Decision ID: 9b60a7a4-bf74-481f-92b8-904b0567d726
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Das Amtsgericht Wroclaw-Mitte erliess mit Beschluss vom 13. Mai 2017  A. einen Haftbefehl wegen des Verdachts der Beteiligung an einer  Organisation, des Betrugs, des Eingriffs in die Rechte des , der unrechtmässigen Aneignung und der Geldwäscherei. A. habe mit weiteren Personen von August 2009 bis Oktober 2013  und Einkommensteuervorauszahlungen von Unternehmen für eigene Zwecke verwendet anstatt diese vereinbarungsgemäss an die  Sozialversicherungsanstalt bzw. an die zuständigen Finanzämter zu überweisen. Die deliktisch erlangten Gelder hätten die Beschuldigten zum Teil gestützt auf fiktive Rechnungen und Aufträge auf Konten in Deutschland überwiesen.
In diesem Zusammenhang gelangte das Justizministerium der Republik  am 26. Oktober 2017 und 5. September 2019 an die Schweiz und  um Auslieferung von A. für die ihm im genannten Haftbefehl zur Last gelegten Straftaten (Verfahrensakten Urk. 1-4).
B. Das Bundesamt für Justiz (nachfolgend «BJ») erliess am 29. Oktober 2019
gegen A. einen Auslieferungshaftbefehl (Verfahrensakten Urk. 7 = act. 1.4).
C. A. wurde am 4. Dezember 2019 von der Kantonspolizei Solothurn festge-
nommen und gleichentags zum Auslieferungsersuchen befragt. Dabei  er sich einer vereinfachten Auslieferung (Verfahrensakten Urk. 6).
D. Mit Eingabe vom 13. Dezember 2019 liess A. bei der Beschwerdekammer
des Bundesstrafgerichts gegen den Auslieferungshaftbefehl vom 29.  2019 Beschwerde erheben. Er beantragt die Aufhebung des  und die Entlassung aus der Auslieferungshaft. Eventualiter seien Ersatzmassnahmen anzuordnen (act. 1 S. 2).
E. Das BJ beantragt in seiner Beschwerdeantwort vom 20. Dezember 2019 die
Abweisung der Beschwerde (act. 3). Der Beschwerdeführer liess sich innert Frist nicht weiter vernehmen.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen Bezug genommen.
- 3 -

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. 1.1 Für den Auslieferungsverkehr zwischen der Schweiz und Polen sind primär
das Europäische Auslieferungsübereinkommen vom 13. Dezember 1957 (EAUe; SR 0.353.1), die hierzu ergangenen Zusatzprotokolle vom 15.  1975 (ZP I EAUe; SR 0.353.11) und vom 17. März 1978 (ZP II EAUe; SR 0.353.12) sowie das Schengener Durchführungsübereinkommen vom 14. Juni 1985 (SDÜ; ABl.L 239 vom 22. September 2000, S.19-62) i.V.m dem Beschluss des Rates vom 12. Juni 2007 über die Einrichtung, den  und die Nutzung des SIS der zweiten Generation (SIS II), namentlich Art. 26-31 (ABl.L vom 7. August 2007, S. 63-84) massgebend, wobei die  den Vertragsparteien geltenden weitergehenden Bestimmungen  bilateraler Abkommen unberührt bleiben (Art. 59 Abs. 2 SDÜ; , La coopération judiciaire internationale en matière pénale, 5. Aufl. 2019, N. 22 f., 28–52, 193 ff.).
1.2 Soweit die Staatsverträge und Zusatzprotokolle bestimme Fragen nicht ab-
schliessend regeln, findet auf das Verfahren der Auslieferung ausschliesslich das Recht des ersuchten Staates Anwendung (Art. 22 EAUe), namentlich das Bundesgesetz vom 20. März 1981 über internationale Rechtshilfe in Strafsachen (Rechtshilfegesetz, IRSG; SR 351.1) und die dazugehörige  vom 24. Februar 1982 (Rechtshilfeverordnung, IRSV; SR 351.11); das innerstaatliche Recht nach dem Günstigkeitsprinzip auch dann zur  gelangt, wenn dieses geringere Anforderungen an die Rechtshilfe stellt (BGE 142 IV 250 E. 3; 140 IV 123 E. 2; 137 IV 33 E. 2.2.2; 136 IV 82 E. 3.1). Vorbehalten bleibt die Wahrung der Menschenrechte (BGE 135 IV 212 E. 2.3; 123 II 595 E. 7c; TPF 2016 65 E. 1.2; 2008 24 E. 1.1; , a.a.O., N. 170 ff., 211 ff., 240 ff.).
Für das Beschwerdeverfahren gelten zudem die Art. 379-397 StPO sinnge-
mäss (Art. 48 Abs. 1 i.V.m. Art. 47 IRSG) sowie die Bestimmungen des VwVG (vgl. Art. 39 Abs. 2 lit. b i.V.m. Art. 37 Abs. 2 lit. a Ziff. 1 StBOG; , a.a.O., N. 273).
2. Gegen den Auslieferungshaftbefehl des BJ kann der Verfolgte innert zehn
Tagen ab der schriftlichen Eröffnung Beschwerde bei der  des Bundesstrafgerichts führen (Art. 48 Abs. 2 IRSG; ZIMMERMANN, a.a.O., N. 498, 536). Der Auslieferungshaftbefehl ist dem Beschwerdeführer am 4. Dezember 2019 ausgehändigt worden. Die am 13. Dezember 2019
- 4 -
erhobene Beschwerde erweist sich als fristgerecht. Die übrigen  geben keinen Anlass zu Bemerkungen. Auf die  ist einzutreten.
3. Die Verhaftung des Verfolgten während des ganzen Auslieferungsverfah-
rens bildet die Regel (BGE 136 IV 20 E. 2.2; 130 II 306 E. 2.2). Eine  des Auslieferungshaftbefehls sowie eine Haftentlassung rechtfertigen sich nur ausnahmsweise und unter strengen Voraussetzungen, wenn der Verfolgte sich voraussichtlich der Auslieferung nicht entzieht und die  nicht gefährdet (Art. 47 Abs. 1 lit. a IRSG), wenn er den  Alibibeweis erbringen und ohne Verzug nachweisen kann, dass er zur Zeit der Tat nicht am Tatort war (Art. 47 Abs. 1 lit. b IRSG), wenn er nicht hafterstehungsfähig ist oder andere Gründe vorliegen, welche eine weniger einschneidende Massnahme rechtfertigen (Art. 47 Abs. 2 IRSG), oder wenn sich die Auslieferung als offensichtlich unzulässig erweist (Art. 51 Abs. 1 IRSG). Diese Aufzählung ist nicht abschliessend (BGE 130 II 306 E. 2.1; 117 IV 359 E. 2a; vgl. zum Ganzen zuletzt u.a. den Entscheid des  RH.2018.3 vom 20. Februar 2018 E. 3.2).
Offensichtlich unzulässig kann ein Auslieferungsersuchen sein, wenn ohne
jeden Zweifel und ohne weitere Abklärungen ein Ausschlussgrund vorliegt (vgl. BGE 111 IV 108 E. 3a). Im Übrigen sind Vorbringen gegen die  als solche oder gegen die Begründetheit des Auslieferungsbegehrens nicht im vorliegenden Beschwerdeverfahren, sondern im eigentlichen  zu prüfen (vgl. MOREILLON/DUPUIS/MAZOU, La pratique judiciaire du Tribunal pénal fédéral, in Journal des Tribunaux 2009 IV 111 Nr. 190 und 2008 IV 66 Nr. 322 je m.w.H. auf die Rechtsprechung).
Die ausnahmsweise zu gewährende Haftentlassung ist an strengere Voraus-
setzungen gebunden als der Verzicht auf die gewöhnliche  in einem Strafverfahren oder die Entlassung aus einer solchen. Diese Regelung soll es der Schweiz ermöglichen, ihren staatsvertraglichen  nachzukommen (vgl. BGE 130 II 306 E. 2.2 und 2.3; 111 IV 108 E. 2; Entscheid des Bundesstrafgerichts RH.2015.14 vom 9. Juli 2015 E. 4.1).
4. 4.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, es bestehe weder Flucht- noch Kollu-
sionsgefahr. Er lebe seit sieben Jahren legal und offiziell in der Schweiz und gehe einer geregelten Arbeit nach. Er habe nie versucht, sich den polnischen
- 5 -
Behörden zu entziehen. Im Gegenteil: während der Strafuntersuchungen in den Jahren 2009 bis 2013 sei er den deutschen Strafverfolgungsbehörden stets uneingeschränkt zur Verfügung gestanden. Dies zeige seine , mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen zu arbeiten. Zudem  die Taten zum Teil mehr als sechs Jahre zurück, weshalb es ihm gar nicht möglich sei, auf die Strafuntersuchung einzuwirken. Zudem seien die Beweise in dieser Zeit längst gesichert (act. 1 S. 4).
4.2 Die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur Verneinung von Fluchtgefahr ist
überaus restriktiv und misst der Erfüllung der staatsvertraglichen  im Vergleich zu den Interessen des Verfolgten  grosses Gewicht bei. Das Bundesgericht bejaht die Fluchtgefahr bei drohenden, hohen Freiheitsstrafen in der Regel sogar dann, wenn der  über eine Niederlassungsbewilligung und familiäre Bindungen in der Schweiz verfügt (BGE 136 IV 20 E. 2.3; Urteil des Bundesgerichts 8G.45/2001 vom 15. August 2001 E. 3a). Zunächst ist festzuhalten, dass der Tatvorwurf gegenüber dem Beschwerdeführer schwer wiegt. Ihm droht in Polen eine Höchstfreiheitsstrafe von zehn Jahren (Verfahrensakten Urk. 1D). Der Beschwerdeführer muss somit im Falle einer Auslieferung mit einer  Freiheitsstrafe rechnen, weshalb gestützt auf die angeführte  von einer hohen Fluchtgefahr auszugehen ist. Der Beschwerdeführer lebt zwar seit sieben Jahren in der Schweiz, womit eine gewisse  mit diesem Land vorhanden ist. Allerdings ist diese Verbindung nicht dergestalt, dass deshalb die Fluchtgefahr gebannt wäre. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer einer Arbeit nachgeht, genügt nicht. Diesbezüglich ist die Beschwerde zudem sehr vage. Dass der Beschwerdeführer von 2009 bis 2013 mit den deutschen Strafverfolgungsbehörden kooperiert haben soll, ist ferner für das vorliegende Verfahren, bei dem es um die Auslieferung nach Polen geht, nicht von Belang. Der Fluchtgefahr kann auch nicht mit den vom Beschwerdeführer erwähnten Ersatzmassnahmen (Schriftensperre sowie Meldepflicht) ausreichend begegnet werden. Nach konstanter  werden Abgabe der Reisedokumente, Schriftensperre, Meldepflicht und Electronic Monitoring nur in Kombination mit einer sehr substantiellen Sicherheitsleistung als überhaupt geeignet erachtet, Fluchtgefahr  zu bannen (Entscheide des Bundesstrafgerichts RH.2017.17 vom 2. Oktober 2017 E. 5.4.4; RH.2015.20 vom 1. September 2015 E. 5.3.2; RH.2015.10 vom 10. Juni 2015 E. 5.3; RH.2015.4 vom 23. Februar 2015 E. 5.2). Der Beschwerdeführer äussert sich nicht zur Höhe einer allfälligen Sicherheitsleistung, er macht gegenteils geltend, gegenwärtig nicht in der Lage zu sein, für die Anwalts- und Verfahrenskosten aufkommen zu können. Eine Ersatzmassnahme, welche die Fluchtgefahr zu reduzieren vermöchte,
- 6 -
ist damit nicht erkennbar. Bei diesem eindeutigen Prüfungsergebnis  der Fluchtgefahr sind die Einwendungen betreffend die Kollusionsgefahr nicht weiter zu untersuchen.
5. Soweit der Beschwerdeführer schliesslich geltend macht, die gegen ihn er-
hobenen Vorwürfe seien bereits in Deutschland beurteilt worden, wobei das Verfahren ohne Schuldsprüche abgeschlossen worden sei, und gestützt auf das Territorialitätsprinzip sei ohnehin nicht Polen, sondern Deutschland für die Strafuntersuchung zuständig, ist festzuhalten, dass es sich hierbei um Einwendungen gegen die Auslieferung an sich handelt, die im Verfahren  Auslieferungshaft nicht zu hören sind.
6. Andere Gründe, welche eine Auslieferung offensichtlich auszuschliessen
oder sonst zu einer Aufhebung der Auslieferungshaft zu führen vermöchten, werden weder geltend gemacht noch sind solche ersichtlich.
Die Beschwerde ist damit als vollumfänglich unbegründet abzuweisen.
7. 7.1 Die Beschwerdekammer befreit eine Partei, die nicht über die erforderlichen
Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und bestellt dieser einen Anwalt, wenn dies zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist (Art. 65 Abs. 2 VwVG). Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind Prozessbegehren als aussichtslos anzusehen, wenn die  beträchtlich geringer erscheinen als die Verlustgefahren. Dagegen gilt ein Begehren nicht als aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese. Massgebend ist, ob eine Partei, die über die nötigen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger Überlegung zu einem Prozess entschliessen würde (BGE 139 III 475 E. 2.2 S. 476 f.; 139 III 396 E. 1.2; 138 III 217 E. 2.2.4).
7.2 Nach dem oben Ausgeführten muss die vorliegende Beschwerde als aus-
sichtslos bezeichnet werden. Schon aus diesem Grund ist das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege abzuweisen. Bei der Festsetzung der  kann gemäss Art. 63 Abs. 4bis VwVG der womöglich schwierigen  Situation des Beschwerdeführers Rechnung getragen werden.
- 7 -
8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Angesichts der finanziellen Situation des Beschwerdeführers ist die reduzierte Gerichtsgebühr auf Fr. 1'500.-- festzusetzen (Art. 63 Abs. 5 VwVG i.V.m. Art. 73 StBOG sowie Art. 5 und 8 Abs. 3 lit. a BStKR).
- 8 -