Decision ID: 73a199c7-74a7-53be-9098-623b4740723b
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1990 geborene
X._
, eidgenössisch dip
lomierter Detailhandels
kaufmann
und zuletzt
in Ausbildung als Kaufmann
bei
der Y._
GmbH,
erlitt am 12. November 2015 eine Schnittverletzung
am rechten Unter
a
r
m
mit Läsionen diverser Nerven
und
Sehnen
. Am 20. November 2015
meldete
er
sich unter Hinweis auf Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ver
wirrtheit, Schlafstörungen sowie eine Impulskontrollstörung bei der Invaliden
ver
sicherung zum Leistungsbezug an (
Urk. 8/19/16-17,
Urk. 8/3). Die Sozialver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, nahm erwerbliche und medizi
nische Abklärungen vor
und informierte den Versicherten a
m 19. Juni und 19. September 2017 über die Kostenübernahme für ein Aufbautraining vom 26. Juni bis 22. September 2017 und vom 23. September bis 22. November 2017 durch die Stiftung
Z._
(
Urk.
8
/62, Urk.
8
/71)
. Mit Mittei
lungen vom 23. November 2017
, vom 12. März 2018
und
vom
8. Mai 2018 setzte die IV-Stelle den Versicherten
über den
Arbeitsversuch bei
der
A._
GmbH vom 23. November 2017 bis 25. Februar 2018
, vom
12. März bis
20. Mai 2018 und vom 11. Juni bis 30. Juni 2018
sowie die Kostenübernahme für ein
Job-Coaching durch
Z._
in Kenntnis (Urk.
8
/76,
Urk. 8/84,
Urk.
8
/
90
).
Am 15. Juni 2018
informierte die IV-Stelle den
Versicherte
n
über den fristlosen Ab
bruch des Arbeitsversuches
durch den Einsatzbetrieb
aufgrund eines Vorfalls
vom
12. Juni 2018 (Urk.
8
/94
) und
bestätigte
am
2. August 2018 gegenüber dem Ver
sicherten, dass er keine Arbeitsvermittlung wünsche und deshalb die Renten
prüfung durchgeführt werde
(Urk. 8/102)
. In der Folge veranlasste die IV-Stelle bei Dr. med.
B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
lic.
phil.
C._
, Fachpsychologe für Neuropsychologie FSP,
und Dr. med.
D._
, FMH Innere Medizin spez. Rheumatologie,
eine Begutachtung
(
Expertise vom
30. September 2019
,
Urk.
8
/127
/3-16
). Mit Vorbescheid vom 22. November 2019 (Urk.
8
/129) stellte die IV-Stelle die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussich
t, wogegen der Versicherte am 6. Januar 202
0 Einwand (Urk.
8
/144,
Urk.
8
/148) erhob.
Am 9. Juni 2020 verneinte die IV-Stelle verfügungsweise einen
Rentenanspruch
des Versicherten
(Urk. 2).
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 10. Juli 2020 Beschwerde (Urk. 1) und bean
tragte, es sei die Verfügung vom 9. Juni 2020 aufzuheben und es sei ein ge
richtliches Obergutachten einzuholen und in der Sach
e neu zu entscheiden. Even
tuell
sei die Sache zur Vornahme weiterer Abklärungen und zur Neube
urteilung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. In formeller Hinsicht stellte
er
das Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung
und Rechtsvertretung (S. 2). Mit Be
schwerdeantwort
vom 8. September 2020 (Urk. 7) schloss die Beschwerde
geg
nerin auf Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerdeführer am 15. Septem
ber 2020 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 9).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objek
tivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die leistungsabweisende Verfügung vom 9. Juni 2020 (Urk. 2) damit, dass der Beschwerdeführer gestützt auf das Gutachten seit Februar 2018 in einer angepassten Tätigkeit zu 80 % arbeitsfähig sei und wirbelsäulenschonende und wechselbelastende leichtere Tätigkeiten ohne wieder
holte Gewichtsbelastungen über 15 kg und ohne Exposition
in kalt-feuchtem Milieu ausüben könne.
Somit
ergebe sich eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit respektive ein Invaliditätsgrad von maximal 20 %, weshalb kein Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe (S. 2).
2.2
Demgegenüber stellte sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt (Urk. 1), die psychiatrische Expertise von Dr.
B._
entspreche nicht den bundesge
richt
lichen Anforderungen an ein medizinisches Gutachten, weshalb nicht darauf abgeste
llt werden könne (S. 10 Ziff. 26
). Die Einschätzung des psychiatrischen
Experten
, wonach lediglich eine leicht- bis mittelgradige psychische Störung be
stehe, sei aufgrund der von ihm selbst erhobenen und in den übrig
en Akten doku
mentierten Befunde nicht nachvollziehbar
(S. 6 f
. Ziff. 18 ff.)
. Da
s psychiatrische Gutachten
enthalte zudem
Tatsachenfeststellungen, welche unvollständig, unref
lektiert oder falsch seien
.
Der Experte habe die Glaubhaftigkeit der Angaben des Beschwerdeführers nicht hinterfragt, dessen islamischen Glauben
ohne Begrün
dung
als erhebliche Ressource dargestellt und
sei
in Missachtung der tatsäch
lichen Verhältnisse
von einer Besserung der Symptomatik ausgegangen
(S. 8 ff.
Ziff. 21 ff.)
. Ebenso wenig überzeuge die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
von Dr.
B._
,
da
er den Schweregrad der Krankheit konsequent zu relativieren versuche, besonders die Fähigkeit zur sozialen Interaktion
(S. 10
Ziff.
25
).
2.3
Seitens des
Beschwerdeführers wird
somit
einzig die gutachterliche Einschätzung von Dr.
B._
betreffend die psychischen Störungen und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit in Frage gest
ellt (Urk. 1 S. 6 ff. Ziff. 18 ff.
). Nicht bean
standet wird demgegenüber die gutachterliche Feststellung von Dr.
D._
, wo
nach in somatischer Hinsicht
bezüglich der Beschwerden an der rechten Hand und der thorakalen Wirbelsäule
seit Ende Dezember 2016
von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit
auszugehen sei (Urk. 8/127/54-66 S. 11
f.).
Gleiches gilt für die vom neuropsychologischen Experten aufgrund einer leichten neuropsychologi
schen Störung
attestierte Arbeitsfähigkeit von 80 % in angesta
mmter Tätigkeit (Urk. 8/126/2-25 S. 22 f.
).
3.
3.1
Die Gutachter
D
res
.
B._
und
D._
sowie
lic.
phil.
C._
nannten
in ihrer Konsensbeurteilung vom 30. September 2019 (Urk.
8
/127/3-16) folgende Diagnosen
(S. 6 f.)
:
-
neuropsychologisch:
-
leichte neuropsychologische Störung
-
paranoide Schizophrenie
-
Status nach
Cannabisabusus
-
psychiatrisch:
-
pa
ranoide Schizophrenie (ICD-10 F
20.0)
-
psychische und Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen, Störung durch Cannab
in
oide, Abhängigkeit, ständiger Substanzgebrauch (ICD-10 F12.25)
-
rheumatologisch:
-
Status nach ausgedehnter Schnittverletzung am rechten Handgelenk 2 cm proximal der
Raszetta
anlässlich eines Unfalls am 12. November 2015
-
vollständige Läsion
Artena
radialis
und
Arteria
ulnaris
-
vollständige Läsion
Nervus
medianus und
Nervus
ulnaris
-
50%ige Läsion Musculus
pronator
quadratus
-
80%ige Läsion Musculus
brachioradialis
-
vollständige Läsion mehrerer Sehnen (FCR, FPL, FDS und FDP
Dig
II-V, FCU) mit
-
chirurgischer Revision am 12. November 2015
-
mikrochirurgische Anastomosen
Arteria
ulnaris
,
Arteria
radialis
,
Nervus
medianus und
Nervus
ulnaris
-
Nähte aller Sehnen und Spaltung des Karpaltunnels und der Loge de
Guyon
-
persistierende Einschränkung der Feinmoto
rik der Fingerextension rechts
mit bleibender Atrophie der intrin
sischen
Handmuskulatur und konse
ku
tivem Kraftverlust, bleibende
n
Dysästhesien, Schmerzverstärkung unter Kälteeinfluss
-
keine Hinweise für eine neuropathische Schmerzentwicklung
-
bewegungs- und belastungsabhängige thor
a
kale Beschwerden seit Ado
les
zenz
-
deutliche Fehlform mit langgezogener Kyphose der Brustwirbelsäule
und reflektorischer
Triggerpunkt
bildung
Die Gutachter führten im
Sinne einer
Gesamtwertung der Arbeitsfähigkeit in bis
heriger Tätigkeit aus, dass der rheumatologische Experte eine 100%ige Arbeits
unfähigkeit
statuiere
. Zusätzlich finde sich eine retrospektive p
sych
ische Ein
schränkung, die
gestützt auf den
B
ericht des behandelnden
Psychiaters per
1. Oktober 2015 mit einer entsprechenden Arbeitsunfähigkeit von 100 % zu doku
mentieren sei.
Somit
sei
in der angestammten Tätigkeit
von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit
seit 1. Oktober 2015
auszugehen (S. 9
f.).
Betreffend Arbeits
fähigke
it in angepassten Verrichtungen
hielten die Gutachter fest,
dass
der rheumatologische Experte eine angepasste Tätigkeit dokumentiere
. Unter psychiatrisch-neuropsychologischen Gesichtspunkten finde sich
im Begut
achtungszeitpunkt
eine 80%ige Arbeitsfähigkeit, wobei sich innerhalb der psy
chiatrischen und neuropsychologischen Dokumentation keine zusätzlichen Ein
schränkungen fänden, welche eine erhöhte Arbeitsunfähigkeit nach sich ziehen würden. Damit sei die rheumatologisch angepasste Tätigkeit als def
inierende Ver
richtung anzusehen
und
in
einer vermehrt wirbelsäulenschonenden und wechsel
belastenden leichteren Tätigkeit ohne wiederholte Gewichtsbelastungen über 15 kg und ohne Exposition in kalt-feuchtem Milieu
von einem 100 %-
Pensum
seit Dezember 2016
(richtig: Ende Dezember 2016)
auszugehen.
In einer ange
passten Tätigkeit
bestehe
deshalb zwischen 1. Oktober 2015 und Februar 2018
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
respektive
a
b Februar 2018
unter
Mitberück
sichtigung der rheumatologischen Einschränkungen eine 80%ige Arbeitsfähig
keit. Eine Addition von rheumatologisch und neuropsychologisch-psychiatrisch diagnostizierten Einschränkungen sei nicht vorzunehmen (S. 10 f.).
3.2
Gutachter Dr.
B._
führte in seine
r
psychiatrischen Teil
expertise
vom 30. September 2019 (Urk.
8
/127/19-52) aus,
dass es beim Beschwerdeführer seit mehreren Jahren zu kommentierenden und dialogischen Stimmen komme, die über ihn (den Beschwerdeführer) und sein Verhalten
sprechen würden
. Parallel
würden
diese Stimmen Befehle
geben
, welchen er nachkommen müsse. Ent
sprechend sei eine paranoide Schizophrenie zu diagnostizieren. Zusätzlich finde sich ein grenzwertiger kulturell unangemessener und unrealistischer Wahn mit Bezug auf Magie und Hexerei. Es komme zu einer verflachten bis inadäquaten Affektivität und einer verminderten sozialen Leistungsfähigkeit, was im Sinne einer negativen Symptomatik zu dokumentieren sei. Die Symptome Stimmen
hören und Wahnhaftigkeit seien seit mehr als zwei Jahren retrospektiv anam
nestisch gut dokumentierbar. Die Symptomatik der geringgradig ausgeprägten Negativsymptomatik sei aktuell zu dokumentieren, wobei der Beschwerdeführer die Stimmen seit 2013 durchgehend höre und sie selbst unter
verschiedener Medikation
immer da seien, auch wenn sie teilweise abgeschwächt seien (S. 20)
.
Dr.
B._
wies sodann
darauf hin, dass in
den Akten
eine
sogenannte Phobie im Sinne einer Schizophrenie oder einer sozialen Phobie dokumentiert
werde
.
Der Beschwerdeführer
vermeide
indessen
keine sozialen Situationen. Als einzige problematische
Konstellation
definiere
er
lange
Zug- oder Flugreisen, wobei er konkrete Ängste (Verschlucken der eigenen Zunge) äussere. Diese seien im Sinne einer wahnhaften Vorstellung zu werten und fänden sich insgesamt eher inner
halb des Befundbilds der paranoi
d
halluzinatorischen Schizophrenie
, wobei zu berücksichtigen sei, dass
sie
auch erheblich wahnhafte Komponenten
aufweise
. Eine soziale Phobie im Sinne der Furch
t
vor prüfender Betrachtung sei nicht zu diagnostizieren (S. 20).
Im Weiteren
sei
seit Jahren
der Verdacht
einer
narzisstische
n
P
ersönlich
keits
störung geäussert
worden
, wobei
es trotz langjähriger therapeutischer Interaktion nie zu einer Festlegung gekommen
sei
, ob eine
solche Störung
zu
dokumentieren sei oder nicht. Be
i einer langjährig bestehenden paranoiden Schizophrenie könne die Persönlichkeit ve
rflachen
und eigene Bedürfnisse
würden über alle anderen Bedürfnisse gestellt. Das Desinteresse an der Meinung
anderer
sei im Sinne einer langjährigen Schizophrenie ausreichend erklärbar, ohne dass eine zusätzliche Diagnose gestellt werden müsse. Zusätzlich
habe bereits der behandelnde Psy
chia
ter festgehalten, dass das primäre Kriterium der Einschrän
k
ung in Kind
heit/Jugend
nicht gegeben sei. In der Ju
gend fä
nden sich – abgesehen von einer beginnenden Cannabis-Problematik – keine Hinweise auf sonstig
e
Einschrän
kungen, weshalb keine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren sei (S. 20).
Der Beschwerdeführer habe gemäss eigenen Angaben innerhalb der letzten Wochen Cannabis zu sich genommen, wobei der Cannabis-Konsum die Stimmen
verstärke
. Damit sei das Kriterium des schädlichen Gebrauchs erfüllt
. Ebenso
bestehe
das Abhängigkeitskriterium als starker Wunsch die psychotrope Substanz zu konsumieren, wobei dem Beschwerdeführer bewusst sei, dass Cannabis ihm schade. Aufgrund der im Rahmen der Begutachtung
vorgenommenen
Urinunter
suchung
habe kein Hinweis
auf Cannabinoide bestanden, was jedoch nicht
den
Ausschluss eines
Konsum
s
in den letzten Wochen erlaube, aber die Definition von Dauerkonsum relativiere.
Entsprechend
sei trotz der teilweisen Abstinenz
strecke von einem Abhängigkeitssyndrom von Cannabinoiden auszugehen und eine psychische und Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen, Störung durch Cannabinoide, Abhängigkeit, ständiger Substanzgebrauch
zu diagnosti
zieren
(S. 20).
Der Gutachter führte weiter aus, die
psychische
Störung
sei
leicht-
bis mittel
gradig ausgeprägt
,
mit inhaltlichen Denkstörungen als zentrale Problematik. Trotz dieser Störungen könne der Beschwerdeführer adäquat interagieren, inner
halb eines Sozialprojektes adäquat mitwirken und soziale Aktivitäten durch
führen (S. 2
2
).
Im Weiteren h
ielt Dr.
B._
fest, dass es
innerhalb des Jahres 2019 zu einer deutlichen Besserung der Symptomatik gekommen sei. Der Beschwerdeführer lerne mit den Stimmen zu leben und äussere sich dahingehend, dass er die Stimmen teilweise als hilfreich empfinde und sie nicht mehr bedrohlich und dauerhaft angstbesetzt wirkten.
Es
sei
zu einer affektiven Verflachung und Per
sönlichkeitsverflachung
gekommen
. Der Beschwerdeführer
sei
indessen
in der Lage,
eine 50%ige Tätigkeit mit schweren körperlichen Tätigkeiten, sozialen An
for
derungen und interaktionellen Kompetenzen im Sinne einer Hilfsarbeitertätig
keit langfristig durch
zu
halten. Zusätzlich könn
e er
alle häuslichen und finan
zi
ellen Angelegenheiten organ
i
sieren
und einfache Dinge wie Korres
pondenz adäquat gestalten
(S. 22)
.
Mit Bezug auf die angestammte Tätigkeit attestierte Dr.
B._
eine 80%ige
Arbeitsfähigkeit
. Neben dem Stimmenhören
komme es zu einer narzisstischen Durchsetzungsfähigkeit, die
d
er
Beschwerdeführer
damit dokumentiere, dass er
beispielsweise
keine Anweisungen von Auszubildenden annehmen möchte. Dies sei indessen nicht krankheitsbedingt anzusehen. Der Beschwerdeführer könne in einem Stundenpensum von 42 Stunden pro Woche ohne Einschränkungen arbei
ten. Einschränkungen basierten auf leichten kognitiven
Beeinträchtigungen
, die sich jedoch nur sehr begrenzt auf die Arbeitsfähigkeit
in
der angestammten Tätigkeit auswirkten (S. 26).
Betreffend den zeitlichen Verlauf der Arbeitsfähig
keit
hielt der Gutachter fest, dass im Februar 2016 eine 100%ige Arbeitsun
fähig
keit anzunehmen
sei
.
Im
Begutachtungsz
eitpunkt sei
von
eine
r
geringgradige
n
Einschränkung der
kognitiven Fähigkeiten auszugehen
, welche eine erhebliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit nach sich ziehe. Entsprechend sei
eine
80
%ige
Arbeitsfähigkeit zu dokumentieren, wobei diese retrospekt
iv ab Dezember 2017 gelte (S. 28 f.
).
Im Zusammenhang mit
der Arbeitsfähigkeit in
einer
angepa
ssten
Tätigkeit führte Dr.
B._
aus,
dass
bezüglich
jeder Arbeitstätigkeit von geringgradigen kog
nitiven Einschränkungen auszugehen sei. Damit sei
zum Zeitpunkt der Beg
ut
achtung
auch in jeder angepassten Tätigkeit eine 80%ige Arbeitsfähigkeit
nach
vollziehbar, wo
bei eine angepasste Verrichtung, welche
geringere Anforderungen als die angestammte Tätigkeit aufweise, nicht zu dokumentieren sei.
In
einer solchen Tätigkeit
sei eine vertragsgerechte Anwesenheit
von 8 bis 8.5 Stunden
zumutbar und es
liege aufgrund der Verlangsamung der kognitiven Fähigkeiten eine 20%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vor.
Damit bestehe
eine Arbeits
fähigkeit von 80 %, wobei aufgrund des Stimmenhörens
e
xplizit keine Beein
trächtigungen
innerhalb der gesamten Interaktion
anzunehmen seien (S. 29). Dr.
B._
ging per Februar 2016 von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit und
zum Begutachtungszeitpunkt von einer Arbeitsfähigkeit von 80 % aus, wobei diese retrospektiv ab Dezember 2017 anzunehmen sei
(S.
30 ff.
).
4.
4.1
4.1.1
Aus den Akten
ist ersichtlich, dass der Beschwerdeführer seit mehreren Jahren im betreuten Wohnen lebt (
Urk. 8/19/16-17 S. 1,
Urk.
8/20 S. 2 Ziff. 1.4, Urk. 8/29/6-15 S. 3
, Urk. 8/126/2-25 S. 11 f.). Im Zeitpunkt der psychiatrischen Begutachtung im Juni 2019 wohnte er alleine in einer Wohnung
von
Z._
, wobei
er
gemäss eigenen Angaben
einmal pro Woche durch eine Kon
taktperson der Stiftung besucht
werde
(
vgl. Urk. 8/126/2-25
S. 15). In welchem konkreten zeitlichen und inhaltlichen Umfang der Beschwerdeführer Unterstüt
zung
von
Z._
erhielt, ist gestützt auf die vorliegenden Akten
nicht
abschliessend
klar. Der Umstand des
langjährigen
betreuten Wohnens legt
den Schluss nahe, dass der Beschwerdeführer
bei
der Bewältigung seines Alltags
auf eine gewisse Unterstützung ange
wiesen
war
und ist
, wobei deren
Ausmass für die Beurteilung
seiner
Arbeitsfähigkeit von Bedeutung ist.
Dr.
B._
stellte auf die
bei der
psychiatrischen
Begutachtung
erfolgten
Angaben des Beschwerde
führers ab, wonach im Wohn- und im häuslichen Bereich keine Unterstützung bestehe respektive er (der Beschwerdeführer) im Haushalt
und
Alltag keine Hilfe benötige (Urk.
8/127
/19-52 S. 14 f.), und ging unter anderem gestützt darauf von
einer deutlichen
Verb
esserung der Symptomatik im Jahre 2019 aus
(S. 22). Gleichzeitig wies Dr.
B._
auf die beim Beschwerdeführer vorliegende Fehleinschätzung sowie dessen
mangelnde
adäquate Selbsteinschätzung hin
(S. 14), ohne jedoch
die
genannten Angaben des Beschwerdeführers
kritisch
zu
hinterfragen
(vgl. auch Urk. 1 S. 8 Ziff. 22
).
Der Rechts
vertreter des Beschwerde
führers hielt in der Beschwerdeschrift
fest,
letzterer
sei bei der Erledigung der häuslichen und finanziellen Angelegenheiten
auf die Unterstützung
von
Z._
angewiesen und beantragte die Einholung von entsprechenden Auskünften
beim zuständigen Betreuer
(Urk. 1 S. 9 f. Ziff. 24).
Bei dieser Sachlage
bedarf es
betreffend
das Ausmass der
Unterstützung
des Beschwerdeführers
im Rahmen des betreuten Wohnens weitere
r
Abklärungen.
Gleiches gilt mit
Bezug auf die Teilnahme des Beschwerdeführers am Beschäf
ti
gungsprogramm der Sozialen Dienste (50 %-Pensum
;
Urk. 8/127/19-52 S. 13). Dr.
B._
postulierte
namentlich unter Hinweis darauf, dass der Beschwerde
führer
eine 50%ige Tätigkeit mit schweren körperlichen Verrichtungen, sozialen Anforderungen und interaktionellen Kompetenzen im Sinne einer Hilfsarbeiter
tätigkeit langfristig habe durchhalten können, eine
deutliche
V
erbess
erung
der Symptomatik im Jahre 2019
(S. 22).
Angaben darüber, welche sozialen Anfor
derungen und interaktionellen Kompetenzen im Rahmen des Beschäftigungs
pro
gramms
erforderlich
waren und in welchem Umfang sie vom Beschwerdeführer erfüllt wurden, finden sich weder im psychiatrischen Gutachten noch in den übrigen Akten.
Da auch dem Umstand der Ausübung der 50 %-Tätigkeit bei den Sozialen Diensten im Rahmen der psychiatrischen Untersuchung massgebliches Gewicht zukam, sind e
ntsprechend
auch
diesbezüglich
weitere Abklärungen vor
zu
nehmen.
Fraglich ist weiter, inwiefern eine Cannabisabstinenz die Arbeits
fähig
keit
positiv zu beeinflussen ve
rmag.
4.1.2
Nach dem Gesagten ist der Sachverhalt in wesentlichen Teilen ungeklärt und es sind entsprechende Berichte betreffend das betreute Wohnen und
das
Beschäfti
gungsprogramm einzuholen. Entsprechend ist die Verfügung vom 9. Juni 2020 (Urk. 2) aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
sie
diese ergänzende
n
Abklärungen
tätige
und hernach – gestützt auf eine ergänzende gutachterliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in psychiatrischer Hinsicht – über den Rentenanspruch des Beschwerdeführers neu verfüge.
In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
4.2
Im Rahmen der Rückweisung wird sich die Beschwerdegegnerin unter anderem auch mit der Frage nach einer befristeten Rente
zu befassen haben, nachdem die Experten in ihrer Konsensbeurteilung vom 30. September 2019
in der ange
stam
mten Tätigkeit seit 1. Oktober 2015
respektive
in einer angepassten Verrich
tung für
die Periode
vom 1. Oktober 2015
bis Februar 2018 eine 100%ige Arbeits
unfähigkeit attestierten (Urk. 8/127/3-16 S. 9 ff.
)
und nachdem kein durchgehen
der Taggeldanspruch vorlag.
Ein Rentenanspruch
entsteht
vor Eingliederungs
massnahmen etwa dann,
wenn die versicherte Person nicht oder noch nicht ein
gliederungsfähig war (Urteil des Bundesgerichts 9C_689/2019 vom 20. Dezember 2019 E. 3.1 mit Hinweise
n; vgl. Urk. 8/128 S. 10).
In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass die aus psychiatrischer Sicht postulierte Verbesserung der Symptomatik im Laufe des Jahres 2019
nicht voll
ends nachvollziehbar erscheint.
Dr.
B._
begründete die Verbesserung damit, dass der Beschwerdeführer die Stimmen nicht mehr als bedrohlich und dauerhaft
angstbesetzt empfinde und
er in allen sozialen Bereichen adäquat agieren, eine 50%ige Tätigkeit längerfristig durchhalten
sowie
die häuslichen und fin
anziellen
Angelegenheiten selb
ständig
erledigen könne (Urk. 8/127/19-52 S. 22)
.
D
as Fehlen
von
Informationen betreffend die Unterstützung im Rahmen des betreuten Wohnens
und die Teilnahme am Beschäftigungsprogramm wurde bereits
erwähnt
(vgl. E. 4.1.1).
Mit Bezug auf das Hören von Stimmen ist zu berücksichtigen, dass diese
gemäss
den Angaben des Beschwerdeführers im Laufe der Zeit
zwar
weniger bedrohlich
ausf
ielen
, aber
im Begutachtungszeitpunkt
nach wie vor
dauerhaft
auft
raten und der Beschwerdeführer bei der Untersuchung immer wieder leicht abwesend wirkte
(Urk. 8/127/19-52 S. 18)
.
Die
von Dr.
B._
erwähnte adä
quate
Inte
raktion des Beschwerdeführers in allen
sozialen Bereich
en (S. 22)
widerspricht den im Rahmen der Untersuchung erhobenen Befunden
(vgl. S. 18),
wobei der Gutachter insbesondere festhielt,
während der
gesamten Untersu
chungs
situation
habe keine adäquate Interaktion aufgebaut werden können
(S. 22). Im Weiteren ging
Dr.
B._
unter Hinweis auf den Bericht
von
Z._
vom 11.
Dezember 2017 (Urk. 8/80) von einer 80%igen
Arbeitsfähigkeit
in jeglicher Tätigkeit
aus, wobei er deren Beginn auf
Dezember 2017
respektive
Februar 2018
ansetzte
(
Urk. 8/127/19-52 S. 28 f
f
.
).
Den
aktuelleren Bericht
von
Z._
vom 16. Juli 2018 (Urk. 8/99),
welcher – im Vergleich
zu jenem
vom Dezember 2017 – wesentlich negativer ausfiel und
in welchem
unter anderem
der Abbruch des Arbeitsversuchs seitens des Einsatzbetriebs sowie
die immer wieder auftre
tenden Schwierigkeiten des Beschwerdeführers mit anderen Mitarbeitern
und
seinem
Vorgesetz
t
en (unter anderem
Auseinandersetzungen
/
mangelnde Konflikt
lösung
mit Mitarbeitern
, fehlende persönliche Kommunikation mit dem Vorge
setz
t
en
;
S.
2
, vgl. auch Urk. 8/
95 S. 17)
thematisiert wurde
n
, erwähnte der psy
chiatrische Experte in diesem Zusammenhang
indessen
nicht.
Im Rahmen der zusätzlichen psychiatrischen Beurteilung (vgl. E. 4.1.2) wird somit auch der Ver
lauf der Arbeitsfähigkeit ergänzend zu beurteilen sein.
5.
5.1
Die Kosten des Verfahrens sind auf Fr.
7
00.-- festzulegen und, da die
eventualiter beantragte
Rück
wei
sung an die Verwaltung nach ständiger Rechtsprechung als vollständiges Obsie
gen gilt (vgl. etwa Urteil des damaligen Eidgenössischen Ver
siche
rungsgerichts U 199/02 vom 10. Februar 2004 E. 6 mit Hinweis auf BGE 110 V 57 E. 3a; SVR 1999 IV Nr. 10 S. 28 E. 3), ausgangsgemäss von der Beschwer
degegnerin zu tragen (
Art. 69 Abs. 1
bis
IVG
)
.
Damit erweist sich das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Prozessführung (Urk. 1 S. 2) als gegen
standslos.
5.2
Dem Verfahrensausgang entsprechend
ist
die Beschwerdegegnerin
zu ver
pflich
ten
, eine Prozessentschädigung zu bezahlen.
Die Höhe der gerichtlich festzuset
zenden Entschädigung bemisst sich nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht
auf den Streitwert (§ 34 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
, in Verbindung mit Art. 61
lit
. g ATSG). Es ist dem Beschwerdeführer unter Berücksichtigung dieser Grundsätze eine Pro
zess
ent
schädigung von Fr.
2’
3
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen.
Entsprechend erweist sich
auch
das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Prozessver
tre
tung (Urk. 1 S. 2) als gegenstandslos.