Decision ID: 7013a4fd-caf6-546a-acb4-3301ca43a215
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess den Irak eigenen Angaben zufolge am
25. September 2015 und gelangte über die Türkei, Griechenland, Mazedo-
nien, Serbien, Österreich und Deutschland am 27. Oktober 2015 in die
Schweiz, wo er gleichentags ein Asylgesuch stellte. Am 9. November 2015
wurde er zu seinen Personalien und seinem Reiseweg befragt und am
25. Oktober 2016 einlässlich angehört.
Zur Begründung seines Gesuches machte er im Wesentlichen geltend, er
stamme aus B._, Distrikt Zummar, Provinz Ninewa. Dabei handle
es sich um ein umstrittenes und damit unsicheres Gebiet im Irak. Nachdem
seine Eltern im Jahr 2012 bei einem Autounfall ums Leben gekommen
seien, habe er bei seinem einzigen Onkel gelebt, welcher ihn schlecht be-
handelt habe. Im Jahr 2014 sei sein Dorf für eine kurze Zeit durch den IS
(Islamische Staat) eingenommen worden und er sei mit seiner Familie für
drei Monaten in ein anderes Dorf geflüchtet, dann aber zurückgekehrt. Im
November 2014 sei er von seinem Onkel, welcher selber der irakischen
Armee angehört habe, aus wirtschaftlichen Gründen zu den Peschmerga
geschickt worden. Dabei sei er vorwiegend als Wache aber auch an der
Frontlinie im Einsatz gewesen, wo es immer wieder zu Kämpfen mit dem
IS gekommen sei. Aufgrund dieser unsicheren Situation und dem Tod vieler
seiner Kameraden sei er während eines Urlaubs aus den Peschmerga de-
sertiert und habe das Land verlassen. Auf Nachfrage des Sachbearbeiters
nach einem konkreten Ereignis, das ihn zur Flucht veranlasst habe, gab
der Beschwerdeführer an, das schwierigste sei seine Zuneigung für andere
Männer gewesen. Sein Onkel habe davon gewusst, ihn deshalb geschla-
gen, beschimpft, mit dem Tod bedroht, aus dem Haus geworfen und zu den
Peschmerga geschickt. Er habe ständig Angst gehabt, dass dort jemand
von seiner sexuellen Orientierung erfahren und er umgebracht werden
könnte. In der Öffentlichkeit habe er sich vorsichtig verhalten. Einzig mit
einem Freund habe er darüber reden können. Ein anderer habe sich des-
wegen von ihm abgewendet. Einige junge Leute aus dem Dorf hätten Be-
scheid gewusst und über ihn gelästert. Er habe sich wegen seiner Homo-
sexualität unwohl gefühlt und Angst gehabt, mit dem Tod bestraft zu wer-
den. Die Gesellschaft bestrafe diese Menschen und distanziere sich von
ihnen. Als Deserteur müsste er zudem bei einer Rückkehr sechs Monate
in Haft, eine Geldstrafe bezahlen und würde von niemandem mehr einge-
stellt.
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Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer seine Iden-
titätskarte (im Original) und Fotografien von sich bei den Peschmerga zu
den Akten.
B.
Am 17. Mai 2019 führte ein vom SEM beauftragter Experte mit dem Be-
schwerdeführer eine Herkunfts- und Sprachanalyse (sogenannte Lingua-
Analyse) durch. Im entsprechenden Bericht vom 27. Dezember 2019 ge-
langte der Experte zum Schluss, dass der Beschwerdeführer höchstwahr-
scheinlich in der Region Dohuk sozialisiert worden sei. Dem Beschwerde-
führer wurde dazu am 6. Januar 2020 das rechtliche Gehör gewährt. Am
3. Februar 2020 nahm dieser Stellung und reichte am 11. Februar 2020
eine Wohnsitzbestätigung aus B._ vom 30. Januar 2020 samt
Übersetzung sowie zwei Fotos angeblich seines Hauses in diesem Dorf
nach.
C.
Am 18. Februar 2020 wurde durch das SEM bei einer internen Dokumen-
tenanalyse festgestellt, dass es sich bei der im Verfahren eingereichten
Identitätskarte um eine Totalfälschung handle. Am 25. Februar 2020 wurde
dem Beschwerdeführer diesbezüglich das rechtliche Gehör gewährt. In
seiner Stellungnahme vom 10. März 2020 ersuchte der Beschwerdeführer
unter anderem um nähere Informationen zu den Ergebnissen der Doku-
mentenprüfung, woraufhin ihm vom SEM am 13. März 2020 erneut das
rechtliche Gehärt mit detaillierteren Angaben zu den Ergebnissen der Do-
kumentenanalyse gewährt wurde. Am 23. März 2020 nahm der Beschwer-
deführer diesbezüglich ergänzend Stellung. Das SEM machte am 7. April
2020 eine Meldung an die kantonalen Behörden betreffend Urkundenfäl-
schung.
D.
Mit Verfügung vom 7. April 2020 – eröffnet am 8. April 2020 – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegwei-
sung sowie den Vollzug an.
E.
Mit Eingabe vom 8. Mai 2020 erhob der Beschwerdeführer – handelnd
durch seinen Rechtsvertreter – gegen diesen Entscheid beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz für
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weitere Abklärungen, eventualiter die Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft und die Asylgewährung sowie subeventualiter die Feststellung der
Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs und die Erteilung einer vorläufigen Aufnahme. In formeller Hinsicht
ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 26. Mai 2020 stellte die Instruktionsrichterin
fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Den Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung und Verbeiständung verschob sie auf einen späte-
ren Zeitpunkt und forderte den Beschwerdeführer auf, mittels beigelegtem
Formular vollständige Angaben zu seinen Einkommens- und Vermögens-
verhältnissen zu machen.
G.
Mit Eingabe vom 10. Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer das ausge-
füllte Formular mit den entsprechenden Belegen zu den Akten.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Juni 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Ver-
beiständung gut und ordnete den rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen
Rechtsbeistand bei.
I.
In seiner Vernehmlassung vom 23. Juni 2020 hielt das SEM vollumfänglich
an seinen Erwägungen fest.
J.
Mit Replik vom 13. Juli 2020 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehmlas-
sung des SEM Stellung.
K.
Mit Eingabe vom 15. Juli 2020 reichte der Rechtsvertreter eine Honorar-
note zu den Akten.
L.
Mit Eingabe vom 15. September 2021 teilte der Beschwerdeführer mit, das
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vom SEM veranlasste Strafverfahren wegen Urkundenfälschung sei einge-
stellt und der Ausweis zurückgesandt worden.
M.
Mit Verfügung vom 17. Dezember 2021 wurde der Beschwerdeführer auf-
gefordert, seine Identitätskarte wieder zu den Akten zu reichen. Am 3. Ja-
nuar 2022 kam er dieser Aufforderung nach.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
Der Beschwerdeführer ersucht um Rückweisung der Sache an die Vo-
rinstanz wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs. Das SEM sei den ent-
sprechenden Anforderungen im Zusammenhang mit der Lingua-Analyse
nicht gerecht geworden. So erscheine etwa die Aussage, seine Schilderun-
gen hätten keine Details enthalten, äusserst allgemein. Zudem seien seine
korrekten Aussagen aus dem Interview kurz, unvollständig und unter-
schiedlich formuliert worden. In der Sprachanalyse werde auf phonetische-
und morphologische Merkmale verwiesen, ohne dass Einzelheiten be-
nannt würden. Insgesamt werde nicht klar, welche Umstände das SEM hät-
ten zum Schluss kommen lassen, dass er nicht aus der von ihm geltend
gemachten Region stamme. Eine materielle Stellungnahme sei vor diesem
Hintergrund nicht möglich.
Das SEM hielt hierzu in seiner Vernehmlassung fest, die Lingua-Ergeb-
nisse und die Resultate der Dokumentenprüfung seien, sofern aus Ge-
heimhaltungsgründen möglich, transparent offengelegt worden.
Der Beschwerdeführer vermag mit seinem Vorwurf nicht durchzudringen.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur Lin-
gua-Analyse indem es praxisgemäss die wesentlichsten Schlüsse und Hin-
weise zusammenfasste. Zwar ist mit dem Beschwerdeführer festzustellen,
dass die Zusammenfassung im Rahmen des rechtlichen Gehörs eher
knapp ausgefallen ist und recht allgemein blieb. Von einer Verletzung des
rechtlichen Gehörs ist jedoch nicht auszugehen, zumal wie erwähnt die
wichtigsten Punkte enthalten waren. Der Beschwerdeführer war denn auch
in der Lage, konkret Stellung zu nehmen und nahm in der Folge auch die
Gelegenheit wahr, das Gespräch anzuhören. Das SEM fasste sodann auch
in seiner Verfügung überzeugend zusammen, weshalb die Lingua-Analyse
zu ihrem Schluss gekommen war. Dabei musste es nicht jedes Detail der
Analyse erwähnen. Auch spricht es nicht gegen die Vorinstanz, wenn sie
im Schreiben zur Gewährung des rechtlichen Gehörs nicht ganz die glei-
chen Argumente verwendete, wie in der Verfügung, solange sich diese
nicht widersprechen oder diametral unterscheiden. Vielmehr lässt dieses
Vorgehen darauf schliessen, dass die Stellungnahme des Beschwerdefüh-
rers inhaltlich berücksichtigt wurde. Dass eine materielle Stellungnahme
zur Lingua-Analyse in der Beschwerde durchaus möglich war, zeigt sich
denn auch aufgrund der Tatsache, dass die Rechtsmitteleingabe ausführ-
liche inhaltliche Erwägungen dazu enthält.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung seiner Verfügung hielt das SEM im Wesentlichen fest,
aufgrund der widersprüchlichen, unsubstanziierten und unlogischen Aus-
sagen des Beschwerdeführers, insbesondere der Tatsache, dass er ange-
geben habe, keine anderen Sprachen ausser Kurdisch zu sprechen (bei
der geltend gemachten Herkunft wären Arabischkenntnisse zu erwarten
gewesen), seien an der Anhörung Zweifel an der angegebenen Herkunft
aufgekommen. Das Resultat der daraufhin durchgeführten Herkunfts- und
Sprachanalyse habe ergeben, dass er sehr wahrscheinlich aus der Auto-
nomen Region Kurdistan (ARK), genauer aus Dohuk, und nicht aus der
Region Zummar stamme. Seine Schlüsse habe der Experte im Wesentli-
chen darauf gestützt, dass die Aussagen des Beschwerdeführers bezüg-
lich seines vermeintlichen Heimatdorfes lediglich oberflächlich und vage
ausgefallen seien und er nicht gewusst habe, wie viele Familien in diesem
Dorf wohnhaft seien, was angesichts dessen verwundere, dass er das
ganze Leben in diesem Dorf verbracht habe. Die korrekten Angaben zu
den geographischen Gegebenheiten in der Region hätte er sich auch an-
derweitig beschaffen können. Weiter sei es erstaunlich, dass er als Pe-
schmerga-Kämpfer den Namen eines seinem Einsatzort gegenüberliegen-
den Dorfes nicht habe nennen können, das von der IS-Miliz eingenommen
worden sei. Zudem habe er sich in Bezug auf sein Leben als Schafhirte
widersprochen. Letztlich habe die linguistische Analyse ergeben, dass die
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Eigenschaften seiner Sprache charakteristisch für den Nordosten und
Nordwesten Dohuks seien. Der Stellungnahme des Beschwerdeführers sei
entgegen zu halten, dass seine Aussagen nicht bloss kleinere Unstimmig-
keiten enthalten würden und diese nicht auf die mangelnde Bildung zurück-
geführt werden könnten. Als Schafhirte, der sein ganzes Leben in diesem
Ort verbracht haben wolle, müsste er trotz mangelnder Bildung detaillierter
Auskunft geben können. Die linguistischen Ergebnisse würden denn auch
für sich sprechen. Bei der von ihm eingereichten Identitätskarte handle es
sich zudem gemäss interner Dokumentenanalyse aufgrund des falsch ver-
wendeten Druckverfahrens, des abweichenden Drucklayouts und dem ge-
fälschten Klebesiegel um eine Totalfälschung. Der Stellungnahme des Be-
schwerdeführers, wonach angesichts der Vielzahl von Identitätskarten im
Irak im Jahr 2012 möglicherweise veraltetes Material verwendet worden
sei, Unzulänglichkeiten bei Identitätskarten im Irak bewusst hingenommen
würden, nicht klar sei, inwiefern das Klebesiegel von bloss mittelmässiger
Qualität sei und das angebrachte Hologramm intakt sei, sei entgegenzu-
halten, dass nicht eines der genannten Merkmale für sich alleine zum Fäl-
schungsschluss führe, sondern deren Kumulation. Es existiere ein Unter-
schied zwischen veraltetem und gefälschtem Material, weshalb nicht die
Druckverfahren und -materialien aus der Vergangenheit für die Unzuläng-
lichkeiten verantwortlich gemacht werden könnten. Neben der mittelmässi-
gen Qualität des Klebesiegels handle es sich um ein gefälschtes Siegel.
Es sei auch unklar, was ihn auf die Echtheit des Hologramms schliessen
lasse, da ihm die eingereichte Identitätskarte nicht vorliege. Die Herkunfts-
und Dokumentenanalyse hätten zudem die ursprünglichen Zweifel des
SEM an seiner Herkunft bestätigt. Nach dem Gesagten sei für das SEM
klar, dass er nicht aus der angegebenen Region stamme und es sei zu
vermuten, dass er aus der ARK stamme. Die Untersuchungspflicht finde
nach Treu und Glauben ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht der Asylsu-
chenden. Da er mit einer gefälschten Identitätskarte und mit seinen Aussa-
gen bewusst zu täuschen versucht habe, sei es nicht möglich, seine Asyl-
gründe, welche sich gerade auf die vermeintlich heimatliche Region bezie-
hen würden, zu prüfen. Aufgrund der Widersprüchlichkeit und der Unsub-
stantiiertheit seiner diesbezüglichen Aussagen in der Anhörung (Zitierung
entsprechender Aktenstellen) bestünden zudem weitere Zweifel an der
Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen. An dieser Einschätzung vermöchten
auch die weiteren eingereichten Beweismittel nichts zu ändern. Es sei da-
von auszugehen, dass es sich bei der eingereichten Wohnsitzbestätigung
um ein Gefälligkeitsschreiben, ein käufliches Dokument oder um eine Fäl-
schung handle, was im Irak bekannter Weise nicht unüblich sei. Bei den
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nachgereichten Fotos könnte es sich um Bilder aus einem beliebigen Dorf
handeln.
5.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, die Details, welche das
SEM zur Herkunftsanalyse bekannt gegeben habe, seien sehr kurz gehal-
ten und unpräzise. Es würden lediglich einige wenige unwesentliche Wi-
dersprüche aufgezeigt und zugestanden, dass er einige Details habe nen-
nen können. Er habe sich das Interview deshalb noch einmal angehört und
auf die Widersprüche geachtet. Zwar habe er die Grösse seines Heimat-
dorfes nicht nennen können, aber Auskunft zur ethnischen Durchmischung
und den Distanzen geben können. Er habe zu den geographischen Gege-
benheiten rund um das Dorf angegeben, dass alles sehr flach sei, in der
Nähe eine Wasseraufbereitungsanlage sei und es viel landwirtschaftliche
Fläche gebe. Auch habe er zwei bekannte Persönlichkeiten aus dem Dorf
nennen können. Die vom SEM erkannten Unzulänglichkeiten – falsche Be-
zeichnung eines Dorfes als Subdistrikt und mangelnde Nord-Süd-Lokalisa-
tion – könnten zudem durchaus auf seine mangelnde Bildung und sein jun-
ges Alter zurückzuführen sein. Der Widerspruch zur landwirtschaftlichen
Tätigkeit sei entstanden, weil seine Eltern auch andere Tätigkeiten ausge-
übt hätten, er aber nur Schafe gehütet habe. Angesichts der Grösse der
Siedlung sei auch nicht erstaunlich, dass er die Anzahl der Familien nicht
gewusst habe. Zu den fehlenden arabischen Lehnwörtern in seiner Spra-
che sei ebenfalls darauf hinzuweisen, dass er nie die Schule besucht und
nur Beziehungen zu seiner Familie und Bekannten, beide kurdischer Eth-
nie und Sprache, gepflegt habe. Das Dorf liege zudem in einem umstritte-
nen Gebiet unter faktisch kurdischer Herrschaft. Angesichts des Gesagten
überrasche das Fehlen arabischer Lehnwörter nicht. Er verstehe aber die
arabische Sprache. Das Lingua-Gutachten sei schliesslich nur mit über-
wiegender Wahrscheinlichkeit zu seinem Ergebnis gekommen. Trotz der
Dokumentenanalyse bestreite er weiterhin, dass es sich bei der Identitäts-
karte um eine Fälschung handle. Er habe sich das Dokument auf dem vor-
gegebenen Weg ausstellen lassen, sei davon ausgegangen, dass dieser
Vorgang korrekt abgelaufen sei, und habe im Irak nie Probleme damit ge-
habt. Es sei auf die Aussage in der Stellungnahme zu verweisen, wonach
zu dieser Zeit unterschiedliche Identitätskarten verwendet worden seien
und es häufig zu Unzulänglichkeiten komme. Die Identitätskarte hätte auch
ordentlich ausgestellt worden sein können, jedoch unter Verwendung von
falschem Ausgangsmaterial. Von gefälschtem Material habe die Vorinstanz
nicht gesprochen, sondern nur von abweichendem Layout. Weitere Abklä-
rungen hätten sich aufgedrängt. Es könne überprüft werden, welche Holo-
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gramm-Serien an welche Büros im Irak gesandt worden seien, da dies re-
gistriert werde. Zudem habe er anlässlich der Anhörung zahlreiche Details
zu seinem Herkunftsort und seinem Einsatz bei den Peschmerga nennen
sowie Angaben zu den umstrittenen Gebieten machen können. Auch die
Beschaffung der Identitätskarte habe er erklären können. Er habe nach-
vollziehbar schildern können, wie sich sein Leben vor der Flucht abgespielt
habe. Aufgrund seiner mangelnden Schulbildung wäre es ihm kaum mög-
lich gewesen, eine komplexe Geschichte mit doch einigen Details und Ne-
bensächlichkeiten über den sehr langen Zeitraum des Verfahrens – zwi-
schen Anhörung und Lingua-Analyse hätten über zweieinhalb Jahre gele-
gen – konstant gleichbleibend wiederzugeben.
In Bezug auf seine Asylgründe nehme die Vorinstanz lediglich eine sum-
marische Prüfung vor. Dabei verweise sie auf die Widersprüchlichkeit und
Unsubstantiiertheit seiner Aussagen und führe zum Beleg mehrere Fund-
stellen der Anhörung an. Diese beträfen einerseits die Frage der Familie
und der Bisexualität, anderseits den genauen Zeitpunkt des Einsatzes für
die Peschmerga. Hierzu sei festzuhalten, dass er im Irak gänzlich ohne
familiäres Netz dastehe, was für ihn als bisexuellen Mann in besonderem
Masse schwierig sei. So stelle auch das Bundesverwaltungsgericht fest,
dass Homosexualität im Irak (auch in der ARK) geächtet werde und es zu
Gewalttaten und Diskriminierungen komme (vgl. Urteil D-6539/2018 vom
2. April 2019, E. 7.5.3. f.), was auch aus allgemeinen Länderberichten her-
vorgehe. Betreffend die Frage seines Einsatzes bei den Peschmerga sei
es zu keinen Widersprüchen gekommen. Das SEM scheine hier seine Aus-
sagen falsch zu interpretieren. Mit «unser Dorf» habe er zweifellos die Ort-
schaft gemeint, an welcher er stationiert gewesen sei. Seine Antworten
seien zwar knapp ausgefallen, enthielten aber dennoch Details. Auch schil-
dere er seine Gefühlslage. Überdies sprächen weitere Merkmale für die
Glaubhaftigkeit seiner Lebensgeschichte (präzise Angaben zu Ort und Da-
tum bei der Flucht nach dem IS-Angriff unter Bezugnahme auf vorher Er-
wähntes, präzise Angaben zum Einsatz bei den Peschmerga unter Einrei-
chung entsprechender Fotografien, Wiedergabe geographischer Gege-
benheiten unter Nennung von Distanzen). Auch in Bezug auf seine Homo-
sexualttät enthielten seine Aussagen zahlreiche Realkennzeichen
(Verstoss durch den Onkel und diesbezüglich geäusserte psychische Be-
lastung). Da das SEM offenbar mindestens davon ausgehe, dass er aus
dem Irak (wenn auch der ARK) stamme, hätten seine Asylgründe (sexuelle
Orientierung) mindestens diesbezüglich geprüft werden müssen, zumal die
Situation für Homosexuelle auch in der ARK prekär sei und ihm Verfolgung
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drohe. Dabei könne ihm nicht zugemutet werden, seine sexuelle Orientie-
rung zu verstecken, würde dies doch einen unerträglichen psychischen
Druck verursachen (vgl. Urteil D-6539, E. 8.3.). Seit seiner Flucht in die
Schweiz, unterhalte er sexuelle Beziehungen sowohl zu Frauen als auch
zu Männern und müsse sich endlich nicht mehr verstecken. Auch sei zu
beachten, dass er vom Dienst bei den Peschmerga desertiert sei und den
Irak illegal verlassen habe.
5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, Identität und Herkunft,
seien eng an die Asylgründe geknüpft. Da erhebliche Zweifel bestünden,
dass es sich beim Beschwerdeführer um die angegebene Person handle,
sei es nicht möglich, sich zu den damit zusammenhängenden Asylgründen
zu äussern. Auch wenn er aus der ARK stammen würde, was er weiterhin
bestreite, könne ohne verlässliche Informationen über seine Personalien
keine tiefergehende Prüfung der Situation erfolgen. Die Erklärungen des
Beschwerdeführers bezüglich der Unzulänglichkeiten der Abklärungser-
gebnisse (Lingua- und Dokumentenanalyse) seien relativ nichtssagend
und gleichbleibend ausgefallen.
5.4 Dem wurde in der Replik entgegen gehalten, dass zumindest eine Prü-
fung der Konsequenzen, die eine homo- oder bisexuelle Person im Nord-
irak und zwar sowohl in der Region um B._als auch in der ARK zu
gewärtigen habe, möglich gewesen wäre. Dies zumal das Bundesverwal-
tungsgericht in seinem Urteil D-6539/2018 festgehalten habe, dass es im
gesamten Irak nicht möglich sei, offen als homosexuelle Person zu leben.
Gerade auch angesichts der Tatsache, dass er seit mittlerweile bald fünf
Jahren in der Schweiz lebe und hier offen zu seiner Sexualität stehe, hätte
eine Rückkehr in den Irak eine Situation unerträglichen psychischen
Drucks zur Folge. Betreffend der Lingua-Analyse habe in der Beschwerde
nach Anhörung des Interviews aufgezeigt werden können, dass die
Schlussfolgerung der Vorinstanz angesichts seiner Aussagen nicht haltbar
seien.
6.
6.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit
der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen
oder nicht. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Ge-
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samtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentli-
chen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, per-
sönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller bzw.
die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung,
wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht
es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist,
aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende
Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
6.2 Die Lingua-Analyse im Auftrag des SEM kam zum Schluss, dass der
Beschwerdeführer höchstwahrscheinlich nicht aus der Region Zummar
stammt. Dabei stützte es sich einerseits auf seine mangelnden Angaben
zu seinem angeblichen Herkunftsort und zu seinem Einsatz bei den Pe-
schmerga. Diese Unsubstantiiertheit schlug sich zudem, wie das SEM in
seiner Verfügung richtig bemerkte, schon in den Aussagen an der Anhö-
rung nieder. Die in der Beschwerde diesbezüglich zitierten wenigen angeb-
lichen Details, welche der Beschwerdeführer im Interview mit dem Lingua-
Spezialisten und an der Anhörung genannt habe, vermögen dies nicht um-
zustossen. Ebensowenig die mangelnde Bildung, sollte doch vom Be-
schwerdeführer, welcher praktisch sein ganzes Leben in diesem Ort ver-
bracht habe, mehr alltägliche Details zu erwarten sein, auch wenn er einen
Subdistrikt nicht unbedingt richtig benennen können muss, was das SEM
in seiner Verfügung dann auch nicht mehr verwendete. Im sprachlichen Teil
der Analyse kam der Experte unter mehreren Verweisen zum Schluss,
dass der kurdische Dialekt, den der Beschwerdeführer spreche, der Region
Dohuk zuzumessen sei. In der Beschwerde wird lediglich das kurdische
Umfeld des Beschwerdeführers gegen das Fehlen arabischer Lehnwörter
ins Feld geführt. Dies vermag nicht zu überzeugen. Trotz eines kurdischen
Umfeldes, wären angesichts der Sozialisation in einem ethnisch durch-
mischten Gebiet auch arabische Lehnwörter zu erwarten. Die Analyse ist
hier klar. Dass in der Beschwerde angegeben wird, der Beschwerdeführer
verstehe arabisch, vermag an dem Gesagten nichts zu ändern. Wenn in
der Beschwerde weiter ausgeführt wird, der Beschwerdeführer habe nach-
vollziehbar schildern können, wie sich sein Leben vor der Flucht abgespielt
habe, trifft dies eben gerade nicht zu (vgl. etwa A27 F23 ff. und F45 ff.).
Auch über seinen Einsatz bei den Peschmerga in seinem angeblichen Her-
kunftsgebiet wusste er nichts Wesentliches zu berichten und beschrieb die
Einnahme eines Dorfes, bei welcher er dabei gewesen sei, lediglich allge-
mein (vgl. A27 F30ff. insbesondere F52). Die Fotografien des Beschwer-
deführers in Uniform und mit Waffe können auch in der ARK entstanden
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oder gestellt sein. Aus den Akten ergeben sich insgesamt keine Zweifel an
der schlüssigen Lingua-Analyse. Zudem gilt es nochmals zu betonen, dass
sich bereits aus den Antworten an der Anhörung zu den Asylgründen Zwei-
fel an der Herkunft des Beschwerdeführers ergaben.
6.3 Die Dokumentenanalyse zur Identitätskarte, welche der Beschwerde-
führer überdies erst ein Jahr nach seiner Einreise anlässlich der Anhörung
zu den Akten reichte, bestätigt die Zweifel an seiner Herkunft. Weitere Ab-
klärungen haben sich nach dem klaren Resultat der Analyse nicht aufge-
drängt. Diesbezüglich kann auf die überzeugenden Erwägungen des SEM
verwiesen werden, welches verschiedene konkrete Fälschungsmerkmale
benannte. Wenn diese Elemente in der Beschwerde mit Verweis auf die
geringeren und uneinheitlichen Dokumentenstandards im Irak im Jahr
2013 bestritten werden, vermag dies nicht zu überzeugen. Zudem gilt es
zu bemerken, dass gerade die Angaben des Beschwerdeführers an der
Anhörung zur Beschaffung der Dokumente ebenfalls Zweifel aufwerfen. So
gab er an, sein Onkel habe die Dokumente einem Landsmann übergeben,
um gleich darauf zu erklären, er habe gar keinen Kontakt zu seinem Onkel
gehabt (vgl. A17 F10ff.). Angesichts der geltend gemachten Streitigkeiten
aufgrund der sexuellen Orientierung des Beschwerdeführers, ist ohnehin
schwer nachvollziehbar, dass dieser bereit gewesen wäre, ihm zu helfen.
Dass der Onkel froh gewesen sei, ihn so loszuwerden, vermag nicht zu
überzeugen. Zudem ist auf die fehlenden Gebrauchsspuren auf der Identi-
tätskarte zu verweisen, welche vom Beschwerdeführer immerhin während
zwei Jahren benutzt wurde, wobei er in dieser Zeit vor dem IS geflüchtet
sei und im Einsatz bei den Peschmerga gestanden habe. Der Hinweis in
der Beschwerde auf die Einstellung eines Strafverfahrens wegen Urkun-
denfälschung vermag an dem Gesagten nichts zu ändern. Im Strafrecht
gelten andere Beweismassstäbe. Die kantonale Dokumentenanalyse ge-
langte zudem ebenfalls zum Schluss, dass es sich bei der Identitätskarte
um eine Totalfälschung handelt. In der Strafverfügung vom 3. August 2021
wurde diese Frage lediglich offengelassen, weil der subjektive Tatbestand
ohnehin nicht erfüllt war.
6.4 In Bezug auf die eingereichten Fotografien seines Dorfes gilt es auf die
Erwägungen des SEM zu verweisen. Eine Herkunft und Sozialisierung des
Beschwerdeführers im Bezirk Zummar vermögen die Aufnahmen jedenfalls
auch in Verbund mit den weiteren eingereichten Beweismitteln nicht glaub-
haft zu machen. Vor dem Hintergrund des Gesagten ist auch die nach der
Dokumentenanalyse neu eingereichte, innert kürzester Zeit im Irak be-
schaffte Wohnsitz-Bestätigung vom 30. Januar 2020 nicht als erheblich zu
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bezeichnen. Zum einen fällt auf, dass der Beschwerdeführer zu deren Be-
schaffung keine näheren Angaben macht. Zum anderen ist auf die Erwä-
gungen des SEM zur Beweiskraft zu verweisen. Einem solchen Dokument
kann höchstens ein sehr geringer Beweiswert zugesprochen werden. Der
Hinweis in der Beschwerde auf die geringeren Dokumentenstandards im
Irak vermag daran nichts zu ändern.
6.5 Nach dem Gesagten ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwer-
deführer wie angegeben aus der Region Zummar stammt und es ist viel-
mehr eine Herkunft aus der Region Dohuk wahrscheinlich. Wie die Vo-
rinstanz zu Recht festgestellt hat, ist den Asylvorbringen damit bereits an-
gesichts der unglaubhaften Herkunft die Grundlage entzogen. In der Be-
schwerde wird geltend gemacht, die Asylvorbringen wären diesfalls mit
Blick auf die ARK zu prüfen. Die Abklärungspflicht der Asylbehörden findet
aber ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person (vgl.
BVGE 2014/12 E. 5.9). Das SEM trifft keine Pflicht, eine Gefährdungslage
in einem hypothetischen Herkunftsgebiet zu prüfen, wenn der Beschwer-
deführer über seine Identität getäuscht hat. Dies umso weniger, als der Be-
schwerdeführer gefälschte Dokumente zu den Akten reichte und auch im
Beschwerdeverfahren weiterhin an seiner falschen Identität festhält. Diese
grobe Verletzung seiner Mitwirkungspflicht hat er sich entgegen halten zu
lassen. Daran vermag auch eine allfällige Bisexualität nichts zu ändern,
zumal sich allein daraus in Bezug auf den Irak noch keine Verfolgung of-
fenbart. Eine Kollektivverfolgung in diesem Sinne ist praxisgemäss bereits
mit Blick auf homosexuelle Personen zu verneinen, was bei Bisexualität
umso mehr gelten muss. Der Vollständigkeit halber kann sodann festge-
halten werden, dass vorliegend die Zweifel an der Herkunft durch die Un-
glaubhaftigkeitsmomente in den Aussagen hinsichtlich der Fluchtgründe
bekräftigt wird. So zitierte das SEM in seiner Verfügung verschiedene Ak-
tenstellen mit Unglaubhaftigkeitselementen (Widersprüche zum Einsatzbe-
ginn bei den Peschmerga [F25 und F117-F121] und dazu, wer von seiner
sexuellen Neigung wusste [F86f.; F102; F108f.] sowie Unsubstantiiertheit
in Bezug auf seine persönliche Situation vor der Ausreise und den Einsatz
bei den Peschmerga [F45-F48 und F81-F83]). Diesen wird in der Be-
schwerde nichts Wesentliches entgegengehalten. In Bezug auf die Fehlin-
terpretation des SEM der Aussagen hinsichtlich des Einsatzbeginns bei
den Peschmerga ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer im Wider-
spruch zu seinen vorherigen Aussagen an der Anhörung klar sagte, er
habe im Einsatz gestanden, als der IS ihr Dorf attackiert habe (vgl. A17
F25). Dass er damit seinen Einsatzort gemeint habe, vermag nicht zu über-
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zeugen. Überdies gilt es festzuhalten, dass der Beschwerdeführer insge-
samt nur sehr allgemeine und kurze Antworten gab, dies – wie bereits oben
erwähnt – zu seiner Herkunft (vgl. A17 F23ff.) und zu seinem Einsatz bei
den Peschmerga (vgl. A17 F30ff., F52, F81ff. und S. 16 [Fragen zur allge-
meinen Situation im Irak]).
6.6 Nach dem Gesagten erfüllen die Vorbringen des Beschwerdeführers
die Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG
nicht. Das SEM hat demnach zu Recht festgestellt, dass er die Flüchtlings-
eigenschaft nicht erfüllt, und das Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
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nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
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8.4.1 Das SEM hielt hierzu fest, es sei davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer aus der ARK stamme. Es sei nach ständiger Rechtspre-
chung des BVGer nicht Sache der Asylbehörden, bei fehlenden Hinweisen
seitens der Asylsuchenden nach etwaigen Wegweisungsvollzugshinder-
nissen in hypothetischen Herkunftsländern beziehungsweise Herkunftsre-
gionen zu forschen. Alleine der Vollständigkeit halber sei hier aber darauf
hingewiesen, dass in der ARK keine Situation allgemeiner Gewalt herr-
sche, welche den Wegweisungsvollzug dorthin unzumutbar erscheinen
lasse. Mit Verweis auf den Grundsatz der Rechtsgleichheit könne nicht von
der geltenden Praxis abgewichen werden.
Der Beschwerdeführer gab sich über diese Einschätzung überrascht, gehe
das SEM doch von seiner Herkunft aus der ARK aus, womit der Vollzug
dorthin zu prüfen gewesen wäre, wie dies das SEM auch in anderen Ver-
fahren gemacht habe. Angesichts der Homosexualität und des fehlenden
familiären Beziehungsnetzes wäre ein Vollzug in die ARK kaum zumutbar.
8.4.2 Die Erwägungen des SEM sind zu bestätigen. Der Beschwerdeführer
hat über seine Herkunft getäuscht und damit die Prüfung des Wegwei-
sungsvollzugs verunmöglicht. Insbesondere zu den familiären Verhältnis-
sen des Beschwerdeführers vor Ort besteht keine Klarheit. Zudem beste-
hen auch keine offensichtlichen Wegweisungshindernisse, zumal sich die
Situation bei einer allfälligen Bisexualität offensichtlich ganz anders dar-
stellt, als bei Homosexualität. Beim Beschwerdeführer handelt es sich so-
dann um einen jungen und gesunden Mann, welcher über Berufserfahrung
verfügt. Dass er im Irak nie zur Schule gegangen sei und nur einen Onkel
habe, ist als Schutzbehauptung zu werten.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwischenver-
fügung vom 12. Juni 2020 gutgeheissen wurde, sind jedoch keine Kosten
aufzuerlegen.
Mit derselben Zwischenverfügung wurde der rubrizierte Rechtsvertreter als
amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Dieser ist unbesehen des Ausgangs
des Verfahrens zu entschädigen. Der Rechtsvertreter reichte eine Kosten-
note zu den Akten. Darin wird auch Aufwand verrechnet, der bereits vor
Beschwerdeerhebung angefallen ist, was vorliegend nicht zu entschädigen
ist. Ausserdem ist der Stundenansatz entsprechend dem Unterliegen zu
kürzen. Das Honorar ist demnach auf insgesamt Fr. 1’200.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuern) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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