Decision ID: 994eb707-a9cd-5d08-b848-0ef2bd509de8
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass die aus Eritrea stammende Beschwerdeführerin am 14. Juli 2017 von
Libyen aus nach Italien gelangte und dort am 1. August 2017 ein Asylge-
such stellte (vgl. hierzu und zu Folgendem: separate Vorakten/Dublin-Ver-
fahren IN),
dass die italienischen Behörden das SEM am 16. Oktober 2017 darum er-
suchten, die Beschwerdeführerin angesichts ihres in der Schweiz lebenden
Verlobten zu übernehmen und ihr Asylgesuch zu behandeln, dies gestützt
auf Art. 9 bzw. Art. 17 Abs. 2 der Verordnung (EU) Nr. 604/ 2013 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die
Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
ist (Abl. L 180/31 vom 29. Juni 2013; nachfolgend: Dublin-III-VO),
dass das SEM das Übernahmeersuchen mit Schreiben vom 20. Dezember
2017 endgültig ablehnte,
dass die Beschwerdeführerin am 28. Februar 2018 von Italien aus in die
Schweiz einreiste und hier gleichentags ein weiteres Asylgesuch stellte
(vgl. hierzu und zu Folgendem: Vorakten/1. Asylgesuch),
dass das SEM am 7. März 2018 ihre Befragung zur Person (BzP) durch-
führte und ihr die Gelegenheit gab, sich zur mutmasslichen asylverfahrens-
rechtlichen Zuständigkeit Italiens zu äussern,
dass die Beschwerdeführerin in diesem Rahmen erklärte, sie wolle nicht
nach Italien zurückkehren, sondern bei ihrem in Zürich lebenden Verlobten
B._ bleiben,
dass sie ausführte, die Verlobung habe bereits im März 2013 nach zwei-
jähriger Bekanntschaft stattgefunden, für eine Heirat sei sie damals jedoch
zu jung gewesen, zudem habe sie erst ihre schulische Ausbildung in Sawa
abschliessen wollen,
dass ihr Verlobter, so die Beschwerdeführerin weiter, nach ihrer Rückkehr
aus Sawa nicht mehr da gewesen sei, weshalb sie allein über Äthiopien,
den Sudan, Libyen und Italien in die Schweiz gelangt sei,
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dass das SEM die italienischen Behörden am 19. April 2018 darum er-
suchte, die Beschwerdeführerin gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO
wieder aufzunehmen,
dass die italienischen Behörden zu diesem Gesuch innerhalb der festge-
legten Frist keine Stellung nahmen, woraus für sie die Verpflichtung zur
Wiederaufnahme resultiert (vgl. Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass das SEM mit Verfügung vom 9. Mai 2018 auf das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin nicht eintrat, ihre Wegweisung nach Italien anordnete
und sie aufforderte, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Be-
schwerdefrist zu verlassen,
dass es gleichzeitig die Aushändigung der editionspflichtigen Akten ge-
mäss Aktenverzeichnis verfügte und feststellte, einer allfälligen Beschwer-
de komme keine aufschiebende Wirkung zu,
dass die Verfügung der Beschwerdeführerin am 14. Mai 2018 eröffnet
wurde,
dass diese sich mit Rechtsmitteleingabe vom 16. Mai 2018 an das Bun-
desverwaltungsgericht wandte,
dass sie in der Hauptsache beantragt, die Verfügung sei aufzuheben und
auf ihr Asylgesuch sei einzutreten,
dass sie dazu – unter Vorlage entsprechender Fotos – insbesondere gel-
tend macht, sie habe ihren Verlobten mittlerweile „traditionell kirchlich ge-
heiratet“,
dass sie in verfahrensrechtlicher Hinsicht um unentgeltliche Prozessfüh-
rung sowie um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde ersucht,
dass auf den weiteren Inhalt der Beschwerde – soweit entscheiderheblich
– in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen ist,
dass der Instruktionsrichter, gestützt auf Art. 56 VwVG, den Vollzug der
Überstellung mit superprovisorischer Massnahme vom 18. Mai 2018 per
sofort aussetzte,
dass die vorinstanzlichen Akten am 22. Mai 2018 beim Bundesverwal-
tungsgericht eintrafen (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR 142.31]),
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und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asylrechts – in
der Regel und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen
Verfügungen des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 ‒ 33 VGG
und Art. 5 VwVG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VGG, dem VwVG und dem AsylG richtet
(Art. 6 AsylG),
dass die Beschwerdeführerin am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung hat und daher zur Einrei-
chung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass die Beschwerde frist- und formgerecht eingereicht wurde (Art. 108
Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass sich die Beschwerde gegen einen Nichteintretensentscheid im Sinne
von Art. 31a Abs. 1 AsylG richtet und deshalb lediglich zu prüfen ist, ob die
Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE
2012/4 E. 2.2 m.H.),
dass die Beschwerde offensichtlich unbegründet ist, weshalb über sie in
einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters
bzw. einer zweiten Richterin – und nur mit summarischer Begründung – zu
entscheiden ist (vgl. Art. 111 Bst. e und Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn die Betref-
fenden in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass das SEM die insoweit relevanten Zuständigkeitskriterien gemäss
Art. 7 - 15 Dublin-III-VO prüft,
dass die Beschwerdeführerin das Hoheitsgebiet der Dublin-Mitgliedstaaten
erstmals in Italien betrat und am 1. August 2018 in Bari ein Asylgesuch
stellte, weshalb Italien für die Durchführung ihres Asylverfahrens zuständig
ist (vgl. Art. 3 Abs. 1 und Art. 13 Abs. 1 bzw. Art. 14 Abs. 1 Dublin-III-VO),
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dass sich weder aufgrund der Abklärungen der Vorinstanz noch aufgrund
der eigenen Vorbringen der Beschwerdeführerin die Zuständigkeit eines
anderen Dublin-Mitgliedstaats ergibt,
dass deren Partner, B._, zwar im Mai 2016 in der Schweiz vorläufig
aufgenommen wurde (vgl. angefochtene Verfügung S. 3 unten) und daher
als aufenthaltsberechtigt im Sinne von Art. 9 Dublin-III-VO gilt (vgl. CHRIS-
TIAN FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, Wien/Graz 2014,
Art. 9 K 2), dass die Beschwerdeführerin daraus jedoch nichts zu ihren
Gunsten herleiten kann,
dass sie nicht als Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-
VO und Art. 8 EMRK anzusehen ist und deswegen auch nicht verlangen
kann, dass die Vorinstanz aufgrund von Art. 9 Dublin-III-VO auf ihr eigenes
Asylgesuch eintritt,
dass die Beschwerdeführerin aufgrund der kurz nach der Einreise durch-
geführten traditionellen Hochzeitszeremonie weder als verheiratet gilt noch
den Status einer Familienangehörigen erlangt hat, zumal eine religiöse
Eheschliessung vor der Ziviltrauung nicht durchgeführt werden darf (vgl.
Art. 97 Abs. 3 ZGB),
dass in ihrem Fall auch keine nach Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO zu schüt-
zende Beziehung unverheirateter Partner – gekennzeichnet durch gemein-
sames Wohnen, finanzielle Verflochtenheit, Stabilität und Dauer der Bezie-
hung – vorliegt,
dass das angeblich nach zweijähriger Bekanntschaft abgegebene Heirats-
versprechen im März 2013 keine Relevanz hat, da sie, geboren am 2. Juni
1998, zu diesem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt und der im Mai 1999 geborene
B._ sogar noch jünger war (vgl. separate Vorakten/Dublin-Verfah-
ren IN, Additional Interview vom 9. November 2017),
dass dieser im Jahr 2014 Eritrea in Richtung Schweiz verliess, ohne seine
sich in Sawa aufhaltende Freundin wiedergesehen zu haben (vgl. die
soeben zitierten separaten Vorakten),
dass die von der Beschwerdeführerin im Rechtsmittelverfahren aufge-
stellte Behauptung, in einer tatsächlichen, dauerhaften und bereits in Erit-
rea bestehenden Beziehung zu leben, somit einer rechtlichen Grundlage
entbehrt,
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dass auch die gegen eine Überstellung nach Italien gerichteten Einwände
der Beschwerdeführerin nicht zu berücksichtigen sind,
dass die bisherige Rechtsprechung – auch die des EGMR – dortige syste-
mische Schwachstellen im Asylverfahren und in den Aufnahmebedingun-
gen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO verneint hat (vgl. BVGE
2015/4 E. 4.1 mit Hinweis auf den Entscheid des EGMR Tarakhel gegen
die Schweiz vom 4. November 2014, Grosse Kammer, Nr. 2917/12),
dass Italien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nachkommt,
dass nichts darauf hindeutet, dass Italien den Grundsatz des Non-Refou-
lement missachten und die Beschwerdeführerin zwingen würde, in ein
Land auszureisen, in welchem sie einer Gefahr im Sinne von Art. 3 Abs. 1
oder 2 AsylG ausgesetzt wäre, oder in dem sie Gefahr laufen würde, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden,
dass angesichts der von Italien eingehaltenen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen auch zu erwarten ist, dass das Land die von der Beschwerdeführe-
rin geltend gemachten Fluchtgründe materiell überprüft,
dass sie in ihrer Rechtsmitteleingabe unter Hinweis auf Gewalt und Men-
schenhandel zwar geltend macht, insbesondere für junge alleinstehende
Frauen sei Italien nicht sicher,
das diese Behauptung jedoch nicht auf eine eigene Erfahrung der Be-
schwerdeführerin zurückgeht, sondern einem Klischee entspricht, wel-
chem in der Vollzugspraxis keine Bedeutung zukommen kann,
dass die Dublin-III-Verordnung den Schutzsuchenden kein Recht einräumt,
den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen,
dass der Beschwerdeführerin mit der klaren Zuständigkeitsregelung von
Art. 3 Abs. 1 und Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO daher die Möglichkeit zur hie-
sigen Behandlung ihres Asylgesuchs versagt wird,
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dass in ihrem Fall auch keine Gründe ersichtlich sind, welche das SEM zu
einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO bzw. gemäss Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 (AsylV 1; SR 142.311) hätten verpflichten kön-
nen,
dass die Vorinstanz angesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht
und ohne Ermessensfehler auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin
nicht eingetreten ist und ihre Wegweisung verfügt hat (vgl. Art. 31a Abs. 1
Bst. b und Art. 44 AsylG),
dass die Beschwerde demnach abzuweisen ist,
dass das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung aufgrund der offen-
sichtlich unbegründeten und damit von vornherein aussichtslos erschei-
nenden Beschwerde ebenfalls abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG),
dass das Gesuch um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der
Beschwerde (Art. 55 Abs. 3 VwVG) mit dem vorliegenden Urteil gegen-
standslos geworden ist,
dass aus dem gleichen Grund der am 18. Mai 2018 gemäss Art. 56 VwVG
angeordnete Vollzugsstopp dahinfällt und die Vorinstanz der Beschwerde-
führerin eine neue Frist zur Ausreise anzusetzen hat,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m.
Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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