Decision ID: 50913bbc-3921-5d26-8352-2c94e3145bb5
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden reisten am 27. Juli 2015 in die Schweiz ein
und suchten am 29. Juli 2015 um Asyl nach. Am 8. September 2015 wur-
den sie getrennt jeweils zu ihrer Person und summarisch zu den Asylgrün-
den befragt (BzP).
A.b Der Beschwerdeführer gab dabei zu Protokoll, er stamme aus
E._ (Provinz F._). Als Oromo habe er seine Bürgerrechte
kaum ausleben können. Sein Vater sei von einer Regierungseinheit ange-
schossen worden. Weil er Befreiungskämpfer der ABO-Partei (Adda Bi-
lisummaa Oromoo auch bekannt als Oromo Liberation Front [OLF]) gewe-
sen sei, hätten in der Folge auch er und seine Geschwister Probleme ge-
habt. Die Wuyane-Regierung sei der Grund, weshalb er sein Heimatland
verlassen habe. Zudem sei er am (...) 2013 inhaftiert worden, weil ihm vor-
geworfen worden sei, Mitglied der ABO zu sein. Sie hätten manchmal im
Gefängnishof gespielt, bei dieser Gelegenheit habe er am (...) 2013 fliehen
können, währendem herumgeschossen worden sei. Sonst habe er nie kon-
krete Probleme mit den Behörden gehabt. Er habe sich für die ABO-Partei
interessiert, habe sich aber nie konkret engagiert.
A.c Die Beschwerdeführerin gab an, sie stamme aus G._ (Provinz
H._). Die Oromo würden in Äthiopien unterdrückt und benachteiligt.
Sie habe mehr darüber erfahren wollen. Zusammen mit vier anderen (...)
sei sie deshalb am (...) 2013 (15.07.[...] im äthiopischen Kalender) festge-
nommen und ins Gefängnis gebracht worden. Dort sei sie misshandelt wor-
den und an (...) erkrankt. Am (...) 2013 sei sie ins Spital gebracht worden,
weil sie schwer krank gewesen sei. Am (...) 2013 habe sie sich besser ge-
fühlt und sie habe – immer noch in Spitalkleidung – von dort weggehen
können, ohne dass «sie» es bemerkt hätten. Sie sei anschliessend zu ih-
rem Bruder gegangen, der ihr Geld gegeben habe. Im (...) 2013 habe sie
Äthiopien verlassen.
B.
B.a Am 10. Oktober 2017 wurde die Beschwerdeführerin einlässlich zu ih-
ren Asylgründen angehört. Sie führte dabei im Wesentlichen aus, sie habe
in Äthiopien an einer Demonstration mit vielen Leuten teilgenommen, an
welche auch die Polizei gekommen sei und die Leute geschlagen habe.
Sie wisse nur, dass sie Oromo sei und diese in Äthiopien Probleme hätten,
über die ABO-Partei wisse sie nichts. Eine Lehrerin habe jeweils davon
gesprochen. Am 15.07.(...) (äthiopischer Kalender) sei sie mit zwei Frauen
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in der Pause gewesen und habe sich mit ihnen über Oromo-Rechte unter-
halten und darüber, dass sie mit der Regierung nicht einverstanden seien.
Dann seien sie verhaftet und in die Stadt gebracht worden. In der Haft habe
sie schwer arbeiten müssen, sie sei geschlagen und vergewaltigt worden.
Am 15.11.(...) (äthiopischer Kalender) sei sie ins Spital gebracht worden,
weil sie bewusstlos gewesen sei. Nach zwanzig Tagen sei sie wieder zu
sich gekommen. Nach einem Monat habe eine Frau ihr ihre Arbeitskleider
gegeben, damit sie das Spital unbemerkt habe verlassen können. Ein Ar-
beitskollege dieser Frau habe sie mitgenommen, sie habe dann ihren On-
kel anrufen können und dieser habe sie abgeholt. Ihre Geschwister und ihr
Onkel hätten ihr Geld gegeben und sie sei in den Sudan gegangen. In ei-
nem Lager im Sudan habe sie ihren Mann kennengelernt. Weil die Oromo
in Äthiopien so viele Probleme hätten, drohe ihr dort der Tod, weshalb sie
nicht zurück könne.
B.b Am 5. Dezember 2017 führte das SEM mit dem Beschwerdeführer die
Anhörung durch, wobei er im Wesentlichen zu Protokoll gab, er habe seine
Heimat verlassen, um der Wuyane-Regierung zu entkommen. Sein Vater
sei Befreiungsmilitant der ABO-Partei (OLF) gewesen, was ihn selbst ge-
prägt habe. Sein Vater sei mehrere Jahre im Gefängnis gewesen und habe
im Kampf (...). Er selbst sei auch Sympathisant der Anti-Regierungspartei.
Mit drei Freunden habe er sich über die Benachteiligung seines Volkes
ausgetauscht und darüber nachgedacht, sich der ABO anzuschliessen. Am
(...) 2013 (äthiopischer Kalender 3.10.[...]) hätten ihn vier Regierungsfunk-
tionäre von der Arbeit abgeholt und zur Polizeistation gebracht. Dort seien
auch seine Freunde gewesen. Sie seien gemeinsam in eine Zelle gesperrt,
aber jeweils einzeln zum Verhör geladen und dabei geschlagen sowie un-
ter Druck gesetzt worden, die Namen von Mitgliedern der ABO zu nennen.
Nach zwei Wochen seien sie zu den anderen Gefangenen gebracht wor-
den, mit denen sie sich über Fluchtmöglichkeiten ausgetauscht hätten. Ei-
nes Tages (äthiopischer Kalender 2.11.[...]) seien sie für das Erledigen von
Arbeiten an eine abgelegene Stelle, in der Nähe eines Waldstücks, ge-
bracht worden. Als die anderen Gefangenen die Flucht ergriffen hätten,
habe er sich auch dazu entschlossen und sei losgerannt. Es sei auf sie
geschossen worden. Er sei stundenlang gerannt und zu einem Waldstück
gelangt. Als es dunkel gewesen sei, sei er in ein Dorf gekommen, wo er
jemanden gekannt habe, bei dem er sich habe verstecken können. Er habe
sich zwei Monate lang in der Berghütte dieses Bekannten versteckt. Die
Regierung habe bei seiner Familie immer noch nach ihm gesucht. In einem
Getreidelastwagen versteckt sei er schliesslich nach Addis Abeba gelangt.
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Der Fahrer habe ihn zu den Schleppern gebracht, die ihn in Richtung Su-
dan mitgenommen hätten. Im Sudan habe er gearbeitet, um die Weiter-
reise über Libyen, wo er sich ungefähr ein Jahr aufgehalten habe, zu be-
zahlen. In der Schweiz habe er an verschiedenen Demonstrationen teilge-
nommen.
C.
Mit Verfügung vom 3. September 2018 verneinte das SEM die Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführenden lehnte die Asylgesuche ab, verfügte
die Wegweisung aus der Schweiz und beauftragte den zuständigen Kanton
mit dem Vollzug.
D.
Mit Eingabe vom 19. September 2018 erhoben die Beschwerdeführenden
dagegen beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragten,
die Verfügung des SEM sei aufzuheben, es sei ihre Flüchtlingseigenschaft
anzuerkennen und ihnen Asyl zu gewähren. Es sei festzustellen, dass der
Vollzug der Wegweisung undurchführbar sei und eine vorläufige Aufnahme
anzuordnen. In prozessualer Hinsicht sei ihnen die unentgeltliche Prozess-
führung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu ver-
zichten und ein amtlicher Rechtsbeistand einzusetzen. Eventuell sei die
aufschiebende Wirkung wiederherzustellen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2018 hiess die damals zuständige
Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung gut und forderte die Be-
schwerdeführenden zur Nennung sowie Bevollmächtigung einer geeigne-
ten Person auf. Gleichzeitig forderte sie die Beschwerdeführenden zur Ein-
reichung eines aktuellen Arztberichts betreffend die Beschwerdeführerin
und Unterzeichnung einer Erklärung über die Entbindung der ärztlichen
Schweigepflicht auf.
In der Verfügung wurde festgehalten, der Beschwerde komme von Geset-
zes wegen aufschiebende Wirkung zu (Art. 55 Abs. 1 VwVG), weshalb auf
das Eventualbegehren um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung
nicht eingetreten werde.
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Seite 5
F.
F.a Mit Eingabe vom 10. Oktober 2018 ersuchte dipl.-jur. Tilla Jacomet un-
ter Beilage einer Vollmacht um Einsetzung als amtliche Rechtsbeiständin
der Beschwerdeführenden.
F.b Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführenden wurde ihnen mit Zwi-
schenverfügung vom 17. Oktober 2018 als amtliche Rechtsbeiständin bei-
geordnet.
F.c Mit Eingabe vom 18. Oktober 2018 wurde die von der Beschwerdefüh-
rerin unterzeichnete Erklärung über die Entbindung von der ärztlichen
Schweigepflicht zu den Akten gereicht.
F.d Am 8. November 2018 wurde ein Austrittsbericht der I._ vom
5. Oktober 2018 betreffend die Beschwerdeführerin eingereicht. Darin
wurde der Beschwerdeführerin eine (...) (ICD-10 [...]) diagnostiziert.
G.
Am 27. November 2018 gebar die Beschwerdeführerin ihren Sohn
D._.
H.
Mit Instruktionsverfügung vom 12. Dezember 2018 lud die damals zustän-
dige Instruktionsrichterin die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
I.
In der Vernehmlassung vom 21. Dezember 2018 wurde sinngemäss die
Abweisung der Beschwerde beantragt.
J.
Am 16. Januar 2019 erfolgte die Replik der Beschwerdeführenden.
K.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Beschwerdever-
fahren durch die Abteilungsleitung zur Behandlung auf Richterin Gabriela
Freihofer übertragen.
E-5432/2018
Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. Januar 2019 wurde das AuG teilrevidiert (AS 2018 3171) und in
Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzu-
wendenden Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert
vom AuG ins AIG übernommen worden.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG [SR 142.31] in Kraft
getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.4 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.6 Das nach dem vorinstanzlichen Entscheid geborene Kind wird in das
vorliegende Beschwerdeverfahren einbezogen.
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Seite 7
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Subjektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn eine asylsuchende Per-
son erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder
wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten ins-
besondere unerwünschte exilpolitische Betätigungen, illegales Verlassen
des Heimatlandes (sog. Republikflucht) oder die Einreichung eines Asylge-
suchs im Ausland, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung be-
gründen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1; 2009/28 E. 7.1). Personen mit subjek-
tiven Nachfluchtgründen erhalten gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden
jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen.
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG; zu den praxisgemässen An-
forderungen an das Glaubhaftmachen vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.
4.1 Die Vorinstanz kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen der Beschwerdeführenden hielten teilweise den Anforderungen
an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG und teilweise denjenigen an die
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Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand, weshalb die Asyl-
gesuche abzulehnen seien.
4.2 Zur Begründung hielt sie fest, der Beschwerdeführer habe im Wesent-
lichen geltend gemacht, er sei in Äthiopien wegen regimekritischer Tätig-
keiten verhaftet worden. Bei einem Arbeitseinsatz ausserhalb des Gefäng-
nisses sei ihm die Flucht gelungen. Seine Aussagen zur Verhaftung ent-
hielten gewisse Realkennzeichen, weshalb die Möglichkeit bestehe, dass
er schon einmal Behördenkontakt gehabt habe oder ihm ein solches Ereig-
nis geschildert worden sei. Zu den Umständen seiner Flucht habe er indes
unterschiedliche Angaben gemacht. Er habe einerseits erwähnt, er habe in
der Nähe eines Waldstücks gearbeitet. Weil die anderen Gefangenen die
Flucht ergriffen hätten, habe er sich auch dazu entschlossen beziehungs-
weise hätten sie schon zuvor besprochen, eine Gelegenheit zur Flucht zu
ergreifen. Anlässlich der BzP habe er hingegen erwähnt, er habe fliehen
können, als sie im Gefängnishof gespielt hätten. Auch die Angaben zum
Ausgangsort seiner Flucht stimmten nicht überein, da er an der BzP ange-
geben habe, von seinem letzten Wohnort, E._, zu Fuss nach
J._ gegangen und von dort mit einem Auto nach K._ und
L._ gelangt zu sein. An der Anhörung habe er hingegen ausgesagt,
er habe sich zunächst bei einem Freund im Dorf M._ versteckt und
sei dann in einem Lastwagen zwischen (...) versteckt nach K._ ge-
langt. Auf Nachfrage hin habe er auch bestätigt, nach der Haft nicht mehr
zu Hause gewesen zu sein. Die Erklärungen an der Anhörung hätten die
Widersprüche nicht aufzulösen vermocht. Er habe damit nicht glaubhaft
machen können, aus dem Gefängnis geflohen zu sein.
4.3 Obwohl sie aufgefordert worden sei, ausführlich zu berichten, seien die
Angaben der Beschwerdeführerin zur Teilnahme an den Demonstrationen
substanzlos und damit unglaubhaft ausgefallen. Sie sei nicht in der Lage
gewesen, persönliche Erlebnisse zu beschreiben, und sei den Fragen teil-
weise ausgewichen. Auch über den Moment der Festnahme habe sie nicht
ausführlich berichten können. Ihre Aussagen hätten keine Details enthalten
und sich wiederholt. An der BzP habe sie angegeben, sie sei mit vier an-
deren (...) festgenommen worden, an der Anhörung hingegen habe sie
ausgeführt, sie seien drei Frauen gewesen. Auch zu ihrem Weggang aus
dem Spital habe sie unterschiedlich ausgesagt. An der BzP habe sie ange-
geben, sie sei – immer noch in Spitalkleidung – weggegangen und habe
sich zu ihrem Bruder begeben, der ihr Geld gegeben habe, woraufhin sie
geflohen sei. Bei der Anhörung habe sie hingegen ausgeführt, sie habe von
einer Frau im Spital eine Hose und Arbeitskleider erhalten, sie habe wie ein
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Arzt ausgesehen und ein Mann habe sie im Auto mitgenommen. Sie habe
mit ihrem Onkel telefonieren können, der sie abgeholt habe. Er habe sie
an einen Ort gebracht, wo sie eine Nacht geblieben sei. Ihr Onkel habe
Geld von ihren Geschwistern geholt und ihr auch ein wenig eigenes Geld
gegeben. Insgesamt habe sie ihren Gefängnisaufenthalt und die anschlies-
sende Flucht aus dem Spital nicht glaubhaft machen können.
4.4 Die Beschwerdeführenden könnten aus der Gefährdungslage ihrer Fa-
milienmitglieder für sich selbst keine Asylrelevanz ableiten. Es ergäben
sich keine Hinweise, die auf eine gezielt gegen die Beschwerdeführenden
gerichtete Verfolgung schliessen liessen. Es sei auch nicht davon auszu-
gehen, dass sie in diesem Zusammenhang bei einer Rückkehr in ihre Hei-
mat einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt wären. Die erwähnten
Schikanen stellten aufgrund ihrer Art und Intensität keine asylrelevante
Verfolgung dar.
4.5 Alleine aufgrund der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit in
Äthiopien könne nicht auf eine begründete Frucht vor Verfolgung im Sinne
des Asylgesetzes geschlossen werden. Es lägen keine Hinweise für die
Annahme vor, jedem Oromo drohe mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
eine asylbeachtliche Verfolgung. Die geschilderten Erlebnisse stellten eine
Belastung dar, die Beschwerdeführenden seien dadurch indes nicht an
Leib und Leben gefährdet gewesen. Die Probleme stellten keine Zwangs-
situation dar, der sie sich nur durch Flucht hätten entziehen können, und
erfüllten auch das Mass an geforderter Intensität nicht, um eine Asylrele-
vanz zu begründen.
4.6 Der Beschwerdeführer mache weiter geltend, er habe seit November
2015 in der Schweiz drei Mal gegen die äthiopische Regierung demons-
triert und dabei Slogans gerufen. Zudem habe er an verschiedenen Anläs-
sen (Neujahrsfeier, Versammlung, Feier zur Gründung eines exilpolitischen
Senders) teilgenommen. Er habe dabei jeweils keine spezielle Aufgabe ge-
habt.
Der Beschwerdeführer habe keine politisch motivierte Verfolgung durch die
äthiopischen Behörden glaubhaft machen können, weshalb kein Anlass zur
Annahme bestehe, er sei vor dem Verlassen seines Heimatstaates als re-
gimekritische Person ins Blickfeld der äthiopischen Behörden geraten.
Deshalb sei auch nicht davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr un-
ter spezieller Beobachtung stünde. Er habe sich, wie viele seiner Lands-
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Seite 10
leute, exilpolitisch betätigt. Von diesen Anlässen fänden innert weniger Mo-
nate zahlreiche statt, oft besucht von Hunderten von Teilnehmenden, von
welchen danach Gruppenaufnahmen in einschlägigen Medien publiziert
würden. Es erscheine daher unwahrscheinlich, dass die äthiopischen Be-
hörden all diesen – oft nur schlecht erkennbaren – Gesichtern konkrete
Namen zuordnen könnten. Selbst wenn die Behörden über die Aktivitäten
ihrer Staatsangehörigen im Ausland informiert wären, könnten sie ange-
sichts der hohen Anzahl der Personen nicht jede einzelne Person überwa-
chen und identifizieren. Zudem dürfe den äthiopischen Behörden bekannt
sein, dass viele äthiopische Migranten aus vorwiegend wirtschaftlichen
Gründen versuchten, in Europa ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht zu erwir-
ken, indem sie regimekritische Aktivitäten nachgingen. Es sei nicht davon
auszugehen, dass sich der Beschwerdeführer derart exponiert habe, dass
die äthiopische Regierung ihn als Regimekritiker identifiziert habe. Die vor-
gebrachten subjektiven Nachfluchtgründe vermöchten den Anforderungen
an die Flüchtlingseigenschaft nicht zu genügen.
5.
5.1 Bezüglich Flüchtlingseigenschaft und Asyl wird in der Beschwerde vor-
gebracht, die Ungereimtheiten in den Aussagen der Beschwerdeführenden
beträfen nur wenige Sätze. Diese seien wohl vom Übersetzer missverstan-
den worden.
5.2 Die Vorinstanz hielt dem in der Vernehmlassung entgegen, die Aussa-
gen der Beschwerdeführenden seien nicht nur widersprüchlich, sondern
auch substanzlos gewesen.
6.
6.1 Das Gericht schliesst sich der Einschätzung der Vorinstanz an, wonach
die Beschwerdeführenden nicht glaubhaft machen konnten, sie seien in ih-
rem Heimatstaat asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt ge-
wesen. Um Wiederholungen zu vermeiden kann auf die ausführlichen Er-
wägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden.
Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass sich die Beschwerdeführenden
nicht darauf berufen können, sie seien missverstanden worden bezie-
hungsweise die Übersetzung sei falsch erfolgt. Die Beschwerdeführenden
wurden jeweils danach gefragt, wie sie den Dolmetscher beziehungsweise
die Dolmetscherin verstehen würden. Beide gaben dabei jeweils an, die
übersetzende Person gut zu verstehen (SEM-Akte A3/14 S. 2 und
Ziff. 9.02; A4/13 S. 2 und Ziff. 9.02; A27/19 F1, A29/22 F1). Die Protokolle
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wurden den Beschwerdeführenden im Anschluss an die Befragungen in
ihre Muttersprache rückübersetzt, wobei sie jeweils keine Korrekturen oder
sonstige Bemerkungen anbrachten. Den Protokollen sind schliesslich auch
keine Hinweise für Übersetzungsprobleme zu entnehmen, weshalb die Be-
schwerdeführenden auf den getätigten Aussagen zu behaften sind.
Aufgrund dessen gibt es insbesondere auch keine Erklärung für die unter-
schiedlichen Angaben des Beschwerdeführers dazu, wie ihm die Flucht
aus dem Gefängnis gelungen sei (aus dem Gefängnishof, wo sie manch-
mal gespielt hätten [BzP Ziff. 7.01] oder ab einer abgelegenen Stelle aus-
serhalb des Gefängnisses nahe am Wald, bei der Verrichtung einer Arbeit
[Anhörung F83 S. 10 f. u. F113 ff.]). Auch auf Nachfrage hin ist es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen, diesen massgeblichen Widerspruch
aufzulösen (Anhörung F126-131). Da der Beschwerdeführer zudem an-
gab, er habe sich lediglich für die Partei interessiert, sich aber nicht konkret
engagiert, erscheint eine Festnahme und Inhaftierung ausserdem als we-
nig wahrscheinlich. In einer Gesamtwürdigung unter Berücksichtigung der
widersprüchlichen Angaben erscheint die geltend gemachte Inhaftierung
und anschliessende Flucht des Beschwerdeführers als nicht glaubhaft ge-
macht.
Die Erlebnisse in der Haft hat die Beschwerdeführerin äusserst oberfläch-
lich sowie stereotyp geschildert und ihren Ausführungen sind keinerlei Re-
alkennzeichnen zu entnehmen. Auch das Verlassen des Spitals schilderte
sie unterschiedlich (in Spitalkleidung [BzP SEM Akte A4/13 Ziff. 7.01]; in
einer Hose, einem Tuch und der Arztkleidung einer Ärztin [Anhörung
A27/19 F80]) und gab ferner an der BzP an, sie sei danach zu ihrem Bruder
gegangen, wohingegen sie an der Anhörung schilderte, ihr Onkel habe sie
abgeholt (BzP Ziff. 7.01, Anhörung F76, 80). Auffällig ist zudem, dass sie
eine Demonstrationsteilnahme anlässlich ihrer BzP nicht erwähnte. Auch
vor dem Hintergrund, dass die Beschwerdeführerin ausführte, nichts über
die ABO-Partei zu wissen, erscheint ihre Inhaftierung als nicht glaubhaft.
6.2 Zu beurteilen bleibt, ob den Beschwerdeführenden zum heutigen Zeit-
punkt bei einer Rückkehr nach Äthiopien aus anderen Gründen, mithin aus
ihrer Zugehörigkeit zur Volksgruppe der Oromo, in absehbarer Zeit mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Verfolgungsmassnahmen
drohen.
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6.2.1 Veränderungen der Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid
sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person zu berücksich-
tigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2, 2010/9 E. 5.2, 2007/31 E. 5.3 f., jeweils
m.w.H.). Somit ist entscheidend, ob die beschwerdeführende Person die
geltend gemachte Verfolgung auch heute noch zu befürchten hat bezie-
hungsweise ob die Furcht vor Verfolgung – vor dem Hintergrund einer al-
lenfalls eingetretenen Veränderung der objektiven Situation im Heimatland
seit der Ausreise – aktuell noch begründet erscheint.
6.2.2 Seit der Ausreise der Beschwerdeführenden aus Äthiopien hat sich
die Lage vor Ort grundlegend verändert und deutlich verbessert. Im April
2018 wurde Abiy Ahmed als erster Oromo in der Geschichte des Landes
zum Premierminister ernannt. Seit seinem Amtsantritt befindet sich das
Land in einer Umbruchsituation. Abiy Ahmed unternimmt Anstrengungen,
in vielen Bereichen Reformen anzustossen oder durchzuführen. Dies be-
trifft auch den Umgang mit regierungskritischen Personen, gegen die das
herrschende Regime bisher mit grosser Härte vorging. Die Regierung rief
die Oppositionellen im Exil zur Rückkehr und zur Teilnahme am politischen
Prozess in Äthiopien auf. Politische Dissidenten, ehemalige Rebellen, Ab-
spaltungsanführer und Journalisten sind seit der Ernennung von Abiy Ah-
med zum Premierminister nach Äthiopien zurückgekehrt. Tausende von
politischen Gefangenen wurden seit April 2018 begnadigt und freigelassen.
Die OLF und weitere Vereinigungen, welche sich für die Anliegen der
Oromo einsetzen, wurden sodann im Juli 2018 von der Liste der terroristi-
schen Gruppierungen gestrichen. Insgesamt hat sich die Lage in Äthiopien
seit der Wahl von Abiy Ahmed zum Premierminister zum Positiven verän-
dert, da dessen Ziel die Stärkung der Demokratie unter Einbindung aller
politischen Kräfte ist (vgl. zum Ganzen das Referenzurteil des BVGer
D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 mit einer aufdatierten Analyse der politi-
schen Lage in Äthiopien).
Das Gefängnis Makelawi, das für Folter und unmenschliche Behandlung
der Häftlinge bekannt war, wurde geschlossen. (vgl. a.a.O. E. 7). Dennoch
kommt es nach wie vor zu ethnischen Unruhen in verschiedenen Regionen
Äthiopiens, so auch in Oromia. Es wird teilweise von massiven Menschen-
rechtsverletzungen äthiopischer Sicherheitskräfte berichtet. Dabei würden
vor allem Unterstützer der Oromo Liberation Army (OLA), dem bewaffneten
Arm der OLF, Opfer von Menschenrechtsverletzungen, wie zum Beispiel
willkürliche Inhaftierungen (vgl. u.a. Amnesty International, Beyond Law
Enforcement: Human Rights Violations by Ethiopian Security Forces in Am-
hara and Oromia, 29. Mai 2020, < https://www.amnesty.ch/de/laender/af
https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20
E-5432/2018
Seite 13
rika/aethiopien/dok/2020/sicherheitskraefte-vertreiben-verhaften-und-toe
ten-menschen >, abgerufen am 21. Oktober 2020).
Das Bundesverwaltungsgericht verkennt folglich nicht, dass die Situation
in Äthiopien nach dem Amtsantritt von Abiy Ahmed – in anderem Masse
und Kontext – weiterhin von ethnischen Spannungen und entsprechenden
Unruhen geprägt ist. Dies ist jedoch Ausfluss des angeschobenen Demo-
kratisierungsprozesses. Für die Bejahung der Flüchtlingseigenschaft im
Sinne von Art. 3 AsylG bedarf es einer Verfolgung oder der Furcht vor einer
solchen aufgrund einer konkret auf die Person zielenden Handlung mit
asylrelevanter Motivation. Dass die Beschwerdeführenden im Falle einer
Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt derartigen gezielten Verfolgungshandlun-
gen ausgesetzt werden könnte, ist nicht wahrscheinlich, zumal die OLF als
politische Partei anerkannt und in den Demokratisierungsprozess einbezo-
gen ist. Folglich lassen die Vorbringen der Beschwerdeführenden nicht auf
eine zum heutigen Zeitpunkt aktuelle Verfolgung schliessen. Es gibt keine
Anzeichen, die folgern liessen, zurückgekehrte Kritiker/-innen der (vorma-
ligen) Regierung würden systematisch verfolgt und inhaftiert. Dasselbe gilt
für (frühere) Mitglieder und Sympathisanten der OLF.
6.2.3 Wie bereits die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat, ist hinsichtlich
der geltend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten festzuhalten, dass die
Aktivitäten des Beschwerdeführers nicht einem Profil entsprechen, wel-
ches die Aufmerksamkeit der äthiopischen Behörden hätte wecken kön-
nen. Zudem muss er angesichts des Machtwechsels in Äthiopien und der
damit veränderten Ausgangslage nicht befürchten, wegen der Teilnahme
an Demonstrationen in der Schweiz bei einer Rückkehr zum heutigen Zeit-
punkt verfolgt zu werden. Auch der Umstand, dass der Vater des Be-
schwerdeführers vor langer Zeit für die Rechte der Oromo kämpfte, wird
ihm heute nicht mehr zum Nachteil gereichen. Aus aktueller Sicht sind
keine hinreichend konkreten Hinweise erkennbar, dass der Beschwerde-
führer bei einer Rückkehr nach Äthiopien mit einer flüchtlingsrechtlich rele-
vanten Verfolgung konfrontiert wäre (vgl. dazu zuletzt die Urteile des
BVGer E-1865/2020 vom 24. Juli 2020 E. 5.3, D-5550/2019 vom 3. Juni
2020 E. 6.4.2).
6.3 Ergänzend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer angab, er habe
das Land wegen der vormaligen Regierung verlassen (SEM-Akte A29/22
F81). Auch die Beschwerdeführerin wiederholte, sie habe Probleme mit der
(vormaligen) Regierung, weil diese die Rechte der Oromo nicht respektiert
https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20
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habe (SEM-Akte A27/19 F44, 49, 100). Nach dem erfolgten Regimewech-
sel haben die Beschwerdeführenden von der Regierung, von welcher sie
aussagegemäss geflohen sind, nichts mehr zu befürchten.
6.4 Nach dem Gesagten ist zu schliessen, dass keine konkreten Anhalts-
punkte für eine im heutigen Zeitpunkt objektiv begründete Furcht der Be-
schwerdeführenden vor einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG durch
die äthiopischen Behörden vorliegen. Die Verneinung der Flüchtlingseigen-
schaft und Ablehnung der Asylgesuche ist damit zu bestätigen.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht ange-
ordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
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ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssen die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssitu-
ation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug
der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
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8.4.1 Die Vorinstanz stelle in der angefochtenen Verfügung fest, die Rück-
kehr nach Äthiopien sei für die Beschwerdeführenden zumutbar. Sie ver-
fügten beide über eine mindestens (...)jährige Schulbildung und der Be-
schwerdeführer habe zuletzt einen (...) betrieben. Zudem hätten beide
mehrere Familienmitglieder im Heimatland. Es bestünden Zweifel an den
Angaben, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihren Familien hätten, zumal
sie an der BzP angegeben hätten, sie hätten ihre Familien noch vom Sudan
aus wegen ihrer Heirat kontaktiert. Jedenfalls sei nicht davon auszugehen,
dass sie in eine existenzbedrohende Lage gerieten. Auch das Kindeswohl
stehe vor dem Hintergrund, dass die Tochter noch klein und damit in der
Schweiz nicht verwurzelt sei, einer Rückkehr nicht entgegen.
8.4.2 Die Beschwerdeführenden machen in ihrer Rechtsmitteleingabe gel-
tend, weil die Beschwerdeführerin schwanger sei, sei ihnen eine Rückkehr
nicht zumutbar. Sie hätten zudem keinen Kontakt mehr zu ihren Familien
und wüssten nicht, wohin sie gehen sollten. Ihre Tochter sei verletzt und in
Behandlung. Die Beschwerdeführerin sei ferner in (...) gewesen.
8.4.3 Die Vorinstanz entgegnete dem in der Vernehmlassung, bezüglich
der (...) der Tochter vom 3. Dezember 2017 datiere der letzte Arztbericht
(eine Verlaufskontrolle) vom 15. Juni 2018. Die (...) sei kein medizinischer
Notfall im Sinne des Gesetzes, der zur Unzumutbarkeit der Wegweisung
führen könne. Weiteren medizinischen Berichten sei zu entnehmen, dass
die Beschwerdeführerin vom (...) bis (...) 2018 in (...) Behandlung gewe-
sen sei. Der Austrittsbericht aus I._ halte fest, die Beschwerdefüh-
rerin habe sich bei Austritt klar von Selbst- und Fremdgefährdung distan-
zieren können. Die Akten wiesen darauf hin, dass die Beeinträchtigungen
der Beschwerdeführerin bei Eintritt eine gewisse Schwere gehabt hätten,
bei Ausritt seien ihr aber lediglich ein Vitamin- sowie ein Eisenpräparat und
keine weiteren Medikamente verschrieben worden. Gemäss konstanter
Rechtsprechung werde bei einer Konfrontation mit Suiziddrohungen von
einer zu vollziehenden Wegweisung nicht Abstand genommen, sondern
konkrete Massnahme zur Vereitelung der Umsetzung getroffen. Das zweite
Kind sei inzwischen (wohl) zur Welt gekommen, weshalb die Schwanger-
schaft einer Ausreise nicht mehr entgegenstehe.
8.4.4 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.3). Auch unter Berücksichtigung
der aktuellen Lage ist diese Praxis zu bestätigen (vgl. statt vieler zuletzt die
Urteile des BVGer D-4535/2019 vom 26. August 2020 E. 10.2,
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E-7004/2017 vom 25. August 2020 E. 8.6.1 sowie das Referenzurteil
D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2).
8.4.5 Wie die Vorinstanz hat auch das Gericht gewisse Zweifel daran, ob
die Beschwerdeführenden tatsächlich keinen Kontakt mehr mit ihren Fami-
lienmitgliedern pflegen. Selbst wenn sie diesen zwischenzeitlich aber ab-
gebrochen haben sollten, ist davon auszugehen, dass sie diesen wieder-
herstellen können. Damit verfügen sie über ein breites familiäres Netz in
Äthiopien, welches sie bei Bedarf unterstützen könnte. Gemäss den Aus-
sagen des Beschwerdeführers ist seine Familie wirtschaftlich gut gestellt,
besitzt diverse Tiere und viel Land. Auch die Beschwerdeführerin hat an-
gegeben, ihrer Familie gehe es gut, sie hätten ein gutes Verhältnis mit den
Leuten im Dorf und lebten ein «normales» Leben. Es ist daher nicht davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr in ihr Hei-
matland in eine existenzielle Notlage geraten würden. Bezüglich der ge-
sundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin schliesst sich das Gericht
den zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung
an, auf die an dieser Stelle verwiesen werden kann. Die Beschwerdefüh-
rerin wurde am (...) 2018 nach einem (...)tägigen Aufenthalt aus der psy-
chiatrischen Klinik entlassen. Weitere Arztberichte wurden durch die amt-
lich vertretenen Beschwerdeführenden seither nicht eingereicht, womit da-
von auszugehen ist, dass sich ihr Zustand seither nicht wieder verschlech-
tert hat. Die Kinder der Beschwerdeführenden sind (...) und (...) Jahre alt,
weshalb ihre Eltern die Hauptbezugspersonen darstellen. In diesem Alter
kann noch nicht von einer Verwurzelung in der Schweiz gesprochen wer-
den, die bei einem Vollzug der Wegweisung zu einer Gefährdung des Kin-
deswohls führen würde. Damit erweist sich der Vollzug der Wegweisung
der Beschwerdeführenden und ihrer Kinder als zumutbar.
8.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen
indes mit Zwischenverfügung vom 4. Oktober 2018 die unentgeltliche Pro-
zessführung gewährt wurde und keine massgebliche Veränderung der fi-
nanziellen Verhältnisse ersichtlich ist, sind keine Verfahrenskosten zu er-
heben (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
10.2 Mit Verfügung vom 17. Oktober 2018 wurde dipl.-jur. Tilla Jacomet als
amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführenden eingesetzt. In ihrer
Honorarnote vom 16. Januar 2019 weist sie einen zeitlichen Aufwand von
fünf Stunden aus. Der zeitliche Aufwand erscheint angemessen, indes ist
der geltend gemachte Stundenansatz von Fr. 200.– praxisgemäss auf
Fr. 150.– herabzusetzen (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Zusam-
men mit den ausgewiesenen Barauslagen (Porti/Tel.-Faxgebühren, Dol-
metscherkosten) in der Höhe von Fr. 100.– ergibt sich insgesamt ein Be-
trag von Fr. 850.–. Das Honorar ist der amtlichen Rechtsbeiständin durch
die Gerichtskasse zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
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