Decision ID: 6c5faeee-96a8-53de-b611-6907b4520a13
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X erwarb den Führerausweis für die Kategorie B am 30. Mai 2006. Mit Verfügung
vom 18. Juni 2012 wurde sie vom Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen wegen
einer leichten Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften (Überschreiten
der signalisierten Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn von 80 km/h um 30 km/h)
verwarnt. Am 22. Oktober 2013 entzog ihr das Strassenverkehrsamt den
Führerausweis nach einer erneuten leichten Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften (Überschreiten der erlaubten Höchstgeschwindigkeit auf
der Autostrasse von 80 km/h um 27 km/h) für einen Monat (Vollzug vom 24. Dezember
2013 bis 23. Januar 2014). Am 29. Juni 2018 wurde sie vom Strassenverkehrsamt
wegen einer leichten Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften (Führen
eines Motorfahrzeugs in angetrunkenem Zustand, jedoch nicht mit einer qualifizierten
Alkoholkonzentration) wiederum verwarnt.
B.- Am 28. März 2020 um 23.26 Uhr überschritt X auf der Autobahn in Bubikon die
signalisierte Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um 33 km/h (nach Abzug der
Messtoleranz). Die Kantonspolizei Zürich eröffnete die Verzeigung mit der
Übertretungsanzeige vom 20. April 2020.
C.- Am 4. Juni 2020 eröffnete das Strassenverkehrsamt ein
Administrativmassnahmeverfahren gegen X, stellte zufolge mittelschwerer
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften einen Führerausweisentzug für
die Dauer mindestens eines Monats in Aussicht und gab Gelegenheit zu einer
Stellungnahme. X reagierte darauf nicht. Mit Verfügung vom 9. Juli 2020 entzog das
Strassenverkehrsamt X den Führerausweis wegen einer mittelschweren Widerhandlung
für zwei Monate und ordnete den Vollzug der Massnahme für die Zeit vom 9. Januar
bis und mit 8. März 2021 an.
D.- Am 22. Juli 2020 erklärte sich X gegenüber dem Strassenverkehrsamt mit der
Verfügung vom 9. Juli 2020 nicht einverstanden, weshalb die Eingabe
zuständigkeitshalber an die Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen
(VRK) weitergeleitet wurde. Am 11. August 2020 widerrief das Strassenverkehrsamt die
Verfügung vom 9. Juli 2020 und stellte X (erneut) zufolge mittelschwerer Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften einen Führerausweisentzug für die Dauer
mindestens eines Monats in Aussicht. Es gab ihr Gelegenheit zu einer Stellungnahme,
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namentlich zur Frage der beruflichen Angewiesenheit auf den Führerausweis. In der
Folge schrieb die VRK den Rekurs vom 22. Juli 2020 am 12. August 2020 wegen
Gegenstandslosigkeit als erledigt ab (Verfahren IV 2020/107).
E.- Am 25. August 2020 reichte X dem Strassenverkehrsamt eine schriftliche
Stellungnahme ein und ersuchte darin, unter Berücksichtigung ihrer beruflichen
Angewiesenheit auf das Lenken von Motorfahrzeugen nur eine Verwarnung
auszusprechen. Mit Verfügung vom 4. September 2020 entzog das
Strassenverkehrsamt X den Führerausweis wegen einer mittelschweren Widerhandlung
für zwei Monate.
F.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 15. September 2020 Rekurs bei
der VRK. Sie beantragte, den Führerausweisentzug in eine Verwarnung umzuwandeln
oder zumindest die Entzugsdauer zu reduzieren. Die Vorinstanz beantragte mit
Vernehmlassung vom 21. Oktober 2020, den Rekurs abzuweisen.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 15. September 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Die Rekurrentin macht sinngemäss geltend, dass das Vorgehen des
Strassenverkehrsamts nicht zulässig gewesen sei. Das Gericht habe ihr in erster
Instanz Recht gegeben und den Führerausweisentzug widerrufen. Kurze Zeit später
habe sie eine Mitteilung des Strassenverkehrsamts erhalten, wonach die Mitteilung des
Gerichts als gegenstandslos zu betrachten sei (act. 1 S. 2). Darauf ist vorab
einzugehen.
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Das Verfahren des Führerausweisentzugs richtet sich nach kantonalem Recht (Art. 106
Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Das gilt auch für
die Eröffnung und Zustellung von Verfügungen. Das Bundesrecht schreibt nur vor, dass
die Entzugsverfügung schriftlich zu eröffnen und zu begründen ist (Art. 23 Abs. 1 SVG;
Urteil des Bundesgerichts [BGer] 6S.233/2002 vom 11. Juli 2002 E. 1.4). Die Frage der
Zulässigkeit des Widerrufs einer Verfügung beantwortet sich demnach nach Art. 28
Abs. 1 VRP. Nach dieser kantonalen Bestimmung können Verfügungen durch die
erlassende Behörde oder durch die Aufsichtsbehörde geändert oder aufgehoben
werden, wenn der Widerruf die Betroffenen nicht belastet oder wenn er aus wichtigen
öffentlichen Interessen geboten ist. Ein Widerruf kommt nur bei fehlerhaften
Verfügungen in Betracht. Die Fehlerhaftigkeit kann in einem rechtswidrigen
Verfügungsinhalt, einem Formfehler oder in einem mangelhaften Verfahren begründet
sein (PK VRP/SG-Tschumi, Art. 28 N 6). Art. 28 Abs. 1 VRP wird auch auf Verfügungen
angewendet, die formell noch nicht rechtskräftig sind, wobei die gesetzlichen
Voraussetzungen grundsätzlich ebenfalls gelten (GVP 2003 Nr. 37). Ein Widerruf ist
dann nicht mehr zulässig, wenn eine übergeordnete Rechtsmittelinstanz über die zu
ändernde Verfügung einer Verwaltungsbehörde materiell entschieden hat (Tschumi,
a.a.O., Art. 28 N 16). Dies war hier jedoch noch nicht der Fall, weshalb ein Widerruf
grundsätzlich möglich war. Der Widerruf selbst stellt eine (neue) Verfügung dar und
unterliegt damit den Anforderungen an ein korrektes Verwaltungsverfahren; dazu
gehört insbesondere, dass die widerrufende Behörde der Betroffenen das rechtliche
Gehör zu gewähren hat, bevor sie eine Verfügung widerruft (Häfelin/Müller/Uhlmann,
Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, N 1218).
Die Vorinstanz widerrief die Verfügung vom 9. Juli 2020, bevor sie der Rekurrentin
Gelegenheit zu einer Stellungnahme zum beabsichtigten Widerruf gegeben hatte. Dies
stellt eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör dar, was bei der
Kostenverlegung zu berücksichtigen sein wird. Inhaltlich begründete das
Strassenverkehrsamt den Widerruf damit, dass sich Fehler eingeschlichen hätten
(act. 9/23). Abgesehen davon, dass das Erkenntnis- und das Vollstreckungsverfahren
zum wiederholten Mal unzulässigerweise vermischt wurden (vgl. dazu Entscheid der
VRK IV-2020/108 vom 17. Dezember 2020 E. 2d, im Internet abrufbar unter:
www.sg.ch/recht/gerichte und dort unter Rechtsprechung), waren insbesondere der
Rechtsspruch und die Begründung zur Entzugsdauer in der Verfügung vom 9. Juli 2020
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widersprüchlich (act. 9/14 f.). Es wurde erwogen, unter Berücksichtigung sämtlicher
Beurteilungskriterien gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sei es möglich, die Entzugsdauer auf
das gesetzliche Minimum zu beschränken (act. 9/16). Verfügt wurde jedoch nicht die
gesetzliche Mindestentzugsdauer eines Monats, sondern eine Entzugsdauer von zwei
Monaten. Ob die Voraussetzungen für einen Widerruf erfüllt waren, erscheint fraglich.
Die Begründung für den Widerruf, wonach fälschlicherweise ein Vollzugszeitraum im
Rechtsspruch festgesetzt worden sei, obwohl der Beginn des Entzugs während sechs
Monaten nach Erlass der Verfügung frei wählbar sei, vermag vor allem deshalb nicht so
recht zu überzeugen, weil das Strassenverkehrsamt das Erkenntnis- und das
Vollstreckungsverfahren regelmässig in rechtswidriger Weise vermischt. Letztlich stellte
die Vorinstanz nicht die Rechtmässigkeit der Verfügung – gemeint ist der zweimonatige
Führerausweisentzug – in Frage, als sie auf die Verfügung vom 9. Juli 2020 zurückkam.
Vielmehr setzte sie sich einerseits noch mit der Frage der beruflichen Angewiesenheit
auf den Führerausweis auseinander, nachdem die Rekurrentin dies in den Eingaben
vom 22. Juli und 25. August 2020 vorgebracht hatte; anderseits strich sie die
Textpassage in den Erwägungen, wonach die Mindestentzugsdauer verfügt werden
könne. Beides hätte auch im Rahmen der Vernehmlassung im ersten Rekursverfahren
vorgetragen oder korrigiert werden können. Zu berücksichtigen ist indessen, dass die
Rekurrentin im Vergleich zur widerrufenen Verfügung nicht schlechter fährt; es geht
nach wie vor um einen zweimonatigen Führerausweisentzug.
3.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz (SR 741.03) ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder
Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz
unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und
schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Nach der Rechtsprechung müssen beide Voraussetzungen kumulativ gegeben sein
(BGE 135 II 138 E. 2.2.3). Ist die Verletzung grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer
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hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Sie stellt einen
Auffangtatbestand dar und liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer
leichten Widerhandlung und nicht alle qualifizierenden Elemente einer schweren
Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 III 138 E. 2.2.2).
a) Die Rekurrentin hat zu Recht nicht angefochten, eine mittelschwere Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG begangen zu
haben. Die Geschwindigkeit ist stets den Umständen anzupassen, namentlich den
Besonderheiten von Fahrzeug und Ladung sowie den Strassen-, Verkehrs- und
Sichtverhältnissen (Art. 32 Abs. 1 SVG). Nach Art. 4a Abs. 1 lit. d der
Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11, abgekürzt: VRV) beträgt die allgemeine
Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge auf der Autobahn unter günstigen Bedingungen
120 km/h. Dieser allgemeinen Höchstgeschwindigkeit gehen abweichende signalisierte
Höchstgeschwindigkeiten vor (Art. 4a Abs. 5 VRV). Im Tatzeitpunkt galt an der
Messstelle auf der Autobahn eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h
(act. 9/10). Aus Gründen der Rechtsgleichheit hat das Bundesgericht für die
Beurteilung von Geschwindigkeitsüberschreitungen präzise Regeln aufgestellt.
Unabhängig von den konkreten Umständen liegt ein objektiv mittelschwerer Fall dann
vor, wenn die Geschwindigkeit auf der Autobahn zwischen 31 und 34 km/h
überschritten wird (vgl. BGE 124 II 259). Die Rekurrentin hat die signalisierte
Höchstgeschwindigkeit um 33 km/h überschritten, weshalb von einer mittelschweren
Widerhandlung auszugehen ist.
b) Der Rekurs richtet sich in erster Linie gegen die Sanktion. Die Rekurrentin
beanstandet insbesondere, dass die Vorinstanz die persönlichen Verhältnisse sowie die
Wirkung der Sanktion auf ihr berufliches Leben nicht in Betracht gezogen habe.
Gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind beim Entzug des Lernfahr- oder Führerausweises die
Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die Gefährdung der
Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als Motorfahrzeugführer sowie die
berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen. Diese Zumessungsfaktoren
sind gesamthaft zu würdigen und die Entzugsdauer ist im Einzelfall so festzusetzen,
dass die mit der Massnahme beabsichtigte erzieherische und präventive Wirkung am
besten erreicht wird. Bei der Bemessung der Entzugsdauer kommt der Behörde ein
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Ermessensspielraum zu (Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015,
Art. 16 SVG N 27).
Die Vorinstanz erwog, die unbestrittene Geschwindigkeitsübertretung stelle nach
konstanter Rechtsprechung einen mittelschweren Fall dar. Da zwischen der
Verwarnung vom 29. Juni 2018 und der Geschwindigkeitsüberschreitung vom 28. März
2020 weniger als zwei Jahre lägen, erscheine eine Erhöhung der Entzugsdauer
gerechtfertigt. Eine erhöhte Sanktionsempfindlichkeit zufolge beruflicher
Angewiesenheit auf den Führerausweis liege demgegenüber nicht vor.
Die Rekurrentin führte aus, sie habe seit sehr vielen Jahren keine Vergehen im
Strassenverkehr begangen und der Führerausweis sei für ihre Berufsausübung von
existenzieller Bedeutung. Sie leite ein Unternehmen, welches Spitalpersonal vermittle,
und zwar seien dies 20 bis 40 Mitarbeiter. Sie sei den ganzen Tag unterwegs, um
Kundentermine an allen möglichen Orten in der Schweiz und Mitarbeiterbesuche in
entsprechenden Spitälern wahrnehmen zu können. Ohne Führerausweis könne sie die
Arbeit nicht richtig ausführen, was schlimmstenfalls zu Auftragsverlust und
Entlassungen führen würde. Der Konkurrenzkampf in der Branche sei sehr hoch,
weshalb ohne persönliche Besuche schnell Kunden verloren gingen. Die Termine mit
den öffentlichen Verkehrsmitteln wahrzunehmen, sei aus Zeitgründen nicht möglich
und das Engagement eines Chauffeurs zu teuer. Die Rekurrentin brachte im
Rekursverfahren zudem vor, dass sie zusätzlich selbst als Pflegefachfrau mit
Schichtarbeit und Rufdienst arbeite. In diesem Zusammenhang sei die Benützung der
öffentlichen Verkehrsmittel überhaupt nicht möglich. Aus diesen Gründen sei der
Führerausweisentzug in eine Verwarnung umzuwandeln oder zumindest zu reduzieren.
Überdies habe bei ihr bereits der Erhalt der Verfügung zu einem Lerneffekt geführt.
c) Nach einer mittelschweren Widerhandlung wird der Führerausweis für mindestens
einen Monat entzogen (Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG). Diese Mindestentzugsdauer darf
nach konstanter Praxis unter keinen Umständen unterschritten werden, und zwar
selbst bei einem ungetrübten automobilistischen Leumund oder einer beruflichen
Angewiesenheit auf den Führerausweis nicht (Art. 16 Abs. 3 Satz 2 SVG; BGE 135 II
334 E. 2.2, BGer 1C_442/2017 vom 26. April 2018 E. 3.4, 1C_542/2016 vom 15. März
2017 E. 2.6). Angesichts der zwingenden Natur der gesetzlichen Mindestentzugsdauer
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verbleibt der rechtanwendenden Behörde auch kein Ermessensspielraum, innerhalb
dessen sie Überlegungen zur Verhältnismässigkeit der Massnahme im Sinn der
Erforderlichkeit zur Besserung des Betroffenen anstellen könnte (vgl. Botschaft zur
Änderung des Strassenverkehrsgesetzes vom 31. März 1999, in: BBI 1999 S. 4462 ff.).
Die Möglichkeit der Umwandlung eines Warnungsentzugs in eine Verwarnung – und sei
dies nur im Sinn einer Milderung der Massnahme – ist im Gesetz nicht vorgesehen und
deshalb nicht möglich. Abgesehen davon handelt es sich bei Warnungsentzug und
Verwarnung um verschiedene Massnahmearten. Der Antrag der Rekurrentin, statt eines
Führerausweisentzugs eine Verwarnung auszusprechen, ist deshalb abzuweisen.
aa) Ausgangspunkt für die Bemessung der Entzugsdauer ist die Mindestentzugsdauer
eines Monats (Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG). Weder die Gefährdung der Verkehrssicherheit
noch das Verschulden im Zusammenhang mit der Geschwindigkeitsüberschreitung
vom 28. März 2020 rechtfertigen eine Erhöhung der Entzugsdauer; davon ist auch die
Vorinstanz ausgegangen.
bb) Der automobilistische Leumund der Rekurrentin ist getrübt. Im Informationssystem
über die Verkehrszulassung (IVZ, früher: Administrativmassnahmen-Register) ist sie mit
drei Einträgen wegen leichter Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften verzeichnet; zweimal wurde sie verwarnt (18. Juni 2012
und 29. Juni 2018) und einmal war der Führerausweis für einen Monat entzogen
(24. Dezember 2013 bis 23. Januar 2014). Aus Gründen der Gleichbehandlung ist
deshalb ein etwas strengerer Massstab anzusetzen als bei einer Fahrzeuglenkerin, die
noch über einen unbescholtenen Leumund verfügt. Die drei früheren leichten
Widerhandlungen wirken sich jedoch nur geringfügig massnahmeerhöhend aus, und
zwar vor allem deshalb, weil deren zwei bereits lange zurückliegen. Eine Erhöhung um
einen Monat aufgrund des automobilistischen Leumunds, wie dies die Vorinstanz
mangels Erwähnung anderer Zumessungsfaktoren offensichtlich getan hat, erscheint
aus folgendem Grund als deutlich zu viel. Gemäss Art. 16a Abs. 2 SVG wird der
Lernfahr- oder Führerausweis nach einer leichten Widerhandlung für mindestens einen
Monat entzogen, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis entzogen
war oder eine andere Administrativmassnahme verfügt wurde. Nach der Verwarnung
vom 29. Juni 2018 befand sich die Rekurrentin demnach für zwei Jahre unter Probe, so
auch im Zeitpunkt der Geschwindigkeitsüberschreitung vom 28. März 2020. In dieser
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Situation kommt die Erhöhung der Mindestentzugsdauer um einen Monat, einer
blossen Addition der beiden Mindestentzugsdauern gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a und
Art. 16a Abs. 2 SVG gleich. Die Rekurrentin hat jedoch nicht mehrere Entzugsgründe
gesetzt. Abgesehen davon gilt auch für die Bemessung der (Gesamt-)Entzugsdauer
nach mehreren, gleichzeitig zu beurteilenden Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften nicht ein blosses Additionsprinzip. Vielmehr ist in einem
solchen Fall nach dem Asperationsprinzip die Dauer der Administrativmassnahme für
die schwerste Widerhandlung in analoger Anwendung von Art. 49 Abs. 1 StGB
(SR 311.0; diese Bestimmung entspricht dem bis 31. Dezember 2006 geltenden Art. 68
Ziff. 1 Abs. 1 aStGB) angemessen zu erhöhen (BGer 6A.12/2004 vom 18. Juni 2004
E. 1.7, BGE 122 II 180 E. 5b mit Hinweisen).
cc) Die Rekurrentin macht auch eine erhöhte Sanktionsempfindlichkeit geltend. Nach
gefestigter Rechtsprechung ist bei der Prüfung der Massnahmeempfindlichkeit dem
Grundsatz der Verhältnismässigkeit Rechnung zu tragen und deshalb zu
berücksichtigen, in welchem Ausmass die Fahrzeugführerin infolge beruflicher
Angewiesenheit auf ein Motorfahrzeug stärker als andere Fahrerinnen vom
Führerausweisentzug betroffen ist (BGE 128 II 285 E. 2.4). Wegen einer grösseren
Massnahmeempfindlichkeit wird die Fahrzeugführerin in der Regel schon durch eine
kürzere Entzugsdauer wirksam von weiteren Widerhandlungen abgehalten. Einer
solchen Fahrerin soll der Führerausweis deshalb weniger lang entzogen werden als
einer, die ihr Fahrzeug beruflich nicht benötigt, selbst, wenn beide Fahrzeugführerinnen
das gleiche Verschulden trifft (BGE 123 II 572 E. 2c). Im Einzelfall ist daher zu
bestimmen, in welchem Grad die Betroffene auf den Führerausweis angewiesen ist.
Die Rekurrentin vermittelt als Unternehmens- und Geschäftsleiterin Spitalpersonal und
nimmt täglich Kundentermine in den entsprechenden Spitälern wahr. Zudem arbeitet
sie gemäss eigenen Angaben auch als Pflegefachfrau mit Schichtarbeit und Rufdienst.
In diesen Funktionen ist sie von einem Führerausweisentzug nicht so schwer betroffen
wie eine Fahrzeuglenkerin, deren Berufsarbeit ganz oder teilweise im Führen von
Motorfahrzeugen besteht. Grundsätzlich wäre es der Rekurrentin möglich, für die
verschiedenen Fahrten eine Hilfskraft beizuziehen oder zumindest teilweise den
öffentlichen Verkehr zu benützen. Auch wenn ein gewisser organisatorischer, zeitlicher
oder finanzieller Mehraufwand Folge eines jeden Führerausweisentzugs ist (BGE 122 II
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21 E. 1c), ist aber nicht zu verkennen, dass die Rekurrentin aufgrund ihrer beruflichen
Tätigkeiten und namentlich zeitlichen Arbeitseinsätze doch etwas mehr betroffen ist
von einem Führerausweisentzug als eine Fahrzeuglenkerin, welche sich aufgrund eines
Führerausweisentzugs zur Ausübung der beruflichen Tätigkeit ohne grössere
Einschränkungen mit dem öffentlichen Verkehr fortbewegen kann. Allerdings liegt nur
eine leicht erhöhte Massnahmeempfindlichkeit vor, die bei der Bemessung der
Entzugsdauer dementsprechend nur in geringem Mass zu berücksichtigen ist (vgl.
BGer 1C_589/2019 vom 14. April 2020 E. 2).
d) Zusammenfassend halten sich die massnahmeerhöhenden Faktoren (getrübter
automobilistischer Leumund) und die massnahmemindernden Faktoren (leicht erhöhte
Massnahmeempfindlichkeit) etwa die Waage, weshalb es bei der Mindestentzugsdauer
eines Monats bleibt. Der Rekurs ist somit teilweise gutzuheissen und die Entzugsdauer
auf einen Monat festzulegen. In den übrigen Punkten bleibt die angefochtene
Verfügung unverändert.
5.- Die Kosten des Rekursverfahrens werden nach Obsiegen und Unterliegen verlegt
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Die Rekurrentin unterliegt mit dem Antrag auf Umwandlung des
Führerausweisentzugs in eine Verwarnung und obsiegt mit dem Antrag auf Reduktion
der Entzugsdauer. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass die Vorinstanz den
verfassungsmässigen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt hat. Unter diesen
Umständen erscheint eine Kostenverlegung von einem Viertel zu Lasten der
Rekurrentin und von drei Vierteln zu Lasten des Staats als angemessen. Die amtlichen
Kosten (Entscheidgebühr) sind auf Fr. 1'200.– festzulegen (Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Da die Vorinstanz aufgrund des Widerrufs ein
neues Verfahren eröffnete und die Rekurrentin sich in diesem zur
Massnahmeempfindlichkeit äusserte, kann der Rekurrentin nicht vorgeworfen werden,
sie hätte die Angaben zur beruflichen Angewiesenheit bereits in einem früheren
Stadium vortragen können. Namentlich liegt kein Fall nachträglicher Vorbringen vor, in
welchem die Rekurrentin nach dem Verursacherprinzip kostenpflichtig wäre (vgl. Art. 95
Abs. 2 VRP).