Decision ID: 72764e2d-35f2-5ba8-b1f8-4739a7f4863b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 10.04.2012 Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG, Art. 16 Abs. 2 lit. d AVIG. Eine in Form einer Änderungskündigung angebotene neue Anstellung ist unzumutbar, wenn damit eine weitere Rückversetzung, Überqualifikation und Lohneinbusse verbunden ist. Eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung bei Nichtannahme ist daher unzulässig (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 10. April 2012, AVI 2011/72).Präsidentin Lisbeth Mattle Frei, Versicherungsrichterinnen Marie Löhrer undMarie-Theres Rüegg Haltinner; a.o. Gerichtsschreiberin Annina BaltisserEntscheid vom 10. April 2012in SachenA._,Beschwerdeführerin,gegenKantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendEinstellung in der Anspruchsberechtigung (Änderungskündigung)Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 15. Februar 2011 beim Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zur Arbeitsvermittlung an und beantragte die
Ausrichtung von Arbeitslosenentschädigung per 1. März 2011 (act. G 3/7; vgl. auch
den Antrag auf Arbeitslosenentschädigung vom 26. Februar 2011, act. G 3/15). Seit
dem 1. Juli 2007 arbeitete sie bei der B._ AG. Das Arbeitsverhältnis wurde am
20. Dezember 2010 von der Arbeitgeberin per 28. Februar 2011 gekündigt
(act. G 3/16).
A.b Im Kündigungsschreiben vom 20. Dezember 2010 wurde ausgeführt, der
Versicherten sei am 17. Dezember 2010 eine Stelle als Betriebsmitarbeiterin
Vorfabrikation angeboten worden. Bei einem Gespräch schon im letzten Jahr sei ihr
nahegelegt worden, eine neue Tätigkeit zu suchen, da sie momentan eine Arbeit
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verrichte, welche nicht der ursprünglichen Anstellung entspreche. Falls die Versicherte
mit der Änderungskündigung nicht einverstanden sei, werde das Arbeitsverhältnis per
28. Februar 2011 aufgelöst (act. G 3/11; vgl. zudem den offerierten Anstellungsvertrag
vom 23. Dezember 2010, act. G 3/15).
A.c Mit Verfügung vom 4. Mai 2011 stellte die Kantonale Arbeitslosenkasse die
Versicherte für 35 Tage ab 1. März 2011 in der Anspruchsberechtigung ein. Es wäre
der Versicherten zuzumuten gewesen, das neue Arbeitsangebot der ehemaligen
Arbeitgeberin ab dem 1. März 2011 anzunehmen und dieses Arbeitsverhältnis solange
aufrecht zu erhalten, bis sie eine andere Arbeitsstelle gefunden habe. Eine
Unzumutbarkeit sei nicht belegt, da das mögliche Arbeitslosentaggeld nicht höher sei.
Es müsse ihr deshalb ein Verschulden an der Arbeitslosigkeit angelastet werden,
welches als schwer zu beurteilen sei (act. G 3/28).
A.d Dagegen erhob die Versicherte am 26. Mai 2011 Einsprache und beantragte
sinngemäss, dass auf die Einstellung zu verzichten sei. Sie sei als Leiterin
Vorfabrikation eingestellt worden, wobei diese Stellung im Organigramm
stillschweigend zur Leiterin Bautechnik umbenannt worden sei. Im Rahmen ihrer
Tätigkeit habe sie kleinere Projekte betreut und Kundenberatungen übernommen. Im
Rahmen eines Gespräches sei ihr erklärt worden, dass es keine andere Beschäftigung
in der Firma gebe und dass sie sich nach einer anderen Arbeitsstelle umsehen solle,
wobei kein Zeitfenster festgelegt worden sei. Der mit der Kündigung im Dezember
2010 neu angebotene Arbeitsvertrag entspreche weder ihrer beruflichen Ausbildung
noch sei ein Tätigkeitsfeld beschrieben worden. Sie habe nach ihrer Lehre als Maurerin
ein Studium als Bauingenieurin mit Hochschuldiplom abgeschlossen und viele
Weiterbildungen absolviert. Zudem sei sie Sachverständige für Bauschäden und dazu
ausgebildet, Wertgutachten von Grundstücken vorzunehmen. Die angebotene Tätigkeit
als Betriebsmitarbeiterin sei als Anstellung einer ungelernten Arbeiterin in der
Produktion zu werten. Darüber hinaus habe sich das neue Angebot in finanzieller
Hinsicht 20% unter ihrem bisherigen Gehalt von Fr. 7'150.00 befunden (act. G 3/30).
A.e Mit Einspracheentscheid vom 8. August 2011 hiess die Kantonale
Arbeitslosenkasse die Einsprache teilweise gut und reduzierte die Einstelldauer auf 20
Tage. Zur Begründung führte sie an, es stehe fest, dass die neu angebotene Stelle als
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Betriebsmitarbeiterin Vorfabrikation nicht dem Ausbildungsstand der Versicherten
entsprochen habe und ein zu langer Verbleib an diesem Arbeitsplatz den
Wiedereinstieg als Ingenieurin erschwert hätte. Es hätte der Versicherten jedoch
zugemutet werden dürfen, diese Tätigkeit anzunehmen, bis sich eine bessere Lösung
gefunden hätte. Da sich ihr Lohn bei Antritt der angebotenen Stelle auf Fr. 6'066.66
(inkl. 13. Monatslohn) belaufen hätte, liege keine Unzumutbarkeit vor, da der neue Lohn
78.32% des vorherigen (Fr. 7'746.00, inkl. 13. Monatslohn) betragen hätte.
Schuldmindernd müsse berücksichtigt werden, dass der Versicherten von der
Arbeitslosenversicherung infolge ihrer Unterhaltspflicht ein Taggeld von 80% des
versicherten Verdienstes ausbezahlt werde und der Eintritt in die Arbeitslosigkeit somit
die finanziell günstigere Option dargestellt habe (act. G 3/39).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom
13. September 2011 (Postaufgabe). Die Beschwerdeführerin beantragt sinngemäss,
dass auf eine Einstellung zu verzichten sei. Sie führt aus, sie habe alles getan, um eine
neue Arbeit zu finden, und habe sehr viele Bewerbungen verschickt und nebenberuflich
Weiterbildungen absolviert. Innerhalb eines Monates habe sie mit Hilfe des RAV per 1.
April 2011 eine neue Arbeitsstelle als Bauingenieurin bei der C._ AG gefunden
(act. G 1; vgl. zudem den Arbeitsvertrag, act. G 3/22; sowie die Verfügung des RAV
betreffend Einarbeitungszuschüsse vom 30. März 2011, act. G 3/26).
B.b Am 12. Oktober 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin unter Verzicht auf eine
Beschwerdeantwort die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.c Die Beschwerdeführerin hat am 7. November 2011 auf eine Replik verzichtet
(act. G 5).

Erwägungen:
1.
Streitig und vorliegend zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin zu Recht wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit für 20 Tage in
der Anspruchsberechtigung eingestellt hat.
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1.1 Nach Art. 30 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) ist die
versicherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie durch eigenes
Verschulden arbeitslos ist. Die Arbeitslosigkeit gilt gemäss der Verordnung über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIV; SR
837.02) insbesondere dann als selbstverschuldet, wenn die versicherte Person durch
ihr Verhalten, insbesondere wegen Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten, dem
Arbeitgeber Anlass zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses gegeben hat (Art. 44 Abs. 1
lit. a AVIV). Ferner gilt die Arbeitslosigkeit als selbstverschuldet, wenn die versicherte
Person das Arbeitsverhältnis von sich aus aufgelöst hat, ohne dass ihr eine andere
Stelle zugesichert war, es sei denn, dass ihr das Verbleiben an der Arbeitsstelle nicht
zugemutet werden konnte (Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV). Wurde die Kündigung vom
Arbeitgeber ausgesprochen, weil die versicherte Person trotz der ihr gebotenen
Gelegenheit nicht bereit war, das Arbeitsverhältnis unter geänderten Bedingungen
weiterzuführen, kann der Einstellungsgrund der selbstverschuldeten Arbeitslosigkeit
gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG gegeben sein. In Anlehnung an den Tatbestand von
Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV ist in einem solchen Fall zu untersuchen, ob der versicherten
Person die Annahme des Änderungsangebotes und damit das Verbleiben am
bisherigen Arbeitsplatz zumindest bis zum Antritt einer Anschlussstelle nicht mehr
zumutbar war (Jacqueline Chopard, Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung,
Zürich 1998, S. 119). Grundsätzlich muss eine versicherte Person im Rahmen der
Schadenminderungspflicht jede zumutbare Arbeit annehmen bzw. beibehalten (Art. 16
Abs. 1 AVIG). Das sozialversicherungsrechtliche Schadenminderungsprinzip findet
demnach seine Grenze bei der Zumutbarkeit. So kann es der versicherten Person nicht
zugemutet werden, eine Stelle, die im Sinne von Art. 16 Abs. 2 AVIG unzumutbar und
damit von der Annahmepflicht ausgenommen ist, beizubehalten.
1.2 Im Weiteren ist bei der Prüfung der Frage, ob eine Sanktion wegen Selbstaufgabe
der Stelle im Sinn von Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV zulässig ist, das Übereinkommen
Nr. 168 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) über die Beschäftigungsförderung
und den Schutz gegen Arbeitslosigkeit vom 21. Juni 1988 (nachfolgend
Übereinkommen; SR 0.822.726.8) zu beachten, das für die Schweiz am 17. Oktober
1991 in Kraft getreten ist. Nach Art. 20 lit. c des Übereinkommens können Leistungen
der Arbeitslosenversicherung verweigert, zum Ruhen gebracht oder gekürzt werden,
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wenn die zuständige Stelle festgestellt hat, dass die betreffende Person ihre
Beschäftigung freiwillig ("volontairement") ohne triftigen Grund ("sans motif légitime")
aufgegeben hat. Da diese Bestimmung inhaltlich hinreichend bestimmt und klar ist, ist
sie im Einzelfall direkt anwendbar und geht den nationalen Bestimmungen über den
Erlass einer Einstellungsverfügung vor (BGE 124 V 236 f. E. 3c). Damit dürfen bei einer
völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 44 Abs. 1 lit. b AVIV keine überhöhten
Anforderungen an die Zumutbarkeit des Verbleibens am Arbeitsplatz gestellt werden;
insbesondere sind bei der Zumutbarkeitsprüfung auch subjektive Beweggründe der
versicherten Person zu berücksichtigen (Jacqueline Chopard, a.a.O, S. 80). Es kann
nicht von einer freiwilligen Beschäftigungsaufgabe im Sinne des Übereinkommens
gesprochen werden, wenn eine versicherte Person nicht von sich aus, sondern vom
Arbeitgeber oder durch die Entwicklung am Arbeitsplatz zur Kündigung gedrängt wird.
Gleiches gilt für den Fall, da die versicherte Person für das Verlassen der Stelle legitime
Gründe zu nennen vermag (BGE 124 V 238 E. 4b/aa).
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass die ihr im Rahmen der
Änderungskündigung vom 20. Dezember 2010 (act. G 3/11) angebotene Stelle als
Betriebsmitarbeiterin Vorfabrikation ihrer Ausbildung als Bauingenieurin unangemessen
und deshalb unzumutbar gewesen sei. Eine Annahme hätte ihr den Wiedereinstieg als
Ingenieurin erschwert.
2.2 Gemäss Art. 16 Abs. 2 lit. b AVIG ist eine Arbeit unzumutbar, die nicht
angemessen auf die Fähigkeiten oder auf die bisherige Tätigkeiten der versicherten
Person Rücksicht nimmt. Diese Vorschrift bezweckt den Schutz der Arbeitnehmenden
vor Überforderung. Eine Unterbeanspruchung begründet demgegenüber keine
Unzumutbarkeit des Arbeitsverhältnisses (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; ab 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 10. Februar 2003, C 135/02, E. 2.2.1 mit Hinweisen). Eine
Überqualifizierung allein vermag die Unzumutbarkeit einer (zumindest
vorübergehenden) Anstellung somit grundsätzlich nicht zu rechtfertigen. Nach Art. 16
Abs. 2 lit. d AVIG ist auch eine Arbeit unzumutbar, die eine Wiederbeschäftigung der
versicherten Person in ihrem Beruf wesentlich erschwert, falls darauf in absehbarer Zeit
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überhaupt Aussicht besteht. Vorliegend gilt es zu berücksichtigen, dass die
Überqualifikation im Rahmen einer Rückversetzung zu beurteilen ist. So übte die
Beschwerdeführerin bereits als Leiterin Fabrikation/Bautechnik eine Tätigkeit aus, die
nicht ihrem Ausbildungsstand als Bauingenieurin und - wie sich aus dem
Kündigungsschreiben vom 20. Dezember 2010 (act. G 3/11) ergibt - darüber hinaus
auch nicht der ursprünglichen Anstellung entsprach. Mit Annahme des
Stellenangebotes zur Betriebsmitarbeiterin Fabrikation wäre sie somit in der Hierarchie
noch weiter zurückgestuft worden, was ihre Überqualifikation zusätzlich verstärkt hätte.
Die Annahme eines Stellenangebotes, das eine solche Rückversetzung beinhaltet,
erschwert eine künftige Neuanstellung wesentlich, da es der bewerbenden Person nur
schwer gelingen wird, ein durch eine Rückversetzung ausgelöstes Misstrauen be
treffend ihre Fähigkeiten entkräften zu können (Jacqueline Chopard, a.a.O., S. 120, mit
dem Schluss, dass eine durch eine Rückversetzung verursachte Überqualifikation
unzumutbar ist). Durch die Annahme des Stellenangebotes und damit der
Rückversetzung zur Betriebsmitarbeiterin wäre der Wiedereinstieg der
Beschwerdeführerin als Ingenieurin, wie geltend gemacht wurde, wesentlich erschwert
worden. Hinzu kommt, dass für die hierarchische Rückstufung der Beschwerdeführerin
keine triftigen sachlichen Gründe seitens der Arbeitgeberin benannt wurden (vgl. hierzu
nachstehend E. 3.2) und solche auch nicht ersichtlich sind (vgl. zur
persönlichkeitsverletzenden Wirkung solcher Rückstufungen das Urteil des
Bundesgerichtes vom 4. August 2006, 4C.189/2006, E. 2, mit Hinweisen).
2.3 Die Rückversetzung zur Betriebsmitarbeiterin hätte zweifellos eine gewichtige
Rückstufung der Beschwerdeführerin dargestellt, zumal damit auch eine Lohneinbusse
von rund 22% (Fr. 5'600.00 anstelle von Fr. 7'150.00) einhergegangen wäre. Diese
Lohneinbusse hätte zudem, wie von der Beschwerdegegnerin im Übrigen selbst als
nachvollziehbarer Grund anerkannt wurde, dazu geführt, dass die Beschwerdeführerin
mit der Annahme der Stelle finanziell schlechter dagestanden wäre als bei Eintritt in die
Arbeitslosigkeit.
3.
3.1 In Würdigung der gesamten Umstände war der Beschwerdeführerin die Annahme
des Stellenangebotes ihrer ehemaligen Arbeitgeberin unzumutbar. Die
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Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin somit zu Unrecht in der
Anspruchsberechtigung eingestellt.
3.2 Vor diesem Hintergrund kann offen bleiben, ob die besagte Änderungskündigung
aufgrund fehlender sachlicher Rechtfertigung missbräuchlich gewesen wäre.
4.
Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen und der
Einspracheentscheid vom 8. August 2011 aufzuheben. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP