Decision ID: c5639b8e-202b-4de3-bb2c-ba8f8618e75b
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom 13. September 2019 (GG190004)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 1. Februar
2019 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 30).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der fahrlässigen Tötung im Sinne von Art. 117
StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu
Fr. 130.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt.
4. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte für den durch die fahrlässige Tö-
tung von †E._ entstandenen Schaden gegenüber der Privatklägerin 3
dem Grundsatz nach schadenersatzpflichtig ist. Für die Feststellung der
Höhe der Schadenersatzpflicht wird die Privatklägerin 3 auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Privatklägern 1 und 2 eine Genugtu-
ung in Höhe von je Fr. 10'000.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 26. Mai 2015 zu
bezahlen.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 3 eine Genugtuung in
Höhe von Fr. 40'000.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 26. Mai 2015 zu bezah-
len.
7. Auf die Genugtuungsforderung von F._ wird nicht eingetreten.
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8. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 2'500.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 210.– Auslagen Vorverfahren
Fr. 11'478.75 Gutachten/Expertisen
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
10. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Privatklägern 1 und 2 für das gesam-
te Verfahren eine Prozessentschädigung von Fr. 13'424.75 (ohne MwSt.) zu
bezahlen.
11. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 3 für das gesamte Ver-
fahren eine Prozessentschädigung von Fr. 31'110.35 (inkl. MwSt.) zu bezah-
len.
12. (Mitteilungen)
13. (Rechtsmittel)
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 99 S. 1)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom 13. September 2019 (Ge-
schäfts-Nr.: GG190004-C) sei vollumfänglich aufzuheben (ausgenom-
men Ziffer 7 des Urteilsdispositivs);
2. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung (Art. 117
StGB) vollumfänglich frei zu sprechen;
3. Die Zivilforderungen der Privatkläger seien vollumfänglich abzuweisen;
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4. Es seien die Kosten der Untersuchung, des erstinstanzlichen Verfah-
rens sowie des Berufungsverfahrens von der Staatskasse zu tragen;
5. Dem Beschuldigten sei für die Untersuchung, für das erstinstanzliche
Verfahren und für das Berufungsverfahren eine angemessene Partei-
entschädigung (inkl. MWST) zu entrichten (Art. 429 StPO).
b) Der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland:
(Urk. 87)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) Der Vertreterin der Privatkläger 1 und 2:
(Prot. S. 28)
Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils unter Kosten- und Entschädigungs-
folgen.
d) Des Vertreters der Privatklägerin 3:
(Urk. 100 S. 1)
1. Es sei die Berufung des Beschuldigten in vollumfänglicher Bestätigung
des Urteils des Bezirksgericht Bülach vom 13. September 2019 abzu-
weisen.
2. Es sei der Beschuldigte zu verpflichten, die Kosten des Berufungsver-
fahrens zu tragen und die Privatklägerin 3 im Umfang ihrer Vertre-
tungskosten im Berufungsverfahren zu entschädigen.
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Erwägungen:
I.
a) Am 26. Mai 2015 führte †E._ als Angestellter der Firma ... G._
auf dem Gelände der H._ AG [Bäckerei] in I._/ZH Malerarbeiten an ei-
ner Müll-Press-Box aus, die vor der Laderampe der Bäckerei abgestellt war. Da-
bei bat er einen Angestellten der Bäckerei, den Techniker J._, ihm beim Öff-
nen der Entladeklappe des Müllcontainers behilflich zu sein. Dieser fragte seinen
Vorgesetzten, den Beschuldigten, ob er und der Betriebsmechaniker K._
dem Maler helfen könnten, die besagte Klappe zu öffnen, und ob sie dafür den
Elektro-Niederhubwagen (auch "Ameise" genannt) benützen dürften. Der Be-
schuldigte erlaubte dies unter dem Hinweis, dass die Entladeklappe beim Öffnen
gesichert werden müsse. Nach der Mittagspause hoben †E._ und K._
diese Klappe mit Muskelkraft ein Stück weit an. J._, der sich mit der "Amei-
se" auf der Rampe befand, schob deren Gabeln unter die Klappe, so dass diese
auf den Gabelenden auflag. Dann hob er die Klappe mit den Gabeln um einige
weitere Zentimeter an. Sekunden später rutschte die Entladeklappe von den Ga-
belenden, schlug zu und traf dabei †E._ am Kopf. Dieser erlitt schwerste
Kopfverletzungen und verstarb noch am Unfallort.
b) Die Anklagebehörde wirft dem Beschuldigten vor, dass er als Sicherheits-
beauftragter der H._ AG vertraglich verpflichtet gewesen sei, die Sicherheit
im Betrieb zu gewährleisten, gefährliche Situationen zu erkennen und die nötigen
Massnahmen zu treffen. Der Beschuldigte hätte insbesondere die Bedienungsan-
leitung für den Müllcontainer kennen müssen. Er hätte somit wissen müssen,
dass Wartungs- und Reparaturarbeiten an diesem Container ausschliesslich von
Fachpersonal mit entsprechenden Kenntnissen durchgeführt werden dürften und
sich beim Öffnen der besagten Klappe niemand hinter dieser aufhalten dürfe. Ihm
hätte auch bekannt sein müssen, dass der Container dabei auf einem Transport-
fahrzeug (Kipplaster) stehen müsse, so dass die Klappe durch ihr Eigengewicht
"aufpendle". Vorliegend hätte er deshalb das manuelle und maschinelle Hochhe-
ben der Entladeklappe verbieten müssen, nachdem er von der diesbezüglichen
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Absicht von †E._, J._ und K._ erfahren habe. Da er dies unterlas-
sen habe, seien die drei Männer auf die vorstehend beschriebene Weise vorge-
gangen, worauf es vorhersehbar zum tödlichen Unfall gekommen sei. Das Un-
glück wäre nicht geschehen, wenn der Beschuldigte pflichtgemäss gehandelt hät-
te. Er habe sich demnach der fahrlässigen Tötung (Art. 117 StGB) schuldig ge-
macht.
c) Das Bezirksgericht Bülach (Einzelgericht) sprach den Beschuldigten am
13. September 2019 der fahrlässigen Tötung (Art. 117 StGB) schuldig und verur-
teilte ihn zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu Fr. 130.–, bedingt vollzieh-
bar mit zwei Jahren Probezeit. Das Gericht stellte sodann die grundsätzliche
Schadenersatzpflicht des Beschuldigten gegenüber der Privatklägerin D._
fest. Es verpflichtete ihn ferner, dieser Fr. 40'000.– sowie den Privatklägern
B._ und C._ je Fr. 10'000.– als Genugtuung zu bezahlen. Auf die Ge-
nugtuungsforderung von F._ trat das Gericht nicht ein. Die Verfahrenskosten
wurden dem Beschuldigten auferlegt (Urk. 79 S. 35/36).
d) Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte rechtzeitig die Berufung an-
melden (Urk. 61) und in der Folge auch fristgerecht (vgl. Urk. 75 S. 2) die Beru-
fungserklärung einreichen (Urk. 82/1). Er strebt mit seiner Appellation einen voll-
umfänglichen Freispruch, die Abweisung sämtlicher Zivilansprüche, die Über-
nahme der gesamten Verfahrenskosten auf die Staatskasse und die Zusprechung
einer angemessenen Prozessentschädigung an (a.a.O., S. 1/2). Die Staatsan-
waltschaft teilte dem Gericht am 23. Januar 2020 mit, dass sie die Bestätigung
des vorinstanzlichen Urteils beantrage (Urk. 87). Die Privatkläger B._ und
C._ liessen am 17. Januar 2020 den Verzicht auf eine Anschlussberufung
erklären (Urk. 86). Auch die Privatklägerin D._ ergriff kein Rechtsmittel. Im
Berufungsverfahren wurden keine Beweisanträge gestellt. Nach der heutigen Be-
rufungsverhandlung erweist sich der Prozess als spruchreif.
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II.
Das bezirksgerichtliche Urteil blieb hinsichtlich des Nichteintretens auf die
Genugtuungsforderung von F._ (Ziff. 7) und der Kostenaufstellung (Ziff. 8)
unangefochten. Es ist insoweit in Rechtskraft erwachsen (Art. 402 StPO), was
vorab in einem Beschluss festzustellen ist.
III.
a) Der Ablauf der Ereignisse, die Gegenstand des vorliegenden Prozesses
sind, lässt sich anhand der Aussagen der beteiligten Personen (Beschuldigter:
Urk. 5/1-2, 5/4-6, Prot. II S. 6 ff.; L._: Urk. 6/1, 6/3-4 und 6/6; K._:
Urk. 7/1-3; J._: Urk. 8/1-3; M._: Urk. 9/2-3 und 9/6), des spurenkundli-
chen (und unfalltechnischen) Gutachtens (Urk. 12/1) des Forensischen Instituts
Zürich (FOR) und der Korrespondenz betreffend die Auftragserteilung an die Ma-
lerfirma G._ (Urk. 5/3 und 6/2) gut rekonstruieren.
b) Die H._ AG wollte ihre Müll-Press-Box der Marke N._ ausbeu-
len und anschliessend neu streichen lassen, weil diese Kratzer, Rostflecken (und
offenbar auch Dellen) aufwies (Urk. 5/1 S. 2, Urk. 5/2 S. 3, Prot. II S. 19). Bei die-
ser Müll-Press-Box handelt es sich um einen länglichen Container aus Metall, der
vorne eine Vorrichtung zum Einfüllen des Abfalls und hinten eine Klappe aufweist,
die der Leerung des Containers dient (vgl. die Abbildungen in Urk. 4). Diese Klap-
pe ist oben mit Scharnieren am Rand des Behälters befestigt und normalerweise
verschraubt. Zur Leerung muss der Container auf einen Kipplaster gehoben wer-
den. Die Schrauben werden gelöst und der Behälter gekippt, so dass die Klappe
aufpendelt und der Müll herausfällt.
c) Für die geplante Renovation des Müllcontainers wurde von Betriebsleiter
O._ eine Offerte der Malerfirma G._ eingeholt, wobei zunächst vorgese-
hen war, dass diese die Schlosserarbeiten (Ausbeulen) an die Firma P._
weitervergeben würde. Letzteres erwies sich in der Folge als unmöglich, weil die-
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se Betriebsferien hatte. Die H._ AG beauftragte daraufhin direkt die Firma
Q._ Metallbau mit dem Ausbeulen (Urk. 6/6 S. 3). Nach Erhalt der Malerof-
ferte erteilte O._ der Firma G._ den Auftrag für das Entrosten und den
Neuanstrich des Containers. Er informierte darüber den Beschuldigten (zum Ab-
lauf bis dahin: Urk. 5/3), der unbestrittenermassen die Aufgabe hatte, die Arbeiten
am Container zu koordinieren (Urk. 5/1 S. 1, Prot. II S. 11).
d) Den Aussagen von J._ ist zu entnehmen, dass normalerweise die
Firma R._ die Leerung und Reinigung des Containers besorgte und diesen
auch im Übrigen wartete (Urk. 8/1 S. 2). Er vermutete, dass der Auftrag zum Aus-
beulen und Streichen aus Spargründen anderwärtig vergeben worden war
(Urk. 8/3 S. 9). Ob dies zutrifft oder, was naheliegt, für Maler- und Spenglerarbei-
ten spezialisierte Firmen beigezogen werden sollten, kann offen bleiben, da für
die Auftragsvergabe offensichtlich nicht der Beschuldigte zuständig war (vgl.
Urk. 5/3) und die Anklage zudem keinen diesbezüglichen Vorwurf enthält.
e) Der Auftrag an die Malerfirma G._ beinhaltete folgende Arbeiten
(Urk. 5/3 S. 5/6):
"1.0 Vorarbeiten
a. Nötige Reinigungsarbeiten mit Laugenwasser und Hochdruckreiniger waschen. b. Beschädigtes und rostendes Stahlblech mit Maschine entrosten. c. Bestehenden Lackaufbau anschleifen. d. Rohe Stellen mit 2 Komp.Epoxi Rostschutzgrundanstrich grundieren ...
2.0 Abdeckarbeiten
Nötige Abdeckarbeiten am Boden, Steuerung, Beschriftungstafeln, Gummipuffer etc. mit Plastikfolie, Papierstreifen und Klebband, wieder entfernen und .
3.0 Anstricharbeiten (gemäss Variante B.1)
Von Hand mit 2 Komp. Polyurethan Email Mobidur seidenglanz gestrichen ."
Daraus ergibt sich nicht direkt, ob auch Malerarbeiten im Innern des Containers
vorgesehen waren. Man war sich aber offensichtlich einig, dass dies nicht der Fall
war. L._ sprach von einer "zweckmässigen, kosmetischen Renovation aus-
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sen rum" (Urk. 6/1 S. 3). Der Beschuldigte gab ebenfalls zu Protokoll, dass der
Auftrag kein Streichen oder Behandeln des Containers von innen beinhaltete
(Urk. 5/2 S. 3, vgl. auch Prot. I S. 18, Prot. II S. 11 und 21). Dass dies zutrifft,
ergibt sich indirekt auch aus der Offerte, worin hinsichtlich der (ursprünglich) von
der Firma P._ auszuführenden Schlosserarbeiten – nicht aber der Malerar-
beiten – vermerkt wurde, dass dafür der Zugang von innen sicher gewährleistet
sein müsse (Urk. 5/3 S. 5/6).
f) Die Malerarbeiten mussten logischerweise nach dem Ausbeulen ausge-
führt werden. Letzteres besorgte M._ als Angestellter der Firma Q._ Me-
tallbau. Weil er im Innern des Containers arbeiten musste, beauftragte der Be-
schuldigte am frühen Vormittag des Unfalltags J._, die Schrauben der Entla-
deklappe zu lösen (Urk. 5/4 S. 3, Urk. 8/3 S. 4). M._ stützte die Klappe wäh-
rend des Ausbeulens mit zwei Hölzern ab (Urk. 9/2 S. 4), die er nach getaner Ar-
beit wieder mitnahm (a.a.O., S. 6). Weshalb die Klappe anschliessend unver-
schraubt blieb, ist nicht klar, braucht aber auch nicht weiter geprüft zu werden, da
die Anklage keinen diesbezüglichen Vorwurf enthält.
g) Zum äusserlichen Reinigen, Entrosten und Streichen des Containers
musste an sich weder die Entladeklappe geöffnet werden noch der Maler sich ins
Innere des Müllbehälters begeben. L._ sagte in seiner ersten Einvernahme
aus, er habe am Morgen des Unfalltages †E._ – auch anhand von Fotos (vgl.
Urk. 6/5 S. 4-7) – instruiert, was er zu tun habe (Urk. 6/1 S. 4). Bezüglich der
Scharniere der Entladeklappe habe er dabei nichts gesagt (a.a.O., S. 5. Urk. 6/6
S. 4). Er habe †E._ angewiesen, den Falz von aussen soweit zu streichen,
wie er hinkomme, falls die Klappe von den Schlosserarbeiten her noch unver-
schraubt sei und wegen der dicken Gummidichtung etwas offen stehe (Urk. 6/1
S. 5). Da L._ damit rechnen musste, allenfalls auch selber beschuldigt zu
werden, kann nicht völlig ausgeschlossen werden. Dass die Bearbeitung der
Scharniere bei dieser Besprechung entgegen seinen Aussagen doch ein Thema
war. Es bestehen aber keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass die Idee, hierzu
die Klappe hochzuheben, von ihm stammte.
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h) Dies beabsichtigte aber jedenfalls †E._ vor Ort. Gemäss den Aussa-
gen von J._ sagte er diesem und K._ schon am Vormittag, er brauche
ihre Hilfe, um die hintere Klappe zu öffnen (Urk. 8/3 S. 5). J._ führte weiter
aus, er denke, dass †E._ dies habe tun wollen, um die Scharniere zu putzen
(a.a.O., S. 6), weil diese etwas verrostet und dreckig gewesen seien. Er habe sie
von unten her wieder in Ordnung bringen, reinigen und vielleicht auch streichen
wollen (Urk. 8/2 S. 5). K._ gab an, der Auswärtige (d.h. †E._) habe ein-
fach den Deckel offen haben wollen, um seine Arbeit im Container zu verrichten
(Urk. 7/2 S. 3). †E._ habe nicht gesagt, er wolle in den Container hineinge-
hen, aber dies sei offensichtlich gewesen, denn wieso hätte er sonst die Klappe
aufmachen wollen (Urk. 7/3 S. 5). Der Beschuldigte erklärte in der ersten staats-
anwaltlichen Einvernahme, er sei einmal rausgegangen und habe geschaut, was
†E._ mache. Dieser habe gesagt, er habe den Container entfettet (Urk. 5/2
S. 7). Bei der Polizei hatte der Beschuldigte zudem angegeben, dass †E._
zu ihm gesagt habe, er wolle noch die Scharniere und Ecken am Deckel reinigen
oder entfetten. Dies seien vermutlich die letzten Stellen gewesen, die er noch ha-
be reinigen wollen (Urk. 5/1 S. 3). Er, der Beschuldigte, habe †E._ nicht an-
gewiesen, auch die Scharniere zu streichen, doch diese gehörten zum Container,
und der Auftrag sei gewesen, diesen komplett neu zu streichen (Urk. 5/2 S. 9).
Anlässlich der heutigen Verhandlung führte der Beschuldigte aus, er könne sich
nicht daran erinnern, dass bei der Vertragsvergabe explizit über die Scharniere
gesprochen worden sei. Er würde es auch nicht verstehen, weil diese sehr expo-
niert und gut von aussen sicht- und behandelbar gewesen seien. J._ habe
die Scharniere zwar erwähnt, er selbst habe sich dann aber nur gedacht, dass die
Klappe bewegt werden müsse, um die Scharniere von aussen in eine andere Po-
sition zu bringen, nicht damit einer in die Box hinein müsse (Prot. II S. 21 ff.). Auf-
grund dieser im Kern zusammenpassenden Aussagen und des Umstandes, dass
zu diesem Zeitpunkt niemand sonst ein Interesse an einem weiteren Öffnen der
Klappe haben konnte, steht ausser Zweifel, dass es der hernach verunfallte Maler
war, der die Entladeklappe anheben wollte.
i) Fest steht sodann, dass J._ sich, eventuell zusammen mit K._,
zum Beschuldigten begab und diesen fragte, ob sie dem Maler helfen könnten,
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die Entladeklappe des Müllcontainers unter Zuhilfenahme des Palettenhubwa-
gens ("Ameise") anzuheben. Im Einzelnen sagte der Beschuldigte hierzu aus,
J._ und K._ hätten gefragt, ob sie †E._ helfen (Urk. 5/1 S. 2, Prot.
II S. 12) und den Hubwagen einsetzen könnten, um den Deckel etwas zu heben.
Sie hätten ihm nicht gesagt, wie genau sie dies tun wollten und wie weit die Klap-
pe geöffnet werden sollte (a.a.O., S. 3, Prot. I S. 15/20). Er habe zugestimmt und
gesagt, dass sie die Klappe dabei gut sichern sollten (Urk. 5/2 S. 7, Urk. 5/4 S. 4,
Prot. I S. 20, Prot. II S. 12 f.). Sie hätten dort diverse Kanthölzer gehabt. Er habe
aber keine spezifische Anweisung erteilt, wie die Klappe zu sichern sei (Prot. I
S. 21), sondern lediglich "sichern" gesagt. Er habe sich nicht vor Ort ein Bild ge-
macht, wie das möglich sei, denn sie hätten ja diese Arbeiten (einer anderen Fir-
ma) in Auftrag gegeben, weil sie es nicht hätten selber machen können (Urk. 5/2
S. 7). J._ bestätigte, den Beschuldigten gefragt zu haben, ob er und K._
dem Maler beim Öffnen der hinteren Klappe behilflich sein und ob sie dafür den
Niederhubwagen verwenden dürften. Der Beschuldigte habe zugestimmt. Sie hät-
ten dann kurz darüber gesprochen, dass man das irgendwie sichern müsse. Der
Beschuldigte habe aber dazu nichts Konkretes gesagt, und in jenem Moment hät-
ten sie selber nicht gewusst, wie sie die Klappe sichern würden. Deshalb hätten
sie hierzu verschiedene Gegenstände – Gurten und Holzbalken – hingebracht
(Urk. 8/3 S. 5). K._ berichtete, dass sein Arbeitskollege (J._) ihn nach
der Mittagspause geholt habe, um hinten schnell zu helfen, etwas anzuheben
(Urk. 7/1 S. 2, Urk. 7/2 S. 3). Er sei davon ausgegangen, dass die Anweisung da-
zu vom Beschuldigten ausgegangen sei (Urk. 7/2 S. 2/3). †E._ und J._
hätten die Klappe aufmachen wollen. Die beiden hätten das vorher schon mitei-
nander besprochen und auch schon einige Utensilien wie Seile, Balken etc. bereit
gehabt, um abzusichern (Urk. 7/3 S. 4). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass
der Beschuldigte seinen beiden Mitarbeitern erlaubte, †E._ beim Anheben
der Entladeklappe des Müllcontainers zu helfen und damit einverstanden war,
dass sie dabei die "Ameise" einsetzen würden. Er erkannte offenbar auch, dass
diese Arbeit mit Gefahren verbunden sein konnte, und verlangte, dass man die
Klappe beim Anheben sichern müsse. Der Beschuldigte liess aber offen, wie dies
geschehen sollte. J._, K._ (und wohl auch †E._) wussten ihrerseits
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noch nicht, wie sie das bewerkstelligen wollten. Der Beschuldigte verzichtete da-
rauf, sich persönlich ein Bild von der Sache zu machen, weil er die Situation nicht
als sehr gefährlich einschätzte und der Meinung war, dass Fachleute am Werk
seien, die sich nicht selber in Gefahr bringen würden (Prot. I S. 21, Prot. II S. 14
und 21). Auch war er ohnehin der Auffassung, dass die Firma G._ mit diesen
Arbeiten beauftragt worden und damit auch für deren sichere Ausführung verant-
wortlich sei (Urk. 5/2 S. 7). Wie es sich damit verhält, bleibt im Rahmen der recht-
lichen Würdigung zu prüfen.
j) Beim nachfolgenden, fatalen Geschehen waren neben dem Verunfallten
nur J._ und K._ zugegen. J._ sagte dazu aus, dass er auf der
Rampe gestanden sei und den Gabelstapler bedient habe. †E._ und
K._ hätten dann mit Muskelkraft die Klappe geöffnet, wobei – von ihm aus
gesehen – †E._ rechts und K._ links gestanden seien. Er habe dann
den Stapler (d.h. dessen Gabeln) etwas unter die Klappe geschoben und diese
elektrisch um fünf bis sechs Zentimeter angehoben. Die Vorderräder des Staplers
seien dabei immer auf der Rampe gewesen. Es treffe aber zu, dass die Klappe
nur auf den vordersten Spitzen der Gabeln aufgelegen habe. Ein "Übergewicht"
(d.h. Kippen) des Staplers habe er aber nicht bemerkt (Urk. 8/2 S. 2/6). Mit die-
sem Stapler könne man zwei Tonnen heben, und eine Tonne könne er bestimmt
auch vorne halten (a.a.O., S. 8). Sie hätten schon Holzbalken bereit gehabt, die
sie dann als Stütze zwischen der unteren Kante der Containeröffnung und der
Klappe hätten einklemmen wollen, um so die Klappe zu stützen. Dazu hätten sie
aber die Klappe mittels Seilen oder Gurten noch weiter öffnen müssen. Ob das
funktioniert hätte, wisse er, J._, nicht. Die Klappe sei zuvorderst auf den Ga-
beln gewesen, und sie hätten den Stapler nicht weiter nach vorne fahren können,
weil sonst die Gabelräder über die Rampenkante gefahren wären (Urk. 8/2
S. 7/8). Er habe sich dann weggedreht und demzufolge auch keinen Körperkon-
takt mit dem Stapler (mehr) gehabt (Urk. 8/2 S. 8, Urk. 8/1 S. 2), sich in Richtung
von K._ bewegt und mit diesem über das weitere Vorgehen gesprochen.
†E._ habe sich am Gespräch nicht beteiligt, aber sicher gehört, was sie ge-
sagt hätten (Urk. 8/2 S. 7/8). Er habe auch gewusst, dass man die Klappe mit Sei-
len oder Gurten sichern, noch weiter anheben und sie dann mit Balken habe si-
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chern wollen, denn dies hätten sie vorher zu dritt so besprochen (a.a.O., S. 8/9).
Als er, J._, mit K._ gesprochen habe, sei der Unfall passiert (a.a.O.
S. 7). Wie dies geschehen sei, habe er nicht gesehen, weil er sich gerade wegge-
dreht (und K._ zugewandt) habe (Urk. 8/1 S. 2). K._ gab in der polizeili-
chen Befragung zu Protokoll, dass der "Auswärtige" (†E._) gesagt habe, er
solle mit anfassen und die Klappe des Containers anheben. Der andere Mitarbei-
ter der Bäckerei (J._) sei mit dem Hubwagen auf der Rampe gestanden. Er,
K._, habe noch reklamiert, dass es so schwer sei. Der Deckel habe auf dem
Arm der "Ameise" gelegen, ca. 10 Zentimeter Platz seien da gewesen. Der frem-
de Arbeiter sei ein Stück weit weg vom Container gestanden. Die beiden hätten
noch geredet, als er, K._, sich umgedreht habe. Da habe er seinen Kollegen
(J._) schreien hören (Urk. 7/1, S. 1/2). Bei der Staatsanwaltschaft sagte
K._ aus, sie hätten zuerst schauen wollen, was sich überhaupt machen las-
se. Sie hätten noch gewisse Dinge bereit gelegt, um den Deckel zu sichern bzw.
anzuheben. Sie hätten zunächst einmal den Deckel ein wenig geöffnet, vielleicht
20 bis 30 Zentimeter. Man habe schauen wollen, ob man den Deckel oben auf der
Rampe befestigen könne, aber sofort gesehen, dass dies ohne Hilfsmittel nicht
möglich sei. Deshalb habe man geschaut, was man darunter stellen könne, um
den Deckel auf der Höhe der Rampe zu fixieren. Der Hubwagen sei auf der Ram-
pe gestanden, aber er wisse nicht, ob dieser schon hochgefahren gewesen sei,
oder ob J._ den Hubwagen mit der Klappe drauf etwas hochgefahren habe.
Der Maler habe gesagt: "Jetzt heben wir den Deckel mal hoch." Mit Muskelkraft
hätten sie den Deckel etwas angehoben. J._ sei oben auf der Rampe ge-
standen und habe dann die "Ameise" unter den Deckel geschoben. Sie hätten
den Deckel darauf abgelegt. Dann habe er, K._, zum Maler gesagt: "So kön-
nen wir das nicht lassen, das wird nichts." In dieser Position sei es unmöglich ge-
wesen, die Balken darunter zu schieben, weil diese zu lang gewesen seien. Man
habe den Deckel auch sonst nicht sichern können. Er habe deshalb gesagt, sie
müssten etwas anderes machen (Urk. 7/2 S. 4, vgl. auch Urk. 7/3 S. 4). Die Lage
sei aber sicher gewesen, als die Klappe auf dem Stapler gelegen habe, denn die-
ser sei mit beiden Rädern, auch mit den Gabelrädern (Urk. 7/2 S. 5), auf der
Rampe gestanden. Die Klappe sei ca. zehn Zentimeter auf beiden Gabeln gewe-
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sen (Urk. 7/3 S. 4). Für ihn habe das sicher ausgesehen, zumindest für die Zeit,
um eine andere Lösung zu finden (Urk. 7/2 S. 4). Dann hätten er, K._, und
der Maler je einen Schritt zurück gemacht. Er selber habe sich umgedreht und
geschaut, dass er nicht (von dem Podest, auf dem der Container stand) herunter-
falle. So habe er dem Container den Rücken zugewandt und sei den Absatz hin-
unter gestiegen. In dem Moment habe er gehört, dass der Maler und J._ et-
was gesagt hätten. Plötzlich habe er J._ schreien hören (Urk. 7/2 S. 4,
Urk. 7/3 S. 3).
k) Bei der vorstehend mehrfach erwähnten "Ameise" handelt es sich um ei-
nen Elektro-Deichsel-Niederhubwagen "Orion LWE 200", dessen Abbildung und
technische Daten bei den Akten liegen (Urk. 10/1). Er wiegt 350 Kilo und vermag
Lasten bis zu zwei Tonnen zu tragen und sie von 8,5 bis auf maximal 20,5 Zenti-
meter ab Boden anzuheben (a.a.O.). Seine Gabeln sind an der Spitze abgerun-
det. Leicht gerundet ist auch die Oberkante der Gabeln (Anhang zu Urk. 12/1, Bil-
der 6-8).
l) Gemäss dem spurenkundlichen (und unfalltechnischen) Gutachten des
FOR lag die Entleerungsklappe des Müllcontainers vor dem Unfall wohl nur auf
der linken Gabel des Hubwagens direkt auf. An deren Oberseite wurden Fremd-
lackpartikel gefunden, die sich nicht vom Farblack der Unterkante des Container-
deckels unterscheiden (Urk. 12/1 S. 7). Die Gutachter führten weiter aus, es sei
möglich, dass die Entladeklappe auf der allseits abgerundeten Gabel zufolge ei-
ner Instabilität des Niederhubwagens unter der Belastung mit der ca. 220 kg
schweren Klappe ohne Zutun einer der anwesenden Personen abgerutscht und
dann zugefallen sei. Gutachterlich könne auch nicht ausgeschlossen werden,
dass jemand den Niederhubwagen etwas bewegt und damit das Zufallen der
Klappe ausgelöst habe (a.a.O., S. 8). Welche dieser beiden Möglichkeiten zutrifft,
kann vorliegend offen bleiben, da auch ein leichtes Bewegen des Staplers neben
einem allfälligen anklagegemässen Fehlverhalten des Beschuldigten nur als Mit-
ursache erschiene, welche dessen strafrechtliche Verantwortlichkeit nicht aufzu-
heben vermöchte. Die Aussagen von J._ (Urk. 8/2 S. 8, Urk. 8/1 S. 2) deuten
im Übrigen darauf hin, dass er den Gabelstapler losliess, um sich K._ zuzu-
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wenden. Sehr naheliegend ist, dass damit die von den Gutachtern erwähnte in-
stabile Lage des Staplers vollends zum Tragen kam und das Unfallgeschehen
auslöste.
m) Die Gutachter stellten weiter fest, dass sich an der Kante und Dichtung
der Containeröffnung auf einer Höhe von ca. 130 cm ab Boden anhaftendes Blut
sowie frische und stark angepresste Haarfragmente befanden. Die Farbe der
Haarfragmente entsprach der Haarfarbe von †E._ (Urk. 12/1 S. 6). Daraus
sei zu schliessen, dass dessen Kopf bei gebückter Körperhaltung von der zufal-
lenden Entleerungsklappe eingeklemmt worden sei (a.a.O., S. 11, vgl. Anhang zu
Urk. 12/1, S. 17/19). Dies führt zum Schluss, dass der Verunfallte in diesem Mo-
ment an die Containeröffnung herangetreten war und in den Container hinein-
schauen wollte. Warum er dies tat, lässt sich nicht mehr eruieren.
IV.
a) Fahrlässig begeht eine Straftat, wer die Folge seines Verhaltens aus
pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder nicht darauf Rücksicht nimmt.
Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht beachtet,
zu der er nach den Umständen und seinen persönlichen Verhältnissen verpflichtet
ist (Art. 12 Abs. 3 StGB). Wird dem Täter eine Sorgfaltspflichtverletzung zur Last
gelegt, muss zunächst ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dieser und
dem Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs bestehen. Dies bedeutet, dass die
Handlung oder Unterlassung des Beschuldigten zum Eintritt des Erfolgs beigetra-
gen hat und dieser – bei im Übrigen gleichen Gegebenheiten – ohne sie nicht
eingetreten wäre (Niggli / Maeder, Basler Kommentar, 4.A., Basel 2019, N 90 zu
Art. 12 StGB mit Hinweisen). Darüber hinaus muss die Tathandlung bzw. Unter-
lassung für den Erfolgseintritt auch adäquat kausal, d.h. nach dem gewöhnlichen
Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens geeignet gewesen sein, einen
Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen oder mindestens zu begünstigen
(Trechsel / Pieth, StGB-Praxiskommentar, N 25 f. und N 39 f. zu Art. 12 mit zahl-
reichen Hinweisen auf die Rechtsprechung). Der Erfolgseintritt muss für den Be-
- 17 -
schuldigten als Folge seines sorgfaltswidrigen Verhaltens vorhersehbar gewesen
sein. Dies ist ausnahmsweise nicht der Fall, wenn ganz aussergewöhnliche Um-
stände hinzutreten, die als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des Er-
folges erscheinen und alle anderen mitverursachenden Faktoren, namentlich das
Verhalten des Beschuldigten, in den Hintergrund drängen (a.a.O., N 27 mit vielen
Hinweisen). Der Beschuldigte muss mit seinem Verhalten eine ihm obliegende
Sorgfaltspflicht verletzt haben. Als Rechtsquelle solcher Pflichten kommen neben
Gesetzen, Verordnungen, Reglementen und Betriebsvorschriften auch Empfeh-
lungen staatlicher Stellen, Richtlinien von Fachorganisationen, Sport- und Spiel-
regeln und anerkannte Regeln für die Ausübung gefährlicher Berufstätigkeiten in
Frage. Mitunter genügen als Grundlage allgemeine Grundsätze wie z.B. der all-
gemeine Gefahrensatz, wonach derjenige, welcher einen Gefahrenzustand
schafft, auch alles Zumutbare tun muss, damit sich die Gefahr nicht verwirklicht
(a.a.O., N 30). Soweit sich die Tat in einer blossen Unterlassung erschöpft, kann
sich nur strafbar machen, wer eine Garantenstellung innehat und demzufolge
verpflichtet gewesen wäre, den eingetretenen Erfolg nach Möglichkeit abzuwen-
den. Eine solche Garantenstellung kann sich namentlich aus einem Gesetz oder
Vertrag ergeben und liegt grundsätzlich auch beim Geschäftsherrn mit Blick auf
betriebstypische Gefahren vor (a.a.O., N 7 ff., insbesondere N 16 zu Art. 11
StGB). Beim arbeitsteiligen Zusammenwirken mehrerer Personen oder Unter-
nehmungen besteht die Sorgfalts- und entsprechende Handlungspflicht nur inner-
halb der sachlichen und zeitlichen Grenzen der jeweiligen Aufgaben und Kompe-
tenzen (a.a.O., N 34 zu Art. 12 mit Hinweisen). In subjektiver Hinsicht liegt eine
Sorgfaltspflichtverletzung nur vor, wenn der Beschuldigte nach den Umständen
und nach seinen persönlichen Verhältnissen imstande gewesen wäre, mit zu-
reichender Sorgfalt vorzugehen. Dies bemisst sich danach, ob ein gewissenhafter
und besonnener Mensch mit der Ausbildung und den individuellen Fähigkeiten
des Beschuldigten in der fraglichen Situation die Gefahr erkannt und das Nötige
unternommen hätte, um sie abzuwenden (BGer 6B_1049/2015, Erw. 2.5 mit wei-
teren Hinweisen).
b) Dem Beschuldigten wird als tatbestandsmässiges Verhalten einzig vor-
geworfen, dass er seinen Mitarbeitern J._ und K._ nicht verbot, sondern
- 18 -
erlaubte, †E._ beim Öffnen der Entleerungsklappe des Müllcontainers zu hel-
fen und dabei den Niederhubwagen als Hilfsmittel einzusetzen. Damit habe er
auch "die Erlaubnis erteilt bzw. (pflichtwidrig) nicht verboten", dass diese Klappe
überhaupt geöffnet wurde (Urk. 30 S. 4, vgl. S. 2). Dies habe er getan, obwohl er
die Gefahr erkannt habe, dass beim Öffnen der Klappe jemand eingeklemmt und
verletzt werden könnte, weshalb er noch darauf hingewiesen habe, dass die
Klappe gesichert werden müsse (a.a.O., S. 3).
c) Das Verbot eines bestimmten Verhaltens ist das negative Spiegelbild ei-
ner Erlaubnis desselben. Mit der Erteilung letzterer wird dem Beschuldigten an
sich eine aktive Handlung und nicht bloss eine Unterlassung zur Last gelegt. Die
Anklagebehörde geht trotzdem von einer solchen aus und macht daher geltend,
dass der Beschuldigte als Sicherheitsbeauftragter der H._ AG bezüglich der
sicheren Durchführung der Arbeiten am Müllcontainer eine vertraglich begründete
Garantenstellung innegehabt habe (a.a.O., S. 3). Im Lichte der nachfolgenden
Erwägungen hängt der Ausgang des Verfahrens allerdings nicht davon ab, ob die
Annahme eines (unechten) Unterlassungsdelikts richtig ist.
d) Hätte der Beschuldigte den beiden ihm unterstellten Mitarbeitern der Bä-
ckerei verboten, †E._ beim Öffnen der Entladeklappe des Müllcontainers zu
helfen, so wäre es nicht zum Unfall gekommen, weil †E._ allein nicht in der
Lage gewesen wäre, die Klappe zu öffnen. Auch hätte ihm die "Ameise" nicht zur
Verfügung gestanden. Der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Ver-
halten des Beschuldigten und dem Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs war
damit gegeben.
e) Der Beschuldigte wusste zwar nicht genau, wie der Maler zusammen mit
den beiden Bäckereiangestellten vorgehen wollte, um die Entladeklappe öffnen.
Er erfuhr aber von J._ (und eventuell K._), dass dies geplant war und
dass dabei der Niederhubwagen zum Einsatz kommen sollte, um die Klappe an-
zuheben. Er erkannte auch, dass das Öffnen der Klappe mit Gefahren verbunden
war, und verlangte deshalb, dass man die Klappe sichern müsse, ohne aber vor-
zugeben, wie dies geschehen sollte, und ohne sich die Situation vor Ort anzu-
schauen. Dieses Verhalten des Beschuldigten war zweifellos geeignet, den Eintritt
- 19 -
eines Unfalls, wie er sich hernach ereignete, zu begünstigen, und war somit auch
adäquat kausal für diesen.
f) Die H._ AG verfügte nicht über eigenes Personal, das für die Ausfüh-
rung von Malerarbeiten geschult war, und entschloss sich deshalb, den Auftrag
dazu an eine Malerfirma zu vergeben. Der Malermeister besichtigte zusammen
mit dem Beschuldigten den neu zu streichenden Müllcontainer, machte sich Noti-
zen und erstellte auch Fotos davon. Dabei wurde besprochen, dass die Müll-
Press-Box kosmetisch wieder in Stand gesetzt und nur von aussen gestrichen
werden soll (Urk. 5/2 S. 4, Urk. 6/1 S. 4-6, Prot. II S. 21). Danach übernahm der
Malermeister den Auftrag für diese Malerarbeit. Damit erfüllte der Beschuldigte
bzw. die H._ AG als Arbeitgeberin ihre Pflichten gemäss Art. 9 Abs. 2 VUV
und ging die Verantwortung für die fachgerechte und sichere Ausführung des Auf-
trags auf den Malermeister über. Dass die Arbeit auf dem Gelände der Auftragge-
berin zu verrichten war, vermag daran ebenso wenig zu ändern wie die Tatsache,
dass der Beschuldigte dem vor Ort tätigen Maler, wie es mit dessen Chef verein-
bart worden war (Urk. 6/1 S. 7), auf dessen Wunsch hin zwei Angestellte der Bä-
ckerei als Hilfspersonen zur Verfügung stellte.
g) Der Beschuldigte war bei der H._ AG nicht nur Produktionsleiter,
sondern zugegebenermassen auch Sicherheitsbeauftragter (Urk. 5/1 S. 1, Prot. II
S. 10). Als solcher hatte er die Aufgabe, Sicherheitsrisiken zu erkennen, die Ge-
schäftsleitung darüber zu informieren und Vorschläge zur Vermeidung von Gefah-
ren einzubringen (Prot. S. 11). Auf dieser Basis wurde ein Sicherheitskonzept
entwickelt (Urk. 5/4 S. 11). Der Aufgabenbereich des Beschuldigten und eine dar-
aus abzuleitende Garantenpflicht konnten indessen nicht über den Betrieb seiner
Arbeitgeberin hinausreichen. Art. 6 Abs. 1 der Verordnung über die Unfallverhü-
tung, VUV, verpflichtet den Arbeitgeber lediglich die in seinem Betrieb beschäftig-
ten Arbeitnehmer, einschliesslich der dort tätigen Arbeitnehmer eines anderen Be-
triebs, über die bei ihren Tätigkeiten auftretenden Gefahren und die Massnahmen
der Arbeitssicherheit ausreichend und angemessen zu informieren und anzulei-
ten. Diese Pflichten bestanden jedoch nicht gegenüber †E._, da dieser als
Mitarbeiter der extern beauftragten Malerfirma G._ weder temporär bei der
- 20 -
H._ AG angestellt, noch in deren Betriebsablauf integriert war. Der Beschul-
digte war sodann auch nicht verpflichtet, für die Sicherheit in anderen Betrieben
zu sorgen. Dazu fehlten ihm nicht nur die Kompetenz, sondern auch die Fach-
kenntnisse. Das mit der Renovation des Müllcontainers beauftragte Malergeschäft
schickte nur einen Arbeiter vor Ort und vereinbarte mit der Bäckerei, dass dem
Maler, falls nötig, deren Betriebsmechaniker Hilfe leisten würden (Urk. 6/1 S. 7).
Der Beschuldigte stellte diesem in der Folge, als er die Entladeklappe des Con-
tainers öffnen wollte, um auch die Scharniere möglichst gut entfetten und strei-
chen zu können, und dies alleine nicht tun konnte, zwei Mitarbeiter der Bäckerei
als Hilfspersonen zur Verfügung. Diesen gegenüber hatte er als Vorgesetzter
(und zudem Sicherheitsbeauftragter) fraglos eine Fürsorgepflicht. In Nachachtung
derselben wies er J._ und K._ darauf hin, dass die Entladeklappe des
Containers beim Öffnen zu sichern sei. Wie dies technisch zu bewerkstelligen und
ob eine ausreichende Sicherung in der gegebenen Situation überhaupt möglich
war, konnte er aber als gelernter Bäcker nicht beurteilen. Dazu waren die Be-
triebsmechaniker J._ und K._ aufgrund ihrer Berufsausbildung und -
erfahrung noch eher imstande als er. Im Übrigen musste und durfte sich der Be-
schuldigte diesbezüglich auf das Malergeschäft verlassen, welches (z.B. von
Baustellen her) über entsprechende Kenntnisse verfügen sollte und für die Si-
cherheit bei der Ausführung der übernommenen Aufträge verantwortlich war. Es
war demgemäss auch Sache des Malermeisters und nicht des Beschuldigten,
sich von den auszuführenden Arbeiten ein genaues Bild zu machen, seine dafür
eingesetzten Mitarbeiter präzise zu instruieren, allfällige Sicherheitsprobleme zu
erkennen und gegebenenfalls die Betriebsanleitung (vgl. Urk. 54/2) zu verlangen
oder die Herstellerfirma zu konsultieren.
h) Gemäss den gutachterlichen Feststellungen muss †E._ sich mit dem
Kopf in den Gefahrenbereich bewegt haben (Erw. III/m), obwohl die vorgesehe-
nen Sicherungsmassnahmen noch nicht abgeschlossen waren (Erw. III/j). Da dem
Beschuldigten nach dem vorstehend Gesagten keine strafrechtlich relevante
Sorgfaltspflichtverletzung anzulasten ist, erübrigt sich eine weitere Prüfung, ob
das Verhalten des Verunfallten unmittelbar vor dem Unfall geeignet war, den
- 21 -
Kausalzusammenhang zwischen dem Verhalten des Beschuldigten und dem Un-
fall zu unterbrechen. Der Beschuldigte ist freizusprechen.
V.
Da den Beschuldigten kein Verschulden trifft, fehlt die rechtliche Grundlage
für die Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen der Privatklägerschaft. Die-
se sind abzuweisen.
VI.
Ausgangsgemäss sind die gesamten Kosten der Untersuchung und des ge-
richtlichen Verfahrens beider Instanzen, einschliesslich der Kosten der unentgelt-
lichen Rechtsvertretung der Privatklägerschaft, auf die Gerichtskasse zu nehmen
(Art. 423 StGB, Art. 426 Abs. 1 und 2 StPO e contrario und Art. 428 Abs. 1 StPO).
Der Beschuldigte ist für die Kosten seiner anwaltlichen Verteidigung vollumfäng-
lich aus der Gerichtskasse zu entschädigen (Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO).