Decision ID: 6a8b9cc3-3c61-5c72-9bc1-69208c1b5a9d
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 4. August 2018 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte,
dass er anlässlich der Befragung zur Person (BzP) im Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum B._ am 13. August 2018 zum Reiseweg ausführte,
er habe Marokko – nach einem Besuchsaufenthalt – im Februar 2018 ver-
lassen und sich via Spanien, Frankreich, Italien und Österreich in die
Schweiz begeben,
dass er zwölf Jahre lang (bis 2014) in Italien legal gelebt und gearbeitet
habe, seine Aufenthaltsbewilligung aber nach dem Verlust seiner Arbeit
nicht mehr verlängert worden sei,
dass er danach einfach ohne Papiere in Italien geblieben sei und versucht
habe, erneut in den Besitz gültiger Papiere zu gelangen,
dass er während seines langjährigen Aufenthalts in Italien besuchshalber
viermal nach Marokko gereist sei, letztmals im Februar 2018,
dass er nach seinem letzten Besuch sein Leben habe ändern und nicht
mehr in Italien habe leben wollen,
dass das SEM ihm anlässlich der BzP das rechtliche Gehör zur allfälligen
Zuständigkeit Italiens, Österreichs, Frankreichs oder Spaniens für die
Durchführung des Asyls- und Wegweisungsverfahrens gewährte,
dass er hierbei geltend machte, er wolle nicht nach Italien oder Österreich
gehen, er habe aber nichts gegen eine Zuständigkeit Spaniens oder Frank-
reichs vorzubringen, zumal seine getrennt von ihm lebende Ehefrau und
die gemeinsame Tochter seit 2014 in [Frankreich] leben würden,
dass er ausdrücklich erklärte, in keinem dieser Länder ein Asylgesuch ge-
stellt zu haben,
dass er ferner zu Protokoll gab, es gehe ihm psychisch und physisch gut,
er vermisse aber seine Tochter,
dass das SEM gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers am
14. August 2018 die italienischen Behörden um Informationen im Sinne
von Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
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Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufas-
sung), ABl. L 180/31 vom 29. Juni 2013 (nachfolgend: Dublin-III-VO) er-
suchte,
dass die italienischen Behörden das SEM am 21. September 2018 dahin-
gehend informierten, der Beschwerdeführer sei in Italien in den vergange-
nen Jahren verschiedentlich in Erscheinung getreten,
dass das SEM gestützt darauf die italienischen Behörden am 2. Oktober
2018 um Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 13 Abs. 2
Dublin-III-VO ersuchte,
dass die italienischen Behörden am 14. November 2018 dem Ersuchen
zustimmten,
dass das SEM mit Verfügung vom 16. November 2018 – eröffnet am
28. November 2018 – in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR
142.31) auf das Asylgesuch nicht eintrat, die Wegweisung nach Italien an-
ordnete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz spätestens
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen,
dass es den Kanton C._ mit dem Vollzug der Wegweisung beauf-
tragte und gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den
Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den
Beschwerdeführer verfügte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 3. bzw. 4. Dezember 2018
gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
erhob und dabei sinngemäss die Aufhebung der Nichteintretensverfügung
des SEM unter Anweisung an die Vorinstanz, vom Selbsteintrittsrecht Ge-
brauch zu machen, beantragte,
dass der Instruktionsrichter mit superprovisorischer Verfügung vom 6. De-
zember 2018 den Vollzug der Überstellung einstweilen aussetzte,
dass die vorinstanzlichen Akten am 7. Dezember 2018 beim Bundesver-
waltungsgericht eintrafen (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG),
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und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG richtet, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass diesbezüglich die Dublin-III-VO zur Anwendung kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III
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(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art.
7 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass das SEM die italienischen Behörden am 2. Oktober 2018 um Auf-
nahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 2 Dublin-III-VO er-
suchte,
dass die italienischen Behörden dem Gesuch um Übernahme am 14. No-
vember 2018 zustimmten,
dass die Zuständigkeit Italiens somit gegeben ist (was vom Beschwerde-
führer auch nicht bestritten wird),
dass es keine wesentlichen Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfah-
ren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Italien weise syste-
mische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-
III-VO auf, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be-
handlung im Sinne des Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäi-
schen Union (ABl. C 364/1 vom 18.12.2000) mit sich bringen,
dass vielmehr die bisherige Rechtsprechung – auch die des EGMR – dor-
tige systemische Schwachstellen im Asylverfahren und in den Aufnahme-
bedingungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO verneint hat
(vgl. BVGE 2015/4 E. 4.1 mit Hinweis auf den Entscheid des EGMR Tarak-
hel gegen die Schweiz vom 4. November 2014, Grosse Kammer, Nr.
2917/12),
dass Italien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nachkommt,
dass auch davon ausgegangen werden darf, dieser Staat anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (Aufnahmerichtlinie) ergeben,
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dass zudem die im bereits erwähnten Urteil des EGMR Tarakhel gegen die
Schweiz vom 4. November 2014 (Nr. 29217/12) festgehaltenen Grund-
sätze betreffend die Einholung individueller Garantien in ihrer zwingenden
Anwendung auf Situationen zu beschränken sind, in denen Familien mit
Kindern im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien überstellt werden
sollen (BVGE 2017 VI/10 E. 5 m.w.H.), und der Beschwerdeführer als al-
leinstehender junger Mann grundsätzlich nicht zu der Kategorie der beson-
ders verletzlichen Personen gehört,
dass der Beschwerdeführer kein konkretes und ernsthaftes Risiko darge-
tan hat, die italienischen Behörden würden sich weigern ihn wieder aufzu-
nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
Regeln der erwähnten Richtlinien zu prüfen,
dass den Akten auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen sind,
Italien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missach-
ten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben
oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist
oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land ge-
zwungen zu werden,
dass der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe vorbringt, weil
er in Italien Schulden habe, werde er dort von verschiedenen Seiten be-
droht,
dass Italien ein Rechtsstaat mit einem funktionierenden Justizsystem ist,
dass sich der Beschwerdeführer folglich bei Problemen mit Drittpersonen
an die Polizei wenden oder juristisch gegen sie vorgehen kann,
dass zusammenfassend kein konkretes und ernsthaftes Risiko besteht, die
Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien würde gegen Art. 3
EMRK oder andere völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz oder Lan-
desrecht verstossen,
dass jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen kann,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO),
dass dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht im Landesrecht durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
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konkretisiert wird und das SEM das Asylgesuch gemäss dieser Bestim-
mung „aus humanitären Gründen“ auch dann behandeln kann, wenn dafür
gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre,
dass angesichts der vorstehenden Erwägungen kein Grund für eine An-
wendung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO gibt und an die-
ser Stelle festzuhalten bleibt, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden
kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass das Bundesverwaltungsgericht sich unter diesen Umständen weiterer
Ausführungen zur Frage des Selbsteintritts enthält,
dass das SEM demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst.
b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist
und die Überstellung nach Italien angeordnet hat,
dass unter diesen Umständen allfällige Vollzugshindernisse gemäss
Art. 83 Abs. 3 und 4 AuG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen sind, da das
Fehlen von Wegweisungsvollzugshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl.
BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit dem vorliegenden Urteil abgeschlos-
sen ist,
dass der am 6. Dezember 2018 angeordnete Vollzugsstopp mit vorliegen-
dem Urteil dahinfällt,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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