Decision ID: ca61d4c9-745d-4910-8832-0314741fd2ee
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1991 geborene
X._
war ab 13.
August 2007 als Service Measure
ment Specialist bei der
Y._
Ltd angestellt und dadurch bei der Elips Versicherungen AG obligat
orisch unfallversichert. Am 21.
Juli 2013 sprang er im Strandbad
A._
mit einem Kopfsprung vom Steg in den
B._
und zog sich dabei eine schwere Verle
tzung der Halswirbelsäule
mit anschliessender
Tetraplegie
zu
(
Urk. 8/1-3).
Mit Verfügung vom 30.
Oktober 2013 (
Urk.
8/11) kürzte
die
Elips Versicherun
gen AG
die Geldleistungen wegen Vorliegen eines
Wagnisses um
die Hälfte
.
Daran hielt
sie
auf
Einsprache des Versicherte
n
hin
mit Entscheid vom 13. Ja
nuar 2014 (Urk.
2)
fest
.
2.
Hiergegen erhob
X._
am 12.
Februar 2014 Beschwerde mit dem fol
genden Rechtsbegehren
(Urk. 1 S.
2):
„1.
Der Einspracheentscheid vom 13.
Januar 2014 sei aufzuheben und die Be
schwerdegegnerin sei zu verurteilen, dem Beschwerdeführer die vollen ge
setzlichen Leistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung auszu
richten.
2.
Eventualiter:
Der Einspracheentscheid vom 13.
Januar 2014 sei aufzuhe
ben und die Sache sei zur Vornahme weiterer Abklärungen an die Be
schwerdegegnerin zurückzuweisen mit der Anweisung, eine neue Verfü
gung im Sinne der Beschwerde zu erlassen.
- unter Kosten- und Entschädigungsfolgen -“
Die Elips Versicherungen AG
schloss in
ihrer
Beschwerdeantwort vom 11.
März 2014 (Urk.
7) auf Abweisung der Be
schwerde. Mit Verfügung vom 13. März 2014 (Urk.
10) wurde ein zweiter Schriftenwechsel angeordnet, worauf die Par
teien mit Replik vom 28
. April 2014 (Urk. 13) und Duplik vom 15. Mai 2014 (Urk.
17) an ihren Anträgen festhielten.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 10
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG)
hat die versicherte Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung ihrer Unfall
folgen. Ist sie infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig, so steht ihr gemäss Art. 16
Abs.
1 UVG ein Taggeld zu. Wird sie infolge des Unfalles zu
mindestens 10
%
invalid
(Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG)
, so hat sie Anspruch auf eine Invaliden
rente (Art. 18
Abs.
1
UVG
).
1.2
Leistungskürzungen sind im
UVG
unter anderem vorgese
hen, wenn ein
e
versi
cherte Person
grobfahrlässig, das
heisst
durch
Ausserachtlassen
elementarster
Vorsichtsmassnahmen
, einen Nichtberufsunfall
herbeigeführt
hat (Art. 37 Abs.
2 UVG) oder dieser auf ein Wagnis zurückgeht (Art.
39 UVG in Verbindung mit Art.
50 der Verordnung über die Unfallversicherung, UVV).
Sind
die Vorausset
zun
gen von Art. 37 Abs.
2 und Art
. 39 UVG in Verbindung mit Art.
50
Abs.
2 UVV gleichzeitig erfüllt
, gelangt der Wagnistatbestand als sogenannte l
ex spe
cialis zur Anwendung (BGE 134 V 340 E.
3.2.4).
1.3
Nach Art. 39 UVG in Verbindung mit Art. 50 Abs.
1 UVV werden bei Nichtbe
rufsunfällen, die auf ein Wagnis zurückgehen, die Geldleistungen um die Hälfte gekürzt und in besonders schweren Fällen verweigert.
Wagnisse sind Handlung
en, mit denen sich der Versicherte einer besonders grossen G
efahr aussetzt, ohne die Vorkeh
ren zu treffen oder treffen zu können, die das Risiko auf ein vernünftiges Mass beschränken (Art. 50 Abs.
2 Satz
1 UVV).
Lehre und Rechtsprechung unterscheiden zwischen absoluten und relativen Wag
nissen. Ein absolutes Wagnis liegt vor, wenn eine gefährliche Handlung nicht schützenswert ist oder wenn die Handlung mit so grossen Gefahren für Leib und Leben verbunden ist, dass sich diese auch unter günstigsten Umstän
den nicht auf ein vernünftiges Mass reduzieren lassen. Ein relatives Wagnis ist gegeben, wenn es die versicherte Person unterlassen hat, die objektiv vorhande
nen Risiken und Gefahren auf ein vertretbares Mass herabzusetzen, obwohl
dies möglich gewesen wäre (BGE 138 V 522 E.
3.
1
mit Hinweisen
).
2.
2.1
Streitig und zu prüfen ist die Rechtmässigkeit der K
ürzung der Geldleistungen um 50
% aus dem Unfallereignis vom 21. Juli 2013 w
egen Eingehens eines Wagnisses.
2.2
Die Beschwerdegegnerin
stellte sich im angefochtenen Entscheid auf den Stand
punkt (Urk. 2 S. 2 ff.)
, der Beschwerdeführer
habe sich
mit dem Kopfsprung
vom 60 cm über dem
Wasser
spiegel liegenden
Bades
teg in das nur
zirka
110 cm tiefe Wasser
eine
r
besonders grossen Gefahr aus
gesetzt
, woran nichts ändere, dass es
sich um einen der Öffentlichkeit zugänglichen Steg gehandelt und es an Verbotstafeln respektive Hinweisschildern gefehlt habe.
Vielmehr sei bei einem
solchen Steg für jedermann erkennbar, dass die Wassertiefe nur wenige Meter vom Seeufer entfernt noch sehr gering sei, und zwar unabhängig davon, ob der Seegrund zum Unfallzeitpunkt sichtbar gewesen sei oder nicht.
Auch dem Be
schwerdeführer sei d
ie geringe Seetiefe
zweifelsohne bewusst gewesen, da er die Örtlichkeit gekannt habe.
Der Eintauchwinkel spiele zwar eine grosse Rolle, je
doch lasse sich bei nur hüfthoher Wassertiefe und einer Absprunghöhe von 60 cm über dem Seespiegel das mit einem Kopfsprung verbundene Risiko auch mit einem flachen Sprung
nicht auf ein vernünftiges Mass minimieren. Das Ri
siko, mit dem Kopf auf dem Seegrund aufzuschlagen oder mit einem Stein zu kollidieren, sei einem solchen Sprung offensichtlich inhärent, da auch bei
einem perfekt ausgeübten Sprung
keine Sicherheitsmarge bestehe. Ein solcher Sprung müsse daher im Sinne der Rechtsprechung als besonders gefährlich bezeichnet werden, was auch durch die
Aussagen der anwesenden Kollegen gegenüber der Polizei untermauert werde
.
Folglich
liege ein absolutes Wagnis vor. An dieser Einschätzung
hielt die Beschwerdegegnerin im vorliegenden Verfahren fest
(
Urk.
7
, Urk. 17
).
2.
3
Dagegen brachte
der
Beschwerdeführer
vor
(Urk. 1 S. 4 ff., Urk. 13 S. 2 ff.)
,
ein
Kopfsprung ins Wasser sei eine täglich tausendfach insbesondere von Kindern und Jugendlichen
in Schwimmbädern und Gewässern
ausgeführte Tätigkeit
,
welche
nicht zu vergleichen sei mit
Kampf
-
oder Wettbewerbs
sport wie Boxen oder Motocross- respektive
Autorennen, bei denen das Risiko nicht auf ein ver
nünftiges Mass reduziert werden könne. Der
betreffende
Sprung sei
vom Ende eines fast 20 Meter
langen,
auf den ruhigen See hinausführenden Stegs
und
aus einer Höhe von einem halben Meter in Richtung Seemitte
erfolgt, und zwar an einer Stelle, wo das Baden üblich und das Hineinspringen verbreitet sei.
Die ge
naue Wassertiefe an der Eintauchstelle sei nicht bekannt, sie sei aber sicher
grösser
als die von der Polizei unmittelbar am Ende des Stegs gemessenen 110 cm und die von der Beschwerdegegnerin propagierte Hüfthöhe.
Die kon
krete Seestelle sei ihm hinsichtlich Tiefe und Beschaffenheit des Grundes (Sand
boden
) bekannt gewesen, da er
– wie
diverse
andere Badegäste
auch
–
dort an Sommertagen jeweils gebadet und diverse Sprungtechniken
angewendet
habe, wobei er auch am Unfalltag mehrfach via Kopfsprung vom Steg aus erfolgreich ins Wasser gelangt sei
. Also habe er den Kopfsprung nicht leichtsinnig und risi
kofreudig ausgeführt. Zudem sei er aufgrund der vielen zuvor absolvierten Sprünge gleicher Art davon ausgegangen, dass auch dem fraglichen Sprung in ihm bekanntes Gewässer keine besonders grosse Gefahr inhärent sein würde. Dies umso mehr, als weder Warnhinweise noch Absperrungen auf andere Um
stände hingewiesen hätten und noch nie ein Bademeister gegen einen Kopf
sprung vom Steg aus interveniert habe.
Er habe somit die Risiken der von ihm ausgeführten Kopfsprünge auf ein vernünftiges
Mass reduziert
. Ein Wagnis liege deshalb nicht vor
. Vielmehr handle es sich beim fraglichen Kopfsprung um einen Unfall
wie
bei einer normalen sportlichen Tätigkeit wie Ski- oder Velo
fahren.
3.
3.1
Im
Rapport
der Kantonspolizei
, Seepolizei,
vom 3.
Oktober 2013 (
Urk. 3/6) wurde
der
Unfallhergang
wie folgt beschrieben
(S. 2):
„
X._
war zusammen mit Kollegen im Strandbad
A._
. Er und sein
e Freunde befanden sich auf dem Steg.
X._
hatte vor am Ende des Stegs
,
mittels Kopf
sprung ins Wasser zu springen. Dies obwohl er wusste und [...] ihm sagte, dass es an dieser
Stelle nicht tief genug wäre. Dennoch
sprang
er ins Wasser und
verletzte sich schwer
.
“
Zu den
örtliche
n
Verhältnisse
ist dem Polizeirapport
F
olgendes zu entnehmen
(S.
3):
„
Bei dem im Strandbad
A._
angebrachten Steg hat es einen stirn
seitigen, mittels Treppenstufen begehbaren Wassereinstieg. Seitlich vom Steg, seeabwärts
gesehen
, befindet sich ein Rettungsweidling des
Strandbads
A._
. Beim ak
tuellen Wa
sserstand hat der Steg einen 60
cm hohen Abstand zur Wasseroberfläche. Die Wassertiefe Ende Steg beträgt ca. 1.1
m.
“
3.2
Des Weiteren werden im Polizeirapport die Aussagen von nicht namentlich
er
wähnten Auskunftspersonen zitiert
.
Die Auskunftsperson 1 erklärte (S. 3): „
X._
, seine Freundin [...] und ich wa
ren im Strandbad
A._
. Wir befanden uns auf dem Steg und
X._
wollte ins Wasser springen. Ich bin der Meinung, dass
X._
wusste, dass es dort wo er ins Wasser sprang nicht sehr tief war. Denn zum einen sagte ich ihm das noch und zum anderen konnte man den Grund sehen. Er war auch schon öfters in dieser Badi, deshalb verfügte er über entsprechende Ortskenntnisse. Dennoch sprang er am Ende des Stegs seitlich (seeaufwärts) ins Wasser. Wo ge
nau er aufgeschlagen hat oder was im Wasser passierte, konnte ich nicht se
hen.
“
Die Auskunftsperson 2 gab
gegenüber der Seepolizei
Folgendes zu Protokoll
(S. 4):
„
X._
, [...] und ich gingen im Verlaufe des Tages mehrmals ins Wasser. Wir waren mindestens 5-6 Mal bevor der Unfall passierte im Wasser. Ins Wasser gingen wir jeweils immer vom selben Steg aus. Ich muss dazu sagen, dass
X._
auch damals schon mittels Kopfsprung ins Wasser sprang. Damals passierte aber nichts. Wir anderen gingen immer normal ins Wasser. Entweder mittels Treppeneinstieg oder durch normales hineinspringen („Päckli“). Vor dem Unfall
standen wir zu viert auf dem Steg und entschieden uns ins Wasser zu gehen.
[...] sprang als erstes ins Wasser. Er machte einen „Päcklisprung“. Daraufhin sagte
X._
, dass er ein Idiot sei. Denn das mache man nicht mittels „Päck
lisprung“, sondern mit einem Kopfsprung. [...] sagt
e daraufhin zu
X._
, dass es
hier nicht so tief sei. Doch
X._
sprang bereits los.
Wir konnten danach se
hen, wie
X._
regungslos im Wasser trieb und ich sagte noch, dass er schon öfters den Toten gespielt habe, was mir im Nachhinein ein sehr schlechtes Ge
wissen verursachte.
(...) Ich wollte noch erwähnen, dass
X._
und ich auch schon am Samstag in der Badi waren. Damals zusammen mit seinen Eltern. Auch am Samstag sprang er mittels Kopfsprung an besagter Stelle ins Wasser.“
3.3
In der
Schade
nmeldung vom 15. November 2013 (Urk.
8/2
)
wurde festgehalten,
dass
der Beschwerdeführer am
21. Juli 2013 mit einem „Köpfler“ in nicht sehr tiefes Wasser
gesprungen sei
.
Ein (Kopf-)Sprung in seichtes
respektive
untiefes Wasser
wird
auch in
den
Arztberichten
beschrieben
(Urk. 3/3-4, Urk. 8/4-6, Urk. 8/8, Urk. 8/10), soweit
diese
sich
zum Unfallgeschehen
äussern.
4.
4.
1
In
sachverhaltlicher Hinsicht
steht
aufgrund der Akten
unbestrittenermassen
fest
, dass der
Besc
hwerdeführer beim
folgenschweren
Ereignis
vom 21. Juli 2013
im Strandbad
A._
vom
Ende
eines
Stegs aus einer Höhe von 60 cm kopfvoran in
das
dort zirka
110 cm tiefe Wasser
sprang und sich dabei eine zur Tetraplegie führende Verletzung der Halswirbelsäule zuzog.
4.
2
Damit
der
W
agnisbegriff erfüllt ist,
muss unbestrittenermassen eine
Betätigung
vorliegen, mit welcher sich die betroffene Person einer besonders grossen Ge
fahr für Leib und Leben aussetzt (vgl. E. 1.
3
hiervor).
Wie der Beschwerdeführer
zutreffend
vorbringt
, ist ein Kopfsprung ins Wasser
in einer öffentlichen Badeanstalt
grundsätzlich eine alltägliche Handlung.
O
b ein Wagnis vorliegt, ist
indes
auf
grund des konkreten Geschehnisses zu beur
teilen (Urteil des Bundesgerichts U
122/06 vom 19. September 2006 E. 3.2.1)
. M
ithin ist zu prüfen, ob dem
schicksalshaften
Kopfsprung
des
Beschwerdefüh
rers vom 21. Juli 2013 Wagn
ischarakter
zukommt oder nicht.
Der
in Frage stehende
Unfall
ereignete sich
vom Ende eines
unstreitig fast 20
Meter in den
B._
hinausführenden Stegs des Strandbads
A._
, wo
in der Badesaison
bestimmungsgemäss gebadet und
zuweilen auch in
den See
hineinge
sprungen
wird. Wie beschwerdeweise vorgebracht und durch die Anga
ben der beiden Auskunftspersonen
(vgl. E. 3.2 hiervor)
bestätigt wird, ba
dete der in der Umgebung wohnhafte Beschwerdeführer (auch) am Wochenende des
folgen
schweren
Unfalles verschiedentlich an der betreffenden Stelle. Dabei sprang er wiederholt vom Ende des
S
tegs in den See, wobei er
(
wie
seiner Dar
stellung
zufolge
auch andere
, nicht namentlich genannte Personen) mehrere Kopf
sprünge absolvierte und bis zum
fraglichen
Ereignis
unversehrt blieb. In
sofern war dem Beschwerdeführer die konkrete Seestelle insbesondere hinsicht
lich Tiefe des Wassers und Beschaffenheit des Bodens hinlänglich be
kannt. An
ders als
im von den Parteien diskutierten
BGE 138 V 522, wo das Verhalten eines 20
-J
ährigen, welcher sich – ohne vorhergehende Prüfung der Wassertiefe – ritt
lings auf einem Baumast sit
zend aus einer Höhe von vier Metern kopfüber in den dort zirka 80 cm tiefen Rhein fallen liess, als absolutes Wagnis qualifi
ziert wurde, verbietet sich hier der Vorwurf, der Beschwerdeführer sei in ihm unbe
kannt tiefes Wasser ge
sprungen. Im Gegenteil reduzierte er die Verlet
zungs
ge
fahr auf ein annehmba
res Risiko, indem er die konkrete Badestelle zu
vor aus
kundschaftete und sich der Wassertiefe vergewisserte.
Überdies lassen sich auch die weiteren Umstände des Unfallgeschehens nicht mit dem BGE 138 V 522 zugrunde liegenden Sachverhalt vergleichen, wo ein „Sich-Kopfüber-Fallenlassen“ respektive ein mehr oder weniger vertikaler Fall von einem an einem frei zugänglichen Badeplatz ohne besondere Einrichtungen erkletterten Ast eines Baumes aus vier Metern Höhe in ein Fliessgewässer im Raum stand, was bei der damaligen Wassertiefe von 80 cm wohl kaum schadlos bleiben konnte. Vorliegend geht es um einen flachen Kopfsprung, welchen der Beschwerdeführer vom Ende eines mehrere Meter langen Stegs aus einer Ab
sprunghöhe von lediglich 60 cm in ein stehendes und damit grundsätzlich we
niger gefährliches Gewässer mit einer Tiefe von immerhin zirka 110 cm voll
führte. Bei diesem Wasserstand
hing es entgegen der Auffassung der
Beschwer
degegnerin (Urk. 7 S. 6 Ziff. 12.1)
nicht
alleine vom Zufall (vgl.
dazu
BGE 138 V 522 E. 7.2) ab, ob das kopfüber Eintauchen
des
sprunggeübten Beschwerde
führers gesundheitliche Verletzungen nach sich zieht. Vielmehr sind nebst der Wassertiefe auch
andere
Faktoren wie der Eintauchwinkel
sowie
die Sprung
kraft, Körperspannung und -haltung des Springenden, mithin der Bewegungs
ablauf, entscheidend.
Hinzu kommt, dass sich der betreffende Steg in einem öf
fentlichen und beaufsichtigten Strandbad befindet, was
hohe Anforderungen an die Sicherheit stellt und den Eindruck erweckt, es herrsche ein professioneller Badebetrieb (vgl. Beratungsstelle für Unfallverhütung [bfu], Bäderanlagen – Leitfaden für Planung, Bau und Betrieb, bfu-Dokumentation 2.019, Bern 2013, S. 70 Ziff. 5.3)
und gewährleiste eine sichere Benutzung der Anlage (vgl. dazu
BGE 123 III 306 E. 3b)
. Trotzdem fehlte es gemäss Darstellung des Beschwerde
führers an Hinweisschildern, welche auf die Gefahr des Hineinspringens mittels Kopf
sprung am Ort des Unfallgeschehens aufmerksam machten oder dieses gar un
tersagten.
Der Steg war offenbar auch nicht mittels Geländer gesichert.
Et
waige allgemeine Hinweise auf Gefahren beim Baden und insbe
sondere die vor
liegend nicht einschlägige Baderegel Nr. 4 der Schweizerischen Lebensrettungs
gesellschaft (SLRG), welche besagt „Nicht in trübe oder unbe
kannte Gewässer springen! – Unbekanntes kann Gefahren bergen.“
(Urk. 7 S. 7 Ziff. 12.6, Urk. 17 S. 4 Ziff. 7 und 10), vermögen solche nicht zu ersetzen.
V
or diesem Hintergrund
verbietet sich
der Schluss, der Beschwerdeführer habe sich durch sein Verhalten objektiv einer besonders grossen Gefahr ausgesetzt. Damit ist der Wagnisbegriff im Sinne von Art. 50 Abs. 2 UVV nicht erfüllt und die von der Beschwerdegegnerin gestützt auf
Art. 39 UVG in Verbindung mit Art. 50 Abs. 1 UVV
vorgenommene hälftige Leistungskürzung
nicht zulässig.
5.
5.1
Entgegen der
im vorliegenden Verfahren geäusserten
Auffassung der Beschwer
degegnerin (Urk. 7 S. 7 Ziff. 12.4.1
und S. 9 Ziff. 15.3 und 17.2, Urk. 17 S. 3 Ziff. 7
)
ist eine Selbstschädigungsabsicht
– sei es als direkter Vorsatz oder als Eventualvorsatz (vgl.
dazu
BGE 138 V 522 E. 5.1.1) – auszuschliessen.
Nament
lich
ergibt sich eine solche nicht aus
der Tatsache
, dass der Beschwerdeführer
wiederholt an der
ihm bekannten
Stelle am Ende des Stegs in den
B._
sprang
. Damit
ist
eine Leistungsverweigerung gemäss Art. 37 Abs.
1 UVG
aus
geschlossen
.
5.2
Es stellt sich jedoch die Frage
der Zulässigkeit einer Leistungskürzung wegen Grobfahrlässigkeit im Sinne von Art. 37 Abs.
2 UV
G. Danach werden
in der Versicherung der Nichtberufsunfälle die Taggelder, die während der ersten zwei Jahre nach dem Unfall ausgerichtet werden,
in Abweichung von Art. 21 Abs. 1 Satz
1 ATSG gekürzt, wenn
die v
ersicherte
Person das Ereignis
grobfahrlässig herbeigeführt hat.
Praxisgemäss
handelt grobfahrlässig
nach Art. 37 Abs. 2 UVG
, wer jene elemen
taren Vorsichtsgebote unbeachtet lässt, die jeder verständige Mensch in der gleichen Lage und unter den gleichen Umständen befolgt hätte, um eine nach dem natürlichen Lauf der Dinge vorhersehbare Schädigung z
u vermeiden.
Die Fahrlässigkeit besteht aus einer objektiven und subjektiven, nach ihrer Schwere graduell abzustufenden Verschuldenskomponente, wobei sich der Grad der Fahrlässigkeit primär nach dem Grad des subjektiven Verschuldens beurteilt.
Das Verhalten muss, um
–
durch Verletzung elementarster Vorsichtsgebote
–
Rechtsnachteile zu gewärtigen, Unverständnis, Kopfschütteln und Tadel auslö
sen, eine moralische Verurteilung nach sich ziehen und die Grenze
des Tolerier
baren überschreiten (
BGE 138 V 522 E. 5.2.1 und 5.2.2 mit Hinweisen).
5.
3
Vorliegend sind die
Voraussetzung
en für die Annahme einer
Grobfahrlässigkeit
mit der Beschwerdegegnerin (Urk. 7 S. 7 Ziff. 12.4.2)
erfüllt.
Angesichts dessen
, dass
die von der Seepolizei gemessene
Wassertiefe
von
rund
110 cm
derjenigen
eines Nichtschwimmerbeckens (
maximale Tiefe 135 cm;
vgl.
bfu-Dokumenta
tion 2.019
S. 25 Ziff. 3.4)
entspricht
,
hätte de
r
zum Zeitpunkt des Unfalles
fast 22
-
jährige
Beschwerdeführer
erkennen
müssen, dass
sein
Sprungv
erhalten ein
nicht
un
erhebliches
Verletzungspotenzial
in sich barg
(vgl. zur für gefahr
loses Springen erforderlichen Wassertiefe: Urteile des Bundesgerichts 4A_458/2008 vom 21. Januar 2009 E. 3.3 und 4A_359/2013 vom 13. Januar 2014 E. 3.4.2; vgl. auch bfu-Dokumentation 2.019 S. 30 Ziff. 4.6)
.
Dies gilt ungeachtet der fehlenden Warnschilder
und der Länge des Badestegs
, erfordert doch ein
B
ad
in einem See im Vergleich zu einem solchen in einem Becken
generell
ein erhöhtes Mass an Selbstverantwortung.
Sodann
durfte der Beschwerdeführer
auch
nicht darauf vertrauen, dass bei
der von ihm postulierten Sprungrichtung
zur See
mitte
hin
(vgl. aber die
Aussage der Auskunftsperson 1,
wonach
der Kopfsprung
seitlich seeaufwärts [
also Richtung
C._
]
erfolgt
sei
[
vgl. E. 3.2 hiervor
]
)
,
das Wasser
wese
ntlich tiefer war als unmittelbar am
Ende des Stegs
.
Der Um
stand, dass bei einem Kopfsprung in Richtung Seemitte die
Stelle des (Ein-)Tau
chens
etwas weiter vom Ufer entfernt ist, lässt einen solchen Schluss jedenfalls nicht
ohne weiteres
zu.
D
er Umstand, dass der Beschwerdeführer vor dem fol
genschweren Ereignis an derselben Stelle
meh
r
fach
unfallfrei
kopfvoran
in den See
gesprungen
war,
zeugt zwar von einer guten Sprungtechnik, doch lässt dies
den Verschuldensvorwurf nicht als weniger gra
vierend erscheinen
.
Es handelt sich vor
liegend nicht um einen
all
täglichen Badeunfall, dem nichts Besonderes anhaftet und der praktisch jedem Badegast passieren kann.
Vielmehr
hat der Beschwerdeführer
dabei
ent
gegen dem von ihm vertretenen Standpunkt (Urk. 13 S. 5)
die gebotene Sorgfal
t ausser Acht gelassen,
was
nicht zuletzt
auch dadurch erhellt, dass er unmittel
bar vor dem
fatalen Sprung
aus seinem Kollegenkreis
(
vgl.
E. 3.2
hiervor
)
auf die geringe Wassertiefe hingewiesen
wurde
.
Insgesamt handelte der Beschwerdeführer grobfahrlässig im Sinne von Art. 37 Abs. 2 UVG
. Anhaltspunkte, dass er in seiner Urteilsfähigkeit eingeschränkt ge
wesen wäre, liegen nicht vor. Sodann steht
zweifelsohne
fest
, dass sein Verhal
ten für die Verletzung de
r
Halswirbelsäule
na
türlich und adäquat kausal war.
5.4
Die Kürzung der Leistungen im Sinne von Art. 37 Abs. 2 UVG erfolgt nach Mass
gabe des Verschuldens. Es handelt sich dabei naturgemäss um Ermessens
entscheide.
Das sie überprüfende Sozialversicherungsgericht darf sein Ermessen nicht ohne triftigen Grund an die Stelle desjenigen der Verwaltung setzen
(BGE 126 V 353 E. 5d).
Angesichts dessen rechtfertigt es sich, die Sache zum Entscheid über den Um
fang einer (allfälligen) Leistungskürzung gestützt auf Art. 37 Abs. 2 UVG an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
In diesem Sinne ist die Beschwerde teilweise
gutzuheissen
.
6.
6.1
Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der a
nwaltlich vertretene Beschwerde
führer gestützt auf Art. 61 lit. g ATSG und § 34 Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) Anspruch auf eine Prozessentschädigung. Diese wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit
sa
che, der Schwierigkeit des Pro
zesses und dem
Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs.
3 GSVGer).
6.2
Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers,
Rechtsanwältin
Sarah-Maria Kais
ser
,
machte in ihrer
Kostennote
vom 28. April 2014 (Urk. 14)
einen
Auf
wand von 23.5
Stunden und Fr. 50.-- Barauslagen
entsprechend einem H
onorar von
insgesamt
Fr. 6‘906.60 (inklusive Mehrwertsteuer) geltend.
Dies
ist
der Bedeutung der Streitsache und der
Schwierigkeit
des Prozesses nicht angemessen
, insbesondere mit Blick den geringen Umfang des zu bearbeitenden Aktenmaterials, den klar erstellten Sachverhalt
und
die sich stellende Rechts
frage der
Rechtmässigkeit
der Leistungskürzung.
So finde
t
sich in der
Honorar
note
ein
Kostenpunkt
von insgesamt 4 Stunden für Besprechungen und (nicht dokumentierte) Korrespondenz mit der Klientschaft, was
in diesem Umfang nicht
zu entschädigen ist
. Auch
wird ein
Zeitauf
wand
für das Studium der Rechtslage verrechnet, deren Kenntnis vorausgesetzt wird. Sodann erscheint ein Aufwand
von
10.5
Stunden für die
1
3
-
seitige
Beschwerdeschrift
vom 12. Feb
ruar 2014 (Urk. 1)
und
6
Stunden für die
10
-
seitige
Replik
vom 28. April 2014 (Urk. 13)
–
jeweils nebst Aktenstudium –
als überhöht.
Angesichts de
r zu studierenden
knapp 20 Aktenstücke
der Beschwerdegegnerin, der 13 respektive
10
Seiten umfassenden
Rechtsschriften
des Beschwerdeführers
sowie der in ähnlichen Fällen zugesprochenen Beträgen ist
die Prozessentschä
digung
bei Anwendung des
(bis Ende 2014 gültig gewesenen)
gerichtsüblichen
Stundenansatz
es
von Fr. 200.--
(zuzüglich Mehrwertsteuer)
für eine
patentier
te
Rechtsanwältin
auf
Fr. 2‘800.--
(
inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.