Decision ID: 680ae49a-8861-4557-a5d8-3f20769de004
Year: 2010
Language: de
Court: BL_SG
Chamber: BL_SG_001
Canton: BL
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: public_law

Zur Entkräftung einer ermessensweisen Einschätzung ist gemäss der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung u.a. das Nachreichen einer bisher nicht vorgelegten Steuererklärung nicht mehr Gültigkeitsvoraussetzung der Einsprache. Erforderlich ist aber die substanziierte Darstellung des Sachverhalts, unter Nennung der Beweismittel.
Sachverhalt:
1. Nachdem die Pflichtige trotz Chargé-Mahnung vom 10. August 2009 ihre Steuererklärung nicht einreichte, wurde sie mit Veranlagungsverfügung direkte Bundessteuer 2008 vom 21. Januar 2010 amtlich eingeschätzt.
2. Mit Schreiben vom 28. Januar 2010 erhob die Pflichtige dagegen Einsprache und reichte mit Datum vom 18. Februar 2010 die Selbstdeklaration inklusive Beilagen ein.
3. a) Mit Schreiben vom 15. März 2010 teilte die Steuerverwaltung der Pflichtigen mit, um auf die Einsprache eintreten zu können, benötige sie die Abrechnung Pensionsstall "X." und die Bestätigung der Werte der eigenen Pferde. Der Pflichtigen wurde für die Nachreichung dieser Unterlagen eine peremptorische Frist bis zum 29. März 2010 gesetzt.
b) Mit undatiertem Antwortschreiben (Eingang Steuerverwaltung: 07.04.2010) reichte die Pflichtige bei der Steuerverwaltung drei Belege für den Kauf von Stroh und Heu ein. Dazu führte sie aus, die beigelegten Rechnungen entsprächen dem Futterkauf für die Pferde, weitere Belege seien keine vorhanden. Andere Veröffentlichungen, z.B. im Internet, seien nicht von ihr in Auftrag gegeben worden. Ein Augenschein könne mit Terminangabe gerne vorgenommen werden.
4. Mit Einsprache-Entscheid vom 13. April 2010 wies die Steuerverwaltung die Einsprache betreffend die selbständige Nebenerwerbstätigkeit ab mit der Begründung, die nachgereichten Belege und Ausführungen genügten den Anforderungen der Aufzeichnungspflicht nicht, weshalb an der Aufrechnung gemäss Ermessen in Höhe von Fr. 20'000.-- festgehalten werde.
5. Mit Schreiben vom 7. Mai 2010 erhob die Pflichtige gegen den Einsprache-Entscheid Beschwerde mit dem sinngemässen Begehren, das von der Steuerverwaltung aufgerechnete Einkommen aus selbständiger Nebenerwerbstätigkeit in der Höhe von Fr. 20'000.-- sei zu streichen.
Zur Begründung führte sie aus, sie habe weder zusätzliches Einkommen erwirtschaftet noch gewerbsmässig gewirtschaftet. Die "Reitstunden" seien unentgeltlich erfolgt und im Gegenzug durch Mithilfe im Stall kompensiert worden. Aus den genannten Gründen würden auch keine Belege existieren. Auch seien Inserate im Internet im Umlauf, von denen sie nichts gewusst habe und die ohne ihr Wissen aufgegeben worden seien.
6. Mit Vernehmlassung vom 16. September 2010 beantragte die Steuerverwaltung die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf den Einsprache-Entscheid vom 13. April 2010 und führte ergänzend aus, es seien zwar am 18. Februar 2010 diverse Unterlagen eingereicht worden, jedoch sei auch nach einer erneuten Aufforderung zur Einreichung einer Abrechnung über den Pensionsstall "X." sowie einer Bewertung der allenfalls eigenen Pferde leider nichts eingereicht worden. Aus den Unterlagen gehe jedoch hervor, dass im Pensionsstall "X." nebst vier Pferden noch weitere freie Pferdeboxen zu vermieten seien. Mangels Angaben der Pflichtigen fände deshalb eine Aufrechnung nach Ermessen in der Höhe von Fr. 20'000.-- als Einkommen aus selbständiger Tätigkeit statt (Fr. 350.-- x 5 x 12 = Fr. 21'000.--). Dabei seien allfällige Einnahmen aus Reitstunden nicht eingerechnet worden. Da der Beschwerdeführerin grundsätzlich der Nachweis von steuermindernden Tatsachen obliege und im hier zu beurteilenden Fall leider weder eine Abrechnung der Einnahmen bzw. Ausgaben vorliege, noch rechtsgenüglich begründet werde, warum gerade keine Einnahmen aus der Stallvermietung resultieren sollen, sei der Steuerverwaltung nichts anderes übrig geblieben, als eine ermessensweise Beurteilung vorzunehmen.
7. An der heutigen Verhandlung hielten die Parteien an ihren Anträgen fest.

Aus den Erwägungen:
1. (...)
2. Vorliegend unterliegt der Beurteilung, ob die Steuerverwaltung bei der Pflichtigen zu Recht eine Aufrechnung nach Ermessen in der Höhe von Fr. 20'000.-- aus Einkommen aus selbständigem Nebenerwerb vorgenommen hat.
3. Hat der Steuerpflichtige trotz Mahnung seine Verfahrenspflichten nicht erfüllt oder können die Steuerfaktoren mangels zuverlässiger Unterlagen nicht einwandfrei ermittelt werden, so nimmt die Veranlagungsbehörde gemäss Art. 130 Abs. 2 DBG die Veranlagung nach pflichtgemässem Ermessen vor. Sie kann dabei Erfahrungszahlen, Vermögensentwicklung und Lebensaufwand des Steuerpflichtigen berücksichtigen.
Eine Veranlagung nach pflichtgemässem Ermessen kann der Steuerpflichtige gemäss Art. 132 Abs. 3 DBG nur wegen offensichtlicher Unrichtigkeit anfechten. Die Einsprache ist gemäss Art. 132 Abs. 1 und 2 DBG innert der Einsprachefrist von 30 Tagen zu begründen und muss allfällige Beweismittel nennen (sog. Unrichtigkeitsnachweis). Diese von Art. 132 Abs. 3 DBG geforderte Begründung der Einsprache gegen eine amtliche Veranlagung stellt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung eine Prozessvoraussetzung dar, deren Fehlen zur Folge hat, dass auf die Einsprache nicht eingetreten werden kann (vgl. Bundesgerichtsurteil [BGE] 2C_579/2008 vom 26. April 2009, E. 2.1 mit weiteren Hinweisen, publ. in: Steuerentscheid [StE] 8-9/2009, B. 95.1 Nr. 14). Die genannten erhöhten prozessualen Anforderungen finden ihre Erklärung in der besonderen Natur der Ermessensveranlagung. Da die Steuerbehörde mangels genügender Unterlagen nicht alle Steuerfaktoren genau ermitteln kann, muss sie diese schätzen. Dabei hat sie notwendigerweise auf Annahmen und Vermutungen abzustellen. Weil eine Ermessenseinschätzung somit naturgemäss eine gewisse Unschärfe aufweist, ist die Möglichkeit, sie anzufechten, entsprechend eingeschränkt. Der Steuerpflichtige kann sie nur wegen offensichtlicher Unrichtigkeit in Frage stellen. Er hat nachzuweisen, dass die Ermessensveranlagung den tatsächlichen Verhältnissen nicht entspricht. Mittels umfassendem Unrichtigkeitsnachweis hat er die bisher vorhandene Ungewissheit bezüglich des Sachverhalts zu beseitigen, blosse Teilnachweise genügen nicht. In der Begründung der Einsprache ist daher der Sachverhalt in substanziierter Weise darzulegen, und es sind die Beweismittel für diese Sachverhaltsdarstellung zu nennen. Es reicht nicht aus, die Einschätzung bloss in pauschaler Weise zu bestreiten oder lediglich einzelne Positionen der Einschätzung als zu hoch zu bezeichnen. Vielmehr wird der Steuerpflichtige, der seine Mitwirkungspflichten im Veranlagungsverfahren nicht erfüllt und dadurch eine Ermessensveranlagung bewirkt hat, in der Regel die versäumten Mitwirkungshandlungen nachholen - also eine bisher nicht vorgelegte Steuererklärung nachträglich einreichen - müssen, um die Einsprache genügend zu begründen (BGE 2C_579/2008, a.a.O., E. 2.1 mit weiteren Hinweisen).
Das Bundesgericht hat seine frühere - nicht immer einheitliche - Rechtsprechung in dem Sinne verdeutlich, als dass die erwähnten gesetzlichen Bestimmungen indessen nicht vorschreiben, dass eine Einsprache gegen eine Ermessenseinschätzung wegen versäumter Mitwirkungshandlungen nur gültig ist, wenn damit gleichzeitig das Versäumte nachgeholt wird. Nach der neueren Rechtsprechung ist daher das Nachreichen einer bisher nicht vorgelegten Steuererklärung nicht Gültigkeitsvoraussetzung der Einsprache (BGE 2C_579/2008, a.a.O., E. 2.2 mit weiteren Hinweisen).
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung lebt die Untersuchungspflicht der Steuerbehörde wieder auf, wenn die Ungewissheit des Sachverhalts, die zur ermessensweisen Einschätzung geführt hat, durch den Steuerpflichtigen beseitigt worden ist (BGE 2C_579/2008, a.a.O., E. 2.4).