Decision ID: 7722f829-2df4-42fb-ba33-493506012f94
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (Staatsangehöriger von B._) meldete sich im März 2014 zum Bezug von
Ergänzungsleistungen zu einer halben Rente der Invalidenversicherung an (EL-act. 86).
Er gab an, er wohne bei seinem Sohn; seine Ehefrau lebe in C._. In den vergangenen
Jahren habe er jeweils die Sommer- und die Winterferien im Ausland – „B._/C._“ –
verbracht. Da sein Pass kürzlich erneuert worden sei, könne er sich nicht mehr genau
an die Reisedaten erinnern. Dem Anmeldeformular lag unter anderem ein Auszug aus
dem Grundbuch der Heimatgemeinde des EL-Ansprechers in B._ bei, laut dem der
EL-Ansprecher dort eine Liegenschaft mit einer Grundstücksfläche von 3’226 m
besass (EL-act. 88). Auf eine Rückfrage der EL-Durchführungsstelle hin gab der EL-
Ansprecher im Mai 2014 an (EL-act. 80), der Wert der Liegenschaft im Ausland betrage
etwa 50’000 Franken. Das Haus sei vor zwei, drei Jahren für insgesamt 30’000–40’000
Franken saniert worden. Mit einer Verfügung vom 13. Juli 2014 sprach die EL-
Durchführungsstelle dem EL-Ansprecher mit Wirkung ab dem 1. März 2014 eine
Ergänzungsleistung von 827 Franken pro Monat zu (EL-act. 74). Bei der
Anspruchsberechnung hatte sie den Wert der Liegenschaft im Ausland auf insgesamt
rund 80’000 Franken geschätzt. Als Mietzinsausgaben hatte sie die Hälfte des
Wohnungsmietzinses berücksichtigt, den der Sohn gemäss dem Mietvertrag dem
Vermieter schuldete.
A.a.
2
Am 8. August 2014 erhob der EL-Bezüger eine Einsprache gegen diese Verfügung
(EL-act. 67). Er machte geltend, die Liegenschaft im Ausland sei nie und nimmer
80’000 Franken wert. Zudem dürfe nur der halbe Wert angerechnet werden, da die
Ehefrau in jener Liegenschaft wohne. Ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle
notierte im November 2014 (EL-act. 64), vom Liegenschaftswert dürfe tatsächlich nur
die Hälfte angerechnet werden. Die Anspruchsberechnung erweise sich aber noch in
weiteren Punkten als falsch, denn dem EL-Bezüger sei versehentlich kein
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet worden. Zudem habe es die EL-
Durchführungsstelle versäumt, dem EL-Bezüger die Hälfte der Kapitalauszahlung aus
der beruflichen Vorsorge der Ehefrau als Vermögen anzurechnen. Insgesamt würden
die Korrekturen zu einer Schlechterstellung des EL-Bezügers führen. Mit einem
Schreiben vom 21. November 2014 drohte die EL-Durchführungsstelle dem EL-
Bezüger eine reformatio in peius an (EL-act. 63). Der EL-Bezüger machte am 16.
Dezember 2014 geltend (EL-act. 58), die Kapitalauszahlung sei komplett verbraucht
worden: Die Eheleute hätten einen Kredit von rund 32’000 Franken zurückbezahlt, für
14’000 Franken eine neue Heizung in ihr Haus einbauen lassen, 12’000 Franken für
eine neue Aussenmauer und einen Zaun ausgegeben, für 12’000 Franken neue Möbel
und einen Fernseher gekauft, 10’000 Franken für ein neues Dach investiert, 10’000
Franken für eine neue Fassade ausgegeben, für 14’000 Franken neue Fenster und
Türen einbauen lassen und 16’700 Franken Kapitalsteuer bezahlen müssen. Der
Eingabe lagen mehrere Fotos vom Umbau des Hauses im Ausland bei. Mit einem
Einspracheentscheid vom 29. Dezember 2014 setzte die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistung rückwirkend per 1. März 2014 auf 611 Franken herab (EL-act. 57).
Zur Begründung führte sie unter anderem aus, der EL-Bezüger lebe gemäss den
Unterlagen faktisch getrennt von seiner Ehefrau. Folglich hätte er die Hälfte der
Kapitalauszahlung für sich beanspruchen können. Die geltend gemachten Ausgaben
für die von der Ehefrau bewohnte Liegenschaft im Herkunftsland seien nicht belegt.
Diesbezüglich sei von einem Vermögensverzicht auszugehen. Dieser
Einspracheentscheid erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Im April 2017 forderte die EL-Durchführungsstelle den EL-Bezüger auf, ein
Formular zur Überprüfung der Ergänzungsleistung auszufüllen (EL-act. 34). Im Juni
2017 reichte der EL-Bezüger das ausgefüllte Formular ein (EL-act. 23). Er gab an, er
wohne noch immer beim Sohn; die Ehefrau wohne noch immer im Herkunftsland.
Zweimal pro Jahr mache er Ferien „bei mir zu Hause“ in B._. Dem beigelegten, ab
Juli 2016 gültigen Reisepass liess sich entnehmen (EL-act. 29–5 ff.), dass der EL-
Bezüger die Grenze zwischen C._ und B._ am 8. Oktober 2016, am 15. Oktober
2016, am 7. März 2017 und am 4. Mai 2017 überquert hatte. Im Februar 2018 forderte
die EL-Durchführungsstelle den EL-Bezüger auf, die detaillierten Bankauszüge für die
Zeit vom 1. Januar 2013 bis zum 31. Dezember 2017 einzureichen (EL-act. 19). Im
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
März 2018 gingen ihr die detaillierten Bankauszüge ab Januar 2016 zu (EL-act. 16).
Diesen liess sich entnehmen, dass der EL-Bezüger am 9. Januar 2016, am 21. Februar
2016, am 8. April 2016, am 19. April 2016, am 23. Mai 2016, am 27. Mai 2016, am
11. Juli 2016, am 1. August 2016, am 5. August 2016, am 8. August 2016, am
7. September 2016, am 16. September 2016, am 10. Oktober 2016, am 7. Dezember
2016, am 9. Januar 2017, am 16. Januar 2017, am 17. März 2017, am 6. April 2017, am
7. April 2017, am 30. April 2017, am 9. Juni 2017, am 7. Juli 2017, am 14. Juli 2017, am
4. August 2017, am 14. August 2017, am 25. August 2017, am 10. Oktober 2017, am
20. Oktober 2017, am 6. November 2017, am 7. November 2017, am 26. November
2017, am 6. Dezember 2017, am 7. Dezember 2017, am 8. Januar 2018, am 9. Januar
2018, am 22. Januar 2018, am 24. Januar 2018, am 12. Februar 2018 und am
23. Februar 2018 im Ausland Bargeld abgehoben hatte. In der Schweiz hatte er nur am
23. Februar 2016, am 7. März 2016, am 8. März 2016, am 8. Juni 2016, am
7. November 2016, am 21. Februar 2017, am 6. März 2017, am 5. Mai 2017, am 5. Juni
2017, am 7. Juni 2017, am 15. September 2017, am 11. Dezember 2017, am
12. Dezember 2017 und am 8. Februar 2018 Bargeld abgehoben. Mit einer Verfügung
vom 14. März 2018 hob die EL-Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung
rückwirkend per 1. Januar 2016 mit der Begründung auf (EL-act. 14), der EL-Bezüger
habe seinen Lebensmittelpunkt nicht in der Schweiz, sondern im Ausland. Die
Bargeldbezüge zeigten, dass er sich spätestens seit Januar 2016 mehrheitlich im
Ausland aufhalte. Folglich seien die Anspruchsvoraussetzungen spätestens seit Januar
2016 nicht mehr erfüllt. Die nach dem 1. Januar 2016 ausbezahlten
Ergänzungsleistungen von insgesamt 10’689 Franken seien zurückzuerstatten. Bei
einer allfälligen Einsprache werde zu prüfen sein, ob der EL-Bezüger die
Anspruchsvoraussetzungen in den Jahren 2014 und 2015 erfüllt habe.
Am 3. April 2018 erhob der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung vom
14. März 2018 (EL-act. 11). Er machte geltend, nicht er, sondern seine Ehefrau lebe in
B._. Leider sei sie seit drei Jahren erkrankt, weshalb er sie fast jeden Monat besuche.
Er bleibe dann jeweils höchstens zwei bis fünf Tage dort. Folglich verbringe er nicht
mehr als 60 Tage pro Jahr im Ausland. Er reise jeweils mit Kollegen oder
Familienangehörigen, sodass er keine Reisekosten bezahlen müsse. Die Bankauszüge
zeigten, dass es auch Monate gegeben habe, in denen er gar nicht nach B._ gereist
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei. Manchmal habe er keine Mitfahrgelegenheit gefunden und manchmal habe seine
Ehefrau ihn in der Schweiz besucht. Wenn er jeweils seine Ehefrau besucht habe, habe
er im Ausland Geld bezogen, denn dort seien viele Lebensmittel günstiger als in der
Schweiz. Er lebe aber in der Schweiz. Hier lebten auch seine Kinder und hier habe er
seinen Hausarzt, den er regelmässig aufsuche. Seine Frau habe sich dagegen
entschieden, die Schweiz definitiv zu verlassen. Sie lebten deshalb nicht mehr
zusammen. Er beantrage, dass die Ergänzungsleistung weiter ausgerichtet werde und
dass von einer Rückforderung abgesehen werde. Ein Sachbearbeiter der EL-
Durchführungsstelle notierte, dass der EL-Bezüger seinen Hausarzt am 26. Februar
2016, am 2. März 2016, am 7. Juni 2016, am 8. Juni 2016, am 19. August 2016, am
22. August 2016, am 8. November 2016, am 23. Februar 2017, am 24. Februar 2017,
am 5. Mai 2017, am 6. Juni 2017, am 11. September 2017, am 18. September 2017,
am 11. Dezember 2017, am 12. März 2018 und am 11. April 2018 konsultiert habe (vgl.
elektronische Notiz zu EL-act. 12). Diese Notiz stützte sich offenbar auf die
Leistungsabrechnungen, die die obligatorische Krankenpflegeversicherung der EL-
Durchführungsstelle im Juni 2018 zugestellt hatte (EL-act. 6). Eine Sachbearbeiterin der
EL-Durchführungsstelle hielt im August 2018 fest (EL-act. 4), der Vergleich zwischen
den Bankauszügen und den Leistungsabrechnungen der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung zeige, dass sich der EL-Bezüger jeweils nur für die
Arztbesuche in der Schweiz aufgehalten habe. Die Angaben des EL-Bezügers zu
dessen Reiseverhalten seien widersprüchlich, denn zuerst habe er angegeben, dass er
pro Jahr nur zweimal ins Ausland reise, aber dann habe er eingeräumt, dass er seine
Ehefrau fast jeden Monat besuche. Seine Behauptung, dass er jeden Monat jemanden
finde, der ihn gratis nach B._ und einige Tage später wieder zurück in die Schweiz
fahre, sei wenig überzeugend. Die Umstände sprächen dafür, dass der EL-Bezüger in
B._ wohne. Dort beziehe er regelmässig Geld, dort habe er ein Haus und dort lebe
seine Ehefrau. Mit einem Entscheid vom 17. August 2018 wies die EL-
Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 3). Zur Begründung führte sie aus, der
EL-Bezüger habe in der Zeit ab dem 1. Januar 2016 deutlich häufiger im Ausland als in
der Schweiz Bargeld bezogen. Seine Angaben zum Reiseverhalten seien
widersprüchlich. Er besitze ein Haus in seiner Heimatgemeinde. Seine Ehefrau lebe
dort. Die Reise von der Schweiz in die Heimatgemeinde dauere mindestens elf
Stunden. Die vom EL-Bezüger behaupteten Kurzaufenthalte im Ausland seien
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
unglaubwürdig. Der EL-Bezüger habe keine konkreten, sondern nur sehr vage Angaben
zu den angeblichen häufigen Reisen gemacht. Angesichts der gesamten Umstände sei
es überwiegend wahrscheinlich, dass der EL-Bezüger seinen Lebensmittelpunkt in
seinem Herkunftsland habe.
Am 6. September 2018 erhob der EL-Bezüger (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 17. August
2018 (act. G 1). Er beantragte, dass der angefochtene Einspracheentscheid
aufgehoben und dass die Ergänzungsleistung weiter ausgerichtet werde. Zur
Begründung führte er an, er habe seinen Lebensmittelpunkt in der Schweiz, besuche
aber seine im Ausland lebende, erkrankte Ehefrau einmal pro Monat für zwei bis fünf
Tage. Wenn man die Dauer der Reise hin und zurück mitrechne, ergebe sich ein
Auslandsaufenthalt von vier bis sieben Tagen pro Monat. Das seien höchstens 90 Tage
pro Jahr. Für Schweizer sei es vielleicht nicht nachvollziehbar, dass jemand sich bereit
erkläre, den Beschwerdeführer regelmässig gratis mitreisen zu lassen, aber die
Landsleute des Beschwerdeführers seien häufig froh, wenn sie jemanden fänden, der
ihnen auf der langen Reise etwas Gesellschaft leiste.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte

am 25. September 2018 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
Am 1. Juli 2020 wies das Versicherungsgericht den Beschwerdeführer darauf hin
(act. G 5), dass der von der Beschwerdegegnerin gewählte Wirkungszeitpunkt der
Korrekturverfügung nicht nachvollziehbar sei. Das Versicherungsgericht könnte zum
Schluss gelangen, dass der EL-Anspruch zwingend ab dem 1. März 2014 hätte
überprüft werden müssen. Im Ergebnis könnte eine Erhöhung der Rückforderung und
damit eine Schlechterstellung resultieren. Das Versicherungsgericht räumte dem
Beschwerdeführer deshalb die Möglichkeit ein, seine Beschwerde zurückzuziehen, um
eine reformatio in peius zu vermeiden. Der Beschwerdeführer reagierte nicht auf dieses
Schreiben.
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit. Sein Gegenstand muss folglich
jenem des mit dem angefochtenen Entscheid abgeschlossenen Einspracheverfahrens
entsprechen. Da auch jenes ein Rechtsmittelverfahren gewesen ist und da es die
Überprüfung der vorangegangenen Verfügung auf deren Rechtmässigkeit bezweckt
hat, hat sein Gegenstand wiederum zwingend jenem des mit der vorangegangenen
Verfügung abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen müssen. Jenes
Verwaltungsverfahren hat zwar offensichtlich auf eine Korrektur einer früheren formell
rechtskräftigen Verfügung abgezielt, aber den Akten lässt sich nicht entnehmen,
welche Verfügung die Beschwerdegegnerin hat korrigieren wollen und mit welchem
verfahrensrechtlichen Korrekturinstrument – Revision (Art. 17 Abs. 2 ATSG),
Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG) oder sogenannt prozessuale Revision (Art. 53
Abs. 1 ATSG) – sie das hat tun wollen. Die Beschwerdegegnerin hat nämlich zunächst
eine Art „Vorverfahren“ eröffnet, das darauf abgezielt hat, konkrete Hinweise auf
mögliche Sachverhaltsveränderungen nach der ursprünglichen Leistungszusprache zu
liefern („periodische Überprüfung“). Dieses „Vorverfahren“ hat dann allerdings Hinweise
darauf geliefert, dass bereits die ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung
respektive der diese ersetzende Einspracheentscheid vom 29. Dezember 2014 auf
einer falschen Sachverhaltsannahme beruht haben könnte, nämlich auf der Annahme,
dass der Beschwerdeführer damals tatsächlich seinen gewöhnlichen Aufenthalt in der
Schweiz gehabt habe. Die Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer deshalb in
der Folge aufgefordert, Unterlagen bis in die Zeit vor der ursprünglichen
Leistungszusprache per 1. März 2014 zurück einzureichen, namentlich Bankauszüge
aus der Zeit vom 1. Januar 2013 bis zum 31. Dezember 2017 (vgl. EL-act. 19 und 18).
Dieses Vorgehen kann nur so interpretiert werden, dass die Beschwerdegegnerin ein
Wiedererwägungsverfahren im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG eröffnet hat, das darauf
abgezielt hat, eine (zum damaligen Verfahrensstand noch fragliche) zweifellose
Unrichtigkeit des Einspracheentscheides vom 29. Dezember 2014 zu korrigieren. Der
Beschwerdeführer hat zunächst nur die Abschlüsse der Jahre 2013–2017 eingereicht;
auf eine nochmalige Aufforderung hin hat er dann zwar vollständige Kontoauszüge
eingereicht, dieses Mal aber nur für die Zeit ab dem 1. Januar 2016. Aus nicht
nachvollziehbaren Gründen hat sich die Beschwerdegegnerin damit begnügt, diese
unvollständigen Unterlagen zu würdigen. Sie hat die Auszüge für die Jahre 2013–2015
nicht mehr nachgefordert, sondern festgehalten, dass der Beschwerdeführer jedenfalls
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
spätestens ab dem 1. Januar 2016 seinen Lebensmittelpunkt wohl nicht mehr in der
Schweiz gehabt habe. Das hat dazu geführt, dass die Beschwerdegegnerin die
laufende Ergänzungsleistung letztlich (rückwirkend) per 1. Januar 2016 aufgehoben hat.
Zugleich hat sie aber mehrfach darauf hingewiesen, dass bei einer allfälligen
Einsprache weitere Abklärungen für die Jahre 2014 und 2015 getätigt werden müssten.
Nachdem der Beschwerdeführer dann tatsächlich eine Einsprache erhoben hatte, hat
die Beschwerdegegnerin zwar im Einspracheentscheid nochmals darauf hingewiesen,
dass an sich noch Abklärungen für die Jahre 2014 und 2015 hätten getätigt werden
müssen, aber sie hat keine solchen Abklärungen vorgenommen, sondern lediglich die
Einsprache abgewiesen und damit die Aufhebung der Ergänzungsleistung erst ab
Januar 2016 „bestätigt“. Weshalb die Beschwerdegegnerin jene Abklärungen, die sie
selbst für notwendig erachtet hat, im Rahmen des Einspracheverfahrens nicht
nachgeholt und weshalb sie den Beschwerdeführer nicht angehalten hat, auch noch
die Bankauszüge für die Jahre 2013–2015 einzureichen, ist nicht nachvollziehbar.
Weil der einzige Zweck einer Wiedererwägung darin besteht, einen früher
begangenen Fehler zu berichtigen, kommt als Wirkungszeitpunkt für die
Wiedererwägung nur jener Zeitpunkt in Frage, ab dem sich der früher begangene
Fehler auf die Leistungen (oder auf die Beiträge) ausgewirkt hat. Denn es wäre absurd,
eine zweifellose Unrichtigkeit, deren Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (vgl.
Art. 53 Abs. 2 ATSG), nur teilweise zu berichtigen und entsprechend teilweise einfach
zu ignorieren. Ein solches Vorgehen würde den Zweck des Art. 53 Abs. 2 ATSG
offenkundig verfehlen. Bei einer wiedererwägungsweisen Korrektur zu Ungunsten der
versicherten Person würde ein solches Vorgehen auch den Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG
verletzen, denn eine nur teilweise wiedererwägungsweise Korrektur könnte
augenscheinlich nicht die Voraussetzung für eine Rückforderung der gesamten
unrechtmässig bezogenen Leistungen schaffen. Das Legalitätsprinzip und das
Gleichbehandlungsgebot zwingen zusammenfassend stets zu einer Wiedererwägung
ex tunc; das Gesetz kennt keine Wiedererwägung mit einem anderen
Wirkungszeitpunkt. Die wiedererwägungsweise Aufhebung der Ergänzungsleistung per
1. Januar 2016 ist folglich als rechtswidrig zu qualifizieren. Weil die
Beschwerdegegnerin in Verletzung ihrer Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG)
den massgebenden Sachverhalt in der Zeit vor dem 1. Januar 2016 nicht abgeklärt hat,
lässt sich die Frage, ob die ursprüngliche Leistungszusprache per 1. März 2014
wiedererwägungsweise durch eine Abweisung des Leistungsbegehrens mangels
gewöhnlichen Aufenthaltes des Beschwerdeführers in der Schweiz zu ersetzen ist,
(noch) nicht beantworten. Die Sache ist deshalb zur Vervollständigung der
Sachverhaltsabklärung und zur anschliessenden neuen Verfügung an die
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).