Decision ID: 92195b0d-50c7-5498-b8f8-6c8f7b0d6b2c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit E-Mail vom 7. Februar 2019 wandte sich die Leiterin des Fachbereichs
Migration des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) an das Staatssekre-
tariat für Migration (SEM, Vorinstanz) und bat – unter Schilderung der Aus-
gangslage – um eine Vorabklärung hinsichtlich der möglichen Erteilung hu-
manitärer Visa an die Ehegatten A._ (geb. [...] 1962, Beschwerde-
führer 1) und B._ (geb. [...] 1963, Beschwerdeführerin 2) sowie de-
ren Tochter C._ (geb. [...] 1993, Beschwerdeführerin 3). Das SEM
antwortet mit E-Mail vom 11. März 2019, dass die Voraussetzungen für die
Erteilung eines Visums nicht erfüllt sein dürften, die Möglichkeit einer for-
mellen Gesuchstellung jedoch offenstehe (Akten der Vorinstanz [vi-act.]
1/1-25). Mit Eingabe vom 24. April 2019 erhob D._, in der Schweiz
wohnhafte Tochter respektive Schwester der Beschwerdeführenden, Ein-
sprache gegen diese Mitteilung (vi-act. 2/48-51 mit Beilagen, vi-act. 26-47).
Mit Schreiben vom 17. Mai 2010 teilte ihr die Vorinstanz sinngemäss mit,
dass die Mitteilung zur Vorabklärung nicht als Verfügung zu verstehen und
allfällige Visagesuche bei einer der zuständigen Auslandsvertretungen ein-
zureichen und durch diese zu prüfen seien (vi-act. 3/52 f.).
B.
Am 9. September 2019 stellten die Beschwerdeführenden 1 bis 3 bei der
Schweizer Vertretung in Beirut je ein Gesuch um Erteilung eines humani-
tären Visums (vi-act. 4-6/54-82). Den Visumsgesuchen legten sie eine
Schilderung der Situation (vi-act. 6/72 f.) sowie Arztzeugnisse betreffend
die Beschwerdeführerin 2 (vi-act. 5/59 f.) und die Beschwerdeführerin 3 (vi-
act. 4/54) bei.
Die Beschwerdeführenden skizzierten ihre Situation wie folgt (vi-act. 6/72
f.): Sie hätten bis 2012 sommers in E._, winters in F._ ge-
lebt, je im eigenen Haus. Dieses hätten sie 2012, jenes 2018 aufgrund der
kriegerischen Ereignisse verlassen müssen. Die Häuser seien zerstört, ihr
Eigentum verloren. Die Beschwerdeführenden seien vertrieben worden
und am 5. Februar 2018 nach G._ gelangt, von wo sie am (...) 2018
nach H._ geflüchtet seien, dort seien sie in einer behelfsmässigen
Notunterkunft untergekommen, aber in Angst vor Vertreibung weitergezo-
gen. Alle seien sie stark traumatisiert und hätten psychische Probleme. Die
Beschwerdeführerin 2 habe überdies ein schweres Herzleiden, das früher
mehrere Operationen nach sich gezogen habe. Es fehlten die medizinische
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Unterstützung und die notwendigen Medikamente. Die Beschwerdeführe-
rin 2 habe ihrerseits grosse psychische Probleme mit physischen Auswir-
kungen; die notwendige psychologische Behandlung sei nicht möglich.
C.
Mit einheitlicher Formularverfügung vom 10. September 2019 (eröffnet am
18. September 2019) wies die Schweizer Vertretung die Gesuche ab; zur
Begründung waren angegeben: «(1) You are staying in a safe third country.
(2) You are not in imminent and serious danger of bodily harm in your coun-
try of origin or in your country of residence. (3) You are not in an emergency
that would warrant intervention by the Swiss authorities» (vi-act. 7/83 f. Be-
gründung unleserlich, vgl. Beschwerdebeilage 6).
D.
Mit Eingabe beim SEM vom 24. September 2019 erhoben die Beschwer-
deführenden Einsprache gegen diese Verfügung; sie beantragten deren
Aufhebung und die Erteilung der beantragten humanitären Visa. Zur Be-
gründung (1) führten sie aus, sie hätten im Libanon nur ein Aufenthaltsrecht
für 48 Stunden, gleichzeitig aber keine Möglichkeit zur Rückkehr – ihr wei-
terer Aufenthalt im Libanon sei illegal. Zur Begründung (2) (und wohl auch
[3]) bemerkten sie, sowohl das Haus in F._ wie das in
G._/E._ seien zerstört. Die Kriegshandlungen hätten sich in
beiden Gegenden verstärkt; dort eine Existenz zu führen, sei unmöglich.
Der Libanon betreibe systematisch Rückführung syrischer Staatsangehö-
riger. Die Beschwerdeführenden lebten in Angst vor der Abschiebung und
wüssten gegebenenfalls nicht, wohin sie gehen könnten. In Syrien hätten
sie keine Angehörigen mehr, drei der Kinder der Beschwerdeführenden 1
und 2 lebten in der Schweiz.
E.
Mit Einspracheentscheid vom 14. Oktober 2019 wies die Vorinstanz die
Einsprache ab. Sie erhob keine Verfahrenskosten (vi-act. 9). Nachdem
dessen Zustellung sich als nicht erfolgt erwies (vgl. vi-act. 10 f.), wurde der
Entscheid mit Datum vom 17. Dezember 2019 (vi-act. 12/100-104, ange-
fochtener Entscheid) neu erlassen und eröffnet.
F.
Mit Eingabe vom 27. Januar 2020 erhoben die Beschwerdeführer, nun an-
waltlich vertreten, Beschwerde gegen diesen Entscheid. Sie beantragten
dessen Aufhebung und die Erteilung der beantragten humanitären Visa,
eventualiter die Rückweisung der Sache an das SEM zu neuem Entscheid.
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G.
In ihrer – nach mehrfacher, seitens der Beschwerdeführenden kritisierter,
Fristerstreckung erstatteten – Vernehmlassung vom 25. Juni 2020 schloss
die Vorinstanz auf Abweisung der Beschwerde.
H.
Die Beschwerdeführenden replizierten am 17. August 2020; sie hielten an
ihren Beschwerdebegehren fest.
I.
Die Beschwerdeführenden wandten sich mit Eingabe vom 21. Oktober
2020 an das Gericht. Am 18. Januar 2021 reichte ihr Rechtsvertreter seine
Honorarnote zu den Akten.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Dezember 2020 dazu aufgefordert, nahm
die Vorinstanz am 1. Februar 2021 ergänzend und namentlich zur Replik
und zur Eingabe vom 21. Oktober 2020 Stellung. Sie hielt am Antrag auf
Abweisung der Beschwerde fest.
K.
Mit Eingabe vom (ebenfalls) 1. Februar 2021 wiesen die Beschwerdefüh-
renden auf ihre aktuelle Situation hin und rügten die neuerlich von der Vor-
instanz beantragte Erstreckung der Vernehmlassungsfrist.
L.
Die Beschwerdeführenden nahmen am 9. März 2021 zur ergänzenden
Vernehmlassung der Vorinstanz Stellung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht unter
Vorbehalt der in Art. 32 VGG genannten Ausnahmen Beschwerden gegen
Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer in Art. 33 VGG aufge-
führten Behörde erlassen wurden. Darunter fallen u.a. Verfügungen des
SEM, die im Einspracheverfahren gegen die Verweigerung eines nationa-
len Visums aus humanitären Gründen ergehen. In dieser Materie entschei-
det das Bundesverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
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1.2 Als Adressaten der Verfügung und unterliegende Gesuchsteller respek-
tive Einsprecher haben die Beschwerdeführenden ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung oder Änderung; sie sind zur Beschwerde
legitimiert (vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerde erfolgte frist- und
formgerecht, der Gerichtskostenvorschuss wurde fristgerecht bezahlt (vgl.
Art. 50 i.V.m. Art. 20 Abs. 3 resp. Art. 22a Abs. 1 Bst. c, Art. 52 Abs. 1 und
Art. 63 Abs. 4 VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – sofern, wie vorliegend, nicht eine kantonale
Behörde als Beschwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit ge-
rügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im
Beschwerdeverfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist ge-
mäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebun-
den und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemach-
ten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die
Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (BVGE 2014/1 E. 2).
3.
3.1 Als Staatsangehörige Syriens unterliegen die Beschwerdeführenden
respektive Gesuchstellenden für die Einreise in die Schweiz der Visums-
pflicht. Es ist gestützt auf die klaren Anträge vorliegend nicht die Erteilung
eines Schengen-Visums auf der Grundlage der entsprechenden Überein-
kommen zu prüfen, sondern es gelangt mit Art. 4 der Verordnung vom 15.
August 2018 über die Einreise und die Visumserteilung (VEV, SR 142.204)
ausschliesslich nationales Recht zur Anwendung.
3.2 In Art. 4 Abs. 2 VEV wird festgehalten, dass ein Visum für einen länger-
fristigen Aufenthalt erteilt werden kann, wenn humanitäre Gründe dies ge-
bieten. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betreffende Person
im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben ge-
fährdet ist. Demnach kann ein nationales Visum aus humanitären Gründen
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erteilt werden, wenn bei einer gesuchstellenden Person aufgrund individu-
ell-konkreter Umstände davon ausgegangen werden muss, dass sie sich
im Heimat- oder Herkunftsstaat in einer besonderen Notsituation befindet,
die ein behördliches Eingreifen zwingend notwendig macht. Dies kann
etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder aufgrund einer konkreten
individuellen Gefährdung, die die betroffene Person mehr als andere be-
trifft, gegeben sein. Befindet sich die gesuchstellende Person bereits in ei-
nem Drittstaat oder ist sie nach einem Aufenthalt in einem solchen freiwillig
in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurückgekehrt und hat sie die Möglich-
keit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in der Regel davon aus-
zugehen, dass keine Gefährdung (mehr) besteht (vgl. dazu BVGE 2018
VII/5 E. 3.6.3; F-4658/2017 vom 7. Dezember 2018 E. 3.2 m.w.H.).
3.3 Das Visumgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefähr-
dung, der persönlichen Verhältnisse der betroffenen Person und der Lage
im Heimat- oder Herkunftsstaat zu prüfen. Dabei können auch weitere Kri-
terien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier beste-
henden Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen
Land um Schutz nachzusuchen, mitberücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018
VII/5 E. 3.6.3; F-7298/2016 vom 19. Juni 2017 E. 4.2 am Ende; vgl. ferner
BVGE 2015/5 E. 4.1.3; je m.H.).
3.4 Das Institut des humanitären Visums hat massgeblich an Bedeutung
gewonnen, nachdem mit der dringlichen Änderung des Asylgesetzes vom
28. September 2012 (AS 2012 5359) zum 29. September 2012 die Mög-
lichkeit aufgehoben wurde, bei einer Schweizer Auslandsvertretung ein
Asylgesuch einzureichen. Der Bundesrat hielt in diesem Zusammenhang
in seiner Botschaft vom 26. Mai 2010 zur Änderung des Asylgesetzes unter
Hinweis auf die Wahrung der humanitären Tradition der Schweiz ausdrück-
lich fest, dass auch in Zukunft offensichtlich unmittelbar, ernsthaft und kon-
kret gefährdete Personen den Schutz der Schweiz erhalten sollen; dies un-
ter explizitem Verweis auf die bestehende Möglichkeit, um ein Visum "aus
humanitären Gründen" zu ersuchen (vgl. BBl 2010 4455). Dabei sollte die
Bewilligung eines Visums aus humanitären Gründen an restriktivere Vor-
aussetzungen als die im Falle der Auslandsgesuche entwickelten zu knüp-
fen sein (vgl. BBl a.a.O., 4468, 4490, und 4520). Die in diesem Zusammen-
hang gewählte Formulierung der unmittelbaren, ernsthaften und konkreten
Gefahr im Herkunfts- oder Heimatstaat für Leib und Leben, wie sie auch in
Art. 3 AsylG verwendet wird, lässt vermuten, dass das Merkmal der "indi-
viduellen Gefährdung" sich – wie im Falle des Auslandsasylverfahrens –
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an der Definition der Schutzbedürftigkeit im Sinne von Art. 3 AsylG orien-
tiert und mithin insbesondere Personen umfassen soll, welche in ihrem Hei-
matstaat wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen
ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind. Aber auch akute kriegerische Er-
eignisse wurden als Grund für eine Visumserteilung aus humanitären
Gründen genannt. Die angestrebten Restriktionen dürften sich dabei dar-
aus ergeben, dass ernsthafte Nachteile in Bezug auf die Freiheit oder sol-
che, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken, nicht aufgeführt
werden. Ebenso lässt die Formulierung, dass von einer entsprechenden
Gefährdung «offensichtlich» ausgegangen werden müsse, den Schluss zu,
dass das Beweismass anzuheben ist (vgl. Urteile des BVGer D-3367/2013
vom 12. Mai 2014 E. 4.2, 4.4 m.w.H; E-5105/2014 vom 13. Oktober 2014
E. 3.4).
4.
4.1 Die Vorinstanz erwog im angefochtenen Entscheid zu den Vorbringen
vom 9. und 24. September 2019 (vorstehend, Bst. B und D), die Gesuch-
stellenden hielten sich im Libanon und damit in einem sicheren Drittstaat
auf, in dem weder (Büger-)Krieg noch eine Situation landesweiter allgemei-
ner Gewalt herrsche. Es greife die Regelvermutung, dass keine Gefähr-
dung mehr bestehe. Die Gesuchstellenden vermöchten keine substantiier-
ten und stichhaltigen Gründe darzutun, die auf eine Notlage hinwiesen, in-
folge derer sie unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben ge-
fährdet seien und die ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich er-
scheinen liesse. Insbesondere würden keine konkreten und gezielt gegen
die Beschwerdeführenden gerichteten Verfolgungsmassnahmen geltend
gemacht. Es hielten sich Tausende syrische Flüchtlinge im Libanon auf,
ohne konkret an Leib und Leben gefährdet zu sein. Es bestehe ein funkti-
onierendes Gesundheitssystem und der Zugang zur notwendigen Gesund-
heitsversorgung sei gewährleistet. Auch bestünden keine Hinweise auf
eine drohende Ausschaffung syrischer Flüchtlinge. Es gebe Hinweise auf
Anstrengungen der libanesischen Behörden, den Status der Bürgerkriegs-
flüchtlinge zu regeln, auch könne man sich an das UNHCR wenden, um
gegebenenfalls die notwendige Versorgung zu erhalten. Das Leben der
Gesuchstellenden im Libanon sei zweifelsohne beschwerlich, indessen be-
gründeten die prekären Verhältnisse bezüglich medizinischer Versorgung,
Unterkunft und Lebenshaltungskosten für sich noch keine hinreichende
Gefährdung vor Ort. Zudem vermöchten sie mit Unterstützung der Kinder
in der Schweiz ihren – wenngleich bescheidenen – Lebensunterhalt zu be-
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streiten. Auch bestünden im Libanon umfassende und zahlreiche medizini-
sche Angebote seitens von Hilfsorganisationen, welche von Flüchtlingen in
Anspruch genommen werden könnten. Die schwierigen Lebensverhält-
nisse änderten nichts daran, dass sich die Beschwerdeführenden in einem
sicheren Drittstaat ohne gezielt gegen sie gerichtete und belegte – nament-
lich gezielt gegen Leib und Leben gerichtete – Probleme aufhalten könn-
ten. Sie vermöchten den im Libanon gegen eine Verfolgung in Syrien ge-
richteten bestehenden Schutz weiterhin zu beanspruchen. Insgesamt be-
fänden sich die Gesuchstellenden nicht in einer Situation unmittelbarer und
individueller Gefährdung respektive einer besonderen Notsituation, die ein
behördliches Eingreifen zwingend erforderlich machen würde. Damit fehl-
ten die notwendigen humanitären Gründe für die Erteilung der beantragten
Visa.
Schliesslich beabsichtigten die Gesuchstellenden, dauerhaft in der
Schweiz zu bleiben. Die Ausstellung eines gewöhnlichen Visums für den
bewilligungsfreien Aufenthalt (sog. «Schengen-Visum») scheitere somit an
der fehlenden Gewähr für die Wiederausreise innert der vorgesehenen
Frist von 90 Tagen.
4.2 Die Beschwerdeführenden rügen in der Beschwerdeschrift, die Vor-
instanz habe ihr Ermessen missbräuchlich ausgeübt und den Sachverhalt
unvollständig festgestellt. Sie habe insbesondere den prekären Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerinnen im Zusammenhang mit der aktu-
ellen Lage syrischer Flüchtlinge im Libanon nicht angemessen gewürdigt.
Die im Zusammenhang mit dem Beschwerdeführer angeführte Rechtspre-
chung und Massnahmen der libanesischen Behörden seien überholt.
Gehe die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid davon aus, aufgrund des
Aufenthaltes im Libanon als (bestrittenem) sicherem Drittstaat, dessen
Schutz beansprucht werden könne, seien keine humanitären Gründe für
die Erteilung der beantragten Visa gegeben, so bestätige sie die Verfol-
gungsgefahr in Syrien als unbestritten.
Zur Feststellung der Vorinstanz, dass im Libanon weder (Bürger-)Krieg
noch eine Situation landesweiter allgemeiner Gewalt herrsche, womit – ge-
mäss der Regelvermutung – davon auszugehen sei, es bestehe keine Ge-
fährdung mehr, halten die Beschwerdeführenden fest, sie hätten ihr Ge-
such weder mit politischer Verfolgung noch Folterdrohung durch den liba-
nesischen Staat noch mit einer solchen Kriegs- oder Gewaltsituation be-
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gründet. Das von der Vorinstanz angeführte Urteil (D-6371/2013 vom 3. Ja-
nuar 2014) des BVGer sei im Falle der Beschwerdeführenden, die seitens
des Libanon weder über die Staatsbürgerschaft noch einen Aufenthaltstitel
verfügten, nicht einschlägig. Wegen des fehlenden Aufenthaltstitels und
des gleichzeitig prekären Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin
2 sei ein dringendes Eingreifen der Schweiz nötig. Alle drei seien von den
kriegerischen Ereignissen im Heimatstaat traumatisiert, die Beschwerde-
führerin 3 benötige eine Behandlung zur Stabilisierung ihres psychischen
Zustandes. Eine Rückkehr nach Syrien sei nicht möglich, sie seien vertrie-
ben worden, ihr Hab und Gut zerstört oder weggenommen. Eine Rückkehr
sei ausgeschlossen, da eine legale Wiederausreise aus Syrien nicht mög-
lich sei. Auch müssten sie sich wegen des illegalen Aufenthaltsstatus’ aus
Angst vor der Rückschiebung beständig verstecken. Eine Registrierung
beim UNHCR sei, wie die Vorinstanz auch anerkenne, aktuell nicht mög-
lich, Zugang zu einem Flüchtlingscamp hätten sie nicht, sie lebten aktuell
mit einer anderen Familie (insgesamt zu fünft) in einem Zimmer.
Die Beschwerdeführerin leide an Angina pectoris und bedürfe einer mehr
als nur (wenn überhaupt vorhandenen) minimalen Gesundheitsversor-
gung. Die gebotenen Medikamente seien im Libanon nicht erhältlich, denn
diese seien rezeptpflichtig und das in Syrien ausgestellte Rezept werde im
Libanon nicht anerkannt. Gleichzeitig könne sie aufgrund ihres illegalen
Aufenthaltsstatus keinen Kardiologen aufsuchen um sich ein neues Rezept
ausstellen zu lassen. Entgegen der von der Vorinstanz angeführten Situa-
tion von vor einiger Zeit sei syrischen Flüchtlingen kein Zugang zu einer
minimalen Gesundheitsversorgung mehr gewährleistet. Das UNHCR
nehme keine Registrierungen mehr vor und gemäss der aktuellen Berichts-
lage hätten syrische Flüchtlinge, die sich nicht registrieren lassen könnten
und keinen gültigen Aufenthaltstitel hätten, keinen oder nur massiv einge-
schränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung. Auf Vorsprache beim UN-
HCR im Oktober 2019 hin hätten die Beschwerdeführenden keinen Termin
erhalten und sich auch nicht registrieren lassen können. Vorsprachen beim
Roten Kreuz am 19. Oktober 2019 und anfangs Dezember 2019 seien er-
folglos geblieben. Medikamente seien nur theoretisch erhältlich. Zumal
kein Spezialist aufgesucht werden könne, seien auch finanzielle Hilfen von
Verwandten aus der Schweiz keine Hilfe.
Zur Frage, ob syrische Flüchtlinge im Libanon der Gefahr einer Ausschaf-
fung in die Heimat zu befürchten ausgesetzt wären, stütze sich die Vo-
rinstanz (mit Urteil des BVGer E-7361/2014 vom 25. März 2014) auf eine
Rechtsprechung, die zu Zeiten ergangen sei, als eine Registrierung bei
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UNHCR noch möglich gewesen sei. Abgesehen davon, dass das Urteil auf-
grund persönlicher Merkmale nicht mit der Situation der Beschwerdefüh-
renden übereinstimme, habe sich die Situation seither massiv verschlech-
tert. So sei es im letzten Jahr zu Rückschaffungen von Syrern gekommen,
alleine im Mai 2019 seien über 300 syrische Flüchtlinge «summarisch» zu-
rückgeschafft worden. Das Risiko für illegal Aufhältige, verhaftet zu werden
sei hoch; es bestehe für diese keine Bewegungsfreiheit; folglich werde der
Weg zur medizinischen Versorgung nicht auf sich genommen. Die Be-
schwerdeführenden lebten versteckt und unter prekären Bedingungen, die
Angst vor Verhaftung und Ausschaffung hemme sie darin, humanitäre In-
stitutionen aufzusuchen, was sich negativ auf den Gesundheitszustand
auswirke – Hilfe sei ihnen indes trotzt mehrerer Vorsprachen nicht gewährt
worden. Die Situation begründe insgesamt eine besondere humanitäre
Notlage, die das Einschreiten der Schweizer Behörde erforderlich mache.
Mit ihrem Verweis auf die Gewährleistung minimaler Gesundheitsversor-
gung im Libanon und der fehlenden Gefahr einer Ausschaffung zeige sich,
dass die Vorinstanz die rechtlich relevanten Umstände nicht näher unter-
sucht und ihr Ermessen missbräuchlich ausgeübt habe. Er erscheine be-
denklich, wenn die Vorinstanz den Beschwerdeführenden unterstelle, sie
hätten ihre Darstellung weder belegt noch substantiiert, sich gleichzeitig
aber auf eine veraltete Rechtsprechung abstütze, welche die Veränderun-
gen der allgemeinen Lage zuungunsten der syrischen Flüchtlinge unbe-
rücksichtigt lasse. Überdies hätten die Beschwerdeführenden ihre Vorbrin-
gen bereits beim Botschaftstermin vorgebracht und belegt.
Ausser Acht gelassen habe die Vorinstanz schliesslich die bestehenden
Bindungen der Beschwerdeführenden in die Schweiz. Drei Kinder der Be-
schwerdeführenden 1 und 2 seien in die Schweiz geflüchtet und hier vor-
läufig aufgenommen. Es bestehe somit ein stabiles Beziehungsnetz, das
auch für die nötige finanzielle Unterstützung aufkommen könne. Neben
den humanitären Gründen sei auch das Recht auf Achtung des Familien-
lebens zu berücksichtigen. Ein familiäres Beziehungsnetz bestehe nach
Auflösung dieser Beziehungen durch die kriegerischen Ereignisse nurmehr
mit den Angehörigen in der Schweiz. Neben der Rettung der Beschwerde-
führenden führe die Erteilung des Visums somit auch zur Wiedervereini-
gung der Familie in einem sicheren Staat, in dem die hier ansässigen Kin-
der zudem gut integriert seien.
4.3 Die Vorinstanz stellt sich in ihrer Vernehmlassung vom 25. Juni 2020
auf den Standpunkt, im Libanon sei für syrische Flüchtlinge sehr wohl ein
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Zugang zu einer minimalen Gesundheitsversorgung gewährleistet. Es be-
stehe ein funktionierendes Gesundheitssystem, insbesondere versorge
«Médecins Sans Frontières» (MSF) syrische Flüchtlinge kostenlos mit qua-
litativ hochwertiger medizinischer Hilfe, betreibe Gesundheitszentren an
mehreren Standorten, wo nichtübertragbare wie akute Erkrankungen be-
handelt und psychische Gesundheitsversorgung geleistet würden. Es
könne damit davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin-
nen 2 und 3 die notwendige Hilfe erhalten dürften. Die medizinische Ver-
sorgung sei auch ohne Registrierung beim UNHCR zugänglich. Bei den
von der Beschwerdeführerin 2 vorgetragenen Medikamenten, derer sie be-
dürfe, handle es sich um in Syrien gängige Medikamente gegen Bluthoch-
druck, Cholesterin und Verdauungsprobleme. Mit einem Rezept aus Syrien
könnten im Libanon keine Medikamente (gratis) in Apotheken bezogen
werden. Gegen Entgelt dürften indessen analoge libanesische Medika-
mente bezogen werden können. Fest stehe im Grundsatz, dass syrischen
Flüchtlingen auch ohne Aufenthaltsstatus kostenlose und qualitativ hoch-
stehende medizinische Hilfe seitens der MSF und des UNHCR zugänglich
sei, auch könne man sich die gewohnten und günstigeren Medikamente
aus Syrien zukommen lassen. Zweifelsohne befänden sich die Beschwer-
deführenden – wie zahlreiche syrische Flüchtlinge im Libanon – in einer
schwierigen Lage. Eine erhöhte Gefahr für eine zwangsweise Rückführung
bestehe indessen nicht. Es seien aber keine gegen sie persönlich gerich-
teten und belegten ernsthaften Probleme respektive gezielte Gefährdun-
gen von Leib und Leben glaubwürdig aufgezeigt worden. Es sei den Be-
schwerdeführenden möglich, den im Libanon bestehenden Schutz gegen-
über der geltend gemachten Verfolgungsgefahr in Syrien weiterhin in An-
spruch zu nehmen.
4.4 Die Beschwerdeführenden bemängeln in ihrer Replik, dass die Vor-
instanz sich die Vernehmlassungsfrist für Abklärungen zur möglichen Be-
schaffbarkeit von Medikamenten habe erstrecken lassen, sich in der Ver-
nehmlassung dann aber einzig auf die publizierte Rechtsprechung – und
ohne Bezug auf die Beschwerdeschrift – abstütze. Indem die Vorinstanz
die Vorbringen der Beschwerdeführerinnen mit blossen Behauptungen ab-
tue, verletze sie deren rechtliches Gehör.
Die Gesundheitsversorgung der Beschwerdeführerin 2 könne im Libanon
nicht genügend gewährleistet werden, denn sie erhalte – da sie sich nicht
beim UNHCR registrieren lassen könne – nicht die gleiche Gesundheits-
versorgung wie Registrierte. In ihrem Fall liege eine schwere chronische
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Krankheit vor, die einer speziellen Operation bedürfe, welche über eine pri-
märe Gesundheitsversorgung durch ein Hilfswerk hinausgehe. Daraus
folge auch die Notwendigkeit, die richtige Medikation zu befolgen. Wegen
der geschlossenen Grenze zwischen Syrien und dem Libanon könnten von
dort keine Medikamente bezogen werden. Durch eine mögliche Covid-19-
Infektion besonderes gefährdet, könnte die Beschwerdeführerin 2 und ihre
Familie das Zimmer in der gegebenen Pandemielage kaum mehr verlas-
sen. Dabei wohnten sie mit zwei weiteren Personen in einem einzigen Zim-
mer. Die Situation sei «weder menschen- noch zukunftswürdig», insbeson-
dere für die Beschwerdeführerin 2 auch nicht zumutbar. Infolge ihrer Krank-
heit und der mangelhaften Gesundheitsversorgung sei sie unmittelbar und
individuell gefährdet, die Lage und Unterkunft nicht auf ihre gesundheitli-
che Lage ausgerichtet. Es liege eine gezielte und persönliche Gefahr für
Leib und Leben vor, es bedürfte zwingend des Eingreifens der schweizeri-
schen Behörden.
Bezüglich der Frage der Ausschaffungen habe sich die Situation für syri-
sche Flüchtlinge stark verändert. Es fänden regelmässig Rückweisungen
statt. Seit dem 24. April 2019 erlaube eine Gesetzesnovelle die Rückfüh-
rung illegal anwesender, nach diesem Datum angekommener Flüchtlinge.
Für die Beschwerdeführenden ohne legalen Aufenthaltstitel erscheine eine
Rückführung somit wahrscheinlicher – und damit bleibe ihnen auch faktisch
verwehrt, Angebote von MSF oder anderen Organisationen zu beanspru-
chen. Aufgrund dieses fehlenden Zugangs zur nötigen Gesundheitsversor-
gung und der Gefahr der Ausschaffung seien die Voraussetzungen eines
humanitären Visums erfüllt. Die von der Vorinstanz zitierte Rechtsprechung
sei nicht einschlägig, da entweder beim UNHCR Registrierte betroffen
seien, oder dann Syrer, die vor dem 24. April 2019 in den Libanon einge-
reist seien. Ohnehin unklar sei die weitere politische Entwicklung nach dem
aktuellen Regierungswechsel.
Nicht thematisiert habe die Vorinstanz wiederum das in der Schweiz beste-
hende Beziehungsnetz, das finanzielle und pflegerische Unterstützung zu
leisten vermöchte.
4.5 In den Eingaben vom 21. Oktober 2020 und 1. Februar 2021 bestätig-
ten die Beschwerdeführenden im Wesentlichen die Ausführungen der Rep-
lik.
4.6 Die Vorinstanz teilt in ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom 1. Feb-
ruar 2021 mit, gemäss Abklärungen der Schweizer Botschaft in Beirut habe
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der Umstand der fehlenden Registrierung beim UNHCR keinen Einfluss
auf den Zugang zur «Primary Health Care» (verstanden als medizinische
Versorgung ohne Notwendigkeit der Hospitalisation). «Persons of Care»
(PoC) hätten – unabhängig von einer Anerkennung als PoC – Zugang zu
der vom UNHCR bereitgestellten Gesundheitsvorsorge, sofern sie ihre sy-
rische Staatsbürgerschaft nachweisen könnten. «Secondary Health Care»
(d.h. ein Spitaleintritt) setze die Anerkennung als PoC voraus, was weder
einen legalen Aufenthalt noch eine Registrierung oder Anerkennung als
Flüchtling erfordere. In Notfällen gebe es ein Fast-Track-Verfahren zur An-
erkennung als PoC. Das UNHCR stelle den Zugang sicher, die Behandlung
erfolge im Rahmen des libanesischen Gesundheitssystems. Im Bereich
der «Primary Health Care» gebe es weitere Akteure, wie namentlich MSF.
Die Nationalität habe keinen Einfluss auf den Zugang zu medizinischen
Akteuren und damit die Möglichkeit, ein Rezept zu erhalten. Einige «Health
Care Center» würden durch das UNHCR subventioniert und zielten explizit
auf die Versorgung syrischer Flüchtlinge (unabhängig von der Registration)
ab. Schliesslich seien syrische Flüchtlinge geduldet. Es sei von Mitte 2018
bis Mitte 2019 zu Rückführungen gekommen, die zu Interventionen der in-
ternationalen Gemeinschaft geführt hätten. Seit Herbst 2019 gebe es keine
Berichte über Rückführungen mehr, neuere Gerüchte seien bisher nicht
bestätigt worden. Die aktuelle Pandemie-Situation beeinflusse die Möglich-
keiten von Grenzübertritten, sei aber volatil und unübersichtlich. MSF be-
treibe «primary health clinics» in Beirut, ein spezielles Covid-Spital mit In-
tensivpflegestation und ein «mobile response team». Diese Einrichtungen
stünden allen offen, ungeachtet ihrer Nationalität oder ihres Aufenthaltssta-
tus’. Benötigte Medizin werden von MSF unentgeltlich abgegeben. Auch
bei Anerkennung der schwierigen Lebensumstände seien keine Gründe er-
sichtlich, dass die Beschwerdeführenden einer rechtlich relevanten Ge-
fährdung ausgesetzt seien. Auch für sie als nicht registrierte syrische
Flüchtlinge sei der Zugang zu medizinischer Versorgung sichergestellt und
sie seien auch nicht unmittelbar von der Abschiebung nach Syrien bedroht.
Auch könnten sie auf die finanzielle Unterstützung von im Ausland aufhäl-
tigen Angehörigen bauen. Gründe für eine unmittelbare, ernsthafte und
konkrete Gefährdung an Leib und Leben seien nicht erstellt.
4.7 Die Beschwerdeführenden rügten in der Eingabe vom 9. März 2021 die
Abklärungen durch angeblich die Schweizer Vertretung (und damit die Erst-
instanz) als nicht belegt und nicht überprüfbar und unter Verweis auf ihrer-
seits eingereichte Berichte bestritten. Sie rekapitulierten die Eckpunkte des
Sachverhaltes und ergänzten, die Beschwerdeführerin 2 habe einer – mit-
F-533/2020
Seite 14
hilfe der Vermieterschaft ermöglichten – notfallmässigen ärztlichen Be-
handlung bedurft und müsste anschliessend operiert werden. Die in den
bisherigen Rechtsschriften geschilderte Situation betreffend den Zugang
zur medizinischen Versorgung entspreche dem tatsächlich Erlebten. Meh-
rere internationale Menschenrechtsorganisationen berichteten über den
eingeschränkten Zugang für nicht-registrierte Flüchtlinge. Die zitierte Per-
sonenkategorie «Persons of Care (PoC)» sei in keinem Dokument des UN-
HCR ersichtlich. Anerkannt sei, dass das UNHCR für registrierte syrische
Flüchtling den Zugang zu medizinischer Versorgung sicherstelle. Nicht re-
gistrierte Flüchtlinge müssten aber selber für die Kosten aufkommen. Nur
weil es Spitäler gebe, bedeute das nicht, dass die Beschwerdeführenden
davon Gebrauch machen könnten.
Die Vorinstanz führe aus, dass es nur von Mitte 2018 bis Mitte 2019 Be-
richte über zwangsweise Ausschaffungen gegeben habe, anerkenne aber
doch, dass in den letzten zwei Monaten Gerüchte in sozialen Medien über
Rückführungen kursierten. Berichte von NGO und auch staatlichen Orga-
nisationen würden noch immer von einem Risiko der Ausschaffung schrei-
ben. Seit dem August 2019 geltende Bestimmungen und die Tatsache,
dass der Libanon kein Signatarstaat der Flüchtlingskonvention sei, begrün-
deten diese Befürchtung. Unklar sei der Zweck der vorinstanzlichen Aus-
führungen zur Grenzschliessung.
Vehement bestritten werde, dass die Beschwerdeführenden keiner unmit-
telbaren, ernsthaften und konkreten Gefährdung an Leib und Leben aus-
gesetzt sein sollen. Die Behauptungen der Vorinstanz seien unbelegt.
Diese habe sich auch nicht mit der konkreten Krankheit der Beschwerde-
führerin 2 auseinandergesetzt. Eine allenfalls mögliche Behandlung würde
die finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführenden überschreiten; sie
benötige eine Operation und sie könne sich nicht beim UNHCR registrie-
ren. Die allgemeine Lage und der unsichere Aufenthaltsstatus schränke
ihre Möglichkeiten ein und zwinge sie, sich zu verstecken. Infolge der Ob-
dachlosigkeit der Beschwerdeführenden leide die in der Schweiz domizili-
erte Tochter respektive Schwester der Beschwerdeführenden unter De-
pressionen und Angstzuständen.
Abschliessend rügen die Beschwerdeführenden, dass die ergänzende Ver-
nehmlassung der Vorinstanz der Verfahrensgarantie des rechtlichen Ge-
hörs nicht nachkomme. Diese solle ein faires Verfahren gewährleisten, den
Betroffenen ermöglichen, sich im Verfahren zu orientieren und ihren Stand-
F-533/2020
Seite 15
punkt darzulegen. Die Vorinstanz sei als Behörde verpflichtet, den Betroffe-
nen diese Gelegenheiten einzuräumen und sich ernsthaft mit ihren Äusse-
rungen auseinanderzusetzen. Weiter diene das rechtliche Gehör der um-
fassenden Abklärung der Rechts-, Sach- und Interessenlage. Die Vor-
instanz sei mit den Zwischenverfügungen des Instruktionsrichters vom
12. Februar 2020 und 21. Dezember 2020 aufgefordert worden, sich kon-
kret zu benannten Aspekten der Rechtschriften der Beschwerdeführenden
zu äussern. Indessen sei der ergänzenden Vernehmlassung zu entneh-
men, dass die Begründung der Vorinstanz einzig auf nicht näher belegten
Abklärungen der Vertretung in Beirut beruhe. Das genüge nicht, ergebe
doch die seitens der Beschwerdeführenden aufgezeigte Berichtslage ein
anderes Bild, als es die Vertretung beobachtet haben wolle.
5.
Die Beschwerdeführen erheben Rügen betreffend die Verletzung des Ge-
hörsanspruchs. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen (statt Vieler:
Urteil des BGer 2C_257/2018, 2C_308/2018 vom 11. November 2019 E. 2
Ingress m.w.H.).
5.1 Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, anderseits
stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines
Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen eingreift. Dazu
gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines sol-
chen Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen
und Einsicht in die Akten zu nehmen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör
umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzu-
räumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann. Voraussetzung des Äusserungsrechts sind genü-
gende Kenntnisse über den Verfahrensverlauf, was auf das Recht hinaus-
läuft, in geeigneter Weise über die entscheidwesentlichen Vorgänge und
Grundlagen vorweg orientiert zu werden. Wie weit dieses Recht geht, lässt
sich nicht generell, sondern nur unter Würdigung der konkreten Umstände
beurteilen. Entscheidend ist, ob dem Betroffenen ermöglicht wurde, seinen
Standpunkt wirksam zur Geltung zu bringen (statt Vieler BGE 144 I 11
E. 5.3 m.w.H.)
5.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt von Verfassungs wegen
(Art. 29 Abs. 2 BV), dass die Behörde die Vorbringen der Parteien auch
tatsächlich hört, prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt; daraus
folgt insbesondere die Verpflichtung der Behörde, ihren Entscheid ausrei-
chend und nachvollziehbar zu begründen. Um den Vorgaben von Art. 29
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Seite 16
Abs. 2 BV zu genügen, muss die Begründung so abgefasst sein, dass sich
die betroffene Person über die Tragweite des angefochtenen Entscheids
Rechenschaft geben und ihn in voller Kenntnis der Sache an die höhere
Instanz weiterziehen kann. Zu begründen ist das Ergebnis des Entschei-
des, das im Urteilsspruch zum Ausdruck kommt und das allein die Rechts-
stellung der betroffenen Person berührt. Die Begründung ist also nicht an
sich selbst, sondern am Rechtsspruch zu messen (BGE 145 III 324 E. 6.1
m.w.H.). Dabei ist es nicht erforderlich, dass sich die Behörde mit allen
Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vor-
bringen ausdrücklich widerlegt. Vielmehr kann sie sich auf die für den Ent-
scheid wesentlichen Punkte beschränken (statt vieler BGE 143 III 65 E.
5.2). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass nur diejenigen Argumente still-
schweigend übergangen werden können, die für den Entscheid erkennbar
unbehelflich sind (SUTTER, in: Auer/Müller/Schindler (Hrsg.), Kommentar
VwVG, 2. Aufl. 2018, N. 2 a.E. zu Art. 32 VwVG). Weiter ist die verfas-
sungsmässige Begründungsdichte abhängig von der Entscheidungsfrei-
heit der Behörde und der Eingriffsintensität des Entscheides. Je grösser
der Spielraum, welcher der Behörde infolge Ermessen und unbestimmter
Rechtsbegriffe eingeräumt ist, und je stärker ein Entscheid in die individu-
ellen Rechte eingreift, desto höhere Anforderungen sind an die Begrün-
dung eines Entscheides zu stellen (BGE 112 Ia 107 E. 2b m.w.H.; einge-
hend SUTTER, Kommentar VwVG, Rz. 2 zu Art. 32 VwVG, Rz. 9 ff. zu Art.
34 VwVG).
5.3 Der Anspruch auf rechtliches Gehör bezieht sich grundsätzlich auf den
rechtserheblichen Sachverhalt. Bezüglich Fragen der rechtlichen Beurtei-
lung und Würdigung von Tatsachen hat die Behörde nur dann das rechtli-
che Gehör einzuräumen, wenn sie beabsichtigt, sich in ihrem Entscheid
auf einen völlig unüblichen oder neuen und deshalb nicht vorhersehbaren
Rechtsgrund abzustützen; zu einer Rechtsanwendung, mit der aufgrund
der veröffentlichten Rechtsprechung zu rechnen ist, besteht kein Anspruch
auf vorgängige Anhörung (BGE 140 III 231 E. 3.5 Abs. 3, 145 I 167 E 4.1;
SUTTER, in: Auer/Müller/Schindler (Hrsg.), Kommentar zum Bundesgesetz
über das Verwaltungsverfahren (VwVG), 2019, Rz. 12 zu Art. 29 VwVG;
vgl. auch WALDMANN/BICKEL, in: Waldmann/Weissenberger (Hrsg.), Pra-
xiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Rz. 74 zu Art. 29 VwVG).
5.4 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Die Sachverhaltsfeststellung ist unrichtig, wenn der
Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird
F-533/2020
Seite 17
oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn
nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksich-
tigt werden (Urteil des BVGer E-2479/2018 E. 6.1 Abs. 2). Der Untersu-
chungspflicht der Vorinstanz stehen gesetzliche und aus Treu und Glauben
abgeleitete Mitwirkungspflichten der Parteien gegenüber und es hat eine
beschwerdeführende Partei auch in einem dem Untersuchungsgrundsatz
unterstehenden Verfahren gewisse Substantiierungs- und Beweislasten zu
tragen (Art. 13 Abs. 1 VwVG und Art. 5 Abs. 3 BV; vgl. BGE 142 II 433
E. 3.2.6 zur Geltung der allgemeinen Beweislastregel des Art. 8 ZGB im
öffentlichen Recht und Urteil des BGer 2C_177/2018 vom 22. August 2019
E. 3.3 f. zu den der beschwerdeführenden Partei obliegenden Behaup-
tungs- und Substantiierungslasten, je m.w.H.).
5.5 Zu den Gehörsrügen im Einzelnen:
5.5.1 Der angefochtene Entscheid nahm auf die Ausführungen der Ein-
sprache vom 24. September 2019 und des im Rahmen der Gesuchstellung
eingereichten Memorandums in einer Art und Weise Bezug, welche den
Beschwerdeführenden dessen sachgerechte Anfechtung in allen wesentli-
chen Punkten ohne weiteres erlaubte. Grundsätzlich kann von einer genü-
genden Begründung ausgegangen werden.
5.5.2 Wie erwähnt, ist bei Aufenthalt in einem sicheren Staat von der Re-
gelvermutung auszugehen, dass keine aktuelle Gefährdung besteht, die
die Ausstellung eines humanitären Visums geböte (vorne, E. 3.2) – mit ent-
sprechender Auswirkung auf die den Beschwerdeführenden obliegenden
Substantiierungslasten. Wie noch zu zeigen sein wird (nachstehend,
E. 6.1-6.3) geht die Rechtsprechung davon aus, beim Libanon handle es
sich um einen sicheren Drittstaat, in dem auch sich illegal aufhaltende sy-
rische Flüchtlinge grundsätzlich Zugang zu einer genügenden medizini-
schen Versorgung hätten. Es verstösst grundsätzlich nicht gegen das
rechtliche Gehör, wenn die Vorinstanz ihrem Entscheid diese Prämissen
zugrunde legt (vgl. vorne, E. 5.3). Ob sie vor dem Hintergrund dieser Prä-
misse die Darlegungen der Beschwerdeführenden richtig würdigte, ist nicht
eine Frage des rechtlichen Gehörs, sondern der Beweis- respektive recht-
lichen Würdigung.
5.5.3 Tatsächlich nahm die Vorinstanz in der Begründung ihres Entschei-
des keine Stellung zum Gewicht der in der Schweiz sich aufhaltenden An-
gehörigen. Dazu ist (unter Vorgriff auf nachstehende E. 6.6) zu bemerken,
F-533/2020
Seite 18
dass die Frage günstiger Integrationsaussichtgen aufgrund familiärer Be-
ziehungen ein Aspekt ist, der zusätzlich zur Frage der nachgewiesenen
Gefährdung zu prüfen ist. Kommt die Vorinstanz zum Schluss, dass die
Gefährdung nicht nachgewiesen sei, so hatte sie auch keine Veranlassung,
einen nur mitzuberücksichtigenden, diesem Eingangskriterium nachgela-
gerten und damit mutmasslich unbehelflichen Aspekt, zu prüfen und expli-
zit zu begründen (vorne, E. 5.2) – dies gilt unabhängig davon, ob sich die
Würdigung im Rechtsmittelverfahren als korrekt erweist. Der Vollständig-
keit halber sei darauf hingewiesen, dass die Beschwerdeführenden im
Rahmen der durch das Schweizerische Rote Kreuz begleiteten Voraban-
frage (vorne, Bst. A) auf die mutmassliche Unbehelflichkeit dieses Umstan-
des hingewiesen worden waren (vgl. vi-act. 1/22). Es hätte ihnen aufgrund
dieses Bescheides in ersichtlicher Weise oblegen, darzulegen, weshalb
dieser Aspekt im besonderen Fall der Beschwerdeführenden ein geradezu
überragendes Gewicht einnehmen sollte (vgl. E. 5.4 a.E. m.H.).
5.5.4 Im weiteren Zusammenhang mit Fragen des Untersuchungsgrund-
satzes und der Behauptungs- und Substantiierungs- respektive der Be-
weislast ist der Vollständigkeit halber zu bemerken, dass die Beschwerde-
führenden keine Aspekte geltend machten, die auf eine gezielte Verfolgung
im Heimatland hindeuteten. Ihre Schilderung geht dahin, dass sie aufgrund
kriegerischer Ereignisse ihr Hab und Gut und vor allem ihr Obdach verloren
hätten und vor der Gefechtslage geflohen seien. Dies sind – bei Wahrun-
terstellung – ohne Zweifel dramatische und einschneidende Begebenhei-
ten, stellen aber keine gezielte Verfolgung dar. Die These der Beschwer-
deführenden, die Vorinstanz habe durch die Bezeichnung des Libanon als
sicheren Drittstaat, «die Verfolgungsgefahr in Syrien bestätigt» (Be-
schwerde Ziff. 7) geht fehl. Davon abgesehen, dass die Beschwerdefüh-
renden hier im Verwaltungs(gerichts)verfahren nicht einschlägige Analo-
gien zur zivilprozessualen Verhandlungsmaxime zu ziehen scheinen,
scheitert die Annahme einer Abstanderklärung infolge unsubstantiierter
Bestreitung (vgl. STAEHLIN/STAEHELIN/GROLIMUND, Zivilprozessrecht, 2.
Aufl. 2013, § 10 Rz. 15 ff., § 18 Rz. 5 ff.) ohnehin an der bereits ihrerseits
nicht substantiierten Behauptung der Verfolgungssituation.
5.5.5 In ähnlichem Zusammenhang ist festzuhalten, dass die Vorinstanz,
wenn sie «Gerüchte [...] in den sozialen Medien» «anerkennt» (Eingabe 9.
März 2021, S. 3 oben) keine Feststellungen über den Gegenstand der Ge-
rüchte selbst macht.
F-533/2020
Seite 19
6.
Wie erwähnt, müssten zur Ausstellung von humanitären Visa konkrete An-
haltspunkte für das Bestehen einer unmittelbaren, ernsthaften und konkre-
ten Gefährdung der Beschwerdeführenden an Leib und Leben vorliegen,
welche ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich machen würden.
6.1 Auszugehen ist vom unbestrittenen Umstand, dass sich die Beschwer-
deführenden aktuell – wenn auch bei unklarer Wohnsituation – im Libanon
aufhalten. Im Libanon herrschen soziale, politische und religiöse Spannun-
gen, die durch eine aktuelle Wirtschaftskrise und die Explosionskatastro-
phe im Hafen von Beirut vom 4. August 2020 verschärft wurden. Demonst-
rationen, Streiks, Strassenblockaden und vereinzelte Versorgungseng-
pässe kommen vor. Es ist mit Beeinträchtigungen des öffentlichen Lebens
zu rechnen (vgl. Reisehinweise des EDA, https://www.eda.ad-
min.ch/eda/de/home/vertretungen-und-reisehinweise/libanon/reisehin-
weise-fuerlibanon.html#par_textimage sowie des Auswärtigen Amtes der
Bundesrepublik Deutschland, https://www.auswaertiges-amt.de/de/Reise-
UndSicherheit/libanonsicherheit/204048, zuletzt abgerufen je am 5. Mai
2021). Dessen ungeachtet handelt es sich beim Libanon um einen siche-
ren Drittstaat, in dem weder (Bürger-)Krieg noch eine Situation allgemeiner
Gewalt herrscht. Die allgemeine Lage lässt nicht grundsätzlich auf eine in-
dividuelle Gefährdung schliessen. Es gilt die Regelvermutung, dass eine
Gefährdung, die zur Ausstellung eines humanitären Visums qualifizierte,
nicht besteht.
6.2 Die Beschwerdeführenden halten dem zum Einen das Risiko der Rück-
führung nach Syrien entgegen.
6.2.1 Dazu ist einleitend zu bemerken, dass die Quellenlage zur Frage des
Schicksals von Rückgeführten in Syrien uneinheitlich ist; zumindest für ak-
tive Oppositionelle erscheint die Situation bei Rückschaffungen bedenklich
(vgl. Urteil des BVGer F-6724/2018 vom 14. Oktober 2019 E. 5.2 Abs. 2).
Indessen behaupten, substantiieren oder belegen die Beschwerdeführen-
den weder eine oppositionelle Tätigkeit noch eine individuell gegen sie, im
Sinne von Art. 3 AsylG relevante, Verfolgung im Allgemeinen (vgl. vorne,
E. 5.5.4).
6.2.2 Der Libanon ist weder Vertragsstaat des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (SR 0.142.30, Abschn. Gel-
tungsbereich) noch des Protokolls vom 31. Januar 1967 über die Rechts-
F-533/2020
Seite 20
stellung der Flüchtlinge (SR 0.142.301, Abschn. Geltungsbereich). Gleich-
wohl hat das Land seit Beginn des Bürgerkrieges einen erheblichen Anteil
der durch den syrischen Bürgerkrieg entstandenen Emigration aufgenom-
men. Dabei kommt den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen in aller Regel
kein legaler Aufenthaltsstatus zu. Gleichwohl haben die Behörden während
Jahren darauf verzichtet, Betroffene zwangsweise nach Syrien zurückzu-
schicken. Ein Paradigmenwechsel war nach den Wahlen im April und Mai
2019 zu verzeichnen; Syrer und Syrerinnen, namentlich – aber nicht aus-
schliesslich – solche, die nach dem 24. April 2019 eingereist waren, sahen
sich seither mit (keinem realistischen Rechtsmittel zugänglichen) Auswei-
sungsbescheiden konfrontiert. Die Zahl der Betroffenen wurde seitens der
libanesischen Behörden für den Zeitraum von Mai bis August 2019 mit
2'731 angegeben, wobei unklar ist, in welchem Ausmasse auch informelle
Deportationen erfolgten und wie viele Betroffene aufgrund der – insbeson-
dere prekären ökonomischen – Situation freiwillig zurückkehrten (zum
Ganzen ausführlich Urteile des BVGer F-6724/2018 E. 5.2 und F-
4464/2019 vom 11. Juni 2020 E. 5.1 je m.w.H.). Zu bedenken ist in allge-
meiner Hinsicht, dass selbst bei einer erheblichen Dunkelziffer die Zahl der
Betroffenen angesichts der Zahl der sich im Libanon aufhaltenden syri-
schen Flüchtlinge (gemäss [Deutschem] Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge, Länderreport 32 Libanon, Stand 12/2029 [Beschwerdebeilage
{BB} 27], S. 9 ist von bis zu 1.5 Millionen auszugehen) eine kleine Minder-
heit darstellt. Gemäss Feststellungen der Vorinstanz gebe es sei dem Au-
gust 2019 keine Berichte über zwangsweise Rückführungen mehr; die Be-
schwerdeführenden verweisen in ihrer Stellungnahme vom 9. März 2021
auf die Gerüchtslage in sozialen Medien (vgl. E. 5.5.5) und auf das in den
eingereichten Berichten angeführte Risiko von Ausschaffungen. Keinen
Einfluss auf den Status der Beschwerdeführenden hat schliesslich der Um-
stand, dass diese sich – wie alle neu ankommenden Syrer im Libanon seit
dem 5. Mai 2015 – nicht beim UNHCR registrieren können; dieser Umstand
hat auch keinen Einfluss auf die Frage, ob sie bei UNHCR Beratung und
grundlegende Unterstützung erlangen können (vgl. UNHCR/Refugees Le-
banon, 15.07.2015, https://www.refugees-lebanon.org/en/news/88/qa-for-
syrians-seeking-registration, zuletzt abgerufen am 6. Mai 2021).
6.2.3 Nicht geltend gemacht wird und nicht ersichtlich ist, dass die Be-
schwerdeführenden von libanesischen Behörden angehalten und wegge-
wiesen worden wären.
6.2.4 Insgesamt erscheint die Furcht der Beschwerdeführenden vor einer
Ausschaffung nach Syrien als genereller und vorab theoretischer Art. Ohne
F-533/2020
Seite 21
Zweifel – und verständlicherweise – ist eine Ausschaffung in die vom Bür-
gerkrieg gezeichnete Heimat nicht erstrebenswert. Indessen würden die
Beschwerdeführenden dort – was das Bundesverwaltungsgericht durch-
aus nicht verkennt – widrige Bedingungen erwarten, die aber über die Le-
bensbedingungen der Restbevölkerung nicht hinausgehen, nicht aber eine
konkrete, gezielte Verfolgung. Das abstrakte Ausschaffungsrisiko stellt ins-
gesamt keine konkrete und unmittelbare Gefährdung von Leib und Leben
der Beschwerdeführenden dar.
6.3 Es bleibt zu prüfen, ob der Gesundheitszustand der Beschwerdeführe-
rinnen 2 und 3 oder die allgemeine Lebenssituation geeignet sind, eine
Notlage im Sinne der Rechtsprechung zu begründen.
6.3.1 Die Beschwerdeführerinnen 2 und 3 reichten bei der Gesuchstellung
bei der Vertretung in Beirut und im Beschwerdeverfahren je ein Arztzeugnis
vom 22. Dezember 2018 eines Facharztes für Herz- und Gefässkrankhei-
ten in F._/Syrien mit Übersetzung ein (vi-act. 4/54, 5/60, BB 15).
Demzufolge wurde bei der Beschwerdeführerin 2 eine «chronische
Herzischämie und chronische Aderhypertonie mit einer Anamnese einer
Implantation einer Arzneimittel freisetzenden Gefäßstütze in Koronaradern
seit 2013» diagnostiziert, sie leide nun an Anfällen von «Angina Pectoris
(Herzkrampf)» und benötige einen neuen Herzkatheter zur «Wiederbewer-
tung» (wohl: Stabilisierung) ihres Status. Während der Arztbericht keine
Auskunft über die Medikation gibt, legen die Beschwerdeführenden eine
Fotografie der vorgeblich benötigten Medikamente vor (BB 10). Bei der Be-
schwerdeführerin 2 wurde eine «Mitralklappe-Prolaps mit Anamnese einer
nicht vorbildlichen Brustschmerze mit Störung im seelischen Zustand und
reizbares Kolonsyndrom» diagnostiziert; sie werde regelmässig kontrolliert
und sie stehe unter kontinuierlicher medikamentöser Behandlung. Am
9. März 2021 teilten die Beschwerdeführenden mit, die Beschwerdeführe-
rin 2 habe eine Bewusstlosigkeit erlitten und sei notfallmässig in eine Arzt-
praxis verbracht worden, wo sie stabilisiert worden sei; der Arzt habe da-
rauf aufmerksam gemacht, dass sie operiert werden müsse; gemäss vor-
gelegtem Arztbeleg sei die linke Schulter zu röntgen (BB 25/1: «Epaule
gauche x-ray»); daneben scheint ein Blutbild erhoben worden zu sein (BB
25/2). Allgemein machen die Beschwerdeführenden geltend, sie hätten
aufgrund ihres Aufenthaltsstatus’ keinen Zugang zu medizinischer Hilfe
und zu den notwendigen Medikamenten.
6.3.2 Grundsätzlich ist zu bemerken, dass im Libanon eine minimale me-
dizinische Grundversorgung gewährleistet ist. «Médecins sons Frontières
F-533/2020
Seite 22
(MSF)» etwa versorgt syrische Flüchtlinge kostenlos mit qualitativ hoch-
wertiger medizinischer Hilfe. An verschiedenen Standorten werden Ge-
sundheitszentren zur primären Gesundheitsversorgung betrieben. Sie um-
fasst die Behandlung akuter und chronischer Krankheiten, Impfungen, Ge-
burtshilfe und psycholgische Betreuung (vgl. Urteile des BVGer F-
6511/2018 vom 28. August 2019 E. 4.5, F-662/2019 vom 11. Juni 2019
E. 4.4., F-4464/2019 E. 5.3, je m.w.H; MSF, How we’re helping in Lebanon,
https://www.doctorswithoutborders.org/what-we-do/countries/lebanon, zu-
letzt abgerufen am 6. Mai 2021). Auch seitens des UNHCR ist eine Grund-
versorgung – wenn auch teils mit Kostenbeteiligung der Betroffenen – si-
chergestellt (vgl. etwa UNHCR, Health services for refugees and asylum
seekers in Lebanon,http://www.refugees-lebanon.org/uploads/poster/pos-
ter_152837840982.pdf). Das von den Beschwerdeführenden in der Replik
zitierte Urteil des Bundesverwaltungsgerichts F-7310/2018 behandelte den
Fall von beim UNHCR Registrierten; entgegen der Replik (S. 2 oben) lässt
sich dessen Erwägung 6.2 nicht der Umkehrschluss entnehmen, dass für
Nichtregistrierte eine nur minderwertige Versorgung zugänglich sei, insbe-
sondere nicht bei den MSF.
6.3.3 Die medizinische Berichtslage betreffend die Beschwerdeführerinnen
2 und 3 ist dürftig. Die Diagnosen sind sehr vage und allgemein gehalten.
Bezüglich der Beschwerdeführerin 3 ist eine Medikation zitiert, aber nicht
detailliert, bezüglich der Beschwerdeführerin 2 ist keine Medikation ange-
führt, es liegt einzig eine Fotografie von angeblich verschriebenen Medika-
menten vor (nicht aber das Rezept o.ä.). Dass die sehr allgemein gehalte-
nen Krankheitsbilder im Rahmen der vorstehend geschilderten Versorgung
nicht behandelt werden könnten, beruht einzig auf der Behauptung der Be-
schwerdeführenden. Insbesondere für den Fall der Beschwerdeführerin 3
kann davon ausgegangen werden, dass die örtliche Versorgung psychi-
scher Probleme infolge kriegerischer Ereignisse gewährleistet ist. Der kon-
krete Operationsbedarf im Falle der Beschwerdeführerin 2 ist aufgrund des
Arztberichts vom 22. Dezember 2018 (BB 15) nicht abzuschätzen, dem
vom 12. Dezember 2020 (BB 25) ist diesbezüglich gar nichts zu entneh-
men; folglich ist auch unklar, ob es sich um einen komplexen Eingriff han-
delt, der mit örtlich verfügbaren Mitteln nicht sicherzustellen wäre. Vorspra-
chen werden beim UNHCR behauptet (wobei es um eine Registration ge-
gangen zu sein scheint, Beschwerde, Ziff. 8.1) und beim Roten Kreuz, ins-
besondere aber nicht bei den MSF. Angesichts dessen, dass sich die ab-
solute Mehrheit der Syrer im Libanon illegal aufhält und nach dem Mai 2015
Angekommene grundsätzlich nicht beim UNHCR registrieren lassen konn-
ten, erscheint als unglaubwürdig, dass gerade die Beschwerdeführenden
F-533/2020
Seite 23
wegen ihres Aufenthaltsstatus’ keine Behandlung erhalten sollten. Es er-
scheint auch als zumutbar, die medizinische Hilfe von Hilfsorganisationen
wie des UNHCR oder vor allem der MSF bei bestehender Sorge wegen
des Aufenthaltstitels zu beanspruchen.
6.3.4 Insgesamt ist nicht nachgewiesen, dass die Beschwerdeführerinnen
die nötige medizinische Hilfe im Libanon nicht erhalten würden. Der Ge-
sundheitszustand der Beschwerdeführerinnen vermag damit keine Notlage
zu begründen, die ein Eingreifen der schweizerischen Behörde geböte.
6.3.5 Der Umstand, dass in der Schweiz eine medizinische Behandlung
generell geeigneter und leichter zugänglich wäre als in Syrien oder in Liba-
non kann – für sich allein – behördliches Eingreifen jedenfalls nicht recht-
fertigen (vgl. Urteil des BVGer F-1173/2016 vom 25. Januar 2017 E. 5.2;
für eine zurückhaltende Betrachtungsweise siehe FULVIO HAEFELI, Aufent-
halt durch Krankheit, ZBl 107 [2006], S. 561 ff., insb. S. 565, 569-572).
6.4 Die Beschwerdeführenden machen im Zusammenspiel mit der medizi-
nischen Situation auf ihre generelle Lebenssituation, insbesondere die be-
hauptete Obdachlosigkeit, aufmerksam. Das Bundesverwaltungsgericht
stellt nicht in Abrede, dass die Beschwerdeführenden schwierigen Lebens-
umständen ausgesetzt sind. Allerdings sind das UNHCR und andere nicht-
staatliche humanitäre Organisationen vor Ort präsent und grundsätzlich in
der Lage, den Vertriebenen auf verschiedenen Ebenen minimalen Schutz
und Hilfe zu bieten und zu vermitteln – ungeachtet dessen, dass sich die
Beschwerdeführenden beim UNHCR nicht mehr registrieren konnten (vgl.
Urteil des BVGer F-6724/2018 E. 5.2 Abs. 4 m.w.H.; oben, E. 6.2.2 a.E.).
Die akute Bedrohungslage, welcher die Beschwerdeführenden ausgesetzt
sein sollen, beruht ausschliesslich auf eigenen Schilderungen, die ober-
flächlich, stereotyp und vage erscheinen; gleichzeitig erscheint der Grund,
warum keine Hilfe nachgesucht werden könne (die Furcht vor umgehender
Deportation) als vorgeschoben. Die vom Parteivertreter beigezogenen Be-
richte haben keinen Einzelfallbezug. Insgesamt lässt sich die Annahme
nicht begründen, die Lebens- und Existenzbedingungen der Beschwerde-
führenden seien – gemessen am Schicksal der restlichen syrischen
Diaspora im Libanon – in gesteigertem Masse bedroht oder derart in Frage
gestellt, dass ein behördliches Eingreifen als zwingend notwendig er-
scheint.
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6.5 Eine Erkrankung der in der Schweiz wohnhaften Tochter respektive
Schwester der Beschwerdeführenden ist ohne Zweifel bedauerlich. Indes-
sen ergibt sich aus dem vorgelegten Arbeitsunfähigkeitszeugnis, das über
die Diagnose und den Ursprung der Erkrankung nichts aussagt, und einer
Abbildung der Schachtel eines rezeptfrei erhältlichen, pflanzlichen Mittels
zur Förderung des Ein- und Durchschlafens (BB 30; Zeller Medial, Redor-
min® 500 Filmtabletten, Swissmedic-genehmigte Patienteninformation,
https://compendium.ch/product/1007677-redormin-filmtabl-500-mg/mpub,
abgerufen am 7. Mai 2021) nichts, was belegen würde, dass ein unmittel-
bares Eingreifen der Schweizerischen Behörden zugunsten der Beschwer-
deführenden geboten wäre.
6.6 Die familiären Beziehungen der Beschwerdeführenden in die Schweiz
mögen sich positiv auf die Integrationsaussichten auswirken. Bei diesem
Punkt handelt es sich indessen um einen Aspekt, der zusätzlich zur Frage
der nachgewiesenen Gefährdung zu prüfen ist (vgl. BVGE 2018 VII/5
E. 3.6.3 Abs. 2). Günstige Integrationsaussichten alleine vermögen im
Rahmen der restriktive vorzunehmenden Gesuchsprüfung (vorne E. 3.4)
dieses zentrale Eingangskriterium nicht zu ersetzen.
7.
Damit ist schlussfolgernd festzuhalten, dass die Gesuchstellenden die Vo-
raussetzungen für die Ausstellung von humanitären Visa in die Schweiz
nicht erfüllen. Die angefochtene Verfügung hat den rechtserheblichen
Sachverhalt richtig und vollständig festgestellt, verletzt Bundesrecht nicht
und ist angemessen (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VVG). Diese werden in Anwen-
dung der massgeblichen Grundsätze (vgl. Art. 1 ff. des Reglements über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]) auf Fr. 800.– festgesetzt und dem geleisteten Kos-
tenvorschuss entnommen. Eine Parteientschädigung steht den unterlie-
genden Beschwerdeführenden nicht zu (Art. 64 Abs. 1 VwVG)
(Dispositiv nächste Seite)
F-533/2020
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