Decision ID: 67244271-dfb8-4aba-b1d2-93194a526e07
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im November 2020 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu
einer Rente der Invalidenversicherung an (EL-act. 74), die ihm mit einer Verfügung vom
10. November 2020 rückwirkend ab dem 1. März 2019 zugesprochen worden war (vgl.
EL-act. 58). Die EL-Durchführungsstelle wies ihn am 2. Dezember 2020 darauf hin,
dass sie die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau prüfen
werde, da jene grundsätzlich verpflichtet sei, sich an der Bestreitung der
Lebenshaltungskosten zu beteiligen (EL-act. 70). Der EL-Ansprecher machte am 17.
Dezember 2020 geltend (EL-act. 69–3), seine Ehefrau könne keiner ausserhäuslichen
Erwerbstätigkeit nachgehen, weil sie ihn pflegen müsse und weil sie an
gesundheitlichen Einschränkungen leide. In einem Arztzeugnis vom 11. Dezember 2020
hatte Dr. med. B._ festgehalten (EL-act. 61–11 f.), die Ehefrau leide an einer
massiven somatoformen Schmerzstörung, an einer Cervicobrachialgie, an einem
lumbospondylogenen Schmerzsyndrom sowie an einer Osteochondrosis dissecans
des linken Knies. Zudem bestehe der Verdacht auf eine rheumatologische
Grunderkrankung. Die Ehefrau sei vollständig arbeitsunfähig. Am 18. Januar 2021 teilte
Dr. med. C._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) der EL-
Durchführungsstelle mit (EL-act. 63), die Ehefrau des EL-Ansprechers sei im Mai 2018
polydisziplinär begutachtet worden. Die Sachverständigen hätten eine überzeugend
begründete Arbeitsfähigkeit von 75 Prozent attestiert. Das Arztzeugnis von Dr. B._
vom 11. Dezember 2020 enthalte keine Hinweise auf relevante neue medizinische
Tatsachen. Ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle notierte am 22. Januar 2021
(EL-act. 64), der Ehefrau sei ein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen.
Auszugehen sei vom statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne. Davon seien
zehn Prozent abzuziehen, weil das Lohnniveau in der Grossregion Ostschweiz
entsprechend tiefer als das gesamtschweizerische Lohnniveau sei. Wegen des
fortgeschrittenen Alters der Ehefrau seien weitere zehn Prozent abzuziehen. Unter
A.a.
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Berücksichtigung eines Arbeitsfähigkeitsgrades von 75 Prozent und nach Abzug der
Sozialversicherungsbeiträge von 6,375 Prozent resultiere ein hypothetisches
Erwerbseinkommen von 31’101 Franken. Mit einer Verfügung vom 29. Januar 2021
sprach die EL-Durchführungsstelle dem EL-Ansprecher für den Monat März 2019 eine
Ergänzungsleistung von 291 Franken zu; für die Zeit ab April 2019 wies sie das
Leistungsbegehren ab (EL-act. 57). Zur Begründung führte sie an, unter
Berücksichtigung des hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau würden die
Einnahmen die Ausgaben übersteigen, weshalb mangels eines
anspruchsbegründenden Ausgabenüberschusses kein Anspruch auf eine
Ergänzungsleistung bestehe. Die kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung, die ohnehin direkt der Krankenkasse hätte ausbezahlt
werden müssen, sei nicht als Ausgabe berücksichtigt worden, weil die Prämien schon
längst vom Sozialamt beglichen worden seien. Den Berechnungsblättern zur Verfügung
liess sich entnehmen (EL-act. 46 ff.), dass die EL-Durchführungsstelle lediglich den
Mietzins und die Lebensbedarfspauschale für ein Ehepaar als Ausgaben berücksichtigt
hatte. Als Einnahmen hatte sie das hypothetische Erwerbseinkommen der Ehefrau, die
IV-Rente des EL-Ansprechers, die erst ab April 2019 zugesprochene IV-Rente des
D._ sowie – für die Zeit ab Januar 2021 – einen hypothetischen Vermögensverzehr
und einen Vermögensertrag aus einem Freizügigkeitsguthaben nach BVG angerechnet.
Das hatte für den Monat März 2019, in dem der EL-Ansprecher noch keinen Anspruch
auf eine IV-Rente des D._ gehabt hatte, einen Ausgabenüberschuss und für die
Folgemonate einen Einnahmenüberschuss ergeben.
Am 16. Februar 2021 erhob der EL-Ansprecher eine Einsprache gegen die
Verfügung vom 29. Januar 2021 (EL-act. 43). Er beanstandete die Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens und machte geltend, seine Ehefrau müsse ihn
pflegen, was einen enormen Aufwand verursache. Sie sei so überfordert damit, dass
sie nun selbst unter einer Gesundheitsbeeinträchtigung leide. Am 8. Dezember 2020
habe sie zuhause vom Notfalldienst abgeholt werden müssen, da sie an
Gleichgewichtsstörungen und an einem hohen Fieber gelitten habe. Die Ärzte hätten
einen benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel diagnostiziert. Die EL-
Durchführungsstelle forderte den EL-Ansprecher auf, Belege zum neuen Leiden der
Ehefrau einzureichen (EL-act. 40). Am 29. April 2021 ging ihr ein Bericht von Dr. B._
A.b.
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vom 27. April 2021 zu (EL-act. 39), laut dem die Ehefrau des EL-Ansprechers an einem
benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel mit attackenartigen lagerungsabhängigen
Schwindelbeschwerden und Sekunden bis Minuten dauernden Drehschwindelattacken
mit Übelkeit und Erbrechen litt. Der RAD-Arzt Dr. C._ hielt am 12. Mai 2021 fest (EL-
act. 38), ein benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel sei ein gutartiger Schwindel,
der typischerweise bei Lageveränderungen auftrete und durch einfache
Lagerungsübungen behandelt werden könne. Er stelle grundsätzlich kein Hindernis für
die Ausführung einer Erwerbstätigkeit dar. Nur sollte auf Tätigkeiten, die das Führen
eines Motorfahrzeugs erforderten oder bei denen eine Absturzgefahr bestehe,
verzichtet werden. Im Juli 2021 reichte der EL-Bezüger einen MRI-Bericht vom 7. Juni
2021 ein, der eine Stressfraktur im Os cuboideum mit einer Tendinose und
Tenosynovitis der angrenzenden Peroneus longus-Sehne sowie einem entzündlichen
Reizzustand des Ligamentum plantare longum belegte (EL-act. 31 ff.). Der RAD-Arzt
Dr. C._ hielt am 21. Juli 2021 fest (EL-act. 30), aktuell sei gestützt auf den MRI-
Bericht von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit der Ehefrau und von einer
Einschränkung bei der Betreuung des Ehemannes von mindestens 50 Prozent
auszugehen. Die EL-Durchführungsstelle solle beim Kantonsspital St. Gallen einen
aktuellen Bericht anfordern.
Am 15. November 2021 wurde dem EL-Ansprecher rückwirkend per 1. Oktober
2019 eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung bei einer Hilflosigkeit
mittleren Grades zugesprochen (EL-act. 24). Am 16. November 2021 reichte der EL-
Ansprecher der EL-Durchführungsstelle drei Berichte der Klinik für orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Kantonsspitals St. Gallen vom 12. Juli 2021, 23.
September 2021 und 5. November 2021 ein (EL-act. 22 f.), laut denen die Ehefrau des
EL-Ansprechers ab Juli 2021 konservativ behandelt worden war, was zu einer leichten
Beschwerdeverbesserung geführt hatte. Ein Sachbearbeiter der EL-
Durchführungsstelle notierte nach einem Telefonat mit der Tochter des EL-
Ansprechers, die Pflege und Betreuung sei gemäss den Angaben der Tochter und den
Feststellungen der IV-Stelle im Zusammenhang mit dem Begehren um eine
Hilflosenentschädigung ausschliesslich durch die Ehefrau erbracht worden, selbst als
diese selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen gehabt habe (elektronische
Notiz zu EL-act. 22). Der RAD-Arzt Dr. C._ notierte am 10. Dezember 2021 (EL-act.
A.c.
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B.

Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
21), gemäss den Berichten des Kantonsspitals St. Gallen sei für die Zeit vom 1. Juli
2021 bis zum 5. November 2021 von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit der Ehefrau
auszugehen. Seit dem 5. November 2021 sei von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 50
Prozent auszugehen. Ab Januar 2022 dürfte die Ehefrau wieder zu 75 Prozent
arbeitsfähig sein. Der EL-Ansprecher nahm am 24. Dezember 2021 Stellung zu dieser
Aktenbeurteilung (EL-act. 12 f.). Er machte geltend, die Prognose des RAD-Arztes sei
zu optimistisch. Zudem müsse die Ehefrau ihn pflegen. Mit einem Entscheid vom 17.
Januar 2022 hiess die EL-Durchführungsstelle die Einsprache teilweise gut (EL-act. 8).
Sie sprach dem EL-Ansprecher eine Ergänzungsleistung von 1’229 Franken für den
Monat März 2019, von 930 Franken für die Zeit ab April 2019 und von 787 Franken für
den Monat Januar 2021 zu. Zur Begründung führte sie an, gestützt auf die Akten sei
davon auszugehen, dass die Ehefrau den EL-Ansprecher seit März 2018 pflege und
betreue und dass sie deshalb keiner ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit nachgehen
könne. Da die Hilflosenentschädigung, die der EL-Ansprecher erhalte, die Finanzierung
der Pflege und Betreuung bezwecke, sei diese als hypothetisches Erwerbseinkommen
der Ehefrau anzurechnen.
Am 14. Februar 2022 erhob der EL-Ansprecher (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 17. Januar
2022 (act. G 1). Er beantragte die Zusprache einer ohne die Hilflosenentschädigung
berechneten Ergänzungsleistung und die Nachzahlung der bis dato geschuldeten
Ergänzungsleistungen. Zur Begründung führte er aus, die Hilflosenentschädigung dürfe
von Gesetzes wegen nicht als Einnahme angerechnet werden.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 2. März 2022 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
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des vorangegangenen Einspracheverfahrens entsprechen muss. Das
Einspracheverfahren ist – wie dieses Beschwerdeverfahren – ein („echtes“)
Rechtsmittelverfahren gewesen, was bedeutet, dass sich sein Zweck in der
Überprüfung der Verfügung vom 29. Januar 2021 auf deren Rechtmässigkeit erschöpft
hat. Für das Einspracheverfahren hat deshalb nur der Sachverhalt bis zum 29. Januar
2021 massgebend sein können, wie die Beschwerdegegnerin zu Recht geltend
gemacht hat. Würde das Versicherungsgericht – dem Antrag des Beschwerdeführers
folgend – über den EL-Anspruch von Februar 2021 bis zur Eröffnung dieses Urteils
entscheiden, würde es den Gegenstand des Beschwerdeverfahrens in einer
unzulässigen Weise ausdehnen. Das Urteil wäre dann bezüglich des Zeitraums bis
Ende Januar 2021 ein („echter“) Rechtsmittelentscheid, bezüglich des Zeitraums ab
Februar 2021 aber eine als Gerichtsurteil „verkleidete“ Verfügung, weil das
Versicherungsgericht diesbezüglich die Ergänzungsleistung originär festsetzen und
nicht etwa einen Entscheid der Beschwerdegegnerin auf dessen Rechtmässigkeit
überprüfen würde. Mit der Verfügung vom 29. Januar 2021 hat die
Beschwerdegegnerin ein Verwaltungsverfahren abgeschlossen, das eine erstmalige
Anmeldung zum Bezug von Ergänzungsleistungen zum Gegenstand gehabt hat. In
jenem Verfahren haben die Anspruchsvoraussetzungen und die
Berechnungspositionen umfassend geprüft werden müssen. Auch in diesem
Beschwerdeverfahren ist deshalb umfassend zu prüfen, ob der Beschwerdeführer, der
sich unmittelbar nach der Zusprache einer Rente der Invalidenversicherung zum Bezug
von Ergänzungsleistungen angemeldet hat, im massgebenden Zeitraum ab dem
Rentenbeginn (1. März 2019) einen Anspruch auf eine Ergänzungsleistung gehabt hat.
2.
Die Prüfung der Anspruchsvoraussetzungen und die Berechnung eines allfälligen
EL-Anspruchs anhand der massgebenden Berechnungspositionen setzt die
vollständige Ermittlung des massgebenden Sachverhaltes voraus, denn das Recht
kann nur auf einen mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststehenden Sachverhalt angewendet werden. Zuständig für die
Sachverhaltsermittlung ist grundsätzlich die Beschwerdegegnerin gewesen, denn sie
trifft gemäss dem Art. 43 Abs. 1 ATSG eine Untersuchungspflicht, die lediglich durch
eine Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers (Art. 28 ATSG) ergänzt worden ist.
2.1.
Die Beschwerdegegnerin hat sich unter anderem mit der Frage konfrontiert
gesehen, ob der Ehefrau des Beschwerdeführers ein hypothetisches
Erwerbseinkommen anzurechnen sei. Sie hat in erster Linie im Zusammenhang mit
einem Knochenbruch im Fuss medizinische Abklärungen getätigt, aber das Ergebnis
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/11
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dieser Abklärungen ist für den hier zur Diskussion stehenden Entscheid gar nicht
relevant gewesen, da sich der Knochenbruch erst lange nach Januar 2021 ereignet
hatte, der für die Überprüfung der Rechtmässigkeit der Verfügung vom 29. Januar 2021
massgebende Sachverhalt aber nur die Zeit bis zum 29. Januar 2021 betroffen hat.
Immerhin hat die Beschwerdegegnerin im Zuge ihrer Abklärungen festgestellt, dass
sich der für die Arbeitsfähigkeitsschätzung betreffend die Ehefrau des
Beschwerdeführers massgebende medizinische Sachverhalt in der Zeit zwischen Mai
2018 (Begutachtung der Ehefrau im Auftrag der IV-Stelle) und Juli 2021 (Knochenbruch
im Fuss) nicht wesentlich verändert hatte, sodass für den hier massgebenden Zeitraum
von März 2019 bis Ende Januar 2021 mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, dass die Ehefrau zu 75 Prozent
arbeitsfähig gewesen ist. Ihr hätte folglich ein entsprechendes hypothetisches
Erwerbseinkommen angerechnet werden können.
Nun hat der Beschwerdeführer ab Oktober 2019 eine Hilflosenentschädigung bei
einer Hilflosigkeit mittleren Grades bezogen. Diese Hilflosenentschädigung darf
gemäss dem Art. 11 Abs. 3 lit. d ELG und dem Art. 11 Abs. 4 ELG in Verbindung mit
dem Art. 15b ELV e contrario grundsätzlich nicht als Einnahme angerechnet werden.
Die Beschwerdegegnerin hat allerdings zu Recht darauf hingewiesen, dass die
Hilflosenentschädigung bezweckt, (pauschal) die Pflege und Betreuung einer hilflosen
Person durch eine Drittperson zu vergüten. Eine einen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung auslösende Hilflosigkeit liegt vor, wenn eine versicherte Person
nicht in der Lage ist, ihren Alltag selbständig zu bewältigen respektive wenn eine
versicherte Person infolge einer Gesundheitsbeeinträchtigung auf Dienstleistungen
beziehungsweise Hilfeleistungen von Dritten bei der Bewältigung der grundlegenden
Alltagsverrichtungen angewiesen ist. Diese enge Zweckgebundenheit der
Hilflosenentschädigung ist auch der Grund dafür, dass eine Hilflosenentschädigung bei
einer EL-Anspruchsberechnung nicht als Einnahme berücksichtigt werden darf, denn
die Hilflosenentschädigung bezweckt ausschliesslich die Vergütung von
Hilfeleistungen, dient also nicht der Bestreitung des alltäglichen Lebensbedarfs. Darauf
hat das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen bereits in einem Urteil vom 7. Juli
2009 (EL 2009/5) hingewiesen. Allerdings hat das Versicherungsgericht damals nicht
bedacht, dass es Fälle geben kann, in denen zwar nicht die Hilflosenentschädigung an
sich, aber deren Betrag als Einnahme anzurechnen ist. Wenn der Beschwerdeführer
eine Drittperson mit der Hilfe bei seinen alltäglichen Lebensverrichtungen beauftragt
hätte, hätte er dieser Drittperson (wohl im Umfang seiner Hilflosenentschädigung) einen
Lohn für die Hilfeleistungen bezahlen müssen. Hätte die helfende Drittperson eine
Ergänzungsleistung bezogen, hätte sie sich diesen Lohn bei der Berechnung ihres
2.3.
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eigenen Anspruchs auf Ergänzungsleistungen als Einnahme anrechnen lassen müssen.
Diese Anrechnung hätte offensichtlich nicht gegen den Art. 11 Abs. 3 lit. d ELG
verstossen, weil es sich bei dieser Einnahmenposition nicht um eine der hilflosen
Person zustehenden Hilflosenentschädigung, sondern um ein Erwerbseinkommen der
helfenden Drittperson gehandelt hätte. Nichts anderes hätte gegolten, wenn die
Ehefrau des Beschwerdeführers nicht ihren Ehemann, sondern einen anderen Bezüger
einer Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades betreut und gepflegt hätte,
denn das ihr vom anderen, hilflosen Bezüger einer Ergänzungsleistung im Betrag der
Hilflosenentschädigung ausgerichtete Entgelt für die erbrachten Hilfeleistungen hätte in
diesem Fall offenkundig nur ein Lohn für die erbrachte Arbeitsleistung sein können, der
bei der Berechnung der eigenen Ergänzungsleistung des Beschwerdeführers
selbstverständlich gestützt auf den Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG als Erwerbseinkommen
hätte angerechnet werden müssen. Angesichts der notwendigerweise rein
wirtschaftlichen Sichtweise des ELG darf es keine Rolle spielen, ob eine in die EL-
Anspruchsberechnung einbezogene Person den eigenen Ehegatten oder einen Dritten
betreut und pflegt; ebenso darf es keine Rolle spielen, ob eine hilflose Person
Hilfeleistungen vom eigenen Ehegatten oder von einem Dritten in Anspruch nimmt. Die
vom Versicherungsgericht im erwähnten Urteil vom 7. Juli 2009 (EL 2009/5) vertretene
Auffassung, dass der Betrag der Hilflosenentschädigung dann nicht als
Erwerbseinkommen angerechnet werden dürfe, wenn die Hilfeleistungen vom eigenen
Ehegatten erbracht würden, führt folglich zu einer durch nichts zu rechtfertigenden
Ungleichbehandlung. Dieser Auffassung folgend müssten die Hilfeleistungen nämlich
aus EL-rechtlicher Sicht als wirtschaftlich wertlos qualifiziert werden, wenn sie vom
eigenen Ehegatten erbracht werden. Der Bezüger der Hilflosenentschädigung müsste
diese nicht für die von der Hilflosenentschädigung bezweckte Finanzierung von
Hilfeleistungen aufwenden, weil er ja kostenlose Hilfeleistungen erhalten würde, das
heisst er könnte die Hilflosenentschädigung als eine Art (nicht anrechenbare)
„Genugtuung“ für sich behalten. Dieses Resultat lässt sich mit dem (EL-rechtlich
massgebenden) Sinn und Zweck der Hilflosenentschädigung nicht vereinbaren,
weshalb das Versicherungsgericht seine Praxis mit dem Urteil EL 2019/4 vom 8.
September 2020 geändert hat. Da die Ehefrau des Beschwerdeführers ihrem hilflosen
Ehemann die nötigen Hilfeleistungen erbracht hat, muss fingiert werden, dass sie mit
ihm einen Arbeitsvertrag abgeschlossen hat, in dem ein Jahreslohn von 12 × 1’185
Franken (bis Ende 2020) respektive von 12 × 1’195 Franken (ab Januar 2021) vereinbart
worden ist. Bei genauer Betrachtung hat die Beschwerdegegnerin also nicht die
Hilflosenentschädigung des Ehemannes als Einnahme berücksichtigt, was gegen den
Art. 11 Abs. 3 lit. d ELG verstossen hätte, sondern sie hat den von der Ehefrau erzielten
Lohn im Betrag der Hilflosenentschädigung als Erwerbseinkommen der Ehefrau
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angerechnet, was nach dem soeben Dargelegten grundsätzlich als rechtmässig zu
qualifizieren ist. Da die zuständige AHV-Ausgleichskasse auf diesem
Erwerbseinkommen keine Sozialversicherungsbeiträge erhoben hat, hat der Ehefrau
des Beschwerdeführers im hier massgebenden Zeitraum die gesamte
Hilflosenentschädigung als Nettolohn zur Verfügung gestanden. Für die Zeit ab
Oktober 2019 hat die Ehefrau des Beschwerdeführers folglich ein Erwerbseinkommen
von 14’220 Franken und für die Zeit ab Januar 2021 ein solches von 14’340 Franken
erzielt, von dem allerdings unter Berücksichtigung der sogenannten „Privilegierung“
gemäss dem Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG aber nur ein Teilbetrag von 8’480 Franken
beziehungsweise von 8’560 Franken angerechnet werden dürfte.
Da die Beschwerdegegnerin die relevanten IV-Akten des Beschwerdeführers nicht
beigezogen hat, hat sie allerdings nicht wissen können, wie viel Pflege und Betreuung
dieser effektiv benötigt hat. Da die IV-Stelle keine Hilflosenentschädigung bei einer
Hilflosigkeit schweren Grades, sondern nur eine solche bei einer Hilflosigkeit mittleren
Grades ausgerichtet hat, besteht Grund zur Annahme, der Beschwerdeführer sei
bezüglich der alltäglichen Lebensverrichtungen noch in einem wesentlichen Ausmass
selbständig gewesen. Folglich kann nicht unbesehen davon ausgegangen werden,
dass die Ehefrau ihre gesamte Restarbeitsfähigkeit von 75 Prozent für die Pflege und
Betreuung ihres Ehemannes hat aufwenden müssen. Möglicherweise wäre es ihr
durchaus möglich und zumutbar gewesen, zusätzlich einer ausserhäuslichen
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Immerhin hat das von der Beschwerdegegnerin
errechnete hypothetische Erwerbseinkommen bei einer ausserhäuslichen
Erwerbstätigkeit in einem Pensum von 75 Prozent einem Betrag von über 30’000
Franken pro Jahr – also rund dem Doppelten des Betrages der Hilflosenentschädigung
– entsprochen. Diesbezüglich erweist sich der massgebende Sachverhalt als
unzureichend abgeklärt. Die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Sie
wird anhand der IV-Akten des Beschwerdeführers und nötigenfalls gestützt auf eine
Abklärung des effektiven Bedarfs des Beschwerdeführers nach Hilfeleistungen den
Pflege- und Betreuungsaufwand ermitteln, den die Ehefrau des Beschwerdeführers
effektiv erbringen muss. Anschliessend wird sie die Frage beantworten, ob der Ehefrau
nebst diesem „effektiven“ Erwerbseinkommen im Betrag der Hilflosenentschädigung
ein zusätzliches hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen sei. Schliesslich wird
sie den EL-Anspruch für die Zeit ab März 2019 neu berechnen und entsprechend
verfügen.
2.4.
Das Gericht ist nicht an die Begehren der Parteien gebunden. Es kann einen
Einspracheentscheid zu Ungunsten der Beschwerde führenden Partei ändern, muss
2.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/11
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aber der beschwerdeführenden Partei vorher die Gelegenheit zur Stellungnahme oder
zum Rückzug der Beschwerde geben (Art. 61 lit. d ATSG). Die St. Galler Praxis zum
Art. 56 Abs. 1 VRP (sGS 951.1) sieht eine dem Art. 61 lit. d ATSG entsprechende
Vorgehensweise vor (vgl. Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege, Praxiskommentar, Art. 56 N 11 ff.). Demnach ist nicht
gestützt auf den Art. 61 lit. d ATSG, sondern gestützt auf den Art. 56 Abs. 1 VRP
beziehungsweise die dazu entwickelte Praxis zu prüfen, ob hier die Gelegenheit zur
Stellungnahme und zum Beschwerderückzug zu geben ist. Sowohl der klare Wortlaut
des Art. 61 lit. d ATSG als auch die diesbezüglich klare St. Galler Praxis zum Art. 56
Abs. 1 VRP sieht die Pflicht, die Möglichkeit zur Stellungnahme und zum
Beschwerderückzug zu geben, nur für den Fall vor, dass das Gericht selbst
beabsichtigt, in peius zu entscheiden. Das Bundesgericht hat in dieser Beschränkung
auf einen direkten in peius-Entscheid des Gerichtes eine ausfüllungsbedürftige
(unechte) Lücke geortet, zunächst bezogen auf jene Fälle, in denen die Rückweisung
zur weiteren Abklärung des Sachverhalts mit Sicherheit eine Verschlechterung der
Stellung der beschwerdeführenden Partei ergeben hätte. Diese (vermeintlich)
lückenfüllende Praxis hat es später erheblich ausgeweitet, denn nach der aktuellen
Auffassung des Bundesgerichtes muss nun neu vor jeder Rückweisung an die
Verwaltung zur weiteren Abklärung des Sachverhaltes die Gelegenheit zur
Stellungnahme und zum Beschwerderückzug gegeben werden, wenn die Verwaltung in
der angefochtenen Verfügung oder im angefochtenen Einspracheentscheid eine
Leistung zugesprochen hatte (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl., Art. 61 N
168; ausgenommen sind nur die Fälle, in denen es sicher zu einer Verbesserung
kommen wird). Das soll selbst dann gelten, wenn überhaupt nicht absehbar ist,
welches Ergebnis (unverändert, verbessert oder verschlechtert) die zusätzlichen
Abklärungen der Verwaltung liefern werden und sogar dann, wenn die
beschwerdeführende Partei dem kantonalen Versicherungsgericht ausdrücklich die
Rückweisung an die Verwaltung zur weiteren Sachverhaltsabklärung beantragt hat. Das
führt erfahrungsgemäss oft zu einer absurden Situation, denn der
beschwerdeführenden Partei muss angedroht werden, dass ihr Rückweisungsantrag
gutgeheissen werden könnte und dass sie dies durch einen Rückzug der Beschwerde
verhindern könne. Rechtlich weitaus problematischer ist, dass das kantonale
Versicherungsgericht in allen Fällen, in denen die Rückweisung zur weiteren Abklärung
des Sachverhaltes nicht mit Sicherheit zu einer Verschlechterung führen würde, gar
nicht in der Lage ist, der beschwerdeführenden Partei jene Informationen zu liefern, die
nötig sind, um eine sinnvolle Entscheidung betreffend Beschwerderückzug zu fällen.
Wenn nämlich, was meist der Fall ist, offen ist, ob die weiteren Abklärungen der
Verwaltung keine Veränderung, eine Verbesserung oder eine Verschlechterung bringen
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3.
Gerichtskosten sind nicht zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG). Der nicht anwaltlich
vertretene Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.