Decision ID: f513c5bf-abe2-5e3c-af39-05c40cf71d40
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die in Liechtenstein wohnhafte, italienische Staatsangehörige
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) meldete sich mit Gesuch
vom 22. Oktober 2018 (Vorakten 4) bei der IV-Stelle für Versicherte im Aus-
land (nachfolgend: IVSTA oder Vorinstanz) zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an.
A.b Mit Schreiben vom 14. Februar 2019 (Vorakten 14) informierte Mag.
iur. Antonius Falkner, Rechtsanwalt, die IVSTA darüber, dass er die rechts-
freundliche Vertretung der Beschwerdeführerin wahrnehme.
A.c Nach Einholen diverser medizinischer Berichte (Vorakten 19-31; 42-
50) und Eingang der Stellungnahme der IV-Ärztin Dr. B._ vom
13. Mai 2019 (Vorakten 58) sandte die IVSTA den Vorbescheid vom
22. Mai 2019 (Vorakten 59) in italienischer Sprache direkt an die Beschwer-
deführerin und stellte in Aussicht, das Rentengesuch abzuweisen. Als Be-
gründung führte die IVSTA aus, aus den medizinischen Akten gehe hervor,
dass die Beschwerdeführerin vom 11. Oktober 2017 bis zum 3. September
2018 zu 100 % arbeitsunfähig gewesen sei, was weniger als ein Jahr sei,
sodass kein Rentenanspruch bestehe. Ausserdem habe die «polydiszipli-
näre Begutachtung» in den Fachrichtungen «Rheumatologie», Psychiatrie
und «Ergonomie» vom 3. September 2018 (Vorakten 21-24; 19/93-19/107)
ergeben, dass sie ihre angestammte Tätigkeit weiterhin ausüben könne.
A.d Am 29. Mai 2019 (Vorakten 62) teilte die IVSTA Mag. iur. Antonius Falk-
ner, Rechtsanwalt, mit, seinem Schreiben vom 14. Februar 2019 sei keine
Vollmacht beigelegen, woraufhin dieser bei der IVSTA unter Beilegung ei-
ner Vollmacht am 24. Juni 2019 (Postaufgabe; Vorakten 63) um Aktenein-
sicht, Zustellung des Vorbescheids in deutscher Sprache und Möglichkeit
einer Stellungnahme bis Ende Juli 2019 ersuchte. Die IVSTA sandte ge-
mäss Aktenlage am 25. Juli 2019 (Vorakten 66) einen Vorbescheid in deut-
scher Sprache an die Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin. Der
Rechtsanwalt gab im vorliegenden Beschwerdeverfahren sinngemäss an
(BVGer act. 1, S. 4), diesen Vorbescheid nicht erhalten zu haben. Aus den
Akten ist nicht ersichtlich, dass das Akteneinsichtsgesuch behandelt wor-
den wäre, stattdessen wies die IVSTA mit Verfügung vom 14. Oktober 2019
(Vorakten 67) das Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin vom 22. Ok-
tober 2018 (Vorakten 4) mit derselben Begründung wie im Vorbescheid ab.
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B.
Gegen die Verfügung vom 14. Oktober 2019 reichte die Beschwerdeführe-
rin mit Eingabe vom 15. November 2019 (BVGer act. 1) Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht ein und beantragte, die IVSTA sei zu verpflich-
ten, der Beschwerdeführerin eine ihrem IV-Grad entsprechende IV-Rente
auszurichten, eventualiter sei die Verfügung der IVSTA aufzuheben und die
Rechtssache zur neuerlichen Entscheidung über das Rentengesuch an die
IVSTA zurückzuweisen. Als Begründung wurde sinngemäss vorgebracht,
dass der Vorbescheid der Rechtsvertretung nicht in deutscher Sprache zu-
gestellt und auch keine Akteneinsicht gewährt worden sei, vielmehr sei di-
rekt die angefochtene Verfügung eröffnet worden. Die Beschwerdeführerin
sei keiner Begutachtung zugeführt worden. Schliesslich stellte die Be-
schwerdeführerin den Antrag auf Einholen eines polydisziplinären Sach-
verständigengutachtens mit den Fachbereichen Rheumatologie, Psychiat-
rie, plastische Chirurgie und «Ergonomie».
C.
Der mit Zwischenverfügung vom 19. November 2019 (BVGer act. 2) ein-
verlangte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.- ging fristgerecht am
27. November 2019 bei der Gerichtskasse ein (BVGer act. 4).
D.
Vernehmlassungsweise beantragte die IVSTA am 6. Januar 2020 (BVGer
act. 6) die Abweisung der Beschwerde und Bestätigung der angefochtenen
Verfügung. Zur Begründung brachte sie sinngemäss vor, das Asthma bron-
chiale der Beschwerdeführerin sei medikamentös unter Kontrolle und habe
keinen Einfluss mehr auf die Arbeitsfähigkeit. Ebenfalls keinen Einfluss auf
die Arbeitsfähigkeit habe die diagnostizierte Anpassungsstörung. Nach
dem Unfall vom 11. Oktober 2017 sei die Beschwerdeführerin bis zum
3. September 2018 arbeitsunfähig gewesen. Ab dem 4. September 2018
habe jedoch gemäss dem Gutachten der Klinik C._ in der ange-
stammten Tätigkeit unter gewissen funktionellen Einschränkungen in der
Arbeitshaltung und beim Lastentragen eine vollständige Arbeitsfähigkeit
bestanden.
E.
Mit Verfügung vom 9. Januar 2020 (BVGer act. 7) stellte der Instruktions-
richter der anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin die Vorakten zu und
räumte ihr Gelegenheit zur Replik ein.
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Seite 4
F.
Nach Akteneinsicht monierte die Beschwerdeführerin mit Replik vom
10. Februar 2020 (BVGer act. 8), der medizinische Sachverhalt sei nicht
hinreichend abgeklärt worden. Die beigelegten Arztberichte vom 21. Ja-
nuar 2020 von Dr. D._, Neurochirurg, und vom 23. Januar 2020 von
Dr. E._, Psychiater, würden belegen, dass somatische und psychi-
atrische Beschwerden gegeben seien, welche rentenrelevant seien.
G.
Die Vorinstanz beantragte mit Duplik vom 10. März 2020 (BVGer act. 10)
die Beschwerde sei gutzuheissen, die angefochtene Verfügung aufzuhe-
ben und die Sache an die Verwaltung zurückzuweisen. Dabei verwies sie
auf die Stellungnahme ihrer IV-Ärztin Dr. B._ vom 5. März 2020
(BVGer act. 10/1).
H.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird,
soweit für die Entscheidfindung erforderlich, im Rahmen der nachfolgen-
den Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]). Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der angefoch-
tenen Verfügung durch diese besonders berührt und hat ein schutzwürdi-
ges Interesse an deren Aufhebung oder Abänderung, weshalb sie zur Er-
hebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 59 ATSG [SR 830.1]; Art. 48
Abs. 1 VwVG). Nachdem auch der Kostenvorschuss rechtzeitig geleistet
wurde (Art. 63 Abs. 4 VwVG), ist auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde einzutreten (Art. 60 ATSG; Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin ist italienische Staatsangehörige und wohnt in
Liechtenstein. Damit gelangt das Übereinkommen vom 4. Januar 1960 zur
Errichtung der Europäischen Freihandelsassoziation zwischen den EFTA-
Staaten Schweiz, Island, Fürstentum Liechtenstein und Norwegen (nach-
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folgend: EFTA-Übereinkommen, SR 0.632.31, in der Fassung des Abkom-
mens von 21. Juni 2001 zur Änderung des Übereinkommens zur Errichtung
der Europäischen Freihandelsassoziation [AS 2003 2685], in Kraft seit
1. Juni 2002) zur Anwendung. Seit dem 1. Januar 2016 gelangen auch im
Bereich des EFTA-Übereinkommens die (im Verhältnis zwischen der
Schweiz und den Staaten der Europäischen Gemeinschaft bereits seit
1. Januar 2012 massgebenden) Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinie-
rung der Systeme der sozialen Sicherheit (SR 0.831.109.268.1; kurz:
VO 883/2004) sowie (EG) Nr. 987/2009 (SR 0.831.109.268.11; kurz:
VO 987/2009) des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Sep-
tember 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der
VO 883/2004 zur Anwendung. Das Vorliegen einer anspruchserheblichen
Invalidität beurteilt sich auch im Anwendungsbereich des EFTA-Abkom-
mens ausschliesslich aufgrund der schweizerischen Rechtsvorschriften
(BGE 130 V 253 E. 2.4; Urteil des BGer 9C_573/2012 vom 16. Januar
2013 E. 4 m.H.; BASILE CARDINAUX, § 7 Beweiserhebung im Ausland, in:
Recht der Sozialen Sicherheit, 2014, S. 281 Rz. 7.23; Urteile des BVGer
C-2816/2014 vom 12. Februar 2016 E. 2.1 und C-5263/2014 vom 6. Juli
2016 E. 2, je m.H.).
2.2 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes
Geltung haben (BGE 143 V 446 E. 3.3; 139 V 335 E. 6.2; 138 V 475 E. 3.1),
weshalb jene Vorschriften Anwendung finden, die spätestens beim Erlass
der Verfügung vom 14. Oktober 2019 in Kraft standen, weiter aber auch
Vorschriften, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren,
die aber für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprü-
che von Belang sind.
2.3 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 14. Oktober 2019) eingetretenen Sachverhalt
ab (BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither
verändert haben (echte Noven), sollen im Normalfall Gegenstand einer
neuen Verwaltungsverfügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b). Tatsachen, die
sich erst später verwirklichen, sind jedoch insoweit zu berücksichtigen, als
sie mit dem Streitgegenstand in einem engen Sachzusammenhang stehen
und geeignet sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des Verfügungserlasses zu
beeinflussen (Urteil des BGer 9C_101/2007 vom 12. Juni 2007 E. 3.1 mit
Hinweis auf BGE 118 V 200 E. 3a; 9C_24/2008 vom 27. Mai 2008 E. 2.3.1).
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Die im vorliegenden Beschwerdeverfahren eingereichten ärztlichen Zeug-
nisse vom 30. August 2018 (BVGer act. 1/3), 27. September 2018 (BVGer
act. 1/4), 25. Oktober 2018 (BVGer act. 1/5), 29. November 2018 (BVGer
act. 1/6), 27. Dezember 2018 (BVGer act. 1/7), 29. Januar 2019 (BVGer
act. 1/8), 26. Februar 2019 (BVGer act. 1/9), 26. März 2019 (BVGer act.
1/10), 29. April 2019 (BVGer act. 1/11), 28. Mai 2019 (BVGer act. 1/12),
24. Juni 2019 (BVGer act. 1/13), 30. Juli 2019 (BVGer act. 1/14), 27. Au-
gust 2019 (BVGer act. 1/15) und 24. September 2019 (BVGer act. 1/16),
wonach die Beschwerdeführerin vom 1. September 2018 bis zum 31. Ok-
tober 2019 zu 100 % arbeitsunfähig gewesen sei, sind vorliegend zu be-
rücksichtigen, da sie vor Erlass der vorliegend angefochtenen Verfügung
vom 14. Oktober 2019 erstellt wurden. Hingegen datiert das ärztliche Zeug-
nis vom 22. Oktober 2019 (BVGer act. 1/17) nach Verfügungserlass und
attestiert eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit vom 1. November 2019 bis zum
30. November 2019, sodass es ein Novum darstellt.
Replikweise legte die Beschwerdeführerin einen Bericht von
Dr. D._, Neurochirurg, vom 21. Januar 2020 (BVGer act. 8/1) ins
Recht, der zwar nach Verfügungserlass datiert, jedoch Hinweise zum Ge-
sundheitszustand der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt des Verfügungser-
lasses enthält und damit vorliegend zu berücksichtigen ist. Dasselbe trifft
auf den Bericht von Dr. E._, Psychiater, vom 23. Januar 2020
(BVGer act. 8/2) zu, worin dieser angab, dass die Beschwerdeführerin seit
September 2018, und damit bereits vor Verfügungserlass vom 14. Oktober
2019, bei ihm in Behandlung sei. Ebenfalls beachtlich sind die Stellung-
nahmen der IV-Ärzte Dr. F._, Psychiater, vom 24. Februar 2020
(BVGer act. 10/3) und Dr. B._, Allgemeinmedizinerin und Fachärz-
tin für Intensivmedizin, vom 5. März 2020 (BVGer act. 10/1), welche sich
zu den replikweise eingereichten ärztlichen Unterlagen äussern.
3.
In formeller Hinsicht rügte die Beschwerdeführerin eine Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör im Rahmen des Vorbescheidverfahrens.
3.1 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 42 ATSG in Verbindung mit Art. 1
Abs. 1 IVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Der ver-
fassungsmässige Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst das Recht der
Parteien auf Teilnahme am Verfahren und auf Einflussnahme auf den Pro-
zess der Entscheidfindung. Dazu gehört auch deren Recht, sich vor Erlass
des in ihre Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern,
erhebliche Beweise beizubringen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört
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zu werden, an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken
oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeig-
net ist, den Entscheid zu beeinflussen und Einsicht in die Akten nehmen zu
können (vgl. auch Art. 47 ATSG) sowie die Pflicht der Behörden, den Ent-
scheid zu begründen (vgl. auch Art. 49 Abs. 3 ATSG; BGE 135 V 465
E. 4.3.2; 134 I 83 E. 4.1; 132 V 368 E. 3.1 m.H.).
3.2 Im Bereich der Invalidenversicherung hat die Verwaltung – von hier
nicht zutreffenden Ausnahmen abgesehen (BGE 134 V 97) – das rechtliche
Gehör grundsätzlich im Vorbescheidverfahren zu gewähren. Gemäss
Art. 57a Abs. 1 IVG teilt die IV-Stelle der versicherten Person den vorgese-
henen Endentscheid über ein Leistungsbegehren oder den Entzug oder die
Herabsetzung einer bisher gewährten Leistung mittels Vorbescheid mit
(Satz 1); die versicherte Person hat Anspruch auf rechtliches Gehör im
Sinne von Artikel 42 ATSG (Satz 2). Gegenstand des Vorbescheids nach
Art. 57a IVG sind dabei Fragen, die in den Aufgabenbereich der IV-Stellen
nach Art. 57 Bst. c - f IVG fallen (Art. 73bis Abs. 1 IVV). Die Parteien können
innerhalb einer Frist von 30 Tagen Einwände zum Vorbescheid vorbringen
(Art. 73ter Abs. 1 IVV). Der Sinn und Zweck des Vorbescheidverfahrens be-
steht darin, eine unkomplizierte Diskussion des Sachverhalts zu ermögli-
chen und dadurch die Akzeptanz des Entscheids bei den Versicherten zu
verbessern (BGE 134 V 97 E. 2.7). Das Vorbescheidverfahren geht über
den verfassungsrechtlichen Mindestanspruch hinaus, indem es Gelegen-
heit gibt, sich nicht nur zur Sache, sondern auch zum vorgesehenen End-
entscheid zu äussern.
3.3 Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Dessen Verletzung
führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache
selbst in der Regel zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung (BGE 127
V 431 E. 3d/aa; 126 I 19 E. 2d/bb). Es kommt mithin nicht darauf an, ob die
Anhörung im konkreten Fall für den Ausgang der materiellen Streitent-
scheidung von Bedeutung ist. Bei schwerwiegender Verletzung der Ge-
hörs- und Mitwirkungsrechte entfällt grundsätzlich eine Heilungsmöglich-
keit. Nicht geheilt werden kann die Verletzung des rechtlichen Gehörs zu-
folge Unterlassung der Anhörung des Versicherten durch die Verwaltung
(vgl. zum Ganzen URS MÜLLER, Das Verwaltungsverfahren in der Invali-
denversicherung, Bern 2010, Rz. 1318 ff.). Nach ständiger Praxis kann
eine nicht besonders schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Gehörs
allerdings dann geheilt werden, wenn die betroffene Person die Möglichkeit
erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den Sach-
verhalt als auch die Rechtslage frei überprüfen kann. Die Heilung eines
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allfälligen Mangels soll aber die Ausnahme bleiben (BGE 126 V 130 E. 2b).
Von einer Rückweisung der Sache zur Gewährung des rechtlichen Gehörs
an die Verwaltung ist im Sinne einer Heilung des Mangels selbst bei einer
schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs dann abzusehen,
wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und
damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem Interesse
der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht
zu vereinbaren wären (BGE 116 V 182 E. 3d; zum Ganzen ausführlich Ur-
teil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [seit 1. Januar 2007: So-
zialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] I 193/04 vom 14. Juli
2006).
3.4
3.4.1 In den Akten ist eine Kopie eines Vorbescheids in deutscher Sprache,
adressiert an die Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin, enthalten
(Vorakten 66), jedoch bestreitet Mag. iur. Antonius Falkner, Rechtsanwalt,
sinngemäss dessen Empfang (BVGer act. 1).
3.4.2 Nachforschungen zur Zustellung des Vorbescheides in deutscher
Sprache an die Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin erübrigen sich
vorliegend, da bereits eine schwere Verletzung des rechtlichen Gehörs vor-
liegt, weil die Vorinstanz dem Rechtsvertreter die Akten nicht zustellte,
sodass sich die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin vor Erlass der
angefochtenen Verfügung vom 14. Oktober 2019 mangels Aktenkenntnis
nicht gehörig zum Vorbescheid äussern konnte.
3.4.3 Vorliegend führt die Rückweisung der Sache zu keinem formalisti-
schen Leerlauf, da die Sache, wie nachfolgend zu zeigen ist, auch in ma-
terieller Hinsicht mangels hinreichender Klärung des rechtserheblichen
Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, sodass eine Heilung
der Verletzung des rechtlichen Gehörs ausser Betracht fällt.
4.
4.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
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Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
4.2 Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung
hat, wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (Art. 8 ATSG) und beim Eintritt
der Invalidität während der vom Gesetz vorgesehenen Dauer, das heisst,
während mindestens 3 Jahren (Art. 36 Abs. 1 IVG) Beiträge an die schwei-
zerische Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV) ge-
leistet hat. Diese Bedingungen müssen kumulativ gegeben sein; fehlt eine,
so entsteht kein Rentenanspruch, selbst wenn die andere erfüllt ist.
Die Beschwerdeführerin hat unbestrittenermassen während mehr als
3 Jahren Beiträge an die schweizerische AHV/IV geleistet, so dass die Vor-
aussetzungen der Mindestbeitragsdauer für den Anspruch auf eine ordent-
liche Invalidenrente erfüllt sind.
4.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Rente,
wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreivier-
telsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei ei-
nem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertels-
rente.
4.4 Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit stützen sich die Verwaltung und
im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen, die von Ärzten und gege-
benenfalls auch von anderen Fachleuten zur Verfügung zu stellen sind.
Aufgabe des Arztes bzw. der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu be-
urteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich
welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind
ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage,
welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden kön-
nen (BGE 140 V 193 E. 3.2; 132 V 93 E. 4).
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4.5 Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel zu
würdigen sind. Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren
gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versiche-
rungsträger und Sozialversicherungsgerichte die Beweise frei, d.h. ohne
förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen
(BGE 125 V 351 E. 3a).
4.6 Im Weiteren ist festzuhalten, dass die rechtsanwendenden Behörden
in der Schweiz nicht an die Feststellungen ausländischer Versicherungs-
träger, Behörden und Ärzte bezüglich Invaliditätsgrad und Anspruchsbe-
ginn gebunden sind (BGE 130 V 253 E. 2.4; AHI-Praxis 1996, S. 179;
vgl. auch Zeitschrift für die Ausgleichskassen [ZAK] 1989 S. 320 E. 2). Viel-
mehr unterstehen auch die aus dem Ausland stammenden Beweismittel
der freien Beweiswürdigung durch das Gericht (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts EVG, [heute: Bundesgericht, BGer] vom 11. De-
zember 1981 i.S. D.).
4.7 Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern
das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines
bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Der
Richter und die Richterin haben vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu
folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die Wahr-
scheinlichste würdigen (BGE 126 V 353 E. 5b; 125 V 193 E. 2, je m.H.).
4.8 Bezüglich des Beweiswertes eines Berichts oder eines Gutachtens ist
entscheidend, ob der Bericht oder das Gutachten für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abge-
geben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge
und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet, und ob die
Schlussfolgerungen der Experten begründet sind. Ausschlaggebend für
den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft des Beweismit-
tels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen
Stellungnahme als Bericht oder als Gutachten, sondern dessen Inhalt
(BGE 137 V 210 E. 6.2.2; 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Eine begut-
achtende medizinische Fachperson muss zudem über die notwendigen
fachlichen Qualifikationen verfügen (Urteil des BGer 9C_555/2017 vom
22. November 2017 E. 3.1 m.H.).
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4.9 Die Rechtsprechung erachtet es mit dem Grundsatz der freien Beweis-
würdigung als vereinbar, Richtlinien für die Beweiswürdigung in Bezug auf
bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten aufzustellen
(BGE 125 V 351 E. 3b; AHI 2001 S.114 E. 3b; Urteil des EVG I 128/98 vom
24. Januar 2000 E. 3b).
4.9.1 Dem im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten
externer Spezialärzte (Art. 44 ATSG), welche aufgrund eingehender Be-
obachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen,
solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4; 125 V 351 E. 3b/bb m.H.).
4.9.2 Bei Stellungnahmen eines IV-Arztes oder einer IV-Ärztin ist hinsicht-
lich des Beweiswertes zu unterscheiden, ob es sich um Aktenberichte im
Sinne von Art. 49 Abs. 3 IVV oder um Untersuchungsberichte im Sinne von
Art. 49 Abs. 2 IVV handelt.
4.9.2.1 Der Beweiswert eines Untersuchungsberichtes eines IV-Arztes
oder einer IV-Ärztin ist mit jenem von externen medizinischen Sachverstän-
digengutachten im Sinne von Art. 44 ATSG vergleichbar, sofern er den von
der Rechtsprechung entwickelten Anforderungen an ein ärztliches Gutach-
ten genügt und der IV-Arzt bzw. die IV-Ärztin über die im Einzelfall erfor-
derlichen persönlichen und fachlichen Qualifikationen verfügt (BGE 137 V
210 E. 1.2.1; Urteile des BGer 9C_28/2015 vom 8. Juni 2015 E. 3.2;
9C_736/2009 vom 26. Januar 2010 E. 2.1 und 9C_323/2009 vom 14. Juli
2009 E. 4.3.1).
4.9.2.2 Bei einem Aktenbericht beurteilt der IV-Arzt oder die IV-Ärztin die
vorhandenen ärztlichen Unterlagen, fasst die medizinischen Untersu-
chungsergebnisse zusammen und gibt eine Empfehlung zur weiteren Be-
arbeitung des Versicherungsfalles aus medizinischer Sicht ab. Ein Akten-
bericht erfüllt somit eine andere Funktion als ein medizinisches Gutachten,
weshalb er die inhaltlichen Anforderungen an medizinische Gutachten
nicht erfüllen kann und muss. Dennoch wird ihm nicht jegliche Aussen-
oder Beweiswirkung aberkannt, vielmehr ist er ein entscheidrelevantes Ak-
tenstück, sofern die vom RAD oder vom medizinischen Dienst beigezoge-
nen Akten ein vollständiges Bild über Anamnese, Verlauf und gegenwärti-
gen Status ergeben und diese Daten unbestritten sind (Urteile des BGer
9C_28/2015 vom 8. Juni 2015 E. 3.2; 8C_641/2011 vom 22. Dezember
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2011 E. 3.2.2 m.H.; Urteil des EVG I 143/07 vom 14. September 2007
E. 3.3; Urteil des BVGer C-135/2013 vom 22. September 2015 E. 4.3.4
m.H.). Ist das nicht der Fall, kann die Stellungnahme des regionalen ärztli-
chen Dienstes oder des medizinischen Dienstes in der Regel keine ab-
schliessende Beurteilungsgrundlage bilden, sondern nur zu weitergehen-
den Abklärungen Anlass geben (Urteil des BGer 9C_58/2011 vom 25. März
2011 E. 3.3).
4.9.2.3 Auf das Ergebnis versicherungsinterner ärztlicher Abklärungen, zu
denen auch RAD-Berichte gehören, kann nicht abgestellt werden, wenn
auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit beste-
hen (BGE 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4; Urteil des BGer
8C_839/2016 vom 12. April 2017 E. 3.2).
4.9.3 Auch ein im Auftrag eines Taggeldversicherers erstellter Bericht ist im
Verfahren betreffend Prüfung eines IV-Rentenanspruchs auf dessen Be-
weiswert hin zu würdigen (Urteile des BGer 8C_71/2016 vom 1. Juli 2016
E. 5.2 und 9C_229/2007 vom 28. August 2007 E. 2.1). Den vom Taggeld-
versicherer nicht im gesetzlich vorgesehenen Verfahren nach Art. 44 ATSG
eingeholten Berichten kommt der Beweiswert versicherungsinterner ärztli-
cher Feststellungen zu (Urteile des BGer 8C_71/2016 E. 5.3, 8C_486/2015
vom 30. November 2015 E. 4.1.3).
4.10 Geht es um psychische Erkrankungen, namentlich eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung, ein damit vergleichbares psychosomati-
sches Leiden (BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3) oder depressive Störungen leicht-
bis mittelgradiger Natur (BGE 143 V 409 E. 4.5.2), sind für die Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit systematisierte Indikatoren beachtlich, die – unter Be-
rücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits
und Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – erlauben, das
tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V
281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; 143 V 418 E. 6 ff.). Gelangt der Rechtsanwen-
der nach der Beweiswürdigung zum Schluss, ein Gutachten erfülle sowohl
die mit BGE 141 V 281 definierten versicherungsmedizinischen Massstäbe
wie auch die allgemeinen rechtlichen Beweisanforderungen (vgl. E. 4.8
hiervor), ist es beweiskräftig, und die darin formulierten Stellungnahmen
zur Arbeitsfähigkeit sind zu übernehmen. Eine davon losgelöste juristische
Parallelüberprüfung nach Massgabe des strukturierten Beweisverfahrens
soll nicht stattfinden (BGE 141 V 281 E. 5.2.3; 144 V 50 E. 4.3).
C-6058/2019
Seite 13
5.
5.1 Den Behandlungsberichten im Verfahren vor der Vorinstanz sind die
folgenden medizinischen Hinweise zu entnehmen:
5.1.1 Dr. G._ diagnostizierte am 30. August 2006 (Vorakten 50) ein
Asthma bronchiale und eine Tierhaarallergie. Er wies daraufhin, dass eine
Diskrepanz zwischen den subjektiv angegebenen Beschwerden und den
objektiven Befunden bestehe. Er habe bei mehreren Messungen immer
nur eine leichte Obstruktion gefunden. Zudem sei die Compliance schlecht.
Die Patientin habe trotz wiederholten Instruktionen nie eine konsequente
antiasthmatische Behandlung durchgeführt. Er empfahl eine Hospitalisa-
tion zwecks konsequenter Asthmaschulung.
5.1.2 In der Folge (Vorakten 49) wurde das Asthma bronchiale der Be-
schwerdeführerin während des Spitalaufenthalts vom 14. September 2006
bis zum 27. September 2006 medikamentös eingestellt, sodass die Be-
schwerdeführerin mit einer Arbeitsfähigkeit von 50 % für eine leichte bis
mittelschwere Tätigkeit ohne Rauch- und Staubexposition entlassen wer-
den konnte.
5.1.3 Im Januar 2007 wurde ein Karpaltunnelsyndrom links und im April
2007 rechts operativ behandelt, was für einige Wochen eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit zur Folge hatte (Vorakten 43; 44).
5.1.4 Die Arbeitsfähigkeit von 50 % für eine an das Asthma bronchiale an-
gepasste Tätigkeit wurde am 15. Februar 2007 (Vorakten 48) von
Dr. H._, Arzt für Allgemein- und Sportmedizin, und am 4. Mai 2007
(Vorakten 46) von Dr. G._, Pneumologe, bestätigt.
5.1.5 Der von der liechtensteinischen Alters- und Hinterlassenenversiche-
rung beigezogene ärztliche Dienst, Dr. I._, wies am 27. März 2007
auf die schlechte Compliance der Beschwerdeführerin hin (Vorakten 47)
und empfahl am 22. Mai 2007 (Vorakten 45/2), die Versicherte solle aufge-
fordert werden, in Absprache mit dem Hausarzt ein Training zu absolvieren.
5.1.6 Am 3. September 2007 (Vorakten 42) und am 20. November 2007
(Vorakten 41) attestierte Dr. H._ wegen der pneumonalen Be-
schwerden eine vollständige Arbeitsunfähigkeit und berichtete, am 26. No-
vember 2007 trete die Beschwerdeführerin eine 50 % Arbeitsstelle bei der
Post an.
C-6058/2019
Seite 14
5.1.7 Am 19. August 2008 (Vorakten 37) bescheinigte Dr. J._,
Pneumologe und Internist, eine Arbeitsfähigkeit von 80 % für eine leichte
bis mittelschwere Tätigkeit unter Vermeidung von Staub- und Rauchexpo-
sition.
5.1.8 Am 11. Oktober 2017 stürzte die Beschwerdeführerin in eine Bau-
grube von einem Meter Tiefe und zog sich dabei eine Flankenprellung zu
(Vorakten 19/1, 19/61, 19/71, 19/75, 31).
5.1.9 Dem Röntgenbericht vom 13. Oktober 2017 (Vorakten 19/66) ist als
Befund zu entnehmen: Normale Lendenlordose. Diskopathie L4/5 mit
leichter Höhenminderung und geringer Retrolisthesis des 4. Lendenwirbel-
körpers, minimale linkskonvexe Skoliose, Intervertebralgelenke ohne we-
sentliche Degeneration. Weiter wurde am 13. Oktober 2017 (Vorakten
19/67) ein CT empfohlen, da Lungenparenchymveränderungen apikal links
sichtbar waren, welche gemäss dem Radiologen Dr. K._ bereits in
einer CT-Untersuchung vom 24. Mai 2012 erkennbar waren.
5.1.10 Im MRI der Lendenwirbelsäule vom 25. Oktober 2017 (Vorakten
19/64, 19/73, 30) wurden keine eindeutigen Hinweise auf eine stattgehabte
Fraktur wegen des Sturzes vom 11. Oktober 2017 gefunden, jedoch Dis-
kopathie L4/5 mit breitbasiger Diskusprotrusion paramedian rechts und
dort kleinem Anulusriss, sowie Spondylarthrose L4/5 und Übergangsano-
malie mit partieller Lumbalisation von Lendenwirbelkörper 5.
5.1.11 Am 20. Dezember 2017 (Vorakten 19/58) hielt der beratende Arzt
der L._ Versicherungen, Dr. M._, Chirurg, fest, als Diagno-
sen würden Flankenprellung rechts und degenerative Veränderungen der
Wirbelsäule vorliegen. Eine Teilarbeitsfähigkeit sei mit dieser Verletzung
theoretisch nach sechs Wochen möglich. Am 21. März 2018 (Vorakten
19/47) empfahl Dr. M._ den Beizug eines Schadenexperten.
5.1.12 Da die Schmerzen persistierten, wurde am 5. Februar 2018 (Vorak-
ten 19/55, 29) von Dr. N._, Neurochirurg, und Dr. O._, Neu-
rochirurg, eine Infiltration des rechten Iliosakralgelenks und eine orthopä-
dische Evaluation vorgeschlagen.
5.1.13 Im MRI-Bericht vom 5. Februar 2018 (Vorakten 19/52, 28) wurde
eine Arthrose ausgeschlossen, hingegen wurde eine leichte Enthesiopa-
thie der Glutealsehneninsertion rechts am Trochanter erkannt und es fand
C-6058/2019
Seite 15
sich wenig Flüssigkeit am Ursprung der Harnstringsehne am Osischiadi-
cum beidseits, womit die Schmerzen im Bereich des Sitzbeines erklärt wur-
den.
5.1.14 Dr. P._ konstatierte am 14. Februar 2018 (Vorakten 27,
19/51) eine wurstförmige Verhärtung auf Höhe des Tensors fascia latae
und verschrieb Physiotherapie und Antiphlogistika.
5.1.15 Im CT-Bericht vom 4. April 2018 (Vorakten 19/44) wurde bestätigt,
dass keine Frakturhinweise vorlagen. Es wurde eine geringe Osteochond-
rose der unteren Lendenwirbelsäule mit breitbasiger Diskusextrusion L4/L5
ohne Affektion neutraler Strukturen sowie eine geringe Coxarthrose beid-
seits bei morphologischen Veränderungen prädisponierend für ein ge-
mischtes femoroacetabuläres Impingement festgestellt (während Hüftge-
lenksbewegungen kommt es zu einem abnormen Kontakt zwischen Ober-
schenkelkopf/-hals und Hüftpfanne; permanente mechanische Irritationen
sind die Folge und können zu Schädigungen der beteiligten Strukturen am
Hüftgelenk führen; https://flexikon.doccheck.com/de/Femoroazetabulä-
res_Impingement, abgerufen am 8.9.2020).
5.1.16 Am 18. Juli 2018 (Vorakten 26) berichteten die untersuchenden
Ärzte der Q._ Klinik, Wirbelsäulenchirurgie und Neurochirurgie, die
Schmerzen der Beschwerdeführerin könnten nicht durch eine Wirbelsäu-
lenpathologie erklärt werden. Dr. R._ und Dr. S._ empfahlen
Abklärungen zur Beurteilung einer möglichen muskulären Dysbalance.
5.1.17 In der Folge wurde die Beschwerdeführerin am 13. August 2018
(Vorakten 25) bei Dr. T._, FMH Anästhesiologie/Intensivmedizin,
Facharzt Sachkunde für dosisintensives Röntgen, Facharzt interventio-
nelle Schmerztherapie, vorstellig, welcher am 14. August 2018 als Beurtei-
lung festhielt: posttraumatische Belastungsstörung, Schockerlebnis über
den Sturz und Verzweiflung über die fehlende Anerkennung der Schmer-
zen als klare Unfallfolge, deutliche muskuläre Verspannung im gesamten
Glutealbereich. Weiter hielt Dr. T._ fest, angesichts der zunehmen-
den psychischen Dekompensation und der chronischen Schmerzen sei
eine psychiatrische Abklärung indiziert. Als Diagnosen führte er auf: chro-
nisch persistierende Glutealschmerzen rechts nach Sturz im Oktober 2017,
Piriformis-Syndrom rechts, Bursitis peritrochanterica rechts, ISG Blockade
rechts, Meralgie rechts, lumbale Facettensymptomatik und muskuläre Dys-
balance sowie posttraumatische Belastungsstörung nach Sturz in ein tiefes
Loch.
https://flexikon.doccheck.com/de/H%C3%BCftgelenk https://flexikon.doccheck.com/de/H%C3%BCftgelenk https://flexikon.doccheck.com/de/Oberschenkelkopf https://flexikon.doccheck.com/de/Oberschenkelkopf https://flexikon.doccheck.com/de/Oberschenkelhals https://flexikon.doccheck.com/de/H%C3%BCftpfanne https://flexikon.doccheck.com/de/Mechanisch
C-6058/2019
Seite 16
Als Piriformis-Syndrom bezeichnet man ein Engpasssyndrom des Nervus
ischiadicus im Bereich des Foramen infrapiriforme. Als Hauptsymptom gel-
ten starke Schmerzen im Gesäss, welche in den dorsalen Oberschenkel
und sogar bis zum Knie hin ausstrahlen können. Vor allem Drehbewegun-
gen (z.B. das Umdrehen im Bett oder das Übereinanderschlagen der
Beine) sind für die Betroffenen besonders schmerzhaft. Sensibilitätsstörun-
gen in den Beinen oder Schmerzen in der Lendenregion sind auch möglich
(vgl. https://flexikon.doccheck.com/de/Piriformis-Syndrom, abgerufen am
8.9.2020).
Unter einer Bursitis versteht man die Entzündung eines Schleimbeutels.
Eine Bursitis entsteht meist durch Traumen, Infektionen oder chronische
Fehlbelastungen bzw. Reizungen. Bursitiden treten jedoch auch im Zusam-
menhang mit Systemerkrankungen, z.B. bei einer rheumatoiden Arthritis
auf. Die Symptome können zu Beginn diskret sein. Der Patient oder die
Patientin verspürt leichte Bewegungsschmerzen und ein reibendes Gefühl
im Bereich des entzündeten Schleimbeutels. Bei fortgesetzter Belastung
verstärken sich die Schmerzen, und es können zusätzliche Lokalsymp-
tome wie Schwellung, Überwärmung und Ergussbildung auftreten
(vgl. https://flexikon.doccheck.com/de/Bursitis, abgerufen am 8.9.2020).
5.1.18 Wegen der anhaltenden Arbeitsunfähigkeit seit dem Unfall vom
11. Oktober 2017 (Vorakten 19/60, 19/79-19/91) gab die U._ Kran-
ken- und Unfallversicherung AG, Landesvertretung Liechtenstein, eine in-
terdisziplinäre Abklärung auf den Gebieten der Rheumatologie, Psychiatrie
und «Ergonomie» bei der Klinik C._ in Auftrag. Die Untersuchungen
fanden am 21. August 2018 statt (Vorakten 19/93-19/107; 21-24).
5.1.18.1 Dr. V._, Psychiater, diagnostizierte am 21. August 2018
(Vorakten 19/97; 23) eine Anpassungsstörung (ICD-10 F43.23) mit vorwie-
gender Störung von anderen Gefühlen (in absteigender Reihenfolge Ärger,
Enttäuschung, Anspannung, marginal depressive Verstimmung), welche
zu keiner Einschränkung der Arbeitsfähigkeit für rheumatologisch und er-
gonomisch adaptierte Tätigkeiten führe. Ein posttraumatischer Beschwer-
dekomplex, wie in einem Vorbericht kurz erwähnt worden sei, bestehe
nicht, da kein Hyperarousal, keine Flashbacks und keine traumaassoziier-
ten Träume vorhanden seien. Dr. V._ wies daraufhin, dass eine
schlafanstossende und/oder coanalgetische Behandlung mit Antidepres-
siva eine Therapieoption darstelle, als erstes jedoch eine vernünftige Anal-
gesie erreicht werden sollte.
https://flexikon.doccheck.com/de/Engpasssyndrom https://flexikon.doccheck.com/de/Nervus_ischiadicus https://flexikon.doccheck.com/de/Nervus_ischiadicus https://flexikon.doccheck.com/de/Foramen_infrapiriforme https://flexikon.doccheck.com/de/Schmerz https://flexikon.doccheck.com/de/Dorsal https://flexikon.doccheck.com/de/Oberschenkel https://flexikon.doccheck.com/de/Sensibilit%C3%A4tsst%C3%B6rung https://flexikon.doccheck.com/de/Sensibilit%C3%A4tsst%C3%B6rung https://flexikon.doccheck.com/de/Bein https://flexikon.doccheck.com/de/Schleimbeutel https://flexikon.doccheck.com/de/Trauma https://flexikon.doccheck.com/de/Infektion https://flexikon.doccheck.com/de/Rheumatoide_Arthritis https://flexikon.doccheck.com/de/Schmerz https://flexikon.doccheck.com/de/Erguss
C-6058/2019
Seite 17
5.1.18.2 In ergonomischer Hinsicht erkannte Frau W._, Therapeu-
tin Ergonomie, am 22. August 2018 (Vorakten 19/100, 24), das arbeitsrele-
vante Problem sei eine schmerzbedingte limitierte Belastbarkeit, welche
sich vor allem in vorgeneigten Positionen, beim Heben von Lasten und
beim Gehen äussern würden. Des Weiteren könne eine allgemeine Dekon-
ditionierung beobachtet werden. Die standardisierte Bewertung der Berei-
che «Beschreibung von Schmerz und Einschränkungen», «Schmerzver-
halten», «Leistungsverhalten» und «Konsistenz» habe eine erhebliche
Symptomausweitung ergeben. Die beobachtete Belastbarkeit entspreche
im Wesentlichen einer sehr leichten oder vorwiegend sitzenden Tätigkeit
(Hantieren von Lasten bis 5 kg). Hinsichtlich der Zumutbarkeit sollte aus
somatischer Sicht aufgrund der festgestellten Symptomausweitung von ei-
ner höheren Belastbarkeit ausgegangen werden. Die tatsächliche Leis-
tungsfähigkeit werde entsprechend einer leichten bis mittelschweren Tätig-
keit mit Hantieren von Lasten bis maximal 15 kg eingeschätzt.
5.1.18.3 Dr. X._, Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabili-
tation sowie Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, hielt am 3. September
2018 (Vorakten 19/95; 22) fest, aufgrund der klinischen Untersuchung so-
wie der Vorbefunde seien die Beschwerden im Rahmen einer Ansatz-
tendinopathie der Glutealsehne rechts am Trochanter major rechts zu se-
hen. Dies erkläre aber nicht vollständig das sehr ausgeprägte Schonhinken
mit Entlastung des rechten Beines. Dies scheine eher im Rahmen einer
Symptomverdeutlichung vorzuliegen. Dr. X._ empfahl eine medizi-
nische Trainingstherapie und die Aufnahme eines aktiven Lebensstils im
Alltag. Aus rein «rheumatologischer» Sicht sollte die zuletzt ausgeübte Tä-
tigkeit als Kurierfahrerin bei der Post zu 100 % wieder möglich sein. Zu
Beginn sollte aber auf das Tragen von schweren Gewichten, welches laut
der Versicherten notwendig sei, verzichtet werden.
5.1.18.4 Im interdisziplinären Konsilium vom 3. September 2018 (Vorakten
19/93, 21) wurde festgehalten, die im Rahmen der ergonomischen Abklä-
rung beobachtete Belastbarkeit entspreche im Wesentlichen einer sehr
leichten oder vorwiegend sitzenden Tätigkeit (Hantieren von Lasten selten
bis max. 5 kg). Hinsichtlich Zumutbarkeit sei aus somatischer Sicht auf-
grund der festgestellten erheblichen Symptomausweitung von einer höhe-
ren Belastbarkeit auszugehen. Die höher eingeschätzte Belastbarkeit ent-
spreche einer leichten bis mittelschweren Tätigkeit mit Hantieren von Las-
ten selten bis max. 15 kg ganztags. Als spezielle Einschränkungen sollten
vorgeneigte Positionen sowie Gehen nur manchmal (max. 3 Stunden bei
einem Achtstundenarbeitstag) vorkommen. Die geschätzte funktionelle
C-6058/2019
Seite 18
Leitungsfähigkeit liege teilweise unter den Belastungsanforderungen der
bisherigen Tätigkeit. Mühe bereite insbesondere das wiederholte Hantie-
ren der Pakete bis 20 kg. Es bestehe insgesamt eine 100%ige Arbeitsfä-
higkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Kurierfahrerin bei der Post.
Es sollte momentan aber auf das Hantieren von Paketen über 15 kg ver-
zichtet werden, hierfür sollte die Versicherte Hilfe bekommen oder dies
komplett abgeben können. Ansonsten entspreche die Leistungsfähigkeit
der zuletzt ausgeübten Tätigkeit.
5.1.19 Dr. H._, Arzt für Allgemein- und Sportmedizin, berichtete am
13. November 2018 (Vorakten 20), die Beschwerdeführerin leide an chro-
nisch persistierenden Glutealschmerzen nach Sturz im Oktober 2017, an
posttraumatischer Belastungsstörung und an Asthma bronchiale sowie
Tierhaarallergie. Es bestehe eine Therapieresistenz. Für die zuletzt ausge-
übte Tätigkeit liege eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit vor und für eine ange-
passte Tätigkeit eine solche von 70 - 80 %. Die Beschwerdeführerin solle
zudem nicht länger sitzen oder stehen, keine schweren Pakete heben so-
wie nicht aus einem Fahrzeug ein- und aussteigen. Sie dürfe maximal und
selten 5 kg heben.
5.1.20 Der medizinische Dienst der IVSTA, Dr. B._, Allgemeinme-
dizinerin und Fachärztin für Intensivmedizin, nahm am 13. Mai 2019
(Vorakten 58) zu den medizinischen Berichten dahingehend Stellung, als
sie ausführte, in somatischer Hinsicht bestünden zwei Probleme, einerseits
das Asthma bronchiale und andererseits die persistierenden Schmerzen
nach dem Unfall vom 11. Oktober 2017. Die Schmerzen hätten von den
verschiedenen Spezialisten nicht erklärt werden können, erwähnt worden
sei einzig eine muskuläre Dysbalance und eine Beeinträchtigung der Ner-
ven («une atteinte nerveuse»). Eine pluridizisplinäre Expertise habe erge-
ben, dass die angestammte Tätigkeit zumutbar sei, unter der Limitierung,
dass die ersten Monate das Hantieren von Gewichten über 15 kg zu ver-
meiden sei und zudem die Position alle drei Stunden gewechselt werden
müsse. In psychiatrischer Hinsicht bestehe trotz der Anpassungsstörung
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
5.2 Im Beschwerdeverfahren wurden die folgenden medizinischen Unter-
lagen eingereicht, welche vorliegend zu berücksichtigen sind:
5.2.1 Dr. H._, Arzt für Allgemein- und Sportmedizin, attestierte der
Beschwerdeführerin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vom 1. Septem-
ber 2018 bis zum 31. Oktober 2019 (BVGer act. 1/3-1/16).
C-6058/2019
Seite 19
5.2.2 Am 21. Januar 2020 (BVGer act. 8/1) diagnostizierte Dr. D._,
Neurochirurg, ein lumbosakrales, lumbovertebrales Schmerzsyndrom mit
pseudoradikulärer rechtsseitiger Ausstrahlung bei monosegmentaler Dis-
kopathie mit medianem Anulusriss und einer segmentalen Instabilität L4/5.
Er berichtete, das MRI der Lendenwirbelsäule vom 25. November 2019
zeige monosegmentale Diskopathie L4/5 mit medianem Bandscheibenriss
und deutlicher Protrusion, begleitende spondylarthrotische Veränderungen
des Segmentes L4/5 mit deutlich flüssigkeitsgefülltem Facettengelenk im
Sinne einer Gefügelockerung L4/5, erosive Osteochondrose beidseits
L4/5. Eine direkte neuronale Kompression sei nicht nachweisbar.
Dr. D._ beurteilte diesen Befund dahingehend, die von der Patientin
geklagten lumbovertebralen Schmerzen mit rechtsseitiger Beinbeteiligung
seien wahrscheinlich auf die Diskopathie des Segmentes L4/5 zurückzu-
führen. Im Vergleich zu den Voraufnahmen von 2017/2018 zeige sich hier
eine deutliche Höhenminderung des Bandscheibensegmentes sowie eine
zunehmende Retrolisthese (Wirbelgleiten; https://www.amboss.com/de/wis-
sen/Wirbelgleiten#xid=PQ0Wwf&aker=Z6f63f3751bc0ffc7f10b969f74ae5b2d,
abgerufen am 8.9.2020) vom Lendenwirbelkörper 4 als Zeichen der pro-
gredienten Instabilität dieses Segmentes. Die Diskopathie sei bereits in der
Bildgebung von 2017 ersichtlich gewesen; auch die beginnende erosive
Osteochondrose zeige sich auf der Bildgebung von Oktober 2017. Somit
sei, würde die aktuelle Beschwerdesymptomatik tatsächlich von der er-
krankten Bandscheibe ausgehen, die Symptomkonstellation eine direkte
Krankheitsfolge und weniger unfallassoziiert. Dr. D._ wies darauf-
hin, sollte die Beschwerdeführerin von einer diskographischen Applikation
nicht längerfristig profitieren können, würde bei nachgewiesener Instabilität
zur adäquaten Therapie lediglich die Diskektomie (Entfernen von geschä-
digtem Bandscheibengewebe; https://flexikon.doccheck.com/de/Diskekto-
mie, abgerufen am 8.9.2020) und die Spondylodese (Stabilisierung und
Versteifung der Wirbelsäule; https://flexikon.doccheck.com/de/Spondylo-
dese, abgerufen am 8.9.2020) bleiben.
5.2.3 Mit Schreiben vom 23. Januar 2020 (BVGer act. 8/2) berichtete
Dr. E._, die Beschwerdeführerin befinde sich seit September 2018
bei ihm in psychiatrischer Behandlung. Es würden ca. alle drei Wochen
supportive Gespräche stattfinden. Diagnostisch habe bisher eine Anpas-
sungsstörung vorgelegen. In den letzten Wochen habe sich die depressive,
verzweifelte und hoffnungslose Symptomatik verschlechtert, sodass nun
eine mittelgradige depressive Episode gegeben sei. Aus psychiatrischer
Sicht bestehe eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit.
https://flexikon.doccheck.com/de/Bandscheibe https://flexikon.doccheck.com/de/Wirbels%C3%A4ule
C-6058/2019
Seite 20
5.2.4 Der IV-Arzt, Dr. F._, Psychiater, nahm am 24. Februar 2020
(BVGer act. 10/3) dahingehend zum Schreiben von Dr. E._ vom
23. Januar 2020 Stellung, als er ausführte, eine Anpassungsstörung könne
keine Arbeitsunfähigkeit begründen. Deswegen hätten auch supportive
Gespräche und keine Therapie stattgefunden. Das Schreiben von
Dr. E._ sei bezüglich Depression oder Ausmass der Depression
nicht nachvollziehbar, da keine Befunde geliefert würden. Ausserdem gehe
aus dem Schreiben hervor, dass allenfalls eine Depression seit Anfang Ja-
nuar 2020 bestehe, somit würde die Depression erst seit zwei Monaten
bestehen, womit das Wartejahr noch nicht erfüllt sei.
5.2.5 Die IV-Ärztin Dr. B._, Allgemeinmedizinerin und Fachärztin für
Intensivmedizin, konstatierte am 5. März 2020 (BVGer act. 10/1), die Be-
schwerdeführerin sei am 11. Oktober 2017 verunfallt. Es würden 14 Arzt-
zeugnisse für die Zeit vom 1. September 2018 bis zum 30. November 2019
vorliegen, jedoch ohne weitere Informationen. Im MRI vom 25. November
2019 habe sich eine Diskopathie L4-L5 ohne Diskushernie und ohne neu-
ronale Kompression gezeigt und im neurochirurgischen Bericht vom
21. Januar 2020 von Dr. D._, Neurochirurg, sei eine mögliche Be-
handlung (Diskektomie und Spondylodese L4-L5) erwähnt worden, womit
die osteo-artikuläre Situation nicht stabil sei und weitere Unterlagen, wie
ein neurochirurgischer Bericht sowie allfällige Spital- und Operationsbe-
richte, beschafft werden müssten, um zu erfahren, ob die chirurgische The-
rapie durchgeführt worden sei und mit welchem Erfolg.
6.
In psychiatrischer Hinsicht sind vorliegend die Diagnose, der Schweregrad
der Erkrankung und die damit zusammenhängenden funktionellen Einbus-
sen umstritten.
6.1
6.1.1 Die Vorinstanz ging in der angefochtenen Verfügung vom 14. Okto-
ber 2019, gestützt auf die psychiatrische Expertise der Klinik C._
vom 21. August 2018 (Untersuchungsdatum; Vorakten 19/97, 23) und der
Einschätzung der IV-Ärztin Dr. B._, Allgemeinmedizinerin und
Fachärztin Intensivmedizin, vom 13. Mai 2019 (Vorakten 58), von einer An-
passungsstörung ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aus. Sie erör-
terte ihre Ansicht im Beschwerdeverfahren, gestützt auf die Stellungnahme
ihres IV-Arztes Dr. F._, Psychiater, vom 24. Februar 2020 (BVGer
act. 10/3), dahingehend, dass eine Anpassungsstörung keine Arbeitsunfä-
higkeit begründen könne.
C-6058/2019
Seite 21
6.1.2 Die Beschwerdeführerin hingegen ist, aufgrund des Schreibens des
Psychiaters Dr. E._ vom 23. Januar 2020 (BVGer act. 8/2), der An-
sicht, dass sich aus der Anpassungsstörung eine Depression entwickelt
habe, und bereits aus psychiatrischer Sicht eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit
bestehe.
6.1.3 Dagegen brachte die Vorinstanz, unter Hinweis auf die Stellung-
nahme ihres IV-Arztes Dr. F._ vom 24. Februar 2020 (BVGer act.
10/3) sinngemäss vor, die Diagnose einer Depression sei nicht nachvoll-
ziehbar.
6.2
6.2.1 Die pluridisziplinäre Expertise der Klinik C._ vom 21. August
2018 (Untersuchungsdatum), auf welche sich die Vorinstanz bei ihrer Be-
urteilung insbesondere stützte, wurde von der Taggeldversicherung der
Beschwerdeführerin in Auftrag gegeben, womit es sich nicht um ein im Ver-
fahren nach Art. 44 ATSG eingeholtes Gutachten handelt. Trotzdem kommt
der Expertise voller Beweiswert zu, sofern sie den praxisgemässen Anfor-
derungen an ein ärztliches Gutachten genügt und die Arztperson über die
notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt. Jedoch kann bereits bei
geringen Zweifeln an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit nicht darauf
abgestellt werden (vgl. E. 4.9.2.3 und E. 4.9.3 hiervor). Der psychiatrische
Teil der pluridisziplinären Expertise hat sich zudem an die bundesgerichtli-
chen Vorgaben nach BGE 141 V 281 zu halten.
6.2.2 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung sind sämtliche psychi-
schen Leiden einem strukturierten Beweisverfahren gemäss BGE 141 V
281 zu unterziehen (BGE 143 V 418 E. 7.1 m.H. auf BGE 143 V 409).
Dabei erfolgt anhand eines Katalogs von Indikatoren eine ergebnisoffene
symmetrische Beurteilung des – unter Berücksichtigung leistungshindern-
der äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotentialen
(Ressourcen) andererseits – tatsächlich erreichbaren Leistungsvermögens
(BGE 141 V 281 E. 3.6). Die erwähnten Indikatoren hat das Bundesgericht
wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie "funktioneller
Schweregrad" (E. 4.3) mit den Komplexen "Gesundheitsschädigung"
(E. 4.3.1; Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome
[E. 4.3.1.1]; Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
[E. 4.3.1.2]; Komorbiditäten [E. 4.3.1.3]), "Persönlichkeit" (Persönlichkeits-
entwicklung und -struktur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2])
und "sozialer Kontext" (E. 4.3.3) sowie Kategorie "Konsistenz" (Gesichts-
C-6058/2019
Seite 22
punkte des Verhaltens [E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschrän-
kung des Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen
(E. 4.4.1) und behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewie-
sener Leidensdruck (E. 4.4.2).
6.2.3
6.2.3.1 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Frage, ob ein Gesundheits-
schaden im Sinne der klassifizierenden Merkmale vorliegt, ist eine fach-
ärztlich einwandfrei gestellte Diagnose (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2; 143
V 418 E. 6; 141 V 281 E. 2.1). Dr. V._, Psychiater, stellte anlässlich
der Exploration vom 21. August 2018 die Diagnose einer Anpassungsstö-
rung mit vorwiegender Störung von anderen Gefühlen (in absteigender
Reihenfolge Ärger, Enttäuschung, Anspannung, marginal depressive Ver-
stimmung; ICD-10 F43.23), was aufgrund der zu diesem Zeitpunkt durch
ihn erhobenen Befunde nachvollziehbar ist. Es leuchtet auch ein, dass
Dr. V._ das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung,
die von Dr. T._, FMH Anästhesiologie und Intensivmedizin, Fach-
arzt Sachkunde für dosisintensives Röntgen, Facharzt Interventionelle
Schmerztherapie, am 14. August 2018 (Vorakten 25) diagnostiziert worden
war, verneinte, da er keine entsprechenden Befunde wie Hyperarousal,
Flashbacks oder traumaassoziierte Träume erheben konnte. Ausserdem
entsteht eine posttraumatische Belastungsstörung als verzögerte oder
protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kür-
zerer oder längerer Dauer, mit aussergewöhnlicher Bedrohung oder kata-
strophenartigem Ausmass, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung her-
vorrufen würde (https://www.icd-code.de/icd/code/F43.1.html, abgerufen
am 8.9.2020). Ein Sturz in ein Loch von einem Meter Tiefe stellt objektiv
betrachtet kein solch schweres Ereignis dar. Vorliegend ist somit gestützt
auf die Exploration von Dr. V._ davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin nach dem Unfall vom 11. Oktober 2017 eine Anpas-
sungsstörung entwickelt hat. Diese Diagnose wird auch vom behandeln-
den Psychiater Dr. E._ bestätigt, welcher am 23. Januar 2020
(BVGer act. 8/2) berichtete, dass diagnostisch bisher eine Anpassungsstö-
rung vorgelegen sei.
6.2.3.2 Dr. E._ gab am 23. Januar 2020 (BVGer act. 8/2) an, dass
sich aus der Anpassungsstörung eine mittelgradige depressive Episode
entwickelt habe. Das Bundesverwaltungsgericht geht mit der Vorinstanz ei-
nig, dass mangels Aufführen entsprechender Befunde und schlüssiger
Herleitung die Diagnose von Dr. E._ bei der jetzigen Aktenlage
nicht nachvollziehbar ist. Andererseits leuchtet es auch nicht ein, dass die
C-6058/2019
Seite 23
Diagnose einer Anpassungsstörung, welche zwar im August 2018 anläss-
lich der Exploration in der Klinik C._ nachvollziehbar war, bei Ver-
fügungserlass am 14. Oktober 2019 weiterhin bestehen soll, da seit dem
auslösenden Ereignis, der Sturz vom 11. Oktober 2017, bereits zwei Jahre
vergangen waren. Damit lag bei Erlass der angefochtenen Verfügung vom
14. Oktober 2019 keine fachärztlich einwandfrei gestellte Diagnose vor.
6.2.4
6.2.4.1 Die Kategorie “funktioneller Schweregrad“ beurteilt sich nach den
konkreten funktionellen Auswirkungen und insbesondere danach, wie stark
die versicherte Person in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen
Funktionen leidensbedingt beeinträchtigt ist (vgl. Urteil des BGer
9C_590/2017 vom 15. Februar 2018 E. 6.3 m.H.). Beim zum ersten Kom-
plex der “Gesundheitsschädigung“ gehörenden Indikator “Ausprägung der
diagnoserelevanten Befunde“ geht es darum, die konkreten Erscheinungs-
formen der diagnostizierten Gesundheitsschädigung festzustellen, d. h. die
Schwere und das Ausmass des Krankheitsgeschehens. Die Schwere des
Krankheitsgeschehens ist vom Gutachter anhand aller verfügbaren Ele-
mente aus der diagnoserelevanten Ätiologie und Pathogenese zu plausibi-
lisieren (BGE 141 V 281 E. 4.3.1.1).
6.2.4.2 Dr. V._ äusserte sich nicht zur Ausprägung der diagnosere-
levanten Befunde. Er hielt einzig ohne weitere Begründung fest, aus fach-
psychiatrischer Sicht bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
Die Vorinstanz hätte weitere Abklärungen in die Wege leiten müssen, denn
die Ansicht des IV-Arztes Dr. F._ (BVGer act. 10/3), wonach eine
Anpassungsstörung keine Arbeitsunfähigkeit begründen könne, ist in die-
ser pauschalen Ansicht im Rahmen eines IV-Verfahrens mit BGE 143 V
418 nicht vereinbar. Gemäss BGE 143 V 418 sind sämtliche psychische
Erkrankungen dem strukturierten Beweisverfahren gemäss BGE 141 V
281 zu unterziehen, und die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person in ei-
ner Gesamtbetrachtung einzelfallgerecht, ressourcenorientiert und ergeb-
nisoffen zu beurteilen (BGE 141 V 281 E. 4.1.1. f.). Vor diesem Hintergrund
verbietet es sich, aus einer bestimmten Diagnose per se direkt das Vorlie-
gen einer Arbeitsunfähigkeit bzw. Arbeitsfähigkeit abzuleiten (Urteil BVGer
C- 3864/2017 vom 11. März 2019 E. 5.4). Die Beurteilung von
Dr. V._ erfüllt in dieser Hinsicht die an beweiswertige Gutachten in
der Invalidenversicherung gestellten Anforderungen nicht.
6.2.4.3 Zum Komplex «Gesundheitsschädigung» gehören ebenfalls die In-
dikatoren «Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz».
C-6058/2019
Seite 24
Dr. V._ hielt anlässlich der Exploration vom 21. August 2018 fest,
dass die Beschwerdeführerin bis zu diesem Zeitpunkt nicht in psychiatri-
scher Behandlung gewesen sei, jedoch der Hausarzt ihr empfohlen habe,
eine psychiatrische Therapie zu beginnen. Dr. V._ erkannte, eine
schlafanstossende und/oder coanalgetische Behandlung mit Antidepres-
siva sei eine Therapieoption. Die Vorinstanz hätte daher vor Erlass der an-
gefochtenen Verfügung in Ergänzung zur Exploration in der Klinik
C._ beim behandelnden Psychiater Dr. E._ Berichte einho-
len müssen, damit der Verlauf der Krankheit und eine etwaige gesundheit-
liche Verschlechterung bis zum Verfügungszeitpunkt ersichtlich worden
wären. Falls eine gesundheitliche Verschlechterung bestätigt worden wäre,
hätte geklärt werden müssen, ob die bisherige Behandlung lege artis er-
folgte, oder ob neben den supportiven Gesprächen weitere Behandlungen
notwendig gewesen wären, wie zum Beispiel die Einnahme von Medika-
menten, wie dies von Dr. V._ vorgeschlagen wurde.
6.2.5
6.2.5.1 Weiter hat unter dem Indikator “Komorbidität“ eine Gesamtbetrach-
tung der Wechselwirkungen und sonstigen Bezüge der diagnostizierten
psychischen Erkrankung(en) zu sämtlichen begleitenden krankheitswerti-
gen Störungen zu erfolgen (Urteil des BGer 9C_21/2017 vom 22. Februar
2018 E. 5.2.1 mit Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3; zur Ausdehnung
des strukturierten Beweisverfahrens auf sämtliche psychischen Erkrankun-
gen vgl. BGE 143 V 418 E. 6 und 7). Wie das Bundesgericht in Präzisierung
von BGE 141 V 281 in BGE 143 V 418 erkannt hat, fallen Störungen unab-
hängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich bedeutsame Komor-
biditäten in Betracht, wenn ihnen im konkreten Fall ressourcenhemmende
Wirkung beizumessen ist. Das strukturierte Beweisverfahren, wie es in
BGE 141 V 281 definiert wurde, steht einer Aufteilung von Einbussen auf
einzelne Leiden entgegen, da es auf einer ergebnisoffenen Gesamtbe-
trachtung in Berücksichtigung der Wechselwirkungen basiert (Urteil
9C_21/2017 E. 5.2.1; 143 V 418 E. 8.1).
6.2.5.2 Im Sinne dieser geforderten beschwerdeübergreifenden Gesamt-
betrachtung hätten sämtliche körperlichen Leiden der Beschwerdeführerin
in die Ressourcenbeurteilung miteinbezogen werden müssen, um in einem
IV-Verfahren ein hinreichend beweiswertiges Gutachten darzustellen. Die
Beurteilung von Dr. V._ erfolgte in Bezug auf die Frage, ob die Lei-
den der Beschwerdeführerin weiterhin unfallbedingt sind, und nicht im Rah-
men einer psychiatrischen Begutachtung für die Invalidenversicherung,
C-6058/2019
Seite 25
womit sich Dr. V._ naturgemäss nicht zu sämtlichen Leiden der Be-
schwerdeführerin und einer etwaigen Komorbidität äusserte. Die Expertise
von Dr. V._ erfüllt folglich die Voraussetzungen an Gutachten in ei-
nem IV-Verfahren nicht. Die Vorinstanz hätte daher ein psychiatrisches
Gutachten unter Hinweis auf das strukturierte Beweisverfahren nach
BGE 141 V 281 in Auftrag geben müssen.
6.2.6 Aus dem Gesagten folgt, dass die psychiatrische Expertise von
Dr. V._ mangels Vollständigkeit (vgl. E. 6.2.4 und E. 6.2.5 hiervor)
und der Bericht von Dr. E._ mangels Nachvollziehbarkeit (vgl.
E. 6.2.3.2) die in einem IV-Verfahren an psychiatrische Gutachten gestell-
ten Anforderungen nicht erfüllen, sodass ihnen kein voller Beweiswert zu-
kommt. Anderweitige psychiatrische Untersuchungsberichte sind nicht ak-
tenkundig.
6.3 In psychiatrischer Hinsicht ergibt sich, dass die aktenkundigen ärztli-
chen Berichte keine hinreichende Antwort in Bezug auf psychiatrische Di-
agnose, Schweregrad der Erkrankung und die damit zusammenhängen-
den Einbussen geben. Aus diesem Grund bietet die medizinische Akten-
lage in psychiatrischer Hinsicht keine rechtsgenügende Grundlage, um den
Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu
beurteilen. Die Vorinstanz wird nach Rückweisung der Sache an sie, bei
Dr. E._ und allenfalls weiterer Psychotherapeuten Berichte einho-
len müssen, damit der Verlauf der Krankheit und eine etwaige gesundheit-
liche Verschlechterung ersichtlich werden. Falls eine gesundheitliche Ver-
schlechterung bestätigt werden sollte, wird zu klären sein, ob die bisherige
Behandlung bei Dr. E._ lege artis erfolgte, oder ob neben den sup-
portiven Gesprächen weitere Behandlungen angezeigt wären. Weiter hat
die Vorinstanz eine psychiatrische Begutachtung in die Wege zu leiten,
welche sich an ein strukturiertes Beweisverfahren gemäss BGE 141 V 281
hält.
7.
7.1 In somatischer Hinsicht stellte die Vorinstanz ebenfalls auf die pluridis-
ziplinäre Untersuchung in der Klinik C._ vom 21. August 2018 (Un-
tersuchungsdatum) ab.
7.1.1 Einem Bericht oder einem Gutachten kommt in der Invalidenversi-
cherung nur dann voller Beweiswert zu, wenn er für die streitigen Belange
umfassend ist (vgl. E. 4.8 hiervor). Zudem kann eine Invalidität Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (vgl. E. 4.1 hiervor). Hieraus
C-6058/2019
Seite 26
folgt, dass eine ärztliche Expertise, welche eine abschliessende Beurtei-
lungsgrundlage bilden soll, sich sowohl zu unfallbedingten als auch krank-
heitsbedingten Einschränkungen zu äussern hat, wenn sich entspre-
chende Hinweise aus den medizinischen Akten ergeben.
7.1.2 Die Beschwerdeführerin weist verschiedene somatische Leiden auf,
wie zum Beispiel eine Diskopathie und eine Osteochondrose (vgl. E. 5.2.2.
hiervor) sowie ein Piriformis-Syndrom und eine Bursitis peritrochanterica
(vgl. E. 5.1.17 hiervor). Bei diesen Diagnosen handelt es sich um krank-
heitsbedingte Leiden. Da die Klinik C._ die Frage zu klären hatte,
ob die Leiden der Beschwerdeführerin auf den Unfall vom 11. Oktober 2017
zurückzuführen seien, hat sich Dr. X._, Facharzt Allgemeine Innere
Medizin, Physikalische Medizin und Rehabilitation, naturgemäss nicht zu
den aufgeführten krankheitsbedingten Beschwerden geäussert.
7.1.3 Weiter ist aus dem Bericht der Klinik C._ nicht ersichtlich, ob
Dr. X._ Kenntnis von den medizinischen Vorakten hatte, da er keine
umfassende Auflistung oder Erwähnung der ärztlichen Vorakten vornahm.
7.1.4 Hinzukommt, dass einerseits einleuchtet, dass Dr. X._ auf-
grund der diagnostizierten Ansatztendinopathie der Glutealsehne rechts
am Trochanter major rechts das Tragen von Gewichten von über 15 kg als
nicht zumutbar erachtete, jedoch ist nicht einzusehen, warum er schrieb,
dass die Tätigkeit als Kurierfahrerin weiterhin möglich sei, da diese gerade
das Hantieren von Gewichten von über 15 kg beinhaltet (Vorakten 9/6).
7.1.5 Zudem begründete Dr. X._ seine Annahme, wonach eine
Symptomverdeutlichung vorliegen soll, nicht hinreichend. Zwar leuchtet es
ein, dass einzig mit der Diagnose einer Ansatztendinopathie das Schon-
hinken nicht erklärbar ist, jedoch hätten weitere Abklärungen in die Wege
geleitet werden müssen, damit diese Expertise im Rahmen eines IV-Ver-
fahrens vollen Beweiswert hätte, denn wie Dr. D._, Neurochirurg,
am 21. Januar 2020 nachvollziehbar darlegte (vgl. E. 5.2.2 hiervor), ist die
Beschwerdesymptomatik auf die Diskopathie und Osteochondrose zurück-
zuführen, die bereits in der Bildgebung von 2017 erkennbar war.
7.1.6 Die Expertise von Dr. X._ ist damit weder umfassend noch
nachvollziehbar und erfüllt folglich die Anforderungen an beweiswertige
Gutachten in der Invalidenversicherung nicht, sodass sie vorliegend keine
abschliessende Beurteilungsgrundlage bilden konnte. Die Vorinstanz hätte
daher ein rheumatologisches Gutachten in die Wege leiten müssen.
C-6058/2019
Seite 27
7.2 Aufgrund der persistierenden Schmerzen empfahl Dr. D._, Neu-
rochirurg, am 21. Januar 2020 Diskektomie und Spondylodese über das
Segment L4/5 (BVGer act. 8/1). Die Schlussfolgerung der IV-Ärztin
Dr. B._ vom 5. März 2020 (BVGer act. 10/1), dass der somatische
Gesundheitszustand nicht stabil sei und damit weitere Abklärungen not-
wendig seien, leuchtet daher ein. Das Einholen von Behandlungsberichten
zu einer etwaigen chirurgischen Therapie wie dies von der IV-Ärztin vorge-
schlagen wurde, genügt vorliegend jedoch nicht, da Behandlungsberichte
sich naturgemäss zum Behandlungsverlauf äussern und nicht zu allenfalls
vorhandener Wechselbeziehungen der Beschwerden sowie zur Leistungs-
fähigkeit und Auswirkungen von allenfalls weiterhin vorhandenen funktio-
nellen Einschränkungen in Bezug auf eine berufliche Tätigkeit. Das Einho-
len von medizinischen Berichten genügt folglich vorliegend nicht, vielmehr
ist ein neurochirurgisches Gutachten einzuholen.
7.3 Hingegen ist nicht ersichtlich, inwiefern ein Gutachten auf dem Gebiet
der plastischen Chirurgie wichtige Informationen zur Arbeitsfähigkeit liefern
könnte, da sich aus den Akten keine Leiden mit Bezug zu diesem Fachge-
biet ergeben und die Beschwerdeführerin auch nicht substantiiert vor-
brachte, warum eine Begutachtung auf dem Gebiet der plastischen Chirur-
gie durchzuführen wäre. Der entsprechende Antrag der Beschwerdeführe-
rin ist daher beim jetzigen Aktenstand abzulehnen.
7.4 Das Asthma bronchiale konnte zwar, wie die Vorinstanz zurecht vor-
brachte, medikamentös eingestellt werden (E. 5.1.2 hiervor), jedoch sollte
die Beschwerdeführerin Rauch- und Staubexposition meiden (vgl. E. 5.1.2,
E. 5.1.7 hiervor). Diese Einschränkung ist daher bei der Beurteilung der
Arbeits- und Leistungsfähigkeit sowie von zumutbaren Verweistätigkeiten
zu berücksichtigen.
7.5 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Beurteilung der Klinik
C._ ebenfalls in somatischer Hinsicht keine hinreichende Beurtei-
lungsgrundlage bilden konnte und die Vorinstanz ein pluridisziplinäres Gut-
achten in den Fachbereichen Rheumatologie und Neurochirurgie hätte ein-
holen müssen.
8.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführerin nicht stabil ist, womit dem Hauptantrag der Beschwerde-
führerin auf Zusprache einer Invalidenrente nicht gefolgt werden kann. Hin-
gegen ist der Eventualantrag der Beschwerdeführerin gutzuheissen und
C-6058/2019
Seite 28
die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die medizinischen Akten
sind mit allenfalls neuen Behandlungsberichten zu aktualisieren und da-
nach ein pluridisziplinäres Gutachten in den Fachbereichen Psychiatrie,
Rheumatologie und Neurochirurgie einzuholen. Dabei werden sich die Gut-
achter nicht nur zur aktuellen gesundheitlichen Situation der Beschwerde-
führerin zu äussern haben, sondern auch zu den bereits bestehenden ärzt-
lichen Berichten und allenfalls davon abweichenden Befunden. Der Antrag
der Beschwerdeführerin auf ein Sachverständigengutachten ist daher in-
sofern gutzuheissen, als die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen ist,
damit sie die genannten weiteren Abklärungen in die Wege leitet.
9.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht mit den Parteien einig (BVGer
act. 1, 8, 10), dass vorliegend der medizinische Sachverhalt nicht hinrei-
chend abgeklärt wurde. Die Vorinstanz beantragte in ihrer Duplik (BVGer
act. 10) die Gutheissung der Beschwerde, die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung und die Rückweisung der Sache. Die Beschwerdeführerin
beantragte eventualiter ebenfalls die Rückweisung (BVGer act. 1). In Be-
zug auf die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz liegen damit über-
einstimmende Anträge der Parteien vor. Es sind keine Gründe ersichtlich
und aus den Akten ergeben sich auch keine Anhaltspunkte, die der Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz nach der Rechtsprechung von BGE
137 V 210 entgegenständen.
9.2 Vorliegend ist, wie erwähnt, eine Begutachtung in den Fachdisziplinen
Neurochirurgie, Rheumatologie und Psychiatrie (letztere unter Berücksich-
tigung der Standardindikatoren gemäss neuer bundesgerichtlicher Recht-
sprechung, BGE 143 V 418; 143 V 409; 141 V 281) angezeigt. Die Ent-
scheidung, ob neben den genannten Fachdisziplinen auch noch weitere
Spezialisten beigezogen werden, ist dem pflichtgemessen Ermessen der
Gutachterinnen und Gutachter zu überlassen, zumal es primär ihre Auf-
gabe ist, aufgrund der konkreten Fragestellung über die erforderlichen Un-
tersuchungen zu befinden (Urteil des BGer 8C_124/2008 vom 17. Oktober
2008 E. 6.3.1). Mit der pluridisziplinären Begutachtung kann sichergestellt
werden, dass alle relevanten Gesundheitsschädigungen erfasst und die
daraus jeweils abgeleiteten Einflüsse auf die Arbeitsfähigkeit würdigend in
einem Gesamtergebnis ausgedrückt werden (vgl. SVR 2008 IV Nr. 15 S.
44, E. 2.1; Urteil des BVGer C-2713/2015 vom 13. Oktober 2016 E. 5.1).
Die beauftragten Sachverständigen sind letztverantwortlich, einerseits für
C-6058/2019
Seite 29
die fachliche Güte und die Vollständigkeit der interdisziplinär erstellten Ent-
scheidungsgrundlage, anderseits aber auch für eine wirtschaftliche Abklä-
rung (BGE 139 V 349 E. 3.2 f.).
9.3 Nach neuer Ermittlung des vollständigen medizinischen Sachverhalts
hat die Vorinstanz auch abzuklären, ob und in welchem Ausmass die Be-
schwerdeführerin zufolge ihres Gesundheitszustandes auf dem ihr nach
ihren Fähigkeiten noch offenstehenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu-
mutbarerweise noch erwerbstätig sein könnte (Urteil des BGer
9C_921/2009 vom 22. Juni 2010, E. 5.3), dies einerseits in Bezug auf ihre
angestammte Tätigkeit als Kurierfahrerin, die eine mittelschwere Arbeit mit
Heben und Tragen von Lasten bis zu 25 kg (Vorakten 9/6) beinhaltet, und
anderseits in Bezug auf eine Verweistätigkeit. Dabei sind an die Konkreti-
sierung von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten praxisgemäss
nicht übermässige Anforderungen zu stellen (Urteile des BGer
9C_744/2008 vom 19. November 2008 E. 3.2 und 9C_236/2008 vom
4. August 2008 E. 4.2; Urteil des EVG I 349/01 vom 3. Dezember 2003
E. 6.1) und ist die Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person nach der Tä-
tigkeit zu beurteilen, die sie – im Rahmen der Schadenminderungspflicht
(Art. 21 Abs. 4 ATSG) – nach ihren persönlichen Verhältnissen und gege-
benenfalls nach einer gewissen Anpassungszeit bei gutem Willen ausüben
könnte (Urteil des BVGer C-4315/2009 vom 22. August 2011 E. 5.2 m.H.).
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insoweit gutzuheissen, als die an-
gefochtene Verfügung vom 14. Oktober 2019 aufzuheben und die Sache
an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, damit sie nach Einholen eines pluri-
disziplinären Gutachtens in den Fachbereichen Neurochirurgie, Psychiatrie
und Rheumatologie über das Leistungsbegehren erneut entscheidet.
11.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine etwaige Parteient-
schädigung.
11.1 Eine Rückweisung gilt praxisgemäss als Obsiegen der Beschwerde
führenden Partei (BGE 132 V 215 E. 6). Bei diesem Ausgang des Verfah-
rens sind weder der Beschwerdeführerin noch der Vorinstanz Verfahrens-
kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 [e contrario] und Abs. 2 VwVG). Der
obsiegenden Beschwerdeführerin ist der von ihr geleistete Kostenvor-
schuss im Betrag von Fr. 800.– nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegen-
den Urteils auf ein von ihr zu bezeichnendes Konto zurückzuerstatten.
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Seite 30
11.2 Die Beschwerdeinstanz kann gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG der ganz
oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren
eine Entschädigung für ihr erwachsene notwendige und verhältnismässig
hohe Kosten zusprechen. Der anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin
ist – unter Berücksichtigung des als notwendig zu erachtenden Aufwandes
– eine Parteientschädigung von Fr. 2'800.- auszurichten (vgl. Art. 14 Abs.
2 VGKE).