Decision ID: e78321d1-d03d-552b-ad97-1ca689d1e39f
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) und ihre Tochter
B._ verliessen ihren Heimatstaat Georgien gemäss eigenen Anga-
ben am 28. Mai 2019 und reisten gleichentags auf dem Luftweg in die
Schweiz ein, wo sie am 29. Mai 2019 um Asyl nachsuchten. Am 5. Juni
2019 beauftragte die Beschwerdeführerin die Mitarbeitenden des Rechts-
schutzes für Asylsuchende im Bundesasylzentrum (BAZ) Region
C._ mit der Wahrung ihrer Rechte im Asylverfahren. Am 6. Juni
2019 fand die Personalienaufnahme (PA) und am 11. Juni 2019 das Dub-
lin-Gespräch statt. In der Folge wurde die Beschwerdeführerin am 20. Juni
2019 und am 10. Oktober 2019 einlässlich zu ihren Asylgründen angehört
(vgl. Art. 26 Abs. 3 und Art. 29 AsylG [SR 142.31]).
A.b Zum persönlichen Hintergrund und zur Begründung ihres Asylgesuchs
machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie sei in
D._, Rayon E._, Region F._, Georgien, geboren und
aufgewachsen. Ihre Eltern seien vor über zehn Jahren verstorben, die
Schwester lebe in G._ und die Brüder würden im Elternhaus woh-
nen. Nach Abschluss der Mittelschule habe sie an der (...) studiert und sich
zur (...) ausbilden lassen. In der Folge habe sie im Dorf als (...) gearbeitet.
Im Jahre (...) sei sie nach Tiflis gezogen, wo sie (...) studiert und im Jahre
(...) abgeschlossen habe. Danach habe sie in Tiflis gewohnt und gearbei-
tet. Im Jahr (...) habe sie geheiratet und mit ihrem Ehemann und später
der gemeinsamen Tochter in der Einzimmerwohnung ihres Ehemannes in
Tiflis gewohnt. Nach der Geburt der Tochter sei sie nicht mehr berufstätig
gewesen. Ihr Ehemann sei saisonal bei einer (...) tätig gewesen, sei jedoch
im Jahre 2019 nicht mehr aufgeboten worden.
Ihr Heimatland habe sie verlassen, weil ihr Ehemann ihr gegenüber gewalt-
tätig gewesen sei. Schon bald nach der Heirat habe er sie immer wieder
erniedrigt und beleidigt. Nach der Geburt der Tochter im Jahre (...) habe
sie dann um jede finanzielle Ausgabe für die Familie, sei es für Nahrungs-
mittel oder Medikamente, kämpfen müssen. Auch sei sie regelmässig ge-
schlagen worden. Als die Tochter einmal krank gewesen sei und sie eine
Ambulanz gerufen habe, sei ihr Mann derart wütend geworden, dass er sie
bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen habe. Danach seien die Misshandlun-
gen stetig schlimmer geworden. Er habe sie sexuell genötigt, sie mit den
Füssen getreten, geschlagen und gar mit dem Bügeleisen verbrannt. Er
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habe zudem angefangen, ihr die Tochter zu entziehen, indem er diese im-
mer überallhin mitgenommen habe. Sie habe Angst gehabt, denn ihr Mann
habe getrunken und nicht gut auf die Tochter aufgepasst. Er habe ihr zu-
dem gedroht, er würde sie in einer psychiatrischen Klinik einsperren las-
sen. Sie habe bereits vor einigen Jahren versucht, ihren Mann zu verlassen
und sei zu ihrem Bruder zurück ins Dorf geflüchtet. Bei ihm habe sie jedoch
nicht bleiben können, weshalb sie wieder zu ihrem Ehemann zurückge-
kehrt sei. Sie habe sich nicht scheiden lassen, weil sie keinen Ort gehabt
habe, wo sie hätte hingehen können. Im (...) 2018 sei die Situation derart
schwierig geworden, dass sie sich ans Zentrum (...) gewandt habe, wo sie
psychologische und medizinische Hilfe gefunden habe. Man habe dort ihre
Verletzungen fotografiert und ihr eine Bescheinigung ausgestellt, welche
sie als Opfer von häuslicher Gewalt klassifiziert habe. Auch die Tochter,
welche sehr aggressiv geworden sei, habe im Zentrum psychologische
Hilfe erhalten. Sie habe um eine Unterbringung gebeten, man habe ihr je-
doch mitgeteilt, es gebe keinen freien Platz. Nachdem sie einen Monat
später erneut von ihrem Ehemann zusammengeschlagen worden sei,
habe sie wieder bei (...) um Unterschlupf ersucht, jedoch dieselbe Antwort
erhalten. Danach habe sie angefangen, ihre Ausreise zu planen. Schliess-
lich hätten ihre Schwester und Freunde, welche ihre Situation gekannt hät-
ten, Geld für die Reise gegeben. Da die Tochter dem Vater erzählt habe,
dass sie weggehen würden, habe sie eine Lüge erfinden müssen und ge-
sagt, ihre Freunde hätten ihr einen Urlaub geschenkt. Deshalb habe ihr
Mann gewusst, dass sie für einige Tage in die Schweiz kommen würde und
ihr die Erlaubnis gegeben. Seit der Ankunft in der Schweiz habe sie mit
ihrem Mann keinen Kontakt mehr. Mittlerweile habe er aber ihre Schwester
kontaktiert und Drohungen gegen sie (die Beschwerdeführerin) ausgespro-
chen.
A.c Mit Verfügung vom 18. Oktober 2019 stellte das SEM fest, die Be-
schwerdeführerinnen würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen,
lehnte ihre Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Wegweisungsvollzug an.
Das SEM begründete seinen Entscheid im Wesentlichen mit der fehlenden
Asylrelevanz der geltend gemachten Asylgründe aufgrund der Schutzfä-
higkeit und Schutzwilligkeit des georgischen Staates sowie einer gegebe-
nen innerstaatlichen Fluchtalternative. Im Weiteren sei der Wegweisungs-
vollzug zulässig, zumutbar und möglich. Insbesondere würden weder der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin noch derjenige ihrer Tochter
gegen eine Rückkehr nach Georgien sprechen.
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A.d Die mandatierte Rechtsvertretung erklärte gleichentags das Mandats-
verhältnis als beendet.
A.e Auf die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 24. Okto-
ber 2019 trat das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-5614/2019 vom
28. November 2019 nicht ein.
A.f Die Beschwerdeführerinnen wurden vom SEM am 29. Oktober 2019
dem Aufenthaltskanton C._ zugewiesen.
B.
B.a Am 7. Februar 2020 reichte die Beschwerdeführerin für sich und ihre
Tochter eine als "Wiedererwägungsgesuch" bezeichnete Eingabe beim
SEM ein und beantragte in materieller Hinsicht, es sei festzustellen, dass
der Vollzug der Wegweisung gegenwärtig unzumutbar erscheine, und sie
seien in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
B.b Zur Begründung führte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus,
aus einem neuen Bericht der (...) ([...]) vom 3. Februar 2020 gehe hervor,
dass ihre Tochter an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstö-
rung (PTBS) leide. Auslöser dafür sei die seit der Geburt andauernde se-
quentielle Traumatisierung. Die Tochter sei immer wieder Zeugin gewor-
den, wie die Mutter (die Beschwerdeführerin) durch den Vater häuslicher
und sexueller Gewalt ausgesetzt gewesen sei. Die Tochter sei auch einige
Male vom Vater geschlagen und mehrere Stunden eingesperrt worden. Ge-
mäss Bericht leide die Tochter an Ein- und Durchschlafstörungen und ver-
ringertem Appetit. Zudem äussere das erst (...)jährige Mädchen seit etwa
zwei Monaten Suizidgedanken. Sie (die Beschwerdeführerin) selbst leide
auch an einer PTBS und es bestehe ein erhöhtes Suizidrisiko. Bei der
Tochter sei wegen der PTBS eine traumafokussierte Psychotherapie be-
gonnen worden, auf welche sie bereits positive Reaktionen zeige. Die The-
rapie sollte unbedingt fortgesetzt werden, wobei ein sicheres Behandlungs-
Setting für eine erfolgreiche Therapie unabdingbar sei.
Der Vollzug der Wegweisung bedeute für sie und die Tochter eine schwer-
wiegende Gefährdung. Der ärztliche Bericht halte klar fest, dass eine Rück-
kehr nach Georgien zu einer Retraumatisierung führen würde. Ferner wür-
den bislang gemachte Behandlungserfolge zunichtegemacht. Nach Ein-
schätzung der behandelnden Therapeuten sei für eine erfolgreiche Thera-
pie Sicherheit bezüglich der Aufenthalts- und Wohnsituation sowie Distanz
zum Täter unabdingbar. In Georgien wäre dies klar nicht gegeben. Dem
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Kind würde mit einer Wegweisung die Chance auf eine normale Kindheit
genommen. Der Bericht stelle zudem klar fest, dass sich die gesundheitli-
che Situation der Tochter soweit verschlimmern könnte, dass das Suizidri-
siko sehr wahrscheinlich werde. Die gleiche Situation stelle sich bei ihr (der
Beschwerdeführerin) selbst. Die Anforderungen zur Annahme einer kon-
kreten Gefährdung seien bei einem Kind entsprechend gesenkt. Das Kin-
deswohl sei gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
nicht erst gefährdet, wenn das Kind in eine existenzielle Notlage gerate.
Unabhängig davon, ob die Tochter in Georgien eine vergleichbare Therapie
erhalten würde wie in der Schweiz, liege in der Rückkehr selbst bereits eine
konkrete Gefährdung des Kindeswohls vor. Hinzu komme, dass auch eine
Verschlechterung bei ihr (der Beschwerdeführerin) angenommen werden
müsse, was sich wiederum negativ auf den Zustand der Tochter auswirken
würde. Es erscheine ferner zweifelhaft, dass sie und ihre Tochter in Geor-
gien eine angemessene ambulante psychotherapeutische Behandlung er-
halten würden. Damit bestehe ein reelles Risiko, dass die Tochter in Geor-
gien keine oder bloss eine ungenügende Fortsetzung ihrer Therapie erhal-
ten würde.
C.
Das SEM ersuchte das kantonale Migrationsamt mit Schreiben vom
18. Februar 2020, den Vollzug der Wegweisung einstweilen auszusetzen.
D.
Mit Verfügung des SEM vom 24. Februar 2020 – eröffnet am 25. Februar
2020 – wies die Vorinstanz das Wiedererwägungsgesuch ab und stellte
fest, die Verfügung vom 28. November 2019 (recte: 18. Oktober 2019) sei
rechtskräftig und vollstreckbar. Gleichzeitig hiess das SEM das Gesuch um
Erlass der Verfahrenskosten gut, verzichtete auf die Erhebung von Gebüh-
ren und beendete die Aussetzung des Vollzugs.
E.
Die Beschwerdeführerin liess gegen diesen Entscheid mit Eingabe des
rubrizierten Rechtsvertreters vom 25. März 2020 beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, die angefochtene Ver-
fügung sei vollständig aufzuheben, die Verfügung des SEM vom 18. Okto-
ber 2019 sei in den Ziffern 4 und 5 aufzuheben und ihnen sei wegen Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme zu ertei-
len. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie, es sei der Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren und das Migrationsamt
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des Kantons C._ sei im Sinne vorsorglicher Massnahmen anzuwei-
sen, den Vollzug während der Behandlung des Beschwerdeverfahrens
auszusetzen. Sodann sei ihnen die unentgeltliche Prozessführung zu ge-
währen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Der Eingabe lagen eine Vollmacht und die angefochtene Verfügung bei.
F.
Am 26. März 2020 setzte der zuständige Instruktionsrichter den Vollzug der
Wegweisung per sofort einstweilen aus.
G.
Mit Eingabe vom 2. April 2020 liess die Beschwerdeführerin einen Verlaufs-
bericht der (...) vom 1. April 2020 B._ betreffend nachreichen. Die-
ser gebe insbesondere Einblick in die traumaspezifische Teilearbeit im
Rahmen der Spieltherapie.
H.
Der Instruktionsrichter erteilte der Beschwerde mit Verfügung vom 16. April
2020 die aufschiebende Wirkung und stellte fest, die Beschwerdeführerin-
nen dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Im Wei-
teren hiess er das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen Lage der Beschwer-
deführerinnen gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses. Gleichzeitig lud er das SEM zur Einreichung einer Vernehmlassung
ein.
I.
Das SEM liess sich mit Eingabe vom 4. Mai 2020 zur Beschwerde verneh-
men.
J.
Mit Verfügung vom 7. Mai 2020 wurde den Beschwerdeführerinnen Gele-
genheit gegeben, eine Replik einzureichen.
K.
In der Folge liessen sie innert erstreckter Frist mit Eingabe ihres Rechts-
vertreters vom 5. Juni 2020 replizieren und gleichzeitig einen Bericht der
(...) vom 4. Juni 2020 die Tochter betreffend ("Ergänzende Erläuterungen
zu unseren Berichten vom 3.2.2020 sowie 1.4.2020") einreichen.
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L.
Der Instruktionsrichter forderte die Beschwerdeführerin mit Zwischenverfü-
gung vom 18. Juni 2021 auf, dem Gericht bis zum 5. Juli 2021 mitzuteilen,
ob ihre Tochter gegenwärtig in psychologisch-psychiatrischer Behandlung
sei, und gegebenenfalls einen aktuellen Arztbericht einzureichen.
M.
Die Beschwerdeführerin liess innert erstreckter Frist mit Eingabe vom
19. Juli 2021 einen Verlaufsbericht der (...) vom 15. Juli 2021 einreichen.
Gleichzeitig wurde ausgeführt, die Beschwerdeführerin sei wieder in psy-
chiatrischer Behandlung. Der behandelnde Psychiater, Dr. med.
H._, sei angefragt worden, so rasch als möglich einen ärztlichen
Bericht zu erstellen. Dieser werde, sobald er vorliege, eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 6
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und
haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
3.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, das eingereichte
Gutachten der (...) basiere hauptsächlich auf Aussagen, welche die Be-
schwerdeführerin vor der Psychologin und/oder der Oberärztin über die
Symptomatik ihrer Tochter gemacht habe. Über das von den Psychologen
beobachtete Verhalten von B._ selbst wisse der Bericht lediglich zu
sagen, dass sie erschreckt gewirkt habe, als im Gespräch ihr Vater erwähnt
worden sei, und schreckhaft reagiert habe, als in der Untersuchungssitua-
tion eine Schachtel Buntstifte zu Boden gefallen sei. Alle weiteren Aussa-
gen im Bericht würden auf der Beschreibung der Symptomatik durch die
Beschwerdeführerin und nicht auf Beobachtungen durch eine Psychologin
oder einen Psychologen beruhen. Vor den Psychologen habe die Be-
schwerdeführerin angegeben, die psychologischen Beeinträchtigungen ih-
rer Tochter hätten sich bereits in Georgien gezeigt. Zudem habe sie gesagt,
ihr Ehemann habe ihre Tochter geschlagen. Diesbezüglich erstaune, dass
sie im Rahmen der beiden Befragungen beim SEM zwar erwähnt habe, ihr
Ehemann habe die Tochter einmal in ein Zimmer eingesperrt und nicht gut
auf sie geachtet, wenn er – oft alkoholisiert – mit ihr unterwegs gewesen
sei, jedoch mit keinem Wort Schläge erwähnt habe. Zum Zeitpunkt der
zweiten Befragung beim SEM sei sie zudem lediglich der Meinung gewe-
sen, ihre Tochter brauche aufgrund ihrer (...) eine (...) Behandlung. Weil
diese oft Kopf- und Bauchschmerzen habe, würde sie noch zu einem
Psychologen geschickt. Die gravierenden psychologischen Beeinträchti-
gungen der Tochter, welche sie später im Rahmen der psychologischen
Abklärungen geltend gemacht habe, habe sie somit zum Zeitpunkt der ers-
ten und zweiten Befragung nicht thematisiert. Sie habe lediglich ein ag-
gressives Verhalten ihrer Tochter ihr gegenüber erwähnt, als sie noch in
Georgien gewesen seien. Es sei somit fraglich, ob B._ tatsächlich
die von der Beschwerdeführerin im psychologischen Gutachten geschilder-
ten Symptome wie Selbstmordgedanken zeige.
Sollte B._ tatsächlich an einer komplexen PTBS leiden, könne sie
an das (...) (Anmerkung des Gerichts: "[...]") (...), verwiesen werden, in
welchem Psychologen und Psychiater auf Kinderpsychiatrie spezialisiert
seien. Dabei müsse der Standard der medizinischen Versorgung im Hei-
mat- beziehungsweise Herkunftsstaat nicht dem schweizerischen Niveau
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entsprechen. Der Einwand, die vor der Ausreise für die Beschwerdeführe-
rin zuständige Psychologin sei mittlerweile ausgewandert, sei kein Hinder-
nis für eine Wegweisung. Sie könne sich nach einer Rückkehr beispiels-
weise ans (...) wenden. Personen, welche an einer PTBS leiden würden,
würden dort eine Psychotherapie erhalten. Es sei nicht ersichtlich, weshalb
der individuelle Zugang zu den benötigten Behandlungen für die Be-
schwerdeführerin und ihre Tochter aus asylrelevanten Gründen nicht ge-
währleistet sein sollte. Zudem würden sich die genannten Institutionen in
Tiflis befinden, wo die Beschwerdeführerin die letzten Jahre wohnhaft ge-
wesen sei, und seien für sie leicht erreichbar. Als vulnerable Person könne
sie neben medizinischer Rückkehrhilfe auch eine finanzielle Zusatzhilfe be-
antragen, mit welcher ihr der Zugang zu den genannten Institutionen – bis
sie selbst in Georgien wieder Fuss gefasst und eine Unterkunft sowie eine
Erwerbstätigkeit gefunden habe – auch in finanzieller Hinsicht ermöglicht
werde. Soweit sie geltend mache, eine Voraussetzung für einen therapeu-
tischen Erfolg bei B._ sei die Vermeidung einer Retraumatisierung,
was nur möglich sei, wenn eine Distanz zum Täter gewahrt werde, sei auf
die Erwägungen im Asylentscheid vom 18. Oktober 2019 zu verweisen, wo
mehrere Möglichkeiten zur Herstellung und Wahrung dieser Distanz aufge-
zeigt worden seien. Es könne von der Beschwerdeführerin erwartet wer-
den, dass sie sich – um ihr eigenes und das Wohl ihrer Tochter zu gewähr-
leisten – mit Hilfe der in Georgien hierfür zuständigen Stellen von ihrem
Ehemann trenne und ein finanziell unabhängiges Leben aufbaue.
3.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, bei der Behandlung
von Kindern seien psychologische Fachpersonen zwangsläufig auf zusätz-
liche Informationen durch die Eltern beziehungsweise Elternteile angewie-
sen. Es gebe keinen Grund, die Informationen der Beschwerdeführerin ge-
genüber den psychologisch-psychiatrischen Fachpersonen in Frage zu
stellen, zumal ihre Aussagen im Asylverfahren als glaubhaft erachtet wor-
den seien. B._ sei bereits seit dem 27. September 2019 in der (...)
in regelmässiger (wöchentlicher) Behandlung und es finde bereits eine
traumafokussierte Psychotherapie (im Rahmen der Spieltherapie) statt.
Aufgrund der zahlreichen Sitzungen, die im letzten halben Jahr stattgefun-
den hätten, würden die behandelnden psychologisch-psychiatrischen
Fachpersonen zweifellos über fundierte Eigeneinschätzungen verfügen.
Die Qualität des Berichts, der im Übrigen sachlich, ausführlich, nachvoll-
ziehbar und transparent sei, sei folglich nicht zu beanstanden, weshalb bei
B._ vom Bestehen einer komplexen PTBS, einer andauernden Per-
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sönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung sowie einer erhöhten Sui-
zidalität ausgehen sei. Die gesundheitliche Beeinträchtigung von
B._ sei folglich als schwerwiegend zu beurteilen.
Zutreffend sei, dass die Beschwerdeführerin im Asylverfahren die von ihrer
Tochter erlittene Gewalt und die daraus erfolgenden psychischen Auswir-
kungen nicht in den Vordergrund gestellt und dabei insbesondere die
Schläge durch den Kindsvater nicht erwähnt habe. Dies sei dadurch zu
erklären, dass sie subjektiv ihre eigene Situation als für die Asylbehörden
entscheidrelevanter gewichtet habe als das Schicksal ihres Kindes, das sie
stets als mit ihrem eigenen verbunden betrachtet habe. Damit könnte ihr
die Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht vorgeworfen werden. Jedoch seien
inhaltliche Gewichtungen und Abwägungen im Rahmen des Vorbringens
der Asylgründe in Asylverfahren nie ganz zu verhindern. Angesichts der
vom SEM ansonsten als glaubhaft erachteten Vorbringen seien daher die
erst im Rahmen der ärztlichen Berichte vorgebrachten Schläge des Kinds-
vaters gegenüber seiner Tochter nicht als nachgeschoben zu erachten.
Dass B._ in Georgien einer enormen Stresssituation ausgesetzt ge-
wesen sei, sei den Akten eindeutig zu entnehmen. Darauf lasse auch das
erwähnte "aggressive Verhalten" in Georgien schliessen. Sodann lasse
sich aus der Bemerkung der Beschwerdeführerin, sie wolle ihre Tochter
wegen "Kopf- und Bauchschmerzen" zu einem Psychologen schicken,
schliessen, dass sie deren schwerwiegende psychische Beeinträchtigung
schon frühzeitig erkannt habe. Es sei allgemein bekannt, dass psychische
Störungen in anderen kulturellen Kontexten häufig somatisiert und gerade
mit Kopf- und Magenschmerzen in Verbindung gebracht würden.
Die psychologisch-psychiatrische Versorgung in Georgien sei mit Verweis
auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) weiterhin als
mangelhaft zu qualifizieren. Trotz Verbesserungen in den letzten Jahren
gebe es weiterhin systemische Mängel beim Zugang zur Behandlung psy-
chischer Erkrankungen. Es stünden zu wenig finanzielle Mittel zur Verfü-
gung, was zur Folge habe, dass es einen massiven Mangel an Psychothe-
rapeuten gebe und diese oft ungenügend ausgebildet seien. Der Fokus der
Regierung liege bei stationären Behandlungen, was diese Mängel bei der
ambulanten Behandlung noch verstärke. Personen, die eine ambulante
psychotherapeutische Behandlung benötigen würden, könnten daher nicht
darauf zählen, eine solche zu erhalten, obwohl die Kosten grundsätzlich
übernommen würden. Es sei davon auszugehen, dass der kinderpsychia-
trische/-psychologische Bereich von den Mängeln besonders betroffen sei.
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Der Website der vom SEM erwähnten Institution (...) sei jedoch zu entneh-
men, dass die Kinderpsychiatrie eine unter mehreren medizinischen Abtei-
lungen sei, womit sich insbesondere Fragen hinsichtlich personeller Kapa-
zitäten stellen würden, sollte diese die einzige zuverlässige kinderpsychi-
atrische Institution in Georgien sein. Eine ambulante und kontinuierliche
Behandlung von B._ in Georgien sei nicht mit ausreichender Si-
cherheit gewährleistet. Sollte sie tatsächlich Zugang zum Spital (...) erhal-
ten, so sei aufgrund fragwürdiger personeller Kapazitäten davon auszuge-
hen, dass die Behandlung in qualitativer Hinsicht als unterdurchschnittlich
qualifiziert werden müsste.
Die Vorinstanz unterlasse eine umfassende Gesamtbeurteilung. Die Diag-
nosen von B._ seien insbesondere in ihrer Gesamtheit als schwer-
wiegend zu bezeichnen. Folglich seien die Anforderungen an eine erfolg-
reiche Behandlung beziehungsweise an die Verhinderung einer existenz-
gefährdenden, dem Kindeswohl widersprechenden Verschlechterung des
Gesundheitszustandes entsprechend hoch. Solche Anforderungen würden
vorliegend voraussetzen, dass für B._ in Georgien eine ambulante
kontinuierliche Behandlung gewährleistet sei und dass die Beschwerdefüh-
rerin in diesem zweifellos schwierigen Behandlungsprozess ausreichend
unterstützend wirken könne beziehungsweise sich in einem ausreichend
stabilen Zustand (insbesondere psychisch) befinde. Vorliegend seien ge-
nau diese beiden Voraussetzungen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nicht gegeben. Die Beschwerdeführerin gehöre zur Gruppe der vulnerab-
len Personen. Sie sei in Georgien Opfer von massiver häuslicher Gewalt
geworden, sei bei schlechter psychischer Gesundheit und befinde sich in
psychotherapeutischer-psychiatrischer Behandlung. Bei ihr seien eine
PTBS sowie eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert worden.
Sie sei stark von der erlittenen häuslichen Gewalt gezeichnet und ihre
Furcht vor erneuten gewalttätigen Übergriffen durch den Kindsvater sei
gross. Ob diese Furcht aus objektiver Perspektive nachvollziehbar sei,
spiele letztlich eine untergeordnete Rolle. Aus der subjektiven Perspektive
der Beschwerdeführerin sei die Gefahr, in Georgien erneuter Gewalt aus-
geliefert zu sein, real, und sie beeinträchtige ihre Gesundheit beziehungs-
weise ihre psychische Stabilität erheblich. Die Rückkehr nach Georgien sei
somit mit äusserst grosser Unsicherheit und Ungewissheit verbunden. Ent-
sprechend sei von einer erheblich instabilen psychischen Situation der Be-
schwerdeführerin auszugehen, womit eine elementare Voraussetzung für
den Behandlungserfolg ihrer Tochter in Georgien mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit nicht gewährleistet sein dürfte. Es sei deshalb mit überwie-
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gender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich der gesundheitli-
che Zustand von B._ im Fall einer Rückkehr nach Georgien erheb-
lich verschlechtern beziehungsweise eine existenzgefährdende Ver-
schlechterung des Gesundheitszustandes eintreten würde, die mit dem
Kindeswohl im Sinne von Art. 3 des Übereinkommens über die Rechte des
Kindes (KRK, SR 0.107) nicht zu vereinbaren wäre. Zumindest könne ein
solches Szenario nicht mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen wer-
den.
3.3 In seiner Vernehmlassung wendet das SEM ein, B._ habe sich
zum Zeitpunkt der Erstellung des Gutachtens am 3. Februar 2020 bereits
seit über vier Monaten in einer wöchentlichen Therapie befunden. Trotz-
dem stütze sich die Beurteilung durch die Psychologen ausschliesslich auf
die Verhaltensbeschreibungen der Kindsmutter. Wären von den Psycholo-
gen im Rahmen der Therapie tatsächlich Verhaltensauffälligkeiten bei
B._ festgestellt worden, hätten diese Beobachtungen mit Sicherheit
Eingang in das psychologische Gutachten gefunden. Es bestünden folglich
starke Zweifel am von der Mutter geschilderten angeblich gravierenden
psychologischen Zustand ihrer Tochter. Zudem gehöre es nicht zum offen-
sichtlichen Aufgabenbereich eines Psychologen oder einer Psychologin,
die Aussage einer Patientin – in diesem Fall der Kindsmutter – anzuzwei-
feln. Das SEM hingegen müsse die Aussagen und das Aussageverhalten
der Kindsmutter einer Glaubhaftigkeitsprüfung unterziehen. Aus dem Um-
stand, dass die Beschwerdeführerin zu einem früheren Zeitpunkt im Ver-
fahren die Wahrheit gesagt habe, könne nicht geschlossen werden, dass
sie dies auch vor den Psychologen tue. Das Gegenteil sei anzunehmen,
denn die Beschwerdeführerin beschreibe vor den Psychologen eine Ge-
walteskalation gegenüber der Tochter, welche sie im Rahmen der Anhö-
rungen durch das SEM nicht erwähnt habe. Auch B._s psychologi-
schen Zustand stelle sie vor den Psychologen gravierender dar, als sie dies
im Rahmen der Befragungen durch das SEM getan habe. Dort habe sie
lediglich erwähnt, ihre Tochter habe in Georgien ihr gegenüber ein aggres-
sives Verhalten gezeigt. Seit B._ in der Schweiz sei, habe sie oft
Kopf- und Bauchschmerzen. Vergleiche man die Aussagen, werde deut-
lich, dass laut Schilderung der Beschwerdeführerin seit der Einreise in die
Schweiz zu den Beschwerden B._s laufend schwerwiegende
Symptome bis hin zu Selbstmordäusserungen hinzukommen würden. Dies
sei verwunderlich, zumal sich B._ seit über elf Monaten in einem
sicheren, gewaltfreien Umfeld fernab vom mutmasslichen Täter befinde.
Dass die Beschwerdeführerin die Schläge des Vaters gegenüber der Toch-
ter im Rahmen der Befragungen durch das SEM nicht erwähnt habe, weil
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sie ihre eigene Situation in den Vordergrund gestellt habe, sei als Ausrede
zu werten. Im Rahmen der Anhörung habe sie auf die Frage, ob es Situa-
tionen gegeben habe, in welchen die Tochter tatsächlich in Gefahr gewe-
sen sei, erwähnt, dass der Kindsvater B._ einmal in einem Zimmer
eingesperrt habe. Sie sei auch in Sorge gewesen, wenn der Kindsvater mit
der Tochter allein unterwegs gewesen sei, denn dieser habe ständig Alko-
hol konsumiert. Es müsse davon ausgegangen werden, dass in diesem
Zusammenhang tatsächliche körperliche Misshandlungen Erwähnung ge-
funden hätten, wenn sich diese tatsächlich ereignet hätten.
Im Verlaufsbericht vom 1. April 2020 werde eine Sitzung im Rahmen einer
traumaspezifischen Teilearbeit mit B._ beschrieben, während wel-
cher ihr Verhalten bei der Wahl von – und im Spiel mit – Tierfiguren analy-
siert werde. Bezeichnenderweise sei besagter Bericht erst eingereicht wor-
den, nachdem das Wiedererwägungsgesuch abgelehnt worden sei. Über
die Schlussfolgerungen des Verlaufsberichts und darüber, ob basierend
auf die Tierwahl und das Spielverhalten des Kindes auf dessen gravieren-
den psychologischen Zustand geschlossen werden könne, urteile das SEM
nicht. Es überlasse es dem Gericht zu beurteilen, inwiefern die Mutter ihre
Tochter instrumentalisiere und deren Wohl für ihren eigenen Wunsch, in
der Schweiz zu bleiben, aufs Spiel setze. Die Beschwerdeführerin habe
eine (...) genossen, womit es ihr nicht schwerfallen könne, angebliche
Symptome der Tochter zu beschreiben oder B._ entsprechend zu
beeinflussen.
Sollte eine Behandlung tatsächlich angebracht sein, bestünden für die Be-
schwerdeführerin und ihre Tochter Behandlungsmöglichkeiten in Tiflis. Es
könne von der Beschwerdeführerin erwartet werden, dass sie sich dort um
den Zugang zu einer Behandlung für sich und ihre Tochter bemühe, wenn
nötig mit Hilfe dortiger NGOs und Ombudsstellen.
3.4 In der Replik wird auf die "Ergänzenden Erläuterungen zu unseren Be-
richten vom 3.2.2020 sowie 1.4.2020" der (...) vom 4. Juni 2020 verwiesen.
Der Bericht vom 1. April 2020 sei deshalb eingereicht worden, um den Vor-
halten der Vorinstanz in deren Verfügung fachgerecht entgegnen zu kön-
nen. Hinsichtlich Fachkompetenz der Unterzeichnenden und inhaltliche
Sachlichkeit des Berichts (beziehungsweise der Berichte) sei anzumerken,
dass dieser von der leitenden Ärztin des ambulanten Bereichs, Dr. med.
I._, mitunterzeichnet worden sei.
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Im genannten Bericht wird sodann ausgeführt, in der Kinder- und Jugend-
psychiatrie und -psychotherapie erfolge die Erhebung der persönlichen,
der Familien- sowie der störungsspezifischen Anamnese regelhaft und
standardmässig über die Elternteile. Die Aussagen von Kindern sowie Ju-
gendlichen würden wenn immer möglich ergänzend hinzugezogen. Im vor-
liegenden Fall seien die von der Mutter geschilderten traumatischen Ereig-
nisse durch den Vater von B._ verbal glaubhaft im Rahmen von
therapeutischen Gesprächen bestätigt worden. Auch der Verlauf der
traumafokussierten Psychotherapie mit B._ entspreche dem klassi-
schen Muster der Therapie von traumatisierten Kindern.
Ein Grund, weshalb die Mutter die Gewalteskalationen gegenüber dem
SEM nicht erwähnt haben dürfte, sei wohl der Umstand, dass diese die
Verhaltensauffälligkeiten ihrer Tochter nicht in Beziehung zur PTBS habe
einordnen können und dies deshalb als nicht erwähnenswert eingestuft
habe. Im Rahmen der in der traumafokussierten Psychotherapie regelhaft
stattfindenden Psychoedukation von Betroffenen sei der Mutter dieser Um-
stand zwischenzeitlich sehr wohl bewusst und vermöge ihr dabei zu helfen,
mit den Verhaltensauffälligkeiten der Tochter einen besseren Umgang zu
finden. Sodann würden Menschen, die schwer psychisch verletzt worden
seien (Trauma), zum Schutz ihrer Persönlichkeit Abwehrmechanismen ge-
gen die mit der Verletzung verbundenen Schmerz- und Angstgefühle ent-
wickeln. Es würden sogenannte Täterintrojekte gebildet. Das Opfer einer
Misshandlung identifiziere sich mit dem Täter, da dieser als „der Stärkere"
erscheine, bilde den Täter in der eigenen Psyche ab und übernehme dabei
dessen Werte, Inhalte, Antriebe und Emotionen. Bei B._ seien die
aggressiven Täterintrojekte sowohl gegen sich selbst (Suizidalität) als auch
fremdaggressiv, also nach aussen gegen die Mutter, gerichtet. Wie gravie-
rend sich dies auf die Beziehungsgestaltung auswirken könne, würden die
jüngsten Ereignisse zeigen. Im Verlauf der vergangenen Wochen habe sich
aufgrund der fehlenden Präsenzbeschulung und der mangelnden Struktur
zu Hause eine Zuspitzung der Mutter-Kind-Interaktion abgezeichnet, die
Anfang Mai einen eskalativen Höhepunkt erreicht habe, indem B._
wiederholt deutlich fremdaggressiv und suizidal reagiert habe. Die Pflege-
fachpersonen des Durchgangszentrums hätten den Notfallpsychiater invol-
vieren müssen, es sei ein Notfallprozedere aufgestellt worden und es habe
eine medikamentöse und teilstationäre Behandlung im Raum gestanden.
Im Weiteren seien sowohl die Aggression gegenüber der Mutter sowie das
selbstverletzende Verhalten B._s bereits in Georgien aufgetreten,
womit eine grundsätzliche Zunahme der Symptomatik nicht zu verzeichnen
sei, sondern situativ unterschiedlich stark ausgeprägt zu sein scheine.
D-1708/2020
Seite 15
Was die Teile-Arbeit (Ego-State-Therapie) anbelange, werde diese in den
USA seit Jahrzehnten erfolgreich angewendet, insbesondere in der Be-
handlung von schwer traumatisierten Patientinnen und Patienten. Da in der
spezifischen Arbeit mit Kindern nicht die Sprache, sondern das Spiel das
primäre Medium der Therapie sei, falle dem therapeutischen Spiel mit Kin-
dern eine grosse Bedeutung zu. Im Unterschied zu Erwachsenen vermöch-
ten Kinder nicht über ihre Probleme zu reden. Es falle ihnen leichter, ihre
Konfliktsituationen psychodramatisch (nach Moreno) etwa mittels Tierfigu-
ren zu reinszenieren und sich den mit den Szenen verbundenen Gefühlen
wie Ohnmacht und Trauer erneut auszusetzen. Im Symbolspiel, dem "Kö-
nigsweg" der Kinder, würden sie auf diese Weise ihre innere Wirklichkeit
darstellen, diese sich aneignen und umgestalten. Bei der Referentin handle
es sich um eine sehr erfahrene Kinder-, Jugend- und Familientherapeutin
mit Fokus auf die traumazentrierte Psychotherapie. Sodann sei nur be-
kannt, dass die Mutter gelernte (...) sei, weshalb ihr sämtliches traumas-
pezifische Fachwissen fern sein dürfte.
Die Mutter vermöge in bestimmten Situationen auf das Verhalten der Toch-
ter noch nicht optimal zu reagieren, so dass Konfliktsituationen zwischen
Mutter und Tochter wiederholt eskalativ verlaufen würden und aufgrund der
dabei bis anhin auftretenden Selbst- und Fremdgefährdung die Entwick-
lung von B._ zeitweise gefährdet erscheine. Bei einer Rückführung
wäre mit einer deutlichen Zunahme solcher eskalativen Situationen zwi-
schen Mutter und Tochter beziehungsweise mit einer noch höheren Ge-
fährdung der Entwicklung der Patientin zu rechnen. Zudem scheine in Ge-
orgien eine vergleichsweise deutlich geringere spezialisierte kinder- und
jugendorientierte psychologisch-psychiatrische Versorgung zu bestehen,
die dem schweren Störungsbild der komplexen PTBS als späte, chronifi-
zierte Folge von mehreren traumatischen Ereignissen gerecht werden
könnte. So finde etwa auf der Homepage der (...) in Tiflis eine allfällige
Behandlung von PTBS nebst anderen Störungsbildern keine Erwähnung.
4.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
D-1708/2020
Seite 16
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.
In der Beschwerde wird – wie im Wiedererwägungsgesuch – lediglich die
Anordnung einer vorläufigen Aufnahme infolge Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs beantragt. Die Frage, ob sich der Vollzug der Wegwei-
sung als zulässig erweist, bildet somit nicht Gegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens.
6.
6.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.2
6.2.1 Im Wiedererwägungsgesuch werden gesundheitliche Probleme vor-
gebracht, die gegen den Wegweisungsvollzug sprechen würden. Dazu
wurden mehrere ärztliche Berichte B._ betreffend eingereicht, auf
welche nachfolgend eingegangen wird.
6.2.2 Dem Untersuchungsbericht der (...) vom 3. Februar 2020 ist zu ent-
nehmen, dass B._ an einer PTBS (ICD-10 F43.1), einer andauern-
den Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) und
einer somatoformen Störung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F45.9) leide.
Sodann wurde eine deutliche soziale Beeinträchtigung festgestellt. Seit
dem Erstgespräch am 27. September 2019 hätten nebst einer Abklärungs-
phase mit B._ auch mehrere Einzeltermine mit der Mutter stattge-
funden. Nach Abschluss der Abklärung sei mit B._ eine traumafo-
kussierte Psychotherapie begonnen worden, welche sich mitten im Pro-
zess befinde. Bei B._ handle es sich um ein (...)-jähriges Mädchen
mit einer seit Geburt dauernden sequentiellen Traumatisierung und einer
daraus entstandenen Traumafolgestörung mit zahlreichen Hinweisen auf
das Vorliegen von Täterintrojekten von aggressivem Charakter (autoag-
gressiv sowie gegen die Mutter). Aufgrund der Anamnese sowie der Be-
funde könne die Diagnose einer komplexen PTBS nach ICD-10 F62.0 ge-
stellt werden als späte, chronifizierte Folge von mehreren traumatischen
D-1708/2020
Seite 17
Ereignissen. Diese äussere sich in Symptomen wie Übererregung (Suizi-
dalität, Selbstdestruktivität, Somatisierungsstörungen), Intrusion (Alb-
träume, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen) und Konstriktion (anhaltende
Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit). Eine traumafokussierte Behandlung sei
dringend indiziert, um allfällige weitere Spätfolgen der komplexen posttrau-
matischen Belastungsreaktion wie die Entwicklung von Persönlichkeitsstö-
rungen zu verhindern. Die Mutter habe ebenfalls über eigene Suizidgedan-
ken berichtet. Sie werde aktuell aufgrund einer PTBS psychiatrisch-psy-
chotherapeutisch von Frau J._ behandelt. Eine zwangsweise Rück-
führung der Familie zum aktuellen Zeitpunkt würde bei Mutter und Tochter
zu einer schweren Retraumatisierung führen. Ein Suizid der Mutter oder
selbstgefährdendes Verhalten von B._ seien nicht auszuschlies-
sen. Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht seien eine Ausweisung
und Rückführung nach Georgien nicht zu verantworten. Die traumafokus-
sierte Behandlung zeige bereits positive Reaktionen und sollte unbedingt
fortgeführt werden. Damit die Therapie weiterhin erfolgreich weitergeführt
werden könne, sei die Sicherheit bezüglich Aufenthalts- und Wohnsituation
sowie eine Distanz zum Täter eine wichtige unabdingbare Voraussetzung.
6.2.3 Im ergänzenden Verlaufsbericht der (...) vom 1. April 2020 wird er-
läutert, es würden im Rahmen der traumaspezifischen Teilearbeit mit
B._ mit Tierfiguren und dem Symbolspiel Symptome und Probleme
als innere Anteile und Bedürfnisse dargestellt und im Rahmen von Rein-
szenierungen traumatischer Inhalte ein heilend wirkender Spielverlauf her-
beigeführt. B._ habe sich von Beginn an auf die ihr zur Auswahl
gestellten Tiere und den Prozess einzulassen vermocht und zwar auf eine
Art und Weise, wie sie sich als typisch in der Arbeit mit traumatisierten Kin-
dern zeige. Im Verlauf der Therapiesitzungen zeige sich jenes für von Ge-
walt betroffene traumatisierte jüngere Kinder typische sogenannte trauma-
tische Spiel, indem B._ traumatisch erlebte Inhalte auf immer wie-
derholende Art und Weise reinszeniere, ohne dass dies einen katharti-
schen Effekt herbeiführen würde. Aktuell befinde sich die traumabearbei-
tende Spieltherapie inmitten des Prozesses, die Täterintrojekte aufzulösen
und somit die Auto- sowie die nach aussen gerichteten Aggressionen zu
beheben. Die Weiterführung der Behandlung sei nach wie vor dringend in-
diziert. Ein aufgrund einer Rückführung der Familie bedingter Therapieab-
bruch zum aktuellen Zeitpunkt würde bei B._ zu einer schweren
Retraumatisierung und zu einer Instabilität des aktuell noch fragilen neu
gewonnenen Gleichgewichts führen. Ein selbstgefährdendes Verhalten
von B._ wäre nicht auszuschliessen.
D-1708/2020
Seite 18
6.2.4 Der Verlaufsbericht der (...) vom 15. Juli 2021 hält als Diagnosen
eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10
F62.0) im Sinne einer komplexen PTBS (ICD-10 ad F62.0) fest. Aktuell be-
stünden bei B._ keine Suizidgedanken und -impulse. Fremdaggres-
sives Verhalten sei auf den familiären Rahmen (gegenüber der Mutter) be-
schränkt. Die Mutter werde aktuell aufgrund einer PTBS psychiatrisch von
Dr. med. H._ behandelt. Mutter und Tochter seien im (...) 2021 vom
Durchgangsheim in eine Wohnsiedlung versetzt worden, womit B._
seit (...) 2021 im Rahmen einer regulären (...) Klasse beschult werde, was
ihr aufgrund ihrer kognitiven Ressourcen zugutekomme. Sie habe sich gut
in der neuen Klasse einleben können und gelte als "rechte Hand" der bei-
den Lehrpersonen. Sie habe in den Pausen zunächst aufgrund der noch
schwer verständlichen Mundartsprache eine erschwerte soziale Integration
gezeigt. Zwischenzeitlich werde sie ins Spiel miteinbezogen. In ihrer Frei-
zeit halte sie sich vornehmlich mit der Mutter auf. Abgesehen von den wäh-
rend der Schulzeit stattfindenden sozialen Kontakte gebe es keinerlei Kon-
takt zu anderen. Seit dem 15. Januar 2020 würden Sitzungen mit
B._ im Einzelsetting sowie alternierend regelmässige Gespräche
mit der Mutter stattfinden. Zu Beginn hätten psychodiagnostische Sitzun-
gen im Vordergrund gestanden, wobei schnell und in aller Deutlichkeit das
Bild und das Ausmass einer Traumafolgestörung bei B._ sichtbar
geworden sei. Die Behandlung sei nur kurzzeitig aufgrund der Covid-19-
Pandemie unterbrochen worden und habe aufgrund der eskalativ anmu-
tenden Zuspitzung der Symptomatik bei B._ in Form von akuter Su-
izidalität gar intensiviert werden müssen. Im Verlauf der traumaorientierten
Psychotherapie hätten sich eine Abnahme bis hin zum gänzlichen Weg-
bleiben der autoaggressiven Verhaltensweisen sowie eine Abnahme von
Suizidäusserungen beziehungsweise Lebensüberdrussgedanken gezeigt.
Die aggressiven Täterintrojekte B._s, die im Rahmen der mehrjäh-
rigen Traumatisierung entstanden seien, seien nun nicht mehr gegen sich
selber gerichtet. Dagegen würden die fremdaggressiven Verhaltensweisen
vornehmlich gegenüber der Mutter persistieren, wenn auch in abgemilder-
ter Form. Die tätliche Gewalt gegenüber der Mutter komme deutlich selte-
ner vor, jedoch trete die verbale Gewalt noch auf. B._ scheine durch
die zahlreichen, regelmässig stattgefundenen Misshandlungen der Mutter,
deren Zeugin sie gewesen sei, einer Überflutung von Ängsten um die Mut-
ter und sich selber hilf- und machtlos ausgesetzt gewesen zu sein. Das
Ausbleiben von Beruhigung durch und Aufmerksamkeit von der Mutter ver-
möge damals zusätzlich traumatisierend gewesen sein und stelle offenbar
bis dato einen Trigger dar, den B._ zu vermeiden versuche. Jegli-
che Abgrenzung beziehungsweise minimale Distanzierung der Mutter
D-1708/2020
Seite 19
scheine für B._ nur schwer aushaltbar. Bei Grenzsetzungen der
Mutter reagiere B._ jeweils mit Widerstand und Weinen, dies über
Stunden hinweg. Während sich insgesamt im Verlauf eine gewisse Stabili-
sierung bei B._ zeige, habe sich die psychische Befindlichkeit der
Mutter im Vergleich zum Vorjahr deutlich verschlechtert. Sie weine bei jeder
Sitzung, fühle sich energie- und mutlos und hege wiederkehrende Sui-
zidgedanken und eine Todessehnsucht, ohne konkrete Suizidpläne zu ha-
ben. Zusätzlich zur deutlichen depressiven Symptomatik seien vor allem
seit dem Transfer neu aufgetretene agoraphobisch anmutende Ängste hin-
zugekommen. Die Mutter äussere immer wieder Ängste davor, dass der
Vater herausfinden könnte, wo sie sich aufhalten würden. Sie habe den
Kontakt zu ihren leiblichen Verwandten in Georgien seit ihrer Flucht sehr
eingeschränkt. Aus den wenigen Kontakten höre sie, wie der Vater noch
immer nach ihr suche und sich an ihr rächen wolle. Aus Angst, dass aus
der kleinen georgischen Gemeinschaft in C._ Informationen nach
Georgien gelangen könnten, isoliere sie sich und meide jeglichen Kontakt
zu georgischstämmigen in der Schweiz wohnhaften Personen. Die begon-
nene psychiatrische Behandlung der Mutter sei von ihr bald wieder sistiert
worden, da die traumaorientierte Behandlung emotional zu belastend ge-
wesen sei. Seit circa Mai 2021 befinde sie sich wieder in psychiatrischer
Behandlung, die auch eine medikamentöse Behandlung beinhalte. Es
werde dringend eine Weiterführung der psychologisch-psychotherapeuti-
schen traumaorientierten Behandlung von B._ sowie die Begleitung
ihrer Mutter empfohlen. Die Stabilisierung B._s sei noch fragil und
somit gefährdet. Eine Rückführung der Familie zum aktuellen Zeitpunkt
würde bei B._ zu einer schweren Retraumatisierung führen. Die bis
zum aktuellen Zeitpunkt erfolgte Stabilisierung von B._ und des Fa-
miliensystems sei im Falle eines Therapieabbruchs klar gefährdet und es
sei mit einer erneuten Suizidalität und Gefährdung B._s zu rech-
nen.
6.3 Nach konstanter Praxis kann aus medizinischen Gründen nur dann auf
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden, wenn
eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfü-
gung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden
Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person führen
würde. Als wesentlich wird dabei die allgemeine und dringende medizini-
sche Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer menschen-
würdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls
dann noch nicht vor, wenn die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten
D-1708/2020
Seite 20
im Heimatstaat nicht dem schweizerischen Standard entsprechen (vgl.
etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.2 je mit weiteren Hinweisen).
6.4 Das SEM zweifelt an den von der Beschwerdeführerin gegenüber den
psychotherapeutischen Fachpersonen geschilderten gravierenden psychi-
schen Problemen von B._. Insbesondere erachtet es als fraglich,
ob B._ tatsächlich die von der Beschwerdeführerin geschilderten
Symptome wie Selbstmordgedanken zeige. Der Vorinstanz ist insoweit zu-
zustimmen, als zu erwarten gewesen wäre, die Beschwerdeführerin hätte
bereits im ordentlichen Verfahren die Schläge des Vaters B._ ge-
genüber thematisiert. Überdies erstaunt, dass die Beschwerdeführerin,
welche eigenen Angaben zufolge unter anderem über einen Studienab-
schluss in (...) und (...) verfügt (vgl. SEM-act. [...]-21/21 F22 f.), erst im
Rahmen der traumaorientierten Behandlung B._s über das Aus-
mass von deren – bereits in Georgien bestehenden – Verhaltensauffällig-
keiten berichtete. Gleichzeitig erscheint aufgrund der vorstehend angeführ-
ten Berichte (vgl. E. 6.2) und der ergänzenden Erläuterungen vom 4. Juni
2020 (vgl. E. 3.4) überzeugend dargelegt, aufgrund welcher Überlegungen
und Eigeneinschätzungen die behandelnden Fachleute ihre Schlüsse ge-
zogen haben beziehungsweise zu ihren Diagnosen B._ betreffend
gelangt sind. Auch wird nachvollziehbar aufgezeigt, dass der Verlauf der
traumabearbeitenden Spieltherapie von B._ dem klassischen Mus-
ter der Therapie von traumatisierten Kindern entspreche. Im Weiteren hält
bereits der Untersuchungsbericht vom 3. Februar 2020 fest, dass – neben
Einzelterminen mit der Mutter – eine Abklärungsphase mit B._ statt-
gefunden habe, nach deren Abschluss mit einer traumafokussierten Psy-
chotherapie begonnen worden sei. Die Schlussfolgerungen der Therapeu-
ten basieren damit offensichtlich zu einem gewichtigen Teil auf der direkten
therapeutischen Arbeit mit B._ und basieren nur teilweise auf den
Aussagen der Mutter. Insgesamt sind keine Gründe ersichtlich, welche An-
lass zu Zweifeln an der Seriosität der eingereichten Berichte und der darin
enthaltenen Diagnosen geben könnten. Dass weitere Berichte nach der
Ablehnung des Wiedererwägungsgesuchs eingereicht wurden, erscheint
angesichts der vom SEM geäusserten Skepsis nachvollziehbar und ist der
Beschwerdeführerin nicht negativ anzulasten.
6.5 Georgien verfügt über ein funktionierendes Gesundheitssystem, wel-
ches vor allem in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht hat (vgl.
Urteil des BVGer E-4637/2019 vom 19. September 2019 S. 9 f. m.w.H.).
Hinsichtlich der Finanzierung ist einerseits auf ein Sozialhilfeprogramm für
D-1708/2020
Seite 21
Armutsbetroffene, andererseits auf das staatlich finanzierte allgemeine Ge-
sundheitsprogramm "Universal Health Care Programme" (UHCP) zu ver-
weisen (vgl. etwa Urteil des BVGer E-5563/2021 vom 6. Januar 2022
E. 7.2.3.4 m.w.H.). Für die Behandlung von psychischen Problemen in Ge-
orgien besteht ein staatliches Programm ("State Programme for Mental
Health"), welches allen georgischen Bürgern offensteht und kostenlos ist
(vgl. etwa Urteile des BVGer E-2301/2020 vom 3. Januar 2022 E. 8.3.3
m.w.H.). Im Weiteren hat Georgien in letzter Zeit Anstrengungen zur Re-
form der psychischen Gesundheitsfürsorge unternommen. Im Rahmen des
von der Regierung verabschiedeten "Concept on Mental Health Care" und
der beiden Strategiepläne für 2014–2020 und 2021–2031 wurden die De-
institutionalisierung und der Ausbau von gemeindenahen Gesundheitsein-
richtungen für psychisch Kranke gefördert. Seit 2018 sind neue Versor-
gungsstandards für psychiatrische Ambulatorien und mobile Teams vorge-
schrieben und entsprechend finanziert. Auch wenn noch weitere Anstren-
gungen erforderlich sind, haben die neuen Standards für Ambulatorien und
mobile Teams den Zugang zu und die Abdeckung von psychiatrischer Ge-
sundheitsfürsorge im ganzen Land verbessert (vgl. CHKONIA/GE-
LEISHVILI/SHARASHIDZE/KURATASHVILI/ KHUNDADZE/CHEISHVILI, The Quality
of Care Provided by Outpatient Mental Health Services in Georgia, in: Con-
sortium Psychiatricum, 2021, Volume 2, Issue 4, S. 54 ff., https://consor-
tium-psy.com/jour/article/view/109, abgerufen am 10.02.2022). Die Vo-
rinstanz hat zudem zu Recht auf das Bestehen des (...) Spitals "(...)" ver-
wiesen, wo im Bereich Kinderpsychiatrie die Behandlung von – unter an-
derem – "(...)" angeboten wird (vgl. (...), abgerufen am 10.02.2022). Nach
dem Gesagten kann davon ausgegangen werden, dass eine adäquate Be-
handlung sowohl der Beschwerdeführerin als auch von B._ in Ge-
orgien gewährleistet ist, und die Rückkehr in den Heimatstaat – gegebe-
nenfalls unter Inanspruchnahme von medizinischer Rückkehrhilfe gemäss
Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 (AsylV 2, SR 142.312)
– nicht zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung ihres
Gesundheitszustands führen wird. Staatsangehörige aus Staaten, die für
einen Aufenthalt bis zu drei Monaten von der Visumspflicht befreit sind,
sind zwar gemäss Art. 76a Abs. 1 Bst. a AsylV 2 von der individuellen
Rückkehrhilfe grundsätzlich ausgeschlossen, jedoch kann das SEM ge-
mäss Art. 76a Abs. 2 AsylV 2 für Personen mit besonderen persönlichen,
sozialen oder beruflichen Reintegrationsbedürfnissen im Zielstaat Ausnah-
men gewähren. Es ist deshalb nicht von vornherein ausgeschlossen, dass
die Beschwerdeführerinnen, falls erforderlich, entsprechende Unterstüt-
zungsleistungen beanspruchen könnten, zumal das SEM in der angefoch-
tenen Verfügung ausdrücklich auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht
D-1708/2020
Seite 22
hat (vgl. a.a.O. S. 5). Schliesslich ist festzuhalten, dass der Umstand, dass
die Qualität der verfügbaren Behandlungen und Therapien in Georgien
möglicherweise nicht den schweizerischen Standards entspricht, nicht zur
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führt.
6.6
6.6.1 Auch unter Berücksichtigung des Kindeswohles ist der Wegwei-
sungsvollzug nicht unzumutbar. Nach geltender Rechtsprechung sind bei
der Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AlG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 KRK unter
dem Aspekt des Wohls des Kindes namentlich folgende Kriterien im Rah-
men einer gesamtheitlichen Beurteilung von Bedeutung: Alter, Reife, Ab-
hängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Ei-
genschaften seiner Bezugspersonen, Stand und Prognose bezüglich Ent-
wicklung/Ausbildung sowie der Grad der erfolgten Integration bei einem
längeren Aufenthalt in der Schweiz (vgl. BVGE 2015/30 E. 7.2 m.w.H.).
6.6.2 In der Beschwerde wird – zu Recht – ausgeführt, eine stabile psychi-
sche Situation der Mutter sei eine elementare Voraussetzung für den Be-
handlungserfolg der Tochter. Diesbezüglich ist zunächst festzuhalten, dass
die Beschwerdeführerin entgegen der Ankündigung in der Eingabe vom
19. Juli 2021 bis heute keinen eigenen Arztbericht eingereicht hat, obwohl
sie aktuell aufgrund einer PTBS (wieder) psychiatrisch behandelt werde
(vgl. Bst. M und E. 6.2.4) und bereits zu einem früheren Zeitpunkt eine
PTBS und eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert worden
seien (vgl. E. 3.2). Dem Verlaufsbericht vom 15. Juli 2021 ist überdies zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin die ursprünglich begonnene
psychiatrische Behandlung bald wieder sistiert habe, da die traumaorien-
tierte Behandlung emotional zu belastend gewesen sei (vgl. E. 6.2.4). Es
erscheint deshalb zumindest fraglich, ob sich die Beschwerdeführerin der-
zeit noch in psychiatrischer Behandlung befindet und alles ihr Zumutbare
unternimmt, um ihre eigene psychische Gesundheit und Stabilität zu ver-
bessern.
6.6.3 Aus dem Verlaufsbericht vom 15. Juli 2021 geht sodann hervor, die
psychische Befindlichkeit der Beschwerdeführerin habe sich im Vergleich
zum Vorjahr deutlich verschlechtert und es bestehe eine deutlich depres-
sive Symptomatik. Sie hege wiederkehrende Suizidgedanken und eine To-
dessehnsucht, ohne konkrete Suizidpläne zu haben. Hinzugekommen
seien agoraphobisch anmutende Ängste. Sie äussere auch immer wieder
Ängste, dass B._s Vater herausfinden könnte, wo sie sich aufhalten
D-1708/2020
Seite 23
würden, weshalb sie sich isoliere und jeglichen Kontakt zur georgischstäm-
migen Gemeinschaft in der Schweiz meide (vgl. E. 6.2.4). Letztere subjek-
tive Angst und der sich daraus ergebende soziale Rückzug stellen zweifel-
los eine grosse psychische Belastung dar. Dass gleichzeitig die Furcht der
Beschwerdeführerin, bei einer Rückkehr nach Georgien erneuter Gewalt
durch den Kindsvater ausgeliefert zu sein, gross ist und als real erlebt wird,
wird nicht bezweifelt. So hat sie offenbar den Kontakt zu ihren leiblichen
Verwandten in Georgien seit ihrer Flucht sehr eingeschränkt. Aus den we-
nigen Kontakten höre sie, wie B._s Vater noch immer nach ihr su-
che und sich an ihr rächen wolle. Trotz der Angst vor neuen Übergriffen in
Georgien ist jedoch davon auszugehen, dass es der Beschwerdeführerin
etwa in der Millionenstadt Tiflis subjektiv gefahrloser erscheinen dürfte, aus
der sozialen Isolation auszubrechen und neue Kontakte zu Landsleuten zu
knüpfen oder an bestehende wieder anzuknüpfen, was eine positive Wir-
kung auf ihre Befindlichkeit haben dürfte. Sodann darf von der Beschwer-
deführerin als Mutter erwartet werden, dass sie im Interesse des Kindes-
wohls um eine eigene adäquate psychiatrisch-psychotherapeutische Un-
terstützung besorgt ist, um einerseits eine Verbesserung ihres eigenen
psychischen Gesundheitszustandes zu erreichen und andererseits eskala-
tiven Situationen zwischen ihr und B._ entgegenzuwirken (vgl. auch
E. 3.4). Auch wird es – mit Verweis auf die Erwägungen in der angefochte-
nen Verfügung (vgl. E. 3.1) – in der Verantwortung der Beschwerdeführerin
liegen, Distanz zum Ex-Partner beziehungsweise Kindsvater herzustellen
und zu wahren, um zur eigenen Stabilisierung beizutragen und eine Ret-
raumatisierung der Tochter zu vermeiden.
6.6.4 B._ befindet sich seit gut zwei Jahren in einer traumaorien-
tierten Psychotherapie. Dem Bericht vom 15. Juli 2021 ist zu entnehmen,
dass eine gewisse Stabilisierung ihres Zustandes erreicht wurde. Aller-
dings sei diese noch fragil und im Falle eines Therapieabbruchs klar ge-
fährdet. Es steht ausser Frage, dass die aktuelle Diagnose B._s –
andauernde Persönlichkeitsänderungen nach Extrembelastung im Sinne
einer komplexen PTBS (ICD-10 F62.0/Ad F62.0) – schwerwiegend und das
Kind auf eine adäquate und kontinuierliche Weiterbehandlung angewiesen
ist (vgl. E. 6.2.4). Der Zugang zu einer solchen ist mit Verweis auf die Er-
wägung 6.5 in Georgien gewährleistet. Es wird Aufgabe der Beschwerde-
führerin sein, allenfalls mit Hilfe der in Georgien hierfür zuständigen Stellen,
für eine nahtlose Weiterführung der psychologisch-psychotherapeutischen
Behandlung von B._ zu sorgen. Vor diesem Hintergrund spricht das
Kindeswohl trotz der gesundheitlichen Probleme B._s nicht gegen
eine Rückkehr ins Heimatland.
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Seite 24
6.6.5 Auch im Aufenthalt und der damit verbundenen Integration von
B._ in der Schweiz kann kein Verstoss gegen das Kindeswohl im
Falle des Vollzugs der Wegweisung erblickt werden. Sie ist nun (...) Jahre
alt und hält sich seit bald drei Jahren in der Schweiz auf, was als nicht
besonders lange erscheint. Sie besucht hier die Schule, wo sie laut Ver-
laufsbericht vom 15. Juli 2021 zwar im Klassenverband integriert sei, je-
doch keine ausserschulischen sozialen Kontakte mit anderen Kindern
stattfinden würden (vgl. E. 6.2.4). Es bestehen damit nur lose soziale Bin-
dungen neben der Beziehung zu ihrer Mutter, an welche sie auch aufgrund
ihres Alters noch in erster Linie orientiert ist. Aufgrund ihrer ersten Soziali-
sierung ist B._ überdies mit der georgischen Kultur und Sprache
vertraut.
6.7 Schliesslich lassen weder die allgemeine Lage in Georgien noch indi-
viduelle Gründe wirtschaftlicher und sozialer Natur auf eine konkrete Ge-
fährdung der Beschwerdeführerinnen in ihrer Heimat schliessen. Diesbe-
züglich kann vollumfänglich auf die angefochtene Verfügung und die nach
wie vor gültigen Erwägungen in der Verfügung des SEM vom 18. Oktober
2019 verwiesen werden.
6.8 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerinnen nach Geor-
gien erweist sich nach dem Gesagten nach wie vor als zumutbar. Das SEM
hat zu Recht festgestellt, es würden keine Gründe vorliegen, welche die
Rechtskraft der Verfügung vom 18. Oktober 2019 beseitigen könnten.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1‒3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Aufgrund der mit Instrukti-
onsverfügung vom 16. April 2020 gewährten unentgeltlichen Prozessfüh-
rung sind jedoch keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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