Decision ID: d3be3fcb-f9fb-4aa8-9a64-fe26ffc182fa
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Februar 2009 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe zuletzt als ungelernter
Schweisser gearbeitet. Dem Anmeldeformular lag ein Fähigkeitszeugnis bei, laut dem
der Versicherte eine Berufslehre zum Automonteur für leichte Motorwagen
abgeschlossen hatte (IV-act. 3). Die Rehaklinik Bellikon berichtete am 5. Mai 2009 (IV-
act. 25), der Versicherte habe am 13. September 2008 einen Selbstunfall mit seinem
Personenwagen erlitten, bei dem er sich ein Distorsionstrauma der Halswirbelsäule
zugezogen habe. Bereits im Mai 2008 sei ihm eine Platte auf die linke Hand gefallen.
Bei einer im November 2008 durchgeführten Elektromyographie habe kein Anhalt für
ein sensibles, motorisches oder senso-motorisches Carpaltunnelsyndrom festgestellt
werden können; ein im April 2009 angefertigtes MRI habe ein Handgelenksganglion auf
der Höhe des proximalen Capitatum mit einem Durchmesser von 12mm gezeigt. Vom
16. März 2009 bis zum 29. April 2009 sei der Versicherte stationär in der Rehaklinik
Bellikon behandelt worden. Die aktuellen Probleme seien Dauerschmerzen im Nacken
mit Ausstrahlung in die Halswirbelsäule und die Schultern (deutlich regredient),
Unterarm- und Handgelenksschmerzen links beim Tragen von Gewichten und bei der
Dorsalextension der Hand sowie eine Hyperästhesie, die den ganzen linken Unterarm
betreffe. Aus medizinischer Sicht sei dem Versicherten eine mittelschwere Arbeit ab
dem 1. Juni 2009 zu 50 Prozent zumutbar; das Pensum könne innerhalb von drei
Monaten gesteigert werden. Der Versicherte, der zuletzt als (ungelernter) Schlosser
gearbeitet hatte, konnte auf Kosten der Suva im Mai 2009 einen einwöchigen
Schweisskurs absolvieren (vgl. act. G 8.3.1–21 ff.). Im Juni 2009 konnte er eine neue
Arbeitsstelle als Schlosser respektive Schweisser antreten (vgl. act. G 8.3.3–1 f.). Mit
A.a.
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einer Mitteilung vom 10. August 2009 wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche
Massnahmen und das Rentenbegehren ab (IV-act. 30).
Im Februar 2013 meldete sich der Versicherte unter Hinweis auf einen offenen
Unterschenkelbruch rechts, den er bei einem Autounfall am 2. August 2012 erlitten
hatte, erneut zum Leistungsbezug an (IV-act. 31). Dem Anmeldeformular lag ein Diplom
bei, laut dem er im November 2012 die Abschlussprüfungen zum diplomierten
Kaufmann der B._ bestanden hatte (IV-act. 34–2). Die Klinik für orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates des Kantonsspitals St. Gallen
berichtete im Februar 2013 (act. G 8.3.4.59), der Versicherte leide an einem Status
nach einer offenen Reposition und Plattenosteosynthese des Pilon tibiale rechts sowie
der Fibula rechts bei einer zweitgradig offenen Unterschenkelfraktur rechts mit einer
distalen Fibulafraktur und einer Pilon tibiale-Fraktur sowie einer Wundheilungsstörung
am medialen Malleolus rechts. Der Versicherte habe – rund sechs Monate nach der
Osteosynthese – über nach wie vor bestehende Schmerzen im oberen Sprunggelenk
und über eine eingeschränkte Gelenksbeweglichkeit geklagt. Eine aktuelle
Röntgenaufnahme habe im Bereich des Gelenkspaltes eine Stufe von 1,5mm gezeigt;
die proximale Schraube der Tibiaplatte sei abgebrochen. Im Bereich der Vorderkante
der Tibia habe sich ein Ossikel gezeigt, das für ein fragliches Impingement
verantwortlich sein könnte. Im Juni 2013 wurde der Verdacht geäussert, dass sich eine
Pseudarthrose entwickelt haben könnte (vgl. act. G 8.4.11–107). Noch während der
laufenden medizinischen Abklärung und Behandlung der Beschwerden am rechten
Fuss bestand der Versicherte im Oktober 2013 die eidgenössische Prüfung zum
technischen Kaufmann (act. G 8.4.9–6).
A.b.
Zu Beginn des Jahres 2014 erfolgte eine weitere Operation, die jedoch zunächst
nicht zu einer Beschwerdelinderung, sondern zu einer Zunahme der Beschwerden
führte (vgl. act. G 8.4.11–87). Der Operateur Dr. med. C._ berichtete am 6. Februar
2014 über einen regelrechten Verlauf (act. G 8.4.11–83), hielt in einem Bericht vom
13. März 2014 dann aber fest (act. G 8.4.11–67), der Bewegungsumfang habe sich
nach der Korrekturosteotomie nicht gebessert und die Schmerzen hätten insgesamt
eher zugenommen, weshalb insgesamt ein frustraner Verlauf vorliege. Der Versicherte
werde nun in schmerzabhängiger Vollbelastung mobilisiert. Im Juni 2014 berichtete der
Orthopäde Dr. med. D._ (act. G 8.4.13–93 f.), der Knochen sei gemäss einem
A.c.
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SPECT-CT noch nicht vollständig geheilt, was die Schmerzen des Versicherten erkläre.
Ansonsten sei die Kongruenz des oberen Sprunggelenks „recht ordentlich“. Der
Versicherte solle nun normal belasten; mittlerweile gehe er auch schon ohne Stöcke.
Ab Juli 2014 konnte der Versicherte eine von der Suva finanzierte Stellenvermittlung in
Anspruch nehmen (vgl. act. G 8.4.13–57). Der Stellenvermittler berichtete im
September 2014, dass der Versicherte grundsätzlich gute Chancen für eine
Wiedereingliederung ins Erwerbsleben verfüge, dass aber angesichts der anhaltenden
Schmerzen ein Wiedereinstieg ins Berufsleben zurzeit nicht erfolgsversprechend sei
(act. G 8.4.13–43 ff.).
In einem Bericht des Schmerzzentrums des Kantonsspitals St. Gallen vom
5. Januar 2015 wurde als neue Diagnose ein chronifiziertes gemischt nozizeptiv-
neuropathisches Schmerzsyndrom angeführt (act. G 8.5.15–24 f.). Am 29. April 2015
fand eine operative Metallentfernung statt (act. G 8.5.19–21 f.). Im Juli 2015 berichtete
Dr. D._ (act. G 8.5.33), die Beweglichkeit des oberen Sprunggelenks habe sich
objektiv leicht verbessert. Weiterhin persistiere eine Hypästhesie im Versorgungsgebiet
des Nervus peroneus superficialis auf der medialen Seite des Fusses. Lateralseitig
habe sie sich erholt. Zudem liege eine Hypästhesie im Versorgungsgebiet des Nervus
peroneus profundus interdigital I/II vor. Die Narben seien reizlos. Es bestehe eine
mässige Schwellung. Der radiologische Befund zeige einen kompletten Durchbau der
Frakturen. Die proximale Spitze (gemeint wohl: einer von zwei belassenen Schrauben)
überrage die dorsale Corticalis um einige Millimeter. Insgesamt bleibe die Situation
unverändert frustran. Der Versicherte klage über eine Zunahme der Schmerzen nach
den beiden letzten Operationen. Die Beweglichkeit sei nicht signifikant besser
geworden. Im Oktober 2015 berichtete das Kantonsspital E._ (act. G 8.5.48), bei
einer neuerlichen Untersuchung sei eine deutliche Stoffwechselaktivität im Bereich des
oberen Sprunggelenks festgestellt worden. Die posttraumatische Arthrose sei deutlich
fortgeschritten. Man habe dem stark schmerzgeplagten Versicherten eine weitere
Operation vorgeschlagen. Eine Kreisärztin der Suva vertrat die Ansicht (act. G 8.5.54),
beim Versicherten liege sehr wahrscheinlich kein chronisches regionales
Schmerzsyndrom vor. Die geklagten Schmerzen seien medizinisch begründbar. Die
vom Kantonsspital E._ vorgeschlagene Operation sollte vorgenommen werden. Die
Operation wurde am 2. Februar 2016 durchgeführt (act. G 8.5.74). Der Operateur
A.d.
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berichtete im März 2016 (act. G 8.5.78), der postoperative Verlauf sei zufriedenstellend.
Die objektiven Befunde seien gering ausgeprägt. Der Fuss müsse nun ohne Orthese
vollbelastet werden. Der Versicherte müsse intensiv physiotherapeutisch beübt
werden. Aus orthopädischer Sicht sei mit einem Wiedererlangen der Arbeitsfähigkeit für
leidensadaptierte Tätigkeiten innerhalb von drei Monaten zu rechnen. Im Juni 2016
teilte der Versicherte der Suva mit (act. G 8.5.91), dass sein Zustand unverändert
schlecht sei. Er hätte nach der ersten Operation keine weiteren Operationen mehr
durchführen sollen. Die auf Anraten eines Kreisarztes consiliarisch beigezogene
Universitätsklinik Balgrist berichtete am 28. September 2016, dass überwiegend
wahrscheinlich ein CRPS am rechten Fuss vorliege (act. G 8.5.136). Die Suva empfahl
dem Versicherten unter anderem, eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch
zu nehmen. Am 6. September 2017 berichtete der Psychiater Dr. med. F._ (act. G
8.5.205), er habe die Behandlung am 8. August 2017 aufgenommen. Der Versicherte
leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er sei sehr stark auf seine
Schmerzen fixiert. Die Universitätsklinik Balgrist hielt in einem Bericht vom 13.
September 2017 fest (act. G 8.5.212), der Zustand sei unverändert. Aus medizinischer
Sicht sei ein Endzustand eingetreten. Am 5. Oktober 2017 fand die kreisärztliche
Abschlussuntersuchung statt. In seinem Bericht vom 6. Oktober 2017 führte der
Kreisarzt aus (act. G 8.5.219), die Sehnenstruktur sei an beiden Füssen gut gewesen.
Die Beweglichkeit des rechten oberen Sprunggelenks sei deutlich eingeschränkt
gewesen. Zudem habe eine deutlich erhöhte Hypersensibilität vorgelegen. Die
Umfangmasse im rechten Bein seien gegenüber links deutlich verändert gewesen.
Unter Ablenkung habe das rechte obere Sprunggelenk untersucht werden können. Der
Bandapparat habe insgesamt klinisch stabil gewirkt. Über der Malleolengabel habe
eine Druckschmerzhaftigkeit vorgelegen. Bei der klinischen Untersuchung seien
mehrere Hautveränderungen aufgefallen. Der rechte Fuss sei auch deutlich kühler als
der linke Fuss gewesen. Diagnostisch handle es sich um eine verbliebene
Bewegungseinschränkung und Belastungsintoleranz des rechten Sprunggelenks. Die
vom Versicherten sehr differenziert angegebene neuropathische und nozizeptive
Schmerzsymptomatik sei „auch im Sinne einer Allodynie zu werten“. Dem Versicherten
seien leichte körperliche Tätigkeiten im Sitzen in einem Pensum von 50 Prozent
zumutbar. Der Versicherte sollte die Möglichkeit haben, das rechte Bein hochzulegen.
Mit einer Verfügung vom 28. November 2017 sprach die Suva dem Versicherten mit
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B.
Wirkung ab dem 1. Dezember 2017 eine Invalidenrente bei einem anhand der DAP
ermittelten Invaliditätsgrad von 61 Prozent sowie eine Integritätsentschädigung bei
einem Integritätsschaden von zehn Prozent zu (act. G 8.5.223).
Im Dezember 2017 notierte Dr. med. G._ vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD), in somatischer Hinsicht könne auf den Abschlussbericht des Suva-
Kreisarztes abgestellt werden; in psychiatrischer Hinsicht seien aber noch weitere
Abklärungen notwendig (IV-act. 79). Die IV-Stelle forderte deshalb den behandelnden
Psychiater Dr. F._ auf, einen Arztbericht zu erstatten. Am 21. Februar 2018 berichtete
Dr. F._ (IV-act. 81), der Versicherte leide an einer posttraumatischen
Belastungsstörung. Nicht nur die körperliche Verfassung sei sehr schlecht; der
Versicherte befinde sich auch in einem sehr depressiven Zustand. Er sei höchstens zu
30–40 Prozent arbeitsfähig. Die RAD-Ärztin Dr. G._ notierte am 27. Februar 2018 (IV-
act. 82), weder die posttraumatische Belastungsstörung noch die Depression wirke
sich auf den Invaliditätsgrad des Versicherten aus. Mit einer Verfügung vom 8. Juni
2018 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1. August 2013 eine
halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von 50 Prozent zu (IV-act. 95).
A.e.
Der Versicherte liess am 11. Juli 2018 eine Beschwerde gegen die Verfügung vom
8. Juni 2018 erheben und die Zusprache einer ganzen Rente für die Zeit vom
1. August 2013 bis zum 30. November 2017 und einer Dreiviertelsrente für die Zeit ab
dem 1. Dezember 2017 beantragen (vgl. IV-act. 98). Mit einer Verfügung vom
28. August 2018 widerrief die IV-Stelle ihre Verfügung vom 8. Juni 2018, um weitere
Abklärungen zu tätigen (IV-act. 105). Die Widerrufsverfügung enthielt den Hinweis: „Die
bisherige Rente wird weiterhin ausgerichtet“. Das Beschwerdeverfahren wurde am
17. September 2018 abgeschrieben (vgl. IV-act. 113).
A.f.
Die RAD-Psychiaterin Dr. med. H._ notierte am 30. August 2018 (IV-act. 107),
die Ausführungen des behandelnden Psychiaters seien nicht überzeugend. Keiner der
Berichte von Dr. F._ enthalte einen Hinweis auf die für eine posttraumatische
Belastungsstörung typischen Symptome. Die von Dr. F._ beschriebenen Befunde
sprächen lediglich für eine leichtgradige depressive Störung. Auch die behandelnde
Neurologin habe darauf hingewiesen, dass keine psychische Störung bestehe; sie habe
B.a.
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diesen Punkt sogar betont. In psychiatrischer Hinsicht erweise sich die Aktenlage
damit als ungenügend. Am 26. September 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit, dass sie eine polydisziplinäre Begutachtung in Auftrag geben werde (IV-act. 116).
Am 16. Oktober 2018 beauftragte sie die Medicore (Bad Ragaz) AG mit einer
polydisziplinären Begutachtung des Versicherten (IV-act. 121). Die Medicore AG
erstattete das Gutachten am 25. April 2019 (IV-act. 156). Der internistische
Sachverständige hatte festgehalten, der klinische Untersuchungsbefund sei unauffällig
gewesen. Insbesondere hätten keine klinischen Zeichen für ein CRPS festgestellt
werden können. In den Vorakten fänden sich keine Hinweise auf radiologische oder
klinische Symptome eines CRPS. Die in den Akten beschriebene praktisch unmögliche
Belastbarkeit des rechten Fusses widerspreche dem für das aktenmässig
dokumentierte Lenken eines Personenwagens erforderlichen sicheren und
reaktionsschnellen Bedienen von Gas- und Bremspedal im Strassenverkehr. Aus
internistischer Sicht könne keine Gesundheitsbeeinträchtigung mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit diagnostiziert werden. Die psychiatrische Sachverständige hatte
ausgeführt, der objektive klinische Befund sei völlig unauffällig gewesen. Der
Versicherte habe auch nicht über psychische Beschwerden geklagt. Aus
psychiatrischer Sicht könne keine Gesundheitsbeeinträchtigung diagnostiziert werden.
Die Berichte des behandelnden Psychiaters Dr. F._ seien nicht überzeugend. In
keinem der Berichte bestehe eine Übereinstimmung zwischen den Befunden und den
Diagnosen. Der neurologische Sachverständige hatte festgehalten, der klinische
Befund sei abgesehen von einer eingeschränkten Beweglichkeit des rechten
Sprunggelenks, eines abgeschwächten Achillessehnenreflexes, einer
Berührungsempfindlichkeit über dem Fussrücken rechts und am Unterschenkel und
einer kälteren Haut am Dorsum pedis unauffällig gewesen. Das Hautkolorit sei nicht
eindeutig seitendifferent gewesen. Der Versicherte habe eine abnorme
Schmerzhaftigkeit auch auf Hautberührungen hin angegeben. Diagnostisch liege ein
neurogenes Schmerzsyndrom mit einer Affektion der sensiblen dermalen Endäste des
Nervus peroneus superficialis am rechten Fuss respektive ein komplexes regionales
Schmerzsyndrom vor. Da der Versicherte in der neuropsychologischen Testung trotz
der Schmerzen unauffällige Aufmerksamkeits-, Gedächtnis-, Sprach- und visuell-
räumliche Leistungen sowie teilweise überdurchschnittliche Resultate bei der
Überprüfung der exekutiven Funktionen gezeigt habe, spreche nichts gegen die
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Ausübung einer überwiegend sitzenden Bürotätigkeit mit geringen
Leistungseinschränkungen. Der Versicherte unterschätze offensichtlich seine eigenen
Leistungsmöglichkeiten. Der orthopädische Sachverständige hatte ausgeführt, bei der
klinischen Untersuchung habe ein „Muskelminus“ der rechten Ober- und
Unterschenkelmuskulatur verifiziert werden können. Im Bereich des Fuss-, aber auch
des Kniegelenks sei eine deutliche Temperaturdifferenz aufgefallen. Die Beweglichkeit
des Sprunggelenks sei deutlich eingeschränkt gewesen. Die rechte Achillessehne sei
erheblich verdickt und massiv verkürzt gewesen. Das rechte Sprunggelenk sei leicht
geschwollen gewesen. Ein Hinweis auf eine Instabilität des Kapselbandapparates habe
nicht festgestellt werden können. Aus orthopädischer Sicht sei ein neuropathisches
Schmerzsyndrom des rechten Unterschenkels bei einem Status nach einer
überwiegend wahrscheinlich iatrogenen Verletzung oder Irritation des Nervus peroneus
superficialis zu diagnostizieren. Auch wenn im Zeitpunkt der aktuellen klinischen
Untersuchung lediglich noch allenfalls residuelle klinische Symptome eines CRPS
vorgelegen hätten, sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass
der Versicherte von einer sehr schweren Verlaufsform eines CRPS Typ II als Folge des
operativen Eingriffs im April 2015 betroffen sei. Aufgrund des ausgeprägten
Schmerzsyndroms seien dem Versicherten, wenn überhaupt, nur leichteste
leidensadaptierte Tätigkeiten in Wechselbelastung und mit der Möglichkeit des
ständigen Hochlagerns des rechten Beins zumutbar. Die Dauer- und Ruheschmerzen
führten über die rein somatische Beeinträchtigung hinaus zu Beeinträchtigungen im
Bereich der Konzentrationsfähigkeit und der Aufmerksamkeit. Der Arbeitsfähigkeitsgrad
betrage maximal 30 Prozent. Bezüglich des Führens eines Personenwagens habe der
Versicherte angegeben, dass sein Fahrzeug behindertengerecht ausgestattet sei und
über teilautonome Funktionen verfüge. Zudem lege er nach eigenen Angaben jeweils
nach einer Fahrzeit von 20–30 Minuten eine Pause ein. Nach der Konsensbesprechung
hatten die Sachverständigen festgehalten, dass eine psychiatrische, internistische oder
kognitive ungünstige Beteiligung am langjährigen Krankheitsverlauf zu verneinen sei.
Aus neurologischer Sicht lägen gering ausgeprägte funktionelle Einschränkungen vor.
Der orthopädische Sachverständige habe sich nicht auf die objektivierbare
bildgebende Befundlage, sondern auf seine langjährige Erfahrung mit dem
Krankheitsbild berufen. Da er auf seiner Beurteilung bestanden habe, habe kein
Konsens gefunden werden können.
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Am 28. Juni 2019 teilte die Haftpflichtversicherung des Halters des am Unfall vom
2. August 2012 beteiligten Fahrzeugs der Invalidenversicherung mit (IV-act. 159), dass
sie begründete Zweifel an der Zuverlässigkeit des Gutachtens der Medicore AG gehegt
habe, weshalb sie den Versicherten habe observieren lassen. Die Abgleichung
zwischen dem Gutachten und dem Observationsmaterial habe Divergenzen ergeben.
Die IV-Stelle solle die Sachverständigen der Medicore AG auffordern, Stellung zum
Observationsmaterial zu nehmen. Den beigelegten Observationsberichten liess sich
entnehmen (IV-act. 160 ff.), dass der Versicherte im Sommer 2018 und im Frühjahr
2019 an jedem der sieben Überwachungstage mit seinem Personenwagen unterwegs
gewesen war und dass er dabei teilweise Fahrstrecken von rund 30 oder sogar 60
Kilometer zurückgelegt hatte. Die Ermittler hatten festgehalten, dass sich keine klare
Tagesstruktur habe feststellen lassen; der Versicherte habe offenbar verschiedene
private Termine wahrgenommen und Besorgungen getätigt. Anhaltspunkte für
erwerbliche Tätigkeiten seien nicht zu erkennen gewesen. Abgesehen von einer
Gehbehinderung habe das Verhalten des Versicherten „soweit vital, geschmeidig und
agil“ gewirkt. Die Unterarmstöcke seien „mehr oder weniger zweckbestimmt“
eingesetzt worden. Teilweise habe der Versicherte „dezent bis stark“ gehinkt. Bei einer
(von einem anderen Ermittler durchgeführten) verdeckten Überwachung des
Versicherten in den Sommerferien 2018 in I._ sei festgestellt worden, dass der
Versicherte zur Fortbewegung ständig – auch für sehr kurze Gehstrecken – zwei
Unterarmstützen benutzt habe. Er habe keine Lasten getragen. Die offensichtlich
schwangere weibliche Begleiterin des Versicherten habe jeweils das Gepäck
transportiert. Die Verwendung der Unterarmstützen habe routiniert und den
angegebenen Einschränkungen entsprechend gewirkt. Im Bereich des rechten
Unterschenkels sei eine Muskelatrophie erkennbar gewesen. Im Rahmen einer dritten
Observation an je einem Tag im Mai und Juni 2019 sei der Versicherte wiederum als
Lenker seines Personenwagens unterwegs gewesen. Für den Gang zum Auto
respektive in den Baumarkt habe er eine Unterarmstütze benutzt.
B.b.
Am 5. Juli 2019 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 171), bei einer
Durchsicht der Akten sei aufgefallen, dass trotz des Widerrufs der Verfügung vom
8. Juni 2018 noch Rentenleistungen flössen. Die Rentenzahlungen stützten sich nicht
auf eine rechtskräftige Verfügung. Die IV-Stelle werde deshalb die Ausgleichskasse
B.c.
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anweisen, die Zahlungen sofort einzustellen. Der Versicherte habe die Möglichkeit,
vorab Stellung zu diesem Vorgehen zu nehmen. Am 11. Juli 2019 liess der Versicherte
die Weiterausrichtung der Rente beantragen (IV-act. 174). Sein Rechtsvertreter hielt
fest, die IV-Stelle habe in der Widerrufsverfügung vom 28. August 2018 explizit die
Weiterausrichtung einer halben Rente zugesichert. Das Gutachten der Medicore AG
belege einen Arbeitsunfähigkeitsgrad von 70 Prozent. Die vorgesehene Sistierung der
Rentenauszahlung verstosse gegen Treu und Glauben. Das von der
Haftpflichtversicherung widerrechtlich erlangte Observationsmaterial dürfe nicht
verwertet werden. Mit einem Vorbescheid vom 24. Juli 2019 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten die teilweise wiedererwägungsweise Aufhebung der Verfügung vom 28.
August 2018 an (IV-act. 177). Sie hielt fest, dass sie den Passus, wonach die Rente
weiterhin ausgerichtet werde, aufheben und die Rentenauszahlung per sofort stoppen
wolle. Zur Begründung führte sie an, sie habe ihre Begründungspflicht hinsichtlich der
Weiterausrichtung der Rente verletzt. Es sei nicht ersichtlich, auf welcher
Rechtsgrundlage diese angeordnet worden sei. Dagegen liess der Versicherte am 24.
September 2019 einwenden (IV-act. 191), die vorgesehene Sistierung der
Rentenauszahlung sei willkürlich und treuwidrig. Zudem habe die IV-Stelle sich nicht
einmal ansatzweise mit den Wiedererwägungsvoraussetzungen auseinandergesetzt,
worin eine Verletzung der Begründungspflicht zu erblicken sei. Mit einer Verfügung vom
8. Oktober 2019 hob die IV-Stelle die am 28. August 2018 verfügte Anordnung, dass
die halbe Rente weiter ausgerichtet werde, „in Form einer Wiedererwägung“ auf; sie
stellte die Rentenauszahlung per Ende Juli 2019 ein und sie entzog einer allfälligen
Beschwerde die aufschiebende Wirkung (IV-act. 193). Sie begründete die Einstellung
der Rentenauszahlung mit einer Verletzung der Begründungspflicht und machte
geltend, es sei nicht ersichtlich, auf welcher gesetzlichen Grundlage die
Weiterausrichtung der Rente erfolgt sei.
Bereits am 2. Juli 2019 hatte die IV-Stelle sich beim Strassenverkehrsamt
erkundigt, ob der Versicherte an seinem Personenwagen behinderungsbedingte
Umbauten habe vornehmen lassen. Das Strassenverkehrsamt hatte angegeben (vgl.
IV-act. 172), der Versicherte habe keine solchen Umbauten gemeldet. Das Fahrzeug
besitze ein automatisiertes mechanisches Getriebe. Die RAD-Ärztin Dr. G._ hatte am
9. Juli 2019 notiert (IV-act. 173), das Gutachten der Medicore AG überzeuge nicht, da
B.d.
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es den Sachverständigen offenkundig nicht gelungen sei, eine abschliessende, den von
ihnen festgestellten Inkonsistenzen Rechnung tragende Konsensbeurteilung
abzugeben. Das orthopädische Teilgutachten sei aus der Sicht des RAD nicht
überzeugend, da die Beurteilung eminenzbasiert erfolgt sei. Der orthopädische
Sachverständige habe eine Minderung der Konzentration und der Aufmerksamkeit
berücksichtigt, die weder neurologisch noch psychiatrisch oder neuropsychologisch
habe festgestellt werden können. Im Gutachten fänden sich zahlreiche Hinweise auf
Inkonsistenzen, namentlich das beinahe demonstrativ wirkende Lutschen an einem
Fentanyllutscher (hochdosiertes Medikament) bei uneingeschränkter mentaler Präsenz,
die stark voneinander abweichenden Resultate der Blut- und der Urinuntersuchung, die
Diskrepanz zwischen den Blutwerten und den Angaben des Versicherten zur
Medikamenteneinnahme, das Verhalten des Versicherten in der Untersuchung im
Gegensatz zur offensichtlich vorhandenen Fähigkeit, einen Personenwagen sicher und
reaktionsschnell durch den Strassenverkehr zu bewegen, sowie die Angabe einer
massiven Berührungsempfindlichkeit über dem Fussrist im Gegensatz zum Tragen von
geschlossenen Schuhen beim Autofahren. Der Versicherte hatte am 11. Juli 2019
Untersuchungsberichte des Instituts für Rechtsmedizin eingereicht (IV-act. 174–6 ff.),
laut denen in zwei Haarproben im Mai 2018 und im November 2018 Fentanyl und
Hydromorphon, nicht aber Norfentanyl hatte nachgewiesen werden können. Die
Rechtsmediziner hatten darauf hingewiesen, dass damit nicht eine regelmässige
Einnahme, sondern nur nachgewiesen sei, dass der Versicherte im untersuchten
Zeitraum entsprechende Medikamente zu sich genommen habe. Die
Haftpflichtversicherung hatte in einem Schreiben an die IV-Stelle vom 18. Juli 2019
ausgeführt (IV-act. 175), sie habe beim Studium der Suva-Akten gewisse
Unstimmigkeiten festgestellt. In den öffentlich und für jedermann zugänglichen Profilen
des Versicherten in den sozialen Medien habe sie Hinweise darauf festgestellt, dass
sich der Versicherte entgegen seinen eigenen Angaben offenbar nicht sozial
zurückgezogen habe. Deshalb habe sie eine verdeckte Ermittlung in Auftrag gegeben.
Diese habe sich über einen Zeitraum von acht Monaten erstreckt, weil es der
Haftpflichtversicherung wichtig gewesen sei, sich ein objektives Bild über einen
längeren Zeitraum zu verschaffen und nicht nur eine Momentaufnahme anzufertigen.
Am 7. August 2019 hatte die IV-Stelle einen Fahrzeugimporteur gebeten, Auskunft über
die Assistenzsysteme im vom Versicherten benutzten Fahrzeugtyp zu geben (IV-act.
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180). Gemäss den in der Folge eingereichten Übersichtsblättern (IV-act. 182) verfügte
der Personenwagen des Versicherten unter anderem über einen Spurhalteassistenten,
über eine automatische Distanzregelung, über eine City-Notbremsfunktion und über
einen Park Pilot. Am 15. August 2019 hatte die RAD-Ärztin Dr. J._ notiert (IV-act.
183), das Observationsmaterial belege, dass der Versicherte sehr häufig mit dem
eigenen Personenwagen unterwegs sei und dass er auch längere Strecken ohne
Pausen zurücklege. Beim Gehen entlaste er den rechten Fuss nicht konsequent.
Insbesondere unter Ablenkung habe er den rechten Fuss wiederholt voll belastet. Das
mehrfach beobachtete Hochlegen des Knies auf die Unterarmstütze im Stehen sei
keine sinnvolle Entlastung des Fusses und auch kein Hochlagern des Fusses gemäss
den medizinischen Empfehlungen. Äusserliche Anzeichen für ein relevantes
Schmerzerleben liessen sich nicht erkennen. Der Umstand, dass der Versicherte stets
geschlossene Schuhe getragen habe, lasse sich mit der geltend gemachten
Berührungsempfindlichkeit nicht vereinbaren. Das Observationsmaterial weise
insgesamt auf ein höheres Funktionsniveau hin, könne ein solches aber nicht beweisen.
Aus medizinischer Sicht sei eine erneute Begutachtung indiziert. Mit einer Mitteilung
vom 21. Oktober 2019 wies die IV-Stelle den Versicherten darauf hin, dass sie eine
bidisziplinäre – orthopädische und neurologische – Begutachtung vorsehe (IV-act. 195).
Der Versicherte liess am 24. Oktober 2019 geltend machen (IV-act. 198), er sei mit der
Begutachtung und mit der Verwertung des Observationsmaterials nicht einverstanden.
Er beantrage eine Sistierung des Verwaltungsverfahrens, bis gerichtlich über die
Verwertbarkeit des Observationsmaterials entschieden worden sei. Die IV-Stelle
erklärte sich am 5. Dezember 2019 angesichts der gegen die Verfügung vom 8.
Oktober 2019 erhobenen Beschwerde (IV 2019/298) einverstanden, das Verfahren
einstweilen zu sistieren (IV-act. 207).
Die IV-Stelle hatte das Gutachten der Medicore AG offenbar im Sommer 2019 an
die Aufsichtsbehörde (das Bundesamt für Sozialversicherungen) weitergeleitet, die in
der Folge die Sachverständigen der Medicore AG zu einer Verbesserung des
Gutachtens angehalten hatte (vgl. IV 2019/298, act. G 27.1). Am 19. Januar 2020
reichte die Medicore AG der IV-Stelle ein „fertig gestelltes“ Gutachten „zur definitiven
Schlussbearbeitung“ ein (IV-act. 211). Sie hielt fest, „nach mehrfachen und äusserst
langwierigen Gesprächen und mühsamen Diskussionen unter den Fachärzten“ habe
B.e.
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schliesslich doch noch ein Konsens gefunden werden können. Das Gutachten enthielt
ein überarbeitetes orthopädisches Teilgutachten. Der orthopädische Sachverständige
hatte festgehalten, es bestehe zwar kein ernsthafter Zweifel daran, dass der
Versicherte von einer schweren Verlaufsform eines CRPS Typ II betroffen sei, aber die
Ausprägung des tatsächlichen Leidensdrucks sei in Anbetracht der widersprüchlichen
Laborergebnisse im Gegensatz zu den gemachten Angaben nicht schlüssig beurteilbar.
Mit dem ständigen Gebrauch von Fentanyllutschern während der Untersuchung habe
der Versicherte den Eindruck vermittelt, dass er aus Schmerzgründen durchwegs auf
die Applikation eines Opioids angewiesen sei. Bei der Befragung habe er angegeben,
dass er darüber hinaus auf die regelmässige Einnahme von hochdosierten Opioiden
angewiesen sei. Unter Berücksichtigung der am 7. März 2019 durchgeführten
Blutuntersuchung, die keinen Nachweis für einen relevanten Serumspiegel von
Opioiden ergeben habe, seien die Angaben des Versicherten gegenüber dem
Sachverständigen und das demonstrierte Verhalten mit dem Lutschen eines Fentanyl-
Applikators nicht schlüssig nachvollziehbar. Auch die Angaben des Versicherten zum
Arbeitsprofil als technischer Kaufmann seien nicht plausibel gewesen. Mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit sei davon auszugehen, dass der Versicherte durch
seine Angaben und sein Verhalten bewusst versucht habe, den Sachverhalt schlimmer
darzustellen, als er vermutlich gewesen sei. Angesichts der objektiven Befunde könne
dem Versicherten eine leichte Arbeit, die überwiegend im Sitzen und unter Gewährung
zusätzlicher Pausen verrichtet werden könne, zugemutet werden. Pro Halbtag benötige
der Versicherte eine zusätzliche Pause von 75 Minuten, sodass sich insgesamt ein
zumutbares Arbeitspensum von 70 Prozent ergebe. Nach der Konsensbesprechung
hatten die Sachverständigen ausgeführt, in der intensiven Auseinandersetzung im
Rahmen der Konsensbeurteilung sei deutlich geworden, dass sich angesichts der
offenbar gewordenen Inkonsistenzen eine zurückhaltende Verifizierung der vom
Versicherten gemachten Angaben aufdränge. Die geschilderte Notwendigkeit der
regelmässigen Einnahme von starken Schmerzmitteln habe im Rahmen der
Blutuntersuchung nicht verifiziert werden können. Folglich müsse davon ausgegangen
werden, dass der Versicherte die Medikamente nicht regelmässig eingenommen habe,
was auf einen tieferen als den angegebenen Leidensdruck hinweise. Der Versicherte
sei sämtlichen Sachverständigen äusserst freundlich, positiv und kooperativ begegnet.
Er habe seine Beschwerden glaubhaft darstellen können und er habe einen
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angenehmen und gewinnenden Eindruck hinterlassen. Diesem positiven Bild stünden
Diskrepanzen zwischen den subjektiven Angaben und den objektiven Befunden
gegenüber, die zum Schluss zwängen, dass der Versicherte seine
Beschwerdesymptomatik absichtlich verdeutlichend dargestellt habe. Gesamthaft sei
für die Zeit ab April 2015 (Entfernung des Osteosynthesematerials) von einem
Arbeitsfähigkeitsgrad von 70 Prozent für leidensadaptierte Tätigkeiten auszugehen. Die
RAD-Ärztin Dr. J._ qualifizierte das korrigierte Gutachten der Medicore AG als
überzeugend (IV 2019/298, act. G 27.1).
Mit einem Vorbescheid vom 26. Februar 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit (IV 2019/298, act. G 27.2), dass sie die Zusprache einer befristeten ganzen Rente
für die Zeit vom 1. August 2013 bis zum 30. Juni 2015 vorsehe. Zur Begründung führte
sie an, gestützt auf das überarbeitete und nun beweiskräftige Gutachten der Medicore
AG vom 20. Januar 2020 stehe mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Versicherte nach dem im August 2012 erlittenen
Unfall bis Ende März 2015 vollständig arbeitsunfähig gewesen sei und dass ihm eine
leidensadaptierte Tätigkeit seit April 2015 wieder in einem Pensum von 70 Prozent
zugemutet werden könne. Da die erlernte Tätigkeit als technischer Kaufmann ideal
leidensadaptiert sei, entspreche der Invaliditätsgrad dem Arbeitsunfähigkeitsgrad.
Folglich resultiere für die Zeit ab April 2015 ein nicht rentenbegründender
Invaliditätsgrad von 30 Prozent. Unter Berücksichtigung des sogenannten Wartejahrs
im Sinne des Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG und der im Art. 88a Abs. 1 IVV vorgesehenen
dreimonatigen Verzögerung bei einer relevanten Veränderung des Invaliditätsgrades
bestehe ab August 2013 ein Anspruch auf eine ganze Rente bei einem Invaliditätsgrad
von 100 Prozent, die per 30. Juni 2015 aufzuheben sei. Der Rechtsvertreter des
Versicherten zeigte sich in einem Telefonat vom 3. März 2020 erstaunt über das
Vorliegen eines korrigierten Gutachtens (IV 2019/298, act. G 27.5). Er verlangte eine
umfassende Aufklärung über die Vorgänge, die zur Korrektur des Gutachtens geführt
hätten. Ein Mitarbeiter des Bundesamtes für Sozialversicherungen erklärte der
Sachbearbeiterin der IV-Stelle am 11. März 2020 telefonisch, dass es bezüglich der
Medicore AG zu „verschiedenen Beanstandungen“ – auch administrativer Natur –
gekommen sei, weshalb „diverse Kontakte“ stattgefunden hätten. Der Medicore AG sei
eine „Beschwerde“ des RAD vorgelegt worden. Diese „Beschwerde“ war am 13.
B.f.
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August 2019 erstellt worden (IV 2019/298, act. G 27.6). Der RAD hatte darin geltend
gemacht, dass die Medicore AG „immer häufiger unvollständige Gutachten abliefert“.
Die Gutachten würden nicht nur an fachlichen Mängeln in den Untersuchungsgängen
und in der Dokumentation der Ergebnisse leiden, sondern vor allem durch eine
fehlende Nachvollziehbarkeit der Diagnosen und die fehlende fachliche Führung
auffallen. Der RAD hatte auf drei Beispiele verwiesen, zu denen auch das für den
vorliegenden Fall massgebende Gutachten gehört hatte. Er hatte ausgeführt, dieses
Gutachten sei ohne eine Konsensbeurteilung eingereicht worden. In einem anderen Fall
sei aufgefallen, dass die Teilgutachter auf einem Beiblatt mit dem Briefkopf der
Medicore AG unterschrieben hätten; das eigentliche Teilgutachten hätten sie nicht
unterzeichnet, obwohl am Schluss ihr Name und ihr Facharzttitel aufgeführt gewesen
sei (damit war wohl gemeint: obwohl das Teilgutachten einen Platzhalter für die
Unterschrift aufgewiesen habe). Auch in den administrativen Abläufen häuften sich die
Defizite. Auffallend seien beispielsweise häufige Facharztwechsel, die offenbar auf ein
Zeitschinden abzielten. Häufig müsse nachgefragt werden, weshalb der Akteneingang
auf der Plattform noch nicht bestätigt worden sei. Dazu mache die Medicore AG jeweils
nicht nachvollziehbare Angaben. Damit wolle sie augenscheinlich noch weitere Zeit
schinden. Die Zustände seien für die IV-Stelle unhaltbar. Am 13. März 2020 leitete die
IV-Stelle die „Beschwerde“ des RAD vom 13. August 2019 zur Kenntnis- und
Stellungnahme an den Rechtsvertreter des Versicherten weiter (IV 2019/298, act. G
27.7). Dieser machte am 23. April 2020 geltend (IV 2019/298, act. G 27.14), die IV-
Stelle habe am 5. Dezember 2019 einer Verfahrenssistierung zugestimmt. Trotzdem
habe sie im Hintergrund darauf hingearbeitet, das „ihr missliebige Gutachten“
korrigieren zu lassen. Dieses Vorgehen sei „gelinde ausgedrückt“ als „beispiellos
unrechtmässig“ zu qualifizieren. Das „Gebaren“ der IV-Stelle erinnere an eine
„Kabinettsjustiz“. Die IV-Stelle habe sich weder an ihr eigenes Wort noch an
fundamentale rechtsstaatliche Prinzipien gehalten. Mit einer Verfügung vom 13. Juli
2020 sprach die IV-Stelle dem Versicherten für die Zeit vom 1. August 2013 bis zum 30.
Juni 2015 eine befristete ganze Rente zu (IV 2019/298, act. G 27.20). Am 4. August
2020 verfügte sie eine entsprechende Rentennachzahlung, die sie unter
Berücksichtigung der für den Zeitraum vom 1. August 2013 bis zum 30. Juni 2015
bereits ausbezahlten Rentenleistungen errechnet hatte (IV 2019/298, act. G 27.21).
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C.
Bereits am 5. November 2019 hatte der Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 8. Oktober 2019
erhoben, mit der die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) die laufende
halbe Rente wiedererwägungsweise per 31. Juli 2019 eingestellt hatte (IV 2019/298,
act. G 1). Sein Rechtsvertreter hatte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Weiterausrichtung der halben Rente, die Entfernung des Observationsmaterials aus
den Akten der Beschwerdegegnerin sowie die Wiederherstellung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde beantragt. Zur Begründung hatte er ausgeführt, die
Wiedererwägung der Verfügung vom 28. August 2018 sei offensichtlich unzulässig, da
sie zur Folge hätte, dass der Beschwerdeführer schlechter als in der ursprünglichen
Verfügung vom 11. Juli 2018 gestellt würde, was aber gar nicht möglich sei, weil ein
Widerruf pendente lite nicht zu einer Schlechterstellung der versicherten Person führen
dürfe. Die Beschwerdegegnerin habe sich mit keinem Wort zu den
Wiedererwägungsvoraussetzungen geäussert. Ihr Vorgehen sei willkürlich. Die
Teilerwerbsunfähigkeit des Beschwerdeführers sei in den Akten ausgewiesen. Das
Observationsmaterial dürfe nicht verwertet werden, denn es habe kein ausreichender
Anfangsverdacht vorgelegen. Die Observation sei in einer unverhältnismässigen Weise
durchgeführt worden.
C.a.
Die Beschwerdegegnerin hatte am 24. Januar 2020 die Abweisung der
Beschwerde beantragt, soweit überhaupt darauf eingetreten werden könne (IV
2019/298, act. G 8). Zur Begründung hatte sie angeführt, die Frage nach der
Verwertung des Observationsmaterials gehöre nicht zum Streitgegenstand, weshalb
nicht auf den entsprechenden Beschwerdeantrag einzutreten sei. Die im früheren
Beschwerdeverfahren erfolgte Zusicherung, dass die halbe Rente vorerst weiter
ausgerichtet werde, habe sich auf keine ausreichende gesetzliche Grundlage stützen
können. Sie sei in Verletzung der Begründungspflicht ergangen, weshalb sie
wiedererwägungsweise zu korrigieren sei. Da der Sachverhalt nicht hinreichend
abgeklärt sei, falle eine Rentenauszahlung nicht in Betracht. Für eine vorsorgliche
Massnahme fehle es an einer gesetzlichen Grundlage. Die Einstellung der
Rentenzahlungen sei folglich als rechtmässig zu qualifizieren.
C.b.
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D.
Der Beschwerdeführer hatte am 4. Mai 2020 an seinen Anträgen festhalten lassen
(IV 2019/298, act. G 15). Auch die Beschwerdegegnerin hatte in ihrer Duplik vom
3. Juni 2020 an ihrem Antrag festgehalten (IV 2019/298, act. G 17).
C.c.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hatte am 15. Juni 2020 eine Triplik
eingereicht, mit der er nochmals an seinen Anträgen festgehalten hatte (IV 2019/298,
act. G 19). Die Beschwerdegegnerin hatte in einer Quadruplik vom 22. Juni 2020
ebenfalls weiterhin an ihrem Antrag festgehalten (IV 2019/298, act. G 21).
C.d.
Der Beschwerdeführer hatte am 10. Juli 2020 eine Quintuplik einreichen und
weiterhin an seinen Anträgen festhalten lassen (IV 2019/298, act. G 23).
C.e.
Die Beschwerdegegnerin hatte am 17. Juli 2020 mitgeteilt (IV 2019/298, act. G 25),
dass sie das Rentenverfahren mit einer Verfügung vom 13. Juli 2020 abgeschlossen
habe. Sie gehe davon aus, dass das Beschwerdeverfahren IV 2019/298 betreffend die
Verfügung vom 8. Oktober 2019 nun als gegenstandslos abgeschrieben werden könne.
C.f.
Das Versicherungsgericht hatte die Beschwerdegegnerin am 28. Juli 2020
aufgefordert, die aktuellsten Akten einzureichen (IV 2019/298, act. G 26). Die
Beschwerdegegnerin reichte diese Akten am 13. August 2020 ein und machte geltend,
das vorliegende Beschwerdeverfahren IV 2019/298 könne allenfalls auch mit der
Beschwerde gegen die Verfügung vom 4. August 2020 vereinigt werden, die der
Beschwerdeführer wohl in Kürze erheben werde (IV 2019/298, act. G 27).
C.g.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers machte am 4. September 2020
geltend (IV 2019/298, act. G 29), er werde die Verfügungen vom 13. Juli 2020 und vom
4. August 2020 tatsächlich mit einer Beschwerde anfechten. Das verfahrensrechtliche
Vorgehen müsse er dem Versicherungsgericht überlassen. Er weise aber darauf hin,
dass ihm durch das Verhalten der Beschwerdegegnerin ein beträchtlicher Aufwand
angefallen sei. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, einen vollen Kostenersatz
zu leisten. Der bisherige Aufwand belaufe sich auf 24,25 Stunden, was bei einem
Stundenansatz von 300 Franken unter Berücksichtigung einer Pauschale für die
Barauslagen und der Mehrwertsteuer eine Honorarforderung von 8’148.60 Franken
ergebe (IV 2019/298, act. G 29.1).
C.h.
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Am 10. September 2020 liess der Beschwerdeführer eine Beschwerde gegen die
Verfügungen vom 13. Juli 2020 und vom 4. August 2020 erheben (IV 2020/194, act. G
1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der beiden angefochtenen
Verfügungen, die Zusprache einer ganzen Rente für die Zeit vom 1. August 2013 bis
zum 30. November 2017 und mindestens einer Dreiviertelsrente für die Zeit ab dem
1. Dezember 2017, die Entfernung des Observationsmaterials aus den Akten sowie die
vorsorgliche Anweisung an die Beschwerdegegnerin, die seit August 2019
ausstehenden Rentenleistungen umgehend nachzuzahlen. Zur Begründung führte er
aus, das Observationsmaterial dürfe nicht verwertet werden, weil die entsprechenden
Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Die Beschwerdegegnerin habe sich mit einer
Verfahrenssistierung einverstanden erklärt, aber im Hintergrund trotzdem begonnen,
auf eine Korrektur des Gutachtens hinzuarbeiten, wobei sie dem Beschwerdeführer die
Einsicht in die entsprechenden Akten vorenthalten habe. Der Beschwerdeführer habe
das Bundesamt für Sozialversicherung ersucht, die Akten im Zusammenhang mit der
„Beschwerde“ des RAD herauszugeben, aber die Beschwerdegegnerin sei nicht bereit
gewesen, den Eingang der entsprechenden Akten abzuwarten. Das korrigierte
Gutachten der Medicore AG sei schon deshalb nicht beweiskräftig, weil es auf eine
Einflussnahme der Aufsichtsbehörde der Beschwerdegegnerin hin zustande
gekommen sei. Die Medicore AG habe in einer Stellungnahme an das Bundesamt für
Sozialversicherungen vom 5. September 2019 festgehalten (vgl. IV 2020/194, act. G
1.1.11), die Beschwerdegegnerin übe nur an jenen Gutachten Kritik, die einen hohen
Arbeitsunfähigkeitsgrad attestierten, sie halte längst überfällige Zahlungen zurück, um
Druck aufzubauen, sie versuche nicht, offene oder unklare Punkte mit Erläuterungs-
respektive Ergänzungsfragen zu klären, und sie beachte nicht, dass es mit der
versicherungsmedizinischen Realität unvereinbar sei, stets einen Konsens unter den
Sachverständigen zu erwarten. Der orthopädische Sachverständige habe in einer
elektronischen Nachricht vom 5. Juni 2019 klar und unmissverständlich an seiner
Arbeitsfähigkeitsschätzung festgehalten (IV 2020/194, act. G 1.1.12). Die Akten
belegten nicht, dass die Korrekturen im orthopädischen Teilgutachten tatsächlich vom
orthopädischen Sachverständigen vorgenommen worden seien. Das „korrigierte“
Gutachten überzeuge aber auch inhaltlich nicht. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung sei
unzureichend begründet worden. Sie beruhe letztlich offenbar ausschliesslich auf dem
Ergebnis der Blutuntersuchung. Der Beschwerdeführer habe allerdings schon längst
D.a.
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belegt, dass es sich dabei um ein falsch-negatives Ergebnis handeln müsse, da die
Medikamenteneinnahme in den Haaruntersuchungen im Auftrag des
Strassenverkehrsamtes durchgehend belegt worden sei. Das ursprüngliche Gutachten
der Medicore AG sei dagegen völlig überzeugend begründet gewesen, weshalb darauf
abzustellen sei. Die Beschwerdegegnerin habe den Invaliditätsgrad fehlerhaft
berechnet. Der orthopädische Sachverständige der Medicore AG hatte in einer
Nachricht vom 5. Juni 2019 festgehalten (IV 2020/194, act. G 1.1.12): „Ich habe mir
mein Gutachten noch einmal angeschaut und bin der Meinung, es ist absolut schlüssig.
Die Diagnose eines CRPS-Syndromes als Folge der OP im Jahre 2015 wurde von der
Uniklinik Balgrist anlässlich einer Konsultation im September 2016 bestätigt. Das heisst
von der Institution in der Schweiz, die bezüglich dieser Fragestellungen die allermeiste
Kompetenz in der Schweiz zugeordnet wird. Ich glaube nicht, dass sich die
behandelnden Ärzte rein auf die Fotodokumentation verlassen und eine so
schwerwiegende Diagnose ohne klinische Kriterien bestätigt haben. Ich sehe aber die
Diagnose aufgrund der Untersuchung genauso. Die Suva hat aufgrund dieser
Diagnose, die meines Erachtens unzweifelhaft ist, dem Versicherten eine ständige AUF
von 50% bescheinigt und richtet eine hälftige Rente aus. Auch die prüfen diese
Rentenzahlungen ganz genau und sprechen nicht ohne weiteres eine hälftige Rente
aus. Ich habe den Versicherten bei der Untersuchung eingehend zum Autofahren
befragt und dieser speziellen Fragestellung ein besonderes Kapitel ganz am Schluss
des Gutachtens gewidmet. Der Versicherte hat angegeben, [...] Das erschien mir
absolut plausibel. [...] Auf mich wirkte der Versicherte klar orientiert, intelligent,
fokussiert. Ein derartiges Krankheitsbild so perfekt imitieren zu können, würde selbst
einem absoluten Spezialisten nicht möglich sein. Das auffällige und demonstrativ
vorgezeigte Lutschen von Fentanyl-Lutschern ist mir aufgefallen und kam mir sehr
demonstrativ vor, auch glaube ich anlässlich des Gesprächs bei der Befragung nicht,
dass der Versicherte alle Medikamente und vor allen Dingen in der angegebenen
Dosierung zu sich nimmt [...] Grundsätzlich überlasse ich das Diskutieren der
Laborergebnisse den Psychiatern und Internisten [...] Zusammengefasst: Ich habe sehr
viel Erfahrung bei der frühen Beurteilung von CRPS-Syndromen [...] deshalb auch
meine Beurteilung einer 30%igen AF, mehr halte ich nicht für zumutbar. Ich kann
anbieten, meinen Abschnitt hinsichtlich der angestammten Tätigkeit, also der
Bezugstätigkeit, zu erweitern und das Berufsbild des technischen Kaufmanns mit
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/41
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gelegentlich mittelschwerer körperlicher Tätigkeit zu Beginn des Gutachtens
anzuführen. Ich habe aber auch nichts dagegen, wenn Du diesen Abschnitt ergänzt. Ich
hoffe, ich habe jetzt alles erwähnt“.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 5. Oktober 2020 die Abweisung der
Beschwerde (IV 2020/194, act. G 3). Zur Begründung führte sie an, die Verfügung vom
28. August 2018 habe den Charakter einer vorsorglichen Massnahme gehabt. Sie habe
ihre Wirkung spätestens mit dem Erlass der definitiven Verfügung vom 13. Juli 2020
verloren. Dasselbe gelte auch für die Verfügung vom 8. Oktober 2019. Das
Beschwerdeverfahren IV 2019/298 sei folglich als gegenstandslos abzuschreiben. Die
Beschwerdegegnerin habe keinerlei Einfluss auf die Medicore AG genommen.
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers übe das Bundesamt für
Sozialversicherungen auch in der Zusammenarbeit mit den medizinischen
Abklärungsstellen (MEDAS) eine Aufsichtsfunktion aus. Das lasse sich dem MEDAS-
Präjudiz des Bundesgerichtes BGE 137 V 210 ganz klar entnehmen. Die fehlende
Konsensbeurteilung habe einen wesentlichen Mangel dargestellt. Der orthopädische
Sachverständige habe die entscheidende Konsistenzprüfung unterlassen, die
angesichts der zahlreichen Hinweise auf Inkonsistenzen besonders wichtig gewesen
sei. Diese Mängel hätten nun aber behoben werden können. Die Behauptung des
Beschwerdeführers, das Bundesamt für Sozialversicherungen habe Druck auf die
Medicore AG ausgeübt, sei haltlos, denn die Medicore AG habe ihr Gutachten erst in
einem Zeitpunkt überarbeitet, in dem das Bundesamt für Sozialversicherungen den
Rahmenvertrag mit der Medicore AG bereits gekündigt hatte, weshalb die Medicore
AG also nichts mehr zu verlieren gehabt habe. Der orthopädische Sachverständige sei
mit seiner Ansicht allein dagestanden. Die übrigen Sachverständigen hätten seine
Schlussfolgerungen nicht nachvollziehen können. Er hätte also sehr gute Argumente für
seinen Standpunkt anführen müssen, aber das habe er nicht getan. Die zahlreichen
Inkonsistenzen sprächen zusätzlich gegen die Überzeugungskraft des orthopädischen
Teilgutachtens. Das CRPS gehöre schwerpunktmässig zum neurologischen
Fachgebiet. Der neurologische Sachverständige habe eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit um 30 Prozent als nachvollziehbar qualifiziert. Gesamthaft überzeuge
das korrigierte Gutachten der Medicore AG.
D.b.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (IV 2020/194, act. G 5).D.c.
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Das Versicherungsgericht teilte den Parteien am 11. Dezember 2020 mit
(IV 2020/194, act. G 7), es erachte die beiden orthopädischen Teilgutachten der
Medicore AG nach einer ersten Aktendurchsicht als nicht geeignet, den massgebenden
orthopädischen Sachverhalt mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen, weshalb es plane, eine orthopädische
Oberbegutachtung in die Wege zu leiten. Die Beschwerdegegnerin monierte am 4.
Januar 2021, der Beweisbeschluss sei nicht näher begründet (IV 2020/194, act. G 8).
Der Beschwerdeführer erklärte sich mit dem geplanten Vorgehen grundsätzlich
einverstanden, liess Haaranalysen einreichen und gab zu bedenken, dass eine
zusätzliche pharmakologische Begutachtung angezeigt sei (IV 2020/194, act. G 9). Das
Versicherungsgericht wies die Beschwerdegegnerin am 19. Januar 2021 darauf hin (IV
2020/195, act. G 10), dass noch kein Beweisbeschluss vorliege. Der RAD habe das
erste Gutachten der Medicore AG als nicht beweiskräftig qualifiziert. Beim zweiten
Gutachten handle es sich um eine lediglich marginal überarbeitete Version des ersten –
gemäss RAD nicht überzeugenden – Gutachtens, wobei die Akten belegten, dass die
Überarbeitung unter ausdrücklichem Protest des orthopädischen Sachverständigen
erfolgt sei. Am 12. Februar 2021 erklärte sich die Beschwerdegegnerin sinngemäss mit
einer Oberbegutachtung einverstanden (IV 2020/194, act. G 12).
D.d.
Das Versicherungsgericht wies die Parteien am 17. Februar 2021 darauf hin
(IV 2020/194, act. G 14), dass es vorsehe, den Orthopäden Dr. med. K._ mit der
Erstellung des orthopädischen Gerichtsgutachtens und der Beantwortung der Fragen
nach den Diagnosen, der Arbeitsfähigkeit als Automonteur, als Schlosser und in einer
ideal leidensadaptierten Tätigkeit, Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit
sowie zum mutmasslichen Beginn und Verlauf einer allfälligen Arbeitsunfähigkeit zu
beauftragen. Man werde Dr. K._ auffordern, die Fragen aus orthopädischer Sicht
sowie als Teil einer Konsensbeurteilung unter Berücksichtigung der Ausführungen des
internistischen, des psychiatrischen und des neurologischen Sachverständigen der
Medicore AG zu beantworten. Der Beschwerdeführer liess am 8. März 2021
beantragen (IV 2020/194, act. G 15), dass zusätzlich ein anästhesiologisches
respektive pharmakologisches Gerichtsgutachten eingeholt werde, dass nicht Dr.
K._, sondern die Schulthess Klinik mit der orthopädischen Begutachtung beauftragt
werde und dass dem orthopädischen Sachverständigen weder die
D.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 22/41
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Konsensbeurteilungen noch die internistischen und psychiatrischen Teilgutachten zur
Verfügung gestellt würden. Zur Begründung führte sein Rechtsvertreter aus, Dr. K._
sei nicht fähig, den medizinisch komplexen Fall des Beschwerdeführers angemessen
zu beurteilen. Zudem handle es sich bei Dr. K._ ausgerechnet um einen jener
Sachverständigen, die von der Beschwerdegegnerin regelmässig respektive häufig
begrüsst würden. Die Beschwerdegegnerin beantragte am 8. März 2021, dass Dr.
K._ zusätzlich um eine Arbeitsfähigkeitsschätzung für die Tätigkeit als technischer
Kaufmann sowie um eine Prüfung der Standardindikatoren gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung ersucht werde (IV 2020/194, act. G 16). Am 12.
April 2021 ersuchte sie um die Abweisung der vom Beschwerdeführer im
Zusammenhang mit der vorgesehenen Begutachtung gestellten Beweisanträge
(IV 2020/194, act. G 19). Mit einem Beweisbeschluss vom 17. Mai 2021 beauftragte
das Versicherungsgericht Dr. K._ mit der Erstellung eines orthopädischen
Gerichtsgutachtens (IV 2020/194, act. G 21). Es hielt fest, Dr. K._ verfüge nach der
langjährigen Erfahrung des Versicherungsgerichtes über eine ausreichende fachliche
Kompetenz. Das immer wieder vorgebrachte Argument der Befangenheit überzeuge
nicht, weil es nur stichhaltig sein könnte, wenn auch alle IV-Stellen sowie das
Bundesamt für Sozialversicherungen als Aufsichtsbehörde befangen respektive
voreingenommen wären. Selbstverständlich müsse der Sachverständige über eine
uneingeschränkte Aktenkenntnis verfügen. Weshalb ein anästhesiologisches oder
pharmakologisches Gutachten erforderlich sein sollte, sei nicht einzusehen. Die
Zusatzfrage der Beschwerdegegnerin nach der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
als technischer Kaufmann sei überflüssig, weil sich diese aus den Angaben des
Sachverständigen zum erlernten Beruf als Automonteur, zur Tätigkeit als ungelernter
Schlosser und in einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit ableiten lasse. Der Hinweis auf
die bundesgerichtliche Auffassung zu den sogenannten „Standardindikatoren“ sei
ebenfalls überflüssig, weil Dr. K._ als erfahrener Sachverständiger über die gerade
aktuelle bundesgerichtliche Auffassung orientiert sei. Um nicht unnötig einen Bedarf
nach einer späteren „Nachbesserung“ zu provozieren, werde das Versicherungsgericht
Dr. K._ aber auf die gerade aktuelle bundesgerichtliche Auffassung hinweisen.
Nachdem dieser Beweisbeschluss unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen
war, beauftragte das Versicherungsgericht Dr. K._ am 13. Juli 2021 mit der Erstellung
eines Gerichtsgutachtens im Sinne des Beweisbeschlusses (IV 2020/194, act. G 22).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/41
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Am 6. Juni 2022 erstattete Dr. K._ das in Auftrag gegebene orthopädische
Gerichtsgutachten (IV 2020/194, act. G 40). Er hielt fest, die klinische Untersuchung sei
erschwert gewesen, weil der Beschwerdeführer den Fuss jeweils bei leichtester
Berührung immer wieder weggezogen habe. Der Tonus des Quadriceps sei rechts im
Vergleich zu links reduziert gewesen. Im Bereich des rechten Fusses habe sich eine
leichte Atrophie des Gewebes, aber keine livide Verfärbung, kein Hirsutismus und auch
keine Abkühlung feststellen lassen. Der Beschwerdeführer habe eine extreme
Druckdolenz präsentiert, sei aber mit geschlossenen Schuhen zur Untersuchung
erschienen. Die Dorsalextension sowie die Plantarflexion des oberen rechten
Sprunggelenks sei etwas eingeschränkt gewesen (0/0/25 Grad; links 15/0/30 Grad). Die
Umfangmasse des rechten Beins seien leicht vermindert, an der Fessel dagegen erhöht
gewesen (Oberschenkelumfang 10cm über dem proximalen Patellapol rechts 51cm,
links 53cm; grösster Wadenumfang rechts 39cm, links 40cm; Fesselumfang rechts
25cm, links 23cm). Im Übrigen sei der – im Gutachten detailliert beschriebene –
objektive klinische Befund unauffällig gewesen. Eine Röntgenaufnahme des rechten
Unterschenkels habe eine konsolidierte Fibula und Tibia mit einer abgebrochenen
Schraube im mittleren Tibiadrittel, eine in situ liegende Platte mit Schraube distal an der
Tibia sowie einen verschmälerten Gelenkspalt mit einer leichten Unregelmässigkeit und
einem inkongruenten oberen Sprunggelenk gezeigt. Eine Laboruntersuchung habe
einen im therapeutischen Bereich liegenden Pegel von Hydromorphon nachgewiesen.
Der Sachverständige, der im Auftrag von Dr. K._ eine Evaluation der funktionellen
Leistungsfähigkeit durchgeführt hatte, hatte ausgeführt, der Beschwerdeführer habe
das rechte Bein konsequent entlastet und sich nur selten kurz auf das rechte Bein
abgestützt. Wann immer möglich habe er sich hingesetzt. Im Stand habe er eine
Verlagerung nach links gezeigt. Den Einbeinstand rechts habe er nicht durchgeführt.
Beim Gang ohne Stöcke habe er das rechte Bein nach aussen abgestellt. Er habe eine
kurze Standphase ohne Abrollen rechts präsentiert. Den Zehengang rechts habe er
nicht durchgeführt. Beim Fersengang habe er ein starkes Hinken rechts gezeigt. Bei
der tiefen Kniebeugung habe er das linke Bein belastet und die Knie links bis ca. 100
Grad und rechts bis ca. 90 Grad gebeugt. Die rechte Ferse habe vom Boden
abgehoben. Die Ober- und Unterschenkelmuskulatur habe eine Atrophie rechts
aufgewiesen. Die Plantarflexion sei rechts endgradig, die Dorsalextension stark – mit
einem harten Endgefühl – eingeschränkt gewesen. Die Temperatur am rechten
D.f.
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Sprunggelenk sei vor und nach den Tests etwas tiefer als jene links gewesen. Der
rechte Fuss sei minimal verfärbt gewesen. Der linke Fuss habe eine leichte
Beschwielung aufgewiesen. Im Fersenbereich rechts habe kaum eine Beschwielung
festgestellt werden können. Der Vorfussbereich rechts sei nicht beschwielt gewesen.
Die Schuhsohlen seien links deutlich mehr abgerieben gewesen. Eine
Symptomausweitung habe nicht festgestellt werden können. Aus arbeitsmedizinischer
Sicht seien das Tragen von Lasten bis 7,5 Kilogramm nur sporadisch, das Gehen oder
Stehen sowie vorgeneigt sitzende Haltungen nur selten möglich. Die aktuell ausgeübte
Tätigkeit als Verkäufer per Telefon sei ideal leidensadaptiert, weil der Beschwerdeführer
dabei entlastende Haltungen einnehmen könne. Rein funktionell sei diese Tätigkeit
ganztags möglich. Zu empfehlen seien vermehrte kurze Pausen, weil eine
ergonomische Sitzhaltung nicht gut möglich sei. Der Beschwerdeführer habe eine
starke Zunahme der Fussschmerzen rechts bei dieser Tätigkeit angegeben. Objektiv
habe am Ende des ersten Testtages mit unter anderem 90 Minuten Sitzen als Test
(nachdem der Beschwerdeführer bereits über eine Stunde mit dem Auto unterwegs
gewesen sei) keine Veränderung der Temperatur oder des Umfangs des rechten
Fusses festgestellt werden können. Unter Berücksichtigung dieser Ausführungen und
der eigenen Untersuchungsbefunde hielt Dr. K._ beurteilend fest, die vom
Beschwerdeführer angegebenen Schmerzen im rechten oberen Sprunggelenk und
Fuss seien zumindest teilweise nachvollziehbar. Einerseits könnten sie auf das im
Verlauf aufgetretene CRPS und andererseits auf die festgestellte Arthrose im rechten
oberen Sprunggelenk zurückgeführt werden. Die sogenannten Budapest-Kriterien
seien erfüllt, die Arthrose sei radiologisch dokumentiert. Das Ausmass der subjektiven
Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit könne aufgrund des präsentierten
klinischen Befundes aber nicht ganz nachvollzogen werden. Eine psychische
Überlagerung erscheine als nicht ganz ausgeschlossen. Zwischen der präsentierten
extremen Berührungsempfindlichkeit und der Tatsache, dass der Beschwerdeführer
geschlossene Schuhe getragen habe, bestehe ein gewisser Widerspruch. Eine
Filmaufnahme aus dem Jahr 2016, die sich beim Observationsmaterial befinde, zeige,
wie der Beschwerdeführer im Rahmen eines gesellschaftlichen Anlasses getanzt habe.
Das widerspreche zumindest teilweise den geschilderten subjektiven Beschwerden
und der zurückliegenden Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Gemäss
dem Observationsmaterial sei der Beschwerdeführer mit dem Auto in den Ferien in
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 25/41
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I._ unterwegs gewesen. Sollte er selbst nach I._ gefahren sein, stelle sich die
Frage, wie er die lange Fahrt überstanden habe und ob er wirklich alle eineinhalb
Stunden eine Pause eingeschaltet habe. Das Gutachten der Medicore AG –
insbesondere das orthopädische Teilgutachten – aus dem Jahr 2019 sei qualitativ
ungenügend. Die Befundschilderung sei unvollständig. Die Beurteilung sei teilweise
nicht nachvollziehbar. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung sei nicht orthopädisch, sondern
mit „erheblichen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen in Folge der
beklagten Ruheschmerzen“ begründet worden, was nicht einleuchte, weil der
neurologische Sachverständige festgehalten habe, dass weder das Schmerzsyndrom
noch die eingenommene Medikation feststellbare Auswirkungen auf die
Konzentrationsfähigkeit gehabt hätten. Diagnostisch leide der Beschwerdeführer an
einer posttraumatischen Arthrose des oberen Sprunggelenks mit einem CRPS im Sinne
der Ziffern G 90.5 und M 19.17 des ICD-10. Die aktuell ausgeübte Tätigkeit als
Telefonverkäufer sei bei voller Stundenpräsenz zu 70 Prozent zumutbar; die
Einschränkung von 30 Prozent entspreche einem vermehrten Pausenbedarf.
Retrospektiv sei für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten für die Zeit von Februar 2012 bis
Juni 2014 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit zu attestieren, da sich damals eine
Pseudarthrose entwickelt habe und da der Beschwerdeführer wiederholt operiert
worden sei. Von Juli 2014 bis Februar 2016 seien leidensadaptierte Tätigkeiten
uneingeschränkt zumutbar gewesen. Ab Februar 2016 habe selbst für adaptierte
Tätigkeiten im Rahmen der postoperativen Rehabilitation und der Behandlung eines
CRPS eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vorgelegen. Ab Oktober 2017 seien
leidensadaptierte Tätigkeiten zu 70 Prozent zumutbar gewesen, nachdem noch ein
vermehrter Pausenbedarf bestanden habe und sich ein CRPS ja meistens innert zwölf
Monaten stabilisiere. Die Tätigkeit als Automonteur sei seit Februar 2016 nicht mehr
zumutbar. Auch die Tätigkeit als ungelernter Schlosser sei seit Februar 2016 nicht mehr
zumutbar. In der Zeit von Juli 2014 bis Februar 2016 seien die Tätigkeiten als
Automonteur und Schlosser zu 50 Prozent zumutbar gewesen, nachdem Schmerzen
aufgrund einer sich entwickelnden posttraumatischen Arthrose vorgelegen hätten, im
SPECT-CT 2014 aber noch keine fortgeschrittene Arthrose des oberen Sprunggelenks
nachgewiesen worden sei und die ossäre Konsolidation der distalen Tibia und Fibula
deutlich fortgeschritten gewesen sei. Von Februar 2012 bis Juni 2014 sei der
Beschwerdeführer als Automonteur und Schlosser vollständig arbeitsunfähig gewesen,
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 26/41
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da sich damals eine Pseudarthrose entwickelt habe und er wiederholt operiert worden
sei. Weitere medizinische Massnahmen seien nicht angezeigt. Die Prognose sei
ungünstig.
Die Beschwerdegegnerin nahm am 28. Juni 2022 Stellung zum Gutachten von
Dr. K._ (IV 2020/194, act. G 44). Sie beantragte die Abweisung der Beschwerden, die
Bezahlung des Gerichtsgutachtens aus der Gerichtskasse sowie eventualiter die
Abänderung der Verfügung vom 13. Juli 2020 zu Ungunsten des Beschwerdeführers
(Aufhebung der Rente per Ende September 2014). Zur Begründung führte sie an, das
Gutachten von Dr. K._ mute „als polemisch und wenig sachlich“ an und sei zudem
„unsorgfältig und unvollständig“. Unverständlich sei, dass Dr. K._ den dem
Gutachten ohnehin beiliegenden EFL-Bericht integral als „Angabe von Dritten“ in sein
Gutachten integriert habe. Die auf den Seiten 11 und 12 erhobene Anamnese werde
auf den Seiten 17, 30 und 41 sowie auf den Seiten 2 und 3 des EFL-Berichts
wortwörtlich wiederholt und finde sich im gesamten Gutachten damit fünfmal. Lasse
man die Aktenzusammenfassung, die redundanten Passagen und die „ausufernde“
Kritik am Vorgutachten weg, „schrumpft das Hauptgutachten auf rund 11 in grosser
Schrift geschriebene Seiten zusammen“. Anders formuliert habe Dr. K._ „das mit 51
Seiten als umfangreich anmutende Hauptgutachten massiv aufgebläht, wohl in der
Absicht, das bescheidene Ergebnis zu kaschieren“. Die geringen Umfangdifferenzen
seien ein „untrügliches Zeichen für eine nicht sehr ausgeprägte Schonung des rechten
Beines“. Darauf sei Dr. K._ aber „nirgends“ eingegangen. Eine Diskussion der
Medikamenten-Compliance, die vom Beschwerdeführer „als so wichtig erachtet“
worden sei, fehle. Das Gutachten weise diverse – von der Beschwerdegegnerin in ihrer
Stellungnahme penibel dargestellte – Ungenauigkeiten auf. Statt die Konsistenz und
die Plausibilität vertieft zu diskutieren, habe sich Dr. K._ „lieber in aller Ausführlichkeit
mit dem Vorgutachten“ befasst, wobei er „nicht mit Kritik gespart“ habe. Am
orthopädischen Teilgutachten habe er „kein gutes Haar gelassen“. Offensichtlich habe
Dr. K._ die in den Akten enthaltene Angabe des Beschwerdeführers, er habe
unmittelbar nach der Metallentfernung an Schmerzen gelitten, „nicht gefunden“. Weiter
habe er dem orthopädischen Sachverständigen der Medicore AG „abschätzig“
vorgeworfen, dieser habe über den Verlauf eines CRPS „doziert“ und in der Beurteilung
über ein CRPS „referiert“, statt den Verlauf der Behandlungen zu kommentieren. „Und
D.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 27/41
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was macht Dr. K._? Er lehnt seine Arbeitsfähigkeitsschätzung gerade nicht an den
Behandlungsverlauf an, sondern an blosse Erfahrungswerte [...] Schliesslich ergiesst
Dr. K._ seine Kritik über die Arbeitsfähigkeitsschätzung“ des orthopädischen
Sachverständigen der Medicore AG. „Eine Arbeitsfähigkeit in leidensangepasster
Tätigkeit von bloss 30 Prozent sei nicht nachvollziehbar. Damit hat Dr. K._ zwar
recht. Nur ist diese Erkenntnis nicht neu. Sie wurde in den Akten breit diskutiert und hat
dazu geführt, dass die MEDAS nachgebessert und der IV-Stelle am 19. Januar 2020
ein bereinigtes Gutachten vorgelegt hat. Darin erwähnt Dr. L._ die vermuteten
Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen nicht mehr und schliesst auf eine
deutlich bessere Arbeitsfähigkeit. Ganz offensichtlich hat Dr. K._ diese Umstände
und insbesondere das bereinigte Gutachten nicht einmal zur Kenntnis genommen“. Die
Medicore AG habe für ihr Gutachten 12’353.90 Franken in Rechnung gestellt, „während
Dr. K._ für sein monodisziplinäres Gutachten samt Nebenauslagen satte 11’352.50
Franken verlangt. Die Differenz beträgt damit gerade einmal 1’001 Franken. Für ein
solches Honorar hätte von Dr. K._ doch eindeutig mehr Sorgfalt und eine höhere
Begründungsdichte erwartet werden dürfen [...] So wie es dasteht, ist das Gutachten
von Dr. K._ unbrauchbar. Es entpuppt sich als billiges ‹Konkurrenten-Bashing›. Es
entbehrt der gebotenen Objektivität und ist überdies mit diversen gravierenden
inhaltlichen Mängeln behaftet. Es legt an die Beurteilung anderer Ärzte einen
strengeren Massstab an als an die eigene, deutlich besser bezahlte Arbeit. Es ist nicht
besser als jenes von Dr. L._, sondern hebt sich von diesem in erster Linie durch seine
Polemik ab. Die IV-Stelle ist nicht bereit, die Kosten dafür zu tragen, zumal das Gericht
nicht einmal bereit war, dem Gutachter die Fragen der IV-Stelle vorzulegen“.
Der Beschwerdeführer liess am 9. August 2022 festhalten (IV 2020/194, act. G 45),
das Gerichtsgutachten sei – abgesehen vom Hinweis, dass keine Symptomausweitung
vorliege – nicht verwertbar. Der Sachverständige habe sich nicht zum umfangreichen
medizinischen Dossier der Unfallversicherung geäussert. Die Ausführungen zur Frage,
ob der Beschwerdeführer eine Nervenläsion erlitten habe, überzeugten nicht. Sie
stünden in Widerspruch zu zahlreichen sorgfältig begründeten Beurteilungen von
ausgewiesenen Fachärzten in den Vorakten. Die „Konsensbeurteilung“ sei nicht zu
hören. Nachdem mittlerweile mehr als vier Jahre seit der ersten Leistungsverfügung
vergangen seien und eine baldige Entscheidung noch immer in weiter Ferne scheine,
D.h.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 28/41
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Erwägungen
1.
beantrage der Beschwerdeführer eine Instruktionsverhandlung, eventuell verbunden
mit Vergleichsgesprächen.
Das Versicherungsgericht teilte dem Beschwerdeführer am 11. August 2022 mit
(IV 2020/194, act. G 47), da die Richter des Versicherungsgerichtes über keinerlei
medizinische Kenntnisse verfügten, könne eine Instruktionsverhandlung offensichtlich
keinen Erkenntnisfortschritt bringen. Der entsprechende Antrag sei folglich abzuweisen.
Eine Vergleichsverhandlung sei nur sinnvoll, wenn die Beschwerdegegnerin
grundsätzlich vergleichsbereit sei. Das Versicherungsgericht erkundigte sich deshalb
gleichentags bei der Beschwerdegegnerin nach deren Bereitschaft, einer allfälligen
Vergleichslösung zuzustimmen (IV 2020/194, act. G 48). Die Beschwerdegegnerin hielt
am 17. August 2022 fest (IV 2020/194, act. G 49), sie sei grundsätzlich gerne bereit,
über eine pragmatische Fallerledigung zu diskutieren. Allerdings sei nicht erkennbar,
was der Beschwerdeführer beabsichtige. Für sie kämen nur zwei Lösungsansätze in
Frage, nämlich entweder die Abweisung der Beschwerden oder aber eine reformatio in
peius. Einer reformatio in peius könnte der Beschwerdeführer allerdings auch durch
einen Beschwerderückzug entgehen. Der Beschwerdeführer teilte am 5. September
2022 mit, anlässlich eines Telefonates mit der Beschwerdegegnerin habe er
festgestellt, dass keine gemeinsame Basis für einen Vergleich bestehe (IV 2020/194,
act. G 51).
D.i.
Das Beschwerdeverfahren IV 2019/298 betrifft die Verfügung vom 8. Oktober
2019, mit der die Beschwerdegegnerin ihre gestützt auf eine Zusicherung in der
Verfügung vom 28. August 2018 ausgerichtete halbe Rente per 31. Juli 2019 eingestellt
hat. Da es sich bei der Verfügung vom 28. August 2018 im Kern um einen Widerruf
pendente lite im Sinne des Art. 53 Abs. 3 ATSG gehandelt hatte, der mit dem Ziel
ergangen war, weitere Sachverhaltsabklärungen zu tätigen, liegt auf der Hand, dass es
sich bei der Zusicherung: „Die bisherige Rente wird weiterhin ausgerichtet“ nicht um
eine definitive Rentenzusprache gehandelt haben kann, denn eine solche hätte in
einem unauflöslichen Widerspruch zur Notwendigkeit weiterer
Sachverhaltsabklärungen gestanden. Folglich kann es sich bei jener Zusicherung nur
um eine vorsorgliche Massnahme für die Dauer des (wieder hängig gewordenen)
1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 29/41
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Verwaltungsverfahrens betreffend einen allfälligen Rentenanspruch des
Beschwerdeführers gehandelt haben, die – wie jede andere vorsorgliche Massnahme
auch (vgl. etwa BSK ATSG-Bolt, Art. 52 nAbs. 4 N 14, mit Hinweisen) – spätestens mit
dem Abschluss des Verfahrens am 13. Juli 2020 dahingefallen wäre. Die Verfügung
vom 8. Oktober 2019 hat ausschliesslich auf eine Korrektur dieser vorsorglichen
Massnahme abgezielt. Sie ist ihrer Natur nach also ebenfalls eine vorsorgliche
Massnahme gewesen, was bedeutet, dass ihre Wirkung mit dem Abschluss des
„Hauptverfahrens“ geendet hätte. Da das Versicherungsgericht die beiden
Beschwerdeverfahren IV 2019/298 (betreffend die vorsorgliche Einstellung der
vorsorglich ausgerichteten Rente) und IV 2020/194 (betreffend den „definitiven“
Entscheid über den Rentenanspruch des Beschwerdeführers) vereinigt hat, werden die
beiden Entscheide IV 2019/298 und IV 2020/194 gleichzeitig eröffnet. Man könnte sich
deshalb auf den Standpunkt stellen, der Entscheid IV 2019/298 betreffend die
vorsorgliche Einstellung der vorsorglich ausgerichteten Rente werde sofort mit seiner
Eröffnung wirkungslos werden, weil ja der „definitive“ Entscheid über den
Rentenanspruch des Beschwerdeführers in derselben juristischen Sekunde eröffnet
werde, was zur Folge habe, dass das „Hauptverfahren“ abgeschlossen werde und jede
vorsorgliche Regelung für die Dauer des „Hauptverfahrens“ ihre Wirkung verlieren
müsse. Das Beschwerdeverfahren IV 2019/298 sei folglich als gegenstandslos
abzuschreiben. Diese Auffassung wäre allerdings nur zutreffend, wenn der „definitive“
Entscheid IV 2020/194 sofort mit seiner Eröffnung formell rechtskräftig würde, was
aber nicht der Fall ist, weil er beim Bundesgericht angefochten werden kann. Die
Beschwerde an das Bundesgericht hat zwar nach Art. 103 Abs. 1 BGG grundsätzlich
keine aufschiebende Wirkung, was bedeutet, dass der Entscheid IV 2020/194 sofort
mit seiner Eröffnung vollstreckbar wird (vgl. Art. 62 Abs. 2 ATSG i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit.
b ATSG), aber beim Bundesgericht kann die Anordnung der aufschiebenden Wirkung
beantragt werden, was die Vollstreckbarkeit des Entscheides IV 2020/194 hemmen
würde, sodass die vorsorgliche Regelung, die den Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens IV 2019/298 bildet, weiterhin (bzw. wieder) wirksam wäre.
Folglich besteht trotz der Vereinigung der beiden Beschwerdeverfahren IV 2019/298
und IV 2020/194 nach wie vor ein schützenswertes Interesse an einem Entscheid
betreffend die am 8. Oktober 2019 verfügte Einstellung der vorsorglichen
Rentenauszahlung.
Die Beschwerdegegnerin hat die angefochtene Verfügung ausdrücklich als eine
Wiedererwägungsverfügung bezeichnet. Bei der Interpretation der Verfügung ist
diesem klaren und eindeutigen Wortlaut Rechnung zu tragen. Die Wiedererwägung
einer formell rechtskräftigen Verfügung setzt nach Art. 53 Abs. 2 ATSG eine zweifellose
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 30/41
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Unrichtigkeit der formell rechtskräftigen Verfügung sowie eine erhebliche Bedeutung
der Berichtigung dieser Verfügung voraus. Die Beschwerdegegnerin hat behauptet, die
mangelnde Begründung der Verfügung vom 28. August 2018 stelle eine zweifellose
Unrichtigkeit im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG dar, die eine wiedererwägungsweise
Korrektur rechtfertige. Diese Begründung ist aber offenkundig nur vorgeschoben
worden, denn die Begründung einer Verfügung dient allein den Interessen des
Verfügungsadressaten, was bedeutet, dass eine fehlende Begründung keinen Nachteil
zulasten der Verwaltung bewirken kann und dass es folglich aus der Sicht der
Verwaltung keinen Grund geben kann, eine formell rechtskräftige Verfügung in
Wiedererwägung zu ziehen, nur um sie (wiedererwägungsweise) mit einer Begründung
zu versehen. Das ist denn auch augenscheinlich nicht die Absicht der
Beschwerdegegnerin gewesen. Sie hat nämlich nicht etwa die Verfügung vom 28.
August 2018 nachträglich mit einer Begründung versehen, sondern vielmehr bloss die
vorsorgliche Rentenauszahlung stoppen wollen, da sie die Befürchtung gehegt hat, im
„Hauptverfahren“ könne sich ergeben, dass der Beschwerdeführer gar keinen
Rentenanspruch habe. Wieso sie ihre Wiedererwägungsverfügung vom 8. Oktober
2019 nicht mit dieser Begründung versehen hat, ist nicht nachvollziehbar. Jedenfalls
hat am 28. August 2018 keinerlei Veranlassung bestanden, dem Beschwerdeführer
vorsorglich eine Rente auszuzahlen, da damals noch völlig offen gewesen ist, ob
überhaupt ein Rentenanspruch besteht. Die am 28. August 2018 verfügte vorsorgliche
Rentenauszahlung erweist sich aus diesem Grund – und nicht etwa, weil eine
Begründung fehlt – als zweifellos unrichtig. Die Berichtigung ist von erheblicher
Bedeutung, da ohne eine Korrektur der Verfügung vom 28. August 2018 die
vorsorgliche Rentenauszahlung bis zum formell rechtskräftigen Abschluss des
„Hauptverfahrens“ fortgesetzt werden müsste und da bezüglich einer späteren
Rückforderung dieser Rentenauszahlungen die Gefahr der Uneinbringlichkeit bestünde.
Die Wiedererwägungsvoraussetzungen sind also erfüllt gewesen.
Die Beschwerdegegnerin hat die vorsorgliche Rentenauszahlung per 31. Juli 2019
gestoppt. Das ist offensichtlich falsch gewesen, da am 8. Oktober 2019 nicht nur
fraglich gewesen ist, ob der Beschwerdeführer für die Zeit ab dem 1. August 2019
einen Rentenanspruch habe, sondern überhaupt noch eine Ungewissheit bezüglich des
Rentenanspruchs – für den gesamten massgebenden Zeitraum ab dem 1. August 2013
– bestanden hat. Folglich lässt sich die wiedererwägungsweise Zusprache einer
befristeten vorsorglichen Rente für die Zeit bis Ende Juli 2019 nicht rechtfertigen. Die
vorsorgliche Rentenauszahlung ist ex tunc aufzuheben. Diese Korrektur der Verfügung
vom 8. Oktober 2019 wirkt sich zu Ungunsten des Beschwerdeführers aus. Diese
Schlechterstellung betrifft allerdings nur das vorsorgliche Massnahmenregime, das
1.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 31/41
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2. Das Beschwerdeverfahren IV 2020/194 betrifft zwei Verfügungen, nämlich die
Verfügung vom 13. Juli 2020, mit der die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer
eine ganze Rente für die Zeit vom 1. August 2013 bis zum 30. Juni 2015 zugesprochen
hat, und die Verfügung vom 4. August 2020, mit der die Beschwerdegegnerin dem
Beschwerdeführer für diese Periode Rentenleistungen von insgesamt 47’614 Franken
zugesprochen hat, wovon sie die bereits für jenen Zeitraum ausbezahlten Leistungen
von 21’132 Franken abgezogen hat. Augenscheinlich hat nur die Verfügung vom
4. August 2020 eine rechtsgestaltende Wirkung gehabt. Die Eröffnung der Verfügung
vom 13. Juli 2020 ist nicht einer juristischen Notwendigkeit, sondern vielmehr den
üblichen technisch-administrativen Abläufen geschuldet gewesen. Sie kann aber
jedenfalls keine rechtsgestaltende Wirkung gehabt haben, was bedeutet, dass es sich
bei der Verfügung vom 13. Juli 2020 um eine Feststellungsverfügung im Sinne des Art.
49 Abs. 2 ATSG gehandelt hat. Ein schützenswertes Feststellungsinteresse hat
allerdings nicht bestanden, da wenige Tage später die rechtsgestaltende Verfügung
ergangen ist. Die Verfügung vom 13. Juli 2020 ist deshalb aus formalen Gründen
ersatzlos aufzuheben.
3.
sofort mit der Eröffnung dieses Entscheides dahinfällt (vgl. Art. 103 Abs. 1 BGG und
Art. 62 Abs. 2 ATSG i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. b ATSG). Nur im unwahrscheinlichen Fall,
dass der Entscheid IV 2020/194 beim Bundesgericht angefochten würde, im noch
unwahrscheinlicheren Fall, dass beim Bundesgericht die Anordnung der
aufschiebenden Wirkung beantragt würde, und im völlig unwahrscheinlichen Fall, dass
das Bundesgericht einem solchen Antrag stattgeben würde, käme es zu einer
effektiven Schlechterstellung des Beschwerdeführers. Es erscheint als
unverhältnismässig, die Gelegenheit zum Beschwerderückzug zu gewähren, nur weil in
einem völlig unwahrscheinlichen Fall die zukünftige Möglichkeit einer reformatio in
peius eintreten könnte.
Zu prüfen bleibt, ob die am 4. August 2020 verfügte Zusprache einer befristeten
ganzen Rente für die Zeit vom 1. August 2013 bis zum 30. Juni 2015 im Gesamtbetrag
von 47’614 Franken rechtmässig gewesen ist. Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen,
dass die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die Wiederanmeldung vom Februar 2013
eingetreten ist, da der Beschwerdeführer mit dem Hinweis auf den im August 2012
erlittenen Autounfall eine relevante Sachverhaltsveränderung nach der Abweisung
seines ersten Leistungsbegehrens im August 2009 glaubhaft gemacht hatte (Art. 87
Abs. 3 IVV).
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 32/41
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Laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität wird gemäss dem
Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das
die versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach
der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu jenem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben wäre.
3.2.
Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
massgebend, welche Tätigkeiten dem Beschwerdeführer aus medizinischer Sicht in
welchem Umfang zumutbar sind. Die Beschwerdegegnerin hat zur Beantwortung
dieser Frage Observationsmaterial gewürdigt, das im Auftrag einer
Haftpflichtversicherung erstellt worden war. Das Bundesgericht hat im BGE 143 I 377
die Auffassung vertreten, dass selbst Beweismaterial, das im Rahmen einer
rechtswidrig angeordneten Observation im öffentlich frei einsehbaren Raum gewonnen
worden sei, im Invalidenversicherungsverfahren gestützt auf eine Interessenabwägung
zwischen privaten und öffentlichen Interessen verwertbar sein könne. Massgebend sei
dabei unter anderem, ob die Observation im öffentlich frei einsehbaren Raum
durchgeführt worden sei und ob es sich um eine systematische oder ständige
Überwachung gehandelt habe, denn nur wenn eine Observation im privaten Raum oder
aber systematisch respektive ständig durchgeführt worden sei, könnten die privaten
Interessen das gewichtige öffentliche Interesse an der Bekämpfung des
Versicherungsmissbrauchs überwiegen. Mit Blick auf einige aktuelle
Bundesgerichtsurteile dürfte diese Auffassung wohl für sämtliche vor dem Inkrafttreten
der Art. 43a f. ATSG durchgeführten Observationen massgebend sein (vgl. etwa das
Urteil 8C_54/2020 vom 26. Mai 2020, E. 4, mit Hinweisen, oder das Urteil 9C_722/2019
vom 23. Juli 2020, E. 3, mit Hinweisen). Die bisherigen Urteile des Bundesgerichtes
zum Thema zeichnen sich durch eine starke Tendenz zur Bejahung der Verwertbarkeit
von Observationsmaterial aus. Fälle, in denen die Ergebnisse einer Observation als
unverwertbar qualifiziert worden sind, sind äusserst selten. Daraus ist zu schliessen,
dass das Bundesgericht dem öffentlichen Interesse an der Bekämpfung des
Versicherungsmissbrauchs ein sehr hohes Gewicht beimisst. Der Beschwerdeführer ist
nur im öffentlich frei einsehbaren Raum observiert worden. Obwohl sich die
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 33/41
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Observation insgesamt über einen sehr langen Zeitraum erstreckt hat, ist er lediglich an
wenigen Tagen effektiv verdeckt überwacht worden, weshalb nicht von einer ständigen
oder systematischen Überwachung gesprochen werden kann. Mit Blick auf die oben
zusammengefasste bundesgerichtliche Auffassung ist die Verwertbarkeit des
Observationsmaterials deshalb zu bejahen. Die Beschwerdegegnerin hat zudem die
Medicore AG mit einer polydisziplinären Begutachtung des Beschwerdeführers
beauftragt. Das Gutachten ist am 25. April 2019 erstattet worden. Die
Sachverständigen haben in ihrer Konsensbeurteilung festgehalten, dass kein Konsens
habe gefunden werden können, weil sich der orthopädische Sachverständige nicht auf
die objektivierbare bildgebende Befundlage, sondern auf seine langjährige Erfahrung
mit dem Krankheitsbild eines CRPS berufen habe. Die RAD-Ärztin Dr. G._ hat in einer
ausführlichen Stellungnahme vom 9. Juli 2019 – ohne Berücksichtigung des
Observationsmaterials – überzeugend aufgezeigt, dass das orthopädische
Teilgutachten der Medicore AG nicht geeignet gewesen ist, den massgebenden
Sachverhalt mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu belegen. Sie hat überzeugend aufgezeigt, dass die Beurteilung eminenzbasiert und
nicht gestützt auf die objektiven klinischen und bildgebenden Befunde abgegeben
worden sei. Der orthopädische Sachverständige habe eine Minderung der
Konzentration und der Aufmerksamkeit berücksichtigt, die weder neurologisch noch
psychiatrisch oder neuropsychologisch habe festgestellt werden können. Im Gutachten
fänden sich zahlreiche Hinweise auf Inkonsistenzen, mit denen sich der orthopädische
Sachverständige nicht hinreichend auseinander gesetzt habe. Damit steht fest, dass
das Gutachten der Medicore AG in seiner ersten Fassung vom 25. April 2019 nicht
überzeugt und folglich nicht geeignet ist, den massgebenden medizinischen
Sachverhalt mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu belegen. Am 19. Januar 2020 hat die Medicore AG allerdings eine überarbeitete
zweite Fassung seines Gutachtens eingereicht. Diese Fassung hat sich nur marginal
von der ersten Fassung unterschieden. Die „Überarbeitung“ hat sich nämlich auf einige
wenige, nur vereinzelte Sätze betreffende Anpassungen des orthopädischen
Teilgutachtens und eine entsprechende Modifikation der Konsensbeurteilung, die
ebenfalls nur vereinzelte Sätze betroffen hat, beschränkt. Die „Überarbeitung“
überzeugt nicht, weil sie offensichtlich nur bezweckt hat, die
Arbeitsfähigkeitsschätzung des orthopädischen Sachverständigen an jene der übrigen
Sachverständigen „anzugleichen“, während der eigentliche Inhalt des orthopädischen
Teilgutachtens unverändert geblieben ist und damit nach wie vor eine ausführliche
Begründung dafür enthält, weshalb der orthopädische Sachverständige den
Beschwerdeführer (ursprünglich) als praktisch vollständig arbeitsunfähig qualifiziert hat.
Tatsächlich befindet sich bei den Akten eine elektronische Nachricht des
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 34/41
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orthopädischen Sachverständigen, die dieser am 5. Juni 2019 und damit in der Zeit der
„Überarbeitung“ verfasst hat, der sich entnehmen lässt, dass der orthopädische
Sachverständige nach wie vor von der Richtigkeit seiner ursprünglichen Beurteilung
überzeugt gewesen ist und sich gegen eine Modifikation seines Gutachtens verwahrt
hat. Diese elektronische Nachricht hat mit dem folgenden Einleitungssatz begonnen:
„Ich habe mir mein Gutachten noch einmal angeschaut und bin der Meinung, es ist
absolut schlüssig“ (IV 2020/194, act. G 1.1.12). Auf den folgenden knapp zwei Seiten
hat der Sachverständige nochmals ausführlich die Gründe dargelegt, die seiner
Meinung nach für seine Beurteilung gesprochen haben. Sein Fazit ist gewesen:
„Deshalb auch meine Beurteilung einer 30%igen AF, mehr halte ich nicht für
zumutbar“. Wie es dazu gekommen ist, dass im überarbeiteten orthopädischen
Teilgutachten schliesslich eine Arbeitsfähigkeit von 70 Prozent attestiert worden ist,
lässt sich nicht nachvollziehen. Als überzeugend kann der so gefundene Konsens
offensichtlich nicht qualifiziert werden. Deshalb ist es nicht nachvollziehbar, dass der
zuständige Sachbearbeiter der Beschwerdegegnerin diese Tatsachen trotz eines
entsprechenden ausdrücklichen Hinweises von Seiten des Versicherungsgerichtes (IV
2020/194, act. G 10) ignoriert und dezidiert die Auffassung vertreten hat, das
Versicherungsgericht hätte auf das Gutachten der Medicore AG vom 19. Januar 2020
abstellen müssen.
Da das Bundesgericht seine Praxis zur Begutachtung mit dem BGE 137 V 210
grundlegend geändert hat, ist es dem Versicherungsgericht verwehrt gewesen, die
Sache zur Einholung eines zweiten, beweiskräftigen Administrativgutachtens an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Das Gericht ist also gezwungen gewesen, ein
Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben. Da das allgemein-internistische, das
psychiatrische, das neuropsychologische und das neurologische Teilgutachten der
Medicore AG auf einer umfassenden persönlichen Untersuchung des
Beschwerdeführers und auf einer eingehenden Aktenwürdigung beruht haben und da
die Sachverständigen ihre Schlussfolgerungen in Bezug auf die Diagnosestellung und
die Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugend anhand der von ihnen erhobenen
objektiven klinischen und bildgebenden Befunde begründet haben, hat keine
Veranlassung bestanden, eine erneute polydisziplinäre Begutachtung des
Beschwerdeführers in Auftrag zu geben. Das Versicherungsgericht hat deshalb in
seinem – unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsenen und damit verbindlichen
– Beweisbeschluss vom 17. Mai 2021 den Sachverständigen Dr. K._ mit einer
orthopädischen Begutachtung des Beschwerdeführers beauftragt und ihn aufgefordert,
anhand seiner eigenen orthopädischen Beurteilung und der Beurteilungen des
internistischen, des psychiatrischen, des neuropsychologischen und des
3.4.
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neurologischen Sachverständigen der Medicore AG eine „Konsensbeurteilung“ zu
erstellen. Dieses Vorgehen mag auf den ersten Blick als ungewöhnlich erscheinen, ist
aber dem Umstand geschuldet gewesen, dass die Medicore AG ihre Tätigkeit zum
damaligen Zeitpunkt bereits eingestellt hatte. Der Sachverständige Dr. K._ hat den
Beschwerdeführer umfassend orthopädisch untersucht. Er hat zusätzlich eine
Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit in Auftrag gegeben und er hat die
medizinischen Vorakten eingehend gewürdigt. Er mag wohl nicht alle Aktenstücke
explizit erwähnt haben, aber daraus kann nicht abgeleitet werden, dass er einen Teil
der Akten einfach ignoriert hätte, wie der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
behauptet hat. Die Ausführungen von Dr. K._ zu den Vorakten zeigen jedenfalls, dass
er sich vertieft mit diesen auseinander gesetzt hat. Nichts deutet darauf hin, dass Dr.
K._ eine wesentliche Tatsache übersehen hätte. Sowohl Dr. K._ als auch der in
seinem Auftrag mit der Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit befasste
Physiotherapeut haben die von ihnen erhobenen objektiven klinischen Befunde
detailliert angeführt. Ein Anhaltspunkt, der den Verdacht wecken könnte, Dr. K._ oder
der Physiotherapeut hätten den massgebenden objektiven Befund nicht lege artis
erhoben, ist nicht ersichtlich. Die Befunde sind weitestgehend unauffällig gewesen. Die
Sachverständigen haben aus dieser Tatsache nachvollziehbar und überzeugend den
Schluss gezogen, dass zwar die Belastbarkeit des rechten Fusses erheblich
eingeschränkt sei, dem Beschwerdeführer aber leidensadaptierte Tätigkeiten, bei
denen er den Fuss nicht oder nur wenig belasten müsse und immer wieder
zwischendurch hochlagern könne, ganztags zumutbar seien. Ebenso überzeugend ist
der Hinweis von Dr. K._, dass der Beschwerdeführer selbst an einem ideal
leidensadaptierten Arbeitsplatz nicht durchgehend eine ergonomische Sitzhaltung
einnehmen und auch nicht so oft wie nötig den Fuss entlasten respektive hochlagern
könne und dass er deshalb auf zusätzliche Pausen angewiesen sei. Die diesem
zusätzlichen Pausenbedarf entsprechende Einschränkung dürfte angesichts der bei
einem Büroarbeitsplatz bestehenden modernen ergonomischen
Gestaltungsmöglichkeiten – aus der Sicht eines medizinischen Laien – mit 30 Prozent
eher hoch gegriffen sein, zumal Dr. K._ das Ausmass der Einschränkung nicht
einlässlich begründet hat. Diesbezüglich bestehen gewisse Zweifel an der
Zuverlässigkeit des Gutachtens. Das schadet aber nicht, denn das Gutachten von Dr.
K._ belegt mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit, dass der Beschwerdeführer in einer ideal leidensadaptierten
Tätigkeit höchstens zu 30 Prozent eingeschränkt ist. Resultiert aus der
Invaliditätsbemessung ausgehend von einem maximalen Arbeitsunfähigkeitsgrad von
30 Prozent kein rentenbegründender Invaliditätsgrad, wäre es unverhältnismässig,
weitere Abklärungen zu tätigen, die nur zum Zweck hätten herauszufinden, um wie viel
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Prozent genau der rentenbegründende Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent
verpasst würde. Nur wenn sich ausgehend von einem maximalen
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 30 Prozent ein rentenbegründender Invaliditätsgrad
ergeben würde, was gemäss den nachstehenden Erwägungen nicht der Fall ist, wären
weitere Sachverhaltsabklärungen zur Ermittlung des genauen Invaliditätsgrades
erforderlich. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. K._ deckt sich mit jener der
Medicore AG (unter Ausblendung des nicht verwertbaren orthopädischen
Teilgutachtens), weshalb Dr. K._ seine Arbeitsfähigkeitsschätzung problemlos in die
bestehende „Teilkonsens“-Beurteilung hat einfügen können. Erfahrungsgemäss sind
auch „echte“ Konsensbeurteilungen – gerade bei übereinstimmenden
Arbeitsfähigkeitsschätzungen wie hier – in aller Regel das Produkt eines
Zirkularverfahrens und nicht etwa einer persönlichen Diskussionsrunde unter den
Sachverständigen. Gründe, die gegen die Überzeugungskraft der Beurteilung von Dr.
K._ respektive gegen die (fingierte) Konsensbeurteilung sprechen würden, sind nicht
ersichtlich. Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang auch, dass ein
Gerichtsgutachten nach der vom Bundesgericht erfundenen „Beweiskaskade“ als ein
erstklassiges Beweismittel zu qualifizieren ist, das alle anderen Beweismittel auf tiefere
Ränge verweist (vgl. etwa die im Entscheid IV 2019/277 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 24. August 2021, E. 4.1 angeführten Verweise auf die
bundesgerichtliche Praxis). Es weist also nur schon deshalb eine herausragende
Überzeugungskraft auf, weil es sich um ein Gerichtsgutachten handelt. Davon
abgewichen werden könnte nach der bundesgerichtlichen Auffassung nur, wenn starke
Zweifel an der Zuverlässigkeit bestünden, was nach dem oben Angeführten nicht der
Fall ist. Die Behauptung der Beschwerdegegnerin, das Versicherungsgericht habe ihre
Fragen nicht an Dr. K._ weitergeleitet, ist aktenwidrig. Darauf ist hier aber ohnehin
nicht nochmals einzugehen, da der Beweisbeschluss längst in formelle Rechtskraft
erwachsen und damit verbindlich geworden ist. Zusammenfassend ist auf das
Gerichtsgutachten abzustellen und von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 70 Prozent für
ideal leidensadaptierte Tätigkeiten auszugehen.
Das im Gerichtsgutachten detailliert beschriebene Profil einer ideal
leidensadaptierten Tätigkeit bestätigt, dass es sich bei der Tätigkeit des technischen
Kaufmannes um eine solche ideal leidensadaptierte Tätigkeit handelt. Der
Beschwerdeführer hat vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung zwar nicht als
technischer Kaufmann gearbeitet, weil er die entsprechende Ausbildung noch gar nicht
abgeschlossen hatte, aber wenn er trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung als
technischer Kaufmann arbeiten kann, könnte er natürlich auch ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht nur als Automonteur oder als ungelernter
3.5.
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Schweisser, sondern auch als technischer Kaufmann arbeiten. Die Validen- und die
Invalidenkarriere sind folglich identisch; sie entsprechen beide einer Tätigkeit als
technischer Kaufmann. Das bedeutet, dass der Ausgangswert des zumutbarerweise
erzielbaren Invalideneinkommens dem Valideneinkommen entspricht und dass der
Betrag folglich bei der Berechnung des Invaliditätsgrades mathematisch keine Rolle
spielen kann. Der Invaliditätsgrad ist also mittels eines sogenannten Prozentvergleichs
zu berechnen, das heisst er entspricht dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, korrigiert um einen
dem sogenannten Tabellenlohnabzug analogen Abzug. Ein solcher Abzug wird
berücksichtigt, wenn davon ausgegangen werden muss, dass die versicherte Person
ihre Arbeitsfähigkeit nicht mit demselben ökonomischen Erfolg verwerten kann wie eine
gesunde, im selben Pensum tätige Person. Das ist der Fall, wenn anzunehmen ist, dass
ein strikt ökonomisch-betriebswirtschaftlich denkender, also keinen Soziallohn
ausrichtender Arbeitgeber der versicherten Person keinen durchschnittlichen, sondern
nur einen unterdurchschnittlichen Lohn ausbezahlen wird, um seinen aus der
Anstellung der versicherten Person resultierenden „Arbeitsmehrwert“ – die Differenz
zwischen dem ökonomischen Wert der Arbeitsleistung und den direkten und indirekten
Lohn- und Lohnnebenkosten – auf einen durchschnittlichen Betrag zu erhöhen. Kann
eine versicherte Person nur einen unterdurchschnittlichen ökonomischen Mehrwert
generieren oder sind die indirekten Lohnkosten oder die Lohnnebenkosten
überdurchschnittlich hoch, resultiert für den Arbeitgeber nämlich nur ein
unterdurchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“. Ein strikt betriebswirtschaftlich
operierender, also ganz bewusst keinen Soziallohn ausrichtender Arbeitgeber wird das
nicht hinnehmen, sondern diese „Einbusse“ auf den Arbeitnehmer überwälzen, indem
er diesem nur einen unterdurchschnittlichen Lohn bezahlt, sodass für den Arbeitgeber
ein durchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“ resultiert. Ein potentieller Arbeitgeber müsste
bei einer Beschäftigung des Beschwerdeführers unter anderem in Kauf nehmen, dass
der Beschwerdeführer nicht so flexibel wie ein gesunder, in einem Pensum von 70
Prozent tätiger Arbeitnehmer eingesetzt werden kann, weil er einerseits nur ideal
leidensadaptierte Tätigkeiten ausführen kann und weil er andererseits keine Mehr- oder
Überstunden leisten kann, weil das zumutbare Pensum von 70 Prozent das Maximum
dessen darstellt, was zu leisten er in der Lage ist, dass der Beschwerdeführer seinen
Arbeitsplatz den ganzen Tag besetzen, aber nur zu 70 Prozent mit der Erzielung eines
ökonomischen Mehrwertes „auslasten“ würde und dass der Beschwerdeführer immer
wieder – den Betriebsablauf störende – zusätzliche Pausen einlegen müsste. Nach der
ständigen Praxis der Abteilung II des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen
rechtfertigen diese Einschränkungen einen dem Tabellenlohnabzug analogen Abzug
von maximal zehn Prozent. Der Invaliditätsgrad des Beschwerdeführers beträgt folglich
maximal 37 Prozent (= 100% – 90% × 70%). Da erst ab einem Invaliditätsgrad von
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mindestens 40 Prozent ein Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung besteht,
hat der Beschwerdeführer im hier massgebenden Zeitpunkt der Eröffnung der
Verfügung vom 4. August 2020 keinen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung gehabt.
Bleibt zu prüfen, ob für die Zeit vor dem Erlass der angefochtenen Verfügung vom
4. August 2020 eine (befristete) Rente zuzusprechen ist. Der Sachverständige Dr. K._
hat (unter Berücksichtigung der Schlussfolgerungen des internistischen, des
neurologischen, des neuropsychologischen und des psychiatrischen Sachverständigen
der Medicore AG) retrospektiv für leidensadaptierte Tätigkeiten für die Zeit von Februar
2012 bis Juni 2014 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Dieses Attest hat er
mit den Operationen, die in jener Zeit durchgeführt worden sind, und mit der
Entwicklung einer Pseudarthrose begründet. Der Beschwerdeführer hat sich also im
damaligen Zeitraum in einer Phase der medizinischen Eingliederung befunden, was mit
Blick auf den Wortlaut des Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG, des Art. 7 Abs. 1 ATSG (i.V.m. Art. 8
Abs. 1 ATSG) und des Art. 16 ATSG die Frage aufwirft, ob er in jenem Zeitraum
überhaupt rentenbegründend invalid hat sein können. Die drei Abteilungen des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen haben diese Frage in der
Vergangenheit unterschiedlich beantwortet. Im April 2019 haben sie ihre Praxis in
Anwendung des Art. 54 GerG vereinheitlicht und beschlossen, dass „Versicherte, die
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu
40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind und die nach Ablauf dieses Jahres weiterhin
zu mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig sind, grundsätzlich Anspruch auf eine Rente
[haben], obwohl zumutbare Eingliederungsmassnahmen, welche ihre Arbeitsfähigkeit
oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wiederherstellen, erhalten
oder verbessern können, nicht abgeschlossen sind“. Nach dieser neuen,
vereinheitlichten Praxis schliesst der Umstand, dass sich der Beschwerdeführer in der
Zeit bis Juni 2014 noch in der medizinischen Eingliederungsphase befunden hat, die
Zusprache einer Rente nicht aus. Da das sogenannte Wartejahr im August 2012 zu
laufen begonnen hat, hat der Beschwerdeführer also grundsätzlich ab dem
1. August 2013 einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung gehabt. Er hat
sich im Februar 2013 zum Leistungsbezug angemeldet, weshalb die Sechsmonatsfrist
des Art. 29 Abs. 1 IVG am 1. August 2013 abgelaufen gewesen ist. Angesichts der von
Dr. K._ attestierten vollständigen Arbeitsunfähigkeit in der Zeit bis Juni 2014 ist dem
Beschwerdeführer mit Wirkung ab dem 1. August 2013 eine ganze Rente der
Invalidenversicherung zuzusprechen. Ab Juli 2014 haben dem Beschwerdeführer die
angestammte Tätigkeit als ungelernter Schlosser sowie der ursprünglich erlernte Beruf
als Automonteur zu 50 Prozent, eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit dagegen
3.6.
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4.
uneingeschränkt zugemutet werden können. Da er bereits im November 2012 eine
Ausbildung zum technischen Kaufmann abgeschlossen hatte, die es ihm ermöglicht
hat, in einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit ein Erwerbseinkommen zu erzielen,
dessen Ausgangswert dem Valideneinkommen entsprochen hat, und da er bei einer
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für diese Tätigkeit folglich nicht mehr invalid
gewesen ist, hat sein Rentenanspruch (unter Berücksichtigung der dreimonatigen
„Verzögerung“ des Art. 88a Abs. 1 IVV) per 30. September 2014 geendet. Ab Februar
2016 ist der Beschwerdeführer gemäss den überzeugenden Ausführungen von Dr.
K._ wieder vollständig arbeitsunfähig gewesen. Ein erneutes Wartejahr ist nicht zu
berücksichtigen (Art. 29 IVV). Allerdings muss nach der bundesgerichtlichen
Auffassung eine dreimonatige „Verzögerung“ nach Art. 88a Abs. 2 IVV berücksichtigt
werden. Der Beschwerdeführer hat folglich für die Zeit ab dem 1. Mai 2016 wieder
einen Anspruch auf eine ganze Rente. Ab Oktober 2017 ist der Beschwerdeführer
schliesslich für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten zu 70 Prozent arbeitsfähig und damit
gemäss den vorstehenden Ausführungen in der E. 3.4 nicht mehr rentenbegründend
invalid gewesen. Unter Berücksichtigung der dreimonatigen „Verzögerung“ hat sein
Rentenanspruch folglich per 31. Dezember 2017 geendet. Zusammenfassend hat der
Beschwerdeführer also einen Anspruch auf eine ganze Rente der Invalidenversicherung
für die Zeit vom 1. August 2013 bis zum 30. September 2014 und für die Zeit vom
1. Mai 2016 bis zum 31. Dezember 2017. Die angefochtene Verfügung vom
4. August 2020 ist folglich als rechtswidrig aufzuheben und es ist festzustellen, dass
der Beschwerdeführer für die Zeit vom 1. August 2013 bis zum 30. September 2014
sowie für die Zeit vom 1. Mai 2016 bis zum 31. Dezember 2017 einen Anspruch auf
eine ganze Rente der Invalidenversicherung hat. Für die Zeit vom 1. Oktober 2014 bis
zum 30. April 2016 und ab dem 1. Januar 2018 besteht kein Anspruch auf eine Rente.
Die Sache ist zur Festsetzung der Rentenbeträge an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
bis
Der resultierende befristete Rentenanspruch umfasst insgesamt 14 + 20 = 34
Monate. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer mit der angefochtenen
Verfügung vom 4. August 2020 einen befristeten Rentenanspruch für insgesamt 23
Monate zugesprochen. Die Korrektur der angefochtenen Verfügung führt damit zu einer
Besserstellung des Beschwerdeführers. Damit dringt der Beschwerdeführer mit seinem
Hauptanliegen – der Korrektur der von ihm als rechtswidrig erachteten angefochtenen
Verfügung – vollumfänglich durch, weshalb hinsichtlich der Kosten- und
Entschädigungsfolgen von einem vollständigen Obsiegen des Beschwerdeführers
4.1.
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