Decision ID: 82e69c9d-79d4-42f8-9480-81ba56bb8470
Year: 2002
Language: de
Court: BS_APG
Chamber: BS_APG_001
Canton: BS
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
Mit Strafbefehl vom 3. Dezember 2014 wurde A_ des Hausfriedensbruchs (Art. 186 Strafgesetzbuch [StGB, SR 311.0]) sowie der Hinderung einer Amtshandlung (Art. 286 StGB) schuldig erklärt und zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu CHF 30.–, unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren, zu einer Busse von CHF 400.– und zur Tragung der Kosten des Verfahrens von CHF 355.30 verurteilt. Dieser Strafbefehl ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
Mit Eingabe vom 12. Februar 2018 ersucht A_ um Aufhebung des Strafbefehls in einem Revisionsverfahren und um einen Freispruch. Eventualiter sei der Strafbefehl aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen. Mit begründeter Instruktionsverfügung vom 22. Februar 2018 wurde A_ mitgeteilt, dass das Gesuch vom 12. Februar 2018 als Antrag auf die Durchführung eines Verfahrens nach Art. 392 Strafprozessordnung (StPO, SR 312.0) entgegengenommen werde. Der Staatsanwaltschaft sowie der Privatklägerschaft wurde mit der Begründung ausserdem angekündigt, dass beiden nach Vorliegen des schriftlich begründeten Urteils des Appellationsgerichts vom 1. Dezember 2017 (SB.2015.96) und dessen Erwachsen in Rechtskraft das rechtliche Gehör gewährt werde. Mit Stellungnahme vom 26. September 2018 beantragt die Staatsanwaltschaft A_ teilweise freizusprechen und die im Strafbefehl vom 3. Dezember 2014 ausgesprochene Geldstrafe um 50 Tagessätze zu reduzieren, so dass im Resultat die gleiche Strafe resultiere, wie sie gegen den mit Urteil des Appellationsgerichts vom 1. Dezember 2017 der Hinderung einer Amtshandlung schuldig gesprochene aber vom Vorwurf des Hausfriedensbruch freigesprochene B_ ausgesprochen worden sei. Die Privatklägerschaft, welche mit Schreiben vom 11. September 2018 aufgrund diverser Revisionsgesuche zum nämlichen Sachverhalt die Zustellung sämtlicher diesen Sachverhalt betreffenden Strafentscheide und Revisionsgesuche verlangt hatte, hat sich zur Sache nicht vernehmen lassen. Die Einzelheiten des Sachverhalts und der Parteistandpunkte ergeben sich, soweit für den Entscheid von Relevanz, aus den nachfolgenden Erwägungen. Das Urteil ist unter Beizug der Vorakten in Zirkulation ergangen.

Erwägungen
1. 1.1 Haben nur einzelne der im gleichen Verfahren beschuldigten oder verurteilten Personen ein Rechtsmittel ergriffen und wird dieses gutgeheissen, so wird gemäss Art. 392 Abs. 1 lit. a und b StPO der angefochtene Entscheid auch zugunsten jener aufgehoben oder abgeändert, die das Rechtsmittel nicht ergriffen haben, wenn die Rechtsmittelinstanz den Sachverhalt anders beurteilt und ihre Erwägungen auch für die anderen Beteiligten zutreffen. Dies ist in der Sache eine Revision sui generis, mit der ein rechtskräftiger Entscheid zur Vermeidung einer Ungleichbehandlung von Amtes wegen abgeändert wird (Ziegler/Keller, in: Niggli/Heer/Wiprächtiger, Basler Kommentar StPO, 2. Auflage 2014, Art. 392 N 1).
1.2 Zuständig für das Revisionsverfahren ist die Rechtsmittelinstanz. Sie hat vor Fällung des Revisionsentscheids soweit notwendig die beschuldigte oder verurteilte Person, welche kein Rechtsmittel ergriffen hat, die Staatsanwaltschaft und die Privatklägerschaft anzuhören (Art. 392 Abs. 2 StPO). A_ hat ein Revisionsgesuch eingereicht und der Staatsanwaltschaft sowie der Privatklägerschaft wurde das Recht eingeräumt, sich zu Sache zu äussern (s. oben Sachverhalt). Die Staatsanwaltschaft plädiert für einen teilweisen Freispruch und eine Reduktion des Strafmasses zugunsten des A_ und die Privatklägerschaft hat darauf verzichtet, sich zur Sache zu äussern.
2. 2.1 Hintergrund der Verurteilung von A_ wegen Hausfriedensbruchs war die am 3. Juni 2014 durchgeführte polizeiliche Räumung des der Privatklägerschaft im Baurecht gehörenden Grundstücks Basel Sektion 7, Parzelle 2453, an der Uferstrasse in Basel, bekannt als „Ex-Migrol-Areal“. Nachdem die Eigentümerin über einen gewissen Zeitraum auf diesem Grundstück die Errichtung eines sogenannten „Wagenplatzes“ geduldet hatte, wollte sie nach der Eingehung von Mietverbindlichkeiten mit dem Verein [...] das Grundstück teilweise geräumt wissen, wobei die Besetzer des Grundstücks ersucht wurden, sich auf eine definierte Fläche von ca. 2‘500m2 der gesamthaft 15‘163m2 betragenden Grundstücksfläche zurückzuziehen. Ein Rückzug innert der von der Privatklägerschaft gesetzten Frist bis zum 27. Mai 2014 wie auch der verlängerten Frist bis zum 1. Juni 2014 fand allerdings nicht statt. Nach Gesprächen der die Eigentümerin vertretenden Immobilien Basel-Stadt mit den Besetzern am 3. Juni 2014 und in Absprache mit der Mieterin wurde gemeinsam mit den Bewohnern des Wagenplatzes die Fläche, auf welche sich die Bewohner zurückziehen sollten, mit einem Zaun versehen, um eine klare Abgrenzung zwischen geduldeter Besetzung und legaler Zwischennutzung zu ermöglichen. Die Bewohner wurden sodann von der Polizei und von Bauarbeitern aktiv beim Transport ihrer Materialien und Gegenstände in den geduldeten Bereich unterstützt. Der danach begonnene Rückbau der von den Besetzern behelfsmässig errichteten Bauten auf der zu räumenden Arealfläche wurde jedoch ab der Mittagszeit des 3. Juni 2014 durch Personen gestört, welche, trotz wiederholten polizeilichen Aufforderungen diesen Arealteil zu verlassen, dort verblieben. Dies führte schliesslich zur polizeilichen Räumung des betreffenden Arealteils.
2.2 Die im Nachgang an das Ereignis gegen diverse Personen verfügten Strafbefehle wegen Hausfriedensbruch (und teilweise wegen weiterer im Rahmen des beschriebenen Vorgangs begangener Delikte) umschrieben allesamt mit den nämlichen Worten denselben Sachverhalt (soweit sie den Hausfriedensbruch betrafen). Im vorliegend im Rahmen der Revision zu beurteilenden Strafbefehl vom 3. Dezember 2016 wurde entsprechend allen anderen Fällen dazu zusammengefasst festgehalten, dass die Beschuldigte im Wissen um den ausserhalb der markierten Fläche von 2‘500m2 nicht mehr geduldeten Aufenthalt am 3. Juni 2014, ca. um 12:30 Uhr, gegen den Willen der Berechtigten und absichtlich die Parzelle 2453 ausserhalb des geduldeten Bereichs betrat und auf diesem Werkplatz verweilte, obwohl sie um ca. 14:00 Uhr durch die von den Berechtigten mit der Räumung des Areals beauftragte Polizei aufgefordert worden sei, das Gelände zu verlassen, andernfalls ihm rechtliche Konsequenzen drohen würden. Anders als bei den ausschliesslich wegen Hausfriedensbruchs verurteilten Personen folgt nun der individuelle Sachverhaltsvorwurf, wonach A_, um die Räumung des Areals zu erschweren und zu verzögern, auf das Dach einer auf dem zu räumenden Arealteil stehenden Baracke kletterte und sich trotz entsprechender Aufforderung weigerte, freiwillig wieder herunter zu kommen. Deshalb musste sie schliesslich von der Polizei und der Feuerwehr über eine Drehleiter mit Korb um ca. 17:00 Uhr vom Dach geholt werden (Strafbefehl S. 2). Gestützt auf diesen Sachverhalt wurde A_ des Hausfriedensbruchs und der Hinderung einer Amtshandlung für schuldig befunden. Bei den ausschliesslich wegen Hausfriedensbruchs verurteilten Personen endet der Sachverhaltsbeschrieb im Strafbefehl mit der Ausführung, die Polizei habe sie schliesslich zwischen 14:45 und 15:25 Uhr vom Grundstück entfernen müssen.
2.3 Fünf andere aufgrund des – bis auf die Sequenz der Dachbesteigung und Entfernung vom Grundstück mittels Drehleiter – gleichen Sachverhalts wegen Hausfriedensbruchs verurteilte Personen legten gegen die sie betreffenden Strafbefehle Einsprache beim Strafgericht ein. Die Verfahren wurden zusammengelegt und es erging mit Urteil des Strafgerichts vom 1. Juli 2015 ein Freispruch vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs für alle fünf dieses Delikts beschuldigten Personen. Gegen die Freisprüche wegen Hausfriedensbruch erhob die Staatsanwaltschaft Berufung. Allerdings wurden die Freisprüche mit Urteil des Appellationsgerichts vom 1. Dezember 2017 (SB.2015.96) ausnahmslos bestätigt. Das Appellationsgericht hat dazu zusammengefasst erwogen, dass es mit dem bereits am 28. Mai 2014, also knapp einer Woche vor der Räumung, von der Grundstückeigentümerin wegen Hausfriedensbruchs gestellten Strafantrag an einem rechtsgültig gestellten Strafantrag mangle, da sich dieser Strafantrag nicht gegen ein Dauerdelikt habe richten können. Aus dem zum Strafantrag erstellten Polizeirapport ergehe nämlich eindeutig, dass sich der Strafantrag gegen den Zustand des Areals vor Beginn der Rückbauarbeiten gerichtet habe. Dieser Zustand sei aber bereits am Morgen des 3. Juni 2014 friedlich beendet worden. Dass sich im Nachgang zur friedlichen Räumung und nach Beginn der Rückbauarbeiten Personen auf dem geräumten Arealteil einfanden, welche den Fortgang der Rückbauarbeiten störten, finde keinen Eingang in die Schilderung des Sachverhalts durch die Strafantragsstellerin. Dies sei auch gar nicht möglich gewesen, da sich diese Ereignisse zum Zeitpunkt der Strafantragsstellung noch gar nicht ereignet hätten und zukünftige Entwicklungen eines Sachverhalts aufgrund der Bedingungsfeindlichkeit des Strafantrags auch nicht Gegenstand eines solchen sein könnten. Die teilgeräumte Arealbrache habe im übrigen – wenn überhaupt – erst ab dem Moment zu einem unter dem Schutzbereich des Hausfriedens im Sinne von Art. 186 StGB stehenden Werkareal mutieren können, als die Rückbauarbeiten bereits begonnen hatten.
2.4 Da A_ gestützt auf den – abgesehen der den Vorwurf der Hinderung einer Amtshandlung betreffenden Ausführungen – identischen Sachverhalt wie die fünf vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs freigesprochenen Personen verurteilt wurde, ist sie in Anwendung von Art. 392 Abs. 1 lit. a und b StPO und in teilweiser Aufhebung des Strafbefehls vom 3. Dezember 2014 vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs kostenlos freizusprechen. Diese Bestimmung hat nämlich nicht nur zur Anwendung zu kommen, wenn die tatsächliche Sachverhaltswürdigung durch die Rechtsmittelinstanz zu einem anderen Resultat führt, sondern auch dann, wenn es zu einer rechtlich abweichenden Sachverhaltssubsumtion kommt. Ebenfalls nicht gegen eine Anwendung dieser Bestimmung spricht, dass A_ ein nur sie betreffender Strafbefehl zugestellt wurde. Der Begriff „im gleichen Verfahren“ verlangt vielmehr, dass die Beteiligten derselben Straftat, welche im gleichen Zeitraum beim selben Gericht zur Anklage gebracht wurde, bezichtigt worden sind. Dies ist vorliegend der Fall (Ziegler/Keller, a.a.O., Art. 392 StPO N 2 f., mit Verweis auf abweichende Meinungen betreffend die Relevanz der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts).
2.5 Soweit der Strafbefehl vom 3. Dezember 2014 den Vorwurf und Schuldspruch wegen Hinderung einer Amtshandlung betrifft, bleibt er bestehen. Die von der Staatsanwaltschaft vorgeschlagene Reduktion des Strafmasses auf eine Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu CHF 30.– für den in Rechtskraft erwachsenen Schuldspruch erscheint angemessen. Der Vollzug der Geldstrafe ist aufzuschieben und eine Probezeit von 2 Jahren anzusetzen, welche zwischenzeitlich allerdings wohl bereits abgelaufen ist, da sie mit Eröffnung des Strafbefehls vom 3. Dezember 2014 zu laufen begann (BGer 6B_522/2010 vom 23. September 2010 E. 3; s. auch Schneider/Garré, in: Niggli/Wiprächtiger, Basler Kommentar Strafrecht I, 4. Auflage 2019, Art. 44 StGB N 5 bezugnehmend auf den zukünftigen Abs. 4 [Zeitpunkt des Inkrafttretens noch nicht bekannt]). Nicht geäussert hat sich die Staatsanwaltschaft zu der mit Strafbefehl zusätzlich verhängten Busse von CHF 400.–. Diese Busse ist in Angleichung an den Strafbefehl gegen B_, welcher aufgrund des Schuldspruchs wegen Hinderung einer Amtshandlung ausschliesslich zu einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen verurteilt wurde, aufzuheben.
3. Ausserordentliche Kosten sind der nicht anwaltlich vertretenen A_ nicht entstanden, weshalb ihr für das Revisionsverfahren keine Parteientschädigung zuzusprechen ist. Die Kosten des Strafbefehlverfahrens wurden ihr gestützt auf den Schuldspruch wegen Hinderung einer Amtshandlung zu Recht auferlegt.