Decision ID: ebf1e830-c030-49e3-b7de-cee85db1eb5a
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog ab dem 1. November 2003 Ergänzungsleistungen zu ihrer IV-Rente
(Dossier 1, act. 67). Im August 2008 informierte die AHV-Zweigstelle B._ die EL-
Durchführungsstelle darüber, dass sie von der Versicherten im Juli 2008 über eine im
Jahr 2006 angetretene Erbschaft in Kenntnis gesetzt worden sei (Dossier 1, act. 47).
Die Abklärungen der EL-Durchführungsstelle ergaben, dass die Versicherte das
gesamte Vermögen in der Zwischenzeit aufgebraucht hatte (Dossier 1, act. 45-3). Mit
Verfügung vom 3. Dezember 2008 hob die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistungen per 1. Dezember 2008 wegen eines Einnahmenüberschusses
auf (Dossier 1, act. 44). Die EL-Durchführungsstelle hatte in der Anspruchsberechnung
ein Vermögen von Fr. 501'970.-- angerechnet. Mit Verfügung vom 26. März 2009 hob
die EL-Durchführungsstelle die Ergänzungsleistungen rückwirkend ab 1. Juli 2006 auf
und forderte von der Versicherten die zu Unrecht ausgerichteten Ergänzungsleistungen
zurück. Die EL-Durchführungsstelle hatte in der Anspruchsberechnung ab 1. Juli 2006
A.a.
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ein Vermögen aus der unverteilten Erbschaft von Fr. 455'501.-- und einen Zins "aus
übrigem Vermögen" von Fr. 3'644.-- angerechnet (Dossier 1, act. 36). Ab dem 1.
Januar 2007 hatte die EL-Durchführungsstelle ein Sparguthaben von Fr. 476'362.-- und
einen Zins "aus übrigem Vermögen" von Fr. 5'239.-- berücksichtigt. Ab dem 1. Januar
2008 hatte das angerechnete Sparguthaben Fr. 158'666.-- betragen. Zudem hatte die
EL-Durchführungsstelle ein hypothetisches Vermögen ("Schenkung") von Fr. 291'833.--
und einen Zins aus übrigem Vermögen von Fr. 2'334.-- angerechnet.
Im März 2014 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von
Ergänzungsleistungen an (Dossier 1, act. 29). Mit Verfügung vom 3. Juni 2014 wies die
EL-Durchführungsstelle das Gesuch wegen eines Einnahmenüberschusses ab (Dossier
1, act. 23). In der Anspruchsberechnung (ab 1. März 2014) hatte sie ein hypothetisches
Vermögen ("Vermögensverzicht") von Fr. 384'095.-- und hypothetische Erträge aus
dem hypothetischen Vermögen von Fr. 768.-- angerechnet (Dossier 1, act. 24).
A.b.
Im September 2018 meldete sich die Versicherte ein weiteres Mal zum Bezug von
Ergänzungsleistungen an (Dossier 1, act. 17). Mit Verfügung vom 30. Oktober 2018
wies die EL-Durchführungsstelle das Gesuch wieder wegen eines
Einnahmenüberschusses ab (Dossier 1, act. 12). Die EL-Durchführungsstelle hatte in
der Anspruchsberechnung (ab 1. September 2018) ein Sparguthaben von Fr. 233.--,
ein hypothetisches Vermögen von Fr. 344'095.-- und einen hypothetischen Ertrag aus
dem hypothetischen Vermögen von Fr. 344.-- berücksichtigt.
A.c.
Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte eine Einsprache (Dossier 1, act. 9).
Mit Entscheid vom 20. Mai 2019 hiess die EL-Durchführungsstelle die Einsprache
teilweise gut und sprach der Versicherten (rückwirkend ab 1. September 2018) die EL-
Minimalgarantie zu (entspricht der Prämienpauschale für die obligatorische
Krankenversicherung). Zur Begründung hielt die EL-Durchführungsstelle fest, es sei
davon auszugehen, dass der Verzicht auf Fr. 291'833.-- bereits per 31. Dezember 2007
und nicht erst per 1. Januar 2008 erfolgt sei. Das anzurechnende hypothetische
Vermögen reduziere sich deshalb nochmals um Fr. 10'000.-- (auf insgesamt Fr.
334'095.--). Zudem sei gemäss dem Mietvertrag vom 1. November 2003 ein Mietzins
von Fr. 1'100.-- geschuldet. Die Versicherte werde vom Sozialamt unterstützt und
könne deshalb (ihren Kindern, siehe Dossier 1, act. 9-1) nur einen Mietzins von
A.d.
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Fr. 800.-- pro Monat bezahlen. Es könne davon ausgegangen werden, dass sie den
gesamten Betrag bezahlen würde, wenn sie die finanziellen Mittel hätte. Aus diesem
Grund sei in der Anspruchsberechnung ein Mietzins von Fr. 1'100.-- zu
berücksichtigen. Unter Anrechnung eines hypothetischen Vermögens von
Fr. 334'095.-- und eines Mietzinses von Fr. 1'100.-- pro Monat erhalte die Versicherte
(ab 1. September 2018) die Minimalgarantie von monatlich Fr. 402.-- (2018) respektive
Fr. 410.-- (2019). Diese werde nicht an die Krankenversicherung ausbezahlt, da die
Versicherte vom Sozialamt unterstützt werde und dieses die effektive Prämie aus der
kantonalen IPV bezahle.
Dieser Entscheid war von der EL-Durchführungsstelle aus nicht nachvollziehbaren
Gründen nicht umgesetzt worden (Dossier 2, act. 16). Deshalb meldete sich die
Versicherte im Februar 2020 erneut zum Bezug von Ergänzungsleistungen an (Dossier
2, act. 49). Die EL-Durchführungsstelle wies das Gesuch mit Verfügung vom 20. März
2020 wegen eines Einnahmenüberschusses ab (Dossier 2, act. 21, 45). In der
Anspruchsberechnung hatte sie (wieder) lediglich den effektiv bezahlten Mietzins von
Fr. 800.-- pro Monat angerechnet. Das angerechnete Sparguthaben hatte sich auf
Fr. 107.--, das hypothetische Vermögen auf Fr. 314'095.-- und die hypothetischen
Erträge aus dem hypothetischen Vermögen hatten sich auf Fr. 125.-- belaufen.
Dagegen wendete die Versicherte am 26. März 2020 ein (Dossier 2, act. 40), dass ihre
IV-Rente am 1. Mai 2020 durch die Altersrente abgelöst werde und sie deshalb aus
dem Sozialamt B._ "entlassen" werde. Daher werde der "übliche" Mietvertrag wieder
aktiv. Ab dem 1. Mai 2020 werde sie eine Monatsmiete von Fr. 1'100.-- bezahlen
müssen. Am 9. April 2010 reichte der Vertreter der Versicherten Belege für die
Überweisung eines Mietzinses von monatlich Fr. 1'100.-- ab April 2020 ein (Dossier 2,
act. 35 ff.).
A.e.
Mit Verfügung vom 15. April 2020 sprach die EL-Durchführungsstelle der
Versicherten ab 1. April 2020 Ergänzungsleistungen in der Höhe der sog.
Minimalgarantie zu (Dossier 2, act. 32). Die EL-Durchführungsstelle hatte in der
Anspruchsberechnung neu (wieder) einen Mietzins von Fr. 1'100.-- pro Monat
angerechnet.
A.f.
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Mit Verfügung vom 17. April 2020 hob die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistungen wegen eines Einnahmenüberschusses per 1. Mai 2020 auf
(Dossier 2, act. 29). Zur Begründung hielt sie fest, dass die Altersrente die bisherige
Invalidenrente per 1. Mai 2020 ablöse. In der Anspruchsberechnung war neu 1/10 (statt
bisher 1/15) des anrechenbaren Vermögens als Vermögensverzehr angerechnet
worden. Der Vermögensverzehr hatte neu Fr. 27'670.-- betragen (bisher Fr. 18'446.--).
Zudem hatte sich der Rentenbetrag auf Fr. 22'752.-- pro Jahr erhöht (bisher
Fr. 17'064.--). Die übrigen Berechnungspositionen, d.h. auch das angerechnete
hypothetische Vermögen, blieben unverändert.
A.g.
Am 24. April 2020 erhob die Versicherte Einsprache gegen die Verfügung vom 15.
April 2020 (Dossier 2, act. 19). Sie machte geltend, bei der jährlichen Reduktion des
hypothetischen Vermögens sei zu berücksichtigen, dass ihr (infolge der Anrechnung
eines hypothetischen Vermögens) pro Jahr ein Betrag von Fr. 18'000.-- fehle, um ein
normales Leben zu führen. Das hypothetische Vermögen sei ab 2007 um Fr. 28'000.--
pro Jahr zu reduzieren (Fr. 10'000.-- plus Fr. 18'000.--). Somit wäre das Vermögen im
Jahr 2020 schon verbraucht und es dürfte kein hypothetisches Vermögen mehr
angerechnet werden.
A.h.
Am 19. Mai 2020 notierte die zuständige EL-Sachbearbeiterin, dass die Umsetzung
des Einspracheentscheides vom 20. Mai 2019 vergessen worden sei (Dossier 2, act.
16). Dies sei nachzuholen.
A.i.
Auf Nachfrage hin teilte das Sozialamt B._ der EL-Durchführungsstelle mit, dass
die Krankenkassenprämien in den Jahren 2018, 2019 und 2020 durch das Sozialamt
bezahlt worden seien (Dossier 2, act. 14).
A.j.
Mit Verfügung vom 16. Juli 2020 sprach die EL-Durchführungsstelle der
Versicherten für die Zeit vom 1. September 2018 bis 21. Januar 2020
Ergänzungsleistungen in der Höhe der sog. Minimalgarantie zu (Dossier 2, act. 13). Zur
Begründung hielt sie fest, dass damit der Einspracheentscheid vom 20. Mai 2019
umgesetzt werde.
A.k.
Mit Verfügung vom 17. Juli 2020 widerrief die EL-Durchführungsstelle die
Verfügung vom 20. März 2020 und setzte die Ergänzungsleistungen für den Zeitraum 1.
A.l.
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B.
Februar 2020 bis 31. März 2020 auf Fr. 416.-- fest (sog. Minimalgarantie, Dossier 2,
act. 8). In der Verfügungsbegründung führte sie an, dass gestützt auf den
Einspracheentscheid vom 20. Mai 2019 ein Mietzins von Fr. 1'100.-- pro Monat als
Ausgabe berücksichtigt werden könne.
Mit Entscheid vom 23. November 2020 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache gegen die Verfügung vom 15. April 2020 ab (Dossier 2, act. 5). Zur
Begründung hielt sie fest, dass die berücksichtigte Verzichtshandlung bereits
rechtskräftig festgestellt und deshalb vorliegend nicht zu prüfen sei. Obwohl die
Argumentation der Versicherten grundsätzlich nachvollzogen werden könne, sei zu
berücksichtigen, dass die gesetzliche Regelung zur Anrechnung und Amortisation
eines hypothetischen Vermögens klar sei und keinen Spielraum für die Anrechnung
zusätzlicher Amortisationen lasse. Aufgrund der klaren Regelung in Art. 17a ELV könne
eine höhere Reduktion des hypothetischen Vermögens als diejenige in Art. 17a ELV
nicht berücksichtigt werden. Die angefochtene Verfügung sei daher nicht zu
beanstanden.
A.m.
Gegen diesen Entscheid liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
am 22. Dezember 2020 Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Vertreter beantragte die
Aufhebung des Einspracheentscheides und die Neuberechnung der
Ergänzungsleistungen unter Einbezug des "normalen Lebensunterhalts", und zwar
rückwirkend ab dem Zeitpunkt der Anrechnung des Vermögensverzichts.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am
21. Januar 2021 die Abweisung der Beschwerde; zur Begründung verwies sie auf die
Erwägungen im Einspracheentscheid (act. G 3).
B.b.
Am 2. Februar 2021 stellte die zwischenzeitlich beauftragte Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und bat um die
Einräumung einer Frist zur Beschwerdeergänzung (act. G 5). In materieller Hinsicht
beantragte sie die Aufhebung des Einspracheentscheides und die Ausrichtung von
Ergänzungsleistungen ab 1. Mai 2020 ohne die Anrechnung eines hypothetischen
Vermögens.
B.c.
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Die verfahrensleitende Richterin orientierte die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin am 9. Februar 2021 darüber, dass die Beschwerde aussichtslos
erscheine, sodass dem Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege bzw. unentgeltliche
Rechtsverbeiständung nicht entsprochen werden könne (act. G 6). Zur Begründung
hielt sie fest, Streitgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens sei die
derzeitige Höhe des anrechenbaren hypothetischen Vermögens bzw. die zu
berücksichtigende jährliche Verminderung dieses hypothetischen Vermögens. Die
Amortisation des anrechenbaren Verzichtsvermögens sei in Art. 17a Abs. 1 ELV
abschliessend geregelt. Diese Bestimmung sei gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung gesetzes- und verfassungsmässig. Die verfahrensleitende Richterin
wies die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin darauf hin, dass sie ohne
Gegenbericht bis 20. Februar 2021 davon ausgehen werde, dass die
Beschwerdeführerin mit der formlosen Erledigung des Gesuchs einverstanden sei. Am
selben Tag räumte das Gericht der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin die
Gelegenheit ein, eine nachträgliche, ergänzende Beschwerdebegründung einzureichen
(act. G 7).
B.d.
In der Beschwerdeergänzung vom 5. März 2021 hielt der (neue) Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin fest, dass am Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung nicht mehr festgehalten werde, auch wenn die
Beschwerdeführerin die formlose Erledigung als falsch betrachte (act. G 10). Zur
Begründung der Beschwerde machte er geltend, in Rechtskraft könne nur das
Verfügungsdispositiv erwachsen, nicht die Begründung und somit auch nicht die
Berechnung bzw. die Höhe des im Jahr 2008 festgelegten Verzichtsvermögens. Dies
gelte auch für die nachfolgend erlassenen Verfügungen. Ausserdem sei es bei diesen
vormaligen Verfügungen stets um Ergänzungsleistungen zur IV gegangen, im
vorliegenden Verfahren gehe es jedoch um Ergänzungsleistungen zur AHV; dies seien
grundsätzlich andersartige Ansprüche. Schliesslich seien die Verfügungen aus dem
Jahr 2008 offensichtlich unrichtig gewesen, weil das damalige Verzichtsvermögen
falsch berechnet worden sei. Jener Betrag, welcher zur Bestreitung des
Lebensunterhalts aufgewendet worden sei, könne nicht zum Verzichtsvermögen
gehören. Als Verzichtsvermögen könnte höchstens jener Anteil angerechnet werden,
den die Beschwerdeführerin allenfalls verschwendet habe. Eine entsprechende
B.e.
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Erwägungen
1.
Ausscheidung und Abklärung sei nicht erfolgt. Damit sei diese Verfügung offensichtlich
unrichtig und für das Gericht − auch aus formellen Gründen − nicht rechtsverbindlich.
Bei dieser Ausgangslage sei das Gericht nach Auffassung der Beschwerdeführerin
verpflichtet, die Sache rückwirkend ab dem Zeitpunkt, als die Beschwerdeführerin das
Erbe erhalten habe, neu aufzurollen und zu beurteilen. Der für ihren Lebensunterhalt
aufgewendete Anteil sei vom Erbe abzuziehen und vom Rest des (nicht mehr
vorhandenen) Erbes seien jährlich Fr. 10'000.-- abzuziehen. Auf dieser Basis sei das
Verzichtsvermögen per 1. Mai 2020 zu bestimmen und gestützt darauf sei der EL-
Anspruch neu zu berechnen.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 17.
März 2021 die Abweisung der Beschwerde (act. G 12). Zur Begründung verwies sie auf
die Erwägungen im Einspracheentscheid.
B.f.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens ist der Einspracheentscheid
vom 23. November 2020. Diesem liegt die Verfügung vom 15. April 2020 zugrunde, mit
welcher die Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistungen ab 1. April 2020 auf Fr.
416.-- pro Monat (sog. Minimalgarantie) festgesetzt hat. Gemäss den Angaben der
Beschwerdegegnerin war die Neuberechnung der Ergänzungsleistungen aufgrund einer
Mietzinsanpassung per 1. April 2020 erfolgt. Bei genauer Betrachtung ist per 1. April
2020 jedoch gar keine Sachverhaltsveränderung eingetreten und damit auch keine
Revision der Ergänzungsleistungen möglich gewesen: Die Beschwerdegegnerin hatte
der Beschwerdeführerin mit dem Einspracheentscheid vom 20. Mai 2019 rückwirkend
ab 1. September 2018 eine Ergänzungsleistung in der Höhe der sog. Minimalgarantie
zugesprochen. Dieser Entscheid war jedoch nie vollzogen worden. Die
Beschwerdeführerin hat sich deshalb im Februar 2020 erneut zum Bezug von
Ergänzungsleistungen angemeldet. Da die Beschwerdegegnerin zu diesem Zeitpunkt
noch nicht bemerkt hatte, dass die Beschwerdeführerin seit dem 1. September 2018
Anspruch auf Ergänzungsleistungen hat, diese jedoch nicht ausbezahlt worden sind, ist
sie auf die Neuanmeldung eingetreten und hat das Gesuch um Ergänzungsleistungen
am 20. März 2020 abgewiesen. Dabei hat sie in der Anspruchsberechnung − in
Diskrepanz zur der dem Einspracheentscheid vom 20. Mai 2019 zugrunde liegenden
Anspruchsberechnung − lediglich einen monatlichen Mietzins von Fr. 800.-- statt von
1.1.
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(bisher) Fr. 1'100.-- angerechnet. Nachdem die Beschwerdeführerin belegt hatte, dass
sie ab April 2020 wieder einen Mietzins von Fr. 1'100.-- pro Monat würde bezahlen
müssen, hat die Beschwerdegegnerin die Verfügung vom 15. April 2020 erlassen. Erst
später hat die Beschwerdegegnerin gemerkt, dass eigentlich gar keine Neuanmeldung
vorgelegen hatte, sondern dass die Beschwerdeführerin gestützt auf den
Einspracheentscheid vom 20. Mai 2019 seit 1. September 2018 Anspruch auf
Ergänzungsleistungen hatte, dieser Entscheid jedoch nie vollzogen worden ist.
Korrekterweise hätte die Beschwerdeführerin in dieser Situation nicht nur die
Verfügung vom 20. März 2020, sondern auch die Verfügung vom 15. April 2020
widerrufen müssen. Letzteres hat sie jedoch nicht getan, sondern sie hat, obwohl sich
per 1. April 2020 keine Änderungen bei den Berechnungspositionen ergeben haben,
mit der Verfügung vom 17. Juli 2020 lediglich die Ergänzungsleistungen für den
Zeitraum 1. Februar 2020 bis 31. März 2020 neu festgesetzt. Die Verfügung vom 15.
April 2020 ist in verfahrensrechtlicher Hinsicht unzulässig gewesen: Bei den
Ergänzungsleistungen handelt es sich um eine Dauerleistung, die für die Zukunft
lediglich angepasst werden kann, wenn die Voraussetzungen des Art. 17 Abs. 2 ATSG
erfüllt sind. Art. 17 Abs. 2 ATSG verlangt als Revisionsgrund eine
Sachverhaltsveränderung; eine solche ist per 1. April 2020 nicht eingetreten, weshalb
die Ergänzungsleistungen per 1. April 2020 nicht neu hätten verfügt werden dürfen. Da
die dem angefochtenen Einspracheentscheid zugrundeliegende Verfügung vom 15.
April 2020 aus verfahrensrechtlicher Sicht fehlerhaft gewesen ist, müsste der
angefochtene Einspracheentscheid grundsätzlich aus formellen Gründen aufgehoben
werden. Nun sind jedoch die Verfügung vom 17. April 2020, welche den EL-Anspruch
ab 1. Mai 2020 regelt, und die Verfügung vom 17. Juli 2020, welche den Zeitraum 1.
Februar 2020 bis 31. März 2020 regelt, bereits unangefochten in formelle Rechtskraft
erwachsen. Der EL-Anspruch vor und nach April 2020 ist somit bereits rechtskräftig
festgesetzt. Ein verfahrensrechtlich korrektes Vorgehen würde also voraussetzen, dass
die Beschwerdegegnerin bereits formell rechtskräftige Verfügungen wieder aufheben
würde. Vor diesem Hintergrund wäre die rein formal zu begründende Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheides nicht verhältnismässig. Die Sache ist somit
materiellrechtlich zu beurteilen.
Die Beschwerdegegnerin ist − ohne dies näher zu begründen − davon
ausgegangen, dass die Verfügung vom 17. April 2020 im Einspracheverfahren
mitangefochten sei (Dossier 2, act. 6-1, 19-1). Die Beschwerdegegnerin hat mit der
Verfügung vom 17. April 2020 den Anspruch auf Ergänzungsleistungen per 1. Mai 2020
neu festgesetzt, da die Invalidenrente per 1. Mai 2020 von der Altersrente abgelöst
worden war und dies einen Einfluss auf verschiedene EL-Berechnungspositionen
1.2.
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2.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat weiter geltend gemacht, dass nur das
Dispositiv einer Verfügung in Rechtskraft erwachsen könne, nicht jedoch die
Begründung und somit auch nicht die Berechnung bzw. die Höhe des früher
festgelegten Verzichtsvermögens. Diese Schlussfolgerung des Rechtsvertreters ist
nicht stichhaltig. Das Dispositiv einer Verwaltungsverfügung ist auslegungsbedürftig.
Für die Auslegung einer EL-Verfügung sind, neben der Verfügungsbegründung,
insbesondere auch die dazugehörigen EL-Berechnungsblätter massgebend. Bei der
Verfügung vom 15. April 2020 hat es sich um eine (vermeintliche) Revisionsverfügung
gehandelt. Eine Anpassung der Ergänzungsleistungen für die Zukunft ist nur möglich,
wenn sich der anspruchsrelevante Sachverhalt nachträglich verändert hat (Art. 17 Abs.
2 ATSG). Die Beschwerdegegnerin hat das der laufenden Ergänzungsleistung
zugrundeliegende hypothetische Vermögen per 1. April 2020 also nur anpassen
können, wenn per 1. April 2020 eine Veränderung eingetreten ist, die sich auf die Höhe
des anrechenbaren hypothetischen Vermögens ausgewirkt hat.
gehabt hatte. Die Beschwerdeführerin hat jedoch eindeutig nur Einsprache gegen die
Verfügung vom 15. April 2020 erhoben: In ihrer Einsprache vom 24. April 2020 hat sie
lediglich die Verfügung vom 15. April 2020 erwähnt und nur eine Kopie dieser
Verfügung beigelegt. Der angefochtene Einspracheentscheid erwähnt im Rubrum denn
auch lediglich die Verfügung vom 15. April 2020. Zwar steht im Sachverhalt des
Einspracheentscheides sinngemäss, dass gegen die Verfügung vom 17. April 2020
Einsprache erhoben worden sei (Dossier 2, act. 5-2 Ziff. 10 f.). Hierbei muss es sich
jedoch um ein Versehen gehandelt haben, denn in den Erwägungen des
Einspracheentscheides deutet nichts darauf hin, dass sich die Beschwerdegegnerin mit
dem Inhalt der Verfügung vom 17. April 2020 hätte auseinandersetzen wollen. Es fehlt
denn auch eine gesetzliche Grundlage dafür, die Verfügung vom 17. April 2020 als
mitangefochten zu betrachten. Soweit der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin die
Festsetzung der Ergänzungsleistungen ab 1. Mai 2020 ohne die Anrechnung eines
hypothetischen Vermögens beantragt, ist deshalb nicht auf die Beschwerde
einzutreten. Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens ist somit lediglich der Inhalt
der Verfügung vom 15. April 2020, d.h. der EL-Anspruch für den April 2020.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat moniert, die Verfügungen aus dem
Jahr 2008 seien offensichtlich unrichtig gewesen, weil das damalige
Verzichtsvermögen falsch berechnet worden sei. Diese Verfügungen seien für das
Gericht deshalb nicht rechtsverbindlich. Die Beschwerdegegnerin hatte die
2.1.
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3.
Ergänzungsleistungen der Beschwerdeführerin mit den Verfügungen vom 3. Dezember
2008 und 26. März 2009 wegen der Anrechnung einer Erbschaft rückwirkend ab Juli
2006 aufgehoben. Ein im Jahr 2014 gestelltes Gesuch um Ergänzungsleistungen hatte
die Beschwerdegegnerin abgewiesen. Im September 2018 hatte sich die
Beschwerdegegnerin erneut zum Bezug von Ergänzungsleistungen angemeldet. Mit
einem Einspracheentscheid vom 20. Mai 2019 ist der Beschwerdeführerin ab
1. September 2018 eine Ergänzungsleistung zugesprochen worden (sog.
Minimalgarantie). Die den Verfügungen aus dem Jahr 2008 zugrundeliegenden EL-
Berechnungen sind im vorliegenden Verfahren also tatsächlich nicht relevant, allerdings
nicht aus dem vom Rechtsvertreter angeführten Grund, sondern weil die
Beschwerdegegnerin bei der Neuanmeldung nicht an die früheren
Leistungsverfügungen gebunden gewesen ist. Der Rechtsvertreter hat weiter
vorgebracht, bei dieser Rechtslage sei das Gericht verpflichtet, die Sache rückwirkend
ab dem Zeitpunkt, als die Beschwerdeführerin das Erbe erhalten habe, neu aufzurollen
und zu beurteilen. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat also sinngemäss
verlangt, dass das Gericht eine Wiedererwägung der Revisionsverfügungen vom 26.
März 2009 und 3. Dezember 2008 (rückwirkende Einstellung der EL per 1. Juli 2006)
vornehme. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass der Streitgegenstand des
Beschwerdeverfahrens durch den Gegenstand der dem angefochtenen
Einspracheentscheid zugrundeliegenden Verfügung bestimmt wird. Streitgegenstand
des vorliegenden Verfahrens ist der EL-Anspruch für April 2020 und nicht eine von der
Beschwerdegegnerin verfügte Wiedererwägung der Verfügungen über den EL-
Anspruch ab 1. Juli 2006. Der Art. 53 Abs. 2 ATSG räumt lediglich dem
Versicherungsträger die Möglichkeit ein, auf formell rechtskräftige Verfügungen oder
Einspracheentscheide zurückzukommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und
wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Das Gericht hat also gar keine
Möglichkeit, eine Verfügung von sich aus in Wiedererwägung zu ziehen. Der
Beschwerdeführerin bleibt demnach nur die Möglichkeit, bei der Beschwerdegegnerin
ein Wiedererwägungsgesuch zu stellen.
Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht dem Betrag, um den die anerkannten
Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung, ELG, SR 831.30). Die anerkannten Ausgaben und die
anrechenbaren Einnahmen, worin in bestimmtem Umfang auch das Vermögen
einbezogen ist, werden nach den in Art. 10 und 11 ELG sowie den in Art. 11 bis 18 der
3.1.
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Verordnung über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELV; SR 831.301) festgelegten Bestimmungen ermittelt.
Bei IV-Rentnern wird 1/15, bei Altersrentnern 1/10 des Reinvermögens, soweit es
bei alleinstehenden Personen Fr. 37'500.-- übersteigt, als Einnahme angerechnet (Art.
11 Abs. 1 lit. c ELG). Angerechnet werden auch Vermögenswerte, auf die verzichtet
worden ist (Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG). Gemäss Art. 17a Abs. 1 ELV wird der
anzurechnende Betrag von Vermögenswerten, auf die verzichtet worden ist, jährlich um
Fr. 10'000.-- vermindert. Der Wert des Vermögens im Zeitpunkt des Verzichts ist
unverändert auf den 1. Januar des Jahres, das auf den Verzicht folgt, zu übertragen
und dann jeweils nach einem Jahr zu vermindern (Abs. 2). Für die Berechnung der
jährlichen Ergänzungsleistung ist der verminderte Betrag am 1. Januar des
Bezugsjahres massgebend (Abs. 3).
3.2.
Die Beschwerdegegnerin hat das hypothetische Vermögen in Anwendung von Art.
17a ELV ab 1. Januar 2009 jährlich jeweils um Fr. 10'000.-- reduziert. Diese pauschale
Reduktion hat das hypothetische Vermögen bis 1. Januar 2020 auf Fr. 314'095.--
sinken lassen. Die Beschwerdegegnerin hat dagegen eingewendet, dass das
hypothetische Vermögen − zusätzlich zu den Fr. 10'000.-- − jeweils um den Betrag zu
reduzieren sei, welchen die Beschwerdeführerin für ihren Lebensunterhalt aufgewendet
habe. Die in Art. 17a Abs. 1 ELV vorgesehene absolute Pauschalierung des
Vermögensverzehrs, die keine Rücksicht auf die Höhe des hypothetischen Vermögens
nimmt, missachtet das Ziel des Gesetzes, jederzeit die im Einzelfall angemessene
Leistung auszurichten und führt zu stossenden Ungleichbehandlungen: Sie
benachteiligt nämlich EL-Bezügerinnen wie die Beschwerdeführerin, die sich ein hohes
hypothetisches Vermögen anrechnen lassen müssen, denn in solchen Fällen beträgt
der aus dem hypothetischen Vermögen resultierende Vermögensverzehr mehr als
Fr. 10'000.--, amortisiert wird das hypothetische Vermögen aber trotzdem nur mit Fr.
10'000.-- (vgl. Jöhl/Usinger-Egger, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: Soziale
Sicherheit, SBVR Bd. XIV, 3. Auflage 2016, Rz. 211). Das Bundesgericht hat die Lösung
des Art. 17a ELV jedoch als gesetzes- und verfassungskonform bezeichnet (BGE 118 V
150) und trotz der wiederholten Kritik an dieser Praxis konsequent daran festgehalten
(siehe z.B. Urteil vom 14. Dezember 2020, 9C_435/2020 E. 5; zum Ganzen siehe
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 20. April 2009, EL
2008/25 E. 3.1). Daher bleibt nichts Anderes übrig, als den Art. 17a ELV anzuwenden.
Das anrechenbare hypothetische Vermögen hat sich per 1. April 2020 somit
unverändert auf Fr. 314'095.-- belaufen.
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/13
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St.Galler Gerichte
4.