Decision ID: 184942b4-edd0-5edf-9a72-ca1c8d0d24a2
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Handelsregistereintrag vom 24. Oktober 2008 wurden Herr C._
(Gesellschafter 1) und Herr D._ (Gesellschafter 2) als Gesellschaf-
ter der A._ GmbH zu gleichen Teilen (je 50%) eingetragen. Im Jahre
2014 wurde die A._ GmbH in die A._ AG (fortan: Steuer-
pflichtige) umgewandelt, wobei die Gesellschafter zu gleichen Teilen daran
beteiligt blieben. Während der Gesellschafter 1 im hier relevanten Zeitraum
über Einzelzeichnungsberechtigung verfügte, war der Gesellschafter 2
ohne Zeichnungsberechtigung.
B.
Die Gesellschafter 1 und 2 sind darüber hinaus je zur Hälfte an der
B._ GmbH mit Sitz in Deutschland beteiligt (fortan: Schwesterge-
sellschaft).
C.
Mit Domain-Kaufvertrag vom 9. März 2008 erstand die Steuerpflichtige von
der Schwestergesellschaft 66 Domains zu einem Kaufpreis von
EUR 285'000. In diesem Kaufvertrag ist unter anderem auch die Domain
e._.fr als Kaufgegenstand aufgeführt. Dieser Domain-Kaufvertrag
wurde vom Gesellschafter 2 als Verkäufer und vom Gesellschafter 1 als
Käufer unterschrieben.
D.
Der vereinbarte Kaufpreis wurde bei der Steuerpflichtigen in der Zeit-
spanne vom 13. Februar 2008 bis 30. Oktober 2008 ratenweise im Auf-
wandkonto 4001 «Domainkauf Ausland» verbucht.
E.
Die X._ GmbH stellte der Schwestergesellschaft mit Zahlungsauf-
forderung vom 30. März 2008 den gemäss Kaufvertrag vom 30. März 2008
mit Y._ vereinbarten Kaufpreis für die Domain e._.fr in Höhe
von EUR 100'000.- in Rechnung.
F.
Die Z._ AG (fortan: Registrierungsstelle) stellte der Schwesterge-
sellschaft mit Rechnungsdatum vom 17. April 2008 die Registrierung der
Domain e._.fr für die Zeitspanne vom 15. April 2008 bis zum
15. April 2009 mit einem Betrag von EUR 99.- in Rechnung.
A-6214/2018
Seite 3
G.
Am 21. Juni 2008 erteilte der Gesellschafter 1 der Registrierungsstelle den
Auftrag zur Registrierung der Domains f._.fr, g._.fr,
e._.fr, h._.fr, i._.fr, j._.fr und k._.fr auf
die Steuerpflichtige, worauf die Registrierungsstelle der Steuerpflichtigen
mit Rechnung vom 26. Juni 2008 einen Betrag von insgesamt EUR 43.70
fakturierte, worin u.a. auch die Inhaberwechsel der Domains e._.fr
und k_.fr vom 25. Juni 2008 in der Höhe von je EUR 8.40 enthalten
waren. Die genannte Rechnung wurde bei der Steuerpflichtigen im Konto
4001 «Domainkauf Ausland» verbucht.
H.
Mit Rechnung vom 20. April 2009 stellte die Registrierungsstelle der Steu-
erpflichtigen die Registrierung der Domain e._.fr für die Zeitspanne
vom 15. April 2009 bis 15. April 2010 mit einem Betrag von EUR 83.19 in
Rechnung, was seitens der Steuerpflichtigen wiederum im Konto 4001
«Domainkauf Ausland» verbucht wurde.
I.
Mit Domain-Kaufvertrag vom 31. Mai 2009 erwarb die Steuerpflichtige die
Domain e._.fr von der Schwestergesellschaft. Als Kaufpreis wurden
EUR 105'000.- vereinbart. Dieser Domain-Kaufvertrag ist vom Gesell-
schafter 2 als Verkäufer und vom Gesellschafter 1 als Käufer unterzeich-
net. Die Zahlung wurde wiederum im Konto 4001 «Domainkauf Ausland»
verbucht.
J.
Mit Schreiben vom 1. März 2012 orientierte die Steuerverwaltung des Kan-
tons (...) die ESTV über die rechtkräftige Veranlagung der Steuerpflichti-
gen für das Steuerjahr 2009 und die Tatsache, dass sie den zweiten Kauf-
preis gemäss Kaufvertrag vom 31. Mai 2009 über EUR 105'000.- bzw.
CHF 157'320.- (vgl. Sachverhalt Bst. I) als nicht geschäftsmässigen Auf-
wand qualifiziert und als geldwerte Leistung aufgerechnet habe, weshalb
die ESTV gebeten werde, die Erhebung der Verrechnungssteuer zu prüfen.
K.
Mit E-Mail an den damaligen Beauftragten der Steuerpflichtigen vom
28. November 2012, welches der ESTV weitergeleitet wurde, führte der
Gesellschafter 1 aus, Grund des Verkaufs der Domains an die Steuerpflich-
tige sei die niedrige Steuerlast bei einem Weiterverkauf der Domains ge-
A-6214/2018
Seite 4
wesen. Daher hätte man sukzessive alle Domains der Schwestergesell-
schaft an die Steuerpflichtige verkauft und zwar möglichst nur knapp über
dem Buchwert (weniger gehe schlecht, das «stosse dem [...] Finanzamt
auf»). Die Domain e._.fr sei irrtümlich («Copy & Paste») auf dem
Vertrag vom 9. März 2008 gelandet. Der Verkaufspreis wäre für das Paket
inklusive der e._.fr auch viel zu niedrig gewesen. Bereits vier im
Paket enthaltene Domains würden den Preis des Paketes rechtfertigen.
Leider sei das Erscheinen der e._.fr im Vertrag des Jahres 2008
dem Steuerberater der Schwestergesellschaft erst beim Jahresabschluss
2009 (recte: 2008) aufgefallen. Für den Jahresabschluss der Schwester-
gesellschaft sei der Vertrag noch korrigiert worden, die Unterlagen für den
Jahresabschluss der Steuerpflichtigen seien allerdings schon übermittelt
gewesen. Die Domain e._.fr sei dann mit Vertrag vom 31. Mai 2009
für einen Preis knapp über dem Buchwert an die Steuerpflichtige verkauft
worden. Dies sei das einzige Mal gewesen, dass diese Domain verkauft
und dann auch übertragen worden sei. Dies würden auch die Anlagever-
zeichnisse der Schwestergesellschaft aus den Jahren 2008 und 2009 be-
legen.
L.
Mit Schreiben vom 30. November 2012 stellte die ESTV der Steuerpflichti-
gen eine Verrechnungssteuer in Höhe von CHF 84'710.75 in Rechnung
und begründete diese damit, dass die Steuerpflichtige den Kaufpreis für
die Domain e._.fr im Jahre 2009 zweimal an die nahestehende
Schwestergesellschaft bezahlt habe, womit eine geldwerte Leistung vor-
liege. Mangels Überwälzung stelle die geldwerte Leistung von
CHF 157'320.- eine Nettoleistung dar (65%), womit sich die Bruttoleistung
auf CHF 242'030.75 (100%) belaufe und eine Verrechnungssteuer in Höhe
von CHF 84'710.75 resultiere.
M.
Die Steuerpflichtige bzw. ihre damalige Rechtsvertreterin opponierten mit
Schreiben vom 13. und 17. Dezember 2012 gegen die Steueraufrechnung
und brachten im Wesentlichen vor, die Domain e._.fr sei der Steu-
erpflichtigen keineswegs zweimal verkauft worden. Den Schreiben wurden
die korrigierte Version des Domain-Kaufvertrags aus dem Jahre 2008, der
Domain-Kaufvertrag aus dem Jahre 2009 sowie die Anlageverzeichnisse
2008 und 2009 der Schwestergesellschaft beigelegt.
Die korrigierte Version des Domain-Kaufvertrages vom 9. März 2008 ist
nahezu identisch mit der ursprünglichen Version. Sie unterscheiden sich
A-6214/2018
Seite 5
inhaltlich bloss darin, dass nicht 66 Domains, sondern 64 Domains Kauf-
gegenstand sind, i.e. dass die Domains e._.fr und k._.fr
nicht mehr als Kaufgegenstände aufgeführt sind.
N.
Mit E-Mail vom 29. Februar 2016 forderte die ESTV den Gesellschafter 1
dazu auf, ihr den Kaufvertrag betreffend die Domain k._.fr zuzustel-
len, worauf der Gesellschafter 1 mit E-Mail vom 2. März 2016 antwortete,
dass er keine weiteren Unterlagen als die in der Anlage beigefügten habe
und dass die Domain k._.fr schliesslich nicht verkauft worden sei.
O.
Mit Entscheid vom 11. Januar 2017 verpflichtete die ESTV die Steuerpflich-
tige zur Bezahlung von Verrechnungssteuern in Höhe von CHF 55'062.-
zuzüglich Verzugszins von 5% ab 30. Juni 2009 bis zum Tage der Entrich-
tung.
Zur Begründung führte die ESTV im Wesentlichen aus, dass der Verrech-
nungssteuer jede geldwerte Leistung einer Gesellschaft an die Inhaber ge-
sellschaftlicher Beteiligungsrechte oder an ihnen nahestehende Dritte un-
terliege, welche sich nicht als Rückzahlung der im Zeitpunkt der Leistung
bestehenden Anteile am einbezahlten Grundkapital oder einer Kapitalan-
lage darstelle. Demnach seien ohne Rücksicht auf Bezeichnung und Form
alle Leistungen einer GmbH steuerbar, soweit sie sich nur aus dem Betei-
ligungsverhältnis des Anteilsinhabers erklären lassen würden. Eine Zuwen-
dung würde sich namentlich dann nur aus dem Beteiligungsrecht erklären,
wenn sie unter im Übrigen gleichen Umständen einem Dritten nicht oder
nicht in derselben Höhe erbracht worden wäre. Den seitens der Steuer-
pflichtigen vorgebrachten Einwänden, wonach die Domain e._.fr
nicht zweimal gekauft worden sei, könne nicht gefolgt werden, zumal im
rechtsgültig unterzeichneten Kaufvertrag vom 9. März 2008 das Recht an
der Domain e._.fr als Vertragsgegenstand aufgeführt worden sei.
Der Rechnung der Registrierungsstelle vom 26. Juni 2008 sei zu entneh-
men, dass das Recht an der Domain e._.fr per 25. Juni 2008 auf
die Steuerpflichtige übertragen worden sei und die Steuerpflichtige somit
ab diesem Zeitpunkt Inhaberin der genannten Domain gewesen sei. Mit
dem Vertrag vom 31. Mai 2009 sei das Recht an der Domain e._.fr
ein zweites Mal von der Schwestergesellschaft an die Steuerpflichtige zu
einem Preis von EUR 105'000.- bzw. CHF 157'320.- verkauft worden, ob-
wohl die Steuerpflichtige bereits seit dem 25. Juni 2008 Inhaberin der Do-
main sei.
A-6214/2018
Seite 6
P.
Mit Schreiben vom 8. Februar 2017 liess die Steuerpflichtige gegen den
Entscheid der ESTV vom 11. Januar 2017 Einsprache erheben und dessen
Aufhebung beantragen. Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor,
die Domain e._.fr sei nicht zweimal verkauft worden, denn beim
Kaufvertrag vom 9. März 2008 betreffend 66 Domains handle es sich um
einen fehlerhaften Entwurf. Korrekt sei der Kaufvertrag vom 9. März 2008
mit 64 Domains als Kaufgegenstand. Dieser Kaufvertrag – und nicht der
Entwurf – stimme mit den Anlagebuchhaltungen 2008 und 2009 der
Schwestergesellschaft überein. Die Nutzungsrechte an der Domain
e._.fr seien erst mit dem Kaufvertrag vom 31. Mai 2009 auf die
Steuerpflichtige übergegangen. Dies ergebe sich insbesondere auch dar-
aus, dass in der Buchhaltung der Schwestergesellschaft für das Jahr 2008
im Anlageverzeichnis sämtliche verkauften Domain-Namen als Abgänge
vermerkt worden seien, ausser der Domain e._.fr. Zudem habe die
Schwestergesellschaft die Domain e._.fr erst am 30. März 2008 er-
worben und somit zuvor nicht über diese verfügen können. Die Belege be-
treffend die Registrierung würden daran nichts ändern. Die Registrierung
habe keinen Einfluss auf die tatsächliche Ausübung der Nutzungsrechte.
Steuerlich sei auf die Inter-partes-Vereinbarung zwischen der Schwester-
gesellschaft und der Steuerpflichtigen abzustützen und nicht auf die Re-
gistrierung.
Q.
Mit Einspracheentscheid vom 28. September 2018 wies die ESTV die Ein-
sprache der Steuerpflichtigen vollumfänglich ab und legte den seitens der
Steuerpflichtigen geschuldeten Verrechnungssteuerbetrag abermals auf
CHF 55'062.- fest zuzüglich Verzugszins von 5% ab 30. Juni 2009 bis zum
Tag der Entrichtung.
Zur Begründung führte die ESTV unter anderem aus, die Buchwerte der
64 Domains (gemäss Anlageverzeichnis 2008 der Schwestergesellschaft),
die in beiden Domain-Kaufverträgen vom 9. März 2008 enthalten seien,
hätten gesamthaft EUR 176'180.06 betragen, womit ein gerundeter Fehl-
betrag von EUR 108'820.- offen bleibe. Dies widerspreche den Sachver-
haltsdarstellungen der Steuerpflichtigen, wonach der vereinbarte Kaufpreis
der Domains insgesamt nur knapp über den Buchwerten bei der Schwes-
tergesellschaft gelegen habe (vgl. Sachverhalt Bst. K). Dieser Fehlbetrag
könne nur damit erklärt werden, dass das Verpflichtungsgeschäft des Do-
main-Kaufvertrages vom 9. März 2008 inkl. der beiden Domains
e._.fr und k._.fr umgesetzt worden sei. Dies sieht die ESTV
A-6214/2018
Seite 7
auch darin bestätigt, dass die Steuerpflichtige im Juni 2008 den Inhaber-
wechsel an den genannten beiden Domains erwirkte und ab diesem Zeit-
punkt die jährlich geschuldete Registrierungsgebühr der Steuerpflichtigen
in Rechnung gestellt wurde. Anlässlich der Unterzeichnung des Domain-
Kaufvertrages vom 31. Mai 2009 hätte der Steuerpflichtigen daher bewusst
sein müssen, dass ihr die Nutzungsrechte an der Domain e._.fr zu
diesem Zeitpunkt längst gehört hätten.
Die ESTV gehe, aufgrund der Tatsache, dass die Steuerpflichtige im Zeit-
punkt des Abschlusses des Domain-Kaufvertrages vom 31. Mai 2009 be-
reits als Halterin der Domain e._.fr registriert gewesen sei und keine
anderweitigen privatrechtlichen Vereinbarungen betreffend die Nutzungs-
rechte der Domain e._.fr vorliegen würden, davon aus, dass die
Nutzungsrechte zum genannten Zeitpunkt bei der Steuerpflichtigen gewe-
sen seien und dementsprechend die Zahlung des am 31. Mai 2009 verein-
barten Kaufpreises ohne Gegenleistung erfolgt sei. Die Kriterien für das
Vorliegen einer geldwerten Leistung seien damit erfüllt.
R.
Gegen den Einspracheentscheid der ESTV (fortan auch: Vorinstanz) vom
28. September 2018 lässt die Steuerpflichtige (fortan: Beschwerdeführerin)
mit Eingabe vom 31. Oktober 2018 Beschwerde erheben und folgende An-
träge stellen:
1. Es seien der Einspracheentscheid vom 28. September 2018 sowie der
Entscheid vom 11. Januar 2017 aufzuheben.
2. Es sei festzustellen, dass die Beschwerdeführerin für das Steuerjahr
2009 aus dem Verkauf der Domain «e._.fr» keine Verrech-
nungssteuer schuldet.
3. Es sei der Beschwerdeführerin eine Entschädigung zuzusprechen.
Hinsichtlich des Sachverhaltes führt die Beschwerdeführerin zur Begrün-
dung im Wesentlichen aus, dass es an Domain-Namen kein Eigentum
gäbe, sondern lediglich öffentlich-rechtliche Nutzungsrechte, die dem Hal-
ter zustehen würden (Wirkung erga omnes; mit Verweis auf Art. 28 der Ver-
ordnung über Internet-Domains vom 5. November 2014 [VID;
SR 784.104.2]). Dem Halter sei es unbenommen, die Nutzungsrechte pri-
vatrechtlich einem Dritten zu überlassen, der aufgrund des privatrechtli-
chen Vertrags der wirtschaftliche Berechtigte an der Domain sei (inter par-
A-6214/2018
Seite 8
tes). Wer als Halter eingetragen werden könne, richte sich nach länderspe-
zifischen Regelungen. So hätten bspw. bis zum 6. Dezember 2011 nur fran-
zösische Rechtssubjekte als Halter von «.fr-Domains» im französischen
Register eingetragen werden können, für deren Führung die Association
Française pour le Nommage Internet en Coopération (AFNIC) zuständig
sei. Dies habe u.a. dazu geführt, dass sich französische Treuhänder im
französischen Register hätten eintragen lassen, die Nutzungsrechte aber
intern einem nicht-französischen wirtschaftlich Berechtigten zugestanden
hätten (mit Verweis auf eine Pressemitteilung der AFNIC vom 6. Dezember
2011).
Seit 2008 hätten die Schwestergesellschaft und die Beschwerdeführerin
die Verwaltung der Domain-Namen unter dem Dach der Beschwerdefüh-
rerin gebündelt. Dies wiederum bedeute, dass die Beschwerdeführerin die
entsprechenden Listen führe und Kontakt mit Dritten unterhalte, die Do-
main-Namen verwalten und registrieren, wie die Registrierungsstelle, wel-
che die Abwicklung der Registrierung von Domain-Namen weltweit an-
biete, als Treuhänderin auftrete oder Treuhänder organisiere, die als Halter
eingetragen würden. Am 30. März 2008 habe die Schwestergesellschaft
für EUR 100'000.- die Nutzungsrechte an der Domain e._.fr erwor-
ben und in der Anlagebuchhaltung des Geschäftsjahrs 2008 als Zugang
verbucht. Die Registrierungsstelle habe der Schwestergesellschaft die Re-
gistrierung dieser Domain für die Periode 15.04.2008 bis 15.04.2009 in
Rechnung gestellt. Aufgrund einer Anfrage des Treuhänders der Schwes-
tergesellschaft (E-Mail vom 20. Mai 2009) sei festgestellt worden, dass der
Kaufvertrag vom 9. März 2008 fälschlicherweise auch die Domains
e._.fr und k._.fr enthalten hatte, da dieser im Rahmen der
Erstellung des Jahresabschlusses 2008 der Schwestergesellschaft nach-
gefragt habe, weshalb die Domain e._.fr im Vertrag vom 9. März
2008 enthalten sei, obwohl sie erst am 30. März 2008 gekauft worden sei.
Der Vertrag vom 9. März 2008 sei in der Folge im gegenseitigen Einver-
nehmen durch einen Vertrag mit dem gleichen Datum ersetzt worden. Dies
gehe aus einem beiliegenden Printscreen des geltenden Vertrags hervor,
wonach das neue Dokument am 25. Mai 2009 erstellt worden sei. Der Ver-
trag vom 9. März 2008 mit 66 Domain-Namen sei vernichtet und durch
denjenigen mit 64 Domain-Namen ersetzt worden. Der Grund, weshalb die
Domain e._.fr ursprünglich aufgeführt gewesen sei, müsse darin
liegen, dass am 9. März 2008 die Verhandlungen weit gediehen gewesen
seien und man sich des Zuschlags sicher gewesen sei. Auch der Domain-
Name k._.fr sei eines der Zielobjekte für das Portefeuille gewesen
und sei deshalb ebenfalls auf die Liste gekommen, obwohl er weder im
A-6214/2018
Seite 9
Jahr 2008 noch im Jahr 2009 habe erworben werden können, weshalb er
im korrigierten Kaufvertrag vom 9. März 2008 auch nicht mehr enthalten
sei. Am 31. Mai 2009 habe die Schwestergesellschaft der Beschwerdefüh-
rerin sodann den Domain-Namen e._.fr für EUR 105'000.- verkauft.
In der Anlagebuchhaltung 2009 der Schwestergesellschaft sei die ge-
nannte Domain als Abgang verbucht worden.
In rechtlicher Hinsicht führt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aus,
die Vorinstanz gehe fehl, wenn sie davon ausgehe, der ersetzte Vertrag sei
vollzogen worden und die Rechnung vom 26. Juni 2008 für die Registrie-
rung der Domain e._.fr sei der Beweis dafür. Im Zusammenhang
mit der Bündelung der Verwaltung der Domain-Namen durch die Be-
schwerdeführerin sei der Registereintrag der «.fr-Domains» bereits im Jahr
2008 in Auftrag gegeben worden, obwohl die Schwestergesellschaft noch
bis zum Verkauf Nutzungsberechtigte geblieben sei. Aus der blossen Be-
zahlung der Rechnung der Registrierungsstelle vom 26. Juni 2008 lasse
sich daher noch nichts zur Nutzungsberechtigung ableiten. Ebensowenig
lasse sich diese aus dem aufgehobenen Vertrag ableiten. Denn die
Schwestergesellschaft und die Beschwerdeführerin seien bei der Unter-
zeichnung dieses Vertrags einem Irrtum unterlegen gewesen. Gemäss
Art. 18 des Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des Schweizeri-
schen Zivilgesetzbuches (Fünfter Teil: Obligationenrecht) vom 30. März
1911 (OR, SR 220) sei damit nicht auf den Vertrag mit den 66 Domains
abzustützen. Denn der übereinstimmende wirkliche Wille sei es gewesen,
die Domain e._.fr erst im Jahr 2009 zu verkaufen.
S.
Mit Vernehmlassung vom 17. Dezember 2018 beantragt die Vorinstanz, die
Beschwerde sei – unter Kostenfolge zulasten der Beschwerdeführerin –
abzuweisen.
Zur Begründung verweist die Vorinstanz im Wesentlichen auf den
Sachverhalt und dessen rechtliche Würdigung im Einspracheentscheid
vom 28. September 2018. Es gäbe keinen brauchbaren Beleg dafür, dass
die Domains e._.fr und k._.fr irrtümlich auf dem Domain-
Kaufvertrag vom 9. März 2008 gelandet seien. Nach Ansicht der Vorinstanz
scheine die Erstellung des Kaufvertrages vom 9. März 2008 über 64
Domains letztlich auf Anregung des Wirtschaftsprüfers erfolgt zu sein (mit
Verweis auf die E-Mail vom 20. Mai 2009) und nicht aufgrund dessen, dass
die beiden Vertragsparteien die Domains e._.fr und k._.fr
nicht als Kaufgegenstand qualifiziert sehen wollten. Es habe somit am
A-6214/2018
Seite 10
9. März 2008 weder hinsichtlich des vereinbarten Kaufpreises noch
hinsichtlich der aufgeführten Kaufgegenstände ein Irrtum im Sinne von
Art. 18 Abs. 1 OR vorgelegen.
Und auch wenn ein Irrtum vorgelegen hätte, würde nach wie vor eine geld-
werte Leistung vorliegen. Aus Sicht der Beschwerdeführerin müsse näm-
lich festgehalten werden, dass diese im Mai 2009 über einen gültigen und
vollzogenen Kaufvertrag sowie über die Nutzungsrechte an der Domain
e._.fr verfügt habe. Die Schwestergesellschaft wäre in Anbetracht
der vorliegenden Unterlagen nicht in der Lage gewesen, den Irrtum zu be-
legen. Dementsprechend wäre die Beschwerdeführerin gegenüber einem
Dritten nicht bereit gewesen, unentgeltlich nachträglich eine Anpassung
am Domain-Kaufvertrag von 66 Domains vorzunehmen und darüber hin-
aus die Domain e._.fr ohne Gegenleistung für weitere
EUR 105'000.- zu erwerben.
T.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die sich bei den Akten be-
findlichen Dokumente wird – soweit entscheidrelevant – in den nachfolgen-
den Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt dieses Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember
1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Als anfecht-
bare Verfügungen gelten auch Einspracheentscheide der ESTV (Art. 5
Abs. 2 VwVG i.V.m. Art. 33 Bst. d VGG). Das Bundesverwaltungsgericht ist
für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Das Verfahren
vor Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.2 Zur Beschwerde ist nach Art. 48 Abs. 1 VwVG berechtigt, wer vor der
Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit zur Teil-
nahme erhalten hat (Bst. a), durch die angefochtene Verfügung besonders
berührt ist (Bst. b) und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung
oder Änderung hat (Bst. c).
A-6214/2018
Seite 11
Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin des angefochtenen Entscheids,
mit welchem ihre Begehren abgewiesen wurden, ohne Weiteres zur vorlie-
genden Beschwerde legitimiert. Auf die im Übrigen frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist dem-
nach – unter Vorbehalt nachfolgender Einschränkung (E. 1.3) – einzutre-
ten.
1.3 Anfechtungsobjekt im Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht
bildet einzig der vorinstanzliche Entscheid; dieser ersetzt allfällige Ent-
scheide unterer Instanzen (sog. Devolutiveffekt; vgl. BGE 134 II 142 E. 1.4;
Urteile des BVGer A-321/2019 vom 17. September 2019 E. 1.2,
A-5624/2018 vom 19. Juli 2019 E. 1.2 und A-5569/2018 vom 3. Juni 2019
E. 1.3; ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessie-
ren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.7). Soweit die
Beschwerdeführerin vorliegend die Aufhebung des Erstentscheides der
ESTV vom 11. Januar 2017 beantragt, ist daher auf ihre Beschwerde nicht
einzutreten.
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Einsprache-
entscheid in vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführerin kann ne-
ben der Verletzung von Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG) und der unrich-
tigen oder unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts (Art. 49 Bst. b VwVG) auch die Unangemessenheit rügen (Art. 49
Bst. c VwVG).
1.5 Im Beschwerdeverfahren gelten die Untersuchungsmaxime, wonach
die entscheidende Behörde den rechtlich relevanten Sachverhalt von sich
aus abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis führen muss, und der
Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen (vgl. Art. 62 Abs. 4
VwVG; vgl. ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N. 988, 990 und 998; PIERRE TSCHANNEN/
ULRICH ZIMMERLI/MARKUS MÜLLER, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl.
2014, § 30 N. 23 und 26; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 1.52
und 1.54).
1.6
1.6.1 Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung bildet sich die Be-
hörde unvoreingenommen, gewissenhaft und sorgfältig ihre Meinung dar-
über, ob der Sachverhalt als rechtsgenügend erstellt zu gelten hat. Sie ist
dabei nicht an bestimmte förmliche Beweisregeln gebunden, die genau
A-6214/2018
Seite 12
vorschreiben, wie ein gültiger Beweis zu Stande kommt und welchen Be-
weiswert die einzelnen Beweismittel im Verhältnis zueinander haben (MO-
SER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 3.140).
1.6.2 Die Beweiswürdigung endet mit dem Entscheid darüber, ob eine
rechtserhebliche Tatsache als erwiesen zu gelten hat oder nicht. Der Be-
weis ist geleistet, wenn die Behörde gestützt auf die freie Beweiswürdigung
zur Überzeugung gelangt ist, dass sich der rechtserhebliche Sachumstand
verwirklicht hat (BGE 130 III 321 E. 3.2; vgl. auch BGE 140 III 610 E. 4.1).
Bei Beweislosigkeit ist zu Ungunsten desjenigen zu urteilen, der die Be-
weislast trägt (Art. 8 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 10. De-
zember 1907 [ZGB, SR 210]; BGE 142 V 389 E. 3.3). Die Steuerbehörde
trägt die Beweislast für die steuerbegründenden und steuererhöhenden,
der Steuerpflichtige für die steueraufhebenden und -mindernden Tatsa-
chen (BGE 140 II 248 E. 3.5, 121 II 257 E. 4c/aa; Urteil des BGer
2C_16/2015 vom 6. August 2015 E. 2.5.4; Urteile des BVGer A-7956/2015
vom 30. Juni 2016 E. 2.4, A-1335/2014 vom 14. Dezember 2015 E. 2.3).
1.6.3 Die Beweislast für das Vorliegen eines Steuerobjekts als steuerbe-
gründende Tatsache und damit auch für das Bestehen einer geldwerten
Leistung obliegt demnach der Steuerbehörde (Urteile des BGer
2C_674/2015 und 2C_675/2015 vom 26. Oktober 2017 E. 7.4,
2C_263/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.2 m.Hw., 2C_377/2009 vom
9. September 2009 E. 3.4; BVGE 2011/45 E. 4.3.2.2; Urteil des BVGer
A-1427/2016 vom 9. August 2017 E. 2.2.2.2; MARCO DUSS/ANDREAS
HELBING/FABIAN DUSS, in: Zweifel/Beusch/Bauer-Balmelli [Hrsg.], Kom-
mentar zum schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über die Verrech-
nungssteuer, 2. Aufl. 2012 [nachfolgend: Kommentar VStG], Art. 4
Rz. 132a). Diese Beweislast der Steuerbehörde gilt für alle drei bzw. vier
Elemente der geldwerten Leistung. Daran ändert auch nichts, dass diese
teilweise negative Tatsachen betreffen. Folglich kann der Steuerpflichtige
nicht von vornherein die Beweislast dafür tragen, dass keine geldwerte
Leistung gegeben ist. Erst wenn die Steuerbehörde das Vorliegen der drei
bzw. vier Elemente der geldwerten Leistung mit der erforderlichen Wahr-
scheinlichkeit aufzuzeigen vermag (vgl. E. 2.4.2), ist es am Steuerpflichti-
gen, diesen Beweis mit einem Gegenbeweis (zum Beispiel der «geschäfts-
mässigen Begründetheit» einer Leistung) zu entkräften. Der Begriff der
«geschäftsmässigen Begründetheit» stammt aus dem Recht der direkten
Steuern und ist bei der Verrechnungssteuer kein – auch kein negatives –
Tatbestandselement der geldwerten Leistung. Immerhin wird aber bei Vor-
A-6214/2018
Seite 13
liegen einer (nach direkt-steuerlicher Umschreibung) geschäftsmässig be-
gründeten Aufwendung auch bei der Verrechnungssteuer regelmässig
keine geldwerte Leistung gegeben sein. Sollte also die ESTV von einer
geldwerten Leistung ausgehen dürfen und der Steuerpflichtige den Gegen-
beweis zu führen haben, wäre dieser unter anderem mit dem Beweis der
(direktsteuerlichen) geschäftsmässigen Begründetheit denkbar (BVGE
2011/45 E. 4.3.2.2, Urteile des BVGer A-3822/2016 vom 19. Dezember
2017 E. 4.3.2, A-7956/2015 vom 30. Juni 2016 E. 2.4).
1.6.4 In zahlreichen Urteilen des Bundesgerichts und des Bundesverwal-
tungsgerichts ist davon die Rede, dass es dem Steuerpflichtigen wegen
seiner Pflichten aus Art. 39 des Bundesgesetzes vom 13. Oktober 1965
über die Verrechnungssteuer (VStG, SR 642.21) zu beweisen obliege,
dass eine fragliche Leistung geschäftsmässig begründet sei. Es wird aus-
geführt, dass die Steuerbehörde sichergehen können müsse, dass aus-
schliesslich geschäftliche Gründe für eine bestimmte Leistung ausschlag-
gebend gewesen seien (BGE 119 Ib 431 E. 2c; Urteile des BGer
2C_499/2011 vom 9. Juli 2012 E. 4.3, 2C_557/2010 vom 4. November
2010 E. 2.3; Urteil des BVGer A-3822/2016 vom 19. Dezember 2017
E. 4.3.3; siehe auch: MARKUS KÜPFER, in: Kommentar VStG, Art. 39 Rz. 7).
Diese Aussage, dass dem Steuerpflichtigen «zu beweisen obliege», dass
eine Leistung geschäftsmässig begründet sei, greift jedoch, wie das Bun-
desverwaltungsgericht in jüngeren Urteilen bereits festgehalten hat, zu
kurz. Wie in E. 1.6.3 aufgezeigt, hat die Steuerbehörde nachzuweisen,
dass die Tatbestandselemente einer geldwerten Leistung vorliegen; der
Steuerpflichtige kann aber, wenn die Steuerbehörde diesen Nachweis er-
bringt, den Gegenbeweis liefern, dass die Aufwendungen geschäftlich be-
gründet sind (zum Ganzen: BVGE 2011/45 E. 4.3.2.1 f.; Urteile des BVGer
A-7956/2015 vom 30. Juni 2016 E. 2.4, A-5210/2014 vom 30. März 2015
E. 2.4). Selbstveranlagungsprinzip und Mitwirkungspflicht (Art. 38 f. VStG)
ändern grundsätzlich nichts an der Beweislastverteilung. Jedoch kann eine
Verletzung der Mitwirkungspflicht mit der Folge einer Beweisnot der Steu-
erbehörde gegebenenfalls zu einer Umkehr der Beweislast führen (aus-
führlich dazu: Urteil des BVGer A-629/2010 vom 29. April 2011 E. 3.1,
E. 3.4 und E. 4.3.2.2 f., teilweise publiziert in: BVGE 2011/45).
2.
2.1 Der Bund erhebt eine Verrechnungssteuer unter anderem auf dem Er-
trag beweglichen Kapitalvermögens (Art. 132 Abs. 2 der Bundesverfas-
sung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV,
SR 101]; Art. 1 Abs. 1 VStG). Gegenstand der Verrechnungssteuer sind
A-6214/2018
Seite 14
unter anderem die Zinsen, Renten, Gewinnanteile und sonstigen Erträge
der von einem Inländer ausgegebenen Aktien, Stammanteile an Gesell-
schaften mit beschränkter Haftung, Genossenschaftsanteile, Partizipati-
onsscheine und Genussscheine (Art. 4 Abs. 1 Bst. b VStG).
2.2 Die Verrechnungssteuer wird – ihrem Charakter als Sicherungssteuer
entsprechend (statt vieler: BGE 142 II 446 E. 2.3, 136 II 525 E. 3.3.1; Urteil
des BVGer A-3737/2017 vom 7. Juni 2018 E. 2.4) – an der Quelle erhoben.
Dabei ist die ausschüttende inländische Gesellschaft nicht nur Steuer-
schuldnerin (Steuerpflichtige), sondern auch Steuersubjekt (Art. 10 Abs. 1
VStG; THOMAS JAUSSI, in: Kommentar VStG, Art. 10 N. 1 ff.). Der Siche-
rungs- und der Fiskalzweck der Verrechnungssteuer verlangen in der Folge
deren Überwälzung auf den Empfänger, wozu der Steuerpflichtige unter
Strafandrohung (Art. 63 VStG) öffentlich-rechtlich verpflichtet ist (BGE 136
II 525 E. 3.3.1, 131 III 546 E. 2.1; MARKUS REICH/MAJA BAUER-BALMELLI,
in: Kommentar VStG, Art. 14 N. 9). Schliesslich wird die Verrechnungs-
steuer dem Empfänger der um die Steuer gekürzten Leistung nach Mass-
gabe des Verrechnungssteuergesetzes oder im internationalen Verhältnis
aufgrund eines Staatsvertrages (teilweise) zurückerstattet (Art. 1 Abs. 2
VStG; Urteil des BVGer A-5361/2013 vom 17. Dezember 2015 E. 3.2; vgl.
MAJA BAUER-BALMELLI/MARKUS REICH, in: Kommentar VStG, Vorbemer-
kungen N. 71; MAJA BAUER-BALMELLI, Der Sicherungszweck der Verrech-
nungssteuer, 2001, S. 3).
2.3 Zu den steuerbaren Erträgen im Sinne von Art. 4 Abs. 1 Bst. b VStG
gehört grundsätzlich jede geldwerte Leistung der Gesellschaft an die Inha-
ber gesellschaftlicher Beteiligungsrechte oder ihnen nahestehende Dritte,
die sich weder als Rückzahlung der im Zeitpunkt der Leistung bestehenden
Anteile am einbezahlten Grundkapital (Art. 20 Abs. 1 der Verordnung vom
19. Dezember 1966 über die Verrechnungssteuer [VStV, SR 642.211])
noch als Rückzahlung im Sinne von Art. 5 Abs. 1bis VStG darstellt. Das
Bundesgericht hat festgehalten, dass die Steuerverwaltungen bei der An-
wendung dieser Bestimmung nicht strikt an die zivilrechtliche Gestaltung
des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden sind, sondern der Sachver-
halt steuerrechtlich auch entsprechend seinem wirtschaftlichen Gehalt zu
würdigen ist (vgl. BGE 138 II 57 E. 2.1; Urteile des BGer 2C_177/2016 und
2C_178/2016 vom 30. Januar 2017 E. 4.2; vgl. Urteil des BVGer
A-1623/2018 vom 16. Mai 2019 E. 3.3).
A-6214/2018
Seite 15
2.4
2.4.1 Der Begriff der geldwerten Leistung im Sinne von Art. 20 VStV ent-
spricht grundsätzlich jenem von Art. 20 Abs. 1 Bst. c des Bundesgesetzes
vom 14. Dezember 1990 über die direkte Bundessteuer (DBG, SR 642.11;
BGE 143 IV 228 E. 4.1; Urteil des BGer 2C_123/2016 vom 21. November
2017 E. 3.3; Urteile des BVGer A-3822/2016 vom 19. Dezember 2017
E. 4.1.1, A-1427/2016 vom 9. August 2017 E. 2.2.1 und 2.2.2.2).
2.4.2 Zu den geldwerten Leistungen in diesem Sinne zählen auch ver-
deckte Gewinnausschüttungen (vgl. auch Art. 58 Abs. 1 Bst. b DBG; vgl.
PETER LOCHER, Kommentar zum DBG, I. Teil, 2001, Art. 20 Rz. 120). Im
Einzelnen setzt die Annahme einer geldwerten Leistung in Form einer ver-
deckten Gewinnausschüttung gemäss ständiger Rechtsprechung voraus,
dass die folgenden Voraussetzungen (kumulativ) erfüllt sind ([statt zahlrei-
cher] Urteil des BVGer A-6360/2017 vom 15. Mai 2019 E. 2.4.2):
(1) Eine Leistung, die keine Rückzahlung des einbezahlten Kapitals dar-
stellt, wird ohne entsprechende, gleichwertige Gegenleistung erbracht,
was eine Entreicherung der Gesellschaft zur Folge hat.
(2) Die Leistung wird einem Inhaber gesellschaftlicher Beteiligungsrechte
direkt oder indirekt (z.B. über eine ihm nahestehende Person oder Unter-
nehmung) zugewendet.
(3) Sie hat ihren Rechtsgrund im Beteiligungsverhältnis, das heisst, sie
wäre – eben weil die Gesellschaft keine oder keine gleichwertige Gegen-
leistung erhält – unter den gleichen Verhältnissen einem unbeteiligten Drit-
ten nicht erbracht worden. Insoweit erscheint die Leistung als ungewöhn-
lich.
(4) Der ungewöhnliche Charakter der Leistung, insbesondere das Missver-
hältnis zwischen der gewährten Leistung und der erhaltenen Gegenleis-
tung, muss für die handelnden Gesellschaftsorgane erkennbar gewesen
sein.
Die Kriterien (2) und (3) werden oft zusammen betrachtet. Die neuere bun-
desgerichtliche Rechtsprechung zählt sie indessen einzeln auf.
2.4.3 Die Prüfung dieser Kriterien erfolgt einzig aus Sicht der leistenden
Gesellschaft und nicht aus jener des Leistungsempfängers (Urteil des
BVGer A-1200/2018 vom 13. Februar 2019 E. 2.2.4 m.Hw.).
A-6214/2018
Seite 16
2.4.4
2.4.4.1 Leistungen, die die Gesellschaft gegenüber ihren Aktionären oder
diesen Nahestehenden erbringt und die ihren Grund nicht im Beteiligungs-
verhältnis haben, sondern zum Beispiel in einem privatrechtlichen Vertrag,
der auch mit aussenstehenden Dritten in gleicher Weise hätte geschlossen
werden können, sind nicht der Verrechnungssteuer unterworfen (vgl. BGE
144 II 427 E. 6.1, 119 Ib 431 E. 2b; Urteile des BVGer A-6360/2017 vom
15. Mai 2019 E. 2.4.4, A-1623/2018 vom 16. Mai 2019 E. 3.4.4). Bei der
Beantwortung der Frage, ob ein Missverhältnis zwischen Leistung und Ge-
genleistung vorliegt, darf die ESTV nicht ihr eigenes Ermessen an dasje-
nige des Steuerpflichtigen setzen (Urteil des BGer 2C_708/2012 vom
21. Dezember 2012 [in BGE 139 I 64 nicht publizierte] E. 4.2).
2.4.4.2 Ein Element der steuerlichen Erfassung einer verdeckten Gewinn-
ausschüttung ist die Bestimmung der Angemessenheit von Leistung und
Gegenleistung (vgl. E. 2.4.2 Voraussetzung [1]). Rechtsgeschäfte zwi-
schen Kapitalgesellschaften und Beteiligungsinhabern werden steuerlich
anerkannt, soweit die vereinbarten Vertragsbedingungen einem «sachge-
mässen Geschäftsgebaren» entsprechen. Sie müssen – aus der einzig re-
levanten Sicht der Gesellschaft – geschäftsmässig begründet sein. Für die
Beurteilung der Angemessenheit von Leistung und Gegenleistung und so-
mit auch der geschäftsmässigen Begründetheit einer Transaktion wird der
sogenannte Drittvergleich angestellt (oder Prinzip des «dealing at arm's
length»). Verlangt wird, dass Rechtsgeschäfte mit Beteiligungsinhabern zu
den gleichen Bedingungen abzuwickeln sind, wie sie mit aussenstehenden
Dritten zu Wettbewerbs- und Marktbedingungen vereinbart werden würden
(BGE 140 II 88 E. 4.1, 138 II 545 E. 3.2; [statt zahlreicher] Urteil des BVGer
A-1200/2018 vom 13. Februar 2019 E. 2.3.1 m.Hw.).
2.4.4.3 Diese marktorientierten Vergleichspreise – insbesondere wenn sie
auf einer Schätzung beruhen – bewegen sich regelmässig innerhalb einer
bestimmten Bandbreite, welche auch im Geschäftsverkehr mit Naheste-
henden ausgeschöpft werden darf und innerhalb welcher das Missverhält-
nis nicht als offensichtlich bezeichnet werden kann. Eine Korrektur erfolgt
nur bei Vorliegen eines eindeutigen, offensichtlichen Missverhältnisses
([statt zahlreicher] Urteil des BVGer A-4091/2016 vom 24. Januar 2018
E. 2.4.2 m.Hw.).
2.4.5 Nahestehende Personen (vgl. E. 2.4.2 Voraussetzung [2]) sind vorab
dem Aktionär verwandtschaftlich verbundene natürliche Personen oder
A-6214/2018
Seite 17
vom gleichen Aktionär beherrschte juristische Personen. Damit eine geld-
werte Leistung vorliegt, muss der Rechtsgrund für die Leistung an eine sol-
che Person im Beteiligungsverhältnis liegen (vgl. E. 2.4.2 Voraussetzung
[3]; [statt zahlreicher] Urteil des BVGer A-4091/2016 vom 24. Januar 2018
E. 2.5 m.Hw.).
2.5
2.5.1 Bei der Beurteilung eines Vertrages sowohl nach Form als nach In-
halt ist der übereinstimmende wirkliche Wille und nicht die unrichtige Be-
zeichnung oder Ausdrucksweise zu beachten, die von den Parteien aus
Irrtum oder in der Absicht gebraucht wird, die wahre Beschaffenheit des
Vertrages zu verbergen (Art. 18 Abs. 1 OR).
2.5.2 Die Nichtübereinstimmung von Bezeichnung und Willen kann auf ei-
nem gemeinsamen Missverständnis der Parteien beruhen, das gelegent-
lich auch als Irrtum bezeichnet wird. Im Gegensatz zu dem in Art. 23 ff. OR
geregelten Irrtum berührt die Falschbezeichnung nicht die Willensbildung.
Die Parteien sind sich, was ja Voraussetzung für die Anwendung des
Art. 18 Abs. 1 OR ist, über die angestrebten Rechtsfolgen einig. Wer den
vom objektiven Verständnis – insbesondere vom Wortlaut – abweichenden
(«unrichtigen»), aber übereinstimmenden Willen der Parteien behauptet,
hat ihn zu beweisen (WOLFGANG WIEGAND, in: Basler Kommentar, Obliga-
tionenrecht I, 7. Aufl. 2020, Art. 18 N. 46 ff.).
2.6
2.6.1 Ein Vertrag, der einen unmöglichen oder widerrechtlichen Inhalt hat
oder gegen die guten Sitten verstösst, ist nichtig (Art. 20 Abs. 1 OR). Betrifft
aber der Mangel bloss einzelne Teile des Vertrages, so sind nur diese nich-
tig, sobald nicht anzunehmen ist, dass er ohne den nichtigen Teil überhaupt
nicht geschlossen worden wäre (Art. 20 Abs. 2 OR).
2.6.2 Die Leistungsunmöglichkeit im Sinne von Art. 20 OR ist nach herr-
schender Ansicht eine anfängliche, objektive und dauernde. Dauernd ist
die Unmöglichkeit, wenn der Leistung ein dauerndes Hindernis entgegen-
steht oder zumindest eines von nicht überblickbarer Dauer. Objektiv ist die
Unmöglichkeit, wenn sie für schlechterdings jedermann besteht, die Leis-
tung also durch niemanden erbracht werden kann. Subjektiv ist die Unmög-
lichkeit, wenn der Schuldner zur Leistung ausserstande ist, Dritte aber leis-
ten könnten. Subjektive Unmöglichkeit liegt zum Beispiel dann vor, wenn
die vom Verkäufer zu liefernde Sache einem Dritten gehört, der sie nicht
A-6214/2018
Seite 18
herausgeben will. Anfänglich (ursprünglich) ist die Unmöglichkeit nach gän-
giger Ausdrucksweise, wenn sie bereits bei Vertragsschluss gegeben ist.
Es ist unzweifelhaft, dass nur eine anfängliche und dauernde Unmöglich-
keit die Vertragsgültigkeit (oder die Gültigkeit einer bestimmten Klausel) zu
hindern vermag. Auch ist klar, dass eine subjektive Unmöglichkeit die Ver-
tragsgültigkeit nicht berührt (ALFRED KOLLER, OR AT Schweizerisches Ob-
ligationenrecht Allgemeiner Teil, 4. Aufl. 2017, Rz. 13.40 ff.).
2.7
2.7.1 Gemäss Art. 23 OR ist der Vertrag für denjenigen unverbindlich, der
sich beim Abschluss in einem wesentlichen Irrtum befunden hat.
Der Irrtum ist namentlich in folgenden Fällen ein wesentlicher:
1. wenn der Irrende einen andern Vertrag eingehen wollte als denjenigen,
für den er seine Zustimmung erklärt hat (Art. 24 Abs. 1 Ziff. 1 OR);
2. wenn der Wille des Irrenden auf eine andere Sache oder, wo der Vertrag
mit Rücksicht auf eine bestimmte Person abgeschlossen wurde, auf eine
andere Person gerichtet war, als er erklärt hat (Art. 24 Abs. 1 Ziff. 2 OR);
3. wenn der Irrende eine Leistung von erheblich grösserem Umfange ver-
sprochen hat oder eine Gegenleistung von erheblich geringerem Umfange
sich hat versprechen lassen, als es sein Wille war (Art. 24 Abs. 1 Ziff. 3
OR);
4. wenn der Irrtum einen bestimmten Sachverhalt betraf, der vom Irrenden
nach Treu und Glauben im Geschäftsverkehr als eine notwendige Grund-
lage des Vertrages betrachtet wurde (Art. 24 Abs. 1 Ziff. 4 OR).
Bezieht sich dagegen der Irrtum nur auf den Beweggrund zum Vertragsab-
schlusse, so ist er nicht wesentlich (Art. 24 Abs. 2 OR). Blosse Rechnungs-
fehler hindern die Verbindlichkeit des Vertrages nicht, sind aber zu berich-
tigen (Art. 24 Abs. 3 OR).
2.7.2 Irrtum ist die falsche Vorstellung über einen Sachverhalt. Der Irrtum
ist immer unbewusst. Bei Zweifeln an der Richtigkeit der eigenen Vorstel-
lung kommt ein Irrtum nicht in Betracht. Art. 23 OR beschränkt die Anfecht-
barkeit auf Fälle, in denen der Irrtum wesentlich ist. Das Risiko des unwe-
sentlichen Irrtums trägt der Erklärende. Wesentlich ist ein Irrtum, wenn
nach den Umständen davon auszugehen ist, dass der Irrende bei Kenntnis
des wahren Sachverhalts die Erklärung nicht oder nicht mit diesem Inhalt
abgegeben hätte. Dabei müssen sowohl eine objektive als auch eine sub-
jektive Komponente erfüllt sein: Wesentlichkeit kann nur bejaht werden,
A-6214/2018
Seite 19
wenn nach allgemeiner Verkehrsanschauung und auch aus Sicht des Er-
klärenden die Bindung an die nicht gewollte Erklärung als unzumutbar er-
scheint. Art. 24 Abs. 1 OR zählt vier Fälle auf, in denen der Irrtum als we-
sentlicher betrachtet wird. Die Aufzählung ist zwar nicht als abschliessend
anzusehen; aus der Praxis ist jedoch kein Fall bekannt, in dem ein nicht
unter Art. 24 Abs. 1 Ziff. 1 – 4 OR fallender Irrtum als wesentlich eingestuft
worden wäre (INGEBORG SCHWENZER/CHRISTIANA FOUNTOULAKIS, in: Bas-
ler Kommentar, Obligationenrecht I, 7. Aufl. 2020, Art. 24 N. 1 ff.).
2.7.3 In Art. 24 Abs. 1 Ziff. 1 – 3 OR werden die Fälle des sog. Erklärungs-
irrtums behandelt. Ein solcher liegt vor, wenn jemand auf einer Erklärung
behaftet wird, die nicht seinem Willen entspricht. Der Irrtum betrifft hier
nicht die Willensbildung, sondern die Äusserung des fehlerfrei gebildeten
Willens. Bevor eine Anfechtung wegen Erklärungsirrtums in Erwägung ge-
zogen wird, muss die Willenserklärung ausgelegt werden. Führt dies be-
reits zum Ergebnis, dass nicht das Erklärte, sondern das wirklich gewollte
gilt (vgl. E. 2.5), so bedarf es keiner Anfechtung (INGEBORG SCHWENZER,
Schweizerisches Obligationenrecht Allgemeiner Teil, 7. Aufl. 2016, S. 284
f.).
2.7.3.1 Der Erklärungsirrtum tritt in zwei Varianten auf, zum einen als Irrtum
im Erklärungsakt und zum anderen als Inhaltsirrtum. Beim Irrtum im Erklä-
rungsakt benutzt der Erklärende ein falsches Erklärungszeichen, indem er
sich verschreibt, verspricht oder vergreift. Ein Irrtum im Erklärungsakt ist
auch anzunehmen, wenn das ursprünglich richtig Erklärte auf dem Weg
zur Empfängerin durch eine unerkannt fehlerhafte Software verfälscht wird.
Ein Erklärungsirrtum in Form des Inhaltsirrtums liegt vor, wenn der Erklä-
rende zwar das Erklärungszeichen gewollt, ihm jedoch eine andere Bedeu-
tung beigemessen hat, als ihm nach normativer Auslegung zukommt, zum
Beispiel, wenn er den Begriff «sans engagement» mit «gratis» gleichsetzt
(vgl. BGE 64 II 9 f.). In der Praxis kommt dies vor allem bei Erklärungen in
fremder Sprache oder bei Verwendung von Abkürzungen vor (SCHWENZER,
a.a.O., S. 285 f.).
2.7.3.2 Nach Art. 24 Abs. 1 Ziff. 1 OR liegt Wesentlichkeit vor, wenn der
Erklärende einem anderen als dem gewollten Vertrag zugestimmt hat (er-
ror in negotio). Dazu ist erforderlich, dass der gewollte Vertrag seinem ge-
samten Inhalt nach als ein wesentlich anderer zu qualifizieren ist als der
geschlossene, z.B. ein entgeltlicher Vertrag statt eines unentgeltlichen. Ein
A-6214/2018
Seite 20
error in negotio ist jedoch zu verneinen, wenn sich jemand über die recht-
liche Qualifikation eines von ihm gewollten Vertrages oder dessen rechtli-
che Sekundärfolgen irrt.
Nach Art. 24 Abs. 1 Ziff. 2 OR wird bei einem Irrtum über die Identität der
Sache oder der Person (error in obiecto vel in persona) die Wesentlichkeit
vermutet. Der Irrtum muss sich auf die Identität der Sache oder der Person
der Vertragspartnerin beziehen (Identitätsirrtum). Es reicht nicht aus, wenn
sich der Erklärende lediglich über Eigenschaften der Sache oder der Per-
son irrt (Eigenschaftsirrtum).
Nach Art. 24 Abs. 1 Ziff. 3 OR ist grundsätzlich auch der Erklärungsirrtum,
der sich auf den Umfang von Leistung und Gegenleistung bezieht (error in
quantitate), wesentlich. Entscheidend ist dabei, ob eine erhebliche Diffe-
renz zwischen gewollter und tatsächlich vereinbarter Leistung bzw. Gegen-
leistung besteht. So ist als wesentlicher Irrtum anzusehen die irrtümliche
Beschriftung eines Ringes mit CHF 1'380.- statt mit CHF 13'800.- (BGE
105 II 23) oder die Angabe des Kaufpreises in Höhe von CHF 77'000.- statt
CHF 117'000.- (BGE 82 II 576; vgl. zum Ganzen: SCHWENZER/FOUNTOULA-
KIS, a.a.O., Art. 24 N. 10 ff.).
2.7.4 Der Motivirrtum (Art. 24 Abs. 2 OR) ist dahingegen ein Irrtum bei der
Willensbildung. Der Erklärende geht irrtümlich von einem falschen Um-
stand aus, der für seinen Geschäftswillen bedeutsam ist. Der Grundla-
genirrtum nach Art. 24. Abs. 1 Ziff. 4 OR ist ein qualifizierter Motivirrtum,
der im Gegensatz zu Art. 24 Abs. 2 OR als wesentlich betrachtet wird und
damit zur Anfechtung berechtigt (SCHWENZER, a.a.O., S. 289).
2.7.5 Wer sich auf die Anfechtbarkeit beruft, muss den Irrtum, seine We-
sentlichkeit sowie die Kausalität zwischen Irrtum und Erklärung beweisen
(SCHWENZER/FOUNTOULAKIS, a.a.O., Art. 23 N. 12).
2.8
2.8.1 Damit im gesamten Internet jede IP-Adresse und jeder Domain-
Name nur ein einziges Mal verwendet wird, muss deren Vergabe zentral
koordiniert werden. Diese Aufgabe nimmt die in Kalifornien ansässige In-
ternet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) wahr
(BAKOM, Erläuterungsbericht zur Verordnung über die Internet-Domains
vom 13. Februar 2014 [Erläuterungsbericht], S. 2 f. und 9 f; UELI BURI, Do-
main-Namen, in: von Büren/David (Hrsg.), Schweizerisches Immaterialgü-
ter- und Wettbewerbsrecht, Bd. 3/2, 2005, S. 337 ff., S. 349).
A-6214/2018
Seite 21
2.8.2 Innerhalb des Domain-Namen-Systems (DNS) sind die Domain-
Namen hierarchisch organisiert und verwaltet. Sie sind unterteilt in
Domains der ersten Ebene (Top Level Domain TLD), der zweiten Ebene
und gegebenenfalls in andere Unter-Domains. Es gibt zwei Arten von
Domains der ersten Ebene: Generische Domains der ersten Ebene
(generic Top Level Domain gTLD; z.B. „.com“, „.edu“, „.net“) und
länderspezifische Domains der ersten Ebene (country code Top Level
Domain ccTLD; z.B. „.ch“). Der Entscheid zur Schaffung von Domains der
ersten Ebene liegt bei der ICANN. Die nationalstaatliche
Gesetzgebungshoheit über die jeweiligen länderspezifischen Domains, wie
„.ch“ für die Schweiz, wird von der ICANN jedoch implizit anerkannt; es
handelt sich dabei um internationales Gewohnheitsrecht, das sich auf die
entsprechende Überzeugung der Staatengemeinschaft stützt und dem
Umstand Rechnung trägt, dass diese ihre Kompetenz bisher auch
tatsächlich frei wahrnehmen konnte. Die ICANN ihrerseits behält sich im
Gegenzug die Vorherrschaft über die generischen Domains der ersten
Ebene vor. Die ccTLDs zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie für
jedes Land von einer eigenen Stelle verwaltet werden. Dabei kann jede
Vergabestelle für ihre TLD selbst bestimmen, welche Grundsätze für die
Registrierung von Second Level Domains (SLD; z.B. «admin.ch») oder
Unterdomains gelten sollen, weshalb die Vergaberichtlinien für die
verschiedenen länderspezifischen TLDs sehr unterschiedlich ausführlich
sind und inhaltlich teils deutlich voneinander abweichen (vgl. Urteil des
BVGer A-2492/2017 vom 13. Juni 2018 E. 3.2; Erläuterungsbericht, S. 2 f.;
BURI, a.a.O., S. 350).
Zur Gewährleistung einer zuverlässigen Verwaltung der Domain-Namen
bestehen als „Registerbetreiberinnen“ (Registry) bezeichnete Einheiten,
die innerhalb des DNS jeweils für eine Domain der ersten Ebene
verantwortlich zeichnen. Ihre Aufgabe besteht prioritär darin, die für das
DNS erforderlichen Registrierungsinformationen über einzelne Domain-
Namen in einer zentralen Datenbank zu sammeln und sie in der
„Zonendatei“ zu veröffentlichen. Diese Informationen werden von der
Registerbetreiberin bei den Inhaberinnen und Inhabern von Domain-
Namen, im Allgemeinen über die Registrare, bezogen. Sie verwaltet im
Weiteren den Eintrag in der Zonendatei. Diese erlaubt es, Dienste und
Applikationen (Internet-Webseiten, E-Mail) über den Domain-Namen zu
identifizieren und den Internetnutzenden weltweit zugänglich zu machen.
Die Registrare (oder Registrierungsstellen) sind zugelassene
Wiederverkäufer von Domain-Namen, die der Registerbetreiberin
operationell zugeordnet sind. Sie bieten ihre Leistungen Endkundinnen
A-6214/2018
Seite 22
und Endkunden an. Als Inhaberin oder Inhaber gilt jede Person, der von
der Registerbetreiberin das Recht zur Nutzung eines öffentlichen Gutes –
wozu auch Domain-Namen gehören – im Sinne von Art. 28 des
Fernmeldegesetzes (FMG, SR 784.10) übertragen wurde (vgl.
Erläuterungsbericht, S. 10 f.; vgl. auch den Anhang zur VID).
3.
3.1 Im vorliegenden Fall ist der zu beurteilende Sachverhalt – soweit er-
sichtlich – zumindest insofern unbestritten, als dass sich Folgendes ereig-
net hatte: Die Schwestergesellschaft hatte sich mit Kaufvertrag vom
9. März 2008 ursprünglich dazu verpflichtet, der Beschwerdeführerin das
Recht an 66 im Vertrag bezeichneten Domains, darunter e._.fr und
k._.fr, für den Preis von EUR 285'000.- zu übereignen. Der Kauf-
preis ist gemäss Vertrag zur Zahlung fällig, wenn der Käufer bei der zu-
ständigen Registrierungsstelle als Domaininhaber eingetragen ist bzw.
eine vergleichbare Rechtsposition erworben hat. Der Verkäufer verpflichtet
sich im Gegenzug, alle Erklärungen gegenüber der Registrierungsstelle
und seinem Provider abzugeben, die für die Übertragung der vertragsge-
genständlichen Domain auf den Käufer notwendig sind. Die Domain
e._.fr wurde erst daraufhin seitens der Schwestergesellschaft mit
Kaufvertrag vom 30. März 2008 für EUR 100'000.- erworben, worauf der
Schwestergesellschaft über die Registrierungsstelle die Nutzungsrechte
an dieser Domain eingeräumt wurden (in Rechnung gestellte Registrierung
vom 15.4.2008 bis 15.4.2009). Am 21. Juni 2008 erteilte der Gesellschafter
1 der Registrierungsstelle u.a. den Auftrag zur «Registrierung» der Domain
e._.fr auf die Beschwerdeführerin, wobei sie den kostenlosen Treu-
handservice für die Registrierung von «.fr-Domains» in Anspruch nehmen
wollte. Im Anschluss daran wurde der Beschwerdeführerin mit Schreiben
vom 26. Juni 2008 der «Inhaberwechsel» an der Domain e._.fr in
Rechnung gestellt. Ab diesem Zeitpunkt stellte die Registrierungsstelle je-
weils der Beschwerdeführerin die Registrierung der Domain e._.fr
in Rechnung. Die Domain e._.fr blieb jedoch bis auf weiteres in der
Anlagebuchhaltung der Schwestergesellschaft verbucht.
Im Rahmen der Erstellung des Jahresabschlusses 2008 der Schwesterge-
sellschaft hat deren Treuhänder per E-Mail vom 20. Mai 2009 nachgefragt,
weshalb die Domain e._.fr im Vertrag vom 9. März 2008 enthalten
sei, obwohl sie erst am 30. März 2008 gekauft worden sei. Hierauf wurde
der Kaufvertrag vom 9. März 2008 am 25. Mai 2009 im gegenseitigen Ein-
vernehmen durch einen mit dem gleichen Datum, jedoch mit nur 64 Do-
A-6214/2018
Seite 23
mains als Vertragsgegenstand (ohne e._.fr und k._.fr), er-
setzt (vgl. mit der Beschwerde eingereichtes «Printscreen»). Mit Kaufver-
trag vom 31. Mai 2009 verpflichtete sich die Schwestergesellschaft sodann,
der Beschwerdeführerin das Recht an der Domain e._.fr zu einem
Preis von EUR 105’000.- zu übereignen. In der Anlagebuchhaltung 2009
der Schwestergesellschaft wurde die genannte Domain in der Folge als
Abgang verbucht.
3.2 In rechtlicher Hinsicht ist zunächst unbestritten, dass im hier
interessierenden Zeitraum (i.e. die Jahre 2008 und 2009) nur französische
Rechtssubjekte als Halter von «.fr-Domains» – die der französischen
Gesetzgebungshoheit unterstehen – im französischen Register
eingetragen werden konnten, womit davon auszugehen ist, dass im hier
interessierenden Zeitraum ein französischer Treuhänder registrierter
Inhaber (nach der Terminologie der VID) der Domain e._.fr war (vgl.
Sachverhalt Bst. R; E. 2.8.2). Dieser wiederum übertrug die
Nutzungsrechte an der Domain an die Registrierungsstelle, welche die
Nutzungsrechte wiederum der Schwestergesellschaft bzw. der
Beschwerdeführerin einräumte. Zur Beurteilung der Frage, wer wann an
der Domain e._.fr nutzungsberechtigt war (i.e. die
Schwestergesellschaft oder die Beschwerdeführerin), ist
dementsprechend – soweit überhaupt wesentlich – nur auf die
Vertragsverhältnisse der einzelnen Akteure abzustellen (inter partes).
Bestritten ist in rechtlicher Hinsicht, ob die Beschwerdeführerin der
Schwestergesellschaft eine geldwerte Leistung in Höhe von EUR 105'000.-
bzw. CHF 157'320.- erbracht hat, indem der Kaufvertrag vom 9. März 2008
am 25. Mai 2009 – zwecks Streichung der Domain e._.fr – ohne
Gegenleistung seitens der Schwestergesellschaft angepasst wurde und
die Nutzungsrechte an der genannten Domain in der Folge mit Kaufvertrag
vom 31. Mai 2009 für EUR 105'000.- bzw. CHF 157'320.- auf die Be-
schwerdeführerin übertragen wurden.
3.3 Im Folgenden ist demnach zu prüfen, ob die Kriterien für das Vorliegen
einer geldwerten Leistung erfüllt sind (E. 2.4.2). Dabei ist insbesondere zu
beachten, dass diese Prüfung einzig aus Sicht der leistenden Gesellschaft
und nicht aus jener des Leistungsempfängers zu erfolgen hat (E. 2.4.3).
3.3.1 Die leistende Gesellschaft, i.e. die Beschwerdeführerin, erwarb mit
Kaufvertrag vom 9. März 2008 die Rechte an 66 Domains, darunter
e._.fr, gegen die Bezahlung eines Kaufpreises in Höhe von
A-6214/2018
Seite 24
EUR 285'000.-. Der genannte Kaufpreis wurde seitens der Beschwerde-
führerin in der Zeitspanne vom 13. Februar 2008 bis 30. Oktober 2008 ra-
tenweise bezahlt und im Aufwandkonto 4001 «Domainkauf Ausland» ver-
bucht (vgl. Sachverhalt Bst. D). Am 21. Juni 2008 erteilte die Beschwerde-
führerin der Registrierungsstelle u.a. den Auftrag zur «Registrierung» von
fünf mit Kaufvertrag vom 9. März 2008 erworbenen «.fr-Domains», wobei
sie präzisierte, dass es sich dabei nicht um neue Registrierungen handle,
die entsprechenden Domains seien (zurzeit noch) einem anderen «Ac-
count» der Registrierungsstelle zugeteilt. Für sämtliche der genannten Do-
mains wurde daraufhin seitens der Registrierungsstelle ein «Inhaberwech-
sel» per 25. Juni 2008 bekannt gegeben und entsprechend Rechnung ge-
stellt, welche seitens der Beschwerdeführerin wiederum im Konto «Do-
mainkauf Ausland» verbucht wurde. Auch die Registrierung der Domain
e._.fr für die Zeitspanne vom 15. April 2009 bis 15. April 2010 wurde
der Beschwerdeführerin in Rechnung gestellt, von dieser bezahlt und im
Konto «Domainkauf Ausland» verbucht. Aus der eben umschriebenen Ver-
haltensweise der Beschwerdeführerin ergibt sich unter Beachtung des hier
relevanten Blickwinkels, i.e. demjenigen der Beschwerdeführerin, dass
diese bzw. die für sie handelnden Gesellschaftsorgane davon ausgingen,
dass der Kaufvertrag vom 9. März 2008 über 66 Domains gültig zustande
gekommen war, entsprechend vollzogen wurde und die Beschwerdeführe-
rin demnach u.a. über die Nutzungsrechte der Domain e._.fr verfü-
gen konnte.
Wenn nun die Beschwerdeführerin am 25. Mai 2009 infolge der Neuaufset-
zung des Kaufvertrages vom 9. März 2008 (u.a. ohne die Domain
e._.fr) rückwirkend und ohne jegliche Gegenleistung auf die Nut-
zungsrechte an der e._.fr verzichtet, nur um diese wenige Tage
später wiederum für EUR 105'000.- zu erwerben, liegt aus Sicht der Be-
schwerdeführerin ohne weiteres eine Leistung ohne entsprechende,
gleichwertige Gegenleistung vor, die eine Entreicherung der Gesellschaft
zur Folge hat. Damit ist das erste Kriterium für das Vorliegen einer geld-
werten Leistung im Sinne von E. 2.4.2 erfüllt.
3.3.2 Die Leistung wurde den Gesellschaftern 1 und 2 indirekt über deren
weitere gemeinsame Gesellschaft, i.e. die Schwestergesellschaft, zuge-
wendet und hat ihren Rechtsgrund im Beteiligungsverhältnis, zumal es
kaum denkbar ist, dass die Beschwerdeführerin gegenüber einem unbetei-
ligten Dritten in gleicher Weise (i.e. ohne jegliche Verhandlungen bzw. ohne
Vertragsanfechtung seitens des Dritten) zu ihren Ungunsten von einem
A-6214/2018
Seite 25
grundsätzlich gültigen und bereits vollzogenen Kaufvertrag Abstand ge-
nommen hätte. Insoweit erscheint die Leistung als ungewöhnlich und erfüllt
die Kriterien 2 und 3 im Sinne von E. 2.4.2.
3.3.3 Des Weiteren versteht sich von selbst, dass ein solcher Verzicht auf
Nutzungsrechte, über die man – wie sich aus den dokumentierten Hand-
lungen der Beschwerdeführerin ergibt – längst rechtmässig verfügen kann,
und ein anschliessender «Rückkauf», in seiner Ungewöhnlichkeit durch die
handelnden Gesellschaftsorgane erkennbar gewesen sein musste
(E. 2.4.2, Kriterium 4).
3.3.4 Damit ist grundsätzlich – i.e. soweit es der Beschwerdeführerin nicht
gelingt, den Gegenbeweis zu erbringen (E. 1.6.3) – erstellt, dass die Be-
schwerdeführerin der Schwestergesellschaft eine geldwerte Leistung im
Umfang von EUR 105'000.- gewährt hatte.
3.4
3.4.1 Die Beschwerdeführerin bringt gegen den vorstehend gezogenen
Schluss (E. 3.3.4) im Wesentlichen vor, die Vorinstanz gehe fehl, wenn sie
davon ausgehe, der ersetzte Vertrag sei vollzogen worden und die Rech-
nung vom 26. Juni 2008 für die Registrierung der Domain e._.fr sei
der Beweis dafür. Im Zusammenhang mit der Bündelung der Verwaltung
der Domain-Namen durch die Beschwerdeführerin sei der Registereintrag
der «.fr-Domains» bereits im Jahr 2008 in Auftrag gegeben worden, obwohl
die Schwestergesellschaft noch bis zum Verkauf Nutzungsberechtigte ge-
blieben sei. Der blossen Bezahlung der Rechnung der Registrierungsstelle
vom 26. Juni 2008 lasse sich daher noch nichts zur Nutzungsberechtigung
ableiten. Ebensowenig lasse sich diese aus dem aufgehobenen Vertrag
ableiten. Denn die Schwestergesellschaft und die Beschwerdeführerin
seien bei der Unterzeichnung dieses Vertrags einem Irrtum im Sinne von
Art. 18 OR unterlegen gewesen, weshalb nicht auf den Vertrag mit den 66
Domains abzustützen sei. Der übereinstimmende wirkliche Wille sei es ge-
wesen, die Domain e._.fr erst im Jahr 2009 zu verkaufen.
Zunächst erscheint zumindest fragwürdig, weshalb, wenn ohnehin sukzes-
sive alle Domains der Schwestergesellschaft an die Beschwerdeführerin
verkauft werden sollen (Sachverhalt Bst. K), zur «Bündelung der Verwal-
tung der Domain-Namen» bereits vorgängig bei der Registrierungsstelle
ein «Inhaberwechsel» beantragt wird. Acht Domains, deren Nutzungs-
rechte seitens der Schwestergesellschaft bereits vor dem 9. März 2008 er-
A-6214/2018
Seite 26
worben wurden, waren auch per Ende 2009 noch in der Anlagebuchhal-
tung der Schwestergesellschaft verbucht. Wenn nun, wie die Beschwerde-
führerin vorbringt, die Verwaltung der Domain-Namen unabhängig davon,
wer Nutzungsberechtigte war, bei der Beschwerdeführerin gebündelt wer-
den sollte, dann müsste dies unter anderem auch für die genannten acht
Domains gelten, was nicht erstellt ist. Darüber hinaus müssten, sollte die
Beschwerdeführerin die Domains der Schwestergesellschaft verwaltet ha-
ben, entsprechende Rechnungen für den Verwaltungsaufwand (von der
Beschwerdeführerin an die Schwestergesellschaft) vorliegen, was nicht
der Fall ist. Damit ist nicht nachgewiesen, dass – wie die Beschwerdefüh-
rerin vorbringt – die Verwaltung der Domain-Namen, unabhängig davon,
wer Nutzungsberechtigte war, bei der Beschwerdeführerin gebündelt wer-
den sollten. Bei dieser Sachlage ist demnach mit der Vorinstanz davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin den «Inhaberwechsel» der Do-
main e._.fr beantragte, weil sie in diesem Zeitpunkt davon ausge-
gangen war, bereits Nutzungsberechtigte gewesen zu sein. Die Schwes-
tergesellschaft war hingegen, wie aus ihren Anlagebuchhaltungen und der
E-Mail ihres Treuhänders vom 20. Mai 2009 hervorgeht, der Ansicht, die
Nutzungsrechte an der Domain e._.fr seien mit dem ursprünglichen
Kaufvertrag vom 9. März 2008 nicht auf die Beschwerdeführerin überge-
gangen, sondern bei der Schwestergesellschaft verblieben. Es ist somit
kein übereinstimmender Wille im Sinne von Art. 18 OR erkennbar (E. 2.5),
wonach mit dem ursprünglichen Kaufvertrag vom 9. März 2008 lediglich 64
Domains (i.e. ohne die Domain e._.fr) hätten verkauft werden sol-
len. Das diesbezügliche Vorbringen der Beschwerdeführerin vermag dem-
nach nicht zu überzeugen.
Vielmehr erwecken die vorliegenden Akten den Anschein, dass – nachdem
das Missverständnis betreffend die verkauften Domains erkannt wurde –
die Erstellung des Kaufvertrages vom 9. März 2008 über 64 Domains auf
Anregung des Treuhänders der Schwestergesellschaft erfolgt sein muss
(vgl. E-Mail vom 20. Mai 2009), da dieser offenbar der Ansicht war, die Do-
main e._.fr hätte gar nicht im Vertrag vom 9. März 2008 enthalten
sein dürfen, weil diese seitens der Schwestergesellschaft erst am 30. März
2008 gekauft worden sei (vgl. Sachverhalt Bst. R f.).
3.4.2 Ihrer Beschwerde vom 31. Oktober 2018 legte die Beschwerdefüh-
rerin u.a. pro Gesellschafter eine «Erklärung über den Widerruf und die
Korrektur eines irrtümlich abgeschlossenen Domainkaufvertrages vom
3.9.2008» sowie eine inhaltlich ähnliche Erklärung des Treuhänders der
Schwestergesellschaft bei. Darin wird u.a. ausgeführt, der Vertrag vom
A-6214/2018
Seite 27
9. März 2008 habe eine Domainliste beinhaltet, die irrtümlich und nur durch
einen handwerklichen Fehler auch die Domain e._.fr umfasst habe.
Diese habe zu diesem Zeitpunkt nicht dem Verkäufer gehört und hätte
demnach auch nicht verkauft werden können. Des Weiteren habe der im
fehlerhaften Vertrag genannte Verkaufspreis nur dem Preis der Domain-
liste ohne die Domain e._.fr entsprochen. Der Irrtum (sowohl Erklä-
rungsirrtum als auch Eigenschaftsirrtum) sei nach Unterzeichnung durch
beide Parteien festgestellt worden.
3.4.2.1 Nach Ansicht der Beschwerdeführerin kann somit der Kaufvertrag
vom 9. März 2008 betreffend 66 Domains hinsichtlich der Domain
e._.fr gar nicht gültig sein, da die Schwestergesellschaft zu jenem
Zeitpunkt noch gar nicht über die Nutzungsberechtigung an der genannten
Domain verfügt hatte (E. 3.4.2).
Damit verkennt die Beschwerdeführerin, dass nur die anfängliche, objek-
tive und dauernde Leistungsunmöglichkeit die Nichtigkeit des entsprechen-
den Vertrages im Sinne von Art. 20 OR zur Folge hat (E. 2.6). Im vorliegen-
den Fall war bloss anfängliche subjektive Unmöglichkeit gegeben, womit
der Vertrag vom 9. März 2008 auch betreffend die Domain e._.fr
zivilrechtlich ohne weiteres gültig zustande gekommen war. Mit dem Vor-
bringen, die Domain e._.fr habe zum Vertragszeitpunkt nicht der
Schwestergesellschaft gehört und hätte demnach von dieser auch nicht
verkauft werden können, stösst die Beschwerdeführerin dem Gesagten
nach ins Leere.
3.4.2.2 Darüber hinaus geht die Beschwerdeführerin offenbar davon aus,
dass sie bzw. die Schwestergesellschaft einem wesentlichen Irrtum im
Sinne von Art. 23 f. OR unterlegen seien.
Gemäss Art. 23 OR ist der Vertrag für denjenigen unverbindlich, der sich
beim Abschluss in einem wesentlichen Irrtum befunden hat (E. 2.7.1). Da-
bei müssen sowohl eine objektive als auch eine subjektive Komponente
erfüllt sein: Wesentlichkeit kann nur bejaht werden, wenn nach allgemeiner
Verkehrsanschauung und auch aus Sicht des Erklärenden die Bindung an
die nicht gewollte Erklärung als unzumutbar erscheint (E. 2.7.2). Wer sich
auf die Anfechtbarkeit beruft, muss den Irrtum, seine Wesentlichkeit sowie
die Kausalität zwischen Irrtum und Erklärung beweisen (E. 2.7.5).
Zu prüfen ist vorliegend, ob die Schwestergesellschaft – denn nur diese
hat ein Interesse an der teilweisen Unverbindlichkeit des Vertrages vom
A-6214/2018
Seite 28
9. März 2008, i.e. soweit dieser auch die Domain e._.fr zum Ge-
genstand hat – sich auch unter Dritten erfolgreich auf die Unverbindlichkeit
des Vertrages infolge Vorliegens eines wesentlichen Irrtums berufen
könnte. Infrage kommt lediglich ein Irrtum im Sinne von Art. 24 Abs. 1 Ziff. 3
OR, der sich auf den Umfang von Leistung und Gegenleistung bezieht (er-
ror in quantitate), wobei entscheidend ist, ob eine erhebliche Differenz zwi-
schen gewollter und tatsächlich vereinbarter Leistung bzw. Gegenleistung
besteht (E. 2.7.3.2).
Im Rahmen des ursprünglichen Kaufvertrages über 66 Domains wurde die
Bezahlung von EUR 285'000 vereinbart. Aufgrund der seitens der Be-
schwerdeführerin und der Schwestergesellschaft vorgenommenen Ver-
tragskorrektur und dem daraufhin vereinbarten Verkauf der Domain
e._.fr wurde die Bezahlung von zusätzlichen EUR 105'000.- verein-
bart, also gesamthaft EUR 390'000.-. In einer E-Mail vom 28. November
2012 führte der Gesellschafter 1 unter anderem aus, Grund des Verkaufs
der Domains an die Beschwerdeführerin sei die niedrige Steuerlast bei ei-
nem Weiterverkauf der Domains gewesen. Daher hätte man sukzessive
alle Domains der Schwestergesellschaft an die Beschwerdeführerin ver-
kauft und zwar möglichst nur knapp über dem Buchwert (vgl. Sachverhalt
Bst. K). Nachgewiesenes Ziel der Schwestergesellschaft war also ein Ver-
kauf der Domains knapp über dem Buchwert. Dazu passt, dass auch die
Domain e._.fr, die zuvor für EUR 100'000.- eingekauft und verbucht
worden war, nach revidiertem Kaufvertrag vom 9. März 2008 mit Kaufver-
trag vom 31. Mai 2009 für EUR 105'000.- (also mit einer Marge von 5%)
verkauft werden sollte. Die Vorinstanz führte hierzu in ihrem Einsprache-
entscheid vom 28. September 2018 zutreffend aus, dass die Buchwerte
der 64 Domains (gemäss Anlageverzeichnis 2008 der Schwestergesell-
schaft), die in beiden Domain-Kaufverträgen vom 9. März 2008 enthalten
seien, gesamthaft EUR 176'180.06 betragen hätten, womit ein gerundeter
Fehlbetrag von EUR 108'820.- offen bleibe. Dies widerspreche den Sach-
verhaltsdarstellungen der Beschwerdeführerin, wonach der vereinbarte
Kaufpreis der Domains insgesamt nur knapp über den Buchwerten bei der
Schwestergesellschaft gelegen habe (vgl. Sachverhalt Bst. Q). Der Buch-
wert der 65 Domains, die letztlich tatsächlich übertragen wurden (inkl. der
Domain e._.fr), betrug gesamthaft EUR 276'180.06, womit auch der
mit dem ursprünglichen Kaufvertrag vom 9. März 2008 für sämtliche Do-
mains vereinbarte Kaufpreis von EUR 285'000.- knapp über dem Buchwert
liegt (Marge von rund 3%). Bei dem letztlich, i.e. nach Korrektur des Kauf-
vertrages vom 9. März 2008, bezahlten Kaufpreis von EUR 390'000.- liegt
die Marge zum Buchwert demgegenüber bei gut 40%, wobei auch dieser
A-6214/2018
Seite 29
Wert gemäss den Ausführungen des Gesellschafters 1 keinesfalls dem
wirklichen Marktwert des Pakets im Zeitpunkt des Vertragsschlusses ent-
sprochen hatte (vgl. Sachverhalt Bst. K).
Vor diesem Hintergrund erscheint der Schwestergesellschaft die Bindung
an die nicht gewollte Erklärung sowohl aus subjektiven als auch aus objek-
tiven Gesichtspunkten nicht als unzumutbar. Zumindest kann diese Unzu-
mutbarkeit seitens der hierfür beweisbelasteten Beschwerdeführerin nicht
bewiesen werden. Denn die Schwestergesellschaft wollte nachgewiese-
nermassen knapp über dem Buchwert verkaufen, was wohl eher für eine
Marge im einstelligen Bereich spricht und nicht für eine Marge von 40%.
Dementsprechend wurde die nach der Vertragskorrektur noch einzeln ver-
kaufte Domain e._.fr auch lediglich mit einer Marge von 5% ver-
kauft. Bei dieser Aktenlage ist – gerade auch nach allgemeiner Verkehrs-
anschauung – nicht erkennbar, dass eine Marge von 3% unzumutbar sein
soll.
Damit ist kein Irrtum im Sinne von Art. 23 f. OR gegeben.
4.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin – wie seitens
der Vorinstanz mit Einspracheentscheid vom 28. September 2018 ent-
schieden – der Schwestergesellschaft eine der Verrechnungssteuer unter-
liegende geldwerte Leistung in Höhe von EUR 105'000.- bzw.
CHF 157'320.- gewährte, die in einer Verrechnungssteuerforderung in
Höhe von CHF 55'062.- zuzüglich Verzugszins von 5% ab 30. Juni 2009
resultiert. Damit ist die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen, soweit da-
rauf einzutreten ist.
5.
Ausgangsgemäss hat die unterliegende Beschwerdeführerin die Verfah-
renskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind auf CHF 4’400.-
festzulegen (vgl. Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe geleistete Kostenvor-
schuss ist für die Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden. Eine
Parteientschädigung ist nicht zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG e
contrario und Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario sowie Art. 7 Abs. 3 VGKE).
A-6214/2018
Seite 30