Decision ID: 7065c78e-3104-4d49-8b7f-bf1553b22334
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Raub etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom 15. Oktober 2019 (GG190031)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 25. April 2019
ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 16).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− des Raubes im Sinne von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB und − der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 7 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 32 Tage
durch Haft erstanden sind, als Zusatzstrafe zum Urteil des Bezirksgerichtes
Zürich vom 1. Februar 2019.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf
3 Jahre festgesetzt.
4. Auf eine Landesverweisung wird gestützt auf Art. 66a Abs. 2 StGB verzichtet.
Dementsprechend wird auf eine Ausschreibung der Landesverweisung im
Schengener Informationssystem ebenfalls verzichtet.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin zufolge Anerkennung
Schadenersatz in der Höhe von Fr. 960.– zu bezahlen. Im Mehrbetrag
werden die Zivilansprüche der Privatklägerin auf den Zivilweg verwiesen.
6. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'200.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 2'100.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 4'620.– Auslagen (Gutachten ... FOR/IRM)
Fr. 9'588.85 amtl. Verteidigungskosten (inkl. 7.7% MwSt.)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Be-
schuldigten auferlegt; davon ausgenommen sind die Kosten der amtlichen
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Verteidigung, welche einstweilen und unter dem Vorbehalt von Art. 135 Abs. 4
StPO von der Gerichtskasse übernommen werden.
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland:
(Urk. 43 S. 1)
1. Der Beschuldigte sei zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von 9 Mona-
ten, als Zusatzstrafe zum Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 1. Feb-
ruar 2019.
2. Die Freiheitsstrafe sei zu vollziehen.
3. Es sei eine Landesverweisung von 7 Jahren sowie deren Ausschrei-
bung im Schengener Informationssystem anzuordnen.
4. Dem Beschuldigten seien die Kosten des Berufungsverfahrens aufzuer-
legen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 44 S. 1)
1. Das Urteil der Vorinstanz vom 15. Oktober 2019 sei zu bestätigen.
2. Die Kosten seien ausgangsgemäss aufzuerlegen, die Kosten der amtli-
chen Verteidigung seien auf die Staatskasse zu nehmen.
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Erwägungen:
I.
a) Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, sich am 3. August 2018 um ca.
21.40 Uhr an der B._-strasse ... in C._/ZH von hinten der Privatklägerin
genähert, ihr mit einer Hand den Mund zugehalten und sie mit dem anderen Arm
unterhalb des Halses umfasst zu haben. Dann habe er versucht, ihr die Handta-
sche zu entreissen. Die Privatklägerin habe sich aber an die Tasche geklammert
und auf Englisch um Hilfe gerufen. Der Beschuldigte habe sie, ebenfalls auf Eng-
lisch, zur Herausgabe der Handtasche aufgefordert. Es sei zu einem Gerangel ge-
kommen, wobei der Beschuldigte an der Tasche gezerrt habe und die Privatkläge-
rin zu Boden gestürzt sei. Auf dem Boden liegend habe sie dem Beschuldigten ge-
sagt, sie habe Geld, worauf er erwidert habe, sie solle ihm dieses geben. Die Pri-
vatklägerin habe in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie gesucht und, als in
einem nahen Gebäude das Licht angegangen sei, wieder nach Hilfe gerufen. Der
Beschuldigte habe erneut an der Tasche gezerrt, so dass deren Riemen gerissen
und ein Sachschaden von Fr. 380.– entstanden sei. Der Beschuldigte habe ein aus
der Handtasche gefallenes Etui mit einer Sonnenbrille im Wert von Fr. 580.– be-
händigt und sei davongerannt.
b) Das Bezirksgericht Bülach, Einzelgericht, sprach den Beschuldigten am
15. Oktober 2019 des Raubes (Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB) und der Sachbeschä-
digung (Art. 144 Abs. 1 StGB) schuldig. Es bestrafte ihn mit 7 Monaten Freiheits-
strafe als Zusatzstrafe zum Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 1. Februar
2019, gewährte ihm dafür den bedingten Strafvollzug und setzte die Probezeit auf
drei Jahre fest. Auf die von der Staatsanwaltschaft beantragte Landesverweisung
wurde in Anwendung der Härtefallklausel (Art. 66a Abs. 2 StGB) verzichtet. Das
Gericht verpflichtete den Beschuldigten sodann, der Privatklägerin Fr. 960.– Scha-
denersatz zu bezahlen, und auferlegte ihm die Verfahrenskosten (Urk. 32
S. 26/27).
c) Gegen dieses Urteil meldete die Staatsanwaltschaft rechtzeitig die Beru-
fung an (Urk. 20; Art. 399 Abs. 1 StPO) und reichte sodann auch fristgerecht die
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Berufungserklärung ein (Urk. 35; Art. 399 Abs. 3 StPO, vgl. Urk. 30). Sie beantragt,
die Freiheitsstrafe auf neun Monate zu erhöhen, deren bedingten Vollzug zu ver-
weigern und den Beschuldigten unter Ausschreibung im Schengener Informations-
system für sieben Jahre des Landes zu verweisen (Urk. 35 S. 2). Der Beschuldigte
und die Privatklägerin erklärten keine Anschlussberufung. Im Berufungsverfahren
wurden keine Beweisanträge gestellt. Nach der heutigen Berufungsverhandlung
erweist sich der Prozess als spruchreif.
II.
Das bezirksgerichtliche Urteil blieb hinsichtlich des Schuldspruchs (Ziff. 1),
des Zivilpunkts (Ziff. 5) und des Kostendispositivs (Ziff. 6 und 7) unangefochten. Es
ist insoweit in Rechtskraft erwachsen (Art. 402 StPO), was vorab in einem Be-
schluss festzustellen ist.
III.
1. a) Der Beschuldigte hat zwei Straftatbestände erfüllt, wovon der Raub
(Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB) mit einer von sechs Monaten bis zu zehn Jahren
Freiheitsstrafe reichenden Strafandrohung der schwerere ist. Die dafür auszuspre-
chende Strafe ist wegen der ausserdem begangenen Sachbeschädigung (Art. 144
Abs. 1 StGB) angemessen zu erhöhen (Art. 49 Abs. 1 StGB).
b) Der Beschuldigte beging die heute zu beurteilenden Delikte, bevor er am
1. Februar 2019 vom Bezirksgericht Zürich wegen mehrfachen Diebstahls (Art. 139
Ziff. 1 StGB), mehrfacher Sachbeschädigung (Art. 144 Abs. 1 StGB) und mehrfa-
chen Hausfriedensbruchs (Art. 186 StGB) zu sieben Monaten Freiheitsstrafe verur-
teilt wurde. Heute ist demnach eine Zusatzstrafe zu jenem Urteil auszufällen. Diese
ist so zu bemessen, dass der Beschuldigte insgesamt nicht schwerer bestraft wird,
als wenn seine damaligen und die nun eingeklagten Straftaten gleichzeitig beurteilt
worden wären (Art. 49 Abs. 2 StGB).
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c) Das Gericht misst die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu. Es be-
rücksichtigt dabei dessen Vorleben und persönliche Verhältnisse sowie die Wir-
kung der Strafe auf sein Leben. Das Verschulden wird nach der Schwere der
Rechtsgutverletzung, der Verwerflichkeit des Handelns und den Beweggründen
und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit er nach den gesamten
Umständen in der Lage war, rechtskonform zu handeln (Art. 47 Abs. 1 und 2
StGB).
2. a) Bei der vorliegend zu beurteilenden Raubtat war die Deliktssumme mit
Fr. 580.– bescheiden. Zwar ist anzunehmen, dass der Beschuldigte soviel Beute
wie möglich machen wollte, doch war beim Raub einer Handtasche kaum viel mehr
zu erwarten. Der Vorinstanz ist darin beizupflichten, dass die körperliche Integrität
der Privatklägerin nur in geringem Masse beeinträchtigt wurde. Nicht zu folgen ist
aber ihrer Einschätzung bezüglich der eingesetzten Nötigungsmittel. Der Beschul-
digte packte die Privatklägerin in einem schmalen, nur schwach beleuchteten und
schwer einsehbaren Wegdurchgang (vgl. Fotos in Urk. 3) unvermittelt von hinten,
umfasste sie mit einem Arm am Hals und hielt ihr mit der anderen Hand den Mund
zu. Dieses Tatvorgehen war vorhersehbar geeignet, das Opfer in grosse Angst zu
versetzen. Die Privatklägerin erklärte denn auch, nachdem sie zu Boden gegangen
war, dem Beschuldigten sofort, dass sie Geld habe, und schickte sich an, dieses
herauszugeben, weil sie offensichtlich eine weitere Gewaltanwendung befürchtete.
Im Rahmen der vom Tatbestand des einfachen Raubes umfassten denkbaren
Handlungen erweist sich die objektive Schwere der vom Beschuldigten verübten
Tat zwar noch als leicht. Sie darf aber keinesfalls bagatellisiert werden. In subjekti-
ver Hinsicht brachte der Beschuldigte vor, dass er damals auf der Strasse gelebt
habe und in Geldnot gewesen sei (Prot. I S. 23). Dies vermag indessen sein Ver-
schulden nur geringfügig zu mildern, da hierzulande für Menschen in solchen Not-
situationen ausreichende Hilfsangebote bestehen und deshalb niemand gezwun-
gen ist, zum Überleben zu delinquieren. Insgesamt erweist sich für das Raubdelikt
eine Einsatzstrafe von zwölf Monaten als angemessen.
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b) Zur Beschädigung der Handtasche kam es beim erneuten Versuch des
Beschuldigten, diese an sich zu reissen. Der Unrechtsgehalt diesen Nebendelikts
geht in demjenigen des Raubes auf, weshalb unter diesem Titel keine Straferhö-
hung erfolgen muss.
3. a) A._ wurde 1998 in D._ (Brasilien) geboren. In der Schweiz ver-
fügt er über eine Aufenthaltsbewilligung B. Die ersten neun Lebensjahre verbrach-
te der Beschuldigte in Brasilien. 2007 kam er im Rahmen des Familiennachzugs zu
seiner Mutter in die Schweiz, wo auch sein Bruder sowie Tanten, Cousins und
Cousinen leben. In Brasilien war er letztmals 2015 und hat er noch eine Grossmut-
ter, die aber schon 85-jährig ist, sowie Verwandte väterlicherseits, mit denen er
keinen Kontakt pflegt. Nach der Übersiedlung in die Schweiz kam es zu familiären
Problemen und häufigen Wohnortswechseln. Die Schulleistungen des Beschuldig-
ten liessen nach, und er begann, die Schule öfters zu schwänzen. Auch eine Psy-
chotherapie brachte keine Besserung. Der Beschuldigte wurde schliesslich von der
Schule verwiesen und kam in ein Heim. Dort entwich er und kam für zwei Jahre zu
einer Pflegefamilie. Zusammen mit der Beiständin suchte man zur Unterbringung
des Beschuldigten eine geeignete Wohngemeinschaft und fand diese ca. 2014 im
"Hof E._" in F._/ZH, einer sozialpädagogischen Einrichtung zur Betreu-
ung Jugendlicher. Nach sechs Jahren Primarschule und drei Jahren Sekundar-
schule C besuchte der Beschuldigte noch das 10. Schuljahr. Eine Berufsausbil-
dung konnte er jedoch nie beginnen, und er hatte bis anhin auch noch nie eine fes-
te Anstellung, sondern machte lediglich Praktika. Von diesen beendete er – ge-
mäss seinen Angaben wegen psychischer Probleme – keines ordnungsgemäss.
So arbeitete er u.a. bei "G._", wo ihm aber, nachdem man ihn zuerst wegen
Zuspätkommens verwarnt hatte, nach einem handfesten Streit mit einem anderen
Mitarbeiter fristlos gekündigt wurde. Der Beschuldigte gibt an, seit Juli 2019 mit ei-
nem vollen Pensum im Sinne eines Praktikums als Hauswart beim "Hof E._"
zu arbeiten, dafür aber lediglich mit Fr. 400.– entlöhnt zu werden. Im Übrigen ist er
nach wie vor auf Sozialhilfe angewiesen. Seit Februar 2019 steht er wiederum in
einer Psychotherapie. Zudem wurde für den Beschuldigten auf seinen Antrag hin
im Mai 2020 von der KESB eine Vertretungsbeistandschaft mit Vermögensverwal-
tung errichtet, wobei ihn die Beiständin H._ insbesondere im Bereich Ausbil-
dung und berufliche Integration, aber auch beim Erledigen administrativer Angele-
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genheiten und im Verkehr mit Behörden und (Sozial-)Versicherungen unterstützt.
Mit der Unterstützung der Beiständin hat sich der Beschuldigte inzwischen bei der
IV angemeldet und per 1. August 2020 eine Lehrstelle als Gärtner bei der Stiftung
I._, einer Einrichtung für Arbeitsintegration, gefunden. Am liebsten wäre er al-
lerdings in der Betreuung von Jugendlichen mit Beeinträchtigung oder von älteren
Menschen tätig. Mit einer entsprechenden Lehre zum Fachmann Betreuung möch-
te er aber noch warten, bis er seine eigenen Probleme im Griff hat. Der Beschul-
digte ist ledig und kinderlos. Er hat seit ca. Ende 2018 eine Freundin, wohnt aber
nicht mit dieser zusammen, sondern (nach einem vorübergehenden Ausschluss
seit November 2018 wieder) im "Hof E._". Er beherrscht die hiesige Sprache
und spricht ausserdem Portugiesisch und etwas Französisch. Der Beschuldigte hat
kein Vermögen, aber Fr. 11'000.– Schulden vom Schwarzfahren mit der Bahn. Er
äusserte die Absicht, eine Ausbildung zu machen, zu arbeiten und eine Familie zu
gründen (Urk. 2 S. 1/2, Urk. 4/1 S. 3, Urk. 4/3 S. 6-8, Urk. 11/3 S. 1, Urk. 34,
Urk. 38, Prot. I S. 8-22, Prot. II S. 5 ff., Urk. 42/1-4).
b) Der Beschuldigte ist im Schweizerischen Strafregister mit zwei Verurteilun-
gen verzeichnet. Am 27. Mai 2015 bestrafte ihn die Jugendanwaltschaft Unterland
wegen qualifizierten Raubes, Drohung, Sachbeschädigung und Übertretung des
Eisenbahngesetzes mit 40 Tagen Freiheitsentzug, bedingt vollziehbar mit einem
Jahr Probezeit. Das Bezirksgericht Zürich, 10. Abteilung (Einzelgericht), fällte ge-
gen den Beschuldigten am 1. Februar 2019 wegen mehrfachen Diebstahls, mehr-
facher Sachbeschädigung und mehrfachen Hausfriedensbruchs eine Freiheitsstra-
fe von 7 Monaten aus und gewährte ihm dafür den bedingten Strafvollzug mit drei
Jahren Probezeit. Diese Verurteilung gilt im vorliegenden Zusammenhang nicht als
Vorstrafe, weil der Beschuldigte die nun eingeklagten Delikte vorher beging und
deshalb heute eine Zusatzstrafe fällig wird.
4. a) Die Verurteilung aus dem Jahre 2015 ist zwar einschlägiger Natur, wirkt
sich aber, da es sich um eine Jugendstrafe handelt, nur leicht straferhöhend aus.
b) Der Beschuldigte bestritt während der ganzen Untersuchung, den Überfall
auf die Privatklägerin verübt zu haben (Urk. 4/1 S. 2/3, Urk. 4/2 S. 4, Urk. 4/3
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S. 2/5), obwohl ihm wiederholt vorgehalten wurde, dass an der Privatklägerin seine
DNA festgestellt worden war (vgl. Urk. 6/1 S. 2 und Urk. 6/2 S. 1). Erst in der vor-
instanzlichen Hauptverhandlung legte er ein Geständnis ab (Prot. I S. 23). Dieses
ist aber trotzdem zumindest leicht strafmindernd zu berücksichtigen. Auch wirkt
sich das schwierige Vorleben des Beschuldigten leicht strafmindernd aus. Insge-
samt halten die Strafminderungsgründe sich mit dem vorstehend erwähnten Straf-
erhöhungsgrund die Waage. Für die vorliegend eingeklagten Delikte bleibt es so-
mit bei einer Freiheitsstrafe von zwölf Monaten.
c) Das Urteil vom 1. Februar 2019, zu welchem heute eine Zusatzstrafe aus-
zusprechen ist, betraf zwei zusammen mit zwei Mittätern im Juli 2018 innerhalb
weniger Tage begangene Einbrüche in ein Schulhaus mit einer Diebesbeute von
insgesamt Fr. 2'375.45 und insgesamt Fr. 7'500.– Sachschaden (Beizugsakten BG
Zürich, Proz. Nr. GG180239, Urk. 24 S. 2/3 und Urk. 46 S. 4). Aufgrund dieser Ta-
ten ist die Strafe in Anwendung des Asperationsprinzips (Art. 49 Abs. 1 StGB) an-
gemessen zu erhöhen. Dies führt zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt 16 Mona-
ten, von der die schon früher ausgefällten 7 Monate Freiheitsstrafe in Abzug zu
bringen sind. Der Beschuldigte ist somit heute zu einer Zusatzstrafe von 9 Mona-
ten zu verurteilen.
d) Der Beschuldigte hat im vorliegenden Verfahren 32 Tage Haft erstanden
(Urk. 8/1-11), die ihm auf die Strafe anzurechnen sind (Art. 51 StGB).
IV.
a) Das Gericht schiebt den Vollzug einer Freiheitsstrafe von höchstens zwei
Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingt vollziehbare Strafe nicht als notwen-
dig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen
abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). Dem Täter ist dabei eine Probezeit von mindes-
tens zwei und höchstens fünf Jahren anzusetzen (Art. 44 Abs. 1 StGB). Die ein-
schränkende Bestimmung, wonach der Vollzugsaufschub nach einer Verurteilung
zu mehr als sechs Monaten Freiheitsstrafe während fünf Jahren nur beim Vorlie-
gen besonders günstiger Umstände zulässig ist (Art. 42 Abs. 2 StGB), findet vor-
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liegend keine Anwendung, weil eine Zusatzstrafe auszusprechen ist. Diese Sankti-
on ist so festzusetzen, dass der Beschuldigte insgesamt nicht härter bestraft wird,
als wenn die nun eingeklagten und die am 1. Februar 2019 geahndeten Delikte
gemeinsam beurteilt worden wären (Art. 49 Abs. 1 StGB).
b) Es ist daher zu prüfen, ob (und unter Ansetzung welcher Probezeit) dem
Beschuldigten diesfalls der bedingte Strafvollzug zu gewähren gewesen wäre. Bei
der Prognosestellung bezüglich der Bewährungsaussichten eines Delinquenten
sind alle relevanten Faktoren wie namentlich die Tatumstände, das Vorleben des
Täters, dessen Nachtatverhalten, aber auch das Mass seiner sozialen und wirt-
schaftlichen Integration und die zu erwartende Warnwirkung der Strafe einzube-
ziehen. Der bedingte Strafvollzug ist nur zu verweigern, wenn dem Täter eine ein-
deutig schlechte Prognose gestellt werden muss (Trechsel / Pieth, StGB-
Praxiskommentar, 3.A., Zürich / St. Gallen 2018, N 8 f. zu Art. 42 mit zahlreichen
Hinweisen auf die Rechtsprechung).
c) Die heute zu beurteilende Tat des Beschuldigten offenbart ein nicht uner-
hebliches Mass an krimineller Energie (vgl. Erw. III/2a). Hinzu kommt, dass der
Beschuldigte schon einmal wegen Raubes bestraft wurde, weil er eine Frau mit ei-
nem Küchenmesser bedroht hatte, um ihr das Geld aus dem Portemonnaie zu
stehlen (Urk. 14/3 S. 51). Damals war der Beschuldigte allerdings noch minderjäh-
rig und das Jugendstrafrecht anwendbar. Da heute eine Zusatzstrafe auszufällen
ist, muss er noch so behandelt werden, wie wenn er erstmals als Erwachsener
verurteilt werden müsste (Art. 49 Abs. 1 StGB). Bezüglich des Nachtatverhaltens
des Beschuldigten ist zu berücksichtigen, dass er sich – wenn auch erst vor Be-
zirksgericht – doch noch zu einem Geständnis durchrang (Prot. I S. 23) und seit
Februar 2019 in einer Psychotherapie steht (Prot. I S. 11/12, Prot. II S. 10, Urk.
42/2). Als prognostisch ungünstig erscheint hingegen, dass der Beschuldigte keine
Berufsausbildung absolviert und bis heute den Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht
geschafft hat. Positiv zu werten ist zwar, dass der Beschuldigte mit der Unterstüt-
zung seiner Beiständin per 1. August 2020 in einem Arbeitsintegrationsprojekt eine
Lehrstelle als Gärtner gefunden hat, doch ist aufgrund der bisher gescheiterten be-
ruflichen Integration des Beschuldigten ungewiss, ob er die Lehre zu Ende bringen
würde. Zudem wäre er weiterhin von der Sozialhilfe abhängig. Seine Probleme im
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Elternhaus, bei Praktika und zeitweise auch im "Hof E._" (Erw. III/3a) machen
deutlich, dass es dem Beschuldigten schwer fällt, sich in soziale Strukturen einzu-
fügen und, wo nötig, Autoritäten zu akzeptieren. Anderseits darf von der erlittenen
Untersuchungshaft eine gewisse Warnwirkung erwartet werden. Insgesamt erweist
sich die Prognose als kritisch, aber noch nicht als ausgesprochen schlecht. Dem
Beschuldigten ist trotz erheblicher Bedenken auch für die Zusatzstrafe der beding-
te Strafvollzug zu gewähren, dies allerdings unter Ansetzung einer vierjährigen
Probezeit.
V.
1. Das Gericht verweist den Ausländer, der einen Raub begangen hat, unab-
hängig von der Höhe der Strafe für 5 bis 15 Jahre aus der Schweiz (Art. 66a Abs. 1
lit. c StGB). Von dieser Massnahme darf nur ausnahmsweise abgesehen werden,
wenn sie für den Ausländer einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde
und das öffentliche Interesse an der Wegweisung gegenüber seinem privaten Inte-
resse am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegt (Art. 66a Abs. 2 StGB).
2. Der Beschuldigte kam im Alter von neun Jahren zu seiner Mutter in die
Schweiz, lebt nun seit 13 Jahren hier und hat in der Schweiz auch sechs Jahre die
Schule besucht. Er ist somit teilweise in der Schweiz aufgewachsen, was auch da-
zu geführt hat, dass er die hiesige Sprache problemlos beherrscht. Seit Mai 2020
hat der Beschuldigte eine Beiständin, mit deren Hilfe es ihm gelungen ist, per 1.
August 2020 eine Lehrstelle zu finden. Zudem ist er bei der IV angemeldet. Im jet-
zigen Zeitpunkt hat der Beschuldigte jedoch noch keine Berufsausbildung und
auch den Einstieg ins Berufsleben nicht geschafft, weshalb er seit längerem auf
Sozialhilfe angewiesen ist. Dies würde sich auch nicht ändern, wenn er die Lehr-
stelle antreten würde. Zudem bekundete er auch im Übrigen Mühe, sich sozial zu
integrieren. So kam es in der Familie, bei Praktika und auch in der therapeutischen
Wohngemeinschaft zu Konflikten. Der Beschuldigte muss heute zum zweiten Mal
wegen Raubes verurteilt werden, nachdem er schon mit 16 Jahren eine solche Tat
beging und dabei das Opfer mit einem Messer bedrohte. Ausserdem beging er
Einbrüche. In der Schweiz hat er immerhin Angehörige, namentlich einen Bruder,
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mit welchem er allerdings keinen Kontakt mehr hat (Prot. II S. 6 und 12), und die
Mutter, mit der er inzwischen wieder etwas besser auszukommen scheint (Prot. I
S. 18). Der Beschuldigte ist ledig und kinderlos. Er spricht (brasilianisches) Portu-
giesisch und dürfte sich in Brasilien nach einigen Anfangsschwierigkeiten zurecht-
finden. Allerdings hat er in Brasilien kaum soziale Kontakte. Neben seiner hochbe-
tagten Grossmutter, die derzeit im Spital ist, hat er zwar noch weitere Verwandte,
die er aber nicht kennt (Prot. I S. 21). Nach einer Landesverweisung wäre er dort
somit weitestgehend auf sich allein gestellt. Zudem würde er in Brasilien Mühe ha-
ben, eine geeignete Arbeit zu finden, zumal er dort wohl kaum bei der Arbeitssu-
che unterstützt würde. Insgesamt ist ganz knapp davon auszugehen, dass bei ihm
ein schwerer persönlicher Härtefall vorliegt.
3. Auch wenn der Härtefall noch bejaht werden kann, ist der Beschuldigte
nach Durchführung einer Interessenabwägung trotzdem des Landes zu verweisen.
Nach zwei keinesfalls zu verharmlosenden Raubdelikten und in Anbetracht der
auch sonst nach wie vor wenig stabilen persönlichen und wirtschaftlichen Situation
des Beschuldigten (vgl. Erw. III/3a) besteht ein sehr erhebliches öffentliches Inte-
resse an dessen Fernhaltung. Dieses überwiegt gegenüber dem durchaus be-
trächtlichen Interesse des Beschuldigten, in der Schweiz bleiben zu können. Der
schon recht langen Aufenthaltsdauer des Beschuldigten in der Schweiz, seiner
partiell erfolgten Integration in die hiesige Gesellschaft und der familiären Bande,
die ihn mit der Schweiz verbinden, ist mit der Festsetzung der Verweisungsdauer
auf fünf Jahre Rechnung zu tragen. Zudem ist die Landesverweisung im Schenge-
ner Informationssystem auszuschreiben.
VI.
Die Staatsanwaltschaft dringt mit ihrer Berufung hinsichtlich des Strafmasses,
der Anordnung einer Landesverweisung und deren Ausschreibung im Schengener
Informationssystem durch, unterliegt aber bezüglich der von ihr beantragten Ver-
weigerung des bedingten Strafvollzugs und der Dauer der Landesverweisung. Bei
diesem Prozessausgang sind die Kosten des obergerichtlichen Verfahrens, mit
Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung im Betrag von pauschal
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Fr. 4'600.– inklusive Mehrwertsteuer (vgl. Urk. 41), zu drei Vierteln dem Beschul-
digten aufzuerlegen und zu einem Viertel auf die Gerichtskasse zu nehmen.