Decision ID: 12ca60d7-1436-5a90-b0e7-db734e746c20
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine Tamilin aus dem Distrikt Mullaitivu, Nord-
provinz – suchte am 1. Juni 2018 in der Schweiz um Asyl nach. Anlässlich
der Befragung zur Person (BzP) vom 6. Juni 2018 und der Anhörung vom
20. Januar 2020 führte sie im Wesentlichen aus, sie und ihre Familie habe
sich während des Krieges in Vavuniya aufgehalten und von 2009 bis 2010
dort in einem Flüchtlingscamp gelebt. Daraufhin sei sie (die Beschwerde-
führerin) nach C._ gegangen, wo sie bis Oktober 2011 die Schule
besucht habe. Dann sei sie wieder an Ihren Herkunftsort im Vanni-Gebiet
zurückgekehrt, wo sie bis Ende 2013 zur Schule gegangen sei. Ihr Vater
habe früher den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) angehört. Er sei
zirka einmal pro Woche zuhause kontrolliert worden und habe jeweils seine
Unterschrift abgeben müssen. Sie selbst habe ab 2012 im Armeecamp
D._ während zirka eines Jahres ihre Unterschrift leisten müssen.
Vermutlich sei sie unter Verdacht gestanden, bei den LTTE mitgemacht zu
haben. 2013 sei sie anlässlich einer solchen Vorsprache von drei Militär-
angehörigen vergewaltigt worden. Ihre Eltern hätten ihr daraufhin verboten,
nach draussen zu gehen und über den Vorfall zu sprechen. Als der Vorfall
im Dorf dennoch publik geworden sei, hätten ihre Eltern entschieden, sie
nach Jaffna zu bringen. Dort habe sie eine Zeitlang bei ihrem Onkel müt-
terlicherseits und dessen Ehefrau gewohnt. Da ihr Onkel von ihrem Prob-
lem erfahren habe, habe er Angst gehabt, ihr weiterhin Unterkunft zu ge-
währen, worauf sie an Ihren Herkunftsort zurückgekehrt sei. Ihre Eltern hät-
ten sie nicht mehr behandelt wie früher. Sie habe in ihrem Zimmer bleiben
müssen. Sie habe ihrem Vater, zu welchem das Verhältnis besser gewesen
sei, mitgeteilt, dass sie ihr Elternhaus verlassen möchte. Er habe sie da-
raufhin nach C._ gebracht, wo sie bei einem anderen Onkel müt-
terlicherseits gewohnt habe. Als der Vorfall auch dort bekannt geworden
sei, sei sie im April oder Mai 2014·nach Colombo gegangen, wo sie bis zu
ihrer Ausreise an verschiedenen Orten gelebt habe, zuerst bei einer Freun-
din ihrer Mutter, später bei Freunden derselben. Zwischen 2014 und 2016
sei sie regelmässig in Indien gewesen. 2014 habe sie in Indien einen Mann
mit Schweizer Staatsbürgerschaft geheiratet. Dieser habe sie in die
Schweiz holen wollen. Dazu sei es jedoch nicht gekommen. Im Jahre 2016
habe ihr Ehemann den Kontakt zu ihr abgebrochen. Ab 2017 habe sie
durchgehend in Colombo gelebt. Seit ihrem Aufenthalt in Colombo habe
sie keinen direkten Kontakt mehr mit ihren Eltern. Weil sie in Sri Lanka
keinen Platz mehr gehabt habe, habe sie sich zur Ausreise entschieden.
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Seite 3
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
B.
Am (...) wurde das Kind B._ geboren.
C.
Die Vorinstanz gewährte der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin auf
entsprechende Anfrage vom 5. Februar 2020 mit Verfügung vom 10. Feb-
ruar 2020 Akteneinsicht und das rechtliche Gehör dazu. In ihrer Stellung-
nahme vom 24. Februar 2020 machte die Beschwerdeführerin geltend, der
Regierungswechsel in Sri Lanka vom November 2019 würde gegen ihre
Rückkehr dorthin sprechen. Zudem sei sie von ihrer Familie verstossen
worden. Durch die Geburt ihres unehelichen Kindes habe sie sich zusätz-
lich in Verruf gebracht.
D.
Mit Verfügung vom 28. Februar 2020 – eröffnet am 2. März 2020 – stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführerin und ihr Kind erfüllten die Flücht-
lingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte
es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Es be-
gründete seine Verfügung im Wesentlichen damit, die Vorbringen der Be-
schwerdeführerin würden den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft nicht standhalten.
E.
Mit Eingabe vom 1. April 2020 erhob die Beschwerdeführerin durch ihre
Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean-
tragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Gewährung
von Asyl, eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit und Unzumutbar-
keit des Vollzugs der Wegweisung und die Gewährung der vorläufigen Auf-
nahme. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie die Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege unter Beiordnung ihrer Rechtsvertreterin
als unentgeltliche Rechtsbeiständin und den Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
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Seite 4
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid im Wesentlichen damit, die
geltend gemachte Vergewaltigung, die sich 2013 im Rahmen einer Melde-
pflicht der Beschwerdeführerin im Militärcamp ereignet habe, habe im Zeit-
punkt ihrer Ausreise zu weit zurückgelegen, um noch als Anlass für diese
gewertet zu werden. Daran ändere auch der Umstand nichts, dass es sich
dabei um ein belastendes Ereignis gehandelt habe. Es würden auch keine
Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie aus diesem Vorkommnis zum Zeit-
punkt ihrer Ausreise noch asylbeachtliche Nachteile zu gewärtigen gehabt
hätte. Es bestehe folglich zwischen Verfolgung und Flucht in zeitlicher und
sachlicher Hinsicht kein Kausalzusammenhang, weshalb diesem Vor-
kommnis keine Asylrelevanz zukomme. Dasselbe gelte für die zirka einjäh-
rige Meldepflicht von 2012/2013. Weiter würden keine Anhaltspunkte dafür
vorliegen, dass wegen der Vergewaltigung eine begründete Furcht vor zu-
künftiger Verfolgung vorgelegen hätte. Auch sei den Akten nicht zu entneh-
men, dass sie in Bezug auf die allfällige Mitgliedschaft des Vaters bei den
LTTE verhört worden wäre. Der Beschwerdeführerin sei es nicht gelungen,
eine aktuelle Verfolgungssituation, die den Anforderungen an die Flücht-
lingseigenschaft zu genügen vermöchte, geltend zu machen. Überdies sei
die Beschwerdeführerin zwischen 2014 und 2017 mehrmals mit einem Vi-
sum legal nach Indien und zurück nach Sri Lanka gereist. Aus den Akten
gehe nicht hervor, dass sie bei der jeweiligen Ein- respektive Ausreise in
asylrelevanter Hinsicht Probleme gehabt habe. Daher sei auch ihre Aus-
sage, wonach ihre Schwester ihr nach ihrer Ausreise mitgeteilt habe, dass
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Armeeangehörige nach ihr gefragt hätten, nicht nachvollziehbar. Abgese-
hen davon könne aufgrund einer solchen Suche nicht auf asylrechtlich re-
levante Verfolgungsmassnahmen geschlossen werden. Ferner bestehe
auch unter Berücksichtigung der bundesverwaltungsgerichtlichen Recht-
sprechung gemäss Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 3016 sowie
der am 16. November 2019 erfolgten Präsidentschaftswahl kein begründe-
ter Anlass zur Annahme, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein werde. Zu-
dem gehe den Akten auch nicht hervor, dass sie sich exilpolitisch betätigt
hätte.
5.2 Die Beschwerdeführerin macht demgegenüber im Wesentlichen gel-
tend, sie habe nach ihrer Vergewaltigung keinen Schutz von Verwandten
erhalten. Da sie erst nach einer gewissen Zeit gewusst habe, dass sie in
Sri Lanka alleine und schutzlos leben müsste, habe sie mit der Ausreise
zugewartet. Die Isolation und der fehlende Schutz hätten die Gefahr eines
erneuten Übergriffs erhöht. Auch NGO's würden von einer Verbreitung se-
xueller Gewalt gegen tamilische Frauen und Mädchen durch Militärs oder
Polizisten berichten. Schliesslich habe die Beschwerdeführerin erst durch
den telefonischen Kontakt mit ihrer Schwester erfahren, dass sie in ihrer
Abwesenheit von Angehörigen des Militärs gesucht worden sei. Damit
habe im Zeitpunkt ihrer Flucht eine Verfolgung bestanden. Entgegen der
Argumentation der Vorinstanz könne unter Hinweis auf die fehlende Verfol-
gung des Vaters nicht geschlossen werden, dass die Beschwerdeführerin
keiner künftigen Verfolgung ausgesetzt sein werde. So müsse sie nebst
ihrer verwandtschaftlichen Beziehung zu einem ehemaligen LTTE-Mitglied
– ihrem Vater – auch als (alleinstehende) Frau mit Verfolgung rechnen.
Dies habe die Vorinstanz ausser Acht gelassen. Gemäss der Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts würden zudem Personen, die ver-
dächtigt würden, mit der LTTE in Verbindung zu stehen oder gestanden zu
haben, einer erhöhten Verfolgungsgefahr unterliegen. Dabei wird auf das
Urteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 verwiesen.
6.
6.1 Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffenden Erkenntnis ge-
langt, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin den Anforderungen an
die Asylrelevanz im Sinne von Art. 3 AsylG nicht genügen. Auf die Erwä-
gungen der vorinstanzlichen Verfügung sowie auf deren Wiedergabe unter
E. 5.1 kann zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen werden.
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Gemäss konstanter schweizerischer Asylpraxis setzt der Begriff der Flücht-
lingseigenschaft einen in zeitlicher und sachlicher Hinsicht genügend en-
gen Kausalzusammenhang zwischen Verfolgung und Flucht voraus. Wie
von der Vorinstanz zutreffend festgestellt worden ist, können die geltend
gemachten Übergriffe auf die Beschwerdeführerin – die Vergewaltigung im
Jahre 2013 im Militärcamp sowie die zirka einjährige Meldepflicht
2012/2013 – für sich betrachtet nicht als kausal für die Ausreise im Februar
2018 angesehen werden. Die Vorinstanz ist zudem zu Recht zum Schluss
gelangt, dass weder konkrete Indizien noch Anhaltspunkte für eine in sub-
jektiver und objektiver Hinsicht begründete Furcht vor ernsthaften Nachtei-
len vorliegen würden. Daran vermag der Einwand der Beschwerdeführerin,
wonach sie in Sri Lanka alleine und schutzlos und damit einer erhöhten
Gefährdung ausgesetzt gewesen sei, beziehungsweise aufgrund der all-
gemein verbreiteten sexuellen Gewalt sein werde, nichts zu ändern. Er-
gänzend ist festzustellen, dass das Asylrecht nicht zur Wiedergutmachung
von geschehenem Unrecht dient, weshalb die Vergewaltigung als solche
nicht als Grund für die Gewährung der Flüchtlingseigenschaft zu genügen
vermag. Wie die Vorinstanz ferner festgestellt hat, ist auch das Vorbringen
der Beschwerdeführerin anlässlich ihrer Anhörung, wonach sie von ihrer
Schwester telefonisch erfahren habe, dass Armeepersonen nach ihr ge-
fragt hätten, nicht plausibel. Überdies ist nebst dem zutreffenden Hinweis
der Vorinstanz auf die wiederholten legalen, offenbar problemlos verlaufe-
nen Ein- und Ausreisen der Beschwerdeführerin nach Indien und zurück
nach Sri Lanka vorliegend festzustellen, dass sie eigenen Angaben zufolge
bereits am 28. Februar 2018 in die Schweiz eingereist ist und sich hier am
25. März 2018 mit einem Landsmann (N [...]) verlobt hat, ihr Asylgesuch
indes erst, nachdem sie von der Polizei angehalten worden war, am 1. Juni
2018 eingereicht hat. Ein solches Verhalten entspricht nicht demjenigen
einer Person, die ernsthafte Nachteile zu gewärtigen hat.
Soweit in der Beschwerdeschrift zudem auf den Ausgang und die mögli-
chen Auswirkungen der Präsidentschaftswahlen von November 2019 hin-
gewiesen wird, ist festzustellen, dass sich das Bundesverwaltungsgericht
dieser Veränderungen in Sri Lanka bewusst ist. Es beobachtet die Entwick-
lungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheidfindung.
Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand durchaus von einer möglichen Ak-
zentuierung der Gefährdungslage auszugehen, der Personen mit einem
bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind beziehungsweise bereits vorher
ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-
1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri Lanka: Families of "Disappeard"
Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen
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Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Be-
völkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären.
Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher
Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. No-
vember 2019 respektive deren Folgen besteht.
Zwar war der Beschwerdeführerin in den Jahren 2012/2013 eine Melde-
pflicht auferlegt worden. Zudem wurde sie im Rahmen derselben Opfer ei-
ner Vergewaltigung. Ob diese im Zusammenhang mit der früheren Tätigkeit
ihres Vaters bei der LTTE stand, kann nicht eruiert werden respektive die
diesbezügliche Aussage basiert auf einer blossen Vermutung der Be-
schwerdeführerin. Indessen war sie seither keiner weiteren Verfolgung
ausgesetzt. Zudem lebt ihr Vater offenbar weiterhin an seinem früheren
Wohnort, ohne dabei wegen seiner Vergangenheit behelligt zu werden. Die
Vorinstanz hat folglich zu Recht das Vorliegen von Risikofaktoren im Sinne
der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung verneint. Es sind
auch sonst keine Anhaltspunkte ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin
im aktuellen politischen Kontext in Sri Lanka in den Fokus der sri-lanki-
schen Behörden geraten ist und mit asylrelevanter Verfolgung zu rechnen
hat.
6.2 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden
keine Verfolgung oder begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen konnte und
deshalb nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. Das SEM hat ihr Asyl-
gesuch somit zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
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gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung mit zutreffender
Begründung erkannt, dass der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
Nichtrückschiebung mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keine
Anwendung findet und keine anderweitigen völkerrechtlichen Vollzugshin-
dernisse erkennbar sind. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts lassen weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch
die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungs-
vollzug als unzulässig erscheinen (vgl. E-1866/2015 E. 12.2 f.). An der La-
geeinschätzung in E-1866/2015 ist weiterhin festzuhalten. Auch der Euro-
päische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat wiederholt festge-
stellt, dass nicht generell davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen
drohe in Sri Lanka eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoeinschät-
zung müsse im Einzelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des EGMR R.J.
gegen Frankreich vom 19. September 2013, 10466/11, Ziff. 37). Weder aus
den Vorbringen der Beschwerdeführenden noch in anderweitiger Hinsicht
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ergeben sich konkrete Anhaltspunkte dafür, dass sie im Falle einer Aus-
schaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
gemäss der EMRK oder der FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wären. Dies gilt auch unter Berücksichtigung der Ergebnisse der
Präsidentschaftswahlen von November 2019 und des diplomatischen Kon-
flikts zwischen der Schweizer Botschaft und den sri-lankischen Behörden
(vgl. E. 6.2 hievor).
Der Vollzug der Wegweisung ist somit sowohl im Sinne der flüchtlings- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Das SEM hat sich auch einlässlich mit der Frage der Zumutbarkeit
des Vollzugs der Wegweisung der Beschwerdeführenden befasst und die
Zumutbarkeit bejaht. Diesen zu bestätigenden Erwägungen ist grundsätz-
lich nichts beizufügen.
8.3.2 Die aus der Nordprovinz stammende Beschwerdeführerin hat ihren
Angaben zufolge zuletzt in C._ (Ostprovinz) respektive seit 2014
alleine in Colombo gelebt. Zwar gab sie an, nie gearbeitet zu haben. Im-
merhin verfügt sie über mehrere Jahre Schulbildung. Zudem deuten wie
bereits von der Vorinstanz ausgeführt worden ist, ihr mehrjähriger Aufent-
halt in Colombo sowie ihre wiederholten Reisen nach Indien zwischen 2014
und 2016 auf eine gewisse Selbständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit
hin. Dies traf offenbar auch nach Abbruch ihrer Beziehung zu ihrem (ers-
ten) Ehemann – einem Tamilen mit Schweizer Pass (Heirat im Jahre 2014
in Indien, Abbruch der Beziehung 2016) – bis zu ihrer Ausreise im Februar
2018 zu. Ihren Angaben kann weiter entnommen werden, dass sie mit ih-
rem Bruder sowie ihrer Schwester, welche bei den Eltern beziehungsweise
bei einer Tante leben, weiterhin in Kontakt steht. Zudem leben weitere Ver-
wandte der Beschwerdeführerin (Tanten, Onkel) in Sri Lanka (vgl. Akten
A13 S. 6, A27 F33 ff.). Schliesslich lernte sie im Jahre 2017 ihren jetzigen
Verlobten – ein aus Batticaloa (Ostprovinz) stammender Landsmann –
über Facebook kennen, mit dem sie im März 2018 in der Schweiz die
"Ringe ausgetauscht" habe. Aus dieser Beziehung soll das im (...) gebo-
rene Kind stammen. Es steht der Beschwerdeführerin frei, zusammen mit
ihrem Kind und ihrem Verlobten, der aufgrund eines kürzlich ergangenen
negativen Wegweisungsentscheids die Schweiz ebenfalls zu verlassen
hat, in ihren Heimatstaat zurückzukehren.
Selbst wenn die Beschwerdeführenden bei einer allfälligen Rückkehr nach
Sri Lanka in einer ersten Zeit auf gewisse Anfangsschwierigkeiten stossen
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sollten, ist insgesamt davon auszugehen, dass sie durch ihre Verwandten
Unterstützung erhalten werden, so dass sie dort eine neue Existenz wer-
den aufbauen können.
Was die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte gesundheitliche
Situation betrifft, führte sie in ihrer Stellungnahme vom 24. Februar 2020
aus, aufgrund des Erlebten psychisch angeschlagen zu sein, weshalb sie
beabsichtige, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Wenn auch in
der Beschwerdeschrift dazu nichts mehr vorgebracht wird, ist auf die zu-
treffenden Erwägungen der Vorinstanz hinzuweisen, wonach Sri Lanka
über eine relativ gut funktionierende Gesundheitsversorgung verfügt und
Medikamente zur Behandlung psychischer Probleme verfügbar sind (vgl.
beispielsweise das Urteil des BVGer E-3609/2019 vom 29. Oktober 2019
mit weiteren Hinweisen), womit nicht auf eine konkrete Gefährdung in Form
einer medizinischen Notlage nach dem Verständnis von Art. 83 Abs. 4 AuG
geschlossen werden kann. Auch das Vorbringen, wonach aufgrund der
derzeitigen Pandemie von einer medizinischen Notlage auszugehen sei,
stellt kein Wegweisungsvollzugshindernis dar. Überdies steht der Be-
schwerdeführerin für eine allfällige Behandlung nach erfolgtem Wegwei-
sungsvollzug die Möglichkeit einer individuellen medizinischen Rückkehr-
hilfe offen, sei es in der Form von Medikamenten als auch in finanzieller
Hinsicht, um damit in einer ersten Phase die allenfalls notwendigen Be-
handlungskosten in ihrem Heimatstaat zu bezahlen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d
AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 über Finanzie-
rungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]). Ergänzend ist darauf hinzuweisen,
dass eine allfällige akute vollzugsrelevante gesundheitliche Beeinträchti-
gung der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt des Vollzugs zu berücksichti-
gen sein wird.
8.3.3 Schliesslich ist in Bezug auf das Kind der Beschwerdeführerin fest-
zustellen, dass aufgrund seines noch sehr jungen Alters davon auszuge-
hen ist, dass seine Eltern seine wichtigsten Bezugspersonen sind und auch
nicht von einer Integration in der Schweiz ausgegangen werden kann, wel-
che einer Entwurzelung darstellen und damit einer Rückkehr nach Sri
Lanka entgegenstehen würde. Dementsprechend ist die Vorinstanz auch
hinsichtlich des Kindswohls zu Recht von der Zumutbarkeit des Vollzugs
der Wegweisung ausgegangen.
8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
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Seite 12
8.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, für sich und ihr Kind
bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr
notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und
dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Im Übrigen steht auch die Corona-Pandemie – entgegen der Ansicht
der Ausführungen der Beschwerdeführenden – dem Wegweisungsvollzug
nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus,
dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern
voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Mo-
nate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hin-
dernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss
temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatstaat angepasst
wird. In diesem Rahmen würde auch eine allfällige Zugehörigkeit der Be-
schwerdeführenden zu einer Corona-Risikogruppe Rechnung zu tragen
sein.
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Die Beschwerdeführenden ersuchten um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung. Eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel
verfügt, wird auf Antrag hin von der Bezahlung der Verfahrenskosten be-
freit, sofern ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 65 Abs. 1
VwVG). Aufgrund obiger Erwägungen ist die eingereichte Beschwerde als
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aussichtslos zu erachten, weshalb das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG abzuweisen
ist.
10.2 Mit dem vorliegenden Direktentscheid ist das Gesuch um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
10.3 Das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von
Art. 102m Abs. 1 AsylG ist mangels Erfüllens der Voraussetzungen von
Art. 65 Abs. 1 VwVG ebenfalls abzuweisen.
10.4 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den
Beschwerdeführernden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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