Decision ID: 1b15d15d-8a4b-5d17-8b95-5c7554c4c854
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 27. Oktober 2011 (Datum Postaufgabe) zum zweiten Mal
bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 123). Gestützt auf ein
polydisziplinäres Gutachten der Swiss Medical Assessment and Business Center
(SMAB) AG, St. Gallen (IV-act. 157; Dr.med. B._, Facharzt für Orthopädie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, Dr.med. C._, Fachärztin für Psychiatrie
und Psychotherapie FMH, Dr.med. D._, Facharzt u.a. für Innere Medizin und Dr.med.
E._, Fachärztin für Neurologie FMH wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren mit
Verfügung vom 2. Dezember 2013 (IV-act. 174) ab.
A.b Eine dagegen gerichtete Beschwerde des Versicherten hiess das
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 9. November 2015 (IV 2014/18, IV-act. 202)
teilweise gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur
ergänzenden Abklärung im Sinne der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurück.
Es erwog, aufgrund der Voraktenlage bestünden erhebliche Zweifel an der
Schlüssigkeit und Beweistauglichkeit des SMAB-Gutachtens. Nachdem die
Beschwerdegegnerin bzw. der RAD das Gutachten nicht für voll beweiskräftig gehalten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe und eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit einem ersten
Gutachten 2006 aufgrund der neu gestellten Diagnosen (Small-Fiber-Neuropathie,
Chronifizierung der HWS- und LWS-Symptomatik) nicht ohne weiteres verneint werden
könne, hätte die IV-Stelle den Sachverhalt weiter abklären müssen. Weitere
Erhebungen auch medizinischer Art drängten sich zudem zur Validenkarriere bzw. zur
Frage auf, ob der Beschwerdeführer bisher aus gesundheitlichen Gründen kein höheres
Einkommen habe erzielen können (E. 3.3 und 4.4).
A.c Der Versicherte war am 9. Juni 2015 am linken und am 11. August 2015 am
rechten Kniegelenk operiert worden (jeweils u.a. Arthroskopie und Shaving,
Teilmeniskektomie und Entfernung freier Gelenkskörper, Operationsberichte IV-act.
201-1 f. und 201-5 f.). Dr.med. F._, Innere Medizin FMH, hielt im Verlaufsbericht vom
6. Januar 2016 eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes fest. Es bestünden
eine Kniearthrose und Zustand nach TME beidseits und Paklarsyndrom beidseits, ein
zunehmendes Lumbovertebralsyndrom, progrediente Schulterschmerzen links, eine
progrediente COPD, ein progredientes chronisches Cervikalsyndrom, eine progrediente
Small-Fiber-Neuropathie sowie eine unklare Fibrillation an Waden, Oberschenkel, Arme
und Bauch. Der Versicherte sei zu über 70% arbeitsunfähig (IV-act. 211-1 ff.). Dr.med.
G._, Neurochirurgie FMH, erhob gemäss Arztbericht vom 6. Juni 2016 (1.) ein
chronisches zervikovertebrogenes- und zervikobrachiales Schmerzsyndrom rechts bei
Spondylosis im Sinne einer Spinalkanalstenose sowie breitbasigen Diskushernien C5/6
und C6/7 mit neuroforaminaler Einengung C5/6 und C6/7 bds. rechtsbetont, (2.) eine
Angulation der HWS auf Höhe C5/6 (keine zervikale Lordose), (3.) ein chronisches
lumbovertebrogenes- und intermittierend lumboradikuläres Schmerzsyndrom rechts
bei Spondylarthrose L2/3, L3/4, L4/5 und L5/S1 sowie Intervertebralgelenkszyste L5/
S1 rechts, (4.) chronisch anhaltende Schmerzen im Inguinalbereich rechts unklarer
Aetiologie sowie (5.) eine Labrumläsion proximal dorsal, ausgefranste Bicepssehne bei
Acromyoclaviculargelenksarthrose rechts. Aus neurochirurgischer Sicht sei dem
Versicherten eine leichte oder mittelschwere Tätigkeit nicht zu mehr als 20% bzw.
höchstens eine Stunde täglich zumutbar (IV-act. 226). Die Klinik für Neurologie des
Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) erwähnte im Bericht vom 20. September 2016 MRI-
Befunde der HWS vom 20. Mai 2016 und der LWS vom 23. April 2014, wonach u.a. die
Nervenwurzeln C6- und C7 deutlich komprimiert sowie L2 bis L4 und S1 tangiert
würden. Teile des geschilderten Beschwerdekomplexes blieben aus neurologischer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sicht unklar. Möglicherweise seien die beklagten Fussschmerzen weiterhin im Rahmen
der Small-Fiber-Neuropathie zu werten (IV-act. 244). Dr.med. H._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, führte im Arztbericht vom 3. März 2017 aus, er behandle den
Versicherten seit 4. Oktober 2016 (vierwöchentliche psychotherapeutische Gespräche).
Der Versicherte leide an einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, impulsiver
Typ (ICD-10: F60.30, F60.31). Er sei sehr unruhig, laut, verschmutzt und zeitweilig auch
aggressiv. Auffällig seien auch die mnestischen Lücken bezüglich Anamneseerhebung.
Aktuell sei eine irgendwie gestaltete Tätigkeit selbst in geschütztem Rahmen nicht
vorstellbar (IV-act. 273). Die Klinik für Neurologie KSSG hielt am 4. Mai 2017 ein gutes
Ansprechen auf Sativa-Öl fest; Fuss- und Knochenschmerzen seien zurückgegangen,
und die Wärmedetektionsschwelle und die thermische Unterschiedsschwelle hätten
sich erhöht (IV-act. 285). Ein MRI vom 30. Mai 2017 zeigte rechts akzentuierte
degenerative Veränderungen beider Hüftgelenke mit höhengemindertem
radiologischen Gelenksspalt und subchondraler Mehrsklerosierung (IV-act. 312-12).
Am 2. Oktober 2017 erfolgte die Operation einer STT-Arthrose an der rechten Hand
(Operationsbericht Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie KSSG,
IV-act. 302-4 f.; Austrittsbericht vom 5. Oktober 2017, IV-act. 312-4 f.).
A.d Die IV-Stelle gab ein polydisziplinäres Gutachten in Auftrag, wobei das Los auf die
SMAB AG Bern fiel (IV-act. 288). Das Gutachten datiert vom 3. Januar 2018 (IV-act.
305; med.pract. I._, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie des
Bewegungsapparates; Dr.med. J._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin; Dr.med.
K._, Facharzt für Neurologie und für Psychiatrie und Psychotherapie [neurologische
und psychiatrische Begutachtung], Untersuchungen 7., 27. September und 17.
November 2017). Die Gutachter erhoben als die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigend (1.)
ein chronisches Lumbovertebralsyndrom bei bekannten degenerativen Veränderungen
und rumpfmuskulärer Dysbalance, (2.) eine Belastungsminderung rechtes Bein bei
Coxarthrose rechts, (3.) eine beginnende Gonarthrose bds. bei fortgeschrittener
Chondropathie Grad II - IV des medialen Femurkondylus bds., (4.) ein degeneratives
Halswirbelsäulensyndrom ohne radikuläre Ausfälle, (5.) eine undifferenzierte
Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.1) sowie (6.) eine narzisstische/reifungsretardierte
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.8; IV-act. 305-25). Ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit bestünden u.a. ein Handgelenksganglion rechts, ein mit Behandlung
weitgehend symptomfreies Asthma bronchiale, die Small-Fiber-Neuropathie sowie eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Cannabis-Abhängigkeit (ICD-10: F12.2; IV-act. 305-25). Die Gutachter kamen zum
Ergebnis, aus somatischer Sicht seien die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Gartenbauer
und Landschaftsarbeiter sowie andere mittelschwere und schwere Tätigkeiten seit dem
26. Oktober 2011 (in Übereinstimmung mit dem Vorgutachten) nicht mehr zumutbar.
Die Arbeitsfähigkeit in leidensadaptierter Tätigkeit sei (aus somatischer Sicht) nicht
eingeschränkt. Aus psychiatrischer Sicht bestehe in der bisherigen Tätigkeit im
Gartenbau wie auch in einer Verweistätigkeit eine Arbeitsfähigkeit in der Höhe von 70%
(Präsenz 100%, Leistungsfähigkeit 70%). Diese gelte im Gegensatz zur psychiatrischen
Vorbegutachtung 2013 und in Übereinstimmung mit dem Gutachten aus dem Jahr
2006 seit diesem Zeitpunkt (IV-act. 305-27 f., 29 f.). Der Versicherte sei in der Lage,
körperlich leichte Tätigkeiten mit Heben und Tragen von Lasten bis zu 10 kg,
überwiegend bis ständig im Sitzen, zeitweilig im Gehen und Stehen, durchzuführen.
Zwangshaltungen (Vorneige, kniende und hockende Stellung), Tätigkeiten mit erhöhtem
Anspruch an die Standsicherheit wie auf Treppen, Leitern und Gerüsten, Tätigkeiten in
und über Kopfhöhe und Tätigkeiten, die einen festen Kraftschluss der Hände
erforderten, sowie Tätigkeiten unter extremen Temperaturschwankungen wie Hitze,
Kälte, Nässe und Zug seien zu vermeiden (auch IV-act. 305-48). Weiter seien
Tätigkeiten mit einem besonderen Verantwortungsdruck, mit einem
aussergewöhnlichen Zeitdruck (Akkordbedingungen) und unter Wechsel von
Nachtschichtbedingungen bzw. mit regelmässigem Publikumsverkehr und sämtliche
Tätigkeiten in überwiegender Teamarbeit unpassend. Am besten geeignet sei ein
Arbeitsplatzbereich, bei dem der Versicherte alleine klar vorgegebenen
Handlungsrichtlinien folgen könne (IV-act. 305-29, 82). RAD-Ärztin Dr. L._ nahm am
9. Januar 2018 Stellung; das Gutachten sei umfassend, sorgfältig erstellt und
konklusiv, so dass die Arbeitsfähigkeit gestützt darauf abschliessend beurteilt werden
könne (IV-act. 306).
A.e Mit Vorbescheid vom 27. Januar 2018 gewährte die IV-Stelle dem Versicherten
das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Abweisung des Rentengesuchs bei einem IV-
Grad von 30% (IV-act. 316). Mit Einwand vom 13. Februar 2018 liess der Versicherte im
Wesentlichen vorbringen, das neue SMAB-Gutachten vom 3. Januar 2018 nehme zu
den Erwägungen des Versicherungsgerichts nicht Stellung. Die Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit werde nicht begründet. Sie sei in Anbetracht der Gesamtheit der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diagnosen nicht nachvollziehbar. Es sei eine weitere Begutachtung zu veranlassen (IV-
act. 317).
A.f Mit Verfügung vom 13. März 2018 wies die IV-Stelle das Leistungsgesuch
hinsichtlich Rente ab. Sie erwog, auf das Gutachten sei gemäss RAD abzustellen. Der
ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasse auch Nischenarbeitsplätze. Neu unter Gewährung
eines Tabellenlohnabzuges von 10% resultiere ein Invaliditätsgrad von 37%. Demnach
bestehe weiterhin kein Rentenanspruch (IV-act. 321).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 13. März 2018 lässt A._, vertreten durch Fürsprecher
lic.iur. D. Küng, St. Gallen, am 7. April 2018 Beschwerde erheben. Er beantragt, die
angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen vollumfänglich
aufzuheben. Es sei ihm eine ganze Invalidenrente ab wann rechtens, spätestens ab Mai
2012, zuzusprechen und zu entrichten. Eventualiter sei die Sache zur Vornahme
weiterer Abklärungen und anschliessender Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Der psychiatrische Gutachter begründe nicht nachvollziehbar,
weshalb die bereits 2003 beschriebene Persönlichkeitsstörung zur exakt gleichen
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führe wie damals. Es werde lediglich auf die
aufgrund der Summation der unterschiedlichen Erkrankungen (Persönlichkeitsstörung
und Somatisierungsstörung) beschränkte emotionale Belastbarkeit hingewiesen. Eine
einleuchtende Einschätzung der Arbeitsfähigkeit und eine Auseinandersetzung mit den
Vorakten liege nicht vor. Das Gutachten setze sich mit dem beinahe verwahrlosten
Erscheinungsbild, dem Cannabiskonsum und der im Gutachten aus dem Jahr 2006
beschriebenen Märtyrerhaltung nicht auseinander. Es sei nicht nachvollziehbar, wie er
mit diesen gesundheitlichen Störungen eine Anstellung finden solle. Das nunmehr
vorliegende neurologische Gutachten gehe auf die Erwägungen des
Versicherungsgerichts zum Vorgutachten nicht ein, sondern begnüge sich mit der
Feststellung, dass die Ausführungen im Bericht von Dr. G._ nicht nachvollziehbar
seien, da keine manifesten radikulären Veränderungen an der HWS und LWS
objektivierbar seien. Auch im orthopädischen Gutachten werde nicht begründet, wie er
mit den orthopädisch zuzuordnenden Beschwerden in einem Vollpensum arbeiten
könne. Die vom Versicherungsgericht am Gutachten von 2013 bemängelte fehlende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
innere Konsistenz sei auch im aktuellen Gutachten nicht vorhanden. Selbst wenn auf
das aktuelle Gutachten abgestellt würde, hätte er Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente: Aufgrund seiner verschiedenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen
gehe er seit vielen Jahren keiner Erwerbstätigkeit mehr nach. Es sei nicht realistisch,
dass er mit seinem Zumutbarkeitsprofil und einer reduzierten Arbeitsfähigkeit von 70%
eine Stelle finden und ein Einkommen von Fr. 46'517.-- bzw. Fr. 41'865.-- erzielen
könne. Bei zutreffender Betrachtungsweise könne er kein Einkommen erzielen;
jedenfalls wäre der von der Beschwerdegegnerin gewährte Tabellenlohnabzug von
10% viel zu tief (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 1. Juni 2018 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Das SMAB-Gutachten sei ausführlich abgefasst und
dessen Schlussfolgerungen zusammen mit der Arbeitsfähigkeitsschätzung seien in
jeder Hinsicht nachvollziehbar. Es liege im Ermessen der Gutachter, welche
medizinischen Berichte erwähnt und diskutiert würden. Es genüge, dass die Vorakten
von den Gutachtern zur Kenntnis genommen worden seien. Die Ausführungen des
neurologischen Gutachters seien schlüssig. Die vom Beschwerdeführer angerufenen
Berichte enthielten keine objektiv feststellbaren Gesichtspunkte, welche im Rahmen
der Begutachtung unerkannt geblieben seien und geeignet seien, zu einer
abweichenden Beurteilung zu führen. Der psychiatrische Gutachter habe die nicht
unproblematischen Persönlichkeitsmerkmale mit der Diagnose einer narzisstischen und
reifungsretardierten Persönlichkeitsstörung und der daraus abgeleiteten
Arbeitsunfähigkeit von 30% berücksichtigt. Die erwähnte Verwahrlosung habe
anlässlich der Begutachtung nicht bestätigt werden können. Es gebe keine Hinweise,
dass der Cannabiskonsum beim Beschwerdeführer zu hirnorganischen oder
körperlichen Schädigungen geführt habe. Daher habe die diagnostizierte Cannabis-
Abhängigkeit keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Weitere medizinische
Abklärungen seien nicht angezeigt. Weil beim Beschwerdeführer keine repräsentative
Einkommensbasis zu Verfügung stehe, sei zur Berechnung des Valideneinkommens auf
den Tabellenlohn abzustellen. Dieser betrage Fr. 67'000.-- und sei um 5% zu kürzen,
weil er an seinen letzten Arbeitsstellen ein unterdurchschnittliches Einkommen erzielt
habe. Somit betrage das Valideneinkommen Fr. 63'671.--. Da der Beschwerdeführer
nicht mehr arbeite, sei das Invalideneinkommen nach Tabellenlöhnen zu bestimmen.
Geeignet seien etwa leichtere Maschinenbedienungs-, Kontroll-, Sortier-, Prüf- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verpackungsarbeiten oder leichtere Arbeiten bei der Lager- und
Ersatzteilbewirtschaftung. Der Beschwerdeführer sei im für die Beurteilung der
Restarbeitsfähigkeit massgeblichen Zeitpunkt 60-jährig gewesen. Trotzdem sei von
einer Vermittelbarkeit auszugehen, zumal ein stabiler Gesundheitszustand vorliege. Der
Beschwerdeführer könne nur noch leichte Hilfstätigkeiten ausführen, demnach sei ein
Leidensabzug von 10% vorzunehmen. Da keine bedeutenden weiteren
gesundheitlichen Einschränkungen vorlägen, sei ein höherer Tabellenlohnabzug nicht
gerechtfertigt, zumal die gesundheitlichen Einschränkungen mit der attestierten
Arbeitsfähigkeit von nur noch 70% in einer adaptierten Tätigkeit bereits grosszügig
berücksichtigt worden seien (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 26. Juni 2018 hält der Beschwerdeführer fest, das Gutachten sei
nicht vollständig und die Schlussfolgerungen seien nicht einleuchtend und
nachvollziehbar. Die von der Beschwerdegegnerin angeführten Fälle lägen anders,
indem es um im massgeblichen Zeitpunkt 46 bzw. 49 Jahre alte versicherte Personen
gegangen sei, die, soweit ersichtlich, ausschliesslich aus somatischen Gründen in der
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen seien. Auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
gebe es keine Möglichkeit, dass er an einer von der Beschwerdegegnerin
beschriebenen Stelle arbeiten könnte, selbst wenn sie ihm - was bestritten werde -
zumutbar wäre (act. G 9).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik.

Erwägungen
1.
1.1 Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60%, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50%, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40% invalid ist.
1.2 Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird
eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn glaubhaft gemacht wird, dass sich der Grad
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Invalidität der versicherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise
geändert hat (vgl. Art. 87 Abs. 3 i.V.m. Art. 87 Abs. 2 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Ist eine anspruchserhebliche Änderung des
(medizinischen) Sachverhalts glaubhaft gemacht, ist die Verwaltung verpflichtet, auf
das neue Leistungsbegehren einzutreten und es in tatsächlicher und rechtlicher
Hinsicht umfassend materiell zu prüfen (Urteil des Bundesgerichts vom 3. August 2018,
8C_177/2018, E. 3.3).
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
1.4 Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
2.
Zu befinden ist zunächst über die Beweistauglichkeit des Gutachtens der SMAB AG
vom 3. Januar 2018 (IV-act. 305).
2.1 Der orthopädische Gutachter notierte im Befund, die Rumpfmuskulatur sei
dysbalanciert. Die Halswirbelsäulenbeweglichkeit sei endphasig schmerzhaft. Die
Beweglichkeit der BWS und der LWS sei für Seitenneigung und Rotation nicht
eingeschränkt. Es bestehe eine erhebliche Diskrepanz bei der Prüfung der Inklination
der BWS und LWS aus dem Stand und im Langsitz (IV-act. 305-45) sowie zwischen
dem Finger-Bodenabstand aus dem Stand (40cm) und aus dem Langsitz (0cm). Die
Oberschenkelmuskulatur sei rechts im Vergleich zur Gegenseite umfangsvermindert,
was auf eine Belastungsminderung hindeute (IV-act. 305-46). Seitens der unteren LWS
stelle sich eine Druckdolenz präsakral und in Höhe L4/5 dar. Zum aktuellen Zeitpunkt
sei der klinische Befund der LWS nicht auffällig. Lediglich bei der Prüfung der
Inklinationsfähigkeit der BWS und LWS ergebe sich eine deutliche Inkonsistenz der
Untersuchungsbefunde, die als Verdeutlichungstendenz gewertet werde (IV-act.
305-48). Die Bewegungen des rechten Hüftgelenks seien im Vergleich zur Gegenseite
für die Beugung, Abspreizung und Innen- und Aussenrotation rechts konzentrisch
mittelgradig eingeschränkt. Die Beweglichkeit der Kniegelenke sei nicht frei (IV-act.
305-46). Als Diagnosen erhob der orthopädische Gutachter ein chronisches
Lumbovertebralsyndrom bei bekannten degenerativen Veränderungen und
rumpfmuskulärer Dysbalance sowie eine Belastungsminderung des rechten Beins bei
Coxarthrose rechts. Keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit erkannte er einem
Handgelenksganglion rechts, einem Impingementsyndrom der linken Schulter mit
leichtgradiger Bewegungseinschränkung sowie einer beginnenden Gonarthrose bds. zu
(IV-act. 305-47). Der Beschwerdeführer nutze zwei Achselgehstützen zur Entlastung
des rechten Beines und zwei angelegte elastische Kniegelenksbandagen. Ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
radiologischer Befund vom 30. Juli 2017 zeige rechts akzentuierte Veränderungen
beider Hüftgelenke mit höhengemindertem Gelenksspalt und subchondraler
Mehrsklerosierung. Eine hüftprothetische Versorgung sei in Aussicht gestellt (IV-act.
305-47). Im Bereich des rechten Handgelenks benutze der Beschwerdeführer eine
angeformte volare Kunststoffschiene mit Stabilisierung des Daumens. Das MRI vom
18. April 2017 zeige ossär eine ödematöse Knochenmarksveränderung des Os
scaphoideum, wahrscheinlich mechanisch bedingt im Rahmen einer Stressreaktion,
keine Osteochondrose. Der orthopädische Gutachter war im Besitz des nachgereichten
Austrittsberichts der Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie des
KSSG vom 5. Oktober 2017, wonach beim Beschwerdeführer eine Scapho-Trapezo-
Trapezoidal (STT)-Arthrose operativ behandelt worden war (Epping-Plastik Hand
rechts, Teilresektion Os trapezoideum, vgl. IV-act. 312-4 f.). Er erstellte ein
Belastungsprofil. Dieses umfasst im Wesentlichen überwiegend bis ständig sitzend
auszuführende, körperlich leichte Tätigkeiten mit Heben und Tragen von Lasten bis zu
10 kg ohne Zwangshaltungen, ohne erhöhten Anspruch an die Standsicherheit wie auf
Treppen, Leitern und Gerüsten, ohne Tätigkeiten in und über Kopfhöhe, ohne
erforderlichen festen Kraftschluss der Hände und ohne extreme
Temperaturschwankungen wie Hitze, Kälte, Nässe und Zug (IV-act. 305-48). Die
Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Gartenbauer und Landschaftsarbeiter sei
aufgehoben, da deren Anforderungsprofil das Belastungsprofil übersteige.
Leidensadaptierte Tätigkeiten seien trotz der bestehenden Belastungsminderung des
rechten Beines möglich. Die Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit sei bis
drei Monate nach hüftendoprothetischer Versorgung aufgehoben, danach sei sie aus
orthopädischer Sicht unter Berücksichtigung des Belastungsprofils nicht eingeschränkt
(IV-act. 305-48).
2.2 Der neurologische Gutachter diagnostizierte als Erkrankung mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit ein degeneratives Halswirbelsäulen- und Lendenwirbelsäulensyndrom
ohne radikulären Ausfälle und beurteilte die Small-Fiber-Neuropathie als ohne Relevanz
für die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 305-67). Er führte aus, vergleichbar mit der
neurologischen Vorbegutachtung falle die aktuelle Anamneseerhebung aus, in welcher
der Beschwerdeführer vor allem ein chronisches Schmerzsyndrom der Wirbelsäule mit
einer Schmerzausstrahlung in alle Extremitäten beschreibe, ohne dass sich in der
aktuellen Untersuchung manifeste sensible oder motorische radikuläre Ausfälle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
objektivieren liessen. Das Reflexmuster spreche gegen radikuläre Ausfälle bei einem
insgesamt schwachen seitengleichen Reflexniveau. Umschriebene Muskelatrophien
hätten sich nicht objektivieren lassen. Vor allem die Korrelationsprüfung habe keine
Auffälligkeiten gezeigt, so dass das demonstrierte erschwerte Gangbild nicht im
Zusammenhang mit neurologischen Ausfällen erklärt werden könne. Klinisch
dominierend bleibe letztendlich ein Schmerzsyndrom der Wirbelsäule im
Zusammenhang mit degenerativen Veränderungen der HWS und LWS. Von daher sei
die Arbeitsfähigkeit für mittelschwere und schwere Tätigkeiten aufgehoben (IV-act.
305-67). Die Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit im Gartenbau sei
aufgehoben, da es sich um eine oftmals schwere körperliche Arbeit in
Zwangshaltungen handle. In leidensadaptierten Tätigkeiten bestehe aus neurologischer
Sicht weiterhin eine Arbeitsfähigkeit von 100% (IV-act. 305-68).
2.3 Die bildgebenden Befunde haben sich im Vergleich zur Vorbegutachtung
verändert: Während ein MRI vom 23. März 2011 und eine Röntgenaufnahme vom 15.
März 2012 der LWS (zusammengefasst) in den Bandscheiben L2 bis S1 lediglich
Dehydratationen bzw. ein leichtes Bulging und eine Protrusion ohne eigentliche
Hernierung mit Tangierung der Nervenwurzel L5 sowie eine leichte Spondylarthrose L4-
S1 zeigten (IV-act. 157-17), ergab ein MRT vom 23. April 2014 linksbetonte
Diskushernien in der oberen mittleren LWS und Tangierungen der Nervenwurzeln L2-L4
und S1 (IV-act. 244-3). Bezüglich der HWS bildete ein MRI aus dem Jahr 2009 eine
Spinalkanalstenose mit intraforaminaler Stenose sowie breitbasige Diskushernien auf
Höhe C5/6 und C6/7 ab (vgl. Arztbericht Dr. G._ vom 6.Juni 2016, IV-act. 226-2),
während ein MR-HWS vom 20. Mai 2016 (wiederum gekürzt) eine deutliche
Kompression der C6- und C7-Nervenwurzeln bei Neuroforamenstenosen, einer
Retrolisthesis und osteochondrotischen Veränderungen der HWK 5/6 und HWK 6/7,
eine relative spinale Enge auf Höhe HWK 6/7 und HWK 5/6, eine flache
Bandscheibenprotrusion HWK 2/3 und HWK 4/5 sowie akzentuierte, aktivierte
Cosotransversalarthrosen auf Höhe BWK 1/2 zur Darstellung brachte (Bericht Klinik für
Neurologie KSSG vom 20. September 2016, IV-act. 244-3). Indes wurde bereits in
diesem Bericht festgehalten, dass sich die vom Beschwerdeführer beschriebenen
Sensibilitätsstörungen weder einem peripheren Nerv noch einer Nervenwurzel
zuordnen liessen (IV-act. 244-3). Insoweit erscheint die Beurteilung des neurologischen
Gutachters, dass nach wie vor keine radikulären Symptome bestünden, plausibel.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bezüglich der Symptomatik der LWS hält der orthopädische Gutachter weiter fest,
bekannt seien die schon seit Jahren beschriebenen degenerativen Veränderungen (IV-
act. 305-48). Der orthopädische Vorgutachter berichtete, die klinisch-funktionelle
Abklärung sei geprägt gewesen durch ein agitiertes und zumindest zeitweise
demonstratives Verhalten des Beschwerdeführers. Die klinische Abklärung des
gesamten Bewegungsapparates sei durch teilweise intensive Schmerzbekundungen
und Abwehrverhalten geprägt gewesen. Eine verwertbare Wirbelsäulen- und
Rumpffunktionsabklärung sei insofern nicht gelungen (IV-act. 157-18). Die nach
Erstattung des Gutachtens vom 9. April 2013 erstellten Berichte äussern sich nicht zu
den degenerativ bedingten Beschwerden an der Wirbelsäule selbst; insbesondere sind
keine entsprechenden Untersuchungen oder Behandlungen aktenkundig. Somit ist
mangels gegenteiliger objektiver Hinweise nachvollziehbar, dass die lumbalen und
cervikalen Rückenschmerzen die Arbeitsfähigkeit nach wie vor lediglich in qualitativer
Hinsicht einschränken.
3.
3.1 Der psychiatrische Gutachter führte aus, im Rahmen der psychopathologischen
Querschnittsbetrachtung imponiere nach wie vor das Bild einer deutlich Ich-bezogen
handelnden Persönlichkeit, wobei der Beschwerdeführer in der Wahrnehmung seiner
körperlichen Beschwerden eine deutliche psychogene Überlagerung erkennen lasse.
Dominant seien vor allem selbstgefällige und durch eine begrenzte Kritikfähigkeit bzw.
veränderte Urteilsbildung geprägte Verhaltens- und Denkmuster, in deren Rahmen er
einen gewissen Mangel an selbstkritischer Introspektion/Reflexion erkennen lasse,
ohne dass aber eine gravierende Störung auf der Beziehungs- oder Kontakteben
auffalle. Die aktuellen Untersuchungsergebnisse liessen eine narzisstische bzw.
reifungsretardierte Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.8) und eine undifferenzierte
Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.1) feststellen. Der Versicherte sei in einem durch
Aggressionen und Gewalt geprägten Elternhaus aufgewachsen, in dem es ihm nicht
gelungen sei, angemessene konfliktzensierte Lösungsstrategien zu erlernen, so dass
viele seiner Handlungsmuster durch einen hohen Selbstbezug gesteuert bzw. geprägt
seien. Bei einem gewissen Anspruch an eine eigene Leistungsfähigkeit sei es ihm
gleichwohl gelungen, über viele Jahre im Erwerbsleben, wenn auch mit zahlreichen
Stellenwechseln, zu arbeiten, bis er aufgrund eines zunehmenden Schmerzsyndroms
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Bewegungsapparates mit Schwerpunkt im Bereich der Wirbelsäule seine letzte
Tätigkeit im Gartenbau habe aufgeben müssen (IV-act. 305-28 f., 78 f.). Weiter verweist
der Gutachter ausdrücklich auf die seiner Ansicht nach immer noch zutreffende
Einschätzung im Gutachten der MEDAS Ostschweiz vom 28. Juni 2006 (IV-act.
305-83). Der damalige psychiatrische Gutachter führte aus, im Beziehungsverhalten sei
der Beschwerdeführer tendenziell Schuld projizierend, sich überhöht, als Opfer negativ
eingestellter Behördenmitglieder darstellend (IV-act. 107-21). Aufgrund einer Anamnese
mit katastrophaler Behandlung durch die Eltern sowie mit erzieherischer Verwahrlosung
in der Adoleszenz sowie aufgrund seiner Beziehungsanamnese, seiner Tendenz zu
funktionalen somatischen Störungen, impulsivem Suchtverhalten,
Derealisationserlebnissen etc. sei als Grundkrankheit eine narzisstisch-neurotische
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.8) festgestellt worden. Auf dem Boden dieser
Grundstörung sei anzunehmen, dass die somatisch objektivierbaren Krankheiten
psychisch überlagert seien. Die Verminderung der Arbeitsfähigkeit infolge dieses
konversionsneurotischen Anteils sei auf 30% veranschlagt worden (IV-act. 107-22). In
körperlich adaptierten Tätigkeiten sei der Beschwerdeführer nach wie vor zu
schätzungsweise 30% arbeitsunfähig aufgrund der somatoformen Überlagerung und
der Stimmungsschwankungen infolge einer Persönlichkeitsstörung (IV-act. 107-24).
Davon abweichend hielt die psychiatrische Vorgutachterin fest, aufgrund einzelner
Grössenideen und der etwas überzogenen Selbstdarstellung gebe es Hinweise auf
narzisstische Persönlichkeitszüge, welche nicht ausreichend stark oder vollständig
vorhanden seien, um die Kriterien einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu
erfüllen (IV-act. 157-36). Der psychiatrische Gutachter erklärt, dass das psychiatrische
Vorgutachten zu einer abweichenden Beurteilung gekommen sei, weil die dortigen
Ausführungen angesichts der beschriebenen Längsschnittbetrachtung mit erheblichen
Gewalterfahrungen in der frühen Kindheit und der damit verbundenen
Persönlichkeitsentwicklungsstörung zu unpräzise geblieben seien, weshalb letztlich die
Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nicht erfasst worden sei (IV-act. 305-83).
Sowohl der aktuelle psychiatrische Gutachter als auch der vormalige der MEDAS
Ostschweiz begründen die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mit der
Persönlichkeitsentwicklung und stellen sie in Zusammenhang mit den
Kindheitserlebnissen, der daraus entstandenen Selbstwertproblematik und der daraus
entstandenen Überlagerung der somatisch erklärbaren Schmerzen (IV-act. 305-71). Zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diagnose der undifferenzierten Somatisierungsstörung legt der psychiatrische
Gutachter dar, die Merkmale einer klassischen somatoformen Schmerzstörung seien
nicht gegeben, da eine psychogene Ausgestaltung der Beschwerden sich nicht nur auf
die Schmerzen, sondern auch auf die Darstellung der Sensibilitätsstörung beziehe (IV-
act. 305-81).
3.2 Gemäss psychiatrisch-gutachterlicher Anamnese war der Beschwerdeführer
bislang "zweimal bei einem Psychiater" (IV-act. 305-71). Die Behandlung bei Dr. H._
habe er inzwischen wegen der Hüftbeschwerden und dem langen Anfahrtsweg
abgebrochen (IV-act. 305-72). Dr. H._ hatte am 3. März 2017 angegeben, er
behandle den Beschwerdeführer seit 4. Oktober 2016. Die Behandlung umfasse
regelmässige psychotherapeutische Gespräche in 4-wöchentlichen Abständen (IV-act.
273-2 f.). Der psychiatrische Gutachter hat diesen Bericht nicht gewürdigt (vgl. IV-act.
305-85). Es ist zu vermuten, dass dies auf einem Missverständnis beruht, indem der
Beschwerdeführer von zwei Behandlungen sprach (vgl. IV-act. 107-9, wonach im Jahr
2005 eine Behandlung wegen einer Depression stattgefunden habe), der Gutachter
aber davon ausging, es hätten lediglich zwei Termine bei Dr. H._ stattgefunden, und
dessen Beurteilung folglich keine massgebliche Bedeutung beimass. Gesamthaft
betrachtet kann dennoch auf die Einschätzung des psychiatrischen Gutachters
abgestellt werden: So begründet Dr. H._ die von ihm attestierte 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit mit der durch die Small-Fiber-Neuropathie hervorgerufenen
Schmerzproblematik, und nicht etwa mit den Auswirkungen der von ihm
diagnostizierten emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, impulsiver Typ (ICD-10:
F60.30/F60.31). Die von Dr. H._ vermerkten mnestischen Lücken in der
Anamneseerhebung bzw. die starke Einschränkung des Konzentrationsvermögens (IV-
act. 273-2, 5) liessen sich in der psychiatrischen Begutachtung nicht bestätigen; der
Gutachter fand keine Anhaltspunkte für Störungen der Aufmerksamkeit, der
Konzentration bzw. des konzentrativen Durchhaltevermögens sowie der Merkfähigkeit
und Gedächtnisleistung (IV-act. 305-76). Das vom behandelnden Psychiater berichtete
ungepflegte Erscheinungsbild (IV-act. 273-2) wurde insbesondere auch im Gutachten
vom 9. April 2013 erwähnt (IV-act. 157-36). Indessen beschrieben die aktuellen
Gutachter den Beschwerdeführer als sauber und einfach gekleidet (IV-act. 305-57)
bzw. ausreichend gepflegt (IV-act. 305-76), was dafür spricht, dass er den hierfür
notwendigen Willen aufbringen kann (vgl. auch IV-act. 161-3, wo diese Aussage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allerdings mit dem Fehlen einer psychiatrischen Diagnose begründet wurde). Der
Bericht von Dr. H._ enthält keine objektiven Gesichtspunkte, welche das Gutachten
in Frage stellen.
3.3 Mit Blick auf das strukturierte Beweisverfahren bzw. die massgeblichen Indikatoren
hält der psychiatrische Gutachter fest, beim Beschwerdeführer lägen eine narzisstische
bzw. reifungsretardierte Persönlichkeitsstörung und eine undifferenzierte
Somatisierungsstörung vor. Darüber hinaus sei ein langjähriger Cannabis-Konsum im
Sinne einer Abhängigkeit (ICD-10: F12.2) zu berücksichtigen, auch wenn es sich hierbei
nicht um eine die Arbeitsfähigkeit einschränkende Erkrankung handle (IV-act. 305-80).
Komorbiditäten spielten allenfalls eine untergeordnete Rolle im Hinblick auf die
degenerativen Veränderungen des Bewegungsapparates und die
Schmerzwahrnehmung (IV-act. 305-81). Zu den Auswirkungen der Diagnosen hielt der
Gutachter fest, im Rahmen der Persönlichkeitsstörung bestehe eine signifikant
herabgesetzte Belastbarkeit (IV-act. 305-81). Die Störung der Affektivität sei
überwiegend leicht, zeitweise mittelschwer (IV-act. 305-80). Anhaltspunkte für eine
Regression im Rahmen der unzureichenden Selbstwertregulation würden nicht
erkennbar. Intentionalität und Antrieb seien normal. Beziehungsfähigkeit und
Kontaktgestaltung seien allenfalls in geringen Grenzen gestört. Der Beschwerdeführer
offenbare eine signifikante Reifungsretardierung in seiner Persönlichkeitsentwicklung,
in deren Rahmen er nur über ein begrenztes Spektrum selbstwertstabilisierender
emotionaler und kognitiver konfliktzentrierter Bewältigungsstrategien verfüge. Dies sei
ein wesentlicher Aspekt, der zu einem langjährigen Konsum von Cannabis beitrage.
Zugleich werde eine deutliche Neigung zur Selbstgefälligkeit in der Selbstdarstellung
ersichtlich mit einem gleichzeitigen Mangel an Fähigkeiten zur Empathie (IV-act.
305-81). Eine weiterführende psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung sei
aufgrund einer hohen Abwehrhaltung des Beschwerdeführers nie in Gang gekommen.
Angesichts des langjährigen Krankheitsverlaufs ergebe sich eine Indikation zu einer
niederfrequenten, überwiegend stützenden und strukturierenden Gesprächstherapie.
Eine Indikation zu einer klassischen Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch
orientierten Psychotherapie bestehe mangels Erfolgsaussichten nicht (IV-act. 305-80).
Aus psychiatrischer Hinsicht ist somit gestützt auf das Gutachten vom 3. Januar 2018
von einer 70%-igen Arbeitsfähigkeit auszugehen.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesamthaft betrachtet ist das Gutachten der SMAB AG Bern vom 3. Januar 2018 mit
dem RAD als beweistauglich zu beurteilen (vgl. RAD-Stellungnahme vom 23. Januar
2018, IV-act. 306). Invaliditätsfremde Faktoren wie langjährige Arbeitslosigkeit, die
eingeschränkte finanzielle Lage (Sozialhilfebezug), aber auch die problematische
Beziehung zur Mutter (vgl. IV-act. 305-71 f.) haben die Gutachter bei der Festlegung
der Arbeitsfähigkeit ausgeklammert (IV-act. 305-32, 34). Auch wurden die Indikatoren
des strukturierten Beweisverfahrens hinreichend ausführlich abgehandelt, so dass auch
aus rechtlicher Sicht von einer Arbeitsfähigkeit von 70% in leidensangepassten
Tätigkeiten auszugehen ist.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer erzielte als Selbständigerwerbender bereits vor seiner
ersten IV-Anmeldung während Jahren lediglich bescheidene Einkommen von unter Fr.
30'000.-- jährlich (vgl. Auszug aus dem individuellen Konto [IK], IV-act. 127). Nach
eigenen Angaben begann er nach der Schule eine Lehre als Koch und arbeitete später
als Töff-Mechaniker, als selbständiger Schuhmacher, als Elektriker, auf dem Bau, im
Gartenbau, im Sicherheitsdienst und als Lackierer, teilweise offenbar im Rahmen eines
Beschäftigungsprogrammes. Zuletzt habe er während Jahren als selbständiger Gärtner
gearbeitet (vgl. IV-act. 305-75; IV-act. 157-33, IV-act. 107-18, wobei die Angaben
teilweise voneinander abweichen).
5.2
5.2.1 Als Valideneinkommen gilt dasjenige Einkommen, das die versicherte Person im
Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit ohne die Gesundheitsschädigung erzielt hätte.
Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen
Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer
Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
fortgesetzt worden wäre; Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erstellt sein. Insbesondere um eine berufliche Weiterentwicklung mit einem daraus
resultierenden höheren Einkommen mitzuberücksichtigen, müssen konkrete
Anhaltspunkte dafür gegeben sein, dass ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beruflicher Aufstieg und ein entsprechend höherer Verdienst tatsächlich realisiert
worden wären (Urteil des Bundesgerichts vom 21. Dezember 2016, 8C_728/2016, E.
3.1, mit weiteren Verweisen). Erzielt eine versicherte Person aufgrund
invaliditätsfremder Faktoren lediglich ein geringes Einkommen und ist aufgrund der
gesamten Umstände anzunehmen, sie hätte sich als Gesunde voraussichtlich
dauerhaft aus freien Stücken mit einer bescheidenen Erwerbstätigkeit begnügt, ist auf
das erzielte Einkommen abzustellen, es sei denn, dieses sei weit unterdurchschnittlich,
nicht existenzsichernd und die versicherte Person verfügt über kein Vermögen zur
Bestreitung des Lebensunterhalts (Urteil des Bundesgerichts vom 11. Dezember 2009,
9C_409/2009, E. 3.1; U. MEYER/M. REICHMUTH, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum IVG, Art. 28a, N 71; BGE 125 V 157 E. 5c/bb). Ist ein konkreter
Lohn nicht eruierbar, war die versicherte Person zur Zeit des Eintritts des
Gesundheitsschadens arbeitslos oder hätte sie ihre bisherige Stelle auch ohne die
gesundheitliche Beeinträchtigung in der Zeit bis zum Rentenbeginn verloren, so können
die Zahlen der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamts für
Statistik (BFS) herangezogen werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_501/2013 vom
28. November 2013 E. 4.2).
5.2.2 Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist nach der Rechtsprechung
primär von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte
Person konkret steht. Übt sie nach Eintritt der Invalidität eine Erwerbstätigkeit aus, bei
der - kumulativ - besonders stabile Arbeitsverhältnisse gegeben sind und anzunehmen
ist, dass sie die ihr verbleibende Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise voll ausschöpft,
und erscheint zudem das Einkommen aus der Arbeitsleistung als angemessen und
nicht als Soziallohn, gilt grundsätzlich der tatsächlich erzielte Verdienst als
Invalidenlohn. Ist kein solch tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen gegeben,
namentlich weil die versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine
oder jedenfalls keine ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat,
so können nach der Rechtsprechung die Tabellenlöhne gemäss der vom BFS
periodisch herausgegebenen LSE herangezogen werden (BGE 129 V 472, E. 4.2.1, mit
weiteren Verweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 25. November 2016, 9C_532/2016,
E. 4.1.1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.2.3 Ein Prozentvergleich entsprechend der Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit ergibt
sich bzw. ist zulässig, wenn sich die Vergleichseinkommen ziffernmässig nicht genau
bestimmen lassen und nach denselben statistischen Werten bemessen werden, wenn
die vormals ausgeübte Tätigkeit noch möglich ist, weil beispielsweise der
Arbeitsvertrag noch nicht aufgelöst wurde, oder weil die vormals ausgeübte Tätigkeit
die beste Eingliederung ermöglicht, weil der vor Eintritt der Invalidität erzielte Lohn
höher ist als das Invalideneinkommen (vgl. zum Ganzen Urteile des Bundesgerichts
vom 12. Juli 2017, 9C_648/2016, E. 6.2.1, vom 14. Juli 2016, 9C_225/2016, E. 6.2.2
und vom 24. August 2016, 9C_237/2016, E. 2.2).
5.3 Der Beschwerdeführer hat keine Ausbildung abgeschlossen. Er leidet unter einer
Persönlichkeitsstörung, welche sich definitionsgemäss bereits seit seiner Kindheit
manifestiert und ausgewirkt haben muss (vgl. H. DILLING/H.J. FREYBERGER,
Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen, 7. Aufl., Bern 2014, S.
234 f.). Es ist deshalb überwiegend wahrscheinlich, dass sich diese bereits vor seiner
hier zu beurteilenden Anmeldung auf seine Erwerbsbiographie ausgewirkt hat, und
diese nebst psychosozialen und arbeitsmarktlichen Faktoren den Beschwerdeführer
daran hinderten, ein höheres Einkommen zu erzielen. Auffällig ist jedenfalls, dass der
Beschwerdeführer häufige Stellenwechsel zu verzeichnen hatte und lediglich als
Selbständigerwerbender jeweils über mehrere Jahre hinweg dieselbe Tätigkeit ausübte
(vgl. IK-Auszug, IV-act. 127). Sodann ist der Beschwerdeführer nicht mehr
erwerbstätig. Es ist mithin sowohl das Validen- als auch das Invalideneinkommen nach
Tabellenlöhnen zu bemessen beziehungsweise ein Prozentvergleich vorzunehmen, wie
dies die Beschwerdegegnerin auch getan hat.
6.
6.1 Der als ausgeglichen unterstellte Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen Behinderte mit
einem sozialen Entgegenkommen vonseiten des Arbeitgebers rechnen können. Von
einer Arbeitsgelegenheit kann gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung nur dann
nicht mehr gesprochen werden, wenn die zumutbare Tätigkeit nurmehr in so
eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch
nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden einer entsprechenden
Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteile des Bundesgerichts
vom 28. April 2010, 8C_1050/2009, E. 3.3, mit Hinweisen, und vom 29. August 2007,
9C_95/2007, E. 4.3). Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich
invaliditätsfremder Faktor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, welches
zusammen mit weiteren persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen
kann, dass die einer versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auch in
einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt würde. Der Einfluss des
Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leistungsvermögen zu verwerten,
lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen, sondern hängt von den
konkreten Umständen ab. Zu denken ist zunächst an die Art und Beschaffenheit des
Gesundheitsschadens und seiner Folgen, angesichts der beschränkten verbleibenden
Aktivitätsdauer sodann namentlich an den absehbaren Umstellungs- und
Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch an die
Persönlichkeitsstruktur, an vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, die Ausbildung,
den beruflichen Werdegang oder an die Möglichkeit, Berufserfahrung anzuwenden
(Urteil des Bundesgerichts vom 14. Juli 2010, 9C_427/2010, E. 2.4.1). Die
bundesgerichtliche Rechtsprechung stellt hohe Voraussetzungen an die Annahme einer
nicht mehr verwertbaren Restarbeitsfähigkeit. Massgebend sind die verbleibende
Aktivitätsdauer von grundsätzlich fünf Jahren und der zeitliche Umfang der
Arbeitsfähigkeit (Urteile des Bundesgerichts vom 7. März 2017, 9C_677/2016, E. 4.3,
vom 25. Juli 2016, 8C_324/2016, E. 4.4 f., und vom 19. Mai 2016, 8C_910/2015, E.
4.3.3).
6.2 Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen
Durchschnittswerten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert (Tabellenlohn)
allenfalls zu kürzen. Damit soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass
persönliche und berufliche Merkmale wie Art und Ausmass der Behinderung,
Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können (BGE 124 V 323 E.
3b/aa). Aufgrund dieser Faktoren kann die versicherte Person die verbliebene
Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt möglicherweise nur mit
unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten (BGE 126 V 80 E. 5b/aa in fine).
Der Abzug soll aber nicht automatisch erfolgen. Er ist unter Würdigung der Umstände
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Einzelfall nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen und darf 25 %
nicht übersteigen (BGE 126 V 80 E. 5b/bb-cc; 134 V 327 f. E. 5.2; Urteil des
Bundesgerichts vom 17. Juli 2009, 9C_368/2009, E. 2.1; zum Ganzen auch Urteil des
Bundesgerichts vom 23. Dezember 2014, 9C_630/2014, E. 2.1 mit weiteren Verweisen).
6.3 Der Beschwerdeführer verfügt über keine abgeschlossene Ausbildung. Aus
somatischer Sicht ist er in der Lage, überwiegend bis ständig sitzend auszuführende,
körperlich leichte Tätigkeiten mit Heben und Tragen von Lasten bis zu 10 kg ohne
Zwangshaltungen, ohne erhöhten Anspruch an die Standsicherheit wie auf Treppen,
Leitern und Gerüsten, ohne Tätigkeiten in und über Kopfhöhe, ohne erforderlichen
festen Kraftschluss der Hände und ohne extreme Temperaturschwankungen wie Hitze,
Kälte, Nässe und Zug auszuüben (IV-act. 305-48). Aus psychiatrischer Sicht sind
Tätigkeiten mit einem besonderen Verantwortungsdruck, mit einem
aussergewöhnlichen Zeitdruck (Akkordbedingungen) und unter Wechsel von
Nachtschichtbedingungen bzw. mit regelmässigem Publikumsverkehr und sämtliche
Tätigkeiten in überwiegender Teamarbeit unpassend. Am besten geeignet ist ein
Arbeitsplatzbereich, bei dem der Versicherte alleine klar vorgegebenen
Handlungsrichtlinien folgen könnte (IV-act. 305-29, 82). RAD-Ärztin Dr. L._ fasste das
Anforderungsprofil gesamthaft dahingehend zusammen, dass dieses einem
Nischenarbeitsplatz entspreche (Stellungnahme vom 9. Januar 2018, IV-act. 306). Im
für die Beurteilung der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit massgeblichen
Zeitpunkt (vgl. dazu BGE 138 V 461 f. E. 3.3 f.) der Erstattung des Gutachtens vom 3.
Januar 2018 war der Beschwerdeführer 60 1/2 Jahre alt.
6.4 Mit Blick auf die strenge bundesgerichtliche Rechtsprechung und die
Massgeblichkeit des als ausgeglichen zu denkenden und auch Nischenarbeitsplätze
umfassenden Arbeitsmarktes erscheint eine Verwertung der doch beträchtlichen
Restarbeitsfähigkeit von 70% nicht ausgeschlossen. Die vorerwähnten gegebenen
Umstände - fehlende Ausbildung, fortgeschrittenes Alter, Umstellung von der
bisherigen selbständigen auf eine bisher noch nicht ausgeübte Art von unselbständiger
Tätigkeit, somatisch und psychiatrisch über körperlich leichte Arbeiten hinaus deutlich
eingeschränktes Zumutbarkeitsprofil, Erforderlichkeit eines Nischenarbeitsplatzes -
rechtfertigen jedoch gesamthaft einen Tabellenlohnabzug von 20%. Somit resultiert ein
Invaliditätsgrad von 44% (1-[70% x 80%]).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.5 Die Gutachter attestieren dem Versicherten im Gutachten vom 3. Januar 2018 in
der bisherigen Tätigkeit als selbständiger Gartenbauer eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit seit 26. Oktober 2011. Sie stützen sich dabei auf die Angaben des
Vorgutachtens der SMAB AG vom 9. April 2013 (IV-act. 305-29). Die damaligen SMAB-
Gutachter hielten wiederum fest, dass bereits im MEDAS-Gutachten vom 21. Oktober
2003 keine hinreichende Arbeitsfähigkeit mehr für körperlich schwere Tätigkeiten im
Gartenbau attestiert worden sei (IV-act. 157-25). Auch im späteren MEDAS-Gutachten
vom 28. Juni 2006 wurde überdies eine vollständige Arbeitsunfähigkeit im Bereich des
Gartenbaus bzw. für körperlich schwere Tätigkeiten, die ein längeres Stehen und
Gehen voraussetzten, attestiert (IV-act. 107-14). Das Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1
lit. b IVG war somit im Zeitpunkt der Anmeldung am 27. Oktober 2011 bereits
abgelaufen. Somit hat der Beschwerdeführer ab dem 1. April 2012 Anspruch auf eine
Viertelsrente.
7.
7.1 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 13. März 2018 in
teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und dem Beschwerdeführer mit
Wirkung ab 1. April 2012 eine Viertelsrente zuzusprechen. Die Sache ist zur
Festsetzung und Ausrichtung der geschuldeten Leistungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
7.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1‘000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Hinsichtlich der
Beschwerde gegen die Rentenverfügung gilt es zu beachten, dass gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung zur Überklagung in
sozialversicherungsrechtlichen Rentenfällen im vorliegenden Fall von einem
vollständigen Obsiegen der Beschwerdeführerin auszugehen ist (Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Januar 2016, 9C_288/2015, E. 4.2). Die Beschwerdegegnerin
hat daher die gesamten Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der geleistete
Kostenvorschuss ist dem Beschwerdeführer zurückzuzahlen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat keine Kostennote eingereicht. Aufgrund
der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand ist dem Beschwerdeführer eine
Parteientschädigung von praxisgemäss Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) zuzusprechen.