Decision ID: c674667c-e47d-5870-b63b-89dd16b7ff1a
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
a. X.Y., geb. 1971, stammt aus der Türkei und kam im Rahmen des Familiennachzugs
zu seinen Eltern 1974 in die Schweiz. Er besitzt die Niederlassungsbewilligung (act. G
13 I/66). 1992 heiratete er die 1972 geborene türkische Staatsangehörige A.Y., welche
1993 in die Schweiz einreiste und die Aufenthaltsbewilligung erhielt. Die beiden
gemeinsamen Söhne des Ehepaars, R.Y. und S.Y., kamen in der Schweiz zur Welt und
erhielten Niederlassungsbewilligungen. Am 8. April 2000 reiste das Ehepaar X.Y. und
A.Y. mit den Söhnen für eine Therapie in die Türkei aus. Am 14. März 2002 kehrte X.Y.
allein in die Schweiz zurück; seine Niederlassungsbewilligung sowie die
Niederlassungsbewilligungen der Kinder hatte er bis 7. April 2002 reserviert (act. G 13
I/33 f.; G 13 III/3). Am 13. Juni 2002 stellte er beim Ausländeramt des Kantons St.
Gallen (heute: Migrationsamt) ein Familiennachzugsgesuch für die Ehefrau und die
beiden Kinder. Dieses Gesuch zog er am 5. September 2002 zurück mit dem Hinweis,
dass er es später wieder einreichen wolle (act. G 13 I/55).
b. Am 18. April 2012 stellte X.Y. ein zweites Familiennachzugsgesuch für seine Ehefrau
und die beiden Kinder (act. G 13 I/117 f.). Nach Einräumung des rechtlichen Gehörs
(act. G 13 I/125, 141) wies das Migrationsamt das Gesuch für den Sohn R.Y. mit
Verfügung vom 29. November 2012 ab mit der Begründung, dass es nicht innert der
gesetzlichen Frist erfolgt sei und wichtige familiäre Gründe für einen nachträglichen
Familiennachzug nicht vorlägen. Die Verweigerung des Nachzugs von R.Y. entspreche
überwiegenden öffentlichen Interessen (act. G 13 I/181). Das Familiennachzugsgesuch
für die Ehefrau und den Sohn S.Y. blieben vorderhand beim Migrationsamt pendent.
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Den gegen die Verfügung vom 29. November 2012 erhobenen Rekurs vom 13.
Dezember 2012 (act. G 13/1) wies das Sicherheits- und Justizdepartement des
Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 6. November 2013 ab (act. G 2).
B.
a. Gegen diesen Entscheid erhob Rechtsanwalt mag. iur. Antonius Falkner, Vaduz, für
X.Y. mit Eingabe vom 22. November 2013 Beschwerde mit dem Rechtsbegehren, der
Entscheid sei dergestalt abzuändern, dass der Familiennachzug für R.Y. bewilligt
werde; eventuell sei der Entscheid aufzuheben und die Angelegenheit zu neuer
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen; unter Kostenfolge zulasten der
Vorinstanz (act. G 1).
b. In den Schreiben vom 25. November und 18. Dezember 2013 forderte das
Verwaltungsgericht den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers auf, eine
Zustelladresse oder einen Zustellbevollmächtigten in der Schweiz zu bezeichnen,
andernfalls die Korrespondenz (prozessleitende Verfügungen) an die Adresse des
Beschwerdeführers zugestellt werde (act. G 4, 7). Dieser Aufforderung kam der
Rechtsvertreter nicht nach, weshalb die spätere prozessleitende Verfügung (act. G 9)
an die Adresse des Beschwerdeführers ging (act. G 8). Auch der heutige Entscheid
geht dementsprechend an den Beschwerdeführer.
c. In der Vernehmlassung vom 11. Februar 2014 beantragte die Vorinstanz Abweisung
der Beschwerde und verwies unter Verzicht auf ergänzende Bemerkungen auf die
Erwägungen im angefochtenen Entscheid (act. G 12).
d. Am 16. April 2014 erteilte das Migrationsamt, unter Bedingungen und ausdrücklich
ohne Präjudiz für das vorliegende Verfahren, die Aufenthaltsbewilligungen im
Familiennachzug für die Ehefrau und den jüngeren Sohn des Beschwerdeführers (act.
G 15).
e. Auf die Darlegungen in der Beschwerde wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
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1. (...).
2.
2.1. Ausländische Ehegatten und ledige Kinder unter 18 Jahren von Personen mit
Niederlassungsbewilligung haben nach Art. 43 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Ausländerinnen und Ausländer (SR 142.20; AuG) Anspruch auf Erteilung und
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung, wenn sie mit diesen zusammenwohnen, der
Nachzug innerhalb von fünf Jahren und bei Kindern über zwölf Jahren innerhalb von
zwölf Monaten erfolgt, der Anspruch nicht rechtsmissbräuchlich geltend gemacht wird
und zudem kein Widerrufsgrund nach Art. 63 AuG vorliegt (vgl. Art. 51 Abs. 1 AuG).
Sodann muss der Nachzugsberechtigte über das Sorgerecht verfügen und das
Kindeswohl darf dem Nachzug nicht offensichtlich entgegenstehen (vgl. BGE 136 II 78
E. 4.7 und 4.8; vgl. Marc Spescha, in: Spescha/Thür/Zünd/Bolzli, Migrationsrecht, 3.
Aufl. 2012, Rz. 3 zu Art. 42 und Rz. 2 zu Art. 43 AuG). Die Fristen beginnen bei
Familienangehörigen von Ausländerinnen und Ausländern mit der Erteilung der
Aufenthalts- und Niederlassungsbewilligung oder der Entstehung des
Familienverhältnisses (Art. 47 Abs. 3 lit. b AuG). Ist die Einreise vor dem Zeitpunkt des
Inkrafttretens des Ausländergesetzes erfolgt oder das Familienverhältnis vor diesem
entstanden, läuft die Nachzugsfrist ab dem 1. Januar 2008 (Art. 126 Abs. 3 AuG).
Massgebend ist das Alter des Kindes bei Einreichung des Nachzugsgesuchs (BGE 136
II 497).
2.2. Ein nachträglicher, d.h. ein nicht fristgerechter, Familiennachzug wird nur
bewilligt, wenn hierfür wichtige familiäre Gründe sprechen (Art. 47 Abs. 4 AuG; BGer
2C_276/2011 vom 10. Oktober 2011, E. 4). Solche liegen unter anderem dann vor,
wenn das Kindeswohl schwergewichtig nur durch einen Nachzug in die Schweiz
sachgerecht gewahrt werden kann (vgl. Art. 75 VZAE [SR 142.201]). Entgegen dem
Wortlaut dieser Verordnungsbestimmung ist dabei nach der höchstrichtlichen
Rechtsprechung jedoch nicht ausschliesslich auf das Kindeswohl abzustellen; es
bedarf vielmehr einer Gesamtschau unter Berücksichtigung aller relevanten Elemente
im Einzelfall. Dabei ist dem Sinn und Zweck der Fristenregelung Rechnung zu tragen,
welche die Integration der Kinder erleichtern will, indem diese durch einen frühzeitigen
Nachzug unter anderem auch eine möglichst umfassende Schulbildung in der Schweiz
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geniessen sollen. Zudem geht es darum, Nachzugsgesuchen entgegenzuwirken, die
rechtsmissbräuchlich erst kurz vor Erreichen des erwerbstätigen Alters gestellt werden,
wenn also die erleichterte Zulassung zur Erwerbstätigkeit und nicht (mehr) die Bildung
einer echten Familiengemeinschaft im Vordergrund steht (BBl 2002 3754 f. Ziff.
1.3.7.7). Die Bewilligung des Nachzugs nach Ablauf der Fristen hat nach dem Willen
des Gesetzgebers die Ausnahme zu bleiben; dabei ist Art. 47 Abs. 4 Satz 1 AuG jeweils
dennoch so zu handhaben, dass der Anspruch auf Schutz des Familienlebens nach
Art. 8 EMRK bzw. Art. 13 BV nicht verletzt wird (BGer 2C_765/2011 vom 28. November
2011, E. 2.1; BGer 2C_205/2011 vom 3. Oktober 2011, E. 4.2; BGer 2C_709/2010 vom
25. Februar 2011, E. 5.1.1).
3.
3.1. R.Y. war im Zeitpunkt des Inkrafttretens des AuG (1. Januar 2008) gut 12
Jahre und bei Einreichung des Gesuchs um Familiennachzug am 18. April 2012 (act. G
13 I/117, 118 und 120) knapp 17 Jahre alt. Er wäre innerhalb eines Jahres nach
Inkrafttreten des Ausländergesetzes - und damit vor Ende 2009 - nachzuziehen
gewesen, nachdem der Beschwerdeführer seit 2002 (Wiedereinreise) hier über eine
Niederlassungsbewilligung und damit über einen Rechtsanspruch auf die
Zusammenführung verfügte. Im April 2000 war das Ehepaar X.Y. und A.Y. mit den
Söhnen zu Therapiezwecken (betreffend die Krankheit des Beschwerdeführers) in die
Türkei ausgereist (act. G 13 I/33). Nach seiner Rückkehr in die Schweiz im Jahr 2002
ohne seine Familie ersuchte der Beschwerdeführer zwar um einen Nachzug, doch zog
er das entsprechende Begehren wieder zurück (act. G 13 I/55). Er erachtete die
Zusammenführung der Gesamtfamilie damals offenbar nicht für vordringlich genug, um
an dieser festzuhalten. Hinsichtlich der damals vorliegenden gesundheitlichen und
finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers ergibt sich aus den Akten, dass er seit
1. August 1997 eine ganze Rente der Invalidenversicherung bezog, wobei die
monatlichen Leistungen sich ab Januar 2002 auf Fr. 4'326.-- beliefen (act. G 13 I/37).
Unbestritten blieb die Feststellung im vorinstanzlichen Entscheid, dass die für das Jahr
2011 ausgerichteten Leistungen aus beruflicher Vorsorge (Fr. 649.50 pro Monat; act. G
13 I/70) in etwa denjenigen für das Jahr 2008 entsprochen haben dürften und der
Beschwerdeführer den Bedarf für einen Familiennachzug der Gesamtfamilie (Fr.
4'485.05 pro Monat; act. G 13 I/127) mit seinen Einkünften bereits im Jahr 2002
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abgedeckt hätte (act. G 2 S. 7). Diesem Umstand kommt entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers (act. G 1 S. 3 f.) insofern eine Bedeutung zu, als damit das
Nichtvorliegen von finanziellen Hindernissen für einen Nachzug der ganzen Familie ab
dem Jahr 2002 und auch in den Jahren 2008 und 2009 als dargetan zu gelten hat. Dies
umso mehr, als der Beschwerdeführer als Bezüger einer Invalidenrente überdies
(nötigenfalls) auch Anspruch auf Ergänzungsleistungen gehabt hätte (vgl. BGer
2C_448/2007 vom 20. Februar 2008, E. 3.4 und 3.5). Wäre der Familiennachzug in den
erwähnten Jahren aus finanziellen Gründen nicht in Betracht gekommen und erst im
Jahr 2012 möglich geworden, hätte dies bei der Prüfung der Frage des nachträglichen
Nachzugs (nachstehende E. 3.3) zugunsten des Beschwerdeführers berücksichtigt
werden müssen.
3.2. Der Beschwerdeführer lässt vorab in formeller Sicht beanstanden, dass das
Recht von R.Y., ihn zum Nachzugsgesuch anzuhören, nicht beachtet worden sei.
Indem die Vorinstanz dieses Anhörungsrecht missachtet habe, welches sich aus dem
in der Schweiz direkt anwendbaren Art. 12 Abs. 2 des Übereinkommens vom 20.
November 1989 über die Rechte der Kinder (Kinderrechtekonvention, SR 0.107; KRK)
ableite, liege ein grober Verfahrensmangel vor, der zur Aufhebung des angefochtenen
Entscheids führen müsse (act. G 1 S. 3). Dazu ist festzuhalten, dass im
ausländerrechtlichen Bewilligungsverfahren kein vorbehaltloser Anspruch auf
persönliche Anhörung des Kindes besteht (vgl. BGer 2A.423/2005 vom 25. Oktober
2005, E. 5, sowie Art. 47 Abs. 4 Satz 2 AuG: "...sofern dies erforderlich ist."). Jedenfalls
fällt ausser Betracht, den Kindern speziell im Hinblick auf eine allfällige Anhörung
zwingend die Anwesenheit während der weiteren Verfahrensdauer zu gestatten. Eine
Anhörung kann auch auf schriftliche Weise stattfinden (BGer 2A.759/2005 vom 31.
Januar 2006, E. 2.2.2; BGer 2C_192/2011 vom 14. September 2011, E. 3.3.2). Der
anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hätte grundsätzlich im Rahmen des rechtlichen
Gehörs vor Verfügungserlass und wiederum im Rekursverfahren die Möglichkeit
gehabt, eine solche Anhörung seines Sohnes zu beantragen. Ein entsprechender
Antrag wurde jedoch nicht gestellt und auch keine allfällige schriftliche Stellungnahme
des Sohnes eingereicht (vgl. act. G 13 I/125, 141, 204). Die Erforderlichkeit einer
persönlichen Anhörung kann vor diesem Hintergrund nicht als dargetan gelten. Zudem
hatte auch der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers im Verfahren vor dem
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Migrationsamt, im Rekursverfahren und im Beschwerdeverfahren Gelegenheit, die
Sichtweise des Sohnes R.Y. darzulegen.
3.3. Zu klären ist, ob wichtige Gründe für einen nachträglichen Familiennachzug im
Rahmen von Art. 47 Abs. 4 AuG zu bejahen sind. Nach Art. 96 AuG sind bei der
Ermessensausübung die öffentlichen Interessen und die persönlichen Verhältnisse
sowie der Grad der Integration des Kindes mit einzubeziehen. Die Vorinstanz kam im
angefochtenen Entscheid unter anderem zum Schluss, es erscheine nicht plausibel,
dass nach der jahrelangen Trennung ein familiäres Zusammenleben ein echtes und
wichtiges Anliegen sein solle. Vielmehr lasse das lange Zuwarten bis zum
Nachzugsgesuch darauf schliessen, dass kein dringendes Bedürfnis nach Herstellung
einer Familiengemeinschaft bestanden habe. Fest stehe, dass der Beschwerdeführer
es verpasst habe, sein Kind möglichst frühzeitig in der Schweiz zu integrieren. R.Y.
kenne die Schweiz, wenn überhaupt noch, lediglich aus der Zeit als kleines Kind. Er sei
im Heimatland sprachlich und kulturell verwurzelt. Es sei vor diesem Hintergrund
höchst fraglich, ob ein Familiennachzug dem Kindeswohl entspreche. Der an ADHS
leidende R.Y. erhalte in der Türkei medizinische Betreuung. Diese könne auch nach
Ausreise der Mutter und des Bruders in die Schweiz weitergeführt werden. Gemäss
Arbeitsbestätigung würde R.Y. zu 50% in einer Bar arbeiten (act. G 13 I/186). In
Anbetracht seines Alters und des Umstandes, dass er zumindest einer
Teilzeiterwerbstätigkeit nachgehen könne, sei davon auszugehen, dass sein
persönlicher Betreuungsbedarf, neben der medizinischen Betreuung, nicht derart gross
sei, dass dieser nicht von den Grosseltern und allenfalls weiteren Verwandten in der
Türkei erbracht werden könne. Gemäss den eingereichten Unterlagen würden die
Grosseltern unter Bluthochdruck leiden und der Grossvater habe einen
Herzklappenfehler. Diese gesundheitlichen Einschränkungen würden nicht
verunmöglichen, R.Y. im erforderlichen Ausmass noch zu betreuen. Es bestehe ein
öffentliches Interesse daran, den Nachzug von Kindern, die mit erheblichen
Integrationsschwierigkeiten zu kämpfen hätten, restriktiv zu handhaben. Das öffentliche
Interesse an der Verweigerung des Familiennachzugs überwiege die privaten
Interessen des Beschwerdeführers und seines Sohnes. Der Kontakt könne mit den
gängigen Kommunikationsmitteln, mit Besuchen sowie gemeinsamen Ferien
aufrechterhalten werden (act. G 2 S. 8-10). Der Beschwerdeführer lässt einwenden, die
Vorinstanz halte den für den Entscheid wesentlichen Sachverhalt unzureichend oder
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gar falsch fest. Geradezu stossend seien die knappen Ausführungen im
vorinstanzlichen Entscheid (act. G 2 S. 9) zur ADHS-Erkrankung, an welcher R.Y. seit
der Geburt leide. Diese sei geprägt von psychischen Beeinträchtigungen beim
Betroffenen, von Verhaltensstörungen und von einer Beeinträchtigung der
Konzentrations- und Merkfähigkeit. R.Y. sei aufgrund seiner Erkrankung auf den
Kontakt zu seinen Eltern dringend angewiesen (vgl. act. G 3/2 und 3/3). Die Erkrankung
werde in den meisten Fällen als psychoorganisches Syndrom (POS) und dieses als
Geburtsgebrechen anerkannt. Die Vorinstanz habe keinerlei Abklärungen zu den Folgen
dieser Erkrankung getroffen. Es sei falsch und aus dem Zusammenhang gerissen,
wenn die Vorinstanz folgere, R.Y. sei zu 50% arbeitsfähig gleich einem gesunden
Menschen. Für eine Betreuung eines Kindes mit ADHS durch die Grosseltern in der
Türkei fehle es an der notwendigen engen emotionalen Bindung. Die Grosseltern seien
zudem selbst gesundheitlich angeschlagen; die Grossmutter sei pflege- und
betreuungsbedürftig. Wichtige Gründe für einen Nachzug von R.Y. seien im Kindeswohl
begründet und dementsprechend zu bejahen. Der vorinstanzliche Entscheid werfe die
berechtigte Frage auf, welche Fälle von wichtigen, familiären Gründen ausreichen
würden, um einen Nachzug nach Art. 47 Abs. 4 AuG zu gewährleisten. Denn wenn dem
Beschwerdeführer für sein erkranktes Kind der Nachzug nicht bewilligt würde, wäre ein
solcher wohl generell nicht möglich (act. G 1 S. 4-10).
3.3.1. Fest steht, dass der in der Schweiz geborene R.Y., nachdem er wie erwähnt im
April 2000 als Fünfjähriger mit seiner Familie in die Türkei ausgereist und dort
eingeschult worden war, einen wesentlichen Teil der Kindheit und die gesamte
Schulzeit in der Türkei verbrachte (act. G 13 I/164, 166, 168 und 172). Als der
Beschwerdeführer im Jahr 2002 in die Schweiz zurückkehrte, liess er ihn zusammen
mit der Mutter und dem jüngeren Brüder dort zurück und akzeptierte damit, die
entsprechenden familiären Beziehungen künftig nur besuchsweise und damit
eingeschränkt leben zu können. Von Seiten der Schule, welche R.Y. besucht hatte,
wurde am 20. Juni 2012 festgehalten, zu Beginn sei bei ihm ein Aufmerksamkeitsdefizit
festgestellt worden. Der leistungsschwache Schüler habe sich nicht gut ausdrücken
können und habe nicht viel Interesse am Unterricht gezeigt. Im Juni 2012 stehe nun ein
vollkommen anderer R.Y. vor uns. Er erziele im Unterricht bessere Noten und
übernehme bei Veranstaltungen viel leichter Aufgaben. Vor allem sein Umgang mit den
Menschen sei besser geworden (act. G 13 I/145; vgl. auch Schul-Bestätigung vom 14.
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August 2012, act. G 13 I/166). In einem Arztbericht vom 29. Juni 2012 wurde vermerkt,
dass R.Y., der wegen seines Aufmerksamkeitsdefizits und seiner emotionalen
Probleme beobachtet werde, sein Leben mit Unterstützung seiner Familie normal
fortsetzen solle (act. G 13 I/147). Ein weiterer Arztbericht vom 23. August 2012
bescheinigte eine Erforderlichkeit des Umzugs von R.Y. mit seiner Familie in die
Schweiz, um die Behandlung fortsetzen und die Leistungen in der Schule steigern zu
können. Die Grosseltern seien alt und krank und nicht in der Lage, R.Y. zu
unterstützen. In Abwesenheit der Familie leide R.Y. an Depressionsanfällen und sei
suizidgefährdet (act. G 13 I/158).
3.3.2. Im Zeitpunkt der Gesuchseinreichung war R.Y. bereits in einem Alter, das ihm
erlaubte, mit der finanziellen Hilfe der Eltern aus der Schweiz, allenfalls unter
punktueller Betreuung durch in der Heimat lebende Familienmitglieder oder durch
Dritte, selbständig zu leben. Hieran vermag das Bestehen von
Konzentrationsstörungen und einer leichten depressiven Episode (act. G 13 I/162)
nichts zu ändern. Nach der Rechtsprechung wird dabei eine allenfalls erforderliche,
durch den Beschwerdeführer finanzierte Drittbetreuung als zumutbar erachtet (BGer
2C_578/2012 vom 22. Februar 2013, E. 5.3 unten mit Hinweis auf BGer 2C_780/2012
vom 3. September 2012, E. 2.3.2, und BGer 2C_205/2011 vom 3. Oktober 2011, E.
4.7), zumal auch die 1950 geborenen, gesundheitlich eingeschränkten Grosseltern (vgl.
act. G 13 I/155-158, 188, 190, 192) einen - wenn auch unter Umständen begrenzten -
Betreuungsanteil übernehmen können. Im Weiteren wäre auch ein - allenfalls zeitlich
begrenzter - Wegzug des Beschwerdeführers und/oder seiner Ehefrau in die Türkei zur
notwendigen Betreuung des Sohnes insofern nicht zum vornherein unzumutbar, als der
Lebensunterhalt nach Lage der Akten durch die schweizerischen Rentenleistungen
gesichert ist und der Beschwerdeführer keinem Erwerb nachgeht.
3.3.3. Es fragt sich, ob der der Umstand des gleichzeitigen Nachzugs des
betreuenden Elternteils (d.h. der Mutter) und des jüngeren Bruders von R.Y. - dieser
wurde am 16. April 2014 bewilligt (act. G 15) - einen wichtigen familiären Grund
darstellt. Soweit sich die Literatur dazu äussert, tendiert sie zur Bejahung eines
wichtigen familiären Grundes zugunsten des Kindernachzugs. Die Zusammenführung
der Gesamtfamilie entspreche in aller Regel dem Kindeswohl (vgl. Rumo-Jungo/
Spescha, Kindeswohl, Kindesanhörung und Kindeswille in ausländerrechtlichen
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Kontexten, AJP 2009 S. 1111, insbesondere Fn. 60; Martina Caroni, Bundesgesetz
über die Ausländerinnen und Ausländer, Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], 2010, Rz. 24
zu Art. 47 AuG). Diese Auffassung übergeht nach Meinung des Bundesgerichts, dass
eine Übersiedlung in ein anderes Land vor allem für Kinder bzw. Jugendliche, die
mindestens schon ihren 13. Geburtstag hatten (vgl. dazu Art. 47 Abs. 1 Satz 2 AuG),
einen bedeutenden Eingriff darstelle. Insbesondere dann, wenn sie die Sprache der
Gegend, in welche sie nachziehen sollen, nicht beherrschten, führe der Wechsel zu
einer Entwurzelung und sei - zumindest anfänglich - mit erheblichen Problemen
verbunden. Das Kindeswohl könne also auch für die Beibehaltung des bisherigen
Zustandes sprechen. Letztlich bedürfe es einer Gesamtschau. Dabei sei zu
berücksichtigen, dass die Bewilligung des Nachzugs nach Ablauf der Fristen dem
Willen des Gesetzgebers zufolge die Ausnahme und nicht die Regel bilden solle. Ein
solcher Nachzug komme nicht in Betracht, wenn der Nachzugswillige die Einhaltung
von Fristen, die ihm die Zusammenführung der Gesamtfamilie ermöglicht hätte,
versäumt habe und er keine gewichtigen Gründe geltend mache, um erst später einen
derartigen Nachzug zu beantragen (BGer 2C_205/2011 a.a.O., E. 4.4; BGer
2C_765/2011 vom 28. November 2011, E. 2.1; BGer 2C_578/2012 a.a.O., E. 4.3). Hinzu
kommt vorliegend, dass das Migrationsamt den Nachzug der Mutter und des jüngeren
Bruders ausdrücklich unter Hinweis auf das vorliegende Beschwerdeverfahren als
unpräjudiziell bewilligte (act. G 15).
Nachdem R.Y. wie dargelegt lediglich die ersten fünf Lebensjahre in der Schweiz
verlebte und die Schulzeit in der Türkei absolvierte, dürfte ihm die sprachliche und
kulturelle Integration in die hiesigen Verhältnisse schwerfallen. Es sind keine
stichhaltigen Gründe ersichtlich, weshalb R.Y. kurz vor seiner Volljährigkeit und damit
im Wesentlichen mit Blick auf den Zugang zum Arbeitsmarkt noch in die Schweiz sollte
nachgezogen werden können, nachdem der Beschwerdeführer sich während Jahren
nicht hierum bemühte, obwohl er über einen entsprechenden Rechtsanspruch verfügte
(vgl. die Urteile 2C_506/2012 vom 12. Juni 2012 E. 2 und 2C_888/2011 vom 20. Juni
2012 E. 3.2) und auch die finanziellen Mittel dafür grundsätzlich vorhanden gewesen
wären. Es kann daher nicht von einer unfreiwilligen Trennung des Beschwerdeführers
von seiner Familie ausgegangen werden; vielmehr setzte er selbst die Ursache für die
Trennung. Zu beachten ist hier auch, dass für die Beurteilung zwar das Alter des
Kindes im Zeitpunkt der Einreichung des Nachzugsgesuchs massgebend ist,
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anderseits jedoch auf den Sachverhalt im Urteilszeitpunkt abzustellen ist. Im
Urteilszeitpunkt war R.Y. volljährig, weshalb er sich nur noch eingeschränkt auf den
Anspruch auf Familienleben (Art. 8 EMRK) berufen kann. Nach Art. 96 AuG sind bei der
Ermessensausübung die öffentlichen Interessen und die persönlichen Verhältnisse
sowie der Grad der Integration des Kindes. Der Vorinstanz kann nicht zum Vorwurf
gemacht werden, sie habe mit der Bestätigung der Verweigerung des Nachzugs von
R.Y. einen unverhältnismässigen Entscheid gefällt. Ihr kann insbesondere keine
Ermessensverletzung bzw. willkürliche Ermessensausübung vorgeworfen werden,
wenn sie vorliegend das öffentliche Interesse an der Ablehnung des
Familiennachzugsgesuchs für R.Y. schwerer gewichtete als das private Interesse des
Beschwerdeführers an der Bewilligung des Nachzugs. Weitere Gründe dafür, dass die
Vorinstanz die Ablehnung zu Unrecht als verhältnismässig erachtet hat, lassen sich den
Akten und den Eingaben des Beschwerdeführers - insbesondere den von ihm
eingereichten schulischen und ärztlichen Berichten - nicht entnehmen. Die Tatsache
allein, dass der Beschwerdeführer in der Schweiz eine Teilzeittätigkeit ausüben (act. G
13 I/186) oder eine Vorlehre (act. G 13 I/187) absolvieren könnte, bildet keinen
zureichenden Anlass, aufgrund dessen ein nachträglicher Nachzug ausserhalb der
Fristen zu bewilligen wäre. Dementsprechend war es auch nicht die Sache der
Vorinstanz, weitere Abklärungen zu den Folgen der ADHS-Erkrankung für die
Arbeitsfähigkeit (vgl. act. G 1 S. 4) zu treffen. Bei fehlendem Nachweis einer
Ermessensüberschreitung bzw. eines Ermessensmissbrauchs und einer Verletzung des
Verhältnismässigkeitsgrundsatzes besteht kein zureichender Anlass für das
Verwaltungsgericht (vgl. Art. 61 Abs. 3 VRP), den angefochtenen Entscheid zu
korrigieren. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
4. (...).