Decision ID: 7497b97b-c1e3-5c29-8086-f0e6fcc6b6dd
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
K._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch das Sozialamt A._,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
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St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1960 geborene K._ meldete sich am 6./7. Juli 2006 zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an und beantragte namentlich Berufsberatung,
Arbeitsvermittlung und eine Rente. Sie sei 1985 in die Schweiz gekommen. Seit 2003
sei sie psychisch und körperlich krank und habe Schmerzen. Im Juni 2006 sei ihre
zweite Ehe geschieden worden.
A.b Dem IK-Auszug und den Arbeitszeugnissen war zu entnehmen, dass die
Versicherte in einem längeren Arbeitsverhältnis von 1985 bis 2000 gestanden hatte, bis
jene Näherei geschlossen wurde. Von Juni 2000 bis November 2002 war sie in einem
weiteren Anstellungsverhältnis als Näherin beschäftigt gewesen. Eine im Dezember
2002 angetretene Stelle in einer anderen Branche hatte sie durch Kündigung innerhalb
der Probezeit verloren. Von Januar 2003 bis November 2004 hatte die Versicherte
Arbeitslosenentschädigung bezogen. Dazwischen war sie ab November 2003 (bis
mindestens Juli 2004) im Rahmen eines Einsatzprogramms für Erwerbslose in einem
Textilatelier tätig gewesen.
A.c Dr. med. B._, Innere Medizin FMH, gab in seinem Arztbericht vom 17. August
2006 an, die Versicherte leide an einer mittelschweren depressiven Störung mit
somatischem Syndrom (Schwindel, Schwäche; seit Februar 2003) und an einer
chronischen Zervico-Brachialgie (seit März 2003). Bis Februar 2003 sei sie eine
gesunde Frau gewesen. Seit dem 1. März 2003 sei sie zu 100 % arbeitsunfähig. Im
Jahr 2002 habe sie zum zweiten Mal geheiratet. Unmittelbar danach habe der
Ehemann sie verlassen und massiv bedroht, sodass sie im Frauenhaus Schutz gesucht
habe. Seither sei sie in eine schwere depressive Krise gesunken. Sie habe die Arbeit
und die Tagesstruktur verloren und nach einer weiteren Verschlechterung hätten
stationäre Therapien in der Klinik Gais, in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik Wil und
schliesslich in der Psychiatrischen Tagesklinik (im Psychiatrischen Zentrum St. Gallen)
stattgefunden. Trotz allem habe sich kaum eine erkennbare Verbesserung ergeben. Die
Versicherte habe immer wieder erwähnt, dass es sie zusätzlich belaste, keine Arbeit zu
haben, was er (der Arzt) auch glaube. Wegen den somatischen Begleitbeschwerden sei
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es nicht möglich gewesen, für sie eine geeignete Arbeit zu finden. Die bisherige Arbeit
sei ihr nicht mehr zumutbar, die Leistungsfähigkeit betrage etwa 25 %. Eine möglichst
sanfte Einführung in die Arbeitswelt (mit Rücksicht auf die verminderte
Leistungsfähigkeit) wäre aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch therapeutisch das
Beste. Die Versicherte müsste in Teilzeit mit reduzierter Leistung zu arbeiten beginnen
können. Dem beigelegten Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik Wil vom 15. März
2006 war zu entnehmen, dass sie dort vom 1. Dezember 2005 bis 14. März 2006
hospitalisiert gewesen und eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem
Syndrom diagnostiziert worden war. Der Chiropraktor Dr. C._ hatte am 31. März
2006 über eine Untersuchung vom 27. März 2006 berichtet, es lägen ein chronisches
Zervikalsyndrom bei leichter degenerativer Veränderung im foraminalen Anteil C5/C6,
ein Nacken-/Schultersyndrom rechts, und ein Verdacht auf
Rotatorenmanschettenirritation im Sinne einer PHS tendinotica vor. Mit Bericht vom
27. Juni 2006 hatte Dr. C._ bekanntgegeben, er werde die Therapie abschliessen, da
keine der angewandten Therapien auch nur die minimalste
Schmerzzustandsveränderung bewirkt habe. Er befürchte, dass der psychologische
Zustand das gesundheitliche Befinden mehrheitlich präge.
A.d Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen traf in der Folge
weitere Abklärungen. So war dem Austrittsbericht der Klinik Gais vom 18. Oktober
2005 über den Aufenthalt der Versicherten vom 13. Juni bis 7. Juli 2005 zu entnehmen,
dass bei ihr eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion bestehe. Es
seien einige positive Veränderungen gelungen. Eine ambulante psychotherapeutische
Betreuung sei dringend nötig. Bis auf weiteres sei die Versicherte zu 100 %
arbeitsunfähig.
A.e Das Psychiatrische Zentrum St. Gallen (Dr. med. D._) berichtete am 1. Februar
2007, es bestehe seit 2003 eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem
Syndrom. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit sei eine psychosoziale
Belastungssituation, unter anderem durch lang andauernde Arbeitslosigkeit und soziale
Isolation. Die Versicherte sei seit dem 17. August 2006 bis anhin zu 50 %
arbeitsunfähig. Die bisherige Tätigkeit als Näherin in einer Fabrik könne an viereinhalb
Stunden pro Tag ausgeübt werden. Ob dabei eine Leistungsverminderung bestehe,
könne nicht beurteilt werden. Die Arbeitsfähigkeit lasse sich verbessern, indem
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weiterhin eine Begleitung und Beratung im Ambulatorium erfolge. Leichtere
Hilfsarbeiten seien der Versicherten zumutbar; sie könne mit einer Teilzeitarbeit
beginnen, die Leistungsfähigkeit müsse dann anhand der Erfahrungen überprüft
werden.
A.f Die Kantonale Psychiatrische Klinik Wil (Dr. med. E._) erklärte im Verlaufsbericht
vom 2. Februar 2007, es lägen eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem
Syndrom und ein Status nach Prellverletzung durch Fremdeinwirkung (Schlag), rechts
maxillär mit Hämatom, ohne Hinweis auf fokale neurologische Defizite, vor. Die
Versicherte sei nach wenigen Tagen des stationären Aufenthalts von einem
psychotischen Mitpatienten auf die rechte Schläfe geschlagen worden. Im
Hospitalisationsverlauf habe sich der Gesundheitszustand verbessert. Über die
befragte Zeit ab der Hospitalisation (14. März 2006) wurden keine Angaben gemacht.
A.g Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung (Dr. med. F._)
hielt die Einschätzung des Psychiatrischen Zentrums St. Gallen einer Arbeitsunfähigkeit
von 50 % für plausibel, die Voraussetzungen für berufliche Massnahmen für erfüllt und
eine Unterstützung bei der Stellensuche für sinnvoll. Es seien vom Psychiatrischen
Zentrum und von Dr. B._ Verlaufsberichte einzuholen.
A.h Auf formularmässige Fragen der Verwaltung zur Verwertung der
Restarbeitsfähigkeit hin erklärte die Versicherte am 19. März 2007 unter Hinweis auf ein
beigelegtes Arztzeugnis von Dr. B._, sie würde gerne - nicht nur zu 50 %, sondern -
zu 100 % arbeiten, könne dies aber wegen dauernder Schmerzen nicht. Dr. B._ hatte
in einem ärztlichen Zeugnis vom 26. Januar 2007 bescheinigt, die Versicherte sei seit
dem 6. November 2006 und bis auf weiteres zu 100 % arbeitsunfähig. Eventuelle
Arbeitsversuche könnten probiert werden.
A.i Die IV-Eingliederungsberaterin schloss ihren Auftrag am 26./27. März 2007 ab, weil
Eingliederungsberatung und Arbeitsvermittlung zurzeit nicht möglich seien, halte sich
die Versicherte doch für vollständig arbeitsunfähig. Im Einkommensvergleich wurden
einander ein Valideneinkommen von Fr. 36'919.-- und ein Invalideneinkommen von
Fr. 18'460.-- gegenübergestellt, womit sich ein Invaliditätsgrad von 50 % ergab.
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A.j Mit Verfügung vom 9. Juli 2007 wies die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des
Kantons St. Gallen einen Anspruch der Versicherten auf berufliche Massnahmen ab.
A.k Am gleichen Tag kündigte sie der Versicherten an, ihr bei einem Invaliditätsgrad
von 50 % ab 1. Juli 2005 (verspätete Anmeldung) eine halbe Rente zuzusprechen, da
es ihr seit dem 1. März 2003 lediglich noch möglich sei, ihre bisherige Tätigkeit zur
Hälfte auszuüben. Am 22. November 2007 und am 5. Dezember 2007 erliess sie die
entsprechenden Verfügungen.
B.
Gegen diese Verfügungen richtet sich die vom Sozialamt A._, vertreten durch
Rechtsanwalt G._, für die Betroffene am 7. Januar 2008 erhobene Beschwerde. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beantragt, die Verfügungen seien aufzuheben
und der Beschwerdeführerin sei eine volle (recte wohl: ganze) Rente zuzusprechen,
eventualiter sei die Beschwerdegegnerin anzuweisen, beim Psychiatrischen Zentrum
St. Gallen einen aktuellen fachärztlichen Bericht über den Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin einzuholen. Ausserdem sei der Sozialhilfeempfängerin die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu gewähren, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Nach dem Verlust ihrer letzten Stelle Ende November 2002 sei
die Beschwerdeführerin aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage
gewesen, ein Erwerbseinkommen zu erzielen. Dr. B._ halte die Beschwerdeführerin
seit dem 1. März 2003 für vollständig arbeitsunfähig. Eine chiropraktische Behandlung
ab März 2006 habe keine Besserung gebracht. Das Psychiatrische Zentrum, das am
1. Februar 2007 basierend auf einer Untersuchung vom 16. Januar 2007 in Abweichung
von den Arbeitsfähigkeitsschätzungen der beiden stationären Einrichtungen und des
Hausarztes eine Arbeitsfähigkeit von 50 % attestiert gehabt habe, habe diese
Einschätzung in einem Bericht vom 7. Januar 2008 revidiert und sich den Beurteilungen
der übrigen Ärzte angeschlossen. In diesem ärztlichen Zeugnis hatte Dr. D._
bescheinigt, die seit dem 29. Mai 2007 in Behandlung des Zentrums stehende
Beschwerdeführerin sei wegen Krankheit zu 100 % arbeitsunfähig.
C.
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In ihrer Beschwerdeantwort vom 18. Februar 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde. Das im Beschwerdeverfahren eingereichte Attest könne
nicht zu einer anderen als der in der Verfügung getroffenen Beurteilung führen. Es sei
nicht ersichtlich, inwiefern sich die Situation seit dem 1. Februar 2007 verändert haben
sollte. Eine allfällige Verschlechterung wäre im Übrigen lediglich dann relevant, wenn
sie bereits zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügungen hätte
nachgewiesen werden können. Dass sich die Beschwerdeführerin zum Vorbescheid
nicht habe vernehmen lassen, sei ein starker Hinweis dafür, dass damals noch eine
unveränderte Situation bestanden habe. Es lägen hier nur Arbeitsfähigkeitsschätzungen
von behandelnden Ärzten vor, von denen anzunehmen sei, dass sie der
pessimistischen Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin folgend eher zu hoch
ausgefallen seien. Allfällige Abklärungen müssten daher eine Begutachtung durch eine
neutrale Stelle und nicht allein die Einholung eines Verlaufsberichts umfassen. Bei der
Kostenverlegung wäre zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin die angebliche
Veränderung erst im Beschwerdeverfahren geltend gemacht habe, während sie sich
zum Vorbescheid nicht geäussert habe.
D.
Mit Replik vom 26./27. März 2008 bringt der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
vor, diese habe sich einzig deswegen nicht zum Vorbescheid vernehmen lassen, weil
sie für längere Zeit im Ausland gewesen sei und die Frist hierzu bereits abgelaufen
gewesen sei, als sie ihn nach der Rückkehr zur Kenntnis genommen habe. Als in
rechtlichen Belangen Unkundige habe sie es auch unterlassen, den Vorbescheid der
Rechtsvertretung zur Kenntnis zu bringen. Daraus lasse sich aber weder für den
Gesundheitszustand noch für die Kostenverteilung etwas ableiten. Auch die
angefochtenen Verfügungen habe die Beschwerdeführerin erst kurz vor Fristablauf
überbracht, weshalb von Dr. D._ lediglich ein kurzes ärztliches Zeugnis habe
eingeholt werden können. In der Zwischenzeit habe Dr. D._ nun Gelegenheit gehabt,
ihre Einschätzung vom 7. Januar 2008 (mit Bericht vom 20. März 2008) zu begründen.
Die Beschwerdeführerin sei erst seit dem 29. Mai 2007 in deren Behandlung (d.h. im
Ambulatorium für Sozialpsychiatrie), vorher sei sie in der Psychiatrischen Tagesklinik
(Psychiatrisches Zentrum St. Gallen) im selben Haus gewesen. Die Beurteilung von
Dr. D._ vom 1. Februar 2007 habe auf nur einer Untersuchung vom 16. Januar 2007
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basiert. Diese Einschätzung habe sich allerdings aufgrund der gesundheitlichen
Probleme der Beschwerdeführerin schon bald, nämlich nach zwei Monaten, als
unrealistisch herausgestellt, obwohl die Beschwerdeführerin durchaus gewillt gewesen
sei, ein Teilzeitpensum von 50 % zu leisten. Dr. D._ beurteile sie daher seit dem
1. April 2007 als dauerhaft zu 100 % arbeitsunfähig. Eine Begutachtung durch eine
neutrale Stelle sei angesichts der klaren Einschätzung von Dr. D._ vom 20. März
2008 nicht erforderlich. Dr. D._ hatte am 20. März 2008 berichtet, die
Beschwerdeführerin sei mit Beginn am 1. Februar 2007 als zu 50 % arbeitsfähig
beurteilt worden. Schon bald habe sich herausgestellt, dass sie diese Vorgabe nicht
habe einhalten können, obwohl sie gewillt gewesen sei, dieses Teilzeitpensum zu
leisten. Es sei sehr schnell wegen ihrer Schmerzproblematik zu immer häufigeren
Absenzen gekommen, die zu Krankschreibungen seitens des Hausarztes geführt
hätten. Aus diesem Grund würden die zwei Monate vom 1. Februar 2007 bis zum
31. März 2007 als Arbeitsversuch betrachtet. Aufgrund des Scheiterns dieses
Arbeitsversuchs werde die Arbeitsunfähigkeit ab dem 1. April 2007 bis zum
Berichtszeitpunkt mit 100 % beurteilt.
E.
In ihrer Duplik vom 25./28. April 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin, die
angefochten Verfügungen seien aufzuheben und die Sache sei zur ergänzenden
Abklärung an sie zurückzuweisen. Dr. D._ sei nicht bekannt dafür, sich beim
Attestieren von Arbeitsunfähigkeit besondere Zurückhaltung aufzuerlegen. Der Bericht
vom 20. März 2008 bestätige, dass sich die Beurteilung nicht auf medizinisch-
theoretische Ansätze, sondern auf das Ergebnis eines "Arbeitsversuchs" stütze. Die
dargestellte Arbeitsunfähigkeit von 100 % sei daher Ausdruck der Selbsteinschätzung
der Beschwerdeführerin. Damit bilde der Bericht keine taugliche Grundlage für die
Annahme einer Arbeitsunfähigkeit von 100 %. Vielmehr nähre er Zweifel an der
Objektivität der Ärztin. Prozessrechtlich bedeute das, dass sie nicht mehr als
Sachverständige, sondern lediglich noch als Auskunftsperson behandelt werden
könne. Die Zusprache einer ganzen Rente gestützt auf die Aussage einer
Auskunftsperson sei verfehlt. Der RAD schlage in einer Stellungnahme vom 11. April
2008 eine bidisziplinäre Begutachtung vor. Das von der Gerichtsleitung vorgeschlagene
Vorgehen - sie hatte zu prüfen angeregt, ob bei der gegebenen Aktenlage nicht auf
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Zusehen hin von einer Invalidität von 100 % auszugehen und eine allfällige
Begutachtung in einem Rentenrevisionsverfahren zu veranlassen sei - sei entschieden
zu verwerfen. Die Praxis habe zu oft gezeigt, dass bei im Nachhinein durchgeführten
Begutachtungen die Schätzungen der behandelnden Ärzte nicht hätten bestätigt
werden können. Als Folge davon hätten dann Renten weiter ausgerichtet werden
müssen, die offensichtlich nicht geschuldet seien. Es gehe nicht an, eine Rente auf der
Basis eines provisorischen Beweisergebnisses zuzusprechen. Das käme einer klaren
Verletzung der Offizialmaxime gleich. Vorliegend käme dazu, dass es der Verwaltung
nach einer richterlichen Zusprechung einer ganzen Rente später verwehrt wäre, bei
offensichtlicher Unrichtigkeit die Rentenzusprache in Wiedererwägung zu ziehen. Für
das Vorliegen der Invalidität sei zudem die Beschwerdeführerin beweisbelastet. Im
Zweifel sei also nicht zu ihren Gunsten zu entscheiden. Auch deswegen könne die
Annahme einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % "auf Zusehen hin" keinesfalls akzeptiert
werden. Dr. F._ hatte in ihrer Stellungnahme vom 11. April 2008 dafürgehalten, aus
psychiatrischer Sicht lasse sich keine wesentliche Verschlechterung des
Gesundheitszustandes erblicken, aus somatischer Sicht sei der Sachverhalt noch nicht
ausreichend abgeklärt. Es sei daher eine rheumatologisch/psychiatrische
Begutachtung zu empfehlen.

Erwägungen:
1.
Mit den angefochtenen Verfügungen hat die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin ab 1. Juli 2005 eine halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von
50 % zugesprochen. Die Beschwerdeführerin lässt die Zusprechung einer ganzen
Rente beantragen, eventualiter das ergänzende Einholen eines aktuellen fachärztlichen
Berichts des Psychiatrischen Zentrums. Die Beschwerdegegnerin beantragt in der
Duplik die Aufhebung der angefochtenen Verfügungen und eine Rückweisung zur
ergänzenden Abklärung.
2.
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2.1 Sowohl Dr. B._ wie die Klinik Gais und die Psychiatrische Klinik Wil haben für die
Beschwerdeführerin Arbeitsunfähigkeitsschätzungen von 100 % abgegeben. Nachdem
das Psychiatrische Zentrum zunächst eine Arbeitsfähigkeit von 50 % attestiert hatte,
hielt es später fest, diese Vorgabe habe sich nicht verwirklichen lassen, und
bescheinigte ebenfalls eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %. Diese Übereinstimmung
bewirkt für sich genommen eine erhebliche Beweiskraft für die Annahme einer vollen
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin.
2.2 Indessen ist, da die Beschwerdeführerin (nebst der Zervikobrachialgie) an einer
depressiven Störung bzw. an depressiven Episoden leidet, denkbar, dass die dadurch
bewirkte Arbeitsunfähigkeit im Lauf der hier massgeblichen mehreren Jahre
Schwankungen unterworfen gewesen sein könnte. Was den Beginn der
Arbeitsunfähigkeit betrifft, setzte ihn Dr. B._, der die Beschwerdeführerin seit 2001
behandelt, auf die Zeit ab dem 1. März 2003 fest. Damals hatte die Beschwerdeführerin
noch Arbeitslosenentschädigung bezogen und hatte ab November 2003 noch
mindestens acht Monate lang in einem Einsatzprogramm speditiv Arbeit geleistet. In
welchem Pensum sie beschäftigt war, ist nicht bekannt. Inwiefern sie dort über das ihr
medizinisch zumutbare Mass hinaus gearbeitet haben könnte, darüber fand nach der
Aktenlage keine Auseinandersetzung statt. Ersichtlich ist allein, dass die
Beschwerdeführerin bereits damals vom 2. April 2003 bis 6. April 2004 vom
Ambulatorium des Psychiatrischen Zentrums begleitet worden war. Der Sachverhalt ist
schon in diesem Punkt zu wenig dokumentiert.
2.3 Der erste, knapp vier Wochen dauernde Rehabilitationsaufenthalt in der Klinik Gais
erfolgte dann zwei Jahre nach dem attestierten Beginn der vollen Arbeitsunfähigkeit, im
Juni 2005. Nach Angaben des Psychiatrischen Zentrums vom 1. Februar 2007 hatte
sich im Jahr 2005 eine Verschlechterung ergeben. Die Klinik Gais berichtete von
positiven Veränderungen unter der Behandlung, doch war noch nicht zu beurteilen, ob
die erzielten Fortschritte auch nach dem Klinikaustritt bestehen bleiben würden. Ab
dem 27. September 2005 nahm die Beschwerdeführerin wiederum die Betreuung im
Ambulatorium des Psychiatrischen Zentrums in Anspruch, bevor sie anschliessend in
die stationäre Behandlung in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik Wil (vom Dezember
2005 bis März 2006) eintrat. Dort wurden eine gute Schmerzdistanzierung, eine
Stimmungsaufhellung und eine Verbesserung der Zugänglichkeit erreicht. Der Wechsel
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in die Tagesklinik (am 20. März 2006 bis 14. Juli 2007) erfolgte mit dem Ziel, eine
weitere Stabilisierung und von dort aus die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu
erreichen. Ab dem 17. August 2006 befand sich die Beschwerdeführerin wiederum im
Ambulatorium. Der Arztbericht vom 1. Februar 2007 mit dem Attest einer
Arbeitsfähigkeit von 50 % basierte somit, wie dem Bericht selbst zu entnehmen ist (vgl.
act. 24-2/5), nicht allein auf einer einzigen Untersuchung. Die Arbeitsfähigkeit von 50 %
wurde bereits ab dem 17. August 2006 - und nicht etwa erst ab dem 1. Februar 2007 -
attestiert. Offenbar wechselte die Beschwerdeführerin hernach nochmals in die
Tagesklinik, bevor sie am 29. Mai 2007 wieder im Ambulatorium behandelt wurde. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung vom 1. Februar 2007 enthält zwar eine Relativierung
insofern, als offen gelassen wurde, ob bei der zumutbaren Arbeitszeit von viereinhalb
Stunden pro Tag eine verminderte Leistungsfähigkeit bestehe, doch ist diese ärztliche
Einschätzung von 50 % Arbeitsfähigkeit in ihrem Beweiswert nicht zu vernachlässigen.
Nicht auszuschliessen ist, dass die spätere Beurteilung des Psychiatrischen Zentrums
vom 20. März 2008, welche ab 1. April 2007 von einer Arbeitsunfähigkeit von 100 %
ausgeht, von der subjektiven Krankheitsüberzeugung der Beschwerdeführerin
mitgeprägt ist. Dr. B._ hatte im Übrigen - trotz des Attests voller Arbeitsunfähigkeit -
eine geringe Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin (25 %) bejaht und
dafürgehalten, sie sollte (auch aus therapeutischen Gründen) Arbeit in Teilzeit mit
reduzierter Leistung erbringen können.
2.4 Es ist zusammenfassend festzuhalten, dass sich der Sachverhalt hinsichtlich des
Ausmasses der Arbeitsfähigkeit zu Beginn der gesundheitlichen Beeinträchtigung ohne
ergänzende Abklärungen nicht ausreichend klar beurteilen lässt. Ausserdem ist die
allfällige Entwicklung des Sachverhalts im Zeitablauf unklar. Es fragt sich, ob die für die
Zeit je ab den stationären Aufenthalten durch die Kliniken und zuletzt durch das
Psychiatrische Zentrum attestierten Arbeitsunfähigkeiten für den gesamten Zeitraum
gelten und als Bestätigung der Einschätzung des behandelnden Arztes zu würdigen
sind. Es erscheint unter den dargelegten Umständen gerechtfertigt, die bisher
vorliegenden Berichte von behandelnden Ärzten und Kliniken durch eine (bidisziplinäre)
Begutachtung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu ergänzen.
2.5 Der von der Gerichtsleitung gemachte Vorschlag, eine solche Begutachtung in ein
Revisionsverfahren zu verlegen, setzte selbstverständlich voraus, dass für die
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zurückliegende Zeit ein ausreichend abgeklärter Sachverhalt vorliege, und nicht ein
lediglich provisorisches, zweifelhaftes Beweisergebnis. Diesfalls wäre eine Pflicht zur
Weiterausrichtung einer nicht mehr geschuldeten Rente denn auch entgegen der
Annahme der Beschwerdegegnerin nicht zu befürchten gewesen.
3.
3.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen sind die angefochtenen Verfügungen vom
22. November 2007 und vom 5. Dezember 2007 aufzuheben und die Sache ist zur
Vornahme ergänzender Abklärungen im Sinne der Erwägungen und zu entsprechender
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Eine Rückweisung zur weiteren Abklärung der Streitsache und anschliessender
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin stellt im IV-Bereich praxisgemäss aus
prozessualer Sicht ein vollständiges Obsiegen dar (vgl. SVR 1995 IV Nr. 51 S. 143;
ZAK 1987 S. 266 E. 5a, mit Hinweisen). Deshalb rechtfertigt es sich vorliegend, der
Beschwerdegegnerin die Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt werden
(Art. 69 Abs. 1 IVG), gesamthaft aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP/SG). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 600.-- erscheint angemessen. Eine andere Kostenverlegung
(einschliesslich der Parteientschädigung) aus dem Grund, dass die Beschwerdeführerin
sich zum Vorbescheid nicht hat vernehmen lassen und eine Veränderung erst im
Beschwerdeverfahren angezeigt habe, ist nicht am Platz, ist die Gutheissung
(Rückweisung) doch nicht auf Umstände zurückzuführen, welche der
Beschwerdegegnerin erst verspätet im Beschwerdeverfahren gemeldet worden sind.
Die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten)
vom 26. Februar 2008 an die Beschwerdeführerin ist obsolet geworden.
3.3 Die vollständig obsiegende Beschwerdeführerin ist durch den Leiter des
Rechtsdienstes des Sozialamtes, einen Rechtsanwalt, vertreten. In BGE 126 V 11 (AHI
2000 S. 288) wurde angenommen, bei einer Vertretung durch eine öffentliche
Fürsorgeeinrichtung entstünden dem obsiegenden Sozialhilfeempfänger keine Kosten
für die Vertretung seiner Interessen, denn eine allfällige Rechtsvertretung sei ihm
unentgeltlich nach der Gesetzgebung über die öffentliche Fürsorge zu finanzieren, auch
bis
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wenn Anwälte mit der Rechtsvertretung beauftragt würden. Diese Annahme ist
indessen sachlich nicht gerechtfertigt. Bereits im BGE 117 IA 296 E. 3 hat das
Bundesgericht festgestellt, dass der obsiegenden Partei ein unentgeltlicher
Rechtsbeistand bewilligt worden sei, befreie die Gegenpartei nicht von der Leistung
einer Prozessentschädigung. Ebenso wenig wirke der Umstand entlastend, dass eine
Person ihr Kostenrisiko durch eine Rechtsschutzversicherung abdecken lasse oder ihr
dieses durch eine Haftpflichtversicherung, eine Gewerkschaft, eine andere Vereinigung
oder eine Drittperson abgenommen werde. In BGE 122 V 278 lehnte es das
Eidgenössische Versicherungsgericht ab, dass die unterliegende Gegenpartei davon
sollte profitieren können, dass ihr Prozessgegner zufälligerweise von einem nicht als
entschädigungsberechtigt geltenden Vertreter (in casu: procap) vertreten war. Wer
einen Prozess verliere, habe grundsätzlich nach Massgabe seines Unterliegens die
Gegenpartei zu entschädigen, und zwar unabhängig davon, ob dieser aufgrund
externer Vereinbarungen mit Dritten an sich keine eigenen Kosten erwachsen wären.
Diese Lösung entspricht auch den Grundsätzen der "Vorteilsanrechnungslehre" des
Haftpflichtrechts, wonach unentgeltliche Zuwendungen Dritter nicht anzurechnen sind,
wenn der Geschädigte und nicht der Haftpflichtige begünstigt werden solle (BGE 122 V
278). Diese Ordnung muss gelten, gleichgültig, ob es eine öffentliche Sozialhilfe oder
eine private Einrichtung (die Pro Infirmis, eine Gewerkschaft, das Patronato INCA, die
Caritas, eine Arbeitsgemeinschaft, eine Rechtsschutzversicherung usw.) ist, welche
dafür verantwortlich ist, dass keine Auslagen für die Vertretung entstehen.
Vertretungsaufwand stellt eben eine Ausgaben- (bzw. Schadens-)position dar, auch
wenn ein Dritter sie unterstützungs- oder fürsorgerechtlich oder aus sonstigen Gründen
übernimmt. Aus der Sicht der Sozialhilfe (oder auch der ihr vergleichbaren
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung auf Staatskosten) sind geschuldete
Parteientschädigungen Einnahmenpositionen des Bedürftigen, auf welche dieser nicht
verzichten darf. Dabei ist kein Unterschied zu machen, ob die Sozialhilfe eigene oder
fremde Anwälte einsetzt. Es darf nicht argumentiert werden, dem Sozialhilfeempfänger
entstehe bei Obsiegen kein Schadenersatzanspruch für Vertretungsaufwand (so zum
Ganzen der Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S S. vom
11. Dezember 2007, IV 2006/147). Der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand
erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen.
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Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG