Decision ID: 25e7a19e-09bd-5deb-9ec6-32d7f71d7c40
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Januar 2018 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu einer
ganzen Rente der Invalidenversicherung an (act. G 4.1.6). Die EL-Durchführungsstelle
wies ihn mit einem Schreiben vom 18. Juni 2018 darauf hin (act. G 4.2.86), dass seine
am 21. Februar 2018 in die Schweiz eingereiste Ehefrau verpflichtet sei, einen Beitrag
an den ehelichen Unterhalt zu leisten. Sollte sie kein Erwerbseinkommen erzielen,
werde allenfalls ein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet. Der EL-
Ansprecher gab am 27. Juni 2018 an (act. G 4.2.85), seine Ehefrau erziele kein
Erwerbseinkommen. Sie habe im Herkunftsland ein Praktikum als Buchhalterin
absolviert. Sie sei der deutschen Sprache nicht mächtig, weshalb sie nun einen
Deutschkurs absolviere, der zweimal zwei Stunden pro Woche in Anspruch nehme. Sie
benötige eine Unterstützung bei der Stellensuche. Die EL-Durchführungsstelle hielt in
einem Schreiben vom 9. Juli 2018 fest (act. G 4.2.84), die Ehefrau müsse sich pro
Monat um mindestens acht Arbeitsstellen bemühen. Die Bewerbungen müssten
schriftlich erfolgen. Mindestens zwei Bewerbungen müssten sich auf ausgeschriebene,
tatsächlich freie Stellen beziehen. Ein vollständiges Bewerbungsdossier bestehe aus
einem positiven und individuellen Bewerbungsschreiben, aus dem Erfahrungen und
Stärken hervorgingen, aus einem Lebenslauf mit Foto und aus allfälligen
Arbeitszeugnissen. Für die Arbeitssuche könne auch die Hilfe des regionalen
Arbeitsvermittlungszentrums in Anspruch genommen werden. Die Ehefrau des EL-
Ansprechers hatte sich bereits am 2. Juli 2018 zur Arbeitsvermittlung angemeldet (act.
G 4.2.80). Mit einer Verfügung vom 12. Juli 2018 sprach die EL-Durchführungsstelle
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dem EL-Ansprecher für die Zeit ab dem 1. Januar 2018 eine Ergänzungsleistung zu
(act. G 4.2.68). Bei der Anspruchsberechnung hatte sie kein hypothetisches
Erwerbseinkommen der Ehefrau berücksichtigt (act. G 4.2.70 f.).
Im September 2018 reichte der EL-Bezüger auf Verlangen der EL-
Durchführungsstelle die Nachweise über die Stellenbemühungen seiner Ehefrau in den
Monaten Juli, August und September 2018 ein (act. G 4.2.63 ff.). Im Juli und im August
2018 hatte die Ehefrau bei je acht Unternehmen persönlich vorgesprochen, um sich
nach einer allfälligen freien Arbeitsstelle zu erkundigen (act. G 4.2.65). Im September
2018 hatte sie bei fünf Unternehmen persönlich vorgesprochen; zusätzlich hatte sie
zwei schriftliche Bewerbungen getätigt, die sich nicht auf ausgeschriebene Stellen
bezogen hatten (act. G 4.2.63–9 f.). Die EL-Durchführungsstelle wies den EL-Bezüger
am 4. Oktober 2020 darauf hin (act. G 4.2.62), dass die Nachweise über die
Stellenbemühungen den Anforderungen noch nicht vollständig genügten. Sie
wiederholte diese Anforderungen und unterbreitete diverse konkrete
Verbesserungsvorschläge. Abschliessend forderte sie den EL-Bezüger auf, bis zum 20.
November 2018 die Nachweise für die Stellenbemühungen in den Monaten Oktober
und November 2018 einzureichen. Am 26. Oktober 2018 erliess sie eine Verfügung, mit
der sie die Ergänzungsleistung rückwirkend ab dem 1. März 2018 korrigierte respektive
– unter Berücksichtigung der Nichterwerbstätigenbeiträge der Ehefrau – leicht erhöhte
(act. G 4.2.58). Am 20. November 2018 reichte der EL-Bezüger die Nachweise über die
Stellenbemühungen seiner Ehefrau in den Monaten Oktober und November 2018 ein
(act. G 4.2.57). Diese hatte sich in den beiden Monaten jeweils mittels einer
persönlichen Vorsprache um sechs und mittels Bewerbungsschreiben um zwei weitere
Arbeitsstellen beworben. Am 23. November 2018 notierte eine Sachbearbeiterin der
EL-Durchführungsstelle (act. G 4.2.55), die vier schriftlichen Bewerbungen in den
Monaten Oktober und November 2018 seien „in Ordnung“ respektive „einen Versuch
wert“ gewesen. Die EL-Durchführungsstelle habe den EL-Bezüger aber nun schon
mehrfach darauf hingewiesen, dass sie acht schriftliche Bewerbungsversuche pro
Monat erwarte. Trotzdem seien die übrigen Stellenbemühungen wiederum mittels
persönlicher Vorsprache getätigt worden. Die Anforderungen seien folglich nicht erfüllt,
weshalb mit Wirkung ab dem 1. Dezember 2018 ein hypothetisches
Erwerbseinkommen der Ehefrau von 41’409 Franken anzurechnen sei. Dieses orientiere
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich am statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne im Jahr 2016. Von diesem
sei ein Abzug von zehn Prozent vorzunehmen, weil das Lohnniveau in der Grossregion
Ostschweiz erfahrungsgemäss rund zehn Prozent tiefer als das gesamtschweizerische
Lohnniveau sei. Weil die Ehefrau des EL-Bezügers relativ frisch aus dem Ausland
zugezogen sei, sei ein weiterer Abzug von zehn Prozent zu berücksichtigen.
Schliesslich seien die Sozialversicherungsbeiträge von 6,225 Prozent abzuziehen. Mit
einer Verfügung vom 29. November 2018 hob die EL-Durchführungsstelle die laufende
Ergänzungsleistung per 1. Dezember 2018 mit der Begründung auf, infolge der
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau von 41’409
Franken resultiere ein Einnahmenüberschuss (act. G 4.2.53).
Am 14. Dezember 2018 meldete sich der ehemalige EL-Bezüger mittels des dafür
vorgesehenen Formulars erneut zum Bezug von Ergänzungsleistungen an (act. G
4.2.47). Mit einer Verfügung vom 8. Januar 2019 wies die EL-Durchführungsstelle das
Leistungsbegehren mangels eines anspruchsbegründenden Ausgabenüberschusses
ab (act. G 4.2.41). Bei der Anspruchsberechnung hatte sie wieder ein hypothetisches
Erwerbseinkommen der Ehefrau von 41’409 Franken berücksichtigt (vgl. act. G 4.2.43).
Am 10. Januar 2019 reichte der EL-Ansprecher die Nachweise über die
Stellenbemühungen seiner Ehefrau im Dezember 2018 ein; er wies darauf hin, dass
seine Ehefrau in der Zeit von Mitte Januar 2019 bis Mitte März 2019 an einem
Deutschkurs teilnehmen werde, der jeweils halbtags durchgeführt werde (act. G
4.2.40). Die EL-Durchführungsstelle teilte dem EL-Ansprecher am 21. Januar 2019 mit
(act. G 4.2.36), dass die neu eingereichten Nachweise keine Veranlassung zu einem
Widerruf der Verfügung vom 8. Januar 2019 gäben. Die Ehefrau des EL-Ansprechers
habe bislang nicht nachweisen können, dass sie sich ausreichend ernsthaft um eine
Arbeitsstelle bemühe.
A.c.
Am 11. Februar 2019 erhob der EL-Ansprecher eine Einsprache gegen die
Verfügung vom 8. Januar 2019 (act. G 4.2.29). Er beantragte die Zusprache von
Ergänzungsleistungen. Zur Begründung führte er aus, seine Ehefrau habe sämtliche
Anforderungen der EL-Durchführungsstelle erfüllt. Seit Mitte Januar 2019 besuche sie
einen Deutschkurs, der jeden Nachmittag in Anspruch nehme. Die Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens sei spätestens ab jenem Zeitpunkt nicht mehr
gerechtfertigt. Zumindest sei es rechtswidrig, ein hypothetisches Erwerbseinkommen
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
für ein Vollpensum zu berücksichtigen. Mit einem Entscheid vom 20. Juni 2019 wies die
EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (act. G 4.2.14). Zur Begründung führte sie
an, sie habe den EL-Ansprecher am 9. Juli 2018, am 29. August 2018 und am 4.
Oktober 2018 ausführlich darüber informiert, welche Anforderungen sie an die
Stellenbemühungen der Ehefrau stelle. Diese Anforderungen seien im hier
massgebenden Zeitraum bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung nicht erfüllt
worden. Der Deutschkurs habe die Ehefrau des Beschwerdeführers im Übrigen nicht
daran gehindert, sich weiterhin im geforderten Umfang um eine Arbeitsstelle zu
bemühen.
Am 22. August 2019 erhob der EL-Ansprecher (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 20. Juni
2019 (act. G 1). Er beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides und die Zusprache einer ohne Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau berechneten Ergänzungsleistung. Zur
Begründung führte er aus, seine Ehefrau habe sich intensiv um eine Arbeitsstelle
bemüht. Sie habe die Anforderungen zunächst nicht komplett verstanden, aber ihre
Bemühungen laufend verbessert. Nicht nachvollziehbar sei, weshalb die EL-
Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) die nach der Eröffnung
der Verfügung vom 8. Januar 2019 getätigten Stellenbemühungen nicht gewürdigt
habe. Die Beanstandungen der Beschwerdegegnerin an den Bewerbungsschreiben der
Ehefrau seien haltlos, denn die Beschwerdegegnerin habe nicht berücksichtigt, dass
die Ehefrau das Beste aus ihren wenigen Möglichkeiten gemacht habe.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 11. September 2019 unter Hinweis auf
die Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4).
B.b.
Der Beschwerdeführer hielt am 6. November 2019 an seinen Anträgen fest und
wies darauf hin, dass am 7. Oktober 2019 eine weitere abweisende Verfügung
ergangen sei (act. G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G
13).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Am 29. November 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Verfügung ein, mit der
ihm für die Zeit ab dem 1. September 2019 eine Ergänzungsleistung zugesprochen
worden war (act. G 15).
B.d.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Das Einspracheverfahren ist ebenfalls ein
„echtes“ Rechtsmittelverfahren gewesen, was bedeutet, dass sich sein Zweck in der
Überprüfung der Verfügung vom 8. Januar 2019 auf deren Rechtmässigkeit erschöpft
hat. Der Gegenstand des Einspracheverfahrens hat folglich jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen müssen, weshalb die
Sachverhaltsentwicklung nach der Eröffnung der Verfügung vom 8. Januar 2019 für
das Einspracheverfahren notwendigerweise irrelevant gewesen sein muss, wie die
Beschwerdegegnerin zu Recht festgehalten hat.
1.1.
Die Verfügung vom 8. Januar 2019 scheint auf den ersten Blick eine „normale“
Abweisungsverfügung gewesen zu sein. Dieser Eindruck täuscht aber, denn der
Beschwerdeführer hat sich am 14. Dezember 2018, also während der noch laufenden
Frist für eine Einsprache gegen die Verfügung vom 29. November 2018, mit der die
Beschwerdegegnerin einen laufenden Ergänzungsleistungsanspruch revisionsweise per
1. Dezember 2018 aufgehoben hatte, neu angemeldet. Der Umstand, dass diese
Neuanmeldung vom 14. Dezember 2018 mittels des dafür vorgesehenen Formulars
erfolgt ist, könnte zwar so verstanden werden, dass der Beschwerdeführer die
Aufhebung der Ergänzungsleistung per 1. Dezember 2018 akzeptiert und sich dann
einfach wieder neu zum Leistungsbezug angemeldet habe. Nach der
bundesgerichtlichen Auffassung gilt aber jede Willenserklärung während der laufenden
Rechtsmittelfrist, die als ein Nichteinverständnis mit der noch nicht rechtskräftigen
Verfügung interpretiert werden kann, als eine Anfechtung dieser Verfügung (vgl. das
Urteil des Bundesgerichtes 9C_211/2015 vom 21. September 2015). Im hier zu
beurteilenden Fall kommt hinzu, dass die Neuanmeldung vom 14. Dezember 2018, die
keinen Hinweis auf eine Sachverhaltsveränderung nach dem 30. November 2018
enthalten hat, nur auf ein Rückgängigmachen der Leistungsaufhebung abgezielt haben
kann und schon aus diesem Grund als eine Einsprache gegen die leistungsaufhebende
Verfügung vom 29. November 2018 interpretiert werden muss. Die
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Beschwerdegegnerin hätte die Eingabe vom 14. Dezember 2018 deshalb nicht als eine
Neuanmeldung betrachten dürfen, sondern sie hätte sie als eine Einsprache gegen die
Verfügung vom 29. November 2018 behandeln müssen. Die Verfügung vom 8. Januar
2019 ist bei richtiger Betrachtung also während eines hängigen Einspracheverfahrens,
das heisst lite pendente, ergangen. Sie kann deshalb nur eine (zulässige)
Widerrufsverfügung im Sinne des Art. 53 Abs. 3 ATSG gewesen sein, die die frühere
Verfügung, also diejenige vom 29. November 2018, integral ersetzt hat. Die als
Neuanmeldung „verkleidete“ Einsprache des Beschwerdeführers vom 14. Dezember
2018 ist damit gegenstandslos geworden.
Da der Beschwerdeführer die Verfügung vom 8. Januar 2019 frist- und
formgerecht angefochten hat, hat das verfahrensrechtlich falsche Vorgehen der
Beschwerdegegnerin keine Folgen gehabt. Obwohl sich das Dispositiv der Verfügung
vom 8. Januar 2019, seinem Wortlaut gemäss, nur zu einer allfälligen
Anspruchsberechtigung ab dem 1. Januar 2019 geäussert hat, hat die Verfügung vom
8. Januar 2019 als Widerrufsverfügung zur Verfügung vom 29. November 2018
zwingend auch eine rechtsgestaltende Anordnung für die Zeit ab dem 1. Dezember
2018 enthalten müssen. Die ursprünglich am 29. November 2018 verfügte
revisionsweise Aufhebung der Ergänzungsleistung per Ende November 2018 hat also
bei einer richtigen Interpretation des Dispositivs der Verfügung vom 8. Januar 2019
deren Entscheidinhalt gebildet. Damit hätte im angefochtenen Einspracheentscheid die
Einstellung der laufenden Ergänzungsleistung per 30. November 2018 geprüft werden
müssen. Da der Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens jenem des
Einspracheverfahrens entspricht, ist zunächst zu prüfen, ob die revisionsweise
Aufhebung der Ergänzungsleistung per 30. November 2018 rechtmässig gewesen ist.
1.3.
Hier steht nicht eine reale, sondern eine fiktive Erhöhung der anrechenbaren
Einnahmen zur Diskussion. Die Frage lautet deshalb, ob es zulässig gewesen ist, der
Ehefrau des Beschwerdeführers für die Zeit ab dem 1. Dezember 2018 neu ein
hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen, das heisst in Bezug auf das
Erwerbseinkommen vom realen Sachverhalt (kein Erwerbseinkommen der Ehefrau)
abzuweichen und zu fingieren, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers ab Dezember
2018 ein Erwerbseinkommen von 41’409 Franken erzielt habe. Ein solcher Wechsel von
der Realität zu einer Fiktion ist zwar vom Wortlaut des Art. 17 Abs. 2 ATSG an sich
nicht gedeckt, muss aber nach dessen Sinn und Zweck zulässig sein, wenn sich der
massgebende Sachverhalt so verändert hat, dass der Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG das
Abstellen auf den realen Sachverhalt nicht mehr länger erlaubt.
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG verlangt – in Verbindung mit dem Art. 11 Abs. 1 lit. a
ELG – die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens, wenn ein EL-
Bezüger oder eine in die Anspruchsberechnung mit einbezogene und damit ebenfalls
von der Ergänzungsleistung des EL-Bezügers profitierende Person auf die Erzielung
eines Erwerbseinkommens verzichtet. Dahinter steht der Gedanke, dass eine
Ergänzungsleistung nur jenen finanziellen Bedarf decken soll, den der EL-Bezüger
(oder eine in die Anspruchsberechnung einbezogene Person) nicht aus eigener Kraft
finanzieren kann. Das entspricht dem versicherungsmässigen Prinzip, dass nur zufällig
entstandene Schäden, also nur solche Schäden, die die versicherte Person nicht selbst
verursacht hat, zu decken sind. Ist es einem EL-Bezüger oder einer in die
Anspruchsberechnung einbezogenen Person zumutbar, ein Erwerbseinkommen zu
erzielen, geht der EL-Bezüger oder die in die Anspruchsberechnung mit einbezogene
Person aber keiner Erwerbstätigkeit nach und erzielt er respektive sie deshalb keinen
Lohn, so liegt diesbezüglich kein zufällig entstandener Schaden vor, das heisst die
entsprechende Bedürftigkeit ist nicht die Folge der vom EL-Bezüger nicht zu
beeinflussenden Umstände, sondern die Folge einer Verletzung der
ergänzungsleistungsspezifischen Schadenminderungspflicht. Dieser Teil des Schadens
(d.h. der finanziellen Bedürftigkeit) darf nicht durch eine Ergänzungsleistung gedeckt
werden. Um dies zu erreichen, muss von der Realität (kein Erwerbseinkommen)
abstrahiert und auf einen fiktiven Sachverhalt abgestellt, also ein hypothetisches
Erwerbseinkommen angerechnet werden (Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG). Die
Ergänzungsleistung reduziert sich um den Betrag des hypothetischen
Erwerbseinkommens und entspricht damit jenem finanziellen Bedarf, den der EL-
Bezüger und eine in die Anspruchsberechnung einbezogene Person nicht aus eigener
Kraft decken können.
2.2.
Die konkrete Schadenminderungspflicht ergibt sich aus der Situation, in der sich
der EL-Bezüger oder die in die Anspruchsberechnung einzubeziehende Person
befindet. Geht der EL-Bezüger einer Erwerbstätigkeit nach, ist er gehalten, diese
Tätigkeit weiter zu führen und weiterhin einen Lohn zu erzielen. Hat der EL-Bezüger
dagegen keine Arbeitsstelle, so besteht seine spezifische Schadenminderungspflicht
darin, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um eine Arbeitsstelle zu bemühen und sich
dadurch in die Lage zu versetzen, ein Erwerbseinkommen zu erzielen. Massgebend ist
dabei insbesondere, ob der EL-Bezüger arbeitsfähig ist und ob der tatsächliche
Arbeitsmarkt eine entsprechende offene Stelle bietet. Ist der EL-Bezüger oder eine in
die Anspruchsberechnung mit einzubeziehende Person – hier die Ehefrau des
Beschwerdeführers – uneingeschränkt arbeitsfähig, hängt die Beantwortung der Frage,
ob die spezifische Schadenminderungspflicht verletzt worden ist, entscheidend davon
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ab, ob eine unverschuldete oder eine selbst verschuldete Arbeitslosigkeit vorliegt,
wobei nur dann von einer nachweislich unverschuldeten Arbeitslosigkeit ausgegangen
werden kann, wenn sich der EL-Bezüger oder die in die Anspruchsberechnung mit
einzubeziehende Person ausreichend ernsthaft um eine Arbeitsstelle bemüht, aber
keine Arbeitsstelle gefunden hat. Die spezifische Schadenminderungspflicht in der
Form der Stellensuche ist trotz dem (weit zu interpretierenden) Art. 42 Satz 1 ATSG
nicht abmahnungsbedürftig, denn es versteht sich von selbst, dass eine arbeitsfähige,
aber arbeitslose Person, deren Einnahmen den Existenzbedarf nicht zu decken
vermögen, sich um eine Arbeitsstelle bemüht, um mit einem Erwerbseinkommen als
zusätzlicher Einnahmenquelle aus eigener Kraft ihren Existenzbedarf zu decken.
Die Frage, wie sich ein EL-Bezüger oder eine in die Anspruchsberechnung
einzubeziehende Person konkret um eine Arbeitsstelle bemühen muss, lässt sich nicht
pauschal beantworten. Die Antwort auf diese Frage hängt nämlich immer von den
Umständen des konkreten Einzelfalls ab. Erfahrungsgemäss können viele EL-Bezüger
nicht richtig einschätzen, wie und in welchem Umfang sie sich bewerben müssen, um
eine reale Chance auf eine Anstellung zu haben. Im Einzelfall kann ein EL-Bezüger
deshalb subjektiv der Ansicht sein, dass er sich ausreichend ernsthaft um eine
Arbeitsstelle bemühe, während er sich effektiv zu wenig oder nicht gut genug bewirbt.
Auch wenn die Schadenminderungspflicht in der Form der Stellensuche nicht
abgemahnt werden muss, ist es doch oft im Rahmen der Gewährung des spezifischen
rechtlichen Gehörs notwendig, die erforderliche Qualität und die nötige Zahl der
Bewerbungen bekanntzugeben. Die EL-Durchführungsstelle muss also einen
arbeitslosen, aber arbeitsfähigen EL-Bezüger nicht darauf hinweisen, dass er sich um
eine Arbeitsstelle bemühen müsse, aber sie muss ihm, wenn ein entsprechendes
Bedürfnis erkennbar ist, ganz konkret aufzeigen, in welchem Umfang und in welcher
Qualität er sich um eine Arbeitsstelle bemühen muss, damit von einer ausreichend
ernsthaften Stellensuche gesprochen werden kann. Die EL-Durchführungsstelle muss
aber, um dem Anspruch des betreffenden EL-Bezügers auf rechtliches Gehör
vollumfänglich gerecht zu werden, auch klar aufzeigen, was die Folge einer Verletzung
dieser konkreten Vorgaben an die Erfüllung der Schadenminderungspflicht bzw. einer
nicht ausreichend ernsthaften Stellensuche sein kann.
2.4.
Die Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer am 9. Juli 2018 darauf
hingewiesen, dass seine (in die Anspruchsberechnung einzubeziehende) Ehefrau pro
Monat acht schriftliche Bewerbungen tätigen müsse, von denen sich mindestens zwei
auf eine ausgeschriebene, tatsächliche Arbeitsstelle beziehen müssten. Sollte sich die
Ehefrau des Beschwerdeführers nicht mindestens in diesem Umfang – acht
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Bewerbungen pro Monat – und in dieser Qualität – schriftliche Bewerbungen, jede
vierte auf eine ausgeschriebene Stelle – um eine Arbeitsstelle bemühen, werde die
Beschwerdegegnerin ein hypothetisches Erwerbseinkommen anrechnen. Mit ihrem
Schreiben vom 9. Juli 2018 hat die Beschwerdegegnerin also sowohl die
Schadenminderungspflicht der Ehefrau genau umschrieben als auch die Folgen einer
Verletzung dieser konkretisierten Schadenminderungspflicht angedroht. Die Ehefrau
des Beschwerdeführers wäre ohne Weiteres in der Lage gewesen, die konkreten
Vorgaben der Beschwerdegegnerin an ihre Schadenminderungspflicht bzw. ihre
Stellensuche zu erfüllen, denn sie hatte sich bereits am 2. Juli 2018 beim zuständigen
RAV als stellensuchend eintragen lassen und sie hätte sich auch bei anderen
Institutionen (z.B. procap, Integrationshilfe, Sozialamt) unterstützen lassen können. Im
Übrigen ist aufgrund ihrer Ausbildung im Herkunftsland davon auszugehen, dass sie
durchaus in der Lage war, selbst zu erkennen, dass Bewerbungen auf ausgeschriebene
Stellen, die ihren Fähigkeiten entsprachen, viel mehr Erfolg versprachen als sogenannte
Blindbewerbungen. Im September 2018 hat die Ehefrau des Beschwerdeführers
Nachweise über ihre Stellenbemühungen eingereicht, die nicht den qualitativen
Anforderungen der Beschwerdegegnerin entsprochen haben. Sie hatte sich nämlich
vorwiegend mittels persönlicher Vorsprachen und nicht schriftlich um eine Arbeitsstelle
beworben und sie hatte keine einzige Bewerbung getätigt, die sich auf eine
ausgeschriebene Stelle bezogen hatte. Am 4. Oktober 2018 hat die
Beschwerdegegnerin die Erfüllung der im Schreiben vom 9. Juli 2018 konkretisierten
Schadenminderungspflicht abgemahnt. Gleichzeitig hat sie diverse konkrete
Verbesserungsvorschläge unterbreitet. Auch diese Abmahnung hat nochmals konkrete
quantitative und qualitative Vorgaben enthalten. Damit hat der Ehefrau des
Beschwerdeführers klar sein müssen, in welchem Umfang und in welcher Qualität sie
sich zu bewerben hatte. Trotzdem hat sie sich auch weiterhin nicht in der geforderten
Qualität um eine Arbeitsstelle bemüht. Sie hat nämlich weiterhin vorwiegend persönlich
bei potentiellen Arbeitgebern vorgesprochen, statt sich schriftlich um eine Arbeitsstelle
zu bewerben. Damit hat die Beschwerdegegnerin wegen der Verletzung der
abgemahnten konkretisierten Schadenminderungspflicht gestützt auf den Art. 11 Abs.
1 lit. g ELG ein hypothetisches Erwerbseinkommen der Ehefrau des
Beschwerdeführers als neue Einnahme anrechnen müssen. Ob der Betrag des
angerechneten hypothetischen Erwerbseinkommens richtig gewesen ist, kann offen
bleiben, denn die Ehefrau des Beschwerdeführers hätte als Hilfsarbeiterin mit einem
Vollpensum auf jeden Fall ein Erwerbseinkommen erzielt, das einen
Einnahmenüberschuss ergeben hätte. Die sanktionsweise Aufhebung der laufenden
Ergänzungsleistung per 30. November 2018 erweist sich somit als rechtmässig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerde ist abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren ist gemäss dem nach Art.
83 ATSG (in der seit dem 1. Januar 2021 geltenden Fassung) hier anwendbaren Art. 61
lit. a ATSG in der bis zum 31. Dezember 2020 gültigen Fassung kostenlos. Der
unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung hat der Staat der
Rechtsvertreterin allerdings eine Entschädigung auszurichten, die 80 Prozent des
erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Im Vergleich zu
einem durchschnittlich aufwendigen EL-Fall, für den eine Entschädigung von 3’000
Franken (100 Prozent) ausgerichtet würde, erweist sich der erforderliche
Vertretungsaufwand hier als unterdurchschnittlich, weil nur wenige Akten zu studieren
gewesen sind und weil folglich ein entsprechend geringer Aufwand für das
Aktenstudium aufgefallen ist. Das rechtfertigt es, die Entschädigung auf 80 Prozent von
2’500 Franken, also auf 2’000 Franken festzusetzen. Die Rechtsvertreterin wird dem
Beschwerdeführer den von ihm geleisteten Kostenvorschuss von 200 Franken
selbstverständlich zurückerstatten, da die Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung ihren Vertretungsaufwand ja vollständig abdeckt. Sollten es
seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur
Rückerstattung dieser Entschädigung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP
i.V.m. Art. 123 ZPO).