Decision ID: f4f26b62-5a57-45c8-a94d-001b0d6a7354
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1993, leidet infolge eines Geburtsgebrechens an einem spastischen Spitzfuss bei
Hemisyndrom
links
(
Urk.
10/1). Sie trägt deshalb am linken Unterschenkel eine Orthese
und orthopädische Spezialschuhe. Überdies
unterzieht
sie
sich ärztlich verordneten physiotherapeutischen
Behandlungen
. Die entsprechenden Kosten
hat die Invalidenversicherung bisher regelmässig übernommen (vgl. Urk. 10/192).
Ihre
letzte neue Unterschenkelorthese erhielt die Versicherte
, soweit aus den Akten ersichtlich, im April 2011; sie kostete Fr.
2‘214.20 (vgl.
Urk.
10/143, 10/145 und 10/192/3). Seit März 2014 arbeitet die Versicherte bei der
Y._
AG als Werkstatttechnikerin im Service Center (Urk. 7 S. 8).
Am
6.
Mai 2014 beantragte
die Versicherte
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, ein
WalkAide
Patientensystem als Hilfsmittel (Urk. 10/198). Die IV-Stelle erliess darauf am 3
1.
Juli 2014 einen negativen Vor
be
scheid (Urk. 10/204), gegen welchen die Versicherte Einwand erhob (Urk. 10/207 und 10/208). Mit Verfügung vom 15. Oktober 2014 (Urk. 2 = 10/210) lehnte die IV-Stelle eine Kostengutsprache für das
WalkAide
Patien
tensystem
ab.
2.
Gegen die Verfügung vom 15. Oktober 2014 erhob die Versicherte mit Eingaben vom 24. Oktober und vom 1
6.
November 2014 Beschwerde mit dem sinnge
mässen Antrag, es sei die beantragte Kostengutsprache zu erteilen (Urk. 1 und 7 S. 1 f.). Überdies reichte sie einen USB-Stick mit Filmaufnahmen ihrer Gangart unter Verwendung eines
WalkAide
Patientensystems, einer Orthese und ohne Hilfsmittel (vgl.
Urk.
3) sowie eine Dokumentation über das
WalkAide
Patien
tensystem
nebst weiteren Unterlagen (vgl.
Urk.
7) ein. Am 23. Dezember 2014 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 9). Die Beschwerde
führerin erstattete am 1
2.
Februar 2015 ihre Replik (
Urk.
14) und reichte eine Kopie der bereits zu den Akten gegebenen Dokumente ein (vgl. Urk. 15 und 16). Am
3.
März 2015 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf das Einreichen einer Duplik (
Urk.
18). Davon hat die Gegenpartei mit Schreiben vom 4. März 2015 Kenntnis erhalten (Urk. 19).
Auf die Vorbringen der Parteien
und
die im Beschwerdeverfahren
neu einge
reichten Unterlagen und Filmaufnahmen (vgl.
Urk.
3 und 7) wird, soweit erfor
derlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
Gegenstand des Verfahrens ist die Kostengutsprache für ein
WalkAide
Pa
tien
ten
system
, welches sich gemäss Kostenvoranschlag vom 2
9.
April 2014 auf Fr. 7‘884.-- belaufen soll (vgl. Urk. 10/196 und 10/198). Der Streit
wert
über
steigt somit die Grenze von Fr. 20‘000.-- nicht und die Beurteilung der Be
schwer
de fällt daher in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht [
GSVGer
]).
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (
Art.
4
Abs.
1
des Bun
desgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG
).
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähig
keit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (Abs. 1).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in der Abgabe von Hilfsmitteln (Art. 8 Abs. 3
lit
. d IVG).
2.2
Gemäss Art. 21 IVG hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbil
dung oder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf. Kosten für Zahnprothesen, Brillen und Schuheinlagen werden nur übernommen, wenn diese Hilfsmittel eine wesentliche Ergänzung medizinischer Eingliederungs
massnahmen bilden (Abs. 1). Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, haben im Rahmen einer vom Bun
desrat aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel (Abs. 2). Die Versicherung gibt die Hilfsmittel zu Eigen
tum oder leihweise in einfacher und zweckmässiger Ausführung ab. Ersetzt ein Hilfsmittel Gegenstände, die der Versicherte auch ohne Invalidität anschaffen müsste, so hat er sich an den Kosten zu beteiligen (Abs. 3).
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste und zum Erlass ergänzender Vorschriften im Sinne von Art. 21 Abs. 4 IVG hat der Bundesrat in Art. 14 der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) an das Eidgenössische Depar
te
ment
des Innern übertragen, welches die Verordnung über die Abgabe von Hilfs
mitteln
durch die Invalidenversicherung (HVI) mit anhangsweise aufge
führ
ter Hilfsmittelliste erlassen hat. Laut Art. 2 HVI besteht im Rahmen der im Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fort
bewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die
Selbst
sorge
notwen
dig sind (Abs. 1). Anspruch auf die in dieser Liste mit * bezeich
neten Hilfsmittel besteht nur, soweit diese für die Ausübung einer Erwerbstätig
keit oder die Tätig
keit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung, die funktio
nelle Angewöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des An
hangs aus
drücklich genannte Tätigkeit notwendig sind (Abs. 2; BGE 122 V 212 E. 2a).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin vertrat in der angefochtenen Verfügung vom 15. Oktober 2014 den Standpunkt, dass das
WalkAide
Patientensystem weder in der Hilfsmittelliste aufgeführt sei noch sich einer Hilfsmittelkategorie zuordnen lasse
. Es bestehe deshalb kein Anspruch auf eine Kostengutsprache
(
Urk.
2).
3.2
Beim
WalkAide
Patientensystem handelt es sich um eine auf den Benutzer indi
viduell eingestellte
Myo
-Orthese, die bei Menschen mit zentraler
Fusshebe
schwäche
ein besseres Gehen ermöglichen soll. Mit elektrischen Impulsen wird der
Peronealnerv
am Bein stimuliert, was dazu führt, dass die Muskeln den Fuss zum richtigen Zeitpunkt anheben (
Urk.
7 S. 10).
Die Verwendung eines
WalkAide
Patientensystems sei mit den folgenden Vor
teilen verbunden (
Urk.
7 S. 11):
Reduktion der Fallfussneigung
Positiver Einfluss auf das Gangbild
Vorbeugung von Bewegungseinschränkungen
Förderung des aktiven Bewegungsausschlages
Förderung der aktiven Muskelkontraktion in bestimmten Phasen des
Gang
zyklus
Vorbeugung von Muskelatrophien
Aktives Einschleifen eines verbesserten Gangbildes
Einfaches An- und Ausziehen
Kleines geschlossenes Gerät, das am Bein unterhalb des Knies getragen wird
In der Regel ist die Nutzung des eigenen Schuhwerks möglich
Minimaler Kontakt, maximaler Komfort mit bestmöglichem Ergebnis.
3.3
Im HVI-Anhang
werden unter Ziffer 2 Orthesen und
unter Ziffer 2.2.01 Bein
orthesen als Hilfsmittel aufgeführt, welche gemäss dem Tarifvertrag mit dem Schweizerischen Verband der Orthopädie-Techniker (SVOT) zu vergüten sind. Die im HVI-Anhang enthaltene Liste ist insofern abschliessend, als sie die in Frage kommenden Hilfsmittelkategorien aufzählt. Dagegen ist bei jeder
Hilfs
mittelkategorie
zu prüfen, ob die Aufzählung der einzelnen Hilfsmittel (inner
halb der Kategorie) ebenfalls abschliessend oder bloss exemplifikatorisch ist
(BGE 115 V 191 E. 2b mit Hinweisen)
.
3.4
Eine Orthese
ist ein Hilfsmittel
zur Stabilisierung, Entlastung, Ruhigstellung, Führung oder Korrektur von Extremitäten, Rumpf oder Wirbelsäule (vgl. Pschyrem
bel, Klinisches Wörterbuch, 26
6.
Auflage, S. 1551).
Beim
WalkAide
Patientensystem handelt es sich u
m
eine Apparatur, die
unter
halb
des Knies getragen wird
.
Sie
dient
sowohl
der Stabilisierung
als auch der Führung des Fusses und des Unterschenkels
, das heisst des Beines
.
Das
WalkAide
Patientensystem
ist daher ebenfalls als Beinorthese im Sinne von Ziffer 2.2.01 des HVI-Anhangs zu qualifizieren, welche gemäss dem Tarifvertrag mit dem SVOT zu vergüten ist.
3.5
Im
Tarif des SVOT
wird das
WalkAide
Patientensystem
nicht erwähnt
.
Unter der Tarifposition 451200 werden die Kosten für Unterschenkelorthesen geregelt. Diese belaufen sich auf maximal
Fr.
2‘050.20 (vgl. die Tarifposition 451251 für eine Unterschenkel-Orthese aus Kunststoff, Weichbettung, federnd, mit An
schlägen, TYP ORTHO-FLEX PP mit 1139 Taxpunkte
n
zu
Fr.
1.80 [vgl. die Vereinbarung vom 3
0.
November 2000 über den ab dem
1.
Januar 2001 gelten
den Taxpunktwert]). Unter Berücksichtigung der Mehrwertsteuer entspricht dies dem Betrag
von
Fr. 2‘214.20
, welcher der Beschwerdeführerin für den Kauf ihrer letzten Unterschenkelorthese zugesprochen
wurde (vgl. Urk.
10/143, 10/145 und 10/192/3)
. Der Kostenvoranschlag
von Fr. 7‘884.-- für das
WalkAi
de
Patien
tensystem
übersteigt
diesen Betrag
um ein Mehrfaches (vgl. Urk. 10/196 und 10/198).
3.6
Gemäss
Art.
2
Abs.
4 HVI besteht nur Anspruch auf Hilfsmittel in einfacher, zweckmässiger und wirtschaftlicher Ausführung
(vgl. auch
Art.
21
Abs.
3 IVG)
. Es stellt sich
daher
die Frage, ob das
WalkAide
Patientensystem tatsächlich erforderlich
ist oder
ob
eine gewöhnliche Unterschenkelorthese
zur Eingliede
rung genügt
(vgl. auch
Art.
8
Abs.
1 IVG).
Eine versicherte Person hat nämlich nicht auf die nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren Anspruch, sondern in der Regel nur auf die dem jeweiligen
Eingliederungs
zweck
angemessenen, notwendigen Massnahmen, da das Gesetz die Eingliede
rung lediglich so weit sicherstellen will, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist (BGE 130 V 163 E. 4.3.
3.
mit Hinweisen).
D
as Ziel der
hier
zur Diskussion stehenden Hilfsmittel
besteht
darin, der Beschwer
deführerin die eigenständige Fortbewegung und damit auch
die Aus
übung
ihrer Tätigkeit als Werkstatttechnikerin zu ermöglichen.
Die Beschwer
deführerin hat nie behauptet, dass sie mit einer gewöhnlichen
(d.h. korrekt angepassten und nicht reparaturbedürftigen)
Unterschenkelorthese nicht gehen oder arbeiten könne. Vielmehr hat sie ausgeführt, dass sie b
is zu 30
Minuten
spaziere
und an ihrem Arbeitsplatz immer in Bewegung sei, was ihr sehr gut tue (
Urk.
7 S. 4 und 5). Auch dem Schreiben ihrer Arbeitgeberin lässt sich nichts entnehmen, woraus sich schliessen liesse, dass der Arbeitsplatz der Beschwer
deführerin mit besonderen Anforderungen an die Geh
- oder Steh
fähigkeit ver
bunden ist
, welche mit einer gewöhnlichen Unterschenkelorthese nicht bewäl
tigt werden könnten
.
Es
wird
zwar
vorgebracht, die Gehb
ehinderung der Beschwerdeführerin mache sich bemerkbar, konkrete Einschränkungen werden aber keine genannt
(vgl.
Urk.
7 S. 8). Ebenso wenig sind solche aus den Akten ersichtlich. Insbesondere geht aus den von der Beschwerdeführerin eingereich
ten Filmaufnahmen hervor, dass sie sich auch mit einer gewöhnlichen
Unter
schenkelorthese
adäquat fortbewegen kann (vgl. Urk.
3).
Es mag zwar zutreffen, dass das Gangbild der Beschwerdeführerin unter Verwendung des
WalkAide
Patientensystems am schönsten ist (vgl.
Urk.
1 S. 2 und
Urk.
3).
Das
ändert jedoch nichts daran, dass die Beschwerdeführerin mit der gewöhnlichen
Unter
schenkelorthese
bereits hinreichend eingegliedert ist. Dies muss umso mehr gelten, als die Beschwerdeführerin weder etwas substantiiert vorgetragen hat noch sonst etwas ersichtlich ist, das auf das Bestehen einer Ausnahmesituation schliessen liesse, weswegen die Beschwerdeführerin auf die Verwendung eines
WalkAide
Patientensystems zwingend angewiesen wäre.
3.7
Aus dem Gesagten folgt, dass die Beschwerdegegnerin zu Recht keine Kosten
gutsprache für ein
WaldAide
Patientensystem erteilt hat. Dies führt zur Abwei
sung der Beschwerde.
Es bleibt zu bemerken, dass die Beschwerdefüh
rerin das
WalkAide
Patientensystem
auf eigene Kosten
anschaffen und von ihrem Recht auf Austauschbefugnis Gebrauch machen könnte, sobald der Ersatz der
Unter
schenkelorthese
und des orthopädischen Schuhwerks anstehen
(vgl. BGE
127 V 123 f. E.
2b mit Hinweisen und 120 V 292 E. 3c). Die Voraussetzungen dafür wird die Beschwerdegegnerin
auf Ersuchen der Beschwerdeführerin
detailliert zu prüfen haben.
4.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis 1‘000.-- festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 2
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der unterliegenden
Beschwerde
führerin
aufzuerlegen.