Decision ID: a360b800-04bb-5d9a-b81f-29076e69ee4a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden suchten am 15. Mai 2021 in der Schweiz
um Asyl nach und wurden dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region
C._ zugewiesen. Am 1. Juli 2021 wurden sie zu den Asylgründen
angehört.
A.b Sie gaben an, sie hätten Georgien am 14. Mai 2021 legal auf dem
Luftweg in Richtung Polen verlassen und seien von dort weiter in die
Schweiz gereist, wo sie am 15. Mai 2021 angekommen seien. Sie seien
ausschliesslich aus medizinischen Gründen in die Schweiz gereist.
A.b.a A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer), machte geltend, er
leide an einem Rezidiv eines (...) (Stadium IV). Seine Krankheit sei erst-
mals vor fünf Jahren in Georgien diagnostiziert worden. Er habe sich da-
raufhin in der Türkei behandeln lassen und sei anschliessend für geheilt
erklärt worden. In Georgien habe er sich nicht behandeln lassen, zumal die
dort vorgeschlagene Behandlungsmethode riskant gewesen sei. Zudem
habe er kein Vertrauen in die georgischen Ärzte und ein PET-CT sei da-
mals nicht möglich gewesen. Vor einigen Monaten sei seine Krankheit wie-
der ausgebrochen. In Georgien habe er eine Blutanalyse machen lassen,
die Ärzte danach jedoch nicht mehr konsultiert und stattdessen seine Aus-
reise beschlossen.
A.b.b B._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) machte (ebenfalls)
keine eigenen Asylgründe geltend.
A.c In der Schweiz seien beim Beschwerdeführer zunächst vier Zyklen
Chemotherapie, eine autogene Stammzellentransplantation sowie eine an-
schliessende hochdosierte Chemotherapie geplant. Die Chemotherapie
war dem Arztbericht des (...) vom 24. beziehungsweise 29. Juni 2021 zu-
folge gemäss BEACOPP-Schema vorgesehen. Die benötigte Behandlung
sei in Georgien nicht erhältlich.
A.d Am 6. Juli 2021 wurden die Beschwerdeführenden zwecks weiterer
Abklärungen dem erweiterten Verfahren zugewiesen.
A.e Zu den vom SEM über die Schweizer Vertretung in Tiflis getätigten Ab-
klärungen betreffend Behandlungsmöglichkeiten in Georgien und den dies-
bezüglichen Ergebnissen gewährte dieses den Beschwerdeführenden am
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11. August 2021 das rechtliche Gehör. Die Stellungnahme ihrer Rechtsver-
tretung datiert vom 23. August 2021. Nach gewährter Fristerstreckung
wurde mit Schreiben vom 8. September 2021 eine ärztliche Einschätzung
vom 6. September 2021 nachgereicht.
B.
Mit Entscheid vom 29. September 2021 – eröffnet am 7. Oktober 2021 –
trat die Vorinstanz auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden in An-
wendung von Art. 31a Abs. 3 AsylG (SR 142.31) nicht ein, verfügte die
Wegweisung aus der Schweiz und beauftragte den Kanton C._ mit
dem Vollzug. Den Beschwerdeführenden wurden die editionspflichtigen
Akten ausgehändigt.
C.
Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe
ihrer Rechtsvertretung vom 14. Oktober 2021 (Telefaxempfang; Poststem-
pel: 15. Oktober 2021) beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Darin
beantragten sie die Aufhebung des Entscheids des SEM vom 29. Septem-
ber 2021 und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz. Diese sei an-
zuweisen, den Beschwerdeführer medizinisch weiter abklären zu lassen
und in der Folge über das Asylgesuch neu zu entscheiden. Eventualiter sei
die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und die
vorläufige Aufnahme anzuordnen. Es sei den Beschwerdeführenden die
unentgeltliche Prozessführung und die amtliche Verbeiständung in der Per-
son des rubrizierten Rechtsvertreters zu gewähren. Auf das Erheben eines
Kostenvorschusses sei zu verzichten.
Als Beweismittel wurde eine ärztliche Stellungnahme vom 11. Oktober
2021 eingereicht.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Oktober 2021 wies die zuständige Instruk-
tionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ab. Zugleich wurden die
Beschwerdeführenden zur Leistung eines Kostenvorschusses von
Fr. 750.– mit Frist bis zum 3. November 2021 aufgefordert, unter Andro-
hung des Nichteintretens im Unterlassungsfall.
E.
Am 1. November 2021 wurde der verlangte Kostenvorschuss bezahlt.
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F.
Am 10. November 2021 wurde eine Beschwerdeergänzung eigereicht.
Dieser war eine ärztliche Stellungnahme vom 2. November 2021 beigelegt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VwVG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist nach der fristgerechten Leistung des Kostenvorschus-
ses einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
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Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
In Anwendung von Art.31a Abs. 3 AsylG tritt das SEM auf ein Gesuch nicht
ein, wenn Gesuchsteller kein Asylgesuch im Sinne von Art. 18 AsylG stel-
len. Ein Asylgesuch gemäss Art. 18 AsylG liegt erst dann vor, wenn Aus-
länder in irgendeiner Weise zu erkennen geben, dass sie die Schweiz um
Schutz vor Verfolgung ersuchen.
5.
5.1 Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde ist der Nicht-
eintretensentscheid des SEM vom 29. September 2021. Das Beschwerde-
verfahren beschränkt sich somit auf die Prüfung der Frage, ob die
Vorinstanz zu Recht auf die Asylgesuche vom 15. Mai 2021 nicht eingetre-
ten ist, und bejahendenfalls, zu Recht die Wegweisung und den Vollzug
angeordnet hat.
5.2 Indessen wird vorliegend der Hautpantrag auf Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung und Rückweisung an die Vorinstanz, demzufolge das
SEM über die Asylgesuche neu zu entscheiden habe, einzig mit weiteren
medizinischen Abklärungen beziehungsweise entsprechenden formellen
Rügen begründet, und enthält die Beschwerde hinsichtlich des Nichteintre-
tens keine materielle Begründung. Somit ist vorliegend, nachdem auch die
angeordnete Wegweisung nicht angefochten wurde, einzig über die Recht-
mässigkeit des Wegweisungsvollzugs zu befinden.
6.
6.1 Das SEM trat im angefochtenen Entscheid auf die Gesuche der Be-
schwerdeführenden vom 15. Mai 2021 nicht ein mit der Begründung, der
Beschwerdeführer habe sein Asylgesuch nur mit einem Rezidiv seiner
Krankheit und damit begründet, dass er kein Vertrauen in die georgischen
Ärzte habe, ansonsten aber keine Probleme in seiner Heimat gehabt habe.
Die Beschwerdeführenden hätten nicht um den Schutz vor Verfolgung
nachgesucht.
6.2 Es ordnete die Wegweisung der Beschwerdeführenden aus der
Schweiz an und erachtete den Vollzug als zulässig, zumutbar und möglich.
Namentlich sei auf eine Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus
medizinischen Gründen nur dann zu schliessen, wenn die notwendige me-
dizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung stehe und eine
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Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des
Gesundheitszustands der betroffenen Person führe. Der Beschwerdefüh-
rer habe erklärt, er habe kein Vertrauen in die georgischen Ärzte, weitere
Gründe, weshalb er sich nicht in Georgien habe behandeln lassen, gebe
es nicht. Bezüglich der Behandlungsmöglichkeiten habe er ferner mehrere
Kliniken in Georgien angefragt, ob dort eine Stammzellentherapie möglich
sei. Die Antworten der von ihm angefragten Kliniken habe er in Form von
Kopien eingereicht, um zu belegen, dass eine entsprechende Behandlung
in Georgien nicht verfügbar sei. Wie ihm mit Schreiben vom 11. August
2021 zur Kenntnis gebracht worden sei, hätten Abklärungen seitens des
SEM ergeben, dass die Behandlung seiner Krankheit in Georgien möglich
sei. Sowohl eine Chemotherapie gemäss eskaliertem BEACOPP-Schema
als auch eine hochdosierte Chemotherapie mit autologer Transplantation
seien erhältlich. Seit rund einem Jahr bestehe zudem die Möglichkeit einer
allogenen Stammzellentransplantation an der Tbilisi State Medical Univer-
sity/Ingorokva High Medical Technology University Clinic. Diesen Erkennt-
nissen vermöchten auch die von ihm eingereichten Beweismittel nichts ent-
gegenzuhalten. Im Rahmen des Universal Health Care Program würden
die Kosten für die Behandlung onkologischer Erkrankungen, insbesondere
mittels Chemo-, Hormon- und Strahlentherapie sowie mit Antitumormitteln
(monoklonale Antikörper, Proteinkinasehemmer, Bisphosphonate), über-
nommen. Die ihm verschriebenen Medikamente Bactrim Forte, Macrogol,
Valtrex 500mg seien auf dem georgischen Arzneimittelmarkt zugelassen.
Was die Medikamente mit dem Wirkstoff Pantoprazol 40mg, Tavanic
500mg (Levofloxacin) und Zyloric 300mg (Allopurinol) betreffe, so seien
diese in Georgien unter anderen Handelsnamen ebenfalls registriert. Die
Kosten für die genannten Medikamente würden von den staatlichen Pro-
grammen nicht übernommen. Diesbezüglich sei jedoch darauf hinzuwei-
sen, dass die nicht durch das staatliche Gesundheitsprogramm abgedeck-
ten Leistungen durch die Referral Service Comission berücksichtigt und
vergütet werden könnten. Zudem sei es ihm gestattet, eine bestimmte
Menge an Arzneimitteln, inklusive bestimmter in Georgien nicht registrierter
Medikamente für den persönlichen Gebrauch nach Georgien einzuführen.
Die Rechtsvertretung habe mit Schreiben vom 23. August 2021 zu diesen
Abklärungsergebnissen Stellung genommen und um Fristerstreckung zur
Nachreichung einer ärztlichen Einschätzung ersucht. Letztere sei mit
Schreiben vom 8. September 2021 beim SEM eingegangen. In ihrem
Schreiben habe die Rechtsvertretung ausgeführt, dass ein Anfang August
beim Beschwerdeführer durchgeführtes PET-Scanning gezeigt habe, dass
nach zwei in der Schweiz erfolgten Chemotherapien bereits 80 Prozent des
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Rezidivs verschwunden seien. Die in Georgien erhältlichen Chemothera-
pien seien hingegen auf schlechtem Niveau. Der Stellungnahme vom
23. August 2021 sei zur Untermauerung der mangelhaften Qualität der Be-
handlungen in Georgien eine Studie betreffend die Sterblichkeitsrate bei
(...)patienten beigelegt. Eine Fortsetzung seiner Therapie sei zwingend er-
forderlich, wie im Schreiben vom 8. September 2021 beziehungsweise der
beigelegten Einschätzung des behandelnden Arztes weiter ausgeführt
werde. Ein Spitalwechsel aufgrund einer Rückführung ins Heimatland
würde das Therapieziel massiv gefährden.
Diesbezüglich hielt das SEM (unter Verweis auf BVGE 2009/2 E. 9.3.2 und
2011/50 E. 8.2) fest, dass eine Wegweisung als zumutbar erachtet werde,
wenn die für die Behandlung einer Krankheit notwendige medizinische Be-
handlung im Heimat- oder Herkunftsstaat gewährleistet sei, wobei letztere
nicht dem schweizerischen Standard entsprechen müsse. Ferner erach-
tete es das SEM als zumutbar, dass sich betroffene Personen in ihren Her-
kunftsstaat begeben, wo ihre Krankheit behandelt werden könne. Somit
müsse die Behandlung nicht unbedingt am Herkunftsort des Beschwerde-
führers gewährleistet sein. Dieser verfüge in Georgien über eine allge-
meine staatliche Krankenversicherung. Es stehe ihm ferner frei, bei der
kantonalen Rückkehrberatungsstelle medizinische Rückkehrhilfe zu bean-
tragen (Art. 93 AsylG). Diese könne durch die Abgabe von Medikamenten,
Hilfe bei der Ausreiseorganisation oder durch Unterstützung während und
nach der Rückkehr gewährt werden. Bereits begonnenen Therapiezyklen
sowie einer nahtlosen Fortsetzung der Behandlung des Beschwerdefüh-
rers könne gegebenenfalls im Rahmen der Ansetzung der Ausreisefrist
Rechnung getragen werden. Somit seien im Rahmen der Stellungnahme
vom 23. August 2021 beziehungsweise dem Schreiben vom 8. September
2021 keine Tatsachen oder Beweismittel vorgelegt worden, welche eine
Änderung des Standpunktes des SEM rechtfertigen könnten.
Demnach ergäben sich aus den Akten keine individuellen Gründe, die ge-
gen die Zumutbarkeit der Wegweisung sprechen würden.
7.
7.1 In der Beschwerde wurde im Wesentlichen geltend gemacht, das SEM
wäre verpflichtet gewesen, den medizinischen Sachverhalt weiter abklären
zu lassen. So gäbe es nicht genügend Hinweise darauf, dass eine adä-
quate Fortsetzung der Behandlung im Herkunftsland ohne Unterbruch ge-
währleistet wäre. Das für den Beschwerdeführer aufgestellte Behandlungs-
Setting sei sehr kompliziert und vorzu müssten weitere Bildgebungen und
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Behandlungsschritte geplant werden. Der behandelnde Arzt habe noch-
mals festgehalten, dass eine Rückreise des Beschwerdeführers nach Ge-
orgien zum aktuellen Zeitpunkt medizinisch nicht vertretbar sei. Indem das
SEM die Ausführungen der behandelnden Ärzte ignoriert und in der ange-
fochtenen Verfügung ausgeführt habe, dass bei einer Rückkehr nach Ge-
orgien keine konkreten Hinweise auf eine medizinische Notlage oder eine
existenzbedrohende Situation bestehen würden, habe es den Untersu-
chungsgrundsatz und das rechtliche Gehör verletzt. Auch die weiteren ge-
wichtigen Therapien und deren Verfügbarkeit in Georgien müssten beim
Entscheid über den Wegweisungsvollzug berücksichtigt werden.
7.2 Diese verfahrensrechtlichen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allen-
falls geeignet sein können, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung
zu bewirken (vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043 ff. m.w.H.).
7.3 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043).
7.4 Die Rüge der Verletzung des Anspruchs der Beschwerdeführenden auf
rechtliches Gehör ist aufgrund der Aktenlage zurückzuweisen. Dazu ist vor-
weg auf die Erwägungen in der Zwischenverfügung vom 19. Oktober 2021
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zu verweisen. So ist die Behandlung der Krankheit des Beschwerdeführers
in Georgien gemäss den vom SEM über die dortige Schweizerische Ver-
tretung getätigten Abklärungen möglich. Im Rahmen des rechtlichen Ge-
hörs zu diesen Abklärungen reichten die Beschwerdeführenden zwar ein
Schreiben des behandelnden Arztes vom 6. September 2021 zu den Ak-
ten, wonach aus seiner Sicht eine Rückführung des Patienten in sein Hei-
matland mit dadurch verbundenem Spitalwechsel das Therapieziel massiv
gefährden würde. Diesbezüglich führte das SEM in der angefochtenen Ver-
fügung aus, dass der in der Schweiz begonnenen Therapie sowie einer
nahtlosen Fortsetzung der Behandlung des Beschwerdeführers in Geor-
gien gegebenenfalls im Rahmen der Ansetzung der Ausreisefrist Rech-
nung getragen werden könne. Inwiefern vor diesem Hintergrund weitere
Abklärungen notwendig erscheinen sollen, erschliesst sich dem Gericht
nicht. Auch die mit der Beschwerde eingereichte ärztliche Stellungnahme
vom 11. Oktober 2021 ist nicht geeignet, zu einer anderen Einschätzung
zu gelangen, zumal der behandelnde Arzt darin im Wesentlichen lediglich
die Ausführungen in seinem Schreiben vom 6. September 2021 sinnge-
mäss wiederholte.
An dieser Einschätzung vermag auch die Beschwerdeergänzung vom
10. November 2021, worin auf das Beschwerdeverfahren E-1825/2021
verwiesen wurde, in welchem die Vorinstanz selbst zur Einsicht gekommen
sei, dass noch weitere Abklärungen zu treffen seien und die ihre ursprüng-
liche Verfügung aufgehoben habe, sowie die gleichzeitig eingereichte wei-
tere ärztliche Stellungnahme vom 2. November 2021 nichts zu ändern. So
lagen dem erwähnten Beschwerdeverfahren mehrere andere Krankheiten
der betroffenen Person mit verschiedenen, teilweise in Wechselwirkung
stehenden Therapien zugrunde, wobei im Verlauf des Verfahrens eine wei-
tere Komplikation auftrat und gemäss den Erkenntnissen der Vorinstanz
eine aktuell notwendige spezifische Radiotherapie in Georgien nicht ver-
fügbar war. Im Gegensatz dazu haben die vorinstanzlichen Abklärungen
vorliegend ergeben, dass alle allenfalls erforderlichen Behandlungen des
Beschwerdeführers in Georgien möglich sind, weshalb darauf verzichtet
werden kann, gemäss der ärztlichen Stellungnahme vom 2. November
2021 das Ergebnis des PET-CT vom 12. November 2021 beziehungsweise
die gestützt darauf zu erstellende weitere Prognose der noch nötigen The-
rapie abzuwarten. Nach dem Gesagten erweist sich der medizinische
Sachverhalt als genügend abgeklärt.
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7.5 Die formellen Rügen erweisen sich aufgrund dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfü-
gung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Die diesbezüglichen Rechtsbegehren sind somit abzu-
weisen.
8.
Die Beschwerdeführenden fochten die vorinstanzliche Verfügung lediglich
hinsichtlich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs an. Betreffend die
Anordnung der Wegweisung ist die Verfügung vom 29. September 2021
unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
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Seite 11
9.2.2 Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt nur
Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da diese nicht Ge-
gentand des Verfahrens war, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz
der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung fin-
den. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden in den Heimatstaat ist dem-
nach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführenden
für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Euro-
päischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-
Anti-Folterausschusses müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete
Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall
einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008,
Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist vorliegend nicht
der Fall. Es bestehen keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine ernst-
hafte und konkrete Gefährdung der Beschwerdeführenden in ihrem Hei-
matstaat im Sinne von Art. 3 EMRK. Auch die allgemeine Menschenrechts-
situation in Georgien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.1 Zusammen mit der Bezeichnung als "Safe Country" bezeichnete der
Bundesrat Georgien auch als Herkunftsland, in das eine Rückkehr abge-
wiesener Asylsuchender grundsätzlich als zumutbar gelten kann (vgl.
Art. 83 Abs. 5 AIG). Das angespannte Verhältnis zu Russland führte im
Jahr 2008 zwar zu einem fünftägigen offenen Krieg mit zahlreichen Todes-
opfern. Auch heute noch hält Russland zwanzig Prozent des georgischen
Staatsgebiets de facto besetzt und hat die Regionen Südossetien und Ab-
chasien als unabhängige Staaten anerkannt. Diese Umstände sind jedoch
nicht als Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt zu be-
zeichnen, weshalb in konstanter Praxis von der generellen Zumutbarkeit
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Seite 12
des Wegweisungsvollzugs nach Georgien ausgegangen wird (vgl. Urteil
des BVGer D-6878/2016 vom 9. Oktober 2017 E. 8.3.2 m.w.H. sowie bspw.
E-312/2020 vom 22. Januar 2020 E. 7.5).
9.3.2 Die Beschwerdeführenden vermögen die gesetzliche Vermutung der
Zumutbarkeit der Rückkehr nach Georgien (vgl. E. 9.3.1) mit ihren Vorbrin-
gen im vorinstanzlichen Verfahren und den Ausführungen auf Beschwer-
deebene nicht umzustossen. Es ist nicht davon auszugehen, die Be-
schwerdeführenden würden bei einer Rückkehr aus individuellen Gründen
wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine ihre Existenz
gefährdende Situation geraten. Namentlich ist entgegen den Ausführungen
in der Rechtsmitteleingabe aufgrund der Aktenlage nicht davon auszuge-
hen, dass in Georgien keine adäquaten medizinischen Behandlungsmög-
lichkeiten zur Verfügung stünden. Diesbezüglich sowie hinsichtlich der fi-
nanziellen Unterstützungsangebote im Heimatstaat der Beschwerdefüh-
renden kann auf die vorstehend wiedergegebenen Erwägungen der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen werden, welche nicht zu beanstanden
sind. Zudem wurden keine weiteren individuellen Gründe vorgebracht, die
gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen.
9.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, welche über gültige
Reisepässe verfügen, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimat-
staats die für eine Rückkehr allenfalls weiteren notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE 2008/34
E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeich-
nen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang
mit der weltweiten Ausbreitung der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) sind
aufgrund ihrer vorübergehenden Natur nicht geeignet, die obigen Schluss-
folgerungen zur Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu
stellen. Der Situation wird von den Vollzugsbehörden im Rahmen der Or-
ganisation des Vollzugs angemessen Rechnung zu tragen sein. Verzögern
die besagten Massnahmen den Vollzug vorübergehend, so wird dieser zu
einem späteren, angemessenen Zeitpunkt erfolgen (vgl. hierzu u. a. die Ur-
teile des BVGer D-1871/2020 vom 20. April 2020 E. 7.4, E-895/2020 vom
15. April 2020 E. 9.6, E-6856/2017 vom 6. April 2020 E. 9).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
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Seite 13
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG),
der entsprechende, eventualiter gestellte Antrag ist daher abzuweisen.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG) und auf Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). Dabei ist zur Begleichung
der Verfahrenskosten der in selber Höhe geleistete Kostenvorschuss zu
verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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