Decision ID: 9d75b257-a955-4f40-8acf-a8a3ea343971
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der (...) der Beschwerdeführerin suchte im Jahr (...) in der Schweiz um
Asyl nach und das SEM anerkannte am (...) seine Flüchtlingseigenschaft
und gewährte ihm Asyl. Die (...) in die Schweiz eingereiste (...) erhielt im
(...) gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) Asyl.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin reiste am 3. Mai 2022 zusammen mit ihren
(...) X. (vorinstanzliches Verfahren N [...]) und Y. (vorinstanzliches Verfah-
ren N [...]) sowie ihrem (...) Z. (vorinstanzliches Verfahren N [...]) in die
Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 25. Mai 2022
fand die Personalienaufnahme (PA) statt und am 4. August 2022 wurde sie
– im Beisein der ihr zugewiesenen Rechtsvertretung – zu ihren Asylgrün-
den angehört.
B.b Anlässlich der Anhörung machte die Beschwerdeführerin im Wesentli-
chen geltend, sie sei türkische Staatsangehörige kurdischer Ethnie sowie
alevitischen Glaubens und stamme aus B._ (Provinz C._).
Sie habe im Jahr (...) das (...) abgeschlossen und sei danach zu Hause
geblieben; gearbeitet habe sie nie.
Ihr (...) und ein (...) väterlicherseits seien politisch aktiv gewesen; dieser
(...) sei (...) von B._ gewesen. Ihrem (...) sei wegen Aktivitäten auf
den sozialen Medien Terrorpropaganda vorgeworfen worden; er sei inhaf-
tiert und verurteilt worden. Nach seiner Freilassung sei er in die Schweiz
gereist. Sie habe sich wie die meisten ihrer Angehörigen für die Halkların
Demokratik Partisi (HDP) engagiert, indem sie an verschiedenen Parteian-
lässen teilgenommen habe. Immer wieder sei sie deswegen von den Be-
hörden zu Hause aufgesucht, belästigt und bedroht worden; auch sei ihr
Elternhaus und das Geschäftslokal ihres weiteren (...) W. durchsucht wor-
den. Später sei sie mit ihren (...) nach D._ (Provinz D._)
gezogen. Am 27. April 2022 hätten sie gemeinsam ihre Heimat verlassen
und seien auf dem Landweg durch ihr unbekannte Länder unter Umgehung
der Grenzkontrollen in die Schweiz gereist. Sodann gab die Beschwerde-
führerin an, ihr (...) W. sowie ihr (...) väterlicherseits befänden sich nach
wie vor in der Türkei in Haft.
B.c Im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens reichte die Beschwerdefüh-
rerin ihre Identitätskarte im Original, die Kopie eines Referenzschreibens
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der HDP und verschiedene – auch ihre (...) sich in der Schweiz aufhalten-
den (...) betreffende – Beweismittel (ein Referenzschreiben des Familien-
anwalts und – jeweils in Kopie – eine Rechtskraftmitteilung des Urteils be-
treffend den (...), ein begründetes Urteil und einen Zeitungsbericht betref-
fend den (...) väterlicherseits, drei die Verhaftung dieses (...) zeigende Fo-
tos, und eine Anklageschrift, ein Gerichtsdokument sowie einen Entscheid
über die Verfahrenszulassung betreffend den (...) W. zu den Akten. Ihren
Reisepass habe sie beim Schlepper gelassen.
B.d Am (...) 2022 unterbreitete das SEM der Beschwerdeführerin bezie-
hungsweise der Rechtsvertretung den Entwurf des Asylentscheids.
B.e Die Beschwerdeführerin erklärte sich in ihrer Stellungnahme vom (...)
2022 mit dem Entwurf nicht einverstanden. Dabei rügte sie insbesondere
eine unvollständige Sachverhaltserhebung sowie die Verletzung der Be-
gründungspflicht und beantragte die Zuweisung ins erweiterte Verfahren,
unter Koordinierung und gesamthafter Beurteilung der Asylgesuche ihrer
(...) sich ebenfalls in der Schweiz aufhaltenden (...).
C.
C.a Mit Verfügung vom 15. August 2022 – gleichentags eröffnet – stellte
das SEM fest, die Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten den Anforde-
rungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht stand, und lehnte ihr Asylge-
such ab. Gleichzeitig wurde sie aufgefordert, die Schweiz sowie den
Schengen-Raum bis am Tag nach Eintritt der Rechtskraft dieser Verfügung
zu verlassen, ansonsten die Wegweisung unter Zwang vollzogen werden
könne. Ferner beauftragte das SEM den zuständigen Kanton mit dem Voll-
zug der Wegweisung und ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis an die Beschwerdeführerin an.
C.b Mit Verfügungen vom gleichen Tag beziehungsweise vom (...) 2022
lehnte das SEM auch die Asylgesuche (...) Z. und der (...) der Beschwer-
deführerin ab, und ordnete deren Wegweisung und den Wegweisungsvoll-
zug an.
D.
D.a Die Beschwerdeführerin erhob durch ihre Rechtsvertreterin mit Ein-
gabe vom 13. September 2022 (Postaufgabe: 14. September 2022) beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der
SEM-Verfügung vom 15. August 2022 und die Vorinstanz sei anzuweisen,
sie als Flüchtling anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren, eventualiter sei
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die Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung, subeventualiter zur
Gewährung einer vorläufigen Aufnahme an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde darum ersucht, das zu fäl-
lende Urteil sei zum Schutz der Beschwerdeführerin zu anonymisieren und
nicht zu veröffentlichen, und es sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu
gewähren sowie auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Als Beilage zur Beschwerdeschrift reichte sie je einen Ausdruck eines Fo-
tos eines (...) und einer am 17. August 2022 an das SEM geschickten E-
Mail der Rechtsvertretung (mit der Bitte, dafür zu sorgen, dass keine Fami-
lienmitglieder oder Drittpersonen Kenntnis vom angefochtenen Entscheid
erhielten) ein.
D.b Ebenfalls am 13. September 2022 liessen (...) X. und Y. sowie (...) Z.
durch die selbe Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde einreichen.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
15. September 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG). Am gleichen Tag bestätigte dieses den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VwVG und Art. 6
AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 COVID-19-Verordnung Asyl [SR
142.318]; Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Über die Beschwerden der (...) X. und Y. wird mit Urteil vom gleichen
Tag und insofern koordiniert entschieden.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die
Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 In der Beschwerdeschrift wird – wie bereits in der Stellungnahme vom
(...) 2022 – insbesondere eine unvollständige Feststellung des rechtser-
heblichen Sachverhalts und eine Verletzung der Begründungspflicht ge-
rügt. Diese formellen Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls ge-
eignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung herbeizufüh-
ren.
4.2
4.2.1 In der Beschwerde (vgl. S. 5–8) wird in Bezug auf die Rüge der un-
vollständigen Erhebung des Sachverhalts zunächst geltend gemacht, die
Rechtsvertretung habe in ihrer Stellungnahme zum Entscheidentwurf die
Durchführung einer ergänzenden Befragung der Beschwerdeführerin und
ihrer (...) beantragt. Dies, nachdem anlässlich der Entwurfsbesprechung
herausgekommen sei, dass alle (...) während der letzten Razzia vor der
Ausreise teilweise massive (...) durch die anwesenden Zivilpolizisten er-
fahren hätten. Eine ergänzende Befragung durch ein Frauenteam sei un-
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abdingbar, um den Sachverhalt vollständig erstellen, die Intensität der er-
littenen (Reflex-)Verfolgung korrekt beurteilen und mögliche frauenspezifi-
sche Fluchtgründe vertieft abklären zu können. Die Vorinstanz habe indes
eine weitere Anhörung nicht für angezeigt gehalten und dabei zur Begrün-
dung ausgeführt, die Beschwerdeführerin habe diesbezügliche Nachteile
in ihrem bisherigen Verfahren in keiner Weise angedeutet, obwohl sie sich
seit Mai 2022 im Asylverfahren befinde und somit dazu reichlich Gelegen-
heit gehabt hätte. Vielmehr habe sie im Rahmen der Anhörung explizit er-
klärt, nebst dem bereits Erwähnten nicht anderweitig belästigt oder bedroht
worden zu sein. Der Umstand, dass weder die Beschwerdeführerin noch
ihre (...) geltend gemacht hätten, liesse darauf schliessen, dass ihre dies-
bezüglichen Vorbringen in Zusammenhang mit dem anstehenden negati-
ven Asylentscheid stünden und verfahrenstaktisch motiviert seien. Was die
weitere Feststellung der Vorinstanz, sie habe sich nicht ausdrücklich mit
jedem Detail auseinanderzusetzen, betreffe, so erscheine es unverständ-
lich und unangebracht, die geltend gemachten massiven (...) als unwe-
sentliches, nicht weiter abzuklärendes Detail abzutun. Dabei gelte es als
wissenschaftlich etabliert und sei auch in der ständigen Rechtsprechung
verankert, dass insbesondere durch geschlechtsspezifische Verfolgung
schwer traumatisierte Personen über das von ihnen Erlebte nicht spontan,
vollständig und widerspruchsfrei Auskunft geben könnten. Bei solchen psy-
chisch belastenden Ereignissen könne die Glaubhaftmachung trotz Ver-
spätung nicht einfach von der Hand gewiesen werden.
Die Vorbesprechung zu den Anhörungen der (...) sei aus Kapazitätsgrün-
den und im Sinne der Betrachtung der Vorbringen in einem Gesamtkontext
zusammen durchgeführt worden, so dass neben dem männlichen Rechts-
vertreter stets auch (...) Z. anwesend gewesen sei. Erst bei der Bespre-
chung der Entscheidentwürfe habe sich die Gelegenheit von separaten
Gesprächen ergeben, wobei die Beschwerdeführerin schliesslich sehr zö-
gerlich hervorgebracht habe, dass es anlässlich der letzten Razzia zu ei-
nem (...) Vorfall gekommen sei; sie sei aber nicht sicher gewesen, ob sie
darüber sprechen dürfte. Ihre (...) hätten dann bestätigt, dass sie bei der
Razzia teilweise massive (...) erfahren hätten. Offenbar sei Y. das primäre
Ziel der Übergriffe gewesen; als X. und die Beschwerdeführerin versucht
hätten, die Übergriffe von (...) abzuwenden, seien sie beide selbst Opfer
geworden. Y. habe dann von tiefen seelischen Wunden und Suizidversu-
chen berichtet; an ihrem (...) seien noch (...) verursachten Verletzungen
sichtbar. Die (...) hätten ursprünglich aus Scham beschlossen, niemandem
von diesem Vorfall zu berichten; auch im Gespräch mit der Rechtsvertre-
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tung hätten sie immer wieder betont, dass weder (...) noch (...) noch an-
dere Angehörige vom Übergriff erfahren dürften. Aufgrund der Sensibilität
des vorliegenden Sachverhalts sei bereits in der Stellungnahme zum Ent-
scheidentwurf beantragt worden, alle notwendigen Massnahmen zu tref-
fen, um zu verhindern, dass aussenstehende Personen und insbesondere
Familienmitglieder Kenntnis von den erlebten (...) erlangen könnten. Aus
Sicherheitsgründen habe die Rechtsvertretung denn auch die angefoch-
tene Verfügung der Beschwerdeführerin nicht ausgehändigt. Deshalb
werde das Gericht auch darum ersucht, sein Urteil zu anonymisieren und
nicht zu publizieren.
Im Weiteren sei der Feststellung der Vorinstanz, die Beschwerdeführerin
habe in ihrem bisherigen Verfahren (...) in keiner Weise angedeutet, ob-
wohl sie dazu reichlich Gelegenheit gehabt hätte, entgegenzuhalten, dass
es zwar zutreffe, dass sie in der Anhörung angegeben habe, persönlich
keine Probleme mit den Behörden gehabt zu haben. Diese Antwort sei je-
doch aus dem Kontext gerissen worden, habe sie doch damit vor allem
zum Ausdruck bringen wollen, dass sie Opfer von Reflexverfolgung gewor-
den sei. Überdies sei zu beachten, dass ihre (damalige) Rechtsvertretung
männlich gewesen sei und (...) bei den Vorbesprechungen stets anwesend
gewesen sei; auch in der Anhörung selbst seien Männer zugegen gewe-
sen. Da sie zudem mit (...) eigentlich vereinbart habe, nicht über die (...)
zu sprechen, sei ein verspätetes Vorbringen durchaus nachvollziehbar und
entschuldbar.
4.2.2 Sodann wird in der Beschwerdeschrift (vgl. S. 8–10) beanstandet,
das SEM habe seine Begründungspflicht verletzt, indem es für die Be-
schwerdeführerin und ihre (...) weitgehend identische Verfügungen erlas-
sen und standardisierte Textbausteine mit ebensolchen Schlussfolgerun-
gen benutzt habe. So seien die Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht
etwa im Lichte ihres komplexen, politisch-familiären Profils und der deswe-
gen stattgefundenen Hausdurchsuchungen und Übergriffe, sondern losge-
löst, kontextlos und unvollständig gewürdigt worden. Sodann seien ihre
Vorbringen und Antworten auch nicht in Anbetracht der Tatsache, dass sie
– obwohl selber strafrechtlich nie in nicht in Erscheinung getreten – sehr
wohl von den türkischen Behörden als Teil der Familie E._ wahrge-
nommen werde, gewürdigt worden. Schliesslich habe die Vor-instanz – ob-
wohl sie die Dossiers der Familienangehörigen beigezogen habe – diverse,
insbesondere für die geltend gemachte Reflexverfolgung relevante Fakten
(etwa die Tatsache, dass der (...) der Beschwerdeführerin wegen Terror-
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propaganda verurteilt worden sei und sich sowohl (...) als auch (...) väter-
licherseits noch in Haft befinden würden) "unverständlicherweise gänzlich
unberücksichtigt" gelassen beziehungsweise nicht im "erforderlichen Ge-
samtkontext" der während Jahren "stattfindenden Hausdurchsuchungen,
Belästigungen und Diskriminierungen" geprüft.
4.3
4.3.1 Vorliegend ist zunächst zu prüfen, ob die Vorinstanz ihre Pflicht zur
richtigen und vollständigen Abklärung des Sachverhalts verletzt hat, indem
sie der Frage einer allfälligen geschlechtsspezifischen Verfolgung der Be-
schwerdeführerin nicht nachgegangen ist.
4.3.2 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26–33 VwVG kon-
kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst alle Befugnisse, die
einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachauf-
klärung und stellt andererseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs-
recht der Partei dar. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Be-
troffenen tatsächlich zu hören, sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen (Art. 32 Abs. 1 VwVG).
Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des
Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG).
Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollstän-
dige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das
Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten
Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen.
Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wurden, unrichtig,
wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde
gelegt wird, etwa, weil die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht
verneint wird, so dass diese nicht zum Gegenstand eines Beweisverfah-
rens gemacht wird, oder weil Beweise falsch gewürdigt worden sind. Der
Untersuchungsgrundsatz gilt nicht uneingeschränkt, sondern findet sein
Korrelat in der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Gemäss
Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Sa-
che selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen
an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung ist insbeson-
dere angezeigt, wenn weitere Tatsache festgestellt werden müssen und ein
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umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist (vgl. BVGE 2012/21
E. 5.1 m.w.H.).
Gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG in Verbindung mit Art. 6 der Asylverordnung
1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) wird die asylsuchende Per-
son von einer Person gleichen Geschlechts befragt, wenn konkrete Hin-
weise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen. Geschlechtsspezi-
fisch ist die Verfolgung dann, wenn sie in der Form sexueller Gewalt statt-
findet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen soll (hierzu und zum
Folgenden BVGE 2015/42 E. 5.2, unter Hinweis auf Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003
Nr. 2 E. 5a c). Das Geschlecht soll nach Möglichkeit auch bei der Auswahl
der Personen, die als Dolmetscher eingesetzt werden und das Protokoll
führen, berücksichtigt werden.
4.3.3 Das SEM erachtete weder die Aussagen der Beschwerdeführerin an-
lässlich der Anhörung noch die Darlegungen in der Stellungnahme vom
(...) 2022 als genügend überzeugend, um eine ergänzende Anhörung, in
welcher die Beschwerdeführerin in einem reinen Frauenteam eingehender
hätte befragt werden können, anzuberaumen. Vielmehr gelangte es zum
Schluss, die in der Stellungnahme enthaltenen Ausführungen sowie der
Wunsch nach einer ergänzenden Anhörung – und damit verbunden nach
einer Zuweisung ins erweiterte Verfahren – seien verfahrenstaktisch moti-
viert beziehungsweise stünden im Zusammenhang mit dem anstehenden
negativen Asylentscheid, und lehnte das entsprechende Begehren im Rah-
men der Erwägungen ab.
4.3.4 Die Beschwerdeführerin erklärte in der Anhörung immer wieder, in
ihrer Heimat ständig von den Behörden belästigt, bedrängt und unter Druck
gesetzt worden zu sein (vgl. etwa SEM-Akten 1164389-13 zu F52, F74 f.,
F79 und F101). Dass damit bereits Anlass bestanden hätte, die Beschwer-
deführerin auf ihre Rechte bei geschlechtsspezifischer Verfolgung hinzu-
weisen, erscheint nicht zwingend, braucht vorliegend aber auch nicht ab-
schliessend beurteilt zu werden. Immerhin ist anzumerken, dass von der
Befragerin nicht nachgefragt wurde, ob tatsächlich nur verbale Belästigun-
gen stattgefunden hätten.
In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf (vgl. S. 2) wurde allerdings in
der Folge dargelegt, die (...) hätten sich ursprünglich geeinigt, niemandem
von (...) bei der letzten Razzia zu erzählen. Das Erlebte sei sehr scham-
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behaftet, und (...) hätten im Falle einer Kenntnisnahme durch Aussenste-
hende gesellschaftliche und vor allem familiäre Repressalien bis hin zum
Ehrenmord gefürchtet. Es werde daher die ergänzende Befragung durch
ein Frauenteam beantragt. Wie in der Beschwerdeschrift bemerkt, sind Be-
troffene (...) oft nicht von Beginn an und manchmal erst nach Jahren in der
Lage, offen über das Erlebte zu berichten. Dies gilt umso mehr, wenn sie
zum Zeitpunkt der Übergriffe noch jung gewesen sind, ihre Aussagen – wie
vorliegend – Auswirkungen auf Mitbetroffene haben können oder sie Re-
pressalien seitens Familienangehöriger befürchten müssen. Schliesslich
besteht für das Gericht auch keine Veranlassung, daran zu zweifeln, dass
die Instruktion der Rechtsvertretung jeweils mit allen (...) stattgefunden
hatte und dies den (...) zusätzlich erschwerte, sämtliche Erlebnisse frei zu
schildern.
Insgesamt ergibt sich damit, dass das SEM angesichts der familiären Ge-
samtsituation, der anlässlich der Anhörung geltend gemachten Belästigun-
gen, der nachfolgenden Aussagen von X. und Y. und der in der Stellung-
nahme im Entscheidentwurf enthaltenen Rügen und Anträge zu Unrecht
von der Durchführung einer ergänzenden Anhörung in einem reinen Frau-
enteam abgesehen hat. Erst in Kenntnis der konkreten Angaben der Be-
schwerdeführerin (und [...]) wird die Vorinstanz im Rahmen der Beweis-
würdigung allenfalls berücksichtigen können, in welchem Zeitpunkt die Vor-
bringen erfolgten.
4.3.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM den rechterhebli-
chen Sachverhalt unvollständig festgestellt und damit seine Untersu-
chungspflicht beziehungsweise das rechtliche Gehör der Beschwerdefüh-
rerin verletzt hat. Bei dieser Sachlage erübrigt es sich, auf weitere verfah-
rensrechtliche Rügen (insbesondere auf die Frage, ob die Vorinstanz auch
ihre Begründungspflicht verletzt haben könnte) und auf die materiellrecht-
lichen Vorbringen einzugehen.
5.
Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht
in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz-
lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden,
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wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er-
scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Vorliegend liegt
der Mangel in einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung sowie einer
Verletzung der Begründungspflicht, weshalb sich eine Kassation der ange-
fochtenen Verfügung rechtfertigt. Im Übrigen bleibt auf diese Weise der In-
stanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als das Bundesverwaltungs-
gericht letztinstanzlich entscheidet.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Die Verfügung vom (...)
2022 ist aufzuheben und die Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststel-
lung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
7.
Was schliesslich das Begehren, das vorliegende Urteil sei zu anonymisie-
ren und nicht zu veröffentlichen, betrifft, ist festzuhalten, dass sämtliche
Urteile des Bundesverwaltungsgerichts nur in anonymisierter Form publi-
ziert werden. Der Schutzbedürftigkeit der asylsuchenden Person ist bei der
Anonymisierung Rechnung zu tragen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die Gesuche um Gewährung der unentgelt-
lichen Rechtspflege und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses werden damit gegenstandslos.
8.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist keine Parteientschädigung
auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG)
(Dispositiv nächste Seite)
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