Decision ID: 3074f560-7512-56b4-8ba9-dfa8b6112b02
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Die IV-Stelle sprach B._ (nachfolgend: Stammrentner) mit Verfügung vom 7.
Dezember 2010 ab April 2008 eine halbe IV-Rente und unter anderem für dessen 1995
geborene Tochter A._ (nachfolgend: Versicherte) ab Januar 2009 eine IV-Kinderrente
zu (Renten-act. 74, vgl. Renten-act. 52). Per 1. April 2010 sprach die IV-Stelle dem
Stammrentner eine ganze IV-Rente zu und passte die Höhe der Kinderrente
entsprechend an (Verfügungen vom 4. und 12. April 2011; Renten-act. 47, 43).
A.b Auf Gesuch des Stammrentners vom 20. Mai 2011 richtete die IV-Stelle die
Kinderrente direkt an das Sozialamt der Stadt C._ aus (Renten-act. 42). Nachdem die
Kinderrente zwischenzeitlich an die Mutter der Versicherten (vgl. Renten-act. 40) bzw.
das Sozialamt D._ (vgl. Renten-act. 39) ausbezahlt worden war, richtete die IV-Stelle
die Kinderrente ab September 2013 direkt an die mittlerweile volljährige Versicherte aus
(Renten-act. 25, vgl. 20, 10).
A.c Am 5. August 2013 hatte sich die Versicherte zum Bezug von IV-Leistungen
angemeldet (IVTG-act. 83). Die IV-Stelle übernahm die Mehrkosten der erstmaligen
beruflichen Ausbildung zur Küchenmitarbeiterin EBA vom 1. Mai 2013 bis 31. Juli 2015
(Mitteilung vom 27. März 2013; IVTG-act. 79). Mit Verfügung vom 23. August 2013
sprach die IV-Stelle ihr ein Taggeld von Fr. 34.60 pro Tag für den Zeitraum vom 1.
September bis 31. Dezember 2013 zu (IVTG-act. 78). Am 17. Januar 2014 verfügte die
IV-Stelle einen Anspruch auf ein Taggeld von Fr. 34.60 pro Tag für den Zeitraum vom 1.
Januar bis 31. Juli 2014 sowie auf das Höchsttaggeld von Fr. 103.80 vom 1. August bis
31. Dezember 2014 (IVTG-act. 64 f.). Die Zusprache des Höchsttaggelds verlängerte
sie für den Zeitraum vom 1. Januar bis 31. Juli 2015 (Verfügung vom 23. Dezember
2014; IVTG-act. 30).
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A.d Am 1. Juni 2015 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, infolge Beendigung der
Ausbildung erlösche der Anspruch auf Kinderrente per Juli 2015 (Renten-act. 8). Da die
Versicherte das Qualifikationsverfahren ihrer Ausbildung nicht bestanden hatte (vgl. act.
G1.10), übernahm die IV-Stelle mit Verfügung vom 14. August 2015 jedoch die
Mehrkosten der Verlängerung der erstmaligen beruflichen Ausbildung ab 1. August
2015 bis 31. Juli 2016 und richtete weiter Taggelder aus (IVTG-act. 7, 5).
A.e Mit einer weiteren Verfügung vom 14. August 2015 verpflichtete die IV-Stelle die
Versicherte, den Betrag von Fr. 9‘189.-- für im Zeitraum vom 1. August 2014 bis 31.
Juli 2015 ausbezahlte Kinderrenten zurückzuerstatten. Sie begründete, das Einkommen
der Versicherten in Form von Taggeldern sei in dieser Zeit höher gewesen als die
maximale Vollrente, weshalb sie keinen Anspruch auf die Kinderrente gehabt habe
(Renten-act. 4, vgl. Abrechnung in IVTG-act. 6).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 14. August 2015 richtet sich die vorliegende
Beschwerde (Postaufgabe 17. September 2015). Die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) beantragt darin sinngemäss, es sei keine Rückforderung
vorzunehmen, da sie im von der Verfügung erfassten Zeitraum noch in Ausbildung
gewesen sei. Eventuell sei ihr die Rückforderung aufgrund ihrer finanziellen
Verhältnisse zu erlassen (act. G1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 4. November 2015 beantragt die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin), es sei festzustellen, dass die Beschwerdeführerin
die Kinderrente im Umfang von Fr. 5‘369.-- zurückzuerstatten habe. Im Übrigen sei die
Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Sie bringt vor, die im Jahr 2014
erhaltenen Taggelder seien geringer gewesen als die maximale volle Altersrente der
AHV, weshalb sie die Kinderrente für den Zeitraum von August bis Dezember 2014
nicht hätte zurückfordern dürfen. Von Januar bis Juli 2015 habe die
Beschwerdeführerin jedoch ein deutlich höheres Einkommen als die maximale volle
Altersrente erzielt. Demnach habe sie ab Januar 2015 keinen Anspruch mehr auf eine
Kinderrente. Die Voraussetzungen für einen Verzicht auf die Rückforderung seien erst
im Erlassverfahren zu prüfen. Derzeit sei auf den Antrag nicht einzutreten (act. G3).
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B.c Die mit Schreiben vom 5. November 2015 zur Einreichung einer Replik
aufgeforderte Beschwerdeführerin (act. G4) liess sich nicht mehr vernehmen (vgl. act.
G5).

Erwägungen
1.
Den Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die rückwirkende Einstellung
der Kinderrente per 1. August 2014 und die daraus resultierende Rückforderung in
Höhe von Fr. 9‘189.-- (Renten-act. 4). Die in den Monaten August 2014 bis Juli 2015
ausgerichtete Kinderrente hat sich auf die formell rechtskräftige Verfügung vom 12.
April 2011 (Renten-act. 43) gestützt, welche nur dem Vater der Versicherten
(nachfolgend: Stammrentner) eröffnet worden war. Die Rentenzahlungen haben folglich
nicht ohne weiteres zurückgefordert werden können, da die verbindliche
Leistungszusprache in der Verfügung vom 12. April 2011 dem entgegengestanden ist.
Die von der Beschwerdegegnerin verfügte Rückforderung hat deshalb die vorgängige
rückwirkende Einstellung der Kinderrente vorausgesetzt. Allerdings hat es die
Beschwerdegegnerin versäumt, sich in der Rückforderungsverfügung vom 14. August
2015 (Renten-act. 4) oder zuvor explizit dazu zu äussern. Diese Lücken im
Verfügungstext müssen auf dem Weg der Auslegung gefüllt werden (vgl. Entscheide
des Versicherungsgerichts des Kantons St.Gallen vom 29. November 2016, EL 2015/37
E. 3.1 und vom 31. Januar 2017, EL 2015/38 E. 2, abrufbar unter www.gerichte.sg.ch,
Dienstleistungen, Rechtsprechung, Versicherungsgericht). Mit der
Rückforderungsverfügung vom 14. August 2015 hat die Beschwerdegegnerin dem
Umstand Rechnung getragen, dass die Versicherte seit August 2014 ein höheres
Taggeld erhielt. Damit hat sie die mit der Verfügung vom 12. April 2011 (Renten-act. 43)
zugesprochene Kinderrente an eine Sachverhaltsänderung angepasst, weshalb es sich
bei der Rückforderungsverfügung vom 14. August 2015 bzw. der Korrekturverfügung,
welche dieser hätte vorausgehen müssen, um eine Revision der Kinderrente gemäss
Art. 17 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) gehandelt haben muss (vgl. dazu unten).
Diese Korrekturverfügung (Einstellung der Kinderrente) hätte dem Stammrentner
eröffnet werden müssen, welcher somit rechtsmittelberechtigt gewesen wäre.
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Vorliegend kann jedoch ausnahmsweise auf eine Beiladung des Stammrentners
verzichtet werden (zur Beiladung vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, N
125 ff. zu Art. 61 ATSG), weil die im umstrittenen Zeitraum angefallenen Kinderrenten
direkt an die Beschwerdeführerin ausbezahlt wurden (vgl. Renten-act. 25). Er ist damit
von der Rückforderung derselben nicht betroffen und es ist nicht davon auszugehen,
dass er ein Rechtsmittel erhoben hätte. Die Beschwerdeführerin selbst ist zur
Beschwerde berechtigt, da sie von der Einstellung der Kinderrente berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung der fälschlicherweise nicht erlassenen
Korrekturverfügung hat (vgl. Art. 59 ATSG).
2.
Vorerst ist zu prüfen, ob die rückwirkende Einstellung der Kinderrente per 1. August
2014, welche der angefochtenen Rückforderungsverfügung zugrunde liegen muss,
zulässig gewesen ist.
2.1 Männer und Frauen, denen eine Invalidenrente zusteht, haben für jedes Kind, das
im Falle ihres Todes eine Waisenrente der Alters- und Hinterlassenenversicherung
beanspruchen könnte, Anspruch auf eine Kinderrente (Art. 35 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Der Anspruch auf
die Kinderrente erlischt mit der Vollendung des 18. Altersjahrs. Für Kinder, die noch in
Ausbildung sind, dauert der Rentenanspruch bis zu deren Abschluss, längstens aber
bis zum vollendeten 25. Altersjahr (Art. 25 Abs. 4 und 5 des Bundesgesetzes über die
Alters- und Hinterlassenenversicherung [AHVG; SR 831.10]). Nicht als in Ausbildung gilt
ein Kind, wenn es ein durchschnittliches monatliches Erwerbseinkommen erzielt, das
höher ist als die maximale volle Altersrente der AHV (Art. 49bis Abs. 3 der Verordnung
über die Alters- und Hinterlassenenversicherung [AHVV; SR 831.101], 2014: Fr. 2‘340.--
monatlich).
2.2 Jede formell rechtskräftig zugesprochene Dauerleistung wird von Amtes wegen
oder auf Gesuch hin erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben, wenn sich der ihr zu
Grunde liegende Sachverhalt nachträglich erheblich verändert hat (Art. 17 Abs. 2
ATSG). Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten (Art. 25 Abs. 1
Satz 1 ATSG). Die Herabsetzung oder Aufhebung der Renten erfolgt frühestens vom
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ersten Tag des zweiten der Zustellung der Verfügung folgenden Monats an (Art. 88bis
Abs. 2 lit. a der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]).
Ausnahmsweise erfolgt die Herabsetzung oder Aufhebung der Rente rückwirkend ab
Eintritt der für den Anspruch erheblichen Änderung, wenn der Bezüger die Leistung zu
Unrecht erwirkt hat oder der ihm nach Art. 77 IVV zumutbaren Meldepflicht nicht
nachgekommen ist, unabhängig davon, ob die Verletzung der Meldepflicht oder die
unrechtmässige Erwirkung ein Grund für die Weiterausrichtung der Leistung war (Art.
88bis Abs. 2 lit. b IVV). Gemäss Art. 77 IVV haben der Berechtigte oder sein
gesetzlicher Vertreter sowie Behörden oder Dritte, denen die Leistung zukommt, jede
für den Leistungsanspruch wesentliche Änderung, namentlich insbesondere eine
solche des Gesundheitszustandes, der Arbeits- oder Erwerbsfähigkeit sowie der
persönlichen und gegebenenfalls der wirtschaftlichen Verhältnisse des Versicherten
unverzüglich der IV-Stelle anzuzeigen (vgl. Art. 31 Abs. 1 ATSG).
2.3 Eine unrechtmässige Erwirkung der Kinderrente i.S.v. Art. 88bis Abs. 2 lit. b IVV
wird vorliegend nicht geltend gemacht und es ergeben sich keine diesbezüglichen
Hinweise aus den Akten. Einzig zu prüfen ist somit, ob die Beschwerdeführerin im Sinn
von Art. 77 IVV meldepflichtig war und einer solchen allfälligen Meldepflicht
nachgekommen ist.
2.3.1 Die Beschwerdeführerin erhielt seit Januar 2009 eine Kinderrente (Renten-act.
74), welche ihr seit September 2013 direkt von der Beschwerdegegnerin ausbezahlt
wurde (Renten-act. 25). Die Beschwerdegegnerin übernahm die Mehrkosten der
erstmaligen beruflichen Ausbildung zur Küchenmitarbeiterin EBA und richtete der
Beschwerdeführerin ab 1. September 2013 zusätzlich zur Kinderrente ein Taggeld von
Fr. 34.60 aus (IVTG-act. 78, 64). Ab 1. August 2014 erhöhte sie das Taggeld auf den
Höchstbetrag von Fr. 103.80 (IVTG-act. 65, 30). Die Beschwerdeführerin war als
leistungsbeziehende Dritte (betreffend Kinderrente) potentiell meldepflichtig gemäss
Art. 77 IVV. Sie durfte jedoch davon ausgehen, dass der Beschwerdegegnerin sowohl
die Taggeldzahlungen als auch die Ausrichtung der Kinderrente bekannt war. Selbst
wenn allenfalls unterschiedliche Mitarbeiter für das Rentendossier des Stammrentners
und den Taggeldanspruch der Beschwerdeführerin zuständig waren, durfte sie damit
rechnen, dass die ausgerichteten Leistungen der Beschwerdegegnerin als ein und
derselben Versicherung bekannt waren. Die Meldepflicht ist nicht so weit zu fassen, als
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dass die Beschwerdeführerin den Taggeldbezug bzw. die Erhöhung des eigenen
Taggeldanspruchs quasi ins Rentendossier ihres Vaters hätte melden müssen. Dabei
ist zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin keine besonderen Kenntnisse über
die Abläufe im sozialversicherungsrechtlichen Verfahren hat. Es war ihr nicht zumutbar
zu erkennen, dass die Ausrichtung der Kinderrente ab August 2014 bzw. Januar 2015
(vgl. act. G3) nicht mehr gerechtfertigt war, zumal dies lediglich in einer Erhöhung des
bereits seit September 2013 ausbezahlten Taggeldes begründet war. Zudem ist zu
bemerken, dass die Rentenverfügung vom 7. Dezember 2010 (Renten-act. 52) und die
Rentenrevisionsverfügung vom 12. April 2011 (Renten-act. 43) der Beschwerdeführerin
nicht eröffnet worden waren und sie damit vom darin enthaltenen Hinweis auf die
Meldepflicht für Empfänger von Renten keine Kenntnis hatte.
2.3.2 Am Rand ist festzuhalten, dass nachdem sich die Beschwerdegegnerin der
Ausrichtung der beiden Leistungen offenkundig bewusst sein musste, im Übrigen auch
nicht von einer entsprechenden Meldepflicht des Stammrentners auszugehen ist.
Folglich braucht auch nicht geklärt zu werden, ob er vom IV-Taggeldbezug der
Beschwerdeführerin überhaupt Kenntnis hatte.
2.4 Damit liegt keine Meldepflichtverletzung vor und eine rückwirkende Einstellung der
Kinderrente war nicht zulässig (vgl. Art. 88bis Abs. 2 lit. b IVV). Folglich besteht auch
keine rechtliche Grundlage für die Rückforderung der von August 2014 bis Juli 2015
ausgerichteten Kinderrentenzahlungen.
3.
3.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde unter Aufhebung der Verfügung vom 14.
August 2015 gutzuheissen.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Ausgangsgemäss
hat die Beschwerdegegnerin die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.