Decision ID: 735e7a56-49c5-43ec-bd36-37d3c445d7b7
Year: 2021
Language: de
Court: BE_SRK
Chamber: BE_SRK_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

den Akten entnommen:
A. A._ und B._ (Rekurrenten) wurden von der Steuerverwaltung des Kantons Bern, _ (Steuerverwaltung) mit Einspracheentscheid vom 15. April 2015
betreffend die direkte Bundessteuer 2012 auf ein steuerbares Einkommen von CHF 640'025.--
veranlagt.
B. Gegen diese Veranlagung hat die Abteilung Recht und Koordination der Steuerverwaltung des Kantons Bern (Kantonale Steuerverwaltung), mit Brief vom 9. Juni 2015 Beschwerde bei
der Steuerrekurskommission des Kantons Bern (Steuerrekurskommission) erhoben mit dem
Antrag, den sowohl im Veranlagungs- wie auch im Einspracheverfahren noch gewährten
Schuldzinsabzug um CHF 85'923.-- zu reduzieren. Dieser Abzug beruhe auf Schuldzinsen,
welche den Rekurrenten im Zusammenhang mit der Fremdfinanzierung von Anteilen des
Anlagefonds _ durch die _ Co Pty, entstanden und die steuerlich nicht
abzugsfähig seien. Gleichzeitig mit der Beschwerde pro 2012 wurde von der Steuerverwaltung
in der materiell gleichen Sache pro 2013 betreffend die kantonalen Steuern Kantonseinsprache
erhoben. Das Beschwerdeverfahren vor der Steuerrekurskommission wurde danach sistiert, um
den Einspracheentscheid der Steuerverwaltung betreffend die Kantonseinsprache zu den
kantonalen Steuern 2013 abzuwarten. Die Einsprache des Kantons wurde in der Folge
gutgeheissen und von den Rekurrenten mit Rekurseingabe vom 20. Dezember 2018 ebenfalls
bei der Steuerrekurskommission angefochten. Auch dieses Rekursverfahren (Dossier
Nr. 100 19 10) wurde auf Begehren der Rekurrenten hin und mit Blick auf mehrere vor dem
Verwaltungsgericht des Kantons Bern (Verwaltungsgericht) in materiell gleicher Sache hängige
Verfahren sistiert.
C. In der Stellungnahme vom 11. August 2015 zur Kantonseinsprache pro 2013 (vgl. Beilage 1 zum Schreiben der Steuerverwaltung vom 30.7.2020) wird von der C._ AG
(Vertreterin) neben den materiellen Vorbringen zur Abzugsfähigkeit der geltend gemachten
Schuldzinsen bei den kantonalen Steuern und der direkten Bundessteuer, ergänzend und
obwohl nicht bei der Steuerverwaltung hängig, zum Beschwerdeverfahren resp. zur
Beschwerde der Kantonalen Steuerverwaltung betreffend die direkte Bundessteuer 2012
vorgebracht, dass zweifelhaft sei, ob diese rechtzeitig bei der Steuerrekurskommission
eingereicht worden sei. Dies weil der Einspracheentscheid betreffend die direkte Bundessteuer
2012 vom 15. April 2015 datiere und die Beschwerde der Kantonalen Steuerverwaltung das
Datum vom 9. Juni 2015 trage. Es sei hinlänglich bekannt, dass die Steuerverwaltung ihre
Schreiben bezogen auf den Versand um bis zu zwei Wochen vorausdatiere, so dass die
tatsächliche Eröffnung bereits vor diesem Datum liegen könne. Wenn feststehe, dass die
Verfügung vor dem aufgedruckten Datum eröffnet worden sei, beginne die 60-tägige
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Beschwerdefrist bereits mit der tatsächlichen Eröffnung zu laufen. Die Beweislast für das
Eröffnungsdatum und für die Rechtzeitigkeit der Beschwerde liege bei der Steuerverwaltung.
Diese habe die Wahrung der Beschwerdefrist betreffend die pro 2012 eingereichte Beschwerde
nachzuweisen. Es stehe somit nicht fest, ob die vom 9. Juni 2015 datierte Beschwerde der
Steuerverwaltung überhaupt rechtzeitig eingereicht worden sei. In einem weiteren Schreiben
vom 25. August 2015 bringt die Vertreterin zur Einhaltung der Beschwerdefrist durch die
Steuerverwaltung weiter vor, dass die ordentliche Beschwerdefrist gemäss Art. 141 des
Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 über die direkte Bundessteuer [DBG; SR 642.11]
lediglich 30 und nicht 60 Tage betrage. Unter Hinweis auf einen Teil der Lehre macht sie
geltend, dass es vorliegend nicht gerechtfertigt sei, die Beschwerdefrist von 30 auf 60 Tage zu
verdoppeln, da die Steuerverwaltung den Einspracheentscheid vom 15. April 2015 selber
erlassen und nicht erst nachträglich davon Kenntnis erhalten habe. Es sei somit davon
auszugehen, dass die Beschwerdefrist verpasst worden sei (vgl. Beilage 2 zum Schreiben der
Steuerverwaltung vom 30.7.2020).
D. Am 4. März 2020 erging der Verwaltungsgerichtsentscheid (VGE 100 2019 26/27) zu einem analogen Schuldzinsenfall, bei dem es in materieller Hinsicht ebenfalls um den Abzug
von Schuldzinsen aus der Fremdfinanzierung von Anteilen des Anlagefonds _ durch
die _ Co Pty ging. Der Abzug wurde dabei entsprechend dem Begehren der
Steuerverwaltung im vorliegenden Verfahren nicht gewährt. Mit Briefen vom 30. Juli 2020 hat
die Steuerverwaltung in der Folge die Fortführung des sistierten Rekurs- und des ebenfalls
sistierten Beschwerdeverfahrens verlangt und unter Hinweis auf den
Verwaltungsgerichtsentscheid in gleicher Sache die Abweisung der jeweiligen Rechtsbegehren
beantragt. Mit Schreiben vom 31. Juli 2020 und vom 4. August 2020 hat die
Steuerrekurskommission die Sistierung des Rekursverfahrens (Dossier Nr. 100 19 10) und des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens aufgehoben und die Rekurrenten resp. die Vertreterin,
aufgefordert zu den Schreiben der Steuerverwaltung vom 30. Juli 2020 Stellung zu nehmen. Da
im Rekursverfahren ausschliesslich der Schuldzinsabzug streitig war, wurde die Vertreterin
darauf hingewiesen, dass sie den Rekurs ohne Kostenfolge zurückziehen könne.
E. Mit Schreiben vom 18. August 2020 hat die Vertreterin betreffend den Rekurs (Dossier Nr. 100 19 10) in gleicher Sache den Rückzug erklärt. Die im vorliegenden Verfahren
zu beurteilende Beschwerde wurde hingegen nicht zurückgezogen.
F. Die Eidgenössische Steuerverwaltung hat sich nicht vernehmen lassen.
G. Auf die weiteren Ausführungen der Parteien wird, soweit entscheidnotwendig, in den Erwägungen eingegangen.
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Die Steuerrekurskommission zieht in Erwägung:
1. Veranlagungsverfügungen und Einspracheentscheide der Steuerverwaltung betreffend die Einkommensveranlagung können von der kantonalen Verwaltung mittels
Kantonsbeschwerde bei der Steuerrekurskommission angefochten werden (Art. 141 des
Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 über die direkte Bundessteuer [DBG; SR 642.11]
i.V.m. Art. 2 und Art. 4 Abs. 1 Bst. e und Art. 9 Abs. 2 der Verordnung vom 18. Oktober 2000
über den Vollzug der direkten Bundessteuer [BStV; BSG 668.11]). Die Steuerrekurskommission
ist deshalb sachlich und örtlich zuständig.
2. In ihrer Stellungnahme zur Kantonsbeschwerde vom 11. August 2015 (vgl. Beilage 1 zum Schreiben der Steuerverwaltung vom 30.7.2020) und dem zweiten nachgereichten Schreiben
vom 25. August 2015 (vgl. Beilage 2 zum Schreiben der Steuerverwaltung vom 30.7.2020)
macht die Vertreterin geltend, dass die ordentliche Frist für eine Kantonsbeschwerde gemäss
Art. 141 Abs. 1 DBG 30 Tage betrage. Eine 60-tägige Frist komme nur zur Anwendung, wenn
die Veranlagungsverfügung oder der Einspracheentscheid nur dem Steuerpflichtigen zugestellt
worden sei und die Behörden erst nachträglich von den Verfügungen Kenntnis erhalten hätten.
Das sei hier nicht der Fall. Selbst bei Anwendung einer Beschwerdefrist von 60 Tagen sei aber
nicht erwiesen, dass die Kantonsbeschwerde rechtzeitig resp. innert der gesetzlichen Frist
eingereicht worden sei. Dies weil die Steuerverwaltung viele ihrer Schreiben mit einem Datum
versehe, das bis zu rund zwei Wochen nach dem effektiven Eröffnungsdatum an die
Steuerpflichtigen liegen könne.
2.1.1 Gemäss Art. 141 Abs. 1 DBG kann die kantonale Verwaltung für die direkte Bundessteuer, resp. die innerhalb der Steuerverwaltung dafür zuständige Stelle, gegen jede
Veranlagungsverfügung und jeden Einspracheentscheid der Veranlagungsbehörde Beschwerde
bei der kantonalen Steuerrekurskommission erheben. Dabei kommen zwei unterschiedliche
Fristen zur Anwendung. Wurde die Veranlagungsverfügung oder der Einspracheentscheid der
beschwerdeführenden Verwaltung resp. der verwaltungsinternen Aufsichtsbehörde selbst direkt
eröffnet, beträgt die Beschwerdefrist nach Art. 141 Abs. 2 Bst. a DBG analog zur
Beschwerdefrist für die steuerpflichtigen Personen 30 Tage, in allen anderen Fällen, ohne
Eröffnung an die beschwerdeführende Aufsichtsbehörde resp. wenn die
Veranlagungsverfügung oder der Einspracheentscheid nur den Steuerpflichtigen zugestellt
worden ist, verdoppelt sich die Frist gemäss Art. 141 Abs. 2 Bst. b DBG aus praktischen, im
Massenverfahren liegenden Gründen, auf 60 Tage seit Eröffnung an den Steuerpflichtigen
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(Hunziker/Mayer-Knobel in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über
die direkte Bundessteuer [DBG], 3. Aufl., 2017, N. 2 zu Art. 141 DBG mit Hinweisen).
2.1.2 Die beschwerdeführende Verwaltung im Sinne von Art. 141 Abs. 1 Bst. a DBG ist vorliegend nicht die Steuerverwaltung Region _, welche den Einspracheentscheid vom
15. April 2015 erlassen hat, sondern die in diesen Belangen als interne Aufsichtsbehörde
fungierende Abteilung Recht und Koordination der Steuerverwaltung. Dieser, wurde der
Einspracheentscheid nicht zugestellt und damit nicht direkt eröffnet, weshalb nicht die 30-tägige
kürzere Frist von Art. 141 Abs. 2 Bst. a DBG, sondern die für alle anderen Fälle anwendbare
Frist von 60 Tagen seit Eröffnung an die Steuerpflichtigen gemäss Art. 141 Abs. 2 Bst. b DBG
anwendbar ist (vgl. Hunziker/Mayer-Knobel, a.a.O., N. 2 zu Art. 141 DBG). Die
Steuerverwaltung hat somit zu Recht die 60-tägige Frist angewandt.
2.2 Neben dem Vorbringen zur anwendbaren Frist wird von der Vertreterin weiter geltend gemacht, dass die 60-tägige Frist mit der Eröffnung an die steuerpflichtige Person zu laufen
beginne. Wenn feststehe, dass die Veranlagungsverfügung (recte der Einspracheentscheid) vor
dem aufgedruckten Datum an die steuerpflichtige Person eröffnet worden sei, beginne die Frist
in diesem Zeitpunkt zu laufen. Aufgrund der üblichen Vordatierung um bis zu zwei Wochen sei
nicht erstellt, dass die mit 9. Juni 2015 datierte Beschwerde der Steuerverwaltung überhaupt
rechtzeitig eingereicht worden sei. Da die Beweislast sowohl für das Eröffnungsdatum (recte
den Eröffnungszeitpunkt) wie auch für die Rechtzeitigkeit der Beschwerde bei der
Steuerverwaltung liege, habe diese die Wahrung der Beschwerdefrist nachzuweisen.
3. Der Fristenlauf der Beschwerdefrist richtet sich gemäss Art. 141 DBG i.V.m. Art. 140 Abs. 4 DGB analog zum Fristenlauf im Einspracheverfahren nach den Vorgaben von Art. 133
DBG (vgl. Zweifel/Hunziker in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz
über die direkte Bundessteuer [DBG], 3. Aufl., 2017, N. 1 zu Art. 333 DBG). Danach beginnt die
Frist mit dem auf die Eröffnung der angefochtenen Verfügung folgenden Tag zu laufen. Im
Verfahren trifft die Beweislast für die Vornahme einer Prozesshandlung und die Einhaltung der
Frist grundsätzlich jene Partei, welche diese Handlung vorzunehmen hat und daraus Rechte
ableitet (vgl. BGer 2C_433/2009 vom 7.7.2009, E. 2.2; Peter Locher, Kommentar zum DBG,
Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, III. Teil, 2015, N. 12 zu Art. 116 DBG). Bei einer
Beschwerde gegen eine Verfügung der Steuerverwaltung trifft die Beweislast für die Einhaltung
der Rechtsmittelfrist somit die beschwerdeführende Person. Dies ist i.d.R. die steuerpflichtige
Person (vgl. Peter Locher, a.a.O., N. 10 zu Art. 133 DBG, Zweifel/Hunziker, a.a.O., N. 16 zu
Art. 133 DBG). Bei einer Kantonsbeschwerde wie vorliegend, ist Beschwerdeführerin jedoch die
Steuerverwaltung selbst, womit sie nicht nur der Nachweis für den Zeitpunkt der
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Beschwerdeerhebung, sondern auch für den Beginn des Fristenlaufs resp. den Zeitpunkt der
Zustellung der angefochtenen Verfügung zu erbringen hat.
3.1 Die Zustellung resp. Eröffnung erfolgt im Bereich der Massenverwaltung seitens der Steuerverwaltung aus verfahrensökonomischen Gründen mit gewöhnlicher Briefpost, i.d.R. mit
B-Post. Die Zustellung ist eine empfangsbedürftige aber nicht annahmebedürftige
Rechtshandlung. Bei nichteingeschriebenen, mit einfacher Briefpost versandten Verfügungen
gilt die Zustellung demnach als vollzogen, wenn sie in den Machtbereich des Adressaten
gelangen. Dafür genügt bereits, dass die Verfügung in den Briefkasten des Empfängers
eingeworfen wird und die Möglichkeit der Kenntnisnahme durch den Adressaten gegeben ist.
Eine tatsächliche Kenntnisnahme ist aber nicht Voraussetzung für eine rechtsgültige Eröffnung
(vgl. Richner/Frei/Kaufmann/Meuter in: Handkommentar zum DBG, 3. Aufl., 2016, N. 19 ff. zu
Art. 116 DBG). Die Beweislast für die Zustellung und Eröffnung liegt, wie zuvor erwähnt, bei der
Steuerbehörde. Dabei ist aber kein strikter Beweis notwendig. Es genügt, wenn aufgrund der
gesamten Umstände der Zeitraum hinreichend klar bestimmt werden kann, in dem die Sendung
in den Machtbereich des Adressaten gelangt sein muss (vgl. Peter Locher, a.a.O., N. 13 zu
Art. 116 DBG mit Hinweisen). Bei einer Zustellung mittels B-Post ist dabei von einer
Verzögerung der Zustellung von mind. 4 Tagen auszugehen, bei Zustellung mittels A-Post von
einer Verzögerung von 1 Tag. Die Bescheinigung des Versands allein reicht dabei in keinem
Fall aus, um ein genaues Datum oder einen bestimmten Zeitraum der Zustellung zu beweisen
(vgl. Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, a.a.O., N. 29 zu Art. 116 DBG).
3.2 Die Beschwerdefrist, auch jene der Kantonsbeschwerde gemäss Art. 141 DBG ist eine gesetzliche Frist. Mit Blick auf die Rechtssicherheit, Legalitätsprinzip und das
Rechtsgleichheitsgebot sind gesetzliche Fristen ohne Ausnahme streng zu handhaben und ist
auf verspätete Eingaben nicht einzutreten (BGer 2A.302/2004 vom 26.5.2004, E. 4). Die
Einhaltung der Frist ist deshalb von der angerufenen Instanz von Amtes wegen zu prüfen (vgl.
Zweifel/Hunziker, a.a.O., N. 16 zu Art. 133 DBG). Betreffend das notwendige Beweismass ist
weiter festzuhalten, dass Lehre und bundesgerichtliche Rechtsprechung einen blossen
Wahrscheinlichkeitsbeweis als Nachweis für die Einhaltung von Verwirkungsfristen wie der
vorliegenden Beschwerdefrist von Art. 141 Abs. 2 Bst. b DBG nicht genügen lassen (vgl. BGE
121 V 2004 S. 208 f.). Die Rechtzeitigkeit eines Rechtsmittels im gerichtlichen Verfahren darf
demnach nicht nur bloss wahrscheinlich oder gar nur möglich sein, auch eine überwiegende
Wahrscheinlichkeit, wie sie in gewissen Rechtsgebieten wie dem Sozialversicherungsrecht zu
genügen vermag, reicht hier nicht aus. Für die rechtzeitige Ausübung eines fristgebundenen,
verwirkungsbedrohten Rechts ist der volle Beweis zu erbringen. Dieser ist erbracht, wenn an
der Verwirklichung der Fristeinhaltung als beweisbedürftige Tatsache keine vernünftigen Zweifel
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bleiben und die ihr zugrundeliegenden Tatsachen mit Gewissheit feststehen (BGE 119 V 7 S.
10 mit weiteren Hinweisen; vgl. zum Ganzen auch Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum
Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, 1997, N. 1 ff. zu Art. 42 VRPG).
4. Gemäss Angaben der Steuerverwaltung im Schreiben vom 12. November 2020 erfolgte der Versand der Beschwerde resp. die Übergabe der "April-Entscheide" 2015 an die Post im
Zeitraum vom 26. März bis zum 2. April 2015. Die mit diesem Massenversand verschickten
Entscheide wurden somit 20 Tage vordatiert. Ein Nachweis des genauen Zustelldatums der
anlässlich dieses Massenversands mit B-Post versandten Kantonsbeschwerde ist damit nicht
erbracht. Unzweifelhaft führt die Vordatierung um nahezu drei Wochen bei einem erheblichen
Anteil der versandten Schreiben zu einer tatsächlichen Eröffnung, die deutlich vor dem
aufgedruckten Eröffnungsdatum liegt. Die Vordatierung dient dabei letztlich der Schaffung von
Rechtssicherheit für die Verfügungsadressaten und soll sicherstellen, dass es trotz fehlendem
Zustellnachweis für die Steuerpflichtigen nicht zu einer Verkürzung der gesetzlichen Rechts-
mittelfristen kommt. Da die Steuerverwaltung den genauen Eröffnungszeitpunkt bei Zustellung
mit B-Post weder kennt noch nachweisen kann, wird bei der Beurteilung der Einhaltung der
Einsprachefristen durch die Steuerpflichtigen betreffend den Beginn des Fristenlaufs
grundsätzlich auf das aufgedruckte Eröffnungsdatum abgestellt und die steuerpflichtige Person
hat regelmässig nur die Einreichung innert 30 Tagen nach dem aufgedruckten Datum
nachzuweisen. Dies ist in den allermeisten Fällen insofern unproblematisch, als der Nachweis
für den Zustellzeitpunkt der angefochtenen Verfügung grundsätzlich der Steuerverwaltung
obliegt und das Abstellen auf das aufgedruckte Datum sich i.d.R. zugunsten der
Steuerpflichtigen auswirkt.
5. Bei einer Kantonseinsprache resp. Kantonsbeschwerde betreffend die direkte Bundessteuer obliegt der Steuerverwaltung demgegenüber nicht nur der Nachweis des
Zeitpunkts der Einsprache- oder Beschwerdeerhebung, sondern gleichzeitig auch jener des
Beginns des Fristenlaufs. Die Steuerverwaltung möchte sich nun betreffend den Beginn des
Fristenlaufs resp. bei der Berechnung der Beschwerdefrist ebenfalls auf das aufgedruckte
Datum stützen. Je nach Ausmass der Vordatierung hat die Eröffnung aber tatsächlich und
regelmässig schon viel früher stattgefunden. Durch die Vordatierungspraxis wird die
Beschwerdefrist somit zugunsten der Steuerverwaltung in den meisten Fällen um bis zu zwei
Wochen verlängert. Den praktischen, aus dem Massenverfahren sich ergebenden
Erschwerungen bei der Einhaltung der Rechtsmittelfristen seitens der Steuerverwaltung, wozu
neben der blossen Anzahl der zu überprüfenden Verfügungen letztlich auch die im
Massenverfahren liegenden Beweisschwierigkeiten gehören, wurde vom Gesetzgeber aber
bereits mit einer Verdoppelung der ordentlichen Beschwerdefrist von 30 Tagen Rechnung
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getragen (vgl. Botschaft zu den Bundesgesetzen über die Harmonisierung der direkten Steuern
der Kantone und Gemeinden sowie über die direkte Bundesteuer vom 25.5.1983 [Botschaft
Steuerharmonisierung; BBl 1983 III 1]). Deshalb geht es nicht an, dass die Vordatierung,
welche genau in diesen mit der komplexen Organisation des Massenverfahrens und der
Verfahrensökonomie zusammenhängenden Bedürfnissen begründet liegt und die ihrerseits
wiederum bereits mit ein Grund für die Verdoppelung der Rechtsmittelfristen für die
beschwerdeführende Verwaltung war, zu einer weiteren systematischen, von der
Steuerverwaltung selbst bewirkten unbestimmten Verlängerung grundsätzlich nicht
erstreckbarer, gesetzlicher Fristen führt.
Um eine solche unzulässige systematische Erstreckung der Beschwerdefrist auszuschliessen,
ist deshalb, wenn das genaue Zustelldatum nicht bekannt ist, zur Ermittlung des Zustell- resp.
Eröffnungszeitpunkts anhand der belegten Daten des Versandes, der sich vorliegend insgesamt
über acht Tage erstreckte, vom frühesten belegten Übergabezeitpunkt an die Post auszugehen.
Weiter sind zur Berücksichtigung der ordentlichen Zustellung mit B-Post vier Tage
hinzuzurechnen (vgl. Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, a.a.O., N. 29 zu Art. 116). Die
Beschwerdefrist beginnt am darauffolgenden Tag zu laufen. Diese Berechnung des
Zustellzeitpunkts schliesst für alle Sendungen des betreffenden Massenversands eine frühere
Zustellung mit einer dem hier verlangten Beweismass genügenden Sicherheit aus (siehe E. 3.2
hiervor).
Die erste Übergabe an die Post erfolgte am 26. März 2015. Das massgebliche Zustelldatum ist
danach der 31. März 2015. Der Fristenlauf begann somit gemäss Art. 133 Abs. 1 DBG am
darauffolgenden Tag dem 1. April 2015 und lief nach 60 Tagen an sich am 30. Mai 2015 ab. Da
dies aber ein Samstag ist, endete die Beschwerdefrist erst am nächstfolgenden Werktag,
Montag dem 1. Juni 2015. Die Kantonsbeschwerde datiert vom 9. Juni 2015 und wurde
frühestens am 10. Juni 2015 der schweizerischen Post übergeben. Die Beschwerdefrist wurde
somit nicht eingehalten. Auf die verspätet eingereichte Kantonsbeschwerde ist deshalb nicht
einzutreten.
6. Da auf die Beschwerde nicht eingetreten werden kann, fällt der vorliegende Entscheid in die einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 70 Abs. 4 Bst. a des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über
die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).
7. Fristwiederherstellungsgründe sind im vorliegenden Zusammenhang einer Fristversäumnis seitens der Steuerverwaltung nicht zu prüfen.
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8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird die Beschwerdeführerin grundsätzlich kostenpflichtig. Sie hat die gesamten Verfahrenskosten zu tragen (Art. 144 Abs. 1 und 5 DBG
i.V.m. Art. 1, 2, 53, 58 und 59 des Dekrets vom 24. März 2010 betreffend die Verfahrenskosten
und die Verwaltungsgebühren der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft
[Verfahrenskostendekret, VKD; BSG 161.12]). Gegenüber der Steuerverwaltung werden jedoch
weder Verfahrenskosten erhoben noch Parteikosten gesprochen.
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