Decision ID: 1ac2f70f-03ca-477e-bca0-47b101c1d716
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Benjamin Motor, advokatur collegius,
Zürcherstrasse 1, Postfach 54, 7320 Sargans,
gegen
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IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Sistierung der Rente im Freiheitsentzug
Sachverhalt:
A.
A.a A._ (Jahrgang 1975) wurde durch die IV-Stelle mit Verfügungen vom 8. Oktober
2008 rückwirkend ab 1. Dezember 2006 eine Viertelsrente und ab 1. März 2007 eine
ganze Rente der Invalidenversicherung inklusive Kinderrenten für seine 2001 und 2007
geborenen Söhne zugesprochen (IV-act. 166). Gegen diese Verfügungen wurde am
7. November 2008 beim Verwaltungsgericht Beschwerde erhoben. Dieses leitete die
Beschwerde zuständigkeitshalber ans Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
weiter. Mit Entscheid vom 16. August 2010 (IV 2008/428) hat das Versicherungsgericht
die Beschwerde teilweise gutgeheissen und dem Versicherten ab 1. Februar 2005 eine
Viertelsrente und ab 1. Juli 2006 eine ganze Rente zugesprochen.
A.b Bereits am 14. Juli 2009 teilte der Versicherte der Ausgleichskasse mit, dass er
sich in Untersuchungshaft befinde. Er ersuchte um Auszahlung der Invalidenrente auf
ein PostFinance-Konto der Ehegattin (IV-act. 184). Die Ausgleichskasse informierte die
IV-Stelle des Kantons St. Gallen am 27. August 2009 per E-Mail, dass sich der
Versicherte seit 4. April 2009 wegen Verdachts auf qualifizierten Raub in
Untersuchungshaft befinde. Mit Haftrichterentscheid vom 6. August 2009 sei die
Untersuchungshaft bis 8. November 2009 verlängert worden (IV-act. 192).
A.c Die IV-Stelle verfügte am 11. September 2009 unter Entzug der aufschiebenden
Wirkung einer allfälligen Beschwerde die Sistierung der Invalidenrente während des
Freiheitsentzugs ab 1. Mai 2009. Allfällige Zusatzrenten für Kinder würden weiterhin
ausgerichtet (IV-act. 196). Am 16. Oktober 2009 teilte der Rechtsvertreter des
Versicherten mit, dass der Versicherte gemäss Entscheid des Haftrichters des
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Kreisgerichts See-Gaster vom 16. Oktober 2009 noch an jenem Tag aus der
Untersuchungshaft entlassen werde. Die Rentenzahlungen seien wieder aufzunehmen
(IV-act. 197). Die IV-Stelle teilte der Ausgleichskasse des Baumeisterverbandes am
23. Oktober 2009 mit, dass die Rentensistierung aufzuheben und die Leistungen
wieder auszurichten seien (IV-act. 199).
B.
B.a Gegen die am 11. September 2009 verfügte Sistierung der Rente liess der
Versicherte am 19. Oktober 2009 Beschwerde erheben, die Aufhebung der Verfügung
und die Auszahlung der Hälfte der Invalidenrente mit Wirkung ab 1. Mai 2009
beantragen. Die gänzliche Sistierung der Invalidenrente sei trotz einer mehr als drei
Monate dauernden Untersuchungshaft gemäss Art. 21. Abs. 5 ATSG unzulässig. Am
16. Oktober 2009 sei die Untersuchungshaft aufgehoben worden. Der
Beschwerdeführer habe auch während der Untersuchungshaft
Unterhaltsverpflichtungen gegenüber seinen beiden minderjährigen Kindern und der
Ehefrau. Letztere sei nicht erwerbstätig und bestreite ihren Lebensunterhalt mit dem
Ersatzeinkommen aus Sozialversicherungen (ganze Rente der Invalidenversicherung
und Ergänzungsleistungen) von total monatlich abgerundet Fr. 5'880.--. Weil sie keine
Geldleistung für Angehörige erhalte, dürften die Geldleistungen für die Ehefrau (als
Familienangehörige) nach Art. 21 Abs. 3 ATSG nicht gekürzt werden und die Hälfte der
Invalidenrente sei an die Ehefrau zu bezahlen (G act. 1).
B.b Die Verfahrensleitung des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen bewilligte
mit Zwischenentscheid vom 15. Dezember 2009 das mit Beschwerde vom 19. Oktober
2009 gestellte Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung
(G act. 5).
B.c Die Beschwerdegegnerin beantragte in der Beschwerdeantwort vom 10.
Dezember 2009 die Abweisung der Beschwerde. Gemäss Lehre und Rechtsprechung
sei unerheblich, ob eine familienrechtliche Unterhaltspflicht des inhaftierten Invaliden
gegenüber seiner Ehefrau bestehe. Die Kürzung lediglich der Hälfte der Geldleistungen
beziehe sich auf Leistungen von Sozialversicherungen mit Erwerbsersatzcharakter, die
keine Geldleistungen für Angehörige vorsähen. Dies treffe für die Invalidenversicherung
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mit ihren Kinderrenten nicht zu. Daran ändere auch der Wegfall der Zusatzrenten für
Ehegatten nichts. Die Sistierungsverfügung sei daher nicht zu beanstanden (G act. 3).
B.d Da der Beschwerdeführer auf eine Replik innert Frist verzichtete, schloss die
zuständige Verfahrensleitung des Gerichts den Schriftenwechsel am 26. Februar 2010
ab (G act. 6).
B.e Am 26. August 2010 zeigte der bisherige Vertreter des Beschwerdeführers den
Wechsel der Parteivertretung an und reichte die neue Vollmacht des
Beschwerdeführers ein (G act. 8).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist die von der Beschwerdegegnerin für die Zeit ab 1. Mai 2009
verfügte Sistierung der ganzen Rente der Invalidenversicherung.
2.
Die Sistierung ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht nur während des
Straf- und Massnahmenvollzugs zulässig, sondern auch während der
Untersuchungshaft oder des vorzeitigen Strafvollzugs (BGE 113 V 273; BGE 114 V
143). In BGE 133 V 1 hat das Bundesgericht bestätigt, dass auch mit Inkrafttreten des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) ab 1. Januar 2003 die Rechtsprechung zur hier als Sistierungsgrund in Betracht
fallenden Untersuchungshaft weiterhin ihre Gültigkeit hat. Praxisgemäss gilt die
Untersuchungshaft jedoch erst ab einer "gewissen Dauer" als Sistierungsgrund. In
Anlehnung an die gemäss Art. 88a Abs. 1 der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) rentenrevisionsrechtlich massgebliche
Zeitspanne der anspruchsbeeinflussenden Änderung der Verhältnisse beträgt diese
drei Monate (vgl. BGE 133 V 1 E. 4.2.4.2). Der Beschwerdeführer war vom 4. April bis
16. Oktober 2009 und damit über sechs Monate lang in Untersuchungshaft. Damit ist
die rechtsprechungsgemäss vorausgesetzte "gewisse Dauer" erfüllt, weshalb die
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Sistierung der Invalidenrente während der Untersuchungshaft grundsätzlich zulässig
ist.
3.
3.1 Art. 21 Abs. 5 ATSG bestimmt unter der Überschrift "Kürzung und Verweigerung
von Leistungen", dass die Auszahlung von Geldleistungen mit Erwerbsersatzcharakter
für die Zeit ganz oder teilweise eingestellt werden kann, in der sich die versicherte
Person im Straf- oder Massnahmevollzug befindet; ausgenommen sind Geldleistungen
für Angehörige im Sinn von Absatz 3. Gemäss diesem Absatz kann höchstens die
Hälfte der Geldleistungen gekürzt werden, soweit Sozialversicherungen mit
Erwerbsersatzcharakter keine Geldleistungen für Angehörige vorsehen. Vor
Inkrafttreten der 5. IV-Revision kannte die Invalidenversicherung neben der Kinderrente
die Ehegatten-Zusatzrente. Diese Zusatzrenten dürfen nach Art. 21 Abs. 5 zweiter
Teilsatz ATSG bei einer Sistierung der Rente nicht gekürzt werden. Dies war bereits vor
Inkrafttreten des ATSG durch die Rechtsprechung so festgehalten worden. Der
Rentenanspruch der versicherten Person wird durch den Straf- und Massnahmevollzug
beziehungsweise die Untersuchungshaft lediglich ausgesetzt, aber nicht aufgehoben
(vgl. BGE 114 V 143 E. 2).
3.2 Der Beschwerdeführer erhält zu seiner ganzen Rente der Invalidenversicherung
zwei Kinderrenten für seine minderjährigen Kinder. Die Zusatzrente der Ehegattin, die
nicht erwerbstätig ist, wurde im Rahmen der 5. IV-Revision per 1. Januar 2008
abgeschafft. Die Beschwerdegegnerin hat in Anwendung der Praxis zur Sistierung der
Rente während der Untersuchungshaft die ganze Rente sistiert und lediglich die
Kinderrenten weiter ausgerichtet. Der Beschwerdeführer verlangt nun in Anwendung
von Art. 21 Abs. 5 i.V.m. Art. 21 Abs. 3 ATSG die hälftige Auszahlung der Renten
während der Untersuchungshaft, weil die Ehefrau einen Anspruch auf
familienrechtlichen Unterhalt habe. Die Beschwerdegegnerin verneint eine
Anwendbarkeit von Art. 21 Abs. 3 ATSG, weil die Invalidenversicherung Geldleistungen
für Angehörige vorsehe und eine Kürzung der Sistierung deshalb durch den Wortlaut
der Bestimmung nicht gedeckt sei.
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3.3 Sinn und Zweck der Sistierung einer Rentenzahlung während der Untersuchungs-
oder Sicherheitshaft bzw. während des (vorzeitigen) Straf- oder Massnahmenvollzugs
ist nach Ansicht des Bundesgerichts die Tatsache, dass ein invalider Gefangener
keinen wirtschaftlichen Vorteil aus dem Vollzug ziehen soll, da der nichtinvalide
Gefangene ebenfalls in der Regel sein Erwerbseinkommen verliert (vgl. BGE 133 V 1, E.
4.2.4.1; Kritik dazu im Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
vom 1. Oktober 2007 [IV 2006/298]). Hingegen hat der Gesetzgeber keine finanzielle
Härte der betroffenen Angehörigen beabsichtigt, indem er die Sistierung auf
Erwerbsersatzleistungen beschränkt und als Korrektur Leistungen an Angehörige von
der Kürzung ausgenommen beziehungsweise bei fehlenden Leistungen an die
Angehörigen die Kürzung auf die Hälfte festgelegt hat (vgl. Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 2. Aufl. 2009, Rz 57 und 104 zu Art. 21 ATSG). Bis zur Streichung der
Ehegatten-Zusatzrente der Invalidenversicherung war damit sichergestellt, dass die
vom Rentenbezüger unterstützte Ehegattin auch bei einer Untersuchungshaft des
Rentenbezügers ein bescheidenes finanzielles Auskommen hatte (gegebenenfalls unter
Fortbestand eines allfälligen EL-Anspruchs) und nicht sozialhilfeabhängig wurde. Bei
Sistierung von UV- und MV-Renten war dies durch die Beschränkung der Sistierung
auf die Hälfte der Rente ebenso gewährleistet. Bis vor der 5. IV-Revision galt, dass Art.
21 Abs. 3 ATSG nicht auf Renten der Invalidenversicherung anwendbar war, weil die
Invalidenversicherung Leistungen für Angehörige vorgesehen hatte.
3.4 Mit der 5. IV-Revision ist die Zusatzrente für Ehegatten abgeschafft worden. Art.
21 ATSG wurde bei dieser Revision nicht verändert. Zu prüfen ist, ob durch die
Streichung der Zusatzrenten für Ehegatten nachträglich eine ausfüllungsbedürftige
Lücke in Art. 21 ATSG entstanden ist. Das Bundesgericht hat dies in seinem Urteil 17.
September 2009 i/S. N. [9C_256/2009] sinngemäss verneint und begründet dies mit
der wörtlichen Auslegung von Art. 21 Abs. 3 und 5 ATSG: "Denn die Kürzung lediglich
der Hälfte der Geldleistungen ist nach Art. 21 Abs. 3 Satz 1 ATSG auf Leistungen von
Sozialversicherungen mit Erwerbsersatzcharakter beschränkt, die keine Geldleistungen
für Angehörige vorsehen. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz trifft dies für die IV
auch nach dem Wegfall der Zusatzrenten für Ehegatten mit Inkrafttreten der 5. IV-
Revision am 1. Januar 2008 nicht zu. Denn nach Art. 35 Abs. 1 i.V.m. Art. 38 Abs. 1 IVG
haben Männer und Frauen, denen eine Invalidenrente zusteht, für jedes Kind, das im
Falle ihres Todes eine Waisenrente der AHV beanspruchen könnte, weiterhin Anspruch
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auf Kinderrenten in der Höhe von 40% der entsprechenden Invalidenrente. Dabei
handelt es sich um Geldleistungen für Angehörige im Sinn von Art. 21. Abs. 3 Satz 1
ATSG" (E. 4 des erwähnten Urteils). Daraus schliesst das Bundesgericht, dass Abs. 3
bei IV-Renten weiterhin nicht anwendbar ist.
3.5 Diese wörtliche Auslegung trägt den übrigen Auslegungselementen zu wenig
Rechnung. Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung ist keiner Auslegungsmethode
der Vorrang zu gewähren und es gilt auch im Verwaltungsrecht das Prinzip des
Methodenpluralismus (Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Veraltungsrecht, 5. Aufl.
2006, Rz. 217 mit weiteren Hinweisen). Selbst das grammatikalische
Auslegungselement liefert betreffend Art. 21 Abs. 3 ATSG kein eindeutiges Ergebnis.
Der Ausdruck "Geldleistungen für Angehörige" wird nicht präzisiert. Bisher waren darin
die Zusatzrenten sowohl für Ehegatten als auch für Kinder enthalten. In Bezug auf
Ehegatten kann der Wortlaut nach Inkrafttreten der 5. IV-Revision jedoch auch als
Versicherung mit Erwerbsersatzcharakter verstanden werden, die keine Geldleistungen
für Ehegatten (als Angehörige) vorsieht, weil diese Leistung weggefallen ist. Nur die
Tatsache, dass weiterhin Kinderrenten ausgerichtet werden, lässt den Schluss nicht
eindeutig erscheinen, dass die Invalidenversicherung umfassend eine Versicherung mit
Leistungen für Angehörige ist.
3.6 Zum historischen Auslegungselement ist folgendes festzuhalten: Bis Ende 2007
wurden die Zusatzrente für Ehegatten sowie die Kinderrente während des Straf- oder
Massnahmenvollzugs beziehungsweise der Untersuchungshaft weiterhin ausgerichtet.
So wirkte sich die Härte, dass die Stammrente während des Vollzugs sistiert wurde,
nicht so stark auf Ehegatten und Kinder aus. Mit dem Wegfall der Zusatzrente für
Ehegatten ist diesbezüglich eine vom historischen Gesetzgeber ungewollte Härte
entstanden, indem der betroffenen Ehegatte sowohl ohne Erwerbsersatzeinkommen
des Rentners als auch ohne Zusatzrente auszukommen hat. Der Bundesrat hat in
seiner vertieften Stellungnahme zur Parlamentarischen Initiative
Sozialversicherungsrecht vom 17. August 1994 zum Entwurf des damaligen Art. 27
ATSG neu Abs. 5 lit. b hinzugefügt, der lautete: "Angehörige des Versicherten, denen
im Falle seines Todes eine Geldleistung zustehen würde, haben Anspruch auf die
teilweise oder vollständige Ausrichtung von Geldleistungen, sofern sie andernfalls in
Not geraten würden." Damit wollte der Bundesrat die Rechtsprechung von BGE 113 V
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273 und 114 V 143 legislativ übernehmen (Parlamentarische Initiative
Sozialversicherungsrecht, Vertiefte Stellungnahme des Bundesrates, zu 85.227, S. 17).
Im Bericht der Kommission des Nationalrates für soziale Sicherheit und Gesundheit zur
Parlamentarischen Initiative Sozialversicherungsrecht vom 26. März 1999 (85.227)
wurde auf S. 45 zu Art. 27 ATSG vorgeschlagen, den Inhalt von Abs. 5 neu in Abs. 2
wie folgt zu fassen: "Soweit Sozialversicherungen mit Erwerbsersatzcharakter keine
Geldleistungen für Angehörige vorsehen, kann höchstens die Hälfte der Geldleistung
nach Abs. 1 gekürzt werden." Die Kommission wies wiederum daraufhin, dass damit
der aktuellen Rechtsprechung des Bundesgerichts entsprochen werde, wonach
während einer Sistierung die für die Deckung des Unterhaltsbedarfs der Angehörigen
bestimmten Zusatzrenten weiter ausgerichtet werden [müssen]. Daraus geht hervor,
dass eine Sistierung nur der Stammrente gewollt war, weil durch die Weiterausrichtung
der Zusatzrenten für Ehegatten an deren Unterhalt beigetragen wurde. Mit dem Wegfall
der Zusatzrente und gleichzeitiger vollständiger Sistierung der Stammrente entsteht
unter Umständen für den betroffenen Ehegatten nun gerade die vom Gesetzgeber
ursprünglich nicht gewollte Notsituation.
3.7 Ein eindeutiges Ergebnis liefert sodann das systematische Auslegungselement.
Art. 21 Abs. 3 ATSG findet unbestrittenermassen auf Versicherungen mit
Erwerbsersatzcharakter, die keine Geldleistungen für Angehörige vorsehen – wie die
UV und MV – Anwendung. Diese Versicherungszweige richten wie die IV unter anderem
Renten aus. Diese werden im Fall von Straf- und Massnahmevollzug oder
Untersuchungshaft nur zur Hälfte sistiert. Mit Abschaffung der Zusatzrenten für
Ehegatten gibt es diesbezüglich keinen Unterschied mehr zwischen der IV einerseits
und der UV und MV anderseits, die auch keine Leistungen für Ehegatten vorsehen. Es
ist nicht einzusehen, weshalb sich diese Gleichstellung nicht auch auf die Kürzung der
Rente gemäss Art. 21 Abs. 5 i.V. m. 21 Abs. 3 ATSG beziehen sollte. Schliesslich
würden sonst Ehegatten von IV-Rentnern und -Rentnerinnen schlechter behandelt als
Ehegatten von UV/MV-Rentnern und -Rentnerinnen, indem bei einer gleichen Situation
die einen weiterhin die Hälfte der Versicherungsleistung zum Lebensunterhalt erhielten
und die anderen nicht. Eine solche Ungleichbehandlung war bis Ende 2007 mit der
Weiterausrichtung der Ehegattenzusatzrente (teilweise) vermieden worden. Denn wie
die teleologische Auslegung von Art. 21. Abs. 3 ATSG zeigt, sollte durch die nur
hälftige Kürzung der Stammrente zumindest teilweise eine Mitfinanzierung der Familie
bis
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des Rentenbezügers gewährleistet sein. Im Übrigen fallen gewisse Kosten des
Rentenbezügers auch an, wenn er sich im Straf- oder Massnahmevollzugs oder in
Untersuchungshaft befindet (Miete, Krankenkassenprämien etc.). Eine Bestrafung der
Familienangehörigen durch die Sistierung oder Kürzung der Rente bei gleichbleibenden
Fixkosten ist vom Gesetzgeber nicht gewollt. In der IV war mit dem Institut der
Zusatzrente für Ehegatten eine entsprechende Lösung geschaffen worden. Mit
Abschaffung der Zusatzrente für Ehegatten gibt es keine Rechtfertigung für eine
abweichende Behandlung der Ehegatten von IV- oder UV/MV-Rentenbezüger- oder
bezügerinnen.
3.8 Insgesamt erscheint es daher gerechtfertigt, Art. 21. Abs. 3 ATSG auch auf
Bezüger von Renten der IV anzuwenden. Die Gesamtschau der Ergebnisse der
Auslegungselemente liefert diesbezüglich im Rahmen des Methodenpluralismus ein
eindeutiges Ergebnis. Die Rente ist daher während der Untersuchungshaft weiterhin
zur Hälfte auszurichten.
4.
4.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen und
die Verfügung vom 11. September 2009 aufzuheben. Die Sache ist zur Ausrichtung der
während der Dauer der Untersuchungshaft um die Hälfte zu kürzenden IV-Rente an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt. Da sie gemäss Art. 3
Abs. 1 lit. b des st. gallischen Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (sGS 350.1) Teil der
Sozialversicherungsanstalt und damit Teil einer selbständigen öffentlich-rechtlichen
Anstalt ist, kommt Art. 95 Abs. 3 VRP (Befreiung von der Pflicht zur Übernahme
amtlicher Kosten) nicht zur Anwendung (vgl. Urs Peter Cavelti/Thomas Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor
1bis
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dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl., 2003, Rz 792). Die Beschwerdegegnerin hat deshalb
die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.- zu bezahlen.
4.3 Die obsiegende beschwerdeführende Partei hat bei diesem Verfahrensausgang
einen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Die Parteientschädigung bemisst sich
gemäss Art. 61 lit. g ATSG nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit
des Prozesses. Unter Berücksichtigung dieser Kriterien und weil von der Möglichkeit
eines zweiten Schriftenwechsels kein Gebrauch gemacht wurde, erweist sich eine
Parteientschädigung von Fr. 2'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen. Bei diesem Verfahrensausgang wird das Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung gegenstandslos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht