Decision ID: cf667e3e-2925-4e96-af6c-5a37c17e6d5a
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1979, Mutter eines Kindes (Jahrgang 2008), war bis April 2008 bei der
Y._
als Frontoffice Mitarbeiterin tätig (Urk. 8/27, Urk. 8/44). Unter Hinweis auf eine Depression meldete sich
die Versi
cherte
am 5. Januar 2014 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 8/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab und holte bei Dr. med.
Z._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ein psychiatrisches Gutach
ten ein, das am 29. Januar 2015 erstattet wurde (Urk. 8/39).
Mit Mitteilung vom 5. November 2015 (Urk. 8/47) stellte die IV-Stelle die Ein
gliederungsmassnahmen mangels Mitwirkung per sofort ein.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 8/51-71) verneinte die IV
Stelle mit Verfügung vom 17. November 2017 einen Anspruch der Ver
sicher
ten auf IV-Leistungen (Urk. 8/72).
Die von der Versicherten dagegen
am 15. Dezember 2017
erhobene
Beschwerde (
Urk.
8/73/3) wies das hiesige Gericht mit Urteil vom 1
8.
Mai 2018 im Verfahren IV.2017.01370 ab (
Urk.
8/80).
1.2
Am
1
5.
Januar
2019
meldete sich die Versicherte erneut zu
m
Leistungsbezug an und machte eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes geltend
(
Urk.
8/85)
. Die IV-Stelle klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab und holte bei Dr. med.
A._
, Facharzt für Psychiatrie und Psycho
therapie, ein psychiatrisches Gutach
ten ein, das am 1
4.
September 2020 erstattet wurde (Urk. 8/110).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 8/113,
Urk.
8/117) verneinte die IV
Stelle mit Verfügung vom 1
5.
Dezember 2020 einen Anspruch der Versicherten auf IV-Leistungen (Urk. 8/120 =
Urk.
2).
2.
Die Versicherte erhob am
1.
Februar 2021
Beschwerde (
Urk.
1) gegen die Verfü
gung vom 1
5.
Dezember 2020
(
Urk.
2) und beantragte, diese
sei aufzuheben und es sei i
hr
eine Invalidenrente auszurichten, deren Invaliditätsgrad noch zu bestimmen sein werde (S. 2
Ziff.
1-2)
, eventuell sei
die Angelegenheit zwecks Durchführung weiterer Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
(S. 2
Ziff.
3
).
Es sei durch das Gericht ein psychiatrisches Gutachten einzuholen (S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
1
5.
März 2020
(
richtig: 2021;
Urk.
7
) die Abwei
sung der Beschwerde. Dies wurde
der Beschwerdeführerin am
1
6.
März 2021 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
9
).
Das Sozialversicherungsgericht ordnete mit Beschluss vom
9.
Juni 2021 (
Urk.
11) eine psychiatrische Begutachtung der Beschwerdeführerin an, wobei Dr. med.
B._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psycho
therapie, als Gut
achterin in Aussicht genommen wurde. Nachdem keine der Par
teien Einwände gegen die vorgesehene Gutachterin erhoben hatte (vgl.
Urk.
13), erteilte das Gericht mit Beschluss vom 2
0.
Juli 2021 (Urk. 14) den definitiven Gut
achtensauf
trag (vgl. auch
Urk.
17). Am 7. Januar 2022 erstattete Dr.
B._
ihr Gutachten (Urk. 22). Dazu nahm die Beschwerdeführerin am
8.
Februar 2022 Stellung (Urk. 28). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf das Einreichen einer Stellungnahme (vgl.
Urk.
27).
Mit Verfügung vom 1
0.
Februar 2022 wurden je eine Kopie der Eingaben der jeweiligen Gegenpartei zugestellt (
Urk.
29).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden.1.2
Invalidität ist die voraus
sichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsun
fähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegli
che
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
ti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
Der Rentenanspruch entsteht gemäss Art. 29 IVG frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Artikel 29 Abs. 1 ATSG, jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des 18. Altersjahres folgt (Abs. 1). Der Anspruch entsteht nicht, solange die versi
cherte Person ein Taggeld nach Art. 22 IVG beanspruchen kann (Abs. 2). Die Rente wird vom Beginn des Monats an ausbezahlt, in dem der Rentenanspruch entsteht (Abs. 3). Beträgt der Invaliditätsgrad weniger als 50 %, so werden die entsprechenden Renten nur an Versicherte ausbezahlt, die ihren Wohnsitz und ihren gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben. Diese Voraussetzung ist auch von Angehörigen zu erfüllen, für die eine Leistung bean
sprucht wird (Abs. 4).
1.4
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.5
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.6
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 7.4).
1.7
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen; vgl. auch BGE 140 V 193 E. 3.2 mit Hinweisen).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
1.8
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird nach Art. 87 Abs. 3 IVV eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
Ergibt die Prüfung durch die Verwaltung, dass
die Vorbringen
der versicherten Person nicht glaubhaft sind, so erledigt sie das Gesuch ohne weitere Abklärungen durch Nichteintreten. Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versi
cherten Person glaubhaft gemachte Veränderung des
Invaliditätsgrades auch
tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (Urteil des Bundes
gerichts 9C_351/2020 vom 21. September 2020 E. 3.1, insbesondere mit Hinweis auf
BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung (
Urk.
2) damit, aus den Unterlagen gingen keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit hervor. Es könnten keine schwerwiegenden gesundheitlichen Einschränkungen festgestellt werden. Eine Erwerbsfähigkeit sei der Beschwerde
führerin somit vollschichtig zumutbar
(S. 1)
.
2.2
Dagegen machte die B
eschwerdeführerin beschwerdewei
se geltend (
Urk.
1),
der regionalärztliche Dienst der Beschwerdegegnerin habe festgestellt, dass seit November 2018 eine deutliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes eingetreten sei
. Die Bewältigung des Alltags erfolge mittlerweile durch Unterstüt
zung der psychiatrischen Spitex sowie durch die Hilfe der Mutter (S. 3)
.
Die Beschwerdegegnerin stütze sich dagegen einzig auf das ihrerseits eingeholte Gutachten, das im Gegensatz zu den behandelnden Fachpersonen gar keinen Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit erkennen wolle (S. 4).
Das Gutachten von
Dr.
A._
sei aus näher dargelegten Gründen zu beanstan
den (S. 6 ff.).
Als nicht genügend erweise sich im Fall einer Invaliditätsbeurteilung schliesslich die Abklärung hinsichtlich der Statusfrage. In den Akten erscheine die Bezeichnung eines mutmasslichen Erwerbspensums von 40
%
und im Übrigen einer Tätigkeit als Hausfrau von 60
%
. Eine entsprechende Erhebung, wie sie üblicherweise im Rahmen einer Haushaltabklärung durchgeführt werde, sei den Akten nicht zu entnehmen.
Immerhin sei darauf hinzuweisen, dass sie finanziell vom Sozialamt unterstützt werde, während ihr Sohn bereits das 1
3.
Altersjahr erreicht habe. Vor diesem Hintergrund sei es nicht nachvollziehbar, weshalb sie
im Gesundheitsfall
lediglich zu 40
%
erwerbstätig sein
sollte
.
Vielmehr sei davon auszugehen, dass sie aus finanziellen Gründen sowie auch angesichts der Unter
stützung durch ihre Mutter bei der Betreuung des Sohnes wiederum voll erwerbs
tätig wäre (S. 15 f.).
2.3
Da die Beschwerdegegnerin letztmals mit Verfügung vom
1
7.
November 2017 (
Urk.
8
/
72
) den Rentenanspruch de
r Beschwerdeführerin
materiell prüfte und einen Anspruch auf Versiche
rungsleistungen verneinte, gilt es im Folgenden zu prüfen, ob sich der anspruchsrelevante Sachverhalt im Vergleichszeitraum seit Erlass der Verfü
gung vom
1
7.
November
2017
bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom
1
5.
Dezember 2020
(Urk. 2) in einer für den Renten
anspruch massgeblichen Weise erheblich verändert hat
(vorstehend E. 1.8)
.
3.
3.1
Bei Erlass der
Verfügung
vom
1
7.
November 2017 (Urk. 8/72
)
stellte
sich der mass
gebende medizinische Sachverhalt folgender
massen dar:
3.2
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete am 1
1.
Juli 2014 (
Urk.
8/16)
und nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1
Ziff.
1.1):
-
rezidivierende depressive Störung, mittel- bis
schwergradig
, mit somati
schem Syndrom (ICD-10 F33.11), seit September 2010
-
Panikstörung (ICD-10 F41.0), seit Oktober 2013
-
nichtorganische Insomnie (ICD-10 F51.9), seit 2013
-
kombinierte Persönlichkeitsstörung (paranoid, zwanghaft, abhängig,
histrionisch
; ICD-10 F61.9)
, langjährig
E
r führte aus, es gebe eine mehrfache Missbrauchsanamnese mit Tätern aus dem familiären Umfeld.
Diese Information erscheine in den Klinikberichten nicht, weil die Beschwerdeführerin sie bewusst habe zurückhalten wollen. Im Jahr 2007
habe eine dreimonatige Psychotherapie kurz vor der Geburt des Kindes stattgefunden wegen Gewalttätigkeit des damaligen Partners und Kindsvaters. Es habe eine länger anhaltende Überlastungssituation mit der Trennung vom Kindsvater bestanden, der gegenüber der Beschwerdeführerin gewalttätig, polizeilich bekannt und aktenkundig gewesen sei, der Lebenssituation als alleinerziehende Mutter ohne Unterstützung, dem Umzug aus dem Kanton Luzern in die Zürcher Agglomeration, chronischen und akuten familiären Konflikten mit schwieriger Mutter-Tochter-Beziehung sowie dem fehlenden sozialen Netz und der Abhän
gigkeit vom Sozialamt.
Während der gesamten Behandlungszeit hätten mehrheit
lich wöchentliche Konsultationen bei guter Compliance der Beschwerdeführerin stattgefunden.
Die Symptomatik imponiere vorerst als unkomplizierte Stress- und Erschöpfungs-Depression. Medikamentöse Behandlungsversuche hätten wegen teils schweren Nebenwirkungen abgebrochen werden müssen oder seien unwirk
sam gewesen. Der Spontanverlauf habe im Laufe von Monaten das depressive Syndrom remittiert.
Die Beschwerdeführerin brauche Unterstützung in allen Lebensbereichen und sei vor allem mit der komplexen und schwierigen sozialen Situation sowie der Kindserziehung überfordert
(S. 2
Ziff.
1.4)
.
Es habe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit vom
1.
April 2012 bis 3
1.
Mai 2012 und vom 3
0.
April 2013 bis 2
5.
November 2013 bestanden (S. 3
Ziff.
1.6).
Im Beobach
tungszeitraum sei die Beschwerdeführerin aufgrund der Psychopathologie in ihrer Funktionalität stark eingeschränkt gewesen (S. 4
Ziff.
1.7).
Im Januar 2013 sei das Praktikum aus gesundheitlichen Gründen ab Februar 2013 suspendiert worden. Damit wäre der Beginn der Arbeitsunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen auf Februar 2013 festzulegen (S. 5
Ziff.
1.11).
3.3
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erstattete sein psychiatrisches Gutachten am 2
9.
Januar 2015 (
Urk.
8/39)
gestützt auf die Akten sowie die Untersuchung
der B
eschwerdeführerin. Er führte aus, aktuell seien keine psychiatrischen Symptome von Krankheitswert mehr
eruierbar
. Es bestehe ein Status nach schwerwiegender psychiatrischer Erkrankung mit
Hospi
talisationen
und zweijähriger Arbeitsunfähigkeit bei einem Status nach rezidivie
render depressiver Störung, gegenwärtig remittiert
,
und Status nach generali
sierter Angststörung mit Panikattacken. Die Beschwerdeführerin leide unter einer rezidivierenden Depression mit Erstmanifestation im Jahr 2010 und seither regel
mässiger ambulanter psychiatrischer Behandlung.
Im 2013 habe sich ein Rezidiv entwickelt mit schwerwiegender Erkrankung an einer lang anhaltenden, zumin
dest mittelschweren D
epression
sowie
einer ausgeprägten Angststörung mit Panikattacken, wegen welchen sie lange stationär und seither intensiv ambulant behandelt worden sei (S. 14 f.).
Dank dieser intensiven Therapie sei es nun endlich zur Remission der Depression als auch der Angststörung gekommen und seit Ende November/Anfang Dezember 2014 seien auch keine Panikattacken mehr aufge
treten.
Es sei insgesamt zu einer deutlichen Stabilisierung gekommen, so dass
sich
die Beschwerdeführerin wieder ihrer Aufgabe als alleinerziehende Mutter eines 7-jährigen Sohnes zuwenden könne und sich auch wieder mit der Frage der beruflichen Wiedereingliederung befassen könne
(S. 15)
.
Aufgrund der noch nicht langen und noch nicht vollständigen Remission und der vorgängig doch schwer
wiegenden und vor allem lang dauernden psychiatrischen Erkrankung mit erheb
licher Depression und Ängsten sowie ebenso noch nicht vollständiger Stabili
sierung bestehe nach wie vor eine verminderte emotionale Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit von etwa 50
%
, dies sowohl bezüglich ihrer bisherigen Tätigkeit als auch hinsichtlich jeglicher anderen angepassten Tätigkeit. In absehbarer Zeit (voraussichtlich 1-2 Monate) dürfte jedoch aus rein psychiatrischer Sicht wieder eine 100%ige Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit erreicht sein (S
.
16).
3.4
Med.
pract
.
D._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Ärzt
licher Leiter Tagesklinik
E._
, berichtete am 2
5.
August 2017 (
Urk.
8/66)
und nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1
Ziff.
1.1):
-
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
-
generalisierte Angststörung mit Panikattacken (ICD-10 F41.1/41.0)
-
rezidivierende depressive Episoden mittelschweren Ausmasses mit agitier
tem Verhalten, gegenwärtig in Remission (ICD-10 F33.4)
Er führte aus,
die Beschwerdeführerin stehe seit April 2014 in seiner Behandlung, seit dem 1
7.
Mai 2016 bis heute zum zweiten Mal in teilstationärer Behandlung. Zugleich gehe die Beschwerdeführerin seit Januar 2016 bis heute in eine de
le
gierte Einzel-Psychotherapie
(S. 1)
.
Im Jahr 2015 sei die Beschwerdeführerin nach einer langen Phase der Depression und generalisierten Angststörung mit Pani
kattacken zwar in noch nicht stabiler, aber vorwiegend weit gebesserter psychi
scher Verfassung. Diese gute Phase habe während dem Jahr 2015 angehalten.
Seit Anfang 2017 sei der psychische Befund deutlich gebessert. Der Schlaf sei wieder möglich, die Ängste seien in den Hintergrund gerückt, die Beschwerdeführerin gehe wieder leichter aus dem Haus und könne die Betreuung des Sohnes ganz übernehmen. Die Medikation mit
Temesta
habe sistiert werden können (S. 2 f.).
Zur
z
eit werde die Behandlung wie bisher zur Stabilisation weitergeführt. Seit dem 1
7.
Mai 2016 bis heute und auf weiteres sei die Beschwerdeführerin zu 100
%
arbeitsunfähig im angestammten Berufsfeld (Kauffrau).
Nach zwei sehr lang anhaltenden Phasen der Depressivität und Angststörung schweren Ausmasses werde ein behutsamer Wiedereinstieg in das Berufsleben empfohlen. Die Belast
barkeit und das Durchhaltevermögen seien eingeschränkt. Die Weiterführung der bisherigen Therapien sei notwendig zum Erhalt des gebesserten Zustandes. Eine Besserung der Arbeitsfähigkeit sei nur möglich mit einer beruflichen Massnahme mit behutsamem stufenweisen Vorgehen (S. 3).
4.
4.1
Das Gericht holte
nach Einsicht in die Rechtsschriften der Parteien und in die von ihnen einge
reichten Unterlagen zur Beurteilung des aktuellen psychischen Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin mit unangefochten in Rechtskraft erwachsenem Beschluss vom 2
0.
Juli 2021
(
Urk.
14)
ein psychiatrisches Gutach
ten bei Dr.
B._
ein.
4.2
Am 7. Januar 2022 erstattete Dr.
B._
ihr psychiatrisches Gerichts
gutachten (Urk. 22). Dabei konnte sie folgende Diagnosen stellen (S. 42):
-
rezidivierende depressive Störung mit gegenwärtig mittelschwer bis schwerer depressiver Episode gemäss ICD-10 F33.1-2
-
kombinierte Persönlichkeitsstörung gemäss ICD-10 F61
Bei der Beschwerdeführerin
fänden sich aktuell eine gedrückte Stimmung, kein Interesseverlust, eine eingeschränkte Fähigkeit
,
Freude zu empfinden, eine schwere Antriebsminderung und eine erhöhte Ermüdbarkeit. Dies entspreche einer mittelschweren depressiven Symptomatik. Aufgrund der klar rekonstruier
baren durchgemachten depressiven Episoden in der Vergangenheit gehe es um eine rezidivierende depressive Störung (S. 56). Weiter seien die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 erfüllt. Die Beschwerde
führerin erfülle die Kriterien einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeits
störung vollständig, die einer
Borderline
Persönlichkeitsstörung knapp. Klinisch gebe es zudem deutliche Hinweise auf eine
dependente
Persönlichkeitsstörung. Da nach dem strukturierten klinischen Interview diese klinischen Hinweise als relevant für die Diagnose herangezogen würden, gehe es vorliegend um eine kombinierte Persönlichkeitsstörung (S. 57 f.).
Soweit der Verlauf rekonstruierbar sei und aufgrund des aktuellen
Befundes
gehe es nicht um eine akute posttrau
matische Belastungsstörung, jedoch um die Frage einer komplexen posttrau
ma
tischen Belastungsstörung. Auch diese Kriterien erfülle die Beschwerdefüh
rerin vollständig. Besonders eindrücklich seien in der aktuellen Untersuchung die häufigen Dissoziationen gewesen (S. 58 f.).
Von Seiten der Behandelnden wie von Seiten
Dr.
Z._
habe es keine Hinweise auf Aggravation oder Simulation gegeben. Die Leistungsmotivation sowie die Therapieadhärenz sei als gut beschrieben worden. Bezüglich der Fähigkeit, sich an Regeln und Routinen anzupassen
,
würden sich schon alleine bei den verschiedenen Terminverein
barungen im Rahmen der beruflichen Massnahmen, im Vorfeld der Begutachtung bei
Dr.
Z._
und anscheinen
d
auch im Kontakt mit der IV und der KESB rele
vante Probleme abzeichnen. Die Einschränkung sei als mittelschwer bis schwer einzuschätzen.
Die Beschwerdeführerin könne derzeit nur rudimentär einen Tagesrhythmus aufrechterhalten, und auch diesen nur unter äusserer Strukturie
rung und äusseren Druck durch die Vereinbarungen mit der Mutter, die Besuche von Frau
F._
(Psychiatrie-Spitex) und die Verpflichtung für den Sohn. Die Einschränkung
bei der Planung und Strukturierung von Aufgaben
sei als schwer einzuschätzen (S. 59 f.).
Die Einschränkung in der Flexibilität und Umstellungs
fähigkeit sei ebenfalls als schwer einzuschätzen.
Grundsätzlich verfüge die Beschwerdeführerin über ihre Fähigkeiten als Büromitarbeiterin sowie im Haus
halt und
in
der Erziehung ihres Sohnes. Sie könne aber nur unzuverlässig auf die zurückgreifen. Die Einschränkung in der Kompetenz- und Wissensanwendung sei als
mindestens mittel
schwer einzuschätzen.
Aufgrund des ausgeprägten Misstrau
ens, der Selbstunsicherheit und der Antriebshemmung sei die Einschränkung in der Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit als mittelschwer einzuschätzen. Die Fähigkeit zu Proaktivität und Spontanaktivitäten sei aufgrund von Selbstun
sicherheit, Antriebshemmung und ausgeprägtem Vermeidungsverhalten mit Agoraphobie wahrscheinlich schwer eingeschränkt bis aufgehoben
(S. 60)
.
Die Widerstands- und Durchhaltefähigkeit sei aufgrund der ausgeprägten Antriebs
hemmung, der Selbstunsicherheit und der dissoziativen Symptomatik wahr
scheinlich schwer eingeschränkt.
Zu Konflikten komme es regelhaft, nicht nur mit verschiedenen Institutionen, sondern auch mit Familienangehörigen und anderen Kontaktpersonen. Die Fähigkeit zu Selbstbehauptungsfähigkeit sei ange
sichts der ausgeprägten Selbstunsicherheit und des Misstrauens wahrscheinlich schwer eingeschränkt. Die Fähigkeit zu Konversation und Kontaktfähigkeit zu Dritten sei wahrscheinlich mittelschwer bis schwer und die Gruppenfähigkeit schwer eingeschränkt.
Nach den vorliegenden Informationen sei die Fähigkeit zu engen dyadischen Beziehungen ebenfalls mittelschwer bis schwer eingeschränkt (S. 61).
Die Fähigkeit zu Selbstpflege und Selbstversorgung sei episodisch einge
schränkt, im Längsschnitt wahrscheinlich leicht.
Aufgrund der ausgeprägten Agoraphobie und dem Misstrauen und den Ängsten anderen Menschen gegen
über sei
die
Einschränkung betreffend Mobilität und Verkehrsfähigkeit als gegen
wärtig mittelschwer einzuschätzen. Gesamthaft bedeute dies, dass die Beschwer
deführerin in für ihre berufliche Tätigkeit relevanten Fähigkeiten eingeschränkt sei. Die Einschränkung
en
beträfen in ausgeprägter Weise auch den privaten Bereich (S. 62).
Zum Zeitpunkt der Begutachtung seien die Fähigkeitsstörungen der Beschwerdeführerin teils nur mittelschwer, mehrheitlich jedoch schwer eingeschränkt, teils sogar aufgehoben. Damit könne die Beschwerdeführerin überwiegend wahrscheinlich keine auf dem
1.
Arbeitsmarkt verwertbare Leis
tungsfähigkeit erbringen.
Aufgrund der Aktenlage sei im Zeitpunkt der leistungs
abweisenden Verfügung (Dezember 2017) von einer damaligen Arbeitsfähigkeit von maximal 50
%
auszugehen
(S. 63)
.
Im Zeitpunkt der Anmeldung im Februar 2019
sei vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Leistungsmotivation der Beschwerdeführerin und soweit aufgrund der Akten rekonstruierbar von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit spätestens ab November 2018 auszugehen
(S. 63 f.). Derzeit könne die Beschwerdeführerin nach den vorliegenden Informati
onen grenzwertig ausreichend für ihre Ernährung sorgen. Wenn sie sich selber nichts zubereiten könne, werde sie von der Mutter versorgt. Laut aktuellen Schil
derungen der Beschwerdeführerin und Frau
F._
könne sich die Beschwerde
führerin derzeit ausreichend um die Wohnungspflege kümmern. Beim Einkauf benötige die Beschwerdeführerin Unterstützung. Sie gehe derzeit gar nicht einkaufen. Was Post, Versicherungen und Amtsstellen betreffe, benötige sie Begleitung, Vertretung oder Unterstützung, insbesondere auch bei schriftlichen Dingen. Dies scheine je nach Ausmass der depressiven Episode unterschiedlich ausgeprägt zu sein. Nach aktueller Auskunft könne sich die Beschwerdeführerin derzeit grenzwertig
um Wäsche und Kleiderpflege kümmern. In den depressiven Episoden sei die Beschwerdeführerin nicht zu Pflege und Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen in der Lage. Während dieser Phase übernehme ihre Mutter die Pflege und Betreuung ihres Sohnes vollständig (S. 64 f.). Bei der Beschwerdeführerin hätten sich die Selbsteinschätzungen in der Vergangenheit als zu optimistisch erwiesen. Aktuell sei sie nicht in der Lage
,
eine längerfristige Perspektive zu entwickeln. Von Seiten der Behandelnden hätten die prognosti
schen Einschätzungen bis etwa Mitte 2017 verhalten optimistisch geklungen. Seit Frühjahr 2019 seien sie dies nicht mehr. Eine eventuelle zukünftige Teilleistungs
fähigkeit in einem niedrig prozentigen Bereich (20-30
%
) sei nicht ausgeschlos
sen. Nachdem die Beschwerdeführerin aber seit mittlerweile 10 Jahren nie mehr stabil eine relevante Leistungsfähigkeit erreicht habe und ihre Ausbildungs- und Arbeitsbiografie bereits zuvor eine hohe Instabilität
aufweise
, sei eine bessere Prognose unwahrscheinlich (S. 66).
Gewisse Hinweise auf
Verdeutlichungen
hätten sich in der aktuellen Untersuchung beim Ausfüllen der BSCL mit den zwei von vier auffälligen Kontrollskalen gezeigt. Demgegenüber sei die Kontrollskala in der ADS unauffällig. In der BIDR hätten sich jedoch Auffälligkeiten gezeigt. Diese seien am ehesten mit dem bereits im Bericht der
Psychiatrischen Universitätsklinik G._
beschriebenen Antwortverhalten erklärbar. Im Verlauf der aktuellen Exploration habe die Beschwerdeführerin ihre Wahrnehmungen und ihre Einschränkungen erst auf beharrliches Nachfragen eingeräumt und zum Teil aus der Aussenperspektive erzählt. Dies dürfte einerseits mit Vermeidungsverhalten zu tun haben, mit der ausgeprägten Dissoziation, wo Vermeidung nicht mehr möglich sei, aber auch mit punktueller Dissimulation gegenüber Verdeutlichung in anderen Zusammen
hängen.
Neben unbewussten Anteilen stecke die Beschwerdeführerin in einem bislang nicht auflösbaren Dilemma: der IV gegenüber zwar zu zeigen, dass sie eingeschränkt sei, auf der anderen Seite aber der KESB gegenüber unbedingt zu beweisen, dass sie ihren Sohn ausreichend erziehen und begleiten könne.
Der häufigen Dissoziationen scheine sich die Beschwerdeführerin kaum bewusst zu sein. Die Krankheitseinsicht sei im Hinblick auf die depressive Störung und das, was sie «Trauma» beziehungsweise traumatische Erfahrungen nenne, gegeben, nicht aber im Hinblick auf ihre Persönlichkeitsstörung und ihr auffälliges Inter
aktionsverhalten. Und schliesslich scheine die Beschwerdeführerin die pathologi
schen Beziehungsm
uster
und die daraus entstehenden Konflikte von ihren Nächs
ten weg auf Institutionen (KESB, partiell IV) zu projizieren
(S. 72)
.
Die Befundung sei mittelschwer bis schwer ausgeprägt mit entsprechenden Funktionseinschrän
kungen.
Die Komorbidität von Persönlichkeitsstörung und rezidivierender depres
siver Störung sei ausgeprägt. Sie bilde sich in der vorliegenden Dokumentation seit 2010 deutlich ab (S. 72).
Die vertiefte Persönlichkeitsdiagnostik habe eine kombinierte Persönlichkeitsstörung ergeben. Ihr werde in der ICD-10 auch eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung zugeordnet. Das funktionelle Leis
tungsvermögen der Beschwerdeführerin sei teils mittelschwer, überwiegend schwer beeinträchtigt. Die sozialen Belastungen seien mit der Alleinerziehung des Sohnes, Involvierung der KESB, der finanziell prekären Situation mit Unterstüt
zung durch das Sozialamt und einem ausgesprochen kleinen und vielfach konfliktgeladenen sozialen Kontaktnetz erheblich. Die Einschränkungen der Beschwerdeführerin gingen jedoch nicht in diesen sozialen Faktoren auf. Viel
mehr seien gerade sie durch die
komorbide
psychische Störung wesentlich erst zustande gekommen
. An Ressourcen liessen sich die mindestens durchschnitt
liche Intelligenz, die Sprachkenntnisse und die Compliance der Beschwerdeführerin nennen.
Darüber hinaus imponierten vor allem fehlende Ressourcen.
Die Beschwerdeführerin sei in ihrem privaten Leben erheblich eingeschränkt. Der Leidensdruck sei hoch. Die episodisch stationäre, teilstationäre, sozialpsychiat
rische und durchgängig ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Behand
lung laufe seit 2010 nahezu durchgängig einschliesslich einer Reihe von
pharmakotherapeutischen
Behandlungsversuchen
. Die Compliance werde durch
gängig als gut beschrieben
(S. 73)
.
5.
5.1
Nach den Richtlinien zur Beweiswürdigung weicht das Gericht praxisgemäss nicht ohne zwingende Gründe von Gerichtsgutachten ab (BGE 143 V 269 E. 6.2.3.2, 135 V 465 E. 4.4). Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist
oder
wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu anderen Schlussfolgerungen gelangt. Eine abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätz
liche Meinungsäusserungen anderer Fachleute dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch eine weitere Fachperson im Rahmen einer Ober
expertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne eine solche vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/
aa
; Urteil des Bundesgerichts 8C_487/2020 vom 3. November 2020 E. 4).
5.2
Vorliegend besteht kein Grund, um vom Gutachten von Dr.
B._
abzuweichen. Deren psychiatrische Expertise vom Januar 2022 entspricht sämt
lichen Anforderungen an den Beweiswert einer Expertise (vgl. vorstehend E. 1.7 und 5
.1). Sie beruht
auf für die strittigen Belange um
fassenden Untersuchungen
und
berücksichtigt
die von der Beschwerdeführerin geklag
ten Be
schwerden i
n angemessener Weise. Sodann wurde sie
in Kenntnis und in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
erstattet, so insbeson
dere auch der beiden vorbestehenden Gutachten von
Dr.
Z._
und
Dr.
A._
(vgl.
Urk.
22 S. 66 ff.).
Der konkreten medizinischen Situation
trägt sie
Rechnung. Dr.
B._
setzte mehrere Selbst- und Fremdbe
urteilungsinstrumente ein (vgl.
S. 35, S. 38 ff.
) und leitete die gestellten Di
agnosen nach ausführ
licher psychopathologischer Befundauf
nahme (
vgl. S. 36 ff.
) anhand der ICD
-Kriterien sorgfältig her (vgl.
S.
56 ff.
). Die Ein
schränkungen in den einzelnen für eine berufliche Tätigkeit relevanten Berei
chen wurden mittels
Beizug
der Mini-ICF-APP eingehend dargelegt (S.
59 ff.
). Das Gutachten leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammen
hänge ein und die vorgenommenen Schlussfolgerungen zu Gesundheitszustand und Arbeitsfähig
keit werden ausführlich begründet. Die Beurteilung ist nach dem Gesagten für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend
,
so dass für die
Entscheidfindung
darauf abgestellt werden kann.
5.3
Eine entsprechende Prüfung ergibt denn auch, dass die psychiatrische Gutach
terin die heute massgebenden Standardindikatoren (vorstehend E. 1.
6
) in ihre Beur
teilung in genügendem Umfang einbezogen hat.
So hat sie
sich einlässlich mit den diagno
serelevanten Befunden und deren Aus
prägung aus
einandergesetzt (S.
36 ff., S. 72 f.
), ebenso mit dem bisherigen Behand
lungserfolg (S. 34, S. 72 f.
).
Sie
legte in nachvollziehbarer Weise dar, dass
bei der
Beschwerdeführer
in aufgrund der klar rekonstruierbaren durchgemachten depressiven Episoden in der Vergangenheit eine rezidivierende depressive Störung mit gegenwärtig mittelschwerer bis schwerer depressiver Episode vorliege. Es habe eine gedrückte Stimmung, eine eingeschränkte Fähigkeit Freude zu empfinden, eine schwere Antriebsminderung und eine erhöhte Ermüdbarkeit beobachtet werden können (S. 56 f.).
Zudem erfülle die Beschwerdeführerin die Kriterien einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung vollständig
,
dieje
nigen einer
Borderline
Persönlichkeitsstörung knapp
und k
linisch gebe es ausser
dem deutliche Hinweise auf eine
dependente
Persönlichkeitsstörung
. G
emäss Gutachterin
gehe es aufgrund der aktuellen
Befunde
sodann um eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung, welche in der ICD-10 nicht gesondert verschlüsselt sei, sondern unter einer kombinierten Persönlichkeitsstörung einzu
ordnen sei (S. 57 f.).
Die Befunde seien mittelschwer bis schwer ausgeprägt mit entsprechenden Funktionseinschränkungen (S. 72).
Die bisherigen Behandlungen der Beschwerdeführerin hätten die entsprechenden Empfehlungen zu einer leitli
niengerechten Behandlung der vorliegenden Beschwerdebilder gut umgesetz
t und werde auch langfristig weiter notwendig sein (S. 65 f.).
Die Compliance werde durchgängig als gut beschrieben (S. 73).
Zum As
pekt der Persönlichkeit wies die
Gutachter
in
darauf hin, dass
die vertiefte Persönlichkeitsdiagnostik eine kombi
nierte Persönlichkeitsstörung ergeben habe und dieser in der ICD-10 auch eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung zugeordnet werde (S. 73).
A
ls persön
liche Ressourcen können dem Gutachten die
mindestens durchschnittliche Intelligen
z
, die Sprachkenntnisse und die Compliance
der Beschwerdeführerin
entnommen werden, wobei darüber hinaus vor allem fehlende Ressourcen
wie fehlende Partnerschaft, kein Freundeskreis, die unterstützende, aber auch konfliktgeladene Beziehung zur Mutter
imponierten
. Die sozialen Belastungen seien erheblich. Die Einschränkungen der Beschwerdeführerin gingen jedoch nicht in diesen sozialen Faktoren auf, sondern
seien
vielmehr
gerade
durch die
komorbide
psychische Störung wesentlich erst zustande gekommen
(S. 73).
Z
u prüfen bleibt der Aspekt der Konsistenz. Im
p
sychiatrischen
G
utachten wurde
dazu
ausgeführt,
dass die Beschwerdeführerin in ihrem privaten Leben erheblich eingeschränkt und der Leidensdruck hoch sei
. Sie könne nur unter grosser Mühe und äusserer Strukturierung einen rudimentären Tagesrhythmus aufrechterhal
ten, ihren Haushalt knapp bewältigen und sich episodisch nicht um ihren Sohn kümmern, so dass er jeweils über längere Zeiten bei seiner Grossmutter lebe und der Beschwerdeführerin lediglich kurze Besuche abstatte oder längere Zeiten am Wochenende mit ihr verbringe
(S. 73).
Die Bestimmung der Arbeitsfähigkeit (S.
63 f.
) ist zudem so erfolgt, dass sie sich gleichsam aus dem Saldo aller wesentlichen Belastungen und Ressourcen (BGE
141 V 281 E. 3.4.2.1) ergibt. Die von der Rechtsanwendun
g zu prüfende Frage, ob sich die
Gutachter
in
an die massgebenden normativen Rahmenbedingun
gen ge
halten und das Leistungsver
mögen in Berücksichtigung der einschlägigen Indi
katoren eingeschätzt hat (BGE 141 V 281 E. 5.2.2), ist demnach zu bejahen. Die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchs
grund
lage lassen sich anhand der Standardindikatoren schlüssig und wider
spruchsfrei mit überwiegen
der Wahrscheinlichkeit nachweisen. Mithin erfüllt das Gutachten sowohl die praxisgemässen herkömmlichen Anforderungen (vorstehend E. 1.
7
) als auch diejenigen des strukturierten Beweis
verfahrens (vor
stehend E. 1.5-1.6). Somit ist betreffend die Diag
nosen sowie die Arbeitsfähigkeit auf das Gutachten abzustellen.
5.4
Die abschliessende Würdigung des Beschwerdebildes anhand der Standardindi
katoren ergibt, dass für die Zeit ab
der Neuanmeldung im Februar 2019
auf die Einschätzung der Arbeits
fähigkeit, wie sie sich aus dem Gutachten von Dr.
B._
ergibt, abgestellt werden kann. Entsprechend besteht
seit spätestens November 2018 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit der Beschwerde
führerin auf dem
1.
Arbeitsmarkt (S. 63 f.)
, womit eine vollständige Erwerbsun
fähigkeit vorliegt.
Weiter ergibt sich, dass sich die Arbeitsfähigkeit
der B
eschwer
defü
hrerin
seit der
anspruchsverneinenden
Verfügung vom Dezember 2017
(
Urk.
8/72)
verschlechtert hat:
Dr.
B._
schätzte die Arbeitsfähigkeit für jenen Zeitpunkt aufgrund der Akten auf 50
%
(S
. 63)
.
Es liegt entsprechend ein Revisionsgrund (vorstehend 1.8) vor.
5.5
Es stellt sich bei der Beschwerdeführerin die Statusfrage, die Aufteilung ihres Tä
tigkeitsfeldes auf Erwerbsarbeit und Haushalt im Gesundheitsfall.
Die Beschwerdeführerin machte geltend,
sie würde heute ohne gesundheitliche Probleme aus finanziellen Gründen sowie auch angesichts der Unterstützung durch die Mutter bei der Betreuung des zum Verfügungszeitpunkt 13-jährigen Sohnes
in einem Pensum von
100
%
einer Erwerbstätigkeit nachgehen (
Urk.
1 S. 15 f.).
Eine
aktuelle
Abklärung der Beschwerdegegnerin hinsichtlich der Statusfrage hat nicht stattgefunden. In den Akten erscheint die Bezeichnung eines mutmasslichen Erwerbspensums von 40
%
und im Übrigen einer Tätigkeit als Hausfrau von 60
%
(vgl.
Feststellungsblatt vom 1
7.
Juni 2016
Urk.
8/50 S. 5,
Urk.
8/112 S. 1).
Den Akten
(IK-Auszug
;
Urk.
8/4)
kann h
insichtlich der Erwerbsbiografie der Beschwerdeführerin entnommen werden, dass
sie zwischen 1997 und 1999 bei der
H._
AG in
I._
mit einem kleinen Jahresverdienst gearbeitet hat. Gemäss ihren Aussagen anlässlich der Begutachtung habe sie dort «gejobbt». Die Anstellung bei der Finanzverwaltung
J._
zwischen August 1998 und Dezember 2000 betreffe die Lehrzeit. Die nachfolgende Anstellung
bei
K._
zwischen September 2000 und Mai 2001 sei ein Zwischenverdienst gewesen
, bis sie die Lehra
b
schlussprüfung habe wiederholen können. Es sei eine Anstellung bei
L._
in
M._
von Februar bis Mai 2001
und von April bis Mai 2002
gefolgt
(
Urk.
8/44/11)
.
Von Juni bis Juli 2001 findet sich eine Anstellung bei
N._
in
I._
.
Die Tätigkeit bei
O._
AG von August bis September 2001 wird von der Beschwerdeführerin als Ferienjob bezeichnet. Es folgte eine Anstellung bei der
P._
von Dezember 2001 bis Februar 2002
(
Urk.
8/44/10)
.
Von September 2002 bis November 2003 arbeitete die Beschwerdeführerin bei der
Q._
als Flight
Attendant
(
Urk.
8/44/8)
. Weiter war die Beschwerdeführerin befristet von Juni 2004 bis Januar 2005 bei der
R._
AG
(
Urk.
8/44/7)
, von April bis September 2005 bei
S._
, von Okto
ber bis Dezember 2005 bei
T._
(
Urk.
8/44/6)
und von Dezember 2005 bis J
uni 2006
bei den
U._
(
Urk.
8/44/5)
angestellt.
Die letzte Anstellung war zwischen September 2006 bis Dezember 2008 bei der
Y._
in
V._
, bevor die Beschwerdeführerin im Januar 2008 ihren Sohn auf die Welt brachte (vgl. auch
Urk.
22 S. 31 f.).
Aus dem Verlaufsprotokoll Eingliederungsberatung (
Urk.
8/46 S. 3
f.
) geht
sodann
hervor, dass die Beschwerdeführerin anlässlich des Erstgesprächs
vom 1
1.
Juni 2015 angab, sie würde gerne wieder im kaufmännischen Bereich arbei
ten. Sie sei alleinerziehende Mutter und auf Sozialhilfe angewiesen. Sie werde von ihrer Mutter sowie von ihrer Tante unterstützt. Sie sei nach
W._
gezo
gen, damit sie näher bei ihrer Mutter wohne.
Mit Blick auf die Erwerbsbiografie der Beschwerdeführerin kann gesagt werden, dass sie stets bemüht und gewillt war, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Im Lichte der dargelegten Umstände sowie insbesondere aufgrund ihrer finanziellen Situation und des Alters ihres Sohnes erscheint es überwiegend wahrscheinlich und plausibel, dass die Beschwerdeführerin ohne gesundheitliche Beeinträchti
gung einer Erwerbstätigkeit im Umfang von mindestens 70
%
nachginge.
G
emäss gutachterlicher Einschätzung ist die Beschwerdeführerin - aus psy
chi
schen Gründen
–
auch im Aufgabenbereich
eingeschränkt
(vgl.
Urk.
22 S. 64 f.)
. Im Sinne der antizipierten Beweiswürdigung (vgl. BGE 135 V 215 E. 3.2, 134 V 231 E. 5.3, 124 V 90 E. 4b) erweist sich die Durchführung einer Haushaltab
klärung als entbehrlich, ist doch nicht überwiegend
wahrscheinlich, dass sie eine anderslautende
Einschränkung ergäbe, wobei bei divergierenden Ergebnissen angesichts der psychischen Problematik ohnehin der ärztlichen Einschätzung mehr Gewicht zukäme.
5.6
Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermit
telt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommens
differenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt. Insoweit die fraglichen Erwerbs
einkommen ziffernmässig nicht genau ermittelt werden können, sind sie indes nach Massgabe der im Einzelfall bekannten Umstände zu schätzen und die so gewonnenen Annäherungswerte miteinander zu vergleichen. Wird eine Schät
zung vorgenommen, so muss diese nicht unbedingt in einer ziffernmässigen Fest
legung von Annäherungswerten bestehen. Vielmehr kann auch eine Gegenüber
stellung blosser Prozentzahlen genügen. Das ohne eine Invalidität erzielbare hypothetische Erwerbseinkommen ist alsdann mit 100 % zu bewerten, während das Invalideneinkommen auf einen entsprechend kleineren Prozentsatz veran
schlagt wird, so dass sich aus der Prozentdifferenz der Invaliditätsgrad ergibt (sog. Prozentvergleich; Urteil des Bundesgerichts 9C_478/2021 vom 11. November 2021 E. 5.2.1 mit Hinweis auf BGE 114 V 310 E. 3a).
Der Invaliditätsgrad ist namentlich dann durch Prozentvergleich zu ermitteln, wenn Validen- und Invalideneinkommen sich nicht hinreichend genau oder nur mit unverhältnismässig grossem Aufwand bestimmen lassen und in letzterem Fall zudem angenommen werden kann, die Gegenüberstellung der nach Massgabe der im Einzelfall bekannten Umstände geschätzten, mit Prozentzahlen bewerteten hypothetischen Einkommen ergebe ein ausreichend zuverlässiges Resultat (Urteile des Bundesgerichts 8C_285/2020 vom 15. September 2020 E. 4.1 und 9C_492/2018 vom 24. Januar 2019 E. 4.3.2, je mit Hinweisen).
Sind indessen Validen- und Invalideneinkommen ausgehend vom gleichen Tabellenlohn zu berechnen, erübrigt sich deren genaue Ermittlung.
Diesfalls
entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berück
sichtigung eines allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn. Dies stellt keinen «Pro
zentvergleich» dar, sondern eine rein rechnerische Vereinfachung (Urteil des Bundesgerichts 8C_148/2017 vom 19. Juni 2017 E. 4 unter Hinweis auf Urteil 9C_675/2016 vom 18. April 2017 E. 3.2.1).
Die Beschwerdeführerin ist seit mindestens November 2018 sowohl in der ange
stammten Tätigkeit als auch in jeder anderen Tätigkeit vollstän
dig arbeitsunfähig. Auf einen Einkommens
vergleich mittels Tabellenlöhne
kann daher verzichtet werden.
B
ei Annahme einer mindestens 70%igen Erwerbstätigkeit resultiert ein Invaliditätsgrad von mindestens 70
%
,
was einen Anspruch der Beschwerde
führerin auf eine ganze Rente begründet.
Nachdem die neue Anmeldung der Beschwerdeführerin 2
8.
Februar 2019 bei der Beschwer
de
gegnerin eingegangen ist (vgl. Aktenverzeichnis zu Urk.
8
/
85
), entsteht gestützt
auf
Art.
29 IVG (vorste
hend E. 1.
3
) ein Rentenanspruch frühestens ab
1.
August 201
9.
6.
In Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom 1
5.
Dezem
ber 2020 (Urk. 2) mit der Feststellung aufzuheben, dass ab dem 1. August 2019 ein Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine ganze Rente der Invalidenver
siche
rung besteht.
7.
7.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
7.2
Nach § 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die vertretene obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
)
und sind vorliegend
bezüglich der Rechtsvertre
tung
beim praxisgemässen Stun
denansatz von Fr. 220.-- (zuzüglich Mehrwert
steuer) ermessensweise auf Fr.
2'640
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) festzu
setzen und von der Beschwerde
gegnerin zu bezahlen.
Neben den Kosten für die Rechtsvertretung werden
Auslagen
dokumentiert
, die in Zusammenhang mit der Notwendigkeit der Begleitung
der Beschwerdeführerin
zur gerichtlichen Begut
achtung
durch die psychiatrische Spitex entstanden sind (
Urk.
19,
Urk.
20/1-2). Diese Spesen sind in analoger Anwendung von
Art.
45
Abs.
1
ATSG zu erstatten. Sie sind ermessensweise auf
Fr.
500.-
-
festzusetzen, womit
sich die seitens der Beschwerdegegnerin auszurichtende Prozessentschädigung auf
Fr.
2'640.-
-
(Rechtsvertretung) zuzüglich
Fr.
500.-
-
(Spesen
in Zusammenhang mit Gerichts
gutachten
) beläuft.
7.3
In Bezug auf die Frage nach der Kostentragung des Gerichtsgutachtens von
Dr.
B._
ist
festzuhalten, dass die Kosten eines Gerichtsgutachtens der Verwaltung aufer
legt werden können, wenn ein Zusammenhang zwischen dem Untersuchungs
mangel seitens der Verwaltung und der Notwendigkeit, eine Gerichtsexpertise anzuordnen, besteht (BGE 139 V 496 E. 4.4). Dies ist unter anderem der Fall, wenn die Verwaltung zur Klärung der medizinischen Situation notwendige Aspekte unbeantwortet gelassen oder auf eine Expertise abgestellt hat, welche die Anforderungen an eine medizinische Beurteilungsgrundlage nicht erfüllt (BGE 140 V 70 E. 6.1 mit Hinweisen).
Das hiesige Gericht gelangte mit Beschluss vom 9. Juni 2021 zum Schluss, aufgrund der bis dahin vorhandenen Akten lasse sich ein allfälliger Renten
anspruch der Beschwerdeführerin nicht feststellen (Urk. 11) und stellte letztend
lich auf das Gerichtsgutachten ab. Die Gutachterin
Dr.
B._
gelangte denn auch zum Schluss, dass
Dr.
A._
, bei dem die Beschwerdegegne
rin zuvor ein Gutachten eingeholt hatte,
nicht alle zur Verfügung stehenden Informationen herangezogen habe, seine Untersuchung unvollständig geblieben und die Grundlage für seine Beurteilung unzureichend
gewesen
sei (
Urk.
22 S. 67 ff.).
Damit sind die
rechtsprechungsgemässen
Anforderungen erfüllt, welche es rechtfertigen, der Beschwerdegegnerin die Ko
s
ten für das Gerichtsgutachten
in der Höhe von Fr.
10
‘
350
.
--
(Urk.
24
)
zuzüglich Kosten der Laboranalysen von
Fr.
728.70 (
Urk.
21)
, insgesamt
Fr.
11‘078.70,
zu überbinden.