Decision ID: 52278add-1d78-59a0-a6f4-e6ca99bab75e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 1. April 2016 um Asyl in der Schweiz.
Anlässlich der Befragung zur Person vom 5. April 2016 führte er aus, er sei
Berber und habe in B._ gelebt. Von 1984 bis 1985 sei er im Militär
in der Westsahara stationiert gewesen. Im November oder Dezember 1985
sei er aus Marokko ausgereist. Von 1999 bis 2013 habe er sich in Deutsch-
land aufgehalten, wo er eine Tochter (geboren am [...]) habe. Im Jahr 2002
habe er in Deutschland um Asyl nachgesucht. Im Jahr 2013 sei das Asyl-
gesuch abgelehnt und im August 2013 sei er nach Marokko ausgeschafft
worden. Im Februar 2014 habe er Marokko erneut verlassen und sei unter
anderem über Bulgarien in die Schweiz gelangt.
B.
Gestützt auf den EURODAC-Treffer ersuchte die Vorinstanz die bulgari-
schen Behörden am 18. April 2016 um Rückübernahme des Beschwerde-
führers; diese stimmten dem Ersuchen mit Schreiben vom 27. April 2016
ausdrücklich zu. Mit Verfügung vom 28. April 2016 trat die Vorinstanz auf
das Asylgesuch nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Bulgarien und
beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug. Das Bundesverwal-
tungsgericht hiess mit Urteil E-3034/2016 vom 27. Juni 2016 eine dagegen
erhobene Beschwerde gut und wies die Sache zur Neubeurteilung und Ent-
scheidung an die Vorinstanz zurück.
C.
Im Rahmen des wiederaufgenommenen vorinstanzlichen Verfahrens
reichte der Beschwerdeführer folgende Unterlagen ein:
 Bericht der Foundation for Access to Rights vom 13. Dezember 2014,
 Bericht des Assistance Centre for Torture Survivors (ACET) in Bulga-
rien vom 21. Mai 2015,
 Urteil der bulgarischen Asylrekurskommission vom 9. Oktober 2014
(Deckblatt mit Datum 27. Mai 2015),
 undatierte E-Mail einer Mitarbeiterin des AOZ Bundeszentrum Obere
Allmend,
 fünf medizinische Überweisungsformulare (12. April 2016, 26. April
2016, 3. Mai 2016, 6. Mai 2016, 1. Juli 2016),
 ambulanter Bericht des Zuger Kantonsspitals vom 30. April 2016,
 Laborbefund vom 10. Mai 2016,
 Bericht der Erstkonsultation der Psychiatrischen Dienste Aargau vom
22. Juni 2016,
E-2746/2018
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 Bestätigung des Eintritts in die integrierte Psychiatrie Winterthur – Zür-
cher Unterland (ipw) vom 28. Juli 2016,
 Vorgesprächsbericht der ipw vom 29. Juli 2016,
 Austrittsbericht der ipw vom 20. Oktober 2016,
 Schreiben der ipw vom 24. Oktober 2016,
 ärztliches Zeugnis der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom
7. November 2016 respektive vom 17. November 2016,
 ärztlicher Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom
22. November 2016.
D.
Mit Verfügung vom 28. Dezember 2016 trat die Vorinstanz auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Bul-
garien und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug. Eine da-
gegen erhobene Beschwerde hiess das Bundeverwaltungsgericht mit Ur-
teil E-305/2017 vom 5. September 2017 gut und wies die Vorinstanz an,
sich für das Asylverfahren des Beschwerdeführers für zuständig zu erklä-
ren und das Asylgesuch zu behandeln. In der Begründung führte das Ge-
richt aus, es halte das Vorbringen des Beschwerdeführers, im Heimatland
gefoltert worden zu sein, bei der aktuellen Aktenlage für glaubhaft und er-
blicke darin ein gewichtiges Indiz dafür, dass ihm mit einiger Wahrschein-
lichkeit bei einer Rückkehr nach Marokko die konkrete und ernsthafte Ge-
fahr einer erneuten Folter drohe. Es könne somit nicht ausgeschlossen
werden, dass die Schweiz bei einer Überstellung des Beschwerdeführers
nach Bulgarien Gefahr laufe, gegen den Grundsatz des Non-Refoulement
zu verstossen, weshalb ein Selbsteintritt angezeigt sei.
Im Beschwerdeverfahren gab der Beschwerdeführer einen ärztlichen Be-
richt der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 13. Januar 2017 und
ein undatiertes Schreiben eines spanischen Journalisten mit sieben Fotos
zu den Akten.
E.
Am 18. September 2017 teilte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer mit,
es werde das nationale Asylverfahren durchgeführt.
F.
Anlässlich der Anhörung vom 21. November 2017 führte der Beschwerde-
führer aus, nach Abschluss der Militärausbildung habe er als Sergeant in
der Westsahara gedient. Auf Befehl habe seine Patrouille 36 zivile Ange-
hörige der Volksfront zur Befreiung von Saguia el Hamra und Río de Oro
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(Polisario-Front; militärische und politische Organisation in der Westsa-
hara) verhaftet. Sie seien verdächtigt worden, Terroristen zu sein. Militär-
angehörige hätten die Verhafteten verhört und gefoltert. Ein Oberstleutnant
habe ein zwölfjähriges Mädchen vergewaltigt. In Absprache mit seinem
Team habe er den Verhafteten zur Flucht zu verholfen. Der Vorgesetzte
habe ihm alleine die Schuld an der Flucht der Verhafteten gegeben. Er sei
des Hochverrats (Kollaboration mit der Polisario-Front) beschuldigt wor-
den, weshalb er Ende 1985 nach Spanien geflüchtet sei. Ab dem Jahr 1999
habe er in Deutschland gelebt. Er habe islamisch geheiratet und am (...)
sei die Tochter geboren worden. Nachdem seine falsche Identität aufge-
deckt worden sei, habe ihn Deutschland weggewiesen. Nach einem
Selbstmordversuch sei er im August 2013 nach Marokko abgeschoben
worden. Am Flughafen sei er der Militärpolizei übergeben worden. Die Mi-
litärpolizisten hätten ihn an einem unbekannten Ort drei Monate lang zur
Polisario-Front verhört und gefoltert. Wegen der erlittenen Verletzungen
hätten sie ihn in ein Militärspital gebracht. Von dort sei er nach C._
zu seiner Schwester geflüchtet. Gegen Bestechungsgeld habe er sich ei-
nen Pass ausstellen lassen. Ein Mann, der im Dienst von Force auxiliaire
gestanden habe, habe ihm im März oder April 2014 die Ausreise über den
Flughafen in Casablanca ermöglicht. In Bulgarien sei sein im August 2014
gestelltes Asylgesuch mit Rekursentscheid vom 21. Mai 2015 abgelehnt
worden. Er habe im Asylverfahren seine Probleme mit dem Militär nicht
angegeben, weil ihm gesagt worden sei, Marokkaner hätten ohnehin keine
Chance auf Asyl. Via Serbien sei er am 31. März 2016 in die Schweiz ge-
langt.
Der Beschwerdeführer gab nebst bereits einreichten Unterlagen folgende
Dokumente zu den Akten:
 Vaterschaftsanerkennung vom 13. Juni 2002,
 Sorgeerklärung betreffend Tochter vom 1. August 2002,
 Karte für Asylbewerber vom serbischen Asylzentrum D._,
 ärztlicher Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom
13. Januar 2017.
G.
Mit Schreiben vom 15. Januar 2018, 13. Februar 2018 und 15. Februar
2018 reichte der Beschwerdeführer folgende Dokumente ein:
 Arztbericht vom 11. Januar 2018,
 ärztlicher Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom
12. Januar 2018,
E-2746/2018
Seite 5
 Arztschreiben vom 30. Januar 2018 betreffend Medikamente,
 Arztschreiben vom 13. Februar 2018 betreffend Behandlungsunter-
bruch,
 Foto des Beschwerdeführers in Militäruniform.
H.
Mit Verfügung vom 12. April 2018 (eröffnet am 14. April 2018) stellte die
Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug an.
I.
Mit Eingabe vom 11. Mai 2018 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben. Dem Beschwerdeführer sei die Flüchtlingseigen-
schaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Eventualiter sei dem Be-
schwerdeführer die vorläufige Aufnahme infolge Unzulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs aufgrund drohender Folter und Tod zu gewähren. Sub-
eventualiter sei der Entscheid aufzuheben und zwecks vollständiger Erhe-
bung des Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Rechtspflege zu ge-
währen. Es sei dem Beschwerdeführer die Bezahlung der Verfahrenskos-
ten sowie eines Kostenvorschusses zu erlassen. Die Unterzeichnete sei
dem Beschwerdeführer als unentgeltliche Rechtsbeiständin beizuordnen.
Nebst bereits eingereichten Beweismitteln gab der Beschwerdeführer eine
Bestätigung der Zentralen Abschiebestelle (ZAS) von Thüringen vom
14. August 2013 betreffend seine erfolgreiche Abschiebung nach Marokko,
einen Bericht der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
des Akademischen Lehrkrankenhauses des Universitätsklinikums Jena
vom 8. Oktober 2013, einen Kurzbericht der Hilfswerksvertretung vom
21. November 2017 und eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung zu den
Akten.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Mai 2018 hiess der Instruktionsrichter die
Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsverbei-
ständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlassung.
E-2746/2018
Seite 6
K.
Mit Schreiben vom 25. Mai 2018 verzichtete die Vorinstanz auf eine Ver-
nehmlassung. Das Schreiben wurde dem Beschwerdeführer am 28. Mai
2018 zur Kenntnisnahme zugestellt.
L.
Mit Schreiben vom 9. Dezember 2019 teilte der Beschwerdeführer mit, er
habe seinen Reisepass über Kontakte in der Türkei besorgen können und
ihn zwecks Eheschliessung dem zuständigen Zivilstandsamt eingereicht.
Dem Schreiben lag eine Bestätigung des Zivilstandsamtes vom 4. Dezem-
ber 2019 betreffend Erhalt des Reisepasses des Beschwerdeführers bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende
Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdefüh-
rer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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Seite 7
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
4.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich
kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grund-
sätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, der Beschwerdeführer
habe den angeblichen Rückflug und seine angebliche Ankunft am Flugha-
fen in Marokko im Jahr 2013 trotz mehrmaligen Nachfragens ausweichend
und oberflächlich geschildert. Gemäss bulgarischem Asylentscheid vom
5. November 2014 habe er in jenem Verfahren nie erwähnt, im Militär ge-
dient zu haben. Dies widerspreche den Angaben im schweizerischen Asyl-
verfahren. Der Bericht des ACET vom 21. Mai 2015 stimme im Wesentli-
chen mit den Angaben im schweizerischen Asylverfahren überein. Die
Möglichkeit, dass eine Person unter den vom Beschwerdeführer geschil-
derten Umständen die wahren Asylvorbringen verschweige, sei zwar nicht
von der Hand zu weisen. Aber jedem Asylsuchenden sollte bewusst sein,
dass ein negativer Asylentscheid meist zu einer Wegweisung ins Heimat-
land führe. Seine erst im bulgarischen Beschwerdeverfahren vorgebrach-
ten politischen Asylgründe würden daher als unverständlicher Nachschub
erscheinen und stellten die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen grundsätzlich
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Seite 8
in Frage. Des Weiteren habe der Beschwerdeführer widersprüchliche An-
gaben gemacht. An der Befragung habe er nicht gewusst, an welchem
Flughafen er in Marokko angekommen sei, während er an der Anhörung
den Flughafen Casablanca genannt habe. Es mache den Eindruck, er habe
anlässlich der Befragung die Umstände seiner angeblichen Ankunft in Ma-
rokko verschleiern wollen oder die Ankunft habe nicht unter den geschil-
derten Umständen stattgefunden. Im Bericht der ACET vom 21. Mai 2015
und an der Befragung habe er angegeben, die Militärpolizei habe ihm eine
Kapuze über den Kopf gestülpt. An der Anhörung habe er hingegen gesagt,
ihm seien die Augen verbunden worden. Aufgrund der Schilderungen und
des eingereichten Fotos sei nicht auszuschliessen, dass er in Marokko tat-
sächlich Militärdienst geleistet habe und im Verlauf seines Lebens gefoltert
worden sei. Daraus könne aber nicht geschlossen werden, diese Ereig-
nisse seien unter den geschilderten Umständen und im angegebenen Zeit-
raum erfolgt. Die oberflächlichen und widersprüchlichen Schilderungen
liessen die Verhaftung durch die Militärpolizei am Flughafen mit grosser
Wahrscheinlichkeit unglaubhaft erscheinen. Folglich sei den Vorbringen,
durch die Militärpolizei gefoltert worden und aus dem Militärspital geflohen
zu sein, der Boden entzogen. Insgesamt würden sich seine Asylvorbringen
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als unglaubhaft erweisen. Im Übri-
gen erscheine es unwahrscheinlich, dass eine vor 28 Jahren begangene
Dienstpflichtverletzung die marokkanischen Behörden veranlassen sollte,
eine einreisende Person deswegen zu identifizieren, zu verhaften und zu
foltern.
5.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe in verschiedenen Ver-
fahren zu verschiedenen Zeitpunkten übereinstimmend angegeben, im
Jahr 2013 von Deutschland nach Casablanca zurückgeschafft worden zu
sein. Die erfolgreiche Abschiebung sei durch das eingereichte Schreiben
der Zentralen Abschiebestelle (ZAS) von Thüringen vom 14. August 2013
belegt. Dass er anlässlich der Befragung den Ankunftsflughaften nicht ge-
wusst habe, könne nicht als krasser Widerspruch gewertet werden, zumal
er nervös gewesen sei und nicht irgendeinen anderen Flughafen angege-
ben habe. Vor der Abschiebung habe er einen Suizidversuch unternommen
und sich vom 27. Juli 2013 bis 30. Juli 2013 in stationärer Behandlung be-
funden. Gemäss Bericht der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und
Psychosomatik des Akademischen Lehrkrankenhauses des Universitäts-
klinikums Jena vom 8. Oktober 2013 habe er nach der Entlassung nach
wie vor als akut suizidal gegolten. Angesichts dieser Umstände und der
abrupten Trennung von seiner Tochter könne nicht erwartet werden, dass
er die Abschiebung – welche zum heutigen Zeitpunkt über viereinhalb
E-2746/2018
Seite 9
Jahre zurückliege – intensiv und detailgetreu wahrgenommen habe. Die
Vorinstanz habe bei der Beurteilung seiner Aussagen diese schwere Trau-
matisierung ausser Acht gelassen. Zudem habe er durchaus detaillierte
und stimmige Angaben zu den Ereignissen nach der Ankunft am Flughafen
machen können. Er habe schlüssig erklärt, weshalb er im bulgarischen
Asylverfahren den Militärdienst anfangs nicht erwähnt habe. Die Vorinstanz
halte dazu selbst fest, der Bericht der ACET stimme in wesentlichen Punk-
ten mit seinen Angaben im schweizerischen Asylverfahren überein und es
bestehe die Möglichkeit, dass eine asylsuchende Person in Bulgarien die
wahren Asylgründe nicht offenlege. Bei dem Widerspruch, ihm sei eine Ka-
puze übergezogen oder die Augen verbunden worden, handle es sich um
eine Nebensächlichkeit. An der Anhörung habe er angegeben, er könne
sich nicht mehr genau erinnern. Er habe die Personen, die ihn geschlagen
hätten, nicht gesehen, aber wie seine Augen verbunden gewesen seien,
wisse er nicht. Diese Erinnerungslücke sei nachvollziehbar, da sich das
Ganze vor vier Jahren abgespielt und er sich damals in einem Ausnahme-
zustand befunden habe. Zum marokkanischen Militärdienst habe er detail-
lierte Aussagen gemacht. So habe er seine Immatrikulationsnummer, die
militärische Organisation, seinen Stützpunkt, die Funktion und Namen sei-
ner Vorgesetzten, die Zuständigkeiten im Disziplinarverfahren, die Dauer
einer einfachen Disziplinarstrafe, die Flugzeugtypen und die Dienstränge
unter dem Sergeanten genannt. Zudem habe er eine wahrheitsgetreue
Skizze des Militärflughafens in E._ gemacht und gewusst, dass der
Militärflughafen direkt an den Zivilflughafen grenze. Seine Folternarben
seien durch den ärztlichen Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik
Zürich vom 12. Januar 2018 belegt. Das Bundesverwaltungsgericht habe
im Urteil E-305/2017 E. 5.2 festgehalten, es halte sein Vorbringen, im Hei-
matland gefoltert worden zu sein, bei der aktuellen Aktenlage für glaubhaft
und erblicke darin ein gewichtiges Indiz dafür, dass ihm mit einiger Wahr-
scheinlichkeit bei einer Rückkehr nach Marokko die konkrete und ernst-
hafte Gefahr einer erneuten Folter drohe. Die Vorinstanz äussere sich nicht
zu diesem Urteil. Sie erachte es für unklar, wie und wann seine Misshand-
lungen stattgefunden hätten. Er habe seit dem Jahr 1999 in Deutschland
gelebt. Dem Arztbericht vom 8. Oktober 2013 aus Deutschland sei kein
Hinweis auf Folterspuren zu entnehmen. Zudem sei undenkbar, dass er in
Deutschland eine derartige Folter erlitten haben könnte. Folglich könnten
die Folternarben nur nach seiner Abschiebung nach Marokko entstanden
sein. Insgesamt seien seine Angaben glaubhaft. Die Vorbringen seien zu-
dem asylrelevant. Während des Militärdienstes im Jahr 1985 habe er Ge-
fangene freigelassen, welche der Polisario-Front angehörten. Deswegen
sei ihm eine Unterstützung der Polisario-Front unterstellt und Hochverrat
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vorgeworfen worden. Der Konflikt in der Westsahara sei immer noch hoch
aktuell. Dies sei durch den Bericht der Foundation for Access to Rights vom
13. Dezember 2014 und weitere Länderberichte belegt. Die direkte Inhaf-
tierung nach seiner Ankunft am Flughafen im Jahr 2013 zeige, dass die
marokkanischen Behörden immer noch ein grosses Interesse an ihm hät-
ten. Bei einer Rückkehr drohe ihm eine erneute Verfolgung, Inhaftierung
und Folter. Dies entspreche auch der Haltung des Bundesverwaltungsge-
richts im Urteil E-305/2017. Es sei ihm daher Asyl zu gewähren.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer gab im Bericht des ACET vom 21. Mai 2015, im
schweizerischen Asylverfahren und in den Arztberichten stimmig an, er
habe sich nach Abschluss des Abiturs im Jahr 1984 dem Militär ange-
schlossen. Nach der Militärausbildung sei er in der Westsahara stationiert
worden. Den Vorfall mit der Verhaftung und Folter der 36 zivilen Angehöri-
gen der Polisario-Front, seinen Entschluss, diese zu befreien, die Beschul-
digung des Hochverrates und seine anschliessende Flucht im Jahr 1985
erzählte er detailliert und widerspruchsfrei. Zudem konnte er konkrete An-
gaben zu seinem Militärdienst machen. So nannte er seine Immatrikulati-
onsnummer (...), deren Ende offensichtlich mit dem Jahr seines Militärein-
trittes übereinstimmt, sowie seinen Rang und den der Vorgesetzten, erläu-
terte die militärische Organisation, das Disziplinarverfahren und die Flug-
zeugtypen. Zudem reichte er ein Foto ein, auf welchem er in Militäruniform
abgebildet ist. Gegen die Glaubhaftigkeit des Militärdienstes, des Vorfalls
mit den verhafteten Anhängern der Polisario-Front und der Flucht spricht
einzig, dass er dies im bulgarischen Asylverfahren nicht erwähnt hat. Der
Beschwerdeführer erklärt indes nachvollziehbar, er habe in Bulgarien gar
kein Asylgesuch stellen, sondern schnellstmöglich nach Deutschland zu
seiner Tochter weiterreisen wollen. Als ihm die Dolmetscherin vor Anhö-
rungsbeginn erklärt habe, Marokkaner hätten ohnehin keine Chance auf
Asyl, habe er einfach irgendetwas erzählt. Erst auf Anraten seiner Anwältin,
die ihm später beigeordnet worden sei, habe er seine wahren Fluchtgründe
offengelegt. Die Vorinstanz weist selbst auf die Möglichkeit hin, dass ein
Asylsuchender in Bulgarien nicht die wahren Asylgründe offenlege. Am
Schluss hält sie denn auch fest, es sei nicht auszuschliessen, dass der
Beschwerdeführer tatsächlich im marokkanischen Militär gedient habe,
aber es sei unklar, zu welchem Zeitpunkt. Der angegebene Zeitpunkt des
Militärdienstes, die Jahre 1984/1985, erscheinen indes bereits aufgrund
des Alters des Beschwerdeführers naheliegend. Der Beschwerdeführer
war damals zwanzig Jahre alt, was mit seiner Angabe, nach Abiturab-
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Seite 11
schluss zum Militärdienst gegangen zu sein, übereinstimmt. Zudem ist die-
ses Alter für den Eintritt in den Militärdienst gemeinhin üblich. Des Weiteren
hielt er sich nach seiner Ausreise aus Marokko mehrere Jahre in Spanien
und weiteren europäischen Ländern auf. Vom Jahr 1999 bis zu seiner Aus-
schaffung im Jahr 2013 lebte er nachweislich in Deutschland. Die Unter-
stellung der Vorinstanz, er habe zu einem anderen Zeitpunkt den Militär-
dienst geleistet, ist angesichts der Lebensgeschichte des Beschwerdefüh-
rers nicht nachvollziehbar.
Des Weiteren zweifelt die Vorinstanz grundsätzlich an der Ausschaffung
des Beschwerdeführers im August 2013 nach Marokko. Selbst wenn die
Ausschaffung stattgefunden hätte, hält sie die Verhaftung am Flughafen
und die anschliessende Folter aufgrund vager und widersprüchlicher An-
gaben für unglaubhaft. Der Beschwerdeführer reichte ein Schreiben der
Zentralen Abschiebestelle (ZAS) von Thüringen vom 14. August 2013 ein.
Daraus geht klar hervor, dass der Beschwerdeführer von Deutschland am
7. August 2013 erfolgreich nach Casablanca abgeschoben worden ist. An
der Abschiebung besteht somit keinerlei Zweifel. Dass er sich anlässlich
der Befragung an den Flughafen nicht erinnern konnte und Casablanca
erst an der Anhörung nannte, wirkt sich demnach nicht negativ auf die
Glaubhaftigkeit aus. Die Vorinstanz hat zwar zu Recht darauf hingewiesen,
dass sie den Beschwerdeführer mehrmals auffordern musste, die Verhält-
nisse im Flugzeug und die Ereignisse nach der Ankunft am Flughafen zu
schildern. Entgegen ihrer Einschätzung wiesen die Angaben dann aber
durchaus einen gewissen Detaillierungsgrad auf. Er schilderte, er könne
sich an den Abschiedskuss seiner Tochter am Flughafen erinnern. Im Flug-
zeug sei er beidseits von Polizisten festgehalten worden. Am Flughafen in
Casablanca sei er von der deutschen Polizei der lokalen Polizei übergeben
worden. Sie hätten ihn in einen Raum geführt. Nachdem er einige Zeit ge-
wartet habe, sei die Militärpolizei gekommen. Er habe sie an ihrem weiss-
roten Helm und der Uniform erkannt. Sie hätten ihn zynisch gefragt, "haben
sie dich zu deiner Mutter zurückgebracht?". Dann hätten sie ihm die Hände
auf dem Rücken zusammengebunden und die Augen verbunden. Nach ei-
nem circa zehnminütigen Fussmarsch und einer einstündigen Autofahrt sei
er in einen Raum gebracht worden. Nach drei bis vier Stunden sei er in
einen anderen Raum gebracht worden. Dort hätten sie ihm die Handfes-
seln entfernt, ihn auf einen Stuhl gesetzt, die Hände erneut gefesselt und
die Augenbinde entfernt. Anfangs habe er nicht viel sehen können; er habe
wie Nebel vor den Augen gehabt. Schmerzen habe er keine verspürt. Es
seien zwei maskierte Personen anwesend gewesen, ihre Ränge, Capitaine
und Unteroffizier, seien aber erkennbar gewesen. Sie hätten ihn zu seiner
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Seite 12
Beziehung zur Polisario-Front befragt und gefoltert. Sie hätten ihn geschla-
gen, insbesondere auf die frische Wunde vom Suizidversuch. Sie hätten
ihn auf eine Glasflasche gesetzt, bis diese eingedrungen sei. Die Zähne
seien ihm ausgeschlagen worden und die Brust sei voller Narben. An sei-
ner Beinverletzung leide er noch heute. Nach circa drei Monaten hätten sie
ihn wegen der Verletzungen in ein Militärspital gebracht. Gegen Beste-
chung habe er flüchten und nach einem kurzen Aufenthalt bei seiner
Schwester ausreisen können (SEM-Akten, act. A65 F 31, 73, 75, 81 ff.,
92 ff.). Gemäss ärztlichem Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik
Zürich vom 12. Januar 2018 weist der Beschwerdeführer am ganzen Kör-
per diverse abgeheilte Narben durch Schnitte und Brandverletzungen auf:
Narben von Schnittverletzungen am Gesicht (v.a. Schnittverletzungen am
rechten Ohr, an der Nase, an beiden Wangen), knapp 20 Verbrennungs-
narben an der linken Brust, eine sehr lange Narbe nach Schnittverletzung
quer über das gesamte Abdomen, eine vier bis fünf Zentimeter lange Narbe
am mittleren Rücken, diverse Narben am rechten Knöchel und Unterschen-
kel, eine grosse Narbe am Oberschenkel (von einer Operation) und Narben
an den Unterarmen (vom Beschwerdeführer selbst zugefügt). Die von der
Folter stammenden Narben stimmen mit seinen Angaben zur Folter an der
Anhörung und in den Arztberichten überein. Die Vorinstanz führt dazu wie-
derum aus, es sei nicht auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer im
Verlauf seines Lebens gefoltert worden sei, indes sei unklar, ob die Miss-
handlung unter den von ihm geschilderten Umständen und im angegebe-
nen Zeitraum erfolgt sei. Der Beschwerdeführer erklärt, dem Arztbericht
vom 8. Oktober 2013, verfasst nach dem stationären Aufenthalt wegen Su-
izidversuches, sei kein Hinweis auf Folterspuren zu entnehmen. Die Fol-
ternarben müssten also nach seiner Ausschaffung aus Deutschland ent-
standen sein. Diese Erklärung überzeugt, zumal die Vorinstanz offenlässt,
wann er ihrer Meinung nach die Folter erlebt haben könnte. Zudem hielt
das Bundesverwaltungsgericht im Urteil E-305/2017 fest, sein Vorbringen,
im Heimatland gefoltert worden zu sein, sei bei der aktuellen Aktenlage als
glaubhaft einzustufen. Seither hat sich nichts ereignet, das Zweifel an der
Glaubhaftigkeit seiner Foltervorbringen wecken könnte. Wie bereits darauf
hingewiesen, fielen seine Schilderungen an der Anhörung detailliert aus.
Dass mehrmals nachgefragt werden musste, ist angesichts des Ausnah-
mezustandes, in welchem er sich damals bei der Ausschaffung befunden
hat (akut suizidgefährdet, von der Tochter getrennt), der späteren Folterun-
gen und der Tatsache, dass sich das Ganze bereits vor vier Jahren ereignet
hat, nachvollziehbar. Als Widerspruch führt die Vorinstanz an, der Be-
schwerdeführer habe in der Befragung und in den Arztberichten angege-
E-2746/2018
Seite 13
ben, die Militärpolizei habe ihm eine Kapuze über den Kopf gestülpt, wäh-
rend er an der Anhörung gesagt habe, sie hätten ihm die Augen verbunden.
Der Beschwerdeführer weist richtigerweise darauf hin, er habe an der An-
hörung gesagt, er wisse nicht, wie ihm die Augen verbunden worden seien;
er habe nicht darauf geachtet (act. A65 F 88). Die Ansicht der Vorinstanz,
er müsste sich erinnern, ob er einen Druck auf dem Augenbereich gehabt
habe (bei einer Augenbinde der Fall) oder nicht (bei einer Kapuze der Fall),
ist realitätsfremd und spitzfindig. Aufgrund der damaligen Umstände ist es
verständlich, dass sich der Beschwerdeführer an ein solches Detail nicht
zu erinnern vermag. Zudem ist dies der einzige Widerspruch, den die Vo-
rinstanz in seiner Schilderung zur Ausschaffung und den späteren Ereig-
nissen finden konnte. Angesichts der Nebensächlichkeit des Widerspruchs
und der ansonsten schlüssigen, detaillierten und widerspruchsfreien Schil-
derung, die durch verschiedene Beweismittel (Narben, Arztzeugnisse, Be-
richt der ACET) belegt ist, sind die Vorbringen des Beschwerdeführers als
glaubhaft einzustufen. Es steht somit fest, dass der Beschwerdeführer in
den Jahren 1984 und 1985 Militärdienst geleistet hat, im Jahr 1985 gegen
den Befehl vom Militär verhaftete Anhänger der Polisario-Front freigelas-
sen hat und aus Marokko geflüchtet ist, nach seiner Ausschaffung nach
Marokko im August 2013 von der Militärpolizei verhaftet und drei Monate
lang gefoltert worden ist sowie gegen Bestechung aus dem Militärspital
flüchten und anschliessend ausreisen konnte.
6.2 Im Rahmen der sogenannten Berliner „Kongo-Konferenz“ im Jahr 1884
wurde das Gebiet der Westsahara Spanien zugeteilt. Am 29. April 1973
gründete sich in Mauretanien die Polisario-Front, welche die Unabhängig-
keit der Westsahara von Spanien anstrebte. Im Mai 1973 erfolgten die ers-
ten militärischen Angriffe der Polisario-Front auf spanische Einheiten in der
Westsahara. Im Rahmen der Politik einer Dekolonialisierung der Westsa-
hara unterstützte Spanien im Jahr 1974 die Forderung der Vereinten Nati-
onen nach der Durchführung eines Referendums. Der Konflikt um die
Westsahara eskalierte, als der marokkanische König Hassan II. die Bevöl-
kerung Marokkos am 6. November 1975 zum sogenannten „Grünen
Marsch“ (Al Massira) in die Westsahara aufforderte. An diesem Marsch
nahmen über 350'000 marokkanische Zivilsten teil. Am 14. November 1975
unterzeichneten Spanien, Marokko und Mauretanien ein Abkommen, in
dem Spanien die Gebietsansprüche von Marokko und Mauretanien aner-
kennt. Am 26. Februar 1976 zog sich Spanien offiziell aus der Westsahara
zurück. Einen Tag später rief die Polisario-Front die Demokratische Arabi-
sche Republik Sahara (DARS) aus. Die bewaffneten Auseinandersetzun-
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gen zwischen der marokkanischen Armee und der Polisario-Front began-
nen im Januar 1976 und dauerten bis zum Abschluss eines Waffenstillstan-
des im Jahr 1991 an. Die Durchführung eines Referendums, bei welchem
die Bevölkerung über die Zukunft der Westsahara entscheiden sollte,
scheiterte trotz Mitwirkung des UN-Sicherheitsrats mehrmals. Im Februar
2017 eskalierte die Lage in der Grenzregion zwischen Marokko und Mau-
retanien, nachdem vermehrt Zwischenfälle verzeichnet wurden, bei denen
sich die Polisario-Front und die marokkanischen Sicherheitskräfte gefähr-
lich nahegekommen waren. Beide Seiten befanden sich mit dem grössten
Umfang an bewaffneten Kräften innerhalb der im Jahr 1991 von der UN
eingerichteten Pufferzone seit deren Einrichtung. Die UN forderte beide
Seiten zu einem Rückzug aus dem Gebiet auf. Während Marokko zuletzt
erklärte, dieser Aufforderung zu folgen, liess die Polisario-Front verlauten,
ihre Präsenz vor Ort beschränke sich auf „befreite Zonen“. (Deutscher Bun-
destag, Wissenschaftliche Dienste, Die Entwicklung des Westsahara-Kon-
fliktes, 2006 < https://www.bundestag.de/resource/blob/414992/950e1c21
450915f1de9065e22a963791/WD-2-209-06-pdf-data.pdf >; US Departe-
ment of State, Country Report on Human Rights Practices 2019 – Western
Sahara, < https://www.ecoi.net/de/dokument/2027517.html >; < https://ww
w.amnesty.ch/de/ueber-amnesty/publikationen/magazin-amnesty/2012-1/
westsahara-die-letzte-kolonie-afrikas > [alle abgerufen am 12.10.2020]).
6.3 Im Jahr 1985 verhalf der Beschwerdeführer während seines Militär-
dienstes in der Westsahara verhafteten Anhängern der Polisario-Front zur
Flucht. Aus Angst vor einer drohenden Verurteilung wegen Hochverrats
flüchtete er aus Marokko. Nach seiner Ausschaffung von Deutschland nach
Marokko im August 2013 wurde er von der Militärpolizei am Flughafen ab-
geführt. In den folgenden drei Monaten wurde er zur Polisario-Front befragt
und gefoltert. Von der Folter trug er sichtbare Narben und eine posttrauma-
tische Belastungsstörung davon (vgl. ärztlicher Bericht der Psychiatrischen
Universitätsklinik Zürich vom 12. Januar 2018). Die illegitime Haft und die
erlittene Folter sind als gezielt zugefügte, ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG einzustufen, welche auf dem asylrechtlich relevanten Ver-
folgungsmotiv der (zumindest unterstellten) politischen Gesinnung basie-
ren. Der Beschwerdeführer ist während des Aufenthalts im Militärspital ge-
flüchtet und gegen Bestechung sowie mit Hilfe eines Mannes, der im Dienst
von Force auxiliaire gestanden hat, im März oder April 2014 aus Marokko
ausgereist. Der sachliche und zeitliche Kausalzusammenhang zwischen
der dreimonatigen Inhaftierung mit der Folter und der Ausreise ist daher
gegeben. Die erlittene Verfolgung ist zudem nach wie vor aktuell, da der
Westsahara-Konflikt zwischen Marokko und der Polisario-Front noch nicht
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beigelegt ist und somit davon auszugehen ist, dass aufgrund des gegen
ihn bestehenden Verdachts der Unterstützung der Polisario-Front und sei-
ner erneuten Flucht aus der Gefangenschaft bei einer Rückkehr die kon-
krete Gefahr einer erneuten Inhaftierung mit Folter besteht. Insgesamt be-
steht ein konkreter Anlass zur Annahme, dass sich bei der Rückkehr des
Beschwerdeführers nach Marokko eine Verfolgung nach Art. 3 AsylG mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklichen
würde.
6.4 Zusammenfassend erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Gründe für den Ausschluss aus der
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 53 AsylG sind nicht ersichtlich. Die Be-
schwerde ist daher gutzuheissen. Die Verfügung vom 12. April 2018 ist auf-
zuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer Asyl in
der Schweiz zu gewähren.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
7.3 Die Rechtsvertreterin reichte keine Honorarnote ein. Der Aufwand lässt
sich allerdings aufgrund der Akten zuverlässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2
VGKE). In Anwendung der massgeblichen Bemessungsfaktoren
(vgl. Art. 8–11 VGKE) ist das Honorar auf Fr. 2'000.– (inkl. Auslagen) fest-
zusetzen. Die Vorinstanz ist somit anzuweisen, dem Beschwerdeführer
eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'000.– auszurichten.
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