Decision ID: 6df5ee3b-a5e1-4056-9f1b-85a52172f259
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 5. März 2009 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Im März 2010 wurde die
Versicherte durch die Klinik Valens, Rehabilitationszentrum, bidisziplinär
(rheumatologisch-orthopädisch und psychiatrisch) begutachtet. Im entsprechenden
Gutachten vom 25. Mai 2010 (IV-act. 37) wurden als Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit ein chronisches myofasziales zervikobrachiales Schmerzsyndrom, ein
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom sowie eine Dysthymie angegeben (IV-act.
37-3). In der Beurteilung hielten die Gutachter fest, dass die Versicherte bereits seit
1998 unter Nackenbeschwerden gelitten habe. Im Jahre 2000 seien
Röntgenaufnahmen und eine Kernspintomographie durchgeführt worden, wobei sich
eine initiale Degeneration C5/6 rechts gefunden habe. Später seien dann auch
Schmerzen lumbal im Bereich des Beckengürtels, im Bereich der linken Hand
(Haltehand) sowie Kopfschmerzen dazugekommen. Der Ehemann der Versicherten
erhalte seit ungefähr 10 Jahren eine halbe IV-Rente, nachdem er ab 1999 während
relativ kurzer Zeit drei Autounfälle erlebt habe. Seitdem arbeite er nicht mehr und könne
auch im Haushalt nicht mithelfen. Es sei zu einer zunehmenden Verschuldung der
Familie gekommen. Die Versicherte habe versucht, der Rolle als Hausfrau und
Familienernährerin gerecht zu werden und sei so in eine progrediente
Überlastungssituation hineingeraten. Dieser Zustand sei im Herbst 2008 derart
ausgeprägt gewesen, dass sie sich in psychiatrische Behandlung begeben habe. Seit
März 2007 sei die Versicherte bei der Firma B._ im Bereich Kabelmontage tätig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dabei halte sie mit der linken Hand die Kabel, um sie mit der rechten Hand aufzuteilen
und für den Stecker vorzubereiten. Sie sei ursprünglich zu einem 100%-Pensum
angestellt worden, sei jedoch im Verlauf des Jahres 2008 und dann wieder Ende 2008/
Anfang 2009 zu 100% arbeitsunfähig gewesen. Seit dem 5. Januar 2009 bis heute
arbeite sie zu 50%. Während von psychiatrischer Seite für die jetzige Tätigkeit eine
Arbeitsfähigkeit von mindestens 80% als gegeben erachtet werde, sei aus
rheumatologisch-orthopädischer Sicht von einer halbtägigen (50%igen) Arbeitsfähigkeit
auszugehen. Betreffend eine adaptierte Tätigkeit habe die Versicherte im Rahmen der
Evaluation der arbeitsbezogenen funktionellen Leistungsfähigkeit eine Zumutbarkeit für
eine sehr leichte, vorwiegend sitzende Arbeit mit Einschränkungen bezüglich dem
Hantieren von Gewichten bis maximal 2,5 kg gezeigt. Kniebelastende Tätigkeiten,
vorgeneigte Positionen und Arbeiten über Kopf sollten nur selten vorkommen. Die
Versicherte sei bezüglich Arbeitstempo, Handkoordination und Ausdauer des linken
Armes eingeschränkt. Dies sei die Begründung dafür, dass der Versicherten nur eine
sehr leichte Tätigkeit halbtags (4 bis 4,5 Stunden pro Tag) möglich sei. Die jetzige
Tätigkeit entspreche an und für sich einer solchen adaptierten Tätigkeit. Aus
interdisziplinärer Sicht sei seit dem 5. Januar 2009 von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit
auszugehen. Es spreche nichts dagegen, dass die Versicherte die Willensanspannung
aufbringen könne, trotz Schmerzen und subjektivem Leiden zu arbeiten. Dies tue sie
auch und komme insgesamt mit dem Mix der Tätigkeit im Haushalt und im Erwerb zu
einer 80 - 100%igen Gesamtbelastung (IV-act. 37-4 ff.).
A.b Der Regionale Ärztliche Dienst der IV-Stelle (RAD) nahm am 15. Juni 2010 zum
Gutachten Stellung und hielt fest, dass das Resultat der anlässlich der Begutachtung
durchgeführten Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit nicht allein zur
Bestimmung der Arbeitsfähigkeit der Versicherten herangezogen werden könne. Bei
näherer Auseinandersetzung mit dem Gutachten müsse man zum Schluss kommen,
dass die Gutachter die verminderte Arbeitsfähigkeit der Versicherten durch subjektive
bzw. IV-fremde (psychosoziale) Faktoren begründet hätten. Bei Ausblendung dieser
Faktoren sei nicht plausibel nachvollziehbar, weshalb die Versicherte in der von den
Gutachtern beschriebenen adaptierten Tätigkeit nicht eine volle Arbeitsfähigkeit
aufbringen können solle. Unter Berücksichtigung der im Gutachten aufgeführten
objektiven Befunde müsse aus somatischer Sicht medizinisch-theoretisch von einer
100%igen Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten ausgegangen werden. Da gemäss
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dem rheumatologisch-orthopädischen Gutachter die bisherige Tätigkeit als adaptiert zu
betrachten sei, bestehe auch in der bisherigen Tätigkeit eine volle Arbeitsfähigkeit. Aus
psychiatrischer Sicht führe das psychische Leiden der Versicherten zu keiner
relevanten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Es bestehe eine mindestens 80%ige
Arbeitsfähigkeit sowohl in der bisherigen wie auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit
(IV-act. 38-2).
A.c Mit einer Verfügung vom 7. September 2010 wies die IV-Stelle einen
Rentenanspruch der Versicherten ab (IV-act. 45).
B.
B.a Am 19. Oktober 2012 meldete sich die Versicherte erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an (IV-act. 48). Mit einem Schreiben vom 23. Oktober 2012 forderte die
IV-Stelle die Versicherte auf, Nachweise einzureichen, die eine relevante Änderung des
Sachverhalts seit der letzten Leistungsabweisung vom 7. September 2010 glaubhaft
machten (IV-act. 51). In der Folge reichte die Versicherte einen Bericht ihres
behandelnden Psychiaters, Dr. med. C._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 29. Oktober 2012 sowie ihres Hausarztes, Dr. med. D._,
Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, vom 5. November 2012 ein. Dr. C._ hatte als
Diagnosen eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
mit somatischem Syndrom sowie eine Somatisierungsstörung genannt und eine
mindestens 50%ige Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht attestiert (IV-act.
53-1). Dr. D._ hatte folgende Diagnosen angegeben: ein chronisches
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom bei deutlichen degenerativen Veränderungen
im Segment L4/5 sowie L5/S1, ein chronisches myofasziales Schmerzsyndrom, eine
rechtsbetonte Coxarthrose sowie eine mittelschwere depressive Entwicklung. Zur
Beurteilung hatte er festgehalten, dass die Versicherte seit Jahren in regelmässiger
physiotherapeutischer, neuraltherapeutischer, medikamentöser und psychiatrischer
Behandlung sei, ohne dass sich ihr Gesundheitszustand wesentlich verbessert hätte.
Im Gegenteil gehe es ihr insbesondere psychisch schlechter als noch vor zwei Jahren.
Die depressive Symptomatik habe zugenommen. Er könne sich aus psychiatrischer
Sicht der Beurteilung von Dr. C._ anschliessen. Auch aus somatischer Sicht halte er
aufgrund der chronifizierten Schmerzen ein Arbeitspensum von über 50% für nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumutbar (vgl. IV-act. 53-3). In ihren Berichten zu Handen der IV-Stelle vom 1. und 11.
März 2013 wiederholten Dr. C._ und Dr. D._ ihre Angaben zum
Gesundheitszustand und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten (IV-act. 59 und 60). Der
RAD hielt am 4. Juli 2013 fest, dass die Beurteilungen des psychischen Zustandes der
Versicherten auseinandergingen. Während im Gutachten der Klinik Valens als Diagnose
eine Dysthymie angegeben worden sei, sei nun von einer seit 19. Oktober 2010
durchgehend bestehenden mittelgradigen Depression die Rede. Eine Beeinträchtigung
in der Alltagsbewältigung werde in den Berichten von Dr. D._ und Dr. C._ nicht
näher begründet. Es sei zudem nicht klar, weshalb es sich um eine rezidivierende
depressive Störung handeln solle. Wie schon bei der Begutachtung im Jahr 2010
spielten auch jetzt psychosoziale Faktoren eine erhebliche Rolle. Erforderlich sei eine
weitere bidisziplinäre Begutachtung der Versicherten (IV-act. 63-2).
B.b Im August/September 2013 wurde die Versicherte durch das Medizinische
Gutachtenszentrum St. Gallen (MGSG) orthopädisch und psychiatrisch untersucht und
begutachtet. Im entsprechenden Gutachten vom 26. September 2013 (IV-act. 67)
wurden als arbeitsfähigkeitsrelevante Diagnosen eine Acromioclaviculargelenksarthrose
mit Impingement und Insertionstendinitis der Supraspinatus-, Infraspinatus- und
Subscapularissehne rechts und wahrscheinlich auch links, eine chronische depressive
Verstimmung (Dysthymie), bestehend von etwa 2000 bis Juli 2010 sowie eine
rezidivierende depressive Störung mit mittelgradigen depressiven Episoden, bestehend
seit etwa August 2010. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurde u.a. eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung, bestehend seit Jahren, angegeben (IV-act.
67-37). Der orthopädische Gutachter führte in der Beurteilung aus, dass das Ausmass
der von der Versicherten geklagten Nackenschmerzen und insbesondere der
demonstrierten abnormen Untersuchungsbefunde der HWS massiv mit dem MRI der
HWS kontrastiere, wo lediglich eine leichte Protrusion der Bandscheibe C5/6 und C6/7
sichtbar sei. Die Ausstrahlung der Schmerzen in sämtliche Finger und das
Einschlafgefühl derselben könnten nicht objektiviert werden. Die geklagten Schmerzen
in der rechten Schulter und die pathologischen objektiven Befunde derselben könnten
teilweise auf die im MRI dokumentierte Acromioclaviculargelenksarthrose mit
Impingement und Insertionstendinitis der Supraspinatus-, Infraspinatus- und
Subscapularissehne zurückgeführt werden. Der nicht sehr ausgeprägte pathologische
Befund erkläre allerdings nicht das Ausmass der geklagten Schmerzen. Wahrscheinlich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
liege auch links ein analoger Befund vor. Das Ausmass der Kniegelenksschmerzen und
der abnormen Untersuchungsbefunde der Kniegelenke kontrastiere mit dem MRI-
Befund des rechten Kniegelenks, womit lediglich eine diskrete Reizsynovialitis und eine
Chondropathie Grad I retropatellär mit mukoider Degeneration des Innenminiskus bei
intraossärem Ganglion der Tibia lateral nachgewiesen sei. Links könne eventuell auch
von einem leichten Knorpelschaden ausgegangen werden. Körperlich schwere
Arbeiten, die mit häufigen Tätigkeiten über Tischhöhe verbunden seien, könnten wegen
der Acromioclaviculargelenksarthrose mit Impingement und Insertionstendinitis der
Supraspinatus-, Infraspinatus- und Subscapularissehne rechts und wahrscheinlich
auch links nicht mehr vollumfänglich zugemutet werden. Bereits anlässlich der
Begutachtung im Jahr 2010 in der Klinik Valens sei bei der Evaluation der funktionellen
Leistungsfähigkeit „eine als nicht zuverlässig zu beurteilende Leistungsbereitschaft bei
deutlicher Selbstlimitierung und mässiger Konsistenz bei den Tests“ festgestellt
worden. Dies decke sich mit der Präsentation der Versicherten anlässlich der
Begutachtung, bei der eine Aggravation festzustellen gewesen sei. Die Arbeitsfähigkeit
in der angestammten Tätigkeit als Montagearbeiterin, einer vorwiegend sitzenden,
leichten Arbeit, die auf Tischhöhe verrichtet werden könne, betrage sei April 2010 80%.
Die Tätigkeit als Montagearbeiterin entspreche im Wesentlichen einer adaptierten
Tätigkeit (IV-act. 67-9 ff., 67-35 f.). Der psychiatrische Gutachter hielt fest, dass sich
bei der Versicherten etwa ab dem Jahr 2000 eine chronische depressive Verstimmung
entsprechend einer Dysthymie erheben lasse, bei der es sich um eine leichtgradige
depressive Störung handle, gekennzeichnet durch Stimmungsschwankungen mit
bedrückter Stimmung, Traurigkeit, Affektlabilität mit vermehrtem Weinen, innerer
Unruhe, Sorgen, und Angst. Hinzu kämen Reizbarkeit, Erregbarkeit, Ungeduld mit auf
die Situation eingeengtem negativistischem Denken und wiederholten Suizidgedanken
sowie Schlafstörungen. Daneben liessen sich aber auch kurze Stimmungsaufhellungen
bei Ablenkung, insbesondere durch die Tochter, feststellen. Nach Erhalt der Kündigung
lasse sich seit etwa August 2010 eine Verschlechterung des psychischen
Zustandsbildes mit rezidivierender depressiver Störung mit mittelgradigen depressiven
Episoden diagnostizieren, gekennzeichnet durch Intensivierung der beschriebenen
depressiven Symptomatik. Trotz regelmässiger psychiatrischer und
psychotherapeutischer Behandlung habe keine Besserung des psychischen
Zustandsbildes erreicht werden können. Es bestehe allerdings unverändert die familiäre
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Belastungssituation mit Partnerproblematik. Aufgrund der chronischen
Schmerzsymptomatik mit Symptomausweitung könne eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung angenommen werden. Im Zusammenhang mit der
Schmerzsymptomatik und insbesondere der langjährigen Partnerproblematik liessen
sich seit 2000 chronische depressive Verstimmungen entsprechend einer Dysthymie
erheben und seit etwa August 2010 bestehe eine rezidivierende depressive Störung mit
überwiegend mittelgradigen Episoden. Dabei handle es sich um keine eigenständige
depressive Erkrankung und es liege keine psychische Komorbidität von erheblicher
Schwere, Ausprägung und Dauer vor. Somit verfüge die Versicherte ausreichend über
die notwendigen Ressourcen für den Umgang mit den Schmerzen. Es liessen sich
keine weiteren massgebenden Faktoren wie chronische körperliche
Begleiterkrankungen – ausser den orthopädisch zu erhebenden Befunden – und kein
ausgewiesener sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens feststellen. Die
Versicherte habe zwar wenige soziale Kontakte, aber zumindest gute Kontakte mit den
Angehörigen und ihrer Tochter. Es liege kein hoher primärer Krankheitsgewinn im Sinne
eines verfestigten, therapeutisch nicht mehr angehbaren innerseelischen Verlaufs bei
missglückter, psychisch aber entlastender Konfliktbewältigung vor. Es könne lediglich
ein sekundärer Krankheitsgewinn zur Aufrechterhaltung ihrer sozialen Stellung
angenommen werden. Es bestünden keine unbefriedigenden Behandlungsergebnisse
trotz konsequenter Behandlungsbemühungen bei vorhandener Motivation und
Eigenverantwortung. Die Versicherte befinde sich zwar seit Oktober 2010 in
regelmässiger psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung, habe jedoch
bisher keine psychosomatische Behandlung erhalten, wobei auch teilstationäre oder
stationäre Behandlungsmöglichkeiten bestünden. Somit seien die therapeutischen
Optionen nicht ausgenützt. Trotz der mittelgradigen depressiven Episoden liege eine
zumutbare Willensanstrengung zur Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit mit
Verwertung der Restarbeitsfähigkeit vor. Die Versicherte sei einem Arbeitsfeld
zumutbar, bedürfe allerdings etwas vermehrter Rücksicht und Verständnis. Aufgrund
der rezidivierenden depressiven Störung mit mittelgradigen depressiven Episoden
seien die emotionale Belastbarkeit, die geistige Flexibilität, der Antrieb, die Interessen,
die Motivation und die Dauerbelastbarkeit beeinträchtigt, aber es liessen sich durchaus
auch Ressourcen erheben. Die Versicherte zeige gewisse Aktivitäten, indem sie
zumindest teilweise den Haushalt versorge, einkaufe, sich mit der Schwester treffe und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Telefonate mit den Schwestern führe. Die von der Versicherten berichteten
Beschwerden und präsentierten Symptome seien in sich weitgehend konstant, jedoch
liessen sich gewisse Verdeutlichungstendenzen erkennen mit Hinweisen auf die
unzufriedene Partnersituation. Aus rein psychiatrischer Sicht bestehe in der zuletzt
ausgeübten Tätigkeit als Montagemitarbeiterin eine 60%ige Arbeitsfähigkeit. In einer
leidensadaptierten Tätigkeit sei aus psychiatrischer Sicht eine 70%ige Arbeitsfähigkeit
anzunehmen. Die Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit gälten seit etwa August 2010.
Davor habe über Jahre eine 100%ige Arbeitsfähigkeit vorgelegen. (IV-act. 67-26 ff, IV-
act. 67-36 f.). In der Gesamtbeurteilung hielten die Gutachter fest, dass die
Arbeitsfähigkeit als Montagemitarbeiterin seit April 2010 80% und seit August 2010
60% betrage. Tätigkeiten, ohne erhöhte emotionale Belastung, ohne Stressbelastung,
ohne erforderliche geistige Flexibilität und ohne überdurchschnittliche Dauerbelastung
sowie körperliche Arbeiten, die auf Tischhöhe verrichtet werden könnten, seien der
Versicherten seit April 2010 zu 80% und seit August 2010 zu 70% zumutbar (IV-act.
67-38).
B.c Am 20. Dezember 2013 stellte der RAD Rückfragen an den psychiatrischen
Gutachter des MGSG (IV-act. 69), welcher daraufhin am 13. Januar 2014 eine
„Ergänzung“ seines psychiatrischen Teilgutachtens vom 23. August 2013 einreichte
(IV-act. 70). Auf die Frage des RAD nach der Herleitung der Diagnose einer
somatoformen Schmerzstörung bei der Versicherten hielt der Gutachter fest, dass
aufgrund der seit Jahren zunehmenden Schmerzsymptomatik und der Angabe von
schweren Schmerzen am gesamten Körper von einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung auszugehen sei, bei der die Schmerzen durch organische Störungen
nicht ausreichend erklärt werden könnten und in Verbindung mit emotionalen
Konflikten und psychosozialen Problemen bestünden. Bei der Versicherten liessen sich
ausgeprägte psychosoziale Probleme, insbesondere Partnerprobleme, erheben. Auf die
Frage des RAD betreffend die Eigenständigkeit der diagnostizierten depressiven
Störung und deren Wirkung als psychische Komorbidität erklärte der psychiatrische
Gutachter, dass die Versicherte im Zusammenhang mit der vorliegenden langjährigen
chronischen Schmerzsymptomatik eine depressive Verstimmung entsprechend einer
Dysthymie entwickelt habe. Nach der Verschlechterung dieser depressiven
Verstimmung könne seit August 2010 ein Übergang in eine rezidivierende depressive
Störung mit überwiegend mittelgradigen depressiven Episoden erhoben werden (keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sogenannte „double depression“). Damit handle es sich um keine eigenständige
depressive Erkrankung, sondern diese stehe im Zusammenhang mit der chronischen
Schmerzsymptomatik. Somit sei keine psychische Komorbidität von erheblicher
Schwere, Ausprägung und Dauer anzunehmen. Auf die Frage des RAD, weshalb bei
den Funktionseinschränkungen eine Beeinträchtigung in Bezug auf den Antrieb und die
geistige Flexibilität angegeben werde, obwohl diese Symptomatik bei den Befunden
nicht aufgeführt worden sei, gab der Gutachter an, dass sich zwar im
Untersuchungszeitpunkt keine Antriebsstörung habe erkennen lassen, gestützt auf die
anamnestischen Angaben jedoch eine solche angenommen werden könne. Die geistige
Flexibilität sei bei Einengung auf die Beschwerdesymptomatik und soziale Problematik
vermindert. Weiter hatte der RAD gefragt, weshalb der orthopädische Gutachter von
Aggravation gesprochen habe, während im psychiatrischen Gutachten lediglich
„gewisse Verdeutlichungstendenzen“ erwähnt worden seien. Der psychiatrische
Gutachter hielt dazu fest, dass die erwähnten Verdeutlichungstendenzen bei der
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit berücksichtigt worden seien. Das während der
orthopädischen Untersuchung gezeigte Verhalten sei während der psychiatrischen
Untersuchung nicht gezeigt worden. Die Versicherte habe sich weitgehend kooperativ
verhalten. Die Frage des RAD, ob von einer zumindest teilstationären psychiatrisch-
psychotherapeutischen Behandlung eine Verbesserung des Gesundheitszustandes
bzw. der Arbeitsfähigkeit der Versicherten zu erwarten wäre, bejahte der Gutachter; er
gab jedoch auch an, dass das Ausmass der zu erwartenden Leistungssteigerung nicht
absehbar sei.
B.d Mit einem Vorbescheid vom 20. Februar 2014 stellte die IV-Stelle die Abweisung
des Rentengesuchs der Versicherten in Aussicht. Zur Begründung hielt sie fest, dass
gemäss den zur Verfügung stehenden Unterlagen und dem MGSG-Gutachten vom 26.
September 2013 aus orthopädischer Sicht eine 80%ige Arbeitsfähigkeit bestehe. Aus
psychiatrischer Sicht seien Diagnosen aufgelistet worden, welche aus IV-rechtlicher
Sicht nicht invalidisierend seien. Es werde daher ausschliesslich auf die orthopädische
Einschätzung abgestützt. Der von der IV-Stelle vor diesem Hintergrund vorgenommene
Einkommensvergleich ergab einen IV-Grad von 15% (IV-act. 75). Gegen den
Vorbescheid liess die Versicherte im Wesentlichen einwenden, dass bereits die
rentenabweisende Verfügung vom 7. September 2010 ein Fehlentscheid gewesen sei.
Der RAD sei damals zu Unrecht mit dem Verweis auf die im Gutachten der Klinik
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Valens vom 25. Mai 2010 erwähnte „deutliche Selbstlimitierung und mässige
Konsistenz der Tests“ von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit ausgegangen. Entgegen
der Ansicht des RAD hätten sich die Gutachter bei der Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit nicht allein auf das Resultat der Evaluation der funktionellen
Leistungsfähigkeit, sondern auch auf die Ergebnisse der eigenen eingehenden
klinischen Untersuchungen gestützt. Die Annahme einer 100%igen Arbeitsfähigkeit
widerspreche selbst der aktuellen orthopädischen Beurteilung des MGSG, wonach nur
eine 80%ige Arbeitsfähigkeit bestehe. Der offensichtliche Fehlentscheid vom 7.
September 2010 sei zu berichtigen oder wiedererwägungsweise aufzuheben. Bezüglich
des Gutachtens des MGSG vom 23. September 2013 zeige sich, dass die Gutachter
offensichtlich übersehen hätten, dass die bisherige Tätigkeit einer adaptierten Tätigkeit
entspreche. Sofern überhaupt auf das Gutachten abgestellt werden könne, sei auf die
für die bisherige Tätigkeit attestierte 60%ige Arbeitsfähigkeit abzustellen. Dass die IV-
Stelle von der gesamtgutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung abgewichen sei und
nur die aus orthopädischer Sicht attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von
20% berücksichtigt habe, sei unzulässig. Entweder sei auf das Gutachten als Ganzes
abzustellen oder es müssten weitere Abklärungen durchgeführt werden. Das Verfahren
sei bis zum Vorliegen der seitens der behandelnden Ärzte bereits veranlassten
Abklärungen zu sistieren. In Bezug auf den Einkommensvergleich hätte das
Valideneinkommen anhand der LSE-Tabellen bestimmt werden müssen, da der
Arbeitgeber aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt habe. Zudem wäre beim
Invalideneinkommen ein Leidensabzug von mindestens 20% zu berücksichtigen
gewesen (IV-act. 79). Die Rechtsvertreterin der Versicherten stellte überdiesein Gesuch
um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren (IV-act. 79-7). Mit
einer Verfügung vom 25. April 2014 wies die IV-Stelle einen Rentenanspruch der
Versicherten ab. Zu den vorgebrachten Einwänden hielt sie fest, dass die Versicherte
hauptsächlich das MGSG-Gutachten vom 26. September 2013 kritisiert habe. Nach
Beantwortung der vom RAD gestellten Rückfragen durch die MGSG-Gutachter sei das
Gutachten schlüssig und nachvollziehbar gewesen. Weitere Abklärungen seien nicht
angezeigt. Es werde weiterhin nur auf den orthopädischen Teil abgestützt, da die
psychiatrischen Diagnosen aus IV-rechtlicher Sicht nicht invalidisierend seien. In Bezug
auf den Einkommensvergleich habe die wirtschaftliche Kündigung keinen Einfluss auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Höhe des Valideneinkommens. Dieses werde gestützt auf die letzte relevante
Tätigkeit berechnet. Die Kriterien für einen Leidensabzug seien nicht erfüllt (IV-act. 80).
C.
C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde der Versicherten
(nachfolgend: Beschwerdeführerin), vertreten durch Rechtsanwältin Filiz-Félice Aydemir
Séquin, vom 22. Mai 2014. Darin beantragt die Beschwerdeführerin die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 25. April 2014 und die Feststellung, dass ein Anspruch
auf eine Invalidenrente bestehe, resp. die Zusprache einer ganzen, eventualiter einer
Dreiviertels-, einer halben oder Viertelsrente. Zur Abklärung des Ausmasses der
Einschränkung sei ein Bericht beim Psychiatriezentrum E._, Dr. F._, einzuholen.
Eventualiter sei ein erweiterter fachärztlicher Bericht oder ein polydisziplinäres
Gutachten einzuholen. Subeventualiter sei die Angelegenheit zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In formeller Hinsicht lautet der Antrag auf die Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege sowohl für das Einsprache- als auch das
Beschwerdeverfahren. Zur Begründung wiederholt die Rechtsvertreterin im
Wesentlichen nochmals die gegen den Vorbescheid vom 20. Februar 2014 geltend
gemachten Einwände (IV-act. 79). Bezüglich des Gutachtens des MGSG vom 26.
September 2013 hält sie zudem fest, dass der RAD trotz der von ihm erwähnten
Widersprüchlichkeiten im psychiatrischen Teil auf das Gutachten als Ganzes abgestellt
habe. Demgegenüber habe die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
ausschliesslich auf das Resultat der orthopädischen Teilbeurteilung abgestellt und sei
von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit ausgegangen. Es sei nicht zulässig und
bundesrechtswidrig, dass abweichend von einer Konsensbeurteilung nur ein vom
Gesamtzusammenhang losgelöstes Teilgutachten zur Begründung der Arbeitsfähigkeit
herangezogen werde. Obwohl die Beschwerdegegnerin sowohl im Rahmen der Erst-
als auch der Zweitanmeldung eine umfassende gutachterliche Abklärung der
Beschwerdeführerin veranlasst habe, habe sie sich bei der Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit jeweils ausschliesslich auf die RAD-Berichte oder auf einzelne
Teilgutachten abgestützt. Entweder sei vorliegend auf das MGSG-Gutachten als
Ganzes und damit auf die Einschätzung einer 60%igen Arbeitsfähigkeit abzustellen
oder es sei überhaupt nicht darauf abzustellen. In diesem Fall seien weitere
Abklärungen bei den behandelnden Ärzten oder eine umfassende polydisziplinäre
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtung angezeigt. Die Beschwerdeführerin sei aktuell in psychiatrischer
Behandlung bei Dr. F._, bei der noch ein Bericht einzuholen sei. Im Rahmen des
Einkommensvergleichs sei mindestens ein 10 - 20%iger Leidensabzug aufgrund der
am Arbeitsplatz zu berücksichtigenden gesundheitlichen Einschränkungen der
Beschwerdeführerin vorzunehmen (IV 2014/271; act. G 1).
C.b Am 14. August 2014 beantragt die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Vorweg weist sie darauf hin, dass das Gesuch um die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung noch geprüft und bald darüber entschieden
werde. In materieller Hinsicht hält sie fest, dass auf Stellungnahme betreffend die
Ausführungen zur Erstanmeldung verzichtet werde, da die entsprechende Verfügung
vom 7. September 2010 unangefochten in Rechtskraft ergangen sei. Entgegen der
Ansicht der Beschwerdeführerin und nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
komme den Ärzten keine abschliessende Beurteilung in Bezug auf Folgenabschätzung
der erhobenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf die Arbeitsfähigkeit zu. Der
psychiatrische MGSG-Gutachter habe die Diagnosen einer Dysthymie, einer
rezidivierenden depressiven Störung mit mittelgradigen depressiven Episoden sowie
einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, welche keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit habe, gestellt. In der Stellungnahme vom 13. Januar 2014 habe der
psychiatrische Gutachter ausdrücklich angegeben, dass es sich bei der Depression um
keine eigenständige depressive Erkrankung handle und dass keine psychische
Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer anzunehmen sei.
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung begründe die Diagnose einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung in der Regel keine lang dauernde, zu einer
Invalidität führende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Relevante Kriterien
(sogenannte Förster-Kriterien), aufgrund derer ausnahmsweise von einer
Unzumutbarkeit der willentlichen Schmerzüberwindung auszugehen sei, lägen bei der
Beschwerdeführerin nicht vor. Der psychiatrische Gutachter habe sich zu den einzelnen
Kriterien geäussert. Es bestünden keine ausgewiesene Komorbidität, kein sozialer
Rückzug, kein primärer Krankheitsgewinn und auch keine unbefriedigenden
Behandlungsergebnisse. Gemäss dem psychiatrischen Gutachter seien die
therapeutischen Optionen nicht ausgenützt. Somit sei der Regelfall der zumutbaren
Überwindbarkeit gegeben, so dass die aufgrund der Schmerzstörung vom
psychiatrischen Gutachter attestierte Minderung der Arbeitsfähigkeit von 40% aus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
versicherungsrechtlicher Sicht ausser Betracht bleiben müsse. Ein Leidens- und
Teilzeitabzug, wie von der Beschwerdeführerin geltend gemacht, komme nicht in
Betracht, da ihr sowohl die bisherige als auch jede andere körperlich leichte
Verweistätigkeit zumutbar sei. Zudem wirke sich bei Frauen eine teilzeitlich ausgeübte
Beschäftigung nicht lohnmindernd aus (IV 2014/271; act. G 3).
C.c Am 4. September 2014 wird dem Gesuch der Beschwerdeführerin um
unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) für das Verfahren vor dem Versicherungsgericht
entsprochen (IV 2014/271; act. G 4).
C.d Mit einer Eingabe vom 18. September 2014 verzichtet die Beschwerdeführerin auf
die Einreichung einer Replik. Die Rechtsvertreterin stellt den Antrag auf Vereinigung
des laufenden Verfahrens mit dem Beschwerdeverfahren gegen die Verfügung vom 8.
September 2014 betreffend unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Vorbescheidverfahren (IV 2014/271; act. G 6).
C.e Mit einer Eingabe vom 7. April 2015 reicht die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin einen aktuellen Bericht von Dr. F._ ein und ersucht um dessen
Berücksichtigung (act. G 8). In diesem Bericht vom 27. März 2015 hatte Dr. med. F._,
Fachärztin für Psychiatrie, festgehalten, dass sich die Beschwerdeführerin seit April
2014 in ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung befinde. Die
körperlichen Beschwerden schlügen zunehmend auf die Psyche der
Beschwerdeführerin, welche unter gedrückter Stimmung, Affektarmut, häufiger
Weinerlichkeit, verringertem Antrieb, rascher Ermüdbarkeit bei geringster Belastung,
zeitweisem Auftreten von Zukunftsängsten, innerer Unruhe, Nervosität,
Gedankenkreisen, ausgeprägter Grübelneigung betreffend ihrer chronischen
Schmerzsymptomatik, Hoffnungslosigkeit, Anhedonie, Libidoverlust, sozialem Rückzug
und starken Insuffizienzgefühlen leide. Aufgrund dieser Symptomatik sehe sich die
Beschwerdeführerin ausserstande, einer geregelten Erwerbstätigkeit nachzugehen. Aus
psychiatrischer Sicht scheine aufgrund der Chronifizierung der körperlichen und
psychischen Beschwerdebilder ein Erreichen einer Arbeitsfähigkeit unwahrscheinlich.
Als Diagnosen hatte Dr. F._ eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schwere Episode ohne psychotische Symptomatik, sowie eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung angegeben (IV 2014/271; act. G 8.1).
D.
D.a Mit einer Verfügung 8. September 2014 lehnte die Beschwerdegegnerin das
Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren mangels
sachlicher Gebotenheit sowie bei gegebener Aussichtslosigkeit nachträglich ab. Zur
Begründung führte sie aus, dass im vorliegenden Fall die Abklärung des medizinischen
Sachverhalts im Vordergrund stehe. Die Rechtsvertreterin habe keine neuen
medizinischen Unterlagen eingereicht, sondern lediglich das MGSG-Gutachten vom
26. September 2013 bemängelt und die Einholung eines polydisziplinären Gutachtens
beantragt. Dazu wäre die Beschwerdeführerin auch selbst in der Lage gewesen. Der
RAD habe das Gutachten gemäss seiner Stellungnahme vom 30. Januar 2014 als
schlüssig und nachvollziehbar erachtet, womit keine weitere Begutachtung angezeigt
sei. Die psychiatrischen Diagnosen seien aus IV-rechtlicher Sicht nicht invalidisierend.
Da sich somit keine besonders schwierigen oder umstrittenen Rechtsfragen stellten,
sei die Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung zu verneinen. Das Rechtsbegehren
sei aussichtslos gewesen, wie der Verfügung vom 25. April 2014 zu entnehmen sei.
Eine Prüfung der Bedürftigkeit erübrige sich folglich. Da die Beschwerdeführerin seit
1979 in der Schweiz lebe, könnten eine ausreichende Beherrschung der deutschen
Sprache sowie grundlegende Kenntnisse des schweizerischen Rechtssystems
vorausgesetzt werden. Zudem gelte ganz allgemein der Grundsatz der Subsidiarität
anwaltlicher Vertretung gegenüber der Unterstützung durch soziale Einrichtungen (IV
2014/436; act. G 1.1).
D.b Gegen diese Verfügung hat die Beschwerdeführerin am 18. September 2014
Beschwerde erheben lassen (IV 2014/436; act. G 1). Sie beantragt die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren. Zur Begründung hält die
Rechtsvertreterin fest, dass vorliegend insbesondere die zu beurteilenden
unterschiedlichen psychiatrischen Diagnosen, die diametral entgegengesetzten RAD-
Berichte und damit einhergehende Befund- und Beurteilungsunsicherheiten sowie die
rechtliche Würdigung der psychiatrischen Gutachten und der RAD-Berichte eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anwaltliche Verbeiständung notwendig machten, zumal selbst die Beschwerdegegnerin
einzelne Teilgutachten für widersprüchlich halte. Bei dieser Verfahrenssituation sei es
gerechtfertigt, dass sich die Beschwerdeführerin, welche ein juristischer und
medizinischer Laie und der deutschen Sprache nicht mächtig sei, an eine türkisch
sprechende Anwältin gewandt habe. Hinzu komme, dass das
Invalidenversicherungsrecht insbesondere in den vergangenen Jahren an Umfang und
Komplexität stark zugenommen habe. Dem Einwand der Beschwerdegegnerin, die
Beschwerdeführerin hätte sich zunächst an eine soziale Einrichtung wenden müssen,
sei nicht zu folgen. Es bestehe keine Schadenminderungspflicht dahingehend, dass die
Beschwerdeführerin zuerst sämtliche unentgeltlichen Rechtsberatungen ausschöpfen
müsste (IV 2014/436; act. G 1).
D.c Am 20. Oktober 2014 beantragt die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Zur Begründung verweist sie auf die angefochtene Verfügung und hält
zudem fest, dass im Einwand vom 15. April 2014 eine Auseinandersetzung mit der IV-
rechtlichen Problematik des Vorliegens eines invalidisierenden Gesundheitsschadens
fehle. Gerügt würden die Verwertbarkeit des MGSG-Gutachtens und die Höhe der
Arbeitsfähigkeit, welche durch den RAD „abgeändert“ worden sei. Die Diskrepanz
zwischen der angenommenen Arbeitsfähigkeit im Gutachten und der Schlussfolgerung
des RAD dürfte selbst einem Laien ins Auge springen. Für diese Erkenntnis sei kein
fachlicher Beistand notwendig. Der Verweis auf die schlechten Deutschkenntnisse sei
ebenfalls nicht zielführend. Die Beschwerdeführerin sei seit 1979 in der Schweiz und
beherrsche gemäss dem MGSG-Gutachten die deutsche Sprache ausreichend.
Andernfalls wäre es ihr zumutbar gewesen, den Einwand durch eine Drittperson, wie
z.B. durch ihre Tochter, einreichen zu lassen (IV 2014/436; act. G 3).

Erwägungen
1.
1.1 Streitgegenstand im Verfahren IV 2014/271 bildet der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Rente der Invalidenversicherung (Verfügung vom 25. April
2014). Im Verfahren IV 2014/436 bildet die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
im Rahmen der Rentenanspruchsprüfung durchgeführte Vorbescheidverfahren den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitgegenstand (Verfügung vom 8. September 2014). Da die Streitgegenstände eng
zusammenhängen und sich dieselben Parteien gegenüber stehen, rechtfertigt es sich,
die Verfahren IV 2014/271 und IV 2014/436 zu vereinigen.
1.2 Die Beschwerdeführerin erhebt in der Beschwerde gegen die rentenabweisende
Verfügung vom 25. April 2014 auch materielle Einwände gegen die bereits formell
rechtskräftige Verfügung vom 7. September 2010, mit welcher erstmals ein
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin abgelehnt worden war (vgl. IV-act. 45). Diese
Einwände sind als ein Gesuch um Wiedererwägung dieser Verfügung zu interpretieren.
Gemäss Art. 53 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann der Versicherungsträger auf formell
rechtskräftige Verfügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese
zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (vgl.
auch BGE 127 V 466 E. 2c). Die Verwaltung kann allerdings weder vom Betroffenen
noch vom Richter zu einer Wiedererwägung angehalten werden (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 30. August 2004, I 284/04). Vorliegend hat
die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort festgehalten, dass sie keine
Stellung nehme zu den Einwänden gegen die Verfügung vom 7. September 2010, da
diese unangefochten in Rechtskraft erwachsen sei (vgl. IV 2014/ 271; act. G 3). Diese
Äusserung ist dahingehend zu deuten, dass die Beschwerdegegnerin entschieden hat,
nicht auf das Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführerin einzutreten. Nachdem
der Entscheid über das Eintreten auf ein Wiedererwägungsgesuch im Ermessen der
Beschwerdegegnerin liegt und vorliegend kein gerichtlich durchsetzbarer Anspruch auf
Wiedererwägung besteht, kann nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
insoweit auf die Beschwerde nicht eingetreten werden.
2.
2.1 Ist – wie vorliegend – eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrads
verweigert bzw. ein Rentengesuch abgewiesen worden, so wird eine neue Anmeldung
nur geprüft, wenn die Voraussetzungen des Eintretens auf ein Rentenrevisionsgesuch
(analog) erfüllt sind, d.h. wenn mit der Neuanmeldung glaubhaft gemacht wird, dass
eine anspruchserhebliche Änderung des Invaliditätsgrads eingetreten ist (Art. 87 Abs. 3
i.V.m. Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entgegen dem Wortlaut der genannten Verordnungsbestimmung ist nicht direkt eine
Veränderung des Invaliditätsgrads glaubhaft zu machen. Es genügt, wenn eine
Veränderung eines für die Invaliditätsbemessung relevanten Sachverhaltselements
(i.d.R. des Arbeitsfähigkeitsgrads) glaubhaft gemacht wird und daraus eine
leistungsrelevante Veränderung des Invaliditätsgrads resultieren kann. Das
Glaubhaftmachen stellt niedrigere Beweisanforderungen als der im
Sozialversicherungsrecht im Allgemeinen massgebende Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit. Es genügt, dass für den geltend gemachten
rechtserheblichen Sachumstand wenigstens gewisse Anhaltspunkte bestehen, auch
wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, bei eingehender Abklärung
werde sich die behauptete Sachverhaltsänderung (bzw. Sachlage) nicht erstellen
lassen (Urteil des Bundesgerichts vom 8. Juli 2011, 9C_236/2011).
2.2 Bei der rentenablehnenden Verfügung vom 7. September 2010 hat sich die
Beschwerdegegnerin aus rein medizinischer Sicht auf das Gutachten der Klinik Valens
vom 25. Mai 2010 (vgl. IV-act. 37) gestützt. Bezüglich der Arbeitsfähigkeitsschätzung
ist sie der vom Gutachten abweichenden Beurteilung des RAD vom 15. Juni 2010
gefolgt, wonach bei der Beschwerdeführerin eine mindestens 80%ige Arbeitsfähigkeit
sowohl in der bisherigen wie auch einer leidensadaptierten Tätigkeit vorliege (vgl. IV-
act. 38-2). Im Rahmen der Neuanmeldung vom 19. Oktober 2012 hat die
Beschwerdeführerin einen Bericht ihres behandelnden Psychiaters Dr. C._ vom 29.
Oktober 2012 (vgl. IV-act. 53-1) sowie einen Bericht ihres Hausarztes Dr. D._ vom 5.
November 2012 (vgl. IV-act. 53-3) eingereicht. Beide Ärzte haben übereinstimmend die
Diagnose einer mittelschweren depressiven Störung und damit einhergehend eine
50%ige Arbeitsunfähigkeit angegeben. Dr. D._ hat festgehalten, dass es der
Beschwerdeführerin insbesondere aus psychischer Sicht schlechter gehe als noch vor
zwei Jahren. Die depressive Symptomatik habe zugenommen. Mit den erwähnten
Berichten hat die Beschwerdeführerin eine Verschlechterung ihres
Gesundheitszustandes bzw. ihres Arbeitsfähigkeitsgrades im Vergleich zum
Sachverhalt, welcher der rentenabweisenden Verfügung vom 7. September 2010
zugrunde lag, glaubhaft gemacht. Die Beschwerdegegnerin ist denn auch auf die
Neuanmeldung eingetreten.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Im Folgenden ist die Frage zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin einen
Rentenanspruch hat.
3.2 Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht ein
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein
Anspruch auf eine Viertelsrente. Gemäss Art. 16 ATSG ist zur Bemessung des
Invaliditätsgrades das Einkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Das ausschlaggebende Element der Bemessung des zumutbaren
Invalideneinkommens – und damit indirekt des Invaliditätsgrades – ist grundsätzlich der
Grad der verbliebenen Arbeitsfähigkeit, so dass dessen Ermittlung normalerweise den
ersten Schritt bei der Erhebung des massgeblichen Sachverhalts bildet.
3.3 Die gesetzlichen Definitionen von Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit, Invalidität,
Ermittlung des Invaliditätsgrades usw. stellen Rechtsbegriffe dar. Gerichtliche
Schlussfolgerungen in ihrem Geltungsbereich, z.B. die Bejahung oder Verneinung einer
erheblichen Arbeitsunfähigkeit oder einer rentenbegründenden Invalidität, sind daher
Akte der Rechtsanwendung und nicht Schritte der Sachverhaltsfeststellung. Indessen
hängen Rechts- und Tatfragen im Bereich der Invaliditätsbemessung aufs Engste
miteinander zusammen, handelt es sich doch bei der Ermittlung des Invaliditätsgrades
um einen mehrstufigen Prozess, in dessen Verlauf mannigfaltige
Tatsachenfeststellungen (einschliesslich Schätzungen) getroffen werden (BGE 132 V
393 E. 3.1).
3.4 Um den Grad der Arbeitsunfähigkeit, der Erwerbsunfähigkeit und der Invalidität
bemessen zu können, sind Verwaltung und Gericht auf Unterlagen angewiesen, die
ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben.
Aufgabe der ärztlichen Sachverständigen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten
die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
3.5 Vorab zu klären ist die Frage, ob die medizinische Aktenlage eine rechtsgenügliche
Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin erlaubt. Die
Beschwerdegegnerin hat in rein medizinischer Hinsicht auf das MGSG-Gutachten vom
26. September 2013 abgestellt.
3.6 Der orthopädische Gutachter hat bei der Beschwerdeführerin als relevanten,
objektiv nachweisbaren Befund einzig eine Acromioclaviculargelenksarthrose mit
Impingement und Insertionstendinitis der Supraspinatus-, Infraspinatus- und
Subscapularissehne rechts und wahrscheinlich auch links festgestellt. Er hat
festgehalten, dass der Beschwerdeführerin aufgrund dieses Befundes, der die
geklagten Schmerzen in der rechten Schulter teilweise erkläre, körperlich schwere
Arbeiten, die mit häufigen Tätigkeiten über Tischhöhe verbunden seien, nicht mehr
vollumfänglich zumutbar seien (vgl. IV-act. 67-10). Als weitere Befunde hat er eine
leichte Protrusion der Bandscheibe C5/6 und C6/7, eine diskrete Reizsynovialitis und
eine Chondropathie Grad I sowie eine leichte Spondylarthrose angegeben. Insgesamt
ist er zum Schluss gekommen, dass das von der Beschwerdeführerin geklagte
Ausmass der Schmerzen am ganzen Körper nicht mit den objektivierbaren Befunden
zu erklären sei (vgl. IV-act. 67-10). Im Rahmen der Untersuchung hat der Gutachter bei
der Beschwerdeführerin Aggravation festgestellt. Er hat dazu ausgeführt, dass sich die
Beschwerdeführerin „unbeobachtet“ mühelos an- und ausgezogen und die
Kniegelenke bis 100 Grad flektiert habe. Bei den diversen Bewegungen scheine sie
keine wesentlichen Beschwerden gehabt zu haben (vgl. IV-act. 67-7). Die Einschätzung
des Gutachters erscheint glaubhaft, zumal bei der Beschwerdeführerin bereits
anlässlich der Begutachtung in der Klinik Valens im Jahr 2010 „eine als nicht
zuverlässig zu beurteilende Leistungsbereitschaft mit deutlicher Selbstlimitierung und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mässiger Konsistenz bei den Tests“ festgestellt worden war (vgl. IV-act. 67-10, 37-30).
Zur Arbeitsfähigkeit hat der Gutachter festgehalten, dass die bisherige Tätigkeit als
Montagemitarbeiterin zu 80% zumutbar sei. Diese Tätigkeit entspreche im
Wesentlichen einer adaptierten Tätigkeit, da es sich um eine leichte Arbeit handle, die
auf Tischhöhe verrichtet werden könne. Zu der von der Klinik Valens im Gutachten vom
25. Mai 2010 attestierten 50%igen Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit hat er
festgehalten, dass diese Einschätzung zu tief gewesen sei und die Arbeitsfähigkeit
aufgrund der damals vorliegenden Befunde deutlich höher veranschlagt werden könne,
namentlich auf ca. 80% (vgl. IV-act. 67-11). Tatsächlich hatten sich die Gutachter der
Klinik Valens bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit entscheidend auf die von der
Beschwerdeführerin bei der Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit gezeigten
Einschränkungen bezogen und dadurch die von der Beschwerdeführerin geklagten,
aber objektiv nicht nachweisbaren Beschwerden wohl zu stark gewichtet (vgl. IV-act.
37-6). Diesbezüglich ist festzuhalten, dass Schmerzangaben einer versicherten Person
für sich allein nicht genügen, um eine IV-rechtlich relevante Arbeitsunfähigkeit zu
begründen. Vielmehr muss im Rahmen der sozialversicherungsrechtlichen
Leistungsüberprüfung verlangt werden, dass Schmerzangaben durch damit
korrelierende, schlüssig feststellbare Befunde hinreichend erklärbar sind. Andernfalls
wäre eine rechtsgleiche Beurteilung von Rentenansprüchen nicht gewährleistet (Meyer/
Reichmuth, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Aufl., Art. 28a N 270).
Angesichts dessen, dass die bei der Beschwerdeführerin festgestellten objektivierbaren
Befunde nicht erheblich gewesen sind, und unter Berücksichtigung ihres
aggravierenden Verhaltens erscheint die Einschätzung des MGSG-Gutachters, wonach
eine 80%ige Arbeitsfähigkeit seit April 2010 bestehe, überzeugend und
nachvollziehbar.
3.7 In psychiatrischer Hinsicht hat der MGSG-Gutachter als arbeitsfähigkeitsrelevante
Diagnosen eine chronische depressive Verstimmung (Dysthymie), bestehend von etwa
2000 bis Juli 2010, und eine rezidivierende depressive Störung mit mittelgradigen
depressiven Episoden, bestehend seit August 2010, angegeben. Als Diagnose ohne
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hat er eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung,
bestehend seit Jahren, genannt. In seiner Beurteilung hat der Gutachter die bei der
Beschwerdeführerin seit August 2010 eingetretene Verschlechterung der depressiven
Störung nachvollziehbar dargelegt und anhand der in den Vorberichten erwähnten und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der eigenen Befunde begründet. So hat er ausgeführt, dass es nach der Kündigung im
Juli 2010 zu eine Verschlechterung des psychischen Zustandsbildes der
Beschwerdeführerin gekommen sei und sich ab August 2010 eine rezidivierende
Störung mit überwiegend mittelgradigen depressiven Episoden erheben lasse (vgl. IV-
act. 67-57). Die vom Gutachter angegebenen Diagnosen stimmen mit jenen in den
Vorberichten überein. Auch der die Beschwerdeführerin seit dem 29. Oktober 2010
behandelnde Psychiater Dr. C._ hatte in seinen Berichten vom 29. Oktober 2012 (vgl.
IV-act. 53) und vom 1. März 2013 (vgl. IV-act. 59) eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, sowie eine Somatisierungsstörung
angegeben. Bezüglich der Arbeitsfähigkeit hat der Gutachter angegeben, dass bei der
Beschwerdeführerin aufgrund der rezidivierenden depressiven Störung mit
mittelgradigen Episoden die emotionale Belastbarkeit, die geistige Flexibilität, der
Antrieb, die Interessen, die Motivation sowie die Dauerbelastbarkeit beeinträchtigt
erschienen. In der bisherigen Tätigkeit als Montagemitarbeiterin könne eine 60%ige
Arbeitsfähigkeit angenommen werden. In einer leidensadaptierten Tätigkeit, d.h. eine
Tätigkeit ohne erhöhte emotionale Belastung, ohne erhöhten Zeitdruck
(Stressbelastung), ohne erforderliche geistige Flexibilität und ohne
überdurchschnittliche Dauerbelastung, betrage die Arbeitsfähigkeit 70%. Die
Einschätzung gelte seit etwa August 2010. Davor habe über Jahre eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit bestanden (vgl. IV-act. 67-61). Die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung erscheint plausibel. In retrospektiver Hinsicht steht sie im
Einklang mit dem Vorgutachten. So hatte der psychiatrische Gutachter der Klinik
Valens festgehalten, dass aufgrund der diagnostizierten Dysthymie keine relevante
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit bestehe. Es sei aus psychiatrischer Sicht von
einer mindestens 80%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (vgl. IV-act. 37-53). Der
behandelnde Psychiater Dr. C._ hatte in seinen Berichten lediglich ein 50%ige
Arbeitsfähigkeit attestiert (vgl. IV-act. 53). Seine leicht höhere
Arbeitsfähigkeitsschätzung hat der MGSG-Gutachter mit der Berücksichtigung der bei
der Beschwerdeführerin vorliegenden IV-fremden psychosozialen Faktoren
(Partnerkonflikt) erklärt. Zudem führe die anhaltende somatoforme Schmerzstörung zu
keiner Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (vgl. IV-act. 67-60). Insgesamt erscheinen die
Beurteilung und die Arbeitsfähigkeitsschätzung des psychiatrischen MGSG-Gutachters
in medizinischer Hinsicht nachvollziehbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
4.1 Die Beschwerdegegnerin hat die vom psychiatrischen Gutachter attestierte
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit jedoch als in IV-rechtlicher Hinsicht unbeachtlich
qualifiziert und hat lediglich die aus orthopädischer Sicht attestierte
Arbeitsfähigkeitseinschränkung von 20% berücksichtigt. Eine weitergehende
Begründung findet sich weder im Vorbescheid vom 20. Februar 2014 noch in der
angefochtenen Verfügung vom 25. April 2014. Erst aus der Beschwerdeantwort geht
hervor, dass sich die Beschwerdegegnerin auf die mit BGE 130 V 352 begründete
Rechtsprechung des Bundesgerichts zu den somatoformen Schmerzstörungen beruft
und geltend macht, dass es sich gemäss den Angaben des psychiatrischen MGSG-
Gutachters bei der Depression nicht um eine eigenständige depressive Erkrankung
handle und dass keine psychische Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung
und Dauer anzunehmen sei. Zudem seien auch die weiteren (Förster-)Kriterien nicht in
genügender Weise erfüllt, um eine invalidisierende Wirkung der somatoformen
Schmerzstörung annehmen zu können. Somit sei der Regelfall der zumutbaren
Überwindbarkeit gegeben, so dass die vom psychiatrischen Gutachter aufgrund der
Schmerzstörung attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausser Betracht bleiben
müsse (vgl. IV 2014/271; act. G 3).
4.2 Die Ansicht der Beschwerdegegnerin kann insbesondere im Hinblick auf die mit
dem Bundesgerichtsentscheid vom 3. Juni 2015, BGE 141 V 281 ff., neu eingeführte
Praxis nicht aufrechterhalten werden. Neu begründet die Diagnose einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung und von vergleichbaren psychosomatischen Leiden
keine Überwindbarkeitsvermutung mehr. An die Stelle des Regel-/Ausnahmemodells
mit der Prüfung der Förster-Kriterien hat gemäss neuer Praxis ein strukturiertes
Beweisverfahren zu treten. In dessen Rahmen ist das tatsächlich erreichbare
Leistungsvermögen der versicherten Person in einer Gesamtbetrachtung
ressourcenorientiert, einzelfallgerecht und ergebnisoffen zu beurteilen. Diese
Bewertung erfolgt anhand eines Katalogs von Indikatoren, welche die massgeblichen
Aspekte psychosomatischer Leiden umfassen. Schematisch können diese Indikatoren
folgendermassen dargestellt werden (vgl. BGE 141 V 297 f. E. 4.1.3):
I Funktioneller Schweregrad
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. Komplex “Gesundheitsschädigung“
1.1. Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
1.2. Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
1.3. Komorbiditäten
2. Komplex “Persönlichkeit“: Persönlichkeitsdiagnostik (Persönlichkeitsstruktur,
Persönlichkeitsentwicklung und -störungen, persönliche Ressourcen)
3. Komplex “Sozialer Kontext“
3.1. Abgrenzung psychosozialer und soziokultureller Faktoren
3.2. Eruierung der Ressourcen anhand des sozialen Umfelds
II Konsistenzprüfung (Gesichtspunkte des Verhaltens)
1. Gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren
Lebensbereichen
2. Behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck
(bzw. Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen)
4.3 Das Erfordernis einer Gesamtbetrachtung gilt grundsätzlich unabhängig davon, wie
es um den Zusammenhang zwischen dem Schmerzsyndrom und der Komorbidität
bestellt ist. Daher verliert beispielsweise eine Depression nicht mehr allein wegen ihrer
(allfälligen) medizinischen Konnexität zum Schmerzleiden jegliche Bedeutung als
potentiell ressourcenhemmender Faktor (BGE 141 V 300 f. E. 4.3.1.3). Somit kann das
Vorbringen der Beschwerdegegnerin, es handle sich bei der depressiven Störung der
Beschwerdeführerin nicht um eine eigenständige, sondern um eine im Zusammenhang
mit der Schmerzstörung stehende Erkrankung, im Licht der neuen Praxis nicht mehr
ohne Weiteres zur Schlussfolgerung führen, eine damit verbundene Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit sei unbeachtlich. Vorliegend kommt hinzu, dass der psychiatrische
MGSG-Gutachter trotz seiner Aussage, die Depression sei keine eigenständige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erkrankung und stelle keine erhebliche Komorbidität dar, die Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit im Wesentlichen mit den Auswirkungen der depressiven Störung
begründet hat (vgl. IV-act. 67-59). Gestützt auf die gutachterlichen Ausführungen zur
Arbeitsfähigkeit ist davon auszugehen, dass die depressive Störung als
arbeitsfähigkeitseinschränkende Diagnose klar im Vordergrund steht, was bei dem
vorliegenden Schweregrad der Depression (mittelgradig) auch nachvollziehbar ist.
Wenn eine – sich auf ein klinisch festgestelltes depressives Leiden zurückzuführende –
gutachterlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit vorliegt, könnte die Beschwerdegegnerin
diese Einschränkung selbst unter Geltung der altrechtlichen bundesgerichtlichen Praxis
nicht einfach mit dem Hinweis auf das gleichzeitige Vorliegen einer somatoformen
Schmerzstörung als invalidenversicherungsrechtlich unbeachtlich erklären. Unabhängig
davon, ob vorliegend bei der vom psychiatrischen MGSG-Gutachter attestierten
Arbeitsfähigkeitseinschränkung nun die depressive Störung oder – wie es offenbar die
Beschwerdegegnerin verstanden hat – die anhaltende somatoforme Schmerzstörung
im Vordergrund steht, hat nach der neuen Praxis des Bundesgerichts in einer
Gesamtbetrachtung eine ressourcenorientierte, einzelfallgerechte und ergebnisoffene
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu erfolgen.
4.4 Die Tatsache, dass die psychiatrische Begutachtung und Beurteilung der
Beschwerdeführerin durch das MGSG unter Geltung der altrechtlichen
bundesgerichtlichen Praxis erfolgt ist, schränkt den Beweiswert des psychiatrischen
MGSG-Teilgutachtens vom 25. August 2013 (vgl. IV-act. 67-41 ff.) nicht per se ein. Das
Bundesgericht hat dazu ausgeführt, dass bezüglich der geänderten materiell-
beweisrechtlichen Anforderungen in jedem Einzelfall zu prüfen sei, ob die
beigezogenen administrativen und/oder gerichtlichen Sachverständigengutachten –
gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fachärztlichen Berichten – eine schlüssige
Beurteilung im Licht der massgeblichen Indikatoren erlaubten oder nicht. Je nach
Abklärungstiefe und -dichte könne zudem unter Umständen eine punktuelle Ergänzung
genügen (BGE 141 V 281 E. 8). Zu prüfen ist somit im Folgenden, ob das
psychiatrische Teilgutachten vom 25. August 2013 eine im Sinn der neuen Praxis
rechtsgenügliche Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin erlaubt.
Dem psychiatrischen Teilgutachten lässt sich in Bezug auf den zu prüfenden
1. Komplex „Gesundheitsschädigung“ entnehmen, dass bei der Beschwerdeführerin
von etwa 2000 bis Juli 2010 eine Dysthymie vorgelegen hat, gekennzeichnet durch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stimmungsschwankungen mit bedrückter Stimmung, Traurigkeit, Affektlabilität mit
vermehrtem Weinen, innerer Unruhe, Sorgen, Angst, Reizbarkeit, Erregbarkeit,
Ungeduld mit auf die Situation eingeengtem negativistischem Denken und
wiederholten Suizidgedanken sowie Schlafstörungen (vgl. IV-act. 67-58). Ab August
2010 ist eine Verschlechterung des psychischen Zustandsbildes in Form einer
rezidivierenden depressiven Störung mit mittelgradigen depressiven Episoden
eingetreten, gekennzeichnet durch eine Intensivierung der beschriebenen depressiven
Symptomatik. Zudem besteht aufgrund der chronischen Schmerzsymptomatik mit
Symptomausweitung seit Jahren eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (vgl.
IV-act. 67-58). Die Ausprägung der psychopathologischen Befunde spricht für die
Annahme eines die Arbeitsfähigkeit einschränkenden psychischen Leidens. Dafür
spricht auch, dass bei der Beschwerdeführerin trotz der seit Oktober 2010 (vgl. IV-act.
67-59) regelmässigen psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung
kombiniert mit antidepressiver Medikation keine Besserung des psychischen
Zustandsbildes eingetreten ist (vgl. IV-act. 67-64). Im Weiteren ist die depressive
Störung als Komorbidität zu der somatoformen Schmerzstörung zu berücksichtigen.
Der MGSG-Gutachter hat die Auswirkungen der depressiven Störung als
arbeitsfähigkeitseinschränkend berücksichtigt. Zudem hat er ausdrücklich festgehalten,
dass es sich bei der depressiven Störung um ein psychisches Leiden mit
Krankheitswert handle (vgl. IV-act. 67-64). Bezüglich des 2. Komplexes der
„Persönlichkeit“ geht aus dem Teilgutachten hervor, dass die Beschwerdeführerin
aufgrund der rezidivierenden depressiven Störung mit mittelgradigen depressiven
Episoden in ihrer emotionalen Belastbarkeit, ihrer geistigen Flexibilität, ihrem Antrieb,
ihren Interessen, ihrer Motivation sowie ihrer Dauerbelastbarkeit beeinträchtigt ist. Der
MSGG-Gutachter hat trotz der depressiven Störung aber auch Ressourcen erheben
können und festgehalten, dass die Beschwerdeführerin gewisse Aktivitäten zeige,
namentlich die teilweise Versorgung des Haushaltes, einkaufen gehen, sich mit der
Schwester treffen und Telefonate führen. Die Beschwerdeführerin habe auch
Interessen, lese Bücher und sehe fern (vgl. IV-act. 67-59 f.). Im Rahmen des 3.
Komplexes des „Sozialen Kontextes“ ist als ressourceneinschränkender Faktor die im
psychiatrischen Teilgutachten mehrfach erwähnte familiäre Problematik mit erheblichen
Partnerschaftsproblemen zu nennen. Daneben bestehen wohl auch finanzielle
Probleme (vgl. IV-act. 67-52). Der psychiatrische Gutachter hat die psychosozialen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 26/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Faktoren bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit berücksichtigt und festgehalten, dass
kein Überwiegen von psychosozialen Faktoren anzunehmen sei, allerdings werde der
Leidensverlauf durch die seit Jahren bestehenden Partnerschaftsprobleme
aufrechterhalten (vgl. IV-act. 67-64). Ein sozialer Rückzug liegt gemäss dem
psychiatrischen Gutachter nicht vor. Die Beschwerdeführerin habe zwar wenige, jedoch
gute Kontakte mit den Angehörigen und ihrer Tochter (vgl. IV-act. 67-59). Die guten
Sozialkontakte dürften sich ressourcenfördernd auswirken. Gemäss den eigenen
Angaben der Beschwerdeführerin erhält sie durch ihre Tochter auch Unterstützung im
Haushalt (vgl. IV-act. 67-57). Nachdem die unter dem Begriff des „funktionellen
Schweregrads“ zusammengefassten Indikatoren geprüft worden sind, hat in einem
zweiten Schritt eine Konsistenzprüfung zu erfolgen. Auch dazu lassen sich dem
psychiatrischen Teilgutachten Angaben entnehmen. So hat der Gutachter ausgeführt,
dass die von der Beschwerdeführerin berichteten Beschwerden und präsentierten
Symptome in sich weitgehend konstant seien, jedoch liessen sich aus den
Schilderungen gewisse Verdeutlichungstendenzen mit Hinweisen auf ihre unzufriedene
Partnersituation erkennen (vgl. IV-act. 67-60). In seiner ergänzenden Stellungnahme
vom 13. Januar 2014 hat der psychiatrische Gutachter ausdrücklich festgehalten, dass
er die von ihm erkannten Verdeutlichungstendenzen bei der Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit berücksichtigt habe (vgl. IV-act. 70-3). Der Angabe der
Beschwerdeführerin, wonach sie aufgrund ihrer Beschwerden 100% arbeitsunfähig sei
(vgl. IV-act. 67-51), stehen die im privaten Umfeld ausgeübten Aktivitäten wie die
teilweise Versorgung des Haushalts, Einkaufen gehen, sich mit der Schwester treffen,
Bücher lesen usw. gegenüber (vgl. IV-act. 67-52, 67-59). Das doch ziemlich hohe
Aktivitätsniveau der Beschwerdeführerin deutet auf trotz des psychischen Leidens
noch vorhandene Ressourcen hin. Der psychiatrische MGSG-Gutachter ist zum
Schluss gekommen, dass der Beschwerdeführerin aufgrund der bei ihr vorhandenen
Ressourcen eine in der bisherigen Tätigkeit 60%ige und in einer leidensadaptierten
Tätigkeit 70%ige Arbeitsfähigkeit zumutbar sei. Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung
erscheint vor dem Hintergrund der geprüften Indikatoren nachvollziehbar und
überzeugend. Die Beurteilung der Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin ist
ressourcenorientiert und einzelfallgerecht erfolgt. Zusammengefasst stellt das
psychiatrische Teilgutachten vom 25. August 2013 auch im Hinblick auf die nach der
neuen bundesgerichtlichen Praxis massgeblichen Indikatoren eine rechtsgenügliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 27/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Grundlage zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aus
psychiatrischer Sicht dar. Ergänzende Abklärungen sind somit nicht angezeigt.
4.5 Gemäss dem von der Rechtsvertreterin eingereichten Bericht der behandelnden
Psychiaterin Dr. F._ vom 27. März 2015 hat sich das psychische Zustandsbild der
Beschwerdeführerin im Verlauf der ambulanten Behandlung verschlechtert. Dr. F._
hat die Diagnosen einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig schwere
Episode, sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung gestellt (vgl. act. G 8.1).
Die allfällige Verschlechterung wäre aber erst nach dem Erlass der vorliegend
angefochtenen Verfügung vom 25. April 2014 eingetreten, da die Beschwerdeführerin
erst seit April 2014 bei Dr. F._ in Behandlung steht, während deren Verlauf die Ärztin
eine Verschlechterung beschrieben hat. Im vorliegenden Verfahren, bei dem lediglich
der Zeitraum bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung zu beurteilen ist, kann die
allfällige Verschlechterung daher nicht berücksichtigt werden. Es steht der
Beschwerdeführerin jedoch frei, sich aufgrund einer eingetretenen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustandes bei der Beschwerdegegnerin neu anzumelden bzw. ein
Revisionsgesuch zu stellen.
4.6 In der Gesamtbeurteilung des MGSG-Gutachtens vom 26. September 2013 ist für
die bisherige Tätigkeit als Montagemitarbeiterin eine Arbeitsfähigkeit von 60%
angegeben worden. Für eine leidensadaptierte Tätigkeit haben die Gutachter aus
polydisziplinärer Sicht eine 70%ige Arbeitsfähigkeit attestiert (vgl. IV-act. 67-38). Die
gesamtgutachterliche Einschätzung entspricht somit der aus psychiatrischer Sicht
attestierten Arbeitsfähigkeit und erscheint nachvollziehbar. Die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin bringt vor, dass die Gutachter des MGSG übersehen hätten, dass
die bisherige Tätigkeit einer adaptierten Tätigkeit entspreche und deshalb auf die für
die bisherige Tätigkeit attestierte 60%ige Arbeitsfähigkeit abzustellen sei (vgl. act. G 1).
Dieser Ansicht kann nicht gefolgt werden. Es ist lediglich aus orthopädischer Sicht
festgehalten worden, dass die bisherige Tätigkeit einer adaptierten Tätigkeit
entspreche (vgl. IV-act. 67-11). Der psychiatrische Gutachter hat jedoch eine dem
psychischen Leiden angepasste Tätigkeit beschrieben, die offenbar seiner Ansicht
nach nicht der bisherigen Tätigkeit entspricht und in welcher der Beschwerdeführerin
eine höhere Arbeitsfähigkeit als in der bisherigen Tätigkeit zumutbar ist. Namentlich
handelt es sich um eine Tätigkeit ohne erhöhte emotionale Belastung, ohne erhöhten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 28/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zeitdruck (Stressbelastung), ohne erforderliche geistige Fähigkeiten und ohne
überdurchschnittliche Dauerbelastung (vgl. IV-act. 67-32). Es ist daher überwiegend
wahrscheinlich von einer 70%igen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in
leidensadaptierten Tätigkeiten auszugehen. Zusammengefasst erfüllt das MGSG-
Gutachten vom 26. September 2013 alle rechtsprechungsgemässen
Beweisanforderungen, weshalb vollumfänglich darauf abgestellt werden kann.
5.
5.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob und wann die Beschwerdeführerin die
Voraussetzungen für einen Rentenanspruch erfüllt.
5.2 Nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG entsteht ein Rentenanspruch frühestens in dem
Zeitpunkt, in dem die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40% arbeitsunfähig gewesen ist und nach
Ablauf des sogenannten Wartejahres ein rentenbegründender Invaliditätsgrad vorliegt.
Unter Arbeitsfähigkeit im Sinne von Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG ist die durch den
Gesundheitsschaden bedingte qualitative und/oder quantitative Einbusse an
funktionellem Leistungsvermögen im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zu
verstehen (BGE 130 V 99 E. 3.2). Die einjährige Wartezeit gilt als eröffnet, sobald eine
Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20% vorliegt (AHI 1998 S. 124 E. 3c). Auch vor der
Anmeldung liegende Zeiten von Arbeitsunfähigkeit sind zu berücksichtigen (ZAK 1966
S. 58; BGE 117 V 26 E. 3b; BGE 121 V 264; Entscheid des EGV vom 2. März 2000,
I 307/99).
5.3 Gemäss dem MGSG-Gutachten, worauf vorliegend abzustellen ist, hat bei der
Beschwerdeführerin bis August 2010 über Jahre nur eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit in
der bisherigen Tätigkeit bestanden. Das Wartejahr mit einer durchschnittlichen
40%igen Arbeitsfähigkeit hat in diesem Zeitraum somit nicht erfüllt werden können. Ab
August 2010 ist von einer andauernden Einschränkung in der bisherigen Tätigkeit von
40% auszugehen (vgl. IV-act. 67-38). Somit hat die Beschwerdeführerin das Wartejahr
im August 2011 erfüllt. Der Rentenanspruch kann daher frühestmöglich (rechtzeitige
Anmeldung gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG vorbehalten) am 1. August 2011 beginnen. Als
weitere Voraussetzung ist nun zu prüfen, ob in diesem Zeitpunkt ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 29/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rentenbegründender Invaliditätsgrad vorgelegen hat. Zur Bestimmung des
Invaliditätsgrades der Beschwerdeführerin ist im Folgenden ein Einkommensvergleich
vorzunehmen.
5.4 Betreffend die Bestimmung des Valideneinkommens wird in der Regel am zuletzt
erzielten Einkommen angeknüpft, da davon auszugehen ist, dass die versicherte
Person ohne den Eintritt der Arbeitsunfähigkeit die bisherige Tätigkeit weitergeführt
hätte (BGE 134 V 322 E. 4.1). Die Rechtsvertreterin macht geltend, es sei nicht auf den
zuletzt erzielten Verdienst, sondern auf die LSE-Tabellenlöhne abzustellen, da der
Beschwerdeführerin die Stelle bei der B._ AG aus wirtschaftlichen Gründen
gekündigt worden sei. Aus dem MGSG-Gutachten geht jedoch hervor, dass die im Juli
2010 erfolgte Kündigung nach Angaben der Beschwerdeführerin auch aus
gesundheitlichen Gründen erfolgt ist (vgl. IV-act. 67-21). Gemäss dem
Arbeitgeberbericht war die Beschwerdeführerin seit März 2007 als Mitarbeiterin
beschäftigt gewesen. Aus gesundheitlichen Gründen ist das Vollzeitpensum ab Februar
2009 auf 50% reduziert worden (vgl. IV-act. 10-2). Per Juli 2010 erfolgte dann offenbar
die Kündigung seitens des Arbeitgebers (nicht bei den Akten). Im Fragebogen zum
Haushalt und Erwerb hat die Beschwerdeführerin angegeben, dass sie aus
gesundheitlichen, insbesondere aus psychischen Gründen, seit Juli 2010 nicht mehr
arbeite (vgl. IV-act. 58). Es ist überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin ohne gesundheitliche Beeinträchtigung die Montagetätigkeit bei
der B._ AG, wo sie bereits seit März 2007 beschäftigt gewesen war (vgl. IV-act. 10),
auch weiterhin zu 100% ausgeübt hätte. Demnach ist für die Bestimmung des
Valideneinkommens auf das bei der B._ AG erzielte Einkommen der
Beschwerdeführerin abzustellen. Gemäss dem Arbeitgeberbericht der B._ AG vom
23. März 2009 hätte die Beschwerdeführerin ohne Eintritt des Gesundheitsschadens im
Jahr 2009 einen Verdienst von Fr. 49‘140.-- erzielt (vgl. IV-act. 10-2). Ausgehend von
diesem Jahreslohn und unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung von 2009
bis 2011 (vgl. Lohnentwicklung 2012, Bundesamt für Statistik, Tabelle 39 "Entwicklung
der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und der Reallöhne", Veränderung
gegenüber dem Vorjahr: 2010: +0,7%, 2011: +1%) beträgt das Valideneinkommen im
Jahr 2011 rund Fr. 49‘979.--.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 30/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.5 Seit Juli 2010 ist die Beschwerdeführerin nicht mehr arbeitstätig gewesen. Aus
diesem Grund ist zur Bestimmung des Invalideneinkommens auf die statistischen
durchschnittlichen Löhne gemäss den Lohnstrukturerhebungen (LSE) des
Bundesamtes für Statistik zurückzugreifen. Die Beschwerdeführerin hat keine
Berufsausbildung absolviert und ist daher als Hilfsarbeiterin zu betrachten (vgl. IV-act.
1-5). Entsprechend dem Valideneinkommen ist auch für das Invalideneinkommen auf
die Zahlen des Jahres 2011 abzustellen. Gemäss den LSE von 2011 haben Frauen im
tiefsten Anforderungsniveau (seit 2012 sog. Kompetenzniveau) bei einer
betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41,6 Stunden durchschnittlich ein
Jahreseinkommen von Fr. 53‘367.-- erzielt (vgl. Anhang 2 [Lohnentwicklung] zu der von
der Informationsstelle AHV/IV herausgegebenen Gesetzestextausgabe 2015,
Invalidenversicherung). Im Vergleich mit dem vor dem Eintritt des
Gesundheitsschadens zuletzt erzielten Einkommen zeigt sich, dass die
Beschwerdeführerin unterdurchschnittlich verdient hat. Der Validenlohn liegt rund
6,35% unter dem durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn. Da keine Anhaltspunkte dafür
bestehen, dass sie sich freiwillig mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen
begnügt hat, ist nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung der durchschnittliche
Hilfsarbeiterlohn herabzusetzen und dem Validenlohn bis auf eine
Aussparungsdifferenz von 5% anzupassen (BGE 134 V 322 E. 4.1; 135 V 297 E. 6.1.2).
Damit ergibt sich vorliegend ein vorläufiges Invalideneinkommen von rund Fr. 52‘646.--
(Fr. 53‘367.-- - 1,35%).
5.5.1 Die für die Bestimmung des Invalideneinkommens herangezogenen statistischen
Löhne können gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung um bis zu 25%
gekürzt werden, wenn absehbare Schwierigkeiten bei der erwerblichen Umsetzung des
verbliebenen Leistungsvermögens bestehen. Mit dem Tabellenlohnabzug ist zu
berücksichtigen, dass gesundheitlich beeinträchtigte Personen, die selbst bei leichten
Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind, im Vergleich zu voll leistungsfähigen und
entsprechend einsetzbaren Personen lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit
unterdurchschnittlichen Lohnansätzen rechnen müssen. Sodann wird dem Umstand
Rechnung getragen, dass weitere persönliche und berufliche Merkmale einer
versicherten Person, wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder
Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad, Auswirkungen auf die Lohnhöhe
haben können (BGE 129 V 481 E. 4.2.3, vgl. auch BGE 134 V 327 E. 5.2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 31/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.5.2 Gemäss dem MGSG-Gutachten kann die Beschwerdeführerin nur noch
körperlich leichte Arbeiten, die auf Tischhöhe verrichtet werden können, ausführen.
Hinzu kommt, dass die Tätigkeit aus psychiatrischer Sicht nicht mit einer erhöhten
emotionalen Belastung, Stressbelastung oder überdurchschnittlichen Dauerbelastung
verbunden sein darf. Ausserdem darf die Tätigkeit keine geistige Flexibilität erfordern
(vgl. IV-act. 67-38). Da somit selbst in körperlich leichten Tätigkeiten noch qualitative
Einschränkungen zu berücksichtigen sind, ist von einem eingeschränkten Spektrum an
möglichen, für die Beschwerdeführerin in Frage kommenden Hilfsarbeitertätigkeiten
auszugehen. Weitere Merkmale, die sich lohnnachteilig auswirken könnten, sind bei der
Beschwerdeführerin nicht ersichtlich: Die mangelnde Ausbildung und allfällige fehlende
Sprachkenntnisse fallen nicht ins Gewicht. Hilfsarbeitertätigkeiten setzen
definitionsgemäss keine Ausbildung voraus und die sprachlichen Anforderungen sind
eher gering. Da Teilzeit arbeitende Frauen statistisch gesehen nicht schlechter
verdienen als vollzeitig arbeitende, ist auch ein „Teilzeitabzug“ nicht gerechtfertigt.
Unter Berücksichtigung des eingeschränkten Spektrums an möglichen
Hilfsarbeitertätigkeiten erscheint ein Abzug vom Tabellenlohn in Höhe von 10%
gerechtfertigt.
5.6 Ausgehend von der medizinisch-theoretisch 70%igen Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin und unter Berücksichtigung eines Tabellenlohnabzugs von 10%
beläuft sich das zumutbare Invalideneinkommen auf Fr. Fr. 33‘167.-- (Fr. 52‘646.--
x 0.7 - 10%). Stellt man dieses dem Valideneinkommen von Fr. 49‘979.-- gegenüber,
so resultiert eine Erwerbseinbusse von Fr. 16‘812.--. Dies entspricht einem
Invaliditätsgrad von rund 34%. Damit hat im Zeitpunkt des frühestmöglichen
Rentenbeginns keine rentenbegründende Erwerbsunfähigkeit von mindestens 40%
vorgelegen. Anspruchsrelevante Änderungen der Vergleichseinkommen bis zum
Zeitpunkt des Verfügungserlasses, die zu berücksichtigen wären (vgl. BGE 129 V 222),
sind nicht eingetreten. Die Beschwerdeführerin hat somit gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG
keinen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Folglich erweist sich die
rentenabweisende Verfügung vom 25. April 2014 im Ergebnis als rechtmässig.
6.
6.1 Im Folgenden ist der Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsverbeiständung der
Beschwerdeführerin im Verwaltungsverfahren zu prüfen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 32/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.2 Gemäss Art. 29 Abs. 3 der Bundesverfassung (BV; SR 101) hat jede Person, die
nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und deren Rechtsbegehren nicht
aussichtslos erscheint, Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege. Falls es zur Wahrung
ihrer Rechte notwendig ist, hat sie ausserdem Anspruch auf unentgeltlichen
Rechtsbeistand. Beim Anspruch gemäss Art. 29 Abs. 3 BV handelt es sich um einen
"eigentlichen Pfeiler des Rechtsstaates" (BGE 132 I 214 E. 8.2).
6.3 Der gesuchstellenden Person wird im Sozialversicherungsverfahren ein
unentgeltlicher Rechtsbeistand bewilligt, wo die Verhältnisse es erfordern (Art. 37 Abs.
4 ATSG). Voraussetzungen für die Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung sind (in Analogie zum gerichtlichen Verfahren) die finanzielle
Bedürftigkeit, die fehlende Aussichtslosigkeit und die Erforderlichkeit der Vertretung
(vgl. BBl 1999 4595). Den höheren Anforderungen im Verwaltungsverfahren soll
insofern Rechnung getragen werden, als die Erforderlichkeit der Vertretung eingehend
zu prüfen ist. Dabei wird auf die Schwierigkeit des Falles und auf die Verfahrensphase
abgestellt (BBl 1999 4595; vgl. auch BGE 132 V 201; Urteil des Bundesgerichts vom
12. März 2009, 9C_816/2008, E. 4.1). Die Erforderlichkeit einer unentgeltlichen
Vertretung im Verwaltungsverfahren kann sich beispielsweise ergeben, wenn sich
komplexe sachverhaltliche oder rechtliche Fragen stellen (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 3. Auflage, Art. 37 N 40).
6.4 Die Beschwerdegegnerin hat das Gesuch mangels sachlicher Gebotenheit und bei
gegebener Aussichtslosigkeit abgewiesen. Die Prüfung der Bedürftigkeit hat sie damit
als erübrigt angesehen. Im Rahmen der Prüfung der sachlichen Gebotenheit bzw. der
Erforderlichkeit der unentgeltlichen Rechtsvertretung hat die Beschwerdegegnerin das
Vorliegen schwieriger Rechtsfragen mit der Begründung verneint, dass das MGSG-
Gutachten gemäss der RAD-Stellungnahme vom 30. Januar 2014 nachvollziehbar und
schlüssig sei. Die psychiatrischen Diagnosen seien aus IV-rechtlicher Sicht nicht
invalidisierend (IV 2014/436, act. G 1.1). Jedoch ist gerade dieser Gegensatz, wonach
auf der einen Seite das Gutachten schlüssig und nachvollziehbar sei, aber auf der
anderen Seite die psychiatrischen Diagnosen aus IV-rechtlicher Sicht nicht
invalidisierend sein sollen, für einen medizinischen und juristischen Laien, wie es die
Beschwerdeführerin unbestrittenermassen ist, nicht nachvollziehbar. Weiter kann und
darf nicht erwartet werden, dass die Beschwerdeführerin versteht, was mit dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 33/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausdruck „aus IV-rechtlicher Sicht nicht invalidisierend“ gemeint ist. Der Vorbescheid
vom 20. Februar 2014 enthält diesbezüglich keine weitergehende Begründung oder
Erklärung und insbesondere keinen Hinweis darauf, dass sich die Beschwerdegegnerin
auf die damals geltende bundesgerichtliche Rechtsprechung betreffend somatoforme
Schmerzstörungen gestützt hat (vgl. IV-act. 75). In diesem Bereich haben sich –
insbesondere im Zusammenhang mit der diesbezüglich umfangreichen und komplexen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung – diverse schwierige Tat- und Rechtsfragen
gestellt, wie beispielsweise bezüglich der Anwendung und Prüfung der Förster-Kriterien
bzw. der nach der neuen Praxis des Bundesgerichts massgeblichen Indikatoren. Vor
diesem Hintergrund erscheint eine anwaltliche Vertretung als erforderlich. Die
Beschwerdegegnerin bringt vor, dass sich die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin im Einwand vom 15. April 2014 (vgl. IV-act. 79) gerade nicht mit
der IV-rechtlichen Problematik des Vorliegens eines invalidisierenden
Gesundheitsschadens auseinandergesetzt habe. Dieser Umstand ändert jedoch nichts
an der vorliegend für den Zeitpunkt des Vorbescheids vorzunehmenden Beurteilung,
dass eine unentgeltliche Rechtsvertretung für das Vorbescheidverfahren als
erforderlich zu betrachten gewesen ist.
6.5 Die Beschwerdegegnerin hält der Beschwerdeführerin im Weiteren entgegen, sie
hätte sich vor der Inanspruchnahme einer anwaltlichen Vertretung zunächst um
Unterstützung durch soziale Einrichtungen bemühen müssen (vgl. IV 2014/436; act. G
1). Wie im Entscheid IV 2013/237 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
vom 6. September 2013 (bestätigt durch das Urteil des Bundesgerichts 9C_692/2013)
ausführlich dargelegt, besteht keine Schadenminderungspflicht, die es jeder
gesuchstellenden Person aufträgt, vor Inanspruchnahme der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung zunächst sämtliche möglichen unentgeltlichen
Rechtsberatungen auszuschöpfen, zumal fraglich ist, ob entsprechende rechtskundige
Beratungen, geschweige denn rechtskundige Vertretungen, die den Beizug einer
anwaltlichen Vertretung entbehrlich machen würden, überhaupt voraussetzungslos und
jeder Person kostenlos zur Verfügung stehen. Schon gar nicht geht es an, der
gesuchstellenden Person bezüglich einer hypothetischen Beratungsmöglichkeit die
Beweislast aufzuerlegen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 26. November 2012,
9C_878/2012, E. 3.6.2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 34/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass aufgrund der vorliegenden komplexen
tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse eine anwaltliche Verbeiständung erforderlich
gewesen ist. Die Voraussetzung der finanziellen Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin
ist vorliegend ohne Weiteres zu bejahen (vgl. Gesuch der Beschwerdeführerin um
unentgeltliche Rechtspflege und EL-Berechnungsblatt für die Periode ab 1. Januar
2014, IV 2014/271, act. G 1.1) und auch die Voraussetzung der Nichtaussichtslosigkeit
ist aufgrund der Aktenlage gegeben. Insgesamt sind somit die Voraussetzungen für die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung der Beschwerdeführerin im
Verwaltungsverfahren erfüllt gewesen. Die angefochtene Verfügung vom 8. September
2014 ist folglich aufzuheben und die Sache zur Festsetzung und Ausrichtung der
Entschädigung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
7.
7.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde im Verfahren betreffend den
Rentenanspruch (IV 2014/271) abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden kann.
7.2 Im Verfahren IV 2014/436 betreffend die unentgeltliche Rechtsverbeiständung wird
die Beschwerde unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 8. September
2014 gutgeheissen. Der Beschwerdeführerin wird die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren bewilligt. Zur Festsetzung und
Ausrichtung der Entschädigung wird die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückgewiesen.
7.3 Der Beschwerdeführerin ist die unentgeltliche Rechtspflege für das
Beschwerdeverfahren vor dem Versicherungsgericht am 4. September und 27. Oktober
2014 bewilligt worden (IV 2014/271, act. G 4 und IV 2014/436, act. G 4). Wenn ihre
wirtschaftlichen Verhältnisse es gestatten, kann sie jedoch zur Nachzahlung verpflichtet
werden (Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS
951.1] i.V.m. Art. 123 Abs. 1 der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO/CH; SR
272]).
7.4 Das Beschwerdeverfahren ist bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die
Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 35/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom
Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG).
Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint im Verfahren IV 2014/271 als
angemessen. Der unterliegenden Beschwerdeführerin ist die Gerichtsgebühr in der
Höhe von Fr. 600.-- aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist sie von der
Bezahlung zu befreien. Im Beschwerdeverfahren IV 2014/436 betreffend die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren sind keine
Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Die Kostenregelung von Art. 69 Abs.
1 IVG findet keine Anwendung (vgl. den Entscheid des Versicherungsgerichts vom
12. Januar 2012, IV 2010/270, E. 6.4).
7.5 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Der Staat hat zufolge unentgeltlicher
Rechtsverbeiständung die Kosten der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin im Fall
ihres Unterliegens zu bezahlen. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr.
12'000.--. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit IV 2014/271 erscheint eine
pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- angemessen. Aufgrund des
Unterliegens der Beschwerdeführerin hat der Staat die Entschädigung zu übernehmen.
Diese ist um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Somit hat der Staat die
Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin im Verfahren IV 2014/271 pauschal (BGE
125 V 201) mit Fr. 2'800.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen. Im
Verfahren IV 2014/436 erscheint mit Blick auf vergleichbare Fälle eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- angemessen. Die Entschädigung hat die
unterliegende Beschwerdegegnerin zu tragen. Somit hat die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin im Verfahren IV 2014/436 eine Parteientschädigung von pauschal
Fr. 1'500.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.