Decision ID: 9973a8cd-452e-44b2-8769-fc1d1e78fb09
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Februar 2013 wegen Nieren-, Rücken- und psychischen
Beschwerden zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er
gab an, seit März 2004 als Lastwagenchauffeur bei der B._ AG vollerwerbstätig zu
sein und monatlich Fr. 5'590.-- zu verdienen. In einem Arbeitgeberbericht teilte die
B._ AG am 13. Februar 2013 mit (IV-act. 5), der Versicherte sei seit Mai 2004 als
Kehrichtwagenfahrer angestellt. Der letzte Arbeitstag sei am 25. Oktober 2012
gewesen. Der Monatslohn betrage Fr. 5'590.-- (inklusive 13. Monatslohn) bei einer
Wochenarbeitszeit im Betrieb von 43.75 Stunden. Der Hausarzt des Versicherten, Dr.
med. C._, gab der RAD-Ärztin Dr. med. D._ am 19. März 2013 telefonisch zur
Auskunft (IV-act. 16), der Versicherte leide seit Oktober 2012 an einer Depression, an
Angst- und Panikattacken und an Schlafstörungen. Zudem bestehe ein Status nach
einem Angiomyolipom der rechten Niere. Aufgrund der präoperativen Abklärungen bei
einem Malignitätsverdacht habe sich eine ausgeprägte Krebsphobie entwickelt. Des
Weiteren bestünden Rücken- und Leistenschmerzen bei einem Status nach einer
Herniotomie. Die psychische Problematik stehe im Vordergrund. Eine Rückkehr an den
Arbeitsplatz als Kehrichtwagenfahrer sei aus psychischen Gründen nicht möglich. In
einer rückenadaptierten, wechselbelastenden, maximal mittelschweren Tätigkeit
bestehe ab April 2013 eine 50%ige Arbeitsfähigkeit. Dr. C._ unterzeichnete das
Gesprächsprotokoll am 27. März 2013. Er reichte einen Bericht der Klinik für Urologie
des Kantonsspitals St. Gallen vom 26. Februar 2013 und einen Operationsbericht
derselben Klinik betreffend eine Nierenteilresektion rechts vom 12. November 2012 ein.
Am 24. April 2013 teilte Dr. C._ mit (IV-act. 21), dem Versicherten sei die Arbeitsstelle
A.a.
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gekündigt worden. Der Versicherte stehe unter Schock und sei deshalb erneut
vollständig arbeitsunfähig. Am 30. Mai 2013 gab Dr. C._ an (IV-act. 30), dem
Versicherten gehe es in Bezug auf die Rückenschmerzen und die Schmerzen der
Operationswunde besser. Der Versicherte sei zu 50% arbeitsfähig.
Med. pract. E._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, und Dr. med.
F._, Arzt am Psychiatrie-Zentrum G._, teilten am 4. September 2013 mit (IV-
act. 40), sie hätten beim Versicherten die Diagnose einer anderen gemischten
Angststörung (ICD-10 F 41.3) erhoben. Der Versicherte sei im Dezember 2011 vom
Hausarzt zugewiesen worden. Bei der letzten Kontrolle im Juli 2013 sei er mässig
freundlich und zugewandt gewesen. Ein affektiver Rapport habe gut hergestellt werden
können. Die Aufmerksamkeit, die Konzentration und das Gedächtnis seien unauffällig
gewesen. Es hätten zwanghafte hypochondrische Gedanken bestanden. Der
Versicherte habe über Schlafprobleme berichtet. Beim ihm sei eine passive Haltung
wahrzunehmen gewesen. In der Tätigkeit als Lastwagenchauffeur sei er seit dem
26. Oktober 2012 vollständig arbeitsunfähig gewesen.
A.b.
Am 22. November 2013 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 47), das
Gesuch um berufliche Massnahmen werde abgewiesen. Zur Begründung gab sie an,
der Versicherte fühle sich nicht in der Lage, an Eingliederungsbemühungen
mitzuwirken.
A.c.
Med. pract. E._ und Dr. F._ berichteten am 6. Dezember 2013 (IV-act. 49), der
Gesundheitszustand des Versicherten habe sich verbessert. Als Diagnosen gaben sie
eine andere gemischte Angststörung (ICD-10 F 41.3) und akzentuierte
Persönlichkeitszüge (passiv-aggressiv, zwanghaft, narzisstisch, ICD-10 Z73.1) an. Sie
führten aus, in den letzten Monaten sei der Verlauf positiv gewesen. Der Versicherte
habe offener und entspannter gewirkt, habe weniger Schmerzen gehabt und sei leicht
aktiver gewesen. In der bisherigen Tätigkeit könne die Arbeit zu ca. zweieinhalb
Stunden pro Tag wieder aufgenommen und anschliessend schrittweise erhöht werden.
A.d.
Am 9. Dezember 2013 erstattete Dr. med. H._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, zuhanden der Krankentaggeldversicherung ein psychiatrisches
Gutachten (Fremdakten-act. 3). Die Untersuchung hatte am 4. November 2013
A.e.
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stattgefunden. Dr. H._ gab als Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine
Dysthymia (ICD-10 F34.1) an. Er führte aus, die geringe Ausprägung der
objektivierbaren Defizite habe Fragen nach der Authentizität der
Beschwerdeschilderungen aufgeworfen. Im Screening-Validierungstest hätten sich
Hinweise auf eine Simulation/Aggravation ergeben, wobei ein intendiertes Verhalten als
wenig wahrscheinlich erschienen sei; hingegen sei eine starke Identifizierung mit der
Krankenrolle sehr wahrscheinlich gewesen. Die Depression sei fachfremd diagnostiziert
worden. In der Untersuchung habe der Versicherte eine leichtgradige Dysphorie
gezeigt. In Bezug auf die somatische Gesundheit habe er eine Reihe von
dysfunktionalen Kognitionen präsentiert, die grösstenteils einer starken Identifizierung
mit der Krankenrolle entsprochen hätte. Als aufrechterhaltend für die Symptomatik sei
eine durch die nach der Meinung des Versicherten ungerechte Kündigung erlebte
Kränkung hervorzuheben gewesen. In der Gesamtschau habe es sich um eine seit
längerer Zeit bestehende, leichtgradige, anhaltende affektive Erkrankung, eine
Dysthymia, gehandelt. Hinweise auf eine depressive Episode hätten sich aus dem
aktuellen Befund und den anamnestischen Schilderungen des Versicherten nicht
ergeben. Die Aufnahme der psychiatrischen Behandlung sei vor drei Jahren erfolgt, als
sich der Versicherte durch längere Arbeitszeiten beeinträchtigt gefühlt und
infolgedessen Schlafstörungen und Ängste entwickelt habe. Unter einer psychiatrisch-
psychotherapeutischen Behandlung sei die Symptomatik rückläufig gewesen; sie habe
sich aber nicht vollständig zurückgebildet. Aufgrund einer verminderten emotionalen
Belastbarkeit sei der Versicherte in der angestammten und in sämtlichen für ihn in
Frage kommenden Tätigkeiten zu 20% arbeitsunfähig. In Tätigkeiten, die nachts, in
Schicht oder unter einem starken emotionalen Zeitdruck ausgeführt würden, betrage
die Arbeitsfähigkeit nur 50%, insbesondere da eine relevante Verschlechterung des
psychischen Zustandsbilds eintreten könnte.
Die RAD-Ärztin Dr. D._ notierte am 27. Januar 2014 (IV-act. 50), die
psychiatrischen Diagnosen und die Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr. H._ und
der Fachärzte des Psychiatrie-Zentrums G._, med. pract. E._ und Dr. F._,
differierten erheblich. Eine schrittweise Eingliederung in eine adaptierte Tätigkeit
(rückenadaptiert, wechselbelastend, körperlich leicht bis maximal mittelschwer, keine
Nacht- oder Schichtarbeit, kein erhöhter Zeitdruck) sei prioritär. Beginnend mit einer
A.f.
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täglichen Präsenz von 30% (zweieinhalb Stunden pro Tag) könne die Arbeitsfähigkeit
innerhalb von drei Monaten auf 50% gesteigert werden. Der Hausarzt Dr. C._ gab am
4. Juni 2014 an (IV-act. 57), er sei ebenfalls der Auffassung, dass der Versicherte
eingliederbar sei und zwar mit einer 30%igen Leistung. Am 1. September 2014 teilte
die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 71), im Rahmen einer
Integrationsmassnahme würden die Kosten für ein Belastbarkeitstraining im I._ vom
11. August 2014 bis zum 11. November 2014 übernommen.
Der Versicherte absolvierte vom 11. August 2014 bis zum 10. Oktober 2014 das
Belastbarkeitstraining im I._. Am 10. Oktober 2014 wurde dieses von der IV-Stelle
abgebrochen, da die gesetzten Ziele nicht hatten erreicht werden können (IV-act. 86,
89). Im Schlussbericht des I._ vom 12. Oktober 2014 wurde unter anderem
festgehalten (IV-act. 87), der Versicherte sei nie an seine Leistungsgrenze gegangen; er
habe die Sollzeit nie erreicht. Am 24. Oktober 2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit (IV-act. 89), weitere berufliche Massnahmen seien nicht angezeigt.
A.g.
Der Hausarzt Dr. C._ berichtete am 11. Dezember 2014 (IV-act. 91), der
Gesundheitszustand des Versicherten sei stationär. Die Psyche sei schlecht; zudem
leide der Versicherte an einer Lumbago und an Unterbauchschmerzen. Er attestierte
eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit respektive eine in einem Halbtagespensum verwertbare
30%ige Leistungsfähigkeit. Am 9. Januar 2015 teilten med. pract. E._ und Dr. med.
J._, Arzt am Psychiatrie-Zentrum G._, mit (IV-act. 97), der Versicherte sei letztmals
am 23. Januar 2014 bei ihnen in Behandlung gewesen. Die Behandlung sei wegen
einer mangelnden Compliance abgebrochen worden. Dr. med. K._, Psychiatrie FMH,
gab am 22. April 2015 an (IV-act. 100), er behandle den Versicherten seit Mai 2014. Er
habe eine depressive Entwicklung mit einer gegenwärtig mittelschweren Depression
mit somatischen Symptomen (ICD-10 F33.11), beginnend mit der Diagnose und
Operation eines benignen Nierentumors im Herbst 2012, und eine erhebliche
narzisstische Problematik diagnostiziert. Zudem bestehe ein Status nach diversen
Hernien und ein Rezidiv der Bauchwandhernie rechts. Die Konzentration sei qualitativ
unterschiedlich. Der Versicherte traue sich kaum mehr etwas zu. Die Grundstimmung
sei resigniert, ängstlich und dysphorisch, die affektive Schwingungsfähigkeit sei
eingeschränkt, die Frustrations- und Kritiktoleranz sei erheblich eingeschränkt und es
bestehe eine stark erhöhte Kränkbarkeit. Er attestierte eine seit Juni 2014 bestehende
A.h.
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70%ige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit. In einer kräftemässig
leichten, am besten alleine auszuführenden Tätigkeit sei eine Tätigkeit im Umfang von
zwei bis drei Stunden täglich zumutbar. Unter psychiatrischen Massnahmen sei eine
Erhöhung der Arbeitsfähigkeit auf maximal 50% möglich.
Der RAD-Arzt Dr. med. L._ notierte am 5. Juni 2015 im Wesentlichen (IV-
act. 105), die Beurteilung von Dr. H._ habe nach wie vor Gültigkeit, da das von ihm
beschriebene klinische Bild dem von Dr. K._ beschriebenen gleiche. Die Beurteilung
von Dr. K._ sei aber lediglich auf dessen eigene Anamnese abgestützt und deshalb
nicht so umfassend begründet. Der Versicherte sei daher aus psychiatrischer Sicht in
einer dem somatischen Leiden adaptierten Tätigkeit nicht mehr als 20% in der
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt.
A.i.
Nach der Durchführung eines Vorbescheidverfahrens (vgl. IV-act. 106, 113) wies
die IV-Stelle mit einer Verfügung vom 12. Februar 2016 das Rentenbegehren bei einem
Invaliditätsgrad von 10% ab (IV-act. 117). Der Versicherte erhob am 17. März 2016
dagegen eine Beschwerde (IV-act. 122). Er machte im Wesentlichen geltend, das
Gutachten von Dr. H._, auf welches die IV-Stelle ihren Entscheid abstütze, sei nicht
umfassend, da dem Gutachter nicht alle Vorakten vorgelegen hätten. Am 25. Mai 2016
widerrief die IV-Stelle die Verfügung vom 12. Februar 2016 (IV-act. 132). Sie teilte dem
Versicherten am 17. Juni 2016 mit (IV-act. 137), dass eine psychiatrische Untersuchung
notwendig sei und dass Prof. Dr. med. M._, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und
Psychotherapie, damit beauftragt worden sei. Das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen schrieb das Verfahren IV 2016/90 am 20. Juni 2016 als gegenstandslos ab
(IV-act. 141).
A.j.
Am 5. September 2016 wurde der Versicherte durch Prof. M._ psychiatrisch
untersucht. Im Gutachten vom 8. September 2016 gab Prof. M._ als Diagnose mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Dysthymia (ICD-10 F34.1) und als Diagnose
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Persönlichkeitsakzentuierung mit
narzisstischen Anteilen (ICD-10 Z73.1) an (IV-act. 145-56). Prof. M._ erwähnte
einleitend (IV-act. 145-35 ff.), es hätten sich Hinweise auf Verdeutlichungen gezeigt;
eine Aggravation oder Simulationszeichen hätten nicht bestanden. Er hielt fest, der
Versicherte habe angegeben, dass er (der Versicherte) seit der Nierenoperation an
A.k.
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Narbenbeschwerden leide. Man habe ihm vorgeschlagen, die Narbe operativ zu
korrigieren; er habe aber Angst vor einer erneuten Operation. Nach der Operation vom
12. November 2012 hätten die Ärzte gesagt, dass er einen schweren Herzinfarkt erlitten
habe; dies habe aber nicht gestimmt. Diese "Falschinformation" sei immer in seinem
Kopf. Wenn er erfahre, dass jemand an einem Tumor verstorben sei, dann sei er "total
am Ende" und grüble über sein Schicksal. Im Vordergrund stehe aber die Pollakisurie.
Er sei deswegen in der Klinik N._ in Behandlung gewesen; dort habe man ihm nicht
helfen können. Wegen der Nykturie mit circa vier- bis sechsmaligem Wasserlassen
während der Nacht habe er Schlafstörungen und sei am Folgetag wenig leistungsfähig.
Am Morgen begleite er die Enkelkinder zum Kindergarten und zur Schule.
Anschliessend gehe er bei schönem Wetter ca. eineinhalb Stunden spazieren. Am
Nachmittag spiele er für ca. zwei Stunden mit den Enkelkindern und gehe spazieren.
Nach dem Abendessen besuche er seine Geschwister, die in der Nähe wohnten. Prof.
M._ führte des Weiteren aus, in der Untersuchung habe sich keine
Bewusstseinsstörung gezeigt. Das Alt- bzw. das Langzeitgedächtnis sei kursorisch
intakt gewesen. Auffälligkeiten betreffend die Konzentration und die Aufmerksamkeit
hätten nicht bestanden. Der formale Gedankengang sei nicht verzögert gewesen. Das
Denken sei in Kohärenz und Stringenz unauffällig gewesen. Es habe eine maladaptive
Verarbeitung der gesundheitlichen Störungen bestanden. Inhaltlich sei das Denken
ohne wahnhafte Inhalte gewesen. Der Versicherte sei gut spürbar und seine
Grundstimmung sei leicht dysphorisch und minim herabgestimmt gewesen. Die
Schwingungsfähigkeit sei leicht eingeschränkt und die Vitalgefühle seien infolge der
somatischen Beschwerden leicht gemindert gewesen. Das Selbstwertempfinden sei
vermindert, die Psychomotorik sei unauffällig und der Antrieb sei regelrecht gewesen.
Eine Reduktion der Freudfähigkeit und der Interessen sowie ein sozialer Rückzug
hätten nicht bestanden. Im Rahmen der Würdigung des Gutachtens von Dr. H._ vom
9. Dezember 2013 hielt Prof. M._ fest, die Präsentation des Versicherten habe sich
zur vorgutachterlichen Beurteilung nur marginal unterschieden. Insbesondere hätten
wiederum dysfunktionale Kognitionen mit hypochondrischen Ängsten das Störungsbild
dominiert. Er gehe mit dem Vorgutachter einig, dass die vorherrschende
Psychopathologie die Kriterien für eine Depression gemäss ICD-10 nicht erfüllt hätten;
die Schwere der depressiv-dysphorischen Verstimmungen habe die Kriterien einer
Dysthymie gemäss ICD-10 F34.1 erfüllt. Die ängstlichen dysfunktionalen Gedanken
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seien Bestandteil der Dysthymie gewesen und hätten die zusätzliche Diagnosestellung
einer Angststörung nicht gerechtfertigt. Das psychopathologische Bild sei durch eine
narzisstisch gefärbte Persönlichkeitsakzentuierung gemäss ICD-10 Z73.1 überschattet
worden. Zum Bericht von Dr. K._ vom 22. April 2015 gab Prof. M._ an, der darin
festgehaltene Psychostatus habe zahlreiche Bewertungen enthalten und keinem
AMDP-gültigen Befund entsprochen. Die Kriterien für eine mittelgradige Depression
(mindestens zwei Hauptsymptome und fünf Zusatzsymptome) hätten dem Befund nicht
entnommen werden können, womit die Diagnose nicht nachvollziehbar gewesen sei.
Zum Bericht der Fachärzte des Psychiatrie-Zentrums G._ vom 4. September 2013
erklärte er, im mitgeteilten Psychostatus hätten sich die diagnostischen Kriterien einer
Angststörung ebenso wenig nachvollziehen lassen wie jene für eine depressive
Episode. In Bezug auf die Konsistenz hielt Prof. M._ fest, die Vorakten hätten
Hinweise auf motivationale Probleme des Versicherten enthalten; diese hätten auf eine
bewusste Selbstlimitierung schliessen lassen. Der Blutserumspiegel des
schlafanstossenden Antidepressivums Remeron habe sich nicht im therapeutischen
Bereich befunden. Eine Aggravation oder Simulation des Versicherten habe sich nicht
gezeigt. Hingegen seien erneut Verdeutlichungen erkennbar gewesen. Bestanden
hätten vornehmlich dysfunktionale aversive Kognitionen bei einer maladaptiven
Krankheitsverarbeitung, wobei sich der Versicherte in narzisstischer Kränkung weiterhin
in die Opfer- und Krankenrolle zurückgezogen habe. Seine soziale Teilhabe habe als
weitgehend ungestört bezeichnet werden können. Er habe einen regen Kontakt zu
seinen Familienangehörigen gehabt und sei in soziale Interaktionen mit
Aufgabencharakter (z.B. Kinder zur Schule bringen) involviert gewesen. Die Ich-
Funktionen des Versicherten seien prämorbid ungestört gewesen. Der Versicherte habe
über zahlreiche Ressourcen verfügt, auf welche er in Selbstlimitierung nicht
zurückgegriffen habe. In Bezug auf die Diagnosestellung hielt Prof. M._ fest, er
schliesse sich dem Vorgutachter Dr. H._ an. Es habe eine Dysthymia (ICD-10 F34.1)
mit dysphorisch-ängstlich-depressiver Verstimmung, welche die Kriterien für eine
Depression gemäss ICD-10 nicht erfülle, bestanden. Eine Angststörung habe ebenfalls
nicht vorgelegen und eine Anpassungsstörung habe nicht diagnostiziert werden
können, da die Dauer der Störung die gemäss ICD-10 zulässige Dauer der
Psychopathologie überschritten habe. Beim Versicherten sei von einer narzisstischen
Persönlichkeitsakzentuierung auszugehen gewesen (ICD-10 Z73.1), die zu einem
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maladaptiven Krankheitsverarbeitungsprozess mit dysfunktionalen aversiven
Kognitionen geführt habe. Er gehe mit der Einschätzung des Vorgutachters hinsichtlich
der Arbeitsfähigkeit des Versicherten dahingehend überein, dass die letztgenannten
negativen Kognitionen die Belastbarkeit reduzieren und das emotional-kognitive
Durchhaltevermögen einschränken könnten. Insofern sei eine 20%ige
Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten und in adaptierten Tätigkeiten zu
bestätigen und zwar seit der Antragstellung und anhaltend. Zusammenfassend hielt
Prof. M._ fest, aufgrund einer Dysthymia mit Schwierigkeiten in der
Krankheitsverarbeitung mit ängstlich-dysfunktionalen aversiven Kognitionen lägen
Einschränkungen in der emotionalen Durchhaltefähigkeit vor, welche die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten in der zuletzt ausgeübten und in adaptierten
Tätigkeiten seit der Antragstellung und anhaltend zu 20% einschränkten. Eine höhere
Arbeitsunfähigkeit sei aufgrund der Psychopathologie nicht ausgewiesen. Er bestätige
damit das Ergebnis des Vorgutachtens von Dr. H._ vom 9. Dezember 2013.
Der RAD-Arzt Dr. L._ notierte am 19. September 2016 (IV-act. 146), auf das
psychiatrische Gutachten könne abgestellt werden.
A.l.
Mit einem Vorbescheid teilte die IV-Stelle dem Versicherten am 11. Januar 2017
mit (IV-act. 148), sie sehe vor, das Begehren um eine Invalidenrente bei einem
Invaliditätsgrad von 10% abzuweisen. Zur Begründung gab sie an, aus psychiatrischer
Sicht sei eine Dysthymie diagnostiziert worden. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung sei eine Dysthymie nicht invalidisierend. Aus somatischer Sicht lägen
lediglich qualitative Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit vor. Somit sei von einer
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit auszugehen. Beim
Valideneinkommen in der Höhe von Fr. 72'670.-- stütze sie sich auf das bisher erzielte
Einkommen und beim Invalideneinkommen von Fr. 65'172.-- auf den
Durchschnittsverdienst der Arbeitnehmenden (recte: statistischer Zentralwert des
Einkommens für Hilfsarbeiter) im Jahr 2012 gemäss der Lohnstrukturerhebung des
Bundesamts für Statistik. Der Versicherte wandte am 17. März 2017 (IV-act. 151)
gestützt auf einen Bericht von Dr. C._ vom 27. Februar 2017 ein, ein neues
urologisches Problem mit massiv gestörten Nächten sei aufgetreten. Er ersuche darum,
mit dem Entscheid über die Rente zuzuwarten, bis weitere Abklärungen getroffen
worden seien. Dr. C._ hatte berichtet (IV-act. 151-3), der Versicherte wache vier- bis
A.m.
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fünfmal pro Nacht auf. Tagsüber sei wegen Unterbauchschmerzen im Bereich der
Blase alle ein bis zwei Stunden eine Miktion nötig. Bei der Palpation des Abdomens
hätten sich deutliche Schmerzen im Bereich des Sigmas gezeigt, welches im CT
entzündet gewesen sei. Die Miktionsbeschwerden seien invalidisierend und störten die
Nachtruhe des Versicherten dermassen, dass er nicht fähig sei, an einem Arbeitsplatz
zu erscheinen und den ganzen Tag eine Leistung zu erbringen. Eine Kolposkopie sei
nötig. Am 19. April 2017 reichte der Versicherte einen Bericht von Dr. K._ vom
11. März 2017 ein (IV-act. 156). Er machte geltend, Dr. K._ könne die psychische
Situation am besten beurteilen; dieser schlage sich auch nicht "auf die Seite des
Patienten", wenn er festgehalten habe, die zumutbare Arbeitsfähigkeit sei höher als die
reale Arbeitsfähigkeit. Mit der Stellungnahme von Dr. K._ müssten erhebliche Zweifel
am Gutachten von Prof. M._ entstehen. Dr. K._ hatte mitgeteilt (IV-act. 156-3 f.), er
könne im Gegensatz zu den Gutachtern nicht nachvollziehen, wie beim Versicherten
offensichtliche depressive Episoden hätten ignoriert werden können. Gemäss den
Kriterien des ICD-10 werde für die Diagnose einer mittelschweren Depression verlangt,
dass depressive Stimmung, Verlust von Interesse oder Freude und erhöhte
Ermüdbarkeit (verlangt seien mindestens zwei dieser Kriterien – der Versicherte sei
immer wieder depressiv verstimmt und habe das Interesse und die Freude in
wesentlichem Ausmass verloren) und mindestens drei der anderen Symptome (der
Versicherte zeige davon eine verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, ein
vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Gefühle von Wertlosigkeit,
negative und pessimistische Zukunftsperspektiven und Schlafstörungen) vorhanden
seien. Der Versicherte sei aus psychiatrischer Sicht in seiner Arbeitsfähigkeit erheblich
beeinträchtigt. Er traue sich sehr wenig zu, verliere rasch die Geduld, habe einen
erheblich reduzierten Antrieb, sei ängstlich und kaum belastbar. Seine Konzentration
halte nicht lange vor. Die reale Arbeitsfähigkeit liege bei schätzungsweise 20%, die
zumutbare Arbeitsfähigkeit bei knapp 50%, denn "sein Stolz, eine dem Willen und der
Reflexion zugängliche Werthaltung", mache vieles schwieriger, als es sein müsste.
Dr. C._ berichtete am 8. Juni 2017 (IV-act. 163), der Gesundheitszustand des
Versicherten sei stationär. Die Behandlung der Nykturie sei bislang erfolglos geblieben.
Der Versicherte sei aktuell zu 20% über den Tag verteilt arbeitsfähig. Dr. C._ reichte
zwei Berichte von Dr. med. O._, Urologie FMH, ein. Dr. O._ hatte am 14. Januar
2015 mitgeteilt (IV-act. 163-5), er habe folgende Diagnosen erhoben: Störende Urge
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Symptomatik mit Pollakisurie, fünfmaliger Nykturie und Resturingefühl, beginnende
Prostatahyperplasie Grad I und Status nach Nierenteilresektion (Angiomyolipom) am
12. November 2012. Er habe symptomatisch eine medikamentöse Therapie empfohlen.
Am 1. April 2016 hatte Dr. O._ berichtet (IV-act. 163-6), der Versicherte habe trotz der
Medikation über persistierende Miktionsbeschwerden geklagt. Dr. O._ hatte einen
Verdacht auf eine Blasenhalsspastik, DD Blasenhaltsstenose, mit deutlichen
Miktionsbeschwerden und einen Status nach einer Nierenteilresektion (Angiomyolipom)
am 12. November 2012 diagnostiziert. Er hatte die Einnahme eines anderen
Medikaments empfohlen. Am 9. Juni 2017 nahm Prof. M._ Stellung zum Schreiben
von Dr. K._ vom 11. März 2017 (IV-act. 164). Er hielt fest, die diagnostische
Einschätzung von Dr. K._ stehe isoliert da. Der Versicherte sei in der Untersuchung
verdeutlichend gewesen; der Blutserumspiegel des schlafanstossenden
Antidepressivums Remeron habe sich nicht im therapeutischen Bereich befunden und
es habe eine Diskrepanz zwischen dem privaten Aktivitätsniveau und der beruflichen
Leistungsbereitschaft bestanden. Er sehe keine Veranlassung, von den Aussagen und
der Arbeitsfähigkeitsschätzung im Gutachten vom 5. September 2016 (recte:
8. September 2016) abzuweichen. Der RAD-Arzt Dr. L._ notierte am 8. September
2017 (IV-act. 165), der urologische Bericht vom 14. Januar 2015 enthalte keine
relevanten pathologischen Befunde, vor allem nicht mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit. Dem Bericht vom 1. April 2016 sei ein Verdacht auf eine
Blasenhalsspastik zu entnehmen. Prof. M._ habe zu den Einwänden von Dr. K._
klar Stellung genommen. An der bisherigen Einschätzung sei festzuhalten. Am
14. September 2017 gab die IV-Stelle dem Versicherten die Gelegenheit, zu den neu
eingeholten Unterlagen Stellung zu nehmen (IV-act. 166). Am 3. Januar 2018 teilte der
Versicherte mit (IV-act. 170), er halte an den Ausführungen im Vorbescheidverfahren
fest.
Mit einer Verfügung vom 29. Januar 2018 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren
ab (IV-act. 171). Zu den Einwänden hielt sie fest, aufgrund der neu eingeholten
Unterlagen könne von einem unveränderten Sachverhalt ausgegangen werden.
A.n.
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B.
Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) erhob am 1. März 2018 eine
Beschwerde (act. G 1). Er beantragte die Aufhebung der Verfügung und die Anweisung
an die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin), den Gesundheitszustand
nochmals abzuklären. Zur Begründung führte er an, das Gutachten von Prof. M._, auf
welches sich die Beschwerdegegnerin stütze, genüge den Anforderungen an ein
vollständiges Gutachten nicht. Das Gutachten sei notwendig geworden, weil
verschiedene psychiatrische Fachärzte unterschiedliche Diagnosen gestellt hätten. Der
Gutachter habe zwar festgehalten, welche Diagnosen nicht gegeben seien, jedoch
habe er nicht ausgeführt, wie er zu diesem Schluss gekommen sei. Er habe also
gesagt, andere Ärzte hätten falsch gelegen, ohne zu sagen, weshalb. Auch die
Diagnose der Dysthymie habe er letztlich nicht hinreichend begründet, dies bei
gleichzeitiger Kritik an Dr. K._ hinsichtlich dessen "Begründungspflicht". Der
Gutachter habe in der Stellungnahme vom 9. Juni 2017 nicht dargelegt, welche der von
Dr. K._ als erfüllt beschriebenen Kriterien tatsächlich nicht erfüllt gewesen seien, und
damit verbunden, warum er die von Dr. K._ gestellten Diagnosen ausgeschlossen
habe. Auffallend sei insbesondere, dass der Gutachter bei der Diskussion der
Diagnosen und der Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht auf die Miktionsbeschwerden
eingegangen sei, obwohl der Beschwerdeführer diese ausführlich geschildert habe.
Das Gutachten leide deshalb an einem Mangel.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 18. April 2018 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie im Wesentlichen an, Prof. M._
habe die Diagnose und die daraus resultierenden Einschränkungen begründet, indem
er dargelegt habe, dass der Beschwerdeführer neben den beinahe blanden objektiven
Befunden nicht nur ein erhebliches Funktionsniveau aufgewiesen habe, sondern auch
sozial eingebettet gewesen sei. Auch aus dem Tagesablauf seien erhebliche
Ressourcen erkennbar gewesen. In der Untersuchung hätten sich kaum
einschränkende objektive Befunde gezeigt; einzig die Grundstimmung sei leicht
dysphorisch und minim herabgestimmt gewesen. Unter eingehender
Auseinandersetzung mit den Vorakten habe der Gutachter festgestellt, dass deutliche
Hinweise auf motivationale Probleme und auf eine bewusste Selbstlimitierung
bestanden hätten. Der Blutserumspiegel des schlafanstossenden Antidepressivums
B.b.
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Remeron habe sich nicht im therapeutischen Bereich befunden. Der Gutachter habe
aufgrund des Gesagten nachvollziehbar auf eine Verdeutlichung und auf einen
fehlenden Leidensdruck geschlossen.
Der Beschwerdeführer hielt in der Replik vom 28. August 2018 an den
Ausführungen in der Beschwerde fest (act. G 15). Er machte ergänzend geltend, die
Beschwerdegegnerin habe in der Beschwerdeantwort auf ein gewisses Aktivitätsniveau
im Alltag hingewiesen. Dies werde nicht bestritten, jedoch werde auch nicht geltend
gemacht, er sei vollständig arbeitsunfähig. Davon gehe auch Dr. K._ nicht aus.
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 5. September 2018 auf eine Duplik (act.
G 17).
B.d.
Am 2. Dezember 2019 reichte der Beschwerdeführer einen Bericht von Dr. C._
vom 18. Oktober 2019 ein (act. G 19). Er machte geltend, durch die erhebliche
nächtliche Dysurie sei der Nachtschlaf derart gestört, dass eine dauerhafte
Erschöpfung resultiere, welche die Arbeitsfähigkeit invalidisierend aufhebe. Dr. C._
gehe korrekt davon aus, dass keine Arbeitsfähigkeit mehr gegeben sei. Dr. C._ hatte
mitgeteilt (act. G 19.1), der Beschwerdeführer leide seit Jahren an einer ausgeprägten
therapieresistenten Pollakisurie und Nykturie. Vor allem die nächtliche Dysurie mit fünf-
bis sechsmaligem Gang auf die Toilette beeinflusse dessen Leben massiv negativ.
Hinzu komme, dass sich im Rippenbogenrandschnitt rechts (Nierenoperation) eine
Hernie gebildet habe, die vor allem nachts eine Inkarzeration verursache, die den
Beschwerdeführer am Schlafen störe und aufgrund der starken Schmerzen auch Angst
und Panik auslöse. Aus Angst vor der Narkose wolle er sich keiner Operation
unterziehen. Aufgrund der Situation sei es unmöglich, ihn an einen Arbeitsplatz zu
vermitteln.
B.e.
Die Beschwerdegegnerin teilte am 18. Dezember 2019 mit (act. G 21), sie habe von
der Eingabe des Beschwerdeführers vom 2. Dezember 2019 und vom Bericht von
Dr. C._ vom 18. Oktober 2019 Kenntnis genommen und verzichte auf eine
Stellungnahme.
B.f.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 29. Januar 2018
einen Rentenanspruch des Beschwerdeführers bei einem IV-Grad von 10% verneint.
Strittig ist somit, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
2.
3.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR
830.1). Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.1.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen,
das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
2.2.
Um das zumutbare Invalideneinkommen ermitteln zu können, muss der
verbliebene Arbeitsfähigkeitsgrad des Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen. Die Beschwerdegegnerin hat dazu Prof.
M._ mit der Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens beauftragt. Im Gutachten
vom 8. September 2016 hat Prof. M._ angegeben (IV-act. 145-55), aufgrund einer
3.1.
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Dysthymia mit Schwierigkeiten in der Krankheitsverarbeitung mit ängstlich-
dysfunktionalen aversiven Kognitionen lägen Einschränkungen in der emotionalen
Durchhaltefähigkeit vor, welche die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in der
zuletzt ausgeübten und in adaptierten Tätigkeiten seit der Antragstellung und anhaltend
zu 20% einschränkten. Eine höhere Arbeitsunfähigkeit sei aufgrund der
Psychopathologie nicht ausgewiesen. Er bestätige damit das Ergebnis des
Vorgutachtens von Dr. H._ vom 9. Dezember 2013. Strittig und im Folgenden zu
prüfen ist, ob dem Gutachten voller Beweiswert zukommt, das heisst, ob es die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegt.
Ein Gutachten hat vollen Beweiswert, wenn es für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen
Situation einleuchtet und wenn die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind
(BGE 125 V 352, E. 3a). Notwendig ist zudem, dass der Gutachter die vom
Bundesgericht in Bezug auf anhaltende somatoforme Schmerzstörungen und
vergleichbare psychosomatische Leiden aufgestellten und später auf alle psychischen
Erkrankungen, insbesondere auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen,
anwendbar erklärten Standardindikatoren berücksichtigt hat (vgl. BGE 141 V 281; 143
V 409 und 143 V 418).
3.2.
Prof. M._ hat den Beschwerdeführer eingehend untersucht und seine subjektiven
Klagen aufgenommen. Er hat die objektiven klinischen Befunde wiedergegeben,
umfassende Kenntnis von den Vorakten gehabt und diese gewürdigt. Insbesondere hat
er dargelegt, dass anlässlich der Untersuchung die Grundstimmung des
Beschwerdeführers leicht dysphorisch und minim herabgestimmt gewesen sei; die
Schwingungsfähigkeit sei leicht eingeschränkt, das Selbstwertempfinden sei
vermindert und die Vitalgefühle seien infolge der somatischen Beschwerden leicht
gemindert gewesen. Er hat damit aufgezeigt, dass objektiv nur leichte psychische
Beschwerden festzustellen gewesen sind. Des Weiteren hat er erklärt, dass sich die
Präsentation des Beschwerdeführers nur marginal von der vorgutachterlichen
Beurteilung durch Dr. H._ – Dr. H._ hat ebenfalls eine Dysthymia diagnostiziert –
unterschieden habe. Insbesondere hätten wiederum dysfunktionale Kognitionen mit
hypochondrischen Ängsten das Störungsbild dominiert. Die vorherrschende
Psychopathologie habe die Kriterien einer Depression gemäss ICD-10 nicht erfüllt; die
Schwere der depressiv-dysphorischen Verstimmungen hätten aber die Kriterien einer
3.3.
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Dysthymie erfüllt. Die ängstlichen dysfunktionalen Gedanken seien Bestandteil der
Dysthymie gewesen und hätten die zusätzliche Diagnosestellung einer Angststörung
nicht gerechtfertigt. Das psychopathologische Bild sei zudem durch eine narzisstisch
gefärbte Persönlichkeitsakzentuierung überschattet worden. Prof. M._ hat damit die
Diagnose (mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit) einer Dysthymia zwar relativ knapp,
aber gerade noch ausreichend begründet. Er hat sich nicht nur mit dem Vorgutachten
von Dr. H._ vom 9. Dezember 2013, sondern auch mit dem Bericht der Fachärzte
des Psychiatrie-Zentrums G._ vom 4. September 2013 und mit jenem von Dr. K._
vom 22. April 2015 auseinandergesetzt. Er hat nachvollziehbar dargelegt, weshalb er
die in diesen beiden Berichten festgehaltenen Diagnosen nicht hat bestätigen können.
In diesem Zusammenhang hat der Beschwerdeführer geltend gemacht, Prof. M._
habe nicht begründet, warum er die von Dr. K._ gestellte Diagnose einer
mittelschweren Depression ausgeschlossen habe. Dazu ist festzuhalten, dass
Prof. M._ mit der Diagnose einer Dysthymia notwendigerweise die Diagnose einer
rezidivierenden depressiven Störung ausgeschlossen hat (vgl. die Kriterien einer
Dysthymia gemäss ICD-10-WHO Version 2019, F34.1). Das Gutachten überzeugt somit
in Bezug auf die Erhebung der objektiven Befunde und die gestützt darauf gestellten
Diagnosen. Des Weiteren hat sich Prof. M._ zu den Standardindikatoren, namentlich
zur Konsistenz und zu den Ressourcen des Beschwerdeführers, geäussert. Die
Ausführungen zu den Ressourcen sind zwar ebenfalls knapp ausgefallen, vermögen
zusammen mit den subjektiven Angaben des Beschwerdeführers, die auf ein
beträchtliches Aktivitätsniveau schliessen lassen, aber zu genügen. Nicht überzeugend
ist hingegen die Arbeitsfähigkeitsschätzung: Die attestierte 20%ige Arbeitsunfähigkeit
aufgrund der Diagnose einer Dysthymia mit Einschränkungen in der emotionalen
Durchhaltefähigkeit erscheint aus der Sicht eines medizinischen Laien als zu hoch,
insbesondere wenn beim Beschwerdeführer noch erhebliche Ressourcen vorhanden
sind. Ausserdem fehlt eine Begründung dafür, dass die Einschränkungen so stark
gewesen sein sollen, dass sie eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit zur Folge gehabt hätten.
Für eine überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung wäre darzulegen gewesen,
inwieweit das funktionelle Leistungsvermögen des Beschwerdeführers eingeschränkt
gewesen sei. So können beispielsweise eine Verlangsamung, ein Verlust der
Konzentrationsfähigkeit oder ein erhöhter Pausenbedarf zu einer Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit führen. Des Weiteren ist zu erklären, wie sich diese Beeinträchtigung
des Leistungsvermögens an einem idealen Arbeitsplatz konkret auswirkt,
beispielsweise dass die versicherte Person für die Erfüllung einer Arbeitsaufgabe
doppelt so viel Zeit wie eine gesunde Person benötige, dass sie am Vormittag eine
volle Leistung zu erbringen vermöge und am Nachmittag aufgrund von zunehmenden
Konzentrationsschwierigkeiten nur noch zur Hälfte leistungsfähig sei oder dass sie
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nach jeder Arbeitsstunde zehn Minuten Pause benötige, um sich zu erholen (vgl.
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 4. November 2019,
IV 2017/428, E. 3.3). Prof. M._ hat also den Bogen zwischen den erhobenen
Befunden und deren Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nicht geschlagen (vgl. BGE 145 V
367 f., E. 4.3). Zu berücksichtigen ist auch, dass eine Dysthymia erfahrungsgemäss in
den meisten Fällen keine Arbeitsunfähigkeit bewirkt. Eine Begründung dafür, dass in
Bezug auf den Beschwerdeführer die Dysthymia eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit zur
Folge habe, wäre daher umso wichtiger gewesen. Das Gutachten von Prof. M._
vermag die attestierte verbliebene 80%ige Arbeitsfähigkeit also nicht mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Die Angelegenheit ist
deshalb zur ergänzenden Abklärung der verbliebenen Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers aus psychiatrischer Sicht an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Das Vorgehen bleibt der Beschwerdegegnerin überlassen. Nach der
Auffassung des Bundesgerichts ist die Rückweisung in diesem Fall zulässig (vgl. BGE
137 V 264, E. 4.4.1.4, wonach eine Sache zurückgewiesen werden kann, wenn lediglich
eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachtlichen Ausführungen
erforderlich ist; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 15. November 2019,
8C_525/2019, E. 3.3).
Der Beschwerdeführer hat geltend gemacht, er leide – nebst den psychischen
Beschwerden – an einem gestörten Nachtschlaf und an Miktionsbeschwerden. Er stehe
in der Nacht bis zu sechsmal auf, um Wasser zu lösen. Dadurch sei seine
Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt. Gemäss den Berichten von Dr. O._ vom
14. Januar 2015 und vom 1. April 2016 (IV-act. 163-5, 163-6) hat sich der
Beschwerdeführer wegen Miktionsbeschwerden fachärztlich untersuchen lassen. Dr.
C._ hat am 8. Juni 2017 dazu angegeben (IV-act. 163), ein Behandlungserfolg sei
bislang ausgeblieben. Bereits am 27. Februar 2017 hat Dr. C._ über die
Miktionsbeschwerden berichtet (IV-act. 151-3). Prof. M._ hat im Gutachten vom
8. September 2016 ebenfalls Ausführungen zu den Miktionsbeschwerden gemacht. Er
hat festgehalten (IV-act. 145-41), nach den Angaben des Beschwerdeführers stehe die
Pollakisurie im Vordergrund. Der Beschwerdeführer sei deswegen in der Klinik N._ in
Behandlung gewesen; dort habe man ihm nicht helfen können. Durch die Nykturie mit
ca. vier- bis sechsmaligem Wasserlassen während der Nacht habe er Schlafstörungen.
Am 18. Oktober 2019 hat Dr. C._ erneut berichtet (act. G 19.1), der
Beschwerdeführer leide seit Jahren an einer ausgeprägten therapieresistenten
Pollakisurie und Nykturie. Der RAD-Arzt Dr. L._ hat am 8. September 2017 notiert (IV-
act. 165), der Bericht von Dr. O._ vom 14. Januar 2015 enthalte keine relevanten
pathologischen Befunde, vor allem nicht mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Dem
3.4.
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4.
Bericht vom 1. April 2016 sei ein Verdacht auf eine Blasenhalsspastik zu entnehmen. In
der Folge hat die Beschwerdegegnerin keine weiteren Abklärungen getätigt.
Insbesondere hat sie bei der Klinik N._ die entsprechenden Berichte nicht
angefordert. Die Würdigung der Arztberichte durch den RAD-Arzt Dr. L._ vermag
jedoch nicht zu überzeugen: Obwohl die Angaben in den vorliegenden Arztberichten
auf den subjektiven Schilderungen des Beschwerdeführers basieren, bestehen gestützt
darauf Anhaltspunkte, dass der Beschwerdeführer als Folge der Miktionsbeschwerden
an Schlafstörungen leidet. Ob er tatsächlich an Miktionsbeschwerden leidet, wenn ja in
welchem Ausmass und mit welchem Einfluss auf das Schlafverhalten, sowie ob diese
Beschwerden Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit haben, steht aber noch nicht mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest. Hierfür wären weitere
Abklärungen erforderlich gewesen. Die als Folge der Miktionsbeschwerden bestehende
Beeinträchtigung des Nachtschlafs und die daraus angeblich resultierende
Arbeitsunfähigkeit sind somit ungenügend abgeklärt worden. Die Beschwerdegegnerin
hat also ihre Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) nicht ausreichend erfüllt. Die
Angelegenheit ist deshalb auch in diesem Zusammenhang zur ergänzenden Abklärung
des medizinischen Sachverhalts an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Es ist
der Beschwerdegegnerin überlassen, auf welche Weise sie dabei vorgehen will.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Gutachten von Prof. M._ die aus
psychiatrischer Sicht attestierte 80%ige Arbeitsfähigkeit nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen vermag. In Bezug auf die
Miktionsbeschwerden und die Schlafstörungen des Beschwerdeführers ist der
Sachverhalt ungenügend abgeklärt worden ist. Die Angelegenheit ist deshalb zu
ergänzenden medizinischen Abklärungen im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.5.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen.
Praxisgemäss ist die Rückweisung an die Verwaltung zur weiteren Abklärung als volles
Obsiegen des Beschwerdeführers zu werten (vgl. BGE 132 V 235, E. 6.1).
Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe
wird dem Beschwerdeführer zurückerstattet.
4.1.
bis
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