Decision ID: 54027d91-9e34-49f1-b342-0b43fe0aaa9a
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X wurde am Mittwoch, 15. Juni 2011, um 22.50 Uhr als Lenker seines Motorrades
"Harley Davidson" mit dem amtlichen Kontrollschild XX 0000 auf der Z-Strasse in W
von der Polizei kontrolliert. Wegen Mundalkoholgeruchs wurde ein Atemlufttest
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durchgeführt, der eine – umgerechnete – Blutalkoholkonzentration von 0,73 Gew.-‰
ergab. X anerkannte das Ergebnis und gab an, er habe sich nur "rasch einen Drink
genehmigen" und wieder nach Hause fahren wollen. Zwischen 19.00 und 22.30 Uhr
habe er 2 cl Whisky und 3 dl Rotwein getrunken. Als Wohn- und Zustelladresse gab er
die Z-Strasse 000 in W an.
B.- Da X der Führerausweis am 13. September 2007 – nach einem Sicherungsentzug
wegen Alkoholabhängigkeit – mit der Auflage der Einhaltung einer kontrollierten
Alkoholabstinenz erteilt worden und er am 20. September 2007 nach Spanien
weggezogen war, forderte ihn das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt am
10. August 2011 auf, Verlaufsberichte über die Einhaltung der Abstinenz einzureichen.
Nachdem das mit A-Post an die Z-Strasse 000 gesandte Schreiben von der Post
retourniert worden war, wurde es am 12. August 2011 an das Postfach 000 bei der
Poststelle xxx1 W gesandt. Diese Adresse hatte X dem Strassenverkehrsamt am
28. Februar 2011 im Zusammenhang mit einem Administrativverfahren wegen
Verletzung der Verkehrsregeln vom 11. Oktober 2010 durch Nichtbeherrschen eines
Lastwagens mit Anhänger angegeben.
Nachdem das Strassenverkehrsamt keine Reaktion auf das Schreiben vom 10. August
2011 verzeichnet hatte, erhielt X am 29. August 2011 die Gelegenheit, zur
beabsichtigten Anordnung einer verkehrsmedizinischen und -psychologischen
Untersuchung Stellung zu nehmen. Das mit eingeschriebener Post an die "Z-Strasse
000, Postfach 000, xxxx W" gesandte Schreiben wurde am 2. September 2011 erneut
mit A-Post an dieselbe Adresse zugestellt.
C.- Mit Zwischenverfügung vom 29. September 2011 ordnete das
Strassenverkehrsamt gegenüber X eine verkehrsmedizinische und -psychologische
Untersuchung an. Die mit eingeschriebenem Brief versandte Verfügung war an die "Z-
Strasse 000, Postfach 000, xxx1 W" adressiert. Da der Brief nicht abgeholt worden
war, wurde er am 12. Oktober 2011 mit A-Post an dieselbe Adresse zugestellt. Am
24. Oktober 2011 ging beim Strassenverkehrsamt eine Meldung des Einwohneramtes
der Stadt W ein, wonach sich X per 19. September 2011 ohne genaue Adressangabe
nach Spanien abgemeldet habe.
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D.- Gegen die Zwischenverfügung vom 29. September 2011 erhob X durch seinen
Rechtsvertreter mit Eingabe vom 22. November 2011 und Ergänzung vom 6. Dezember
2011 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei dem Rekurrenten die unentgeltliche Prozessführung und dem
Rekurs die aufschiebende Wirkung zu gewähren sowie die angefochtene Verfügung
aufzuheben. Auf die Einholung einer vorinstanzlichen Vernehmlassung wurde
verzichtet. Auf die Ausführungen im Rekurs zur Begründung der Anträge wird, soweit

erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen.
a) Die Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig (vgl. Art. 41
lit. g des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
b) Der Rekurs gegen die mit eingeschriebenem Brief versandte Zwischenverfügung
vom 29. September 2011 wurde mit Eingabe des Rechtsvertreters vom 22. November
2011 erhoben.
aa) Die Rekursfrist beträgt gemäss Art. 47 Abs. 1 VRP vierzehn Tage. Im
Rekursverfahren finden gemäss Art. 58 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1 VRP die
Bestimmungen der Schweizerischen Zivilprozessordnung (SR 272, abgekürzt: ZPO)
über die gerichtliche Vorladung, die Form der Zustellung, die Fristen und die
Wiederherstellung sachgemässe Anwendung. Gemäss Art. 142 Abs. 1 ZPO beginnen
Fristen, die durch eine Mitteilung ausgelöst werden, am folgenden Tag zu laufen.
Mitteilungen gelten im Fall eingeschriebener Postsendungen am siebten Tag nach
erfolglosem Zustellversuch als zugestellt, sofern die Person mit einer Zustellung
rechnen musste (vgl. Art. 138 Abs. 3 lit. a ZPO). Fristauslösende Mitteilungen sind
empfangs-, nicht aber annahmebedürftig. Massgebend ist der Zeitpunkt des
Eintreffens im Machtbereich des Adressaten. Die tatsächliche Entgegennahme ist nicht
erforderlich; für die Fristauslösung ist ausreichend, dass die Mitteilung auf
ordentlichem Weg in den Empfangsbereich des Adressaten gelangt ist. Fristauslösende
Mitteilungen sind dem Adressaten an sein Zustellungsdomizil zu senden (vgl. J. Benn,
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in: Basler Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, Basel 2010, N 14/15
zu Art. 142 ZPO). Die Zustellungsfiktion rechtfertigt sich, weil die an einem Verfahren
Beteiligten nach dem Grundsatz von Treu und Glauben dafür zu sorgen haben, dass
behördliche Entscheide sie erreichen können. Diese Pflicht entsteht mit der
Begründung eines Verfahrensverhältnisses und gilt insoweit, als während des hängigen
Verfahrens mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mit der Zustellung eines
behördlichen Aktes gerechnet werden muss (vgl. Urteil des Bundesgerichts 1P.
209/2002 vom 23. Juli 2003 E. 2.2.1 mit Hinweis auf BGE 123 III 492 E. 1 und 119 V 89
E. 4b/aa). Verspätet erhobene Rechtsmittel werden mit einem Nichteintretensentscheid
erledigt (vgl. Art. 30 VRP; Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St.
Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 1023).
bb) Der Rekurrent hat sich – nachdem ihm die Vorinstanz den schweizerischen
Führerausweis nach einem Sicherungsentzug wegen Alkoholabhängigkeit am
13. September 2007 mit der Auflage der Einhaltung einer Alkoholabstinenz wiedererteilt
hatte – erstmals am 20. September 2007 aus der Schweiz nach Spanien abgemeldet.
Nach der Darstellung im Rekurs liess der Rekurrent nach seiner Rückkehr in die
Schweiz den während seines Aufenthalts in Spanien erworbenen spanischen
Führerausweis wieder in einen schweizerischen umtauschen.
Am 11. Oktober 2010 verursachte der Rekurrent auf der Autobahn A1 in T als Lenker
eines Lastwagens mit Anhänger um 8.50 Uhr einen Selbstunfall. Gegenüber der Polizei
gab er als Adresse diejenige seiner Schwester an der D-Strasse in W an. Die mit
eingeschriebenem Brief an diese Adresse versandte Verfügung der Vorinstanz vom
7. Februar 2011, mit welcher dem Rekurrenten der Führerausweis für die Dauer eines
Monats entzogen wurde, wurde mit dem Vermerk "nicht abgeholt" retourniert. Am
16.Februar 2011 erfolgte eine zweite Zustellung mittels A-Post. Am 28. Februar 2011
teilte der Rekurrent der Vorinstanz mit, er sei im Besitz des Postfachs 000 der Post W.
Am 15. Juni 2011 wurde der Rekurrent als Lenker und Halter des Motorrades "Harley
Davidson" mit dem amtlichen Kennzeichen XX 0000 an der Z-Strasse in W von der
Polizei kontrolliert. Der wegen Alkoholgeruchs durchgeführte Atemlufttest ergab eine –
umgerechnete – Blutalkoholkonzentration von 0,73 Gew.-‰. Der Rekurrent
anerkannte das Ergebnis. Der Polizei, die ihn als Angeschuldigten befragte, gab er als
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Wohn- und Zustelladresse die Z-Strasse 000 in W an. Im vom Rekurrenten selbst
gelesenen und unterschriftlich bestätigten Polizeiprotokoll war angemerkt, dass das
Original an die Strafuntersuchungsbehörde und eine Kopie an die Administrativbehörde
gesandt werden. Der Rekurrent, der mit den Verfahrensabläufen nach
Verkehrsregelverletzungen aufgrund seines getrübten Leumunds insbesondere auch
als Motorfahrzeuglenker vertraut ist, hatte dementsprechend damit zu rechnen, dass
sowohl das Straf- als auch das Administrativverfahren, die beide für ihn erkennbar
durch den Polizeirapport ausgelöst wurden, über die von ihm bezeichnete
Zustelladresse an der Z-Strasse 000 oder aber über die von ihm im Februar 2011
gegenüber der Vorinstanz angegebene Postfachadresse abgewickelt würden.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung hat derjenige, der mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit auf die Zustellung einer Entscheidung gefasst sein muss, die zur
Wahrnehmung seiner Interessen geeigneten Vorkehrungen zu treffen. Kommt er dieser
Pflicht nicht nach, so wird das Unterlassen als Vereitelung der Zustellung gewertet (vgl.
J. Stadelwieser, Die Eröffnung von Verfügungen, St. Gallen 1993, S. 110 mit
zahlreichen Hinweisen). Unter den dargelegten Umständen war es deshalb die Pflicht
des Rekurrenten, Änderungen hinsichtlich der von ihm bekannt gegebenen
Zustelladressen der Vorinstanz mitzuteilen.
cc) Nachdem das an die Z-Strasse 000 gesandte Schreiben vom 10. August 2011
durch die Post an die Vorinstanz retourniert worden war und der Rekurrent keine
andere Zustelladresse bekannt gegeben hatte, durfte die Vorinstanz die angefochtene
Zwischenverfügung vom 29. September 2011 ohne weitere Abklärungen mit
eingeschriebenem Brief an die vom Rekurrenten Ende Februar 2011 bekannt gegebene
Postfachadresse zustellen. Die Verfügung wurde deshalb ungeachtet des – erst am
24. Oktober 2011 bekannt gewordenen – erneuten Wegzugs des Rekurrenten vom
19. September 2011 nach Spanien gültig eröffnet. Da die Rekursfrist von 14 Tagen
nach Ablauf der siebentägigen Abholfrist zu laufen begann, ist die Eingabe des
Rechtsvertreters vom 22. November 2011 offensichtlich verspätet, so dass auf den
Rekurs nicht eingetreten werden kann.
2.- Mit dem Entscheid in der Sache wird das Gesuch um Gewährung der
aufschiebenden Wirkung hinfällig.
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3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Auf die
Erhebung der Kosten ist gemäss Art. 97 VRP zu verzichten.
Der Rekurrent ersucht um unentgeltliche Rechtsverbeiständung. Das Gesuch kann,
wenn nach dessen Einreichung keine weiteren Verfahrensschritte zu unternehmen sind,
im Rahmen der Kostenregelung des Hauptverfahrens beurteilt werden (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 4P.300/2005 vom 15. Dezember 2005 E. 3.1; F. Emmel, in: Kommentar
zur Schweizerischen Zivilprozessordnung Zürich/Basel/Genf 2010, N 14 zu Art. 119
ZPO). Die unentgeltliche Rechtsverbeiständung wird vor Verwaltungsrekurskommission
gemäss Art. 99 Abs. 1 und 2 VRP in sachgemässer Anwendung der Vorschriften der
Schweizerischen Zivilprozessordnung gewährt. Eine Person hat nach Art. 117 ZPO
Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege, wenn sie nicht über die erforderlichen Mittel
verfügt (lit. a) und ihr Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint (lit. b). Als
aussichtslos erscheinen Rechtsbegehren, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich
geringer sind als die Verlustgefahren und daher nicht mehr als ernsthaft bezeichnet
werden können. Dagegen gilt ein Begehren nicht als aussichtslos, wenn sich
Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig
geringer sind als diese. Zu eng wird die Aussichtslosigkeit verstanden, wenn verlangt
wird, dass bereits auf Anhieb und ohne Beweisverfahren erkennbar ist, dass eine Partei
mit ihrem Standpunkt scheitern wird. Massgebend ist, ob eine Partei, die über die
nötigen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger Überlegung zu einem Prozess
entschliessen würde; denn eine Partei soll einen Prozess, den sie auf eigene Rechnung
und Gefahr nicht führen würde, nicht deshalb anstrengen können, weil er sie nichts
kostet (vgl. BGE 129 I 129 E. 2.3.1 und 128 I 225 E. 2.5.3; V. Rüegg, in: Basler
Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, Basel 2010, N 18 zu Art. 117
ZPO). Die Aussichtslosigkeit kann auch formeller Art sein, etwa bei verpassten Fristen,
bei klarer Unzuständigkeit des angerufenen Richters oder bei einem offensichtlich
unzulässigen Rechtsmittel (vgl. Rüegg, a.a.O., N 19 zu Art. 117 ZPO).
Die Frage der Rechtzeitigkeit der Rekurserhebung ist – wie dargelegt – zu verneinen.
Dabei wurde auf die Angaben des Rekurrenten zu seiner Zustelladresse gegenüber der
Polizei, den ihm bekannten Hinweis auf die Zustellung des Polizeirapports an die Straf-
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und Administrativbehörden und seine Pflicht, die Behörden über Änderungen der
Zustelladresse während eines laufenden Verfahrens zu informieren, abgestellt. Die
Sach- und Rechtslage waren insoweit klar, so dass auch bei einer summarischen, auf
Glaubhaftmachen beschränkten Prüfung (vgl. Rüegg, a.a.O., N 20 zu Art. 117 ZPO) die
Gewinnaussichten als beträchtlich geringer als die Verlustgefahren erscheinen. Aus
demselben Grund wurde darauf verzichtet, der Vorinstanz Gelegenheit zu einer
Stellungnahme zu geben (vgl. Art. 53 VRP). Das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung ist dementsprechend abzuweisen. Zur Behandlung des
Gesuchs ist der Abteilungspräsident als verfahrensleitender Richter zuständig
(vgl. Art. 119 Abs. 3 ZPO in Verbindung mit Art. 17 Abs. 1 lit. c des
Einführungsgesetzes zur ZPO, sGS 961.2, und Art. 12 lit. b der Verordnung über die
Organisation der Verwaltungsrekurskommission, sGS 941.113). Für das Verfahren zur
Überprüfung der Voraussetzungen der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung sind
keine Kosten zu erheben.
Präsidialverfügung:
1. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
wird abgewiesen.
2. Es werden keine Kosten erhoben