Decision ID: de3fa5e0-36ce-4b6f-9db5-6c9c887240cc
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 23. Juni 2021 in der Schweiz um
Asyl nach.
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er im Wesentlichen aus, sein
Vater sei Inhaber einer (...) gewesen, welche sich gegenüber einer Basis
der Liberation Tigers of Tamil Ealam (LTTE) befunden habe. Er selbst habe
in der (...) ausgeholfen. Sein Vater habe den LTTE in den Jahren
2004/2005 bis 2009 geholfen, (...) und (...) in Fahrzeugen zu verstecken.
Weder er noch sein Vater hätten jemals Einzelheiten über diese Transporte
und den Verbleib der in den Fahrzeugen versteckten Gegenständen erfah-
ren. In der Folge seien sie beide mehrfach befragt und gefoltert worden. Im
(...) 2013 sei sein Vater infolge der Misshandlungen verstorben. Aufgrund
der Bedrohungslage sei er im (...) 2017 in die B._ gereist. Während
seiner Landesabwesenheit hätten sich die Behörden wiederholt bei seiner
Mutter nach seinem Verbleib erkundigt. Im (...) 2019 sei er nach Sri Lanka
zurückgekehrt und erneut befragt worden. Im (...) 2020 sei er wiederum
ausgereist.
A.b Mit Verfügung vom 14. Oktober 2021 verneinte die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
A.c Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsge-
richt mit Urteil E-5033/2021 vom 21. Januar 2022 ab.
B.
B.a Am 12. März 2022 reichte der Beschwerdeführer bei der Vorinstanz
eine als Mehrfachgesuch bezeichnete Eingabe ein.
Zur Begründung machte er im Wesentlichen geltend, sein Vater habe die
LTTE aktiver unterstützt als er bisher geltend gemacht habe. Er habe (...)
und (...) von der LTTE erhalten, um (...), (...) zu (...) und (...). Auch er
selbst sei in diese Aktivitäten involviert gewesen. Aus Angst ausgeschafft
zu werden, habe er diese Tätigkeiten im ordentlichen Verfahren nicht er-
wähnt. Zudem habe er sich vor seiner Ausreise aus Sri Lanka politisch en-
gagiert. Ferner habe er erfahren, dass zwei Angestellte der Sicherheitsbe-
hörden sich bei seiner Mutter nach seinem Verbleib erkundigt hätten.
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Schliesslich sei er psychisch krank und entgegen der Ansicht der Vor-in-
stanz müsste er die Kosten für medizinische Behandlungen in Sri Lanka
selbst tragen.
Als Beweismittel reichte er ein auf Englisch verfasstes Schreiben eines An-
walts vom 1. März 2022, ein nicht übersetztes Schreiben seiner Mutter vom
5. März 2022, mehrere Belege bezahlter Arztrechnungen aus den Jahren
2016 bis 2019 und diverse Fotos ein.
B.b Mit Verfügung vom 19. Mai 2022 qualifizierte die Vorinstanz die Ein-
gabe als Wiedererwägungsgesuch, trat darauf nicht ein und stellte fest, die
Verfügung vom 14. Oktober 2021 sei rechtskräftig und vollstreckbar. Auf
die Vorbringen betreffend Offenlegung der wahren Tätigkeiten des Vaters
für die LTTE, das politische Engagement des Beschwerdeführers vor der
Ausreise aus Sri Lanka, Nichtübernahme der Gesundheitskosten durch
den sri-lankischen Staat sowie den Nachweis eines Aufenthalts in Sri
Lanka im (...) 2019 trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 9
Abs. 2 VwVG mangels funktioneller Zuständigkeit nicht ein. Gleichzeitig
erhob sie eine Gebühr von Fr. 600.–, wies die Anträge um Ansetzung einer
Anhörung sowie um Vornahme zusätzlicher Instruktionsmassnahmen
durch die Schweizerische Botschaft in C._ ab und hielt fest, einer
allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
C.
C.a Mit Eingabe vom 3. Juni 2022 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die angefochtene Ver-
fügung sei aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und
es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei ihm die vorläufige Aufnahme
zu erteilen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
C.b Am 8. Juni 2022 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
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– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.20]). Der
Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist – unter Vor-
behalt von E. 2.2 – einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Prüfungsgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet
die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Wiedererwägungsgesuch
nicht eingetreten ist. Das Bundesverwaltungsgericht enthält sich, sofern es
den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet, einer selbstän-
digen Prüfung; es hebt die angefochtene Verfügung auf und weist die Sa-
che zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl. BVGE 2007/8
E. 2.1 m.w.H.). Die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft so-
wie der Gewährung von Asyl und eventualiter der vorläufigen Aufnahme
sind nicht Gegenstand des Verfahrens, weshalb auf die entsprechenden
Anträge nicht einzutreten ist.
3.
Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung ihres Nichteintretensentscheids hielt die Vorinstanz
fest, das Wiedererwägungsgesuch erschöpfe sich in weiten Teilen in Wie-
derholungen von bereits im ordentlichen Verfahren geltend gemachten
Vorbringen. Sofern der Beschwerdeführer vorbringe, seine Mutter sei am
28. Februar 2022 aufgesucht und nach seinem Verbleib gefragt worden,
sei festzuhalten, dass der Rechtsvertreter dies in mehreren anderen Ver-
fahren ebenfalls vorgebracht habe, ohne einen Beweis für die Besuche zu
erbringen. Das auf Tamilisch verfasste Schreiben der Mutter vom 5. März
2022 sei als Gefälligkeitsschreiben einer nahestehenden Person zu quali-
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fizieren, womit es keinen Beweiswert entfalte. In antizipierter Beweiswürdi-
gung könne auf dessen Übersetzung verzichtet werden. Ebenfalls keinen
Beweiswert habe das Schreiben des Anwalts vom 1. März 2022, da es
nicht fälschungssicher sei. Ferner sei nicht ersichtlich, weshalb die beiden
Schreiben nicht bereits während des ordentlichen Verfahrens hätten er-
stellt und beigebracht werden können. Betreffend die allgemeine Situation
in Sri Lanka und die Möglichkeit der Behandlung von psychischen Erkran-
kungen könne auf die Verfügung vom 14. Oktober 2021 und das Urteil
E-5033/2021 vom 21. Januar 2022 verwiesen werden. Schliesslich sei das
SEM zur Prüfung der Vorbringen betreffend das effektive Engagement des
Vaters für die LTTE und die politischen Tätigkeiten des Beschwerdeführers
vor der Ausreise funktionell nicht zuständig. Gleiches gelte betreffend die
Fotos eines Heldengedenktages und einer am 31. Januar 2019 stattgefun-
denen Geburtstagsfeier.
4.2 In der Rechtsmitteleingabe bringt der Beschwerdeführer vor, die Vor-
instanz habe sich nicht mit den eingereichten Beweismitteln, insbesondere
dem Schreiben des Anwalts, auseinandergesetzt. Er habe aus Angst, mit
Terrorismus in Verbindung gebracht zu werden, wichtige Details des Enga-
gements seines Vaters für die LTTE im ordentlichen Verfahren nicht er-
wähnt. Ferner habe sich die wirtschaftliche Situation in Sri Lanka seit dem
Urteil E-5033/2021 vom 21. Januar 2022 verschlechtert. Es habe seit April
2022 zahlreiche Demonstrationen, Streiks und Strassenblockaden gege-
ben.
5.
5.1 Die Ausführungen der Vorinstanz erweisen sich als zutreffend und sind
nicht zu beanstanden. Mit der neu vorgebrachten aktiveren Rolle des Va-
ters bei den LTTE und den politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers
vor der Ausreise aus Sri Lanka werden keine Tatsachen angerufen, die erst
nach Abschluss des ordentlichen Verfahrens eingetreten sind, sondern
vielmehr solche, die sich bereits zuvor ereignet haben, vom Beschwerde-
führer aber bisher verschwiegen worden sind. Die Fotos eines Heldenge-
denktages sowie diejenigen einer am 31. Januar 2019 stattgefundenen
Geburtstagsfeier und die Belege bezahlter Arztrechnungen aus den Jahren
2016 bis 2019 sind ebenfalls vor dem Urteil E-5033/2021 vom 21. Januar
2022 entstanden. Diese Vorbringen wären somit gegebenenfalls im Rah-
men eines Revisionsgesuchs durch das Bundesverwaltungsgericht zu prü-
fen. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht auf diese Vorbringen materiell
nicht eingegangen. Anzufügen ist, dass die Eingabe vom 22. März 2021
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vom Gericht bereits aus formellen Gründen nicht als Revisionsgesuch ent-
gegenzunehmen ist (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art 121 BGG).
5.2 Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers hat sich die Vor-
instanz sodann mit den Beweismitteln, welche nach dem Urteil
E-5033/2021 vom 21. Januar 2022 entstanden sind, auseinandergesetzt.
Sie führte zutreffend aus, die Schreiben der Mutter und des Anwalts hätten
aufgrund der Nähe zum Beschwerdeführer respektive mangels Fäl-
schungsmerkmalen nur einen geringen Beweiswert. Dessen ungeachtet
legt der Beschwerdeführer nicht dar, weshalb es ihm nicht möglich gewe-
sen sein soll, diese im ordentlichen Verfahren erhältlich zu machen und
einzureichen, zumal er in Kontakt mit seiner Mutter stand und das Schrei-
ben des Anwalts anlässlich der Anhörung bereits in Aussicht gestellt hat
(vgl. act. 1100084-33/22 F8 ff.). Was die Zumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung betrifft, so ist auf die Erwägungen im Urteil E-5033/2021 vom
21. Januar 2022 zu verweisen. In diesem rechtskräftig abgeschlossenen
Verfahren hat sich das Gericht mit der Frage der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs einlässlich auseinandergesetzt und diese bejaht. Auch
aktuell geht das Bundesverwaltungsgericht nicht von einer Situation allge-
meiner Gewalt in Sri Lanka aus (vgl. statt vieler Urteil E-990/2020 vom
15. Juni 2022 E. 9.3.1 und D-3946/2020 vom 21. April 2022 E. 11.2 mit
weiteren Hinweisen). Zwar weist der Beschwerdeführer auf die sich ver-
schlechternde Wirtschaftslage in Sri Lanka hin, macht aber keine individu-
ellen Gründe geltend, welche seine Rückkehr unzumutbar erscheinen las-
sen.
5.3 Schliesslich ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer in seiner
Rechtsmitteleingabe in erster Linie Vorbringen des ordentlichen Asylver-
fahrens wiederholt, welche bereits rechtskräftig beurteilt wurden. Der Be-
schwerdeführer ist – auch im Hinblick auf die Begehung allfälliger künftiger
ausserordentlicher Verfahrensschritte – mit Nachdruck darauf aufmerksam
zu machen, dass ein Wiedererwägungsgesuch (wie auch ein Mehrfachge-
such oder eine Revision) nicht beliebig zulässig ist und namentlich nicht
dazu dienen darf, blosse Urteilskritik zu üben, die Rechtskraft von Verwal-
tungs- und Gerichtsentscheiden immer wieder infrage zu stellen oder die
Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu umgehen.
5.4 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Das
SEM ist in Anwendung von Art. 9 Abs. 2 VwVG und Art. 111b AsylG zu
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Recht auf das Wiedererwägungsgesuch nicht eingetreten. Die Be-
schwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
6.
6.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
6.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 1'500.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
6.3 Mit dem vorliegenden Urteil wird das Gesuch um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
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