Decision ID: 86ed6738-e48b-4c65-83fb-8a8a388011b9
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb am 6. August 1951 den Führerausweis für die Fahrzeugkategorie B. Sie ist
im Administrativmassnahmen-Register nicht verzeichnet. Am Mittwoch, 14. Februar
2018, ca. 11.30 Uhr, lenkte sie einen Personenwagen in Uzwil von der Wattstrasse her
in Richtung Kreisverkehr, um über die Gupfenstrasse an ihren Wohnort zu gelangen.
Beim Befahren des Kreisverkehrs gab es eine seitliche Kollision mit der rechten
Fahrzeughälfte des von Y gelenkten Personenwagens. Im Polizeirapport vom
20. Februar 2018 wurde darauf hingewiesen, bei X dränge sich aufgrund des
fortgeschrittenen Alters, ihres gebrechlichen Zustands und der Aussagen eine
Fahrtauglichkeitsprüfung auf. Mit Strafbefehl vom 14. März 2018 wurde X wegen
einfacher Verkehrsregelverletzung (Nichtgewähren des Vortritts im Kreisverkehr) zu
einer Busse von Fr. 400.– verurteilt; dagegen erhob sie am 19. März 2018 Einsprache.
B.- Während des laufenden Strafverfahrens teilte das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen X am 1. März 2018 mit, dass aufgrund der
gesamten Umstände des Verkehrsunfalls vom 14. Februar 2018 und ihres
fortgeschrittenen Alters eine verkehrsmedizinische Untersuchung der Stufe 3
vorgesehen sei. Dieses Schreiben, worin auch Gelegenheit zu einer Stellungnahme
gegeben wurde, wurde am 20. März 2018 nochmals zugestellt, nachdem es zunächst
nicht abgeholt worden war. Am 2. Mai 2018 äusserte sich der Rechtsvertreter von X zur
beabsichtigten verkehrsmedizinischen Untersuchung. Zusammengefasst erachtete er
die Voraussetzungen einer solchen Massnahme als nicht erfüllt. Mit Verfügung vom
3. Mai 2018 ordnete das Strassenverkehrsamt eine Abklärung der Fahreignung bei
einem Arzt der Stufe 3 an.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X durch ihren Rechtsvertreter mit Eingabe vom
11. Mai 2018 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission. Sie beantragte, die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung; eventualiter sei die Verfügung aufzuheben
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und es sei in der Sache durch das angerufene Gericht neu zu entscheiden, unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Das Strassenverkehrsamt verzichtete am 11. Juni
2018 auf eine Vernehmlassung zum Rekurs.
D.- Im Strafverfahren wurde die Unfallgegnerin mit Strafbefehl vom 16. Mai 2018 der
einfachen Verkehrsregelverletzung schuldig gesprochen und zu einer Busse von
Fr. 300.– verurteilt. Das Strafverfahren gegen X wurde demgegenüber mit Verfügung
vom 30. Mai 2018 eingestellt, was einem Freispruch gleichkommt. Zur Begründung
wurde ausgeführt, X habe kein strafrechtlich relevantes Verhalten nachgewiesen
werden können. Vielmehr habe die unkorrekte Fahrweise der Unfallgegnerin zur
Kollision geführt.
Nach dem Eingang der oben erwähnten Einstellungsverfügung hielt die Vorinstanz auf
entsprechende Nachfrage der Gerichtsleitung hin an der angefochtenen Verfügung
fest. Der Rechtsvertreter von X wies in seinen Eingaben vom 23. Mai und 1. Juni 2018
darauf hin, dass der Polizeirapport, welcher für die Anordnung der
verkehrsmedizinischen Untersuchung wesentlich gewesen sei, den Sachverhalt
aufgrund des Ausgangs des Strafverfahrens nicht korrekt wiedergebe.
Auf die weiteren Ausführungen im Rekurs und in den zusätzlichen Eingaben wird,
soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 11. Mai 2018 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege;
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Voraussetzungen für die Anordnung einer
verkehrsmedizinischen Untersuchung gegeben sind.
bis
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a) Gemäss Art. 15d Abs. 1 Ingress des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01,
abgekürzt: SVG) wird eine Person einer Fahreignungsuntersuchung unterzogen, wenn
Zweifel an ihrer Fahreignung bestehen. Bei den in Art. 15d Abs. 1 lit. a bis e SVG
genannten Fällen, in denen eine Fahreignungsuntersuchung angeordnet wird, handelt
es sich um eine nicht abschliessende Aufzählung (Urteil des Bundesgerichts [BGer]
1C_445/2012 vom 26. April 2013 E. 3.2). Der Anlass für die Abklärung der Fahreignung
kann sehr vielfältig sein, wobei der anordnenden Behörde ein gewisser
Ermessensspielraum zukommt (Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl.
2015, Art. 15d N 6). Eine verkehrsmedizinische Abklärung darf nach
bundesgerichtlicher Rechtsprechung nur angeordnet werden, wenn konkrete
Anhaltspunkte vorliegen, die Zweifel an der Fahreignung der betroffenen Person
wecken (BGer 1C_513/2015 vom 18. Februar 2016 E. 3.2). Eine grundsätzliche
Vermutung, dass sich ältere Personen nicht mehr als Fahrzeugführer eignen, besteht
hingegen nicht (BGE 127 II 129 E. 3d). Zweifel an der Fahreignung können jedoch
aufkommen, wenn ältere Personen durch Fahrfehler auffällig geworden sind, die auf
einem altersbedingten Leistungsabfall beruhen können. Vorausgesetzt werden aber
gravierende Fahrfehler, welche regelmässig auch strafrechtliche Konsequenzen nach
sich ziehen können (BGer 1C_110/2011 vom 6. Juni 2011 E. 3.3 f.).
Das Bundesgericht bejahte ernsthafte Zweifel an der Fahreignung, als ein 84-jähriger
Fahrzeugführer wiederholt grundlos von der Fahrbahn abkam und dadurch
entgegenkommende Fahrzeuge zum Abbremsen zwang (BGer 1C_422/2007 vom
9. Januar 2008 E. 3.2). Auch bei einem 73-jährigen Fahrzeuglenker, der das Abbremsen
eines vor ihm fahrenden Lieferwagens zu spät bemerkte und trotz Notbremsung und
Ausweichmanövers mit diesem kollidierte, erkannte das Bundesgericht
schwerwiegende Fahrfehler und zweifelte es an der Fahreignung (BGer 1C_580/2012
vom 13. November 2012 E. 3.2). Dasselbe traf auf einen 84-jährigen Fahrzeuglenker mit
tadellosem automobilistischen Leumund zu, der beim Passieren einer Kreuzung ein von
rechts kommendes, vortrittsberechtigtes Fahrzeug wegen einer Mauer übersah und mit
diesem zusammenstiess (BGer 1C_285/2012 vom 20. Februar 2013 E. 2.2). Hingegen
erachtete das Bundesgericht nicht als gravierenden, Zweifel an der Fahreignung
begründenden Fahrfehler, als eine 76-jährige Fahrzeuglenkerin beim Parkieren ihres
Personenwagens deutlich Mühe bekundete und beim Rückwärtsfahren die
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Stossstange eines anderen Fahrzeugs berührte, obwohl dessen Lenker hupte (BGer
1C_110/2011 vom 6. Juni 2011 E. 3.4).
b) Die Vorinstanz begründet die angefochtene Verfügung damit, dass aufgrund "der
gesamten Umstände (Unfallhergang, Alter) und der Schlussbemerkung von der Polizei"
Zweifel an der Fahreignung der Rekurrentin bestünden, weshalb eine Abklärung bei
einem Arzt oder einer Ärztin der Stufe 3 "zwingend erforderlich" sei; dies mit Hinweis
darauf, dass Fahreignungsabklärungen immer verschuldensunabhängig durchgeführt
würden und Verdachtsgründe fehlender Fahreignung bereits bestehen können, wenn
die Polizei mitteilt, dass eine Person im Verkehr auffällig geworden sei.
c) Die Rekurrentin hält dem unter anderem entgegen, dass in jüngerer Zeit bereits
medizinische Beurteilungen stattgefunden hätten, welche ihre Fahreignung zweifelsfrei
bestätigten und zudem eine periodische verkehrsmedizinische Beurteilung bereits
wieder anstehe. Weiter macht die Rekurrentin geltend, dass die Vorinstanz die
bestehenden Zweifel ungenügend begründet habe und ihr vor Abschluss des
entsprechenden Strafverfahrens ohnehin keine ausreichenden Rückschlüsse zum
Unfallhergang möglich gewesen seien.
d) Die Verwaltungsbehörden müssen das Vorliegen eines rechtskräftigen Strafurteils
nur abwarten, soweit der Sachverhalt oder die rechtliche Qualifikation des in Frage
stehenden Verhaltens für das Verwaltungsverfahren von Bedeutung ist, was im
Zusammenhang mit Warnungsentzügen gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG regelmässig
zutrifft. Nicht zugewartet muss demgegenüber grundsätzlich bei Massnahmen, die
allein aus Gründen der Verkehrssicherheit, ohne Rücksicht auf ein Verschulden
erfolgen, wie etwa die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung (vgl.
BGer 1C_47/2007 vom 2. Mai 2007, E. 3.2). Allerdings kann der Ausgang des
Strafverfahrens auch in einem solchen Fall durchaus Auswirkungen auf die Anordnung
einer verkehrssichernden Massnahme haben, wie im Folgenden aufzuzeigen sein wird.
e) Gestützt auf den Polizeirapport vom 20. Februar 2018 war die fragliche Kollision im
Kreisel erstellt. Die beiden unverletzt gebliebenen Unfallbeteiligten schoben die Schuld
jeweils der anderen zu. Die Polizei ihrerseits ging eher davon aus, dass die Rekurrentin
den Unfall verursacht habe (act. 14/3, 4, 10 und 14). Allein der Umstand, dass sie sich
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gegen den (sich nachträglich als falsch herausgestellten) Vorhalt, das Vortrittsrecht im
Kreisel erzwungen zu haben, wehrte, kann für die Frage der Fahreignung nichts
Negatives abgeleitet werden. Dies lässt im Gegenteil eher darauf schliessen, dass die
Rekurrentin im Unfallzeitpunkt geistig fit war. Dass sich daran bis zum
Verfügungszeitpunkt etwas geändert hat, machte die Vorinstanz nicht geltend. Hinzu
kommt, dass ihr im Strafverfahren kein strafrechtlich relevantes Verhalten
nachgewiesen wurde. Dies bedeutet, dass ihr auch kein Fahrfehler vorgeworfen
werden kann, womit ein wesentlicher Bestandteil des Fundaments für die Anordnung
einer verkehrsmedizinischen Untersuchung wegbricht. Dies wird nicht dadurch
kompensiert, dass die Rekurrentin auf die Polizisten einen gebrechlichen Eindruck
machte. Insbesondere haben die Polizisten die beobachtete Gebrechlichkeit nicht
genauer umschrieben, weshalb unklar ist, inwiefern sich dieser Zustand überhaupt auf
die Fahreignung auswirken könnte. Mangels Fahrfehlers stellt sich auch die Frage
nicht, ob sich allenfalls ein altersbedingter Leistungsabfall negativ auf die Fahrfähigkeit
auswirkt. Die Voraussetzungen für die Anordnung einer verkehrsmedizinischen
Untersuchung zur Abklärung der Fahreignung sind damit nicht gegeben. Entsprechend
ist der Rekurs gutzuheissen und die Verfügung vom 3. Mai 2018 aufzuheben.
3.- a) Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist der Rekurrentin zurückzuerstatten.
b) Die vollständig obsiegende Rekurrentin liess sich anwaltlich vertreten. Sie hat
Anspruch auf eine vollständige Entschädigung ihrer ausseramtlichen Kosten, da der
Beizug eines Rechtsvertreters im Rekursverfahren notwendig und angemessen war.
Der Rechtsvertreter hat eine Kostennote in der Höhe von Fr. 2'660.20 (Honorar
Fr. 2'375.–, Barauslagen Fr. 95.–, Mehrwertsteuer Fr. 190.20) eingereicht.
Im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale
ausgerichtet. Der Rahmen liegt zwischen Fr. 1'000.– und Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1
lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75,
abgekürzt: HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den
besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der
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Schwierigkeiten des Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten
bemessen (Art. 19 HonO). Die Anordnung von verkehrsmedizinischen Untersuchungen
waren in letzter Zeit mehrmals Gegenstand von Rekursverfahren vor der
Verwaltungsrekurskommission. In denjenigen Fällen, in denen die Anordnung einer
solchen Massnahme aufgehoben und die Rekurrenten anwaltlich vertreten waren,
wurden Honorare (exklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) von Fr. 1'400.–
(Entscheid der Verwaltungsrekurskommission [VRKE] IV-2016/172 vom 30. März 2017,
im Internet abrufbar unter: www.gerichte.sg.ch), Fr. 1'600.– (VRKE IV-2016/89 vom 24.
November 2016 und IV-2017/97 vom 22. Februar 2018), Fr. 1'700.– (VRKE 2017/140
vom 22. Februar 2018) und Fr. 1'800.– (VRKE IV-2017/109 vom 30. November 2017)
zugesprochen. Im Vergleich zu jenen Fällen ist hier von einem notwendigen Aufwand
auszugehen, der etwas höher liegt. Insbesondere entstand ein Mehraufwand, weil der
Rechtsvertreter das Gericht jeweils umgehend über die Ausgänge der Strafverfahren
gegen die beiden Unfallbeteiligten orientierte. Ansonsten war dieser Fall weder in
tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht schwieriger als die anderen Fälle. Unter
diesen Umständen erscheint ein Honorar von Fr. 1'900.– als angemessen.
Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von Fr. 76.– (Art. 28 Abs. 1 HonO) und die
Mehrwertsteuer von Fr. 152.15 (Art. 29 HonO). Der Staat (Strassenverkehrsamt) ist
demzufolge zu verpflichten, die Rekurrentin für deren Anwaltskosten mit insgesamt
Fr. 2'128.15 zu entschädigen.