Decision ID: 3775367d-e184-4de6-8457-5952364e9b8d
Year: 2001
Language: de
Court: CH_BGer
Chamber: CH_BGer_016
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: social_law

A.- Der 1927 geborene S._ war Mitinhaber der
Firma Gebrüder S._ AG und damit obligatorisch bei
der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gegen
die Folgen von (Nichtberufs-)Unfall und Berufskrankheit
versichert. Am 12. März 1990 wurde er von der Gabel eines
Hubstaplers im Gesicht getroffen, wobei er auf der rechten
Mundseite sämtliche Zähne verlor und sich - laut
Unfallmeldung - am rechten Auge verletzte. Am 7. März 1991
rutschte er auf einem Balken aus und zog sich dabei eine
Ruptur der rechten Rotatorenmanschette zu. Die SUVA kam für
die Folgen dieses Unfalles auf und erbrachte die
gesetzlichen Leistungen unter anderem in Form von konservativen
und operativen (am 24. August 1992, 22. Februar
1993, 23. November 1993 und 30. Juni 1994) Massnahmen. Mit
Verfügung vom 22. Januar 1996 sprach die SUVA dem Versicherten
eine Invalidenrente auf der Basis einer Erwerbsunfähigkeit
von 50 % sowie eine Integritätsentschädigung bei
einem Integritätsschaden von 25 % zu. Daran hielt sie gestützt
auf einen Bericht des Dr. med. S._, Spezialarzt
FMH für Chirurgie von der Abteilung Unfallmedizin (vom
28. November 1996), im Einspracheentscheid vom 20. Januar
1997 fest.
B.- Das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
hiess die hiegegen erhobene Beschwerde in dem Sinne teilweise
gut, dass es - in Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides
bezüglich der Invalidenrente - die Angelegenheit
an die SUVA zurückwies, damit sie, nach erfolgter
Abklärung im Sinne der Erwägungen, über den Rentenanspruch
aufgrund der Rotatorenmanschettenruputur neu befinde. Im
Übrigen wies es die Beschwerde sowohl mit Bezug auf die
Invalidenrente wegen des Augenleidens als auch im Integritätspunkt
ab (Entscheid vom 11. Juni 1999).
C.- Unter Hinweis auf verschiedene Berichte der Neurochirurgischen
Universitätsklinik Zürich sowie des Dr. med.
G._, FMH für Ophthalmologie, (vom 8. August 1999),
lässt S._ Verwaltungsgerichtsbeschwerde führen mit
dem Antrag, die Sache sei zu umfassender Neubeurteilung an
die SUVA zurückzuweisen und die Anstalt zur Übernahme der
Abklärungskosten von Dr. G._ zu verpflichten.
Die Anstalt verzichtet auf eine Stellungnahme. Das
Bundesamt für Sozialversicherung hat sich nicht vernehmen
lassen.

Das Eidg. Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.- Im Beschwerdeverfahren um die Bewilligung oder
Verweigerung von Versicherungsleistungen ist die Überprüfungsbefugnis
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
nicht auf die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich
Überschreitung oder Missbrauch des Ermessens beschränkt,
sondern sie erstreckt sich auch auf die Angemessenheit der
angefochtenen Verfügung; das Gericht ist dabei nicht an die
vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
gebunden und kann über die Begehren der Parteien zu
deren Gunsten oder Ungunsten hinausgehen (Art. 132 OG).
Die dem Eidgenössischen Versicherungsgericht in Streitigkeiten
um Versicherungsleistungen zustehende umfassende
Kognition hat unter anderem die Konsequenz, dass auch neue,
erstmals im letztinstanzlichen Verfahren vorgebrachte Tatsachenbehauptungen
und Beweismittel (sog. Noven) zu berücksichtigen
sind (BGE 103 Ib 196 Erw. 4a; RKUV 1988 Nr. K 769
S. 244 Erw. 5a). Im vorliegenden Fall betrifft dies die mit
der Verwaltungsgerichtsbeschwerde aufgelegten Berichte der
Neurochirurgischen Universitätsklinik Zürich sowie des Dr.
G._ vom 8. August 1999.
2.- Das kantonale Gericht hat die gesetzlichen Bestimmungen
und Grundsätze zutreffend dargelegt. Es betrifft
dies den für die Leistungspflicht des Unfallversicherers
(Art. 6 UVG) vorausgesetzten natürlichen (BGE 119 V 337
Erw. 1, 118 V 289 Erw. 1b, 117 V 376 Erw. 3a mit Hinweisen)
und adäquaten Kausalzusammenhang (BGE 123 III 112 Erw. 3a,
123 V 103 Erw. 3d, 139 Erw. 3c, 122 V 416 Erw. 2a, je mit
Hinweisen) zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen
Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod), den Anspruch auf
eine Invalidenrente des Unfallversicherers (Art. 18 Abs. 1
UVG), den Begriff der Invalidität und die Bemessung des
Invaliditätsgrades (Art. 18 Abs. 2 UVG) sowie die Bedeutung
der ärztlichen Auskünfte im Rahmen der Invaliditätsschätzung
(BGE 115 V 134 Erw. 2, 114 V 314 Erw. 3c, 105 V 158
Erw. 1 in fine; vgl. auch BGE 107 V 174 Erw. 3, ZAK 1991
S. 319 Erw. 1c, 1989 S. 118 Erw. 5a, 1986 S. 189 Erw. 2a).
Richtig sind auch die Erwägungen zu den Begriffen des
Rückfalls und der Spätfolgen (Art. 11 UVV; BGE 118 V 296
Erw. 2c; RKUV 1994 Nr. U 198 S. 138 f.) sowie zu dem im
Sozialversicherungsrecht grundsätzlich massgeblichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 121 V 47
Erw. 2a und 208 Erw. 6b, je mit Hinweisen). Darauf kann
verwiesen werden.
3.- Streitig und zu prüfen ist, ob das Augenleiden des
Beschwerdeführers auf das Unfallereignis von 1990 zurückzuführen
ist.
a) Dr. med. S._ hielt in seinem Bericht vom 28.
November 1996 fest, dass die Ophtalmologin anlässlich des
Untersuchs vom 27. März 1990 keine direkte, auf den Unfall
vom 12. März 1990 zurückzuführende Augenverletzung vorgefunden
habe. Es habe lediglich der Verdacht auf eine
leichte Prellung bestanden. Am 4. März 1992 werde ein etwas
geschwollener Tränensack beschrieben, die Tränenwege seien
aber weiterhin durchgängig gewesen. Während am Anfang das
vermehrte Tränen noch unfallbedingt gewesen sei, seien - so
der Chirurge - die Beschwerden nunmehr wahrscheinlicher ein
reaktives Phänomen auf Grund der leichten Protrusio bulbi
bei rein krankhaftem Keilbeinflügel-Meningeom. Das sei eine
lehrbuchmässig klassische Lokalisation für solche gutartigen
Tumore unbekannter Genese, ausgehend von der harten
Hirnhaut. Eine traumatische Verursachung sei in der Literatur
nicht bekannt, ein Zusammenhang mit der Gesichtsprellung
also unwahrscheinlich.
Im letztinstanzlich aufgelegten Bericht (vom 8. August
1999) äussert sich Dr. G._ zur Frage, ob das Tränen
der Augen auf den Unfall vom März 1990 oder auf ein vorbestehendes,
erst 1993 bemerktes Keilbeinflügel-Meningeom zurückgeführt
werden könne, dahingehend, dass der zeitliche
Zusammenhang mit dem Unfall klar scheine. Vierzehn Tage
nach dem Unfallereignis habe der Versicherte Tränen rechts
gehabt, weshalb er eine Augenärztin aufgesucht habe. In der
Folge habe sich dieser Befund nicht gebessert, und zwei
Jahre nach dem Unfall habe die Augenärztin eine derbe
Struktur unterhalb des Auges palpiert. Ein Keilbeinflügel-Meningeom
mache praktisch nie Tränen, besonders dann nicht,
wenn der Exophthalmus offenbar so gering sei, dass nicht
einmal eine Messung stattgefunden habe. Im Folgenden
schlägt der Augenarzt verschiedene Untersuchungen vor, mit
denen die Kausalität abgeklärt werden könne.
b) Aufgrund dieser divergierenden ärztlichen Stellungnahmen
lässt sich nicht hinreichend schlüssig beurteilen,
ob das Augenleiden des Beschwerdeführers auf den Unfall vom
12. März 1990 zurückzuführen oder krankheitsbedingt ist.
Auch mutet es seltsam an, im Zusammenhang mit dem Ereignis,
bei welchem sich der Versicherte die ganze rechte Zahnreihe
ausgeschlagen hatte, von einer "bagatellären Gesichtsprellung"
zu sprechen, wie dies der Anstaltschirurg getan hat.
Die Folgerung der SUVA, das Tränen sei "wahrscheinlicher"
ein reaktives Phänomen als Folge der Protrusio, ist für
sich allein nicht zwingend und vermag die erforderliche,
begründete Stellungnahme eines Facharztes zum natürlichen
Kausalzusammenhang hier nicht zu ersetzen. Dies hat die
Verwaltung nachzuholen; anschliessend wird sie ebenfalls
über den aus dem Augenleiden fliessenden Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente wie auch auf eine
Integritätsentschädigung - über welchen beschwerdeweise
angefochtenen Punkt das kantonale Gericht nicht entschieden
hatte - neu zu befinden haben. Desgleichen wird die Anstalt
über die Abklärungskosten von Dr. G._ zu entscheiden
haben. Bei diesem Verfahrensausgang kann offen gelassen
werden, ob die SUVA im Einspracheverfahren das rechtliche
Gehör verletzt hat, welche Auffassung des Beschwerdeführers
das kantonale Gericht nicht teilt.