Decision ID: 7edb190f-43a6-44f1-bd6f-3dc9bf6f717c
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1981 geborene Beschwerdeführer war bei der Beschwerdegegnerin
unter anderem gegen die Folgen von Nichtberufsunfällen versichert, als er
am 18. März 2017 in seiner Wohnung von einem Mann mit einer Schuss-
waffe bedroht wurde. Die Beschwerdegegnerin anerkannte ihre Leistungs-
pflicht im Zusammenhang mit dem fraglichen Ereignis und richtete die ent-
sprechenden Versicherungsleistungen in Form von Taggeld und Heilbe-
handlung aus. Mit Einspracheentscheid vom 15. April 2020 stellte sie die
Leistungen mangels adäquater Kausalität der noch geklagten psychischen
Beschwerden zum Unfallereignis vom 18. März 2017 per 1. November
2019 ein. In teilweiser Gutheissung der dagegen erhobenen Beschwerde
hob das Versicherungsgericht des Kantons Aargau (Versicherungsgericht)
mit Urteil VBE.2020.255 vom 1. Dezember 2020 den angefochtenen Ein-
spracheentscheid auf und wies die Sache zur weiteren Prüfung des Leis-
tungsanspruchs des Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin zu-
rück. Nach zusätzlichen Abklärungen und der Durchführung des Ein-
spracheverfahrens stellte die Beschwerdegegnerin mit Einspracheent-
scheid vom 25. Oktober 2021 ihre Leistungen per 31. Juli 2021 ein.
2.
2.1.
Gegen den Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2021 erhob der Be-
schwerdeführer am 26. November 2021 fristgerecht Beschwerde beim Ver-
sicherungsgericht und stellte folgende Rechtsbegehren:
"1. Es sei der Einsprache-Entscheid vom 25. 10.2021 aufzuheben. 2. Es seien dem Beschwerdeführer die gesetzlich geschuldeten Leistun-
gen auch über den 31.07.2021 hinaus zu gewähren. 3. Eventualiter seien gutachterliche Abklärungen mit anschliessender
Neubeurteilung vorzunehmen. 4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen."
In prozessualer Hinsicht stellte er folgenden Antrag:
"Es sei dem Beschwerdeführer unentgeltliche Rechtspflege unter  des Unterzeichners zum unentgeltlichen Rechtsbeistand zu ."
2.2.
Am 17. Januar 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung
der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 21. Januar 2022 wurde dem
Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt, und zu seinem
- 3 -
unentgeltlichen Vertreter Christian-Georg Keil, Rechtsanwalt in Lenzburg,
ernannt.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Mit dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2021 stellte
die Beschwerdegegnerin ihre Leistungen aus dem Schreckereignis vom
18. März 2017 per 31. Juli 2021 ein (Vernehmlassungsbeilage [VB] 312).
Im Folgenden ist die Rechtmässigkeit der Leistungseinstellung zu prüfen.
2.
Der Beschwerdeführer wurde am 18. März 2017 in seiner Wohnung von
einem Mann mit einer Schusswaffe bedroht. Er erlitt keine physischen Ver-
letzungen, aber in der Folge verschlechterte sich sein psychischer Zustand,
bis er dekompensierte. Die Einzelheiten des Sachverhalts sind dem Urteil
des Versicherungsgerichts VBE.2020.255 vom 1. Dezember 2020 zu ent-
nehmen (VB 228 E. 3.3.). Das Versicherungsgericht kam darin zum
Schluss, es bestehe ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen dem
Schreckereignis vom 18. März 2017 und den vom Beschwerdeführer noch
geklagten psychischen Beschwerden bis zum zu beurteilenden Zeitpunkt.
Die Sache wurde zur weiteren Prüfung des Leistungsanspruchs des Be-
schwerdeführers an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen (VB 228
E. 4.3.).
3.
3.1.
Nach der Rückweisung fand am 26. März 2021 eine weitere Untersuchung
statt bei Dr. med. B., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, von der
Versicherungsmedizin der Beschwerdegegnerin. Entsprechend seinen Be-
richten vom 16. April 2018 (VB 69 S. 24) und 12. Juni 2019 (VB 152 S. 17)
stellte er im Bericht vom 7. Mai 2021 folgende Diagnosen (VB 288 S. 17):
"- Schwere, komplexe posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ICD-
10: F43.1 - Entwicklung nach Bedrohung am 18.03.2017 - Mit dissoziativen Zuständen, starken Ängsten und erheblichen de-
pressiven Symptomen - Dependente Persönlichkeitsstörung ICD-10: F60.7
- Dekompensation nach Bedrohung am 18.03.2017 - Cannabis-Abhängigkeit ICD-10: F12.2 - St. n. Polytoxikomanie ICD-10: F19
- St. n. Missbrauch bis Abhängigkeit von LSD, Ecstasy, Heroin, etwa vom 14. bis zum 17. Lebensjahr
- St. n. Abhängigkeit von Amphetaminen, etwa vom 14. bis zum 30. Lebensjahr
- 4 -
- St. n. Alkohol-Missbrauch, etwa vom 14. bis zum 27. Lebensjahr
- Absturz-Trinken, jeweils mit Filmrissen und Gewalttätigkeit"
Während der Untersuchung vom 26. März 2021 sei der Beschwerdeführer
im Vergleich zur Voruntersuchung vom 26. April 2018 deutlich ruhiger und
weniger intensiv leidend gewesen (VB 288 S. 28). Der Verlauf sei seither
wesentlich positiver als man damals hätte erwarten können (VB 288 S. 34).
Zugleich persistierten erhebliche psychische Beschwerden und Beein-
trächtigungen, die der Beschwerdeführer in erheblicher Weise überspiele
und bagatellisiere (VB 288 S. 38). Die Beurteilungen durch die Behandler
(Psychotherapie Praxis C., Q.: med. pract. D., Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, und lic. phil. E., Eidg. anerkannte Psychotherapeutin
SBAP; vgl. Bericht vom 17. Juli 2020 [VB 261], bestätigt im Bericht vom
24. November 2021 [VB 317]) seien zu bestätigen (VB 288 S. 38). Dr. med.
B. hielt (erneut) fest, ungünstige, prägende Einflüsse während der Kindheit
hätten zu einer Persönlichkeitsstörung geführt. Dabei stünden dependente
Züge stark im Vordergrund (VB 288 S. 41). Der Beschwerdeführer sei vor
dem Ereignis vom 18. März 2017 (trotz vorbestehender Persönlichkeitsstö-
rung, Cannabis-Abhängigkeit und St. n. Polytoxikomanie) psychisch kom-
pensiert gewesen; ohne das Schreckereignis hätte sich die vorliegende,
chronisch verlaufende psychische Dekompensation nicht in dieser Weise
entwickelt, auch wenn frühere Gewalterfahrungen zur Entwicklung beitrü-
gen (VB 288 S. 43). Während der nächsten drei bis fünf Jahre würden die
unfallbedingten psychischen Beschwerden überwiegend wahrscheinlich in
einem etwa gleichen Ausmass bestehen bleiben (VB 288 S. 44). In der zur
Zeit ausgeübten, optimal angepassten Tätigkeit als Lagerist betrage die Ar-
beitsfähigkeit 50 % (VB 288 S. 45).
3.2.
Dem Bericht vom 30. August 2021 des von der Eidgenössischen Invaliden-
versicherung veranlassten Assessments Arbeitsfähigkeit und psychische
Gesundheit der F., R. (Assessment-Bericht; unterschrieben u.a. von Dr.
med. G., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie) sind als Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu entnehmen (VB 311 S. 7):
"ICD-10, F60.7, Dependente Persönlichkeitsstörung Gemäss behandelnder Therapeutin bestehe eine komplexe  Belastungsstörung (PTBS)"
Aus arbeitsrehabilitativer Sicht seien in erster Linie die langandauernde
Suchtproblematik sowie die abhängige Persönlichkeitsstörung von Bedeu-
tung. Die postulierte schwere, komplexe posttraumatische Belastungsstö-
rung "sehen wir aktuell nicht", respektive bezüglich Arbeitsfähigkeit sei
diese eher Auslöser für einen verschlechternden Verlauf. Die Problematik
des Beschwerdeführers ausschliesslich auf das Ereignis (vom 18. März
2017) zurückzuführen, scheine seinen lebenslangen Belastungen und
Schwierigkeiten nicht ganz gerecht zu werden. Diese hätten allerdings bis
- 5 -
2017 nicht verhindert, sich im Arbeitsmarkt auf angepasstem Niveau zu be-
haupten (VB 311 S. 7). In der Beurteilung wurde festgestellt, dem Be-
schwerdeführer sei es bis zum Vorfall vom 18. März 2017 gelungen, seine
Leistungseinschränkungen als auch die Folgen der dependenten Persön-
lichkeitsstörung zu kompensieren. Seit Sommer 2019 stagniere das Pen-
sum bei 50 %. Aus arbeitspsychiatrischer Sicht stünden bezüglich der be-
ruflichen Rehabilitation die dependente Persönlichkeitsstörung sowie die
Leistungsdefizite im Vordergrund. Die Arbeitsfähigkeit an einem angepass-
ten Arbeitsplatz werde auf gegenwärtig 50 % geschätzt (VB 311 S. 8 f.).
3.3.
Im angefochtenen Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2021 stellte die
Beschwerdegegnerin ihre Leistungen per 31. Juli 2021 ein (VB 312). Im
Wesentlichen bringt sie unter Hinweis auf den Assessment-Bericht vom
30. August 2021 vor, der natürliche und adäquate Kausalzusammenhang
zwischen dem Schreckereignis vom 18. März 2017 und den noch beste-
henden psychischen Beschwerden sei zu verneinen. Der Beschwerdefüh-
rer widerspricht dem. Dabei bezieht er sich auf die Beurteilungen des be-
handelnden Psychiaters und jene des Dr. med. B.. Ferner verweist er auf
das Urteil VBE.2020.255 vom 1. Dezember 2020 des Versicherungsge-
richts.
4.
4.1.
4.1.1.
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst
voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden
(Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht.
Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Um-
stände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als einge-
treten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit ein-
getreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für
die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich,
dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher
Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit
anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der versicher-
ten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht wegge-
dacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Stö-
rung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen; vgl. auch
BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 111 f. und 129 V 402 E. 4.3.1 S. 406).
Über die Frage, ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer ge-
sundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, hat
die Verwaltung bzw. im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm
obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üb-
lichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden. Die
- 6 -
blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung ei-
nes Leistungsanspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinwei-
sen).
4.1.2.
Nach dem Gesagten genügt es für die Bejahung des natürlichen Kausalzu-
sammenhangs zwischen dem Ereignis vom 18. März 2017 und den noch
bestehenden psychischen Beschwerden des Beschwerdeführers, wenn
das Ereignis auch nur eine Teilursache der noch bestehenden Einschrän-
kungen ist. Für Dr. med. B. und den behandelnden Psychiater med. pract.
D. steht es ausser Frage, dass die psychische Gesundheit des Beschwer-
deführers immer noch durch das Ereignis vom 18. März 2017 belastet ist.
So führte Dr. med. B. aus, ohne das Schreckereignis hätte sich die vorlie-
gende, chronisch verlaufende psychische Dekompensation nicht in dieser
Weise entwickelt (vgl. E. 3.1.). Med. pract. D. hielt mit Bericht vom 24. No-
vember 2021 fest, dass die von ihm im April 2020 erhobenen Funktionsein-
schränkungen (VB 261) vorwiegend auf das ICD-10-konform begründbare
und zu einer PTBS passende Ereignis vom 18. März 2017 zurückzuführen
sei (VB 317 S. 3). Entgegen der Beschwerdegegnerin geht das auch aus
dem Assessment-Bericht hervor. Darin wird ausgeführt, das psychische
Zustandsbild gründe nicht "ausschliesslich" im Vorfall vom 18. März 2017,
womit eine Teilursache nicht ausgeschlossen wird. Ferner wird das Ereig-
nis vom 18. März 2017 als Auslöser für den verschlechternden Verlauf be-
zeichnet. Seither sei es dem Beschwerdeführer nicht mehr gelungen, die
vorbestehenden Leistungseinschränkungen zu kompensieren (vgl. E. 3.2.);
seit März 2017 sei ein Knick in der Berufsbiographie festzustellen (VB 311
S. 4).
Ferner ist der Beschwerdegegnerin nicht zu folgen, wenn sie die Auffas-
sung vertritt, gemäss dem Assessment-Bericht liege heute keine PTBS
mehr vor. Zwar wird bei der PTBS-Diagnose (nur) auf die behandelnde
Therapeutin verwiesen (vgl. E. 3.2.), aber die PTBS ist unter den Diagno-
sen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt. Würde die PTBS-
Problematik mit Blick auf das Leistungsvermögen des Beschwerdeführers
keine Rolle (mehr) spielen, wäre sie wohl bei den Diagnosen ohne Auswir-
kung auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt worden.
Somit ist zusammenfassend festzuhalten, dass mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit das Ereignis vom 18. März 2017 für den psychischen Zu-
stand des Beschwerdeführers immer noch eine Teilursache setzt, mithin
der natürliche Kausalzusammenhang (immer noch) zu bejahen ist.
- 7 -
4.2.
4.2.1.
Die Adäquanz zwischen einem Schreckereignis und den nachfolgend auf-
getretenen psychischen Störungen ist nach der allgemeinen Adäquanzfor-
mel (gewöhnlicher Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserfahrung) zu be-
urteilen (BGE 129 V 177 E. 4.2 S. 184 f.; vgl. Urteil des Bundesgerichts
8C_847/2017 vom 27. September 2018 E. 2.2). Im Einzelnen wird betref-
fend die Grundsätze und rechtlichen Grundlagen zur Adäquanz zwischen
Schreckereignissen und psychischen Beeinträchtigungen auf das Urteil
des Versicherungsgerichts VBE.2020.255 vom 1. Dezember 2020 verwie-
sen (VB 228 E. 2. und 4.1.).
Die Beurteilung der Adäquanz ist eine Rechtsfrage, welche die Verwaltung
bzw. das Gericht vorzunehmen hat (BGE 115 V 133 E. 11b S. 146; vgl.
auch BGE 134 V 109 E. 3.2 S. 113 und E. 6.2.1 S. 117). Deshalb ist hier –
im Gegensatz zur Frage nach dem natürlichen Kausalzusammenhang –
der Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nicht relevant
(BGE 112 V 30 E. 1b S. 33; UELI KIESER, Kommentar zum Bundesgesetz
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. 2020,
N. 100 zu Art. 4 ATSG).
4.2.2.
Laut dem Beschwerdeführer ist die Adäquanz zu bejahen. So habe auch
das Versicherungsgericht im Urteil VBE.2020.255 vom 1. Dezember 2020
entschieden. Dabei übersieht er jedoch die im Urteil deutlich hervorgeho-
bene Einschränkung, wonach die Adäquanz nur bis zum zu beurteilenden
Zeitpunkt bejaht wurde (VB 228 E. 4.3).
Mit dem nun angefochtenen Einspracheentscheid vom 25. Oktober 2021
wurden die Leistungen per 31. Juli 2021 eingestellt und damit etwas mehr
als vier Jahre und vier Monate nach dem Schreckereignis vom 18. März
2017. Rechtsprechungsgemäss besteht die übliche und einigermassen ty-
pische Reaktion auf Schreckereignisse erfahrungsgemäss aber darin, dass
eine Traumatisierung vom Opfer in aller Regel innert einiger Wochen oder
Monate überwunden wird (BGE 129 V 177; Urteil des Bundesgerichts
8C_298/2016 vom 30. November 2016 E. 4.5 mit Hinweisen). Dementspre-
chend hat das Bundesgericht auch bei Fällen mit Waffengewalt die Leis-
tungseinstellung bereits wenige Monate nach den Schreckereignissen ge-
schützt: so bei einem Überfall von drei maskierten Männern auf einen Rei-
nigungsangestellten in einem Spielsalon bei Arbeitsschluss (mithin eben-
falls wie beim Beschwerdeführer in einem vertrauten Gebäude, das auch
eine gewisse Geborgenheit und Schutz bieten sollte, vgl. Urteil des Bun-
desgerichts 8C_480/2013 vom 15. April 2014 E. 6.4.), wobei das Opfer mit
der Pistole bedroht und mit Faustschlägen traktiert worden war (Leistungs-
einstellung gut zwei Monate nach dem Schreckereignis: Urteil des Eidge-
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nössischen Versicherungsgerichts U 2/05 vom 4. August 2005) oder bei ei-
nem randalierenden Gast in einer bereits geschlossenen Bar mit Drohun-
gen gegenüber dem Opfer und Schussabgabe im Freien (Leistungseinstel-
lung nach gut 8 Monaten: Urteil des Bundesgerichts 8C_904/2017 vom
23. April 2018) oder bei einem Raubüberfall, bei dem das Opfer bei Auf-
räumarbeiten nach Betriebsschluss von zwei Tätern mit Schusswaffen be-
droht sowie mit Faustschlägen ins Gesicht und Fusstritten in den Bauch
traktiert und danach im Büro des Betriebs eingeschlossen wurde, bis es
fliehen konnte (Leistungseinstellung nach 18 Monaten: Urteil des Eidge-
nössischen Versicherungsgerichts U 593/06 vom 14. April 2008).
Unbestrittenermassen besteht beim Beschwerdeführer mit der dependen-
ten Persönlichkeitsstörung und der Suchtproblematik ein Vorzustand (vgl.
E. 3.1. f.). Dabei ist aber zu beachten, dass er sich bis zum Schreckereignis
im Arbeitsmarkt behaupten konnte und soweit psychisch kompensiert war
(vgl. E. 3.2.). Von einem massiv beeinträchtigten Vorzustand ist somit nicht
auszugehen. Seiner psychischen Vulnerabilität hat das Versicherungsge-
richt – neben der Würdigung der konkreten Umstände des Ereignisses vom
18. März 2017 im Lichte der Rechtsprechung – im Urteil VBE.2020.255
vom 1. Dezember 2020 Rechnung getragen (VB 288 E. 4.2. f.). Während
sich an der Würdigung des Ereignisses vom 18. März 2017 mit der Summe
der Bedrohungselemente, der Intensität des Ereignisses und der unmittel-
bar erlebten Todesgefahr nichts geändert hat und worauf erneut verwiesen
wird, sind nunmehr etwas mehr als vier Jahre und vier Monate seit dem
Ereignis (bis zur erneuten Leistungseinstellung per 31. Juli 2021) vergan-
gen und der psychische Gesundheitszustand des Beschwerdeführers hat
sich unbestrittenermassen deutlich verbessert; es besteht nunmehr eine
50%ige Arbeitsfähigkeit (vgl. E. 3.). Die bundesgerichtliche Rechtspre-
chung bei der Bejahung der adäquaten Kausalität zwischen Schreckereig-
nis und psychischen Beeinträchtigungen ist streng (Urteil des Bundesge-
richts vom 8C_231/2014 vom 27. August 2014 E. 2.4 mit Hinweis) und mit
Blick auf die oben angeführten Beispiele ist festzuhalten, dass weder der
Beschwerdeführer noch die anderen anwesenden Personen physischer
Gewalt ausgesetzt waren noch verletzt wurden. Ferner kam es zu keiner
Schussabgabe. Auch wenn im Hinblick auf die erlebnismässige Verarbei-
tung eines Unfalles die konstitutionelle Prädisposition der versicherten Per-
son relevant und eine weite Bandbreite der Versicherten zu berücksichtigen
ist, also auch Versicherte Bezugspersonen für die Adäquanzbeurteilung bil-
den, die aufgrund ihrer prätraumatischen Persönlichkeitsstruktur aus versi-
cherungsmässiger Sicht nicht optimal auf einen Unfall reagieren (BGE 129
V 177 E. 4.3 S. 185; Urteil des Bundesgerichts 8C_412/2015 vom 5. No-
vember 2015 E. 6.2.), hat das Bundesgericht bei einer psychisch vorbelas-
teten Versicherten, die von einem mit Sturmhaube maskierten Täter mit ei-
ner Soft-Air-Waffe, die ihr in den Rücken gerammt wurde, überfallen wurde,
befunden, dass die Versicherungsleistungen nach mehr als drei Jahren ein-
zustellen seien. Damit sei der besonderen Situation "in ausgeprägtem
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Masse Rechnung getragen worden" (Urteil des Bundesgerichts 8C_2/2016
vom 29. Februar 2016 E. 4.3). Demnach erscheint es vorliegend angezeigt,
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfah-
rung davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer per 31. Juli 2021 das
Ereignis vom 18. März 2017 überwunden hat und die noch andauernde
psychische Störung nicht mehr adäquat kausal auf das Schreckereignis zu-
rückzuführen ist.
Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, das Datum der Leistungseinstel-
lung erweise sich als willkürlich, weil der Assessment-Bericht am 31. Juli
2021 noch nicht erstellt worden sei, ist ihm nicht zu folgen. Das Datum der
Erstattung des Assessment-Berichts ist für die Frage des Wegfalls der Adä-
quanz ohne Bedeutung, denn diese Frage ist anhand der allgemeinen Adä-
quanzformel zu beantworten (vgl. E. 4.2.1.), weshalb sich im Übrigen auch
weitere medizinische Abklärungen erübrigen. Zudem lässt sich der Zeit-
punkt, wann die Adäquanz zwischen einem Schreckereignis und psychi-
schen Beschwerden wegfällt – analog zur Rechtsprechung betreffend den
konkreten Zeitpunkt, an dem der Status quo sine erreicht ist (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 8C_167/2018 vom 28. Februar 2019 E. 6.5) – von der Na-
tur der Sache her nicht auf den Tag genau feststellen, sondern lediglich
schätzen.
5.
5.1.
Nach dem Dargelegten erweist sich die Leistungseinstellung per 31. Juli
2021 als rechtens, und die Beschwerde ist abzuweisen.
5.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
5.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch auf
Parteientschädigung zu. Dem unentgeltlichen Rechtsvertreter wird das an-
gemessene Honorar nach Eintritt der Rechtskraft des versicherungsge-
richtlichen Urteils aus der Obergerichtskasse zu vergüten sein (Art. 122
Abs. 1 lit. a ZPO i.V.m. § 34 Abs. 3 VRPG).
5.4.
Es wird ausdrücklich auf Art. 123 ZPO verwiesen, wonach eine Partei, der
die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung der dem
Rechtsvertreter ausgerichteten Entschädigung verpflichtet ist, sobald sie
dazu in der Lage ist.
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