Decision ID: 4997c90d-7967-5dce-bdb7-d65c8b8233db
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am 15. August 2011 aberkannte das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des
Kantons St. Gallen dem britischen Staatsangehörigen X den ausländischen
Führerausweis für die Dauer von fünf Monaten. Er hatte am 25. Juni 2011 in K mit
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einem Motorrad (amtliches Kennzeichen AK 000/GB) die zulässige
Höchstgeschwindigkeit ausserorts von 80 km/h um 42 km/h überschritten. Die
Verfügung wurde X mit eingeschriebener Post an dessen Adresse in Grossbritannien
gesandt.
B.- X wandte sich mit in englischer Sprache abgefasster Eingabe vom 24. August 2011
und unter Beilage einer Kopie der Verfügung vom 15. August 2011 an die
Verwaltungsrekurskommission. Er fragt, ob es sich dabei um eine weitere Busse
handle. Er habe bereits Fr. 970.-- bezahlt und "a 3 month ban" erhalten. Auf die
Einholung einer Vernehmlassung und der Akten bei der Vorinstanz wurde verzichtet.

Erwägungen:
1.- Die Vorinstanz hat dem Rekurrenten die gegen ihn gerichtete Verfügung vom
15. August 2011, mit welcher ihm der ausländische Führerausweis für die Dauer von
fünf Monaten aberkannt werden sollte, an dessen Adresse in Grossbritannien
zugestellt. Gemäss Art. 23 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01,
abgekürzt: SVG) ist der Entzug des Führerausweises schriftlich zu eröffnen.
Ausländische Führerausweise können nach den gleichen Bestimmungen aberkannt
werden, die für den Entzug des schweizerischen Führerausweises gelten (vgl. Art. 45
Abs. 1 der Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum
Strassenverkehr; SR 741.51, abgekürzt: VZV). Art. 45 Abs. 5 VZV schreibt ausdrücklich
vor, dass die Aberkennung dem Betroffenen durch das ASTRA (Bundesamt für
Strassen) auf dem Rechtshilfeweg eröffnen zu lassen ist, wenn sie in der Schweiz nicht
eröffnet werden kann. Art. 10 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS
951.1, abgekürzt: VRP) sieht vor, dass Beteiligte ohne Wohnsitz in der Schweiz eine
Zustelladresse oder einen Vertreter mit Wohn- oder Geschäftssitz in der Schweiz
bezeichnen (Abs. 1). Kommen sie dieser Pflicht nicht nach, werden Mitteilungen im
amtlichen Publikationsorgan eröffnet (Abs. 2).
Die Eröffnung einer Verfügung stellt einen hoheitlichen Akt dar, den schweizerische
Behörden nicht ohne Weiteres im Ausland vornehmen dürfen. Eine direkte postalische
Zustellung ist deshalb grundsätzlich nicht zulässig. Schweizerische Hoheitsakte auf
dem Gebiet eines ausländischen Staats verletzen dessen Gebietshoheit nur dann nicht,
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wenn den schweizerischen Behörden eine solche Zustellung vom ausländischen Staat
erlaubt wird; dies erfolgt regelmässig in entsprechenden Abkommen. Das bilaterale
Abkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Gemeinschaft und ihren
Mitgliedstaaten über die Freizügigkeit (SR 0.142.112.681) gestattet den Behörden,
einzig im Bereich der sozialen Sicherheit direkt mit Adressaten in anderen
Abkommensstaaten zu verkehren (vgl. R. Nyffenegger, in: Kommentar zum
Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, Zürich/St. Gallen 2008, Rz. 5 zu
Art. 11b VwVG mit Hinweis auf Art. 84 [3] der Verordnung EWG Nr. 1408/71; SR
0.831.109.268.1). Im Recht der Administrativmassnahmen nach
Strassenverkehrsgesetz bestehen Abkommen mit einem entsprechenden Inhalt
lediglich mit dem Fürstentum Liechtenstein (vgl. Ziff. 3 des Notenaustauschs vom
15. Dezember 1977 zwischen der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein über die
gegenseitige Anerkennung der Führer- und Fahrzeugausweise und die
Verwaltungsmassnahmen; SR 0.741.531.951.4) und mit Österreich (vgl. Art. 2 Abs. I
des Vertrags vom 23. Mai 1979 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und
der Republik Österreich über die wechselseitige Amtshilfe in Strassenverkehrs-
(Kraftfahr-)angelegenheiten, SR 0.741.531.916.3). In allen anderen Ländern können
Verfügungen in diesem Bereich nur auf dem Rechtshilfeweg eröffnet werden
(vgl. R. Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band III:
Die Administrativmassnahmen, Bern 1995, Rz. 2725; GVP 1991 Nr. 9; vgl. auch Cavelti/
Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 890).
Dementsprechend war die Vorinstanz nicht befugt, die Verfügung vom 15. August 2011
dem Adressaten an dessen Adresse in Grossbritannien zuzustellen.
2.- Erfolgt die Zustellung eines Hoheitsakts im Ausland ohne Einwilligung oder
Vermittlung des fremden Staats, ist sie nichtig (vgl. BGE 124 V 47 E. 3a; R.
Nyffenegger, N 4 zu Art. 11b VwVG). Daran ändert auch nichts, dass etliche Behörden
trotz dieses Grundsatzes die direkte Postzustellung vornehmen und diese auch
funktioniert, solange der Verfügungsadressat bzw. der ausländische Staat nicht
dagegen interveniert (vgl. J. Stadelwieser, Die Eröffnung von Verfügungen, St. Gallen
1994, S. 214). Die Nichtigkeit von Verfügungen ist durch jede Behörde, die mit der
Sache befasst ist, jederzeit und von Amtes wegen zu beachten. Sie kann auch im
Rechtsmittelweg festgestellt werden. Ein ausdrücklicher Antrag wird dafür nicht
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vorausgesetzt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_522/2007 vom 28. April 2008 E. 3.1;
BGE 132 II 342 E. 2.1 mit Hinweisen).
Dementsprechend ist festzustellen, dass die von der Vorinstanz am 15. August 2011
gegenüber dem Rekurrenten erlassene Verfügung mangels rechtsgültiger Eröffnung
nichtig ist. Der nichtigen Verfügung geht jede Verbindlichkeit und Rechtswirksamkeit ab
(vgl. BGE 132 II 342 E. 2.1). Deshalb reicht es aus, dass das Urteil nur der Vorinstanz,
die allenfalls bereits erfolgte Registereinträge anzupassen hat, formell eröffnet wird.
Dem Rekurrenten ist die Nichtigkeit der angefochtenen Verfügung formlos mitzuteilen.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend – die Feststellung der Nichtigkeit der
Verfügung vom 15. August 2011 hat die Vorinstanz zu vertreten – sind die amtlichen
Kosten vom Staat zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 500.--
erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).