Decision ID: 02d47924-3330-5694-9c6f-25ff5c27eb00
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorien A1, B, D1, BE und D1E seit dem
7. September 1984. Sie ist im Administrativmassnahmen-Register (ADMAS) nicht
verzeichnet. Am 1. Juni 2017 wurde sie von der Kantonspolizei einvernommen. Und
zwar wurde sie verdächtigt, am 12. Mai 2017 in S eine Streifkollision mit einem
Motorrad verursacht und nicht angehalten zu haben. Die Polizei hatte ihr Fahrzeug
bereits am 25. Mai 2017 untersucht und Mikropartikel gesichert, die von der Abteilung
Forensische Chemie und Technologie der Kantonspolizei St. Gallen analysiert wurden.
Die Techniker kamen zum Schluss, ein Kontakt zwischen dem Personenwagen von X
und dem Motorrad könne weder nachgewiesen noch ausgeschlossen werden. Die
Polizei hielt im Unfallrapport vom 27. Juni 2017 fest, X habe während den gesamten
Ermittlungen einen unsicheren bzw. verwirrten Eindruck gemacht.
B.- Am 22. November 2017 teilte das Strassenverkehrsamt X mit, aufgrund der
polizeilichen Feststellungen im Zusammenhang mit dem Vorfall vom 12. Mai 2017
bestünden Zweifel an ihrer Fahreignung. Es stellte eine Untersuchung bei einem Arzt
oder einer Ärztin der Stufe 3 in Aussicht. Mit Verfügung vom 10. Januar 2018 wurde die
Massnahme angeordnet. Das Strassenverkehrsamt forderte X auf, innert 20 Tagen mit
Dr.med. K, S, einen Untersuchungstermin für eine Fahreignungsabklärung zu
vereinbaren.
C.- Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 25. Januar 2018 erhob X Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission. Sie beantragte die kostenfällige Aufhebung der
Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 10. Januar 2018. Das Strassenverkehrsamt
verzichtete am 20. Februar 2018 auf eine Vernehmlassung. Auf die Ausführungen im
Rekurs wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 25. Januar 2018 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht an der Fahreignung der
Rekurrentin zweifelte und eine ärztliche Untersuchung bei einem Arzt der Stufe 3
anordnete.
a) Ausweise und Bewilligungen sind zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die
gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16
Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01; abgekürzt: SVG). Art. 16d SVG regelt
den Führerausweisentzug wegen fehlender Fahreignung. Danach ist unter anderem
nicht geeignet, ein Fahrzeug zu führen, wer nicht mehr über die notwendige körperliche
oder geistige Leistungsfähigkeit verfügt, um ein Motorfahrzeug sicher zu führen
(Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG). Ein solcher Ausweisentzug setzt keine Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften voraus. Mit dem Begriff der Fahreignung
umschreiben alle betroffenen wissenschaftlichen Disziplinen (insbesondere Medizin,
Psychologie und Jurisprudenz) die körperlichen und geistigen Voraussetzungen des
Individuums, ein Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die
Fahreignung muss grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1, mit
Hinweisen).
Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer
Fahreignungsuntersuchung unterzogen (Art. 15d Abs. 1 SVG). Absatz 1 von Art. 15d
SVG nennt in den lit. a bis e beispielhaft die fünf wichtigsten Fälle, die Zweifel an der
Fahreignung begründen und deren Abklärung erforderlich machen, und zwar bei
Fahren in angetrunkenem Zustand mit einer Blutalkoholkonzentration von
1,6 Gewichtspromille oder mehr oder mit einer Atemalkoholkonzentration von 0,8 mg
Alkohol oder mehr (lit. a), Fahren unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln oder bei
Mitführen von Betäubungsmitteln, welche die Fahrfähigkeit stark beeinträchtigen oder
ein hohes Abhängigkeitspotenzial aufweisen (lit. b), Verkehrsregelverletzungen, die auf
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Rücksichtslosigkeit schliessen lassen (lit. c), der Meldung einer IV-Stelle nach Art. 66c
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (SR 831.20; lit. d) oder der
Meldung eines Arztes, dass eine Krankheit vorliege, die das sichere Führen von
Motorfahrzeugen ausschliesst (lit. e). Die Liste in Art. 15d Abs. 1 SVG ist nicht
abschliessend (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_445/2012 vom 26. April 2013
E. 3.2; BBl 2010 S. 8500). Sofern kein Sondertatbestand nach Art. 15d Abs. 1 lit. a bis
e SVG erfüllt ist, kann eine Fahreignungsuntersuchung auch gestützt auf die
Generalklausel in Abs. 1 angeordnet werden. Anlass für die Abklärung der Fahreignung
können deshalb grundsätzlich alle Hinweise auf eine Einschränkung der körperlichen
oder geistigen Leistungsfähigkeit geben, und zwar unabhängig davon, ob sie einen
Bezug zum Strassenverkehr aufweisen oder nicht. Ein verkehrsmedizinisches
Gutachten drängt sich immer dann auf, wenn hinreichend konkrete Anhaltspunkte
vorliegen, die ernsthafte Zweifel an der Fahreignung der Betroffenen aufkommen
lassen (BGer 1C_445/2012 vom 26. April 2013 E. 3.2).
b) Die angefochtene Verfügung stützt sich auf den Bericht der Kantonspolizei vom
27. Juni 2017. Unter dem Titel "Schlussbemerkungen" wurde darin festgehalten, die
Rekurrentin habe während den gesamten Ermittlungen einen unsicheren und verwirrten
Eindruck gemacht. So habe sie am 31. Mai 2017 am Schalter der Polizeistation M
vorgesprochen und Kratzer unbekannter Herkunft an ihrem Fahrzeug gemeldet, obwohl
die Rekurrentin bereits am 25. Mai 2017 über eine mögliche Kollision mit einem
Motorrad informiert worden sei und die Polizei ihr Fahrzeug untersucht habe. Ähnliche
Aussagen habe sie während der polizeilichen Einvernahme gemacht.
Die Rekurrentin brachte dagegen vor, sie habe am 31. Mai 2017 auf dem Polizeiposten
in M vorgesprochen, um eine Strafanzeige gegen Unbekannt einzureichen, weil sie
Kratzer an ihrem Auto festgestellt habe. Ohne die Anzeige gegen Unbekannt hätte die
Haftpflichtversicherung den Schaden an ihrem Auto nicht übernommen. Es habe sich
dabei nicht um den von der Polizei bereits festgestellten Schaden gehandelt. Die
Polizei habe dies nicht überprüft. Zudem sei bei unbescholtenen Bürgern ein
unsicheres Verhalten gegenüber Polizisten nicht unüblich und nachvollziehbar.
c) Es ist unbestritten, dass die Rekurrentin am 31. Mai 2017 bei der Polizei in M
vorsprach, um eine Strafanzeige gegen Unbekannt einzureichen; sie gab offenbar an,
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ihr Auto sei zerkratzt worden. Genaueres über die Anzeige ist den Akten nicht zu
entnehmen. Insbesondere wurde weder von der Polizei noch der Vorinstanz abgeklärt,
ob es sich bei den Kratzern tatsächlich um dieselben handelte, die anlässlich der
Untersuchung vom 25. Mai 2017 bereits festgestellt worden waren. Die Rekurrentin
bestritt dies und brachte zudem vor, eine Strafanzeige sei aus
versicherungstechnischen Gründen notwendig gewesen. Dieser Einwand erscheint
nicht abwegig, weshalb aufgrund dieser Anzeige allein nicht auf eine geistige
Verwirrtheit geschlossen werden kann. Zudem machte die Vorinstanz nicht geltend, die
Rekurrentin habe sich auf dem Polizeiposten absonderlich verhalten. Dass die
Umstände, die zur Anzeige vom 31. Mai 2017 führten, im Dunkeln blieben, ist nicht der
Rekurrentin anzulasten. Entsprechend dürfen ihr daraus auch keine Nachteile
erwachsen. Hinzu kommt, dass nach wie vor offen ist, ob die Rekurrentin tatsächlich
eine Kollision verursachte und die von der Polizei festgestellten Kratzer eine Folge
dieses Unfallereignisses waren; die strafrechtliche Beurteilung steht, soweit aus den
Akten ersichtlich, noch aus.
Weitere Beispiele für die angebliche Verwirrtheit der Rekurrentin "während den
gesamten Ermittlungen" führte die Polizei nicht an. Es ist deshalb nicht
nachvollziehbar, wie die Vorinstanz aus diesem allgemeinen Hinweis ohne weitere
Abklärungen auf Zweifel an der Fahreignung der Rekurrentin schliessen konnte. Selbst
aus dem Protokoll der Einvernahme vom 1. Juni 2017 ergeben sich keine konkreten
Hinweise auf eine geistige Verwirrtheit, auch wenn die Ausführungen der Rekurrentin
nicht in allen Punkten plausibel erscheinen. So gab sie gegenüber der Polizei an, sie
habe sich beim Motorradfahrer nach dessen Befinden erkundigt. Der Motorradfahrer
seinerseits erklärte, dass es kein Gespräch gegeben habe. Diese Ungereimtheit müsste
im Strafverfahren geklärt werden. Aus dem Protokoll geht hervor, dass die Rekurrentin
eine Beteiligung an der Streifkollision bestritt und mit ihren Aussagen versuchte, die
vom einvernehmenden Polizisten wiederholt dargelegten Fakten zu widerlegen. Ob ihre
Vorbringen überzeugen, wird der Strafrichter zu beurteilen haben; jedenfalls lassen sie
nicht auf einen Verwirrtheitsgrad schliessen, der eine verkehrsmedizinische
Untersuchung rechtfertigen würde. Auch mit dem angeblichen unsicheren Auftreten der
Rekurrentin gegenüber der Polizei lässt sich eine solche nicht begründen. Es ist nicht
ausgeschlossen, dass Unbescholtene im Kontakt mit der Polizei unsicher und nervös
reagieren, insbesondere wenn ihnen rechtswidriges Verhalten vorgeworfen wird.
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Schliesslich meldete die Polizei keine Auffälligkeit im Strassenverkehr, worauf in der
angefochtenen Verfügung aber Bezug genommen wurde.
d) Zusammenfassend ergibt sich, dass die Anhaltspunkte, welche die Vorinstanz
veranlassten, eine Kontrolluntersuchung bei einem Arzt der Stufe 3 anzuordnen, nicht
hinreichend konkret sind, um ernsthafte Zweifel an der Fahreignung der Rekurrentin
aufkommen zu lassen (vgl. Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl.
2015, Art. 15d SVG N 6). Hinzu kommt, dass die Rekurrentin über einen ungetrübten
automobilistischen Leumund verfügt und bisher im Strassenverkehr nie negativ auffiel.
Der Rekurs ist deshalb gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz vom 10. Januar
2018 aufzuheben. Bei diesem Ergebnis fällt nicht ins Gewicht, dass die Vorinstanz der
Rekurrentin keine Gelegenheit gab, Einwände gegen die in der Verfügung bestimmte
Ärztin vorzubringen, und damit den verfassungsmässigen Anspruch auf rechtliches
Gehör verletzte (vgl. dazu Entscheid der Verwaltungsrekurskommission IV-2017/157
vom 4. Januar 2018 E. 3c, im Internet abrufbar unter: www.gerichte.sg.ch).
3.- a) Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7
Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Rekurrentin ist der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– zurückzuerstatten.
b) Die vollständig obsiegende Rekurrentin liess sich anwaltlich vertreten. Sie hat
gemäss Art. 98 Abs. 2 und Art. 98 VRP Anspruch auf eine vollständige
Entschädigung der ausseramtlichen Kosten, soweit diese als notwendig und
angemessen erscheinen. Der Beizug eines Rechtsvertreters war im Rekursverfahren
geboten. Der Vertreter reichte eine Kostennote in der Höhe von Fr. 2'123.50 (Honorar:
Fr. 1'895.–, Barauslagen: Fr. 75.80.–, Mehrwertsteuer: Fr. 152.70; act. 11) ein. Zu
berücksichtigen ist, dass nur die Aufwendungen im Zusammenhang mit dem
Rekursverfahren zu entschädigen sind, nicht hingegen der anwaltliche Aufwand im
vorinstanzlichen Verfahren (vgl. Art. 98 Abs. 3 lit. b VRP). Dies bedeutet, dass nur der
Aufwand abzugelten ist, der nach der Kenntnisnahme der angefochtenen Verfügung
am 12. Januar 2018 angefallen ist (vgl. act. 11); denn Letzteres gehört noch zum
vorinstanzlichen Verfahren.
bis
http://www.gerichte.sg.ch
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Im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale
ausgerichtet. Es beträgt zwischen Fr. 1'000.– und Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt:
HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des
Falls und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO).
Angesichts des Aktenumfangs, der sich stellenden Fragen in tatsächlicher und
rechtlicher Hinsicht und unter Berücksichtigung der eingereichten Honorarnote
erscheint ein Honorar von Fr. 1'300.– als angemessen. Hinzuzuzählen sind die
Barauslagen von Fr. 52.– (4% von Fr. 1'300.–) und die Mehrwertsteuer von Fr. 104.10
(7,7% von Fr. 1'352.–; Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 HonO). Die ausseramtliche
Entschädigung beträgt demnach insgesamt Fr. 1'456.10; entschädigungspflichtig ist
der Staat (Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt).