Decision ID: eb64aa1f-cb93-47a8-8a0d-60e5ec5a2e4d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2 (nachfolgend: Beschwerdeführer bzw.
Beschwerdeführerin) stellten am 10. August 2020 in der Schweiz Asyl-
gesuche.
B.
Am 14. August 2020 wurden die beiden Ehegatten im Bundesasylzentrum
D._ zu ihren Personalien befragt. Sie gaben übereinstimmend an,
sie seien Kurden aus E._ und hätten ihren Heimatstaat im Novem-
ber 2018 zusammen mit ihrer damals (...)jährigen Tochter F._ ver-
lassen. In der Folge seien sie über die Türkei und Bulgarien nach Serbien
gereist. Dort sei ihre Tochter am (...) 2019 gestorben. Später seien sie in
die Schweiz gereist, deren Grenze sie am 10. August 2020 überschritten
hätten.
C.
In der Folge führte das SEM mit den Beschwerdeführenden am 24. August
2020 sogenannte Dublin-Gespräche durch. Sie bestätigten dabei das
Ergebnis von Abklärungen des SEM, wonach sie (unter anderem) in
Kroatien Asylgesuche gestellt hatten; zudem äusserten sie sich zu ihrem
Gesundheitszustand, den sie beide als beeinträchtigt beschrieben. Die Be-
schwerdeführerin gab ergänzend an, dass ihre in Serbien verstorbene
Tochter unter einer schweren Geburtsbehinderung gelitten habe.
D.
D.a Nachdem die kroatischen Asylbehörden einem Ersuchen der Schweiz
um Wiederaufnahme am 4. September 2020 zugestimmt hatten, trat das
SEM mit Verfügung vom 22. Dezember 2020 auf die Asylgesuche der Be-
schwerdeführenden nicht ein und ordnete ihre Überstellung nach Kroatien
an, weil dieses Land für die Behandlung der Asylgesuche zuständig sei.
Dieser Nichteintretensentscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
D.b Mit Zwischenverfügung vom 24. März 2021 stellte das SEM fest, dass
die Frist zur Überstellung der Beschwerdeführenden mittlerweile verstri-
chen sei; deshalb werde die Nichteintretensverfügung vom 20. Dezember
2020 aufgehoben und das nationale Asylverfahren in der Schweiz durch-
geführt. Das SEM wies die Beschwerdeführenden in der gleichen Ver-
fügung dem Aufenthaltskanton D._ zu.
D.c Am 26. April 2021 wurden die Beschwerdeführenden dem erweiterten
Asylverfahren zugewiesen.
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E.
Am 21. April 2021 (Ehemann) und am 23. April 2021 (Ehefrau) hörte das
SEM die Beschwerdeführenden zu ihren Asylgründen an.
E.a Der Beschwerdeführer gab dabei an, neben seinem Beruf als Chauf-
feur habe er ab 2015 zusammen mit anderen Männern mit Detektor-
geräten vergrabene Antiquitäten und andere wertvolle Gegenstände auf-
gespürt. Sie hätten diese illegalen Tätigkeiten zunächst für sich und später
für einen bekannten Kommandanten des kurdischen Inlandgeheimdiensts
(Asayesh) ausgeführt, mit dessen beiden Söhnen er befreundet gewesen
sei; der Kommandant habe ihm erzählt, dass er mit einem Bruder von
G._ befreundet sei und durchblicken lassen, dass dieser Freund
ebenfalls von diesem Antiquitäten-Gewerbe profitiere. Er (Beschwerdefüh-
rer) habe die illegalen Tätigkeiten auch ausgeführt, um genügend Geld für
die Behandlung der schwerbehinderten Tochter zu verdienen. Zudem habe
er auch die Bekämpfung einer eigenen Krebserkrankung ([...]) finanzieren
müssen; mit einem chirurgischen Eingriff, einer Chemotherapie und einer
in der Türkei durchgeführten Laserbehandlung habe er schliesslich geheilt
werden können.
Im November 2018 habe seine Familie einen auf seinen Namen ausge-
stellten Haft-/Vorführbefehl des Strafgerichts E._ nach Hause ge-
schickt bekommen, in welchem er aufgefordert worden sei, bis im Dezem-
ber 2018 wegen illegalen Antiquitätenhandels beim Strafgericht in
E._ vorzusprechen, andernfalls er verhaftet werde. Er habe danach
zudem erfahren, dass Arbeitskollegen verhaftet worden seien. Aus Furcht
vor Verfolgung hätten sie sich umgehend zur Ausreise entschieden. Als sie
im April 2019 in Serbien gewesen seien, habe seine Familie ein Urteil des
Strafgerichts E._ zugestellt erhalten, mit dem er wegen verbotenen
Antiquitätenhandels zu einer Gefängnisstrafe von (...) Jahren verurteilt
worden sei. Weil sie ihre in Serbien verstorbene Tochter gerne im Irak hät-
ten bestatten lassen wollen, habe er versucht, über seinen Vater und an-
dere Angehörige beim Asayesh-Kommandanten Einfluss zu nehmen, um
diese Verurteilung aufheben zu lassen. Dies sei nicht gelungen; vielmehr
habe der Kommandant Drohungen gegen die Familie ausgestossen. In der
Folge hätten zweimal Polizisten zu Hause nach ihm gesucht und seinen
Angehörigen ausgerichtet, dass er sich beim Strafgericht E._ meI-
den müsse.
E.b Die Beschwerdeführerin gab in ihrer Anhörung zu Protokoll, sie selber
habe in der Heimat keine Probleme mit den Behörden oder Drittpersonen
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Seite 4
gehabt und sei wegen der Probleme ihres Mannes und zur Behandlung der
schweren Erkrankung der Tochter ins Ausland gereist. Nachdem ihr Kind
in Serbien an den Folgen seiner schweren Krankheit gestorben sei, habe
sie psychische Probleme wie depressive Episoden gehabt, unter denen sie
noch heute leide.
E.c Die Beschwerdeführenden reichten neben Identitätspapieren und me-
dizinischen Unterlagen insbesondere zwei Gerichtsunterlagen (Haft- bzw.
Vorführbefehl des Strafgerichts E._ vom [...] Dezember 2018, Urteil
dieses Gerichts vom [...] März 2019) zu den Akten.
F.
Am (...) kam der Sohn der Beschwerdeführenden (Beschwerdeführer 3) in
der Schweiz zur Welt.
G.
G.a Nachdem infolge einer amtsinternen Dokumentenanalyse des SEM er-
hebliche Zweifel an der Echtheit der beiden Unterlagen des nordirakischen
Gerichts entstanden waren, gewährte das SEM den Beschwerdeführenden
das rechtliche Gehör zu verschiedenen formalen und inhaltlichen Fäl-
schungsmerkmalen.
G.b In ihrer Stellungnahme vom 29. Juni 2021 bestritten die Beschwerde-
führenden den Vorwurf der Einreichung gefälschter Beweismittel und lies-
sen weitere sachverhaltliche Abklärungen anregen.
G.c Das SEM nahm diese in der Folge vor und sah sich durch das Resultat
seiner Zusatzabklärungen in seinen Zweifeln an der Echtheit der Doku-
mente bestätigt. Den Beschwerdeführenden wurde auch hierzu das recht-
liche Gehör gewährt, welches sie mit Eingabe vom 30. Juli 2021 (unter
erneuter Bestreitung des Fälschungsvorwurfs) wahrnahmen.
H.
H.a Mit Verfügung vom 30. Dezember 2021 – eröffnet am gleichen Tag –
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden,
lehnte deren Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
H.b Der Entscheid wurde im Hauptpunkt im Wesentlichen mit der Einrei-
chung nicht-authentischer irakischer Gerichtsunterlagen und der sich dar-
aus ergebenden Unglaubhaftigkeit des zentralen Asylvorbringens des
Beschwerdeführers begründet.
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Seite 5
I.
Die vormalige Rechtsvertretung der Beschwerdeführenden informierte das
SEM mit Eingabe vom 7. Januar 2022 über die Beendigung des Mandats-
verhältnisses.
J.
J.a Gegen die Verfügung des SEM vom 30. Dezember 2021 erhoben die
Beschwerdeführenden mit Eingabe ihres neuen Rechtsvertreters vom
31. Januar 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie liessen
sinngemäss beantragen, die angefochtene Verfügung sei teilweise aufzu-
heben, und die Vorinstanz sei anzuweisen, sie aufgrund der Unzulässigkeit
und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoltzugs vorläufig aufzunehmen;
eventualiter sei die Sache zur vollständigen und richtigen Würdigung des
rechtserheblichen Sachverhalts sowie neuer Entscheidung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Mit der Beschwerde wurden unter anderem
Kopien zweier die Beschwerdeführerin betreffender Arztberichte vom
15. Januar 2021 und 1. Juni 2021 eingereicht (die bereits aktenkundig
waren). Es wurde ausgeführt, die Beschwerdeführenden würden sich zur-
zeit einer psychiatrischen Behandlung unterziehen, und entsprechende
Berichte würden dem Gericht unverzüglich nachgereicht.
J.b Mit Eingabe vom 2. Februar 2022 liessen die Beschwerdeführenden
eine Fürsorgebestätigung und einen Arztbericht für den Beschwerdeführer
vom 28. Januar 2022 nachreichen.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Februar 2022 stellte der Instruktionsrichter
unter anderem fest, dass die Beschwerde sich ausschliesslich gegen den
Vollzug der von der Vorinstanz verfügten Wegweisung richte; die Verfü-
gung des SEM vom 30. Dezember 2021 sei demnach, soweit den Asyl-
punkt und die Anordnung der Wegweisung betreffend, in Rechtskraft er-
wachsen und das Beschwerdeverfahren auf die Frage beschränkt, ob die
Wegweisung zu vollziehen oder ob anstelle des Vollzugs eine vorläufige
Aufnahme anzuordnen sei (respektive ob das Verfahren in diesem Umfang
an die Vorinstanz zurückzuweisen sei). Die Beschwerdeführenden wurden
aufgefordert, dem Gericht innert Frist einen aktualisierten psychiatrischen
Bericht für die Beschwerdeführerin nachzureichen.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 17. März 2022 stellte der Instruktionsrichter
fest, dass innert Frist kein weiterer medizinischer Bericht zu den Akten
gereicht worden sei. Er hiess einen Antrag der Beschwerdeführenden auf
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Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses. Ausserdem lud er die Vorinstanz ein,
sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
M.
M.a Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 22. April 2022 innert er-
streckter Frist fest, die Beschwerde enthalte keine neuen Tatsachen oder
Beweismittel, welche eine Änderung seines Standpunkts rechtfertigen
könnten. Die Vorinstanz verwies auf ihre Erwägungen in der angefochte-
nen Verfügung, an denen vollumfänglich festgehalten werde.
M.b Diese Vernehmlassung wurde den Beschwerdeführenden am 27. April
2022 zur Kenntnis gebracht.
N.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 28. April 2022 liessen die
Beschwerdeführenden einen für die Beschwerdeführerin ausgestellten
Verlaufsbericht der H._ vom 1. April 2022 zu den Akten reichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – endgültig,
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren teilweiser Aufhebung beziehungs-
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weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet, wie bereits
vom Instruktionsrichter festgestellt, die Frage, ob die Wegweisung zu voll-
ziehen oder anstelle des Vollzugs die vorläufige Aufnahme der Beschwer-
deführenden anzuordnen – respektive ob das Verfahren in diesem Umfang
an die Vorinstanz zurückzuweisen – sei.
4.
4.1 In der Beschwerdeschrift stellen die Beschwerdeführenden den Even-
tualantrag, die Verfügung des SEM sei aufzuheben und die Sache zur voll-
ständigen und richtigen Würdigung des rechtserheblichen Sachverhalts
und neuerlichen Entscheidung in der Sache an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
4.2 Der Kassationsantrag wurde in der Beschwerde nicht begründet.
Gemäss Feststellung des Gerichts hat das SEM den rechtserheblichen
Sachverhalt korrekt und vollständig erhoben. Soweit die Beschwerdefüh-
renden mit der vorinstanzlichen Qualifikation der eingereichten Gerichts-
dokumente als nicht-authentisch inhaltlich nicht einverstanden sind, ist ihre
Argumentation im Rahmen der materiellen Beurteilung der Beschwerde zu
berücksichtigen.
4.3 Das Eventual-Rechtsbegehren ist abzuweisen.
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Seite 8
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den ge-
setzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
5.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.
6.1 Das SEM begründete seine Verfügung inhaltlich im Wesentlichen fol-
gendermassen:
6.1.1 Ausführliche Abklärungen (Dokumentenanalysen beziehungsweise
Länderconsultings vom 9. und 30. Juni 2021) hätten ergeben, dass der
angebliche Haftbefehl und das angebliche Urteil des Strafgerichts
E._ viele formelle und inhaltliche Fälschungsmerkmale aufweisen
würden und nicht authentisch seien. Unter diesen Umständen könne da-
rauf verzichtet werden, auf weitere Unglaubhaftigkeitsindizien, wie insbe-
sondere die mangelnde Substanziiertheit des zentralen Asylvorbringens
weiter einzugehen (was in der Verfügung trotzdem mit der Zitierung ent-
sprechender Protokollstellen konkretisiert wurde).
6.1.2 Die Asylakten eines in der Schweiz lebenden Bruders des Beschwer-
deführers (N [...]) seien vom SEM konsultiert worden, und es hätten sich
auch daraus keine Hinweise auf eine Gefährdungssituation der Beschwer-
deführenden ergeben, zumal das Asylgesuch dieses Bruders mit Verfü-
gung vom 22. März 2006 abgelehnt worden sei.
6.1.3 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden in die Auto-
nome Region Kurdistan (ARK) sei grundsätzlich und auch in individueller
Hinsicht zumutbar; namentlich würden keine relevanten medizinischen
Gründe gegen den Vollzug sprechen. Dieser sei zudem auch mit dem Wohl
des in der Schweiz geborenen Sohnes vereinbar.
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Seite 9
6.2
6.2.1 Die Beschwerdeführenden bestritten in ihrem Rechtsmittel die Einrei-
chung gefälschter Beweismittel und die Richtigkeit der länderspezifischen
Argumentation des SEM. Das irakische Gesetz Nr. 59 aus dem Jahr 1936
– das gemäss SEM im Jahr 2002 aufgehoben worden sei und auf welches
der Haftbefehl und das irakische Urteil sich abstützen würden – sei im
Nordirak in anderer Fassung weiterhin in Kraft. Das SEM zitiere in seiner
Verfügung zudem eine Fassung des Strafgesetzbuches, das in den restli-
chen Landesteilen des Iraks gelte. Die vom SEM durchgeführte Abklärung
scheine hier nicht eindeutig Klarheit zu schaffen. Welches Recht im Nord-
irak tatsächlich in Kraft stehe, lasse sich offenbar nicht sicher feststellen.
Dort gebe es zudem scheinbar keine einheitliche Form von Gerichtsdoku-
menten, wodurch sich unwesentliche formale Unterschiede erklären lassen
würden. Dass der Beschwerdeführer einen Haftbefehl erhalten habe, der
falsch datiert sei, könne auch auf ein Versehen des nordirakischen Gerichts
zurückzuführen sein. Jedenfalls würde er ja wohl nicht ein gefälschtes Do-
kument bestellen, das sich mit seinen Vorbringen schon in zeitlicher Hin-
sicht nicht vereinbaren lasse.
6.2.2 Der Vorwurf des SEM, dass keine weiteren Informationen zum
Gerichtsverfahren in Irak geliefert worden seien, sei unbegründet. Die Be-
schwerdeführenden hätten auf der Flucht ihre kleine Tochter verloren, was
ihr Leben in völlig neue Bahnen gelenkt habe. Sie hätten danach noch ver-
sucht, nach Kurdistan zurückzukehren, um ihre Tochter dort zu beerdigen;
dies sei aber wegen der Verurteilung des Beschwerdeführers, die sich nicht
habe rückgängig machen lassen, unmöglich gewesen. Schliesslich sei
festzuhalten, dass gewisse Ungereimtheiten in den Anhörungsprotokollen
sich auch auf die schlechte psychische Verfassung der Beschwerdeführen-
den nach dem Tod ihrer Tochter zurückführen liessen.
6.2.3 Auch wenn die Verurteilung des Beschwerdeführers nicht aus flücht-
lingsrechtlich relevanten Gründen erfolgt sei, erscheine der Vollzug der
Wegweisung als unzulässig und unzumutbar, weil eine Freiheitsstrafe von
(...) Jahren unverhältnismässig lang sei; im Irak würden zudem Folter und
Misshandlungen von Gefangenen zum Alltag gehören. Eine solche Strafe
stelle eine unmenschliche Behandlung gemäss Art. 3 EMRK dar. Ausser-
dem sei sein Konflikt mit dem Drahtzieher des Antiquitätenhandels – ein
einflussreicher und gefährlicher Klan – zu berücksichtigen, der das Leben
der Familie nach einer Rückkehr entscheidend erschweren würde.
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6.2.4 Schliesslich sei auf die gesundheitlichen Beschwerden der Be-
schwerdeführenden zu verweisen. Im Falle der Durchführung der Wegwei-
sung aus der Schweiz sei gemäss Arztberichten eine erhebliche Verstär-
kung der depressiven Symptome und Ängste zu erwarten, was nicht nur
die weitere Verarbeitung des Todes des ersten Kindes erschweren würde,
sondern voraussichtlich auch negative Auswirkungen auf das zweite Kind
hätte. Kinder psychisch kranker Eltern hätten ein erhöhtes Risiko, in ihrer
Entwicklung beeinträchtigt zu werden. Der Vollzug der Wegweisung sei mit
dem Kindeswohl nicht zu vereinbaren.
7.
Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Ver-
pflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Aus-
länders in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen
(Art. 83 Abs. 3 AIG).
7.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge-
zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
7.2 Vorliegend ist rechtskräftig festgestellt, dass die Beschwerdeführenden
die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, weshalb das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 5 Abs. 1 AsylG und Art. 33 Abs. 1 FK nicht
anwendbar ist.
7.3 Zu den von den Beschwerdeführenden eingereichten Beweismitteln
stellt das Gericht nach Durchsicht der Akten Folgendes fest:
7.3.1 Das SEM hat bei seiner Sektion Länderanalysen umfangreiche Un-
tersuchungen zur Verifizierung der Echtheit der beiden angeblich durch ein
Gericht in E._ ausgestellten Unterlagen vornehmen lassen (Haftbe-
fehl, Strafurteil; vgl. Dokumentenanalyse / Consulting, Aktenstücke A79/4
und A85/4).
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7.3.2 Diese Abklärungen ergaben einerseits Hinweise auf eine Vielzahl for-
maler Auffälligkeiten (fehlende Verfahrensnummer beim Haftbefehl, Ver-
wendung der arabischen statt der zu erwartenden kurdischen Sprache
[beide Dokumente], Auffälligkeiten im Briefkopf des Urteils [Gerichtslogo],
"Nassstempel" und "Originalunterschrift" des Urteils mit Druckeigenschaf-
ten eines Laserdruckers). Ergänzend ist die Frage aufzuwerfen, wieso die
Polizei der Familie des Beschwerdeführers den Haftbefehl – der sich an
Justiz- und Polizeiorgane der ARK richtet und diese auffordert, den Be-
schwerdeführer zu verhaften und ihn dem Gericht zuzuführen – überhaupt
ausgehändigt haben soll (vgl. Protokoll A70 ad F136), wurde dadurch doch
behördlicherseits der mit dem Dokument verfolgte Zweck, die Vorführung
des Gesuchten, absehbarerweise vereitelt.
7.3.3 Im angeblichen Strafurteil wird zudem unmissverständlich auf Art. 60
und 69 des irakischen Strafgesetzbuches aus dem Jahr 1969 verweisen,
die keinen inhaltlichen Bezug zu Antiquitätenhandel oder ähnlichen Delik-
ten aufweisen (sondern Strafzumessung bei jungen Delinquenten sowie
Strafverzicht bzw. -minderung im Fall von Unzurechnungsfähigkeit betref-
fen, was beides auf den Beschwerdeführer offensichtlich nicht zutreffen
konnte). Nachdem die zugewiesene Rechtsvertretung im Rahmen des
rechtlichen Gehörs auf ein älteres irakisches Antiquitätengesetz (Antiqui-
ties Law No. 59 of 1936) verwiesen hatte, das in seinem Artikel 60 Antiqui-
tätenschmuggel unter Strafe stelle, ergaben Nachforschungen des SEM,
dass dieses Gesetz bereits im Jahr 2002 aufgehoben und durch das Anti-
quitätengesetz Nr. 55 ersetzt worden war. Die Behauptung, jenes aufgeho-
bene Gesetz aus dem Jahr 1936 gelte "in geänderter Fassung weiterhin
im Nordirak" (vgl. Beschwerde S. 2), vermag die überzeugenden Feststel-
lungen der Vorinstanz nach dem Gesagten nicht in Frage zu stellen.
7.3.4 Schliesslich haben beide Beschwerdeführenden übereinstimmend
angegeben, den Irak im November 2018 verlassen zu haben, wenige Tage
nachdem der Haftbefehl bei der Familie eingetroffen sei; das Eintreffen
dieses Dokuments wird als direkter Anlass für die Ausreise aus dem Irak
beschrieben (vgl. Protokolle A70 ad F119, F137–139; A71 ad F99–114).
Der später zu den Akten gereichte angebliche Haftbefehl datiert jedoch
vom (...) Dezember 2018. Das Dokument ist demnach auch insoweit in-
haltlich mit den Asylvorbringen nicht vereinbar. Die Erklärungsversuche in
der Beschwerde, der den Haftbefehl ausstellende Richter könne sich ja
beim Datieren um einen Monat geirrt haben respektive der Beschwerde-
führer hätte doch kaum ein gefälschtes Beweismittel in Auftrag gegeben,
das
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Seite 12
seinen Angaben widerspreche (vgl. Beschwerde S. 3), vermögen das
Gericht nicht zu überzeugen.
7.3.5 Die eingereichten Beweismittel weisen nach dem Gesagten diverse
formale Fälschungsindizien auf und lassen sich mit den Asylvorbringen
auch inhaltlich in mehrfacher Hinsicht nicht vereinbaren. Dies lässt vernünf-
tigerweise nur den Schluss zu, dass es sich um zwei nicht-authentische
Dokumente handelt. An diesen Feststellungen vermögen auch die Ausfüh-
rungen im angeblichen Schreiben eines vom Beschwerdeführer beauftrag-
ten irakischen Rechtsanwalts nichts zu ändern. Das Gericht schliesst sich
auch mit Bezug auf die Qualifikation der eingereichten Beweismittel
vollumfänglich der sorgfältigen und differenzierten Argumentation der Vor-
instanz an (vgl. angefochtene Verfügung S. 8 ff.).
7.3.6 Das SEM hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die protokollierten
Aussagen der Beschwerdeführenden zur angeblichen Verurteilung des
Ehemannes auffällig unsubstanziiert sind (vgl. a.a.O. S. 13 unter Hinweis
auf mehrere Protokollstellen), was kaum allein mit ihrer psychischen Ver-
fassung oder der damaligen Schwangerschaft der Beschwerdeführerin zu
erklären ist (vgl. Beschwerde S. 4). Hinzu kommt, dass die Beschreibung
der angeblichen illegalen Antiquitätensuche teilweise einen konstruierten
und wenig plausiblen Eindruck hinterlässt. Nachdem das Kernvorbringen,
mit dem die Beschwerdeführenden ihre Asylgesuche begründet hatten,
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wor-
den ist, erübrigen sich weitere Ausführungen zur Begründung der Unglaub-
haftigkeit dieser Vorbringen (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
7.4
7.4.1 Die zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung
im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten,
raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheits-
zustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
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erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. EGMR-
Urteil Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.4.2 Eine solche Situation ist vorliegend klarerweise nicht gegeben. Der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführenden kann eine völkerrechtliche
Unzulässigkeit im Sinn dieser restriktiven Rechtsprechung nicht begrün-
den. Auf die gesundheitlichen Probleme ist nachfolgend unter dem Aspekt
der Zumutbarkeit des Vollzugs zurückzukommen.
7.5 Nach dem Gesagten ergeben sich weder aus den Aussagen der Be-
schwerdeführenden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für
den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen
Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-
Folterausschusses müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Ge-
fahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall
einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008,
Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihnen nach dem
oben Gesagten nicht gelungen.
7.6 Die allgemeine Menschenrechtssituation in der Heimatregion der Be-
schwerdeführenden lässt den Wegweisungsvollzug ebenfalls nicht als un-
zulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil des BVGer E-3737/2015 vom
14. Dezember 2015 E. 6.3.2; ferner etwa das Urteil D-2797/2021 vom
23. August 2021 E. 6.2 m.w.H.).
7.7 Aus der Tatsache, dass ein Bruder des Beschwerdeführers vom dama-
ligen Bundesamt für Migration (BFM, heute SEM) mit Verfügung vom
22. März 2006 – aufgrund der damaligen Sicherheitslage im Nordirak – in
der Schweiz vorläufig aufgenommen worden war (vgl. beigezogene Akten
N [...]), können die Beschwerdeführenden für ihr Wegweisungsverfahren
ebenfalls nichts zu ihren Gunsten ableiten.
7.8 Der Vollzug der Wegweisung ist damit sowohl im Sinn der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
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Seite 14
8.
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme anzuordnen.
8.1
8.1.1 Im bereits erwähnten Referenzurteil E-3737/2015 (vgl. E. 7.6) bestä-
tigte das Bundesverwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5 publizierte
Praxis zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die ARK
(umfassend die Provinzen Dohuk, Erbil, Suleimaniya und Halabja). Dem-
nach sei dort nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinn von
Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen. Diese Einschätzung hat nach wie vor
Gültigkeit. Die langjährige Praxis im Sinn von BVGE 2008/5 für aus der
ARK stammende Kurdinnen und Kurden bleibt somit weiterhin anwendbar.
Die Anordnung des Wegweisungsvollzugs setzt demnach insbesondere
voraus, dass die betreffenden Personen ursprünglich aus der Region stam-
men oder längere Zeit dort gelebt haben und dort über ein soziales Bezie-
hungsnetz (Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder über Be-
ziehungen zu den herrschenden Parteien verfügen. Angesichts der Belas-
tung der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene ist
der Prüfung des Vorliegens begünstigender individueller Faktoren – na-
mentlich denjenigen eines tragfähigen familiären Beziehungsnetzes –
besonderes Gewicht beizumessen.
8.1.2 Unter Beachtung dieser Grundsätze qualifiziert das Gericht auch den
Vollzug der Wegweisung von Familien mit Kindern in die nord-irakische
Kurdenregion nicht als grundsätzlich unzumutbar (vgl. hierzu etwa die
Urteile BVGer E-2540/2021 vom 23. Juni 2021 E. 8.4.1 f., E-1438/2021
vom 17. Mai 2021 E. 10.3.1 oder E-7174/2018 vom 14. Februar 2020
E. 8.3.5, je m.w.H.).
8.2 In der Beschwerdeschrift wird die Ansicht vertreten, dass der Wegwei-
sungsvollzug vorliegend nicht zumutbar sei. Neben dem (angesichts des
oben Gesagten nicht mehr relevanten) Hinweis auf die lange Freiheits-
strafe des Beschwerdeführers und die schlechten Haftbedingungen im
Nordirak wird zur Begründung im Wesentlichen auf die gesundheitliche Si-
tuation der Beschwerdeführenden und auf das Kindeswohl verwiesen.
E-500/2022
Seite 15
8.3
8.3.1 Aus gesundheitlichen Gründen ist nur dann auf Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG zu schliessen, wenn
eine dringend notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht
zur Verfügung steht und eine fehlende Möglichkeit der (Weiter-)Behand-
lung bei einer Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beein-
trächtigung des Gesundheitszustandes, zur Invalidität oder gar zum Tod
der betroffenen Person führen würde. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls noch
nicht vor, wenn im Heimatstaat eine medizinische Behandlung grundsätz-
lich möglich ist, jedoch nicht dem schweizerischen Standard entspricht (vgl.
BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1,
2009/2 E. 9.3.2).
8.3.2 Der Beschwerdeführer war zu Beginn des erstinstanzlichen Verfah-
rens im Rahmen des sogenannten Dublin-Gesprächs vom 24. August
2020 auf seinen Gesundheitszustand angesprochen worden und hatte da-
mals ausgeführt, nach der Ausheilung seiner Krebserkrankung gehe es
ihm physisch gut; hingegen sei seine psychische Gesundheit seit dem Tod
der Tochter und den Erlebnissen auf der Flucht in die Schweiz beeinträch-
tigt. In Ergänzung zur Beschwerdeschrift wurde am 2. Februar 2022 ein
Arztbericht für den Beschwerdeführer nachgereicht. In diesem wird darge-
legt, der Patient absolviere seit dem 11. November 2021 eine kognitiv-
behaviorale Psychotherapie. Seit der Geburt des Sohnes befürchte er,
auch diesen zu verlieren; er leide unter anderem an starker Traurigkeit und
unter Schuldgefühlen, weil er die Tochter – beziehungsweise deren Grab –
in Serbien verlassen habe. Seit dem negativen Abschluss des erstinstanz-
lichen Asylverfahren habe sich sein Zustand verschlechtert. Es werden für
ihn die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Störung mit somati-
schen Symptomen (F32.11 nach ICD-10) und die Verdachtsdiagnose einer
Posttraumatischen Belastungsstörung (F43.1) gestellt.
8.3.3 Auch die Beschwerdeführerin hatte bereits in ihrem Dublin-Gespräch
vom 24. August 2020 angegeben, dass es ihr psychisch sehr schlecht
gehe. Die Ärzte in Kurdistan hätten ihr gesagt, dass die Tochter wegen
eines Virus in ihrem (Beschwerdeführerin) Blut behindert auf die Welt
gekommen sei. Im aktuellen Verlaufsbericht vom 1. April 2022 führt die
behandelnde Ärztin aus, die Patientin sei vom Gesundheitsdienst des
Bundesasylzentrums der Sprechstunde für transkulturelle Psychiatrie zur
Abklärung zugewiesen worden und stehe seit Anfang Dezember 2020 in
ambulanter Behandlung in den H._. Bei Übernahme der Behand-
E-500/2022
Seite 16
lung seien bei ihr leichte bis mittelgradige depressive Symptome (Ein-
schlafstörungen, gedrückte Stimmung, Konzentrationsschwierigkeiten,
Vergesslichkeit, Grübeln, Zukunftsängste) feststellbar gewesen. Die Pati-
entin berichte von innerer Unruhe, regelmässig wiederkehrenden Albträu-
men und von Schuldgefühlen in Bezug auf ihre verstorbene Tochter; das
vor der zweiten Schwangerschaft aufgetretene Gefühl einer emotionalen
Taubheit habe hingegen abgenommen. Aufgrund der nach wie vor beste-
henden depressiven Symptome werde die antidepressive Behandlung wei-
tergeführt und die Dosis der Psychopharmaka erhöht. Es bestünden post-
traumatische Symptome wie Wiedererinnern, Albträume und erhöhte in-
nere Anspannung. Die Patientin sei längerfristig auf eine medikamentöse
und psychotherapeutische Behandlung angewiesen, die nur unter stabilen
und sicheren Lebensbedingungen erfolgversprechend sei. Werde sie er-
neut unsicheren und gewalttätigen beziehungsweise gewaltbereiten Um-
ständen ausgesetzt, sei eine Verstärkung der depressiven Störung und der
vorhandenen posttraumatischen Symptome zu erwarten; für eine solche
Situation wäre auch an das Wohl des Kindes zu denken. Für die Beschwer-
deführerin wurden die Diagnosen einer leicht- bis mittelgradig depressiven
Episode (F32.0) mit/bei Problemen mit Bezug auf den engeren Familien-
kreis (Status nach Tod des ersten Kindes im Jahr 2019) und mit Bezug auf
die soziale Umgebung (Status nach Diskriminierung / Bedrohung auf der
Flucht) sowie die Verdachtsdiagnose einer Posttraumatischen Belastungs-
störung (F43.2) gestellt.
8.3.4 Für den Sohn der Beschwerdeführenden (Beschwerdeführer 3)
wurden keine Gesundheitsprobleme aktenkundig gemacht.
8.3.5 Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner Praxis davon aus, dass
die medizinische Grundversorgung im Kurdischen Autonomiegebiet des
Nordiraks sichergestellt ist und – wenngleich der Behandlungsstandard im
Vergleich zur Schweiz tiefer liegt – auch psychische Erkrankungen dort
grundsätzlich adäquat behandelt werden können (vgl. in letzter Zeit etwa
die Urteile des BVGer D-4802/2021 vom 8. April 2022 E. 10.3.4 [Post-
traumatische Belastungsstörung], D-5972/2016 vom 7. April 2022 E. 8.2.3
[mittelschwere Depression mit assoziierter schwerer Insomnie neben
metabolischem Syndrom mit Diabetes mellitus und arterieller Hypertonie],
D-6446/2019 vom 24. März 2022 E. 6.3.2 [Posttraumatische Belastungs-
störungen mit schweren depressiven Episoden bei den Eltern, Verhaltens-
auffälligkeiten bei den Kindern], D-3371/2021 vom 20. September 2021
S. 3 und 11 [schwere depressive Störung im Zusammenhang mit einer
schweren Belastungsreaktion und Posttraumatischer Belastungsstörung],
E-500/2022
Seite 17
D-1147/2020 vom 10. September 2021 E. 8.3.4 [Angst- und depressive
Störung, chronische Posttraumatische Belastungsstörung], D-2797/2021
vom 23. August 2021 E. 7.4.4 [schwere depressive Episode neben Masto-
dynie, Kopf- und Rumpfschmerzen sowie Krampfanfällen unklarer Ur-
sache], D-3577/2021 vom 18. August 2021 E. 6.2.3 [Posttraumatische
Belastungsstörung und rezidivierende depressive Störung der Mutter,
Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik des Kindes],
E-2625/2019 vom 16. August 2021 E. 8.3.7 [Verdacht auf Posttraumati-
sche Belastungsstörung mit rezidivierender mittelgradiger depressiver
Episode], E-2540/2021 vom 23. Juni 2021 E. 8.4.3 [Posttraumatische
Belastungsstörung, mittelgradige depressive Episode] und E-2396/2021
vom 1. Juni 2021 E. 6.3.3 [Posttraumatische Belastungsstörung, differen-
zialdiagnostisch Panikstörung mit episodisch paroxysmaler Angst]).
8.3.6 Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin
und des Beschwerdeführers sind bedauerlich und angesichts des auf der
Reise in die Schweiz erlittenen tragischen Schicksalsschlags auch ohne
Weiteres nachvollziehbar. Ohne die Gesundheitsbeschwerden relativieren
zu wollen, sind sie nach dem Gesagten für sich alleine jedoch nicht geeig-
net, eine existenzielle Gesundheitsgefährdung im Sinn von Art. 83 Abs. 4
AIG zu begründen.
8.4 Auch unter dem Aspekt des Kindeswohls gemäss Art. 3 Abs. 1 des
Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes
(Kinderrechtskonvention, SR 0.107) sind keine Vollzugshindernisse er-
sichtlich (vgl. hierzu BVGE 2015/30 E. 7.2 m.w.H.). Der Sohn der Be-
schwerdeführenden ist vor gut (...) Monaten zur Welt gekommen. Das Kind
ist damit noch in einem ausschliesslich von den Eltern geprägten Alter und
eine spezifische Verwurzelung in der Schweiz ist naturgemäss nicht anzu-
nehmen. Bei einer Rückkehr zusammen mit seinen Eltern wird der Be-
schwerdeführer 3 nicht aus stabilen Beziehungen herausgerissen und sich
aufgrund seines Alters im Heimatland integrieren können. Die Erziehungs-
und Betreuungskapazitäten der Eltern dürften zwar aufgrund ihrer gesund-
heitlichen Situation in der Tat beeinträchtigt sein (wie dies im Arztbericht
vom 1. April 2022 mit Bezug auf die Beschwerdeführerin erwähnt wird).
Wie sogleich dargelegt wird, geht das Gericht jedoch davon aus, dass das
ausserordentlich umfangreiche familiäre Beziehungsnetz in der Heimatre-
gion den Beschwerdeführenden auch in dieser Hinsicht unterstützend zur
Seite stehen wird und diese Defizite mindestens teilweise wird ausgleichen
können.
E-500/2022
Seite 18
8.5
8.5.1 Von der ursprünglichen Kernfamilie des Beschwerdeführers leben die
Eltern, zwei Brüder und vier Schwestern sowie drei Onkel und acht Tanten
in der Heimatregion; der Bruder I._ (N [...]) hält sich mit einer Auf-
enthaltsbewilligung in der Schweiz auf (vgl. Protokolle A70 ad F27 ff., und
A71 ad F30 ff.). Die Eltern, Brüder und Schwestern sowie mehrere Onkel
und Tanten der Beschwerdeführerin leben gemäss Akten ebenfalls in der
Heimatregion; drei ihrer Brüder halten sich in Deutschland auf (vgl. Proto-
kolle A70 ad F48 ff., A71 ad F40 ff.). Die Beschwerdeführenden sind ent-
fernt verwandt (der Vater der Beschwerdeführerin ist ein Cousin väterli-
cherseits ihres Mannes; vgl. Protokoll A70 ad F19 f.). Die Familienange-
hörigen sind nicht politisch aktiv, unterstützen aber die in der Region herr-
schende Partiya Demokrata Kurdistanê (PDK); mehrere Verwandte beider
Beschwerdeführenden sind oder waren als Angehörige der ARK-Streit-
kräfte (Peshmerga) tätig (vgl. Protokoll A70 ad F56 ff., A71 ad F50 ff.). Die
Beschwerdeführenden unterhalten aus der Schweiz Kontakte zur Familie
in der Heimat und beschreiben deren wirtschaftliche Situation als gut (vgl.
insbes. Protokolle A70 ad F42 f. und F75, A71 ad F54 ff.).
8.5.2 Die Beschwerdeführerin verfügt über eine achtjährige Schulbildung,
der Beschwerdeführer hat nach dem Besuch der Primar- und Sekundar-
schule eine eigene (...) geführt und daneben weitere Berufserfahrungen
als Chauffeur und Taglöhner gesammelt (vgl. Protokoll A70 ad F63 ff.)
8.5.3 Das verwandtschaftliche Beziehungsnetz der Beschwerdeführenden
in der Heimatregion ist auch im Länderkontext offensichtlich überdurch-
schnittlich gross (vgl. Protokoll A70 ad F48: "[...] Wir sind eine riesige
Familie, brauchen drei Camps nur für uns [...]"). Den Akten sind keine Hin-
weise für die Annahme zu entnehmen, die Verwandten der Beschwerde-
führenden wären nicht bereit oder nicht in der Lage, sie bei einer Rückkehr
in die Heimatregion finanziell und auch faktisch, beispielsweise durch Hilfe
bei der Kinderbetreuung oder bei der Arbeitssuche, zu unterstützen; es darf
auch angenommen werden, dass das Bereitstellen einer Unterkunfts-
möglichkeit unter diesen Umständen bereits von der Schweiz aus organi-
siert werden könnte.
8.6
8.6.1 Nach einer Gesamtwürdigung aller relevanten Umstände schliesst
sich das Bundesverwaltungsgericht auch bei der Beurteilung der Zumut-
barkeit der Wegweisung den überzeugenden Erwägungen der Vorinstanz
an (vgl. angefochtenen Verfügung S. 14 ff.). Die Gesundheitsbeschwerden
E-500/2022
Seite 19
der Beschwerdeführenden und die Tatsache, dass diese mit einem Klein-
kind in den Heimatstaat zurückkehren werden, sprechen zwar insoweit
gegen die Annahme der Zumutbarkeit als deren Bejahung nun zusätzlich
begünstigende individuelle Faktoren voraussetzt, welche den Malus – ins-
besondere der gesundheitlichen Beeinträchtigungen – aufzuwiegen ver-
mögen (vgl. Urteil des BVGer E-3787/2020 vom 14. September 2021
E. 8.3.4 m.w.H.). Solche besonders positiven Faktoren sind jedoch im Ver-
fahren der Beschwerdeführenden mit dem ausserordentlich engmaschigen
und tragfähigen familiären Beziehungsnetz, der offensichtlich überdurch-
schnittlichen wirtschaftlichen Situation der Familie und der gesicherten
Wohnsituation gegeben.
8.6.2 Den Beschwerdeführenden steht es zudem frei, beim SEM Anträge
auf Ausrichtung medizinischer Rückkehrhilfe (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG,
Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312])
zu stellen, was ihnen die Reintegration zusätzlich erleichtern könnte.
8.7 Die Gesamtwürdigung aller wesentlichen Umstände ergibt, dass der
Vollzug der Wegweisung nicht zu einer existenziellen Gefährdung der Be-
schwerdeführenden im Sinn von Art. 83 Abs. 4 AIG führt. Der Vollzug der
Wegweisung erweist sich damit als zumutbar.
9.
Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates – sofern angesichts der bei den Akten
liegenden Ausweise überhaupt nötig – die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vor-
läufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
E-500/2022
Seite 20
12.
Die Kosten des Verfahrens wären ausgangsgemäss den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit Zwischen-
verfügung des Instruktionsrichters vom 17. März 2022 die unentgeltliche
Prozessführung gewährt worden ist und den Akten keine Hinweise auf eine
nachträgliche Veränderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen
sind, ist auf eine Kostenerhebung zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 21