Decision ID: 7b10fe9b-a2ac-4d8e-9452-06b111f47b97
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde erstmals im Mai 2015 wegen einer Autismus-Spektrum-Störung bei
der IV-Stelle des Kantons St. Gallen für medizinische Massnahmen angemeldet (IV-act.
1). Das Ostschweizer Kinderspital (Kispi) hatte beim Versicherten die folgenden
Diagnosen gestellt (Bericht vom 9. Dezember 2014, IV-act. 6-7 ff.):
• Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10: F90.0)
• umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (F82)
• Microcephalie
• Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung
• kognitive Leistungsfähigkeit im untersten Normbereich mit durchschnittlichen
Leistungen im Sprachverständnis
• Lern- und Abrufschwierigkeiten
• Schwierigkeiten in der Handlungsplanung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.b Dr. med. B._, Kinder- und Jugendpsychiatrie FMH, bestätigte der IV-Stelle am 8.
Juni 2015 (IV-act. 6-2 ff.), dass der Versicherte an einem Asperger-Syndrom (F84.5, 7.
Mai 2015) und Störungen der exekutiven Funktionen leide.
A.c Am 28. September 2015 erteilte die IV-Stelle eine Kostengutsprache für die
Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 405 (Autismus-Spektrum-Störungen) für die
Zeit vom 22. April 2015 bis 30. April 2020 (IV-act. 17). Die beantragte Ergotherapie
gewährte sie vorerst vom 22. April 2015 bis längstens 31. Dezember 2016.
B.
B.a Am 7. Februar 2016 wurde der Versicherte von seinen Eltern bei der IV-Stelle zum
Bezug einer Hilflosenentschädigung angemeldet (IV-act. 20). Sie gaben an, dass der
Versicherte bei allen alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
auf Hilfe angewiesen sei. Zudem müsse er überwacht werden.
B.b Dr. med. C._, Kinder- und Jugendmedizin FMH, berichtete der IV-Stelle im März
2016, dass er die gesundheitlichen Einschränkungen des Versicherten nicht beurteilen
könne (IV-act. 27). Dr. B._ gab in ihrem Bericht vom 12. Mai 2016 (IV-act. 30) an,
dass die Einschränkungen des Versicherten in einem sturen Verhalten, in einer nicht
altersentsprechenden Selbständigkeit, in einer ungenügend flexiblen Anpassung des
Verhaltens an die jeweilige Situation und in einer ungenügenden Wahrnehmung und
Inter¬pretation der Umwelt bestünden. Die Eltern müssten sensorische Überreizungen
in der Schule dauernd regulieren/modulieren. Die Angaben (der Eltern) über die
Hilflosigkeit stimmten mit ihren Feststellungen überein. D._ von der Jugend- und
Familienbegleitung hielt im Bericht vom Juli 2016 fest (IV-act. 41), dass die Mutter
überfordert sei und sich mit ihren eigenen Verantwortungen unter Druck setze. Der
Vater grenze sich aus oder reagiere gereizt auf Turbulenzen. Wenn der Versicherte
überfordert sei, reagiere er mit Boykott. Sein Widerstand äussere sich in einem
weinerlichen Verhalten und einem Unvermögen, etwas zu tun. Er beginne verbal
auszurasten und werde tätlich. Das Leben der Normalität während der Schule
überfordere ihn und seinen ebenfalls am Asperger-Syndrom leidenden Bruder. Beide
seien zuhause gereizt und unnahbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c Am 22. Juni 2016 fand eine Abklärung an Ort und Stelle statt (Abklärungsbericht
vom 30. August 2016, IV-act. 49). Die Abklärungsperson notierte, dass sich die
Erziehung des Versicherten äusserst schwierig gestalte, da er zu Hause sämtliche
Aufträge und Alltagsverrichtungen verweigere. Er sei stur und dickköpfig. Bei allem
müsse er aufgefordert und angeleitet werden. Er erledige nichts von sich aus. Es sei ein
täglicher Kampf. In der Schule falle der Versicherte ebenfalls auf. Er werde von den
anderen Kindern als Besserwisser missverstanden und gerate regelmässig in
Streitereien. Am liebsten spiele er Fussball. Das Spielen mit anderen Kindern sei nur
unter Aufsicht möglich. Der Versicherte könne sich nicht in sein Gegenüber
hineinversetzen. Bezüglich der Hilflosigkeit und des Betreuungsaufwands hielt die
Abklärungsperson fest, dass dem Versicherten die Kleider immer bereitgelegt werden
müssten, da er sonst immer das Gleiche anziehen würde. Schmutzige Wäsche,
Flecken und schlechter Geruch störten ihn nämlich nicht. Er esse mit Gabel und
Messer und könne die Nahrung angemessen zerkleinern und zum Mund führen. Bei
Bedarf würden ihm grobe, grosse und zähe Stücke zerkleinert oder es werde ihm das
Brot bestrichen. Im Bereich der Körperpflege nehme der Versicherte partout keine
Verrichtung vor. Die Zähne, das Gesicht und die Hände wasche er nur, wenn er
mehrmals dazu aufgefordert und wenn er begleitet werde. Eine Morgentoilette finde
aufgrund der Verweigerungshaltung nicht statt. Auch die Zahnreinigung am Abend sei
nicht angemessen; die Zähne müssten jeweils nachgereinigt werden. Wenn überhaupt,
dann bade der Versicherte. Waschlappen oder auch Wasser aus der Duschbrause
könne er aufgrund der taktilen Empfindungsstörung nicht ausstehen. Er müsse ganz
behutsam auf das Baden vorbereitet werden. Nach mehrmaligem Auffordern werde er
in die Badewanne geführt. Er selbst nehme keine eigentliche Reinigung vor. Ihn
interessiere es auch nicht, ob die Seife und das Shampoo korrekt abgespült seien. Das
Haare waschen werde von der Mutter übernommen. Der Versicherte betätige die
Spülung der Toilette nicht zuverlässig und hinterlasse die Toilette in einem schmutzigen
Zustand. Den Schulweg lege er in der Regel alleine zurück; er kenne die Gefahren und
Regeln im Strassenverkehr. Gleichaltrige Freunde habe er keine. Von den Mitschülern
werde er als Besserwisser bezeichnet und ecke an. Zum Fussball spielen und zum
Schlitteln müsse er begleitet werden, da es sonst zu Streit komme. Die Mutter des
Versicherten hielt am 25. August 2016 ergänzend und korrigierend fest, dass der
Versicherte nicht altersgemäss essen könne; er benutze nur die Gabel. Alles müsse ihm
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit dem Messer zerkleinert werden; das Brot müsse ihm geschnitten und geschmiert
werden. Der Versicherte reinige sich nach der Notdurft nicht sauber. Auch zum
anschliessenden Händewaschen müsse er angeleitet werden. Die Gefahren im
Strassenverkehr kenne er zwar theoretisch; da ihm der Zusammenhang zwischen
Ursache und Wirkung fehle, könne er die Regeln aber nicht umsetzen. Seit dem 30.
Juni 2016 nehme der Versicherte Medikamente ein, die ihm täglich kontrolliert
abgegeben werden müssten. Der Versicherte und sein Bruder müssten so oft wie
möglich getrennt betreut werden; wenn sie zusammen seien, eskaliere die Situation
sehr oft. Die Abklärungsperson hielt in ihrer Stellungnahme vom 30. August 2016 fest
(IV-act. 49-7), dass nur die Mutter am Gespräch teilgenommen habe. Während des
Gesprächs sei die Familienbegleiterin D._ mit den Söhnen nach draussen spielen
gegangen, da die Mutter nicht gewollt habe, dass diese etwas vom Gespräch
mitbekämen. Der Haushalt sei sehr unordentlich gewesen. Überall hätten Gegenstände
herumgelegen. Die Mutter habe erklärt, dass sie komplett am Anschlag sei. Sie sei
nervlich am Ende und könne nicht mehr. Die beiden Kinder seien unglaublich streng
und beschäftigten sie von morgens bis abends. Sie sei zu 50 % erwerbstätig; wegen
der belastenden Familiensituation sei sie derzeit jedoch arbeitsunfähig geschrieben.
Die Abklärungsperson kam zum Schluss, dass aufgrund der ausgeprägten
Verweigerungshaltung die Gefahr einer Verwahrlosung bestehe, weshalb in den
meisten Bereichen eine indirekte Dritthilfe und im Verlauf teilweise eine direkte
Übernahme nötig sei. Diese Dritthilfe könne im Rahmen einer ständigen persönlichen
Überwachung berücksichtigt werden.
B.d Bereits am 5. Juli 2016 hatte E._, dipl. Ergotherapeutin FH, der IV-Stelle
berichtet (IV-act. 46), dass die Handlungsfähigkeit des Versicherten bei Aktivitäten des
täglichen Lebens weiterhin nicht auf dem Stand von Gleichaltrigen sei. Aufgrund der
unsicheren Körperwahrnehmung und der motorischen Schwierigkeiten sei der tägliche
Energieaufwand gross. Wegen der Wahrnehmungsstörung bzw. dem mangelnden
Erkennen von Ursache und Wirkung nehme der Versicherte Gefahren reduziert wahr.
Deshalb könne er nie allein gelassen werden. Der Versicherte wirke unaufmerksam,
handle impulsiv mit wenig Voraussicht und Planung und teilweise ungeschickt. Auch
bei der Umsetzung von einfachen Handlungen benötige er viel Anleitung und Führung.
Es brauche wiederholte Instruktionen, visuelle Hilfen und viel Übung, bis er alltägliche
Abläufe (z.B. Tisch decken) eingeübt habe. Da viele Handlungsabläufe nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
automatisiert seien, sei der Energieaufwand gross. Der Versicherte zeige je nach
Verfassung grosse Leistungsschwankungen und auch ein Ausweichverhalten.
B.e F._, Schulpsychologin, Schulpsychologischer Dienst des Kantons St. Gallen,
hielt im Bericht vom 29. September 2016 über eine schulpsychologische Abklärung
vom 13. September 2016 fest (IV-act. 55), dass sich in vielen Bereichen eine
Entwicklungsbeeinträchtigung gezeigt habe. Es könne von grossen Schwierigkeiten in
der Wahrnehmung ausgegangen werden, die sich im Alltag und in der Schule
erschwerend auswirkten. Der Versicherte passe sich in der Schule an, um nicht
aufzufallen, was sehr anstrengend für ihn sei. Die Belastbarkeit bei Kindern mit dem
Asperger-Syndrom sei tief und das Konfliktpotential zuhause dementsprechend hoch.
Der Versicherte brauche viel Erholung. Für die Schule könne es schwierig sein, die
Probleme zuhause nachzuvollziehen, vor allem, wenn es schulisch gut laufe. Die
Fähigkeiten von Kindern, die an einem Asperger-Syndrom litten, seien sehr heterogen.
Ihr Verhalten wirke oft bizarr und wenig nachvollziehbar. Eine Asperger-Störung sei
eine unsichtbare Beeinträchtigung der Betroffenen im Alltag. Der Versicherte könne
kaum formulieren, was ihn störe oder was er brauche. Es liege ein komplexes
Störungsbild vor, welches ein hohes Mass an individueller Förderung und Begleitung
zur Folge habe. Die Schulpsychologin beantragte Unterstützungsmassnahmen.
B.f Eine IV-Sachbearbeiterin notierte am 8. November 2016 (IV-act. 52), dass es sich
gemäss der mündlichen Rücksprache insbesondere mit dem RAD bezüglich der
Hilflosigkeit um ein medizinisches und nicht um ein erzieherisches Problem handle.
B.g Am 14. Dezember 2016 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für die
Verlängerung der ambulanten Ergotherapie bis 31. Dezember 2018 (IV-act. 59).
Gleichzeitig teilte sie dem Versicherten mit, dass sie die Kosten für ein Sozialtraining für
höchstens ein Jahr übernehme.
B.h Mit Vorbescheid vom 20. Dezember 2016 (IV-act. 61) stellte die IV-Stelle dem
Versicherten eine Entschädigung wegen einer leichten Hilflosigkeit vom 11. Februar
2015 bis 31. Mai 2020 (Revision) in Aussicht. Zur Begründung hielt sie fest, dass
aufgrund der ausgeprägten Verweigerungshaltung eine Überwachung mit klaren
Strukturvorgaben nötig sei. Es könne daher eine dauernde persönliche Überwachung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berücksichtigt werden. Dagegen liess der Versicherte am 1. Februar 2017 einwenden
(IV-act. 67), im Abklärungsbericht vom 22. Juni 2016 sei eindrücklich ausgeführt
worden, dass er aufgrund seiner Behinderung in mindestens zwei Lebensbereichen auf
indirekte Dritthilfe angewiesen sei. Die indirekte Dritthilfe könne nicht im Rahmen der
ständigen persönlichen Überwachung berücksichtigt werden. Er habe somit Anspruch
auf eine Hilflosenentschädigung mittleren Grades. Des Weiteren sei der Anspruch auf
einen Intensivpflegezuschlag zu prüfen.
B.i Auf Anfrage hin erteilte die Klassenlehrerin der IV-Abklärungsperson am 28. Februar
2017 telefonisch die Auskunft, dass der Versicherte während des Schulunterrichts
unter einer starken Führung gut zu leiten sei (IV-act. 74-2). Er sei in seiner Klasse gut
akzeptiert und habe mehrere Schulfreunde. Während der Pausen komme es in der
Regel nicht zu Streitereien oder Zwischenfällen, bei welchen eingegriffen werden
müsste. Der Versicherte komme regelmässig sehr früh auf dem Schulhof an (z.B. 40
Minuten vor Schulbeginn). Sobald die Mitschüler einträfen, spiele er gemeinsam mit
diesen Fussball. Zwischenfälle gäbe es keine. Beim gemeinsamen Mittagessen in der
Schule sei der Versicherte nie aufgefallen; er esse angemessen. Beim Toilettengang
benötige er keine Mithilfe. Auch das Zähneputzen verlaufe problemlos. Für den Turn-
und Schwimmunterricht ziehe sich der Versicherte selbständig an und aus. Die Lehrerin
unterzeichnete das ergänzte und korrigierte Gesprächsprotokoll am 20. März 2017.
B.j Die IV-Abklärungsperson notierte am 29. März 2017 (IV-act. 83), dass die Angaben
der Eltern kritisch zu würdigen seien, da offensichtliche Unwahrheiten vorlägen (obwohl
der Versicherte gemäss der Mutter nie alleine gelassen werden könne, lasse sie ihn
sich ohne jegliche Überwachung draussen aufhalten). Es scheine, dass grösstenteils
die Erziehungsmethoden das Verhalten des Versicherten beeinflussten. Im Übrigen
habe die Mutter gerade kürzlich ein Rentengesuch gestellt.
B.k RAD-Arzt Dr. med. G._, Facharzt für Arbeitsmedizin, notierte am 2. Mai 2017 (IV-
act. 83), dass die Überwachungsbedürftigkeit nicht in allen Lebensbereichen im
geltend gemachten Ausmass erforderlich sei. Dem Versicherten sei es im strukturierten
Rahmen der Schule sowie auch bei mehrtägigen Schulveranstaltungen (Herbstlager)
sehr wohl möglich, ohne besondere Betreuung den geforderten Tätigkeiten
nachzukommen, ohne dass relevante Auffälligkeiten zu verzeichnen wären. Er sei auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in der Lage, den Schulweg alleine zu bewältigen. Die Asperger-Symptomatik sei nicht
so ausgeprägt, dass von einer andauernden Überwachungsbedürftigkeit in allen
Lebensbereichen gesprochen werden könnte. Die andauernde
Überwachungsbedürftigkeit scheine sich vielmehr auf den häuslichen Bereich zu
konzentrieren. Der Versicherte sei zwar auf eine wohlwollende Begleitung angewiesen;
die Notwendigkeit einer erheblichen und andauernden Begleitung sei jedoch nicht
ausgewiesen.
B.l Mit Vorbescheid vom 3. Mai 2017 ersetzte die IV-Stelle den Vorbescheid vom 20.
Dezember 2016 und kündigte dem Versicherten die Abweisung des Gesuchs um eine
Hilflosenentschädigung an (IV-act. 85). Zur Begründung hielt sie fest, neue Abklärungen
hätten ergeben, dass keine Hilfsbedürftigkeit in einem solch grossen Ausmass vorliege,
dass ein Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung bestünde. Dagegen liess der
Ver¬sicherte am 2. Juni 2017 einwenden (IV-act. 90), dass der Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung allein aufgrund der Antwort der Lehrerin verneint worden sei.
Diese könne jedoch nur einen kleinen Teil des Tagesablaufs des Versicherten
überprüfen. Es sei aktenkundig, dass der Versicherte sich in der Schule stark anpasse
und sich wegen des Druckes einigermassen "korrekt" verhalte. Zuhause könne er
dieses "Angepasstsein" aber nicht halten, was für Kinder mit einer Autismus-Spektrum-
Störung typisch sei. Für die Beurteilung des Anspruchs auf eine
Hilflosenentschädigung seien die indirekte Hilfe und die Überwachungsbedürftigkeit
über den ganzen Tag verteilt zu prüfen. Erfahrungsgemäss seien der Morgen und der
Abend am betreuungsintensivsten. Bezüglich der Notdurftverrichtung sei festzuhalten,
dass die Lehrpersonen die Kinder nicht auf die Toilette begleiten dürften; die Lehrerin
könne die Reinlichkeit und das Händewaschen also gar nicht überprüfen. Am 30. Juni
2017 reichte der Rechtsvertreter einen Bericht der Ergotherapeutin E._ vom 12. Juni
2017 ein (IV-act. 91). Er machte zudem geltend, aus dem Bericht ergebe sich noch
einmal eindeutig, dass die Frage der Überwachung und der indirekten Dritthilfe im
Bereich der Schule bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung wesentlich
anders beurteilt werden könne als zuhause. Die Angelegenheit sei daher noch einmal
zu überprüfen. E._ hatte berichtet (IV-act. 91-3), dass der Versicherte Mühe beim
Erkennen von Ursachen und Wirkung habe. Er könne Gefahren nicht einschätzen und
müsse daher ständig beaufsichtigt werden. Da das Erlernen einfachster alltäglicher
Tätigkeiten für den Versicherten sehr anstrengend sei, sei die Umsetzung zuhause
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erfahrungsgemäss deutlich erschwert. Im Gegensatz dazu seien die schulischen
Anforderungen strukturiert. Daher könnten Kinder mit den Schwierigkeiten des
Versicherten in der Schule weniger auffallen. Da der Energieaufwand für die
schulischen Anforderungen wegen der Kompensationsleistungen sehr gross sei,
zerfielen die Handlungen zuhause umso mehr.
B.m Mit Verfügung vom 11. Juli 2017 wies die IV-Stelle das Gesuch um eine
Hilflosenentschädigung wie angekündigt ab (IV-act. 92). Zum Einwand hielt sie fest,
dass es offensichtliche Diskrepanzen zwischen den Aussagen der Mutter und dem
alltäglichen Verhalten des Versicherten gebe. Daher sei es angemessen gewesen, das
gesamte Umfeld, insbesondere die Schule, zu befragen. Demnach liege keine
invaliditätsbedingte Überwachungsbedürftigkeit vor. Geschwisterkonstellationen
könnten nicht berücksichtigt werden.
C.
C.a Gegen diese Verfügung liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) am
11. September 2017 Beschwerde erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte
die Aufhebung der Verfügung und die Rückweisung der Angelegenheit an die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) zur Abklärung der Voraussetzungen für eine
Hilflosenentschädigung und einen Intensivpflegezuschlag. Zur Begründung machte er
geltend, es sei unhaltbar, dass die Beschwerdegegnerin die im Abklärungsbericht
aufgeführten Einschränkungen nur anhand einer telefonischen Rückfrage bei der
Klassenlehrerin widerrufen habe. Zum einen könne die Lehrerin zu gewissen Punkten
nur oberflächlich Auskunft geben. Zum anderen und weitaus wichtiger sei, dass sich
der Beschwerdeführer in der Schule mit grossem persönlichem Einsatz adäquat
verhalte, was er dann zu Hause nicht mehr könne. Dieses für Menschen mit einer
Autismus-Spektrum-Störung typische Verhalten sei überhaupt nicht gewürdigt worden.
Die Beschwerdegegnerin habe die Aussage der Lehrerin in den Vordergrund gestellt
und die Aussage der Mutter durch den Hinweis, es würden erzieherische und familiäre
Probleme bestehen, entwertet. Dabei habe sie in einer internen Notiz vom 8. November
2016 selbst festgehalten, dass es sich vorliegend um ein medizinisches und nicht um
ein erzieherisches Problem handle. Dies werde durch den Bericht des
schulpsychologischen Dienstes vom 8. Juni 2017 eindrücklich bestätigt. Des Weiteren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe die Beschwerdegegnerin die Voraussetzungen eines Intensivpflegezuschlages
nicht geprüft. Die Schulpsychologin F._ hatte in ihrem Bericht vom 8. Juni 2017
angegeben (act. G 1.6), dass die schulischen Entlastungsmassnahmen die Situation
zuhause nicht verbessert hätten. Der Beschwerdeführer vermöge im gut strukturierten,
eng geführten Unterricht und mit der heilpädagogischen Förderung eine grosse
Anpassungsleistung wie auch Lernerfolge zu erbringen. Dies erfordere aber viel Energie
von ihm, sodass sich die Symptomatik zuhause typischerweise verstärkt zeige. Trotz
der Unterstützungsmassnahmen seien die besorgten Eltern mit dem Verhalten des
Beschwerdeführers stark gefordert. Das Verhalten des älteren Bruders, der ebenfalls
eine Asperger-Diagnose erhalten habe, wirke sich erschwerend auf die Situation aus.
Die Eltern-Kind-Beziehung sei stark belastet und der Leidensdruck sei gross. Beim
Beschwerdeführer liege ein erhöhter individueller Betreuungsbedarf auf persönlicher
wie auch auf schulischer Ebene im Sinne einer Sonderschulbedürftigkeit vor. Die Eltern
hätten sich für eine interne Sonderbeschulung entschieden.
C.b Ein Fachberater des Bereichs Hilflosenentschädigung/Sachleistungen notierte am
24. Oktober 2017 (IV-act. 100), dass zu Hause ein grösseres Konfliktpotential
vorhanden zu sein scheine, insbesondere weil beide Kinder gewisse
Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen. Der Beschwerdeführer benötige eine klare
Struktur. Inwiefern eine solche zu Hause gewährleistet werde, sei schwierig zu
beantworten. Jedenfalls werde in erster Linie von familiären Schwierigkeiten mit einer
schwierigen Geschwisterkonstellation berichtet. Interessant sei auch, dass die
Lehrpersonen sich gegenüber einer Sonderbeschulung kritisch geäussert hätten. Die
Abweisung des Gesuchs um eine Hilflosenentschädigung sei korrekt gewesen.
C.c Die Beschwerdegegnerin beantragte am 8. November 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung hielt sie fest, im Vordergrund stehe die strittige
Frage, wie der IV-Abklärungsbericht, die Aussage der Lehrerin und die Stellungnahme
des RAD vom 2. Mai 2017 zu würdigen seien. Die Beobachtungen der Klassenlehrerin
hätten gezeigt, dass der Beschwerdeführer entgegen den Aussagen der Mutter bei der
Körperhygiene, beim Essen und beim An- und Ausziehen nicht auf Hilfe angewiesen
sei. Die Klassenlehrerin habe sich im täglichen Umgang mit dem Beschwerdeführer
sehr wohl ein objektives Bild über diesen machen können. Des Weiteren sprächen
gewisse Aspekte dafür, dass für das Verhalten des Beschwerdeführers die familiäre
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Situation, insbesondere das Burnout des Vaters, verantwortlich sei. Die
Wahrnehmungen der IV-Abklärungsperson seien vom RAD geteilt worden. Der
Intensivpflegezuschlag setze einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung voraus,
welcher vorliegend fehle.
C.d Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers machte in seiner Replik vom 5. März
2018 ergänzend geltend (act. G 10), dass die indirekte Dritthilfe in verschiedenen
Lebensbereichen selbst im Sonderschulheim notwendig sei. Die Notwendigkeit der
indirekten Hilfe in den einzelnen Lebensverrichtungen und der Überwachungsbedarf
müssten noch einmal überprüft werden. Hierzu seien Fachpersonen der Autismushilfe
beizuziehen. Der Gesamtleiter und die Wohngruppenleiterin des Sonderschulheims
hatten am 8. Februar 2018 berichtet (act. G 10.1), dass der Beschwerdeführer in vielen
Belangen des alltäglichen Lebens, insbesondere beim An- und Auskleiden, bei der
Körperpflege und bei der Fortbewegung im Freien immer noch Unterstützung und
Kontrolle benötige. Die Sozialbegleiterin D._ hatte dem Rechtsvertreter am 9. Februar
2018 berichtet (act. G 10.2), dass sie eine derart schwierige Familiensituation mit
diesen andersartigen, aus ihrer Sicht komischen Problemen während ihrer 12-jährigen
Tätigkeit bei der Jugend- und Familienbegleitung noch nie erlebt habe. Die sozialen
Kompetenzen des Beschwerdeführers und seines Bruders seien nicht
altersentsprechend oder fehlten. Aus ihrer Sicht könnten die Brüder niemals alleine
bleiben. Sie stritten sich oft derb untereinander. Sie kopierten extrem das Verhalten der
Mitschüler. Wenn sie nach Hause in den Schutz der Familie kämen, brächen sie fast
zusammen. Die Mutter bemühe sich darum, die Familienregeln durchzusetzen. Leider
halte eine Konsequenz nach einem Regelverstoss kaum lange an und die Brüder fielen
in ihre Verhaltensmuster zurück. Die Familientragik sei durch den Sonderschulbesuch
des Beschwerdeführers gelindert worden.
C.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).

Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Als Eintretensvoraussetzung zu prüfen ist, ob die 30-tägige Beschwerdefrist (Art. 60
Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG, SR 830.1) zur Anfechtung der Verfügung eingehalten worden ist. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat die Verfügung vom 11. Juli 2017 am 14.
Juli 2017 erhalten. Die Beschwerdefrist hätte also eigentlich am 15. Juli 2017 zu laufen
begonnen. Während der Gerichtsferien vom 15. Juli bis 15. August stehen gesetzliche
Fristen, die nach Tagen oder Monaten bestimmt sind, jedoch still (Art. 38 Abs. 4 lit. b
ATSG). Die Frist hat also erst am 16. August 2017 zu laufen begonnen und wäre daher
am 14. September 2017 abgelaufen. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat
am 11. September 2017 und somit rechtzeitig Beschwerde erhoben. Auf die
Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung einen Anspruch
des Beschwerdeführers auf eine Hilflosenentschädigung und damit natürlich auch auf
einen Intensivpflegezuschlag verneint. Nachfolgend ist entsprechend den
Beschwerdebegehren zu prüfen, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung und einen Intensivpflegezuschlag hat.
2.2 Versicherte mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die hilflos
sind, haben nach Art. 42 Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung. Als
hilflos gilt, wer wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche
Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen Überwachung
bedarf (Art. 9 ATSG).
2.3 Die massgebenden alltäglichen Lebensverrichtungen betreffen sechs Bereiche:
Ankleiden/Auskleiden, Aufstehen/Absitzen/Abliegen, Essen, Körperpflege, Verrichten
der Notdurft und Fortbewegung (Rz. 8010 des Kreisschreibens über Invalidität und
Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung, KSIH, Stand 1. Januar 2017). Der Bedarf nach
Hilfeleistungen muss regelmässig und in erheblicher Weise bestehen. Regelmässig
werden Hilfeleistungen benötigt, wenn sie täglich oder eventuell täglich erbracht
werden müssen (vgl. Rz. 8025 KSIH). Erheblich sind Hilfeleistungen, wenn die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
versicherte Person mindestens eine Teilfunktion einer alltäglichen Lebensverrichtung
nicht mehr, nur noch mit unzumutbarem Aufwand oder nur noch auf unübliche Art und
Weise selbst ausführen kann oder wegen ihres psychischen Zustandes ohne
besondere Aufforderung nicht vornehmen würde, oder wenn sie sie selbst mit Hilfe
Dritter nicht erfüllen kann, weil sie für sie keinen Sinn hat (vgl. Rz. 8026 KSIH). Von der
direkten Dritthilfe bei der Ausführung der alltäglichen Lebensverrichtungen ist somit die
indirekte Dritthilfe zu unterscheiden. Die indirekte Hilfe betrifft zur Hauptsache
psychisch oder geistig behinderte Menschen. Indirekte Dritthilfe ist gegeben, wenn die
versicherte Person die alltäglichen Lebensverrichtungen zwar funktionsmässig selber
ausführen kann, dies aber nicht, nur unvollständig oder zu Unzeiten tun würde, wenn
sie sich selbst überlassen wäre. Die indirekte Dritthilfe setzt voraus, dass die
Drittperson regelmässig anwesend ist und die versicherte Person insbesondere bei der
Ausführung der in Frage stehenden Verrichtungen persönlich überwacht, sie zum
Handeln anhält oder von schädigenden Handlungen abhält und ihr nach Bedarf hilft
(Rz. 8029 f. KSIH).
2.4 Der Begriff der dauernden persönlichen Überwachung bezieht sich nicht auf die
alltäglichen Lebensverrichtungen. Hilfeleistungen, die bereits als direkte oder indirekte
Hilfe in einem Bereich der alltäglichen Lebensverrichtung Berücksichtigung gefunden
haben, können bei der Beurteilung der Überwachungsbedürftigkeit nicht nochmals ins
Gewicht fallen. Vielmehr ist darunter eine medizinische und pflegerische Hilfeleistung
zu verstehen, welche infolge des Gesundheitszustandes der versicherten Person
notwendig ist. Eine solche persönliche Überwachung ist beispielsweise dann
erforderlich, wenn eine versicherte Person wegen geistiger Absenzen nicht während
des ganzen Tages allein gelassen werden kann oder wenn eine Drittperson mit
kleineren Unterbrüchen bei der versicherten Person anwesend sein muss, da sie nicht
allein gelassen werden kann. Die persönliche Überwachung muss ein gewisses Mass
an Intensität aufweisen. Ob dauernde Hilfe oder persönliche Überwachung nötig sind,
ist objektiv, nach dem Zustand der versicherten Person zu beurteilen. Eine
Überwachungsbedürftigkeit darf angenommen werden, wenn die versicherte Person
ohne Überwachung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit sich selbst oder
Drittpersonen gefährden würde (vgl. Rz. 8035 KSIH).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.5 Gemäss Art. 42 Abs. 2 IVG ist zu unterscheiden zwischen schwerer,
mittelschwerer und leichter Hilflosigkeit. Bei Minderjährigen gilt die Hilflosigkeit als
mittelschwer, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in den
meisten (mindestens vier; siehe Rz. 8009 KSIH) alltäglichen Lebensverrichtungen
regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (lit. a) oder in
mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen
Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 2 lit. a und b der Verordnung über die
Invalidenversicherung, IVV, SR 831.201; lit. c gilt nur für volljährige versicherte
Personen, siehe Art. 42bis Abs. 5 IVG und Art. 38 Abs. 1 IVV). Eine leichte Hilflosigkeit
liegt vor, wenn die minderjährige versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln
in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
auf die Hilfe Dritter angewiesen ist oder einer dauernden persönlichen Überwachung
bedarf (Art. 37 Abs. 3 lit. a und b IVV; vgl. auch lit. c und d; lit. e gilt nur für volljährige
versicherte Personen, siehe Art. 42bis Abs. 5 IVG und Art. 38 Abs. 1 IVV). Bei
Minderjährigen ist nur der Mehrbedarf an Hilfeleistung und persönlicher Überwachung
im Vergleich zu nicht behinderten Minderjährigen gleichen Alters zu berücksichtigen.
2.6 Die Hilflosenentschädigung für Minderjährige, die zusätzlich eine intensive
Betreuung brauchen, wird um einen Intensivpflegezuschlag erhöht. Der monatliche
Intensivpflegezuschlag beträgt bei einem invaliditätsbedingten Betreuungsaufwand von
mindestens acht Stunden pro Tag 60 %, bei einem solchen von mindestens sechs
Stunden pro Tag 40 % und bei einem solchen von mindestens vier Stunden pro Tag 20
% des Höchstbetrages der Altersrente nach Art. 34 Abs. 3 und 5 AHVG. Der Zuschlag
berechnet sich pro Tag (Art. 42ter Abs. 3 IVG). Eine intensive Betreuung liegt bei
Minderjährigen vor, wenn diese im Tagesdurchschnitt infolge der Beeinträchtigung der
Gesundheit zusätzliche Betreuung von mindestens vier Stunden benötigen (Art. 39
Abs. 1 IVV). Anrechenbar als Betreuung ist der Mehrbedarf an Behandlungs- und
Grundpflege im Vergleich zu nicht behinderten Minderjährigen gleichen Alters. Nicht
anrechenbar ist der Zeitaufwand für ärztlich verordnete medizinische Massnahmen,
welche durch medizinische Hilfspersonen vorgenommen werden, sowie für
pädagogisch-therapeutische Massnahmen (Art. 39 Abs. 2 IVV). Bedarf eine
minderjährige Person infolge Beeinträchtigung der Gesundheit zusätzlich einer
andauernden Überwachung, so kann diese als Betreuung von zwei Stunden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angerechnet werden. Eine besonders intensive behinderungsbedingte Überwachung ist
als Betreuung von vier Stunden anrechenbar (Art. 39 Abs. 3 IVV). Gemäss den
bundesrätlichen Erläuterungen zu den Änderungen der IVV vom 21. Mai 2003 (AHI
2003 S. 311, S. 330) entsteht ein Anspruch auf den Intensivpflegezuschlag im Sinne
von Art. 39 Abs. 3 IVV nicht bereits dann, wenn ein Kind bloss während bestimmter
Stunden am Tag pflegerische Unterstützung benötigt. Abgegolten werden soll vielmehr
die für die Eltern extrem belastende Tatsache einer darüberhinausgehenden, rund um
die Uhr notwendigen invaliditätsbedingten Überwachung, sei es aus medizinischen
Gründen (z.B. Gefahr epileptischer Anfälle), sei es infolge einer spezifischen geistigen
Behinderung oder wegen Autismus (vgl. auch Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 19. Dezember 2006, I 684/05 E. 4.4).
3.
3.1 Die IV-Abklärungsperson ist gestützt auf eine Abklärung an Ort und Stelle vom 22.
Juni 2016 zum Schluss gekommen, dass in den meisten Bereichen (alltägliche
Lebensverrichtungen) eine indirekte Dritthilfe und im Verlauf teilweise eine direkte
Übernahme nötig sei. Diese Dritthilfe bei den alltäglichen Lebensverrichtungen könne
im Rahmen einer ständigen persönlichen Überwachung berücksichtigt werden (IV-act.
49-7). Diese Schlussfolgerung ist falsch gewesen, da sich der Begriff der dauernden
persönlichen Überwachung nicht auf die (indirekte Hilfe bei den) alltäglichen
Lebensverrichtungen bezieht, sondern auf zusätzliche Betreuungsleistungen. Eine
Überwachungsbedürftigkeit wird insbesondere angenommen, wenn die versicherte
Person ohne Überwachung sich selber oder Drittpersonen gefährden würde. Auf die
entsprechende Schlussfolgerung der IV-Abklärungsperson im Abklärungsbericht kann
somit nicht abgestellt werden.
3.2 Nachdem die IV-Abklärungsperson am 28. Februar 2017 ein Telefonat mit der
Klassenlehrerin des Beschwerdeführers geführt hatte, hat sie ihre Meinung aber
ohnehin revidiert. Der Grund dafür ist gewesen, dass sie aufgrund der Aussagen der
Klassenlehrerin die Angaben der Mutter als nicht mehr glaubhaft eingestuft hat, d.h. sie
ist davon ausgegangen, dass die Mutter falsche bzw. übertriebene Angaben zu den
Einschränkungen des Beschwerdeführers gemacht habe. Wäre dies der Fall gewesen,
hätten die Ergebnisse der Abklärung an Ort und Stelle keinen Beweiswert, da sich die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abklärung praktisch auf die Befragung der Mutter beschränkt hat; die
Augenscheinkomponente hat nur darin bestanden, dass die Wohnung in den Augen
der IV-Abklärungsperson sehr unordentlich gewesen ist. Die IV-Abklärungsperson hat
insbesondere die Aussage der Mutter, dass sie den Beschwerdeführer immer
überwachen müsse und nie alleine lassen könne, als unwahr qualifiziert. Zu diesem
Schluss ist sie gekommen, weil die Klassenlehrerin angegeben hat, dass der
Beschwerdeführer regelmässig sehr früh (z.B. 40 Minuten vor Schulbeginn) auf dem
Schulhof ankomme. Die Mutter hat anlässlich der Abklärung an Ort und Stelle
angegeben, dass der Beschwerdeführer den Schulweg in der Regel alleine zurücklege
(IV-act. 49-4). Die Mutter hat ihre Angabe, dass der Beschwerdeführer nie alleine
gelassen werden könne, also offensichtlich nicht auf den Schulweg bezogen. Der
Beschwerdeführer leidet unbestrittenermassen am Asperger-Syndrom. Die Kinder- und
Jugendpsychiaterin Dr. B._ hat in ihrem Bericht vom 12. Mai 2016 angegeben, dass
die psychischen Einschränkungen des Beschwerdeführers in einem sturen Verhalten,
einer nicht altersentsprechenden Selbständigkeit, in einer ungenügend flexiblen
Anpassung des Verhaltens an die jeweilige Situation und einer ungenügenden
Wahrnehmung und Interpretation der Umwelt bestünden. Die Eltern müssten
sensorische Überreizungen in der Schule dauernd regulieren/modulieren. Die
Schulpsychologin F._ hat im Bericht vom 29. September 2016 festgehalten, dass von
grossen Schwierigkeiten in der Wahrnehmung ausgegangen werden könne. Der
Beschwerdeführer passe sich in der Schule an, um nicht aufzufallen. Dies sei sehr
anstrengend für ihn. Die Belastbarkeit sei bei Kindern mit Asperger tief, das
Konfliktpotential zu Hause dementsprechend hoch. Der Beschwerdeführer benötige
viel Erholung. Für die Schule könne es schwierig sein, die Probleme zu Hause
nachzuvollziehen, vor allem wenn es schulisch gut laufe. Eine Asperger-Störung sei
eine unsichtbare Beeinträchtigung der Betroffenen im Alltag. In ihrem Bericht vom 8.
Juni 2017 hat die Schulpsychologin ergänzend festgehalten, dass der
Beschwerdeführer im gut strukturierten, eng geführten Unterricht und mit
heilpädagogischer Förderung eine grosse Anpassungsleistung wie auch Lernerfolge zu
erbringen vermöge. Dies erfordere jedoch viel Energie von ihm, sodass sich die
Symptomatik zuhause typischerweise verstärkt zeige. Die Ergotherapeutin E._ hat in
ihrem Bericht vom 12. Juni 2017 ausgeführt, dass Kinder mit den Schwierigkeiten des
Beschwerdeführers in der Schule weniger auffallen könnten, da die schulischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anforderungen strukturiert seien. Da der Energieaufwand für die schulischen
Anforderungen wegen der notwendigen Kompensationsleistungen sehr gross sei,
zerfielen die Handlungen zu Hause umso mehr. Die involvierten Fachpersonen haben
also übereinstimmend angegeben, dass das Verhalten des Beschwerdeführers in der
Schule ein völlig anderes sei als jenes zu Hause bzw. ausserhalb der Schule. Die
Mutter hat geltend gemacht, dass der Beschwerdeführer ständig überwacht werden
müsse, weil er sich an keine Regeln halte und den Zusammenhang zwischen Ursache
und Wirkung nicht verstehe. Diese Aussage bezieht sich auf das Verhalten des
Beschwerdeführers ausserhalb der Schule. Auf dem Schulweg und auf dem Schulhof
befindet sich der Beschwerdeführer hingegen bereits im Einflussbereich der Schule,
welcher durch klare Strukturen gekennzeichnet ist und wo er sich weitestgehend an die
Regeln hält. Da das Verhalten des Beschwerdeführers zu Hause bzw. in der Freizeit ein
völlig anderes ist als jenes in der Schule, kann daraus, dass sich der Beschwerdeführer
regelmässig längere Zeit vor dem Unterrichtsbeginn auf dem Schulhof einfindet und es
dann zu keinen Konflikten mit den anderen Schülern kommt, nicht abgeleitet werden,
dass die Mutter im Abklärungsbericht vom 30. August 2016 falsche oder übertriebene
Aussagen gemacht hätte.
3.3 Die Beschwerdegegnerin hat sich zudem darauf berufen, dass die Probleme zu
Hause nicht invaliditätsbedingt, sondern auf eine mangelhafte Erziehung
zurückzuführen seien. Diese Annahme ist in den Akten jedoch durch nichts belegt. Im
Gegenteil zeigen die Akten insbesondere von der Mutter ein positives Bild; sie
interagiere sehr positiv und unterstützend; die familiäre Förderung sei gut und die
Eltern seien einsichtig und kooperativ (IV-act. 6-5 und 12-13). Dass die Mutter mit
einem Arbeitspensum von 50 %, einem vier-Personen-Haushalt und der Betreuung von
zwei am Asperger-Syndrom leidenden Kindern an ihre Belastungsgrenze kommt, ist
nachvollziehbar und lässt nicht auf fehlerhafte Erziehungsmethoden schliessen. Im
Übrigen ist bekannt, dass Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, die vom Asperger-
Syndrom betroffen sind, fälschlicherweise oft einer mangelnden Erziehung
zugeschrieben werden, weil diese auf den ersten Blick viel weniger auffallen als Kinder,
die an der klassischen Form des Autismus leiden, da sie durchaus an Kontakten
interessiert sind und sich sprachlich in der Regel gut ausdrücken können (Asperger-
Hilfe Nordwestschweiz, www.aspergerhilfe.ch/asperger/, besucht am 25. Mai 2018).
Dass auch der mit dem Fall befasste RAD-Arzt Dr. G._ die Situation falsch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingeschätzt hat, kann wohl dadurch erklärt werden, dass er die Einschätzung der IV-
Abklärungsperson weitestgehend unreflektiert übernommen hat. Die
Verhaltensauffälligkeiten des Beschwerdeführers zu Hause können somit nicht mit
einer mangelhaften Erziehung begründet werden. Nach dem Gesagten kann dem
Abklärungsbericht vom 30. August 2016 der Beweiswert nicht von Vornherein
abgesprochen werden. Nachfolgend ist somit zu prüfen, ob anhand der im Recht
liegenden Unterlagen über den Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Hilflosenentschädigung und einen Intensivpflegezuschlag entschieden werden kann.
3.4 Zunächst ist zu klären, ob der Beschwerdeführer einer andauernden persönlichen
Überwachung bedarf. Die Mutter hat geltend gemacht, dass sie den Beschwerdeführer
nie alleine lassen könne, weil er sich an keine Regeln halte. Beispielsweise nehme er
noch heute alles in den Mund. So trinke er aus leeren, herumliegenden Dosen.
Manchmal laufe er einfach weg, ohne Bescheid zu sagen. Er könne den
Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht verstehen. Die Mutter hat zudem
erklärt, dass die beiden Brüder so oft wie möglich getrennt betreut werden müssten, da
die Situation sehr oft eskaliere, wenn die Brüder zusammen seien. Die Ergotherapeutin
hat die Aussagen der Mutter in ihren Berichten vom 5. Juli 2016 und 12. Juni 2017
bestätigt, indem sie erklärt hat, dass der Beschwerdeführer wegen der
Wahrnehmungsstörung bzw. dem mangelnden Erkennen von Ursache und Wirkung
Gefahren reduziert wahrnehme bzw. nicht einschätzen könne und daher ständig
beaufsichtigt werden müsse. Dass der Beschwerdeführer Mühe hat, Ursache und
Wirkung zu erkennen, ergibt sich in einem anderen Kontext auch aus dem Bericht des
Sonderschulheims vom 8. Februar 2018. Der Gesamtleiter und die
Wohngruppenleiterin haben angegeben, dass der Beschwerdeführer ohne Jacke in den
Schnee gehe; er könne keine Verbindung zwischen krank werden und kaltem Wetter
herstellen. Zu den Aussagen der Mutter, der Ergotherapeutin und den Betreuern des
Sonderschulheims passt auch die Einschätzung der Kinder- und Jugendpsychiaterin
Dr. B._. Sie hat in ihrem Bericht vom 12. Mai 2016 darauf hingewiesen, dass der
Beschwerdeführer über keine altersentsprechende Selbständigkeit verfüge, sein
Verhalten nur ungenügend an die jeweilige Situation anpassen könne und seine
Wahrnehmung und Interpretation der Umwelt ungenügend seien. Auch die
Schulpsychologin hat von grossen Schwierigkeiten in der Wahrnehmung gesprochen
(Bericht vom 29. September 2016). Die Angaben der Fachpersonen stützen somit die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aussagen der Mutter bezüglich der Überwachungsbedürftigkeit des
Beschwerdeführers. Auch die Sozialbegleiterin D._ hat die Angaben der Mutter
bestätigt und die Schwierigkeiten im Alltag mit den zwei Brüdern im Bericht vom 9.
Februar 2018 eindrücklich geschildert. Ihrer Aussage kommt insoweit ein besonderer
Stellenwert bzw. Beweiswert zu, als sie das Verhalten des Beschwerdeführers im Alltag
selbst miterlebt hat. Demnach steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer tagsüber aufgrund seiner
Wahrnehmungsstörung bzw. dem mangelhaften Erkennen von Ursache und Wirkung
nicht alleine gelassen werden kann, da das Risiko einer Selbstgefährdung zu gross ist.
Die Situation verschärft sich zudem dadurch, dass der Beschwerdeführer einen um
zwei Jahre älteren Bruder hat, der ebenfalls am Asperger-Syndrom leidet. Die Mutter
des Beschwerdeführers hat bereits im Anmeldeformular darauf hingewiesen, dass sie
permanent Streit zwischen den beiden Brüdern schlichten müsse, weil sie sich oft
missverstünden oder sich gegenseitig provozierten. Dies gehe soweit, dass sich der
Vater und die Mutter je mit einem Kind beschäftigen müssten; gemeinsame Ausflüge
seien kaum möglich (act. G 1.6). Die sozialen Kompetenzen des Beschwerdeführers
sind krankheitsbedingt mangelhaft: Er ist nicht in der Lage, sich in sein Gegenüber
hineinversetzen und er kann kaum formulieren, was ihn stört und was er braucht. Wäre
der Beschwerdeführer gesund, würde es zu weniger Missverständnissen zwischen den
Brüdern kommen und er könnte mit dem Verhalten und den Provokationen seines
Bruders viel besser umgehen bzw. seinem Bruder besser ausweichen. Dass sich die
Brüder derart oft streiten bzw. nicht miteinander umgehen können, ist somit
grösstenteils der Asperger-Symptomatik zuzuschreiben. Die "schwierige
Geschwisterkonstellation" ist daher entgegen der Meinung der Beschwerdegegnerin im
Rahmen der andauernden persönlichen Überwachung zu berücksichtigen.
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit auf eine andauernde persönliche Überwachung angewiesen ist.
3.5 Zu prüfen bleibt, ob in den alltäglichen Lebensverrichtungen eine Hilflosigkeit
besteht. Die Mutter hat angegeben, dass der Beschwerdeführer bei der Körperpflege
regelmässig und in erheblicher Weise auf Hilfe angewiesen sei. Sie hat dies damit
begründet, dass der Beschwerdeführer ohne Anleitung und Begleitung weder seine
Zähne putzen noch seinen Körper reinigen würde (indirekte Hilfe). Direkte Hilfe
benötige er beim Nachputzen der Zähne am Abend und beim Haare waschen. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mutter hat detailliert und überzeugend geschildert, inwieweit der Beschwerdeführer bei
der Körperpflege auf Hilfe angewiesen ist. Ihre Angaben sind zwischenzeitlich vom
Sonderschulheim bestätigt worden (act. G 10.1). Der Gesamtleiter und die
Wohngruppenleiterin haben angegeben, dass der Beschwerdeführer beim Haare
waschen Hilfe benötige, da er sonst nur etwas Wasser auf die Haare tröpfle. Und bei
der Zahnreinigung müsse stets eine erwachsene Person anwesend sein, damit der
Beschwerdeführer die Zähne ordentlich reinige. Demnach steht mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer im Bereich der
Körperpflege hilflos ist.
3.6 Die Mutter des Beschwerdeführers hat weiter angegeben, dass der
Beschwerdeführer bei der Verrichtung der Notdurft insoweit auf Hilfe angewiesen sei,
als er die Reinigung nicht sauber vornehme, im Anschluss an die Notdurftverrichtung
die Spülung nicht zuverlässig betätige, die Toilette in einem schmutzigen Zustand
hinterlasse und zum Händewaschen angeleitet werden müsse. Bezüglich der
ungenügenden Reinigung nach der Notdurftverrichtung ist anzumerken, dass die
Mutter nicht angegeben hat, dass sie regelmässig eine Nachreinigung bzw. eine
Überprüfung der Reinlichkeit vornehmen würde; vielmehr hat sie anlässlich der
Abklärung an Ort und Stelle erklärt, dass der Beschwerdeführer die Reinigung selber
vornehme. Diesbezüglich würde somit weiterer Abklärungsbedarf bestehen; da der
Beschwerdeführer, wie nachfolgend aufgezeigt wird, jedoch in anderen Teilfunktionen
der Notdurftverrichtung nachweislich hilflos ist, können weitere diesbezügliche
Abklärungen unterbleiben. Die IV-Abklärungsperson hat festgehalten, dass die
Aufforderung zum Hände waschen im Bereich der Körperpflege berücksichtigt werde
und ein kurzes verbales Auffordern zum Hände waschen im Übrigen nicht dem
Grundsatz der Erheblichkeit entspreche. Weshalb auch die Aufforderung zum
ordentlichen Verlassen der Toilette nicht zu berücksichtigen sei, hat sie hingegen nicht
näher begründet (IV-act. 83-3). Nach den hiesigen Gepflogenheiten und Werten gehört
das ordentliche Verlassen der Toilette in den Bereich der Notdurftverrichtung. Von den
Eltern kann also nicht verlangt werden, dass sie sich einfach damit abfinden bzw.
akzeptieren, dass die Toilette bei ihnen zu Hause regelmässig schmutzig ist. Entgegen
der Meinung der IV-Abklärungsperson gehört auch die Aufforderung zum
Händewaschen nach dem Toilettengang in den Bereich der Verrichtung der Notdurft. In
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Bereich der Körperpflege fällt nur die tägliche Körperreinigung und -pflege wie
duschen, rasieren, die Haare kämmen etc.
3.7 Die Angabe der Klassenlehrerin, dass der Beschwerdeführer in der Schule die
Notdurft selbständig verrichte, vermag keine Zweifel an den Angaben der Mutter zu
wecken; die Lehrpersonen haben, worauf der Rechtsvertreter zu Recht hingewiesen
hat, gar nicht die Möglichkeit, zu kontrollieren, ob die Schüler die Toilette in einem
sauberen Zustand hinterlassen und ob sie sich nach dem Toilettengang die Hände
ordentlich waschen. Demnach steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer im Bereich der Verrichtung der
Notdurft insoweit auf Hilfe angewiesen ist, als kontrolliert werden muss, ob er die
Toilette in einem sauberen Zustand verlassen hat. Zudem muss er nach dem
Toilettengang zum Händewaschen angeleitet werden. Mit der Hilflosigkeit in diesen
zwei Teilfunktionen der Notdurftverrichtung ist die Erheblichkeitsschwelle eindeutig
erreicht. Der Beschwerdeführer ist somit auch im Bereich der Notdurftverrichtung
regelmässig und in erheblicher Weise auf Hilfe angewiesen.
3.8 Da der Beschwerdeführer auf eine andauernde persönliche Überwachung
angewiesen und in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen hilflos ist, ist ein
Anspruch auf eine Entschädigung wegen mittlerer Hilflosigkeit ausgewiesen. Eine
schwere Hilflosigkeit fällt bereits deshalb ausser Betracht, weil der Beschwerdeführer
im Bereich des Aufstehens, Absitzens und Abliegens unbestrittenermassen nicht hilflos
ist. Daher kann offen gelassen werden, ob der Beschwerdeführer in den Bereichen An-
und Auskleiden, Essen und Fortbewegung regelmässig und in erheblicher Weise auf
Hilfe angewiesen ist. Der Beschwerdeführer ist am 11. Februar 2016 (Eingang) zum
Bezug einer Hilflosenentschädigung angemeldet worden. Macht eine versicherte
Person ihren Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung mehr als zwölf Monate nach
dessen Entstehung geltend, so wird die Leistung in Abweichung von Art. 24 Abs. 1
ATSG nur für die zwölf Monate nachgezahlt, die der Geltendmachung vorangehen. Der
Beschwerdeführer ist im Anmeldezeitpunkt 8-jährig gewesen. Beim Asperger-Syndrom
handelt es sich um ein Geburtsgebrechen. Daher ist davon auszugehen, dass der
invaliditätsbedingte Mehraufwand im Vergleich zu einem nicht behinderten Kind
gleichen Alters mindestens seit der Einschulung im Jahr 2013 besteht. Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer hat daher wegen einer verspäteten Anmeldung ab Februar 2015
einen Anspruch auf eine Entschädigung wegen einer mittelschweren Hilflosigkeit.
3.9 Schliesslich bleibt noch der Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag zu prüfen.
Ob ein Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag besteht, hängt vom täglichen
Betreuungsaufwand ab. Der Bedarf nach einer andauernden Überwachung kann als
Betreuung von zwei Stunden, eine besonders intensive behinderungsbedingte
Überwachung als Betreuung von vier Stunden angerechnet werden. Die
Beschwerdegegnerin hat den zeitlichen Betreuungsaufwand anlässlich der Abklärung
an Ort und Stelle nicht ermittelt. Diesbezüglich ist die Sache deshalb an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Da sich der Beschwerdeführer unter
Beobachtung einer fremden Person wahrscheinlich deutlich anders verhält, als wenn
nur die Eltern anwesend sind, dürfte ein echter Augenschein kaum gelingen. Daher
wird die erneute Abklärung an Ort und Stelle wohl wieder auf eine reine Befragung der
Eltern, insbesondere der Mutter, hinauslaufen. Vor diesem Hintergrund erscheint der
Antrag des Rechtsvertreters, für die Abklärung an Ort und Stelle eine Fachperson der
Autismushilfe beizuziehen, als sinnvoll, da diese Person die Angaben der Eltern wird
plausibilisieren können. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der
Beschwerdeführer ab Februar 2015 Anspruch auf eine Entschädigung wegen einer
mittelschweren Hilflosigkeit hat. Die Sache ist zur weiteren Abklärung bezüglich des
Anspruchs auf einen Intensivpflegezuschlag an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.10 Demnach ist die angefochtene Verfügung in Gutheissung der Beschwerde
aufzuheben und dem Beschwerdeführer ist ab Februar 2015 eine Entschädigung
wegen einer mittelschweren Hilflosigkeit zuzusprechen; die Sache ist zur Festsetzung
des konkreten Leistungsanspruchs und zur Prüfung des Anspruchs des
Beschwerdeführers auf einen Intensivpflegezuschlag an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.
4.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird dem Beschwerdeführer
zurückerstattet.
4.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat keine Honorarnote eingereicht. In einem
durchschnittlichen IV-Rentenfall spricht das Versicherungsgericht praxisgemäss eine
pauschale Entschädigung von Fr. 3'500.-- zu. Der Zeitaufwand des Rechtsvertreters für
das Aktenstudium ist im Vergleich zu einem durchschnittlichen IV-Rentenfall im
vorliegenden Fall erheblich geringer gewesen. Schwierige Rechtsfragen haben sich
keine gestellt. Da der Aufwand des Rechtsvertreters im Vergleich zu einem "normalen"
IV-Fall daher klar unterdurchschnittlich gewesen ist, erscheint im vorliegenden Fall eine
pauschale Entschädigung von Fr. 2'500.-- als angemessen. Die Beschwerdegegnerin
hat den Beschwerdeführer entsprechend mit Fr. 2'500.-- (einschliesslich Barauslagen
und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.