Decision ID: 177bf9c3-6d40-5e0b-8945-f12a463f676e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Ehefrau B._ des Beschwerdeführers – chinesische Staatsan-
gehörige tibetischer Ethnie – ersuchte ohne Einreichung von Identitätsdo-
kumenten am 25. Juli 2011 in der Schweiz um Asyl.
B.
In der Verfügung vom 12. Februar 2014 erachtete das SEM die Vorbringen
der Ehefrau des Beschwerdeführers, vor ihrer Ausreise wegen politischer
Tätigkeit behördlichen Behelligungen ausgesetzt gewesen zu sein, als
nicht glaubhaft. In Anwendung der damaligen Praxis, wonach illegal aus
China ausgereiste Tibeterinnen und Tibetern Verfolgung befürchten müss-
ten (vgl. BVGE 2009/29), bejahte das SEM jedoch wegen subjektiver
Nachfluchtgründe – unter Ausschluss der Gewährung von Asyl – die
Flüchtlingseigenschaft. Der Asylentscheid erwuchs in der Folge unange-
fochten in Rechtskraft.
C.
Die Gesuche der Ehefrau des Beschwerdeführers vom 13. Februar 2014
und vom 1. Juni 2017 um eine Einreisebewilligung für ihren damals in In-
dien weilenden Ehemann (der Beschwerdeführer) und die beiden gemein-
samen Kinder C._ (geboren am [...]) und D._ (geboren am
[...]) zwecks Familiennachzug gemäss Art. 85 Absatz 7 des Bundesgeset-
zes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und
über die Integration (AIG, SR 142.20) wurden vom SEM sodann am 22.
Februar 2018 gutgeheissen. In der Folge reiste der Beschwerdeführer am
9. April 2018 zusammen mit den genannten gemeinsamen Kindern in die
Schweiz, wo sich diese im damaligen E._ meldeten und um Asyl
nachsuchten.
D.
Im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) vom 26. April 2018 und der
Anhörung zu den Asylgründen vom 12. Juni 2018 machte der Beschwer-
deführer im Wesentlichen geltend, wie seine Ehefrau chinesischer Staats-
angehöriger tibetischer Ethnie zu sein und aus dem Dorf F._, Ge-
meinde G._, Provinz H._ zu stammen, wo er von Geburt bis
zur Ausreise gelebt habe. Aus der 1992 geschlossenen Ehe seien vier Kin-
der hervorgegangen, wovon zwei in die Schweiz miteingereist seien. Er sei
Mönch im Kloster I._ gewesen und nach der Ausreise seiner Ehe-
frau hätten sich die Behörden mehrere Male nach deren Verbleib erkundigt,
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weshalb er sich aus Furcht vor Behelligungen zur Ausreise nach Indien
entschlossen habe.
Zum Nachweis der Identität reichte der Beschwerdeführer Fotografien
zweier Seiten eines chinesischen Haushaltregistrierungsbuches ein.
E.
Am 3. September 2018 führte die Fachstelle LINGUA per Telefoninterview
eine Analyse der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse des Beschwerde-
führers durch. Der LINGUA-Bericht vom 27. November 2018 gelangte zum
Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit der Sozialisation des Beschwerde-
führers in der von ihm angegebenen Region in Tibet (von seiner Geburt bis
zur Ausreise) gering sei.
F.
Mit Schreiben vom 8. Juli 2019 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer
das rechtliche Gehör zu den Ergebnissen der LINGUA-Analyse. Im Weite-
ren erhielt der Beschwerdeführer auf Ersuchen hin am 24. Juli 2019 die
Möglichkeit, die Gesprächsaufnahme vom 3. September 2018 beim SEM
anzuhören.
G.
In seiner Eingabe vom 1. August 2019 bezog der Beschwerdeführer Stel-
lung zu den Ergebnissen der Herkunftsabklärung.
H.
Die beiden – im Zeitpunkt der Gesuche um Familiennachzug noch minder-
jährigen – Kinder C._ und D._ machten im Rahmen der Be-
fragungen keine eigenen Asylgründe geltend. Sie wurden mit Verfügungen
des SEM vom 8. Oktober 2019, nachdem sie auf die eigenständige Prü-
fung ihrer Asylgründe verzichtete hatten, in die Flüchtlingseigenschaft ihrer
Mutter einbezogen und wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
in der Schweiz vorläufig aufgenommen.
I.
Mit Schreiben vom 29. November 2019 an die Ehefrau des Beschwerde-
führers wies das SEM auf den seit 24. Oktober 2019 nicht mehr gemeinsa-
men Wohnsitz der Eheleute hin und gab ihr Gelegenheit zur Stellung-
nahme.
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J.
Mit Eingabe vom 18. Dezember 2019 bestätigte der Beschwerdeführer, ge-
trennt von seiner Familie zu leben. Seine Ehefrau als Adressatin des
Schreibens verzichtete auf eine Stellungnahme.
K.
Am 15. Juli 2020 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer antragsge-
mäss Einsicht in die Asylakten.
L.
Mit Entscheid vom 21. Juli 2020 lehnte das SEM das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung sowie deren Vollzug an,
wobei ein Wegweisungsvollzug in die Volksrepublik China explizit ausge-
schlossen wurde.
M.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
24. August 2020 – unter Beilage einer Fürsorgebestätigung vom 18. Au-
gust 2020 und eines von seinen Kindern unterzeichneten undatierten
Schreibens – beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte
deren Aufhebung zur Neubeurteilung, eventualiter die Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung der vorläufigen Aufnahme we-
gen subjektiver Nachfluchtgründe. Subeventualiter sei festzustellen, dass
der Wegweisungsvollzug unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei.
In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung, um Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses und
um Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes ersucht.
N.
Mit Schreiben vom 25. August 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1
AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 2 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Asylsuchende sind verpflichtet, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken. Sie müssen ihre Identität offenlegen sowie Reisepapiere und
Identitätsausweise abgeben. Der Untersuchungsgrundsatz findet unter an-
derem seine Grenzen an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person
(Art. 8 AsylG, vgl. BVGE 2014/12 E. 6 S. 213 f.).
5.
5.1 Das SEM begründete seine Verfügung damit, gemäss der Evaluation
des Alltagswissens bestehe nur eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass der
Beschwerdeführer im behaupteten geografischen Raum gelebt habe. Er
verfüge nicht über das Alltagswissen, dass von einer einheimischen Per-
son aus der angegebenen Region erwartet werden könne. So habe der
Beschwerdeführer die seit langem obsolete administrative Einheit «(...)»
verwendet und keine Nachbarkreise des Heimatkreises gekannt. Er sei
sich bei geografischen Fragen unsicher gewesen (beispielsweise Lage und
Distanzen von Nachbarortschaften), habe zwei benachbarte Ortschafen
fälschlicherweise als Gemeinde bezeichnet und keine genauen Angaben
zur Lage des Flughafens in H._ machen können. Auch hinsichtlich
des Vorhandenseins einer Eisenbahnlinie habe sich der Beschwerdeführer
geirrt und bezüglich Schulgeld und Schulstufen unzutreffende Angaben ge-
macht. Begriffe im Bereich der Viehzucht seien ihm nicht geläufig gewesen.
Im Weiteren weise die vom Beschwerdeführer gesprochene Sprache kaum
Gemeinsamkeiten mit der dialektischen Referenzvarietät von H._
auf. Vielmehr seien überwiegend Formen des Lhasa-Tibetischen bezie-
hungsweise des Exiltibetischen festzustellen. Schliesslich verfüge er über
keine genügenden Kenntnisse des Chinesischen. Daher sei mit überwie-
gender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer nicht wie angegeben im Gebiet H._ in der Autonomen Region
Tibet, sondern in einer exilpolitischen Gemeinschaft ausserhalb der Volks-
republik China sozialisiert worden sei.
Anlässlich des rechtlichen Gehörs habe der Beschwerdeführer eingewen-
det, aufgrund grosser Nervosität während des Telefongespräches seien
ihm einige Antworten nicht eingefallen beziehungsweise habe er einige An-
gaben ungewollt vertauscht. Da er über ein Jahr in Indien gelebt habe und
er sich dort nicht in seinem Heimatdialekt habe verständigen können, habe
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er sich in der Sprache angepasst, was zu einer Mischung mit dem Exiltibe-
tischen geführt habe.
Zu dieser Argumentation des Beschwerdeführers im Rahmen des rechtli-
chen Gehörs führte die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid im Wesent-
lichen aus, dass die sachverständige Person allfällige exilpolitische Ein-
flüsse durch den längeren Aufenthalt in Indien berücksichtigt habe. Die
zwei Fotokopien eines chinesischen Haushaltsregistrierungsbuches, wel-
che die Personalien der beiden erwähnten Kinder abbildeten (vgl. SEM-
Protokoll C21 S. 8; Beweismittel 3 in Akte C8) seien nicht geeignet, eine
Sozialisation in der Volksrepublik China zu beweisen. Da das Beweismittel
nur in Kopie und zudem unvollständig vorliege und weder der Beschwer-
deführer noch dessen Kinder rechtsgenügliche Identitätspapiere einge-
reicht hätten, könne die Echtheit des Dokumentes nicht abschliessend be-
urteilt werden und es stehe zudem nicht fest, ob dieses Dokument den Kin-
dern des Beschwerdeführers auch tatsächlich zustehe. Aus diesen Grün-
den bestünden erhebliche Zweifel daran, dass der Beschwerdeführer wäh-
rend der von ihm geltend gemachten Dauer in der angegebenen Region
sozialisiert worden sei.
5.2 Im Weiteren entbehrten die – ohnehin mangels erforderlicher Intensität
nicht asylrelevanten – Vorbringen des Beschwerdeführers, wegen den po-
litischen Aktivitäten seiner Ehefrau von den Behörden aufgesucht worden
zu sein, angesichts der als nicht glaubhaft erachteten Vorfluchtgründe der
Ehefrau der Glaubhaftigkeit.
Gemäss geltender Rechtsprechung sei bei Personen tibetischer Ethnie,
welche unglaubhafte Angaben über ihre Sozialisation in China machen
würden, davon auszugehen, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsbe-
achtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort
sprächen. Allerdings sei bei Personen, die unbestrittenermassen tibeti-
scher Ethnie seien, ein Wegweisungsvollzug nach China auszuschliessen,
da ihnen dort eine unmenschliche Behandlung oder Folter drohe. In An-
wendung dieser Rechtsprechung sei das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers folglich abzulehnen.
5.3 In diesem Zusammenhang sei festzuhalten, dass die Ehefrau des Be-
schwerdeführers in Anwendung der damaligen Asylpraxis (vgl. BVGE
2009/29) einzig aufgrund ihrer tibetischen Ethnie, ohne Prüfung der tat-
sächlichen Herkunft, in der Schweiz als Flüchtling vorläufig aufgenommen
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worden sei. Aufgrund der in der Zwischenzeit erfolgten Trennung von sei-
ner Ehefrau könne der Beschwerdeführer weder in deren Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 51 AsylG noch in die vorläufige Aufnahme gemäss
Art. 85 Abs. 7 AIG einbezogen werden. Auch der Grundsatz der Einheit der
Familie gemäss Art. 44 AsylG komme nicht zur Anwendung.
5.4 Der Beschwerdeführer hält dem in der Beschwerde entgegen, dass ihm
im Interview zu den Nachbarkreisen keine Fragen gestellt worden seien.
Er sei noch nie in H._ gewesen und wisse nur von Bekannten, dass
es dort einen Flughafen gebe, weshalb er diesen auch nicht lokalisieren
könne. Zu diesem Argument habe sich das SEM in der angefochtenen Ver-
fügung nicht geäussert. Im Weiteren habe das SEM in der angefochtenen
Verfügung pauschal behauptet, dass er Begriffe im Bereich der Viehzucht
nicht kenne, ohne diese genauer zu bezeichnen. Im Rahmen des rechtli-
chen Gehörs habe er erklärt, dass er das Schulsystem in Tibet nicht kenne,
weil seine Kinder im Kloster zur Schule gegangen seien. Seinen Heimatdi-
alekt habe er verloren, weil dieser in Indien nicht verstanden worden sei,
worauf er sich den exiltibetischen Dialekt angeeignet habe. Die chinesi-
sche Sprache beherrsche er nicht, weil er nie eine Schule besucht und die
chinesische Sprache im Alltag nie benötigt habe.
Er habe glaubhaft dargelegt, dass er die Volksrepublik China illegal verlas-
sen habe und müsse bei einer Rückkehr Verfolgung befürchten, weshalb
er in Anwendung von BVGE 2009/29 wegen subjektiver Nachfluchtgründe
in der Schweiz als Flüchtling vorläufig aufzunehmen sei. Schliesslich ver-
letze das SEM mit der Anordnung des Wegweisungsvollzugs sein Recht
auf Familienleben gemäss Art. 8 EMRK.
6.
6.1 Die Fachstelle LINGUA hat vorliegend eine «Evaluation des Alltagswis-
sens» (vgl. BVGE 2015/10) durchgeführt. Eine solche durch die Fachstelle
LINGUA in Auftrag gegebene und durch amtsexterne Sachverständige er-
stellte Analyse beschränkt sich – anders als die herkömmlichen LINGUA-
Analysen mit zusätzlich linguistischer Komponente – auf landeskundlich-
kulturelle Elemente und ist vergleichbar mit einer LINGUA-Analyse im her-
kömmlichen Sinn (vgl. a.a.O. E. 5.1). Ebenfalls wie die herkömmliche LIN-
GUA-Analyse stellt auch die Herkunftsanalyse kein Sachverständigengut-
achten dar (Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57 ff. BZP [SR 273] i.V.m. Art. 19
VwVG), sondern eine schriftliche Auskunft einer Drittperson (Art. 12 Bst. c
VwVG; Art. 49 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG). Sofern bestimmte Anforderungen
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an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität der sachverstän-
digen Person wie auch an die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollzieh-
barkeit der Analyse erfüllt sind, ist einer LINGUA-Analyse nach der Recht-
sprechung erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2014/12 E. 4.2.1
m.w.H.).
6.2 Der im vorliegenden Fall erstellten Evaluation sind keine Hinweise zu
entnehmen, dass die von der Rechtsprechung definierten Mindeststan-
dards (BVGE 2014/12) nicht eingehalten worden wären. Entsprechendes
macht der Beschwerdeführer auch nicht geltend. Die Evaluation ist fundiert
und mit einer überzeugenden sowie ausgewogenen Begründung verse-
hen. Sie basiert auf einer Vielzahl unterschiedlicher Fragen, die sich auf
das Alltagswissen sowie das spezifische Profil des Beschwerdeführers be-
ziehen. Da der Bericht die inhaltlichen Qualitätsanforderungen erfüllt und
aufgrund des Werdeganges – welcher dem Beschwerdeführer bekannt ge-
geben wurde (vgl. C29/1) – die Qualifikation der sachverständigen Person
nicht anzuzweifeln ist, kommt dem Fazit des Berichts, dass die Wahr-
scheinlichkeit gering sei, dass der Beschwerdeführer im behaupteten geo-
graphischen Raum gelebt haben könnte, ein erhöhter Beweiswert zu.
6.3 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass für die
Einschätzung der landeskundlichen Kenntnisse sowie des sprachlichen
Ausdrucks des Beschwerdeführers dem von ihm behaupteten
biografischen Hintergrund ausdrücklich Rechnung getragen wurde.
Gestützt auf eine linguistische Analyse, welche vom soziolinguistischen
Profil der angeblichen Herkunftsregion des Beschwerdeführers ausging,
wurden Phonetik/Phonologie, Morphologie und Lexikon seines effektiven
Sprachgebrauchs mit dem zu erwartenden sprachlichen Profil
abgeglichen. Weder im Rahmen des rechtlichen Gehörs noch auf
Beschwerdeebene wird dem etwas Stichhaltiges entgegengebracht. Zum
einen ist der LINGUA-Analyse zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer
im Rahmen des Telefongesprächs entgegen der Behauptung in der
Beschwerde zu Nachbarkreisen befragt wurde, wobei ihm keine
Nachbarkreise des Heimatkreises bekannt waren (vgl. C28 S. 4). Zum
anderen entspricht die Feststellung des SEM in der angefochtenen
Verfügung, wonach dem Beschwerdeführer Begriffe im Bereich der
Viehzucht nicht geläufig gewesen seien, dem Inhalt der LINGUA-Analyse
(vgl. C28 S. 5). Entgegen der Auffassung in der Beschwerde war das SEM
nicht gehalten, die einzelnen diesbezüglichen Begriffe in der LINGUA-
Analyse namentlich zu nennen. Bezüglich der Entgegnung des
Beschwerdeführers in der Beschwerde, wonach er das Schulsystem in
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Tibet nicht kenne, weil seine Kinder im Kloster zur Schule gegangen seien,
ist davon auszugehen, dass wichtige Lebensaspekte wie das Schulwesen
im sozialen Umfeld thematisiert werden. Auch der weitere
Erklärungsversuch des Beschwerdeführers, wonach er seinen Dialekt
aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten mit Personen in Indien
angepasst habe, überzeugt nicht. Wie in der LINGUA-Analyse
festgehalten, ist es auch unter Berücksichtigung des zirka
zweieinhalbjährigen Aufenthalts im Exil ungewöhnlich, dass sich in der
Sprache des Beschwerdeführers in allen analysierten Bereichen kaum
Gemeinsamkeiten mit der Referenzvarietät von H._ fanden. Somit
ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die Schlussfolgerungen der
Herkunftsanalyse zu entkräften, wobei zur Vermeidung von
Wiederholungen auf die übrigen Ausführungen in der angefochtenen
Verfügung – auch bezüglich der eingereichten Beweismittel zum Nachweis
der Identität – verwiesen werden kann.
Im Länderurteil BVGE 2014/12 präzisierte das Bundesverwaltungsgericht
seine bisherige Praxis gemäss EMARK 2005 Nr. 1 dahingehend, dass bei
Personen tibetischer Ethnie, die ihre wahre Herkunft verschleiern oder ver-
heimlichen würden, vermutungsweise davon auszugehen sei, dass keine
flüchtlings- oder wegweisungsvollzugsbeachtlichen Gründe gegen eine
Rückkehr an ihren bisherigen Aufenthaltsort sprächen. Denn die Abklä-
rungspflicht der Asylbehörden finde ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht
der asylsuchenden Person. Verunmögliche eine tibetische Asylsuchende
durch die Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht die Abklärung, welchen effek-
tiven Status sie in Nepal respektive in Indien innehabe, könne namentlich
keine Drittstaatenabklärung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 Bst. c AsylG statt-
finden. Überdies werde durch die Verheimlichung und Verschleierung der
wahren Herkunft auch die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft der betref-
fenden Person in Bezug auf ihr effektives Heimatland verunmöglicht (vgl.
BVGE 2014/12 E. 5.9 f.).
Wie obenstehend dargelegt, stellt das Verhalten des Beschwerdeführers
eine Verletzung der ihr obliegenden Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG) dar.
Dadurch verunmöglicht er den Behörden nähere Abklärungen. Er hat dem-
nach die Folgen dieses Verhaltens zu verantworten, und es ist gemäss
dargelegter Rechtsprechung davon auszugehen, dass keine flüchtlings-
oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr in das effek-
tive Heimatland bestehen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10).
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In Anwendung der in BVGE 2014/12 E. 5.10 entwickelten Rechtsprechung
hat das SEM daher zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerde-
führers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt, zumal sich dessen un-
glaubhafte Vorbringen ohnehin mangels erforderlicher Intensität als nicht
asylrelevant erweisen. Aus der in der Beschwerdeschrift genannten dama-
ligen Asylpraxis, wonach illegal aus China ausgereiste Tibeterinnen und
Tibetern wegen subjektiver Nachfluchtgründe die Flüchtlingseigenschaft
zuzuerkennen sei (vgl. BVGE 2009/29), kann der Beschwerdeführer zum
jetzigen Zeitpunkt nichts zu seinen Gunsten ableiten.
7.
Gemäss Art. 51 AsylG werden Ehegatten von Flüchtlingen und ihre min-
derjährigen Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, wenn keine
besonderen Umstände dagegen sprechen. Diese Bestimmung ist grund-
sätzlich auch anwendbar, wenn die in der Schweiz als Flüchtling aner-
kannte Person lediglich vorläufig aufgenommen wurde, sofern sich die ein-
zubeziehenden Angehörigen bereits in der Schweiz aufhalten (vgl. Urteil
des BVGer D-2557/2013 vom 26. November 2014 E. 5.5).
In der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts wurde in verschie-
denen Konstellationen das Vorliegen von besonderen Umständen bejaht.
So ist ein Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft namentlich dann ausge-
schlossen, wenn, wie vorliegend, die eheliche Gemeinschaft während ei-
ner längeren Zeit nicht mehr gelebt beziehungsweise aufgegeben wurde
(vgl. BVGE 2012/32 E. 5.1). Im Übrigen können im vorliegenden Verfahren
die Bestimmungen von Art. 8 EMRK nicht ergänzend angewendet werden,
wenn die Voraussetzungen des Familienasyls im Sinne von Art. 51 Abs. 1
AsylG nicht erfüllt sind. Die Frage nach einem allfälligen Anspruch auf Re-
gelung des Aufenthalts des Beschwerdeführers in der Schweiz als Ehe-
partner hier aufenthaltsberechtigter Personen ist von der zuständigen kan-
tonalen Migrationsbehörde gestützt auf Art. 44 AIG zu beurteilen (vgl. Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2002 Nr. 6 E. 5 S. 44 f.). Es bleibt dem Beschwerdeführer und
seiner Ehefrau unbenommen, ein solches Gesuch um Erteilung einer Auf-
enthaltsbewilligung bei der zuständigen Behörde einzureichen. Diese Be-
hörde ist bei der Prüfung eines entsprechenden Gesuchs insbesondere an
die Bestimmung von Art. 8 EMRK gebunden. Bei dieser Sachlage erübrigt
es sich, auf die Ausführungen in der Beschwerde bezüglich Art. 8. EMRK
näher einzugehen. Immerhin ist in diesem Zusammenhang der Vollstän-
digkeit festzuhalten, dass sich die Beschwerdeführer und seine Ehefrau
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getrennt haben und nicht mehr zusammenleben und die in der Schweiz
lebenden Kinder bereits die Volljährigkeit erreicht haben.
8.
8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über eine Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl.
BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG).
9.2 Grundsätzlich ist die Zulässigkeit, die Zumutbarkeit und die Möglichkeit
des Wegweisungsvollzugs von Amtes wegen zu prüfen. Diese Untersu-
chungspflicht findet jedoch ihre Grenze an der Mitwirkungspflicht der asyl-
suchenden Person (Art. 8 AsylG), welche auch die Substanziierungslast
trägt (Art. 7 AsylG). Es ist nicht Sache der Behörden, bei fehlenden, wo-
möglich gezielt vorenthaltenen Hinweisen, nach allfälligen Wegweisungs-
vollzugshindernissen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Ver-
mutungsweise ist deshalb vorliegend davon auszugehen, einer Wegwei-
sung stünden keine Vollzugshindernisse im gesetzlichen Sinne entgegen.
Bei dieser Sachlage kann das Gericht sich mit der Frage des Wegwei-
sungsvollzugs lediglich in grundsätzlicher Hinsicht beziehungsweise ge-
mäss den vorstehenden Ausführungen befassen. Der Beschwerdeführer
entzieht mit seinem Verhalten die für genauere Abklärungen erforderliche
Grundlage, und es ist nicht Sache des Gerichts, sich in Mutmassungen und
Spekulationen zu ergehen.
9.3 Im Sinne einer Klarstellung und in Übereinstimmung mit der Dispositiv-
ziffer 6 der angefochtenen Verfügung ist abschliessend festzuhalten, dass
für alle Exil-Tibeterinnen und -Tibeter ein Vollzug der Wegweisung nach
China gemäss Art. 45 Abs. 1 Bst. d AsylG ausgeschlossen ist, da ihnen
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dort gegebenenfalls Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinne bezie-
hungsweise eine menschenunwürdige Behandlung nach Art. 3 EMRK
droht (BVGE 2014/12 E. 5.11).
9.4 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich die für eine Rückkehr allenfalls
benötigten Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme aus-
ser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Aufgrund der obenstehenden Erwägungen erweist sich die Beschwerde
als aussichtslos, weshalb die mit der Beschwerdeschrift gestellten Gesu-
che um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1
VwVG) und der amtlichen Rechtsverbeiständung abzuweisen sind. Somit
sind die Kosten des Verfahrens dem unterliegenden Beschwerdeführer
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG), welche auf Fr. 750.– festzuset-
zen sind (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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