Decision ID: e16b9c0b-3346-4a4c-af95-99f307e06fc6
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Mit Verfügungen vom 17. Dezember, 21. Dezember und 23. Dezember 2020 setzte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, die Beiträge des 1957 geborenen
X._
und der 1972 geborenen
Y._
als
Arbeitnehmende
ohne beitragspflichtigen Arbeitgeber (ANOBAG) für die Jahre 2015 bis 2018 sowie die entsprechenden Verzugszinsen fest (Ur
k. 7/27-28, Urk.
7/30-31, Urk.
7/34-35, Urk. 7/37-38, Urk. 10/6-11 u
nd Urk. 10/14). Die gegen diese Verfügungen
erhobene Einsprache vom 18. Januar
2021 (Urk. 7/55, ergänzt am 21.
Mai 2021, Urk. 7/67) wies die Ausgl
eichskasse mit Entscheid vom 6.
Oktober 202
1 ab (Urk.
2).
2.
Dagegen erhoben die Versicherten am 8. November 2021 Beschwerde (Urk. 1) und beantragten, der angefochtene
Einspracheentscheid
sei aufzuheben und es sei festzustellen, dass sie für die Jahre 2015 bis und mit 2019 nicht AHV-beitragspflichtig seien. Am 9. Dezember 2021 beantragte die Ausgleichskasse, die Beschwerde sei abzuweisen (Urk. 6), was den Beschwerdeführenden mit Verfü
gung vom 10. Dezember 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
N
ach dem Bundesgesetz über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(AHVG)
obligatorisch versichert sind unter anderem
die natürlichen Personen mit Wohn
sitz in der Schweiz
sowie
die natürlichen Personen, die in der Schweiz eine Erwerbstätigkeit ausüben. Die Versicherten sind beitragspflichtig, solange sie eine Erwerbstätigkeit ausüben
(Art. 1a Abs. 1
lit
. a
und
lit
. b
und Art. 3 Abs. 1
Satz 1
AHVG). Die Beiträge der erwerbstätigen Versicherten werden in Prozenten des Einkommens aus unselbständiger und selbständiger Erwerbstätigkeit festgesetzt (Art. 4 Abs. 1 AHVG). Laut Art. 6 Abs. 1 der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(AHVV) gehört zum Erwerbseinkommen, soweit nicht ausdrücklich Ausnahmen vorgesehen sind, das im In- und Ausland erzielte Bar- oder Naturaleinkommen aus einer Tätigkeit
einschliesslich
der Nebenbezüge.
1.2
Gemäss Art. 6 des per 1. August 2014 aufgehobenen
Abkommen
s
vom
18. Juli 1979 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und den Vereinigten Staaten von Amerika über Soziale Sicherheit (mit Schlussprotokoll)
ist ein Staats
angehöriger eines Vertragsstaates, der im Gebiet eines oder beider Vertrags
staaten eine unselbständige Erwerbstätigkeit ausübt, den Rechtsvor
schriften über die Versicherungspflicht des Staates unterstellt, in dessen Gebiet er beschäftigt ist.
Gemäss Art. 7
Abs. 1
des Abkommens
vom 3. Dezember 2012
zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und den Vereinigten Staaten von Amerika über soziale Sicherheit
(SR
0.831.109.336.1
; Inkrafttreten 1. August 2014)
ist eine Person, die im Gebiet eines oder beider Vertragsstaaten eine unselbstständige Erwerbstätigkeit ausübt, ungeachtet
ihrer
Staatsangehörigkeit für diese Tätigkeit den Rechtsvorschriften über die Versicherungspflicht des Staates unterstellt, in dessen Gebiet sie beschäftigt ist
.
Mit der Wendung «in dessen Gebiet er beschäftigt ist» erklärt das Abkommen den Erwerbsort als Anknüpfungspunkt für die Versicherteneigenschaft. Was unter Erwerbsort zu verstehen ist, lässt sich dem Staatsvertrag nicht entnehmen. Es liegt eine Lücke im zwischenstaatlichen Vertragsrecht vor, zu deren Ausfüllung schweizerisches Landesrecht ergänzend herangezogen werden darf (vgl. BGE 117 V 268 E. 3b).
Falls i
n eine
m Sozialversicherungsabkommen das Erwerbsortprinzip gewählt wird, ist für die Annahme einer Erwerbstätigkeit
in der Schweiz bzw.
in einem Land nicht erforderlich, dass die natürliche Person, welcher der wirtschaftliche Ertrag dieser Tätigkeit
zufliesst
,
sich im entsprechenden Land aufhält. Es genügt, dass sich die
massgebende
Erwerbstätigkeit
in der Schweiz bzw.
im entsprechen
den Land vollzieht, das
heisst
es ist entscheidend, wo sich der Mittelpunkt des wirtschaftlichen Sachverhaltes befindet, der dieser Tätigkeit erwerblichen Cha
rakter verleiht. Die Leitung eines Unternehmens gilt - unabhängig davon, in welchem Land sie erfolgt - als im Land de
s Gesellschaftsdomizils
ausgeübt
. In welcher Rechtsform dies geschieht, ist grundsätzlich unerheblich
(
vgl.
BGE 119
V 65 E. 3b).
Entsprechend sah Randziffer (
Rz
) 3082 der Wegleitung über die Versicherungs
pflicht in der AHV/IV (WVP) in der bis 31. Dezember 2020 in Kraft gestandenen Fassung auch vor, dass die Leitung eines Unternehmens mit Sitz in der Schweiz grundsätzlich unabhängig davon, ob sie in der Schweiz oder
massgeblich
vom Ausland aus erfolgt, als in der Schweiz ausgeübte Erwerbstätigkeit gilt. Mit der per 1. Januar 2021 erfolgten Änderung der WVP
wird an diesem Verständnis
nur
mehr
im Verhältnis zu Nichtvertragsstaaten festgehalten (vgl.
Rz
3084 WVP). Im Verhältnis zu Vertragsstaaten ist eine leitende Person, vorausgesetzt, dass auf sie das Erwerbsortsprinzip anwendbar ist, nur für denjenigen Anteil ihres Erwerbseinkommens in der Schweiz unterstellt, der auch in der Schweiz ausgeübt wird (
Rz
3088.2 WVP).
1.3
Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu überprüfen beziehungsweise zu beurteilen, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfü
gung beziehungsweise eines
Einspracheentscheids
– Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung beziehungsweise der
Einspracheentscheid
den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfügung beziehungsweise kein
Einspracheentscheid
ergangen ist (BGE 144 I 11 E. 4.3, 131 V 164 E. 2.1, 125 V 413 E. 1a).
2.
Die
Beschwerdegegnerin
hat für das Jahr 2019 keine Beitragsverfügungen erlas
sen. Soweit die Beschwerdeführenden um einen Entscheid
hinsichtlich
ihrer Beitragspflicht für das Jahr 2019 ersuchten, fehlt es insoweit an einem Anfech
tungsgegenstand und es ist diesbezüglich auf die Beschwerde nicht einzutreten.
3
.
3
.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren
Einspracheentscheid
(Urk. 2) damit, dass die Tätigkeit für eine Gesellschaft mit Sitz in den USA zu prüfen sei. Gemäss dem Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und den Ver
einigten Staaten von Amerika über soziale Sicherheit sei für die Unterstellung der Erwerbsort massgebend. Ob eine Erwerbstätigkeit in der Schweiz ausgeübt werde, sei aufgrund der Vorschriften des AHV-Rechts zu bestimmen. Die Beschwerde
führe
nden
hätten ihren Wohnsitz im Jahre 2011 in die Schweiz in den Kanton Zürich verlegt, seit August 2019 sei der Wohnsitz in
Z._
. Dabei seien sie für die eigene Gesellschaft in den USA tätig gewesen und hätten diese von der Schweiz aus geleitet. Die wesentliche Tätigkeit hätten sie daher in der Schweiz ausgeübt, weshalb auch der Erwerbsort in der Schweiz liege. Sowohl Erwerbsort als auch Wohnsitz der Beschwerdeführenden liege in der Schweiz, womit der Anknüpfungspunkt k
lar in der Schweiz gegeben sei (S. 2).
3
.2
Die Beschwerdeführenden stellten sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1), der Beschwerdeführer 1 sei bereits mit knapp 24 Jahren in die USA aus
gewandert und habe bis 2011 praktisch ausschliesslich dort gelebt. Im Jahr 2000 habe er die Beschwerdeführerin 2 geheiratet, welche bis 2011 noch nie in der Schweiz wohnhaft und AHV-beitragspflichtig gewesen sei. Sie hätten im Jahre 2004 eine eigene Unternehmung (
A._
, Inc. mit Sitz in
B._
) gegründet, bei
der beide Gesellschafter
als Geschäftsführer angestellt seien. Der Beschwerdeführer 1 sei seit 1982 den US-Sozialversicherungen unterstellt, die Beiträge für die Tätigkeit bei der
A._
,
Inc.
würden bis heute über die Gesellschaft in den USA abgerechnet. Im Jahre 2011 hätten die Beschwerdeführenden ihren Wohnsitz in die Schweiz in den Kanton Zürich und im August 2019 in den Kanton Graubünden verlegt. Die Beschwerdeführerin 2 habe ihren Wohnsitz im Oktober 2020 wieder in die USA verlegt. Eine Anmeldung der Beschwerdeführenden bei der AHV sei nicht erfolgt, weil ihr einziges Ein
kommen nach wie vor aus der Tätigkeit für die eigene Gesellschaft in den USA generiert werde und die Sozialversicherungsbeiträge in den USA abgeführt würden (S. 2-4). Das Abkommen mit den
Vereinigten Staaten von Amerika
über soziale Sicherheit setze das Erwerbsortprinzip um. Die Frage, wo sich der Erwerbsort befinde, sei nach schweizerischem Recht zu beurteilen. Vor Beginn der Pandemie seien die Beschwerdeführenden für die Abwicklung, den Versand von bestellten Waren und Weiteres abwechslungsweise regelmässig in die USA gereist. Die eigentliche Geschäftsführung könne ortsunabhängig erfolgen. Im Verlauf habe der Beschwerdeführer 1 all diejenigen Tätigkeiten erledigt, die unabhängig vom Standort erbracht werden könnten - via E-Mail und Telefon oder Videokonferenzen würden sich solche Arbeiten von jedem Ort mit Internet
zugang ausführen lassen
- für die Arbeiten vor Ort sei
nur noch die Beschwerde
führerin
2 in die USA gereist, wo sie mittlerweile wieder lebe (S. 4). Die Erwerbs
tätigkeit eines Geschäftsführers erfolge im Gebiet desjenigen Vertragsstaates, wo sich der Mittelpunkt des wirtschaftlichen Geschehens befinde, woraus folge, dass der Erwerbsort eines in der Schweiz wohnhaften Gesellschafters und Geschäfts
führers einer Gesellschaft mit wirtschaftlichem Zweck und mit Sitz in den USA, dem die wirtschaftlichen Erträge dieser Tätigkeit
zuflössen
, in
den USA
liege
. In Anwendung dieser Rechtsprechung liege der Erwerbsort der Beschwerdefüh
renden in den USA. Das daraus fliessende Einkommen sei in den USA versiche
rungspflichtig und werde folgerichtig auch seit jeher im amerikanischen Sozial
versicherungssystem abgerechnet (S. 5-6).
4
.
4
.1
Vorab ist festzuhalten, dass den Akten betreffend die
Beschwerdeführerin
2 lediglich eine Steuermeldung für das Jahr 2016 zu entnehmen ist (vgl. Urk. 7/22-26, Urk. 10/12). Gestützt auf welche Grundlagen ihre Beiträge für die Jahre 2015 sowie 2017 bis 2018 erhoben wurden, ist nicht ersichtlich. Mit Blick auf den Verfahrensausgang kann dies aber letztlich
offen bleiben
.
Zwischen den Parteien ist unbestritten, dass die Beschwerdeführenden Eigen
tümer und Geschäftsführer der in
B._
, USA, domizilierten
A._
, Inc. sind und dass sie das in den Jahren 2015 bis 2018
generierte
Einkom
men
einzig mit ihrer
diesbezüglichen
Geschäftsführertätigkeit
erzielt
und im amerikanischen Sozialversicherungssystem abgerechnet
haben. Die Unterneh
mung
bezweckt nach Angaben der Beschwerdeführenden die Herstellung und den Handel mit Schreib- und Lederwaren
(Urk. 1 S. 3)
.
4
.
2
Wie bereits dargelegt (E. 1.2 hiervor), wurde im
Abkommen
zwischen der
Schweiz und den
Vereinigten Staaten von Amerika
über soziale Sicherheit
das Erwerbsort
prinzip gewählt.
F
ür
die Annahme einer Erwerbstätigkeit in
den USA ist damit nicht
erforderlich, dass sich die Person, welcher der wirtschaftliche Ertrag dieser Tätigkeit
zufliesst
,
auch in den USA
aufhält. Die Leitung eines Unternehmens gilt
gemäss
b
undesgerichtlicher
Rechtsprechung
unabhängig davon, in welchem Land sie erfolgt
,
als
am Sitz
der Unternehmung ausgeübt.
Nachdem die Beschwer
deführenden ihr Einkommen aus der Leitung eines Unternehmens mit Sitz in den USA
generieren
, gilt ihre Erwerbstätigkeit ebenfalls als in den USA ausgeübt
und ihr Einkommen
in den vorliegend umstrittenen Jahren 2015 bis 2018
als in den USA erzielt.
Ob sie
ihren Wohnsitz
in der Schweiz oder in den USA haben, ist
mit Blick auf die
bundesgerichtliche Rechtsprechung
ebenso
unerheblich
wie
die Frage, ob sie die w
esentlichen Tätigkeiten als Geschäftsführer von der Schweiz
aus oder in den USA erbrachten, zumal
ohne Weiteres davon auszugehen
ist
, dass sich der Mittelpunkt des wirtschaftlichen Sachverhaltes der
A._
, Inc.
in den USA befindet.
Umstände, aufgrund welcher eine Änderung d
ies
er bundesgerichtlichen Praxis diskutiert werden
müsste
, liegen
bei vorliegender Sachlage
und grundsätzlich in den U
SA geleisteten
Sozialabgaben
(Urk. 7/9)
keine vor
(vgl. Urteil des Bundesgerichts H 368/00 vom 29. November 2001 E. 3b/
bb
)
.
Entsprechend BGE 119 V
65 und
analog
der
in den Jahren 2015 bis
2018 gültigen
Rz
3082 WPV
ist eine Beitragspflicht in der Schweiz
für die Jahre 2015 bis 2018
zu verneinen.
4.
3
Dies führt
zur
Gutheissung
der Beschwerde
mit der Feststellung, dass die Beschwerdeführenden für das in den Jahren 2015 bis 2018 als
Arbeitnehm
ende
ohne beitragspflichtigen Arbeitgeber
in den USA
erzielte
Einkommen
in der Schweiz nicht sozialversicherungsbeitragspflichtig
sind
.
5
.
Den Beschwerdeführenden steht eine Prozessentschädigung zu, welche vom Ge
richt ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Bar
auslagen festge
setzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozial
versicherungs
gericht,
GSVGer
). Entsprechend ist ihnen eine Prozessentschädigung von Fr. 1‘400.-- (inkl
. Barauslagen und
MWSt
) auszurichten.