Decision ID: d8c1d8e7-bcc5-5ce3-896c-2c536c794b7c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden suchten am 9. Februar 2020 im Bundes-
asylzentrum (BAZ) der Region C._ um Asyl nach. Nach der Perso-
nalienaufnahme (PA) vom 14. Februar 2020 wurden sie am 29. Mai 2020
zu den Asylgründen angehört und am 4. Juni 2020 mit der Begründung, es
seien weitere Abklärungen nötig, dem erweiterten Verfahren zugewiesen.
Am 2. September 2020 wurde A._ (nachfolgend: Beschwerdefüh-
rerin) ergänzend angehört.
A.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs brachte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen vor, sie sei in D._ geboren, in E._ (beides im
Departement F._) aufgewachsen und habe ab dem Jahr (...) insge-
samt (...) Jahre lang (...) an der Universität G._ in H._ stu-
diert, wohin sie im Jahr (...) gezogen sei. Am (...) habe sie die Partner-
schaft mit B._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) offiziell bei den Be-
hörden eintragen lassen. Im Jahr (...) habe sie die Universität ohne Ab-
schluss verlassen und in der Folge im (...) ihres Vaters (N [...]) in
E._ mitgearbeitet. Im Sommer (...) sei sie gemeinsam mit ihrem
Ehemann zurück nach E._ gezogen, wo sie mit (...) zusammenge-
wohnt hätten. Im selben Sommer habe sie gemeinsam mit ihrem Vater und
weiteren Personen eine Antikorruptionsgruppe ("[...]" [nachfolgend: Vee-
duría]) gegründet. Die Gruppe habe kontrollieren wollen, wie die Ressour-
cen der Bürgergemeinde verwendet werden. Sie persönlich habe als Sek-
retärin der Gruppe fungiert. In dieser Funktion habe sie die Schreiben der
Gruppe verfasst und unterzeichnet, sowie auch an Sitzungen mit dem Bür-
germeister und der Gemeindeadministration teilgenommen. Die entspre-
chenden Dokumente von der Gemeinde habe die Gruppe mittels Schrei-
ben an diese erhalten. Dies sei gesetzlich so vorgesehen. Bei den Kontrol-
len der Dokumente seien ihrer Gruppe fehlerhafte Verträge mit teilweise
fiktiven Unternehmen aufgefallen. Zudem seien Verkehrsbussen nicht kor-
rekt registriert und das Bussgeld somit an den Kassen der öffentlichen
Hand vorbeigeschleust worden. Diese Unregelmässigkeiten und krummen
Machenschaften habe ihre Gruppe bei den zuständigen staatlichen Stellen
(Procuraduría General und Contraloría General) zur Anzeige gebracht. Am
(...) 2018 sei ihr Vater wegen Untersuchungen zu den nicht registrierten
Verkehrsbussen auf einem (...)-Platz für (...) gewesen. Am Abend habe sie
sich gemeinsam mit ihrem Vater im (...) aufgehalten, der dieses aber ver-
lassen habe, da er von einer (...) um einen Gefallen gebeten worden sei.
Kurz darauf seien zwei Männer auf einem Motorrad vorgefahren. Der eine
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sei draussen auf dem Motorrad sitzen geblieben, derweil der andere ins
(...) gekommen sei, sich umgeschaut und sie gefragt habe, was es zu es-
sen gebe. Plötzlich habe er eine Waffe auf ihren Kopf gerichtet, ihr Mobil-
telefon verlangt und dieses mitgenommen. Erstaunlicherweise habe er je-
doch weder Geld aus der Kasse noch das danebenliegende Mobiltelefon
ihres Vaters mitgenommen. Anschliessend sei sie auf die Strasse gelaufen
und habe um Hilfe geschrien und dass sie ausgeraubt worden sei. Unge-
fähr zehn Minuten später sei die Polizei aufgetaucht, ohne dass sie per-
sönlich diese gerufen hätte. Als sie den Polizisten gefragt habe, wer ihn
gerufen habe, habe dieser mit "der Bürgermeister" geantwortet. Von einer
Person, die bei der Gemeinde gearbeitet habe, habe sie einige Tage später
erfahren, dass dieser Überfall auf das (...) vom Bürgermeister persönlich
sowie vom Chef des (...)dienstes geplant worden sei. Letzterer habe die
beiden Männer am (...) 2018 als Warnung und Einschüchterung zu ihr ge-
schickt, damit ihr Vater mit den Anzeigen gegen die Korruption aufhöre.
Nach diesem Ereignis habe sie zwar noch als Sekretärin für die Antikorrup-
tionsgruppe geamtet, jedoch keine Schreiben mehr unterzeichnet. Am (...)
2018 sei auf das Haus ihres Vaters geschossen worden. Zum Glück sei
niemand zuhause gewesen. Die Polizei sei gekommen und habe sich alles
angeschaut. In der Folge habe ihr Vater polizeiliche Schutzmassnahmen
erhalten. Die Polizei hätte regelmässig zum Haus ihres Vaters und zum
(...) fahren sollen. Die Polizisten seien jedoch lediglich einmal in der Woche
vorbeigekommen und hätten ein Dokument unterschreiben und somit be-
stätigen lassen, dass sie ihrer Verpflichtung nachkämen. Ihr Vater habe in-
folgedessen im (...) 2018 um Schutz durch die Unidad Nacional de Pro-
tección (UNP) des Innenministeriums ersucht. Diese habe ihrem Vater im
(...) 2018 Personenschutz gewährt sowie eine kugelsichere Weste und ein
Notfalltelefon abgegeben. Obwohl ihr Vater Schutz für die ganze Familie
beantragt habe, habe nur er Schutz erhalten. Zwischenzeitlich sei es ihr
gelungen, ihr gestohlenes Mobiltelefon über GPS zu orten. Zudem habe
sie herausgefunden, dass die Diebe versucht hätten, ihr gestohlenes Mo-
biltelefon zu verkaufen. Ihr Vater habe sich als potentieller Käufer ausge-
geben und mit den Dieben am (...) 2018 ein Treffen in D._ verein-
bart. Sie habe die Polizei informiert. Diese habe den Verkäufer beim Treffen
festnehmen können. Dabei habe es sich um jenen Mann gehandelt, der
beim Überfall auf ihr (...) am (...) 2018 draussen beim Motorrad geblieben
sei. Sie habe dann in D._ eine Anzeige erstattet. In der Folge habe
sie über die sozialen Medien herausgefunden, dass einer der Diebe ein Ex-
Polizist und der andere ein Ex-Militärangehöriger gewesen sei. Diese seien
weiterhin mit mindestens einem aktiven Polizisten befreundet gewesen.
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Sie habe in der Folge im (...) 2018 eine Einladung der Strafjustiz zur An-
hörung in der Sache des festgenommenen Diebes ihres Mobiltelefons, wel-
cher wegen Hehlerei angeklagt worden sei, für (...) 2018 erhalten. Sie habe
jedoch beschlossen, nicht an der Anhörung teilzunehmen. Mitarbeiter der
Gemeinde hätten den Mitgliedern der Antikorruptionsgruppe zwischenzeit-
lich mehrfach mitgeteilt, dass sie mit den Anzeigen aufhören sollen. Ferner
sei anonym eine Facebook-Seite mit einem Todeszeichen als Profilbild er-
stellt und am (...) 2018 darauf geschrieben worden, dass, wenn der Familie
ihres Vaters etwas passieren würde, man nicht wissen würde, wen man für
diese Tat beschuldigen müsste. Dies stelle eine Morddrohung gegen die
Beschwerdeführerin dar. Da nur ihr Vater Schutz von der UNP erhalten
habe, habe sie sich nicht mehr sicher gefühlt und grosse Angst gehabt. Sie
habe dann gemeinsam mit ihrer Familie beschlossen, dass sie aus Kolum-
bien ausreisen werde. Sie habe eine weitere Vorladung zu einer Anhörung
in der Sache des festgenommenen Diebes ihres Mobiltelefons für den (...)
2018 erhalten, sei jedoch bereits am (...) 2018 legal mit dem Flugzeug
nach Spanien gereist. Sie habe bei (...) in I._ wohnen können. Dort
habe sie auch ein Asylgesuch gestellt. Sie sei dann weiter nach J._
zu einem Freund gegangen. In der Zwischenzeit habe ihr Vater in Kolum-
bien die Arbeit mit der Antikorruptionsgruppe weitergeführt. Er und weitere
Mitglieder der Gruppe hätten weiterhin Anzeigen eingereicht und sich so-
wohl beim Generalstaatsanwalt als auch bei Staatspräsidenten Iván Duque
persönlich für Untersuchungen durch die nationale Generalstaatsanwalt-
schaft eingesetzt. Die dabei gemachten Versprechen seien jedoch nicht
eingelöst worden. Ein für die Antikorruptionsgruppe tätiger Anwalt,
K._ (nachfolgend: K._), habe auch erfolglos für das Amt des
Bürgermeisters von E._ kandidiert. Die Drohungen gegen die Per-
sonen der Antikorruptionsgruppe hätten zugenommen. Im (...) 2019 sei der
Bruder von K._ ermordet worden. Es seien auch Angehörige von
kriminellen Banden aus L._ ins (...) ihres Vaters gegangen. Im (...)
2019 sei ihr Vater aus Sicherheitsgründen zu seiner jetzigen Ehefrau (Stief-
mutter der Beschwerdeführerin) nach H._ gezogen. Personen aus
der öffentlichen Verwaltung hätten den Mitgliedern der Antikorruptions-
gruppe im (...) 2020 schliesslich gesagt, dass sie auf einer "Todesliste"
stehen würden. Daraufhin hätten einige Mitglieder der Antikorruptions-
gruppe Kolumbien verlassen. Ihr Vater und ihre Stiefmutter seien am (...)
2020 von Kolumbien in die Schweiz gereist und hätten um Asyl nachge-
sucht. Ungefähr eine Woche nach der Ausreise ihres Vaters seien am (...)
2020 K._ und M._ (nachfolgend: M._), ein weiterer
Mitstreiter ihres Vaters, erschossen worden, nachdem sie gleichentags
eine weitere Anzeige deponiert hätten. Beide hätten zuvor von der UNP
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ebenfalls Schutzmassnahmen erhalten. In Spanien habe die Beschwerde-
führerin zwar eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung, jedoch keine spezi-
ellen Schutzmassnahmen erhalten. Zudem habe sie über ihren Vater er-
fahren, dass der Bruder des anstelle von K._ gewählten Bürger-
meisters von E._, welcher im Drogenhandel tätig sei, ebenfalls in
Spanien lebe. Aus diesen Gründen habe sie sich in Spanien nicht mehr
sicher gefühlt. Am (...) 2020 sei sie von dort in die Schweiz gereist.
Aktuell seien im Zusammenhang mit von der Veeduría eingereichten An-
zeigen Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft und die Kontroll- und
Rechnungsprüfungsbehörden im Gang und Verfahren hängig. Die Be-
schwerdeführerin und ihr Vater hätten N._ (nachfolgend:
N._) bevollmächtigt, damit die Veeduría ihre Arbeit weiterführen
könne. (...) 2020 sei einer der mutmasslichen Täter der Ermordung von
K._ und M._ festgenommen worden. Die Untersuchungen
gegen den ehemaligen Bürgermeister von E._ seien weitergegan-
gen und es sei am (...) 2020 zu einer Strafanzeige durch die Procuraduría
gegen diesen und weitere Beamte aufgrund der vom Vater der Beschwer-
deführerin und seinen Mitstreitern aufgedeckten Unregelmässigkeiten bei
Verträgen des Bürgermeisteramts gekommen. Trotz der laufenden Unter-
suchungen gegen den ehemaligen Bürgermeister sei dieser von Präsident
Iván Duque in die nationale Administration berufen worden. Dort sei er als
Zuständiger für die vier an der Pazifikküste gelegenen Departemente bei
der Umsetzung des "Plan Regional de Pacífico" für das "Departemento Na-
cional de Planeación" tätig. Am 21. November 2020 sei zudem der aktuelle
Bürgermeister von E._, welcher ebenfalls Verbindungen ins Dro-
gengeschäft habe, mit weiteren Beamten wegen derselben Vorbringen
festgenommen, aber etwa einen Monat später wieder freigelassen worden.
Im Falle einer Rückkehr nach Kolumbien befürchte die Beschwerdeführerin
Repressalien im Zusammenhang mit den erwähnten Ermittlungen.
A.c Der Beschwerdeführer brachte im Wesentlichen vor, er habe Kolum-
bien am (...) 2019 verlassen, um mit seiner Ehefrau in Spanien zusam-
mensein zu können. Er selber habe keine Drohungen erhalten. Sein eige-
nes Leben sei nicht in Gefahr gewesen. Er habe wegen seiner Ehefrau in
der Schweiz Asyl beantragt, weil deren Leben in Kolumbien in Gefahr sei.
A.d Die Beschwerdeführenden reichten ihre Reisepässe im Original zu
den Akten. Als Beweismittel wurden zahlreiche, teilweise ebenfalls im Asyl-
verfahren des Vaters und der Stiefmutter der Beschwerdeführerin einge-
reichte Dokumente ins Recht gelegt.
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A.e Das SEM behandelte das vorliegende Asylverfahren koordiniert mit
demjenigen des Vaters und der Stiefmutter der Beschwerdeführerin, wobei
es die in deren Verfahren eingereichten Beweismittel ebenfalls beachtete,
diese jedoch lediglich explizit aufführte, wenn sie einen konkreten persön-
lichen Bezug zum vorliegenden Verfahren aufwiesen.
A.f Mit Verfügungen vom 27. Januar 2021 im Verfahren N (...) anerkannte
das SEM zum einen den Vater der Beschwerdeführerin als Flüchtling ge-
mäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG (SR 142.31) und gewährte diesem in der
Schweiz Asyl, zum andern bezog es ihre Stiefmutter gemäss Art. 51 Abs. 1
AsylG in die Flüchtlingseigenschaft des Vaters ein und gewährte ihr eben-
falls Asyl.
B.
Mit Verfügung ebenfalls vom 27. Januar 2021 – eröffnet am 28. Januar
2021 – stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flücht-
lingseigenschaft nicht, und lehnte deren Asylgesuche ab. Gleichzeitig ver-
fügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Wegweisungs-
vollzug an. Zudem händigte es ihnen die editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis aus.
C.
Mit Eingabe vom 1. März 2021 erhoben die Beschwerdeführenden durch
ihren damaligen Rechtsvertreter – unter Einreichung diverser Beweismittel
– beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragten die Auf-
hebung der SEM-Verfügung vom 27. Januar 2021, die Zuerkennung der
Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die
Vorinstanz anzuweisen, die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes in der Per-
son ihres Rechtsvertreters ersucht.
D.
Am 2. März 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
E.
Mit Eingabe vom 8. März 2021 ergänzte die Rechtsvertretung die Be-
schwerde und reicht weitere Beweismittel zu den Akten. Insbesondere
wurde auf ein Schreiben des dem linken politischen Flügel zugehörigen
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Senators der Republik O._ (nachstehend: O._) vom (...)
2021 zu Drohungen und Tötungen aufgrund der Aktivitäten der Mitglieder
der Veeduría verwiesen. Darin fordere O._ Gerechtigkeit für die ge-
töteten M._ und K._ und bestätige auch die erfolgten Bedro-
hungen. Die Beweismittel zeigten vor allem auf, dass sich die Beschwer-
deführenden zum Zeitpunkt ihrer Flucht in einer grossen Gefahr für ihr Le-
ben befunden hätten und bei einer Rückkehr in ihr Heimatland erneut einer
solchen ausgesetzt wären.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 10. März 2021 teilte die Instruktionsrichterin
den Beschwerdeführenden mit, sie dürften den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung gut, setzte
lic. iur. Michael Adamczyk als amtlichen Rechtsbeistand der Beschwerde-
führenden ein, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
lud das SEM zur Vernehmlassung ein.
G.
Mit Eingabe vom 23. März 2021 wurden weitere Beweismittel zu den Akten
gereicht.
H.
Am 26. März 2021 stellte die Instruktionsrichterin den Beschwerdeführen-
den die Vernehmlassung des SEM vom 24. März 2021 zu und räumte
ihnen Gelegenheit zur Replik bis zum 12. April 2021 ein.
I.
Innert erstreckter Frist nahmen die Beschwerdeführenden am 20. April
2021 in ihrer Replik Stellung zur Vernehmlassung des SEM. Gleichzeitig
reichten sie weitere Beweismittel zu den Akten.
J.
Mit Eingabe vom 3. Mai 2021 teilten die Beschwerdeführenden mit, dass
am (...) April 2021 ein Anschlag auf N._ verübt worden sei, wobei
einige Männer auf einem Motorrad auf das Auto geschossen hätten, in dem
dieser transportiert worden sei. N._ sei derjenige, welcher mit
K._ und M._ zusammen gewesen sei, bevor diese ermordet
worden seien, und auch in die Ermittlungen im Zusammenhang mit der Ve-
eduría involviert.
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K.
Am 29. Mai 2021 reichten die Beschwerdeführenden einen Facebook-Aus-
zug mit Fotos betreffend das Attentat auf N._ zu den Akten.
L.
Mit Eingabe vom 23. Juni 2021 äusserten sich die Beschwerdeführenden
nach einem von ihrer Rechtsvertretung am 31. Mai 2021 angekündigten
Beratungsgespräch zu den Hintergründen des Tötungsversuchs an
N._ und reichten diesbezüglich weitere Unterlagen zu den Akten.
Zudem informierten sie über die Lage in Kolumbien nach dem nationalen
Streik vom 28. April 2021. Zu N._ wurde ausgeführt, dass er Anfüh-
rer der oppositionellen (...) sei und sich zusammen mit einer zu seinem
Schutz von Senator O._ bestellten Begleitperson im Fahrzeug be-
funden habe. N._ habe Kolumbien nach dem Tötungsversuch ver-
lassen. Zum Tatzeitpunkt habe er die Veeduría im laufenden Strafprozess
gegen den Ex-Bürgermeister P._ und andere vertreten. Gemäss
der gleichzeitig zu den Akten gereichten Vollmacht vom (...) 2020 habe der
Vater der Beschwerdeführerin N._ zur Vertretung der Veeduría ein-
gesetzt. Zum Zeitpunkt der Vollmachterteilung hätten die letzten Mitglieder
der Veeduría Kolumbien verlassen gehabt. N._ habe K._,
ebenfalls Mitglied der (...), bei dessen Wahlkampagne für das Bürgermeis-
teramt geholfen. Die zu den Akten gereichten Dokumente zeigten auf, dass
N._ exponiert in das Verfahren der Veeduría bei der Staatsanwalt-
schaft von E._ involviert gewesen sei. Die Beschwerdeführerin
selbst erscheine im Zusammenhang mit einem von ihrem Vater, N._
und ihr unterzeichneten Schreiben der Veeduría an den Generalkontrolleur
der Republik vom (...) 2020, in welchem um Überprüfung von Verträgen
des Bürgermeisteramts von E._ ersucht werde, ebenfalls exponiert.
M.
Mit Eingabe vom 30. Juni 2021 ersuchte der amtliche Rechtsbeistand um
Entlassung aus seinem Mandat und schlug MLaw Natalie Marrer als neue
Mandatsträgerin vor. Gleichzeitig reichte er weitere Unterlagen insbeson-
dere betreffend N._ zu den Akten und führte dazu aus, diese zeig-
ten insbesondere auf, dass auch ein Zusammenhang zwischen den Bedro-
hungen gegen N._ und dessen Aktivitäten für die Veeduría beste-
hen müsse. Demzufolge würden auch die Beschwerdeführenden bei einer
Rückkehr in ihr Heimatland in permanenter Lebensgefahr sein. Sie ver-
suchten nun noch, die Anzeige von N._ wegen des Attentats erhält-
lich zu machen. Sie hätten zwar eine Kontaktmöglichkeit zu ihm, kennten
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aber seinen Aufenthaltsort nicht, weshalb sich die Nachreichung weiterer
Dokumente in die Länge ziehen könnte.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Juli 2021 entliess die Instruktionsrichterin
Rechtsanwalt Michael Adamczyk aus seinen Verpflichtungen als amtlicher
Rechtsbeistand der Beschwerdeführenden und ordnete ihnen MLaw Nata-
lie Marrer für das weitere Beschwerdeverfahren als neue unentgeltliche
Rechtsbeiständin bei.
O.
Auf die weiteren Ausführungen in den Eingaben der Beschwerdeführenden
und der Vernehmlassung des SEM sowie auf die zahlreichen bei der
Vorinstanz und im Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingereichten Be-
weismittel wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Es entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder das
AsylG nichts Anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 und Art. 105 ff.
AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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Seite 10
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E.5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht,
letztere hätte sich – aus der Sicht zum Zeitpunkt der Ausreise – mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde
sich – aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in abseh-
barer Zukunft verwirklichen (BVGE 2010/57 E. 2.5). Die erlittene Verfol-
gung muss sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Herkunfts-
staat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell
sein. Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Si-
tuation zum Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im
Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung – im
Sinne einer Regelvermutung – auf eine andauernde Gefährdung hinweist.
Veränderungen der Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu
Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl.
BVGE 2010/57 E. 2; 2009/51 E. 4.2.5; 2007/31 E. 5.2 f., je m.w.H.).
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Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatstaat keinen adäquaten Schutz finden
kann, weil dort keine Infrastruktur besteht, die ihr Schutz bieten könnte
(sog. Schutztheorie, vgl. BVGE 2011/51 E. 7, m.w.H.), oder weil der Staat
ihr keinen Schutz gewährt, obwohl er dazu in der Lage wäre (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.1 und E. 7.4 S. 1017 f. m.w.H.). Zudem besteht ein Schutz-
bedürfnis auch dann, wenn die bestehende Schutzinfrastruktur der von
Verfolgung betroffenen Person nicht zugänglich ist oder ihr deren Inan-
spruchnahme aus individuellen Gründen nicht zuzumuten ist. Über das Be-
stehen eines Schutzbedürfnisses ist im Rahmen einer individuellen Einzel-
fallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes zu
befinden, wobei es den Asylbehörden obliegt, die Effektivität des Schutzes
vor Verfolgung im Heimatstaat abzuklären und zu begründen (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.4 S. 1018 m.w.H.). Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung im
Heimatstaat ist als ausreichend zu qualifizieren, wenn die betreffende Per-
son effektiv Zugang zu einer funktionierenden und effizienten Schutzinfra-
struktur hat, unabhängig von persönlichen Merkmalen wie Geschlecht oder
Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen Minderheit, und ihr die
Inanspruchnahme eines solchen innerstaatlichen Schutzsystems individu-
ell zumutbar ist (vgl. a.a.O., sowie statt vieler Urteil des BVGer
E-3772/2020 vom 12. August 2020 E. 4.2).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 AsylG).
3.4 Eine Reflexverfolgung liegt vor, wenn Angehörige von verfolgten Per-
sonen Repressalien ausgesetzt sind, sei es um Informationen über die ver-
folgte Person zu erhalten, um die Familie als Ganzes für die Aktivitäten des
Verfolgten zu bestrafen, oder um die verfolgte Person zum Aufgeben ihrer
Aktivitäten zu zwingen (vgl. BVGE 2010/57 E. 4.1.3). Die Wahrscheinlich-
keit, Opfer eine Reflexverfolgung zu werden, ist vor allem dann gegeben,
wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet wird und die Be-
hörde Anlass zur Vermutung hat, dass jemand mit der gesuchten Person
in engem Kontakt steht. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn ein
nicht unbedeutendes politisches Engagement hinzukommt.
4.
4.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden hielten den Anforderungen an die
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Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand und begründete
dies wie folgt:
4.1.1 Seinen Angaben zufolge habe der Beschwerdeführer keine Drohun-
gen erhalten, sei sein Leben nicht in Gefahr und habe er Kolumbien ledig-
lich verlassen, um gemeinsam mit seiner Ehefrau zusammenzuleben.
4.1.2 Die Beschwerdeführerin habe erklärt, der Überfall auf ihr (...) am (...)
2018 habe nicht ihr, sondern ihrem Vater gegolten. In dieser Hinsicht sei
sie ein zufällig anwesendes Opfer gewesen. Ob dieser Überfall überhaupt
in Zusammenhang mit den Tätigkeiten ihres Vaters für die Antikorruptions-
gruppe stehe, sei nicht abschliessend geklärt, könne aber auch nicht voll-
ständig ausgeschlossen werden.
Die Nachricht auf Facebook vom (...) 2018, in welcher ihre Familie bedroht
worden sei, habe offensichtlich ebenfalls ihrem Vater gegolten, da darin
von ihr als "seiner Tochter" gesprochen werde. Die darin geäusserte Dro-
hung gegen ihre Familie sei somit eindeutig als Druckmittel gegen ihren
Vater gedacht. Das SEM verneinte die Gezieltheit einer (eigenen) Verfol-
gung beziehungsweise Bedrohung der Beschwerdeführerin wegen ihrer
Tätigkeiten als Sekretärin der Veeduría. Ausserdem sei, da sie beim Über-
fall auf das (...) ein zufällig anwesendes Opfer gewesen und ihre gesamte
Familie auf Facebook als Druckmittel gegen ihren Vater bedroht worden
sei, die Gezieltheit ihrer Verfolgung im Sinne einer Reflexverfolgung, wel-
che ihren Vater zur Unterlassung der Einreichung seiner Anzeigen hätte
bewegen sollen, fraglich. Werde dennoch von der Gezieltheit der geltend
gemachten Reflexverfolgung ausgegangen, stelle sich die Frage nach de-
ren Intensität.
Die Beschwerdeführerin habe bis zu ihrer Ausreise im Oktober 2018 keine
Massnahmen gegen Leib, Leben oder ihre Freiheit erdulden müssen. Un-
geachtet dessen, dass aus den eingereichten Dokumenten nicht ersichtlich
sei, dass ihr Vater im (...) 2018 nicht nur für sich, sondern für seine ge-
samte Familie um Schutz bei der UNP ersucht habe, spreche der Umstand,
dass die UNP anschliessend lediglich ihrem Vater spezielle Schutzmass-
nahmen gewährt habe, nicht dafür, dass die UNP bei der Risikoeinschät-
zung ihrer Gefährdung davon ausgegangen sei, dass ihr zum damaligen
Zeitpunkt mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile gedroht
hätten. Dies decke sich im Übrigen mit der Einschätzung des SEM, dass
sich die Drohungen damals ausschliesslich gegen den Vater gerichtet hät-
ten.
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Gemäss ihren Angaben habe es sich bei der Drohung auf Facebook an
ihren Vater um die einzige Drohung gehandelt, die ebenfalls direkt gegen
die Beschwerdeführerin gerichtet gewesen sei. Ansonsten hätten Ange-
stellte der Gemeinde den Mitgliedern der Antikorruptionsgruppe einfach
gesagt, dass sie mit den Anzeigen aufhören sollten. Diese Drohung auf
Facebook habe die Beschwerdeführerin dann dazu gebracht, Kolumbien
zu verlassen, da sie mit diesem Druck und dieser Angst, verfolgt oder gar
getötet zu werden, nicht mehr dort habe leben können. Diese einzige kon-
krete Drohung über eine Facebook-Nachricht an ihren Vater erscheine
nicht als genügend intensiv, um eine Ausreise aus Kolumbien unumgäng-
lich zu machen, umso weniger, als die Drohung nicht spezifisch gegen sie,
sondern gegen ihre ganze Familie gerichtet gewesen sei. Da ihre Famili-
enmitglieder in der Folge jedoch in Kolumbien geblieben seien und ledig-
lich die Beschwerdeführerin ausgereist sei, müsse davon ausgegangen
werden, dass aus objektiver Sicht kein unerträglicher psychischer Druck
bestanden habe, der einen Verbleib im Heimatland als unzumutbar hätte
erscheinen lassen. Folglich sei sie zum Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Ko-
lumbien keinen ernsthaften Nachteilen im Sinne des Asylgesetzes ausge-
setzt gewesen oder habe solche unmittelbar zu befürchten gehabt.
Zudem sei die Verfolgung zum Zeitpunkt des Asylentscheids nicht aktuell.
Zwar habe sich die Situation nach ihrer Ausreise für die in Kolumbien ver-
bliebenen Mitglieder der Antikorruptionsgruppe in der Tendenz verschlech-
tert. Mehrere Mitglieder der Antikorruptionsgruppe hätten ernsthafte Nach-
teile im Sinne des AsylG zu gewärtigen gehabt oder hätten begründete
Furcht vor zukünftiger Verfolgung. Insbesondere werde ihr Vater aufgrund
seines herausragenden Profils in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und
erhalte Asyl. Die persönliche Situation der Beschwerdeführerin bezie-
hungsweise ihr Profil unterscheide sich jedoch deutlich vom Profil ihres Va-
ters sowie demjenigen der anderen Personen, welche in der Antikorrupti-
onsgruppe aktiv gewesen seien. Einerseits sei sie als Sekretärin der
Gruppe im Hintergrund tätig gewesen und habe mit der Überprüfung der
Verträge der Gemeindeverwaltung sowie der Einreichung der Anzeigen di-
rekt nichts zu tun gehabt. Deshalb sei nicht davon auszugehen, dass die
Verfolger ihres Vaters und der anderen Mitglieder der Antikorruptions-
gruppe ein Verfolgungsinteresse an ihr hätten, da sie von jenen nicht als
die treibende Kraft hinter den Überprüfungen und Anzeigen und deshalb
auch nicht als ernsthafte Gefahr wahrgenommen werde. Andererseits
habe sie seit dem (...) 2018 kein Schreiben und keinen Antrag mehr für die
Gruppe unterschrieben. Ihr Vater habe einzig ein in der Schweiz verfasstes
Schreiben an den Contralor General de la República zu den Akten gereicht,
D-908/2021
Seite 14
welches sie als Sekretärin ebenfalls unterschrieben habe und am (...) 2020
von der Schweiz aus versendet worden sei. Der Empfänger werde darin
aufgefordert, die abgeschlossenen Verträge des Bürgermeisteramtes von
E._ zu überprüfen. Dieses einmalige Schreiben sei ebenfalls nicht
dazu geeignet, ein ernsthaftes Verfolgungsinteresse an ihr zu begründen.
Es sei davon auszugehen, dass sie über keinerlei wichtige Informationen
verfüge, die bei den Strafverfolgungsbehörden durch andere Mitglieder der
Antikorruptionsgruppe nicht bereits bekannt gemacht worden seien und ein
Verfolgungsinteresse an ihr zu begründen vermöchten. Zudem sei sie per-
sönlich vor ihrer Ausreise im Oktober 2018 in Kolumbien keiner flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgung ausgesetzt gewesen. Sie sei einzig in einer
Facebook-Nachricht an ihren Vater erwähnt worden, in welcher diesem ge-
droht worden sei, man könnte seiner Familie etwas antun. Da sich ihr Vater
als anerkannter Flüchtling in der Schweiz aufhalte und somit nicht mehr in
bedeutender Weise für die Antikorruptionsgruppe in Kolumbien aktiv sein
könne, entfalle zudem das Motiv der Reflexverfolgung. Es sei aufgrund
dessen aus objektiver Sicht nicht ersichtlich, weshalb sie bei einer Rück-
kehr nach Kolumbien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehba-
rer Zukunft flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung ausgesetzt sein
sollte. Im Übrigen wäre es ihr möglich und zumutbar, sich an einem ande-
ren Ort innerhalb Kolumbiens als in E._ oder im Departement
F._ niederzulassen. Insbesondere befasse sich die Antikorruptions-
gruppe ausschliesslich mit Korruptionsfällen in der Gemeinde E._.
Sie sei lediglich auf lokaler Ebene tätig, auch wenn die Korruptionsfälle nun
auf nationaler Ebene behandelt würden. Bei den Personen, welche ins Vi-
sier der Antikorruptionsgruppe geraten seien, handle es sich um Lokalpo-
litiker und lokale Beamte. Der ehemalige Bürgermeister von E._ sei
zum jetzigen Zeitpunkt zwar auf nationaler Ebene tätig. Deshalb sei nicht
auszuschliessen, dass er einen gewissen Schutz vor Strafverfolgung auf
nationaler Ebene geniesse. Es sei jedoch nicht davon auszugehen, dass
er sowie der aktuelle Bürgermeister von E._ über die Mittel, den
Einfluss und aufgrund des Profils der Beschwerdeführerin insbesondere
den Willen verfügten, diese auf dem gesamten Staatsgebiet Kolumbiens
zu verfolgen. Daran änderten auch die angeblichen Verbindungen des ak-
tuellen Bürgermeisters von E._ zum organisierten Drogenhandel
nichts. Soweit sie für den Zeitraum nach ihrer Ausreise Probleme ihres Va-
ters mit Mitgliedern krimineller Banden aus der für die Abwicklung des Dro-
genhandels wichtigen (...)stadt L._ erwähnt habe, gebe es keine
Anzeichen dafür, dass die kriminellen Gruppen aus L._ über genü-
gend Einfluss verfügten, jemanden auf dem gesamten Staatsgebiet Kolum-
biens zu verfolgen. Aufgrund ihres niedrigen Profils sei auch nicht davon
D-908/2021
Seite 15
auszugehen, dass eine Motivation für eine Verfolgung der Beschwerdefüh-
rerin bei einer Rückkehr nach Kolumbien bestehe.
4.2 In der Beschwerdeschrift und den weiteren Eingaben bis zum 20. April
2021 wurde unter Wiederholung der bisherigen Vorbringen an deren Asyl-
relevanz festgehalten. Insbesondere wurde geltend gemacht, die Position
der Beschwerdeführerin als Sekretärin der Antikorruptionsgruppe sei allge-
mein bekannt gewesen und habe sie in für die Annahme einer Verfolgungs-
gefahr erforderlichem Mass exponiert. Die gezielt gegen ihre persönliche
Integrität gerichteten Drohungen und Handlungen seien als ernsthaft im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu betrachten. Jedenfalls seien die Erleb-
nisse geeignet gewesen, einen unerträglichen psychischen Druck zu be-
wirken. Zu berücksichtigen seien zudem die aktuelle Sicherheitslage in Ko-
lumbien sowie der Umstand, dass – entgegen der Annahme des SEM –
kein effektiver staatlich-institutioneller Schutz bestehe. Die Eingaben vom
3., 29. und 31. Mai 2021 sowie vom 23. und 30. Juni 2021 haben einen
Anschlag vom (...) 2021 auf N._ zum Gegenstand. N._ sei
vor deren Ermordung mit K._ und M._ zusammen gewesen
und auch in die Ermittlungen gegen die Veeduría involviert gewesen.
4.3 Das SEM nahm in seiner Vernehmlassung zu den Einwänden der Be-
schwerdeführerin Stellung, gelangte im Ergebnis aber zum Schluss, die
Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Be-
weismittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könn-
ten. Es halte an seinen Erwägungen vollumfänglich fest.
4.4 In der Replik hielten die Beschwerdeführenden ihrerseits an ihren Vor-
bringen fest.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz die Asylgesuche der Beschwerdeführenden
zu Recht abgewiesen hat. Die Entgegnungen in den Eingaben auf Be-
schwerdeebene und die darin angerufenen Beweismittel vermögen zu kei-
ner anderen Betrachtungsweise zu führen. Zur Vermeidung von Wiederho-
lungen kann vorab auf die entsprechenden Erwägungen im angefochtenen
Asylentscheid und die Vernehmlassung des SEM verwiesen werden (vgl.
auch vorstehend E. 4.1).
D-908/2021
Seite 16
5.2 An dieser Stelle ist der Vollständigkeit halber zunächst festzuhalten,
dass sich auch das Bundesverwaltungsgericht nicht veranlasst sieht, an
der Glaubhaftigkeit der Angaben der Beschwerdeführenden zu zweifeln.
5.3 Was die erlittenen Nachteile im Sinne einer Vorverfolgung anbelangt,
wird in der Beschwerde implizit an der Gezieltheit der Verfolgung der Be-
schwerdeführerin festgehalten. So sei sie, auch wenn der Überfall ur-
sprünglich nur ihrem Vater gegolten haben sollte, durch dessen Abwesen-
heit und ihre alleinige Anwesenheit im (...) in eine noch exponiertere Situ-
ation geraten als sie es davor in ihrer Funktion als Sekretärin der Veeduría
schon gewesen sei. Namentlich sei sie in der Facebook-Drohung explizit
("...[...]...") als Tochter des Vaters genannt worden (vgl. Beschwerde S. 6–
8). Daraus vermag die Beschwerdeführerin indes nichts zu ihren Gunsten
abzuleiten. Dazu ist vorweg festzuhalten, dass es sich um die einzige bis
zu ihrer Ausreise geäusserte Drohung handelt, in welcher sie explizit er-
wähnt wurde (vgl. SEM-Akte 1061646-65/16 F48 ff., F75 f.). Die übrigen
von ihr genannten Drohungen betrafen Äusserungen des Gemeindeperso-
nals, mit denen dieses die Veeduría wissen liess, dass sie ihre Aktivitäten
einstellen beziehungsweise keine Probleme mehr machen solle (vgl.
a.a.O., F76 f.). Allein daraus vermag die Beschwerdeführerin keine gezielte
Verfolgung ihrer Person abzuleiten. Dasselbe gilt für die Facebook-Dro-
hung vom (...) 2018. Diese richtete sich an ihren Vater und betrifft die ge-
samte Familie. Darin wurde wörtlich ausgeführt, dass man für den Fall,
dass dieser etwas zustossen würde, nicht wüsste, wer zu beschuldigen
wäre: "Ob die Person von der (...), gegen die ermittelt worden sei, der Bür-
germeister, die Personen, welche wegen des Raubüberfalls auf deine
Tochter verhaftet wurden" (vgl. a.a.O., F45 f.). Soweit die Vorinstanz bei
unterstellter Annahme einer gezielten Reflexverfolgung deren Relevanz
mangels Intensität verneinte, ist dem zuzustimmen. Mithin vermögen die
Ereignisse vor der Ausreise keine erlittene Vorverfolgung darzustellen,
auch wenn der Übergriff auf die Beschwerdeführerin im (...) in keiner Weise
bagatellisiert werden soll. Weiter gilt es anzumerken, dass die Frage, ob
eine Flucht- beziehungsweise Schutzalternative besteht, sich erst stellt,
wenn die Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt ihrer Ausreise respektive zum
heutigen Zeitpunkt schutzbedürftig war beziehungsweise ist (vgl. BVGE
2011/51 E. 8.1, Urteil des BVGer E-3772/2020 vom 12. August 2020
E. 7.2.2).
Nach den vorstehenden Ausführungen können für den Zeitpunkt der Aus-
reise im Oktober 2018 aus objektivierter Sicht auch keine genügend kon-
kreten Anhaltspunkte für eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung
D-908/2021
Seite 17
erkannt werden. Die Vorladungen, welche die Beschwerdeführerin als Ge-
schädigte im Rahmen des Strafverfahrens in Bezug auf den anlässlich des
Überfalls im Restaurant erfolgten Diebstahl ihres Mobiltelefons erhielt und
welche sie nicht befolgte, stellen weder Verfolgungshandlungen dar noch
begründen sie eine Verfolgungsfurcht. Sie zeigen aber auf, dass die Straf-
behörden gewillt waren, die kriminelle Handlung des Täters zu ahnden.
Hinzuweisen ist sodann der Vollständigkeit halber darauf, dass die im Ok-
tober 2018 ausgereiste Beschwerdeführerin erst im Juni 2019 in Spanien
um Asyl ersucht hatte. Ebenso wenig sind die Voraussetzungen gegeben,
welche zur Annahme eines unerträglichen psychischen Druckes vor der
Ausreise führten (vgl. dazu BVGE vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2, 2013/21
E. 9.1, 2013/12 E. 6, 2013/11 E. 5.4.2, 2011/16 E. 5, jeweils m.w.H.). Dass
der Wunsch der Beschwerdeführerin, ihr Heimatland zu verlassen, aus
subjektiver Sicht verständlich ist, führt zu keinem anderen Ergebnis.
5.4 Als nächstes gilt es die Frage zu beantworten, ob die Beschwerdefüh-
rerin zum heutigen Zeitpunkt im Zusammenhang mit ihrer Funktion als Sek-
retärin der Veeduría begründete Furcht vor (Reflex)verfolgung hat.
5.4.1 Aufgrund der Aktenlage ist mit der Vorinstanz eine aktuelle Verfol-
gungsfurcht der Beschwerdeführerin beziehungsweise eine begründete
Furcht vor einer Reflexverfolgung zu verneinen. Entgegen den Ausführun-
gen auf Beschwerdeebene ist nicht davon auszugehen, dass sie als Sek-
retärin der Veeduría gegen aussen als vollberechtigtes Mitglied wahrge-
nommen wurde. Sie erklärte in diesem Zusammenhang, dass sie die ers-
ten Anträge unterzeichnet habe (vgl. SEM-Akten 1061646-45/11 F37,
1061646-65/16 F55). Damit habe die Veeduría die Herausgabe von Ver-
trägen der Bürgergemeinde verlangt. Man habe das Recht, diese Unterla-
gen zu beantragen (vgl. SEM-Akten 1061646-45/11 a.a.O., 1061646-65/16
F57 f.). Seit dem (...) 2018 habe sie kein weiteres Dokument und keinen
weiteren Antrag unterschrieben. Ihr Vater habe die Anzeigen gemacht und
diese bei der Gemeinde beziehungsweise beim Bürgermeisteramt einge-
reicht. Sie sei lediglich als Sekretärin tätig gewesen. Der Anwalt der Vee-
duría (K._) habe unter anderem Schreiben verfasst und seine Auf-
gabe als Anwalt wahrgenommen (SEM-Akte 1061646-65/16 F55–60). Un-
ter diesen Umständen vermag sie aus dem als Beweismittel eingereichten,
in dieser Funktion unterzeichneten Schreiben der Veeduría an das (...) des
Bürgermeisters von E._ vom (...) 2017 nichts zu ihren Gunsten ab-
zuleiten (vgl. Beschwerde S. 6 f., Vernehmlassung S. 2). Dasselbe gilt be-
züglich des von ihr in der Schweiz mitunterzeichneten Schreibens vom (...)
2020 an den Contralor General de la República (vgl. Eingabe vom 23. Juni
D-908/2021
Seite 18
2021, Beilage 16). Dieses war bereits im vorinstanzlichen Asylverfahren
eingereicht worden. Das SEM führte dazu in der angefochtenen Verfügung
zutreffend aus, dass es nicht geeignet dazu sei, ein ernsthaftes Verfol-
gungsinteresse an der Beschwerdeführerin zu begründen (vgl. Verfügung
des SEM, I.3 S. 6 und II.2 S. 5 f.). Abgesehen davon hätte diesem Schrei-
ben lediglich im Sinne eines subjektiven Nachfluchtgrundes Bedeutung zu-
kommen können. Unter diesen Umständen ist entgegen den Ausführungen
in der Beschwerde im Vergleich zu ihrem Vater, den übrigen vollberechtig-
ten Mitgliedern der Veeduría und den für diese aktiv an der Aufdeckung
von Korruptionsfällen tätigen Personen, von einem lediglich untergeordne-
ten Profil der Beschwerdeführerin auszugehen, weshalb eine (Reflex-)ver-
folgungsfurcht zu verneinen ist.
5.4.2 Dies gilt auch aus objektiver Sicht im Zusammenhang mit den Ereig-
nissen, die sich nach der Ausreise der Beschwerdeführerin aus Kolumbien
dort zugetragen habe. Was die Ermordung des Bruders von K._
anbelangt, ist aus den Akten nicht ersichtlich, ob diese im Zusammenhang
mit den Aktivitäten der Veeduría stand. Jedenfalls geht ein solcher aus den
Angaben der Beschwerdeführerin nicht hervor (vgl. SEM-Akte 1061646-
45/11 F38). Bei K._ selbst handelte es sich um den aktiv an der
Aufdeckung von Korruptionsfällen mitwirkenden und nach aussen in Er-
scheinung tretenden Anwalt der Veeduría und, wie von der Beschwerde-
führerin erwähnt, um einen sozialen Anführer (vgl. a.a.O., F63). Dieser be-
zeichnete sich in einem von ihm (nicht im Namen der Veeduría) mitunter-
zeichneten Schreiben vom (...) 2019 als "Líder (...)" der auf nationaler
Ebene tätigen oppositionellen Bewegung (...) (vgl. Replik, Beilage 2). Des
Weiteren ist einem Schreiben des Vaters der Beschwerdeführerin an die
UNP vom (...) 2020 zu entnehmen, dass M._ ein vollberechtigtes
Mitglied ("veedor") der Veeduría war (vgl. a.a.O., Beilage 4). Bei
N._, dem Zeugen der Ermordung von K._ und M._
und aktuell bevollmächtigen Anwalt der Antikorruptionsgruppe, handle es
sich ebenfalls um einen sozialen Anführer ("líder [...]") der (...) (vgl. Ein-
gabe vom 23. Juni 2021 S. 2, Beilage 9). Demnach verfügten die erwähn-
ten Opfer, soweit bekannt, im Zusammenhang mit der Veeduría über ein
ungleich exponierteres Profil, das sich mit demjenigen der Beschwerdefüh-
rerin nicht vergleichen lässt, und handelte es sich bei ihnen teilweise um
bekannte Anführer der politischen Opposition auf nationaler Ebene. Unter
diesen Umständen vermag die Beschwerdeführerin weder aus ihrem Vor-
bringen, dass zwischenzeitlich alle Angehörigen der Veeduría Kolumbien
verlassen hätten, noch aus den mit der Eingabe vom 30. Juni 2021 im Zu-
sammenhang mit N._ eingereichten Beweismitteln (Anzeige von
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Seite 19
N._ vom (...) 2021 an die Polícía Judicial wegen Drohungen gegen
Menschenrechtsaktivisten und öffentliche Beamte, weitere Anzeige vom
(...) 2021 wegen Drohungen per (...) in Gruppenchat, Schreiben von
N._ vom (...) 2020 an die Controlaría de la Nación betreffend Fäl-
schungen im Zusammenhang mit Verträgen des Bürgermeisteramts von
E._; vgl. Eingabe vom 30. Juni 2021, Beilagen 1a, 1b und 2) etwas
zu ihren Gunsten abzuleiten.
5.4.3 Schliesslich vermag die Beschwerdeführerin auch aus den übrigen
von ihr mit Bezug auf die Veeduría eingereichten Beweismitteln keine Re-
flexverfolgung abzuleiten. Bezüglich des Videos Nr. 1 (vgl. Eingabe vom
8. März 2021, Beilage 12 beziehungsweise 19), in dem K._ über
die Beschwerdeführerin ("la hija de [...]") und die stattgefundenen Ereig-
nisse (Überfall auf das (...), Verhaftung der Diebe des Mobiltelefons etc.)
spricht, hielt das SEM zutreffend fest, dass sich der Inhalt mit dem bereits
bekannten Sachverhalt und ihren Aussagen decke, keine neuen Informati-
onen enthalte und insofern nicht geeignet sei, eine Vorverfolgung oder eine
begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung zu belegen (vgl. Vernehm-
lassung S. 3). Letzteres gilt, wie die Vorinstanz weiter zutreffend ausführte,
auch bezüglich des nach dem Erlass der angefochtenen Verfügung ver-
fassten, allgemein gehaltenen Schreibens von Senator O._ vom
(...) 2021 (vgl. Eingabe vom 8. März 2021, Beilage 14), in welchem bestä-
tigt wird, dass die Beschwerdeführerin Mitglied der Veeduría gewesen sei
und deren Mitglieder Todesdrohungen erhalten hätten und auch sie selbst
mit dem Tod bedroht worden sei, weshalb sie ins Exil gegangen sei (vgl.
Vernehmlassung S. 3). Dieses Schreiben ist in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz als Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren. An dieser Einschät-
zung vermag nach dem Gesagten der in der Replik erhobene Einwand,
dass sowohl im Video von K._ als auch im Schreiben von Senator
O._ sowie in einem ebenfalls zu den Akten gereichten Video von
O._ von der ganzen Gruppe der Veeduría-Angehörigen die Rede
sei (vgl. Replik S. 2), nichts zu ändern. Ebenso wenig vermag die Be-
schwerdeführerin aus einem Schreiben von O._ vom (...) Januar
2020 abzuleiten, in dem dieser insbesondere ausführte, dass die anderen
sozialen "Leader" in E._ Schutz erhalten sollten, um ein Massaker
zu verhindern (vgl. Eingabe vom 30. Juni 2021 S. 2, Beilage 3). Damit er-
übrigt es sich, auf die weiteren Vorbringen und Beweismittel einzugehen.
5.4.4 Nach dem Gesagten hat die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht
und ergibt sich nichts aus den Akten, was geeignet wäre, aus heutiger Sicht
D-908/2021
Seite 20
eine Furcht vor einer asylrechtlich relevanten (Reflex)verfolgung als objek-
tiv begründet erscheinen zu lassen. Ebenso wenig rechtfertigt sich die An-
nahme, sie wäre einem unerträglichen psychischen Druck ausgesetzt.
5.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass es der Beschwerdeführerin nicht
gelungen ist, eine zum Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Kolumbien bestehende
oder unmittelbar drohende asylrechtlich relevante Verfolgung nachzuwei-
sen oder zumindest glaubhaft zu machen. Nachdem eine Vorverfolgung
verneint werden muss, liegen keine hinreichend konkreten Anhaltspunkte
für eine für die Flüchtlingseigenschaft relevante Verfolgung vor, welche ihr
heute bei einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft drohen würde. Die Vorinstanz hat die
Flüchtlingseigenschaft mangels Relevanz der Asylvorbringen zu Recht
verneint. Die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann sind nicht schutzbe-
dürftig im Sinne von Art. 3 AsylG, weshalb das SEM die Asylgesuche zu
Recht abgelehnt hat.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
D-908/2021
Seite 21
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.3
7.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den
Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
nach Kolumbien ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
7.3.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdefüh-
renden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer
Ausschaffung nach Kolumbien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Das ist ihnen weder mit der in der Beschwerde unter
D-908/2021
Seite 22
Bezugnahme auf mehrere Quellen geltend gemachten schlechten Sicher-
heitslage in Kolumbien (vgl. Beschwerde S. 9 ff.) noch mit den Ausführun-
gen im Zusammenhang mit dem nationalen Streik vom 28. April 2021 (vgl.
Eingabe vom 23. Juni 2021) gelungen (vgl. auch nachstehend E. 7.4.2).
7.3.3 Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Kolumbien lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erschei-
nen.
7.3.4 Soweit in der Beschwerde geltend gemacht wird, der staatlich-insti-
tutionelle Schutz in Kolumbien sei ineffektiv und der Vater der Beschwer-
deführerin habe für die gesamte Familie vergeblich Schutz durch die UNP
beantragt, ist Folgendes festzuhalten: Art. 3 EMRK bietet auch Schutz vor
entsprechenden verpönten Handlungen, die von Privaten – sogenannten
nichtstaatlichen Akteuren – ausgehen, wenn die staatlichen Behörden nicht
schutzfähig beziehungsweise -willig sind (vgl. Urteile des BGer
2C_868/2016 und 2C_869/2016 vom 23. Juni 2017 E. 5.2.2; Urteil des
EGMR J.K. et al. gegen Schweden vom 23. August 2016, Grosse Kammer
59166/12, § 80 ff. und Urteil des BVGer D-5101/2006 vom 11. Februar
2009 E. 4.2; je m.w.H.).
Eine interne Schutzalternative im Herkunftsstaat kann der Berufung auf
eine Verletzung von Art. 3 EMRK entgegenstehen. Ein anderer Ort im Ziel-
staat kann allerdings dann den Beschwerdeführenden nicht zugemutet
werden, wenn dort keine hinreichenden sozialen Bedingungen herrschen,
die ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen (vgl. Urteil des EGMR Sufi
und Elmi gegen das Vereinigte Königreich vom 28. Juni 2011, 8319/07 und
11449/07, § 266 ff.).
Im vorliegenden Fall ist unter Verweis auf die zutreffenden Ausführungen
in der angefochtenen Verfügung (vgl. Verfügung des SEM, II.2 S. 9) und
der Vernehmlassung (vgl. Vernehmlassung S. 4) zu bestätigen, dass in Ko-
lumbien eine innerstaatliche Ausweichmöglichkeit bestehen würde mit hin-
reichenden sozialen Bedingungen, die ein menschenwürdiges Dasein der
Beschwerdeführenden ermöglichten. Die innerstaatliche Schutzalternative
wäre vorliegend auch zumutbar. So wäre es den Beschwerdeführenden
unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Verhältnisse (vgl. dazu auch
nachfolgend E. 7.4.3) zuzumuten, sich beispielsweise in Bogotá niederzu-
lassen, auch wenn sie bis anhin noch nie dort gewohnt und auch keine
familiären Beziehungen dorthin haben. Diese Wohnalternative wäre für sie
zugänglich und sie könnten sich dort dank der Niederlassungsfreiheit legal
D-908/2021
Seite 23
aufhalten. Es wäre ihnen zuzumuten sich dorthin zu begeben, um sich dort
eine neue Existenz aufzubauen.
7.3.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.4
7.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.4.2 In Kolumbien fand über fünfzig Jahre lang ein bewaffneter Konflikt
zwischen den kolumbianischen Streitkräften, den Guerillas und paramilitä-
rischen Gruppen statt. Im November 2016 wurde ein Friedensvertrag zwi-
schen dem kolumbianischen Staat und den Fuerzas Armadas Revolucio-
narias de Colombia (FARC) geschlossen, der später von beiden Kammern
des Kongresses genehmigt wurde. Nicht vergessen bleibt, dass allen Par-
teien während des Konflikts schwere Menschenrechtsverletzungen vorge-
worfen wurden; bei den meisten Opfern handelt es sich um Zivilpersonen.
Eine kleine Fraktion der FARC kündigte indessen im September 2019 die
Wiederbewaffnung der FARC an, worauf die kolumbianische Regierung mit
einem Militäreinsatz reagierte, bei welchem mehrere zur Führung von Wie-
deraufrüstungsaktivitäten bestimmte FARC-Mitglieder getötet wurden.
Nach der Ankündigung einer mit massiven Steuererhöhungen für Privat-
personen verbundenen Haushaltsreform durch den kolumbianischen Prä-
sidenten Iván Duque Ende April 2021 kam es in H._ und zahlrei-
chen weiteren Städten des Landes zu schweren Zusammenstössen zwi-
schen Protestierenden und Sicherheitskräften; mehr als 40 Menschen ka-
men dabei ums Leben. Am 2. Mai 2021 widerrief Präsident Duque die
Pläne für die Steuerreform, entliess den dafür verantwortlichen Finanzmi-
nister Alberto Carrasquilla und initiierte am 5. Mai 2021 einen Dialogpro-
zess, in den alle gesellschaftlichen Sektoren einbezogen werden sollen.
Die allgemeine Lage blieb seither – insbesondere auch angesichts der Tat-
sache, dass die Coronavirus-Pandemie (COVID-19) Kolumbien schwer traf
und mit seinen wirtschaftlichen und sozialen Folgen den Druck in der Ge-
sellschaft erhöhte – sehr fragil. Es finden weiterhin Protestkundgebungen
D-908/2021
Seite 24
statt, wobei sich diese auch etwa gegen die unverhältnismässige Polizei-
gewalt sowie gegen die allgemein schlechten Lebensbedingungen richten.
Dessen ungeachtet ist aktuell bezüglich Kolumbien nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt, welche den Vollzug
der Wegweisung als generell unzumutbar erscheinen liesse, auszugehen.
7.4.3 Was die individuelle Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs betrifft,
so hat die Vorinstanz zutreffend darauf hingewiesen, dass die Beschwer-
deführenden gesund und im arbeitsfähigen Alter sind. Sie verfügen über
ansprechende Ausbildungen sowie mehrere Jahre Berufserfahrung in ver-
schiedenen Bereichen. Zudem verfügen sie über ein grosses Netz an Ver-
wandten in Kolumbien. Mithin ist nicht davon auszugehen, dass sie bei ei-
ner Rückkehr in ihre Heimat in eine existenzielle soziale oder wirtschaftli-
che Notlage geraten würden.
7.4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl in genereller als auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
7.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, welche insbeson-
dere über Reisepässe verfügen, sich bei der zuständigen Vertretung des
Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zusam-
menhang mit der Coronavirus-Pandemie stellen – gemäss aktuellem
Kenntnisstand – lediglich temporäre Vollzugshindernisse dar und vermö-
gen am Ausgang des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern (vgl. statt
vieler: Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.)
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihnen jedoch mit Zwi-
schenverfügung vom 10. März 2021 die unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten
aufzuerlegen.
9.2 Mit Zwischenverfügung vom 7. Juli 2021 wurde den Beschwerdefüh-
renden anstelle ihres bisherigen amtlichen Rechtsbeistands die rubrizierte
Rechtsvertreterin als neue Rechtsbeiständin beigeordnet (vgl. unter
Bst. M.). Dieser ist, da in der Folge keine anderslautende Stellungnahme
einging und beide Rechtsvertreter für die gleiche Organisation tätig sind
beziehungsweise waren, das gesamte amtliche Honorar für die notwendi-
gen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Seitens der
Rechtsvertretung wurde – entgegen einer entsprechenden Ankündigung –
keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann
indes verzichtet werden, da der Aufwand für die Rechtsvertretung zuver-
lässig abgeschätzt werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In Anwen-
dung der genannten Bestimmung und unter Berücksichtigung der massge-
blichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 9–13 VGKE) ist die der Rechtsver-
treterin für das Beschwerdeverfahren auszurichtende amtliche Entschädi-
gung auf insgesamt Fr. 4'000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzu-
schlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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