Decision ID: c81130fd-3625-4e62-968b-82fca9854cb7
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
mehrfacher gewerbsmässiger Betrug etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 12. September 2012 (DG120026)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom 23. Januar
2012 ist diesem Urteil beigeheftet (HD Urk. 49).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 139 S. 397 ff.)
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
- des mehrfachen gewerbsmässigen Betrugs im Sinne von Art. 146
Abs. 1 und 2 StGB
- der ungetreuen Geschäftsbesorgung im Sinne von Art. 158 Ziff. 1
Abs. 1 und 3 StGB
2. Vom Vorwurf der Urkundenfälschung im Sinne von Art. 251 Ziff. 1 StGB wird
der Beschuldigte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 5 Jahren Freiheitsstrafe, teilweise als
Zusatzstrafe zum Strafbefehl des Bezirksamts Zofingen vom 19. Dezember
2005, wovon 206 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind.
4. Der bedingte Vollzug der mit Strafbefehl des Bezirksamtes Rheinfelden vom
22. November 2007 ausgefällten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu
Fr. 100.– wird widerrufen. Die Geldstrafe ist zu bezahlen.
5. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom
27. September 2008 beschlagnahmten Unterlagen
- grauer Bundesordner "Budget 2008"
- grünes Dokumentenmäppchen enthaltend diverse Unterlagen
betreffend Leasingverträge mit B._ [Bank]
- blaues Klarsichtmäppchen "C._" enthaltend diverse Rech-
nungen, Quittungen, Bankbelege und Versicherungspolicen
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- weisses Klarsichtmäppchen enthaltend diverse Rechnungen,
Bestätigungen, Visitenkarten und Handnotizen
- grüner Bundesordner "C._" enthaltend diverse Gesell-
schaftsunterlagen
werden als Beweismittel bei den Akten belassen.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Staat Fr. 35'000.– als Ersatz für
nicht mehr vorhandenen, widerrechtlich erlangten Vermögensvorteil zu
bezahlen.
7. Der Beschuldigte wird unter solidarischer Haftbarkeit mit den Mittätern ver-
pflichtet, der Privatklägerin D._ SA [Computerhersteller] Schadenersatz
im Betrage von Fr. 86'080.– zuzüglich 5 % Zins ab 16. Dezember 2005 zu
bezahlen.
8. a) Der Beschuldigte wird unter solidarischer Haftbarkeit mit den Mittätern
verpflichtet, der Privatklägerin E._ AG [Getränkehersteller] Schadener-
satz im Betrage von Fr. 205'853.10 zuzüglich 5 % Zins ab 17. Februar 2006
zu bezahlen.
b) Der Beschuldigte wird weiter verpflichtet, der Privatklägerin E._ AG
Schadenersatz von Fr. 218'787.05 zuzüglich 5 % Zins ab 6. Januar 2009 zu
bezahlen.
9. Der Beschuldigte wird unter solidarischer Haftbarkeit mit den Mittätern ver-
pflichtet, der Privatklägerin F._ SA [Getränkehersteller] Schadenersatz
im
Betrage von Fr. 92'744.35 zuzüglich 5 % Zins ab 2. April 2012 zu bezahlen.
10. Der Beschuldigte wird unter solidarischer Haftbarkeit mit den Mittätern
verpflichtet, der Privatklägerin G._ AG Schadenersatz von Fr. 107'755.–
zuzüglich 5 % Zins ab 12. Dezember 2005 zu bezahlen.
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11. a) Der Beschuldigte wird unter solidarischer Haftbarkeit mit den Mittätern
verpflichtet, der Privatklägerin H._ AG [Getränkehersteller] Schadener-
satz im Betrage von Fr. 56'923.30 zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das
Schadenersatzbegehren auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
b) Der Beschuldigte wird weiter verpflichtet, der Privatklägerin H._ AG
Schadenersatz von Fr. 95'117.45 zuzüglich
5 % Zins ab 21. Oktober 2008 zu bezahlen.
12. Der Beschuldigte wird unter solidarischer Haftbarkeit mit den Mittätern ver-
pflichtet, der Privatklägerin I._ AG [Getränkehersteller] Schadenersatz
von Fr. 80'373.55 zuzüglich 5 % Zins ab 29. Dezember 2005 zu bezahlen.
Im Mehrbetrag wird das Schadenersatzbegehren auf den Zivilweg verwie-
sen.
13. a) Der Beschuldigte wird unter solidarischer Haftbarkeit mit den Mittätern
verpflichtet, der Privatklägerin J._ AG Schadenersatz im Betrage von
Fr. 70'720.20 zuzüglich 5 % Zins ab 10. Januar 2006 zu bezahlen.
b) Das Genugtuungsbegehren wird abgewiesen.
14. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin K._ AG Schaden-
ersatz im Betrage von Fr. 110'561.– zuzüglich 5 % Zins ab 11. Juli 2008 zu
bezahlen.
15. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin L._ SA Schaden-
ersatz im Betrage von Fr. 78'190.30 zuzüglich 5 % Zins ab 27. Juni 2008 zu
bezahlen.
16. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin M._ AG Schaden-
ersatz im Betrage von Fr. 17'658.35 zuzüglich 5 % Zins ab 25. Juni 2008 zu
bezahlen.
17. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin N._ AG Schaden-
ersatz im Betrage von Fr. 11'807.10 zuzüglich 5 % Zins ab 21. Juli 2008 zu
bezahlen.
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18. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 15'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 10'000.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 1'020.– Kosten der Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 12'713.40 Auslagen Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung Untersuchung
19. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens einschliess-
lich der zeitweiligen amtlichen Verteidigung werden dem Beschuldigten auf-
erlegt.
20. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin E._ AG für das
gesamte Verfahren eine Prozessentschädigung im
Betrage von Fr. 17'928.– zu bezahlen.
21. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin F._ SA für das ge-
samte Verfahren eine Prozessentschädigung im Betrage von Fr. 4'635.80 zu
bezahlen.
22. (Mitteilungen)
23. (Rechtmittel)
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 191 S. 1)
1. Es sei Ziff. 1 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichtes Zürich,
2. Abteilung, vom 12. September 2012 (S. 397) aufzuheben und der
Beschuldigte freizusprechen.
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2. Es sei Ziff. 3 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichtes Zürich,
2. Abteilung, vom 12. September 2012 (S. 397) aufzuheben und der
Beschuldigte von Strafe freizusprechen.
Eventualiter: Der Beschuldigte sei milder zu bestrafen.
3. Es sei Ziff. 4 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichtes Zürich,
2. Abteilung, vom 12. September 2012 (S. 397) aufzuheben.
4. Es seien Ziff. 6 bis 17 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichtes
Zürich, 2. Abteilung, vom 12. September 2012 (S. 397) aufzuheben
und die Zivilforderungen der Geschädigten abzuweisen.
5. Es sei Ziff. 19 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichtes Zürich,
2. Abteilung, vom 12. September 2012 (S. 397) aufzuheben und die
Kosten auf die Staatskasse zu nehmen.
6. Es seien Ziff. 20 bis 21 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichtes
Zürich, 2. Abteilung, vom 12. September 2012 (S. 397) aufzuheben.
7. Dem Beschuldigten sei für die zu Unrecht angeordnete Haft eine
angemessene Entschädigung und Genugtuung zuzusprechen. Die
Untersuchungskosten und die Gerichtskosten seien auf die Staats-
kasse zu nehmen.
Prozessuale Anträge:
(Urk. 189 S. 1; Prot. II S. 13)
1. Es seien die Herren O._, P._, Q._, R._ und
S._ zu befragen. Ausserdem sei die sichergestellte CD daraufhin
wissenschaftlich zu untersuchen, welche Dateien zu welchem Zeit-
punkt produziert wurden.
2. Es seien die Herren T._, U._, V._, W._, Z._
und AA._ zu befragen.
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b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 192 S. 1)
1. Es sei das Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 2. Abteilung, vom
12. September 2012 zu bestätigen
2. mit Ausnahme des Widerrufs des bedingten Vollzugs der Vorstrafe aus
dem Jahr 2007
3. unter entsprechender Kostenfolge.
Prozessuale Anträge:
(Urk. 190 S. 1)
1. Die Beweisanträge der Verteidigung seien abzuweisen.
2. Wird dem Antrag der Verteidigung auf Befragung von T._ stattge-
geben, sei auch AB._ zu befragen.

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte, Umfang der Berufung und Prozessuales
1. Mit vorinstanzlichem Urteil vom 12. September 2012 wurde der Beschuldigte
des mehrfachen gewerbsmässigen Betrugs im Sinne von Art. 146 Abs. 1 und 2
StGB sowie der ungetreuen Geschäftsbesorgung im Sinne von Art. 158 Ziff. 1
Abs. 1 und 3 StGB schuldig gesprochen (Dispositivziffer 1); freigesprochen wurde
er demgegenüber vom Vorwurf der Urkundenfälschung im Sinne von Art. 251
Ziff. 1 StGB (Dispositivziffer 2). Die Vorinstanz fällte eine Freiheitsstrafe von
5 Jahren aus, teilweise als Zusatzstrafe zum Strafbefehl des Bezirksamts
Zofingen vom 19. Dezember 2005, wovon 206 Tage durch Untersuchungshaft
erstanden waren (Dispositivziffer 3). Weiter wurde der bedingte Vollzug der mit
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Strafbefehl des Bezirksamtes Rheinfelden vom 22. November 2007 ausgefällten
Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 100.– widerrufen und die Bezahlung der
Geldstrafe angeordnet (Dispositivziffer 4).
Ferner wurde angeordnet, dass von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmte
Unterlagen als Beweismittel bei den Akten belassen werden (Dispositivziffer 5),
und der Beschuldigte wurde verpflichtet, dem Staat Fr. 35'000.– als Ersatz für
nicht mehr vorhandenen, widerrechtlich erlangen Vermögensvorteil zu bezahlen
(Dispositivziffer 6). Ebenfalls wurde er – teils allein, teils solidarisch mit seinen
Mittätern – zur Leistung von Schadenersatz an die elf Privatklägerinnen verpflich-
tet (im Einzelnen: Dispositivziffern 7-17, wobei bei den Dispositivziffern 8b, 11b,
14, 15, 16 und 17 keine solidarische Haftung besteht).
2. Gegen dieses Urteil, welches den Parteien am 12. September 2012
mündlich eröffnet wurde (Prot. I S. 36 unten), meldete die Verteidigung am
14. September 2012 fristgerecht Berufung an (Urk. 130). Das begründete Urteil
wurde der Verteidigung am 6. Dezember 2012 zugestellt (Urk. 137/2). Die Beru-
fungserklärung erfolgte innert der zwanzigtägigen Frist von Art. 399 Abs. 3 StPO
am 21. Dezember 2012 (Urk. 142). Gleichzeitig reichte die Verteidigung neue
Urkunden ein und stellte mehrere Beweisanträge (dazu im Einzelnen unten
Ziff. II.).
Am 6. Februar 2013 verzichtete die Staatsanwaltschaft auf Anschlussberufung
und beantragte die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 153).
3. Am 9. Januar 2014 wurde auf den 27. und 28. März 2014 zur Berufungs-
verhandlung vorgeladen (Urk. 178).
4. Gemäss Berufungserklärung (Urk. 142) richtet sich die Berufung des
Beschuldigten gegen sämtliche Dispositivziffern mit Ausnahme von Ziffer 2 (Frei-
spruch), Ziffer 5 (Beschlagnahme) sowie Ziffer 18 (Gerichtsgebühr). Anlässlich
der Berufungsverhandlung erklärte die Verteidigung, Dispositivziffer 13b (Abwei-
sung des Genugtuungsbegehrens der Privatklägerin J._ AG) sei ebenfalls
nicht angefochten (Prot. II S. 12). In diesen Punkten ist das vorinstanzliche Urteil
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in Rechtskraft erwachsen (Art. 404 Abs. 1 StPO; vgl. Prot. II S. 10 ff.), was vorab
festzustellen ist.
II. Beweisanträge und neue Urkunden im Berufungsverfahren
Wie erwähnt, stellte die Verteidigung in der Berufungserklärung vom 21. Dezem-
ber 2012 mehrere Beweisanträge: Sie beantragte die Einvernahme von O._,
S._ sowie P._ (alle zu Anklageziffer A) sowie von T._, V._,
U._ sowie W._ (zu Anklageziffer C und D); zudem reichte sie neue Ur-
kunden ein (Urk. 147 S. 15 bzw. Urk. 143/1-8). Am 8. Januar 2013 reichte die
Verteidigung eine weitere Eingabe betreffend die gestellten Beweisanträge (Urk.
145) sowie weitere Urkunden (Urk. 146/1.5) ein. Mit Eingabe vom 29. Januar
2013 nahm die Staatsanwaltschaft zu den Beweisanträgen der Verteidigung Stel-
lung (Urk. 149). Am 14. März 2013 nahm die Verteidigung erneut Stellung und
beantragte die Einvernahme weiterer Personen (Urk. 157), nämlich von Q._,
R._, Z._ sowie von AA._. Hierzu nahm die Staatsanwaltschaft am
2. April 2013 Stellung (Urk. 162), worauf sich die Verteidigung (unaufgefordert)
am 18. April 2013 erneut vernehmen liess (Urk. 164).
Mit Präsidialverfügung vom 3. Mai 2013 wurden die vorgenannten Beweisanträge
einstweilen abgewiesen unter Hinweis darauf, dass abgewiesene Beweisanträge
im Rahmen der Berufungsverhandlung erneut gestellt werden können (Urk. 166).
Mit Brief vom 29. April 2013 (Posteingang 16. Mai 2013) anerbot sich O._
gegenüber dem Obergericht im vorliegenden Verfahren als Zeuge (Urk. 168/1-4).
Am 2. Juli 2013 wandte sich O._ – diesmal anwaltlich vertreten – an das
Obergericht und beantragte erneut seine Einvernahme als Zeuge (Urk. 172), wo-
rauf seinem Vertreter u.a. eine Kopie der vorerwähnten
Präsidialverfügung vom 3. Mai 2013 zugestellt wurde (Urk. 175). Am 11. Februar
2014 beantragte die Verteidigung erneut die Einvernahme von O._ (Urk.
180) und reichte neue Urkunden ein (Urk. 182/1-4). Mit Präsidialverfügung vom
17. Februar 2014 wurde dieser Antrag erneut und unter Hinweis auf die
Präsidialverfügung vom 3. Mai 2014 einstweilen abgewiesen (Urk. 183).
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Anlässlich der Berufungsverhandlung stellte die Verteidigung erneut den Antrag,
es seien O._, P._, Q._, R._ und S._ sowie T._,
U._, V._, W._, Z._ und AA._ zu befragen. Weiter wurde
beantragt, die
sichergestellte CD daraufhin wissenschaftlich zu untersuchen, welche Dateien zu
welchem Zeitpunkt produziert wurden (Urk. 189 S. 1; Prot. II S. 13). Darauf wird
an gegebener Stelle zurückzukommen sein.
III. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
A. Anklagevorwurf gemäss Anklageziffer A (HD Urk. 49 S. 2 - 7)
1. Ausgangslage
AC1._, AD._, und AE._ – die Mittäter des Beschuldigten gemäss
der vorliegenden Anklage – gestanden ihre Tatbeiträge ein und wurden dafür be-
reits im Jahr 2009 bzw. 2010 rechtskräftig verurteilt (Urk. 38/1-3). Die von ihnen
(in der gesamthaft geführten Untersuchung) eingestandenen Tatbeiträge sowie
die Schilderung der näheren Umstände decken sich – von geringfügigen Differen-
zen abgesehen – mit der Darstellung gemäss Ziffer A der vorliegenden Anklage.
Nebst dem Eingeständnis ihrer eigenen Tatbeiträge bezichtigten sie den Beschul-
digten der Mittäterschaft.
Der Beschuldigte macht demgegenüber im Wesentlichen geltend, er habe damit
nichts zu tun: Zwar habe er – als Geschäftsführer der C._ –
Waren bei der AF._ AG bezogen (Getränke und Laptops), er habe
dafür aber jeweils bar bezahlt (zuletzt: HD Urk. 2/14 S. 3 oben sowie S. 21 oben;
Urk. 119 S. 15 ff.; Urk. 188 S. 19 ff.).
Die Umstände der Belastung des Beschuldigten durch AC1._, AD._ und
AE._ weisen folgende Besonderheit auf: Zu Beginn der Strafuntersuchung
zeigten sich AD._ und AE._ – bezogen auf ihre eigenen Tatbeiträge –
weitgehend geständig und sie beschuldigten den auf der Flucht befindlichen
AC1._ der Mittäterschaft; sie machten indes keine Aussagen, welche auf ei-
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ne Mittäterschaft des Beschuldigten hingedeutet hätten (AD._: HD Urk. 4/1-
3; AE._: HD Urk. 5/1-5). Zur Belastung des Beschuldigten kam es erst, als
AC1._ am 9. Januar 2008 in der Schweiz verhaftet werden konnte (HD Urk.
6/1 S. 1; vgl. auch Urk. 128) und
– nach anfänglicher mehrheitlicher Aussageverweigerung – als Erster auf die
massgebliche Mitwirkung des Beschuldigten hinwies (ab Einvernahme vom
6. März 2008, HD Urk. 6/3 Ziff. 99 S. 14 oben). In den daraufhin durchgeführten
erneuten Einvernahmen mit AD._ (HD Urk. 4/4-5) und AE._ (HD Urk.
5/6-7) sowie in einer Konfrontationseinvernahme aller vier Personen (HD Urk. 2/5)
bezichtigten auch AD._ und AE._ den Beschuldigten der Mittäterschaft,
was von diesem jedoch, wie bereits erwähnt, bestritten wird.
2. Methodisches Vorgehen
Die Vorinstanz hat in ihrem Urteil korrekt dargelegt, welche Beweise prozessual
verwertbar sind und welche nicht. Sie hat zudem die massgeblichen Aussagen
des Beschuldigten, der Mitangeschuldigten und weiterer Personen ausgiebigst –
und vor allem zutreffend – wiedergegeben. Ferner hat die Vorinstanz eine sorg-
fältige und zutreffende Beweiswürdigung vorgenommen. Die Rüge des Beschul-
digten, das vorinstanzliche Urteil sei in vielen Teilen falsch und aktenwidrig,
erweist sich deshalb als unbegründet. Es trifft sodann zu, dass es nicht Sache der
beschuldigten Person ist, ihre Unschuld zu beweisen, sondern dass die Straf-
behörden verpflichtet sind, den Nachweis der Schuld zu führen. Soweit die
Verteidigung der Vorinstanz vorwirft, es handle sich bei ihren Feststellungen um
blosse Spekulationen und unbewiesene Mutmassungen (vgl. Urk. 191 S. 2), um
dem dann bloss eigene Hypothesen entgegen zu stellen, kann ihr jedoch nicht
gefolgt werden.
Vorliegend kann daher vorweg auf das Urteil der Vorinstanz verwiesen werden.
Ferner ist darauf hinzuweisen, dass die Vorinstanz im Rahmen der Beweis-
würdigung auch auf die Beweisanträge des Beschuldigten eingegangen ist und
sie diese mit zutreffender Begründung (auf die ebenfalls verwiesen werden kann),
abgewiesen hat.
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Nachdem der Beschuldigte zahlreiche Beweisanträge gestellt hat, ist – ergänzend
und in wenigen Punkten korrigierend – zum Urteil der Vorinstanz das Folgende
auszuführen.
Bei der vorliegenden Ausgangslage hat die Wahrheitserforschung primär über
zwei Schienen zu erfolgen:
Zunächst sind die Belastungen des Beschuldigten durch AC1._, AD._
und
AE._ einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Die Hypothese lautet jeweils:
Konnten AC1._, AD._ bzw. AE._ ihre unter den gegebenen Befra-
gungsumständen und unter Berücksichtigung der im konkreten Fall möglichen
Einflüsse von Dritten (inklusive von Mittätern) diese spezifische Aussagen ma-
chen, ohne dass sie auf einem realen Erlebnishintergrund basierten?
Sodann sind die Erklärungen des Beschuldigten einer kritischen Überprüfung zu
unterziehen. Analog lautet hier die Hypothese: Konnte der Beschuldigte unter den
gegebenen Befragungsumständen und unter Berücksichtigung der im konkreten
Fall möglichen Einflüssen von Dritten diese spezifische Aussagen machen, ohne
dass sie auf einem realen Erlebnishintergrund basierten?
Die Aussagen sind jeweils isoliert, in Verbindung mit den übrigen Aussagen der
gleichen Person, in Verbindung mit den Aussagen anderer Personen sowie in
Verbindung mit den übrigen Beweismitteln (Urkunden) zu würdigen. Ein besonde-
res Augenmerk ist auf die jeweiligen Erstaussagen zu richten.
Von Interesse ist weiter die Frage, warum AD._ und AE._ den Beschul-
digten bis zu AC1._s Verhaftung und Einvernahme nicht belasteten. Zu prü-
fen ist insbesondere auch die Existenz eines allfälligen Motivs, aufgrund dessen
AC1._, AD._ und AE._ den Beschuldigten zu Unrecht belasten ha-
ben könnten.
Mit Blick auf die Urkunden gilt es primär die von den Geschädigten edierten Akten
mit den Akten zu vergleichen, die aus dem Umfeld der Täter stammen.
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Zu prüfen gilt es auch, ob den im Berufungsverfahren gestellten Beweisanträgen
stattzugeben ist.
Es ist an dieser Stelle schliesslich darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss. Vielmehr wird dem
Gericht zugestanden, sich auf die seiner Auffassung nach wesentlichen und
massgeblichen Vorbringen der Parteien zu beschränken (vgl. dazu Urteil des
Bundesgerichts 1P.378/2002 vom 9. September 2002, E. 5.1; 6B_600/2012 vom
26.2.2013, E. 3.2; BGE 136 I 229, E. 5.2; BGE 133 I 277, E. 3.1; BGE 129 I 232,
E. 3.2; BGE 126 I 97, E. 2b mit Hinweisen). Folgerichtig wird sich auch die
Berufungsinstanz nur mit denjenigen Einwänden des Beschuldigten auseinander-
setzen, welche die relevanten Anklagesachverhalte betreffen und für die rechtli-
che Beurteilung wesentlich sind.
3. Die erstmalige Belastung des Beschuldigten durch AC1._ und ihr Kon-
text
Die Einvernahmen von AD._ und AE._ unmittelbar nach der Tat bis zur
Verhaftung von AC1._ zeichnen sich dadurch aus, dass beide ihre Tatbetei-
ligung eingestehen und den flüchtigen AC1._ als Haupttäter bezeichnen
(AD._: u.a. HD Urk. 4/2 S. 11 Ziff. 48 und S. 13 Ziff. 55; AE._: u.a. HD
Urk. 5/5 S. 35
Ziff. 120), den Beschuldigten jedoch nicht erwähnen und diesen somit auch nicht
der Mittäterschaft bezichtigen. Allerdings findet sich in diesen Einvernahmen
immerhin der Name der C._, deren Geschäftsführer der Beschuldigte war:
AE._ erwähnte die C._ als eine von drei Abnehmern der AF._ (HD
Urk. 5/4 S. 14 f. Ziff. 75). Auch AD._ erwähnte die C._ mehrfach als Ab-
nehmerin, wobei ihm offenbar keine anderen Abnehmer bekannt sind (HD Urk.
4/3 S. 11 f. Ziff. 36, S. 15 Ziff. 49, S. 19 Ziff. 61). Zudem fand sich die C._ auf
einer Rechnung der Transportfirma AH._, welche AD._ anlässlich seiner
Strafanzeige zu den Akten gereicht hatte (HD Urk. 4/1 S. 7 oben).
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Nach seiner Verhaftung in der Schweiz zeigte sich AC1._ nach anfänglich
mehrheitlicher Aussageverweigerung geständig, und zwar sowohl mit Bezug auf
die AF._ als auch mit Bezug auf andere ähnlich gelagerte Betrügereien. Be-
reits in der ersten Einvernahme, als er die Aussage noch mehrheitlich verweiger-
te, wurde er mit dem Vorwurf konfrontiert, im Zusammenhang mit Betrügereien
von Mittätern massiv belastet worden zu sein. Daraufhin antwortete AC1._
(HD Urk. 6/1 S. 4 Ziff. 18): „Jeder hat die Schuld auf mich geschoben, weil sie
dachten, ich sei in der Türkei.“ In der zweiten Einvernahme gibt AC1._ zu,
AD._, AE._ und die AF._ zu kennen (HD Urk. 6/2 S. 2 unten) und
kündigt zum Schluss Folgendes an (HD Urk. 6/2 S. 5 unten): „Es ist nicht so, dass
ich keine Aussagen machen
möchte. Es ist so, dass hinter diesen Betrügereien wichtige andere Personen
stehen. Bevor ich hier aber Aussagen mache, möchte ich mich durch einen Straf-
verteidiger rückversichern. Zum Teil sind das Leute, von denen man Angst haben
muss, mehr als vor einer Freiheitsstrafe.“ In der folgenden Einvernahme gesteht
AC1._, bei der AF._ mitgemacht und Fr. 40'000.– kassiert zu haben
(HD Urk. 6/3 S. 13 Ziff. 86). Auf die offene Frage hin, was er dazu sage, dass mit
der AF._ Betrügereien im Umfang von ca. Fr. 780'000.– begangen worden
seien, antwortete AC1._, er sei erst zur AF._ gestossen, als die Planung
schon gemacht gewesen sei; geplant hätten AD._ und der Beschuldigte; es
seien auch noch zwei Italiener dabei gewesen (HD Urk. 6/3 S. 14 Ziff. 80). An
dieser Stelle fällt der
Name des Beschuldigten in den Einvernahmen zum ersten Mal. Weiter fällt
folgendes Detail auf: AD._ und AE._ erwähnten in den Einvernahmen
vor AC1._s Verhaftung keine Italiener als Mittäter, in der Folge aber, nach-
dem AC1._ einen italienischen Mittäter namens AI._(Familienname un-
bekannt) genannt hatte, räumten auch sie dessen Beteiligung ein (AD._: HD
Urk. 4/4 S. 4 f. Ziff. 24; AE._: HD Urk. 6/5 S. 16 Ziff. 75; Urk. 117 S. 4 Ziff. 7).
Dass AD._ und
AE._ nicht nur den Beschuldigten, sondern auch AI._ in den Einver-
nahmen vor AC1._s Verhaftung nicht erwähnten, deutet somit darauf hin,
dass sie zwar in eigener Sache geständig waren, anfänglich aber keine weiteren
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Täter benannten, deren Beteiligung nicht geradezu auf der Hand lag, wie dies bei
AC1._ der Fall war: Entsprechend der Darstellung in der Anklage (HD Urk.
49 S. 5 Ziff. 6) sagten AC1._, AD._ und AE._ später nämlich über-
einstimmend aus, es sei ihr Plan gewesen, dass AD._ nach seiner Rückkehr
aus den Ferien zur Polizei gehen soll, um eine Strafanzeige gegen AC1._
(alias AC2._) einzureichen, da dieser zwischenzeitlich eigenmächtig Waren
bestellt habe etc. (HD Urk. 2/5 S. 18 oben). Zu einer solchen Strafanzeige kam es
dann ja auch nachweislich (HD Urk. 4/1). Demzufolge kam AC1._ bereits
gemäss Tatplanung eine Art Sündenbock-Rolle zu, auch wenn AD._ und
AE._ in der Folge letztlich nicht umhin kamen, auch ihre eigenen Tatbeiträge
einzugestehen, während sich AC1._ ins Ausland abgesetzt hatte. Dieser
Sündenbock-Rolle war sich AC1._ folglich von Beginn weg bewusst. Zusätz-
liche Einzelheiten erfuhr er in der Folge von AE._ (HD
Urk. 6/6 S. 5 Ziff. 13), und zwar noch vor seiner Verhaftung. AE._ gab näm-
lich (bei seiner erneuten Befragung nach der erstmaligen Belastung des Beschul-
digten durch AC1._) zu, AC1._ telefonisch bzw. via Internet-Chat mitge-
teilt zu haben, was er in den Einvernahmen vor AC1._s Verhaftung konkret
ausgesagt hatte (HD Urk. 5/6 S. 21 Ziff. 93; vgl. auch HD Urk. 6/7 S. 9 Ziff. 28); in
diesen Aussagen wird AC1._ als Haupttäter bezeichnet, während vom Be-
schuldigten nicht die Rede ist (u.a. HD Urk. 5/4 S. 9 Ziff. 40 sowie S. 16 Ziff. 83).
AC1._ führt weiter aus,
AE._ habe ihm im Zusammenhang mit der vorerwähnten detaillierten Mit-
teilung seiner Aussagen eingestanden, er (AE._) habe AC1._ zu seinem
eigenen Schutz und weil sich AC1._ im Ausland befunden habe, belasten
müssen (HD Urk. 6/6 Ziff. 13). Dieses Detail wird von AE._ zwar bestritten
(HD Urk. 5/6 S. 21 Ziff. 93 a.E.), seine Bestreitung erscheint indes mit Blick auf
das vorstehend gesagte Unstreitige nicht sonderlich glaubhaft.
Nachdem AC1._ nach seiner Verhaftung zunächst zu anderen von ihm be-
gangenen Betrügereien befragt worden war, und sich auch dort selbst belastet
hatte, kam am 19. Februar 2008 (HD Urk. 6/6) erstmals die AF._-Betrügerei
ausführlich zur Sprache. AC1._ wurde dabei eingangs im Sinne einer offe-
nen Frage aufgefordert, die ganze Geschichte der AF._ chronologisch ab
- 16 -
Beginn zu schildern (HD Urk. 6/6 S. 1 ff. Ziff. 3 ff.). AC1._s Schilderung so-
wie auch seine Antworten auf die nachfolgenden Fragen und Vorhalte decken
sich zwar stellenweise mit den früheren Schilderungen von AE._ und
AD._, sie enthalten jedoch erstmalig
detaillierte Angaben über die angebliche Rolle des Beschuldigten. Entsprechen-
des gilt auch für die nachfolgende Einvernahme vom 26. Februar 2008 zum
gleichen Thema (HD Urk. 6/7).
Vor diesem Hintergrund stellt sich wiederum folgende hypothetische Frage: Ist es
denkbar, dass AC1._ unter den gegebenen Befragungsumständen und unter
Berücksichtigung der im konkreten Fall möglichen Einflüssen Dritter diese spezifi-
sche Aussagen machte, ohne dass sie auf einem realen Erlebnishintergrund
basierten?
AC1._ beschreibt die Rolle des Beschuldigten sowie dessen Interaktion mit
den übrigen Tätern nicht einfach pauschal, sondern detailliert über den ganzen
verhältnismässig komplexen Deliktverlauf hinweg. Seine Schilderung fügt sich
– mutatis mutandis – in logisch-stimmiger und nachvollziehbarer Weise in die bis-
herigen Schilderungen von AD._ und AE._ ein. Es sind – isoliert be-
trachtet – keine aussageanalytischen Auffälligkeiten (wie etwa logische Inkonsis-
tenzen, Strukturbrüche, fehlende Anschaulichkeit oder Detailarmut) erkennbar,
die auf
einen fehlenden Erlebnishintergrund hindeuten würden. Im Gegenteil weisen
AC1._s Schilderungen Merkmale auf, die speziell auf einen realen Erleb-
nishintergrund hindeuten: So schildert er beispielsweise eine Komplikation bei der
Tatausführung, in welche der Beschuldigte involviert war: Dieser habe sich näm-
lich
geweigert, AC1._, AD._ und AE._ den Erlös aus den Warenweiter-
verkäufen abzuliefern, worauf diese entschieden hätten, die Waren selbst ander-
weitig
weiterzuverkaufen und den daraus resultierenden Erlös von Fr. 100'000.– unter
sich aufzuteilen (HD Urk. 6/6 S. 2 Ziff. 5 Abs. 2; vgl. auch Anklage: HD Urk. 49
S. 6 f. Ziff. 9 ). Speziell an dieser Darstellung ist weiter, dass der Beschuldigte
- 17 -
– obschon ansonsten massiv belastet – durch diesen Vorfall teilweise wieder ent-
lastet wird, da er – als Folge dieser Komplikation – an den späteren Weiter-
verkäufen nicht mehr direkt beteiligt war. Die durchwegs anschaulichen Schilde-
rungen AC1._s enthalten zudem auch ungewöhnliche Details, die ebenfalls
einen indirekten Bezug zum Beschuldigten aufweisen: Im Zusammenhang mit der
Aussage, wonach der Beschuldigte der Geldgeber gewesen sei, erwähnt
AC1._, dass AD._ so grosse Geldschwierigkeiten gehabt habe, dass
ihm in seiner
Wohnung der Strom abgestellt worden sei (HD Urk. 6/6 S. 6 Ziff. 19).
Zwar besteht das latente Risiko, dass AC1._ in seinen belastenden Aussa-
gen
dazu tendierte, seinen Tatbeitrag etwas stärker zu bagatellisieren, als dies der
Realität entsprach, um andererseits den Tatbeitrag des Beschuldigten zu
dramatisieren (vgl. etwa HD Urk. 6/6 S. 4 Ziff. 10); die detaillierte Art und Weise,
wie AC1._ die Beteiligung des Beschuldigten schildert, deutet jedoch stark
darauf hin, dass seine Aussagen im Wesentlichen erlebnisbasiert sind. Im Lichte
der
Beschaffenheit dieser Aussagen erscheint es als wenig wahrscheinlich, dass
AC1._, einzig und allein um seinen eigenen Tatbeitrag zu relativieren, einen
völlig unschuldigen Abnehmer der AF._ – und als solchen bezeichnet sich
der Beschuldigte – zu Unrecht einer federführenden Mittäterschaft bezichtigte.
Da sich AC1._ während seinen sämtlichen Einvernahmen in Untersuchungs-
haft befand, war es ihm auch nicht möglich, sich mit AD._ bzw. AE._ im
Hinblick auf eine zukünftige Belastung des Beschuldigten abzusprechen. Da
AC1._ überdies zufällig verhaftet wurde und sich mehrheitlich im Ausland
aufhielt, erscheint es auch als wenig wahrscheinlich, dass sich AC1._ – im
Zeitraum zwischen den Einvernahmen von AD._ bzw. AE._ und seiner
Verhaftung – mit AD._ bzw. AE._ im Hinblick auf eine allfällige künftige
Belastung des Beschuldigten
abgesprochen hat.
- 18 -
Als Grund dafür, weshalb AD._ und AE._ die Beteiligung des Beschul-
digten anfänglich verschwiegen hätten, nennt AC1._ deren Angst vor dem
Beschuldigten und macht geltend, diese hätten vom Beschuldigten zudem Geld
erhalten (HD Urk. 6/6 Ziff. 7 und 8). Die Problematik des Grundes für das anfäng-
liche
Verschweigen der Rolle des Beschuldigten wird weiter unten noch näher zu
erörtern sein.
Als AC1._ den Beschuldigten erstmalig belastete, liess er über seinen Anwalt
eine CD zu den Akten einreichen, auf der sich angeblich kopierte Daten von ei-
nem AF._-Computer befanden, insbesondere Excel-Tabellen, aus denen an-
geblich die Warenbezüge des Beschuldigten sowie die von den Tätern investier-
ten Beträge ersichtlich seien (dazu eingehend separat unten, ZIff. III./A./6.).
4. Die erneuten Einvernahmen von AD._ und AE._ nach der erstma-
ligen Belastung des Beschuldigten durch AC1._
4.1. Ausgangslage
Nachdem AC1._, wie vorstehend dargelegt, den Beschuldigten erstmals und
detailliert belastet hatte (primär in den Einvernahmen HD Urk. 6/6 sowie 6/7),
wurden AD._ und AE._ erneut einvernommen. AD._ und AE._
befanden sich zu diesem Zeitpunkt schon seit Längerem wieder in Freiheit (wobei
gegen sie noch keine Anklage erhoben worden war); demgegenüber befand sich
AC1._ bei seinen sämtlichen Einvernahmen in Untersuchungshaft. Demnach
war es nicht möglich, dass AD._ bzw. AE._ – vor ihrer erneuten Einver-
nahme – von AC1._ erfuhren, was dieser konkret ausgesagt hatte; ebenso
wenig möglich war eine Absprache zwischen AC1._ einerseits und AD._
und AE._ andererseits.
Wenig wahrscheinlich erscheint ferner auch, dass sich die drei – noch vor
AC1._s Verhaftung, aber nach ihrer ersten Einvernahme – lediglich für den
Fall einer allfälligen und in der Zukunft liegenden Verhaftung AC1._s abge-
sprochen haben.
- 19 -
Die erneuten Einvernahmen von AD._ und AE._ gilt es – vor dem Hin-
tergrund ihrer früheren Aussagen – insbesondere daraufhin zu untersuchen, ob
sie auf
einem erlebnisbasierten Hintergrund beruhen.
4.2. Die erneute Einvernahme von AE._
Als Erster wurde AE._ erneut einvernommen, und zwar am 3. Juni 2008 (HD
Urk. 5/6), also ziemlich genau zwei Jahre nach seiner letzten Befragung (HD
Urk. 5/5).
AE._ wurde nicht gefragt, wann er zuletzt Kontakt mit AD._ gehabt ha-
be;
AD._ wurde diese Frage dann aber gestellt, und er gab an, mit AE._ zu-
letzt im Winter/Frühling 2007 Kontakt gehabt und auch über die Untersuchung
gesprochen zu haben (HD Urk. 4/4 S. 1 Ziff. 5). An dieser Aussage zu zweifeln,
besteht kein Anlass.
AE._ hat bereits im Vorfeld seiner Befragung von der Verhaftung
AC1._s
erfahren (vgl. HD Urk. 5/6 S. 1 Ziff. 4). Eingangs der Befragung wird AE._
darauf hingewiesen, dass seine erneute Befragung dazu diene, Widersprüche zu
klären, die zwischen AE._s früheren Aussagen und den Aussagen von
AC1._ bestehen würden (HD Urk. 5/6 S. 1 Ziff. 4). Auf die Frage, ob es sein
könne, dass er seine Aussagen nun korrigieren müsse, weil die Verhaftung von
AC1._ erfolgt sei, stellt AE._ in Aussicht (HD Urk. 5/6 S. 2 Ziff. 6; vgl.
auch HD Urk. 5/6
S. 17 Ziff. 76): „Wenn nicht übereinstimmende Aussagen vorhanden sind, bin ich
bereit zu korrigieren.“
Auf die Frage, ob nebst AD._ und AC1._ noch jemand an der AF._
beteiligt
gewesen sei, nennt AE._ zunächst einzig AJ._, dem allerdings lediglich
eine untergeordnete Rolle zukam. Erst auf die explizite Frage, ob auch der Be-
- 20 -
schuldigte dabei gewesen sei, antwortet er positiv (HD Urk. 5/6 S. 14 f. Ziff. 66-
68). Dieses zögerliche Aussageverhalten deutet nicht daraufhin, dass AE._ –
beispielsweise aufgrund einer Absprache – den Beschuldigten falsch anschuldi-
gen wollte, denn in derartigen Fälle erfolgt die Anschuldigung typischerweise nicht
derart zögerlich, sondern unumwunden.
Während bei AC1._ – isoliert betrachtet – ein latentes Risiko besteht, dass er
den Beschuldigten falsch oder übermässig belastet, nur um sich selber teilweise
zu entlasten, besteht bei AE._ von vornherein keine solche Falschaussage-
Motivlage, denn AE._ führte innerhalb der AF._ nur untergeordnete Tä-
tigkeiten aus.
Zu prüfen ist nachfolgend, ob einzelne Aussagen, die AE._ anlässlich seiner
erneuten Einvernahme gemacht hat, den Schluss erlauben, dass sie tatsächlich
erlebnisbasiert sind.
Ohne dass dies in der (erneuten) Einvernahme vorher schon einmal thematisiert
worden wäre, wurde AE._ offen und neutral gefragt, was der Beschuldigte für
eine Rolle gespielt habe. Daraufhin antwortete er, sie hätten zu Beginn kein Geld
gehabt und der Beschuldigte habe die Firma finanziert. Man habe für ihn Waren
bestellt, worauf die gesamte Lieferung von ihm abgenommen worden sei (HD
Urk. 5/6 S. 15 Ziff. 70). AE._ schreibt dem Beschuldigten im Wesentlichen
genau diejenigen Rollen zu, die ihm auch AC1._ zugeschrieben hatte (Fi-
nanzierung: HD Urk. 6/6 S. 8 Ziff. 25 a.E.; Warenabnahme: HD Urk. 6/6 S. 2 Ziff.
4;
Anordnung von Bestellungen: HD Urk. 6/6 S. 3 Ziff. a.A.). Da AE._ von
AC1._s Belastungen, wie dargelegt, keine Kenntnis haben konnte und eine
im Voraus zwischen AE._ und AC1._ abgesprochene falsche Anschul-
digung des Beschuldigten einzig für den Fall einer allfälligen Verhaftung von
AC1._, wie
erwähnt, wenig wahrscheinlich erscheint, deutet diese inhaltliche Übereinstim-
mung auf den erlebnisbasierten Charakter von AE._s neuer Aussage hin.
Gleichzeitig spricht dies auch für den erlebnisbasierten Charakter von
AC1._s Aussage.
- 21 -
Auf die Frage, warum er den Beschuldigten in den früheren Einvernahmen nicht
erwähnt habe, antwortet AE._ zunächst, er habe die C._ bzw. den
Beschuldigten erwähnt (HD Urk. 5/6 S. 15 Ziff. 69 und 71). Erwähnt hatte er
jedoch einzig die C._ und zwar als Abnehmerin, nicht jedoch den Namen des
Beschuldigten sowie dessen Rolle (HD Urk. 5/4 S 15 Ziff. 75). Auf erneutes Nach-
fragen, warum er die Rolle des Beschuldigten verschwiegen habe, führt AE._
aus (HD Urk. 5/6 S. 15 Ziff. 72): „Wir haben ja Angst. Er [gemeint: der Beschuldig-
te] ist auch einer der Freunde von AK._. Es ist eine zusammenhängende
Bande.“ Ohne von den Aussagen AC1._s Kenntnis zu haben und auf eine
insofern suggestionsfrei gestellte Frage hin bestätigt AE._ demzufolge
AC1._s Aussage, wonach der Beschuldigte anfänglich aus Angst nicht er-
wähnt worden sei. Auch dieser Umstand deutet auf den erlebnisbasierten Charak-
ter von
AE._s (korrigierter) Aussage hin.
Auf die Frage, ob er, AE._, sich anfänglich mit AD._ dahingehend abge-
sprochen habe, die Beteiligung des Beschuldigten zu verschweigen, antwortete
AE._ (HD Urk. 5/6 S. 17 Ziff. 77): „Wir haben beide Angst bekommen und
haben nichts über A._ erzählt. Soviel ich weiss, haben wir darüber nicht ge-
redet [Hervorhebung hinzugefügt].“ Auch wenn zum Zeitpunkt dieser Einvernah-
me die fraglichen Ereignisse etwas mehr als zwei Jahre zurückliegen, erscheint
es nicht glaubhaft, dass AE._ nicht mehr weiss, ob er sich insofern mit
AD._ abgesprochen hat, denn diesem Punkt kam zentrale Bedeutung zu und
er musste
– gerade aufgrund der damit zusammenhängenden Angstgefühle – im Gedächt-
nis haften bleiben. Überdies entsprach es auch dem ursprünglichen Plan,
AC1._ die Sündenbock-Rolle zuzuweisen. All dies deutet darauf hin, dass
AD._ und
AE._ – nach der Tat, aber noch vor ihrer Verhaftung und ersten Einvernah-
me im Frühling 2006 – eine Absprache trafen, den Beschuldigten nicht zu erwäh-
nen.
- 22 -
Insgesamt bestätigt AE._ die Aussagen AC1._s in den wesentlichen
Punkten. AE._ bestätigt die ihm vorgehaltenen Aussagen AC1._s nicht
pauschal oder einsilbig, sondern unter Hinzufügung von eigenen detailreichen
und anschaulichen Ergänzungen (z.B. HD Urk. 5/6 S. 15 f. Ziff. 74; ebenda, S. 23
Ziff. 99) oder Präzisierungen bzw. Korrekturen (z.B. HD Urk. 5/6 S. 19 f. Ziff. 87;
ebenda, S. 20 f. Ziff. 90, S. 21 Ziff. 91 und 92). Auch dieser Charakter seiner Ant-
worten deutet auf einen erlebnisbasierten Hintergrund seiner Aussagen hin.
4.3. Die erneute Einvernahme von AD._
Am 11. Juli 2008 wurde AD._ erneut einvernommen (HD Urk. 4/4). Wie be-
reits vorstehend bei AE._ dargelegt, erwähnte AD._, dass er sich mit
AE._ letztmals im Winter/Frühling 2007 (d.h. also nach ihren erstmaligen
Einvernahmen im Jahr 2006) über die Untersuchung unterhalten habe (HD Urk.
4/4 S. 1 f.
Ziff. 5); AD._ verneint insofern, mit AE._ nach dessen erneuter Einver-
nahme vom 3. Juni 2008 Kontakt gehabt zu haben. Es sind jedenfalls keine An-
haltspunkte ersichtlich, die Zweifel an dieser Darstellung wecken würden. Da sich
AC1._ zum Zeitpunkt der erneuten Befragung AD._s nach wie vor in
Untersuchungshaft befand, konnte AD._ folglich von AC1._s Aussagen
keine Kenntnis haben. Auch sonst verneinte AD._, seit seiner Entlassung
aus der Haft (Mitte Juni 2006) mit AC1._ Kontakt gehabt zu haben, räumt
aber ein, er habe versucht, ihn zu erreichen (HD Urk. 4/4 S. 2 Ziff. 7 und Ziff. 8).
Zu Beginn der erneuten Befragung wurde AD._ darauf hingewiesen,
AC1._ sei verhaftet und befragt worden und auch AE._ sei erneut be-
fragt worden und habe seine früheren Aussagen geändert (HD Urk. 4/4 S. 1 Ziff. 4
sowie S. 2
Ziff. 6). Auf die Frage, wer bei der AF._ tätig gewesen sei, antwortet
AD._ zunächst er selbst, AE._ und AC1._ (HD Urk. 4/4 S. 2 Ziff. 9).
Auf den Hinweis, AC1._ und AE._ hätten noch über eine weitere Person
ausgesagt, die
anscheinend eine führende Rolle bei der AF._ gespielt hatte, antwortete
AD._ (HD Urk. 4/4 S. 2 Ziff. 10): „Ich habe im Restaurant den Inhaber einer
- 23 -
C._ GmbH gesehen.“ Diese Antwort ist in mehrfacher Hinsicht bemerkens-
wert.
Zunächst nennt AD._, ohne davon Kenntnis zu haben bzw. ohne dass ihm
dies irgendwie vorgehalten oder suggeriert worden wäre, in identifizierbarer Wei-
se den Beschuldigten als Mittäter. Allerdings bezeichnet er dessen Namen nicht
explizit und versucht der gestellten Frage letztlich doch wieder auszuweichen, in-
dem er ausführt, er habe den Inhaber einer C._ im Restaurant gesehen, was
– wörtlich betrachtet – nicht viel aussagt. Insbesondere auch die drei unmittelbar
darauf
folgenden Antworten AD._s (ebenda, Ziff. 11-13) belegen anschaulich, wie
schwer sich AD._ anfänglich damit tut, den Beschuldigten als Mittäter zu be-
nennen. Dass AD._ den Beschuldigten anfänglich derart ausweichend und
zurückhaltend beschuldigt, spricht gegen die Hypothese einer falschen Anschul-
digung. Auch wenn AD._ – in Abweichung von AE._s Aussage, wonach
sie beide Angst vor dem Beschuldigten gehabt hätten –, mehrfach betont, er habe
keine solche Angst gehabt (HD Urk. S. 5 Ziff. 27; ebenda, S. 8 Ziff. 36 und 37),
erscheint es im Lichte des vorerwähnten Antwortverhaltens naheliegend, dass
dem eben gerade nicht so war. Trotz der anfänglichen Zurückhaltung räumt
AD._ namentlich ein, der Beschuldigte habe die AF._ finanziert (HD
Urk. 4/4 S. 4 f.
Ziff. 22 und 24), es seien über die AF._ für ihn Waren bestellt worden (HD
Urk. 4/4 S. 9 Ziff. 40) und der Beschuldigte sei Mittäter im Umfang von 20-30%
Tatanteil (HD Urk. S. 10 Ziff. 44).
Aus letztgenanntem Punkt wird überdies deutlich, dass AD._ der Ansicht ist,
AC1._ sei der Haupttäter gewesen, und zwar mit einem Tatanteil von 50%
(HD Urk. S. 10 Ziff. 44; ebenda, S. 11 Ziff. 49 und S. 13 Ziff. 57).
Namentlich die letztgenannte Divergenz zu AE._s Aussage, der nicht
AC1._, sondern den Beschuldigten als Haupttäter betrachtet, sowie weitere
Divergenzen, sprechen gegen die Hypothese, dass AE._ und AD._ sich
abgesprochen
haben, den Beschuldigten zu Unrecht zu belasten. Wie schon erwähnt, weist
- 24 -
auch die zurückhaltende Art, mit der AD._ den Beschuldigten belastet, in die
gleiche Richtung. Andererseits deuten die Übereinstimmungen im Kernbereich
der Belastungen darauf hin, dass diese einen erlebnisbasierten Hintergrund
haben.
5. Die Einvernahmen des Beschuldigten
5.1. Die Ersteinvernahme des Beschuldigten
Nachdem der Beschuldigte, wie vorstehend ausgeführt, von AC1._,
AE._ und AD._ belastet worden war, wurde er am 5. August 2008 zur
erstmaligen Einvernahme vorgeführt und anschliessend in Untersuchungshaft ge-
setzt. Nach anfänglichen Fragen zu anderen Themen wurde er aufgefordert, sei-
ne Beziehung zur AF._ zu schildern. Daraufhin führte er im Wesentlichen
aus, er habe von der AF._ gegen Barzahlung von Fr. 50'000.– AL._
[Getränk] und AM._ [Getränk] gekauft, weil diese
Produkte günstig gewesen seien (HD Urk. 2/2 S. 5 Ziff. 19 und 20), die Quittung
sowie die dazugehörige Buchhaltung sei bei einem Brand vernichtet worden
(HD Urk. 2/2 S. 7 Ziff. 27 und 28; ein solcher Brand hat tatsächlich stattgefunden:
HD Urk. 9/5).
Die Art und Weise, wie der Beschuldigte die näheren Umstände dieses Barzah-
lungskaufs von Getränken schildert (siehe dazu: HD Urk. 2/2 S. 5 f. Ziff. 20),
erscheint – bezogen auf die Natur des Geschäfts – umständlich und sonderbar:
Im Vorfeld des Kaufes sei es insgesamt zu drei persönlichen Treffen zwischen
den Vertragsparteien gekommen (wobei die Distanz zwischen dem damaligen
Sitz der C._ in AN._ [Ortschaft] und AD._s Restaurant in AO._
[Ortschaft] immerhin rund
134 Kilometer beträgt). Der Beschuldigte sei zunächst von AE._, dann noch
einmal von AE._ und AD._ besucht worden, und er sei dann von
AD._ und AE._ in deren Restaurant in AO._ eingeladen worden,
nachdem er diese
– sic! – zunächst nicht ernst genommen habe. Es ist jedenfalls nicht ohne
- 25 -
weiteres ersichtlich, was es an diesen drei persönlichen Treffen effektiv zu
diskutieren gab. Auch die Aussage, er habe AD._ und AE._ zunächst
nicht ernst genommen, weshalb sie ihn in ihr Restaurant nach AO._ eingela-
den
hätten, fällt im vorliegenden Kontext auf. Unklar bleibt auch, warum der Beschul-
digte die AF._ letztlich dann doch ernst genommen hat (denn er spricht ja
nur
davon, dass er AD._ und AE._ zuerst nicht ernst genommen habe). Ins-
besondere nach dem Besuch im besagten Restaurant hätte ihm an sich als son-
derbar auffallen müssen, dass eine Gesellschaft mit offiziellem Namen „AF._
AG“ mit Sitz in ... einer Dorfbeiz in AO._ bei international tätigen Gross-
lieferanten wie AM._ und AL._ Getränke zu einem Preis einkaufen
konnte, der so tief war, dass er – der professionelle Getränkehändler – das Ganze
zunächst nicht ernst nehmen konnte.
Ebenso wenig leuchtet ein, warum die AF._ derart daran interessiert war,
dass ausgerechnet der Beschuldigte von ihr Getränke erwarb und ihn deswegen
zwei Mal besuchte und ein weiteres Mal zu sich ins Restaurant einlud. Ist der
Verkaufspreis nämlich günstig, lassen sich im Allgemeinen unschwer Abnehmer
finden, ohne dass ein derartiger Aufwand betrieben werden muss. Unklar bleibt
auch, wie die AF._ überhaupt ausgerechnet auf den Beschuldigten als po-
tenziellen Käufer aufmerksam wurde.
Anlässlich dieses dritten Kontakts zwischen dem Beschuldigten und der AF._
bzw. anlässlich seines erstmaligen Besuches in AO._ hat der Beschuldigte,
aus welchen Gründen auch immer, die AF._ und ihr Angebot dann doch
ernst
genommen: „Dann habe ich von denen AM._ und AL._ gekauft und ha-
be auch bar bezahlt“, und zwar für ca. Fr. 50'000.– (HD Urk. 2/2 S. 6 Ziff. 20). Und
sogleich fügt der Beschuldigte an: „AC1._ habe ich das erste Mal bei mei-
nem 3. Besuch in AO._ gesehen.“ Anlässlich dieses Besuches habe ihm
AC1._ spontan D._-Computer angeboten, er habe dann auch gekauft
(dazu Näheres sogleich unten; zu den anlässlich der Hausdurchsuchung sicher-
- 26 -
gestellten
Geräten: HD Urk. 12/24 S. 3; HD Urk. 20/5 S. 2 HD-Pos. 10/17 und 10/18). Vor
diesem Hintergrund erscheint sonderbar, weshalb sich der Beschuldigte dann
überhaupt ein zweites und ein drittes Mal nach AO._ begab, wenn er doch
anlässlich seines ersten dortigen Besuchs für Fr. 50'000.– AL._ und
AM._ eingekauft und bezahlt haben will und ansonsten von keinen weiteren
Einkäufen (mit Ausnahme der spontan gekauften Computer) die Rede ist.
Wie erwähnt, legte der Beschuldigte dar, anlässlich seines dritten Besuchs in
AO._ habe ihm AC1._ D._ Computer verkauft. Nach diesem Kauf
habe er, der Beschuldigte, D._ angerufen und gefragt, ob mit diesen Laptops
etwas nicht stimme. Dieses Vorgehen erscheint sonderbar, würde sich doch ein
Käufer, wenn schon, dann vor und nicht nach dem Kauf danach erkundigen, ob
mit der Ware etwas nicht stimme. Eigenartigerweise erwähnt der Beschuldigte an
dieser Stelle den entscheidenden Punkt gerade nicht, nämlich, was ihm denn
D._ auf seine Nachfrage hin sagte. An anderer Stelle in der gleichen Einver-
nahme (HD Urk. 2/2 S. 8 Ziff. 34) schildert der Beschuldigte diesen Computerkauf
wie folgt: Er habe vier Laptops von der AF._ gekauft und bezahlt. Dann habe
er mit der D._ telefoniert und gemeldet, dass er die Laptops gegen Bezah-
lung gekauft habe. An dieser Stelle erwähnt der Beschuldigte also nicht mehr,
dass er sich bei der D._ danach erkundigte, ob mit diesen Laptops etwas
nicht stimme, sondern will bei der D._ lediglich seinen Kauf „gemeldet“ ha-
ben, wobei der Sinn dieser Meldung im Dunkeln bleibt. Alsdann fügt der Beschul-
digte hinzu (HD Urk. 2/2 S. 8 Ziff. 34 a.E.): „Die D._ sollte die Quittungen ha-
ben.“ Auch hier leuchtet nicht ein, warum gerade die D._ die Quittungen sei-
nes Kaufes bei der AF._ haben soll. Die bei der D._ edierten Akten, die
auch den Kontakt mit der AF._ weitgehend dokumentieren, enthalten keine
Hinweise auf ein derartiges Telefonat (HD Urk. 12/1-36, insb. 12/4).
Indem der Beschuldigte aussagte, bei D._ nachgefragt zu haben, ob mit den
Laptops etwas nicht stimme, und auch das Getränkeangebot „zunächst nicht
ernst“ nahm, räumte er ein, dass er Verdacht schöpfte, dass mit der AF._
etwas nicht stimmen könnte und er somit kein ahnungsloser Käufer war.
- 27 -
Dass der Beschuldigte aber nicht nur Verdacht schöpfte, sondern zu den eigentli-
chen „Eingeweihten“ gehörte, deutet er in einer späteren Einvernahme selbst an,
wobei auffällt, dass der Beschuldigte diesen Punkt zu Beginn der Einvernahme
von sich aus präzieren wollte, also nicht danach gefragt wurde (HD Urk. 2/4 S. 1 f.
Ziff. 3 a.E.): Er sei mit AC1._ im AF._-Büro gewesen, als dessen
Schwester AP._, die er ebenfalls noch nie gesehen hatte, eingetreten sei;
weiter führt es aus: „Dann sagte AC1._ zu AP._, ob sie das Geld mitge-
bracht hätte. AP._ wurde plötzlich stutzig, sie wusste nicht was sie sagen
sollte. AC1._ sagte weiter, es sei kein Problem, sie könne reden [Hervorhe-
bung hinzugefügt].“ AP._ habe dann eine Akte aufgemacht und ein aus 200-
und 1000-Frankennoten bestehendes Geldbündel herausgenommen (HD Urk. 2/4
S. 2 Ziff. 4 a.A.). AC1._ habe dann
AE._ angewiesen, mit diesem Geld Rechnung von I._ bezahlen zu
gehen, worauf dieser erwidert habe, er sei nicht der Besitzer der AF._, er
wolle keine Probleme bekommen. AC1._ habe ihm daraufhin gesagt, er solle
das Geld im Namen von AD._ einzahlen. Der Umstand, dass AP._
plötzlich stutzig wurde und erst weitersprach, nachdem AC1._ ihr sagte, sie
könne – nota bene in
Gegenwart des Beschuldigten – reden, deutet daraufhin, dass der Beschuldigte in
ein Vorhaben „eingeweiht“ war, dem ein konspirativer Charakter zukam. Dass
AE._ sodann fürchtete, er könne durch eine blosse Bargeldeinzahlung für ei-
ne Lieferantenrechnung „Probleme bekommen“, zeigt, dass diese Einzahlung
nicht in einem alltäglichen, unverfänglichen Kontext erfolgte.
Ausserdem berichtet der Beschuldigte, nach seinem Telefonat mit D._ habe
ihn ein Herr AQ._ von AM._ angerufen und ihn gefragt, ob er von der
AF._ Waren gekauft hätte und ob er sie bezahlt hätte (HD Urk. 2/2 S. 6 Ziff.
20 a.E.). Dies habe er bejaht und gesagt, wenn er „die Ware nicht bezahlt hätte,
dann hätte [er] die Waren der AM._ bezahlen können“ (HD Urk. 2/2 S. 6
Ziff. 21). Dieser Dialog wirkt – bei näherer Betrachtung – lebensfremd, denn ein
Käufer käme angesichts der vorstehend wiedergegebenen Fragen kaum spontan
auf die Idee, dem Lieferanten seines Verkäufers die Zahlung des Kaufpreises
- 28 -
anzubieten, zumal er sich dadurch dem Risiko einer Doppelzahlung aussetzen
würde.
Alsdann fährt der Beschuldigte wie folgt fort (HD Urk. 2/2 Ziff. 21): Ca. eine
Woche später, also nach dem vorerwähnten Telefonat mit AM._ habe ihn
AE._ angerufen und gefragt, ob er weitere Ware beziehen wolle, was er
verneint habe. Zwei Wochen danach sei AD._ zu ihm gekommen und habe
ihm gesagt, er habe Ware von der AF._ gekauft und nicht bezahlt. Hierbei
erstaunt, weshalb die AF._ überhaupt auf die Idee kommen konnte, der Be-
schuldigte habe Ware bezogen und nicht bezahlt, wenn die AF._ doch, wie
der Beschuldigte mehrfach ausführte, jeweils „mit Barzahlung“ arbeitete (HD Urk.
2/2 S. 5 Ziff. 20; ebenso: HD Urk. 2/4 S. 2 Ziff. 5, wo der Beschuldigte aussagt,
AC1._ habe ihm gegenüber gesagt: „[...] Du siehst wir arbeiten immer bar
[...]“). Der Beschuldigte habe AD._ daraufhin geantwortet, er sei in den Feri-
en gewesen und sei erst vor zwei Tagen zurückgekommen und weil er nicht da
gewesen sei, habe niemand Waren kaufen können. Zwei Wochen später sei
AD._ wieder zu ihm gekommen, und zwar mit dem Lieferbeleg einer Trans-
portfirma, woraus man gesehen habe, dass er nur zwei Mal Ware von der
AF._ bezogen habe. Auch hier mutet seltsam an, dass AD._ den Be-
schuldigten eigens noch einmal aufsuchte, wenn sich die Sache doch aufgrund
des Lieferscheins geklärt hatte und sich dieser Lieferschein bereits in AD._
Besitz befand.
Bei dieser Lieferung handelte es sich um den erwähnten Kauf von AM._ und
AL._. Angesichts der Tatsache, dass die Lieferung von einem Transportun-
ternehmen ausgeführt wurde, erstaunt es, dass der Beschuldigte sich nicht dazu
äussert, wie denn die angebliche Barzahlung konkret abgewickelt wurde. Auch
dem Lieferschein kann diesbezüglich nichts entnommen werden (HD Urk. 4/1 S. 7
ff.).
Insbesondere: Der Beschuldigte zum angeblichen Rachemotiv
Auf die Frage, warum sich AE._ und AC1._ derart selbst belasten, mit
Bezug auf den Beschuldigten aber lügen sollten (HD Urk. 2/2 S. 8 Ziff. 35), ant-
- 29 -
wortete der Beschuldigte: Der Grund hierfür könne sein, dass er dem AD._
geraten habe, zur Polizei zu gehen und eine Anzeige zu machen.
Wie sich aus späteren Einvernahmen des Beschuldigten ergibt (u.a. Urk. 119
S. 17; Urk. 188 S. 13 ff., 35, 38 und 42), erfolgte dieser angebliche Ratschlag zur
Anzeigeerstattung (HD Urk. 2/2 S. 8 Ziff. 35) im Zusammenhang mit der von
AD._ an den Beschuldigten gerichteten Zahlungsaufforderung für angeblich
bezogene Getränke (HD Urk. 2/2 S. 6 Ziff. 21). Eigenartigerweise erwähnt
A._ bei seiner ersten und überdies ausführlichen Schilderung dieses Vorfalls
(HD Urk. 2/2 S. 6 Ziff. 21) diesen wesentlichen Umstand (also seinen an
AD._ gerichteten Ratschlag zur Polizei zu gehen) nicht. Statt dessen ist le-
diglich davon die Rede, dass sich der Vorwurf auf Grundlage eines Lieferscheins
als unzutreffend erwiesen
hatte (HD Urk. 2/2 S. 6 Ziff. 21). Dass der Beschuldigte AD._ anlässlich die-
ses Vorfalls dann doch zu einer Anzeige bei der Polizei riet, erwähnt der Beschul-
digte erst, als er gefragt wird, weshalb ihn AE._ und AC1._ derart belas-
ten würden.
Nicht nur AE._ und AC1._ haben den Beschuldigten belastet, sondern
auch AD._ (vgl. HD Urk. 119 S. 17). Mit Blick auf die eben erwähnte Argu-
mentation des Beschuldigten leuchtet allerdings namentlich nicht ein, weshalb ge-
rade AD._ ein Motiv haben sollte, sich am Beschuldigten zu rächen, nach-
dem dieser ihm geholfen hatte, indem er ihn beriet (vgl. auch HD Urk. 2/4 S. 8
Ziff. 16) und sich der anfänglich an den Beschuldigten gerichtete Vorwurf dank
des Lieferbelegs als
unzutreffend erwiesen hatte.
Gegen das vom Beschuldigten ins Feld geführte Rachemotiv spricht auch der
folgende Umstand: AC1._, AD._ und AE._ sagten letztlich im We-
sentlichen übereinstimmend aus, der gemeinsame deliktische Plan (d.h. von
AC1._, AD._, AE._ sowie des Beschuldigten) habe darin bestan-
den, dass AD._ nach seiner Rückkehr aus den (für ihn ein Alibi bewirkenden)
Ferien zur Polizei gehen solle, um eine Anzeige gegen AC1._ bzw.
AC2._ (AC1._s alias-Name) zu
- 30 -
machen, der sich zu jenem Zeitpunkt bereits ins Ausland abgesetzt haben würde;
dabei solle AD._ AC1._ beschuldigen, während AD._s Ferienab-
wesenheit
eigenmächtig Waren bestellt und ihn übers Ohr gehauen zu haben (HD Urk. 2/5
S. 17 f.). Mit im Wesentlichen diesem Inhalt wurde die Anzeige von AD._
dann auch tatsächlich eingereicht (HD Urk. 4/1). Bestand somit eine vorgängige
gemeinsame Absprache zur Einreichung einer Anzeige bei der Polizei, ist nicht
ersichtlich, wie aus der Ausführung dieses planmässigen Verhaltens ein
Rachemotiv entstehen könnte.
Kommt dazu, dass der Beschuldigte im Laufe des Verfahrens verschiedene
Motive für eine Verschwörung erwähnt hat: Zuerst war es sein Rat an AD._,
bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Später führte er als Grund an, dass er - der
Beschuldigte - über die Feiertage 2005/2006 in die Ferien gereist sei. Erst viel
später - und dies wurde vom Beschuldigten auch anlässlich der Berufungsver-
handlung betont (Urk. 188 S. 13 - 17) - schob er als weiteren (allenfalls ent-
scheidenden) Grund nach, er habe der AF._ das Geschäft kaputt gemacht,
indem er den Abnehmern der AF._ mitgeteilt habe, diese sollten von der
AF._ keine
Ware mehr beziehen. Auch hier hat sich der Beschuldigte die Frage gefallen zu
lassen, weshalb er den letzten Grund, der ihm ja so wichtig schien, nicht bereits
am Anfang genannt hat.
Als Zwischenfazit ist festzuhalten, dass die vorstehend dargelegte Häufung von
Ungereimtheiten (und namentlich von logischen Inkonsistenzen) darauf hindeutet,
dass die Aussagen des Beschuldigten zwar nicht gänzlich eines realen Hinter-
grunds entbehren, aber doch aus einer Vermischung von erlebnisbasierten und
fantasierten Elementen bestehen, und zwar derart, dass das effektiv Vorgefallene
durch Umdeutungen verfälscht wird.
5.2. Die weiteren Einvernahmen des Beschuldigten
Die vorstehenden Widersprüche werden auch in den nachfolgenden Einver-
nahmen des Beschuldigten (unter Einschluss der Konfrontationseinvernahme)
- 31 -
nicht geklärt; stattdessen verwickelt sich der Beschuldigte in weitere Wider-
sprüche. Es ist deshalb nicht ersichtlich, wie die Verteidigung zum Schluss
kommen kann, der Beschuldigte habe während des ganzen Verfahrens gleich-
bleibend und schlüssig ausgesagt (Urk. 191 S. 19). Gegenteils erscheint das
Aussageverhalten des Beschuldigten völlig unglaubhaft und beschönigend. Dazu
einige Beispiele:
Die ihm am 22. Dezember 2005 via AH._ Transport gelieferten Getränke
(AM._ und AL._) will der Beschuldigte am 23. Dezember 2005 bar be-
zahlt haben, und zwar an AD._ und AE._, die ihn deswegen aufgesucht
hätten (HD Urk. 2/5 S. 14 Mitte). Er habe ihnen schon früher Geld gegeben, das
er da in
Abzug gebracht habe. Neu spricht der Beschuldigte also von einer angeblichen
Anzahlung. Damit widerspricht er seiner Erstaussage, wonach er im Zuge seines
ersten Besuches in AO._ für Fr. 50'000.– AL._ und AM._ gekauft
und bezahlt habe (HD Urk. 2/2 Ziff. 20). Später führte er aus, beim dritten Kontakt
bzw. beim ersten Besuch in AO._ von der AF._ AM._ und
AL._ für Fr. 50'000. –
gekauft zu haben. Anlässlich der Berufungsverhandlung konnte oder wollte er
sich nicht mehr daran erinnern (Urk. 188 S. 31).
Um den 23. Dezember 2005 herum kam es gemäss insofern im Wesentlichen
übereinstimmenden Angaben von AC1._, AE._ und AD._ übrigens
tatsächlich zu einem bzw. zu zwei Treffen mit dem Beschuldigten, allerdings aus
einem
anderen Grund (HD Urk. 2/5 S. 11 f.): AC1._, AD._ und AE._ ver-
langten vom Beschuldigten zumindest einen Teil des von ihm durch den Weiter-
verkauf einkassierten Erlöses, was dieser jedoch ablehnte, so dass es zum Zer-
würfnis kam und ab diesem Datum keine Waren mehr an den Beschuldigten wei-
tergeliefert, sondern direkt anderweitig verkauft wurden.
Andernorts sagte der Beschuldigte weiter, er sei im Anschluss an das (einmalige)
Treffen mit AC1._, das Mitte Dezember 2005 stattgefunden habe, in die Tür-
kei in die Ferien verreist (HD Urk. 2/3 S. 3), wobei diese Ferien ganze drei Wo-
- 32 -
chen im Monat Dezember gedauert hätten (HD Urk. 2/2 S. 10 Ziff. 43). Anlässlich
der
Berufungsverhandlung wusste der Beschuldigte nicht mehr, wann genau er in die
Ferien abgereist war und wie lange die Ferien dauerten; jedenfalls sei es sicher
vor Silvester gewesen, allenfalls sogar vor Weihnachten (Urk. 188 S. 43). An
anderer Stelle sagt der Beschuldigte dann allerdings wieder, er habe AD._
gegen eine unterschriebene Quittung Geld gegeben, bevor er, der Beschuldigte,
in die Ferien verreist sei (HD Urk. 2/4 S. 20 Ziff. 54 a.E.). Hätte dies effektiv am
vorerwähnten 23. Dezember 2005 stattgefunden, hätten seine Ferien erst recht
nicht drei Wochen im Monat Dezember dauern können, wenn er ja angeblich
noch
Mitte Dezember 2005 in AO._ war.
An einer weiteren Stelle führt der Beschuldigte Folgendes aus (HD Urk. 2/3 S. 3
unterhalb Mitte): „Die erste Ware habe ich von der AF._ bei AD._ per-
sönlich gekauft und bezahlt. Es stimmt, dass zu jenem Zeitpunkt AC1._
noch nicht bei der AF._ war.“ Sonderbar erscheint, dass der Beschuldigte
von der
ersten Ware, die er gekauft habe, spricht, denn – jedenfalls in seiner Erst-
einvernahme – behauptet er, lediglich einmal Ware gekauft zu haben, nämlich
AL._ und AM._, und diese Ware wurde am 22. Dezember 2005 an den
Beschuldigten geliefert. Wenn der Beschuldigte an anderer vorerwähnter Stelle
ausführt, er habe diese Ware aber am 23. Dezember bezahlt (HD Urk. 2/5 S. 14),
so war AC1._ zu diesem Zeitpunkt aber schon bei der AF._ tätig (näm-
lich seit mindestens Mitte Dezember 2005).
Auf einmal berichtet der Beschuldigte dann aber, er habe auch einmal selbst mit
seinem Lieferwagen Ware bei der AF._ abgeholt; es habe sich um AM._
gehandelt (HD Urk. 2/4 S. 18 Ziff. 48).
In der Konfrontationseinvernahme (HD Urk. 2/5 S. 6) sagte AD._ (und ähn-
lich vor ihm auch AE._ und AC1._) aus, der Beschuldigte habe ihnen
anfänglich
genau die Geldbeträge bar übergeben, die nötig gewesen seien, um die Rech-
- 33 -
nungen zu bezahlen. Daraufhin insistiert der Beschuldigte, er habe die Rechnun-
gen nie gesehen und es müssten sich ansonsten darauf seine Fingerabdrücke
finden. Damit verneint er jedoch nur explizit, die Rechnungen gesehen bzw.
berührt zu haben, nicht jedoch, dass er genau das Bargeld übergab, das dem
jeweiligen Rechnungsbetrag entsprach. Ein solches Aussageverhalten, das dem
eigentlichen Kern des Vorwurfs lediglich ausweicht, ist ein typisches Lügensignal.
Wie bereits erwähnt, hatte AE._ auf die Frage, warum er und AD._ an-
lässlich ihrer ersten Einvernahme nicht erwähnt hatten, dass der Beschuldigte fi-
nanziert und kassiert habe, wie folgt geantwortet: „Wir haben ja Angst. Er ist auch
einer der Freunde von AK._. Es ist eine zusammenhängende Bande.“ Der
Beschuldigte bestritt auf entsprechenden Vorhalt hin, dass AD._ und
AE._ Angst vor ihm gehabt hätten und fügte an (HD Urk. 2/4 S. 9 Ziff. 22):
„Was AK._ betrifft, ich kenne ihn.“ Er sei in diesem Geschäft ein sehr be-
kannter
Betrüger gewesen. In der gleichen Einvernahme sagte der Beschuldigte alsdann
(HD Urk. 2/4 S. 13 Ziff. 32): „Dass ich AK._ kenne, ist Lüge.“
Ein widersprüchliches Aussageverhalten zeigte der Beschuldigte auch anlässlich
seiner Befragung in der Berufungsverhandlung. Auf die Frage, wann er letztmals
Kontakt mit AE._ gehabt habe, antwortete der Beschuldigte zunächst
(Urk. 188 S. 18): „Seitdem ich im Jahr 2005 Geschäfte mit ihm gemacht habe,
hatte ich keinen Kontakt mehr. Ich habe nur über Drittpersonen Kontakt zu ihm
gehabt.“ Diese Aussage bestätigte er später noch einmal ausdrücklich (Urk. 188
S. 44). Auf entsprechenden Vorhalt (HD 2/5 S. 21 oben) kam dem Beschuldigten
dann aber in den Sinn, dass es im Jahr 2007 noch zu einem Treffen zwischen ihm
und AE._ gekommen war (Urk. 188 S. 44).
Weiter erwähnte der Beschuldigte, nicht direkt, aber „über Drittpersonen“ mit
AE._ Kontakt gehabt zu haben, und zwar letztmals vor ca. drei Monaten
(Urk. 188 S. 18). Darauf angesprochen, wie man sich diesen indirekten Kontakt
konkret vorstellen müsse (Urk. 188 S. 45), antwortete er, AE._ sei in der
Türkei zu einem Freund des Beschuldigten gegangen und habe diesem erzählt,
dass er ihn, den Beschuldigten, unrechtmässig belastet habe. Auf die Frage, wie
- 34 -
dieser Freund heisse, konnte der Beschuldigte nur dessen Vornamen, nämlich
V._, nennen sowie dass dieser in ... wohne, wobei er die Adresse nicht
kenne. Auf die Frage, warum er den Familiennamen seines Freundes nicht ken-
ne, gab er zur Antwort, er kümmere sich nicht um Familiennamen. Alsdann wurde
der
Beschuldigte gefragt, wie er mit diesem V._ Kontakt gehabt habe (Urk. 188
S. 46). Daraufhin antwortete er, wenn er in der Türkei sei, treffe er diesen oder
aber er
telefoniere mit ihm. Er habe seine Telefonnummer nicht im Kopf. Er gehe jedoch
davon aus, dass die Nummer auf seinem Telefon gespeichert sei. Auf die Frage,
ob er sein Telefon hier habe, antwortete der Beschuldigte: „Nein, ich habe es
nicht mitgenommen.“ Nach der Mittagespause stellte der Verteidiger dem
Beschuldigten die Ergänzungsfrage, ob er die Nummer V._s mittlerweile ha-
be ausfindig machen können (Urk. 188 S. 77 f.). Daraufhin antwortete der Be-
schuldigte ja und nannte die Telefonnummer. Weiter fügte er hinzu, er habe das
Handy nicht in seiner Tasche gehabt, dieses habe sich in der Tasche seiner Frau
befunden. Darauf angesprochen, warum er dann vor der Mittagspause gesagt
hatte, er habe das Telefon nicht hier bzw. er habe es nicht mitgenommen, wobei
seine Frau stets direkt hinter ihm sass, wiederholte der Beschuldigte lediglich, das
Telefon sei in der Tasche seiner Frau gewesen.
Der Beschuldigte wich sämtlichen Versuchen, den vorerwähnten indirekten
Kontakt mit AE._ irgendwie zu konkretisieren, aus. Erneut darauf ange-
sprochen sagte er alsdann, er habe vor 3 Monaten zwar mit V._ gesprochen,
er wisse aber nicht mehr, ob man über AE._ gesprochen habe. Als er darauf
hingewiesen wurde, er habe vorher ausgesagt, vor ca. 3 Monaten über eine Dritt-
person mit AE._ Kontakt gehabt zu haben, antwortete er, er könne sich nicht
an Daten erinnern. Erneut darauf angesprochen, er habe doch vorher gesagt, er
habe zuletzt vor ca. 3 Monaten mit AE._ über Drittpersonen Kontakt gehabt,
antwortete er: „Über Drittpersonen ja. Es ist meine Vermutung.“ Auf die Frage,
was denn der Gegenstand dieses letzten indirekten, d.h. über V._ erfolgten,
Kontaktes mit AE._ gewesen sei, antwortete der Beschuldigte – nachdem er
unmittelbar zuvor noch geantwortet hatte, er wisse nicht mehr, ob er anlässlich
- 35 -
dieses Kontaktes mit V._ über AE._ gesprochen habe – AE._ habe
V._
gesagt, er habe ihn, den Beschuldigten, falsch angeschuldigt (Urk. 188 S. 47 f.).
Auf die Frage, wann er erstmals von V._ erfahren habe, AE._ habe ihn
zu
Unrecht belastet, antwortete der Beschuldigte, er habe es nicht nur von V._
erfahren. Er habe es nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von mehreren
Verwandten erfahren, er könne nicht sagen, ob dies 2010 oder 2011 gewesen sei
(Urk. 188 S. 48). Der Beschuldigte wurde am 27. Februar 2009 aus der Haft ent-
lassen (HD Urk. 49 S. 1). Danach wurde er im Zeitraum zwischen 3. März 2009
bis 20. Januar 2012 insgesamt 8 Mal durch Polizei bzw. Staatsanwaltschaft
befragt. In keiner Einvernahme erwähnt der Beschuldigte indes, AE._ habe
gegenüber Verwandten des Beschuldigten zugegeben, den Beschuldigten zu
Unrecht belastet zu haben. Auf die weitere Frage, gegenüber welchen Verwand-
ten sich AE._ so geäussert habe, antwortete der Beschuldigte zunächst: „Bei
meinem Onkel mütterlicherseits“. Auf die Frage wie dieser denn heisse, nannte
der Beschuldigte den Namen AR._ und fügte sogleich hinzu, AE._
habe sich bei einer Schwester so geäussert (Urk. 188 S. 48). Damit widerspricht
er sogleich seiner zuvor gemachten Aussage, wonach die erste diesbezügliche
Äusserung AE._s gegenüber dem Onkel (mütterlicherseits) des Beschuldig-
ten erfolgt sei. Wenn der Beschuldigte, wie er geltend macht, bereits nach seiner
Entlassung aus dem Gefängnis, jedenfalls aber 2010 oder 2011, davon erfahren
haben will, dass AE._ ihn zu Unrecht belastete, fragt sich, weshalb es dann
vor ca. 3 Monaten zwischen dem Beschuldigten und AE._ zu einem über
V._ erfolgten indirekten Kontakt gekommen ist und was dessen Gegenstand
war. Die widersprüchliche und ausweichende Art und Weise, wie der Beschuldigte
schildert, wie und unter welchen Umständen er von diesem angeblichen
Geständniswiderruf AE._s erstmals erfahren haben will (ein Umstand der
nach allgemeiner Lebenserfahrung derart einschneidend ist, dass er im Gedächt-
nis haften bleiben müsste), legt den Schluss nahe, dass die diesbezüglichen Aus-
sagen des Beschuldigten nicht erlebnisbasiert sind.
- 36 -
Anlässlich der Berufungsverhandlung versuchte der Beschuldigte diverse Wider-
sprüche in seinen Aussagen mit Dolmetscherproblemen zu erklären. Er machte
geltend, in der Untersuchung habe er Protokolle ohne Beizug eines Dolmetschers
unterzeichnen müssen. Es sei möglich, dass dort Fehler passiert seien. Er wisse
nicht, was in den Protokollen stehe (Urk. 188 S. 25, 33 und 38 f.). Der Beschuldig-
te bestätigte in der Untersuchung jedoch jeweils unterschriftlich, dass seine Aus-
sagen richtig protokolliert und ihm vom Dolmetscher rückübersetzt wurden (HD
Urk. 2/2 S. 13 f.; HD Urk. 2/3 S. 7; HD Urk. 2/4 S. 26; HD Urk. 2/5 S. 22; HD
Urk. 2/7 S. 6 f.; HD Urk. 2/9 S. 12 f.; HD Urk. 2/10 S. 11; HD Urk. 2/11 S. 14; HD
Urk. 2/13 S. 17; HD Urk. 2/14 S. 22; HD Urk. 2/15 S. 16). Einzig anlässlich der
polizeilichen Einvernahme vom 12. August 2010 wurde im Einverständnis der
Parteien auf eine Rückübersetzung verzichtet. Der Beschuldigte erklärte sich
damit einverstanden, dass sein damaliger Verteidiger das Protokoll zur Befragung
durchliest (HD Urk. 2/12 S. 15 f.). Er bestätigte in der Untersuchung zudem mehr-
fach, die dolmetschende Person zu verstehen bzw. verstanden zu haben (HD
Urk. 2/9 S. 12; HD Urk. 2/10 S. 10; HD Urk. 2/11 S. 14; HD Urk. 2/12 S. 15; HD
Urk. 2/13 S. 1 f.; HD Urk. 2/14 S. 1). Bei diesen Erklärungen hat er sich behaften
zu lassen, zumal keinerlei Anhaltspunkte für eine gegenteilige Annahme vor-
liegen.
6. Die CD
Wie bereits erwähnt, liess AC1._ bald nach seiner Verhaftung und ersten
Einvernahme über seinen Anwalt eine CD zu den Akten einreichen (HD Urk. 6/5
S. 1 Ziff. 1 und dortige Protokollnotiz). Gemäss AC1._ enthält diese CD Da-
ten, die von der Festplatte eines damals bei der AF._ benutzten Computers
stammen (CD = HD Urk. 35/1; Ausdrucke relevanter CD-Inhalte: HD Urk. 35/2-
69), namentlich zwei Excel-Tabellen (HD Urk. 35/2 mit Dateinamen
„AS1._.xls“ sowie HD Urk. 35/3 mit Dateinamen „AS2._.xls“, beide im
Ordner „war auf Desktop“), aus denen die Warenbezüge des Beschuldigten (HD
Urk. 6/6 S. 2 Ziff. 4) sowie die von den
Tätern investierten Beträge ersichtlich seien (dazu: HD Urk. 35/2 S. 2 a.E.).
AC1._ führt aus, er habe diese Tabellen während der Deliktsausführung er-
- 37 -
stellt, sie seien allerdings damals für jedermann von der AF._ einsehbar ge-
wesen (HD Urk. 6/6 S. 2 Ziff. 5).
Der Beschuldigte bestreitet die Authentizität dieser CD und anerkennt ihren Inhalt
nicht (u.a. HD Urk. 2/14 S. 3; HD Urk. 2/2 S. 10 Ziff. 41; HD Urk. 2/4 S. 11 Ziff. 27;
Urk. 188 S. 33 ff.). Der Beschuldigte war nicht in der Lage, irgendwelche Angaben
darüber zu machen, wann und wie diese CD erstellt wurde. Der Beschuldigte
hatte auch keine Erklärung dafür, weshalb die auf der CD gespeicherten Beträge
mit Belegen von Lieferanten verifiziert werden konnten. Als Begründung seiner
Sichtweise brachte er hauptsächlich vor, AE._ habe ihm gesagt, dass es sich
um eine Fälschung handle (Urk. 188 S. 34 f.).
AC1._ macht geltend, nach seiner Verhaftung habe er veranlasst, dass seine
Schwester AP._ AC1._ diese CD bei AE._ beschaffe. Via seinen
Anwalt sei die CD schliesslich eingereicht worden (HD Urk. 6/7 S. 3 Ziff. 7).
Auf Vorhalt von AC1._s vorerwähnter Aussage antwortete AE._ (HD
Urk. 5/6 S. 17 Ziff. 78): „Es stimmt, was er erzählt. Diese CD war bei mir. Als
AC1._ verhaftet wurde, hat mich AP._ AC1._ angerufen und ge-
sagt, sie wolle diese CD haben, um diese dem Staatsanwalt zu übergeben. Ich
sagte ihr, sie könne die CD abholen. Dann kam sein Vater und holte diese CD.“
Weiter führte AE._ aus, AC1._ habe die Daten damals ab dem PC auf
CD gebrannt und ihm die CD übergeben (HD Urk. 5/6 S. 17 Ziff. 79). Auf Vorhalt
der vorerwähnten zwei Excel-Tabellen erläutert AE._, darin sei die Ware
aufgelistet, die zu A._ gegangen sei. Es könne auch sein, dass gewisse Wa-
ren nicht notiert worden seien; und weiter (HD Urk. 5/6 S. 17 f. Ziff. 81): „Ich habe
die Tabellen schon während
meiner Zeit bei der AF._ gesehen, als diese erstellt worden sind.“ Wie er-
wähnt, listet die Excel-Tabelle „AS1._.xls“ (HD Urk. 35/2) die von den Tätern
investierten
Beträge auf. Demnach soll AE._ Fr. 10'000.– in die AF._ investiert ha-
ben.
AE._ bezeichnet diesen Betrag als zutreffend (HD Urk. 5/6 S. 18 Ziff. 82).
- 38 -
Auch AD._ bezeichnet – auf entsprechenden Vorhalt – die ihm in der ge-
nannten Tabelle zugeschriebene Investition von Fr. 6'000.– als zutreffend. Die
dort vermerkten Fr. 6’000.– würden dem Betrag entsprechen, den er für den Kauf
des
Aktienmantels der AF._ ausgegeben habe, der dann zur AF._ wurde
(HD Urk. 4/4 S. 3 Ziff. 20). Weiter räumt AD._ ein, es sei möglich, dass er die
Tabelle bereits bei der AF._ gesehen habe (HD Urk. 4/4 S. 6 Ziff. 28). In sei-
ner damaligen
Anzeige bei der Polizei (die, wie bereits erwähnt, abgesprochen war und mit dem
ebenfalls abgesprochenen Untertauchen AC1._s einherging) wies AD._
übrigens darauf hin, es seien 2 PC’s der AF._ mitsamt Zubehör verschwun-
den (HD
Urk. 4/1 S. 1 Mitte). Dies deutet darauf hin, dass es ebenfalls zum Tatplan gehör-
te, die PC’s verschwinden zu lassen, da sich darauf kompromittierendes Beweis-
material befunden haben dürfte, und es erscheint insofern auch naheliegend,
dass AC1._, der primär mit dem Computer beschäftigt war, die fraglichen
Daten auf eine CD gebrannt und AE._ übergeben hat, bevor er untertauchte
bzw. in die Türkei abreiste. In der Tat wurde die Excel-Tabelle „AS2._.xls“
(HD Urk. 35/3) zuletzt am 10. Januar 2005 um 21:50 Uhr geändert (siehe im Do-
kument selber unter Rubrik „Datei“, dann „Eigenschaften“ und dann „Statistik“),
also genau ein Tag, nachdem AD._ angibt, aus den Türkeiferien zurückge-
kommen zu sein (HD Urk. 2/5 S. 10 unten) und planmässig an den Abschluss der
ganzen Übung
gedacht werden musste (da die Gläubiger aufgrund des Mahnfristenablaufs lang-
sam ungeduldig werden mussten). AC1._ sagte zudem aus, am 14. oder
15. Januar 2005 in die Türkei abgereist zu sein (HD Urk. 6/3 S. 2 Ziff. 8) und am
18. Januar 2005 wurde AD._ zum ersten Mal bei der Polizei in AO._
vorstellig (HD Urk. 4/1 S. 1 a.A.). Diese zeitlichen Übereinstimmungen deuten da-
rauf hin, dass die Tabelle tatsächlich am genannten Datum zuletzt geändert wur-
de.
Der übrige Inhalt der CD enthält eine Vielzahl weiterer Dokumente, die allesamt
aus der damaligen tatrelevanten Zeit oder einer früheren Zeit stammen (wie
- 39 -
beispielsweise Vorlagen für Visitenkarten, Speisekarten für das Restaurant,
Lohnabrechnungen betreffend das Restaurant etc.). Es liegen also nicht einfach
zwei isolierte Excel-Tabellen vor, sondern diese befinden sich inmitten von Daten,
deren Inhalt und Erstellungsdaten die Behauptung stützen, es handle es sich um
zum damaligen Zeitpunkt ab dem AF._-Computer erstellte Kopie.
Die Untersuchungsbehörde verglich die angeblichen Warenbezüge des Beschul-
digten (bzw. seiner C._) von der AF._, wie sie in der Excel-Tabelle
„AS2._.xls“ aufgeführt sind, mit den bei den Lieferanten der AF._ unbe-
zahlt gebliebenen
Waren gemäss deren internen Akten (HD Urk. 40/31). Mit Ausnahme der D._
SA sowie der AM._ AG bezahlte nämlich die AF._ zunächst die
Lieferungen der Geschädigten, um so Vertrauen für weitere bzw. grössere
Lieferungen auf Rechnung aufzubauen. Der vorerwähnte Vergleich ergab, dass
bei den Geschädigten Waren im Wert von total Fr. 333'172.35 unbezahlt ge-
blieben sind (HD Urk. 40/31 letzte Seite unten). Subtrahiert man von diesem
Betrag die einzelnen Investitionen der Täter (bzw. Financiers), wie sie in der
Excel-Tabelle „AS1._.xls“ aufgeführt sind (HD Urk. 35/2 a.E), d.h. also unter
Einschluss der angeblichen Investition des Beschuldigten von Fr. 163'000.–, so
resultiert daraus ein Betrag von Fr. 136'172.35.– und dieser Betrag ist auffallend
nah bei Fr. 138'989.70, dem Betrag, der gemäss der anderen Excel-Tabelle
(„AS2._.xls“ = HD Urk. 35/3) als „Kalan“, d.h. zu Deutsch als Überschuss
ausgewiesen wird, also als das, was nach Abzug der Investitionen, übrig bleibt.
Das der Abgleich zwischen Geschädigten-Akten und CD-Inhalt zu einer derarti-
gen Übereinstimmung führt, deutet ebenfalls darauf hin, dass die CD authentisch
ist.
Insgesamt steht damit fest, dass die CD authentisch ist.
7. Fazit
Wie gezeigt, erweisen sich die Belastungen des Beschuldigten durch AC1._,
AE._ und AD._ als glaubhaft, und zwar sowohl isoliert betrachtet als
auch im Verbund miteinander. Bestätigt werden diese Belastungen zusätzlich
auch durch die CD und insbesondere die auf ihr enthaltenen Excel-Tabellen, de-
- 40 -
ren Authentizität, wie gezeigt, feststeht. Unglaubhaft sind demgegenüber die Er-
klärungen des Beschuldigten zu seinem Verhalten. Nach dem Gesagten steht
damit fest, dass der Beschuldigte die AF._ mit Fr. 163'000.– finanziert hat
und die ausstehenden Forderungen der Geschädigten sich auf Fr. 333'172.35 be-
laufen. Demgegenüber müssen die Aussagen des Beschuldigten als widersprüch-
lich, oftmals ausweichend und beschönigend, jedenfalls insgesamt als unglaub-
haft bezeichnet werden.
8. Weitere Tatsachenfeststellungen
Erstellt ist weiter, dass der Beschuldigte den anderen Mittätern jeweils vorgab,
welche Waren sie zu bestellen hatten. Die so bestellten Waren gelangten direkt
nach ihrer Anlieferung – ohne Gegenleistung – von der AF._ zur C._,
von wo aus der Beschuldigte sie umgehend weiterverramschte. Die ebenfalls auf
der CD in Kopie vorgefundenen Rechnungen, auf denen die AF._ gegenüber
der C._ für die erhaltenen Lieferungen jeweils „Betrag dankend erhalten“ be-
stätigte (siehe unter: HD Urk. 35/8 ff.), wurden lediglich zum Scheine ausgestellt,
und es floss kein Geld (HD Urk. 2/5 S. 15 oben; HD 5/6 S. 23 Ziff. 99), zumal das
ganze
System ja darauf angelegt war, dass die Waren unentgeltlich von der AF._
zur C._ gelangten. AC1._, AE._ und AD._ sagten überdies
übereinstimmend und angesichts seiner Investition glaubhaft aus, der planmässi-
ge Beuteanteil des Beschuldigten hätte 50% betragen (HD Urk. 6/6 S. 1 unten;
HD Urk. 6/7 S. 8
Ziff. 24; HD 6/7 S. 14 Ziff. 42; HD Urk. 4/4 S. 4 f. Ziff. 24; HD Urk. 5/6 S. 16
Ziff. 75).
Der Beschuldigte betrieb insofern – zusammen mit seinen Mittätern – ein ausge-
klügeltes Bestellungsbetrügerei-System, das im Sinne der Rechtsprechung als
sog. besondere Machenschaften zu qualifizieren ist. Aufgrund des gekauften
Aktienmantels verfügte die AF._ über einen makellosen Betreibungsregister-
auszug. Mit dem Namen AF._ AG mit offiziellem Domizil in ... (von wo aus
eine Postumleitung nach AO._ organisiert war), einem professionell
wirkenden Internetauftritt mit dem Slogan „..., ... und ...“ (HD Urk. 8/16), mit Visi-
- 41 -
tenkarten (HD Urk. 8/15) und einem redegewandten Einkaufsleiter AC1._ an
der Front (alias AC2._) erweckte die AF._ auf dem Markt den Eindruck
eines seriösen Jungunternehmens. Zusätzlich gestärkt wurde
dieses Vertrauen gegenüber sämtlichen Geschädigten (mit Ausnahme der
AM._ AG sowie der D._ SA) dadurch, dass die AF._ anfängliche
Rechnungen mit den vom Beschuldigten zur Verfügung gestellten Geldmitteln
pünktlich beglich. Von Beginn weg war allen Mittätern klar, dass die AF._
eben gerade keine seriösen Geschäfte machen sollte, sondern einzig und allein
auf die rasche Abwicklung von Bestellungsbetrügereien angelegt war, durch wel-
che die Lieferanten geschädigt und die Täter bereichert werden sollten. Die Fre-
quenz und der Umfang der ertrogenen Ware, die aufwändigen Machenschaften
zur Deliktsvorbereitung und das arbeitsteilige Vorgehen zeigen, dass die Täter die
Betrügereien in der Art eines eigentlichen Gewerbes begingen.
Die Verteidigung beanstandet im Berufungsverfahren, dass dem Beschuldigten
für die Bestellungen nach dem 23. Dezember 2005 von der Vorinstanz ebenfalls
Mittäterschaft unterstellt werde. Die Vorinstanz führe diesbezüglich aus, es sei
nicht erstellt, dass der Beschuldigte subjektiv nach dem 23. Dezember 2005
Abstand vom Tatentschluss genommen habe. Richtigerweise müsste aber
rechtsgenügend erstellt sein, dass der Beschuldigte nach dem 23. Dezember
2005 immer noch den angeblichen Tatentschluss der anderen Beteiligten mitge-
tragen habe (Urk. 191 S. 20). Nachdem es zwischen dem Beschuldigten und den
übrigen Beteiligten Ende Dezember 2005 nachweislich zu einem Zerwürfnis kam,
kann dem Beschuldigten für die danach begangenen Delikte keine Mitwirkung
angelastet werden. Dies wird ihm in der Anklage denn auch nicht vorgeworfen. In
Bezug auf den Beschuldigten hält die Anklage vielmehr fest, er habe vom 14. bis
23. Dezember 2005 Handelswaren von der AF._ übernommen (HD Urk. 49
S. 5, Ziffer A/8.). Dieser Zeitraum entspricht dem in der Anklage ebenfalls aufge-
führten Handelswert der Waren von ca. Fr. 333'000.–. Die Vorinstanz ging in die-
sem Punkt somit über die Anklage hinaus.
9. Beweisanträge
- 42 -
Wie eingangs dargelegt, verlangt die Verteidigung in Bezug auf Anklageziffer A
die Einvernahme von O._, S._, P._, Q._
und R._ durch das Berufungsgericht (Urk. 189 S. 1; Prot. II S. 13).
Nach den aus Art. 29 BV fliessenden Verfahrensgarantien sind alle Beweise
abzunehmen, die sich auf Tatsachen beziehen, die für die Entscheidung erheblich
sind (BGE 127 I 54 E. 2b). Das hindert das Gericht nicht, einen Beweisantrag
abzulehnen, wenn es in willkürfreier Würdigung der bereits abgenommenen
Beweise zur Überzeugung gelangt, der rechtlich erhebliche Sachverhalt sei
genügend abgeklärt, und es überdies in willkürfreier antizipierter Würdigung der
zusätzlich beantragten Beweise annehmen kann, seine Überzeugung werde auch
durch diese nicht geändert (BGE 134 I 140 E. 5.3; 131 I 153 E. 3; Urteil des
Bundesgerichts 6B_536/2013 vom 28.11.2013, E. 4.1
). Gemäss Art. 343 StPO, der auch im Berufungsverfahren Anwendung findet (Art.
405 Abs. 1 StPO), erhebt das Gericht neue und ergänzt unvollständig Beweise
(Abs. 1), erhebt im Vorverfahren nicht ordnungsgemäss erhobene Beweise
nochmals (Abs. 2) sowie
ordnungsgemäss erhobene, sofern die unmittelbare Kenntnis des Beweismittels
für die Urteilsfällung notwendig erscheint (Abs. 3).
In Bezug auf O._ macht die Verteidigung im Wesentlichen geltend,
dieser wolle dem Gericht darlegen, dass der Beschuldigte mit den Betrügereien
bei der AF._ nichts zu tun gehabt habe und zu Unrecht beschuldigt worden
sei. Es sei keineswegs so, dass der Anklagesachverhalt durch die gegebene Be-
weislage absolut zweifelsfrei erstellt sei. O._ könne zu ganz entscheidenden
Fragen Antworten gegeben und erst die Würdigung seiner Aussagen könne auf-
zeigen, ob diese Aussagen am Beweisergebnis etwas ändern könnten (Urk. 189
S. 2). Wie bereits dargelegt, bestehen angesichts der breit abgestützten und er-
drückenden Beweislage keine Zweifel daran, dass sich der Sachverhalt so zuge-
tragen hat, wie er dem Beschuldigten in der Anklageschrift vorgeworfen wird. Im
Rahmen der vorstehenden Beweiswürdigung und speziell im Zusammenhang mit
der Analyse des Aussageverhaltens sowie der Aussageentwicklung der
verschiedenen Beteiligten wurde insbesondere die Hypothese einer Falsch-
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- 43 -
anschuldigung des Beschuldigten bzw. einer diesbezüglichen Absprache einge-
hend geprüft und deutlich verworfen. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern weitere
Beweiserhebungen an diesem Ergebnis etwas ändern könnten. Eine weitere
Befragung von O._ erübrigt sich damit.
Die Verteidigung beantragt weiter, S._ sei einzuvernehmen, weil
dieser ein paar Mal gesehen habe, wie der Beschuldigte in AO._ Bargeld-
zahlungen getätigt habe. Als er gefragt habe, wofür das Geld sei, habe man ihm
gesagt, es sei für die gekauften Waren (Urk. 142 S. 7 f.). Da die besagten Bar-
geldzahlungen genauso gut auch dazu gedient haben können, einzelne
Rechnungen zu bezahlen, um in deliktischer Absicht weitere Grossbestellungen
machen zu können, kann der erwähnten Aussage von S._ von vornherein
kein Beweiswert zukommen, zumal auch in diesem Fall die Zahlung für gekaufte
Getränke erfolgte. Im Rahmen der Berufungsverhandlung führte die
Verteidigung weiter aus, S._ könne Aussagen über den im Jahr 2007 erfolg-
ten Besuch von O._ beim Beschuldigten machen. Wenn man diesen Besuch
abklären wolle, wäre dies eine Person, die diesbezüglich Aussagen machen kön-
ne (Prot. II S. 13). Gemäss Darstellung des Beschuldigten sei S._, der Onkel
von O._, dabei gewesen, als sich AE._ bei ihm entschuldigt habe (vgl.
Urk. HD 2/5 S. 21; Urk. 188 S. 44). Im Rahmen der vorangehenden Würdigung
wurde bereits dargelegt, dass die vom Beschuldigten vorgebrachte Verschwö-
rungs- bzw. Rachetheorie bei Betrachtung aller Umstände nicht zu überzeugen
vermag. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern eine Befragung von S._ an diesem
Beweisergebnis etwas ändern könnte, weshalb darauf zu verzichten ist.
P._, ein Lastwagenchauffeur, weiss offenbar zu berichten, dass AC1._
ihn im November/Dezember 2005 angefragt habe, Getränke in die Region Zürich
auszuliefern, was für ihn allerdings Schwarzarbeit bedeutet hätte, weshalb er das
Angebot ausgeschlagen habe (Urk. 142 S. 8; Urk. 143/3; Urk. 189 S. 2 f.). Eine
solche Aussage würde indes nicht belegen, dass der Beschuldigte kein
Abnehmer war, denn es ist ebenso gut möglich, dass AC1._ im Auftrag des
Beschuldigten einen Transport vom Lager des Beschuldigten in AN._ zu den
Endabnehmern in Zürich zu organisieren hatte.
- 44 -
Sodann beantragt die Verteidigung die Einvernahme von Q._ und
R._ (Urk. 157 S. 5; Urk. 189 S. 1). Zur Begründung führt sie aus, Q._
könne Aussagen machen, wonach AC1._ ihm bzw. seinem Geschäft im De-
zember 2005 im Namen der AF._ Getränke angeboten habe. Er wisse
zudem, dass AC1._ Getränke an verschiedene Geschäfte angeboten habe.
Gemäss den Angaben von R._ hätten sodann zwei Personen der AF._,
einer habe AC1._ geheissen, ihm bzw. seinen Restaurants im Januar 2006
Getränkelieferungen angeboten (Urk. 189 S. 3). Diesen Aussagen kommt indes
kein Beweiswert zu, da damit in keiner Weise belegt wäre, dass der Beschuldigte
mit der Sache nichts zu tun hat. Wie die Staatsanwaltschaft zutreffend festhält
(Urk. 190 S. 5 f.), ist vorliegend nicht bestritten, dass die AF._ Ende Dezem-
ber 2005 und im Januar 2006 anderen Abnehmern Waren geliefert hat. Auch in
der Anklageschrift wird festgehalten, dass AC1._, AD._ und AE._
dem Beschuldigten ab Weihnachten 2005 keine Waren mehr zum Weiterverkauf
überlassen, sondern diese anderweitig verkauft hätten, nachdem der Beschuldig-
te den Erlös der verkauften Waren für sich behalten habe (HD Urk. 49 S. 6 f.). Die
von der
Verteidigung beantragten Befragungen sind zur Beurteilung des Sachverhaltes
deshalb nicht notwendig. Dass Q._ und R._ gemäss der Verteidigung
bestätigen können, dass der Beschuldigte sie vor der AF._ gewarnt habe
(Urk. 189 S. 3), ist vorliegend ebenfalls nicht erheblich. Selbst wenn diese Warn-
hinweise erfolgt sein sollten, was von Seiten der Staatsanwaltschaft im
Übrigen nicht bestritten wird (Urk. 190 S. 5 f.), könnte dieser Umstand am
Beweisergebnis nichts ändern, zumal diese Warnung zu einem Zeitpunkt hätte
erfolgt sein können, in dem sich AC1._, AD._ und AE._ mit dem
Beschuldigten bereits überworfen hatten und ihm keine Ware mehr zukommen
liessen.
Die Verteidigung beantragt schliesslich, es sei die sichergestellte CD daraufhin
wissenschaftlich zu untersuchen, welche Dateien zu welchem Zeitpunkt produ-
ziert wurden (Urk. 189 S. 1). Es wurde im Rahmen der Beweiswürdigung bereits
dargelegt, dass von der Authentizität der CD bzw. der darauf gespeicherten Daten
auszugehen ist. Dafür, dass die auf der CD enthaltenen Excel-Tabellen die
- 45 -
konkreten Vorgänge und Abläufe bei der AF._ korrekt wiedergeben, spricht
insbesondere der Umstand, dass sie mit weiteren Beweismitteln, wie den von den
Geschädigten eingereichten Unterlagen, übereinstimmen. Nachdem keine
Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die auf der CD gespeicherten Daten
gefälscht sind, erübrigt es sich, die CD wissenschaftlich untersuchen zu lassen.
Mit den vorgenannten Anträgen wird die Beweiserhebung über Tatsachen ver-
langt, die bereits rechtsgenüglich erwiesen bzw. rechtlich unerheblich sind
(Art. 318 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 139 Abs. 2 StPO). Eine weitere Beweiserhebung
hat deshalb zu unterbleiben.
10. Subsumtion und rechtliche Würdigung
Nach dem Gesagten machte sich der Beschuldigte des gewerbsmässigen
Betrugs im Sinne von Art. 146 Abs. 1 und 2 StGB schuldig. Im Übrigen sowie zur
rechtlichen Würdigung wird auf das vorinstanzliche Urteil verwiesen (Urk. 139
S. 20 ff. sowie S. 193 ff.).
Die Verteidigung wendet sich gegen die rechtliche Würdigung als Betrug. In casu
seien die Tatbestandselemente des Irrtums und der Arglist nicht erfüllt. Von den
Geschädigten sei niemand rechtsgültig befragt worden, womit schon gar nicht klar
sei, wer von den Geschädigten tatsächlich in einen Irrtum versetzt worden sei.
Sodann hätten die Geschädigten keine genügenden Abklärungen betreffend die
AF._ vorgenommen. Sie hätten niemals derartige Mengen an Waren ohne
entsprechende Sicherheit liefern dürfen. Die Verteidigung weist in diesem
Zusammenhang darauf hin, dass die Geschädigten ohne Sicherheitsleistungen
bzw. bereits nach einer geringfügigen Anzahlung Waren geliefert hätten (Urk. 191
S. 19 f.).
Dass sich die Angestellten der geschädigten Unternehmen in Bezug auf die
Warenlieferungen und Zahlungskonditionen an interne Richtlinien zu halten
hatten, versteht sich von selbst. Entgegen der Auffassung der Verteidigung ist
daher nicht massgebend, welcher konkrete Mitarbeiter innerhalb des geschädig-
ten Unternehmens in einen Irrtum versetzt wurde. Dass die Mitarbeiter aufgrund
- 46 -
der Täuschungshandlungen des Beschuldigen und seiner Mittäter davon aus-
gingen, dass die gelieferten Waren nach Ablauf der Zahlungsfrist bezahlt würden,
ist zudem bereits durch den Umstand belegt, dass in der Folge Warenlieferungen
an die AF._ erfolgten. Unter dem Gesichtspunkt der Opfermitverantwortung
ist sodann nicht erforderlich, dass der Geschädigte die grösstmögliche Sorgfalt
walten lässt und alle denkbaren Vorsichtsmassnahmen trifft, um den Irrtum zu
vermeiden. Arglist scheidet lediglich aus, wenn das Opfer die grundlegendsten
Vorsichtsmassnahmen nicht beachtet hat. Entsprechend entfällt der strafrechtli-
che Schutz nicht bei jeder Fahrlässigkeit des Opfers, sondern nur bei Leichtfertig-
keit, welche das täuschende Verhalten des Täters in den Hintergrund treten lässt.
Die zum Ausschluss der Strafbarkeit des Täuschenden führende Opfermitverant-
wortung ist mithin nur in Ausnahmefällen zu bejahen (BGE 135 IV 76, E. 5.2; BGE
126 IV 165, E. 2a, je mit Hinweisen). Die Strafbarkeit wird durch das Verhalten
des Täuschenden begründet und nicht durch jenes des Getäuschten, der im
Alltag seinem Geschäftspartner nicht wie einem mutmasslichen Betrüger gegen-
übertreten muss (Urteil des Bundesgerichts 6S.168/2006 vom 6. November 2006,
E. 2.3). Es wurde im Rahmen der Beweiswürdigung bereits dargelegt, welchen
Aufwand der Beschuldigte und seine Mittäter zur Begehung der vorliegenden
Delikte aufgewendet haben (vgl. Ziff. 8). Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass sie
sich mit ihrem ausgeklügelten Vorgehen eigentlicher Machenschaften bedient
haben. Aufgrund des gekauften Aktienmantels verfügte die AF._ über einen
makellosen Betreibungsregisterauszug. Erkundigungen beim Betreibungsamt
über diese Firma hätten demnach nichts Negatives zu Tage gefördert. Der Ein-
druck eines seriösen Unternehmens wurde durch den professionellem Auftritt mit-
tels einer Homepage (HD Urk. 8/16), Visitenkarten (HD Urk. 8/15) und einem
redegewandten Einkaufsleiter AC1._ an der Front verstärkt. Die an der
AF._
beteiligten Personen trafen zudem weitere Massnahmen, um das Vertrauen der
Geschädigten zu gewinnen. Mit der Bestellung kleinerer Warenposten, die pünkt-
lich beglichen wurden, erweckte die AF._ den Eindruck eines zuverlässigen
sowie zahlungswilligen- und fähigen Geschäftspartners. Der Beschuldigte und
seine Mittäter nutzen schliesslich auch das im Getränkehandel vorherrschende
- 47 -
und dem Beschuldigten als Branchenkenner ohne weiteres bekannte System mit
Vorauslieferungen unter kurzen Zahlungsfristen von 15 bzw. 30 Tagen rigoros
aus.
Angesichts der vom Beschuldigten und seinen Mittätern mit hohem Aufwand
betriebenen betrügerischen Inszenierungen kann den geschädigten Unternehmen
vorliegend keine Opfermitverantwortung angelastet werden, welche zur Ver-
neinung des Tatbestandselements der Arglist führen würde.
B. Anklagevorwurf gemäss Anklageziffer C (HD Urk. 49 S. 8-11)
1. Ausgangslage
Der Beschuldigte bestreitet nicht, über seine – damals noch ihm gehörende –
C._ (nachfolgend: C._) die Warenbestellungen getätigt zu haben (Urk.
188 S. 56), die in der Anklage aufgeführt sind (Ausnahme: die zuletzt in der An-
klage aufgeführte Bestellung, die „ca. am 16. Juli 2008" aufgegeben worden sein
soll; dazu unten). Er macht jedoch geltend, er sei jeweils von AB._ beauftragt
worden, diese Ware zu bestellen, da dieser sie für seine AT._ GmbH benö-
tigt habe. AB._ habe die Ware jeweils umgehend bei der C._ abgeholt
(HD Urk. 2/2 S. 4 Ziff. 12) und den Erhalt mittels Empfangsschein bestätigt (HD
Urk. 2/10 S. 3 Ziff. 17; HD Urk. 9/9/1/1-8). AB._ hätte jeweils innert 30 Tagen
bezahlen sollen, was er jedoch nicht getan habe (HD Urk. 2/12 S. 13 Ziff. 58). Mit
Wirkung auf Ende Juli 2008 habe er dann die C._ mitsamt allen noch offenen
Rechnungen gegenüber den Lieferanten an AB._ verkauft (HD Urk. 2/2 S. 4
Ziff. 11; siehe u.a. die von AB._ unterzeichnete Kreditorenliste: HD Urk.
30/9). Dieser Standpunkt des Beschuldigten wird im Wesentlichen auch von sei-
ner Ehefrau AU._ geteilt.
Die Anklage wirft dem Beschuldigten im Wesentlichen vor, er habe die jeweils
gelieferte Ware gar nicht an AB._ verkauft, sondern an eine Vielzahl von Ab-
nehmern verramscht und den Erlös einkassiert, während AB._ lediglich die
- 48 -
Rolle eines Strohmannes zugekommen sei. Ausgenutzt habe der Beschuldigte
dabei sowohl das seit der Gründung im Jahr 2004 hin aufgebaute Vertrauen der
Lieferanten in die C._, das zur Einräumung entsprechender Kreditlinien ge-
führt hatte, sowie auch den Umstand, dass die u.a. auch in Basel durchgeführte
Euro 08 (7.-29. Juni 2008) namentlich im Getränkehandel eine entsprechend
grössere Nachfrage zur Folge hatte, so dass die Lieferanten nicht leichthin Ver-
dacht schöpfen würden.
AB._ hält im Wesentlichen fest, er sei vom Beschuldigten ausgenutzt und
„über den Tisch gezogen“ worden (HD Urk. 7/3 S. 1 f. Ziff. 3 a.E.). Er habe dem
Beschuldigten nie einen Auftrag erteilt, Getränke zu bestellen und von diesem
auch keine Waren bezogen, weder für sich noch für seine AT._ GmbH (HD
Urk. 7/6 S. 2 Ziff. 6 und 7 sowie S. 6 Ziff. 18 a.E.). Die Warenempfangsbelege
habe er unterzeichnet, ohne sich bewusst gewesen zu sein, um was es gehe (HD
Urk. 7/6 S. 6 Ziff. 18 a.A.). Weiter habe ihm der Beschuldigte bzw. dessen
Ehefrau gesagt, sie würden für die Forderungen der C._ weiterhin gerade
stehen (HD Urk. 7/3 S. 5 f. Ziff. 18 und 19). Ferner habe der Beschuldigte ver-
sprochen, ihn am Anfang im Getränkehandel zu unterstützen (HD Urk. 7/3 S. 5
Ziff. 13). Mit Blick auf den fehlenden Verkaufspreis sei er davon ausgegangen,
nur den Namen der C._ zu übernehmen (HD Urk. 2/13 S. 12).
Dass jemand eine Getränkefirma ohne besondere sonstige „assets“, aber mit
Fr. 484'196.85 Schulden übernimmt, erscheint – jedenfalls prima facie – im Wirt-
schaftsleben ungewöhnlich. Umso wichtiger sind daher die Erklärungen der
Beteiligten. Diese gilt es im Folgenden näher zu analysieren.
Es ist auch an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die Vorinstanz bereits
ausführlich und umfassend mit der relevanten Beweissituation auseinanderge-
setzt und eine sorgfältige Beweiswürdigung vorgenommen hat. Zur Vermeidung
von Wiederholungen kann daher vorab auf die entsprechenden Ausführungen der
Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 139 S. 213 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. Erstaussage des Beschuldigten
- 49 -
Wie bereits im Zusammenhang mit der AF._ erwähnt, wurde der Beschuldig-
te am 5. August 2008, also kurz nach Verkauf der C._ an AB._, zur ers-
ten Einvernahme vorgeführt und anschliessend in Untersuchungshaft gesetzt.
Nachdem er darauf hingewiesen wurde, dass gegen ihn wegen Betrugs ermittelt
werde, wurde er einleitend aufgefordert, seinen „Werdegang ab Schulbildung bis
und mit beruflicher Ausbildung zu schildern“. Im Rahmen seiner Schilderung
kommt der Beschuldigte letztlich auf den Verkauf der C._ zu sprechen und
nennt drei Gründe, warum er diese verkauft habe (wobei es eigentlich sogar vier
Gründe sind): Sein anderes Geschäft, die AV._, sei eben gut gelaufen, wes-
wegen er die C._ verkauft habe; der zweite Grund liege darin, dass er den
Führerschein habe abgeben müssen; der dritte Grund sei gewesen, dass er zu
wenig Zeit für seine Familie gehabt habe; ein weiterer Grund sei gewesen, dass
es nicht einfach gewesen sei, beide Firmen zu führen (HD Urk. 2/2 S. 1 f. Ziff. 3).
Auf die Frage nach seinem Werdegang (bis und mit beruflicher Ausbildung)
kommt der Beschuldigte also von sich aus auf den C._-Verkauf zu sprechen
und zählt spontan – und namentlich ohne auch nur ansatzweise danach gefragt
worden zu sein – vier Gründe auf, die ihn angeblich zum Verkauf veranlasst
haben. Dies deutet darauf hin, dass sich der Beschuldigte offenbar sehr wohl
bewusst ist, dass zu diesem Firmenverkauf Erklärungsbedarf besteht. Bei näherer
Betrachtung erscheinen zwei der genannten Gründe nicht wirklich schlüssig:
Gemäss seinen eigenen späteren Aussagen wurde dem Beschuldigten der
Führerausweis für vier Monate entzogen, und zwar gemäss seinen Angaben von
Februar bis Mai 2008 (HD Urk. 2/10 S. 1 Ziff. 3; Urk. 119 S. 12 unten und S. 20
oben). Danach erhielt er den Führerausweis wieder zurück, so dass nicht ersicht-
lich ist, weshalb dieser Führerausweisentzug ein Grund für den C._-Verkauf
(per Ende Juli 2008) sein konnte. Wie erwähnt, nannte der Beschuldigte als
weiteren Grund für den C._-Verkauf, dass das Geschäft mit der AV._
gut gelaufen sei. Demgegenüber erwähnt der Beschuldigte in seinem Schlusswort
anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung, er habe 2008 Probleme mit der
AV._ gehabt und habe seine Kunden nicht beliefern können (Urk. 119 S. 24).
Die vorstehend aufgezeigten beiden Widersprüche deuten darauf hin, dass die
vom Beschuldigten ins Feld geführten Verkaufsgründe nicht die wahren
- 50 -
Verkaufsgründe sind bzw. dass zumindest noch andere, aber verschwiegene
Verkaufsgründe bestehen.
Die Frage, wie viele Getränke die C._ jährlich eingekauft habe, beantwortet
der Beschuldigte mit der abschliessenden Bemerkung (HD Urk. 2/2 S. 4 Ziff. 10):
„In den letzten zwei Monaten waren es viel Waren.“ Daraufhin wurde nachgehakt,
weshalb denn viel Ware eingekauft worden sei. Hierauf antwortete der Beschul-
digte (HD Urk. 2/2 S. 4 Ziff. 11): „Weil ich die C._ praktisch verkauft habe.
Der Käufer der C._ hat noch eine andere Getränkefirma. Dieser Käufer hat
praktisch 95% der C._-Ware übernommen. In den letzten drei Monaten wur-
den Waren für ca. Fr. 400'000.– geliefert [Hervorhebungen hinzugefügt].“ Die
Formulierung, er habe in den letzten zwei Monaten viele Waren bestellt, weil er
die C._ praktisch verkauft habe, erscheint sonderbar und nicht ohne weiteres
nachvollziehbar, denn der angeführte Kausalzusammenhang zwischen „viel Ware
bestellen“ und dem Verkauf der Firma leuchtet nicht ein. Sinn macht diese Formu-
lierung allerdings dann – und insofern ist sie verräterisch – wenn dem Beschuldig-
ten das ihm vorgeworfene deliktische Tun unterstellt wird. Merkwürdig ist weiter,
dass der Beschuldigte gleich zwei Mal davon spricht, er habe die C._ „prak-
tisch“ verkauft. Er deutet damit an, dass es irgendwie doch kein ganz richtiger
Verkauf war. Auch die nachfolgende Erklärung, der Käufer habe diese Ware
übernommen, beantwortet die gestellte Frage nach dem Grund für die zahlreichen
Bestellungen nicht bzw. jedenfalls nicht direkt, sondern besagt lediglich, was als-
dann mit der Ware passiert ist. Angenommen, die ganze Transaktion hätte sich
tatsächlich so zugetragen, wie der Beschuldigte behauptet, hätte es geradezu auf
der Hand gelegen, die erwähnte Frage nach den zuletzt so hohen Einkäufen wie
folgt zu beantworten: weil AB._, der Käufer, dies so wollte. Entsprechende
Aussagen wird der Beschuldige in späteren Einvernahmen zwar machen (u.a. HD
Urk. 2/9 S. 6 Ziff. 36), dass er sie an dieser ersten Stelle aber spontan genau
nicht macht und statt dessen eigenartige und, wie gezeigt, teilweise unbewusst
verräterische Formulierungen verwendet, deutet darauf hin, dass es eine ent-
sprechende Willensäusserung von AB._, wonach diese Waren für ihn zu
bestellen seien, gar nie gegeben hat.
- 51 -
Wie eben erwähnt, spricht der Beschuldigte davon, der Käufer habe 95% der
Ware übernommen. In einer späteren Einvernahme sagt er alsdann aus, das
Warenlager der C._ sei zum Übernahmezeitpunkt Fr. 100'000.– wert
gewesen, wobei AB._ zu diesem Zeitpunkt bereits Waren im Wert von
ca. Fr. 400'000.– bezogen habe. Es sei vereinbart gewesen, dass AB._ die
C._ mitsamt Schulden übernehme, während er, der Beschuldigte, die zum
Übernahmezeitpunkt noch vorhandenen Waren im Wert von Fr. 100'000.–
behändige. Auch hier verwickelt sich der Beschuldigte in weitere Widersprüche:
Hätte nämlich AB._ tatsächlich 95% der Ware übernommen, wie der Be-
schuldigte in seiner Erstaussage darlegte, und der Beschuldigte somit die restli-
chen 5% und hätten diesen 5%, wie er ebenfalls ausführte, tatsächlich einen Wert
von
Fr. 100'000.– gehabt, so betrüge der Wert der von AB._ übernommenen Wa-
re nicht Fr. 400'000.–, sondern Fr. 1.9 Millionen. Dies trifft offensichtlich nicht zu
und deutet daraufhin, dass die Angaben des Beschuldigten zum Wert der von ihm
übernommenen Waren unwahr sind. Anlässlich der Berufungsverhandlung
deponierte der Beschuldigte weitere, sich widersprechende Aussagen, was im
Zeitpunkt des Verkaufs der C._ mit der am Lager befindlichen Ware ge-
schehen sei (Urk. 188 S. 59 ff.).
Auf die Frage, wer denn den Lieferanten die bestellen Waren bezahlen solle, ant-
wortete der Beschuldigte anlässlich der Ersteinvernahme (HD Urk. 2/2 S. 4
Ziff. 13): „Die C._ muss die Waren bezahlen.“ Nachdem ihm daraufhin vor-
gehalten wurde, dass aber offenbar nach wie vor (d.h. per 5. August 2008) er und
seine Frau unter der C._ im Handelsregister eingetragen waren, verlieh er
zunächst seinem Erstaunen Ausdruck und sagte alsdann auf erneute Frage hin
(HD Urk. 2/2 S. 4 f. Ziff. 15): „Es ist richtig, gegenüber den Lieferanten bin ich ver-
antwortlich.“ Insofern widerspricht er seiner unmittelbar zuvor gemachten Aussa-
ge diametral und passt sein Aussageverhalten dem Vorhalt an, um alsdann so-
gleich weiter zu differenzieren (HD Urk. 2/2 S. 4 f. Ziff. 15): „Derjenige, der die
Ware aber genommen hat, muss diese Ware an mich zurückbezahlen.“ Mit dieser
Aussage setzt sich der Beschuldigte überdies in Widerspruch zum Wortlaut der
Kreditorenliste, gemäss welcher der Käufer die aufgeführten Schulden überneh-
- 52 -
me (HD Urk. 30/9). Zivilrechtlich kommt dieser angeblichen Schuldübernahme-
klausel, welche von AB._ als Käufer unterzeichnet wurde, indes keine recht-
liche Wirkung zu, denn der Erwerb der Stammanteile durch AB._ ändert am
Bestand der
Schulden der C._ ohnehin nichts. Da eine Schuldübernahme im eigentlichen
Sinne ohnehin nicht vorliegen kann, da dies der Zustimmung der Gläubiger
bedürfte (Art. 176 Abs. 1 OR), könnte die Erklärung höchstens als eine zusätzli-
che persönliche Schuldübernahme durch AB._ als Privatperson betrachtet
werden, was jedoch – nach Treu und Glauben ausgelegt – nicht anzunehmen ist;
die Kreditorenliste ist daher nicht mehr als ihr Name besagt, nämlich eine Auf-
stellung über die bestehenden Schulden der GmbH.
Der in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung gestellten Frage, ob er denn die
vorerwähnte Zahlungsverpflichtung gegenüber den Lieferanten anerkenne und ob
er zwischenzeitlich bereits Zahlungen geleistet habe, wich der Beschuldigte wie
folgt aus (Urk. 119 S. 21 Mitte): „Ich verweise diesbezüglich auf meine bisherigen
Aussagen sowie auf meinen Anwalt.“
Auf die Frage, ob er sein Verhalten bezüglich der C._ korrekt finde, antwortet
der Beschuldigte, er habe nur „nach dem Gesetz“ gehandelt und die Ware „nach
dem Gesetz“ gekauft. Wenn die Ware bezahlt sei, sei alles in Ordnung (HD
Urk. 2/2 S. 5 Ziff. 16). Auch hier weicht der Beschuldigte der Frage aus und
bekräftigt sodann erneut: „Für die letzten Rechnungen bin ich aber verantwort-
lich.“ Und weiter: „Ca. Fr. 150'000.– der offenen Fr. 400'000.– dürften bereits
bezahlt sein.“ Letzteres trifft indes nicht zu. Dass der Beschuldigte gleich zwei Mal
– trotz Verkaufs der C._ und im Widerspruch zum Text der Kreditorenliste –
zum Ausdruck bringt, gegenüber den Lieferanten zu haften, deutet darauf hin,
dass er von seiner eingangs dargelegte Version der Geschehnisse letztlich selbst
nicht überzeugt ist. Dass er in den nachfolgenden Einvernahmen an der erwähn-
ten eingangs dargelegten doch wieder festhalten wird, ändert daran nichts.
Danach gefragt, wo die Buchhaltung der C._ sei, antwortete der Beschuldig-
te, sie sei letztes Jahr im Dezember mitsamt dem ganzen Gebäude verbrannt; es
gebe überhaupt keine Unterlagen mehr betreffend die C._ (HD Urk. 2/2 S. 5
- 53 -
Ziff. 18). Auch dieser Antwort haftet etwas eigenartig Ausweichendes an: Ist die
Buchhaltung nämlich im Dezember 2007 verbrannt (wobei feststeht, dass das
damalige Lager der C._ in AN._ tatsächlich am 3. Dezember 2007 ab-
brannte), so kann logischerweise nur die Buchhaltung bis und mit 3. Dezember
2007 verbrannt sein. Danach und insbesondere in der vorliegend relevanten
mutmasslichen Tatzeit (Mai - Juli 2008) konnte die Buchhaltung aber wieder ge-
führt
werden. Über diesen Umstand versucht der Beschuldigte mit seiner Antwort hin-
wegzutäuschen, was darauf hindeutet, dass er etwas zu verbergen hat (siehe
dazu sogleich).
Fazit: Die vorstehend analysierte Ersteinvernahme des Beschuldigten enthält eine
auffallende Häufung von Indizien, die darauf hindeuten, dass der Beschuldigte die
Unwahrheit sagt. Seine Erstaussage erweist sich als unglaubhaft. Dieser Befund
wird durch die weiteren Einvernahmen nicht relativiert, sondern weiter erhärtet
(dazu nachfolgend).
3. Weitere Einvernahmen des Beschuldigten
Verborgen im Keller seines Wohnhauses fand die Polizei anlässlich der Haus-
durchsuchung beim Beschuldigten u.a. einen Ordner mit Buchhaltungsunterlagen
der C._ (HD Urk. 20/3 S. 2 G.-Nr. 9 mit Hinweis auf Kellerraum am Rande;
vgl. auch HD Urk. 2/13 S. 15 oben). Nachdem der Beschuldigte, wie erwähnt,
zunächst – wenig plausibel – ausgeführt hatte, sämtliche Buchhaltungsunterlagen
der C._ seien verbrannt, erklärte er in einer späteren Einvernahme hierzu: Er
habe AB._ einen Ordner mit C._-Buchhaltungsunterlagen übergeben
(was dieser jedoch bestreitet). Dies sei gegen Ende Juli 2008 gewesen (HD Urk.
2/10 S. 5 f. Ziff. 30 und 31; insbesondere nicht anlässlich der Firmenübertragung,
die per 18. Juli 2008 stattgefunden hatte: HD Urk. 2/10 S. 5 Ziff. 29). Die Behaup-
tung des Beschuldigten, wonach er den Ordner an AB._ übergeben habe,
wirft die Frage auf, wie dieser Ordner dann am 5. August 2008 in seinem Keller-
abteil
- 54 -
sichergestellt werden konnte. Dies erklärt der Beschuldigte wie folgt (HD Urk. 2/10
S. 6 Ziff. 33): Er sei am Nachmittag des 4. August 2008 (d.h. also am Tag vor
seiner Verhaftung, die am 5. August 2008, 06:15 Uhr stattfand; HD Urk. 39/2) im
Lager der C._ in ... gewesen, um von ihm stammende Abfälle zu entsorgen
und das Lager zu reinigen. Vor dem Lager habe er den weissen Transporter der
C._ gesehen, dessen Fahrertür nicht vollständig verschlossen gewesen sei.
„Auf dem Boden zwischen dem Fahrer- und Beifahrersitz“ habe er die
wichtigen Unterlagen (darunter auch den erwähnten Ordner) gesehen, die er
zuvor AB._ übergeben hatte. Da er gefunden habe, es bestehe die Gefahr,
dass diese Unterlagen gestohlen werden könnten, habe er sie behändigt, um sie
dann AB._ wieder vorbeizubringen. Er habe die Unterlagen in seinem
Peugeot Boxer verstaut, wo sie alsdann auch gefunden worden seien. Zwar trifft
es zu, dass
gemäss Sicherstellungsliste auch ein Ordner betreffend die C._ in seinem
Peugeot Boxer aufgefunden wurde (HD Urk. 20/3 S. 2 HD-Pos. 10/20); der vor-
liegend interessierende Ordner, der dem Beschuldigten auch vorgehalten wurde
(HD Urk. 2/13 S. 14 unten), befand sich indes im Kellerabteil seines Wohnhauses,
wobei der Beschuldigte bei der Beschlagnahme zugegen war (HD Urk. 20/3 S. 2
HD-Pos. 10/9). Die Verteidigung machte diesbezüglich geltend, die damalige
Terrassenwohnung habe gar nicht über einen Keller verfügt. Der Ordner habe
sich in einem Raum der Wohnung befunden, der von der Frau des Beschuldigten
als Büroraum benutzt worden sei (Urk. 191 S. 26). Diesen Ausführungen kann
nicht gefolgt werden. Wie bereits dargelegt, steht aufgrund des polizeilichen
Sicherstellungsprotokolls, das vom Beschuldigten unterzeichnet wurde, fest, dass
der Ordner in den Kellerräumlichkeiten der Liegenschaft sichergestellt wurde (HD
Urk. 20/3).
Dass der Beschuldigte den Ordner behändigte, weil er fürchtete, er könnte
ansonsten aus dem unverschlossenen Auto gestohlen werden, erscheint nicht
plausibel, denn es ist nicht einzusehen, wie ein Dieb auf die Idee kommen könnte,
einen Ordner mit Buchhaltungsunterlagen zu stehlen. Hätte diese Gefahr – aller
Plausibilität zum Trotz – aber doch bestanden, wäre es naheliegend gewesen,
den Ordner nicht zu sich nach Hause mitzunehmen, sondern ihn im Lager der
- 55 -
C._ zu deponieren, zumal sich der Beschuldigte genau dorthin begab und
explizit erwähnte, damals noch über einen Schlüssel zum Lager verfügt zu haben
(HD Urk. 2/10 S. 7 Ziff. 35).
Während der Beschuldigte in der vorstehend wiedergegebenen Einvernahme, die
ein Tag nach dem angeblichen Vorfall stattfand, aussagte, die „Fahrertür“ des
Transporters sei „nicht vollständig verschlossen“ gewesen und er habe dies
kontrolliert (HD Urk. 2/10 S. 6 Ziff. 33), schildert er das gleiche Sachverhalts-
element in einer späteren Einvernahme wie folgt (HD Urk. 2/13 S. 15 oben): „Ent-
weder waren die Türen oder die Scheiben des Wagens offen.“ Auf einmal also ist
es nicht mehr die „Fahrertür“, die „nicht vollständig“ verschlossen war (was er
eigens kontrolliert habe), sondern es waren entweder die Türen (Plural) oder die
Scheiben (wieder Plural) geradezu offen. Dass sich der Beschuldigte dies-
bezüglich nicht mehr sicher ist, erscheint ebenfalls sonderbar: Wären nämlich tat-
sächlich nur die Fenster offen gewesen, hätte er den Ordner, der sich – gemäss
seinen Aussagen vom Tag danach – auf dem Boden zwischen Fahrer- und
Beifahrersitz befand, nicht leichthin behändigen können, was ihm in Erinnerung
geblieben wäre, so dass die vorerwähnte Varianten-Erinnerung nicht plausibel ist,
was – im Verbund mit den übrigen gezeigten Widersprüchen – darauf hindeutet,
dass die Schilderung des Beschuldigten nicht erlebnisbasiert ist.
Selbst wenn nun aber die vorerwähnte Schilderung des Beschuldigten als wahr
unterstellt würde, deutet der Umstand, dass sich der erwähnte Ordner aus-
gerechnet im Kellerabteil seines Wohnhauses befand, darauf hin, dass der
Beschuldigte keineswegs beabsichtigte, ihn an AB._ zurückzugeben. Ohne-
hin erscheint sonderbar, dass sich überhaupt Ordner mit buchhaltungsrelevanten
Unterlagen (und dergleichen) namentlich im Kellerabteil des Beschuldigten und
insbesondere auch unter dem Bett des Beschuldigten befanden (HD Urk. 20/3
S. 2 HD-Pos. 10/21). Damit ist im Übrigen auch erstellt, dass die von AB._
anlässlich des C._-Verkaufes (am 18. Juli 2008) unterzeichnete Empfangs-
bescheinigung, wonach er vom Beschuldigten einen Ordner „mit sämtlichen
Buchhaltungsbelegen ab dem 04.12.2007 der C._ GmbH“ erhalten habe (HD
Urk. 9/9/1/9), nicht der Wahrheit entspricht.
- 56 -
Der Beschuldigte stellte ausserdem Folgendes fest (HD Urk. 2/9 S. 10 Ziff. 58):
„Ich habe zwar sehr viele Schulden bei Lieferanten, aber ich habe auch sehr viele
Kunden, die Ausstände bei mir haben [Hervorhebung hinzugefügt].“ Auf die
anderorts gestellte Frage, welche Kunden der C._ im Juni/Juli 2008 sonst
noch (d.h. nebst AB._ Firma) Geld geschuldet hätten, antwortet der Beschul-
digte
indes, daran könne er sich nicht erinnern (HD Urk. 2/12 S. 11 Ziff. 49). Dass die
C._ in der fraglichen Zeit „sehr viele Kunden“ hatte, stellte der Beschuldigte
an anderer Stelle gleich selbst wieder in Frage, indem er feststellte, 99% der Wa-
re sei an AB._ gegangen (HD Urk. 2/12 S. 13 Ziff. 57).
Im Wesentlichen macht der Beschuldigte geltend, er habe im Auftrag von
AB._ die Waren an dessen AT._ GmbH geliefert bzw. die Waren seien
von AB._ jeweils abgeholt worden. Er habe darauf vertraut, dass AB._
ihn entsprechend bezahlen werde, um habe ihm deswegen entsprechend Kredit
gewährt (Urk. 119 S. 24 ganz unten), ein Kredit, dessen Umfang innert rund 2
Monaten kontinuierlich – durch immer neue Bestellungen bei den Lieferanten –
auf rund eine halbe Million anwuchs. Weiter erklärte der Beschuldigte, AB._
hätte die Rechnungen jeweils innert 30 Tagen bezahlen müssen (HD Urk. 2/12 S.
13 Ziff. 58). Obwohl seitens AB._ bzw. dessen AT._ GmbH nicht eine
einzige Zahlung bei der C._ einging und namentlich die 30-tägige Zahlungs-
frist für die vom Mai und Juni datierenden Rechnungen verstrichen war (siehe z.B.
die vier Rechnungen vom 5. und 9. Juni 2008 gemäss HD Urk. 9/9/1/1-4, welche
insgesamt einen
Betrag von Fr. 222'421.60 ausmachen), gab der Beschuldigte bis kurz vor der
Unterzeichnung des Verkaufsvertrag neue Bestellungen bei den Lieferanten auf.
Gerade bezogen auf diese Rechnungen trifft die Behauptung des Beschuldigten
nicht zu, zum Zeitpunkt des C._-Verkaufs (also per 18. Juli 2008) seien die
Zahlungsfristen keines Kunden der C._ abgelaufen gewesen (HD Urk. 2/9
S. 10 Ziff. 59). Der Beschuldigte erwähnte weiter, in der fraglichen Zeit nie einen
Kunden betrieben zu haben (HD Urk. 2/9 S. 10 Ziff. 59). Auch Mahnungen habe
er keine verschickt (HD Urk. 2/12 S. 13 Ziff. 57). Am 6. Mai 2008 erging die erste
der bis heute unbezahlt gebliebenen Bestellungen der C._. Auf die Frage,
- 57 -
warum die C._ ab Mitte Mai 2008 keinerlei Zahlungen mehr geleistet habe,
erwiderte der Beschuldigte, ab diesem Zeitpunkt habe er mit AB._ Probleme
gehabt, da dieser seine Rechnungen nicht pünktlich bezahlt habe (HD Urk. 2/12
S. 10 Ziff. 44). Obwohl der Beschuldigte also gemäss eigener Aussage mit
AB._ ab Mitte Mai wegen „unpünktlich“ bzw. richtigerweise gar nicht bezahl-
ten
Rechnungen Schwierigkeiten hatte, sah er gegenüber diesem von jeglichen Mah-
nungen und Betreibungen ab, und gewährte ihm in den folgenden zwei Monaten
sukzessive einen ungesicherten Kredit im Umfang einer halben Million Franken.
Auch anlässlich der Berufungsverhandlung räumte der Beschuldigte ein,
AB._ nie schriftlich gemahnt oder gar betrieben zu haben; allerdings machte
er geltend, seine Ehefrau habe AB._ mehrmals mündlich gemahnt (Urk. 188
S. 64 und 74). Selbst wenn solche - lediglich mündliche - Mahnungen erfolgt sein
sollten, ändert dies nichts an der Feststellung, dass der Beschuldigte AB._
trotz grosser Ausstände innert kurzer Zeit Waren im Umfang von rund einer hal-
ben Million Franken lieferte, ohne irgendwelche Sicherheiten zu haben, was an-
gesichts der vom
Beschuldigten stets wieder betonten eigenen Geschäftstüchtigkeit mehr als nur
erstaunt.
AU._, die Ehefrau des Beschuldigten, führte mit Bezug auf die C._ aus,
es sei nicht einfach gewesen, die Gelder der Kunden einzutreiben, sie seien
„immer etwas knapp mit Geld“ gewesen, weshalb sie sich entschieden hätten, die
C._ zu verkaufen (HD Urk. 3/1 S. 3 Ziff. 15). Auch der Beschuldigte erwähnt,
er habe mit der C._ kein Geld verdient, weshalb er beschlossen habe, sie zu
verkaufen (HD Urk. 2/10 S. 4 f. Ziff. 24). Anfangs Juli 2008 habe er erstmals „mit
dem Gedanken gespielt, die C._ abzustossen“ (HD Urk. 2/11 S. 1 Ziff. 2).
Spielte der Beschuldigte somit anfangs Juli 2008 erstmals mit dem Gedanken, die
C._ abzustossen, weil diese nicht rentierte, und die Eheleute – gemäss Aus-
sagen von AU._– „immer etwas knapp mit dem Geld“ waren, ist nicht
davon auszugehen, dass sie sukzessive und sehenden Auges finanzielle Risiken
im Umfang einer halben Million Franken eingingen; vielmehr ist damit – und unter
- 58 -
Berücksichtigung sämtlicher vorstehender Ausführungen – erstellt, dass die Sach-
darstellung des Beschuldigten nicht glaubhaft ist.
4. Zwischenfazit
Die Erklärungen des Beschuldigten zu seinem Tun erweisen sich als unglaubhaft.
Hinzuweisen ist an dieser Stelle einmal mehr auf das äusserst widersprüchliche
und ausweichende Aussageverhalten des Beschuldigten (auch) anlässlich der
Berufungsverhandlung. Wurden ihm Fakten vorgehalten, die ihn eher belasten
(beispielsweise der aktenkundige Verkauf von Waren an zahlreiche Firmen ab
dem 6. Juni 2008), berief sich der Beschuldigte darauf, dass er sich aufgrund des
langen Zeitablaufs nicht mehr erinnern könne (Urk. 188 S. 62 f.). Ging es hinge-
gen darum, dass er sich - auf Ergänzungsfrage seines Verteidigers - beispiels-
weise an das Datum einer ganz bestimmten Getränkelieferung erinnern sollte,
war er ohne weiteres - trotz des langen Zeitablaufs - in der Lage, dazu Auskunft
zu geben (vgl. Urk. 188 S. 77). Auch wenn einzuräumen ist, dass der Beschuldig-
te im Jahre 2014 nicht mehr alles präsent haben konnte, was beispielsweise im
Jahre 2008 geschehen ist, lässt dieses sehr selektive Erinnerungsvermögen
aufhorchen. Demgegenüber erweisen sich die Aussagen von AB._ in den
wesentlichen Punkten als authentisch und plausibel. Dass er die vorerwähnte
Bestätigung betreffend Buchhaltungsunterlagen, die Warenempfangsbescheini-
gungen, die Kreditorenliste und auch die weiteren Vertragsdokumente gewisser-
massen „blind“ unterzeichnete, ist auf seine Unvorsichtigkeit bzw. Leichtgläubig-
keit zurückzuführen. Seine diesbezüglichen Aussagen erscheinen im Wesentli-
chen authentisch und plausibel und weisen keinerlei Anhaltspunkte auf, die darauf
hindeuten würden, dass sie nicht erlebnisbasiert sind (siehe namentlich: HD
Urk. 7/3 S. 4 f. Ziff. 11-13 und S. 5 f. Ziff. 18 und 19; HD Urk. 7/6 S. 2 f. Ziff. 6, 7
und 8 und S. 4 f. Ziff. 12 und 13 und S. 6 Ziff. 18 und S. 7 Ziff. 20; HD Urk. 2/13
S. 5 ff., S. 9 [Mitte], wobei auf S. 13 [ganz unten] sowie S. 14 [ganz oben] das
Naturell von AB._, die ihm vorgehaltenen Texte nicht zu lesen, in der Einver-
nahme direkt offenbar wird).
Der Beschuldigte nutzte mit seinen Machenschaften das während mehrerer Jahre
gegenüber seinen Lieferanten aufgebaute Vertrauen in die bislang unauffällige
- 59 -
C._ sowie auch den Umstand aus, dass sein deliktisches Wirken im Rahmen
der u.a. in Basel durchgeführten Fussballeuropameisterschaft und der damit
einhergehenden gesteigerten Getränkenachfrage kaum auffallen würde. Seinen
Tatentschluss fasste er – entgegen seinen Angaben – bereits, bevor er seine
erste unbezahlt gebliebene Bestellung in Auftrag gab. Von Beginn fehlte es dem
Beschuldigten an jeglichem Zahlungswillen und er wusste genau, welche Folgen
sein Tun bei planmässiger Tatausführung haben würde. Durch den Konkurs der
C._ entstanden den Gläubigern die geltend gemachten Forderungsausfälle
im Umfang insgesamt Fr. 519'924.17.
5. Insbesondere: Die Bestellungen vom 9. und 10. Juli 2008
Die gegen Ende seines deliktischen Tuns am 9. Juli 2008 bei der AM._
AG telefonisch getätigte Bestellung im Wert von Fr. 66'504.92, deren Vornahme
der Beschuldigte eingestanden hat (HD Urk. 2/9 S. 10 f. Ziff. 62),
wurde nicht mehr ausgeliefert, da AM._ – trotz der im Raum Basel im Zuge
der Euro 08 kurzfristig massiv gesteigerten Nachfrage und entsprechend
gelockerter Bezugsregelungen – Verdacht geschöpft hatte. Insofern blieb es also
beim Versuch. Erschwerend hinzu kommt hierbei sowie auch bei der am Tag
danach (10. Juli 2008) bei der K._ AG aufgegebenen Bestellung (welche
allerdings eine Warenauslieferung zur Folge hatte) Folgendes: Der Beschuldigte
brachte am 11. Juli 2008 eine ihm persönlich bekannte Bankmitarbeiterin der ...
AG [Bank] dazu, den beiden vorgenannten Firmen jeweils ein ausgefülltes Zah-
lungsauftragsformular zu faxen, auf dem sie handschriftlich vermerkt hatte „Zah-
lung entgegengenommen“ (ND 1 Urk. 2/22 S. 3; ND 1 Urk. 3/4
S. 1 und 2), obwohl der entsprechende Auftrag in Tat und Wahrheit nur zur
Zahlung entgegengenommen worden war (d.h. also insbesondere kein Geld floss)
und das entsprechende Bankkonto damals nur einen Saldo von Fr. 133.45 auf-
wies (HD Urk. 21/13, drittletzte Seite, Konto-Auszug per 30. September 2008,
wobei letzte Kontobewegung vor vorliegendem Vorfall am 1. Juli 2008 stattfand).
Als Folge davon – bzw. im Falle von AM._ aufgrund eines per 14. Juli 2008
von AU._ veranlassten Widerrufs (HD Urk. 21/18) – wurden diese
Zahlungsaufträge letztlich nicht aufgeführt (HD Urk. 21/13, drittletzte Seite, Konto-
- 60 -
Auszug per 30. September 2008). Aufgrund dieser beiden Fax-Schreiben ent-
stand bei deren Empfängern der Eindruck, die Ausstände würden teilweise
sogleich beglichen, womit der neusten Bestellung nichts mehr im Wege stünde.
Der Beschuldigte bestreitet nicht, dies getan zu haben, soweit es nicht ohnehin
aktenkundig ist, wendet jedoch ein, er habe eben damit gerechnet, von AB._
Geld zu erhalten (HD Urk. 2/15 S. 13 ganz unten sowie S. 14 ganz oben und
unten). Diese Behauptung erweist sich im Lichte der vorstehenden Ausführungen
als nicht glaubhaft.
6. Insbesondere: Der Betrugsversuch ca. vom 16. Juli 2008
Die Anklageschrift wirft dem Beschuldigten zuletzt vor, es „ca. am 16. Juli 2008“,
also zwei Tage vor der Abwicklung des Verkaufs, bei „einer nicht näher bekann-
ten Auslieferungsstelle der AM._ AG“ nochmals versucht zu
haben, Getränke zu beziehen, wobei es um eine Bestellung von Fr. 35'924.17
gegangen sei. Der Beschuldigte sagte aus, er könne sich an diese Bestellung
nicht mehr erinnern (HD Urk. 2/9 S. 12 Ziff. 69; HD Urk. 2/15 S. 14 ganz unten
und S. 15 ganz oben). In den Akten findet sich hierzu einzig ein E-Mail des
Rechtsvertreters der AM._ AG an die Polizei, welches vom
9. Februar 2009 datiert (ND Urk. 1/3/3 S. 2), woraus keine weiteren Details
hervorgehen, als nicht schon in der Anklage enthalten sind, wobei es abschlies-
send heisst: „Auszüge aus unserem internen System kann ich Ihnen gerne
zukommen lassen.“ Soweit ersichtlich, sind weitere Ermittlungen diesbezüglich
aber unterlieben. Auch wenn der Vorwurf an sich plausibel ist, erweist sich diese
Beweislage als zu dünn. Demzufolge ist der Beschuldigte von diesem letzten Tat-
vorwurf eines vollendeten Versuchs freizusprechen.
7. Beweisanträge
Angesichts der erdrückenden und breit abgestützten Beweislage besteht kein
Zweifel daran, dass sich die Ereignisse so zugetragen haben, wie sie dem
Beschuldigten in der Anklageschrift vorgeworfen werden. An dieser Überzeugung
könnten auch die im Berufungsverfahren durch die Verteidigung im Sinne einer
Beweisergänzung beantragten Einvernahmen diverser Personen nichts ändern,
- 61 -
selbst wenn sich diese Personen so äussern würden, wie von der Verteidigung
angegeben.
In Bezug auf die von der Verteidigung beantragte Einvernahme von T._ von
der ... GmbH (Urk. 189 S. 1 und 4) ist festzuhalten, dass aufgrund der vorge-
nommenen Beweiswürdigung nicht davon auszugehen ist, dass AB._ über
die finanzielle Situation der C._
Bescheid wusste. Im Übrigen ist für die rechtliche Würdigung als Betrug ohnehin
nicht massgebend, ob der vom Beschuldigten eingesetzte Strohmann um die
Schulden der C._ wusste (und die Sache trotzdem mitmachte) oder ob er
davon nichts wusste.
Soweit die Verteidigung geltend macht, die beantragten Zeugen könnten bestäti-
gen, dass AB._ im massgeblichen Zeitraum über sehr viel Geld verfügt habe
(Urk. 189 S. 4 f.), betreffen seine Beweisanträge eine nicht erhebliche Tatsache.
Es ist der Vorinstanz darin zu folgen, dass aus dem Umstand, dass AB._
damals viel Geld zur Verfügung gehabt haben soll, nichts zu Gunsten des
Beschuldigten abgeleitet werden könnte (Urk. 139 S. 343), stünde damit doch
nicht fest, dass dieses Geld aus dem Verkauf der Waren der C._ stammt.
Ebenfalls nicht massgeblich für die Sachverhaltserstellung ist sodann, dass be-
stimmte Personen AB._ als Inhaber eines florierenden selbständigen
Betriebes wahrgenommen haben und er ihren Angaben zufolge im Sommer 2008
viele Waren bezogen und verkauft haben soll (Urk. 189 S. 4 f.). Es kann dies-
bezüglich auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 139 S. 342 f.), mit denen sich die Verteidigung nicht auseinandersetzt. Im
vorliegenden Zusammenhang unerheblich ist schliesslich der von AB._ an-
geblich in Auftrag gegebene Diebstahl im Warenlager des Beschuldigten, weshalb
es sich erübrigt, diesbezüglich weitere Personen zu befragen.
Mit den vorgenannten Anträgen wird die Beweiserhebung über Tatsachen ver-
langt, die rechtlich unerheblich bzw. bereits rechtsgenügend erwiesen sind
(Art. 318 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 139 Abs. 2 StPO). Auf derartige Weiterungen ist
deshalb zu verzichten.
- 62 -
8. Subsumtion und rechtliche Würdigung
Der Beschuldigte machte sich – nach Massgabe des Anklagevorwurfs Ziffer C –
des gewerbsmässigen Betruges schuldig, mit Ausnahme der Bestellung ca. am
16. Juli 2008 bei der AM._ AG im Betrag von Fr. 35'924.17, von welcher er
freizusprechen ist.
Im Übrigen sowie zur rechtlichen Würdigung wird auf das vorinstanzliche Urteil
verwiesen (Urk. 139 S. 213 ff. sowie S. 345 ff.).
Die Verteidigung wendet gegen die rechtliche Würdigung ein, das Tatbestands-
merkmal der Arglist fehle. AM._ und H._ hätten sich ab Juli 2008 offen-
sichtlich nicht mehr an die eigenen Kreditlimiten gehalten. Angesichts der zu die-
sem Zeitpunkt bereits bekannten Ausstände der Firma C._ sei es als mehr
als leichtfertig zu bezeichnen, wenn diese Unternehmen auch noch im Juli 2008
Lieferungen von Waren ausgeführt hätten (Urk. 191 S. 35).
Im Gegensatz zu dem in Anklageziffer A zu beurteilenden Sachverhalt bediente
sich der Beschuldigte hier keiner besonderer Machenschaften, sondern einfacher
Lügen. Unter den vorliegend gegebenen Umständen kann den Lieferanten indes
nicht vorgeworfen werden, sie hätten bei den Warenlieferungen grundlegende
Vorsichtsmassnahmen leichtfertig nicht beachtet. Wie die Vorinstanz zutreffend
festhält (Urk. 139 S. 345 f.), bestanden im Deliktzeitraum bereits langjährige
Geschäftsbeziehungen zwischen den Lieferanten und der C._, in deren
Rahmen eine Vielzahl von Warenbestellungen korrekt abgewickelt worden waren.
Dies wirkte sich vertrauensbildend aus. Entsprechend wurden der C._
branchenüblich auch Waren gegen Rechnung unter Einräumung einer Zahlungs-
frist von 30 Tagen geliefert. Das aufgebaute Vertrauen und die Gepflogenheiten
im Getränkehandel nutzte der Beschuldigte bewusst aus, indem er ohne
Zahlungsabsicht eine Vielzahl von Warenbestellungen aufgab. Hinzuweisen ist
sodann auf die besondere Situation anlässlich der Fussball-EM, die dazu führte,
dass bestehende Kreditlimiten heraufgesetzt wurden. Der Beschuldigte konnte
damit rechnen, dass die Lieferanten auch aufgrund der Europameisterschaft und
der damit verbundenen steigenden Nachfrage nach Getränken keinen Verdacht
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schöpfen würden, wenn ein langjähriger Abnehmer plötzlich hohe Warenbe-
stellung aufgab. Entgegen der Auffassung der Verteidigung ist vorliegend daher
eine arglistige Täuschung zu bejahen.
C. Anklagevorwurf gemäss Anklageziffer D (HD Urk. 49 S. 11-12)
1. Beweiswürdigung
Der Beschuldigte räumte – zumindest im Grundsatz – ein, am 17., 18. und 21. Juli
2008 in den von der N._ AG unter der Enseigne „...“ in ... und ... betriebe-
nen Abholgrosshandlungen mit seiner Kundenkarte, die auf die C._ lautete
und mit einem Lastschriftermächtigungsverfahren auf das Konto der C._ bei
der ... [Bank]
gekoppelt war, im Betrag von Fr. 11'807.10 eingekauft zu haben (HD Urk. 2/16
S. 2; HD Urk. 2/7 S. 1 Ziff. 2 [explizit nur betreffend Filiale ...]; Urk. 119
S. 22; Urk. 188 S. 66 f.). Im Übrigen ist dies ohnehin aufgrund der vorliegenden
Akten erstellt (ND 2 Urk. 4/6 [Kundenkarte] mit Erwähnung des Zahlungsmodus
LSV; ND 2 Urk. 4/2-5 [die drei detaillierten Rechnungen]).
Fest steht auch, dass der Beschuldigte diese Einkäufe, die dem Konto der
C._ hätten belastet werden sollen, am Tag vor dem Verkauf, am Tag des
Verkaufs sowie drei Tage nach dem Verkauf der C._ tätigte. Bereits zum
Zeitpunkt des ersten dieser drei Einkäufe wies die C._, wie vorstehend unter
dem Anklagevorwurf gemäss Ziffer C erstellt, Schulden im Umfang von rund einer
halben Million Franken auf.
Auf Grundlage edierter internen Bankakten steht weiter fest, dass AU._, die
Ehefrau des Beschuldigten, am 14. Juli 2008, also drei Tage vor dem ersten Ein-
kauf, in ihrer Eigenschaft als einzelzeichnungsberechtigte Gesellschafterin der
C._ telefonisch die Löschung sämtlicher Lastschriftermächtigungen veran-
lasste (wobei dies übrigens gleichzeitig mit der – bereits vorstehend unter Ziffer C
des Anklagevorwurfs erwähnten – Löschung des Zahlungsauftrags zu Gunsten
der AM._ AG im Umfang von Fr. 56'086.30 erfolgte; HD Urk. 21/18; vgl. auch
HD Urk. 21/17).
- 64 -
Die involvierten Mitarbeiter der AW._ wussten zum Zeitpunkt der erwähnten
Einkäufe weder vom nur kurz zuvor erfolgten Widerruf der Lastschriftermächti-
gungen noch von der desolaten finanziellen Situation der C._, die seit 2004
zu den Kunden der AW._ gehörte (ND 2 Urk. 4/6).
Obwohl der Beschuldigte auf den erfolgten Lastschriftwiderruf seiner Ehefrau an-
gesprochen wurde (HD Urk. 2/16 S. 1 unten), machte er nicht geltend, davon
nichts gewusst zu haben (anlässlich der Berufungsverhandlung hielt er aus-
weichend fest, er könne sich nicht mehr erinnern, ob er Kenntnis vom Widerruf
der Lastschriftenermächtigung gehabt habe; es sei möglich, dass er seiner Ehe-
frau den fraglichen Auftrag gegeben habe; er denke aber, dass er solche Dinge
mit seiner Ehefrau besprochen habe [Urk. 188 S. 72]).Eine solche Behauptung
wäre unter den vorliegenden Umständen auch nicht glaubhaft, zumal sowohl der
Beschuldigte als auch seine Ehefrau Gesellschafter der C._ waren. Im Übri-
gen erwähnte der Beschuldigte spontan: „Ich erinnere mich, dass wir dort einge-
kauft hatten [Hervorhebung hinzugefügt].“ Dies deutet darauf hin, dass er mit sei-
ner Ehefrau einkaufen war (am 18. Juli 2008, also dem zweiten Einkaufsdatum,
hatten ohnehin beide Eheleute in ... einen gemeinsamen Notarzttermin) und auch
die Art der eingekauften Produkte deutet auf die Präsenz der Ehefrau beim Ein-
kauf hin (vgl. z.B. ... Deo Roll-on Girl sowie ... Kaltwachs Streifen:
ND 2 Urk. 4/2 S. 2). Mit Blick darauf sowie unter Würdigung der gesamten
Umstände ist ebenfalls nicht vorstellbar, dass die Ehefrau zusammen mit dem
Beschuldigten im Umfang von Fr. 11'807.10 auf Kredit einkaufte, dem Beschuldig-
ten gegenüber aber verschwieg, dass sie ein paar Tage zuvor die diesbezügliche
Lastschriftermächtigung widerrufen hatte. Dies wird vom Beschuldigten im
Übrigen auch nicht geltend gemacht.
Der Beschuldigte macht lediglich geltend, er habe schon bezahlen wollen; er habe
bei der AW._ angerufen und versprochen, bis am 5. August 2008 Zahlung zu
leisten. Da er am 5. August 2008 verhaftet worden sei, habe er diese Zahlung
dann aber nicht leisten können (HD Urk. 2/7 S. 1 Ziff. 2; HD Urk. 2/16 S. 2). Zwar
steht fest, dass der Beschuldigte gegenüber der AW._ am oder kurz vor dem
31. Juli 2008 am Telefon versprach, seine Ausstände bis zum 4. oder 5. August
- 65 -
2008 bar zu bezahlen (wobei allerdings die AW._ den Beschuldigten anrief
und nicht umgekehrt; ND 2 Urk. 4/9); die Beteuerung des Beschuldigten, er habe
schon bezahlen wollen, ist jedoch unter den vorliegenden Umständen nicht
glaubhaft. Stattdessen ist erstellt, dass der Beschuldigte sein deliktisches Tun
gezielt bis zum Verkauf der C._ bzw. sogar noch kurz darüber hinaus fort-
setzen wollte und dies auch tat. Dabei war ihm bewusst, dass die C._ mit
rund einer halben Million Franken verschuldet war sowie dass die AW._ den
erst kurz zuvor erfolgten Lastschriftwiderruf wohl noch nicht bemerkt haben wür-
de. Nachdem der Einkauf auf Kredit ein erstes Mal gelang, probierte er es noch
einige weitere Male erfolgreich.
Die Erklärung des Beschuldigten anlässlich der Berufungsverhandlung, er habe
mehrheitlich Waren für AB._ bezogen, weil dieser noch keine AW._-
Karte gehabt habe, da er noch nicht im Handelsregister eingetragen gewesen sei
(Urk. 188 S. 66 f.), überzeugt nicht, zumal der Beschuldigte einräumen musste,
an den hier massgeblichen Daten von der AW._ Waren bezogen zu haben,
die (auch) für seinen Privatgebrauch bestimmt waren ("In diesen Waren befanden
sich auch ein paar private Sachen von mir."; Urk. 188 S. 66 f.). Im Übrigen
erstaunt auch die Aussage des Beschuldigten, wonach er sich nicht daran erin-
nern könne, den Verkäufern der AW._ gesagt zu haben, dass die C._ in
der Grössenordnung von rund einer halben Million Franken verschuldet war und
dass vor dem Einkauf die Lastschriftenermächtigung widerrufen worden sei. Im-
merhin - und dies kann durchaus als Eingeständnis gewertet werden - räumte der
Beschuldigte gleichzeitig ein, dass die AW._ wohl keine Waren mehr gelie-
fert hätte, wenn sie von den Schulden und dem Widerruf der Lastschriftenermäch-
tigung Kenntnis gehabt hätte (Urk. 188 S. 68).
2. Subsumtion
Nach dem Gesagten machte sich der Beschuldigte des Betruges schuldig. Im
Übrigen sowie zur rechtlichen Würdigung wird auf das vorinstanzliche Urteil ver-
wiesen (Urk. 139 S. 213 ff. sowie S. 343 ff.).
3. Beweisanträge
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Zu den hier ebenfalls gestellten Beweisanträgen betreffend Einvernahme weiterer
Personen (Urk. 189 S. 1), siehe oben unter Anklagevorwurf Ziffer C.
D. Anklagevorwurf gemäss Anklageziffer E (HD Urk. 49 S. 12)
1. Die Anklage wirft dem Beschuldigten vor, er habe den Erlös, der aus den
vorstehend dargelegten Anklagevorwürfen Bst. C und D resultierte (insgesamt
Fr. 550'000.–) für sich behalten. Dieser Erlös habe grösstenteils Umlaufvermögen
der C._ dargestellt, mit dem die der C._ gelieferten Waren hätten be-
zahlt werden sollen. In seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der C._ habe
der Beschuldigte dieses Geld aber für private Zwecke verbraucht und die
C._, die von ihm und seiner Ehefrau beherrscht wurde, Konkurs gehen las-
sen. Insofern habe der Beschuldigte seine gesetzlichen Pflichten als Geschäfts-
führer der C._ verletzt und die C._ als eigenständige juristische Person
an ihrem
Vermögen geschädigt, um sich entsprechend zu bereichern. Dies sei als unge-
treue Geschäftsbesorgung im Sinne von Art. 158 Ziff. 1 Abs. 1 und 3 StGB zu
qualifizieren.
2. Obschon sie von ihrem Gesellschaftsorgan (Geschäftsführer) wirtschaftlich
beherrscht wird, bildet die C._ eine eigenständige juristische Person, deren
Vermögen geschädigt werden kann, so dass allein deswegen eine ungetreue
Geschäftsbesorgung nicht ausser Betracht fällt (grundlegend: BGE 85 IV 224 E.
I.3 S. 230 ff.).
Die Besonderheit des vorliegenden Falles besteht jedoch darin, dass das erwähn-
te Umlaufvermögen deliktischen Ursprunges ist, stammt es doch aus den erstell-
ten Betrügereien gemäss den Ziffern C und D der Anklage. Der Tatbestand der
ungetreuen Geschäftsbesorgung schützt das Rechtsgut des Vermögens. Mass-
gebend ist dabei der rechtlich geschützte wirtschaftliche Wert eines Vermögens.
Ertrogenes Vermögen bildet keinen solchen rechtlich geschützten Wert, zumal es,
sofern noch vorhanden, der Einziehung unterliegt (in diesem Sinne auch: BGE
122 IV 179 E. 3, insb. E. 3d S. 183 f. betreffend Diebstahl an unberechtigt be-
sessenen Betäubungsmitteln, mit Hinweisen). Aus diesem Grund fällt die Anwen-
- 67 -
dung der ungetreuen Geschäftsbesorgung vorliegend von vornherein ausser
Betracht. Der Beschuldigte ist deshalb vom Vorwurf der ungetreuen Geschäftsbe-
sorgung freizusprechen. Im Übrigen würde selbst wenn entgegen dem eben Aus-
geführten eine ungetreue Geschäftsbesorgung angenommen werden würde, ein
Schuldspruch wegen dieses Delikts ausser Betracht fallen, da der Straftatbestand
des Betrugs im Sinne von Art. 146 StGB dem Tatbestand der ungetreuen
Geschäftsbesorgung im Sinne von Art. 158 StGB vorgeht (Trechsel/Crameri in:
Trechsel/Pieth [Hrsg.], StGB Praxiskommentar, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2013,
Art. 158 N 25).
IV. Strafzumessung
1. Ausgangslage
Die Anklagebehörde beantragt die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
(Urk. 192 S. 1), mithin eine Bestrafung des Beschuldigten mit fünf Jahren Frei-
heitsstrafe, teilweise als Zusatzstrafe zum Strafbefehl des Bezirksamts Zofingen
vom 19. Dezember 2005. Die Verteidigung beantragt, der Beschuldigte sei freizu-
sprechen, eventualiter sei er milder zu bestrafen (Urk. 191 S. 1).
Vorliegend zu beurteilen gilt es primär zwei gewerbsmässige Betrugskomplexe,
nämlich die Anklagevorwürfe gemäss Ziffern A und C, wobei ein separat ange-
klagter zusätzlicher einzelner Betrug, der Anklagevorwurf gemäss Ziffer D, in
engem Zusammenhang zum Betrugskomplex gemäss Anklagevorwurf Ziffer C
gehört.
Die „schwerste Straftat“ im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB bildet jene Tat, die „in
concreto“ als schwerste zu betrachten ist. Für diese gilt es zunächst eine Strafe
festzusetzen, die alsdann mit Blick auf die übrigen Delikte, sofern diese gleich-
artige Strafen nach sich ziehen, angemessen zu erhöhen ist. Nicht leicht zu
beantworten ist vorliegend die Frage, ob der Betrugskomplex gemäss Anklage-
vorwurf Ziffer A oder C schwerer wiegt. Wie noch zu zeigen sein wird, sind die
beiden Deliktskomplexe mit Blick auf das Handlungsunrecht ungefähr als gleich
schwer anzusehen, so dass letztlich die Schadenshöhe den Ausschlag geben
- 68 -
muss. Insofern gilt vorliegend die Tat gemäss Ziffer C der Anklage als schwerste
Straftat. Das Betrugsdelikt gemäss Anklagevorwurf Ziffer D wurde in der Anklage-
schrift zwar separat eingeklagt, was im Ermessen der Anklagebehörde liegt und
vorliegend auch der besseren Übersichtlichkeit dienen mag. In Tat und Wahrheit
steht dieser Betrug jedoch in einem so engen sachlichen und zeitlichen Zusam-
menhang zu den Betrügereien gemäss Anklagevorwurf Ziffer C, dass sich im
Rahmen der Strafzumessung eine gesamthafte Betrachtung (für die Anklage-
vorwürfe gemäss Ziffer C und D) aufdrängt.
Für die vorliegende Strafzumessung ist von einem Strafrahmen von 90 Tages-
sätzen Geldstrafe bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe auszugehen (Art. 146 Abs. 2
StGB).
2. Retrospektive Konkurrenz
Der Beschuldigte beging die Tathandlungen gemäss Anklageziffer A teilweise,
bevor er wegen anderen Straftaten am 19. Dezember 2005 mit Strafbefehl des
Bezirksamts Zofingen zu 20 Tagen Gefängnis bedingt (bei zweijähriger Probezeit)
sowie zu einer Busse von Fr. 300.– verurteilt wurde. In Bezug auf die Delikte
gemäss Anklageziffer A liegt somit teilweise retrospektive Konkurrenz vor,
weshalb vorliegend eine teilweise Zusatzstrafe zum Strafbefehl vom
19. Dezember 2005 auszufällen ist (Art. 49 Abs. 2 StGB).
3. Tatkomponente für den gewerbsmässigen Betrug gemäss Anklageziffer C
und D
3.1. Objektive Tatschwere
Der Beschuldigte beging eine Bestellungsbetrügerei (auch Stossbetrug genannt),
die innert verhältnismässig kurzer Zeit und mit hoher Kadenz der einzelnen Teil-
delikte zu einem substanziellen Schaden (Fr. 519'924.17), verteilt auf fünf
geschädigte Firmen, führte. Dabei nutzte der Beschuldigte das zwischen ihm bzw.
seiner C._ und den erwähnten Firmen seit Längerem bestehende Vertrau-
ensverhältnis in krasser Weise aus. Das Vorgehen des Täters zeugt von einer
beachtlichen kriminellen Energie, und zwar sowohl in der Gesamtbetrachtung als
- 69 -
auch mit Blick auf Einzelheiten: So instrumentalisierte er den mit ihm befreunde-
ten geschäftsunerfahrenen ehemaligen RAV-Bezüger AB._, der zunächst für
ein Taschengeld als sein Gehilfe arbeitete, als ahnungslosen Strohmann und
missbrauchte dessen blindes Vertrauen in krasser Weise, indem er ihn in eine –
in
allen Einzelheiten vorbereitete – deliktische Transaktion hineinzog. Dieses rück-
sichtslose und manipulative Vorgehen des Beschuldigten äusserte sich nament-
lich auch darin, dass er eine ihm persönlich bekannte Bankmitarbeiterin dazu
brachte, der AM._ AG sowie der K._ AG je einen Fax zu schicken, mit
dem diesen Firmen vorgetäuscht wurde, eine teilweise Zahlung der Ausstände
stehe unmittelbar bevor. Dass es bei einer von insgesamt elf Bestellungen ledig-
lich bei einem Versuch blieb (Bestellung vom 9. Juli 2008), ist unter den vorlie-
genden Umständen – da es sich um ein gewerbsmässiges Vorgehen handelt, bei
denen die Versuche in der Gewerbsmässigkeit aufgehen – strafzumessungsrecht-
lich ausnahmsweise nicht explizit auszudifferenzieren (indem zunächst ein Betrag
für das vollendete Delikt eingesetzt und dann ein Versuchs-Abzug gewährt wird).
Die ausgeprägte kriminelle Energie des Beschuldigten zeigt sich auch darin, dass
er sogar noch einen Tag vor dem Verkauf der C._, am Tag des Verkaufs so-
wie sogar noch drei Tage danach bei AW._ eigentliche „Hamsterkäufe“ tätig-
te (wobei dieser Anklagevorwurf [d.h. Ziffer D] wie einleitend erwähnt, zusammen
mit dem Anklagevorwurf gemäss Ziffer C einer Gesamtbetrachtung zu unterzie-
hen ist).
Insgesamt ist die objektive Tatschwere als nicht mehr leicht zu qualifizieren. Somit
ist die Einsatzstrafe am oberen Ende des untersten Drittels des Strafrahmens
anzusiedeln.
3.2. Subjektive Tatschwere
Der Beschuldigte handelte direktvorsätzlich. Sowohl die ungerechtfertigte
Bereicherungsabsicht als auch die Gewerbsmässigkeit sind bereits tatbestands-
immanent. Demzufolge wird die objektive Tatschwere durch die subjektive nicht
relativiert.
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3.3. Hypothetische erste Einsatzstrafe
Nach dem Gesagten ist das Verschulden des Beschuldigten insgesamt als nicht
mehr leicht zu qualifizieren. Angemessen erscheint daher eine Einsatzstrafe von
2 1⁄2 Jahren.
4. Tatkomponente für den gewerbsmässigen Betrug gemäss Anklageziffer A
4.1. Objektive Tatschwere
Die Bestellungsbetrügerei gemäss Anklageziffer A beging der Beschuldigte
zusammen mit drei Mittätern. Auch wenn er im Rahmen der Planungsphase nicht
von Beginn weg dabei war, wovon im Zweifel zu seinen Gunsten auszugehen ist,
ist er als Haupttäter anzusehen, da er den ganzen Betrug mit seiner massiven
Investition überhaupt erst möglich machte, die Mittäter mit seinem Knowhow im
Getränkehandel unterstützte und als heimlicher Warenabnehmer im Einsatz
stand. Dieser Tatbeitrag widerspiegelte sich auch in der ursprünglich vereinbarten
50%-Gewinnbeteiligung. Die Schadenssumme dieser Bestellungsbetrügerei
beläuft sich auf insgesamt Fr. 333'172.35, wobei sieben Firmen davon betroffen
sind. Während im Rahmen des vorstehend behandelten Anklagevorwurfs, wie
erwähnt, eine befreundete Person als Strohmann missbraucht wurde, kam vor-
liegend eine Strohmann-Gesellschaft zum Einsatz, welche eigens zu diesem
Zweck gegründet wurde, und zwar mitsamt äusserem Erscheinungsbild wie
beispielsweise Internet-Homepage etc. Insofern zeichnet sich die vorliegende
Tatausführung durch den Einsatz aufwändiger Machenschaften aus, was Aus-
druck einer beträchtlichen kriminellen Energie ist. Insgesamt erscheint das
objektive Verschulden ein wenig leichter als bei den Anklagekomplexen C und D.
4.2. Subjektive Tatschwere
Der Beschuldigte handelte direktvorsätzlich. Die objektive Tatschwere wird durch
die subjektive nicht relativiert.
4.3. Hypothetische zweite Einsatzstrafe
- 71 -
Unter Berücksichtigung der vorstehenden Ausführungen erscheint für den
gewerbsmässigen Betrug gemäss Anklageziffer A eine Einsatzstrafe von rund
2 Jahren angemessen.
5. Gesamtbetrachtung
Die erste hypothetische Einsatzstrafe von 2 1⁄2 Jahren ist unter Einbezug der unter
Anklageziffer A eingeklagten Delikte und in Anwendung des Asperationsprinzips
auf 3 3⁄4 Jahre zu erhöhen.
6. Täterkomponenten
6.1. Persönliche Verhältnisse
Zu den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten lässt sich den Akten
(Urk. 119 S. 1 ff.; Urk. 188 S. 2 ff.; HD Urk. 2/2 S. 1 Ziff. 3; Urk. 188 S. 2 ff.)
Folgendes entnehmen: Der Beschuldigte wurde am tt. August 1975 in .../Türkei
geboren. Nach achtjähriger Schulzeit war er als ... [Sporttätigkeit] tätig, u.a. in der
türkischen Nationalmannschaft (bis 1993). 1993 heiratete er seine heutige Frau
und kam im Jahre 1994 in die Schweiz, wo er u.a. als als Lagermitarbeiter arbei-
tete. Von 2002 bis 2004 war er arbeitslos. Im Jahre 2004 gründete er die Geträn-
kehandelsgesellschaft C._. Vom 1. Juni 2006 - 28. Februar 2007 arbeitete er
auch noch als Küchengehilfe bei der AX._ AG (HD Urk. 10/15). Im Mai 2007
gründete er die AV._ AG ein Take-Away-Restaurant in ... Der Beschuldigte
hat zwei Söhne (geb. 1996 und 2008). Er verkaufte
mittlerweile seinen Anteil an der AV._ AG an AY._
(Urk. 188 S. 3). Seine Ehefrau arbeitet ebenfalls in dieser Firma und bezieht dafür
einen Monatslohn von Fr. 3'500.-- (Urk. 188 S. 5 f.). Er selber amte als Geschäfts-
führer dieser Firma und beziehe monatlich netto Fr. 4'800.-- (Urk. 188 S. 6). Das
Geschäft laufe etwas besser als früher. Die Firma beschäftige fünf oder sechs
Personen, wofür monatlich Löhne von rund Fr. 20'000.-- ausbezahlt würden (Urk.
188 S. 7). Nebst der Liegenschaft ...-berg ... in ... verfüge er in der Türkei über
Vermögenswerte im Umfang von rund Fr. 270'000.-- bis 320'000.-- (in Form von
Land und Geschäftslokalitäten), welche einen monatlichen Ertrag von ca.
- 72 -
Fr. 500.-- abwerfen. Dem stünden Schulden von ca. Fr. 190'000.-- gegenüber
(Urk. 188 S. 8). Aus den persönlichen Verhältnissen ergeben sich keine strafzu-
messungsrelevanten Aspekte.
6.2. Vorstrafen
Der Beschuldigte weist zwei Vorstrafen auf: Eine bedingt ausgefällte Gefängnis-
strafe von 20 Tagen und eine Busse von Fr. 300.– wegen Hehlerei und Ver-
gehens gegen das Waffengesetz (Strafbefehl des Bezirksamtes Zofingen vom
19. Dezember 2005; zweijährige Probezeit) sowie eine bedingt ausgefällte Geld-
strafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 100.– und eine Busse von Fr. 1'000.– wegen
grober Verletzung der Verkehrsregeln (Strafbefehl des Bezirksamtes Rheinfelden
vom 22. November 2007; zweijährige Probezeit).
Von diesen zwei Vorstrafen erweist sich die frühere als einschlägig, was straf-
erhöhend zu berücksichtigen ist. Weiter wirken sich – bezogen auf diese Vorstra-
fe, welche, wie erwähnt, vom 19. Dezember 2005 datiert – folgende weitere
Umstände straferhöhend aus: Der Beschuldigte delinquierte (im Rahmen des
Anklagevorwurfs gemäss Ziffer A) während laufendem Verfahren, unmittelbar
nach der Verurteilung und verletzte dadurch auch die Probezeit. Sodann verletzte
der Beschuldigte die Probezeit der anderen Vorstrafe, welche am 22. November
2007 ausgesprochen wurde. Das strafrechtliche Vorleben des Beschuldigten führt
insgesamt zu einer leichten Straferhöhung.
6.3. Nachtatverhalten
Der Beschuldigte ist nicht geständig. Aufgrund seines Aussageverhaltens kann er
weder Einsicht noch Reue für sich reklamieren. Demnach ist das Nachtat
verhalten des Beschuldigten nicht strafmindernd zu berücksichtigen.
6.4. Würdigung der Täterkomponenten
Insgesamt führen die Tatkomponenten zu einer Erhöhung der Einsatzstrafe auf
4 Jahre Freiheitsstrafe.
7. Fazit
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In Würdigung der obgenannten Kriterien erweist sich eine Freiheitsstrafe von
4 Jahren als angemessen. Es ist der Verteidigung (Urk. 191 S. 37) darin zu fol-
gen, dass die vorliegenden Delikte teilweise schon länger zurückliegen. Eine
Strafmilderung wegen Ablaufs verhältnismässig langer Zeit seit der Tatbegehung
im Sinne von Art. 48 lit. e StGB kommt jedoch nicht in Betracht. Seit der
Begehung der ersten zu beurteilenden Delikte sind etwas mehr als acht Jahre
vergangen, weshalb es an der zeitlichen Voraussetzung für die Anwendbarkeit
dieses Strafmilderungsgrundes fehlt. Der Beschuldigte hat sich seit der ersten
Tatbegehung zudem nicht wohl verhalten, wurde er doch bereits im Sommer 2008
erneut straffällig. Unabhängig davon erweist sich eine Freiheitsstrafe von
4 Jahren auch unter Berücksichtigung des Zeitablaufs seit der Begehung der
Straftaten als angemessen. Von dieser Strafe sind die bereits mit Strafbefehl des
Bezirksamts Zofingen vom 19. Dezember 2005 ausgesprochenen 20 Tage Frei-
heitsstrafe abzuziehen. Dementsprechend ist die Beschuldigte heute mit 3 Jahren
und 11 Monaten und 10 Tagen Freiheitsstrafe, teilweise als Zusatzstrafe zum
Strafbefehl des Bezirksamts Zofingen vom 19. Dezember 2005, zu bestrafen. Die
vom Beschuldigten bereits erstandene Untersuchungshaft von 206 Tagen ist auf
diese Strafe anzurechnen.
V. Strafvollzug
Die Höhe der Freiheitsstrafe erlaubt weder den bedingten noch den teilbedingten
Strafvollzug (Art. 42 und 43 StGB). Die Freiheitsstrafe ist daher zu vollziehen.
VI. Widerruf
Der bedingte Vollzug der mit Strafbefehl des Bezirksamtes Rheinfelden vom
22. November 2007 ausgefällten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 100.–
wurde von der Vorinstanz noch zu Recht widerrufen, ist aber in der Folge ange-
fochten worden, so dass mittlerweile drei Jahre seit dem Ablauf der Probezeit
verstrichen sind, weshalb der Widerruf im Lichte von Art. 46 Abs. 5 StGB nicht
mehr angeordnet werden darf.
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Der Widerruf der mit Strafbefehl des Bezirksamtes Zofingen vom 19. Dezember
2005 ausgefällten Gefängnisstrafe von 20 Tagen konnte ebenfalls aufgrund der
vorgenannten Bestimmung bereits zum Zeitpunkt des vorinstanzlichen Urteils
(12. September 2012) nicht mehr widerrufen werden. Die Vorinstanz hat dies in
ihrem Dispositiv nicht eigens vermerkt, was jedoch vorliegend nachzuholen ist.
VII. Ersatzforderung und Zivilforderungen
Diesbezüglich wird auf die Ausführungen des vorinstanzlichen Urteils verwiesen
(Urk. 139 S. 379 ff. sowie S. 383 ff.). Die Verteidigung hat sich in Bezug auf diese
Punkte nicht substantiiert geäussert, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass
infolge des beantragten Freispruchs die Voraussetzungen für eine Ersatzforde-
rung des Staates bzw. für eine Schadenersatzverpflichtung des Beschuldigten
nicht gegeben seien (Urk. 191 S. 38).
VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten- und Entschädigungsfolgen im erstinstanzlichen Verfahren
Ausgangsgemäss sind die erstinstanzliche Kostenauflage (Ziff. 19) sowie das
erstinstanzliche Entschädigungsdispositiv betreffend die E._ AG (Ziff. 20)
und die F._ SA (Ziff. 21) zu bestätigen.
2. Kosten- und Entschädigungsfolgen im Berufungsverfahren
2.1. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte obsiegt teilweise, weil er
vom Anklagevorwurf gemäss Ziffer E gänzlich, vom Anklagevorwurf gemäss
Ziffer C teilweise (d.h. lediglich mit Bezug auf die Bestellung datierend „ca. vom
16. Juli 2008“) freigesprochen wird, kein Widerruf betreffend den Strafbefehl des
Bezirksamtes Rheinfelden erfolgt und die von der Vorinstanz ausgesprochene
Strafe leicht reduziert wird. Im Übrigen unterliegt der Beschuldigte. Im Lichte einer
- 75 -
interessenmässigen Gewichtung seiner Anträge sind ihm die Kosten des
Berufungsverfahrens zu 4/5 aufzuerlegen und zu 1/5 auf die Staatskasse zu
nehmen. Ausgangsgemäss ist dem Beschuldigten sodann eine reduzierte
Prozessentschädigung auszurichten. Diese ist ausgehend von den geltend
gemachten Aufwendungen (Urk. 191A) auf Fr. 7'000.– (inkl. MwSt.) festzusetzen.
2.2. Von den Privatklägern reichte einzig der Rechtsvertreter von F._ SA mit
Eingabe vom 13. Januar 2014 eine Honorarnote ein (Urk. 185), welche seine Be-
mühungen für das gesamte Verfahren aufführt. Die Vorinstanz, welche am
12. September 2012 urteilte, berücksichtigte lediglich die vom Rechtsvertreter von
F._ SA eingereichten Honorarnoten bis und mit 2. April 2012. Die nun gel-
tend gemachten Honorarforderungen vom 5. und 6. Juni 2012 wären noch vor der
Vorinstanz geltend zu machen gewesen. Das danach in Rechnung gestellte Ho-
norar ist indessen zuzusprechen. Es umfasst insgesamt 123 Minuten à Fr. 250/h
sowie Fr. 45.– Auslagen, insgesamt also Fr. 557.50,
worauf 8 % Mehrwertsteuer zu entrichten sind. Der Beschuldigte ist damit zu
verpflichten, der Privatklägerin F._ SA für das Berufungsverfahren eine Pro-
zessentschädigung von Fr. 602.10 (inkl. MwSt.) zu bezahlen.