Decision ID: 65db58f1-d5be-5aba-a5b0-56503a3c40db
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der aus B._ stammende Beschwerdeführer verliess seinen Heimat-
staat eigenen Angaben zufolge am (...) März 2016 und ersuchte am
14. März 2016 in der Schweiz um Asyl. Anlässlich der Befragung zur Per-
son (BzP) vom 17. März 2016 gab er zu Protokoll, dass er während neun
Jahren die Schule besucht habe und in seinem Heimatdorf anlässlich von
Roundups (Razzien) jeweils Probleme mit der (Eelam People's Democratic
Party) EPDP sowie der Sri Lankan Army (SLA) gehabt habe. Aus diesem
Grund sei er im Jahr 2008 ins Vanni-Gebiet geflohen und habe dort bei
Bekannten gelebt. Im Mai 2009 habe er sich zusammen mit vielen anderen
der SLA ergeben und sei in der Folge bis zum Jahr 2015 inhaftiert und
dabei misshandelt worden. Ein tamilisch sprechender Soldat habe ihm und
zwei anderen Personen zur Flucht verholfen. Auf dem Fluchtweg hätten sie
in einer Kirche Unterschlupf gefunden, und der Priester habe sie mit Essen,
Kleidern und Medikamenten ausgestattet. Er habe ihnen auch eine Person
vermittelt, mit Hilfe derer sie Sri Lanka auf dem Seeweg hätten verlassen
können.
B.
Am 22. April 2016 wurde das zuvor eröffnete Dublin-Verfahren beendet.
C.
C.a An der einlässlichen Anhörung zu den Asylgründen vom 9. Februar
2018 gab der Beschwerdeführer eine beglaubigte Kopie seiner Geburts-
urkunde zu den Akten. Er gab an, er sei nie im Besitz einer Identitätskarte
gewesen, zumal er im Alter von 14 Jahren ins Vanni-Gebiet gegangen und
bei der Beendigung des Kriegs inhaftiert worden sei. Hinsichtlich seiner
Asylgründe gab er an, seine Familie habe ein Zimmer an einen Studenten
der B._-Universität vermietet, der in einen Bombenanschlag in
C._ involviert gewesen sei. Danach seien er und sein Vater durch
das Militär in ein Camp mitgenommen und befragt worden. Sie hätten ins-
besondere ihn (Beschwerdeführer) verdächtigt, etwas mit dem Anschlag
zu tun gehabt zu haben, weshalb er nochmals in ein Camp vorgeladen und
dort geschlagen worden sei. Nach zwei Tagen hätten sie ihn gehen lassen,
weil er ihnen versprochen habe, er werde sie mit weiteren Informationen
zu diesem Studenten bedienen. Daraufhin habe er sich bei Verwandten
versteckt, bis sein Vater ihn schliesslich mit Mitgliedern der Liberation Ti-
gers of Tamil Eelam (LTTE) ins Vanni-Gebiet geschickt habe. Ansonsten
habe seine Familie nicht näher mit den LTTE zu tun gehabt und er sei auch
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nie von diesen rekrutiert worden. Während seiner sechsjährigen Haftzeit
hätten er und einige Mithäftlinge sich mit einem muslimischen Soldaten an-
gefreundet. Dieser habe ihnen erzählt, dass sie so lange in Haft verbleiben
müssten, weil bei einer Freilassung die Gefahr zu gross sei, dass sie über
das geheime Camp berichten würden. Dieser Soldat habe sie auch sexuell
missbraucht, wofür sie jeweils in ein anderes Zimmer gebracht worden
seien. Am Ende der Haftzeit seien die Haftbedingungen besser geworden
und die Soldaten hätten ihnen mitgeteilt, dass sie noch etwas warten müss-
ten, sie danach aber freigelassen würden. Er habe das aber nicht geglaubt,
weshalb er seine Chance ergriffen habe, als dieser muslimische Soldat
ihnen anlässlich der Weihnachtsfeier 2015 zur Flucht verholfen habe. Auf
ihrer Flucht seien sie zu einer Kirche gelangt und der Pfarrer habe ihnen
zwei Tage lang Unterschlupf gewährt. Danach habe dieser einen Fischer
organisiert, der sie mit seinem Boot zu einem grossen Schiff gebracht
habe, mit welchem sie bis nach Griechenland gelangt seien.
Der Hilfswerksvertreter (HWV) bemängelte an der Durchführung der Anhö-
rung, dass die durch den Beschwerdeführer erwähnte sexuelle Gewalt
durch den Befrager nicht weiter abgeklärt worden sei. Vielmehr sei der Be-
schwerdeführer bei einer entsprechenden Schilderung unterbrochen und
es sei später nicht nachgefragt worden. Weiter seien dem Beschwerde-
führer unzählige Fragen gestellt worden zu den während der Haftzeit er-
lebten Befragungen und zur Folter, wobei dieser aber nicht verstanden
habe, was von ihm erwartet worden sei. Dies habe dazu geführt, dass der
Beschwerdeführer geradezu "vorgeführt" worden sei.
C.b In einer Aktennotiz vom 9. Februar 2018 führte die befragende Person
aus, es sei eine sogenannt geschlechtsspezifische Anhörung mit dem
Beschwerdeführer durchgeführt worden. Die Schilderung der langen Haft,
der Umstände sowie des Verhaltens beispielsweise nach den Misshand-
lungen seien unsubstanziiert und stereotyp ausgefallen. Weiter habe er
versucht, den Beschwerdeführer zu Aussagen über prägende Erlebnisse
zu bringen, was aber nicht gelungen sei. Nachdem die Haftumstände als
unglaubhaft erachtet worden seien, sei darauf verzichtet worden spezifisch
auch noch nach sexuellen Missbrauchshandlungen zu fragen.
D.
Mit Verfügung vom 3. April 2020 – eröffnet am 6. April 2020 – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
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Seite 4
E.
Gegen diese Verfügung liess der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
6. Mai 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben.
Er liess die Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie die Feststel-
lung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung beantragen; even-
tualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen, subeventualiter sei wegen Unzulässigkeit und/oder Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme zu verfügen. Weiter
liess er die Verfahrensanträge stellen, es sei ihm die unentgeltliche Rechts-
pflege sowie Rechtsverbeiständung (inklusive Verzicht auf Erhebung eines
Kostenvorschusses) zu gewähren.
Als Beweismittel legte er neben einer Unterstützungsbestätigung verschie-
dene Medienberichte ins Recht, vornehmlich betreffend die aktuelle Situa-
tion der tamilischen Bevölkerung in Sri Lanka.
F.
Der Instruktionsrichter bestätigte dem Beschwerdeführer am 12. Mai 2020
den Eingang seiner Beschwerde.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 28. Mai 2020 wurde der Beschwerdeführer
aufgefordert innert Frist einen Arztbericht einzureichen. Der Entscheid über
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie
Rechtsverbeiständung wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.
H.
Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe vom 3. Juli 2020 unter anderem
den Austrittsbericht des Sanatoriums D._ vom 15. Juni 2020 betref-
fend seine einmonatige stationär-psychiatrische Behandlung nachreichen;
er informierte darüber, dass er sich aktuell in ambulanter Behandlung be-
finde, um die Verdachtsdiagnose weiter zu beobachten respektive zu veri-
fizieren.
I.
In der Zwischenverfügung vom 13. Juli 2020 lud der Instruktionsrichter das
SEM zur Vernehmlassung ein, hiess die Gesuche um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung sowie Rechtsverbeiständung gut und setzte
den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers als amtlichen Rechtsbeistand
ein.
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Seite 5
J.
In seiner Vernehmlassung vom 27. Juli 2020 hielt das SEM an seinem
Standpunkt fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
K.
Die Vernehmlassung des SEM wurde dem Beschwerdeführer mit Verfü-
gung des Instruktionsrichters vom 6. August 2020 zur Stellungnahme zu-
gestellt.
L.
Nach gewährter Fristerstreckung hielt der Beschwerdeführer in seiner Rep-
lik vom 11. September 2020 an seinen Beschwerdeanträgen fest und be-
stritt die Ausführungen des SEM in seiner Vernehmlassung.
Er reichte zur Untermauerung seiner Vorbringen unter anderem das
Schreiben eines Justice of Peace, in dem massive Übergriffe auf den Vater
und Bruder des Beschwerdeführers beschrieben werden, Zeitungsartikel
zu einem geheimen Gefängnis der sri-lankischen Navy, eine Verhaftungs-
bestätigung einer Drittperson sowie eine Fotografie seiner Narbe (...) zu
den Akten.
M.
Mit einer weiteren Eingabe vom 8. Dezember 2020 legte der Beschwerde-
führer ein Schreiben eines Gemeindebeamten vom 6. Mai 2020 ins Recht,
wonach die Familie des Beschwerdeführers das Heimatdorf am 9. Mai
2016 verlassen habe, nachdem sie von mehreren Personen des militäri-
schen Nachrichtendiensts aufgesucht worden sei. Die Behelligungen der
Familienangehörigen hätten sich, wie in der Replik beschrieben, auch da-
nach fortgesetzt.
N.
Der Beschwerdeführer liess sodann am 18. Februar 2021 respektive
5. März 2021 einen Bericht des Universitätsspitals E._ vom 3. Feb-
ruar 2021 zu den Akten geben. Es habe zwar noch keine Traumatherapie
durchgeführt werden können, weil die bisher stattgefundenen Gespräche
wegen eines "Gender-Mismatch" nicht zu einer vollumfänglichen Sachver-
haltsabklärung hätten beitragen können; doch sei dem Bericht zu entneh-
men, dass er an einer mittel- bis schwergradigen depressiven Episode
(Status nach "Mischintoxikation mit 17g Paracetamol und unklaren Mengen
Alkohol am 2.5.2020 in suizidaler Absicht") und einer Posttraumatischen
Belastungsstörung leide. Diese Diagnosen würden in direkter Kausalität
mit den erlebten Misshandlungen in Sri Lanka stehen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 In der angefochtenen Verfügung wurde durch das SEM im Wesentli-
chen ausgeführt, dass es die Vorbringen des Beschwerdeführers als un-
glaubhaft erachte, zumal er detailarm und frei von persönlichen Erlebnis-
sen und Eindrücken erzählt habe. Dies betreffe einerseits die angeblich
knapp sechsjährige Haftzeit sowie die dabei durchgeführten unzähligen
Befragungen. Es wäre vielmehr zu erwarten gewesen, dass er Elemente
von persönlich Erlebtem hätte einbringen können. Angesichts der langen
Haftdauer sei auch davon auszugehen, er hätte beispielsweise von Mit-
insassen oder Wärtern in Erfahrung bringen können, wo sich das Camp
befinde oder welche Bezeichnung dafür geläufig gewesen sei. Betreffend
die angesprochenen sexuellen Übergriffe durch einen Soldaten habe er
zunächst angegeben, er sei beim Bericht derselben unterbrochen worden;
trotz Nachfrage des HWV habe er dann aber nicht ausführlicher darüber
berichten wollen. Auch nach mehrmaliger Aufforderung sowie verschieden-
artiger Formulierung der Fragen habe er die Haftzeit somit nicht ausführlich
zu schildern vermocht. Auch die Schilderung seiner Flucht sei äusserst ein-
fach und vage ausgefallen und es erstaune, dass er weder wisse, wo sich
die Kirche befinde noch wie der Pfarrer heisse, obschon dieser die Flucht
aus dem Heimatstaat für ihn organisiert habe. Insgesamt habe er zwar an
einigen Stellen gewisse Details und Vorfälle schildern können; dies sei
jedoch meist erst auf konkret gestellte Fragen hin erfolgt. Es könne deshalb
nicht ausgeschlossen werden, dass er je eine Art Befragung oder Inhaftie-
rungssituation erlebt habe; seine Darstellung könne jedoch nicht geglaubt
werden, wonach er unter den geltend gemachten Umständen ins Vanni-
Gebiet gereist sei, sich dort ergeben habe und verhaftet sowie während
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sechs Jahren inhaftiert worden sei. Nach dem Gesagten würden keine Hin-
weise vorliegen, dass er Schwierigkeiten mit den sri-lankischen Behörden
gehabt habe und seine Familie derzeit solche Probleme habe. Seine
Geschwister würden die Schule besuchen und sein Vater erhalte als ehe-
maliger Regierungsangestellter eine Rente. Insofern sei das für das Jahr
2008 vorgebrachte Ereignis als abgeschlossen zu betrachten und stehe
weder in sachlicher noch in zeitlicher Hinsicht kausal in Zusammenhang
mit seiner Flucht im Jahr 2016. Es sei folglich davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer nach Beendigung des Bürgerkriegs noch sieben Jahre
lang in seinem Heimatstaat verblieben sei. Allfällige, im Zeitpunkt der Aus-
reise bestehende Risikofaktoren hätten kein Verfolgungsinteresse seitens
der Behörden ausgelöst und aufgrund der Akten sei auch nicht ersichtlich,
aus welchen Gründen er im aktuellen Zeitpunkt bei einer Rückkehr den
Fokus der Behörden auf sich ziehen und in asylrelevanter Weise verfolgt
werden sollte. An dieser Einschätzung vermöge auch die innenpolitische
Situation seit der Präsidentschaftswahl im November 2019 nichts zu än-
dern.
Der Vollzug der Wegweisung sei aktuell zulässig und sowohl in allgemeiner
als auch in individueller Hinsicht zumutbar. In Sri Lanka herrsche keine Si-
tuation allgemeiner Gewalt und aufgrund der unglaubhaften Vorbringen sei
am Herkunftsort des Beschwerdeführers von einem vorhandenen tragfähi-
gen Beziehungsnetz auszugehen, welches ihn bei seiner Rückkehr werde
unterstützen können. Mit seiner (...)jährigen Schulausbildung sowie der Ar-
beitserfahrung in der Landwirtschaft sei auch nicht davon auszugehen, er
gerate bei einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage.
4.2 Der Beschwerdeführer liess in seiner Beschwerde vorab sowohl die
Verletzung des rechtlichen Gehörs als auch die unvollständige und willkür-
liche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts rügen. Er habe an
den Befragungen seine Erlebnisse zudem detailliert geschildert und nur
deshalb keine weiteren Details zu Protokoll geben können, weil er lange
Zeit völlig isoliert von der Aussenwelt gehalten worden sei und sich dabei
weder die Art der Befragungen noch seine Umgebung verändert habe.
Gerade angesichts des Umstands, dass es sich um ein unbekanntes und
geheimes Militärcamp gehandelt habe, sei es schlicht absurd, darauf zu
beharren, er solle mehr von der Innenausstattung des Camps und vom
Haftalltag berichten. Er habe insbesondere die kriegsbezogenen Erleb-
nisse detailgetreu wiedergegeben; zu Widersprüchen sei es jedenfalls
nicht gekommen. Das SEM habe etliche Realkennzeichen verkannt. Nach
dem Gesagten sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache
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zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Er sei aufgrund seiner sechsjährigen Haft sowie wegen des
Verdachts auf Verbindungen zu den LTTE einer massiven Gefahr ausge-
setzt, bereits am Flughaften verhaftet und verhört zu werden. Er gehöre
der sozialen Gruppe der abgewiesenen Asylgesuchsteller tamilischer Ab-
stammung mit vermeintlichen LTTE-Verbindungen an und als solcher
drohe ihm bei einer Rückreise nach Sri Lanka ungerechtfertigte Verhaftung
und Folter. Durch seine langjährige Inhaftierung unter dem Terrorgesetz
sowie wegen der in der Zwischenzeit erfolgten Behelligungen insbeson-
dere seines Vaters sei er einer gezielten und individuellen Gefahr ausge-
setzt. Seit dem Machtwechsel im November 2019 habe sich die Lage in Sri
Lanka erneut verschlechtert. Diesbezüglich seien die durch das SEM her-
angezogenen Berichte nicht mehr aktuell und könnten nicht als Entscheid-
grundlage dienen. Er leide sodann unter einer Posttraumatischen Belas-
tungsstörung und unter der immanenten Angst, in seinen Heimatstaat zu-
rückgeschickt zu werden. Aus diesem Grund habe er bereits einen Suizid-
versuch unternommen. Es werde bezweifelt, dass er in seinem Heimat-
staat wirksamen Zugang zur notwendigen Behandlung erhältlich machen
könne.
Schliesslich könnten vorliegend auch die individuellen Zumutbarkeitskrite-
rien nicht bejaht werden. Wegen der erfolgten Inhaftierung habe er weder
seine schulische Grundausbildung abschliessen noch eine berufliche Aus-
bildung absolvieren können, weshalb er keine reelle Chance auf Integra-
tion in den Arbeitsmarkt habe. Insgesamt könne sein Lebensunterhalt und
die Wohnsituation keinesfalls als gesichert betrachtet werden, sondern der
Vollzug sei als unzumutbar zu qualifizieren.
4.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, der Beschwerdeführer
habe die geltend gemachte Haft nicht glaubhaft machen können, weshalb
die erlittene Gewalt ebenfalls nicht geglaubt werden könne. An der vorge-
nommenen Prüfung seines Risikoprofils vermöge der in der Beschwerde
erwähnte Bericht der Working Group on Arbitrary Detention vom 23. Juli
2018 nichts zu ändern. Die Situation in Sri Lanka werde durch das SEM
genau verfolgt und es bestehe aktuell kein Grund zur Annahme, die Lage
habe sich zum Nachteil des Beschwerdeführers verändert oder die aktuelle
politische Situation habe negative Konsequenzen für ihn. Die psychischen
Probleme des Beschwerdeführers würden dem angeordneten Wegwei-
sungsvollzug auch nicht entgegenstehen. In B._ seien sowohl am-
bulante als auch stationäre Behandlungen durch Psychiater und Psycho-
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logen möglich und es sei ihm zumutbar, sich dort entsprechende Unterstüt-
zung zu holen, zumal diese Behandlungen grundsätzlich für alle Bürger
kostenlos seien. Ganz generell mache sich bei ausländischen Personen im
Zeitpunkt der Abweisung ihrer Gesuche häufig ein depressives Zustands-
bild bemerkbar, was aber nicht gegen die Zulässigkeit des Wegweisungs-
vollzugs unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK spreche. Es liege jedoch in
seiner Verantwortung, sich mit Hilfe der behandelnden Ärzte auf seine
Rückkehr in seinen Heimatstaat vorzubereiten und bei Bedarf medizini-
sche Rückkehrhilfe zu beantragten.
4.4 In seiner Replik verwies der Beschwerdeführer auf ähnlich gelagerte
Verfahren, in welchen asylsuchende Personen zumindest vorläufig auf-
genommen worden seien. Weiter würden neue Beweismittel zur Untermau-
erung seiner Vorbringen ins Recht gelegt, darunter ein Bestätigungsschrei-
ben und eine Bestätigung eines medizinischen Behandlungszentrums
bezüglich die Behelligungen seiner Familie in Sri Lanka sowie mehrere
Zeitungsartikel und eine Haftbestätigung im Zusammenhang mit einer Ex-
plosion in der Herkunftsregion des Beschwerdeführers. Diese Beweismittel
würden einerseits das weiterhin vorhandene Verfolgungsinteresse seitens
der sri-lankischen Behörden nachweisen und sollen andererseits bewei-
sen, dass ihm bei einer Rückkehr dasselbe Schicksal drohe. Gerade seine
Narbe (...) mache ihn unwiderruflich verdächtig. Seit dem Erdrutschsieg
Rajapaksas seien Verfolgungsmassnahmen für Personen mit analogem
Risikoprofil intensiviert worden. Die Ausführungen des SEM hinsichtlich
seines Gesundheitszustandes würden geradezu zynisch wirken. Es habe
die psychische Labilität in keiner Weise berücksichtigt und verkenne, dass
die anstehende Rückführung eine irreversible Verschlechterung seines
Gesundheitszustandes begünstige. Damit verstosse die Vorinstanz gegen
Art. 3 EMRK, weshalb zumindest bis zu einer Stabilisierung seines psychi-
schen Zustandes vom Vollzug der Wegweisung abzusehen sei.
5.
5.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die zuständige Behörde den Sachverhalt
von Amtes wegen fest. Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allge-
meinen Grundsätzen des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (Art. 12
VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhal-
tes zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaf-
fen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss
darüber Beweis zu führen. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung,
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wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berück-
sichtigt wurden, unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwid-
riger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheblichkeit
einer Tatsache zu Unrecht verneint wird, so dass diese nicht zum Gegen-
stand eines Beweisverfahrens gemacht wird, oder weil Beweise falsch ge-
würdigt worden sind.
5.2 Die zuständige Behörde ist in dem Ausmass zur Untersuchung des
Sachverhaltes verpflichtet, als man dies vernünftigerweise von ihr erwarten
kann. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der gesetzli-
chen Mitwirkungspflicht der Parteien. Art. 13 VwVG verpflichtet die Par-
teien, an der Feststellung des Sachverhaltes in Verfahren mitzuwirken, die
sie durch ihr Begehren eingeleitet haben; für das Asylverfahren wird die
Mitwirkungspflicht in Art. 8 AsylG konkretisiert. Die Mitwirkungspflicht des
Gesuchstellers betrifft insbesondere Tatsachen, die seine persönliche Si-
tuation betreffen und die der Gesuchsteller besser kennt als die Behörden
oder die von diesen ohne seine Mitwirkung gar nicht oder nicht mit vernünf-
tigem Aufwand erhoben werden können (vgl. BVGE 2008/24 E. 7.2
m.w.H.).
5.3 Die Parteien haben ein aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör flies-
sendes Recht, an der Erstellung des Sachverhaltes mitzuwirken (Art. 29
Abs. 2 BV und Art. 29 VwVG). Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs ver-
langt unter anderem, dass sich die Parteien zumindest zu den Grundlagen
des Entscheids, insbesondere zum Sachverhalt, vorweg äussern und ihre
Standpunkte einbringen können (vgl. BGE 132 II 257 E. 4.2). Ferner hat
die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich zu hö-
ren, sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu be-
rücksichtigen, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder-
schlagen muss (Art. 32 Abs. 1 und Art. 35 Abs. 1 VwVG).
5.4 Die Dichte der Begründung einer behördlichen Verfügung richtet sich
dabei nach den Verfahrensumständen, dem Verfügungsgegenstand und
den Interessen der Betroffenen, wobei die bundesgerichtliche Rechtspre-
chung bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interes-
sen der Betroffenen eine sorgfältige Begründung verlangt (vgl. BVGE
2008/47 E. 3.2 m.w.H.).
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Seite 12
6.
6.1 In formeller Hinsicht rügt der Beschwerdeführer die Verletzung des
rechtlichen Gehörs durch das SEM, indem es sich auf eine Anhörung ge-
stützt habe, welche weder dem Anspruch auf rechtliches Gehör noch dem
Gebot auf faires Verfahren entsprochen habe. Einerseits sei zwischen den
beiden Befragungen ein Zeitraum von zwei Jahren vergangen und
andererseits seien relevante Tatsachen nicht genügend abgeklärt worden.
So seien etliche Fragen betreffend die geltend gemachte Folter und sexu-
elle Gewalt unterblieben und der rechtserhebliche Sachverhalt nicht in der
ganzheitlichen Tiefe abgeklärt worden. Jegliche Initiative seinerseits, die
sexuellen Übergriffe darzulegen, seien von der Hand gewiesen worden und
generell habe an der Anhörung kein Klima des Vertrauens und der Empa-
thie geherrscht. Die unterlassene Abklärung konkreter Details der sexuel-
len Folter sei mit der Verletzung des Mitwirkungsrechts gleichzusetzen.
Bereits an der BzP sei sein Versuch, über die erlebten Übergriffe zu spre-
chen, abgewehrt worden. Der Erlebnisbericht des HWV bekräftige, dass er
wiederholt auf wenig konstruktive Weise unter Druck gesetzt und unterbro-
chen worden sei. Vor diesem Hintergrund gehe auch die Behauptung des
SEM fehl, der Beschwerdeführer habe auf die Fragen des HWV am Ende
der Anhörung nicht antworten wollen. Zu Unrecht habe das SEM auch un-
berücksichtigt gelassen, dass sexuelle Übergriffe zu Traumatisierungen
führen und Erinnerungslücken hervorrufen könnten.
6.2 Das SEM entgegnet diesem Vorwurf in seiner Vernehmlassung, dass
dem Beschwerdeführer – sowohl durch die befragende Person als auch
durch den HWV – mehrfach die Gelegenheit gegeben worden sei, über
seine Haft und die geltend gemachte (sexuelle) Gewalterfahrung zu spre-
chen. Nachdem er seine Haft aber nicht habe glaubhaft machen können,
könne auch die erlittene (sexuelle) Gewalt nicht geglaubt werden. Es wäre
ihm sodann offen gestanden, eine schriftliche Eingabe zu machen und
darin die noch nicht dargelegten Sachverhaltselemente zu beschreiben.
Diese Möglichkeit habe er jedoch nicht wahrgenommen und auch in der
Beschwerde seien keine neuen Sachverhaltselemente vorgetragen wor-
den.
6.3 In der Replik wies der Beschwerdeführer darauf hin, das SEM habe
verkannt, dass auch der an der Anhörung anwesende HWV in ungewohn-
ter Deutlichkeit auf das Verhalten des Befragungsleiters aufmerksam ge-
macht und dieses als "geradezu absurd" bezeichnet habe. Der HWV habe
auch festgestellt, dass der Befrager den Beschwerdeführer, sobald die er-
lebte (sexuelle) Gewalt angesprochen worden sei, unterbrochen und dann
auch keine Nachfragen gestellt habe. Dadurch habe keine konstruktive
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Klärung des Sachverhalts erreicht werden können. Eine schriftliche Ein-
gabe könne sodann nicht den persönlichen und unmittelbaren Eindruck der
befragenden Person ersetzen und eine solche wäre durch das SEM ohne
Weiteres als konstruiert abgetan worden. Insgesamt sei er mit dieser Vor-
gehensweise seines Anspruchs auf rechtliches Gehör in unheilbarer Art
und Weise beraubt worden.
7.
7.1 Nach einer Überprüfung der Verfahrensakten ist festzuhalten, dass der
Beschwerdeführer tatsächlich bereits an der BzP unterbrochen wurde, als
er die in seiner Haftzeit erlebten Gewalterfahrungen zu schildern begann
(vgl. A5 S. 7: "Ich bitte [Sie] heute die Details Ihrer Folterungen nicht zu
schildern, es ist vermerkt, dass Sie gefoltert wurden."). In der Folge wurde
gemäss Unterschriftenblatt des HWV sowie der Aktennotiz vom 9. Februar
2018 zwar eine geschlechtsspezifische Anhörung durchgeführt; in den Ver-
fahrensakten ist ansonsten jedoch kein entsprechender Hinweis zu finden.
Anlässlich der vertieften Anhörung zu den Asylgründen wurde der Be-
schwerdeführer wiederum mehrere Male im Erzählfluss unterbrochen, als
er angefangen hatte von seiner Haft zu berichten (A12 ad F32: "[...] Auch
während der Befragung haben sie mich geschlagen. [...] Ich wusste nicht,
ob er zu einem anderen Ort transportiert worden war oder in eine andere
Zelle untergebracht wurde [SB unterbricht]."; ad F62: "Sie haben mich an
den Füssen aufgehängt und befragt. Sie haben auch Chilipulver in meine
Augen gestreut. Sie haben mich auch sexuell belästigt. [SB unterbricht].").
Auf den Vorwurf der befragenden Person, er habe relativ wenig erzählt, als
er nach Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen gefragt worden sei,
gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, er sei zuvor unterbrochen worden,
als er über die sexuellen Belästigungen habe sprechen wollen (vgl. a.a.O.
F94). Auch an dieser Stelle sah sich der Befrager nicht veranlasst, Fragen
zu den sexuellen Übergriffen zu stellen. Angesprochen auf die Freund-
schaft mit dem muslimischen Soldaten, gab der Beschwerdeführer an,
dieser habe ihn sexuell belästigt. Daraufhin wollte der Befrager wissen, wie
es denn dazu gekommen sei, dass ihm dieser die Flucht ermöglicht habe;
er stellte aber wiederum keine Fragen zum sexuellen Übergriff (vgl. a.a.O.
F101 ff.). Am Schluss der Anhörung versuchte der HWV, das Gespräch auf
die konkreten sexuellen Übergriffe zu lenken, worauf der Beschwerde-
führer anmerkte, wenn er darüber spreche, bekomme er Kopfschmerzen;
auf eine erneute Nachfrage des HWV antwortete er: "Er hat seinen Penis
in meinen Mund gesteckt. Darüber zu sprechen habe ich Mühe" (vgl. a.a.O.
F151 f.). Daraufhin intervenierte auch der HWV nicht weiter zu diesem
Thema.
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7.2 Auch das Bundesverwaltungsgericht erachtet es als unverständlich,
dass in einer explizit geschlechtsspezifisch organisierten Anhörung ausge-
rechnet die hierzu führenden Sachverhaltselemente nicht angesprochen
und abgeklärt worden sind.
7.3 Neben diesen Auffälligkeiten sind dem Anhörungsprotokoll mehrere
Hinweise zu entnehmen, welche auf eine angespannte Befragungssitua-
tion schliessen lassen (vgl. A12 F94 ff., F125: "Ich versuche die ganze Zeit
von Ihnen prägende Erlebnisse zu erfahren. Wenn ich Sie konkret frage,
was Sie gegessen, getrunken haben, bringt das ja nicht. Sie müssen von
sich selber aus erzählen, was Sie erlebt haben, damit wir uns ein Bild von
Ihren Erlebnissen machen können, uns das vorstellen können. Wenn Sie
jetzt noch viel zu erzählen haben, ist es jetzt die Gelegenheit dazu." A: "[GS
schweigt] [DM fordert GS auf zu erzählen, was er erlebt hat] [HWV be-
merkt, dass dies nicht konstruktiv ist].").
7.4 Angesichts dieser Ausführungen bemängelt der Beschwerdeführer zu
Recht eine unvollständige Feststellung aller Sachverhaltselemente durch
die Vorinstanz. Die Erklärung, weil die geltend gemachte Haft als nicht
glaubhaft erachtet worden sei, habe die angebliche sexuelle Gewalt eben-
falls nicht unter diesen Umständen erfolgen können, greift zu kurz. Über-
dies lässt die konkrete Formulierung in der Vernehmlassung darauf schlies-
sen, das SEM halte eine sexuelle Gewalterfahrung des Beschwerdeführers
für durchaus möglich (vgl. Vernehmlassung S. 1 f. [Hervorhebung BVGer]:
"Demnach kann auch die allfällig erlittene [sexuelle] Gewalt unter den gel-
tend gemachten Umständen nicht geglaubt werden").
7.5 Nachdem der Befrager vom Beschwerdeführer gerade mehrmals die
Beschreibung spezieller Ereignisse verlangte, erscheint nicht nachvollzieh-
bar, aus welchen Gründen er den Beschwerdeführer während der Schilde-
rungen der diesbezüglichen Vorfälle mehrmals unterbrach respektive keine
Folgefragen stellte.
7.6 Unter den gegebenen Umständen kann dem Beschwerdeführer jeden-
falls nicht entgegengehalten werden, er habe seine Hafterlebnisse ohne
persönliche Eindrücke oder Empfindungen geschildert.
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7.7
7.7.1 Das SEM hat nach dem Gesagten den rechtserheblichen Sachver-
halt unvollständig festgestellt und damit seine Untersuchungspflicht res-
pektive das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt.
7.7.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist grundsätzlich formeller Natur,
weshalb eine entsprechende Verletzung dieses Grundsatzes – ungeachtet
der materiellen Auswirkungen – regelmässig zur Aufhebung des daraufhin
ergangenen Entscheids führt. In Ausnahmefällen ist eine Heilung der Ge-
hörsverletzung auf Beschwerdeebene unter bestimmten Voraussetzungen
möglich, wenn unnötige Verzögerungen vermieden werden sollen, die nicht
mit dem Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurtei-
lung der Sache in Einklang gebracht werden könnten (vgl. BVGE 2012/24
E. 3.4 m.w.H.). Eine solche Heilung kann insbesondere dann erfolgen,
wenn sie im Interesse der betroffenen Person liegt, zumal diese in solchen
Fällen nicht auf den Schutz der formellen Gehörsrechte angewiesen ist.
Zu berücksichtigen sind allenfalls überwiegende entgegenlaufende Inte-
ressen, die eine Rückweisung an die Vorinstanz gebieten, wenn beispiels-
weise neben dem Beschwerdeführer Dritte vom Verfahrensmangel betrof-
fen sind (vgl. WALDMANN/BICKEL, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.],
Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 29 N127 S. 648 f.). Diesfalls
kann eine allfällig fehlende Entscheidungsreife grundsätzlich auch durch
die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall
aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint und der Auf-
wand dazu vertretbar bleibt (MADELEINE CAMPRUBI, in: Kommentar zum
VwVG, 2. Aufl. 2019, Rz. 11 zu Art. 61; BVGE 2014/22 E. 5.3 m.w.H.).
7.7.3 Wie den nachfolgenden Erwägungen zu entnehmen ist, qualifiziert
das Bundesverwaltungsgericht den Sachverhalt mit Bezug auf die vom Be-
schwerdeführer beschriebene mehrjährige Inhaftierung unter körperlichen
Misshandlungen als hinreichend erstellt und dieses Vorbringen – im
Gegensatz zur Vorinstanz – als glaubhaft sowie als flüchtlingsrechtlich
relevant. Angesichts der fünfjährigen Verfahrensdauer und des labilen
Gesundheitszustands des Beschwerdeführers ist ein reformatorischer
Entscheid angezeigt, auch wenn ein zusätzliches Sachverhaltselement
(sexuelle Übergriffe) noch nicht hinreichend abgeklärt worden ist.
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8.
8.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
8.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genü-
gend substantiiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den
Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus
muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was
insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf ge-
fälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt, aber auch dann, wenn sie
wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des
Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nach-
schiebt oder die nötige Mitwirkung verweigert (vgl. Art. 7 AsylG).
8.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Be-
gründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur An-
nahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise
– mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht
oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrschein-
lichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen hinreichende An-
haltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem
Menschen in vergleichbarer Lage Frucht vor Verfolgung und damit den Ent-
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schluss zur Furcht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung einer-
seits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen und ist
andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Erlebte und das
Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer be-
reits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive
Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2014/27
E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
9.
9.1 Der Einschätzung des SEM in der angefochtenen Verfügung – der Be-
schwerdeführer habe unglaubhafte Ausführungen zur geltend gemachten
langjährigen Haft gemacht – kann das Gericht nicht beipflichten. Bei der
Durchsicht des Anhörungsprotokolls entsteht an mehreren Stellen der Ein-
druck, die befragende Person habe gewisse Erwartungen betreffend die
Antworten des Beschwerdeführers auf die ihm gestellten Fragen gehabt
und dessen Aussagen als unglaubhaft gewertet, weil dieser jenen Erwar-
tungen nicht gerecht wurde (vgl. A12 F51 ff., F61, F67 ff., F94, F123, F133).
9.2 Die Aussagen des Beschwerdeführers hinsichtlich der langjährigen In-
haftierung sind vor dem Hintergrund zu beurteilen, dass er im Zeitpunkt,
als er seinen Angaben zufolge durch die heimatlichen Behörden inhaftiert
wurde, erst knapp (...)-jährig war und die darauffolgenden sechs Jahre in
einem unterirdischen Camp verbrachte. Bereits deshalb vermag der dies-
bezügliche Vorwurf der Vorinstanz, der Beschwerdeführer habe erst auf
konkret gestellte Fragen substanziierte Aussagen machen können (vgl. an-
gefochtene Verfügung S. 5), nicht zu überzeugen. Es ist auch durchaus
vorstellbar, dass nach einer gelungenen Flucht aus einer sechsjährigen
Haft in einem geheimen Gefängnis weder der genaue Standort dieses
Camps noch jener der Kirche, in welcher Zuflucht gefunden habe, oder der
Name des Pfarrers für den Beschwerdeführer von Interesse war. So geht
auch aus den Aussagen des Beschwerdeführers hervor, dass seine erste
Priorität in dieser Situation das Erreichen eines sicheren Ortes war (vgl.
A12 ad F127, F129, F132).
9.3 Zunächst ist festzuhalten, dass die Ausführungen des Beschwerdefüh-
rers bezüglich seiner Probleme mit der SLA im Jahr 2008 einen authenti-
schen Eindruck hinterlassen, gerade weil er die Geschehnisse in einer un-
aufgeregten Weise vortrug (vgl. A12 ad F12, F17, F30: "[...] Ich war in die-
sem Zelt gewesen. Von dort konnten wir nicht vorwärts gehen, weil überall
rundum kräftige Gefechte waren. [...]. ", F32, F34, F35: "[...] Von diesen
Karten haben sie die Familienmitglieder erkannt und sie als Familie zu ei-
ner Seite genommen. Sogar wenn jemand von der Familie keine ID-Karte
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hatte, haben sie die Person auf die andere Seite genommen."). Die zurück-
haltende, teilweise spröde wenn nicht geradezu lakonisch wirkende Aus-
drucksweise des Beschwerdeführers wurde vom SEM nicht als solche er-
kannt und die teilweise knapp wirkenden Schilderungen deshalb zu Un-
recht als vage und unsubstanziiert qualifiziert. Das Gericht erachtet auch
die zentralen Schilderungen des Beschwerdeführers rund um seine Mit-
nahme durch die Armee im Jahr 2009, zu einigen Befragungssituationen
sowie zu seiner Flucht aus dem Camp als glaubhaft, weil diese nachvoll-
ziehbar und – unter Berücksichtigung der Ausdrucksweise – hinreichend
detailliert ausgefallen sind und mehrere Realitätskennzeichen enthalten
(vgl. etwa A12 ad F30 ff., F39 ff., F58: "[...]. Ich glaube, wenn man diese
Tabletten einnimmt, erzählt man die Wahrheit", F75 f., F81 f., F90 ff., F102,
ad F126: "[...] Ich dachte auch, ich wäre damals besser im Krieg gestorben,
als in dieser unterirdischen Zelle zu bleiben [...]."). Der Beschwerdeführer
vermochte seine Vorbringen sodann durch die im Beschwerdeverfahren
eingereichten Beweismittel zu untermauern (vgl. insbesondere Beschwer-
debeweismittel 10, wonach durch einen sri-lankischen Geheimdienst
Gefangene über mehrere Jahre in einem geheimen unterirdischen Gefäng-
nis inhaftiert worden seien). Vor diesem Hintergrund vermag der Vorwurf
der Vorinstanz, der Beschwerdeführer habe keinerlei Angaben zum Camp
machen können, in welchem er sich jahrelang aufgehalten habe, nicht zu
überzeugen.
9.4 Zusammenfassend erachtet das Gericht als erstellt, dass der Be-
schwerdeführer gemeinsam mit seinem Vater im Jahr 2008 im F._-
Camp verhört wurde, weil ein Student bei ihnen gelebt hatte, der in einen
Bombenanschlag involviert war. Er wurde mit der Auflage entlassen, Infor-
mationen zu diesem Studenten zu liefern. In der Folge schickte ihn sein
Vater ins Vanni-Gebiet, wo er sich im Jahr 2009 der sri-lankischen Armee
ergab. In der Folge war er bis im Jahr 2015 in einem unterirdischen
Gefängnis inhaftiert und wurde dort befragt und misshandelt. Nach seiner
Flucht aus dem Camp im Jahr 2016 verliess er mit Hilfe eines Pfarrers di-
rekt seinen Heimatstaat.
9.5 Der Beschwerdeführer erfüllte im Zeitpunkt seiner Ausreise die Voraus-
setzungen für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Die Furcht vor
zukünftiger Verfolgung erweist sich auch zum heutigen Zeitpunkt als
aktuell, zumal er nicht regulär aus seiner Haft entlassen wurde. Ausserdem
gab der Beschwerdeführer bereits an der Anhörung an, seine Familie habe
wegen seiner Probleme umziehen müssen (vgl. A12 F6 f.) und legte im
Beschwerdeverfahren Dokumente ins Recht, welche die aktuellen Behelli-
gungen der Familie belegen (vgl. Beschwerdebeweismittel 9 und 17).
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9.6 Der Beschwerdeführer erfüllt folglich die Flüchtlingseigenschaft ge-
mäss Art. 3 AsylG. Da den Akten keine Hinweise zu entnehmen sind, die
auf das Vorliegen von Ausschlussgründen (Art. 53 AsylG) hindeuten, ist
ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG).
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die angefochtene
Verfügung vom 3. April 2020 ist aufzuheben und das SEM ist anzuweisen,
dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
11.2
11.2.1 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsie-
gens in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen.
11.2.2 Dem Bundesverwaltungsgericht kommt bei der Festsetzung der
Parteientschädigung ein Ermessenspielraum zu. Die Kosten sind als not-
wendig zu betrachten, wenn sie zur sachgerechten und wirksamen Rechts-
verfolgung oder Rechtsverteidigung unerlässlich sind (vgl. KÖLZ/HÄNER/
BERTSCHI, 3. Aufl. 2013, N 1180, S. 411 mit Hinweisen). Wurde eine detail-
lierte Kostennote eingereicht, basiert die Festsetzung der Parteientschädi-
gung grundsätzlich auf dieser. Allerding sind die ausgewiesenen Kosten
nicht unbesehen zu ersetzen, vielmehr hat eine Überprüfung zu erfolgen,
in welchem Umfang diese für die Vertretung als notwendig anerkannt wer-
den können (vgl. MICHAEL BEUSCH, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.],
2. Aufl. 2019, Art. 64 N 17 mit Hinweisen).
11.2.3 In der Kostennote des Rechtsbeistands vom 11. September 2020
wird für das Beschwerdeverfahren ein zeitlicher Vertretungsaufwand von
mehr als 17 Stunden ausgewiesen; hinzu kommt der Aufwand für die Erar-
beitung der drei Eingaben vom 8. Dezember 2020 und 18. Februar 2021
und 5. März 2021. Die Komplexität des Verfahrens war leicht überdurch-
schnittlich, ein Zeitaufwand von gegen 20 Honorarstunden für das ganze
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Beschwerdeverfahren erscheint aber trotzdem nicht als vollumfänglich not-
wendig im Sinn von Art. 64 Abs. 1 VwVG und ist auf 15 Stunden zu kürzen.
Unter Berücksichtigung des reglementskonformen Stundenansatzes
(Art. 10 Abs. 2 VGKE) ist zulasten des SEM eine Parteientschädigung von
insgesamt Fr. 4250. (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzu-
sprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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