Decision ID: ff5f84df-cb1c-4583-bdac-d40e9406195a
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erliess am 31. März 2021 folgen-
den Strafbefehl gegen den Beschuldigten:
Sachverhalt:
Raufhandel (Art. 133 Abs. 1 StGB)
Der Beschuldigte hat sich vorsätzlich, d.h. mit Wissen und Willen, an einem Raufhandel beteiligt, der den Tod oder die Körperverletzung eines Menschen zur Folge hatte.
Begangen: Ort: Q., Grillstelle oberhalb Fussballplatz Zeit: Samstag, 11. April 2020, ca. 01:00 Uhr bis 02:00 Uhr Opfer: B., [...] Strafantrag: 11. April 2020 (Rückzug am 9. Mai 2020)
Vorgehen: Das Opfer ging zur vorgenannten Zeit an vorgenannter Örtlichkeit nach einer anfänglich rein verbalen Auseinandersetzung auf C. (Schwester des Opfers) los, schubste sie, griff mit den Händen gegen ihr Gesicht und versuchte sie zu schlagen. Der Beschuldigte sowie C. stiessen daraufhin das Opfer zu Boden, setzten sich auf das Opfer drauf und schlugen auf das Opfer ein. Das Opfer wehrte sich dabei und trat mit den Füssen gegen den . Das Opfer und der Beschuldigte erlitten bei dieser wechselseitigen tätlichen Auseinandersetzung folgende Verletzungen:
Opfer: - Schädelbruch im Bereich der linken Stirnhöhle - Hämatome am Kopf und Hals - Schürfungen am Kopf, an der Oberlippeninnenseite, am linken Oberschenkel und am
rechten Unterschenkel - Prellungen am Rücken, Oberkörper vorne und seitlich sowie im Schulterbereich und
am rechten Oberschenkel
Beschuldigter: - Schürfungen an beiden Händen, am rechten Fussgelenk, am linken Knie und im Ge-
sicht - Hämatome am rechten Oberarm und am rechten Ober- und Unterschenkel
Dieses Verhalten ist strafbar gemäss:
Dem vorgenannten Gesetzesartikel sowie Art. 34 StGB, Art. 42 Abs. 1 StGB, Art. 42 Abs. 4 StGB i.V.m. Art. 106 StGB, Art. 44 StGB, Art. 47 StGB.
Der Beschuldigte wird verurteilt zu:
1. Einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je CHF 150.00, bedingt aufgeschoben bei
einer Probezeit von 3 Jahren.
2. Einer Busse von CHF 3'300.00.
- 3 -
Bei schuldhafter Nichtbezahlung tritt an Stelle der Busse eine Ersatzfreiheitsstrafe von 33 Tagen.
3. Den Kosten - Strafbefehlsgebühr CHF 1'000.00 - Polizeikosten CHF 20.50 - Auslagen CHF 1'388.00
Rechnungsbetrag CHF 5'708.50
Über Auslagen, die nach Erlass des vorliegenden Strafbefehls eingehen, wird separat verfügt.
4. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.
5. Das Urteil wird im Strafregister eingetragen.
6. MLaw Tom Schaffner, Rechtsanwalt, wird für seine anwaltlichen Bemühungen im Zu-
sammenhang mit der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten entschädigt und ihm der Betrag von CHF 4'355.00 (inkl. MwSt.) für Honorar und Auslagen ausgerichtet.
7. Die Entschädigung für die amtliche Verteidigung im Umfang von CHF 4'355.00 (inkl.
MwSt.) wird vom kostenpflichtigen Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO , sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben.
Erläuterungen zur bedingten Strafe: Wer zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt wurde, muss diese einstweilen nicht . Im Falle des Wohlverhaltens während der angesetzten Probezeit entfällt eine  endgültig. Wer während der Probezeit erneut straffällig wird oder Weisungen  und sich der Bewährungshilfe entzieht, muss damit rechnen, die Geldstrafe  zur neuen Strafe zahlen zu müssen.
1.2.
Gegen diesen ihm am 9. April 2021 zugestellten Strafbefehl erhob der Be-
schuldigte am 19. April 2021 (Poststempel) Einsprache. Die Staatsanwalt-
schaft hielt am Strafbefehl fest und überwies diesen samt den Akten zur
Durchführung des Hauptverfahrens an das Bezirksgericht Lenzburg.
2.
2.1.
Am 27. Oktober 2021 fand die Hauptverhandlung vor der Präsidentin des
Bezirksgerichts Lenzburg statt. Diese erkannte gleichentags:
1. Der Beschuldigte ist schuldig des Raufhandels gemäss Art. 133 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird hierfür in Anwendung der genannten Gesetzesbestimmung sowie Art. 47 StGB, Art. 16 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 48a StGB, Art. 34 StGB, Art. 42 Abs. 4 StGB und Art. 106 StGB zu 90 Tagessätzen Geldstrafe à CHF 170.00, d.h. CHF 15'300.00, und einer Busse von CHF 3'300.00, ersatzweise 20 Tagen Freiheitsstrafe, verurteilt.
3.
- 4 -
Der Vollzug der Geldstrafe wird gestützt auf Art. 42 StGB aufgeschoben. Die Probezeit wird gemäss Art. 44 Abs. 1 StGB auf 2 Jahre festgesetzt.
4. Der Beschuldigte hat die Verfahrenskosten, bestehend aus einer Staatsgebühr von CHF 1'000.00 sowie den Auslagen von CHF 1'460.00 (inkl. Kosten des Gutachtens des IRM von CHF 1'388.00), insgesamt CHF 2'460.00, zu bezahlen.
5. Der Beschuldigte hat die Anklagegebühr von CHF 1'000.00 zu bezahlen.
6. Es wird festgestellt, dass die dem amtlichen Verteidiger mit Verfügung vom 27. April 2021 festgesetzte Entschädigung in der Höhe von CHF 4'555.00 zu einem späteren Zeitpunkt vom kostenfälligen Beschuldigten zurückgefordert werden kann, sofern es seine  Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO).
2.2.
Gegen dieses, ihm am 4. November 2021 zugestellte Urteil meldete der
Beschuldigte gleichentags die Berufung an. Das begründete Urteil wurde
ihm am 7. Dezember 2021 zugestellt.
3.
3.1.
Der Beschuldigte beantragte mit Berufungserklärung vom 22. Dezember
2021:
Es sei das Urteil vom 27. Oktober 2021 vollumfänglich aufzuheben und der /Berufungskläger von Schuld und Strafe freizusprechen.
Unter Kosten und Entschädigungsfolgen für das erst- und zweitinstanzliche Verfahren zu Lasten der Staatskasse.
3.2.
Der Verfahrensleiter ordnete im Einverständnis der Parteien mit Verfügung
vom 26. Januar 2022 das schriftliche Verfahren an.
3.3.
Der Beschuldigte reichte innert zwei Mal erstreckter Frist am 1. März 2022
die Berufungsbegründung ein und hielt darin an seinen bereits gestellten
Anträgen fest.
3.4.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau beantragte mit Berufungsantwort
vom 21. März 2022 die kostenfällige Abweisung der Berufung.
3.5.
Am 1. April 2022 reichte der Beschuldigte eine freigestellte Stellungnahme
zur Beschwerdeantwort der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau ein.
- 5 -

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Die Berufung des Beschuldigten richtet sich gegen den vorinstanzlichen
Schuldspruch des Raufhandels gemäss Art. 133 Abs. 1 StGB. Der Be-
schuldigte beantragt, er sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen von
Schuld und Strafe freizusprechen. Das vorinstanzliche Urteil ist damit voll-
umfänglich zu überprüfen (vgl. Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
2.1.1.
Der Beschuldigte rügt vorab eine Verletzung des Anklageprinzips. Er bringt
vor, die Vorinstanz habe bei ihrem Entscheid massgeblich darauf abge-
stellt, dass am 11. April 2020 die wechselseitige tätliche Auseinanderset-
zung zwischen den Beteiligten circa 45 Minuten angedauert und der Be-
schuldigte 20 bis 30 Mal auf B. eingeschlagen habe. Daraus habe die Vo-
rinstanz einen extensiven Notwehrexzess des Beschuldigten abgeleitet.
Das, obwohl diese Umstände (Dauer der Auseinandersetzung und Anzahl
Schläge) in der Anklageschrift mit keinem Wort erwähnt würden. Es seien
in der Anklageschrift keinerlei Zeitangaben enthalten. Auch werde nicht nä-
her ausgeführt, wer B. wie geschlagen haben soll und durch welche kon-
kreten Handlungen welche konkreten Verletzungen entstanden seien. Es
sei für den Beschuldigten nicht ersichtlich gewesen, dass die Vorinstanz
eine rechtfertigende Notwehrhilfestellung des Beschuldigten für C. auf-
grund einer angeblich sehr langen bzw. ca. 45-minütigen dauernden Aus-
einandersetzung verneinen würde.
2.1.2.
Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand
des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 9 und Art. 325 StPO;
Art. 29 Abs. 2 sowie Art. 32 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 lit. a sowie
lit. b EMRK). Die Anklage hat die der beschuldigten Person zur Last geleg-
ten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die Vor-
würfe in objektiver und subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert sind.
Das dient dem Schutz der Verteidigungsrechte der beschuldigten Person
und ihrem Anspruch auf rechtliches Gehör (Informationsfunktion; BGE 143
IV 63 E. 2.2; 141 IV 132 E. 3.4.1; je mit Hinweisen). Um sich wirksam ver-
teidigen zu können, muss die beschuldigte Person genau wissen, welcher
konkreter Handlungen sie beschuldigt und wie ihr Verhalten rechtlich qua-
lifiziert wird, damit sie sich in ihrer Verteidigung richtig vorbereiten kann. Sie
darf nicht Gefahr laufen, erst an der Gerichtsverhandlung mit neuen An-
schuldigungen konfrontiert zu werden (BGE 143 IV 63 E. 2.2; 103 Ia 6
E. 1b; je mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 6B_760/2017 vom
23. März 2018 E. 1.3). Es ist indessen nicht nötig, dass die Anklageschrift
- 6 -
die Gesamtheit der Umstände enthält, die sich aus den Urkunden der Straf-
akten ergeben, und auch nicht, dass die Gesamtheit der vom Gericht an-
genommenen Umstände in der Anklageschrift aufgeführt ist, ansonsten das
Urteil nur eine Kopie dieser Urkunde darstellen würde. Den Kontext betref-
fende Elemente muss die Anklage nicht aufführen (BGE 144 IV 189 E. 1 =
Pra 108 (2019) Nr. 8).
2.1.3.
Mit Anklage wird dem Beschuldigten die vorsätzliche Beteiligung an einem
Raufhandel i.S.v. Art. 133 Abs. 1 StGB vorgeworfen. Der Anklageschrift ist
zu entnehmen, dass die wechselseitige Auseinandersetzung der angeblich
drei Beteiligten am 11. April 2020 rund eine Stunde gedauert haben soll, B.
zuerst tätlich auf seine Schwester C. losgegangen sei und in der Folge der
Beschuldigte zusammen mit C. deren Bruder B. auf den Boden gestossen,
sich auf ihn draufgesetzt und ihn geschlagen haben sollen. Entgegen der
Behauptung des Beschuldigten wird der zeitliche Rahmen der angeklagten
Handlung in der Anklage explizit erwähnt und gar als länger proklamiert
(ca. eine Stunde) als von der Vorinstanz angenommen (ca. 45min). Dem
Beschuldigten wird mit Anklage klar und unmissverständlich die aktive –
nicht nur eine abwehrende – Beteiligung an einem Raufhandel mittels u.a.
von ihm ausgeteilten Schlägen vorgehalten. Dieser Vorwurf wird in der An-
klageschrift genügend umschrieben, geht doch daraus hervor, dass sich
der Beschuldigte im Rahmen einer Auseinandersetzung, an der mehr als
zwei Personen beteiligt gewesen seien und zwei Beteiligte aufgrund dieser
Auseinandersetzung konkret umschriebene Verletzungen erlitten haben
sollen, aktiv tätlich beteiligt habe, indem er mehrmals auf einen Beteiligten
eingeschlagen haben soll. Entgegen der Auffassung des Beschuldigten
war die Staatsanwaltschaft nicht verpflichtet, in der Anklage zusätzlich aus-
zuführen, welche konkreten Handlungen zu welchen konkreten Verletzun-
gen der Beteiligten führten. Zum einen wird dem Beschuldigten gerade
nicht die Verursachung konkreter Verletzungen eines Beteiligten, sondern
(nur) die Teilnahme an einem Raufhandel zur Last gelegt. Zum anderen ist
ohnehin nicht notwendig, dass die Anklageschrift sämtliche vom Gericht
angenommenen Umstände umfasst (vgl. E. 2.1.2. hiervor). Überdies liegt
es in der Natur der Sache, dass der genaue Handlungsablauf eines Rauf-
handels aufgrund der diesem Delikt immanenten hohen Eigendynamik
nicht regiebuchgleich in allen Einzelheiten dargelegt werden kann.
Die Anklage hat auch nicht zu enthalten, weshalb aus Sicht der Staatsan-
waltschaft kein Rechtfertigungs- und/oder Strafbefreiungsgrund vorliegt.
Einer beschuldigten Person ist es auch ohne entsprechenden Hinweis in
der Anklageschrift möglich, sich zu Verteidigungszwecken auf einen sol-
chen Rechtfertigungs- und/oder Strafbefreiungsgrund zu berufen, was der
Beschuldigte im Übrigen auch getan hat. Insgesamt ist daher nicht ersicht-
lich, inwiefern die Anklageschrift dem Beschuldigten nicht erlaubt hätte, den
- 7 -
gegen ihn erhobenen Vorwurf des Raufhandels zu erkennen und sich da-
gegen adäquat zu verteidigen. Dies insbesondere vor dem Hintergrund,
dass bereits ein einziges tätliches Abwehrverhalten für die Beteiligung an
einem Raufhandel genügt (MAEDER, in: Basler Kommentar, Strafrecht I,
4. Aufl. 2019, N 13 zu Art. 133 StGB m.H.). Folglich liegt keine Verletzung
des Anklagegrundsatzes vor.
2.2.
2.2.1.
Der Beschuldigte macht mit Berufung – wie bereits vor Vorinstanz – weiter
geltend, die Einvernahmen der Mitbeschuldigten B. vom 11. April 2020 (vgl.
Untersuchungsakten [UA] act. 254 ff.) und von C. vom 12. April 2020 (UA
act. 269 ff.) seien nicht zu seinen Lasten verwertbar. Der Beschuldigte sei
bei diesen Einvernahmen nicht anwesend gewesen. Bei der später durch-
geführten Konfrontationseinvernahme hätten C. und B. dann jegliche Aus-
sage zur Sache verweigert. Zwar könne der Anspruch auf Teilnahme an
Einvernahmen von mitbeschuldigten Personen eingeschränkt werden. Die
beschuldigte Person müsse aber die Gelegenheit haben, die Zeugnisse in
Zweifel zu ziehen. Da hier die Mitbeschuldigten anlässlich der später durch-
geführten Konfrontationseinvernahme sich an nichts mehr zu erinnern
schienen bzw. jegliche Aussage zur Sache verweigerten, seien die anläss-
lich der zuvor – in Abwesenheit des Beschuldigten – durchgeführten Ein-
vernahmen getätigten und belastenden Aussagen infolge Verletzung des
Konfrontationsrechts nicht verwertbar.
2.2.2.
Die Vorinstanz entschied, sämtliche Aussagen von C. und B., also auch
deren Aussagen anlässlich der ersten Einvernahmen vom 11. bzw. 12. Ap-
ril 2020, seien zu Lasten des Beschuldigten verwertbar. Zum einem sei es,
weil gegen sämtliche Beteiligten wegen eines gemeinsam verübten Delikts
ermittelt wurde, infolge erheblicher Kollusionsgefahr gerechtfertigt gewe-
sen, das Teilnahmerecht des Beschuldigten anlässlich den ersten Einver-
nahmen von B. und C. vom 11. und 12. April 2020 einzuschränken (ange-
fochtener Entscheid E. 2.3.2). Zum anderen sei das Konfrontationsrecht
des Beschuldigten anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 29. Mai
2020 nachträglich gewahrt worden. Anlässlich dieser Konfrontationseinver-
nahme hätten die Mitbeschuldigten ihre bereits getätigten Aussagen vom
11. und 12. April 2020 nicht widerrufen, weshalb der Einwand der Unver-
wertbarkeit durch den Beschuldigten offensichtlich fehlgehe (angefochte-
ner Entscheid E. 2.4.2).
2.2.3.
Im Untersuchungs- und Hauptverfahren gilt gemäss Art. 147 Abs. 1 StPO
der Grundsatz der Parteiöffentlichkeit der Beweiserhebungen. Danach ha-
ben die Parteien das Recht, bei Beweiserhebungen durch die Staatsan-
- 8 -
waltschaft und die Gerichte anwesend zu sein und einvernommenen Per-
sonen Fragen zu stellen. Beweise, die in Verletzung dieser Bestimmung
erhoben worden sind, dürfen gemäss Art. 147 Abs. 4 StPO grundsätzlich
nicht zulasten der Partei verwertet werden, die nicht anwesend war (zum
Ganzen BGE 143 IV 397 E. 3.3.1 mit Hinweisen). In Bezug auf die Teil-
nahme noch nicht staatsanwaltlich einvernommener Beschuldigter kann
die Staatsanwaltschaft aber im Einzelfall prüfen, ob sachliche Gründe für
eine vorläufige Beschränkung der Parteiöffentlichkeit bestehen. Solche
Gründe liegen insbesondere vor, wenn im Hinblick auf noch nicht erfolgte
Vorhalte eine konkrete Kollusionsgefahr gegeben ist (vgl. BGE 139 IV 25
E. 5.5.4.1). Auch wenn der Beschuldigte aufgrund von Unklarheiten im
massgebenden Lebenssachverhalt noch nicht mit einem Tatvorwurf kon-
frontiert werden konnte, kann die Beschränkung des Teilnahmerechts ge-
rechtfertigt sein (Urteil des Bundesgerichts 6B_256/2018 vom 13. Septem-
ber 2018 E. 2.2.3). Dies gilt im Hinblick auf die Befragung von Mitbeschul-
digten, Zeugen, Auskunftspersonen und Sachverständigen (Urteil des Bun-
desgerichts 6B_256/2017 vom 13. September 2018 E. 2.2.1).
Selbst wenn eine Beschränkung des Teilnahmerechts nach Gesagtem an-
gezeigt ist, hat nach Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK aber jede angeklagte Person
das Recht, Fragen an den Belastungszeugen zu stellen oder stellen zu las-
sen. Eine belastende Zeugenaussage ist daher grundsätzlich nur verwert-
bar, wenn der Beschuldigte wenigstens einmal während des Verfahrens
angemessene und hinreichende Gelegenheit hatte, das Zeugnis in Zweifel
zu ziehen und Fragen an den Belastungszeugen zu stellen (BGE 133 I 33
E. 3.1; 131 I 476 E. 2.2; je mit Hinweisen). Dies setzt in aller Regel voraus,
dass sich der Einvernommene in Anwesenheit der beschuldigten Person
(nochmals) zur Sache äussert. Beschränkt sich die Wiederholung der Ein-
vernahme aber im Wesentlichen auf eine formale Bestätigung der früheren
Aussagen, wird es dem Beschuldigten verunmöglicht, seine Verteidigungs-
rechte wirksam wahrzunehmen. Umso mehr ist von einer Nichtverwertbar-
keit der ersten Einvernahme auszugehen, wenn eine Person in einer spä-
teren Konfrontationseinvernahme von ihrem Aussageverweigerungsrecht
Gebrauch macht. Von einer Unverwertbarkeit seiner früheren Aussagen ist
auch dann auszugehen, wenn sich der Belastungszeuge bei der Konfron-
tationseinvernahme in umfassender Weise auf Erinnerungslücken beruft
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_14/2021 vom 28. Juli 2021 E. 1.3.4 mit
zahlreichen Hinweisen).
Dem erwähnten Konfrontationsanspruch gemäss Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK
kommt grundsätzlich absoluter Charakter zu. Auf eine Konfrontation kann
aber ausnahmsweise verzichtet werden, wenn der Belastungszeuge bei
der Konfrontation berechtigterweise das Zeugnis verweigert. Die Verwert-
barkeit der ursprünglichen Aussage erfordert gestützt auf Art. 6 Ziff. 1 und
Ziff. 3 lit. d EMRK allerdings, dass die beschuldigte Person zum streitigen
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Zeugnis hinreichend Stellung nehmen kann, die Aussagen sorgfältig ge-
prüft werden und der Schuldspruch nicht alleine darauf abgestützt wird, d.h.
der belastenden Aussage nicht ausschlaggebende Bedeutung zukommt
bzw. sie nicht den einzigen oder einen wesentlichen Beweis darstellt (Urteil
des Bundesgerichts 6B_1219/2019 vom 24. April 2020 E. 2.1.; BGE 133
I 33 E. 4.1.; 131 I 476 E. 2.2.; je mit Hinweisen).
2.2.4.
Nachdem der Beschuldigte bei seiner ersten Einvernahme vom 12. April
2020 um 13.20 Uhr den Beizug eines Anwalts verlangte, wurde er gleichen-
tags erstmals um 17.42 Uhr zur Sache befragt (UA act. 295 ff.). Die erste
Befragung zur Sache der mitbeschuldigten C. fand ebenfalls am 12. April
2020 statt (UA act. 273 ff.) und wurde in zeitlicher Hinsicht parallel zur Ein-
vernahme des Beschuldigten durchgeführt. Die erste Befragung des mitbe-
schuldigten B. erfolgte tags zuvor am 11. April 2020 (UA act. 254 ff.). Da
der Beschuldigte zum Zeitpunkt der ersten Einvernahmen von B. und C.
noch nicht abschliessend zur Sache befragt wurde bzw. ihm noch keine
konkreten Vorhalte gemacht wurden, bestand seitens des Beschuldigten
(und seiner Verteidigung) kein Teilnahmerecht an den ersten Einvernah-
men der anderen Mitbeschuldigten. Mit der Vorinstanz ist festzuhalten,
dass im Zeitpunkt der ersten Einvernahmen erhebliche Kollusionsgefahr
zwischen all erwähnten Mitbeschuldigten bestand und es daher gerechtfer-
tigt war, das Teilnahmerecht des Beschuldigten anlässlich den Einvernah-
men von B. und C. vom 11. bzw. 12. April 2020 einzuschränken.
Anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 29. Mai 2020
(UA act. 311 ff.) wurden C. und B. erneut einvernommen. An dieser Einver-
nahme nahm der Beschuldigte teil. Damit trug die Strafverfolgungsbehörde
dem Konfrontationsanspruch des Beschuldigten in formeller Hinsicht Rech-
nung. Zu prüfen bleibt jedoch, ob dem Konfrontationsanspruch des Be-
schuldigten damit auch in materieller Hinsicht Genüge getan wurde, muss
doch dieser nach zuvor Gesagtem in die Lage versetzt werden, sein Fra-
gerecht tatsächlich ausüben und die Glaubhaftigkeit der ihn belastenden
Aussagen in Frage stellen zu können. Anlässlich der am 29. Mai 2020 statt-
gefunden Konfrontationseinvernahme verweigerte C. sämtliche Aussagen
zur Sache. B. Aussagen waren bei seiner zweiten Befragung äusserst
knapp; er berief sich weitgehend auf Erinnerungslücken. Selbst auf Vorhalt
konkreter Aussagen aus seiner ersten Einvernahme, stellte er sich auf den
Standpunkt, sich nicht mehr (zuverlässig) erinnern zu können. Auf Vorhalt
seiner Aussagen anlässlich seiner ersten Einvernahme gab er wörtlich zu
Protokoll: "Es gab schon eine Schlägerei, ich weiss aber halt auch nicht
mehr so viel, ich wurde schon geschlagen... das ist halt schon ein 'Ziitli' her,
ein Monat oder so..." (UA act. 316).
- 10 -
Da sich C. und B. anlässlich der Konfrontationseinvernahme im Grundsatz
nicht mehr zuverlässig zur Sache geäussert haben, konnte der Beschul-
digte sein Konfrontationsrecht nicht wirksam ausüben. Daran vermag auch
der Umstand nichts zu ändern, dass die Erinnerungslücken von B. als vor-
geschoben erscheinen, zumal die zweite Befragung lediglich rund einein-
halb Monate nach der ersten Befragung erfolgte. C. und B. wurden anläss-
lich der Konfrontationseinvernahme indessen als beschuldigte Personen
befragt, weshalb sie sich auf ihr verfassungsmässiges Aussageverweige-
rungsrecht berufen durften. Entgegen der Vorinstanz ist gestützt auf das
Aussageverweigerungsrecht auch nicht ausschlaggebend, dass C. und B.
ihre ersten Aussagen nicht ausdrücklich widerrufen haben. Fakt ist, dass
dem Beschuldigten infolge der verweigerten Aussagen bzw. der umfassend
geltend gemachten Erinnerungslücken keine Möglichkeit zukam, die belas-
tenden Aussagen aus den ersten Einvernahmen, denen er nicht beiwohnte,
in Zweifel zu ziehen. Da sowohl C. als auch B. ihre Aussagen anlässlich
ihrer 2. Einvernahme (mehrheitlich) verweigerten, sind deren Aussagen bei
den ersten Einvernahmen nach dem in E. 2.2.3 hiervor Gesagtem nur dann
zu Lasten des Beschuldigten verwertbar, wenn diesen belastenden Aussa-
gen nicht ausschlaggebende Bedeutung zukommen bzw. sie nicht den ein-
zigen oder einen wesentlichen Beweis darstellen, worauf in E. 4.5 nachfol-
gend zurückgekommen wird.
3.
Wer sich an einem Raufhandel beteiligt, der den Tod- oder die Körperver-
letzung eines Menschen zur Folge hat, wird nach Art. 133 Abs. 1 StGB mit
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft. Raufhandel ist
somit die tätliche wechselseitige Auseinandersetzung zwischen mindes-
tens drei Personen (STRATENWERTH/JENNY/BOMMER, Schweizerisches
Strafrecht, Besonderer Teil I, 7. Auflage, Bern 2010, § 4 N 20). Auch wenn
ein Raufhandel als tätliche Auseinandersetzung definiert ist, gilt jede aktive
Teilnahme daran als Beteiligung, ohne dass der einzelne Täter in dem Aus-
mass am Geschehen teilnehmen muss, wie es zur Entstehung eines Rauf-
handels erforderlich wäre, d.h. es braucht keine Tätlichkeiten, sondern ein
unterstützendes Verhalten für eine Streitpartei genügt, wie etwa eine psy-
chische Mitwirkung durch Anfeuerungen, warnende Zurufe oder Rat-
schläge (MAEDER, a.a.O, N 13 zu Art. 133 StGB). Verhält sich eine Person
aktiv, selbst wenn ausschliesslich abwehrend oder trennend, d.h. teilt sie
ausschliesslich Schläge aus, um sich zu schützen, andere zu verteidigen
oder Streitende zu scheiden, liegt ebenfalls ein Raufhandel vor (BGE 131
IV 150 E. 2.1.2. = Pra 95 (2006) Nr. 83; Urteil des Bundesgerichts
6B_82/2016 vom 3. Juni 2016 E. 2.1).
Wer ausschliesslich abwehrt oder die Streitenden scheidet, beteiligt sich
nach Gesagtem zwar am Raufhandel im Sinne von Art. 133 Abs. 1 StGB,
kommt jedoch in den Genuss der Straflosigkeit nach Abs. 2. In diesem
Sinne ist auch das Notwehrrecht gemäss Art. 15 StGB zu berücksichtigen.
- 11 -
Notwehr ist zulässig zur Abwehr eines gegenwärtigen oder unmittelbar be-
vorstehenden Angriffs. Sie setzt die Rechtswidrigkeit des Angriffs voraus
und muss in angemessener Weise erfolgen. Aus der Natur des Tatbestan-
des als wechselseitige tätliche Auseinandersetzung ergeben sich beim
Raufhandel schwierige Abgrenzungsfragen zwischen widerrechtlichem
Verhalten und erlaubter Notwehr. Die Schranken des Notwehrrechts wer-
den daher in Art. 133 Abs. 2 StGB konkretisiert. So wird bereits in der Bot-
schaft über die Änderung des Strafgesetzbuches vom 26. Juni 1985 fest-
gehalten, dass man die Bestimmung betreffend die Straflosigkeit (Art. 133
Abs. 2 StGB) zwar unter Hinweis auf den damaligen Art. 33 StGB (heute
Art. 15 StGB) über die Notwehr als selbstverständlich und überflüssig be-
zeichnen möge; es schade jedoch nichts, wenn die Bestimmung klarstelle,
dass solches Handeln gar nicht tatbestandsmässig sei und schon deswe-
gen straflos bleibe, ohne dass es einen Rechtfertigungsgrund bedürfte (BBl
1985 II 1040; vgl. auch BGE 131 IV 150 E. 2.1.2. = Pra 95 (2006) Nr. 83).
Es bleibt somit straflos, wer bloss abwehrt oder schlichtet. Grund für diese
Strafbefreiung ist die Überlegung, dass ein solches Verhalten die tätliche
Auseinandersetzung nicht fördert und die damit verbundene Gefährdung
somit nicht erhöht, sondern vielmehr zu vermeiden versucht (BGE 131 IV
150 E. 2.1.2. = Pra 95 (2006) Nr. 83). Wer diese Grenze überschreitet, heizt
die tätliche Auseinandersetzung hingegen weiter an und aktualisiert so die
damit verbundene Gefahr für Leib und Leben. Keine straflose Beteiligung
liegt beispielsweise vor, wenn eine Person sich weitergehend in das Ge-
schehen einmischt: So wehrt beispielsweise eine Ehefrau, die nicht bloss
ihren Mann von dem am Boden liegenden Opfer wegzerren will, sondern
sich ausserdem mit dem Gesäss auf den Kopf des Opfers setzt, nicht bloss
ab und versucht auch nicht nur, die Streitenden zu trennen (MAEDER, a.a.O,
N 19 zu Art. 133 StGB mit Hinweisen).
Art. 16 StGB regelt die "entschuldbare Notwehr": Überschreitet der Abweh-
rende die Grenzen der Notwehr nach Art. 15 StGB, so mildert das Gericht
die Strafe (Art. 16 Abs. 1 StGB). Überschreitet der Abwehrende die Gren-
zen der Notwehr in entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung über den
Angriff, so handelt er nicht schuldhaft (Art. 16 Abs. 2 StGB). Das Gesetz
regelt nur den quantitativen, intensiven Notwehrexzess, bei dem der Täter
auf einen unmittelbar drohenden Angriff übermässig reagiert. Es regelt
nicht auch den qualitativen, extensiven Exzess, bei welchem der Täter in
einem Zeitpunkt handelt, in dem ein Angriff noch nicht oder nicht mehr un-
mittelbar droht (Urteil des Bundesgerichts 21. Juli 2017 6B_724/2017
E. 2.1. mit Hinweisen). Bei einem extensiven Notwehrexzess, wo der Täter
ausserhalb der Notwehrsituation handelt, wie beispielsweise bei einem
Nachtreten, kennt das Gesetz somit keine Strafmilderung (vgl. TRECH-
SEL/GETH, in: TRECHSEL/PIETH [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch,
Praxiskommentar, 4. Auflage, Zürich/St. Gallen 2021, N 1 zu Art. 16 StGB;
NIGGLI/GRÖHLICH, in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Aufl. 2019, N 6 zu
Art. 16 StGB; je mit Hinweisen).
- 12 -
4.
4.1.
4.1.1.
Gestützt auf die Beweislage sah es die Vorinstanz als erwiesen an, dass
es am 11. April 2020 in den frühen Morgenstunden an der Grillstelle ober-
halb des Fussballplatzes in Q. zu einer Auseinandersetzung zwischen dem
Beschuldigten sowie C. und B. gekommen sei, wobei als Folge dieser Aus-
einandersetzung bei B. und dem Beschuldigten mehrere Verletzungen re-
sultiert hätten. B. habe sich unter anderem einen Schädelbruch im Bereich
der linken Stirnhöhle zugezogen. Gemäss Vorinstanz sei der Schädelbruch
durch Faustschläge des Beschuldigten verursacht worden. Es sei nicht
zweifelhaft, dass das Gerangel der Beteiligten über ca. 45 Minuten ange-
dauert habe. Zwar sei der Auslöser der Schlägerei unklar, weshalb in An-
wendung des Prinzips in dubio pro reo davon auszugehen sei, dass sich B.
zu Beginn einer Holzlatte bedient habe und damit auf seine Schwester C.
losgegangen sei, weshalb der Beschuldigte dazwischen gegangen und –
zusammen mit C. – B. zu Boden gebracht habe, diesen danach zusammen
über länger Zeit festhielten und mit Faustschlägen traktierten haben sollen.
Der Beschuldigte habe daher Notwehrhilfe geleistet, als er den Angriff von
B. auf dessen Schwester abzuwehren versucht habe. Allerdings habe er
die Grenzen der zulässigen Notwehr überschritten, da die anschliessende
Auseinandersetzung weit länger gedauert habe, als eine Notwehrlage be-
stand. Entsprechend habe der Beschuldigte die zeitliche Grenze der Not-
wehrhilfe überschritten, was einen extensiven Notwehrexzess darstelle.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten daher des Raufhandels gemäss Art.
133 Abs. 1 StGB nach einem erfolgten Notwehrexzess i.S.v. Art. 16 Abs. 1
StGB schuldig gesprochen (angefochtener Entscheid E. 3.3 und 4.1.4).
4.1.2.
Der Beschuldigte wendet sich gegen die vorinstanzlichen Feststellungen
und macht geltend, die Vorinstanz habe sich einzig und allein auf Aussagen
von B. und eine Sprachnachricht von C. abgestützt. Das seien keine aus-
reichenden Beweismittel. Die Sprachnachricht von C. enthalte keine ein-
deutigen Aussagen bezüglich der Dauer der Angriffsabwehr oder darauf
abgerichteten Handlungen. Die Aussagen von B. seien zudem mangels ge-
währter Konfrontation nicht verwertbar (Berufungsbegründung S. 6 ff.).
4.2.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Ver-
fahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen unüber-
windliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der
angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für den Beschuldigten güns-
tigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO). Lediglich abstrakte und theo-
retische Bedenken sind jedoch nicht massgebend, weil solche immer mög-
lich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann (Urteile des
- 13 -
Bundesgerichts 1P.302/2001 vom 20. August 2001 E. 3a/bb und
6B_181/2012 vom 10. Juli 2012 E. 1.2.2).
Bei der Abklärung des Wahrheitsgehalts von Aussagen hat sich in der Pra-
xis die so genannte Aussageanalyse weitgehend durchgesetzt. Dieser Me-
thode liegt die Erkenntnis zugrunde, dass wahre und falsche Schilderungen
unterschiedliche geistige Leistungen erfordern. Im Rahmen der Aussa-
geanalyse wird geprüft, ob die aussagende Person unter Berücksichtigung
der Umstände, ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit und ihrer Motivlage
eine solche Aussage auch ohne realen Erlebnishintergrund machen
könnte. Als Analysemittel dienen vorab die so genannten Realkennzei-
chen. Dabei handelt es sich um wissenschaftlich definierte Qualitätsmerk-
male für die Bewertung der Glaubhaftigkeit von Aussagen (vgl. etwa
BGE 133 I 33 E. 4.3; 129 I 49 E. 5; 128 I 81 E. 2; Urteile des Bundesge-
richts 6B_760/2016 vom 29. Juni 2017 E. 4.2 und 6B_793/2010 vom
14. April 2011 E. 1.3.1). Zu diesen Realkennzeichen gehören beispiels-
weise die logische Konsistenz, der quantitative Detailreichtum oder die
Schilderung von Komplikationen im Handlungsablauf (vgl. zu den Real-
kennzeichen im Einzelnen etwa FERRARI, Erkenntnisse aus der Aussage-
psychologie, Plädoyer 4/2009, S. 35 f.; LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, Aussage-
psychologie für die Rechtspraxis. «Zwischen Wahrheit und Lüge», Zü-
rich/St. Gallen 2017, S. 49 ff.; DITTMANN, Zur Glaubhaftigkeit von Zeugen-
aussagen, Plädoyer 2/1997, S. 33 ff.). Bei der Prüfung der Realkennzei-
chen bzw. der Realitätskriterien ist gleichzeitig auch Phantasie- oder Lü-
gensignalen Beachtung zu schenken. Weiter kann es hilfreich und geboten
sein, die Entwicklungsgeschichte der Aussage zu untersuchen sowie die
Aussagen einem Strukturvergleich zu unterziehen.
4.3.
4.3.1.
4.3.1.1.
Der Beschuldigte wurde im Laufe des Strafverfahrens drei Mal zur Sache
befragt.
Anlässlich seiner ersten Befragung vom 12. April 2020 (UA act. 295 ff.)
sagte er aus, B. habe am 11. April 2020 in den frühen Morgenstunden in
Q. in der Nähe des Fussballplatzes sein Portemonnaie verloren. Weil C.
und er selber ihm bei der Suche nach der Brieftasche nicht geholfen hätten,
sei B. in der Folge aggressiv geworden und habe verbale Beleidigungen
ausgeteilt. Schliesslich sei dieser mit einer Latte, welche sich von einer
Sitzbank gelöst habe, auf C. losgegangen. Er habe B. dann gepackt, es
habe ein Gerangel gegeben und B. sei schliesslich mit dem Kopf auf die
Kante der Sitzbank gestürzt. C. und er selber hätten sich danach auf den
Nachhauseweg gemacht. B. sei seinen eigenen Weg gegangen
(UA ct. 297 ff.). Auf Nachfrage sagte der Beschuldigte weiter aus, er habe
B. bei dessen Angriff auf C. seitlich von vorne gepackt und diesen zu Boden
- 14 -
geworfen (UA act. 300). Es sei vorab zu einem Gerangel gekommen und
sie seien beide gestürzt (UA act. 299). Auf die Nachfrage, wie ihn B. konkret
physisch angegangen habe, gab der Beschuldigte zu Protokoll, er wisse
nicht, wie er es beschreiben solle. Was man halt so in einem Gerangel ma-
che (UA act. 304). Auf Nachfrage gab der Beschuldigte letztlich zu Proto-
koll, dass er B. nicht geschlagen habe (UA act. 309). Darüber hinaus
machte er zur Sache Erinnerungslücken geltend.
An der Konfrontationseinvernahme vom 29. Mai 2020 (UA act. 311ff.)
machte der Beschuldigte geltend, er habe C. beschützten wollen und daher
in den Vorfall vom 11. April 2020 eingegriffen. Es sei Notwehr gewesen (UA
act. 322). Darüber hinaus verweigerte der Beschuldigte seine Aussage zur
Sache.
Anlässlich der vorinstanzlichen Verhandlung gab der Beschuldigte erneut
zu Protokoll, B. habe am 11. April 2020 sein Portemonnaie verloren und er
selber sowie C. hätten ihm bei der Suche danach nicht helfen wollen. Da-
raufhin sei B. aggressiv geworden, habe sich eine Holzlatte angeeignet und
auf C. losgehen wollen. Er sei daher dazwischen gegangen (UA act. 458).
Weitere Aussagen zur Sache machte der Beschuldigte nicht. Er berief sich
vielmehr erneut auf Erinnerungslücken.
4.3.1.2.
Anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 29. Mai 2020
(UA act. 311 ff.) wurden B. dessen Aussagen aus seiner ersten Befragung
vom 11. April 2020 vorgehalten, wo er zur Protokoll gab, er sei am 11. April
2020 vom Beschuldigten mit 20 bis 30 Faustschlägen ins Gesicht und zu-
sätzlich auch von C. geschlagen sowie gewürgt worden, wobei er sich wäh-
renddessen, durch den Beschuldigten fixiert, auf dem Rücken liegend auf
dem Boden befunden habe. Darauf erwiderte B., es habe schon eine Schlä-
gerei gegeben. Er wisse halt aber nicht mehr so viel, geschlagen worden
sei aber er schon (UA act. 316). Im Übrigen berief sich B. zur Sache nun-
mehr auf Erinnerungslücken.
C. berief sich anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 29. Mai 2020
auf ihr Aussageverweigerungsrecht und machte keinerlei Aussage zur Sa-
che (UA act. 317 f.).
4.3.1.3.
Hinsichtlich der Aussagen von B. und C. anlässlich deren ersten Befragun-
gen vom 11. April 2020 (UA act. 254 ff.) bzw. 12. April 2020 (UA act. 273
ff.), deren Unverwertbarkeit der Beschuldigte geltend macht (vgl. E. 2.2
hiervor), kann auf die Darlegungen der Vorinstanz verwiesen werden (an-
gefochtener Entscheid E. 3.2.2. f.).
- 15 -
4.3.2.
4.3.2.1.
B. wurde am 11. April 2020 via notfallmässigen Rettungsdienst dem Spital
Muri zugewiesen, wo er von 3.00 bis 15.00 Uhr hospitalisiert war. Das Spi-
tal stellte unter anderem folgende Hauptdiagnosen: Impressionsfraktur der
linken Stirnhöhle, multiple Hämatome am Vorder- und Hinterkopf sowie
multiple Kontusionen der Halswirbelsäule, der Brustwirbelsäule, des Brust-
korbs, des Brustbeins, der beiden Schultern und des rechten Oberschen-
kels (UA act. 68).
4.3.2.2.
Am 11. April 2020 um 15.25 Uhr hat die Abteilung Forensische Medizin des
Kantonsspitals Aarau bei B. eine körperliche Untersuchung durchgeführt
(UA act. 88 ff.). Dabei sind bei B. zusammengefasst folgende frische Ver-
letzungen festgestellt worden:
- Mehrere Blutergüsse, Weichteilschwellungen und kleinfleckige Ober-
hautdefekte an der rechten und linken Schläfe, am Hinterkopf, linkssei-
tig an der Stirn, am rechten und linken Augenbrauenaussenrand, an der
rechten Wange, am rechten Augenunterlid und über dem linken Joch-
bogen
- "Delle" im Stirnbein, direkt in der Stirnmittellinie
- Kratzartige Oberhautdefekte linksseitig an der Stirn und an beiden
Halsseiten
- Schwellung, Rötung und Oberhautdefekte am Nasenrücken
- Blutige Auflagerungen in den Nasenöffnungen
- Blutergüsse in Umgebung des Mundes
- Mundschleimhautdefekt rechtsseitig an der Oberlippe
- Überwiegend bandförmige Blutergüsse und Oberhautdefekte am Rü-
cken
- Oberhautdefekte und Blutergüsse an der Ellbogenausseite rechts, beu-
geseitig am rechten Handgelenk und am linken Oberarm innen
- Kratzartige Oberhautdefekte am rechten Schienbein und am linken
Oberschenkel
Sämtliche erwähnten Verletzungen von B. wurden fotografisch festgehal-
ten (UA act. 96 ff.).
Gemäss Gutachten der Abteilung Forensische Medizin des Kantonsspitals
Aargau vom 27. April 2020 (UA act. 76 ff.) sind sämtliche erwähnten Läsi-
onen Folge stumpfer Gewalteinwirkungen, teilweise mit tangentialer Ein-
wirkungsrichtung, und können unter dem Aspekt der Frische allesamt
zwangslos dem von der Staatsanwaltschaft angeklagten Ereignis vom
11. April 2020 zugeordnet werden (UA act. 83). Im Detail hält das Gutach-
ten das Folgende fest: Die Blutergüsse und Hautschürfungen an beiden
- 16 -
Kopfseiten, linkseitig an der Stirn sowie an Wangen, Nase und Mund kön-
nen zwanglos durch mehrere Faustschläge entstanden sein. Der Bruch der
Stirnhöhle lässt auf eine eng umschriebene, massive stumpfe Gewaltein-
wirkung im Stirnbereich schliessen. Grundsätzlich kann dieser durch einen
heftigen Faustschlag gegen die Stirn entstanden sein, ohne dass zusätzli-
che Gegenstände, wie beispielsweise eine Holzlatte, eingesetzt worden
wären. Die Verletzungen am Hinterkopf können einerseits infolge Widerla-
geverletzungen bei Faustschlägen von vorne gegen den Kopf oder durch
einen Sturz nach hinten entstanden sein. Die Blutergüsse und Hautschür-
fungen am Rücken lassen sich in gleicher Weise durch einen Sturz nach
hinten auf unebenen Boden oder durch Widerlageverletzungen am Boden
bei gleichzeitigen Schlägen von Vorne erklären (UA act. 83). Zudem kön-
nen die Verletzungen an den Armen und im Mundbereich durch Schläge
oder Widerlageverletzungen bei einem Schlag verursacht worden sein. Die
Blutergüsse am Hals können als Würgemale interpretiert werden und durch
die Einwirkung von Fingernägeln entstanden sein (UA act. 84). Die Angabe
des Beschuldigten, wonach sämtliche Verletzungen vermutlich Folge eines
Sturzes von B. (Aufprallen des Kopfes an einer Sitzbank) gewesen seien,
erscheinen aufgrund der Vielzahl, Schwere und Lokalisationen der Verlet-
zungen als nicht plausibel. Insbesondere wäre bei einem Sturz und Anprall
der Stirn an eine harte und kantige Struktur das Auftreten einer entspre-
chend geformten Verletzung, aufgrund der knöchernen Widerlagers gege-
benenfalls einer Quetsch-Riss-Wunde oberhalb des Schädelbruches, zu
erwarten gewesen. Eine solche Verletzung liegt aber nicht vor. Weiter
spricht das Fehlen zusätzlicher, sturztypischer Verletzungen der Körper-
vorderseite von B. gegen einen solchen Ereignishergang (UA act. 84 f.).
Die Angaben von C., wonach sie zusammen mit dem Beschuldigten B.
sanft auf den Boden abgelegt und ihm danach eine "Flättere" bzw. maximal
einen Faustschlag ins Gesicht erteilt hätten, können die zahlreichen aus-
geprägten Verletzungen von B. ebenfalls nicht erklären (UA act. 85). Das
Gutachten stellt unter anderem eine offensichtliche mehrfache, stumpfe
Gewalt gegen den Kopf von B. fest (UA act. 86).
4.3.3.
Am 12. April 2020 um 23.30 Uhr hat die Abteilung Forensische Medizin des
Kantonsspitals Aarau beim Beschuldigten eine körperliche Untersuchung
durchgeführt (UA act. 181 ff.). Dabei sind beim Beschuldigten unter ande-
rem folgende Verletzungen festgestellt worden:
- Hauteinblutungen und Verschorfungen an der rechten Gesichtshälfte
- Kratzerartige Oberhautläsion streckseitig am rechten Handgelenk
- Mehrere vertrocknete Oberhautabtragungen streckseitig an den Fin-
gern der rechten Hand
- Bluterguss am linken Ellenbogen
- Vertrocknete Oberhautabtragung in Projektion auf das streckseitige
Mittelgelenk des linken Kleinfingers
- 17 -
- Kratzartige Verschorfung streckseitig im Bereich des Grundgelenkes
des linken Zeigefingers
- Bluterguss innenseitig am rechten Oberschenkel
- Hautrötung und Schürfung vorderseitig im Bereich des rechten Sprung-
gelenkes
- Kleinherdige Schürfungen vorderseitig am linken Knie
Sämtliche erwähnten Verletzungen des Beschuldigten wurden fotografisch
festgehalten (UA act. 185 ff.).
Gemäss Gutachten der Abteilung Forensische Medizin des Kantonsspitals
Aargau vom 29. April 2020 (UA act. 174 ff.) sind – mit Ausnahme einer
ablassbaren Rötung am rechten Unterschenkel – sämtliche erwähnten Lä-
sionen Folge stumpfer Gewalteinwirkungen und können unter dem Aspekt
der Frische dem von der Staatsanwaltschaft angeklagten Ereignis vom
11. April 2020 zugeordnet werden (UA act. 178 ff.). Im Detail hält das Gut-
achten das Folgende fest: Die Verletzungen im Gesicht können aufgrund
ihrer Gestaltung (auf einer Linie angeordnet, kratzartige Schürfungen und
Einblutungen) z.B. von einem Kratzen mit Fingernägeln herrühren. C. habe
zwar angegeben, ihr Bruder B. habe den Beschuldigten ins Gesicht ge-
schlagen. Bei einem einzelnen Schlag mit der offenen Hand oder mit der
Faust wäre indessen keine Schürfkomponente zu erwarten. Insofern er-
scheint eine Entstehung im Rahmen einer Gegenwehr, z.B. durch Kratzen,
wahrscheinlicher (UA act. 178). Als Entstehungsursache für die Verletzun-
gen an den Fingerstreckseiten der rechten Hand (landkartenartige Ober-
hautdefekte) fallen beispielsweise die tangentiale Einwirkung von harten
Strukturen in Betracht sowie der Kontakt mit einer rauen oder unebenen
Oberfläche. Dass die Mittel- und Endglieder der Finger nicht verletzt gewe-
sen sind, spricht dafür, dass die Hand zu einer Faust geballt war, als sie
Kontakt mit den entsprechenden Gegenständen/Strukturen hatte. Ein ein-
ziger Schlag ins Gesicht einer Person können diese Verletzungen nicht
schlüssig erklären, wiederholte Schläge indessen schon, insbesondere,
wenn beispielsweise auch mehrfach Haare (Kopf-, Barthaare), Zähne, fest-
sitzende Zahnspangen oder ähnliche Strukturen getroffen worden sind.
Auch Faustschläge gegen bekleidete Körper können solche Verletzungen
hervorrufen (UA act. 178). Prinzipiell wäre auch der tangentiale Kontakt der
Faust mit einer Holzlatte geeignet, solche Verletzungen hervorzurufen. Ein
Sturz zu Boden kann die Verletzungen hingegen nur dann schlüssig erklä-
ren, wenn die Hand im Moment des Bodenkotaktes zu einer Faust ge-
schlossen gewesen wäre. Ansonsten sind bei einem Sturz zu Boden durch
den reflexartigen Versuch, den Sturz abzufangen, eher Verletzungen an
der Handfläche zu erwarten. An selbiger ist jedoch keine Verletzung fest-
gestellt worden. Die Verletzungen an der linken Hand sind unspezifisch,
können aber grundsätzlich im Rahmen der Auseinandersetzung entstan-
den sein. Das Alter des Blutergusses an der Oberschenkelinnenseite kann
nicht sicher eingeschätzt werden. Prinzipiell ist eine Entstehung durch das
- 18 -
in Rede stehende Ereignis aber problemlos möglich. Aufgrund der Lage an
der Innenseite ist eine Entstehung durch einen Sturz unwahrscheinlich.
Prinzipiell kann dieser Bluterguss anlässlich eines Gegenwehrversuches
hervorgerufen worden sein. Die Schürfungen am linken Knie, der Bluter-
guss des linken Ellbogens sowie die kratzerartige Läsion am rechten Hand-
gelenk und die Schürfung am rechten Sprunggelenk sind unspezifisch, kön-
nen aber ebenfalls zwangslos im Rahmen einer dynamischen Auseinan-
dersetzung verursacht worden sein (UA act. 179).
4.3.4.
Aus der Auswertung des Mobiltelefons von C. ergab sich, dass diese am
11. April 2020 um 5.53 Uhr einem Bekannten eine Sprachnachricht zu-
stellte. In dieser Sprachnachricht teilte sie das Folgende (Originalausspra-
che) mit: "[...] mir zwei sind eigentlich ufem obe ghocket und händ zäme
gschloh, aso... B., ich ha ned so vil dezue bitreit, irgendwie. Het e bluetigi
Frässe gha und alles [...]" (UA act. 251 und 253).
Zudem schrieb C. ihrem Vater am 12. April 2020 zwischen 13.54 und 13.56
Uhr folgende Textnachrichten (UA act. 251):
- 13.54 Uhr: "Be ufem polizeiposte, dankem B."
- 13.55 Uhr: "Stockbsoffe lüüt go bedrohe, nümm richtig graduuslaufe,
kassiere & denn mech beschuldiige Danke für garnüt wonii je für ihn
gmacht ha"
- 13.55 Uhr: "I verstohs echt ned"
- 13.55 Uhr: "De chunnt niemeh unterstützig vom er"
- 13.56 Uhr: "Das was iihm passiiert esh get er em B. & mer schuld dra"
4.4.
Der Beschuldigte hat eingestanden, dass B. ihn und C. in den frühen Mor-
genstunden vom 11. April 2020 an der Grillstelle oberhalb des Fussballplat-
zes in Q. verbal beleidigte und es danach zu einem Gerangel zwischen ihm
und B. kam. Demgegenüber macht er zu seiner Entlastung geltend, er habe
nur infolge Notwehr eingegriffen, keinerlei Schläge ausgeteilt und die Ver-
letzungen von B. seien wohl durch einen Sturz mit dem Kopf auf eine Sitz-
bank entstanden (UA act. 295 ff.).
Bereits in Anbetracht des Verletzungsbilds von B. erweisen sich die er-
wähnten entlastenden Ausführungen des Beschuldigten, wonach er keine
Schläge austeilte bzw. nur in Notwehr gehandelt habe, als nicht glaubhafte
Schutzbehauptungen. So ist gestützt auf die fotografischen Aufnahmen der
Verletzungen (UA act. 96 ff.) sowie gestützt auf das forensische Gutachten
des Kantonsspitals Aarau (UA act. 76 ff.) erstellt, dass B. nebst einem link-
seitigen Stirnhöhlenbruch unter anderem etliche Blutergüsse und Ober-
hautdefekte an den unterschiedlichsten Stellen am Vorder- und Hinterkopf,
am Hals sowie am Rücken davontrug. Mit dem Gutachten ist zweifelsfrei
- 19 -
festzuhalten, dass diese Vielzahl und verschiedentlichste lokalisierten Ver-
letzungen nicht von einem einzelnen Sturz herrühren vermögen. Vielmehr
sind diese Verletzungen mehreren Schlägen (nicht nur einem einzelnen
Schlag) mit der Faust und Abwehrverletzungen, mithin einer tätlichen Aus-
einandersetzung, zuzuordnen. Anderweitig ist die Entstehung dieser Ver-
letzungen nicht erklärbar. Vielmehr stehen sie darüber hinaus im Einklang
mit den vom Beschuldigten selber erlittenen Verletzungen an dessen rech-
ten Hand und im Gesicht. So ist gestützt auf das entsprechende forensi-
sche Gutachten (UA act. 174 ff.) nachgewiesen, dass die Vielzahl der Ober-
hauteffekte an der rechten Hand des Beschuldigten weder Folge eines ein-
zigen Schlages noch einer – wie vom Beschuldigten geltend gemacht –
einzigen Abwehrreaktion gegen einen Schlag mit einer Holzlatte oder eines
Sturzes sind. Demgegenüber sind die Hautabschürfungen ohne Weiteres
mit einer Mehrzahl von Schlägen mit der Faust gegen eine Person, mithin
als Ursache der bei B. entstandenen Verletzungen am Kopf, erklärbar.
Auch die Kratzspuren im Gesicht des Beschuldigten sind einzig als Folge
von Abwehrhandlungen schlüssig zu begründen. Ohnehin ist nicht glaub-
haft, dass sich der Beschuldigte anlässlich seiner Befragungen zwar an die
verbale Vorgeschichte des von ihm eingestandenen Gerangels mit B. so-
wie hinsichtlich der tätlichen Auseinandersetzung selber lediglich an die ihn
entlastenden Momente der angeblichen Notwehrsituation erinnern will und
demgegenüber über (nahezu) keine Erinnerungen zum weiteren Ablauf der
eigentlichen tätlichen Auseinandersetzung mit B. verfügen soll. Auch um-
schreibt der Beschuldigten die von ihm vorgebrachten entlastenden Um-
stände der angeblichen Notwehrsituation äusserst detailarm, was zusätz-
lich gegen die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen spricht. Auf die nicht glaub-
haften Schutzbehauptungen des Beschuldigten, wonach dieser lediglich in
Notwehr gehandelt und keinerlei Schläge ausgeteilt habe, ist daher nicht
abzustellen.
Vielmehr ist auf den – im völligen Widerspruch zu den Aussagen des Be-
schuldigten stehenden – Inhalt der Sprachnachricht von C. abzustellen, in
welcher diese ausführt, sie und der Beschuldigte seien zusammen auf B.
gesessen und hätten diesen zusammengeschlagen, bis er ein blutiges Ge-
sicht gehabt habe (UA act. 251 und 253). Diese Sprachnachricht sowie
auch die Textnachrichten von C. an ihren Vater (UA act. 251) lassen keinen
anderen Schluss zu, als dass der Beschuldigte Schläge ausgeteilt hat, zu-
mal den Textnachrichten in Anbetracht des Gesamtkontextes (eingestan-
denes Gerangel zwischen den Beteiligten; nachgewiesene Verletzungen
der Beteiligten) zu entnehmen ist, dass B. nach vorausgehenden Drohun-
gen Schläge "kassiert" hat. In diesem Sinne sagte B. anlässlich der unstrit-
tig verwertbaren Konfrontationseinvernahme vom 29. Mai 2020 – vor dem
Hintergrund der nachgewiesenen Verletzungsbilder der Beteiligten sowie
der erwähnten Sprachnachricht von C. glaubhaft – auch aus, dass er ge-
schlagen wurde (UA act. 316).
- 20 -
Aus all diesen Gründen, insbesondere gestützt auf die ausgewiesenen Ver-
letzungsbilder, besteht für das Obergericht keinen Zweifel daran, dass der
Beschuldigte im Sinne der Anklage zusammen mit C. in den frühen Mor-
genstunden des 11. Aprils 2020 an der Grillstelle oberhalb des Fussball-
platzes in Q., nach einer anfänglich verbalen Auseinandersetzung, B. am
Boden fixierten und mehrmals auf ihn einschlugen, wobei sich B. am Boden
liegend wehrte. Bei dieser wechselseitigen Auseinandersetzung zogen sich
sowohl der Beschuldigte als auch B. die in der Anklage erwähnte Vielzahl
von Verletzungen zu; B. unter anderem einen Schädelbruch im Bereich der
linken Stirnhöhle, mithin eine einfache Körperverletzung nach Art. 123 Ziff.
1 StGB. Unklar ist hingegen der Auslöser der wechselseitigen Auseinan-
dersetzung und wer konkret und mit welchen Handlungen die vorhandenen
Verletzungen verursachte. Der Tatbestand des Raufhandels gemäss Art.
133 Abs. 1 StGB dient allerdings gerade dazu, bei solchen Beweisschwie-
rigkeiten zu verhindern, dass die Beteiligten straflos bleiben (BGE 137 IV 1
E. 4.2.2). Entsprechend hat der Beschuldigte mit seinem nachgewiesenen
aktiven Mitwirken (Austeilen von mehreren Schlägen) an der tätlichen Aus-
einandersetzung sowohl den objektiven als auch den subjektiven Tatbe-
stand des Raufhandels gemäss Art. 133 Abs. 1 StGB erfüllt.
4.5.
Zu prüfen bleibt, ob der Beschuldigte allenfalls in Notwehr i.S.v. Art. 15 f.
StGB gehandelt hat sowie ob ein allfälliger Strafbefreiungsgrund i.S.v.
Art. 133 Abs. 2 StGB vorliegt.
Wie bereits erwähnt, hat der Beschuldigte zusammen mit C. mehrmals auf
den am Boden liegenden Beschuldigten eingeschlagen (vgl. E. 4.4 hiervor).
Auch wenn dem Beschuldigten zugestanden würde, dass er bei der Ausei-
nandersetzung anfänglich lediglich einschritt, um C. zu schützen bzw. diese
zu verteidigen, überschritt er die (zeitliche) Grenze der reinen Abwehr be-
reits, indem er – zusammen mit C. – mehrmals auf den Boden liegenden,
unbewaffneten und sich in Unterzahl befindlichen B. einschlug.
In diesem Zusammenhang ist auch auf die den Kontext betreffenden Aus-
sagen von B. und C. anlässlich deren ersten Befragungen vom 11. bzw.
12. April 2020 (UA act. 254 ff. und act. 273 ff.) abzustellen. Da mit den
ausgewiesenen Verletzungsbildern (UA act. 96 ff. und 185 ff.), den forensi-
schen Gutachten zu den Verletzungen der Beteiligten (UA act. 76 ff. und
174 ff.), den aktenkundigen Sprach- und Textnachrichten von C. (UA act.
251 und 253) sowie den Aussagen von B. anlässlich der später durchge-
führten Konfrontationseinvernahme (UA act. 322) anderweitige Beweismit-
tel vorhanden sind, erweisen sich die Aussagen von B. und C. anlässlich
deren ersten Einvernahmen als nicht ausschlaggebend und können eben-
falls zulasten des Beschuldigten verwertet werden (vgl. zu den Vorausset-
zungen der Verwertbarkeit E. 2.2.3 hiervor).
- 21 -
B. sagte anlässlich seiner ersten Befragung vom 11. April 2020 (UA act.
254 ff) u.a. aus, er habe während mehreren Minuten auf dem Boden gele-
gen und sei von seiner Schwester sowie dem Beschuldigten gewürgt und
geschlagen worden (UA act. 256 f.). C. bestätigte anlässlich ihrer ersten
Einvernahme vom 12. April 2020 nach anfänglichem Bestreiten, dass so-
wohl sie selber als auch der Beschuldigte B. geschlagen hätten (UA act.
283 ff.). Sie habe ihren Bruder geschlagen, damit er mit dem Seich aufhöre,
den er rausgelassen habe. Sie habe geschlagen, als ihn ihr Freund (der
Beschuldigte), festgehalten habe. Etwa eine halbe Stunde sei B. vom Be-
schuldigten schon festgehalten worden (UA act. 283 f., insbesondere Ant-
worten zu den Fragen 76, 78, 80 f. und 84 f.). Im Gegensatz zu den Aus-
sagen des Beschuldigten stimmen diese Sachverhaltsdarstellungen, mithin
das Festhalten des Beschuldigtem am Boden über mehrere Minuten sowie
das mehrmalige Zuschlagen, mit den Verletzungsbilder der Beteiligten so-
wie auch den Sprach- und Textnachrichten von C. überein.
Unter Berücksichtigung sämtlicher vorhandener Beweismittel besteht da-
her kein Zweifel, dass der Beschuldigte mit C. zusammen auf den Beschul-
digten einschlug, als dieser bereits am Boden lag und durch den Beschul-
digten und/oder C. festgehalten wurde. Dabei kann offenbleiben, wie lange
B. konkret am Boden arretiert wurde und Schläge kassierte. Da sich B. am
Boden befand und von zwei Personen gleichzeitig angegangen wurde,
fehlte es in diesem Zeitpunkt an der Verhältnismässigkeit der Handlungen
des Beschuldigten. Ein Abwehrwillen des Beschuldigten im Moment, als B.
bereits am Boden lag, ist zu verneinen. Vielmehr wäre es ihm sowie auch
C. offen gestanden, sich vom Tatort zu entfernen, als sich B. am Boden
befand. Indem der Beschuldigte und C. aber trotzdem weiter zuschlugen,
haben diese nicht (mehr) bloss abwehrend oder schlichtend gehandelt.
Vielmehr haben sie, in einem Zeitpunkt, wo keine unmittelbare Drohung
(mehr) vorgelegen hat, im Sinne eines "Nachtretens" die Auseinanderset-
zung weiterhin angeheizt. Entsprechend liegt weder eine Notwehrhandlung
i.S.v. Art. 15 StGB noch eine entschuldbare Notwehrhandlung i.S.v. Art. 16
StGB vor, zumal B. zumindest gegen Ende der Auseinandersetzung unbe-
waffnet sowie zahlenmässig unterlegen war und von ihm somit kein dro-
hender Angriff mehr ausging. Der Beschuldigte hat sich somit unter aktiver
Beteiligung auf einen Raufhandel eingelassen und sich weitergehend als
abwehrend in das Geschehen eingemischt. Folglich ist der vorinstanzliche
Schuldspruch des Beschuldigten wegen Raufhandels gemäss Art. 133
Abs. 1 StGB zu bestätigen, wobei der Beschuldigte entgegen der Vo-
rinstanz nicht in entschuldbarer Notwehr gemäss Art. 16 Abs. 1 StGB ge-
handelt hat. Nachdem die Staatsanwaltschaft gegen den angefochtenen
Entscheid indessen keine Berufung erhob, ist das vorinstanzliche Ent-
scheiddispositiv in Anwendung des Grundsatzes reformatio in peius in Be-
zug auf den in Dispositivziffer 2 aufgeführten Art. 16 Abs. 1 StGB (ent-
schuldbare Notwehr) nicht anzupassen (vgl. BGE 139 IV 282 E. 2.5; 143
IV 469 E. 4).
- 22 -
5.
5.1.
Wer sich an einem Raufhandel beteiligt, der den Tod oder die Körperver-
letzung eines Menschen zur Folge hat, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei
Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 133 Abs. 1 StGB).
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten mit einer bedingten Geldstrafe von
90 Tagessätzen à Fr. 170.00, unter Festsetzung einer Probezeit von zwei
Jahren, sowie mit einer Busse von Fr. 3'300.00, ersatzweise 20 Tage Frei-
heitsstrafe, bestraft. Der Beschuldigte beantragte einen vollumfänglichen
Freispruch. Für den Fall eines Schuldspruchs äusserte er sich nicht zum
Strafmass.
5.2.
Gemäss Art. 47 Abs. 1 StGB ist die konkret auszufällende Strafe nach dem
Verschulden des Täters zu bemessen. Zu berücksichtigen sind das Vorle-
ben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf
das Leben des Täters. Art. 47 Abs. 2 StGB präzisiert die Bewertung des
Verschuldens dahingehend, dass dieses nach der Schwere der Verletzung
oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des
Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach be-
stimmt wird, wie weit er nach den inneren und äusseren Umständen in der
Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden.
5.3.
5.3.1.
Der Raufhandel gemäss Art. 133 StGB ist ein abstraktes Gefährdungsde-
likt. Der Tatbestand schützt primär das öffentliche Interesse, Schlägereien
(unter mindestens drei Beteiligten) zu verhindern. In zweiter Linie schützt
Art. 133 StGB das Individualinteresse der Opfer von solchen Schlägereien
(BGE 141 IV 454 E. 2.3.2).
Der vorliegende Raufhandel, an welchem sich insgesamt 3 Personen be-
teiligten, ist aufgrund der Intensität der wechselseitigen tätlichen Auseinan-
dersetzung und der davon ausgehenden Gefahr für die Beteiligten nicht zu
bagatellisieren. Aus den Verletzungsfolgen der involvierten Personen geht
hervor, dass sich der Beschuldigte nicht bloss an einer harmlosen Rauferei
beteiligt hat, sondern sich aktiv in einen Raufhandel involviert hat, der mit
einer nicht mehr als unerheblich zu bezeichnenden Gewaltintensität ein-
hergegangen ist, womit er wiederum zu einer Erhöhung der abstrakten Ge-
fährdung beigetragen hat. Im Gegensatz dazu ist mit der Vorinstanz aber
festzuhalten, dass die in Frage stehende Schlägerei fernab von Passanten
oder sonstigen Personen stattfand und somit keine gravierende Rechtsgut-
verletzung vorliegt. Unter Berücksichtigung des breiten Spektrums der vom
- 23 -
Tatbestand des Raufhandels erfassten wechselseitigen tätlichen Ausei-
nandersetzungen und dem bis zu 3 Jahren Freiheitsstrafe reichenden
Strafrahmen ist daher von einer vergleichsweise leichten Gefährdung der
betroffenen Rechtsgüter auszugehen. Auch wenn das mehrmalige Ein-
schlagen auf den am Boden liegenden und sich in Unterzahl befindlichen
B. nicht entschuldbar ist und dieses Vorgehen somit zu einer erhöhten
Möglichkeit einer abstrakten Gefährdung führte, sind die vom Beschuldig-
ten geltend gemachten Beweggründe für sein anfängliches Eingreifen in
die Auseinandersetzung nachvollziehbar und Rechnung zu tragen, wes-
halb sich das Ausmass an Entscheidungsfreiheit bei der Frage der Ver-
meidbarkeit ebenfalls nur leicht zu seinen Lasten auswirkt.
Im Rahmen der Strafzumessung ist demgegenüber keine Strafmilderung
wegen entschuldbarer Notwehr gemäss Art. 16 StGB zu berücksichtigen.
Der Beschuldigte hat nicht bloss abgewehrt, sondern sich schlussendlich
aktiv am Raufhandel beteiligt (vgl. E. 4.5. hiervor).
Insgesamt ist mit der Vorinstanz von einem relativ geringen Tatverschulden
und einer dafür angemessenen Geldstrafe von 90 Tagessätzen zuzüglich
einer Verbindungsbusse (siehe dazu E. 5.6 unten) als in ihrer Summe an-
gemessene Sanktion auszugehen.
5.3.2.
Im Rahmen der Täterkomponenten ist leicht straferhöhend die nicht ein-
schlägige Vorstrafe des Beschuldigten vom 10. März 2015 zu berücksich-
tigen, mit welcher er wegen einer groben Verkehrsregelverletzung zu einer
bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen bestraft worden ist (UA act. 48).
Ebenfalls leicht straferhöhend ist zu berücksichtigen, dass beim Beschul-
digten nicht nur keinerlei Anzeichen von Einsicht oder Reue vorliegen, son-
dern er vielmehr versucht, die ganze Verantwortung zu negieren (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 6B_521/2019 vom 23. Oktober 2019 E. 1.7 m.H.).
Die übrigen persönlichen Verhältnisse, das Nachtatverhalten und die Straf-
empfindlichkeit des Beschuldigten sind neutral zu berücksichtigen.
Die Täterkomponente ist damit insgesamt leicht straferhöhend zu gewich-
ten, was mit einer Straferhöhung von 30 Tagessätzen auf insgesamt 120
Tagessätze Geldstrafe zuzüglich einer Verbindungsbusse zu berücksichti-
gen wäre.
5.4.
Zusammenfassend erscheint dem Obergericht – unter Berücksichtigung
des Strafrahmens von bis zu 3 Jahren Freiheitsstrafe – eine Strafe von
120 Tagessätzen Geldstrafe als dem gerade noch leichten Verschulden
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des Beschuldigten als angemessen. Aufgrund des Verschlechterungsver-
bots gemäss Art. 391 Abs. 2 Satz 1 StPO hat es indessen bei der vo-
rinstanzlichen ausgesprochenen Strafe von 90 Tagessätzen Geldstrafe
und der Verbindungsbusse von Fr. 3'300.00 (siehe dazu E. 5.6 unten) sein
Bewenden.
5.5.
Keine der Parteien äussert sich zur vorinstanzlich festgelegten Höhe der
Geldstrafe sowie zur Gewährung des bedingten Vollzugs und der ange-
setzten Probezeit, weshalb in den genannten Punkten auf die zutreffenden
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird (E. 5.2 und 5.3 des vorinstanz-
lichen Urteils; Art. 82 Abs. 4 StPO).
5.6.
Eine bedingt ausgesprochene Geldstrafe kann mit einer Busse verbunden
werden (Art. 42 Abs. 4 StGB). Dabei müssen beide Sanktionen in ihrer
Summe schuldangemessen sein. Im Rahmen der Strafkombination von
Art. 42 Abs. 4 StGB darf die Busse nicht zu einer Straferhöhung führen oder
eine zusätzliche Strafe ermöglichen (BGE 134 IV 53 E. 5.2). Das Hauptge-
wicht liegt auf der bedingten Strafe, während der unbedingten Verbin-
dungsbusse nur untergeordnete Bedeutung zukommt (BGE 134 IV 1
E. 4.5.2). Die Obergrenze der Verbindungsbusse liegt nach bundesgericht-
licher Rechtsprechung in der Regel bei einem Fünftel der Gesamtstrafe
(BGE 135 IV 188 E. 3.4.4).
In Beachtung ihres Zwecks, dem Beschuldigten sein Verhalten im Sinne
eines spürbaren Denkzettels vor Augen zu führen sowie in Anbetracht der
gemäss Obergericht auszufällenden Geldstrafe von 120 Tagessätzen à
Fr. 170.00 würde vorliegend eine Verbindungsbusse von Fr. 5'100.00 so-
wie eine Ersatzfreiheitsstrafe von 30 Tagen (Umwandlungssatz von
Fr. 170.00 [Höhe des Tagessatzes]) als zweckmässig und sachgerecht er-
scheinen. Infolge des Verschlechterungsverbots hat es aber auch hier bei
der vorinstanzlich ausgesprochenen Verbindungsbusse von Fr. 3'300.00
sowie der entsprechenden Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen sein Bewen-
den.
6.
Damit erweist sich die Berufung des Beschuldigten als unbegründet und ist
vollumfänglich abzuweisen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die
obergerichtlichen Verfahrenskosten vollumfänglich dem Beschuldigten auf-
zuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO) und es ist ihm für das Berufungsverfahren
keine Entschädigung auszurichten (Art. 436 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 429
Abs. 1 StPO e contrario). Das vorinstanzliche Urteil blieb in Bezug auf die
Höhe der Kosten des ehemaligen amtlichen Verteidigers des Beschuldig-
ten (Fr. 4'555.00, inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) unangefochten. Die
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vorinstanzliche Kostenverlegung erweist sich als zutreffend und bedarf kei-
ner Korrektur (vgl. Art. 426 Abs. 1 StPO).
7.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO). Das ist auch der Fall, wenn eine Berufung vollumfänglich
abgewiesen wird (Urteil des Bundesgerichts 6B_761/2017 vom 17. Januar
2018 E. 4 mit Hinweisen).