Decision ID: 67dede04-c0c9-48b7-ae1c-8de59b9ddec0
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
T._,
Beschwerdeführer,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Einstellung in der Anspruchsberechtigung (Arbeitgeberkündigung)
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Sachverhalt:
A.
A.a T._ meldete sich am 14. Dezember 2009 beim RAV zur Arbeitsvermittlung an
(act. G 3.1/29). Mit Arbeitgeberbescheinigung vom 18. Januar 2010 gab die A._ an,
das Arbeitsverhältnis sei am 14. Dezember 2009 fristlos aufgelöst worden, da der
Versicherte handgreiflich geworden sei (act. G 3.1/26). Auf entsprechende
Aufforderung der Kantonalen Arbeitslosenkasse St. Gallen führte der Versicherte aus,
er habe zwar einen anderen Mitarbeiter gepackt und an die Wand gedrückt. Er habe
diesen jedoch nicht geschlagen. Es sei eine Kurzschlussreaktion gewesen, da er vom
anderen Mitarbeiter mehrfach provoziert worden sei. Es habe schon im November
2009 ein heftiges Wortgefecht gegeben, damals aber ohne "Feindberührung". Es sei
um arbeitsablauftechnische Sachen gegangen. Mit den anderen Angestellten habe er
jedoch keine Schwierigkeiten gehabt (act. G 3.1/18).
A.b Mit Verfügung vom 2. Februar 2010 stellte die Arbeitslosenkasse den Versicherten
für 46 Tage ab 1. Januar 2010 in der Anspruchsberechtigung ein, da er der
Arbeitgeberin Anlass zur Kündigung gegeben habe und da von einem schweren
Verschulden auszugehen sei (act. G 3.1/14). Mit Einsprache vom 19. Februar 2010
beantragte der Versicherte eine Reduktion der Einstelldauer. Er stehe zwar zu seinem
Fehler, weshalb er eine gewisse Reduzierung seiner Anspruchsberechtigung
akzeptiere. 46 Tage seien jedoch zu viel. Er sei länger als sein Kontrahent in der Firma
gewesen und mit Ausnahme von diesem habe er keine Probleme dieser Art gehabt. Es
sei um Probleme gegangen, die eigentlich die Firma bzw. deren Abteilungsleiter hätten
lösen sollen (act. G 3.1/9). Mit Entscheid vom 8. März 2010 wies die Arbeitslosenkasse
die Einsprache ab (act. G 3.1/7).
B.
Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 6. April 2010 mit
dem Antrag auf Reduktion der Einstelldauer an den unteren Rand des schweren
Verschuldens (act. G 1).

Erwägungen:
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1.
1.1 Nach Art. 30 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) ist die
versicherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie durch eigenes
Verschulden arbeitslos ist. Selbstverschuldet ist die Arbeitslosigkeit namentlich dann,
wenn die versicherte Person durch ihr Verhalten, insbesondere wegen Verletzung
arbeitsvertraglicher Pflichten, dem Arbeitgeber Anlass zur Auflösung des
Arbeitsverhältnisses gegeben hat (Art. 44 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIV; SR
837.02]). Zu den arbeitsvertraglichen Verpflichtungen eines Arbeitnehmers gehört es,
die allgemeinen Anordnungen des Arbeitgebers und die ihm erteilten besonderen
Weisungen nach Treu und Glauben zu befolgen (Art. 321d Abs. 2 des Schweizerischen
Obligationenrechts [OR; SR 220]).
1.2 Am 17. Oktober 1991 ist für die Schweiz das Übereinkommen Nr. 168 der
Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) über die Beschäftigungsförderung und den
Schutz gegen Arbeitslosigkeit vom 21. Juni 1988 (nachfolgend Übereinkommen; SR
0.822.726.8) in Kraft getreten. Gemäss Art. 20 lit. b des Übereinkommens können
Leistungen verweigert, entzogen, zum Ruhen gebracht oder gekürzt werden, wenn die
zuständige Stelle festgestellt hat, dass die betreffende Person vorsätzlich zu ihrer
Entlassung beigetragen hat. Da diese Bestimmung inhaltlich hinreichend bestimmt und
klar ist, ist sie im Einzelfall direkt anwendbar und geht damit allfällig widersprechendem
Landesrecht vor (BGE 124 V 236 f. E. 3c). Eine Einstellung in der
Anspruchsberechtigung setzt somit voraus, dass die versicherte Person vorsätzlich zu
ihrer Entlassung beigetragen hat (Urteile des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
[EVG; ab 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 26.
April 2006, C 6/06, E. 1.1 und C 11/06, E. 1, je mit Hinweisen auf BGE 124 V 236 E.
3b). Im Sozialversicherungsrecht handelt vorsätzlich, wer eine Tat mit Wissen und
Willen begeht, oder mindestens im Sinn des Eventualvorsatzes in Kauf nimmt
(Jacqueline Chopard, Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung, Diss. Zürich 1998,
S. 52). Eine zumindest eventualvorsätzliche Herbeiführung der Arbeitslosigkeit liegt
beispielsweise dann vor, wenn die versicherte Person auf Grund einer Verwarnung
weiss, dass ein bestimmtes Verhalten vom Arbeitgeber nicht – oder nicht mehr –
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toleriert und zu einer Kündigung führen wird, sie aber dennoch die ihr nach den
persönlichen Umständen und Verhältnissen zumutbare Anstrengung zu einer Änderung
des beanstandeten Verhaltens nicht aufbringt (vgl. BVR 1999 S. 379 E. 5c). Hat eine
versicherte Person nur grob fahrlässig zur Kündigung durch den Arbeitgeber
beigetragen, ist eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung gemäss Art. 20 lit. b des
Übereinkommens nicht zulässig.
1.3 Beim Einstellungsgrund nach Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV genügt der im
Sozialversicherungsrecht übliche Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nicht, sondern das der versicherten Person zur Last gelegte Verhalten muss klar
feststehen (vgl. Thomas Nussbaumer, Arbeitslosenversicherung, in: Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Bd. XIV Soziale Sicherheit, 2. Auflage, Rz 829 mit Hinweisen).
Bei Differenzen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vermögen blosse
Behauptungen des Arbeitgebers den Nachweis für ein schuldhaftes Verhalten der
versicherten Person nicht zu erbringen, wenn sie von dieser bestritten werden und
nicht durch andere Beweise oder Indizien bestätigt erscheinen (BGE 112 V 245 E. 1 mit
Hinweisen; ARV 1993/94 Nr. 26 S. 183 f. E. 2a; Nussbaumer, a.a.O., Rz 831 mit
Hinweisen).
2.
2.1 Vorliegend ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer gegenüber einem anderen
Mitarbeiter tätlich geworden war, indem er diesen gepackt und an die Wand gedrückt
(eigene Angabe; act. G 3.1/18) bzw. eine körperliche Auseinandersetzung mit ihm hatte
(Kündigungsschreiben; act. G 3.1/37). Im Weiteren ist unbestritten, dass der
Beschwerdeführer damit der Arbeitgeberin einen Anlass zur Kündigung gegeben und
die Beschwerdegegnerin demzufolge zu Recht eine Einstellung in der
Anspruchsberechtigung verfügt hat. Der Beschwerdeführer hat denn auch keine
arbeitsrechtlichen Schritte gegenüber der Arbeitgeberin wegen ungerechtfertigter
fristloser Entlassung unternommen. Er macht jedoch geltend, die Einstelldauer sei zu
lang.
2.2 Der Beschwerdeführer macht dazu geltend, er sei vom anderen Mitarbeiter verbal
provoziert worden. Es habe auch schon im November 2009, also vor der Eskalation,
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eine heftige verbale Auseinandersetzung gegeben. Dabei sei es jeweils nicht um
Persönliches, sondern um arbeitsablauftechnische Probleme gegangen. Wie der
Beschwerdeführer in seiner Einsprache vom 19. Februar 2010 jedoch zu Recht
bemerkt, ist die Organisation der betrieblichen Abläufe Sache der Arbeitgeberin bzw.
des zuständigen Abteilungsleiters. Mithin liegt es nicht am Beschwerdeführer, seine
Auffassung der Arbeitsausführung bei den anderen Mitarbeitern durchzusetzen. Ist er
der Auffassung, dass andere Mitarbeiter eine zweckmässige Ausführung der Arbeit
behindern, hätte er demnach den Vorgesetzten benachrichtigen können und müssen.
Im Weiteren bleibt der Beschwerdeführer in seinen Ausführungen, worin die behauptete
Provokation bestanden haben soll, stets vage. Nachdem er jedoch die
Auseinandersetzung darum in seinem Antrag auf Arbeitslosenentschädigung lediglich
als "kleine Differenz" bezeichnet (act. G 3.1/35), war diese wohl nicht besonders
schwerwiegend. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass sie nicht jenes Ausmass
angenommen hat, das die Reaktion des Beschwerdeführers als entschuldbar
erscheinen lässt (vgl. Ullin Streiff/Adrian von Kaenel, Arbeitsvertrag, 6. Aufl., Art. 337
N5 S. 737 und 740).
2.3 Im Weiteren macht der Beschwerdeführer geltend, er sei vor der Entlassung nicht
verwarnt worden. Indem er jedoch gegen einen anderen Mitarbeiter, der ihn nach
eigenen Angaben nur verbal und nicht auf der persönlichen Ebene provoziert hatte,
tätlich geworden war, setzte er ein Verhalten, das von der Arbeitgeberin
unbestrittenermassen mit einer fristlosen Entlassung sanktioniert werden durfte. Mithin
musste dem Beschwerdeführer auch ohne vorgängige Mahnung klar gewesen sein,
dass ein solches Verhalten von der Arbeitgeberin nicht toleriert würde und demnach
die fristlose Kündigung zur Folge haben kann. Er hat demnach die fristlose Entlassung
eventualvorsätzlich in Kauf genommen.
2.4 (Eventual-)Vorsatz stellt nach IAO-Recht eine Voraussetzung dar, damit überhaupt
eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung erfolgen kann (vgl. vorstehende
Erwägung 1.2). Er stellt aber auch ein Element der Verschuldensbemessung dar. Indem
der Beschwerdeführer eventualvorsätzlich zu seiner Entlassung beigetragen hat, ist
jedenfalls von einem schweren Verschulden auszugehen, womit ein Sanktionsrahmen
von 31 bis 60 Tagen zur Verfügung steht (Art. 45 Abs. 2 AVIV). Bei der konkreten
Sanktionsbemessung ist zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer der
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Arbeitgeberin einen Grund zur fristlosen Auflösung des Arbeitsverhältnisses gegeben
hat. Entlastungsgründe sind sodann keine ersichtlich, reichen doch die vom
Beschwerdeführer geltend gemachten, aber nicht genauer spezifizierten Provokationen
seines Kontrahenten nicht aus, um sein Verhalten als entschuldbar anzusehen. Die
Beschwerdegegnerin ist mit einer Einstelldauer von 46 Tagen im mittleren Bereich des
anwendbaren Sanktionsrahmens geblieben, was unter den gegebenen Umständen
nicht zu beanstanden ist.
Nachdem der Beschwerdeführer jedoch am 14. Dezember 2009 fristlos entlassen
wurde, ist der Beginn der Einstellungsfrist (Art. 30 Abs. 3 letzter Satz AVIG;
Nussbaumer, a.a.O., Rz 861) auf den 15. Dezember 2009 festzusetzen (Art. 45 Abs. 1
lit. a AVIV).
3.
Nach dem Gesagten ist der Einspracheentscheid vom 8. März 2010 dahingehend
abzuändern, dass der Beginn der Einstellungsfrist auf den 15. Dezember 2009
festzusetzen ist. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind keine
zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).