Decision ID: 02225925-7fc4-4168-a2f1-4e1fcdb13520
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1979 geborene
X._
war seit
1.
Mai 2013 bei der
Y._
AG als Geschäftsführer angestellt und über den Kollektiv-Kranken
versicherungsvertrag mit der Police Nr.
«...»
bei der Allianz Suisse
Ver
sicherungs
-Gesellschaft AG (nachfolgend: Allianz)
für ein Taggeld von 80
%
des Lohnes versichert. Die maximale Leistungsdauer betrug 730 Tage bei einer Wartefrist von 30 Tagen
(
Urk.
2/3).
Am 2
5.
Oktober 2016 meldete
die Arbeit
geberin von
X._
eine Arbeit
sunfähigkeit von 70
%
ab dem 5.
September 2016 (
Urk.
9/2
), woraufhin die A
llianz Taggeldleistungen ab dem 5.
Oktober
bis zum 3
1.
Dezember
2016
von insgesamt
Fr.
12'693.--
erbrachte (
Urk.
2/6).
Am
1
9.
Januar 2017
zeigte die Allianz der
V
ersicherungsnehmer
in
an, infolge Verletzung der Anzeigepflicht
durch die versicherte Person
gestützt auf
Art.
6 VVG den Vertrag zu kündigen und
X._
per Zugang des Kündigungs
schreibens von der Kollektiv-Krankenversicherung auszuschliessen
(
Urk.
9/25)
. Darüber wurde
der Versicherte
am 2
3.
Januar 2017
in Kenntnis gesetzt (
Urk.
2/7)
.
Mit Schreiben vom
9.
Februar 2017 forderte
die Allianz
die bereits entrichteten Krankentaggeldleistungen
in Höhe von
Fr.
12'693.-- (Urk.
9/29) von
X._
zurück (
Urk.
9/28
). An der Leistungsablehnung sowie der Rückforderung hielt sie auch
nach weiteren Abklärungen fest (Schreiben vom 1
7.
Mai 2019,
Urk.
9/71).
2.
Mit
Eingabe
vom
2
1.
Dezember 2020
erhob
X._
Klage gegen die Allianz und beantragte
, die Beklagte sei zu verpflichten, ihm
Krankentaggelder im Betrag von insgesamt
Fr.
108'183.-- zuzüglich Zins zu 5
%
seit wann rechtens zu leisten (
Urk.
1). Mit Klageantwort vom
2
2.
April 2021
beantragte die Beklagte die Ab
weisung der Klage (
Urk.
8). Mit Verfügung vom
3.
Mai 2021 (
Urk.
10) dazu auf
gefordert, zeigte der Kläger dem Gericht an
, k
eine mündliche Hauptverhandlung
zu wünschen und
mit einem
zweiten Schriftenwechsel einverstanden zu sein
(Ein
gabe vom 1
7.
Mai 2021, Urk. 13)
. Im Rahmen des nachfolgenden Schriften
wechsels hielten die Parteien an ihren Anträgen fest (Replik vom
2.
September 2021,
Urk.
17; Dupl
ik vom 2
7.
September 2021, Urk.
21)
. Mit Verfügung vom 2
8.
September 2021 (
Urk.
23) wurde der Kläger von der Duplik in Kenntnis ge
setzt, wozu er sich mit Eingabe vom 2
6.
November 2021 vernehmen liess (
Urk.
24).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am
1.
Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes
über den Versicherungsvertrag (VVG)
in Kraft getreten. Für Verträge, die vor dem Inkrafttreten der Änderung vom 1
9.
Juni 2020 abgeschlossen worden sind, gelten die Bestimmungen des
neuen
Rechts über die Formvorschriften (
lit
. a der Über
gangsbestimmung) sowie das Kündigungsrecht nach den Artikeln 35a und 35b (
lit
. b der Übergangsbestimmung). Im Übrigen bleibt es bei den Bestimmungen, die bei
der
Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes in Geltung gestanden haben
.
1.2
Streitigkeiten aus einer Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicherung unterstehen
gemäss
Art. 2 Abs. 2 Satz 2 des Bundesgesetzes vom 26. September 2014 betreffend die Aufsicht über die soziale Krankenversicherung (Krankenver
sicherungsaufsichtsgesetz, KVAG) dem Bundesgesetz über den Versicherungsver
trag (VVG). Sie sind privatrechtlicher Natur (BGE 138 III 2 E. 1.1). Kollektive Krankentaggeldversicherungen werden vom Bundesgericht wie alle weiteren Tag
geldversicherungen in ständiger Praxis unter den Begriff der Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicherung subsumiert (BGE 142 V 448 E. 4.1).
1.3
Das Sozialversicherungsgericht ist als einzige kantonale Gerichtsinstanz für Kla
gen über Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversiche
rung nach dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) zuständig (Art. 7 der Schweizerischen Zivilprozessordnung, ZPO, in Verbindung mit § 2 Abs. 2
lit
. b des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht;
GSVGer
; BGE 138 III 2 E. 1.2.2), ohne dass vorgängig ein Schlichtungsverfahren durchzuführen ist (BGE 138 III 558 E. 4).
1.4
Gemäss
Art. 243 Abs. 2
lit
. f ZPO werden Ansprüche aus einer Zusatzversiche
rung zur sozialen Krankenversicherung ohne Rücksicht auf den Streitwert im ver
einfachten Verfahren nach Art. 243 ff. ZPO beurteilt.
Gemäss
Art. 247 Abs. 2
lit
.
a in Verbindung mit Art. 243 Abs. 2
lit
. f ZPO stellt das Gericht im Verfahren betreffend Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Kranken
versicherung den Sachverhalt von Amtes wegen fest.
Der Untersuchungsgrundsatz befreit die Parteien indessen nicht davon, bei der Feststellung des
entscheidwesentlichen
Sachverhalts aktiv mitzuwirken. Das Ge
richt ist im Rahmen der sozialen Untersuchungsmaxime
gemäss
Art. 247 Abs. 2
lit
. a ZPO lediglich einer erhöhten Fragepflicht unterworfen. Wie unter der Ver
handlungsmaxime müssen die Parteien selbst den Stoff beschaffen. Das Gericht kommt ihnen nur mit spezifischen Fragen zur Hilfe, damit die erforderlichen Be
hauptungen und die entsprechenden Beweismittel genau aufgezählt werden. Es ermittelt aber nicht aus eigenem Antrieb. Ist eine Partei durch einen Anwalt ver
treten, kann und muss sich das Gericht ihr gegenüber wie bei Geltung der Ver
handlungsmaxime zurückhalten (BGE 141 III 569 E. 2.3; Urteil des Bundesge
richts 4A_702/2016 vom 23. März 2017 E. 3.1).
1.5
Nach Art. 87 VVG
(bis 31.12.2021 in Kraft gestanden
;
ab 1.1.2022 in
Art.
95a VVG festgesetzt
)
steht demjenigen, zu dessen Gunsten eine kollektive Unfall- oder Krankenversicherung abgeschlossen worden ist, mit dem Eintritt des Unfalls oder der Krankheit ein selbständiges Forderungsrecht gegen den Versicherer zu (Urteil des Bundesgerichts 4A_10/2016 vom 8. September 2016 - in BGE 142 III 671 nicht publizierte - E. 4.1).
2.
2.1
Die Beklagte begründete die Kündigung des K
ollektivk
rankenversicherungs
vertrags damit, dass der Kläger seiner
Anzeige
pflicht nicht nachgekommen sei. So habe er weder den
Anabolikaabusus
, noch die
Einnahme von Aspirin an
gegeben
noch festgehalten, dass er - was er denn auch nicht bestreite - seit 2005 an einer essentiellen
Thrombozythämie
leide. Als Krankheit, Störung oder Beschwerden der Blutgefässe hätte der Kläger die ihm seit 2005 bekannte Diagnose unter der Frage 8 angeben müssen. Bei der essentiellen
Thrombo
zythämie
sei eine starke Vermehrung der Thrombozyten im Blut charakteristisch, weshalb betroffene Patienten ein erhöhtes Risiko für Thrombosen und Lungen
embolie
n
hätten. Der den Kläger behandelnde Arzt Dr.
Z._
habe denn auch mit Bericht vom
3.
Dezember 2017 erklärt,
um Komplikationen zu vermeiden
sei dem Kläger Aspirin verschrieben worden. Mit Komplikationen seien damit unbe
strittenermassen Thrombosen und Lungenembolien gemeint. Trotz der Einnahme von Aspirin habe sich beim Kläger diese vorhersehbare Komplikation verwirklicht (
Urk.
8, 21).
2.2
Der Kläger stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt, es liege keine Anzeigepflichtverletzung vor; namentlich sei er weder wegen
Anabolikaabusus
behandelt worden, noch habe die Beklagte den Nachweis eines regelmässigen oder länger als vier Wochen dauernden Anabolikakonsums erbringen können, weshalb sie denn auch nicht behaupte, ein Anabolikakonsum sei zumindest als Mitursache für die am
5.
September 2016 eingetretene Schädigung zu betrachten. Sodann habe er auch die Frage 8 mit «Nein» beantworten dürfen, habe er die bei ihm diagnostizierte
Thrombozythämie
doch nicht als Krankheit betrachtet und weder an diesbezüglichen Beschwerden gelitten noch rezeptpflichtige Medikamente einnehmen müssen. Im Übrigen habe er die Einnahme von Aspirin nicht als Behandlung einer Krankheit verstanden, da bekanntlich beinahe jeder/jede bei leichten Schmerzen oder Unwohlsein zu Aspirin greife. Schliesslich stehe das zu beurteilende Beschwerdebild mit Arbeitsunfähigkeit ab dem 5. September 2016 keineswegs mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in kausalem Zusammenhang mit der
Thrombozythämie
. Nachdem die Beklagte bis und mit 3
1.
Dezember 2016 die vertraglich geschuldeten Krankentaggeld
leistungen erbracht habe, bestehe noch ein Restanspruch von 612 Taggeldern zu
Fr.
176.77,
mithin
insgesamt
Fr.
108'183.-- (
Urk.
1, 17).
3.
3.1
Gemäss Art. 8 des Zivilgesetzbuches (ZGB) hat, wo es das Gesetz nicht anders bestimmt, derjenige das Vorhandensein einer behaupteten Tatsache zu beweisen, der aus ihr Rechte ableitet. Demgemäss hat die Partei, die einen Anspruch geltend macht, die rechtsbegründenden Tatsachen zu beweisen, während die Beweislast für die rechtsaufhebenden bzw. rechtsvernichtenden oder rechtshindernden Tat
sachen bei der Partei liegt, die den Untergang des Anspruchs behauptet oder dessen Entstehung oder Durchsetzbarkeit bestreitet. Diese Grundregel kann durch abweichende gesetzliche Beweislastvorschriften verdrängt werden und ist im Ein
zelfall zu konkretisieren. Sie gilt auch im Bereich des Versicherungsvertrags. Nach der erwähnten Grundregel hat der Anspruchsberechtigte – in der Regel der Ver
sicherungsnehmer, der versicherte Dritte oder der Begünstigte – die Tatsachen zur «Begründung des Versicherungsanspruches» (Marginalie zu Art. 39 VVG) zu beweisen, also namentlich das Bestehen eines Versicherungsvertrags, den Eintritt des Versicherungsfalls und den Umfang des Anspruchs. Den Versicherer trifft die Beweislast für Tatsachen, die ihn zu einer Kürzung oder
- wie hier -
Verweigerung der vertraglichen Leistung berechtigen oder die den Versicherungsvertrag gegen
über dem Anspruchsberechtigten unverbindlich machen. Anspruchsberechtigter und Versicherer haben im Streit um vertragliche Leistungen je ihr eigenes Beweis
thema und hierfür je den Hauptbeweis zu erbringen. Dies trifft auch dann zu, wenn sich beide Beweisthemen im gleichen Verfahren gegenüberstehen. Der Beweis gilt als erbracht, wenn das Gericht nach objektiven Gesichtspunkten von der Richtigkeit einer Sachbehauptung überzeugt ist. Absolute Gewissheit kann dabei nicht verlangt werden. Es genügt, wenn das Gericht am Vorliegen der behaupteten Tatsache keine ernsthaften Zweifel m
ehr hat oder allenfalls ver
blei
bende Zweifel als leicht erscheinen.
Ausnahmen von diesem Regelbeweismass
der vollen Überzeugung
, in denen eine überwiegende Wahrscheinlichkeit als aus
reichend betrachtet wird, ergeben sich einerseits aus dem Gesetz selbst und sind andererseits durch Rechtsprechung und Lehre herausgearbeitet worden. Den Aus
nahmen liegt die Überlegung zu Grunde, dass die Rechtsdurchsetzung nicht an Beweisschwierigkeiten scheitern darf, die typischerweise bei bestimmten Sach
verhalten auftreten
.
Die Beweiser
leichterung setzt demnach eine
«
Beweisnot
»
voraus. Diese Voraus
setzung ist erfüllt, wenn ein strikter Beweis nach der Natur der Sache nicht mög
lich oder nicht zumutbar ist,
insbesondere
wenn die von der beweisbelasteten Partei behaupteten Tatsachen nur mittelbar durch Indizien bewiesen werden können. Eine Beweisnot liegt aber nicht schon darin begründet, dass eine Tat
sache, die ihrer Natur nach ohne weiteres dem unmittelbaren Beweis zugänglich wäre, nicht bewiesen werden kann, weil der beweisbelasteten Partei die Beweis
mittel fehlen. Blosse Be
weisschwierigkeiten im konkreten Einzelfall können nicht zu einer Beweiserleichterung führen
(Urteil des Bundesgerichts 4A_117/2021 vom 3
1.
August 2021 E. 3.3.1, zur Publikation vorgesehen; ferner
Urteil des Bundes
gerichts 4A_394
/2021 vom
1
1.
Januar 2022 E. 3.4.1
).
Das Recht auf Beweis wird durch die Nichtab
nahme von beantragten Beweismit
teln nicht verletzt, wenn das Gericht – ohne dabei in Willkür verfallen zu sein – bei
pflichtgemässer
antizipierter Beweiswürdigung zur Überzeugung gelangt, die Beweismittel vermögen keine Klärung herbeizuführen, seien zur Erbringung des Beweises untauglich oder könnten die bereits gebildete Überzeugung so oder so nicht mehr
umstossen
(Urteile des Bundesgerichts 4A_571/2016 vom 2
3.
März 2017 E. 4.1, 4A_626/2015 vom 2
4.
Mai 2016 E. 2.4, sowie 4A_491/2014 vom 3
0.
März 2015 E. 2.5 mit Hinweisen)
.
3.
2
3.2
.1
Die Parteien haben die Anzeigepflicht nicht speziell vertraglich geregelt
, sondern hierfür auf die gesetzlichen Regelungen verwiesen
(Urk. 9/1
, Allgemeine Bedingungen [AB] für Kollektiv-Krankenversicherung, Ausgabe 2008, Artikel 18
Ziff.
1)
. Gemäss Art. 4 Abs. 1 VVG
(in der hier anwendbaren Fassung vom 1. Januar 2011)
hat der Antragsteller dem Versicherer an Hand eines Fragebogens oder auf sonstiges schriftliches Befragen alle für die Beurteilung der Gefahr erheblichen Tatsachen, soweit und so wie sie ihm beim Vertragsabschluss bekannt sind oder bekannt sein müssen, schriftlich mitzuteilen. Erheblich sind diejenigen
Gefahrstatsachen
, die geeignet sind, auf den Entschluss des Versicherers, den Ver
trag überhaupt oder zu den vereinbarten Bedingungen abzuschliessen, einen Ein
fluss
auszuüben (Art. 4 Abs. 2 VVG).
3.2
.2
Nach der Rechtsprechung sind
Gefahrstatsachen
im Sinne des
Art.
4 VVG alle Tatsachen, die bei der Beurteilung der Gefahr in Betracht fallen und den Ver
sicherer demzufolge über den Umfang der zu deckenden Gefahr aufklären kön
nen; dazu sind nicht nur jene Tatsachen zu rechnen, welche die Gefahr verur
sachen, sondern auch solche, die
bloss
einen Rückschluss auf das Vorliegen von Gefahrenursachen gestatten. Die Anzeigepflicht des Antragstellers weist indessen keinen umfassenden Charakter auf. Sie beschränkt sich auf die Angabe jener
Ge
fahrstatsachen
, nach denen der Versicherer ausdrücklich und in unzweideutiger Art gefragt hat; der Antragsteller ist daher ohne entsprechende Fragen nicht ver
pflichtet, von sich aus über bestehende Gefahren Auskunft zu geben (BGE 134 III 511 E. 3.3.2; 116 II 338 E. 1a je mit Hinweisen).
In Art. 4 Abs. 3 VVG wird zudem die Erheblichkeit derjenigen Tatsachen, über die der Versicherer mit den schrift
lichen Fragen Auskunft verlangt, nur vermutet. Mit anderen Worten statuiert das Gesetz eine widerlegbare Rechtsvermutung (Urteile des Bundesge
richts 9C_671/2008 vom 6. März 2009 E. 3.2.2 und 9C_194/2008 vom 6. Oktober 2008 E. 3.1.4).
Die Tragweite der einzelnen Fragen bestimmt sich - gleich wie der Vertragsinhalt - nach dem Vertrauensprinzip. Es ist dabei darauf abzustellen, was vernünfti
ger
weise gemeint sein muss und der konkrete Antragsteller annehmen darf, wenn er über die Fragen der Versicherungsgesellschaft in der vom VVG verlangten Weise ernsthaft nachdenkt (BGE 136 III 334 E. 2.3; 118 II 333 E. 2b). Die Rechtsprechung hat in diesem Zusammenhang den Begriff des «subjektiven Verständnishorizonts» geschaffen (BGE 134 III 511 E. 3.3.3 und E. 5.2.2). Es ist zu beachten, dass eine Frage einschränkend auszulegen ist, wenn sie an sich oder aufgrund ihrer Beziehung zu den übrigen dem Antragsteller vorgelegten Fragen Zweifel über den Umfang der Deklarationspflicht weckt. Das folgt einerseits aus dem Grund
satz, dass die Anzeigepflicht nur soweit besteht, als die Fragen des Versicherers reichen. Andererseits wird ganz allgemein eine Verletzung der An
zeigepflicht nur mit Zurückhaltung angenommen, weil damit die einschneidende Folge des Weg
falls des Versicherungsvertrags verbunden ist (BGE 118 II 333 E. 2b mit Hinweis; Urteile des Bundesgerichts 5C.103/2005 vom 26. September 2005 E. 2.2 und B 103/06 vom 2. Juli 2007 E. 3.3).
3.2
.3
Daraus folgt, dass ein Versicherter die Anzeigepflicht verletzt, wenn er eine bestimmte und unzweideutig formulierte Frage zu den bei ihm bestehenden oder vorbestandenen gesundheitlichen Störungen verneint, denen er nach der ihm zumutbaren Sorgfalt Krankheitscharakter beimessen müsste. Hingegen würde es zu weit führen, wenn der Aufnahmebewerber vereinzelt aufgetretene Unpässlich
keiten, die er in guten Treuen als belanglose, vorübergehende Beeinträchtigungen des körperlichen Wohlbefindens betrachten darf und bei der gebotenen Sorgfalt nicht als Erscheinungsformen eines ernsthafteren Leidens beurteilen muss, anzu
zeigen verpflichtet wäre. Das Verschweigen derart
iger geringfügiger Gesund
heits
störungen begründet keine Verletzung der Anzeigepflicht (BGE 134 III 511 E. 3.3.4 mit Hinweisen; vgl. zum Ganzen Urteile des Bundesgerichts 9C_471/2015 vom 11. März 2016 E. 5.2 und 5.3, 9C_671/2008 vom 6. März 2009 E. 3.2.2 und 9C_194/2008 vom 6. Oktober 2008 E. 3.1.4).
4.
4.1
Während die Beklagte das Vorliegen einer Arbeitsunfähigkeit grundsätzlich nicht bestreitet, ist zwischen den Parteien in erster Linie umstritten, ob die Kündigung des Kollektivkrankenversicherungsvertrags mit der Police
«...»
durch die Beklagte infolge Anzeigepflichtverletzung rechtens ist. Diesbezüglich gilt es im Wesentlichen zu klären, ob der Kläger die Fragen 5 und 8 im Formular «Gesundheitsfragen zu Policen Nr.
«...»
» am 1
3.
September 2013 (Urk. 2/8) wahrheitsgemäss beantwortete. Diese lauteten
wie folgt
:
5.
Haben Sie in den letzten 5 Jahren regelmässig oder länger als 4
Wochen ununterbrochen rezeptpflichtige Medikamente (ausge
nommen Verhütungsmittel), leistungsfördernde Substanzen (z.B. Dopingmittel), Alkohol oder Drogen (z.B. Cannabis, andere Betäubungsmittel oder abhängigkeitserzeugende Stoffe) konsumiert?
8.
Bestehen oder bestanden bei Ihnen jemals Krankheiten, Störungen oder Beschwerden des Herzens oder der Blutgefässe (z.B. Thrombosen, Embolien, erhöhter Blutdruck, Durchblutungsstörung, Hirnschlag, nicht ausgeheilte Venenentzündung, nicht entfernte Krampfadern) oder haben Sie eine Blutvergiftung?
Beide Fragen beantwortete der Kläger mit «Nein».
4.2
4.2.1
Mit Bericht der Klini
k für Pneumologie, Universitätss
pital
A._
, vom 15. November 2016 (
Urk.
9/23) diagnostizierten die Fachärzte
Nachf
olgendes:
1.
C
hronisch
thrombo-embolische
pulmonale Hyper
t
onie, ED 09/
2016
-
St. n. Lungenembolien 06/2016, anamnestisch evtl. auch 02/2014
-
CT 06/2016: segmentale Lungenembolien
-
RF: essentielle
Thrombozythämie
-
TTE 08/2016: RV/RA 85
mmHg
-
TTE 11/2016: RV/RA 76
mmHg
, dilatierter rechter Ventrikel mit reduzierter Auswurffraktion und Vorhofdilatation rechts
-
Rechtsherzkatheteruntersuchung
09
/2016
:
mPAP
57
mmHg
, PAOP 15
mmHg
, Cl 3.2 l/min/m2, PVR 480
dynes
, RAP 14
mmHg
-
Ventilations-Perfusions-Szintigraphie 09/2016: beidseits periphere
embolische
Verschlüsse
-
unter
Riociguat
sei
t
10/2016; NYHA II
2.
Essentielle
Thrombozythämie
, ED 2008
-
Thrombozytenzahl
532 G/
l
, Therapie mit
Litalir
geplant
-
Acetylsalicylsäure bis 06/2014, wegen OAK gestoppt
-
Splenomegalie
(18cm,
S
ono
06.09.2016)
-
3.
St. n.
Anabolikaabusus
ca. 2010 für drei Monate
-
4.
Migräne
Sie hielten fest, z
wischenzeitlich sei es unter oraler Antikoagulation und
Riociguat
zu einer leichten Verbesserung der jedoch weiterhin eingeschränkten Leistungsfähigkeit gekommen. Echokardiographisch
zeigten sich unverändert eine schwere pulmonale Drucksteigerung und eine eingeschränkte systolische Funktion des rechten Ventrikels. Computertomographisch
hätten
knapp sechs Monate nach Lungenembolien ausgedehnte segmentale und subsegmentale Wandveränderungen der
Pulmonalisstrombahn
nach
gewiesen werden können
. Passend zu CTEPH
(chronisch
thrombo
-
embolische
pulmonale Hypertonie)
liessen sich eine Mosaikperfusion und dilatierte Bronchialarterien finden. Eine onkolo
gische Verlaufsbeurteilung mit Therapieplanung der
Thrombozythämie
sei geplant.
Im Bericht der Klinik für
Thoraxchiru
r
gie
,
Universitätsspital A._
, vom 2
1.
Dezember 2016 (Urk. 9/24)
berichteten die Ärzte
von einem Status nach akuter respiratorischer Insuffizienz am 2
8.
November 201
6.
Mit dem Patienten und seiner Schwester sei eine operative Therapie bei chronisch
thrombo
-
embolischer
pulmonaler Hyper
tonie besprochen worden. Aktuell stehe indessen vorerst die Therapie der
Thrombozythämie
durch
Dr.
Z._
, Spital
B._
, im Vordergrund (S. 3).
4.2.2
Am 2
9.
November 2016 (
Urk.
9/12)
notierte
Dr.
med. Mark
Z._
, Facharzt FMH für Medizinische Onkologie und Innere Medizin,
Onkologie
B._
,
nach
dem der
Kläger
seit April 2016
an
eine
r
zunehmende
n
Anstrengungsdyspnoe
gelitten
habe, sei am 1
3.
Mai 2016 die Behandlung aufgenommen worden. Zuvor habe der
Kläger
bereits im Oktober 2014 in der Pneumologie des Spitals
B._
in Behandlung gestanden, welche jedoch damals als abgeschlossen erachtet wor
den sei.
Dessen
Arbeitsfähigkeit sei
seit dem 6.
September 2016 um 70
%
einge
schränkt infolge rascher Erschöpfbarkeit, Anstrengungsdyspnoe sowie bei sämt
lichen körperlichen Belastungen.
4.2.3
Nach Vorlage an den beratenden Arzt der Beklagten,
Dr.
med.
C._
, beantwortete dieser am
8.
Februar 2017 die Frage, ob das aktuelle Beschwerdebild mit der
Thrombozythämie
2005/2008 mit übe
rwiegender Wahrscheinlichkeit in
Zusammenhang stehe,
unter Hinweis auf den Bericht der Onkologie
B._
vom 2
9.
November 2016 sowie den Bericht der
Thoraxchirurgie
des
Universitätsspitals A._
vom 21. Dezember 2016
mit «überwiegend wahrscheinlich ja» (
Urk.
9/26).
4.2.4
Zu Händen des Rechtsvertreters des Klägers hielt
Dr.
Z._
am
3.
Dezember 2017 fest (
Urk.
9/52), der Kläger habe sich seit 2005 wiederholt bei ihm in der Sprechstunde gezeigt. Ihm gegenüber habe der Kläger nie etwas von einem Anabolikagebrauch berichtet; sicherlich sei er bei ihm nie wegen
Anabolika
abusus
behandelt worden. Die Diagnosestellung einer essentiellen
Thrombo
zythämie
sei Ende 2005 erfolgt. Damals sei eine Therapie mit einer niedrig dosierten
Thrombozytenaggregationshemmung
(Acetylsalicylsäure 100 mg/Tag) verordnet worden, die der Kläger im Verlauf zumindest unregelmässig einge
nommen habe.
Die Diagnose der essentiellen
Thrombozythämie
sei dem Kläger 2005 und im Verlauf wiederholt erklärt worden. In der Regel handle es sich dabei um eine chronisch verlaufende, für
die Patienten wenig einschränkende
Krank
heit. Um Komplikationen zu vermeiden, habe er dem Kläger Aspirin verordnet und ihn immer wieder aufgefordert, regelmässig Aspirin einzunehmen. Andere Massnahmen seien damals auch in Übe
reinstimmung mit heutigen Guide
lines nicht getroffen worden. Aufgrund seines guten körperlichen Wohlbefindens sei es sehr wohl vorstellbar, dass der Kläger den Befund der essentiellen
Thrombozythämie
nie als Krankheit empfunden habe.
Ferner berichtete
Dr.
Z._
, er
habe
dem Kläger
den Unterschied seiner Krankheit
zu
anderen Tumorkrankheiten, die in seiner Familie aufgetreten seien, wiederholt betont. Letztlich habe es sich für den Patienten wohl um einen auffälligen Laborbefund gehandelt.
Der Arzt erklärte
sodann
, eine schwere pulmonal-arterielle Hypertonie im Alter des Klägers
sei
sehr ungewöhnlich. Rezidivierende Lungenembolien seien ein bekannter möglicher Auslöser einer pulmonal-arteriellen Hypertonie. Da beim Kläger rezidivierende Lungenembolien dokumentiert seien, scheine dieser Zusammenhang plausibel, bewiesen sei er indessen nicht. Eine essentielle
Thrombozythämie
führe zu Veränderungen der Blutgerinnung und zu einer er
höhten
Thromboembolieneigung
. Typischerweise würden aber eher arterielle
thromboembolische
Ereignisse oder ungewöhnliche venöse Thrombosen beobachtet. Ein Zusammenhang der Lungenembolien des Klägers mit der essen
tielle
n
Thrombozythämie
sei dennoch vorstellbar. Allerdings könne nicht von einem typischen kausalen Zusammenhang gesprochen werden, da es sich um eine sehr seltene Krankheit handle.
Bezüglich eines ursächlichen Zusammenhangs eines
Anabolikaabusus
mit einer pulmonal arteriellen Hypertonie könne er sich mangels profunden Wissens nicht äussern.
4.2.5
Mit Stellungnahme vom 1
1.
April 2018 (
Urk.
9/56) bejahte
Dr.
C._
erneut
die Frage der Beklagten, ob das vorliegende Beschwerdebild mit der
Thrombo
zythämie
2005/2008 mit überwiegender Wahrscheinlichkei
t im kausalen Zusammenhang stehe
und
hielt dafür
, es handle sich um die einzige fassbare Ursache für das Leiden, welches zur Arbeitsunfähigkeit geführt habe. Betreffend Lungenembolien und der pulmonal-arteriellen Hypertonie liege eine lückenlose Kausalkette vor.
4.3
4.3.1
Mittels Frage 5 des Gesundheitsfragebogens (E. 4.1) wurde der Kläger aus
drück
lich nach
einer
regelmässigen oder länger als 4 Wochen
dauernden,
ununter
brochenen Einnahme rezeptpflichtiger Medikamente in den letzten fünf Jahren gefragt.
Dass eine solche Behandlung stattfand, ergibt sich
ohne Weiteres
aus dem Bericht von
Dr.
Z._
vom
3.
Dezember 2017, wonach der behandelnde Arzt im Rahmen der Erstdiagnose der essentiellen
Thrombozythämie
Ende 2005 die tägliche Einnahme von Aspirin verordnete
und den Kläger wiederholt auf
forderte, regelmässig Aspirin einzunehmen
(E. 4.2.4).
Selbst wenn er, wie der Kläger behauptet, das Medikament nur mit Unterbrüchen einge
nommen haben soll (
«
in unregelmässigen Abständen
»,
Urk.
17 S. 4
; «zumindest unregelmässig», E. 4.2.4
), musste ihm bei zumutbarer Sorgfalt bei der Beantwortung der Frage
klar sein, dass es sich um einen Medikamentenkonsum
im Sinne von Frage 5 handelte.
Nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch hat das Wort «regelmässig» die Bedeutung von «ständig» oder «wiederkehrend» und steht im Gegensatz zu «gelegentlich» oder «manchmal» (Nef/von
Zedtwitz
, in: Basler Kommentar zum Versicherungsvertragsgesetz, Nachführungsband, Basel 2012,
Art.
4 ad N54/55).
D
ie Beklagte
hatte sich
nicht
nur
nach einer regelmässigen
Einnahme, sondern auch nach einer mehr als vier Wochen dauernden, ununter
brochenen Einnahme von rezeptpflichtigen Medikamenten erkundigt. Dies kann vernünftiger Weise nur so verstanden werden, als dass auch eine nicht
tägliche
Einnahme als regel
mässig
und damit als wiederkehrend
zu betrachten ist, wenn sie über eine längere Zeit
erfolgt
,
auch wenn sie unterbrochen wird, aber
- infolge der Dauer -
nicht bloss als gelegentlich zu betrachten ist
.
Dies ist vorliegend der Fall.
Nachdem Aspirin
in einer täglichen Dosis von 100 mg
von
Dr.
Z._
ab
Ende 2005 ver
ordnet war,
diese Therapie
mithin im Zeitpunkt des Ausfüllens des Fragebogens über acht Jahre angedauert hatte
(sie wurde denn bis zum Juni 2014 auch weitergeführt: E. 4.2.1)
und
der Kläger zwar
eine unregelmässige aber nicht bloss gelegentliche Einnahme
behauptet
(
Urk.
17 S. 4, vgl. auch
Bericht von
Dr.
Z._
vom 2
4.
Juni 2016,
Urk.
18/17, wonach der Patient Aspirin
Cardio
nicht immer regelmässig eingenommen habe)
, hätte
der Kläger
- hätte er in der vom VVG verlangten Weise ernsthaft nachgedacht (E
.
3.2.2) -
die Frage nicht mit «Nein» beantworten dürfen.
Soweit der Kläger ferner vorbringt
,
die Einnahme von Aspirin
habe für
ihn keine Behandlung einer Krankheit dar
gestellt
,
da bekanntlich jeder bei leichten Schmerzen oder Unwohlsein zu Aspirin greife,
vermag er nicht durchzudringen, kann eine mehrjährige Behandlung
mit Aspirin
Cardio
(E. 4.2.4)
nicht mehr als Bagatelle betrachtet werden, sondern geht klar über das hinaus, was gemäss Rechtsprechung nicht anzeigepflichtig ist (Nef/von
Zedtwitz
,
a.a.O
,
Art.
4 ad N26 mit Hinweis
).
Nicht von Belang ist, ob der Kläger die Therapie mit Aspirin
cardio
subjektiv nicht als krankheitsbedingte Behandlung betrachtet hat oder nicht (vgl. Nef/von
Zedtwitz
, a.a.O.,
Art.
6 ad N14), vielmehr hätte er sie bei der gebotenen Sorgfalt als Behandlung eines ernsthafteren Leidens beurteilen müssen
; darüber hatte
ihn sein behandelnder Onkologe
denn auch
ver
schiedentlich aufgeklärt (E
.
4.2.4).
Darüber hinaus ist
die
Behauptung
des Klägers
, er habe keine rezeptpflichtigen Medikamente einnehmen müssen, hinsichtlich Aspirin
Cardio
unzutreffend (vgl.
https://compendium.ch/
search?q=Aspirin%
20Cardio
, Abgabekategorie B; besucht am 2
3.
Februar 2022).
Im Übrigen bestätigte der Kläger die Richtigkeit seiner Angaben mit seiner eigenhändigen Unterschrift
.
Die Befragung des von ihm angebotenen Zeugen
D._
kann damit
in antizipierter Beweiswürdigung
unterbleiben. Abgesehen davon, dass der Gesundheitsfragebogen im September 2013, mithin mehr als sieben Jahre vor Klageanhebung, ausgefüllt wurde, weshalb die diesbezügliche Erinnerung des Zeugen schon stark verblasst sein dürfte,
würde auch die Bestätigung des Zeugen,
wonach
der Kläger
beim Ausfüllen des Fragebogens den Versicherungsvertreter mündlich darauf hingewiesen habe, in unregelmässigen
Abständen
Aspirin
cardio
einzunehmen, es die Mitarbeiter der Beklagten aber für eindeutig irrelevant erachtet hätten, die Einnahmen von Aspirin
Cardio
zu er
wähnen,
die Überzeu
gung des Gerichts, dass die Frage 5 nicht wahrheitsgetreu beantwortet wurde, nicht zu ändern, trug der Kläger mit seiner Unterschrift doch die alleinige Verantwortung für das wahrheitsgetreue Ausfüllen der Gesundheits
erklärung
(
Nef/von
Zedtwitz
,
a.a.O
,
Art.
4 ad N29 mit Hinweis).
4.3.2
Hinsichtlich
der
Frage 8 war vom Kläger zu beantworten, ob jemals Krankheiten, Störungen oder Beschwerden des Herzens oder der Blutgefässe b
estanden hatten, wobei beispiel
haf
t Thrombosen, Embolien, erhöhter
Blutd
ruck oder Durch
blutungsstörung
aufgezählt wurde
n
(E. 4.1).
Aufgrund dessen, dass
der Kläger von seinem behandelnden Onkologen mehrfach über die erstmals Ende 2005 gestellte Diagnose der essentiellen
Thrombozythämie
, welche sich durch eine dauernde Erhöhung der
Thrombozytenkonzentration
auszeichnet und Blutungen, Thrombosen und Mikrozirkulationsstörungen nach sich ziehen kann (vgl. Pschyr
embel, Klinisches Wörterbuch, 26
6.
Auflage,
Berlin
2014,
Eintrag zu
Thrombozythämie
, S. 2115
),
aufgeklärt und angewiesen worden war, zur Ver
meidung von Komplikationen Aspirin
Cardio
einzunehmen (E. 4.2.4), musste dem Kläger
klar sein, dass die Diagnose durchaus ernst zu nehmen war. Nichts zu ändern vermag hieran, dass sich der Kläger in jenem Zeitpunkt offenbar noch «fit» fühlte; vielmehr fällt ins Gewicht, dass er vom behandelnden Onkologen mehrmalig über die chronisch verlaufende Krankheit aufgeklärt wurde (
Urk.
9/52) und ein erhöhtes Thromboserisiko bei essentieller
Th
rombozythämie
bekannt ist (Urk.
18/18), weshalb denn auch eine
Thrombozytenaggregationshemmung
zur Vermeidung von Komplikationen im Vordergrund stand (E. 4.2.4).
Damit
musste
es
dem Kläger als medizinischem Laien
nach Treu und Glauben klar sein, dass
die essentielle
Thrombozythämie
unter
der
Frage 8 zu deklarieren war, zumal explizit nach Störungen oder Beschwerden der Blutgefässe wie etwa Thrombosen, Embo
lien oder Durchblutungsstörung
gefragt
wurde
.
Dass es sich aus medizinischer S
icht um eine hämatologis
che Stammzellererkrankung handelt (
Urk.
2/11), vermag
nicht
zu einer anderen Betrachtungsweise zu führen,
ent
sprach dies doch offenkundig nicht dem Verständnis des Klägers, was sich klar aus seiner Klageschrift (
Urk.
1
S. 6
) ergibt. Hätte er, wie er nunmehr behauptet (
Urk.
17 S. 5), die essentielle
Thrombozythämie
im fachmedizinischen Sinne ver
standen, wäre er verpflichtet gewesen, Frage 6 («Bestehen oder bestanden bei Ihnen jemals
Krebserkrankungen?»
) mit «Ja» zu beantworten (vgl. E. 4.2.4, wo
nach
Dr.
Z._
ihm den Unterschied seiner Krankheit
zu
anderen Tumor
krankheiten, die in seiner Familie aufgetreten seien, wiederholt betont habe)
.
Da
mit erübrigt sich
in antizipierender Beweiswürdigung
auch
eine Befragung der vom Kläger angebotenen Zeugin
Dr.
med.
E._
, kann ihre fachmedizinische Sicht
doch
nicht mit dem «subjektiven Verständnishorizont» (vg
l. hierzu E. 3.2
) des Klägers gleichgesetzt werden.
Mithin würde es dem Kläger auch mittels Befragung der
angebotenen
Zeugin nicht gelingen, den von der Beklagten zu erbringende
n
Beweis einer Anzeigepflichtverletzung zu erschüttern.
Aus dem Vorstehenden
folgt, dass der Kläger durch das Verschweigen der medikamentösen Therapie
mit Aspirin
Cardio
sowie der Diagnose der essentiellen
Thrombozythämie
eine erhebliche
Gefahr
statsache
, die er kannte oder kennen musste, ver
sch
wiegen und damit seine Anzeigepflicht verletzt hat.
Angesichts dessen erübrigen sich Weiterungen zur Frage, wie es sich mit dem in der Anamnese durch
Dr.
E._
erhobenen Anabolikakonsum im Jahr 2010 über un
gefähr drei Monate hinweg verhält, zumal sich diesbezüglich eine Beeinflussung im Sinne von
Art.
6
Abs.
3 VVG
aufgrund der vorliegenden Akten
nicht erstellen liesse (
Urk.
9/52 S. 2;
Urk.
18/18).
4.4
4.4.1
Anlässlich der Kündigung des Krankentaggeldversicherungsvertrags durch die Beklagte war das versicherte Ereignis, eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer chronisch
thrombo-e
m
bolischen
pulmonalen Hypertonie (E. 4.2.2)
, bereits eingetreten
.
4.4.2
Wird d
er Vertrag durch Kündigung nach Art. 6 Abs. 1 VVG
aufgelöst, so erlischt auch die Leistungspflicht des Versicherers für bereits eingetretene Schäden, deren Eintritt oder Umfang durch die nicht oder unrichtig angezeigte erhebliche
Gefahrstatsache
beeinflusst worden
ist (Art. 6 Abs. 3 Satz 1 VVG). Dies bedeutet, dass
der Gesetzgeber de
m Versicherer bei einer Anzeige
pflichtverletzung
der ver
sicherten Person
nur dann Leistungsfreiheit gewährt, wenn ein Kausalzusammen
hang zwischen der nicht oder ni
cht richtig angezeigten
Gefahrs
tatsache
(Ursache) und dem späteren Schaden (Wirkung)
besteht (Urteil des Bundesgerichts 4A_285/2009 vom 22. Oktober 2009, E. 4.1 mit Hin
weisen).
Damit in dieser zeit
lichen Abfolge der aufeinander bezogenen Tatsachen von Beeinflussung
im Sinne von Art. 6 Abs. 3 Satz
1 VVG gesprochen werden kann, muss mindeste
ns eine Ursächlichkeit im natur
wiss
enschaftlichen Sinne vorliegen.
Es ist damit in einem ersten Schritt zu prüfen, ob der Schaden nicht oder in anderem Umfang einge
treten wäre, wenn die nicht angezeigte erhebliche
Gefahrstatsache
fehlen oder die unrichtig angezeigte erhebliche
Gefahrstatsache
nur im unrichtigen Umfang be
stehen würde. Dabei reicht es aus, dass die nicht oder nicht richtig angezeigte erhebliche
Gefahrstatsache
lediglich eine von mehreren Ursachen beziehungs
weise nur mitursächlich ist.
Der Versicherer bleibt nur leistungspflichtig, wenn der Eintritt oder Umfang des Schadens völlig unabhängig von der verschwiege
nen erheblichen
Gefahrstat
sache
ist.
Sofern eine naturwiss
enschaftliche
Ursächlichkeit zu bejahen ist, ist in einem zweiten Schritt eine juristische Wertung anhand des Adäquanzprinzips vorzu
nehmen. Eine Beeinflussung des Schadens durch die nicht oder unrichtig an
gezeigte erhebliche
Gefahrstatsache
kann bejaht werden, wenn diese nach dem
gewöhnlichen Lauf der Dinge und
nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Schaden von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Schadens also durch die nicht oder unrichtig angezeigte erhebliche
Gefahrstatsache
allgemein als begünstigt
erscheint. In beweisrechtlicher Hinsicht genügt eine überwiegende Wahrscheinlichkeit der Abfolge der aufeinander bezogenen Tatsachen (Nef/von
Zedtwitz
, a.a.O., Art. 6 ad N5).
Da die vertraglichen Bestimmungen bezüglich Kündigung im Fall einer Anzeige
pflichtverletzung ausdrücklich auf die gesetzlichen Normen verweist (E
.
3.2.1
), ist
Art.
6
Abs.
3 VVG direkt anwendbar.
4.4.3
Der behandelnde Onkologe
Dr.
Z._
hatte am 2
4.
Juni 2016 ausgeführt, ein erhöhtes Thromboserisiko sei bei essentieller
Thrombozythämie
bekannt. Die aktuell nachgewiesene Lungenembolie müsse als Komplikation angesehen wer
den, weshalb eine optimale
Thrombozytenkontrolle
anzustreben sei. Er werde da
her mit dem Kläger die Aufnahme einer zytostatischen Therapie besprechen (
Urk.
18/17).
Im Bericht
der Klinik für Pneumologie des
Universitätsspitals A._
vom 1
5.
November 2016
wurde
die essentielle
Thrombozythämie
denn auch
als Risikofaktor der chronisch
thrombo-embolischen
pulmonal
en Hypertonie auf
geführt
(E. 4.2.1).
Die Ärzte
hielten fest, vor einer allfälligen pulmonalen
Endarter
i
ektomie
sollte unbe
dingt eine Behandlung der die chronischen
Thromboembolien
begünstigenden
Thrombozythämie
initiiert werden (U. 9/23 S. 3). In demselben Sinn äusserten sich die Ärzte der Klinik für
Thoraxchirurgie
des
Universitätsspitals A._
mit B
ericht vom 21.
Dezember 2016,
in welchem sie notierten,
die Therapie der
Thrombozythämie
stehe
im V
ordergrund
(E. 4.2.1).
Dr.
med.
F._
, FMH für Medizinische Onkologie, Hämatologie und Innere Medizin, erklärte mit Stellungnahme zu Händen des Rechtsvertreters des Klägers am 3
0.
Oktober 2018
auf die Frage, «Welche Wahrscheinlichkeit des Zusammenhangs schätzen Sie zwischen der essenziellen
Thrombozythämie
und der pulmonal-arteriellen Hypertonie mit Lungenembolien?»
(
Urk.
2/11),
die Wahrscheinlichkeit, dass die essentielle
Thrombozythämie
die alleinige Ursache dieser schweren
thromboembolischen
Ereignisse sei, sei eher tief einzuschätzen, könne aber auf keinen Fall mit Sicher
heit ausgeschlossen werden.
Schliesslich erklärte
Dr.
E._
, Fachärztin für Pneumologie und Innere Medizin,
mit Mail-Nachricht
vom 12.
Februar 2021
, dass die Grunderkrankung der essentiellen
Thrombozythämie
letztendlich die Ursache für die Embolien und somit für den Lungenhochdruck sei, müsse
so
angenommen werden (
Urk.
18/18).
Diese Aktenlage
untermauert
die Stellungnahme des die Beklagte beratenden D
r.
C._
vom
8.
Februar 2017
, wonach das aktuelle Beschwerdebild (der chronisch
thrombo-embolischen
pulmonalen Hypertonie) mit überwiegender Wahrscheinlichkeit mit der
T
hrombozythämie
in
Zusammenhang stehe (E. 4.2.3) und eine lückenlose Kausalkette vorliege (
Stellungnahme vom 1
1.
April 2018,
E
.
4.2.5).
Dass
Dr.
Z._
am
3.
Dezember 2017 zu Händen des Klägers aus
führte, der Zusammenhang rezidivierender Lungenembolien mit der pulmonal-arteriellen Hypertonie erscheine zwar plausibel, sei jedoch nicht bewiesen; von einem typischen kausalen Zusammenhang könne allerdings sicher nicht gesprochen werden, da es sich um eine sehr seltene Krankheit handle (
Urk.
9/52 S. 2),
vermag keine ernsthaften Zweifel an der
Beeinflussung durch die nicht angezeigte
Gefahrstatsache
in zeitlicher Hinsicht und damit an der
Einschätzung von
Dr.
C._
zu begründen
, zumal
Dr.
Z._
in seinem B
ericht vom 29.
November 2016 (U
rk.
9/12) die Lungenembolien
(«06.2016, anamnestisch evtl. auch 02.2014»)
im Rahmen der chronisch
thrombo
-
embolisc
he
n
pulmonalen Hypertonie genannt und darauf hingewiesen hatte, die Erkrankung könnte auch im Rahmen der essentiellen
Thrombozythämie
gesehen werden («DD im Rahmen der ET»).
Damit sind sowohl die Ursächlichkeit im naturwissenschaftlichen Sinne, mithin die Zurechenbarkeit des Eintritts der nunmehr vorliegenden gesundheitlichen Beeinträchtigung zur nicht angezeigten erheblichen
Gefahrstatsache
- zumindest als Teilursache -, als auch der adäquate Kausalzusammenhang gegeben, ist doch wie von ärztlicher Seite übereinstimmend ausgeführt, die Erkrankung
an
einer essentiellen
Thrombozythämie
geeignet, ei
ne chronisch
thrombo-embolische
pul
monale
Hypertonie
zu bewirken
,
beziehungsweise scheint der Eintritt dieser Erkrankung durch d
ie nicht angezeigte essentielle
Thrombozythämie
allgemein als begünstigt.
Der Vollständigkeit halber
ist darauf hinzuweisen, dass der Kau
sali
tätsbegriff im Sinn von
Art.
6
Abs.
3 VVG weit zu verstehen ist (Urteile des Bun
desgerichts 9C_18/2016 vom
7.
Oktober 2016 E. 6.2.2, 4A_283/2019 vom 1
7.
Ok
tober 2019 E. 4.5);
an
eine
r
völlige
n
Losgelöstheit der zur Arbeitsunfähig
keit
führenden
chronisch
thrombo-embolische
pulmonale Hypertonie von der nicht angegebene
n erheblichen
Gefahrenstatsache
der essentiellen
Thrombo
-
zythämie
und deren Behandlung mittels Aspirin
Cardio
(E.
4.3.2) fehlt
es
vor
liegend.
5.
Zusammenfassend ist damit festzuhalten, dass der Beklagten der Beweis einer Anzeigepflichtverletzung gelingt, weshalb die Kündigung des Kollektivkranken
versicherungsvertrags
«...»
unter
Ausschluss des Klägers von der Kollektivkrankenversicherung rechtens ist.
Eine Leistungspflicht der Beklagten für die ab
5.
September 2016 angezeigte Arbeitsunfähigkeit des Klägers besteht damit nicht.
6.
6.1
Das Verfahren ist kostenlos, da es eine
Streitigkeit aus einer Krankentag
geldver
sicherung betrifft, welche unter den Begriff der Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicherung zu subsumieren ist (vgl. Art. 114
lit
. e ZPO
i.V.m
. § 33 Abs. 1
GSVGer
; E. 1.2).
6.2
Die Beklagte ist nicht
durch einen externen Anwalt vertreten. Gemäss der Praxis des Bundesgerichts steht dem nicht durch einen externen Rechtsanwalt vertrete
nen, obsiegenden Versicherungsträger mangels eines besonderen Aufwandes grundsätzlich keine Parteientschädigung zu (BGE 133 III 439 E. 4, vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 4A_109/2013 vom 27. August 2013 E. 5).