Decision ID: be7fe876-7edc-4b89-806a-6708befa9265
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend unrechtmässiger Bezug von Leistungen einer Sozialversicherung oder der Sozialhilfe
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom 11. Dezember 2019 (GG190059)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland vom 26. August
2019 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 15).
Urteil der Vorinstanz:
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist nicht schuldig und wird freigesprochen.
2. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz. Die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'500.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 9'444.05 amtl. Verteidigungskosten (inkl. MwSt.)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
3. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliesslich der
Kosten der amtlichen Verteidigung, werden auf die Gerichtskasse genommen.
4. Mitteilungen
5. Rechtsmittel"
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 55 S. 2):
1. Der Beschuldigte sei schuldig zu sprechen des unrechtmässigen Bezugs
von Leistungen einer Sozialversicherung oder der Sozialhilfe im Sinne von
Art. 148a StGB.
2. Der Beschuldigte sei zu bestrafen mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen
zu je Fr. 30.–.
3. Es sei die Geldstrafe als vollziehbar zu erklären.
4. Es sei eine Landesverweisung von 5 Jahren im Sinne von Art. 66a StGB
anzuordnen.
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5. Es seien dem Beschuldigten die Kosten des Vorverfahrens, des vorinstanz-
lichen sowie des zweitinstanzlichen Verfahrens aufzuerlegen
b) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 56 S. 1):
1. In Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils sei der Beschuldigte von Schuld
und Strafe freizusprechen;
eventualiter sei der Beschuldigte im Sinne der Anklage schuldig zu sprechen
und gestützt auf Art. 148a Abs. 2 StGB mit einer angemessenen Busse zu
bestrafen;
subeventualiter sei der Beschuldigte im Sinne der Anklage schuldig zu
sprechen und mit einer angemessenen Geldstrafe zu bestrafen, deren
Vollzug unter Ansetzung einer angemessenen Probezeit aufzuschieben ist;
2. Es sei in Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils von der Anordnung einer
Landesverweisung abzusehen;
unter ausgangsgemässen Kosten- und Entschädigungsfolgen.

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Ver-
meidung von unnötigen Wiederholungen auf die Erwägungen der Vorinstanz im
angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 37 S. 3 f.).
1.2. Mit Urteil der Einzelrichterin des Bezirksgerichtes Bülach vom
11. Dezember 2019 wurde der Beschuldigte vom Vorwurf des unrechtmässigen
Bezuges von Leistungen einer Sozialversicherung oder der Sozialhilfe freigespro-
chen (Urk. 37). Nachdem das Urteil den Parteien am 11. bzw. 12. Dezember 2019
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unbegründet übergeben/zugestellt worden war (Prot. I S. 27; Urk. 30), erklärte die
Staatsanwaltschaft mit Eingabe vom 13. Dezember 2019 fristgerecht Berufung
gegen den Entscheid (Urk. 31). Die Anmeldung der Berufung wurde den Parteien
mit Verfügung vom 21. Februar 2020 angezeigt (Urk. 38; Urk 36).
Der Beschuldigte, die Staatsanwaltschaft sowie die Privatklägerin erhielten das
begründete Urteil am 26. Februar bzw. 3. März 2020 (Urk. 36). Die Staatsanwalt-
schaft reichte mit Eingabe vom 4. März 2020 fristgerecht die Berufungserklärung
beim hiesigen Gericht ein (Urk. 39) und stellt die oben genannten Anträge.
1.3. Dem Beschuldigten sowie der Privatklägerin wurde mit Präsidialverfügung
vom 20. März 2020 Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder be-
gründet ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 42). Beide lies-
sen sich innert Frist nicht verlauten.
Mit der gleichen Verfügung war dem Beklagten Frist angesetzt worden, um dem
Obergericht das Datenerfassungsblatt sowie diverse Unterlagen einzureichen.
Mit Eingabe vom 15. April 2020 (Urk. 44) kam er dieser Aufforderung nach
(Urk. 46/1-4).
1.4. Die Parteien wurden mit Vorladung vom 22. Juni 2020 zur heutigen Beru-
fungsverhandlung vorgeladen (Urk. 47), zu welcher der Beschuldigte in Beglei-
tung seines Verteidigers und die Staatsanwältin lic. iur. S. Steinhauser (Prot. II
S. 4) erschienen. Das Verfahren ist spruchreif.
2. Umfang der Berufung
Die Staatsanwaltschaft beantragt die Schuldigsprechung des Beschuldigten we-
gen unrechtmässigen Bezugs von Sozialleistungen im Sinne von Art. 148a StGB
sowie dessen Bestrafung mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je CHF
30.–, wobei die Strafe zu vollziehen sei. Weiter sei eine Landesverweisung von 5
Jahren auszusprechen und die Kosten des Vorverfahrens sowie des erst- und
zweitinstanzlichen Verfahrens dem Beschuldigten aufzuerlegen (Urk. 39; Urk. 55
S. 2; Prot. II S. 5).
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Dementsprechend steht das gesamte vorinstanzliche Urteil zur Disposition.
3. Formelles
Soweit für die tatsächliche und rechtliche Würdigung des eingeklagten Sachver-
haltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, erfolgt dies
in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO auch ohne dass dies jeweils explizit Er-
wähnung findet.
Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende In-
stanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und jedes
einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (BGE 141 IV 249 E. 1.3.1 mit
Hinweisen). Die Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren Entscheid
wesentlichen Punkte beschränken.
II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird in der Anklage vorgeworfen, der Sozialbehörde der Ge-
meinde B._ eine Gutschrift vom 9. Juni 2017 für rückwirkend ausbezahlte
Kinderzulagen über einen Betrag von Fr. 11‘400.– nicht gemeldet zu haben, ob-
wohl er und seine Frau in diesem Zeitpunkt mit wirtschaftlicher Sozialhilfe unter-
stützt wurden. Er habe gewusst, dass er verpflichtet gewesen wäre, diesen Zah-
lungseingang umgehend zu melden. Erst am 20. November 2017 habe er gegen-
über seiner Sozialberaterin auf mehrmaliges Nachfragen und nachdem die Sozial-
leistungen eingestellt worden waren, zugegeben, dass er im Juli 2017 eine Nach-
zahlung von Kinderzulagen erhalten habe. Durch sein Verschweigen sei die Ge-
meinde B._ getäuscht worden und habe im Juli, August und September 2017
diverse Sozialhilfeleistungen in der Höhe von insgesamt Fr. 7‘625.95 veranlasst.
Dies wäre bei Kenntnis um die Auszahlung der Kinderzulagen nicht geschehen.
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2. Sachverhalt
2.1. Standpunkt des Beschuldigten
Der Beschuldigte war vor Vorinstanz insoweit geständig (Urk. 26 S. 2; Prot. I
S. 17) als er einräumte, einen Fehler gemacht zu haben (Prot. I S. 4). Er brachte
indessen zusammengefasst vor, nicht gewusst zu haben, dass er die Auszahlung
der Sozialbehörde hätte aktiv melden müssen. Sobald er von C._, der für ihn
zuständigen Sozialberaterin danach gefragt worden sei, habe er ihr gesagt, dass
ihm Kinderzulagen ausbezahlt worden seien. Dies sei ca. ein Monat nach der
Auszahlung der Kinderzulagen bei einem Termin gewesen, an dem er krank ge-
wesen sei und der aufgrund seines Hustenanfalls habe abgebrochen werden
müssen (Urk. 3/1 S. 6 f. und Prot. I S. 17 ff.) und nicht erst am
20. November 2017. In der Berufungsverhandlung hielt er an diesem Standpunkt
fest, ergänzte indes, dass er von der Auszahlung der Kinderzulagen gar keine
Kenntnis gehabt habe (Urk. 53 S. 14 f.).
2.2. Beweiswürdigungsregeln und Beweismittel
Bei der Beantwortung der Frage, ob sich der dem Beschuldigten in der Anklage-
schrift vorgeworfene Sachverhalt wie umschrieben zugetragen hat, ist das Gericht
keinen Beweisregeln verpflichtet. Vielmehr gilt der Grundsatz der freien richter-
lichen Beweiswürdigung (Art. 10 Abs. 2 StPO), wonach das Gericht sein Urteil
nach seiner freien, aus den vorhandenen Beweismitteln geschöpften Überzeu-
gung fällt. Eine strafrechtliche Verurteilung kann nur erfolgen, wenn die Schuld
des Beschuldigten mit hinreichender Sicherheit erwiesen ist. Bestehen nach ab-
geschlossener Beweiswürdigung erhebliche oder unüberwindbare Zweifel, so sind
diese zu Gunsten des Beschuldigten zu werten (BSK StPO-Tophinke, N 76 zu
Art. 10 StPO). Stützt sich die Beweisführung im Wesentlichen auf die Aussagen
von Beteiligten, so sind diese frei zu würdigen. In diesem Zusammenhang ist zwi-
schen der allgemeinen Glaubwürdigkeit einer Person und der Glaubhaftigkeit ihrer
Aussagen zu unterscheiden. Allerdings kommt der allgemeinen Glaubwürdigkeit
einer Person deutlich untergeordnete Bedeutung zu. In erster Linie ist dabei auf
den materiellen Gehalt der Aussagen einer Person, mithin deren Glaubhaftigkeit
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abzustellen. Zu achten ist auf Strukturbrüche innerhalb einer Aussage, auf Über-
oder Untertreibungen wie auch auf Widersprüche, vor allem aber auf das Vorhan-
densein einer hinreichenden Zahl von Realitätskriterien und das Fehlen von Lü-
gensignalen (Bender/Nack/Treuer, Tatsachenfeststellungen vor Gericht,
4. Auflage, München 2014, S. 68 ff. und S. 76 ff.).
Als Beweismittel liegen die Aussagen des Beschuldigten und seiner Frau, die
Zeugenaussagen der beiden im fraglichen Zeitraum für die Familie des Beschul-
digten zuständigen Mitarbeiter des Sozialamtes, D._ und C._, sowie die
Dokumente des Sozialamtes vor (Urk. 2/1-7; Urk. 3/1-4; Prot. I; Urk. 4; Urk. 5/1-
11; Urk. 6/-1-3). Betreffend die Verwertbarkeit der Beweismittel stellen sich keine
Probleme. Der Inhalt der relevanten Urkunden wurden dem Beschuldigten im
Rahmen der Strafuntersuchung zur Stellungnahme vorgelegt, und sowohl bei der
Befragung seiner Ehefrau als auch bei den Zeugenaussagen waren er und sein
Verteidiger anwesend und konnten Ergänzungsfragen stellen. Der Beschuldigte
erhielt sodann die Gelegenheit, zu den Zeugenaussagen Stellung zu nehmen
(Urk. 6/1 und 3 sowie Urk. 3/2 und 3).
2.3. Objektiver Sachverhalt
2.3.1. In Bezug auf den objektiven Tatbestand wird in der Anklage festgehalten,
dass der Beschuldigte erst am 20. November 2017 auf mehrmaliges Nachfragen
der Sozialberaterin gemeldet habe, dass er bereits im Juni 2017 eine Nachzah-
lung von Kinderzulagen in der Höhe von CHF 11'400.– erhalten habe. Demge-
genüber machte der Beschuldigte in der Untersuchung und vor Vorinstanz gel-
tend, den Erhalt der Kinderzulagen sofort bejaht zu haben, als er danach gefragt
worden sei. Dies sei ca. ein Monat nach der Auszahlung gewesen (Urk. 3/1 S. 7
Frage 55). Er sei nur einmal gefragt worden (Prot. I S. 24), mithin an dem Termin,
als er krank gewesen sei und er bei der Sozialberatung ein Formular für die Abtre-
tung von Kinderzulagen hätte unterschreiben sollen (Urk. 3/1 S. 6 f.). Er habe auf
die Frage, ob er Kinderzulagen erhalten habe, mit "Ja" geantwortet und einen
Hustenanfall bekommen (Prot. I S. 17 f. und S. 24 f.). Er wisse nicht, ob die Sozi-
alberaterin sein "Ja" verstanden habe, er habe es aber gesagt (Prot. I S. 24 f.).
Aufgrund seines Hustenanfalls habe er das Formular für die Abtretung nicht mehr
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unterschreiben können, wobei die Sozialberaterin damit einverstanden gewesen
sei, dass er dies beim nächsten Termin mache (Urk. 3/1 S. 7; Prot. I S. 24). Er sei
dann aber nicht mehr hingegangen und habe auch keinen neuen Termin bekom-
men. Auch anlässlich der Berufungsverhandlung erklärte der Beschuldigte, dass
er die Frage nach dem Erhalt von Kinderzulagen anlässlich des Termins bejaht
habe, welcher aufgrund seines Hustenanfalles dann abgebrochen worden sei.
Danach habe er keinen Termin mehr gehabt und auch keine Sozialhilfe mehr be-
antragt. Explizit danach gefragt, an welchem Datum dieser Termin stattgefunden
habe, führte er aus, dass er nach dem Erhalt der Kinderzulagen einen Termin
vom Sozialdepartement erhalten habe und dort erschienen sei (Urk. 53 S. 13 f.).
2.3.2. Es stellt sich damit die Frage, wann der Beschuldigte gegenüber dem
Sozialamt den Erhalt der Nachzahlung der Kinderzulagen offengelegt hat. Aus
den Unterlagen des Sozialamtes B._ ist ersichtlich, dass in der in Frage
stehenden Zeit nach der Auszahlung der Kinderzulagen am 9. Juni 2017 insge-
samt 4 Termine mit dem Beschuldigten im Sozialamt B._ stattfanden, bevor
er diese offenlegte, mithin am 9. August 2017, am 15. September 2017, am
12. Oktober 2017 und am 10. November 2017 (Urk. 2/5). Wie bereits festgehalten
wurde, führte der Beschuldigte selbst aus, dass er C._ den Erhalt der Zah-
lung bestätigt habe, als diese danach fragte. Da C._ indessen erst seit dem
15. Juli 2017 beim Sozialamt tätig war (Urk. 6/1 S. 2), kommen die vorherigen
Termine für die Offenlegung seitens des Beschuldigten von Vornherein nicht in
Frage. Gemäss den bei den Akten liegenden „Aktennotizen im Bereich Sozialhil-
fe“ (Urk. 2/5) war der Beschuldigte am 9. August sowie am 12. Oktober 2017 an
Besprechungen mit C._ anwesend. Dies bestätigte er auch anlässlich der vo-
rinstanzlichen Befragung (Prot. I S. 17). Unklar erscheint dabei, ob er vom Termin
im August (welcher von D._ und C._ gemeinsam geführt wurde) oder
von demjenigen im Oktober 2017 (der nur noch mit C._ stattfand) spricht.
Der Beschuldigte beschreibt, anlässlich des Termins mit Frau C._ nach dem
Erhalt von Kinderzulagen gefragt worden zu sein. Dies sei ca. ein Monat nach der
Auszahlung gewesen (Urk. 3/1 S. 6 Frage 49 und S. 7 Frage 55). Dies ist nur
schon deshalb nicht möglich, weil C._ erst im August 2017 zum ersten Mal
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an einem Termin mit dem Beschuldigten anwesend war, mithin zwei Monate nach
Auszahlung der Kinderzulagen.
2.3.3. Die Zeugin C._ führte anlässlich ihrer Zeugenbefragung aus, dass der
Beschuldigte die Frage, ob er die Kinderzulagen bereits erhalten habe, erst im
November 2017 mit "Ja" beantwortet habe (Urk. 6/1 S. 5). Bereits beim ersten
Gespräch, an welchem sie anwesend gewesen sei (mithin am 9. August 2017,
wobei die Sitzung zusammen mit D._ stattfand) und welches habe abgebro-
chen werden müssen, weil es dem Beschuldigten nicht gut gegangen sei, seien
die Kinderzulagen ein Thema gewesen (Urk. 6/1 S. 3 f.). Das Thema sei dann an-
lässlich der nächsten Sitzung (mithin am 12. Oktober 2017) wieder aufgenommen
worden, wobei der Beschuldigte auch dieses Gespräch, diesmal wegen eines
starken Hustenanfalls, abgebrochen habe (Urk. 6/1 S. 4). Er sei damals nicht auf
ihre Frage nach den Kinderzulagen eingegangen (Urk. 6/1 S. 5 Frage 21). Auf
entsprechende Ergänzungsfrage des Verteidigers führte sie aus, dass sie ver-
sucht habe, ihm die Frage mit anderen Worten noch einmal zu stellen. Er habe
dann schnell und unklar zu sprechen begonnen und das Gespräch abgebrochen
(Urk. 6/1 S. 7 Frage 36). Erst als er im November 2017 ohne einen Termin an den
Schalter gekommen sei, um Unterlagen abzugeben, habe er auf entsprechende
Frage ihrerseits bejaht, eine Nachzahlung von Kinderzulagen erhalten zu haben
(Urk. 6/1 S. 4 f. Frage 20).
2.3.4. Auch der Zeuge D._, der vor der Zeugin C._ der für den Beschul-
digten zuständigen Sozialberater der Gemeinde B._ war, führte aus, dass
ihm der Beschuldigte auch auf entsprechende Frage nicht erzählt habe, dass er
eine Auszahlung von Kinderzulagen erhalten habe (Urk. 6/3 S. 4).
2.3.5. Die Aussagen der Zeugen C._ und D._ erscheinen klar, wider-
spruchslos und differenziert. Beide vermeiden es, den Beschuldigten unnötig zu
belasten, und berichten mit augenscheinlicher professioneller Distanz von den
Gesprächen und Abläufen. Der Beschuldigte bleibt in seinen Vorbringen dagegen
vage und unbestimmt. Seine Aussagen sind sodann in Bezug auf den zeitlichen
Ablauf unklar und ausweichend, wobei der Eindruck entsteht, dass er klare Anga-
ben bewusst vermeidet. Ferner entwickelte der Beschuldigte seine Aussagen in-
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sofern weiter, als er anlässlich der Berufungsverhandlung zum ersten Mal be-
hauptete, dass er vom Eingang der Kinderzulagen, welche er notabene noch glei-
chentags abhob, nicht gewusst habe (Urk. 53 S. 14 f.). Auch die Aussage, wo-
nach er den Erhalt der Kinderzulagen bereits einen Monat später anlässlich eines
Termins beim Sozialamt gemeldet habe, kann wie bereits ausgeführt schon allei-
ne aufgrund des zeitlichen Ablaufs der Termine nicht stimmen. Sein Vorbringen,
dass er die Frage der Zeugin C._ nach der Auszahlung der Kinderzulagen
wohl mit "Ja" beantwortet habe, sich aber nicht sicher sei, ob das von ihr auch
verstanden worden sei, muss sodann als Schutzbehauptung gewertet werden. Es
erscheint als nicht glaubhaft, dass er die Wichtigkeit seiner Antwort derart gering
einstufte, dass er sich nicht vergewisserte, ob die Sozialarbeiterin diese verstan-
den hatte. Auch sein Verhalten, sich der klaren Beantwortung der gleichen Frage-
stellung sowie der Unterzeichnung des Formulars für die Abtretung der Kinderzu-
lagen gleich zweimal mit der Entschuldigung von plötzlichen gesundheitlichen
Problemen zu entziehen, weckt den Verdacht, dass er das Thema der Kinderzu-
lagen bewusst zu vermeiden versuchte.
2.3.6. Die Aussagen des Beschuldigten müssen entsprechend als unglaubhaft
taxiert werden. Im Gegensatz dazu erscheinen die Aussagen der beiden Zeugen
überzeugend und damit glaubhaft. Auf ihre Aussagen kann abgestellt werden. Der
objektive Sachverhalt, wie er in der Anklage umschrieben wird, ist damit erstellt.
2.4. Subjektiver Sachverhalt
2.4.1. Der Beschuldigte bringt vor, nicht gewusst zu haben, dass er den Erhalt der
Kinderzulagen dem Sozialamt hätte melden müssen. Ihm sei auch nicht bewusst
gewesen, dass er Auszahlungen hätte zurückzahlen müssen (Prot. I S. 20 ff.;
Urk. 53 S. 12). Er bestreitet damit, den subjektiven Tatbestand von Art. 128a
StGB erfüllt zu haben. Wohl habe er einen Fehler gemacht, wenn ihm dieser aber
bewusst gewesen wäre, hätte er es gemeldet (Prot. I S. 22; Urk. 53 S. 12).
2.4.2. Der Beschuldigte und seine Ehefrau haben am 12. Mai 2017 ein Gesuch für
Sozialhilfeleistungen unterzeichnet, auf welchem standardmässig darauf hinge-
wiesen wird, dass alle Veränderungen der finanziellen Verhältnisse sofort unauf-
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gefordert der Sozialhilfebehörde zu melden sind (Urk. 2/3). Es handelt sich um ein
5-seitiges Dokument, wobei sich der in Frage stehende Hinweis nebst diversen
anderen auf der letzten Seite befindet, auf welcher auch unterschrieben werden
muss. Das in Frage stehende Formular ist in deutscher Sprache verfasst. Dem
Formular betreffend die Einkommens- und Vermögensverhältnisse, welches der
Beschuldigte und seine Ehefrau am 15. Mai 2017 ausfüllten und unterschrieben,
waren identische Hinweise angehängt, wobei auch dieses Formular von beiden
Ehepartnern unterschrieben wurde (Urk. 2/4). Auch im Beschluss, mit welcher
über die Gewährung der Sozialhilfe für den Beschuldigten und seine Familie ent-
schieden wurde, wurde der Beschuldigte erneut auf seine Meldepflicht aufmerk-
sam gemacht (Urk. 2/2).
2.4.3. Der Beschuldigte machte im Rahmen der Untersuchung (Urk. 3/1 S. 4 ff.)
und anlässlich der Befragung vor Vorinstanz (Prot. I S. 20 ff.) geltend, dass er beim
Ausfüllen Hilfe von Mitarbeitern einer freiwilligen Organisation erhalten habe
(Urk. 3/1, S. 4 f.). Er habe jedoch das Dokument in Bezug auf die Meldepflicht
nicht verstanden und einfach unterzeichnet (Urk. 3/1 S. 4 ff.; Prot. I S. 21). Beim
Lesen von Deutsch habe er generell Schwierigkeiten (Prot. I S. 23). Es sei ihm
nicht so viel erzählt worden über den Inhalt, er habe einfach unterschrieben. In
diesem Zeitpunkt sei er krank und auf Sozialhilfe angewiesen gewesen. Er habe
vorhin noch nie Sozialhilfe bezogen. Es sei ihm wohl schon erklärt worden, aber
er wisse es nicht ganz genau (Prot. I S. 21). Er habe Schmerzen gehabt und Sor-
gen und habe Hilfe gebraucht. Dass er die Auszahlung der Kinderzulagen hätte
selbständig beim Sozialhilfeamt melden müssen, sei ihm nicht bewusst gewesen.
Wenn er es gewusst hätte, hätte er dies gemacht (Prot. I S. 22). Sodann habe er
während der Zeit, als er Sozialhilfe erhielt, immer gearbeitet und habe diese
Lohnabrechnungen immer eingereicht. Dieses Geld sei dann auch von der Sozi-
alhilfe abgezogen worden (Prot. I S. 21 f.). Auch anlässlich der Berufungsver-
handlung erklärte er, dass er die Unterlagen vom Sozialamt erhalten und diese
einfach unterschrieben habe, da er Deutsch nicht lesen könne. Es wäre seiner
Meinung nach vernünftig gewesen, wenn das Sozialdepartement einfach gesagt
hätte, dass er keine Sozialhilfe erhalte, das wäre in Ordnung gewesen und er hät-
te allenfalls eine andere Möglichkeit ausprobiert (Urk. 53 S. 18). Ferner bestätigte
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er, dass er damals starke Rückenschmerzen gehabt und Schmerztabletten ein-
genommen habe, wobei er darauf hinwies, dass er dann jeweils nicht mehr so viel
wisse . (Urk. 53 S. 15).
2.4.4. Auch die Ausführungen des Beschuldigten betreffend seinen Kenntnisstand
in Bezug auf die Meldepflicht erscheinen als ausweichend. Wie er selbst ausführt,
erhielt er beim Ausfüllen des Formulares Hilfe von einer Mitarbeiterin einer Hilfs-
organisation. Es erscheint als wenig glaubhaft, dass er von dieser nicht über sei-
ne Meldepflicht aufgeklärt worden ist. Dass er an der Berufungsverhandlung aus-
führte, er habe die Unterlagen einfach ausgefüllt, ändert daran nichts. Entgegen
den Einwänden der Verteidigung schadet es auch nicht, wenn die Erläuterungen
nicht "sehr detailliert", sondern im "Sinne einer Zusammenfassung" ausgefallen
sind (Urk. 56 S. 4). Dem Beschuldigten musste lediglich klar sein, dass er allfälli-
ge Einkommens- und Vermögensveränderungen zu melden hat, und um zu dem
Schluss zu gelangen, dass es sich bei einer Auszahlung von rund Fr. 11'000.– um
eine zu meldende Einkommensveränderung handelt, bedarf es keiner ausseror-
dentlicher intellektueller Kapazitäten. Die rechtliche Qualifikation der Einkünfte
musste dem Beschuldigten, wiederum entgegen dem Vorbringen der Verteidigung
(Urk. 56 S. 4), nicht bekannt sein. Inwiefern sodann der Beschuldigte aufgrund
der Verwendung der Kinderzulagen zur Schuldentilgung als Laie nicht habe da-
von ausgehen müssen, dass es sich bei den Nachzahlungen um meldepflichtige
Einkünfte handle, ist nicht nachvollziehbar. Sofern damit gemeint war, dass ein
Laie die Verminderung von Passiven nicht als wirtschaftliche Besserstellung zu
verstehen habe, ist der Einwand zu verwerfen, zumal der Tilgung der Passiven
der Mittelzufluss vorausgeht und dieser ohne Zweifel auch von einem Laien als
Einkommen bzw. Aktivum verstanden werden muss (Urk. 56 S. 5). Auch sagt die
Verwendung der Mittelzuflüsse weder etwas darüber aus, ob der Zufluss an sich
rechtens war noch vermag ein legitimer Verwendungszweck einen an sich un-
rechtmässigen Mittelzufluss zu "heilen", wie das die Verteidigung glauben ma-
chen will (Urk. 56 S. 7). Der vom Beschuldigten eingeräumte Umstand, dass er
seine Lohnabrechnungen jeweils abgegeben habe und "dieses Geld abgezogen
wurde" (Prot. I S. 21 f.), lässt denn auch darauf schliessen, dass er sehr wohl
wusste, dass er seine Einkünfte offenlegen muss und diese seinen Anspruch auf
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Sozialhilfe entsprechend schmälern. Auch aus den Notizen des Sozialamtes be-
treffend die Sitzungen mit dem Beschuldigten (Urk. 2/5) ist ersichtlich, dass dieser
mehrfach verpflichtet wurde, dem Sozialamt Unterlagen betreffend seine finanziel-
len Verhältnisse abzugeben, wobei er darauf verschiedentlich gereizt reagiert zu
haben scheint. Der Zusammenhang zwischen dem Erhalt von Sozialhilfe und der
Pflicht zur Offenlegung seiner Finanzen muss dem Beschuldigten somit bewusst
gewesen sein. Dass er nun in Bezug auf die Kinderzulagen im Betrag von nicht
unwesentlichen Fr. 11‘400.– davon ausging, dass er diese nicht von sich aus
melden muss, kann nicht nachvollzogen werden, beziehungsweise sein diesbe-
zügliches Vorbringen erscheint als Schutzbehauptung und ist damit nicht zu hö-
ren. So konnte er auch anlässlich der Berufungsverhandlung nicht darlegen, wes-
halb er davon ausgegangen sein will, zwar den Zwischenverdienst, nicht aber den
Erhalt von Kinderzulagen in bekannter Höhe angeben zu müssen (Urk. 53
S. 12 f.). Als unbehelfliche Schutzbehauptung erscheint weiter das Vorbringen
des Beschuldigten, dass er aufgrund der damaligen starken Rückenschmerzen
und der Medikamenteneinnahme nicht mehr so viel bzw. nicht gewusst haben will,
dass er den Erhalt der Kinderzulagen hätte offenlegen müssen (Urk. 53 S. 15).
Es ist stattdessen davon auszugehen, dass dem Beschuldigten durchaus bewusst
war, dass eine Meldepflicht betreffend die ausbezahlten Kinderzulagen bestand
und er diese bewusst missachtete. Der subjektive Sachverhalt, wie er in der
Anklage umschrieben ist, ist damit erfüllt.
III. Rechtliche Würdigung
1. Standpunkte
1.1. Die Staatsanwaltschaft qualifiziert das Verhalten des Beschuldigten als
unrechtmässigen Bezug von Leistungen einer Sozialversicherung im Sinne von
Art. 148a Abs. 1 StGB und möchte berufungsweise einen entsprechenden
Schuldspruch erreichen. Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe
wird nach Art. 148a StGB bestraft, wer jemanden durch unwahre oder unvollstän-
dige Angaben, durch Verschweigen von Tatsachen oder in anderer Weise irre-
führt oder in einem Irrtum bestärkt, sodass er oder ein anderer Leistungen einer
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Sozialversicherung oder Sozialhilfe bezieht, die ihm oder dem anderen nicht zu-
stehen. In leichten Fällen ist die Strafe Busse (Art. 148a Abs. 2 StGB).
1.2. Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass das Verhalten des Beschuldigten
den Tatbestand von Art. 148a StGB nicht erfülle. Unter Hinweis auf Literatur und
Rechtsprechung führt sie aus, dass das tatbestandsmässige „Verschweigen von
Tatsachen“ als aktives Tun interpretiert werden müsse. Damit könne der Tatbe-
stand von Art. 148a StGB nur durch Unterlassen erfüllt werden, wenn der Sozial-
hilfeempfänger gegenüber dem Gemeinwesen eine Garantenpflicht gemäss
Art. 11 StGB inne habe, wie dies auch bei Art. 146 StGB (wie vom Bundesgericht
entschieden) der Fall sei. Der Anklagesachverhalt umschreibe dagegen – so die
Vorderrichterin – lediglich, dass der Beschuldigte im von ihm unterzeichneten
Formular vom 12. Mai 2017 sowie mit Beschluss der Sozialbehörde vom
3. Juli 2017 auf die Pflicht zur umgehenden, unaufgeforderten Meldung von Ein-
künften jeglicher Art hingewiesen worden sei. Erst am 20. November 2017 habe
man ihn explizit betreffend den Erhalt von Kinderzulagen gefragt, worauf er die-
sen bestätigt habe. Damit sei Art. 148a StGB mit dem in der Anklage umschrie-
benen Verhalten nicht erfüllt.
1.3. Der Beschuldigte liess für den Fall eines Schuldspruchs die Verurteilung
wegen eines leichten Falles im Sinne von Art. 148a Abs. 2 StGB beantragen, zu-
mal seine kriminelle Energie angesichts der Umstände, nämlich seiner Hilflosig-
keit und Bedürftigkeit, sowie des Tatvorgehens, konkret der Verwendung der Zu-
lagen zur Tilgung von Schulden und damit der fehlenden persönlichen Bereiche-
rung sowie des überschaubaren Zeitraumes, als sehr gering einzuschätzen sei
(Urk. 56 S. 9 ff.).
2. Rechtliches und Würdigung
2.1. Das Bundesgericht hat sich in seinem Urteil 6B_1015/2019 vom 4. De-
zember 2019 eingehend mit der Abgrenzung des Betrugstatbestandes von
Art. 146 StGB und dem als Auffangtatbestand konzipierten unrechtmässigen Be-
zug von Leistungen einer Sozialversicherung im Sinne von Art. 148a Abs. 1 StGB
auseinandergesetzt. Es führt dabei aus, dass Art. 148a StGB dann anwendbar ist,
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wenn das Betrugsmerkmal der Arglist nicht gegeben ist. Dieser qualitative Unter-
schied schlage sich sowohl im tieferen Strafrahmen im Vergleich zu Art. 146 StGB
als auch bei der Höchststrafe von lediglich einem Jahr nieder. Da Art. 148a StGB
damit keine Arglist voraussetze, sei auch die Rechtsprechung zu Art. 146 StGB in
Bezug auf die Begehung des Tatbestandes durch Verschweigen nicht anwend-
bar, da dies der ratio legis widersprechen würde. Vielmehr sei es gerade ein in
der Botschaft begründetes Motiv der Gesetzgebung von Art. 148a StGB gewesen,
den Staat als Sozialhilfegläubiger zu privilegieren beziehungsweise vor strafbaren
Handlungen zu schützen, da das schweizerische Sozialwesen auf Solidarität und
Loyalität und nicht auf Überwachung beruhe.
2.2. Gemäss erstelltem Sachverhalt hat der Beschuldigte gegenüber dem
Sozialamt B._ eine Auszahlung von rückwirkenden Kinderzulagen vom
6. Juni 2017 in der Höhe von Fr. 11‘400.– verschwiegen, obwohl er von seiner
diesbezüglichen Meldepflicht wusste. Dadurch erwirkte er, dass ihm die Gemein-
de B._ in den Monaten Juli, August und September 2017 unberechtigter-
weise weiterhin Sozialhilfeleistungen in der Höhe von insgesamt Fr. 7‘626.95
ausbezahlte beziehungsweise die Krankenkassenprämien von ihm und seiner
Frau übernommen wurden. Der Tatbestand von Art. 148a StGB ist damit in objek-
tiver wie subjektiver Hinsicht erfüllt.
2.3. Leichter Fall gemäss Art. 148a Abs. 2 StGB
2.3.1. Ein leichter Fall ist als Übertretungstatbestand ausgestaltet, wird entspre-
chend mit Busse bestraft und ist – im Unterschied zu Art. 148a Abs. 1 StGB –
keine Katalogtat im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. e StGB. Gesetzlich wurde nicht
geregelt, wann ein leichter Fall vorliegt. Die Botschaft führt hierzu aus, dass gera-
de mit Blick auf das geschützte Rechtsgut des Vermögens ein leichter Fall vor al-
lem da gegeben sein werde, wo sich die Tat auf eine Sozialleistung von einem
geringen Betrag beziehe. Hier bestehe eine Übereinstimmung mit Art. 172ter
StGB, der geringfügige Vermögensdelikte zu Antragsdelikten erkläre und eben-
falls lediglich Busse androhe. Im Übrigen seien sämtliche Elemente zu beachten,
welche das Verschulden des Täters herabsetzen können. So könne ein leichter
Fall gegeben sein, wenn das Verhalten des Täters nur eine geringe kriminelle
- 16 -
Energie offenbare oder die Beweggründe und Ziele des Täters nachvollziehbar
seien. Wo die Grenze zwischen einem Fall nach Absatz 1 und einem leichten Fall
nach Absatz 2 verlaufe, werde durch die Gerichtspraxis zu entscheiden sein (Bot-
schaft zur Änderung des Strafgesetzbuchs und des Militärstrafgesetzes vom
26. Juni 2013, BBl 2013 5975 ff., S. 6039, nachfolgend Botschaft).
Soweit ersichtlich hat das Bundesgericht bis heute zu dieser Frage noch keine
Stellung genommen. Zu verweisen ist hingegen auf den Entscheid der urteilenden
Kammer des Obergerichtes Zürich vom 3. Oktober 2019 (OG ZH SB190071 = ZR
119/2020 S. 42 ff.), welcher sich eingehend mit der sich stellenden Abgrenzung
auseinandersetzte und auf welchen verwiesen werden kann.
Kriterium für den leichten Fall ist mit Blick auf das geschützte Rechtsgut des
Vermögens zunächst der Deliktsbetrag (vgl. Botschaft, a.a.O.; BSK StGB II-Jenal,
Art. 148a N 21). Ist dieser gering, liegt ein leichter Fall vor. Nebst dem Betrag der
bezogenen Leistungen müssen als weitere Kriterien die Dauer der unrechtmässig
bezogenen Leistungen und das Verschulden miteinbezogen werden. Jenal plä-
diert dafür, dass Art. 148a Abs. 2 StGB weit auszulegen sei. Da die Anwendung
von Art. 148a Abs. 1 StGB schwerwiegende Konsequenzen habe (obligatorische
Landesverweisung), sei auch der von der SSK empfohlene Betrag von Fr. 3‘000.–
noch zu tief angesetzt. Die ausbezahlten Beträge würden oft hoch sein, auch
wenn zu Beginn ein Delikt mit nur geringer krimineller Energie stehe. Er ist des-
halb der Ansicht, dass auch Fälle, in denen bis zu Fr. 30‘000.– ausbezahlt wer-
den, je nach den Umständen noch gering, resp. leichte Fälle im Sinne von Abs. 2
sein können (Jenal, in: Jusletter v. 6. März 2017, S. 14 f.; BSK StGB II-Jenal,
a.a.O., Art. 148a StGB N 21). Mit gleicher Begründung vertreten Fiolka/Vetterli die
Meinung, dass auch bei einem Betrag von Fr. 10‘000.– bis Fr. 15‘000.– je nach
den Umständen noch ein leichter Fall gegeben sein könne (Fiolka/Vetterli, a.a.O.,
S. 94).
Raselli vertritt die Ansicht, dass mit Blick auf die äusserst gravierenden Konse-
quenzen der obligatorischen Landesverweisung der Grenzbetrag im Hinblick da-
rauf, dass es sich bei den meisten Katalogdelikten im Gegensatz zum Vergehen
des Sozialhilfemissbrauchs um Verbrechen handle, hoch angesetzt werden solle.
- 17 -
Während es sich bei den im Katalog figurierenden Delikten vorwiegend um Ge-
waltdelikte handle, umfasse der Tatbestand des Sozialhilfemissbrauchs auch
blosses Verschweigen von Tatsachen, mithin passives, nicht von eigentlicher kri-
mineller Energie zeugendes Verhalten (Raselli, in: Sicherheit & Recht 3/2017,
Obligatorische Landesverweisung und Härtefallklausel im Ausführungsgesetz zur
Ausschaffungsinitiative, S. 141 ff., S. 151).
Die Höhe der unrechtmässig bezogenen Leistungen stellt nach einhelliger Mei-
nung in der Lehre zurecht zwar durchaus ein wesentliches Element für die Beur-
teilung dar, ob ein leichter Fall vorliegt. Weiter ist aber auch der Ansicht der Lehre
zu folgen, dass die Höhe der unrechtmässig gezogenen Leistungen allein nicht
ausschlaggebend sein kann, sondern auch die weiteren Umstände der Tat zu be-
rücksichtigen sind. Es scheint daher für die Frage des leichten Falls als sachge-
recht, auf das gesamte objektive und subjektive Tatverschulden abzustellen. So
ist bei Vermögensdelikten bei der Beurteilung des objektiven Tatverschuldens des
Täters nach herrschender Rechtsprechung die Höhe der deliktisch erlangten Vor-
teile neben den weiteren Umständen, wie z.B. der Dauer etc., nur ein, wenn auch
wesentliches Element. Sodann sind im Rahmen des subjektiven Tatverschuldens
weitere beim Täter liegende Umstände zu berücksichtigen. Dabei können jedoch
das Nachtatverhalten des Täters, die Wirkung der Strafe auf den Täter und die
Konsequenzen, die eine Landesverweisung für den Täter hätte, nicht von Bedeu-
tung sein. Hierbei handelt es sich um Elemente, die nicht das Tatverschulden zu
beeinflussen vermögen. Sie haben deshalb bei der Beantwortung der Frage, ob
ein leichter Fall vorliegt, ausser Acht zu bleiben.
Jedoch ist das Element der – wenn kein leichter Fall vorliegt – drohenden Lan-
desverweisung insoweit einzubeziehen, dass aufgrund der äusserst gravierenden
Konsequenz der obligatorischen Landesverweisung und im Hinblick darauf, dass
es sich bei den meisten Katalogdelikten, die zu einer obligatorischen Landesver-
weisung führen, im Gegensatz zum Vergehen des Sozialmissbrauchs um Verbre-
chen handelt (vgl. Raselli, a.a.O., S. 151), ein leichter Fall im Sinne von Abs. 2
nicht nur bei sehr leichtem Tatverschulden, sondern auch bei einem noch leichten
Verschulden gegeben ist. Das rechtfertigt sich umso mehr, als der unrechtmässi-
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ge Bezug von Sozialleistungen im Sinne von Art. 148a Abs. 2 StGB nicht nur als
Vergehen, sondern mit einer Maximalstrafe von einem Jahr Freiheitsstrafe als
leichtes Vergehen ausgestaltet ist (vgl. Art. 10 Abs. 2 StGB: Vergehen sind Taten,
die mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bedroht sind). Eben-
so verlangte Art. 148a Abs. 2 StGB nicht etwa einen "besonders leichten Fall", wo
ein strenger Massstab anzulegen ist (vgl. etwa BGE 114 IV 126 E. 2c zu Art. 251
Abs. 3 aStGB [heute Art. 251 Ziff. 2 StGB]; s.a. Art. 240 und 241 StGB, je Abs. 2;
Art. 100 Ziff. 1 Abs. 2 SVG; demgegenüber BGE 124 IV 184 zum "leichten Fall"
gemäss Art. 19a Ziff. 2 BetmG), und es ginge auch nicht um eine mögliche Straf-
befreiung nach Art. 52 StGB (dazu BGE 135 IV 130 E. 5.3.2 ff.).
Nachfolgend ist damit gestützt auf die obigen Überlegungen zu prüfen, ob das
Tatverschulden des Beschuldigten als noch leicht beurteilt werden kann und da-
mit ein leichter Fall vorliegt.
2.3.2. Der Beschuldigte hat durch sein unrechtmässiges Handeln gemäss Ankla-
ge einen Vermögensvorteil von Fr. 7‘626.95 erwirkt. Auch wenn dieser Betrag
nicht mehr als geringfügig bezeichnet werden kann, handelt es sich immer noch
um einen verhältnismässig tiefen Betrag. Wie in der Lehre zutreffend ausgeführt
wird, können im Bereich der Sozialhilfe durch unrichtige oder unvollständige An-
gaben ziemlich schnell sehr hohe Beträge erwirkt werden (vgl. Jenal und Fi-
olka/Vetterli, a.a.O.). Vorliegend geht es im Wesentlichen denn auch alleine um
die Übernahme von zwei Leistungsabrechnungen der Krankenkasse durch die
Sozialbehörde B._ im Gesamtbetrag von knapp Fr. 6'300.– (Urk. 1 S. 4;
Urk. 2/6). Das Mittel der Tatbegehung war eine Unterlassung, mithin ein Ver-
schweigen. Dabei ist zugunsten des Beschuldigten zu berücksichtigen, dass er
dem Sozialamt lediglich eine einmalige Auszahlung von Kinderzulagen nicht mel-
dete, während er seine monatlichen Lohnabrechnungen korrekt einreichte und die
Sozialhilfebeiträge für ihn und seine Familie jeweils entsprechend gekürzt wurden.
Bei der verschwiegenen Auszahlung handelt es sich sodann um Kinderzulagen
für die letzten 5 Jahre, mithin für einen Zeitraum, der grösstenteils vor demjenigen
lag, für welchen der Beschuldigte Sozialhilfe bezog (ab Mai 2017). Insgesamt er-
scheint das objektive Tatverschulden damit als noch leicht.
- 19 -
2.3.3. Hinsichtlich der subjektiven Tatschwere ist zu beachten, dass der Beschul-
digte mit direktem Vorsatz handelte. Weiter ist jedoch zu berücksichtigen, dass er
sich aufgrund der schweren Krankheit seines Sohnes in einer sehr schwierigen
finanziellen und familiären Lage befand und befindet. Wie den Akten zu entneh-
men ist, leidet der 1998 geborene Sohn des Beschuldigen seit er 4-jährig ist an
der Muskelkrankheit Myathenia gravis, von welcher die gesamte Muskulatur be-
troffen ist (Urk. 26 S. 13; Urk. 27/2; Urk. 51/4). Gemäss Schreiben von Dr. med.
E._ vom 1. September 2020 würden sich der Beschuldigte und seine Ehe-
frau um den seit der Geburt wegen der Krankheit Myathenia gravis invaliden Sohn
kümmern, welcher im Rollstuhl sitze und Hilfe und Pflege benötige (Urk. 51/4).
Aktuell müsse sich der Sohn sodann aufgrund einer im Juni 2020 durchgeführten
Becken- und Hüftoperation zweimal wöchentlich einer Physiotherapie in der Uni-
versitätsklinik ... [Ortschaft] unterziehen, zu welchen Terminen der Beschuldigte
ihn selbstverständlich zu begleiten habe (Urk. 56 S. 17). Da die Frau des Be-
schuldigten an starkem Übergewicht und Atemproblemen leide, könne sie – ge-
mäss Ausführungen der Verteidigung – ihren Mann bei der Pflege des Sohnes nur
bedingt unterstützen (Urk. 26 S. 13; Urk. 56 S. 16). Der Beschuldigte selber leide
sodann an Diabetes und aufgrund der Tatsache, dass er seinen 80 kg schweren
Sohn jeweils die Haustreppe hoch und runter tragen müsse, an Rückenschmer-
zen (Urk. 56 S. 17). Aufgrund des massiven Betreuungsaufwandes für den Sohn
machte sich der Beschuldigte selbständig und geriet sodann mit seiner Unter-
nehmung in finanzielle Schieflage, was schliesslich auch zu seinen finanziellen
Problemen führte und dazu, dass er den Gang zum Sozialamt antreten musste.
Mit den ausbezahlten Kinderzulagen bezahlte er sodann Schulden zurück. Schul-
den, die er wohl nicht oder zumindest nicht in dieser Höhe geäufnet hätte, hätte er
die Kinderzulagen im richtigen Zeitpunkt (und nicht erst rückwirkend) effektiv er-
halten gehabt. Bei den Schulden handelte es sich sodann gemäss seinen eige-
nen, unwiderlegten Aussagen zumindest teilweise um ausstehende Mietzinse.
Der Beschuldigte musste wohl befürchten, dass er und seine Familie aus der
Wohnung ausgewiesen würden, wenn er diese nicht bezahlt hätte. Weiter legte
der Beschuldigte die Auszahlung der Kinderzulagen – wenn auch erst auf mehr-
faches Nachfragen hin – selbst offen. Konkrete Täuschungen oder Versuche, die
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Auszahlung durch bewusst falsche Angaben zu vertuschen, hat er keine unter-
nommen. Vielmehr trug er, wenn auch verspätet, selbst dazu bei, dass die nicht
angegebene Auszahlung der Kinderzulagen schliesslich aufgedeckt werden konn-
te. Sehr raffiniert war sein Vorgehen sodann ohnehin nicht, hätte doch die Sozial-
behörde B._ die erforderliche Auskunft früher oder später zweifelsohne bei
der Sozialversicherungsanstalt selbst erhältlich gemacht.
2.3.4. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das subjektive Tatver-
schulden das objektive insbesondere aufgrund der schwierigen privaten Situation,
in welcher sich der Beschuldigte befindet, zu relativieren vermag und das Tatver-
schulden damit insgesamt leicht wiegt. Aufgrund des leichten Verschuldens ist
das Verhalten des Beschuldigten als leichter Fall im Sinne von Art. 148a Abs. 2
StGB zu qualifizieren. Dementsprechend ist der Beschuldigte des unrechtmässi-
gen Bezugs von Leistungen einer Sozialversicherung im Sinne von Art. 148a Abs.
2 StGB schuldig zu sprechen.
IV. Strafzumessung
1. Allgemeines
Wer sich des unrechtmässigen Bezuges von Leistungen einer Sozialversicherung
oder der Sozialhilfe im Sinne von Art. 148a Abs. 2 StGB schuldig macht, ist mit
Busse zu bestrafen. Der Beschuldigte hat die zu beurteilende Straftat vor Inkraft-
treten der seit 1. Januar 2018 geltenden neuen Bestimmungen des Allgemeinen
Teils des Strafgesetzbuches (Änderungen des Sanktionenrechts; AS 2016 1249)
begangen. Hinsichtlich der Busse blieb das Sanktionenrecht jedoch unverändert.
Bestimmt es das Gesetz nicht anders, so beträgt die Maximalhöhe der Busse
Fr. 10‘000.–. Für die Berechnung der Höhe der Busse kommt es auf das Ver-
schulden und die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten an (Art. 106 Abs. 3
StGB). Zu den persönlichen Verhältnissen zählen namentlich sein Einkommen
und sein Vermögen, sein Familienstand und seine Familienpflichten, sein Beruf
und Erwerb, sein Alter und seine Gesundheit. Damit wird nicht von der allgemei-
nen Strafzumessungsregel des Art. 47 StGB abgewichen, sondern diese wird im
- 21 -
Hinblick auf die Besonderheiten der Busse verdeutlicht. Es soll vermieden wer-
den, dass die Busse den wirtschaftlich Schwachen härter trifft als den wirtschaft-
lich Starken (Mathys, Leitfaden Strafzumessung, 2. Aufl. 2019, N 458).
Das Verschulden wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des be-
troffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen
und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inne-
ren und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung
zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Für die Zumessung der Strafe ist zwischen
der Tat- und der Täterkomponente zu unterscheiden. Bei der Tatkomponente ist
als Ausgangspunkt die objektive Schwere des Deliktes festzulegen und zu bewer-
ten. Dabei ist anhand des Ausmasses des Erfolgs sowie auf Grund der Art und
Weise des Vorgehens zu beurteilen, wie stark das strafrechtlich geschützte
Rechtsgut beeinträchtigt worden ist. Ebenfalls von Bedeutung sind die kriminelle
Energie, der Tatbeitrag bei Tatausführung durch mehrere Täter sowie ein allfälli-
ger Versuch. Hinsichtlich des subjektiven Verschuldens sind insbesondere das
Motiv, die Beweggründe, die Willensrichtung sowie das Mass an Entscheidungs-
freiheit des Täters zu beurteilen. Die Täterkomponente umfasst die persönlichen
Verhältnisse, das Vorleben, insbesondere frühere Strafen oder Wohlverhalten,
und das Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren, insbesondere gezeigte
Reue und Einsicht oder ein abgelegtes Geständnis (Heimgartner, in: OFK - StGB
Kommentar, Art. 47 N 5 ff.).
2. Verschulden
2.1. Es kann zunächst auf die Ausführungen in E. III.2.3.2 verwiesen werden.
Der Beschuldigte hat durch sein unrechtmässiges Handeln einen Vermögensvor-
teil von Fr. 7‘626.95 erwirkt. Innerhalb des leichten Falls ist dies als eher hoher
Betrag anzuschauen. Das Mittel der Tatbegehung war eine Unterlassung. Dabei
ist weiter zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte nur eine einzige Zahlung,
welche sodann zum allergrössten Teil nicht den Zeitraum betraf, für welchen die
Sozialhilfebeträge bezahlt wurden, nicht umgehend meldete. Weitere Zahlungen,
insbesondere seinen Lohn, legte er dagegen gegenüber der Behörde offen. Wei-
ter hat er auch keine Anstalten getroffen, seine Angaben aktiv zu vertuschen. Es
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ist daher von einer nur geringen kriminellen Energie auszugehen. Innerhalb des
leichten Falls erscheint das objektive Tatverschulden in Würdigung der aufgezeig-
ten Tatumstände aber dennoch als eher schwer.
2.2. Das subjektive Tatverschulden, insbesondere die schwierigen persönlichen
Umstände, durch welche der Beschuldigte in eine finanzielle Notsituation geriet,
und der Umstand, dass er die nachträglich ausbezahlten Kinderzulagen dazu
verwendete, bestehende Schulden der Familie zurück zu zahlen, vermag das ob-
jektive Tatverschulden leicht zu relativieren, womit dieses insgesamt als erheblich
zu werten ist.
Die Einsatzstrafe (im Sinne einer Busse) ist damit bei Fr. 5‘000.– anzusetzen.
3. Täterkomponenten
3.1 Zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten kann
auf die Untersuchungsakten sowie seine Ausführungen zur Person vor Vorinstanz
verwiesen werden. Aus den vom Beschuldigten im Rahmen des Berufungs-
verfahrens ins Recht gereichten Unterlagen sowie seiner Befragung anlässlich
der Berufungsverhandlung ergibt sich, dass er über ein monatliches Nettoein-
kommen von ca. Fr. 3'500.– verfügt und die Wohnungsmiete monatlich Fr. 1'800.–
sowie die Miete der Werkstatt monatlich Fr. 800.– beträgt (Urk. 46/1 und
Urk. 46/2; Urk. 53 S. 2). Sowohl die aktuelle IV-Rente des Sohnes als auch der
Lehrlingslohn der Tochter beträgt je Fr. 800.– pro Monat, wobei die Tochter den
Lohn behalten darf bzw. zuhause nichts davon abgehen muss (Urk. 53 S. 3).
Über das Unternehmen des Beschuldigten, die F._, wurde im März 2020 der
Konkurs eröffnet, das Verfahren allerdings mangels Aktiven am 16. April 2020
eingestellt. Der Beschuldigte führt das Geschäft indes weiter, da er gemäss eige-
ner Aussage aufgrund seiner familiären Verpflichtungen und der damit einherge-
henden mangelnden Flexibilität keine andere Arbeit finde. Je nach Betreuungs-
aufwand des Sohnes könne er mehr oder weniger Aufträge annehmen, wobei er
zu unterschiedlichsten Zeiten arbeite (Urk. 46/3; Urk. 53 S. 4). Der Konkurs sei
damals eröffnet worden, da er die Krankenkassenprämien nicht habe bezahlen
können. Er bezahle diese Schulden nach wie vor ab, soweit es ihm möglich sei.
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Aktuell würden sich diese noch auf rund Fr. 8'000.– bis Fr. 10'000.– belaufen.
Weitere Schulden habe er nicht bzw. habe er bereits abbezahlt (Urk. 53 S. 5).
Insgesamt stellt sich die finanzielle Situation des Beschuldigten nach wie vor als
sehr schwierig dar. Nebst der Tatsache seines tiefen Einkommens, von welchem
er für sich und seine Ehefrau und teilweise auch für die beiden Kinder, von denen
sich eines noch in Ausbildung befindet und das andere gesundheitlich schwer be-
einträchtigt ist, aufkommen muss, verfügt er über keinerlei Ersparnisse. Im Ge-
genteil bestehen Schulden in der Höhe von ca. Fr. 8'000.– bis Fr. 10'000.–. Die
sehr schwierige finanzielle Situation des Beschuldigten ist bei der Bemessung der
Busse massgeblich strafmindernd zu berücksichtigen.
3.2. Leicht straferhöhend wirken sich die beiden Vorstrafen des Beschuldigten
aus. Am 7. August 2014 wurde er mittels Strafbefehl wegen Irreführung der
Rechtspflege etc. zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 70.–
und einer Busse von Fr. 500.– verurteilt (Beizugsakten Staatsanwaltschaft
See/Oberland 2014/3010). Er hatte seinem nicht fahrberechtigten Sohn das Steu-
er seines Fahrzeugs überlassen und, nachdem dieser ein anderes Auto gerammt
hatte, gegenüber der Polizei behauptet, selbst gefahren zu sein. Weiter wurde er
mit Strafbefehl vom 31. Oktober 2015 wegen Drohung zu einer unbedingten
Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 30.– verurteilt (Beizugsakten Staatsanwalt-
schaft Winterthur/Unterland 2015/10037332). Dies nachdem er gegenüber zweier
Mitarbeiterinnen des Sozialamtes G._ Drohungen ausgestossen hatte. Auf
einen Widerruf der bedingten Strafe des ersten Strafbefehls wurde verzichtet,
indessen deren Probezeit um 1 Jahr verlängert.
Obwohl es sich bei beiden Vorstrafen in Bezug auf die vorliegend zu beurteilende
Tat nicht um eigentlich einschlägige Delikte handelt, ist bemerkenswert, dass
auch die beiden Vorstrafen gegenüber Amtspersonen verübt wurden und damit
einen mangelnden Respekt des Beschuldigten gegenüber Vertretern des Staates
offenbaren. Dennoch handelt es sich um eher leichte Delikte, welche im Rahmen
der Strafzumessung nur leicht straferhöhend zu berücksichtigen sind.
Eine besondere Strafempfindlichkeit im Sinne von Art. 47 Abs. 1 StGB ist beim
Beschuldigten nicht gegeben.
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3.3. Zum Nachtatverhalten ist festzuhalten, dass der Beschuldigte sich
mehrfach entschuldigte und sich entsprechend in diesem Masse auch einsichtig
zeigte. Von aufrichtiger Reue kann indes, auch in Anbetracht der anhaltenden
Bestreitungen bzw. ausflüchtenden Aussagen, keine Rede sein. Dennoch ist das
Nachtatverhalten leicht strafmindernd zu berücksichtigen.
3.4. Nach Berücksichtigung aller Täterkomponenten, insbesondere auch der
schwierigen finanziellen Verhältnisse, ist damit die Einsatzstrafe erheblich zu
reduzieren. Damit ist die Busse auf Fr. 2'500.– festzusetzen.
4. Vollzug und Ersatzfreiheitsstrafe
Die Busse ist zu vollziehen (Art. 106 Abs. 5 i.V.m. Art. 35 Abs. 1 StGB). Für den
Fall, dass die Busse schuldhaft nicht bezahlt wird (Art. 106 Abs. 2 StGB), ist die
Ersatzfreiheitsstrafe auf 25 Tage festzusetzen.
V. Landesverweisung
Da sich der Beschuldigte einer Übertretung gemäss Art. 148bis Abs. 2 StGB
schuldig gemacht hat, fällt eine Landesverweisung ausser Betracht (Art. 66 Abs. 1
lit. e StGB).
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens
Der Beschuldigte ist entgegen dem vorinstanzlichen Urteil schuldig zu sprechen.
Die Gerichtsgebühr für das erstinstanzliche Verfahren ist auf Fr. 1'500.– festzu-
legen. Ausgangsgemäss sind die Kosten des Vorverfahrens im Betrag von
Fr. 2'500.– und diejenigen des erstinstanzlichen Verfahrens dem Beschuldigten
aufzuerlegen. Die Kosten für die Aufwendungen der amtlichen Verteidigung im
erstinstanzlichen Verfahren im Betrag von Fr. 9'444.05 sind einstweilen auf die
Gerichtskasse zu nehmen (Art. 426 Abs. 1 StPO). Vorbehalten bleibt eine Rück-
forderung nach Art. 135 Abs. 4 StPO.
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2. Kosten des Berufungsverfahrens
2.1. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr ist praxisgemäss auf Fr. 3'000.– fest-
zulegen.
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres
Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Staatsanwaltschaft
obsiegt mit ihrer Berufung zwar im Schuldpunkt, unterliegt indessen mit ihren
Anträgen bezüglich der rechtlichen Qualifikation, des Strafmasses sowie der
Anordnung der Landesverweisung. Es erscheint damit als gerechtfertigt, die Kos-
ten des Berufungsverfahrens – ohne diejenigen der amtlichen Verteidigung – zur
einen Hälfte auf die Staatskasse zu nehmen und zur anderen Hälfte dem Be-
schuldigten aufzuerlegen.
2.2. Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten reichte für das Berufungsverfah-
ren eine Honorarnote über Aufwendungen von Fr. 5'778.35 ein (Urk. 52). Der gel-
tend gemachte Aufwand ist ausgewiesen und zu entschädigen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung sind auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 425 StPO),
zur einen Hälfte definitiv, zur anderen Hälfte unter Hinweis auf die Nachforde-
rungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.