Decision ID: 894d625b-9a40-584f-9457-a515b66b50a0
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ erlitt am 17. Oktober 2000 einen Verkehrsunfall. Dr. med. B._, Spezialarzt
FMH für orthopädische Chirurgie, diagnostizierte eine schmerzhaft eingeschränkte
Funktion der HWS bei Status nach Distorsionstrauma durch Auffahrkollision und
bescheinigte dem Versicherten eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit (fremd-act. 3). Am
28. August 2001 meldete sich der Versicherte bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen
zum Bezug von Leistungen an (IV-act. 1). Diese sprach ihm mit Verfügungen vom
27. September 2005 und vom 15. November 2005 mit Wirkung ab 1. Oktober 2001
eine halbe Rente zu (IV-act. 38 und IV-act. 40). Mit Verfügungen vom 26. November
2009 und vom 14. Januar 2010 sprach die IV-Stelle dem Versicherten infolge einer
gesundheitlichen Verschlechterung ab 1. Mai 2009 eine Dreiviertelsrente zu (IV-act. 100
und IV-act. 103).
A.a.
Am 30. Mai/4. Juni 2018 ersuchte der Versicherte um eine Rentenerhöhung. Zur
Begründung führte er aus, seit Juli 2016 seien die Schmerzen fortgeschritten und es
seien neue Krankheiten aufgetreten (IV-act. 140). Mit dem Gesuch reichte er u.a. einen
Bericht des behandelnden Dr. med. C._, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 7. Mai 2018 ein. Dieser diagnostizierte darin: eine
Zervikobrachialgie mit sensibler C6-Radikulopathie links bei rezessaler
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neuroforaminaler Stenose auf Höhe HWK 5/6 linksbetont und relativer
Spinalkanalstenose auf Höhe HWK 5-7; eine Hypakusis links und eine diffuse
Parästhesie in der linken Gesichtshälfte; eine vaskuläre Enzephalopathie; eine
Lumboischialgie linksbetont am ehesten vertebrogen; eine Migräne mit visueller Aura;
eine bekannte Colitis ulcerosa; eine chronische Patella-Luxation rechts und einen
Verdacht auf beginnende funikuläre Myelose ohne elektroneurographisches Korrelat
bei Vitamin B12-Mangel. Dr. C._ bescheinigte dem Versicherten eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 145). In der Stellungnahme vom 16. Oktober 2018 gelangte
der RAD-Arzt Dr. med. D._, Facharzt für Innere Medizin, zum Schluss, dass sich die
chronisch entzündliche Darmerkrankung unter Therapie in Remission befinde und der
Versicherte durch respiratorische Symptome nicht wesentlich beeinträchtigt sei. Es
liege kein dauerhafter und erheblicher neuer Gesundheitsschaden vor, der eine
Arbeitsunfähigkeit von mehr als 50% begründen könne (IV-act. 157). Daraufhin stellte
die IV-Stelle dem Versicherten mit Vorbescheid vom 17. Oktober 2018 die Abweisung
des Rentenerhöhungsgesuchs in Aussicht (IV-act. 159).
Dagegen erhob der Versicherte am 20. Dezember 2018 Einwand und beantragte,
es sei ihm ab 1. Juni 2018 eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter sei ein
polydisziplinäres Gutachten mit den Fachdisziplinen Neurologie, Neuropsychologie,
Psychiatrie, Pneumologie und Gastroenterologie einzuholen (IV-act. 166). Auf
Empfehlung des RAD-Arztes Dr. D._ vom 27. November 2019 (IV-act. 217-2 f.) hielt
die IV-Stelle eine polydisziplinäre Begutachtung mit den Disziplinen Allgemeine/Innere
Medizin, Gastroenterologie, Neurologie, Pneumologie, Orthopädie, Psychiatrie und
Otorhinolaryngologie für notwendig, was sie dem Versicherten am 11. Dezember 2019
mitteilte (IV-act. 214). Im Anschluss vergab das RAD-Sekretariat den Auftrag am
30. Dezember 2019 auf der SuisseMED@P-Plattform, ohne vom fristgerecht
eingegangenen (jedoch wegen der Feiertage erst am 30. Dezember 2019 eingelesenen)
Einwand des Versicherten vom 23. Dezember 2019 Kenntnis zu haben, worin er
zusätzlich um eine neuropsychologische Begutachtung ersuchte (IV-act. 220). Am
31. Dezember 2019 erhielt die H._ den Zuschlag zur Begutachtung (IV-act. 219). Das
Versäumnis wurde am 6. Januar 2020 entdeckt, woraufhin die H._ um Sistierung des
Gutachtensauftrags aufgrund des eingegangenen Einwands gebeten wurde (IV-
act. 221; siehe zum Ganzen auch die Ausführungen der IV-Stelle in act. G 3, III. Rz 2).
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 9. Januar 2020 teilte die H._ der IV-Stelle die Namen der Sachverständigen für
die Fachrichtungen Allgemeine Innere Medizin, Neurologie, Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie des Bewegungsapparates, Oto-Rhino-Laryngologie, Pneumologie,
Psychiatrie und Psychotherapie mit. Nach einer ersten Durchsicht des Auftrags sei
festgestellt worden, dass eine aktive gastroenterologische Erkrankung nicht vorliege.
Es werde eine Remission berichtet und die Restbeschwerden seien internistisch
ausreichend bewertbar. Deshalb sei das Fachgebiet Gastroenterologie gestrichen
worden, zumal auch eine internistische Untersuchung erfolgen werde (IV-act. 222). Der
RAD-Arzt Dr. D._ empfahl, dass die polydisziplinäre Begutachtung zusätzlich die
Fachrichtungen Gastroenterologie und Neuropsychologie umfassen sollte
(Stellungnahme vom 23. Januar 2020, IV-act. 223). Die Berücksichtigung dieser
Disziplinen teilte die IV-Stelle am 23. Januar 2020 der H._ mit (IV-act. 224). Deren
Inhaber und medizinischer Leiter, Prof. Dr. med. E._, Facharzt für Neurologie,
antwortete der IV-Stelle am 12. Februar 2020, dass sie weder eine
neuropsychologische noch gastroenterologische Teilbegutachtung durchführen werde.
Diese seien nicht notwendig, da u.a. bereits eine psychiatrische und internistische
Teilbegutachtung vorgesehen sei. «Der Gutachtenauftrag sei rechtsgültig an H._
vergeben worden. Sachfremde Manipulationen an der gesetzlich vorgegebenen
Auftragserteilung sind somit rechtswidrig» (IV-act. 226). Der RAD-Arzt Dr. D._ führte
in der Stellungnahme vom 3. März 2020 aus, es handle sich um einen mittlerweile
jahrzehntelangen, anfangs scheinbar schubweisen Verlauf einer chronisch-
entzündlichen Darmerkrankung mit klinischer Besserung unter ausgedehnter anti-
entzündlicher Behandlung, wobei Nebenwirkungen diesbezüglich möglich seien.
Angesichts der Komplexität des Falls und der möglichen Interferenzen von
Gesundheitsschäden sei eine fachärztlich-gastroenterologische Begutachtung
erforderlich. Des Weiteren bestehe eine Indikation für eine eigenständige
neuropsychologische Abklärung (IV-act. 230). Die IV-Stelle teilte Prof. E._ mit
Schreiben vom 4. März 2020 mit, dass sie am Auftrag mit den zusätzlichen
Fachdisziplinen Neuropsychologie und Gastroenterologie festhalte (IV-act. 229). Dieser
hielt einen Einbezug der beiden zusätzlichen Fachrichtungen nicht für «ausreichend
medizinisch-sachlich begründet». Die H._ halte «an dem rechtmässig vergebenen
Auftrag und der von H._ medizinisch sachlich korrekt begründeten Fächerauswahl
fest und wird den Auftrag ohne gegenteilige Weisung seitens des BSV entsprechend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
durchführen» (IV-act. 231). Nach der Gewährung des rechtlichen Gehörs (siehe zur
Stellungnahme des Versicherten vom 25. Juni 2020 IV-act. 242) ordnete die IV-Stelle -
nachdem das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) eine Neuvergabe des
Gutachtens über die SuisseMED@P-Plattform abgelehnt hatte (IV-act. 240-3) - in der
Zwischenverfügung vom 3. Juli 2020 an, sie halte an der Abklärung durch die H._
fest (IV-act. 243).
Gegen die Zwischenverfügung vom 3. Juli 2020 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 17. Juli 2020. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten-
und Entschädigungsfolge deren Aufhebung. Die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen,
den Auftrag für die polydisziplinäre Begutachtung nicht an die H._ zu vergeben und
über den Zufallsgenerator SuisseMED@P unter Einschluss der Fachrichtungen
Neuropsychologie und Gastroenterologie eine andere Gutachtenstelle zu ermitteln. Zur
Begründung brachte er vor, es sei offensichtlich, dass sich die H._ bei der Auswahl
der Disziplinen nicht von sachlichen Gründen leiten lasse. Vielmehr werde ersichtlich,
dass nur so agiert werde, weil eben die neuropsychologische Disziplin nicht angeboten
werde bzw. nicht angeboten werden dürfe. Auffallend und befremdend sei dabei das
aggressive Vorgehen der H._, die trotz aller sachlichen Ausführungen des RAD nicht
habe darauf eingehen wollen und den Sachverhalt absichtlich nur verkürzt
wiedergegeben habe. Im Weiteren würden die Ausführungen der H._ zeigen, dass sie
beabsichtige, die fachlichen Anforderungen für Neuropsychologie bewusst zu
umgehen, indem auf eine kognitive Testung als Hilfsuntersuchung der vorgesehenen
psychiatrischen Begutachtung verwiesen werde. Wäre das fristgerecht versandte
Schreiben vom 23. Dezember 2019 zudem bereits am 24. Dezember 2019 eingelesen
worden und somit vor einer Eingabe in der SuisseMED@P zum RAD gelangt - welcher
eine zusätzliche neuropsychologische Begutachtung befürworte - so wäre bei einer
späteren Auftragseingabe unter Einschluss der Neuropsychologie gar keine Zuteilung
an die H._ mehr möglich gewesen. Die nachträgliche Gewährung des rechtlichen
Gehörs reiche zur Behebung dieses Mangels nicht aus. Auch hinsichtlich einer
gastroenterologischen Begutachtung sei nicht ersichtlich, warum eine solche nicht
erfolgen solle (act. G 1).
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Vorliegend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit des in der angefochtenen
Zwischenverfügung angeordneten polydisziplinären Gutachtensauftrags an die H._.
Dabei ist vorweg zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin an den von der H._
geforderten reduzierten Disziplinenumfang gebunden ist.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 20. August
2020 die Gutheissung der Beschwerde. Die angefochtene Zwischenverfügung sei
aufzuheben und die Sache sei zur Durchführung einer umfassenden Begutachtung in
den Fachdisziplinen Allgemeine Medizin, Neurologie, Pneumologie, Orthopädie,
Psychiatrie, HNO, Neuropsychologie und Gastroenterologie an sie (die
Beschwerdegegnerin) zur Neuausschreibung auf der SuisseMED@P-Plattform
zurückzuweisen. Durch die ablehnende Haltung der H._ werde eine vollständige
Abklärung verhindert und eine allfällige Rückweisung in einem späteren
Gerichtsprozess provoziert. Durch die Regelung im einschlägigen Kreisschreiben, die
dem Gutachter eine abschliessende Fachdisziplinenauswahl zuerkenne (und die
notabene auf einem Bundesgerichtsentscheid beruhe, bei dem eine
Disziplinenerweiterung und nicht Disziplineneinschränkung Gegenstand bildete), werde
sie (die Beschwerdegegnerin) in eine unmögliche Position gezwungen. Es sei stossend,
dass ein Gutachter aus medizinischer Sicht abschliessend entscheiden können soll,
welche Fachdisziplinen zum Zug kommen, da so juristische Überlegungen nicht
beachtet würden. Alles in allem sei das vorliegende Beschwerdeverfahren ein Ärgernis,
da das uneinsichtige Verhalten von Prof. E._ einen Zeitverlust für den
Beschwerdeführer und einen unnötigen finanziellen Schaden für sie nach sich ziehen
werde. Sollte das Gericht es als notwendig erachten, zusätzlich zu den Akten eine
Stellungnahme von der betroffenen Gutachterstelle einzuholen, so sei Prof. E._ zum
Prozess beizuladen unter entsprechender Berücksichtigung bei der
Prozesskostenauferlegung (act. G 3).
B.b.
Bei der Anordnung eines Gutachtens handelt es sich um eine Zwischenverfügung
(Art. 55 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1] in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]). Eine solche
kann unter anderem dann angefochten werden, wenn ein nicht wieder gutzumachender
Nachteil droht (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. April
2010, B 2009/197, E. 2.5; vgl. auch BGE 138 V 275 E. 1.2.1). Für die Beurteilung des
nicht wieder gutzumachenden Nachteils im Kontext des sozialversicherungsrechtlichen
Abklärungsverfahrens mit seinen spezifischen Gegebenheiten ist zu beachten, dass
das medizinische Administrativgutachten in der Regel die wichtigste medizinische
Entscheidgrundlage im Beschwerdeverfahren bildet. Die Mitwirkungsrechte der
versicherten Personen müssen daher bereits vor der Begutachtung durchgesetzt
werden können, bevor präjudizierende Effekte eintreten. Mit Blick auf das begrenzte
Überprüfungsvermögen der rechtsanwendenden Behörden genügt es daher nicht, die
Mitwirkungsrechte erst nachträglich, bei der Beweiswürdigung im Verwaltungs- und
Beschwerdeverfahren, einzuräumen (vgl. BGE 138 V 276 E. 1.2.2). Des Weiteren darf
auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Anordnung medizinischer
Untersuchungen an einer Person «zweifellos» einen Eingriff in das Grundrecht der
persönlichen Freiheit (Art. 10 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft [BV; SR 101]) darstellt (BGE 136 V 126 E. 4.2.2.1 mit Hinweisen).
Als solcher muss die angeordnete Begutachtung die Voraussetzungen von Art. 36 BV
erfüllen, was im Bestreitungsfall gerichtlich überprüfbar sein muss (Art. 29a der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft [BV; SR 101]). Auf die
Beschwerde ist daher einzutreten, was von den Parteien auch nicht bestritten wird
(siehe zum Ganzen den Entscheid des Versicherungsgerichts vom 27. Mai 2020,
IV 2019/309, E. 1.1).
Art. 43 Abs. 1 ATSG statuiert die Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen, wobei
es im Ermessen des Versicherungsträgers liegt, darüber zu befinden, mit welchen
Mitteln diese zu erfolgen hat. Im Rahmen der Verfahrensleitung kommt ihm ein grosser
Ermessensspielraum bezüglich der Notwendigkeit, des Umfangs und der
Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu beweisen ist, ergibt sich
aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz hat der
Sozialversicherer den Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass er über den
Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit entscheiden kann. Der Untersuchungsgrundsatz wird ergänzt durch
die Mitwirkungspflichten der versicherten Person. Danach hat sich diese den ärztlichen
oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, wenn sie zumutbar sind. Nach dem
Wortlaut von Art. 43 Abs. 1 und Abs. 2 ATSG müssen diese aber auch notwendig und
somit von entscheidender Bedeutung für die Erstellung des rechtserheblichen
Sachverhalts sein (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Mai 2007, U 571/2006, E. 4.1 mit
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinweisen). Diese Grundsätze ergeben sich auch aus der im Rahmen der Beurteilung
der Rechtmässigkeit eines Grundrechtseingriffs vorzunehmenden
Verhältnismässigkeitsprüfung (Art. 36 Abs. 3 BV). Zu ergänzen bleibt, dass die konkret
angeordnete Abklärungsmassnahme demnach auch geeignet bzw. tauglich sein muss,
ein aussagekräftiges Beweisergebnis zu liefern.
Die Frage, ob eine konkrete Abklärungsmassnahme die Voraussetzungen von
Art. 43 Abs. 1 und 2 ATSG erfüllt, ist ebenso eine Rechtsfrage wie die Frage nach der
Zulässigkeit einer mit einem Grundrechtseingriff verbundenen Beweismassnahme. Als
solche ist deren Beantwortung letztlich dem Rechtsanwender vorbehalten und kann
nicht einer verwaltungsexternen medizinischen Fachperson übertragen werden. Art. 43
Abs. 1 ATSG räumt sodann ausschliesslich dem «Versicherungsträger» die Kompetenz,
aber auch die Pflicht (zur Untersuchungspflicht siehe Ueli Kieser, ATSG-Kommentar,
4. Auflage, Zürich 2020, Rz 13 ff. zu Art. 43) ein, die notwendigen Abklärungen von
Amtes wegen vorzunehmen. Es gilt der «Grundsatz des Amtsbetriebes»; danach hat
der Versicherungsträger «einen Sozialversicherungsfall hoheitlich zu
bearbeiten» (Kieser, a.a.O., Rz 2 zu Art. 43). Die Auffassung, dass eine medizinische
Fachperson abschliessend und ohne eine wirksame gerichtliche
Überprüfungsmöglichkeit über die Zulässigkeit eines Grundrechtseingriffs bzw. dessen
Umfang befinden kann, ist offenkundig nicht mit diesen gesetzlichen Vorgaben
vereinbar. Des Weiteren verletzt sie die von Verfassungs wegen zu beachtende
Rechtsweggarantie (Art. 29a BV). Diese beinhaltet auch bei Zwischenverfügungen das
Recht, die mit der Streitigkeit verbundenen Rechtsfragen und den zugrunde liegenden
Sachverhalt vollumfänglich von einem unabhängigen Gericht prüfen zu lassen, wenn
sie - wie vorliegend (siehe vorstehende E. 1.1) - zu einem nicht wiedergutzumachenden
Nachteil führt. Im öffentlichen Recht hat die Rechtsweggarantie eine besondere
Bedeutung. Sie unterstellt Akte der öffentlichen Verwaltung einer richterlichen Kontrolle
(Andreas Kley, St. Galler Kommentar zu Art. 29a BV, Rz 4 und Rz 9 am Schluss).
Soweit das Kreisschreiben über das Verfahren in der Invalidenversicherung (KSVI;
Stand: 1. Januar 2018) vorsieht, «weder die IV-Stelle noch die vP können die von der
Gutachterstelle vorgesehenen Fachdisziplinen anfechten (BGE 139 V 349 Erw. 3.3) und
haben den nach pflichtgemässer Würdigung gefällten Entscheid der Gutachterstelle zu
akzeptieren» (Rz 2077.7), erweist es sich nach dem Gesagten als gesetzes- und
verfassungswidrig.
1.3.
Ausserdem ist zu beachten, dass sich aus dem im Kreisschreiben genannten BGE
139 V 349 keine absolute Bindung des Sozialversicherungsträgers an Standpunkte
versicherungsexterner medizinischer Fachpersonen ergibt. Vielmehr wird darin
1.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Zu prüfen ist nachfolgend der Umfang der erforderlichen Fachdisziplinen und
namentlich die Frage, ob die von der H._ geltend gemachte Reduktion des Auftrags
gerechtfertigt ist. Die Parteien sind sich darin einig, dass die von der H._ geforderte
Begutachtung nicht umfassend und damit nicht zur Herstellung der Spruchreife
geeignet ist, sondern zu einer nicht zu rechtfertigenden Verzögerung führen würde
(siehe etwa act. G 1, Rz 30, und act. G 3, III. Rz 4 f.).
ausgeführt: «Jedoch sollen die von der IV-Stelle gewählten Fachdisziplinen für die
Gutachterstelle bindend sein». «Eine derartige Bindung kann angezeigt sein, wenn die
Auswahl spezifisch versicherungsrechtlich oder -medizinisch begründet wird», wobei
diese Bindung nicht «absolut» sei (BGE 139 V 352 E. 3.3). Den Gutachtern soll
«freistehen», die von der IV-Stelle bzw. dem RAD bezeichneten Disziplinen gegenüber
der Auftraggeberin «zur Diskussion zu stellen» (BGE 139 V 353 E. 3.3.). Im Übrigen
schliesst das Bundesgericht eine «erneute Mitwirkung» einzig bezüglich der
versicherten Person aus (BGE 139 V 353 E. 3.3), ohne allerdings zu begründen,
weshalb dieser die Anfechtung versagt werden soll.
Des Weiteren ist das Kreisschreiben in sich widersprüchlich, wenn an einer Stelle
eine absolute Bindung an die Einschätzung der Disziplinenwahl durch versicherungs
externe Gutachter (Rz 2077.7 KSVI) gefordert wird, andererseits aber der nachträgliche
Einwand der Versicherten, ein Gutachten aus einer anderen medizinischen
Fachrichtung sei notwendig, als zulässig erachtet wird (Rz 2077.10 KSVI). Sowohl die
Prüfung dieser Einwände als auch den Entscheid darüber behält das Kreisschreiben
sodann ausdrücklich der IV-Stelle und nicht einer versicherungsexternen medizinischen
Fachperson vor (Rz 2077.10 am Schluss und Rz 2077.13 KSVI). Eine eigenmächtige
Reduktion der eingegebenen Fachrichtungen durch die Gutachterstelle ist mit den
Befugnissen der IV-Stelle als Auftraggeberin nicht zu vereinbaren. Schliesslich beruht
die Einschätzung von Prof. E._ nicht auf einer pflichtgemässen Würdigung im Sinn
von Rz 2077.7 KSVI (siehe hierzu nachstehende E. 2.1.2), womit selbst nach dem
Kreisschreiben eine angebliche Bindungswirkung ausser Betracht fällt.
1.5.
Zunächst ist der Bedarf an einer gastroenterologischen Begutachtung zu
beurteilen.
2.1.
Hinsichtlich eines gastroenterologischen Abklärungsbedarfs ist entscheidend,
dass die Erhöhung auf eine Dreiviertelsrente ab 1. September 2009 (Verfügung vom
14. Januar 2010, IV-act. 103) auf einer Verschlechterung des Gesundheitszustands
2.1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wegen Darm-, Rektal- und Bauchbeschwerden bzw. einer Colitis beruhte (siehe
Revisionsgesuch vom 11. Juni 2009, IV-act. 66; Berichte von Dr. med. F._, Facharzt
u.a. für Gastroenterologie [siehe hierzu den entsprechenden Eintrag im
Medizinalberuferegister], vom 19. Juni 2009, IV-act. 75, und vom 10. August 2009, IV-
act. 79-2 f.; RAD-Stellungnahme vom 17. August 2009, IV-act. 80). Auch in der Folge
stand der Beschwerdeführer regelmässig in Behandlung von Dr. F._ (siehe etwa
dessen Berichte vom 16. und 29. November 2012, IV-act. 116) bzw. in derjenigen von
Dr. med. G._, Facharzt u.a. für Gastroenterologie (Bericht vom 16. November 2015,
IV-act. 154-3 ff.). Letzterer diagnostizierte eine Colitis ulcerosa und bescheinigte dem
Beschwerdeführer wegen rezidivierender Diarrhoe eine reduzierte Leistungsfähigkeit.
Eine leidensangepasste Tätigkeit sei dem Beschwerdeführer zwischen 6 bis 8 Stunden
zumutbar (Bericht vom 23. Oktober 2018, IV-act. 160). Allein schon vor diesem
Hintergrund bejahte der RAD-Arzt Dr. D._ zu Recht den Bedarf an einer
gastroenterologischen Begutachtung, worauf verwiesen wird (Stellungnahme vom
3. März 2020, IV-act. 230). Dies gilt vorliegend umso mehr, als im Rahmen des
Revisionsverfahrens eine retrospektive mehrjährige Verlaufsbeurteilung gerade auch
hinsichtlich des in das Fachgebiet der Gastroenterologie fallenden Leidens
stattzufinden hat.
Ergänzend ist zu beachten, dass Prof. E._ weder über eine
allgemeininternistische, internistische noch gastroenterologische Fachausbildung
verfügt. Für die Fragen nach einem gastroenterologischen Abklärungsbedarf sowie
nach den Kompetenzen internistischer Fachpersonen und deren Verhältnis zur
Fachdisziplin der Gastroenterologie fehlt ihm folglich das erforderliche Expertenwissen.
Hingegen verfügt der RAD-Arzt Dr. D._ u.a. über eine (allgemein-)internistische
Fachausbildung und gilt deshalb - im Gegensatz zu Prof. E._ - als Experte für die
Beurteilung der Grenzen des (allgemein-)internistischen Fachgebiets, insbesondere im
Verhältnis zur Gastroenterologie. Zudem erweist sich die Behauptung von Prof. E._,
es fehle «an einer inhaltlichen Begründung für eine zusätzliche gastroenterologische
Beurteilung» (IV-act. 226-2; siehe auch IV-act. 231) als aktenwidrig, zumal die frühere
Rentenerhöhung auf einer gastroenterologischen Beurteilung beruhte (siehe
vorstehende E. 2.1.1) und vom behandelnden gastroenterologischen Experten
weiterhin eine Leistungseinschränkung bescheinigt wird (IV-act. 160). Zusätzlich zur
fehlenden Fachkompetenz von Prof. E._ und seiner fehlenden konkreten
Auseinandersetzung mit dem Leidensbild des Beschwerdeführers weckt auch die
Absolutheit und Eindeutigkeit seiner Aussagen erhebliche Zweifel an der
Überzeugungskraft seines Standpunkts, die sich schlecht mit der vorzunehmenden
2.1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einordnung des komplexen Leidensbildes des Beschwerdeführers, den möglichen
Interferenzen (IV-act. 230-2) und den aktenkundigen Beurteilungen der behandelnden
Gastroenterologen verträgt. Seine Einschätzung ist damit unter mehreren
Gesichtspunkten mangelhaft und nicht beweiskräftig. Da sich die H._ bzw. deren
Inhaber und medizinischer Leiter bereits mehrmals zu seinem Standpunkt äusserte (IV-
act. 222, IV-act. 226 und IV-act. 231), besteht im Rahmen des Beschwerdeverfahrens
kein Bedarf an einer weiteren Stellungnahme (vgl. zur von der Beschwerdegegnerin
angesprochenen Möglichkeit einer Beiladung von Prof. E._ in das
Beschwerdeverfahren act. G 3, III. Rz 6).
Hinsichtlich des von beiden Parteien bejahten neuropsychologischen
Abklärungsbedarfs gilt es zu beachten, dass sich ihre nachvollziehbare Sichtweise auf
aktenkundige kognitive Defizite («Aufmerksamkeits-, Konz.- und
Gedächtnisstörungen», IV-act. 223-1) und den Bedarf an beschwerdevalidierenden
Abklärungen stützt (Stellungnahme des Beschwerdeführers vom 23. Dezember 2019,
IV-act. 220; RAD-Stellungnahme vom 23. Januar 2020, IV-act. 223; Bericht von
Dr. C._ vom 25. März 2019, IV-act. 202-2). Prof. E._ verneint jeglichen Bedarf an
einer neuropsychologischen Abklärung mit der Begründung, dass eine «kognitive
Testung als Hilfsuntersuchung der Psychiatrie» einzuordnen sei und die psychiatrische
Begutachtung für eine umfassende Beurteilung der kognitiven Leistungsfähigkeit
genüge (IV-act. 231-3 Mitte; siehe auch IV-act. 226). Unter Hinweis auf die einschlägige
Fachliteratur äusserte sich das Versicherungsgericht bereits wiederholt zum
eigenständigen Stellenwert der Neuropsychologie bei medizinischen Begutachtungen
und der davon abweichenden Einschätzung von Prof. E._, wonach sowohl
neurologische als auch psychiatrische Fachpersonen je aufgrund ihrer Fachausbildung
über ausreichende neuropsychologische Expertise verfügen würden. Gemäss der
Rechtsprechung des Versicherungsgerichts sind Ausweise über eine fachspezifische
Aus- oder Weiterbildung notwendige Voraussetzung, um den hohen fachlichen
Anforderungen an neuropsychologische Sachverständige zu genügen. Weder die
neurologische noch psychiatrische Ausbildung genügt hierfür. Darauf ist zu verweisen
(siehe die Entscheide vom 5. September 2019, IV 2018/351, und vom 2. Dezember
2019, IV 2019/195; vgl. auch IV-act. 223-1, worin der RAD-Arzt, wohl in Nachachtung
des entsprechenden Schreibens des BSV vom 3. Oktober 2019 an die IV-Stellen,
festhielt, dass Prof. E._ seit Oktober 2019 keine Zulassung mehr für
neuropsychologische Begutachtungen besitze; siehe zum Ganzen auch Andrea M.
Plohmann, Zur Stellung der Neuropsychologie in der polydisziplinären Begutachtung,
in: Jusletter vom 31. August 2020).
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Nach dem Gesagten ist mit den Parteien - insbesondere hinsichtlich der für ein
Rentenrevisionsverfahren spezifischen retrospektiven Aspekte samt
Vergleichsbeurteilung - davon auszugehen, dass die angeordnete Begutachtung durch
die H._ mangels Einbezugs der gastroenterologischen sowie der
neuropsychologischen Fachrichtung nicht geeignet wäre den Sachverhalt umfassend
spruchreif abzuklären. Vielmehr würde - wie die Parteien überzeugend darlegen (act.
G 1, Rz 30, und act. G 3, III. Rz 5) - die unvollständige Begutachtung durch die H._
zu einer absehbaren weiteren Begutachtung mit entsprechender
Verfahrensverzögerung und (vermeidbaren) Zusatzkosten führen. Mangels Tauglichkeit
ist die angeordnete Begutachtung dem Beschwerdeführer nicht zumutbar (siehe hierzu
Art. 43 Abs. 2 ATSG) und vermag den mit der Begutachtung verbundenen
Grundrechtseingriff nicht zu rechtfertigen. Folglich ist die angefochtene
Zwischenverfügung aufzuheben und die Sache zur neuerlichen Vergabe des Auftrags
für die polydisziplinäre (allgemein-/internistische, gastroenterologische, neurologische,
pneumologische, orthopädische, psychiatrische, otorhinolaryngologische und
neuropsychologische) (Verlaufs-)Begutachtung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Es erscheint eine Neuvergabe der an sich unbestrittenen
polydisziplinären Begutachtung im Rahmen des Zufallsprinzips - unter Ausschluss der
H._ - angezeigt. Nachdem der Inhaber und medizinische Leiter der H._ sich zu
Unrecht dezidiert gegen die Bedeutung der aktenkundigen gastroenterologischen
Befunde (siehe etwa IV-act. 231-1) und die Aussagekraft von gastroenterologischen
sowie neuropsychologischen Untersuchungen aussprach, bietet eine Begutachtung bei
der H._ keine ausreichende Gewähr für eine unvoreingenommene medizinische
Beurteilung, weswegen auch aus diesem Grund die Neuvergabe unter Ausschluss der
H._ zu erfolgen hat.
2.3.
Bei diesem Ausgang kann offenbleiben, ob die Beschwerdegegnerin bei der
Auftragsvergabe den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör bzw.
dessen Mitwirkungsrechte bei der Auftragseingabe in die SuisseMED@P-Plattform
verletzte, indem sie seine Eingabe vom 23. Dezember 2019 (IV-act. 220) versehentlich
unberücksichtigt liess.
2.4.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Zwischenverfügung vom 3. Juli 2020 -
wie von beiden Parteien beantragt - aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung
im Sinn der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte