Decision ID: 39d427e3-d1ba-53ca-8d30-4dca21734ea1
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 2/7
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A.- X ist in E, Gemeinde L, wohnhaft und als Direktor und Verwaltungsratspräsident der
C SA und der E SA, beide mit Sitz in M, tätig. Erstere hat eine Zweigniederlassung in E.
B.- X deklarierte in der Steuererklärung 2012 ein steuerbares Einkommen von Fr. XXX.–
und ein steuerbares Vermögen von Fr. XXX.–. Im Schuldenverzeichnis führte er unter
anderem ein Kontokorrent-Darlehen der "C SA" ohne Nennwert und Schuldzinsen auf.
Er hielt dazu fest, dieses Darlehen in der Höhe von Fr. XXX.– sei am 1. Juli 2011 samt
Zinsen von Fr. XXX.– an die D Holding, Luxembourg, übertragen worden. Die
Steuerbehörde forderte X mit Schreiben vom 4. und 22. April 2016 auf, die Angaben zu
diesem Darlehen zu ergänzen. Zudem sollte er die in Abzug gebrachten
Unterhaltsbeiträge in der Höhe von Fr. XXX.– nachweisen. Da er dieser Aufforderung
nicht nachkam, veranlagte ihn das Kantonale Steueramt am 30. Mai 2016 für die
Kantons- und Gemeindesteuern 2012 mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. XXX.–
und ohne steuerbares Vermögen. Nebst weiteren Beträgen rechnete die
Veranlagungsbehörde dem steuerbaren Einkommen "einen Forderungsverzicht bzw.
eine Schuldübernahme" von Fr. XXX.– und Unterhaltsbeiträge in der Höhe von
Fr. XXX.– auf. Die Veranlagungsverfügung wurde am 31. Mai 2016 per Einschreiben
versandt, am 1. Juni 2016 im Postfach der Zweigniederlassung der E SA zur Abholung
am Schalter gemeldet und am 10. Juni 2016 mit dem Vermerk "nicht abgeholt" an die
Veranlagungsbehörde retourniert. Die Veranlagungsverfügung wurde X am 11. Juli
2016 zusätzlich per A-Post zugestellt. Am 14. und 18. Juli 2016 ersuchte X das
Kantonale Steueramt um Verlängerung der Einsprachefrist bis 30. September 2016, da
er den Brief vom 30. Mai 2016 (mit der Veranlagungsverfügung) nie erhalten habe. Der
zuständige Steuerkommissär teilte ihm mit, die Veranlagungsverfügung sei in
Rechtskraft erwachsen. Ein von X eingereichtes Gesuch um Fristwiederherstellung wies
das Kantonale Steueramt am 23. November 2016 ab. Dagegen erhob er Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK), die mit Entscheid vom
20. Juni 2017 feststellte, die Veranlagung der Kantons- und Gemeindesteuern 2012
vom 30. Mai 2016 sei nichtig, weil für die Aufrechnung eines steuerbaren Einkommens
von Fr. XXX.– nicht die geringste tatsächliche Grundlage vorliege (VRKE I/1-2016/229).
Das Verwaltungsgericht hiess eine vom Kantonalen Steueramt dagegen eingereichte
Beschwerde mit Entscheid vom 23. Mai 2018 teilweise gut. Es wies die Angelegenheit
zur Prüfung des Rekurses gegen die Abweisung des Fristwiederherstellungsgesuchs
vom 23. November 2016 an die VRK zurück (VerwGE B 2017/152).
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C.- Mit Entscheid vom 20. Juni 2019 hiess die VRK den Rekurs von X gegen den
Einspracheentscheid des Kantonalen Steueramts vom 23. November 2016 (Abweisung
des Fristwiederherstellungsgesuchs) gut. Sie erwog, es sei nicht ersichtlich, weshalb
die praxisgemässe Zustellung per A-Post nicht umgehend erfolgt, sondern um drei
Wochen hinausgeschoben worden sei. Insbesondere angesichts der erheblichen
Steuerforderung von über einer Million Franken verstosse die nachträgliche Zustellung
gegen Treu und Glauben. Das Gericht stellte die versäumte Einsprachefrist wieder her
und wies die Sache zur Durchführung des Einspracheverfahrens an die Vorinstanz
zurück. Das Verwaltungsgericht hiess eine vom Kantonalen Steueramt dagegen
erhobene Beschwerde gut, weil keine ausreichenden Gründe für eine
Fristwiederherstellung vorlägen, und bestätigte den Einspracheentscheid vom 23.
November 2016 (VerwGE B 2019/162 vom 19. Dezember 2019).
D.- Bereits am 21. Dezember 2016 hatte X um Revision der rechtskräftigen
Veranlagungsverfügung für die Kantons- und Gemeindesteuern 2012 ersucht. Dieses
Revisionsverfahren wurde formlos sistiert bis zum Abschluss der parallel laufenden
Rechtsmittelverfahren. Am 26. Februar 2020 trat das Kantonale Steueramt auf das
Revisionsbegehren nicht ein. Dagegen reichte X mit Eingabe seines Vertreters vom
20. März 2020 Rekurs bei der VRK ein. Er beantragte, der Entscheid des Kantonalen
Steueramts sei aufzuheben und das Revisionsgesuch gutzuheissen, wobei auf die
Aufrechnung übriger Einkünfte in der Höhe von Fr. XXX.– zu verzichten und ein Abzug
von Fr. XXX.– als Unterhalt für getrenntlebende Eheleute zuzulassen sei. Das
steuerbare Einkommen sei auf Fr. XXX.– festzusetzen. Das Kantonale Steueramt
beantragte mit Schreiben vom 17. April 2020 die Abweisung des Rekurses.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis des Rekurrenten zur Ergreifung des
Rechtsmittels ist gegeben. Der Rekurs vom 20. März 2020 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
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(Art. 194 Abs. 1 des Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 48 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
Angefochten ist die Verfügung der Vorinstanz vom 26. Februar 2020, womit sie auf das
Revisionsbegehren hinsichtlich der Kantons- und Gemeindesteuern 2012 nicht
eingetreten ist. Im Rekursverfahren ist nur zu prüfen, ob die Vorinstanz auf das
Revisionsgesuch zu Recht nicht eingetreten ist. Sollte dies verneint werden, müsste die
Angelegenheit an die Vorinstanz zurückgewiesen werden zu neuer Verfügung, ob die
rechtskräftige Veranlagung aufgrund eines Revisionsgrundes zugunsten des
Steuerpflichtigen abzuändern ist. Über den Verfahrensgegenstand hinaus gehen
demgegenüber die Anträge, auf die Aufrechnung übriger Einkünfte in der Höhe von
Fr. XXX.– zu verzichten, einen Unterhaltsbeitrag für getrenntlebende Eheleute von
Fr. XXX.– zuzulassen und das steuerbare Einkommen auf Fr. XXX.– festzusetzen;
diesbezüglich ist auf den Rekurs nicht einzutreten.
2.- a) Nach Art. 197 Abs. 1 StG kann eine rechtskräftige Verfügung oder ein
rechtskräftiger Entscheid auf Antrag oder von Amtes wegen zugunsten der
Steuerpflichtigen revidiert werden, wenn erhebliche Tatsachen oder entscheidende
Beweismittel entdeckt werden (lit. a), wenn die erkennende Behörde erhebliche
Tatsachen oder entscheidende Beweismittel, die ihr bekannt waren oder bekannt sein
mussten, ausser Acht gelassen oder in anderer Weise wesentliche
Verfahrensgrundsätze verletzt hat (lit. b), wenn ein Verbrechen oder ein Vergehen die
Verfügung oder den Entscheid beeinflusst hat (lit. c), wenn bei interkantonalen oder
internationalen Doppelbesteuerungskonflikten die erkennende Behörde zum Schluss
kommt, dass nach den anwendbaren Regeln zur Vermeidung der Doppelbesteuerung
der Kanton St. Gallen sein Besteuerungsrecht einschränken müsste (lit. d), oder wenn
die Voraussetzungen für einen Aufschub der Grundstückgewinnsteuer gemäss Art. 132
Abs. 1 lit. d bis f dieses Gesetzes erst nach rechtskräftiger Veranlagung erfüllt werden
(lit. e). Zu berücksichtigen ist jedoch, dass auf ein Revisionsbegehren nach Art. 197
Abs. 2 StG nicht eingetreten wird, wenn der Antragsteller als Revisionsgrund vorbringt,
was er bei der ihm zumutbaren Sorgfalt schon im ordentlichen Verfahren hätte geltend
machen können. In diesen Fällen ist eine Revision ausgeschlossen. Dementsprechend
stellt eine vorab zu prüfende Prozessvoraussetzung dar, ob dem Steuerpflichtigen bei
zumutbarer Sorgfalt nicht möglich war, bereits im ordentlichen Einsprache- oder
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Rechtsmittelverfahren vorbringen zu können, was er nunmehr als Revisionsgrund
geltend macht (vgl. Botschaft und Entwurf zur Totalrevision des Steuergesetzes vom
13. Mai 1997, in: ABl 1997, 1054). Die Revision soll nicht dazu dienen, Versäumtes
nach Ablauf der ordentlichen Rechtsmittelfrist nachzuholen. Solche Rechtsfragen muss
der Steuerpflichtige im ordentlichen Rechtsmittelverfahren geltend machen. Eine
andere Sicht würde das Gebot der Rechtssicherheit unzulässig weit zurückdrängen
(M. E. Looser, in: Zweifel/Beusch (Hrsg.), 3. Aufl. 2016, Art. 147 DBG N 14; BGE 111 Ib
209 E. 1). Sind die Eintretensvoraussetzungen erfüllt, erfolgt die materielle Behandlung
des Revisionsgesuchs in zwei Stufen: Zuerst wird geprüft, ob die geltend gemachten
Revisionsgründe vorliegen. Falls dies nicht zutrifft, wird das Gesuch abgewiesen.
Andernfalls prüft die Behörde in einem zweiten Schritt, ob die fragliche Verfügung
materiell zu ändern ist. Wird dies bejaht, hebt die Steuerbehörde ihre frühere Verfügung
auf und verfügt neu. Demgegenüber bleibt es bei der ursprünglichen Verfügung, wenn
das Gesuch abgewiesen und die Verfügung bestätigt wird (Looser, a.a.O., Art. 149
N 1d; Kölz/ Häner/Bertschi, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des
Bundes, 3. Aufl. 2013, N 731 f.; Kiener/Rütsche/Kuhn, Öffentliches Verfahrensrecht,
2. Aufl. 2015, N 2006 ff.).
b) Im Folgenden ist zu prüfen, ob der Rekurrent die geltend gemachten
Revisionsgründe bei zumutbarer Sorgfalt im ordentlichen Einsprache- oder
Rechtsmittelverfahren hätte vorbringen können. Im Einzelnen macht er geltend, die
Eröffnung der Veranlagungsverfügung sei mangelhaft gewesen (Erw. 2b/aa) und der
Steuerkommissär habe die Schuldbescheinigung vom 10. Juli 2015 (Erw. 2b/bb) sowie
die Verfügung des Bezirksgerichts La Côte vom 3. Januar 2005 über vorsorgliche
Massnahmen (Erw. 2b/cc) ausser Acht gelassen und damit wesentliche
Verfahrensgrundsätze verletzt.
aa) Die Frage, ob die Veranlagungsverfügung vom 30. Mai 2016 korrekt eröffnet wurde,
war bereits Gegenstand der vorangegangenen Rechtsmittelverfahren. Das
Verwaltungsgericht hat zusammengefasst verbindlich festgestellt, dass die Eröffnung
der Veranlagungsverfügung nicht fehlerhaft gewesen sei (Entscheid des
Verwaltungsgerichts [VerwGE] B 2019/162, 163 vom 19. Dezember 2019 E. 4.2.2). Es
besteht deshalb kein Raum, um auf diese Frage im Rahmen des Revisionsverfahrens
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nochmals zurückzukommen. Abgesehen davon bringt der Rekurrent keine neuen
Tatsachen vor, die zu einer anderen Beurteilung führen könnten.
bb) Die in französischer Sprache verfasste Schuldbescheinigung (Attestation de dettes)
der D Holding, datiert vom 10. Juli 2015, lag den Veranlagungsakten bei. Zum besseren
Verständnis übersetzte die Vorinstanz die Bescheinigung ins Deutsche (act. 6/3/16).
Darin bestätigte die D Holding, dass sie die Schuld des Rekurrenten gegenüber der C
AG in der Höhe von Fr. XXX.– zuzüglich Zinsen von Fr. XXX.– per 1. Juli 2011 auf ihre
Rechnung übernommen habe. Der Sachverhalt war für die Vorinstanz offenbar unklar,
weshalb sie den Rekurrenten mit Schreiben vom 4. und 22. April 2016 aufforderte,
nähere Angaben zum Schuldverhältnis zu machen. Da er diesen Aufforderungen nicht
nachkam, wurde der Schuldbetrag ermessensweise dem Einkommen aufgerechnet.
Die Schuldbescheinigung vom 10. Juli 2015 war demnach bereits Gegenstand im
Veranlagungsverfahren, weshalb der Rekurrent seine diesbezüglichen Rügen,
namentlich diesem Dokument sei nicht die notwendige Beachtung geschenkt worden,
bereits im ordentlichen Veranlagungsverfahren hätte geltend machen können. Er wurde
von der Vorinstanz zweimal aufgefordert, sich dazu zu äussern. Da er dies nicht tat und
später auch nicht rechtzeitig Einsprache gegen die Veranlagungsverfügung 2012
erhob, muss er sich vorwerfen lassen, nicht mit der ihm zumutbaren Sorgfalt gehandelt
zu haben. Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung lässt eine
Ermessensveranlagung auf mangelhafte Sorgfalt schliessen (Urteil des Bundesgerichts
[BGer], 2A.587/2002 vom 11. März 2003 E. 1.3, in: StR 2003, S. 367). Es fehlt somit
auch in diesem Punkt an einer wesentlichen Eintretensvoraussetzung. Daher ist auch
nicht weiter auf das Vorbringen des Rekurrenten, die Steuerveranlagung weiche aus
fiskalischen oder pönalen Motiven von den wirklichen Verhältnissen ab, einzugehen.
Diese Beurteilung wäre Teil des Sachentscheids über das Revisionsgesuch. Wenn der
Betroffene im ordentlichen Verfahren nicht genügend sorgfältig war, dürfen allfällige
Fehler der Steuerbehörde nicht dazu führen, dass der Gesuchsteller im
Revisionsverfahren Recht erhält, denn für das Revisionsverfahren ist dessen Sorgfalt
Eintretensvoraussetzung (PK VRP/SG-Schärer, Art. 81 N 31).
cc) Der Rekurrent bringt weiter vor, er habe der Steuererklärung 2011 die erste Seite
der Verfügung des Bezirksgerichts L, vom 3. Januar 2005 über vorsorgliche
Massnahmen beigelegt. Daraus sei ersichtlich, dass er M monatlich Fr. XXX.– (jährlich
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Fr. XXX.–) zu überweisen habe. Dieses Beweisstück habe die Vorinstanz nicht
beachtet. Auch diese Rüge hätte der Beschwerdeführer bereits im ordentlichen
Verfahren vorbringen müssen. Da die Vorinstanz mit Schreiben vom 4. und 22. April
2021 entsprechende Zahlungsnachweise einforderte, musste ihm klar gewesen sein,
dass die eingereichten Unterlagen nicht ausreichten und seitens der Vorinstanz
Unklarheiten bestanden. Eine Revision ist daher auch in diesem Punkt ausgeschlossen.
c) Somit ergibt sich, dass der Rekurrent die geltend gemachten Revisionsgründe bei
zumutbarer Sorgfalt im ordentlichen Einsprache- oder Rechtsmittelverfahren hätte
vorbringen können. Die Vorinstanz trat auf das Revisionsbegehren zu Recht nicht ein.
Unter den gegebenen Umständen kann offenbleiben, ob die Vorbringen des
Rekurrenten die gesetzlichen Anforderungen an einen Revisionsgrund erfüllen. Der
Rekurs erweist sich als unbegründet und ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
3.- Bei diesem Verfahrensausgang sind die Kosten des Rekursverfahrens dem
Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 800.–
erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 800.– ist damit zu verrechnen.