Decision ID: 6218eb8a-68c9-4556-9044-4af521498584
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Andreas A. Oehler, MLaw, Oehler Stadelmann
Rechtsanwälte, Kesslerstrasse 1, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 23. September 2002 zum Bezug von IV-Leistungen an (act.
G 6.1). Am 10. November 2003 wurde sie in der ABI Aerztliches Begutachtungsinstitut
GmbH interdisziplinär untersucht. Die Experten diagnostizierten mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit ein mittelstark ausgeprägtes Karpaltunnelsyndrom links (ICD-10:
G56.0) sowie ein leicht ausgeprägtes Zervikalsyndrom mit Zervikobrachialgie rechts
(ICD-10: M53.0). Leidensangepasste Tätigkeiten seien der Versicherten
uneingeschränkt ganztags zumutbar (Gutachten vom 8. Dezember 2003, act.
G 6.18-2 ff.). Am 3. und 5. Juli 2007 fand eine Verlaufsbegutachtung in der ABI statt.
Die Experten stellten folgende Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: eine
leichte depressive Episode (ICD-10: F32.0), ein Karpaltunnelsyndrom links,
mittelschwerer bis schwerer Ausprägung, sowie ein chronisches Zervikalsyndrom
(ICD-10: M50.3). Für leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigten sie eine 80%ige
Restarbeitsfähigkeit (Gutachten vom 23. Oktober 2007, act. G 6.87-2 ff.).
A.b In der Verfügung vom 26. Februar 2008 wies die IV-Stelle einen Rentenanspruch
der Versicherten ab (act. G 6.103). Die dagegen erhobene Beschwerde vom 14. April
2008 hiess das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom
16. März 2009 teilweise gut. Es wies die Sache hinsichtlich der von der Versicherten
ausgeübten Nebenerwerbstätigkeiten und deren Auswirkungen für die Bestimmung
des Valideneinkommens zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle zurück (Urteil vom
16. März 2009, IV 2008/177, act. G 6.123).
A.c Die Beschwerdegegnerin holte in der Folge beim Rechtsvertreter der Versicherten
sowie mehreren teilweise ehemaligen Arbeitgebern Auskünfte bezüglich
Nebenerwerbstätigkeiten ein (act. G 6.125 ff.). Mit Vorbescheid vom 15. Januar 2010
stellte sie in Aussicht, das Rentengesuch der Versicherten abzuweisen. Die
Abklärungen hätten ergeben, dass die Versicherte im B._ vor Eintritt des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsschadens bereits zu einem Pensum von 100% beschäftigt gewesen sei.
Sie hätte damals bereits mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 45 Stunden deutlich
über dem schweizerischen Mittelwert für Arbeitnehmerinnen von 41.7 Wochenstunden
gearbeitet. Deswegen hätte sie mit den Nebentätigkeiten am Freitagabend, am
Samstag und am Sonntag über das zumutbare Mass hinaus gearbeitet. Für die
Berechnung des Valideneinkommens sei daher einzig der Verdienst aus dem
Haupterwerb beim B._ zu berücksichtigen. Insgesamt ergebe sich daher ein nicht
rentenbegründender Invaliditätsgrad von 30% (act. G 6.152).
A.d Dagegen erhob die Versicherte am 24. Februar 2010 Einwand. Sie stellte sich auf
den Standpunkt, dass die aktenkundigen Nebenerwerbstätigkeiten bei der Berechnung
des Valideneinkommens zu berücksichtigen seien. Das Invalideneinkommen habe sich
entgegen der Auffassung der IV-Stelle nach der tatsächlich noch ausgeübten
Verdiensttätigkeit beim B._ zu richten (act. G 6.155).
A.e Am 2. März 2010 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid vom
15. Januar 2010 und wies einen Rentenanspruch ab. Das Versicherungsgericht habe
im Rückweisungsentscheid vom 16. März 2009 Überlegungen angestellt, die mit den
üblichen physischen und psychischen Anforderungen an eine Arbeitskraft in der
hiesigen Gesellschaft nicht vereinbar seien. Die Versicherte könne nicht 7 Tage die
Woche erwerbstätig sein, den ganzen Haushalt verrichten und dabei noch ihren
kranken Ehegatten pflegen (act. G 6.156).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 2. März 2010 richtet sich die Beschwerde vom 19. April
2010. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolge
deren Aufhebung und die Zusprache einer mindestens halben Rente ab 1. Juni 2006.
Eventualiter sei die Sache zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Im Wesentlichen bringt sie vor, dass die Haupterwerbstätigkeit einer
zumutbaren Aufnahme von Nebenerwerbstätigkeiten nicht entgegengestanden sei. Sie
habe nachweislich während längerer Zeit Nebenbeschäftigungen ausgeübt und sei
auch finanziell darauf angewiesen gewesen. Sehr selten sei es im Fall der
Beschäftigung bei C._ vorgekommen, dass sie von einem Sohn unterstützt worden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei. Dies ändere aber nichts daran, dass der entsprechende Verdienst bei der
Ermittlung des Valideneinkommens mit einzubeziehen sei. Ferner sei die Annahme der
Beschwerdegegnerin unzutreffend, sie würde ganz allein den gesamten Haushalt
bestreiten und ihren Gatten quasi den ganzen Tag pflegen. Vielmehr würden sie und ihr
Gatte durch ihre Kinder unterstützt (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 14. Juli 2010
die Abweisung der Beschwerde. Hinsichtlich der Bestimmung des
Invalideneinkommens vertritt sie den Standpunkt, dass nicht auf den tatsächlich noch
erzielten Verdienst, sondern auf die Statistik abzustellen sei. Bei der Berechnung des
Valideneinkommens sei zu Recht bloss die Hauptbeschäftigung berücksichtigt worden.
Nebst den in der angefochtenen Verfügung dargelegten Gründen rechtfertige sich ein
Einbezug der Nebenverdienste auch deshalb nicht, weil nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit feststehe, dass die Beschwerdeführerin als Gesunde weiterhin in
diesem Umfang erwerbstätig gewesen wäre. Zudem sei nicht erwiesen, dass sie die
Arbeitsleistung tatsächlich selbst erbracht habe. Schliesslich handle es sich bei den
Nebenerwerbstätigkeiten um sogenannt parallel zum Haupterwerb stehende
Tätigkeiten. Deshalb sei die gesamte Erwerbstätigkeit auf ein 100%-Pensum zu kürzen
(act. G 6).
B.c Die Beschwerdeführerin hält in der Replik vom 3. September 2010 unverändert an
ihrer Beschwerde fest. Ergänzend bringt sie vor, dass bei der Bestimmung des
Invalideneinkommens gestützt auf die Statistik ein Tabellenlohnabzug von mindestens
15% gerechtfertigt sei (act. G 8).
B.d Unter Verweis auf die Beschwerdeantwort verzichtet die Beschwerdegegnerin auf
eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
Im Streit liegt vorliegend der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin. Zu prüfen ist
dabei mit Blick auf den Entscheid vom 16. März 2009 lediglich noch die Höhe der
Vergleichseinkommen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Hinsichtlich des zeitlich anwendbaren Rechts sowie den Voraussetzungen für die
Zusprache einer Invalidenrente kann auf die Ausführungen im Rückweisungsentscheid
vom 16. März 2009, IV 2008/178, E. 1.1 ff., verwiesen werden (act. G 6.123-6 ff.).
3.
Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was die versicherte
Person im Zeitpunkt des (allfälligen) Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde hätte verdienen können. Dabei wird -
primär aus Beweisgründen - in der Regel am zuletzt erzielten, der Teuerung und der
realen Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer
Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
fortgesetzt worden wäre. Die Invalidenversicherung bietet als
Erwerbsunfähigkeitsversicherung grundsätzlich nur Versicherungsschutz für eine
übliche, normale erwerbliche Tätigkeit. In die Vergleichsrechnung einzubeziehen sind
daher nur Einkünfte, die bei einem normalen Arbeitspensum erzielt werden.
Praxisgemäss gehören dazu auch regelmässig geleistete Überstunden sowie aus einer
Nebenbeschäftigung oder selbstständiger Erwerbstätigkeit fliessendes Entgelt. Eine
herabgesetzte Anrechenbarkeit kommt dagegen bei Mehrfachbeschäftigungen über ein
Vollpensum hinaus (Kumulierung von Erwerbs- und Haushaltsarbeit, Ausübung
verschiedener wirtschaftlich gleichbedeutender Erwerbstätigkeiten) zum Tragen.
Einkünfte sind nur dann als Valideneinkommen zu berücksichtigen, wenn sie bereits im
Gesundheitsfall erzielt wurden und weiterhin erzielt worden wären, wenn die
versicherte Person keine gesundheitliche Beeinträchtigung erlitten hätte. Ein
Valideneinkommen wird auch dann gänzlich berücksichtigt, wenn es im Rahmen einer
oberhalb eines bestimmten Durchschnitts liegenden Arbeitszeit erzielt wurde. Weder
das Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) noch dasjenige
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sehen eine
obere Grenze für das massgebende Valideneinkommen vor. Die Rechtsordnung
verbietet es den versicherten Personen auch nicht, mehr als 8.5 Stunden pro Tag zu
arbeiten. In zahlreichen Kaderpositionen oder in Bereichen wie z.B. der medizinischen
Pflege ist dies denn auch keine Seltenheit. Unter dem Gesichtspunkt der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rechtsgleichen Behandlung ist daher nicht einzusehen - und auch die
Beschwerdegegnerin benennt hierfür keine plausiblen Gründe -, weshalb
gegebenenfalls nicht auch ein Entgelt als Validenlohn berücksichtigt wird, das während
einer überdurchschnittlichen Arbeitszeit erzielt worden ist (vgl. zum Ganzen Urteil des
Bundesgerichts vom 25. Februar 2011, 8C_671/2010, E. 4.5.1 ff. mit Hinweisen, worin
im Übrigen offen gelassen wurde, ob an der von der Beschwerdegegnerin
vorgebrachten Rechtsprechung [Urteil des Bundesgerichts vom 23. Juli 2007, I 433/06,
betreffend parallel zueinander ausgeübten, wirtschaftlich gleichbedeutenden
Erwerbstätigkeiten] festzuhalten sei).
3.1 Die Beschwerdeführerin absolvierte ihre Hauptbeschäftigung beim B._, wobei
eine wöchentliche Arbeitszeit von 45 Stunden vereinbart wurde (act. G 6.11). Gemäss
vorstehend genannter Rechtsprechung (E. 3) steht dieser Haupterwerb einer im
Rahmen der Ermittlung des Valideneinkommens zu berücksichtigenden
Nebenbeschäftigung nicht entgegen. Vorliegend ergeben sich weder aus den Akten
noch aus den Ausführungen der Beschwerdegegnerin Anhaltspunkte dafür, dass die
Beschwerdeführerin - vor Eintritt des Gesundheitsschadens - das ihr zumutbare Mass
durch die Aufnahme einer Nebenbeschäftigung überschritten hätte. Ob an der von der
Beschwerdegegnerin ins Feld geführten Rechtsprechung I 433/06 festzuhalten ist (zur
uneinheitlichen Rechtsprechung bezüglich parallel zueinander ausgeübten,
wirtschaftlich gleichbedeutenden Erwerbstätigkeiten vgl. Ulrich Meyer, Bundesgesetz
über die Invalidenversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer, Rechtsprechung
des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 2. Auflage, Zürich 2010, S. 306 f.),
ist im vorliegenden Verfahren nicht zu befinden. Denn vorliegend stehen der
Hauptbeschäftigung beim B._ keine wirtschaftlich gleichbedeutenden
Erwerbstätigkeiten gegenüber. Dies im Gegensatz zum Urteil I 433/06, wo zwei
gleichbedeutende Teilzeitbeschäftigungen zu beurteilen waren. Vor diesem Hintergrund
bleiben die einzelnen Nebenverdienste nur noch dahingehend zu prüfen, ob sie die
Voraussetzungen für die Berücksichtigung als Valideneinkommen erfüllen, mithin, ob
sie im Gesundheitsfall bereits erzielt wurden und weiterhin erzielt worden wären, falls
die Beschwerdeführerin keine gesundheitliche Beeinträchtigung erlitten hätte.
3.2 Für die D._ war die Beschwerdeführerin bereits seit 1985 ununterbrochen
erwerbstätig (act. G 6.135).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2.1 Die D._ gab im nicht unterzeichneten Fragebogen vom 11. November
2009 (Datum Posteingang SVA) an, dass das Arbeitsverhältnis per 30. Juni 2002 durch
die Beschwerdeführerin aufgelöst worden sei. Diese hätte eine neue Stelle gehabt. Auf
die Frage, was die Beschwerdeführerin arbeiten könne, antwortete sie, dass sie im
Betrieb keine Einsatzmöglichkeit ("keine Möglichkeit eine gerechtfertigte Arbeit zu
finden") sehe (act. G 6.139-7). Anlässlich des Telefongesprächs vom 23. Dezember
2009 teilte die ehemalige Arbeitgeberin mit, dass die Beschwerdeführerin die
Putzarbeiten jeweils ab Freitagabend und an den Wochenenden erledigt habe. Diese
habe im selben Haus gewohnt, wo sie auch die Putzarbeiten durchgeführt habe
(Telefonnotiz vom 23. Dezember 2009, act. G 6.147). Die Beschwerdeführerin
berichtete demgegenüber, dass sie die Tätigkeit bei der D._ aus gesundheitlichen
Gründen aufgegeben habe. Dies erscheint plausibel, da die gesundheitlichen
Beschwerden nach Angaben der Beschwerdeführerin bereits im Jahr 1999 hinsichtlich
der Ausübung der Nebenerwerbstätigkeiten relevant (Schreiben vom 5. Oktober 2009,
act. G 6.129) und im Verlauf des Jahres 2002 akut wurden (vgl. etwa den
neurologischen Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 15. Juli 2002, act. G 6.2-1 f.;
vgl. ferner den Bericht des Hausarztes vom 22. Oktober 2002, worin die
Beschwerdeführerin angab, dass sie sich im bisherigen Verlauf sehr darum bemüht
habe, die Hauptbeschäftigung nicht aufgeben zu müssen. Beim vorliegenden
Zustandsbild bezweifle sie jedoch sehr eine Fortsetzung, act. G 6.10-2). Gegen den
von der Arbeitgeberin genannten Kündigungsgrund "neue Stelle" sprechen indessen
nicht bloss die echtzeitlich ausgewiesenen gesundheitlichen Probleme, sondern auch
der Umstand, dass die Beschwerdeführerin im Jahr 2002 und insbesondere im Juli
2002 gemäss Akten keine neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat. Hinzu kommt, dass
- abgesehen von der gesundheitlich verschlechterten Situation - keine
nachvollziehbaren Gründe bestehen, weshalb die Beschwerdeführerin den für sie ideal
gelegenen Einsatzort (im selben Haus) nach rund 17-jähriger Beschäftigung hätte
aufgeben sollen. Ergänzend ist zu bemerken, dass mangels Kündigungsschreiben die
einen weit zurückliegenden Zeitpunkt (2002) betreffende Angabe der ehemaligen
Arbeitgeberin betreffend Kündigungsgrund nicht unbesehen übernommen werden darf.
Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführerin die Beschäftigung nicht selbst
ausgeübt hat, bestehen keine.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2.2 Vor diesem Hintergrund ist der bei der D._ erzielte Nebenverdienst bei
der Bestimmung des Valideneinkommens zu berücksichtigen. Da dieser erheblichen
Schwankungen unterlag, rechtfertigt es sich zur besseren Repräsentativität auf den
Durchschnitt des in den Jahren 1999, 2000 und 2001 erzielten Lohns abzustellen.
Unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung (1999: + 1.6% ; 2000: + 2.5%)
ergibt sich ein Total auf der Grundlage des Jahres 2001 von Fr. 34'868.-- (1999:
Fr. 15'227 [{Fr. 14'622.-- x 1.016} x 1.025]; 2000: Fr. 7'758.-- [Fr. 7'569.-- x 1.025];
2001: Fr. 11'883.--) bzw. ein Durchschnittslohn von Fr. 11'623.-- (Fr. 34'868.-- / 3).
3.3 Für die E._ war die Beschwerdeführerin gemäss IK-Auszug von 1996 bis
Februar 1998 tätig (act. G 6.135). Es handelte sich hierbei um eine nicht während
längerer Zeit ausgeübte Tätigkeit. Ferner ist zu beachten, dass die Beschwerdeführerin
diese Tätigkeit ab März 1998 nicht mehr ausübte. Gemäss ihren Angaben fand eine
gesundheitsbedingte Reduktion ihrer Nebenbeschäftigungen indessen erst ab 1999
statt (act. G 6.129). Da die Nebenbeschäftigung bei der E._ somit weder während
längerer Zeit ausgeübt wurde noch mit überwiegender Wahrscheinlichkeit im
Gesundheitsfall fortgeführt worden wäre, ist der entsprechende Nebenverdienst für die
Bestimmung des Valideneinkommens nicht mit einzubeziehen.
3.4 Was das 1997 (act. G 6.135-2) begonnene, bis April 2009 dauernde (act.
G 6.146-1)
Arbeitsverhältnis bei C._ anbelangt, so fällt ins Gewicht, dass der Arbeitgeber im
Schreiben vom 14. Dezember 2009 mitteilte, dass meist mehrere Personen aus der
Familie der Beschwerdeführerin die Arbeit verrichtet hätten. Oft sei die
Beschwerdeführerin dabei gewesen, manchmal aber auch nicht (act. G 6.146-8). Vor
diesem Hintergrund kann die Frage, ob der von C._ ausbezahlte Verdienst dem
Erwerbspotenzial der Beschwerdeführerin zuzurechnen ist, nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit bejaht werden. Dies umso weniger, als die Beendigung der
Beschäftigung nicht im Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin steht, sondern in der Geschäftsaufgabe des Arbeitgebers per April
2009 begründet liegt (act. G 6.146-1). Im Übrigen kann unter diesen Umständen auch
nicht bestimmt werden, in welchem Teilumfang der ausbezahlte Lohn auf die Tätigkeit
der Beschwerdeführerin zurückzuführen ist. Von weiteren Abklärungen in diesem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusammenhang sind keine neuen Erkenntnisse zu erwarten, weshalb auf deren
Vornahme verzichtet wird und die Beschwerdeführerin die Folgen aus der
entsprechenden Beweislosigkeit zu tragen hat (vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts
vom 10. Dezember 2010, 9C_683/2010, E. 4.6 mit Hinweisen).
3.5 Die Beschwerdegegnerin hat bezüglich der Nebenbeschäftigung bei der F._
keine Auskünfte bei der Arbeitgeberin eingeholt. Vorliegend kann aber offen gelassen
werden, ob der entsprechende Verdienst als Valideneinkommen zu berücksichtigen ist.
Denn selbst wenn er einbezogen wird, ergibt sich keine rentenrelevante Auswirkung
(vgl. nachstehende E. 5). Im ersten Halbjahr 2000 erzielte die Beschwerdeführerin einen
Verdienst von Fr. 3'311.--, was auf ein Jahr umgerechnet einem Lohn von Fr. 6'622.--
entspricht. Da verglichen mit den Vorjahren keine wesentlichen Schwankungen zu
verzeichnen sind, ist kein Durchschnittswert der Vorjahre hinzuziehen. Angepasst an
die Nominallohnentwicklung von + 2.5% resultiert für das Jahr 2001 ein
Nebeneinkommen von Fr. 6'788.--.
3.6 Unter Berücksichtigung der bei der D._ von Fr. 11'623.-- und der F._ von
Fr. 6'788.-- erzielten Nebenverdienste ergibt sich auf der Grundlage des Jahres 2001
unter Berücksichtigung des aus Haupterwerb erzielten Lohnes des Jahres 2001 von
Fr. 47'106.-- (act. G 6.135-3) ein Valideneinkommen von Fr. 65'517.--.
4.
4.1 Schliesslich bleibt die Höhe des Invalideneinkommens zu ermitteln.
4.2 Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in der die versicherte Person konkret steht. Ist kein
solches tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die
versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine
an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so ist auf
Erwerbstätigkeiten abzustellen, die der versicherten Person angesichts ihrer
Ausbildung und ihrer physischen sowie intellektuellen Eignung zugänglich wären.
Rechtsprechungsgemäss werden hierzu die Tabellenlöhne gemäss den vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE)
herangezogen (BGE 129 V 475 f. E. 4.2.1).
4.3 Der Beschwerdeführerin wurde im beweiskräftigen ABI-Verlaufsgutachten vom
23. Oktober 2007 eine 80%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
bescheinigt (für die angestammte Reinigungstätigkeit wurde eine 70%ige
Arbeitsfähigkeit attestiert; act. G 6.87-28). Ihrem Standpunkt, es sei bei der
Bestimmung des Invalideneinkommens auf das im Jahr 2006 erzielte tatsächliche
Einkommen abzustellen (act. G 6.155-2), kann nicht gefolgt werden. Denn dieses
Einkommen wird durch ein weit unter einem 80%igen Beschäftigungsgrad liegenden
Arbeitspensum erzielt (rund 60%-Pensum selbst unter Berücksichtigung nicht bloss
der Arbeit für das B._ [act. G 6.145], sondern auch derjenigen für C._ [act. G 6.146;
wobei fraglich ist, ob dieses Einkommen überhaupt der Resterwerbsfähigkeit der
Beschwerdeführerin zuzurechnen ist; vgl. vorstehende E. 3.4]). Daher vermag das
tatsächlich noch erzielte Einkommen keine aussagekräftige Grundlage für die
Bestimmung des Invalideneinkommens zu bilden. Abzustellen ist daher auf die LSE-
Tabellenlöhne. Da das Valideneinkommen auf der Grundlage des Jahres 2001 erhoben
wurde und vorliegend keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass sich die
Vergleichseinkommen seither unterschiedlich entwickelt hätten, kann auch bei der
Bestimmung des Invalideneinkommens auf die Durchschnittslöhne des Jahres 2001
abgestellt werden. Im Jahr 2001 betrug der Tabellenlohn der Tabelle TA1, Frauen,
Anforderungsniveau 4, angepasst an die betriebsübliche wöchentliche Arbeitszeit
Fr. 46'911.--.
4.4 Nach der Rechtsprechung hängen die Fragen, ob und in welchem Ausmass
Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen des konkreten Einzelfalls ab (etwa leidensbedingte Einschränkung, Alter
und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu
schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25% festzusetzen ist. Eine
schematische Vornahme des Tabellenlohnabzugs ist unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b
und 129 V 481 E. 4.2.3 mit Hinweisen). Die Beschwerdeführerin war im Zeitpunkt der
angefochtenen Verfügung (2. März 2010) 54 Jahre alt. Mit Blick auf die immerhin noch
verbleibende knapp 10-jährige Aktivzeit rechtfertigt sich lediglich ein geringfügiger
altersbedingter Abzug (zur Benachteiligung von Personen ab 50 Jahren vgl. auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesamt für Statistik, Erwerbstätigkeit der Personen ab 50 Jahren, 2008, S. 12; zur
Berücksichtigung des Faktors Alter vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 22. April 2010,
9C_17/10, E. 3.3.3). Der Beschwerdeführerin ist ferner nur noch ein eingeschränktes
Spektrum an leidensangepassten Tätigkeiten zumutbar (körperlich leichte und
wechselbelastende Tätigkeiten ohne Notwendigkeit der Einnahme von
Zwangshaltungen, ohne Überkopftätigkeiten und unter Schonung der linken Hand, act.
G 6.87.29). Des Weiteren verfügt die Beschwerdeführerin lediglich noch über eine
Teilleistungsfähigkeit. Da diese aber immerhin noch 80% beträgt, dürften sich die mit
einer Teilleistungsfähigkeit zu erwartenden Nachteile - sei es nun im Rahmen einer
Teilzeitanstellung oder bei ganztägiger Präsenz - lediglich geringfügig auswirken.
Weitere abzugsrelevante Umstände sind nicht ersichtlich und werden von der
Beschwerdeführerin auch nicht dargetan. Gesamthaft erscheint den Verhältnissen ein
Abzug von 10% angemessen.
4.5 Bei einem Tabellenlohnabzug von 10% und einer Restarbeitsfähigkeit von 80%
resultiert ein Invalideneinkommen von Fr. 33'776.-- (Fr. 46'911.-- x 0.9 x 0.8).
5.
Unter Berücksichtigung eines Valideneinkommens von Fr. 65'517.-- und eines
Invalideneinkommens von Fr. 33'776.-- resultiert eine Erwerbseinbusse von
Fr. 31'741.-- (Fr. 65'517.-- - Fr. 33'776.--) bzw. ein rentenbegründender Invaliditätsgrad
von abgerundet 48% ([Fr. 31'741.-- / Fr. 65'517.--] x 100). Würde das bei der F._
erzielte Einkommen von Fr. 6'788.-- (vgl. hierzu vorstehende E. 3.5) bei der Bemessung
des Valideneinkommens ausser Acht gelassen, würden ein Valideneinkommen von
Fr. 58'729.-- (Fr. 47'106.-- + Fr. 11'623.--; vgl. vorstehende E. 3.6), eine
Erwerbseinbusse von Fr. 24'953.-- (Fr. 58'729.-- - Fr. 33'776.--) und ein Invaliditätsgrad
von abgerundet 42% ([Fr. 24'953.-- / Fr. 58'729.--] x 100) resultieren. Die
Beschwerdeführerin hat damit einen Anspruch auf eine Viertelsrente.
6.
6.1 Nach dem Gesagten ist in teilweiser Gutheissung der Beschwerde die Verfügung
vom 2. März 2010 aufzuheben und der Beschwerdeführerin eine Viertelsrente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zuzusprechen. Zur Festsetzung von Rentenbeginn und Rentenhöhe ist die Sache an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (vgl. betreffend Überklagung Urteil des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 19. Dezember 2011, IV 2009/459,
E. 5.2 f.). Der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist
ihr zurückzuerstatten.
6.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Im hier zu beurteilenden Fall erscheint mit Blick auf vergleichbare
Fälle (vgl. etwa Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
13. Januar 2009, IV 2007/192) eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen. Aufgrund der eingeschränkten
Streitfrage (Bemessung Vergleichseinkommen) besteht entgegen der scheinbaren
Auffassung des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin (act. G 8) keine Veranlassung
für eine Erhöhung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP