Decision ID: 648b97d6-8f47-5b2f-ab24-5539914a6dab
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Tschetschene mit letztem Wohnsitz in
B._ (Rayon C._/Tschetschenien) suchte am 8. August 2016
(zusammen mit seiner Ehefrau D._ und drei gemeinsamen Kin-
dern) erstmals in der Schweiz um Asyl nach. Die Abklärungen des SEM
(Abfrage der Eurodac-Datenbank) ergaben, dass er bereits in Frankreich
um Asyl nachgesucht hatte. Am 15. August 2016 führte das SEM mit ihm
die Befragung zur Person (BzP) durch und gewährte ihm das rechtliche
Gehör zur allfälligen Zuständigkeit Frankreichs für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens. Er erklärte, Frankreich habe sein Asyl-
gesuch abgelehnt und werde ihn nach Russland zurückschaffen, wo er ge-
tötet werde. Man habe ihm und seiner Familie in Frankreich eine Unterkunft
verweigert und sie hätten auf der Strasse leben müssen.
A.b Das SEM trat mit Verfügung vom 30. August 2016 in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch nicht ein, und
verfügte die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz nach
Frankreich. Es forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ab-
lauf der Beschwerdefrist zu verlassen.
A.c Mit Urteil D-5484/2016 vom 19. September 2016 wies das Bundesver-
waltungsgericht eine gegen diese Verfügung gerichtete Beschwerde vom
9. September 2016 ab.
A.d Am 11. Januar 2017 wurde der Beschwerdeführer zusammen mit sei-
ner Familie nach Frankreich zurückgeführt.
B.
B.a Mit durch seine Rechtsvertreterin eingereichter Eingabe vom 22. Au-
gust 2017 stellte der Beschwerdeführer ein zweites Asylgesuch in der
Schweiz und beantragte, auf dieses sei einzutreten (Selbsteintrittsrecht).
Das Asylgesuch sei in der Schweiz zu prüfen und es sei ihm hier Asyl zu
gewähren.
B.b Mit Verfügung vom 25. September 2017 trat das SEM in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das (zweite) Asylgesuch nicht ein und
verfügte die Überstellung nach Frankreich, welches gemäss der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
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des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), zuständig sei.
B.c Das Bundesverwaltungsgericht hiess die durch die Rechtsvertreterin
des Beschwerdeführers eingereichte Beschwerde vom 5. Oktober 2017
mit Urteil D-5698/2018 vom 6. März 2018 gut, hob die Verfügung vom
25. September 2017 auf und wies das SEM an, sich für das Asylverfahren
des Beschwerdeführers zuständig zu erklären und sein Asylgesuch zu be-
handeln.
C.
C.a Die Rechtsvertreterin teilte dem SEM mit Schreiben vom 16. April 2018
mit, ihr Mandant spreche nur dürftig Russisch. Er könne sich über leichte
Inhalte fliessend, wenn auch nicht grammatikalisch korrekt unterhalten.
Tiefergehende Gespräche, technische Fachbegriffe, präzise Beschreibun-
gen könne er auf Russisch nicht wiedergeben. Komplizierte Sätze und
Fachvokabular überforderten ihn. Deshalb sei es angezeigt, ihn unter Bei-
ziehung einer tschetschenisch-sprachigen Dolmetscherin anzuhören.
C.b Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 25. April 2018 (in russischer
Sprache) zu seinen Asylgründen an. Nach seiner gesundheitlichen Verfas-
sung gefragt, sagte er, er habe ein sehr schlechtes Gedächtnis, weil er oft
auf den Kopf geschlagen worden sei. Hinsichtlich seiner Asylgründe
machte im Wesentlichen geltend, er habe mit seinem eigenen (...) Trans-
porte durchgeführt. Am 15. August 2014 seien Personen von den Spezial-
diensten (Leute mit schwarzen Masken) frühmorgens in sein Haus einge-
drungen. Sie hätten ihn geschlagen und gefragt, wo die Waffen seien. Sie
hätten ihn auf den Boden geworfen und weiterhin nach Waffen gefragt. Sie
hätten das Haus auf den Kopf gestellt, alles durchsucht und ihn mitgenom-
men. Sie hätten ihm einen Sack über den Kopf gestülpt und ihn zum Poli-
zeiposten seines Bezirks gefahren. Einige Stunden später sei er zu einem
anderen Posten gebracht worden. Er sei täglich verhört, geschlagen und
nach Waffen und Sprengstoff gefragt worden. Am dritten Tag hätten sie ihn
einem seiner Kunden gegenübergestellt, für den er zweimal (im Dezember
2013 und Januar 2014) Mandarinen nach Abchasien transportiert habe.
Dieser habe ausgesagt, dass er (der Beschwerdeführer) ihm 2010 Waffen
für einen Terrorakt (Sprengung eines Polizeipostens im September 2013)
geliefert habe. Sein Kunde habe schlecht ausgesehen; er habe versucht,
alles auf ihn abzuwälzen, in der Hoffnung, selbst freigelassen zu werden.
Nach der Gegenüberstellung hätten die Beamten ein paar Patronen auf
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den Tisch gelegt und gesagt, sie hätten diese bei ihm (dem Beschwerde-
führer) gefunden. Sie hätten ihm Papiere zur Unterschrift vorgelegt, er
habe sich jedoch geweigert, diese zu unterzeichnen. Danach hätten sie ihn
auf einen Metallstuhl gesetzt und ihm Stromschläge verabreicht, bis er das
Bewusstsein verloren habe. Danach sei er täglich verhört worden, wobei
man ihm vorgeworfen habe, er habe Waffen aus Abchasien transportiert.
Er habe gesagt, dies sei gar nicht möglich, da beim Grenzübergang alle
Waren geröntgt würden. Man habe ihm nicht geglaubt und verlangt, dass
er die Papiere unterschreibe. Am Morgen des 14. September 2014 sei er
von einem Aufseher aus der Zelle geholt worden. Dieser habe ihn an den
Stadtrand gefahren und dort aussteigen lassen. Er sei von zwei Freunden
abgeholt worden, die ihm gesagt hätten, man habe dem Aufseher 20'000
Dollar bezahlt. Sie hätten ihn zum Verwalter einer Moschee gebracht, der
ihn im Keller der Moschee versteckt habe. Am 20. September 2014 hätten
sie ihn nach Inguschetien gebracht, wo er von jemandem mit einem gros-
sen Lastwagen erwartet worden sei. Er sei nach Frankreich gebracht wor-
den, wo man ihn am 25. September 2014 bei einer Präfektur habe ausstei-
gen lassen. Seine Familie und seine Mutter seien noch zu Hause gewesen
und auch abgeholt und verhört worden. Seine beiden Söhne seien aus der
Schule gewiesen worden. Man habe sie gefragt, wo sich ihr Vater aufhalte.
Als sie abgeholt worden seien, habe man seiner Frau nicht erlaubt, Baby-
nahrung für die Kleine mitzunehmen. Im März oder April 2015 sei seine
Familie auch nach E._ gekommen. Sein Onkel habe seine Mutter
zu sich genommen; sie sei von dort immer wieder auf den Polizeiposten
gebracht und verhört worden. Am 8. Dezember 2016 seien sein Onkel und
seine Mutter abgeholt und verhört worden. Den Onkel habe man zwei Tage
später freigelassen. Wo die Mutter sich befinde, wisse man nicht. Sein On-
kel habe seiner in Frankreich lebenden Nichte (Schwester des Beschwer-
deführers) einmal gesagt, sie sollten ihn nicht mehr anrufen, weil er grosse
Probleme habe. Mitte Februar 2018 sei der Onkel von Spezialeinheiten ab-
geholt worden. Am 1. März 2018 sei seine Leiche zurückgebracht worden.
Zur Stützung seiner Vorbringen gab der Beschwerdeführer folgende Be-
weismittel ab: Schreiben seines Onkels, seiner Schwester, von Frau
F._ (Vertreterin einer Menschenrechtsorganisation) und von Freun-
den sowie Bestätigungen des Schwiegervaters, des Schwagers und von
Nachbarn.
C.c Am 19. September 2018 liess der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertreterin einen Farbfotoausdruck der Todesbescheinigung seines
Onkels einreichen.
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C.d Mit Schreiben vom 24. Januar 2020 forderte das SEM den Beschwer-
deführer zur Einreichung eines ärztlichen Berichts auf, sollte er immer noch
in medizinischer Behandlung sein.
C.e Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers teilte am 7. Februar
2020 mit, ihr Mandant sei trotz psychischer Belastung und ärztlicher Emp-
fehlungen nicht in Behandlung, sondern versuche, seiner Familie Halt zu
geben, indem er für diese da sei und gleichzeitig in einem Beschäftigungs-
programm arbeite.
D.
Mit Verfügung vom 23. März 2020 – eröffnet am 25. März 2020 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegwei-
sung aus der Schweiz. Zufolge derzeitiger Unzumutbarkeit des Vollzugs
der Wegweisung ordnete es die vorläufige Aufnahme des Beschwerdefüh-
rers an.
E.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 23. April 2020 liess der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben. In dieser wird beantragt, die Dispositivziffern 1 bis 3
der angefochtenen Verfügung seien aufzuheben und die Vorinstanz in An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers aufzufor-
dern, ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter seien die Ziffern 1 bis 3 der an-
gefochtenen Verfügung aufzuheben und die Sache sei zwecks vollständi-
ger und rechtsgenüglicher Erhebung, Bearbeitung und Würdigung des
Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Dem Beschwerdeführer
sei für das vorliegenden Verfahren die vollumgängliche unentgeltliche Pro-
zessführung, umfassend Erlass der Verfahrenskosten, Befreiung von der
Pflicht, einen Kostenvorschuss zu leisten, und Beiordnung eines qualifizier-
ten Rechtsbeistands zu gewähren. Die Beschwerde sei mit der gleichzeitig
erhobenen Beschwerde der Ehefrau und der Kinder des Beschwerdefüh-
rers koordiniert zu behandeln.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 27. April 2020 den Eingang
der Beschwerde.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.4 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
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Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM begründet seinen Entscheid damit, dass der Beschwerdefüh-
rer angegeben habe, die Personen des Spezialdienstes seien frühmorgens
gekommen, hätten ihn geschlagen und nach Waffen gefragt. Sie hätten
ihm einen Sack über den Kopf gestülpt und ihn mitgenommen, nachdem
sie das Haus durchsucht hätten. Auf Nachfrage habe er lediglich ergänzt,
die Frauen und Kinder hätten geweint. Damit fielen die Schilderungen zur
Mitnahme knapp und ohne persönlichen Bezug aus. Auch nach seinen Er-
innerungen und Reaktionen gefragt, habe er sich unsubstanziiert und ste-
reotyp geäussert, indem er gesagt habe, er habe geschlafen, es sei dunkel
und er sei schockiert gewesen. Er habe nicht annähernd sagen können,
wie viele Personen eingedrungen seien. Nach der Reaktion der Kinder ge-
fragt, habe er ausweichend von den Erlebnissen in Frankreich erzählt. Zur
einmonatigen Haft befragt, habe er angegeben, er sei jeden Tag verhört
und geschlagen worden. Bei einer einmonatigen Haftdauer wäre zu erwar-
ten, dass er detaillierter vom Haftalltag hätte erzählen können. Auch die
konkrete Frage nach den Haftbedingungen habe er oberflächlich und ste-
reotyp beantwortet. Einsilbig habe er die Räumlichkeiten im Gefängnis und
die Verhöre geschildert. Konkrete und detaillierte Ausführungen fehlten im
Bericht der Haft gänzlich, so dass nicht der Eindruck entstehe, er habe die
geltend gemachte Haft selbst erlebt. Damit werde der geltend gemachten
behördlichen Suche nach ihm und den geltend gemachten Problemen der
Familienmitglieder jegliche Grundlage entzogen. Die eingereichten Schrei-
ben von Freunden und Familienmitgliedern könnten daran nichts ändern,
zumal sie als Gefälligkeitsschreiben einzustufen seien.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, das SEM habe bei der Prü-
fung des Asylgesuchs formelle Fehler begangen, die zu einer Kassation
der Verfügung führen könnten. So fehle beim Anhörungsprotokoll vom
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25. April 2018 das Beiblatt «Unterschriftenblatt der Hilfswerksvertretung»
gemäss aArt. 30 Abs. 4 AsylG. Ohne dieses Blatt sei die Anhörung als un-
gültig zu werten. Das Gericht solle prüfen, ob sich ein solches Blatt in den
Akten finde, und dieses dem Beschwerdeführer zustellen. Ansonsten sei
das SEM anzuweisen, den Beschwerdeführer erneut zu befragen. Das
SEM habe im Verfahren bezüglich seiner Ehefrau in mehrfacher Hinsicht
gegen seine Amtspflichten verstossen. Im entsprechenden Beschwerde-
verfahren werde die Kassation beantragt. Im Hinblick auf die Einheit der
Familie wäre auch das vorliegende Verfahren zu kassieren, so dass für alle
Familienmitglieder einheitliche Entscheide getroffen werden könnten. An-
dernfalls wäre das Beschwerdeverfahren zu sistieren, bis die Vorinstanz
betreffend die Ehefrau und die Kinder erneut entschieden hätte. Dem Be-
schwerdeführer sei zu keinem Zeitpunkt vorgehalten worden, irgendwelche
Ausführungen seien zu wenig detailliert oder bildhaft ausgefallen. Davon
habe er erst mit dem Entscheid erfahren. Gemäss Qualitätskriterien des
SEM sei der asylsuchenden Person während der Anhörung Gelegenheit
zu bieten, zu Ungereimtheiten Stellung zu nehmen. Vorzuhalten sei na-
mentlich mangelnde Substanz. Dabei werde konsequent nachgefragt, falls
die Antworten die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen nicht aus-
räumten. Das SEM habe sich bei der Anhörung vom 25. April 2018 nicht
an die eigenen Vorgaben gehalten und damit das rechtliche Gehör des Be-
schwerdeführers und seine eigenen Grundsätze missachtet. Dies mache
es schwer, von einem fairen Verfahren zu sprechen, was wiederum eine
Kassation nahelege. Der Beschwerdeführer habe viele Beweismittel ein-
gereicht, die den von ihm geltend gemachten Sachverhalt bestätigten und
(teilweise) belegten. Das SEM habe die Beweismittel nicht gewürdigt, was
einen groben verfahrensrechtlichen Verstoss bedeute.
Die Anhörung des Beschwerdeführers habe vier Jahre nach den geltend
gemachten Vorfällen stattgefunden und er habe gesagt, er leide unter Ge-
dächtnisproblemen. Da seine Familie in psychiatrischer Behandlung sei,
nehme er keine solche in Anspruch, sondern versuche, stark zu sein. Seine
mangelnde Gewandtheit in der russischen Sprache erschwere es ihm, über
Details, Gefühlslagen und Ähnliches wortreich zu berichten. Leider ver-
pflichte das SEM alle Gesuchstellenden aus Tschetschenien, sich in der
erlernten Fremdsprache Russisch auszudrücken. Bei der Anhörung habe
er die Vorgeschichte und die Gegenüberstellung mit seinem Kunden in vie-
len Einzelheiten geschildert, wobei seine Ausführungen teilweise sprung-
haft ausgefallen und zahlreiche Realkennzeichen erkennbar seien. Auch
die folgenden Verhöre seien von ihm beschrieben worden, insbesondere
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seine Argumentation, dass ein Schmuggel von Waffen über den Grenzpos-
ten gar nicht möglich wäre. Seine Freilassung habe er konkret, detailliert
und schlüssig geschildert. Bei der erneuten Frage zum morgendlichen
Überfall sei der Beschwerdeführer – nach dem Verhalten seiner Kinder ge-
fragt – abgeschweift und habe über die Lebensbedingungen in Frankreich
berichtet. Er sei weiter dazu befragt und nicht etwa erneut aufgefordert
worden, den Überfall genauer zu schildern. Fragen zur Haft habe er eher
knapp beantwortet, er sei aber auf diesen Umstand nicht hingewiesen wor-
den. Die befragende Person habe vielmehr jeweils das Thema gewechselt
und sei seinem Erzählfluss gefolgt. Der Beschwerdeführer berichte kurz,
aber stets konkret auf die ihm gestellten Fragen, gelange aber nicht in eine
beschreibende Erzählweise, sondern antworte auf die verschiedenen, das
Thema wechselnden Fragen. Bei der Lektüre bekomme man das Gefühl,
es handle sich um ein in rascher Abfolge ablaufendes Frage- und Antwort-
spiel, bei dem immer wieder eine neue Frage angefügt werde. Gesamthaft
erschienen die Antworten in Bezug auf die geltend gemachten Verhöre und
die Haft schemenhaft oder ungenau, alle anderen Angaben fielen zwar
kurz, aber sehr konkret, widerspruchsfrei und schlüssig aus. Zudem deck-
ten sie sich mit den Aussagen im Verfahren in Frankreich, an der BzP und
mit denjenigen seiner Angehörigen (Befragung der Ehefrau sowie mit den
Ausführungen in den eingereichten Beweismitteln).
Zusammenfassend sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer und seine
Angehörigen schwer traumatisiert seien (von den traumatischen Erlebnis-
sen, vom Verschwinden der Mutter und dem Tod des Onkels). Die Befrag-
ten hätten ihr Fluchtgründe vollständig, gleichbleibend, schlüssig, konkret
und glaubhaft dargelegt. Die Ehefrau des Beschwerdeführers sei nur un-
vollständig befragt worden und die fluchtauslösenden Geschehnisse, die
zur Ausreise der Ehefrau und der Kinder geführt hätten, seien nicht eigen-
ständig geprüft worden und hätten keinen Eingang in die Würdigung der
Vorbringen des Beschwerdeführers gefunden. Eine Gesamtwürdigung al-
ler Sachverhaltsumstände sei nicht vorgenommen worden.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
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5.2 Einleitend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer vom SEM erst-
mals im April 2018 einlässlich zu seinen Asylgründen befragt wurde. Die
fluchtauslösenden Ereignisse lagen zu diesem Zeitpunkt bereits über drei-
einhalb Jahre zurück. Der Beschwerdeführer wies vor der Anhörung darauf
hin, dass seine Möglichkeiten, sich in russischer Sprache auszudrücken,
begrenzt seien, und gab zu Beginn der Anhörung zu bedenken, dass er
mehrmals auf den Kopf geschlagen worden sei, weshalb er unter Gedächt-
nisproblemen leide. Zudem musste er mit seiner Ehefrau und den drei Kin-
dern in Frankreich nachgewiesenermassen über längere Zeit hinweg «auf
der Strasse» leben, was bei allen Familienangehörigen zum Teil nachhal-
tige psychische Probleme (mit)verursachte (diese werden durch zahlreiche
bei den Akten liegenden ärztliche, psychiatrische und psychotherapeuti-
sche Berichte belegt). Auch wenn der Beschwerdeführer selbst sich aus
den von ihm genannten und nachvollziehbaren Gründen nicht in psychiat-
rische Behandlung begab, dürften die letzten Jahre seines Lebens bei ihm
nachhaltige Spuren in seiner psychischen Gesundheit hinterlassen haben.
Diesen Umständen hat das SEM bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit
der Vorbringen des Beschwerdeführers nicht erkennbar Rechnung getra-
gen.
5.3 Der Beschwerdeführer hat die Ereignisse des frühen Morgens des
15. August 2014 in freier Rede anschaulich dargelegt (vgl. SEM-act.
A23/21 S. 7). Gemäss seinen Schilderungen seien seine Angehörigen und
er von maskierten Leuten einer Spezialeinheit, die in ihr Haus eingedrun-
gen seien, aus dem Schlaf gerissen worden. Der Beschwerdeführer wurde
nach Waffen gefragt, geschlagen und ins Wohnzimmer gezerrt, das Haus
wurde durchsucht, Ehefrau, Mutter und Kinder schrien, kurz, es dürfte im
Haus ein Tohuwabohu geherrscht haben. Dies zu beschreiben ist dem Be-
schwerdeführer gemäss Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts
durchaus nachvollziehbar gelungen. Dass er auf Nachfrage hin, keine allzu
genaue Beschreibung der chaotischen Ereignisse wiedergab, hängt auch
damit zusammen, dass ihm nicht vermittelt wurde, worüber die befragende
Person gerne ausführlicher Bescheid gewusst hätte (vgl. SEM-act. A23/21
S. 11). In der Beschwerde wird zutreffend beschrieben, wie der Beschwer-
deführer über das Leben seiner Kinder in Frankreich berichtete, nachdem
er gesagt hatte, dass sie am Morgen des Überfalls geschrien hätten. Die
befragende Person stellte ihm in der Folge weitere Fragen zu den Ge-
schehnissen in Frankreich und kam auf das, was sie ursprünglich gefragt
hatte, nicht zurück (vgl. SEM-act. A23/21 S. 12). Dass der Beschwerdefüh-
rer nach Beantwortung der Frage, wie seine Kinder auf den morgendlichen
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Überfall reagiert hätten, ergänzend über das für die Kinder ebenso trauma-
tisierende Leben in Frankreich berichtete, ist menschlich durchaus nach-
vollziehbar und muss nicht dahingehend interpretiert werden, dass er der
ursprünglich gestellten Frage ausweichen wollte. Zu bedenken ist schliess-
lich, dass der Beschwerdeführer während des ganzen «Überfalls» unter
Schock stand, und dass dieser zum Zeitpunkt, als er ihn dem SEM schil-
derte, über dreieinhalb Jahre zurücklag.
Im Weiteren schilderte der Beschwerdeführer in freier Rede ausführlich,
wie er den Mann, der ihn bei den Behörden belastete «kennengelernt»
habe und welche Transporte er für ihn durchgeführt hatte. Die Gegenüber-
stellung mit ihm schilderte er zwar sprunghaft, aber insgesamt logisch
nachvollziehbar und in lebendiger Weise (vgl. SEM-act. A23/21 S. 8).
Ebenso vermittelte er das nachfolgende Verhör durch die Beamten und die
ihm verabreichten Stromstösse anschaulich, ohne irgendwelche erkennba-
ren Übertreibungen. Hinsichtlich der weiteren Befragungen, denen er un-
terzogen wurde, führte er aus, dass er den Beamten klar zu machen ver-
suchte, dass ein Schmuggel von Waffen aufgrund der strengen Kontrollen
am von ihm benutzten Grenzübergang nicht möglich gewesen wäre (vgl.
SEM-act. A23/21 S. 9). Dennoch hätten die Behörden ihm immer wieder
das Gleiche gesagt und verlangt, dass er vorbereitete Papiere unter-
zeichne.
Auch die Freilassung gegen Bestechung und die Reise nach Frankreich
schilderte der Beschwerdeführer anschaulich und er benannte die darin
verwickelten Personen namentlich, soweit sie ihm bekannt waren (vgl.
SEM-act A23/21 S. 9).
5.4 Dem Anhörungsprotokoll ist zu entnehmen, dass der Beschwerdefüh-
rer seine Vorbringen teilweise zwar sprunghaft schilderte, insgesamt aber
ein durchaus lebendiges Bild seiner Erlebnisse vermitteln konnte. Seine
Ausführungen waren von Emotionen geprägt – gemäss den Anmerkungen
im Protokoll weinte er mehrmals, gestikulierte, um sich besser verständlich
zu machen, atmete teilweise schwer und versuchte mit Geräuschen
(Schreien der Kinder, Verabreichung von Elektroschocks) und Zittern
(Elektroschocks) das Geschehene verständlich wiederzugeben (vgl. SEM-
act. A23/21 S. 7, S. 9, S. 11, S. 12 und S. 14). Des Weiteren gab er die mit
den Beamten geführten «Gespräche» und die Gegenüberstellung mit dem
ihn belastenden Kunden teilweise in direkter Rede wieder (vgl. SEM-act.
A23/21 S. 7 ff). Der Beschwerdeführer legte zu Beginn der Anhörung zu
den Fluchtgründen ausführlich dar, was ihn zur Ausreise bewogen habe,
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und er schilderte auch relativ eingehend, was nach seiner Ausreise ge-
schehen sei (vgl. SEM-act. A23/21 S. 7 bis 10). Die ihm nachfolgend ge-
stellten Fragen, beantwortete er teilweise zwar eher wortkarg, räumte aber
gleichzeitig ein, dass er gewisse Sachen nicht (genau) wisse oder verstehe
beziehungsweise, dass es sich teilweise um Vermutungen handle.
5.5 Der Beschwerdeführer legte bei der BzP vom 15. August 2016, die bei-
nahe zwei Jahre nach seiner Flucht stattfand, die Geschehnisse, die zu
derselben geführt hätten, im Wesentlichen übereinstimmend mit den Aus-
sagen, die er im April 2018 machte dar (vgl. SEM-act. A9/13 S. 8). Seine
Ehefrau schilderte die Vorkommnisse aus ihrer Sicht und gab Informatio-
nen wieder, die sie von ihm erhalten hatte (vgl. SEM-act. A10/11 S. 7). Auch
ihre Angaben stehen mit den Aussagen ihres Ehemannes im Einklang.
5.6 Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
von einem Kunden bei den tschetschenischen Behörden beschuldigt
wurde, Waffentransporte durchgeführt zu haben und an einem Sprengstoff-
anschlag beteiligt gewesen zu sein. In der Folge führten Angehörige einer
Spezialeinheit überfallartig eine Hausdurchsuchung durch, bei welcher der
Beschwerdeführer misshandelt wurde. Anschliessend wurde er inhaftiert,
mehrmals über die Waffentransporte und das Waffenversteck befragt und
dem Kunden, der ihn belastete, gegenübergestellt. Freunde des Be-
schwerdeführers konnten ihn ausfindig machen und einen Wächter durch
Bestechung dazu bewegen, ihn freizulassen. Das Bundesverwaltungsge-
richt verkennt nicht, dass die Schilderungen des Beschwerdeführers in ge-
wissen Teilen die wünschbare Tiefe vermissen lassen, gelangt indessen
nach einer Abwägung aller vorliegender Sachverhaltselemente zum
Schluss, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers insgesamt gesehen
glaubhaft sind.
6.
6.1 Entsprechend Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flüchtlings-
eigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nach-
teile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche im
Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen der
asylsuchenden Person gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmo-
tive drohen oder zugefügt worden sein. Weiter ist massgeblich, ob die gel-
tend gemachte Gefährdungslage noch aktuell ist. Geht die Verfolgung von
nichtstaatlichen Akteuren aus, ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer
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staatlichen Schutz beanspruchen kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 5., 2010/57
E. 2).
6.2 Angesichts der Aussagen des Beschwerdeführers ist davon auszuge-
hen, dass er von den tschetschenischen Behörden aufgrund einer Denun-
ziation als dem militanten politischen Widerstand zugehörig oder diesen
zumindest unterstützend eingestuft wurde. Auch wenn der Beschwerdefüh-
rer gegenüber den schweizerischen Asylbehörden versicherte, er habe mit
den ihm vorgeworfenen Waffentransporten und mit Anschlägen nichts zu
tun und sich nie in die politischen Vorgänge in seinem Heimatland einge-
mischt, wurden ihm die erlittenen Nachteile aufgrund politischer und damit
asylrechtlich relevanter Motive zugefügt. Die Misshandlungen und der Frei-
heitsentzug waren Eingriffe von asylrechtlich relevanter Intensität und sind
somit im Sinne des Gesetzes als ernsthafte, von staatlichen Akteuren aus-
gehende Nachteile zu werten. Somit ist von einer asylrelevanten Vorverfol-
gung des Beschwerdeführers auszugehen. Die einige Tage nach dem
«Freikauf» des Beschwerdeführers erfolgte Flucht aus Tschetschenien und
Russland steht zeitlich und sachlich in engem Kausalzusammenhang mit
der Verfolgung. Angesichts der geschilderten Sachlage kann davon ausge-
gangen werden, dass die heimatlichen Behörden nach wie vor an der Per-
son des Beschwerdeführers interessiert wären, wurde er doch gemäss
überwiegend glaubhaften Aussagen gegen Bestechung freigelassen und
nicht aufgrund erwiesener oder angenommener Unschuld. In Anbetracht
der glaubhaften Fluchtgründe und der allgemeinen Lage im Heimatland ist
das Vorliegen einer subjektiv begründeten Furcht vor zukünftiger Verfol-
gung bei objektiver Betrachtung zu bejahen, zumal die Schwelle zur An-
nahme begründeter Furcht bei Personen, die – wie der Beschwerdeführer
– bereits Opfer von Verfolgung geworden waren, herabgesetzt ist (vgl.
BVGE 2010/9 E. 5.2).
6.3 Eine Schutzalternative innerhalb der Russischen Föderation steht dem
Beschwerdeführer nicht offen. Eine wirksame Schutzgewährung erscheint
insbesondere dann nicht gegeben, wenn die betroffene Person in ihrer Hei-
matregion unmittelbar staatlich verfolgt wurde, da ein Wegzug in einen an-
deren Landesteil solche Nachstellungen regelmässig nicht effektiv zu un-
terbinden vermag (vgl. zum tschetschenischen Kontext: Urteile des BVGer
D-1658/2015 und D-1660/2015 vom 29. März 2016 E. 5.6 sowie D-
7054/2014 und D-7056/2014 vom 22. April 2015 E. 5.5 m.w.H, als Refe-
renzurteile publiziert). Dies trifft auch auf den vorliegenden Fall zu, zumal
die Verfolgung des Beschwerdeführers unmittelbar staatlichen Organen
zuzurechnen ist.
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7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlings-
eigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Da den Akten keine Hinweise
zu entnehmen sind, die auf das Vorliegen von Ausschlussgründen (Art. 53
AsylG) hindeuten, ist ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren (vgl. Art. 49
AsylG). Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die angefochtene Ver-
fügung vom 23. März 2020 aufzuheben, der Beschwerdeführer als Flücht-
ling anzuerkennen und das SEM anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
8.
Durch den direkten Entscheid in der Hauptsache wird der Antrag auf Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Dadurch wird der Antrag auf Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ebenfalls ge-
genstandslos.
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Ausgangs des
Verfahrens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen
Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung von insgesamt Fr. 900.– zuzusprechen.
9.3 In der Beschwerde wird beantragt, es sei dem Beschwerdeführer die
unentgeltliche Prozessführung inklusive Beiordnung eines qualifizierten
Rechtsbeistands zu gewähren. Die Voraussetzungen für eine amtliche Ver-
beiständung gemäss aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG wären vorliegend ge-
geben. Eine öffentlich-rechtliche Entschädigung für eine als amtlicher
Rechtsbeistand beigeordnete Person fällt jedoch lediglich subsidiär in Be-
tracht für den Fall, dass keine Parteientschädigung zugesprochen wird.
Letzteres ist vorliegend nicht der Fall (vgl. E. 9.2). Das Gesuch um Beiord-
nung eines Rechtsbeistandes erweist sich folglich als gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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