Decision ID: 25b8f8c5-be5c-4501-b965-2c41b71925e5
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 21.05.2015 UVG Art. 6: Auch aufgrund der zusätzlichen Abklärungen, die durch den Rückweisungsentscheid UV 2008/31 vom 16. Dezember 2009 veranlasst worden waren, sind keine unfallkausalen Gesundheitsbeeinträchtigungen ausgewiesen. Abweisung der Beschwerde gegen den Einspracheentscheid der Unfallversicherung, die eine weitere Leistungspflicht abgelehnt hatte (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 21. Mai 2015, UV 2013/34).Bestätigt durch Urteil des Bundesgerichts 8C_510/2015.Vizepräsidentin Miriam Lendfers, Versicherungsrichterin Lisbeth Mattle Frei,Versicherungsrichter Joachim Huber; Gerichtsschreiberin Vera Holenstein WerzEntscheid vom 21. Mai 2015 in SachenA._,Beschwerdeführerin,vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Martin Suenderhauf, Gäuggelistrasse 16/Brunnenhof, Postfach 545, 7002 Chur,gegenAXA Versicherungen AG, General Guisan-Strasse 40, Postfach 357, 8401 Winterthur,Beschwerdegegnerin,betreffendVersicherungsleistungenSachverhalt:
A.
A.a A._ war als kaufmännische Angestellte bei der B._ tätig und dadurch bei den
AXA Versicherungen AG (AXA; damals noch Winterthur-Versicherungen) obligatorisch
gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 11. September 2002 kollidierte die Bahn
in D._ mit ihrem Personenwagen (UV-act. A1). Bei der Ausfahrt aus dem Kreisel
"E._" hielt sie vor einem Fussgängerstreifen an. Die Bahn konnte nicht mehr
rechtzeitig gestoppt werden, stiess auf der Fahrerseite in den Personenwagen der
Versicherten und schob diesen auf das angrenzende Trottoir sowie dort gegen eine
Stützmauer (Akten der Staatsanwaltschaft F._ Akt. 2 S. 13 und Akt. 3). Die
Versicherte erlitt eine Distorsion der Halswirbelsäule (UV-act. M1 f.). Bei der
kraniozerebralen und vertebrospinalen Kernspintomographie (MRI C0 bis Th5) vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
18. Dezember 2002 ergab sich keine intrakranielle Pathologie. Neben einer mässigen
Streckfehlhaltung C3 bis C7 im Liegen und einer leichten Skoliosehaltung wurde ein
feiner Einriss des Anulus fibrosus C6/C7 mit kleiner Diskushernie, aber ohne dadurch
verursachte neurale Irritation festgestellt (UV-act. M4 bzw. M15). Vom 28. April bis
7. Juni 2003 weilte sie zur stationären Rehabilitation in der Klinik G._ (UV-act. M11).
Nach der Kündigung ihres Arbeitsvertrages per Ende September 2003 durch ihre
bisherige
Arbeitgeberin (UV-act. A8) und einer Phase mit Arbeitslosigkeit absolvierte die
Versicherte durch die Invalidenversicherung (IV) finanzierte Umschulungen zur
Technischen Kauffrau und anschliessend zur Planerin Marketing-Kommunikation (vgl.
UV-act. A48, A58). Der Heilungsprozess verlief schwankend; im Vordergrund standen
Nackenbeschwerden und Kopfschmerzen (UV-act. M13, M16, M20, M27 bis M30). Die
Versicherte nahm verschiedene Medikamente ein (v.a. Schmerzmittel), wurde
physiotherapeutisch und vorübergehend mit Akupunktur (vgl. UV-act. M23 und M27)
behandelt und führte eine medizinische Trainingstherapie (MTT) durch. Wegen
Sehproblemen wurde ihr eine Brille verschrieben (UV-act. M19). Bei der
neuropsychologischen Untersuchung vom 8. bzw. 16. Februar 2005 wurde eine
minimale neuropsychologische Funktionsstörung diagnostiziert (UV-act. M26). Die AXA
erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilungskosten und Taggelder). Im Auftrag der
AXA erstattete die Academy of Swiss Insurance Medicine (asim), Basel, am
29. Dezember 2006 ein polydisziplinäres Gutachten unter Einbezug von Fachärzten der
Inneren Medizin, Rheumatologie, Psychiatrie und Neurologie sowie
Neuropsychologinnen (UV-act. M31 mit Beilagen 1 bis 4).
A.b Mit Verfügung vom 17. Juli 2007 verneinte die Axa daraufhin eine weitere
Leistungspflicht und stellte die Heilungskosten per 31. Juli 2007 und die Taggelder per
31. August 2007 ein. Die dagegen erhobene Einsprache der Versicherten wies sie mit
Entscheid vom 30. Januar 2008 ab. Die Beschwerde vom 6. März 2008 gegen diesen
Einspracheentscheid hiess das Versicherungsgericht mit Urteil vom 16. Dezember
2009 teilweise gut (Prozess-Nummer UV 2008/31). Es hob den Einspracheentscheid
vom 30. Januar 2008 auf und wies die Axa an, Abklärungen bezüglich des feinen
Einrisses des Anulus fibrosus C6/C7 zu tätigen sowie allenfalls ein biomechanisches
Gutachten und weitere medizinische Untersuchungen durchzuführen.
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Das neue MRI der Wirbelsäule wurde am 6. September 2010 erstellt (UV-act.
M36). Dr. H._, Oberarzt, und Dr. I._, Leitender Arzt am Institut für Radiologie des
Kantonsspitals St. Gallen, beurteilten die Bilder mit multisegmentalen minimalen
flachbogigen Diskushernien (HWK 3 bis HWK 7) ohne Hinweis auf eine Kompression
neuraler Strukturen. Beim Vergleich der Aufnahmen vom 6. September 2010 mit
denjenigen vom 18. Dezember 2002 (Bericht Dr. med. J._, FMH medizinische
Radiologie, St. Gallen, vom 19. Dezember 2002, UV-act. M4) wies Dr. I._ am
4. Januar 2011 auf eine zwischenzeitliche geringe Dehydratation der betroffenen
Bandscheibe hin, so dass der periphere Riss im Anulus fibrosus zwar weiterhin
nachweisbar, jedoch weniger augenfällig sei, bei ansonsten unveränderter kleiner
zervikaler Diskushernie (UV-act. M40). Am 5. Mai 2011 gab die Axa bei der
Arbeitsgruppe für Unfallmechanik (AGU) die biomechanische Beurteilung in Auftrag
(UV-act. A144). Die technische Unfallanalyse nahm K._, dipl. Automobil-Ing. HTL, am
4. Juni 2011 vor, biomechanisch beurteilten L._, Fachärztin für Rechtsmedizin, PD
Dr. sc. techn. M._, Dipl.-Ing. (TH) Universität N._, sowie Dr. sc. techn. O._, Dipl.-
Ing. ETH, die Akten am 19. Juli 2011 (UV-act. A153). Die Einwände der Versicherten
vom 31. Oktober 2011 gegen diese Beurteilungen unterbreitete die AXA der AGU am
5. Dezember 2011 (UV-act. A157 f.). Am 1. Februar 2012 nahm Ingenieur K._ Stellung
(UV-act. A165). Die ergänzende biomechanische Beurteilung durch med. pract. L._
und Dr. O._ datiert vom 19. März 2012 (UV-act. A166).
B.b Am 22. Mai 2012 verfügte die Unfallversicherung und hielt an der Einstellung der
Heilungskosten per Ende Juli 2007 sowie der Taggelder per Ende August 2007 und an
der Verneinung eines Anspruchs auf eine Invalidenrente und auf eine
Integritätsentschädigung fest (UV-act. A167). Die ergänzenden Stellungnahmen der
Experten legte sie der Verfügung bei. Die dagegen erhobene Einsprache vom 23. Juni
2012 (UV-act. A171) wies die AXA mit Entscheid vom 15. April 2013 ab (UV-act. A176).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob die Versicherte am 22. Mai 2013
Beschwerde (act. G 1) und stellte folgende Anträge:
1. Der Einspracheentscheid vom 15. April 2013 und die Verfügung vom 22. Mai 2012
i.S. A._ seien vollumfänglich aufzuheben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2. Die Sache sei zur weiteren Abklärung und Festlegung der gesetzlichen
Versicherungsleistungen mit Wirkung ab 1. August 2007 (Heilbehandlung) bzw.
1. September 2007 (Taggeldleistungen/Rente/Integritätsentschädigung/übrige
gesetzliche Leistungen aus der Bundesgesetzgebung über die Unfallversicherung) an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; dabei sei festzustellen, dass der
Beschwerdeführerin ab 1. August 2007 (Heilbehandlung) bzw. ab 1. September 2007
weiterhin Anspruch auf sämtliche gesetzlichen Versicherungen zusteht.
3. Eventualiter seien der Versicherten mit Wirkung ab 1. September 2007 sämtliche
gesetzlichen Versicherungsleistungen zu erbringen bzw. zuzusprechen, insbesondere
folgende:
3.1 Es seien mit Wirkung ab 1. September 2007 weiterhin die gesetzlichen
Taggeldleistungen auszurichten. Eventualiter seien ab 1. September 2007 auf der Basis
eines Invaliditätsgrads von mindestens 50% Rentenleistungen zuzusprechen.
3.2 Es seien der Versicherten ab 1. August 2007 weiterhin sämtliche erforderlichen
Heilbehandlungen zu finanzieren.
3.3 Zugunsten der Versicherten sei die gesetzlich geschuldete
Integritätsentschädigung festzulegen.
3.4 Es seien der Versicherten sämtliche übrigen gesetzlichen Leistungen aus der
Bundesgesetzgebung über die Unfallversicherung zuzusprechen.
4. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, der Beschwerdeführerin für das
Einspracheverfahren Parteikosten in Höhe von Fr. 2'808.-- zu entschädigen.
5.1 Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, der Beschwerdeführerin in
Zusammenhang mit der Hospitalisation vom 2. - 7. Januar 2003 im Kantonsspital
St. Gallen Franchise- und Selbstbehaltskosten in Höhe von Fr. 532.70, zzgl. 5% Zins
seit 10. April 2003, und Fr. 29.55, zzgl. 5% Zins seit 15. Mai 2003, zu bezahlen.
5.2 Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, bezüglich der
Übernahme der Franchise- und Selbstbehaltskosten gemäss Abrechnung Concordia
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 10. April 2003 in Höhe von Fr. 532.70, zzgl. 5% Zins seit 10. April 2003, und der
Medikamentenkosten gemäss Abrechnung Concordia 15. Mai 2003 in Höhe von
Fr. 29.55, zzgl. 5% Zins seit 15. Mai 2003, innert 30 Tagen nach Entscheid des
Versicherungsgerichts zu verfügen.
6. Unter gesetzlicher Kosten- und Entschädigungsfolge, zuzüglich 8%
Mehrwertsteuer, zulasten der Beschwerdegegnerin.
Weiter beantragte der Rechtsvertreter die Durchführung einer öffentlichen Verhandlung
mit Einladung der Experten der AGU zur Erläuterung/Ergänzung des Gutachtens,
sofern keine Oberexpertise angeordnet werde. Weitere Anträge betreffen
Akteneditionen bei der Beklagten, der IV-Stelle, der Krankenkasse Concordia, der
Allianz Suisse, der Staatsanwaltschaft Graubünden, bei Dr. med. P._ und beim
Therapiecenter Q._. Die Beschwerdeführerin liess im Zusammenhang mit der
biomechanischen Beurteilung Verletzungen des rechtlichen Gehörs rügen, weil die
Beschwerdeführerin weder zur Gutachterstelle habe Stellung nehmen noch einen
eigenen Fragenkatalog habe einreichen können. Auch zur anschliessend eingeholten
Stellungnahme der AGU habe sich die Beschwerdeführerin vor Verfügungserlass nicht
äussern können. Selbst bei einer Heilung dieser Gehörsverletzungen im
Einspracheverfahren werde die Beschwerdegegnerin für die anwaltlichen
Aufwendungen von Fr. 2'808.-- in jedem Fall ersatzpflichtig. Mit der im
Einspracheverfahren vorgebrachten Kritik an der Unfallanalyse und der
biomechanischen Beurteilung habe sich die Beschwerdegegnerin nicht
auseinandergesetzt, sodass diesbezüglich der Anspruch auf Prüfung rechtserheblicher
Anträge und Stellungnahmen und auf Begründung des Entscheids verletzt sei. Weiter
liess die Beschwerdeführerin die von der Beschwerdegegnerin vorgenommene
Beurteilung des natürlichen Kausalzusammenhangs kritisieren. Die biomechanische
Beurteilung stütze sich zudem auf (einzeln aufgeführte) Akten, die sich nicht in den
Verfahrensakten der Beschwerdegegnerin befänden. Insgesamt sei die Aktenlage völlig
intransparent und müsse vorgängig des Gerichtsentscheids bereinigt werden. Die
Beschwerde beinhaltet weiter eine Auflistung von Fragen und Unklarheiten, die sich
nach Ansicht der Beschwerdeführerin aus der technischen Unfallanalyse ergeben.
Detailliert kritisiert wurden im Weiteren die biomechanische Beurteilung sowie der
entsprechende Ergänzungsbericht. Eingegangen wurde auch auf eine nach Ansicht der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin mindestens gegebene Teilursächlichkeit des Unfallereignisses für
die Schädigung der Halswirbelsäule und auf die Bedeutung der Kopfposition bzw.
eines Kopfanpralls beim Unfall. Betreffend die Erhebung des relevanten medizinischen
Sachverhalts liess die Beschwerdeführerin die Veranlassung einer neuen umfassenden
polydisziplinären Begutachtung als unerlässlich bezeichnen. Diesbezüglich wurden
einzeln und detailliert Mängel der asim-Begutachtung geltend gemacht. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin erachtete namentlich auch
neuroophtamologische und neurootologische Abklärungen als notwendig. Weitere
detaillierte Ausführungen betreffen das Vorliegen der Adäquanzkriterien.
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom 26. September
2013 die Abweisung der Beschwerde (act. G 7). Das Gericht wurde um Beizug der
vollständigen IV-Akten ersucht. Die in Nachachtung des Urteils des
Versicherungsgerichts vom 16. Dezember 2009 vorgenommenen Abklärungen hätten
ergeben, dass der Einriss im Anulus fibrosus nicht durch das Unfallereignis entstanden
sei. Zur Beurteilung der natürlichen Kausalität und Quantifizierung der
Leistungseinbusse der Beschwerdeführerin könne auf das asim-Gutachten abgestellt
werden. Der natürliche Kausalzusammenhang sei nicht gegeben. Betreffend die
Adäquanzbeurteilung verwies die Beschwerdegegnerin auf ihre Ausführungen in der
Beschwerdeantwort im Verfahren UV 2008/31. Zur Kritik der Beschwerdeführerin am
unfallanalytischen Gutachten hielt die Beschwerdegegnerin fest, es sei davon
auszugehen, dass die mit der Begutachtung betrauten technischen Experten die
vorhandenen Daten korrekt berücksichtigt und gewürdigt hätten. Dass sich nicht
sämtliche Überlegungen auch für unfallanalytische Laien nachvollziehen liessen, liege
in der Natur der Sache. Dies sei zudem gerade der Grund dafür, dass ein
unabhängiges Expertenteam mit der Beantwortung dieser Frage beauftragt worden sei.
C.c Die Beschwerdegegnerin liess in der Replik vom 3. März 2014 an den Anträgen
gemäss Beschwerde festhalten (act. G 16). Betreffend Ziff. 5 des Rechtsbegehrens
zeichne sich ein definitiver Vergleichsabschluss mit der Beschwerdegegnerin ab,
darüber werde nach Zahlungseingang informiert. Der Beizug der gesamten IV-Akten sei
sachlich angezeigt, damit sich das Gericht ein abgerundetes Bild machen könne.
Erneut wurde die Aktenführung der Beschwerdegegnerin detailliert kritisiert. Weiter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
liess die Beschwerdeführerin zu den Vorbringen in der Beschwerdeantwort Stellung
nehmen.
C.d Mit Duplik vom 20. Mai 2014 hielt auch die Beschwerdegegnerin an ihrem
Abweisungsantrag fest und nahm zu Vorbringen in der Replik Stellung (act. G 20).
C.e Auf weitere Vorbringen der Parteien wird, sofern entscheidwesentlich, im Rahmen

der Erwägungen eingegangen.
C.f Auf telefonische Anfrage des Gerichts verzichtete die Beschwerdeführerin auf die
in der Beschwerde beantragte mündliche Verhandlung (vgl. act. G 24).
Erwägungen:
1.
1.1 Streitig und zu prüfen ist die Einstellung der Versicherungsleistungen per 31. Juli
2007 (Heilungskosten) bzw. 31. August 2007 (Taggelder) sowie die Verneinung eines
Anspruchs auf eine Invalidenrente der Unfallversicherung und auf eine
Integritätsentschädigung.
1.2 In Antrag 5 der Beschwerde wird die Rückerstattung von Heilungskosten beantragt
(Franchise und Selbstbehalt zum Spitalaufenthalt vom 2. bis 7. Januar 2003). Die
Beschwerdeführerin liess in der Replik anmerken, dass dieser Punkt mit der
Beschwerdegegnerin durch Vergleich habe geklärt werden können, und kündigte die
Information des Gerichts nach Zahlungseingang an. Eine entsprechende Mitteilung
bzw. ein Rückzug des diesbezüglichen Beschwerdebegehrens ist nicht erfolgt. Da die
genannten Heilungskosten nicht zum Anfechtungsgegenstand des angefochtenen
Einspracheentscheids zählen, ist diesbezüglich auf die Beschwerde nicht einzutreten.
2.
Die Beschwerdeführerin lässt mehrere Verletzungen des rechtlichen Gehörs rügen. Die
rechtlichen Grundlagen zum rechtlichen Gehör wurden im Entscheid UV 2008/31
bereits dargelegt (E. 1.2). Darauf wird verwiesen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 In Bezug auf das biomechanische Gutachten lässt die Beschwerdeführerin
vorbringen, dieses sei ohne ihre vorgängige Anhörung bei der AGU in Auftrag gegeben
worden (vgl. UV-act. A144). Dies trifft zu. Sie brachte diese Rüge ferner umgehend
nach der Beauftragung der AGU vor (UV-act. A146) und wiederholte sie in der
Beschwerde (act. G 1, Ziff. V.2, S. 7). Die Beschwerdeführerin macht einerseits geltend,
dass sie sich weder zur Gutachterstelle habe äussern noch eigene Fragen an die
Gutachter habe stellen können. Beides drängte sich im konkreten Fall jedoch nicht
zwingend auf. Es ist gerichtsnotorisch, dass die AGU für Unfallanalysen in der Schweiz
die im Zentrum stehende Gutachterstelle ist. Ausstandsgründe gegen die von der AGU
eingesetzten Experten sind ferner nicht ersichtlich. In Bezug auf die Fragen, die die
Beschwerdegegnerin den Gutachtern unterbreitete, ist festzuhalten, dass diese durch
den Rückweisungsentscheid des Versicherungsgerichts vom 16. Dezember 2009 (UV
2008/31 E. 4.4, UV-act. A131) vorgegeben waren. Von einer relevanten
Gehörsverletzung ist unter diesem Umständen nicht auszugehen.
2.2 Die Beschwerdeführerin lässt weiter eine Verletzung der Aktenführungspflicht nach
Art. 46 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG; SR 830.1) durch die Beschwerdegegnerin rügen. Nicht sämtliche Akten, die der
AGU zur Verfügung gestellt worden seien, hätten sich in den Verfahrensakten der
Beschwerdegegnerin befunden (Ziff. 7 der Beschwerde [act. G 1], S. 11 ff.). Der
Polizeirapport war in den Akten der Staatsanwaltschaft F._ enthalten und in diesen
von der Beschwerdegegnerin dem Auftrag vom 5. Mai 2011 (UV-act. A144) beigelegt
worden. Ob es sich beim "Erfassungs-Fragebogen", den "Gesprächs-/
Aussendienstberichten" und den "Medizinischen Akten", die auf Seite 2 des
biomechanischen Gutachtens (UV-act. A153) unter dem Titel Akten erwähnt werden,
um zusätzliche Unterlagen handelt, lässt sich aufgrund des biomechanischen
Gutachtens nicht klar beurteilen. Von der "Reparaturrechnung R._",
"Schadenexpertise R._" und den "Bildern R._" ist anzunehmen, dass es sich um
Bestandteile der "Unterlagen der Allianz Suisse, Motorfahrzeug Kaskoversicherer"
gemäss Beilagenverzeichnis der Beschwerdegegnerin handelt. Bei letzteren Unterlagen
trifft es zu, dass sie nicht mit einer Aktennummer im Verzeichnis der Unfallversicherung
aufgeführt sind. Es ist auch nicht ersichtlich, ob die Beschwerdeführerin selbst diese
Akten der Beschwerdegegnerin zur Verfügung gestellt hatte, handelt es sich doch um
Unterlagen ihrer eigenen Kaskoversicherung. Im Schreiben vom 9. Mai 2011 (UV-act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
146) verlangte die Beschwerdeführerin neben dem Ergebnis der zusätzlichen
medizinischen Abklärungen keine Einsicht in ihr bisher unbekannte Akten. Sollte die
AGU
neben denjenigen, die ihr von der Beschwerdegegnerin zur Verfügung gestellt worden
waren, weitere Akten beigezogen haben, kann der Beschwerdegegnerin in diesem
Zusammenhang nicht der Vorwurf gemacht werden, sie habe die Pflicht zur
Aktenführung verletzt. Im Rahmen der Gutachtenserstellung ziehen Gutachter
notorischerweise häufig weitere Akten bei, die im Gutachten aufzuführen sind (wie dies
auch vorliegend geschah). Den Auftraggeber in Bezug auf jedes derartige Aktenstück
vorab zu orientieren und von diesem zu verlangen, Verzeichnisse auch über diese
Akten zu führen, wäre schlicht nicht praktikabel. Betreffend Fotos des Unfalls ist
festzuhalten, dass diese sich in den Unterlagen der Staatsanwaltschaft F._ und damit
seit deren Beizug im September 2003 als separate Unterlagen in den Akten der
Beschwerdegegnerin befanden (vgl. UV-act. A9 f., Beilage 2 zur Beschwerdeantwort).
Für die Begutachtung durch die AGU zog die Axa die Originalfotos nochmals bei (vgl.
Beilage 3 zur Beschwerdeantwort und dort insbesondere die Mails des zuständigen
Mitarbeiters der Beschwerdegegnerin vom 18. Januar, 15. und 16. März 2011 sowie
weitere Korrespondenz mit dem zuständigen C._). Offenbar führte die
Beschwerdegegnerin die Akten der Staatsanwaltschaft F._, inklusive Polizeifotos
separat. Am 22. August 2011 (UV-act. A156) liess sie diese wohl als "Amtliche Akten"
bezeichneten Unterlagen dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin zusammen mit
den Allgemeinen Akten A1-A155 und den Medizinischen Akten M1-M40 zukommen.
Bei späteren
Aktenzustellungen am 14. August 2012 (vgl. UV-act. 173) und am 24. April 2013 (vgl.
UV-act. 180), je auf Einsichtsgesuch hin, erwähnte sie das separate Teildossier
"Amtliche Akten" nicht mehr und stellte es der Beschwerdeführerin auch nicht zu. Vom
Versicherungsgericht wurde der Beschwerdeführerin am 29. Oktober 2013 wiederum
Einsicht in sämtliche Akten gewährt, die die Beschwerdegegnerin mit der
Beschwerdeantwort vom 26. September 2013 (act. G 7) eingereicht hatte (act. G 9).
Insgesamt mag es zwar zutreffen, dass sich das gesamte Aktendossier nicht zuletzt
aufgrund der grossen Fülle nicht mehr sehr übersichtlich präsentiert. Dass der
Beschwerdeführerin jedoch Akten vorenthalten geblieben wären oder ihr daraus
sonstige konkrete Nachteile erwachsen wären, die ihren Gehörsanspruch vereitelt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hätten, ist jedoch nicht dargetan und nicht ersichtlich. Weitere Ausführungen hierzu
erübrigen sich folglich.
2.3 Der Beschwerdeführerin wurde keine Gelegenheit eingeräumt, sich vor Erlass der
Verfügung vom 22. Mai 2012 (UV-act. A167) zur ergänzenden Stellungnahme von
Ingenieur K._ vom 1. Februar 2012 (UV-act. A165) und zur ergänzenden
biomechanischen Beurteilung von med. pract. L._ und Dr. O._ vom 19. März 2012
(UV-act. A166) zu äussern. Vielmehr wurden ihr diese Ergänzungen erst als Beilage zur
Verfügung vom 22. Mai 2012 zur Kenntnis gebracht. Dies erscheint offenkundig als
unglücklich, war doch zu erwarten, dass ihr Rechtsvertreter die auf seine Kritikpunkte
Stellung nehmenden Ergänzungen der Experten seinerseits würde zur Kenntnis
nehmen und sich gegebenenfalls dazu würde äussern wollen. Konsequenzen ergeben
sich daraus jedoch nicht, da Art. 42 Satz 2 ATSG die Verschiebung des rechtlichen
Gehörs ins Einspracheverfahren zulässt und die Beschwerdeführerin sich dort denn
auch tatsächlich äussern konnte, auch zu den erwähnten ergänzenden
Expertenäusserungen.
2.4 Weiter macht die Beschwerdeführerin geltend, der Einspracheentscheid setze sich
nicht mit den Einwänden gegen die Unfallanalyse und die biomechanische Beurteilung
auseinander und verletze dadurch ebenfalls den Anspruch auf rechtliches Gehör. In
Bezug auf die Begründungsdichte ist nach der Rechtsprechung entscheidend, dass die
ausschlaggebenden Gründe für die fallbezogene Anwendung der einschlägigen
Rechtsnormen dargelegt werden. Der Entscheid muss überprüfbar sein, ohne dass den
Parteien wegen einer unzureichenden Begründung ein Nachteil entsteht (in diesem
Sinn Bundesgerichtsentscheid 8C_802/2007 vom 5. Mai 2008 E. 3.3). Die
entscheidende Instanz ist nicht gehalten, zu sämtlichen Vorbringen einer Partei in der
Begründung Stellung zu nehmen, die Begründungsdichte ist vielmehr ausreichend,
wenn die entscheidwesentlichen Gesichtspunkte behandelt werden (vgl. etwa den
Bundesgerichtsentscheid 9C_478/2009 vom 19. September 2009). Im Übrigen setzt die
höchstrichterliche Rechtsprechung die Anforderungen an die Begründungsdichte von
Einspracheentscheiden in der Regel weniger hoch an als bei Gerichtsentscheiden
(Entscheid I 3/05 des Eidg. Versicherungsgerichts vom 17. Juni 2005 E. 3.2.2).
Vorliegend nimmt der Einspracheentscheid die in der Einsprache geäusserte Kritik
lediglich teilweise auf. Eine umfassende Auseinandersetzung mit den Vorbringen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin enthält der Entscheid nicht. Dennoch ist erkennbar, worauf er sich
abstützt bzw. welchen Beweismitteln Beweiswert zuerkannt wird. Damit wurde die
Beschwerdeführerin grundsätzlich in die Lage versetzt, den Entscheid sachgerecht
anzufechten. Eine relevante Verletzung ihres rechtlichen Gehörs ist auch diesbezüglich
zu verneinen.
3.
Die Beschwerdeführerin beantragt weiter, ihr seien die Parteikosten für das
Einspracheverfahren von Fr. 2'808.-- von der Beschwerdegegnerin zu entschädigen.
Der angefochtene Einspracheentscheid äussert sich zu diesem Punkt nicht explizit; es
kann jedoch davon ausgegangen werden, dass in der Abweisung der Einsprache
insgesamt, in der auch Entschädigungsfolgen (zuzüglich 8% Mehrwertsteuer) verlangt
wurden (vgl. UV-act. A171), auch die Verneinung eines Entschädigungsanspruchs
enthalten ist, sodass diese Frage im vorliegenden Verfahren zum Streitgegenstand
zählt. Zutreffend ist, dass die Beschwerdeführerin Einsprache erheben musste, um ihr
Gehörsrecht in Bezug auf die ergänzenden Stellungnahmen der von der AGU
beigezogenen Experten wahrzunehmen (vgl. E. 2.3). Daraus lässt sich jedoch kein
Anspruch auf eine Parteientschädigung im Einspracheverfahren ableiten. Nach Art. 52
Abs. 3 Satz 2 ATSG werden im Einspracheverfahren in der Regel keine
Parteientschädigungen ausgerichtet. Die Beschwerdeführerin legt nicht dar, dass
besondere Umstände vorgelegen hätten, die eine ausnahmsweise Zusprache einer
Parteientschädigung im Einspracheverfahren gerechtfertigt hätten (vgl. für Hinweise auf
die restriktive Praxis der Gewährung von Parteientschädigung im Einspracheverfahren
Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2009, N 43 f. zu Art. 52).
Solche Gründe sind denn auch nicht ersichtlich, sodass die Zusprache einer
Parteientschädigung für das Einspracheverfahren nicht gerechtfertigt ist.
4.
Der Beizug weiterer Akten, insbesondere der IV-Akten oder jener des Verfahrens
UV 2008/31, drängt sich für die Beurteilung der sich im vorliegenden Verfahren noch
stellenden Fragen nicht auf, wie sich auch aus den nachfolgenden Erwägungen ergibt.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
In materieller Hinsicht hat das Versicherungsgericht im Entscheid UV 2008/31 die
rechtlichen Grundlagen betreffend den erforderlichen natürlichen und adäquaten
Kausalzusammenhang eines Leidens mit einem versicherten Unfall dargelegt, die
Voraussetzungen für den Wegfall einer einmal anerkannten Kausalität erläutert und
sowohl auf die sogenannte Schleudertraumapraxis wie auch auf die sogenannte
Psychopraxis Bezug genommen. Auch zur Anwendbarkeit und den Grundlagen des
Untersuchungsgrundsatzes, zur Beweislastverteilung und zum Beweiswert von
ärztlichen Berichten hat es sich geäussert (vgl. E. 3.1-3.5 des Urteils UV 2008/31).
Darauf wird verwiesen.
6.
6.1 Die vom Versicherungsgericht im Rückweisungsentscheid geforderten
Abklärungen bezüglich des "feinen dorsalen medianen peripheren Einrisses des Anulus
fibrosus C6/C7 unter Ausbildung einer minimen subligamentären medianen
Diskushernie ohne neuralen Kontakt" (MRI vom 18. Dezember 2002, UV-act. M4) hat
die Beschwerdegegnerin mit Veranlassung des MRI vom 6. September 2010
durchgeführt (UV-act. M36). Der Befund lautete auf eine leichte Dehydrierung der Disci
intervertebrales von HWK2 bis HWK7, auf minimale flachbogige Diskushernien HWK3
bis HWK6 ohne Kompression neuraler Strukturen und auf eine gering stärker
ausgeprägte, median betonte flachbogige Diskushernie HWK6/7 ebenfalls ohne
Kompression neuraler Strukturen. Im Vergleich mit den Aufnahmen vom 18. Dezember
2002 stellte Dr. I._ am 4. Januar 2011 (UV-act. M40) eine weitestgehend
unveränderte Konfiguration der median betonten kleinvolumigen und gering nach
kaudal ausgetretenen Diskushernie fest. Als einzigen Unterschied vermerkte er eine
zwischenzeitlich eingetretene geringe Dehydration der betroffenen Bandscheibe, so
dass der periphere Riss im Anulus fibrosus zwar weiterhin nachweisbar, jedoch
weniger augenfällig sei. Bei dieser weiterhin bestehenden Nachweisbarkeit des
Einrisses des Anulus fibrosus C6/7 ist die Beschwerdegegnerin den Vorgaben des
gerichtlichen Rückweisungsentscheids weiter gefolgt und hat das biomechanische
Gutachten sowie die dafür benötigte Unfallanalyse in Auftrag gegeben.
6.2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.2.1 In der Unfallanalyse vom 4. Juni 2011 (UV-act. A153) wurde festgehalten, dass
das Auto der Beschwerdeführerin durch die Kollision mit der Bahn nach vorne und
rechts geschoben und in eine Rotation im Uhrzeigersinn versetzt worden sei. Es habe
dabei eine kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (delta-v) von rund
5.5-9 km/h erfahren (bezogen auf den Fahrzeugschwerpunkt). Anschliessend habe das
Auto mit der rechten Fahrzeugseite einen Gartenzaun gestreift und sei frontal mit rund
3.5-6.5 km/h gegen die Stützmauer geprallt. Durch das Entlangschrammen am
Gartenzaun sei das Auto nicht nennenswert verzögert worden. Durch den Anprall
gegen die Stützmauer sei das Auto abgebremst worden und habe eine
kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung von rund 3.5-7 km/h erfahren. Als
kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung an der Sitzposition der
Beschwerdeführerin wurde ein Wert von rund 6-10.5 km/h berechnet.
6.2.2 Der Gutachter beschrieb Beschädigungen an der rechten Fahrzeugseite (S. 5)
und führte diese auf das "offenbare" Streifen eines Gartenzauns und die
Sekundärkollision mit der Stützmauer zurück. Auf den Detailfotos (Anhang zur
Unfallanalyse S. 1 f.) werden nur Beschädigungen an der linken Autoseite gezeigt; von
der rechten Seite sind keine Fotos aktenkundig. Im Fotodossier der Stadtpolizei D._
(beste Kopienqualität in Beilage 3 zur Beschwerdeantwort) und der Unfallskizze im
Polizeirapport ist ein rechtsseitiges Entlangschrammen des Autos an einem Zaun nicht
dokumentiert. Rechts des Autos sind auf der Unfallskizze eine Blumenrabatte und das
Trottoir und kein Zaun eingezeichnet. Allerdings kann aus den in der Carrosserie-
Rechnung vom 2. November 2002 (act. G 1.5) aufgeführten Spenglerarbeiten doch auf
gewisse Beschädigungen auf der rechten Fahrzeugseite geschlossen werden (vordere
Türleisten, hintere Türzierleisten). Die Unfallanalyse ist betreffend den dort erwähnten
Gartenzaun unklar. Weitere Abklärungen drängen sich diesbezüglich jedoch nicht auf,
zumal dem vom Experten erwähnten Zaun nach seiner Einschätzung keine
eigenständige Bedeutung zukam und auf der rechten Autoseite zumindest keine
grösseren Reparaturen nötig waren.
6.2.3 Der Experte bezeichnete den Sekundäranprall an der Stützmauer in der
Unfallanalyse als Heckanprall. Auf entsprechende Kritik der Beschwerdeführerin hin
hielt er in seiner ergänzenden Stellungnahme vom 1. Februar 2012 (UV-act. A165) fest,
dabei handle es sich tatsächlich um einen Schreibfehler und es müsste von einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Frontanprall (Anprall gegen die Stützmauer) gesprochen werden. Gerne korrigiere man
das Gutachten entsprechend auf Wunsch. Der Gutachter hat mit dem auf S. 2 und
S. 10 des Gutachtens verwendeten Begriff des Heckanpralls also lediglich einen
Schreibfehler begangen; Hinweise darauf, dass ihm betreffend Rekonstruktion des
Ablaufs und Berechnung der kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderung des
Sekundäranpralls Fehler unterlaufen sein könnten, liegen nicht vor. Zweifelsohne hätte
der Experte im Rahmen der seiner Stellungnahme vom 1. Februar 2012 zugrunde
liegenden nochmaligen Überprüfung seines Gutachtens von sich aus eine neue
Berechnung vorgenommen, wenn es sich beim erwähnten Heckanprall nicht lediglich
um einen Schreibfehler gehandelt hätte, sondern er im Rahmen der Begutachtung eine
falsche Unfallrekonstruktion vorgenommen hätte. Der sich auf das Ergebnis nicht
auswirkende Schreibfehler ist ohne weiteres korrigierbar und löst keine erheblichen
Zweifel an der Zuverlässigkeit der Ergebnisse der Unfallanalyse aus.
6.2.4 Auch die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführerin gegen die Unfallanalyse
vermögen deren Beweiswert nicht ernsthaft in Frage zu stellen. Es liegt in der Natur der
technischen Materie einer Unfallanalyse, dass der Laie die einzelnen Parameter der
Beurteilung (so beispielsweise auch die verwendeten Methoden und
Computerprogramme) nicht umfassend überprüfen und die Ergebnisse bei plausibler
Begründung nur insgesamt nachvollziehen, nicht aber in allen technischen Einzelheiten
kontrollieren kann. Die vorliegende Unfallanalyse vermag in ihren Ergebnissen alles in
allem den gängigen Anforderungen hinsichtlich ihres Beweiswerts zu genügen.
6.3
6.3.1 Weiter ist der Beweiswert der biomechanischen Beurteilung vom 19. Juli 2011
(UV-act. A153), ergänzt durch die Stellungnahme der Gutachter vom 19. März 2012
(UV-act. A166), zu überprüfen. Die Gutachter stellten das Stattfinden eines
Kopfanpralls in Frage (vgl. UV-act. A166, Stellungnahme zu Punkt 5, S. 7). Unter
Hinweis auf den Ablauf der Fahrzeugbewegung hielten sie fest, dass, wenn überhaupt,
zuerst ein Kopfanprall an der Kopfstütze stattgefunden haben müsste. Das Tragen des
Sicherheitsgurts verhindere bei der anschliessenden Vorwärtsbewegung normalerweise
einen Anprall an Fahrzeuginnenraumstrukturen wie dem Lenkrad. Da sich in den
medizinischen Akten auch keine konkreten Anhaltspunkte finden liessen, die einen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kopfanprall eindeutig bestätigten, gehe man derzeit nicht davon aus, dass es sich hier
um einen Kopfanprall mit relevanter, zusätzlicher Belastung der Halswirbelsäule
gehandelt habe. Aus biomedizinischer Sicht ergebe sich aufgrund der technischen
Unfallanalyse und der medizinischen Unterlagen, dass die nach dem Unfall bei der
Beschwerdeführerin festgestellten, von der HWS ausgehenden Beschwerden und
Befunde durch die Kollisionseinwirkung im Normalfall nicht erklärbar seien (S. 8 des
Gutachtens). Die Gutachter begründeten im Weiteren, weshalb sie die bei der asim-
Begutachtung gestellte Diagnose der leichten neuropsychologischen Funktionsstörung
bei Status nach HWS-Distorsion mit Verdacht auf milde traumatische Hirnschädigung
nicht nachvollziehen konnten. Die Frage, ob der Einriss des Anulus fibrosus C6/7 auf
die Kräfteeinwirkung durch den Aufprall der Bahn zurückzuführen sei, verneinten die
Gutachter. Aus biomechanischer Sicht seien einerseits bei völlig gesunden
Bandscheiben von jungen Personen extrem hohe Kräfte für eine Schädigung
erforderlich. Solche rein traumatischen Schädigungen von Bandscheiben seien sehr
selten und würden meist nur bei begleitenden, sehr schweren Verletzungen bei
Unfällen gesehen, die mit dem vorliegenden Ereignis nichts gemeinsam hätten.
Andererseits seien die meisten Bandscheibenvorfälle nicht Folge eines Unfalls, sondern
sie entständen bei spontanen Bewegungen, die nicht einmal als Gelegenheitsursache
zu bezeichnen seien (vgl. dazu auch die Stellungnahme zu Punkt 8, S. 8, UV-
act. A166).
6.3.2 Die Begründung des Ergebnisses der biomechanischen Beurteilung ist eher
knapp ausgefallen und nicht gänzlich frei von Unklarheiten. Die Primärkollision mit der
Bahn und die Sekundärkollision mit der Stützmauer werden zwar nicht durchwegs
transparent auseinandergehalten. Konkrete Hinweise darauf, dass die beiden
Kollisionen durcheinandergebracht worden sein könnten bzw. die jeweiligen
anzunehmenden Auswirkungen deswegen nicht zuverlässig abgeschätzt wurden,
liegen jedoch nicht vor. Gemäss den Experten kommt der Primärkollision in Bezug auf
die HWS-Beschwerden die grössere Bedeutung zu. Sie beschränkten sich bei ihrer
Beurteilung explizit auf die Bewertung der Primärkollision (auf S. 8 als Heckkollision
bezeichnet; was in der Stellungnahme vom 19. März 2012 trotz des zentral die linke
Autoseite betreffenden Anpralls nachvollziehbar begründet wurde, vgl. Stellungnahme
zu Punkt 3 auf S. 6; UV-act. A166). Dies erscheint vor dem Hintergrund, dass die
kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung bei der Sekundärkollision
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Frontalkollision) mit 3.5 bis maximal 7 km/h gering war, plausibel. Dass ein allfälliger
(allerdings plausibel als unwahrscheinlich bezeichneter) Kopfanprall am Lenkrad – der
nur im Rahmen des in Bezug auf die Kräfteeinwirkung nicht gravierenden
Sekundäranpralls aufgetreten sein kann – keine relevante zusätzliche Belastung der
HWS dargestellt hat, ist ebenfalls nachvollziehbar. Der gegenteilige Beweis gelingt
jedenfalls nicht und ist von weiteren Abklärungen auch nicht zu erwarten, sodass dem
nicht weiter nachgegangen zu werden braucht.
6.3.3 In der ergänzenden Stellungnahme vom 19. März 2012 (UV-act. A166) hielten
die Gutachter fest, dass zur Berechnung der (einzeln erwähnten) relevanten Parameter
die Masse und Struktursteifigkeit der beteiligten Fahrzeuge berücksichtigt werden
müsse, was vorliegend auch geschehen sei (Stellungnahme zu Punkt 1, S. 6). Darauf
basieren denn auch die Ergebnisse der Unfallanalyse. Unsicherheiten darüber, ob die
Experten für die biomechanische Beurteilung ihre Einschätzung lege artis zentral auf
diese Parameter stützen durften, bestehen nicht. Im Übrigen steht auch nicht in Frage,
dass betreffend die für die biomechanische Beurteilung relevante Insassenbelastung
lediglich die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (delta-v) massgebend ist
(vgl. dazu die Stellungnahme zu Punkt 3, S. 6).
6.3.4 Insgesamt erscheint die Schlussfolgerung der biomechanischen Gutachter als
nachvollziehbar, schlüssig und plausibel. Darauf ist abzustellen.
6.4 Mit Blick auf die Erwägungen im Entscheid UV 2008/31, insbesondere E. 4.4, ist
festzuhalten, dass mittels der beweisrechtlich als verwertbar beurteilten weiteren
Abklärungen der Beschwerdegegnerin der Beweis nicht erbracht wurde, dass die
Kräfte, die beim Unfall vom 11. September 2002 auf den Personenwagen der
Beschwerdeführerin eingewirkt haben, geeignet waren, den Einriss am Anulus fibrosus
C6/7 zu verursachen. Das Vorliegen eines natürlichen Kausalzusammenhang zwischen
dem bildgebend objektivierten Einriss am Anulus fibrosus und dem Unfall hat damit als
unbewiesen zu gelten. Die Folgen dieser Beweislosigkeit hat die Beschwerdeführerin
zu tragen.
7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.1 Mangels nachweisbarer Unfallkausalität der einzigen objektivierten strukturellen
Veränderung ist die Adäquanzbeurteilung bei Vorliegen des schleudertraumatypischen
Beschwerdebilds gemäss BGE 117 V 359 schon kurz nach dem Unfallereignis, mithin
innerhalb der Karenzzeit, folglich gemäss BGE 134 V 109 vorzunehmen, zumal
psychische Beschwerden nicht vorherrschen.
7.2 Der Unfall ist als mittelschwer einzustufen, und zwar höchstens als mittelschwer im
engeren Sinn. Eine Einstufung im Grenzbereich zu den schweren Unfällen erscheint mit
Blick auf die Judikatur (vgl. mit Hinweisen etwa den Bundesgerichtsentscheid
8C_363/2012 vom 27. Juni 2012 E. 4.3) nicht angezeigt. Von den sieben
Adäquanzkriterien gemäss BGE 134 V 130 E. 10.3 sind höchstens die erheblichen
Beschwerden und die erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener
Anstrengungen erfüllt, beide jedoch nicht in besonders ausgeprägter Weise. Die
übrigen Kriterien sind nicht erfüllt. So sind etwa die besonders dramatischen
Begleitumstände oder die besondere Eindrücklichkeit des Unfalls, wie sie von der
Rechtsprechung verstanden werden, bei der geforderten objektiven Betrachtungsweise
(vgl. dazu etwa den Bundesgerichtsentscheid U 56/07 vom 25. Januar 2008 E. 6.1)
nicht gegeben. Zwar ist einfühlbar, dass die Beschwerdeführerin bei der plötzlichen
Wahrnehmung der Bahn erschrocken ist. Diese Wahrnehmung beschränkte sich
jedoch auf einen sehr kurzen Moment; überdies war die Bahn nicht mit grosser
Geschwindigkeit unterwegs (vgl. UV-act. A153). Das Kriterium der fortgesetzt
spezifischen, belastenden ärztlichen Behandlung ist ebenfalls nicht erfüllt. Gemäss den
medizinischen Akten wurde die Beschwerdeführerin hauptsächlich mit Physiotherapie
und Medikamenten behandelt (vgl. etwa UV-act. M1, M2, M3, M5, M8, M17, M27,
M30; zur einmaligen stationären Rehabilitation in der Klinik G._ vgl. M11), teilweise
unterbrochen durch alternativmedizinische Behandlungsversuche (vgl. etwa UV-
act. M20, M21, M23) oder ergänzt durch Krafttraining (vgl. etwa UV-act. M16, M17,
M27). Dabei handelt es sich nicht um ärztliche Behandlung im Sinn dieses Kriteriums.
Das von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Kriterium der ärztlichen (die
Unfallfolgen erheblich verschlimmernden) Fehlbehandlung durch das Verordnen eines
Halskragens stellt nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung für sich allein keine
Fehlbehandlung im Sinn des erwähnten Adäquanzkriterium dar (mit weiteren Hinweisen
Bundesgerichtsentscheide 8C_1020/2008 vom 8. April 2009 E. 5.6; 8C_933/2009 vom
28. April 2010 E. 4.4.4.1). Vorliegend sind keine Gründe ersichtlich, dass dies für sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
oder in einer Gesamtbetrachtung mit den übrigen Kriterien anders zu beurteilen wäre,
bzw. sich diesbezüglich weitere Abklärungen aufdrängen würden. Zusammenfassend
sind die erforderlichen Kriterien nicht in einem Ausmass erfüllt, das die Rechtsprechung
als ausreichend akzeptieren würde. Der adäquate Kausalzusammenhang zwischen den
über Mitte 2007 hinaus geklagten Beschwerden und dem Unfall ist folglich nicht
gegeben.
8.
Die Beschwerde ist gemäss den vorstehenden Erwägungen abzuweisen, soweit darauf
einzutreten ist. Für dieses Verfahren ist aufgrund des Unterliegens der
Beschwerdeführerin keine Parteientschädigung zuzusprechen. Gerichtskosten sind
ferner keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht