Decision ID: 41281caf-9314-5e09-92f8-dd21353c4502
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Jürg Jakob, rohner thurnherr wiget & partner,
Rosenbergstrasse 42b, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Aufhebung der Invalidenrente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 15. April 1996 zum Bezug von IV-Leistungen an. Sie gab
an, sie habe nach der Sekundarschule während zweieinhalb Jahren die Mittelschule
und dann G._-Kurse besucht. Seit November 1992 sei sie in der H._-schule in
Ausbildung (IV-act. 3). Gemäss einem Gutachten der Klinik B._, wo sich die
Versicherte im Februar/März 1996 aufgehalten hatte (vgl. act. 21-5), zuhanden der
Unfallversicherung vom 23. Mai 1996 (IV-act. 10; rheumatologisches Gutachten mit
neurologischem Konsilium und neuropsychologischer Untersuchung) litt sie nach
einem Unfall vom [...] 1995 an einem mittelschweren cervico-spondylogenen und
cervico-cephalen Schmerzsyndrom nach HWS-Distorsionstrauma, zusätzlich an einem
lumbospondylogenen Schmerzsyndrom und an minimalen neuropsychologischen
Funktionsstörungen. Zwei Ereignisse mit abrupten Bremsmanövern am 15. August
1995 und am 21. Dezember 1995 hätten die Symptomatik vorübergehend verstärkt.
Auf die Frage nach der Arbeitsfähigkeit wurde im Gutachten ausgeführt, die Versicherte
sei seit dem Unfalltag nicht mehr arbeitsfähig. Vom 1. bis 22. Dezember 1995 habe sie
eine kleine Arbeitsfähigkeit von 30 % realisiert. Seither sei sie wieder zu 100 %
arbeitsunfähig. Es seien die cervico-cephalen und cervico-spondylogenen
Beschwerden, die eine Arbeitsaufnahme nicht erlaubten. In der
Arbeitgeberbescheinigung vom 22. Mai 1996 wurde angegeben, die Versicherte sei ab
dem 17. Juli 1997 und nach einer kurzen Phase geringerer Arbeitsunfähigkeit seit dem
22. Dezember 1995 durchgehend voll arbeitsunfähig gewesen (IV-act. 8-2). Gemäss
einem Austrittsbericht der B._ vom 10. Februar 1997 (IV-act. 21-5 ff.) hatte sie sich
vom 2. Oktober bis 6. November 1996 wiederum stationär dort aufgehalten. Als
physikalisch-funktionelle Diagnosen waren unter anderem ein mittelschweres
cervicospondylogenes Schmerzsyndrom und Episoden von cervicogenem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kopfschmerz und Schwankschwindel erwähnt worden. Eine Arbeitsfähigkeit liege nicht
vor. Die aktuelle Belastbarkeit genüge den Anforderungen an eine H._ zurzeit nicht.
Die Weiterführung der Ausbildung ab April 1997 sei möglich. Die Berufsberatung der
B._ empfahl am 7. März 1997 (IV-act. 21) die Fortsetzung der Ausbildung zur H._,
allerdings behinderungsbedingt in Etappen und mit einer entsprechend verlängerten
Ausbildungszeit. Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen
bewilligte am 17. April 1997 eine berufliche Abklärung (in Form eines Praktikums in der
B._) während der Zeit vom 14. April bis 26. September 1997 (IV-act. 2 und 28) und
sprach der Versicherten mit Verfügung vom 30. Mai 1997 für die entsprechende Zeit
(14. April 1997 bis 28. September 1997) ein Taggeld zu (IV-act. 30). Am 23. Oktober
1997 sprach sie ihr berufliche Massnahmen im Sinn einer erstmaligen beruflichen
Ausbildung in Form eines Wiedereinstiegs in die (begonnene) Ausbildung zur H._ für
eine Zeit vom 6. Oktober 1997 bis 27. März 1998 zu (IV-act. 38; vgl. IV-act. 23, 35). Am
4. November 1997 und am 29. Dezember 1997 ergingen die Taggeldverfügungen für
die Zeit vom 6. Oktober 1997 bis 29. März 1998 (IV-act. 29 und 44). Die B._ gab am
27. Oktober 1998 eine Arbeitsfähigkeit der Versicherten bezogen auf die Ausbildung
zur H._ von 50 % an (IV-act. 51-3). Die Berufsberaterin der IV-Stelle notierte am 21.
Dezember 1998 (IV-act. 53), der erste Einstieg der Versicherten in die Ausbildung zur
H._ (im November 1991) sei noch vor Ende der Probezeit wegen psychischer
Probleme gescheitert. Die Versicherte habe sich der Problematik aber gestellt und sei
im November 1992 mit guter Prognose wieder aufgenommen worden. Trotz der noch
nicht abgeschlossenen Erstausbildung beantrage sie (die Berufsberaterin) die Prüfung
der Rentenberechtigung; weitere berufliche Massnahmen seien kontraindiziert. Für das
zumutbare Invalideneinkommen sei auf ein Pensum von 50 % (Tätigkeit im I._-wesen
ohne Berufsausbildung, aber mit Berufs- und Fachkenntnissen; Fr. 27'312.--)
abzustellen. Am 2. Februar 1999 erkundigte sich die Versicherte, ob die IV-Stelle ihr
angesichts der fraglichen vollen Arbeitsfähigkeit im angestrebten Beruf die Ausbildung
in einen anderen finanzieren würde (act. 60). Am 16. Juni 2000 teilte sie mit, sie habe
die Ausbildung zur H._ abgeschlossen und erwarte möglichst bald einen
Rentenbescheid (IV-act. 62-1). Am 4. Juli 2000 berichtete die B._ (IV-act. 63), die
Versicherte habe nach wie vor erhebliche belastungsabhängige zervikobrachiale und
zervikozephale Beschwerden. Trotzdem habe sie das Diplom als H._ gemacht. Ihre
Arbeitsfähigkeit betrage auch weiterhin maximal 50 %, da sie längere Pausen benötige.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
In einem [...] könne sie gut eingesetzt werden, da man dort bei der [...] Rücksicht auf
sie nehmen könne. Eine andere Tätigkeit oder eine Umschulung sei nicht angezeigt, da
beispielsweise auch bei der Arbeit am Computer vergleichbare Limitierungen aufträten.
Im Vorbescheid vom 11. August 2000 verglich die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
ein Valideneinkommen von Fr. 63'700.-- (H._) mit einem Invalideneinkommen von
Fr. 27'300.-- (Tätigkeit im I._-wesen ohne Berufsabschluss) und ermittelte so einen
Invaliditätsgrad von 57 %. Zur Frage des Beginns der Rentenberechtigung führte sie
aus, ohne das Unfallereignis vom [...] 1995 wäre die Ausbildung zur H._ im November
1996 abgeschlossen worden. Ab diesem Zeitpunkt bestehe eine 50 %ige
Erwerbsunfähigkeit. Da bis zum 27. März 1998 wegen beruflicher
Eingliederungsmassnahmen ein IV-Taggeld ausgerichtet worden sei, bestehe erst ab
dem 1. März 1998 ein Anspruch auf eine Invalidenrente (IV-act. 64). Am 28. September
2000 sprach die IV-Stelle der Versicherten rückwirkend ab 1. März 1998 eine halbe
Invalidenrente zu (IV-act. 69).
A.b Im Rahmen eines Rentenrevisionsverfahrens vom November 2001 berichtete
C._, Arzt für Neurologie, der IV-Stelle am 30. September 2002 (IV-act. 82), die
Versicherte erbringe als angestellte H._ eine Leistung von 40 - 50 %. Es komme
immer wieder - durch Belastung verstärkt - zu Schmerzen im Bereich des Nackens, der
Scapula, zum Teil ausstrahlend in beide Arme, des Sternums und der HWS sowie zu
belastungsabhängigen Kopfschmerzen, oft mit Schwindel, im Sinn eines
Zervikokranial-Syndroms. Längeres Sitzen oder Stehen sei ungünstig, weshalb auch in
anderen beruflichen Tätigkeiten keine wesentliche Erhöhung des Arbeitspensums zu
erwarten sei. Das Revisionsverfahren endete mit der Feststellung, dass keine
rentenbeeinflussende Änderung eingetreten sei (IV-act. 83). Am 14. Juli 2004 erstattete
C._ aufgrund einer Untersuchung vom Juli 2004 (weiterhin ohne laufende
Behandlung bei ihm) einen inhaltlich - abgesehen von der Erwähnung von
voraussichtlichen Versuchen, die Arbeitsfähigkeit auf 60 - 70 % zu steigern -
identischen Bericht (IV-act. 90), so dass das entsprechende Revisionsverfahren vom
Mai 2004 wieder mit der Feststellung endete, dass keine Änderung des
Invaliditätsgrades eingetreten sei (IV-act. 91). Ab Oktober 2004 ging die Versicherte
einer selbständigen Erwerbstätigkeit nach (vgl. IV-act. 103, vgl. IV-act. 94) und war ab
Januar 2005 zu zunächst 40 % und später zu 30 %, befristet bis 31. Dezember 2005
(IV-act. 95), sowie ab Januar 2006 dann andernorts mit einem Pensum von 20 %
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angestellt (IV-act. 110 f., vgl. IV-act. 103). In einem weiteren Revisionsverfahren nahm
die IV-Stelle am 12. Mai 2006 eine Abklärung an Ort und Stelle vor. Im entsprechenden
Bericht (IV-act. 114) hielt die Abklärungsperson fest, im fiktiven "Gesundheitsfall"
würde die Versicherte monatlich mindestens [...]. Behinderungsbedingt [...]. Der
Betätigungsvergleich anhand der Selbstangaben der Versicherten ergab eine Invalidität
in der selbständigen Tätigkeit von 55.5 %. Für die unselbständig ausgeübte
Erwerbstätigkeit ging die Abklärungsperson vom bisherigen Invaliditätsgrad von 57 %
aus. Auch dieses Revisionsverfahren endete (am 3. Januar 2007) mit der Feststellung,
dass keine Veränderung des Invaliditätsgrads eingetreten sei (IV-act. 122). In einem
Fragebogen im nächsten, im August 2009 veranlassten Revisionsverfahren gab die
Versicherte an, ihr Zustand sei gleich geblieben bzw. habe sich eher verschlechtert. Am
16. Dezember 2009 berichtete C._ (IV-act. 140), die Versicherte habe die
Arbeitsfähigkeit von 50 % halten können. Auch dieses Revisionsverfahren endete wie
die früheren mit der Feststellung, dass keine Änderung des Invaliditätsgrades
eingetreten sei (IV-act. 143).
A.c Am 18. Mai 2012 erklärte die Versicherte in einem weiteren, ihr offenbar am 3. April
2012 zugestellten "Fragebogen: Revision der Invalidenrente/
Hilflosenentschädigung" (IV-act. 145, vgl. auch IV-act. 144) unter anderem, ihr
Gesundheitszustand sei unverändert. C._ berichtete am 29. Oktober 2012 (IV-
act. 159), der Gesundheitszustand der Versicherten habe sich in den letzten 15 Jahren
nicht grundsätzlich, wesentlich und anhaltend verändert. Die Diagnose laute:
Chronifiziertes zervikospondylogenes Schmerzsyndrom bei St. n. HWS-Distorsion [..]/
1995 mit häufigen überlastungsbedingten Kopfschmerz- und Schwindelattacken,
verminderter psychischer Belastbarkeit und leicht verminderter neurokognitiver
Leistungsfähigkeit. Allenfalls ergäbe eine detaillierte neuropsychologische
Testuntersuchung gewisse Aufschlüsse, aber das Ergebnis würde nichts an der
reduzierten Belastbarkeit ändern. Im Übrigen sei keine medizinische Abklärung
erforderlich. Nach vier Arbeitsstunden träten überlastungsbedingte Symptome
(Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpfung) auf. Generell sei die Versicherte vermehrt
anfällig auf eine Reizüberflutung. Ihre Ausdauer und ihre neurokognitive
Leistungsfähigkeit seien vermindert und sie benötige mehr Pausen. Eine weitergehende
als die bisher erreichte Eingliederung dürfte nicht möglich sein. Dr. med. D._,
Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, berichtete am 13. November 2012 ebenfalls (IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 161), dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten seit April 1997 nicht
wesentlich verändert habe. Dr. med. E._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der
Invalidenversicherung hielt am 8. Januar 2013 fest (IV-act. 163), die Arbeitsunfähigkeit
der Versicherten sei überwiegend "mit einem Leiden gemäss Schlussbestimmungen
begründet". Eine mitwirkende, psychisch ausgewiesene Komorbidität von erheblicher
Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer sei im Gutachten vom 23. Mai 1996 nicht
beschrieben worden. In diesem Gutachten sei auch keine chronische körperliche
Begleiterkrankung mit einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit beschrieben worden.
Es zeige auch keinen ausgewiesenen sozialen Rückzug in allen Belangen des Lebens,
keinen verfestigten, therapeutisch nicht mehr angehbaren innerseelischen Verlauf einer
an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung (primärer
Krankheitsgewinn), kein unbefriedigendes Behandlungsergebnis trotz konsequent
durchgeführter ambulanter und/oder stationärer Behandlungsbemühungen und keine
gescheiterte Rehabilitation bei vorhandener Motivation und Eigenanstrengung der
Versicherten auf. Das lumbospondylogene Schmerzsyndrom und die minimalen
neuropsychologischen Funktionsstörungen schränkten die Arbeitsfähigkeit nicht ein.
Eine relevante Änderung im Vergleich zum Vorzustand sei nicht eingetreten. Die IV-
Stelle ging davon aus, dass die Versicherte in der Lage sei, ohne Einschränkung als
H._ erwerbstätig zu sein (IV-act. 165). Mit einem Vorbescheid vom 22. Januar 2013
kündigte sie der Versicherten die Aufhebung der laufenden halben Invalidenrente an.
Sie führte zur Begründung aus, die Überprüfung gemäss der Schlussbestimmung der
Änderung des IVG vom 18. März 2011 habe ergeben, dass die Diagnosen, welche zur
Rentenzusprechung geführt hätten, zu den ätiologisch-pathogenetisch unklaren
syndromalen Zustandsbildern ohne nachweisbare organische Ursache gehörten. Die
diesbezüglich erforderlichen Kriterien seien nicht vorhanden, weshalb für die Zukunft
kein Rentenanspruch mehr bestehe (IV-act. 167). Gleichzeitig stellte sie der
Versicherten offenbar ein Formular für die Anmeldung zur beruflichen Eingliederung zu
(IV-act. 168), worin sie darauf hinwies, dass vor der Aufhebung der Rente berufliche
Eingliederungsmassnahmen zu prüfen seien, dass während deren Durchführung ein
Anspruch auf Weiterzahlung der bisherigen Rentenleistungen bestehe und dass die
Versicherte zur aktiven Mitwirkung bei der Eingliederung verpflichtet sei.
A.d Die Versicherte liess am 15. Februar/28. März 2013 einwenden (IV-act. 169, 173),
unberücksichtigt geblieben sei, dass sie sich bei einem Sturz vom 19. März 2008
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Prellungen an Schultern, Schädel und Becken zugezogen habe. Dadurch hätten sich
die Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Gleichgewichtsstörungen,
Aufmerksamkeitsdefizite und Konzentrationsbeeinträchtigungen immens verstärkt.
Deshalb sei im Frühjahr 2010 ein ORL-Konsil veranlasst worden. Dabei habe sich
gemäss dem beigelegten Bericht von Dr. F._, Spezialarzt FMH für ORL, Hals- und
Gesichtschirurgie, vom 19. Juli 2010 ergeben, dass eine Funktionsstörung der
zervikalen Bewegungssegmente (Störung aller vier regulativen Reflexbögen des
posturalen Kontrollsystems in ihrer Funktion, was den visuo-vestibulären und den
zerviko-visuellen "Mismatch" erkläre) vorliege. Sie leide immer noch an den erwähnten
Beeinträchtigungen. Vor allem löse jede "kognitive Kopfleistung" bereits nach einer
halben Stunde starkes Kopfweh aus. Deshalb habe C._ kürzlich eine weitere
Abklärung in der Neuropsychologie am Kantonsspital St. Gallen zur Feststellung
allfälliger neurokognitiver Defizite in Auftrag gegeben. Die Rente beruhe nicht
ausschliesslich auf einem pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen
Beschwerdebild ohne nachweisbare organische Grundlage. Vielmehr bestünden leichte
neuropsychologische Funktionsstörungen in der Form einer verminderten
Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistung. Auch die ORL-Abklärung habe
organische Defizite aufgezeigt, welche die Störungen plausibel erklärten. Es sei nicht
von einem syndromalen Beschwerdebild auszugehen. Die Aufhebung der Rente sei
zudem angesichts der langen Dauer des Rentenbezuges und des stets mit
überdurchschnittlichem Willen und Einsatz erfolgten, aber immer wieder mit
Rückschlägen verbundenen und bis anhin ergebnislosen Versuchs zur Erhaltung und
Steigerung der Arbeitsfähigkeit unverhältnismässig. Sie (die Versicherte) habe zur
Schadenminderung insbesondere eine selbständige Erwerbstätigkeit aufgenommen,
die sie bei Aufhebung der Rente und der Verpflichtung, an Eingliederungsmassnahmen
teilzunehmen, aufgeben müsste, während aber nach Angaben von C._ auch in einer
anderweitigen Arbeitstätigkeit keine wesentliche Erhöhung des möglichen
Arbeitspensums zu erwarten sei. Eine 17 Jahre zurückliegende medizinische Abklärung
könne ferner nichts über den aktuellen Gesundheitszustand aussagen, zumal sich
zwischenzeitlich ein weiterer Unfall ereignet habe und sich die Abklärung nicht nach
den Kriterien der erst nach der Abklärung geänderten Rechtsprechung von BGE 130 V
352 gerichtet habe. Auch die Vorgaben an Gutachten bei Schleudertraumata seien von
der Rechtsprechung massgeblich geändert worden. Einzig der RAD habe sich im Sinn
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eines versicherungsinternen Berichts zu den Fragen gemäss der Schlussbestimmung
der IV-Revision 6a geäussert. Der behandelnde Arzt halte aber eine Arbeitsleistung von
mehr als 50 % für nicht zumutbar. Die Foerster'schen Kriterien könnten nicht ohne
weiteres verneint werden. Die medizinischen Berichte und die Vorbringen seien
geeignet, Zweifel an der Zuverlässigkeit der RAD-Beurteilung zu begründen, weshalb -
im Eventualfall - externe Fachgutachten einzuholen wären. Dr. E._ vom RAD hielt
dazu am 16. April 2013 fest (IV-act. 176), der Bericht von C._ vom 29. Oktober 2012
bestätige, dass sich der Gesundheitszustand in den letzten 15 Jahren nicht verändert
habe. Für minimale neuropsychologische Funktionsstörungen gebe es zahlreiche
nichtorganische Ursachen. Zudem seien diese Störungen nicht
arbeitsfähigkeitsrelevant. Die ORL-Untersuchung habe keine organische Grundlage für
die beschriebenen Befunde geliefert, was nicht verwundere, sei doch ein nach dem
Unfall 2008 angefertigtes Schädel-/HWS-MRI unauffällig gewesen. Ohne organisch
nachweisbare Funktionsausfälle könnten auch die Ergebnisse einer
neuropsychologischen Abklärung nicht als Grundlage für eine andere Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit dienen. Es bestehe kein Grund, von seiner Stellungnahme vom 8.
Januar 2013 abzuweichen. Mit einer Verfügung vom 17. April 2013 hob die IV-Stelle die
laufende halbe Invalidenrente auf den zweiten auf die Zustellung der Verfügung
folgenden Monat hin auf (IV-act. 177). Einer allfälligen Beschwerde entzog sie die
aufschiebende Wirkung.
B.
B.a Die Versicherte liess am 3. Mai 2013 Beschwerde erheben und beantragen, der
Beschwerde im Sinn einer provisorischen Massnahme die aufschiebende Wirkung
wieder zu erteilen, die angefochtene Verfügung aufzuheben und der
Beschwerdeführerin unverändert die halbe IV-Invalidenrente auszurichten; eventualiter
sei die Beschwerdeführerin in den Fachbereichen Orthopädie, Neurologie, Psychiatrie/
Neuropsychologie und ORL polydisziplinär zu begutachten (act. G 1). Der
Rechtsvertreter führte zur Begründung aus, nach einer Bezugsdauer von mehr als
fünfzehn Jahren überwiege das Interesse der Beschwerdeführerin an einer
Weiterausrichtung der Rente das Interesse der Beschwerdegegnerin beim weitem. Eine
Aufhebung der Rente gemäss der Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a komme von
vorherein nicht in Betracht, weil die Beschwerdeführerin nicht an einem unklaren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
syndromalen Beschwerdebild ohne nachweisbare organische Grundlage im Sinn der
Rechtsprechung leide; ihre Beschwerden seien vielmehr organisch begründbar. Das
gehe schon aus dem Gutachten der B._ aus dem Jahr 1997 hervor. Im Unterschied
zur Einschätzung des RAD-Arztes seien die von Dr. F._ festgestellten Störungen
nach Angabe des behandelnden Neurologen C._ eindeutig organische "Diagnosen"
bzw. Leiden. Es müsse für die Anerkennung organischer Nachweisbarkeit genügen,
dass eine Fehlfunktion oder ein Befund nach Einschätzung des Facharztes basierend
auf den anerkannten wissenschaftlichen Grundlagen messbar und organisch (d.h. auf
die körperlichen Abläufe bezogen) begründbar sei. Neuropsychologische Gutachten
seien anerkanntermassen häufig Teil interdisziplinärer medizinischer Gutachten im
Gebiet des Sozialversicherungsrechts und dienten in der obligatorischen
Unfallversicherung der Abschätzung des Integritätsschadens nach Tabelle 8. Es sei
verschiedentlich bewiesen worden, dass bildgebende Verfahren (zwar zu Aussagen
über strukturelle bzw. morphologische Veränderungen des Gehirns, aber) nicht
geeignet seien, kognitive Funktionsstörungen und deren Auswirkungen zu erfassen. Die
Aufhebung der Rente sei ausserdem unverhältnismässig und unangemessen. Gemäss
der Botschaft zur 6. IV-Revision sei in jedem Fall eine Güterabwägung vorzunehmen;
die Beschwerdegegnerin habe das unterlassen. Die seit neun Jahren ausgeübte
selbständige Tätigkeit aufzugeben, sei der Beschwerdeführerin nicht zumutbar und
wäre zweckwidrig. Sofern die Rente nach Eingang der Ergebnisse der am 29. April
2013 durchgeführten neuropsychologischen Untersuchung nicht ohnehin wegen
fehlender Voraussetzungen für die Anpassung aufrechterhalten werden müsse, seien
externe Fachgutachten einzuholen. Das siebzehn Jahre alte Gutachten der
Unfallversicherung, auf das sich der RAD stütze, vermöge den gesteigerten
Anforderungen gemäss BGE 134 V 109 nicht zu genügen. Die im Rahmen ordentlicher
Rentenrevisionen von C._ ausgestellten Kurzatteste eines mehr oder weniger stabilen
Gesundheitszustands änderten hieran nichts. Die Beschwerdeführerin sei bis anhin nie
aufgrund der Kriterien der sogenannten "Überwindbarkeitspraxis" gutachterlich
abgeklärt worden. Im Unterschied zum RAD gehe der behandelnde Arzt von einer
zumutbaren Arbeitsleistung der Beschwerdeführerin von 50 % aus, wie sie schon der
Bericht der B._ vom Sommer 2000 festgestellt habe. Es lägen unter anderem ein
mehrjähriger Krankheitsverlauf bei unveränderter oder progredienter Symptomatik und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unbefriedigende Behandlungsergebnisse bei überdurchschnittlicher Eigenanstrengung
vor.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 17. Juni 2013, der Beschwerde sei keine
aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Beschwerde sei abzuweisen (act. G 4). Da
die Beschwerdeführerin das 55. Altersjahr noch nicht vollendet und die Rente im
Zeitpunkt der Verfahrenseinleitung (spätestens mit Schreiben vom 7. November 2012
an Dr. D._; IV-act. 160) noch nicht fünfzehn Jahre lang bezogen habe, sei die
Schlussbestimmung der IV-Revision 6a anwendbar. Für eine Prüfung der
Verhältnismässigkeit auf der Stufe des Verwaltungsverfahrens bleibe kein Raum, da der
Gesetzgeber diese mit (den erwähnten beiden Einschränkungen von) lit. a Abs. 4
positivrechtlich geregelt habe. Der Beschwerdeführerin sei die Rente aufgrund eines
syndromalen Leidens im Sinn der Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a
zugesprochen worden. Die B._ habe ausschliesslich ein HWS-Distorsionstrauma
diagnostiziert. Die geltend gemachten Beschwerden gehörten alle zum typischen
Komplex von Symptomen, der sich bei einem solchen Distorsionstrauma zeige. Auch
aus dem Bericht von Dr. F._ ergäben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass die
Beschwerdeführerin an Beschwerden leide, die nicht im Zusammenhang mit der HWS-
Distorsion stünden. Eine psychiatrische Diagnose sei nie gestellt worden. Die
Beschwerdeführerin absolviere auch keine psychiatrische Therapie und nehme keine
Psychopharmaka ein. Das Vorliegen einer psychischen Komorbidität sei daher
ausgeschlossen. Es bestünden keine Foerster'schen Kriterien im notwendigen
Schweregrad. Der aktuelle Gesundheitszustand sei ausreichend abgeklärt. Weil die
Foerster'schen Kriterien nicht erfüllt seien, sei die Rente zu Recht aufgehoben worden.
B.c In der Replik vom 27. August 2013 liess die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten (act. G 7). Ihr Rechtsvertreter machte geltend, die Schlussbestimmung der
IV-Revision 6a finde keine Anwendung. Es liege kein syndromales Beschwerdebild im
Sinn der Rechtsprechung vor. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bestehe dagegen
eine psychische Erkrankung von massgeblicher Schwere. Bei lit. a Abs. 4 der
Schlussbestimmung handle es sich nicht um eine positivrechtliche Regelung der
Verhältnismässigkeit. Es sei darüber in jedem einzelnen Fall zu entscheiden. Eine Rente
aufzuheben, ohne den Verlauf der gesundheitlichen Beeinträchtigung bis zum
Zeitpunkt der beabsichtigten Rentenaufhebung zu berücksichtigen, sei unhaltbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausschlaggebend sei nicht, ob die Beschwerdeführerin an Beschwerden leide, die
nicht im Zusammenhang mit der HWS-Distorsion stünden, sondern ob organisch
messbare Folgen vorhanden seien, was zwei behandelnde Osteopathen in beigelegten
Berichten bestätigten. Die Beschwerdegegnerin habe die psychischen
Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin pflichtwidrig nie weiter abgeklärt. Nach
den nun vorliegenden und eingereichten neuropsychologischen
Abklärungsergebnissen des Kantonsspitals St. Gallen hätten sich in verschiedenen
Bereichen mittelschwer bis schwer beeinträchtigte kognitive Funktionsstörungen und
Auffälligkeiten im Verhalten und in der Persönlichkeit der Beschwerdeführerin gezeigt.
Es bestehe danach ein relevantes dysexecutives Syndrom, das wie die weiteren
Störungen der willentlichen Beeinflussung nicht zugänglich sei. Da zahlreiche Hinweise
auf eine relevante psychische Erkrankung gefunden worden seien, sei eine
entsprechende Abklärung als notwendig bezeichnet worden. Eine psychische
Komorbidität sei daher überwiegend wahrscheinlich. Es lägen damit messbare
Beschwerden vor, die nicht zum üblichen Bild einer HWS-Distorsion gehörten. Die
Beschwerdeführerin teile die Ausführungen der Beschwerdegegnerin zu den
Foerster'schen Kriterien nicht.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 9).

Erwägungen
1.
1.1 Gemäss lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen der Änderung des IVG vom
18. März 2011 (6. IV-Revision, erstes Massnahmenpaket) werden Renten, die bei
pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern ohne nachweis
bare organische Genese gesprochen worden sind, innerhalb von drei Jahren seit
Inkrafttreten dieser Gesetzesänderungen überprüft, wobei die Rente herabzusetzen
oder aufzuheben ist, wenn die Voraussetzungen von Art. 7 ATSG nicht erfüllt sind.
Keine Anwendung findet diese Bestimmung auf Personen, die im Zeitpunkt des
Inkrafttretens dieser Gesetzesänderungen das 55. Altersjahr zurückgelegt haben oder
im Zeitpunkt, in dem die Überprüfung eingeleitet wird, seit mehr als fünfzehn Jahren
eine Rente der Invalidenversicherung beziehen (Abs. 4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2 In seiner Botschaft vom 24. Februar 2010 zur Änderung des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (6. IV-Revision, erstes Massnahmenpaket; BBl 2010 1817 ff.,
1912) hat der Bundesrat zu Abs. 4 der lit. a der Schlussbestimmung ausgeführt, für
Personen ab 55 Jahren und für solche, die seit mehr als 15 Jahren eine Rente bezögen,
werde unter Berücksichtigung der Gesichtspunkte der Rechtssicherheit und des
Vertrauensschutzes eine Besitzstandgarantie vorgesehen. Eine Wiedereingliederung
dürfte in diesen Fällen faktisch ausgeschlossen sein, weshalb die
Schlussbestimmungen für diese Personen nicht zur Anwendung kämen.
1.3 Abs. 4 der lit. a der Schlussbestimmung ist am 1. Januar 2012 in Kraft getreten.
Die 19_ geborene Beschwerdeführerin hatte zu diesem Zeitpunkt das 55. Altersjahr
noch nicht zurückgelegt. - Des Weiteren ist massgeblich, in welchem Zeitpunkt die
Überprüfung im Sinn der genannten Bestimmung eingeleitet wurde. Mit dem Versand
des Fragebogens "Revision der Invalidenrente/Hilflosenentschädigung" am 3. April
2012 (vgl. IV-act. 144) hat die Beschwerdegegnerin ein Rentenrevisionsverfahren
gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG eröffnet. Ziel dieses Verfahrens ist es gewesen, Hinweise
auf eine allfällige Veränderung des Invaliditätsgrades seit der letzten Rentenrevision zu
Tage zu fördern. Das ergibt sich aus den gestellten Fragen. Nichts deutet darauf hin,
dass die Beschwerdegegnerin am 3. April 2012 gleichzeitig auch ein
Überprüfungsverfahren gemäss der lit. a der Übergangsbestimmungen zur IV-Revision
6a eingeleitet hätte. Erst mit dem am 3. Juli 2012 an den Hausarzt verschickten
Fragebogen "Überprüfung medizinischer Sachverhalt" (vgl. IV-act. 148) hat die
Beschwerdegegnerin begonnen, den Sachverhalt im Hinblick auf eine allfällige
Aufhebung der laufenden Rente gestützt auf diese Übergangsbestimmung abzuklären.
Massgebendes Datum bei der Prüfung der Dauer des Rentenbezuges ist also der 3.
Juli 2012 (nichts anderes ergäbe sich im Übrigen nach den folgenden E. 1.8 f., wenn
vom 3. April 2012 auszugehen wäre).
1.4 Dem Wortlaut entsprechend fragt sich, ob die Beschwerdeführerin am 3. Juli 2012
seit mehr als fünfzehn Jahren eine Rente der Invalidenversicherung "bezogen" habe.
1.5 Die Rente war ihr mit der Verfügung vom 28. September 2000 (vgl. IV-act. 69)
rückwirkend ab dem 1. März 1998 zugesprochen worden. Vertrauensschutz in die
Rentenzusprache konnte demnach erst ab September 2000 entstehen. Nach BGE 139
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
V 442 E. 4.2.2 ff. ist allerdings für den Beginn des "Beziehens" der Rente im Sinn der
Schlussbestimmung der Beginn des Rentenanspruchs und nicht das Datum der
(rechtskräftig erlassenen) Rentenverfügung massgebend. Bei einer rückwirkenden
Rentenzusprache kann also ein fünfzehnjähriger Rentenbezug vorliegen, auch wenn
der Zeitpunkt, an dem die entsprechende Verfügung erlassen und die Rentenleistungen
erstmals (einschliesslich Nachzahlung) ausgerichtet worden sind, weniger als fünfzehn
Jahre zurückliegt. Beginn des Rentenanspruchs war im März 1998.
1.6 Würde man - dem Wortlaut des Abs. 4 der lit. a der Schlussbestimmung und der
Rechtsprechung in BGE 139 V 442 gemäss - auf den Rentenbeginn am 1. März 1998
abstellen, wäre kein Ausnahmetatbestand gemäss Abs. 4 der Schlussbestimmung
gegeben (am 3. Juli 2012 "Rentenbezug" während vierzehn Jahren und vier Monaten);
diese Schlussbestimmung wäre vielmehr anwendbar.
1.7 Nun hat die Beschwerdeführerin aber nicht nur während vierzehn Jahren und vier
Monaten Ersatzeinkünfte erhalten. Tatsächlich sind ihr ab dem 14. April 1997 IV-
Taggelder für eine Abklärung ausgerichtet worden. Faktisch hat sie also (mit Ausnahme
einer Woche Ende September/Anfang Oktober 1997) bereits ab diesem Zeitpunkt (und
damit länger als 15 Jahre) ein IV-Ersatzeinkommen bezogen.
1.8 Dazu kommt, dass die Beschwerdeführerin, wie dem Gutachten der Klinik B._
vom 23. Mai 1996 zu entnehmen ist, nach dem Unfall vom [...] 1995 bis mindestens
zum Berichtsdatum nicht arbeitsfähig war (nach Angaben in der Arbeit
geberbescheinigung ab 17. Juli 1995; IV-act. 8-2). Sie musste ihre Ausbildung
invaliditätsbedingt unterbrechen. Nach den Angaben im Gutachten hat sie lediglich im
Dezember 1995 während eines Praktikums ein kleines Pensum von 30 % realisiert und
dabei eine praktisch nicht verwertbare Leistung gezeigt. Seither war sie wieder voll
arbeitsunfähig. Nach den medizinischen Akten ist demnach davon auszugehen, dass
sie im [...] 1996 während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens zu 40 % arbeitsunfähig gewesen war, dass also unter diesem Aspekt in
jenem Monat eine Wartezeit nach aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG abgelaufen ist. Im Februar/
März 1996 war die Beschwerdeführerin zudem hospitalisiert (IV-act. 21-5) gewesen. Im
März 1996 ist das Arbeitsverhältnis aufgelöst worden. Nach der Aktenlage blieb die
Beschwerdeführerin durchgehend bis zum April 1997 arbeits- und somit auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingliederungs- und ausbildungsunfähig. Die Beschwerdegegnerin sprach ihr
dementsprechend auch (noch) keine berufliche Massnahme zu; es bestand daher kein
Taggeldanspruch. Angesichts der Eingliederungs- und Ausbildungsunfähigkeit war die
Rentenfrage zu prüfen. aArt. 28 Abs. 3 IVG sah vor, dass der Bundesrat ergänzende
Vorschriften über die Bemessung der Invalidität namentlich für Versicherte erlässt, die
vor Eintritt der Invalidität nicht erwerbstätig oder noch in Ausbildung begriffen waren.
Nach aArt. 26 IVV (seit 1968) erfolgt die Bemessung der Invalidität von Versicherten,
die in Ausbildung begriffen sind, sofern ihnen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht
zugemutet werden kann, gemäss Art. 27 Abs. 1 (Betätigungsvergleich). Sie werden
damit den Nichterwerbstätigen im Sinn von aArt. 5 Abs. 1 IVG gleichgestellt. Die
Behinderung im "Aufgabenbereich" richtet sich dabei nach der Beeinträchtigung in der
schulischen bzw. beruflichen Ausbildung. Versicherten, welche das 18. Altersjahr
vollendet haben, steht daher ein Rentenanspruch zu, wenn und soweit sie
invaliditätsbedingt in der Berufsausbildung behindert sind (vgl. ZAK 1982 S. 495 ff.).
Der Beschwerdeführerin waren das Aufgeben der Ausbildung und die Aufnahme einer
Erwerbstätigkeit nicht zumutbar, da sie zwar eine gewisse schulische, aber noch keine
berufliche Ausbildung erworben hatte. Es ist damit die Invalidität in der bisherigen
Tätigkeit der Ausbildung zu bemessen. Hat ein Gesundheitsschaden eine wesentliche
Behinderung im Ablauf der Ausbildung zur Folge (direkte Auswirkung), so entspricht die
Invalidität nach der Verwaltungspraxis genau dem Ausmass, in welchem der
Versicherte durch seinen Gesundheitsschaden daran gehindert wird, seiner Ausbildung
normal nachzugehen. Diese Art der Bemessung gilt während der ganzen
Ausbildungszeit (Rz 2111 der vom Bundesamt für Sozialversicherungen
herausgegebenen Wegleitung über Invalidität und Hilflosigkeit in der
Invalidenversicherung, WIH, in der bis 31. Dezember 1999 gültig gewesenen Fassung).
Demnach ist ein Student als zur Hälfte invalid zu betrachten, wenn er infolge einer
Krankheit oder eines Unfalls nur noch die Hälfte des Pensums bewältigen kann, das ein
nichtinvalider Student des gleichen Fachs bei gleichem Ausbildungsstand erledigt. Als
vollständig invalid gilt er, wenn er aus gesundheitlichen Gründen die Ausbildung noch
nicht aufnehmen kann oder sie unterbrechen muss (Rz 2112 WIH; vgl. Rz 3091 des
vom Bundesamt für Sozialversicherungen erlassenen Kreisschreibens über Invalidität
und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung, KSIH, in der seit 2014 gültigen Fassung).
Da die Beschwerdeführerin zusätzlich zum Ablauf der durchschnittlichen
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit während eines Jahres im [...] 1996 in diesem Sinn (ganz) invalid war,
hätte sie nach aArt. 28 IVG damals einen Rentenanspruch gehabt.
1.9 Bei der Frage, ob die Schlussbestimmungen anwendbar seien, kann die lang
dauernde Arbeits- und Ausbildungsunfähigkeit der Beschwerdeführerin bereits vor dem
3. Juli 1997 mit hypothetischem Rentenbeginn im [...] 1996 nicht unbeachtet bleiben.
Es rechtfertigt sich vielmehr eine ausdehnende Interpretation des Abs. 4 der lit. a der
Schlussbestimmung. Denn wie im Entscheid BGE 139 V 442 E. 4.2.2 ff. dargelegt, ist
ausschlaggebend, dass die Wahrscheinlichkeit einer Wiedereingliederung bereits von
Beginn des (teilweisen) Ausscheidens aus dem Arbeitsleben weg (und nicht erst ab der
Zusprache der Rente) kontinuierlich abnimmt. Die Beschwerdeführerin war bereits seit
dem Unfall im [...] 1995 krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage, an der Ausbildung
als ihrer damaligen Tätigkeit bzw. ihrem damaligen Aufgabenbereich teilzunehmen.
Deshalb ist die Aufhebung der Rente auf den 31. Mai 2013 nach den
Schlussbestimmungen der IV-Revision 6a als rechtswidrig zu betrachten und die
angefochtene Verfügung vom 17. April 2013 ist aufzuheben. Die Beschwerdeführerin
hat auch nach dem 31. Mai 2013 einen Anspruch auf die laufende halbe Invalidenrente.
2.
2.1 Die angefochtene Verfügung vom 17. April 2013 wäre auch rechtswidrig, wenn auf
der wörtlichen Anwendung des Abs. 4 der lit. a der Schlussbestimmung beharrt würde.
Sie würde nämlich auf einer unzureichenden Sachverhaltsabklärung beruhen: In einem
Verfahren nach lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a ist in einem
ersten Schritt zu klären, ob die Voraussetzungen für eine Überprüfung und allfällige
Anpassung des Rentenanspruchs gegeben sind. Dabei stellt sich insbesondere die
Frage, ob die Rente aufgrund eines pathogenetisch-aetiologisch unklaren syndromalen
Beschwerdebildes zugesprochen worden ist. Ist diese Frage zu bejahen und sind auch
die übrigen Voraussetzungen (Alter der versicherten Person, Dauer des
Rentenbezuges, dreijährige Überprüfungsfrist ab Inkrafttreten der Änderung) erfüllt, ist
das eigentliche Verfahren zur (umfassenden und sorgfältigen) Überprüfung und
allfälligen Anpassung des Rentenanspruchs von Amtes wegen zu eröffnen. Diese
Überprüfung hat der geänderten bundesgerichtlichen Rechtsprechung Rechnung zu
tragen. Das bedeutet, dass der Invaliditätsgrad unter Berücksichtigung der Vorgaben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der aktuellen Rechtslage neu zu ermitteln ist. Dabei muss auch auf den aktuellen
Sachverhalt abgestellt werden. Das folgt ohne weiteres aus dem
Untersuchungsgrundsatz (Art. 43 Abs. 1 ATSG), aber auch aus dem Umstand, dass der
Gesetzgeber keine Korrektur ex tunc, sondern vielmehr eine Anpassung ex nunc
vorgesehen hat. Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet also nicht: Wie hoch war
der Invaliditätsgrad im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache gestützt auf den
damaligen Sachverhalt, aber unter Berücksichtigung der aktuellen Rechtsprechung?
Vielmehr ist die aktuelle Praxis auf den aktuellen Sachverhalt anzuwenden, denn die
rentenanpassungstypische Frage lautet: Wie hoch ist der Invaliditätsgrad im aktuellen
Zeitpunkt unter Berücksichtigung des aktuellen Sachverhaltes und des jetzt geltenden
Rechts? Der Gesetzgeber wollte die Vergangenheit auf sich beruhen lassen, die
laufenden Renten aber für die Zukunft korrigieren. Das setzt zwingend voraus, dass
das aktuelle Recht bzw. die aktuelle Praxis auf den aktuellen Sachverhalt angewendet
wird.
2.2 Die medizinische Grundlage für die Zusprache der Invalidenrente hatte in den
Folgen des erlittenen Distorsionstraumas der Halswirbelsäule (bzw. der erlittenen Dis
torsionstraumata der Halswirbelsäule) gelegen, wie insbesondere die Berichte der
B._ vom 27. Oktober 1998 (IV-act. 51), 10. Februar 1997 (IV-act. 21) und 23. Mai
1996 (IV-act. 10) belegt hatten. Weitere, davon unabhängige Beschwerden waren nicht
diagnostiziert worden. Auch waren keine organisch nachweisbaren Funktionsausfälle
dokumentiert worden. Die Ärzte der B._ hatten auf die Frage, ob eine organische
Grundlage bestehe, geantwortet: "Eine klar objektive Grundlage im Sinne eines
radiologischen Nachweises ist bei Distorsionstraumen in aller Regel nicht möglich,
dennoch lassen sich bei der funktionellen Untersuchung die Beschwerden organisch
begründen" (IV-act. 10–6). Es hatte also bloss ein funktioneller, aber kein radiologischer
und damit im eng verstandenen Sinn (gemäss BGE 134 V 231) organischer Nachweis
erhoben werden können. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist aber die
Frage, ob eine spezifische und unfalladäquate Verletzung der Halswirbelsäule ohne
organisch nachweisbare Funktionsausfälle invalidisierend wirkt, sinngemäss anhand
der Rechtsprechung zu den anhaltenden somatoformen Schmerzstörungen zu
beantworten (BGE 136 V 279). Folglich ist die Frage, ob die Rente aufgrund eines
syndromalen Leidens im Sinn der Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a
zugesprochen worden ist, zu bejahen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Eine bei einem Unfall erlittene Verletzung im Bereich von HWS und Kopf kann
allerdings nach der Rechtsprechung auch ohne organisch nachweisbare (d.h.
objektivierbare) Funktionsausfälle zu länger dauernden, die Arbeits- und
Erwerbsfähigkeit beeinträchtigenden Beschwerden führen. Derartige Verletzungen sind
durch ein komplexes und vielschichtiges Beschwerdebild mit eng ineinander
verwobenen, einer Differenzierung kaum zugänglichen Beschwerden physischer und
psychischer Natur gekennzeichnet. Diese mit Bezug auf die obligatorische
Unfallversicherung entwickelten Grundsätze sind auch für die Invalidenversicherung
massgebend. Auch hier kann eine spezifische HWS-Verletzung ohne organisch
nachweisbare Funktionsausfälle mit dem für derartige Verletzungen typischen,
komplexen und vielschichtigen Beschwerdebild die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit
beeinträchtigen. Vom Fehlen organisch nachweisbarer Befunde kann mithin in diesem
Rahmen nicht ohne weiteres direkt auf - überwindbare - psychische Beschwerden
geschlossen werden (BGE 136 V 279 E. 3.1, Bundesgerichtsentscheid i/S J. vom
14. Dezember 2009, 8C_362/09).
2.4 Bei der Ermittlung des aktuellen medizinischen Sachverhalts hat sich die
Beschwerdegegnerin auf eine Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. E._ beschränkt,
der im Wesentlichen nur ausgeführt hat, laut dem Gutachten der B._ vom 23. Mai
1996 liege ein Leiden gemäss der Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a vor. Es sei
keine mitwirkende psychiatrische Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität,
Ausprägung und Dauer ausgewiesen und die übrigen Foerster'schen Kriterien seien
nicht erfüllt. Selbst wenn das zuträfe, bezieht es sich bei genauer Betrachtung nur auf
den damaligen medizinischen Sachverhalt. Dr. E._ hat die Frage, ob und in welchem
Umfang es der Beschwerdeführerin aktuell zumutbar sei, trotz ihrer Schmerzen einer
Erwerbstätigkeit nachzugehen, nicht überzeugend beantwortet. Seine Ausführungen
können zwar gesamthaft dahingehend interpretiert werden, dass seines Erachtens die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aktuell nicht beeinträchtigt sei. Eine
überzeugende Begründung für diese Schlussfolgerung lässt sich seiner Stellungnahme
aber nicht entnehmen. Insbesondere vermag der Verweis auf das (damals) 16 Jahre
alte Gutachten nicht zu überzeugen. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass
C._ und Dr. D._ eine seitherige wesentliche Veränderung verneint haben, denn
diese Einschätzung ist nicht begründet worden. Gemäss der Lage der Akten hat kein
Arzt eine umfassende Erhebung der aktuellen Befunde durchgeführt. Darüber, wie es
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
um die Gesundheit der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt des Erlasses der
angefochtenen Rentenaufhebungsverfügung tatsächlich bestellt gewesen ist, geben
die Akten keine Auskunft. Die vom Gesetzgeber geforderte sorgfältige Prüfung der
aktuellen Zumutbarkeit einer Arbeitstätigkeit trotz Schmerzen bzw. des aktuellen
Arbeitsfähigkeitsgrades ist demnach nicht erfolgt. Die angefochtene Verfügung beruht
folglich auf einem ungenügend abgeklärten aktuellen Sachverhalt (vgl. zu den
Anforderungen an eine aktuelle Abklärung BGE 139 V 547 E. 10.2), was eine Verletzung
der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) darstellt. Würde davon ausgegangen,
dass die Beschwerdeführerin bei der Einleitung des Überprüfungsverfahrens nicht
bereits seit mehr als fünfzehn Jahren eine Leistung im Sinn des Abs. 4 der lit. a der
Schlussbestimmung bezogen habe, müsste die Sache also zur weiteren Abklärung und
zur anschliessenden neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen
werden.
3.
Mit dem Entscheid in der Sache erübrigt sich eine Behandlung des Antrag auf eine
Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde.
4.
Zusammenfassend ist die Beschwerde gutzuheissen. Die unterliegende
Beschwerdegegnerin hat die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der
Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.--
zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der obsiegenden Beschwerdeführerin
eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) auszurichten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht