Decision ID: 9a03059e-2dba-46a8-9458-f953f57f812b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin 1 (geboren 1965) und ihre Tochter, die Beschwer-
deführerin 2 (geboren 2005), leben gemäss ihren eigenen Angaben seit
Ende Oktober 2021 in einem Zeltlager in (...), Afghanistan. Mit Schreiben
vom 23. Dezember 2020 sowie mit Gesuchen vom 2. Februar 2021 ersuch-
ten sie bei der Schweizerischen Botschaft in Islamabad, Pakistan, um Aus-
stellung von Visa für einen langfristigen Aufenthalt (sog. Visum D) aus hu-
manitären Gründen (Akten der Vorinstanz [Beschwerdeführerin 1] [SEM-
act.] 3/44 ff. und 4/47 ff.). Unter Beizug einer Übersetzerin führte die Aus-
landvertretung am 5. Februar 2021 mit den Beschwerdeführerinnen 1 und
2 ein Interview. Dabei gaben sie unter anderem zu Protokoll, ihr Sohn, be-
ziehungsweise Bruder, C._, habe am 11. Juni 2020 in der Schweiz
Asyl erhalten. Er habe mit einem Freund einen Motorradunfall erlitten, wo-
bei letzterer ums Leben gekommen sei. Der Bruder des verstorbenen
Freundes sei ein Taliban und verfolge die Familie nun aus Rache. Mit dem
anderen Sohn, beziehungsweise Bruder, D._, seien sie deswegen
in den Iran geflohen. Dort sei D._ aufgegriffen worden und seither
verschwunden. Nach einem Aufenthalt von etwa sieben Monaten im Iran
seien die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 ebenfalls verhaftet und nach Af-
ghanistan verbracht worden. In (...) seien sie daraufhin "dem Taliban be-
gegnet, der sie suche", weshalb sie Ende November 2020 nach Pakistan
geflüchtet seien (SEM-act. 2/43).
B.
Die schweizerische Botschaft in Islamabad wies die Visagesuche mit einer
Formularverfügung vom 9. Februar 2021 ab. Zur Begründung führte sie
aus, die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 befänden sich nicht in einer Not-
situation, die ein Eingreifen der Schweizer Behörden zwingend erforderlich
mache (SEM-act. 1/20 f.).
C.
Gegen den negativen Visumentscheid erhoben die Beschwerdeführerin-
nen 1 und 2 am 24. Februar 2021 Einsprache. Sie machten geltend, ihr
Visum für Pakistan für einen Aufenthalt von 60 Tagen sei abgelaufen. Eine
Verlängerung würde sie viel Geld kosten, das sie aber nicht hätten. Seit
Juni 2016 würden afghanische Flüchtlinge von Pakistan gezwungen, nach
Afghanistan zurückzukehren. Ihnen sei es deshalb nicht möglich, in Pakis-
tan zu bleiben, ohne sich durch den illegalen Aufenthalt neuen Gefahren
auszusetzen. C._ habe im November 2019 in die Schweiz flüchten
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müssen, weil er mit dem Bruder eines den Taliban angehörigen Mannes
eine heimliche Liebesbeziehung geführt und mit ihm in betrunkenem Zu-
stand einen Motorradunfall erlitten habe. Der Freund sei dabei ums Leben
gekommen, weshalb der Bruder nun auf Rache aus sei. Da sich die Verfol-
ger nicht an C._ vergelten könnten, müssten die Familienangehöri-
gen für dessen verbotenes Liebesleben und den Tod des Freundes beim
Motorradunfall bezahlen. Aufgrund dieser Reflexverfolgung seien sie in Af-
ghanistan einer ernsthaften Gefahr ausgesetzt. In ihrer Heimat hätten sie
keine weiteren Familienmitglieder, bei denen sie um Schutz nachsuchen
könnten (SEM-act. 1/22 ff.).
D.
Mit Eingabe vom 25. März 2021 zeigten die Beschwerdeführerinnen 1 und
2 der Vorinstanz an, dass sie von der pakistanischen Polizei festgenom-
men und gezwungen worden seien, nach Afghanistan zurückzukehren. Sie
hielten sich in Kunduz auf und müssten sich in einem alten, unbewohnten
Haus vor den Taliban verstecken. Seit der Deportation von D._ aus
dem Iran nach Afghanistan hätten sie keine Lebenszeichen mehr von ihm
erhalten. C._ habe am 22. März 2021 von einem ehemaligen Nach-
barn erfahren, dass D._ tot im ehemaligen Haus der Familie aufge-
funden worden sei. Im Haus sei auch ein Drohbrief der Taliban gefunden
worden. Mit diesem Rachemord sei erwiesen, dass die Beschwerdeführe-
rinnen 1 und 2 konkret und ernsthaft gefährdet seien (SEM-act. 5/51 ff.).
E.
Die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 liessen der Vorinstanz am 19. Mai
2021 drei Videoaufnahmen zukommen und erklärten, sie hielten sich nach
wie vor in Kunduz auf, wo sie überdurchschnittlich stark und konkret gegen
sie gerichtet an Leib und Leben gefährdet seien (SEM-act. 7/60 ff.).
F.
Mit Entscheid vom 18. Juni 2021 wies die Vorinstanz die Einsprache ab.
Sie stellte fest, die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 seien in der Lage ge-
wesen, sich Pässe ausstellen zu lassen und nach Pakistan zu reisen. We-
der in Afghanistan, noch in Pakistan hätten sie sich an Behörden oder Hilfs-
werke gewendet. Eine allfällige Gefährdung aus Gründen persönlicher Ra-
che sei allenfalls regional. Ihr könnten sie sich durch Wegzug in ein ande-
res Gebiet entziehen. Die Vorinstanz blieb dabei, dass sich die Beschwer-
deführerinnen 1 und 2 nicht in einer derartigen Notlage befänden, dass das
Eingreifen der schweizerischen Behörden eine zwingende Notwendigkeit
wäre (SEM-act. 9/71 ff.).
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G.
Am 21. Juli 2021 erhoben die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 gegen den
Einspracheentscheid vom 18. Juni 2021 Beschwerde. Sie beantragten, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und ihre Visagesuche vom
2. Februar 2021 seien aus humanitären Gründen gutzuheissen. Eventuali-
ter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neube-
urteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses (Akten des Bundes-
verwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
H.
Die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 reichten am 26. Juli 2021 eine Sozial-
hilfebestätigung und am 9. August 2021 eine ergänzende Eingabe mit Fo-
tos sowie einer Videoaufnahme von sich aus der Stadt Kunduz und ein
Foto von D._ zu seinen Lebzeiten ein. Die Taliban hätten die Stadt
Kunduz eingenommen. Sie könnten jetzt jederzeit entdeckt werden
(BVGer-act. 2 und 10).
I.
Die Vorinstanz liess sich am 27. September 2021 vernehmen und bean-
tragte, die Beschwerde abzuweisen (BVGer-act. 13).
J.
Am 3. November 2021 gaben die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 replik-
weise unter anderem an, wieder nach (...) geflüchtet zu sein. Die Taliban
hätten ihr Zeltlager in Kunduz aufgelöst (BVGer-act. 15).
K.
Mit Duplik vom 30. November 2021 sowie mit Stellungnahme vom 10. Ja-
nuar 2022 hielten die Vorinstanz, beziehungsweise die Beschwerdeführe-
rinnen 1 und 2 an Begehren und Begründung fest (BVGer-act. 17 und 19).
L.
Aus organisatorischen Gründen wurde für den bisherigen Instruktionsrich-
ter die vorsitzende Richterin im Spruchkörper aufgenommen.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Von der Vorinstanz erlassene Einspracheentscheide bezüglich huma-
nitäre Visa sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfecht-
bar (Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin 1 nahm für sich und ihre minderjährige Tochter
am vorangegangenen Einspracheverfahren mit eigenen Anträgen teil. Als
Verfügungsadressatinnen sind sie zur Beschwerde legitimiert (vgl. Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen sind erfüllt,
weshalb auf die Beschwerde einzutreten ist (Art. 50 und 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können vorliegend die
Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Miss-
brauch des Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Be-
gründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus an-
deren als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 unterliegen als afghanische
Staatsangehörige für die Einreise in die Schweiz der Visumspflicht. Sie be-
absichtigen einen längerfristigen Aufenthalt in der Schweiz. Auf ihre vorlie-
gend zu prüfenden Visagesuche vom 2. Februar 2021 gelangt daher nicht
Schengen-, sondern ausschliesslich nationales Recht zur Anwendung (vgl.
Art. 4 Abs. 1 i.V.m. Art. 9 Abs. 1 der Verordnung vom 15. August 2018 über
die Einreise und die Visumerteilung [VEV, SR 142.204]; BVGE 2018 VII/5
E. 3.5 und E. 3.6.1 m.H.).
3.2 Gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann in Abweichung von den allgemeinen
Einreisevoraussetzungen (vgl. Art. 4 Abs. 1 VEV) in begründeten Fällen
aus humanitären Gründen ein Visum für einen längerfristigen Aufenthalt
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erteilt werden. Ein solcher Fall liegt insbesondere dann vor, wenn die be-
treffende Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an
Leib und Leben gefährdet ist.
3.3 Praxisgemäss werden humanitäre Visa nur unter sehr restriktiven Be-
dingungen ausgestellt (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.3 m.H.). Die Erteilung ei-
nes Visums aus humanitären Gründen im Sinne von Art. 4 Abs. 2 VEV setzt
voraus, dass bei einer Person aufgrund der konkreten Umstände offen-
sichtlich davon ausgegangen werden muss, dass sie sich im Heimat- oder
Herkunftsstaat in einer besonderen Notsituation befindet, die ein behördli-
ches Eingreifen zwingend erforderlich macht und es rechtfertigt, ihr ein Ein-
reisevisum zu erteilen. Dies kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignis-
sen oder aufgrund einer konkreten individuellen Gefährdung, die sie mehr
als andere Personen betrifft, gegeben sein. Befindet sich die betroffene
Person bereits in einem Drittstaat oder ist sie nach einem Aufenthalt in ei-
nem solchen freiwillig in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurückgekehrt und
hat sie die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in der
Regel davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht
(BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3 sowie statt vieler: Urteile des BVGer
F-3741/2021 vom 11. Februar 2022 E. 3; F-3248/2020 vom 10. Januar
2022 E. 3.3).
3.4 Das Visumsgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefähr-
dung, der persönlichen Umstände der betroffenen Person und der Lage im
Heimat- oder Herkunftsland zu prüfen. Dabei können auch weitere Krite-
rien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier bestehen-
den Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen Land
um Schutz nachzusuchen, mitberücksichtigt werden (BVGE 2018 VII/5
E. 3.6.3; Urteil des BVGer F-3278/2021 vom 10. Januar 2022 E. 3.3).
4.
Strittig ist vorliegend, ob sich die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 in einer
besonderen Notsituation befinden, die sich vom Rest der Bevölkerung ab-
hebt und ein Eingreifen der schweizerischen Behörden mittels Ausstellung
humanitärer Visa erfordert.
4.1 Die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 machen eine Reflexverfolgung
durch die Taliban geltend. Sie seien konkret, unmittelbar und ernsthaft ge-
fährdet, weil sich die Taliban für den Tod des Freundes von C._ rä-
chen wollten. Mit dem Rachemord an D._ habe sich dies mehr als
deutlich gezeigt. Aus einem vom (...) März 2021 datierten Drohbrief der
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Taliban gehe hervor, dass die Familienangehörigen umgebracht würden,
sollte C._ den Taliban nicht zugeführt werden. Der Tod von
D._ und das Verfassen dieses Briefes müssten zeitlich nahe beiei-
nanderliegen. Das Ausleben einer homosexuellen Beziehung sowie die
Beschuldigung der Tötung einer Person würden von den Taliban beson-
ders streng verfolgt und mit dem Tod durch Steinigung oder Mauerfall be-
straft. Sei der Verurteilte nicht greifbar, müssten seine Familienangehöri-
gen für seine Schuld büssen. Da es sich bei der Verfolgerfamilie um eine
einflussreiche Familie mit einem hohen sozialen Status handle, sei das Ri-
siko einer drohenden Rache umso grösser. Es handle sich nicht nur um
eine lokale Fehde. Ein Mitglied der Taliban, welches sich als Opfer einer
Ehrverletzung sehe, könne auf das grosse Netzwerk der Taliban zurück-
greifen, um die Taten des C._ zu rächen. Deshalb seien sie (Be-
schwerdeführerinnen) nirgendwo im Land mehr sicher und fänden keinen
Schutz. Die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 lebten in einem Zeltlager in
(...). Es sei ihnen nicht möglich, sich vor den Taliban versteckt zu halten.
Es sei reiner Zufall, dass sie von den Taliban noch nie kontrolliert worden
seien.
4.2
4.2.1 Am 11. Juni 2020 wurde C._ in der Schweiz als Flüchtling an-
erkannt und ihm wurde Asyl gewährt (SEM-A-act. 39). Aus der Zuerken-
nung von Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl kann geschlos-
sen werden, dass C._ in Afghanistan glaubhaft ernsthafte Nachteile
(z.B. Gefährdung Leib und Leben) drohen und dass sich diese Gefährdung
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen
würde. Die Furcht vor einer Beeinträchtigung an Leib und Leben stufte die
Vorinstanz als realistisch und nachvollziehbar ein. Ein adäquater Schutz in
Afghanistan selbst bestand für C._ nicht (vgl. Art. 3 Abs. 1 AsylG
[SR 142.31]; BVGE 2014/27 E. 6.1; 2011/51 E. 6.1 und E. 6.2; 2008/12
E. 7.2.6.2). Eine Begründung enthielt der Asylentscheid vom 11. Juni 2020
jedoch nicht.
4.2.2 Selbst wenn vorliegend aufgrund des positiven Asylentscheids vom
11. Juni 2020 als erstellt angenommen wird, dass C._ durch Mit-
glieder der Taliban verfolgt wird, weil er eine Liebesbeziehung zu einem
Mann führte, die durch einen gemeinsamen, und für den Freund tödlich
endenden Motorradunfall publik wurde, impliziert dies nicht ohne Weiteres
eine asylrelevante, landesweite Verfolgung der Beschwerdeführerinnen 1
und 2. Eine Rechtsfiktion für ein Schutzbedürfnis aufgrund einer Reflexver-
folgung (zum Begriff vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH [Hrsg.],
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Handbuch zum Asyl- und Wegweisungsverfahren, 3. Aufl. 2021, S. 194)
besteht lediglich für die Kernfamilie, nicht aber für die Beschwerdeführerin-
nen 1 und 2 (vgl. Art. 51 Abs. 1 AsylG; BVGE 2019 VI/3 E. 5.3; 2017 VI/11
E. 4.4). Die von ihnen geltend gemachte Reflexverfolgung ist im vorliegen-
den Visumverfahren nicht nach asylspezifischen Gesichtspunkten zu beur-
teilen. Die Anforderungen an die Erteilung eines humanitären Visums sind
restriktiver (BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3; siehe oben E. 3.3). Verlangt ist ei-
nerseits eine unmittelbare, ernsthafte und konkrete Gefährdung an Leib
und Leben. Andererseits muss diese offensichtlich sein; eine blosse Glaub-
haftmachung wie im Asylverfahren genügt nicht (statt vieler: Urteile des
BVGer F-698/2021 vom 1. Oktober 2021 E. 5.1; F-274/2020 vom 22. Juni
2021 E. 5.2; F-533/2020 vom 31. Mai 2020 E. 3.4 m.w.H.). Erforderlich sind
ausserdem enge Verbindungen zur Schweiz sowie das Fehlen von zumut-
baren Schutzalternativen in Drittländern (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3).
4.3 Die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 geben an, in der Stadt (...), in der
Provinz (...) gelebt zu haben. Anfang 2020 seien sie über Kabul und Nim-
ruz nach Teheran, in den Iran, geflüchtet. Nach rund sieben Monaten seien
sie von dort nach Herat, Afghanistan, ausgeschafft worden. Am darauffol-
genden Tag seien sie nach (...) zurückgereist. Dort seien sie dann aller-
dings von einem Familienmitglied des Talibans aus (...), der sie verfolge,
erkannt worden. Sie fürchteten, in (...) von den Taliban aufgesucht, mitge-
nommen oder gar umgebracht zu werden. Sie seien deshalb noch in der-
selben Nacht, das heisst am 24. November 2020, nach Pakistan geflüchtet,
um Hilfe bei der Schweizer Botschaft zu suchen (vgl. SEM-act. 1 und 2/39
ff.). In Pakistan seien sie festgenommen und gewaltsam gezwungen wor-
den, nach Afghanistan zurückzukehren. Anschliessend hätten sie sich in
Kunduz und später (...) in (...) aufgehalten (SEM-act. 5/53 ff. und 7/65 ff.).
4.4 Stellt man auf die Ausführungen der Beschwerdeführerinnen 1 und 2
ab, durchquerten sie seit Anfang 2020 relativ grosse Gebiete Afghanistans
mindestens zweimal. Trotz ihrer weitschweifigen Reisetätigkeit sind Behel-
ligungen oder Übergriffe seitens der Taliban bis anhin nicht bekannt. Eine
unmittelbare Gefährdung durch die Taliban kann nicht ausgemacht wer-
den. Sodann fällt auf, dass die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 in ihrer
Beschwerdeschrift vom 21. Juli 2021 einlässlich darauf hinwiesen, in (...)
sei ihr Leben in Gefahr, weil sich dort Mitglieder der sie verfolgenden Tali-
ban-Familie aus ihrer Heimatstadt aufhielten. Es sei ihnen nicht zumutbar,
sich dort niederzulassen. Ohne dies auch nur ansatzweise zu erklären, ga-
ben sie mit Replik vom 3. November 2021 jedoch an, sich nach ihrem Auf-
enthalt in Pakistan wieder nach (...) begeben zu haben. Die Rückkehr der
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Beschwerdeführerinnen 1 und 2 nach (...) widerspricht ihren vormaligen
Beteuerungen, in (...) einer akuten Gefährdung ausgesetzt zu sein.
4.5 Die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 hielten sich zwischenzeitlich in Te-
heran sowie in Islamabad auf. Ihnen wurde von der pakistanischen Bot-
schaft in Kabul am 20. Dezember 2020 bis zum 19. Dezember 2021 gültige
Besuchervisa für Pakistan ausgestellt. Damit durften sie sich für 60 Tage
im Land aufhalten. Das Kürzel "M.E." auf dem Visum deutet zudem auf die
Möglichkeit mehrerer Einreisen ("multiple entry") hin (vgl. SEM-act. 1/5 und
1/7). Die Umstände und Hintergründe, weshalb die Beschwerdeführerin-
nen 1 und 2 Iran und Pakistan verlassen und nach Afghanistan zurückkeh-
ren mussten, stellen sie nur relativ oberflächlich dar und wiederholen diese
in ihren Eingaben jeweils wortwörtlich. Dokumente legen sie hingegen
keine vor. Sie geben lediglich an, im Iran während des Einkaufens von der
Polizei aufgegriffen und anschliessend von der dortigen Polizei nach Herat
eskortiert und dort der afghanischen Polizei übergeben worden zu sein. In
Pakistan habe die ihnen Obhut gewährende Person die Polizei gerufen,
weil sie sich geweigert hätten, deren Wohnung zu verlassen. Als die Polizei
gesehen habe, dass die Visa für Pakistan abgelaufen gewesen seien,
seien sie festgenommen und gewaltsam gezwungen worden, nach Afgha-
nistan zurückzukehren. Diese pauschal und stereotyp vorgetragenen
Gründe für die Rückkehr der Beschwerdeführerinnen 1 und 2 nach Afgha-
nistan aus diesen Drittstaaten überzeugen nicht. Es verbleiben deshalb
Zweifel an der Unfreiwilligkeit ihrer Rückreise nach Afghanistan. Das Feh-
len zumutbarer Schutzalternativen im Iran oder in Pakistan ist nicht erstellt.
4.6 Dem von ihnen ins Recht gelegten Foto ihres (angeblich) verstorbenen
Sohnes, beziehungsweise Bruders D._ kann kein Beweiswert bei-
gemessen werden. Die darauf erkennbare Person ist nicht identifizierbar.
Einen Todesschein oder einen anderweitigen behördlichen Auszug über
den Hinschied von D._ brachten die Beschwerdeführerinnen 1 und
2 nicht bei. Der ebenfalls als Beweisurkunde angeführte Drohbrief der Ta-
liban ist handgeschrieben, und die tatsächliche Urheberschaft kann nicht
eruiert werden. Einem solchem Dokument könnte nur im Zusammenhang
mit anderen Beweismitteln sowie substantiierten und stichhaltigen Aussa-
gen Beweiskraft zukommen. Ihre Vorbringen und Urkunden zur geltend ge-
machten Reflexverfolgung erscheinen in freier Beweiswürdigung (vgl. Art.
19 VwVG i.V.m. Art. 40 BZP [SR 273]) allerdings als wenig detailreich, nicht
aussagekräftig, auffallend stereotyp und überzeugen gesamthaft nicht.
Eine unmittelbare, ernsthafte und konkrete Gefährdungssituation für die
Beschwerdeführerinnen 1 und 2 ist nicht erkennbar.
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Seite 10
5.
Zusammenfassend ist es den vertretenen Beschwerdeführerinnen 1 und 2
nicht gelungen, eine unmittelbare, ernsthafte und konkrete Gefährdung an
Leib und Leben durch die Taliban oder einzelner ihrer Mitglieder hinrei-
chend nachzuweisen. Vom Fluchtgrund C._'s kann nicht auf eine
landesweite Verfolgung und eine hinreichende Gefährdung der Beschwer-
deführerinnen 1 und 2 geschlossen werden. Die hohe Schwelle zur Aus-
stellung eines humanitären Visums wird nicht erreicht. Ihre derzeitige Lage
als Frauen in (...) dürfte für die Beschwerdeführerinnen 1 und 2 sicherlich
schwierig sein. Vom Rest der Bevölkerung hebt sich diese jedoch nicht ab
(Urteil F-3248/2020 E. 6.2). Es liegt somit keine besondere Notsituation
vor, die ein behördliches Eingreifen rechtfertigen würde. Die Vor-ausset-
zungen für die Ausstellung humanitärer Visa zugunsten der Beschwerde-
führerinnen 1 und 2 sind nicht erfüllt. Das Übereinkommen vom 20. No-
vember 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) vermittelt kei-
nen Anspruch auf ein humanitäres Visum (BGE 143 I 21 E. 5.5.2; BVGE
2014/20 E. 8.3.6; Urteil des BVGer F-5610/2019 vom 26. März 2021
E. 6.2). Der Sachverhalt erweist sich als ausreichend abgeklärt. Eine Rück-
weisung an die Vorinstanz ist nicht vorzunehmen. Die angefochtene Ver-
fügung verletzt Bundesrecht nicht (Art. 49 VwVG), und die Beschwerde ist
abzuweisen.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten den Be-
schwerdeführerinnen 1 und 2 aufzuerlegen (vgl. Art. 63 VwVG i.V.m.
Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
In Anbetracht der besonderen Umstände ist vorliegend jedoch auf eine Auf-
erlegung der Verfahrenskosten zu verzichten (vgl. Art. 6 Bst. b VGKE). Das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird damit ge-
genstandslos.
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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