Decision ID: b50a3988-4782-40b6-b862-353f82a8f7e9
Year: 2011
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
fahrlässige schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil der Einzelrichterin in Strafsachen des Bezirkes Zürich vom 13. Dezember 2010 (GG100432)
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Anklage: (Urk. HD 23 und 24)
Die Anklageschriften der Staatsanwaltschaft Zürich - Sihl vom 28. September
2010 und 13. Oktober 2010 sind diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
(Urk. 56)
Die Einzelrichterin erkennt:
1. a) Der Angeklagte A._ ist schuldig der fahrlässigen schweren Körper-
verletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB.
b) Der Angeklagte B._ ist schuldig der versuchten Nötigung im Sinne
von Art. 181 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
Der fahrlässigen schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 125
Abs. 2 StGB ist der Angeklagte B._ nicht schuldig und wird dies-
bezüglich freigesprochen.
2. a) Der Angeklagte A._ wird bestraft mit einer Geldstrafe von 30 Ta-
gessätzen zu Fr. 120.– (entsprechend Fr. 3'600.–).
b) Der Angeklagte B._ wird bestraft mit einer Geldstrafe von 20 Ta-
gessätzen zu Fr. 260.– (entsprechend Fr. 5'200.–).
3. a) Der Vollzug der Geldstrafe des Angeklagten A._ wird aufgescho-
ben und die Probezeit auf zwei Jahre angesetzt.
b) Der Vollzug der Geldstrafe des Angeklagten B._ wird aufgescho-
ben und die Probezeit auf zwei Jahre angesetzt.
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4. Es wird festgestellt, dass der Angeklagte A._ dem Geschädigten im
Grundsatz zu 70 % schadenersatzpflichtig ist. Bezüglich der Bestimmung
der Höhe wird der Zivilanspruch des Geschädigten (Schadenersatz) auf den
Zivilweg verwiesen.
5. Der Angeklagte A._ wird verpflichtet, dem Geschädigten Fr. 7'000.– als
Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren
abgewiesen.
6. Dem Angeklagten B._ wird eine reduzierte Entschädigung von
Fr. 4'800.– (zzgl. MwSt) aus der Gerichtskasse zugesprochen.
7. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 3'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. Kosten der Polizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 863.90 Auslagen Untersuchung
Fr. 7'208.35 unentgeltliche Geschädigtenvertretung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
8. Die Kosten, einschliesslich derjenigen der Untersuchung und der unentgelt-
lichen Geschädigtenvertretung, werden dem Angeklagten A._ zu 4/5
und dem Angeklagten B._ zu 1/5 auferlegt.
9. (Mitteilungen)
10. (Rechtsmittel)
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Angeklagten A._:
(Urk. 75 S. 1)
1. Es sei mein Mandant in Abänderung von Ziff. 1 bis 3 des vorinstanzlichen
Urteils von Schuld und Strafe freizusprechen.
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2. Es sei in Abänderung von Ziff. 4 und 5 auf die Zivilforderungen nicht
einzutreten.
3. Es seien in Abänderung von Ziff. 7 und 8 die Kosten inkl. der unentgeltlichen
Geschädigtenvertretung für beide Verfahren auf die Staatskasse zu nehmen
und es sei mein Mandant eine Parteientschädigung von CHF 7'791.75
inkl. MwSt. auszurichten.
b) Der Verteidigung des Angeklagten B._:
(Urk. 77 S. 1f.; Prot. II S. 41)
1. Es sei Vormerk zu nehmen, dass der erstinstanzliche Freispruch betreffend
den Vorwurf der fahrlässigen schweren Körperverletzung in Rechtskraft
erwachsen ist.
2. Der Appellant sei vom Vorwurf der versuchten Nötigung im Sinne von
Art. 181 StGB in Verbindung mit Art. 22 StGB freizusprechen.
3. In Abänderung von Dispositiv 6 sei ihm eine angemessene Entschädigung
zuzusprechen.
4. In Abänderung von Dispositiv Ziffer 8 seien die gesamten Kosten des
Verfahrens auf die Staatskasse zu nehmen.
c) Des Geschädigtenvertreters:
(Urk. 72; schriftlich)
Die beiden Appellationen seien unter Kosten- und Entschädigungsfolge abzu-
weisen und das Urteil vom 13. Dezember 2010 sei zu bestätigen.
d) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 53; schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
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Das Gericht erwägt:
1. Prozessverlauf
1.1. Am 2. Juni 2008 wurde der Geschädigte C._ auf dem Flachdach der Liegenschaft D._-Strasse in Z._ durch eine Last des Autokrans gegen
einen Kamin gedrückt und schwer verletzt. Der Kran wurde vom Lastwagen aus
vom Angeklagten A._ gelenkt. Die Stadtpolizei Zürich rapportierte gegen den
Angeklagten A._ wegen „Arbeitsunfall durch Einklemmen eines Arbeiters
zwischen Kranladung und Kamin“ (HD Urk. 1).
1.2. Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl stellte das Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Verfügung vom 30. März 2009 mangels Strafantrag ein
(HD Urk. 10). Dieses "Abwürgen" der Strafuntersuchung ist schon angesichts der
im Polizeirapport aufgeführten Verletzungen des Geschädigten (Rippenfraktur
links, Lungenverletzungen, Leberverletzungen, alle Bänder am linken Knie und
linken Fuss gerissen; HD Urk. 1 S. 1) absolut unverständlich. Als geradezu mut-
willig muss die Verfahrenseinstellung qualifiziert werden, wenn die damals (schon
vorliegende) Krankengeschichte betrachtet wird („Rippenserienfraktur rechts mit
Pneumothoraces bds. und eine aktiv blutende Leberruptur“, HD Urk. 15/1 S. 2).
Auch der Austrittsbericht der Rehaklinik E._ vom 10. Oktober 2008 spricht
Bände. Zu diesem Zeitpunkt war der Geschädigte immer noch zu 100 % arbeits-
unfähig (HD Urk. 15/6 S. 2). So kann es denn auch nicht verwundern, dass im
Arztbericht vom 6. November 2009 zur Frage der Lebensgefahr ausgeführt wird:
„Leberriss, Pneumothorax und Thrombose der unteren Hohlvene mit Lungen-
embolie sind potentiell lebensbedrohliche Verletzungen, welche eine notfaIImäs-
sige kompetente unfallchirurgische Versorgung notwendig machen.“ (HD
Urk. 15/22 S. 1). Angesichts dieser Umstände muss die wider besseres Wissen
erfolgte Einstellung des Verfahrens schlicht als skandalös und eines Rechts-
staates als unwürdig bezeichnet werden. Letztlich würde sich die Frage der
Begünstigung im Sinne von Art. 305 Abs. 1 StGB stellen, hätte doch eine Straf-
verfolgung bei nicht angefochtener Einstellungsverfügung – wenn überhaupt – nur
unter sehr erschwerten Bedingungen wieder aufgenommen werden können.
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Nachdem der Geschädigte gegen die Einstellung des Verfahrens Rekurs erhoben
hatte (HD Urk. 11/1 und 11/2), hob das Obergericht des Kantons Zürich, III. Straf-
kammer, Geschäfts-Nr. UK090132, die Einstellungsverfügung der Staatsanwalt-
schaft Zürich-Sihl mit Beschluss vom 29. Mai 2009 auf und wies die Anklagebe-
hörde an, die Frage des Eintritts einer von Amtes wegen zu verfolgenden
schweren Körperverletzung zu prüfen (HD Urk. 11/4).
Nach nun durchgeführter Untersuchung erhob die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl
gegen den Angeklagten A._ am 28. September 2010 Anklage wegen fahr-
lässiger schwerer Körperverletzung (HD Urk. 23).
Am 13. Oktober 2010 erhob die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl zudem Anklage
gegen B._ wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung, weil er seinen
beiden unfallbeteiligten Mitarbeitern C._ und A._ nicht alle Arbeitsmittel
zur Verfügung gestellt habe, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand
der Technik anwendbar und den gegebenen Verhältnissen angemessen waren,
um den Bauunfall zu vermeiden, so insbesondere den Beteiligten Funkgeräte zu
überlassen. Ferner wird dem Angeklagten B._ versuchte Nötigung vorgewor-
fen, weil er am 12. Juni 2009 den Geschädigten aufgefordert habe, im laufenden
Strafverfahren wahrheitswidrig auszusagen, dass ihm beim Bauunfall vom 2. Juni
2008 Funkgeräte zur Verfügung gestanden seien, ansonsten er dem Bruder des
Geschädigten, F._, die Stelle kündigen werde, wobei es ihm trotz des so
aufgebauten Drucks auf den Geschädigten nicht gelang, ihn zu den verlangten,
wahrheitswidrigen Aussagen zu veranlassen (HD Urk. 24).
1.3. Die Vorderrichterin sprach nach der am 6. Dezember 2010 durchgeführten Hauptverhandlung (Prot. I S. 3 ff.) den Angeklagten A._ mit Urteil vom 13.
Dezember 2010 der fahrlässigen schweren Körperverletzung im Sinne von Art.
125 Abs. 2 StGB schuldig und bestrafte ihn mit einer Geldstrafe von
30 Tagessätzen zu Fr. 120.-, unter Aufschub des Vollzugs der Geldstrafe und
Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren. Ferner stellte die Einzelrichterin fest,
dass der Angeklagte A._ dem Geschädigten im Grundsatz zu 70 % scha-
denersatzpflichtig ist. Bezüglich der Bestimmung der Höhe wurde der Zivilan-
spruch des Geschädigten auf den Zivilweg verwiesen. Zudem wurde der Ange-
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klagte A._ verpflichtet, dem Geschädigten Fr. 7'000.- als Genugtuung zu be-
zahlen. Im Mehrbetrag wurde das Genugtuungsbegehren abgewiesen (Urk. 56 S.
40 f.).
Der Angeklagte B._ wurde der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen. Vom Vorwurf
der fahrlässigen schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB
wurde er indessen freigesprochen. Bestraft wurde er mit 20 Tagessätzen Geld-
strafe zu Fr. 260.-. Auch bei diesem Angeklagten schob die Vorderrichterin den
Vollzug der Geldstrafe auf und setzte eine Probezeit von zwei Jahren an (a.a.O.).
1.4. Mit Eingaben vom 15. Dezember 2010 (B._) resp. 23. Dezember 2010 (A._) liessen die beiden Angeklagten Berufung erklären. Nachdem beide
Angeklagten Freisprüche beantragen, liegen keine Einschränkungen der
Berufungen vor (Urk. 38 und 40).
Nach Zustellung des begründeten Entscheid am 22. März 2011 (Urk. 47/2 und
47/3) liessen die beiden Angeklagten mit Eingaben vom 7. resp. 8. April 2010
fristgerecht die Beanstandungen nennen (Urk. 48 und 49).
Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl beantragte mit Eingabe vom 21. April 2011
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils und teilte gleichzeitig Verzicht auf
Beweisanträge mit (Urk. 53).
Mit Verfügung vom 1. Juni 2011 überwies die Vorderrichterin das Verfahren dem
Obergericht zur Behandlung der Berufung (Urk. 55).
1.5. Innert der vom Obergericht am 27. Juni 2011 angesetzten Frist liess der Angeklagte B._ die Einvernahme eines Zeugen beantragen (Urk. 59). Der
Angeklagte A._ liess seinerseits am 6. Juli 2011 Beweisanträge stellen (Urk.
64). Sodann reichte er das Datenerfassungsblatt samt Beilagen ein (Urk. 63/1 –
63/5). Die Unterlagen des Angeklagten B._ gingen am 7. Juli 2011 beim
Obergericht ein (Urk. 67/1). Am 19. Juli 2011 wurde ferner den beiden Angeklag-
ten mitgeteilt, dass über die Beweisanträge anlässlich der Berufungsverhandlung
entschieden werde (Urk. 69).
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2. Prozessuales
2.1. Anwendbares Prozessrecht
Das Urteil der Vorinstanz datiert vom 13. Dezember 2010. Am 1. Januar 2011 ist
die Schweizerische Strafprozessordnung in Kraft getreten. Gemäss Art. 453
Abs. 1 der Schweizerischen Strafprozessordnung werden Rechtsmittel gegen
Entscheide, welche vor Inkrafttreten dieses Gesetzes gefällt wurden, nach
bisherigem Recht von den bisher zuständigen Behörden beurteilt. Demgemäss
kommt vorliegend das kantonale Prozessrecht (StPO/ZH und GVG/ZH) zur
Anwendung.
2.2. Berufungsumfang
Der Freispruch des Angeklagten B._ von der fahrlässigen schweren Körper-
verletzung wurde nicht angefochten, weshalb dieser Freispruch in Rechtskraft
erwachsen ist (Dispositivziffer 1b) 2. Absatz). Von den beiden Angeklagten unan-
gefochten geblieben ist weiter die erstinstanzliche Kostenfestsetzung (Dispositiv-
ziffer 7). Im Übrigen wurde gegen sämtliche Dispositivziffern Beanstandungen
erhoben (Urk. 48 und Urk. 49). Der Geschädigte hat weder Berufung noch
Anschlussberufung erhoben. Als Konsequenz der beantragten Freisprüche gelten
auch die von der Vorinstanz ausgesprochenen Sanktionen (Dispositivziffern 3 und
4) sowie die Verpflichtung des Angeklagten A._ zur Leistung von Schaden-
ersatz und Genugtuung (Dispositivziffern 5 und 6) als angefochten.
Auf die einzelnen Vorbringen der beiden Angeklagten in den Beanstandungs-
schriften wird in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen sein.
2.3. Beweisanträge
Innert der mit Präsidialverfügung vom 27. Juni 2011 (Urk. 59) angesetzten Frist
liess der Angeklagte B._ mit Eingabe vom 30. Juni 2011 (Urk. 61) den Beweisantrag betreffend Zeugeneinvernahme von G._ im Berufungsverfah-
ren stellen. Der Angeklagte A._ liess mit Eingabe vom 6. Juli 2011 (Urk. 64)
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die Beweisergänzung durch Einvernahme der Zeugen C._ und G._ so-
wie die Einholung eines Gutachtens betreffend den Unfallhergang beantragen.
2.3.1. Zeugeneinvernahme von G._
Beide Angeklagten beantragen die Einvernahme von G._ als Zeuge,
allerdings zu unterschiedlichen Fragen.
Der Angeklagte B._ beantragt die Befragung von G._ über des  von F._ am Arbeitsplatz, seinen Umgang mit Kollegen und seine Arbeits-
leistung. Der Angeklagte will mit der Einvernahme dieses Zeugen die wahren
Gründe für die Kündigung des Arbeitsverhältnisses von F._ durch die
H._ AG untermauern. Er macht geltend, die Kündigung von F._ durch
ihn als Vertreter der H._ AG sei alleine durch dessen zunehmend schlechte-
re Arbeitsleistung motiviert gewesen.
Bereits vor Vorinstanz hatte der Angeklagte B._ die Einvernahme von
G._ zur Frage der Kündigung der Arbeitsverhältnisses zu F._ aufgrund
mangelnder Arbeitsleistung beantragt. Die Vorinstanz hat mit zutreffender
Begründung auf die Einvernahme dieses Zeugen verzichtet. Der Argumentation
der Vorinstanz ist beizupflichten (Urk. 56 S. 4, § 161 GVG/ZH). Insbesondere ist
darauf hinzuweisen, dass selbst wenn die Kündigung des Arbeitsverhältnisses
durch schlechte Arbeitsleistung motiviert war, daraus keine klaren Schlüsse für
oder gegen den Nötigungsvorwurf gezogen werden können.
Der Angeklagte A._ beantragt die Zeugeneinvernahme von G._ zur Frage, ob es zutrifft, dass ihm F._ mitgeteilt habe, dass C._ ihm erklärt
habe, er sei mit einem Bein im kleinen Lüftungskamin gestanden, sei von der La-
dung getroffen worden und an den Metallkamin geschleudert worden. Der Ange-
klagte will damit dokumentieren, dass der Geschädigte ein Verhalten an den Tag
gelegt hat, welches krass jedwelchem Sicherheitsdenken widerspricht. Diesbe-
züglich ist in Erinnerung zu rufen, dass der Geschädigte im Unfallzeitpunkt allein
auf dem Dach war. Weder der Angeklagte A._ noch irgendwelche Dritt-
personen, insbesondere nicht der Bruder des Geschädigten oder G._, kön-
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nen Angaben über den Unfallhergang machen. Dass der Geschädigte, bevor er
von der Ladung getroffen wurde, irgendwo zwischen der Ladung und dem
Kamin gestanden sein muss, ist aufgrund seiner Lage nach dem Unfall beim
Eintreffen der Polizeifunktionäre (Urk. HD 13/2 Blatt 4 und Blatt 9) naheliegend
und stimmt mit der Aussage des Geschädigten in der polizeilichen Befragung
überein, wonach er fast über dem kleinen Kamin gestanden habe, er habe
verhindern wollen, dass der Kamin beschädigt werde und er sich vor den kleinen
Kamin gestellt habe, damit er die Ladung habe vom Kamin wegdrücken können
(HD Urk. 5 S. 3). Dass er durch die Ladung an den Metallkamin gedrückt wurde,
ist aufgrund der darauf festgestellten Blutanhaftungen und Eindellung ebenfalls
erstellt (HD Urk. 13/2 Blatt 4). Es ist jedenfalls beim heutigen Aktenstand nicht zu
erkennen, was eine Zeugenaussage von G._ betreffend Hörensagen über
die angebliche Äusserung des Geschädigten gegenüber seinem Bruder zur Klä-
rung des Unfallherganges beitragen könnte, zumal die angebliche Äusserung des
Geschädigten gegenüber seinem Bruder (mit der Ausnahme dass er ein Bein im
Kamin gehabt haben soll) mit der Aussage des Geschädigten in der
polizeilichen Einvernahme übereinstimmt. Dass er ein Bein im Kamin gehabt
haben soll, ist völlig unplausibel, hätte er dadurch doch seine Bewegungsfreiheit
massiv und völlig unnötig eingeschränkt. Abzustellen ist auf die Aussage des
Geschädigten in der polizeilichen Einvernahme. Von einer Zeugeneinvernahme
von G._ ist abzusehen.
2.3.2. Einholung eines Gutachtens
Aufgrund eines Gutachtens über den Unfallhergang will der Angeklagte A._ dartun, dass die Ursache des Unfalles im ausschliesslichen Eigenverschulden
des Geschädigten gelegen habe (Urk. 64 S. 2).
Diesbezüglich ist festzuhalten, dass ein Vorbericht des Wissenschaftlichen
Dienstes der Stadtpolizei vom 17. Juli 2008 bei den Akten liegt (HD Urk. 14/1).
Dieser Bericht kommt aufgrund der angetroffenen Situation, der gefunden Spuren
und dem Gesamtspurenbild zum Schluss, das Gerüstpaket mit einem Gewicht
von 1260 kg sei teilweise auf dem Dach aufliegend (Dachkies in den "Balken-
hohlräumen", separierte rotes Kunststoff-Bruchstück der Schutzkappen von
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Balken-Stirnseite) resp. in geringer Höhe über das Dach (Anprallstellen an der
Lüftung, am Kanalisations-Entlüftungsrohr und am braunen Metallkamin) in
Richtung vorderer Hausfassade resp. Lastwagenstandort verschoben worden,
dabei habe das Gerüstpaket gegen die vorgenannten Objekte gestossen.
Aufgrund der Blutanhaftungen am Metallkamin und an den Metallgerüst-
komponenten vom Gerüstpaket könne geschlossen werden, dass der Geschädig-
te zwischen dem Gerüstpaket und dem Kamin eingeklemmt worden sei (Urk.
HD 14/1 S. 5).
Der Vorbericht des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich stellt kein
Gutachten im Sinne von §§ 109 ff. StPO/ZH dar. Er ist somit als Beweismittel
nicht verwertbar. Allerdings ist der Unfallhergang aufgrund der Aussagen der
Beteiligten, der dokumentierten Situation auf dem Dach des Hauses und dem
Standort des Lastwagens derart klar, dass es zum Unfallablauf keiner weiteren
Beweismittel mehr bedarf, insbesondere keines Gutachtens. Soweit erforderlich,
wird unter dem Titel „Sachverhalt“ noch auf die Ausführungen des Verteidigers
zurückzukommen sein.
2.3.3. Zeugeneinvernahme des Geschädigten
Ausserdem beantragt der Angeklagte A._ die erneute Einvernahme des Geschädigten als Zeuge, damit sich das Gericht ein persönliches Bild über
dessen Aussageverhalten und seine Glaubhaftigkeit machen könne. Auf eine
erneute Einvernahme des Geschädigten ist zu verzichten. Das Gericht kann sich
aufgrund der in der Untersuchung durchgeführten Einvernahmen ein Bild über
die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Geschädigten machen. Es ist nicht zu
erwarten, dass eine erneute Befragung des Geschädigten neue Erkenntnisse
bringen würden, zumal heute über drei Jahre seit dem Unfall vergangen sind. Für
die Beurteilung des Unfallgeschehens ist auch ein persönlicher Eindruck des
Gerichtes vom Geschädigten nicht geeignet, eine Klärung des Ablaufes herbeizu-
führen.
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3. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
3.1. Fahrlässige schwere Körperverletzung (Angeklagter A._)
Es kann vorab auf die ausführlichen und vollständigen Ausführungen der Vorder-
richterin zum vorgeworfenen Sachverhalt, bestrittener Sachverhalt, Tatbestands-
voraussetzung und tatbestandsmässiger Erfolg verwiesen werden (Urk.56 4 ff.
Ziff. A.1.-4.1., § 161 GVG/ZH).
Im Folgenden wird zunächst von den Aussagen des Angeklagten A._ ausge-
gangen, die insofern als glaubhaft erscheinen, als angenommen werden darf,
dass er sich nicht selber zu Unrecht eines fehlerhaften Verhaltens bezichtigen
würde.
3.1.1. Es kann kein Zweifel bestehen, dass der Geschädigte verletzt wurde, nachdem der Angeklagte mit dem Anheben der Last begonnen hat. Die Last be-
wegte sich ganz offensichtlich nicht nur vertikal, sondern bis zu einem bestimmten
Grade auch horizontal, so dass der Geschädigte weg- und gegen den Kamin
gedrückt wurde, sei es, dass sich die Ladung von hinten nach vorne (gegen die
Dachkante wo der Lastwagen stand) bewegte oder sei es, dass sich die Ladung
drehte. Das auf dem Dach vorgefundene Spurenbild lässt keinen anderen
Schluss zu (HD Urk. 13/2 Blatt 4 und Blatt 9). Der Angeklagte A._ sagte bei
der Polizei aus, als er langsam mit dem „Aufziehen“ begonnen habe, sei es ihm
irgendwann „komisch“ vorgekommen, weil er die „Beige“ immer noch nicht habe
sehen können. Er habe den Motor mit dem Notknopf abgestellt, und „in diesem
Moment sah ich wie die ‚Beige’ kam. Es ‚chroste’ wegen dem Kies auf dem Dach
und ich sah das Material hin und her schaukeln. Es gab irgendwie nach.“ (HD
Urk. 4 S. 2). Die Richtigkeit dieser Aussagen bestätigte er in der staatsanwalt-
schaftlichen Befragung vom 7. September 2009 HD Urk. 12/2 S. 1). Die horizonta-
le Bewegung bestätigte der Angeklagte zumindest indirekt: Er wies darauf hin,
dass die letzte Ladung Kies drin gehabt habe (vgl. dazu HD Urk. 13/2 Blatt 8),
was zeige, dass die Ladung eben nicht ab Boden gewesen sei, sondern dass sie
hinten ca. 20 cm ab Boden gewesen sei und vorne eben nicht (HD Urk. 12/11
S. 3).
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Die horizontale Bewegung wurde auch vom Geschädigten bestätigt: Als Zeuge
sagte er aus, die Ladung habe sich zunächst etwas nach vorne, Richtung
Lastwagen bewegt (HD Urk. 12/4 S. 6).
Abgesehen davon lag die Ladung (vom Lastwagen her gesehen) auf der hinteren
Seite des Daches (vgl. HD Urk. 13/2 Blatt 5) und der Geschädigte stand beinahe
über dem Lüftungsschacht (HD Urk. 5 S. 3). Das kann nur bedeuten, dass sich
die Ladung von hinten nach vorne bewegte oder sie sich entsprechend drehte
und der Geschädigte so gegen den Kamin gedrückt wurde.
Wäre die Last nicht angehoben worden, hätte sie sich nicht gegen vorne bewegt
resp. sich entsprechend gedreht. Das Hochheben der Last bewirkte letztlich die
horizontale Bewegung (unabhängig davon, ob sich die Last von hinten nach vorne
bewegte oder ob sie sich entsprechend drehte) und als Folge davon die
Verletzungen beim Geschädigten, weil er durch die Last gegen den Kamin
gedrückt wurde. Der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Handeln
des Angeklagten A._ und den Verletzungen des Geschädigten ist unzweifel-
haft gegeben.
3.1.2. Wenn die Vorderrichterin ausführt, es sei vorliegend keine gesetzliche Norm ersichtlich, welche das inkriminierte Verhalten des Angeklagten A._
sanktioniere (Urk. 56 S. 9), so kann dem nicht zugestimmt werden. Art. 27 der
Verordnung über die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmerin-
nen und Arbeitnehmer bei Bauarbeiten (BauAV, SR 832.311.141), die auch für
abschliessende Arbeiten gilt (Art. 2 lit. a BauAV), hält fest, dass Transportanlagen
so einzurichten und in Stand zu halten sind, dass zwischen dem Personal, das die
Anlagen steuert, und jeder Stelle, die bedient wird, direkte Sichtverbindung
besteht. Wenn dies wegen der örtlichen Verhältnisse nicht möglich ist, muss ein
zuverlässiges Kommunikationssystem eingerichtet werden. Sodann beaufsichtigt
die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA) die Anwendung der
Vorschriften über die Verhütung von Berufsunfällen für Autokrane (Art. 49 Abs. 2
Ziff. 3 der Verordnung über die Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten,
SR 832.30, VUV). In der Lerneinheit „Anschlagen von Lasten“ der SUVA ist in
Ziff. 6 festgehalten, dass der Anschläger Sichtkontakt zum Kranführer haben
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sollte. Nachdem der Kranführer vom Arbeitgeber an den am Arbeitsplatz vorhan-
denen Kranen und Anschlagmittel anzuleiten ist (Verordnung über die sichere
Verwendung von Kranen, SR 832.312.15, Kranverordnung Art. 6 Abs. 3; EKAS
[Eidgenössische Koordinationskommission für Arbeitssicherheit] Richtlinie
Nr. 6510, „Kranführerausbildung für das Bedienen von Fahrzeug- und Turm-
drehkranen“, Ziff. 4, Grundausbildung; sowie Broschüre der SUVA „Fahrzeug-
krane und Turmdrehkrane“, Anforderungen), muss davon ausgegangen werden,
dass die Lerneinheit „Anschlagen von Lasten“ auch einem Kranführer (und nicht
nur dem Anschläger) bekannt sein muss.
Ferner hat der Angeklagte A._ erklärt, er sei zusammen mit dem Angeklag-
ten B._ dabei gewesen, als der Kranwagen bei den I._ abgeholt worden
sei. Es seien Unterlagen über Lastendiagramme und Sicherheitsvorschriften ab-
gegeben worden (Prot. I S. 11 f.; Prot. II S. 14). Dies wurde vom Angeklagten
B._ bestätigt: Man habe von der Lieferfirma eine Instruktion betreffend die
Bedienung und die Sicherheit und ausserdem das Kranhandbuch erhalten. Das
Ganze habe etwa einen halben Tag gedauert (Prot. I S. 19). Aus der vom Ober-
gericht beigezogenen „Betriebsanleitung, Hydraulischer Ladekran PK 72002,
Ausgabe 01/2006) geht Folgendes hervor:
- Das Befördern von Personen ist nur in einem dafür vorgesehenen Zusatzgerät
(Arbeitskorb) erlaubt (Ziff. 1.2-6).
- Arbeiten mit dem Kran ist nur in ordnungsgemäß abgestütztem Zustand zuläs-
sig. Vor dem Abstützen sind die Abstützausleger des Kranes und der Zusatzab-
stützung immer auf die volle Breite auszufahren (Ziff. 3.2-2).
- Der Arbeitsbereich ist so zu wählen, dass Fahr- oder Gehwege, Strassen etc.
die den Arbeitsbereich queren, während des gesamten Kraneinsatzes gesperrt
werden, und dass alle Kranbewegungen sowie Be- und Entladestellen im Blick-
feld des Kranführers liegen und die Last ständig im Auge behalten werden
kann. Sollte es nicht möglich sein, den gesamten Arbeitsbereich einzusehen, so
ist der Kranführer verpflichtet, sich von einer dafür qualifizierten Person
einweisen zu lassen (Ziff. 4.1-1).
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- Der Kran soll grundsätzlich nur um Lasten zu heben und niemals zum Los-
reissen, Schlagen, Ziehen (Schleifen) von Lasten, Drücken und Fahren gegen
Hindernisse oder zum Abschleppen von Fahrzeugen verwendet werden. Jeder
Schrägzug ist verboten. Die angehobene Last ist so zu bewegen, dass diese
nicht gegen den Kran oder andere Hindernisse stösst und nicht pendelt
(Ziff. 4.2-1).
Angesichts der Instruktion bei der Abnahme des Fahrzeugs muss davon ausge-
gangen werden, dass dem Angeklagten A._ diese Sicherheitsbestimmungen
bekannt waren. Abgesehen davon stand die Betriebsanleitung dem Angeklagten
zur Verfügung (Prot. II S. 14).
Zur Sorgfaltspflichtverletzung ist in der Anklageschrift einzig festgehalten, dass es
der Angeklagte A._ in pflichtwidriger Unvorsichtigkeit unterlassen habe, sich
mit der Fernbedienung auf das Dach zu begeben (Urk. HD 23 S. 2). Dem Ange-
klagten A._ wären jedoch noch weitere Sorgfaltspflichtverletzungen anzulas-
ten, welche jedoch nicht Eingang in die Anklageschrift gefunden haben.
So ist es dem Angeklagten A._ vorzuwerfen, dass er sich nicht selber einen
Überblick über die Verhältnisse auf dem Dach verschaffte. Er hatte keine Ahnung,
wo genau auf dem Dach sich die (letzte) Ladung befand, wie die örtlichen Ver-
hältnisse auf dem Dach aussahen und welche Hindernisse allenfalls vorhanden
waren. Gemäss seinen eigenen Aussagen sah er die zwei „Kamine“ erst, als er
auf das Dach geeilt war, um nach seinem (bereits verunfallten) Kollegen zu
schauen (HD Urk. 12/2 S. 3). Er habe nicht gewusst, dass es oben einen Kamin
gehabt habe, sonst wäre er oben gewesen (HD Urk. 12/12 S. 2; Prot. II S. 19).
Weiter hatte der Angeklagte beim letzten Zug keine Sicht auf die zu hebende Last
sowie den Geschädigten selbst (HD Urk. 12/2 S. 2). Er stellte sich mit der Fern-
bedienung des Krans auf die Ladebrücke (vgl. HD Urk. 13/2 Blatt 6), wo er aller-
dings keinen direkten Sichtkontakt auf die Ladung und den dort arbeitenden (die
Ladung vorbereitenden und anschlagenden) Mitarbeiter hatte (HD Urk. 2/12 S. 2
f.; Prot. II S. 18). Dies habe er einerseits aus Gewohnheit so gemacht – früher
habe er Krane mit einem Hochsitz und ohne Fernbedienung benützt – und
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andererseits habe er die Standfestigkeit des Krans im Auge behalten wollen, weil
vorher ein anderer Autokran bei diesem Haus eingebrochen sei (HD Urk. 12/2
S. 4). Er habe von unten nicht gesehen, „dass die Ladung schräg lag“ (HD Urk. 12/12
S. 2). Heute erklärte er, er habe sich vor dem letzten Zug vom Lastwagen weg auf
eine Erhöhung / Mauer begeben, damit er den Kranhaken so früh wie möglich
hätte sehen können (Prot. II S. 19). Die Last war hinten auf dem Flachdach
platziert, so dass der Hauptarm des Auslegers weit ausgefahren werden musste.
Dem Angeklagten war bewusst, dass die Situation ungewöhnlich war, erwog er
doch schon zu Beginn der Arbeit, auf andere Mitarbeiter zu warten, die in der
Mittagspause waren (HD Urk. 2/12 S. 2).
Ferner war dem Angeklagten bekannt, dass die Ladung vergleichsweise lang und
schwer war (u.a. „Toka“ von 6,8 m Länge: HD Urk. 12/2 S. 2). Der Angeklagte
erwog sogar, die Ladung wegen des Gewichts aufzuteilen (HD Urk. 12/2 S. 3).
Der Geschädigte habe ihm gesagt, es sei ein „grosses Paket“, es ginge aber
schon, ohne es aufzuteilen. Er habe den Geschädigten noch gefragt, ob er nach
oben kommen solle, was dieser verneint habe. Die Idee, das restliche Material
auch noch aufzuladen, sei vom Geschädigten gekommen, nicht von ihm (dem
Angeklagten). Er (der Angeklagte) habe Bedenken angemeldet, ob die Ladung
nicht zu schwer sei (HD Urk. 12/11 S. 2). Die letzte Ladung sei viel grösser als die
vorherigen gewesen. Die anderen seien kleiner, höchstens drei Meter lang
gewesen (Prot. I S. 7). Auch an der heutigen Berufungsverhandlung führte er aus,
dass er C._ gefragt habe, ob man aus der letzten Ladung nicht zwei
Ladungen machen solle, weil dieser zusätzlich noch Schalttafeln und Kanthölzer
habe drauf laden wollen. Es sei keine alltägliche Last gewesen, aber noch etwas
Übliches (Prot. II S. 20).
Der Angeklagte hat die Ladung hochzuheben begonnen, als er den Geschädigten
nicht mehr sah, weil sich dieser wieder nach hinten zur Ladung begeben hatte.
Als der Kran zu wippen begonnen habe, sei das das Zeichen für ihn gewesen,
dass die Ladung angehoben gewesen sei. Als der Motor des Krans abgestellt
gewesen sei, habe folgender Wortwechsel stattgefunden: „Dann rief ich wieder zu ihm rauf, er müsse mit mir reden, weil ich nichts sehen würde. Dann fragte ich ihn, ob die
- 17 -
Ladung schon ab Boden sei. Dann antwortete er ‚ja, 20 cm’. (...). Dann sagte er, er
würde jetzt nach hinten gehen, um noch die Kanthölzer, welche unter der letzten Ladung
lagen, auf die Ladung zu heben. Hernach würde er ‚auf’ rufen. Und dann kam ‚auf’, ,auf’,
‚auf’“. Aus diesen Aussagen geht hervor, dass der Angeklagte A._ weder den
Geschädigten noch die Ladung sah, als er die Ladung endgültig vom Boden ab-
hob. In diesem Sinne sagte er bei der Vorinstanz sowie auch heute aus (Prot. I
S. 8; Prot. II S. 21-24). Die Verständigung mit dem Geschädigten erfolgte durch
Zurufen: Während der ganzen Aktion habe er den Motor niedertourig in Betrieb
gehabt, weil der Kran so leiser arbeite. Während der Dialoge habe er den Motor
ganz abgestellt. Man habe sich gut verstanden, man habe nicht schreien müssen.
Funkgeräte habe man keine benützt, weil es keine gehabt habe und weil ja der
Rufkontakt hergestellt gewesen sei (HD Urk. 12/2 S. 3 f.; Prot. II S. 23). An der
heutigen Berufungsverhandlung führte er weiter an, dass er C._ zwar gut
verstanden habe, jener aber J._ [Nationalität] sei und nicht perfekt deutsch
spreche, weshalb die Kommunikation einfacher gewesen sei, wenn der Motor
nicht gelaufen sei (Prot. II S. 26).
Und schliesslich verfügte der Angeklagte A._ nicht über die gemäss Kranver-
ordnung vom 27. September 1999 (SR 832.312.15, in Kraft seit 1. Januar 2000)
geforderte Kranführerprüfung, was dem Angeklagten A._ zwar in der Ankla-
geschrift (wiederum) nicht als Sorgfaltspflichtverletzung vorgeworfen wird, ihm
aber bedeutend anzulasten wäre. Der Angeklagte führte heute aus, er habe die
Prüfung erst im Jahr 2010 absolviert. Zuvor habe er auch keinen Lernfahrausweis
gehabt. Ihm sei erklärt worden, da er über langjährige Berufserfahrung verfüge,
reiche es, wenn er die Prüfung im Jahr 2010 mache (Prot. II S. 9-13). Aufgrund
dieser fehlenden Ausbildung im Zeitpunkt des Unfalls verfügte er nicht über
ausreichende Kenntnis der zu beachtenden Vorschriften. Er räumte denn heute
beispielsweise auch selber ein, dass er heute, nachdem er die Kranprüfung
gemacht habe, zum Absperren eine rot/weisse Lampe hinhängen und "Hütli"
stellen würde (Prot. II S. 17).
Dass der Angeklagte A._ es mit den Vorwürfen nicht so genau nahm, be-
leuchtet auch die Art und Weise, wie er seinem Mitarbeiter (dem Geschädigten)
- 18 -
ermöglichte, auf das Dach zu gelangen. So sagte er aus, er habe ihn mit dem
Kran, mittels Rundlaufgurten, hochgezogen (HD Urk. 12/2 S. 1 f., S. 5; Prot. I S.
7). Er führte in der Folge sogar aus, er hätte sich nötigenfalls selber mit dem Kran
auf das Dach gehievt, um die Sache vor Ort anzusehen (HD Urk. 12/2 S. 5). Als
Kranführer musste ihm aber bekannt sein, dass Personentransporte mit dem Kran
grundsätzlich verboten sind (Art. 27 Abs 3 VUV; Art. 4 Abs. 5 Kranverordnung,
Betriebsanleitung Ziff. 1.2.6.). Dass er vorher für diese Art des "Personentrans-
port" bei der SUVA schriftlich eine Ausnahmebewilligung eingeholt hätte (Art. 4
Abs. 5 Kranverordnung, SUVA Broschüre "Fahrzeugkrane und Turmdrehkrane,
"Anforderungen"), hat der Angeklagte nie geltend gemacht. Ferner hat der
Angeklagte das Fahrzeug nicht ordnungsgemäss abgestützt, indem er die
Abstützausleger nicht ausfuhr (vgl. HD Urk. 13/2 Blätter 2,3 und 7; Betriebsanlei-
tung Ziff. 3.2-2). Dazu gab er heute an, dass er wegen der Infrastruktur, dem
angrenzenden Wiesenbord, die Abstützungsausleger nicht ganz habe ausfahren
können. Aber das sei nicht relevant. Er habe gewusst, mit der Art von Aus-
stössen, die möglich waren, habe es gereicht (Prot. II S. 16). Und zu guter Letzt
hat der Angeklagte A._ auf eine Absperrung, wie sie im Handbuch beschrie-
ben wird, gänzlich verzichtet (vgl. HD Urk. 13/2 Blätter 2,3 und 7). Dies habe er
nicht gemacht, weil es Mittag gewesen sei und keine Leute da gewesen seien.
Auch habe er von seiner Position den Weg überschauen können (Prot. II
S. 16f.).
Zusammengefasst sind dem Angeklagten A._ folgende Sorgfaltspflichtverlet-
zungen vorzuwerfen: Der Angeklagte verfügte nicht über die gesetzlich vorge-
schriebene Kranführerprüfung, weshalb er mangels Ausbildung die Vorschriften
nur mangelhaft kannte. Weiter hat sich der Angeklagte nicht selber über die
Situation auf dem Dach ins Bild gesetzt, er wusste nicht, dass sich auf dem Dach
Hindernisse (Lüftungsschacht, Kamin) befanden. Dem Angeklagten war bekannt,
dass es sich um eine schwere und lange Last handelte, die sich im (von ihm aus
gesehen) hinteren Bereich des Daches befand. Trotz Bedenken und ungenügen-
der Abstützung des Krans verschaffte er sich vor dem Heben der Last nicht selber
einen Überblick über die Situation. Der Angeklagte konnte von seinem Standort
aus nicht selber beurteilen, ob der Haken des Krans senkrecht über der Last und
- 19 -
über der Mitte der Last stand. Damit konnte er auch nicht beurteilen, ob die Last
senkrecht angehoben oder schräg weggezogen wird.
Der Angeklagte beruft sich auf seine Ausbildungsunterlagen, wonach der
Kranführer sich von einem instruierten Helfer mittels Sprache, Zeichengebung
oder Funk einweisen zu lassen hat, wenn die Last für den Kranführer nicht sicht-
bar ist (Anhang zu HD Urk. 12/9). Dieser Einwand ist vorliegend unbehelflich. Die
entsprechenden Vorschriften besagen nicht, dass der Kranführer sämtliche Vor-
bereitungen (Überblick verschaffen, Situation beurteilen, Anleitung des
Anschlägers) unterlassen kann, wenn eine Kommunikation mittels Sprache oder
Zeichengebung grundsätzlich möglich ist. Die anzuwendenden Vorschriften
wollen sicherstellen, dass eine Kommunikation zwischen dem Helfer und dem
Kranführer vorhanden ist, wollen aber nicht den Kranführer von seiner Hauptver-
antwortung entbinden.
Es ergibt sich somit, dass der Angeklagte A._ pflichtwidrig unvorsichtig han-
delte, als er bei der gegebenen Situation letztlich die Last mit dem Kran vom Dach
abhob.
All diese vorstehend genannten Sorgfaltspflichtverletzungen - mit Ausnahme,
dass sich der Angeklagte hätte mit der Fernbedienung aufs Dach begeben sollen
- sind jedoch in der Anklageschrift nicht umschrieben. Dass sich der Angeklagte
mit der Fernbedienung nicht auf das Dach stellte, begründet für sich alleine keine
pflichtwidrige Unvorsichtigkeit. Gemäss den Ausbildungsunterlagen zum Kranfüh-
rer ist bei fehlender Sicht eine Verständigung mittels Sprache, Zeichengebung
oder Funk zu gewährleisten (vgl. Anhang zu Urk. HD 12/9). Es stellt sich daher
die Frage einer Rückweisung der Anklage nach § 182 Abs. 3 StPO/ZH zur
Ergänzung bzw. genaueren Umschreibung der dem Angeklagten A._ vorzu-
werfenden Sorgfaltspflichtverletzung. Voraussetzung einer solchen Rückweisung
ist jedoch unter Anderem, dass bei einer Ergänzung der Anklage mit grosser
Wahrscheinlichkeit mit einer Verurteilung zu rechnen ist (vgl. Donatsch / Schmid,
Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Zürich, N. 15. zu § 182). Daher
sind nebst der Sorgfaltspflichtverletzung nachfolgend die weiteren Voraussetzun-
- 20 -
gen für das Vorliegen von Fahrlässigkeit im Sinne von Art. 12 Abs. 3 StGB zu
prüfen.
3.1.3. Alle Kommunikationsprobleme und das nicht sachgerechte Anheben der Last vom Dach wären ohne Weiteres vermeidbar gewesen, hätte sich der
Angeklagte mit der Kran-Fernsteuerung an einen Ort begeben, an welchem er
das Dach und den Kranwagen hätte beobachten können. Ein solcher Ort wäre
beispielweise die Dachkante gewesen (vgl. HD Urk. 13/2, Blätter 2 – 4). Weiter
hätte die Möglichkeit bestanden abzuwarten, bis die weiteren Mitarbeiter von der
Mittagspause zurückkehrten. Mit nur einer Person mehr hätte die Kommunikation
zwischen dem sich bei der Ladung befindlichen Geschädigten und dem auf dem
Lastwagen stehenden Angeklagten entscheidend vereinfacht werden können,
indem nicht nur eine verbale, sondern auch eine optische Kommunikation möglich
gewesen wäre. Auf diese Weise wären Missverständnisse in der (bloss verbalen)
Kommunikation ausgeschlossen gewesen. Hätte der Angeklagte die Situation auf
dem Dach gekannt und sich durch einen geeigneten Standort oder durch Zuzug
einer weiteren Person den nötigen Überblick verschafft, hätte er unzweifelhaft mit
dem Anheben der Last zugewartet, bis sich der Geschädigte aus dem Gefahren-
bereich entfernt gehabt hätte. Und letztlich wäre die Verletzung des Geschädigten
zumindest dadurch vermeidbar gewesen, dass der Angeklagte gewartet hätte, bis
er den Geschädigten wieder im Blickfeld hatte. Der Angeklagte A._ gab denn
auch heute zu Protokoll, dass es nicht zum Unfall gekommen wäre, wenn er sich
mit der Fernsteuerung auf dem Dach positioniert hätte. Auch räumte er ein, dass
eine Drittperson, welche auf der Dachkante gestanden hätte, etwas für die Ver-
besserung der Kommunikation gebracht hätte (Prot. II S. 22 und 24).
Das Fehlverhalten des Angeklagten A._ war vorliegend geeignet, nach dem
gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens den eingetrete-
nen Erfolg – die schwere Verletzung des Geschädigten – herbeizuführen oder
zumindest zu begünstigen.
3.1.4. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen der Voraussehbarkeit korrekt wiedergegeben (Urk. 56 S. 6). Darauf kann verweisen werden (§ 161 GVG/ZH).
Entgegen der Vorinstanz ist jedoch das Vorliegen der Voraussehbarkeit für den
- 21 -
Angeklagten A._ zu verneinen. Der Angeklagte arbeitete seit zehn Jahren
mit dem Geschädigten zusammen. Sie waren ein eingespieltes Team (Prot. II S.
19). Der Angeklagte A._ beschreibt den Geschädigten als zuverlässigen und
selbständigen Arbeitskollegen. 80 bis 90% der Arbeitszeit arbeiteten der Ange-
klagte und der Geschädigte zusammen und das Laden und Entladen von Waren
auf Baustellen, bzw. die An- und Abtransporte, war deren Hauptaufgabe. Der
Geschädigte hatte die Aufgabe des Anschlägers im Team. Der Angeklagte durfte
daher aufgrund der langjährigen Berufserfahrung und Zusammenarbeit mit dem
Geschädigten davon ausgehen, dass der Geschädigte ihm gesagt hätte, wenn
der Ausleger zu wenig ausgefahren und der Kranhaken deshalb nicht zentral über
der Ladung positioniert gewesen wäre. Es ist die Aufgabe des Anschlägers,
demjenigen, der den Kran bedient, mitzuteilen, ob der Ausleger genügend ausge-
fahren ist, damit die Ladung nicht schräg angehängt wird. Im Zeitpunkt, als der
Angeklagte die Ladung anhob, konnte er nicht voraussehen, dass die Last schräg
angehängt ist. Der Geschädigte gab ihm das Kommando, die Ladung anzuheben.
Dass die Ladung schräg angehängt war, ist eine rein retrospektive Erkenntnis.
Dies war dem Angeklagten erst bewusst, nachdem die Last an einem Ende
Kiesrückstände aufwies und aufgrund der erstellten Polizeifotos. Der Angeklagte
durfte davon ausgehen, dass, wenn der Geschädigte ihm das Kommando "auf"
gibt, die Ware korrekt angehängt ist. Auch durfte der Angeklagte darauf vertrauen,
dass der Geschädigte ihm mitteilt, wenn auf dem Dach Hindernisse wie Kamine
oder Lüftungsschächte bestehen, insbesondere wenn es sich um ein Flachdach
handelt, bei welchem ein Kamin nicht ohne Weiteres zu erwarten ist. Wäre der
Ausleger weiter ausgefahren und die Ladung somit korrekt zentral angehängt ge-
wesen, hätte die Ladung – wie die ersten 5 oder 6 Züge – ebenfalls problemlos
von unten gesteuert werden können. Ebenso konnte der Angeklagte nicht voraus-
sehen, dass sich der Geschädigte mit langjähriger Berufserfahrung zwischen die
Last und den Kamin begibt (eine der elementarsten Grundsätze) und dann das
Kommando zum Heben der Last gibt. Insgesamt ist daher das Vorliegen der Vo-
raussehbarkeit zu verneinen, wenn auch darauf hinzuweisen ist, dass das vom
Angeklagten A._ gewählte Vorgehen alles andere als optimal war. Mit etwa
mehr Aufwand, beispielsweise mit einem vorgängigen Augenschein durch den
- 22 -
Angeklagten auf dem Dach oder dem Kommando-Geben von der Dachkante aus
mit gegenseitigem Sichtkontakt, hätte der Unfall vermieden werden können.
3.1.5. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass auch nach einer Ergänzung der Anklage und einer korrekten Umschreibung der dem Angeklagten vorzuwerfen-
den Sorgfaltspflichtverletzungen keine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Verurtei-
lung des Angeklagten A._ besteht. Von einer Rückweisung zur Ergänzung
der Anklage im Sinne § 182 Abs. 2 StPO/ZH ist daher abzusehen.
3.1.6. Der Angeklagte A._ ist deshalb vom Vorwurf der fahrlässigen  Körperverletzung im Sinne von Art. 125 StGB freizusprechen.
3.2. Versuchte Nötigung (Angeklagter B._)
3.2.1. Zum Sachverhalt kann auf die einlässlichen und sorgfältigen Erwägungen der Vorderrichterin verwiesen werden. Es wurden die vorhandenen Beweismittel
zutreffend dargestellt und gewürdigt (Urk. 56 S. 15 ff., § 161 GVG/ZH). Die nach-
folgenden Ausführungen verstehen sich lediglich als Ergänzungen und Präzisie-
rungen.
Der Angeklagte B._ sagte aus, er habe, im Juni 2009 – also rund ein Jahr
nach dem Unfall – von C._ den Unfallhergang persönlich geschildert haben
wollen (Urk. HD 12/1 S. 5). Er habe mit C._ alles durchgespielt und habe
wissen wollen, wie es habe passieren können (Prot. I S. 20). Auf der anderen
Seite gab er an, er habe C._ zwei bis drei Mal im Spital besucht (HD
Urk. 12/13 S. 2). An der heutigen Berufungsverhandlung gab der Angeklagte
B._ an, der Gesundheitszustand habe es nicht zugelassen, vor dem Juni
2009 mit C._ über den Unfall zu sprechen. Im Spital habe er nicht über den
Unfall gesprochen. Dort sei es um den Gesundheitszustand von C._ gegan-
gen (Prot. II S. 32). Bemerkenswert ist indessen der zeitliche Konnex mit dem
Beschluss der III. Strafkammer des Obergerichts vom 29. Mai 2009 (versandt am
2. Juni 2009; HD Urk. 11/4). Darin wird u.a. erwähnt, dass der Rekurrent
(C._ ) eine Ausdehnung der Untersuchung auf den Arbeitgeber beantrage
- 23 -
(a.a.O. S. 4). Dass Funkgeräte hätten zur Verfügung stehen sollen, wurde sowohl
in der Rekursschrift (HD Urk. 11/1) als auch in der Eingabe des Rechtsvertreters
von C._ vom 1. Mai 2009 (HD Urk. 11/2) thematisiert. Diese Rechtsschriften
waren dem Angeklagten A._ zur Vernehmlassung zugestellt worden (HD
Urk. 11/3). Die inkriminierte Unterhaltung zwischen C._ und dem Angeklag-
ten B._ fand am 12. Juni 2009 statt. Vor der Rekurseingabe und dem
Beschluss der III. Strafkammer des Obergerichts waren Funkgeräte nie ein
Thema gewesen. Und mit dem genannten Beschluss erfuhr der Angeklagte
B._ auch erstmals, dass es zur Diskussion stand, auch ihn in die Strafunter-
suchung wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung miteinzubeziehen. Und
ab diesem Zeitpunkt hatte der Angeklagte B._ evidenterweise ein Interesse
daran zu beweisen, dass ihn am Unfallhergang kein Verschulden, insbesondere
keine Sorgfaltspflichtverletzung, trifft. Gemäss den glaubhaften Aussagen von
C._ habe der Angeklagte B._ Teile aus einem Brief seines Anwalts
(=Anwalt des C._) vorgelesen (HD Urk. 12/5 S. 2 f.). Heute führte der Ange-
klagte B._ aus, er könne sich nicht erinnern, ob er bei dem inkriminierten
Gespräch aus dem Brief des Geschädigtenvertreters vorgelesen habe (Prot. II S.
33). Gründe dafür, dass der Geschädigte erfunden haben soll, dass der Ange-
klagte B._ aus dem Brief des Geschädigtenvertreters vorgelesen haben soll,
sind keine ersichtlich. Im Gegenteil erscheint dies durchaus glaubhaft und wird
auch vom Angeklagten B._ nicht ausgeschlossen. Es ist wie bereits erwähnt
offenkundig, dass der Angeklagte sich deshalb mit C._ über den Unfallher-
gang und das Fehlen von Funkgeräten unterhalten wollte, weil er nun damit rech-
nen musste, selber als Angeschuldigter in das Verfahren einbezogen zu werden,
und auf Grund der Eingaben von C._ wusste er, dass das Vorhandensein
von Funkgeräten eine Rolle spielen würde. Die Aussage des Angeklagten
B._, es sei (auch) darum gegangen, die künftigen Einsatzmöglichkeiten im
Betrieb zu erörtern (HD Urk. 12/1 S. 5), erscheinen lediglich als Vorwand; im Kern
ging es darum, sich mit C._ über das Unfallgeschehen zu unterhalten. Auch
an der Berufungsverhandlung führte der Angeklagte B._ aus, es sei ihm da-
rum gegangen, endlich die Darstellung von C._ betreffend den Unfallhergang
zu hören. Andere Gründe für das Gespräch führte er nicht an (Prot. II S. 32). So
- 24 -
wird denn von der Zeugin K._ als Grund für das Gespräch lediglich angege-
ben: „Es ging um den Unfallhergang. Irgendwann wurde eine Zeichnung gemacht, in welcher der Materiallageort und der Standort von F._ eingezeichnet worden war.“ Von einer zukünftigen Einsatzmöglichkeit von C._ sprach die Zeugin nicht
(HD Urk. 23/3 S. 3 f.).
Das Motiv für das dem Angeklagten B._ zur Last gelegte Verhalten liegt so-
mit auf der Hand: Er wusste, dass er in die Strafuntersuchung einbezogen würde
und dass das Fehlen von Funkgeräten eine Rolle spielen würde. Offenkundig ging
er davon aus, dass er sich zumindest in dieser Hinsicht würde entlasten können,
wenn er den Nachweis würde erbringen können, dass dem Team Angeklagter
A._/C._ Funkgeräte zur Verfügung standen. Unter diesem Gesichts-
punkt wird auch verständlich, dass der Angeklagte B._ während der ganzen
Untersuchung – beinahe krampfhaft – bemüht war, den entsprechenden Beweis
zu führen. In der staatsanwaltschaftlichen Befragung vom 7. September 2010
reichte er einen Kaufbeleg über zwei Funkgeräte zu den Akten. Allerdings datiert
dieser Beleg vom 24. Oktober 1997 (HD Anhang zu Urk. 12/1). Der Angeklagte
B._ dazu: „(...) wir hatten stets Funkgeräte auf unserem jeweils aktuellen  – wovon wir stets nur einen auf einmal hatten -, und die Rechnung zur letzen
Funkgeräteanschaffung habe ich Ihnen ja hier und heute vorgelegt.“ (a.a.O. S. 6).
Nachdem dann sein Angestellter A._ klar und deutlich erklärt hatte, es habe
keine Funkgeräte auf dem Kranwagen gehabt, relativierte der Angeklagte
B._: „Und ab dem Zeitpunkt, als wir einen Kranwagen mit Funkfernsteuerung hat-
ten, war für mich das Vorhandensein eines Funkgerätes gar nicht mehr relevant.“ (HD
Urk. 12/11 S. 4). Das Verhalten des Angeklagten B._ beim Gespräch mit
C._ und sein gesamtes Aussageverhalten sind nicht geeignet, die Glaubhaf-
tigkeit seiner Aussagen zu untermauern – im Gegenteil müssen – zusammen mit
der Vorderrichtern – die Aussagen des Angeklagten B._ hinsichtlich des
Vorwurfs der versuchten Nötigung als ausweichend und unglaubhaft qualifiziert
werden.
Auf der anderen Seite deuten die Aussagen von C._ auf die Schilderung ei-
nes Geschehens mit realem Erlebnishintergrund hin. Dazu hat die Vorderrichterin
- 25 -
das Nötige ausgeführt (a.a.O.). Bestärkt werden diese Aussagen durch den Zeu-
gen L._, der C._ und dessen Zorn unmittelbar nach dem Gespräch mit
dem Angeklagten B._ erlebt hat (HD Urk. 12/6 S. 2). Zu Recht hat die Vor-
derrichterin die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Zeugin K._ grundsätzlich in
Frage gestellt (Urk. 56 S. 20 f., § 161 GVG/ZH). Zu ergänzen ist einzig, dass der
Umstand, dass die Zeugin einen direkten Zusammenhang zwischen dem Ge-
spräch zwischen dem Angeklagten B._ und C._ und der Kündigung von
F._ verneinte (HD Urk. 12/3 S. 3), nicht für die Glaubhaftigkeit der Aussagen
der Zeugin K._ spricht. Denn offenkundig war sie es, die das Kündigungs-
schreiben vom 12. Juni 2009 verfasste, was am Kürzel „K1._“ beim Datum
erkennbar ist (HD, Anhang zu Urk. 12/7). Beim Aussageverhalten der Zeugin
K._ fällt weiter auf, dass sie angibt, etwas vom Gespräch mitbekommen zu
haben, dass es um den Unfall gegangen sei und dass eine Zeichnung vom Mate-
riallageort und vom Standort von C._ erstellt worden sei, hingegen nicht sa-
gen könne, ob über Funkgeräte gesprochen worden sei. Dass sie sich genau da-
ran nicht mehr erinnern können soll, erstaunt doch etwas. Als Angestellte des An-
geklagten B._ ist ein gewisses Interesse, sich nicht in Konflikt mit dem Chef
zu stellen, anzunehmen. Dass beim inkriminierten Gespräch die Funkgeräte - wie
dies der Angeklagte B._ heute mehrfach betont hat (Prot. II S. 33) - gar kein
Thema gewesen sein sollen, erscheint insbesondere aufgrund des engen zeitli-
chen Konnexes zur Rekurseingabe und dem Beschluss der III. Strafkammer des
Obergerichts unglaubhaft.
Insgesamt kann keinerlei Zweifel daran bestehen, dass sich der Vorfall vom
12. Juni 2009 so wie von C._ geschildert ereignet hat. Ausgangspunkt für die
rechtliche Würdigung ist somit, dass der Angeklagte B._ C._ am
12. Juni 2009 aufforderte, im laufenden Strafverfahren wahrheitswidrig auszu-
sagen, dass ihm beim Bauunfall vom 2. Juni 2008 Funkgeräte zur Verfügung
gestanden seien, ansonsten er dem Bruder des Geschädigten, F._, die Stel-
le kündigen werde (vgl. HD Urk. 24 S. 2).
3.2.2. Die Anklagebehörde und die Vorinstanz haben den nachgewiesenen  als Nötigungsversuch im Sinne von Art. 181 in Verbindung mit Art. 22
- 26 -
Abs. 1 StGB gewürdigt. Dass diese rechtliche Würdigung richtig ist, braucht hier
nicht wiederholt zu werden, es kann auf die zutreffenden Erwägungen der Vorder-
richterin verwiesen werden (Urk. 56 S. 26 f., § 161 GVG/ZH).
Vorgeworfen wird dem Angeklagten allerdings (auch), er habe C._ dazu be-
wegen wollen, im laufenden Strafverfahren wahrheitswidrig auszusagen. Im Vor-
dergrund stünde somit der Tatbestand der versuchten Anstiftung zu falschem
Zeugnis nach Art. 307 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 und Art. 24 Abs. 1
StGB. Nachdem die geschützten Rechtsgüter bei der Nötigung (Freiheit der
Willensbildung, Willensentschliessung und Willensbetätigung) und beim falschen
Zeugnis (Schutz der Rechtspflege) unterschiedlich sind, kann Idealkonkurrenz
angenommen werden. Allerdings ist es müssig, den Tatbestand der versuchten
Anstiftung zum falschen Zeugnis genauer zu prüfen, nachdem es die Anklage-
behörde unterlassen hat, die Anklage entsprechend zu formulieren und die
Vorderrichterin es bei der versuchten Nötigung bewenden liess. Der erkennenden
Kammer ist es auf Grund des Verbots der reformatio in peius (Schlechter-
stellungsverbot, § 399 StPO/ZH) verwehrt, das Urteil zum Nachteil des Angeklag-
ten B._ abzuändern, und darauf liefe ein zusätzlicher Schuldspruch wegen
Anstiftung zu falschem Zeugnis hinaus. Aber auch hier bleibt der schale Nachge-
schmack einer unsorgfältigen Untersuchungsführung.
4. Sanktion Angeklagter B._
4.1. Allgemeines
Die Vorderrichterin hat den zur Anwendung gelangenden Strafrahmen und die
Regeln der Strafzumessung richtig dargestellt, es kann auf diese Erwägungen
verwiesen werden (Urk. 56 S. 29 f.; § 161 GVG/ZH).
4.2. Angeklagter B._
Es kann auf die zutreffenden Erwägungen der Vorderrichterin zur objektiven und
subjektiven Tatschwere verwiesen werden (Urk. 56 S. 30, § 161 GVG/ZH). Ange-
sichts des eher rüden Vorgehens des Angeklagten ist jedoch eine nicht mehr
leichte objektive Tatschwere anzunehmen. Der Angeklagte versuchte durch einen
- 27 -
nicht mehr hinzunehmenden Druck, den Geschädigten C._ zu falschen Aus-
sagen zu bewegen. Unschön ist dabei besonders, dass er den Bruder des Ange-
klagten noch gleichentags aus offenkundig fadenscheinigen Gründen entliess,
nachdem sich der Geschädigte dem Ansinnen widersetzt hatte. Die subjektiven
Komponenten sind nicht geeignet, die Tatschwere zu relativieren. Der Angeklagte
wollte aus eigennützigen Gründen offensichtlich die Verantwortung von sich wei-
sen und sie seinen Angestellten A._ und C._ überbinden, weil sie – wie
er geltend zu machen versuchte – die zur Verfügung stehenden Funkgeräte nicht
benützt hätten. Insgesamt entspricht der nicht mehr leichten objektiven und sub-
jektiven Tatschwere eine Strafe von rund 120 Tagen resp. Tagessätzen.
Dass es bei einem Nötigungsversuch geblieben ist, hat nicht der Angeklagte zu
verantworten, sondern ist auf das Verhalten des Geschädigten C._ zurückzu-
führen. Der Versuch im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB ist daher nur gering straf-
reduzierend zu veranschlagen.
Zum Lebenslauf des nicht vorbestraften Angeklagten kann auf die Darstellung im
vorinstanzlichen Entschied verwiesen werden (Urk. 56 S. 30 f., § 161 GVG/ZH).
Als aktuelles Einkommen gibt der Angeklagten einen monatlichen Nettolohn von
Fr. 10'863.55 (13. Monatslöhne) an. Seine Frau verdiene monatlich zirka
Fr. 2'056.-- (Prot. II S. 28f.). Aus dem Lebenslauf des Angeklagten und seinen
persönlichen Verhältnissen ist nichts ersichtlich, was sich auf die theoretische
Einsatzstrafe auswirken würde.
Zum Nachtatverhalten ist festzuhalten, dass kein Geständnis vorliegt; Einsicht
und Reue können unter diesen Umständen nicht erwartet werden. Andere straf-
reduzierende oder –erhöhende Faktoren sind nicht zu erkennen.
Angemessen wäre letztlich eine Strafe von rund 100 Tagen resp. Tagessätzen.
Nachdem die Vorderrichterin auf 20 Tagessätze erkannt hat, kann die Berufungs-
instanz nicht anders entscheiden. Zu ergänzen ist, dass die Strafe wesentlich
höher hätte ausfallen müssen, wäre der Angeklagte B._ auch der versuchten
Anstiftung zu falschem Zeugnis schuldig zu sprechen gewesen.
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Die finanziellen Verhältnisse des Angeklagten haben sich seit dem erstinstanzli-
chen Entscheid nicht wesentlich verändert (Urk. 67/1-6; Prot. II S. 28f.). Die Fest-
legung des Tagessatzes auf Fr. 260.- durch die Vorderrichterin erscheint
angesichts der persönlichen und sehr guten wirtschaftlichen Verhältnissen des
Angeklagten als sehr wohlwollend, kann aber auf Grund des Verbots der
reformatio in peius nicht geändert werden.
Hinsichtlich des Vollzugs der Strafe kann auf Grund des Verbots der reformatio in
peius nicht anders entschieden werden; die Strafe ist daher aufzuschieben und
die Probezeit ist auf zwei Jahre anzusetzen.
5. Zivilansprüche
Auf Grund des Freispruchs des Angeklagten A._ betreffend fahrlässige
schwere Körperverletzung zum Nachteil des Geschädigten C._ ist auf die Zi-
vilforderungen des Geschädigten (Schadenersatz und Genugtuung) nicht einzu-
treten.
6. Kosten- und Entschädigungsfolgen
6.1. Erstinstanzliches Verfahren
Der Vorinstanz ist beizupflichten, dass der Hauptaufwand der Untersuchung den
Vorwurf der fahrlässigen schweren Körperverletzung betraf. Die Gewichtung der
Vorinstanz von 4/5 zu 1/5 ist daher nicht zu beanstanden. Auf Grund des Frei-
spruchs des Angeklagten A._ vom Vorwurf der fahrlässigen schweren Kör-
perverletzung sind daher vier Fünftel der Kosten der Untersuchung und des erst-
instanzlichen Verfahrens (exklusive Kosten der Geschädigtenvertretung) auf die
Gerichtskasse zu nehmen und zu einem Fünftel dem Angeklagten B._ auf-
zuerlegen.
Die Kosten der unentgeltlichen Geschädigtenvertretung sind auf die Gerichts-
kasse zu nehmen.
- 29 -
Der Angeklagte B._ hat die Zusprechung einer reduzierten Prozessentschä-
digung in der Höhe von Fr. 4'800.- (zuzüglich 7.6 % MWST) nicht explizit ange-
fochten. Da er indessen Freispruch vom Vorwurf der versuchten Nötigung bean-
tragt, hat dieser Punkt indessen ebenfalls als angefochten zu gelten. Nachdem
der Rechtsvertreter des Angeklagten B._ der Vorinstanz eine Kostennote
über Fr. 9555.95 (inkl. MWST) einreichte (Urk. 31), die keiner Korrektur bedarf, ist
die reduzierte Prozessentschädigung dem Verfahrensausgang entsprechend auf
Fr. 4'800.- (inklusive 7.6 % MWST) anzusetzen.
6.2. Berufungsverfahren
Die Kosten des Berufungsverfahrens (exklusive unentgeltliche Geschädigtenver-
tretung) sind - da der Aufwand zur Beurteilung des Vorwurfs der fahrlässigen
schweren Körperverletzung und der Nötigung etwa gleich anzusetzen ist - zur
Hälfte dem Angeklagten B._ aufzuerlegen und zur anderen Hälfte auf die
Gerichtskasse zu nehmen (§ 396a StPO/ZH). Die Kosten der unentgeltlichen
Geschädigtenvertretung sind ebenfalls auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Dem Angeklagten A._ ist eine Prozessentschädigung im Betrag von
Fr. 8'812.35 aus der Gerichtskasse auszurichten.