Decision ID: 2f4bd031-058c-5054-b081-6caeb59bb587
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am (...) (Datum) richtete das Ministry of Finance von Indien (nachfolgend:
MoF) zwei Amtshilfeersuchen an die Eidgenössische Steuerverwaltung
(nachfolgend: ESTV oder Vorinstanz). Das MoF stützte sich dabei auf das
Abkommen vom 2. November 1994 zwischen der Schweizerischen Eidge-
nossenschaft und der Republik Indien zur Vermeidung der Doppelbesteu-
erung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen (DBA CH-IN,
SR 0.672.942.31). Das MoF führte als vom ersten Ersuchen betroffene
Person A._ (nachfolgend: betroffene Person 1) und als vom zweiten
Ersuchen betroffene Person B._ (nachfolgend: betroffene Per-
son 2) auf.
Die Ersuchen des MoF betrafen die Einkommenssteuern (Income-Tax) für
die Steuerjahre 2011 sowie 2012 und es wird um die Übermittlung von In-
formationen für die Zeit vom 1. April 1995 bzw. des Konto-Eröffnungsda-
tums bis zum 31. März 2012 ersucht. Als Informationsinhaberin wurde die
Bank C._ (nachfolgend: Bank) genannt. Das MoF habe aufgrund
der im Ersuchen näher dargelegten Gründe Hinweise darauf, dass die be-
troffene Person 1 und betroffene Person 2 bei der Bank ein Konto führten.
In den Ersuchen vom (...) (Datum) verlangte das MoF folgende Angaben
und Unterlagen:
(...) (Wiedergabe der ersuchten Informationen)
B.
Mit den Schreiben vom 20. Februar 2014 teilte die ESTV dem MoF mit,
dass keine Amtshilfe geleistet werden könne, soweit die Ersuchen aus-
schliesslich auf gestohlenen Daten beruhten. Amtshilfe sei jedoch möglich,
soweit die Ersuchen auf einer unabhängigen Untersuchung basierten.
C.
Mit den Schreiben vom (...) (Datum) verwies das MoF auf das Urteil des
Bundesgerichts 2C_648/2018 vom 17. Juli 2018 und legte eine Liste der
noch ersuchten Amtshilfefälle bei. Aufgeführt sind unter anderem die Amts-
hilfeersuchen vom (...) (Datum) der betroffenen Person 1 und der betroffe-
nen Person 2. Das MoF führt aus, dass der ESTV die direkte Kontaktauf-
nahme mit den jeweils betroffenen Personen erlaubt sei und erläuterte die
Bedeutung des Ausdrucks «holding any other bank account». Dieser bein-
halte «whether the taxpayer under investigation in India holds any other
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 3
bank account or has power of attorney in respect of or is the beneficial
owner or has the signing authority (is the authorized signatory) of any other
bank account apart from the one mentioned in our request».
D.
Die ESTV orientierte am 12. November 2018 das MoF, dass folgende An-
gaben und Unterlagen eingefordert würden:
(...) (Wiedergabe der eingeforderten Informationen)
E.
Die ESTV erliess am 19. Dezember 2018 gestützt auf Art. 8 in Verbindung
mit Art. 10 des Bundesgesetzes vom 28. September 2012 über die inter-
nationale Amtshilfe in Steuersachen (StAhiG, SR 651.1) zwei Editionsver-
fügungen gegenüber der Bank und bat die Bank, die betroffenen Personen
über das Amtshilfeverfahren zu informieren sowie aufzufordern, eine zur
Zustellung bevollmächtigte Person in der Schweiz zu bezeichnen.
F.
Die Bank übermittelte die von der ESTV verlangten Unterlagen mit den je-
weiligen Schreiben vom 25. März 2019 und konnte die betroffene Person 1
und die betroffene Person 2 am 27. März 2019 über das Amtshilfeverfahren
informieren, nicht jedoch die beschwerdeberechtigten Personen. Die be-
schwerdeberechtigten Personen wurden am 24. April 2019 durch die Ver-
öffentlichung im Bundesblatt informiert.
G.
Am 14. Mai 2019 informierte die ESTV die betroffene Person 1 und die
betroffene Person 2 über ihre Rechtsvertreter darüber, welche Informatio-
nen sie zu übermitteln gedenke und gewährte das rechtliche Gehör.
H.
Mit den Schreiben vom 4. Juni 2019 bzw. 5. Juni 2019 teilten die betroffene
Person 1 bzw. die betroffene Person 2 mit, dass keine Zustimmung zur
Übermittlung der Informationen an die ersuchende Behörde erfolgt.
I.
Mit den Schreiben vom 15. Juli 2019 gewährte die ESTV die ergänzende
Akteneinsicht und die entsprechende Frist zur Einreichung einer Stellung-
nahme.
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 4
J.
Mit den Schreiben vom 6. August 2019 teilten die betroffene Person 1 und
die betroffene Person 2 erneut mit, dass keine Zustimmung zur Übermitt-
lung der Informationen an die ersuchende Behörde erfolgt.
K.
Am 20. August 2019 erliess die ESTV gegenüber der betroffenen Person 1
und der betroffenen Person 2 je eine Schlussverfügung und eröffnete diese
schriftlich bzw. publizierte diese auszugsweise für die beschwerdeberech-
tigten Personen im Amtsblatt. Mit der Schlussverfügung leistete die ESTV
dem MoF Amtshilfe für die Zeit ab dem 1. April 2011 bis 31. März 2012, da
die Vorinstanz zusammengefasst zum Schluss kam, dass die Ersuchen
des MoF die entsprechenden Anforderungen erfüllten.
L.
Gegen die Schlussverfügungen vom 20. August 2019 erhoben die be-
troffene Person 1 und die betroffene Person 2 (nachfolgend: Beschwerde-
führende) am 19. September 2019 Beschwerde an das Bundesverwal-
tungsgericht.
Die Beschwerdeführenden beantragen die Feststellung der Nichtigkeit der
Schlussverfügung vom 20. August 2019 (Rechtsbegehren Ziff. 1). Weiter
beantragen sie das Nichteintreten auf das Ersuchen, die Einstellung des
Amtshilfeverfahrens und die Nichtgewährung der Amtshilfe (Rechtsbegeh-
ren Ziff. 2).
Eventualiter sei die Schlussverfügung vom 20. August 2019 aufzuheben
(Rechtsbegehren Ziff. 3).
Subeventualiter sei das Verfahren an die Vorinstanz zurückzuweisen und
diese anzuweisen, die Informationen vor dem 1. April 2011 auszusondern
(Rechtsbegehren Ziff. 4.1). Bei den indischen Behörden sei zudem abzu-
klären, dass die zu übermittelnden Informationen ausschliesslich für Steu-
erzwecke verwendet werden, insbesondere aber nicht den Strafbehörden
zur Verfügung gestellt werden, und eine diesbezüglich ausdrückliche Ga-
rantie zu verlangen (Rechtsbegehren Ziff. 4.2). Die voraussichtlich nicht
relevanten (namentlich aufgeführten) Informationen von Drittpersonen
seien auszusondern oder unkenntlich zu machen (Rechtsbegehren
Ziff. 4.3).
Mit den prozessualen Anträgen beantragen die Beschwerdeführenden, es
sei der Vorinstanz zu untersagen, in den periodischen «status updates»
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 5
mitzuteilen, dass die Beschwerdeführenden eine Beschwerde erhoben
hätten bzw. die Identität der Beschwerdeführenden anzugeben (prozessu-
aler Antrag Ziff. 1). Die Beschwerdeführenden beantragen ferner, es sei
ihnen vollständige Akteneinsicht zu gewähren (prozessualer Antrag Ziff. 2).
Sämtliche Sachverhaltselemente seien im zu ergehenden Entscheid, die
Rückschlüsse auf die Beschwerdeführenden zulassen würden, zu anony-
misieren (prozessualer Antrag Ziff. 3).
M.
Die Vorinstanz beantragt in der Vernehmlassung vom 11. November 2019,
die Beschwerde sei kostenpflichtig abzuweisen.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 13. November 2019 erhielten die Beschwer-
deführenden Einsicht in den von der Vorinstanz eingereichten USB-Stick.
O.
Am 23. Dezember 2019 reichten die Beschwerdeführenden eine Stellung-
nahme ein.
P.
Am 5. Februar 2020 reichte die Vorinstanz eine Stellungnahme und ein
Aktenstück ein, welches sich noch nicht in den Akten befand.
Q.
Mit der Zwischenverfügung vom 12. Februar 2020 wurde das nachge-
reichte Aktenstück den Beschwerdeführenden zugestellt.
R.
Am 21. Februar 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Stellung-
nahme ein.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird nachfol-
gend insoweit eingegangen, als sie für das vorliegende Urteil entscheidwe-
sentlich sind.
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Grundsätzlich bildet jeder vorinstanzliche Entscheid bzw. jede Verfü-
gung ein selbständiges Anfechtungsobjekt und ist deshalb einzeln anzu-
fechten. Es ist gerechtfertigt, von diesem Grundsatz abzuweichen und die
Anfechtung in einem gemeinsamen Verfahren mit einem einzigen Urteil zu-
zulassen, wenn die einzelnen Sachverhalte in einem engen inhaltlichen
Zusammenhang stehen und sich in allen Fällen gleiche oder ähnliche
Rechtsfragen stellen. Die Frage der Vereinigung von Verfahren steht im
Ermessen des Gerichts und hängt mit dem Grundsatz der Prozessökono-
mie zusammen, wonach ein Verfahren im Interesse aller Beteiligten mög-
lichst einfach, rasch sowie zweckmässig zum Abschluss gebracht werden
soll (BGE 128 V 124 E. 1; Urteil des BVGer A-4544/2019 und A-4545/2019
vom 5. Mai 2020 E. 1.1.1).
Diese Voraussetzungen sind vorliegend erfüllt, stehen die Sachverhalte
doch in einem sehr engen inhaltlichen Zusammenhang und es stellen sich
gleiche oder gleichartige Rechtsfragen. Dementsprechend haben die in
beiden Verfahren identischen Vertreter der Beschwerdeführenden die Ent-
scheide mit genau übereinstimmenden Argumenten angefochten. Gegen-
seitige Geheimhaltungsinteressen sind nicht ersichtlich. Es rechtfertigt
sich, die beiden Beschwerdeverfahren zu vereinigen und in einem einzigen
Urteil zu erledigen.
1.2 Dem vorliegenden Verfahren liegt ein Amtshilfeersuchen des MoF zu-
grunde. Dieses datiert vom (...) (Datum) bzw. (...) (Datum) und stützt sich
auf das DBA CH-IN. Das Verfahren richtet sich nach dem StAhiG (vgl.
Art. 24 StAhiG e contrario). Vorbehalten bleiben abweichende Bestimmun-
gen des im vorliegenden Fall anwendbaren DBA CH-IN (vgl. Art. 1 Abs. 2
StAhiG). Gemäss Art. 19 Abs. 5 StAhiG gelten die Bestimmungen über die
Bundesrechtspflege, soweit das StAhiG keine abweichenden Bestimmun-
gen aufstellt.
1.3 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt dieses die Beschwer-
den gegen die Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. De-
zember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Zu den
beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbaren Verfügungen gehören
Schlussverfügungen der ESTV im Bereich der internationalen Amtshilfe
und der Amtshilfe im Rahmen des DBA CH-IN (vgl. Art. 32 VGG e contra-
rio; Art. 19 Abs. 1 StAhiG).
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 7
Die Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts zur Behandlung der vor-
liegenden Beschwerde ist somit gegeben.
1.4 Die Beschwerdeführenden sind im vorliegend zu beurteilenden Amts-
hilfeersuchen als betroffene Personen bezeichnet. Sie sind Adressaten der
jeweiligen Schlussverfügung vom 20. August 2019 und sie sind zur Be-
schwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 19 Abs. 2 StAhiG).
Die Beschwerde wurde form- und fristgerecht eingereicht (Art. 50 Abs. 1
und Art. 52 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 19 Abs. 5 StAhiG).
1.5 Auf die Beschwerde ist nach dem Gesagten einzutreten.
1.6 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid in
vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführenden dürfen neben der
Verletzung von Bundesrecht und der unrichtigen oder unvollständigen
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts auch die Unangemes-
senheit rügen (Art. 49 Bst. a-c VwVG).
1.7 Im Beschwerdeverfahren gilt die Untersuchungsmaxime, wonach der
Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen ist und die Rechtsanwendung
von Amtes wegen erfolgt (siehe Art. 62 Abs. 4 VwVG; ANDRÉ MOSER/
MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesver-
waltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 1.49 ff.; PIERRE MOOR/ETIENNE POLTIER,
Droit administratif, Bd. II, 3. Aufl. 2011, S. 292 ff., 300 f., 820 f., Ziff. 2.2.6.3,
2.2.6.5 und 5.8.3.5).
2.
2.1
2.1.1 Der verfassungsrechtliche Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne
von Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenos-
senschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101) verleiht dem Betroffenen insbe-
sondere das Recht, vor Erlass eines in seine Rechtsstellung eingreifenden
Entscheids Einsicht in die Akten zu nehmen (vgl. Art. 15 StAhiG; Art. 26
und 29 VwVG; siehe BGE 133 I 270 E. 3.1, 132 V 368 E. 3.1; Urteil des
BVGer A-2549/2016 vom 31. Oktober 2017 E. 4.1).
2.1.2 Die Wahrnehmung des Akteneinsichtsrechts durch den von einer
Verfügung Betroffenen setzt eine Aktenführungspflicht der Verwaltung vo-
raus. Die Behörden haben alles in den Akten festzuhalten, was zur Sache
gehört. Daraus resultiert die Pflicht, beispielsweise die Abklärungen, Befra-
gungen, Zeugeneinvernahmen und Verhandlungen zu protokollieren, diese
zu den Akten zu nehmen und aufzubewahren (BGE 130 II 473 E. 4.2;
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Seite 8
BVGE 2011/37 E. 5.4.1). Diese Aktenführungspflicht ergibt sich nicht nur
aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1),
sondern jedenfalls im Verwaltungsbeschwerdeverfahren auch aus der in
diesem Verfahren (mit Einschränkungen) geltenden Untersuchungsma-
xime, wonach die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen
hat (vgl. Art. 12 VwVG sowie Urteil des BVGer A-7503/2016 und
A-7513/2016 vom 16. Januar 2018 E. 4.2, mit weiteren Hinweisen).
2.1.3 Nicht der Aktenführungspflicht unterliegen Schriftstücke, die einzig
für den internen Gebrauch bestimmt sind und keinen Einfluss auf die Sach-
verhaltsfeststellung sowie Entscheidfindung haben (Urteil des BVGer
B-616/2012 vom 11. Juli 2012 E. 2.2.2). Die verwaltungsinternen Unterla-
gen sind nämlich vom Akteneinsichtsrecht ausgeschlossen. Ob ein Doku-
ment zu den internen Akten zu zählen ist, hängt von der objektiven Bedeu-
tung des Dokuments für die entscheidwesentliche Sachverhaltsfeststellung
im konkreten Fall ab. Nicht als interne Akten qualifizieren etwa verwal-
tungsintern erstellte Berichte und Gutachten zu streitigen Sachverhaltsfra-
gen (BVGE 2011/37 E. 5.4.1).
2.1.4 Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt als persönlichkeitsbe-
zogenes Mitwirkungsrecht, dass die Behörde die Vorbringen der Parteien
tatsächlich hört, prüft und in ihrer Entscheidfindung berücksichtigt. Damit
hängt die Pflicht der Behörde zusammen, ihre Verfügung zu begründen, da
sich meist nur anhand der Verfügungsbegründung feststellen lässt, ob die
Behörde ihrer Prüfungs- und Berücksichtigungspflicht nachgekommen ist
(vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG; BGE 135 V 65 E. 2.4; Urteil des BGer
2A.377/2000 vom 13. Februar 2001 E. 2b/bb; Teilurteil und Zwischenent-
scheid des BVGer A-592/2016 vom 22. Juni 2017 E. 5.5).
2.1.5 Nach ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann eine
obere Instanz die Verletzung des rechtlichen Gehörs einer unteren Instanz
heilen, wenn die Verletzung nicht besonders schwer wiegt und die Rechts-
mittelinstanz sowohl den Sachverhalt als auch die Rechtslage frei zu über-
prüfen vermag. Selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung ist von einer
Rückweisung der Sache zur Gewährung des rechtlichen Gehörs abzuse-
hen, wenn diese lediglich einen formalistischen Leerlauf darstellen und zu
einer unnötigen Verfahrensverlängerung führen würde (zum Ganzen: BGE
137 I 195 E. 2.3.2, 133 I 201 E. 2.2, 132 V 387 E. 5.1).
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 9
2.2
2.2.1 Gemäss Art. 7 Bst. c StAhiG ist auf ein Ersuchen nicht einzutreten,
wenn es den Grundsatz von Treu und Glauben verletzt, «insbesondere
wenn es auf Informationen beruht, die durch nach schweizerischem Recht
strafbare Handlungen erlangt worden sind».
2.2.2 Aus der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung folgt, dass bei
entsprechender Parteibehauptung, wonach ein Amtshilfeersuchen auf
strafbaren Handlungen beruhe, zu prüfen ist, ob das Ersuchen dem im in-
ternationalen öffentlichen Recht geltenden Grundsatz von Treu und Glau-
ben entspricht. Gemäss dem Bundesgericht wird das legitime Vertrauen,
das die Schweiz in eine Zusage des ersuchenden Staates hat, verletzt und
es wird damit gegen diesen Grundsatz verstossen, wenn der ersuchende
Staat versichert hatte, dass keine auf schweizerischem Territorium gestoh-
lene Bankdaten für ein Amtshilfeersuchen verwendet werden, und er den-
noch ein Ersuchen stellt, das direkt oder indirekt kausal mit solchen ge-
stohlenen Daten zusammenhängt (vgl. BGE 143 II 224 E. 6.5 ff.). Sofern
in einer solchen Konstellation der zweite Teil von Art. 7 Bst. c StAhiG, der
sich auf tatsächlich in der Schweiz strafbare Handlungen bezieht (BGE 143
II 202 E. 8.5.6), anwendbar ist, darf auf ein entsprechendes Amtshilfeersu-
chen nicht eingetreten werden. Mit anderen Worten findet Art. 7 Bst. c StA-
hiG gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung nur Anwendung, wenn
gemäss internationalem öffentlichen Recht ein Verstoss gegen Treu und
Glauben vorliegt (BGE 143 II 224 E. 6.2). Darf die Leistung von Amtshilfe
aufgrund des Völkerrechts verweigert werden, ist nach den Voraussetzun-
gen von Art. 7 Bst. c StAhiG auf das Amtshilfegesuch nicht einzutreten (Ur-
teil des BGer 2C_619/2018 vom 21. Dezember 2018 E. 2.3.2; Urteil des
BVGer A-3715/2017 vom 2. Juli 2018 E. 2.2.2).
2.2.3 In der ergangenen Rechtsprechung in Bezug auf Indien wurde eine
Zusicherung des indischen Staates, die eine Verwendung der durch (spon-
tane) Amtshilfe erhaltene und gestohlene Daten ausschliessen würde, aus-
drücklich verneint, insbesondere auch betreffend der beiden Joint State-
ments vom 15. Oktober 2014 und vom 15. Juni 2016 (vgl. Urteile des BGer
2C_141/2018 vom 24. Juli 2020 E. 6.2 f., 2C_619/2018 vom 21. Dezember
2018 E. 2.3.5, 2C_648/2017 vom 17. Juli 2018 E. 3.1 ff. mit Verweis auf
das vorinstanzliche Urteil des BVGer A-778/2017 vom 5. Juli 2017 E. 6.3;
Urteil des BVGer A-108/2018 vom 13. Februar 2020 E. 8.2, mit weiteren
Hinweisen).
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 10
2.3 Im Rahmen der internationalen Behördenzusammenarbeit besteht
grundsätzlich kein Anlass, an Sachverhaltsdarstellungen und Erklärungen
anderer Staaten zu zweifeln (sog. völkerrechtliches Vertrauensprinzip; statt
vieler: Urteil des BVGer A-4163/2019 vom 22. April 2020 E. 2.2). Die Vor-
instanz ist an die Darstellung des Sachverhalts im Ersuchen insoweit ge-
bunden, als diese nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Wider-
sprüchen sofort entkräftet werden kann. Gleiches gilt für die vom ersuchen-
den Staat abgegebenen Erklärungen. Werden diese sofort entkräftet, kann
der ersuchte Staat ihnen nicht mehr vertrauen (vgl. statt vieler: Urteil des
BVGer A-2725/2019 vom 25. Februar 2020 E. 2.2). Es liegt an der betroffe-
nen Person, den Sachverhalt mittels Urkunden klarerweise und entschei-
dend zu widerlegen (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer A-2725/2019 vom
25. Februar 2020 E. 2.3, mit Hinweisen).
2.4
2.4.1 Die Amtshilfeklausel von Art. 26 DBA CH-IN in der (aktuellen) Fas-
sung gemäss dem Änderungsprotokoll vom 30. August 2010 (Protokoll
2010 zum DBA CH-IN, AS 2011 4617) ist anwendbar auf Informationen, die
sich auf Steuerjahre beziehen, welche am oder nach dem 1. Januar des
der Unterzeichnung des Änderungsprotokolls folgenden Jahres beginnen
(vgl. Art. 14 Abs. 3 Protokoll 2010 zum DBA CH-IN). Beim Amtshilfeersu-
chen Indiens handelt es sich um Informationen, die sich auf Steuerjahre ab
dem 1. April 2011 beziehen (vgl. Urteil des BVGer A-3715/2017 vom 2. Juli
2018 E. 2.1.1).
2.4.2 Die internationale Amtshilfe nach Art. 26 DBA CH-IN kann frühestens
für das ab dem 1. April 2011 beginnende Steuerjahr, das heisst frühestens
ab dem Jahr 2011/2012, in Betracht gezogen werden (Urteil des BVGer
A-4232/2013 vom 17. Dezember 2013 E. 6.2.4.1 [wonach das indische
Steuerverfahren einem System der jährlichen postnumerando Besteue-
rung entspricht] und E. 6.2.5). Für die Anwendung von Art. 26 DBA CH-IN
in seiner neuen Fassung genügt es, dass die ausserhalb der Frist des
Amtshilfeersuchens erlangten Informationen auf einen Sachverhaltskom-
plex zurückgehen, der nach dem 1. April 2011 rechtswirksam bleibt (Urteil
des BGer 2C_141/2018 vom 24. Juli 2020 E. 11.1 f.; Urteil des BVGer
A-525/2017 vom 29. Januar 2018 E. 2.1.2, mit weiteren Hinweisen).
Darüber hinaus muss nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung der
Stand des Vermögens eines Kontos am letzten Tag eines Geschäftsjahres
genauso behandelt werden wie am ersten Tag des unmittelbar darauffol-
genden Geschäftsjahres (siehe Urteil des BGer 2C_1087/2016 vom
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 11
31. März 2017 E. 3.4). Die Jahresabschlüsse zum 31. März eines indi-
schen Fiskaljahres sind als gleichwertig mit den Abschlüssen zum 1. April
des unmittelbar auf das betreffende Jahr folgenden Fiskaljahres anzuse-
hen (Urteil des BGer 2C_141/2018 vom 24. Juli 2020 E. 11.1 f.; Urteil des
BVGer A-525/2017 vom 29. Januar 2018 E. 2.1.2, mit weiteren Hinweisen).
2.5
2.5.1 Gemäss Ziff. 10 Bst. a des Protokolls zum DBA CH-IN (vgl. auch
Art. 13 Protokoll 2010 zum DBA CH-IN) besteht «Einvernehmen darüber,
dass der ersuchende Vertragsstaat ein Begehren um Austausch von Infor-
mationen erst dann stellt, wenn er alle in seinem innerstaatlichen Steuer-
verfahren vorgesehenen üblichen Verfahren zur Beschaffung der Informa-
tionen ausgeschöpft hat» (Subsidiaritätsprinzip). Der ersuchende Staat
muss seine innerstaatlichen Mittel mindestens soweit ausüben, dass er das
Ermittlungsobjekt genügend präzisiert hat. Ansonsten ist die Gewährung
von Amtshilfe nicht möglich (Urteil des BVGer A-4992/2016 vom
29. November 2016 E. 5.2 und E. 11).
2.5.2 Was unter den «üblichen Verfahren» zu verstehen ist, wird im DBA
CH-IN nicht weiter definiert. Aus der Auslegung der fraglichen Bestimmung
nach völkerrechtlichen Regeln ergibt sich, dass nicht das Ausschöpfen
«sämtlicher» möglicher Mittel verlangt wird (vgl. dazu statt vieler: Urteil des
BVGer A-4414/2014 vom 8. Dezember 2014 E. 3.1.1). Vielmehr kann ein
Mittel als nicht mehr «üblich» bezeichnet werden, wenn es dem ersuchen-
den Staat – im Vergleich zu einem Amtshilfeersuchen – einen unverhält-
nismässigen Aufwand verursachen würde oder die Erfolgschancen als
sehr gering einzuschätzen sind. Dem ersuchenden Staat wird somit eine
gewisse Freiheit belassen, um zu entscheiden, in welchem Zeitpunkt er ein
Amtshilfeersuchen stellen möchte (Urteil des BGer 2C_514/2019 vom
17. August 2020 E. 4.4; Urteil des BVGer A-3716/2015 vom 16. Februar
2016 E. 3.3.1). Das Subsidiaritätsprinzip dient auch dazu, den ersuchten
Staat vor Überforderung zu schützen (vgl. HARALD SCHAUMBURG, in:
Schaumburg [Hrsg.], Internationales Steuerrecht, 4. Aufl., Köln 2017, Rz.
22.80 S. 1273; MICHAEL ENGELSCHALK, in: Vogel/Lehner [Hrsg.], Doppel-
besteuerungsabkommen, 6. Aufl., München 2015, Art. 26 Rz. 35).
Das Steueramtshilfegesetz kennt im Übrigen eine vergleichbare Regelung
(Art. 6 Abs. 2 Bst. g StAhiG; CHARLOTTE SCHODER, Praxiskommentar zum
Bundesgesetz über die internationale Amtshilfe in Steuersachen, 2014,
Art. 6 Rz. 61). Diese hat – wie auch die Abkommensbestimmung – gemäss
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 12
Botschaft des Bundesrats vom 6. Juli 2011 zum Erlass eines Steueramts-
hilfegesetzes primär das Ziel, «fishing expeditions» zu verhindern (Urteil
des BVGer A-4414/2014 vom 8. Dezember 2014 E. 3.1.1; BBl 2011 6193,
S. 6206; vgl. Botschaft zur Genehmigung eines Protokolls zur Änderung
des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen der Schweiz und Indien
vom 3. Dezember 2010, BBl 2010 8827, S. 8834).
2.5.3 Die Möglichkeit der ersuchenden Behörde, eine betroffene Person
mittels Zwangsmassnahmen zur Herausgabe der Informationen aufzufor-
dern, führt nicht dazu, dass (noch) kein Amtshilfeersuchen gestellt werden
darf, insbesondere, wenn die Person gemäss dem anwendbaren Recht zur
Einreichung aller wesentlichen Unterlagen verpflichtet ist (vgl. Urteil des
BVGer A-4414/2014 vom 8. Dezember 2014 E. 4.2.5).
2.5.4 Es kann einem Staat auch nicht verwehrt werden, mit dem Steuer-
pflichtigen weiter in Kontakt zu bleiben bzw. diesen zu befragen, auch wenn
bereits ein Amtshilfegesuch gestellt wurde (Urteil des BVGer A-3716/2015
vom 16. Februar 2016 E. 5.2.2).
2.6
2.6.1 Gemäss Art. 26 Abs. 1 DBA CH-IN tauschen die zuständigen Behör-
den der beiden Vertragsstaaten – ohne Rücksicht auf Art. 1 DBA CH-IN
(persönlicher Geltungsbereich) – diejenigen Informationen aus, «die zur
Durchführung dieses Abkommens oder zur Anwendung oder Durchset-
zung des innerstaatlichen Rechts, betreffend die unter das Abkommen fal-
lenden Steuern, voraussichtlich erheblich sind, soweit die diesem Recht
entsprechende Besteuerung nicht dem Abkommen widerspricht» (vgl. aber
zu Beschränkungen dieser Amtshilfeverpflichtung insbesondere Art. 26
Abs. 3 und 5 DBA CH-IN).
2.6.2 Als zur Anwendung oder Durchsetzung des innerstaatlichen Rechts
voraussichtlich erheblich gelten Informationen, die für den ersuchenden
Staat notwendig sind, um eine in diesem Staat steuerpflichtige Person dort
korrekt zu besteuern (vgl. BGE 141 II 436 E. 4.4.3; Urteil des BVGer
A-4163/2019 vom 22. April 2020 E. 3.1.3).
2.6.3 Der Zweck der in Art. 26 Abs. 1 DBA CH-IN enthaltenen Verweisung
auf Informationen, die voraussichtlich erheblich sind, besteht gemäss
Ziff. 10 Bst. d des Protokolls zum DBA CH-IN (ebenfalls publiziert unter
SR 0.672.942.31, siehe auch Art. 13 Protokoll 2010 zum DBA CH-IN) darin,
einen möglichst weitgehenden Informationsaustausch in Steuerbelangen
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 13
zu gewährleisten, «ohne es den Vertragsstaaten zu erlauben, ‹fishing ex-
peditions› zu betreiben oder Informationen anzufordern, deren Erheblich-
keit hinsichtlich der Steuerbelange einer steuerpflichtigen Person unwahr-
scheinlich ist» (Satz 1). Ferner wird mit dieser Klausel festgehalten, dass
Paragraph 10 Bst. b des Protokolls zum DBA CH-IN wichtige verfahrens-
technische Anforderungen enthält, welche «fishing expeditions» vermei-
den sollen (Satz 2 erster Teil). Zugleich wird bestimmt, dass die Unterab-
sätze (i) bis (v) von Paragraph 10 Bst. b des Protokolls zum DBA CH-IN so
auszulegen sind, dass sie einen wirksamen Informationsaustausch nicht
behindern.
2.6.4 Das Verbot der Beweisausforschung ist Ausdruck des Verhältnismäs-
sigkeitsgrundsatzes. Es sollen soweit als möglich relevante Informationen
ausgetauscht werden können, ohne dass ein Vertragsstaat «fishing expe-
ditions» eines anderen Staates unterstützen oder Informationen liefern
muss, deren Relevanz unwahrscheinlich ist (BGE 144 II 206 E. 4.2 sowie
statt vieler: Urteil des BVGer A-5146/2018 vom 28. Juli 2020 E. 5.2.1 mit
Hinweisen).
2.6.5 Als zur Anwendung oder Durchsetzung des innerstaatlichen Rechts
voraussichtlich erheblich gelten Informationen, die für den ersuchenden
Staat notwendig sind, um eine dort steuerpflichtige Person korrekt zu be-
steuern. Ob eine Information in diesem Sinne erheblich ist, kann in der Re-
gel nur der ersuchende Staat abschliessend beurteilen. Die Rolle des er-
suchten Staates beschränkt sich dabei darauf, zu überprüfen, ob die vom
ersuchenden Staat verlangten Informationen und Dokumente mit dem im
Ersuchen dargestellten Sachverhalt zusammenhängen und ob sie mög-
licherweise dazu geeignet sind, im ausländischen Verfahren verwendet zu
werden (sog. Plausibilitätskontrolle; zum Ganzen statt vieler: BGE 144 II
29 E. 4.2.2, 142 II 161 E. 2.1.1, je mit weiteren Hinweisen sowie Urteil des
BVGer A-704/2019 vom 9. April 2020 E. 3.2.1). Vor diesem Hintergrund
darf der ersuchte Staat Auskünfte mit der Begründung, die verlangten In-
formationen seien nicht notwendig, nur verweigern, wenn ein Zusammen-
hang zwischen den verlangten Angaben und der im ersuchenden Staat
durchgeführten Untersuchung unwahrscheinlich erscheint (vgl. statt vieler:
BGE 143 II 185 E. 3.3.2, 141 II 436 E. 4.4.3, mit weiteren Hinweisen und
Urteil des BVGer A-1348/2019 vom 3. März 2020 E. 3.3, mit weiteren Hin-
weisen; vgl. zum Kriterium der voraussichtlichen Erheblichkeit auch Art. 26
Abs. 1 des Musterabkommens der Organisation für wirtschaftliche Zusam-
menarbeit und Entwicklung zur Vermeidung der Doppelbesteuerung von
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 14
Einkommen und Vermögen). In letzterem Sinne ist auch Art. 17 Abs. 2 StA-
hiG zu verstehen, wonach Informationen, welche voraussichtlich nicht er-
heblich sind, nicht übermittelt werden dürfen (statt vieler: Urteil des BVGer
A-1348/2019 vom 3. März 2020 E. 3.3, mit weiteren Hinweisen; vgl. auch
Art. 4 Abs. 3 StAhiG). Keine Rolle spielt dagegen, wenn sich nach der Be-
schaffung der Informationen herausstellt, dass diese nicht relevant sind
(BGE 143 II 185 E. 3.3.2, mit Hinweisen, zitiert im Urteil des BGer
2C_615/2018 vom 26. März 2019 E. 3.2).
2.6.6 Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit ist erfüllt,
wenn im Zeitpunkt der Gesuchstellung eine vernünftige Möglichkeit be-
steht, dass sich die angefragten Angaben als in diesem Sinn erheblich er-
weisen werden. Die voraussichtliche Erheblichkeit von geforderten Unter-
lagen oder Auskünften muss sich bereits aus dem Amtshilfegesuch erge-
ben (vgl. BGE 143 II 185 E. 3.3.2 und Urteil des BVGer A-140/2019 vom
13. Mai 2019 E. 3.1.2, je mit Hinweisen). Soweit die Behörden des ersu-
chenden Staates verpflichtet sind, den massgeblichen Sachverhalt darzu-
legen, kann von ihnen nicht erwartet werden, dass sie dies bereits lücken-
los und völlig widerspruchsfrei tun. Dies wäre mit Sinn und Zweck der
Amtshilfe nicht vereinbar, sollen doch aufgrund von Informationen und Un-
terlagen, die sich im ersuchten Staat befinden, bisher im Dunkeln geblie-
bene Punkte erst noch geklärt werden. Gemäss Rechtsprechung ist von
der ersuchenden Behörde nicht der strikte Beweis des Sachverhalts zu
verlangen, doch muss sie hinreichende Verdachtsmomente für dessen
Vorliegen dartun (statt vieler: Urteil des BVGer A-140/2019 vom 13. Mai
2019 E. 3.1.2, mit Hinweisen).
2.6.7 Nach Art. 4 Abs. 3 StAhiG sind Informationen über nicht betroffene
Personen nicht zu übermitteln, es sei denn, sie sind für die Beurteilung der
Steuersituation der betroffenen Person voraussichtlich relevant. Ob Infor-
mationen über nicht betroffene Personen für den im Ersuchen geltend ge-
machten Steuerzweck voraussichtlich erheblich sind, ist im Einzelfall zu
beurteilen (vgl. dazu Urteil des BGer 2C_287/2019 und 2C_288/2019 vom
13. Juli 2020 E. 5.2, mit weiteren Hinweisen).
2.7 Nach der ständigen Praxis des Bundesverwaltungsgerichts bedeutet
das Spezialitätsprinzip, dass der ersuchende Staat die vom ersuchten
Staat erlangten Informationen einzig in Bezug auf Personen oder Handlun-
gen verwenden darf, für welche er sie verlangt und der ersuchte Staat sie
gewährt hat (vgl. Art. 26 Abs. 2 DBA CH-IN; Urteil des BVGer A-108/2018
vom 13. Februar 2020 E. 10.1, mit weiteren Hinweisen). Die Schweiz kann
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 15
in dieser Hinsicht davon ausgehen, dass der ersuchende Staat, mit dem
sie durch ein Amtshilfeabkommen verbunden ist, den Grundsatz der Spe-
zialität beachtet, ohne dass die Einholung einer ausdrücklichen Zusiche-
rung notwendig wäre (Urteil des BVGer A-108/2018 vom 13. Februar 2020
E. 10.1, mit weiteren Hinweisen).
Mit Bezug auf das DBA CH-IN entspricht es im Übrigen der konstanten
Rechtsprechung, dass der ersuchende Staat die einmal erlangten Informa-
tionen auch zur Verfolgung von Steuerdelikten verwenden und diese auch
an Strafbehörden weiterleiten darf (statt vieler: Urteil des BVGer
A-837/2019 vom 10. Juli 2019 E. 5.3.3.2, mit Hinweisen). Dies gilt jeden-
falls dann, wenn die Informationen nicht allein der Verfolgung von Steuer-
delikten dienen, sondern auch dem Erhebungszweck.
Allfällige, in den Bankunterlagen stehenden Personen sind schliesslich
durch das Spezialitätsprinzip geschützt, welches auch eine persönliche Di-
mension aufweist (siehe statt vieler: Urteile des BGer 2C_537/2019 vom
13. Juli 2019 E. 3.4.3 und E. 3.5, 2C_376/2019 vom 13. Juli 2020 E. 7.1.3).
2.8
2.8.1 Ein Trust ist ein Rechtsverhältnis, bei dem ein Settlor einer oder meh-
reren Personen (Trustee) Vermögenswerte anvertraut. Der Trustee hat die
Pflicht, dieses Vermögen zu verwalten und es für einen vom Settlor im Vo-
raus festgelegten Zweck zu verwenden. Diese Verwendung kann insbe-
sondere in der Begünstigung bestimmter Personen (Beneficiaries) beste-
hen. Der Settlor kann auch Vorteile für sich selbst vorsehen oder sich das
Recht vorbehalten, den Trust aufzulösen, um das Vermögen zurückzuer-
halten. Es ist auch möglich, einen vom Settlor ernannten Protektor anzuru-
fen, der die Arbeit des Trustees überwacht (siehe Urteil des BVGer
A-4153/2017 vom 11. Oktober 2018 E. 7.1.1.2 [das BGer ist mit Entscheid
2C_955/2018 vom 2. November 2018 auf die gegen dieses Urteil erhobene
Beschwerde nicht eingetreten]).
2.8.2 Im Falle eines widerruflichen (revocable) Trusts behält der Settlor den
Zugriff auf das Trustvermögen.
Im Falle eines unwiderruflichen (irrevocable) Trusts ist zu unterscheiden
zwischen einem nicht-diskretionären Trust (irrevocable fixed interest Trust)
und einem diskretionären Trust (irrevocable discretionary Trust). Beim dis-
kretionären Trust können die Begünstigten keinen festen Anspruch vom
Trustee auf Zahlung oder Kapitalanteile des Trusts geltend machen. Der
http://links.weblaw.ch/2C_955/2018
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 16
Trustee hat völlige Freiheit in der Wahl der Personen und der Höhe seiner
Ausschüttungen, obwohl die Ausschüttungen in der Regel an einen
(vor)bestimmten Personenkreis erfolgen. Die Begünstigten haben also nur
eine Erwartung, eine Art zukünftiges und ungewisses Interesse, das sich
durch die Ausübung der dem Trustee übertragenen Befugnisse manifes-
tiert. Darüber hinaus haben sie keinen Anspruch auf das Trustvermögen
oder einen Anspruch auf Zuteilung von Trustvermögen gegenüber dem
Trustee (Urteil des BVGer A-4153/2017 vom 11. Oktober 2018 E. 7.1.1.2;
GUILLAUME GRISEL, Le trust en Suisse, 2020, S. 240 f.).
Nach konstanter Rechtsprechung liegt demnach bei der Errichtung eines
unwiderruflichen diskretionären Trusts (irrevocable discretionary Trust)
(noch) keine direkte Bereicherung der Begünstigten vor (Urteile des BVGer
A-4153/2017 vom 11. Oktober 2018 E. 7.1.1.3, mit weiteren Hinweisen, so-
wie A-5295/2016 vom 30. November 2017 E. 3.2.5.2).
2.9 Das Bundesgericht hat mit BGE 144 II 30 im Falle eines spanischen
Amtshilfeersuchens die verfahrenstechnische Praxis der ESTV in Bezug
auf sog. «status updates» als rechtmässig bestätigt. Die Unterrichtung aus-
ländischer Behörden über die Tatsache, dass «eine Beschwerde eingelegt
wurde» oder «das Verfahren vor den nationalen Gerichten anhängig ist»,
gilt demnach als zulässig (BGE 144 II 30 E. 6.1). Diese Praxis steht im
Einklang mit den internationalen Verpflichtungen der Schweiz, da es sich
hier um einen international anerkannten Standard handelt (BGE 144 II 30
E. 6.1).
2.10 Die Anonymisierung von Urteilen im Bereich der internationalen Amts-
hilfe in Steuersachen entspricht der geltenden Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts (siehe Art. 8 Abs. 1 des Informationsreglements für das Bun-
desverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [SR 173.320.4]).
3.
3.1
3.1.1 Im vorliegenden Fall bringen die Beschwerdeführenden vorab in pro-
zessualer Hinsicht vor, dass die Schlussverfügung der Vorinstanz nichtig
sei und führen aus, dass ihnen das Akteneinsichtsrecht nicht vollumfäng-
lich gewährt worden sei (prozessualer Antrag Ziff. 2 in Verbindung mit
Rechtsbegehren Ziff. 1 und 3).
Die Vorinstanz dagegen vertritt in der Vernehmlassung den Standpunkt,
der Sachverhalt sei richtig und vollumfänglich dargestellt worden. Die Vor-
https://www.swisslex.ch/doc/unknown/0a96027c-3785-481e-88e0-0b51757e64d9/citeddoc/b813a59a-054b-429e-9eda-af7518f31404/source/document-link
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 17
instanz hat nach weiteren Schriftenwechseln mit der Eingabe vom 5. Feb-
ruar 2020 sodann ein von den Beschwerdeführenden bisher nicht eingese-
henes Aktenstück nachgereicht und darin auf ihre Ausführungen in der Ver-
nehmlassung verwiesen.
Die Vorbringen der Beschwerdeführenden betreffend Verletzung des Ak-
teneinsichtsrecht erweisen sich als unbegründet. Den Beschwerdeführen-
den ist nämlich nicht nur im vorinstanzlichen Verfahren mit den Schreiben
vom 14. Mai 2019 und vom 15. Juli 2019 (ergänzende) Akteneinsicht und
die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben worden, sondern es ist ihnen
ebenfalls im hiesigen Beschwerdeverfahren mit der Übermittlung der
Vorakten gemäss Zwischenverfügung vom 13. November 2019 sowie dem
am 5. Februar 2020 nachgereichten Aktenstück der Vorinstanz, welches
mit Verfügung vom 12. Februar 2020 an die Beschwerdeführenden über-
mittelt wurde, die Möglichkeit zur vollumfänglichen Akteneinsicht und zur
entsprechenden Stellungnahme eingeräumt worden. Den Beschwerdefüh-
renden ist damit rechtsgenügend Einsicht in die Akten gegeben sowie das
rechtliche Gehör hierzu gewährt worden. Inwiefern in «Protokolle bzw. Ak-
tennotizen über Telefongespräche und Sitzungen» zwischen der ESTV und
der Bank sowie zwischen der ESTV und dem MoF keine Einsicht gewährt
worden sein soll (s. prozessualer Antrag Ziff. 2), erschliesst sich dem Ge-
richt jedenfalls nicht, vermögen die Beschwerdeführenden doch nicht ein-
mal ansatzweise zu substanziieren, dass solche Aufzeichnungen existie-
ren, welche sich nicht in den Akten befinden. Sollten im Übrigen die Be-
schwerdeführenden damit implizit eine Verletzung der Aktenführungspflicht
durch die Vorinstanz geltend machen, wäre ihnen mit Bezug auf solche
behaupteten Aufzeichnungen aus dem gleichen Grund (nicht substanziiert)
nicht zu folgen. Einzig durch die vorinstanzliche Nachreichung eines nicht
entscheidwesentlichen Aktenstücks (und deshalb bis anhin auch nicht ak-
turiert), in welches die Beschwerdeführenden erst im Verfahren vor Bun-
desverwaltungsgericht haben Einsicht nehmen können, ist ihr rechtliches
Gehör nicht verletzt.
3.1.2 Die Beschwerdeführenden beantragen sodann im Sinne einer vor-
sorglichen Massnahme, dass der Vorinstanz vorsorglich untersagt werde,
in den periodischen «status updates» Informationen jeglicher Art zu über-
mitteln. Eine Ausnahme bilde die Information, dass das Verfahren im Gang
sei und eine Beschwerde eingereicht wurde, ohne jedoch die Identität der
Beschwerdeführenden zu nennen (prozessualer Antrag Ziff. 1). Mit Zwi-
schenverfügung vom 24. September 2019 untersagte das Bundesverwal-
tungsgericht der Vorinstanz vorsorglich, bei allfälligen «status updates» an
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 18
den ersuchenden Staat die Identität der Beschwerdeführenden bekannt zu
geben.
Den prozessualen Antrag betreffend «status updates» hält die Vorinstanz
mit Vernehmlassung dagegen für unbegründet und beantragt die Abwei-
sung. Am 23. Dezember 2019 bekräftigen die Beschwerdeführenden die
– ihrer Ansicht nach – Rechtswidrigkeit der Praxis der ESTV zu den «status
updates».
Dem Bundesverwaltungsgericht erschliesst sich nicht, inwiefern im vorlie-
genden Fall die verfahrenstechnische Praxis der Vorinstanz der hierzu er-
gangen bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht entspricht (vgl. E. 2.9).
Die Vorinstanz sichert diesbezüglich zu, bei den sog. «status updates»
keine Namensangaben zu den Beschwerdeführenden oder andere Identi-
fikationsmerkmale bekannt zu geben und die Bundesgerichtspraxis zu be-
achten. Die weitergehenden und teilweise unverständlichen Behauptungen
der Beschwerdeführenden in Bezug auf die «status updates» erweisen
sich vorliegend als unsubstanziiert und die Rügen als unbegründet. Der
Antrag ist aus diesen Gründen abzuweisen, soweit er sich nicht als durch
die angeordnete vorsorgliche Massnahme als gegenstandslos erweist.
3.1.3 Die Beschwerdeführenden stellen sodann den Antrag, das erge-
hende, veröffentlichte Urteil zu anonymisieren (prozessualer Antrag Ziff. 3).
Die Anonymisierung von Urteilen im Bereich der internationalen Amtshilfe
in Steuersachen entspricht der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts,
weshalb das vorliegende Urteil entsprechend in anonymisierter Form auf-
zulegen und auf der Internetseite des Bundesverwaltungsgerichts zu pub-
lizieren sein wird (E. 2.10). Die diesbezüglichen Ausführungen der Be-
schwerdeführenden erweisen sich insoweit als gegenstandslos.
3.1.4 Die erwähnten prozessualen Anträge der Beschwerdeführenden sind
demnach – soweit nicht gegenstandslos – abzuweisen und insoweit auch
die Rechtsbegehren Ziff. 1 und Ziff. 3 (für die weiteren unter diesen Rechts-
begehren vorgebrachten Rügen der Beschwerdeführenden siehe E. 3.2 ff.,
insbesondere E. 3.2.3 und E. 3.5 sowie E. 3.7).
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 19
3.2
3.2.1 Die Beschwerdeführenden rügen sodann, das Amtshilfeersuchen
von Indien stütze sich auf gestohlene Daten und verstosse damit gegen
Treu und Glauben gemäss Art. 7 Bst. c StAhiG. Daher sei nicht darauf ein-
zutreten. Die Beschwerdeführenden verweisen namentlich auf die Swiss-
Indian Joint Statements vom 15. Oktober 2014 und vom 15. Juni 2016. Sie
sehen darin eine ausdrückliche Verpflichtung Indiens, die gestohlenen Da-
ten erst nach der damals geplanten Gesetzesänderung zu verwenden.
Diese Gesetzesänderung habe nicht stattgefunden, weshalb das Ersuchen
der indischen Behörde auf der Grundlage von gestohlenen Daten in direk-
tem Widerspruch zu den von Indien eingegangenen Verpflichtungen stehe
(Rechtsbegehren Ziff. 2 und Ziff. 3).
Gemäss Ausführungen der Vorinstanz habe sich Indien nie dazu verpflich-
tet, keine gestohlenen Daten zu verwenden, um in der Schweiz ein Amts-
hilfeersuchen zu stellen. Der Grundsatz von Treu und Glauben sei somit
nicht verletzt.
In der ergangenen Rechtsprechung mit Bezug auf Indien wurde eine Zusi-
cherung des indischen Staates, die eine Verwendung von gestohlenen Da-
ten ausschliessen würde, negiert, insbesondere auch betreffend der bei-
den Joint Statements vom 15. Oktober 2014 und vom 15. Juni 2016, auf
die sich die Beschwerdeführenden in der Beschwerde beziehen
(vgl. E. 2.2.3). Im Sinne dieser bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind
die Rügen der Beschwerdeführenden, die sich mit der deliktischen Her-
kunft der Daten und dem Verstoss gegen Treu und Glauben befassen, so-
mit unbegründet.
3.2.2 Die Beschwerdeführenden rügen weiter, dass es sich im vorliegen-
den Fall um eine unzulässige «fishing expedition» handle. Namentlich füh-
ren sie ins Feld, die zu übermittelnden Unterlagen würden keinen Bezug
zu den mittels Amtshilfeersuchen angefragten Informationen aufweisen,
weshalb sie nicht übermittelt werden dürfen. Auf ein Ersuchen sei nach
Art. 7 Bst. a StAhiG nicht einzutreten, wenn es zum Zwecke der Beweis-
ausforschung gestellt worden sei (Rechtsbegehren Ziff. 2 und Ziff. 3).
Vorliegend sind die Beschwerdeführenden fälschlicherweise der Ansicht,
die ersuchten Dokumente seien mangels Relevanz zum Vornherein nicht
voraussichtlich erheblich und dass eine «fishing expedition» vorliege. Das
gestellte Ersuchen beinhaltet konkrete Fragen, die sich auf identifizierte
(oder identifizierbare) Personen im Rahmen einer laufenden Untersuchung
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 20
beziehen (vgl. hierzu E. 2.6.2 f.). Die Argumente der Beschwerdeführenden
sind in diesem Punkt zurückzuweisen. Vielmehr erfüllt das vorliegend zu
beurteilende Amtshilfeersuchen des MoF unbestrittenermassen die formel-
len Voraussetzungen gemäss Art. 10 Bst. d des Protokolls zum DBA CH-
IN (vgl. auch Art. 13 Protokoll 2010 zum DBA CH-IN). Das Ersuchen er-
weist sich damit als hinreichend konkret, weshalb mit Bezug auf die Be-
schwerdeführenden keine «fishing expedition» gegeben ist.
3.2.3 Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht auf die Amtshilfeer-
suchen eingetreten und die Rechtsbegehren Ziff. 2 und Ziff. 3 sind insoweit
abzuweisen (für die weiteren unter diesen Rechtsbegehren vorgebrachten
Rügen der Beschwerdeführenden siehe E. 3.3 ff., insbesondere E. 3.5 und
E. 3.7).
3.3 Die Beschwerdeführenden rügen weiter eine Verletzung des Subsidia-
ritätsprinzips. Die indischen Behörden hätten keine eigene und unabhän-
gige Untersuchung durchgeführt, sondern würden sich einzig auf gestoh-
lene Daten stützen. Aus diesem Grunde dürfe den indischen Behörden
keine Amtshilfe geleistet werden (Rechtsbegehren Ziff. 2 und Ziff. 3).
Gemäss der Vorinstanz habe die ersuchende Behörde in ihrem Ersuchen
bestätigt, alle innerstaatlichen Mittel ausgeschöpft zu haben. Aufgrund des
völkerrechtlichen Vertrauensprinzips bestehe für die ESTV grundsätzlich
kein Anlass, an der Erklärung der indischen Behörde zu zweifeln und von
einer Verletzung des Subsidiaritätsprinzips auszugehen.
Das MoF sichert im Amtshilfeersuchen effektiv zu, dass:
« (...) it has pursued all means available in its own territory to obtain the infor-
mation, except those that would give rise to disproportionate difficulties.»
Soweit vorliegend die Beschwerdeführenden geltend machen, das MoF
habe in jedem Fall eine eigene unabhängige Untersuchung durchzuführen
und das Subsidiaritätsprinzip sei andernfalls verletzt, kann ihnen nicht ge-
folgt werden. Denn das Bundesverwaltungsgericht ist bereits in früheren
Verfahren zum Schluss gekommen, dass nicht sämtliche offenstehende
Mittel auszuschöpfen sind (E. 2.5.2). Auch wenn gewisse Untersuchungs-
handlungen der ersuchenden Behörde noch offen stehen würden, ist das
Subsidiaritätsprinzip nicht bereits verletzt, wenn die ersuchende Behörde
ein Amtshilfeersuchen stellt, bevor solche Massnahmen vollständig ausge-
schöpft sind (E. 2.5.2). Was als übliche Verfahren zu gelten hat, steht bis
zu einem gewissen Grad ohnehin im Ermessen der ersuchenden Behörde.
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 21
Aus dem Ersuchen selbst geht hervor, dass der ersuchende Staat eine Un-
tersuchung durchgeführt hat. Im vorliegenden Fall hat die ersuchende Be-
hörde nämlich erklärt, die «verfügbaren» Informationsquellen nach ihrem
innerstaatlichen Recht ausgeschöpft zu haben. Die Beschwerdeführenden
verkennen somit, dass die Vorinstanz gemäss dem völkerrechtlichen Ver-
trauensprinzip auf die Darstellung des Sachverhalts und die Erklärungen
des MoF im Amtshilfeersuchen vertrauen darf, sofern nicht ernsthafte
Zweifel vorliegen (vgl. E. 2.3). Den Beschwerdeführenden gelingt das We-
cken solcher Zweifel allein mit ihren Behauptungen gerade nicht. Der gute
Glaube des ersuchenden Staates wird daher in Bezug auf die Einhaltung
des Subsidiaritätsprinzips weiterhin angenommen. Die Vorinstanz hat sich
folglich in ihrer Schlussverfügung zurecht auf die Zusicherung des MoF ge-
stützt. Insoweit gehen die Ausführungen der Beschwerdeführenden fehl.
3.4 Ferner verlangen die Beschwerdeführenden eine ausdrückliche Garan-
tie vom ersuchenden Staat, die Übermittlung der Informationen erfolgten
«einzig zu Steuerzwecken». Nach den Beschwerdeführenden sei einer-
seits die Gefahr der Verwendung der übermittelten Informationen in einem
Strafverfahren in Indien wahrscheinlich und gerichtsnotorisch. Andererseits
sei allgemein bekannt, dass die indischen Behörden die Grundrechte (ein-
schliesslich menschenrechtswidriger Behandlung) der beschuldigten Per-
sonen in Strafverfahren in Indien nicht respektierten. Die Beschwerdefüh-
renden machen aus diesen Gründen geltend, es bestehe die Gefahr, der
Informationsaustausch, den die ESTV der ersuchenden Behörde zu ge-
währen beabsichtige, verletze die in der «EMRK» geregelten Grundrechte
sowie den «ordre public» (Ziff. 2 und Ziff. 3 sowie Ziff. 4.2).
Nach den Ausführungen der Vorinstanz sei im Bereich der Amtshilfe nach
dem gemäss Art. 26 Abs. 2 DBA CH-IN massgebend, für wen und zu wel-
chem Gebrauch die übermittelten Informationen ausschliesslich bestimmt
seien. Nach ständiger Rechtsprechung sei die Einhaltung des Spezialitäts-
prinzips durch einen Staat, welcher mit der Schweiz in einem Abkommen
mit einer Amtshilfeklausel verbunden ist, gemäss dem völkerrechtlichen
Vertrauensprinzip als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Einholung ei-
ner ausdrücklichen Zusicherung sei nicht notwendig. Von einer drohenden
Verletzung des ordre public sei nicht auszugehen.
Vorab ist den Beschwerdeführenden entgegenzuhalten, dass ihr Begehren
bereits im Ansatz verfehlt und abzuweisen ist: Die ersuchende Behörde
dürfte die Informationen «auch für Strafzwecke» verwenden oder weiterlei-
ten (E. 2.7). Eine Garantie des MoF, dass er die Informationen «einzig für
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 22
Steuerzwecke» verwende, ist nicht abkommenskonform, zumal die Be-
schwerdeführenden nicht substanziiert in Abrede stellen, dass das vorlie-
gende Ersuchen zwecks «Steuererhebung» gestellt worden ist. Wie es sich
verhalten würde, wenn das MoF das Ersuchen «einzig für Strafzwecke»
gestellt hätte, kann hier folglich dahingestellt bleiben.
Nur der Vollständigkeit halber zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang
deshalb, dass – wie die Beschwerdeführenden zwar richtig ausführen – die
indischen Behörden an die Einschränkungen der Verwendbarkeit der über-
mittelten Informationen und die Geheimhaltungspflichten nach dem DBA
CH-IN zu erinnern sind. Jedoch wird in Übereinstimmung mit den oben ge-
nannten Erwägungen zum Grundsatz von Treu und Glauben und zum Ver-
trauensprinzip davon ausgegangen, dass in casu die Angaben des ersu-
chenden Staates in gutem Glauben gemacht werden und die Vorinstanz
auf diese vertrauen darf (vgl. E. 2.3 und E. 3.2). Denn das MoF erklärt im
Ersuchen ausdrücklich, es würden alle im Zusammenhang mit dem Ersu-
chen erhaltenen Informationen vertraulich behandelt und nur für die durch
das DBA CH-IN abgedeckten Zwecke verwendet. Die von den Beschwer-
deführenden vorgebrachten Argumente sowie unsubstanziierten Behaup-
tungen zum Spezialitätsprinzip, zu den Menschrechtsverletzungen und
zum ordre public stützen sich hingegen einzig auf Vermutungen und erlau-
ben es nicht, die Angaben der indischen Behörden in Frage zu stellen.
Immerhin ist anzufügen, dass international wie national unterschiedliche
Auffassungen darüber bestehen, wie weit der Spezialitätsvorbehalt reicht
und insbesondere, ob ihm eine persönliche Dimension zukommt. Damit ist
es angezeigt, dass die ESTV das MoF anlässlich der Übermittlung der er-
suchten Informationen über den Umfang der Verwendungsbeschränkung
informiert. Die ESTV wird Ziff. 3 des Dispositivs der angefochtenen Verfü-
gung entsprechend zu präzisieren haben (Urteil des BVGer A-5522/2019
vom 18. August 2020 E. 3.4.3).
3.5 Die Rechtsbegehren Ziff. 2 und Ziff. 3 sowie Ziff. 4.2 sind nach dem
Gesagten insoweit (vgl. E. 3.2.3 in fine) abzuweisen. Insofern die Be-
schwerdeführenden mit den Rechtsbegehren Ziff. 2 und Ziff. 3 auch eine
Verletzung der «foreseeable relevance» monieren, wird noch einlässlich
darauf unter E. 3.7 einzugehen sein.
3.6 Die Beschwerdeführenden beantragen subeventualiter, dass die Infor-
mationen vor dem 1. April 2011 aus den zu übermittelnden Unterlagen aus-
zusondern seien. Die Portfolioauszüge vom 31. März 2011, welche die
A-4876/2019, A-4877/2019
Seite 23
ESTV dem ersuchenden Staat zur Verfügung stellen wolle, seien zu ent-
fernen. Die Beschwerdeführenden sind im Wesentlichen der Auffassung,
dass der zeitliche Anwendungsbereich des DBA CH-IN missachtet werde
(Rechtsbegehren Ziff. 4.1).
Die Vorinstanz stellt sich auf den Standpunkt, nach der bundesgerichtli-
chen Rechtsprechung sei das Vermögen eines Kontos am letzten Tag ei-
nes Steuerjahres wie am ersten Tag des unmittelbar folgenden Steuerjah-
res zu behandeln.
Im vorliegenden Fall hat die Vorinstanz die Bank in der Editionsverfügung
gebeten, ihr die Vermögenssituation per 31. März 2011 bis 31. März 2012
der genannten Konten zu übermitteln. Die Bank kam dem nach, indem sie
der Vorinstanz die Portfolio Statements und Account Statements per
31. März 2011 übermittelte. Dies ist soweit von den Beschwerdeführenden
nicht bestritten. Die Portfolio- und Accountauszüge sind – wie weiter unten
auszuführen sein wird (E. 3.7) – aus anderen Gründen nicht zu übermitteln,
weshalb sich an dieser Stelle weitere Ausführungen erübrigen. Die Be-
schwerdeführenden gehen aber in ihren Ausführungen fehl, der zeitliche
Anwendungsbereich des DBA CH-IN werde generell missachtet. In Über-
einstimmung mit der Rechtsprechung entsprechen nämlich Bankinformati-
onen per 1. April 2011 amtshilferechtlich jenen per Ende März 2011 (siehe
E. 2.4.2). Daraus folgt, dass die beabsichtigte Übermittlung beispielsweise
der von der Bank erhaltenen Informationen über die Beneficiaries per
31. März 2011 im Gegensatz zu dem, was die Beschwerdeführenden be-
haupten, dem zeitlichen Anwendungsbereich von Art. 26 DBA CH-IN ent-
spricht.
Das Rechtsbegehren Ziff. 4.1 ist demnach ebenfalls abzuweisen.
3.7
3.7.1 Die Beschwerdeführenden führen schliesslich ins Feld, sämtliche
Bankunterlagen, welche die ESTV der ersuchenden Behörde zur Verfü-
gung stellen will, seien für die Steuerveranlagung der Beschwerdeführen-
den offensichtlich nicht relevant, da sie weder Inhaber, Prokuristen, Bevoll-
mächtigte noch wirtschaftlich Berechtigte der durch «underlying compa-
nies» von Trusts gehaltenen Konten seien. Die Beschwerdeführenden
seien lediglich diskretionär Begünstigte von zwei unwiderruflichen Trusts,
welche wiederum an den entsprechenden zwei Gesellschaften berechtigt
sein könnten. Die Dokumente dieser Konten und zur Übermittlung vorge-
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sehenen Unterlagen seien damit vollumfänglich «nicht voraussichtlich er-
heblich» für die Steuerveranlagung der Beschwerdeführenden (Rechtsbe-
gehren Ziff.1, Ziff. 2, Ziff. 3 und Ziff. 4.3).
3.7.2 Demgegenüber erachtet die Vorinstanz die zur Übermittlung vorge-
sehenen Bankunterlagen für die Beurteilung der Steuersituation der Be-
schwerdeführenden als «voraussichtlich erheblich». Die abschliessende
Prüfung der Erheblichkeit der Unterlagen sei ohnehin von der indischen
Behörde vorzunehmen. Die Vorinstanz anerkennt in der Vernehmlassung
jedoch ausdrücklich, dass es sich im vorliegendem Fall um einen unwider-
ruflichen diskretionären Trust handle. Die Vorinstanz hält in der Vernehm-
lassung sogar fest, dass (noch) keine Ausschüttungen an die begünstigten
Beschwerdeführenden erfolgt seien und nach schweizerischer Auffassung
bei einem solchen unwiderruflichen diskretionären Trust, allfällige Aus-
schüttungen aus dem Trustvermögen an die Begünstigten erst beim Zu-
fluss respektive beim Erhalt des festen Rechtsanspruchs auf die Leistung
zu besteuern seien.
3.7.3 Ein solcher «irrevocable discretionary Trust» vermag rechtspre-
chungsgemäss – wie die Vorinstanz einräumt – keine automatische und
direkte steuerrechtliche Zurechnung bei den Beschwerdeführenden auszu-
lösen (E. 2.8). Eine (direkte) Bereicherung erfolgt nämlich bei einem unwi-
derruflich diskretionären Trust nicht bereits bei der Errichtung, sondern erst
bei einer allfälligen Ausschüttung an die entsprechenden Begünstigten.
Eine solche ist an die Beschwerdeführenden nicht erfolgt.
3.7.4 Damit ist die Information, welche Art von Trust vorliegt, nämlich in
casu ein «irrevocable discretionary Trust» (Information 1), die Namen der
Beschwerdeführenden als Beneficiaries der fraglichen Trusts (...) (Informa-
tion 2) sowie die Feststellung, dass in der fraglichen Zeit keine Ausschüt-
tungen an die Beschwerdeführenden erfolgt sind (Information 3), ohne
Weiteres als «voraussichtlich erheblich» für die Einkommenssteuer der be-
troffenen Beschwerdeführenden zu taxieren.
Es erschliesst sich dem Bundesverwaltungsgericht jedoch nicht, inwiefern
– nebst den soeben genannten drei als «voraussichtlich erheblich» einzu-
stufenden Informationen – weitere bzw. die restlichen zur Ermittlung vor-
gesehenen Bankinformationen als «voraussichtlich erheblich» für die im
Ersuchen geschilderte Einkommensveranlagung der Beschwerdeführen-
den sein könnten (vgl. E. 2.6).
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Denn die vorliegende Konstellation, in der um Amtshilfe in Zusammenhang
mit der Einkommenssteuer und einem (...) ersucht wird (ein Trust wird so-
weit ersichtlich im Ersuchen nämlich nicht erwähnt) und die betroffenen
(steuerpflichtigen) Beschwerdeführenden nur nach freiem Ermessen Be-
günstigte von zwei unwiderruflich diskretionären Trusts (...) sind, sowie die
(begünstigten) Beschwerdeführenden nachweislich keine (einkommen-
steuerrelevanten) Ausschüttungen erhalten haben, rechtfertigt mangels
voraussichtlicher Erheblichkeit einen Informationsaustausch über diese
drei Informationen hinaus nicht.
Somit ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen. Die Vorinstanz ist anzu-
weisen, dem MoF insoweit Amtshilfe zu leisten, als sie bekannt gibt, um
welche Art von Trust es sich (...) handelt; sowie dass die Beschwerdefüh-
renden als Beneficiaries aufgeführt und dass an Letzte in der fraglichen
Zeit keine Ausschüttungen erfolgt sind. Im Übrigen wird die Beschwerde
abgewiesen. Bei diesem Ergebnis (E. 3.7.4) erübrigen sich weitere Ausfüh-
rungen zu den Rechtsbegehren der Beschwerdeführenden bezüglich Dritt-
personen, da die sie betreffenden Informationen sich für die Besteuerung
der Beschwerdeführenden als voraussichtlich nicht erheblich erweisen
(vgl. Rechtsbegehren Ziff. 1 sowie Ziff. 4.3).
4.
4.1 Die Verfahrenskosten sind unter Berücksichtigung des reduzierten Ver-
fahrensaufwandes zufolge der Verfahrensvereinigung und der doch eher
weitschweifigen Eingaben der Beschwerdeführenden auf insgesamt
CHF 7'500.- festzusetzen (vgl. Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 4 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Verfah-
renskosten werden in der Regel der unterliegenden Partei auferlegt; unter-
liegt diese nur teilweise, so werden die Verfahrenskosten ermässigt (Art. 63
Abs. 1 VwVG). Entsprechend sind sie im Umfang von CHF 5’000.- den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen. Dieser Betrag ist den geleisteten
Kostenvorschüssen von insgesamt CHF 10'000.- zu entnehmen. Der Rest-
betrag von CHF 5'000.- ist den Beschwerdeführenden nach Eintritt der
Rechtskraft des vorliegenden Urteils zurückzuerstatten. Der Vorinstanz
können keine Verfahrenskosten auferlegt werden (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
4.2 Obsiegt eine Partei bloss teilweise, besteht im entsprechenden Um-
fang Anspruch auf Parteientschädigung (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7
Abs. 1 VGKE). Da die Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden keine
Kostennote eingereicht haben, ist die Parteientschädigung aufgrund der
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Akten festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Wie aus Art. 8 Abs. 2 und Art. 10
Abs. 1 VGKE hervorgeht, hat die Entschädigung für die Parteientschädi-
gung nicht jeden erdenklichen, sondern nur den notwendigen Aufwand zu
ersetzen (vgl. Urteile des BVGer A-3121/2017 vom 1. September 2017
E. 5.3, A-6903/2015 vom 25. April 2016 E. 10). Die reduzierte Parteient-
schädigung ist vorliegend praxisgemäss auf CHF 3'750.- festzusetzen.
5.
Dieser Entscheid auf dem Gebiet der internationalen Amtshilfe in Steuer-
sachen kann gemäss Art. 83 Bst. h des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005
über das Bundesgericht (BGG, SR 173.110) innerhalb von 10 Tagen nur
dann mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das
Bundesgericht weitergezogen werden, wenn sich eine Rechtsfrage von
grundsätzlicher Bedeutung stellt oder wenn es sich aus anderen Gründen
um einen besonders bedeutenden Fall im Sinne von Art. 84 Abs. 2 BGG
handelt (Art. 84a und Art. 100 Abs. 2 Bst. b BGG). Ob dies der Fall ist,
entscheidet das Bundesgericht.
Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.
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