Decision ID: e67a1f46-f94f-52ef-94de-4539d21636e1
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 11. Oktober 2021 in der Schweiz um Asyl
nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) vom 14. Oktober 2021 ergab, dass er am 23. Septem-
ber 2021 in Italien wegen illegaler Einreise registriert worden war.
B.
Am 15. Oktober 2021 ersuchte das SEM die italienischen Behörden ge-
stützt auf entsprechende Eurodac-Daten um Übernahme des Beschwer-
deführers gemäss Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Dieses Gesuch blieb innert der in
den Art. 22 Abs. 1 und Abs. 7 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeant-
wortet.
C.
Am 15. Oktober 2021 unterzeichnete der Beschwerdeführer eine Voll-
macht zu Gunsten des Rechtsschutzes der Bundesasylzentren (BAZ) (...)
und am 18. Oktober 2021 fand die Personalienaufnahme statt.
D.
Im Rahmen des Dublin-Gespräches vom 28. Oktober 2021 gewährte das
SEM dem Beschwerdeführer im Beisein seiner zugewiesenen Rechtsver-
tretung das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer Überstellung dorthin so-
wie zum medizinischen Sachverhalt (vgl. Protokoll in den SEM-Akten:
1111658 [nachfolgend A]-15/5). Der Beschwerdeführer gab an, er wolle
nicht nach Italien zurückkehren, die Fingerabdrücke seien einzig aus Si-
cherheitsgründen abgenommen worden und nicht zur Registrierung eines
Asylgesuches. Ausserdem fühle er sich dort nicht sicher; er habe einen
Streit zweier Jungen beobachtet und die Polizei habe, obwohl sie sich in
der Nähe aufgehalten habe, nicht eingegriffen. Hinsichtlich des medizini-
schen Sachverhalts gab er an, an Schlaflosigkeit zu leiden, weil er sich
Sorgen mache. Ausserdem habe er am ganzen Körper Schmerzen. Er sei
noch nicht beim Arzt gewesen, werde aber die Pflege darüber informieren.
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C.
Am 16. November 2021 reichte die Rechtsvertretung ein medizinisches
Datenblatt betreffend Arztbesuch vom selben Tag zu den Akten. Am
20. Dezember 2021 erkundigte sich der zuständige Sachbearbeiter des
SEM bei der Pflege des BAZ, ob weitere medizinische Akten vorlägen. Am
selben Tag teilte diese mit, der Beschwerdeführer habe sich wegen seiner
psychischen Beschwerden (Schlaflosigkeit, Grübeln) gemeldet. Nebst
demjenigen vom 16. November 2021 existierten keine weiteren Datenblät-
ter.
D.
Mit Verfügung vom 21. Dezember 2021 (eröffnet am 22. Dezember 2021)
trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
seine Wegweisung aus der Schweiz in den für ihn zuständigen Dublin-
Staat Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es die zuständige
kantonale Behörde mit dem Vollzug der Wegweisung und stellte fest, einer
allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu. Ferner wurden die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis dem Beschwerdeführer zugestellt.
E.
Gleichentags legte die zugewiesene Rechtsvertretung ihr Mandat nieder.
F.
Mit Eingabe vom 29. Dezember 2021 gelangte der Beschwerdeführer ans
Bundesverwaltungsgericht und erhob Beschwerde gegen den Nichteintre-
tensentscheid des SEM vom 21. Dezember 2021.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 30. Dezember 2021 (eröffnet am 4. Januar
2022) setzte die zuständige Instruktionsrichterin des Bundesverwaltungs-
gerichts dem Beschwerdeführer eine Notfrist von 3 Tagen an zur Einrei-
chung einer Beschwerdeverbesserung. Gleichzeitig setzte sie den Vollzug
der Wegweisung mittels superprovisorischer Massnahme vorsorglich aus.
H.
Mit Eingabe vom 5. Januar 2022 reichte der Beschwerdeführer eine Be-
schwerdeverbesserung nach. Er beantragt darin sinngemäss die Aufhe-
bung der Nichteintretensverfügung vom 21. Dezember 2021 und die An-
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weisung ans SEM, sein Asylgesuch in der Schweiz zu prüfen. In prozessu-
aler Hinsicht beantragt er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und die Beigabe einer amtlichen Rechtsvertretung.
I.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
30. Dezember 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG
[SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und mit der fristgerecht nachgereichten Be-
schwerdeverbesserung auch formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, wes-
halb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 2 AsylG).
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2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat – oder bei fingierter Zustimmung –, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl.
BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfah-
ren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, so-
bald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (take charge) – wie vorlie-
gend – sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien
in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständig-
keitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von
der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag
in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-
VO). Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
eine antragstellende Person, die in einem anderen Mitgliedstaat einen An-
trag gestellt hat, nach Massgabe der Art. 21, Art. 22 und Art. 29 Dublin-III-
VO aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
Wenn ein Antragsteller, der aus einem Drittstaat kommt, die Land-, See-
oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, ist dieser
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Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet ge-
mäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts.
4.3 Der Beschwerdeführer war gemäss eigenen Angaben gegenüber der
Vorinstanz am 23. September 2021 illegal über Italien in den Dublin-Raum
gelangt. Dies deckt sich auch mit den vorliegenden Eurodac-Daten (vgl. A-
15/5). Die italienischen Behörden haben den Antrag der Vorinstanz vom
15. Oktober 2021 auf Übernahme des Beschwerdeführers nicht in der da-
für vorgesehenen Frist beantwortet (vgl. Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO). So-
mit ist davon auszugehen, dem Aufnahmegesuch sei durch die italieni-
schen Behörden stillschweigend stattgegeben worden, was die Verpflich-
tung nach sich zieht, die Person aufzunehmen und angemessene Vorkeh-
ren für die Ankunft zu treffen (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO).
Nach dem Gesagten hat das SEM zu Recht festgestellt, die Zuständigkeit
der italienischen Behörden zur Behandlung seines Asylgesuches sei
grundsätzlich gegeben. Der Einwand des Beschwerdeführers, es habe
sich beim Fingerabdruck nicht um die Einreichung eines Asylgesuches ge-
handelt vermag daran nichts daran zu ändern, zumal das Kriterium von
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO an das erstmalige illegale Betreten des Dublin-
raumes anknüpft. Es wird am Beschwerdeführer liegen, das Gesuch bei
den italienischen Behörden einzureichen.
5.
5.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Ausserdem ist davon auszugehen, Italien anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
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5.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstel-
len – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz
Dublin-III-VO aufweist (vgl. Referenzurteile BVGer F-6330/2020 vom
18. Oktober 2021 E. 9, D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.1.2 und E-
962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3; Urteil BVGer F-3769/2021 vom
2. September 2021 E. 5.2). Für eine Änderung der Rechtsprechung be-
steht auch in Würdigung der Äusserungen des Beschwerdeführers zur
Lage in Italien sowie der Bezugnahme auf zwei Berichte der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 10. Juni 2021 zu den Aufnahmebedin-
gungen und vom Januar 2020 zur Lange, insbesondere auch von Dublin-
Rückkehrern, keine Veranlassung.
5.3 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt nicht in Betracht.
6.
6.1 Zwar kann die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen ein, insbesondere mit Blick auf Art. 3 EMRK im Einzelfall wi-
derlegt werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil BVGer D-5698/2017
vom 6. März 2018 E. 5.3.1). Dies gelingt dem Beschwerdeführer aller-
dings, wie das SEM zutreffend erwogen hat, nicht.
6.2 Dem Beschwerdeführer steht es frei, nach seiner Überstellung ein Asyl-
verfahren in Italien zu durchlaufen. Er vermag aus dem Einwand, man habe
ihn nach seiner Einreise angehalten, entweder innert sieben Tagen ein
Asylgesuch einzureichen oder das Land zu verlassen, nichts zu seinen
Gunsten ableiten; es wäre ihm schon in jenem Zeitpunkt offen gestanden,
ein solches zu stellen. Mit der Einreichung eines Asylgesuches in Italien
wird er sowohl Zugang zum Asylverfahren als auch zu den Leistungen ge-
mäss der Aufnahmerichtlinie erhalten. Er kann sich an die italienischen Be-
hörden wenden – nötigenfalls mit Unterstützung einer der zahlreichen dort
tätigen karitativen oder kirchlichen Organisationen –, um eine Unterkunft
und sozialstaatliche Unterstützung zu erhalten.
Zu Recht hat das SEM auch festgestellt, dass sich der Beschwerdeführer
bei allfälligen Bedrohungen seitens Dritter an die italienischen Behörden
wenden könne. Entgegen der auch in der Beschwerde wieder vertretenen
Auffassung ist davon auszugehen, diese würden ihm nötigenfalls Schutz
gewähren, sollte er von seinem Schlepper oder sonst von kriminellen Per-
sonen bedroht werden.
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6.3 Es gibt sodann keinen Grund, daran zu zweifeln, dass der Beschwer-
deführer gesundheitliche Beschwerden hat: Gemäss Anamnese vom
16. November 2021 leide er unter Schlaflosigkeit. Er sei ängstlich, leide
unter vermindertem Antrieb und seine Grundstimmung sei gedrückt. In sei-
nem Leben und in Italien sei viel passiert. Er leide auch unter innerer Un-
ruhe und werde rasch aufbrausend, er brauche Hilfe und wolle Medika-
mente gegen Schmerzen und zum Schlafen. Es wurden im Trittico (50mg,
maximal 1⁄2 bis 1 Tablette täglich) und Irfen (600mg, maximal 3 Tabletten
täglich) verschrieben (vgl. A-19/1). Damit liegt allerdings offensichtlich
keine schwere Erkrankung vor, die aufgrund einer Verletzung von Art. 3
EMRK einer Wegweisung nach Italien entgegenstehen könnte (vgl. Urteil
des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, 41738/10,
§ 180–193 m.w.H.). Allfällige weitere notwendige medizinische Abklärun-
gen und Behandlungen des Beschwerdeführers können in Italien erfolgen,
wo der Zugang für asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheits-
system über die Notversorgung hinaus – entgegen seinem Einwand in der
Beschwerde – grundsätzlich gewährleistet ist, auch wenn es in der Praxis
zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann (vgl. Referenzurteil BVGer E-
962/2019 a.a.O. E. 6.2.7). Nicht erforderlich ist angesichts der nicht schwe-
ren Erkrankung des Beschwerdeführers – entgegen seiner Auffassung –
die Einholung einer Zusicherung zur Weiterbehandlung. Die zuständigen
Behörden werden dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nöti-
genfalls bereits bei der Organisation der Überstellung nach Italien Rech-
nung tragen (vgl. auch A-22/1).
Der aktuelle Gesundheitszustand des Beschwerdeführers führt für den Fall
einer Überstellung nach Italien im Rahmen des Dublin-Verfahrens nicht zur
Annahme einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK.
6.4 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, wonach seine Wegweisung nach Italien die Ver-
letzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
7.
Hinsichtlich der sogenannten Souveränitätsklausel ist festzuhalten, dass
das SEM bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 über einen Ermessensspielraum verfügt (vgl. BVGE 2015/9
E. 7 f.). Aufgrund der Kognitionsbeschränkung (Art. 106 Abs. 1 AsylG)
überprüft das Gericht den vorinstanzlichen Verzicht auf die Anwendung von
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin, sondern beschränkt
sich im Wesentlichen auf die Überprüfung, ob das SEM den Sachverhalt
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Seite 9
diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umstän-
den Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Dies ist vorliegend der Fall, es ist nicht
ersichtlich, inwiefern das SEM die spezifischen Umstände des Einzelfalls
nicht genügend berücksichtigt hätte.
8.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein-
getreten. Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine gül-
tige Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung noch über einen entspre-
chenden Anspruch (Art. 44 AsylG; Art. 32 Bst. a AsylV 1).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Eine weitere Auseinan-
dersetzung mit den Vorbringen auf Beschwerdeebene erübrigt sich und die
Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen und
der am 30. Dezember 2021 angeordnete vorsorgliche Vollzugsstopp fällt
mit dem vorliegenden Urteil dahin.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG ist, unbesehen der finanziellen Verhältnisse des Beschwer-
deführers, abzuweisen, weil sich die Beschwerde entsprechend den vor-
stehenden Erwägungen, bereits bei Eingang der Begehren als aussichtlos
erwiesen hat. Demzufolge hat der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten
in der Höhe von Fr. 750.– zu tragen (Art. 1 ‒ 3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
11.2 Nachdem der Beschwerdeführer von der Bezahlung der Verfahrens-
kosten nicht befreit wurde, ist auch das Gesuch um Bestellung eines amt-
lichen Rechtsbeistandes abzuweisen (Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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