Decision ID: e1465109-b8f8-41ac-aac2-4f71aeee4e70
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (geb. 1970) ersuchte in der Schweiz am 12. Okto-
ber 2011 um Asyl. Er gab an, er sei ethnischer Tibeter und in China gebo-
ren. Seit dem Jahr 1999 sei er mit B._ (geb. 1967) nach Brauch
verheiratet. Am (...) sei die gemeinsame Tochter C._ und am (...)
die gemeinsame Tochter D._ geboren worden. Am 17. Februar
2014 stellte die Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlings-
eigenschaft erfülle. Gleichzeitig lehnte sie das Asylgesuch ab und ordnete
die Wegweisung aus der Schweiz an. Wegen Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs wurde der Beschwerdeführer vorläufig aufgenommen.
B.
Am 18. Januar 2018 reichte der Beschwerdeführer beim Migrationsamt
des Kantons (...) ein Gesuch um Familiennachzug und Einbezug in die
vorläufige Aufnahme zugunsten seiner Ehefrau und seiner Kinder, welche
sich in Indien aufhielten, ein. Das Migrationsamt leitete das Gesuch an die
Vorinstanz weiter und führte in der Stellungnahme aus, die Voraussetzun-
gen für eine Gutheissung seien infolge drohender Sozialhilfeabhängigkeit
nicht erfüllt.
C.
Mit Schreiben vom 4. April 2018 teilte die Vorinstanz dem Beschwerdefüh-
rer mit, seine nach Brauch geschlossene Ehe werde gemäss chinesischem
Recht nicht als rechtmässige Ehe und folglich auch in der Schweiz nicht
anerkannt. Es sei nicht nachgewiesen, dass er der leibliche Vater der an-
gegebenen Kinder sei. Im Weiteren habe er bereits über Fr. 40'000.- Sozi-
alhilfe bezogen und es drohten mit einem Familiennachzug erhöhte Sozi-
alhilfekosten.
D.
Am 5. Oktober 2018 reichte der Beschwerdeführer der Vorinstanz das Er-
gebnis einer Abstammungsbegutachtung mittels DNA-Analyse ein. Aus
dieser geht hervor, dass er der Vater und B._ die Mutter von
C._ und D._ sind.
E.
Nach Abklärungen zur finanziellen Situation des Beschwerdeführers
reichte das Sozialamt (...) der Vorinstanz am 13. Februar 2019 eine Sozi-
alhilfeberechnung ein, aus welcher ein leichter Einnahmenüberschuss her-
vorgeht.
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Seite 3
F.
Aufgrund fehlender Identitäts- und Reisedokumente seiner Angehörigen
forderte die Vorinstanz den Beschwerdeführer am 5. März 2019 auf, eine
vom Bureau of His Holiness the Dalai Lama in Neu Delhi über die Person
von B._ ausgestellte Bestätigung («bona-fide letter») einzureichen.
Der Beschwerdeführer gab am 10. April 2019 an, ihm sei eine solche Be-
stätigung verweigert worden. Am 30. August 2019 reichte er der Vorinstanz
stattdessen einen «bona-fide letter» der Tibetan Legal Association für
B._ und die beiden Töchter ein.
G.
Mit Verfügung vom 14. Juli 2020 wies die Vorinstanz das Gesuch des Be-
schwerdeführers um Familiennachzug und Einschluss in die vorläufige Auf-
nahme zugunsten seiner Ehefrau und seiner Kinder ab.
H.
Am 13. August 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde. Er beantragte sinngemäss die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Gutheissung seines Gesuchs um Fami-
liennachzug und Einbezug in die vorläufige Aufnahme zugunsten seiner
Ehefrau und seiner Kinder. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 18. September 2020 wies der Instruktionsrich-
ter das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ab und forderte den Be-
schwerdeführer auf, einen Kostenvorschuss zu leisten. Dieser Anordnung
kam der Beschwerdeführer fristgerecht nach.
J.
In ihrer Vernehmlassung vom 2. November 2020 hielt die Vorinstanz voll-
umfänglich an der angefochtenen Verfügung fest. Es folgte ein zweiter
Schriftenwechsel und am 27. April 2021 eine weitere Eingabe des Be-
schwerdeführers, wobei die Parteien an ihren Rechtsauffassungen fest-
hielten.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM betreffend Familiennachzug nach Art. 85 Abs. 7
AIG (SR 142.20) sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht an-
fechtbar (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG). Dieses entscheidet
endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 3 BGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes sowie die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von Am-
tes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der
Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als
den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend
ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheids
(vgl. BVGE 2014/1 E. 2).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer will für den beantragten Familiennachzug auf-
grund seiner Flüchtlingseigenschaft die Regelung zum Familienasyl ge-
mäss Art. 51 AsylG (SR 142.31) angewandt wissen.
3.2 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten von Flüchtlingen und
ihre minderjährigen Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl,
wenn keine besonderen Umstände dagegensprechen. Wurden die an-
spruchsberechtigten Personen nach Absatz 1 durch die Flucht getrennt
und befinden sie sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu
bewilligen (Art. 51 Abs. 4 AsylG). Diese Bestimmungen kommen einerseits
zur Anwendung, wenn der sich in der Schweiz befindenden Person Asyl
gewährt wurde und sich die einzubeziehenden Personen im Ausland befin-
den. Andererseits ist sie anwendbar, wenn die in der Schweiz als Flüchtling
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anerkannte Person lediglich vorläufig aufgenommen wurde und sich die
einzubeziehenden Familienmitglieder bereits in der Schweiz aufhalten
(BVGE 2019 VI/8 E. 4.1). Für im Ausland lebende Familienangehörige ei-
nes in der Schweiz vorläufig aufgenommenen Flüchtlings kommt hingegen
nur die Möglichkeit des Familiennachzugs nach Art. 85 Abs. 7 AIG in Be-
tracht, da diese Bestimmung als lex specialis spezifisch auf vorläufig auf-
genommene Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen zuge-
schnitten ist und ein strengeres Nachzugsregime als Art. 51 AsylG statuiert
(BVGE 2017 VII/8 E. 5.3; Urteile des BVGer F-1415/2020 vom 25. Novem-
ber 2021 E. 3; F-1450/2020 vom 8. April 2021 E. 6.3; F-2213/2018 vom
1. Februar 2021 E. 7.7). Der Familiennachzug und Einschluss in die vor-
läufige Aufnahme ist vorliegend somit einzig nach Art. 85 Abs. 7 AIG zu
prüfen.
4.
Gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG können Ehegatten und ledige Kinder unter
18 Jahren von in der Schweiz vorläufig aufgenommenen Personen und
vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen frühestens drei Jahre nach Anord-
nung der vorläufigen Aufnahme nachgezogen und in diese eingeschlossen
werden, wenn sie mit diesen zusammenwohnen (Bst. a), eine bedarfsge-
rechte Wohnung vorhanden (Bst. b) und die Familie nicht auf Sozialhilfe
angewiesen ist (Bst. c), sie sich in der am Wohnort gesprochenen Landes-
sprache verständigen können (Bst. d) und die nachziehende Person keine
jährlichen Ergänzungsleistungen nach dem Bundesgesetz über Ergän-
zungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
vom 6. Oktober 2006 (ELG, SR 831.30) bezieht oder wegen des Familien-
nachzugs beziehen könnte (Bst. e). Diese Bestimmung wird in der Verord-
nung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätig-
keit (VZAE, SR 142.201) konkretisiert. Gemäss Art. 74 Abs. 3 VZAE ist das
Gesuch um Einbezug in die vorläufige Aufnahme innerhalb von fünf Jahren
und das Gesuch für den Nachzug von Kindern über zwölf Jahren innerhalb
von zwölf Monaten nach Ablauf der dreijährigen Wartefrist nach Art. 85
Abs. 7 AIG einzureichen. Ein nachträglicher Familiennachzug ist nur aus
wichtigen familiären Gründen möglich (Art. 74 Abs. 4 VZAE). Der beson-
deren Situation vorläufig aufgenommener Flüchtlinge ist beim Entscheid
über das Familiennachzugsgesuch Rechnung zu tragen (Art. 74 Abs. 5
VZAE).
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Seite 6
5.
5.1 Die Vorinstanz führte in der angefochtenen Verfügung aus, es sei da-
von auszugehen, dass die materiellen Voraussetzungen für einen Famili-
ennachzug und Einschluss in die vorläufige Aufnahme gemäss Art. 85
Abs. 7 AIG grundsätzlich erfüllt seien. Das Kriterium der Sozialhilfeunab-
hängigkeit und die Frage der Gültigkeit des Arbeitsvertrags der Ehefrau
könnten jedoch offenbleiben, da die Familienangehörigen des Beschwer-
deführers ihrer auf Art. 90 Abs. 1 Bst. b AIG beruhenden Pflicht, Identitäts-
papiere zu beschaffen, nicht nachgekommen seien. Somit sei die Identität
der Familienangehörigen nicht geklärt und die allgemeine Einreisevoraus-
setzung gemäss Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG in der Form eines anerkannten
Ausweispapieres nicht erfüllt.
5.2 Nachfolgend ist vorfrageweise zu klären, ob Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG im
Rahmen des Familiennachzugs (von vorläufig aufgenommenen Flüchtlin-
gen) gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG Anwendung findet.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer machte in der Beschwerde geltend, es er-
scheine ihm nicht zutreffend, dass der Gesetzgeber nebst den Vorausset-
zungen von Art. 85 Abs. 7 AIG für den Familiennachzug von vorläufig auf-
genommenen Flüchtlingen auch die allgemeinen Einreisevoraussetzungen
von Art. 5 AIG habe angewandt wissen wollen. Diese seien nicht mit Blick
auf vorläufig aufgenommene Flüchtlinge und deren Familienmitglieder ver-
fasst worden, sondern für ausländische Personen im Allgemeinen. Die Vo-
rinstanz trage der besonderen Situation von vorläufig aufgenommenen
Flüchtlingen im Widerspruch zu Art. 74 Abs. 5 VZAE nicht Rechnung (Ak-
ten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
6.2 In ihrer Vernehmlassung vom 2. November 2020 führte die Vorinstanz
aus, die allgemeinen Einreisevoraussetzungen gemäss Art. 5 Abs. 1 Bst. a
AIG würden aus systematischer Sicht für alle ausländischen Personen und
damit auch für vorläufig aufgenommene Flüchtlinge gelten. Der fundamen-
tale Zweck des Erfordernisses des Reisedokuments bestehe nach Art. 6
Abs. 4 Bst. a der Verordnung über die Einreise und die Visumserteilung
(VEV; SR 142.204) in der Feststellung der Identität der Inhaberin oder des
Inhabers. Die Schweizer Behörden müssten zum Schutz der öffentlichen
Sicherheit wissen, wer das Hoheitsgebiet der Schweiz betrete und sich hier
aufhalte. Es sei nicht angezeigt, beim Familiennachzug für vorläufig aufge-
nommene Flüchtlinge im Gegensatz zu anderen ausländischen Personen
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Seite 7
in Bezug auf das grundlegende Erfordernis von Reisedokumenten gerin-
gere Anforderungen zu stellen (BVGer-act. 6).
6.3 In seiner Replik vom 3. Januar 2021 brachte der Beschwerdeführer vor,
selbst wenn man die Anwendbarkeit von Art. 5 AIG im Rahmen von Art. 85
Abs. 7 AIG bejahen möchte, so könne nicht gesagt werden, dass der be-
sonderen Situation von vorläufig aufgenommen Flüchtlingen bei den Ein-
reisevoraussetzungen nicht Rechnung getragen werden solle. Es sei of-
fenkundig, dass diese Personengruppe im Gegensatz zu gewöhnlichen
ausländischen Personen mit mehr Problemen bei deren Erfüllung konfron-
tiert sein könnten, wo sie doch eine Fluchtgeschichte mit sich tragen wür-
den und ihre ausserordentliche Migration nicht gleichermassen planen, or-
ganisieren und durchführen könnten (BVGer-act. 8).
7.
7.1 Der Anwendungsbereich von Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG ist nachfolgend
durch Auslegung zu bestimmen.
7.2 Ausgangspunkt jeder Auslegung bildet der Wortlaut des Gesetzes. Ist
der Text nicht ganz klar und sind verschiedene Interpretationen möglich, so
muss nach der wahren Tragweite der Bestimmung gesucht werden, wobei
alle Auslegungselemente zu berücksichtigen sind (Methodenpluralismus).
Dabei kommt es namentlich auf den Zweck der Regelung, die dem Text
zugrunde liegenden Wertungen sowie auf den Sinnzusammenhang an, in
dem die Norm steht (BGE 138 II 440 E. 13). Eine historisch orientierte Aus-
legung ist für sich allein nicht entscheidend. Andererseits vermag aber nur
sie die Regelungsabsicht des Gesetzgebers (die sich insbesondere aus
den Materialien ergibt) aufzuzeigen, welche wiederum zusammen mit den
zu ihrer Verfolgung getroffenen Wertentscheidungen verbindliche Richt-
schnur des Gerichts bleibt, auch wenn es das Gesetz mittels teleologischer
Auslegung oder Rechtsfortbildung veränderten, vom Gesetzgeber nicht
vorausgesehenen Umständen anpasst oder es ergänzt (BGE 138 V 23
E. 3.4.1).
7.3
7.3.1 Die grammatikalische Auslegung stellt auf Wortlaut, Wortsinn und
Sprachgebrauch ab. Unter Sprachgebrauch ist dabei in der Regel der all-
gemeine Sprachgebrauch zu verstehen. Massgebliches Element der gram-
matikalischen Auslegung ist der Gesetzestext (HÄFELIN/HALLER/KEL-
LER/THURNHERR, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, 10. Aufl. 2020,
S. 24, Rz. 91 ff.).
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7.3.2 Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG lautet im Wortlaut folgendermassen: «Aus-
länderinnen und Ausländer, die in die Schweiz einreisen wollen, müssen
über ein für den Grenzübertritt anerkanntes Ausweispapier und über ein
Visum verfügen, sofern dieses erforderlich ist». Aus diesem Wortlaut erge-
ben sich keine Hinweise auf einen eingeschränkten Anwendungsbereich
der Einreisevoraussetzung. Die Bestimmung spricht von «Ausländerinnen
und Ausländern, die in die Schweiz einreisen wollen», ohne dabei nach
dem Rechtsgrund der Einreise zu unterscheiden oder verschiedene Kate-
gorien von einreisewilligen ausländischen Personen zu bilden. Aus Sicht
der Schweiz ist dabei Ausländer, wer nicht die schweizerische Staatsange-
hörigkeit besitzt (vgl. BGE 135 II 1 E. 3.4). Der französische Wortlaut der
Norm weist mit noch grösserer Deutlichkeit auf einen umfassenden per-
sönlichen Anwendungsbereich dieser Einreisevoraussetzung hin, indem
dort die Formulierung «tout étranger» verwendet und damit die Geltung für
sämtliche ausländischen Personen betont wird. Auch hier werden keine
Vorbehalte ersichtlich. Das Gleiche gilt für die italienische Fassung. Die
vom Beschwerdeführer vertretene Ansicht, dass im Rahmen von Art. 85
Abs. 7 AIG die Einreisevoraussetzungen keine Anwendung finden dürften,
ist damit bereits mit dem Wortlaut von Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG kaum zu
vereinbaren.
7.4
7.4.1 Die historische Auslegung stellt auf den Sinn ab, den man einer Norm
zur Zeit ihrer Entstehung gab. Eine Norm soll so gelten, wie sie vom Ge-
setzgeber vorgesehen worden war; die rechtsanwendenden Organe sind
nach dem Prinzip der Gewaltenteilung gehalten, die Entscheidungen des
Gesetzgebers zu respektieren. Anhaltspunkte zur Ermittlung des Willens
des Gesetzgebers liefern die Materialien zur Entstehung einer Gesetzes-
norm: Entwürfe, amtliche Berichte, Botschaften des Bundesrates und Pro-
tokolle der Ratsverhandlungen. Die einzelnen Kategorien von Materialien
werden unterschiedlich gewichtet. Bei Bundesgesetzen stehen die Bot-
schaft des Bundesrates – soweit die Räte ihr folgen – und die Voten der
Berichterstatter der vorberatenden Kommissionen im National- und Stän-
derat im Vordergrund, während sonstige Einzelvoten von Ratsmitgliedern
in der Regel nur geringes Gewicht haben (HÄFELIN/HALLER/KEL-
LER/THURNHERR, a.a.O., S. 26 f., Rz. 101 ff.). Hat der Wille des Gesetz-
gebers im Gesetzestext keinen Niederschlag gefunden, so ist er für die
Auslegung nicht entscheidend (BGE 139 III 368 E. 3.2; 137 V 167 E. 3.2).
7.4.2 Den Materialien zum altrechtlichen Art. 5 Abs. 1 AuG (AS 2007
5437), welcher mit der heutigen Regelung weitestgehend identisch ist, ist
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zu entnehmen, dass auch der Gesetzgeber von einer allgemeinen Gültig-
keit der Einreisevoraussetzungen ausging. So lehnte der zuständige Kom-
missionssprecher in der Plenumsdiskussion im erstberatenden Nationalrat
verschiedene beantragte Verschärfungen mit der Begründung ab, die Ein-
reisevoraussetzungen seien allgemeiner Natur und auf sämtliche Arten des
Aufenthalts anwendbar («Concernant ces conditions d’entrée qui, je le
répète, sont générales et s’appliquent à tous les types de séjour, nous
n’avons pas à durcir les contrôles dans ce domine-là.»; vgl. AB 2004 N 666
und EGLI/MEYER, in: Caroni/Gächter/Thurnherr (Hrsg.), Stämpflis Hand-
kommentar zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer,
2010, Art. 5 N. 1). Dem Vorschlag der vorberatenden Kommission, dem
bundesrätlichen Gesetzesentwurf zu folgen, wurde schliesslich zuge-
stimmt (AB 2004 N 666 f.). Auch der Ständerat folgte dem Antrag der Kom-
mission und stimmte dem Entwurf des Bundesrats diskussionslos zu
(vgl. AB 2004 S 673 f.).
7.4.3 Die historische Auslegung ergibt somit, dass die Einreisevorausset-
zung nach Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG grundsätzlich auf sämtliche ausländi-
sche Personen Anwendung finden soll, die beabsichtigen, in die Schweiz
einzureisen. Dies hat unabhängig vom Rechtsgrund ihrer Einreise zu gel-
ten. Die Anwendung der Voraussetzung eines für den Grenzübertritt aner-
kannten Ausweispapiers muss jedoch im Einklang mit übergeordnetem
Recht erfolgen. So geht aus den Materialien nicht hervor, dass die Räte
bewusst von völkerrechtlichen Verpflichtungen abweichen wollten. Viel-
mehr wies der Bundesrat in der Gesetzesbotschaft gerade darauf hin, dass
das FZA (SR 0.142.112.681) ein weitergehendes Recht auf Einreise ge-
währe. Daneben bestehe vereinzelt, insbesondere gestützt auf die Bestim-
mungen des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) oder der EMRK ein völkerrechtlich geschütz-
ter Anspruch auf Einreise und Aufenthalt (vgl. BBl 2002 3774). Über die
Geltung der «Schubert»-Praxis, wonach bei einem bewussten Abweichen
vom Völkerrecht das Landesrecht grundsätzlich Vorrang hat (vgl. BGE 139
I 16 E. 5.1 m.w.H.), braucht im vorliegenden Fall deshalb nicht entschieden
zu werden. Die Einreisevoraussetzung eines anerkannten Ausweispapiers
gemäss Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG ist einer völkerrechtskonformen Anwen-
dung zugänglich. Die weiteren Auslegungsmethoden bestätigen das Er-
gebnis der grammatikalischen und historischen Auslegung.
7.5
7.5.1 Die zeitgemässe (auch geltungszeitliche) Auslegung stellt auf das
Normverständnis und die Verhältnisse ab, wie sie gegenwärtig, das heisst
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Seite 10
zur Zeit der Rechtsanwendung bestehen. Massgebliches Element ist somit
der Sinn der Norm, wie er heute im Rahmen der geltungszeitlichen Um-
stände erscheint (HÄFELIN/HALLER/KELLER/THURNHERR, a.a.O.,
S. 28, Rz. 114 ff.).
7.5.2 Für eine geltungszeitliche Erfassung des Anwendungsbereichs der
Einreisevoraussetzungen gemäss Art. 5 Abs. 1 AIG erweist sich insbeson-
dere der am 1. Dezember 2019 in Kraft getretene Art. 5 Abs. 3 AIG als aus-
sagekräftig. Diese Bestimmung sieht vor, dass der Bundesrat Ausnahmen
von den Einreisevoraussetzungen nach Absatz 1 aus humanitären Grün-
den oder Gründen des nationalen Interesses oder aufgrund internationaler
Verpflichtungen vorsehen kann. In der entsprechenden Botschaft führte
der Bundesrat aus, Art. 5 AIG enthalte in einer abschliessenden Regelung
die allgemeinen Einreisevoraussetzungen für alle Drittstaatsangehörigen
unabhängig von der Aufenthaltsdauer in der Schweiz. Die Kompetenz des
Bundesrates, Ausnahmen von diesen Voraussetzungen vorzusehen, solle
nun formell geregelt und damit eine Gesetzeslücke geschlossen werden.
Dabei werde die Formulierung der Verordnung (EU) Nr. 2016/399 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 9. März 2016 über einen Ge-
meinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen
(Schengener Grenzkodex; Kodifizierter Text), ABl. L 77/1 vom 23.03.2016
(nachfolgend: SGK) übernommen und die bereits bestehende Praxis for-
malisiert, welche in der am 15. September 2018 in Kraft getretenen VEV
konkretisiert worden sei (vgl. BBl 2019 208, 219). In der Gesetzesberatung
war die Einführung des Absatzes 3 in der vom Bundesrat vorgeschlagenen
(heute in Kraft stehenden) Form unbestritten und gab zu keinen Diskussi-
onen Anlass (AB 2019 S 184 f., 589; AB 2019 N 801, 803, 1367). Die für
das Geschäft zuständige Bundesrätin strich in beiden Räten hervor, die
schon heute bestehende Kompetenz des Bundesrates, insbesondere aus
humanitären Gründen Ausnahmen von den allgemeinen Einreisevoraus-
setzungen vorzusehen, solle im AIG ausdrücklich geregelt werden. Diese
Ausnahmemöglichkeiten entsprächen dem SGK (AB 2019 S 184; AB 2019
N 803).
7.5.3 Auch die geltungszeitliche Auslegung ergibt somit, dass die Einreise-
voraussetzung gemäss Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG grundsätzlich auf sämtliche
ausländische Personen anwendbar ist, gleichzeitig aber unter dem Vorbe-
halt der völkerrechtlichen Verpflichtungen der Schweiz steht. Darunter fällt
neben den bereits erwähnten EMRK, FK und FZA insbesondere auch das
Schengen-Recht. Dieses schränkt die nationalstaatlichen Befugnisse inso-
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weit ein, als es einheitliche Voraussetzungen für Einreise und Visum auf-
stellt (vgl. statt vieler Urteil des BVGer F-643/2022 vom 17. März 2022
E. 3.2).
7.6 In dieses Auslegungsergebnis reiht sich schliesslich auch eine syste-
matische Normauslegung ein. Bei einer solchen wird der Sinn einer
Rechtsnorm bestimmt durch ihr Verhältnis zu anderen Rechtsnormen und
durch ihre Stellung im Gefüge der Rechtsordnung (vgl. HÄFELIN/HAL-
LER/KELLER/THURNHERR, a.a.O., S. 25, Rz. 97 ff.). Art. 5 AIG muss be-
reits aufgrund seiner Stellung am Anfang des dritten Gesetzeskapitels
«Ein- und Ausreise» und infolge der einleitenden Positionierung der Rege-
lung im AIG als Grundlagennorm verstanden werden. Dies lässt auf einen
umfassenden Anwendungsbereich der Einreisevoraussetzungen mit den
dargestellten Einschränkungen schliessen. Letzteres ergibt sich auch dar-
aus, dass der Bestimmung der Art. 2 AIG vorangesetzt ist, welcher den all-
gemeinen Geltungsbereich des AIG unter den Vorbehalt völkerrechtlicher
Verträge stellt (Abs. 1).
8.
Im Ergebnis ist festzuhalten, dass eine methodenpluralistische Auslegung
von Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG zum Ergebnis führt, dass die in dieser Bestim-
mung vorgesehene Einreisevoraussetzung eines für den Grenzübertritt an-
erkannten Ausweispapiers im Grundsatz für alle ausländischen Personen
gilt, die in die Schweiz einreisen wollen. Die Bestimmung ist völkerrechts-
konform auszulegen. Der Gesetzgeber wollte von diesen Verpflichtungen
nicht abweichen. Dem verfassungsrechtlichen Anwendungsgebot völker-
rechtlicher Bestimmungen gemäss Art. 190 BV kann somit ohne Rücksicht
auf die Schubert-Praxis Rechnung getragen werden. Dieses Auslegungs-
ergebnis deckt sich mit der ständigen Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts, wonach die Schweiz – wie andere Staaten auch – grund-
sätzlich nicht gehalten ist, ausländischen Personen die Einreise zu gestat-
ten. Vorbehältlich völkerrechtlicher Verpflichtungen handelt es sich dabei
um einen autonomen Entscheid (vgl. statt vieler BVGE 2009/27 E. 3;
2014/1 E. 4.1.1; PETER UEBERSAX, Einreise und Anwesenheit, in:
Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2009, Rz. 7.60).
9.
9.1 Die Anwendung der Einreisevoraussetzung gemäss Art. 5 Abs. 1 Bst. a
AIG im Kontext des Familiennachzugs und des Einbezugs in die vorläufige
Aufnahme gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG hat sich insbesondere an den nach-
folgenden Grundsätzen zu orientieren:
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Seite 12
9.2 Eine – wie vorliegend etwa infolge fehlender Ausweispapiere verfügte
– Einreiseverweigerung kann verschiedene Grund- und Menschenrechte
wie auch verfassungsmässige Prinzipien tangieren (vgl. EGLI/MEYER,
a.a.O., N. 60). Im Vordergrund stehen die Garantie des Privat- und Famili-
enlebens gemäss Art. 8 Abs. 1 EMRK und die aus den EU/EFTA-Perso-
nenfreizügigkeitsabkommen abgeleiteten Ansprüche. Angehörigen der
EU/EFTA-Staaten kommt im Hinblick auf eine selbständige oder unselb-
ständige Erwerbstätigkeit, auf eine von der Freizügigkeitsordnung ge-
schützte Dienstleistungserbringung sowie auf eine erwerbslose Anwesen-
heit ein staatsvertraglicher Anspruch auf Einreise zu. Das Recht erstreckt
sich auch auf die von der Freizügigkeitsregelung erfassten Familienange-
hörigen (vgl. UEBERSAX, a.a.O., Rz. 7.62). Dies führt dazu, dass die lan-
des- und schengenrechtlichen Einreisevoraussetzungen nur für Drittstaats-
angehörige Geltung beanspruchen. Besteht ein auf Art. 8 Abs. 1 EMRK
bzw. dem deckungsgleichen Art. 13 Abs. 1 BV beruhender Anspruch auf
Anwesenheit, leitet sich daraus auch ein Anspruch auf Einreise ab
(vgl. UEBERSAX, a.a.O., Rz. 7.66). Die Zulässigkeit der Einreiseverweige-
rung ist diesfalls an den Voraussetzungen nach Art. 8 Abs. 2 EMRK bezie-
hungsweise Art. 36 BV zu messen. Sie bedarf insbesondere eines zulässi-
gen öffentlichen Interesses und muss verhältnismässig sein.
9.3 Die EMRK verschafft keinen absoluten Anspruch auf Einreise und Auf-
enthalt respektive auf Wahl des für das Familienleben am geeignetsten er-
scheinenden Orts, oder auf einen besonderen Aufenthaltstitel. Vielmehr er-
weist sich eine aufenthaltsbeendende oder -verweigernde, im Schutz- und
Anwendungsbereich von Art. 8 EMRK liegende Massnahme als zulässig,
wenn sie gesetzlich vorgesehen ist, einem legitimen Zweck im Sinn von
Art. 8 Ziff. 2 EMRK entspricht und zu dessen Realisierung in einer demo-
kratischen Gesellschaft «notwendig» erscheint (vgl. BGE 143 I 21 E. 5.1
und 135 I 153 E. 2.1). Im hier interessierenden Zusammenhang ist festzu-
stellen, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ak-
zeptiert, dass Massnahmen zur Identifizierung von Individuen der Abwehr
von Gefahren für Personen und Eigentum sowie der Bekämpfung von Iden-
titätsbetrug und damit dem legitimen Ziel der Wahrung der öffentlichen Si-
cherheit im Sinne von Art. 8 Ziff. 2 EMRK dienen können bzw. dass damit
auf Probleme der öffentlichen Sicherheit gemäss dieser Bestimmung rea-
giert werden kann (vgl. Urteil S.A.S. gegen Frankreich vom 1. Juli 2014,
43835/11, § 115, 139 und für den Rechtfertigungsgrund der öffentlichen Si-
cherheit im Zusammenhang mit Identifikationsmassnahmen und dem
Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit gemäss Art. 9
EMRK auch Urteil Mann Singh gegen Frankreich vom 13. November 2008,
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24479/07, m.w.H.). Bei der Pflicht, ein für den Grenzübertritt anerkanntes
Ausweispapier auf sich zu tragen, handelt es sich um eine solche Mass-
nahme.
9.4 Zu beachten ist in einem flüchtlingsrechtlichen Kontext sodann, dass
das Formalerfordernis eines gültigen Reisedokuments für Geflüchtete oft
nicht zu erfüllen ist, weil dieses entweder aufgrund einer staatlichen Verfol-
gung im Herkunftsland nicht ausgestellt bzw. beantragt werden konnte
oder das Dokument im Rahmen der Fluchtbewegung verloren ging oder
bewusst zerstört wurde, etwa um Hindernisse auf der Flucht bzw. bei der
Einreise zu vermeiden (vgl. Stephan Klammer, in: HRUSCHKA (Hrsg.), Gen-
fer Flüchtlingskonvention, Handkommentar, 2022, Art. 28 N. 1). Dieser Le-
bensrealität ist beim Entscheid über die Gewährung des Familiennachzugs
zu in der Schweiz vorläufig aufgenommenen Personen mit Flüchtlingssta-
tus Rechnung zu tragen (vgl. Art. 74 Abs. 5 VZAE).
9.5 Im Zusammenhang mit der Ausstellung von Reisedokumenten an
Schriftenlose hält das Bundesverwaltungsgericht im Weiteren in ständiger
Rechtsprechung fest, dass die Frage, ob die Beschaffung von Reisedoku-
menten bei den Heimatbehörden von den betreffenden Personen verlangt
werden kann, also die Zumutbarkeit gemäss Art. 10 Abs. 1 Bst. a der Ver-
ordnung über die Ausstellung von Reisedokumenten für ausländische Per-
sonen vom 14. November 2012 (RDV, SR 143.5), nach objektiven Mass-
stäben zu beurteilen ist. Die Kontaktaufnahme mit den zuständigen Behör-
den des Heimat- oder Herkunftsstaats kann namentlich von schutzbedürf-
tigen und asylsuchenden Personen nicht verlangt werden (Art. 10
Abs. 3 RDV). Dasselbe gilt in der Regel auch für Personen, welche infolge
Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen wurden
(vgl. Art. 83 Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 AIG). Als unmöglich im Sinne von Art. 10
Abs. 1 Bst. b RDV gilt die Beschaffung eines Reisepapiers grundsätzlich
dann, wenn sich die ausländische Person bei den Behörden ihres Heimat-
staates um dessen Ausstellung bemüht, diese aber ohne zureichende
Gründe verweigert wird (zum Ganzen siehe BVGE 2014/23 E. 5.2-5.4
m.w.H.).
9.6 Schliesslich ist auf die allgemeinen verwaltungsverfahrensrechtlichen
Grundsätze hinzuweisen, welchen auch das Familiennachzugsverfahren
gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG grundsätzlich folgt. Für das Vorliegen einer Tat-
sache ist vorbehältlich gesetzlicher Sonderbestimmungen der volle Beweis
zu erbringen. Gelingt der Beweis nicht, so geht die Beweislosigkeit nach
der üblichen Beweislastregel zu Lasten dessen, der aus der Tatsache
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Rechte ableitet (Art. 8 ZGB). Es gilt sodann der Untersuchungsgrundsatz,
der die Verantwortung für die Ermittlung des Sachverhalts der Behörde auf-
erlegt (Art. 12 VwVG). Dieser wird relativiert durch die Pflicht der Partei, an
der Ermittlung des Sachverhalts mitzuwirken (Art. 13 Abs. 1 VwVG). Wie
Art. 90 AIG als spezialgesetzliche Regelung ausdrücklich vorsieht, sind
Ausländerinnen und Ausländer sowie an Verfahren nach dem Ausländer-
gesetz beteiligte Dritte verpflichtet, an der Feststellung des massgebenden
Sachverhalts mitzuwirken. Sie müssen insbesondere zutreffende und voll-
ständige Angaben über die für die Regelung des Aufenthalts wesentlichen
Tatsachen machen, die erforderlichen Beweismittel unverzüglich einrei-
chen oder sich darum bemühen, sie innerhalb einer angemessenen Frist
zu beschaffen, sowie gültige und anerkannte Ausweispapiere vorlegen
oder bei deren Beschaffung durch die Behörden mitwirken. Den Parteien
können jedoch nur insoweit Mitwirkungspflichten auferlegt werden, als de-
ren Erfüllung zumutbar ist. Was als zumutbar anzusehen ist, bestimmt sich
dabei nach den konkreten Umständen (vgl. KRAUSKOPF/EMMENEG-
GER/BABEY, in: Waldmann/Weissenberger (Hrsg.), Praxiskommentar
VwVG, 2. A., 2016, Art. 13 N. 46 ff., S. 304 f. m.w.H.).
10.
Nach dem Ausgeführten ist im Sinne einer Gesamtwürdigung folgendes
festzuhalten: Die bisherige – zum Teil implizit angewendete – Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts, wonach allein das Fehlen gültiger
Ausweispapiere der Nachzuziehenden kein Grund für die Verweigerung ei-
nes Familiennachzugs gestützt auf Art. 85 Abs. 7 AIG ist (vgl. Urteil des
BVGer F-1415/2020 vom 25. November 2021 E. 8 m.w.H.), ist zu präzisie-
ren: Der Familiennachzug nach Art. 85 Abs. 7 AIG setzt grundsätzlich vor-
aus, dass die Identität der Nachzuziehenden erstellt ist (vgl. Urteil des
BVGer E-638/2013 vom 16. Juli 2013, S. 8). Eine Verweigerung des Fami-
liennachzugs gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG einzig gestützt auf fehlende Aus-
weispapiere der nachzuziehenden Personen in Anwendung von Art. 5
Abs. 1 Bst. a AIG kann deshalb – unter Vorbehalt der Einhaltung überge-
ordneten Rechts – dann erfolgen, wenn ernsthafte Zweifel an der Identität
der Familienangehörigen bestehen, die auf keinem anderen Weg behoben
werden können und eine zumutbare Mitwirkung der betreffenden Personen
an der tatsächlich möglichen Identitätsabklärung unterblieben ist. Steht der
Familiennachzug zu einer vorläufig aufgenommenen Person mit Flücht-
lingsstatus zur Debatte, ist diesem Umstand (unter anderem) bei der Frage
nach der Zumutbarkeit der Mitwirkung bei der Identitätsfeststellung Rech-
nung zu tragen.
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Seite 15
11.
11.1 Die Familienverhältnisse präsentieren sich vorliegend folgendermas-
sen: Gemäss einer vom Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals
Aarau vorgenommenen Abstammungsbegutachtung mittels DNA-Analyse
ist der Beschwerdeführer der biologische Vater und B._ die biologi-
sche Mutter von C._ und D._. Belege für eine rechtsgültig
geschlossene Ehe zwischen dem Beschwerdeführer und B._ und
für eine rechtliche Elternschaft liegen nicht vor. Der Beschwerdeführer
brachte im vorinstanzlichen Verfahren vor, die Ehe in Tibet traditionell ge-
schlossen und keine behördliche Registrierung veranlasst zu haben (Akten
der Vorinstanz [SEM-act.] B12).
11.2 Nachdem das SEM im Oktober 2018 Kenntnis von der biologischen
Verwandtschaft im oben erwähnten Sinn erhalten hatte, forderte es am
5. März 2019 vom Beschwerdeführer einen über die Person von
B._ ausgestellte Bestätigung des Bureau of His Holiness the Dalai
Lama in Neu-Delhi ein (SEM-act. B15). Mit Eingabe vom 10. April 2019
machte der Beschwerdeführer geltend, eine entsprechende Bestätigung
sei ihm dort verweigert worden (SEM-act. B16). Die Vorinstanz erkundigte
sich daraufhin mit E-Mail vom 9. Mai 2019 bei der schweizerischen Bot-
schaft in Neu-Delhi nach dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Mit E-Mail
vom gleichen Tag antwortete diese, dass das Büro des Dalai Lama weiter-
hin solche Bestätigungen ausstelle (SEM-act. B19). Im Rahmen der weite-
ren Sachverhaltsinstruktion hielt das SEM gegenüber dem Beschwerde-
führer an dieser Auffassung fest. Sodann führte es in einem Schreiben vom
5. Juni 2020 aus, gemäss aktuellem Kenntnisstand sei davon auszugehen,
dass Personen tibetischer Herkunft, welche sich in Indien befinden würden,
über ein «Registration Certificate» (nachfolgend: RC), ein «Identity Certifi-
cate» (nachfolgend: IC) sowie ein «Green Book» verfügen würden. Der
Beschwerdeführer werde deshalb aufgefordert, die Kopien der Identitäts-
dokumente bis zum 3. Juli 2020 einzureichen (SEM-act. B, unpaginierte
Seiten). Am 19. Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer ein E-Mail vom
15. Juni 2020 zu den Akten, in welchem ein «Protocol Officer» des Bureau
of His Holiness the Dalai Lama ausführte, sie hätten Instruktionen, keine
«bona-fide letter» mehr auszustellen («We have strict instruction from Kas-
hag to not issue any support letter or bonafide letter for Swiss family
reunion purposes.»; SEM-act. B, unpaginierte Seiten).
11.3 In der angefochtenen Verfügung führte das SEM schliesslich aus, ge-
mäss Art. 7 VEV könnten Ausnahmen von der Reisedokumentenpflicht in
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begründeten Fällen bewilligt werden, insbesondere aus humanitären Grün-
den oder zur Wahrung nationaler Interessen. Beides sei im Fall des Be-
schwerdeführers nicht ersichtlich und eine Ausnahme damit nicht ange-
zeigt. Er habe die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen, zumal die einge-
forderte Mitwirkung erfüllbar, zumutbar und zur Abklärung der entscheidre-
levanten Tatsachen geeignet gewesen sei (BVGer-act. 1, Beilage 1).
11.4 Der Beschwerdeführer machte in der Beschwerde geltend, er sei mit
der Einschätzung des SEM nicht einverstanden, dass er und seine Famili-
enmitglieder ihrer Mitwirkungspflicht nicht hinreichend nachgekommen
seien. Die Vorinstanz stelle sich auf den Standpunkt, dass laut einer eige-
nen Abklärung vom 9. Mai. 2019 davon ausgegangen werden dürfe, dass
es nicht zutreffe, dass das Tibet Bureau keine «bona-fide letter» ausstelle.
Dies könne er mit einem beigelegten E-Mail vom 15. Juni 2020 widerlegen.
Sollte das SEM auf seinem Standpunkt beharren, bitte er um Einsicht-
nahme in die genannten Abklärungen. Auch die pauschale Aussage, dass
Tibeter in Indien ohne Probleme zu indischen Identitätspapieren gelangen
könnten, treffe so nicht zu. Seine Angehörigen würden kein RC erhalten,
weil sie keine Papiere, wie namentlich eine Geburtsurkunde vorlegen könn-
ten. Das RC wiederum sei Voraussetzung um ein IC zu erhalten. Aufgrund
ihrer illegalen Einreise nach Indien und der Angst, deshalb zurück nach
Nepal und von dort nach China gebracht zu werden, schreckten seine Frau
und die beiden Töchter davor zurück, eine RC zu beantragen (BVGer-
act. 1).
11.5 Die Vorinstanz führte in ihrer Vernehmlassung vom 2. November 2020
aus, sie habe sich bei ihrer Aussage, dass das Bureau of His Holiness the
Dalai Lama im Rahmen eines Familiennachzugs in die Schweiz weiterhin
Bestätigungen für Tibeter ausstelle, auf eine Aussage der Schweizer Bot-
schaft vom 9. Mai 2019 gestützt. Diese habe zum damaligen Zeitpunkt ex-
plizit bestätigt, dass der Erhalt eines «bona-fide letter» auch weiterhin mög-
lich sei. Laut Aussagen der Schweizer Botschaft in Neu-Delhi sei der
«bona-fide letter» nicht zu verwechseln mit dem sogenannten «recommen-
dation letter» der vom Bureau of His Holiness the Dalai Lama weiterhin
ausgestellt werde. Tibeter, die über Nepal nach Indien flöhen, würden
durch diesen «recommendation letter» nachweisen, dass sie tatsächlich
Tibeter und nicht etwa Nepalesen oder Nordostinder seien. Damit würden
sie auf der indischen Botschaft in Katmandu ein sogenanntes «Special
Entry Permit» erhalten. Diese würden in der Regel vom Tibetan Refugee
Refugee Reception Centre in Dharamsala eingezogen. In Indien angekom-
men, ermögliche es die Bezahlung des sogenannten «Chatrel» Tibetern,
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ein «Grünes Buch» zu erhalten. Dieses Dokument sei der einzige Ausweis,
den die «Central Tibetan Administration» (nachfolgend: CTA) zur Verfü-
gung stelle und werde derzeit für den Schulbesuch, das Schul- oder Uni-
versitätsstipendium und die Beschäftigung in der Exilgemeinde verwendet.
Jeder Tibeter, der älter als sechs Jahre sei, dürfe ein «Grünes Buch» be-
sitzen. Seit Februar 2011 verteile die Polizei auch «Registration Certifica-
tes» an tibetische Neuankömmlinge in Indien. Verfügten Tibeter in Indien
noch über kein RC, könnten sie bei der CTA ein Empfehlungsschreiben
erlangen und damit bei den indischen Behörden ein RC ausstellen lassen.
Sollten sie von der CTA kein Empfehlungsschreiben erhalten, könnten sie
sich dennoch für ein RC an die indischen Behörden wenden und ihre Situ-
ation zumindest erklären. Die Ehefrau und die Kinder des Beschwerdefüh-
rers würden sich seit mehreren Jahren in Indien befinden. Das SEM könne
aufgrund obgenannter Ausführungen und den Auskünften der Schweizer
Botschaft in Indien schliessen, dass es extrem unwahrscheinlich sei, dass
sie über keine der genannten Dokumente verfügten, zumal man offenbar
bei Polizeikontrollen oft danach gefragt werde oder solche auch benötige,
um eine Wohnung oder ein Haus zu mieten. Hingegen komme es regel-
mässig vor, dass die nachzuziehenden Personen die Eingabe dieser Do-
kumente verweigerten, weil sich daraus möglicherweise ableiten liesse,
dass der vorläufig aufgenommene Flüchtling in der Schweiz aus Indien
oder Nepal und damit aus einem sicheren Drittstaat und nicht aus Tibet in
die Schweiz eingereist sei. Es müsse deshalb angenommen werden, dass
diese Dokumente zwar vorlägen, vom Beschwerdeführer aber bewusst zu-
rückbehalten würden, um den eigenen Aufenthaltsstatus in der Schweiz
nicht zu gefährden (BVGer-act. 6).
11.6 In seiner Replik vom 3. Januar 2021 wiederholte der Beschwerdefüh-
rer, dass er sich sehr um die Beschaffung der erforderlichen Dokumente
bemüht habe und seiner Mitwirkungspflicht mehr als hinreichend nachge-
kommen sei. Diesbezüglich verweise er auf die bereits getätigten Ausfüh-
rungen. Es sei darauf hinzuweisen, dass die Vorinstanz sich nicht die Mühe
gemacht habe, sich zum Inhalt des von ihm vorgelegten E-Mails vom
16. Juni 2020 zu äussern. Sie belasse es dabei, die veralteten Ausführun-
gen der schweizerischen Botschaft zu wiederholen (BVGer-act. 8).
11.7 In ihrer Vernehmlassung vom 16. März 2021 führte die Vorinstanz
aus, entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers habe sie in der Ver-
nehmlassung vom 2. November 2020 klar festgehalten, dass sie sich in
Bezug auf den «bona-fide letter» auf eine Aussage der Schweizer Bot-
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schaft vom 9. Mail 2019 gestützt habe. Zudem habe sie ausführlich aufge-
zeigt, welche Dokumente in Indien lebende Tibeter üblicherweise nachwei-
sen könnten und weshalb es äusserst unwahrscheinlich sei, dass man als
Tibeter ohne eines dieser Dokumente nach Indien gelange oder gar län-
gerfristig dort lebe. Der Beschwerdeführer habe für seine Angehörigen we-
der im Verlaufe des Familiennachzugsverfahrens noch im Beschwerdever-
fahren solche Dokumente eingereicht, weshalb schon aus diesem Grund
eine Ablehnung des Familiennachzugsgesuchs gerechtfertigt sei (BVGer-
act. 10).
11.8 Mit Triplik vom 27. April 2021 brachte der Beschwerdeführer schliess-
lich vor, es sei für ihn schlicht nicht nachvollziehbar, weswegen die Vor-
instanz nicht mit einem Wort auf seinen Einwand und den Inhalt der E-Mail
vom 16. Juni 2020 eingegangen sei BVGer-act. 12).
11.9 Die Vorinstanz hat es auf Beschwerdeebene trotz wiederholter Auffor-
derung durch das Bundesverwaltungsgericht (BVGer-act. 5, act. 9) unter-
lassen, sich konkret zum vom Beschwerdeführer vorgelegten E-Mail vom
15. Juni 2020 und zu dessen möglichen Implikationen für das vorliegende
Verfahren zu äussern. In dieser Mitteilung widerspricht ein «Protocol
Officer» des Bureau of His Holiness the Dalai Lama in Neu-Delhi den An-
gaben der schweizerischen Botschaft vom 9. Mai 2019, dass weiterhin
«bona-fide letter» ausgestellt würden. Die vom Beschwerdeführer vorge-
legten Informationen sind dabei neueren Datums als diejenigen der Vor-
instanz. Unabhängig von der Frage nach dem Beweiswert des E-Mails vom
15. Juni 2020 erweist es sich vor dem Hintergrund dieser widersprüchli-
chen Angaben für das Bundesverwaltungsgericht ohne vertiefte Abklärun-
gen als unmöglich, zu beurteilen, ob es für den Beschwerdeführer bzw. die
nachzuziehenden Personen möglich war, die geforderte Bestätigung zu er-
halten. Aus den vorinstanzlichen Akten und aus der angefochtenen Verfü-
gung wird sodann auch nicht konkret ersichtlich, was für eine rechtliche
Relevanz die Vorinstanz einem «bona-fide letter» einräumt – etwa als ge-
eigneter Identitätsnachweis im Rahmen einer Ausnahmeregelung zu der
Einreisevoraussetzung gemäss Art. 5 Abs. 1 Bst. a AIG (vgl. Art. 6 Abs. 5
und Art. 7 VEV) – und inwiefern sich die Rechtsposition des Beschwerde-
führers und seiner Angehörigen durch das Vorliegen eines solchen geän-
dert hätte. Die fehlende Entscheidungsreife ist in dieser Situation nicht
durch das Bundesverwaltungsgericht selbst herzustellen (Art. 61 VwVG).
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12.
Die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen und das Verfahren zur vollstän-
digen Erhebung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur rechtsgenüg-
lichen Begründung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sollte diese an einer
Gesuchsabweisung einzig basierend auf den fehlenden Ausweispapieren
der nachzuziehenden Personen festhalten, wären die vom Gericht darge-
legten Grundsätze (vgl. E. 9 f.) zu berücksichtigen.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(vgl. Art. 63 Abs. 1 und Abs. 2 VwVG), und der vom Beschwerdeführer ge-
leistete Kostenvorschuss ist zurückzuerstatten. Eine Parteientschädigung
ist ihm angesichts seines verhältnismässig geringen Aufwands nicht aus-
zurichten (vgl. Art. 7 Abs. 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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