Decision ID: 3a9912cc-8969-5eb0-a085-42622ffb6331
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 23. August 2021 ein Asylgesuch in der
Schweiz ein. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank
Eurodac ergab, dass er am 15. Juli 2020 in Deutschland um Asyl ersucht
hatte. Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 29. September 2021 gab er
an, er sei in Deutschland gezwungen worden, ein Asylgesuch zu stellen.
Nach einem Jahr sei er in die Schweiz gereist, weil seine Eltern, zwei jün-
gere Geschwister und seine Freundin in der Schweiz leben würden. Er sei
gesund. Die Vorinstanz gewährte ihm das rechtliche Gehör zur möglichen
Zuständigkeit Deutschlands sowie zur Wegweisung dorthin.
B.
Gestützt auf den Eurodac-Abgleich und die Angaben des Beschwerdefüh-
rers ersuchte die Vorinstanz am 29. September 2021 die deutschen Be-
hörden um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1
Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO). Die deutschen Behörden lehnten das Übernahmeersuchen
am 1. Oktober 2021 ab. Am 5. Oktober 2021 hiessen die deutschen Be-
hörden das Remonstrationsersuchen der Vorinstanz gut.
C.
Mit Verfügung vom 6. Oktober 2021 (eröffnet am 7. Oktober 2021) trat die
Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
dessen Wegweisung nach Deutschland an und beauftragte den zuständi-
gen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Zudem stellte sie fest, einer
allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu.
D.
Am 14. Oktober 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde. Er beantragte, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und das SEM anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten
und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen beziehungsweise auf
eine Wegweisung zu verzichten. Eventualiter sei festzustellen, dass der
rechtserhebliche Sachverhalt nicht ausreichend abgeklärt und sein rechtli-
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ches Gehör verletzt worden sei. Deshalb sei die Angelegenheit zur rechts-
genüglichen Überprüfung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei der
vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren. Es sei
auf die Erhebung von Kosten, insbesondere auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses, zu verzichten.
E.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 15. Oktober 2021 setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers
einstweilen aus.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Oktober 2021 gewährte die Instruktions-
richterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer
Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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3.
3.1 Der Beschwerdeführer beantragt, die Sache sei wegen unvollständiger
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und wegen Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Die Vorinstanz habe ihn nicht zu seinen verwandtschaftlichen Beziehungen
in der Schweiz und einem allfälligen Abhängigkeitsverhältnis zu seiner Fa-
milie (Eltern, jüngere Geschwister) befragt. Weitere Umstände, wie das
fehlende soziale Beziehungsnetz in Deutschland oder sein Gesundheits-
zustand, seien ebenfalls nicht abgeklärt worden.
3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts kann nach Art. 49 Bst. b VwVG gerügt werden. Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung beispielsweise dann, wenn der Verfügung ein
aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn die Behörde
trotz der geltenden Untersuchungsmaxime (Art. 12 ff. VwVG) den Sachver-
halt nicht von Amtes wegen abgeklärt, oder nicht alle für den Entscheid
wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl. BENJAMIN SCHINDLER,
in: Kommentar zum VwVG, 2. Aufl. 2019, Art. 49 N. 29).
3.3 Der Beschwerdeführer wurde anlässlich des Dublin-Gesprächs nach
Gründen gefragt, die einer Wegweisung nach Deutschland entgegenstün-
den. Er gab an, seine Familie würde in der Schweiz leben; ein besonderes
Abhängigkeitsverhältnis zu einzelnen Familienmitgliedern erwähnte er
nicht. Im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG) hätte es am Be-
schwerdeführer gelegen, eine allfällige Abhängigkeit zu Mitgliedern seiner
Familie und weitere Umstände, die gegen eine Wegweisung nach Deutsch-
land sprechen könnten, darzutun. Aufgrund seiner Aussage, er sei gesund,
hatte die Vorinstanz keinen Grund, medizinische Abklärungen durchführen
zu lassen. Es ist auch nicht ersichtlich, inwiefern die Vorinstanz den An-
spruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verletzt haben soll.
Es besteht demnach keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung auf-
zuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entspre-
chende Rechtsbegehren ist abzuweisen.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
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4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Die deutschen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist zu. Die
Zuständigkeit Deutschlands ist somit grundsätzlich gegeben, was vom Be-
schwerdeführer auch nicht bestritten wird.
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
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5.
5.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe kein soziales Beziehungs-
netz in Deutschland, weshalb er als vulnerable Person einzustufen sei.
Sein Vater sei Schweizer Bürger. Er sei noch sehr jung und die Beziehung
zu seinen Eltern sei intensiv. Eine Wegweisung nach Deutschland wäre ein
Verstoss gegen das Recht auf Familienleben nach Art. 8 EMRK. Die
Schweiz habe daher von ihrem Selbsteintrittsrecht Gebrauch zu machen.
5.2 Der Beschwerdeführer ist (...) Jahre alt und gesund. Allein wegen ei-
nes fehlenden Beziehungsnetzes in Deutschland ist er nicht als vulnerable
Person einzustufen. Seine Beziehung zu den Eltern und Geschwistern fällt
nicht in den Anwendungsbereich von Art. 8 Ziff. 1 EMRK, da er volljährig ist
und eine intensive Beziehung zu den Eltern noch kein besonderes Abhän-
gigkeitsverhältnis darstellt (BGE 144 II 1 E. 6.1). Die Schweiz ist somit nicht
zum Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflichtet; auch hu-
manitäre Gründe im Sinn von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 liegen nicht vor.
5.3 Ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und sei-
nen Eltern und Geschwistern im Sinn von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ist
ebenfalls zu verneinen.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt die mit Zwischenverfügung vom 19. Oktober 2021 gewährte
aufschiebende Wirkung dahin.
7.
7.1 Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet einer allfälli-
gen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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