Decision ID: edd01a69-af4f-50f0-99e7-cdeaffabbad1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reiste am 11. Juni 2018 illegal in die Schweiz
ein, wo er gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
B._ um Asyl nachsuchte. In der Folge wurde er per Zufallsprinzip
dem Testbetrieb im Verfahrenszentrum C._ zugewiesen.
A.b Am 15. Juni 2018 fand eine Personalienaufnahme und am
26. Juni 2018 ein Dublingespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 statt, bei welchen er summarisch zu seiner Person, seinem
Reiseweg und seinem Gesundheitszustand befragt wurde. Am 16. Au-
gust 2018 wurde die Erstbefragung nach Art. 16 Abs. 3 der Verordnung
über die Durchführung von Testphasen zu den Beschleunigungsmassnah-
men im Asylbereich (Testphasenverordnung [TestV]; SR 142.318.1) und
am 6. September 2018 die Anhörung nach Art. 17 Abs. 2 Bst. b TestV
durchgeführt.
In Bezug auf seinen persönlichen Hintergrund machte der tamilische Be-
schwerdeführer geltend, er sei in D._ (Distrikt E._, Nordpro-
vinz) geboren und in F._ (ebenfalls Distrikt E._, Nordpro-
vinz) aufgewachsen. Im Jahr 1990 sei er zusammen mit seiner Familie auf-
grund der Beziehungen seines Vaters zu den Liberation Tigers of Tamil
Eelam (LTTE) nach Indien geflohen, wo sie fortan als anerkannte Flücht-
linge in Refugee-Camps gelebt hätten. Er habe die Schule bis zur
(...) Klasse besucht und anschliessend unter anderem als (...) gearbeitet.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte er im Wesentlichen vor, er sei
im (...) 2014 alleine nach Sri Lanka zurückgekehrt. Bei seiner Wiederein-
reise habe er sich durch die Bezahlung von Bestechungsgeldern einer ver-
tieften Abklärung wegen seiner illegalen Ausreise im Jahr 1990 durch das
Criminal Investigation Departement (CID) entziehen können. Anschlies-
send habe er bei seiner Tante und deren Familie in F._ gelebt und
– wie sein Onkel – als (...) gearbeitet. Am (...) 2017 habe ihn sein Kind-
heitsfreund G._ angerufen und gebeten, drei Ex-LTTE-Mitglieder
mit seinem Boot nach Indien zu transportieren. Zunächst habe er abge-
lehnt, sich schliesslich aber einverstanden erklärt, sich mit ihnen in
E._ zu treffen. Einige Tage später habe er die Personen persönlich
kennengelernt und sich entschieden, sie aus humanitären Gründen und
unentgeltlich einen Teil des Weges zu befördern. In der Nacht vom (...) auf
den (...) 2017 habe er sie mit seinem (...)-Boot aufs offene Meer gebracht,
wo sie für die Weiterreise auf ein anderes Schiff umgestiegen seien. Am
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(...) 2017 habe G._ ihn erneut kontaktiert und gebeten, vier weite-
ren Ex-LTTE-Mitgliedern zu helfen, das Land zu verlassen. Er habe erneut
eingewilligt und die Schlepperfahrt am (...) 2017 durchgeführt. In der Folge
hätten sich am Vormittag des (...) 2017 zwei Angehörige der Sri Lankan
Navy (SLN) in seiner Abwesenheit bei seiner Tante nach ihm erkundigt.
Tags darauf hätten die Marinesoldaten ihn persönlich bei seiner Arbeit auf-
gesucht und gefragt, ob er mit seinem Boot Personentransporte durchge-
führt habe. Als er die Frage verneint habe, seien sie wortlos wieder gegan-
gen. Am (...) 2017 sei er von vier SLN-Mitglieder festgenommen und mit
verbundenen Augen mit seinem eigenen Boot ins H._ Camp ge-
bracht worden. Dort sei er mehrere Tage lang festgehalten und befragt wor-
den. Aufgrund seiner Narbe, welche von einem Velounfall stamme, seien
sie davon ausgegangen, dass er ein ehemaliges Mitglied der LTTE sei,
weshalb er in der Folge gefoltert und sexuell missbraucht worden sei. Am
(...) oder am (...) 2017 sei er der Polizei übergeben worden. In der Folge
sei er auf die Polizeistation in D._ gebracht worden, wo er inhaftiert
worden sei. Ein tamilischer Polizeibeamter habe ihn schliesslich freigelas-
sen. Er sei dann zu Fuss und mit dem Bus zu seiner Tante nach I._
gelangt, wo er sich versteckt habe. G._ habe ihn darüber informiert,
dass seine Tante aus F._ eine Woche lang inhaftiert gewesen sei.
Weiter habe ihm dieser seinen Reisepass und seine Identitätskarte, welche
sich noch in F._ befunden hätten, besorgt. Bis zu seiner Ausreise
habe er sich in J._ und in K._ versteckt. Am (...) 2017
beziehungsweise am (...) 2018 sei er mit Hilfe eines Schleppers, welcher
mittels Bestechung für eine reibungslose Ausreise gesorgt habe, mit sei-
nen eigenen Identitätspapieren per Flugzeug aus Sri Lanka nach
L._ gereist. Von dort aus sei er auf dem Luftweg in die Türkei und
anschliessend an Bord eines Container-Lastwagens in die Schweiz ge-
langt.
A.c Mit Verfügung vom 13. September 2018 teilte das SEM dem Be-
schwerdeführer mit, dass weitere Abklärungen nötig seien und sein Asyl-
gesuch gemäss Art. 19 TestV im erweiterten Verfahren behandelt werde.
In der Folge wurde er am 18. September 2018 dem Kanton M._ zu-
gewiesen.
A.d Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerdefüh-
rer eine beglaubigte Kopie seiner Geburtsurkunde, seine sri-lankische
Identitätskarte im Original, eine Kopie seiner Identitätskarte als sri-lanki-
scher Flüchtling, ausgestellt vom Government of Tamil Nadu ("Sri Lanka
Refugees Identity Card"), eine Kopie einer Bestätigung des indischen
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Flüchtlingslagers N._ vom (...) 2014 (in Kopie), eine Kopie einer in-
dischen Ausreisebescheinigung, Kopien der Identitätskarten seiner Eltern,
medizinische Informationen der (...) vom 12. September 2018 sowie einen
ärztlichen Bericht von Dr. med. O._ der (...) vom 27. Juli 2020 mit-
samt ärztlichen Berichten vom 27. Dezember 2018 und 7. Juni 2019 zu
den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 11. August 2020 – eröffnet am folgenden Tag – ver-
neinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Wegweisungsvollzug an.
C.
Mit Beschwerde vom 11. September 2020 (Datum Poststempel) reichte
der Beschwerdeführer – handelnd durch die rubrizierte Rechtsvertreterin –
gegen diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgereicht ein
und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung unter Gewäh-
rung des Asyls. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und er sei vorläufig in der
Schweiz aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung seiner Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung, eine An-
waltsvollmacht vom 13. August 2020, das Themenpapier der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) Sri Lanka: Psychiatrische Behandlung und
Psychotherapie im Norden vom 3. September 2020, eine Unterstützungs-
bedürftigkeitserklärung des (...), vom 8. September 2020 sowie eine Kos-
tennote bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 18. September 2020 hiess die Instruktions-
richterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte die
Rechtsvertreterin, MLaw Cora Dubach, antragsgemäss als amtliche
Rechtsbeiständin ein. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Einreichung
einer Vernehmlassung eingeladen.
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E.
Mit Eingabe vom 6. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer ein ärztli-
ches Zeugnis vom 7. September 2020 nach, welches mit Verfügung vom
8. Oktober 2020 in Kopie an das SEM übermittelt wurde.
F.
Innert erstreckter Frist äusserte sich die Vorinstanz mit Vernehmlassung
vom 14. Oktober 2020 zur Beschwerdeschrift.
G.
Mit Replik vom 19. November 2020 nahm der Beschwerdeführer innert er-
streckter Frist zur vorinstanzlichen Vernehmlassung Stellung.
Mit der Eingabe wurden eine Kopie der Todesurkunde der Mutter des Be-
schwerdeführers, ein Foto ihrer Beerdigung vom (...) 2019, ein Foto von
der Narbe auf seinem (...), ein Foto von der Narbe auf seinem (...), ein
Foto von Narben von Schnittwunden auf seinem (...), ein Foto seiner (...),
ein Bericht der (...) vom 1. Juli 2020 sowie ein Schreiben der (...) vom
19. Oktober 2020 ins Recht gelegt.
H.
Mit Eingabe vom 20. November 2020 wurde als Ergänzung zur Replik der
vollständige Bericht der (...) vom 1. Juli 2020 zu den Akten gereicht.
I.
Mit Eingabe vom 15. Dezember 2020 reichte der Beschwerdeführer einen
Brief seiner Tante und seines Onkels vom 3. November 2020 samt deut-
scher Übersetzung sowie eine aktualisierte Honorarnote ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG; SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül-
tig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz stellte fest, dass die vom Beschwerdeführer vorge-
brachten Asylgründe nicht glaubhaft seien. Der Beschwerdeführer sei bis
zu seiner Rückkehr nach Sri Lanka im (...) 2014 keiner asylrelevanten Ver-
folgung ausgesetzt gewesen. Zwar würden Personen, die illegal ausgereist
seien, über keine gültigen Identitätsdokumente verfügen, behördlich ge-
sucht werden oder im Ausland ein Asylverfahren durchlaufen hätten, nach
ihrer Rückkehr nach Sri Lanka, am Flughaften zu ihrem Hintergrund befragt
werden, jedoch würden weder die Befragungen noch die Eröffnung eines
Strafverfahrens wegen illegaler Ausreise ein asylrelevantes Ausmass an-
nehmen. Die Umstände der Einreise des Beschwerdeführers würden nicht
darauf schliessen lassen, dass er durch die sri-lankischen Sicherheitsbe-
hörden in einer "Stop List" eingetragen worden sei. Die Tatsache, dass er
sowohl vor als auch nach seiner Wiedereinreise sri-lankische Identitätspa-
piere habe beantragen können und bis im (...) 2017 nicht von den sri-lan-
kischen Behörden gesucht worden sei, spreche gegen ein in diesem Zeit-
punkt bestehendes Verfolgungsinteresse an seiner Person. Hinsichtlich
der Hilfeleistungen, welche er seinem Freund G._ zuliebe im (...)
2017 erbracht habe, sei nicht nachvollziehbar, aus welchem Grund er sich
– obwohl er die erste Anfrage wegen der damit verbundenen Gefahren ab-
gelehnt habe – dennoch damit einverstanden erklärt habe, die drei ehema-
ligen LTTE-Mitglieder in E._ zu treffen und schliesslich ein derarti-
ges Risiko für ihm unbekannte Menschen eingegangen sei. Dies sei umso
unverständlicher, da weder er noch G._ Verbindungen zu den LTTE
gehabt hätten. Als sein Freund ihn um einen zweiten Personentransport
gebeten habe, habe er ihm nur Fotos von Kriegsverletzungen zeigen müs-
sen und er habe sofort wieder zugestimmt. Ferner spreche die Tatsache,
dass er die Umstände der beiden Bootsfahrten nicht nur summarisch, son-
dern exakt gleich und ohne Anzeichen von Selbsterlebtem umschrieben
habe, gegen deren Glaubhaftigkeit. Des Weiteren erscheine das geschil-
derte Vorgehen der Marinesoldaten unlogisch, da sie ihn – vor seiner Fest-
nahme am (...) 2017 – zunächst am (...) 2017 bei seiner Tante gesucht
sowie am (...) 2017 an seinem Arbeitsplatz auf allfällige Personentrans-
porte angesprochen und so das Risiko in Kauf genommen hätten, ihn vor-
zuwarnen. Auch dass ihm die Augen bei der Festnahme erst kurz vor der
Ankunft im H._ Camp verbunden worden seien, erscheine nicht
plausibel. Zwar habe er die sexuellen Misshandlungen, welche er während
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seiner Inhaftierung erlitten habe, sehr genau schildern und teilweise exakte
Zeitangaben machen können, demgegenüber habe er nur wenig zum All-
tag in Gefangenschaft erzählen können. Zudem habe er in den Befragun-
gen hinsichtlich seiner Verpflegung und der Identifizierung von zwei Ex-
LTTE-Mitgliedern, welche er mit seinem Boot transportiert habe, voneinan-
der abweichende Angaben gemacht. Schliesslich habe er die Umstände
seiner Freilassung durch die Marinesoldaten nur vage und widersprüchlich
geschildert. Infolgedessen qualifizierte die Vorinstanz die Vorbringen des
Beschwerdeführers betreffend seine Verhaftung und der anschliessenden
Inhaftierung durch die sri-lankische Marine als unplausibel. Alsdann seien
seine Ausführungen zur angeblichen Inhaftierung seiner Tante und der Su-
che nach ihm substanzlos ausgefallen, weshalb die geltend gemachten
Probleme mit den sri-lankischen Behörden unwahrscheinlich seien.
Schliesslich habe er mit seinem eigenen Pass und einem gültigen Visum
für L._ ausreisen können, was ebenfalls gegen die Behauptung
spreche, dass er zu diesem Zeitpunkt von den Behörden gesucht worden
sei. Diese Schlussfolgerung könne nicht durch seine Angaben, dass er den
Flughafen nur deshalb habe verlassen können, weil sein Schlepper einen
Mitarbeiter des Flughafens bestochen habe, entkräftet werden. Im Übrigen
habe er während des Asylverfahrens zwei verschiedene Ausreisedaten
geltend gemacht.
4.2 In der Beschwerde wurde ausgeführt, es sei dem Beschwerdeführer
– entgegen der vorinstanzlichen Ansicht – gelungen, seine Verfolgung
glaubhaft darzulegen. So sei es zunächst nicht legitim, widersprüchliche
Aussagen zwischen der BzP und den Anhörungen derart stark zu gewich-
ten. Zudem wurde auf die häufigen Korrekturen des ersten Protokolls und
den expliziten Hinweis des Dolmetschers, wonach der Beschwerdeführer
auf tiefen Niveau (...) spreche, hingewiesen. Damit werde belegt, dass es
anlässlich den beiden Anhörungen zu Missverständnissen beziehungs-
weise ungenauen Ausdrucksweisen gekommen sei, was bei der Evaluie-
rung der von der Vorinstanz beanstandeten Widersprüche entsprechend
berücksichtigt werden müsse. Für die Glaubhaftigkeit und die Stichhaltig-
keit seiner Schilderungen würden sodann die vielen Hintergrundinformati-
onen, welche ein stimmiges Gesamtbild ergeben würden, und die in den
Anhörungen gemachten Zeitangaben sprechen. Hinsichtlich den von der
Vorinstanz vorgebrachten Zweifel zu den Beweggründen des Beschwerde-
führers ehemaligen LTTE-Mitglieder zu helfen, wurde entgegengehalten,
dass sein Entschluss vor dem Hintergrund seines stark ausgeprägten
christlichen Glaubens, der fehlenden Kenntnis über das aggressive Vorge-
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hen der sri-lankischen Behörden infolge seiner langjährigen Landesabwe-
senheit und seines Vertrauens in seinen Freund G._ durchaus
nachvollziehbar sei. Aus denselben Gründen und aufgrund seiner Erfah-
rungen aus der ersten Überfahrt, welche ereignislos abgelaufen sei, habe
er dann auch dem zweiten Transport zugestimmt, wobei er bereits ange-
kündigt habe, dass er keine weiteren Fahrten mehr machen werde. Soweit
das SEM in diesem Zusammenhang behaupte, er sei lediglich durch das
Zeigen von Kriegsfotos umgestimmt worden, liege wohl ein sprachliches
Missverständnis vor, da er in der zitierten Protokollstelle nicht von Fotos,
sondern einer persönlichen Gegenüberstellung gesprochen habe. Dass
sich die Schilderungen der beiden Schlepperfahrten gleichen würden,
spreche nicht gegen deren Glaubhaftigkeit, denn von einer vierstündigen
Fahrt auf dem offenen Meer mitten in der Nacht gebe es ausser den er-
wähnten Lichtsignalen und der Übergabe logischerweise nur wenige bis
keine herausstechenden Details zu berichten. Weiter sei das Verhalten der
Navy durchaus nachvollziehbar und nicht anzuzweifeln. Der Beschwerde-
führer habe sich zwar gefürchtet und mit dem Gedanken gespielt, zu flie-
hen, sich jedoch aus Angst, dass seine Tante und sein Onkel deshalb sei-
netwegen Probleme bekommen würden, dagegen entschieden. Ausser-
dem sei er in jenem Zeitpunkt der Überzeugung gewesen, lediglich unter-
geordnete Hilfeleistungen erbracht zu haben, weshalb er nicht mit einer
hohen Strafe gerechnet habe. Soweit die Vorinstanz den Moment des Au-
genverbindens als unlogisch qualifiziere, vergesse sie, dass er mit seinem
eigenen Boot zum Camp gefahren sei und sie ihm erst auf offener See die
Augen verbunden hätten, damit er sich keinen Überblick über das gesamte
Camp machen konnte. Die Widersprüche bezüglich seinen Freilassungen
aus dem Marine Camp und dem Polizeiposten in D._ sowie dem
Telefonat seiner Tante könnten vollends aufgeklärt werden. Die Abwei-
chung von zwei Tagen bezüglich seiner Freilassung und betreffend die Ge-
genüberstellung der beiden LTTE-Mitglieder könne mit den Umständen an-
lässlich der Erstbefragung (falsche Protokollierungen beziehungsweise un-
genaue Übersetzungen) erklärt werden. Nach seiner Freilassung habe er
sich bis zu seiner Ausreise an verschiedenen Orten versteckt. Die Fest-
nahme seiner Tante aus F._ sei als eine direkte Repression auf sein
Untertauchen zu deuten. Mit Hilfe eines Schleppers, welcher einen Beam-
ten am Schalter des Flughafens bestochen habe, habe er zwar mit eige-
nem Pass – jedoch ohne das Ausreiseformular ausfüllen zu müssen –
schliesslich illegal ausreisen können. Zusammenfassend sei festzustellen,
dass es dem Beschwerdeführer gelungen sei, seine Verfolgung im Sinne
von Art. 7 AsylG glaubhaft darzulegen.
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Dadurch, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner Schleppertätigkeiten
durch die Navy verhaftet und massiv gefoltert worden sei, erfülle er sowohl
aus objektiver als auch aus subjektiver Sicht die geforderte Intensität ernst-
hafter Nachteile. Damit werde eine aktuelle und künftige asylrelevante Ver-
folgung begründet, welche kausal für seine Ausreise gewesen sei. Der Be-
schwerdeführer erfülle sodann mehrere gewichtige Risikofaktoren gemäss
dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Ju-
li 2016, die eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung bei einer allfälli-
gen Rückschaffung als sehr wahrscheinlich erscheinen liessen. Durch
seine Schlepperfahrten weise er eine Verbindung zu den LTTE auf. Die
sichtbaren Narben seien ein weiterer Faktor, aufgrund dessen ihm Verfol-
gung drohen könnte. Diese Annahme werde durch den aktuellen Regie-
rungswechsel und die damit einhergehende Zunahme der Repressionen
unterstützt. Die Lage spitze sich in Sri Lanka zu und politische Gegner des
Rajapaksa-Clans würden sich zunehmend in Gefahr fühlen. Am 25. No-
vember 2019 sei sogar eine Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft
in Colombo von einem weissen Van irregulär verhaftet und zu sri-lanki-
schen Spitzenpolitikern befragt worden. Das dreiste und rechtswidrige Vor-
gehen des Rajapaksa-Clans gegen jegliche Gegner lasse vermuten, dass
dieses Regime auch gegenüber zurückgeschafften, abgewiesenen Asylsu-
chenden aus der Schweiz vermehrt vorgehen werde. Es könne zum jetzi-
gen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, dass ihm Folter, Inhaftierung
oder andere unmenschliche Behandlungen drohen würde. Erschwerend
komme hinzu, dass er bereits vor seiner Ausreise inhaftiert worden sei. Die
Verhaftung seiner Tante nach seinem Untertauchen sei ein weiteres Indiz
eines aktuellen Interesses an seiner Person. Die Verfolgung fusse dabei
auf seiner ethnischen Zugehörigkeit und seiner politischen Gesinnung. An-
gesichts der erlittenen Verfolgung und der aktuellen Lage in Sri Lanka sei
von einem fehlenden Schutzwillen des Staats auszugehen.
4.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM an seinen Erwägungen im
angefochtenen Entscheid fest. Ergänzend merkte es an, dass der in der
Beschwerdeschrift vorgebrachte Sachverhalt zusätzliche Präzisierungen
wie beispielsweise zu den Haftbedingungen enthalte, wobei unverständlich
sei, weshalb der Beschwerdeführer diese Details nicht bereits in den An-
hörungen vorgebracht habe, obwohl er auf die Wichtigkeit substantiierter
Antworten hingewiesen worden sei. Ferner erscheine es insbesondere vor
dem Hintergrund, dass er unbestrittenermassen bis im (...) 2017 über kein
Risikoprofil verfügt und insbesondere keine Verbindungen zu den LTTE ge-
pflegt habe, nach den Beweggründen zu fragen, weshalb er das Risiko auf
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sich genommen habe, um sich für LTTE-Mitglieder einzusetzen. Seine re-
ligiösen Überzeugungen vermöchten sein Verhalten nicht nachvollziehbar
zu erklären. Alsdann werde die Unglaubhaftigkeit seiner Aussagen nicht
nur mit der mangelnden Substanz seiner Ausführungen und den Unstim-
migkeiten in Bezug auf seine Inhaftierung sowie die Umstände seiner Frei-
lassung begründet, sondern auch damit, dass er keinerlei Beweisdoku-
mente hierfür eingereicht habe. Weiter sei der Beschwerdeführer nicht in
der Lage gewesen, konkrete Angaben über die angebliche Inhaftierung sei-
ner Tante zu machen oder nähere Informationen zur behördlichen Suche
nach ihm zu geben, welche ab seiner Entlassung aus dem Gefängnis bis
zu seiner Ausreise, die erst einige Monate später erfolgt sei, angedauert
habe. Hinsichtlich der Fotos der Kriegsverletzungen der Ex-LTTE-Mitglie-
der sei es tatsächlich zu einer fehlerhaften Übersetzung durch die
Vorinstanz gekommen. Dieses Missverständnis führe jedoch nicht dazu,
dass die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung in Frage gestellt
würden. Zum ärztlichen Zeugnis vom 7. September 2020 hielt das SEM
fest, dass es sich dabei nicht um einen ärztlichen Bericht im eigentlichen
Sinne handle und dieses weder Angaben zu Nachuntersuchung noch mög-
liche medizinische Behandlungen enthalte.
4.4 In der Replik entgegnete der Beschwerdeführer, es sei nicht ersichtlich,
welche Details in der Beschwerde zum Sachverhalt hinzugefügt worden
seien, vielmehr handle es sich um eine Zusammenstellung seiner Aussa-
gen. Wenn sein Entscheid, sich aus christlichen Beweggründen für Ex-
LTTE-Mitglieder einzusetzen, aus Sicht der Vorinstanz nicht nachvollzieh-
bar sei, sei auch unabhängig davon ein Anflug von Solidarität für Menschen
in Not durchaus menschlich und plausibel. Das Nichtvorhandensein von
Dokumenten, welche seine Verfolgung belegen könnten, entspreche ge-
rade dem Vorgehen des sri-lankischen Staates, da die Verfolgungshand-
lungen inoffiziell und ohne rechtsstaatliches Verfahren durchgeführt wer-
den würden. Das Fehlen von entsprechenden Beweismittel sei notorisch
und weise keinesfalls auf eine frei erfundene Geschichte hin. Soweit sich
das SEM darüber irritiert gezeigt habe, dass er nichts über den Angriff auf
seine Tante gewusst habe, unterschlage sie die Gegebenheiten in Sri
Lanka. Die Tatsache, dass durch ihn und seine Familie Sicherheitsmass-
nahmen getroffen worden seien, müsse als Indiz für die Ernsthaftigkeit der
Situation verstanden werden. Im Zusammenhang mit dem Vorbringen der
Vorinstanz, wonach der medizinische Bericht unvollständig sei, da die Be-
handlungsmethoden nicht erwähnt worden seien, wies der Beschwerde-
führer daraufhin, dass es im Sinne des Untersuchungsgrundsatzes die
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Seite 12
Pflicht des SEM gewesen wäre, weitere medizinische Abklärungen anzu-
regen. Weiter habe es sich zur fehlenden Infrastruktur zur Behandlung von
Patienten wie den Beschwerdeführer nicht geäussert. Angesichts des ein-
gereichten Berichts der SFH müsse bei ihm konkreter als mit einem gene-
rellen Verweis überprüft werden, bei welchem Arzt oder welcher Ärztin er
eine Behandlung aufnehmen könnte.
5.
5.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer seine Vorbringen
glaubhaft machen konnte.
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Urteilen
dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. ausführ-
lich BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie Urteil des BVGer D-5779/2013 vom
23. Februar 2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
5.3 Vorab ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer unbestrittenermas-
sen von 1990 bis im (...) 2014 als anerkannter Flüchtling in Indien lebte
und nach seiner Rückkehr nach Sri Lanka keiner asylrelevanten Verfol-
gung ausgesetzt war. Hierbei spricht insbesondere der Umstand, dass er
sowohl vor als auch nach seiner Wiedereinreise ohne Probleme sri-lanki-
sche Reisepässe beantragen konnte (vgl. SEM-Akten A23, F48 sowie die
entsprechenden Anmerkungen hierzu anlässlich der Rückübersetzung
S. 13 und A25, F16), gegen ein bestehendes Verfolgungsinteresse der sri-
lankischen Behörden in diesem Zeitraum. Zudem bestätigte der Beschwer-
deführer – abgesehen von den geschilderten Problemen mit der SLN – nie
konkrete persönliche Probleme oder Konflikte mit den Behörden, anderen
Organisationen oder Privatpersonen gehabt zu haben (vgl. SEM-Akte A25,
F142–146).
5.4 Der Beschwerdeführer brachte vor, sein Kindheitsfreund G._
habe ihn überredet, zwei Mal insgesamt sieben ehemalige LTTE-Mitglieder
mit seinem (...)-Boot den halben Weg nach Indien zu transportieren, um
ihnen die Flucht aus Sri Lanka zu ermöglichen (vgl. hierzu SEM-Akten A/23
F63 und A25, F37–58 sowie F148–151).
5.4.1 Hierbei ist festzustellen, dass die Ausführungen des Beschwerdefüh-
rers betreffend die Anfrage von seinem langjährigen Bekannten beim
Transport von ehemaligen LTTE-Mitgliedern aus Sri Lanka zu helfen, als
insgesamt glaubhaft einzustufen sind. In der freien Schilderung seiner
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Asylvorbringen in der Erstbefragung legte er anschaulich dar, wie
G._ mit ihm in Kontakt trat und ihn schliesslich von seinem Vorha-
ben überzeugte. Auf die ergänzenden Fragen in der Anhörung konnte er
zudem schlüssige Antworten geben. Dabei vermochte er die Ereignisse
nicht nur zeitlich einzuordnen, sondern gab die Gespräche in der direkten
Rede wieder und teilte auch seine persönlichen Überlegungen mit
(vgl. SEM-Akten A23, F63 und A25, F37–58 sowie F148–151).
5.4.2 Für die Vorinstanz ist nicht nachvollziehbar, aus welchen Gründen
der Beschwerdeführer den Anfragen von G._ betreffend Schlepper-
fahrten zugesagt hat und ein derart hohes Risiko für ihm fremde Menschen
eingegangen ist, zumal er selber davor keine Verbindung zu den LTTE ge-
habt habe. Auf die ihm in der Anhörung gestellte Frage, weshalb ausge-
rechnet er von G._ darum gebeten worden sei, ehemalige LTTE-
Mitglieder ausser Landes zu schaffen, führte der Beschwerdeführer aus,
sein Freund habe ihn am (...) 2017 kontaktiert und um Hilfe gebeten, weil
er als (...) gearbeitet habe (vgl. SEM-Akte A25, F39). Dies erscheint ange-
sichts der über den Seeweg geplanten Flucht durchaus naheliegend. Des
Weiteren kannten sich die beiden gemäss Angaben des Beschwerdefüh-
rers bereits seit sie Kinder waren, wuchsen gemeinsam in Indien auf und
vertrauten einander (vgl. SEM-Akte A 25, F37 ff.). Der Beschwerdeführer,
welcher Bedenken gegen das Vorhaben hatte, lehnte die Anfrage zunächst
ab. Er habe sich dann aber von G._ überzeugen lassen, die drei
Personen wenigstens persönlich kennen zu lernen. Infolgedessen habe er
sich mit ihnen in einem Coffee-Shop in E._ getroffen, wobei sie ihm
ihre bewegte Vergangenheit erzählt hätten. Er habe sich schliesslich ent-
schieden, ihnen aus menschlichen Gründen zu helfen, und willigte ein, sie
einen Teil des Weges zu transportierten (vgl. hierzu SEM-Akten A23, F63
und A25, F43–48 und F54). Dass er – wie in der Beschwerdeschrift darge-
legt wurde (vgl. dort E. II, Ziff. 53) – davon ausging, lediglich untergeord-
nete Hilfeleistungen zu erbringen, da er selber am Grenzübertritt seiner
Passagiere nicht beteiligt war, erscheint überzeugend. Ferner spricht auch
der Umstand, dass er auf eine finanzielle Entschädigung verzichtete, für
seine Glaubwürdigkeit (vgl. SEM-Akten A23, F63 sowie A25, F49 und
F147). Insgesamt ist es dem Beschwerdeführer nach Ansicht des Gerichts
gelungen, seine persönlichen Beweggründe für den Entscheid zur Schlep-
pertätigkeit nachvollziehbar zu benennen. Im Übrigen kann auf die über-
zeugenden Entgegnungen in der Beschwerde verwiesen werden (vgl. dort
E. II, Ziff. 53–57).
D-4513/2020
Seite 14
5.4.3 Angesichts der problemlosen Durchführung des ersten Personen-
transports erscheint es denn auch nachvollziehbar, dass der Beschwerde-
führer einwilligte, eine zweite Überfahrt zu machen. Diesbezüglich schil-
derte er wiederum anschaulich seinen inneren Entscheidungsprozess. So
habe er, als G._ ihn am (...) 2017 erneut gefragt habe, geantwortet,
dass er dies nicht tun könne, da es zu gefährlich sei. Dieser habe ihm dann
jedoch die Vergangenheit der Ex-LTTE-Mitglieder geschildert, welche ihn
berührt habe. Er habe daraufhin eingewilligt ein letztes Mal Leute den hal-
ben Weg nach Indien zu transportieren (vgl. SEM-Akten A23, F63 und A25,
F55).
5.5 Weiter machte der Beschwerdeführer geltend, er habe die beiden
Schlepperfahrten am (...) 2017 sowie am (...) 2017 in der Nacht durchge-
führt. Bei der ersten Überfahrt habe er die drei Passagiere gegen Mitter-
nacht in sein Boot geladen und sei dann mit ihnen aufs Meer herausgefah-
ren. Sie seien dabei ständig mit einer Person telefonisch in Kontakt gewe-
sen, wobei er nicht gewusst habe mit wem. Sie hätten dann mit einer Ta-
schenlampe durch dreimaliges Blinken einem Fischtrawler ein Signal ge-
geben. Die Fischer hätten das Lichtsignal erwidert und in der Folge habe
der Beschwerdeführer sie diesen übergeben. Bei der zweiten Fahrt hätten
die vier Reisenden dasselbe Erkennungssignal gegeben, woraufhin er sie
ebenfalls Fischern übergeben habe (vgl. hierzu SEM-Akte A23, F63).
Das SEM ist der Ansicht, dass sich die Schilderungen der Überfahrten nicht
unterscheiden würden und lebensfremd seien. Dem ist entgegenzuhalten,
dass es während den nächtlichen Schifffahrten auf offenem Meer, welche
nur einige Stunden andauerten, offenbar zu keinen weiteren Vorkommnis-
sen kam, weshalb es nicht abwegig erscheint, dass der Beschwerdeführer
deren Ablauf entsprechend übereinstimmend und ereignislos darlegte. Im-
merhin war er imstande einige Details zur Übergabe der ehemaligen LTTE-
Mitglieder anzugeben. Im Übrigen wurden in den Befragungen auch keine
Ergänzungsfragen zum Ablauf der beiden Transportfahrten gestellt.
5.6 Alsdann brachte der Beschwerdeführer vor, am Vormittag des (...)
2017 hätten sich zwei Marinesoldaten während seiner Abwesenheit bei sei-
ner Tante nach ihm erkundigt. Tags darauf sei er am Abend ebenfalls von
zwei Soldaten bei der Arbeit aufgesucht worden. Sie hätten ihn gefragt, ob
er mit seinem (...)-Boot Personentransporte durchgeführt habe. Als er dies
verneint habe, seien sie wortlos wieder gegangen. Schliesslich hätten ihn
vier Sicherheitskräfte am (...) 2017 um circa (...) Uhr (...) bei sich zu Hause
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Seite 15
festgenommen und mit seinem eigenen Boot ins H._ Camp ge-
bracht (vgl. hierzu SEM-Akten A23, F63 und A25, F152–154).
Soweit die Vorinstanz das mutmassliche Vorgehen der Marinesoldaten bei
der Festnahme des Beschwerdeführers als inkohärent erachtet, stützt sie
sich auf das Glaubhaftigkeitskriterium der Plausibilität. Dem Beschwerde-
führer ist in diesem Zusammenhang insoweit zuzustimmen, als ihm ge-
mäss bundesverwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung ein allfällig unlogi-
sches oder inkohärentes Verhalten seiner Verfolger nur mit grosser Zurück-
haltung angelastet werden kann (vgl. zur Zurückhaltung beim Kriterium der
Plausibilität von Verfolgungshandlungen Urteil des BVGer D-7912/2016
vom 12. Februar 2015 E. 5.1 m.w.H.). Die Argumentation der Vorinstanz
bezüglich der Festnahmetaktik bleibt damit ohne entscheidendes Gewicht,
weil sich über die übliche Vorgehensweise der sri-lankischen Sicherheits-
behörden in solchen Fällen nur mutmassen lässt. Es ist darüber hinaus
festzustellen, dass seine diesbezüglichen Ausführungen in der freien Rede
anlässlich der Erstbefragung chronologisch und schlüssig ausfielen. Über-
dies gab er nicht nur in beiden Befragungen präzise zeitliche Angaben und
Nebensächlichkeiten (wie beispielsweise, dass die SLN-Angehörigen am
[...] 2017 mit dem Fahrrad zu ihm in den Hafen gekommen seien, als er
gerade [...]) an, sondern gab auch in direkter Rede wieder, was dabei ge-
sprochen wurde und wie er und seine Tante auf die Begegnungen reagier-
ten (vgl. SEM-Akten A23, F63 und A25, F152 f. sowie die Anmerkung zu
F154 anlässlich der Rückübersetzung, S. 22). In Berücksichtigung dieser
Faktoren erscheint die Festnahme damit als glaubhaft geschildert.
5.7 Sodann machte der Beschwerdeführer geltend, er sei während seiner
Inhaftierung im Camp befragt und dabei bedroht, schwer gefoltert und se-
xuell misshandelt worden, wobei er sichtbare Narben davongetragen und
bis heute unter den psychischen Folgen zu leiden habe (vgl. hierzu SEM-
Akten A23, F63 sowie F65 und A25, F67–81).
5.7.1 Dazu ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die erlittenen Misshand-
lungen offenbar nicht grundsätzlich in Zweifel zog. In der angefochtenen
Verfügung räumte sie ein, dass der Beschwerdeführer die während seiner
Inhaftierung erlittenen Misshandlungen und sexuellen Übergriffe ausführ-
lich geschildert und hierzu auch genaue zeitliche Angaben gemacht habe
(vgl. dort E. III, S. 5). Das Gericht schliesst sich dieser Auffassung an. Die
diesbezüglichen Schilderungen des Beschwerdeführers – namentlich zu
seinen Peinigern, seinen Reaktionen auf die wiederholten Übergriffe und
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Seite 16
seinen dadurch verursachten Verletzungen – sind sehr detailliert, lebens-
nah und von zahlreichen Realkennzeichen geprägt, wie insbesondere der
Beschreibung eigener Gefühle und Gedanken (vgl. SEM-Akten A23, F63
sowie F65 und A25, F68–81). Demnach ist es als überwiegend wahr-
scheinlich zu erachten, dass er während seiner Gefangenschaft von zwei
Marinesoldaten wiederholt gefoltert und sexuell misshandelt wurde. Zu be-
rücksichtigen ist ferner, dass beim Beschwerdeführer fachärztlich eine (...)
diagnostiziert wurde (vgl. insbesondere BVGer-Akte 12 [Beilage 7] respek-
tive 13). Diese Diagnose bildet zwar für sich allein naturgemäss noch kei-
nen Beweis für die attestierten, zugrunde gelegten Gewalterfahrungen, die
auf einer klinischen Beobachtung beruhende Einschätzung einer Fachärz-
tin beziehungsweise eines Facharztes kann aber als Indiz für die Glaub-
haftigkeit der Vorbringen beigezogen werden (vgl. BVGE 2015/11
E. 7.2.1 f.). Überdies lassen sich auch die gut sichtbaren Narben am (...),
am (...) sowie am (...) und an der (...) ohne Weiteres mit den beschriebe-
nen Ereignissen in Einklang bringen.
5.7.2 Entgegen der Ansicht der Vorinstanz war der Beschwerdeführer so-
dann auch in der Lage, substantiierte und von diversen Realkennzeichen
geprägte Angaben zum Tagesablauf während seiner Inhaftierung und den
Räumlichkeiten, in welchen er sich aufhielt, zu geben (vgl. SEM-Akte A25,
F86–93). Die Beschreibungen der Haftbedingungen lassen den Eindruck
entstehen, dass der Beschwerdeführer die Ereignisse tatsächlich durch-
lebte. Die vermeintlichen Widersprüche betreffend die Aussagen zur Ver-
pflegung während der Gefangenschaft, vermochten in der Beschwerde-
schrift überzeugend aufgelöst werden. Demnach erhielt der Beschwerde-
führer während seines viertägigen Aufenthalts weder Essen noch Trinken.
Notgedrungen trank er jedoch das Meereswasser, welches sich in einem
Eimer in seinem Zimmer befunden habe (vgl. hierzu auch seine Erklärung
in der Anhörung [SEM-Akte A25, F168]). Demgegenüber hat das SEM zu
Recht im Zusammenhang mit der Identifizierung von zwei Ex-LTTE-Mitglie-
dern während den Befragungen auf Unstimmigkeiten hingewiesen
(vgl. SEM-Akten A23, F63 und A25, F61). Die Erklärung des Beschwerde-
führers, wonach dieser Fehler in der Erstbefragung bei der Rücküberset-
zung wohl nicht korrigiert worden sei, weil nur der zweite der beiden Per-
sonentransporte mit ehemaligen LTTE-Mitgliedern schiefgelaufen sei und
man ihm von dieser Überfahrt zwei der vier ehemaligen Passagiere vorge-
führt habe, erscheint jedoch durchaus plausibel (vgl. SEM-Akte A25,
F164 f.). Das Gericht kommt angesichts der überwiegenden Realkennzei-
chen indes zum Schluss, dass dieser Widerspruch ohnehin nicht derart ge-
D-4513/2020
Seite 17
wichtig ist, dass er zur Unglaubhaftigkeit der gesamten Vorbringen im Zu-
sammenhang mit seinem Aufenthalt im Camp der SLN zu führen ver-
möchte.
5.8 Des Weiteren ist der Vorinstanz zwar zuzustimmen, dass die Angaben
des Beschwerdeführers betreffend seine Freilassung nicht in sich stimmig
ausgefallen sind. In der Erstbefragung machte er hierzu geltend, am
(...) 2017 von der Marine-Basis in P._ auf die Polizeistation in
D._ gebracht worden zu sein, wobei die Übergabe auf einer Brücke
stattgefunden habe. Nachdem seine Tante nach seiner Freilassung am
(...) 2017 der tamilischen Polizei Bestechungsgelder bezahlt habe, sei er
am Morgen des (...) 2017 schliesslich durch die Polizei freigelassen wor-
den (vgl. SEM-Akte A23, F65). Anlässlich der Rückübersetzung korrigierte
er dann seine diesbezüglichen Aussagen und gab an, erst am (...) 2017
auf die Brücke gebracht worden zu sein, wo er auf einen tamilischen Poli-
zisten gestossen sei (vgl. SEM-Akte A23, Anmerkung anlässlich der Rück-
übersetzung, S. 13). Dadurch, dass der Dolmetscher bei der Übersetzung
dieser Antwort anmerkte, dass der Beschwerdeführer nur auf sehr tiefem
Niveau (...) spreche, weshalb er die Fragen einfacher formulieren müsse,
damit dieser die Fragen verstehe (vgl. SEM-Akte A23, F65), besteht je-
doch ein Hinweis auf eine mögliche Verständigungsschwierigkeit, womit
diese Ungereimtheiten erklärt werden könnten. Zudem vermischte der Be-
schwerdeführer offenbar seine Freilassung aus P._ mit derjenigen
aus der Polizeihaft in D._. Die vorinstanzlichen Vorbehalte sind je-
denfalls dahingehend zu relativieren, als dass er in den Befragungen je-
weils übereinstimmend angab, zunächst in P._ inhaftiert gewesen
zu sein, anschliessend der Polizei von D._ übergeben und schliess-
lich gegen Bezahlung am (...) 2017 freigelassen worden zu sein. Damit
fielen seine Vorbringen im Kern konsistent aus.
5.9 Vor dem Hintergrund der vorstehenden Erwägungen überzeugen auch
die Angaben des Beschwerdeführers zu den Ereignissen bis zur Ausreise.
Der Beschwerdeführer trug übereinstimmend vor, dass er sich nach der
Entlassung aus dem Polizeigewahrsam eine Woche lang bei seiner Tante
in I._ versteckt hielt, sich anschliessend sechs bis sieben Tage lang
in J._ aufhielt, dann ab dem (...) 2017 circa 20 bis 30 Tage in einem
Hotel in K._ geblieben und schliesslich bis zur Ausreise bei seinem
Schlepper untergekommen sei (vgl. SEM-Akte A23, F65). Wie in der Be-
schwerdeschrift aufgezeigt wurde (vgl. dort E. II, Ziff. 52), können seine
verschiedenen Aufenthalte vor seiner Ausreise chronologisch richtig einge-
ordnet werden und sind in sich stimmig. Sodann erscheint es durchaus
D-4513/2020
Seite 18
wahrscheinlich, dass er nach seiner inoffiziellen Freilassung durch einen
tamilischen Polizisten sowohl vor als auch nach seiner Ausreise an seinem
früheren Wohnort bei seiner Tante gesucht wurde und diese in der Folge
auch seinetwegen inhaftiert wurde. Hinsichtlich des mit Eingabe vom
15. Dezember 2020 zu den Akten gereichten Schreibens der Tante des Be-
schwerdeführers aus F._ vom 3. November 2020, in welchem die
schwierige Situation, in welche ihre Familie nach der Ausreise des Be-
schwerdeführers geraten sei, bestätigt wird, ist festzuhalten, dass der Be-
weiswert solcher Dokumente für sri-lankische Asylverfahren praxisgemäss
grundsätzlich tief eingeschätzt wird. Im Kontext des vorliegenden Verfah-
rens stellt es demnach nur ein schwaches, aber immerhin ein Indiz für die
Richtigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers dar.
5.10 Die offenbar legal erfolgte Ausreise via den Flughafen K._,
welche gemäss den Ausführungen des Beschwerdeführers nur durch die
Bestechung eines Beamten möglich gewesen ist (vgl. SEM-Akte A23,
F66), vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern, da allein dadurch
nicht auf eine fehlende Verfolgung geschlossen werden kann (vgl. Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts D-6864/2014 vom 19. Mai 2016 E. 6.2 mit
Verweis auf E-5274/2008 vom 31. Oktober 20212 E. 3.3.2). Zwar gab der
Beschwerdeführer, wie von der Vorinstanz richtigerweise festgestellt
wurde, zwei verschiedene Ausreisedaten an: Bei der Personalienauf-
nahme machte er geltend, Sri Lanka am (...) 2018 verlassen zu haben
(vgl. SEM-Akte A11, Ziff. 5.01), wohingegen er in der Erstbefragung aus-
führte, am (...) 2017 ausgereist zu sein (vgl. SEM-Akte A23, F50). Als er
mit diesem Widerspruch konfrontiert wurde, gab er zu, gelogen zu haben
und erklärte nachvollziehbar, sein Schlepper habe ihm geraten ein neueres
Datum anzugeben. Da er nervös gewesen sei und einfach sein Leben habe
retten wollen, habe er ein falsches Datum angegeben und beschrieb seine
Ausreise daraufhin detaillierter (vgl. SEM-Akte A23, F54 f.).
5.11 Nach Abwägung der Argumente, die für die Glaubhaftigkeit und den-
jenigen, die dagegen sprechen, kommt das Bundesverwaltungsgericht ins-
gesamt zum Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit, die vorgebrachten be-
hördlichen Behelligungen und die Suche nach dem Beschwerdeführer we-
gen des Vorwurfs, ehemaligen LTTE-Mitglieder zur Flucht ausser Landes
verholfen zu haben, würden in den wesentlichen Punkten den Tatsachen
entsprechen, höher ist, als die – wenn auch nicht restlos auszuschlies-
sende – Möglichkeit, diese Sachverhaltselemente seien vom Beschwerde-
führer bloss erfunden worden.
D-4513/2020
Seite 19
6.
6.1 Nachfolgend bleibt zu prüfen, ob die als überwiegend glaubhaft befun-
denen Vorbringen des Beschwerdeführers die Voraussetzungen für die An-
erkennung als Flüchtling gemäss Art. 3 AsylG zu erfüllen vermögen, ihm
mithin Asyl zu gewähren ist.
6.2 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die
Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder
begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asyl-
entscheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Ver-
folgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situa-
tion im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zu-
gunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berück-
sichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6 oder 2011/50 E. 3.1.1 f.,
m.w.H.).
6.3 Der Beschwerdeführer hat glaubhaft dargelegt, dass er vor seiner Aus-
reise von den sri-lankischen Sicherheitskräften respektive der SLN befragt,
misshandelt und wiederholt gesucht wurde, weil er ehemaligen LTTE-Mit-
gliedern zur Flucht ins Ausland verholfen hat (vgl. hierzu die vorhergehen-
den Ausführungen in E. 5). Diese ihm gezielt zugefügten Verfolgungsmass-
nahmen erfüllen hinsichtlich des Motivs, der Intensität sowie der betroffe-
nen Rechtsgüter die Anforderungen, um als ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG qualifiziert zu werden. Demnach ist davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise begründete
Furcht vor asylrelevanter Verfolgung hatte.
6.4 Praxisgemäss ist von erlittener, mit der Ausreise in Kausalzusammen-
hang stehender Vorverfolgung ohne weiteres auf das Bestehen einer be-
gründeten Furcht vor weiterer, zukünftiger Verfolgung zu schliessen
(vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5 m.w.H.). Dabei ist auch zu beachten, dass
eine Person, die bereits einmal staatlicher Verfolgung ausgesetzt war, ob-
jektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht hat als jemand,
der erstmals in Kontakt mit staatlichen Sicherheitskräften kommt
(vgl. BVGE 2011/51 E. 6.2 m.w.H.). Vorliegend besteht kein Grund, von
dieser Regelvermutung abzuweichen, zumal die Verfolgungsfurcht als im
heutigen Zeitpunkt noch immer aktuell zu erachten ist.
Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der
D-4513/2020
Seite 20
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. dort E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos
von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es
sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktu-
ellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um die Teilnahme an
exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und um das Vorliegen frühe-
rer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zu-
sammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den
LTTE (sogenannte stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.1–
8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden,
unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspa-
piere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise zurückgeführt wer-
den, oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM) nach
Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben (soge-
nannte schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und
8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemach-
ten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffen-
den Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene
Rückkehrenden eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im
Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden
zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separatis-
mus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
Vorliegend gelang es dem Beschwerdeführer – wie vorstehend ausgeführt
(vgl. E. 5) – glaubhaft zu machen, dass er vor seiner Ausreise aus Sri
Lanka ins Visier der heimatlichen Sicherheitskräfte geriet, kurzzeitig fest-
genommen, inhaftiert und dabei misshandelt wurde. Nachdem die Sicher-
heitskräfte ihn nach seiner Freilassung an seinem letzten Wohnsitz bei sei-
ner Tante gesucht haben, ist die vom Beschwerdeführer für den Zeitpunkt
der Ausreise geäusserte subjektive Furcht vor Nachstellungen der heimat-
lichen Sicherheitsbehörden beziehungsweise vor einer menschenrechts-
widrigen Behandlung bei einer erneuten Festnahme objektiv nachvollzieh-
bar. Festzuhalten ist sodann, dass der Beschwerdeführer nicht zufällig in
den Fokus der Behörden geraten ist, sondern deshalb, weil er ehemaligen
LTTE-Mitgliedern die Flucht ins Ausland ermöglichte. Er erfüllt damit das
im Referenzurteil skizzierte Risikoprofil einer Person, welche im Verdacht
steht, ernstzunehmende Verbindungen zu den LTTE zu haben und deshalb
auch aktuell einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt ist. Sollte er nach Sri
Lanka zurückkehren, ist absehbar, dass mittels durch die Behörden bei der
D-4513/2020
Seite 21
Einreise am Flughafen veranlasster Abklärungen zu seiner Person sein
ehemaliges Engagement für Ex-LTTE-Mitglieder offengelegt wird, und er
mit erheblicher Wahrscheinlichkeit damit rechnen müsste, erneut Opfer
ernsthafter Übergriffe zu werden. Die diesbezüglich bestehende subjektive
Furcht des Beschwerdeführers ist deshalb – insbesondere aufgrund der
bereits in der Vergangenheit erlittenen Verfolgung (vgl. BVGE 2010/9
E. 5.2) – auch objektiv wiederum nachvollziehbar. Des Weiteren liegen mit
der Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie, der Herkunft aus dem Norden
des Landes, der mehrjährigen Landesabwesenheit sowie seiner Verwandt-
schaft zu einem seit vielen Jahren aus Sri Lanka ausgereisten LTTE-Un-
terstützer schwach risikobegründende Faktoren vor. Ferner weist er auch
verschiedene Narben auf, welche bei einer Kontrolle am Flughafen dazu
führen würden, dass die Behörden auf die vergangenen Übergriffe auf-
merksam werden würden und auch dies in einen Zusammenhang mit ver-
meintlichen LTTE-Tätigkeiten des Beschwerdeführers bringen könnten.
Angesichts des Umstandes, dass der Beschwerdeführer von Mitgliedern
staatlicher Behörden festgehalten und misshandelt würde, ist aufgrund der
tatsächlichen Gegebenheiten in seinem Heimatland auch nicht davon aus-
zugehen, er könne den Schutz von anderen Behörden in Anspruch neh-
men. Vom Vorhandensein einer innerstaatlichen Schutzalternative ist dem-
nach nicht auszugehen.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die Vorausset-
zungen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Den Akten sind
sodann keine Anhaltspunkte für ein Vorliegen von Ausschlussgründen im
Sinne von Art. 53 AsylG zu entnehmen. Die Beschwerde ist demnach gut-
zuheissen, die angefochtene Verfügung vom 11. August 2020 aufzuheben
und das SEM anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling anzuer-
kennen und ihm Asyl zu gewähren. Angesichts der Gutheissung des
Hauptantrags wird der Eventualantrag gegenstandslos.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu
erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfü-
gung vom 18. September 2020 gewährte unentgeltliche Prozessführung
gegenstandslos.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG eine Entschä-
digung für die ihm erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen
D-4513/2020
Seite 22
Kosten zuzusprechen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Partei-
entschädigung ausserdem Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Die mit Instruktionsverfügung vom 18. Septem-
ber 2020 gewährte unentgeltliche Rechtsverbeiständung erweist sich da-
mit ebenfalls als gegenstandslos, weil eine öffentlich-rechtliche Entschädi-
gung eines amtlichen Rechtsbeistandes oder einer amtlichen Rechtsbei-
ständin lediglich subsidiär zum Tragen kommt.
Die Rechtsvertreterin reichte mit Eingabe vom 15. Dezember 2020 eine
aktualisierte Kostennote zu den Akten. Darin bezifferte sie ihren zeitlichen
Arbeitsaufwand mit 19.5 Stunden und beantragte einen Stundenansatz
von Fr. 150.–. Zudem machte sie Dolmetscherkosten von Fr. 240.– und
Portospesen von Fr. 18.– geltend. Der veranschlagte Stundenansatz be-
wegt sich im gemäss Art. 10 Abs. 2 VGKE vorgesehenen Rahmen. Der
ausgewiesene zeitliche Aufwand erscheint auch in Anbetracht der Mehr-
sprachigkeit des Dossiers als überhöht. Hierbei ist nicht ersichtlich, inwie-
fern vorliegend ein Aktenstudium und weitere juristische und länderspezifi-
sche Abklärungen im Umfang von drei Stunden notwendig gewesen wären.
Der Aufwand ist daher entsprechend um drei Stunden zu kürzen. Die Dol-
metscherkosten und die Spesen erscheinen demgegenüber angemessen.
Die Eingaben vom 6. Oktober 2020 (vgl. Sachverhalt Bst. F.a), 3. Novem-
ber 2020 (Fristerstreckungsgesuch; vgl. Sachverhalt Bst. H) und 20. No-
vember 2020 (Nachreichung des vollständigen Berichts der (...) vom
1. Juli 2020; vgl. Sachverhalt Bst. I) wurden in der Honorarnote nicht be-
rücksichtigt. Der diesbezügliche Aufwand ist deshalb von Amtes wegen zu
schätzen und wird auf insgesamt eine Stunde veranschlagt. Des Weiteren
sind hierfür zusätzlich Portospesen in der Höhe von Fr. 18.– zu berücksich-
tigen. Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist dem-
nach auf Fr. 2'901.– (einschliesslich Auslagen und ohne Mehrwertsteuer-
zuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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