Decision ID: 81c1c696-a0b7-48b1-918a-1401e7beeffe
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Mattias Dolder, Poststrasse 23,
9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
S._ meldete sich im August 2006 zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung
an (IV-act. 41). Dr. med. A._, Facharzt FMH für Neurochirurgie/Wirbelsäulenchirurgie,
stellte im Bericht vom 5. September 2006 die Diagnosen eines chronischen
lumbospondylogenen Schmerzsyndroms und eines sensiblen, leichten
sensomotorischen Ausfallsyndroms L5 und S1 rechts. Für die bisherige Tätigkeit
(Putzfrau, Verkäuferin in Bäckerei; vgl. IV-act. 54-4/5) bescheinigte er eine volle
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 52). Nach Durchführung von weiteren medizinischen und
erwerblichen Abklärungen stellte die IV-Stelle des Kantons St. Gallen der Versicherten
mit Vorbescheid vom 20. Februar 2008 bei einem IV-Grad von 28 % (Haushaltanteil
von 60 % x Einschränkung von 24.5 % = IV-Grad 14.7 %; Anteil Erwerbstätigkeit von
40 % x Einschränkung von 32.5 % = 13 % IV-Grad) die Abweisung des
Rentenanspruchs in Aussicht (IV-act. 76). Nachdem die Versicherte durch ihren
Rechtsvertreter Einwand hatte erheben lassen (IV-act. 78, 84), verfügte die IV-Stelle
nach Durchführung von weiteren Abklärungen (IV-act. 86, 93f) am 30. Juni 2008 im
Sinn des Vorbescheids. Im Weiteren wurde in der Verfügung festgehalten, im Rahmen
der Prüfung von Eingliederungsmassnahmen werde ein Auftrag an die
Eingliederungsberatung betreffend Unterstützung bei der Stellensuche erteilt (IV-act.
95).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob Rechtsanwalt Dr. iur. M. Dolder, St. Gallen, für die
Versicherte mit Eingabe vom 23. Juli 2008 Beschwerde mit den Anträgen, die
Verfügung sei aufzuheben. Die Sache sei an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Diese sei anzuweisen, das Beweisverfahren formgerecht durchzuführen und dabei ein
(neues) interdisziplinäres Gutachten, welches über die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin Auskunft gebe, sowie eine aktuelle Haushaltabklärung, welche
über die Einschränkungen im Haushalt Auskunft gebe, einzuholen und anschliessend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über die der Beschwerdeführerin zustehenden gesetzlichen Leistungen der
Invalidenversicherung neu zu befinden. Eventualiter seien der Beschwerdeführerin die
ihr zustehenden gesetzlichen Leistungen der Invalidenversicherung durch das
Versicherungsgericht zuzusprechen. Zur Begründung legte der Rechtsvertreter unter
anderem dar, die Beschwerdeführerin hätte (ohne Gesundheitsschaden) spätestens ab
dem Zeitpunkt, in welchem der jüngste Sohn das 14. Altersjahr vollendet habe, also ab
April 2006, ihr Arbeitspensum wieder auf 80 % ausgebaut. Sie sei daher zu 80 % als
Erwerbstätige und lediglich zu 20 % als im Haushalt Tätige einzustufen. Das Gutachten
von Dr. med. B._, Spezialarzt Orthopädische Chirurgie FMH, vom 7. Januar 2008 mit
psychiatrischem Teilgutachten von Dr. med. univ. C._, Facharzt für Psychiatrie und
Neurologie, sei nicht beweistauglich. Es habe sich inhaltlich nicht massgebend mit den
abweichenden Einschätzungen der weiteren ärztlichen Berichte auseinandergesetzt.
Die Ergänzung des psychiatrischen Gutachtens sei vor Erlass der Verfügung nicht zur
Stellungnahme zugestellt worden, weshalb die Sache zur korrekten Gewährung des
rechtlichen Gehörs an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen sei. In jedem Fall sei
die Verletzung des rechtlichen Gehörs im Rahmen der Kostenverlegung angemessen
mit zu berücksichtigen. Bei der Ermittlung der Einschränkung im Haushalt sei nicht
berücksichtigt worden, dass der Haushalt der Beschwerdeführerin nicht auf ihre
Beschwerden eingerichtet sei. Zudem sei die Mithilfe der Familienangehörigen und der
Freundin über Gebühr berücksichtigt worden. Angesichts der erheblichen
gesundheitlichen Leistungseinschränkungen, welche häufige Positionswechsel
erforderlich machen würden, der Schwindelgefühle, der fehlenden Berufsausbildung
und der subdepressiven Stimmungslage der Beschwerdeführerin sei ein Leidensabzug
von mindestens 20 % gerechtfertigt. Ebenfalls hinzuweisen sei auf die Beachtlichkeit
von Wechselwirkungen zwischen Erwerbs- und Haushaltbereich. - Mit Eingabe vom 25.
August 2008 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin einen ärztlichen
Bericht von Dr. A._vom 19. August 2008 ein (act. G 4).
B.b In der Beschwerdeantwort vom 22. September 2008 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. An der Qualifikation 40 %
Erwerbstätigkeit/60 % Haushalt werde festgehalten. Für die Beurteilung der
Verwertbarkeit des Gutachtens B._/C._ werde integral auf die Stellungnahmen des
RAD vom 18. April und 2. Juni 2008 (IV-act. 73, 86) verwiesen. Der
Betätigungsvergleich sei mittels eines Abklärungsberichts vor Ort und schriftlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sowie mündlichen Angaben der Beschwerdeführerin erstellt worden. Die Angaben
seien von ihr unterschriftlich bestätigt und in der vorliegenden Beschwerde nicht in
konkreten Punkten bemängelt worden. Es sei davon auszugehen, dass die
Einschränkungen in den einzelnen Bereichen richtig erfasst und gewichtet worden
seien. Die Mithilfe der Freundin sei bei der Bestimmung der jeweiligen
Einschränkungen nicht berücksichtigt worden. Es sei davon auszugehen, dass die
ermittelte Einschränkung von 24.5 % korrekt sei. Die geltend gemachte
Berücksichtigung der Wechselwirkung zwischen Erwerbs- und Haushaltbereich sei hier
nicht angebracht.
B.c Mit Replik vom 1. Oktober 2008 hielt der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
an seinen Anträgen und Ausführungen fest. Mit Eingabe vom 13. Oktober 2008
bestätigte auch die Beschwerdegegnerin ihren Standpunkt.
B.d Mit ergänzender Eingabe vom 17. Februar 2009 liess die Beschwerdeführerin
beantragen, es sei ihr ab wann rechtens und zumindest bis zum Zeitpunkt, in welchem
sie infolge der durchzuführenden beruflichen Massnahmen anderweitige Ansprüche
(Taggelder) habe, eine ganze Rente (sog. "Arbeitsunfähigkeitsrente", ausgehend von
einer 80 %igen Erwerbstätigkeit und einer 20 %igen Tätigkeit als Hausfrau)
zuzusprechen. Sie habe von der Beschwerdegegnerin den Fragebogen zur Abklärung
von Eingliederungsmassnahmen zugestellt erhalten. Mit ihrem Verhalten räume die
Beschwerdegegnerin selber ein, dass sie es bislang unterlassen habe,
Eingliederungsmassnahmen zu prüfen. Auch deshalb sei die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.

Erwägungen:
1.
1.1 Vorliegend streitig ist der Invalidenrentenanspruch der Beschwerdeführerin. Unter
Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist
dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades
wird nach Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen) in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen).
1.2 Bei Teilerwerbstätigen (bzw. bei Personen, die ohne die Behinderung
teilerwerbstätig wären) bemisst sich die Invalidität für den nichterwerblichen Teil nach
der Einschränkung im bisherigen Aufgabenbereich (sogenannte 'gemischte Methode',
Art. 27 i.V.m. Art. 27 IVV). Die gemischte Methode der Invaliditätsbemessung ist auch
anwendbar auf ausschliesslich im Haushalt tätige Personen, falls diese ohne ihren
Gesundheitsschaden weiterhin teilweise erwerbstätig wären (vgl. Rz 3105 ff. des
Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit, KSIH).
1.3 Ist eine versicherte Person mindestens zu 40% invalid, so hat sie Anspruch auf
eine Viertelsrente der Invalidenversicherung. Bei einer Invalidität von mindestens 50%
besteht Anspruch auf eine halbe Rente, bei mindestens 60% auf eine Dreiviertelsrente
und ab mindestens 70% ist ein Anspruch auf eine ganze Rente gegeben (Art. 28 Abs. 1
IVG in der ab 1. Januar 2004 gültigen Fassung). Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht
der Rentenanspruch nach Art. 28 IVG frühestens in dem Zeitpunkt, in dem die
versicherte Person mindestens zu 40% bleibend erwerbsunfähig (vgl. Art. 7 ATSG)
geworden ist (lit. a), oder während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens zu 40% arbeitsunfähig (vgl. Art. 6 ATSG) gewesen war (lit.
b).
2.
2.1 Im Austrittsbericht der Klinik Valens vom 16. Februar 2004 wurde im Nachgang zu
einem stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 7. bis 28. Januar 2004 als
Diagnose ein vertebrogenes Schmerzsyndrom und regredientes sensomotorisches
Ausfallsyndrom L5 rechts bei Status nach interlaminärer Fenestration L5/S1 rechts und
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sequesterentfernung, ZWR-Ausräumung am 19. Dezember 2003 (Kantonsspital St.
Gallen) bei mediorechtslateraler Diskushernie L5/S1 aufgeführt (IV-act. 56-34/53). Nach
Durchführung einer weiteren Operation hielt sich die Beschwerdeführerin vom 30.
Januar bis 25. Februar 2006 erneut in der Klinik Valens auf (IV-act. 59). Dr. med. D._,
Klinik für Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen, vermerkte im Bericht vom 21.
September 2006 als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit persistierende
thorakolumbale Kreuzschmerzen und eine rechtsseitige Ischialgie bei Status nach
interlaminärer Fenestration L4/5 rechts, Sequesterentfernung und ZWR-Ausräumung
am 18. Januar 2006, einen Status nach Isthmotomie L5 rechts am 16. November 2005
sowie einen Status nach LDH-Operation L5/S1 rechts im Dezember 2003 (IV-act. 53).
Dr. med. E._, FMH für Allgemeine Medizin, bestätigte im Bericht vom 19. Dezember
2006 einen stationären Gesundheitszustand sowie eine volle Arbeitsunfähigkeit als
Bäckerei-Verkäuferin vom 15. Dezember 2003 bis 30. Juni 2004 sowie vom 26. Mai
2005 bis auf weiteres. Der Beschwerdeführerin seien auch keine anderen Tätigkeiten
zumutbar. Trotz mehrfacher Operationen habe bei ihr keine Schmerzfreiheit erzielt
werden können. Ob das erneute operative Vorgehen am 7. November 2006 zur
erhofften Schmerzfreiheit führen werde, bleibe abzuwarten. Seinem Bericht legte der
Arzt diverse spezialärztliche Berichte bei (IV-act. 56).
2.2 Im Gutachten vom 7. Januar 2008 stellte Dr. B._ die Diagnosen einer
Diskusprotrusion C5/6 mit leichter Einengung des Neuroforamens rechts ohne sichere
Nervenwurzelbeeinträchtigung sowie einer kleinen mediorechtslateralen Diskushernie
C6/7. Im Weiteren bestätigte er die bereits früher vermerkten Diagnosen bezüglich des
lumbalen Rückens sowie (hinsichtlich der Schwerhörigkeit) einen Verdacht auf eine
derzeit nicht näher zuzuordnende Hirnnervenläsion seit Mai 2007. Er kam unter
anderem zum Schluss, die Beschwerdeführerin sei in der bisherigen Tätigkeit vom 15.
Dezember 2003 bis 30. Juni 2004 und vom 26. Mai (2005) bis auf Weiteres 100 %
arbeitsunfähig gewesen. Körperlich schwere Arbeiten in kalter und feuchter Umgebung,
die mit häufigen inklinierten und reklinierten sowie rotierten Körperhaltungen und dem
regelmässigen Heben und Tragen von Gegenständen über 5 kg verbunden und die
vorwiegend sitzend oder stehend und gehend ausgeübt werden müssten, seien nicht
mehr vollumfänglich zumutbar. Die Arbeitsfähigkeit als Hilfsarbeiterin in einer Bäckerei
betrage bei voller Stundenpräsenz ca. 40 % und als Hausfrau ca. 70 %. In adaptierten
Tätigkeiten bestehe bei voller Stundenpräsenz eine Arbeitsfähigkeit von 75 %, wobei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
es sich um körperlich leichte Tätigkeiten in temperierten Räumen handeln sollte, die
abwechslungsweise sitzend und stehend durchgeführt werden könnten, ohne dass
dabei regelmässig inklinierte oder reklinierte sowie rotierte Körperhaltungen
eingenommen werden und Gegenstände über 5 kg gehoben oder getragen werden
müssten. Sämtliche konservativen Behandlungsmassnahmen der lumbalen
Beschwerden seien nebst den vier durchgeführten Eingriffen erfolglos gewesen.
Theoretisch könne nur durch eine nochmalige operative Intervention eine Hoffnung auf
Schmerzreduktion genährt werden. Aufgrund des bisherigen Verlaufs sei die Indikation
aber sehr vorsichtig zu stellen. Es gebe keine medizinischen Massnahmen, mit denen
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit erreicht
werden könne. Gemäss dem psychiatrischen Teilgutachten von Dr. C._ liegt keine
psychische Störung mit Krankheitswert und damit auch keine Beeinträchtigung der
psychischen Belastbarkeit vor (IV-act. 72). Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) erklärte
sich in der Stellungnahme vom 18. Februar 2008 mit dem Begutachtungsergebnis
einverstanden. Die für den Haushaltbereich ermittelte Einschränkung von 24.5 %
erachtete er als plausibel (IV-act. 73).
2.3 Dr. med. F._, Facharzt für Neurologie, bestätigte im Bericht vom 14. März 2008
unter anderem das Vorliegen von Symptomen mit Sensibilitätsstörungen im Gesicht,
aber auch enoral Schluckstörungen, Schwindelgefühl sowie Sensibilitätsstörungen im
rechten radialen Unterarm und in der Hand unklarer Aetiopathogenese
(Differentialdiagnose: Verdacht auf somatoforme Störung bei chronifiziertem
lumbovertebralem Schmerzsyndrom). Im Weiteren vermerkte der Arzt rezidivierende
Spannungskopfschmerzen bei Verspannungen im Schulter-Nackenbereich. Er habe
aktuell bei der Patientin keine Hinweise für das Vorliegen einer organischen Erkrankung
gefunden; er denke im Moment an eine nicht organische Ursache der geklagten
Beschwerden (IV-act. 85). In der Ergänzung des psychiatrischen Teilgutachtens hielt
Dr. C._ am 13. Mai 2008 fest, er habe sich sehr genau mit den Einschätzungen der
Arbeitsfähigkeit durch Dr. E._und Dr. A._ auseinandergesetzt und insbesondere die
neurologischen Vorbefunde berücksichtigt. Nachdem die angegebenen Beschwerden
mit Taubheitsgefühl im Mund-/Zungen-/Gaumenbereich mit Verdacht auf
Hirnnervenläsion auch nach wiederholter neurologischer Abklärung nicht näher
zuordenbar seien und damit derzeit keine organische Ursache der geklagten
Beschwerden gefunden werden könne, müsse eine somatoforme Störung in Betracht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gezogen werden. Nachdem keine psychische Komorbidität von erheblicher Schwere,
Ausprägung und Dauer zu erheben sei, seien auch die beschriebenen Symptome im
Hirnnervenbereich und ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung
überwindbar. Auch würden die angegebenen Parästhesien im Mundbereich zu keiner
Beeinträchtigung der Belastbarkeit führen. Es seien im psychiatrisch-neurologischen
Gutachten sämtliche neurologischen Auffälligkeiten mit möglichem Zusammenhang mit
einer Hirnnervenläsion erhoben und berücksichtigt worden (IV-act. 93).
3.
3.1 Es ist unbestritten, dass die Vorinstanz den angefochtenen Entscheid erliess, ohne
der Beschwerdeführerin zuvor die Anfrage an den psychiatrisch-neurologischen
Gutachter vom 18. April 2008 (IV-act. 87) sowie die entsprechende
Gutachtensergänzung vom 13. Mai 2008 (IV-act. 93) vorgelegt zu haben. Damit wurde
der Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt, was ihr
Rechtsvertreter zu Recht rügt. Er beantragt jedoch nicht in erster Linie oder jedenfalls
nicht ausschliesslich die Rückweisung der Streitsache an die Vorinstanz zur
formgerechten Durchführung des Beweisverfahrens, sondern die Festsetzung eines
höheren IV-Grades bzw. weitere medizinische und erwerbliche Abklärungen. Nach der
Rechtsprechung kann eine Verletzung der nach Art. 55 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit
Art. 19 VwVG und Art. 57, 58 sowie Art. 60 BZP für den Beizug von Sachverständigen
geltenden Verfahrensregeln, insbesondere der Vorschriften, wonach den Parteien
Gelegenheit zu geben ist sich zu den Fragen zu äussern, deren Begutachtung
beabsichtigt ist (Art. 57 Abs. 2 BZP), als geheilt gelten, wenn das Gericht den
angefochtenen Entscheid in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht frei überprüfen kann
(BGE 120 V 362 Erw. 2b). Die Heilung eines allfälligen Mangels soll aber die Ausnahme
bleiben. Richtet sich im Übrigen das Interesse der betroffenen Person nicht auf eine
möglichst beförderliche Beurteilung ihres Anspruchs, sondern auf die Durchsetzung
eines in formeller Hinsicht korrekten Verfahrens, sind die Verfügungen und der
angefochtene Gerichtsentscheid aufzuheben, ohne dass es darauf ankäme, ob
Aussicht besteht, dass nach einem richtig durchgeführten Beweisverfahren anders
entschieden würde (BGE 119 V 208 Erw. 6). Eine Abweichung von dieser Praxis
erscheint jedenfalls dann als gerechtfertigt, wenn die versicherte Person einer
materiellen Beurteilung vor einer Zurückweisung den Vorzug gibt (Entscheid des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 31. Oktober 2002 i.S. H. A. - R. [IV
2001/181]). Von der herrschenden Rechtsprechung ist neuerer Lehre zufolge auch
abzuweichen, wenn bei einer Gehörsverletzung von vornherein absehbar ist, dass die
untere Instanz wieder gleich entscheiden wird wie vorher. Folgende
verfassungsrechtliche Argumente sprechen dagegen, irgend jemandem (Parteien oder
Steuerzahler) diese Nachteile aufzuerlegen: Die Rückweisung ist unverhältnismässig,
weil sie weder erforderlich noch geeignet ist, um die Gehörsverletzung zu beheben; sie
ist sinn- und zwecklos und damit willkürlich, wenn von vornherein klar ist, dass der
neue Entscheid wieder gleich lauten wird; sie ist überspitzt formalistisch, weil sie zum
Selbstzweck wird und ohne schutzwürdiges Interesse die Verwirklichung des
materiellen Rechts in unhaltbarer Weise erschwert oder gar verhindert; sie verletzt das
Beschleunigungsverbot, weil sie zu nutzlosen und damit nicht gerechtfertigten
Verfahrensverzögerungen führt. Es besteht auch ein generelles öffentliches Interesse,
dass Rechtsverfahren nicht länger dauern als nötig (H. Seiler, Abschied von der
formellen Natur des rechtlichen Gehörs, in: SJZ 100 [2004], S. 377-385). Diese Gründe
rechtfertigen es auch vorliegend, den an sich nicht gering zu schätzenden
Verfahrensmangel mit dem Beschwerdeverfahren, in welchem das Gericht mit voller
Kognition ausgestattet ist, zu heilen. Folgerichtig ist die Rentenfrage zu prüfen.
3.2 Dr. A._ bestätigte im Bericht vom 5. September 2006 eine volle
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin im Beruf als Putzfrau/Bäckerei-Verkäuferin
seit 15. November 2005. Leichtere Haushaltarbeiten ohne Heben von Gewichten über 5
bis 10 kg ohne gebückte Stellungen erachtete er während drei Stunden pro Tag als
möglich; dies bei einer um 10-20 % verminderten Leistungsfähigkeit (IV-act. 52). Dr.
D._ erachtete demgegenüber im Bericht vom 21. September 2006 die bisherige
Tätigkeit für etwa vier Stunden pro Tag "nicht am Stück gearbeitet" zumutbar. Andere
rückenschonende Tätigkeiten ohne Belastung über 10 kg mit wechselnder Position
seien ebenfalls während vier Stunden pro Tag zumutbar, wobei eine gewisse
Einschränkung der Beweglichkeit bestehe; die Patientin bekomme schon nach 100
Meter Laufen Schmerzen und beginne zu hinken (IV-act. 53). Dr. E._ verneinte
schliesslich im Bericht vom 19. Dezember 2006 ohne nähere Begründung eine
Arbeitsfähigkeit sowohl bezüglich der bisherigen als auch einer anderen Tätigkeit (IV-
act. 56). Diese uneinheitlichen Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit bildeten Anlass für
die Beschwerdegegnerin zur Anordnung der Begutachtung durch Dr. B._ und Dr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C._, welche wie erwähnt für die Tätigkeit in der Bäckerei eine 40 %ige
Arbeitsfähigkeit ab Juni 2004, für die diejenige als Hausfrau eine solche von 70 % ab
Juni 2004 und für andere körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten eine
Arbeitsfähigkeit von 75 % (offenbar ab dem Datum der Begutachtung) ergab.
3.3 Der Psychiater und Neurologe Dr. C._ stellte im Teilgutachten vom 20.
Dezember 2007, welches er unter Berücksichtigung der vorerwähnten medizinischen
Berichte verfasste, den neurologischen Status ausführlich dar und ging auch unter der
Rubrik Beurteilung und Prognose auf neurologische Aspekte ein (IV-act. 72-11/18,
72-15/18f). Die von Dr. C._ angeführten Diagnosen einer chronischen
Lumboischialgie und eines chronischen Cervikalsyndroms (IV-act. 72-16/18) finden
sich insofern auch im zusammenfassenden Bericht von Dr. B._, als dieser in seiner
Diagnosestellung dieselben medizinischen Sachverhalte - wenn auch mit medizinisch-
orthopädischen Bezeichnungen - umschrieb (vgl. IV-act. 72-6/18 Ziffer 4.1). Der
Einwand, dass die Berichte von Dr. B._ und Dr. C._ inhaltlich nicht aufeinander
abgestimmt seien (act. G 1 S. 7f), trifft deshalb nicht zu. Aus der Ergänzung des
Teilgutachtens von Dr. C._ (IV-act. 93) ergaben sich keine neuen Aspekte ausser
demjenigen, dass der Gutachter - nachdem die angegebenen Beschwerden mit
Taubheitsgefühl im Mundbereich mit Verdacht auf Hirnnervenläsion nach wiederholter
neurologischer Abklärung nicht näher zuordenbar waren (vgl. dazu auch IV-act. 85-3/4)
- eine somatoforme Störung in Betracht zog, eine psychische Komorbidität von
erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer jedoch verneinte bzw. die Symptome im
Hirnnervenbereich mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar erachtete.
An näheren Ausführungen hierzu bzw. an einer Begründung fehlt es allerdings. Wenn
Dr. F._ im Bericht vom 14. März 2008 keine organische (neurologische) Ursache der
Beschwerden eruieren konnte (IV-act. 85), so stimmt er darin zwar im Ergebnis mit Dr.
C._ überein. Allerdings äusserte sich Dr. F._ dahingehend, dass sich die von der IV
beurteilte Arbeitsfähigkeit "im Moment sicherlich nicht realisieren" lasse (IV-act.
85-3/4). Zu diesem Schluss kam Dr. F._, nachdem er im gleichen Bericht
festgehalten hatte, es bestünden keinerlei Hinweise für eine organische Erkrankung,
und er denke im Moment an eine nicht organische Ursache der Beschwerden (IV-act.
85-3/4). Eine organische Begründung für eine Nichtrealisierbarkeit der Arbeitsfähigkeit
vermochte der Arzt damit nicht zu liefern, und eine nicht organische (psychiatrische)
Begründung hatte sich bereits früher gemäss den Feststellungen von Dr. C._ nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gefunden. Dr. F._ verneinte sodann im Bericht vom 14. März 2008 gestützt auf ein
cranio-cerebrales MRI das Bestehen von Hinweisen für entzündliche ZNS-
Veränderungen (IV-act. 85-3/4) und räumte damit entsprechende, im Gutachten vom
20. Dezember 2007 von Dr. C._ geäusserte Vermutungen (vgl. IV-act. 72-16/18) aus.
Die vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin erwähnten Abklärungen (act. G 1 S. 9
oben) fanden damit bereits statt. Hierauf wies denn auch Dr. C._ ausdrücklich hin
(vgl. IV-act. 93-2/6).
Im Untersuchungs-Bericht vom 19. August 2008 bestätigte Dr. A._ eine klare
Pseudoarthrose L4/L5 sowie einen Kollaps der Bandscheibe auf Höhe L5/S1. Dies
erkläre sehr gut die Beschwerden der Patientin. Die übrigen Bandscheibensegmente
seien altersentsprechend in Ordnung. Er habe der Patientin eine dorsale
Verschraubung und Spondylodese L4-S1 vorgeschlagen. Die Patientin sei
einverstanden, und der Eingriff sei für den 17. Oktober 2008 geplant (act. G 4.1). Dazu
ist mit der Beschwerdegegnerin zwar grundsätzlich festzuhalten, dass die von Dr. A._
aufgeführten Befunde bereits im Gutachten von Dr. B._ - wenn auch die
Pseudoarthrose noch in Form einer Verdachtsdiagnose - genannt und die
schmerzbedingten Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit ausdrücklich
bestätigt wurden (IV-act. 72-6/18f). Jedoch lieferte Dr. B._ für seine Arbeitsfähigkeits-
Schätzung (75 % für leichte, wechselbelastende Tätigkeiten) keinerlei Begründung.
Insbesondere nahm er keine Bewertung der festgestellten Störungen hinsichtlich ihrer
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vor. Eine solche wäre umso mehr zu erwarten
gewesen, als Dr. B._ bis zum Zeitpunkt der Begutachtung noch eine volle
Arbeitsunfähigkeit bescheinigte (IV-act. 72-7/18), so dass sich für den Übergang zu
einer 25 %igen Arbeitsunfähigkeit ein Erklärungsbedarf ergibt. Sodann bezeichnete der
Gutachter die lumbalen Schmerzen und die Befunde der LWS als erklärbar (IV-act.
72-6/18) und schloss überdies eine Schmerzreduktion durch eine weitere Operation
nicht aus (IV-act. 72-7/18f). Dennoch liegen - sowohl bei Dr. B._ als auch Dr. C._ -
keine begründeten Darlegungen zur Frage vor, welche Bedeutung dem Schmerz im
Zusammenhang mit der Arbeitsfähigkeit zukommt und in welcher Weise der offenbar
hohe Schmerzmittelbedarf zu gewichten sei. Die 75 %ige Arbeitsfähigkeit wird denn
auch von den Gutachtern nicht mit dem Hinweis begründet, dass eine erfolgreiche
(zumutbare) Schmerzbekämpfung mit Schmerzmitteln (Opiaten) vorliege. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung erweist sich bei diesem Sachverhalt für den medizinischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Laien nicht nachvollziehbar begründet, zumal - im Nachgang zu vier bzw. fünf
Rückenoperationen - die rheumatologische bzw. schmerztherapeutische Sicht fehlt.
Vor dem geschilderten Hintergrund kann auf das Gutachten B._/C._ inhaltlich nicht
abgestellt werden. Eine Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur
ergänzenden (orthopädisch/neurologisch/rheumatologischen) Begutachtung lässt sich
nicht umgehen.
4.
4.1 Im Abklärungsbericht Haushalt vom 4. Juni 2007 wurde von einem Haushaltanteil
von 60 % und einem Erwerbsanteil von 40 % ausgegangen. Dies mit dem Hinweis,
dass das Arbeitsverhältnis bei der Bäckerei G._ einem Pensum von 40 %
entsprochen habe (IV-act. 67-7/11). Die Frage, in welchem Umfang eine Person ohne
Vorliegen eines Gesundheitsschadens erwerbstätig gewesen wäre, wird nach den
persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen Verhältnissen beurteilt. Abzustellen
ist auf die Verhältnisse, wie sie sich bis zum Erlass des angefochtenen Entscheids
entwickelt haben (BGE 125 V 146 Erw. 2c). Ob eine Person als ganz- oder
teilerwerbstätig bzw. in welchem Ausmass sie als erwerbstätig zu betrachten ist, ergibt
sich aus der Antwort auf die Frage, was sie - bei im übrigen unveränderten
Umständen - täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde. Eine
revisionsrechtlich relevante neue Hypothese in Bezug auf diese sogenannte
Validenkarriere kann nur bei überwiegend wahrscheinlichem Verlauf angenommen
werden (BGE 117 V 194 Erw. 3b; vgl. Gabriela Riemer-Kafka, Veränderungen der
familiären Verhältnisse als Rentenrevisionsgrund in der IV, in: R. Schaffhauser/F.
Schlauri [Hrsg.], Die Revision von Dauerleistungen in der Sozialversicherung, S. 111).
Ein Methodenwechsel setzt eine Nachführung der hypothetischen Lebensentwicklung
voraus. Dabei wird auf den realen Verlauf der persönlichen und familiären Verhältnisse
abgestellt. Aus dieser Realität wird auf eine allfällige wesentliche Änderung im
massgebenden hypothetischen Sachverhalt, in der Validenkarriere, geschlossen (BGE
117 V 198 Erw. 3b). Sowohl bei der erstmaligen Rentenzusprache als auch im
Rentenrevisionsverfahren sind für die Festlegung des von einer versicherten Person im
Gesundheitsfall mutmasslich ausgeübten Aufgabenbereiches ausser der finanziellen
Notwendigkeit, eine Erwerbstätigkeit (wieder) aufzunehmen oder auszudehnen, auch
allfällige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beruflichen Fähigkeiten, die Ausbildung und die persönlichen Neigungen und
Begabungen zu berücksichtigen (BGE 117 V 194 Erw. 3b). Dabei kommt bei der
Beantwortung der Frage, ob im Gesundheitsfall eine Änderung der bisherigen
Aufteilung vollzogen worden wäre, keinem dieser Kriterien zum vornherein vorrangige
Bedeutung zu (AHI-Praxis 1997, 289 Erw. 2b). Beim Beweis einer hypothetischen
Lebensgestaltung ist zu beachten, dass schon die Gesundheitsfiktion als solche Mühe
machen kann und auch in der Validenkarrierehypothese eine Freiheit zu spontanen
Lebensveränderungen mitgedacht werden muss. Nicht zuletzt wandeln sich auch die
Gepflogenheiten im sozialen Umfeld. Insgesamt ist bei der Festlegung von Quoten mit
einem groben Raster zu messen. Die Aufnahme einer Berufstätigkeit darf in dem
Umfange vermutet werden, in welchem sie nach den Umständen zumutbar wäre und
objektiv üblichen Gepflogenheiten entspricht.
4.2 Mit Bezug auf die erwerbliche und familiäre Situation der Beschwerdeführerin
ergibt sich aus den Akten, dass sie von 1982 bis 1984 eine Bürolehre (ohne Abschluss;
IV-act. 44-1/1) absolvierte, nach ihrer Heirat mit 23 Jahren über 14 Jahre als Hausfrau
und Mutter von zwei Söhnen tätig war und in diesem Zeitraum keiner ausserhäuslichen
Tätigkeit nachging. Nachdem sie von Juli 2001 bis Juli 2004 (IV-act. 51-2/3) mit einem
Teilpensum - der Arbeitgeber hatte ein solches von rund 50 % angegeben (vgl. IV-act.
54-2/5) - in einer Bäckerei gearbeitet hatte, übte sie von Dezember 2004 bis Juni 2005
eine Büroreinigungstätigkeit aus (IV-act. 50). Bei Erlass des angefochtenen Entscheids
war sie 44jährig und lebte zusammen mit ihrem Mann und den Söhnen in einem Haus
mit fünfeinhalb Zimmern (IV-act. 67-2/11f). Die Beschwerdeführerin gab anlässlich der
Haushaltabklärung an, sie sei froh um die Stelle in der Bäckerei gewesen, da es
schwierig gewesen sei, als Wiedereinsteigerin eine Arbeit zu bekommen. Wenn sie
gesund wäre, würde sie wahrscheinlich nach wie vor in der Bäckerei arbeiten (IV-act.
67-3/11). Diese Angabe lässt sich entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin
(act. G 6, Ziffer III.2.) nicht dahingehend interpretieren, dass die Beschwerdeführerin in
jedem Fall auch als Gesunde lediglich ein 40 %-Arbeitspensum ausgeübt hätte, zumal
sie sich anlässlich der Haushaltabklärung bezüglich des (hypothetischen)
Arbeitspensums als Gesunde nicht äusserte und auch nicht danach gefragt worden
war. Auch aus den (relativ tiefen) IK-Einkommen für 2001 bis 2004 (IV-act. 51-1/3f) lässt
sich dies nicht ableiten, zumal der jüngere Sohn der Beschwerdeführerin im Jahr 2004
erst 12 Jahre alt war. Wenn sie erklärte, sie könne sich als berufliche Alternative auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Tätigkeit als Haushalthilfe bei einem älteren Ehepaar vorstellen, so ist damit noch
nichts über das Pensum ausgesagt. Dies umso weniger, als solche Tätigkeiten auch
bei mehreren Arbeitgebern ausgeübt bzw. mit anderen Arbeiten kombiniert werden
können, woraus zusammen durchaus ein Pensum von 80 % resultieren kann.
Die Beschwerdeführerin absolvierte nach der (nicht abgeschlossenen) Lehre im
Gastgewerbe ein Haushaltlehrjahr. Danach war sie von März 1986 bis Oktober 1987
bei der H._ AG als Verkäuferin tätig und erzielte in diesen 19 Monaten einen
Verdienst von Fr. 29'216.-- (vgl. IV-act. 51-2/3f). Dabei dürfte es sich in etwa um ein 50
%-Pensum gehandelt haben. Die Beschwerdegegnerin führte in diesem
Zusammenhang aus, mit einem solchen Lohn sei die Beschwerdeführerin bereits vor
der Geburt der Kinder freiwillig weit unter demjenigen einer 100 %-Anstellung für
irgendeine Hilfsarbeit geblieben (act. G 6 Ziffer III.2.). Dazu ist festzuhalten, dass sich
aus dieser Tatsache allein keine "Fixierung" des Erwerbsanteils für die ganze
Aktivitätsdauer ableiten lässt, zumal sich beim Umfang der Erwerbstätigkeit im Verlauf
der Jahre durchaus veränderte Zielsetzungen ergeben können. Die Annahme, dass die
Beschwerdeführerin ohne Vorliegen eines Gesundheitsschadens einer
ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit mit einem grösseren Pensum als 40% nachginge,
erscheint angesichts der dargelegten familiären und persönlichen Verhältnisse
gerechtfertigt. Dass es sich um ein Pensum von 80 % handeln würde, wie die
Beschwerdeführerin vorbringen lässt, erscheint gegenüber einer 40%-Erwerbstätigkeit
als plausibler, zumal die (hypothetische) Aufteilung im Verwaltungsverfahren offenbar
überhaupt nicht zur Sprache gekommen war. Bei diesem Sachverhalt ist von der
Annahme auszugehen, dass die Beschwerdeführerin als Gesunde eine 80%-
Teilzeittätigkeit angestrebt und die verbleibende Zeit für den Haushalt verwendet hätte.
Die Invaliditätsbemessung hat daher auf der erwähnten Basis zu erfolgen.
4.3 Im Abklärungsbericht Haushalt vom Juni 2007 wurde für die Zeit ab Beginn der
langdauernden Krankheit (volle Arbeitsunfähigkeit ab 26. Mai 2005) bis März 2007 mit
Operationen und Rehabilitationsphasen von einer durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit
im Haushalt von ca. 60 % und im Erwerb von 100 % ausgegangen (IV-act. 67-5/11,
67-7/11). Daraus resultiere eine Behinderung von insgesamt 76 % (Haushaltanteil von
60 % x 60 % Einschränkung = 36 %; Erwerbsanteil von 40 % x 100 % Einschränkung).
Für die Zeit ab April 2007 betrage die Einschränkung im Haushalt insgesamt 24.5 %.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dabei werde unter Ernährung, Wohnungspflege und Einkaufen eine Mithilfe der
Angehörigen im Sinne der Schadenminderungspflicht (von gesamthaft 60-90 Minuten
pro Tag) berücksichtigt. Bei der Wohnungspflege betrage die Einschränkung rund 70
%; zumutbar sei die Mithilfe der Angehörigen im Umfang von 20 %, weshalb lediglich
50 % anzurechnen seien (IV-act. 67-6/11, 67-10/11).
Für den Beweiswert eines Abklärungsberichtes Haushalt sind - analog zur
Rechtsprechung zur Beweiskraft von Arztberichten gemäss BGE 125 V 352 Erw. 3a mit
Hinweis - verschiedene Faktoren zu berücksichtigen. Es ist wesentlich, dass als
Berichterstatterin eine qualifizierte Person wirkt, welche Kenntnis der örtlichen und
räumlichen Verhältnisse sowie der aus den gestellten medizinischen Diagnosen sich
ergebenden Beeinträchtigungen und Behinderungen der betroffenen Person hat.
Weiter sind die Angaben der beteiligten Personen zu berücksichtigen, wobei
divergierende Meinungen der Beteiligten im Bericht aufzuzeigen sind. Der Berichtstext
muss plausibel begründet und detailliert sein und in Übereinstimmung mit den an Ort
und Stelle erhobenen Angaben stehen. Trifft all dies zu, ist der Abklärungsbericht voll
beweiskräftig. Das Gericht greift, sofern der Bericht eine zuverlässige
Entscheidungsgrundlage im eben umschriebenen Sinn darstellt, in das Ermessen der
die Abklärung tätigenden Person nur ein, wenn klar feststellbare Fehleinschätzungen
vorliegen (vgl. BGE 128 V 93 Erw. 4). Nach der Rechtsprechung haben die im Haushalt
tätigen Versicherten Verhaltensweisen zu entwickeln, welche die Auswirkungen der
Behinderung im hauswirtschaftlichen Bereich reduzieren und ihnen eine möglichst
vollständige und unabhängige Erledigung der Haushaltarbeiten ermöglichen. Kann die
versicherte Person wegen ihrer Behinderung gewisse Haushaltarbeiten nur noch
mühsam und mit viel höherem Zeitaufwand erledigen, so muss sie in erster Linie ihre
Arbeit einteilen und in üblichem Umfang die Mithilfe von Familienangehörigen in
Anspruch nehmen. Ein invaliditätsbedingter Ausfall darf bei im Haushalt tätigen
Personen nur insoweit angenommen werden, als die Aufgaben, welche nicht mehr
erfüllt werden können, durch Drittpersonen gegen Entlöhnung oder durch Angehörige
verrichtet werden, denen dadurch nachweislich eine Erwerbseinbusse oder doch eine
nicht verhältnismässige Belastung entsteht. Die im Rahmen der Invaliditätsbemessung
bei einer Hausfrau zu berücksichtigende Mithilfe von Familienangehörigen geht daher
nach einer - nicht sehr überzeugenden - Rechtsprechung weiter als die ohne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsschädigung üblicherweise zu erwartende Unterstützung (BGE 133 V 504
Erw. 4.2).
Die Beschwerdegegnerin legte die Einschränkungen im Haushalt gestützt auf die
Angaben der Beschwerdeführerin fest. Die Mithilfe der Freundin (einmal pro Woche
zwei bis drei Stunden; IV-act. 65-9/9, 67-7/11) wurde im Bericht lediglich erwähnt; eine
Berücksichtigung derselben in Form einer verminderten Anrechnung der
Einschränkungen fand jedoch nicht statt. Im Weiteren lässt sich die Arbeitsunfähigkeit
im Haushalt insofern nicht mit derjenigen für eine leichte adaptierte Berufstätigkeit
vergleichen, als die Beschwerdeführerin ihre Arbeiten im Haushalt im Wesentlichen
selber einteilen und damit auch vermehrt auf gesundheitliche Gegebenheiten Rücksicht
nehmen kann. Die Beschwerdeführerin lässt den Haushaltbericht im Übrigen nicht in
konkreten Punkten bemängeln.
Ob die vorliegend ermittelte Einschränkung der Beschwerdeführerin überzeugt, ist
abschliessend erst nach der Durchführung der ergänzenden medizinischen
Begutachtung zu beurteilen.
5.
5.1 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 30. Juni 2008 in
Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die Angelegenheit zur Durchführung
einer polydisziplinären (neurologisch/rheumatologisch/orthopädischen) Begutachtung
und zu neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint angemessen. Mit Blick auf das Obsiegen der Beschwerdeführerin hat die
Beschwerdegegnerin die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird der Beschwerdeführerin zurückerstattet.
5.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Aufgrund des Obsiegens im materiellen Punkt
hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Parteientschädigung gegenüber der
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin. Im Weiteren haben auch die Gehörsverletzung und deren
Heilung Folgen für die Verfahrenskostenauferlegung, zumal diese unter anderem
Anlass für die Anhebung dieses Beschwerdeverfahrens bildete (vgl. act. G 1; BVR
2008, 97). Dementsprechend hat die Beschwerdeführerin auch aus diesem Grund
Anspruch auf Parteientschädigung (vgl. Lorenz Kneubühler, Gehörsverletzung und
Heilung, ZBl 1998, 97ff, 119; Benjamin Schindler, die "formelle Natur" von
Verfahrensgrundrechten, ZBl 2005, 169ff, 193), auch wenn sich diese konkret auf den
Betrag nicht erhöhend auswirkt. Ausgehend von einer "mittleren" Entschädigung bei
vollem Obsiegen von Fr. 3'500.-- erscheint die Zusprechung einer Parteientschädigung
in dieser Höhe (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht