Decision ID: 4913cba0-50ca-518c-a9cc-013b33c68d02
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Gesuchstellenden suchten am 30. Juli 2018 in der Schweiz um Asyl
nach. Zur Begründung ihrer Asylgesuche machten sie im Wesentlichen gel-
tend, der Gesuchsteller 1 sei (...) den Peschmerga beigetreten. Später sei
er auch für deren Geheimdienst tätig gewesen und deshalb vom sogenann-
ten Islamischen Staat (IS) und der Miliz "Hashed Al-Shaabi" (Volksmobil-
machungskräfte) bedroht worden. Am (...) 2017 sei er nach G._
geflohen. Zehn Tage später seien seine Frau und die Kinder nachgekom-
men und sie hätten bis zur Ausreise am 13. Juli 2018 zusammen dort ge-
lebt. In dieser Zeit sei er weiter für die Peschmerga tätig gewesen. Bei einer
Rückkehr in den Irak befürchte er nicht nur weitere Gefahren durch die
Miliz, sondern auch durch die Regierungskräfte, da er über geheime Infor-
mationen verfüge und seine Dienstwaffe verkauft habe. Die Gesuchstelle-
rin 2 gab zu Protokoll, sie sei wegen der Probleme ihres Ehemannes aus-
gereist. Die ganze Familie sei bedroht worden.
B.
Die Vorinstanz stellte mit Verfügung vom 28. November 2018 fest, die Ge-
suchstellenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asyl-
gesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren
Vollzug an. Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil E-29/2019 vom 5. August 2020 ab.
C.
Am 26. September 2020 liessen die Gesuchstellenden durch ihren Rechts-
vertreter beim SEM ein Wiedererwägungsgesuch einreichen, auf welches
das SEM mit Verfügung vom 30. September 2020 mangels funktioneller
Zuständigkeit nicht eintrat. Die Verfügung erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
D.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters an das Bundesverwaltungsgericht vom
9. Oktober 2020 ersuchten die Gesuchstellenden um revisionsweise Auf-
hebung des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts vom 5. August 2020,
Gewährung von Asyl und eventualiter Feststellung der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs und Gewährung der vorläufigen Aufnahme. Im Rah-
men einer vorsorglichen Massnahme sei den Gesuchstellenden zu gestat-
ten, den Ausgang des vorliegenden Verfahrens in der Schweiz abzuwarten.
Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten.
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Mit dem Gesuch wurde ein nicht datiertes Zeugnis des Gesuchstellers 1
über die Teilnahme an einem Kurs (vom 22.06.2013 bis 24.07.2013) in Ko-
pie, eine «Verkündung» vom 4. Juli 2019 und ein «Generalbefehl» vom
16. Juli 2020 jeweils in Kopie mit Übersetzung, eine Übersetzung eines
«Strafbeschlusses» vom 30. November 2019 (ohne Kopie des Originaldo-
kuments), ein Schulbericht zu den Gesuchstellenden 3 und 4 vom 18. Au-
gust 2020, ein Arztbericht vom 8. Oktober 2020 und diverse nicht datierte
Fotografien eingereicht.
E.
Die Instruktionsrichterin setzte mit superprovisorischer Massnahme vom
12. Oktober 2020 den Vollzug einstweilen aus.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Oktober 2020 wies die Instruktionsrichte-
rin das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
aufgrund der festgestellten Aussichtslosigkeit der Begehren ab und for-
derte die Gesuchstellenden zur Leistung eines Kostenvorschusses in der
Höhe von Fr. 1'500.– auf.
Dieser ging am 30. Oktober 2020 bei der Gerichtskasse ein.
G.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 9. November 2020 nahmen die
Gesuchstellenden Stellung zur Verfügung vom 15. Oktober 2020 und
reichten eine Kopie des «Strafbeschlusses» vom 30. November 2019 so-
wie ein bereits im ordentlichen Beschwerdeverfahren zu den Akten ge-
reichtes vom 28. Juli 2018 datierendes Dokument (des «General Com-
mand of Kurdistan, Regional Protection Forces, Command of Zerevani
Peshmerga) ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet gemäss Art. 105 AsylG
(SR 142.31) auf dem Gebiet des Asyls in der Regel endgültig über Be-
schwerden gegen Verfügungen des SEM (vgl. zur Ausnahme Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG). Es ist ausserdem zuständig für die Revision von Urteilen, die
es in seiner Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE
2007/21 E. 2.1).
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1.2 Gemäss Art. 45 VGG gelten für die Revision von Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts die Art. 121–128 BGG sinngemäss. Nach Art. 47 VGG
findet auf Inhalt, Form und Ergänzung des Revisionsgesuches Art. 67
Abs. 3 VwVG Anwendung.
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Besetzung mit drei
Richtern oder Richterinnen (Art. 21 Abs. 1 VGG), sofern das Revisionsge-
such nicht in die Zuständigkeit des Einzelrichters beziehungsweise der Ein-
zelrichterin fällt (vgl. Art. 23 VGG).
2.
2.1 Die Gesuchstellenden sind durch das Beschwerdeurteil E-29/2019
vom 5. August 2020 besonders berührt und haben ein schutzwürdiges In-
teresse an dessen Aufhebung oder Änderung. Sie sind daher zur Einrei-
chung des Revisionsgesuchs legitimiert (Art. 89 Abs. 1 BGG).
2.2 Sie rufen mit der Nachreichung von Beweismitteln den gesetzlichen
Revisionsgrund von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG an. Auf das Revisionsge-
such ist, nachdem der einverlangte Kostenvorschuss fristgerecht geleistet
wurde, unter Vorbehalt von E. 5., einzutreten.
3.
3.1 Mit dem ausserordentlichen Rechtsmittel der Revision wird die Unab-
änderlichkeit und Massgeblichkeit eines rechtskräftigen Beschwerdeent-
scheids angefochten, im Hinblick darauf, dass die Rechtskraft beseitigt
wird und über die Sache neu entschieden werden kann (vgl. BVGE 2012/7
E. 2.4.2 mit Verweis auf BVGE 2007/21).
3.2 Gemäss Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG kann in öffentlich-rechtlichen An-
gelegenheiten die Revision eines Urteils verlangt werden, wenn die ersu-
chende Partei nachträglich erhebliche Tatsachen erfährt oder entschei-
dende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Verfahren nicht beibrin-
gen konnte, unter Ausschluss der Beweismittel, die erst nach dem Ent-
scheid entstanden sind. Demgemäss geht es um Tatsachen und Beweis-
mittel, die der gesuchstellenden Person seinerzeit trotz hinreichender
Sorgfalt nicht bekannt gewesen sind oder bei denen ihr das Geltendma-
chen respektive Beibringen aus entschuldbaren Gründen nicht möglich ge-
wesen ist (vgl. BGE 134 III 47 E. 2.1).
Die Revision dient nicht dazu, bisherige Unterlassungen in der Beweisfüh-
rung wiedergutzumachen. Die Beurteilung der Frage, ob die Geltendma-
chung von erheblichen und vorbestandenen Sachverhaltsumständen oder
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das Beibringen von Beweismitteln im früheren Verfahren in der Tat unmög-
lich oder unzumutbar war, hat daher restriktiv zu erfolgen (vgl. ELISABETH
ESCHER, in: Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 3. Aufl. 2018, N 8
zu Art. 123 BGG).
3.3 Die neuen Tatsachen oder Beweismittel müssen sodann erheblich
sein, das heisst dazu geeignet sein, die tatbeständliche Grundlage des Ent-
scheids zu ändern und bei zutreffender Würdigung zu einem anderen, für
die gesuchstellende Person günstigeren Ergebnis zu führen. Neu ent-
deckte Tatsachen oder Beweismittel sind dann erheblich, wenn sie die Be-
weisgrundlage des früheren Urteils so erschüttern können, dass aufgrund
des veränderten Sachverhalts für die betreffende Partei ein wesentlich
günstigerer Entscheid wahrscheinlich ist (vgl. BVGE 2013/22, BGE 134 III
47 E. 2.1; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesver-
waltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 5.47).
4.
4.1 Das Revisionsgesuch wird unter anderem damit begründet, der Ge-
suchsteller 1 könne mit den vorgelegten Dokumenten nun seine Tätigkeit
für die Peschmerga und den Geheimdienst belegen.
4.2 Für eine Beurteilung unter revisionsrechtlichen Gesichtspunkten
kommen vorliegend die «Verkündung» (vom 4.7.2019), der «Straf-
beschluss» (vom 30.11.2019), der «Generalbefehl» (vom 16.07.20) sowie
die Fotos, soweit diese nicht bereits im ordentlichen Verfahren eingereicht
wurden, in Frage.
4.3 In der Revisionseingabe wurde zunächst nicht dargelegt, wie der Ge-
suchsteller 1 in den Besitz der drei vorgenannten Beweismittel und der Fo-
tos gelangt ist und welche Umstände es ihm verunmöglichten, diese bereits
im ordentlichen Beschwerdeverfahren zu den Akten zu reichen. In der un-
aufgefordert nachgereichten Stellungnahme vom 9. November 2020 wird
(als Reaktion auf die Erwägungen der Zwischenverfügung vom 15. Okto-
ber 2020) dargelegt, ein Freund des Gesuchstellers 1 habe die Dokumente
heimlich fotografiert und ihm per Whats-App zukommen lassen, weshalb
er sie nicht im ordentlichen Verfahren habe einreichen können. Diesbezüg-
lich ist festzuhalten, dass bereits im Beschwerdeverfahren argumentiert
wurde, der Freund des Gesuchstellers 1 habe ihm die damals eingereich-
ten Original-Dokumente auf seine Bitte hin übermittelt, weshalb sie im erst-
instanzlichen Verfahren noch nicht hätten eingereicht werden können.
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Weshalb der gleiche Freund damals die nun aktuell eingereichten Doku-
mente nicht auch übermittelte, wird nicht erklärt.
4.4
4.4.1 Abgesehen davon liegen die aktuell eingereichten Dokumente ledig-
lich als schlecht leserliche Kopien vor, die über keine Echtheitsmerkmale
verfügen. Eine Manipulation ist daher nicht auszuschliessen. Schon aus
diesem Grund vermag ihnen nur ein beschränkter Beweiswert zuzukom-
men.
4.4.2 Weiter fällt auf, dass dem Gesuchsteller 1 im «Strafbeschluss» vor-
geworfen wird, er habe die «Tat (Fliehen)» am 1. August 2018 begangen,
was nicht möglich ist, da er bereits am 30. Juli 2018 in der Schweiz um Asyl
ersucht hat. Die nachgelieferte Erklärung in der Stellungnahme vom 9. No-
vember 2020, sein Vorgesetzter habe erst später davon erfahren, dass er
die Dienstwaffe verkauft habe und desertiert sei, weshalb dieses Datum
vermerkt sei, vermag nicht zu überzeugen.
4.4.3 Die in den Dokumenten jeweils aufgeführten Nummern der angebli-
chen Dienstwaffe des Beschwerdeführers stimmen sodann nicht überein.
Die nachgeschobene Behauptung in der Stellungahme vom 9. November
2020, der zuständigen Behörde müsse dabei ein Fehler unterlaufen sein,
vermag offensichtlich nicht zu überzeugen.
Nach dem Gesagten bestehen ernsthafte Zweifel an der Echtheit der ein-
gereichten Dokumente.
4.4.4 Der Gesuchsteller 1 will mit den vorgelegten Dokumenten seine Tä-
tigkeit als Peschmerga und für den Geheimdienst beweisen. Im Urteil
E-29/2019 vom 5. August 2020 wurde jedoch festgestellt, die Tätigkeit des
Gesuchstellers 1 für die Peschmerga werde als belegt erachtet. Hingegen
bestünden an seiner Tätigkeit für den Geheimdienst gewisse Zweifel.
Diese Frage könne aber offengelassen werden, da die befürchteten Nach-
teile aufgrund des Engagements des Gesuchstellers 1 als nicht asylrele-
vant zu erachten seien. Die eingereichten Dokumente und Fotos (auf de-
nen der Gesuchsteller 1 sowohl in Zivil als auch in Uniform mit seinen
Chefs und Mitarbeitern abgebildet sei) sollen somit nur belegen, was im
ordentlichen Verfahren sachverhaltlich nicht in Zweifel gestellt respektive
letztlich als asylrechtlich unerheblich gewürdigt wurde. Sie sind somit im
Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG revisionsrechtlich nicht erheblich.
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Seite 7
4.5 Soweit der Gesuchsteller 1 vorbringt, er wäre bereit, in einer weiteren
Anhörung weitere Auskünfte über seine Tätigkeiten zu geben, dient eine
Revision gerade nicht dazu, bisherige Unterlassungen in der Beweisfüh-
rung wiedergutzumachen. Wobei nochmals zu betonen ist, dass auch wei-
tere Ausführungen nicht zur Bejahung der Asylrelevanz der Vorbringen füh-
ren würden.
5.
5.1 In der Stellungnahme vom 9. November 2020 wird vorgebracht, im Ur-
teil E-29/2019 vom 5. August 2020 sei dem Schutzbedürfnis der Kinder
nicht genügend Rechnung getragen worden. Dabei handelt es sich um rein
appellatorische Kritik am Urteil vom 5. August 2020, die einer Revision
nicht zugänglich ist. Darauf ist somit nicht einzutreten.
5.2 Das gleiche gilt für den Schulbericht über die Gesuchstellenden 3
und 4, welcher vom 18. August 2020 datiert und der ebenfalls revisions-
rechtlich nicht zu beurteilen ist.
5.3 Ebenso verhält es sich mit dem Bericht der H._ vom 8. Oktober
2020 den Gesuchsteller 1 betreffend.
6.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine revisionsrechtlich relevan-
ten Gründe dargetan sind. Das Gesuch um Revision des Urteils E-29/2019
vom 5. August 2020 ist demzufolge abzuweisen, soweit darauf einzutreten
ist.
7.
Mit Erlass des vorliegenden Urteils fällt der am 12. Oktober 2020 verfügte
Vollzugsstopp dahin.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Gesuchstel-
lenden aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG und
Art. 68 Abs. 2 VwVG und auf insgesamt Fr. 1‘500.– festzusetzen (Art. 16
Abs. 1 Bst. a VGG i.V.m. Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2)].
8.2 Der geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe wird zur Begleichung
der Verfahrenskosten verwendet.
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