Decision ID: d6de0c0d-4089-542c-a49e-c107135f8ba9
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Entscheid Verwaltungsgericht, 24.03.2015 Ausländerrecht, Gesuch um Härtefallbewilligung, Art. 14 Abs. 2 AsylG.Den Beschwerdeführern, die keinen Rechtsanspruch auf die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung geltend machen können, kommt als abgewiesenen Asylbewerbern mit vollstreckbarer Wegweisungsverfügung vor den kantonalen Behörden keine Parteistellung zu. Auf ihre Beschwerde ist deshalb nicht einzutreten. Das Härtefallverfahren dient nicht dazu, Asylgründe in einem zweiten Verfahren vorzubringen (Verwaltungsgericht, B 2014/93).Entscheid vom 24. März 2015 BesetzungPräsident Eugster; Verwaltungsrichter Linder, Heer, Rufener, Bietenharder; Gerichtsschreiber ScherrerVerfahrensbeteiligteA.Y., B.Y., Beschwerdeführer,beide vertreten durch Rechtsanwältin Saila Ruibal, Vadianstrasse 35, Postfach 115, 9001 St. Gallen,gegenSicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen, Oberer Graben 32, 9001 St. Gallen,Vorinstanz,GegenstandGesuch um Unterbreitung als Härtefall / Gesuch um Erteilung einer HärtefallbewilligungDas Verwaltungsgericht stellt fest:
A. A.Y. (geb. 1956, von Kosovo) und seine Ehefrau B.Y. (geb. 1960, von Serbien)
reisten am 8. September 2008 zusammen mit den Söhnen C. (geb. 1986) und D. (geb.
1991) und den Töchtern E. (geb. 1993) und F. (geb. 1994) in die Schweiz ein. Auf ihre
Asylgesuche trat das Bundesamt (heute Staatssekretariat) für Migration am 10. August
2009 nicht ein. Das Bundesverwaltungsgericht hiess die dagegen erhobenen
Beschwerden am 29. Dezember 2009 gut und wies die Angelegenheiten an das
Bundesamt zurück. Dieses lehnte die Asylgesuche am 6. Dezember 2011 ab und wies
die Eheleute Y. mit ihren Kindern aus der Schweiz weg. Die dagegen erhobenen
Beschwerden schrieb das Bundesverwaltungsgericht ab, soweit sie die mittlerweile
verheirateten und aufenthaltsberechtigten Kinder C. und E. betrafen; die Beschwerden
der Eltern und der Kinder D. und F. wurden abgewiesen. Das Bundesamt räumte ihnen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Frist zum Verlassen der Schweiz bis 19. September 2013 ein. A.Y. und B.Y. sowie
ihre Kinder D. und F. reisten nicht aus der Schweiz aus.
Auf das Ersuchen von A.Y. und B.Y. vom 11. September 2013 um Erteilung
humanitärer Aufenthaltsbewilligungen trat das kantonale Migrationsamt am 6.
Dezember 2013 nicht ein, mit der Begründung, es fehle ihnen die Parteistellung. Das
Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen trat auf den dagegen
erhobenen Rekurs am 6. Mai 2014 zwar ein, wies das Rechtsmittel jedoch ab mit der
Begründung, angesichts des rechtskräftigen und vollstreckbaren Asylentscheides sei
ein Anspruch von A.Y. und B.Y. auf eine Aufenthaltsbewilligung nicht ersichtlich. Ein
solcher Anspruch werde auch nicht geltend gemacht. Dem abgewiesenen
Asylbewerber, der keinen Bewilligungsanspruch geltend machen könne, stehe kein
Recht zu, einen Bewilligungsantrag zu stellen und ein entsprechendes kantonales
Verfahren in Gang zu setzen und zu durchlaufen. Im Übrigen lägen auch keine
schwerwiegenden persönlichen Härtefälle zufolge fortgeschrittener Integration vor.
B. A.Y. und B.Y. (Beschwerdeführer) erhoben gegen den Rekursentscheid des
Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) vom 6. Mai 2014 (Versand: 8. Mai
2014) mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 23. Mai 2014 beim Verwaltungsgericht
Beschwerde mit dem Rechtsbegehren, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei der
angefochtene Entscheid aufzuheben und das Gesuch um Erteilung einer
Härtefallbewilligung der zuständigen Bundesbehörde zu unterbreiten. Das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung wies der Präsident des
Verwaltungsgerichts am 31. Juli 2014 ab. Die Vorinstanz beantragte am 12. September
2014 die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Auf die
Ausführungen der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid und der Beschwerdeführer
zur Begründung ihrer Anträge wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59bis
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die
Beschwerdeführer sind zwar Adressaten des angefochtenen Entscheides, hingegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kommt ihnen als abgewiesenen Asylbewerbern mit vollstreckbarer
Wegweisungsverfügung gemäss den dem Anwendungsgebot von Art. 190 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV)
unterliegenden Bestimmungen von Art. 14 Abs. 1 und 4 des Asylgesetzes (SR 142.31,
AsylG) vor den kantonalen Behörden keine Parteistellung zu, es sei denn, es bestehe
ein Anspruch auf die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung (BGer 2D_3/2014 vom 16.
Januar 2014 E. 2; BGE 137 I 128 E. 4.1).
Die Beschwerdeführer berufen sich auf keine solche Anspruchsgrundlage, sondern
einzig auf die Härtefallregelung gemäss Art. 14 Abs. 2 AsylG. Sie machen geltend, die
Beziehung zwischen ihnen und den im gleichen Haushalt wohnenden Kindern – F. und
D. – sei zwingend zu berücksichtigen; die Familie dürfe nicht auseinander gerissen
werden. Sie leiten daraus aber zu Recht nicht einen gesetzlich oder grundrechtlich
geschützten Anspruch auf den Schutz des Familien- oder des Privatlebens ab.
Einen "umgekehrten" Familiennachzug der Eltern zu ihren in der Schweiz lebenden
ausländischen Kindern sehen Art. 42 ff. des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen
und Ausländer (Ausländergesetz; SR 142.20, AuG) nicht vor (vgl. BGer 2C_766/2009
vom 26. Mai 2010 E. 5). Soweit Art. 8 der Europäischen Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, EMRK) das Familienleben beschlägt,
schützt die Bestimmung in erster Linie die Kernfamilie, das heisst die Gemeinschaft der
Ehegatten mit ihren minderjährigen Kindern (vgl. BGE 135 I 143 E. 1.3.2 mit Hinweis auf
BGE 129 II 11 E. 2). Auf den Schutz des Familienlebens können sich deshalb Eltern –
jedenfalls soweit ihnen das Sorge- beziehungsweise Obhutsrecht zukommt (vgl. BGer
2C_531/2013 vom 19. Mai 2014 E. 2.1) – berufen, deren minderjährige Kinder über ein
gefestigtes Anwesenheitsrecht in der Schweiz verfügen (vgl. BGer 2C_718/2010 vom 2.
März 2011 E. 1.3, 2C_531/2013 vom 19. Mai 2014 E. 1.2.2). Die vier Kinder der
Beschwerdeführer sind volljährig. Im Verhältnis zu volljährigen Kindern besteht ein
Aufenthaltsanspruch nur, wenn zwischen den Eltern und den erwachsenen Kindern ein
besonderes Abhängigkeitsverhältnis besteht (vgl. BGer 2D_95/2008 vom 16. Januar
2009 E. 2.3.2). Zwei Kinder der Beschwerdeführer sind verheiratet und haben einen
eigenen Hausstand begründet. Ein besonderes über das sozial- und kulturübliche
Ausmass hinausgehendes Abhängigkeitsverhältnis zu den Kindern, die über eine auf
dem Familiennachzug beruhende Aufenthaltsbewilligung verfügen, machen die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer nicht geltend. Die im gleichen Haushalt lebenden Kinder der
Beschwerdeführer verfügen über kein gefestigtes Aufenthaltsrecht. Die Tochter F.
verfügt über eine Härtefallbewilligung, der Sohn D. ist ebenfalls abgewiesener
Asylbewerber mit vollstreckbarer Wegweisungsverfügung. Im Übrigen ist anzumerken,
dass gemäss ihren eigenen Angaben (act. 8/5 Dossier A.Y. und B.Y. Seite 242) – und
den Angaben von D.Y. (act. 9/5 Seite 226) – im Asylverfahren drei weitere verheiratete
Töchter (G., H. und I.) der Beschwerdeführer im Kosovo leben.
Aus dem Anspruch auf Schutz des Privatlebens gemäss Art. 8 EMRK ergibt sich ein
Recht auf Verbleib im Land bloss unter besonderen Umständen. Eine lange
Anwesenheit und die damit verbundene übliche Integration genügen hierzu für sich
allein nicht. Es bedarf vielmehr besonders intensiver, über eine übliche Integration
hinausgehender privater Bindungen gesellschaftlicher oder beruflicher Natur
beziehungsweise entsprechend vertiefter sozialer Beziehungen zum ausserfamiliären
Bereich. Selbst im Fall einer längeren Anwesenheit hat das Bundesgericht das
Bestehen eines Aufenthaltsanspruchs wiederholt verneint, soweit die Anwesenheit zu
keiner überdurchschnittlichen Verbundenheit mit den hiesigen Verhältnissen geführt
hatte. Zudem kann die blosse faktische, unbewilligte Aufenthaltsdauer im Rahmen von
Art. 8 EMRK grundsätzlich ohnehin nicht berücksichtigt werden (vgl. BGer
2C_730/2011 vom 24. Februar 2012 E. 2.3 und 4.2). Abgesehen davon, dass die
Beschwerdeführer keine überdurchschnittliche Verbundenheit mit den hiesigen
Verhältnissen geltend machen und eine solche Verbundenheit auch nicht ersichtlich
wird, halten sie sich seit dem Ablauf der Ausreisefrist am 19. September 2013 ohne
Bewilligung in der Schweiz auf.
Die Beschwerdeführer leiten daraus, dass der Beschwerdegegner schliesslich das
Härtefallgesuch ihrer jüngeren Tochter F. trotz fehlender Parteistellung geprüft und den
zuständigen Bundesbehörden unterbreitete, ab, ihr Gesuch müsste gleich behandelt
werden. Daraus, dass das Gesuch des einen Familienmitglieds behandelt wird, ergibt
sich indessen nicht, dass den Beschwerdeführern im Verfahren vor den kantonalen
Behörden Parteistellung zukommt. Die fehlende Parteistellung führt schliesslich auch
dazu, dass die Beschwerdeführer die Frage der pflichtgemässen Handhabung des
Ermessens durch den Beschwerdegegner nicht überprüfen lassen können. Dass Art.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
14 Abs. 4 AsylG ab- und weggewiesenen Asylbewerbern nicht verbietet, bei den
kantonalen Behörden eine Härtefallprüfung anzuregen, ist schliesslich unbestritten.
Da die Beschwerdeführer sich als ab- und weggewiesene Asylsuchende ohne
Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz aufhalten, können
sie weder formell ein Härtefallgesuch stellen noch die Weiterführung des
Bewilligungsverfahrens verlangen. Dementsprechend kann auf ihre Beschwerde nicht
eingetreten werden. Auch die Vorinstanz hätte deshalb auf ihren Rekurs nicht eintreten
können.
2. Im Übrigen erwiese sich die Beschwerde auch in inhaltlicher Hinsicht als
unbegründet. Einziger umstrittener Punkt ist nach der Darstellung der
Beschwerdeführer, ob im Sinn von Art. 14 Abs. 2 Ingress und lit. c AsylG wegen
fortgeschrittener Integration ein schwerwiegender persönlicher Härtefall vorliegt.
Die Beschwerdeführer machen geltend, die Abhängigkeit von der Sozialhilfe sei nicht
mutwillig herbeigeführt worden. Sie seien aufgrund ihrer schweren gesundheitlichen
Probleme nicht arbeitsfähig. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der
Beschwerdeführerin wurden im Beschwerdeverfahren nicht belegt. Selbst wenn solche
Beeinträchtigungen aber die wirtschaftliche Integration hemmen würden, würde dies
eine gesellschaftliche Integration nicht ausschliessen.
Sodann wird in der Beschwerde geltend gemacht, der Beschwerdeführer sei auf eine
intensive und spezialisierte Behandlung angewiesen, da er an einer schweren
psychischen Erkrankung leide. Werde die Behandlung abgebrochen, sei die Gefahr der
Retraumatisierung hoch. Selbst bei einem plötzlichen Wechsel des Therapeuten sei
eine suizidale Handlung sehr wahrscheinlich. Demnach liege bereits aus medizinischen
Gründen ein besonderer Härtefall vor. Diese Vorbringen stehen im Zusammenhang mit
der Behauptung, dem Beschwerdeführer – der im Heimatland wegen "Mordes in
psychischem Affekt" verurteilt wurde (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-102/2012 vom 15. August 2013 E. 5.1; act. 8/5 Dossier A.Y. und B.Y. Seite 103) –
und seiner Familie drohe die Blutrache. Sie waren im Wesentlichen Gegenstand der
Prüfung im Asylverfahren und wurden von den Asylbehörden eingehend und unter
Berücksichtigung von Erkundigungen, welche sie im Heimatland der Beschwerdeführer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einholten, gewürdigt. Die Asylbehörden haben im Rahmen der Anordnung der
Wegweisung auch den Stand des Gesundheitswesens im Heimatland des
Beschwerdeführers berücksichtigt. Sie haben zudem festgehalten, dass die
Beschwerdeführer auch im Heimatland des Beschwerdeführers über ein soziales,
insbesondere ein familiäres Netz verfügten. Das Bundesverwaltungsgericht ist im
Entscheid vom 15. August 2013 deshalb zum Schluss gekommen, die Wegweisung der
Beschwerdeführer sei zulässig, zumutbar und möglich. Das Verfahren betreffend
Erteilung einer Härtefallbewilligung im Sinn von Art. 14 Abs. 2 AsylG dient nicht dazu,
Asylgründe in einem zweiten Verfahren vorbringen zu können (vgl. VerwGE B 2010/6
vom 15. April 2010 E. 2.2, www.gerichte.sg.ch).
Des Weiteren wird in der Beschwerde vorgebracht, bei Härtefallgesuchen von Familien
sei der Gesamtsituation Rechnung zu tragen. Die Beschwerdeführer seien die
Bezugspunkte der jüngeren Tochter, die nun über eine Aufenthaltsbewilligung verfüge
und noch im gleichen Haushalt wohne wie ihr Bruder D. Der Fall der Beschwerdeführer
könne aber nicht völlig unabhängig vom Härtefall der Tochter betrachtet werden, nur
weil diese mittlerweile volljährig geworden sei. Wie bereits festgehalten, machen die
Beschwerdeführer zu Recht keinen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung
gestützt auf den grund- und völkerrechtlichen Schutz des Familienlebens geltend. Auch
die Härtefallbewilligung der volljährigen Tochter vermag – wie ausgeführt (vgl.
Erwägung 1) – an dieser Beurteilung nichts zu ändern.
3. Bei diesem Verfahrensausgang – das Nichteintreten kommt einer Abweisung
der Beschwerde gleich – sind die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens den
Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Da einzig die formelle Frage der
Beschwerdebefugnis der Beschwerdeführer zu prüfen war und mit gleichem Datum ein
inhaltlich übereinstimmender Entscheid zum Härtefallgesuch des Sohnes D. ergeht,
erscheint eine Entscheidgebühr von CHF 1'000 als angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Sie ist mit dem von den Beschwerdeführern
geleisteten Kostenvorschuss von CHF 2'000 zu verrechnen. CHF 1'000 sind ihnen
zurückzuerstatten. Bei diesem Ausgang des Verfahrens besteht kein Anspruch auf die
Entschädigung ausseramtlicher Kosten im Beschwerdeverfahren (Art. 98 Abs. 1 und
98bis VRP).