Decision ID: 464c3a57-5c65-4ef5-8e46-63ad69a7178a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 25. Mai 2022 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte,
dass das SEM mit Verfügung vom 7. September 2022 – eröffnet am
8. September 2022 – in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR
142.31) auf das Asylgesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz
nach Italien anordnete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz
spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen,
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwer-
deführer verfügte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 11. September 2022 gegen
diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob,
dass er in seiner Formularbeschwerde beantragte, der Entscheid des SEM
sei aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm
Asyl zu gewähren, es sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung
unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei, und es sei die vorläufige Auf-
nahme anzuordnen,
dass er ferner in verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte, es sei die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses zu verzichten und ein amtlicher Rechtsbeistand einzusetzen;
eventuell sei die aufschiebende Wirkung wiederherzustellen,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
12. September Juli 2022 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109
Abs. 3 AsylG),

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
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dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1‒3 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.),
dass die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und der Ge-
währung von Asyl demgegenüber nicht Gegenstand des angefochtenen
Nichteintretensentscheides und damit auch nicht des vorliegenden Verfah-
rens bilden, weshalb auf die entsprechenden Beschwerdeanträge nicht
einzutreten ist,
dass der Beschwerdeführer in seiner Eingabe vom 11. September 2022
zwar nicht formell, jedoch sinngemäss beantragt, es sei auf sein Asylge-
such einzutreten und dieses in der Schweiz zu prüfen,
dass somit im Übrigen auf die fristgerecht und als formgerecht zu betrach-
tende Beschwerde einzutreten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass der angefochtene Entscheid in Italienisch redigiert wurde, die Anträge
der Formularbeschwerde jedoch in französischer Sprache und die Be-
schwerdebegründung in deutscher Sprache verfasst sind, weshalb das Be-
schwerdeverfahren in deutscher Sprache geführt wird (vgl. Art. 33a Abs. 2
VwVG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
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dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass diesbezüglich die Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist,
(nachfolgend: Dublin-III-VO) zur Anwendung kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ein-
geleitet wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt
wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden sind, und dabei von der Situ-
ation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen ist, in dem der Asylsuchende
erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO),
dass im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back)
demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach
Kapitel III stattfindet (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1
m.w.H.)
dass gestützt auf das Ergebnis des Abgleichs der Fingerabdrücke (Euro-
dac-Datenbank) feststeht, dass der Beschwerdeführer am 15. Mai 2022 in
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Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten einreiste, was von
ihm im Übrigen auch nicht bestritten wird,
dass das SEM am 27. Mai 2022 die italienischen Behörden um Übernahme
des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO ersuchte,
dass diese das Übernahmeersuchen innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-
VO vorgesehenen Frist unbeantwortet liessen, womit sie die Zuständigkeit
Italiens implizit anerkannten (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass die grundsätzliche Zuständigkeit von Italien somit gegeben ist,
dass das Bundesverwaltungsgericht in ständiger Rechtsprechung davon
ausgeht, dass das italienische Asylverfahren und die Aufnahmebedingun-
gen für Asylsuchende – trotz punktueller Schwachstellen – keine systemi-
schen Mängel aufweisen, die die Gefahr einer unmenschlichen oder ent-
würdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der Charta der Grund-
rechte der Europäischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grund-
rechtecharta) mit sich bringen würden (vgl. die Referenzurteile des BVGer
D-4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10, F-6330/2020 vom 18. Oktober
2021 E. 9.1 und E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3),
dass unter diesen Umständen die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO nicht gerechtfertigt ist,
dass der Beschwerdeführer in seiner Eingabe vom 11. September 2022
geltend macht, er habe in Italien kein Asylgesuch stellen, sondern zu sei-
nem Bruder B._ in die Schweiz kommen wollen,
dass das SEM zutreffend festgehalten hat, dass der Wunsch des Be-
schwerdeführers nach einem Verbleib in der Schweiz an der Zuständigkeit
Italiens nichts zu ändern vermag, zumal die Dublin-III-VO den Schutzsu-
chenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber zu
bestimmen (vgl. BVGE 2010/45),
dass im Übrigen festzuhalten ist, dass ein Bruder nicht als Familienange-
höriger von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gilt und auch nicht ersichtlich ist, in-
wiefern ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis gemäss Art. 16 Dublin-III-
VO zu diesem Bruder bestehen soll, zumal der Beschwerdeführer ihn an
der Personalienaufnahme vom (...) nicht erwähnt hatte (vgl. SEM act. [...]-
http://links.weblaw.ch/
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13/9, Ziff. 3.01), weshalb der Beschwerdeführer aus der angeblichen An-
wesenheit eines Bruders in der Schweiz hinsichtlich der Frage der Zustän-
digkeit für sein Asylverfahren nichts zu seinen Gunsten ableiten kann,
dass jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen kann,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO),
dass dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht im Landesrecht durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
konkretisiert wird und das SEM das Asylgesuch gemäss dieser Bestim-
mung "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür
gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre,
dass den Akten keine Gründe für die Annahme zu entnehmen sind, Italien
werde dem Beschwerdeführer gegenüber den Grundsatz des Non-Refou-
lement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein
Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1
AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein
solches Land gezwungen zu werden,
dass der Beschwerdeführer weiter kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan hat, die italienischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzu-
nehmen, seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Re-
geln der Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrens-
richtlinie) zu prüfen,
dass der Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs vom (...) an-
gegeben hat, keine körperlichen Probleme zu haben, aber an psychischen
Problemen und einem Blutproblem aus seiner Zeit in Afghanistan zu leiden
(vgl. SEM act. [...]-16/2),
dass das SEM diesbezüglich zu Recht festhielt, der Beschwerdeführer
habe während des mehr als dreimonatigen Aufenthalts in der Schweiz we-
der nennenswerte medizinische Probleme noch eine besondere laufende
Behandlung gehabt und es sich bei ihm um einen jungen Mann bei guter
Gesundheit handle,
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dass der Beschwerdeführer auch in seiner Beschwerde keine gesundheit-
lichen Probleme geltend macht, die einer Überstellung nach Italien allen-
falls entgegenstehen könnten,
dass zudem keine Anhaltspunkte vorliegen, die darauf hinweisen, dem Be-
schwerdeführer würden in Italien allenfalls nötige medizinische Dienstleis-
tungen verweigert, zumal die Mitgliedstaaten den Antragstellern gemäss
Art. 19 Abs. 1 der Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) die erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die
Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankhei-
ten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich machen
müssen, und den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen die erforder-
liche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich erforderlichenfalls
einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren haben (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie),
dass sich der Beschwerdeführer somit an die zuständigen Behörden vor
Ort wenden und die ihm zustehenden Dienstleistungen notfalls auf dem
Rechtsweg einfordern könnte (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie),
dass im Übrigen auf die zutreffenden Erwägungen des SEM in der ange-
fochtenen Verfügung zu verweisen ist,
dass die Schweiz daher völkerrechtlich nicht verpflichtet ist, gestützt auf
Art. 17 Dublin-III-VO auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutre-
ten, und auch keine Anhaltspunkte vorliegen, die darauf hindeuten, dass
das SEM vom Selbsteintrittsrecht aus humanitären Gründen gemäss
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 infolge einer gesetzeswidrigen Ermessensaus-
übung zu Unrecht keinen Gebrauch gemacht hat, weshalb diesbezüglich
auf weitere Erörterungen verzichtet werden kann (vgl. BVGE 2015/9
E. 7 f.),
dass das SEM demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist und
– weil er nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungs-
bewilligung ist – in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach
Italien angeordnet hat (Art. 32 Bst. a AsylV 1),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen ist, soweit auf diese
einzutreten ist,
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dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung und
das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses als
gegenstandslos erweisen,
dass das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
amtlichen Verbeiständung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG nicht
erfüllt sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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