Decision ID: b6032e6f-cf98-5d6e-bc29-5726c8c29848
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer gelangte gemäss eigenen Angaben am
11. Februar 2021 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b Am 11. März 2021 fand die Befragung des Beschwerdeführers (Erst-
befragung für unbegleitete minderjährige Asylsuchende; EB UMA) statt,
und am 25. März 2021 hörte das SEM ihn vertieft zu seinen Asylgründen
an.
Der Beschwerdeführer brachte dabei im Wesentlichen vor, er sei ethni-
scher Paschtune sunnitischen Glaubens und im Dorf B._ (Distrikt
C._, Provinz Nangarhar) geboren und aufgewachsen. Sein älterer
Bruder habe als Kommandant in der Afghanischen Nationalarmee gedient
und rund 40 Soldaten unter sich gehabt. Ende März (...) sei er (Beschwer-
deführer) deswegen auf dem Schulweg von den Taliban in die Berge ent-
führt worden, wo er gefangen gehalten und gefoltert worden sei. Die Tali-
ban hätten seinem Bruder telefonisch befohlen herbeizukommen, andern-
falls sie ihm (Beschwerdeführer) etwas antun würden. Zur Untermauerung
ihrer Drohung hätten sie ihm (Beschwerdeführer) während des Telefonge-
sprächs mit seinem Bruder jeweils (...). Insgesamt habe er auf diese Weise
(...) verloren. Sein Bruder habe sich den Taliban trotzdem nicht ergeben.
Am (...) sei sein Bruder in einem Gefecht bei D._ in der Provinz
Herat ums Leben gekommen. Dies sei den Taliban bekannt gewesen, den-
noch hätten sie ihn (Beschwerdeführer) nicht freigelassen. Nach dem Tod
seines Bruders sei er aber weniger stark gequält worden. Er sei von den
Taliban auch zweimal gezwungen worden, am Unterricht teilzunehmen. Da
er sich geweigert habe, sei er zur Strafe durchgehend gefesselt gehalten
worden und habe sich kaum bewegen können. Zudem sei er von den übri-
gen Gefangenen, etwa fünfzehn Kinder aus unterschiedlichen Gegenden
und Distrikten, separiert worden. Nach ungefähr fünf Monaten habe die Af-
ghanische Nationalarmee ihn und die anderen gefangenen Kinder aus den
Höhlen der Taliban befreien können. Er sei in der Folge fünf oder sechs
Tage lang im Krankenhaus in E._ behandelt worden und anschlies-
send direkt nach Hause zurückgekehrt. Weil sein Vater grosse Angst um
ihn gehabt habe, sei er fortan nicht mehr in die Schule gegangen und habe
stattdessen seinen Vater begleitet, wenn dieser der Arbeit auf den Feldern
nachgegangen sei.
Wegen des Todes seines Bruders habe sein Vater eine Rente von den
afghanischen Behörden erhalten. Ungefähr sieben Monate nachdem er
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(Beschwerdeführer) befreit worden sei, hätten die Taliban seinen Vater we-
gen dieser Rente per Telefon bedroht. Zudem hätten die Taliban von sei-
nem Vater verlangt, dass er (Beschwerdeführer) sich den Taliban an-
schliesse. Sein Vater sei deswegen wütend geworden und habe die SIM-
Karte zerstört und das Telefon weggeworfen. Rund einen Monat später
seien in der Nacht die Taliban zu ihm (Beschwerdeführer) nach Hause ge-
kommen, woraufhin er umgehend die Flucht ergriffen habe. Nachdem er
die Nacht auf dem Bazar in C._ verbracht habe, sei er mit einer
Rikscha zu seinem Onkel mütterlicherseits in den Distrikt F._ geflo-
hen und habe diesem vom Vorfall berichtet. Sein Onkel habe sich in der
Folge bei den Dorfbewohnern von B._ telefonisch erkundigt und
herausgefunden, dass sein Vater und zwei weitere Dorfbewohner von den
Taliban mitgenommen worden und seine Mutter und seine Schwester seit
jener Nacht spurlos verschwunden seien. Angesichts dieser Vorkomm-
nisse habe sein Onkel entschieden, dass er (Beschwerdeführer) Afghanis-
tan verlasse müsse. Sein Onkel habe den Traktor sowie einige weitere Sa-
chen der Familie verkauft und mit einem Schlepper die Ausreise organi-
siert. Etwa im März (...) habe er Afghanistan in Richtung Pakistan verlas-
sen.
A.c Der Beschwerdeführer reichte – jeweils in Kopie – seine afghanische
Taskera mit Ausstellungsdatum 23. Juli 2018 und mehrere Unterlagen zur
militärischen Laufbahn seines Bruders und zu dessen Tod zu den Akten.
B.
Das SEM stellte am 1. April 2021 einen Entscheidentwurf aus. Dazu nahm
der Beschwerdeführer am 6. April 2021 Stellung.
C.
Mit Verfügung vom 7. April 2021 stellte das SEM fest, der Beschwerdefüh-
rer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte das Asylgesuch ab.
Es wies ihn aus der Schweiz weg, nahm ihn aber infolge Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz auf.
D.
Der Beschwerdeführer focht diesen Entscheid mit Eingabe vom 7. Mai
2021 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte unter Aufhebung
der Dispositivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung die Feststellung
seiner Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter
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die Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung an das SEM. In prozessu-
aler Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung samt Erlass eines Kostenvorschusses.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Juni 2021 hiess die Instruktionsrichterin –
unter Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung sowie einer
nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse – das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut.
F.
Die Vorinstanz liess sich mit Eingabe vom 29. Juni 2021 zur Beschwerde
vernehmen.
G.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 7. Juli 2021 innert erstreck-
ter Frist eine gleichentags ausgestellte Fürsorgebestätigung zu den Akten.
H.
Er replizierte mit Eingabe vom 15. Juli 2021.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Ver-
ordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem
Coronavirus vom 1. April 2020 [COVID-19-Verordnung Asyl; SR 142.318]
und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung der Begründungspflicht. Er
macht geltend, die Vorinstanz habe keine näheren Aussagen zur Glaub-
haftigkeit seiner Vorbringen gemacht, obwohl in der Stellungnahme zum
Entscheidentwurf vom 6. April 2021 darum gebeten worden sei. Mit diesem
Vorgehen werde ihm ein effektiver Rechtsschutz verunmöglicht, da er sich
zu den angeblich unglaubhaften Aussagen gar nicht habe äussern können
(Beschwerde, B. II. 11., S. 8. f.).
Gemäss konstanter Rechtsprechung muss der Entscheid so abgefasst
sein, dass der Betroffene ihn sachgerecht anfechten kann. Es müssen die
Überlegungen kurz genannt werden, von denen sich die Behörde leiten
liess und auf die sie ihren Entscheid stützt (vgl. BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Die Vorinstanz begründete in der angefochtenen Verfügung hinreichend
ausführlich und nachvollziehbar, weshalb ihrer Auffassung nach sämtliche
Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Flüchtlings-
eigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten und behielt sich die Aus-
führung von Unglaubhaftigkeitselementen im Falle einer Beschwerde vor
(vgl. angefochtene Verfügung, Ziff. II S. 3 ff.). Aufgrund der gesetzlichen
Konzeption kann bei fehlender Asylrelevanz darauf verzichtet werden, die
gleichen Vorbringen auch noch auf ihre Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7
AsylG zu prüfen. Der Beschwerdeführer hat daher keinen Anspruch darauf,
dass die Vorinstanz seine Vorbringen auch unter dem Aspekt der Glaub-
haftigkeit prüft, nachdem sie bereits die Asylrelevanz verneint hat. Soweit
die Vorinstanz sich auf Beschwerdeebene (vgl. Vernehmlassung vom
29. Juni 2021) dennoch zu gewissen Unglaubhaftigkeitselementen geäus-
sert hat, hatte der Beschwerdeführer im Rahmen der Replik Gelegenheit
zu einer Stellungnahme. Im Übrigen war es ihm offensichtlich möglich, den
Entscheid der Vorinstanz sachgerecht anzufechten, was den Schluss zu-
lässt, dass er sich über die Tragweite der Verfügung ein Bild machen
konnte (vgl. BGE 129 I 232 E. 3.2). Eine Verletzung der Begründungspflicht
ist demnach nicht zu erkennen.
3.2 Nach dem Gesagten ist der Eventualantrag, es sei die angefochtene
Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen, abzuweisen.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 2 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung
aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten.
Die Festhaltung des Beschwerdeführers und die an ihm verübten Folterun-
gen durch die Taliban würden ausdrücklich bedauert. Diese Festhaltung
und die Misshandlungen hätten als Hintergrund aber die Unterdruckset-
zung seines damals bei der Nationalarmee tätigen Bruders gehabt. Nach
dem Tod des Bruders seien der Antrieb und der Grund für diese Handlung
durch die Taliban weggefallen. Der Vorfall habe mit der Freilassung des
Beschwerdeführers denn auch keine weiteren Konsequenzen mehr für ihn
persönlich gehabt, weshalb er keine flüchtlingsrechtliche Relevanz ent-
falte.
Der einmalige Drohanruf der Taliban an den Vater, der Überfall und die Mit-
nahme des Vaters durch die Taliban würden sodann kein in Art. 3 AsylG
genanntes Motiv beinhalten, der Grund dafür sei vielmehr auf Rache, Ab-
schreckung oder Vergeltung zurückzuführen, weil sein Vater eine Rente für
den verstorbenen Sohn bezogen habe. Somit bestehe ein gemeinrechtli-
ches und kein flüchtlingsrechtlich relevantes Verfolgungsmotiv. Den Akten
und den Aussagen des Beschwerdeführers seien keine Hinweise darauf zu
entnehmen, dass die Taliban nebst dem Bezug der Rentengelder seinem
Vater eine oppositionelle politische Haltung zugeschrieben hätten.
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Soweit der Beschwerdeführer geltend mache, die Taliban hätten ihn rekru-
tieren wollen, damit er später nicht für die Nationalarmee tätig werden
könnte, erscheine es rein hypothetisch, dass der Angriff der Taliban auf
sein Zuhause auch auf ihn bezogen gewesen sei, die Mitnahme seines
Vaters etwas mit ihm zu tun gehabt und ihm (Beschwerdeführer) eine Rek-
rutierung tatsächlich gedroht habe. Es sei wenig wahrscheinlich und weder
aufgrund seiner Angaben noch aus den Akten ersichtlich, dass es die Tali-
ban auf ihn als damals (...)jährigen Jungen abgesehen hätten, weil er ex-
plizit als Oppositioneller angesehen worden wäre, und um zu verhindern,
dass er sich in ferner Zukunft allenfalls der Nationalarmee hätte anschlies-
sen können. Vielmehr habe es sich damals wohl um eine Aktion der Taliban
gegen verschiedene Dorfbewohner gehandelt, seien doch nicht allein sein
Vater, sondern auch andere Dorfbewohner mitgenommen worden. Seine
Furcht vor Verfolgungshandlungen von Seiten der Taliban möge subjektiv
verständlich sein, erscheine objektiv jedoch unbegründet. Abgesehen da-
von entbehre seine Furcht eines flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
gungsmotivs.
5.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in der Rechtsmittelschrift, die Vor-
instanz verkenne, dass er von den Taliban nicht freigelassen, sondern
durch die Nationalarmee befreit worden sei. Die Probleme seiner Familie
mit den Taliban hätten nach dem Tod des Bruders nicht aufgehört, diese
seien im Gegenteil immer schlimmer geworden. Zudem müsse bei seiner
Entführung in Betracht gezogen werden, dass Armeeangehörige und deren
Familien in Afghanistan einem erhöhten Risiko von Entführung oder Er-
pressung durch die Taliban ausgesetzt seien. Sie würden von ihnen als
Verräter und Kollaborateure mit dem Westen betrachtet, weshalb das Ver-
folgungsmotiv der politischen Anschauungen gestützt auf Art. 3 AsylG er-
füllt sei. Zudem hätten die Taliban ihn rekrutieren wollen, sie hätten ihn und
seinen Vater mehrmals darauf angesprochen. Er habe diese Aufforderung
jedoch ignoriert, auch deshalb sei er asylrelevant gefährdet, zumal andere,
nicht regierungsnahe Familien im Dorf keine Probleme mit den Taliban ge-
habt hätten. Insofern knüpfe die Verfolgung durch die Taliban an gewisse
nicht abänderbare (innere und äussere) Merkmale von ihm an und beruhe
auf flüchtlingsrechtlich relevanten Motiven. Die Argumentation der Vorin-
stanz, wonach der Drohanruf des Vaters bloss ein gemeinrechtliches und
nicht ein flüchtlingsrechtliches Motiv darstelle, greife zu kurz und lasse aus-
ser Acht, dass Armeeangehörige und deren Familien gemäss UNHCR ein
spezielles Risikoprofil erfüllen würden und bei Anschlägen gegen sie nicht
nur der Rache- oder Vergeltungsgedanke eine Rolle spiele, sondern die
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Taliban diese Personengruppe infolge der anderen politischen Gesinnung
direkt angreifen würden.
5.3 Die Vorinstanz hielt in der Vernehmlassung an den Ausführungen in der
angefochtenen Verfügung fest. Ergänzend führte sie aus, die Vorbringen
des Beschwerdeführers seien von zahlreichen Unglaubhaftigkeitselemen-
ten geprägt. So würden die fluchtauslösenden Ereignisse zeitlich mit dem
Ende der behördlichen Rentenauszahlungen zusammenfallen. Es sei an-
derweitig nicht nachvollziehbar, weshalb gerade zum damaligen Zeitpunkt
der Drohanruf, der Überfall und die Mitnahme des Vaters wie auch der an-
deren Dorfbewohner hätten stattfinden sollen. Im Falle eines gezielten In-
teresses am Beschwerdeführer wäre vielmehr zu erwarten gewesen, dass
nicht erst mehrere Monate später, sondern umgehend nach seiner Entlas-
sung aus dem Krankenhaus allfällige Bedrohungen oder Verfolgungen
stattgefunden hätten. Weiter sei es nicht glaubhaft, dass der Vater einer-
seits nach dem Anruf der Taliban aus seiner Wut heraus die SIM-Karte und
auch noch sein Mobiltelefon zerstört, andererseits aber die Drohung igno-
riert haben sollte. Angesichts der bereits vergangenen Ereignisse und der
angeblichen Angst des Vaters um seinen Sohn erscheine dieses Verhalten
realitätsfremd. Auch im Beschrieb über die Nacht, in der die Taliban den
Beschwerdeführer zuhause aufgesucht hätten, seien keine Realitätskenn-
zeichen auszumachen, und die nur teilweise verfügbaren Angaben zur ak-
tuellen Situation seiner Kernfamilie würden unergründlich bleiben. Die sub-
stanzarmen und ausweichenden Antworten würden darauf hindeuten, dass
der Beschwerdeführer das Vorgebrachte nicht selbst erlebt habe, ansons-
ten er im Stande gewesen wäre, mit viel mehr Details und einem persönli-
chen Bezug über das Ereignis und seine anschliessende Flucht zu berich-
ten. Bis zum Schluss bleibe trotz Aufforderung, das Geschehene auch bild-
lich darzustellen, die Flucht von seinem Zuhause schleierhaft, und der Be-
schwerdeführer habe nicht plausibel darlegen können, inwieweit die weni-
gen Einwohner aus seinem Heimatdorf zwar Angaben zum Vater, jedoch
keinerlei Informationen zur Mutter und zur Schwester hätten machen kön-
nen. Abgesehen davon, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers den
Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht
standhielten, seien die Ausführungen zu den fluchtauslösenden Vorkomm-
nissen klarerweise unglaubhaft.
5.4 Der Beschwerdeführer wiederholte in der Replik im Wesentlichen seine
Beschwerdevorbringen.
6.
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6.1 Zunächst ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die mehrmonatige Ge-
fangenschaft und die Folterungen des Beschwerdeführers im Jahr (...)
durch die Taliban im Sinne eines Druckmittels gegen den nicht habhaften
Bruder, einem Kommandanten der Afghanischen Nationalarmee, als
glaubhaft erachtet hat. Auch das Bundesverwaltungsgericht zweifelt nicht
an der Glaubhaftigkeit der entsprechenden Vorbringen des Beschwerde-
führers, zumal seine Angaben zur Gefangenschaft hinreichend substanzi-
iert und mit Realkennzeichen versehen ausgefallen sind. Nach den eben-
falls glaubhaften Äusserungen wurde der Beschwerdeführer nach dem Tod
des Bruders weiterhin in Gefangenschaft behalten, bis er letztlich zusam-
men mit anderen gefangenen Kindern durch die Afghanische Nationalar-
mee befreit worden ist.
6.2 Die Vorinstanz stellt indes die logische Nachvollziehbarkeit der
schlussendlich fluchtauslösenden Ereignisse in Frage. Insbesondere sei
nicht nachvollziehbar, weshalb der Drohanruf, der Überfall auf das Eltern-
haus und die Mitnahme des Vaters erst mehrere Monate nach der Entlas-
sung des Beschwerdeführers aus dem Krankenhaus stattgefunden hätten.
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz kann jedoch vom Beschwerde-
führer nicht erwartet werden, das Verhalten seiner Verfolger zu erklären,
zumal eine Zeitspanne von sieben Monaten zwischen der Befreiung des
Beschwerdeführers und dem Drohanruf der Taliban nicht als übermässig
lange erscheint. Vielmehr ergibt sich aus dem Anruf der Taliban gerade ein
nach wie vor erhöhtes Interesse an der Familie des Beschwerdeführers
auch nach dem Tod des Bruders des Beschwerdeführers, der als Komman-
dant der Afghanischen Nationalarmee in einem Gefecht im Mai (...) gefal-
len war. Nach Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts schildert der
Beschwerdeführer auch den Ablauf des besagten Angriffs der Taliban auf
sein Elternhaus insgesamt und – soweit ihm dies angesichts seiner umge-
henden Flucht überhaupt möglich war – durchaus detailliert, gibt räumliche
Beschreibungen und nachvollziehbare Erklärungen ab, weshalb nur er und
nicht auch sein Vater, der die geschwächte kranke Mutter und die Schwes-
ter nicht zurücklassen wollte, geflohen ist. Auch die Schilderungen des Be-
schwerdeführers, wie ihm sein Onkel mitgeteilt habe, was seinem Vater
beim Überfall geschehen sei, sind nachvollziehbar und geben emotionale
Zustände wieder. So sei auch der Onkel beim Erzählen ein wenig verzwei-
felt gewesen und habe befürchtet, er würde eines Tages wegen des Be-
schwerdeführers ebenfalls Probleme bekommen. Dass der Beschwerde-
führer nicht darzulegen vermochte, inwiefern die Dorfbewohner zwar An-
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gaben zu seinem Vater machen, jedoch keinerlei Informationen zum Ver-
bleib von Mutter und Schwester geben konnten, ist ebenfalls nicht dem Be-
schwerdeführer anzulasten.
Im Sinne einer Gesamtbetrachtung ist festzuhalten, dass die Aussagen des
Beschwerdeführers zum Drohanruf und zum Überfall auf das Elternhaus
im Kontext seiner familiären Nähe (Bruder) zu einem Kommandanten der
Afghanischen Nationalarmee, dem die Taliban erfolglos versucht hatten
habhaft zu werden, und angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer
als naher Angehöriger bereits zuvor tatsächlich einem massiven Übergriff
der Taliban ausgesetzt gewesen war (mehrmonatige Gefangenschaft mit
Folterung), als überwiegend logisch konsistent und hinreichend detailliert
zu erachten sind. Dies gilt umso mehr in Berücksichtigung des Umstandes,
dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des Überfalls auf sein Elternhaus
erst (...) Jahre alt und bei den Befragungen durch die Vorinstanz (...) Jahre
alt gewesen ist und von ihm nicht dieselbe Erzähldichte wie von einem
Volljährigen erwartet werden kann.
Nach dem Gesagten kommt das Gericht zum Schluss, dass die Aussagen
des Beschwerdeführers den Anforderungen an das Glaubhaftmachen ge-
mäss Art. 7 AsylG standzuhalten vermögen.
7.
7.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Vorbringen des Beschwerdeführers
die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft erfüllen beziehungsweise
ob er bei einer Rückkehr nach Afghanistan ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten hätte.
7.2 Bereits bei der Beurteilung der Sicherheitslage in Afghanistan im Jahr
2017 (vgl. Urteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017, als Referenzurteil
publiziert) hatte das Gericht festgestellt, dass sich Gruppen von Personen
definieren lassen, die in diesem Land aufgrund ihrer Exponiertheit einem
erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem
Personen, welche der afghanischen Regierung oder der internationalen
Gemeinschaft inklusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder
als Unterstützer derselben wahrgenommen werden sowie westlich orien-
tierte oder der afghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen
nicht entsprechende Personen (vgl. dazu: UNITED NATIONS HIGH COMMIS-
SIONER FOR REFUGEES [UNHCR], Eligibility Guidelines for Assessing the
International Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom
30. August 2018, https://www.refworld.org/docid/5b8900109.html, S. 40 ff.
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[abgerufen am 3. Januar 2022] sowie die beiden Berichte des EUROPEAN
ASYLUM OFFICE [EASO] "Country of Origin Information Report:
Afghanistan: Individuals targeted by armed actors in the conflict" vom
Dezember 2017, S. 34 f. und "Country Guidance: Afghanistan: Guidance
note and common analysis" vom Juni 2018, S. 41 ff.). Weitere Quellen be-
richten ebenfalls von gezielten Angriffen auf Mitarbeitende der afghani-
schen Regierung oder internationaler Organisationen und einem erhöhten
Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – insbesondere durch die Hände
der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. AUSTRALIAN DEPARTEMENT OF
FOREIGN AFFAIRS AND TRADE [DFAT]: "Country Information Report Afgha-
nistan" vom 18. September 2017, Ziffn. 3.19 und 3.23; ACCORD: "Aktuelle
Sicherheitslage in Afghanistan und Chronologie für Kabul" vom 11. Sep-
tember 2018, Kapitel 1.2; SCHWEIZERISCHE FLÜCHTLINGSHILFE [SFH]:
"Afghanistan: Gefährdungsprofile" vom 12. September 2019, insbes.
S. 10).
7.3 Diese Gefährdungslage hat sich für die erwähnten Personengruppen
seit der im August 2021 erfolgten Übernahme der Kontrolle über das ge-
samte Staatsgebiets durch die Taliban und dem inzwischen erfolgten voll-
ständigen Abzug der amerikanischen und ausländischen Streitkräfte zwei-
fellos noch akzentuiert (vgl. AFGHANISTAN ANALYSTS NETWORK, The Mo-
ment in Between: "After the Americans, Before the New Regime", 1. Sep-
tember 2021, https://www.afghanistan-analysts.org/en/reports/war-and-
pea ce/the-moment-in-between-after-the-americans-before-the-new-re-
gime).
7.4 Der seinerzeit noch minderjährige Beschwerdeführer hat sich zwar vor
seiner Ausreise gemäss seinen Angaben nicht durch eigene Tätigkeiten
exponiert. Es ist jedoch erstellt, dass sein Bruder, mithin ein naher Ange-
höriger, bis zum Tod anlässlich eines Gefechts am (...) als Kommandant in
der Afghanischen Nationalarmee gedient und zu den oben unter E. 7.3 auf-
geführten Risikogruppen gehört hat. Aufgrund dieser familiären Zugehörig-
keit ist der Beschwerdeführer selber in den Fokus der Taliban geraten und
war während der mehrmonatigen Gefangenschaft schwerwiegenden Miss-
handlungen ausgesetzt. Nach dem Tod des Bruders wurde der Beschwer-
deführer zwar körperlich weniger stark misshandelt, jedoch bis zur Befrei-
ung durch die Afghanische Nationalarmee weiterhin in Gefangenschaft be-
halten. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Auffassung der Vorinstanz,
nach dem Tod des Bruders sei der Antrieb und Grund für die Handlungen
der Taliban weggefallen, nicht aufrecht erhalten. Vielmehr ist davon auszu-
gehen, dass die Taliban den Beschwerdeführer, jedenfalls nach dem Tod
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des Bruders, ebenso wie die anderen Kinder zum Zwecke der Rekrutierung
in Gefangenschaft behalten haben. Dementsprechend führte der Be-
schwerdeführer denn auch aus, die Taliban hätten gewollt, dass er an ih-
rem Unterricht teilnehme (vgl. act. 10883135-22/16 F29). Vor diesem Hin-
tergrund ist durchaus anzunehmen, dass die Taliban dem Vater nicht nur
wegen der Inanspruchnahme der staatlichen Hinterlassenenrente des Bru-
ders sondern auch wegen einer Rekrutierung des Beschwerdeführers ge-
droht haben. Es ergab sich folglich aus der familiären Zugehörigkeit zu ei-
nem Kommandanten der Afghanischen Nationalarmee ein erhöhtes Inte-
resse der Taliban an der Familie des Beschwerdeführers im Allgemeinen
und auch an der Rekrutierung des Beschwerdeführers für ihre Zwecke im
Besonderen, welches auch nach dem Tod des Bruders nicht weggefallen
ist. Es darf davon ausgegangen werden, dass dem Beschwerdeführer, hät-
ten die Taliban Kenntnis von seinem Aufenthaltsort bis zur Ausreise beim
Onkel mütterlicherseits (wohnhaft im Distrikt F._) gehabt, mit hoher
Wahrscheinlichkeit erhebliche – aus flüchtlingsrechtlich relevanten Grün-
den zugefügte – Nachteile gedroht hätten. Seine diesbezügliche subjektive
Furcht ist damit als objektiv begründet zu beurteilen.
7.5 Angesichts der aktuellen Situation in Afghanistan ist die Furcht des Be-
schwerdeführers vor Verfolgung weiterhin begründet.
7.6 Aus den Akten gehen keine Anhaltspunkte für das Vorliegen von Aus-
schlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG hervor. Die Beschwerde ist
nach dem Gesagten gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom
7. April 2021 ist aufzuheben, und die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Be-
schwerdeführer in Anerkennung seiner Flüchtlingseigenschaft Asyl zu ge-
währen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind – ungeachtet der am 14. Juni
2021 gewährten unentgeltlichen Prozessführung – keine Kosten zu erhe-
ben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung aus-
zurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater Satz 1 AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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