Decision ID: 295991a1-2809-5bf8-891f-4ba00d363c36
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 2. November 2015 in der Schweiz um
Asyl. Am 12. November 2015 wurde er summarisch befragt und am 13. Juli
2016 einlässlich angehört.
Zur Begründung seines Gesuchs gab er im Wesentlichen an, er sei afgha-
nischer Staatsangehöriger paschtunischer Ethnie und in B._, Be-
zirk C._, Provinz Nangarhar geboren. Seit seinem zweiten Lebens-
jahr habe er mit seiner Familie in Kabul gelebt. Dort habe er 2013 geheira-
tet und im Abendstudium (...) studiert, welches er 2015 abgeschlossen
habe. Von Oktober 2013 bis August 2015 habe er für die D._, einer
westlichen Firma, welche unter anderem mit Geldern der US-Armee für die
afghanische Armee Gebäude für Schulungszwecke gebaut habe, als (...)
gearbeitet. Dies habe den Taliban nicht gepasst und er sei – ähnlich wie
viele andere Mitarbeitende der D._ – Mitte 2015 wiederholt telefo-
nisch anonym mit dem Tode bedroht worden. Zuvor sei sein Nachbar, wel-
cher beim Militär gearbeitet habe, entführt und getötet worden, was ihm
grosse Angst bereitet habe. Nach dem ersten Anruf, bei dem er abgenom-
men habe, habe er die Drohungen noch nicht so ernst genommen. Bei ei-
nem weiteren Drohanruf rund zwei Wochen später habe der Anrufer viel
über ihn gewusst und ihm sei auch bekannt gewesen, dass sein Bruder als
Dolmetscher für die Amerikaner gearbeitet habe. Daraufhin habe er (der
Beschwerdeführer) sich um Schutz an seinen Arbeitgeber gewandt, wel-
cher ein Schreiben an das Polizeihauptquartier in Kabul verfasst habe. Das
Schreiben sei jedoch unbeantwortet geblieben. Aus Sorge um seine Si-
cherheit habe er zum 5. August 2015 seine Arbeit vorzeitig gekündigt. Am
12. September 2015 habe er einen Drohbrief der Taliban erhalten. Damit
habe er endgültig erkannt, wie ernst seine Lage sei, und sich in der Folge
– trotz der Schwangerschaft seiner Frau – zur Ausreise entschlossen.
Nachdem er sich noch eine Weile bei Verwandten in Kabul versteckt ge-
halten und Geld gesammelt habe, habe er die Stadt am 28. September und
Afghanistan am 29. September 2015 illegal via Pakistan, Iran und Türkei
Richtung Europa verlassen. Am (...) sei sein Sohn geboren.
Zum Nachweis seiner Identität und zur Stützung seiner Vorbringen reichte
er eine Tazkera samt englischer Übersetzung, einen Drohbrief der Taliban
in Paschtu, zwei Arbeitsbestätigungen der D._ in Englisch, ein
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Schreiben (letter of request) der Firma in Englisch und Farsi an die Poli-
zeihauptstation in Kabul, eine Ausweiskopie sowie einen Arbeitsvertrag
ein.
B.
Mit Schreiben vom 13. September 2018 gewährte das SEM dem Be-
schwerdeführer das rechtliche Gehör zu zwei Vorhalten betreffend Unge-
reimtheiten in seinen Vorbringen (Anzahl der erfolgten Drohanrufe sowie
Angaben im letter of request gegenüber seinen Aussagen). Am 25. Sep-
tember 2018 trafen die Antworten innert gesetzter Frist beim SEM ein.
C.
Mit Verfügung vom 28. September 2018 – eröffnet am 3. Oktober 2018 –
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte dessen Asylgesuch ab und ordnete seine Wegweisung aus der
Schweiz sowie deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe seines ersten Rechtsvertreters MLaw Ruedi Bollack von der
HEKS Rebaso – Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Solothurn vom
2. November 2018 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde gegen den
Entscheid vom 28. September 2018 beim Bundesverwaltungsgericht und
beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und ihm sei in
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren, eventualiter sei
die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs anzuordnen, subeventualiter sei die Sache zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses sowie um Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtlichen
Rechtsbeistand.
Mit der Beschwerdeschrift reichte er eine Bestätigung der E._ über
die Teilnahme an einem Arbeits- und Qualifizierungsprojekt vom 17. März
2016, ein Arbeitszeugnis der F._ AG vom 3. August 2018, ein Emp-
fehlungsschreiben der Deutschkursleiterin an der Volkshochschule
G._, Frau H._, vom 5. Oktober 2018 sowie die Kopie der
Anfrage an das zuständige Amt für (...) zur Ausstellung einer Unterstüt-
zungsbestätigung vom 2. November 2018 ein und stellte die Übersendung
Letzterer in Aussicht.
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Seite 4
E.
Am 7. November 2018 traf die Unterstützungsbestätigung beim Gericht
ein.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 7. November 2018 stellte die zuständige In-
struktionsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Ver-
fahrens in der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Rechtsverbeiständung
gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte
Herrn MLaw Ruedy Bollack als amtlichen Rechtsbeistand des Beschwer-
deführers ein. Zudem lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
G.
Mit Vernehmlassung vom 15. November 2018 nahm das SEM zur Be-
schwerde Stellung.
H.
Nach einmaliger Fristerstreckung replizierte der Beschwerdeführer am
20. Dezember 2018 und reichte eine Kostennote zu den Akten.
I.
Am 18. März 2019 ersuchte der amtliche Rechtsbeistand um Entlassung
aus seinem Mandat per Ende Februar 2019 und um Einsetzung des rubri-
zierten Rechtsvertreters, Herrn MLaw Reto Ragettli, Rechtsanwalt und ju-
ristischer Mitarbeiter bei der HEKS Rebaso, als amtlichen Rechtsbeistand
des Beschwerdeführers. Weiter erklärte er, sein Anspruch auf das amtliche
Honorar sei der HEKS Rebaso zu überweisen.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 4. April 2019 entband die Instruktionsrichterin
den bisherigen Rechtsbeistand von seinem Mandat. Von der Einsetzung
des rubrizierten Rechtsvertreters liess sie angesichts der fehlenden Not-
wendigkeit weiterer Vertretungshandlungen ab und behielt sich die Ent-
schädigung des amtlichen Rechtsbeistands im Endentscheid vor.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für Beschwerden gegen
Verfügungen auf dem Gebiet des Asyls und entscheidet regelmässig – so
auch hier – endgültig (Art. 5 VwVG, Art. 31 ff. VGG, Art. 105 AsylG [SR
142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden und der
Beschwerdeführer ist beschwerdelegitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Im Sinne eines Eventualantrags begehrt der Beschwerdeführer die Rück-
weisung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz wegen unvoll-
ständiger Sachverhaltsabklärung und Verletzung des rechtlichen Gehörs.
Diese Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls zur Kassation des an-
gefochtenen Entscheids führen können.
3.1 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet ei-
nen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
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Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör,
welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein-
zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1
m.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vor-
bringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfin-
dung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die
Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184
E. 2.2.1).
3.2 Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe im Rahmen einer Ge-
samtwürdigung nicht die für die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen spre-
chenden Elemente berücksichtigt. Vorliegend hat das SEM jedoch die we-
sentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers festgestellt und entspre-
chend gewürdigt. Es hat dabei nachvollziehbar und hinreichend differen-
ziert aufgezeigt, von welchen Überlegungen es sich in seinem Entscheid
leiten liess. Dass es dabei zu einer anderen rechtlichen Einschätzung ge-
langte als der Beschwerdeführer, beschlägt nicht die Frage der Sachver-
haltsfeststellung oder den Anspruch auf rechtliches Gehör, sondern die
materiell-rechtliche Würdigung der Sache. Schliesslich versetzte die Be-
gründung der Vorinstanz den Beschwerdeführer auch in die Lage, diese in
seiner Beschwerde sachgerecht anzufechten.
3.3 Nach dem Gesagten erweisen sich die Rügen als unbegründet. Mithin
fällt die beantragte Rückweisung der Sache an das SEM ausser Betracht.
Das Gericht hat in der Sache zu entscheiden (Art. 61 Abs. 1 VwVG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Beschwerdeführers. Für die Glaubhaftmachung reicht es nicht aus, wenn
der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesam-
ten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge-
brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. dazu ausführlich BVGE
2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.
5.1 Das SEM zweifelte in seiner Verfügung nicht an, dass der Beschwer-
deführer für die D._ und somit für eine ausländische Firma gearbei-
tet habe, weshalb er grundsätzlich ein erhöhtes Risiko haben könnte, einer
Verfolgung durch nichtstaatliche Akteure ausgesetzt gewesen zu sein.
Im Weiteren erachtete es die geschilderte Verfolgungssituation des Be-
schwerdeführers jedoch als unglaubhaft. So habe er einmal von zwei, dann
von drei Drohanrufen gesprochen. Seine Erklärungen im Schreiben vom
24. September 2018 (möglicherweise Verständigungsschwierigkeiten;
Probleme seinerseits, sich gut zu erklären) seien nicht geeignet, die Unge-
reimtheiten aufzulösen, zumal den Protokollen keine Verständigungsprob-
leme zu entnehmen seien. Auch erscheine sein Erklärungsversuch unbe-
holfen und lebensfern, die ersten beiden Anrufe als Telefonscherze einge-
ordnet zu haben, umso mehr, da er damals Mitarbeiter einer westlichen
Firma gewesen sei. Im Schreiben des Arbeitgebers würden Drohanrufe,
Drohschreiben in Form von Flugblättern, die Taliban und der Islamische
Staat (IS) erwähnt, hingegen habe der Beschwerdeführer nur die Drohan-
rufe und den Drohbrief der Taliban angegeben und auf Nachfrage weitere
Ereignisse verneint. Seine Argumentation in der Eingabe vom 24. Septem-
ber 2018 (letter of request diene der Sicherheit der Mitarbeiter; Erwähnung
des IS, weil sie eine terroristische Organisation sei) sei offensichtlich nicht
stichhaltig, werde in casu doch auf die persönliche Situation des Beschwer-
deführers eingegangen und nicht einfach auf potenzielle Gefahren für jeg-
liche Mitarbeitende. Weiter sei nur schwer nachvollziehbar, dass er erst
nach fast drei Jahren Arbeit für die Firma von den Taliban bedroht worden
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sei. Ebenso unplausibel sei, dass er überall in Afghanistan leicht durch die
Taliban hätte ausfindig gemacht werden können. Ferner ergäben sich auf-
grund ungereimter Aussagen auch Bedenken an der Echtheit der einge-
reichten Identitätskarte und somit seiner Identität. Angesichts der Unglaub-
haftigkeit der Vorbringen könne auf eine eingehende Würdigung der einge-
reichten Dokumente verzichtet werden. Der letter of request stelle abgese-
hen davon ein Gefälligkeitsschreiben dar, bei dem sich der Verfasser vor-
liegend wohl auf die Aussagen des Beschwerdeführers und nicht auf un-
abhängige Berichte gestützt habe. Das Schreiben müsse danach als un-
taugliches Beweismittel bewertet werden. Der Drohbrief könne seinerseits
von jeder beliebigen Drittperson verfasst worden sein. Im Übrigen sei an-
gesichts der Beweismittel und Aussagen in den Anhörungen davon auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer seine Stelle nicht selbst gekündigt
habe, sondern sein Vertrag nach drei Jahren ausgelaufen sei.
Selbst bei Annahme der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen sei nicht von ei-
nem weiteren Verfolgungsinteresse seitens der Taliban auszugehen. Der
Beschwerdeführer habe seine Arbeit 2015 niedergelegt und arbeite seit
über drei Jahren nicht mehr für die D._. Bis zur Ausreise habe er
keine über die verbalen und schriftlichen Drohungen hinausgehenden kon-
kreten Verfolgungsmassnahmen durch die Taliban zu beklagen gehabt.
Dies gelte auch für seine Aussagen betreffend die Bedrohungen der weite-
ren Mitarbeitenden der Firma. Seinen Angehörigen sei seit der Ausreise
nichts widerfahren. Die Taliban bildeten zudem keine dauerhaften Einhei-
ten und veränderten sich ständig. Es sei demnach unwahrscheinlich, dass
der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr durch sie verfolgt würde.
5.2 In seiner Beschwerdeschrift entgegnete der Beschwerdeführer, nicht
nur seine Angaben zur Anstellung bei der D._, sondern auch zu den
fluchtauslösenden Ereignissen und der Ausreise seien widerspruchsfrei, in
sich stimmig, äusserst genau und von einer Vielzahl an Realkennzeichen
geprägt. In Bezug auf die Situation bei Kenntnis vom Drohbrief habe er
etwa von seinen Gefühlen berichtet, was auf das eigene Erleben der ge-
schilderten Ereignisse hindeute (mit Hinweis auf A11 F126 und F130). Bei
der Ungereimtheit betreffend die Anzahl der Drohanrufe handle es sich of-
fensichtlich um ein Missverständnis. Er habe effektiv drei Drohanrufe er-
halten, davon jedoch nur zwei entgegengenommen. Wie bereits in der An-
hörung angegeben, habe er beim ersten Anruf nicht abgenommen, da er
sich im Unterricht befunden habe. Es könne nicht davon die Rede sein,
dass er die Anrufe als Scherz aufgefasst habe. Er habe die Bedrohungssi-
tuation anfangs einfach nicht richtig beurteilt, wobei er von einem Kollegen
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darin bestärkt worden sei, dass das bereits Vorgefallene womöglich nicht
von grosser Bedeutung sei. Das Schreiben der Firma (letter of request) sei
einheitlich für alle betroffenen Mitarbeiter vorab verfasst und, mehr oder
weniger auf die individuelle Situation angepasst, an den Sicherheitskom-
mandanten geschickt geworden. Angesichts der Vielzahl bedrohter Mitar-
beitender erscheine dieses Vorgehen nur logisch. Mit den erwähnten Flug-
blättern könne zudem genauso gut ein Drohbrief gemeint gewesen sein
und es handle sich schlicht um eine sprachliche Differenz in der Überset-
zung. Der IS hätte hypothetisch ebenso eine Gefahr für ihn dargestellt. So-
weit das SEM das späte Interesse der Taliban an ihm erst nach drei Jahren
Tätigkeit für die Firma moniere, sei darauf hinzuweisen, dass zuvor vor al-
lem deren Standort in der Provinz Nangarhar betroffen gewesen sei. Er
habe in Kabul lange studiert und währenddessen gearbeitet, um seinem
Land dienen zu können. Zudem sei er bei seiner Ausreise jung verheiratet
und in Erwartung eines gemeinsamen Kindes mit seiner Frau gewesen.
Angesichts dieser Umstände erscheine es äusserst unplausibel, dass er
ohne Vorliegen einer ernsthaften Gefahr ausgereist wäre. Nach seiner Tä-
tigkeit für die D._ gelte er als Kollaborateur der amerikanischen und
Unterstützer der afghanischen Armee und gehöre somit zu einer beson-
ders gefährdeten Personengruppe, welche im Visier der Taliban stehe.
5.3 In ihrer Vernehmlassung merkte die Vorinstanz an, keine Realkennzei-
chen in den Schilderungen A11 F126 und F130 zu erkennen. Die Erklärung
betreffend die Anzahl der Telefonanrufe wirke behelfsmässig. Dies gelte
umso mehr, als sich diese weder mit den Antworten des Beschwerdefüh-
rers in der Anhörung noch in seinem Schreiben vom 24. September 2018
deckten. Dort habe er auch erwähnt, er sei bei den Drohanrufen von einem
Spiel Dritter ausgegangen. In der angefochtenen Verfügung würde abge-
sehen davon auf die fehlende Plausibilität der Aussage, als Angestellter
einer westlichen Firma habe er die anonymen Drohanrufe anfangs nicht
ernst genommen, abgestellt. Schliesslich seien den Ausführungen auch in
der Beschwerdeschrift keine Hinweise zu entnehmen, wie der Beschwer-
deführer plötzlich in den Fokus der Taliban geraten sei.
5.4 In seiner Replik kritisierte der Beschwerdeführer die Auffassung des
SEM in der Vernehmlassung betreffend Realkennzeichen und bekräftigte
seine Beschwerdevorbringen dazu unter Verweis auf weitere Aussagen in
der Anhörung. Im Weiteren wiederholte er seine Beschwerdevorbringen
zur Glaubhaftigkeit seiner Angaben, namentlich zu den Drohanrufen und
zur Einschätzung der Bedrohungssituation. Zum Fokus der Taliban auf ihn
verwies er ebenfalls auf seine Beschwerdeschrift und konkret den Hinweis,
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dass vor den Behelligungen in Kabul die Niederlassungen der D._
in anderen Provinzen betroffen gewesen seien.
6.
6.1 Eine einlässliche Prüfung der Akten ergibt, dass die Vorbringen des
Beschwerdeführers nicht geeignet sind, eine asylrelevante Verfolgung
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen.
6.2 Zunächst geht das Gericht mit der Vorinstanz einig, dass die Angaben
des Beschwerdeführers zu seiner Tätigkeit bei der D._ als glaubhaft
zu erachten sind. Diese sind von Detailreichtum geprägt und in sich schlüs-
sig. Zudem belegen diverse Dokumente betreffend seine Arbeit seine sub-
stantiierten Schilderungen (vgl. Bst. A für die Aufzählung der Dokumente).
Allerdings ist auch für das Gericht nicht ganz klar, ob der Beschwerdeführer
tatsächlich selbst gekündigt hat oder sein Arbeitsvertrag ausgelaufen ist.
Bereits in der Anhörung fand einmal Erwähnung, dass ihm gekündigt
wurde. Erst später sagte er auf konkrete Nachfrage aus, selbst gekündigt
zu haben. Nach eigenen Angaben des Beschwerdeführers wurden die Ver-
träge aber jeweils nur für ein Jahr verlängert (vgl. A11 F149) und lief das
Projekt, für welches er angestellt war, im Juni 2015 aus (A11 F83). Seine
weiteren Ausführungen, dass er tatsächlich noch über diesen Zeitpunkt
hinaus beschäftigt wurde, fallen des Weiteren eher ausweichend unter Be-
zug auf noch auszuführende Bauarbeiten aus, denn auf seine eigenen Tä-
tigkeiten in diesem Zeitraum (vgl. A11 F114).
6.3 Die Einschätzung der Vorinstanz zu den Ungereimtheiten betreffend
die Drohanrufe teilt das Gericht hingegen nicht. Bereits in den Aussagen in
der Anhörung finden sich deutliche Hinweise darauf, dass der Beschwer-
deführer dreimal angerufen wurde, wobei er zweimal abnahm (vgl. A11
insb. F115 ff.). Seine diesbezüglichen Schilderungen der Situationen, in
denen er die Anrufe erhielt, sind zudem von vielen Details und diversen
Realkennzeichen geprägt, welche darauf schliessen lassen, dass er das
Erzählte tatsächlich erlebt hat. Trotz kleinerer Unstimmigkeiten namentlich
betreffend Verständigungsprobleme und den Erklärungsversuch zur Be-
drohungssituation im Schreiben vom 24. September 2018 kann sich das
Gericht der Vorinstanz auch nicht darin anschliessen, Letzterer sei als un-
plausibel zu erachten. Gerade da sich der Beschwerdeführer nach eigenen
Angaben am Ende seiner Anstellung bei der D._ befand, erscheint
es durchaus nachvollziehbar, dass er die Drohanrufe am Anfang nicht ganz
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ernst nahm. Abgesehen davon reagierte er gemäss seinen Aussagen be-
reits nach dem zweiten Anruf, verständigte seinen Vorgesetzten und er-
suchte über seinen Arbeitgeber um Hilfe beim Sicherheitskommandanten.
Demgegenüber stellt sich auch für das Gericht die Frage, warum die Tali-
ban erst zu so einem späten Zeitpunkt mit ihren Behelligungen der Mitar-
beitenden der Firma in Kabul begonnen haben sollen. Die vorgängigen Be-
drohungen an anderen Standorten sind als nachgeschoben zu erachten
und werden auch nicht belegt. Zudem sind sie für sich nicht geeignet, diese
Frage nachvollziehbar zu beantworten, bestand doch angesichts der Aus-
breitung und Vernetzung der Taliban die Möglichkeit der zeitgleichen Be-
drohungen. Weiter fällt auf, dass die zeitlichen Angaben zu den Drohanru-
fen – von den Abständen zwischen den Anrufen abgesehen – sehr vage
ausfallen, was insoweit verwundert, als diese zusammen mit dem Drohbrief
als jene Verfolgungsmassnahmen dargestellt werden, welche den Be-
schwerdeführer letztlich zur Ausreise veranlasst haben sollen.
6.4 Zudem können die Differenzen zwischen den Angaben des Beschwer-
deführers in der Anhörung und jenen im letter of request nicht überzeugend
ausgeräumt werden. Zwar ist nicht vollkommen auszuschliessen, dass es
sich um einen Standardbrief handelt, der auf die individuelle Situation der
Bedrohten angepasst wurde. Immerhin brachte der Beschwerdeführer
auch schon in der Anhörung zum Ausdruck, dass sämtliche Mitarbeitende
bedroht wurden. Möglich erscheint aber ebenso, dass es sich bei dem Brief
um ein Gefälligkeitsschreiben handelt. Abgesehen davon überzeugt der
Hinweis nicht, mit Flugblättern könnten auch Drohbriefe gemeint gewesen
sein. Dies gilt ebenso für den Hinweis auf eine hypothetische Gefährdung
durch den IS, zumal diese während des erstinstanzlichen Asylverfahrens
gerade nicht geltend gemacht wurde. Nicht zuletzt ist der Vorinstanz zuzu-
stimmen, dass die Anmerkungen in der Beschwerdeschrift nicht in Einklang
gebracht werden können mit den Erklärungen des Beschwerdeführers in
seinem Schreiben vom 24. September 2018 (letter of request diene der
Sicherheit der Mitarbeiter; Erwähnung des IS, weil sie eine terroristische
Organisation sei).
6.5 Weitergehende Zweifel sind zu seinen Vorbringen betreffend den Droh-
brief angebracht. Zwar finden sich auch hier nähere Angaben zum Erhalt.
Die erwähnten Gefühlsreaktionen sind in der Tat aber nicht zwingend nur
dahingehend auszulegen, dass sie von einem persönlichen Erleben zeu-
gen. Der eingereichte Drohbrief erweckt zudem mit seinem unscharfen
Briefkopf dem äusseren Erscheinen nach den Anschein einer Fälschung,
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welche genauso gut käuflich erworben worden sein könnte. Der Brief ist
mithin nicht geeignet, die diesbezüglichen Aussagen des Beschwerdefüh-
rers zu stützen, sondern legt eher den Schluss nahe, dass er zur Stützung
der Asylvorbringen angefertigt wurde.
6.6 Auffällig ist weiter, dass das Projektende und das Auslaufen seines be-
fristeten Vertrags, der Abschluss seines Studiums und die Schwanger-
schaft seiner Frau in etwa die gleiche Zeit fallen wie die geltend gemachten
Bedrohungen durch die Taliban. Dass der Beschwerdeführer selbst die
schwierige wirtschaftliche Lage namentlich von Hochschulabsolventen
zum Zeitpunkt seines Ausreiseentschlusses schilderte, legt die Annahme
nahe, er habe sich eher aufgrund seiner bevorstehenden wirtschaftlichen
Lage und der Notwendigkeit der Lebensunterhaltsbestreitung für seine ei-
gene Familie zur Ausreise entschlossen.
6.7 Nach dem Gesagten erscheint eine Verfolgung des Beschwerdeführers
durch die Taliban aufgrund seiner Tätigkeit für die D._ durchaus
möglich. Zugleich sind aber die erwähnten Zweifel an seinen Schilderun-
gen und den eingereichten Dokumenten anzubringen, welche es nicht als
überwiegend wahrscheinlich erscheinen lassen, dass er sich einer zuspit-
zenden Gefährdungssituation ausgesetzt sah.
7.
Letztlich ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass auch ungeachtet der
Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen nicht von einer asylrelevanten Verfol-
gung bei Ausreise und auch nicht bei einer Rückkehr nach Afghanistan
ausgegangen werden kann. Den Akten ist nicht zu entnehmen, dass der
Beschwerdeführer und seine Familie bis zu seiner Ausreise weiteren Be-
drohungen oder darüber hinausgehenden Verfolgungsmassnahmen aus-
gesetzt waren, die den Eindruck einer sich zuspitzenden Bedrohungslage
erweckten. Auch in Bezug auf andere Kollegen, welche ebenfalls von den
Taliban bedroht worden sein sollen, hat er sich nicht dementsprechend ge-
äussert. Hinzukommt, dass der Beschwerdeführer nach eigenen Angaben
bei seiner Ausreise von den Taliban an der afghanisch-pakistanischen
Grenze kontrolliert wurde, ohne dass er in irgendeiner Weise behelligt
wurde, geschweige denn, eine entsprechende Furcht geäussert hat. Dass
es sich dabei um Taliban aus Pakistan gehandelt haben soll, stellt eine un-
bewiesene Behauptung dar, welche auch insoweit nicht verfängt, als das
Einflussgebiet der Taliban nicht an der Grenze Halt machen dürfte. Der Be-
schwerdeführer arbeitet des Weiteren seit mittlerweile über fünf Jahren
nicht mehr für die D._. Seiner Familie ist seit der Ausreise ebenso
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nichts widerfahren, was darauf schliessen lassen dürfte, dass er nicht im
Fokus der Taliban ist, dies trotz des wiedererstarkenden Einflusses der Ta-
liban in Teilen Afghanistan.
8.
Das Bundesverwaltungsgericht stellt zusammenfassend fest, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft gemäss den Voraussetzungen
von Art. 3 und 7 AsylG aus den soeben erwähnten Gründen nicht erfüllt,
weshalb das SEM das Asylgesuch zu Recht abgelehnt hat.
9.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
10.2 Bei der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt
gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstan-
dard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.3
10.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
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Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
10.3.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine flüchtlings-
rechtlich relevante Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen,
findet das flüchtlingsrechtliche Refoulementverbot vorliegend keine An-
wendung. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwer-
deführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation
in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht
als unzulässig erscheinen. Entsprechend ist der Vollzug der Wegweisung
sowohl im Sinne der flüchtlingsrechtlichen als auch der menschenrechtli-
chen Bestimmungen zulässig.
10.4
10.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 die Lage in der afghanischen Hauptstadt Kabul aus-
führlich analysiert (vgl. E. 6.3 ff. des genannten Urteils). Diese Lageanalyse
und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen sind weiterhin zutreffend.
Gemäss Einschätzung des Gerichts haben sich sowohl die Sicherheitslage
– die als volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen ist
– als auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE
2011/7 beschriebenen Situation noch einmal verschlechtert. Die Lage in
Kabul ist daher grundsätzlich als existenzbedrohend und somit unzumut-
bar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Von dieser Regel kann
abgewichen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen,
aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausge-
gangen werden kann.
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-5800/2016 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/7 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/7
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Solche besonders begünstigenden Faktoren können nach dem genannten
Referenzurteil namentlich dann gegeben sein, wenn es sich bei der zurück-
kehrenden Person um einen jungen, gesunden Mann handelt. Unabding-
bar ist ferner in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die
Aufnahme und Wiedereingliederung der zurückkehrenden Person als trag-
fähig erweist. Dieses soziale Netz muss der zurückkehrenden Person ins-
besondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe
zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Allein auf-
grund von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitglie-
dern der Kernfamilie kann nicht von einem tragfähigen sozialen Bezie-
hungsnetz ausgegangen werden. Entscheidrelevant ist zudem, über wel-
che Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt beziehungsweise in-
wiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit
im Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt werden kann. An-
gesichts der festgestellten Verschlechterung der Lage in Kabul ist das Vor-
liegen dieser strengen Anforderungen in jedem Einzelfall sorgfältig zu prü-
fen und diese müssen erfüllt sein, um einen Wegweisungsvollzug nach Ka-
bul als zumutbar zu qualifizieren (Referenzurteil des Bundesverwaltungs-
gerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4.1). Dies gilt weiterhin
unter Berücksichtigung der aktuellen Lage in Kabul, wie sie vom Beschwer-
deführer in der Beschwerdeschrift unter Bezug auf diverse Länderberichte
dargelegt wird.
10.4.3 Der Beschwerdeführer ist in B._, Bezirk C._, Provinz
Nangarhar geboren, wohin der Wegweisungsvollzug generell als unzumut-
bar zu erachten ist. Er hat aber ohnehin seit seinem zweiten Lebensjahr
bis zu seiner Ausreise in Kabul gelebt, worauf bei der Prüfung der Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs im Weiteren abzustellen ist. Der Be-
schwerdeführer ist jung und gesund. Er hat in Kabul 2009 seinen Schulab-
schluss gemacht und danach ein (...)studium absolviert. Zugleich hat er
berufliche Erfahrungen in seiner Funktion als (...) bei der D._ er-
worben und die vier Jahre davor (...)- und (...)kurse gegeben. Wie die Vo-
rinstanz zutreffend festgehalten hat, verfügt er mithin über eine sehr hohe
Schul- und universitäre Bildung sowie mehrjährige Arbeitserfahrung, wel-
che ihm auch unter Berücksichtigung der schwierigen wirtschaftlichen
Lage in Kabul und in Afghanistan allgemein eine rasche Reintegration in
den Arbeitsmarkt erleichtern dürfte. Seine Frau und sein Sohn ebenso wie
mehrere Geschwister leben weiterhin bei seinen Eltern in Kabul und er
steht in fortdauerndem Kontakt mit ihnen. Zwar ist der Vater des Beschwer-
deführers seit einigen Jahren arbeitslos, doch hat er zuvor ein (...)unter-
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-5800/2016
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nehmen betrieben und scheint weiterhin Frau und Kind des Beschwerde-
führers unterstützen zu können. Darüber hinaus leben weitere Onkel und
eine Tante in Kabul. Der Beschwerdeführer verfügt demnach über eine ge-
sicherte Wohnsituation und ein tragfähiges Beziehungsnetz. Nicht zuletzt
könnte er sich im Bedarfsfall auf seinen in den USA lebenden Bruder und
auch seinen Cousin für finanzielle Hilfe stützen. Dass Ersterer die Familie
bereits unterstützt, steht dem nicht entgegen, sondern bekräftigt nur des-
sen Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit. Schliesslich steht die – mit
Dokumenten untermauerte – Integration des Beschwerdeführers in der
Schweiz nicht der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs entgegen, wird
diese doch im Hinblick auf die seine Reintegration befördernden Umstände
im Heimatland beurteilt, welche nach dem zuvor Gesagten als besonders
begünstigend zu erachten sind. Mithin erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung auch als zumutbar.
10.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da der Antrag auf unentgeltli-
che Prozessführung jedoch gutgeheissen wurde und die Bedürftigkeit des
Beschwerdeführers auch heute weiterhin zu bejahen ist, werden keine Ver-
fahrenskosten auferlegt.
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13.
13.1 Da der ehemalige Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, Herr
MLaw Ruedy Bollack, dem Beschwerdeführer als amtlicher Rechtsbei-
stand beigeordnet worden war, ist er für seinen Aufwand unbesehen des
Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwen-
dig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). In der Kostennote vom
22. Dezember 2018 machte er einen Aufwand von 11.16 Stunden zu
Fr. 250.– sowie Auslagen in Höhe von Fr. 38.– geltend. Seither sind durch
den neuen Rechtsvertreter keine weiteren Aufwendungen geltend gemacht
worden. Wie in der Zwischenverfügung vom 4. April 2019 festgehalten,
konnte demnach von seiner Verbeiständung abgesehen werden.
13.2 Das Gericht geht bei amtlicher Vertretung praxisgemäss von einem
Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterin-
nen und Vertreter und von Fr. 200.- bis Fr. 220.- für anwaltliche Vertreterin-
nen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der in der
Kostennote geltend gemachte Aufwand ist danach in finanzieller Hinsicht
zu kürzen. In zeitlicher Hinsicht erscheint er angemessen. Für den Aufwand
des ehemaligen Rechtsbeistands ist somit ein amtliches Honorar in Höhe
von Fr. 1'713.– (11.16 Stunden à Fr. 150.–, Auslagen von Fr. 38.–) festzu-
setzen.
13.3 Der ehemalige Rechtsbeistand, MLaw Ruedy Bollack, nahm die Ver-
beiständung des Beschwerdeführers im Rahmen seiner Anstellung bei der
HEKS Rebaso – Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Solothurn wahr.
Zudem erklärte er in seinem Gesuch um Entlassung aus dem Mandat, sein
Honoraranspruch sei an Letztere zu überweisen. Mithin ist der HEKS Re-
baso zu Lasten der Gerichtskasse das amtliche Honorar auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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