Decision ID: 736e1521-1f73-5cbe-8659-5d4d892ef328
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine eritreische Staatsangehörige tigrinischer
Ethnie, verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge Mitte 2014
und reiste über den Sudan, Libyen und Italien am 2. September 2015 in
die Schweiz ein. Am 3. September 2015 ersuchte sie im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl. Am 15. September 2015
wurde sie im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) summarisch zu ihrer
Person, dem Reiseweg und ihren Asylgründen befragt und am 24. Mai
2017 vertieft zu diesen angehört.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte sie im Wesentlichen aus, in
C._ geboren und aufgewachsen zu sein und die Schule bis zur
7. Klasse besucht zu haben. Sie habe die Schule abbrechen müssen, da
ihr Vater zu seiner militärischen Einheit mitgenommen worden und ihre
Mutter erkrankt sei. Sie habe nach dem Schulabbruch ihre Eltern zu Hause
unterstützt und in der (...) gearbeitet. Im Januar 2014 habe sie geheiratet.
Ihr Ehemann sei damals bereits im Militärdienst gewesen. Er habe im April
2014 Eritrea illegal verlassen, weil er nach der Heirat von seiner militäri-
schen Einheit gesucht worden sei. Gemäss ihren Ausführungen an der BzP
habe sie ihren Heimatstaat verlassen, weil sie, nachdem ihr Ehemann aus-
gereist sei, keinen Sinn mehr darin gesehen habe, alleine zu leben. Sie
habe keinen Militärdienst geleistet, da es keinen Zwang für Frauen gebe.
Gemäss ihren Schilderungen an der Anhörung sei sie ausgereist, weil sie
nach der Flucht ihres Ehemannes unter Druck gesetzt worden sei und stän-
dig Soldaten bei ihr aufgetaucht seien. Sie sei von ihnen bedroht und auf-
gefordert worden, ihren Ehemann beizubringen. Ausserdem sei sie mit Stö-
cken geschlagen, getreten und misshandelt worden. Sie habe des Weite-
ren im Mai beziehungsweise Juni 2014 ein Militärdienstaufgebot erhalten.
Nachdem sie im Juni 2014 von ihrem Wohnort nach Äthiopien geflohen sei,
sei sie in den Sudan gereist, wo sie von den Rashaidas während dreier
Monate festgehalten worden sei. Ihre Familie habe durch eine Geldzahlung
ihre Freilassung veranlassen können und auch ihre Reise in die Schweiz
finanziert.
Zur Untermauerung ihrer Vorbringen und ihrer Identität reichte sie einen
Taufschein, einen Eheschein und Kopien der Identitätskarten ihrer Eltern
zu den Akten.
E-6531/2018
Seite 3
B.
Mit Verfügung vom 16. Oktober 2018 – eröffnet am 17. Oktober 2018 –
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin,
lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung sowie den Wegwei-
sungsvollzug aus der Schweiz an.
C.
Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin – handelnd durch
den rubrizierten Rechtsvertreter – am 16. November 2018 beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der vorin-
stanzlichen Verfügung und die Rückweisung der Sache zur rechtsgenügli-
chen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung an die Vo-
rinstanz. Eventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr
Asyl zu gewähren, subeventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen. In formeller Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Beiordnung ihres Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 22. November 2018 wurde die Beschwerde-
führerin zur Einreichung einer Fürsorgebestätigung aufgefordert. Gleich-
zeitig wurde auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet und die
Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
E.
Mit Vernehmlassung vom 29. November 2018 hielt die Vorinstanz mit er-
gänzenden Ausführungen an ihren Erwägungen fest.
F.
Mit Eingabe vom 4. Dezember 2018 wurde eine Fürsorgebestätigung vom
28. November 2018 nachgereicht.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 11. Dezember 2018 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege und um Beiord-
nung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand gut
und brachte der Beschwerdeführerin gleichzeitig die Vernehmlassung der
Vorinstanz zu Kenntnis mit der Möglichkeit, im Rahmen einer Replik Stel-
lung zu nehmen.
E-6531/2018
Seite 4
H.
Mit Eingabe vom 20. Dezember 2018 liess die Beschwerdeführerin eine
Replik einreichen.
I.
Mit Eingabe vom 11. Februar 2019 reichte die Beschwerdeführerin zwei
Dokumente als Beweismittel zu den Akten: ein Schreiben vom 30. Juni
2014 des Einwohnermeldeamtes des Bezirks D._ der Regionalver-
waltung E._ an den Vater der Beschwerdeführerin, wonach er eine
Busse zahlen müsse, weil seine Tochter, die Beschwerdeführerin, es ver-
säumt habe, ihren wegen Desertion und illegaler Ausreise gesuchten Ehe-
mann beizubringen, sowie ein Schreiben vom 3. Dezember 2014 der Fi-
nanzabteilung der genannten Behörde, wonach der Vater die Zahlung ge-
leistet habe.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
E-6531/2018
Seite 5
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summa-
risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
5.
5.1 In der Beschwerde wird gerügt, dass der rechtserhebliche Sachverhalt
unvollständig und unrichtig abgeklärt worden sei. Diese formelle Rüge ist
vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vor-
instanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
5.3 Zur Begründung der formellen Rüge wird in der Beschwerde ausge-
führt, dass die Beschwerdeführerin sowohl an der BzP als auch an der An-
hörung sehr aufgewühlt gewesen sei und immer wieder in Tränen ausge-
brochen sei. Es sei offensichtlich, dass sie von ihren Erlebnissen im Hei-
matstaat und auf der Flucht stark traumatisiert sei. In der BzP sei jedoch
E-6531/2018
Seite 6
nicht nach ihrer psychischen Verfassung, sondern nur allgemein nach ih-
rem Gesundheitszustand gefragt worden. Auch der an der Anhörung an-
wesende Hilfswerksvertreter habe vermerkt, dass die Beschwerdeführerin
fast während der gesamten Anhörung geschluchzt, geweint und emotional
gesprochen habe. Sie sei sichtlich bewegt gewesen und habe ihre Erzäh-
lungen wegen der mehrfachen Weinkrämpfe teils unterbrechen müssen.
Der Hilfswerksvertreter habe ausserdem nach der Anhörung die Ansicht
geäussert, dass die Beschwerdeführerin geschlechtsspezifische Flucht-
gründe geltend gemacht habe. Tatsächlich sei sie, angesprochen auf die
Gründe ihrer Flucht, von einem heftigen Weinanfall geschüttelt worden. Sie
sei nach der illegalen Ausreise ihres Ehemannes von Soldaten unter Druck
gesetzt worden. Diese seien zu ihr nach Hause gekommen, hätten sie be-
droht, mit Stöcken geschlagen, getreten und misshandelt, so dass sie sich
bei ihrer Nachbarin habe verstecken müssen. Der Sachbearbeiter habe so-
dann in der Anhörung gefragt, ob sie Dinge erlebt habe, die sie lieber mit
Frauen besprechen wolle, was sie mit «Okay» beantwortet habe. Sodann
sei sie erneut gefragt worden, ob sie lieber mit Frauen sprechen wolle, was
sie erneut mit «Ja, okay» beantwortet habe. Aus nicht nachvollziehbaren
Gründen sei diese eindeutige Antwort nicht umgehend akzeptiert worden,
sondern der Beschwerdeführerin sei ein drittes Mal die Frage gestellt wor-
den, ob die Anhörung abgebrochen und in einem Frauenteam fortgesetzt
werden soll. Sichtlich verunsichert habe die Beschwerdeführerin darauf ge-
antwortet, dass es kein Problem sei und sie davon erzählen könne. Der
Hilfswerksvertreter habe es als offensichtlich erachtet, dass dieses Einver-
ständnis, die Anhörung in einem reinen Männerteam fortzusetzen, durch
den Druck einer weiteren Anhörung entstanden sei. Der Hinweis des Be-
fragers – welcher im Übrigen nicht protokolliert worden sei – es sei unge-
wiss, wann die nächste Anhörung stattfinden würde, habe dazu geführt,
dass die Beschwerdeführerin eine weitere Vorladung zu einer Anhörung
und die damit verbundene Wartezeit als grosse, für sie unerträgliche Be-
lastung empfunden habe und daher die Anhörung im reinen Männerteam
fortgesetzt habe. Gemäss dem Protokolleintrag des Hilfswerksvertreters
habe er in der Pause den Abbruch der Anhörung angeregt, da die Be-
schwerdeführerin Mühe gehabt habe, über die erlebten Misshandlungen
zu berichten. Sie habe immerzu von «Druck» gesprochen. Der relevante
Sachverhalt habe nicht vollständig abgeklärt werden können, weshalb der
Hilfswerksvertreter eine weitere Befragung in einem gleichgeschlechtli-
chen Team angeregt habe. Ausserdem hätte, wie dies auch der Hilfswerks-
vertreter festgehalten habe, bereits der Hinweis der Beschwerdeführerin,
E-6531/2018
Seite 7
sie sei im Sudan von Rashaida entführt und drei Monate festgehalten wor-
den, dazu führen müssen, dass sie von einem gleichgeschlechtlichen
Team angehört werde. Auch während der BzP seien nur Männer anwesend
gewesen, so dass es nicht erstaunlich sei, dass die unter Stress stehende
Beschwerdeführerin sich so kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz nicht
getraut habe, von den Misshandlungen durch die Soldaten zu berichten. In
der BzP sei sie zudem mehrmals daran erinnert worden, ihre Asylgründe
nur summarisch anzugeben. Bereits an der BzP habe die Beschwerdefüh-
rerin als Ausreisegrund ausgeführt, unter psychischem Druck gestanden
zu haben, den sie nicht näher habe in Worte fassen können, der aber –
gemäss Hilfswerksvertreter – klar aufgrund der erlittenen sexuellen Gewalt
entstanden sei.
5.4 In der Vernehmlassung nahm das SEM zur Frage, ob die Beschwerde-
führerin in einem reinen Frauenteam hätte angehört werden sollen, wie
folgt Stellung: Aus dem Protokoll ergebe sich, dass sie sich hierzu unter-
schiedlich geäussert habe. Sowohl auf das ausführliche rechtliche Gehör
als auch auf die diesbezüglichen Ergänzungen des Hilfswerksvertreters hin
habe sie aber explizit angegeben, sie könne ihre Probleme vor den anwe-
senden Personen darlegen. Weder aus dem Protokoll noch aus dem Un-
terschriftenblatt des Hilfswerksvertreters gehe hervor, dass durch die Be-
fragungssituation Druck auf die Beschwerdeführerin ausgeübt worden sei
oder das Protokoll fehlerhaft beziehungsweise unvollständig sei. Die in der
Beschwerde einzig auf einer Einschätzung des Hilfswerksvertreters basie-
rende Schlussfolgerung, die angeblich nicht protokollierten Aussage, wo-
nach die nächste Anhörung möglicherweise erst in vier oder fünf Wochen
stattfinden könne, habe von der Beschwerdeführerin als eine unerträgliche
Belastung empfunden werden müssen, könne nicht geteilt werden.
5.5 In der Replik wurde hierzu ausgeführt, dass sich der Hilfswerksvertreter
insbesondere aufgrund der fehlenden Protokollierung der Bemerkungen
des Befragers zu einer potentiell langen Wartezeit bis zur nächsten Anhö-
rung verpflichtet gefühlt habe, die Beschwerdeführerin über ihre Rechte
aufzuklären. Die betreffende Stelle im Protokoll sei offensichtlich ein Text-
baustein. In der Folge sei die Aussage des Befragers eindeutig nicht pro-
tokolliert worden. Ausserdem erstaune es, dass die Vorinstanz das Proto-
koll des Hilfswerksvertreters derart anzweifle. Im vorliegenden Fall habe
der Hilfswerksvertreter jedoch zusätzlich noch die Aufgabe übernehmen
müssen, die Beschwerdeführerin neutral über ihre Rechte aufzuklären und
das vom Befrager in Bezug auf den Abbruch der Anhörung vermittelte, ne-
gative Gefühl zu relativieren. Eindeutig sei der Befrager im vorliegenden
E-6531/2018
Seite 8
Fall seinen Pflichten im Zusammenhang mit den geltend gemachten frau-
enspezifischen Fluchtgründen nicht nachgekommen.
6.
Zu den in der Beschwerde geltend gemachten formellen Rügen ist Folgen-
des festzustellen:
6.1 Gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG in Verbindung mit Art. 6 AsylV 1
(SR 142.311) wird die asylsuchende Person von einer Person gleichen Ge-
schlechts befragt, wenn konkrete Hinweise auf geschlechtsspezifische
Verfolgung vorliegen. Geschlechtsspezifisch ist die Verfolgung dann, wenn
sie in der Form sexueller Gewalt stattfindet oder die sexuelle Identität des
Opfers treffen soll (hierzu und zum Folgenden BVGE 2015/42 E. 5.2, unter
Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 2 E. 5a c). Das Geschlecht soll nach
Möglichkeit auch bei der Auswahl der Personen, die als Dolmetscher ein-
gesetzt werden und das Protokoll führen, berücksichtigt werden. Art. 6
AsylV 1 – diese Bestimmung findet bei Frauen und Männern gleichermas-
sen Anwendung – ist eine Ausgestaltung des rechtlichen Gehörs, mithin
eine Schutzvorschrift, deren Zweck es ist, dass asylsuchende Personen
ihre Vorbringen angemessen vortragen, das heisst, konkret erlittene Über-
griffe möglichst frei und unbeeinträchtigt von Schamgefühlen schildern
können. Gleichzeitig dient sie dazu, die Richtigkeit der Sachverhaltsabklä-
rung zu gewährleisten. Da diese Schutzvorschrift nicht bloss ein Recht der
asylsuchenden Person beinhaltet, eine solche Befragung zu verlangen,
sondern die Behörde dazu verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzu-
gehen, sobald entsprechende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen
anzuwenden. In der genannten, immer noch Gültigkeit entfaltenden,
Rechtspraxis wurde sodann festgehalten, dass ein Verzicht – wenn über-
haupt – jedenfalls nur dann angenommen werden könne, sofern ein sol-
cher ausdrücklich erklärt werde. Andernfalls werde der Schutzzweck der
Norm ihres Sinnes beraubt (a.a.O. E. 5c, vgl. in diesem Sinne auch Urteil
des BVGer D-6857/2016 vom 15. Februar 2018 E. 4.1 m.w.H.).
6.2 Im vorliegenden Fall hat die Beschwerdeführerin erst im Laufe der ein-
lässlichen Anhörung vorgebracht, dass sie nach der illegalen Ausreise ih-
res Ehemannes von Soldaten zu Hause aufgesucht und geschlagen, ge-
treten und misshandelt worden sei (act. A18/18 F82). Die Vorinstanz wird
allerdings nicht von den Vorgaben in Art. 6 AsylV 1 entbunden, wenn sich
Anknüpfungspunkte für das Vorliegen geschlechtsspezifischer Gewalt
nicht schon im Vorfeld einer Bundesanhörung sondern erst während dieser
E-6531/2018
Seite 9
ergeben. Gerade in solchen Konstellationen ist besondere Rücksicht da-
rauf zu nehmen, dass Betroffene sexueller beziehungsweise geschlechts-
spezifischer Gewalt oft nicht von Beginn an in der Lage sind, offen über
Erlebtes zu berichten. Den Akten lässt sich entnehmen, dass im vorliegen-
den Fall alle an der Anhörung Anwesenden männlichen Geschlechts waren
(act. A18/18 F83). Das Verhalten des Befragers im Anschluss an die erst-
malige Erwähnung des Vorfalls mit den Soldaten offenbart auch die wün-
schenswerte Sensibilität für die eingangs beschriebene Thematik. Sobald
sich die Beschwerdeführerin an der Anhörung zum ersten Mal zu ihrem
Vorbringen geäussert hatte, wurde sie von ihm gefragt, ob sie Dinge erlebt
habe, die sie nicht erzählen möchte. Er fragte, «[w]ir sind alle Männer. Gibt
es Dinge, die Sie lieber mit Frauen besprechen möchten?», worauf sie mit
«Okay» antwortete (act. A18/18 F83). Der Befrager erkundigte sich im An-
schluss an diese Antwort erneut, «Also Sie sagen ‘okay’. Verstehe ich Sie
richtig, dass Sie lieber mit Frauen sprechen möchten?», worauf die Be-
schwerdeführerin antwortete: «Ja, okay.» (act. A18/18 F84). Bereits auf-
grund dieser beiden Antworten der Beschwerdeführerin hätte die Anhörung
abgebrochen werden sollen. Stattdessen wurde die Beschwerdeführerin
erneut sowohl vom Befrager als auch vom Hilfswerksvertreter auf die Mög-
lichkeit, die Anhörung abzubrechen und einen neuen Anhörungstermin in
einem Frauenteam anzusetzen, hingewiesen, woraufhin sie ausführte,
«Nein, es ist kein Problem, ich kann davon erzählen» (act. A18/18 F85)
beziehungsweise erwiderte, «Für mich seid ihr alle gleich, ich kann von
meinen Problemen erzählen.» (act. A4/11 F86). Diese Aufklärung der Be-
schwerdeführerin über ihr Recht, von einem gleichgeschlechtlichen Team
befragt zu werden vermag dennoch nicht aufzuwiegen, dass die Vorinstanz
in casu ihre amtliche Pflicht zur Befragung im Einklang mit Art. 6 AsylV 1
verletzt hat. Aus der Rechtsprechung ergibt sich zwar – wie bereits erwähnt
– die Möglichkeit der ausdrücklichen Verzichtserklärung auf eine Befra-
gung durch ein gleichgeschlechtliches Team. Die Reaktionen der Be-
schwerdeführerin auf die bezeichnete Rechtsbelehrung (act. A18/18 F85
und F86) kann aber unter Berücksichtigung ihrer vorhergehenden Antwor-
ten (act. A18/18 F83 und F84) nicht als ausdrücklicher Verzicht aufgefasst
werden. Es ist zudem zu bezweifeln, dass die emotional stark angeschla-
gene Beschwerdeführerin ein umfassendes Verständnis von der Proble-
matik hatte, mit welcher sie der Befrager und der Hilfswerksvertreter kon-
frontierten. Diese Einschätzung wird auch vom Hilfswerksvertreter geteilt,
der auf dem Unterschriftenblatt vermerkte, dass die Beschwerdeführerin
Mühe hatte, über die erlebten Misshandlungen zu sprechen und sichtlich
bewegt war. Er habe eine Befragung in einem gleichgeschlechtlichen Team
E-6531/2018
Seite 10
angeregt, weil die Beschwerdeführerin seiner Ansicht nach geschlechts-
spezifische Verfolgung geltend gemacht habe und ihr Einverständnis zur
Fortführung der Anhörung durch den Druck einer weiteren Anhörung zu-
stande gekommen sei (act. A18/18 S. 18).
6.3 Indem das SEM trotz Hinweisen auf eine geschlechtsspezifische Ver-
folgung die Beschwerdeführerin nicht durch ein reines Frauenteam zu den
Asylgründen anhörte, wurde deren Anspruch auf rechtliches Gehör ver-
letzt, der rechtserhebliche Sachverhalt unrichtig beziehungsweise unvoll-
ständig festgestellt und damit Bundesrecht verletzt. Das SEM ist daher auf-
zufordern, die entsprechenden Massnahme, namentlich eine erneute An-
hörung in einem Frauenteam, durchzuführen und gestützt auf deren Er-
gebnisse das Asylgesuch neu zu beurteilen.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als mit ihr
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Rückweisung der Sache
zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts und zur Neubeurteilung
beantragt wird. Die vorinstanzliche Verfügung vom 16. Oktober 2018 ist
aufzuheben und die Sache ist in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine
VwVG zur vollständigen Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung im
Sinne der Erwägungen ans SEM zurückzuweisen.
8.
Auf die im Beschwerdeverfahren in reformatorischer Hinsicht gestellten
Rechtsbegehren und deren Begründung sowie auf die bisher, insbeson-
dere mit Eingabe vom 11. Februar 2019 eingereichten Dokumente ist bei
diesem Verfahrensausgang im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht
einzugehen, da es Sache des SEM sein wird, sich im Rahmen der Neube-
urteilung damit zu befassen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu erhe-
ben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Der im Beschwerdeverfahren vertretenen Beschwerdeführerin ist ange-
sichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
E-6531/2018
Seite 11
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Ent-
schädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzu-
sprechen.
Die am 11. Februar 2019 eingereichte aktualisierte Kostennote weist einen
zeitlichen Vertretungsaufwand von 14.70 Stunden zu einem Stundenan-
satz von Fr. 300.- aus, was jedoch dem Aufwand des Verfahrens nicht an-
gemessen sondern zeitlich überhöht scheint. Insgesamt wird der Vertre-
tungsaufwand auf 10 Stunden gekürzt. Die geltend gemachten Auslagen
betreffen sodann Übersetzungskosten im Zusammenhang mit den am
11. Februar 2019 eingereichten Beweismitteln in der Höhe von Fr. 140..
Diese Kosten sind jedoch weder ausgewiesen noch ist ersichtlich, dass die
Übersetzung von einem Übersetzungsbüro vorgenommen wurde. Diese
Auslagen sind daher von vornherein nicht entschädigungspflichtig. Das
SEM hat dem Rechtsvertreter dementsprechend ein Honorar von insge-
samt Fr. 3252. (inklusive weiteren geltend gemachte Auslagen und Mehr-
wertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-6531/2018
Seite 12