Decision ID: 59f3f8fc-f1ef-5679-97f6-29087f75dffb
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Nadeshna Ley, Blumenbergplatz 1, 9000 St.
Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._, Jahrgang 1960, erlitt 1983 und 1986 bei zwei Unfällen
Gesundheitsbeeinträchtigungen, die Leistungen der Invalidenversicherung nach sich
zogen. Mit Verfügung vom 2. März 1989 sprach ihr die damals zuständige
Ausgleichskasse des Kantons B._ gestützt auf einen Beschluss des Präsidenten der
IV-Kommission des Kantons C._ vom 15. September 1988 (IV-act. 3-1; Dossier 1) bei
einem Invaliditätsgrad von 70% rückwirkend ab Oktober 1987 eine ganze
Invalidenrente zu (IV-act. 87-4, Dossier 1). Mit Verfügung vom 22. Mai 1990 reduzierte
die Ausgleichskasse des Kantons B._ per Juli 1990 bei einem Invaliditätsgrad von
60% die Rente auf eine halbe (IV-act. 9, Dossier 1). Die angerufene AHV-
Rekurskommission des Kantons B._ hob diese Verfügung mit Entscheid vom
23. Dezember 1991 auf (IV-act. 11, Dossier 1), sodass weiterhin eine ganze
Invalidenrente ausgerichtet wurde.
A.b Revisionsverfahren der Jahre 1994, 1998 und 2000 ergaben keine
rentenrelevanten Veränderungen (IV-act. 19; 33; 41, Dossier 1).
A.c Mit Verfügung vom 4. Dezember 2002 anerkannte die D._ wegen einer
Verletzung der Halswirbelsäule eine volle Arbeitsunfähigkeit seit dem Unfall 1986 mit
Ausnahme einer Zeitperiode von 14 Monaten (April 1989 bis Juni 1990), in der die
Versicherte einer Teilzeitbeschäftigung habe nachgehen können. Als Unfallversicherung
erbrachte sie rückwirkend für den Zeitraum 1986 bis Ende 2002 Taggelder. Ab 2003
sprach sie der Versicherten bei einem Invaliditätsgrad von 100% eine monatliche
Komplementärrente von Fr. 6'712.- zu. Neben einer Integritätsentschädigung von
Fr. 55'680.- (basierend auf einer anerkannten Einschränkung von 80%) bezahlte sie
auch weiterhin die unfallbedingten Behandlungs- und Medikamentenkosten (IV-
act. 188-71 bis 188-76, Dossier 1).
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A.d Am 22. Dezember 2002 verunfallte die Versicherte mit dem Auto und zog sich
weitere Verletzungen zu. Im Rahmen eines 2004 durchgeführten Revisionsverfahrens
stellte die IV-Stelle des Kantons B._ gemäss Mitteilung vom 10. Januar 2005 fest, der
Gesundheitszustand der Versicherten habe sich seit Herbst 2000 kontinuierlich
verschlechtert. Seit dem Unfall vom Dezember 2002 bestehe eine vollumfängliche
Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit. Der Invaliditätsgrad betrage damit neu 100%. Die
bisherige ganze Rente werde unverändert weiterhin ausgerichtet (IV-act. 96; 97,
Dossier 1).
B.
B.a Im Auftrag der D._ erstattete das Ärztliche Begutachtungsinstitut Basel (ABI) am
12. März 2009 nach Untersuchungen der Versicherten vom 26. und 27. Januar 2009 ein
polydisziplinäres Gutachten. Darin finden sich keine Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit. Ohne Einfluss bestehe eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung
bei funktionellem Beschwerdebild mit im Vordergrund stehenden panvertebralen
Schmerzen, kognitiven Störungen und Schwindelbeschwerden sowie anamnestisch
einem multilokulären Schmerzsyndrom, auf orthopädischer Ebene ohne sicher
fassbares Korrelat. Zudem bestehe eine dissoziative Störung der Bewegungen und
differentialdiagnostisch eine artifizielle Störung. Die Beschwerdeführerin habe nach
dem Schulabgang eine Ausbildung zur Pflegefachfrau begonnen, aber (nach dem 1983
erlittenen Unfall) nicht abgeschlossen. Später habe sie sich der Seelsorge und der
Psychotherapie zugewandt und verschiedene Ausbildungen in diesen Bereichen
absolviert. Dabei handle es sich im Wesentlichen um eine körperlich leichte, eher
intellektuell belastende Arbeit, wofür aus neurologisch-orthopädischer Sicht eine
zeitlich und leistungsmässig uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit bestehe, da sich keine
Hinweise auf eine wesentlich organisch bedingte Grundlage des vorliegenden
Beschwerdebilds ergäben. Aus polydisziplinärer Sicht bestehe für körperlich leichte bis
mittelschwere Tätigkeiten, bei denen eine Hebe- und Traglimite von 10 kg nur
ausnahmsweise überschritten werde, eine zeitlich und leistungsmässig
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Arbeiten mit darüber hinausgehender Belastung
sollten der Versicherten in Anbetracht ihrer allgemeinen körperlichen Konstitution und
einer mittlerweile wohl eingetretenen gewissen physischen Dekonditionierung eher
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nicht zugemutet werden. Aus psychiatrischer und internistischer Sicht bestünden keine
Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit (IV-act. 123-38 ff., Dossier 1).
B.b Die unterdessen zuständige IV-Stelle des Kantons St. Gallen zog dieses
Gutachten bei und unterbreitete es ihrem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD). Dr. med.
E._ hielt in seiner Stellungnahme vom 10. August 2009 fest, die Versicherte habe sich
bei den drei Unfällen 1983, 1986 und 2002 Kontusionen/Distorsionen der HWS
zugezogen. Im Rahmen der fünf zwischen 1992 und 2004 durchgeführten
Rentenrevisionsverfahren seien jeweils vergleichbare Befunde beschrieben worden. Dr.
E._ hielt zum ABI-Gutachten fest, grundsätzlich lägen keine neuen medizinischen
Erkenntnisse vor. Die geschilderte Beschwerdesymptomatik sei die gleiche, die
Diagnosen und vor allem die Beurteilung unterschieden sich von den früheren, wobei
die panvertebralen Schmerzen und die kognitiven Defizite im ABI-Gutachten ebenfalls
erwähnt würden; Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit würde ihnen diesmal jedoch nicht
zuerkannt. Dr. E._ betonte, aus seiner Sicht müsse davon ausgegangen werden,
dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten in den letzten Jahren nicht
verändert, namentlich nicht verbessert, habe. Bei der ABI-Beurteilung handle es sich
somit um eine verschiedene Beurteilung eines im Wesentlichen gleich gebliebenen
medizinischen Sachverhalts. Ein medizinischer Revisionsgrund könne nicht
ausgemacht werden (IV-act. 139, Dossier 1).
B.c Die IV-Stelle teilte der Versicherten offensichtlich gestützt auf diese
Stellungnahme am 12. August 2009 mit, bei der Überprüfung des Invaliditätsgrads
habe sie keine Änderung festgestellt, die sich auf die Rente auswirke. Es bestehe
deshalb weiterhin Anspruch auf die bisherige Invalidenrente (Invaliditätsgrad 69%; IV-
act. 141, Dossier 1). Rechtsanwältin Nadeshna Ley wandte sich daraufhin in Vertretung
der Versicherten am 26. August 2009 an die IV-Stelle und teilte dieser mit, dass der
Invaliditätsgrad der Versicherten seit der Mitteilung vom 10. Januar 2005 (IV-act. 96,
Dossier 1), bestätigt durch Verfügung vom 19. Dezember 2007 (IV-act. 106, Dossier 1),
100% betrage (IV-act. 142, Dossier 1).
C.
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C.a Bei einem Telefongespräch mit der D._ vom 3. September 2009 erfuhr die
zuständige IV-Sachbearbeiterin, dass die D._ ihre Abklärungen noch nicht
abgeschlossen hatte. In einer internen Notiz hielt sie fest, eine Einsicht in die UV-Akten
sei angezeigt. Aufgrund der abgeschlossenen IV-Revision sei eine erneute Revision
einzuleiten. Die IV-Stelle habe die Revision zu früh abgeschlossen (IV-act. 143, Dossier
1). Am selben Tag teilte die IV-Stelle der Vertreterin der Versicherten mit, sie leite für
weitere Abklärungen das Revisionsverfahren ein (IV-act. 144), und forderte beim
zuständigen Steueramt die letzten fünf Steuerveranlagungen an (IV-act. 145, Dossier 1).
Im Revisionsfragebogen vom 28. September 2009 gab die Versicherte an, ihr
Gesundheitszustand habe sich verbessert seit Herbst 2008 und verschlimmert seit
Juni/Juli 2009 (IV-act. 167, Dossier 1). Im Begleitbrief vom 1. Oktober 2009 erläuterte
sie, sie habe seit März 2009 keine UV-Leistungen mehr erhalten (vgl. IV-act. 183-7,
Dossier 1) und ihre Behandlungen aus finanziellen Gründen reduzieren müssen, sodass
es ihr nun schlechter gehe (IV-act. 168, Dossier 1). Die Gutachter des ABI
beantworteten am 20. Oktober 2009 Ergänzungsfragen der D._, der IV-Stelle und der
Versicherten (IV-act. 170, Dossier 1). Am 30. Oktober 2009 verfügte die D._ die auf
den 1. April 2004 rückwirkende Leistungseinstellung und forderte bezahlte Renten und
Hilflosenentschädigungen über insgesamt Fr. 449'034.60 zurück. Ebenfalls
zurückgefordert würden – betragsmässig nicht näher bestimmte – Leistungen für
Heilbehandlungen ab 31. März 2004 (IV-act. 183-9 ff., Dossier 1).
C.b Mit Vorbescheid vom 19. November 2009 kündigte die IV-Stelle der Versicherten
die Renteneinstellung auf das Ende des der Zustellung der zu erlassenden Verfügung
folgenden Monats an. Die Abklärungen der UV und die ergänzenden medizinischen
Untersuchungsergebnisse hätten ergeben, dass die Versicherte in der Lage sei, ihre
Symptome und Handlungen weitgehend bewusst zu steuern. Aus somatischer Sicht
sei ihr die Ausübung einer Tätigkeit vollschichtig und ohne Leistungseinschränkung
zumutbar. Auch in der Vergangenheit sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine
länger dauernde relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, die sich aufgrund der
medizinischen Diagnosen begründen liesse, gegeben gewesen. Damit lägen heute
neue Erkenntnisse im Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG vor, die bereits im Zeitpunkt der
Rentenzusprache bestanden hätten, jedoch aufgrund der fehlenden gesetzlichen
Grundlagen nicht erhebbar gewesen seien (IV-act. 173, Dossier 1). Die Versicherte liess
im Einwand vom 5. Januar 2010 die unveränderte Weiterausrichtung der ganzen Rente
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beantragen. Eventualiter sei das Verfahren bis zum rechtskräftigen Abschluss des UV-
Verfahrens zu sistieren. Subeventualiter sei die Versicherte medizinisch neu abzuklären
(IV-act. 177, Dossier 1). Die IV-Stelle verfügte jedoch am 18. Januar 2010, die Rente
werde nach Zustellung der Verfügung auf Ende des folgenden Monats aufgehoben und
die ursprüngliche Rentenverfügung vom 15. September 1988 werde per Beginn
aufgehoben (act. G 1.1.2).
C.c Unter Bezugnahme auf ein Gesuch vom 15. Juni 2009 um Ausrichtung einer
Hilflosenentschädigung (IV-act. 133, Dossier 1) kündigte die IV-Stelle mit Vorbescheid
vom 6. Januar 2010 dessen Abweisung an (IV-act. 183-5, Dossier 1). Dagegen liess die
Versicherte am 4. Februar 2010 Einwand erheben (IV-act. 183-1 ff., Dossier 1). Die IV-
Stelle wies das Gesuch um Hilflosenentschädigung mit Verfügung vom 1. April 2010
dennoch ab.
C.d Mit einem weiteren Vorbescheid vom 29. Januar 2010 kündigte die IV-Stelle die
Rückforderung von Rentenleistungen in der Höhe von Fr. 83'241.- für die Zeit ab
1. Februar 2005 an (IV-act. 182, Dossier 1). Trotz Einwands der Versicherten vom
26. Februar 2010 verfügte die IV-Stelle am 19. März 2010 gemäss Vorbescheid.
D.
D.a Gegen die Renteneinstellung vom 18. Januar 2010 liess die Versicherte am
18. Februar 2010 Beschwerde erheben und die Aufhebung der Verfügung beantragen.
Die Angelegenheit sei zur Gewährung des rechtlichen Gehörs an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Eventualiter sei der Beschwerdeführerin
weiterhin eine ganze Invalidenrente auszurichten. Subeventualiter sei die Angelegenheit
zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen, alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Der angefochtenen Verfügung lasse sich nicht entnehmen,
gestützt auf welche Unterlagen die Renteneinstellung erfolgt sei. Die Begründung sei
mangelhaft. Deswegen müsse die Beschwerde gestützt auf blosse Mutmassungen
begründet werden. Die Verletzung des rechtlichen Gehörs wiege schwer, weshalb die
Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen sei; dies zumindest dann,
wenn sich herausstellen sollte, dass die nachfolgenden Überlegungen nicht oder nur
teilweise denjenigen begegneten, die die Vorinstanz für ihre Entscheidbegründung
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angestellt habe. Das vorletzte Revisionsverfahren sei am 12. August 2009
abgeschlossen worden. Zu jenem Zeitpunkt habe der Beschwerdegegnerin das ABI-
Gutachten bereits vorgelegen. Die vom ABI beantworteten Zusatzfragen hätten nichts
ergeben, was nicht auch aus dem Gutachten vom 12. März 2009 hervorgegangen
wäre. Im Gutachtenszusatz vom 20. Oktober 2009 sei kein Rückkommenstitel solcher
Art zu erkennen, der eine umfassende materielle Neubeurteilung der Angelegenheit
erfordert hätte. Zu den Ergebnissen der Observation liess die Beschwerdeführerin
ausführen, diese seien mangels eines konkreten Anfangsverdachts von vornherein
unbeachtlich. Selbst wenn sie verwertet werden dürften, würden die Videoaufnahmen
und der Bericht nur belegen, dass die Beschwerden und Behinderungen der
Beschwerdeführerin enorm seien. Das während der ganzen Dauer des Films gezeigte
Verhalten stimme ausnahmslos mit den Schilderungen der Beschwerdeführerin
überein. Auch in den Observationsergebnissen könne kein Beweismittel gesehen
werden, das die bisherigen Erkenntnisse, die zu einer ganzen Invalidenrente geführt
hätten, umstossen würde. Weiter lässt die Beschwerdeführerin geltend machen, die
Erkenntnisse der ABI-Gutachter seien falsch. Der Umstand, dass die Gutachter keine
pathologischen Befunde erhoben haben wollten, und die daraus geschlussfolgerte
Diagnose schafften unüberbrückbare Widersprüche zur bisherigen Aktenlage. Seitens
des ABI seien ältere medizinische Dokumente und Einschätzungen teilweise
übergangen worden. Die neurologisch-orthopädische ABI-Begutachtung sei nicht
umfassend. Es fehle ein rheumatologisches Teilgutachten, obschon die Problematik
auch stark weichteilbedingt sei. Auch auf eine neuropsychologische Testung hätte
keinesfalls verzichtet werden dürfen. Da die Gutachter den Vorwurf der Aggravation
bzw. gar Simulation erhoben hätten, wären zumindest diesbezüglich Validierungstests
durchzuführen gewesen. Der Vorwurf der Aggravation/Simulation sei im Übrigen von
den früher mit der Beschwerdeführerin befassten Ärzten jedes Mal entkräftet worden.
Wohl zu verneinen sei sodann, dass angesichts der geklagten Beschwerden auf das
Anfertigen aktueller Bilder habe verzichtet werden dürfen. Im Weiteren hätten ein
Bericht von Dr. med. F._ und Berichte der behandelnden Therapeuten eingeholt
werden müssen. Das ABI-Gutachten erfülle die Kriterien der Rechtsprechung an den
Beweiswert von Gutachten jedenfalls nicht (act. G 1).
D.b Die Beschwerdegegnerin beantragte in der Beschwerdeantwort vom 20. Mai 2010
die Abweisung der Beschwerde. Die angefochtene Verfügung stütze sich nicht auf den
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Observationsbericht und das Videomaterial, sondern auf die übrigen UV-Akten,
darunter die Stellungnahme des ABI vom 20. Oktober 2009. Diese Stellungnahme
äussere sich zwar auch zum Überwachungsmaterial. In erster Linie entscheidend für
die IV sei die Feststellung der Experten, es habe nie eine länger dauernde
Einschränkung bestanden. Worin nun die Gehörsverletzung liegen solle, sei damit nicht
ersichtlich. Die Verfügung, die mittels prozessualer Revision aufgehoben worden sei,
datiere vom 2. März 1989. Da dieser Zusammenhang ohne weiteres ersichtlich sei,
bleibe die Unschärfe im Dispositiv der angefochtenen Verfügung ohne Folgen. Das
über Jahre dauernde Fortbestehen der Leiden habe bei den Ärzten immer wieder
Ratlosigkeit und Erstaunen hinterlassen und habe medizinisch keinem körperlichen
Substrat zugeordnet werden können. Auch die psychiatrischen Diagnosestellungen
würden als Verlegenheitsantworten erscheinen. Spätestens seit dem Bericht von Dr.
G._ vom 18. Mai 2004 sei die Frage einer bewusstseinsnahen Aggravation im Raum
gestanden. Die Beschwerdeführerin habe ihre Leiden immer wieder in stark auffallender
Weise vorgetragen, gleichzeitig aber zu verhindern versucht, dass die einzelnen
Versicherungsträger Kenntnis der von anderen Instanzen erhobenen Akten erlangen
würden. Ein solches Verhalten sei durchaus geeignet, den Verdacht zu erwecken, die
Beschwerdeführerin habe etwas zu verbergen. Die Annahme einer artifiziellen Störung
sei unumgänglich geworden. Schon im Gutachten seien die Ärzte zum Schluss
gekommen, dass die Umstände eher für eine artifizielle Störung sprächen. Sie hätten
weiter bestätigt, dass das aus medizinischer Sicht als grotesk zu bezeichnende
dysfunktionale Bewegungsmuster der Beschwerdeführerin durchaus auch von einer
gesunden Person praktiziert werden könne, wenn eine ausreichend lange
Gewöhnungsphase vorliege. Für die Annahme eines krankhaften Geschehens bleibe
damit kaum noch Raum. Es gebe keinen verwertbaren Beweis dafür, dass die
Beschwerdeführerin je an einem Gesundheitsschaden gelitten hätte, der zu einer
mindestens einjährigen Arbeitsunfähigkeit geführt hätte, sodass sie das rentenrelevante
Wartejahr hätte bestehen können. Sollte das Gericht wider Erwarten zum Schluss
kommen, es habe eine ursprüngliche Invalidität bestanden, müsste aufgrund der Akten
dennoch angenommen werden, dass vor Jahren eine wesentliche Besserung
eingetreten sei. Da die Beschwerdeführerin durch das Vorspielen der Krankheit die
Verbesserung schuldhaft verschleiert habe, wäre eine rückwirkende Anpassung
vorzunehmen, die spätestens auf den 1. Februar 2005 anzusetzen wäre (act. G 7).
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D.c Die Beschwerdeführerin liess in der Replik vom 14. September 2010 an ihren
Anträgen festhalten. Das Gericht habe dem Verfahren unter anderem den Betreff
"Wiedererwägung" beigefügt. Sollte das Gericht die Angelegenheit unter diesem
Aspekt prüfen wollen, so werde in formeller Hinsicht beantragt, den Parteien
diesbezüglich das rechtliche Gehör zu gewähren. Die Beschwerdegegnerin
verharmlose die Beschwerden der Beschwerdeführerin. Vom US-amerikanischen Arzt
Dr. H._ 1994 erstellte Röntgenbilder habe die Beschwerdeführerin in der Klinik I._
2004 abgegeben und nicht mehr zurückerhalten. Sie habe nie etwas verbergen,
sondern lediglich die Übersicht behalten wollen, um zu verhindern, dass ihr aus
fehlgeleiteter, unvollständiger oder gar nicht ankommender Information oder später
"nicht mehr auffindbarer" Beweisunterlagen Unannehmlichkeiten erwüchsen. Sie habe
die Weitergabe von Unterlagen und Daten nicht einfach völlig untersagt, sondern sich
jeweils die Erteilung von Ermächtigungen auf konkrete Rückfrage hin vorbehalten. Vom
Gebrauch des Rechts auf Herrschaft über die eigenen Daten auf Vertuschungsabsicht
zu schliessen, gehe folglich nicht an. Die Verfügung vom 2. März 1989, die mittels
prozessualer Revision aufgehoben werden solle, sei über 20 Jahre alt. Nach dieser
Dauer könne nicht mehr revidiert werden, die absolute Frist hierzu betrage zehn Jahre.
Als Referenzzeitpunkt gelte wie erläutert der 12. August 2009. Damals sei der IV die
(Differenzial-)Diagnose der artifiziellen Störung und die Schlussfolgerung des ABI, die
Beschwerdeführerin sei nie längerdauernd arbeitsunfähig gewesen, bereits bekannt
gewesen. Die IV habe gestützt auf diese Erkenntnisse festgestellt, dass kein
Revisionsgrund vorliege. Der Gutachtenszusatz beinhalte demgegenüber nichts Neues
mehr (act. G 16).
D.d In der Duplik vom 7. Oktober 2010 hielt auch die Beschwerdegegnerin an ihrem
Abweisungsantrag fest. Die Beschwerdeführerin habe sich bereits am 15. April 1998
gegen die Weitergabe ihrer Daten gewehrt. Aus ihrem Schreiben jenes Datums gehe
klar hervor, dass ihr viel daran gelegen sei, auf die "Aktenwahrheit" Einfluss zu nehmen.
Die Zehnjahresfrist des Art. 67 Abs. 2 VwVG sei vorliegend nicht anwendbar. IV-Renten
seien Dauerleistungen. Es sei nicht davon auszugehen, dass der Gesetzgeber bei der
Festlegung der Frist an Dauerleistungen gedacht habe. Damit bestehe eine Lücke, die
es zu füllen gelte. Es sei nicht denkbar, dass der Gesetzgeber eine revisionsweise
Überprüfung von Dauerleistungen habe verhindern wollen. Denn es sei nicht
zweckmässig, nicht rechtmässige Dauerleistungen einfach darum weiterlaufen zu
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lassen, weil sie schon sehr lange entrichtet würden. Dauerrechtsverhältnisse seien
auch nach Ablauf von zehn Jahren wirksam. Damit entfalle das gesetzgeberische
Motiv, das hinter Vorschriften wie Art. 67 VwVG stehe, nämlich in Bezug auf eine
rechtskräftig beurteilte Sache, die sich abschliessend ereignet habe, nach Ablauf von
zehn Jahren jede Neuentscheidung auszuschliessen. Es lasse sich nicht rechtfertigen,
ursprünglich zweifellos unrichtig zugesprochene Dauerleistungen weiterhin
auszurichten, nur weil der ursprüngliche Fehler vor mehr als zehn Jahren begangen
worden sei. Die 90-tägige relative Frist nach Art. 67 Abs. 2 VwVG habe erst mit dem
Vorliegen der ABI-Stellungnahme vom 20. Oktober 2009 zu laufen begonnen und sei
daher gewahrt (act. G 18).
E.
E.a Gegen die Rentenrückforderungsverfügung vom 29. März 2010 liess die
Versicherte am 3. Mai 2010 Beschwerde erheben (Verfahren IV 2010/188).
Antragsgemäss wurde dieses Verfahren am 6. Mai 2010 bis zum rechtskräftigen
Entscheid über das vorliegende Verfahren sistiert.
E.b Gegen die Ablehnung der Hilflosenentschädigung vom 1. April 2010 liess die
Versicherte am 10. Mai 2010 ebenfalls Beschwerde erheben (Verfahren IV 2010/205).
Dieses Verfahren wurde am 12. Mai 2010 antragsgemäss bis zur Rechtskraft auch des
ebenfalls gerichtshängigen Verfahrens UV 2010/32 u.a. betreffend
Hilflosenentschädigung sistiert.
F.
F.a Mit Schreiben vom 24. November 2010 forderte die Verfahrensleitung des
Gerichts bei der Beschwerdegegnerin die Akten ein, die der erstmaligen
Rentenzusprache vom 2. März 1989 zugrunde gelegen hatten (act. G 20). Die
Beschwerdegegnerin reichte dem Gericht am 20. Januar 2011 von der IV-Stelle des
Kantons B._ erhältlich gemachte Akten ein (vgl. act. G 24).
F.b Die Beschwerdeführerin liess am 10. Februar 2011 zu den neu eingereichten
Akten Stellung nehmen. Die neu ins Recht gelegten Akten seien der
Beschwerdegegnerin bekannt gewesen und hätten offensichtlich zur ursprünglichen
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leistungsbegründenden Verfügung vom 15. September 1988 geführt. Die
Beschwerdeführerin sei bis dahin umfassend orthopädisch, rheumatologisch,
neurologisch, neuropsychologisch und psychiatrisch abgeklärt worden. In ihrer
Gesamtheit hätten die medizinischen Feststellungen zum Schluss geführt, dass die
Beschwerdeführerin damals zu 70% invalid gewesen sei. Ferner werde die
Beweistauglichkeit des ABI-Gutachtens weiter herabgesetzt, hätten doch viele der nun
dem Gericht vorliegenden medizinischen Akten dem ABI (wohl) nicht zur Verfügung
gestanden. Abschliessend beantragte die Beschwerdeführerin, den erheblichen
Mehraufwand, der ihr durch den erneut notwendigen Aktenabgleich entstanden sei, bei
der Verlegung der Kosten zu berücksichtigen (act. G 26).
F.c Die Beschwerdegegnerin liess sich am 18. Februar 2011 nochmals vernehmen
und wies unter anderem darauf hin, dass nicht behauptet werden könne, sie hätte die
Beschwerdeführerin im Jahr 1988 überwachen müssen, um das Vorliegen der
behaupteten Einschränkungen zu verifizieren. Wie bereits dargelegt, habe erst durch
die Kombination der Ermittlungsergebnisse und der gutachterlichen Stellungnahme das
Vorliegen einer artifiziellen Störung gezeigt werden können (act. G 28).

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 53 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) müssen formell rechtskräftige
Verfügungen in Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person oder der
Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder
Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war (sog. prozessuale
Revision).
1.2 Die neue Tatsache muss bei Fällung des ursprünglichen Entscheids, der mittels
prozessualer Revision ersetzt werden soll, bereits bestanden haben. Dass sie damals
nicht erkannt wurde oder nicht bewiesen werden konnte, darf zudem nicht auf
mangelnde Sorgfalt der Parteien zurückzuführen sein. Die prozessuale Revision soll
grundsätzlich nicht dazu dienen, eine vermeidbare Nachlässigkeit nachzuholen (m.w.H.
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Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl., Zürich 2009, Rz. 12, 18 zu Art. 53). Nicht neu
ist eine Tatsache überdies, wenn das im Revisionsverfahren vorgebrachte Element
lediglich eine neue Würdigung einer bereits bekannten Tatsache in sich schliesst. Es
genügt folglich nicht, dass beispielsweise ein neues Gutachten den Sachverhalt anders
bewertet; vielmehr bedarf es neuer Elemente tatsächlicher Natur, welche die
Entscheidgrundlagen als objektiv mangelhaft erscheinen lassen (vgl. BGE 127 V 358;
Urteil 8C_717/2010 vom 15. Februar 2011, E. 7.1.2).
1.3 Neben dem Entdecken einer qualifiziert neuen Tatsache nennt Art. 53 Abs. 1
ATSG das Auffinden eines Beweismittels. Dieses muss dazu dienen, eine erhebliche
neue oder eine "alte", d.h. eine früher bereits erkannte oder erkennbare, aber
unverschuldeterweise unbewiesen gebliebene Tatsache zu beweisen. Liegt ein solches
Beweismittel vor und konnte dieses im Vorfeld des Erlasses der ursprünglichen
Verfügung noch nicht beigebracht werden, so spielt es ausnahmsweise keine Rolle, ob
die letztlich relevante Tatsache qualifiziert neu ist oder gegebenenfalls bereits früher
behauptet wurde oder hätte erkannt (aber noch nicht bewiesen) werden können.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin zitierte in der angefochtenen Verfügung vom 18. Januar
2010 Art. 53 Abs. 1 ATSG und hielt im Dispositiv fest, die Rente werde nach Zustellung
der Verfügung auf Ende des folgenden Monats aufgehoben. Die ursprüngliche
Rentenverfügung vom 15. September 1988 werde per Beginn aufgehoben. In der
Beschwerdeantwort korrigierte sie, am 15. September 1988 sei der Beschluss der
damaligen IV-Kommission ergangen. Die Rentenverfügung, deren Aufhebung zu prüfen
sei, datiere vom 2. März 1989. Zu prüfen ist nachfolgend die Zulässigkeit der
Aufhebung der erstmaligen rentenzusprechenden Verfügung vom 2. März 1989 mittels
prozessualer Revision nach Art. 53 Abs. 1 ATSG. Zum Dispositiv der Verfügung ist
zudem zu bemerken, dass die Beschwerdegegnerin der Rentenausrichtung mit der
rückwirkenden Aufhebung der Verfügung vom 2. März 1989 die Rechtsgrundlage
entzog. Daher musste die Aufhebung ex tunc erfolgen, sodass die Formulierung, die
Rente werde auf Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats aufgehoben
(Wirkung ex nunc), unzutreffend ist. Im Ergebnis hat die Beschwerdegegnerin die Rente
tatsächlich ex tunc aufgehoben, hat sie doch mit Rückforderungsverfügung vom
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19. März 2010 die Rentenleistungen für den gemäss Art. 25 Abs. 2 ATSG möglichen
Zeitraum (fünf Jahre) zurückgefordert.
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin stützt die prozessuale Revision gemäss den
Ausführungen in der Beschwerdeantwort nicht auf das Observationsmaterial, sondern
auf die "übrigen UV-Akten, darunter die Stellungnahme des ABI vom 20. Oktober
2009". Für die IV sei in erster Linie die Feststellung der Experten entscheidend, dass
nie eine länger dauernde Einschränkung bestanden habe. Die neue Tatsache liegt nach
Auffassung der Beschwerdegegnerin also offenbar darin, dass bereits 1989 keine
rentenrelevante Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. Um diese Tatsache zu beweisen,
will die Beschwerdegegnerin insbesondere die Stellungnahme des ABI vom
20. Oktober 2009 als neues Beweismittel zulassen, das zuvor auch bei zumutbarer
Sorgfalt nicht hätte beigebracht werden können. Für die Beurteilung, ob die behauptete
bereits 1989 nicht rentenrelevante Arbeitsunfähigkeit eine qualifiziert neue Tatsache im
Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG darstellt, sind die im Beschwerdeverfahren beigezogenen
damaligen medizinischen Entscheidgrundlagen zu betrachten. Sollte die Neuheit der
behaupteten Tatsache verneint werden, wäre die prozessuale Revision möglicherweise
trotzdem zulässig, falls ein neues Beweismittel eine nicht qualifiziert neue, früher aber
nicht beweisbare Tatsache beweist. Auch dies ist gegebenenfalls zu prüfen.
3.2
3.2.1 Bei den von der Beschwerdegegnerin im Gerichtsverfahren auf
Aufforderung bei der IV-Stelle des Kantons B._ erhältlich gemachten und
eingereichten Akten befinden sich verschiedene medizinische Berichte. Die Rheuma-
Poliklinik des Universitätsspitals Zürich berichtete am 17. Juli 1985 bei der damals 25-
jährigen Patientin von einem Status nach Polytrauma am 16. Juli 1983 mit
persistierenden Kniebeschwerden rechts infolge Flake fracture, persistierenden
Schmerzen im rechten Handgelenk und einem rezidivierenden zerviko-vertebralen bzw.
zerviko-spondylogenen Syndrom rechts seit 1982 bei Fehlhaltung der Wirbelsäule (IV-
act. 9, Dossier 2). Dr. med. K._, Fachärztin FMH für Neurologie, erwähnte im Bericht
vom 12. September 1986 ein stumpfes Kopftrauma mit fraglicher Commotio cerebri
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nach dem Unfall vom 9. August 1986 und den Verkehrsunfall im Juli 1983 mit
Commotio cerebri (in IV-act. 16, Dossier 2). Eine Computertomographie des zervikalen
Spinalkanals ergab gemäss Bericht des Röntgeninstituts Dr. med. L._ vom
23. Februar 1987 intakte ossäre Strukturen im Bereich C4 bis C7 und auch ansonsten
keinerlei Auffälligkeiten (in IV-act. 16, Dossier 2). Vom 19. August bis 16. September
1987 hielt sich die Beschwerdeführerin wegen rezidivierenden Erbrechens und
chronischer Obstipation zur stationären physikalischen Therapie in der
Rehabilitationsklinik M._ auf. Dem Bericht der behandelnden Ärzte vom
16. September 1987 ist zu entnehmen, dass nach einigen Abklärungen in Bezug auf die
Verdauungsprobleme entgegen dem dringenden Wunsch der Patientin auf weitere
diesbezügliche Abklärungen verzichtet worden sei, dies in Anbetracht der langen
Anamnese von funktionellen Beschwerden sowie der sehr auffälligen
Persönlichkeitsstruktur der Patientin. Der wegen geklagter starker Kopfschmerzen
beigezogene Rheumatologe habe nach seiner Untersuchung die Beschwerden in erster
Linie als psychogen, allenfalls auch als von der Torsionsskoliose der Versicherten
ausgehend interpretiert. Psychisch sei im Lauf der Hospitalisation aufgefallen, wie sich
die Patientin an jeden auch nur angedeutet pathologischen Befund geklammert und
sich geweigert habe, eine nicht anatomische Ursache auch nur zu erwägen (IV-act. 16,
Dossier 2). Während des Klinikaufenthalts hatte auch Dr. med. N._, Facharzt FMH für
Neurologie, eine Untersuchung vorgenommen. Er schrieb am 7. September 1987 von
recht guter Motilität der HWS ohne wesentliche Druckdolenzen und ohne muskuläre
Verspannungen. Der affektive Rapport sei recht gut, die Patientin wirke eigentlich
munter und dadurch entstehe eine erhebliche Diskrepanz zu den geklagten
Beschwerden. In der Beurteilung hielt Dr. N._ fest, es bestehe ein chronisches
Schmerzbild im Kopf-, Nacken- und Gesichtsbereich ohne Nachweis einer Läsion
organischer Strukturen (IV-act. 13, Dossier 2). Offenbar im Auftrag des zuständigen IV-
Sekretariats erstattete
lic. phil. O._ am 13. Oktober 1987 ein neuropsychologisches Gutachten. Er gelangte
darin gestützt auf Testergebnisse zur Beurteilung, dass das Gesamtleistungsniveau der
Versicherten insgesamt leicht überdurchschnittlich sei. Auffällige neuropsychologische
Defizite fand er nicht, eine Hirnfunktionsstörung schloss er aus (IV-act. 17, Dossier 2).
3.2.2 Der damalige Hausarzt der Versicherten, Dr. med. P._, fasste in einem
Bericht vom 7. Januar 1987 (richtig: 1988) zuhanden der Invalidenversicherung unter
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Verweis auf die Abklärungen der Fachärzte zusammen, es habe bei der Versicherten
nie ein organisches Leiden festgestellt werden können. Bei mündlichen Rückfragen an
alle Stellen sei immer der gleiche Eindruck wiedergegeben worden, nämlich die starke
psychische Auffälligkeit der Versicherten, v.a. nach längerer Zeit des Kontaktes. Dr.
P._ äusserte seine Ansicht, dass eine psychiatrische Behandlung Not täte. Die
Versicherte habe bereits vor ihrer schweren Krankheit 1980/81 (gemeint offenbar
Parotitis-Meningitis und Pankreatitis) gewichtige psychische Probleme gehabt (bei IV-
act. 20, Dossier 2). Im IV-Arztbericht vom 16. Februar 1988 attestierte Dr. P._ der
Beschwerdeführerin eine volle Arbeitsunfähigkeit und wiederholte, eine psychiatrische
Behandlung sei dringend nötig und Voraussetzung zur Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit (IV-act. 20). Daraufhin gab die zuständige IV-Kommission eine
psychiatrische Abklärung in Auftrag (IV-act. 22, Dossier 2).
3.2.3 Die psychiatrische Begutachtung fand am 28. April und 19. Mai 1988 in der
kantonalen psychiatrischen Klinik Q._ statt. Im Gutachten vom 15. August 1988 wird
der Versicherten ein charakteristisches psychosomatisches Krankheitsbild bescheinigt.
Sie sei in einem spannungsgeladenen, konfliktreichen Elternhaus aufgewachsen, wo
sie Opfer körperlicher und seelischer Verletzungen gewesen sei. Aufgrund der daheim
übernommenen Reaktionsmuster habe die intelligente, temperamentvolle und sensible
Versicherte wohl schlecht gelernt, eigene Gefühle und Stimmungen,
Wunschphantasien, Wut, Ängste und Kummer innerlich wahrzunehmen und vor allem
adäquat auszudrücken. In einer ernsten Lebenskrise habe sie Halt und Orientierung im
christlichen Glauben gesucht. In immer neuen Arbeitseinsätzen habe sie versucht, sich
und anderen zu genügen, jedoch mit immer neuen, tragischen Misserfolgen und ohne
die erhoffte Bestätigung. Umso fester habe sie sich an die Religion geklammert, durch
die sie ihrem Leiden einen Sinn zu geben vermocht habe. Damit drohe aber auch die
Gefahr einer unheilvollen Fixierung im Kranksein. Im Unterschied zu einer Unfall- oder
Rentenneurose stehe jedoch bei der Versicherten nicht die Gewinn- oder
Begehrenshaltung im Vordergrund, sondern eine seelische bzw. existentielle Notlage.
Eine gewisse Vulnerabilitätsbereitschaft scheine von jeher vorhanden gewesen zu sein
und widerspiegle sich auch später in den wiederholten Unfallverletzungen. Die
Versicherte trage ihre Konflikte vor allem auf Körperebene aus. Davon zeugten die
Traumata, aber auch eine Vergrösserung von Harnblase und Enddarm im
Kleinkindesalter sowie ein Zwölffingerdarmgeschwür, aber ebenso die funktionellen
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Beschwerden wie Entleerungsstörungen von Blase und Darm, Schwierigkeiten der
Verdauung, Probleme der Menstruation und die chronisch wechselnden
Schmerzzustände. Seit dem Schleudertrauma im August 1986 sei die Arbeitsfähigkeit
der Versicherten dauernd mindestens um 70% eingeschränkt gewesen. Unter Verweis
auf neurologische Erkenntnisse zum Schleudertrauma (Mumenthaler, Lehrbuch für
Neurologie, 1973) und unter Berücksichtigung der Tendenz der Versicherten, ihre
neurotischen Konflikte auf körperlicher Ebene auszutragen, müsse aus psychiatrischer
Sicht auch künftig von einer krankheitsbedingt stark eingeschränkten Erwerbsfähigkeit
ausgegangen werden. Der Grad der Arbeitsunfähigkeit wurde bis auf Weiteres auf
mindestens 70% geschätzt (IV-act. 25, Dossier 2).
3.2.4 Gestützt auf diese Aktenlage beschloss der Präsident der zuständigen IV-
Kommission am 15. September 1988 bei einem Invaliditätsgrad von 70% die
Ausrichtung einer ganzen Invalidenrente (IV-act. 26, Dossier 2), die am 2. März 1989
rückwirkend ab 1. Oktober 1987 verfügt wurde.
3.3
3.3.1 Im ABI-Gutachten vom 12. März 2009 diagnostizierten die Gutachter eine
dissoziative Störung der Bewegungen (ICD-10 F44.4) und nannten die
Differentialdiagnose artifizielle Störung (ICD-10 F68.1). Gemäss der Aktenauflistung im
ABI-Gutachten lag den Gutachtern der Grossteil der vor Verfügungserlass 1989
erstellten Akten und insbesondere das für die ursprüngliche Rentenzusprache als
massgebend erachtete Gutachten der psychiatrischen Klinik Q._ vom 15. August
1988 nicht vor. Weder der psychiatrische noch die übrigen ABI-Gutachter bezogen die
von den Psychiatern der Klinik Q._ 1988 für die psychische Problematik als zentral
erachteten Erfahrungen der Versicherten als Kind und Jugendliche und die
insbesondere daraus resultierenden psychischen Probleme in die Beurteilung mit ein.
Der ABI-Psychiater hielt zur Anamnese lediglich fest, die Versicherte habe zu ihrem
Vater ein sehr enges Verhältnis und auch zur Mutter guten Kontakt gehabt (S. 21 von
IV-act. 123, Dossier 1). Explizit wies er darauf hin, es bestünden keine Hinweise darauf,
dass die Versicherte vor dem Unfall von 1986 unter wesentlichen psychischen
Störungen gelitten hätte (S. 23). Diese bildeten jedoch – wie oben ausgeführt – gerade
den zentralen Grund für die ursprüngliche Rentenzusprache 1989. Bereits zu jener Zeit
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hatten die involvierten Mediziner die Ansicht vertreten, dass das somatische Korrelat
eindeutig nicht ausreiche, um die geschilderte Schmerzproblematik zu erklären. Die
attestierte Arbeitsunfähigkeit von 70% ergab sich einzig aus der psychischen
Problematik. Dass die ABI-Gutachter 2009 noch immer keine ausreichenden
somatischen Erklärungen für die gezeigte Beschwerdesituation fanden und von
psychischer Überlagerung sprachen, steht nicht in Widerspruch zur Einschätzung der
kantonalen psychiatrischen Klinik Q._ von 1988. Insgesamt bestehen keinerlei
Anhaltspunkte dafür, dass die damalige Arbeitsfähigkeitsschätzung der Klinik Q._
unzutreffend gewesen wäre, weil irgendeine relevante Tatsache unerkannt geblieben
wäre.
3.3.2 Zum Beginn der festgestellten vollen Arbeitsfähigkeit in adaptierten
Tätigkeiten wurde im Gutachten festgehalten, retrospektive Beurteilungen über einen
derart langen Zeitraum seien naturgemäss immer mit einer gewissen Unsicherheit
behaftet und müssten wesentlich auf die vorhandenen Akten abgestützt werden. In
Anbetracht der vorhandenen Berichte müsse aus heutiger Sicht postuliert werden,
dass der Beschwerdeführerin bereits seit langem eine körperlich adaptierte Tätigkeit
ohne wesentliche Einschränkungen zumutbar gewesen wäre. Trotz des präsentierten
Beschwerdebildes hätten auf somatischer Ebene nie sichere Hinweise auf das
Vorliegen einer organischen Schädigung gefunden werden können, die eine lang
dauernde Behandlung und eine daraus resultierende lang dauernde Arbeitsunfähigkeit
begründet hätte (IV-act. 123-39). In der Stellungnahme vom 20. Oktober 2009
wiederholten die ABI-Gutachter ihre diesbezüglichen Angaben und hielten fest, es
müsse davon ausgegangen werden, dass die attestierten Arbeitsunfähigkeiten
vorwiegend aufgrund der von der Beschwerdeführerin geschilderten Beschwerden
attestiert worden seien, ohne dass deren Ätiologie durch auf medizinischer Ebene
eindeutig feststellbare harte Fakten abgestützt worden wäre. Diese Feststellung hat
sich nach Beizug der der ursprünglichen Rentenzusprache zugrunde liegenden
medizinischen Aktenlage als aktenwidrig herausgestellt, war die damals attestierte
Arbeitsunfähigkeit doch ausschliesslich psychiatrisch begründet.
3.4 Die Arbeitsfähigkeitsschätzung des ABI beruht auf unzureichender Aktenkenntnis,
sodass ihr bereits aus diesem Grund die Beweiskraft fehlt. Weder das Gutachten noch
die Stellungnahme vom 20. Oktober 2009 noch weitere UV-Akten sind geeignet als
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Mittel zum Beweis einer vollen Arbeitsfähigkeit der Versicherten bereits im Jahr 1989.
Folglich konnte weder dargelegt werden, dass es sich bei der behaupteten
ursprünglichen Arbeitsfähigkeit um eine qualifiziert neue Tatsache handelt, noch gelang
der Beweis, dass ausnahmsweise keine qualifizierte Neuheit der Tatsache nötig wäre,
weil ein neues Beweismittel eine "alte", früher unbeweisbare Tatsache neu beweisen
würde. Somit kann offen bleiben, ob die von der Beschwerdegegnerin als Beweismittel
bezeichneten UV-Akten überhaupt neue, auch bei hinreichender Sorgfalt nicht früher
beibringbare Beweismittel im Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG darstellen können. Die
prozessuale Revision der Verfügung vom 2. März 1989 hat zu unterbleiben.
3.5 Die Beschwerdegegnerin konnte nicht darlegen, dass die ursprüngliche
medizinische Einschätzung wegen unerkannt gebliebener Tatsachen oder damals nicht
beibringbarer Beweismittel unzutreffend gewesen wäre und sich dies auf den
Rentenentscheid ausgewirkt hätte. Da die damalige Rentenzusprache aufgrund von
psychischen Einschränkungen erfolgte und keine Hinweise dafür vorliegen, dass heute
neue Untersuchungsmethoden oder sonstige neue medizinische Erkenntnisse
vorliegen, die retrospektiv zu einer anderen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit führen
könnten, kann in antizipierter Beweiswürdigung (siehe dazu etwa den
Bundesgerichtsentscheid 8C_77/2008 vom 5. Juni 2008, E. 3.2.1) auf weitere
Abklärungen, insbesondere auf eine weitere Begutachtung, verzichtet werden. Es ist
nicht zu erwarten, dass solche Abklärungen geeignet wären, neue Tatsachen oder
Beweismittel im Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG zu Tage zu fördern.
3.6 Bei diesem Ausgang kann offen bleiben, ob die Fristenregelung zur Vornahme
einer Revision gemäss Art. 67 Abs. 1 VwVG analog anzuwenden ist.
4.
Die Beschwerdegegnerin erwähnte in der Beschwerdeantwort erstmals, für den Fall,
dass das Gericht die prozessuale Revision als unzulässig betrachten würde, sei von
einer Verbesserung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin und damit von
der Zulässigkeit einer anpassungsweisen Rentenaufhebung (Art. 17 Abs. 1 ATSG)
auszugehen. Eine Anpassung wegen einer relevanten Sachverhaltsveränderung bildet
jedoch nicht Verfügungsgegenstand, weshalb darauf nicht näher einzugehen ist. Am
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Rand sei bemerkt, dass die Einschätzung des ABI aufgrund der fehlenden Kenntnis der
ursprünglichen medizinischen Akten als Grundlage für eine Anpassung ohnehin nicht
ausreichen würde.
5.
Die Beschwerdegegnerin erwähnte in der Duplik zudem, die ursprüngliche
Rentenzusprache sei zweifellos unrichtig gewesen. Damit nannte sie eine
Voraussetzung des verfahrensrechtlichen Rückkommenstitels der Wiedererwägung:
Nach Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger auf formell rechtskräftige
Verfügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos
unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Unbestritten
ist, dass die Beschwerdegegnerin keine Wiedererwägung der ursprünglichen
Rentenverfügung vorgenommen hat, weshalb darauf nicht näher einzugehen ist.
6.
6.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen und die
angefochtene Verfügung aufzuheben. Die Beschwerdegegnerin hat weiterhin Anspruch
auf die Ausrichtung einer ganzen Invalidenrente.
6.2 Bei diesem Verfahrensausgang erübrigt sich die Durchführung einer von der
Beschwerdeführerin eventualiter beantragten mündlichen Verhandlung. Im Übrigen
kann aufgrund des Obsiegens der Beschwerdeführerin auch offen bleiben, ob die
Beschwerdegegnerin das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin verletzt hat, wie
diese rügt.
6.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1'000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 800.-
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt vollumfänglich, sodass
ihr als nicht von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten befreiter selbstständiger
öffentlich-rechtlicher Anstalt die ganze Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist. Der
Beschwerdeführerin ist der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-
zurückzuerstatten.
bis
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6.4 Die Beschwerdeführerin hat Anspruch auf eine Parteientschädigung, die vom
Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und
nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch
Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Aufgrund des vom Gericht vorgenommenen
Aktenbeizugs fiel zusätzlicher Aufwand an. Angemessen erscheint unter diesen
Umständen eine Parteientschädigung von Fr. 4'500.- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP