Decision ID: 95489e47-0375-584b-8927-2004701282e2
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine irakische Staatsangehörige arabischer Eth-
nie – suchte am 7. Januar 2016 im Empfangs- und Verfahrenszentrum
(EVZ) des SEM in B._ um Asyl nach. Am 14. Januar 2016 wurde
sie zu ihrer Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchs-
gründen befragt (Befragung zur Person, BzP). Am 10. November 2017
hörte das SEM sie vertieft zu den Asylgründen an.
B.
Anlässlich ihrer Befragungen machte die Beschwerdeführerin im Wesent-
lichen geltend, dass sie aus Dohuk komme, wohin sie als Kleinkind mit ihrer
Mutter und ihren Geschwistern umgesiedelt sei. In den Neunzigerjahren
habe C._ einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem drei Personen
gestorben seien. Die Familie der Opfer habe Rache geschworen und den
C._ schliesslich umgebracht. Ihr Vater habe den Irak in der Folge
aufgrund von Drohungen seitens der Opferfamilie in Richtung Schweiz ver-
lassen, wo er sich später von ihrer Mutter habe scheiden lassen und erneut
geheiratet habe. Aufgrund der Drohungen seien auch sie, ihre Geschwister
und die Kinder des C._ in Gefahr gewesen, weshalb sie D._
ebenfalls verlassen und fortan in Dohuk gelebt hätten. Während ihre Mutter
in Dohuk gearbeitet habe, habe sie die Schule bis zur (...) Klasse besucht.
Im Jahre (...) sei ihr Vater aus der Schweiz besuchshalber in den Irak ge-
reist und habe der Familie mitgeteilt, dass die Opferfamilie aufgrund der
Sicherheitslage in D._ ebenfalls in den Nordirak umgesiedelt sei.
Die Opferfamilie, die sich nun wiederum in ihrer Reichweite aufgehalten
habe, habe sich gemäss Auskünften von Verwandten nach dem Verbleib
ihrer Familie erkundigt. Um ihre (...) Brüder vor allfälligen Verfolgungs-
massnahmen zu schützen habe der Vater entschieden, mit diesen in die
Türkei zu reisen. Nach kurzer Zeit seien ihre Brüder zu ihrem Vater in die
Schweiz weitergereist. Weil die Opferfamilie weiterhin nach ihrer Familie
gefragt habe, habe sie auf Anweisung der Mutter nicht mehr zu Schule ge-
hen können, weshalb sie (...) Monate nach der Ausreise der Brüder ge-
meinsam mit der Mutter via Griechenland in die Schweiz gereist sei.
C.
Mit Verfügung vom 20. Juli 2018 – eröffnet am 23. Juli 2018 – stellte die
Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug an.
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D.
Mit Eingabe vom 20. August 2018 liess die Beschwerdeführerin diesen
Entscheid durch ihren Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht an-
fechten und beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. In
prozessualer Hinsicht ersuchte sie um die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschus-
ses. Ferner beantragte sie, die Vorinstanz sei vorsorglich anzuweisen, die
Kontaktaufnahme mit den heimatlichen Behörden sowie jegliche Datenwei-
tergabe an diese zu unterlassen beziehungsweise sei sie über eine allfällig
bereits erfolgte Datenweitergabe in einer separaten Verfügung zu informie-
ren.
E.
Mit Schreiben vom 23. August 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die Beschwerdeführerin ist als
Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG).
Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist demnach einzu-
treten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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3.
Da das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Direktentscheid abge-
schlossen ist, erweist sich der Antrag auf vorsorgliche Massnahmen (An-
weisung der zuständigen Behörde zur Unterlassung der Kontaktaufnahme
mit den Behörden des Heimatstaats und Datenweitergabe an dieselben),
welche ohnehin nur für die Dauer des Beschwerdeverfahrens wirksam wä-
ren, als gegenstandslos. Da im Übrigen aus den dem Gericht vorliegenden
Akten (die erfahrungsgemäss allerdings nicht sämtliche Vorgänge im Zu-
sammenhang mit der Vorbereitung des Wegweisungsvollzugs abbilden),
keine solche Datenbekanntgabe hervorgeht, ist auf den diesbezügliche An-
trag, entsprechend orientiert zu werden, ebenfalls als gegenstandslos nicht
einzutreten.
4.
4.1 Zur Begründung ihrer abweisenden Verfügung führte die Vorinstanz
aus, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht asylrelevant im
Sinne von Art. 3 AsylG seien. Aus den dargelegten Ereignissen im Zusam-
menhang mit dem Verkehrsunfall des C._ in den Neunzigerjahren,
welche sie, beziehungsweise die Familienangehörigen dazu bewogen ha-
ben, nach Dohuk umzuziehen, lasse sich für sie und ihre Familie keine
Verfolgungsfurcht im Sinne von Art. 3 AsylG ableiten. Hierfür müssten hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
auf einer objektiven Betrachtungsweise und nicht auf dem subjektiven
Empfinden der Betroffenen fusse. Solche konkreten Hinweise seien den
Schilderungen der Beschwerdeführerin nicht zu entnehmen. Gemäss ihren
Angaben sei weder ihr noch ihren Familienangehörigen je etwas zugestos-
sen. Sie habe keinerlei Kenntnisse bezüglich allfälligen Verfolgungsbemü-
hungen vonseiten der Opferfamilie. Zudem könne sie keine Angaben zu
den angeblichen Verfolgern machen, was nicht dafür spreche, dass sie sich
tatsächlich bedroht gefühlt oder sich zumindest mit einer möglichen Ge-
fährdung auseinandergesetzt habe. So gebe sie auch an, von diesem Kon-
flikt mit der Opferfamilie nur gehört, jedoch nie etwas gesehen zu haben.
Als fluchtauslösendes Element habe sie die Anwesenheit der besagten Fa-
milie im Nordirak erwähnt. Aus dieser Information alleine lasse sich keine
unmittelbare Verfolgungsfurcht ableiten. So sei objektiv nicht ersichtlich, in-
wiefern seitens der Opferfamilie ein konkretes Verfolgungsinteresse be-
stehe beziehungsweise inwiefern die erwähnte Familie über (...) Jahre
nach dem Verkehrsunfall des C._ an ihr oder ihren Familienmitglie-
dern einen Racheakt ausüben wolle. Da die geltend gemachte Bedro-
hungslage lediglich auf Vermutungen basiere, bestehe kein begründeter
Anlass zur Annahme, dass sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in
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absehbarer Zeit eine Verfolgung zu gewärtigen habe. Schliesslich seien
auch den Akten des Vaters, der Mutter oder ihrer Geschwister keine kon-
kreten Hinweise auf eine asylrelevante Bedrohungslage zu entnehmen.
4.2 In der Beschwerde wird dagegen vorgebracht, dass entgegen der An-
sicht der Vorinstanz eine Verfolgung beziehungsweise eine begründete
Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG vorliege. Der
Irak könne das Leben der Bevölkerung nicht sichern und weil die Regie-
rung unter Kontrolle der islamistischen Gruppen sei, würden die Frauen
nicht geschützt. Obwohl die Sicherheitskräfte in D._ sowie Dohuk
von dieser Problematik Bescheid wüssten, hätten sie dagegen nichts un-
ternommen. Der C._ sei damals in einen Verkehrsunfall verwickelt
gewesen, wobei drei Personen gestorben seien. Er sei deswegen verhaftet
worden. Nach dreieinhalb Jahren Gefängnis sei er freigekommen und habe
dann D._ verlassen müssen. Er sei jedoch zurückgekehrt, weil er
seine Mutter habe besuchen wollen und sei dann leider durch die Opferfa-
milie getötet worden. Dann habe diese Opferfamilie eine lange Zeit ihre
Familie verfolgt, um Rache zu nehmen. Von D._ sei die Beschwer-
deführerin mit ihrer Familie in den Nordirak nach Dohuk umgezogen, wo
das Leben eine Weile sicherer gewesen sei. Die Opferfamilie sei ihnen je-
doch schliesslich auf die Spur gekommen, weshalb sie den Irak habe ver-
lassen müssen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerde-
führerin gestützt auf die geltend gemachten Fluchtgründe aus den nachfol-
genden Gründen zu Recht verneint hat.
6.2 Nach Lehre und Rechtsprechung ist für die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte
Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche
im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nachteile müssen
der asylsuchenden Person gezielt und aufgrund der in Art. 3 AsylG genann-
ten Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein. Den durch die
Beschwerdeführerin geltend gemachten Bedrohungen infolge Blutrache
liegt kein asylrelevantes Motiv im Sinne dieser Bestimmung zugrunde
(vgl. hierzu etwa die Urteile des BVGer E-4219/2015 vom 30. Juli 2015 S. 8
und D-2254/2015 vom 17. April 2015 E. 6). Ohnehin dürfte der Vorinstanz
auch zuzustimmen sein, dass keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine
konkrete Bedrohung vorhanden sind, zumal die Beschwerdeführerin die
vorgetragene Verfolgung in Dohuk nur auf vage Auskünfte von Verwandten
beziehungsweise Bekannten stützen kann ([...]). Mithin liegt keine objektiv
begründete subjektive Furcht vor.
6.3 Geht die Verfolgung von nichtstaatlichen Akteuren aus, ist zu prüfen,
ob die Beschwerdeführerin staatlichen Schutz beanspruchen kann
(vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1, 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5). Gemäss
BVGE 2008/4 sind die Sicherheits- und Justizbehörden der nordirakischen
autonomen Region Kurdistan (Region des „Kurdistan Regional Govern-
ment“ [KRG]; das KRG-Gebiet wird seit Anfang 2015 durch die Provinzen
Dohuk, Erbil, Suleymania sowie die von Letzterer abgespalteten Provinz
Halabja gebildet) grundsätzlich in der Lage und willens, den Einwohnern
der vier nordirakischen Provinzen Schutz vor Verfolgung zu gewähren
(a.a.O. E. 6.1-6.7). Diese Einschätzung wurde mit dem Urteil des Bundes-
verwaltungsgerichts E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 (als Referenz-
urteil publiziert) bestätigt und hat weiterhin Gültigkeit. Vorliegend finden
sich keine begründeten Hinweise auf eine Absenz des Schutzwillens oder
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der Schutzfähigkeit der Behörden. Die Beschwerdeführerin hat gemäss ei-
genen Angaben gar nicht bei den zuständigen staatlichen Organen um
Schutz ersucht. Sie brachte lediglich vor, sie wisse nicht, „warum und dass
die Grossen in dieser Sache“ diskutiert hätten und sie, die Kleinen, nur
hätten zuhören dürfen (vgl. act. A15, F51, F52). Die Beschwerdeführerin
vermag mit ihren Ausführungen nicht darzulegen, die Behörden hätten ihr
den erforderlichen Schutz verweigert oder würden dies in Zukunft tun, zu-
mal auch keine Hinweise vorliegen, dass ihr die Hilfe aus einem der in
Art. 3 AsylG genannten Gründe verweigert würde. Der geltend gemachten
Gefahr vor Nachstellungen seitens privater Drittpersonen kommt daher
keine asylrechtliche Relevanz zu.
6.4 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die durch die Be-
schwerdeführerin angeführten Gründe für das Verlassen ihres Heimatstaa-
tes keine Asylrelevanz im Sinne von Art. 3 AsylG zu entfalten vermögen,
da kein asylrelevantes Verfolgungsmotiv ersichtlich ist und da die staatli-
chen Behörden im vorliegenden Fall als schutzfähig und schutzwillig zu
qualifizieren sind und es der Beschwerdeführerin auch zuzumuten gewe-
sen wäre, diesen Schutz in Anspruch zu nehmen statt den subsidiären
Schutz des Asyls zu beanspruchen.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
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wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AuG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3
BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der
Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Beschwer-
deführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung
nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG veran-
kerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine
Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in nach Dohuk
ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.4
8.4.1 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der
Beschwerdeführerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für
den Fall einer Ausschaffung in Dohuk dort mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Ge-
richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folter-
ausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real
risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschie-
bung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
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37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihr unter Verweis auf die Erwägun-
gen zum Asylpunkt nicht gelungen.
8.4.2 Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Dohuk lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht als unzu-
lässig erscheinen (vgl. Referenzurteil des BVGer E-3737/2015 vom
14. Dezember 2015 E. 6.3; bestätigt in Urteil des BVGer D-3994/2016 vom
22. August 2017 E. 8.3).
8.5
8.5.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.5.2 Im Urteil BVGE 2008/5 – in dem eine einlässliche Auseinanderset-
zung mit der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die drei
damaligen kurdischen Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil und Suleima-
niya) stattfand – hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass sich sowohl
die Sicherheits- als auch die Menschenrechtslage in dieser Region im Ver-
hältnis zum restlichen Irak relativ gut darstelle. Gestützt auf die vorgenom-
mene Lageanalyse kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass
ein Wegweisungsvollzug in die kurdischen Provinzen dann zumutbar ist,
wenn die betreffende Person ursprünglich aus der Region stammt, oder
eine längere Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz (Familie, Ver-
wandtschaft oder Bekanntenkreis) oder aber über Beziehungen zu den
herrschenden Parteien verfügt (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5, insbesondere
E. 7.5.1 und 7.5.8).
Diese Praxis wurde in den folgenden Jahren durch das Bundesverwal-
tungsgericht bekräftigt. Im Urteil E-3737/2015 wurde die Lage im Nordirak
und die Zumutbarkeitspraxis neuerlich überprüft. Festgestellt wurde, dass
in den vier Provinzen der KRG-Region aktuell nach wie vor nicht von einer
Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG auszugehen
ist. An dieser Einschätzung, welche jeweils auf die aktuell herrschende
Lage fokussiert, ändert auch das am 25. September 2017 in der KRG
durchgeführte Referendum nichts, in welchem offenbar eine Mehrheit der
Kurden für die Unabhängigkeit vom Irak votierte. Den begünstigenden in-
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dividuellen Faktoren – insbesondere denjenigen eines tragfähigen familiä-
ren Beziehungsnetzes – ist angesichts der Belastung der behördlichen Inf-
rastrukturen durch im Irak intern Vertriebene („Internally Displaced Per-
sons“ [IDPs]) gleichwohl ein besonderes Gewicht beizumessen (vgl. auch
die Urteile des BVGer D-233/2017 vom 9. März 2017 E. 10.6, D-3994/2016
vom 22. August 2017 E. 6.3.3 und D-7841/2016 vom 6. September 2017
E 7.4).
8.5.3 Die Beschwerdeführerin ist in Dohuk aufgewachsen und hat die
Schule bis zur (...) Klasse besucht ([...]). In Dohuk verfügt die Beschwer-
deführerin nach wie vor über einen Onkel, bei dem sie früher mit ihrer Fa-
milie gewohnt hat ([...]) und dem es gut gehe ([...]). Zudem wurde die Fa-
milie in der Vergangenheit auch vom in der Schweiz wohnhaften Vater un-
terstützt ([...]). Angesichts dieser Umstände ist in Übereinstimmung mit den
vorinstanzlichen Erwägungen von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zuges auszugehen.
8.6 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG).
8.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AuG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Die Beschwerdeführerin ersuchte um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. Gemäss dieser Bestim-
mung wird eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf
Antrag hin von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit, wenn ihr Be-
gehren im Zeitpunkt der Gesucheinreichung nicht aussichtslos erscheint.
Aufgrund obiger Erwägungen ist die eingereichte Beschwerde von vornhe-
rein als aussichtlos zu erachten, weshalb das Gesuch um Gewährung der
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unentgeltlichen Prozessführung indessen unbesehen einer allfälligen Mit-
tellosigkeit abzuweisen ist. Mit vorliegendem Direktentscheid ist das Ge-
such um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos
geworden.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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