Decision ID: ab495624-c318-4a9b-b3fe-a44a01acc4a2
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1999 geborene
X._
war als
Techn
ician
Supporter
I bei der Y._
AG angestellt und über seine Arbeitgeberin obligatorisch bei der Suva gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 3. Februar 2022 meldete die Ar
beitgeberin, beim Versicherten habe sich nach der Booster-Impfung
vom 21. De
zember 2021
ein starkes Nesselfieber entwickelt.
Seit dem 5. Januar 2022 sei
er
arbeitsunfähig (Urk. 6/1). Die Suva teilte dem Versicherten mit Schreiben vom 8. Februar 2022 mit, dass das Ereignis vom 21. Dezember 2021 den Unfall
begriff nicht erfülle. Auch liege keine unfallähnliche Körperschädigung vor (Urk. 6/4 S. 1). Nachdem der Versicherte am 10. Februar 2022 telefonisch eine
einsprache
fähige
Verfügung verlangte hatte (Urk. 6/5), holte die Suva am 17. Februar 2022 einen Arztbericht ein (Urk. 6/7 und Urk. 6/8) und verfügte am 8. März 2022 die Abweisung des Leistungsbegehrens (Urk. 6/11). Die dagegen er
hobene Einsprache
des Versicherten
vom 15. März 2022 (Urk. 6/14)
wies die Suva mit Entscheid vom 15. Juni 2022 ab (Urk. 2 [= Urk. 6/21]).
2.
Dagegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 4. Juli 2022 Beschwerde und beantragte sinngemäss, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben, und es seien ihm die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 22. Juli 2022 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Be
schwerde (Urk. 5), was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 25. Juli 2022 angezeigt wurde (Urk. 7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1
.
1.1
Die Beschwerdegegnerin erwog im angefochtenen Entscheid, in Frage stehe eine Körperschädigung (mutmasslich) im Rahmen einer Impfung gegen eine Krankheit und mithin eine (präventive) Behandlung von Krankheitsfolgen als allfälliges Un
fallereignis. Ein Behandlungsfehler könne den Unfallbegriff erfüllen, wenn es sich um grobe und ausserordentliche Verwechslungen oder Ungeschicklichkeiten (oder sogar um absichtliche Schädigungen) handle, mit denen niemand gerechnet habe oder zu rechnen brauche. Im hier zu beurteilenden Fall seien im Rahmen der erfolgten Impfung keinerlei Hinweise für grobe und ausserordentliche Ver
wechslungen und Ungeschicklichkeiten ersichtlich. Solche würden vom Be
schwerdeführer auch nicht geltend gemacht. Es liege somit kein ungewöhnlicher
äusserer Faktor im Rahmen des Unfallbegriffs vor. Im Übrigen sei nicht ersicht
lich, inwiefern gemäss Ansicht des Beschwerdeführers zwischen einem Zecken
biss (welcher praxisgemäss
ein Unfallereignis
darstelle) und einer Impfung gegen eine Krankheit Parallelen bestehen sollten (Urk. 2).
1.2
Der Beschwerdeführer machte demgegenüber geltend, er habe sich am 21. De
zember 2021 zum dritten Mal
mit dem Covid-19-Impfstoff von
Moderna
impfen lassen
(Booster)
.
Bis zu diesem Zeitpunkt habe er keinerlei gesundheitliche Prob
leme gehabt, auch habe er die beiden vorangehenden
Moderna
-Impfungen ohne Nebenwirkungen sehr gut vertragen. Er leide weder an Allergien noch habe er eine Krankheitsvorgeschichte. Anfangs Januar 2022 habe er festgestellt, dass seine Haut sehr empfindlich zu reagieren begonnen habe. Es sei eine U
rtik
aria diagnostiziert worden. Diese sei klar auf die Impfung zurückzuführen. Diese Ne
benwirkung sei mittlerweile auch offiziell anerkannt und trete vermehrt auf. Trotz intensiver medikamentöser Behandlung habe sich sein Zustand leider bisher nicht verbessert. Er sei ab Anfang Januar 2022 zu 100 % arbeitsunfähig gewesen und seit dem 16. Mai 2022 sei er zu 75 % arbeitsunfähig. Er sei der Auffassung, dass eine unfallähnliche Körper
schädigung
vorliege und die Suva die Kosten für die Folgen trage müsse. Der Unfallbegriff sei (ebenfalls) erfüllt. Die Impfung sei ein schlagartiger (
«
plötzlicher
»)
Eingriff gewesen – vorher sei er vollständig unver
sehrt gewesen
. Es liege eine nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung vor, denn von Nebenwirkungen dieser Art sei nie die Rede gewesen, sie würden nun aber allgemein als Nebenwirkungen des
mRNA
-Impfstoffes anerkannt. Es hätten äusserst ungewöhnliche Umstände dazu geführt, dass der gewohnte Prozess einer Genehmigung – wie bei einem normalen Impfstoff – nicht habe eingehalten wer
den können. Die getroffene medizinische Massnahme (Impfung) weiche ganz ent
scheidend vom medizinisch Üblichen ab, da es eine solche Situation ja gar noch nie gegeben habe und die hohen Risiken nicht bekannt gewesen seien. Ein Zeckenbiss erfüllte alle die verlangten Kriterien
und werde als Unfall eingestuft;
d
ie Parallelen zur 3.
Modern
a
-Impfung seien frappant.
2.
Gemäss A
rztzeugnis UVG von Dr. med. Z._
, Facharzt FMH für Dermato
logie, vom 21. Februar 2022 gab der Beschwerdeführer ihm gegenüber an, er habe am 21. Dezember 2021 die
Covid
-Booster-Impfung erhalten. Am 1. Januar 2022 seien erstmals
urticarielle
Quaddeln aufgetreten, am 2. Januar 2022 h
abe er einen positiven Corona-Schnelltest und am 3. Januar 2022 einen positiven PCR-Test gehabt. Seither habe er undulierende Quaddeln.
Dr.
Z._
diagnostizierte eine akute Urtik
aria nach
Covid
-Booster-Impfung. Er führte aus, die Befunde seien mit
dem vom Beschwerdeführer geltend gemachten Ereign
is vereinbar und erschie
nen
plausibel. Eine Arbeitsunfähigkeit habe er dem Beschwerdeführer nicht be
scheinigt; eventuell sei dies durch den Hausarzt geschehen (Urk. 6/8).
3.
3.1
Ein Unfall ist gemäss Art. 4
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (
ATSG
)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Kör
per, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge
sundheit oder den Tod zur Folge hat.
3.2
Nach der Rechtsprechung bezieht sich
das
Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktor
s, sondern nur auf diesen selbst
. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er – nach einem objektiven Massstab – den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ausschlag
gebend ist also, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umweltein
wirkungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkungen allein begründen keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 72 E. 4.1 und E. 4.3.1 mit Hinweis
; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_368/2020 vom 17. September 2020 E. 4.2 mit Hinweisen
).
3.3
Die Grundsätze zum Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit gelten auch, wenn zu beurteilen ist, ob ein ärztlicher Eingriff den gesetzlichen Unfallbegriff erfüllt. Die Frage, ob eine ärztliche Vorkehr als mehr oder weniger ungewöhnlicher äusserer Faktor zu betrachten sei, ist aufgrund objektiver medizinischer Kriterien zu beantworten. Sie ist nur dann zu bejahen, wenn die ärztliche Vorkehr als sol
che den Charakter des ungewöhnlichen äusseren Faktors aufweist; denn das Merkmal der Aussergewöhnlichkeit bezieht sich nach der Definition des Unfall
begriffs nicht auf die Wirkungen des äusseren Faktors, sondern allein auf diesen selber. Nach der Praxis ist es mit dem Erfordernis der Aussergewöhnlichkeit streng zu nehmen, wenn eine medizinische Massnahme in Frage steht. Damit eine solche Vorkehr als ungewöhnlicher äusserer Faktor qualifiziert werden kann, muss ihre Vornahme unter den jeweils gegebenen Umständen vom medizinisch Üblichen ganz erheblich abweichen und zudem, objektiv betrachtet, entsprechend grosse Risiken in sich schliessen. Im Rahmen einer Krankheitsbehandlung, für welche die Unfallversicherung nicht leistungspflichtig ist, kann ein Behandlungs
fehler ausnahmsweise den Unfallbegriff erfüllen, nämlich, wenn es sich um grobe
und ausserordentliche Verwechslungen und Ungeschicklichkeiten oder sogar um absichtliche Schädigungen handelt, mit denen niemand rechnet noch zu rechnen braucht. Ob ein Unfall im Sinne des obligatorischen Unfallversicherungsrechts vorliegt, beurteilt sich unabhängig davon, ob der Arzt oder die Ärztin einen Kunstfehler begangen hat, der eine (zivil- oder
öffentlichrechtliche
) Haftung be
gründet. Ebenso wenig besteht eine Bindung an eine allfällige strafrechtliche Be
urteilung des ärztlichen Verhaltens (BGE 121 V 35 E. 1b, 118 V 283 E. 2b, je mit Hinweisen
; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_535/2012 vom 20. November 2012 E. 5.1 mit Hinweisen
).
3.4
Gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG erbringt die Versicherung ihre Leistungen auch
bei folgenden
Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind: Knochenbrüche (
lit
. a); Verrenkungen von Ge
lenken (
lit
. b), Meniskusrisse (
lit
. c), Muskelrisse (
lit
. d), Muskelzerrungen (
lit
. e), Sehnenrisse (
lit
. f), Bandläsionen (
lit
. g) und Trommelfellverletzungen (
lit
. h).
Diese Aufzählung der den Unfällen gleichgestellten Körperschädigungen ist ab
schliessend (BGE
146 V 51 E. 7.1 sowie BGE
116 V 136 E. 4a, 147 E. 2b, je mit Hinweisen).
4.
4.1
Der Beschwerdeführer erhielt am 21. Dezember 2021 gemäss eigenen Angaben die
Auffrischimpfung
beziehungsweise die Covid-19-
Booster-Impfung mit dem
mRNA
-Impfst
off von
Moderna
. Am 1. Januar 2022 traten bei ihm erstmals
urti
carielle
Quaddeln auf, wobei sein am 2. Januar 2022 durchgeführter Corona-Schnelltest und auch der am 3. Januar 2022 durch
g
eführte PCR-Test positiv aus
fielen
(Urk. 6/8/1).
Der Beschwerdeführer war somit beim Auftreten der ersten Quaddeln mit überwiegender Wahrscheinlichkeit an Covid-19 erkrankt. Hautaus
schläge
(mitunter auch
urticarielle
Hautausschläge) wurden
wiederholt bei an Covid-19 Erkrankten beobachtet
(
https://www.aerzteblatt.de/archiv/214293/
THEMA-COVID-19-Pandemie-Auch-die-Haut-reagiert
; besucht am 7. August 2022).
Ebenso wurde
Urtik
aria gemäss
Swissmedic
in der Schweiz auch wieder
holt als Nebenwirkung
vor allem nach Booster-Impfungen mit
Spikevax
(
Mo
derna
)
gemeldet (
https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/news/corona
-
virus-covid-19/covid-19-vaccines-safety-update-14.html
; besucht am 7. August 2022).
J
e länger der zeitliche Abstand
einer Urtikaria
zur Impfung
ist, desto
un
wahrscheinlicher ist
gemäss
Prof. Dr
. med. A._
, wissen
schaftlicher Beirat
von B._
und Leiter der Aller
gie
station der Dermatologischen Kli
nik am Universitätsspital C._
,
allerdings ein Zusammenhang
mit der
Impfung
. Ein
Auftritt
der Urtikaria 10 bis 14 Tage nach der Impfung
ist kaum mehr mit
dieser
in Verbindung zu bringen
.
Ob im hier zu beurt
eilenden Fall zwischen der Urtik
aria und der Booster-Impfung ein Kausalzusammenhang besteht,
ist daher äusserst fraglich. Viel wahrscheinli
cher erscheint ein Kausalzusammenhang mit der Covid-19-Infektion.
Darüber hinaus steht in Frage, ob die vom Beschwerdeführer angegebene lange und hoch
gradige Arbeitsunfähigkeit bei näherer Prüfung nachvollzogen werden könnte
, fällt doch auf
, dass der Facharzt für Dermatologie dem Beschwerdeführer keine Arbeitsunfähigkeit attestiert hatte (Urk. 6/8).
Diese
Frage
n
können
aufgrund der nachstehenden Erwägungen
allerdings
offenbleiben.
4.2
In Anbetracht der allgemein bekannten
Umstände
im Zusammenhang mit der
raschen
Ausbreitung des Corona-Virus
und dessen potentieller Gefährlichkeit
wurde
das
Zulassungsverfahren von Impfstoffen
beschleunigt
.
Die Anforderun
gen bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe bleiben
in der Schweiz
bei diesem Verfahren jedoch gleich wie beim üblichen Zulassungsverfahren. Nur wenn
Swissmedic
die Wirksamkeit, die Sicherheit und die Qualität des Impfstoffes bestätigen kann, erteilt
sie
die Marktzulassung für die Schweiz
.
Die Verabreichung des
hier in Frage stehenden
mRNA
-
Impfstoffes stellte somit eine übliche medizinische M
assnahme dar, welche nicht «ganz erheblich»
vom medizinisch Üblichen ab
wich und objektiv betrachtet
keine
entsprechend grosse
n
Risiken in sich
schloss
.
Dass es bei der Impfung selbst zu einem Behandlungs
fehler gekommen wäre (insbesondere zu einer falschen Dosierung des Impfstoffs oder zu einer Verwechslung von Substanzen), ist weder dokumentiert, noch wurde dies vorgebracht.
In Erinnerung zu rufen ist
an dieser S
telle
, dass für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ohne Belang ist, ob der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich gezogen hat (E. 3.2).
Ein ungewöhnlicher äusserer Faktor
liegt
somit
nicht
vor
, weshalb der U
nfallbe
griff nicht erfüllt ist und unter diesem Titel keine Leistungspflicht der Bes
chwer
degegnerin entstehen kann
.
Der Vergleich mit einem Zeckenstich überzeugt
im Übrigen
bereits desha
lb nicht, weil es sich bei der in Frage stehenden
Impfung um eine medizinische M
assnahme handelt
e
, welcher sich der Beschwerdeführer
geplant
unterzog. Ob
eine Impf
pflicht (mit anderen Worten ein Impfzwang) bestand
(Urk. 1 S. 2)
,
ist in diesem Zusammenhang unerheblich
.
4.3
Auch e
ine Listenverletzung
liegt
gemäss der abschliessenden Aufzählung in
Art. 6 Abs. 2 UVG
nicht vor, weshalb
unter diesem Titel
ebenfalls k
eine Leis
tungspflicht der Beschwerdegegnerin in Frage kommt.
5.
Nach dem Gesagten erweist sich die Beschwerde als unbegründet, weshalb sie abzuweisen ist.