Decision ID: 60e257d5-5aed-5b1c-8d4d-14d2d66fa706
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Andreas Fäh, Oberer Graben 26, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 29. April 2005 bei der Invalidenversicherung an und
beantragte namentlich Berufsberatung, Umschulung auf eine neue Tätigkeit und eine
Rente. Sie gab an, in Mazedonien die obligatorische Schule besucht und eine
Ausbildung zur Krankenschwester gemacht zu haben. Im März 1995 sei sie in die
Schweiz gekommen, wo sie sich um die beiden Kinder und den Haushalt gekümmert
und seit Januar 2000 als Reinigungskraft gearbeitet habe. Seit Jahren leide sie an
Rückenschmerzen (Diskushernie), Fibromyalgie und Diabetes mellitus Typ II
(insulinpflichtig, vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
IV 2007/269 vom 22. Oktober 2008 E. A.a; IV-act. 75-1 ff.).
A.b Nach Sichtung der medizinischen Akten empfahl der Regionale Ärztliche Dienst
(RAD) Ostschweiz der IV-Stelle eine polydisziplinäre Begutachtung. Diese wurde am
23. Mai 2006 durch die Ärztliche Begutachtungsinstitut GmbH (ABI) Basel
vorgenommen. Dem Gutachten vom 5. September 2006 (IV-act. 37 ff.) ist zu
entnehmen, dass die Versicherte an einem chronischen lumbovertebralen
Schmerzsyndrom ohne radikuläre Symptomatik (ICD-10: M54.5) bei Diskushernien
L4/5 und L5/S1 (ICD-10: M51.2) leidet. Diese Diagnose hätte Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit. In der angestammten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit wegen der
degenerativen Veränderungen im lumbalen Bereich seit März 2005 50%. Für körperlich
leichte bis mittelschwere Tätigkeiten in wechselnder Position und ohne länger
dauernde Zwangshaltungen der unteren Wirbelsäule sei die Versicherte zu 100%
arbeitsfähig. Aus internistischer Sicht bestünden Einschränkungen wegen des Diabetes
mellitus. Aus psychiatrischer Sicht liessen sich keine Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit erheben. Bei der Hausarbeit seien die gleichen Belastungen zumutbar
wie bei ausserhäuslichen Tätigkeiten, so dass die Einschränkungen 10 % betragen
würden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Gestützt auf dieses Gutachten wies die IV-Stelle mit Verfügungen vom 31. Mai
und 1. Juni 2007 die Ansprüche der Versicherten auf berufliche Massnahmen und eine
Invalidenrente ab (IV-act. 57 und 58).
A.d Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Versicherungsgericht mit
Entscheid IV 2007/269 vom 22. Oktober 2008 teilweise gut. Nur gut drei Monate nach
Erlass der Verfügungen habe sich die Beschwerdeführerin einer
Diskushernienoperation unterzogen. Es erscheine nicht ausgeschlossen, dass eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung in Kenntnis der zwischen der ABI-Begutachtung und der
Operation erfolgten Entwicklung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin zu
einem anderen Ergebnis führen würde. Somit könne vorliegend nicht allein auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung des Gutachtens vom 5. September 2006 abgestellt werden.
Die Beschwerdegegnerin habe ein Ergänzungsgutachten einzuholen, das unter
Berücksichtigung aller medizinischen Berichte seit der Begutachtung durch das ABI am
1. Mai 2006 bis zur Operation am 18. September 2007 eine erneute Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auf den Zeitpunkt der strittigen Verfügungen
am 31. Mai/1. Juni 2007 bzw. für den anspruchsrelevanten gesamten Zeitraum
vornehme (vgl. Entscheid IV 2007/269 vom 22. Oktober 2008 E. 4; IV-act. 75-9). Der
Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
B.a Mit Stellungnahme vom 3. Dezember 2008 kam der RAD zum Schluss, dass vor
Einholung eines Ergänzungsgutachtens weitere medizinische Unterlagen einzuholen
seien (IV-act. 77-2). Nach Sichtung der eingereichten Akten empfahl der RAD am
31. März 2009 eine polydisziplinäre Verlaufsbegutachtung beim ABI (IV-act. 83).
B.b Am 27. April 2009 reichte der Rechtsvertreter der Versicherten ein von ihrer
Krankenversicherung eingeholtes Aktengutachten vom 28. Oktober 2008 ein (IV-act. 89
f.).
B.c Am 20. Oktober 2009 erstattete die ABI GmbH ihr Verlaufsgutachten. Die
Beschwerdeführerin war am 14. September 2009 untersucht und begutachtet worden
(IV-act. 96-1 ff.). Im polydisziplinären Gutachten kamen die Gutachter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zusammenfassend zum Schluss, dass sich gegenüber der letzten Begutachtung im Mai
2006 auf orthopädischer Ebene eine leichte Verschlechterung des Zustandbildes
ergeben habe. Die zumutbare Arbeitsfähigkeit habe sich dadurch leichtgradig
verändert. In der angestammten Tätigkeit bestehe seit September 2007 eine volle
Arbeitsunfähigkeit. Für körperlich leichte, adaptierte Tätigkeiten bestehe seit Juli 2008
eine vollzeitliche Arbeitsfähigkeit mit einer um 20% reduzierten Leistung, entsprechend
einer zumutbaren effektiv verwertbaren Arbeitsleistung von 80%. Im Haushalt sei die
Beschwerdeführerin zu 20% eingeschränkt (IV-act. 96-27).
B.d Mit Vorbescheiden vom 16. November 2009 stellte die IV-Stelle der
Beschwerdeführerin die Ablehnung des Anspruchs sowohl auf berufliche Massnahmen
als auch auf eine Invalidenrente in Aussicht (IV-act. 101 und 104).
B.e Am 17. Dezember liess die Beschwerdeführerin Einwand erheben (IV-act. 105-1).
Mit Verfügung vom 10. Februar 2010 lehnte die Beschwerdegegenerin den
Rentenanspruch wie angekündigt ab (IV-act. 107).
C.
C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic.iur. A. Fäh in
Vertretung der Versicherten eingereichte Beschwerde vom 17. März 2010. Die
Beschwerdeführerin lässt die Aufhebung der Verfügung vom 10. Februar 2010 und
Zusprache einer ganzen Invalidenrente beantragen. Zudem sei ihr die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren. Sodann sei eine Nachfrist zur ergänzenden Begründung
der Beschwerde anzusetzen. Zur Begründung wird ausgeführt, die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin sei, nicht zuletzt wegen der Rückenoperation mit erheblichsten
Komplikationen, nach wie vor massiv eingeschränkt, was von den behandelnden
Ärzten auch bestätigt werde. Völlig unberücksichtigt geblieben sei, dass die
Beschwerdeführerin während Monaten vor und vor allem nach der unsachgemäss
durchgeführten Operation vollständig arbeitsunfähig gewesen sei. Zumindest für diesen
Zeitraum seien die Voraussetzungen für die Ausrichtung einer Rente klar erfüllt. Die
Beschwerdeführerin könne im Übrigen nur noch adaptierte Tätigkeiten ausüben, was
auf dem Arbeitsmarkt zu finanziellen Einbussen führe. Daher könne sie in adaptierter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeit sicher nicht das gleiche Einkommen erzielen wie vor Eintritt ihrer
gesundheitlichen Beschwerden (act. G 1).
C.b In der Folge verzichtete die Beschwerdeführerin sinngemäss sowohl auf eine
Beschwerdeergänzung als auch auf die mit der Beschwerdeerhebung beantragte
unentgeltliche Rechtspflege (act. G 4 und 5).
C.c Mit Beschwerdeantwort vom 21. Juni 2010 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus,
entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin vermöchten die Berichte der
behandelnden Ärzte das gutachterliche Abklärungsergebnis nicht in Zweifel zu ziehen.
Die ABI GmbH sei davon ausgegangen, dass seit dem Wirbelsäuleneingriff im
September 2007 bis Juni 2008 eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden habe; ab Juli
2008 sei aber von der im Gutachten attestierten Arbeitsfähigkeit auszugehen. Daher sei
eine während eines Jahres durchschnittlich bestandene mindestens 40 %ige
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit nicht erstellt, was einen befristeten
Rentenanspruch hinfällig mache.
C.d Die Beschwerdeführerin verzichtet sinngemäss auf die Einreichung einer Replik
(act. G 8).

Erwägungen:
1.
1.1 Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin zu Recht verneint hat.
1.2 Am 1. Januar 2012 sind die im Zug des ersten Teils der 6. Revision revidierten
Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20),
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) in Kraft getreten. Der zu beurteilende Sachverhalt beschlägt (teilweise) den
Zeitraum vor Inkrafttreten des ersten Teils der 6. IV-Revision und der 5. IV-Revision. Da
sich die Definition der Invalidität und die damit zusammenhängenden Begriffe mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diesen Revisionen nicht geändert haben, werden nachfolgend die seit dem 1. Januar
2012 gültigen Bestimmungen wiedergegeben. Bezüglich des allfälligen Rentenbeginns
rechtfertigt es sich vorliegend, angesichts der Anmeldung zum Leistungsbezug im April
2005 die bis zum 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Bestimmungen der 5. IV-
Revision anzuwenden.
1.3 Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 ATSG die ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit, es sei denn eine versicherte Person sei vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht erwerbstätig gewesen, und es habe ihr auch nicht
zugemutet werden können, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In diesem Fall gilt
gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG die Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
als Invalidität. Die Invalidität gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG wird durch einen
Einkommensvergleich ermittelt (Art. 16 ATSG). Die Methode zur Bemessung der
konkreten Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wird vom ATSG nicht
geregelt. Diese Lücke füllt Art. 28a IVG: Es ist darauf abzustellen, in welchem Mass die
betreffende Person behindert ist, sich im Aufgabenbereich zu betätigen. Art. 28a Abs. 3
IVG regelt die sogenannte gemischte Methode der Invaliditätsbemessung bei
Personen, die zum Teil erwerbstätig und zum Teil im Aufgabenbereich tätig sind. In
einem solchen "gemischten" Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der
Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad ist entsprechend der
Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen. Ist bei einer Person, die nur zum Teil
erwerbstätig ist, anzunehmen, dass sie im Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs
ohne den Gesundheitsschaden vollzeitlich erwerbstätig wäre, so ist die
Invaliditätsbemessung ausschliesslich nach den Grundsätzen für Erwerbstätige zu
bemessen (Art. 27 IVV).
1.4 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben Versicherte Anspruch auf eine Rente, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a); während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40% arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind (lit. b); und nach Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40% invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. c).
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.5 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrund von mindestens 50% vor,
so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% auf eine Viertelsrente. Die Höhe der zu gewährenden Rente (ganze,
Dreiviertels-, halbe oder Viertelsrente) wird nach dem Ausmass der während der
Wartezeit bestehenden Arbeitsunfähigkeit und nach Massgabe der nach
zurückgelegter Wartezeit verbleibenden Erwerbsunfähigkeit bestimmt. Nach
höchstrichterlicher Rechtsprechung muss zusätzlich zum für die jeweilige Rentenstufe
erforderlichen Invaliditätsgrad während des Wartejahrs eine durchschnittliche
Arbeitsunfähigkeit in gleicher Höhe bestehen (AHI-Praxis 1996, S. 177, E. 6.b.cc; ZAK
1980, S. 282 ff.; Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit in der
Invalidenversicherung [KSIH], 1. Januar 2008, Rz 4001 f.).
1.6 Das Versicherungsgericht hat die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das
Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass es alle Beweismittel, unabhängig davon, von
wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen
Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen
und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere
medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis
der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
1.7 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach haben die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinn der Beweisführungslast
begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess tragen die Parteien die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweislast nur insofern, als im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten
jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten
wollte. Selbstverständlich kommt die obgenannte Beweisregel erst dann zur
Anwendung, wenn die Verwaltung und - im Beschwerdefall - das Gericht dem
Untersuchungsgrundsatz rechtsgenüglich nachgekommen sind bzw. es sich als
unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer
Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit
für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 121 V 204 E. 6b S. 208; BGE 117 V
261 E. 3b S. 264 mit Hinweisen; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b).
2.
2.1 Es stellt sich zunächst die Frage, ob die medizinische Aktenlage eine
rechtsgenügliche Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin und der
verbliebenen Leistungsfähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, erlaubt.
2.2 Dem ABI-Gutachten vom 5. September 2006 (IV-act. 37-2 ff.) ist zu entnehmen,
dass die Beschwerdeführerin an einem chronischen lumbovertebralen
Schmerzsyndrom ohne radikuläre Symptomatik (ICD-10: M54.5) bei Diskushernien
L4/5 und L5/S1 (ICD-10: M51.2) leidet. Diese Diagnose habe Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien ein metabolisches
Syndrom (ICD-10: E88.9) bei Adipositas mit Body Mass Index 31.5 kg/m2 bei schlecht
eingestelltem Diabetes mellitus (ICD-10: E11.9) und Dyslipidämie (ICD-10: E78.2) sowie
ein beginnendes multilokuläres Schmerzsyndrom, weitgehend ohne klinisches Korrelat
(ICD-10: R52.1) bei/mit somatoformer Schmerzüberlagerung (ICD-10: F45.4). In der
angestammten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit wegen der degenerativen
Veränderungen im lumbalen Bereich seit März 2005 50 %, da Reinigungsarbeiten
wiederholte Zwangshaltungen der Wirbelsäule beinhalteten und diese Körperhaltungen
zu einer nicht zumutbaren Schmerzprovokation führen könnten. Für körperlich leichte
bis mittelschwere Tätigkeiten in wechselnder Position und ohne länger dauernde
Zwangshaltungen der unteren Wirbelsäule sei die Beschwerdeführerin zu 100 %
arbeitsfähig. Aus internistischer Sicht bestünden Einschränkungen wegen des Diabetes
mellitus. So seien Arbeiten ausgeschlossen, von denen eine potenzielle Eigen- oder
Fremdgefährdung bei unsachgemässer Ausführung befürchtet werden müsse, wie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beispielsweise Tätigkeiten im Strassenverkehr, auf Gerüsten oder Leitern sowie an
gefährlichen Maschinen. Zudem müsse die Möglichkeit bestehen, dass sich die
Beschwerdeführerin auch während der Arbeitszeit regelmässig Insulin applizieren
könne. Aus psychiatrischer Sicht liessen sich keine Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit erheben. Bei der Hausarbeit seien die gleichen Belastungen zumutbar
wie bei ausserhäuslichen Tätigkeiten, so dass die Einschränkungen 10 % betragen
würden. An medizinischen Massnahmen stünde eine Gewichtsreduktion im
Vordergrund, wodurch sich eine Verbesserung der internistischen Situation ergeben
sollte und ein günstiger Einfluss auf die Beschwerden im Bereich der unteren Wirbel
säule und der unteren Extremitäten zu erwarten wäre. Berufliche Massnahmen könnten
nicht empfohlen werden, da sich die Beschwerdeführerin nicht mehr in der Lage sehe,
irgendeiner Arbeitstätigkeit nachzugehen.
2.3 Gründe, die gegen den Beweiswert dieses ABI-Gutachtens sprechen würden,
sind keine ersichtlich. Die Beschwerdeführerin macht denn auch nicht (mehr) geltend,
dass an der Schlüssigkeit dieses Gutachtens zu zweifeln wäre. Sie wendet sich
vielmehr gegen die Aussagekraft des Verlaufsgutachtens.
2.4 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass gestützt auf das ABI-Gutachten seit März
2005 von einer 50 %igen Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit und von einer
100 %igen Arbeitsfähigkeit für körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten in
wechselnder Position und ohne länger dauernde Zwangshaltungen der unteren
Wirbelsäule bzw. einer Einschränkung im Haushalt von 10 % auszugehen ist (IV-act.
37-20 f.).
3.
3.1 Weiter ist zu prüfen, ob sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit
der Untersuchung in der ABI GmbH am 23. Mai 2006 bis zur Diskushernienoperation
vom 18. September 2007 massgeblich verschlechtert hat.
3.2 Dr. med. B._, Facharzt für Neurochirurgie FMH, hielt im Bericht vom
28. Oktober 2008 fest, es fehle in den Krankenunterlagen eine neurologisch orientierte
Untersuchung. Ein Eintrittsstatus sei präoperativ nicht erstellt worden (IV-act. 90-3). Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinischen Sachverständigen hielten im ABI-Verlaufsgutachten vom 20. Oktober
2009 fest, aus den ihnen zur Verfügung stehenden Unterlagen sei nicht erkennbar,
dass sich der objektivierbare Befund zwischen der ABI-Begutachtung im Mai 2006 und
der Operation im September 2007 wesentlich geändert habe. Die diesbezügliche
medizinische Aktenlage sei äusserst dürftig. So habe Prof. Dr. med. C._, Facharzt
FMH für Neurochirurgie, in seinem Bericht vom 4. Juli 2007 lediglich festgehalten, dass
die operative Behandlung "in Anbetracht der radiologischen Befunde" als bester Weg
zu empfehlen sei. Im Bericht von Prof. C._ seien irgendwelche Hinweise auf neue
durchgeführte bildgebende Abklärungen oder ein detaillierter klinischer Status nicht zu
finden gewesen. Entsprechend sei davon auszugehen, dass sich Prof. C._ bei seiner
Beurteilung auf die Befunde seiner Untersuchungen vom Februar/März 2005
abgestützt habe. Diese Befunde hätten die medizinischen Sachverständigen des ABI
anlässlich ihrer ersten Begutachtung jedoch bereits kommentiert (IV-act. 96-25). Vor
diesem Hintergrund und mit Blick auf die Beweislastregel (vgl. E. 1.7) ist eine
massgebliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes zwischen dem 23. Mai
2006 und 18. September 2007 nicht ausgewiesen.
4.
4.1 Schliesslich ist zu prüfen, ob sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin seit der Diskushernienoperation vom September 2007
massgeblich verschlechtert hat.
4.2 Gemäss Bericht der Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vom
12. November 2007 war am 24. September 2007 eine Hemilaminektomie L5 links bei
linksbetonten Lumboischialgien extern durch Prof. Dr. med. C._ erfolgt. Im Bericht
wird ausgeführt, dass die Beschwerden zunächst besser gewesen seien. Vier Tage
postoperativ habe die Patientin über zunehmende Rückenschmerzen und schliesslich
über eine erneute Schmerzausstrahlung in beide dorsale Ober- und Unterschenkel
linksbetont geklagt. Seit ungefähr der zweiten Oktoberwoche habe die Patientin vor
Schmerzen kaum noch laufen können. Wegen der Beschwerden sei die Patientin seit
dem 8. Oktober 2007 im Spital Wil und vom 12. bis 24. Oktober 2007 im KSSG
hospitalisiert gewesen. Dem Bericht des KSSG ist weiter zu entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin am 12. Oktober 2007 notfallmässig nochmals operiert wurde: Es
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erfolgte eine Dekompression LWK3 bis SWK1 beidseitig mittels Laminektomie LWK4
und LWK5 beidseits, Neurolyse L3 bis S1 links, Abszessentfernung epidural auf Höhe
LWK3/4 sowie lumbale Punktion auf Höhe LWK4 und Duranaht der Punktionsstelle am
12. Oktober 2007 (IV-act. 96-46 f.). Aus dem Bericht des Spitals Wil vom 3. November
2007 geht hervor, dass die Beschwerdeführerin vom 24. Oktober bis 2. November
2007 wieder dort stationär untergebracht war. Am 2. November 2007 habe die
Beschwerdeführerin zur Rehabilitation übertreten können (IV-act. 96-49 ff.).
4.3 Im ABI-Verlaufsgutachten vom 20. Oktober 2009 wurde aus psychiatrischer Sicht
keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt (IV-act. 96-17). Aus
somatischer Sicht wurde folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
gestellt: Chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne radikuläre Symptomatik
(ICD-10 M54.5). Im Verlaufsgutachten wird ausgeführt, dass ab September 2007 eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit im Zusammenhang mit den Operationen an der
lumbalen Wirbelsäule eingetreten sei. Spätestens acht Monate nach dem letzten
Wirbelsäuleneingriff vom Oktober 2007, somit ab Juli 2008 habe wieder eine
Arbeitsfähigkeit wie folgt vorgelegen: Für körperlich leichte, adaptierte Tätigkeiten
bestehe eine vollzeitliche Arbeitsfähigkeit mit einer um 20 % reduzierten Leistung,
entsprechend einer zumutbaren effektiv verwertbaren Arbeitsleistung von 80 %. Aus
orthopädischer Sicht habe eine adaptierte Tätigkeit wie folgt zu sein: Körperlich leicht,
in wechselnder Position und ohne länger dauernde Zwangshaltungen der unteren
Wirbelsäule. Im Haushalt würden die Einschränkungen 20 % betragen. Medizinische
Massnahmen seien vor allem auf internistischer Ebene dringend vorzuschlagen,
berufliche Massnahmen seien nicht vorzuschlagen. Die Prognose bezüglich einer
Rückkehr in den Arbeitsprozess sei aufgrund der subjektiven Einschätzung der
Beschwerdeführerin, nicht mehr arbeiten zu können, als sehr ungünstig zu betrachten,
doch sei dies im Wesentlichen durch krankheitsfremde Faktoren bestimmt, bei
gleichzeitig medizinisch eingeschränktem Zumutbarkeitsprofil. Gegenüber der letzten
Begutachtung im Mai 2006 habe sich seit September 2007 auf orthopädischer Ebene
eine leichte Verschlechterung des Zustandbildes ergeben bei ansonsten weitgehend
identischen Verhältnissen. Die zumutbare Arbeitsfähigkeit habe sich dadurch
leichtgradig verändert (IV-act. 96-27).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4 Soweit in der Beschwerde sinngemäss geltend gemacht wird, die von den
Sachverständigen im ABI-Verlaufsgutachten vom 20. Oktober 2009 bescheinigte
Arbeitsunfähigkeit von bloss 20 % in einer adaptierten Tätigkeit lasse sich nicht halten,
kann dem nicht beigepflichtet werden, bescheinigen doch auch die Ärzte der
Neurochirurgie des KSSG im Bericht vom 29. Januar 2009 (IV-act. 79-2 ff.), dass sich
die eingeschränkte Arbeitsfähigkeit bei ergonomischer Gestaltung des Arbeitsplatzes,
insbesondere bei Wechsel zwischen den Positionen und Verhinderung von
Extrempositionen der Wirbelsäule, vermindern lasse und "dass solche Massnahmen"
eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit bewirkten (IV-act. 79-4). Obwohl im Bericht des
KSSG keine prozentuale Arbeitsfähigkeitsschätzung vorgenommen wurde, lassen
dessen Ausführungen eine adaptierte Tätigkeit, wie im Verlaufsgutachten umschrieben
wurde, durchaus plausibel und möglich erscheinen. Dies zumal im Verlaufsgutachten
explizit darauf hingewiesen wird, dass die Ärzte des KSSG betreffend Arbeitsfähigkeit
die gleichen qualitativen Einschränkungen gesehen hätten, wie sie anlässlich der ABI-
Begutachtung vom 14. September 2009 festgehalten worden seien; diese qualitativen
Einschränkungen haben die Gutachter aber zusätzlich noch quantifiziert (IV-act. 96-23).
4.5 Es ist somit zusammenfassend davon auszugehen, dass eine 20 %ige
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausgewiesen ist. Auch die Frage nach den
zumutbaren Tätigkeiten wurde im ABI-Verlaufsgutachten vom 20. Oktober 2009
hinreichend beantwortet. Es ist auch in qualitativer Hinsicht eine Verschlechterung
ausgewiesen, indem nur noch leichte Tätigkeiten für zumutbar erachtet werden,
während im Gutachten vom 5. September 2006 noch leichte bis mittelschwere
Tätigkeiten als möglich angesehen wurden. Auszugehen ist somit insgesamt ab Juli
2008 von einer Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin von 80 % in einer adaptierten
körperlich leichten Tätigkeit und von einer 20 %igen Einschränkung im Haushalt (IV-
act. 96-26).
5.
5.1 Ausgehend von einer generellen Leistungsminderung in einer adaptierten
Tätigkeit von 20 % gilt es die erwerblichen Auswirkungen dieser Beeinträchtigung zu
prüfen. Diesbezüglich ist zu bemerken, dass für die Bestimmung des Invaliditätsgrades
nach Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person durch eine ihr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Erwerbseinkommen, das sie
erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
5.2 Mit Blick auf die von der Beschwerdeführerin vor dem Eintritt des
Gesundheitsschadens ausgeübten Hilfstätigkeit und des dabei erzielten Verdienstes
(vgl. IV-act. 7-2 ff.) hat die Beschwerdegegnerin bei der Ermittlung des Invaliditätsgrads
zu Recht das Validen- und Invalideneinkommen auf der gleichen Grundlage bestimmt,
weshalb ein Prozentvergleich vorgenommen werden kann. Diesfalls entspricht der
Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung des Abzugs
vom Tabellenlohn (Urteil des Bundesgerichts vom 9. März 2007, I 697/05, E. 5.4 mit
Hinweis). Nach der Rechtsprechung können die statistischen Löhne um bis zu 25%
gekürzt werden, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass versicherte Personen mit
einer gesundheitlichen Beeinträchtigung in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau
nicht erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412 E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit
auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg
zu verwerten in der Lage sind. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen
behinderungsbedingten Abzug (BGE 126 V 78 E. 5a/bb). Nach der Rechtsprechung
hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von
sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen - auch von invaliditätsfremden
Faktoren - des konkreten Einzelfalles ab (namentlich leidensbedingte Einschränkung,
Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach
pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen sind. Eine schematische
Vornahme des Leidensabzuges ist unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt in AHI
2002 S. 62 und BGE 129 V 481 E. 4.2.3 mit Hinweisen). Alter, Migrationshintergrund
und Ausbildungsstand bieten keinen Grund für einen Abzug, weil sie sich auf das
Validen- wie auf das Invalideneinkommen gleichermassen auswirken. Es ist aber damit
zu rechnen, dass die Beschwerdeführerin, die als Hilfsarbeiterin nur noch körperlich
leichte Tätigkeiten mit zusätzlichen Einschränkungen (wechselnde Position, keine
länger dauernde Zwangshaltung der unteren Wirbelsäule) verrichten kann, im Vergleich
zu gesunden Mitbewerbern um eine entsprechende Stelle auf dem Arbeitsmarkt ein
geringeres Einkommen erzielen wird. Tabellenlöhne werden bei gesunden
Arbeitnehmern erhoben. Insgesamt erscheint ein Tabellenlohnabzug von maximal 15 %
angemessen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3 Die Durchführung des Prozentvergleichs im Erwerbsbereich ergibt einen
Invaliditätsgrad von 32 % ([1 – 0.8 x 0.85] x 100 %). Zusammen mit der Teilinvalidität
im Bereich Haushalt von 4 % (20 % x 0.20) ergibt sich ein Invaliditätsgrad von
insgesamt 36 %. Damit ist kein Rentenanspruch gegeben. Zu prüfen bleibt, ob
aufgrund der länger dauernden vollen Arbeitsunfähigkeit nach der Operation im
September 2007 ein vorübergehender Rentenanspruch entstanden ist.
6.
6.1 Ist eine versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
zu durchschnittlich 40 % arbeitsunfähig gewesen, so entsteht ein Rentenanspruch (Art.
29 Abs. 1 lit. b IVG, in der vorliegend massgebenden, bis Ende 2007 gültig gewesenen
Fassung). Diese Bestimmung verweist auf Art. 6 ATSG. Demgemäss ist
Arbeitsunfähigkeit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf
oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die
zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art.
6 Satz 2 ATSG). Für die Festlegung des Rentenbeginns (und Erfüllung des Wartejahrs)
ist gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung jedoch die Arbeitsunfähigkeit im
bisherigen Beruf oder die Einschränkung im Aufgabenbereich relevant (BGE 130 V 99
E. 3.2). Dies gilt auch für Hilfsarbeiten, wenn nur noch eine leichtere Arbeit als die
bisher ausgeübte Tätigkeit weiterhin zumutbar wäre (vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 23. Oktober 2003 i/S. S. [I 392/02] E. 4; vgl. auch die Entscheide des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 16. April 2010 [IV 2009/134] E. 4
und vom 16. August 2010 [IV 2008/482] E. 3.4). Die einjährige Wartezeit gilt als eröffnet,
sobald in der bisherigen Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20 % vorliegt
(AHI 1998 S. 124 E. 3c). Für die Erfüllung des Wartejahrs genügt eine durchschnittlich
40 %ige Arbeitsunfähigkeit bzw. Einschränkung im bisherigen Aufgabenbereich.
Gemäss Einschätzung der begutachtenden Ärzte ist der Beschwerdeführerin die
angestammte Tätigkeit im Reinigungsdienst seit März 2005 zu 50 % nicht mehr
zumutbar; im Haushalt bestand eine Einschränkung von 10%. Jedoch war ihr damals
nach Ablauf des Wartejahrs der Wechsel in eine körperlich leichte bis mittelschwere
adaptierte Tätigkeit vollumfänglich zumutbar (IV-act. 37-20, 37-22), weshalb damals
nach Ablauf des Wartejahrs kein Rentenanspruch entstehen konnte. Bei der nun
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
spätestens seit September 2007 ausgewiesenen rentenrelevanten Verschlechterung
des Gesundheitszustandes (vgl. E. 4.3-4.5) war das Wartejahr nicht erneut zu
bestehen, wie offenbar die Beschwerdegegnerin annimmt. Es ist nach der
Rechtsprechung hinreichend, dass die versicherte Person im Zeitpunkt der
rechtsgenüglich erwiesenen Verschlechterung des Gesundheitszustandes bzw. des
festzusetzenden Rentenbeginns das Wartejahr bestanden hat (Entscheid des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S S. vom 20. Juni 2003, I 285/02; vgl. auch
9C_684/07). Aufgrund der Einstufung der Beschwerdeführerin als im Gesundheitsfall zu
80 %-Erwerbstätige und zu 20 % im Haushalt Tätige (Einschränkung von 10 %, IV-act.
37-21) ergibt sich folgende Berechnung der durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit:
([50 % Arbeitsunfähigkeit x 0.8 % Erwerbstätigkeit] + [10 % Einschränkung x 0.2 %
Haushaltstätigkeit]). Daraus resultiert eine durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit von
42 % bis September 2007 bzw. bis Eintritt der Verschlechterung. Damit besteht ab 1.
September 2007 für drei Monate (bis 30. November 2007) Anspruch auf eine
Viertelsrente der Invalidenversicherung (vgl. IV 2008/174 E. 2.1, KSIH Rz 4001 f.). Ab
1. Dezember 2007 hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine ganze Rente der
Invalidenversicherung. Laut ABI-Verlaufsgutachten endete die Arbeitsunfähigkeit für
jegliche Tätigkeit ca. Ende Juni 2008 (IV-act. 96-25); die Beschwerdeführerin hätte ab
diesem Zeitpunkt eine rentenausschliessende leidensadaptierte Arbeitstätigkeit
aufnehmen können (IV-act. 96-25). Gemäss aArt. 88a Abs. 1 IVV ist daher spätestens
ab 1. Oktober 2008 von der verbesserten Erwerbsfähigkeit auszugehen; die
Beschwerdeführerin hat für die Zeit vom 1. Dezember 2007 bis 30. September 2008
Anspruch auf eine ganze IV-Rente.
7.
7.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde teilweise
gutzuheissen und die angefochtene Verfügung vom 10. Februar 2010 aufzuheben. Die
Sache ist zur Festsetzung und Ausrichtung einer befristeten Viertelsrente für die Zeit
von 1. September 2007 bis 30. November 2007 sowie einer befristeten ganzen
Invalidenrente für die Zeit von 1. Dezember 2007 bis 30. September 2008 an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Da die Beschwerdegegnerin teilweise unterliegt, hat sie die
Gerichtsgebühr im Umfang von Fr. 300.-- zu bezahlen. Der ebenfalls teilweise
unterliegenden Beschwerdeführerin sind die Gerichtskosten im Restbetrag von
Fr. 300.-- aufzuerlegen. Damit ist ihr der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- im
Umfang von Fr. 300.-- zurückzuerstatten.
7.3 Da die Beschwerdeführerin teilweise obsiegt, hat sie einen reduzierten Anspruch
auf eine Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen,
wobei insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu
tragen ist. Bei vollständigem Obsiegen wäre eine Parteientschädigung von pauschal
Fr. 3'500.-angemessen. Entsprechend dem Ausmass des Obsiegens und unter
Berücksichtigung des unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwands (Verzicht auf
Beschwerdeergänzung bei zweiseitiger Beschwerdeschrift sowie Verzicht auf Replik)
erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 750.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) als gerechtfertigt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht