt habe. Die Vorfälle würden objektiv eine erhebliche Verletzung der
Persönlichkeitsrechte und der psychischen, physischen und sexuellen Integrität
der Privatklägerin darstellen.
2.3 Wenn die Vorinstanz in Anbetracht der gesamten Umstände und in Berück-
sichtigung der Gerichtspraxis (vgl. Hütte/Duksch/Guererro, Die Genugtuung,
3. Auflage, Zürich 1999, z.B. 0/6 3.4;I/9 99) die Genugtuung auf Fr. 12'000.--
festsetzte, ist das angemessen und ohne Weiteres zu bestätigen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Bei diesem Verfahrensausgang ist die vorinstanzliche Kostenregelung zu
bestätigen (Dispositiv Ziffer 9).
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2. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Das Unterliegen der
Staatsanwaltschaft (Freispruch statt Schuldspruch beim ND) ist gegenüber dem
Unterliegen des Beschuldigten derart gering, dass sich eine Kostenaufteilung
nicht rechtfertigt. Die Kosten des Berufungsverfahrens, ausgenommen diejenigen
der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Verbeiständung der Privat-
klägerin, sind daher dem Beschuldigten aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die
Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Verbeiständung der
Privatklägerin sind auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Rückzahlungspflicht
gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt vorbehalten (Art. 138 Abs. 1 StPO; Art. 422
Abs. 2 lit. a StPO).
3. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 6'000.--. festzu-
setzen.