Decision ID: 35b1b4cf-d296-550c-93b0-880c584fd8d7
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im November 2018 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu
einer Altersrente der AHV an (EL-act. 24). Ihr Ehemann (Jahrgang 1959) hatte sich
bereits im November 2016 bei der IV-Stelle zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet (act. G 3.2.1). Gemäss einem Bericht des Spitals
Linth vom 30. Oktober 2018 (act. G 3.2.125) litt er an einer coronaren Drei-
Gefässerkrankung mit einer Hauptstammbeteiligung, an Thoraxwandschmerzen sowie
an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. Der berichterstattende Kardiologe
hatte aus rein kardiologischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestiert.
Mit einer Verfügung vom 21. Dezember 2018 sistierte die EL-Durchführungsstelle das
Verwaltungsverfahren betreffend einen allfälligen EL-Anspruch der EL-Ansprecherin bis
zum Abschluss des IV-Rentenverfahrens betreffend den Ehemann (EL-act. 14). Zur
Begründung führte sie aus, sie könne das Gesuch um Ergänzungsleistungen nicht
abschliessend prüfen, bevor das IV-Rentenverfahren abgeschlossen sei. Am 18. März
2019 liess die nun anwaltlich vertretene EL-Ansprecherin geltend machen (EL-act. 12),
die EL-Durchführungsstelle sei verpflichtet, den Gesundheitszustand des Ehemannes
selbst zu beurteilen. Sie dürfe sich nicht auf Entscheide eines anderen
Sozialversicherers abstützen. Die EL-Durchführungsstelle wies die EL-Ansprecherin am
25. März 2019 darauf hin, dass sie das Verfahren mit einer Verfügung vom 21.
Dezember 2018 sistiert habe (EL-act. 11). Die EL-Ansprecherin liess am 28. März 2019
erneut geltend machen, dass die EL-Durchführungsstelle den Sachverhalt selbst
erheben müsse (EL-act. 9). Es bestehe kein Raum für eine Verfahrenssistierung,
A.a.
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weshalb das Verwaltungsverfahren nun fortgesetzt werden müsse. Am 12. April 2019
antwortete die EL-Durchführungsstelle, dass sie an ihrer rechtskräftigen
Sistierungsverfügung festhalte (EL-act. 8).
Bereits am 11. April 2019 hatte die EL-Ansprecherin geltend machen lassen (EL-
act. 7), dass die IV-Stelle mit einem Vorbescheid vom 5. März 2019 eine Abweisung
des Rentenbegehrens des Ehemannes angekündigt habe, weshalb nun kein
Sistierungsgrund mehr vorliege. Sollte die EL-Durchführungsstelle das
Verwaltungsverfahren nicht fortsetzen, müsse sie die Sistierung mit einer anfechtbaren
Verfügung anordnen. Am 18. April 2019 liess die EL-Ansprecherin erneut den Erlass
einer anfechtbaren Sistierungsverfügung verlangen (EL-act. 6). Am 7. Mai 2019 erliess
die EL-Durchführungsstelle eine Verfügung, mit der sie das Begehren der EL-
Ansprecherin um die Aufhebung der rechtskräftigen Sistierungsverfügung vom 21.
Dezember 2018 abwies und das Verwaltungsverfahren weiterhin bis zum
rechtskräftigen Abschluss des IV-Rentenverfahren betreffend den Ehemann der EL-
Ansprecherin sistiert hielt (EL-act. 5). Das Versicherungsgericht wies eine gegen diese
Verfügung erhobene Beschwerde vom 11. Juni 2019 mit einem Entscheid vom 30.
Oktober 2019 ab; auf die gleichzeitig erhobene Rechtsverweigerungsbeschwerde trat
es nicht ein (EL 2019/42). Zur Begründung führte es aus, der
Ergänzungsleistungsanspruch der EL-Ansprecherin hänge massgebend davon ab, ob
dem Ehemann eine Rente der Invalidenversicherung zugesprochen werde, da diese
rückwirkend ab dem allfälligen Anspruchsbeginn frankengenau bei der EL-
Anspruchsberechnung als anrechenbare Einnahme zu berücksichtigen wäre. Auch
weitere Positionen der EL-Anspruchsberechnung seien davon abhängig, ob dem
Ehemann eine Rente der Invalidenversicherung zugesprochen werde. Zudem wäre es
verfahrensökonomisch unsinnig, im EL-Verfahren genau dieselben medizinischen
Abklärungen wie im IV-Rentenverfahren durchzuführen. Ein solches Vorgehen würde
auch die Gefahr von sich teilweise widersprechenden Entscheidungen in sich bergen.
Zur berücksichtigen sei schliesslich, dass das EL-Verfahren insgesamt wohl länger
dauern würde, wenn die EL-Durchführungsstelle sich nicht auf die Ergebnisse der
medizinischen Abklärungen der IV-Stelle abstützen könnte. Jedenfalls könne über das
EL-Gesuch nicht entschieden werden, solange nicht der gesamte massgebende
Sachverhalt mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
A.b.
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B.
ermittelt worden sei. Ansonsten wäre der Art. 43 Abs. 1 ATSG verletzt. Die EL-
Durchführungsstelle habe das EL-Verfahren deshalb völlig zu Recht weiterhin bis zum
rechtskräftigen Abschluss des IV-Rentenverfahrens betreffend den Ehemann sistiert
gehalten. Die EL-Ansprecherin liess gegen diesen Entscheid des
Versicherungsgerichtes eine Beschwerde beim Bundesgericht erheben; das
bundesgerichtliche Beschwerdeverfahren ist noch hängig.
Am 5. Dezember 2018 (recte: 2019) liess die EL-Ansprecherin (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Rechtsverweigerungsbeschwerde beim Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte, es sei
festzustellen, dass die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin)
durch die Sistierung des Verwaltungsverfahrens eine Rechtsverweigerung begehe,
zudem seien die Sistierungsverfügung vom 7. Mai 2019 aufzuheben, das EL-Verfahren
anhand zu nehmen und die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen. Zur Begründung
führte er aus, er habe die Beschwerdegegnerin mit einem Schreiben vom 20.
September 2019 aufgefordert, das aktuelle Arbeitsunfähigkeitszeugnis des Ehemannes
wegen einer neu diagnostizierten Krebserkrankung zu berücksichtigen, mithin die
Sistierung des EL-Verfahrens aufzuheben und eine Revisionsverfügung zu erlassen.
Jenes Schreiben habe er in Kopie auch dem Versicherungsgericht zugestellt, doch
habe dieses in seinem Entscheid EL 2019/42 offen gelassen, ob es diese Akten im
Sinne einer Erweiterung des Streitgegenstandes berücksichtigt habe. Aus diesem
Grund sehe sich die Beschwerdeführerin veranlasst, „vorsorglich“ eine
Rechtsverweigerungsbeschwerde einzureichen. Da dem Ehemann der
Beschwerdeführerin kein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werden
dürfe, könne der Entscheid im ihn betreffenden IV-Rentenverfahren keine Rolle spielen.
Die Verfahrenssistierung erweise sich damit als eine unzulässige Rechtsverweigerung.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 8. Januar 2020 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie aus, die IV-Stelle habe am 9.
Dezember 2019 eine polydisziplinäre medizinische Begutachtung in Auftrag gegeben.
Der Gesundheitszustand des Ehemannes der Beschwerdeführerin sei also nach wie vor
nicht hinreichend abgeklärt. Damit blieben mehrere Positionen der EL-
B.b.
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Erwägungen
1.
Anspruchsberechnung weiterhin offen, weshalb nicht einmal eine provisorische
Berechnung durchgeführt werden könne.
Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 5).B.c.
Eine Rechtsverweigerungsbeschwerde kann gemäss dem Art. 56 Abs. 2 ATSG
erhoben werden, wenn der Versicherungsträger entgegen dem Begehren der
versicherten Person keine Verfügung erlässt. Der Sinn und Zweck der
Rechtsverweigerungsbeschwerde besteht also offenkundig darin, die versicherte
Person in die Lage zu versetzen, ein Handeln oder ein „Nicht-Handeln“ des
Versicherungsträgers auch ohne einen Anfechtungsgegenstand beschwerdeweise
beim zuständigen Versicherungsgericht anzufechten. Das entsprechende
Beschwerdeverfahren zielt darauf ab, den Versicherungsträger anzuhalten, der
versicherten Person möglichst rasch einen solchen Anfechtungsgegenstand zu
verschaffen, den diese dann mit einer „ordentlichen“ Beschwerde im Sinne des Art. 56
Abs. 1 ATSG anfechten kann.
1.1.
Aktuell ist beim Bundesgericht ein Beschwerdeverfahren betreffend den Entscheid
des Versicherungsgerichtes vom 30. Oktober 2019 (EL 2019/42) hängig, das die Frage
zum Gegenstand hat, ob die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 7. Mai 2019, mit
der diese ein Gesuch um Aufhebung der Verfahrenssistierung abgewiesen hatte,
rechtmässig gewesen ist. In jenem Verfahren ist allerdings – wie in jedem anderen
Rechtsmittelverfahren auch – nur der Sachverhalt bis zum Zeitpunkt des
Verfügungserlasses massgebend, denn würde der zeitlich massgebende Sachverhalt
auf die Zeit nach dem Verfügungserlass am 7. Mai 2019 ausgedehnt, würde sich der
Gegenstand des Beschwerdeverfahrens verändern. Das Beschwerdeverfahren würde
sich dann nämlich bezüglich des Zeitraums nach dem 7. Mai 2019 in ein Verfahren
verwandeln, das die erstmalige rechtliche Würdigung des entsprechenden
Sachverhaltes zum Gegenstand hätte, weil ja für den Zeitraum nach dem 7. Mai 2019
noch keine Verfügung existieren würde, die überprüft werden könnte. Würde also das
Bundesgericht in seinem noch zu erlassenden Urteil den gesamten Sachverhalt bis zur
Eröffnung seines Urteils würdigen, würde dieses Urteil für die Zeit bis zum 7. Mai 2019
ein „echter“ Beschwerdeentscheid, für die Zeit nach dem 7. Mai 2019 aber nichts
anderes als eine „verkleidete“ Verwaltungsverfügung sein, die von einer unzuständigen
Instanz erlassen würde. Das wäre offensichtlich gesetzwidrig. Folglich muss sich das
1.2.
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2.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Die obsiegende
Beschwerdeführerin hat einen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Der
erforderliche Vertretungsaufwand ist als minimal zu qualifizieren, da der massgebende
Sachverhalt dem Rechtsvertreter bestens bekannt gewesen ist und da sich die
juristische Argumentation im Wesentlichen auf eine Wiederholung der in der ersten
Beschwerde (EL 2019/42) vorgebrachten Argumente beschränkt hat. Die
hängige bundesgerichtliche Beschwerdeverfahren auf den Sachverhalt bis zum 7. Mai
2019 beschränken, was bedeutet, dass das Bundesgericht allfälligen
Sachverhaltsveränderungen nach dem 7. Mai 2019 nicht Rechnung trägt. Das
bedeutet, dass es der Beschwerdeführerin unbenommen gewesen ist, nach dem 7. Mai
2019 unter Hinweis auf eine zwischenzeitliche Sachverhaltsveränderung – noch
während des hängigen bundesgerichtlichen Beschwerdeverfahrens – erneut eine
Aufhebung der Verfahrenssistierung zu verlangen. Die Beschwerdegegnerin hätte das
entsprechende Gesuch vom 20. September 2019 förmlich behandeln, das heisst mit
einer weiteren Verfügung abweisen müssen. Da sie aber untätig geblieben ist und das
Gesuch vom 20. September 2019 ignoriert hat, hat sie der Beschwerdeführerin deren
Recht verweigert, als Antwort auf ihr Gesuch eine anfechtbare Verfügung zu erhalten.
Hierin ist eine Rechtsverweigerung zu erblicken, weshalb die am 5. Dezember 2019
erhobene Rechtsverweigerungsbeschwerde gutzuheissen ist.
Daran ändert der Umstand nichts, dass die von der Beschwerdeführerin geltend
gemachte Sachverhaltsveränderung – die Krebserkrankung des Ehemannes – wohl
keinen hinreichenden Grund für die Aufhebung der Verfahrenssistierung darstellen
dürfte, weil gemäss den Ausführungen des Versicherungsgerichtes im Entscheid EL
2019/42 erst der rechtskräftige Abschluss des IV-Rentenverfahrens die Aufhebung der
Verfahrenssistierung erlauben kann, denn der Entscheid EL 2019/42 des
Versicherungsgerichtes ist noch nicht rechtskräftig und damit noch nicht bindend. Das
Vorgehen der Beschwerdeführerin kann nicht als derart offensichtlich unsinnig
qualifiziert werden, dass es der Beschwerdegegnerin erlaubt gewesen wäre, das
erneute Begehren um die Aufhebung der Verfahrenssistierung zu ignorieren. Die
Beschwerdegegnerin hätte das erneute Gesuch um die Aufhebung der
Verfahrenssistierung also behandeln müssen. In Gutheissung der
Rechtsverweigerungsbeschwerde vom 5. Dezember 2019 ist sie aufzufordern,
unverzüglich über das erneute Gesuch um Aufhebung der Verfahrenssistierung zu
entscheiden, das heisst eine entsprechende verfahrensleitende Verfügung zu erlassen.
1.3.
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Parteientschädigung ist deshalb auf 500 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzusetzen.