Decision ID: 2f9d89bd-1a91-5893-bfd8-ee3345d04414
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführer, georgische Staatsangehörige aus C._,
suchten am 25. Februar 2021 in der Schweiz um Asyl nach. Am 15. März
2021 wurden sie zu ihrer Person und zu den Asylgründen angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der volljährige Beschwerde-
führer geltend, er leide an einer Vielzahl gesundheitlicher Beschwerden
(u.a. [...]) und sei in der Hoffnung auf eine bessere medizinische Behand-
lung in die Schweiz gereist.
Der Sohn des Beschwerdeführers gab an, er sei wegen des Gesundheits-
zustands seines Vaters in die Schweiz gereist und wolle ihn unterstützen
und für ihn übersetzen.
B.
Am 17. März 2021 gewährte das SEM den Beschwerdeführenden zum
«medizinischen Consulting» vom August 2020, in welchem das georgische
Gesundheitsministerium gegenüber der Schweizer Botschaft in Tiflis die
Behandelbarkeit eines (...) in Georgien bestätigte, das rechtliche Gehör.
Die Beschwerdeführer reichten am 18. März 2021 ihre Stellungnahme ein.
C.
Die Vorinstanz übermittelte alle entscheidrelevanten Akten an die Rechts-
vertretung und händigte dieser am 22. März 2021 den Entwurf des Nicht-
eintretensentscheids zur Stellungnahme aus. Am 23. März 2021 reichten
die Beschwerdeführer ihre Stellungnahme ein.
D.
Am 24. März 2021 trat die Vorinstanz auf die Asylgesuche der Beschwer-
deführer nicht ein, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und beauf-
tragte den Kanton Bern mit dem Vollzug. Den Beschwerdeführern wurden
die editionspflichtigen Akten ausgehändigt.
Zur Begründung erklärte das SEM, die Beschwerdeführer hätten kein Ge-
such um Schutz vor Verfolgung eingereicht, vielmehr begründe der volljäh-
rige Beschwerdeführer sein Gesuch einzig damit, gesundheitliche Prob-
leme zu haben und die Behandlung nicht bezahlen zu können. Es seien
keinerlei Hinweise auf eine ihnen drohende asylrelevante oder im Sinne
von Art. 3 EMRK relevante Verfolgung ersichtlich; weder die politische Si-
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tuation in Georgien noch andere Gründe stünden der Zulässigkeit bezie-
hungsweise der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs entgegen. Auch
die medizinischen Vorbringen vermöchten an dieser Einschätzung nichts
zu ändern. Alle diagnostizierten Leiden, welche in den eingereichten ärztli-
chen Berichten aufgeführt würden, seien auch in Georgien behandelbar.
Es sei nicht davon auszugehen, dass sich der Gesundheitszustand des
volljährigen Beschwerdeführers bei der Rückkehr nach Georgien drastisch
verschlechtern würde.
Diese Verfügung wurde noch gleichentags eröffnet. Am 25. März 2021
legte die Rechtsvertreterin das Mandat nieder.
E.
Am 31. März 2021 erhoben die Beschwerdeführer beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde und beantragten, die angefochtene Verfügung
sei im Wegweisungspunkt aufzuheben, der Wegweisungsvollzug sei als
unzumutbar oder unzulässig zu erklären und sie seien vorläufig aufzuneh-
men. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung im Wegweisungspunkt
aufzuheben und die Sache zur neuerlichen Beurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und um amtliche Verbeiständung.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 7. Ap-
ril 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
G.
Mit Schreiben vom 7. April 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führer sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert
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(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin entschieden
(Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um
eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
Die Beschwerdeführer beschränken ihre Beschwerde auf den Vollzugs-
punkt; das Nichteintreten auf das Asylgesuch ist damit mangels Anfech-
tung mit Ablauf der Beschwerdefrist in Rechtskraft erwachsen und die
Wegweisung als solche ist praxisgemäss auch nicht zu überprüfen. Diese
ist die Regelfolge des Nichteintretens und es sind keine Gründe gemäss
Art. 44 AsylG i.V.m. Art. 32 Abs. 1 AsylVO1 ersichtlich.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.2
5.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
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Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
5.2.2 Da die Beschwerdeführer keine Asylgründe geltend machen, findet
das in Art. 5 AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Re-
foulement im vorliegenden Verfahren keine Anwendung. Sodann sind kei-
nerlei Anhaltspunkte für eine im Georgien drohende menschenrechtswid-
rige Behandlung im Sinne von Art. 25 Abs. 3 BV, von Art. 3 des Überein-
kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR
0.105) ersichtlich.
5.2.3 Der volljährige Beschwerdeführer beruft sich auf seinen Gesund-
heitszustand und beruft sich dabei auf die Bestimmung von Art. 3 EMRK.
Es ist zu prüfen, ob Art. 3 EMRK der Zulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs entgegensteht.
Eine zwangsweise Wegweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob-
lemen kann allerdings nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
troffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheits-
stadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit
dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstüt-
zung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die dama-
lige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]).
Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die
durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand-
lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer erns-
ten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H., und zum Ganzen auch BVGE 2017 VI/7
E. 6).
5.2.4 Der Beschwerdeführer hat mit dem Asylgesuch eine umfangreiche
medizinische Dokumentation zu den Akten gereicht, aus welcher die fol-
genden Beschwerden beziehungsweise Befunde ersichtlich werden: (...).
5.2.5 Insbesondere aufgrund seiner (...) handelt es sich beim Beschwer-
deführer um einen Schwerkranken, der sich in einem fortgeschrittenen
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Krankheitsstadium befindet. Allerdings ist gestützt auf die medizinische Do-
kumentation nicht davon auszugehen, dass sich der Beschwerdeführer be-
reits in einem terminalen Krankheitsstadium beziehungsweise in Todes-
nähe im Sinne der oben genannten Rechtsprechung befindet. So ist ge-
mäss der Prognose des behandelnden (...) in diesem Krankheitsstadium
noch mit einer mittleren Lebenserwartung von achtzehn bis vierundzwan-
zig Monaten zu rechnen. Im Weiteren besteht gemäss den Erkenntnissen
des Bundesverwaltungsgerichts in Georgien die Möglichkeit einer (...) und
es stehen alle Arten von Medikamenten des westeuropäischen Marktes als
Originalpräparate oder Generika zur Verfügung (vgl. statt vieler: Urteil des
BVGer D-5673/2018 vom 11. Oktober 2018 E. 6.2.4). Aus dem bei den vo-
rinstanzlichen Akten liegenden medizinischen Consulting vom August 2020
geht zudem hervor, dass die georgischen Gesundheitsbehörden die Be-
handelbarkeit einer (...) gegenüber den Schweizer Behörden explizit be-
stätigten. Darüber hinaus existiert in Georgien seit dem Jahre 2006 ein So-
zialhilfeprogramm für Personen unter der Armutsgrenze, das eine kosten-
lose Krankenversicherung einschliesst (vgl. Schweizerische Flüchtlings-
hilfe [SFH], Géorgie: accès à des soins médicaux, 28. August 2018, S. 48;
Urteil des BVGer D-5433/2014 vom 25. November 2014 E. 9.2.1). Sodann
kann der Beschwerdeführer eigenen Angaben gemäss auf die soziale Un-
terstützung seiner Familienangehörigen zählen, welche ihn bereits vor der
Ausreise aus Georgien unterstützten. Der bedauerliche Gesundheitszu-
stand des Beschwerdeführers vermag somit eine Unzulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs im Sinne dieser restriktiven Rechtsprechung nicht zu
rechtfertigen.
5.3 Die Wegweisung der Beschwerdeführer nach Georgien erweist sich so-
mit als zulässig.
5.4
5.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
5.4.2 In Georgien herrscht keine Situation allgemeiner Gewalt. Wie das
SEM in der angefochtenen Verfügung zutreffend festgehalten hat, ist auf-
grund der dort herrschenden allgemeinen politischen Lage nicht von der
generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs auszugehen.
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5.4.3 Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen
Gründen ist nach Lehre und konstanter Praxis nur dann zu schliessen,
wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur
Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährden-
den Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person
führen würde. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende me-
dizinische Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer men-
schenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jeden-
falls dann noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht
dem schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung
möglich ist (vgl. etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je mit wei-
teren Hinweisen). Der Beschwerdeführer ist an dieser Stelle auf die Mög-
lichkeit eines Gesuchs um medizinische Rückkehrhilfe hinzuweisen
(Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG).
Wie bereits ausgeführt (vgl. E. 7.2.5), stehen dem Beschwerdeführer in
Georgien die notwendige medizinische (...) und ein Sozialhilfeprogramm
zur Verfügung, womit – entgegen den anderslautenden Beschwerdevor-
bringen – eine menschenwürdige Existenz gewährleistet ist. Der Be-
schwerdeführer hat zudem angegeben, dass er seit kurzem eine Invaliden-
rente beziehe. Damit steht fest, dass er auch staatliche Hilfe beziehen kann
und nicht vollständig auf sich alleine gestellt ist. Die Tatsache, dass allen-
falls die Ressourcen in Georgien limitierter sind als in der Schweiz und dort
das Gesundheitswesen nicht dieselbe Qualität wie in der Schweiz aufweist,
begründet die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht. Der Be-
schwerdeführer verfügt sodann über ein familiäres Beziehungsnetz, das
ihm nötigenfalls zusätzlich Unterstützung bieten kann.
5.5 Somit ist festzuhalten, dass weder die allgemeine Lage in Georgien
noch individuelle Gründe auf eine konkrete Gefährdung der Beschwerde-
führer in Georgien schliessen lassen. Der Vollzug der Wegweisung erweist
sich somit auch als zumutbar.
5.6 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, welche über einen
gültigen Pass verfügen, sich bei der zuständigen Vertretung ihres Heimat-
staates die für eine Rückkehr allenfalls zusätzlich benötigten Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
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5.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
6.
Der Rückweisungsantrag wird nicht näher begründet und seine Begründet-
heit ist nach dem Gesagten auch nicht ersichtlich. Er ist demnach abzu-
weisen.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Die Beschwerdeführer beantragen die unentgeltliche Rechtspflege ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt
sich, dass ihre Begehren als von vornherein aussichtslos zu gelten haben.
Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht gege-
ben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist. Aus demselben Grund
kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung nicht
stattgegeben werden. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten
von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE],
SR 173.320.2) somit den Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG). Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
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