Decision ID: 700a4fb3-7453-41bc-b8b9-9bdf088581da
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Am 3. August 2011 meldete die
Y._
AG der
Generali
Allgemeine Versicherungen AG
(nachfolgend:
Generali
)
, dass ihre seit dem 5. Oktober 2007 beschäftigte Servicemitarbeiterin
X._
, geboren 1965, am 1. August 2011 einen Schaden erlitten habe, zum Sachverhalt liege keine
Auskunft vor (Urk. 8/1). Am 20. September 2011 wiederholte die
Y._
AG die Schadenmeldung mit dem unter dem Abschnitt „Nichtberufs
unfall“ platzierten Hinweis auf eine Ferienabwesenheit vom 16. Juli bis 1. August 2011 (Urk. 8/2). Im Arztbericht vom 31. August 2011 diagnostizierte Dr. med.
Z._
eine reaktive Depression nach sexuellem Übergriff (Violation) am 28. Juli 2011 (Urk. 8/5).
Die
Generali
hielt nach Einholung von Arzt
be
richten und
Beizug
der Polizeiakten mit Verfügung vom 2. April
2012 fest (Urk. 8/28), dass der Nachweis eines Unfallereignisses nicht gelinge und Beweislosigkeit vorliege. Sie verfügte dementsprechend, dass aus der obligatorischen Unfallversicherung keine Leistun
gen erbracht würden und hielt mit
Einspracheentscheid
vom 1
1.
Dezember 2012 daran fest (
Urk.
8/
49
).
1.2
Die
dagegen
von der Versicherten
erhobene
Beschwerde (
Urk.
8/
54
/3-17
) hiess das hiesige Gericht mit Urteil vom
9.
Juli 2014 (Prozess-Nr. UV.2013.00032,
Urk.
8/
61
) gut
und hielt fest, dass die Versicherte an ihrem Ferienort in der Türkei am 28./29. Juli 2011 Opfer von sexueller Gewalt geworden
ist und dass sie damit einen Unfall im Rechtssinne, und zwar in Form eines aussergewöhnlichen Schreckereignisses, erlitten hat. Das Gericht stellte fest, d
ass die
Generali
für die Folgen des Unfalls vom 28./29. Juli 2011
leistungspflichtig ist, sofern die übrigen Anspruchsvoraussetzungen erfüllt sind
.
Die
dagegen
von der
Generali
erhobene
Beschwerde (
Urk.
8/
63
) wies das Bundes
gericht mit Urteil 8C_560/2014 vom
1.
April 2015 (
Urk.
8/
67
) ab.
1.3
Die
Generali
erbrachte daraufhin die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung und
Taggeld).
Mit
Verfügung vom
6.
September 2019
schloss
sie
den Fall per
31
.
Juli 2018
ab
, sprach der Versicherten eine
auf der Basis einer Erwerbsun
fähigkeit von 100
%
und eines versich
erten Jahresverdienstes von Fr. 61'751.--
vom
1.
August 2018 bis 3
1.
Juli 2019
befristete
Invalidenrente
zu
und verrech
nete diese Leistungen mit den bereits bezahlten Taggeldern
unter Verzicht auf eine Rückforderung
zuviel
bezahlter Taggelder von
Fr.
4'363.15 und Heilungs
kosten.
Einen Anspruch auf weitere Versicherungsleistungen verneinte sie mit der Begründung,
gemäss Gutachterin
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, könne spätestens nach 12 Monaten mit dem Wieder
erlangen der vollständigen Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit gerechnet
werden
(Urk.
8/
261
).
Die von der Versicherten gegen diesen Entscheid erhobene Einsprache vom
2. Oktober
2019
(Urk.
8/
264
) wies die
Generali
am
5.
November 2019
ab (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am
2.
Dezember 2019
Beschwerde (
Urk.
1) und beantragte, der angefochtene
Einspracheentscheid
sei aufzuheben und es sei
die Vorinstanz zu verpflichten, ihr eine unbefristete Rente ab dem
1.
August 2018 auszurichten, allenfalls mit Mitteilung eines Datums für die Rentenrevision. Eventualiter sei das Verfahren an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese bei
Dr.
A._
ein Verlaufsgutachten einhole. Zudem sei ihr eine angemessene Integritätsentschädigung zuzusprechen. Weiter sei die aufschiebende Wirkung der vorliegenden Beschwerde wiederherzustellen und die Vorinstanz anzuweisen, ihr ab dem
1.
August 2019 bis zur Rechtskraft des vorliegenden
Verfahrens die UVG-Invalidenrente weiterhin auszurichten (S. 2).
Am
1
6.
Januar 2020
bean
tragte die
Generali
, die Beschwerde sei abzuweisen
soweit darauf einzutreten sei und das Gesuch um Herstellung der aufschiebenden Wirkung sei abzuweisen
(Urk.
7
)
. Dies wurde
der Beschw
erdeführerin mit Verfügung vom 2
0.
Januar 2020
zur Kenntnis gebracht
mit dem Hinweis, dass über den Antrag auf Wiederherstel
lung der aufschiebenden Wirkung zu einem späteren Zeitpunkt entschieden wird
(Urk.
9
).
Die von der Beschwerdeführerin daraufhin eingereichte Stellungnahme vom
3.
Februar 2020 (
Urk.
10) wurde der Beschwerdegegnerin am
5.
Februar 2020 zugestellt (
Urk.
11-12).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am 9. November 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesge
setzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfall
versicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen, die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu beurteilende Unfall hat sich am
28./29. Juli 2011
ereignet, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Die rückwirkend ergangene Verfügung über eine befristete oder im Sinne einer Reduktion abgestufte Invalidenrente umfasst einerseits die Zusprechung der Leis
tung und andererseits deren Aufhebung oder Herabsetzung (BGE 125 V 413 E. 2d; Urteil des Bundesgerichts 8C_780/2007 vom 27. August 2008 E. 2.3; vgl. Meyer/Reichmuth, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Auflage 2014,
Rn
11 zu Art. 30–31). Rechtsprechungsgemäss bildet eine solche Verfügung insgesamt den Anfechtungs- und Streitgegenstand und unterliegt integral der gerichtlichen Prüfung, selbst wenn nur einzelne Punkte davon bestritten sind (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.2, 125 V 413 E. 2d; vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_440/2017 vom 25. Juni 2018 E. 5.1 [in BGE 144 V 153 nicht publiziert] und 9C_50/2011 vom 25. Mai 2011 E. 2.1).
Spricht die Verwaltung der versicherten Person eine abgestufte oder befristete Rente zu und wird beschwerdeweise einzig die Abstufung oder die Befristung der Leistungen angefochten, hat dies nicht eine Einschränkung des Gegenstandes des Rechtsmittelverfahrens in dem Sinne zur Folge, dass die unbestritten gebliebenen Bezugszeiten von der Beurteilung ausgeklammert blieben. Die gerichtliche Prüfung hat vielmehr den Rentenanspruch für den gesamten verfügungsweise geregelten Zeitraum und damit sowohl die Zusprechung als auch die Abstufung oder Aufhebung der Rente zu erfassen (BGE 131 V 164 E. 2.2, 125 V 413 E. 2d; Urteile des Bundesgerichts 8C_765/2007 vom 11. Juli 2008 E. 2 und I 526/06 vom 31. Oktober 2006 E. 2.3 mit Hinweisen). Dabei ist in anfechtungs- und streit
gegenständlicher Hinsicht irrelevant, ob eine rückwirkende Zusprechung einer abgestuften oder befristeten Invalidenrente in einem oder in mehreren
Entschei
den gleichen Datums eröffnet wird (BGE 131 V 164 Regeste; Urteil des Bundes
gerichts 8C_489/2009 vom 23. Oktober 2009 E. 4.1 mit Hinweis).
1.
3
Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden die Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt. Als Unfall gilt laut Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen
äusseren
Fak
tors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
1.
4
Rechtsprechung und Lehre haben auch schreckbedingte plötzliche Einflüsse auf die Psyche seit jeher als Einwirkung auf den menschlichen Körper (im Sinne des geltenden Unfallbegriffes) anerkannt und für ihre unfallversicherungsrechtliche Behandlung besondere Regeln entwickelt. Danach setzt die Annahme eines Un
falles voraus, dass es sich um ein
aussergewöhnliches
Schreckereignis, verbunden mit einem entsprechenden psychischen Schock, handelt; die seelische Einwirkung muss durch einen gewaltsamen, sich in der unmittelbaren Gegenwart der versi
cherten Person abspielenden Vorfall ausgelöst werden und in ihrer überrasch
en
den Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen durch Störung des seelischen Gleichgewichts typische Angst- und Schreckwirkungen (wie Läh
mungen, Herzschlag, etc.) hervorzurufen (Urteil des Bundesgerichts 8C_412/2015 vom 5. November 2015 E. 2.1 mit Hinweisen).
1.
5
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
li
dität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhan
den
sein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der glei
chen Weise
beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.
6
Die weiter vorausgesetzte Adäquanz des Kausalzusammenhangs zwischen einem Schreckereignis ohne körperliche Verletzungen und den nachfolgend aufgetre
te
nen psychischen Störungen beurteilt sich nach der allgemeinen Formel (ge
wöhn
licher Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserfahrung). Diese Rechtspre
chung trägt der Tatsache Rechnung, dass bei Schreckereignissen anders als im Rahmen üblicher Unfälle die psychische Stresssituation im Vordergrund steht, wogegen dem somatischen Geschehen keine (entscheidende) Bedeutung beige
messen werden kann. Aus diesem Grund ist die (analoge) Anwendung der in BGE 115 V 133 entwickelten Adäquanzkriterien ebenso ungeeignet wie diejenige der soge
nannten
Schleudertraumapraxis
(BGE 117 V 359;
Urteil des Bundesgerichts 8C_653/2007 vom 28. März 2008 E. 2.4).
Bei der Beurteilung der Adäquanz ist nicht allein auf den psychisch gesunden Versicherten, sondern auf eine weite Bandbreite der Versicherten abzustellen. In diesem Rahmen bilden auch solche Versicherte
n
Bezugspersonen für die Adäquanzbeurteilung, welche im Hinblick auf die
erlebnismässige
Verarbeitung eines Unfalles zu einer Gruppe mit erhöh
tem Risiko gehören, weil sie aus
versicherungsmässiger
Sicht auf einen Unfall nicht optimal reagieren. Daraus ergibt sich, dass für die Beurteilung der Frage, ob ein konkretes Unfallereignis
als alleinige Ursache oder als Teilursache nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, zu einer bestimmten psychischen Schädigung zu führen, kein allzu strenger, sondern im dargelegten Sinne ein realitätsgerechter
Massstab
angelegt werden muss (Urteil des Bundesgerichts
8C_412/2015 vom 5. November 2015 E. 2.2 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren
Einspracheentscheid
(
Urk.
2) damit, dass
bei der Beschwerdeführerin eine posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS)
und
-
als Folge der
als
ungerecht und erniedrigend empfundenen Behandlung durch die Beschwerdegegnerin
- eine Anpassungsstörung
vorliege
. Gemäss Gut
achterin trete die Ausheilung der PTBS maximal 12 Monate nach Beendigung des Konflikts mit der Versicherung ein. Es sei somit nicht zu beanstanden,
dass ein Jahr nach der befristeten Berentung der natürliche Kausalzusammenhang zwischen der PTBS und den weiterhin geltend gemachten Beschwerden verneint werde
(S. 5
-9). Zudem seien die Beschwerden nach maximal einem Jahr nicht mehr
adäquatkausal
auf das Schreckereignis zurückzuführen gewesen. Denn die Tat habe sich nicht an einem vertrauten Ort abgespielt, die
Beschwerdeführerin
habe nicht mit dem Tod rechnen müssen, sei stark alkoholisiert gewesen, könne sich nicht mehr an alles erinnern und sei anscheinend aus eigenen Stücken mit den beiden Männern mitgegangen. Weder sie noch eine Drittperson hätten einen erheblichen Dauerschaden erlitten und das Ereignis habe nur relativ kurze Zeit gedauert. Eine übliche Reaktion sei zwar, dass eine Traumatisierung stattfinde, diese werde aber in aller Regel innert einiger Wochen oder Monate überwunden.
Die psychische Störung könne danach nicht mehr in einem weiten Sinne als angemessen oder einigermassen typische Reaktion auf das Schreckereignis bezeichnet werden (S. 11). Im Übrigen
seien allfällige Restbeschwerden
- aus näher
dargelegten Gründen -
als überwindbar zu betrachten
(S. 12-
14). Mit der
restitutio
ad
integrum
8 bis 12 Monate nach dem Deblockieren der Versicherungs
situation erübrige sich auch die
Zusprache
einer Integritätsentschädigung (S. 16).
2.2
D
i
e Beschwerdeführer
in
stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1),
sie habe mehrmals darauf hingewiesen,
dass es sich bei der Aussage der Gutach
terin, wonach sich
ihr
Gesundheitszustand nach einem Jahr wohl verbessern werde, um eine Prognose gehandelt habe.
Es könne nicht direkt darauf abgestellt werden, sondern es sei im Rahmen einer Rentenrevision zu prüfen, ob sich die Prognose bewahrheitet habe.
Es sei deshalb ein Verlaufsgutachten einzuholen und nicht gestützt auf
eine
unsichere Prognose eine befristete Rente zuzuspre
chen, zumal die Gutachterin schon in der Vergangenheit - näher dargelegte - zu optimistische Prognosen bezüglich des Heilungsverlaufs abgegeben habe
(S. 4
-8
). Die behandelnden Therapeutinnen würden auch heute noch von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit ausgehen (S. 9). Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die
Beschwerdegegnerin
, nachdem sie sich korrekterweise auf die Berichte von
Dr.
A._
vom
3.
Mai,
8.
Juni und 2
3.
Juli 2018 abgestützt habe, ihr nicht eine unbefristete Rente mit einer in Aussicht gestellten Rentenrevision
,
sondern eine befristete Rente
zugesprochen habe
(S. 10
).
Die Beweislast dafür, dass die Voraussetzungen für die
Rentenzusprache
bereits nach einem Jahr wieder weg
gefallen seien, liege im Übrigen bei der
Beschwerdegegnerin
(S. 14). Der natür
liche Kausalzusammenhang sei längst vom Bundesgericht festgestellt worden, die diesbezüglichen Ausführungen der
Beschwerdegegnerin
deshalb irrelevant (S. 15).
Die
Aussagen
zur adäquaten Kausalität
und zu ihrer persönlichen Situation
seien - aus näher dargelegten Gründen -
falsch. Auch sei nicht nachvollziehbar, weshalb
die Beschwerdegegnerin
Ausführungen zur Konsistenz mache
(S. 15-
18
).
Bei psychischen Unfallfolgen sei ebenfalls eine Integritätsentschädigung auszu
richten. Vorliegend sei mindestens von einer schweren psychischen Beeinträch
tigung auszugehen,
sei sie doch nicht mehr arbeitsfähig und
könne
auch
den Alltag ni
cht mehr selbständig bewältigen, weshalb eine Beistandschaft habe errichtet werden müssen
(S. 19).
Schliesslich lägen keinerlei Gründe für den Entzug der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde vor, nachdem die Gutach
terin eine unbefristete
Rentenzusprache
mit Rentenrevision empfohlen habe. Die Gutachterin habe klar festgehalten, dass für den Heilungsprozess endlich ein definitiver Abschluss anzustreben sei, damit
sie
zur Ruhe kommen könne. Dies erreiche man natürlich nicht, indem mit Verfügung vom
6.
September 2019 rück
wirkend eine befristete Rente zugesprochen
und
per 3
1.
Juli 2019
umgehend wieder aufgehoben
werde
, so
dass sie von einem Tag auf den anderen ohne jegliches Einkommen
von
der
Beschwerdegegnerin
dastehe. Der Entzug der auf
schiebenden Wirkung werde denn auch mit keinem Wort begründet (S. 20-21).
3.
3.1
Dr.
A._
stellte in ihrem Gutachten vom 1
8.
Juli 2016 (
Urk.
8/127) folgende Diagnosen
(S. 36):
-
anhaltende
PTBS
nach Vergewaltigung 2011 mit
-
mittelgradiger Agoraphobie ohne Panikstörung
-
leicht- bis mittelgradiger Soziophobie
-
Neurasthenie
-
Anpassungsstörung mit vorherrschender Störung anderer Gefühle bei
-
anhaltender psychosozialer Belastungssituation
-
Probleme mit Bezug auf Versicherungsleistungen sowie Rechtsumstände
-
Probleme mit Bezug auf die wirtschaftlichen Verhältnisse
-
Probleme mit Bezug auf den engeren Familienkreis, einschliesslich familiä
rer Umstände
-
Probleme mit Bezug auf die soziale Umgebung
Dazu führte sie aus,
der Heilungsverlauf sei bei dieser an sich sehr gut struktu
rierten, früher autark und autonom agierenden, belastungsfähigen Frau, die gerade durch diese Persönlichkeitsressourcen prinzipiell auch eine gute psychiat
rische Prognose hätte, durch die hemmenden psychosozialen Belastungen retar
diert. Dabei würde
n
in der Wahrnehmung der
Beschwerdeführerin
inzwischen die Versicherungsinstanzen eindeutig stellvertretend Täterrollen übernehmen, indem sie - (stets in der Wahrnehmung der
Beschwerdeführerin
) stellvertretend für die Täter -
ihre frühere Leistungsebene (finanzielle Autarkie, Autonomie, souveräne Frau, Mutter, Mitarbeiterin, Freundin
) anhaltend zu demontieren schie
nen. Durch diese Vermischung von psychosozialen und tatsächlich
traumaverbundenen
Faktoren erlebe sich die
Beschwerdeführerin
auch heute weiterhin in ihrem Selbstbild als verunsichert,
labilisiert
, in ihrer Würde in Frage gestellt. Wut
vermische
sich hier mit dem Gefühl der Insuffizienz, Schuldzuweisungen mit Scham und Ohnmachtsgefühlen, im Endeffekt verharre sie damit heute in einem deutlich (auch psychometrisch) mittelgradigen dysphorisch-depressiven Reak
tionsbild, welches heute deutlich prominenter als noch im März 2015 vorliege
(S. 34-35).
D
ie vorbestehende, prämorbide Persönlichkeitsstruktur
der
Beschwerdeführerin
sei
intakt
gewesen
. Es
lägen
überzeugende Hinweise für eine robuste Persönlich
keitsstruktur mit auch beträchtlicher Resilienz gegenüber widerlichen biographi
schen Ereignissen vor. Anhaltspunkte für eine etwaige prämorbid
beziehungs
weise
vor dem Trauma-Ereignis bestehende Persönlichkeitsstörung
lägen
keine vor. Die Vergewaltigung am 28./2
9.
Juli
2011
entspreche
vollumfänglich den ICD-10-Ausgangskriterien eines genuinen Psychotraumas gemäss F43.
1.
Mit der Gruppenvergewaltigung, mit Atemnot durch Würgen und protrahiertem Verlauf
sei
das erforderliche
Ausgangskriterium
eines Traumas im Sinne einer «
ausserge
wöhnlichen Bedrohung, die bei nahezu jedem
tief
greifende Verzweiflung aus
lösen würde
»
erfüllt. Sie
habe
das Zustandekommen der
PTBS
zur Folge
gehabt (S.
41)
.
Bei den
beklagten Beschwerden
(Widerhallerleben, Intrusionen, Konstriktionen, Dissoziationen,
Hyperarousal
, Vermeidungsverhalten)
handle es sich
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
um Folgen des Ereignisses. Sie entsprä
chen
dem typischen Symptomkomplex der
PTBS
. E
ine vorbestehende psychische Erkrankung lieg
e
nicht vor. Auch die Anpassungsstörung mit Groll, Frustration, Depressivität, Dysphorie und Wut
würde
sich unabhängig vom Unfallereignis nicht entwickelt
haben (S. 41-
42
).
Zwar werde s
eit September 2013 durchgehend adäquat behandelt. Die Therapie
möglichkeiten
hätten
aber bis anhin aufgrund der interferierenden versicherungs
rechtlichen Streitigkeiten nicht ausgeschöpft werden
können
. Ausdrücklich
würden die Behandler
der p
sychiatrischen Klinik
B._
schon 2013, anschliessend an
das erste
Behandlungsintervall, und auch wieder 2014 und 2015 die Indikation für ein zweite
s und drittes
stationäre
s
Behandlungsintervall auf der Station für
Psychotraumafolgestörungen
stellen,
aber eine Wiederaufn
a
hme der
Beschwerdeführerin
gerade aufgrund des noch hängigen Versicherungsver
fahrens ab
lehnen
. Tatsächlich
habe
dieser Umstand auf gravierende Weise mit der Rekonvaleszenz der
Beschwerdeführerin
interferiert und es habe sich h
ier
unter gar eine erheblich ins Gewicht fallende reaktive Anpassungsstörung
ent
wickelt
, so dass im Endeffekt eine heute um einiges höhere Arbeitsunfähigkeit als noch 2015 vorlieg
e
. Als eigen
tliches reaktives Leiden bestehe
die Hoffnung, dass eine endgültige Lösung mit quantitativer Festlegung und Abschluss der Unfall
versicherungsleistungsansprüche die
Beschwerdeführerin
zur
F
okussierung auf ihre Gesundung befähigen
werde
, und dann auch die notwendige stationäre
Behandlung angegangen werden
könne
. Erst nach Absolvieren des Gesamtthera
pieprogramms
beziehungsweise des zweiten und dritten
Behandlungsintervalls in der p
sychiatrischen Klinik
B._
sei
mit
einer
Erhöhung der Arbeitsfähigkeit zu rechnen. Angesichts der bewiesenen Ressourcen der
Beschwerdeführerin
in ihrer bisherigen Biographie
sei
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zwar von einer namhaften Besserung der Arbeitsfähigkeit auszuge
h
en. Diese
werde
zeitlich aber sicherlich 1-2 Jahre beanspruchen. Es erschein
e
verfrüht, hier schon genaue Quantifizierungen festzulegen. Der Erfolg der stationären Interventionen
sei
abzuwarten
(S
. 42-43
).
Die
Beschwerdeführerin
sei
in ihrer gelernten und letzten Tätigkeit als Service
fachangestellte seit
1.
August
2011 aufgrund der
PTBS
anhaltend bis heute und auch wohl auf mittel- bis langfristige Sicht
zu 100
%
arbeitsunfähig. Insbeson
dere aufgrund der Exposition an potentiell grenzüberschreitende Kundschaft erschein
e
die Tätigkeit als Servicefachangestellte aufgrund der Trauma-Geschichte bis auf weiteres nicht zumutbar
.
Nach
einer vorübergehenden Verbes
serung des Zustandes liege
seit 1.
März 2016 wiederum auch in einer angepassten Tätigkeit eine
100%
ige
Arbeitsunfähigkeit
vor; dies bis auf Weiteres
auch
mittel
-, gegebenenfalls langfristig (S. 43-
44
).
Aus der Zusammenfassung der Bewertung der - auf S. 36-39 näher dargelegten - Standardindikatoren
sei
aus fachärzt
l
ich-psychiatrischer arbeitsmedizinischer Sicht mit dem vorliegenden Krankheitsgeschehen
eine
hochgradige anhaltende Arbeitsunfähigkeit
zu verbinden
(S. 39)
.
Dennoch
sei
theoretisch-medizinisch von einer weiterhin optimistischen Prog
nose auszuge
h
en: die
Beschwerdeführerin
sei
introspektionsfähig, ha
be
bewiesen, die ihr übermittelten psychotherapeutischen
Instrumentaria
durchaus anwenden zu können (so
seien
heute kaum noch Dissoziationen ersichtlich) und
sei
ho
ch
gradig therapiemotiviert und -
compliant
. Zudem
sei
auch,
angesichts ihrer Berufs- und überhaupt Lebensbiographie, an ihrer Arbeitsmotivation und
an ihrem
Autarkiewunsch nicht zu zweifeln. So besteh
e
doch die Hoffnung, dass eine endgültige Lösung mit quantitativer Festlegung und Abschluss der Unfall
versicherungsleistungsansprüche die
Beschwerdeführerin
zur Fokussierung auf ihre Gesundung befähigen
werde
. In diesem Fall
e
gehör
e
das Wiederherstellen
einer
100%
igen
Arbeitsfähigkeit durchaus
in den
Bereich der realistischen Fern
ziele
(S.
45
).
3.2
Am
3.
Mai 2018 gab
Dr.
A._
aufgrund der seit der Begutachtung neu eingegangenen Akten eine erneute gutachterliche Einschätzung ab (
Urk.
8/
219
).
Sie führte aus, die
Beschwerdeführerin
sei vom 1
7.
Mai bis 1
2.
Juli 2017 für ein zweites Behandlungsintervall auf der Psychotherapiestation für
Traumafolgestö
rungen
der p
sychiatrischen Klinik
B._
hospitalisiert gewesen
. Zu jenem Zeitpunkt könne jedoch - zumindest aus Perspektive der Beschwerde
führerin - keineswegs von einer Beruhigung/abschliessenden Klärung der finanz-/versicherungsrechtlichen Lage die Rede gewesen sein. Es sei somit auch heute aus gutachterlicher Sicht nicht zu verwundern, dass die rein
traumafokussierte
Behandlung, die ja die in gleichwürdigem Schweregrad bestehende Anpassungs
störung und Vermischung mit psychosozialen Belastungen nicht tangiere, beziehungsweise das zweite stationäre Behandlungsintervall bei der
B._
keinerlei relevante Besserung herbeigeführt habe (S. 2-5). Das dritte Therapie
intervall sei nicht geeignet, den Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin
zu steigern. So lange sie sich bei nicht endgültig abgeschlossenem Versicherungs
verfahren weiterhin als «Spielball» der
Beschwerdegegnerin
erlebe, könne sie sich auch nicht auf die Therapie der posttraumatischen Komponente ihres Gesund
heitsschadens fokussieren. Das psychoreaktive Leiden falle ebenso schwer ins Ge
w
icht und werde auch nicht mit einem dritten Therapieintervall zu verringern sein. Das Zusammenspiel beider psychiatrischer Entitäten
(Anpassungsstörung bei psychosozialen Belastungsfaktoren und PTBS) unterhalte weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (S. 6).
Aus medizinischer Sicht erscheine es ange
bracht, von einem Endzustand auszugehen, die Rentenfrage zu prüfen und den Fall baldmöglichst definitiv abzuschliessen (S. 7).
3.3
Am
8.
Juni 2018 (
Urk.
8/
223
) führte
Dr.
A._
eine aktengestützte
Indikato
renprüfung
gemäss BGE 142 V 342 durch (S. 2-5). Sie kam dabei zum Schluss,
dass es aus gutachterlicher Sicht angebracht erscheine, den Fall baldmöglichst definitiv abzuschliessen. Es sei zu erhoffen, dass damit die Situation deblockiert werden
könne
und sich die Beschwerdeführerin endlich vollumfänglich auf ihre Genesung fokussieren und auf ihre brachliegenden Ressourcen zurückgreifen könne. Schliesslich verfüge sie gesamthaft und objektiv betrachtet aus medizi
nischer Sicht über die nötigen Ressourcen
,
um ihre psychischen Beschwerden nach Überwindung von Groll und Verbitterung zu überwinden (S. 5).
3.4
Am 2
3.
Juli 2018 ergänzte
Dr.
A._
(
Urk.
8/
232
), der Beschwerdeführerin sei aufgrund ihrer intakten Persönlichkeitsstruktur, des reaktiven Charakters der Störung sowie der weiteren im Schreiben vom
8.
Juni 2018 ausgeführten Argu
mentation die Überwindung
der psychischen Beschwerden grundsätzlich nach Deblockieren der Versicherungskonfliktsituation zuzumuten. Angesichts der inzwischen langen Dauer der reaktiven Störung sei hier mit einer etwas verlän
gerten Dauer bis zur
Restitutio
ad
Integrum
zu rechnen. Innerhalb von maximal 8-12 Monaten sei aber aus rein medizinischer/psychiatrischer Sicht von einem Wiedererlangen der 100%igen
Arbeitsfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit auszugehen. Eine Revision im Falle einer
Rentenzusprache
sei somit nach 8-12 Monaten angezeigt. Aus gutachterlicher Sicht erscheine danach beziehungsweise nach dem Verlauf von maximal einem Jahr
mit obengenannten Gründen die Voraussetzung für eine weitere Dauerinvalidisierung/-berentung nicht gegeben.
3.5
Die behandelnde Fachärztin FMH für Psychotherapie und Psychiatrie
C._
und die Fachpsychologin für Psychotherapie FSP
D._
führten
in einem Schreiben zu Händen der Beschwerdeführerin vom 2
2.
November 2019
(
Urk.
3/4) aus, die Beschwerdeführerin sei nach wie vor zu 100
%
arbeitsunfähig. Sie leide weiterhin unter starken posttraumatischen Symptomen, ihre Konzentrationsfähigkeit sei stark eingeschränkt und an schlechten Tagen falle es ihr schwer
,
überhaupt aufzustehen und den Alltag zu bestreiten.
Sie brauch
e
in erhöhtem Masse Ruhe
pausen und Rückzugsmöglichkeiten. Ihre Durchhaltefähigkeit sei schwer beein
trächtigt und auch ihre Selbstbehauptungs- und Durchsetzungsfähigkeit. Sie könne ihren Haushalt grösstenteils selbständig führen, dies vor allem auch, weil es sich um Routineaufgaben handle, die sie kenne. Bereits bei neuen Anforderun
gen zeige sich ihre schwere Beeinträchtigung in Bezug auf Flexibilität und Umstellungsfähigkeit. Für die Erledigung von administrativen Aufgaben und im Kontakt mit Behörden habe sie eine Beiständin (S. 1).
Die Arbeitsunfähigkeit sei nicht an eine bestimmte Tätigkeit gebunden, sondern absolut. Als Service
f
achan
gestellte komme aber zusätzlich die Exposition und der Kontakt mit fremden Menschen als erschwerender Umstand dazu, der bei ihr zu erhöhtem Angst- und Panikempfinden führe und als Beschäftigung auch in Zukunft nicht mehr mög
lich sein werde. Der Heilungsprozess sei durch die Versicherungskonfliktsituation beeinträchtigt, ein Deblockieren könnte grundsätzlich zur Überwindung der psychischen Beschwerden führen, aufgrund der Konfliktsituation mit der
Beschwerdegegnerin
sei aber eine Chronifizierung der Symptome eingetreten. Nach der erlebten Vergewaltigung habe sie sich wiederholten Befragungen, medizinischen Untersuchungen und Zweifeln an ihrer Glaubwürdigkeit stellen müssen. Dies habe jeweils zu
Retraumatisierungen
geführt. Sie sei während der
gesamten Dauer des Verfahrens immer wieder mit denselben Gefühlen konfron
tiert, wie damals beim erlebten Trauma der Vergewaltigung. Sie habe sich genauso hilflos, ausgeliefert, unfähig, die Situation zu beeinflussen, wehrlos und in grosser Angst gefühlt. Das Gefühl der Demütigung werde von ihr teilweise so stark erlebt wie damals,
als
sie vergewaltigt worden sei. Genauso wie bei der Vergewaltigung wisse sie in Bezug auf die Konfliktsituation mit der
Beschwerde
gegnerin
nie, wann es beendet sein werde und ob nicht wieder ein neuer Angriff komme. Die psychische Integrität werde dadurch anhaltend verletzt. In diesem Sinne könne man in Bezug
auf die Versicherungskonfli
k
t
situation durchaus von einem System induzierten Trauma sprechen, das die
Beschwerdeführerin
in eine Art psychischen Dauerstress versetze. Das Hirn sei dann nicht mehr in der Lage, neue Informationen adäquat zu verarbeiten und der Lernprozess werde dadurch behindert beziehungsweise verunmöglicht.
Die
Zusprache
einer Rente habe zu einer Beruhigung geführt, die Entwicklungsschritte zugelassen und den Ther
a
pieprozess positiv beeinflusst
habe
. Nachdem die Befristung jedoch unvorbereitet und ohne Überprüfung ihres Gesundheitszustandes rückwirkend in Kraft gesetzt worden sei, sei es zu einer erneuten
Retraumatisierung
und einem Stillstand des Genesungsprozesses gekommen. Da von einem chronifizierten Zustand auszu
gehen sei, seien nur geringe Entwicklungsschritte zu erwarten. Um abschliessend eine Beurteilung fällen zu können, müsst
e
die Versicherungskonfliktsituation langfristig überwunden werden können, damit eine Stabilisierung der psychi
schen Befindlichkeit erreicht werden könne (S. 2).
4.
4.1
Mit vom Bundesgericht mit
Urteil 8C_560/2014 vom
1.
April 2015
(
Urk.
8/67) bestätigtem Urteil des hiesigen Gerichts
vom
9.
Juli 2014 (Prozess-Nr.
UV.2013.00032, Urk. 8/61)
wurde rechtskräftig festgehalten, dass die
Beschwerdeführerin
am 28./29. Juli 2011 Opfer
einer Vergewaltigung wurde und damit einen Unfall im Rechtssinne, und zwar in Form eines aussergewöhnlichen Schreckereignisses, erlitten hat.
Es bestehen keinerlei Anhaltspunkte, dass ohne den Unfall
die psychischen Beschwerden der Beschwerdeführerin nicht ebenso entfallen würden. Dr.
A._
hielt denn auch fest, dass es sich bei den
beklagten Beschwerden
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
um Folgen des Ereignisses han
delt (E. 3.1
hievor
). Der natürliche Kausalzusammenhang ist
- entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin -
offensichtlich ausgewiesen
.
Ihre
diesbezüg
lichen Ausführungen (
Urk.
2 S. 5-10
und
Urk.
7 S. 3-4
) sind in diesem Zusam
menhang nicht von Belang, weshalb auf sie nicht weiter einzugehen ist
.
4.2
Die
Beschwerdegegnerin
bestritt
auch den adäquaten Kausalzusammenhang (vgl. dazu E. 1.
6
hievor
) zwischen den geklagten Beschwerden und dem von der
Beschwerdeführerin
erlittenen Unfallereignis.
Das Bundesgericht bejahte eine
Unfalladäquanz
im Falle einer Versicherten, welche
von einem betrunkenen Unbekannten in einem nächtlichen Hinterhof unter Drohung mit einem Messer zu sexuellen Handlungen im Sinne von oralem Geschlechtsverkehr gezwungen wurde, was es als hinsichtlich der gesundheit
lichen Auswirkungen (Traumatisierung) um eine der Vergewaltigung gleichzu
stellende Tat qualifizierte (
Einspracheentscheid
knapp fünf Jahre nach Tat; Urteil U 193/06 vom 20. Oktober 2006 E. 2.1 f.). Ebenso bejahte es eine
Unfalladäquanz
bei einer Versicherten, welche an ihrem Arbeitsplatz von drei vermummten Einbrechern mit einer Schusswaffe bedroht, gefesselt und in einer Toilette ein
ge
schlossen wurde, wobei diese während 30 Minuten ganz konkret mit einer Ver
gewaltigung und/oder mit dem Tod rechnete (
Einspracheentscheid
knapp zehn Jahre nach Tat; Urteil 8C_522/2007 vom 1. September 2008). Weiter bejahte es die
Unfalladäquanz
im Falle einer Versicherten, welche im
Liegewagenabteil eines Zuges Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde (Streicheln der Brüste, mehrmaliges Eindringen mit einem Finger in die Vagina, Küssen auf Mund, Hals und Brust,
die Abwehr der Versicherten wurde mit Gewalt überwunden, Situation hätte durch
das Wecken der im gleichen Liegewagen schlafenden Kinder des Täters mittels Schreien beendet werden können), wobei es festhielt, dass auch dieser eine massive Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung sowie der psychischen und sexuellen Integrität des Opfers bedeutet habe (
Einspracheentscheid
knapp sechs Jahre nach Tat; Urteil 8C_412/2015 vom 5. November 2015 E. 5.1 und E. 6.1).
Die Beschwerdeführerin wurde am
28./29. Juli 2011
Opfer einer Gruppenverge
waltigung.
Es steht
ausser
Frage, dass sexuelle Gewalt eine unmittelbare Bedrohung, körperlich und seelisch verletzt zu werden, beinhaltet und sexuelle Handlungen gegen den Willen der betroffenen Person zu einer psy
chischen Dekompensation führen können. D
as
Bundesgericht führte im vorgenannten Urteil U 193/06 aus,
zahlreiche Stu
dien würden belegen, dass das Risiko, eine
PTBS
zu entwickeln, nach sexueller Gewalt beson
ders hoch sei (E. 2.2 mit Hin
weisen).
Nachdem
von einer erweiterten
Bandbreite der Versicherten auszugehen ist, war
de
r Vorfall vom
28./29. Juli 2011
geeignet, die noch heute bestehende psychische Beeinträchtigung herbeizuführen, erscheint doch deren Auftreten durch die erfolgte Tat als zumindest allgemein begünstigt.
Bei der Reaktion der Beschwerdeführerin handelt es sich wohl um eine starke, nicht aber um eine
aussergewöhnliche
, singu
läre Reak
tion psychogener
Art.
Dass die im Vorder
grund stehende
PTBS
auch über den Zeitpunkt des angefochtenen
Einspracheent
scheides
vom
5.
November 2019
(rund 8.
2
5 Jahre nach der Tat) hinaus andauert, ist denn auch mit den ICD-Diagnose-Kriterien vereinbar, wonach sich die Komplexität und Individualität des Krankheitsbildes vor allem in ihrem variablen Verlauf wider
spiegelt und bei wenigen Patienten über viele Jahre einen chroni
schen Verlauf nimmt und dann
in eine andauernde
Persönlichkeitsänderung übergeht (
Dilling
/
Momb
our
/
Schmid
t,
Internationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch-diagnostische Leitlinien, 10. Aufl. 2015, S. 208
).
Zusammenfassend
war
der am
28./29. Juli 2011
erlittene
massive Eingriff
in die sexuelle Integrität
der Beschwerdeführerin
m
it Blick auf den anzuwendenden realitätsgerechten
Massstab
(E. 1.
6
hiervor) nach dem gewöhn
lichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet, zu den tatsächlich einge
tretenen und trotz vielfältigen Bemühungen und Therapien
weiterhin bestehen
den psychischen Störungen mit entsprechender Einschränkung der Arbeitsfähig
keit zu führen.
Die
Unfalladäquanz
ist nach dem Gesagten zu bejahen.
Die bagatellisierenden Einwände der Beschwerdegegnerin, die
Adäquanz sei zu verneinen, sei doch die
Beschwerdeführerin
anscheinend aus eigenen Stücken mit den beiden Männern mitgegangen, habe keinen erheblichen Dauerschaden erlitten und das Ereignis habe nur relativ kurze Zeit gedauert, weshalb eine angemessene Reaktion
darauf gewesen wäre, den Vorfall innert einiger Wochen oder Monate zu
überwinden, sind nicht zielführend und lassen
jeglichen Anstand
gegenüber der Beschwerdeführerin und dem
von ihr
erlittenen traumatischen Ein
griff in
die
körperliche und seelische Integrität
vermissen.
5.
5.1
Dr.
A._
setzte sich in ihren unbestritten nachvollziehbaren, schlüssigen und voll beweiskräftigen Gutachten mit den gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin auseinander und äusserte sich auch zu den dadurch verur
sachten Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit. Ihre diesbezüglichen Aussagen gilt es nachfolgend zu prüfen.
5.2
Dazu ist vorab festzuhalten, dass das Bundesgericht m
it BGE 143 V 418 ent
schied, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurtei
lung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Dies gilt auch in unfallvers
icherungsrechtlichen Verfahren (vgl. Urteile des Bundesge
richts 8C_261/2019 vom
8.
Juli 2019 E. 4.3.1 und
8C_181/2019 vom
2.
Mai 2019 E.
5.2;
Nabold
, in: Kommentar zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 2018, N 84 zu
Art.
6 UVG).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlau
ben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
5.
3
Über das Zusammenwirken von Recht und Medizin bei der konkreten Rechtsan
wendung hat sich das Bundesgericht verschiedentlich geäussert. Danach ist es sowohl den begutachtenden Ärzten als auch den Organen der Rechtsanwendung aufgegeben, die Arbeitsfähigkeit im Einzelfall mit Blick auf die normativ vorge
gebenen Kriterien zu beurteilen. Die medizinischen Fachpersonen und die Organe der Rechtsanwendung prüfen die Arbeitsfähigkeit je aus ihrer Sicht. Bei der Abschätzung der Folgen aus den diagnostizierten gesundheitlichen Beeinträchti
gungen nimmt zuerst der Arzt Stellung zur
Arbeitsfähigkeit. Seine Einschätzung ist eine wichtige Grundlage für die anschliessende juristische Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistung der versicherten Person noch zugemutet werden kann (BGE 141 V 281 E. 5.2.1).
Die Rechtsanwender prüfen die medizinischen Angaben frei insbesondere darauf
hin, ob die Ärzte sich an die massgebenden normativen Rahmenbedingungen gehalten haben und ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen.
V
on einer medizinischen Einschätzung der Arbeitsunfähi
gkeit kann da
mit aus rechtlicher Sicht abgewi
chen werden, ohne dass ein
wie vorliegend grund
sätzlich beweiskräfti
ges
Gutachten dadurch seinen Beweiswert verlöre (vgl. etwa Urteil des Bun
desgerichts 9C_106/2015 vom 1. April 2015 E. 6.3).
Es soll
aber
keine losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach Massgabe des strukturierten Beweisverfahrens stattfinden, sondern im Rahmen der Beweiswürdigung über
prüft werden, ob die funktionellen Auswirkungen medizinisch anhand der Indikatoren schlüssig und widerspruchsfrei festgestellt wurden und somit den normativen Vorgaben Rechnung tragen. Entscheidend bleibt letztlich immer die Frage der funktionellen Auswirkungen einer Störung, welche im Rahmen des Sozialversicherungsrechts abschliessend nur aus juristischer Sicht beantwortet werden kann. Nach BGE 141 V 281 kann somit der Beweis für eine lang andau
ernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Ein
schränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeits
unfähigkeit zeigt. Fehlt es daran, ist der Beweis nicht geleistet und nicht zu erbringen, was sich nach den Regeln über die (materielle) Beweislast zuungunsten der rentenansprechenden Person auswirkt (BGE 144 V 50 E. 4.3
).
5.4
Nach einer umfassenden Begutachtung der Beschwerdeführerin nahm Dr.
A._
in ihrem Gutachten vom 1
8.
Juli 2016 (E. 3.1
hievor
) ausführlich Stellung zu den Standardindikatoren und schloss auf eine
hochgradige anhal
tende Arbeitsunfähigkeit
. Ohne die Beschwerdeführerin erneut untersucht zu haben, nahm Dr.
A._
am
8.
Juni 2018 eine
weitere
Indikatorenprüfung
vor und hielt fest, dass
die Beschwerdeführerin
über die nötigen Ressourcen
verfüge,
um ihre psychischen Beschwerden zu überwinden
(E. 3.3
hievor
).
Am 23.
Juli 2018 ergänzte sie,
die Überwindung
der psychischen Beschwerden nach Deblockieren der Versicherungskonfliktsituation sei
ihr
zuzumuten und es sei
innerhalb von 8-12 Monaten von einem Wiedererlangen der 100%igen Arbeits
fähigkeit in
der angestammten
Tätigkeit auszugehen
(E. 3.4
hievor
)
.
Bei ihrer zweiten, lediglich aktengestützten
Indikatorenprüfung
setzte sich Dr.
A._
aber weder
mit ihren gegenteiligen Ausführungen im Gutachten auseinander, noch legte sie dar, inwiefern sich
die Situation beziehungsweise
der Gesundheits
zustand
der Beschwerdeführerin seither verändert haben sollte
und weshalb statt
eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit neu eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
ausgewiesen
sein soll
. Bei sich derart widersprechenden Ausführungen kann weder auf die erste noch auf die zweite
Indikatorenprüfung
abgestellt werden, vielmehr sind die Standardindikatoren vom Gericht zu prüfen.
5.5
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
5.6
5.6
.1
Was den K
omplex
«
Gesundheitsschädigung
»
respektive den Indikator
der «Aus
prägung der diagnoserelevanten Befunde» angeht, ist festzuhalten, dass
bei einer
PTBS
der Schweregrad diagnoseinhärent und
eine bedeutsam ausgeprägte Gesundheitsbeeinträchtigung entsprechend ausgewiesen ist.
5.6
.2
Bezüglich des Indikators
«Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder –
resistenz
» hat sich der Gesundheitszustand
trotz einer langjährigen, umfassenden psychiatrischen und psychopharmakologischen
Therapie
nicht verbessert. Ein Eingliederungsversuch
der Beschwerdeführerin (Belastbarkeitstraining, durchge
führt von
der Arbeitsintegration E._
, vgl. dazu etwa
Urk.
8/127 S. 16-18)
musste aufgrund einer Verschlechterung
ihres
Gesundheitszustandes abge
brochen werden.
Dies spricht
für
eine erhebliche Ausprägung der Symptomatik.
5.6
.3
Störungen fallen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich be
deutsame Komorbiditäten in Betracht, wenn ihnen im konkreten Fall ressourcen
hemmende Wirkung beizumessen ist (vorgenannter BGE 143 V 418 E.
8.1).
Die
Anpassungsstörung und in diesem Zusammenhang insbesondere die
versiche
rungsrechtliche Auseinandersetzung raubt der Beschwerdeführerin wesentliche Ressourcen, was sowohl von
Dr.
A._
als auch den behandelnden
Therapeu
tinnen
bestätigt wird
(E. 3.1-3.5
hievor
)
.
A
ls «Komorbiditäten» zu berücksich
tigende krankheitswertige Störungen
sind damit
ausgewiesen.
5.6
.4
Bei den Komplexen «Persönlichkeit» und «sozialer Kontext» ergibt sich Folgendes:
Die Persönlichkeitsstruktur ist intakt.
Wie
Dr.
A._
aber
zu Recht ausführte
(E. 3.1
hievor
)
, sind die sozialen Aktivitäten der Beschwerdeführerin dadurch, dass sie ausschliesslich auf die vertraute Kernfamilie und eine Freundin reduziert sind, faktisch karg.
Ausserhalb dieser Bezugspersonen sind die sozialen Ressour
cen durch die Psychopathologie zugeschüttet
, von zwei ihrer Geschwister sowie einer guten Freundin hat sie sich distanziert, da sie sich von diesen in ihrer Glaub
würdigkeit in Frage gestellt fühl
t
e, auch zog sie sich von möglichen Bekannten auf der Strasse zurück, aus Angst, sich erklären zu müssen
(Urk. 8/127 S. 28).
Der soziale Lebenskontext und die Persönlichkeit enthalten
damit nur beschränkt Ressourcen
.
5.6
.5
In der
Kategorie «Konsistenz» (bezüglich Abgrenzung und gegenseitigen Bezügen zu den Komplexen «Persönlichkeit» und «sozialer Kontext» eingehend Michael E. Meier, Ein Jahr neue Schmerzrechtsprechung, in:
Jusletter
vom 11. Juli 2016, S. 28 ff. [nachfolgend: Ein Jahr Schmerzrechtsprechung], vgl. auch Michael E. Meier, Zwei Jahre neue Schmerzrechtsprechung, in: Riemer-Kafka/
Hürzeler
[Hrsg.], Das
indikatorenorientierte
Abklärungsverfahren, 2017, S. 105-148, S. 136 ff. [nachfolgend: Zwei Jahre Schmerzrechtsprechung])
zielt der Indikator
«
gleich
mässige
Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleichbaren Lebens
bereichen
»
auf die Frage ab, ob die diskutierte Einschränkung in Beruf und Erwerb (bzw. bei Nichterwerbstätigen im Aufgabenbereich) einerseits und in
den sonsti
gen Lebensbereichen (beispielsweise Freizeitgestaltung) anderseits gleich ausge
prägt ist, wobei das
Aktivitätenniveau
der versicherten Person stets im Verhältnis zur geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit zu sehen ist (BGE 141 V 281 E. 4.4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.1).
Abgesehen von wöchentlichen Spaziergängen mit der Freundin werden nur Pflichten und verbindliche Termine wahrgenommen
.
Im Vergleich mit ihrem Zustand vor dem Unfallereignis hat
die Beschwerdeführerin
jegliche Freizeitakti
vitäten und Interessen
aufgegeben, schaut keine Nachrichten mehr,
widmet sich praktisch
ausschliesslich
Verpflichtungen und verbringt viel Zeit mit Ausruhen und Schlafen. Zwar hat die Beschwerdeführerin inzwischen einen Partner gefun
den
und geheiratet, doch weist
Dr.
A._
zu Recht darauf hin, dass
der
Ehe
mann
vor allem die Funktion eines Hilfs-Ich zu haben scheint, bei welchem die Beschwerdeführerin in ihrer posttraumatisch erlebten Schutzlosigkeit vor allem Halt und Schutz sucht. Er wird in diesem Sinne eigentlich instrumentalisiert und ist einer der Kanäle, mit denen sie ihre Autonomie abgegeben hat, wie sie auch ihre administrative Autonomie und Selbstbestimmung einer Beiständin abgege
ben hat
(
Urk.
8/127 S. 38
).
Eine
gleichmässige
Einschränkung des
Aktivitäten
niveaus
ist damit ausgewiesen
.
5.6
.6
Im Rahmen des Indikators «behandlungs- und eingliederungsanamnestisch aus
gewiesener Leidensdruck» (zur Abgrenzung vom Indikator «Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz» vgl. Michael E. Meier, Ein Jahr Schmerz
rechtsprechung, S. 25
Rz
60 und Michael E. Meier, Zwei Jahre Schmerzrecht
sprechung, S. 129) weist d
ie
Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen, das
heisst
das
Ausmass
, in welchem Behandlungen wahrgenommen oder eben vernachlässigt werden (ergänzend zum Gesichtspunkt Behandlungs- und Einglie
de
rungserfolg oder -resistenz unter dem Komplex
«
Gesundheitsschädigung
»
) auf
den tatsächlichen Leidensdruck hin. In ähnlicher Weise
zu berücksichtigen ist das Verhalten der versicherten Person im Rahmen der beruflichen (Selbst-) Einglie
derung. Inkonsistentes Verhalten ist auch hier ein Indiz dafür, die geltend gemachte Einschränkung sei anders begründet als durch eine ver
sicherte Gesund
heitsbeeinträchtigung (BGE 141 V 281 E. 4.4.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.2).
Die Beschwerdeführerin wird seit der Vergewaltigung
in einer
engmaschig
en
psychiatrisch
delegierten Psychotherapie
betreut, dies zunächst mit zwei Termi
nen pro Woche,
anschliessend
einer wöchentlichen Sitzung. Sie lässt sich psycho
pharmakologisch therapieren und absolvierte zwei mehrwöchige stationäre Traumatherapien
, einen tagesklinischen Aufenthalt,
eine
Mal
-
und
Craniosacral
therapie
. Auch bemühte sie sich um eine Eingliederung
, die
Massnahme
musste j
edoch aufgrund einer Verschlechterung ihres Zustandes
abgebrochen werden
(vgl. zum Ganzen E. 3.1
hievor
)
. Ein hoher Leidensdruck ist damit sowohl in therapeutischer als auch in
eingliederungsanamnestischer Sicht
ausgewiesen.
Dr.
A._
bezeichnete die Therapiebereitschaft der Beschwerdeführerin denn auch als optimal
.
5.6
.7
Zusammenfassend ist bei gesamthafter Betrachtung über die
massgeblichen
Indi
katoren eine medizinisch-gesundheitliche Anspruchsgrundlage, welche zur Anerkennung einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit aus psychischer Sicht führt, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen.
Mit der
Zusprache
der befristeten Rente wurde dies von der Beschwerdegegnerin zumindest bis am 3
1.
Juli 2019 auch anerkannt.
Was sich
anschliessend
daran geändert haben soll und eine Rentenaufhebung ab
1.
August 2019 rechtfertigen würde, i
st n
icht ersichtlich und
wurde
von der Beschwerdegegnerin
auch
nicht
begründet.
Die Beschwerdegegnerin argumentierte denn auch nicht mit einer gesundheitlichen Verbesserung, sondern mit einem Wegfall der Kausalität. Für diese Annahme besteht indes
wie dargelegt keine Veranlassung. Soweit die Beschwerdegegnerin tatsächlich von einer verbesserten gesundheitlichen Situa
tion ausgegangen sein sollte, wäre das Attest von
Dr.
A._
als rein prognos
tische Einschätzung nicht beweiswertig für eine Rentenaufhebung.
5.7
Bei einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit ergibt sich ein Inva
liditätsgrad von 100
%
. Die Beschwerde ist damit
gutzuheissen und der Beschwerdeführerin a
uch über den 3
1.
Juli 2019 hinaus
eine auf einem Invalidi
tätsgrad von 100 % basierende unbefristete Invalidenrente zuzusprechen.
6.
Die Beschwerdeführerin beantragte zudem die
Zusprache
einer Integritätsent
schädigung.
6.1
Nach Art. 24 Abs. 1 UVG hat die versicherte Person Anspruch auf eine angemes
sene Integritätsentschädigung, wenn sie durch den Unfall eine dauernde erheb
liche Schädigung der körperlichen oder geistigen Integrität erleidet. Die Integri
tätsentschädigung wird in Form einer Kapitalleistung gewährt. Sie darf den am Unfalltag geltenden Höchstbetrag des versicherten Jahresverdienstes nicht über
steigen und wird entsprechend der Schwere des Integritätsschadens abge
stuft (Art. 25 Abs. 1 UVG).
Gemäss Art. 25 Abs. 2 UVG regelt der Bundesrat die Bemessung der Entschädi
gung. Von dieser Befugnis hat er in Art. 36 UVV Gebrauch gemacht. Abs. 1 dieser Vorschrift bestimmt, dass ein Integritätsschaden als dauernd gilt, wenn er voraussichtlich während des ganzen Lebens minde
stens in gleichem Umfang besteht. Er ist erheblich, wenn die körperliche oder geistige Integrität, unabhängig von der Erwerbsfähigkeit, augenfällig oder stark beeinträchtigt wird. Gemäss Abs. 2 gelten für die Bemessung der Integritätsentschädigung die Richtlinien des Anhanges
3.
Fallen mehrere körperliche oder geistige Integritätsschäden aus einem oder mehreren Unfällen
zusammen, so wird die
Integritätsentschädigung nach der gesamten Beeinträchtigung fest
gesetzt (Abs. 3).
6.2
Voraussetzung für die
Zusprache
einer Integritätsentschädigung ist unter ande
rem eine dauernde Schädigung der
körperlichen oder geistigen Inte
grität.
Eine solche ist vorliegend bei ausgewiesenem Gesundheitsschaden und gegebener Kausalität ausgewiesen. In den Akten finden sich keine Abklärungen zu dieser Thematik, was angesichts der Verneinung der Kausalität durch die Beschwerde
gegnerin auch nicht erstaunt. Diesbezüglich ist ein Entscheid mangels medizini
schen Grundlagen nicht möglich. Die Sache ist in diesem Punkt an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie entsprechende medizinische Abklärungen tätige und über den Anspruch der Beschwerdeführer
in
auf eine Integ
ritätsentschädigung befinde.
7
.
Mit dem Entscheid in der Hauptsache wird das Gesuch um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde (
Urk.
1 S. 2) gegenstandslos.
8
.
Der Beschwerdeführerin steht eine Prozessentschädigung zu, welche vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen festge
setzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
).
Diese ist auf
Fr.
3'600.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) festzulegen und der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.