Decision ID: 3d4328da-7b40-5baa-b241-b802c77879a7
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am (...) 2021 im Bundesasylzentrum
(BAZ) der Region (...) um Asyl nach. Am 28. Januar 2021 wurde sie zu
ihrer Person und zum Reiseweg befragt (Personalienaufnahme) und am
9. Februar 2021 vertieft zu ihren Asylgründen angehört. Am 12. Februar
2021 wurde sie dem erweiterten Verfahren zugewiesen.
Sie gab zu ihrer Person an, sie sei (...) Türkin und stamme ursprünglich
aus B._. Dort habe sie die Primar- und Mittelschule und danach das
Gymnasium besucht. Nach dessen Abschluss habe sie ein Studium an der
Universität in C._ begonnen, später habe sie an die (...) Universität
in B._ gewechselt. Ihr Asylgesuch begründete sie im Wesentlichen
damit, nach dem Putschversuch im Sommer 2016 sei gegen ihre Eltern
(N [...]) ein Strafverfahren wegen Verbindungen zur Gülen-Bewegung er-
öffnet worden. Beide seien entlassen worden. Ihr Vater sei (...) Monate
lang im Gefängnis gewesen. Anschliessend sei er zu einer Freiheitsstrafe
von (...) Jahren und (...) Monaten verurteilt worden. Das regionale Beru-
fungsgericht habe das Urteil bestätigt. Nun sei der Fall beim Kassationshof
hängig. Ihre Mutter sei ebenfalls in Untersuchungshaft gewesen, jedoch
unter Auflagen freigelassen worden. Deren Strafverfahren laufe noch. Da
ihre Eltern befürchtet hätten, dass das Urteil gegen ihren Vater durch den
Kassationshof bestätigt werden könnte und er wieder ins Gefängnis gehen
müsste, seien diese zusammen mit ihrem Bruder am (...) 2019 aus der
Türkei ausgereist. Die finanzielle Lage der Familie habe es der Beschwer-
deführerin und ihrer jüngeren Schwester nicht erlaubt, gemeinsam mit
ihnen auszureisen. Sie hätten sich danach hauptsächlich bei ihrem Gross-
vater (...)seits und bei einer ihrer Tanten (...)seits aufgehalten. Ihrem Vater
sei am (...) 2019 in der Schweiz Asyl gewährt worden, ihrer Mutter und
ihrem Bruder unter Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft ihres Vaters am
(...) 2020. Nach dem positiven Asylentscheid habe ihr Vater ein Familien-
nachzugsgesuch zu Gunsten von ihr und ihrer minderjährigen Schwester
gestellt, welches bezüglich dieser bewilligt worden sei. Deswegen habe
auch sie nach einer Ausreisemöglichkeit gesucht. Von einer ihr bekannten
Familie, die in einer ähnlichen Situation gewesen sei, habe sie erfahren,
dass eines ihrer Kinder ein Visum für einen (...)aufenthalt in D._
erhalten habe. Sie habe deswegen etwa am (...) 2020 ebenfalls ein sol-
ches Visum beantragt. Dieses sei ihr rund (...) Tage später erteilt worden.
Etwa einen Monat vor ihrer Ausreise habe sie ihre offizielle Wohnadresse
geändert. Sie habe neu die Adresse ihres Grossvaters angegeben, weil sie
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sich ohnehin nicht mehr an der ursprünglichen Adresse ihrer Familie auf-
gehalten und vorgehabt habe, auszureisen. Am (...) 2020 sei sie zusam-
men mit ihrer Schwester auf dem Luftweg in die Schweiz gereist. (...) Tage
später sei sie nach D._ weitergereist, um den bereits bezahlten
(...)kurs zu absolvieren. Wegen der Covid-19-Pandemie sei sie aber be-
reits am (...) 2020 in die Schweiz zurückgekehrt. Am (...) 2020 sei ihr pol-
nisches Visum abgelaufen. Um eine Dublin-Überstellung zu vermeiden,
habe sie ein halbes Jahr abgewartet und erst am (...) 2021 ein Asylgesuch
in der Schweiz gestellt. Sie sei zwar weiterhin eine Sympathisantin der Gü-
len-Bewegung, jedoch laufe gegen sie kein Strafverfahren in der Türkei.
Sie habe – bis auf die Beantragung des (...) Visums – bis zu ihrer Ausreise
auch keinen Kontakt zu den türkischen Behörden gehabt. Ihr seien meh-
rere Fälle bekannt, bei welchen junge Personen festgenommen worden
seien und belastende Aussagen gegen ihre Kolleginnen und Kollegen ge-
macht hätten. Sie befürchte deshalb, dass ihre Bekannten aus der Gülen-
Schule oder deren Wohnheimen sie anzeigen würden.
Die Beschwerdeführerin reichte ihren türkischen Pass, ihre Identitätskarte
und einen türkischen Arztbericht im Original zu den Akten. Zudem legte sie
ein Protokoll bezüglich der Ausreise ihrer Familie, eine handschriftliche
Version desselben, einen Auszug aus dem E-Devlet Konto ihres Vaters,
eine Liste der per Dekret geschlossenen Schulen, die Anklageschriften ih-
rer Eltern sowie einen Familienregisterauszug ins Recht.
B.
Mit Verfügung vom 24. Februar 2021 – eröffnet am 26. Februar 2021 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete gleichzeitig die Wegwei-
sung aus der Schweiz und den Vollzug an.
C.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsvertreterin mit
Eingabe vom 29. März 2021 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde.
Sie beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, verbunden
mit der Anerkennung als Flüchtling und der Gewährung von Asyl. Eventu-
aliter sei sie wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs als Flücht-
ling vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter sei sie wegen Unzulässigkeit
beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig auf-
zunehmen. Subsubeventualiter sei die Sache zur erneuten Beurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht bean-
tragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive des
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Verzichts auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und die Beiordnung
der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
Als Beweismittel lagen ein Arztbericht vom (...) 2021, ein fremdsprachiges
ärztliches Dokument, fremdsprachige Strafakten der Eltern der Beschwer-
deführerin und eine Dokumentation betreffend Verfolgungsmassnahmen
gegen Anhänger der Gülen-Bewegung bei.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte den Eingang der Beschwerde
mit Schreiben vom 30. März 2021.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 16. April 2021 teilte die Instruktionsrichterin
der Beschwerdeführerin mit, sie dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsor-
gebestätigung (und unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen Lage
der Beschwerdeführerin) gut, verschob den Entscheid über das Gesuch
um unentgeltliche Rechtsverbeiständung auf einen späteren Zeitpunkt und
lud das SEM ein, eine Vernehmlassung einzureichen.
F.
Am 21. April 2021 ging beim Gericht eine Fürsorgebestätigung ein.
G.
Mit Schreiben vom gleichen Datum reichte die Beschwerdeführerin aktu-
elle Gerichtsentscheide aus den Strafverfahren ihrer Eltern ein. Diese wur-
den der Vorinstanz zwecks Berücksichtigung in der Vernehmlassung zuge-
stellt.
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 23. April 2021 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
I.
Am 27. April 2021 teilte das SEM mit, die nachgereichten Unterlagen hät-
ten in seiner Vernehmlassung nicht mehr berücksichtigt werden können,
weshalb um Fristerstreckung zur Einreichung einer ergänzenden Ver-
nehmlassung ersucht werde.
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J.
Mit Zwischenverfügung vom 28. April 2021 wurde das Gesuch um amtliche
Rechtsverbeiständung gutgeheissen und die rubrizierte Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführerin eingesetzt. Zudem
wurde darauf hingewiesen, die Beantwortung des Fristerstreckungsge-
suchs erfolge mit separatem Schreiben.
K.
Am 29. April 2021 ging beim Bundesverwaltungsgericht ein weiteres
Schreiben der Beschwerdeführerin ein, mit welchem sie aktuelle Vorgänge
im Heimatland mitteilte. Mit Schreiben vom 30. April 2021 reichte die Be-
schwerdeführerin ein fremdsprachiges Dokument zu den Akten. Dabei
handle es sich um einen Bericht des örtlichen Gerichts in der Türkei, wo-
nach ihre Mutter zu einer Haftstrafe von (...) Jahren und (...) Monaten ver-
urteilt worden sei. Beide Eingaben wurden dem SEM zur Berücksichtigung
in der ergänzenden Vernehmlassung zur Kenntnis gebracht.
L.
Innert erstreckter Frist hielt das SEM in seiner ergänzenden Vernehmlas-
sung vom 5. Mai 2021 an seiner Verfügung fest.
M.
Das Bundesverwaltungsgericht liess der Beschwerdeführerin am 10. Mai
2021 die Doppel der Vernehmlassung und deren Ergänzung zukommen
und gab ihr Gelegenheit, eine Replik einzureichen.
N.
Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 20. Mai 2021. Gleich-
zeitig reichte sie ein Video-Still eines Twitter-Beitrags zum (...), einen Be-
richt beziehungsweise ein Schreiben vom 14. beziehungsweise 15. August
2020 sowie ein Schreiben/Haftbefehl des (...) Strafgerichts B._
vom 21. April 2021 zu den Akten.
Diese Unterlagen (mit Ausnahme des Twitter-Beitrags) liess das Bundes-
verwaltungsgericht antragsgemäss von Amtes wegen übersetzen.
O.
Am 21. Mai 2021 reichte die Rechtsvertreterin eine Kostennote ein.
P.
Auf die Begründung der Beschwerdeanträge sowie den Inhalt der nach der
Beschwerdeschrift eingereichten Eingaben und Beweismittel sowie der
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Vernehmlassung und deren Ergänzung wird, soweit für den Entscheid we-
sentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls,
und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten den Anforderungen an die an
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Die allgemeine Menschenrechtslage in der Türkei habe sich insbesondere
seit dem Militärputschversuch vom 15. Juli 2016 wahrnehmbar verschlech-
tert. In spezifisch gelagerten Einzelfällen seien seither Fälle von Reflexver-
folgungshandlungen durch türkische Behördenstellen bekannt geworden.
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Diese stünden insbesondere im Zusammenhang mit der behördlichen Su-
che nach Personen, die untergetaucht seien oder die sich im Ausland auf-
hielten und denen etwa ausgeprägte oppositionelle beziehungsweise aus-
geprägte exilpolitische Aktivitäten vorgeworfen würden oder die einer Nähe
zur oder Mitgliedschaft bei der "Hizmet-Bewegung" des Predigers Fethul-
lah Gülen (Gülen-Bewegung) bezichtigt würden. In derartigen Fällen könne
es vorkommen, dass die türkischen Behörden nahe Angehörige, nament-
lich Ehegatten, Eltern oder Geschwister drangsalierten, mit weiteren ernst-
haften Nachteilen bedrohten und sie etwa auch an einer legalen Ausreise
aus der Türkei hinderten, um deren untergetauchten beziehungsweise sich
im Ausland aufhaltenden Angehörigen zu bewegen, sich den Behörden zu
stellen beziehungsweise in die Türkei zurückzukehren. Bezüglich Re-
flexverfolgung sei festzuhalten, dass die erlittenen oder zu befürchtenden
Nachteile naher Angehöriger im Regelfall keine flüchtlingsrechtlich rele-
vante Intensität erreichten. Begründete Furcht vor einer flüchtlingsrechtlich
relevanten Reflexverfolgung sei deshalb nur beim Vorliegen besonderer
Umstände gegeben. Gemäss den Erkenntnissen des SEM bestehe bei An-
gehörigen von bereits inhaftierten oder ehemals verfolgten Personen in al-
ler Regel keine Gefahr, dass sie heute in der Türkei von Reflexverfolgungs-
massnahmen betroffen würden. Zudem gelte es zu beachten, dass behörd-
liche Nachforschungen gegenüber Familienangehörigen von politisch
missliebigen Personen bezüglich ihrer Intensität in der Regel kein asylbe-
achtliches Ausmass annähmen.
Hinsichtlich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Befürch-
tungen hielt das SEM fest, sie habe angegeben, nach der Ausreise ihrer
Eltern keinerlei Kontakt zu den türkischen Strafverfolgungsbehörden ge-
habt zu haben. Sie habe die Türkei fast ein Jahr nach ihren Eltern legal mit
einem Visum verlassen. Die türkischen Behörden hätten also genügend
Möglichkeiten gehabt, sie festzunehmen, wenn sie das gewollt hätten. Es
sei auch nicht anzunehmen, dass sie die Türkei legal hätte verlassen kön-
nen, wenn die türkischen Behörden ein tatsächliches Interesse an ihrer
Person gehabt hätten. Unter diesen Umständen sei ihre Furcht vor flücht-
lingsrechtlich relevanter Verfolgung als nicht begründet einzustufen. So
seien vorliegend keine Hinweise aktenkundig, welche erwarten liessen,
dass sie wegen ihres familiären Umfeldes mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zukunft von Reflexverfolgungsmassnahmen ernst-
haften Ausmasses betroffen werden könnte. Daran vermöchten auch die
eingereichten Beweismittel nichts zu ändern. Gemäss dem bezüglich der
Ausreise ihrer Eltern eingereichten Schreiben der Polizeidirektion
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B._ vom 15. August 2020 seien diese zwar angeklagt worden, wür-
den aber nicht offiziell gesucht, wobei ihre drei Kinder strafrechtlich nicht
erfasst worden seien. Dass sich die Familie der Beschwerdeführerin in der
Schweiz aufhalte, sei lediglich eine Vermutung der Behörden. Diesem Vor-
bringen komme demnach keine flüchtlingsrechtlich relevante Bedeutung
zu. Ihre Befürchtung, andere Studierende der Gülen-Bewegung könnten
bei einer allfälligen Festnahme sie belastende Aussagen machen, bleibe
ein rein hypothetisches Szenario und vermöge aus objektiver Sicht keine
begründete Furcht vor einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung her-
vorzurufen. Hinsichtlich der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs führte die Vorinstanz insbesondere aus, die Beschwerdeführerin leide
an einer (...) Depression, welche bereits in der Türkei diagnostiziert und
behandelt worden sei. Sie nehme seit einiger Zeit keine Medikamente mehr
ein und fühle sich mittelmässig wohl. Gegebenenfalls könnte sie sich in
ihrem Heimatstaat jederzeit wieder in medizinische Behandlung begeben.
3.2 Die Beschwerdeführerin hielt in ihrer Rechtsmitteleingabe an ihren Vor-
bringen fest und verwies vorab auf den zu den Akten gereichten Arztbericht
vom (...) 2021, worin die Diagnosen (...), (...), (...) und (...) bei Differenzi-
aldiagnose posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gestellt wurden.
Deshalb befinde sie sich in psychiatrischer Behandlung und nehme erneut
Psychopharmaka. Sie sei bereits in der Türkei in psychiatrischer Behand-
lung gewesen. Da der erwähnte Arztbericht zum Zeitpunkt des Erlasses
der angefochtenen Verfügung noch nicht vorgelegen sei und von der
Vorinstanz noch nicht habe gewürdigt werden können, weshalb der Sach-
verhalt diesbezüglich nicht umfassend erhoben worden sei, wurde subsub-
eventualiter ein Rückweisungsantrag gestellt. Dieser wurde auch damit be-
gründet, dass die Würdigung der konkreten Situation der Beschwerdefüh-
rerin durch die Vorinstanz insbesondere keine Ausführungen bezüglich der
subjektiven Seite der Begründetheit der Furcht vor künftiger Verfolgung
enthalte und sich das SEM nicht ausreichend mit der Frage der Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs auseinandergesetzt habe.
In materieller Hinsicht argumentierte die Beschwerdeführerin, sie weise be-
züglich Reflexverfolgung ein entsprechendes Profil auf (Eltern Gülenisten,
welche ins Ausland geflüchtet seien). Die Behörden hätten spätestens bei
ihrer Rückkehr von der Schweiz in die Türkei Anlass zur Vermutung, dass
sie mit den gesuchten Personen in Kontakt stünde. Die Türkei dürfte ein
besonderes Verfolgungsinteresse an ihren Eltern haben, weil beide verur-
teilte Gülenisten seien. Sie würden nach wie vor verfolgt, zumal das Ver-
fahren gegen die Mutter noch hängig sei, während der Vater rechtskräftig
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verurteilt und aus der Sicht der Behörden aktuell auf der Flucht sei. Zudem
habe sie erklärt, dass die Behörden inzwischen bereits bei Nachbarn Er-
kundigungen über sie eingezogen hätten. Die Vorinstanz habe auch ausser
Acht gelassen, dass die abschliessenden Urteile gegen die Eltern noch
nicht gefällt seien und vermutungsweise der Kassationshof das Urteil be-
stätigen werde. Den türkischen Behörden sei auch bekannt, dass sie (die
Beschwerdeführerin) Gülen-Einrichtungen besucht habe. Deshalb könnte
auch sie selber wegen Mitgliedschaft bei dieser Bewegung verhaftet wer-
den. Ausserdem dauere es teilweise Jahre, bis Ermittlungen aufgenommen
würden. Hinsichtlich der subjektiven Komponente der Begründetheit der
Furcht habe die Beschwerdeführerin bereits in ihrer frühen Jugend miter-
leben müssen, wie ihr Vater anlässlich einer Hausdurchsuchung willkürlich
abgeführt und ihre Mutter ebenso rechtswidrig verhaftet worden sei und
wie die Familie habe flüchten müssen. Ihre Psyche sei aufgrund der erlit-
tenen Verfolgung der Familie beeinträchtigt. Unter diesen Umständen
wirke die Erwähnung ihrer Person in den Strafakten ihrer Eltern in erhöh-
tem Mass bedrohlich. Weiter kenne die Beschwerdeführerin – unter Ver-
weis auf die von ihr eingereichte Dokumentation – zahlreiche Fälle sehr
ähnlicher Konstellationen, welche sich aufgrund dieser Situation in Haft be-
fänden. Hinsichtlich der Frage des Wegweisungsvollzugs wurde insbeson-
dere ausgeführt, die Beschwerdeführerin habe anlässlich (...) mit anderen
(...) der Gülen-Bewegung an einer Demonstration teilgenommen, was auf
Twitter veröffentlicht worden sei. Damit habe sie sich auch persönlich ex-
poniert und laufe deshalb Gefahr, verfolgt zu werden.
3.3 Die Vorinstanz führte in ihrer Vernehmlassung vom 23. April 2021 im
Zusammenhang mit dem Arztbericht vom (...) 2021 im Wesentlichen aus,
wie bereits in der angefochtenen Verfügung und der Beschwerde vermerkt
worden sei, leide die Beschwerdeführerin seit Längerem – seit ihrer Kind-
heit – an einer psychischen Erkrankung. Die Auslöser und Verläufe seien
offensichtlich unterschiedlich. Dies sei zwar bedauerlich, jedoch seien die
psychiatrischen Einrichtungen in der Türkei zweifellos in der Lage, eine
PTBS zu behandeln. Dass die Beschwerdeführerin in ihrem Heimatstaat
wegen ihrer Depression behandelt worden sei, zeige auch, dass ein Zu-
gang zur medizinischen Versorgung bestehe. Bereits im Asylentscheid sei
festgehalten worden, aus dem im Asylverfahren eingereichten Schreiben
vom 15. August 2020 gehe hervor, dass die Eltern zwar angeklagt worden
seien, aber nicht offiziell gesucht würden, und die Kinder nicht strafrechtlich
erfasst worden seien. Die türkischen Behörden dürften ohnehin wohl be-
reits vermutet haben, dass die Beschwerdeführerin und ihre Geschwister
mit ihren Eltern in Kontakt stünden. Dies sei aber irrelevant, da die Eltern
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nicht gesucht würden. Selbst wenn sie gesucht würden, würde die Rück-
kehr der Beschwerdeführerin aus der Schweiz keinen hinreichenden Nach-
weis darstellen, dass sie Kontakt zu den Eltern gehabt habe, da die türki-
schen Behörden nicht genau wüssten, wo sich die Eltern aufhielten. Das
ergänzende Vorbringen der Beschwerdeführerin, wonach sich die Behör-
den zwischenzeitlich bereits bei ihren Nachbarn über sie erkundigten, sei
als nachgeschoben zu qualifizieren.
In der Ergänzung vom 5. Mai 2021 zur Vernehmlassung führte die
Vorinstanz im Wesentlichen aus, bei den von der Beschwerdeführerin am
21. April 2021 eingereichten Unterlagen handle es sich um ein Ge-
richtsprotokoll und einen Gerichtsbeschluss in den Strafverfahren gegen
ihre Eltern. Diese Dokumente beträfen nicht die Beschwerdeführerin, wes-
halb sie für deren Asylverfahren nicht von Belang seien. Da die Überset-
zung teilweise unvollständig und somit unzulänglich erscheine, könnten die
Zusammenhänge und Beschlüsse nicht eindeutig nachvollzogen werden.
Es sei auch nicht nachvollziehbar, weshalb der Gerichtsbeschluss erst auf
Beschwerdeebene eingereicht worden sei, wenn er anscheinend bereits
am (...) Februar 2021 gefasst worden sei. Sodann habe sich laut der Ein-
gabe vom 27. April 2021 die Polizei am (...) April 2021 beim Grossvater
der Beschwerdeführerin über deren Vater erkundigt und diesen aufgrund
des rechtskräftigen Urteils verhaften wollen; der Grossvater habe unter
grossem Druck den Aufenthaltsort und weitere Angaben zu ihren Eltern
preisgegeben. Diese Informationen – so das SEM – beruhten lediglich auf
Aussagen einer Drittperson und seien nicht überprüfbar. Es wäre auch ein
grosser Zufall, wenn die Behörden gerade am (...) April 2021, also zwei
Monate nach dem Gerichtsbeschluss und während des Beschwerdever-
fahrens der Beschwerdeführerin deren Grossvater aufgesucht hätten. Aus-
serdem sei kein Haftbeschluss eingereicht worden. Selbst wenn ihr Vater
tatsächlich bei ihrem Grossvater gesucht worden wäre, änderte dies nichts
daran, dass gegen sie in der Türkei kein Strafverfahren laufe, sie letztes
Jahr nie aufgesucht worden sei und legal aus ihrem Heimatstaat ausgereist
sei. Der Beschwerdeführerin sei es somit nicht gelungen, glaubhafte und
ausreichende Hinweise auf eine flüchtlingsrechtlich relevante Furcht vor
(Reflex-)Verfolgung vorzubringen. Schliesslich gehe aus dem am 30. April
2021 zu den Akten gereichten Verhandlungsprotokoll hervor, dass die Mut-
ter der Beschwerdeführerin zu (...) Jahren und (...) Monaten Haft verurteilt
worden sei. Diesbezüglich liege keine Übersetzung vor. Nichtsdestotrotz
sei eine Verurteilung der Eltern absehbar gewesen, weswegen diese auch
in der Schweiz aufgenommen worden seien. Die Verurteilung sei zwar be-
dauerlich, ändere aber nichts an der Lage der Beschwerdeführerin.
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3.4 In ihrer Replik vom 20. Mai 2021 entgegnete die Beschwerdeführerin,
ein Wegweisungsvollzug in die Türkei hätte ihre Retraumatisierung zur
Folge. Ihr Protest zusammen mit andern Gülenistinnen mache sie deshalb
verletzlich, weil sie sich dadurch in Gesellschaft von Oppositionellen öffent-
lich zu erkennen gebe. Ihre besondere Exponiertheit resultiere aber aus
der Gesamtsituation der Familie. Die Vorinstanz scheine sich bezüglich der
Kontaktaufnahme zwischen ihr und ihren Eltern zu widersprechen, würden
doch einerseits die türkischen Behörden diesen Kontakt ohnehin vermuten,
andererseits nicht wissen, wo in der Schweiz sich die Eltern befänden. Die
Qualifizierung der Suche bei den Nachbarn als nachgeschoben wurde zu-
rückgewiesen. Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz seien die Eltern
der Beschwerdeführerin offiziell gesucht worden: Im Bericht beziehungs-
weise Schreiben vom 14. beziehungsweise 15. August 2020 würden so-
wohl die Eltern als auch explizit die Beschwerdeführerin zunächst der
FETÖ/PYD-Aktivitäten beschuldigt. Das Gerichtsdokument des Obersten
Gerichtshofs (E._) vom (...) Februar 2021 habe sie am (...) April
2021 erreicht, weil der Vater erst zu diesem Zeitpunkt wieder Zugriff auf
seinen E-Devlet-Account gehabt habe. Der Abschluss dieses Verfahrens
gegen ihn sei am (...) April 2021 durch das (...) Strafgericht in B._
erfolgt. Das zu den Akten gereichte entsprechende Dokument beinhalte die
Anweisung zur Festnahme (Haftbefehl) des Vaters. Entgegen der Vo-
rinstanz handle es sich nicht um einen Zufall, dass die Behörden den Vater
am (...) April 2021, einen Tag nach Rechtskraft seiner letztinstanzlichen
Verurteilung, hätten verhaften wollen und deshalb gesucht hätten, sondern
entspreche dieser Ablauf den Erwartungen. Präzisierend wurde ausge-
führt, dass die Polizei den Vater der Beschwerdeführerin auch am Folgetag
([...]) bei ihrem Grossvater gesucht habe. Im Übrigen dürfte die Differen-
zierung zwischen jüngst verurteiltem Straftäter und polizeilich gesuchtem
verurteilten Straftäter in Bezug auf die Gefährdungslage der Beschwerde-
führerin unbehelflich sein. Beide Situationen lieferten objektive Anhalts-
punkte für die Begründung von deren subjektiver Furcht, in Zukunft verfolgt
zu werden – dies schon aufgrund ihrer eigenen Geschichte als Zögling im
FETÖ-Umfeld, aber auch als Folge der aktenkundigen Verurteilung ihrer
Eltern und der behördlichen Suche nach ihrem Vater. Dass die türkischen
Behörden in einer solchen Situation Angehörige verhaftet hätten, um die
Rückkehr der Gesuchten zu erpressen, sei auch dem SEM bekannt.
Ebenso sei möglich, dass gegen die Beschwerdeführerin bereits ein Such-
befehl existiere, aber allenfalls wegen der in solchen Verfahren beschränkt
möglichen Akteneinsicht noch nicht bekannt sei.
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Seite 12
4.
4.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche die vor-
instanzliche Verfügung als Ganzes betreffen und deswegen vorab zu be-
urteilen sind, da sie allenfalls geeignet sind, eine Kassation der vorinstanz-
lichen Verfügung zu bewirken.
4.2 Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV,
Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), welches alle Befugnisse umfasst, die ei-
ner Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur Gel-
tung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden sowie Einsicht in die Akten zu nehmen. Mit
dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen
tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung ange-
messen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass
die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfech-
ten kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überlegungen nennen, von
denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht
erforderlich ist hingegen, dass sich die Begründung mit allen Parteistand-
punkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen aus-
drücklich erwähnt oder widerlegt. Somit darf sich die Vorinstanz bei der
Begründung der Verfügung auf die für den Entscheid wesentlichen Ge-
sichtspunkte beschränken und ist nicht gehalten, sich ausdrücklich mit je-
der tatbeständlichen Behauptung auseinanderzusetzen (vgl. BGE 136 I
184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
4.3 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersu-
chungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
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Seite 13
4.4 Im Zusammenhang mit dem Arztbericht vom (...) 2021 ist vorweg fest-
zuhalten, dass allein der Umstand eines erst auf Beschwerdeebene einge-
reichten, nach der angefochtenen Verfügung verfassten Arztberichtes noch
keine unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung bedeutet.
Weder wird dargelegt noch ist aus den Akten ersichtlich, dass und weshalb
das SEM die Einreichung des Arztberichtes hätte abwarten müssen. Die
Vorinstanz hat die ihr bekannte gesundheitliche Beeinträchtigung in der an-
gefochtenen Verfügung berücksichtigt und den neuen Arztbericht im Rah-
men der Vernehmlassung gewürdigt, der Beschwerdeführerin wurde in der
Folge das Replikrecht gewährt. Zudem wurde vom SEM das Vorliegen ei-
ner unipolaren Depression nicht in Frage gestellt. Auch werden die im neu
eingereichten Arztbericht enthaltenen Diagnosen weder vom Gericht noch
vom SEM in Zweifel gezogen.
Aus den vorinstanzlichen Ausführungen in der angefochtenen Verfügung
geht sodann hervor, dass nach Auffassung des SEM aus objektivierter
Sicht keine genügend konkreten Anhaltspunkte für eine begründete Verfol-
gungsfurcht vorlägen. Damit ist nicht zu beanstanden, dass das SEM sich
nicht explizit dazu äusserte, ob es der Beschwerdeführerin eine subjektive
Verfolgungsfurcht zugesteht.
Somit ergibt sich, dass weder eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor-
liegt, noch der Sachverhalt in medizinischer Hinsicht unvollständig oder un-
richtig erstellt wurde, weshalb der diesbezüglich gestellte Subsubeventu-
alantrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung
abzuweisen ist.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob zum Zeitpunkt der Ausreise
eine Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand.
Die Verfolgungsfurcht muss zum Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell
sein. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen
dem Ausreisezeitpunkt und dem Zeitpunkt des Asylentscheids sind des-
halb zugunsten und zulasten der Asylsuchenden zu berücksichtigen (vgl.
dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; BVGE 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je
m.w.H.).
5.4 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich –
aus der Sicht zum Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heu-
tiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft ver-
wirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete
Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer
Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorru-
fen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivier-
ten Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der
betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in
vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere
(subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 mit weiteren Hinweisen).
5.5 Eine Reflexverfolgung liegt vor, wenn Angehörige von verfolgten Per-
sonen Repressalien ausgesetzt sind, sei es um Informationen über die ver-
folgte Person zu erhalten, um die Familie als Ganzes für die Aktivitäten des
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Verfolgten zu bestrafen, oder um die verfolgte Person zum Aufgeben ihrer
Aktivitäten zu zwingen (vgl. BVGE 2010/57 E. 4.1.3). Die Wahrscheinlich-
keit, Opfer eine Reflexverfolgung zu werden, ist vor allem dann gegeben,
wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet wird und die Be-
hörde Anlass zur Vermutung hat, dass jemand mit der gesuchten Person
in engem Kontakt steht. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn ein
nicht unbedeutendes politisches Engagement hinzukommt. Im Zusammen-
hang mit der Gülen-Bewegung kann vorab auf die diesbezüglichen vorste-
hend wiedergegebenen Ausführungen in der angefochtenen Verfügung
verwiesen werden (vgl. E. 3.1).
5.6
5.6.1 Vorab ist der Vollständigkeit halber festzuhalten, dass die von der Be-
schwerdeführerin geschilderten Erlebnisse bis zu ihrer Ausreise (Miterle-
ben der Festnahmen ihrer Eltern, soziale Benachteiligungen, Befürchtung,
sie könnte verraten werden) mangels Intensität nicht zur Annahme flücht-
lingsrechtlich relevanter Vorverfolgung zu führen vermögen.
5.6.2 Was die Frage der begründeten Furcht vor künftiger Verfolgung zum
Zeitpunkt der Ausreise der Beschwerdeführerin aus dem Heimatland an-
belangt, kam die Vorinstanz zutreffend zum Schluss, es lägen bei objekti-
vierter Sichtweise keine genügenden Anhaltpunkte für eine begründete
Verfolgungsfurcht vor. So erwähnte sie die von der Beschwerdeführerin ge-
äusserte Angst, andere Studierende der Gülen-Bewegung könnten bei ei-
ner allfälligen Festnahme belastende Aussagen gegen sie machen, und
hielt zutreffend fest, dass es sich um ein rein hypothetisches Szenario
handle, welches aus objektiver Sicht keine begründete Furcht vor einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung hervorzurufen vermöge. Dem ist
anzufügen, dass die subjektiven Befürchtungen der Beschwerdeführerin
vor einer behördlichen Kontaktnahme vor dem Hintergrund der Verhaftung
ihres Vaters vom (...) 2016, der Untersuchungshaft ihrer Mutter im Jahr
2017, der gegen beide Elternteile hängigen Strafverfahren im Zusammen-
hang mit Verbindungen zur Gülen-Bewegung und der per Dekret erfolgten
Schliessung der von ihr besuchten Schule verständlich sind. Indessen er-
folgte nach der Ausreise ihrer Eltern vom (...) 2019 keine Kontaktnahme
durch die türkischen Behörden. Die Beschwerdeführerin nannte auch keine
Anhaltspunkte dafür, dass mit einem unmittelbar bevorstehenden Ab-
schluss der Strafverfahren ihrer Eltern zu rechnen war. Zudem konnte sie
– zusammen mit ihrer Schwester – legal aus ihrem Heimatstaat ausreisen.
Zusammenfassend war sie zum Zeitpunkt ihrer Ausreise – wie bereits vor-
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stehend erwähnt – weder staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt, noch ergeben sich aus ihren Aussagen oder aus den übrigen Akten
objektive Anhaltspunkte dafür, dass behördliche Kontaktnahmen mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft erfolgt wären.
5.7 Zum heutigen Zeitpunkt erweist sich die Furcht der Beschwerdeführe-
rin vor einer (Reflex-)Verfolgung durch die türkischen Behörden indessen
als begründet, da sich die Situation seit ihrer Ausreise vom (...) 2020 in
objektiver Hinsicht massgeblich verändert hat.
5.7.1 So ist aufgrund der Aktenlage davon auszugehen, dass der Vater der
Beschwerdeführerin am (...) Februar 2021 im Zusammenhang mit Verbin-
dungen zur Gülen-Bewegung wegen Mitgliedschaft in einer bewaffneten
Terrororganisation letztinstanzlich zu einer langjährigen Freiheitsstrafe ver-
urteilt und diese nicht auf Bewährung ausgesprochen worden ist. Dieses
Urteil wurde am (...) April 2021 rechtskräftig. Gemäss Gerichtsprotokoll
vom selben Datum ist die Mutter der Beschwerdeführerin am (...) April
2021 von der (...) Grossen Strafkammer B._ aus denselben Grün-
den zu einer Haftstrafe von (...) Jahren und (...) Monaten verurteilt worden.
Es ist davon auszugehen, dass dieses Urteil anfechtbar ist.
5.7.2 Des Weiteren wird in dem bereits im vorinstanzlichen Verfahren ein-
gereichten Schreiben der Polizeidirektion B._ vom 15. August 2020
zum einen vorab auf eine in der Beilage eines Schreibens des Dezernats
für Terrorbekämpfung vom (...) Juli 2020 übersandte Mitteilung verwiesen.
In dieser sei zur Durchführung der notwendigen Verfahren entsprechend
den von den Justizbehörden eingehenden Anweisungen um Informations-
beschaffung zwecks Aufdeckung von FETÖ/PDY-Aktivitäten von illegal ins
Ausland geflohenen Personen gebeten worden. Zum andern wird in der
Beilage des Schreibens vom 15. August 2020 ein bezüglich der Familie der
Beschwerdeführerin erstelltes Untersuchungsprotokoll übersendet, wobei
alle fünf Familienmitglieder namentlich erwähnt werden und darauf hinweg-
wiesen wird, dass deren Namen auf der in der Beilage zum Schreiben vom
(...) Juli 2020 übersandten Liste stünden. Es ist davon auszugehen, dass
es sich beim erwähnten Untersuchungsprotokoll um das mit der Replik ein-
gereichte und darin als "Bericht vom 14. August 2020" bezeichnete Doku-
ment handelt, zumal die Abteilung für Terrorbekämpfung darin Folgendes
ausführt: Im Schreiben des Dezernats für Terrorbekämpfung vom (...) Juli
2020 sei mitgeteilt worden, dass die fünf namentlich und mit türkischer
Identifikationsnummer erwähnten Familienmitglieder in die Schweiz geflo-
hen seien. Betreffend die Eltern werden die bezüglich Mitgliedschaft in der
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bewaffneten Terrororganisation FETÖ/PDY hängigen Verfahren erwähnt,
wobei ausgeführt wird, dass sie nicht gesucht werden. Hinsichtlich der drei
Kinder sei kein Justiz- beziehungsweise Verwaltungsverfahren hängig. Die
Eltern und der Sohn seien nicht auf legalem Weg ausgereist. Sie seien
weiterhin angemeldet. Bei der Überprüfung durch die Gendarmerie sei fest-
gestellt worden, dass sie nicht mehr an ihrer Anschrift wohnhaft seien. Dar-
über sei ein Protokoll erstellt worden. Die Beschwerdeführerin und ihre
Schwester seien am (...) mit den auf ihre Namen ausgestellten Reisepäs-
sen (Seriennummern erwähnt) über den Flughafen F._ ausgereist
und bislang nicht wieder eingereist. Sie seien weiterhin angemeldet. Bei
der Überprüfung durch die Gendarmerie sei festgestellt worden, dass sie
nicht mehr an ihrer Anschrift wohnhaft seien. Darüber sei ein Protokoll er-
stellt worden.
5.7.3 Bei dieser Sachlage ist davon auszugehen, dass den türkischen Be-
hörden die Ausreise der gesamten Familie der Beschwerdeführerin aus der
Türkei bekannt ist und nach der Ausreise der Letzteren an ihrer offiziellen
Adresse im Zusammenhang mit den FETÖ-Verbindungen der Eltern eine
Kontrolle durchgeführt wurde, welche erfolglos verlaufen ist. Unter diesen
Umständen erscheint das Vorbringen der Beschwerdeführerin, die Behör-
den hätten sich zwischenzeitlich bei Nachbarn nach der Familie erkundigt,
nicht mehr als nachgeschoben und erachtet das Gericht auch ihr Vorbrin-
gen als glaubhaft, dass sich die Polizei am (...) April 2021, einem Tag nach
Rechtskraft des gegen den Vater der Beschwerdeführerin ausgesproche-
nen Urteils, bei ihren Grosseltern im Hinblick auf eine Festnahme nach ih-
rem Vater erkundigt habe, wobei der Grossvater unter grossem Druck den
Aufenthaltsort und weitere Angaben zu ihren Eltern preisgegeben habe. Es
ist mithin davon auszugehen, dass den türkischen Behörden der Aufenthalt
der gesamten Familie in der Schweiz bekannt ist.
5.7.4 Nach dem Gesagten steht fest, dass beide Elternteile der Beschwer-
deführerin im Zusammenhang mit Verbindungen zur Gülen-Bewegung we-
gen Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation in der Türkei zu
mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden sind, wobei zumindest der Vater
der Beschwerdeführerin aktuell gesucht wird. Sodann ist aufgrund der Ak-
tenlage davon auszugehen, dass den türkischen Behörden der Aufenthalt
der Familie in der Schweiz bekannt ist, wobei sie einen engen Kontakt zwi-
schen den Familienmitgliedern berechtigterweise voraussetzen werden.
Bei dieser Ausgangslage ist davon auszugehen, dass die Beschwerdefüh-
rerin im Falle einer Rückkehr in die Türkei einem nicht unerheblichen Risiko
von Reflexverfolgung ausgesetzt wäre. Es erscheint wahrscheinlich, dass
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die türkischen Behörden ein Interesse daran haben, die Beschwerdeführe-
rin im Falle einer Rückkehr in die Türkei zu befragen, um Informationen
über allfällige aktuelle Exilaktivitäten ihrer Eltern zu erhalten. Es besteht
demnach ein nicht abschätzbares Risiko, dass die Beschwerdeführerin be-
reits bei der Einreise in die Türkei, die zweifellos mit einem behördlichen
Kontakt verbunden sein wird, aufgrund ihrer Abstammung von ihren vor
politischem Hintergrund verurteilten Eltern mit massiven behördlichen Be-
einträchtigungen zu rechnen hätte. Dem steht nicht entgegen, dass noch
im Protokoll der Abteilung für Terrorbekämpfung vom 14. August 2020 fest-
gehalten wurde, die Eltern der Beschwerdeführerin würden nicht gesucht.
Wie oben ausgeführt, hat sich die Situation der Beschwerdeführerin spä-
testens nach der rechtskräftigen Verurteilung ihres Vaters massgeblich ver-
ändert, weshalb auf ein verstärktes Verfolgungsinteresse der türkischen
Behörden an ihr zu schliessen ist. Dass sich die Beschwerdeführerin ihrer-
seits im Umfeld der Gülen-Bewegung aufhielt und zumindest einmal auf
Twitter erschien, ist zwar für sich allein nicht ausreichend für die Annahme
begründeter Furcht, es erhöht indessen die Wahrscheinlichkeit einer Re-
flexverfolgung.
5.7.5 Da die befürchteten Nachteile im Übrigen von den türkischen Behör-
den ausgehen, welche auf dem ganzen Territorium der Türkei die Staats-
macht repräsentieren, ist im vorliegenden Fall auch nicht vom Bestehen
einer sicheren innerstaatlichen Fluchtalternative auszugehen.
5.8 Nach dem Gesagten ergibt sich unter Berücksichtigung sämtlicher Vor-
bringen, dass die Beschwerdeführerin begründeten Anlass zur Furcht vor
künftiger (Reflex-)Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG hat und auch ge-
nügend Gründe dargelegt hat, die ihre Furcht vor einer real drohenden Ver-
folgung auch aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise als nachvoll-
ziehbar erscheinen lassen und damit die Anforderungen an die Flüchtlings-
eigenschaft erfüllt. Den Akten sind schliesslich keine Hinweise auf Gründe
im Sinne von Art. 53 AsylG zu entnehmen, weshalb der Beschwerdeführe-
rin in der Schweiz Asyl zu gewähren ist. Damit erübrigt es sich, auf die
weiteren Vorbringen und Beweismittel einzugehen.
6.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die Verfügung des SEM vom
24. Februar 2021 ist aufzuheben und die Vorinstanz ist anzuweisen, der
Beschwerdeführerin in der Schweiz in Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft Asyl zu gewähren.
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7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In der Be-
schwerde wurde zwar eine Kostennote in Aussicht gestellt, jedoch am
21. Mai 2021 eine solche nur bezüglich der Replik eingereicht. Darin wur-
den ein zeitlicher Aufwand von 4.5 Stunden à Fr. 200.– und Auslagen von
Fr. 20.– ausgewiesen. Dieser zeitliche Aufwand erscheint überhöht und ist
auf 2 Stunden zu kürzen, der Stundenansatz ist nicht zu beanstanden. Auf-
grund der Akten erscheinen für das gesamte Beschwerdeverfahren ein Ar-
beitsaufwand von 10 Stunden und Auslagen von Fr. 70.– angemessen. Die
von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist demnach auf
insgesamt Fr. 2'070.– (inkl. Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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