Decision ID: b0f1ac30-6f31-49f5-b592-2397179f6782
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend mehrfache Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte und Rückversetzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster, Strafgericht, vom 13. April 2017 (DG160032)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom 20. September
2016 wird diesem Urteil beigeheftet (Urk. 16).
Urteil und Beschluss der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte, A._, ist schuldig der mehrfachen Gewalt und Dro-
hung gegen Behörden und Beamte im Sinne von Art. 285 Ziff. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird in den Vollzug des mit Entscheid des Amtes für Jus-
tizvollzug des Kantons Zürich vom 3. Juni 2015 verfügten Strafrests von
752 Tagen rückversetzt.
3. Der Beschuldigte wird unter Einbezug dieses Strafrestes bestraft mit einer
Freiheitsstrafe von 28 Monaten als Gesamtstrafe, wovon 1 Tag durch Haft
bereits erstanden ist.
Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird nicht aufgeschoben.
4. Das Schadenersatzbegehren des Privatklägers (B._) wird auf den Weg
des Zivilprozesses verwiesen.
5. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf Fr. 3'000.–.
6. Die weiteren Kosten betragen:
Fr. 24.– Zeugenentschädigung
Fr. 1'500.– Gebühr gemäss § 4 Abs. 1 lit. d GebV StrV
7. Die Gerichtsgebühr und die weiteren Kosten werden dem Beschuldigten
auferlegt.
8. Rechtsanwalt lic. iur X._ wird für seine Bemühungen als amtlicher
Verteidiger des Beschuldigten mit Fr. 9'200.– (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
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Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse ge-
nommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung beim Beschuldigten ge-
mäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 46 S. 1)
1. In Gutheissung der Berufung sei das Urteil des Bezirksgerichts Uster
vom 13.04.2017 im Dispositiv Ziff. 1, 2, 3, 5, 6 und 7 aufzuheben.
2. Der Beschuldigte sei der mehrfachen Gewalt und Drohung gegen Be-
hörden und Beamte im Sinne von Art. 285 Ziff. 1 StGB von Schuld und
Strafe freizusprechen und für die erstandene Haft von 1 Tag mit einer
Genugtuung von Fr. 200.– zu entschädigen.
3. Der Beschuldigte sei nicht in den Vollzug des mit Entscheid des Amtes
für Justizvollzug des Kantons Zürich vom 3. Juni 2015 verfügten Straf-
rest von 752 Tagen rückzuversetzen.
4. Evtl. sei der Beschuldigte im Sinne der Anklage der mehrfachen Ge-
walt und Drohung gegen Behörden und Beamte im Sinne von Art. 285
Ziff. 1 StGB schuldig zu sprechen und zu einer Freiheitsstrafe von 6
Monaten zu verurteilen, wobei die Freiheitsstrafe zu vollziehen sei.
5. Evtl. sei die mit Entscheid des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zü-
rich vom 3. Juni 2015 mit der bedingten Entlassung angesetzte Probe-
zeit von 1 Jahr um 6 Monate zu verlängern.
6. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des Staates.
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b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich:
(Urk. 48, S. 1)
Das erstinstanzliche Urteil sei vollumfänglich zu bestätigen.
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Erwägungen:
I.
Mit Urteil vom 13. April 2017 sprach das Bezirksgericht Uster den Beschul-
digten schuldig der mehrfachen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beam-
te im Sinne von Art. 285 Ziff. 1 StGB und bestrafte ihn unter Einbezug des Straf-
restes von 752 Tagen aus einer früheren Verurteilung, in welchen er rückversetzt
wurde, im Sinne einer Gesamtstrafe mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von 28
Monaten (Urk. 37).
Dagegen liess der Beschuldigte am 15. April 2017 Berufung anmelden
(Urk. 32). Mit Eingabe vom 25. August 2017 liess er die Berufungserklärung fol-
gen (Urk. 38). Demnach ficht er das Urteil, abgesehen vom Entscheid im Zivil-
punkt (Dispositivziffer 4), vollumfänglich an und beantragt einen Freispruch und
das Absehen von der Rückversetzung in den offenen Strafrest. Für den Fall der
Bestätigung des vorinstanzlichen Schuldspruches wird eventualiter eine unbe-
dingte Freiheitsstrafe von sechs Monaten und hinsichtlich des offenen Strafrests
die Verlängerung der bei der bedingten Entlassung angesetzten Probezeit von ei-
nem Jahr um weitere sechs Monate beantragt. Bei diesen Anträgen blieb der Be-
schuldigte auch anlässlich der Berufungsverhandlung (vgl. Urk. 46).
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Die Staatsanwaltschaft ergriff kein Rechtsmittel und verzichtete ausdrücklich
auf eine Anschlussberufung verbunden mit dem Antrag auf Bestätigung des vor-
instanzlichen Urteils (Urk. 42). Demzufolge ist das erstinstanzliche Urteil im Zivil-
punkt (Dispositivziffer 4) unangefochten geblieben. Der entsprechende Entscheid
ist in Rechtskraft erwachsen, was vorab festzustellen ist.
Mit der Berufungserklärung stellte der Beschuldigte zugleich den Beweisan-
trag, es sei der Privatkläger erneut als Auskunftsperson zu befragen. Wie sich er-
weisen wird, ist diese Beweisergänzung nicht erforderlich. Der Fall ist somit
spruchreif.
II. Schuldpunkt
1. Dem Beschuldigten wird von der Anklage (Urk. 16) zusammengefasst
vorgeworfen, am späten Abend des 18. Juli 2015 am Busbahnhof C._ eine
polizeiliche Personenkontrolle verunmöglicht zu haben, indem er sich weigerte,
aus dem Linienbus auszusteigen und sich gegen die von der Polizei vorgenom-
meine zwangsweise Verbringung ins Freie körperlich wehrte und dabei zu einem
Faustschlag gegen den Polizisten B._, den Privatkläger, ausgeholt habe.
Auch gegen das Einladen ins Patrouillenfahrzeug soll er sich gewehrt haben und
dabei mit seinem Stiefel ins linke Schienbein des Polizisten D._ getreten ha-
ben. Sodann soll er dem Polizisten B._ gesagt haben, dass er herausfinden
werde, wo er wohne und ob er Kinder und eine Frau habe und dann denen ganz
schlimme Sachen passieren würden.
Die Vorinstanz hat die Aussagen des Beschuldigten und der beiden Polizis-
ten sowie die Videoaufnahme über die Vorkommnisse im Linienbus ausführlich
gewürdigt und ist nachvollziehbar zum Schluss gekommen, dass damit rechtsge-
nügend erstellt sei, dass der Beschuldigte sich anfänglich nicht hat ausweisen
wollen, ausfällig geworden sei und nicht bereit war, den Bus zu verlassen. Ebenso
zu erstellen vermochte die Vorinstanz den versuchten Schlag des Beschuldigten
gegen den Polizisten B._ und das aufgrund des Widerstands des Beschul-
digten zwangsweise Verbringen aus dem Bus heraus. Aufgrund der Aussagen der
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Polizisten hielt die Vorinstanz ebenso den anschliessenden Tritt des Beschuldig-
ten ans Schienbein des zweiten Polizisten und seine drohende Äusserung ge-
genüber dem Privatkläger (in der von diesem ausgesagten Version) für erstellt
(Urk. 37 S. 9-14).
Die Beweiswürdigung der Vorinstanz überzeugt. Der Einwand des Beschul-
digten, er habe die Polizisten trotz ihrer Uniform nicht als solche erkannt, wurde
ebenfalls richtig als blosse Schutzbehauptung gewertet. Auch die weiteren Be-
streitungen des Beschuldigten vermögen ‒ wie die Vorinstanz zutreffend festhielt
‒ schon deshalb nicht zu überzeugen, weil er das ihm vorgeworfene Verhalten im
Grunde nur relativiert, nicht aber kategorisch verneint. Die Aussage des Beschul-
digten, wonach die Pferde mit ihm etwas durchgegangen seien und er aus Frust,
gerade nach der Entlassung aus der Haft schon wieder eine Konfrontation mit der
Polizei zu erleben, freien Lauf gelassen habe, spricht für sich (Urk. 2/4/1 S. 3).
Dieser durch die starke Alkoholisierung noch akzentuierte Frust wird sich nicht
erst nach der Verbringung ins Freie ausgewirkt haben, auf welche Phase sich die
Aussage des Beschuldigten konkret bezog, sondern dies wird, wie die Videoauf-
nahme zeigt, bereits im Bus der Fall gewesen sein, als die Polizei auftauchte. Der
Umstand, dass der Beschuldigte den Polizisten im Bus unmittelbar bevor sie ihn
packten und nach draussen beförderten, doch noch seinen Ausweis der JVA
Pöschwies ausgehändigt hat, wurde von der Vorinstanz richtig dahingehend in-
terpretiert, dass es nach der vorangegangenen Weigerung, sich auszuweisen, der
Polizei nunmehr nur noch darum gehen konnte, den Beschuldigten, der keinen
Fahrausweis besass, aus dem Linienbus zu schaffen. Dies musste auch für den
Beschuldigen klar gewesen sein. Wenn die Vorinstanz im Ergebnis den Sachver-
halt der Anklage ‒ ergänzt um das Abgeben des JVA-Ausweises ‒ für erstellt be-
trachtete, so ist dem unter Verweis auf die entsprechenden Erwägungen zu fol-
gen. Eine erneute Befragung des Privatklägers erübrigt sich.
Entgegen den Ausführungen der Verteidigung (Urk. 46 S. 2 f.) kann anhand
der Videoaufnahmen, welche lediglich zeigen, wie der Beschuldigte ein Papier
aus seinem Portemonnaie entnahm und dem Buschauffeur hinlegte, nicht der
Nachweis erbracht werden, dass der Beschuldigte ein Billet habe kaufen wollen.
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Vielmehr ist aufgrund der glaubhaften Aussagen des Buschauffeurs erstellt, dass
der Beschuldigte diesem gegenüber geäussert hatte, dass er kein Billett habe und
keines kaufen wolle (vgl. Urk. 1 S. 3 und Urk. 2/7 S. 3).
2. Auch die rechtliche Würdigung der Vorinstanz erweist sich als in jeder
Hinsicht zutreffend. Um Wiederholungen zu vermeiden, ist auf die Erwägungen im
angefochtenen Urteil zu verweisen (a.a.O. S. 14-20). Die Vorinstanz hat insbe-
sondere zutreffend dargetan, dass zur Erfüllung des Tatbestandes von Art. 285
StGB keine Verhinderung vorausgesetzt ist, sondern eine Behinderung bzw. Er-
schwerung der Amtshandlung genügt. Das war hier klarerweise der Fall. Nach-
dem sich der stark betrunkene Beschuldigte ohne Billett im Bus aufgehalten hatte
und sich ausfällig und renitent verhielt, hatten die zwei Polizeibeamten allen An-
lass, diesen aufzufordern, den Bus zu verlassen. Dies ungeachtet dessen, dass
der Beschuldigte den Ausweis der JVA Pöschwies vorgelegt hatte, konnte doch
gerade dies Anlass zu weiteren Abklärungen geben; so etwa zur Prüfung, ob der
sich mit dem Schriftstück eines Gefängnisses Ausweisende "auf Kurve" war. Ent-
gegen den Ausführungen der Verteidigung (Urk. 46 S. 4 f.) war die – rechtmässi-
ge – Amtshandlung der zwei Polizisten nach Vorlage des Ausweises der JVA
Pöschwies deshalb nicht beendet, sondern fortdauernd. Sämtliche Handlungen
der zwei Polizisten lagen innerhalb ihrer Amtsbefugnisse, wie die Vorinstanz de-
tailliert und überzeugend dargetan hat.
Der Schuldspruch des Bezirksgerichts ist deshalb zu bestätigen.
III. Strafe
Auf Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte im Sinne von
Art. 285 Ziff. 1 StGB steht Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe. Vorlie-
gend ist die mehrfache Begehung dieses Delikts innerhalb dieses Strafrahmens
zu sanktionieren, da keine ausserordentliche Situation vorliegt. Die allgemeinen
Strafzumessungsregeln sind von der Vorinstanz richtig dargelegt worden, sodass
darauf verwiesen werden kann (Urk. 37 S. 21 f.).
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Die Vorinstanz ist bei der objektiven Tatschwere im Wesentlichen davon
ausgegangen, dass es der Beschuldigte allein gewesen war, der die Eskalation
am 18. Juli 2015 zu verantworten habe und nicht etwa unglückliche Umstände.
Sie räumte jedoch ein, dass sich der Taterfolg nicht als gravierend herausstellte
und dass nicht der Beschuldigte als erster angegriffen hat, sondern das Gerangel
erst entstand, als die Polizisten ihn packten. Auch wenn die Vorinstanz erwog,
dass die verbale Drohung des Beschuldigten gegenüber dem einen der Polizisten
schwerwiegend sei, was zutrifft, so kam sie im Ergebnis doch zum richtigen
Schluss, dass die objektive Tatschwere im vorliegenden Fall noch als leicht zu be-
trachten sei. Die von der Vorinstanz daraus abgeleitete Einsatzstrafe von 300 Ta-
gen erscheint jedoch als zu streng. Der relativ harmlose Auslöser der Situation,
dass der Beschuldigte, obwohl im Besitz von Geld, am Automaten kein Busbillett
gelöst hatte, was für ihn zufolge seines hohen Alkoholisierungsgrades denn auch
nicht einfach gewesen sein dürfte, und die eher geringen Auswirkungen seines
physischen und verbalen Austeilens lassen angesichts des Strafrahmens, der bei
einem Tagessatz Geldstrafe beginnt, eine Einsatzstrafe von höchstens 150 Tagen
als noch fallgerecht erscheinen.
Mit Bezug auf die subjektive Tatkomponente hat die Vorinstanz von der er-
heblichen Alkoholisierung des Beschuldigten ("oberkanntdicht" gemäss eigener
Einschätzung des Beschuldigten) richtigerweise eine deutliche Verschuldensver-
minderung abgeleitet. Dass der Beschuldigte im Bus mehrere Gelegenheiten,
einzulenken, nicht wahrgenommen hat, stimmt ebenfalls. Immerhin hat er jedoch,
wenn auch erst, als es zu spät war, doch noch seinen Ausweis gezückt, was die
Vorinstanz zwar erwähnt, aber ihm nicht zugute hält. Dass auch die Annahme der
Vorinstanz, wonach es dem Beschuldigten ohne Weiteres möglich gewesen wäre,
ein Billett zu lösen, stark relativiert werden muss, wurde bereits erwähnt. Immer-
hin erscheint das Verhältnis, in welchem die Vorinstanz die Einsatzstrafe zufolge
der subjektiven Tatschwere minderte, als richtig und angemessen. Die vorliegend
neu bemessene Einsatzstrafe von 150 Tagen gemäss der objektiven Tatschwere
ist entsprechend auf 90 Tage zu reduzieren.
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Mit Bezug auf die Täterkomponente ist der Vorinstanz unter Verweis auf ihre
Erwägungen (a.a.O. S. 23 f.) dahingehend Recht zu geben, als die persönlichen
Verhältnisse des Beschuldigten im Rahmen der Strafzumessung als neutral zu
werten sind. Deutlich straferhöhend fällt demgegenüber seine Vorstrafe vom
17. September 2010 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Gewalt und Dro-
hung gegen Behörden und Beamte ins Gewicht (Urk. 39). Auch fiel die neue De-
linquenz in die laufende Probezeit für den bedingt aufgeschobenen Strafrest die-
ser Verurteilung. Richtig wertete die Vorinstanz überdies, dass der Beschuldigte
nach wie vor sehr stark in seinen Überzeugungen verankert sei und deshalb we-
nig Verantwortung für sein Verhalten zeige, welches Verhalten er aber immerhin
als blöde anerkenne. Entsprechendes manifestierte der Beschuldigte auch an der
Berufungsverhandlung (vgl. z.B. Prot. II. S. 14 f.). Aus diesen Gründen, wobei die
teilweise einschlägige Vorstrafe im Vordergrund steht, erscheint eine Anhebung
der Strafe auf 180 Tage oder sechs Monate als angebracht.
Dass diese Sanktion vorliegend einzig als Freiheitsstrafe einen Sinn macht
und unbedingt auszufällen ist, hat nicht nur die Vorinstanz richtig gesehen
(Urk. 37 S. 26 ff.), sondern wurde ursprünglich auch von der Staatsanwaltschaft
(Urk. 16 und 29) und wird im Berufungsverfahren neu auch von der Verteidigung
(Urk. 38) so vertreten. Dem ist nichts entgegenzusetzen.
IV. Widerruf der Reststrafe
Gemäss Art. 89 Abs. 1 und 2 StGB ordnet das Gericht die Rückversetzung
eines bedingt Entlassenen an, wenn er während der Probezeit ein Verbrechen
oder Vergehen begeht. Ist trotzdem nicht zu erwarten, dass er weitere Straftaten
begehen wird, so verzichtet das Gericht auf eine Rückversetzung.
Die Vorinstanz hat sich für die Rückversetzung entschieden. Sie bezog sich
dabei auf die aus ihrer Sicht gegebene Ähnlichkeit des neuen Delikts mit demje-
nigen der Vorstrafe und darauf, dass der Beschuldigte bereits am ersten Tag
nach seiner Entlassung rückfällig geworden sei. Weiter stützte sie sich auf die im
psychiatrischen Gutachten über den Beschuldigten aus dem Jahre 2009 festge-
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haltene moderate bzw. erhebliche Rückfallgefahr. Sodann habe die ambulante
Behandlung des Beschuldigten wegen Aussichtslosigkeit abgebrochen werden
müssen. Er zeige keinen Willen zu einer echten Veränderung seines Lebenswan-
dels. Zu seinen Gunsten spräche einzig, dass er sich seit der Delinquenz von Mit-
te 2015 wohlverhalten habe und nicht mehr straffällig geworden sei (Urk. 37
S. 26-31).
Die Staatsanwaltschaft war gegenteiliger Ansicht. Bereits in der Anklage-
schrift stellte sie hinsichtlich des offenen Strafrests den Antrag, es sei lediglich die
dafür angesetzte Probezeit um sechs Monate zu verlängern (Urk. 16). Anlässlich
der Hauptverhandlung vom 13. April 2017 erneuerte sie diesen Antrag und plä-
dierte dafür, dass unter Berücksichtigung der Verhältnismässigkeit und der für die
neue Delinquenz auszufällende unbedingte Freiheitsstrafe im Sinne einer "alleral-
lerletzten Chance" für den Beschuldigten auf die Rückversetzung in den Vollzug
der Reststrafe von 752 Tagen zu verzichten sei (Urk. 29 S. 10). Die Anklagebe-
hörde stützte sich dabei auf die Mitteilung der Bewährungsdienstverantwortlichen,
wonach der Beschuldigte eine freiwillige Therapie bei einem Psychiater begonnen
und er seinen Terminen und den Laborkontrollen regelmässig nachkomme. Er sei
zudem familiär gut vernetzt und es sei hinsichtlich des Legalverhaltens zu keinen
neuen Vorkommnissen gekommen, vielmehr sei eine gewisse Entspannung zu
beobachten. Zwar musste auch die Staatsanwaltschaft einräumen, dass die Ver-
fügung betreffend die Aufhebung der ambulanten Massnahme (Urk. 27) und der
frühere Bericht zum Verlauf der Bewährungshilfe (Urk. 11/5) dem Beschuldigten
eine eher ungünstige Legalprognose bescheinigen würden. Es sei jedoch festzu-
stellen, dass sich die aktuelle Situation für den Beschuldigten verfestigt habe und
es seit dem 18. Juli 2015 zu keinen neuen Vorfällen gekommen sei, obwohl der
Beschuldigte zwischenzeitlich verschiedentlich mit der Polizei Kontakt gehabt ha-
be. Mit seiner freiwillig angetretenen Therapie arbeite er sodann an sich und auch
an seiner Wiedereingliederung in die Gesellschaft.
Dieser ursprünglichen Auffassung der Anklagebehörde kann gefolgt werden.
Die Vorinstanz hat der zwischenzeitlich positiven Entwicklung des Beschuldigten
nicht ausreichend Rechnung getragen. Von einer Ähnlichkeit der neuen Delikte
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mit der Delinquenz, die zur Vorstrafe aus dem Jahre 2010 geführt hat, kann ent-
gegen ihrer Darstellung nicht uneingeschränkt gesprochen werden, ging es da-
mals doch primär um eine versuchte vorsätzliche Tötung, welche letztlich die
mehrjährige Freiheitsstrafe (und damit auch die noch offene Reststrafe von über
zwei Jahren) bewirkt hat. Dass der Beschuldigte zwischenzeitlich keinen Willen
zur Veränderung seines Lebenswandels entwickelt habe, kann ebenfalls nicht
mehr gesagt werden, nachdem sich der Beschuldigte freiwillig in psychiatrische
Therapie begeben hat und den entsprechenden Terminen bis heute regelmässig
nachkommt (vgl. Prot. II S. 10). Wesentlich ist auch, dass der Beschuldigte famili-
är gut vernetzt und heute auch wieder in einer Beziehung ist (Prot. II S. 9). Im Üb-
rigen kann ihm bei der Frage der Rückversetzung nicht erneut die schlechte Kri-
minalprognose aus dem psychiatrischen Gutachten von 2008 entgegengehalten
werden, nachdem ihm trotz dieser Prognose die bedingte Entlassung aus dem
Vollzug bewilligt worden war, welche Bewilligung ebenfalls voraussetzte, dass
nicht zu erwarten sei, dass er weitere Straftaten begehe. Positiv ins Gewicht fällt
vielmehr, dass sich der Beschuldigte nun schon seit nahezu drei Jahren wohlver-
halten hat und es zu keinen neuen Zwischenfällen mehr gekommen ist. Von we-
sentlicher Bedeutung für die Annahme eines zukünftigen Wohlverhaltens des Be-
schuldigten ist schliesslich der (von der Vorinstanz unberücksichtigt gebliebene)
Umstand, dass der Beschuldigte aufgrund des vorliegenden Urteils eine sechs-
monatige Freiheitsstrafe zu verbüssen hat, und diese eine entsprechende ab-
schreckende Warnwirkung erzielen wird.
Aus diesen Gründen ist in Beachtung der Verhältnismässigkeit und der posi-
tiven Anzeichen seitens des Beschuldigten der ursprünglichen Auffassung der
Staatsanwaltschaft zu folgen und im Sinne einer letzten Chance auf eine Rück-
versetzung zu verzichten. In Anwendung von Art. 89 Abs. 2 StGB ist der neuen
Delinquenz mit der Verlängerung der ursprünglich auf ein Jahr festgelegten Pro-
bezeit um die Hälfte zu begegnen. Da die Verlängerung nach Ablauf der bisheri-
gen Probezeit erfolgt, beginnt sie mit dem heutigen Tag.
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V. Kostenfolge
Ausgangsgemäss hat der auch in zweiter Instanz Verurteilte die Kosten des
erstinstanzlichen Verfahrens zu tragen. Die Dispositivziffern 5-7 des Urteils des
Bezirksgerichts sind demnach zu bestätigen.
Mit seinem Berufungsantrag auf Freispruch dringt der Beschuldigte nicht
durch, jedoch mit seinem Eventualantrag für den Fall einer Verurteilung. Es recht-
fertigt sich deshalb, ihm nur die Hälfte der Kosten des Berufungsverfahrens auf-
zuerlegen. Die Kosten seiner amtlichen Verteidigung sind auf die Gerichtskasse
zu nehmen. Angesichts der prekären finanziellen Lage des Beschuldigten kann
ihm seine Kostenhälfte erlassen werden. Ebenso ist auf den Vorbehalt einer
Rückforderung der Anwaltskosten zu verzichten.
Der Verteidiger des Beschuldigten ist ausgehend von seinen zwei Honorar-
noten vom 13. Februar 2018 (Urk. 45) mit (gerundet) Fr. 4'300.– zu entschädigen.