Decision ID: d8eeb05a-2574-5c35-827e-dea2c13c8909
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X wurde am Donnerstag, 7. Mai 2009, um 22.08 Uhr von der Stadtpolizei Zürich als
Fussgänger an der Zwinglistrasse 33 in Zürich im Anschluss an eine Übergabe von 0,4
Gramm Kokain kontrolliert und wegen Besitzes und Konsums von Kokain beim
Stadtrichteramt Zürich verzeigt. In der polizeilichen Befragung gab er an, seit 5-8
Jahren jährlich rund 6 Gramm Kokain zu konsumieren. Gestützt auf eine Kopie des
Polizeirapports vom 12. Mai 2009 und der Verzeigung vom 14. Mai 2009 eröffnete das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen gegenüber X am 6. Juli
2009 ein Administrativverfahren, verbot ihm vorsorglich das Führen von
Motorfahrzeugen und stellte die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung
in Aussicht. Der gegen den vorsorglichen Entzug des Führerausweises erhobene
Rekurs wurde am 16. Oktober 2009 gutgeheissen.
B.- Mit Zwischenverfügung vom 2. September 2009 ordnete das Strassenverkehrsamt
die Begutachtung durch die verkehrsmedizinische Abteilung des Instituts für
Rechtsmedizin am Kantonsspital St. Gallen an. Einem allfälligen Rekurs wurde die
aufschiebende Wirkung entzogen und X mit Schreiben vom 14. September 2009 zur
verkehrsmedizinischen Untersuchung für den 27. Oktober 2009, 8.00 Uhr, aufgeboten.
C.- Gegen die Zwischenverfügung vom 2. September 2009 erhob X durch seinen
Rechtsvertreter mit Eingabe vom 17. September 2009 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, dem Rekurs sei die aufschiebende
Wirkung zu gewähren und die angefochtene Verfügung sei aufzuheben. Auf die
Ausführungen zur Begründung des Antrags wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen. Den Termin für die verkehrsmedizinische Untersuchung
vom 27. Oktober 2009 nahm der Rekurrent angesichts des hängigen Rekurses nicht
wahr. Die Vorinstanz verzichtete am 4. November 2009 auf eine Vernehmlassung. Mit
Verfügung vom 18. Dezember 2009 erteilte der zuständige Abteilungspräsident dem
Rekurs die aufschiebende Wirkung. Die Kosten der Verfügung wurden bei der
Hauptsache belassen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 17. September 2009 ist rechtzeitig
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eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht an der Fahreignung des
Rekurrenten zweifelte und mit der angefochtenen Zwischenverfügung eine
verkehrsmedizinische Untersuchung anordnete.
a) Führerausweise dürfen nicht erteilt werden, wenn der Bewerber an einer die
Fahreignung ausschliessenden Sucht leidet (Art. 14 Abs. 2 lit. c des
Strassenverkehrsgesetzes; SR 741.01, abgekürzt: SVG). Sie sind zu entziehen, wenn
festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht
mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1 SVG). Wegen fehlender Fahreignung wird einer Person
der Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn sie an einer Sucht leidet,
welche die Fahreignung ausschliesst (Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG), wie beispielsweise
Alkohol-, Betäubungs- und Arzneimittelabhängigkeit (vgl. Botschaft zur Änderung des
Strassenverkehrsgesetzes vom 31. März 1999, in: BBl 1999 S. 4462 ff., S. 4491).
Trunksucht ist anzunehmen, wenn die betroffene Person regelmässig so viel Alkohol
konsumiert, dass ihre Fahrfähigkeit vermindert wird und sie diese Neigung zum
übermässigen Alkoholgenuss durch den eigenen Willen nicht zu überwinden vermag.
Drogensucht wird nach der Rechtsprechung bejaht, wenn die Abhängigkeit von der
Droge derart ist, dass der Betroffene mehr als jede andere Person der Gefahr
ausgesetzt ist, sich ans Steuer eines Fahrzeugs in einem – dauernden oder zeitweiligen
– Zustand zu setzen, der das sichere Führen nicht mehr gewährleistet. Im Interesse der
Verkehrssicherheit setzt die Rechtsprechung den regelmässigen Konsum von Drogen
der Drogenabhängigkeit gleich, sofern dieser seiner Häufigkeit und Menge nach
geeignet ist, die Fahreignung zu beeinträchtigen (vgl. BGE 127 II 122 E. 3a und c mit
Hinweisen).
b) Bestehen Bedenken über die Eignung eines Führers, so ist er gemäss Art. 14 Abs. 3
SVG einer neuen Prüfung zu unterwerfen. Die blosse Anordnung einer verkehrs
medizinischen Abklärung der Fahreignung (im Hinblick auf die Prüfung eines allfälligen
Sicherungsentzuges) setzt konkrete Anhaltspunkte dafür voraus, dass der fragliche
Inhaber des Führerausweises mehr als jede andere Person der Gefahr ausgesetzt ist,
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sich in einem Zustand ans Steuer eines Fahrzeuges zu setzen, der das sichere Führen
nicht mehr gewährleistet (vgl. BGE 127 II 122 E. 3c; 124 II 559 E. 3d, je mit Hinweisen).
Der von der Expertengruppe Verkehrssicherheit herausgegebene Leitfaden für die
Administrativ-, Justiz- und Polizeibehörden vom 26. April 2000 geht davon aus, dass
das Suchtpotenzial von Kokain sehr hoch ist und dieses Betäubungsmittel im
Strassenverkehr aufgrund seiner enthemmenden Wirkung noch gefährlicher als Heroin
ist. Die Art des Konsums (Fixen, Folienrauchen, Sniffen usw.) spielt dabei keine Rolle.
Abklärungsbedarf besteht deshalb bereits bei der erstmaligen Mitteilung der Polizei
oder eines Arztes, dass ein Konsum dieser Substanzen festgestellt wurde. Es muss
kein Bezug zum Strassenverkehr bestehen. Bisherige Erfahrungen haben gezeigt, dass
höchstens 10% der beurteilten Fahrzeuglenker trotz Heroin- oder Kokainkonsums
fahrgeeignet sind (Ziff. II/4.1). Dieser Leitfaden ist für Verwaltungs- und
Gerichtsbehörden nicht verbindlich, gibt jedoch Hinweise auf allfällige
Verhaltensweisen, die im Hinblick auf die Fahreignungsprüfung dienlich sein könnten
(Urteile des Bundesgerichts 1C_140/2007 vom 7. Januar 2008, E. 2.4; 6A.38/2003 vom
12. August 2003, E. 4). Die aktuelle verkehrsmedizinische Lehre empfiehlt allein beim
Konsum einer der in Art. 2 Abs. 2 der Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11,
abgekürzt: VRV) genannten Substanzen, also insbesondere auch bei Kokain (lit. c), eine
verkehrsmedizinische Abklärung (vgl. M. Haag-Dawoud, Fahreignungsbegutachtung,
in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2009, St. Gallen 2009, S. 34).
c) aa) Der Rekurrent wurde vom Stadtrichter von Zürich mit Verfügung vom 15. Juli
2009 wegen Besitzes und Konsums von Kokain mit Fr. 300.-- gebüsst. Gemäss dem
der Verurteilung zugrunde liegenden Polizeirapport vom 12. Mai 2009 konsumiert er
nach eigenen Angaben seit 5-8 Jahren jährlich rund 6 Gramm Kokain. Unmittelbar vor
der Festnahme an einem Donnerstagabend um 22.08 Uhr hatte er eine Portion von 0,4
Gramm Kokain erworben. Dass er danach angab, letztmals am vergangenen
Wochenende Kokain konsumiert zu haben, deutet zumindest auf einen wöchentlichen
Konsum hin. Aus diesen Angaben ist zu schliessen, dass der Rekurrent nicht nur in
besonderen Einzelfällen, sondern seit mehreren Jahren mehr oder weniger regelmässig
Kokain konsumiert. Damit bestehen mit Blick auf die aktuelle verkehrsmedizinische
Lehre und die im Leitfaden niedergelegte Verwaltungspraxis ausreichende
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Anhaltspunkte für einen Kokainkonsum des Rekurrenten, der eine spezialärztliche
Abklärung seiner Fahreignung rechtfertigt.
bb) Dass der Rekurs gegen den von der Vorinstanz am 6. Juli 2009 verfügten
vorsorglichen Entzug des Führerausweises gutgeheissen wurde, verlangt keine
abweichende Beurteilung. Bei der Frage nach der Zulässigkeit der vorsorglichen
Massnahme war vorab zu prüfen, ob genügend Anhaltspunkte dafür vorlagen, dass der
Rekurrent nicht mehr in der Lage ist, Betäubungsmittelkonsum und Strassenverkehr
ausreichend zu trennen. Der Rekurrent war bisher lediglich einmal wegen Besitzes und
Konsums von Kokain strafrechtlich belangt worden. Dieser eine Vorfall hing nicht mit
dem Führen eines Motorfahrzeugs zusammen. Zudem waren keinerlei andere
Auffälligkeiten im Strassenverkehr, insbesondere im Zusammenhang mit dem Konsum
von Stoffen, welche die Fahrfähigkeit beeinträchtigen können, zu verzeichnen. Im
Verfahren des vorsorglichen Führerausweisentzugs wurde aufgrund einer
summarischen Prüfung ohne zusätzliche zeitraubende Abklärungen deshalb davon
ausgegangen, der Rekurrent stelle – zumindest zurzeit – kein besonderes Risiko für
andere Verkehrsteilnehmer dar.
Die Anordnung eines vorsorglichen Entzugs des Führerausweises setzt Anhaltspunkte
dafür voraus, dass der Fahrzeugführer andere Verkehrsteilnehmer im Vergleich zu den
übrigen Fahrzeugführern in erhöhtem Masse gefährden könnte, würde er während der
Dauer des Verfahrens zur Abklärung der Fahreignung zum Verkehr zugelassen (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 6A.49/2000 vom 28. Juni 2000, E. 3a; BGE 106 Ib 115 E. 2b).
Demgegenüber ist die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Abklärung der
Fahreignung nicht allein dann angezeigt, wenn Hinweise dafür bestehen, dass ein
Fahrzeuglenker das Lenken von Motorfahrzeugen und den Konsum die Fahrfähigkeit
beeinträchtigender Stoffe nicht ausreichend trennen kann, sondern auch dann, wenn –
selbst ohne einschlägige Auffälligkeit im Strassenverkehr – Hinweise auf eine
Abhängigkeit von einem solchen Stoff bestehen. Auch setzt die Diagnose einer die
Fahreignung ausschliessenden Drogenabhängigkeit im medizinischen Sinn keine
solche Auffälligkeit voraus. Mit der spezialärztlichen Untersuchung soll vielmehr
abgeklärt werden, in welchem Ausmass der Rekurrent Kokain und/oder andere
Suchtmittel konsumiert und ob aufgrund des erhobenen Konsumverhaltens eine
Drogenabhängigkeit im medizinischen Sinn zu diagnostizieren ist.
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cc) Auch die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur Zulässigkeit eines vorsorglichen
Entzugs des Führerausweises bis zur Abklärung von Ausschlussgründen verlangt keine
abweichende Beurteilung. Nach dieser Rechtsprechung erweckt der lediglich einmalige
nachgewiesene und nicht im Zusammenhang mit dem Führen eines Motorfahrzeugs
stehende Kokainkonsum bei einem Lenker mit einem ungetrübten automobilistischen
und bürgerlichen Leumund keine ernsthaften, einen vorsorglichen Entzug des
Führerausweises rechtfertigende Bedenken an seiner Fahreignung. Ein solcher
einmaliger Konsum genügt nicht für die Annahme, der Lenker stelle ein besonderes
Risiko für die anderen Verkehrsteilnehmer dar (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6A.
72/2006 vom 7. Februar 2007, E. 3.2).
Aus dieser Rechtsprechung lässt sich nicht ableiten, dass Abklärungen zur
Fahreignung nur dann angeordnet werden dürfen, wenn auch die Voraussetzungen für
einen vorsorglichen Entzug erfüllt sind. Zwar bildet der vorsorgliche Entzug in Fällen, in
denen Ausschlussgründe abzuklären sind, die Regel (vgl. BGE 127 II 122 E. 5 mit
Hinweis auf 125 II 396 E. 3; Urteil des Bundesgerichts 6A.106/2001 vom 26. November
2001, E. 3b). Jedoch können die konkreten Umstände des Einzelfalls auch dazu führen,
dass beispielsweise unter Berücksichtigung des Verhaltens des Betroffenen in der
Zwischenzeit im Strassenverkehr trotz der Anordnung einer spezialärztlichen
Untersuchung zur Abklärung der Fahreignung von einem vorsorglichen Entzug des
Führerausweises abgesehen werden kann (vgl. BGE 127 II 122). Auch der dargelegte
Entscheid des Bundesgerichts 6A.72/2006 vom 7. Februar 2007 ist auf diesem
Hintergrund zu verstehen. Zu prüfen war – für die Beurteilung der Kosten- und
Entschädigungsfolgen bei einer gegenstandslos gewordenen Beschwerde –
summarisch die Zulässigkeit eines vorsorglichen Entzugs des Führerausweises bis zur
Abklärung der Fahreignung, und es wurde ausdrücklich festgehalten, der vorsorgliche
Entzug während eines Sicherungsentzugsverfahrens bilde zum Schutz der
Verkehrssicherheit die Regel (vgl. E. 3.2 des Urteils). Daraus ist zu schliessen, dass die
Abklärung der Fahreignung durch eine spezialärztliche Untersuchung zwar angezeigt
war, aufgrund der konkreten Umstände aber ausnahmsweise der vorsorgliche Entzug
nicht gerechtfertigt gewesen wäre.
3.- Zusammenfassend ist der Rekurs deshalb abzuweisen. Dem Verfahrensausgang
entsprechend – das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung war
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gutzuheissen, der Rekurs selbst jedoch abzuweisen – sind die amtlichen Kosten zu fünf
Sechsteln dem Rekurrenten aufzuerlegen; einen Sechstel der Kosten trägt der Staat
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr, darin eingeschlossen die Kosten der
Verfügung vom 18. Dezember 2009, von Fr. 1'200.-- ist angemessen (Art.13 Ziff. 522
des Gerichtskostentarifs, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu
verrechnen. Die Finanzverwaltung ist anzuweisen, dem Rekurrenten Fr. 200.--
zurückzuerstatten. Ein Anspruch auf Zusprechung einer ausseramtlichen
Entschädigung besteht bei diesem Ausgang nicht.