Decision ID: 5da57a9b-4d2e-4878-b233-246cf6e98a13
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter) ist bei der B._ GmbH als Textilingenieur tätig
und dadurch bei der Vaudoise Allgemeine Versicherungs-Gesellschaft AG
(nachfolgend: Vaudoise) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert. Laut
der von der Arbeitgeberin am 20. Dezember 2016 eingereichten Bagatell-
Unfallmeldung (UV-act. 3.1) ist der Versicherte am 1. August 2016 die Treppe neben
dem Haus hinauf "gestürchelt" und teilweise auf die Treppe, teilweise in die Sträucher
gefallen. Dabei habe er sich die Knie aufgeschlagen und an einem Ast den Kopf bzw.
die Mundpartie angeschlagen. Als Schädigung wurde ein anfangs unbemerkt
gebliebener Zahnbruch angeführt.
A.b Eine zahnärztliche Behandlung bzw. Befunderhebung mit röntgenologischer
Untersuchung hatte am 12. Dezember 2016 durch Dr. med. dent. C._ stattgefunden,
der im Zahnschadenformular am 27. Dezember 2016 beim Zahn 11 eine Wurzelfraktur
sowie eine Beschädigung der VMK-Krone festhielt und eine definitive Versorgung mit
Extraktion des Zahns 11 sowie provisorischer Drahtklammerprothese mit
anschliessender Implantationsversorgung vorschlug (UV-act. 3.2). Dafür machte Dr.
C._ einen Kostenvoranschlag im Gesamtbetrag von Fr. 6'724.15 (act. G 3.2a).
A.c Nachdem die Vaudoise den Schadenfall ihrem Vertrauensarzt Dr. med. dent. D._
mit der Frage vorgelegt hatte, ob die von Dr. C._ vorgeschlagene zahnärztliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Behandlung aufgrund von Unfallfolgen indiziert sei, lehnte sie gestützt auf dessen
Beurteilung vom 24. Februar 2017 (act. G 3.3) ihre Leistungspflicht mit Verfügung vom
9. März 2017 ab (act. G 3.4). Die Verfügung erwuchs in Rechtskraft.
B.
B.a Mit Schreiben vom 12. Mai 2017 (Poststempel vom 1. Juni 2017) teilte der
Versicherte der Vaudoise mit, dass er den Zahn habe flicken lassen und sich dabei
gezeigt habe, dass er wirklich gebrochen gewesen sei. Dr. C._ habe den Zahn
aufbewahrt. Er ersuche die Vaudoise, ihre Leistungspflicht unter Berücksichtigung
dieser neuen Tatsache zu überprüfen (act. G 3.5).
B.b Die Vaudoise forderte hierauf Dr. C._ mit Schreiben vom 14. Juni 2017 auf, für
eine allfällige "Wiedererwägung" zu verschiedenen Fragen Stellung zu nehmen (act. G
3.6). Nach Erhalt von dessen Beurteilung vom 19. Juni 2017 (act. G 3.7) lehnte sie mit
Verfügung vom 24. August 2017 eine "Revision" der Verfügung vom 9. März 2017 ab
(act. G 3.8).
C.
C.a Mit Eingabe vom 18. September 2017 erhob die AXA-ARAG Rechtsschutz AG
(nachfolgend: AXA) namens des Versicherten gegen die Verfügung vom 24. August
2017 vorsorglich Einsprache (act. G 3.9). Am 22. Oktober 2017 (act. G 3.11) reichte
Rechtsanwältin lic. iur. Evalotta Samuelsson, Zürich, die Einsprachebegründung (act. G
3.11b) sowie eine ärztliche Beurteilung von Dr. med. E._, Fachärztin FMH Allgemeine
Chirurgie, MAS Versicherungsmedizin (act. G 3.11a), beide verfasst am 20. Oktober
2017, ein.
C.b Am 1. November 2017 nahm Dr. D._ zur ärztlichen Beurteilung von Dr. E._
Stellung (act. G 3.12).
C.c Mit Einspracheentscheid vom 12. Dezember 2017 lehnte die Vaudoise die
Einsprache des Versicherten vom 18. September 2017 ab (act. G 3.13).
D.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.a Gegen diesen Einspracheentscheid liess der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) durch Rechtsanwältin Samuelsson mit Eingabe vom 29. Januar
2018 Beschwerde erheben. Darin wurde beantragt, die Verfügung vom 24. August
2017 sowie der Einspracheentscheid vom 12. Dezember 2017 seien aufzuheben und
es sei die Vaudoise (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) zu verpflichten, die Kosten für
die zahnärztlichen Behandlungen am Zahn 11 zu übernehmen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin (act. G 1).
D.b In der Beschwerdeantwort vom 27. Februar 2018 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 12. Dezember 2017 (act. G 3).
D.c Mit Replik vom 16. April 2018 hielt die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers
am bisher gestellten Antrag fest (act. G 5).
D.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 7).
D.e Mit Schreiben vom 9. und 21. Mai 2019 ersuchte das Versicherungsgericht die
Beschwerdegegnerin bzw. die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers um
Einreichung weiterer Akten (act. G 8, G10). Diese wurden am 16. Mai bzw. 3. Juni 2019
vorgelegt und der jeweiligen anderen Partei zur Kenntnis gebracht (act. G 9 ff.). Die
Parteien verzichteten auf eine weitere Stellungnahme (act. G 13).

Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden
daher, nachdem ein Ereignis aus dem Jahr 2016 zur Diskussion steht, die bis 31.
Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die versicherte Person hat Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der
Unfallfolgen, unter anderem auf die ambulante Behandlung durch den Zahnarzt (Art. 10
Abs. 1 lit. a UVG). Angesichts dieser gesetzlichen Bestimmung bildet die
Unfallkausalität Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der
Unfallversicherung. Eine Leistungspflicht des Unfallversicherers besteht demnach nur
für Gesundheitsschäden, die natürlich und adäquat kausal mit einem versicherten
Unfallereignis (Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]) zusammenhängen (Alexandra Rumo-
Jungo/André Pierre Holzer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungerecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/
Basel/Genf 2012, S. 53 ff.). Für die Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen
natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel
auf Angaben medizinischer Fachpersonen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten
Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den
von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist (Rumo-Jungo/Holzer,
a.a.O., S. 55, 58; BGE 129 V 181 E. 3.1, 123 III 110; Urteil des Bundesgerichts vom 1.
September 2008, 8C_522/2007, E. 4.3.2). Bei physischen Unfallfolgen hat indessen die
Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem natürlichen Kausalzusammenhang
sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers gegenüber dem natürlichen
Kausalzusammenhang praktisch keine selbständige Bedeutung (BGE 118 V 291 f. E.
3a). Ob ein natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist, beurteilt sich nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit.
Die blosse Möglichkeit eines Kausalzusammenhangs genügt den Beweisanforderungen
nicht (BGE 138 V 221 f. E. 6 mit Hinweisen; Thomas Locher/Thomas Gächter,
Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, N 58 f. zu § 70; Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015, N 46 zu Art. 43).
3.
3.1 Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen und
Einspracheentscheide in Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person oder
der Versicherungsträger nach dem Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war (prozessuale
Revision [vgl. BGE 115 V 313 E. 4aa]). Das Revisionsverfahren ist beim Vorliegen eines
Revisionsgrundes von Amtes wegen einzuleiten; es bedarf keines entsprechenden
Gesuchs. Es liegt nicht im Ermessen des Versicherungsträgers, ob er eine Revision
vornehmen soll oder nicht (Kieser, a.a.O., N 35 zu Art. 53). Mit dem Schreiben des
Beschwerdeführers vom 12. Mai 2017 liegt jedoch sinngemäss ohnehin ein Gesuch um
prozessuale Revision vor (act. G 3.5: "Ich bitte Sie, den Entscheid unter
Berücksichtigung der [neuen] Tatsachen schnellstmöglich zu überprüfen [...]".).
3.2 Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde bildet der
Einspracheentscheid vom 12. Dezember 2017 (act. G 3.13). Die Beschwerdegegnerin
hat darin die Revisionsvoraussetzungen im Sinne von Art. 53 Abs. 1 ATSG geprüft und
verneint.
3.3 Eine materiell-rechtliche Neubeurteilung der Frage der Unfallkausalität bzw. eines
Anspruchs auf Heilbehandlung kann bzw. darf gestützt auf Art. 53 Abs. 1 ATSG nur
dann erfolgen, wenn ein Revisionsgrund, d.h. eine revisionsrechtlich erhebliche neue
Tatsache oder ein neues Beweismittel, vorliegt. Anders würde die verfahrensrechtliche
Ordnung, wonach ein formell-rechtskräftiger Entscheid (Ulrich Häfelin/Georg Müller/
Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. Zürich/St. Gallen 2016, Rz. 990
f.) nur unter bestimmten Voraussetzungen abgeändert werden kann bzw. darf,
untergraben (vgl. dazu Kieser, a.a.O., N 2 ff. zu Art. 53). Die Beschwerdegegnerin legt
zwar im angefochtenen Einspracheentscheid nochmals ihre Überlegungen betreffend
Verneinung der Unfallkausalität des beschädigten und zahnärztlich behandelten Zahns
11 des Beschwerdeführers im Rahmen der in Rechtskraft erwachsenen Verfügung vom
9. März 2017 dar (vgl. act. G 3.13, Ziff. 2.3). Ihre Darlegungen sind jedoch nicht als
nochmalige materiell-rechtliche Beurteilung der Unfallkausalität des fraglichen
Zahnschadens bzw. des Anspruchs des Beschwerdeführers auf Heilbehandlung zu
verstehen. Dies ist denn auch sachlogisch, nachdem die Beschwerdegegnerin im
angefochtenen Einspracheentscheid die Revisionsvoraussetzungen gemäss Art. 53
Abs. 1 ATSG verneint hat. Gleichfalls ist zu bemerken, dass den materiell-rechtlichen
Ausführungen der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers in der Beschwerde vom
26. Januar 2018 (act. G 1) zur Ursächlichkeit des am 22. Mai 2017 behandelten
Schadens am Zahn 11 bzw. zur Frage dessen überwiegend wahrscheinlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kausalzusammenhangs zum Unfall vom 1. August 2016 nur dann eine rechtliche
Bedeutung zukommt, wenn ein Revisionsgrund vorliegt.
4.
Nachfolgend ist mithin zunächst zu prüfen, ob ein Revisionsgrund im Sinne von Art. 53
Abs. 1 ATSG gegeben ist. Die prozessuale Revision betrifft die Ausgangslage, dass ein
Entscheid von Anfang an auf fehlerhaften tatsächlichen Grundlagen beruht (BGE 115 V
313 E. 4a/aa). Als neu gelten Tatsachen, welche sich bis zum Zeitpunkt des
Verfügungserlasses verwirklicht haben, jedoch der um Revision ersuchenden Person
trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt waren. Demgegenüber bilden neue
Tatsachen, die erst nach diesem Zeitpunkt eintraten, keinen Revisionsgrund. Nach dem
Wortlaut von Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen die neuen Tatsachen ferner erheblich sein,
d.h. sie müssen geeignet sein, die tatbeständliche Grundlage der Verfügung
dahingehend zu ändern, dass bei erneuter Entscheidfällung ein anderer Entscheid
resultiert. Neue Beweismittel müssen sich ebenfalls auf vorbestehende Tatsachen
beziehen. Sie haben entweder dem Beweis der die Revision begründenden neuen
Tatsachen oder dem Beweis von Tatsachenbehauptungen zu dienen, die zwar im
früheren Verfahren bekannt gewesen, aber zum Nachteil der gesuchstellenden Person
unbewiesen geblieben sind. Sollen bereits vorgebrachte Tatsachen mit neuen Mitteln
bewiesen werden, so hat der Gesuchsteller darzutun, dass er die Beweismittel im
früheren Verfahren nicht beibringen konnte. Damit können - wie bei den neuen
Tatsachen - nur diejenigen Beweismittel angerufen werden, die trotz hinreichender
Sorgfalt bisher nicht bekannt waren bzw. nicht in das Verfahren eingebracht werden
konnten. Eine Revision ist mithin zum vornherein ausgeschlossen, wenn die
vorgebrachten neuen Tatsachen und Beweismittel bereits im Rahmen des
vorangehenden Verfahrens oder auf dem Weg der Beschwerde hätten geltend
gemacht werden können (zum Ganzen BGE 108 V 171 f. E. 1, 110 V 141 E. 2 und 122 V
273 E. 4; Locher/Gächter, a.a.O., § 72 N 3; Kieser, a.a.O., N 23 f. und N 32 zu Art. 53).
Beim Beweismittel hat der Gesetzgeber bewusst das Kriterium der Erheblichkeit nicht
verwendet. Massgebendes Kriterium für die Anerkennung eines - neu aufgefundenen -
Beweismittels als Revisionsgrund bildet einzig die Frage, ob es vor der
Entscheidfällung beigebracht werden konnte. Diese besondere Betrachtungsweise
erklärt sich dadurch, dass angesichts der oft komplexen sachverhaltlichen Fragen das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kriterium der Erheblichkeit eines Beweismittels gelegentlich kaum zu klären ist,
weshalb das Kriterium nicht im Rahmen der Eintretensprüfung, sondern bei der
materiellen Entscheidung Berücksichtigung finden soll (Kieser, a.a.O., N 30 zu Art. 53).
Die konkretisierenden Grundsätze, welche vor Inkrafttreten des ATSG betreffend das
Kriterium der Erheblichkeit beim Beweismittel festgelegt worden sind, finden jedoch
auch im Rahmen der materiellen Entscheidung analog Anwendung. So ist
ausschlaggebend, dass das Beweismittel nicht bloss der Sachverhaltswürdigung,
sondern der Sachverhaltsermittlung dient. Es genügt daher beispielsweise nicht, dass
ein neues Gutachten den Sachverhalt anders bewertet; vielmehr bedarf es neuer
Elemente tatsächlicher Natur, welche die Entscheidungsgrundlagen als objektiv
mangelhaft erscheinen lassen. Für die Revision eines Entscheids genügt es nicht, dass
die Gutachterin oder der Gutachter aus den im Zeitpunkt des Haupturteils (oder des
verwaltungsmässigen Hauptentscheids) bekannten Tatsachen nachträglich andere
Schlussfolgerungen ziehen als das Gericht (oder die Verwaltung). Auch ist ein
Revisionsgrund nicht schon gegeben, wenn die Verwaltung bereits im Hauptverfahren
bekannte Tatsachen möglicherweise unrichtig gewürdigt hat. Notwendig ist vielmehr,
dass die unrichtige Würdigung erfolgte, weil für den Entscheid wesentliche Tatsachen
nicht bekannt waren oder unbewiesen blieben (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG] vom 20. Juli 2005, U 34/05, E. 2.2.2; BGE 110 V 141 E. 2,
293 E. 2a, 108 V 171 E. 1).
5.
5.1 Laut den Ausführungen der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers in der
Beschwerde vom 26. Januar 2018 (act. G 1) und Replik vom 16. April 2018 (act. G 5)
liegt ein Revisionsgrund deshalb vor, weil Dr. C._ am 22. Mai 2017 mit einem
verlässlichen Beweismittel, nämlich intraoperativ bei der Extraktion des Zahns 11,
visuell den Befund einer Längsfraktur erhoben habe und sich damit erst in diesem
Zeitpunkt der wahre Charakter des Zahnschadens gezeigt habe. Das vormalig
angefertigte Röntgenbild sei zu wenig sensitiv gewesen, als dass die Fraktur darauf
sichtbar gewesen wäre. Der Verweis von Dr. D._ in seiner Beurteilung vom 24.
Februar 2017 auf den fehlenden Hinweis einer Fraktur auf dem Röntgenbild sei damit
widerlegt. Dr. C._ habe in seiner Stellungnahme vom 19. Juni 2017 schriftlich
beglaubigt, dass die Wurzel von Zahn 11 gebrochen gewesen sei (act. G 3.7).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.2 Vorliegend ist unbestritten, dass die Tatsachenbehauptung - der Unfall vom 1.
August 2016 habe zu einer Wurzelfraktur geführt - schon im früheren Verfahren, d.h.
vor Erlass der Verfügung vom 9. März 2017, unter den Verfahrensparteien diskutiert
und auch vertrauensärztlich beurteilt worden war. So äusserte Dr. D._ in seiner
Beurteilung vom 24. Februar 2017, dass ein Hinweis auf eine Fraktur im Röntgenbild
nicht sichtbar sei (act. G 3.3). Gestützt darauf hielt die Beschwerdegegnerin in der
Verfügung vom 9. März 2017 fest, dass nicht erwiesen sei, ob zusätzlich eine
Wurzelfraktur bestanden habe (act. G 3.4). Der Revisionsgrund einer neu entdeckten
Tatsache fällt damit ausser Betracht.
5.3
5.3.1 Mit der Tatsachenbehauptung - Dr. C._ habe am 22. Mai 2017 intraoperativ
bzw. anlässlich der Extraktion des Zahns 11 eine Längsfraktur der Wurzel festgestellt -
soll jedoch eine bereits vorgebrachte Tatsache mit neuen Mitteln bewiesen werden.
Das Beweismittel muss sich auf eine Tatsache beziehen, die Grundlage des gefällten
Entscheids bildet (Kieser, a.a.O., N 29 zu Art. 53). Wie dargelegt, ist diese
Voraussetzung im konkreten Fall insofern erfüllt, als es darum geht, mit der
Stellungnahme von Dr. C._ vom 19. Juni 2017 (act. G 3.7) zu beweisen, dass eine
unfallbedingte Wurzelfraktur des Zahns 11 am 22. Mai 2017 die Extraktion des Zahns
nötig gemacht hat. Wie gesagt, muss sodann ein neu aufgefundenes Beweismittel -
anders als eine neue Tatsache - nicht erheblich sein. Massgebendes Kriterium für die
Anerkennung eines - neu aufgefundenen - Beweismittels als Revisionsgrund bildet
einzig die Frage, ob es vor der Entscheidfällung hätte beigebracht werden können. Die
Revision ist ausgeschlossen, wenn die Beibringung des Beweismittels zuvor möglich
gewesen wäre. Damit kann nur dasjenige Beweismittel angerufen werden, das trotz
hinreichender Sorgfalt bisher nicht bekannt war bzw. nicht in das Verfahren
eingebracht werden konnte (Kieser, a.a.O., N 30 und N 32 zu Art. 53; Erwägung 3).
5.3.2 Die Beschwerdegegnerin stellt sich im angefochtenen Einspracheentscheid vom
12. Dezember 2017 (act. G 3.13) und in der Beschwerdeantwort vom 27. Februar 2018
(act. G 3) auf den Standpunkt, der Beschwerdeführer habe nicht begründet, weshalb
die Beibringung des neuen Beweismittels im früheren Verfahren nicht möglich gewesen
sei. So sei nicht einzusehen, warum es dem Beschwerdeführer nicht möglich gewesen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sein sollte, seinen Zahn noch vor Ende der Beschwerdefrist (gemeint ist wohl die
Einsprachefrist) Mitte April 2017, somit vier Monate nach dem ersten zahnärztlichen
Termin oder sogar 8.5 Monate nach dem Sturz, reparieren zu lassen. Dass sich - wie
von der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers in der Beschwerde vom 26. Januar
2018 geltend gemacht (act. G 1, S. 10 Ziff. 15) - niemand gerne einen Zahn ziehen
lasse, sei verständlich, jedoch nicht massgebend.
5.3.3 Die Argumentation der Beschwerdegegnerin greift nicht. Art. 10 UVG gibt vor,
dass der Versicherte lediglich Anspruch auf die zweckmässige Behandlung hat. Von
der Zweckmässigkeit einer Behandlung ist auszugehen, wenn eine klare medizinische
Indikation für eine Behandlung besteht. Bei gleichzeitiger Zweckmässigkeit
verschiedener Massnahmen ist das Kriterium der Wirtschaftlichkeit ausschlaggebend
(Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 99 f.). In Bezug auf die Wirtschaftlichkeit der
Behandlung schreibt Art. 54 UVG vor, dass sich derjenige, der für die
Unfallversicherung tätig ist, in der Behandlung, in der Verordnung und Abgabe von
Arzneimitteln sowie in der Anordnung und Durchführung von Heilanwendungen und
Analysen auf das durch den Behandlungszweck geforderte Mass zu beschränken hat.
In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass ein operativer Eingriff
erfahrungsgemäss mit erheblichen Kosten verbunden ist. Hinzu kommt, dass gerade
die Extraktion eines Schneidezahns (Zahn 11), der zum Abbeissen der Nahrung
notwendig ist und dem insbesondere auch optisch eine grosse Bedeutung zukommt,
einen kostenbedeutsamen Zahnersatz erforderlich macht (vgl. dazu Urteil des EVG vom
17. Januar 2006, K 135/04, E. 2.1 f.; vgl. dazu auch Gebhard Eugster,
Krankenversicherung, in: Ulrich Meyer [Hrsg.], Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht [SBVR], Soziale Sicherheit, 3. Auflage Basel 2016, S. 510 Rz
336). Weiter ist zu berücksichtigen, dass ein operativer Eingriff immer auch mit einem
gewissen Gesundheitsrisiko verbunden ist. Eine Zahnextraktion ist also weder ohne
Weiteres wirtschaftlich noch kann eine solche vom Patienten ohne zahnmedizinische
Indikation - nur zum Beweis einer Unfallverletzung - verlangt werden. Im konkreten Fall
ergeben sich aus den Akten keine Hinweise dafür und es wird auch von der
Beschwerdegegnerin nicht beanstandet, dass die Extraktion des Zahns 11
zahnmedizinisch betrachtet durch Dr. C._ nicht zum frühestmöglichen Zeitpunkt
erfolgt ist, als sie aus gesundheitlichen Gründen indiziert war. Insofern stellt die
Zahnextraktion, welche erst eine visuelle Wahrnehmung des Gesundheitszustands des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zahns 11 inklusive dessen Wurzelbereich ermöglichte, ein Beweismittel im Sinne von
Art. 53 Abs. 1 ATSG dar, welches vor Erlass der Verfügung vom 9. März 2017 nicht
beigebracht werden konnte.
6.
Ein Rückkommenstitel verlangt eine uneingeschränkte materielle Neubeurteilung
(Kieser, a.a.O., N 41 zu Art. 53). Die materielle Neubeurteilung ist, weil es dabei
grundsätzlich nicht mehr um die Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts,
sondern um die Beurteilung der Unfallkausalität der Zahnbehandlung bzw. der
Extraktion des Zahns 11 vom 22. Mai 2017 und damit um die Subsumtion eines
Sachverhalts unter ein Tatbestandselement von Art. 10 UVG geht, vom Gericht
vorzunehmen.
7.
7.1 Der im Sozialversicherungsprozess herrschende Untersuchungsgrundsatz (Kieser,
a.a.O., N 2 ff. zu Art. 43, N 96 ff. zu Art. 61; BGE 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen; vgl.
auch BGE 130 I 183 f. E. 3.2) schliesst die Beweislast im Sinne der Beweisführungslast
begriffsnotwendig aus, da es Sache des Sozialversicherungsgerichts ist, für die
Zusammentragung des Beweismaterials besorgt zu sein. Im
Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur
insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei
ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Die
Beweislast bei der Frage, ob ein leistungsbegründender Kausalzusammenhang
gegeben war, liegt demnach bei der versicherten Person. Diese Beweisregel greift
allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu
ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat (vgl. Erwägung 2), der
Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 138 V 222 E. 6 mit Hinweisen; Kieser, a.a.O., N 117 f.
zu Art. 61).
7.2 Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss, zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der
Anamnese abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweis). Auch reine Aktengutachten können beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser
Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an
sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte Befassung mit
der versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteile des Bundesgerichts vom 18.
Juni 2014, 9C_196/2014 E. 5.1.1., vom 30. März 2012, 8C_119/2012, E. 4, und vom 22.
Januar 2010, 9C_1063/2009, E. 4.2.1). Nach der Rechtsprechung können sodann auch
Berichte und Gutachten, welche die Versicherungen während des
Administrativverfahrens von ihren eigenen Ärzten und Ärztinnen, d.h. auch von ihren
Vertrauensärzten und -ärztinnen - einholen, beweistauglich sein. An deren
Beweiswürdigung sind indes strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur
geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen
bzw. vertrauensärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen
vorzunehmen (BGE 135 V 470 E. 4.4 mit Hinweis; bestätigt in Urteil des Bundesgerichts
vom 23. November 2012, 8C_592/2012, E. 5.3).
8.
8.1 Wie bereits erwähnt, ist streitig und zu prüfen, ob eine unfallbedingte Wurzelfraktur
des Zahns 11 die Extraktion des Zahns am 22. Mai 2017 nötig gemacht hat. Im
gegebenen Fall wäre die Beschwerdegegnerin für die Kosten der Extraktion des Zahns
11 leistungspflichtig.
8.2 Für die Bejahung der Streitfrage in Erwägung 8.1 müsste demnach zum einen beim
Zahn 11 eine Wurzelfraktur vorgelegen haben, welche durch den Unfall vom 1. August
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2016 herbeigeführt worden ist. Zum anderen erfordert die Annahme einer
Unfallkausalität, dass die Extraktion wegen der Fraktur erfolgt ist. Ein wesentliches
Kriterium für die Beurteilung der Unfallkausalität bildet der Vorzustand von Zahn 11,
konkret der Heilungszustand der am Zahn 11 prätraumatisch durchgeführten
Wurzelspitzenresektion. Während die Vertreterin des Beschwerdeführers insbesondere
gestützt auf die Stellungnahme von Dr. C._ vom 19. Juni 2017 (act. G 3.7) und die
ärztliche Beurteilung von Dr. E._ vom 20. Oktober 2017 (act. G 3.11a) den
Standpunkt vertritt, es habe zwar ein Vorzustand vorgelegen, dieser sei jedoch
asymptomatisch gewesen und der Unfall vom 1. August 2016 habe mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit die Wurzelfraktur am Zahn 11
verursacht, geht die Beschwerdegegnerin in Anlehnung an die Stellungnahmen von Dr.
D._ vom 24. Februar 2017 (act. G 3.3) und 1. November 2017 (act. G 3.12) davon
aus, dass der Zahn 11 einen erheblichen Vorzustand aufgewiesen habe, der die
Extraktion notwendig gemacht habe, und überhaupt sei auch eine Fraktur nicht mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen.
9.
9.1 Die Frage, ob die Wurzel des Zahns 11 tatsächlich frakturiert gewesen ist, kann
letztlich offengelassen werden. Denn mit dem Nachweis einer Wurzelfraktur am Zahn
11 wäre nicht zugleich mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
bewiesen, dass die Extraktion vom 22. Mai 2017 unfallbedingt erfolgt ist bzw. eine
traumatisch verursachte Wurzelfraktur die Extraktion des Zahns 11 nötig gemacht hat.
9.2 Eine Kausalität der Extraktion zum Unfall vom 1. August 2016 erscheint
insbesondere angesichts des Zeitablaufs nicht wahrscheinlicher als eine solche zu
einem früheren (prätraumatischen) oder späteren (posttraumatischen) Sachverhalt.
Zwischen dem Unfall vom 1. August 2016 (act. G 3.1) bis zur zahnärztlichen
Erstbehandlung vom 12. Dezember 2016 (act. G 3.2) besteht ein viereinhalbmonatiger
Zeitraum ohne dokumentierte Brückensymptome (Urteil des Bundesgerichts vom 26.
September 2008, 8C_102/2008, E. 2.2). Anders wäre die Situation allenfalls bei einer
augenfälligen zeitlichen Konnexität zwischen Unfall und Gesundheitsschaden zu
beurteilen, wenn also die Fraktur unmittelbar nach dem Unfall vom 1. August 2016 vom
Beschwerdeführer wahrgenommen sowie ärztlich diagnostiziert und behandelt worden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wäre. Die Tatsache, dass im konkreten Fall eine erste zahnärztliche Befunderhebung
erst viereinhalb Monate nach dem Unfall (act. G 3.2) und eine Extraktion des Zahns 11
nochmals mehrere Monate später stattgefunden hat, lässt immerhin den Schluss zu,
dass die Symptomatik der erlittenen Verletzung jedenfalls keine sofortige zahnärztliche
Behandlung notwendig machte, womit sämtliche der drei obgenannten Szenarien
denkbar sind. Angesichts des Gesagten ist letztlich also nur eine mögliche, nicht
jedoch überwiegend wahrscheinliche Kausalität zwischen einer eventuellen
Wurzelfraktur und dem Unfall vom 1. August 2016 belegt. Die Sachverhalte mit einer
unfallfremden vorbestandenen oder nach dem Unfall erlittenen Wurzelfraktur
erscheinen zumindest gleich wahrscheinlich. Damit lässt sich ohne Weiteres die
überzeugende Feststellung von Dr. D._ in seiner Stellungnahme vom 24. Februar
2017 (act. G 3.3) vereinbaren, wonach es im Nachhinein bzw. mehr als vier Monate
nach dem Unfall vom 1. August 2016 äusserst schwierig sei, die Kausalität zwischen
dem Unfall und dem heutigen Befund zu beurteilen.
9.3 Von massgebender Bedeutung für die Frage, ob die Extraktion vom 22. Mai 2017
unfallbedingt erfolgt ist bzw. eine traumatisch verursachte Wurzelfraktur die Extraktion
des Zahns 11 nötig gemacht hat, ist die unbestritten gebliebene Feststellung von Dr.
D._ in der Stellungnahme vom 24. Februar 2017, dass der Zahn 11 einen erheblichen
Vorzustand, konkret einen Status nach einer Wurzelspitzenresektion, aufgewiesen habe
(act. G 3.3). Dr. D._ geht in seinen Stellungnahmen vom 24. Februar 2017 (act. G 3.3)
und 1. November 2017 (act. G 3.12) von einer vorbestehenden, nicht ausgeheilten
Wurzelspitzenresektion in Form einer chronischen Entzündung aus, welche
röntgenologisch klar dokumentiert sei, und betrachtet diese offensichtlich als
ursächlich für die Zahnextraktion vom 22. Mai 2017. Dr. E._ scheint ein solches
Geschehen in ihrer ärztlichen Beurteilung vom 20. Oktober 2017 nicht grundsätzlich in
Frage zu stellen, zumal ein solches auch in der von ihr angeführten
dentalmedizinischen Literatur beschrieben wird (act. G 3.11a; https://www.medeco.de/
zahnarzt-berlin/kieferchirurgie-dentalatlas/allgemeine-traumatologie/frakturen-des-
knochens/, abgerufen am 11. Juni 2019). Sie hält allerdings auch fest, dass es
vorliegend nicht darum gehe, ob der Zahn 11 bei vermuteter nicht ausgeheilter
Wurzelspitzenresektion sowieso hätte extrahiert werden müssen, sondern es gelte zu
beurteilen, wie der Unfall vom 1. August 2016 den Vorzustand (Zustand nach
wurzelbehandeltem Zahn 11 mit Verlust der ursprünglichen Festigkeit) am Zahn 11
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beeinflusst habe. Insofern stellt sich aber eben die Frage, ob eine Wurzelfraktur oder
eine nicht ausgeheilte Wurzelspitzenresektion zur Extraktion vom 22. Mai 2017 geführt
haben bzw. ob einer der beiden Sachverhalte mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist. Laut Stellungnahme vom 19. Juni 2017 zeigte
sich Dr. C._ bei der Extraktion vom 22. Mai 2017 bei der Curretage, dass sich die
Alveole zu entzünden begann und bereits etwas Granulationsgewebe entfernt werden
konnte (act. G 3.7). Während Dr. D._ in seiner Stellungnahme vom 1. November 2017
mit Blick auf diesen Befund von einer chronischen Entzündung ausgeht (act. G 3.12),
stellt sich Dr. E._ auf den Standpunkt, dass der Befund gegen das Vorliegen eines
chronischen Charakters im Sinne einer nicht ausgeheilten Wurzelspitzenresektion,
welche vor Jahren ausgeführt worden sei, spreche (act. G 3.11a). Einzuräumen ist
zwar, dass zumindest die Befund-Formulierung von Dr. C._ ("zu entzünden begann")
für die Einschätzung von Dr. E._ bzw. gegen den von Dr. D._ vertretenen
chronischen Zustand spricht. Den von Dr. C._ erhobenen Befund einer beginnenden
Entzündung bezeichnet Dr. D._ jedoch insoweit als falsch, als die Entzündung
röntgenologisch dokumentiert nicht beginnend, sondern bereits in chronischer Form
sichtbar gewesen sei. Dass das kurettierte Granulationsgewebe keine Folge einer nicht
ausgeheilten Wurzelspitzenresektion sei, begründet Dr. E._ ausserdem damit, dass
eine solche bei den Zahnreinigungen hätte auffallen müssen (act. G 11a). Laut
Stellungnahme von Dr. C._ vom 11. September 2017 gegenüber der AXA war der
Beschwerdeführer seit dem 20. Februar 2014 fünf Mal in seiner Praxis bei der
Dentalhygienikerin. Dabei sei der Zahn 11 nie in irgendeiner Art aufgefallen. Der
Beschwerdeführer habe nie Schmerzen bekundet und es seien nie eine erhöhte
Beweglichkeit oder Schwellung diagnostiziert worden. Somit wäre aus seiner Sicht
wegen der nicht ausgeheilten Wurzelspitzenresektion keine Behandlung notwendig
gewesen (act. G 11.2). Behandlungsberichte der Dentalhygienikerin und damit die von
ihr erhobenen Befunde und konkret durchgeführten dentalhygienischen Massnahmen
sind nicht aktenkundig. Inwiefern sich kurettiertes Granulationsgewebe infolge einer
traumatisch bedingten Wurzelfraktur bildet und sich von einer unfallfremden
Entstehung unterscheidet, wird zudem von Dr. E._ nicht näher ausgeführt. Die
Beurteilung von Dr. C._ erscheint im Übrigen insofern fraglich, als nicht plausibel ist,
dass eine nicht ausgeheilte Wurzelspitzenresektion bei der Zahnreinigung von Beginn
weg erkennbar sein könnte. Entsprechend erklärt Dr. D._ in seiner Stellungnahme
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 1. November 2017 (act. G 3.12) in Übereinstimmung mit der medizinischen
Literatur, dass eine nicht ausgeheilte Wurzelspitzenresektion über Jahre in einem
chronischen, klinisch nicht auffälligen Zustand schmerzfrei verharren könne. Die
chronische, mit geringen oder keinen Schmerzen, d.h. asymptomatisch, verlaufende
Form der Parodontitis apicalis kann jedoch laut medizinischer Literatur in eine akute
Entzündung umschlagen (https://www.zahn-lexikon.com/index.php/a/2390-apikales-
granulom; https://de.wikipedia.org/wiki/Apikale_Parodontitis, beide abgerufen am 13.
Mai 2019; Pschyrembel, a.a.O., S. 692, S. 1358 ["Parodontitis apicalis"]; SSO Atlas der
Erkrankungen mit Auswirkungen auf das Kausystem, Hrsg. von der Schweizerischen
Zahnärzte-Gesellschaft, 3. Aufl. 2008, S. 18). Damit kann zumindest allein aus einer
akut auftretenden Beschwerdesymptomatik nichts zur Anamnese abgeleitet werden.
Angesichts der vorangehenden Erwägungen und der bereits erwähnten
viereinhalbmonatigen Zeitspanne zwischen Unfall und erster Befunderhebung (vgl.
Erwägung 10.3) erscheint eine traumatische Entstehung zumindest nicht
wahrscheinlicher als ein rein pathologischer Entzündungsprozess. Dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit ist damit nicht entsprochen und es kann nicht als
genügend bewiesen angesehen werden, dass das von Dr. C._ am 22. Mai 2017
kurretierte, entzündete Granulationsgewebe auf einer am 1. August 2016 erlittenen
Zahnfraktur beruht. Das Gesagte lässt es als ebenso möglich erscheinen, dass die
Extraktion wegen eines Symptomatischwerdens der chronischen Entzündung im
Zusammenhang mit der nicht ausgeheilten Wurzelspitzenresektion erfolgt ist.
9.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich hinsichtlich der vorliegenden
Streitfrage (vgl. Erwägung 8.1 und 9.1) kein überwiegend wahrscheinlicher Sachverhalt
festlegen lässt. Es muss auf Beweislosigkeit erkannt werden, deren Folgen der
Beschwerdeführer, der aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten
wollte (vgl. Erwägung 7.1), tragen muss.
10.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
angefochtenen Einspracheentscheids vom 12. Dezember 2017 (act. G 3.13)
abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Eine
Parteientschädigung fällt bei diesem Verfahrensausgang ausser Betracht.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte