Decision ID: c5c4ffe4-cc2c-43a7-9f43-0932e0e5e6ca
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Wegen Führens eines Personenwagens in Flums, ohne im Besitz eines
entsprechenden Führerausweises zu sein, wurde X der Lernfahrausweis für die
Führerausweiskategorie B mit Verfügung des Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamtes
(nachfolgend: Strassenverkehrsamt) vom 29. November 2005 für sechs Monate
verweigert. Seit dem 13. Juli 2009 verfügte er über einen entsprechenden
Führerausweis. Nachdem er am 29. Oktober 2009 wegen mangelnder Aufmerksamkeit
und nicht angepasster Geschwindigkeit in der Stadt St. Gallen einen Verkehrsunfall
verursacht hatte, sprach das Strassenverkehrsamt am 6. April 2010 einen
zweimonatigen Führerausweisentzug aus. Aufgrund einer
Geschwindigkeitsüberschreitung von 40 km/h auf der Autobahn in Wil vom 29. April
2014 wurde ihm der Führerausweis für sieben Monate, bis zum 28. August 2015,
entzogen.
B.- Die Polizeiinspektion Lustenau erhielt am 13. Juni 2015 um 4.40 Uhr eine Meldung,
wonach ein Personenwagen im Graben auf der Zellgasse liegen würde. Gemäss der
gleichentags erstellten Anzeige wurde das Fahrzeug von X trotz entzogener
Lenkberechtigung geführt. Am 6. August 2015 wurde ihm mit Bescheid der
Bezirkshauptmannschaft Dornbirn verboten, während drei Monaten den
schweizerischen Führerausweis in Österreich zu gebrauchen und ein Fahrzeug zu
lenken. Mit Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 15. Oktober 2015 wurde der
Führerausweis wegen Führens eines Personenwagens trotz Führerausweisentzuges für
zwölf Monate entzogen.
Am 29. Oktober 2015 erhob X gegen die Verfügung vom 15. Oktober 2015 Rekurs bei
der Verwaltungsrekurskommission und bestritt, am 13. Juni 2015 in Lustenau ein
Fahrzeug gelenkt zu haben.
C.- Mit Verfügung vom 25. November 2015 wurde X der Führerausweis vorsorglich
entzogen, nachdem er am 24. Oktober 2015 die zulässige Höchstgeschwindigkeit
innerorts um 28 km/h überschritten hatte. Da das Strassenverkehrsamt aufgrund der
Häufung der Verkehrsregelverletzungen innerhalb von zwei Jahren Zweifel an der
Fahreignung hatte, forderte es X mit Zwischenverfügung vom 14. Dezember 2015 auf,
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sich mit einem verkehrspsychologischen Institut in Verbindung zu setzen, um einen
Untersuchungstermin zu vereinbaren. Mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes
St. Gallen vom 17. Dezember 2015 wurde er im Zusammenhang mit dem Vorfall vom
24. Oktober 2015 wegen Missachtung der Höchstgeschwindigkeit innerorts der groben
Verkehrsverletzung schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von Fr. 1‘200.–
verurteilt. Am 15. Januar 2016 verfügte das Strassenverkehrsamt einen
Sicherungsentzug auf unbestimmte Zeit. X war der Aufforderung, sich
verkehrspsychologisch untersuchen zu lassen, nicht nachgekommen.
D.- Am 10. Dezember 2015 hatte X ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege bei der
Verwaltungsrekurskommission eingereicht. Dieses wurde mit Verfügung vom
29. Februar 2016 wegen Aussichtslosigkeit des Rekurses abgewiesen; dagegen wurde
keine Beschwerde erhoben. Die Vorinstanz verzichtete mit Schreiben vom 25. Mai
2016 auf eine Vernehmlassung. Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit

erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 29. Oktober 2015 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
Im vorliegenden Verfahren geht es einzig um den Warnungsentzug gemäss Verfügung
vom 15. Oktober 2015.
2.- In tatsächlicher Hinsicht ist unbestritten, dass der Rekurrent am 13. Juni 2015 vor
Ort war, als der Personenwagen seines Vaters auf der Zellgasse in Lustenau ins
Schleudern geriet, dadurch von der Strasse abkam und gegen einen Zaun prallte. Der
Rekurrent bestreitet, das Fahrzeug gelenkt zu haben.
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a) Nach Strassenverkehrsdelikten befindet das Strafgericht über die strafrechtlichen
Sanktionen (Freiheitsstrafe, Geldstrafe, Busse) und die Verwaltungsbehörde in einem
separaten Verfahren über Administrativmassnahmen (insbesondere
Führerausweisentzug, Verwarnung). Die Zweispurigkeit des Verfahrens ist zulässig,
kann aber – bei fehlender Koordination – dazu führen, dass derselbe Lebensvorgang zu
voneinander abweichenden Sachverhaltsfeststellungen von Verwaltungs- und
Justizbehörden führt und die erhobenen Beweise abweichend gewürdigt und rechtlich
beurteilt werden. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat die Verwaltungsbehörde im
Interesse von Rechtseinheit und Rechtssicherheit gemäss konstanter
bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich mit ihrem Entscheid zuzuwarten,
bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Denn das Strafverfahren bietet durch die
verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die umfassenderen persönlichen
und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die weiterreichenden prozessualen
Befugnisse besser Gewähr dafür, dass das Ergebnis der Sachverhaltsermittlung näher
bei der materiellen Wahrheit liegt als im nicht durchwegs derselben Formstrenge
unterliegenden Verwaltungsverfahren. Massgeblich ist also grundsätzlich der
Sachverhalt, wie er im Strafverfahren festgestellt wurde. Nach konstanter
Rechtsprechung darf die Verwaltungsbehörde von den tatsächlichen Feststellungen im
Strafurteil nur dann abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid zu
Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren oder die er nicht beachtet hat,
wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu einem anderen Entscheid
führt, wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter den feststehenden Tatsachen
klar widerspricht oder wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den
Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat, namentlich die Verletzung
bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103 E. 1c; Entscheid der
Verwaltungsrekurskommission IV-2012/126 vom 21. März 2013, im Internet abrufbar
unter: www.gerichte.sg.ch). Die Verwaltungsbehörde hat vor allem dann auf die
Tatsachen im Strafurteil abzustellen, wenn dieses im ordentlichen Verfahren ergangen
ist (BGE 119 Ib 158 E. 3c/aa). Die Bindungswirkung an die Sachverhaltsdarstellung
besteht aber auch dann, wenn die Strafsache mit Bussenverfügung erledigt wurde,
welche sich ausschliesslich auf den Polizeirapport stützt, sofern der Betroffene wusste
oder angesichts der Schwere der ihm angelasteten Übertretung voraussehen musste,
dass gegen ihn auch ein Verfahren wegen Führerausweisentzugs eingeleitet wird oder
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er darüber informiert worden ist, und er es im Rahmen des summarischen
Strafverfahrens unterlassen hat, seine Verteidigungsrechte wahrzunehmen. Unter
diesen Umständen darf er nicht das Verwaltungsverfahren abwarten, um allfällige
Rügen vorzubringen und Beweisanträge zu stellen (BGE 123 II 97 E. 3c/aa).
b) Sowohl das Führerausweisaberkennungs- als auch das Strafverfahren
(Straferkenntnis vom 3. September 2015, Geldstrafe von € 880.–) im Zusammenhang
mit dem Vorfall vom 13. Juni 2015 in Österreich sind rechtskräftig abgeschlossen. Die
Administrativbehörde ist grundsätzlich an die von den Strafbehörden festgestellten
Tatsachen gebunden (BGE 119 Ib 158 E. 3c/aa). Liegt eine strafrechtliche Verurteilung
im Ausland vor, darf das ausländische Urteil den Grundsätzen des schweizerischen
Rechts nicht widersprechen (BSK SVG-Rütsche/Weber, Basel 2014, Art 16c SVG N
11). Davon ist dann auszugehen, wenn der ausländische Strafrichter die Tatsachen in
einem förmlichen Verfahren festgestellt hat, das heisst, wenn dem Beschuldigten
dieselben Verfahrensrechte zustanden wie in der Schweiz (vgl. die Hinweise auf nicht
publizierte bundesgerichtliche Rechtsprechung bei Thomas Scherrer,
Administrativrechtliche Folgen von „Auslandtaten“, in: R. Schaffhauser [Hrsg.],
Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 227 ff., S. 245; Urteil
des Bundesgerichts [BGer] 6A.78/2002 vom 7. Februar 2003 E. 2.1). Die tatsächlichen
Feststellungen im österreichischen Strafverfahren beruhen auf einer Anzeige der
Polizeiinspektion Lustenau vom 25. Juli 2015, einem Ergänzungsbericht vom 30. Juli
2015, der den Sachverhalt genauer erläutert, und dem Bescheid vom 6. August 2015.
Das österreichische Strafverfahren ist ausführlicher als ein Schweizer
Strafbefehlsverfahren. Inwiefern dieses rechtstaatlichen Grundsätzen nicht genügt
haben soll, ist deshalb nicht ersichtlich (BGer 1C_392/2013 vom 23. Januar 2014 E.
3.2). Zum Zeitpunkt der Anzeigeerhebung gab der Rekurrent zwar an, nicht gefahren zu
sein. Am Abend desselben Tages erschien er aber in Begleitung eines Freundes erneut
auf der Dienststelle. Dem Ergänzungsbericht zur Folge habe er den Beamten danach
mitgeteilt, dass er abgeschoben werde, sollten die Schweizer Behörden davon
erfahren, dass er ohne Führerschein gefahren sei. Auf die Anzeige und den
Ergänzungsbericht stützte sich der Bescheid der Bezirkshauptmannschaft Dornbirn
vom 6. August 2015, mit welchem ihm das Recht aberkannt wurde, vom
schweizerischen Führerausweis in Österreich Gebrauch zu machen. Es bestanden
keine Zweifel an der Täterschaft des Rekurrenten. Der Bescheid ist rechtskräftig. Mit
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Verfügung vom 29. Februar 2016 wurde das Gesuch des Rekurrenten um
unentgeltliche Rechtspflege wegen Aussichtslosigkeit des Rekurses abgewiesen. Darin
wurde festgehalten, dass keine Anhaltspunkte dafür bestünden, dass die tatsächlichen
Feststellungen der österreichischen Behörden offensichtlich falsch seien, weshalb von
der Täterschaft des Rekurrenten auszugehen sei. Der Rekurrent erhob dagegen kein
Rechtsmittel, weshalb die Verfügung rechtskräftig wurde. Unter den gegebenen
Umständen muss er sich den Sachverhalt, wie er im österreichischen Strafverfahren
festgestellt wurde, entgegenhalten lassen. Insbesondere kann im
Administrativmassnahmenverfahren nicht mehr an den Grundfesten des
Strafentscheids gerüttelt und die Täterschaft bestritten werden.
3.- Zu prüfen bleibt, ob das Lenken eines Personenwagens trotz Entzugs des
Führerausweises eine schwere Widerhandlung darstellt, die eine entsprechende
Administrativmassnahme nach sich zieht.
a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen ist,
der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche Gefahr für
die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die Widerhandlung
schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Von einer mittelschweren
Widerhandlung ist immer dann auszugehen, wenn nicht alle privilegierenden Elemente
einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer schweren Widerhandlung erfüllt sind
(vgl. BBl 1999 S. 4487). Ebenfalls eine schwere Widerhandlung begeht, wer ein
Motorfahrzeug trotz Ausweisentzugs führt (Art. 16c Abs. 1 lit. f SVG). Nach einer
schweren Widerhandlung wird der Führerausweis gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. c SVG für
mindestens zwölf Monate entzogen, wenn in den vorangegangenen fünf Jahren der
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Ausweis bereits einmal wegen einer schweren Widerhandlung oder zweimal wegen
einer mittelschweren Widerhandlung entzogen war. Bei der Festsetzung der Dauer des
Lernfahr- oder Führerausweisentzugs sind die Umstände des Einzelfalls zu
berücksichtigen, namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden,
der Leumund als Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein
Motorfahrzeug zu führen. Die Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten
werden (Art. 16 Abs. 3 SVG). Die Vorinstanz entzog den Führerausweis wegen Lenkens
eines Personenwagens trotz Führerausweisentzugs für zwölf Monate. Da dem
Beschwerdeführer im Jahr 2015 der Führerausweis bereits aufgrund einer schweren
Widerhandlung für sieben Monate vom 29. Januar bis zum 28. August 2015 entzogen
worden war, handelt es sich dabei um die Mindestentzugsdauer, die nicht
unterschritten werden darf. Entsprechend ist der Rekurs abzuweisen.
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen. Angemessen erscheint eine Entscheidgebühr von Fr. 1‘200.– (vgl. Art. 7
Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 914.12). Der Kostenvorschuss von Fr.
1‘200.– ist zu verrechnen.