Decision ID: a2a362c0-103e-452e-8c2b-c0e20be6d706
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
K._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Willi Füchslin, Zürcherstrasse 49, Postfach 644,
8853 Lachen SZ,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1966 geborene K._ beantragte mit Anmeldung vom 7. Juni 2004 bei der
Invalidenversicherung eine Rente. Nach dem Besuch der Volksschule habe sie keinen
Beruf erlernt. Sie sei 1991 in die Schweiz gekommen. Seit 14. August 2000 arbeite sie
bei der A._ AG mit einem Monatslohn von Fr. 3'000.--. Seit 24. September 2002 sei
sie bis auf weiteres nur noch zu 50 % arbeitsfähig. Sie leide an Schmerzen im linken
Arm, einer Beweglichkeitseinschränkung und Kraftlosigkeit, an einer Depression,
Ängsten, Schlaflosigkeit und Müdigkeit (IV-act. 51).
A.b Die Arbeitgeberin bestätigte am 21. Juni 2004, die Versicherte sei seit
1. September 2000 als Betriebsmitarbeiterin angestellt und werde weiterhin
beschäftigt. Ihr Monatslohn mache seit 1. Januar 2003 Fr. 3'000.-- aus. Ab 24.
September 2002 wurden verschiedentlich Absenzen wegen Arbeitsunfähigkeit (im
Umfang von 50 % und 100 %) angegeben, zuletzt von 50 % bis 31. Mai 2004 (IV-act.
48).
A.c Dr. med. B._, FMH für Physikalische Medizin, bezeichnete mit Bericht vom
21. Juni 2004 als Diagnose ein chronisches Cervicobrachialsyndrom linksbetont,
bestehend seit 2000. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bleibe ein seit 2002
vorliegendes retropatelläres Schmerzsyndrom links. Die Versicherte sei nach einer
Phase der 50-prozentigen Arbeitsunfähigkeit vom 16. April bis 15. Mai 2002 ab
27. November 2002 stets ganz oder zu 50 % arbeitsunfähig gewesen und sei seit dem
4. Dezember 2003 dauernd zu 50 % arbeitsunfähig. Sie bleibe an ihrer gegenwärtigen
Arbeitsstelle mit erheblicher Arbeitsmonotonie und hoch repetitiver Belastung des
Schultergürtels zu 50 % eingeschränkt, d.h. nur halbtags arbeitsfähig. Es entstünden
bei dieser Arbeit regelmässig vermehrt Schmerzen, welche die Arbeitszeit
einzuschränken zwängen. In einer anderen Arbeit, die weniger hoch repetitiv sei und
kein Arbeiten über Schulterhöhe verlange, sei eine Arbeitszeit von sieben bis acht
Stunden pro Tag, d.h. eine ganztägige Arbeitszeit mit zweimal einer halben Stunde
zusätzliche Pausen zumutbar. Die Arbeitsfähigkeit sei ganztags mit reduzierter Leistung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
möglich, so dass schliesslich eine Arbeitsfähigkeit von 85 bis 90 % resultiere. Der
Gesundheitszustand sei noch besserungsfähig. Eine ergänzende Abklärung und
berufliche Massnahmen halte er für angezeigt. Der Arzt legte einen Bericht des
Departements Innere Medizin, Rheumatologie und Rehabilitation, am Kantonsspital
St. Gallen vom 14. August 2003 bei, wo bildgebende Befunde erhoben worden waren
(Sonographie der Handgelenke und Unterarme, MRI C1-Th5) und die genannte
Hauptdiagnose gestellt worden war (IV-act. 46).
A.d Dr. med. C._, Allgemeine Medizin FMH, gab am 22. Juni 2004 bekannt, es liege
als Hauptdiagnose eine hyperkyphotische HWS/BWS vor mit chronisch rezidivierenden
cervicozephalen und cervicobrachialen Schmerzzuständen und dorsolumbalen
Verspannungen, derentwegen die Versicherte bei Dr. B._ in Behandlung stehe. Ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit seien ein Zustand nach zweimaliger Pyelonephritis
2001 und rezidivierende Infekte der oberen Luftwege. In seiner Behandlung stehe sie
immer wieder wegen solcher Infekte. Von dieser Seite sehe er keinen Grund für eine
Berentung (IV-act. 45).
A.e Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen veranlasste nach
Rücksprache mit dem RAD am 28. Dezember 2004 eine rheumatologische und
psychiatrische Begutachtung.
A.f Im Arztbericht vom 2. Mai 2005 benannte Dr. D._ als Diagnosen eine (seit ca. drei
Jahren bestehende) mittelgradige bis schwere depressive Störung mit
Beziehungsideen auf dem Boden einer ängstlichen Persönlichkeit und ein
chronifiziertes Schmerzsyndrom. Die Versicherte sei aus rein psychiatrischer Sicht seit
Dezember 2004 zu 100 % arbeitsunfähig, sei es in der bisherigen oder in einer anderen
Tätigkeit. Sie leide schon lange unter körperlichen und psychischen Beschwerden, die
sich chronifiziert und einen invalidisierenden Verlauf genommen hätten. Die Versicherte
habe depressiv und ängstlich gewirkt. Sie habe über die für sie unerträgliche Situation
bei der Arbeit geklagt, wo sie sich beobachtet und verspottet fühle. Sie konzentriere
sich nur auf ihre Probleme (IV-act. 38).
A.g Gemäss dem Gutachten vom 25. April 2007 von Dr. med. E._, Facharzt FMH
Innere Medizin sowie Physikalische Medizin und Rehabilitation, kamen er und Dr. med.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F._, Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie, in einer interdisziplinären
Stellungnahme zum Schluss, die Arbeitsfähigkeit der Versicherten betrage insgesamt in
angestammter wie angepasster Tätigkeit 70 %. Aus somatischer Sicht hätten die
Abklärungen kein organmedizinisches Leiden ergeben, das die beklagten
Körperbeschwerden erklären würde. Unter psychiatrischem Aspekt seien die
diagnostischen Kriterien einer anhaltenden somatoformen Schmerzkrankheit mit
komorbider Angst und depressiver Störung gegeben. Diese bedinge eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 30 %. In therapeutischer Hinsicht bestehe ein
noch nicht optimal ausgeschöpftes Potential. Mit einer Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit sei allerdings nicht zu rechnen. Dr. E._ hatte als Diagnosen
chronische, teils akut exacerbierende unspezifische Nacken- und Rückenbeschwerden
und eine Adipositas Klasse 2 sowie Arterielle Hypertonie erhoben. Dr. F._ hatte im
Teilgutachten vom 12. April 2007 eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, eine
leichte depressive Episode mit somatischem Syndrom und soziale Phobien als
Diagnosen bezeichnet (IV-act. 23).
A.h Das polydisziplinäre Gutachten wurde vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der
Invalidenversicherung (Dr. med. G._) am 13. Juni 2007 als in sich widerspruchsfrei,
konsistent und nachvollziehbar beurteilt. Gestützt auf diese Einschätzung eröffnete die
IV-Stelle der damaligen Rechtsvertretung der Versicherten am 3. Juli 2007 einen
ablehnenden Vorbescheid. Bei einem Valideneinkommen von Fr. 37'332.-- und einem
Invalideneinkommen von Fr. 26'132.-- ergebe sich ein Invaliditätsgrad von 30 %. Ein
Rentenanspruch bestehe nicht (IV-act. 16 f.).
A.i In ihrer Stellungnahme vom 3. September 2007 liess die Versicherte die Ausrichtung
einer Invalidenrente beantragen, eventualiter seien ergänzende Abklärungen
anzuordnen. Der Rechtsvertreter der Versicherten wandte ein, es könne in somatischer
Hinsicht keinesfalls von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden. Das
Gutachten von Dr. E._ beruhe weder auf allseitigen Untersuchungen noch
berücksichtige es die geklagten Beschwerden. Es leuchte nicht ein und sei in seinen
Schlussfolgerungen nicht begründet. Die Versicherte habe sich von Dr. E._ nicht
ernst genommen gefühlt und sei eingeschüchtert gewesen. Er habe ihr die Schmerzen
und den Medikamentenbedarf nicht geglaubt und sei gar wütend geworden. Seine
Schlussfolgerung sei verharmlosend. Dr. B._, der die Versicherte besser einschätzen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könne, habe ihr eine Restarbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht von 85 bis 90 %
attestiert. Auch das psychiatrische Gutachten überzeuge nicht. Die Untersuchung habe
lediglich eine bis eineinhalb Stunden gedauert. Dr. F._ habe ebenfalls versucht, die
Beschwerden der Versicherten zu verharmlosen. Der behandelnde Arzt Dr. D._ habe
die Versicherte voll arbeitsunfähig geschrieben. Er sehe sie regelmässig und könne sie
daher besser einschätzen. Sollte an den Einschätzungen der behandelnden Ärzte noch
Zweifel bestehen, wären ergänzende Abklärungen anzuordnen. Selbst wenn man von
einer Restarbeitsfähigkeit von 70 % ausginge, was bestritten werde, resultierte ein
rentenbegründender Invaliditätsgrad. Das Valideneinkommen 2004 betrage nämlich
Fr. 39'351.-- (13x Fr. 3'000.-- zuzüglich eine Nominallohnentwicklung von 0.9 %) und
das Invalideneinkommen Fr. 22'038.-- (bei einem Durchschnittslohn von Fr. 48'585.--,
mit einer Arbeitsfähigkeit von 70 %, bei einer Reduktion um 19 % wegen
Unterdurchschnittlichkeit des Valideneinkommens und mit einem Abzug von
mindestens 20 %). Der Invaliditätsgrad machte diesfalls 44 % aus (IV-act. 9).
A.j Mit Verfügung vom 12. November 2007 lehnte die IV-Stelle das Rentengesuch der
Versicherten ab. Mit den vorgebrachten Einwänden seien keine neuen objektivierbaren
anamnestischen Fakten oder medizinischen Sachverhalte dokumentiert worden,
welche die bidisziplinär gutachterlichen Schlussfolgerungen substanziell und in
erheblicher Weise in Frage stellen würden. Die Beurteilung des Schmerzsyndroms
erfolge versicherungsrechtlich nach den Kriterien des Bundesgerichts, an der
Valideneinkommensbestimmung von Fr. 37'332.-- werde festgehalten (das Abstellen
auf LSE-Tabellenlöhne könne nur ausnahmsweise in speziell begründeten Fällen
erfolgen), und ein Abzug könne nicht gewährt werden, da die Arbeitsunfähigkeit von
30 % rein psychiatrisch begründet werde (IV-act. 7).
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Willi Füchslin für die
Betroffene am 14. Dezember 2007 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei dahingehend
abzuändern, dass ihr eine Invalidenrente zustehe, eventualiter sei die Sache zu
ergänzenden Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die
Beschwerdegegnerin habe das rechtliche Gehör verletzt, indem sie es an einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
konkreten, nachvollziehbaren inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Stellungnahme
zum Vorbescheid habe fehlen lassen. Auf den Einwand betreffend die
unterdurchschnittliche Entlöhnung sei sie mit keinem Wort eingegangen. Von einer
Rückweisung aus diesem formellen Grund könne indessen abgesehen werden, weil die
Beschwerde im Übrigen gutzuheissen sei. Weder könne in somatischer Hinsicht von
einer vollständigen, noch in psychiatrischer von einer 70-prozentigen Arbeitsfähigkeit
ausgegangen werden. Dr. D._ habe in einem beigelegten Bericht vom 22. November
2007 erklärt, in letzter Zeit, als ihr Kind für gewisse Verhaltensstörungen in der Schule
zu Unrecht beschuldigt worden sei, hätten sich die paranoiden Ideen der
Beschwerdeführerin verstärkt. Objektiv hätten die ganze Zeit über eine gedrückte
Stimmung, intensive Ängste, Interesse- und Lustlosigkeit, Beziehungsideen,
Schuldgefühle der Familie gegenüber und Zukunftsängste bestanden, dazu zeitweise
starke Konzentrationsschwierigkeiten und eine schnelle Ermüdbarkeit, ferner
Schlafprobleme. Der Arzt gehe davon aus, dass die Beschwerdeführerin anlässlich der
psychiatrischen Begutachtung zum Teil dissimuliert habe und deswegen die
paranoiden Symptome vom Gutachter nicht erfasst worden seien. Durch die kurze Zeit
der Untersuchung sei es wahrscheinlich auch nicht möglich gewesen, den depressiven
Zustand richtig zu beobachten. Nach seiner Auffassung lägen eine mittel- bis
schwergradige depressive Störung mit Beziehungsideen auf dem Boden einer
ängstlichen Persönlichkeit und ein chronifiziertes Schmerzsyndrom vor. Die Versicherte
sei noch immer voll arbeitsunfähig. Sie könnte durch eine Beschäftigung im
geschützten Rahmen mit fachgerechter Betreuung allmählich wieder in den
Arbeitsprozess eingeführt werden. In keinem Fall sei sie aber in der freien Wirtschaft
einsetzbar. Diese Einschätzung von Dr. D._ sei umfassend begründet und schlüssig,
weshalb darauf abzustellen sei. Sie sei auch geeignet, die Beurteilung des Sachverhalts
im Zeitpunkt des Verfügungserlasses zu beeinflussen. Selbst bei einer Arbeitsfähigkeit
von 70 % betrüge der Invaliditätsgrad 44 %, und auch wenn lediglich ein Abzug von
15 % vorgenommen würde, läge er noch bei 40 %. Die Beschwerdegegnerin habe
ohne nähere Begründung einen Abzug verweigert, was nicht angehe.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 4. Februar 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Sie habe ihre Begründungspflicht wahrgenommen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und das rechtliche Gehör nicht verletzt. Auf das Gutachten sei abzustellen. Aus
psychiatrischer Sicht bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 70 %, weshalb der Einwand,
aus somatischer Sicht sei die Beschwerdeführerin nicht voll, sondern nur zu 85 bis
90 % arbeitsfähig, nicht relevant sei. Die Einwände gegen die psychiatrische
Begutachtung seien nicht stichhaltig. So mache etwa die Begutachtungsdauer sie nicht
von vornherein unzulänglich. Die Differenz in den Arbeitsfähigkeitsschätzungen der
Psychiater sei darin begründet, dass in einem Gutachten die Zumutbarkeit einer
allfälligen Arbeitstätigkeit zu beurteilen sei, und sich diese Beurteilung nicht auf die
subjektive Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung einer versicherten Person abstütze. Die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch behandelnde Ärzte richte sich erfahrungsgemäss
nach andern Gesichtspunkten als diejenige externer Gutachter. Der RAD habe
festgehalten, dass auf das Gutachten abgestellt werden könne. Da die
Beschwerdeführerin auch in ihrer angestammten Tätigkeit noch zu 70 % arbeitsfähig
sei, rechtfertige es sich, dass das Invalideneinkommen 70 % des Valideneinkommens
ausmache. Wo es genau angesetzt werde, sei daher nicht relevant. Ein Abzug
rechtfertige sich bei einer Einschränkung aus rein psychiatrischer Sicht nicht. Der
Invaliditätsgrad betrage 30 %. Der RAD hatte am 11. Januar 2008 dafürgehalten, auch
im Bericht von Dr. D._ vom 22. November 2007 würden keine neuen,
richtungsweisenden medizinischen Fakten mitgeteilt, die nicht bereits im
psychiatrischen Teilgutachten berücksichtigt worden wären.
D.
Replicando hält der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin am 11. März 2008 an der
Rüge der Gehörsverletzung fest. Nach Angaben von Dr. med. H._, Rheumatologie
FMH, in dem beigelegten Bericht vom 22. Februar 2008 liege bei der
Beschwerdeführerin ausserdem eine praktisch verwertbare Arbeitsfähigkeit von mehr
als 30 % sicherlich nicht vor. Es bestehe eine chronische und komplexe
muskuloskelettale Schmerzproblematik in Form eines vorwiegend tendomyotischen
Zervikothorakobrachialsyndroms links und lumbospondylogenen Syndroms rechts.
Diese Problematik werde ungünstig beeinflusst durch eine chronische Depression. Bei
der Beurteilung von Dr. D._ handle es sich nicht um eine Übernahme der
"subjektiven Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung" der Beschwerdeführerin, sondern um
die Einschätzung des behandelnden Psychiaters. Dieser komme sehr wohl Beweiswert
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu. Dr. D._ sei im Gegensatz zum involvierten RAD-Arzt Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie. Es gehe überdies nicht an, den Aussagen des behandelnden Arztes
ohne nähere und unter dem Gesichtspunkt des Willkürverbots haltbare Begründung die
Glaubwürdigkeit von vornherein abzusprechen. Eine eingehende Exploration habe
anderseits bei der psychiatrischen Begutachtung nicht stattgefunden. Der Gutachter
sei gegenüber dem behandelnden Psychiater auch nicht besser qualifiziert.
E.
Die Beschwerdegegnerin hat am 14. April 2008 an ihrem Antrag festgehalten und im
Übrigen auf die Erstattung einer Duplik verzichtet.

Erwägungen:
1.
1.1 Da ein Sachverhalt zu beurteilen ist, wie er sich bis zum Zeitpunkt des Erlasses der
angefochtenen Verfügung am 12. November 2007 entwickelt hat, sind die auf den
1. Januar 2008 in Kraft getretenen Rechtsänderungen nicht anwendbar.
1.2 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin einen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin abgelehnt. Diese lässt in diesem Verfahren im
Hauptstandpunkt (wie schon im Verwaltungsverfahren) allein Rentenleistungen
beantragen. Strittig ist demnach zunächst der Rentenanspruch. Ergäbe sich allerdings,
dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage steht, so gehörte
zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die Verwaltung den
Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht der
Beschwerdeführerin zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe.
2.
Die Beschwerdeführerin lässt zunächst eine Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches
Gehör rügen. Die Beschwerdegegnerin habe sich in der angefochtenen Verfügung mit
den Einwänden zum Vorbescheid nicht ausreichend auseinander gesetzt. Insbesondere
sei sie auf den Einwand betreffend die unterdurchschnittliche Entlöhnung nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingegangen. Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV) folgt unter
anderem die grundsätzliche Pflicht der Behörden, ihren Entscheid zu begründen. Die
Begründung eines Entscheids muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person
diesen in voller Kenntnis der Sache an die höhere Instanz weiterziehen kann; in diesem
Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die
Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt
(Bundesgerichtsentscheid i/S S. vom 4. Mai 2009, 8C_541/2008; BGE 134 I 83 E. 4.1).
Nicht erforderlich ist hingegen, dass sich der Entscheid mit allen Parteistandpunkten
einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(Bundesgerichtsentscheid i/S A. vom 28. Oktober 2008, 9C_508/2008; BGE 133 III 439
E. 3.3). Die Beschwerdegegnerin hat zu den Einwänden der Beschwerdeführerin unter
anderem insofern Stellung genommen, als sie angab, gemäss ihrem RAD sei auf das
Gutachten abzustellen, da keine neuen Fakten vorgebracht worden seien, welche
dessen Schlussfolgerungen in Frage stellen würden. Bezüglich des
Einkommensvergleichs hat sie dafürgehalten, ein Valideneinkommen nach den
Tabellenlöhnen zu bestimmen, komme nur in besonderen Fällen in Betracht. Einen
Abzug zu machen, lehne sie deswegen ab, weil die Arbeitsunfähigkeit rein
psychiatrisch begründet sei. Die Beschwerdegegnerin hat ihre Verfügung somit unter
den wesentlichen Aspekten kurz begründet. Falls dennoch von einer Verletzung der
Begründungspflicht ausgegangen werden müsste, so jedenfalls lediglich von einer
leichten, welche zudem als geheilt gelten könnte (zum Ganzen:
Bundesgerichtsentscheid i/S S. vom 26. Juni 2007, I 496/06). Im Übrigen würde eine
Rückweisung der Sache zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen
Verzögerungen führen, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten) Interesse der
betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung nicht zu vereinbaren wären
(Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S Z. vom 14. Juli 2006,
I 193/04; BGE 116 V 187 E. 3d). Die Beschwerdeführerin selber gibt der materiellen
Behandlung der Sache den Vorzug.
3.
3.1 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG (in der bis 31. Dezember 2003 gültig gewesenen Fassung)
besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu zwei Dritteln, derjenige auf eine halbe Rente, wenn sie wenigstens zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hälfte invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 40 % vor, so besteht
Anspruch auf eine Viertelsrente oder, sofern ein Härtefall gegeben ist, auf eine halbe
Rente (Art. 28 Abs. 1 IVG). Nach Art. 28 Abs. 1 IVG (in der vom 1. Januar 2004 bis
31. Dezember 2007 gültig gewesenen Fassung) besteht der Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
3.2 Für die Invaliditätsbemessung sind zunächst die medizinischen Vorbedingungen
von Bedeutung. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beschreiben und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in
der Folge eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4; ZAK 1982 S. 34). Ob die versicherte Person eine ihr zumutbare Tätigkeit auch
tatsächlich ausübt, ist für die Invaliditätsbemessung hingegen unerheblich (Rz 3046
des vom Bundesamt für Sozialversicherungen erlassenen Kreisschreibens über die
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung = KSIH).
3.3 Die Beschwerdegegnerin stellt auf das Ergebnis des bidisziplinären Gutachtens
der Dres. E._ und F._ ab, wonach die Beschwerdeführerin in angestammter wie
angepasster Tätigkeit insgesamt zu 70 % arbeitsfähig sei. Die Beschwerdeführerin
hingegen ist der Ansicht, weder das rheumatologische noch das psychiatrische
(Teil-)Gutachten sei beweistauglich. Höher einzustufen seien die Beurteilungen von
Dr. B._ und Dr. D._. In der Replik beruft sie sich ausserdem auf den Bericht von
Dr. H._.
3.4 Dr. E._ hat sein internistisch-rheumatologisches Gutachten nach einer
Kenntnisnahme von den Akten abgegeben. Er hat die Angaben der
Beschwerdeführerin zu ihrer Herkunftsfamilie, zur sozialen und beruflichen Anamnese
und zum jetzigen Leiden aufgenommen. Ferner hat er den klinischen
Untersuchungsstatus erhoben und ein Röntgenbild der HWS vom 4. Juni 2002 und ein
MRI der HWS vom 11. April 2003 beurteilt. Der Gutachter hat unter anderem einen
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
konsistenzvermehrten Gewebs- und muskulären Verkürzungsbefund der Nacken- und
absteigenden und transversalen Schulterblattmuskulatur und der dorsalseitigen LWS-
Strukturen mit reduzierter LWS-Beugeentfaltung, einen Schürzengriff mit beidseits DVP
[-Abstand] von 26 cm, eine retropatelläre Crepitation und vereinzelte Fibromyalgie
definierende Tenderpoints (≤ 11/18) gefunden. Er diagnostizierte chronische, teils akut
exacerbierende unspezifische Nacken- und Rückenbeschwerden sowie Adipositas und
arterielle Hypertonie. Nach seiner Beurteilung seien für die Schmerzbeschwerden - bei
die eigenen Möglichkeiten übersteigenden Bewältigungsanforderungen - über eine
neurovegetative und -muskuläre Hyperreagibilität somatisierte psychosoziale
Belastungsfaktoren hauptverantwortlich (beruflich-familiäre Mehrfachbelastung bei
durch Kindsverluste in der Schwangerschaft bzw. nach Geburt belasteter
Vorgeschichte). Relevante, primär im Bewegungsapparat wurzelnde Krankheitsfaktoren
seien nicht zu diagnostizieren gewesen. Es habe sich kein organmedizinisches Leiden
gezeigt, das die beklagten Körperbeschwerden erklären würde.
3.5 Die Beschwerdeführerin lässt geltend machen, eine volle Arbeitsfähigkeit (aus
somatischer Sicht) sei angesichts des Beschwerdebildes nicht nachvollziehbar. Die
Schlussfolgerung, es lasse sich somatischerseits keine Arbeitsunfähigkeit ableiten, weil
keine primär im Bewegungsapparat wurzelnden Krankheitsfaktoren hätten
diagnostiziert werden können, sei verharmlosend. Und die Beschwerdeführerin habe
sich nicht ernst genommen gefühlt. Der behandelnde Arzt, dessen Einschätzung
beweiskräftiger sei, habe ihr denn auch aus somatischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von
nur noch 85 bis 90 % attestiert. Es lässt sich feststellen, dass die beiden
Arbeitsfähigkeitsschätzungen nicht sehr weit auseinander liegen. Dem Arztbericht von
Dr. B._ ist kein Befund zu entnehmen, der im Gutachten nicht berücksichtigt worden
wäre. Der Gutachter hat den Krankheitsfaktoren im Bewegungsapparat im Unterschied
zu Dr. B._ allerdings keine die Arbeitsfähigkeit einschränkende Bedeutung
zugemessen. Er hat auf HWS-Bilder vom Juni 2002 und vom April 2003 abgestellt und
eine neue bildgebende Diagnostik nicht für erforderlich gehalten. Dieser ärztliche
Entscheid, auf das Erheben aktueller Befunde mit bildgebenden Verfahren zu
verzichten, ist zwar nicht ohne weiteres erklärlich, sind doch die vorhandenen Bilder
immerhin bereits mehrere Jahre alt. Er kann aber nach den vorliegenden Umständen
gerade noch als vertretbar betrachtet werden, da nach den diesbezüglichen Angaben
der Beschwerdeführerin und der Aktenlage offenbar keine Anhaltspunkte für eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allfällige somatisch ausgelöste Progredienz vorlagen. Angesichts der - wie unten
darzulegen sein wird - höheren Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht kommt der
Differenz der Arbeitsunfähigkeitsschätzungen aus somatischen Gründen durch
Dr. B._, auf den sich die Beschwerdeführerin beruft, und durch den Gutachter
ausserdem keine ausschlaggebende Bedeutung zu. Erwähnt werden kann aber, dass
sich die Beurteilung des Gutachters nicht nur auf eine eigene Untersuchung, sondern
wie erwähnt auch auf eine Kenntnisnahme von den Akten stützt und insofern - wenn
das Gutachten auch knapp gefasst ist - umfassender ist, was ihr mehr Gewicht
verleiht. Dass die Beschwerdeführerin ihre Beschwerden als verharmlost und sich als
nicht ernst genommen empfunden hat, findet möglicherweise eine Erklärung in ihrer
paranoid-ängstlichen Verarbeitungstendenz. Was die abweichende Beurteilung von
Dr. H._ vom 22. Februar 2008 betrifft, vermag diese keine relevanten Zweifel an der
gutachterlichen Beurteilung zu rechtfertigen. Wenn Dr. H._ dafürhält, eine praktisch
verwertbare Arbeitsfähigkeit von mehr als 30 % liege sicherlich nicht vor, macht er
einen Unterschied zur medizinisch-theoretischen Arbeitsunfähigkeit, welcher nicht
erklärt und begründet wird. Die kurzen Angaben des - offenbar ebenfalls behandelnden
- Dr. H._ sind jedenfalls für den vorliegend massgeblichen Sachverhalt (bis zum
Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung) nicht geeignet, den Beweiswert
des Gutachtens umzustossen.
3.6 Das Ergebnis der psychiatrischen Begutachtung durch Dr. F._ wird von der
Beschwerdeführerin deswegen beanstandet, weil die Untersuchung mit einer Dauer
von einer bis eineinhalb Stunden zu kurz ausgefallen sei. Der Gutachter selber hat
angegeben, die Untersuchung habe zwei Stunden und 15 Minuten gedauert. Wie viel
Zeit für eine Exploration erforderlich ist, schwankt nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts (Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S S. vom
13. Juni 2006, I 58/06 E. 2.2) in weiten Grenzen und ein genereller Zeitrahmen lässt
sich nicht verbindlich angeben. Der bei einer psychiatrischen Untersuchung zu
betreibende zeitliche Aufwand ist von der Fragestellung und der zu beurteilenden
Psychopathologie abhängig (Urteil des Bundesgerichts i/S L. vom 14. November 2007,
I 1094/06 E. 3.1.1). Die bezeichnete Untersuchungsdauer erscheint vorliegend nicht als
ungenügend. Auch der Einwand, der Arzt habe die Beschwerdesituation der
Beschwerdeführerin verharmlost und habe, da sie wohl teilweise dissimuliert habe, die
paranoiden Symptome nicht erfasst, lässt sich nicht bestätigen. Vielmehr zeigt sich,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass der Gutachter und der behandelnde Arzt die psychiatrischen Symptome als
solche übereinstimmend beschreiben. Dr. F._ hat eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung, eine leichte depressive Episode mit somatischem Syndrom und
soziale Phobien diagnostiziert. Er gab an, es lasse sich eine leicht depressive
Grundstimmung mit massivstem Belastungserleben durch die bis heute nicht
verarbeitete, das Krankheitsgeschehen entscheidend aufrecht erhaltende Kränkung
(am letzten Arbeitsplatz), damit verbundener affektiver Instabilität, Wut, sozialen
Ängsten, mit zum Teil paranoiden Verarbeitungsmustern, sozialem Rückzug und
berichteten Suizidgedanken feststellen. Dr. D._ gab als Diagnosen eine mittelgradige
bis schwere depressive Störung mit Beziehungsideen auf dem Boden einer ängstlichen
Persönlichkeit und ein chronifiziertes Schmerzsyndrom an. Die Berichte der
psychiatrischen Fachpersonen unterscheiden sich hingegen bezüglich der
Einschätzung des Schweregrads der depressiven Störung und wesentlich unter dem
Aspekt der Arbeitsfähigkeitsschätzung.
3.7 Liegen - wie hier - unterschiedliche ärztliche Beurteilungen vor, so hat der
Sozialversicherungsrichter aufgrund des im Sozialversicherungsrecht geltenden
Grundsatzes der freien Beweiswürdigung (BGE 125 V 352 E. 3a) alle Beweismittel,
unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu
entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des
streitigen Rechtsanspruches gestatten. Die Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz
der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen
medizinischer Gutachten und Berichte Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen
(BGE 125 V 352 E. 3b). Das im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholte
Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen
und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, besitzt bei der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb; Entscheid des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S G. vom 4. September 2006, I 713/05). Nach
der Rechtsprechung ist bei der Beweiswürdigung der Erfahrungstatsache Rechnung zu
tragen, dass Hausärzte und über eine längere Zeit hinweg regelmässig behandelnde
Spezialärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in
Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (so etwa der Entscheid des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S C. vom 6. Dezember 2006, I 329/06; BGE
125 V 353 E. 3b/cc), oder es ist damit zu rechnen, dass sie sich durch die "Macht des
Faktischen" von der pessimistischen subjektiven Einstellung ihrer Patienten
überzeugen lassen (so der nicht veröffentlichte Entscheid des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen i/S A.M.-C. vom 27. März 2003). Das Bundesgericht hat
anderseits festgehalten, der Richter könne auch auf die speziellen, etwa dank der
langjährigen Betreuung nur einem Hausarzt zugänglichen Kenntnisse des
Gesundheitszustandes eines Versicherten abstellen (nicht veröffentlichter Entscheid
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 255/96, zit. im Entscheid des
Schweizerischen Bundesgerichts vom 21. Dezember 2005, 4P.254/2005). Es geht
jedenfalls nicht an, den Aussagen des Hausarztes ohne nähere und unter dem
Gesichtspunkt des Willkürverbotes haltbare Begründung die Glaubwürdigkeit von
vornherein abzusprechen (Bundesgerichtsentscheid 4P.254/2005).
3.8 Als seit längerem behandelnder Arzt hat Dr. D._ die Beschwerdeführerin und ihre
jeweilige gesundheitliche Situation nicht nur einmal (wie der Gutachter), sondern immer
wieder beobachten können. In dieser Funktion besitzt er wohl auch das erwähnte
auftragsrechtliche Vertrauen der Beschwerdeführerin. Beides verhilft ihm zu einem
Überblick und einer gründlichen Kenntnis des ihm präsentierten medizinischen
Sachverhalts. Da Dr. D._ unter diesen Umständen - auch im jüngeren Bericht vom
22. November 2007 - keine Gesichtspunkte erwähnt, welche bei der Begutachtung
unberücksichtigt geblieben wären, kommt dem Gutachten ein grosser Stellenwert zu.
Der psychiatrische Gutachter konnte seine Beurteilung ferner im Unterschied zum
behandelnden Arzt mit Aktenkenntnis abgeben. Von Dr. D._ lag ihm der Bericht vom
2. Mai 2005 vor. Von der Beschwerdeführerin erfragte er die soziale und berufliche
Anamnese und ihre Angaben zur Krankheitsentwicklung und zu den aktuellen
Beschwerden. Er beschrieb im Gutachten die bei der eigenen fachärztlichen
Untersuchung erhobenen psychopathologischen Befunde. Das Gutachten erscheint
daher als umfassend abgestützt. Seine Schlussfolgerungen sind ausserdem
nachvollziehbar begründet. Die Beschwerdeführerin macht zwar geltend, die
Beurteilung von Dr. D._ sei objektiv erfolgt und es handle sich nicht um die
Übernahme ihrer subjektiven Einschätzung. Es ist aber doch zu beachten, dass er ihre
Beschwerdesituation als Arzt betrachtet, der sich auf die Behandlung ihrer Leiden
ausrichtet. Seine Beurteilung ihrer Arbeitsfähigkeit erwächst daher doch aus einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anderen als einer gutachterlichen Perspektive, nämlich aus dem therapeutischen
Auftrag. Seine Schlussfolgerung, die Beschwerdeführerin sei in keinem Fall in der freien
Wirtschaft einsetzbar, erscheint weniger überzeugend als die gutachterliche. Diese
lautet dahingehend, dass die psychiatrisch bedingte Arbeitsunfähigkeit objektiv mit
30 % zu beziffern sei, wobei gewisse Schwankungen berücksichtigt werden müssten.
In Anbetracht der letztgenannten Feststellung vermag das Schreiben von Dr. D._
vom 22. November 2007, der von einer gewissen Verstärkung der paranoiden Ideen
und depressiven Zustände aus einem bestimmten (wohl vorübergehenden) Anlass
berichtete, das Ergebnis des Gutachtens nicht in Frage zu stellen. Es kann
zusammenfassend auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die beiden Gutachter
abgestellt werden.
4.
4.1 In erwerblicher Hinsicht wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades nach
Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Nach der
Rechtsprechung ist für die Ermittlung des Valideneinkommens entscheidend, was sie
im massgebenden Zeitpunkt auf Grund ihrer beruflichen Fähigkeiten und persönlichen
Umstände nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde
tatsächlich verdienen würde. Die Einkommensermittlung hat so konkret wie möglich zu
erfolgen. Da nach empirischer Feststellung in der Regel die bisherige Tätigkeit im
Gesundheitsfall weitergeführt worden wäre, ist Anknüpfungspunkt für die Bestimmung
des Valideneinkommens grundsätzlich der letzte vor Eintritt der
Gesundheitsschädigung erzielte, nötigenfalls der Teuerung und der realen
Einkommensentwicklung angepasste Verdienst (BGE 134 V 325 E. 4.1). Für die
Vornahme des Einkommensvergleichs ist allerdings grundsätzlich auf die
Gegebenheiten im Zeitpunkt des allfälligen Rentenbeginns abzustellen (BGE 129 V
222), vorliegend somit auf das Jahr 2003. In jenem Jahr hätte die Beschwerdeführerin
bei einer vollzeitlichen Anstellung einen Monatslohn von Fr. 3'000.-- erzielt. Ein
13. Monatslohn war nach Angaben in der Arbeitgeberbescheinigung nicht ausbezahlt
worden, hingegen in beiden Jahren eine Gratifikation in dieser Höhe. An ihrer konkreten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stelle hat die Beschwerdeführerin dennoch unterdurchschnittlich verdient. Frauen
konnten nämlich im statistischen Mittel (Zentralwert; vgl. AHI 1999 S. 50) im Jahr 2002
mit einfachen und repetitiven Tätigkeiten im privaten Sektor Fr. 45'840.-- (12mal
Fr. 3'820.--) erzielen (vgl. Tabelle TA1 der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung des
Bundesamtes für Statistik, LSE 2002), aufwertet auf das Jahr 2003 Fr. 46'596.-- und
korrigiert um die betriebsübliche durchschnittliche Arbeitszeit von damals 41.7 Stunden
pro Woche (vgl. T2.5.2; statt 40 Stunden, wie sie der Tabellengruppe A generell
zugrunde liegt) bei 100 % Beschäftigung Fr. 48'579.-- (vgl. Anhang 2 der Textausgabe
IV, Gesetze und Verordnungen).
4.2 Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht.
Übt sie nach Eintritt der Invalidität eine Erwerbstätigkeit aus, bei der - kumulativ -
besonders stabile Arbeitsverhältnisse gegeben sind und anzunehmen ist, dass sie die
ihr verbleibende Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise voll ausschöpft, sowie das
Einkommen aus der Arbeitsleistung als angemessen und nicht als Soziallohn erscheint,
gilt grundsätzlich der von ihr tatsächlich erzielte Verdienst als Invalidenlohn. Ist kein
solches effektives Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die versicherte Person
nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich
zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der
Rechtsprechung statistische Werte (Tabellenlöhne) beigezogen werden (BGE 129 V
472 E. 4.2.1, Bundesgerichtsentscheid i/S C. vom 19. Juni 2008, 9C_81/2008). Es kann
vorliegend davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführerin auf einem
hypothetischen ausgeglichenen Arbeitsmarkt, wie er für die Invaliditätsbemessung
massgebend ist, ausreichend viele adaptierte Arbeitsmöglichkeiten offen stehen. Die
Beschwerdeführerin hat aber, wie oben dargelegt, als Gesunde an der zufällig
innegehabten konkreten Stelle unterdurchschnittlich verdient. Es ist nicht anzunehmen,
dass sie sich mit einem solchen Lohn aus freien Stücken begnügt hat, sondern es
werden hierfür wohl eher invaliditätsfremde Gründe verantwortlich gewesen sein. Um
einen Einfluss solcher Umstände auf die Invaliditätsbemessung zu eliminieren, ist bei
der Bemessung des Invalideneinkommens zu berücksichtigen, dass die
Beschwerdeführerin auch als gesundheitlich Beeinträchtigte von
vornherein nicht das durchschnittliche statistische Lohnniveau erreichen dürfte. Wird
von der gesundheitlichen Einschränkung (samt einem allfälligen Abzug vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tabellenlohn für invaliditätsbedingte Aspekte) abgesehen, kann angenommen werden,
dass die ausbildungsmässigen und persönlichen Faktoren sich grundsätzlich auf
beiden Seiten gleich auf das erreichbare Lohnniveau niederschlagen. Unterschiede, die
durch die konkrete Stellenwahl bedingt sind, sind nicht massgeblich. Es rechtfertigt
sich deshalb, sowohl für das Valideneinkommen wie für das Invalideneinkommen von
demselben Lohnniveau bei voller Beschäftigung auszugehen.
4.3 In der Praxis werden die zur Bestimmung des Invalideneinkommens
herangezogenen Tabellenlöhne gekürzt, wenn Versicherte, die in ihrer letzten Tätigkeit
körperliche Schwerarbeit verrichteten, nach Eintritt des Gesundheitsschadens auch für
leichtere Arbeiten nur beschränkt einsatzfähig sind, wenn sie - unabhängig von der
früher ausgeübten Tätigkeit - als gesundheitlich Beeinträchtigte im Rahmen leichter
Hilfsarbeitertätigkeiten nicht mehr voll leistungsfähig sind oder wenn weitere
persönliche und berufliche Merkmale wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit,
Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die
Lohnhöhe haben. Der Abzug ist nicht schematisch vorzunehmen. Vielmehr ist der
Einfluss aller Merkmale auf das Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im
Einzelfall nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen. Letztlich ist der
Abzug vom statistischen Lohn unter Berücksichtigung aller jeweils in Betracht fallenden
Merkmale auf insgesamt höchstens 25 % zu begrenzen (vgl. BGE 126 V 75). Da die
Beschwerdeführerin leidensbedingt einer gewissen Rücksicht von Seiten eines
potentiellen Arbeitgebers bedarf und weil aus Gründen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung nicht damit gerechnet werden kann, dass sie die
Durchschnittseinkommen wird erreichen können, da doch die statistischen Erhebungen
die durchschnittlichen Lohnverhältnisse gesunder Arbeitnehmer widerspiegeln,
rechtfertigt es sich, einen Abzug von 10 % vorzunehmen. Zusammen mit der
Arbeitsunfähigkeit von 30 % ergibt sich auf diese Weise ein Invaliditätsgrad von 37 %
(30 % zuzüglich 0.1x 70 %).
4.4 Im Ergebnis ist daher nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin einen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin abgewiesen hat. Allenfalls könnte die
Beschwerdeführerin Unterstützung bei der Stellensuche beantragen.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
5.2 Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt. Als
unterliegende Partei hat die Beschwerdeführerin die Gerichtskosten zu bezahlen (vgl.
Art. 95 Abs. 1 VRP). Diese sind ermessensweise auf Fr. 600.-- zu veranschlagen. Mit
dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist die geschuldete Gerichtsgebühr
getilgt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht