Decision ID: 2a13e353-3cb1-51ea-9421-624744702f0d
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ bezog ab dem 1. Dezember 2002 eine Ergänzungsleistung zu einer Rente
der Invalidenversicherung (act. G 3.1.74). Die EL-Durchführungsstelle berücksichtigte
gestützt auf den Art. 14a Abs. 2 lit. b ELV von Beginn weg ein hypothetisches
Erwerbseinkommen der Versicherten (vgl. act. G 3.1.77). Ab dem 1. Juli 2009 rechnete
sie auch ein hypothetisches Erwerbseinkommen des Ehemannes der Versicherten an
(vgl. act. G 3.1.15 f.). Im November 2013 gingen der EL-Durchführungsstelle
Nachweise über Stellenbemühungen des Ehemannes zu (act. G 3.2.10). Mit einer
Verfügung vom 27. Dezember 2013 erhöhte die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistung per 1. Januar 2014 infolge einer Erhöhung der Prämienpauschale
für die obligatorische Krankenpflegeversicherung auf 1’327 Franken pro Monat (act. G
3.2.9). Gemäss dem Berechnungsblatt zur Verfügung hatte sie (weiterhin) ein
hypothetisches Erwerbseinkommen von 19’210 Franken für die Versicherte und ein
solches von 45’289 Franken für den Ehemann angerechnet (act. G 3.2.8). Im Januar
2014 gingen ihr weitere Stellenbemühungsnachweise des Ehemannes zu (act. G 3.2.6).
Mit einer Verfügung vom 26. Januar 2014 setzte die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistung per 1. Februar 2014 neu fest (act. G 3.2.3), da sich infolge eines
Umzuges die Mietausgaben der Versicherten erhöht hatten und sie nun einen Anspruch
auf eine ausserordentliche Ergänzungsleistung von 315 Franken zur ordentlichen
Ergänzungsleistung von 1’327 Franken hatte. Die beiden hypothetischen
Erwerbseinkommen fanden weiterhin Berücksichtigung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.b Bereits am 24. Januar 2014 hatte die Versicherte eine vorsorgliche Einsprache
gegen die Verfügung vom 27. Dezember 2013 erheben lassen (act. G 3.2.1). Am 3.
Februar 2014 teilte ihr die EL-Durchführungsstelle bezugnehmend auf die im November
2013 und Januar 2014 eingereichten Stellenbemühungsnachweise mit, dass die
Bewerbungsdauer noch zu kurz sei, weshalb sie noch nicht von der Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens des Ehemannes absehen könne (act. G 3.2.32).
Am 3. März 2014 liess die Versicherte zur Begründung ihrer vorsorglichen Einsprache
vom 24. Januar 2014 geltend machen, sie und ihr Ehemann hätten sich bereits seit
mehr als sechs Monaten erfolglos um eine Arbeitsstelle bemüht, weshalb von der
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens abgesehen werden müsse (act.
G 3.2.30). Mit einer Verfügung vom 13. März 2014 setzte die EL-Durchführungsstelle
die Ergänzungsleistung infolge des Umstandes, dass der Sohn der Versicherten einen
Praktikumslohn erzielte, rückwirkend ab dem 1. Februar 2014 auf 1’233 + 2 Franken
herab (act. G 3.2.27). Zur Begründung führte sie aus, dass der Praktikumslohn des
Sohnes der Versicherten zu einer Reduktion sowohl der ordentlichen,
bundesrechtlichen als auch der ausserordentlichen, kantonalrechtlichen
Ergänzungsleistungen führe. Im Juni 2014 gingen der EL-Durchführungsstelle weitere
Stellenbemühungsnachweise des Ehemannes zu (act. G 3.2.25). Ein Sachbearbeiter
der EL-Durchführungsstelle notierte nach mehreren Gesprächen mit dem für den
Ehemann der Versicherten zuständigen Personalberater des regionalen
Arbeitsvermittlungszentrums (RAV), insgesamt sei trotz eines etwas zwiespältigen
Eindrucks hinsichtlich des Arbeitswillens ab Dezember 2013 von einer Anrechnung
eines hypothetischen Erwerbseinkommens für den Ehemann abzusehen (act. G 3.2.24).
Am 10. Juli 2014 liess die Versicherte der EL-Durchführungsstelle weitere Nachweise
über Stellenbemühungen zugehen (act. G 3.2.20). Erstmals wurden auch
Stellenbemühungen der Versicherten selbst dokumentiert. Bei den Unterlagen befand
sich zudem eine Bestätigung über die Abmeldung der Versicherten beim RAV. Die
Versicherte liess diesbezüglich anmerken, dass sie sich nur auf die Initiative der
Personalberaterin hin abgemeldet habe. Diese habe nämlich angemerkt, sie werde
ohnehin keine Stelle finden. In der Abmeldebestätigung war ausgeführt worden, dass
die Versicherte aufgrund der Tatsache, dass sie nur zu 30 Prozent arbeitsfähig sei und
weder ein Einsatzprogramm noch einen Deutschkurs besuchen könne, im Gespräch
die Abmeldung vom RAV gewünscht habe (act. G 3.2.20–3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Mit einer Verfügung vom 16. August 2014 erhöhte die EL-Durchführungsstelle
die Ergänzungsleistung rückwirkend ab dem 1. Dezember 2013 (act. G 3.2.10). Die
entsprechenden Berechnungsblätter wiesen nur noch das hypothetische
Erwerbseinkommen der Versicherten selbst aus (act. G 3.2.5 ff. und G 3.2.13 ff.). Die
EL-Durchführungsstelle führte aus, ab Dezember 2013 sei von einer unverschuldeten
Arbeitslosigkeit des Ehemannes der Versicherten auszugehen. Zudem habe eine
Vergleichsrechnung gezeigt, dass ein höherer EL-Anspruch bestehe, wenn die Tochter
nicht in der Anspruchsberechnung berücksichtigt werde.
A.d Am 25. August 2014 notierte ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle
bezüglich der Einsprache vom 24. Januar 2014 gegen die Verfügung vom 27.
Dezember 2013 (act. G 3.2.4), die Versicherte sei zwischen September 2013 und
Januar 2014 beim RAV angemeldet gewesen und sie habe Arbeitsbemühungen
getätigt. Ende Januar 2014 habe sie sich vom RAV abgemeldet. Für die Zeit danach
habe sie keine Stellenbemühungen mehr nachgewiesen. Folglich könne nicht von einer
unverschuldeten Stellenlosigkeit ausgegangen werden, weshalb für die Versicherte
weiterhin ein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werden müsse.
Bezüglich des hypothetischen Erwerbseinkommens des Ehemannes sei bereits
ausserhalb des Einspracheverfahrens betreffend die Verfügung vom 27. Dezember
2013 eine Anpassung erfolgt. Die Einsprache sei insofern gegenstandslos geworden.
Im Übrigen müsse sie abgewiesen werden. Mit einem Entscheid vom 29. August 2014
wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache vom 24. Januar 2014 ab, wobei sie die
Einsprache hinsichtlich des hypothetischen Erwerbseinkommens des Ehemannes als
gegenstandslos erachtete (act. G 3.2.1).
B.
B.a Am 1. Oktober 2014 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 29. August 2014 erheben (act.
G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des Einspracheentscheides und die
Ausrichtung einer ohne die Berücksichtigung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens berechneten Ergänzungsleistung. Zur Begründung führte er aus,
von der Abmeldung vom RAV könne nicht auf eine mangelnde Arbeitsmotivation der
Beschwerdeführerin geschlossen werden. Die RAV-Personalberaterin hätte die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin umfassend über die Folgen der Abmeldung aufklären müssen,
zumal ihr bewusst gewesen sei, dass die Beschwerdeführerin Ergänzungsleistungen
beziehe. Aufgrund des Vertrauensprinzips habe der Versicherungsträger für eine
unterlassene Aufklärung und Beratung einzustehen. Ohne die Abmeldung vom RAV
hätte die Beschwerdeführerin weiterhin Bewerbungen im bisherigen Umfang getätigt.
B.b Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 20. Oktober 2014 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).

Erwägungen
1.
1.1 Mit der Verfügung vom 27. Dezember 2013 hat die Beschwerdegegnerin die
Ergänzungsleistung an die alljährliche Erhöhung der Krankenkassenprämienpauschale
angepasst. Den Gegenstand dieser Verfügung hat also nur die Revision der
Ergänzungsleistung (Art. 17 Abs. 2 ATSG) infolge einer Veränderung der
Prämienpauschale gebildet. Die Einsprache der Beschwerdeführerin gegen die
Revisionsverfügung vom 27. Dezember 2013 hat sich nicht gegen diese Anpassung
gerichtet. Die Beschwerdeführerin hat die Erhöhung der Ergänzungsleistung infolge
einer Erhöhung der Prämienpauschale also akzeptiert, weshalb diese nicht zum
Gegenstand des Einspracheverfahrens gehört hat.
1.2 Die Beschwerdeführerin hat bereits im November 2013 kommentarlos
Stellenbemühungsnachweise ihres Ehemannes eingereicht. Damit hat sie die
Beschwerdegegnerin augenscheinlich dazu bewegen wollen, künftig kein
hypothetisches Erwerbseinkommen des Ehemannes mehr anzurechnen und eine
entsprechend höhere Ergänzungsleistung auszurichten. Folglich hat es sich bei der
Eingabe vom November 2013 um ein Revisionsgesuch im Sinne des Art. 17 Abs. 2
ATSG gehandelt. Da sich die Beschwerdegegnerin erst am 3. Februar 2014 zu diesem
Revisionsgesuch geäussert hat, hat in der Revisionsverfügung vom 27. Dezember 2013
auch (nebst der Anpassung an die gestiegene Prämienpauschale) eine Abweisung des
Revisionsgesuchs vom November 2013 erblickt werden können. Auch diese –
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
befürchtete – Abweisung hat grundsätzlich mit einer Einsprache angefochten werden
können. Im weiteren Verlauf hat sich allerdings gezeigt, dass die Verfügung vom 27.
Dezember 2013 keine Abweisung des Revisionsgesuchs vom November 2013
enthalten hat. Die Beschwerdegegnerin hat nämlich im Februar 2014 ein
Verwaltungsverfahren zur Prüfung dieses Revisionsgesuchs eröffnet, das sie dann mit
der Verfügung vom 16. August 2014 abgeschlossen hat. Die Revisionsverfügung vom
27. Dezember 2013 hat also gar keinen Gegenstand „hypothetisches
Erwerbseinkommen des Ehemannes“ enthalten; dies ist vielmehr der Gegenstand des
separaten, am 16. August 2014 abgeschlossenen Revisionsverfahrens gewesen.
Folglich hat es der Einsprache vom 24. Januar 2014 gegen die Verfügung vom 27.
Dezember 2013 diesbezüglich an einem Streitgegenstand gefehlt. Da dies von Beginn
weg der Fall gewesen ist, der Streitgegenstand also nicht etwa nachträglich
weggefallen ist, kann das Einspracheverfahren insofern nicht gegenstandslos
geworden sein, weshalb die Abschreibung dieses Teils des Einspracheverfahrens
formal nicht korrekt gewesen ist. Richtigerweise hätte in Bezug auf das hypothetische
Erwerbseinkommen des Ehemannes also ein Nichteintretensentscheid gefällt werden
müssen. Da die Beschwerdeführerin die teilweise Abschreibung des
Einspracheverfahrens aber nicht angefochten hat, ist diese verbindlich geworden.
Deshalb kann nur im Sinne eines obiter dictum auf diesen Rechtsmangel hingewiesen
werden.
1.3 In ihrer Einsprache vom 24. Januar 2014 gegen die Verfügung vom 27.
Dezember 2013 hat die Beschwerdeführerin erstmals darum ersucht, auch ihr selbst
künftig kein hypothetisches Erwerbseinkommen gestützt auf den Art. 14a Abs. 2 ELV
mehr anzurechnen und die Ergänzungsleistung entsprechend zu erhöhen. Dieses
Begehren muss als ein Revisionsgesuch im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG qualifiziert
werden. Die Verfügung vom 27. Dezember 2013 kann also diesbezüglich noch gar
keine Abweisung eines entsprechenden Revisionsgesuchs enthalten haben. Um einen
Antrag in einem Einspracheverfahren kann es sich dabei nicht gehandelt haben, denn
es fehlte an einem früheren Revisionsgesuch und folglich auch an einer
entsprechenden Verfügung. Diesbezüglich hat es also an einem Gegenstand für das
Einspracheverfahren gefehlt. Weshalb die Beschwerdegegnerin das Revisionsgesuch
vom 24. Januar 2014 (oder spätestens vom Juli 2014 respektive von dem Zeitpunkt, in
dem die Beschwerdeführerin erstmals Nachweise über eigene erfolglose
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stellenbemühungen eingereicht hat) nicht gleich wie jenes vom November 2013
betreffend das hypothetische Erwerbseinkommen des Ehemannes behandelt hat, ist
nicht nachvollziehbar. Jedenfalls ist es unzulässig gewesen, direkt mit einem
Einspracheentscheid über das Revisionsgesuch vom 24. Januar 2014 zu entscheiden.
Folglich erweist sich auch der nicht abgeschriebene, hier angefochtene Teil des
Einspracheentscheides vom 29. August 2014 als rechtswidrig. Die Abweisung der
Einsprache muss durch einen Entscheid ersetzt werden, nicht auf die „Einsprache“, die
eigentlich nur ein Revisionsgesuch ist, einzutreten. Die Beschwerdegegnerin wird
mittels einer Verfügung über das Revisionsgesuch vom 24. Januar 2014 entscheiden
müssen. Dazu ist ihr die Sache zu überweisen.
1.4 Das Bundesgericht vertritt zwar die Auffassung, dass die laufende
Ergänzungsleistung jeweils per 1. Januar vollumfänglich neu festzusetzen sei, weshalb
die Anspruchsberechnung ohne jede Bindung an die im vorangegangenen Kalenderjahr
massgebenden Einnahmen und Ausgaben erfolgen müsse; die Verfügung über eine
Ergänzungsleistung entfalte nämlich nur für ein Kalenderjahr Rechtsbeständigkeit (BGE
128 V 39). Diese Auffassung beruht auf einem falschen Verständnis des Wortlautes der
materiellen Bestimmungen des ELG. Diese verwenden zwar den Ausdruck „jährliche
Ergänzungsleistung“, aber das bezieht sich natürlich nur auf die
Anspruchsberechnung. Gemeint ist, dass bei der Anspruchsberechnung mit
Jahreswerten zu rechnen sei, wie die Materialien zum ELG völlig eindeutig belegen (vgl.
Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: Bundessozialversicherungsrecht,
Band XIV Soziale Sicherheit, 3. Aufl. 2016, Rz. 15, mit Hinweisen). Dem Wortlaut
materiellrechtlicher Gesetzesbestimmungen kann keine rein verfahrensrechtliche
Regelung entnommen werden. Die Interpretation des Bundesgerichtes lässt sich auch
in systematischer Hinsicht nicht halten, denn eine derart weitreichende Abweichung
vom allgemeinen Sozialversicherungsverfahrensrecht, laut dem Dauerleistungen in aller
Regel unbefristet zugesprochen werden und der Revision (Art. 17 ATSG) unterstehen,
hätte explizit in einer der (wenigen) Verfahrensnormen des ELG statuiert werden
müssen; zudem wäre es nicht nachvollziehbar, wenn die „Grundleistungen“ (eine Rente
der ersten Säule) unbefristet, die ergänzenden Leistungen aber nur jeweils zeitlich auf
ein Kalenderjahr befristet zugesprochen würden, zumal sich die Versicherten in ihrer
Lebensplanung darauf verlassen können müssen, die einmal zugesprochenen
Leistungen ausgerichtet zu erhalten, solange sich die tatsächlichen Verhältnisse nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wesentlich verändern (vgl. Ralph Jöhl, a.a.O., Rz. 16). Da angesichts der jederzeitigen
Revisionsmöglichkeit offensichtlich keine verfahrensrechtliche Notwendigkeit für die
Beschränkung der Rechtsbeständigkeit der EL-Verfügungen auf ein Kalenderjahr
besteht (vgl. Ralph Jöhl, a.a.O., Rz. 17), hält die Auffassung des Bundesgerichtes auch
einer teleologischen Interpretation nicht stand. Im Übrigen hätte die Auffassung des
Bundesgerichts zur Folge, dass immer auf den 1. Januar eine umfassende Überprüfung
aller Einnahmen- und Ausgabenpositionen erfolgen müsste, denn die Neufestsetzung
unterstünde in vollem Umfang dem Untersuchungsgrundsatz. Schliesslich hat das
Bundesgericht selbst schon verschiedentlich festgehalten, dass ein EL-Ansprecher
nicht mehrfach dieselben Berechnungsgrundlagen beanstanden könne, ohne sich dem
Vorwurf einer mutwilligen Prozessführung auszusetzen (z.B. Urteil 8C_94/2007 vom 15.
April 2008; Urteil 9C_52/2015 vom 3. Juli 2015), was nichts anderes bedeuten kann, als
dass die Verfügungen eben doch eine Rechtsbeständigkeit über den Ablauf eines
Kalenderjahres hinaus entfalten (vgl. Ralph Jöhl, a.a.O., Rz. 18). Selbst das
Bundesgericht würde deshalb die Einsprache vom 24. Januar 2014 gegen die
Revisionsverfügung vom 27. Dezember 2013 hinsichtlich des hypothetischen
Erwerbseinkommens der Beschwerdeführerin wohl nicht als zulässig erachten. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen sieht jedenfalls keinen Anlass, den
verfahrensrechtlich unzulässigen Einspracheentscheid gestützt auf die Rechtsprechung
des Bundesgerichtes zu „retten“ und die Beschwerdeführerin dadurch um ein
Rechtsmittel (die Einsprachemöglichkeit gegen die noch zu erlassende Verfügung) zu
bringen.
1.5 Auch die vom Bundesgericht verschiedentlich geäusserte Auffassung, in einem
Revisionsverfahren seien sämtliche Tatbestandselemente umfassend zu überprüfen
(vgl. etwa das Urteil 9C_965/2012, 9C_21/2013 vom 5. August 2013), vermag an
diesem Ergebnis nichts zu ändern. Die Beschwerdegegnerin hat nämlich im
Revisionsverfahren, das sie mit der Verfügung vom 27. Dezember 2013 abgeschlossen
hat, die Rechtmässigkeit einer weiteren Anrechnung des hypothetischen
Erwerbseinkommens gar nicht überprüft. Selbst wenn es zulässig gewesen wäre, das
Revisionsverfahren (als an keine Voraussetzung gebundene Wiedererwägung ex nunc)
zur Korrektur von Berechnungselementen zu missbrauchen, hinsichtlich derer sich der
Sachverhalt gar nicht verändert hatte, änderte dies nichts daran, dass der Verfügung
vom 27. Dezember 2013 keine Überprüfung des hypothetischen Erwerbseinkommens
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beschwerdeführerin voraus gegangen ist, weshalb es auch dann an einem
entsprechenden Einsprachegegenstand fehlen würde, wenn die bundesgerichtliche
Rechtsprechung zur umfassenden Prüfung im Revisionsverfahren angewendet würde.
2.
Der angefochtene Einspracheentscheid ist folglich aufzuheben und durch den
Entscheid zu ersetzen, nicht auf die Einsprache einzutreten. Die Sache wird zur
Behandlung des Revisionsgesuchs der Beschwerdegegnerin überwiesen. Das ist als
Obsiegen der Beschwerdeführerin zu interpretieren, da diese zwar mit ihren materiellen
Begehren nicht durchgedrungen ist, aber die Aufhebung des von ihr als rechtswidrig
erachteten Einspracheentscheides bewirkt hat. Folglich hat sie einen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Der Aufwand für die an der Sache vorbei gehende materielle
Argumentation des Rechtsvertreters ist nicht notwendig gewesen und deshalb nicht
durch die Beschwerdegegnerin zu entschädigen. Diese hat aber den übrigen Aufwand,
insbesondere für das Studium der umfangreichen Akten, zu ersetzen. Insgesamt
rechtfertigt es sich, die Parteientschädigung auf 2’000 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen. Gerichtskosten sind keine zu erheben
(Art. 61 lit. a ATSG).