Decision ID: 1bfabf2a-4e1b-460f-93a2-24d1a0cd1b94
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1982
geborene
X._
war
nach verschiedenen
kurzen Einsätzen als
Hilfsarbeiter
zuletzt
vom
1
8.
November
bis 1
8.
Dezember
2009
als
Betriebsmit
arbeiter
bei der
Y._
angestellt
und anschliessend als Hausmann tätig
(
Urk.
7/5/5-12
und
Urk.
7/21/3
)
.
Am 1.
September 2010
wurde er Opfer eines Tötungsversuchs. Aufgrund der dabei erlittenen
Stichverletzungen war er v
om
1.
bis
1
2.
September
2010 im
Z._
hospitalisiert (
Urk.
7/6/1
und
Urk.
7/23
).
Am
1
4.
Dezember 2011
meldete er sich unter Hinweis auf
eine
psychiatrische Erkrankung in Folge einer Straftat
bei der Invaliden
versicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
7/7
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische und erwerbliche Abklärungen
,
veranlasste eine Abklärung im Haushalt (Bericht vom 2
4.
September 2012;
Urk.
7/69),
gab eine Personenobservation in Auftrag (Ermittlungsbericht
e
vom 3
0.
April 2014
und
1.
Dezember 2014
; Urk.
7/52
/2-36 und
Urk.
7/52/37-78
)
und
liess den Versicherten
durch die
MEDAS
A._
polydisziplinär
(
Allgemeine Innere Medizin, Chirurgie, Psychiatrie und Psychotherapie und Neurologie
)
begutachten (Expertise v
om 2
9.
Dezember 2016;
Urk.
7/89
). Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
7/96
und Urk.
7/101
) wies sie das
Leistungsbegehren
mit Verfügung vom
2
2.
Januar 2018
(Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob der Versicherte am
2
3.
Februar 2018
Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, die
angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und es sei
ihm mindes
tens für Juni 2012 bis April 2013 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen. Zur Prüfung der Frage einer höheren beziehungsweise über April 2013 hinaus zu zahlenden Invalidenrente sei die Sache zu ergänzenden medizinischen Abklä
rungen und zum Neuentscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Zudem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung unter Bestellung einer unentgeltlichen Rechts
vertretung zu bewilligen. Am
2
1.
März 2018
beantragte die IV-Stelle, die Be
schwerde sei abzuweisen
(
Urk.
6)
.
Mit Verfügung vom 2
5.
Juli 2019 (
Urk.
15) legte das hiesige Gericht die Stellung
nahmen der behandelnden
Dr.
med.
B._
, FMH Psychiatrie und Psychothe
rapie, vom 1
9.
September 2015 (
Urk.
7/64) und vom 1
0.
Juli 2017 (Urk. 7/100) der
MEDAS
A._
vor und unterbreitete
ihr
Ergänzungsfragen. Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
reichte am 21. November 2019 eine erste (
Urk.
19) und - auf entsprechende Nachfrage des Gerichts (vgl.
Urk.
21) - am 2
0.
Dezember 2019 eine
ergänzende Stellungnahme (
Urk.
22) ein. Mit Ver
fügung vom
9.
Januar 2020 (
Urk.
23) gewährte das Gericht dem Beschwerde
füh
rer
die unentgeltliche Prozessführung und bestellte ihm Rechtsanwalt Daniel
Christe
,
Winter
thur, als unentgeltlichen Rechtsvertreter für das vorliegende Verfahren. Die Parteien äusserten sich am 3
1.
Januar 2020 (Urk. 26) und am 2
1.
Februar 2020 (
Urk.
27) zu den Stellungnahmen von Dr.
C._
. Die jeweiligen Stellung
nahmen wurden den Parteien mit Mitteilung vom 2
4.
Februar 2020 je gegenseitig zur Kenntnis gebracht (Urk. 29).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Sie kann Folge von Geburtsge
brechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.
3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene leistungsabweisende Verfügung vom
2
2.
Januar 2018
(Urk. 2) damit, dass
der Beschwerdeführer bei einem Überfall am 3
1.
August 2010 Verletzungen erlitten habe, welche im Spital hätten behandelt werden müssen. Von Mai 2013 bis März 2014 sowie von Oktober bis November 2014 sei er observiert worden. Anschliessend sei eine Begutachtung durchgeführt worden. Aufgrund der dabei festgestellten Inkonsi
stenzen sei nicht überwiegend wahrscheinlich, dass er
je wegen
einer psychischen Beeinträchtigung in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei.
Es könne - aus näher dargelegten Gründen - weder auf die Arbeitsfähigkeitseinschätzung der behandelnden Ärzte noch der Gutachter abgestellt werden. Es bestehe auch kein Raum für die
Zusprache
einer befristeten Rente, habe er doch - nach einer Anmeldung im Dezember 2011 - bereits Anfang 2012 ein hohes Aktivitätsniveau mit zahlreiche
n Reiseaktivitäten aufgewiesen (S. 1-3). Weder seien das Observa
tionsmaterial oder das gestützt darauf erstellte Gutachten aus den Akten zu weisen noch bestehe Anlass für weitere Abklärungen. Es habe ein hinreichender Grund für die Veranlassung einer Observation bestanden, diese habe aus
schliess
lich im öffentlichen Raum stattgefunden und er habe dadurch lediglich einen relativ bescheidenen Eingriff in seine grundrechtliche Position erlitten (S. 3-4).
2.2
D
er
Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
er habe beim Überfall eine schwere Körperverletzung, zugefügt durch zahlreiche Messerstiche, die er nur mit Glück überlebt habe, erlitten. Von den somatischen Beschwerden habe er sich objektiv betrachtet ziemlich gut erholt, es seien aber psychische Beschwerden in Form einer
posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)
geblieben (S. 2-3). Sowohl
Gutachter als auch der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) seien von einer bis Anfang 2013 bestehenden psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeit ausgegangen. Die behandelnde Ärztin habe darauf hingewie
sen, dass
er anlässlich der
Observation nur an guten Tagen habe beobachte
t werde
n können, da er an schlechten Tagen gar nicht hinausgegangen sei
. Sie gehe nach wie vor von einer Arbeitsunfähigkeit aus
(S.
4). Der Stellungnahme des Rechtsdienstes der Beschwerdegegnerin, wonach nie eine längerfristige psy
chisch bedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden habe, könne nicht gefolgt werden. Vielmehr sei vo
n einer vom 1.
September 2010 bis Anfang 2013
(wohl: 2012)
100%igen und anschliessend mindestens 50%igen Arbeitsunfähig
keit und
entsprechend zumindest von
einem
von Juni 2012 bis April 2013
be
fristeten
Anspruch auf eine halbe Rente
auszugehen (S. 6-7).
Zudem stelle sich die Frage, ob nicht eine höhere Arbeitsunfähigkeit ab Anfang 2012 bestehe und diese auch über Anfang 2013 hinausgehe. Sein Krankheitsbild unterliege starken Schwankungen, was die Gutachter nicht mitberücksichtigt hätten. Das Gutachten leide an weiteren Mängeln, weshalb in Bezug auf die Einschränkung der Arbeits
fähigkeit ab Januar 2012
zusätzliche
Abklärungen zu tätigen
seien
und die Sache hierzu an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen sei (S. 7).
Im Laufe des Verfahrens ergänzte der Beschwerdeführer (
Urk.
27), die Stellung
nahmen der MEDAS
A._
hätten die gewünschte Klärung nicht gebracht. Es be
ständen Zweifel, ob das Gutachten eine genügende Grundlage für die Beurtei
lung seiner Arbeitsfähigkeit bilde. Es
dränge
sich eine Rückweisung zur Ergänzung der medizinischen (psychiatrischen) Abklärungen
auf
(S. 2-3).
3.
3.1
Der Beschwerdeführer wurde vom
2.
November 2011 bis
2.
Februar 2012 statio
när in der
D._
behan
delt.
Im Austrittsbericht vom
2.
Februar 2012 (
Urk.
7/43/5-9) hielten Oberarzt
Dr.
med.
E._
und Psychologin
lic
. phil.
F._
folgende Diagnosen fest
(S. 1
)
:
-
Posttraumatische Belastungsstörung
-
Verdacht auf anhaltende wahnhafte Störung
Dazu führten sie aus,
dass der Beschwerdeführer s
eit
dem Übergriff (mehrere Messerstiche durch eine ihm bekannte Frau und einen ihm unbekannten Mann)
, welchen er nur knapp überlebt habe, an einer PTBS
leide
.
In den ersten Monaten
nach der Tat sei es
zu Morddrohungen durch die Täterin
gekommen
, sodass die starke Angstreaktion und der
Rückzug des Beschwerdeführers zu jene
m Zeitpunkt
angemessen und
nachvollziehbar gewesen seien.
Obwohl sich die Täterin
in
zwi
schen
seit mehr als
einem
Jahr in Untersuchungshaft befinde, fühl
e
er sic
h von ihr verfolgt. Er
berichte
über optische und akustische Hall
u
zinationen
(Stimmen
hören), die von den in
t
rusiven Bildern klar abgrenzbar
seien
. Sowohl bei den
Intrusionen als auch bei den Hal
luzinationen und Verfolgungsideen
handle
es sich inhaltlich um die Täterin und nicht den Täter, der bisher nicht
habe
inhaftiert werden
können
und somit eher eine Gefahr darstelle.
D
as Gefühl der Bedrohung
sei
verhaltenssteue
rn
d und
habe
inzwischen ein ausgeprägtes Ve
rm
eidungs
ver
halten aus
gelöst
, indem
er
nie alleine die Wohnung
verlasse
und sich mit Aus
nahme der unmittelbaren Familie vollkommen sozial zurückgezogen
habe
. Das passive
Krankheitsmodell des Beschwerdeführers,
dass die Symptome von
alleine
oder durch die Bemühungen anderer eines Tages verschwinden
würden, habe nur
unwesentlich modifiziert werden
können. In dieser Hinsicht sei ei
ne systemische Komponente
zu vermuten,
indem
er
durch seine Ehefrau und Schwiegerelte
rn
stark geschont
werde
, so dass ein sekundärer Krankheitsgewinn das Vermei
dungs
ver
halte
n verstärk
e
. Die
vordiagnostizierte depressive
Episode
habe
im stat
io
nä
ren Setting nicht beobachtet werden können
. Die Grundstimmung
habe
sich themenadäquat schwankend
gezeigt
, der Antrieb regelrecht. Die Freudlosigkeit, Schlafst
örungen und Konzentrationsschwie
rigkeiten
seien wohl
im Rahmen der primären
PTBS erklärbar (S. 4).
Der Austritt sei in gegenseitigem Einvernehmen erfolgt. Während der gesamten
Hospitalisation
werde eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
bescheinigt (S. 5).
3.2
Oberärztin
Dr.
med.
G._
und Oberassistent PD
Dr.
phil.
H._
von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des
Z._
stellten in ihrem Abschluss
bericht vom 3
0.
Januar 2013 (
Urk.
7/
40
/1-4
) folgende Diagnosen (S. 1):
-
PTBS
-
anhaltende wahnhafte Störung
-
mittelgradige depressive Episode
Dazu führten sie aus, der Beschwerdeführer se
i von ihnen vom 1
1.
November 2010 bis 30.
Januar 2013 in 70 Sitzungen psychiatrisch-psychologisch betreut worden.
Im Zentrum der Symptomatik stehe eine sehr stark ausgeprägte PTBS im Sinne von Wiedererleben, Vermeidungsverhalten und Übererregung nach Angriff durch zwei Personen am
1.
September 201
0.
Unter der resultierenden psychopa
thologischen Belastung bei permanenten Angstzuständen sei seit Juni 2011 darüber hinaus eine wahnhafte Störung festzustellen, unter welcher er sich beinahe ununterbrochen als verfolgt und bedroht empfinde und sich rational von diesem Verfolgungswahn nicht
distanzieren könne. Aufgrund ihrer Überschnei
dung mit posttraumatischen intrusiven Symptomen würden die visuellen und
akustischen
Halluzinationen von der Täterin nicht als Ausschlusskriterium für diese Diagnose verstanden. Darüber hinaus seien aktuell die Kriterien für eine mittelgradig ausgeprägte depressive Episode erfüllt (S. 1). Im Juni 2011
sei
die Haustüre des Beschwerdeführers von einer unbekannten Person gewaltsam einge
treten worden, unmittelbar nachdem dieser von einer Therapiesitzun
g
nach Hause gekommen sei. In der Folge sei es zu einer Verstärkung der posttraumatischen
Symptome gekommen, welche zunehmend psychotischen Charakter angenom
men
hätten. Aus diesem Grund sei eine stationäre Behandlung in der Spezialstation
für
Traumafolgestörungen
der
D._
durchgeführt worden. Nachdem er am 2
7.
April
2012 seine Frau
halluzinatorisch
als
Täterin verkannt und angegriffen habe, habe er vom
3.
bis
7.
Mai 2012 mit einer fürsorgerischen Freiheitsent
zieh
ung in die
D._
eingewiesen und stationär behandelt werden müssen.
Auf Ebene der post
traumatischen psychotischen und affektiven Symptoma
t
ik sei zusam
menfassend keine Besserung festzustellen (S. 4).
3.3
Dr.
B._
führte in ihrem Bericht vom 1
7.
Januar 2013 (
Urk.
7/42) folgende Diagnosen auf (S. 1):
-
PTBS nach Stichverletzungen und Knochenbrüchen am
1.
September 2010
-
anhaltende wahnhafte Störung seit ungefähr Juni 2011
-
mittelgradige depressive Episode
-
verschiedene körperliche Folgeerscheinungen nach Messerstichverletzungen und Knochenbrüchen vom
1.
September 2010
Dazu hielt sie fest, der Beschwerdeführer stehe seit 1
5.
Oktober 2012 in ihrer Behandlung.
Es werde einmal wöchentlich eine
traumafokussierte
und psychody
namische Psychotherapie sowie eine Psychopharmak
o
therapie durchgeführt. Es handle sich um einen schweren chronischen Verlauf der PTBS. Zum jetzigen Zeit
punkt könne nicht von einer kurzfristigen Besserung ausgegangen werden. Die Frage sei, ob die Gefühle von Wertlosigkeit und Verzweiflung sich etwas bessern könnten, wenn die angespannte sozioökonomische Situation sich bessere. Seit dem Über
f
all sei er zu 100
%
arbeitsunfähig. Es beständen Angstsymptome, psy
chotische Symptome, er könne nicht alleine das Haus verlassen, sich nicht kon
zentrieren und zeitweilig
,
aber nicht zuverlässig
,
im Haushalt mithelfen (S. 2).
3.4
Am 1
9.
September 2015 nahm
Dr.
B._
Stellung zu den Observations
ergeb
nissen (
Urk.
7/64) und hielt fest,
im Vordergrund der Erkrankung des Beschwer
deführers stehe eine PTBS, die zu den Angststörungen gehöre und gekennzeichnet sei durch das
wiederholte Erleben des Traumas durch sich aufdrängende Erinne
rungen/Nachhallerinnerunge
n, Albträume mit Schlafs
t
ö
rungen und ein Vermei
dungsverhalten von Aktivitäten und Situationen, welche Erinnerungen an das Trauma hervorrufen könnten
(S. 1)
.
Die Nachhallerinnerungen könnten durch äussere Gegebenheiten wie Gerüche, Geräusche, Nachrichten und andere Anlässe ausgelöst werden, ohne dass die betroffene Person einen unmittelbaren Bezug zur traumatischen Situation erkennen müsse, es könne aber auch sein, dass eigene
Gedanken, körperliche Beschwerden und andere, teilweise nicht
eruierbare
An
teile diese Erinnerungen auslös
t
en. Auch bei einem chronischen Krankheitsverlauf seien Befinden und Symptome nie immer gleich stark ausgeprägt. Sowohl depres
sive Zustände wie Angst- und Schmerzzustände könnten im Verlauf von Stunden oder Tagen Schwankungen von leicht bis schwer unterliegen. Angst könne sich von einer leichten Anspannung bis zu Panik mit Gefühl von
Verfolgtwerden
stei
gern, auch Schmerzen könnten anfallsartig auftreten (S. 2).
Bei den beobachteten Aktivitäten sei der Beschwerdeführer bis auf kleine Spaziergänge mit der Tochter in der Nähe des Hauses oder Abholen/Bringen der Kinder ebenfalls im nahen Umfeld nie allein. Er werde von der Familie begleitet, auch zu den Therapie
sitz
ungen. Am Abend verlasse er das Haus nicht. An den Tagen, an denen er nicht sichtbar gewesen sei, habe er sich vermutlich in der Wohnung aufgehalten, es gebe immer wieder Tage, an denen er die Wohnung nicht verlassen könne. Es komme auch vor, dass er wegen Angstattacken nicht in die Praxis kommen könne und der Termin dann als Telefonkonsultation abgehalten werde. Das Gefühl, weiterhin beobachtet und bedroht zu werden, sei verständlich, der eine Täter sei nicht gefasst, es habe in der ersten Zeit nach dem Überfall verbale Drohungen gegeben und einmal sei die Haustüre mitten am Tag eingetreten worden (S. 4). Keine der bei der Observation gemachten und
sonstwie
recherchierten Befunde widersprächen dem Krankheitsbild einer PTBS. Ein externer Beobachter könne auch nicht wissen, ob der Beschwerdeführer eventuell vor bestimmten familiären Aktivitäten, die für die Kinder wichtig seien, schmer
z
- und angstlindernde Medi
kamente eingenommen habe (S. 5).
Starke Befindlichkeitsschwankungen, rasch auftauchende Ängste und Irritabilität würden eine kontinuierliche Aufmerk
samkeit und Konzentration auf Dinge ausserhalb der Eigenwahrnehmung der psychischen und körperlichen Verfassung stören. Die Gedanken würden um die eigenen Probleme kreisen und in einem Gespräch über irgendwelche Themen oder bei Ablenkung durch bestimmte Geräusche breche
die Aufmerksamkeit ab und der Beschwerdeführer sei von ängstigenden Gedanken und Nachhallerinnerungen gefangen. Zudem leide er drei bis fünf Mal pro Woche an Albträumen, aufgrund welcher der Schlaf gestört und er
dementsprechend erschöpft sei. Dies erschwere auch eine regelmässige Tagesstrukturierung (S. 5). Anpassungen an Regeln und Routine, Planung und Strukturierung, Flexibilität und Umstellungsmöglichkeiten seien erheblich reduziert, ebenso Belastbarkeit, Durchhaltevermögen und Selbst
behauptungsfähigkeit. Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Schlaf
störungen, Attacken von körperlichen Schmerzen und die Tatsache, dass er wegen starker Ängste bis zu Panik sich nicht allein - ausser im nahen Umfeld und an für ihn günstigen Tagen - bewegen könne, was bedeute, dass Wege nicht selb
ständig zurückgelegt werden könnten und dadurch die Mobilität eingeschränkt sei, würden eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit verursachen (S. 5-6).
3.5
Dr.
C._
,
Dr.
med.
I._
, Facharzt für Allgemeine Chirurgie und Trauma
to
logie des Bewegungsapparates,
Dr.
med. J._
, Facharzt für Innere Medizin, und
Dr.
med.
K._
, Facharzt für Neurologie FMH, von der MEDAS
A._
stellten in ihrem Gutachten vom 2
9.
Dezember 2016 (
Urk.
7/89) keine
Diagnosen mit
und folgende Diagnosen ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S.
19
):
-
Status nach Messerstichverletzung thorakal links und abdominal links mit Pneumothorax, Fraktur der linken 1
0.
Rippe, Magenperforation, 4-fache Dünndarmperforation, Läsion der
Vena
renalis
links, primärversorgt am
1.
September
2010 im
Z._
-
Status nach
Inguinalhernienoperation
links 1999 offen
-
Schnittverletzung der rechten Hand anlässlich der Messerstichverletzung vom
1
.
September
2010
-
Status nach Fraktur des Nasenbeins, anlässlich des Überfalls, reponiert
-
Abhängigkeitssyndrom von Sedativa oder Hypnotika, ständiger Gebrauch (ständiger Substanzgebrauch)
-
Status nach akuter Belastungsreaktion und PTBS, inzwischen remittiert
-
gegenwärtig
Reaktion auf schwere Belastung
-
Nikotinabusus
-
c
hronischer Spannungskopfschmerz
-
n
ich
t-authentische kognitive Minderl
eistungen in den Bereichen Aufmerk
sam
keit, Neugedächtnis und Exekutivfunktionen
-
e
rhebliche Zeichen mindestens der Verdeutlichung bis Aggravation und nega
tive Antwort-Verzerrung
Dazu hielten sie fest, aus psychiatrischer Sicht
habe
sich der
Beschwerdeführer
im Rahmen der Begutachtung motorisch und mental stark verlangsamt bis schwerbesinnlich
verhalten
, er
habe
das Bild eines kognitiv stark eingeschränkten Menschen
geboten und
teilweise auch absurde Angaben zur Wahrnehmung und zum Erleben in der Untersuchungssituation
gemacht
. Er
habe
über starke Angst
gefühle im
Zusammenhang mit dem traumatischen Ereignis
berichtet
, diese seien trotz jahrelanger
Therapie (
traumatologisch
orientierte Psychotherapie) bislang nicht besser geworden.
Bei
m psychiatrischen Interview
sei
auf
gefallen
, dass bei der Schilderung des Ereignisses keine erkennbare Angst, keine Erregung sichtbar
gewesen sei
und dass sich die Stimme des
Beschwerdeführers
dabei nicht
geändert habe
. In kognitiver
Hinsicht
sei
eine starke Vergesslichkeit
auffallend gewesen
, er könne sich nicht genau an den Vorfall erinnern, er könne auch spontan das Alter seiner Kinder und seiner Eltern nicht nennen. Die aktuelle Medikation
habe er
aber spontan ohne nachzuschauen wiedergeben
können
. Der
Beschwerdeführer
berichte
über starke Angstgefühle, er könne fremde Menschen nicht ertragen, das Haus nicht
alleine verlassen, er berichte
auch aktuell mit der Familie Url
aubs
reisen zu unternehmen, er fahre auch öfters in seine Heimat, er reise
auch alleine, unter anderem mit
dem Auto. Unmittelbar nach dieser Begutachtung sei eine erneute Reise
in die Heimat
mit der Familie geplant. Er
habe bestätigt,
mit seiner Frau viel draussen zu sein und mit dem Bruder seiner Frau zum Fussballtraining zu gehen
(S. 17)
.
Die Beschreibung der Panikattacken mit Angst vor fremden Menschen, der Sorge, dass
ihn
diese umbringen könnten, dabei ein Gefühl zu haben, dass es ihm nicht gut gehe, ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen,
entspreche
nicht den Diag
nosekriterien einer Panikstörung. In affektiver Hinsicht
hätten
sich keine Hin
weise auf eine manifeste depressive Störung
ergeben
. Die Angaben zur Persön
lichkeit
hätten
keine Hinweise für eine auffällige prämorbide Persönlich
keits
struktur
ergeben
.
Es beständen
gegenwärtig keine eindeutig behandelbaren
a
ffektiven oder psychotischen Symptome mehr, eine PTBS
sei
gegenwärtig zu verneinen. Da echte kognitive Symptome nicht belegbar
seien, müsse aus
aktu
ellem Anlass der Untersuchung davon ausgegangen werden, dass andere Motive für das Verhalten des
Beschwerdeführers
vorlägen
. Das dargebotene Bild wirk
e
nicht echt und erschein
e
aufgesetzt, nahezu theatralisch. Die demonstrierten Störungen der Kognition, aber auch die Angaben zu visuellen und akustischen Hallu
zinationen
seien
nicht glaubhaft und
entsprächen
objektiv gesehen keinem wissen
schaftlich definierten psychiatrischen Zustandsbild. Es
seien
aktuell Ver
deutlichung und
aggravatorische
Tendenzen erkennbar, somit handle es sich gegenwärtig mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nicht mehr um ein versi
che
rungspsy
chiatrisch relevantes Zustandsbi
ld. Dies
würden
auch die Bilder und die Angaben aus der Observation
bestätigen
. Es
hätten
sich keinerlei Hinweise für ein dysfunktionales Verhalten im Alltagsleben ergeben
.
Es werde e
in Entzug des
Lorazepams
vorgeschlagen
(S. 17)
.
Der
Beschwerdeführer
sei aus psychiatrischer Sicht i
n
der
angestammte
n
und in einer Verweistätigkeit
zu
100
%
arbeitsfähig. Aus internistischer Sicht
würden
sich weder bei der Untersuchung noch durch die anamnestischen Angaben Stö
rungen oder Erkrankungen feststellen
lassen
, die sich versicherungsmedi
zinisch in relevanter Weise auswirken könnten.
Aus
viszeralchirurg
ischer
Sicht
bestän
den
aktuell n
och Schmerzen im Narbenbereich
, der
Beschwerdeführer
sei
für Lasten bis 15 kg voll arbeitsfähig ohne
Einschränkung.
A
us neurologischer Sicht
sei er zu
100
%
arbeitsfähig in der angestammten und
einer ideal angepassten Verweis
tätigkeit
. Zusammenfassend sei d
er
Beschwerdeführer
in jeglicher Tätig
keit mit einer
Gewichtslimite
von max
imal
15 kg (
wegen der
Abdominalnarbe
) voll leistungsfähig, es
würden
sich keine relevanten Beeinträchtigungen des Fähigkeitsprofils
zeigen (S. 18-19)
.
In Anbetracht der Schwere des Ereignisses, den Angaben und der Aktenlage
sowie
der aktuellen Untersuchung
sei
aus psychiatrischer Sicht
retrospektiv zwischen
1. September 2010
und etwa Ende 2011 von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit auszuge
h
en. Anfang 2012
und
2013
habe eine
50%ige Arbeitsunfähigkeit
be
standen
, danach
sei
keine Arbeitsunfäh
i
gkeit mehr zu attestieren
.
Aus internis
tischer oder neurologischer Sicht besteh
e
keine Arbeitsunfähigkeit, aus
viszeral-chirurgischer Sicht
habe
nach dem Unfall vom
1.
September
2010
während unge
fähr vier Monaten eine Arbeitsunfähigkeit bestanden (S. 20)
.
3.6
In ihrer
«
Stellungnahme
zum SVA-Entscheid»
v
om 1
0.
Juli 2017 (
Urk.
7/100)
führte
Dr.
B._
aus,
es sei unverständlich, dass in der Beurteilung die Kriterien der psychischen
Traumafolgen
nicht genügend beachtet
worden seien, sondern vor allem die depressive Störung in den Vordergrund gestellt worden sei.
Die Störungsintensität könne schwanken. An guten Tagen falle es dem Beschwer
deführer leichter, auch Aussenkontakte wahrzunehmen. Die Observation habe sicher vor allem diese guten Tage beobachten können. Eine Arbeitstätigkeit sei schwer zu erreichen, eine regelmässige Aussenaktivität könne immer wieder durch Ängste unterbrochen werden (S. 1-2). Das intensive Rückzugsverhalten, die enorme Ängstlichkeit und die seit drei
bi
s
vier Jahren einschiessenden aggres
siven Impulse würden andeuten, dass sich der Beschwerdeführer in vielen Be
reichen gegenüber früher verändert habe. Dies lege differentialdiagnostisch die Überlegung nahe, dass sich eine Persönlichkeitsveränderung entwickelt habe oder entwickeln könnte (S. 2-3). Im psychiatrischen Gutachten werde die motorische
und eine mentale Verlangsamung beschrieben. Nicht diskutiert werde, dass das V
erhalten auch mit einer Angstspannung
in der fremden Umgebung und Vermei
dungsverhalten zusammenhängen könnte. Das fehlende Mitschwingen des Affek
tes könne als Depressionszeichen oder Vermeidungsstrategie, starke Affekte zuzu
lassen vor einem ihm fremden Untersucher, gedeutet werden. Der Beschwerde
führer habe selten Panikattacken
,
aber sehr häufig anhaltende Angstzustände mit Befürchtungen, er sei draussen exponiert und er könnte erneut attackiert werden (S.
3). Gemäss Gutachten würden sich keine psychiatrischen Diagnosen mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit objektivieren lassen, aber eine gegenwärtige Reaktion auf eine schwere Belastung werde durchaus genannt.
Dies führe zu verschiedenen Ängsten, Vermeidungsverhalten und auch oft zu schweren Schlaf
störungen, alles Dinge, welche
einen Menschen sicher
in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen würden. Die Gu
tachter würden von einer vom 1.
September 2010 bis Anfang 2013 zu 100 beziehungsweise 50
%
eingeschränkten Arbeitsfähigkeit ausgehen. Dass die Beschwerdegegnerin trotz dieser langen Zeit der Arbeitsun
fähigkeit keine beruflichen Massnahmen anbiete, sei nicht nachvollziehbar. Es sei sicher hilfreich, wenn diesbezüglich über ein langsames, schrittweises Vorgehen eine Unterstützung versucht werden könnte (S. 3).
3.7
Dr.
C._
hielt in seine
r
Stellungnahme vom 21. November 2019 (
Urk.
19) auf entsprechende Ergänzungsfragen des hiesigen Gerichts (
Urk.
15) hin fest,
anläss
lich der interdisziplinären Begutachtung habe kein wissenschaftlich definiertes und versicherungsmedizinisch relevantes psychiatrisches Zustandsbild nachge
wiesen werden können: Das Verhalten des Beschwerdeführers in der Begutach
tungssituation habe aufgesetzt, zum Teil theatralisch gewirkt, dieses sei von ihnen als nichtauthentisch und nicht valide beurteilt worden. In der Untersu
chungs
situation hätten sich vielmehr deutliche Hinweise auf ein Aggravationsverhalten ergeben. In der von der Beschwerdegegnerin veranlassten Observation des Be
schwerdeführers zwischen Mai 2013 und Oktober 2015 habe ebenfalls kein Beweis für die Authentizität des beobachteten dysfunktionalen Verhaltens im Rahmen von ärztlichen Untersuchungen erbracht werden können, da dieses von seinem Freizeitverhalten deutlich abgewichen sei. In diesem Kontext hätten sich auch Diskrepanzen zwischen den Ergebnissen der interdisziplinären Begutach
tung und der Meinung der behandelnden Psychiaterin ergeben. Auch nach
träglich könne zu keinem anderen wissenschaftlich gestützten Untersuchungser
gebnis gelangt werden, als dies im Jahre 2016 im interdisziplinären Kontext des MEDAS-Gutachtens festgehalten worden sei (S. 6-7).
Auf erneute Nachfrage des Gerichts mit der Bitte um vollständige Beantwortung der gestellten Ergänzungsfragen (
Urk.
21) hielt
Dr.
C._
in seiner Stellung
nah
me vom 20. Dezember 2019 (
Urk.
22) fest, i
m Gutachten sei bezüglich der Diag
nose «gegenwärtig Reaktion auf schwere Belastung» leider ein Fehler unterlaufen. Diese
stamme aus dem ursprünglichen Gutachtensentwurf und
sei durch die Diag
nose «Status nach akuter Belastungsreaktion und PTBS, inzwischen remittiert» überflüssig geworden und durch diese auch ersetzt worden. Dabei handle es sich um eine versehentliche und nicht absichtliche inhaltliche Wiederholung. Nach dem Ersatz durch die sprachlich bessere und verständlichere Diagnoseversion hätte erstgenannte Diagnosebezeichnung gestrichen werden sollen, da sie über
holt und somit gegenstandslos geworden sei. Leider sei dies vergessen gegangen und der Fehler sei erst bei der aktuellen Rückfrage des Gerichts und genauem Hinsehen bemerkt worden. Die berichtigte Diagnose müsse somit korrekterweise heissen «Status nach akuter Belastungsreaktion und PTBS, inzwischen remittiert». Das im Gutachten verwendete Wort «gegenwärtig» heisse
lediglich
«aus gegen
wärtiger Sicht gesehen», was jedoch keineswegs heissen sollte, die Diagnose «Reaktion auf schwere Belastung» bestehe auch noch aktuell
. Die ICD-Ziffer sei in der aktualisierten Version weggelassen und die Berichtigung des missver
ständlichen Satzbaus in der Originalversion des Gutachtens bereits vorgenommen worden
(
S. 2).
In Anbetracht der Schwere des Ereignisses und den Angaben aus der umfang
reichen Aktenlage sei retrospektiv
zwischen dem 3
1.
August 2010 (Zeitpunkt des Ereignisses) sowie bis etwa Ende 2011 von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Auch Anfang 2012 und 2013 habe eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden, basierend auf dem Austrittsbericht der
D._
vom 2. Februar 201
2.
Im Jahre 2013 hätten die ambulant tätige Psychiaterin Dr.
B._
und das
Z._
über eine schwere PTBS mit zum Teil schweren psychotischen wahnhaften Symp
tomen, Ängsten und Nervosität berichtet. Erst die Aussagen im Rahmen der ersten Observationsphase seit 2
7.
Mai 2013 hätten bestimmte Widersprüche aufdecken und Diskrepanzen aufzeigen können, die bis dahin nicht aufgefallen seien. Die im psychiatrischen Bericht vom 1
0.
Dezember 2014 als unverändert attestierten
Symptome würden erheblich mit der detektivischen Dokumentation kontras
tie
ren
, wodurch deutliche Zweifel an der Richtigkeit der Angaben aufgekommen seien, dies auch bezüglich der Schwere der psychischen Trauma-Folgestörungen insge
samt. Weitere retrospektive Aussagen zu einzelnen Arbeitsunfähigkeits
zei
ten seien
gegenwärtig unter Berücksichtigung der Sachlage nicht möglich. Bei den zahlrei
chen Inkonsistenzen wäre es aber im Rahmen
eines psychiatrischen und neuro
psychologischen Gutachtens mit forensischem Schwerpunkt möglich, diesbezüg
lich weitere Informationen zum bisherigen
Verlauf und zur Bedeutung der aktu
ellen Symptomatik zu erhalten (S. 4).
4.
4.1
Der Beschwerdeführer wurde am 3
1.
August 2010 Opfer einer schweren Körper
verletzung und entwickelte in der Folge psychische Beschwerden,
welche mehrere stationäre Aufenthalte sowie eine regelmässige ambulante Psychotherapie und eine psychopharmakologische Behandlung erforderten.
Die behandelnden Ärzte attestierten eine seit dem Überfall bestehende 100%ige Arbeitsunfähigkeit (E. 3.1-3.3 hie
r
vor). Von Mai 2013 bis März 2014 sowie von Oktober bis November 2014
wurde er
an 17 Tagen
observiert
(Ermittlungsberichte
vom 30.
April 2014
und 1.
Dezember 2014; Urk. 7/52/2-36 und
Urk.
7/52/37-78)
. Dabei konnte er an 9
Tagen nicht angetroffen werden, an den restlichen 8 Tagen bewegte er sich entweder in der unmittelbaren U
mgebung seiner Wohnung oder in Begleitung von Familienmitgliedern beziehungsweise Bekannten
(Spaziergang mit Ehefrau am 2
7.
Mai 2013, Rauchen eines Joints in einem Park wohl in Begleitung seines Schwagers am 2
0.
Juni 2013, Sohn von der Schule abholen sowie Psychothera
piesitzung und Einkaufen in Begleitung der Ehefrau am 16. September 2013, Spaziergang mit Kind am 1
6.
Oktober 2013, Spaziergang mit Kind und Mitfahrt in Auto von Bekanntem am 2
8.
Januar 2014, Besuch eines Fussballmatches seines Sohns in
L._
in Begleitung seiner Ehefrau und wohl des Schwiegervaters
am 2
6.
Oktober 2014, Besuch eines Lokals eines Bekannten zusammen mit wohl Schwager am 3
1.
Oktober 2014, Spaziergang mit Kinderwagen sowie Abholen von der Arbeit und
Z
urück
bringen an die Arbeit
der Ehefrau
sowie Besuch des vorgenannten Lokals
am 1
4.
November 2014)
.
Die behandelnde Psychiaterin hielt zu den Observationsergebnissen unter anderem fest, k
eine der bei der Observation gemachten und
sonstwie
recherchierten Befunde widerspräche
n dem Krankheits
bild einer PTBS (E. 3.4 hie
r
vor).
4.2
Der Beschwerdeführer wurde i
n der Folge durch die MEDAS
A._
polydisziplinär begutachtet
(Expertise vom 2
9.
Dezember 2016;
E.
3.5 hie
r
vor
).
Die Gutachter hielten fest, bei den Beschwerden des Beschwerdeführers handle es sich nicht mehr um ein versicherungspsychiatrisch relevantes Zustandsbild. Dies würden auch die Bilder und die Angaben aus der Observation eindeutig bestätigen
, welche keine Hinweise auf ein
dysfunktionales Verhalten im Alltagsleben zeigen würden (
Urk.
7/89 S. 41). Mit dem Umstand, dass der Beschwerdeführer weniger als an der Hälfte der observierten Tage überhaupt
ausserhalb seiner Wohnung
ange
troffen werden konnte und bei den beobachteten Aktivitäten stets in der näheren Umgebung seiner Wohnung oder in Begleitung von ihm nahestehenden Personen angetroffen wurde, setzten sich die Gutachter jedoch nicht auseinander, obwohl
ein solches Verhalten
mit einer PTBS vereinbar sein könnte
(vgl. E. 3.4 und E. 4
.1)
.
Entgegen de
n
Ausführungen der Gutachter spricht damit das Observations
ma
terial nicht ohne Weiteres für e
ine 100%ige Arbeitsfähigkeit
.
Die im Gutachten gestellte Diagnose «
gegenwärtig Reaktion auf schwere Belastung
», wurde zudem mit keinem Wort begründet und insbesondere führten die Gutachter nicht aus, weshalb diese keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit haben sollte.
Auch führten die Gutachter nicht aus,
weshalb sich die ab
1.
September
2010 bestehende 100%ige Arbeitsunfähigkeit etwa Ende 2011 auf eine 50%ige Arbeitsfähigkeit verbessert haben soll und inwiefern es Anfang 2013 zu einer erneuten Verbesse
rung mit seitheriger 100%iger Arbeitsfähigkeit gekommen sein soll. N
achdem die gemäss Gutachter
ab Anfang 2013
bestehende 100%ige Arbeitsfähigkeit so nicht nachvollzogen werden konnte,
stellte das hiesige Gericht Ergänzungsfragen an
sie
(
Urk.
15).
4.3
Den
Stellungnahmen
von
Dr.
C._
vom 21. November
2019
und vom 20. Dezember 2019 (Urk.
19 und
Urk.
22
, E. 3.7 hie
r
vor
)
ist zu entnehmen, dass es sich bei der Diagnose «Status nach akuter Belastungsreaktion und PTBS, in
zwischen remittiert» um eine sprachlich bessere und verständlichere Diagnose
version der ebenfalls im Gutachten aufgeführten Diagnose «gegenwärtig Reaktion auf schwere Belastung» handelt, wobei letztere fälschlicherweise im Gutachten nicht gelöscht wurde.
Eine Diagnose aufgrund ihrer sprachlich besseren Ver
ständlichkeit zu stellen, überzeugt jedoch nicht. Wird zudem in einem Gutachten eine falsche Diagnose wiedergegeben und dies erst auf entsprechende zweimalige
(
Urk.
15,
Urk.
21)
Rückfrage des Gerichts überhaupt festgestellt,
stellt dies die Beweiskraft des Gutachtens erheblich in Frage. Denn es lässt sich nicht aus
schliessen, dass es auch in anderen Bereichen
des Gutachtens
zu Fehlern ge
kommen ist.
Unklar bleibt im Übrigen
auch
der gutachterliche Hinweis auf die bereit
s
in der Originalversion des Gutachtens erfolgte Korrektur. Denn in der dem Gericht vorliegenden Version – von der anzunehmen ist, es handle sich um die gültige Originalversion – wird
die fragliche Diagnose sowohl im psychiatrischen Teilgutachten als auch im interdisziplinären Gutachten
steil
weiterhin aufgeführt, und zwar unter Angabe der ICD-Klassifikation. Das Gutachten
überzeugt aber auch hinsichtlich des beschriebenen Verlaufs der Arbeitsfähigkeit nicht
, wenn wie vorliegend etwa die angeblichen Steigerungen der Arbeitsfähigkeit Ende 2011 und Anfang 2013 im Gutachten mit keinem Wort begründet wurden
bezieh
ungs
weise diese im Widerspruch zu den eigenen gutachterlichen Ausführungen stehen. Denn der psychiatrische Gutachter bezog sich dabei in der ergänzenden Stellungnahme auf die Angaben im Austrittsbericht der
D._
, wonach sowohl Anfang 2012 als auch Anfang 2013 eine Arbeitsunfähigkeit von 50
%
bestanden habe (E. 3.7), sodass sich eine Verbesserung in diesem Zeitraum zumindest aus diesem Bericht gerade nicht ergibt
. Offenbar war
auch für
Dr.
C._
der genaue Verlauf der Arbeitsunfähigkeit nicht
mehr
durchwegs nachvollziehbar,
wies er doch darauf hin,
dass es
im Rahmen eines psychiatrischen und neuropsy
cholo
gi
schen Gutachtens mit forensischem Schwerpunkt möglich wäre, weitere Informa
tionen zum bisherigen Verlauf zu erhalten.
Der Verlauf der Arbeitsfähigkeit sowie deren Umfang im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung kann damit nach den Stellungnahmen
des
Gutachter
s
der MEDAS
A._
erst recht nicht mehr beurteilt werden.
4.4
Nach dem Gesagten
ist
aufgrund der Akten nicht mit überwiegender Wahr
schein
lichkeit
feststellbar
, ob und in welchem Umfang der Beschwerdefüh
rer arbeits
unfähig ist beziehungsweise seit der Erstanmeldung allenfalls vorübergehend
arbeitsunfähig
war. Nachdem
das Gutachten vom Beschwerdeführer bereits im
Einwandverfahren
nicht
unsubstantiiert
in Zweifel gezogen
wurde
(
Urk.
7/101)
und die B
e
gutachtung durch die MEDAS
A._
vor
bald vier Jahren durchgeführt wurde, erweist sich
ein durch das Gericht
anzuordnendes
Obergutachten nicht als
zielführend
, zumal der Beschwerdeführer eine Rückweisung zur ergänzenden medizinischen Abklärung und zum Neuentscheid beantragt
hatt
e. D
er ange
fochtene Ent
scheid
ist deshalb
aufzuheben und die Sache an die Beschwerde
gegnerin zurückzuweisen, damit diese eine neue Begutach
tung
insbesondere aus psychiatrischer Sicht
durchführen lasse und anschliessend über die Leistungs
ansprüche des Beschwerdeführers erneut entscheide.
5
.
Die Kosten der Stellungnahme
n
von Dr.
C._
vom
21. November 2019 und 20. Dezember 2019 (
Urk.
19 und
Urk.
22)
sind von der Beschwerdegegnerin zu tragen und somit dem Gericht
zurückzuerstatten, nachdem dem von der Be
schwerdegegnerin eingeholten Gutachten keine nachvollziehbare Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht entnommen werden konnte und eine entsprechende Nachfrage
bei der Gutachtensstelle unerlässlich war.
6
.
6
.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Die Kosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 1’000.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der un
terliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6
.2
Dem Beschwerdeführer steht eine Prozessentschädigung zu, welche vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen festge
setzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3 des
Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Entsprechend ist ihm - nach Einsicht in die Kostennote vom 2
1.
Februar 2020 (
Urk.
28) - eine Prozessentschädigung von Fr. 2'744.3
0
(inkl. Barauslagen und
MWSt
) auszurichten.