Decision ID: 7ff867d4-7da8-4fe7-b48a-51147db5b478
Year: 2007
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle (früher: IV-Kommis
sion des Kantons Zürich) gewährte dem 1966 geborenen
X._
folgende medizinische Massnahmen und Hilfsmittel: mit Verfügung vom 9. April 1987 (Urk. 7/4/2) die Kosten der Keratoplastik am rechten Auge inkl. Nachbehandlung sowie optischer Hilfsmittel nach ärztlicher Anordnung in ein
facher und zweckmässiger Ausführung und mit Verfügung vom 18. Februar 1989 (Urk. 7/4/3) die Kosten der Keratoplastik am linken Auge inkl. Nachbe
handlung sowie optischer Hilfsmittel nach ärztlicher Anordnung in einfacher und zweckmässiger Ausführung.
Am 2. Dezember 2005 teilte
X._
der IV-Stelle mit, sein Sehverhalten auf dem linken Auge habe sich 15 Jahre nach der Operation massiv ver
schlechtert. In Absprache mit den behandelnden Ärzten sei man zum Schluss gekommen, die Korrektur mit einer Kontaktlinse zu versuchen und nicht jetzt schon mit einer Operation. Zu einem späteren Zeitpunkt werde aber eine erneute Keratoplastik zur Behebung der Sehschwäche unumgänglich sein. Er ersuche deshalb um Übernahme sämtlicher anfallender Kosten (Urk. 7/4/1). Die IV-Stelle holte den Arztbericht der Augenklinik des
Y._
vom 18. August 2006 (Urk. 7/7) sowie den
Bericht von Dr. med. Z._
, Augenärztin FMH,
A._
, vom 1. September 2006 (Urk. 7/6/3-4) ein. Mit Vorbescheid vom 19. September 2006 teilte sie dem Versicherten mit, sein Leistungsbegehren müsse abgewiesen werden, da er gemäss den eingeholten Unterlagen nach der Operation bis anhin keine Kontaktlinsen habe tragen müssen (Urk. 7/8).
X._
erhob gegen diesen Vorbescheid am 21. September 2006 diverse Einwände (Urk. 7/11). Die IV-Stelle hielt indessen an ihrem Entscheid fest und wies das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 25. Oktober 2006 ab (Urk. 2).
2.
Gegen diese Verfügung erhob
X._
am 9. November 2006 Beschwerde mit dem Antrag, es seien sämtliche Kosten im Zusammenhang mit seinem linken Auge, wie diverse Untersuchungen, Linsen und Linsenmaterial usw., vollumfänglich durch die Invalidenversicherung zu übernehmen (Urk. 1). Die IV-Stelle ersuchte mit Beschwerdeantwort vom 12. Januar 2007 um Abweisung der Beschwerde (Urk. 6). Am 30. Januar 2007 wurde der Schriftenwechsel geschlossen (Urk. 8).
3.
Mit Schreiben vom 9. November 2007 (Urk. 9) reichte der Versicherte den weite
ren Arztbericht von Dr.
Z._
vom 3. November 2007 (Urk. 10) ein.
4.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, in den Erwägungen eingegangen.
Der Einzelrichter

zieht in Erwägung:
1.
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der Beschwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
2.1
Versicherte haben gemäss Art. 12 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invaliden
versicherung (IVG) Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dau
ernd und wesentlich zu verbessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren.
2.2
Behandlung des Leidens an sich ist rechtlich jede medizinische Vorkehr, sei sie auf das Grundleiden oder auf dessen Folgeerscheinungen gerichtet, solange labiles pathologisches Geschehen vorhanden ist. Eine solche Vorkehr bezweckt nicht unmittelbar die Eingliederung. Durch den Ausdruck labiles pathologisches Geschehen wird der juristische Gegensatz zu wenigstens relativ stabilisierten Verhältnissen hervorgehoben. Erst wenn die Phase des labilen pathologischen Geschehens insgesamt abgeschlossen ist, kann sich - bei Versicherten mit voll
endetem 20. Altersjahr - die Frage stellen, ob eine medizinische Vorkehr Ein
gliederungsmassnahme sei. Die Invalidenversicherung übernimmt in der Regel nur unmittelbar auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler Defektzustände oder Funktionsausfälle gerichtete Vorkehren, sofern sie die Wesentlichkeit und Beständigkeit des angestrebten Erfolges im Sinne von Art. 12 Abs. 1 IVG vor
aussehen lassen. Dagegen hat die Invalidenversicherung eine Vorkehr, die der Behandlung des Leidens an sich zuzuzählen ist, auch dann nicht zu überneh
men, wenn ein wesentlicher Eingliederungserfolg vorausgesehen werden kann. Der Eingliederungserfolg, für sich allein betrachtet, ist im Rahmen von Art. 12 IVG kein taugliches Abgrenzungskriterium, zumal praktisch jede ärztliche Vor
kehr, die medizinisch erfolgreich ist, auch im erwerblichen Leben eine entspre
chende
Verbesserung bewirkt (BGE 120 V 279
Erw
. 3a mit Hinweisen; AHI 2003 S. 104
Erw
. 2, 2000 S. 64
Erw
. 1, S. 295
Erw
. 2a und S. 298
Erw
. 1a je mit Hin
weisen).
2.3
Der Versicherte hat im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, deren er für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf. Kosten für Zahnprothesen, Brillen und Schuheinlagen werden nur übernommen, wenn diese Hilfsmittel eine wesentliche Ergänzung medizinischer Eingliederungsmassnahmen bilden (Art. 21 Abs. 1 IVG).
Eine wesentliche Ergänzung medizinischer Massnahmen im Sinne von Art. 21 Abs. 1 2. Satz IVG setzt nach der Praxis einen qualifizierten inneren Zusam
menhang zwischen der medizinischen Massnahme gemäss Art. 12 oder 13 IVG und der Notwendigkeit der Versorgung mit dem entsprechenden Hilfsmittel vor
aus. Das trifft dann zu, wenn im Zusammenhang mit oder bei der Durchführung einer medizinischen Massnahme gemäss Art. 12 oder 13 IVG die Abgabe einer Brille notwendig ist, oder wenn der Erfolg einer medizinischen Massnahme der Invalidenversicherung nur bei Benützung einer Brille gewährleistet ist (in BGE 124 V 7 nicht publizierte
Erw
. 2d des Urteils B. vom 16. März 1998, I 71/97, mit Hinweis auf
Pra
1992 Nr. 45 S. 165
Erw
. 4; Urteil des Eidgenössischen Versi
cherungsgerichtes vom 9. Dezember 2002 in Sachen Z., I 108/02). Regelmässige ärztliche Kontrollen, die bei hochgradig sehschwachen Personen erforderlich sind, fallen nicht unter den Begriff der ärztlichen Behandlung (ZAK 1970 S 492
Erw
. 1 mit Hinweisen). Nach der Rechtsprechung ist es unerheblich, ob es sich dabei um eine von der Invalidenversicherung durchgeführte medizinische Massnahme handelt; entscheidend ist vielmehr, dass die Voraussetzungen der Übernahme der ärztlichen Vorkehr als medizinische Eingliederungsmassnahme der Invalidenversicherung an sich erfüllt wären (BGE 105 V 148
Erw
. 1; ZAK 1988 S. 475
Erw
. 5).
3.
3.1
3.1.1
Gemäss dem Arztbericht von Dr.
Z._
vom 1. September 2006 (Urk. 7/6/3-4) leidet der Beschwerdeführer unter einem
Keratokonus
beidseits, welcher beid
seits eine perforierende Keratoplastik notwendig gemacht habe. Diese Operati
onsindikation werde in der Regel dann gestellt, wenn der irreguläre Astigma
tismus, der als Folge des
Keratokonus
entstehe, auch mit Kontaktlinsen nicht
mehr korrigiert werden könne. Nach der Keratoplastik sei die optische Versor
gung längere Zeit wieder mit einer Brille zufriedenstellend möglich gewesen. Ab Sommer 2005 habe der Beschwerdeführer dann aber am linken Auge eine deut
liche
Visusverminderung
festgestellt. Sie habe in der Folge einen hohen Astig
matismus am linken Auge festgestellt, welcher mit einer Brille nicht mehr korri
giert werden könne. Sie habe den Beschwerdeführer an die Augenklinik des
Y._
überwiesen, wo festgestellt worden sei, dass der hohe Astigmatismus auf eine instabile Transplantationswunde mit Stufenbildung zurückzuführen sei. Als Alternative zu einem operativen Vorgehen sei die Ver
sorgung mit einer Kontaktlinse empfohlen worden, womit der Beschwerdeführer offenbar einverstanden gewesen sei. Primär indiziere mithin das Grundleiden, d.h. der
Keratokonus
, und nicht dessen Operation die Kontaktlinsen.
3.1.2
Im Bericht vom 3. November 2007 (Urk. 10) hielt Dr.
Z._
fest, wegen einem instabilen Astigmatismus müsse die optische Korrektur öfters angepasst werden. Entsprechend erfordere das Grundleiden, nämlich der
Keratokonus
, eine regel
mässige Anpassung der optischen Korrektur.
3.2
Die Ärzte der Augenklinik des
Y._
diagnostizierten in ihrem Bericht vom 18. August 2006 (Urk. 7/7) einen
Keratokonus
beidseits bei Status nach perforierender Keratoplastik beidseits. Der Beschwerdeführer sei wegen einer
Visusverschlechterung
am linken Auge zur Behandlung in die Kli
nik gekommen. Am linken Auge habe eine etwas unstabile Transplantations
wunde bei 6 und 12 Uhr mit Stufe festgestellt werden können, ansonsten sei das Auge regelrecht und
reizfrei
. Es werde die Anpassung mit Kontaktlinsen emp
fohlen. Sollte das Problem damit nicht lösbar sein, sei eine Operation zu disku
tieren. Ob Kontaktlinsen bereits vor der damaligen Operation notwendig gewe
sen seien, könne man nicht beurteilen, da man den Beschwerdeführer erst seit dem 25. Oktober 2005 kenne.
4.
4.1
Nach der Rechtsprechung stellt der
Keratokonus
grundsätzlich labiles pathologi
sches Geschehen dar, weshalb eine wegen dieses Leidens erforderliche Horn
hautübertragung nicht als medizinische Massnahme nach Art. 12 IVG zur Las
ten der Invalidenversicherung geht. Die Leistungspflicht der Invalidenversiche
rung fällt namentlich dann ausser Betracht, wenn die Keratoplastik durchge
führt wird, um einer in absehbarer Zeit drohenden Perforation der Hornhaut zuvorzukommen, oder wenn damit eine frische Verletzung der Hornhaut ange
gangen wird. Die Keratoplastik gilt nur dann als ein medizinischer Massnahmen nach Art. 12 IVG zugänglicher Eingriff, wenn damit eine narbig veränderte Hornhaut oder eine getrübte
Keratokonusspitze
ersetzt wird. In diesen Fällen
rechtfertigt sich die Annahme eines stabilen oder relativ stabilisierten Defekt
zustandes, weshalb sie grundsätzlich eine medizinische Massnahme nach Art. 12 IVG bilden kann (BGE 100 V 97 sowie Urteile des EVG in Sachen G. vom 21. November 2003, I 348/03,
Erw
. 2, und in Sachen D. vom 7. September 2004, I 161/04,
Erw
. 2.1, je mit Hinweisen).
4.2
Die Beschwerdegegnerin hat die Keratoplastik an beiden Augen des Beschwerde
führers offenbar - der genaue Grund kann angesichts der diesbe
züglich nicht mehr vorhandenen Akten nicht überprüft werden - übernommen, weil sie davon ausgegangen ist, es liege beim
Keratokonus
des Beschwerdefüh
rers ein stabiler bzw. relativ stabilisierter Defektzustand vor. Tatsächlich konnte durch die Keratoplastik und die zusätzlich abgegebenen Hilfsmittel (Brille) erreicht werden, dass der Beschwerdeführer während rund 15 Jahren ohne erhebliche
Visusverminderung
sehen konnte. Seit Sommer 2005 besteht aber ein zunehmender Astigmatismus, welcher regelmässig optische Korrekturen erfor
dert, mithin ist hier eindeutig ein instabiler Zustand vorhanden. Das Anspruchs
erfordernis der Eingliederungs
wirksamkeit der medizinischen Massnahme im Sinne der Eignung, die Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren, ist somit nicht (mehr) gegeben. Soweit die regelmässigen Anpassungen aufgrund des Grundleidens (
Keratokonus
) erfolgen, wobei angesichts dessen weiteren Fortschreitens später eine weitere Operation unumgänglich ist, ist in diesem Fall davon auszugehen, dass es sich dabei entgegen der ursprünglich getroffenen Annahme eben doch nicht um ein stabiles Leiden handelt, womit die Beschwerdegegnerin auch keine weiteren medizinischen Massnahmen zu gewähren hat. Ist der zunehmende Astigmatismus dagegen nicht auf das Grundleiden, sondern auf die instabile Transplantationswunde zurückzuführen, wäre also mithin davon auszugehen, dass zwar ein grundsätzlich stabiler bzw. relativ stabilisierter Zustand vorliegt, dieser aber wegen einer seinerzeit nicht völlig gelungenen Operation nicht gänzlich behoben werden konnte, müsste erst eine erneute Operation durchge
führt werden. Erst danach könnte durch die zusätzliche Abgabe von Kontakt
linsen der notwendige dauernde Eingliederungserfolg erreicht werden. Der jet
zige Zustand des linken Auges des Beschwerdeführers ist dagegen ganz offen
sichtlich instabil, weshalb die Kosten für die Kontaktlinsen nicht durch die Beschwerdegegnerin zu übernehmen sind. Die Beschwerde ist demnach abzu
weisen.
5.
5.1
Gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG (in der seit dem 1. Juli 2006 gültigen Fassung) ist abweichend von Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kanto
nalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von 200-1000 Franken festgelegt.
5.2
Die Gerichtskosten sind auf Fr. 500.-- festzusetzen und dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.