Decision ID: bc0a031b-0ec3-5799-9c53-9def4e62b619
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 24. Juli 2016 in der Schweiz um Asyl
nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 18. August 2016 und
der Anhörung vom 25. September 2018 machte er im Wesentlichen Fol-
gendes geltend:
Er gehöre der Ethnie der Oromo an und stamme aus B._, später
sei er nach C._ gezogen. Die Familie habe von der Landwirtschaft
gelebt. Zuletzt habe er mit seinen drei Schwestern in ihrem Haus in
C._ gewohnt. Seine Eltern seien bereits in den Jahren (...) bezie-
hungsweise (...) verstorben, sein ältester Bruder sei im Jahr (...) bei einem
Aufstand gegen die Regierung getötet worden. Im Jahr (...) hätten die Be-
hörden ihr Land enteignet. Nebst dem Schulbesuch habe er als (...) gear-
beitet, um ein wenig Geld zu verdienen. Im Jahr 2013 sei er beschuldigt
worden, Schüler gegen die Umsetzung des von der Regierung beschlos-
senen «Masterplans» mobilisiert zu haben. Aus diesem Grund sei ihm im
(...) 2013 der weitere Schulbesuch verwehrt und er des Öfteren ohne
Grund festgenommen und misshandelt worden. Im Jahr 2015 habe er an
einer Demonstration gegen das Vorgehen der Regierung gegenüber den
Oromo teilgenommen. Die Sicherheitskräfte seien äusserst gewalttätig ge-
gen die Demonstrierenden vorgegangen und hätten mit scharfer Munition
in die Menge geschossen. Dabei seien viele Personen getötet worden. We-
gen des zusätzlichen Einsatzes von Tränengas habe er sich in eine Ecke
begeben, um sich die Augen auszuwaschen. Dabei seien er und andere
Demonstranten beschossen worden. In der Folge seien sie festgenommen
und ins Gefängnis gebracht worden. Man habe ihnen fälschlicherweise
vorgeworfen, Sachbeschädigung begangen zu haben. Während der rund
(...)-tägigen Haft seien sie misshandelt und gefoltert worden. Noch wäh-
rend des Gefängnisaufenthalts sei es zu weiteren Demonstrationen ge-
kommen. Um gegen die Demonstrierenden vorzugehen, sei auch Gefäng-
nispersonal abgezogen worden. Dabei habe sich die Gelegenheit zur
Flucht geboten, welche er und die anderen Gefangenen genutzt hätten.
Wegen der kriegerischen Situation in seiner Wohnregion habe er sich in
der Folge dazu entschieden, diese zu verlassen. Am (...) 2015 (BzP) res-
pektive im (...) 2015 (Anhörung) sei er in den Sudan ausgereist und von
dort nach Libyen gelangt. Über Italien sei er schliesslich in die Schweiz
gereist.
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In der Schweiz sei er exilpolitisch tätig und habe an mindestens zwei De-
monstrationen teilgenommen. Diese hätten sich gegen die politischen Vor-
gänge in Äthiopien gerichtet. Zudem habe er an Anlässen teilgenommen,
an denen äthiopische Oppositionelle Reden gehalten hätten.
B.
Mit Verfügung vom 7. Februar 2020 – eröffnet am 10. Februar 2020 – ver-
neinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und
lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es seine Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Auf die Begründung wird – soweit
wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 12. Februar 2020
beantragte der Beschwerdeführer die vollumfängliche Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und
die Gewährung von Asyl, eventualiter sei er wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht
beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive
Kostenvorschussverzicht sowie das Ausrichten einer Parteientschädigung.
Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden Er-
wägungen eingegangen.
Der Beschwerdeführer reichte Fotografien seiner Narben, seines exilpoliti-
schen Engagements (inkl. Legende) sowie seiner Schwestern, eine
Schnellrecherche der schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) zu exilpoliti-
schem Engagement und Überwachung, ein Screenshot einer SMS-Nach-
richt von DHL, eine Visitenkarte mit Telefonnummer, diverse Unterlagen
betreffend seine Integrationsbemühungen sowie einen Zeitungsartikel zu
den Akten.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Februar 2020 bestätigte der Instruktions-
richter dem Beschwerdeführer den Eingang seiner Beschwerde und stellte
seinen einstweiligen legalen Aufenthalt in der Schweiz für die Dauer des
Verfahrens fest.
E.
Mit Beschwerdeergänzung vom 23. April 2020 reichte der Beschwerdefüh-
rer eine aktualisierte Lagedarstellung zu Äthiopien, eine aktualisierte Quel-
lenliste sowie eine Zusammenfassung eines Berichts des UK Home Office
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vom Oktober 2019 ins Recht. Gleichzeitig beantragte er, die in der Be-
schwerdeergänzung vorliegende Begründung sowie die aufgeführten
Quellen seien zu den Akten zu nehmen und bei der Beurteilung der Zuläs-
sigkeit und Zumutbarkeit der Wegweisung gebührend zu berücksichtigen.
F.
Mit Eingabe vom 20. Mai 2020 reichte der Beschwerdeführer weitere Be-
weismittel (Sterbeurkunden seiner Eltern im Original inkl. Übersetzung, ein
an seine Schwestern adressiertes Schreiben des Vorstehers der Stadt
C._ im Original inkl. Übersetzung als Kopie sowie einen DHL-Sen-
dungsumschlag) zu den Akten. Gleichzeitig beantragte der Beschwerde-
führer, die aufgeführten Beweismittel seien zu den Akten zu nehmen und
sowohl bei den Erwägungen betreffend die Glaubhaftigkeit als auch betref-
fend die Zumutbarkeit der Wegweisung (recte: des Wegweisungsvollzugs)
gebührend zu berücksichtigen.
G.
Mit Eingabe vom 29. Mai 2020 reichte der Beschwerdeführer die Originale
der Übersetzungen der unter Buchstabe F aufgeführten Dokumente ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Flüchtlingen wird nach Art. 54 AsylG kein Asyl gewährt, wenn sie erst
durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ih-
res Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG
wurden (subjektive Nachfluchtgründe).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.4 Massgeblicher Zeitpunkt für die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
ist derjenige des Entscheides über das Asylgesuch, das heisst, es ist zu
prüfen, ob die Furcht vor einer absehbaren Verfolgung dannzumal (noch)
begründet ist; dabei sind Veränderungen der objektiven Situation im Hei-
matstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid zugunsten und zulasten der
asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5.2
S. 154 f.).
5.
5.1 Die Vorinstanz befand die Vorbringen des Beschwerdeführers für nicht
asyl- respektive flüchtlingsrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG.
Seit der Einreichung seines Asylgesuchs habe sich die Situation in Äthio-
pien entscheidend geändert. Die Würdigung der innenpolitischen Situation,
insbesondere seit der Ernennung von Abiy Ahmed zum neuen Premiermi-
nister im April 2018, lasse den Schluss zu, dass sich die Lage seit seinem
Asylgesuch vom 24. Juli 2016 und der Anhörung stabilisiert und sich in den
letzten Monaten insbesondere mit Blick auf die Oromo und die Oromo-Be-
freiungsfront (Oromo Liberation Front, OLF), aber auch allgemein, gebes-
sert habe. Selbst Personen mit hohem politischen Profil könnten nach Äthi-
opien zurückkehren, ohne dass sie inhaftiert oder einem Risiko einer un-
menschlichen Bestrafung ausgesetzt würden. Zudem seien Gefangene
freigelassen worden. Angesichts dessen gebe es keinen begründeten An-
lass zur Annahme, dass er bei einer allfälligen Rückkehr nach Äthiopien
wegen der geltend gemachten Probleme und der Demonstrationsteil-
nahme von 2015 noch mit einer Verfolgung in asylrelevantem Ausmass
rechnen müsste.
Im Weiteren stellte die Vorinstanz mit Bezug auf seine exilpolitischen Akti-
vitäten fest, dass die äthiopischen Behörden nur dann ein Interesse an der
Identifizierung einer Person hätten, wenn deren Aktivitäten als konkrete
Bedrohung für das politische System wahrgenommen würden. Vorliegend
bestünden keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass er sich in dieser be-
sonderen Art und Weise betätigt und exponiert habe. Er gehöre mit Sicher-
heit nicht zur Zielgruppe des «harten Kerns» von aktiven oppositionellen
Äthiopiern im Ausland, für die sich die äthiopischen Behörden gemäss den
erwähnten Dokumenten interessierten. Die vorgebrachten subjektiven
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Nachfluchtgründe hielten damit den Anforderungen an die Flüchtlingsei-
genschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
5.2
5.2.1 Zur Begründung seiner Beschwerde bekräftige der Beschwerdefüh-
rer zunächst die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen. Weiter seien die ethni-
schen Spannungen, welche zur Enteignung des Familienbesitzes nach
dem Tod seiner Eltern, der Tötung seines Bruders, den Schulverweis, den
Schikanen und Misshandlungen durch die Sicherheitskräfte, der Fest-
nahme und Folterung im Nachgang der Demonstrationen in C._
und schliesslich zur Vertreibung seiner drei Schwestern aus dem Haus in
C._ geführt hätten, nach wie vor prävalent und hätten sich gar noch
verstärkt. Die Verfolgung durch die staatlichen Sicherheitskräfte habe auf
seiner ethnischen Zugehörigkeit basiert; die Gefahr ethnisch bedingter Ver-
folgung dauere nach wie vor an. Damit erfülle er seiner Auffassung zufolge
die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG.
5.2.2 Das Vorhandensein subjektiver Nachfluchtgründe entgegen der An-
sicht der Vorinstanz begründete er wie folgt:
Er sei bereits vor seiner Ausreise politisch aktiv geworden. Seine politische
Gesinnung gehe aus den Befragungen hervor. Sein exilpolitisches Enga-
gement in der Schweiz sei eine Konsequenz seiner gemachten Erfahrun-
gen und seiner Prägung. Gemäss der Schnellrecherche der SFH sei auch
nach dem Machtantritt von Abiy Ahmed die Überwachung von exilpoliti-
schen Tätigkeiten weitergegangen. Der NISS (National Intelligence and
Security Service, äthiopischer Geheimdienst) könne Einreisen von Perso-
nen, die politisch aktiv gewesen seien beziehungsweise sich im Internet
geäussert hätten, umgehend aufdecken. Er habe in der Schweiz an Ver-
sammlungen der oromischen Oppositionsführer D._ und
E._ teilgenommen. Bei letzterem handle es sich um den gegenwär-
tig schärfsten Rivalen des derzeitigen Premiers. Für die kommenden Wah-
len sei ein Machtkampf zwischen den Oromo-Parteien und der jetzigen Re-
gierung abzusehen. Daher müsse bei einer Rückführung des wohl in den
NISS-Akten registrierten Beschwerdeführers von einer Gefährdung ausge-
gangen werden. Seine Furcht, bei einer Rückkehr dem Risiko unmensch-
licher Behandlung gemäss Art. 3 EMRK ausgesetzt zu werden, sei daher
begründet.
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6.
6.1 Wie die Vorinstanz ist auch das Bundesverwaltungsgericht – wie nach-
folgend erläutert – der Ansicht, dass sich die Situation in Äthiopien seit der
Einreichung des Asylgesuchs wesentlich verändert hat. Es ist daher nicht
davon auszugehen, dass dem Beschwerdeführer zum heutigen Zeitpunkt
aufgrund der in den Jahren 2011 bis 2015 stattfindenden Ereignisse im
Heimatland sowie der exilpolitischen Tätigkeit in der Schweiz bei einer
Rückkehr nach Äthiopien eine behördliche Verfolgung flüchtlingsrechtlich
relevanten Ausmasses im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würde. Das Vor-
gehen der Vorinstanz, auf eine Glaubhaftigkeitsprüfung zu verzichten, ist
daher vorliegend nicht zu bemängeln. Auch das Bundesverwaltungsgericht
verzichtet im Folgenden aufgrund der im vorliegenden Fall fehlenden Asyl-
relevanz auf eine Prüfung der Glaubhaftigkeit.
Diesbezüglich ist mit aller Deutlichkeit anzumerken, dass mit dieser Vorge-
hensweise entgegen der repetitiv von der Rechtsvertreterin des Beschwer-
deführers vorgebrachten irrigen Auffassung hiermit die Glaubhaftigkeit der
Vorbringen ihres Mandanten nicht stillschweigend bestätigt wird, sondern
diese schlicht und ergreifend bloss offengelassen wird; dies, weil den ent-
sprechenden Vorbringen keine Asylrelevanz zukommt und daher gar nicht
erst von Belang ist, ob diese glaubhaft sind oder nicht.
6.2 Es ist nachdrücklich auf die im als Referenzurteil publizierten Entscheid
des Bundesverwaltungsgerichts D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 aktuali-
sierte – und nach wie vor auch für Angehörige der Ethnie der Oromo gültige
(vgl. an Stelle vieler das Urteil des BVGer D-4535/2019 vom 26. August
2020 E. 6.2) – Analyse der politischen Lage in Äthiopien zu verweisen.
Demzufolge hat sich die dortige Lage mit Amtsantritt von Abiy Ahmed als
erstem Präsidenten des Landes mit Oromo-Volkszugehörigkeit im April
2018 und den damit einhergehenden Reformen deutlich verbessert (vgl.
a.a.O. E. 7.3.). Das Ziel von Abiy Ahmed ist die Stärkung der Demokratie
unter Einbindung aller politischen Kräfte. Er unternimmt Anstrengungen, in
vielen Bereichen Reformen anzustossen oder durchzuführen. Dies betrifft
auch den Umgang mit regierungskritischen Personen, gegen die das Re-
gime bisher mit grosser Härte vorging. Die Regierung rief die Oppositionel-
len im Exil zur Rückkehr und Teilnahme am politischen Prozess auf. Politi-
sche Dissidenten, ehemalige Rebellen, Abspaltungsanführer und Journa-
listen sind seither nach Äthiopien zurückgekehrt. Tausende politische Ge-
fangene wurden seit April 2018 begnadigt und freigelassen. Die OLF und
weitere Vereinigungen, die sich für die Anliegen der Oromo einsetzen, wur-
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den im Sommer 2018 von der Liste der terroristischen Gruppierungen ge-
strichen. Das Gefängnis Makelawi, das für Folter und unmenschliche Be-
handlung der Häftlinge bekannt war, wurde geschlossen (vgl. a.a.O. E. 7).
Dennoch kommt es nach wie vor zu ethnischen Unruhen in verschiedenen
Regionen Äthiopiens, so auch in Oromia, der Herkunftsregion des Be-
schwerdeführers. Dass es dabei zu vereinzelten interethnischen Racheo-
perationen kommen kann ist ebenfalls nicht ausgeschlossen. Auch wird
teilweise von Menschenrechtsverletzungen äthiopischer Sicherheitskräfte
berichtet. Dabei würden vor allem Unterstützer der Oromo Liberation Army
(OLA), dem bewaffneten Arm der OLF, Opfer von Menschenrechtsverlet-
zungen, wie zum Beispiel willkürliche Inhaftierungen (vgl. u.a. Amnesty In-
ternational, Beyond Law Enforcement: Human Rights Violations by Ethio-
pian Security Forces in Amhara and Oromia, 29. Mai 2020, < https:
//www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/2020/sicherheitskraef
te-vertreiben-verhaften-und-toeten-menschen >, abgerufen am 9. Novem-
ber 2020 sowie UK Home Office, Country Policy and Information Note,
Ethiopia: Opposition to the government, Juli 2020, < https://assets.publish
ing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/
file/900975/CPIN_-_Ethiopia_-_Opposition_to_the_government.pdf >,
S. 12 ff., abgerufen am 9. November 2020 [nachfolgend: Opposition]).
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt folglich nicht, dass die Situa-
tion in Äthiopien nach dem Amtsantritt von Abiy Ahmed – in anderem
Masse und Kontext – weiterhin von gewissen ethnischen Spannungen und
entsprechenden Unruhen geprägt ist. Dies ist jedoch ein Ausfluss des an-
geschobenen Demokratisierungsprozesses (vgl. hierzu statt vieler: Urteile
D-1759/2018 des BVGer vom 7. August 2020, E. 5.1. sowie E-1865/2020
vom 24. Juli 2020, E.5.2.).
An dieser Einschätzung vermögen auch die vom Beschwerdeführer mit sei-
ner Beschwerdeeingabe vom 12. Februar 2020 und der ergänzenden Ein-
gabe vom 23. April 2020 zahlreich eingereichten respektive zitierten Be-
richte zur Lage in Äthiopien und der von ihm zu den Akten gereichten, sel-
ber zusammengestellten «Quellenlage» und Lageanalyse nichts zu än-
dern. Diese wurden seitens des Gerichts geprüft und einer Gesamtwürdi-
gung unterzogen. Diesen (Nachrichtenportal- resp. Zeitungs-) Berichten
lässt sich zum einen keine systematische Verfolgung der Oromo durch die
Regierung entnehmen. Insbesondere weist auch der vom Beschwerdefüh-
rer hervorgehobene Bericht des UK Home Office zur Situation der Oromo
auf grundsätzliche Verbesserungen unter Abiy Ahmed hin und erwähnt
überdies die Notwendigkeit einer Einzelfallprüfung im Asylverfahren (vgl.
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vom Beschwerdeführer eingereichte Zusammenfassung eines Berichts
des UK Home Office vom Oktober 2019 zur Situation der Oromo [UK Home
Office, Country Policy and Information Note, Ethiopia: Oromos, November
2019, S. 8, < https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uplo
ads/system/uploads/attachment_data/file/847556/Ethiopia_-_Oromos_-
_CPIN_-_v3.0e_October_2019_.pdf >, abgerufen am 9. November
2020]; mit Verweis auf UK Home Office, Opposition, S. 12 ff.). Zum anderen
ergeben sich aus den eingereichten Berichten auch keinerlei Hinweise für
eine konkrete individuelle Verfolgung des Beschwerdeführers selbst. Dass
dem Beschwerdeführer im heutigen Zeitpunkt bei der Rückkehr nach Äthi-
opien eine asylrelevante Verfolgung drohen könnte, ist selbst bei Wahrun-
terstellung seiner Vorbringen – deren Glaubhaftigkeit vorliegend offenge-
lassen wird – auch unter Berücksichtigung der aktuellen Lage in Äthiopien
– nicht anzunehmen. Hieran vermag auch der vom (...) 2015 datierte und
an seine Schwestern adressierte angebliche Räumungsbefehl der Stadt-
verwaltung in C._ nichts zu ändern. Dieser ist nicht geeignet, ein im
heutigen Zeitpunkt aktuelles asylrelevantes Verfolgungsinteresse der äthi-
opischen Behörden an seiner Person zu begründen.
Schliesslich besteht aktuell auch kein Grund zur Annahme, dass zurückge-
kehrte Kritiker der (vormaligen) Regierung systematisch verfolgt und inhaf-
tiert werden. Dasselbe gilt für (frühere) Sympathisanten / Mitglieder der
OLF (vgl. Urteil E-7004/2017 des BVGer vom 25. August 2020, E. 6.2.).
6.4 Die exilpolitische Tätigkeit des Beschwerdeführers führt (im Sinne von
subjektiven Nachfluchtgründen nach Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2009/28
E. 7.1) vor diesem Hintergrund zu keiner anderen Einschätzung. Der Be-
schwerdeführer hat an exilpolitischen Anlässen in der Schweiz sowie an
Demonstrationen teilgenommen (vgl. vorinstanzliche Akten A20, F75 f.),
wobei er auch einmal eine OLF-Fahne in der Hand gehalten und Oppositi-
onsführer getroffen habe. Aus den eingereichten Fotos und den diesbezüg-
lichen Erläuterungen geht indes nicht hervor, inwiefern er sich anlässlich
der von ihm erwähnten Demonstrationen und Veranstaltungen in exponier-
ter Weise exilpolitisch betätigt haben soll (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1;
2009/28 E. 7.1). Mithin ist von einem niederschwelligen exilpolitischen Pro-
fil auszugehen. Es erscheint mit Blick auf die aktuelle politische Lage nach
der Wahl von Abiy Ahmed, selbst Oromo, nicht wahrscheinlich, dass sei-
tens der äthiopischen Behörden ein besonderes Interesse an der Person
des Beschwerdeführers besteht und ihm als Oromo bei einer Rückkehr
eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würde (vgl. Referenzur-
teil des BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 8).
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Auch die hierzu eingereichten Berichte (wie insbesondere die mit der Be-
schwerde eingereichte Schnellrecherche der SFH) führen zu keiner ande-
ren Einschätzung. Der erwähnte SFH-Bericht datiert vom 26. September
2018 und die darin im relevanten Themenabschnitt (vgl. a.a.O. S. 7-11)
zitierten Quellen beziehen sich im Wesentlichen auf Ereignisse, welche vor
dem Machtantritt von Abiy Ahmed stattgefunden haben. Eine Gefährdung
für exilpolitisch tätige Personen wird in dem heute somit ohnehin nicht mehr
einschlägig aktuellen Bericht lediglich für Mitglieder einer als terroristisch
eingestuften Gruppierung angenommen. Der Beschwerdeführer hat jedoch
zu keinem Zeitpunkt geltend gemacht, Mitglied der OLF oder einer anderen
Organisation (geworden) zu sein. Ohnehin wurden wie vorgängig erwähnt
(vgl. E. 6.2 f.) die OLF sowie andere Oppositionsgruppierungen zwischen-
zeitlich von der Terrorliste gestrichen. Alleine die blosse Möglichkeit, dass
die nunmehr legalen Gruppierungen im Ausland weiterhin überwacht wer-
den könnten, vermag nicht zur Annahme subjektiver Nachfluchtgründe zu
führen; dies, zumal angesichts des niederschwelligen Profils des Be-
schwerdeführers auch ohnehin zu bezweifeln ist, dass er unter der Be-
obachtung des NISS stehen könnte respektive jemals stand.
6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine konkreten Anhalts-
punkte für eine im heutigen Zeitpunkt objektiv begründete Furcht des Be-
schwerdeführers vor einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG durch die
äthiopischen Behörden vorliegen. Das SEM hat demzufolge seine Flücht-
lingseigenschaft zu Recht verneint und folgerichtig sein Asylgesuch abge-
lehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
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Seite 12
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz befand den Vollzug der Wegweisung für zulässig, zu-
mutbar und möglich.
Der Vollzug der Wegweisung nach Äthiopien in alle Regionen sei nach kon-
stanter Praxis grundsätzlich zumutbar. Auch wenn momentan von einer an-
gespannten Lage in verschiedenen Teilen des Landes, insbesondere ent-
lang gewisser regionaler und nationaler Grenzen, auszugehen sei, herr-
sche in Äthiopien weder Krieg noch Bürgerkrieg noch eine Situation allge-
meiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG. Die Sicherheitslage in Äthi-
opien spreche grundsätzlich nicht gegen die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs. Aus den Akten ergäben sich auch keine individuellen
Gründe, welche den Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers nach
Äthiopien als unzumutbar erscheinen liessen. Er sei jung und gesund und
habe vor seiner Ausreise als (...) gearbeitet. Diese oder eine andere Tätig-
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keit könne er nach der Rückkehr wieder aufnehmen. Er habe drei Schwes-
tern, verfüge auch über sonstige Verwandte und dürfte gestützt auf sein
Alter bei der Ausreise auch Bekannte und Freunde haben. Es könne des-
halb davon ausgegangen werden, dass er bei der Rückkehr nicht auf sich
alleine gestellt sein und nicht in eine existenzbedrohliche Situation geraten
werde.
8.4 Der Beschwerdeführer hielt den Argumenten der Vorinstanz entgegen,
dass er behauptungsweise in Äthiopien weder über ein soziales Bezie-
hungsnetz noch über finanzielle Mittel respektive Berufsaussichten ver-
füge. Bereits im Zeitpunkt seiner Ausreise hätten er und seine drei Schwes-
tern in Armut gelebt, nachdem (...) ihr Land enteignet worden sei und ihnen
2015 von der Stadtverwaltung auch noch ihr Haus in C._ wegge-
nommen worden sei. Bereits in der Anhörung habe er vorgebracht, dass er
in der Heimat über keine nahen Verwandten mehr verfüge, zumal seine
Schwestern vertrieben worden seien und er über ihren Verbleib nichts ge-
wusst habe. Mittlerweile sei es ihm jedoch gelungen, den Kontakt zumin-
dest zu den beiden älteren Schwestern wieder herzustellen. Diese hielten
sich seit (...) 2019 in Saudi-Arabien auf, wo sie als Hausangestellte arbei-
teten. Dies würden die eingereichten Fotos beweisen. Von der jüngsten
Schwester fehle nach wie vor jede Spur. Die Sterbeurkunden der Eltern
sowie das Schreiben der Stadtverwaltung habe er über einen in Addis Ab-
eba lebenden Cousin ausfindig machen können; ein ehemaliger Schul-
freund habe ihm die Originaldokumente sodann in die Schweiz geschickt.
Daneben habe er noch einige Angehörige seiner Eltern, welche in einfa-
chen Verhältnissen auf dem Land lebten. Auch unter seinen Cousins und
Cousinen, welche zum Teil ebenfalls vertrieben worden seien, gebe es nie-
manden, welcher ihn bei der Reintegration unterstützen könnte. Zu seinen
Freunden habe er den Kontakt verloren. Er verfüge weder über eine abge-
schlossene Ausbildung noch einen festen Beruf. Mit hoher Wahrscheinlich-
keit würde er bei einer Rückkehr nach Äthiopien in eine existenzbedro-
hende Notlage geraten. Sodann gestalte sich seine Integration in der
Schweiz als erfolgreich. Ein Vollzug der Wegweisung wäre aus seiner Sicht
daher unverhältnismässig.
Im (...) 2020 werde er voraussichtlich seine Ausbildung zum (...) abschlies-
sen. Wenn man zumindest eine vorläufige Aufnahme verfügen würde,
könne er die Ausbildung abschliessen und sich bei Beruhigung der Situa-
tion in Äthiopien mit diesen Qualifikationen sowie der Rückkehrhilfe viel-
leicht dereinst eine tragfähige Existenz aufbauen (vgl. Beschwerdeergän-
zung vom 23. April 2020, S. 5).
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8.5 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im
Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht
als unzulässig erscheinen (vgl. zur Verbesserung der generellen Situation
in Äthiopien seit Amtsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed im April
2018 Ausführungen unter E. 6 m.w.H.). Nach dem Gesagten ist der Vollzug
der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
8.6 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.6.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai
2019 E. 12.2 und BVGE 2011/25 E. 8.3). Die Situation im Land ist seit dem
Amtsantritt von Premierminister Abiy Ahmed stabiler. Insbesondere in den
ländlichen Gebieten gibt es aber nach wie vor ungelöste ethnische Kon-
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flikte, welche teilweise zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Ver-
treibungen führen (vgl. Urteil des BVGer D-7203/2017 vom 1. März 2019
E. 7.4.2 m.w.H.). Entgegen der vom Beschwerdeführer geäusserten Auf-
fassung und der hierzu eingereichten Quellen kann nach Ansicht des Bun-
desverwaltungsgerichts aber nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt
gesprochen werden, aufgrund derer auf eine konkrete Gefährdung im
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen werden müsste (vgl. auch Aus-
führungen unter E. 6 m.w.H.). Dem Beschwerdeführer kann ausserdem zu-
gemutet werden, sich in einer von ethnischen Auseinandersetzungen we-
niger stark betroffenen Region, insbesondere etwa in der Hauptstadt Addis
Abeba, niederzulassen. Die Sicherheitslage in seinem Heimatstaat spricht
somit nicht gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. dazu
ausführlich Urteil des BVGer D-7203/2017, a.a.O.). Auch unter Berücksich-
tigung der neueren Entwicklungen lässt sich diese Praxis bestätigen (vgl.
etwa Urteile des BVGer D-7176/2018 vom 3. Juli 2020 E. 9.3; E-4708/2019
vom 12. Juni 2020 E. 9.4.1; E-6707/2018 vom 8. Juni 2020 E. 12.3). So-
dann vermögen auch die Entwicklungen der letzten Wochen mit Blick auf
einen drohenden Konflikt zwischen der äthiopischen Regierung und der
TPLF (Tigray People’s Liberation Front, Volksbefreiungsfront von Tigray)
im Norden des Landes daran vorerst nichts zu ändern.
Weiter ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer gleichwohl aus persönlichen
Gründen konkret gefährdet sein könnte.
8.6.2 Die Lebensbedingungen in Äthiopien sind nach wie vor prekär, wes-
halb gemäss konstanter Praxis zur Existenzsicherung genügend finanzielle
Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz erforder-
lich sind, um individuell die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bestä-
tigen zu können (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6630/2018 E. 12.4, in
Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.4).
In Übereinstimmung mit der Vorinstanz lassen die individuellen Umstände
vorliegend nicht auf eine konkrete Gefährdung des jungen, gesunden und
augenscheinlich arbeitsfähigen Beschwerdeführers bei seiner Rückkehr
schliessen. In Bezug auf das Beziehungsnetz macht der Beschwerdeführer
geltend, dass zwischenzeitlich keine nahen Verwandten mehr in Äthiopien
leben würden. So seien unter anderem zwei seiner Schwestern ausgereist
und würden heute in Saudi-Arabien als Hausangestellte arbeiten. Hierzu
ist festzuhalten, dass der Beweiswert der eingereichten Fotos, die angeb-
liche seine Schwestern in Saudi-Arabien zeigen sollen, äusserst gering ist,
zumal nicht einmal ersichtlich ist, ob es sich bei den abgebildeten Personen
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-6630/2018 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/25
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überhaupt um seine Schwestern handelt beziehungsweise unter welchen
Umständen diese Aufnahmen entstanden sind. Ob seine Schwestern so-
mit, wie von ihm behauptet, effektiv aus Äthiopien ausgereist sind und
heute in Saudi-Arabien leben, ist aufgrund der bestehenden Aktenlage in
dieser Form nicht ausgewiesen. Diese Frage kann jedoch im Resultat of-
fengelassen werden, zumal der Beschwerdeführer selbst ohne seine
Schwestern in Äthiopien über ein für die Bejahung der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs ausreichendes Beziehungsnetz verfügt. Der Be-
schwerdeführer bringt hierzu selber vor, dass er aktive Kontakte zu seinem
in der Hauptstadt lebenden Cousin wie zusätzlich auch zu einem alten
Schulfreund hat. Diese waren ihm denn auch bei der Beschaffung der Ster-
beurkunden seiner Eltern sowie des Schreibens der Stadtverwaltung be-
hilflich und haben ihm diese Unterlagen in die Schweiz zugeschickt (vgl.
hierzu: Beschwerdeeingabe S. 8 f.). Es ist daher davon auszugehen, dass
diese ihm auch nach seiner Rückkehr in sein Heimatland helfend zur Seite
stehen und ihn bei einer sozialen und wirtschaftlichen Reintegration unter-
stützen werden. Zusätzlich verfügt der Beschwerdeführer seinen eigenen
Angaben zufolge auch noch über weitere Verwandte (Angehörige des Va-
ters und der Mutter) in Äthiopien (vgl. Beschwerdeeingabe, a.a.O.). Auch
mit diesen Verwandten wird er im Bedarfsfall Kontakt aufnehmen können.
Ferner leben weitere Cousins und Cousinen des Beschwerdeführers in
Äthiopien; wobei diese, den Angaben des Beschwerdeführers zufolge, teil-
weise anlässlich früherer Unruhen im Land vertrieben worden seien (vgl.
Beschwerdeeingabe, a.a.O.). Weiter ist mit der Vorinstanz davon auszuge-
hen, dass der erst im Erwachsenenalter ausgereiste Beschwerdeführer
nach seiner Rückkehr auch Teile seines vormaligen Freundes- und Be-
kanntenkreises wieder wird reaktivieren können. Die mittlerweile rund fünf-
jährige Landesabwesenheit des Beschwerdeführers steht einer solchen
Annahme nicht grundlegend entgegen; dies, zumal der Beschwerdeführer
bereits heute in aktivem Kontakt mit einem alten Schulfreund steht (vgl.
oben). Im Weiteren ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
mittlerweile auch seine Ausbildung zum (...) abgeschlossen hat. Während
der Dauer seines Aufenthalts in der Schweiz konnte er hierdurch mehrere
Jahre lang wertvolle praktische Arbeitserfahrungen sammeln und schuli-
sche Fortschritte erzielen. Die erworbenen Kenntnisse wird er sich – wie er
selber in seiner Beschwerdeergänzung eingeräumt hat – bei der Arbeits-
suche in Äthiopien zu Nutze machen können. Ferner geht aus der bisheri-
gen Arbeitstätigkeit und seinen Bemühungen zur Erlangung eines Lehrab-
schlusses illustrativ hervor, dass der Beschwerdeführer ohne weiteres in
der Lage ist, sich angemessen auf neue Situationen einzustellen und sich
auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu behaupten weiss. Zusätzlich ist darauf
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hinzuweisen, dass sich der Beschwerdeführer auch schon während seiner
Zeit in Äthiopien mit dem (...) beziehungsweise als (...) beschäftigt hat. Vor
dem aufgezeigten Hintergrund ist somit nicht davon auszugehen, dass er
in eine existenzielle Notlage geraten wird. Es steht dem Beschwerdeführer
ferner auch offen, im Bedarfsfall um Rückkehrhilfe zu ersuchen.
Letztlich ist darauf hinzuweisen, dass auch die aktuelle Corona-Pandemie
dem Wegweisungsvollzug nicht entgegensteht. Die Anordnung einer vor-
läufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein Vollzugshindernis nicht bloss vo-
rübergehender Natur ist, sondern eine gewisse Dauer bestehen bleibt. Ist
dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei den Vollzugsmo-
dalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der
[ehemaligen] Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss
temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugs-
modalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst
wird (vgl. statt vieler: Urteil D-3831/2020 des BVGer vom 23. Oktober 2020,
E. 9.4.).
8.6.3 Die geltend gemachten und mit Dokumenten untermauerten Integra-
tionsbemühungen des Beschwerdeführers in der Schweiz sind zwar erfreu-
lich. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass eine weit fortgeschrittene In-
tegration nach Gesetz und Praxis lediglich in Ausnahmefällen indirekt bei
der Beurteilung der Zumutbarkeit des Vollzugs eine Rolle spielen kann,
nämlich wenn die betreffende Person in der Schweiz derart verwurzelt ist,
dass bei Durchführung des Vollzugs (reziprok) eine Entwurzelung im Hei-
matstaat zu erwarten wäre (vgl. zu dieser in erster Linie für Kinder und
Jugendliche entwickelten Praxis insbes. BVGE 2009/28 E. 9.3 ff. und
2009/51 E. 5.6 m.w.H.). Eine derartige Situation des erst im Erwachsenen-
alter aus seinem Heimatland ausgereisten und sich auch erst seit ein paar
Jahren in der Schweiz aufhaltenden Beschwerdeführers liegt indes im vor-
liegenden Fall augenscheinlich nicht vor.
8.6.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.7 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
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2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.8 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
9.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass sich die Begehren als aussichtslos erweisen
und es daher ungeachtet einer Mittellosigkeit des Beschwerdeführers an
einer gesetzlichen Voraussetzung zu deren Gewährung fehlt.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Mit dem vorliegend instruktionslos ergehenden,
verfahrensabschliessenden Urteil in der Sache ist das Gesuch um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses hinfällig.
(Dispositiv nächste Seite)
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