Decision ID: 459c6bab-adca-4c26-9eb3-b6dfcdd7296a
Year: 2021
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._, geb. 1966, meldete sich am 5. April 2013 (Posteingang) aufgrund eines im Januar 2013
bei ihr diagnostizierten Brustkrebses resp. dessen Behandlung erstmals bei der Invalidenver-
sicherung zum Bezug von Hilfsmitteln an (IV-act. 1). Nach medizinischen Abklärungen erteilte
ihr die IV-Stelle Nidwalden mit Mitteilung vom 17. April 2013 Kostengutsprache für eine Perü-
cke oder einen anderen Haarersatz (IV-act. 7).
Am 22. August 2013 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf das Krebsleiden erneut
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (IV-act. 9). Die IV-Stelle Nidwalden tä-
tigte daraufhin Abklärungen in medizinischer und erwerblicher Hinsicht und holte die
erforderlichen Unterlagen ein. Auf Empfehlung des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) ver-
anlasste die IV-Stelle zudem eine polydisziplinäre Begutachtung der Versicherten durch die
B._ AG (Gutachten vom 11. Juni 2015; IV-act. 59) und liess eine Haushaltsabklärung vor Ort
durchführen (Haushaltsabklärungsbericht vom 14. Juli 2015; IV-act. 64). Gestützt auf die Er-
gebnisse ihrer Abklärungen stellte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 24. September 2015 die
Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht, wobei sie in Anwendung der gemischten Me-
thode mit den Anteilen 40% Erwerb und 60% Haushalt einen Invaliditätsgrad von 31% ermit-
telte (IV-act. 66). Nach durchgeführtem Einwandverfahren beabsichtigte die IV-Stelle offenbar
an ihrem Entscheid festzuhalten; die entsprechende Verfügung wurde jedoch nie erlassen, wie
die IV-Stelle im August 2018 feststellte (IV-act. 67-78).
In Anbetracht der durch die Versicherte geltend gemachten gesundheitlichen Verschlechte-
rung seit der Begutachtung durch die B._ AG und der seither verstrichenen Zeit sah sich die
IV-Stelle zu weiteren Abklärungen veranlasst. Sie holte insbesondere aktualisierte medizini-
sche Berichte ein (IV-act. 83 ff.) und beauftragte die B._ AG mit einem polydisziplinären Ver-
laufsgutachten, welches am 5. Dezember 2019 erstattet wurde (IV-act. 113). Gestützt auf ihre
Abklärungen und nach Rücksprache mit dem RAD stellte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom
6. Mai 2020 erneut die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (IV-act. 126). Sie er-
mittelte dabei wiederum in Anwendung der gemischten Methode, aber nunmehr mit den An-
teilen 65% Erwerb und 35% Haushalt, einen rentenausschliessenden Invaliditätsgrad von
34%. Dagegen erhob die Versicherte abermals Einwand (IV-act. 127). Am 19. August 2020
verfügte die IV-Stelle schliesslich dem Vorbescheid entsprechend und wies das Leistungsbe-
gehren ab (IV-act. 130).
3│24
B.
Gegen die Verfügung vom 19. August 2020 liess die Versicherte mit Eingabe vom 18. Sep-
tember 2020 Beschwerde erheben mit folgenden Anträgen (amtl. Bel. 1):
« 1. Die Verfügung vom 19.8.2020 sei aufzuheben.
2. Der Beschwerdeführerin sei eine ganze Rente auszurichten.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin.»
Der von der Verfahrensleitung eingeforderte Gerichtskostenvorschuss im Betrage von
Fr. 800.‒ wurde fristgerecht überwiesen (amtl. Bel. 2, 3).
C.
Mit Beschwerdeantwort vom 12. November 2020 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Be-
schwerde in allen Punkten, unter Kostenfolge zulasten der Beschwerdeführerin (amtl. Bel. 6).
Gleichzeitig überwies sie das Versichertendossier (IV-act. 1-130). Damit war der Rechtsschrif-
tenwechsel abgeschlossen (amtl. Bel. 7).
D.
Die Sozialversicherungsabteilung des Verwaltungsgerichts Nidwalden hat die vorliegende
Streitsache an ihrer Sitzung vom 22. März 2021 abschliessend beraten und beurteilt. Auf die
Vorbringen der Parteien in den Rechtsschriften wird, soweit für die Entscheidfindung erforder-
lich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem
Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Anfechtungsobjekt des vorlie-
genden Verfahrens bildet die Verfügung der IV-Stelle Nidwalden vom 19. August 2020, womit
die örtliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts Nidwalden gegeben ist. Sachlich zuständig
für die Beurteilung ist die Sozialversicherungsabteilung des Verwaltungsgerichts Nidwalden,
welche in Dreierbesetzung entscheidet (Art. 39 GerG i.V.m. Art. 33 Ziff. 2 GerG [NG 261.1]).
Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der angefochtenen Verfügung besonders berührt
und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung (Art. 59 ATSG [SR 830.1]). Sie ist
4│24
somit zur Beschwerde legitimiert. Nachdem auch Frist und Form (Art. 60 und Art. 61 lit. b
ATSG) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmög-
lichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zu-
dem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2
Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherte Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbs-
fähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein-
gliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a); während
eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig
(Art. 6 ATSG) gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid
(Art. 8 ATSG) sind (lit. c).
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% besteht Anspruch auf eine Viertelsrente, bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 60% auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
70% Anspruch auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
2.3
Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist Art. 16 ATSG anwend-
bar (Art. 28a Abs. 1 IVG). Danach wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Er-
werbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und Durchführung
der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zu-
mutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt
zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (all-
gemeine Methode des Einkommensvergleichs; Art. 16 ATSG). Bei nicht erwerbstätigen Versi-
cherten, die im Aufgabenbereich tätig sind und denen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
5│24
nicht zugemutet werden kann, wird für die Bemessung der Invalidität in Abweichung von
Art. 16 ATSG darauf abgestellt, in welchem Masse sie unfähig sind, sich im bisherigen Aufga-
benbereich zu betätigen (Betätigungsvergleich; Art. 28a Abs. 2 IVG).
Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig sind, wird für diesen Teil die Invalidität nach
Art. 16 ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich tätig, so wird die
Invalidität für diese Tätigkeit nach Art. 28a Abs. 2 IVG festgelegt. In diesem Falle sind der
Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und
der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu bemessen (gemischte Methode der Invaliditätsbe-
messung; Art. 28a Abs. 3 IVG).
2.4
Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
der versicherten Person ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen
angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen
haben. Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu
nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person ar-
beitsunfähig ist. Darüber hinaus bilden ärztliche Stellungnahmen eine wichtige Grundlage für
die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet
werden können (BGE 140 V 193 E. 3.2; 132 V 93 E. 4; 125 V 256 E. 4).
2.5
Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsprozess
gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen
Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle
Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu
entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen
Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden
medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu
würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere
medizinische These abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arzt-
berichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf
allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt-
nis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu-
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
6│24
Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE 143 V 124 E. 2.2.2; 134 V 231 E. 5.1;
125 V 351 E. 3a). Dennoch erachtet es die Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b; vgl. auch
BGE 135 V 465 E. 4.4 f.). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gut-
achten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen
und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung
der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweis-
kraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts
9C_847/2014 vom 25. März 2015 E. 2.2.1 mit Hinweisen). Den Berichten und Gutachten ver-
sicherungsinterner Fachpersonen kommt hingegen nicht derselbe Beweiswert. Sie sind aber
insoweit zu berücksichtigen, als nicht auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und
Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen bestehen (BGE 139 V 225
E. 5.2; 135 V 465 E. 4.7).
3.
3.1
Die IV-Stelle erwog in der angefochtenen Verfügung zusammengefasst, die medizinischen
Abklärungen hätten ergeben, dass die Beschwerdeführerin in ihrer angestammten Tätigkeit
als Raumpflegerin nicht mehr arbeitsfähig sei. Die Ausübung einer den Leiden angepassten
Tätigkeit sei ihr jedoch im Umfang von 50% möglich und zumutbar. Aufgrund der Abklärungen
sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall zu 65% im Erwerb
und zu 35% im Haushalt tätig wäre, wobei im Haushaltsbereich eine Einschränkung von 5%
zu berücksichtigen sei. In Anwendung der gemischten Methode ergebe sich ein rentenaus-
schliessender Invaliditätsgrad von 34%.
3.2
Die Beschwerdeführerin beanstandet zunächst, die IV-Stelle weiche in der angefochtenen Ver-
fügung ohne zwingende Gründe von der gutachterlich attestierten Arbeitsunfähigkeit ab. Im
Verlaufsgutachten vom 5. Dezember 2019 werde ihr nämlich eine Arbeitsunfähigkeit von 55%
attestiert, darauf sei abzustellen. Des Weiteren kritisiert die Beschwerdeführerin die Anwen-
dung der gemischten Methode zur Ermittlung des Invaliditätsgrades. Der Invaliditätsgrad sei
vielmehr anhand eines reinen Einkommensvergleichs zu ermitteln, da sie im Gesundheitsfall
7│24
eine Vollzeiterwerbstätigkeit ausüben würde. Eventualiter beanstandet sie die Haushaltsab-
klärung als nicht aussagekräftig. Die Umstände hätten sich seit der letzten Abklärung im Jahr
2015 erheblich verändert, weshalb sich diesbezüglich, sofern erforderlich, eine neue Abklä-
rung aufdränge. Abschliessend bemängelt die Beschwerdeführerin den Einkommensver-
gleich. Entgegen der Ansicht der IV-Stelle könne für die Bestimmung des Valideneinkommens
nicht auf die Tabellenlöhne abgestellt werden, sondern es sei ihr tatsächlicher Verdienst vor
Eintritt des Gesundheitsschadens beizuziehen. Bei der Bemessung des Invalideneinkommens
sei ferner ein Leidensabzug von 10% vorzunehmen. Auf diese Rügen wird im Folgenden ein-
zugehen sein.
4.
Die massgebliche medizinische Aktenlage präsentiert sich im Wesentlichen wie folgt:
4.1
Das polydisziplinäre Gutachten der B._ AG vom 11. Juni 2015 basiert auf Untersuchungen
in den Fachdisziplinen Allgemeine Innere Medizin, Onkologie, Pneumologie, Psychiatrie und
Psychotherapie sowie Rheumatologie (IV-act. 59 S. 3). In der interdisziplinären Gesamtbeur-
teilung stellten die Gutachter folgende Hauptdiagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(IV-act. 59 S. 33):
− Mittelgradige depressive Störung mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11)
− Multifokales invasiv duktales Mammakarzinom links, mit duktalem in situ Karzinom, Tumorstadium pTlb (m)
pN1a (2/22) MO LO VO G2 RO, ER95%, PR80%, Ki67 15-25%, HER2 nicht amplifiziert; Patientin zum Zeitpunkt
der Diagnosestellung prämenopausal und mit positiver Familienanamnese hinsichtlich Mammakarzinom
− Undifferenzierte Spondarthropathie, Erstmanifestation 2000: seronegative, HLA-B27-negative asymmetrische
Oligo- bis Polyarthritis, behandelt bisher mit Methotrexat, Arava, Salazopyrin, Huira, Remicade, Simponi
− St. n. Lungenembolie postpartal 2001
− Chronischer Erschöpfungszustand im Sinne einer tumorassoziierten Fatigue im Rahmen von Diagnose und
Therapie unter 1., mit Leitsymptomen Müdigkeit, Kraftlosigkeit, sowohl physischem als auch psychischem
Schweregefühl und herabgesetzter Schmerzresistenz
− Schmerzen nach körperlicher Belastung im linken Arm, im Rahmen von Diagnose und Therapie des Mamma-
Ca's.
− Chronisches, diffuses, generalisiertes Schmerzsyndrom bei/mit/nach:
- Wirbelsäulenfehlstatik (akzentuierte thorakale Kyphose mit Kopf- und Schulterprotraktion beidseits, leichte
Torsionsskoliose)
- initaler (Osteo-)Chondrose L4/5
- möglichen subacromialem Impingement der Schultern beideseits
- Verdacht auf Pincer-Impingement Hüften beidseits
8│24
- muskulärer Dysbalance und Insuffizienz
- Spreizfüssen beidseits
- aktenanamnestisch undifferenzierter HLA-B27-negativer, seronegativer Spondyloarthropathie
In ihrer Gesamtbeurteilung kamen die Gutachter zum Schluss, es bestehe eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Reinigungsfachfrau, wobei die onkologi-
sche und die rheumatologische Beurteilung bei dieser Einschätzung führend seien. In einer
angepassten Tätigkeit bestehe hingegen eine Arbeitsfähigkeit von 50%. Bei dieser Einschät-
zung stünden die onkologische und die psychiatrische Beurteilung im Vordergrund (IV-act. 59
S. 37 f.).
4.2
Die IV-Stelle legte das polydisziplinäre Gutachten ihrem beratenden RAD-Arzt Dr. med. C vor.
Mit Stellungnahme vom 29. Juni 2015 hielt er fest, die Einschätzung der Gutachter sei nicht in
allen Teilen über jeden Zweifel erhaben und erscheine zum Teil wenig nachvollziehbar. Die
polydisziplinäre Einschätzung einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tä-
tigkeit gehe einzig auf die subjektiven Angaben der Versicherten rund um die Müdigkeit zurück,
worauf die IV streng genommen nicht abzustellen hätte. Immerhin resultiere in der Gesamt-
schau eine Arbeitsfähigkeit von 50% in angepasster Tätigkeit, was angesichts aller Diagnosen
im Rahmen des Möglichen sei (IV-act. 61).
4.3
Der Hausarzt Dr. med. D._ gab in seinem Bericht vom 28. August 2018 an, es bestünden
chronische Rückenschmerzen, Arthritiden, chronischer Schwindel sowie depressive Symp-
tome. Ob bzw. inwiefern sich diese Beschwerden auf die Leistungsfähigkeit der Versicherten
auswirken, konnte der Hausarzt nicht beantworten (IV-act. 83).
4.4
Der behandelnde Rheumatologe Dr. E._, Facharzt FMH für Rheumatologie und Innere
Medizin, hielt in seinem Arztbericht vom 12. November 2018 fest, er habe die Versicherte seit
dem 28. August 2017 behandelt und letztmals anlässlich einer Kontrolle am 25. Mai 2018 ge-
sehen. Er habe keine Arbeitsunfähigkeit attestiert. Die Versicherte arbeite als selbständige
Reinigungsfachfrau in einem Pensum von ca. 50%. Sie leide wahrscheinlich an einer entzünd-
lichen Rückenkrankheit, die wegen der Mammakarzinomerkrankung derzeit nicht spezifisch
behandelt werden könne. Eine entsprechende Behandlung sei erst im Frühling 2019 möglich.
9│24
Die Beschwerden am Bewegungsapparat erklärten eine Arbeitsunfähigkeit von 50%. Im Früh-
ling habe die Patientin seines Erachtens eine zunehmende depressive Symptomatik entwi-
ckelt; sie habe sich seines Wissens in fachärztliche Behandlung begeben. Ob aufgrund der
depressiven Symptomatik eine zusätzliche Leistungseinschränkung bestehe, könne er nicht
beurteilen (IV-act. 86).
Auf entsprechende Anfrage bei der behandelnden Psychiaterin Dr. med. F._ teilte diese mit,
dass sie keinen verbindlichen Arztbericht verfassen könne, da die Versicherte sie lediglich
dreimal (letztmals im Juni 2018) konsultiert habe (IV-act. 87).
4.5
Die behandelnde Gynäkologin Dr. med. G._ nannte in ihrem Arztbericht vom 16. November
2018 zuhanden der IV-Stelle als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit das
Mamma-Ca links. Eine Arbeitsunfähigkeit hatte sie der Versicherten zuletzt vom 1. Dezember
2014 bis 31. Januar 2015 attestiert (IV-act. 89).
4.6
Dr. med. H._, Facharzt FMH für Rheumatologie, stellte in seinem Verlaufsbericht vom
12. Februar 2019 folgende Diagnosen (IV-act. 91 S. 2):
1. Axiale und periphere Spondarthropathie mit aktuell hochgradiger Arthritis und Tendovaginitis am PIPG 3 links
2. Multifokales Mammakarzinom links
3. Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion
4. Unklarer Schwindel
5. Densitometrisch Osteopenie
Zur Arbeitsfähigkeit äusserte sich der Rheumatologe im Rahmen seiner Eingabe vom 4. Au-
gust 2019 (IV-act. 101 S. 3 f.). Er hielt fest, in der angestammten Tätigkeit als Reinigungsfach-
frau bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. In einer angepassten Tätigkeit bestehe aus
rheumatologischer Sicht theoretisch in einer rein sitzenden, beobachtenden Tätigkeit eine Ar-
beitsfähigkeit von 50% mit einem zusätzlichen Pausenbedarf von 5 Minuten pro Stunde. Zur
Begründung führt er aus, dass aufgrund der Polyarthritis keine manuelle Tätigkeit zumutbar
sei. Aufgrund der möglichen Polyneuropathie mit gehäuften Stürzen (3-4 Mal im letzten Halb-
jahr) sei eine stehende oder gehende Arbeit nur mit Vorbehalt zumutbar. Abkauern, Kriechen,
Steigen auf Leitern und Gerüsten seien nicht zumutbar. Schwere und mittelschwere Tätigkei-
ten seien insgesamt aufgrund der Polyarthritis ausgeschlossen.
10│24
Der Rheumatologe hielt des Weiteren fest, dass im rheumatologischen Status vom 20. April
2015 keine Arthritiden beschrieben worden seien. Diese seien nun klar fassbarer und
sonographisch dokumentiert. Demnach sei eine gesundheitliche Verschlechterung eingetre-
ten. Im aktuellen MRI seien abermals keine Entzündungen festgestellt worden; diese seien
allerdings bereits im Jahr 2008 dokumentiert.
4.7
4.7.1
Die Ärzte der B._ AG erstatteten am 6. Dezember 2019 ein von der IV-Stelle beauftragtes
Verlaufsgutachten. Das Gutachten basiert auf Untersuchungen in den Fachdisziplinen Allge-
meine Innere Medizin, Onkologie, Pneumologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Rheumato-
logie sowie Neurologie (IV-act. 113 S. 2). Die Gutachter schlossen im Rahmen der interdiszip-
linären Gesamtbeurteilung auf folgende Hauptdiagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig-
keit (IV-act. 113 S. 5 f.):
− Tumor- und behandlungsassoziierte Fatigue (ICD-10: R53.0)
− Mammakarzinom, St. n. Tumorektomie links sowie Sentinel-Lymphknotenbiopsie links, St. n. adjuvanter Che-
motherapie, adjuvanter Strahlentherapie und adjuvanter antihormoneller Therapie (ICD-10: C50.9)
− Polyneuropathie, vermutlich Chemotherapie-induziert mit leichter Rumpfataxie (unter erschwerten Bedingun-
gen; ICD-10: G62.0)
− Periarthropathie der linken Schulter vorwiegend der Supraspinatussehne (ICD-10: M75.0)
− Anamnestisch undifferenzierte seronegative Spondarthropathie mit Symptomen seit 2005, aktuell lediglich
mässige Arthritis PIP Dig III links (Röntgen unauffällig, BSR und CRP normal; ICD-10: M45.0)
− leichte depressive Episode (ICD-10: F32.0)
− chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41)
4.7.2
In seinem psychiatrischen Teilgutachten führte Dr. med. I._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, aus, die Versicherte habe ab ca. 2013 mit der Brustkrebsdiagnose eine
depressive Episode entwickelt, welche sich bis heute vorhanden zeige. Im Unterschied zum
Gutachten vom Jahr 2015 sei jedoch aufgrund der Scheidungssituation eine ätiologische Ver-
schiebung für die störungsaufrechterhaltenden Aspekte bzw. psychosozialen Belastungen ein-
getreten. Hinsichtlich des Schweregrades zeige sich aktuell psychopathologisch eine leichte
depressive Episode, während damals im Jahr 2015 eine mittelgradige depressive Episode be-
standen habe. Aktuell sei allerdings die Schmerzsymptomatik psychiatrisch mit der eigenstän-
digen Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fakto-
ren diagnostisch einzuordnen (IV-act. 113 S. 19 ff.).
11│24
Gemäss Mini-ICF-APP zeige die Versicherte eine leichte Beeinträchtigung der Mobilitäts- und
Verkehrsfähigkeit, eine leichte Beeinträchtigung der Selbstpflege und Selbstversorgung sowie
eine leicht ausgeprägte Beeinträchtigung der Aspekte Proaktivität und Spontanität. Zudem be-
stehe subjektiv eine erhebliche Beeinträchtigung der Widerstands- und Durchhaltefähigkeit
sowie der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit (IV-act. 113 S. 21 f.).
Aus psychiatrischer Sicht ergebe sich sowohl in angestammter als auch in adaptiver Tätigkeit
eine Arbeitsfähigkeit von 70% (30% AUF), wobei die aktuelle Tätigkeit in der Reinigung auf-
grund der selbständigen Einteilung und Arbeitsgestaltung als optimal adaptierte Tätigkeit an-
gesehen werde (IV-act. 113 S. 23).
Aus psychiatrischer Sicht liege damit im Vergleich zum Gutachten vom Jahr 2015 eine Verän-
derung sowohl hinsichtlich der Symptomatik und Diagnostik als auch bezüglich der Einschät-
zung der Arbeitsfähigkeit vor, welche damals 50% betragen habe (IV-act. 113 S. 23).
4.7.3
Der rheumatologische Gutachter Dr. med. J._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und
Rheumatologie, hielt fest, dass sich die angestammte Tätigkeit als Raumpflegerin aufgrund
regelmässiger stärkerer Belastung von Hand-, Fingergelenken und Schulter aus rheumatolo-
gischer Sicht als ungünstig erweise. Für solche Tätigkeiten bestehe daher, wie im Vorgutach-
ten, eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 50%, bezogen auf eine Vollzeitbeschäfti-
gung. Für körperlich leichte bis gelegentlich mittelschwere Tätigkeiten ohne regelmässige Be-
lastungen der linken Schulter über der Horizontalen, ohne spezielle Kraftanforderungen der
Arme und Hände und ohne regelmässiges Knien oder Heben und Tragen von Lasten regel-
mässig über etwa 10 kg bestehe hingegen eine Arbeitsfähigkeit von 70% (30% AUF) bei etwas
verlangsamten Bewegungsabläufen und vermehrt benötigtem Pausenbedürfnis (IV-act. 113
S. 28 f.).
4.7.4
In pneumologischer Hinsicht finden sich gutachterlich keine Diagnosen oder Beschwerden mit
versicherungsmedizinischer Relevanz für die Arbeitsfähigkeit. Laut Dr. med. K._, Fachärztin
für Innere Medizin und Pneumologie, habe sich die Situation betreffend Asthma bronchiale im
Vergleich zum Jahr 2015 nicht gross verändert. Es sei einzig festzuhalten, dass die Arbeitsum-
gebung lufthygienisch einwandfrei sein sollte (IV-act. 113 S. 33 f.).
12│24
4.7.5
Im internistischen Teilgutachten werden ebenfalls keine Diagnosen oder Beschwerden mit ver-
sicherungsmedizinischer Relevanz für die Arbeitsfähigkeit gestellt. Es werden auch keine we-
sentlichen Veränderungen im Vergleich zum Gutachten vom Jahr 2015 beschrieben (IV-
act. 113 S. 42).
4.7.6
PD Dr. Dr. med. L._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Medizinische Onkologie, Hä-
matologie und Palliativmedizin, hielt in seinem onkologischen Teilgutachten im Wesentlichen
fest, dass bei der Versicherten gestützt auf die erhobenen Befunde weiterhin eine mittel- bis
schwergradig ausgeprägtes tumorassoziertes Fatigue-Syndrom bestehe. Im Unterschied zum
Gutachten vom Jahr 2015 seien bei der Versicherten inzwischen anamnestisch sämtliche
Symptome vorliegend, welche für die Diagnose einer tumorassoziierten Fatigue herangezo-
gen werden, was eine gesundheitliche Verschlechterung darstelle (IV-act. 113 S. 49; vgl. auch
IV-act. 59 S. 44 ff.). Insgesamt sei bedauerlicherweise eine Abnahme der Belastbarkeit im
Vergleich zum Jahr 2015 festzustellen, welche sich mit einer 5%-igen Minderung auf die Ar-
beits- und Erwerbsfähigkeit der Versicherten auswirke (IV-act. 113 S. 50).
Aus onkologischer Sicht bestehe in der angestammten Tätigkeit weiterhin eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit. In angepasster Tätigkeit werde eine Arbeitsfähigkeit von 45% (55% AUF)
als realisierbar eingeschätzt, womit im Vergleich zur gutachterlichen Einschätzung vom Jahr
2015 (50% AF) eine Reduktion um 5% vorliege. Diese ergebe sich wie folgt:
Die Versicherte könne seit 2017 nicht mehr wie früher 17 Stunden, sondern nur noch 15 Stun-
den pro Woche arbeiten. Dies entspreche einem Rückgang der Leistungsfähigkeit um 12%. In
Bezug auf die Arbeitsfähigkeit, welche von ihm damals mit 50% in adaptierter Tätigkeit veran-
schlagt worden sei, ergebe sich somit eine 6%-ige Reduktion der Arbeitsfähigkeit bezogen auf
das reduzierte Pensum. Mithin resultiere eine verbleibende Arbeitsfähigkeit von 45% in adap-
tierter Tätigkeit. Für adaptierte Tätigkeiten seien dabei aus onkologischer Sicht weiterhin fol-
gende Aspekte zu berücksichtigen: Die Versicherte müsse bei der Arbeit die Möglichkeit ha-
ben, sich mittels regelmässigen Pausen im Rahmen eines max. 4-stündigen Arbeitstages zwi-
schendurch ausruhen zu können. Es sei darauf zu achten, dass körperlich schwere Tätigkeiten
mit langem Stehen sowie das Heben und Tragen von schweren Lasten (über 10 kg Gewicht)
und Arbeiten über Kopf zu vermeiden seien (IV-act. 113 S. 51).
13│24
4.7.7
Dr. med. M._, Facharzt für Neurologie, führte in seinem Teilgutachten im Wesentlichen aus,
bei der Versicherten zeige sich als Folge einer partiellen peripheren Ataxie bei Polyneuropa-
thie eine Rumpfunsicherheit unter erschwerten Bedingungen, wobei die Rumpfsicherheit für
die Alltagsbedingungen gewährleistet erscheinen, sodass auch keine relevante Mobilitätsein-
busse bestehe. Aufgrund der Gesamtsituation vermeide die Versicherte allerdings längere
Autofahrten, fahre aber prinzipiell Auto. Aufgrund von Sturzangst fahre sie allerdings nicht
mehr Velo. Zudem fänden sich subjektive Beeinträchtigungen durch Kopfschmerzen, die aber
der Therapie zugänglich seien. Zusammenfassend entfallen neurologisch in der bisherigen
Tätigkeit (Reinigungskraft) alle Aufgaben mit der Überwindung von Höhendifferenzen, da eine
Sturzgefährdung besteht (IV-act. 113 S. 59).
Aus neurologischer Sicht zeige sich die bisherige Tätigkeit als Reinigungskraft bis auf Tätig-
keiten mit Überwindung von Höhendifferenzen aufgrund der Sturzgefährdung möglich, wobei
sich dabei eine Reduktion auf eine Arbeitsfähigkeit von 70% (30% AUF) ergebe. In einer an-
gepassten Tätigkeit mit Ausschluss von Tätigkeiten mit der Überwindung von Höhendifferen-
zen bestehe hingegen keine Limitation der Arbeitsfähigkeit, sodass von einer vollständigen
Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden könne (IV-act. 113 S. 59 f.).
4.7.8
Die Gutachter kamen im interdisziplinären Konsens zum Schluss, es bestehe eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Reinigungsfachfrau. In einer ange-
passten Tätigkeit bestehe hingegen eine Arbeitsfähigkeit von 45%. Diese Gesamteinschät-
zung der Arbeitsfähigkeit beruhe primär auf der onkologischen Beurteilung (55% AUF), die
sich prozentual führend gegenüber den anderen fachlichen Einschätzungen zeige. Diese
könnten nämlich nicht einfach zur onkologischen Arbeitsfähigkeitseinschätzung aufaddiert
werden, da symptomatische und funktionelle Überschneidungen zwischen den einzelnen
Fachgebieten bestünden. So finde sich die Fatigue-Symptomatik auch psychiatrisch in der
Depressionsdiagnose wieder und auch die Schmerzsymptomatik werde sowohl psychiatrisch
als auch rheumatologisch beschrieben bzw. berücksichtigt (IV-act. 113 S. 6 ff.).
4.8
Die IV-Stelle legte das polydisziplinäre Verlaufsgutachten wiederum dem beratenden RAD-
Arzt Dr. med. C._ vor. Dieser äusserte sich mit Stellungnahme vom 23. Dezember 2019 dazu
(IV-act. 115). Er hielt zusammenfassend fest, dass gemäss den Gutachtern die angestammte
Tätigkeit nicht mehr zumutbar sei, in alternativen Tätigkeiten hingegen eine Arbeitsfähigkeit
14│24
von 45% bestehe. Dies weiche nur minimal von der bisherigen Einschätzung ab. Die Diagno-
sen seien in etwa gleich wie im letzten Gutachten derselben Begutachtungsstelle vom Jahr
2015. Insgesamt sei das Gutachten zwar vollständig, jedoch seien die Schlussfolgerungen
nicht nachvollziehbar. Die graduelle Verschlechterung der Arbeitsfähigkeit um 5% werde rein
onkologisch begründet und sei kaum messbar. Aus psychiatrischer Sicht liege hingegen eine
Verbesserung der Arbeitsfähigkeit vor. Im Grossen und Ganzen handle es sich um den glei-
chen Sachverhalt wie 2015 und es lägen keine darstellbaren und nachvollziehbaren Verände-
rungen vor. Es handle sich somit lediglich um eine andere Beurteilung des gleichen medizini-
schen Sachverhaltes, weshalb weiterhin gestützt auf das Gutachten vom 11. Juni 2015 von
einer Arbeitsfähigkeit von 50% in einer angepassten Tätigkeit auszugehen sei.
5.
Unbestritten und gemäss vorliegender Aktenlage ausgewiesen ist, dass die Beschwerdefüh-
rerin in ihrer angestammten Tätigkeit als Reinigungsfachfrau vollständig arbeitsunfähig ist. Un-
einigkeit besteht hingegen bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätig-
keit.
5.1
Die IV-Stelle argumentiert im Wesentlichen gestützt auf die Stellungnahme des beratenden
RAD-Arztes vom 23. Dezember 2019, dass das Verlaufsgutachten vom 6. Dezember 2019
zwar vollständig sei, die darin gezogenen Schlussfolgerungen jedoch nicht nachvollziehbar
seien. Es handle sich im Grossen und Ganzen um eine andere Beurteilung des im Zeitpunkt
der letzten gutachterlichen Beurteilung im Jahr 2015 bereits vorgelegenen medizinischen
Sachlage, weshalb gestützt auf das damalige Gutachten weiterhin von einer 50%-igen
Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit auszugehen sei. Die Gutachter hätten
zudem Anzeichen für eine Symptomverdeutlichung bestätigt, welche im letzten Gutachten
noch nicht ausgewiesen gewesen sei und damit eine weitere Ursache für die abweichende
gutachterliche Einschätzung darstellen könnte. Es lägen folglich zwingende Gründe vor, die
eine Abweichung von der gutachterlichen Einschätzung rechtfertigten.
15│24
5.2
Die Beschwerdeführerin wendet dagegen ein, die Rentenberechnung müsse auf Grundlage
der gutachterlich attestierten Arbeitsfähigkeit von 45% erfolgen. Entgegen der Auffassung der
IV-Stelle lägen keine zwingenden Gründe vor, die eine von der Einschätzung der medizini-
schen Experten abweichende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit rechtfertigten.
5.3
Mit dem Verlaufsgutachten der B._ AG vom 6. Dezember 2019 liegt in medizinischer Hinsicht
eine umfassende interdisziplinäre Begutachtung vor, welche auf internistischen, onkologi-
schen, pneumologischen, psychiatrischen, rheumatologischen und neurologischen Untersu-
chungen durch entsprechend qualifizierte Fachärzte beruht. Das Gutachten wurde in Kenntnis
und in Auseinandersetzung mit den Vorakten abgegeben und berücksichtigt die von der Be-
schwerdeführerin angegebenen Beschwerden eingehend. Die medizinischen Zusammen-
hänge wurden sowohl bezüglich der somatischen als auch bezüglich der psychischen
Beschwerden im Einzelnen erläutert und die Beurteilung der medizinischen Situation schlüssig
dargelegt. Auch wurden die getroffenen Schlussfolgerungen ausführlich und nachvollziehbar
begründet. Schliesslich enthält das Gutachten auch eine zusammenfassende Konsensbeur-
teilung aller Gutachter. Einem solchen Gutachten ist grundsätzlich volle Beweiskraft zuzuer-
kennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl.
E. 2.5 vorstehend). Es stellt sich demnach die Frage, ob die Ausführungen der IV-Stelle und
des RAD-Arztes den Beweiswert des polydisziplinären Verlaufsgutachtens hinsichtlich der Ein-
schätzung der Arbeitsfähigkeit zu erschüttern vermögen. Dies ist nachfolgend zu prüfen.
5.4
Der RAD-Arzt hat die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung im Verlaufsgutachten als nicht nachvollzieh-
bar eingestuft. Er begründet dies im Wesentlichen damit, dass die graduelle Verschlechterung
der Arbeitsfähigkeit um 5% kaum messbar sei und rein onkologisch begründet werde. Psychi-
atrisch liege zudem eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit vor. Im Grossen und Ganzen
handle es sich um denselben Sachverhalt wie im Jahr 2015. Die im Verlaufsgutachten festge-
stellte Arbeitsunfähigkeit von 55% stelle daher lediglich eine andere Beurteilung des gleichen
medizinischen Sachverhaltes dar. Mangels darstellbarer und nachvollziehbarer Veränderung
sei daher gestützt auf das Gutachten vom Jahr 2015 weiterhin von einer Arbeitsfähigkeit von
50% in angepasster Tätigkeit auszugehen.
16│24
Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Zunächst ist festzuhalten, dass der Gesund-
heitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aus dem Blickwinkel von sechs
medizinischen Disziplinen beurteilt wurde. Die Gutachter kamen in ihrer Konsensbeurteilung
im Wesentlichen zum Schluss, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin im
Vergleich zur Begutachtung im Jahr 2015 aus onkologischer und psychiatrischer Sicht verän-
dert hat. Laut psychiatrischem Teilgutachten hat sich sowohl hinsichtlich der Symptomatik und
Diagnostik als auch bezüglich der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit eine Veränderung erge-
ben, was aus psychiatrischer Sicht insgesamt eine Verbesserung des Gesundheitszustandes
darstellt (vgl. E. 4.7.2). Laut onkologischem Teilgutachten ist dagegen eine Verschlechterung
eingetreten. Der onkologische Gutachter führte diesbezüglich aus, dass im Unterschied zur
Begutachtung im Jahr 2015 inzwischen anamnestisch sämtliche Symptome erfüllt seien, wel-
che bei der Diagnose einer tumorassoziierten Fatigue herangezogen würden. Er stellte zudem
eine Abnahme der Belastbarkeit fest. Der onkologische Gutachter begründete sodann über-
zeugend, wie sich der damit einhergehende Rückgang der Leistungsfähigkeit manifestiert und
errechnete gestützt darauf eine Verschlechterung der Arbeitsfähigkeit um 5% im Vergleich
zum Vorgutachten (vgl. E. 4.7.6). Die Gutachter erläuterten demnach ausführlich und nach-
vollziehbar, inwiefern sich der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Beschwerde-
führerin im Vergleich zum Jahr 2015 verändert haben und zogen daraus ihre Schlüsse. Wes-
halb nach abweichender Ansicht des RAD-Arztes dennoch von einem im Grossen und Ganzen
gleichen Sachverhalt ausgegangen werden müsste, ist nicht ersichtlich und wird von diesem
auch nicht näher dargelegt. Es fehlt jegliche Auseinandersetzung mit den diesbezüglichen gut-
achterlichen Ausführungen. Es geht zudem nicht an, den Gesundheitszustand seit der Begut-
achtung im Jahr 2015 als unverändert zu bezeichnen und ohne weitere Prüfung auf die Beur-
teilung im damaligen Gutachten zu verweisen. Der Beweiswert jenes Gutachtens hätte viel-
mehr erneut geprüft werden müssen, da es sich dabei um ein Beweismittel wie jedes andere
handelt. Kommt hinzu, dass der RAD-Arzt bereits in seiner Stellungnahme vom 29. Juni 2015
Zweifel an diesem Gutachten äusserte (IV-act. 61), weshalb es nun widersprüchlich erscheint
den Beweiswert jenes Gutachtens ohne Weiteres als ausreichend zu erachten.
Des Weiteren trifft es zu, dass die Gutachter im interdisziplinären Konsens primär aufgrund
der onkologischen Einschränkungen eine Arbeitsunfähigkeit von 55% in leidensangepasster
Tätigkeit attestierten. Dies wird im Gutachten denn auch ausdrücklich festgehalten (vgl.
E. 4.7.8). Die Gutachter haben im Rahmen ihrer Konsensbeurteilung zunächst die Erkennt-
nisse aus den einzelnen Teilgutachten zusammengefasst und sich dabei eingehend mit den
bestehenden somatischen und psychischen Beschwerden auseinandergesetzt und deren
17│24
Auswirkungen gegeneinander abgewogen. Sie legten sodann einleuchtend dar, dass sympto-
matische und funktionelle Überschneidungen zwischen den einzelnen Fachgebieten beste-
hen, da sich die onkologischen Einschränkungen aufgrund der Fatigue-Symptomatik auch
psychiatrisch in der Depressionsdiagnose wiederfinden und die Schmerzproblematik sowohl
psychiatrisch als auch rheumatologisch zu berücksichtigen ist. Gestützt darauf gelangten die
Gutachter schliesslich zum überzeugenden Ergebnis, dass gesamtgutachterlich auf die
onkologische Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit im Umfang von 55% abzustellen ist und
sich die rheumatologisch und psychiatrisch attestierten Arbeitsunfähigkeiten kumulativ dazu
verhalten. Die Gutachter würdigten die gesamte medizinische Situation der Beschwerdeführe-
rin folglich in differenzierter Weise und begründeten ihre Schlussfolgerungen ausführlich und
überzeugend. Soweit der RAD-Arzt diese Arbeitsfähigkeitseinschätzung bloss als nicht nach-
vollziehbar einstuft, ohne dies in einer sachbezogenen und nachvollziehbaren Argumentation
zu erläutern, vermag er nicht die geringsten Zweifel an der gutachterlichen Beurteilung zu be-
gründen. Zumal der Zweck solcher interdisziplinären Gutachten gerade darin besteht, alle re-
levanten gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erfassen und die sich daraus je einzeln er-
gebenden Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit in ein Gesamtergebnis zu bringen (BGE 143
V 124 E. 2.2; 137 V 210 E. 1.2.4). Der abschliessenden, gesamthaften Beurteilung von Ge-
sundheitszustand und Arbeitsfähigkeit kommt dementsprechend auch grosses Gewicht zu,
wenn sie, wie vorliegend, auf der Grundlage einer Konsensdiskussion der an der Begutach-
tung mitwirkenden Fachärzte erfolgte (BGE 143 V 124 E. 2.2; 137 V 210 E. 1.2.4).
5.5
Die IV-Stelle stellt sich auf den Standpunkt, dass die Gutachter Anzeichen für eine Symptom-
verdeutlichung bestätigt hätten, welche im letzten Gutachten noch nicht ausgewiesen gewe-
sen sei und Ursache für die abweichende gutachterliche Einschätzung darstellen könne.
Auch diese Argumentation ist nicht zielführend. Hinweise auf eine allfällige Symptomverdeut-
lichung werden einzig im neurologischen Teilgutachten erwähnt (IV-act. 113 S. 61). Diesbe-
züglich ist anzumerken, dass bei der Begutachtung im Jahr 2015 keine neurologische Abklä-
rung stattgefunden hat; diese wurde vielmehr erstmals im Rahmen der Verlaufsbegutachtung
durchgeführt. Da sich aufgrund der neurologischen Beschwerden jedoch keine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit in leidensangepasster Tätigkeit ergibt, sind die entsprechenden Ausfüh-
rungen im neurologischen Teilgutachten vorliegend nicht von Belang. Weiterungen dazu er-
übrigen sich folglich.
18│24
5.6
Nach dem Gesagten ergeben sich vorliegend keine Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüs-
sigkeit des polydisziplinären Verlaufsgutachtens vom 6. Dezember 2019. Dem Verlaufsgut-
achten kommt demnach volle Beweiskraft zu, womit bei der Beurteilung des medizinischen
Sachverhalts vollumfänglich auf dessen Ergebnisse abzustellen ist. Mithin ist in der ange-
stammten Tätigkeit von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit und in einer leidensangepass-
ten Tätigkeit von einer solchen von 55% auszugehen. Diese Einschätzung ist gemäss Ver-
laufsgutachten ab Juli 2017 zu berücksichtigen (IV-act. 113 S. 10). Die Beschwerde erweist
sich in diesem Punkt als begründet.
6.
Strittig und zu prüfen ist alsdann die Statusfrage. Dabei gilt es zu klären, ob die IV-Stelle die
Beschwerdeführerin zu Recht als zu 65% im Erwerbsbereich und zu 35% im Haushaltsbereich
tätig qualifiziert hat.
6.1
Zur Begründung ihres Standpunktes verweist die IV-Stelle zunächst auf den Haushaltsabklä-
rungsbericht vom 14. Juli 2015, wonach die Beschwerdeführerin damals zu Protokoll gegeben
habe, sie würde ohne Gesundheitsschaden zu 40% im Erwerbsbereich tätig sein. Anlässlich
der telefonischen Rückfrage vom 4. März 2019 habe die Beschwerdeführerin sodann ausge-
sagt, sie würde ohne Gesundheitsschaden in einem Pensum von 60-70% erwerbstätig sein.
Entgegen ihrer üblichen Praxis, habe die IV-Stelle statt auf die Aussage der ersten Stunde
abzustellen, zu Gunsten der Beschwerdeführerin und angesichts ihrer Erwerbsbiographie be-
reits in grosszügiger Weise die nachträglich geltend gemachte Pensumerhöhung auf 60-70%
akzeptiert und ihren Berechnungen eine ausserhäusliche Tätigkeit in Höhe von 65% zu
Grunde gelegt. Die Beschwerdeführerin hält dem im Wesentlichen entgegen, dass ihre per-
sönliche Situation sich seither erheblich verändert habe. So sei ihr Ehemann im Sommer 2019
ausgezogen, womit der gemeinsame Haushalt aufgehoben worden sei. Während des laufen-
den Scheidungsverfahrens sei ihr im Rahmen vorsorglicher Massnahmen zudem nur ein bis
30. Juni 2020 befristeter Unterhaltsbeitrag zugesprochen worden. Da sie demnach selbst für
ihren Unterhalt aufkommen müsse, würde sie aufgrund der knappen finanziellen Verhältnisse
einer Vollzeittätigkeit nachgehen.
19│24
6.2
Die für die Methodenwahl (Einkommensvergleich, gemischte Methode, Betätigungsvergleich)
entscheidende Statusfrage, nämlich ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig
erwerbstätig oder als nichterwerbstätig einzustufen ist, beurteilt sich danach, was die Person
bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung
bestünde. Entscheidend ist somit nicht, welches Ausmass der Erwerbstätigkeit der versicher-
ten Person im Gesundheitsfall zugemutet werden könnte, sondern in welchem Pensum sie
hypothetisch erwerbstätig wäre. Bei im Haushalt tätigen Versicherten im Besonderen sind die
persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen Verhältnisse ebenso wie allfällige Erzie-
hungs- und Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen Fähigkeiten
und die Ausbildung sowie die persönlichen Neigungen und Begabungen zu berücksichtigen.
Massgebend sind die Verhältnisse, wie sie sich bis zum Erlass der Verwaltungsverfügung ent-
wickelt haben, wobei für die hypothetische Annahme einer im Gesundheitsfall ausgeübten
(Teil-)Erwerbstätigkeit der im Sozialversicherungsrecht übliche Beweisgrad der überwiegen-
den Wahrscheinlichkeit erforderlich ist (BGE 144 I 28 E. 2.3; 141 V 15 E. 3.1; 137 V 334 E. 3.2;
125 V 146 E. 2c; 117 V 194 E. 3b).
Die Beantwortung der Statusfrage erfordert zwangsläufig eine hypothetische Beurteilung, die
auch die hypothetischen Willensentscheidungen der versicherten Person zu berücksichtigen
hat. Diese Entscheidungen sind als innere Tatsachen wesensmässig einer direkten Beweis-
führung nicht zugänglich und müssen in der Regel aus äusseren Indizien erschlossen werden
(BGE 144 I 28 E. 2.4).
6.3
Zur Klärung der Statusfrage stützt sich die IV-Stelle insbesondere auf die Telefonnotiz vom
4. März 2019 (IV-act. 90). Dieser ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin auf entspre-
chende Nachfrage hin angegeben haben soll, sie wäre heute ohne Gesundheitsschaden in
einem Pensum von 60-70% im ersten Arbeitsmarkt tätig.
Dazu ist festzuhalten, dass eine formlos eingeholte und in einer Aktennotiz festgehaltene
mündliche oder telefonische Auskunft rechtsprechungsgemäss nur insoweit ein zulässiges
und taugliches Beweismittel darstellt, als damit blosse Nebenpunkte, namentlich Indizien oder
Hilfstatsachen, festgestellt werden. Sind aber Auskünfte zu wesentlichen Punkten des rechts-
erheblichen Sachverhaltes einzuholen, kommt grundsätzlich nur die Form einer schriftlichen
Anfrage und Auskunft in Betracht (BGE 117 V 282 E. 4c; SUSANNE LEUZINGER-NAEF, Beweis-
20│24
mittel und Beweiswürdigung, in: Gabriela Riemer-Kafka [Hrsg.], Beweisfragen im sozialversi-
cherungsrechtlichen Verfahren, 2013, S. 33-69, Ziff. 52). Damit genügt eine Telefonnotiz vor-
liegend nicht, um die Statusfrage zu klären, geht es doch dabei um einen wesentlichen Punkt
des rechtserheblichen Sachverhaltes. Aus der fraglichen Telefonnotiz ist zudem nicht ersicht-
lich, welche Fragen der Beschwerdeführerin konkret gestellt wurden. Kommt hinzu, dass die
Notiz nicht unterzeichnet worden ist, weshalb sie auch aus diesem Grund kein taugliches Be-
weismittel darstellt.
Die Qualifikation der Beschwerdeführerin lässt sich ebenso wenig anhand der übrigen Akten
beantworten. Namentlich auf die Angabe im Haushaltsabklärungsbericht vom 14. Juli 2015
(IV-act. 64), wonach die Beschwerdeführerin ohne Gesundheitsschaden zu 40% im Erwerbs-
bereich tätig sein würde, kann vorliegend mit Blick auf die veränderten persönlichen und fami-
liären Verhältnisse nicht abgestellt werden. Im entsprechenden Bericht wurde darüber hinaus
mit Verweis auf die Schadensminderungspflicht die Mithilfe der beiden Kinder und insbeson-
dere des Ehemannes berücksichtigt, welche zum Abklärungszeitpunkt mit der Beschwerde-
führerin im gleichen Haushalt lebten. Wie dem gerichtlichen Vergleich vom 25. Februar 2020
zu entnehmen ist (IV-act. 119), haben die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann den ehelichen
Haushalt jedoch per 31. Juli 2019 aufgehoben und leben getrennt. Auch ist zu berücksichtigen,
dass beide Kinder (Jahrgang 1997 und 2001) inzwischen volljährig sind. Der Abklärungsbe-
richt vom 14. Juli 2015 entspricht somit nicht den aktuellen Verhältnissen, womit der Bericht
auch unter diesem Aspekt nicht beweiskräftig ist. Im Übrigen wird den veränderten familiären
Verhältnissen mit dem pauschalen Hinweis auf die weiterhin mögliche Mithilfe der Kinder ohne
nähere Abklärung der konkreten Umstände nicht hinreichend Rechnung getragen. Den Akten
sind zudem keine Informationen zur aktuellen Situation der Familie zu entnehmen, die eine
zuverlässige Beurteilung einer allfälligen Schadensminderungspflicht zuliessen.
6.4
Insgesamt lässt sich somit auf Grund der vorhandenen Aktenlage die Statusfrage bzw. die
zentrale Frage nach der Qualifikation der Beschwerdeführerin als teil- oder vollzeitlich Er-
werbstätige nicht abschliessend beantworten. Es bedarf folglich weiterer Abklärungen durch
die IV-Stelle. Bei Annahme einer Qualifikation als Teilerwerbstätige werden zudem die Ein-
schränkungen im Haushalt neu abzuklären sein, wobei aufgrund der veränderten familiären
Verhältnisse insbesondere eine erneute Auseinandersetzung mit der Schadensminderungs-
pflicht vorzunehmen ist. Die angefochtene Verfügung ist demnach aufzuheben und die Sache
zur Vornahme weiterer Abklärungen an die IV-Stelle zurückzuweisen.
21│24
7.
Im Hinblick auf eine allfällige Berechnung des Invaliditätsgrades der Beschwerdeführerin ist
ergänzend auf Folgendes einzugehen:
7.1
In der angefochtenen Verfügung zog die IV-Stelle zur Ermittlung des Valideneinkommens die
Tabellenlöhne gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen Lohn-
strukturerhebungen (LSE) heran. Sie begründet dies damit, dass sich gestützt auf das gemäss
IK-Auszug im Jahr 2012 erzielte Jahreseinkommen und dem von der Beschwerdeführerin da-
mals angegebenen Arbeitspensum von 38.68% ein Jahreseinkommen von Fr. 76'944.– für
eine ungelernte Reinigungskraft im Vollzeitpensum ergebe. Dies entspreche schlichtweg nicht
den marktüblichen Lohnverhältnissen, zumal aus dem Gesamtarbeitsvertrag für die Reini-
gungsbranche in der Deutschschweiz ein Stundenlohn von rund Fr. 20.80 und damit ein Jah-
reslohn von Fr. 41'628.– hervorgehe. Angesichts dieser Lohndiskrepanz sei vielmehr davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin den im IK-Auszug ausgewiesenen Jahreslohn ef-
fektiv durch ein höheres als das von ihr angegebene Arbeitspensum erzielt habe. Da nun rund
acht Jahre später und in Anbetracht der dazumal bei verschiedensten Arbeitgebern erzielten
Kleinsteinkommen das tatsächliche Arbeitspensum nicht mehr eruierbar sei, sei das Validen-
einkommen gestützt auf die Tabellenlöhne der LSE 2014, Allgemeiner Sektor, Anforderungs-
profil 1, Frauen, auf Fr. 55‘367.– festzusetzen.
7.2
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist für die Ermittlung des Valideneinkommens
entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich ver-
dient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der
realen Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfah-
rung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden
wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 139 V 28
E. 3.3.2; 135 V 58 E. 3.1; 134 V 322 E. 4.1 mit Hinweisen). Die objektive Beweislast dafür,
dass in einem konkreten Fall die Regel der Anknüpfung an den zuletzt erzielten Verdienst nicht
greift, trifft die IV-Stelle, wenn sich ein Abweichen davon zu ihren Gunsten (niedrigeres Vali-
deneinkommen) auswirkt (Art. 8 ZGB; Urteile des BGer 9C_38/2019 vom 9. Mai 2019 E. 3.2.2;
9C_796/2018 vom 10. Januar 2019 E. 2.1).
22│24
7.3
Aus den Akten geht hervor, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen ihrer Tätigkeit als Reini-
gungskraft bei mehreren Arbeitgebern in unterschiedlichen Arbeitspensen erwerbstätig war
und dementsprechend jeweils unterschiedliche Löhne erzielte. Die erwerblichen Verhältnisse
der Beschwerdeführerin erweisen sich damit als etwas komplex. Ungeachtet dessen kann sich
die IV-Stelle vorliegend jedoch nicht der Ermittlung eines Valideneinkommens anhand des zu-
letzt erzielten Verdienstes entziehen, indem sie gestützt auf die marktüblichen Lohnverhält-
nisse pauschal auf allfällige Lohndiskrepanzen hinweist, ohne die konkreten Arbeitsverhält-
nisse genauer abzuklären. Gemäss Akten handelt es sich dabei nämlich um seit Jahren be-
stehende Arbeitsverhältnisse mit einer überschaubaren Anzahl an Arbeitgebern (vgl. IK-Aus-
züge [IV-act. 121]; Aufstellung Arbeitsverhältnisse [IV-act. 33]), womit es der IV-Stelle durch-
aus möglich und zumutbar gewesen wäre, entsprechende Abklärungen zu tätigen. Dennoch
liegt den Akten lediglich ein Arbeitgeberbericht der N._ AG vom 16. September 2013 bei (IV-
act. 20). Diesem ist unter anderem zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin pro Stunde
ca. Fr. 27.85 brutto (Fr. 25.– zzgl. Ferien- und Feiertagsentschädigung von 8.33% bzw. 3%)
verdiente. Damit steht bereits aufgrund dessen fest, dass der Beschwerdeführerin ein weitaus
höherer Stundenlohn bezahlt wurde, als es gemäss dem von der IV-Stelle vorgebrachten Ge-
samtarbeitsvertrag üblich ist. Vor diesem Hintergrund wird die IV-Stelle auch hinsichtlich des
Valideneinkommens der Beschwerdeführerin weitere Abklärungen tätigen und dieses – soweit
möglich – anhand des zuletzt erzielten Verdienstes ermitteln müssen.
8.
Im Ergebnis ist die Beschwerde gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung vom 19. August
2020 ist aufzuheben und die Sache an die IV-Stelle zur Durchführung weiterer Abklärungen
im Sinne der Erwägungen zurückzuweisen. Nach Vornahme der erforderlichen Abklärungen
wird die IV-Stelle erneut über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin verfügen müs-
sen.
9.
Abschliessend bleibt über die Kosten des Beschwerdeverfahrens zu befinden.
23│24
9.1
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilli-
gung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kos-
tenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert
im Rahmen von Fr. 200.– bis Fr. 1‘000.– festgelegt.
Im Lichte dieser Richtlinien werden die Gerichtskosten auf Fr. 800.– festgesetzt und ausgangs-
gemäss der IV-Stelle auferlegt. Sie werden mit dem von der Beschwerdeführerin geleisteten
Gerichtskostenvorschuss in gleicher Höhe verrechnet und sind bezahlt.
Die IV-Stelle hat der Beschwerdeführerin folglich den geleisteten Gerichtskostenvorschuss
von Fr. 800.– intern und direkt zu ersetzen.
9.2
Die obsiegende Beschwerde führende Partei hat Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese
werden vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g
ATSG i.V.m. Art. 14 Abs. 1 SRG [Sozialversicherungsrechtspflegegesetz; NG 264.1]). Im Ver-
fahren vor dem Verwaltungsgericht als Versicherungsgericht beträgt das ordentliche Honorar
Fr. 400.– bis Fr. 6‘000.– (Art. 47 Abs. 3 PKoG [Prozesskostengesetz; NG 261.2]).
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat mit Kostennote vom 18. November 2020 ein
Honorar von Fr. 2‘879.15 (Honorar Fr. 2‘647.50 [10.59 Stunden à Fr. 250.–], Auslagen
Fr. 25.80, 7.7% Mehrwertsteuer Fr. 205.85) geltend gemacht. Die Honorarforderung erscheint
angemessen und kann in diesem Umfang genehmigt werden.
Die IV-Stelle hat der Beschwerdeführerin demnach ausgangsgemäss eine Parteientschädi-
gung von Fr. 2‘879.15 zu bezahlen.
24│24