Decision ID: b451ffc2-4bf1-5af0-bd47-bfa66b38adf6
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der aus Mogadishu stammende Beschwerdeführer verliess seinen Hei-
matstaat eigenen Angaben zufolge im August 2015 und gelangte zunächst
nach Äthiopien, wo er vergeblich versucht habe, sich in einem Flüchtlings-
lager registrieren zu lassen. Aus diesem Grund sei er weiter nach Addis
Abeba gereist und habe dort drei Monate verbracht, während er versucht
habe als (...)lehrer seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er sei schliess-
lich via den Sudan nach Libyen gelangt und habe erst nach mehreren Mo-
naten nach Italien übersetzen können. Am 12. April 2016 reiste der Be-
schwerdeführer illegal mit dem Zug in die Schweiz ein und stellte am
18. April 2016 ein Asylgesuch. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP)
vom 25. Mai 2016 gab der Beschwerdeführer als Grund für die Ausreise
an, er habe in seinem Heimatstaat wegen mehrerer Umstände nicht mehr
sicher leben können. Erstens sei er mit anderen willkürlich von einem
Polizisten festgenommen worden und in ein Gefängnis gebracht worden,
wo mittels Folter ein falsches Geständnis von ihm erpresst worden sei. Mit
dem aufgenommenen Geständnis sei dann von seiner Mutter Lösegeld er-
presst worden; wäre er an die Regierung verraten worden, hätte man ihn
exekutiert. Er sei während zwölf Tagen festgehalten worden, weil seine
Eltern das Lösegeld nicht hätten aufbringen können. Ein ehemaliger
Koranschüler seines kranken Vaters habe sich jedoch für seine Freilassung
eingesetzt. Zweitens habe er wegen seiner Zugehörigkeit zu einem
Minderheits-Clan trotz Abschluss einer Ausbildung keine anständig be-
zahlte Arbeit bekommen. Er sei zwar einmal von einer Hilfsorganisation
angestellt worden, dann aber während der ersten drei Arbeitstage vollstän-
dig ignoriert worden, weil diese Stelle offenbar für Mitglieder des Hawadle-
Clans bestimmt gewesen wäre. Aus diesem Grund sei er gezwungen ge-
wesen, eine schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen. Drittens habe er Prob-
leme mit den Al-Shabaab gehabt. Als Geschäftsführer eines (...)-geschäfts
habe er einen Auftrag eines Al-Shabaab-Mitglieds abgelehnt. Er hätte (...)
für ein grosses Fest einer Schule (...) sollen, aber geahnt, dass dort ein
Anschlag geplant gewesen sei. Als Folge habe er Drohanrufe erhalten und
schliesslich diese Anstellung gekündigt. Viertens habe er kurz vor seiner
Ausreise mit einem Freund an einem Fest der Regierung teilgenommen.
Dieser Freund sei am Folgetag vor seinem Wohnhaus (des Beschwerde-
führers) tot aufgefunden worden. Seine Mutter habe ihm diese Nachricht
überbracht und ihn aufgefordert, seinen Arbeitsort und das Quartier zu ver-
lassen. Ausserdem sei er bei Problemen nicht von anderen Clans ge-
schützt worden und von den Kriegsparteien unter Druck gesetzt worden.
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Er habe sich nie an die heimatlichen Behörden gewandt, da er persönlich
regelmässig von diesen festgenommen worden sei, weil sie jeweils be-
hauptet hätten, er und andere Mitglieder der Minderheits-Clans seien für
die Anschläge verantwortlich.
Als Beweismittel legte der Beschwerdeführer seinen Pass, eine Identitäts-
karte seines letzten Arbeitsgebers sowie seine Ausbildung betreffende Do-
kumente und eine Kopie seiner Identitätskarte ins Recht.
B.
Ein zuvor eröffnetes Dublin-Verfahren wurde vom SEM am 27. Juni 2016
beendet.
C.
An der Anhörung zu den Asylgründen vom 19. Dezember 2017 gab der
Beschwerdeführer zu Protokoll, seit seiner Ausreise hätten die Al-Shabaab
seinen jüngeren Bruder an seiner Stelle behelligt, weshalb dieser inzwi-
schen nach Kenia geflohen sei. Seine Mutter sei mit den übrigen Ge-
schwistern ins Quartier B._ umgezogen, weil die Al-Shabaab dort
weniger präsent seien und es für sie deshalb sicherer sei. Sein Vater sei
(...) verstorben. Zu seinem Leben in Mogadishu führte er aus, er habe auf-
grund seiner Zugehörigkeit zu einem Minderheits-Clan stets Schwierigkei-
ten gehabt; es habe Entführungen gegeben oder sie seien gewaltsam ver-
trieben worden. Zudem sei ihnen oft das Geld weggenommen worden, wo-
gegen sie sich nicht effektiv hätten zur Wehr setzen können. Angehörige
von Minderheits-Clans würden ausserdem instrumentalisiert, Morde oder
dergleichen für die Al-Shabaab auszuführen, weil ihnen niemand Schutz
vor allfälligen Konsequenzen gewähren würde. Er sei einmal mit anderen
von Polizisten – den ehemaligen Kämpfern der Warlords – festgenommen
worden, weil sie sich zufällig in der Nähe einer Bombenexplosion aufge-
halten hätten. Die Angehörigen von Mehrheits-Clans seien entlassen wor-
den, während er gefoltert und mittels des aufgenommenen Geständnisses
seine Familie erpresst worden sei. Somalia habe er erstens wegen seiner
Zugehörigkeit zu einem Minderheits-Clan, zweitens wegen fehlendem
Schutz vor der Bedrohung der Al-Shabaab, drittens wegen erlebten Nach-
teilens seitens der Regierung und viertens wegen der nicht vorhandenen
Jobmöglichkeiten verlassen. Nachdem sein Freund nach einem gemein-
sam besuchten Fest ermordet aufgefunden worden sei, und ihre Namen
auf im Quartier verteilten Zetteln der Al Shabaab gestanden hätten, habe
er Todesangst gehabt und deshalb seinen Heimatstaat verlassen.
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Seite 4
D.
Mit Verfügung vom 16. August 2019 – eröffnet spätestens am 21. August
2019 – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, wobei es den Vollzug der
Wegweisung wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Auf-
nahme in der Schweiz aufschob.
E.
Mit Eingabe vom 18. September 2019 liess der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Asylentscheid erhe-
ben. Er beantragte die teilweise Aufhebung der angefochtenen Verfügung
sowie die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewäh-
rung. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege und Verzicht auf Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Er reichte in diesem Zusammenhang eine Unterstützungs-
bestätigung vom 20. Juni 2019 zu den Akten.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte dem Beschwerdeführer am
26. September 2019 den Eingang seiner Beschwerde.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Oktober 2019 gewährte der Instruktions-
richter dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung sowie die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung und setze lic. iur. Tarig Hassan als
seinen amtlichen Rechtsbeistand ein. Gleichzeitig lud er das SEM zur Ver-
nehmlassung ein.
H.
In der Vernehmlassung vom 23. Oktober 2019 beantragte das SEM die
Abweisung der Beschwerde.
I.
Die Vernehmlassung des SEM wurde dem Beschwerdeführer mit Instruk-
tionsverfügung vom 30. Oktober 2019 zur Kenntnis gebracht und ihm Frist
zur Einreichung einer Stellungnahme gesetzt.
J.
Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe vom 14. November 2019 eine
Replik sowie eine Honorarnote seines amtlichen Rechtsbeistands zu den
Akten geben und an seinen Anträgen festhalten.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung der ablehnenden Verfügung führte das SEM aus, den
vom Beschwerdeführer geltend gemachten Ausreisegrund, er sei durch die
Al-Shabaab mit dem Tod bedroht worden, habe er nicht glaubhaft machen
können. So habe er die an der Anhörung erwähnten Flugblätter, mit wel-
chen seine Tötung angekündigt worden sei und die den Ausschlag für
seine Ausreise gegeben hätten, anlässlich der BzP nicht beschrieben.
Er habe auch die Umstände im Zusammenhang mit seiner Ausreise wider-
sprüchlich geschildert. Einerseits habe er angegeben, er habe sich direkt
von seinem Arbeitsplatz aus auf die Flucht begeben; andererseits habe er
geltend gemacht, keine Anstellung gefunden zu haben, was auch ein
Grund für seine Flucht aus dem Heimatstaat dargestellt habe. Insgesamt
sei nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer durch die Präsenz
der Al-Shabaab in gewisser Weise beeinträchtigt worden sei; eine in ziel-
gerichtetem Ausmass erfolgte Bedrohung könne aber nicht geglaubt wer-
den. Vielmehr sei davon auszugehen, der Beschwerdeführer habe seinen
Heimatstaat aufgrund der allgemeinen Lebensumstände verlassen. Den
geltend gemachten Massnahmen, die er von Seiten der Regierung habe
erdulden müssen, fehle es aber an der notwendigen Intensität gemäss
Art. 3 AsylG. Zum einen sei unklar, ob er lediglich nach Abschluss legitimer
Untersuchungsmassnahmen oder tatsächlich nach der Leistung von Löse-
geld aus der Haft entlassen worden sei, zum andern hätten sich nach sei-
ner Freilassung und bis zu seiner Ausreise keine relevanten Vorfälle mehr
ereignet. Die Zugehörigkeit des Beschwerdeführers zu einem Minderheits-
Clan stelle im Übrigen kein asylrelevantes Vorbringen dar; solche Perso-
nen würden nämlich in Somalia nicht kollektivverfolgt, und er habe dies
lediglich in Verbindung zu seinen übrigen Asylvorbringen geltend gemacht.
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Seite 7
4.2 In der Beschwerdeschrift bemängelte der Beschwerdeführer die Verfü-
gung des SEM dahingehend, dass deren Argumente konstruiert erschei-
nen würden. Er habe an den Befragungen mehrmals und konsistent erklärt,
er habe nach Abschluss seines Studiums verschiedene Anstellungen ge-
habt, aber damit nicht genügend Geld verdient. Die Anstellung beim Im-
portunternehmen ([...]) habe er im Gegensatz zu seinem Job
im (...)shop bis August 2015 – also bis zum Zeitpunkt seiner Flucht aus
Mogadischu – ausgeführt. Diese Antworten habe die Vorinstanz in der an-
gefochtenen Verfügung schlicht unterschlagen. Den Flyer, auf dem sein
Name aufgeführt gewesen sei, habe er tatsächlich an der BzP nicht er-
wähnt, immerhin aber sämtliche anderen Umstände, die mit diesem Ereig-
nis zusammenhängen würden. Seine diesbezüglichen Schilderungen sei-
en konstant und lebensnah ausgefallen und damit als glaubhaft zu qualifi-
zieren. Entgegen den Ausführungen des SEM habe er ausserdem bereits
an der BzP frühere Schwierigkeiten mit der Al-Shabaab-Miliz erwähnt; un-
ter anderem auch einen Vorfall im Jahr 2014, als er sich geweigert habe
einen Auftrag eines Mitglieds der Al-Shabaab auszuführen. Er habe jeden-
falls zu diesem Zeitpunkt auf weiter in der Vergangenheit liegende Prob-
leme mit den Al-Shabaab hingewiesen. Angesichts dessen sei nicht halt-
bar, die Ausführungen anlässlich der Anhörung als nachgeschoben zu be-
zeichnen. Es könne der Ansicht des SEM sodann nicht gefolgt werden, wo-
nach es sich bei den Verfolgungshandlungen seitens der Regierungsbe-
amten um legitime Untersuchungsmassnahmen gehandelt habe. So sei er
lediglich deshalb Ziel dieser Massnahmen geworden, weil er sich als An-
gehöriger des Minderheits-Clans C._ im Zeitpunkt, als eine Bombe
detoniert sei, zufällig in der Nähe aufgehalten. Damit sei er wegen seiner
Clan-Zugehörigkeit gezielten Behelligungen ausgesetzt gewesen. Angehö-
rige von Minderheits-Clans seien nicht wie die gesamte Bevölkerung in
Zentral- und Südsomalia von Gewalt betroffen, vielmehr seien sie wegen
ihrer Clan-Zugehörigkeit sowohl Misshandlungen als auch Entführungen
durch die Al-Shabaab und die korrupten Regierungsangehörigen ausge-
setzt.
4.3 In seiner Vernehmlassung räumte das SEM ein, der Beschwerdeführer
habe in seiner Beschwerdeschrift zwar durchaus plausibel zu erklären ver-
mocht, wie seine unterschiedlichen Aussagen zu seinen Anstellungen im
Heimatstaat zu verstehen seien. Diese Angaben seien aber nicht aus-
schlaggebend gewesen für den negativen Asylentscheid. Es sei vielmehr
von Bedeutung gewesen, dass er an der BzP die konkrete Morddrohung
nicht erwähnt habe, obschon diese schliesslich zu seiner Ausreise geführt
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habe. Auch die erstmals an der Anhörung zu Protokoll gegebenen Miss-
handlungen und Inhaftierung durch die Al-Shabaab seien zwar als nachge-
schoben zu qualifizieren, nicht aber, dass er gewisse Nachteile durch die
Al-Shabaab erlebt habe. Es sei jedoch nicht von gezielt gegen den Be-
schwerdeführer gerichteten Verfolgungsmassnahmen auszugehen. Hin-
sichtlich die vorgebrachte Inhaftierung wäre sodann zu erwarten gewesen,
dass er über Hintergründe seiner Haftentlassung hätte berichten können;
diese Ausführungen seien aber generell vage ausgefallen.
4.4 In der Replik wies der Beschwerdeführer darauf hin, dass das SEM in
der angefochtenen Verfügung immerhin aufgrund des angeblichen Wider-
spruchs betreffend seine Arbeitsstelle auf die Unglaubhaftigkeit seiner
Fluchtumstände geschlossen habe. Diese Vorbringen seien aber eng ver-
bunden mit dem Auslöser seiner Flucht, nämlich die Bedrohung durch die
Al-Shabaab infolge der Ermordung seines Freundes. An der BzP habe er
zwar die Morddrohung nicht explizit erwähnt, aber immerhin die Umstände
dargelegt, welche darauf hätten schliessen lassen, dass ihm – wie seinem
getöteten Freund – Sanktionen drohen würden. Schliesslich würden ver-
schiedene Berichte vergleichbare Vorgehensweisen der Al-Shabaab darle-
gen, wie die von ihm beschriebenen, was einen Beleg für die Glaubhaf-
tigkeit seiner Aussagen darstelle.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinn des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit
der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Bei der Be-
urteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen den Beschwerdeführer sprechen. Glaubhaft
ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen.
Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt
der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte
wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sach-
verhaltsdarstellung sprechen (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/3 E. 6.5.1,
2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2, 2010/57 E. 2.3).
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5.2 Vorab ist anzumerken, dass die Vorinstanz nicht an der durch den Be-
schwerdeführer geltend gemachten Zugehörigkeit zum Clan der Asharaf
zweifelte und auch für das Bundesverwaltungsgericht hierzu keinen Anlass
besteht. Nach Durchsicht der Akten ist überdies festzustellen, dass der Be-
schwerdeführer zum Beleg seiner Lebensumstände in Somalia eine Viel-
zahl von Urkunden und anderen Dokumenten beigebracht hat. Seine Iden-
tität wird durch den nachträglich eingereichten Reisepass belegt.
5.3 Berichten zufolge werden die Asharaf formal nur teilweise als Minder-
heit eingestuft, weil ihnen zwar aufgrund ihrer Abstammung ein spezieller
religiöser Status zukomme, sie aber dieselben Probleme zu gewärtigen ha-
ben, wie ihre "Schutzclans". Sie seien zum Ziel von Übergriffen durch die
Al-Shabaab geworden, weil diese den religiösen Status der Digil-Mirifle-
Asharaf nicht anerkannt hätten. Mitglieder dieser Gruppe seien zwar nicht
einer systematischen Verfolgungsgefahr ausgesetzt, doch würden sie mit-
unter deshalb zu einer der schwächsten Gruppen in Somalia zählen, weil
sie weder politisch noch militärisch stabil verankert seien (vgl. GUNDEL
JOAKIM, Nairobi. Clans in Somalia. Report on a Lecture by Joakim Gundel.
Dezember 2009. S. 19, abrufbar unter < https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/1193130/90_1261130976_accord-report-clans-in-somalia-revised-edi-
tion-20091215.pdf >; Anfragebeantwortung zu Somalia: Information zu
Mischehen zwischen Tumaal und Ashraf; gesellschaftlicher Status der
Tumaal und der Ashraf [a-11095], vom 20. September 2019 m.w.H., abruf-
bar unter < https://www.ecoi.net/de/dokument/2016781.html# >; diese
sowie alle nachfolgenden Quellen abgerufen am 15. März 2021).
Nach diesen Ausführungen ist festzuhalten, dass bei Angehörigen des
Clans des Beschwerdeführers Schwierigkeiten und Behelligungen, wie die
von ihm beschriebenen, objektiv zu erwarten sind.
5.4 Für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführer spricht
zudem, dass er bereits an der BzP die Gründe, welche zur Ausreise aus
seinem Heimatstaat geführt haben, aussergewöhnlich detailliert und nach-
vollziehbar zu veranschaulichen vermochte. Sodann fielen auch seine
freien Aussagen an der Anhörung zu den Asylgründen überaus ausführlich
aus und lassen darüber hinaus erkennen, dass er sich nach jahrelangen
Behelligungen von Seiten der Al-Shabaab sowie wegen Nachteilen auf-
grund seiner Clanzugehörigkeit zum Verlassen seines Heimatstaates ge-
zwungen sah. Einerseits gab er Detailinformationen wieder, die sich mit
Berichten über seinen Heimatstaat decken (vgl. zu SEM-Akten, A18 ad
F22 f. oder F76 etwa: EGAL ADAM YUSUF, Police Corruption, Radicalization
https://www.ecoi.net/en/file/local/1193130/90_1261130976_accord-report-clans-in-somalia-revised-edition-20091215.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/1193130/90_1261130976_accord-report-clans-in-somalia-revised-edition-20091215.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/1193130/90_1261130976_accord-report-clans-in-somalia-revised-edition-20091215.pdf
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and Terrorist Attacks in Mogadishu. Norwegian University of Life Sciences,
August 2016, S. 33 ff. und S. 47 f., abrufbar unter < https://nmbu.brage.unit.
no/nmbu-xmlui/bitstream/handle/11250/2420500-/Adam%27s%20final%2
0thesis%2015.08.2016.pdf?sequence=1&isAllowed=y >; MENKHAUS KEN,
Non-State Security Providers and Political Formation in Somalia, Centre
for Security Governance, 2016, S. 23, abrufbar unter < https://secgovcen-
tre.org/wp-content/uploads/2016/11/NSSPs_in_Somalia_April2016.pdf >;
HARPER MARY, Everything You Have Told Me Is True: The Many Faces of
Al Shabaab, 2019; DANISH IMMIGRATION SERVICE / DANISH REFUGEE
COUNCIL, South and Central Somalia: Security Situation, al-Shabaab Pres-
ence, and target Groups – Report based on interviews in Nairobi, Kenya,
3 to 10 December 2016, vom März 2017, S. 20 f., abrufbar unter
< https://flygtning.dk/media/3189161/south-and-central-somalia-report-ma
rch-2017.pdf >).
Andererseits enthalten seine Schilderungen zahlreiche weitere Realkenn-
zeichen, wie die Wiedergabe von Details, die für die Glaubhaftigkeit dieser
Geschehnisse sprechen (vgl. A5 S. 9 beispielsweise: "Er war arbeitslos
und die Nacht vor seinem Tod haben wir gemeinsam an einem Fest teilge-
nommen"; "Nachdem meine Mutter mir telefoniert hatte kam sie zu meiner
Arbeitsstelle und sagte mir ob sie mich segnen oder verfluchen solle."; A18
ad F44 ff., ad F54: "[...] dass mein Freund vor unserem Haus getötet
wurde. Ich weiss nicht, warum er vor unserem Haus war. Wollte er uns
besuchen?"; ad F58: "Einige junge Männer aus dem Quartier waren dabei.
Da es hohe Arbeitslosigkeit bei jungen Leuten gibt, gehen die jungen Leute
zu solchen Festen, um Kontakte zu knüpfen, damit sie eine Stelle bekom-
men."; ad F56, F60 sowie ad F68: "Sie sagte gehe weg und meinte, ich
solle mich irgendwo in Mogadishu verstecken. Ich habe bereits entschie-
den wegzugehen, auszureisen."). Auffällig erscheint auch das wiederholte
In-Relation-Setzen von Verfolgungsmassnahmen mit alltäglichen Proble-
men (vgl. A5 S. 9 "Ich persönlich wurde mehrere Male verhaftet. Ich habe
deswegen sogar an der Uni drei Prüfungen verpasst. Aber das sind viele
kleine Probleme, mit denen wir uns abfinden müssen und die wir ertragen.";
A18 F47: "Wie oft hatten Sie mit Vertretern von Al Shabab zu tun [...]." A:
"Das waren unzählige Male. Das ist Routine gewesen, das heisst in jedem
Monat mindestens einmal wurde ich inhaftiert, geschlagen. Die Schläge
und Misshandlungen von Al Shabab waren so selbstverständlich zu akzep-
tieren, so lange man nicht zum Tode verurteilt wird [...].").
https://secgovcentre.org/wp-content/uploads/2016/11/NSSPs_in_Somalia_April2016.pdf https://secgovcentre.org/wp-content/uploads/2016/11/NSSPs_in_Somalia_April2016.pdf https://flygtning.dk/media/3189161/south-and-central-somalia-report-ma%20rch-2017.pdf https://flygtning.dk/media/3189161/south-and-central-somalia-report-ma%20rch-2017.pdf
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Seite 11
5.5 Demgegenüber erscheinen einzelne Aussagen des Beschwerdefüh-
rers zwar als geringfügige Übertreibungen (vgl. A5 S. 8; A18 ad F23, F39,
F80) und aus den Befragungsprotokollen resultieren auch einige wenige
Unstimmigkeiten. Diese Punkte betreffen jedoch vorwiegend unwesentli-
che Sachverhaltselemente und vermögen somit im Gegensatz zu den vie-
len überaus authentisch wirkenden Schilderungen nicht wesentlich ins Ge-
wicht zu fallen.
5.6
5.6.1 Die in der Beschwerde kritisierte Argumentation des SEM zur angeb-
lichen Widersprüchlichkeit der Aussagen zur Arbeitssituation vor der Aus-
reise wurde in der Vernehmlassung zurückgenommen.
5.6.2 Soweit das SEM die Auffassung vertritt, der Beschwerdeführer habe
den Hauptgrund für die Ausreise (Morddrohungen durch die Al-Shabaab)
in der BzP nicht erwähnt, erweist sich dies bei näherer Betrachtung nicht
als überzeugend. Gemäss langjähriger Praxis der Schweizer Asylbehörden
kommt den Aussagen zu den Ausreisegründen in der BzP angesichts des
summarischen Charakters dieser Befragung für die Beurteilung der Glaub-
würdigkeit der vorgebrachten Asylgründe nur eingeschränkter Beweiswert
zu; Aussagewidersprüche dürfen demnach für die Beurteilung der Glaub-
würdigkeit nur dann herangezogen werden, wenn klare Aussagen in der
BzP in wesentlichen Punkten der Asylbegründung von den späteren Aus-
sagen in der Anhörung diametral abweichen, oder wenn bestimmte Ereig-
nisse oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt
werden, nicht bereits in der BzP zumindest ansatzweise erwähnt werden
(vgl. bereits Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 1993 Nr. 3; KNEER / SONDEREGGER, Glaubhaf-
tigkeitsprüfung im Asylverfahren - Ein Überblick über die Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts, in: ASYL 2015/2, S. 4 f.). In der BzP hatte
der Beschwerdeführer seine Probleme mit den Al-Shabaab beschrieben;
er erwähnte Drohungen und gab an, sein Freund sei am Tag vor seiner
Flucht erschossen worden, nachdem sie am Abend zuvor zusammen an
einem Fest teilgenommen hätten; er ergänzte, die Täterschaft habe damals
nicht festgestanden, aber die Nachbarschaft sei "davon aus[gegangen],
dass es die AI-Shabaab waren, da [sie] an diesem Fest der Regierung teil-
genommen" hätten (vgl. A5 S. 9). Im Anschluss an die fast zweiseitige
Schilderung der Ausreisegründe gab er auf Frage hin an, es habe noch
"ganz viele weiter[e] Probleme" gegeben, und er habe nur die wichtigsten
Ausreisegründe "jetzt einmal genannt" (vgl. a.a.O. S. 10). Unter diesen
Umständen stellt die in der Anhörung protokollierte zusätzliche Aussage,
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im Quartier hätten Flugblätter mit den Namen der Teilnehmer dieses Fests
zirkuliert (vgl. insbes. A18 ad F39 f.), aus Sicht des Gerichts nicht den
Nachschub eines nicht ansatzweise erwähnten Asylgrunds dar, sondern
eine detaillierende Ergänzung der im BzP-Protokoll enthaltenen Angaben.
Ausserdem ist zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer den Flyer
mit seinem Namen selber gerade nicht gesehen haben will, sondern seine
Mutter ihm davon erzählt habe (vgl. A18 ad F56 f.). In Bezug auf die an der
Anhörung genannten weiteren Behelligungen durch die Al-Shabaab erklärt
seine Aussage – es habe unzählige Bedrohungssituationen gegeben, was
aber Routine gewesen sei – weshalb er diese im Rahmen der BzP nicht
unter den wichtigsten Problemen detailliert schilderte (vgl. A5, S. 10 und
A18 ad F47). Insofern kann das Gericht die diesbezügliche durch das SEM
vertretene Ansicht nicht teilen (Verfügung vom 16. August 2019 S. 4; Ver-
nehmlassung vom 23. Oktober 2019 S. 2).
5.6.3 In der angefochtenen Verfügung spricht das SEM den Schwierigkei-
ten des Beschwerdeführers mit den heimatlichen Behörden wegen fehlen-
der Intensität die asylrechtliche Relevanz ab. Aufgrund den vorangegange-
nen Ausführungen erachtet es das Bundesverwaltungsgericht ebenfalls als
glaubhaft, dass der Beschwerdeführer wegen seiner Zugehörigkeit zu ei-
nem Minderheitsclan ernsthaftere Nachteile durch Regierungsmitarbei-
tende erlebte, als die Allgemeinbevölkerung in seiner Herkunftsregion.
5.7 Eine Würdigung aller für sowie gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen sprechenden Elemente führt folglich klar zur Schlussfolgerung, dass
sich insgesamt ein stimmiges Bild ergibt und die massgeblichen Aspekte
überwiegen, welche für die Richtigkeit der geltend gemachten fluchtauslö-
senden Verfolgungsmassnahmen sprechen.
6.
6.1 In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer auf-
grund des von ihm glaubhaft dargelegten Sachverhalts die Flüchtlings-
eigenschaft erfüllt.
6.2 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinn von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
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oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand.
Die Verfolgungsfurcht muss zum Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell
sein. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen
dem Ausreisezeitpunkt und dem Zeitpunkt des Asylentscheids sind des-
halb zugunsten und zulasten der Asylsuchenden zu berücksichtigen (vgl.
dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; BVGE 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je
m.w.H.).
6.3 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinn von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich –
aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger
Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk-
lichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten
Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der be-
troffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver-
gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub-
jektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 mit weiteren Hinweisen).
6.4
6.4.1 Nach den Ausführungen in den vorangegangenen Erwägungen ist
folglich davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer insbesondere we-
gen seiner Zugehörigkeit zu einem Minderheitsclan stetigen Behelligungen
seitens der heimatlichen Behörden ausgesetzt war, indem er immer wieder
willkürlich verhaftet wurde.
6.4.2 Dass der Beschwerdeführer in der BzP und in der Anhörung überein-
stimmend zu Protokoll gegeben hat, er sei bei der letzten Verhaftung durch
Regierungsvertreter, rund vier Monate vor der Ausreise, gefoltert worden
(vgl. A5 S. 8, A18 ad F85: Schläge mit dem Gewehrkolben, Zubinden eines
über den Kopf gestülpten Sacks mit Chilipulver um Erstickungsgefühle aus-
zulösen), ist der angefochtenen Verfügung nicht zu entnehmen. Dieses
vom SEM offensichtlich übersehene Vorbringen macht die vorinstanzliche
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Argumentation, es habe sich möglicherweise um "legitime [...] Untersu-
chungsmassnahmen" gehandelt, die auch mangels Intensität nicht als Ver-
folgung zu qualifizieren sei (vgl. Verfügung S. 5), von vorherein untauglich.
6.5 Sodann wurde der Beschwerdeführer seit Jahren durch die Al-Shabaab
belästigt und unter Druck gesetzt. Einige Zeit vor seiner Ausreise wurde er
konkret bedroht, weil er sich zunächst weigerte einen Druckauftrag auszu-
führen, der seines Erachtens der Ausübung eines Anschlags hätte dienen
sollen. Schliesslich sah er sich gezwungen, seinen Herkunftsort zu verlas-
sen, nachdem infolge der Teilnahme an einem Fest der Regierung sein
Freund, mit dem er das Fest besucht hat, vor seinem Wohnhaus tot aufge-
funden wurde und er selber mit dem Tod bedroht wurde. Seither wurde sein
jüngerer Bruder an seiner Stelle bedroht, weshalb dieser ebenfalls das
Land verliess und sich die restliche Familie gezwungen sah, das Wohn-
quartier zu verlassen.
6.6 Diese stetige Gefährdungssituation sowie die Furcht des Beschwerde-
führers vor Vergeltungsmassnahmen durch die Al-Shabaab sind als asyl-
relevant im Sinn von Art. 3 AsylG zu werten, zumal sein Verhalten offen-
sichtlich als oppositioneller Akt aufgefasst wurde. Nachdem er zudem re-
gelmässigen Behelligungen durch Regierungsmitarbeitende ausgesetzt
war, ist nicht davon auszugehen, dass er durch die staatlichen Behörden
Schutz vor dieser Verfolgung erlangen könnte. Bereits angesichts des vom
SEM als unzumutbar qualifizierten Wegweisungsvollzugs ist eine inner-
staatliche Schutzalternative für den Beschwerdeführer nicht verfügbar (vgl.
BVGE 2011/51 E. 8 insbes. E. 8.5.2).
6.7 Der Beschwerdeführer erfüllt demzufolge die Flüchtlingseigenschaft.
Den Akten sind keine Hinweise auf Asylausschlussgründe (insbesondere
im Sinn von Art. 53 AsylG) zu entnehmen, weshalb dem Beschwerdeführer
in der Schweiz Asyl zu gewähren ist.
7.
7.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die angefoch-
tene Verfügung des SEM vom 16. August 2019 ist aufzuheben. Der Be-
schwerdeführer ist als Flüchtling anzuerkennen und das SEM anzuweisen,
ihm Asyl zu gewähren.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
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9.
9.1 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG kann der obsiegenden Partei von Amtes
wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen not-
wendigen und verhältnismässig hohen Kosten zugesprochen werden (vgl.
Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
9.2 Die bei den Akten liegende Kostennote erscheint den Verfahrensum-
ständen als angemessen. Die von der Vorinstanz auszurichtende Partei-
entschädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 3925.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinn von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzuset-
zen.
(Dispositiv nächste Seite)
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