Decision ID: e7867618-24bd-582d-a59f-38648e9383f1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer
Ethnie, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge etwa im No-
vember 2020. Mithilfe eines Schleppers gelangte er über den Iran in die
Türkei und von dort mit einem Schiff nach Italien. Am 24. Februar 2021
erreichte er mit dem Zug die Schweiz und stellte gleichentags im Bundes-
asylzentrum B._ ein Asylgesuch. Aufgrund seines Alters wurde am
10. März 2021 eine Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige (UMA)
durchgeführt. Dabei wurde er von seiner Rechtsvertreterin und seiner
Tante mütterlicherseits, welche Schweizer Bürgerin ist, begleitet. Beide wa-
ren auch bei der einlässlichen Anhörung des Beschwerdeführers am
31. März 2021 anwesend.
B.
B.a Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei im Dorf C._ (Dis-
trikt D._, Provinz E._) geboren und aufgewachsen. Er habe
die Schule bis zur 7. Klasse besucht und daneben auf den Ländereien der
Familie arbeiten müssen. Er habe es zu Hause sehr schwer gehabt, da
sein Vater drogenabhängig gewesen sei und ihn geschlagen habe. Seine
Mutter sei infolge eines Hirnschlags halbseitig gelähmt gewesen, weshalb
der Vater erneut geheiratet habe. Die zweite Ehefrau, eine junge
Paschtunin, habe sich ihm, seinen Geschwistern und seiner Mutter gegen-
über sehr schlecht verhalten und sie immer wieder geschlagen. Sein Vater
habe nie etwas dagegen unternommen und nur noch auf seine junge Ehe-
frau gehört. Auf Wunsch seiner Stiefmutter habe er regelmässig in deren
Heimatdorf F._ gehen müssen, um ihrem Vater bei der Bewirtschaf-
tung seiner Ländereien zu helfen. Dieses Dorf sei von den Taliban kontrol-
liert worden. Als er sich einmal allein auf dem Feld befunden habe, seien
zwei Taliban auf ihn zugekommen. Sie hätten unanständige Sachen gesagt
und ihn aufgefordert, zu ihrem Kommandanten mitzukommen. Er habe sich
geweigert, woraufhin sie ihn heftig verprügelt hätten. Erst als ihm der Vater
der Stiefmutter zu Hilfe gekommen sei, hätten sie von ihm abgelassen.
Schliesslich sei es zu Hause zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwi-
schen ihm und seiner Stiefmutter gekommen, weil diese seine kleine
Schwester geschlagen habe. Aufgrund dieses Vorfalls habe sein Vater ihn
mit einem Holzstock so stark ins Gesicht geschlagen, dass seine Verlet-
zungen von einem Arzt hätten genäht werden müssen. Da seine Stiefmut-
ter der Ansicht gewesen sei, dass er auf ihren Ländereien arbeiten solle,
habe ihn sein Vater danach nicht mehr zur Schule gehen lassen. Er habe
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immer nur arbeiten müssen und sei von der Stiefmutter geschlagen und
schikaniert worden. Als der Sohn seines Nachbarn den Plan gefasst habe,
auszureisen, habe er sich ebenfalls Gedanken über eine Ausreise ge-
macht. Er habe mit seiner Mutter darüber gesprochen, welche gesagt
habe, dass er aus seinem Leben dort nichts machen könne und es besser
sei, wenn er woanders hingehe. Sie habe deshalb mit ihrem Bruder – sei-
nem Onkel – geredet, welcher einen Schlepper gefunden und die Ausreise
finanziert habe.
B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Tazkara im Ori-
ginal, die Kopie eines Personalienblattes aus Italien, drei Videos und vier
Fotos von seiner Überfahrt nach Italien, einen afghanischen Impfausweis
sowie ein Video mit einem TV-Bericht betreffend die Festnahme von zwei
Taliban zu den Akten.
C.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 13. April 2021 stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht. Es
lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg, ordnete je-
doch eine vorläufige Aufnahme infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs an.
D.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom
12. Mai 2021 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen
Entscheid. Darin beantragte er, die Ziffern 1-3 der angefochtenen Verfü-
gung seien aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei
Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde lagen – nebst einer
Vollmacht und der angefochtenen Verfügung – zwei Berichte der Schwei-
zerischen Flüchtlingshilfe (SFH) über die Lage in Afghanistan bei.
E.
Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh-
rung mit Zwischenverfügung vom 25. Mai 2021 gut und forderte die Vor-
instanz zur Einreichung einer Vernehmlassung auf.
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F.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 9. Juni 2021 zur Beschwerde vom
12. Mai 2021 vernehmen.
G.
Mit Eingabe vom 1. Juli 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG
i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusam-
menhang mit dem Coronavirus [SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer-
deführer mache geltend, er sei zu Hause geschlagen und schikaniert wor-
den, habe auf den Ländereien der Familie mithelfen müssen und schliess-
lich nicht mehr zur Schule gehen dürfen. Diese Probleme gründeten jedoch
in seinen familiären Verhältnissen und seien den allgemeinen wirtschaftli-
chen und sozialen Lebensbedingungen in Afghanistan geschuldet. Dabei
handle es sich nicht um eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG, weshalb
diese Vorbringen nicht asylrelevant seien. Weiter bringe der Beschwerde-
führer vor, dass er einmal von den Taliban angesprochen und verprügelt
worden sei. Dieser einmalige Vorfall sei aber auf die zurzeit in Afghanistan
herrschende Situation allgemeiner Gewalt zurückzuführen und beruhe
nicht auf einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motive. Die Ausfüh-
rungen des Beschwerdeführers liessen vielmehr darauf schliessen, dass
die Taliban in seinem Dorf nicht präsent gewesen seien, sondern vor allem
die Gegend um F._ kontrolliert hätten. Bei den Taliban handle es
sich um eine nichtstaatliche Organisation, welche an seinem Herkunftsort
nicht als quasistaatliche Machthaber angesehen werden könnten. Zudem
habe eine mögliche Rekrutierung des Beschwerdeführers durch die Tali-
ban nicht unmittelbar bevorgestanden. Das eingereichte Video mit einem
Fernsehbericht über die Verhaftung von zwei Taliban in D._, welche
junge Leute hätten rekrutieren wollen, vermöge zu keiner anderen Ein-
schätzung zu führen. Es gebe keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür,
dass er in absehbarer Zukunft eine Zwangsrekrutierung durch die Taliban
zu befürchten gehabt hätte. Vielmehr habe er sich weiterhin frei bewegen
können und sei nach dem Vorfall noch mehrmals auf den Feldern in
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F._ gewesen, was gegen ein gezieltes Interesse der Taliban an sei-
ner Person spreche. Eine objektiv begründete Furcht vor einer Zwangsrek-
rutierung lasse sich den Akten nicht entnehmen.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde vorgebracht, die Vorinstanz gehe zu
Unrecht davon aus, den vom Beschwerdeführer geschilderten Problemen
mit den Taliban und der befürchteten Zwangsrekrutierung liege kein flücht-
lingsrechtlich relevantes Motiv zugrunde. Diesbezüglich sei auf das neuere
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-5072/2018 vom 17. Dezember
2020 zu verweisen. Darin habe das Gericht festgestellt, eine drohende
Zwangsrekrutierung durch eine private Miliz, welche an bestimmte unver-
änderbare Merkmale der betroffenen Person (Alter, Geschlecht, Herkunft)
anknüpfe, könne als Verfolgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer be-
stimmten sozialen Gruppe gewertet werden. Die Vorinstanz sei der An-
sicht, dass sich diese Rechtsprechung nicht auf den vorliegenden Fall
übertragen lasse, da es sich bei den Taliban nicht um eine quasistaatliche,
sondern um eine nichtstaatliche Organisation handle. Sie habe sich aber
nicht eingehend mit dem Ausmass der aktuellen Herrschaft der Taliban im
Distrikt D._ – insbesondere in den Orten C._ und F._
– auseinandergesetzt und geprüft, wie verbreitet die Zwangsrekrutierung
von Minderjährigen dort sei. Ein Bericht der SFH zeige auf, dass die Taliban
noch immer die grösste und bestorganisierte regierungsfeindliche Gruppie-
rung in Afghanistan seien. Zudem seien sie einem Report des European
Asylum Support Office zufolge in der Provinz E._ die dominierende
Kraft und könnten frei operieren. Abgelegene Distrikte wie D._ ge-
hörten zu den unsichersten Gegenden der Provinz und insbesondere für
Knaben bestehe ein hohes Risiko, von bewaffneten Streitkräften rekrutiert
zu werden. Die Vorinstanz habe es unterlassen abzuklären, wie sich die
tatsächlichen Verhältnisse bezüglich der Herrschaft der Taliban in der Her-
kunftsregion des Beschwerdeführers darstellten. Damit habe sie den ent-
scheidrelevanten Sachverhalt ungenügend erstellt und ihre Untersu-
chungspflicht verletzt. Ungeachtet der Frage, ob es sich bei den Taliban
um eine quasistaatliche oder eine nichtstaatliche Organisation handle,
habe der Beschwerdeführer befürchten müssen, von diesen für illegitime
Kampfhandlungen eingezogen zu werden, woraus sich – gemäss der
neuen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts – ein flüchtlings-
rechtlich relevantes Verfolgungsmotiv ableiten lasse.
Der Beschwerdeführer habe angegeben, dass er regelmässig in
F._ auf den Feldern der Familie der Stiefmutter habe arbeiten müs-
sen. Die Taliban seien dort sehr präsent gewesen und er sei einmal von
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ihnen angesprochen und aufgefordert worden, mitzukommen. Er stamme
aus einer Gegend in Afghanistan, in welcher Zwangsrekrutierungen von
Minderjährigen durchaus üblich seien. Es handle sich bei ihm um einen
jungen, gesunden Mann, weshalb er zu einer bestimmen Gruppe gehöre,
an welcher die Taliban ein Interesse hätten. Entgegen der Auffassung der
Vorinstanz könne aus der Tatsache, dass er nach dem Vorfall mit den Tali-
ban noch einige Male nach F._ gegangen und nicht erneut behelligt
worden sei, nicht ohne Weiteres der Schluss gezogen werden, dass keine
konkrete und unmittelbare Gefahr einer Zwangsrekrutierung bestanden
habe. Vielmehr gebe es verschiedene Hinweise darauf, dass ihm in naher
Zukunft eine Zwangsrekrutierung gedroht hätte. So habe er angegeben,
dass es in letzter Zeit Rekrutierungen durch die Taliban und den Islami-
schen Staat (IS) gegeben habe. Viele junge Männer hätten nichts zu tun
gehabt und es sei versucht worden, diese anzuwerben. Weiter habe er
ausgeführt, wenn er mit den Taliban mitgegangen wäre, hätten sie ihn ent-
weder zum bewaffneten Kampf gegen die Regierung gezwungen oder se-
xuell missbraucht. Die Tatsache, dass seine Mutter und sein Onkel nach
diesem Vorfall unverzüglich die Ausreise organisiert und ihn als Minderjäh-
rigen allein auf die Flucht geschickt hätten, spreche ebenfalls dafür, dass
die Gefahr durch die Taliban sehr konkret gewesen sei. Schliesslich sei die
Vorinstanz ihrer Untersuchungspflicht auch dahingehend nicht nachge-
kommen, dass sie die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem be-
fürchteten sexuellen Missbrauch durch die Taliban nicht ausreichend ge-
würdigt habe.
4.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, den Akten liessen sich
keine Hinweise darauf entnehmen, dass die vom Beschwerdeführer gel-
tend gemachten Probleme aus einem flüchtlingsrechtlich relevanten Motiv
erfolgt seien respektive drohten. Angriffe der Taliban auf die Zivilbevölke-
rung sowie Zwangsrekrutierungen von Jugendlichen könnten nicht als ziel-
gerichtete Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG angesehen werden. Viel-
mehr wäre eine in diesem Zusammenhang drohende Gefahr für Leib und
Leben im Hinblick auf die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs rele-
vant, wobei unter diesem Gesichtspunkt auch zu prüfen wäre, ob der af-
ghanische Staat in der Lage und willens sei, Schutz vor allfälligen Vergel-
tungsmassnahmen der Taliban zu gewähren. Angesichts der vorläufigen
Aufnahme des Beschwerdeführers wegen Unzumutbarkeit erübrige sich
eine solche Prüfung im vorliegenden Fall.
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4.4 In seiner Replik verwies der Beschwerdeführer erneut darauf, dass ver-
schiedene Quellen von einer Gefahr der Zwangsrekrutierung – unter ande-
rem durch die Taliban – von afghanischen Kindern, Jugendlichen und Män-
nern im wehrfähigen Alter berichteten. Der UNHCR bezeichne diese Per-
sonen denn auch als eigene Risikogruppe, welche für die Zuerkennung der
Flüchtlingseigenschaft in Frage komme. Ebenso halte Amnesty Internatio-
nal in einem Bericht fest, dass Minderjährigen in Afghanistan angesichts
des dort herrschenden Konflikts eine Zwangsrekrutierung durch bewaff-
nete Gruppierungen drohe. Dabei liefen sie Gefahr, bestraft oder gar getö-
tet zu werden, wenn sie sich der Rekrutierung widersetzten. Der Beschwer-
deführer habe glaubhaft dargelegt, dass er begründete Furcht vor einer
Zwangsrekrutierung durch die Taliban, einer quasistaatlichen Organisation,
gehabt habe. Er habe deshalb befürchten müssen, aufgrund seiner Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe für illegitime Kampfhand-
lungen rekrutiert zu werden.
5.
5.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft, wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen. Von einer begründeten Furcht vor Verfolgung ist na-
mentlich dann auszugehen, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht,
eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – in
naher Zukunft verwirklicht. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Ver-
folgung genügt dabei nicht; es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche
den Eintritt der erwarteten ernsthaften Nachteile als wahrscheinlich und
dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nachvollziehbar er-
scheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2.5 je m.w.H.).
Des Weiteren bildet die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersu-
chungspflicht einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind. Von einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung
ist auszugehen, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sa-
chumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
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5.2 Der Beschwerdeführer machte geltend, dass er sowohl familiäre
Schwierigkeiten als auch Probleme mit den Taliban gehabt habe. Seine
Ausführungen lassen jedoch darauf schliessen, dass er seine Heimat auf-
grund der Lebensbedingungen in Afghanistan und nicht wegen einer kon-
kret drohenden Zwangsrekrutierung durch die Taliban verlassen hat. So
erklärte er bei der Erstbefragung, sein Hauptproblem sei die Heirat seines
Vaters mit der Stiefmutter gewesen. Er sei in der Folge jeden Tag schika-
niert und geschlagen worden, habe nicht mehr zur Schule gehen dürfen
und nur noch arbeiten müssen (vgl. Akten SEM 1089056-18/18 [nachfol-
gend Akte 18], Ziff. 7.01). Als er bei der Anhörung nach dem Grund für
seine Ausreise gefragt wurde, gab er an, dass die Situation in Afghanistan
sehr prekär gewesen sei. Zudem habe er jeden Tag arbeiten müssen und
nicht zur Schule gehen können (vgl. Akten SEM 1089056-28/16 [nachfol-
gend Akte 28], F7). Auch wenn der Beschwerdeführer durchaus Probleme
mit den Taliban erwähnte, scheint es sich dabei nicht um den eigentlichen
Auslöser für die Ausreise gehandelt zu haben. Vielmehr sah er in der Hei-
mat keine Zukunft für sich, nachdem er nicht einmal mehr die Schule be-
suchen durfte. Er erwähnte denn auch mehrmals, es gebe keine Perspek-
tiven in Afghanistan, weshalb Jugendliche, die keine Arbeit fänden, entwe-
der zu Gruppierungen wie den Taliban gingen oder drogenabhängig wür-
den (vgl. Akte 28, F81 und F84). Aus den Angaben des Beschwerdeführers
geht hervor, dass seine Ausreise nicht direkt mit einer konkret drohenden
Rekrutierung durch die Taliban zusammenhing, sondern mit den allgemei-
nen Lebensbedingungen und seiner familiären Situation. Da ihn sein Vater
– auf Wunsch der Stiefmutter hin – nicht mehr zur Schule gehen liess (vgl.
Akte 18, Ziff. 7.01 S. 13 und Akte 28, F56 f.), sah er sich jeder Möglichkeit
beraubt, etwas aus seinem Leben zu machen.
5.3
5.3.1 Im Rahmen der Befragungen brachte der Beschwerdeführer vor,
dass er im Frühjahr 2020 von zwei Angehörigen der Taliban aufgefordert
worden sei, mit ihnen mitzukommen. Entgegen der auf Beschwerdeebene
vertretenen Auffassung kann daraus nicht geschlossen werden, dass ihm
an seinem Herkunftsort unmittelbar eine Zwangsrekrutierung durch die Ta-
liban gedroht hätte. Es handelte sich um einen einmaligen Vorfall, welcher
sich nicht an seinem Wohnort, sondern in F._ ereignete. Dieser
hatte weder für ihn noch für den Vater seiner Stiefmutter, welcher damals
intervenierte, Konsequenzen (vgl. Akte 28, F77). Sowohl vor diesem Ereig-
nis als auch danach hat der Beschwerdeführer mehrmals auf den Feldern
in F._ gearbeitet, ohne dass er dabei von den Taliban angesprochen
oder behelligt worden wäre. Ebenso traf er auf dem Weg nach F._
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verschiedentlich auf einige Taliban, wobei er manchmal habe angeben
müssen, wer er sei und wohin er gehe (vgl. Akte 28, F62). Andere Probleme
mit den Taliban habe er indessen nicht gehabt (vgl. Akte 28, F66). Diese
Umstände lassen weder auf eine gezielte Verfolgung seiner Person noch
auf konkrete Rekrutierungsbemühungen schliessen. In dieser Hinsicht un-
terscheidet sich der vorliegende Fall denn auch klar von der Konstellation
im Verfahren E-5072/2018. Der Beschwerdeführer in jenem Fall war –
ebenso wie alle anderen kampffähigen jungen Männer des Dorfes – aus-
drücklich aufgefordert worden, sich einer Miliz für den Kampf gegen die
Taliban zur Verfügung zu stellen. Die in diesem Zusammenhang drohende
Zwangsrekrutierung knüpfte an das Alter, das Geschlecht sowie die Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten Dorfbevölkerung an (vgl. a.a.O. E. 5.3).
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer gerade nicht geltend, dass
die Taliban in seiner Herkunftsregion zwangsweise Rekrutierungen vorge-
nommen hätten, von welchen eine bestimmte Personengruppe betroffen
gewesen wäre. Er erwähnte zwar, dass von Seiten der Taliban sowie der
IS-Truppen versucht worden sei, junge Männer zu rekrutieren (vgl. Akte 28,
F67). Persönlich habe er aber niemanden gekannt, der rekrutiert worden
sei. Abgesehen von jenem Vorfall auf dem Feld habe er auch nie einen
solchen Rekrutierungsversuch erlebt oder ein entsprechendes Angebot er-
halten. Weiter führte er aus, dass die Jugendlichen teilweise gar nicht re-
krutiert werden müssten, da sie – weil sie nichts anderes zu tun und keine
Perspektive hätten – freiwillig zum IS oder den Taliban gingen (vgl. Akte
28, F79 ff.).
5.3.2 Aus den Ausführungen des Beschwerdeführers geht hervor, dass kei-
neswegs alle jungen Männer aus seinem Herkunftsgebiet gefährdet waren,
Opfer von Zwangsrekrutierungen zu werden. Die Taliban waren in
C._ nicht präsent (vgl. Akte 18, Ziff. 7.01) und ihm waren auch keine
Personen bekannt, die – zwangsweise oder freiwillig – von diesen rekrutiert
worden waren. Der Beschwerdeführer brachte nicht vor, dass zu irgendei-
nem Zeitpunkt eine gezielte Aufforderung an ihn selbst respektive an sämt-
liche jungen, gesunden Männer des Gebiets ergangen wäre, wonach er
sich den Taliban anschliessen müsse. Es kann daher nicht davon ausge-
gangen werden, dass ihm als Teil einer bestimmten sozialen Gruppe – be-
stehend aus den jungen, gesunden Männern seiner Herkunftsregion – ge-
droht hätte, von den Taliban zwangsrekrutiert zu werden. Angesichts der
konkreten Situation des Beschwerdeführers, welche sich nicht mit jener im
Verfahren E-5072/2018 vergleichen lässt, war die Vorinstanz nicht gehal-
ten, weitergehende Abklärungen über den Machtbereich der Taliban in der
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Provinz E._ zu tätigen. Es ist nicht entscheidend, inwiefern die Ta-
liban die Kontrolle über den Distrikt D._ ausübten und ob sich ihr
Einfluss bis auf das Dorf C._ erstreckte. Massgebend ist vielmehr,
ob am Herkunftsort des Beschwerdeführers die Gefahr bestand, dass er
wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe in ab-
sehbarer Zukunft Opfer einer Zwangsrekrutierung geworden wäre. Auf-
grund der Aussagen des Beschwerdeführers kann davon jedoch nicht aus-
gegangen werden, da nie gezielte Rekrutierungsbemühungen gegen seine
Person respektive gegen eine soziale Gruppe, welcher er angehörte, er-
folgt sind. Es sind auch keine konkreten Anhaltspunkte dafür ersichtlich,
dass der Beschwerdeführer damit hätte rechnen müssen, in diesem Zu-
sammenhang zukünftig ins Visier der Taliban zu geraten.
5.4 Weiter ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer sich erst ei-
nige Monate nach dem Vorfall mit den Taliban entschied, Afghanistan zu
verlassen (vgl. Akte 28, F54). Dies deutet ebenfalls darauf hin, dass er eine
Mitnahme beziehungsweise Rekrutierung durch die Taliban nicht als unmit-
telbare Gefahr wahrgenommen hat. Es trifft im Übrigen auch nicht zu, dass
seine Mutter und sein Onkel – wie auf Beschwerdeebene geltend gemacht
wird – nach dem Ereignis in F._ unverzüglich die Ausreise organi-
siert und ihn als Minderjährigen allein auf die Flucht geschickt hätten. Nicht
nur fiel der Entschluss zur Ausreise erst mehrere Monate später, der Be-
schwerdeführer erwähnte auch, er selbst habe seine Mutter auf eine mög-
liche Ausreise angesprochen, als der Sohn des Nachbarn vorgehabt habe,
auszureisen. Seine Mutter habe daraufhin gemeint, es sei besser, wenn er
das Land verlasse, da er dort nicht zur Schule gehen dürfe und nichts aus
seinem Leben machen könne. Zudem habe sie Angst gehabt, dass er spä-
ter drogenabhängig werden könnte (vgl. Akte 18, Ziff. 7.01). Diesen Aussa-
gen ist klar zu entnehmen, dass die allgemein schlechte Lage und die feh-
lenden Zukunftsperspektiven nach dem erzwungenen Schulabbruch ent-
scheidend waren für den Entschluss zur Ausreise und nicht eine drohende
Rekrutierung durch die Taliban.
5.5 Soweit auf Beschwerdeebene geltend gemacht wird, die Vorinstanz sei
ihrer Untersuchungspflicht nicht nachgekommen, indem sie die Aussagen
des Beschwerdeführers hinsichtlich eines befürchteten sexuellen Miss-
brauchs durch die Taliban nicht ausreichend gewürdigt habe, ist nicht er-
sichtlich, inwiefern sich diesbezüglich weitere Abklärungen aufgedrängt
hätten. Das SEM wies den Beschwerdeführer ausdrücklich darauf hin,
dass er das Recht habe, von einem reinen Männer- oder Frauenteam an-
gehört zu werden, woraufhin er angab, dass es für ihn keinen Unterschied
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mache (vgl. Akte 18, Ziff. 7.01 S. 13). Zwar lässt sich den Ausführungen
des Beschwerdeführers entnehmen, dass die beiden Taliban ihm gegen-
über sexuelle Anspielungen gemacht haben und er bereits davon gehört
hatte, dass Jugendliche vergewaltigt worden seien (vgl. Akte 28, F68, F83
und F86 ff.). Dies ändert aber nichts daran, dass es sich beim betreffenden
Vorfall in F._ um ein einmaliges Ereignis gehandelt hat und der Be-
schwerdeführer nicht gezielt von den Taliban verfolgt worden ist. Es wird
denn auch nicht dargelegt, welche weiteren Untersuchungsmassnahmen
in diesem Zusammenhang erforderlich gewesen sein sollen. Der Sachver-
halt erweist sich vorliegend richtig und vollständig festgestellt und es be-
steht keine Veranlassung, die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
5.6 Zusammenfassend ist in den Vorbringen des Beschwerdeführers keine
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung erkennbar. Das SEM hat somit zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Der Beschwerdeführer
verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch
über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde demnach
ebenfalls zu Recht angeordnet.
7.
Das SEM hat wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vor-
läufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet. Da
die Wegweisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. BVGE
2009/51 E. 5.4), erübrigen sich weitere Ausführungen zur Frage der Durch-
führbarkeit des Vollzugs.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist da-
her abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
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deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch mit Zwi-
schenverfügung vom 25. Mai 2021 das Gesuch um unentgeltliche Prozess-
führung gutgeheissen wurde, ist auf die Auferlegung von Kosten zu ver-
zichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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