Decision ID: a61a57a0-767e-5aa9-ac9e-baa31e906d43
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X lenkte am 3. September 2008 auf der A-Strasse in B ein Fahrzeug, als er um 8.05
Uhr von der Polizei kontrolliert wurde. Das Institut für Rechtsmedizin (IRM) am
Kantonsspital St. Gallen ermittelte für den Zeitpunkt der Verkehrskontrolle eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Blutalkoholkonzentration von mindestens 1.27 bis maximal 1.67 Gewichtspromille.
Aufgrund seiner Angaben anlässlich der polizeilichen Einvernahme wurde vermutet,
dass X bereits am Vorabend nach einem Restaurantbesuch in B alkoholisiert nach
Hause gefahren war. Das IRM berechnete daraufhin die Blutalkoholkonzentration unter
Berücksichtigung der am Abend des 2. September 2008 konsumierten Getränke neu
und gelangte zum Schluss, die Blutalkoholkonzentration habe im Zeitpunkt der
Rückfahrt vom Wirtshaus nach Hause (20.00 Uhr) mindestens 2.27 und maximal 4.0
Gewichtspromille betragen. Das Strassenverkehrsamt entzog X daraufhin den
Führerausweis vorsorglich (Verfügung vom 20. Oktober 2008) und ordnete eine
verkehrsmedizinische Untersuchung an.
B.- Das Untersuchungsamt U verurteilte X wegen der Trunkenheitsfahrt vom 3.
September 2008 (Fahren mit einer Blutalkoholkonzentration von mindestens 1.19
Gewichtspromille) mit Bussenverfügung vom 11. Februar 2009 zu einer bedingten
Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je Fr. 50.– und einer Busse von Fr. 1'000.–. Dass X
bereits am Vorabend (2. September 2008) ein Fahrzeug unter Alkoholeinfluss gelenkt
haben soll, sah es als nicht erwiesen an und stellte das Strafverfahren in diesem Punkt
mangels Beweisen ein, was einem Freispruch gleichkommt.
C.- Am 25. März 2009 unterzog sich X der angeordneten verkehrsmedizinischen
Untersuchung beim IRM. Im Gutachten vom 29. Mai 2009 wurde ihm die Fahreignung
abgesprochen. Der Gutachter kam zum Schluss, es bestehe zwar keine
Alkoholabhängigkeit, jedoch sei von missbräuchlichem Alkoholkonsum auszugehen.
Zudem bestehe bei X ein bisher nicht hinreichend behandeltes Schlaf-Apnoe-Syndrom,
das wegen Tagesschläfrigkeit mit einem erhöhten Unfallrisiko verbunden sei. Der
Verlauf der Krankheit werde durch Alkoholkonsum negativ beeinflusst. Gestützt auf das
Gutachten entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis mit Verfügung vom
11. Juni 2009 bei einer Sperrfrist von drei Monaten (3. September bis 2. Dezember
2008) für unbestimmte Zeit und knüpfte dessen Wiedererteilung an folgende
Bedingungen: kontrollierte und fachlich betreute Alkoholabstinenz (Arzt,
Beratungsstelle und Haaranalyse) von mindestens 12 Monaten; Einreichen eines
schlafmedizinischen Zeugnisses; verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung. Der
dagegen erhobene Rekus wurde teilweise gutgeheissen. Im Urteil vom 8. Januar 2010
kam die Verwaltungsrekurskommission zum Schluss, der verkehrsmedizinische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachter sei fälschlicherweise von zwei Trunkenheitsfahrten ausgegangen.
Andererseits gebe es Anhaltspunkte, welche Zweifel an der Fahreignung aufkommen
liessen. Sie wies die Sache zu weiteren Abklärungen, insbesondere zur Einholung eines
neuen verkehrsmedizinischen Gutachtens, an das Strassenverkehrsamt zurück (Urteil
der Verwaltungsrekurskommission [VRKE] IV-2009/77 vom 8. Januar 2010).
D.- Am 14. Dezember 2010 erstatte das IRM ein neues verkehrsmedizinisches
Gutachten. Darin wurde die Fahreignung des X unter Auflagen bejaht. Es wurde jedoch
empfohlen, vor der abschliessenden Beurteilung die Einhaltung der Abstinenz mittels
Haaranalyse zu kontrollieren. X weigerte sich, eine entsprechende Haarprobe
abzugeben. Das Strassenverkehrsamt verbot ihm deshalb das Führen von
Motorfahrzeugen mit Verfügung vom 27. Juli 2011 vorsorglich ab sofort. Den dagegen
erhobenen Rekurs wies der Abteilungspräsident der Verwaltungsrekurskommission mit
Entscheid vom 20. September 2011 ab (VRKE IV-2011/97).
E.- Mit Verfügung vom 4. Juni 2012 entzog das Strassenverkehrsamt X den
Führerausweis bei einer Sperrfrist von 3 Monaten (3. September bis 2. Dezember 2008)
für unbestimmte Zeit. Die Wiedererteilung des Führerausweises wurde von einer
kontrollierten und fachlich betreuten Alkoholabstinenz (Arzt und Beratungsstelle) von
mindestens 6 Monaten, einem aktuellen schlafmedizinischen Bericht und einer
verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung abhängig gemacht. Dagegen erhob X am
20. Juni 2012 Rekurs, der vom Abteilungspräsidenten der
Verwaltungsrekurskommission mit Verfügung vom 23. November 2012 abgeschrieben
wurde, weil die Verfahrensbeteiligten einen nach der auf Ethylglucuronid (EtG)
negativen Haaranalyse vom 17. August 2012 unterbreiteten Erledigungsvorschlag (u.a.
Widerruf des Sicherungsentzugs) akzeptierten (VRKE IV-2012/68). Das
Strassenverkehrsamt hob den vorsorglichen Führerausweisentzug vom 27. Juli 2011
mit Verfügung vom 5. November 2012 auf. Der Führerausweis wurde mit folgenden
Auflagen versehen: vollständige und kontrollierte Alkoholabstinenz mit halbjährlicher
Haaranalyse und Berichterstattung durch Arzt und Suchtfachstelle; regelmässige
hausärztliche, kardiologische und schlafmedizinische Behandlung mit halbjährlicher
Berichtabgabe. Diese Auflagen wurden nicht befristet. Das Strassenverkehrsamt führte
dazu jedoch ergänzend aus, es sei bereit, die Aufhebung der Auflagen
(Alkoholabstinenz) nach 12 Monaten, d.h. frühestens im November 2013 sowie nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mindestens zwei weiteren Haaranalysen zu prüfen. Die Auflagen der
schlafmedizinischen Betreuung mache es hingegen von einem positiv lautenden
verkehrsmedizinischen Aktengutachten abhängig.
F.- Am 30. Oktober 2013 beantragte X die Aufhebung der Auflagen. Seine Fahreignung
wurde deshalb am 20. Februar 2014 vom IRM im Rahmen eines Aktengutachtens
überprüft. Darin bejahte der Gutachter die Fahreignung weiterhin nur unter Auflagen.
Mit Verfügung vom 11. März 2014 wies das Strassenverkehrsamt das Gesuch um
Aufhebung der Auflagen ab. Es erwog jedoch, die Auflagen könnten gelockert werden.
X habe lediglich noch eine Alkohol-Fahrabstinenz einzuhalten (lit. a), sich regelmässig
hausärztlich, kardiologisch und schlafmedizinisch behandeln zu lassen (lit. b) und
jährlich Bericht zu erstatten (lit. c). Die nächsten Berichte seien anlässlich der
Haaranalyse im Januar 2015 einzureichen (lit. d). Eine Haaranalyse zur Verlaufskontrolle
habe im Januar 2015 zu erfolgen (lit. e).
G.- Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 27. März 2014 erhob X bei der
Verwaltungsrekurskommission Rekurs. Er beantragte, die Verfügung des
Strassenverkehrsamts vom 11. März 2014 sei aufzuheben; eventualiter seien die
alkoholbedingten lit. a und e der Verfügung aufzuheben; eventualiter sei die
alkoholbedingte lit. e der Verfügung aufzuheben; unter Kosten- und
Entschädigungsfolge.
Die Vorinstanz liess sich am 2. Mai 2014 zum Rekurs vernehmen. Sie beantragte, den
Rekurs abzuweisen, und brachte zur Begründung im Wesentlichen vor, beim
Rekurrenten habe zumindest in der Vergangenheit eine verkehrsrelevante
Alkoholabhängigkeit bestanden. Sie sei vom Rekurrenten soweit überwunden worden,
dass er unter Auflagen wieder zum Strassenverkehr zugelassen worden sei. Mit den
Auflagen solle sichergestellt werden, dass der jeweilige Mangel an der Fahreignung
tatsächlich behoben werde und die betroffene Person stabil sei. Der Rekurrent
äusserte sich mit Schreiben vom 20. Mai 2014 zur Vernehmlassung der Vorinstanz. Auf
die weiteren Ausführungen der Parteien zur Begründung ihrer Anträge wird, soweit
erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen.
a) Die Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis
zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 27. März 2014 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
b) Anfechtungsobjekt ist die Verfügung der Vorinstanz vom 11. März 2014, mit der das
Gesuch des Rekurrenten um Aufhebung der Auflagen abgewiesen wurde. Zu prüfen ist
demnach, ob die Voraussetzzungen für die Aufhebung der Administrativmassnahmen
erfüllt sind. Die in den Erwägungen der Verfügung der Vorinstanz (lit. a bis e)
angeordnete Lockerung der Auflagen ist indes nicht anfechtbar, da sie nicht im
Dispositiv der Verfügung aufgeführt wurde (act. 15/1 f.) und als blosse Erwägungen
nicht in Rechtskraft erwachsen kann. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
müssen insbesondere medizinisch bedingte Auflagen in der Entscheidungsformel
aufgeführt werden. Der Betroffene soll genau wissen, unter welchen Bedingungen er
zum Verkehr zugelassen ist (vgl. dazu VRKE IV-2013/54 vom 29. August 2013 E. 5b,
publiziert in: www.gerichte.sg.ch).
2.- Der Rekurrent rügt in formeller Hinsicht, die Verfügung vom 27. März 2014 verletze
den Anspruch auf rechtliches Gehör.
a) Art. 29 Abs. 2 BV gewährt den Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Daraus
leitet das Bundesgericht in ständiger Rechtsprechung die Pflicht der Behörde ab, ihre
Verfügungen und Entscheide zu begründen (vgl. BGE 133 III 439 E. 3.3; BGE 133 I 270
E. 3.1; BGE 129 I 236 E. 3.2; BGE 126 I 102 E. 2b). Als persönlichkeitsbezogenes
Mitwirkungsrecht verlangt dieser Grundsatz, dass die Behörde die Vorbringen des vom
Entscheid oder der Verfügung in seiner Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich
hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt (vgl.
G. Steinmann, in: St. Galler Kommentar, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2008, N 27 zu Art.
29 BV). Der von einem Entscheid oder einer Verfügung Betroffene soll wissen, warum
die Behörde entgegen seinem Antrag entschieden hat; die Begründung muss deshalb
so abgefasst sein, dass er den Entscheid oder die Verfügung gegebenenfalls
bis
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sachgerecht anfechten kann (BGE 133 III 439 E. 3.3; BGE 129 I 232 E. 3.2; vgl. auch
Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl. 2010, Rz. 1706). Dies
ist nur möglich, wenn sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz sich über
die Tragweite des Entscheids ein Bild machen können; in diesem Sinne müssen
wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde leiten
liess und auf welche sich ihr Entscheid stützt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass sich
die Behörde ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem
rechtlichen Einwand auseinandersetzen muss; vielmehr kann sie sich auf die für den
Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (BGE 133 I 270 E. 3.1; Häfelin/
Müller/Uhlmann, a.a.O., Rz. 1706). Umfang und Dichte der Begründung richten sich
generell nach den Umständen (Steinmann, a.a.O., N 27 zu Art. 29 BV). Ist die Sachlage
klar und sind die anwendbaren Normen bestimmt, kann ein Hinweis auf diese
Rechtsnormen genügen, während ein weiter Spielraum der Behörde – aufgrund von
Ermessen oder unbestimmten Rechtsbegriffen – und eine Vielzahl von in Betracht
fallenden Sachverhaltselementen eine ausführliche Begründung gebieten (BGE 112 Ia
110 E. 2b; BGE 104 Ia 213 E. 5g; Steinmann, a.a.O., N 27 zu Art. 29 BV; Tschannen/
Zimmerli, Allgemeines Verwaltungsrecht, 2. Aufl., Bern 2005, § 29 N 13). Die
Begründungspflicht, welche aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne von Art.
29 Abs. 2 BV fliesst, hat der st. gallische Gesetzgeber für Verfügungen in Art. 24 Abs. 1
lit. a VRP ausdrücklich festgehalten; nach dieser Bestimmung soll die Verfügung unter
anderem die Gründe enthalten, auf die sie sich stützt (vgl. zum Ganzen VerwGE B
2009/211 vom 18. März 2010 E. 2.1).
b) Die Vorinstanz gewährte dem Rekurrenten mit Schreiben vom 28. Februar 2014 das
rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des Gesuchs um Aufhebung der
Auflagen und stellte ihm gleichzeitig das Aktengutachten des IRM vom 20. Februar
2014 zu. Sie führte aus, die Haaranalyse bestätige die Abstinenz; eine letzte Analyse
sei im Januar 2015 fällig. Dem Bericht des IRM sei zu entnehmen, dass die
Fahreignung des Rekurrenten nicht uneingeschränkt und weiterhin nur in Verbindung
mit Auflagen befürwortet werden könne. Allerdings sei es möglich, die Auflagen zu
lockern. Bei einem weiterhin günstigen Verlauf könne ein Gesuch um Aufhebung der
alkoholbedingten Auflagen frühestens in 12 Monaten gestellt werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Rechtsvertreter des Rekurrenten verlangte von der Vorinstanz daraufhin eine
anfechtbare Verfügung. Im Schreiben vom 10. März 2014 bezeichnete er das
Gutachten des IRM vom 20. Februar 2014 als äusserst dürftig und nicht korrekt. Darin
werde mit Verweis auf das Gutachten vom 14. Dezember 2010 festgehalten, dass eine
Alkoholabhängigkeit bestanden habe. Dies sei nachweislich falsch. Denn im Gutachten
seien Berichte der Hausärztin erwähnt, welche die Abstinenz bestätigten. Der
Gutachter erwähne zudem die negativen Resultate der Urinuntersuchung und der
Haaranalysen. Wie das IRM unter diesen Umständen auf eine Alkoholabhängigkeit
schliessen könne, sei nicht nachvollziehbar. Zudem lasse das Aktengutachten des IRM
die Feststellung der Verwaltungsrekurskommission ausser Acht, wonach das
Gutachten vom 26. Mai 2009 – auf welches sich dasjenige vom 14. Dezember 2010
beziehe – fälschlicherweise von zwei Trunkenheitsfahrten ausgegangen sei. Das
Aktengutachten des IRM vom 20. Februar 2014 sei deshalb widersprüchlich. Die
weitere Aufrechterhaltung der alkoholbedingten Auflagen lasse sich damit nicht
rechtfertigen.
Mit Verfügung vom 11. März 2014 wies die Vorinstanz das Gesuch um Aufhebung der
Auflagen ab. Sie hielt dazu fest, aufgrund des Berichts des IRM könne die Fahreignung
des Rekurrenten nicht uneingeschränkt und weiterhin nur in Verbindung mit Auflagen
befürwortet werden. Bei einem weiteren günstigen Verlauf könne ein neues Gesuch um
Aufhebung der Auflagen frühestens in 12 Monaten geprüft werden. Weiter führte sie
aus: "Ihre Stellungnahme vom 10.03.2014 haben wir erhalten. Ihrem Antrag um eine
rekursfähige Verfügung können wir hiermit entsprechen. Die vorliegenden Auflagen
sind durchaus verhältnismässig und zumutbar und dienen in erster Linie der
Verkehrssicherheit."
c) Mit diesen Ausführungen verletzte die Vorinstanz ihre Begründungspflicht. Sie hätte
die Aussagen im Aktengutachten würdigen und eigene Überlegungen dazu anzustellen
müssen. Ein blosser Verweis auf das Gutachten genügt nicht. Im vorliegenden Fall
hätte sie sich zudem mit dem Einwand des Rekurrenten, das Gutachten basiere auf
falschen Grundlagen auseinandersetzen müssen. Auf diesen Punkt ging sie indes gar
nicht ein. Auf die Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zu neuer
Verfügung kann jedoch verzichtet werden, da die Gehörsverletzung im vorliegenden
Rekursverfahren geheilt werden kann. Das Gericht verfügt über volle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Überprüfungsbefugnis (Art. 46 Abs. 1 VRP). Der Umstand, dass die Vorinstanz die
angefochtene Verfügung nicht hinreichend begründete, ist jedoch bei der
Kostenverlegung zu berücksichtigen.
3.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz die mit Verfügung vom 5. November
2012 angeordneten Auflagen zu Recht nicht aufhob. Letztere betrafen einerseits die
Alkoholabstinenz (hinten E. 4) und andererseits die kardiologische und
schlafmedizinische Behandlung (hinten E. 5). Der angefochtene Entscheid der
Vorinstanz änderte an den Auflagen nichts, weil die vorgesehene Lockerung – wie
dargelegt (vorne E. 1b) – nicht rechtsgültig verfügt wurde. Aus prozessökonomischen
Gründen ist es jedoch sachgerecht, die vorgesehene Milderung der Massnahmen im
Rahmen der gerichtlichen Beurteilung zu prüfen; der Rekurrent konnte sich dazu
ausführlich äussern.
4.- Die Vorinstanz befürwortete in der angefochtenen Verfügung die Lockerung der
alkoholbedingten Auflagen (Abstinenz und Haaranalysen). Zu prüfen ist, ob die von der
Vorinstanz vorgesehene Fahr-Alkoholabstinenz und deren Kontrolle mittels
Haaranalyse zur Aufrechterhaltung der Fahreignung des Rekurrenten erforderlich sind.
a) Nach allgemeinen verwaltungsrechtlichen Grundsätzen ist es im Rahmen der
Verhältnismässigkeit zulässig, aus besonderen Gründen den Führerausweis mit
Auflagen zu versehen, wenn diese der Sicherstellung der Fahreignung und damit der
Verkehrssicherheit dienen sowie mit dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang stehen.
Die Anordnung von Auflagen kommt dann in Frage, wenn der Lenker die gesetzlichen
Anforderungen an die Fahreignung bei Einhaltung bestimmter Massnahmen erfüllt; ein
Entzugsgrund nach Art. 16 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
muss dabei nicht gegeben sein. Erforderlich ist zudem, dass sich die Fahreignung nur
mit dieser Massnahme aufrechterhalten lässt und die Auflagen erfüll- und kontrollierbar
sind (BGE 131 II 248 E. 6). Dass ein Fahrzeuglenker zum Alkoholmissbrauch neigt, stellt
einen besonderen Grund dar, der Auflagen rechtfertigt. Die Fahreignung solcher Lenker
bedarf der besonderen Kontrolle. Daran vermag der Umstand nichts zu ändern, dass
eine Person grundsätzlich über die Eignung verfügt, ein Fahrzeug zu lenken, weil keine
Alkoholsucht im medizinischen Sinne besteht (vgl. BGE 131 II 248 E. 6.3). Gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann die Wiedererteilung des Führerausweises
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach einem Sicherungsentzug wegen Alkoholmissbrauchs je nach den konkreten
Umständen für mehrere Jahre an Auflagen geknüpft werden. Dabei ist davon
auszugehen, dass die dauerhafte Überwindung der Sucht einer Behandlung und
Kontrolle während vier bis fünf Jahren bedarf (vgl. Philippe Weissenberger, Kommentar
SVG und OBG, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2015, Art. 17 N 15). Der Betroffene hat die
Möglichkeit, die Aufhebung der Auflagen zu verlangen, wenn sie zur Aufrechterhaltung
der Fahreignung nicht mehr erforderlich sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer] 6A.
58/2004 vom 26. November 2004 E. 2).
b) Der Rekurrent bringt vor, die von der Vorinstanz verfügten Administrativmassnahmen
seien nicht verhältnismässig. Sowohl die Beratungsstelle als auch die Hausärztin
befürworteten die Aufhebung der Auflagen. In ihren Berichten bestätigten sie seine
Alkoholabstinenz seit Februar 2009. Das sei auch dem ärztlichen Gutachten vom 14.
Dezember 2010 zu entnehmen. Wie das IRM im Kurzgutachten vom 20. Februar 2014
trotzdem von einer Alkoholabhängigkeit sprechen könne, sei unverständlich. Es sei zu
berücksichtigen, dass die Verwaltungsrekurskommission festgestellt habe, dass das
erste verkehrsmedizinische Gutachten aus dem Jahre 2009, auf welches das
Gutachten vom 14. Dezember 2010 Bezug genommen habe, von falschen Tatsachen
ausgegangen sei; nämlich von zwei Trunkenheitsfahrten anstatt nur einer. Nicht
nachvollziehbar sei, weshalb Berichte von der Beratungsstelle und der Hausärztin
eingefordert worden seien, wenn sie bei der Beurteilung nicht berücksichtigt würden.
c) Die Vorinstanz stützte die Verfügung einzig auf das Aktengutachten des IRM vom
20. Februar 2014. Sie erwog, aufgrund dieses Berichts könne die Fahreignung des
Rekurrenten nicht uneingeschränkt und weiterhin nur in Verbindung mit Auflagen
befürwortet werden. Dem Aktengutachten kam demnach entscheidende Bedeutung zu.
Es ist zu prüfen, inwiefern es eine alkoholbedingte Beeinträchtigung der Fahreignung
des Rekurrenten nachzuweisen vermag.
aa) Das Aktengutachten vom 20. Februar 2014 verweist auf das Gutachten des IRM
vom 14. Dezember 2010; Letzteres wiederum auf das erste, am 26. Mai 2009
eingereichte verkehrsmedizinische Gutachten, dessen Beweiswert – wie der Rekurrent
zu Recht vorbringt – im Entscheid vom 8. Januar 2010 in Frage gestellt wurde. Das
Gericht erwog damals, der Gutachter sei von falschen Tatsachen bzw. zwei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Trunkenheitsfahrten ausgegangen; es habe jedoch nur eine – jene vom 3. September
2008 – gegeben. Die angebliche Trunkenheitsfahrt vom 2. September 2008 sei
entscheidend gewichtet und unter anderem als Untersuchungsgrund genannt worden.
Der Beweiswert des Gutachtens sei deshalb nicht so, dass darauf ohne Weiteres
abgestützt werden könne. Ob die Fahreignung des Rekurrenten auch bei einem
einzigen FiaZ-Ereignis mit einer Blutalkoholkonzentration von 1.27 bis 1.67
Gewichtspromille zu verneinen sei, könne vom Gericht aufgrund der fehlenden
verkehrsmedizinischen Fachkenntnisse nicht selbständig beurteilt werden. Dies sei
mittels eines weiteren verkehrsmedizinischen Gutachtens zu prüfen (VRKE IV-2009/77
E. 4a, 4b). Das daraufhin von der Vorinstanz in Auftrag gegebene Zweitgutachten
wurde am 14. Dezember 2010 erstellt. Der Gutachter stützte sich dabei auf die
Vorgeschichte, Angaben des Rekurrenten, Befunde der körperlichen Untersuchung,
Resultate der Laboruntersuchungen und Fremdauskünfte (Kardiologe, Zentrum für
Schlafmedizin, Hausärztin). Er kam hinsichtlich der Alkoholproblematik zum Schluss,
die klinischen Befunde (gerötete Gesichtshaut, unregelmässige Herzaktion, reduziertes
Vibrationsempfinden beider Extremitäten) seien für sich alleine unspezifisch, könnten
aber auch im Zusammenhang mit chronischem Alkoholkonsum stehen. Aus der
immunologischen Screening-Untersuchung hätten sich keine Anhaltspunkte für einen
aktuell erfolgten Alkoholkonsum ergeben; auch die Haaranalyse stehe nicht im
Widerspruch zur Abstinenz. Bei der Blutuntersuchung sei ein isoliert erhöhter GGT-
Wert aufgefallen, der alkoholbedingt sein oder im Zusammenhang mit der Einnahme
von Medikamenten stehen könne. Den hausärztlichen Berichten zufolge sei im Februar
2009 erstmals eine Alkoholabhängigkeit festgestellt worden, die vom Rekurrenten
jedoch bestritten worden sei. Wie dem Erstgutachten des IRM aus dem Jahre 2009 zu
entnehmen sei, habe die Alkoholproblematik mit dem FiaZ-Ereignis Verkehrsrelevanz
erhalten. Der Gutachter habe dazu festgehalten, der Rekurrent negiere das
Alkoholproblem und habe moderate Konsumgewohnheiten angegeben. Diese ständen
im Widerspruch zu den Resultaten der Blut- und Haaranalyse, die für einen
regelmässigen und übermässigen Alkoholkonsum sprächen. Der damalige Gutachter
habe dem Rekurrenten die Fahreignung deshalb abgesprochen. Jener Beurteilung sei
nichts hinzuzufügen. Aufgrund der langen Dauer zwischen Begutachtung (31. Mai
2010) und der Ausfertigung des Gutachtens (14. Dezember 2010) habe man eine
weitere Haaranalyse durchführen wollen. Der Rekurrent sei dazu jedoch nicht bereit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen. Wegen der bestehenden, bereits im Gutachten des Jahres 2009
festgestellten, Alkoholproblematik – die Hausärztin habe sogar von einer Abhängigkeit
gesprochen – sei vor der Wiedererteilung des Führerausweises eine Haaranalyse
durchzuführen. Das Negieren jeglicher Alkoholproblematik und die Bagatellisierung der
Konsumgewohnheiten seien Zeichen einer suchttypischen Verleugnungshaltung und
prognostisch kritisch zu betrachten. Sie bedingten eine intensive fachtherapeutische
Aufarbeitung. Bislang könne nicht von einer von Einsicht getragenen
Verhaltensänderung ausgegangen werden. Diese sei neben der Abstinenz
Voraussetzung, um von einer stabilen Situation ausgehen zu können (act. 16/138 ff.).
bb) Die Einschätzung des Gutachters beruhte auf den klinischen Befunden – die jedoch
keine eindeutigen Rückschlüsse auf ein verkehrsrelevantes Alkoholproblem zuliessen –
und dem Erstgutachten des IRM aus dem Jahre 2009, dessen Beweiskraft von der
Verwaltungsrekurskommission relativiert wurde, weil der damalige Gutachter
fälschlicherweise von zwei Trunkenheitsfahrten ausging. Im Zweitgutachten wäre
deshalb zu klären gewesen, ob die Fahreignung des Rekurrenten auch bei einem
einzigen FiaZ-Ereignis mit einer Blutalkoholkonzentration von 1.27 bis 1.67
Gewichtspromille hätte verneint werden müssen. Der Gutachter setzte sich mit dieser
Frage jedoch nicht auseinander, sondern verwies in diesem Punkt auf das
Erstgutachten, in dem die Fahreignung des Rekurrenten verneint wurde. Diese
Feststellung bestätigte er jedoch nicht. Vielmehr erblickte er im Negieren jeglicher
Alkoholproblematik und der Bagatellisierung des Konsumverhaltens lediglich
Anzeichen einer suchttypischen Verleugnungshaltung und bestätigte damit die
Vermutung der Verwaltungsrekurskommission. Sie erwog damals, die Umstände
deuteten auf eine erhebliche Alkoholgewöhnung hin. Daher sei von einer
Bagatellisierung der Trinkgewohnheiten auszugehen (VRKE IV-2009/77 vom 8. Januar
2010 E. 4b). Die Forderung des Gutachters, vor der Wiedererteilung des
Führerausweises sei eine weitere Haaranalyse durchzuführen und die Fahrerlaubnis
von einer fachtherapeutisch begleiteten und kontrollierten Abstinenz abhängig zu
machen, erscheint daher – trotz Bezugnahme auf das Erstgutachten – plausibel. Damit
sollte eine von Einsicht getragene Verhaltensänderung erreicht werden. Diese
Empfehlungen wurden mit dem Einverständnis des Rekurrenten in der
Aufhebungsverfügung der Vorinstanz vom 5. November 2012 berücksichtigt. Nicht
dargetan wurde im Gutachten vom 14. Dezember 2010 eine Suchterkrankung bzw. ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
chronischer Alkoholüberkonsum, der in der Regel die Aufrechterhaltung der Auflagen
während mehrerer Jahre erfordert (vgl. R. Seeger, Fahreignung und Alkohol, in:
Probleme der Verkehrsmedizin, Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich, 1999,
S. 16).
cc) Vor diesem Hintergrund ist die Feststellung im kurz ausgefallenen Aktengutachten
vom 20. Februar 2014, beim Rekurrenten habe gemäss Gutachten vom 14. Dezember
2010 eine Alkoholabhängigkeit vorgelegen, die eine Aufhebung der Auflagen erst nach
längerem stabilem Verlauf zulasse, nicht nachvollziehbar. Mit den dem Gutachten
zugrunde liegenden positiven Berichten der Hausärztin und der Beratungsstelle der
Sozialen Dienste Werdenberg – beide befürworteten die Aufhebung der Auflagen – und
den negativ ausgefallenen Haaranalysen (hinten E. 4d) setzte sich der Gutachter nicht
auseinander, so dass unklar ist, ob und inwieweit er die Empfehlungen der den
Rekurrenten begleitenden Fachpersonen berücksichtigte. Dem Bericht fehlt es deshalb
an der für den Beweiswert eines Gutachtens ausschlaggebenden Nachvollziehbarkeit.
Die Schlussfolgerungen des Sachverständigen müssen nach den Gesetzen der Logik
anhand der Begründung überzeugend und widerspruchsfrei nachvollzogen werden
können (vgl. BSK ZPO-Dolge, Art. 183 N 11 ff.). Dies ist beim Aktengutachten des IRM
vom 20. Februar 2014 nicht der Fall. Es kann somit nicht als alleinige
Entscheidungsgrundlage dienen. Zu prüfen ist, ob Hinweise auf einen
verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch bestehen, die weitere Auflagen rechtfertigten.
d) Die Vorinstanz liess den Rekurrenten mit Verfügung vom 5. November 2012 wieder
zum Verkehr zu. Dies setzte voraus, dass der alkoholbedingte Mangel zu diesem
Zeitpunkt behoben war (vgl. Art. 17 Abs. 3 SVG). Im Entwurf der Verfügung sah sie vor,
die Lockerung oder Aufhebung der Auflagen (Alkoholabstinenz) frühestens nach Ablauf
von zwei Jahren zu prüfen. Sie reduzierte diese Frist aufgrund der Intervention des
Rekurrenten auf ein Jahr, verlangte dafür aber mindestens zwei weitere Haaranalysen.
Zudem forderte sie den Rekurrenten auf, halbjährlich Berichte der betreuenden Stellen
(Hausärztin und Beratungsstelle der Sozialen Dienste Werdenberg) einzureichen.
Letztere fielen durchwegs positiv aus. So bestätigte die Hausärztin die Abstinenz in
ihren Berichten vom 15. Januar, 27. September und 19. Dezember 2013. Mit Schreiben
vom 27. März 2014 hielt sie zudem fest, der Rekurrent sei seit 2009 in ärztlicher
Kontrolle bezüglich der Alkohol- und Suchtproblematik. Er habe in dieser Zeit keinen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einzigen Rückfall erlitten und sich sehr kooperativ verhalten, was die Einhaltung der
Termine und Kontrollen betreffe. Es sei unverständlich, weshalb die alkoholbedingten
Auflagen weiterhin aufrecht erhalten würden (act. 9). Die Beratungsstelle der Sozialen
Dienste Werdenberg beurteilte den Beratungsprozess mit Zwischenbericht vom 16. Juli
2013 ebenfalls positiv (act. 15/35). Im Bericht (Alkohol/Drogen) vom 26. August 2013
hielt sie in der Gesamtbeurteilung fest, die Auflagen der fachtherapeutischen
Betreuung seien erfüllt und die Lockerung bzw. Aufhebung der Auflagen werde
unterstützt (act. 15/40). Am 4. Februar 2014 erstattete die Beratungsstelle erneut
Bericht. Sie führte aus, die Aussagen in ihrer Stellungnahme vom 26. August 2013
seien nach wie vor gültig. Seither hätten fünf weitere Gespräche stattgefunden
(insgesamt 21). Der Rekurrent habe sich daran aktiv beteiligt, und die Aufhebung der
Auflagen werde unterstützt (act. 15/38). Auch die Haaranalysen vom 21. Januar 2013,
23. Juli 2013 und 23. Januar 2014 gaben keinen Hinweis auf einen Alkoholkonsum,
namentlich wurde in allen drei Proben kein EtG nachgewiesen (vgl. BGer 1C_809/2013
vom 13. Juni 2014 E. 3 zur Beweiskraft der Haaranalyse). Mit Schreiben vom 29.
Oktober 2013 bestätigte sodann die Medical Center Werdenberg AG, dass aus
kardialer Sicht keine Einschränkung hinsichtlich des Führens eines Fahrzeuges
bestehe.
Angesichts der durchwegs positiven Ergebnisse ist nicht nachvollziehbar, weshalb die
Vorinstanz die Auflagen lediglich lockern wollte bzw. eine Alkohol-Fahrabstinenz
vorsah. In der Verfügung vom 5. November 2012 hielt sie in Kenntnis der
verkehrsmedizinischen Gutachten ihre Bereitschaft ausdrücklich fest, die Auflagen
(Alkoholabstinenz) nach zwölf Monaten, d.h. frühestens im November 2013 sowie nach
mindestens zwei Haaranalysen zu prüfen. Der Rekurrent durfte deshalb darauf
vertrauen, auf die Weiterführung der Massnahme werde im Falle seines Wohlverhaltens
nach Ablauf dieser Frist verzichtet. Den Berichten der Sozialberatungsstelle zufolge
scheint er nach insgesamt 21 Beratungsgesprächen in der Lage zu sein, Alkohol und
Strassenverkehr im notwendigen Masse zu trennen (act. 15/38). Zu berücksichtigen ist,
dass dem Rekurrenten ein mittlerweile mehr als sechs Jahre zurückliegendes FiaZ-
Ereignis mit einer Blutalkoholkonzentration von 1.27 bis 1.67 Gewichtspromille
angelastet werden kann. Ein verkehrsrelevanter chronischer Alkoholüberkonsum, der
eine länger dauernde Alkoholabstinenz rechtfertigen würde, ist nicht nachgewiesen.
Letztmals wurde in der Haarprobe vom 14. Februar 2012 – im Haarsegment 2-4 cm ab
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kopfhaut – EtG nachgewiesen. Das kopfhautnahe Segment (0-2 cm) war EtG-frei. Der
Rekurrent war damals zufolge vorsorglichen Führerausweisentzugs nicht fahrberechtigt
und machte geltend, im November und Dezember 2011 wegen einer Erkältung
Kräuterschnaps getrunken zu haben. Seit dem 24. Juli 2012 (Probe: 0-4 cm ab Haut)
fielen die Haarproben negativ aus; dies bedeutet, dass seit Anfang 2012 kein EtG in
den Haaren und damit kein Alkoholkonsum nachgewiesen wurden. Angesichts dieser
Umstände erscheinen die Alkoholabstinenzauflagen als nicht mehr verhältnismässig,
weshalb sie aufzuheben sind.
5.- Der Rekurrent verlangt zudem die Aufhebung der Auflage, die ihn zur regelmässigen
kardiologischen und schlafmedizinischen Behandlung mit halbjährlicher
Berichterstattung verpflichtet. Dies wurde im verkehrsmedizinischen Gutachten vom
14. Dezember 2010 empfohlen, wobei schon damals festgehalten wurde, die
schlafmedizinische Untersuchung sei günstig ausgefallen und die Fahreignung könne
aus fachärztlicher Sicht befürwortet werden. Im Aktengutachten vom 20. Februar 2014
kam der Gutachter zum Schluss, das Schlaf-Apnoe-Syndrom sei stabil mit CPAP-
Beatmung (Continuous Positive Airway Pressure) eingestellt. Die Herzerkrankung sei
derzeit ebenfalls stabil. Vor einem Jahr sei es jedoch zu einer Hospitalisierung wegen
Herzrhythmusstörungen gekommen. Aufgrund des chronischen Charakters seien die
medizinischen Auflagen (Herz, Schlaf-Apnoe-Syndrom) beizubehalten.
Das Aktengutachten ist in diesem Punkt nachvollziehbar. Der Rekurrent wurde vom
13. bis 14. April 2013 wegen akuten Vorhofflimmerns im Spital behandelt. Dem
Austrittsbericht ist zu entnehmen, dass bei Eintritt deutliche Blutdruckabfälle bei
gleichzeitigem Pulsanstieg feststellbar gewesen seien (act. 15/27). Derartige Störungen
des Herz-Kreislaufsystems können die Durchblutung des Gehirns negativ beeinflussen
und damit die Fahreignung beeinträchtigen (R. Seeger, Handbuch der
verkehrsmedizinischen Begutachtung, 1. Aufl. 2005, S. 79). Vor diesem Hintergrund
erscheint es gerechtfertigt, jährliche Untersuchungen anzuordnen. Daran ändert nichts,
dass die Medical Center Werdenberg AG die Fahrtauglichkeit des Rekurrenten nach
einer kardialen Untersuchung am 29. Oktober 2013 bestätigte. Diese ist Voraussetzung
für die Zulassung zum Strassenverkehr. Ebenso ist die jährliche Untersuchung
hinsichtlich des Schlaf-Apnoe-Syndroms nicht zu beanstanden. Von Bedeutung ist
dabei nicht die aktuelle Stabilität, sondern das Zusammenwirken mit der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Herzerkrankung (vgl. Weissenberger, a.a.O., Art. 16d N 19; BGer 6.A.5/2004 vom 17.
Mai 2004 E. 3.3). Angesichts des chronischen Charakters der beiden Krankheiten
dienen regelmässige Kontrolluntersuchungen der Verkehrssicherheit; sie sind nicht
unverhältnismässig. Die in der streitigen Verfügung der Vorinstanz vorgesehene
Auflage, jährlich über die kardiologische und schlafmedizinische Behandlung Bericht zu
erstatten, ist deshalb zu bestätigen.
6.- Somit ergibt sich, dass die Verfügung der Vorinstanz vom 11. März 2014
aufzuheben ist. Die mit Verfügung der Vorinstanz vom 5. November 2012 angeordnete
Abstinenzauflage ist aufzuheben. Damit fallen auch die Kontroll- und
Berichterstattungspflichten im Zusammenhang mit der Alkoholabstinenz weg.
Demgegenüber sind über die kardiologische und schlafmedizinische Behandlung
jährlich Berichte einzureichen; erstmals im Februar 2015. Dieses Ergebnis entspricht
einer teilweisen Gutheissung des Rekurses.
7.- Dem Verfahrensausgang entsprechend wären die amtlichen Kosten zu drei Vierteln
dem Staat und zu einem Viertel dem Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP).
Zufolge Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz sind sie indessen
vollumfänglich vom Staat zu tragen. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.
Bei diesem Verfahrensausgang hat der Rekurrent Anspruch auf eine ausseramtliche
Entschädigung (Art. 98 VRP). Im Rekursverfahren war der Beizug eines
Rechtsbeistandes geboten. Im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird
das Honorar als Pauschale ausgerichtet; der Rahmen liegt zwischen Fr. 1'000.– und
Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und
Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt: HonO). Die vom Rechtsvertreter geltend
gemachte Entschädigung von Fr. 2'000.– erscheint angemessen; die Barauslagen und
die Mehrwertsteuer (vgl. Art. 3 lit. a des Mehrwertsteuergesetzes [SR 641.20], Art. 3
Abs. 2 des Zollgesetzes [SR 631.0]) sind in diesem Betrag enthalten (Art. 28 Abs. 1
und Art. 29 HonO); entschädigungspflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt).