Decision ID: 9396c8ae-b531-51cf-9dc0-9aee2a2c7cd7
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (Beschwerdeführer) – ein pakistanischer Staatsangehöriger
paschtunischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._, Provinz Khyber-
Pakhtunkhwa – verliess am (...) August 2016 sein Heimatland über Iran
und die Türkei, wo er sich für zwei respektive drei Jahre aufhielt. Anschlies-
send gelangte er nach Griechenland, von wo er über verschiedene Länder
am (...) Mai 2021 in die Schweiz einreiste und am darauffolgenden Tag ein
Asylgesuch stellte.
B.
Anlässlich der Anhörung nach Art. 29 AsylG und der ergänzenden Anhö-
rung machte der Beschwerdeführer geltend, er stamme aus B._,
wo er geboren und aufgewachsen sei und bis zu seiner Ausreise mit seinen
Eltern und Geschwistern gelebt habe. Er habe ein Jahr lang eine Religi-
onsschule besucht und später bei einem Grosshändler für Schmuck und
Frauenbekleidung gearbeitet. Die letzten sechs Monate vor seiner Aus-
reise sei er als Rikschafahrer tätig gewesen.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er sei Ende Januar 2016 auf dem Nachhauseweg
von zwei Männern angehalten, betäubt, mitgenommen und anschliessend
vergewaltigt worden. Als er Stunden später wieder zu sich gekommen sei,
habe einer der Männer ihm eine Videoaufnahme gezeigt, auf welcher die
Vergewaltigung aufgezeichnet worden und er – der Beschwerdeführer –
erkennbar gewesen sei. Er sei daraufhin erst am frühen Morgen des nächs-
ten Tages nach Hause gekommen. Bei den Tätern handle es sich um in
der Wohngegend ansässige Männer, die für ihren Drogenkonsum bekannt
seien; sie hätten ihn zur eigenen Befriedigung und in der Absicht vergewal-
tigt, ihn zu weiteren sexuellen Handlungen erpressen zu können.
Nach ein paar Tagen habe der Beschwerdeführer die Täter aufgesucht und
gebeten, ihm die Aufnahmen auszuhändigen. Diese hätten unter der Be-
dingung eingewilligt, dass er erneut Geschlechtsverkehr mit ihnen haben
würde. Daraufhin sei er nach Hause gegangen.
Wiederum ein paar Tage danach habe der Beschwerdeführer die Täter er-
neut aufgesucht um diese zu bitten, die Aufnahmen zu löschen. Diese hät-
ten zugestimmt, sofern er sich bereit erkläre, mit einer dritten Person Ge-
schlechtsverkehr zu haben. Diese dritte Person habe ihn im Anschluss be-
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rührt, umarmt und sexuell belästigt, woraufhin einer der Täter die Aufnah-
men gelöscht habe. Als der Beschwerdeführer im Begriff gewesen sei, den
Ort zu verlassen, habe einer der anderen Täter ihm mitgeteilt, dass er diese
Aufnahmen auch noch (auf dem Mobiltelefon) hätte. Der Beschwerdefüh-
rer habe daher Angst vor der Verbreitung der Aufnahmen gehabt, weil de-
ren Veröffentlichung eine grosse Schande für die Familie wäre und das
Todesurteil sowohl für ihn wie auch seine Familie bedeuten würde.
Im Anschluss habe sich der Beschwerdeführer bedeckt gehalten; er sei gar
nicht mehr oder nur noch mit Tschador aus dem Haus gegangen, damit ihn
niemanden erkennen würde. Etwa im März 2016 habe er begonnen, als
Rikschafahrer tätig zu sein, weil er diese ausserhalb seines Wohngebiets
habe stationieren und seine Arbeitsstunden selbst habe wählen können.
Er habe die Geschehnisse niemandem erzählt und aus Angst auch nicht
der Polizei zur Anzeige gebracht. In der Folge habe er seiner Familie mit-
geteilt, dass er in Pakistan keine Perspektiven habe, weshalb sein Bruder
ihm 8'000 Euro zur Ausreise gegeben habe. Am (...) August 2016 sei er
dann ausgereist.
Etwa im August 2019 habe er seine Familie unter dem Vorwand, die Ge-
gend sei nicht sicher, überzeugen können, das Haus zu verkaufen und um-
zuziehen.
Mit Eingabe seiner damaligen Rechtsvertretung vom 6. Dezember 2021
brachte der Beschwerdeführer ergänzend vor, ein Freund sei von einem
der Täter ebenfalls sexuell missbraucht worden. Infolgedessen sei es zum
Streit zwischen der Familie des Opfers und der des Täters gekommen, wo-
raufhin der Täter das Land verlassen habe und sich nun in Griechenland
aufhalte. Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer Fotos des Täters
und von dessen TikTok-Profil sowie einen ärztlichen Bericht vom 30. No-
vember 2021 ein.
C.
Mit Verfügung vom 5. Januar 2022 – eröffnet am 6. Januar 2022 – wies das
SEM das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung und ordnete den Voll-
zug an. Zur Begründung führte das SEM im Wesentlichen aus, der Be-
schwerdeführer erfülle die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft
nicht.
D.
Mit Eingabe vom 7. Februar 2022 erhob der Beschwerdeführer mit Hilfe
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seines Rechtsvertreters Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und
beantragte, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, seine Flücht-
lingseigenschaft sei festzustellen und es sei ihm Asyl zu gewähren; even-
tualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, die vorläufige Aufnahme zu verfü-
gen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, die aufschiebende
Wirkung der Beschwerde sei festzustellen, auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses sei zu verzichten und die unentgeltliche Prozessführung sei
zu gewähren.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten, soweit sie nicht das Begehren um Feststellung
der aufschiebenden Wirkung betrifft (vgl. Art. 55 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
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Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
In der Beschwerde wird gerügt, das SEM habe den rechtserheblichen
Sachverhalt unrichtig und unvollständig festgestellt, was eine Verletzung
von Bundesrecht darstelle.
Diese Rüge ist nicht geeignet, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfü-
gung zu bewirken. Es wird geltend gemacht, die vorgebrachte Verfolgung
knüpfe an ein flüchtlingsrechtliches Motiv an, es bestehe ein zeitlicher Kau-
salzusammenhang und die Furcht des Beschwerdeführers vor künftiger
Verfolgung sei objektiv begründet. Diese Vorbringen zielen allesamt auf
deren rechtliche Würdigung ab, das heisst, auf die Frage, ob die Vorinstanz
das Recht richtig angewendet hat. Dies stellt einen Beschwerdegrund nach
Art 106 Abs. 1 lit. a. AsylG dar. Insofern ist weder aus den Vorbringen in
der Beschwerde noch aus den Akten ersichtlich, inwiefern die Vorinstanz
den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig respektive unvollständig fest-
gestellt haben sollte. Im Übrigen wurde der Entscheid so abgefasst, dass
ihn der Beschwerdeführer sachgerecht anfechten konnte. Die entspre-
chende Rüge des Beschwerdeführers erweist sich als unbegründet.
Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätz-
lich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land,
in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zu-
gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Entscheids führte die Vorinstanz
aus, der Beschwerdeführer sei Opfer eines gemeinrechtlichen Delikts ge-
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worden, weshalb weder der Vergewaltigung noch der drohenden Veröffent-
lichung der Aufnahmen ein flüchtlingsrechtlich relevantes Verfolgungsmo-
tiv zugrunde liege. Zudem bestehe kein objektiv begründeter Anlass zur
Annahme, er werde in Pakistan in absehbarer Zukunft flüchtlingsrechtlich
relevanter Verfolgung ausgesetzt sein, da er nach der Vergewaltigung über
ein halbes Jahr in Pakistan geblieben und niemals auf die Aufnahmen an-
gesprochen worden sei. Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass die
Aufnahmen veröffentlicht worden seien. Angesichts der geltend gemachten
Umstände, dass seine Eltern vom Ort des Geschehens weggezogen seien,
sei nicht nachvollziehbar, wie die Täter ihn erneut ausfindig machen und
erpressen könnten. Ferner liege das Vorgefallene knapp sechs Jahre in
der Vergangenheit; in dieser Zeit hätten weder er noch seine Familie von
einer Veröffentlichung der Aufnahme erfahren. Schliesslich sei bei einer
allfälligen Veröffentlichung der Aufnahmen davon auszugehen, dass er auf-
grund der Geschehnisse betreffend seinen Freund von der Gesellschaft
ebenfalls als Opfer betrachtet werden würde.
5.2 In seiner Beschwerde brachte der Beschwerdeführer vor, die
Vorinstanz habe nichts von seinem Asylgesuch verstanden. Er mache
keine Verfolgung aufgrund seiner sexuellen Orientierung, sondern auf-
grund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe geltend.
Ausserdem habe er Pakistan innert kurzer Zeit nach den Geschehnissen
verlassen. Zwar sei Homosexualität im pakistanischen Strafgesetzbuch
nicht explizit genannt; Homosexualität würde aber nach Art. 377 des Straf-
gesetzbuchs verfolgt. Der Strafbestimmung gemäss werde «unnatürlicher»
Geschlechtsverkehr mit mindestens zwei Jahren bis zu lebenslänglicher
Haft und Geldstrafe bestraft. Seit der Einführung der Scharia könnten ho-
mosexuelle Handlungen mit Peitschenhieben, Haft oder dem Tod bestraft
werden.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, er erfülle die Flüchtlingseigenschaft
einerseits aufgrund der erlittenen Vergewaltigung und weil er – unter der
Annahme des zukünftigen Bekanntwerdens der Vergewaltigung oder der
Aufnahmen – in den Augen des pakistanischen Staats und der paschtuni-
schen Gemeinschaft als vermeintlich homosexuell gelten würde und dem-
entsprechend bestraft werden könnte. Dieses Vorbringen weist auf das Be-
stehen möglicher objektiver Nachfluchtgründe hin. Die Vorbringen sind
auseinanderzuhalten und daher im Folgenden getrennt zu prüfen.
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6.2 Hinsichtlich der erlittenen Vergewaltigung ist festzuhalten, dass die gel-
tend gemachten Nachteile zweifellos die Intensität eines ernsthaften Nach-
teils erreichen (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2; Urteil des BVGer D-3016/2019
vom 3. Februar 2020 E. 6.2.2; auch schon EMARK 1996/16 E. 4). Die er-
littenen Nachteile wurden dem Beschwerdeführer durch ihm bekannte
Männer aus seiner Wohngegend zugefügt. Eine solche Verfolgung durch
nichtstaatliche Akteure kann flüchtlingsrechtlich beachtlich sein, wenn es
der betroffenen Person nicht möglich ist, im Heimatstaat adäquaten Schutz
zu finden. Nach der sogenannten Schutztheorie (vgl. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
2006/18) ist nichtstaatliche Verfolgung flüchtlingsrechtlich nur dann rele-
vant, wenn der Staat unfähig oder nicht willens ist, Schutz vor einer solchen
Verfolgung zu bieten. Eine Garantie für langfristigen individuellen Schutz
der von nichtstaatlicher Verfolgung bedrohten Person kann dabei nicht ver-
langt werden. So kann es keinem Staat gelingen, jederzeit und überall die
absolute Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten. Hin-
gegen muss der Staat eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruk-
tur zur Verfügung stellen. Zudem muss die Inanspruchnahme des
Schutzsystems der betroffenen Person objektiv zugänglich und individuell
zumutbar sein, was jeweils im Rahmen einer Einzelfallprüfung unter Be-
rücksichtigung des länderspezifischen Kontextes zu beurteilen ist (vgl.
BVGE 2011/51 E. 7.3 f. m.w.H. sowie die Urteile des BVGer D-5307/2020
vom 7. Dezember 2020 E. 7.2; E-4446/2018 vom 29. August 2018
E. 6.2.1).
Das Bundesverwaltungsgericht hat den pakistanischen Staat – bis auf ge-
wisse Gebiete im Nordwesen des Landes – als grundsätzlich schutzfähig
bezeichnet (vgl. Urteile des BVGer E-5597/2020 vom 25. November 2020
E. 5.3.4 m.w.H; D-5307/2020 E. 7.3). Ob dem Beschwerdeführer in seiner
konkreten Situation auch hätte zugemutet werden können, Anzeige wegen
seiner erlittener Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs bei den
örtlichen Sicherheitsbehörden zu erstatten, kann vorliegend offenbleiben,
da er vor der lokal beschränkten Verfolgung durch Dritte auch internen
Schutz in einem anderen Landesteil hätte finden können (vgl. Urteil des
BVGer D-188/2016 vom 25. Februar 2016 E. 5.2).
Die Flüchtlingseigenschaft setzt ein in Art. 3 Abs. 1 AsylG abschliessend
aufgelistetes Motiv voraus. Diesbezüglich kam die Vorinstanz zum
Schluss, bei den erlittenen Nachteilen handle es sich um gemeinrechtliche
Delikte, weshalb den Verfolgungshandlungen kein flüchtlingsrechtlich rele-
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vantes Motiv zugrunde liege. In der Beschwerde brachte der Beschwerde-
führer vor, seine erlittenen Nachteile knüpften nicht an seine sexuelle Ori-
entierung, sondern an der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe an. Das Bundesverwaltungsgericht stellt sodann fest, dass weder
aus den Akten noch den Vorbringen in der Beschwerde ersichtlich ist, in-
wiefern der Beschwerdeführer einer bestimmten sozialen Gruppe angehö-
ren soll, zumal er gemäss eigenen Aussagen zufälliges Opfer der beiden
Täter geworden sei (A23/16 F104 f.). Es ist daher – in Übereinstimmung
mit der Vorinstanz – davon auszugehen, dass es sich bei den erlittenen
Nachteilen um gemeinrechtliche Delikte gehandelt hat, weshalb die Verfol-
gungshandlungen der Täterschaft nicht an ein flüchtlingsrechtlich relevan-
tes Motiv anknüpfen.
Ob – wie vom Beschwerdeführer in der Beschwerde vorgebracht wurde –
ein Kausalzusammenhang zwischen den erlittenen Nachteilen und seiner
Ausreise besteht, kann nachfolgend offengelassen werden, da er internen
Schutz hätte beanspruchen können und der erlittenen Vergewaltigung kein
flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv zugrunde liegt. Der Beschwerdeführer
erfüllt deshalb die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft in Bezug
auf die geltend gemachten Vorfluchtgründe nicht.
6.3 Zu prüfen bleibt daher, ob dem Beschwerdeführer – unter Annahme
des Bekanntwerdens der Vergewaltigung oder der Aufnahmen – seitens
des pakistanischen Staats oder der paschtunischen Gemeinschaft ernst-
hafte Nachteile bei einer Rückkehr wegen seiner vermeintlichen Homose-
xualität drohen würden.
Die Annahme begründeter Furcht setzt nach konstanter Rechtsprechung
unter anderem voraus, dass er bei einer Rückkehr erhebliche Nachteile
gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in ab-
sehbarer Zukunft zu gewärtigen hätte (vgl. etwa BVGE 2013/11 E. 5.1
und 2011/51 E. 6.1, je m.w.H.).
Der Beschwerdeführer befindet sich seit dem Vorfall bereits seit rund sechs
Jahren im Ausland und er machte nicht geltend, dass die Vergewaltiger
inzwischen die ihn kompromittierenden Video-Aufnahmen veröffentlicht
oder geteilt hätten (vgl. A37/14 F40, F42, F44). Auch habe er selbst niemals
– mit Ausnahme anlässlich der vorinstanzlichen Anhörungen – jemandem
gegenüber die erlittene Vergewaltigung erwähnt (vgl. A23/16 F100; A37/14
F56). Angesichts der Umstände, dass weder die Vergewaltigung noch die
Aufnahmen davon in den letzten sechs Jahren bekannt geworden sind, ist
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/11
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schlechterdings nicht davon auszugehen, dass diese zukünftig publik ge-
macht würden. Es ist daher nicht absehbar, dass der pakistanische Staat
oder die paschtunische Gemeinschaft davon Kenntnis erlangen könnte.
Selbst bei Bekanntwerden der Geschehnisse oder der Aufnahmen er-
scheint eine strafrechtliche Ahndung des Beschwerdeführers unwahr-
scheinlich, da die Tatbestände des «unnatürlichen» Geschlechtsverkehrs
nach Art. 377 des Strafgesetzbuchs und des Ehebruchs (Zina) nach den
sog. «Hudhood Ordinances» in der Praxis kaum je angewendet wer-
den. So geht das Bundesverwaltungsgericht in seiner bisherigen und nach
wie vor gültigen Praxis nicht davon aus, dass homosexuelle
Personen in Pakistan einer Kollektivverfolgung ausgesetzt wären (vgl. Ur-
teile des BVGer E-4373/2013 vom 25. Oktober 2013 E. 4.4.3 m.w.H.;
E-4396/2021 vom 5. Januar 2022 E. 5.2.5; vgl. auch UK Home Office,
Country Policy and Information Note, Pakistan: Sexual orientation and gen-
der identity or expression, Juli 2019, S. 15, < https://assets.publishing.ser-
vice.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/-
814050/Pakistan-SOGIE-CPIN-v3.0_July_2019_.pdf) >, abgerufen am
11.02.2022).
Ebenfalls unwahrscheinlich erscheint eine allfällige Bestrafung oder Äch-
tung durch die paschtunische Gemeinschaft. Für diese Einschätzung
spricht, dass der Freund C._ in der Folge der Vergewaltigung – ent-
gegen den eigenen Befürchtungen des Beschwerdeführers – aufgrund der
erlittenen Ehrverletzung keine Bestrafungen oder Konsequenzen erfahren
hat. Vielmehr brachte der Beschwerdeführer vor, dass einer der Täter,
D._, sich durch das Öffentlichmachen der Tat gegenüber
C._ gezwungen sah, das Land zu verlassen; er soll sich nun in Grie-
chenland befinden (vgl. A46/4).
Unter diesen Umständen ist nicht davon auszugehen, dass dem Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Pakistan ernsthafte Nachteile auf-
grund des Bekanntwerdens der Vergewaltigung oder der Aufnahmen dro-
hen würden; seine Furcht, strafrechtlich oder gemäss den «Hudhood Ordi-
nances» belangt oder durch die paschtunische Gemeinschaft bestraft zu
werden, erscheint objektiv nicht begründet.
6.4 Auch das Bundesverwaltungsgericht geht nach dem Dargelegten da-
von aus, dass der Beschwerdeführer keine asylbeachtlichen Vorbringen
geltend gemacht hat. Die Ausführungen in der Beschwerde vermögen
diese Einschätzung nicht zu erschüttern.
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6.5 Die Vorinstanz hat demnach die Flüchtlingseigenschaft des Beschwer-
deführers zu Recht verneint und dessen Asylgesuch zutreffend abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
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Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.4 Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschen-
rechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der
Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.).
8.5 Aus der Beschwerde geht hervor, dass sich der Beschwerdeführer vor
erneuten Angriffen auf seine sexuelle Integrität, vor strafrechtlicher Verfol-
gung respektive einer Ahndung gemäss den «Hudhood Ordinances» und
vor einer Bestrafung durch die paschtunische Gemeinschaft fürchtet.
Mit Blick auf die Befürchtung des Beschwerdeführers, erneut Opfer sexu-
eller Gewalt durch dieselben Täter zu werden, ist nicht vom Bestehen einer
konkreten Gefahr auszugehen, da nicht nachvollziehbar erscheint, inwie-
fern die Täter ihn nach einer Rückkehr ausfindig machen könnten, zumal
seine Familie seinen früheren Wohnort verlassen habe und seither etwa
eine halbe Stunde entfernt wohnhaft sei (vgl. A36/14 F64). Sollte sich der
Beschwerdeführer trotz des Umzugs seiner Familie weiterhin vor weiteren
Akten der Täter fürchten, steht es ihm frei, sich in einen anderen Landesteil
zu begeben.
Hinsichtlich der Furcht vor strafrechtlicher Verfolgung respektive einer Ahn-
dung gemäss den «Hudhood Ordinances» und vor einer Bestrafung durch
die eigene Gemeinschaft ist auf das im Zusammenhang mit allfälligen
Nachfluchtgründen Dargelegte zu verweisen (E. 6.2); insofern erscheint
eine konkrete Gefahr der Verwirklichung einer völkerrechtswidrigen Be-
handlung oder Bestrafung durch den pakistanischen Staat oder die eigene
Gemeinschaft unwahrscheinlich.
Unter diesen Umständen ist nicht davon auszugehen, dass dem Beschwer-
deführer bei einer Rückkehr nach Pakistan das Risiko einer unangemes-
senen oder erniedrigenden Strafe oder unmenschlichen Behandlung im
Sinne des Art. 3 EMRK oder des Art. 3 FoK drohen würde.
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Seite 12
Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat Pakistan
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.6 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
In Pakistan herrscht nach konstanter Rechtsprechung, trotz teilweise an-
gespannter Lage, keine landesweite Situation allgemeiner Gewalt, die zur
Annahme führen müsste, jede dorthin zurückkehrende Person sei mit er-
heblicher Wahrscheinlichkeit konkret gefährdet. Der Wegweisungsvollzug
ist daher nicht generell unzumutbar (vgl. Urteile des BVGer E-4623/2020
vom 23. Juni 2021 E. 9.3.2; E-1535/2021 vom 30. April 2021 E. 8.4.2 und
E-4446/2018 E. 8.3.1).
Den Akten lassen sich auch keine konkreten Anhaltspunkte dafür entneh-
men, dass der Beschwerdeführer aus individuellen Gründen wirtschaftli-
cher oder sozialer Natur bei einer Rückkehr nach Pakistan in eine existenz-
bedrohende Situation geraten würde, zumal eine solche auch nicht geltend
gemacht wird. Der Beschwerdeführer gab an, als Verkäufer und Rik-
schafahrer gearbeitet zu haben (vgl. A23/16 F42, F45 ff.; A37/14 F14,
F18 ff., F31), sein Bruder habe ihm für seine Ausreise 8'000 Euro gegeben
(vgl. A23/16 F68 ff., F101; A37/14 F51 ff.), die Familie habe die Möglichkeit
gehabt, in ein wohnlicheres Haus zu ziehen (vgl. A37/14 F55) und er pflege
regelmässigen Kontakt zu seiner Familie (vgl. A23/16 F26 ff.). Insofern ist
von einem intakten Beziehungsnetz und wirtschaftlichen Möglichkeiten
auszugehen.
Mit Blick auf den gesundheitlichen Zustand des Beschwerdeführers führte
er anlässlich der Anhörungen an, dass es ihm gut gehe (vgl. A37/14 F5 f.),
er aber unter wiederkehrenden Brustschmerzen leide (vgl. A37/14 F7 f.).
Seine grössten Probleme seien psychischer Natur (vgl. A23/16 F110). Er
sei unruhig, habe den Zwang Dinge zu zählen und verbringe schlaflose
Nächte (vgl. A23/16 F111); er gehe innerlich kaputt und merke, dass es ihm
von Tag zu Tag schlechter gehe (vgl. A37/14 F93). Dem Beschwerdeführer
wurden daher (...) und (...) verschrieben (vgl. A46/4).
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Zwar mag es sein, dass das pakistanische Gesundheitssystem Mängel
aufweist und die medizinische Versorgung nicht dem in der Schweiz vor-
herrschenden Standard entspricht. Die grundsätzliche Versorgung in Pa-
kistan dürfte, auch in Bezug auf die Behandlung der vom Beschwerdefüh-
rer vorgebrachten psychischen Probleme, gewährleistet sein (vgl.
E-4623/2020 E. 9.3.3). Er hat ausserdem die Möglichkeit, allfällige zusätz-
liche medizinische Hilfeleistungen im Rahmen der individuellen Rückkehr-
hilfe (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG) zu beantragen. Daran ändert auch der in
der Beschwerde eingereichte ärztliche Bericht vom 30. November 2021
nichts, zumal die Vorinstanz diesen bereits gewürdigt hat.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.7 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.8 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit da-
rauf einzutreten ist.
10.
Angesichts des vorliegenden, direkten Entscheids in der Sache erweist
sich der Antrag auf Verzicht zur Erhebung eines Kostenvorschusses als
gegenstandslos.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65
Abs. 1 VwVG) ist ungeachtet der geltend gemachten prozessualen Bedürf-
tigkeit abzuweisen, da sich die Beschwerdebegehren entsprechend den
vorstehenden Erwägungen von vornherein als aussichtslos erwiesen ha-
ben.
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11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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