Decision ID: 9406f115-e5ab-564d-86c3-003b563fd1dc
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KG
Chamber: SG_KG_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 25. Februar 2013 beim Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zur Arbeitsvermittlung im Rahmen einer 70%-Stelle
an (act. G 3.2/165) und beantragte ab 1. März 2013 Arbeitslosenentschädigung (act. G
3.2/162). Am 17. November 2012 hatte sie ihr Arbeitsverhältnis mit B._, das ein
Pensum von 70% beinhaltete, auf Grund persönlicher Differenzen und gesundheitlicher
Probleme auf Ende Februar 2013 gekündigt (act. G 3.2/166, 162, 156). Am 5. Februar
2013 hatte die Versicherte mit B._ einen befristeten Arbeitsvertrag für die Zeit vom 1.
März bis 31. Mai 2013 im Rahmen eines Pensums von ca. 50% abgeschlossen (vgl.
act. G 3.2/161).
A.b In den Formularen „Angaben der versicherten Person für den Monat“ März, April
und Mai 2013 teilte die Versicherte der Arbeitslosenkasse jeweils mit, dass sie bei ihrer
ehemaligen Arbeitgeberin gearbeitet habe (act. G 3.2/144, 134, 129). Die
Arbeitslosenkasse rechnete die erzielten Löhne als Zwischenverdienst an (act. G
3.2/135, 132, 128).
A.c Im Dezember 2013 meldete das RAV der Arbeitslosenkasse, dass die Versicherte
ab 1. Januar 2014 eine Anpassung des gesuchten Beschäftigungsgrades auf 50%
wünsche (act. G 3.1 S. 3 und 3.2/107).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Im August 2014 trat die Versicherte eine Anstellung als Klassenhilfe mit einem
Wochenpensum von 10 Stunden an (act. G 3.2/94). Diese Tätigkeit führte sie in der
Folge in den Monats-Formularen zu Handen der Arbeitslosenkasse auf (act. G 3.2/90,
86, 82, 79, 75, 71, 66, vgl. auch act. G 3.2/93).
A.e Infolge eines Abgleichs der AHV-pflichtigen Löhne für das Jahr 2013 zwischen der
Arbeitslosenkasse und der AHV-Ausgleichskasse wurde die Arbeitslosenkasse darüber
informiert, dass für die Versicherte von Juni bis Dezember 2013 ein AHV-pflichtiger
Lohn von Fr. 1‘504.-- verbucht worden war (vgl. act. G 3.2/63). Nach weiteren
Abklärungen, die ergaben, dass die Versicherte in den Monaten April bis Juni 2013
sowie Januar 2014 bis Februar 2015 Zwischenverdienste als Kursleiterin bzw.
Kursassistentin nicht deklariert hatte, verfügte die Arbeitslosenkasse am 28. April 2015
eine Rückforderung von zu viel bezogenen Taggeldleistungen, was nach Vornahme
einer Verrechnung einen Betrag von Fr. 610.65 ergab (act. G 3.2/48). Die gegen diese
Verfügung durch die Versicherte am 15. Mai 2015 erhobene Einsprache (act. G 3.2/43)
wies die Arbeitslosenkasse mit Einspracheentscheid vom 2. Juni 2015 ab (act. G
3.2/40). Dieser Entscheid erwuchs in Rechtskraft.
A.f Auf Grund eines automatisierten Abgleichs von Bezügerdaten der
Arbeitslosenkasse mit Daten der Ausgleichskasse der AHV stellte die
Arbeitslosenkasse fest, dass die Versicherte im Jahr 2014 für den gleichen Zeitraum,
für den sie Taggelder bezogen hatte, ein Einkommen aus Erwerbstätigkeit erzielt hatte
(vgl. Schreiben vom 13. Januar 2016, act. G 3.2/18 S. 213).
A.g Mit Verfügung vom 4. Februar 2016 forderte die Arbeitslosenkasse von der
Versicherten zu viel bezogene Taggeldleistungen im Totalbetrag von Fr. 10‘424.85
(netto) zurück und entzog einer allfälligen Einsprache die aufschiebende Wirkung. Da
die Versicherte auf den monatlich einzureichenden Formularen „Angaben der
versicherten Person“ in den Kontrollperioden Januar 2014 bis Dezember 2014 das
Arbeitsverhältnis bei B._ nicht angegeben habe, müsse die Arbeitslosenkasse die
erzielten Zwischenverdienste rückwirkend anrechnen (act. G 3.2/18 S. 151).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diese Verfügung liess die Versicherte durch ihre Rechtsschutzversicherung
am 2. März 2016 Einsprache erheben und beantragen, dass die angefochtene
Verfügung aufzuheben und von einer Rückforderung abzusehen sei. Eventualiter sei
der Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung für die Periode Januar bis Dezember
2014 neu zu berechnen. Zudem sei der vorliegenden Einsprache die aufschiebende
Wirkung zu erteilen, zumindest sei auf die Rückforderung ein Mahnstopp zu legen, bis
die Angelegenheit rechtskräftig entschieden sei. Zur Begründung machte der
Rechtsvertreter geltend, die unterlassene Zwischenverdienstmeldung basiere auf
einem Missverständnis betreffend das Pensum der beantragten Entschädigung (act. G
3.2/17, vgl. auch Einsprachebegründung vom 8. April 2016: act. G 3.2/12).
B.b Mit Einspracheentscheid vom 28. Juli 2016 wies die Arbeitslosenkasse die
Einsprache ab. Sie begründete dies damit, dass die Versicherte bereits mit Verfügung
vom 28. April 2015 eine Rückforderung von zu viel bezogenen Taggeldern erhalten
habe. Auch diese sei erfolgt, weil die Versicherte einen Zwischenverdienst nicht
angegeben habe. Sie habe ihre damalige Einsprache mit denselben Argumenten
begründet wie die aktuelle. Im Einspracheentscheid vom 2. Juni 2015 sei sie darauf
hingewiesen worden, dass jeder Zwischenverdienst den Arbeitslosentaggeldern
angerechnet werden müsse. Sie habe die Reduktion des Beschäftigungsgrads von 70
auf 50 Prozent freiwillig vorgenommen. Zudem habe sich die Versicherte entgegen der
Argumentation in der Einsprache lediglich zweimal auf Stellen mit einem
Beschäftigungsgrad von 50 bis 80 Prozent beworben, weshalb nicht davon
ausgegangen werden könne, dass sie eine 70-Prozent-Stelle gesucht habe. Die weiter
angegebenen Arbeitsbemühungen hätten Arbeitsstellen betroffen mit einem
Beschäftigungsgrad weit unter 70 Prozent (act. G 3.2/9).
C.
C.a Dagegen richtet sich die vorliegende Beschwerde von Rechtsanwalt lic. iur. Ch.
Anwander für die Versicherte vom 12. September 2016 mit dem Antrag auf Aufhebung
von Ziff. 1 und 2 des Dispositivs des angefochtenen Entscheids und dem Verzicht auf
Rückforderung von total Fr. 10‘424.85. Weiter sei der Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zu erteilen bzw. zu gewähren und eventualiter sei der Anspruch der
Beschwerdeführerin neu zu berechnen. Subeventualiter sei die Streitsache zur weiteren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abklärung und zu anschliessender neuer Beurteilung bzw. Verfügung an die Vorinstanz
zurückzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur Begründung macht der
Rechtsvertreter geltend, die Beschwerdeführerin habe ihren Beschäftigungsgrad von
70% auf 50% reduziert, um ab Januar 2014 bei einem Beschäftigungsgrad von ca.
20% noch Projekte für B._ ausführen zu können. Dabei habe sie tiefere Taggelder in
Kauf genommen, im guten Glauben, dass sie dafür den Nebenverdienst der B._, von
dem das RAV gewusst habe, nicht deklarieren müsse. Da die Beschwerdeführerin vom
RAV ungenügend bzw. falsch beraten worden sei, komme dies einer falsch erteilten
Auskunft des Versicherungsträgers gleich. Dafür habe der Versicherungsträger in
Nachachtung des Vertrauensprinzips einzustehen, weshalb bereits ausgerichtete
Leistungen nicht mehr zurück gefordert werden könnten. Davon sei vorliegend
auszugehen, weshalb die Beschwerdegegnerin auf ihre Rückforderung zu verzichten
habe. Eventuell sei der Anspruch der Beschwerdeführerin von Januar bis Dezember
2014 neu zu berechnen, indem auch ab 1. Januar 2014 weiterhin von einem
Beschäftigungsgrad von 70% auszugehen sei. Schliesslich werde auch die Höhe der
Rückforderung bestritten (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 19. Oktober 2016 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Mit Bezug auf das vom
RAV beigezogene Beratungsprotokoll macht sie insbesondere geltend, dass auch aus
diesem keine Falschberatung hervorgehe. Vielmehr sei die Beschwerdegegnerin
mangels Information durch die Beschwerdeführerin nicht der Lage gewesen, die von
der Beschwerdeführerin erwünschte Beratung zu leisten. Selbst wenn jedoch eine
mangelhafte Beratung bezüglich der Reduktion des Vermittlungsgrades erfolgt wäre,
könne dies nicht die Rechtsfolge haben, dass die zufolge des nicht deklarierten
Zwischenverdienstes erfolgten Leistungen nicht zurückerstattet werden müssten.
Schliesslich sei aus dem Beratungsprotokoll kein Zusammenhang zwischen der nicht
deklarierten Zwischenverdiensttätigkeit und der Reduktion des Vermittlungsgrades
erkennbar. Vielmehr zeigten sich Anhaltspunkte, welche eine Reduktion des
Vermittlungsgrades aus anderen Gründen nahe legen würden. So habe die
Beschwerdeführerin seit Beginn ihrer Arbeitslosigkeit eine selbständige
Erwerbstätigkeit ausgeübt, deren Ausbau gelegentlich thematisiert worden sei. Gemäss
dem Beratungsgespräch vom 20. Mai 2014 habe sie in diesem Zeitraum auch eine
Ausbildung absolviert. Zudem würden die tatsächlich erfolgten Arbeitsbemühungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Jahres 2014 aufzeigen, dass die Beschwerdeführerin damals nicht im Umfang von
70% dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestanden habe (act. G 3).
C.c Mit Schreiben vom 27. Oktober 2016 nimmt die Verfahrensleitung Bezug auf das
Gesuch der Beschwerdeführerin um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der
Beschwerde und hält fest, dass Beschwerden gegen Rückforderungsverfügungen
grundsätzlich aufschiebende Wirkung hätten. Im vorliegenden Einspracheentscheid sei
einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung nicht entzogen worden. Damit
bestehe von Gesetzes wegen eine aufschiebende Wirkung, weshalb sich der Erlass
einer richterlichen Verfügung erübrige (act. G 4).
C.d Mit Replik vom 13. Januar 2017 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
fest. Sie macht geltend, es gehe aus dem Beratungsprotokoll des RAV hervor, dass sie
noch Arbeiten für die B._ habe ausführen können. Daher stehe ausser Frage, dass
das RAV von den durch sie übernommenen Arbeiten gewusst habe (act. G 8).
C.e Mit Duplik vom 17. Februar 2017 hält auch die Beschwerdegegnerin an ihren
Anträgen fest. Im Weiteren führt sie aus, es seien verschiedene Umstände erkennbar,
welche die Beschwerdeführerin zu einer Reduktion des Vermittlungsgrads hätten
motivieren können, wie ihre selbständige Tätigkeit, ihre Ausbildung und die
persönlichen Arbeitsbemühungen. Zudem lasse sich auch aus dem Umstand, dass die
Beschwerdeführerin allein erziehende Mutter von vier Kindern sei, ableiten, dass sie
ihren Vermittlungsgrad aus familiären Gründen habe reduzieren wollen (act. G 10).

Erwägungen
1.
1.1 Als Zwischenverdienst gilt jedes Einkommen aus unselbständiger oder
selbständiger Erwerbstätigkeit, das die arbeitslose Person innerhalb einer
Kontrollperiode erzielt, und zwar nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
unbesehen darum, ob eine versicherte Person ganz oder teilweise arbeitslos ist (vgl.
THOMAS NUSSBAUMER, Arbeitslosenversicherung, in SBVR, Bd. IVX, 3. Aufl., Rz 419,
der kritisch anmerkt, dass dadurch Teilarbeitslose systematisch zu Ganzarbeitslosen
gemacht werden). Die versicherte Person hat Anspruch auf Ersatz des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verdienstausfalls. Der anzuwendende Entschädigungssatz bestimmt sich nach Artikel
22 (Art. 24 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0]). Als
Verdienstausfall gilt gemäss Art. 24 Abs. 3 AVIG die Differenz zwischen dem in der
Kontrollperiode erzielten Zwischenverdienst, mindestens aber dem berufs- und
ortsüblichen Ansatz für die betreffende Arbeit, und dem versicherten Verdienst. Ein
Nebenverdienst (Art. 23 Abs. 3 AVIG) bleibt unberücksichtigt.
1.2 Nach Art. 95 Abs. 1 AVIG in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind
unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten. Den formell rechtskräftigen
Verfügungen gleichgestellt sind auch die im formlosen Verfahren ergangenen
Entscheide, soweit sie eine mit dem Ablauf der Beschwerdefrist bei formellen
Verfügungen vergleichbare Rechtsbeständigkeit erreicht haben (UELI KIESER, ATSG-
Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf, Art. 53 N 46). Taggeldabrechnungen der
Arbeitslosenversicherung, die nicht in die Form einer formellen Verfügung gekleidet
werden, weisen materiell Verfügungscharakter auf (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit dem 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] C 7/02 vom 14. Juli 2003 E. 3; BGE 125 V 476 E. 1; BGE 122 V 368 E.
2 mit Hinweisen). Rechtsprechungsgemäss kann der Versicherungsträger, der einen
formlosen Entscheid erlassen hat, diesen nur innerhalb einer Frist von 30 Tagen
voraussetzungslos abändern. Die Frist von 30 Tagen läuft ab Erlass der zu
berichtigenden Verfügung oder ab Leistungsausrichtung (vgl. Kreisschreiben über
Rückforderung, Verrechnung, Erlass und Inkasso [KS-RVEI], Januar 2014, Rz A3). Zu
einem späteren Zeitpunkt bedarf demnach das Zurückkommen auf eine faktische
Verfügung, z.B. auf eine Taggeldabrechnung, eines Rückkommenstitels in Form einer
Wiedererwägung oder einer prozessualen Revision (BGE 129 V 110 E. 1.2.3). Die
Voraussetzungen der Wiedererwägung und der prozessualen Revision sind in Art. 53
Abs. 1 und 2 ATSG umschrieben. Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell
rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide in Revision gezogen werden,
wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass
erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung
zuvor nicht möglich war. Nach Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger auf
formell rechtskräftige Verfügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung
ist. Wird eine rückwirkende Korrektur einer Verfügung vorgenommen, so entfällt die
rechtliche Grundlage für die zugesprochene Leistung rückwirkend (KIESER, a.a.O., Art.
25 N 5).
2.
2.1 Vorliegend ist streitig und zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin zu Recht zur
Rückzahlung zu viel bezogener Taggeldleistungen im Betrag von Fr. 10‘424.85 (netto)
verpflichtet worden ist. Unbestritten ist, dass sie von Januar bis Dezember 2014 für die
B._ gearbeitet und den erzielten Lohn nicht als Zwischenverdienst gemeldet hat.
Unbestritten ist sodann, dass damit die Voraussetzungen für die von der
Beschwerdegegnerin vorgenommene Wiedererwägung gegeben sind. Folglich ist zu
prüfen, ob die Beschwerdeführerin die zu Unrecht bezogenen Leistungen aus Gründen
des Vertrauensschutzes nicht zurückzuerstatten hat. Sofern schliesslich eine
Rückerstattung zu erfolgen hat, ist sodann deren Höhe streitig.
2.2 Die Zulässigkeit der Wiedererwägung bedeutet nicht, dass kein Vertrauensschutz
mehr bestehen bzw. dieser Aspekt nur im Rahmen des Erlassgesuches zur Debatte
stehen könnte (vgl. Urteil Versicherungsgerichts vom 18. Dezember 2015, AVI
2015/26). In dem auf dem Wege der Wiedererwägung neu eröffneten (ursprünglichen)
Verfahren kann sich durchaus (auch) die Frage stellen, ob aus Gründen des
Vertrauensschutzes allenfalls eine Leistung zuzusprechen ist, auf die an sich nach dem
materiellen Recht kein Anspruch bestünde. Für den vorliegenden Fall bedeutet dies,
dass zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführerin aus Gründen des Vertrauensschutzes
die zurückgeforderten Leistungen zustehen, auf die sie grundsätzlich keinen Anspruch
hätte.
2.3 Abgeleitet aus dem Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 der Bundesverfassung
[BV; SR 101]), der den Bürger und die Bürgerin im berechtigten Vertrauen auf
behördliches Verhalten schützt, können falsche Auskünfte von Verwaltungsbehörden
unter bestimmten Voraussetzungen eine vom materiellen Recht abweichende
Behandlung der rechtsuchenden Person gebieten. Gemäss Rechtsprechung und
Doktrin ist dies der Fall, 1. wenn die Behörde in einer konkreten Situation mit Bezug auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bestimmte Personen gehandelt hat; 2. wenn sie für die Erteilung der betreffenden
Auskunft zuständig war oder wenn die rechtsuchende Person die Behörde aus
zureichenden Gründen als zuständig betrachten durfte; 3. wenn die Person die
Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne weiteres erkennen konnte; 4. wenn sie im
Vertrauen auf die Richtigkeit der Auskunft Dispositionen getroffen hat, die nicht ohne
Nachteil rückgängig gemacht werden können, und 5. wenn die gesetzliche Ordnung
seit der Auskunftserteilung keine Änderung erfahren hat (BGE 131 V 480 E. 5 mit
Hinweisen).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie habe auf Grund fehlender Aufklärung
und Beratung durch ihre Personalberaterin ihren Beschäftigungsgrad von 70% auf
50% reduziert und ihren Zwischenverdienst bei der B._ deshalb nicht angegeben.
Weil sie ab Januar 2014 bei einem Beschäftigungsgrad von ca. 20% noch Projekte für
die B._ habe ausführen können, habe sie gemeint, sie könne den
Beschäftigungsgrad von 70% auf 50% reduzieren. Dabei habe sie tiefere Taggelder in
Kauf genommen im guten Glauben, dafür sei der Nebenverdienst bei der B._, von
dem das RAV gewusst habe, kein deklarationspflichtiger Zwischenverdienst. Es sei
auch klar und bekannt gewesen, dass sie als Alleinerziehende mit vier Kindern auf
jedes Einkommen dringend angewiesen sei. Dies ergebe sich auch aus den Vorakten.
Der Sinn der Reduktion des Vermittlungsgrads von 70% auf 50% Ende 2013 habe
jedenfalls nicht darin bestanden, dass sie danach wesentlich tiefere Taggelder erhalte
und sich trotzdem den Verdienst im Jahr 2014 bei B._ als Zwischenverdienst
anrechnen lassen müsse. Die Beschwerdeführerin hätte demnach von der
Beschwerdegegnerin oder dem RAV darüber aufgeklärt werden müssen, dass die
Reduktion des Vermittlungsgrads von 70% auf 50% in ihrem Fall keinerlei Sinn mache,
weil der Verdienst bei B._ trotz tieferer Taggelder als Zwischenverdienst zu
deklarieren sei. Weiter hätte sie darüber aufgeklärt werden müssen, dass durch die
Herabsetzung des Beschäftigungsgrads nur ihr Anspruch auf die bisherigen Taggelder
verloren gehe. Schliesslich hätte sie auch darüber aufgeklärt werden müssen, dass
Rückforderungen, evtl. sogar Strafanzeigen drohten, wenn sie den Verdienst bei B._
im Jahr 2014 auf den Formularen „Angaben der versicherten Person“ nicht als
Zwischenverdienst aufführe (act. G 1, S. 7).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Wie dem prozessorientierten Beratungsprotokoll des RAV zu entnehmen ist,
protokollierte die Personalberaterin anlässlich des Beratungsgesprächs vom 27.
November 2013, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt schwierig sei und die
Beschwerdeführerin immer wieder an Grenzen stosse, entweder das Alter, die fehlende
(klassische KV-) Ausbildung oder auch immer wieder Französischkenntnisse. Weiter
hielt die Beraterin als ersten Punkt in der mittleren Spalte fest, die Beschwerdeführerin
wolle ab Januar 2014 nur noch zu 50% stellensuchend sein. Als zweiten Punkt
dokumentierte sie, dass die Beschwerdeführerin weiterhin im Gespräch mit C._
wegen eines geplanten Projektes sei, für welches sie geeignet wäre. Als dritten und
letzten Punkt führte sie auf, die Beschwerdeführerin könne ausserdem eventuell im
neuen Jahr über die B._ wieder gewisse Veranstaltungen durchführen,
„ZV“ (Zwischenverdienst; act. G 3.1, S. 3). Daraus lässt sich keinesfalls - wie die
Beschwerdeführerin behauptet - entnehmen, dass die Personalberaterin über die
Teilzeitstelle bei der B._ informiert gewesen wäre. Vielmehr hielt jene die beiden
Punkte der Beschäftigungsgradkürzung und der eventuellen Anstellung bei der B._
nicht nur abschnittsmässig voneinander getrennt, sondern auch unterbrochen durch
die Nennung einer möglichen Anstellung bei C._ und ohne jegliche Verbindung oder
Verknüpfung zueinander (vgl. act. G 3.1, S. 3). Des Weiteren hatte die
Personalberaterin noch im Protokoll über das Beratungsgespräch vom 10. Oktober
2013 festgehalten, es sei das Ziel der Beschwerdeführerin, eine Festanstellung im
Teilzeitpensum zu finden und nebenbei ihr D._-Studio zu betreiben, wie sie es auch
bisher getan habe (vgl. act. G 3.1, S. 4). Am 23. Dezember 2013 wurde die
Mutationsmeldung an die Arbeitslosenkasse erstellt und im Gesprächsprotokoll vom 7.
Januar 2014 dokumentiert, dass die Situation unverändert sei. Die Beschwerdeführerin
habe (jedoch) viele gute Stellenangebote gesehen und sei zuversichtlich. Hätte folglich
die Personalberaterin von der Tätigkeit für B._ Kenntnis gehabt, so hätte sie kaum
eine unveränderte Situation ins Protokoll aufgenommen. Auch dass sie die Reduktion
auf den Vermittlungsgrad von 50% bei der Arbeitslosenkasse als registriert
protokollierte, ohne weitere Angaben zu machen, spricht dagegen, dass sie von einer
neuen Anstellung wusste bzw. hätte wissen müssen. Sodann absolvierte die
Beschwerdeführerin offenbar eine Ausbildung im gesundheitlichen Bereich, welche
gemäss dem Protokoll vom 20. Mai 2014 bis Oktober (2014) beendet sein sollte, so
dass sie dann die Zulassung habe um Behandlungen über die Krankenkassen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abrechnen zu können. Dadurch erhoffe sie sich, endlich eine Selbständigkeit angehen
zu können, die sie auch finanziell trage (act. G 3.1, S. 3). Diese Aktenlage ergibt somit
keinerlei Hinweis dafür, dass die Personalberaterin hätte Kenntnis von einer Anstellung
bei der B._ haben müssen und sie die Beschwerdeführerin ungenügend bzw. falsch
beraten hätte. Vielmehr zeigt sie auf, dass die Reduktion des Vermittlungspensums auf
50% durch viele andere Gründe motiviert gewesen sein könnte, wie beispielsweise aus
Ausbildungsgründen oder zur Förderung der Selbständigkeit. Dass sich die
Beschwerdeführerin zudem vorwiegend um Stellen mit Teilpensen bis 50% und nicht
bis 70% beworben hat, spricht ebenfalls nicht dafür, dass sie auch ab Januar 2014
weiterhin eine Anstellung von 70% gesucht hätte (vgl. act. G 3.2/7, 8). Damit bleibt die
Behauptung, die Beschwerdeführerin habe die Reduktion des gesuchten
Arbeitspensums mit der Annahme einer Teilzeitstelle bei B._ begründet, unbewiesen,
zumal auch nicht davon auszugehen ist, die RAV-Beraterin könnte sich nach
dreieinhalb Jahren noch im Detail an das Gespräch vom 27. November 2013 erinnern.
Da nicht anzunehmen ist, dass diesbezüglich weitere Abklärungen für die Beurteilung
des vorliegend relevanten Sachverhalts neue Erkenntnisse bringen, kann darauf
verzichtet werden (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. BGE 124 V 94 E. 4b; Pra 88 Nr.
117). Folglich kann sich die Beschwerdeführerin nicht auf den Vertrauensschutz
berufen.
4.
4.1 Weiter bleibt die Höhe der Rückforderung zu prüfen, welche von der
Beschwerdeführerin bestritten wird.
4.2 Die Beschwerdeführerin erachtet es als nicht nachvollziehbar, wieso ein
Zwischenverdienst von total Fr. 7‘451.35 zu einer Rückforderung von Fr. 10‘424.85
führt. Weiter sei unklar, wie es zur Aufstellung der Zwischenverdienste vom Januar
2014 bis Dezember 2014 gekommen sei (act. G 1, S. 9).
4.3 Hinsichtlich der Frage nach der Höhe der berücksichtigten Zwischenverdienste,
welche die Beschwerdeführerin bei der B._ erzielte, ist auf die Zusammenfassung der
Abklärungen vom 4. Februar 2016 zu verweisen (act. 3.2/18). Daraus geht hervor, dass
gemäss telefonischer Auskunft der B._ vom 2. Juni 2016 die Beschwerdeführerin für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Zeitraum vom 8. Januar bis 7. Juni 2014 einen AHV-pflichtigen Lohn von Fr.
5‘950.-- und für die Zeit vom 13. Juni bis 17. Dezember 2014 einen solchen von Fr.
1‘500.-- erhielt. Da die Beschwerdeführerin jedoch im Aussendienst gearbeitet habe,
könne nicht gesagt werden, an welchen Tagen zu wie vielen Stunden sie tätig gewesen
sei. Die Beschwerdegegnerin entschied gemäss Notiz vom 2. Juni 2016, die jeweiligen
Lohnzahlungen auf die entsprechenden Monate aufzuteilen, weil die Stunden nicht
eruiert werden konnten (act. G 3.2/18). Nachdem die Beschwerdeführerin selber keine
Beweise vorlegte, welche den exakten Zeitpunkt der konkret geleisteten Stunden
nachvollziehbar belegen würden, ist dieses Vorgehen nicht zu beanstanden.
4.4 In Bezug auf die Höhe des Rückforderungsbetrags und damit auf die in den
Taggeldabrechnungen enthaltenen Parameter ist festzuhalten, dass sich bei der
Beschwerdeführerin mit der Berücksichtigung eines Zwischenverdienstes auch die
Zuständigkeit für die Ausrichtung von Kinderzulagen geändert hat. Gemäss Art. 22
Abs. 1 AVIG beträgt ein volles Taggeld 80% des versicherten Verdienstes. Die
versicherte Person erhält zudem einen Zuschlag, der den auf den Tag umgerechneten
gesetzlichen Kinder- und Ausbildungszulagen entspricht, auf die sie Anspruch hätte,
wenn sie in einem Arbeitsverhältnis stände. Dieser Zuschlag wird nur ausbezahlt,
soweit die Kinderzulagen der versicherten Person während der Arbeitslosigkeit nicht
ausgerichtet werden und für dasselbe Kind kein Anspruch einer erwerbstätigen Person
besteht (vgl. auch Art. 7 des Bundesgesetzes über die Familienzulagen [FamZG; SR
836.2]). Nach Art. 13 Abs. 3 zweiter Satz FamZG hat Anspruch auf Zulagen, wer auf
einem jährlichen Erwerbseinkommen, das mindestens dem halben jährlichen Betrag
der minimalen vollen Altersrente der AHV entspricht, AHV-Beiträge entrichtet. Die
minimale volle Altersrente der AHV betrug im Jahr 2014 Fr. 1'170.-pro Monat (vgl. Art. 3
Abs. 1 der Verordnung 13 über Anpassungen an die Lohn- und Preisentwicklung bei
der AHV/IV/EO; AS 2012 6333) und die Hälfte somit Fr. 585.--. Übt die versicherte
Person einen unselbständigen/selbständigen Zwischenverdienst gemäss Art. 24 AVIG
aus, der ein Einkommen von mindestens Fr. 585.-- monatlich erreicht (Stand 2014), so
hat die versicherte Person den Anspruch auf Familienzulagen beim Arbeitgeber oder
bei der Familienausgleichskasse geltend zu machen. Einkommen aus mehreren
Erwerbstätigkeiten werden zusammengezählt. Schwankt das Einkommen aus
Zwischenverdienst(en) um die Grenze von Fr. 585.--, ist die Zulage (ALV-Zuschlag) für
Monate mit einem Verdienst unter dem Grenzbetrag grundsätzlich durch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitslosenversicherung auszurichten (AVIG-Praxis ALE, C82c, vgl. auch Art. 22 Abs.
1 AVIG und Art. 34 AVIV). Nachdem die Beschwerdegegnerin vorliegend die
monatlichen Taggeldabrechnungen durch Zwischenverdienste von jeweils insgesamt
mehr als Fr. 585.-- korrigierte, ergab sich für die Monate Januar bis Juli 2014 neu, dass
die Beschwerdeführerin keinen Zuschlag für Kinder- und Ausbildungszulagen mehr
durch die Arbeitslosenversicherung zugute hatte. Durch die Rückforderung von
Zuschlägen für Ausbildungs- und Kinderzulagen ergibt sich zwar ein deutlich höherer
Rückforderungsbetrag als derjenige des Zwischenverdienstes, den die
Beschwerdeführerin ohne Kinder- und Ausbildungszulagen erzielte (vgl. dazu die
korrigierten Taggeldabrechnungen vom 2. Februar 2016 [insbesondere act. G 3.2/23,
26, 27, 28, 18 S. 172] im Vergleich zu den Abrechnungen vom 28. April 2015
[insbesondere act. G 3.2/50, 51, 52, 56, 57]). Die Beschwerdeführerin kann jedoch die
Kinder- und Ausbildungszulagen für die Monate Januar bis Juli 2014 auf Grund ihres
erzielten Lohnes direkt bei der ehemaligen Arbeitgeberin bzw. bei der
Familienausgleichskasse geltend machen - sofern dies noch nicht geschehen ist
(gemäss Art. 24 ATSG erlischt der Anspruch nach fünf Jahren). Auch die Höhe der
Rückforderung ist daher nicht zu beanstanden.
5.
Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichts-
kosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).