Decision ID: 706231bb-56eb-4176-9fbb-da6debf70b3f
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1967 geborene Beschwerdeführerin meldete sich im September 2006
bei der Beschwerdegegnerin zum Bezug von Leistungen der Eidgenössi-
schen Invalidenversicherung (IV) an. Nach entsprechenden Abklärungen
sprach die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin in Anwendung
der gemischten Methode der Invaliditätsbemessung mit Verfügung vom
3. Dezember 2008 rückwirkend per 1. Januar 2006 eine ganze Invaliden-
rente zu. Im Rahmen des Ende 2010 von Amtes wegen initiierten Revisi-
onsverfahrens wurde der Anspruch auf eine ganze Rente mit Mitteilung
vom 12. November 2010 bestätigt.
1.2.
Im Oktober 2015 leitete die Beschwerdegegnerin ein weiteres Revisions-
verfahren ein, in dessen Rahmen sie die Beschwerdeführerin durch die
Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH, Basel (ABI), polydisziplinär be-
gutachten liess. Gestützt auf das am 8. September 2016 erstattete ABI-
Gutachten und die ergänzende gutachterliche Stellungnahme vom 17. No-
vember 2016 hob die Beschwerdegegnerin die Invalidenrente der Be-
schwerdeführerin mit Verfügung vom 18. Juni 2018 auf.
Die von der Beschwerdeführerin dagegen erhobene Beschwerde hiess das
Versicherungsgericht des Kantons Aargau (Versicherungsgericht) mit Ur-
teil VBE.2018.572 vom 8. April 2019 teilweise gut, hob die angefochtene
Verfügung auf und wies die Sache zur weiteren Abklärung sowie anschlies-
senden Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurück.
1.3.
In der Folge gab die Beschwerdegegnerin bei der Academy of Swiss Insu-
rance Medicine, Basel (asim), eine polydisziplinäre Begutachtung der Be-
schwerdeführerin in Auftrag. Gestützt auf das am 11. Mai 2021 erstattete
asim-Gutachten und nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren verfügte
die Beschwerdegegnerin am 24. September 2021 die Aufhebung der Inva-
lidenrente der Beschwerdeführerin rückwirkend per 31. Juli 2018.
2.
2.1.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin am 28. Oktober 2021 fristgerecht
Beschwerde und stellte folgende Rechtsbegehren:
" 1. Es sei die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 24. September 2021 aufzuheben und der Beschwerdeführerin rückwirkend ab dem 1. August 2018 eine halbe, eventualiter eine Viertelsrente, aus der  zuzusprechen.
- 3 -
2. Subeventualiter sei in Abänderung der angefochtenen Verfügung vom 24. September 2021 die Rente rückwirkend frühestens per 31. März 2019 einzustellen.
3. Es sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege und die unentgeltliche Rechtsverbeiständung durch den Unterzeichnenden zu gewähren.
4. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. 7,7% MWSt.)."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 11. November 2021 beantragte die Beschwerde-
gegnerin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 12. November 2021 wurde die
aus den Akten erkennbare berufliche Vorsorgeeinrichtung der Beschwer-
deführerin zum Verfahren beigeladen und ihr Gelegenheit zur Stellung-
nahme gegeben. Die Beigeladene liess sich in der Folge nicht vernehmen.
2.4.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 15. November 2021 wurde der
Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt und zu ihrem
unentgeltlichen Vertreter lic. iur. Michele Santucci, Rechtsanwalt, Wohlen,
ernannt.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Die angefochtene Verfügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den all-
gemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich mass-
gebenden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V 354
E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen
der IVV sowie des ATSG in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen
Fassung anwendbar.
2.
2.1.
Die Beschwerdegegnerin begründete die Rentenaufhebung per Ende Juli
2018 im Wesentlichen damit, dass gemäss dem Ergebnis ihrer Abklärun-
gen für die Zeit bis Juli 2018 weiterhin von einer 80%igen und seit August
2018 noch von einer 70%igen Arbeitsfähigkeit (auch) in der angestammten
Tätigkeit im kaufmännischen Bereich auszugehen sei. Der Invaliditätsgrad,
der nun mittels der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs zu
ermitteln sei, betrage (seit August 2018) folglich 30 %. Da "seit der Verfü-
- 4 -
gung im Jahr 2018" von einem Invaliditätsgrad von unter 40 % ausgegan-
gen werden könne, sei die Invalidenrente der Beschwerdeführerin per
31. Juli 2018 aufzuheben (Vernehmlassungsbeilage [VB 188]).
Die Beschwerdeführerin bringt dagegen im Wesentlichen vor, die Be-
schwerdegegnerin habe den Invaliditätsgrad falsch berechnet. Richtiger-
weise sei bei der Ermittlung des massgeblichen Invalideneinkommens ein
Abzug von insgesamt 25 % bis 30 % vorzunehmen (Beschwerde Ziff. 4,
S. 8 f.) und ihr dementsprechend ab dem 1. August 2018 eine halbe Rente
bzw. eventualiter eine Viertelsrente zuzusprechen (Beschwerde Ziff. 5,
S. 9). Werde ein weiterer Rentenanspruch dennoch verneint, sei die Ren-
tenaufhebung aufgrund der Beurteilung der Gutachter, wonach eine stufen-
weise Steigerung auf das "Zielpensum" von 70 % innerhalb von acht Mo-
naten zu empfehlen sei, erst per 31. März 2019 vorzunehmen (Beschwerde
Ziff. 6, S. 9).
2.2.
Streitig und zu prüfen ist somit, ob die Beschwerdegegnerin die ganze In-
validenrente der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 24. September
2021 zu Recht per 31. Juli 2018 aufgehoben hat.
3.
Nach Lage der Akten ging die Beschwerdegegnerin zu Recht davon aus,
dass die Beschwerdeführerin, die im Zeitpunkt der Rentenzusprache noch
als im Gesundheitsfall zu 80 % erwerbs- und zu 20 % im Haushalt tätig
qualifiziert worden war, nun (im Gesundheitsfall) im Vollzeitpensum einer
Erwerbstätigkeit nachginge (vgl. dazu insbesondere den Haushaltabklä-
rungsbericht vom 18. Mai 2017 [VB 109 S. 4]). Von der Beschwerdeführe-
rin wird denn auch nicht bestritten, dass mit der Veränderung des erwerb-
lichen Status' bzw. der damit verbundenen Änderung der Art der Bemes-
sung des Invaliditätsgrads (allgemeine Methode des Einkommensver-
gleichs statt gemischte Methode) ein Revisionsgrund i.S.v. Art. 17 ATSG
vorliegt.
4.
4.1.
Medizinische Grundlage der angefochtenen Verfügung vom 24. September
2021 ist das bei der asim eingeholte polydisziplinäre (Fachdisziplinen: All-
gemeine Innere Medizin, Psychiatrie, Orthopädie, Neurologie, Kardiologie,
Gastroenterologie, Endokrinologie) Gutachten vom 11. Mai 2021 (VB 172),
in welchem folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ge-
stellt wurden (VB 172 S. 11 ff.):
" 1. Chronische lumbale Rückenschmerzen bei degenerativen  der unteren LWS mit Diskusprotrusionen L3/4 und L4/5, sowie subligamentärer Diskushernie L5/S1
[...]
- 5 -
2. Chronische zervikale Nackenschmerzen bei St. n. HWS-Distorsion 2006
[...]
3. Aktenanamnestisch rezidivierende depressive Störung [...]
4. Nicht näher spezifizierbare Angststörung (ICD-10 F 41.8/9) [...]
5. Koronare 3-Asterkrankung [...]
6. Hypertensive Herzerkrankung [...]
7. Postchirurgisches Schmerzsyndrom bei [...]
8. Chronische idiopathische Nausea mit intermittierendem Erbrechen [...]
9. Rektusdiastase/Narbenhernie
10. Diabetes mellitus Typ II, DD pankreatoprive Komponente ED 2009 [...]
11. Beginnende mediale Gonarthrose beidseits bei [...]
12. Leichte diabetische sensible Polyneuropathie (ED 2011)"
Die weiteren Diagnosen schränkten die Arbeitsfähigkeit nicht ein. Hinsicht-
lich der funktionellen Auswirkungen der Befunde bzw. Diagnosen hielten
die Gutachter fest, möglich seien der Beschwerdeführerin noch körperlich
leichte Tätigkeiten "in möglichst Wechselbelastung" (sitzend, gehend, ste-
hend) mit freier Einteilbarkeit der Arbeitshaltungen (ergonomische Arbeits-
platzgestaltung). Zwangshaltungen sollten vermieden werden. Arbeiten
über der Horizontalen sei nur ganz kurz möglich, nicht aber repetitiv oder
anhaltend und nicht mit Gewichtsbelastung. Das Heben und Tragen von
Lasten solle auf maximal drei Kilogramm beschränkt werden. Es bestehe
eine verminderte Belastbarkeit für die Hände wegen der mässig ausge-
prägten Rhizarthrosen, speziell für repetitive, kraftvolle und feinmotorische
Arbeiten. Aus den orthopädischen/neurologischen Befunden (Rücken-
schmerzen) ergebe sich eine generell leicht verminderte Leistungsfähigkeit
bei erhöhtem Pausenbedarf. Aufgrund der hypertensiven Belastungsreak-
tion sollten Arbeiten bei grosser Kälte, Hitze oder mit starken Temperatur-
schwankungen vermieden werden. Im Rahmen der bestehenden Medika-
tion sollten keine Tätigkeiten mit überdurchschnittlichem Verletzungsrisiko
ausgeübt werden. Ferner sollten Tätigkeiten mit Schichtbetrieb gemieden
werden. Aufgrund der Polyneuropathie seien alle Tätigkeiten mit erhöhter
Anforderung an die Geh-/Stehfähigkeit sowie "absturzgefährdete[.]" Tätig-
keiten nicht geeignet (VB 172 S. 15 f.).
- 6 -
Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Mitarbeiterin einer Telefonzentrale und
am Empfang werde als grundsätzlich optimal angepasst und dem definier-
ten Belastungsprofil entsprechend erachtet. Dies gelte für den erlernten
Beruf und alle bisher ausgeübten Tätigkeiten. Für eine solchermassen an-
gepasste Tätigkeit sei die Beschwerdeführerin aus gesamtmedizinischer
Sicht zu 70 % arbeitsfähig. Bezüglich des retrospektiven Verlaufs sei seit
der ABI-Begutachtung aus orthopädischer Sicht von einer gewissen Ver-
schlechterung auszugehen. Es sei wegen der mit MRI vom 13. August
2018 und vom Juni 2020 festgestellten degenerativen Veränderungen von
einer Reduktion der Arbeitsfähigkeit in einer Tätigkeit mit dem definierten
Belastungsprofil auf 70 % seit August 2018 und davor – mit leicht anderer
Gewichtung der damaligen Diagnosen – ab August 2016 (Zeitpunkt des
Gutachtens der ABI) von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Im
Rahmen der Exacerbation der lumbalen Schmerzen im Frühjahr 2020
dürfte es vorübergehend zu einer höhergradigen Einschränkung gekom-
men sein, welche aber in kurzer Zeit wieder habe stabilisiert werden kön-
nen (VB 172 S. 16 f.).
4.2.
Das bei der asim eingeholte polydisziplinäre Gutachten vom 11. Mai 2021
(VB 172) erfüllt die Anforderungen der Rechtsprechung an beweiskräftige
medizinische Gutachten i.S.v. Art. 44 ATSG (vgl. dazu BGE 135 V 465
E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353). Die Beurteilung der Gutachter
wurde von der Beschwerdeführerin denn auch nicht in Frage gestellt. Dem-
entsprechend ist in einer dem von diesen definierten Belastungsprofil ent-
sprechenden Tätigkeit ab August 2016 von einer 20%igen und seit August
2018 von einer 30%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen.
5.
5.1.
Angesichts der Tatsache, dass die Gutachter die angestammte Tätigkeit
als dem Belastungsprofil einer angepassten Tätigkeit entsprechend erach-
teten, hat die Beschwerdegegnerin im Rahmen der Bemessung des Invali-
ditätsgrades (vgl. dazu Art. 16 ATSG) das Validen- und das Invalidenein-
kommen zu Recht ausgehend vom gleichen Tabellenlohn der Schweizeri-
schen Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamts für Statistik (BfS) er-
mittelt (vgl. BGE 143 V 295 E. 2.2 S. 296 f.; Urteil des Bundesge-
richts 9C_212/2015 vom 9. Juni 2015 E. 5.4 mit Hinweisen), was die Be-
schwerdeführerin denn auch nicht in Abrede stellt. Die genaue Ermittlung
der Vergleichseinkommen erübrigt sich damit rechtsprechungsgemäss, da
bei dieser Konstellation der Invaliditätsgrad – vorbehältlich eines allfälligen
Abzugs vom Tabellenlohn – dem Grad der Arbeitsunfähigkeit entspricht.
Dies stellt keinen "Prozentvergleich" im Sinne von BGE 104 V 135 E. 2b
S. 137 bzw. "Schätzungsvergleich" (vgl. Beschwerde S. 5) dar, sondern
eine rein rechnerische Vereinfachung (vgl. etwa Urteil des Bundesge-
richts 8C_148/2017 vom 19. Juni 2017 E. 4 mit Hinweisen).
- 7 -
Die Beschwerdeführerin macht indessen geltend, es seien diverse lohn-
mindernde Aspekte zu beachten, die einen Abzug vom Invalideneinkom-
men von insgesamt 25 % bis 30 % rechtfertigten (Beschwerde Ziff. 4,
S. 8 f.). Dabei verweist sie auf das Rechtsgutachten "Grundprobleme der
Invaliditätsbemessung in der Invalidenversicherung" von GÄCHTER/EG-
LI/MEIER/FILIPPO vom 22. Januar 2021 und bringt zusammengefasst im
Wesentlichen vor, es sei aufgrund des von den Gutachtern definierten Be-
lastungsprofils davon auszugehen, dass sie ihre Restarbeitsfähigkeit nur
an einem Nischenarbeitsplatz oder in einem bewusst rücksichtsvoll gestal-
teten Arbeitsumfeld verwerten könne. Auf ein generelles Vorkommen von
Arbeitsplätzen dieser Art innerhalb des ausgeglichenen Arbeitsmarktes
könne aber nicht geschlossen werden. Zudem komme das erwähnte
Rechtsgutachten vom 22. Januar 2021 gestützt auf eine "separate BASS-
Studie" zum Schluss, dass das Lohnniveau von Personen mit gesundheit-
lichen Einschränkungen durchschnittlich um 12.5 % tiefer liege als die Ta-
bellenlöhne der LSE. Es sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass sie eine im Vergleich zum marktüblichen Lohn viel tie-
fere Entlöhnung erzielen würde (Beschwerde Ziff. 2, S. 5 ff.). Ferner sei da-
von auszugehen, dass sie bei Ausschöpfung der Restarbeitsfähigkeit in
einem noch höheren Ausmass bei der Haushaltstätigkeit eingeschränkt
sein werde, was von "ökonomischer Relevanz" sei. In Nachachtung des
Gleichheitsgebots gemäss Art. 8 BV seien "solche Interdependenzen"
auch bei der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs zu berück-
sichtigten (Beschwerde Ziff. 3, S. 7 f.).
5.2.
Mit dem Abzug vom Tabellenlohn nach BGE 126 V 75 soll der Tatsache
Rechnung getragen werden, dass persönliche und berufliche Merkmale,
wie Art und Ausmass der Behinderung, Lebensalter, Dienstjahre, Nationa-
lität oder Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf
die Lohnhöhe haben können und je nach Ausprägung die versicherte Per-
son deswegen die verbliebene Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgegli-
chenen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg
verwerten kann. Der Abzug soll aber nicht automatisch erfolgen. Er ist unter
Würdigung der Umstände im Einzelfall nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen und darf – entgegen der in der Beschwerdeschrift
geäusserten Auffassung (Beschwerde S. 9) – 25 % nicht übersteigen. Die
Rechtsprechung gewährt insbesondere dann einen Abzug auf dem Invali-
deneinkommen, wenn eine versicherte Person selbst im Rahmen körper-
lich leichter Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt
ist. Zu beachten ist jedoch, dass allfällige bereits in der Beurteilung der me-
dizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche Einschränkungen
nicht zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten Abzugs einfliessen
und so zu einer doppelten Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen
dürfen (BGE 148 V 174 E. 6.3 S. 182 und 146 V 16 E. 4.1 S. 19 f.; je mit
Hinweisen).
- 8 -
5.3.
5.3.1.
An der ständigen bundesgerichtlichen Rechtsprechung, wonach der für die
Ermittlung des Invalideneinkommens relevante ausgeglichene Arbeits-
markt auch Nischenarbeitsplätze umfasst, hat das Bundesgericht nach
Würdigung der diesbezüglichen Kritik ausdrücklich festgehalten
(vgl. BGE 148 V 174 E. 9.1 S. 188 f.), weshalb die Beschwerdeführerin aus
dem fraglichen Gutachten von GÄCHTER/EGLI/MEIER/FILIPPO in dieser Hin-
sicht nichts zu ihren Gunsten ableiten kann (vgl. Beschwerde S. 6). Sodann
rechtfertigen die Ergebnisse der "BASS-Studie" bzw. der darin erhobene
Minderverdienst gesundheitlich beeinträchtigter Personen von durch-
schnittlich 12.5 % keinen Abzug vom Tabellenlohn. Vielmehr ist aufgrund
der in der Person der Beschwerdeführerin liegenden Merkmale zu prüfen
ob und ‒ falls ja – in welchem Umfang eine Herabsetzung des Medianlohns
vorzunehmen ist (vgl. zum Ganzen BGE 148 V 174 E. 9 S. 188 ff.; vgl. zu-
dem Urteil des Bundesgerichts 8C_18/2022 vom 5. Mai 2022 E. 5.2).
5.3.2.
Soweit die Beschwerdeführerin zur Begründung des von ihr geforderten
Abzugs auf ihre gesundheitlichen Einschränkungen verweist, ist festzuhal-
ten, dass diesen bei der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung mit dem reduzierten
Arbeitspensum sowie im angegebenen Profil einer ihr noch zumutbaren
Tätigkeit hinreichend berücksichtigt wurden, weshalb sie nicht zusätzlich in
die Bemessung eines allfälligen leidensbedingten Abzugs einfliessen und
so zu einer doppelten Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen dür-
fen (E. 5.2.). Mit Blick auf das definierte Zumutbarkeitsprofil (vgl. E. 4.1.)
sind bezogen auf den erlernten Beruf als kaufmännische Angestellte grund-
sätzlich keine Umstände ersichtlich, welche auf dem vorliegend relevanten
ausgeglichenen Arbeitsmarkt als ausserordentlich zu bezeichnen wären,
sodass jedenfalls nicht von einem erheblich eingeschränkten Spektrum der
noch in Frage kommenden Anstellungen auszugehen ist. Eine allfällige
psychisch bedingt erforderliche verstärkte Rücksichtnahme seitens von
Vorgesetzten und Arbeitskollegen stellt ferner gemäss Rechtsprechung
des Bundesgerichts keinen eigenständigen abzugsfähigen Umstand dar
(Urteil des Bundesgerichts 8C_393/2020 vom 21. September 2020 E. 3.1
mit Hinweisen). Die Beschwerdeführerin bringt zudem vor, in einem "An-
stellungskampf" müsse sie gegenüber gesunden und jüngeren "Mitbewer-
berinnen" eine erhebliche Lohneinbusse in Kauf nehmen, sollte ein Arbeit-
geber ihr "noch eine Chance" gewähren. Ferner werde sie die "Lücken in
ihrem beruflichen Lebenslauf" rechtfertigen müssen (Beschwerde S. 8).
Die von der Beschwerdeführerin thematisierte lange Abwesenheit vom Ar-
beitsmarkt betrifft das Kriterium der Dienstjahre, dessen Bedeutung im pri-
vaten Sektor abnimmt, je niedriger das Anforderungsniveau ist (Urteil des
Bundesgerichts 8C_805/2016 vom 22. März 2017 E. 3.3). Zwar verfügt die
Beschwerdeführerin über einen Berufsabschluss, womit eine Lohnrelevanz
- 9 -
der längeren Abwesenheit vom Arbeitsmarkt nicht ohne Weiteres auszu-
schliessen ist. Wie es sich damit verhält, braucht – wie noch aufzuzeigen
sein wird – indes nicht abschliessend geprüft zu werden. Weiter kommt
dem Alter im Zusammenhang mit dem Leidensabzug nur beschränkte Be-
deutung zu. Der Umstand, dass die Stellensuche altersbedingt erschwert
sein mag, fällt als invaliditätsfremder Faktor ausser Betracht (Urteil des
Bundesgerichts 8C_558/2017 vom 1. Februar 2018 E. 5.3.2). Da sich das
Alter bei Frauen im Alterssegment von 50 bis 64/65 bei Stellen ohne Ka-
derfunktion eher lohnerhöhend auswirkt, ist auch unter diesem Gesichts-
punkt kein leidensbedingter Abzug zu tätigen (Urteil des Bundesgerichts
8C_327/2018 vom 31. August 2018 E. 4.4.2). Ob aufgrund einer nur noch
zumutbaren Teilzeitarbeit ein Abzug vom Tabellenlohn vorzunehmen ist,
muss stets mit Blick auf den konkreten Beschäftigungsgrad und die jeweils
aktuellen Werte beurteilt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts
8C_805/2016 vom 22. März 2017 E. 3.2). Im Falle der Beschwerdeführerin
hat der Beschäftigungsgrad von 80 % bzw. von 70 % statistisch gesehen
eine lohnsteigernde Wirkung (BfS, LSE 2018, Monatlicher Bruttolohn [Zen-
tralwert] nach Beschäftigungsgrad, beruflicher Stellung und Geschlecht,
privater und öffentlicher Sektor [T18], Frauen, ohne Kaderfunktion, Teilzeit:
zwischen 75 % und 89 % bzw. zwischen 50 % und 74 %). Soweit die Be-
schwerdeführerin einen Abzug vom Tabellenlohn fordert, weil die Aus-
schöpfung der Restarbeitsfähigkeit gemäss ihrer Einschätzung zu einer er-
höhten Beeinträchtigung bei der Haushaltstätigkeit führen werde, kann ihr
nicht gefolgt werden, da die Ermittlung des Invaliditätsgrades nach der all-
gemeinen Methode des Einkommensvergleichs und nicht der gemischten
Methode erfolgt (vgl. dazu BGE 134 V 9; Urteil des Bundesgerichts
9C_332/2019 vom 12. September 2019 E. 3.3) und im vorliegenden Zu-
sammenhang nur potenziell lohnrelevante Merkmale zu berücksichtigen
sind (vgl. E. 5.2.; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_115/2021 vom
10. August 2021 E. 4.3). Dass das hypothetisch erzielbare Invalidenein-
kommen infolge der postulierten Einschränkungen in der Haushaltsführung
tiefer ausfallen würde, ist nicht anzunehmen und wird von der Beschwer-
deführerin auch nicht geltend gemacht. Da Einschränkungen im Haushalts-
bereich bei allen im Gesundheitsfall hypothetisch zu 100 % erwerbstätigen
versicherten Personen keinen leidensbedingten Abzug vom Invalidenein-
kommen begründen, liegt auch kein Verstoss gegen das Gleichheitsgebot
gemäss Art. 8 BV (vgl. Beschwerde Ziff. 3.2, S. 8) vor. Andere einen lei-
densbedingten Abzug begründende Aspekte sind den Akten nicht zu ent-
nehmen.
5.3.3.
Insgesamt (vgl. zur gesamthaften Schätzung SVR 2017 IV Nr. 91 S. 284,
8C_320/2017 E. 3.3.1) sind lediglich die relativ umfangreichen Limitierun-
gen betreffend das Belastungsprofil einer angepassten Tätigkeit und die
lange Abwesenheit vom Arbeitsmarkt mit entsprechend reduzierter berufli-
cher Erfahrung im erlernten Beruf als mögliche lohnsenkende Faktoren in
- 10 -
Erwägung zu ziehen. Ob deswegen auf eine massgebliche Lohneinbusse
zu schliessen ist, welche einen Abzug vom Tabellenlohn zu begründen ver-
mag, kann offen gelassen werden: Angesichts der Arbeitsunfähigkeit von
20 % ab August 2016 bzw. 30 % seit August 2018 würde eine allfällige hy-
pothetische Einkommensminderung von 10 % aufgrund der genannten
Faktoren zu einem Invaliditätsgrad von 28 % (100 – 80  0.9) bzw. 37 %
führen (100  [70  0.9]). Damit resultierte unverändert ein unter dem für
einen Rentenanspruch erforderlichen Invaliditätsgrad von mindestens
40 % (Art. 28 Abs. 2 IVG) liegender Invaliditätsgrad, womit sich die Aufhe-
bung der Rente jedenfalls als rechtens erweist.
6.
6.1.
Bezüglich des Zeitpunkts der Herabsetzung der Rente macht die Be-
schwerdeführerin geltend, dass gemäss asim-Gutachten vom 11. Mai 2021
eine stufenweise Steigerung des Arbeitspensums auf das Zielpensum von
70 % innerhalb einer Zeitdauer von acht Monaten zu empfehlen sei. Dem-
gemäss sei der Zeitpunkt der Aufhebung der ganzen Invalidenrente gege-
benenfalls auf den 31. März 2019 festzulegen (Beschwerde Ziff. 6, S. 9).
6.2.
Der psychiatrische Gutachter führte in dieser Hinsicht aus, es sei davon
auszugehen, dass eine "ad hoc-Realisierung" der medizinisch-theoreti-
schen Arbeitsfähigkeit bei der beschriebenen Dekonditionierung nicht ge-
linge. Insofern werde "bei der genannten formellen („medizinisch-theoreti-
schen“) Arbeitsfähigkeit von 70%" ein stufenweiser Einstieg mit einem Pen-
sum von 30 % ab Begutachtungszeitpunkt über vier Monate, dann ein Pen-
sum von 50 % über weitere vier Monate und nach insgesamt acht Monaten
eine Steigerung auf das Zielpensum von 70 % empfohlen (VB 172 S. 86).
Ferner wurde in der Konsensbeurteilung festgehalten, dass nach der 15-
jährigen Arbeitsabstinenz ein stufenweiser Einstieg notwendig sein "dürfte"
und allenfalls "im Rahmen einer Berufsmassnahme" initiiert werden
"müsste". Grundsätzlich werde "jedoch aufgrund der aktuellen somatischen
und psychiatrischen Befunde eine 70%ige Arbeitsfähigkeit für möglich [ge-
halten]" (VB 172 S. 16).
Diese Empfehlungen der asim-Gutachter lassen nicht darauf schliessen,
dass die Einhaltung der vorgeschlagenen Vorgehensweise im Sinne eines
Vorbehalts bezüglich der attestierten Arbeitsfähigkeit zu verstehen wäre
(vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts 9C_755/2020 vom 8. März 2021
E. 5.2 mit Hinweisen), da der schrittweise Aufbau des Arbeitspensums we-
gen der Dekonditionierung der Beschwerdeführerin vorgeschlagen wurde.
Eine Dekonditionierung stellt indessen keinen invalidenversicherungsrecht-
lich relevanten Gesundheitsschaden dar (a.a.O. E. 5.1 mit Hinweisen;
vgl. zudem Urteil des Bundesgerichts 9C_848/2016 vom 12. Mai 2017
E. 4.2).
- 11 -
6.3.
Aufgrund des Gesagten und unter Berücksichtigung des Umstands, dass
schon zum Zeitpunkt der ersten rentenaufhebenden Verfügung vom
18. Juni 2018 (VB 130) kein rentenbegründender Invaliditätsgrad von min-
destens 40 % mehr vorgelegen hat, ist die rückwirkende Rentenaufhebung
per 31. Juli 2018 nicht zu beanstanden (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 9C_792/2018 vom 25. Januar 2019 E. 2.2 mit Hinweisen).
7.
7.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen.
7.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00 und sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
7.3.
Der Beschwerdeführerin steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch auf
Parteientschädigung zu. Dem unentgeltlichen Rechtsvertreter wird das an-
gemessene Honorar nach Eintritt der Rechtskraft des versicherungsge-
richtlichen Urteils aus der Obergerichtskasse zu vergüten sein (Art. 122
Abs. 1 lit. a ZPO i.V.m. § 34 Abs. 3 VRPG).
7.4.
Es wird ausdrücklich auf Art. 123 ZPO verwiesen, wonach eine Partei, der
die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung der vor-
gemerkten Gerichtskosten sowie der dem Rechtsvertreter ausgerichteten
Entschädigung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist.