Decision ID: f465badd-6862-501a-8efa-2a7fcbb4ddd3
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Benno Lindegger, Wildeggstrasse 24, Postfach
27, 9011 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._, meldete sich am 4. Juni 2001 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1), woraufhin die zuständige IV-Stelle entsprechende
medizinische und berufliche Abklärungen in die Wege leitete.
A.b Die Versicherte beauftragte im Laufe des Verfahrens Rechtsanwalt Dr. iur. Duri
Poltera mit der Wahrung ihrer rechtlichen Interessen (vgl. IV-act. 80); das Mandat
wurde aber im weiteren Verlauf wieder beendet (vgl. IV-act. 119–3), offensichtlich im
Zuge eines Anwaltswechsels im Zusammenhang mit einem am 25. November 2005
erlittenen Autounfall (vgl. Suva-act. 20). Am 9. März 2006 zeigte Rechtsanwalt
lic. iur. Benno Lindegger der Suva an, dass er die rechtlichen Interessen der
Versicherten im Verfahren betreffend Leistungen der Unfallversicherung im
Zusammenhang mit dem erwähnten Autounfall vertrete (Suva-act. 26; vgl. auch Suva-
act. 28).
A.c Mit Vorbescheid vom 15. Juli 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass die Abweisung des
Rentengesuchs vorgesehen sei; der Vorbescheid war an die Versicherte selbst
adressiert (IV-act. 181).
A.d Am 28. September 2010 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid; wiederum
adressierte sie die Verfügung an die Versicherte selbst (IV-act. 186).
A.e Gemäss einer Aktennotiz vom 5. Oktober 2010 beschwerte sich die Versicherte an
eben diesem Datum telefonisch, nachdem sie „kürzlich unseren ablehnenden
Entscheid erhalten“ habe, woraufhin sie der Sachbearbeiter der IV-Stelle darauf
hinwies, „dass sie eine Beschwerde beim VGSG machen müsse, wenn sie mit dem
Beschluss nicht einverstanden sei“. Die Versicherte habe geantwortet, „dies mache sie
sowieso“ (IV-act. 187).
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B.
B.a Am 8. November 2010 erhob Rechtsanwalt Lindegger namens und im Auftrag der
Beschwerdeführerin Beschwerde gegen die Verfügung vom 28. September 2010. Darin
führte er unter anderem aus, die angefochtene Verfügung sei frühestens am
12. Oktober 2010 zugegangen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin wurde in der Folge aufgefordert, vorerst einzig zur
Rechtzeitigkeit der Beschwerde Stellung zu nehmen (act. G 3). Daraufhin erstattete die
Beschwerdegegnerin zunächst eine Beschwerdeantwort zu materiellen Fragen
(act. G 5) und anschliessend eine Stellungnahme zur Rechtzeitigkeit der Beschwerde,
in welcher sie ausführte, nachdem die Beschwerdeführerin im Rahmen des am
5. Oktober 2010 geführten Telefonats Bezug auf die angefochtene Verfügung
genommen habe und diese deshalb spätestens am 5. Oktober 2010 zugegangen sei,
sei die Beschwerde verspätet erhoben worden (act. G 6).
B.c In der Replik vom 19. April 2011 liess die Beschwerdeführerin zur Rechtzeitigkeit
der Beschwerde ausführen, sie könne sich „zeitlich und inhaltlich“ nicht an das
„behauptete Telefonat“ erinnern. Sofern sie angerufen haben sollte, was sie sich nicht
vorstellen könne, da die Kontakte zu den Behörden über ihren Ehemann gelaufen
seien, erachte sie einen Anruf „mit Bezug zum Vorbescheid und nicht zur Verfügung als
einzig möglich“. Allenfalls habe der Sachbearbeiter aufgrund der offensichtlichen
zeitlichen Überschneidung des Versands der Verfügung diese als Ausgangspunkt
verstanden. Unabhängig davon sei die Verfügung als rechtsfehlerhaft eröffnet zu
qualifizieren, nachdem sie direkt der Beschwerdeführerin und nicht ihrem Vertreter
zugestellt worden sei, obwohl dieser sich mit Schreiben vom 5. Juli 2006 als Vertreter
ausgewiesen habe (vgl. act. G 16.1). Dass sich besagtes Schreiben nicht bei den Akten
befinde, erscheine „seltsam“. Zudem sei er in verschiedenen Schreiben der
Beschwerdeführerin erwähnt worden (vgl. IV-act. 125, 177 und 188), und es sei
bekannt gewesen, dass er die Beschwerdeführerin im Verfahren betreffend Leistungen
der Unfallversicherung vertreten habe (act. G 16).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 19).

Erwägungen:
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1.
Die Beschwerde gegen eine Verfügung der IV-Stelle ist gemäss Art. 60 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) innerhalb von 30 Tagen nach der Eröffnung der Verfügung einzureichen,
wobei die Frist gemäss Art. 60 Abs. 2 i.V.m. Art. 38 Abs. 1 ATSG am Tag nach der
Zustellung zu laufen beginnt. Die Frist ist gemäss Art. 60 Abs. 2 i.V.m. Art. 39 Abs. 1
ATSG gewahrt, wenn die Beschwerde spätestens am letzten Tag der Frist dem
Versicherungsgericht eingereicht oder zu dessen Handen der Schweizerischen Post
übergeben wird. Vorliegend datiert die relevante Verfügung vom 28. September 2010;
wann genau die Zustellung an die Beschwerdeführerin erfolgt ist, ist ungewiss, da die
Zustellung ohne Nachweis erfolgte („nicht eingeschrieben“). Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin behauptet in der Beschwerdeschrift, die Verfügung sei frühestens
am 12. Oktober 2010 zugegangen, wobei unklar ist, ob er sich dabei auf die Zustellung
an die Beschwerdeführerin – die Verfügung war an diese adressiert – oder aber auf die
Übergabe der Verfügung an ihn bezog. Eine Zustellung an die Beschwerdeführerin
„nicht vor dem 12. Oktober 2010“ scheint indessen unwahrscheinlich, namentlich
aufgrund der Tatsache, dass sich die Beschwerdeführerin offenbar am 5. Oktober 2010
telefonisch mit der Beschwerdegegnerin in Verbindung setzte und dabei Bezug auf die
Verfügung nahm. Hätte sich die Beschwerdeführerin, wie sie im Rahmen der Replik
behauptet, in besagtem Telefonat auf den Vorbescheid bezogen, hätte sie diesen wohl
kaum als „kürzlich erhaltenen ablehnenden Entscheid“ bezeichnet (vgl. IV-act. 187), lag
die Eröffnung des Vorbescheids im Zeitpunkt des Telefonats doch bereits über
zweieinhalb Monate zurück. Ausserdem hätte die Beschwerdeführerin diesfalls nicht
ausgeführt, sie werde gegen den Entscheid Beschwerde an das Versicherungsgericht
erheben; vielmehr hätte sie dann von der Erhebung eines Einwands an die IV-Stelle
gesprochen. Auch die in der Aktennotiz des zuständigen IV-Sachbearbeiters
beschriebene Heftigkeit der Reaktion der Beschwerdeführerin spricht dafür, dass ihr
der „ablehnende Entscheid“ gerade erst zugegangen war. Gesamthaft ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die angefochtene
Verfügung der Beschwerdeführerin spätestens am 5. Oktober 2010 zugegangen ist. Die
Beschwerdefrist begann demnach am 6. Oktober 2010 zu laufen und endete am
4. November 2010. Da die Beschwerde erst am 8. November 2010 der
Schweizerischen Post übergeben wurde, ist sie verspätet erhoben worden.
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2.
Die Beschwerdeführerin bzw. ihr Vertreter machten indessen im Rahmen der Replik
geltend, die Eröffnung sei rechtsfehlerhaft erfolgt, da die Verfügung direkt an die
Beschwerdeführerin und nicht an ihren Vertreter eröffnet worden sei. Während sich
Rechtsanwalt Lindegger gegenüber der Suva als Vertreter der Beschwerdeführerin im
Zusammenhang mit dem Unfallereignis vom 25. November 2005 ausgewiesen hat, fehlt
in den Akten der Beschwerdegegnerin indessen eine entsprechende Mitteilung.
Insbesondere liegt keine entsprechende Vollmacht bei den Akten. Weiter fehlen sowohl
Hinweise auf persönliche, telefonische oder schriftliche Kontakte zwischen
Rechtsanwalt Lindegger und der Beschwerdegegnerin im Verfahren betreffend
Leistungen der Invalidenversicherung als auch Hinweise von anderer Seite, dass
Rechtsanwalt Lindegger die Beschwerdeführerin vertreten würde. Einzig dem
Schreiben des Ehemannes der Beschwerdeführerin vom 24. August 2006 könnte
Entsprechendes entnommen werden, wurde darin doch festgehalten: „... erhalten Sie
alle Angaben von Herrn Lindegger. Bitte korrespondieren Sie künftig direkt mit Herrn
Lindegger“ (IV-act. 125). Diese Mitteilung vermochte allerdings eine ordentliche
Anzeige des Vertretungsverhältnisses nicht zu ersetzen. Dies umso mehr, als die
Beschwerdeführerin ungeachtet des behaupteten Vertretungsverhältnisses jeweils –
wie erwähnt – direkt mit der Beschwerdegegnerin korrespondierte. Dies war bereits vor
der Übernahme der Rechtsvertretung durch Rechtsanwalt Lindegger der Fall gewesen:
Obwohl Rechtsanwalt Dr. Poltera am 8. Juni 2005 die Interessewahrung der
Beschwerdeführerin angezeigt hatte (IV-act. 80), erhob sie beispielsweise gegen die
Verfügung vom 7. Februar 2006 (IV-act. 93) am 17. Februar 2006 selbst Einsprache (IV-
act. 96). Ebenso meldete sie sich selbst und ohne Nennung eines Rechtsvertreters für
den Bezug eines Hörgeräts an (IV-act. 130 und 159). Vor diesem Hintergrund konnte
sie sich nicht mehr in guten Treuen auf den Standpunkt stellen, sie sei bereits seit
längerer Zeit vertreten; dies unabhängig davon, ob die Vertretung tatsächlich am 5. Juli
2006 gültig angezeigt wurde. Was besagte Vertretungsanzeige (act. G 16.1) betrifft, so
ist darauf hinzuweisen, dass diese nicht aktenkundig ist und diesbezüglich die
Beschwerdeführerin beweisbelastet ist bzw. den Nachteil der Beweislosigkeit trägt.
3.
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Selbst wenn jedoch davon ausgegangen würde, Rechtsanwalt Lindegger habe sich
gegenüber der Beschwerdegegnerin am 5. Juli 2006 als Vertreter der
Beschwerdeführerin ausgewiesen, könnte die Beschwerdeführerin daraus nichts zu
ihren Gunsten ableiten. Denn gemäss Art. 49 Abs. 3 ATSG ist eine mangelhaft eröffnete
Verfügung nicht als nichtig zu qualifizieren; den Parteien darf aus der mangelhaften
Eröffnung lediglich kein Nachteil erwachsen. Ist es den Parteien nach Treu und
Glauben trotz mangelhafter Eröffnung möglich, ihre Rechte zu wahren, erreicht also die
Eröffnung trotz des Mangels ihren Zweck, hat die mangelhafte Eröffnung keinen
Nachteil und damit auch keine Aufhebung der Verfügung zur Folge (vgl. hierzu den
Entscheid 9C_791/2010 des Bundesgerichts vom 10. November 2010, E. 2.2, mit
Hinweisen). Nachdem die Beschwerdeführerin die angefochtene Verfügung erhalten
hatte, hätte sie innert nützlicher Frist Rücksprache mit ihrem Vertreter nehmen müssen,
um das weitere Vorgehen abzusprechen oder sich wenigstens seine Einschätzung
einzuholen. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass ihr Vertreter nicht als Adressat
der Verfügung aufgeführt worden war (in der Verfügung waren lediglich die Suva und
die zuständige Arbeitslosenkasse als Empfänger von Kopien erwähnt), durfte sie sich
nicht ohne Weiteres darauf verlassen, er hätte ebenfalls eine Kopie erhalten und werde
die notwendigen Schritte vorkehren. Dabei wäre ihr bzw. ihrem Rechtsvertreter aber
noch genügend Zeit verblieben, rechtzeitig Beschwerde zu erheben. Selbst wenn man
annehmen würde, Rechtsanwalt Lindegger habe erst am 12. Oktober 2010 Kenntnis
von der Verfügung erhalten - dahingehend könnte seine entsprechende Behauptung in
der Beschwerdeschrift verstanden werden -, müsste der Beschwerdeführerin bzw.
ihrem Rechtsvertreter entgegen gehalten werden, es wäre noch genügend Zeit zur
Beschwerdeerhebung innert Frist verblieben. Immerhin werden keine allzu hohen
Anforderungen an die Beschwerdeschrift gestellt, sodass rund drei Wochen ab
Kenntnisnahme der Verfügung zur Erhebung einer Beschwerde ausreichen sollten. Vor
diesem Hintergrund hilft der Beschwerdeführerin selbst bei Annahme, Rechtsanwalt
Lindegger habe sich am 5. Juli 2006 als ihr Vertreter ausgewiesen, der Einwand nicht
weiter, die Verfügung hätte an diesen eröffnet werden müssen. Die Beschwerde ist als
verspätet eingereicht zu qualifizieren.
4.
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Demnach ist auf die Beschwerde nicht einzutreten. Nach Art. 69 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) ist das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von
IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festgelegt. Eine Entscheidgebühr von Fr. 400.-- erscheint
vorliegend angemessen. Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte
die Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden.
Angesichts des Unterliegens der Beschwerdeführerin sind ihr die Gerichtskosten
gesamthaft aufzuerlegen. Der von ihr geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird ihr
entsprechend teilweise zurückerstattet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP