Decision ID: 370588c4-d9eb-4104-ba7d-eb6725d76ac6
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1967 geborene
X._
ist gelernte
Coiffeuse
und Mutter von vier mitt
ler
weile volljährigen Kindern (Urk. 8/23/130 ff.).
Sie arbeitet
teilzeitlich
in der am 26. April 2011 von ihrem Ehemann gegründeten
Y._
GmbH
, wobei sie zu einem kleineren Stammanteil auch G
esellschafterin
ist,
nebst ihrem
als Geschäftsführer amtenden
Ehemann (vgl. zefix.ch). Nebenbei bot sie als
Selbständigerwerbende
Coiffeuse
-Dienste in ihren Wohnräumen an (Urk. 8/45 ff.).
Seit 2014 litt die Versicherte an einer chronischen
Achillodynie
bei operierter
Haglundverse
rechts, was infolge
eines Skiunfalles
im März 2015
zu einer
Partial
r
uptur der Achillessehne links
führte, die am 2
. A
pril 2015
operiert und nach eine
r
vollständigen
Reruptur
am 21. Oktober 2016 erneut
operativ versorgt wer
den musste (vgl. Urk. 8/28/34 f.).
Sie
meldete sich am 28. August 2017
bei der für den Unfall zuständigen Suva
,
dort
eingegangen am 6. September 2017, zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (Urk. 8/23/130 ff.). Die Sozialver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zog wiederholt die Akten der Suva bei (Urk. 8/2/1-53, Urk. 8/23/1-185, Urk. 8/28/1-56, Urk. 8/46-47) und füh
rte am 12. April 2018 ein Standortgespräch zur Prüfung der Eingliederungs
möglich
kei
ten
durch
(Urk. 8/32).
Der Anspruch auf
E
ingliederungsmassnahmen wurde
mit Mitteilung vom 17. April 2018 als nicht durchführbar
verneint
(Urk. 8/33).
An
schliessend ersuchte
die IV-Stelle
die behandelnden Ärzte (Urk. 8/39, Urk. 8/49
) sowie den Ehemann der Versicherten als Arbeitgeber (Urk. 8/44) um Auskünfte
und klärte vor Ort die erwerblichen Verhältnisse ab (Abklärungsbericht für
Selb
ständigerwerbende
vom 1. Februar 2019, Urk. 8/51). Zu dieser Aktenlage nahm
Dr. med.
Z._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumato
lo
g
ie, Arzt des Regionalen Ärztlichen
Dienste
s (RAD), am 19. Dezember 2018 Stellung (Urk. 8/52/6 ff.). Mit Vorbescheid vom 13. März 2019 stellte die IV-Stelle
X._
die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht (Urk. 8/54), woge
gen diese am 26. April 2019 (Urk. 8/59) Einwände erhob, die sie mit Schreiben vom 6. Juni 2019 begründete (Urk. 8/61 f.)
. Die IV-Stelle holte hierauf beim be
handelnden Ortho
päden (Urk. 8/73) sowie
bei der
seit Januar 2020
neu behan
delnde
n
Psy
chiaterin
Berichte ein (Urk. 8/74), wozu so
wohl Dr.
Z._
(Urk. 8/81/6)
wie die Beschwerde
führerin (Urk. 8/79) Stellung na
hmen. Mit Verfügung vom 29. Okto
ber 2020 verneinte die IV-Stelle wie vorbeschieden einen Anspruch auf
eine
Invalidenrente (Urk. 2).
2.
Die Suva ihrerseits hatte den Versicherungsfall unter
Zusprache
einer Rente gestützt auf eine Erwerbsunfähigkeit von 29 % per 1. September 2018 sowie der
Zusprache
einer Integritätsentschädigung aufgrund einer Einbusse von 10 % mit Verfügung vom 23. Oktober 2018 abgeschlossen (Urk. 8/47).
3.
Gegen die Verfügung vom 29. Oktober 2020 erhob die
X._
am 1.
Dezem
ber 2020 Beschwerde und beantragte, es sei ihr ab März 2018 eine halbe Inva
lidenrente zuzusprechen, allenfalls sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zur medizinischen, jedenfalls psychiatrischen, Begutachtung zurückzuweisen (Urk. 1)
. Die IV-Stelle schloss in ihrer Vernehmlassung vom 27. Januar 2021 auf Abwei
sung der Beschwerde (Urk.
7), was der Beschwerdeführerin angezeigt wurde (Urk.
9).
Auf
die Vorbringen
der Parteien sowie die vorliegenden Akten wird, soweit erfor
derlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Beschwerdegegnerin führte in der Begründung ihres Entscheides im Wesent
lichen aus, dass sie die Beschwerdeführeri
n als Erwerbstätige qualifiziere
, wobei 40 % auf die Tätig
keit als selbständige
Coiffeuse
und 60 % auf administrative Tätigkeiten im Geschäft ihres Ehemannes entfielen. Diese letztere Tätigkeit sei ihr gemäss medizinischer Aktenlage weiterhin in einem Pensum von vier Stunden täglich zumutbar, was
-
verglichen mit der betriebsüblichen Arbeitszeit von
8,4
Stunden pro Tag - einem Pensum von 47,6 % entspreche. Damit sei ihr weiter
hin die Erzielung eines Erwerbseinkommens von Fr. 41'253.35 möglich. Die Auf
gabe der dem Leiden nicht angepassten selbständigen Tätigkeit als
Coiffeuse
sei zumutbar. Ohne gesundheitliche Einschränkung wäre sie in der Lage ein Einkom
men von Fr. 57'856.95 zu erzielen, woraus sich eine Erwerbseinbusse von
Fr.
16'603.60 oder ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad von 29 % errechne
.
Die
zusätzlich geltend gemachten Leiden infolge der im April 2014 erfolgten Operation am linken Fuss, der
im
Herbst 2016 behandelten Schulterprobleme rechts sowie der Probleme im rechten Fuss hätten keine längerdauernden bzw. über die bereits berücksichtigten
hinausgehenden
Einschränkungen zur Folge.
Die psychiatrische Therapie sei erst im Januar 2020 aufgenommen worden und es werde vom Facharzt bestätigt, dass Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit
sowie eine verminderte Ausdauer und Auffassung bestünden. Allerdings sei die medikamentöse Behandlung des diagnostizierten Aufmerksamkeits-Defizit-Syn
droms (ADS) noch nicht optimal eingestellt und die Behandlungsmöglichkeit all
ge
mein noch nicht erschöpft. Laut RAD-Arzt seien keine weiteren Massnahmen oder Abklärungen erforderlich.
1.2
Die Beschwerdeführerin lässt geltend machen, sie leide bereits seit 2014 an Fuss
problemen
und habe
mehrere Unfälle erlitten
. Grundsätzlich hätte sie daher be
reits im März 2016 Anspruch auf eine ganze Rente gehabt; dieser Anspruch habe wegen verspäteter Anmeldung jedoch erst im März 2018 entstehen können. Be
reits während ihres stationären Aufenthalts in der Rehaklinik
A._
anfangs 2018 sei sie psychotherapeutisch behandelt worden. Die anschliessende psycho
thera
peutische Betreuung und pharmakologische Behandlung bei einer schlecht Deutsch sprechenden
und daher die Empfehlungen der Ärzte der Rehaklinik nicht beachtet habenden
Psychiaterin habe sie 2019 abgebrochen
. Seit Anfang 2020 stehe sie erneut in psychiatrischer Behandlung. Der RAD-Arzt spreche sich nur über die somatischen Leiden aus und die Beschwerdegegnerin habe den Unter
suchungsgrundsatz verletzt, indem sie die psychischen Krankheiten, an denen sie leide, nicht abgeklärt habe. Die Arbeitsstelle beim Ehemann bestehe nicht mehr. Sie könne den Anforderungen bis auf einen ganz kleinen Teil (Mehrwert
steuer
abrechnungen) nicht mehr genügen und werde eher aus therapeutischen Gründen eingesetzt. Die Administrationstätigkeit sei wegen andauernder Depression und Konzentrationsschwierigkeiten und die ebenfalls im Dienste der GmbH erforder
lichen Transport- und Botengänge seien infolge der Fussbeschwerden nicht mehr zumutbar. Die Invaliditätsbemessung sei nicht korrekt erfolgt. Beim Invalidenein
kommen sei auf die Tabellenlöhne abzustellen, was selbst bei der bestrittenen Annahme einer zumutbaren täglichen Arbeitszeit von vier Stunden pro Tag ein
en
Invaliditätsgrad von 50 % ergeben würde.
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über dem Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung
des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversi
che
rung (IVG)
aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und
nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliede
rung
s
massnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeits
marktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffern
mässig möglichst genau ermittelt und einander
gegenü
I
._
_
estellt
werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (sog. all
gemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2
, 128 V 29 E. 1
).
2.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
Ein wesentlicher Unterbruch der Arbeitsu
nfähigkeit im Sinne von Artikel
28 Abs. 1
lit
. b IVG liegt gemäss Art. 29
ter
der
Verordnung über die Invaliden
versi
cherung (IVV)
vor, wenn die vers
icherte Person an mindestens 30
aufeinander
folgenden Tagen voll arbeitsfähig war
.
Der Rentenanspruch entsteht gemäss Art. 29 IVG frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Artikel 29 Abs. 1 ATSG, jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des 18. Alters
jahres folgt (Abs. 1).
2.4
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abge
geben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Zudem muss der Arzt über die notwendigen fachlichen Qualifikationen ver
fügen. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a; Urteil des Bundesgerichts 8C_225/2021 vom 10. Juni 2021 E. 3.2, je mit Hinweisen).
2.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die
Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1
GSVGer
).
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die Beschwer
de
instanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (im Verwal
tungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt überhaupt für gutachterlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativexpertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betreffende Beweis
erhebung erfolgt alsdann vor der – anschliessend reformatorisch entscheidenden
– Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. Eine
Rückweisung an den Versicherungsträger bleibt hingegen möglich, wenn sie allein
in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begrün
det ist. Ausserdem bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Ver
fahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurückzuweisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE 139 V 99 E. 1.1, 137 V 210
E. 4.4.1.4 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 9C_354/2020 vom 8. September 2020 E. 2.1)
.
3.
3.1
Auf Veranlassung der Suva hielt sich die Beschwerdeführerin vom 15. Januar bis 15. Februar 2018 in der Rehaklinik
A._
zur stationären Behandlung auf. Im Austrittsbericht vom 16. Februar 2018 (Urk. 8/28/34-52) führten die behandeln
den Fachpersonen folgende Diagnosen
auf
:
-
Ruptur der Achillessehne bei Status nach Vor-Operation (infolge nach
fol
gender Diagnose)
-
03/2015 MRI Sprunggelenk links: Partialruptur Achillessehne links
-
02.04.2015 Revision des Achillessehnenansatzes mit Exzision eines kleinen Knochenfragmentes, Achillessehnennaht und
transossäre
Re
in
sertion
mittels zweier
Mitek
-A
nker, partielle Knochenexzision und
Bursektion
, Narbenkorrektur
-
14.09.2016 MRI Sprunggelenk links: Vollständige Ruptur der Achil
les
sehne, ca. 6,5 cm oberhalb der Insertion. Der überwiegende Teil der Sehne gerissen, lediglich im äusseren lateralen Aspekt noch
residuelle
durchgehende Fasern. Keine relevante Retraktion des proximalen Stumpfes.
Flämatom
. Verdacht auf Partialruptur an der
inframalleo
lären
Peronealsehne
. Verdacht auf Teilruptur Ligamentum
deltoideum
.
-
21.10.2016
Débridement
Achillessehne links und Rekonstruktion mit
Doppelung und
transkalkaneärer
T
unnelung
mittels
flexor
hallucis
longus
links
-
20.07.
2017 Röntgen Fuss sowie MRI Achillessehne rechts: Deutliche Verkalkung im Insertionsbereich der Achillessehne, welche in sich jedoch wenig degenerative Veränderung zeigt. Stressödem angrenzend im
Kalkaneus
Höhe Zone 1
-
Haglund
-Ferse beidseits
-
kons
er
v
ative Behandlung rechts
-
03.04.2014
Haglundexostosen
-Entfernung links, gleichzeitig Knochen
ent
fernung Achillessehnenansatz durch Revision der Achillessehne mit
transossärer
Refixation
derselben,
Bursektomie
links
-
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4); Differenzial
diagnose: Mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11); Psychosomatisches Konsilium Rehaklinik
A._
-
Hypothyreose (unter
Eltroxin
)
-
Hypercholesterinämie (unter
Atorvastatin
)
Bei Austritt
hätten als Probleme
ein leicht hinkendes Gangbild, bewegungs- und belastungsabhängige Schmerzen am Fuss/oberen Sprunggelenk/Unterschenkel lateral sowie muskuläre
Dysbalancen
am Schultergürtel bestanden. Im Rahmen der stationären Rehabilitation
habe
keine namhafte Verbesserung der Beschwer
den erzielt werden können. Weitere physiotherapeutische Massnahmen seien nicht
vorgesehen. Sie würden ein selbständiges Training in einem Fitnesscenter gemäss den Instruktionen in ihrem Trainingsprogramm, ferner die Aufnahme einer Aus
dauersportart (beispielsweise Nordic-Walking, Aquajogging, Schwimmen) empfeh
len.
Aufgrund der vorliegenden affektiven Auffälligkeiten würden sie zur Weiter
führung der psychotherapeutischen Betreuung und psychopharmakologischen Behandlung raten. Sie hätten die Beschwerdeführer
in
auf die Warteliste der
B._
AG, Gruppenpraxis
C._
, gesetzt. Die festgestellte psychische Störung begründe keine arbeitsrelevante Leistungsminderung (zusätz
lich zu den
muskuloskelettal
bedingten Einschränkungen). Somatoforme Störun
gen führten grundsätzlich nicht zur Arbeitsunfähigkeit. Je nach Funktionsniveau und Ressourcen eines Patienten könnten allerdings Einschränkungen vorliegen. Aufgrund der aktuell geringen psychophysischen Belastbarkeit mit Schmerzen, Erschöpfung und der aktuellen Verzweiflung sollte die Beschwerdeführerin beruf
lich leistungsmässig nicht überfordert werden und mehr Kurzpausen einlegen. Es
werde davon ausgegangen, dass die erwähnten Bedingungen am aktuellen Arbeits
platz
bereits gewährleistet seien.
Die Arbeitsunfähigkeit für die berufliche Tätig
keit als Administratorin (60 % sitzende Tätigkeit, 40 % Transport- und Boten
gänge) betrage 40 % ab dem 16. Februar 2018 (entsprechend dem vom Arbeit
geber angegebenen Anteil der rein administrativen Tätigkeit von 60 %). Die
Nebentätigkeit als
Coiffeuse
, einer vorwiegend gehend-stehenden Tätigkeit, könne
nicht mehr empfohlen werden. Zumutbar sei jede andere berufliche Tätigkeit mit sehr leichter Arbeit und ganztags. Als spezielle Einschränkungen betreffend den linken Fuss gelte: Es müsse sich um eine vorwiegend sitzende Tätigkeit, ohne häufiges/längerdauerndes Treppensteigen und ohne Gehen auf unebenem Gelän
de handeln.
In der somatischen Beurteilung legten die Ärzte der Rehaklinik
A._
dar, dass fast drei Jahre nach operativ versorgter Ruptur der Achillessehne links auf dem Boden einer voroperierten
H
aglundferse
sowie fast 1,5 Jahre nach
Reruptur
und folglich Rekonstruktion der Achillessehne aktuell die bei Austritt geschilderten Beschwerden und Einschränkungen bestünden. In der Bildgebung hätten sich zuletzt Verkalkungen an der Achillessehneninsertion sowie ein angrenzen
des Ödem im
Kalkaneus
gezeigt. W
ährend des Aufenthaltes habe die Beschwerde
führerin einen dysfunktionalen Umgang mit Schmerzen gezeigt, das Erarbeiten von Aktivitätszielen sei nur mit namhafter Unterstützung möglich gewesen. Trotz objektivierbarer Fortschritte habe die Beschwerdeführerin keinen Profit aus dem Aufenthalt angegeben. Dem Behandlungsteam gegenüber habe sie sich häufig vorwurfsvoll geäussert und habe vermittelt, sich nicht ernst genommen zu fühlen, obwohl man sich Zeit für aufklärende Gespräche im Rahmen von Extraterminen mit ihr genommen habe. Vorschläge, wie zum Beispiel
die versuchsweise
Ein
nahme eines NSAR, seien von der Beschwerdeführerin nicht umgesetzt worden. Bei den Belastbarkeitstests habe sie sich leistungsbereit im Rahmen des Zumut
baren gezeigt. Das Ausmass der demonstrierten physischen Einschränkungen lasse
sich mit den objektivierbaren pathologischen Befunden der klinischen Unter
suchung und bildgebenden Abklärungen sowie den Diagnosen aus somatischer S
icht nur zum Teil erklären. D
ie von der Beschwerdeführerin beschriebenen Schmerzen medial der rechten
Skapula
interpretierten sie im Rahmen muskulärer
Dysbalancen
im Schulternackenbereich, wie sie häufig bei administrativ-tätigen Menschen zu beobachten seien.
In der psychosomatischen Beurteilung (vgl. auch das im Anhang vorliegend psy
chosomatische Konsilium vom 15. Februar 2018, Urk. 8/28/49-52) hielt die
Psy
chologin
fest, bei der Beschwerdeführerin lägen Schmerzen vor, die im Mittel
punkt ihres Lebens stünden und kaum beeinflussbar gewesen seien. Zusätzlich sei es durch den langandauernden Heilverlauf zur Entwicklung einer depressiven Symptomatik (Lustlosigkeit, Erschöpfung, Schlafprobleme) und einer unsicher-pessimistischen Haltung mit Zukunftssorgen in Form von grüblerischen Gedan
ken gekommen. Die Beschwerdeführerin erscheine stark auf ihre Schmerzen fixiert und habe subjektiv von einer vermehrten Gereiztheit im Alltag berichtet, was mit einem psychischen Leidensdruck verbunden gewesen sei.
3.2
Suva-Kreisarzt Dr. med. D._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie, hielt anlässlich der Abschlussuntersuchung vom 25. April 20
18
fest (Urk. 8/65/75 ff.), zumutbare Tätigkeiten seien körperlich leichte Arbeiten, mit spezieller Einschränkung bezüglich des linken Fusses, mit vorwiegend sitzen
den Tätigkeiten, ohne häufiges/länger dauerndes Treppensteigen und ohne Gehen auf unebenem Gelände. Unter Einhaltung dieser Einschränkungen sei ein 100%iges Pensum zumutbar. Nicht mehr zumutba
r sei die ausgeübte Nebentätig
keit
als
Coiffeuse
, da diese vorwiegend gehend/stehend
verrichtet werde
. Zu
mutbar für die berufliche Tätigkeit als Administratorin sei ein Pensum von vier Stunden täglich, dies bei 60 % sitzender Tätigkeit und 40 % Transport- und Botengänge. Als unfallfremd hielt Dr.
D._
die muskuläre
Dysbalance
im Bereich des Schultergürtels sowie die anhalte
nde
somatoforme Schmerzstö
rung/
Depression fest.
3.3
Hausarzt Dr. med.
E._
, Facharzt FMH Allgemeine Medizin, Manuelle Medi
zin SAMM, verwies in seinem Kurzbericht vom 17. Juli 2018 (Urk. 8/39) auf die beigelegten Bericht
s
kopien. Zur Arbeitsfähigkeit hielt er fest, dass die Beschwer
deführerin als kaufmännische Angestellte mit Teilzeitbeschäftigung in der Firma ihres Gatten, als Te
ilzeit-
Coiffeuse
und
als
im Haushalt
T
ätige
seines
Erachtens zu 50 % ganztags arbeitsfähig sei.
3.4
Dr. med.
pract
. F._ und Prof. Dr. med. G._
, Ärztlicher Leiter der
B._
-Praxis
C._
, berichteten am 9. Oktober 2018 über die vom
12. März bis 3. September 2018 stattgehabte psychiatrische Behandlung (Urk. 8/
49
; vgl. auch d
ie Krankengeschichte: Urk. 8/72
). Als Diagnosen nannten sie eine so
ma
toforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) sowie psychische und Verhaltensstö
rungen durch
Cannabinoide
: schädlicher Gebrauch seit der Jugend (ICD-10: F12.1). Unter einziger Nennung der Tätigkeit als Friseurin («von Zuhause, sie kann sich die Kundinnen frei einteilen, abhängig von ihren Bedürfnissen») hielten sie die bisherige Tätigkeit für «3-4 pro Tag max. 3 Tage pro Woche» als zumutbar, wobei auch «kann ich nicht beantworten» angekreuzt wurde.
Unter den gefragten
Funktionseinschränkungen wurde festgehalten, die Beschwerdeführerin sei schnell
überfordert und habe wenig Motivation.
3.5
Dr. med.
H._
, Orthopädische Chirurgie FMH,
konnte
auf Anfrage
hin keine Angaben zur (aktuellen) Arbeitsfähigkeit machen mit der Begründung
, dass er die Beschwerdeführerin seit 2016 nicht mehr gesehen habe (Urk. 8/73)
.
3.6
Die seit 7. Januar 2020 behandelnde Dr. med.
I._
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete am 9. März 2020 (Urk. 8/74). Sie diagnostizierte mit
Wirkung auf die Arbeitsfähigkeit (1) eine mittelschwere depressive Episode, F32
.1, (Diagnose Mitte 2019), (2) ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom
(ADS)
, F90 (Diagnose 02/2020) und eine
Haglund
-Deformität beidseits. Als aktuelle medizi
nische Symptomatik und Situation nannte
sie: i
nnerlich
unruhig, sehr ange
spannt,
deutliche Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen; Stimmung deprimiert
, wenig Antrieb, wenig Fäh
igkeiten zur Selbststrukturierung; Angabe chronischer Schmerzen im linken Fuss und Unterschenkel, Rücken- und Schu
lterschmerzen; i
nhaltlich sehr fixiert auf Schmerzen. Zum psychischen Befund notierte sie mittelschwere Konzentrationsstörungen, sie könne sich schwer an genaue Zeiten des Erkrankungsverlaufs erinnern. Die Aufmerksamkeit sei mittelschwer beein
trächtigt, der formale Gedankengang mitunter sprunghaft, gelegentlich vorbeire
dend, die Beschwerdeführerin müsse wiederholt auf
die
ursprüngliche Frage zu
rückgeführt werden. Inhaltlich sei sie eingeengt auf somatische Probleme, affek
tiv leicht niedergeschlagen.
Anlässlich weiterer Konsultationen habe die Beschwer
deführerin geordneter und besser konzentriert gewirkt, mit Nachlassen von Auf
merk
samkeit und Konzentration nach maximal 45 Minuten.
Die Schwingungs
f
ähigkeit sei leicht reduziert. E
s bestünden weder Ich-Störungen, Zwänge, unspe
zifische Ängste noch Schlafstörungen. Der Appetit sei normal und der Antrieb sowie das Aktivitätsniveau unauffällig. Es finde alle 7 bis 14 Tage eine kognitive Verhaltenstherapie statt, ferner werde das ADS medikamentös behandelt und gleichzeitig die Motivation für erkrankungsspezifische nicht-medikamentöse Be
handlungsoptionen
(Sport, Ausdauertraining)
gefördert.
Hinsichtlich der gegen
wär
tigen Tätigkeit im Betrieb des Ehemannes (Buchführungsaufgaben, Kurier
dienste) bestünden als Funktionseinschränkungen eine verminderte Ausdauer, Auf
fassung und Konzentrationsfähigkeit. Die Beschwerdeführerin sei leicht er
schöpfbar und die Leistungsfähigkeit stark schwankend. Es seien der Beschwer
deführerin in der bisherigen Tätigkeit 3-4 Stunden am Tag zumutbar und das Arbeitsprofil sei an die Grunderkrankung der Beschwerdeführerin bereits sehr angepasst. Prognostisch sei allenfalls eine leichte Steigerung der Arbeitsfähigkeit möglich. Zurzeit sei das ADS noch nicht optimal medikamentös eingestellt.
4.
In erwerblicher Hinsicht ergibt sich aus de
n vorliegenden Akten ausserdem F
ol
gendes:
4.1
Anlässlich zweier Besprechungen mit dem Suva-Sachbearbeiter am Wohnort der Beschwerdeführerin im August und November 2017 (Urk.
8/23/110 und Urk.
8/23/161) gab diese in Anwesenheit ihres Ehemannes und Geschäftsführers an, ihre Tätigkeit für die
Y._
GmbH betrage etwa ein 60%-Pensum und umfasse zu 60 % sitzende Tätigkeiten am Computer, zu 40 % stehende/gehende Tätigkeiten, Transport- und Botengänge, oft Treppensteigen, da das Geschäft einen Stock tiefer liege als ihr Büro, Gewichte bis etwa 10 kg tragen, und Gehen nur auf ebenem Gelände, nie auf Baustellen.
Anlässlich des Standortgesprächs vom 12. April 2018 (Urk. 8/32/2) umschrieben die Beschwerdeführerin sowie ihr Ehemann die Tätigkeit als Administra
tion/
Hilfsaufgaben, kleine Einsätze umfassend, je nach Bedarf, wie Botengänge (bei
spielsweise Pläne auf die Baustelle bringen), an Sitzungen teilnehmen, Büroar
beiten wie Offerten schreiben und Rechnungen stellen. Es handle sich nicht um ein
en
«
klassischen
» Bürojob un
d somit auch nicht um eine rein
sitzende Tätigkeit.
Die
Y._
GmbH
sei
eine kleine Firma und die Aufgaben seien je nach den Bedürfnissen angefallen, oft auch mit Gehen/Stehen verbunden.
Auf die
diskrepanten Angaben
hinsichtlich des
Pensumsumfangs
angesprochen (vgl. insbesondere die Angabe in der Anmeldung, wonach sie zu 50 % in der Administration tätig gewesen sei, Urk. 8
/23/135), erklärte der Ehemann der Be
schwerdeführerin, die Firma sei 2011 gegründet worden. Ursprünglich sei ein 40%-Pensum abgemacht gewesen, jedoch ohne fixe Arbeitstage/Arbeitszeiten. Er habe der Beschwerdeführerin je nach Bedürfnis und Arbeitsanfall Arbeit zuge
wiesen.
Z
urz
eit könne er keine Aufgaben mehr übertragen, die auf einen fixen Termin
hin gemacht
werden müssten. Somit tätige die Beschwerdeführer
in
aktuell nur noch die Mehrwertsteuer-Abrechnung. Botengäng
e könne sie nicht mehr machen. V
iele Büroaufgaben habe er jetzt selber übernommen. Er habe auch nicht
mehr die Geduld, schwierige Aufgaben zu delegieren, wenn sie es dann noch n
icht erledigen könne (zum Beispiel wegen Überforderung oder Pausen wegen Schmer
zen). Er selber wäre einfach froh, wenn der Haushalt und die Kinderbetreuung wieder rund laufen würden und er dort entlastet sei (Urk. 8/32/3).
Im Arbeitgeberbericht vom 30. August 2018 (Urk. 8/44) umschrieb der Ehemann die Mitarbeit der Beschwerdeführerin in der
Y._
GmbH als «Administration, Hilfsarbeiten, Repräsentation», wobei sie vor Eintritt des Ge
sundheitsschadens ein Pensum von 16 Stunden an zwei Wochentagen à 8 Stun
den, und nach dem 3. März 2015 ein reduziertes Pensum erfüllt habe, nach dem 3. Mai 2015 nur noch «undefinierte» Einsätze, beispielsweise Mehrwertsteuerab
rechnungen. Büroarbeiten hätten manchmal, Hilfsarbeiten in der Reinigung, dem Einkauf, der Post sowie in der Repräsentation/Kundenanlässe selten dazugehört. Hierfür vergütete er Fr. 52'000.-- pro Jahr (13 x Fr. 4'000.--).
4.2
Anlässlich der Abklärung für
Selbständigerwerbende
vor Ort im Januar 2019 (vgl. Bericht vom 1. Februar 2019, Urk. 8/51)
gab die Beschwerdeführerin an, seit Januar 1999 im Ausmass von rund 40 % als
Coiffeuse
für Damen und Herren tätig zu sein. Dafür habe sie in ihrem Wohnhaus ein Zimmer hergerichtet. Sie bediene ausschliesslich Stammkundschaft, vorwiegend Kolleginnen und Kolle
gen, nach Vereinbarung zu sehr günstigen Preisen. Sie habe plus/minus einen Jahresumsatz von Fr. 10'000.-- erwirtschaftet. Seit G
ründung der
eigenen
Firma
mit Geschäftsräumlichkeiten im Parterre des Wohnhauses habe sie nebst ihrer Tätigkeit als
Coiffeuse
zu rund 60 % als Allrounderin (Administration, Hilfs
arbeiten, Repräsentation usw.) im Betrieb ihres Ehemannes mitgearbeitet, wobei der Hauptanteil ih
rer Arbeit die Administration (z
irka 16 Stunden, also rund zwei Ta
g pro Woche) eingenommen habe. A
nsonsten habe sie aber auch Material
transporte/Botengänge ausgeführt und Lampen zusammengebaut. Nur direkt auf Baustellen habe sie handwerklich nie mitgearbeitet. Im Betrieb würde
n
noch zwei weitere Mitarbeiter beschäftigt. Ihr Pensum von 60 % habe sie auf fünf Tage pro Woche verteilt. Früher habe sie als
Coiffeuse
an einem Tag bis zu zehn Leute bedienen können, heute würde sie nur noch ein bis zwei Kunden am Tag bedie
nen
. Im Betrieb des Ehemannes
verrichte sie nur noch
Büroarbeit
,
das heisst die Mehrwertsteuerabrechnungen
, wobei die effektive Arbeitszeit eigentlich nur noch zwei Stunden pro Woche betrage.
Die Abklärungsperson berücksichtigte im Betätigungsvergleich eine medizinisch attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit als
selbständigerwerbende
Coiffeuse
(gewichtet 40 %) und eine 10%ige Einschränkung in der Mitarbeit im Betrieb des Ehemannes (gewichtet 6 %), was zu einer gewichteten Gesamtarbeitsunfähigkeit von 46 % führte. Aus den
individuellen Konten listete sie
die bei der
Y._
GmbH erzielten Erwerbseinkommen von Fr. 64'292.-- (2012), Fr.
40'837.-- (2013), Fr. 48'000.-- (2014), Fr. 60'000.-- (2015) und Fr. 52'000.-- (2016) auf. Da die Beschwerdeführerin auf ihren Einkünften als
Coiffeuse
keine AHV-Beiträge
abgeführt hatte
, mussten die Einkommensverhältnisse gemäss Buch
haltung («Kassabuch» 2013 bis 2017 Urk. 8/45 ff.) aufgelistet werden. Der Betriebsgewinn betrug 2013 Fr. 3'766.20, 2014 Fr. 4'910.35, 2015 Fr. 7'026.--, 2016 Fr. 5'565.70 und 2017 Fr. 5'606.
60, woraus die Abklärungsperson einen durchschnittlichen Betriebsgewinn von Fr. 5'374.95 pro Jahr ermittelte und nach Aufrechnung des AHV-Mindestbeitrags ein durchschnittliches Bruttoeinkommen als
Coiffeuse
von Fr. 5'856.95 vermerkte. Summiert mit dem Bruttolohn aus der Tätigkeit bei der
Y._
Gmb
H von Fr. 52'000.-- errechnete sie
ein
Valideneinkommen
von Fr. 57'856.95. Das Invalideneinkommen ergab sich unter Berücksichtigung eines zumutbaren Restpensums im Administrativ
bereich von 47,6 % (5 x 4h/42h)
, woraus ein Jahreslohn von Fr.
41'253.35 resultierte.
5
.
5
.1
Aus der medizinischen Aktenlage ergibt sich, dass nach einhelliger Einschätzung der Versicherungsärzte,
so auch RAD-Arzt Dr.
Z._
(vgl. Urk. 8/52/6
f.)
,
die Tätigkeit im gelernten Beruf als
Coiffeuse
infolge der somatischen Probleme, insbesondere der Schmerzproblematik im linken Fuss,
seit 3. März 2015
nicht mehr zumutbar ist.
Dabei kann offenbleiben, ob die Angaben von Dr.
F._
(vgl. E. 3.4) dahingehend zu verstehen sind, dass sie
die Bedienung von
zwei bis drei Kunden
pro Tag
im
Coiffeuse
geschäft
als zumutbar erachtete
,
und ob die Einschätzung von Dr.
E._
(vgl. E. 3.3) sich auf alle Tätigkeiten
gleichermassen
bezieht.
Hinsichtlich einer den somatischen Beschwerden angepassten Tätigkeiten ist auf die
schlüssigen
Einschätzungen
im Bericht der Rehaklinik
A._
(E. 3.1) sowie des Kreisarztes Dr.
D._
anlässlich seiner Schlussuntersuchung vom 1.
Dezember 2017
(E. 3.2) abzustellen
, wonach der Beschwerdeführerin in leich
ten, vorwiegend sitzenden Tätigkeiten, wie sie die Administrativaufgaben in der GmbH
im Umfang von vier Stunden täglich umfass
t
en, vollschichtig
arbeitsfähig ist
(E. 3.2)
. Anderslautende Angaben behandelnder Ärzte
vermögen keine Zweifel an dieser Einschätzung zu begr
ünden
oder weichen mangels Angaben zu
einer angepassten
Tätigkeit nicht von dieser Einschätzung ab
. So erachtete Dr.
E._
grundsätzlich eine 50%ige Arbeitstätigkeit für zum
utbar, wobei er hinsichtlich
der
Anforderungen nicht unterschied (E. 3.3).
Weitergehende relevante Ein
schrän
kungen somatischer Natur ergeben sich nicht aus den Akten
.
Die Beschwerde
führerin steht offensichtlich auch nicht mehr in orthopädischer Behandlung (Urk.
8/73).
Zu vermerken ist weiter, dass die Beschwerdeführerin - wie sich ihrem «Kassabuch» entnehmen lässt - in den Jahren 2016/17 weiterhin Erträge (Fr.
9’862.-- [2016], Fr. 11’637.-- [2017]) als
Coiffeuse
verbuchte, wobei keine Umsatzeinbusse seit 2015 festzustellen ist (E. 4.2), und sie noch im Zeitpunkt des Betriebsbesuches im Januar 2019 nach eigenen Angaben einen bis zwei Kunden pro Tag bediente (vgl. Urk. 8/51/7). Soweit die Beschwerdeführerin die ihr soma
tisch gesehen nicht mehr angepasste Tätigkeit zulasten der ihr zumutbaren admi
nistrativen Tätigkeit fortführt, kann dies nicht mit einer zusätzlichen quantitati
ven
Einschränkung
in angepassten Tätigkeiten
berücksichtigt werden. Ebenfalls müssen
allenfalls zusätzliche Aufgaben als Hausfrau und Mutter (vgl. die Aus
führungen des Ehemannes unter E. 4.1 in
fine
) invalidenversicherungs
recht
lich unberücksichtigt bleiben. Die Beschwerdeführerin bestritt nicht, vollzeitlich er
werbs
tätig gewesen und dies im Gesundheitsfall auch weiterhin zu sein, weshalb
die Invaliditätsbemessung sich auf den Erwerbsbereich zu beschränken hat (Art.
28a
Abs. 1 IVG).
Damit ist grundsätzlich
erstellt
, dass der Beschwerdeführerin - entgegen
ihrer
Auffassung - aus rein somatischen Gründen gestützt auf die Feststellungen von Kreisarzt Dr.
D._
(E. 3.2) eine näher umschriebene, angepasste Tätigkeit grundsätzlich vollzeitlich zumutbar ist.
5.2
Nicht gefolgt werden kann der
Beschwerdeführerin
wenn sie geltend macht, sie könne den Anforderungen an die angestammte Tätigkeit in der Administration der
Y._
GmbH
aus somatischen
Gründen
nicht mehr ge
nügen, da es ihr unmöglich sei, Boten- und Transportgänge zu machen. Nach wiederholten eigenen Angaben sowie den Auskünften ihres Ehemannes betrug der Anteil rein administrativer Tätigkeiten 60 % des insgesamt mit 60
% be
zifferten Arbeitspensums (25,2 Stunden pro Woche) für die GmbH, also umge
rechnet 15,12 Stunden in der Woche. Im Rahmen der Schadenminderungspflicht (vgl. hierzu: BGE 123 V 230 E. 3c, 117 V 275 E. 2b, 400, je mit Hinweisen) ist ihr auch zuzumuten, die Arbeitsräumlichkeiten so einzurichten, dass nicht häufiges Treppensteigen notwendig wird. Ferner sind - entgegen ihren Vorbringen - nach medizinischer Einschätzung Botengänge, soweit sie nicht auf unebenem Boden zu verrichten sind, nicht gänzlich ausgeschlossen, wobei davon auszugehen ist, dass Kopfsteinpflaster nicht regelmässig anzutreffen ist und ein Baustelleneinsatz mehrfach verneint wurde, auch Gewichte Tragen bis 10 kg gemäss Arbeitgeber
fragebogen selten notwendig war (vgl. E. 4.1). Ferner fährt die Beschwer
de
führerin weiterhin Auto und es war ihr jedenfalls bereits schon im Dezember 2017 möglich, eine halbe Stunde pro Tag mit dem Hund spazieren zu gehen (vgl. Urk.
8/23/122-123). Damit ist ihr
grundsätzlich
entsprechend dem medizinisch zumutbaren Einsatz von jedenfalls vier Stunden am Tag weiterhin ein Pensum von 20 Stunden pro Woche im Betrieb der
Y._
GmbH anzurechnen. Hierbei
ergäbe
sich, unter Zugrundelegung des vormals effektiv erzielten Einkommens von Fr. 52'000.--, ein in der GmbH zu erzielender Wert von Fr. 41'253.35, was gemäss Invaliditätsbemessung der Beschwerdegegner
in kein
en
Rentenanspruch begründen würde (vgl. E 4.2)
.
5.3
Nach Angaben der Beschwerdeführerin und ihres Ehemannes hat letzterer indes betrieblich umgestellt, sodass die angestammt
e
Tätigkeit in der
Y._
GmbH so nicht mehr existiert, die Beschwerdeführerin
nurmehr
in einem Umfang von zwei Stunden pro Woche die Mehrwertsteuerabrechnungen ausführt, weshalb der teilweise weiterhin bezahlte Lohn offensichtlich als Sozial
lohn zu betrachten ist und daher nicht mehr als Invalideneinkommen heran
ge
zogen werden darf
(Art. 25 Abs. 1
lit
. a und b IVV)
.
Unter der Voraussetzung, dass
von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit in den
den
somatischen Einschrän
kungen angepassten Tätigkeiten ausgegangen würde, könnte indes auch gestützt auf die sogenannten Tabellenlöhne ein massgeblicher Rentenanspruch ohne Wei
teres ausgeschlossen werden (vgl. hierzu auch die von einem höheren, invali
denversicherungsrechtlich nicht massgebenden
Valideneinkommen
ausgehende Invaliditätsbemessung der Suva, Urk. 8/47): Gemäss der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen Lohnstrukturerhebung (LSE) 2018 betrug der Median für Frauen, Niveau 1, über alle Wirtschaftszweige hinweg Fr. 4'624.-- monatlich, was angepasst an die durchschnittliche betriebsübliche wöchentliche Arbeitszeit
von 41,7 Stunden (vgl. Tabelle 03.02.03.01.04.01: betriebsübliche Arbeitszeit nach
Wirtschaftsabteilungen in Stunden pro Woche) ein Invalideneinkommen 2018 von Fr. 57'846.25 ergäbe.
Zu prüfen bleibt
aber
,
ob aufgrund der von der Beschwerdeführer
in
beklagten psychischen Einschränkungen eine medizinisch-theoretisch höhere Arbeitsun
fähig
keit
, insbesondere eine Arbeitsunfähigkeit auch in angepasster Tätigkeit,
resultiert bzw. ob psychiatrische Abklärungen notwendig sind.
5
.4
Hierzu ist festzuhalten, dass die erstmals während des Aufenthaltes in der Klinik
A._
festgestellten psychischen Auffälligkeiten nach Feststellung der das psy
chosomatische Konsilium führenden Psychologin und Psychotherapeutin keine über die somatischen Einschränkungen hinaus weitergehende Arbeitsunfähigkeit in qualitativer und/oder quantitativer Hinsicht nach sich
zogen
(E. 3.1)
. Dabei ist unerheblich, ob die Beschwerdeführerin sich bereits in
A._
einer eigentlichen
psychotherapeutischen B
ehandlung unterzog
(wie geltend gemacht, vgl. Urk.
1 S.
8
)
und ob die im
März
2018 aufgenommene
Behandlung bei Dr.
F._
fachgerecht gewesen war
(vgl. Urk. 1 S. 6)
.
Jedoch
attestierte Dr.
I._
mit Bericht
vom 9
.
März
2020 (vgl. E. 3.5)
erstmals eine allenfalls relevante Arbeitsun
fähig
keit auch in somatisch angepasster Tätigkeit. Wohl vermag
die
wenige Wochen
nach Behandlungsbeginn
im Februar 2020 erstmals gestellte Diagnose eines ADS
nicht als einschränkungsrelevant zu überzeugen, denn es
wäre davon auszu
gehen, dass die Beschwerdeführerin trotz dieser
bereits in der Kindheit auftre
tenden
Krankheit bis zum Unfall im März 2015 ihre Erwerbsfähigkeit entspre
chend ihren
beruflichen Fertigkeiten
zu verwerten imstande war. Soweit Dr.
I._
gestützt auf die von ihr neu diagnostizierte mittelschwere depressive Episode eine Einschränkung der Konzentrationsfähigkeit bei buchhalterischen Tätigkeiten für gegeben erachtete, so
ist jedoch nicht auszuschliessen, dass
sich hieraus
eine
relevante
Arbeitsunfähigkeit
in somatisch angepassten Tätigkeiten ergeben könnte
.
Angesichts der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist der Einwand, dass solche Episoden grundsätzlich einer Behandlung zugänglich sind, nicht
(mehr)
relevant.
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen, nach BGE 143 V 409 namentlich auch leichte bis mittelschwere Depressionen, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterziehen (Änderung der Rechtsprechung). Speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen hielt das Bundesgericht in BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung – fest, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Gesund
heits
schädigung nicht mehr allein mit dem Argument der fehlenden Therapieresistenz auszuschliessen sei (E. 5.1; zur bisherigen Gerichtspraxis vgl. statt vieler: BGE
140 V 193 E. 3.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_13/2016 vom 14. April 2016 E. 4.
2). Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind somit auch bei den leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen systematisierte Indikatoren beachtlich, die es – unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits – erla
u
ben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1). Die Therapierbarkeit ist dabei als Indiz in die ge
samthaft vorzunehmende allseitige Beweiswürdigung miteinzubeziehen (BGE 143 V 409 E. 4.2.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_449/2017 vom 7. März 2018 E.
4.2.1).
Der Bericht von Dr.
I._
vom 9. März 2020 vermag den Beweisanfor
derung indes in keiner Weise zu genügen und es bedarf zur Beurteilung
, ob ein psychischer Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 3 ATSG und Art. 4 IVG vor
liegt, welche relevante Auswirkungen auf die Leistungs- und
Arbeitsfähigkeit
in einer den somatischen Leiden angepassten beruflichen Tätigkeit zeitigt,
einer psy
chiatrischen Abklärung.
6.
6.1
Nach dem Gesagten genügen die vorliegenden medizinischen Akten nicht, um den Rentenanspruch abschliessend zu beurteilen. Demzufolge ist dem Eventual
antrag der Beschwerdeführerin stattzugeben, die angefochtene Verfügung vom 29. Oktober 2020 aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zur medizinischen Abklärung im Sinne der Erwägungen zurückzuweisen. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
6.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
die
vertretene Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
D
iese
ist
unter Beachtung der massgeblichen Kriterien (vgl. § 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
) und des notwendigen Aufwandes ermessensweise auf Fr.
1'500.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) festzusetzen und der unterliegenden Beschwerde
geg
nerin aufzuerlegen.
6.3
D
a vorliegend IV-Leistungen strittig sind, ist das Verfahren
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vor
liegenden Verfahren
sind sie ermessensweise auf Fr. 600.-- anzusetzen und
der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen
.