Decision ID: 252f1280-004b-564f-9a9b-cf0e456e5ca3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (Staatsangehöriger der Türkei, geboren 1983) er-
suchte am 21. Mai 2018 in der Schweiz um Asyl. Mit Entscheid vom
11. Juni 2020 anerkannte die Vorinstanz seine Flüchtlingseigenschaft und
gewährte ihm Asyl.
B.
Mit Verfügung vom 24. August 2020 bewilligte die Vorinstanz der Be-
schwerdeführerin (Ehefrau des Beschwerdeführers) und den zwei gemein-
samen Kindern die Einreise in die Schweiz.
C.
Am 22. September 2020 ersuchte der Beschwerdeführer die Vorinstanz um
Übernahme der Einreisekosten für seine Familienangehörigen.
D.
Die Beschwerdeführerin und die zwei Kinder reisten am 30. Oktober 2020
in die Schweiz ein und ersuchten am 2. November 2020 um Asyl. Mit Ver-
fügung der Vorinstanz vom 11. November 2020 wurden sie in die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers einbezogen und erhielten eben-
falls Asyl.
E.
Mit Verfügung vom 23. Februar 2021 (eröffnet am 26. Februar 2021) wies
die Vorinstanz das Gesuch um Übernahme der Einreisekosten ab.
F.
Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 25. März
2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragten die
Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Übernahme der Einrei-
sekosten.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 16. April 2021 verzichtete das Bundesverwal-
tungsgericht einstweilen auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
H.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 7. Mai 2021 die
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Abweisung der Beschwerde. Replizierend hielten die Beschwerdeführen-
den am 8. Juli 2021 an ihren Anträgen fest, bezifferten die Höhe der zu
übernehmenden Einreisekosten auf Fr. 1'230.– und ersuchten um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung.
I.
Die unterzeichnende Richterin hat vorliegendes Verfahren im Januar 2022
aus organisatorischen Gründen vom vormaligen Instruktionsrichter über-
nommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG [SR 142.31],
Art. 31 und 33 Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in
der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Be-
schwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 6
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet
das Bundesrecht von Amtes wegen an und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen
(Art. 62 Abs. 4 VwVG).
3.
3.1 Art. 92 Abs. 1 AsylG sieht vor, dass der Bund die Kosten der Ein- und
Ausreise von Flüchtlingen und Schutzbedürftigen übernehmen kann. Ge-
mäss Art. 92 Abs. 4 AsylG regelt der Bundesrat die Voraussetzungen und
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das Verfahren zur Ausrichtung und Abrechnung der Beiträge. Der Bundes-
rat hat von der ihm übertragenen Rechtssetzungsbefugnis Gebrauch ge-
macht, indem er in Art. 53 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999
(AsylV 2, SR 142.312) den Kreis der Personen, für welche Einreisekosten
übernommen werden können, festgelegt hat. Dazu gehören gemäss
Art. 53 Bst. d AsylV 2 Personen, denen die Einreise im Rahmen der Fami-
lienzusammenführung mit anerkannten Flüchtlingen nach Art. 51
Abs. 4 AsylG oder nach Art. 85 Abs. 7 des Ausländer- und Integrationsge-
setzes (AIG, SR 142.20) bewilligt wird.
3.2 Die Übernahme von Einreisekosten soll verhindern, dass sich durch die
Verzögerung der Ausreise eine Gefahr für die schutzbedürftige Person
ergibt. Praxisgemäss ist die Übernahme der Einreisekosten jedoch restrik-
tiv zu handhaben und kommt nur dann in Frage, wenn die Person keine
andere Möglichkeit zur Finanzierung hat (Prinzip der Subsidiarität [vgl. Ur-
teil des BVGer F-7064/2018 S. 5 f. m.H.]).
3.3 Ist die betreffende Person bereits in die Schweiz eingereist, so werden
die Kosten grundsätzlich nicht übernommen, da die notwendigen finanziel-
len Mittel offensichtlich aufgebracht werden konnten. Lediglich in Ausnah-
mefällen sind solche Kosten dennoch zu berücksichtigen, wobei es hierbei
die Art der Finanzierung der Reisekosten und die Frage, ob sich die Person
im Ausland in akuter Gefahr befunden hat, zu berücksichtigen gilt. So kann
in Fällen, bei denen sich die Person wegen fehlender finanzieller Mittel
durch Aufnahme eines Darlehens bei einem Kreditinstitut verschulden
musste, beziehungsweise wenn die finanziellen Mittel von dritter Seite vor-
gestreckt werden mussten, um einer akut gefährdeten Person die Ausreise
zu ermöglichen, eine Kostenübernahme durch den Bund nicht von vornhe-
rein ausgeschlossen werden (vgl. Urteile des BVGer F-1429/2020 vom
26. November 2020 E. 3.3, F-1534/2019 vom 11. September 2020 E. 4.2
je m.w.H.).
4.
4.1 Zur Begründung der Abweisung der Übernahme der Einreisekosten
führt die Vorinstanz aus, aufgrund der ergänzenden Angaben der Be-
schwerdeführenden im vorinstanzlichen Verfahren ergebe sich, dass ihnen
durch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) ein Vorschuss der Reisekos-
ten in Form eines Darlehens gewährt worden sei, das in monatlichen Raten
zu Fr. 123.– zurückzuzahlen sei. Per Ende Dezember 2020 sei aufgrund
des eingereichten Kontoauszugs ersichtlich, dass sie eine gewisse Summe
hätten ansparen können. Auch wenn diese Summe die Einreisekosten
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nicht zu decken vermögen, lässt sich damit die Ratenzahlung tilgen. Es sei
demnach von genügend finanziellen Mitteln auszugehen, um die Einreise-
kosten zu decken. Die Bedingungen für die Übernahme der Einreisekosten
durch den Bund seien daher nicht erfüllt.
4.2 Die Beschwerdeführenden machen geltend, beim Saldo des Kontoaus-
zugs per 31. Dezember 2020 handle es sich nicht um Erspartes. Das SRK
überweise die Sozialhilfe und die Mietzulagen jeweils am Monatsende für
den Folgemonat. Ende Dezember 2020 hätten sie ihre Zulagen für Januar
2021 erhalten. Am 2. Dezember 2020 seien ihnen Fr. 590.– für Möbelhilfe
und am 22. Dezember 2020 Fr. 1'700.– (Mietzulage) und Fr. 2'290.– (Sozi-
alhilfe) überwiesen worden. Im Januar hätten sie damit ihre Ausgaben be-
zahlt.
4.3 In ihrer Vernehmlassung bringt die Vorinstanz vor, auf dem von den
Beschwerdeführenden eingereichten Kontoauszug sei per 31. Dezember
2020 ein Guthaben in der Höhe von Fr. 633.67 ersichtlich gewesen. Aus
dem Begleitschreiben vom 13. Januar 2021 sei einzig hervorgegangen,
dass sie keine weiteren Konten hätten. Auch auf Beschwerdeebene werde
nicht präzisiert, wofür dieses Geld konkret ausgegeben worden sei. Es sei
deshalb weiterhin davon auszugehen, dass eine Ratenzahlung von
Fr. 123.– für das Darlehen des SRK zumutbar sei. Die Einreisekosten kön-
nen daher über das Darlehen des SRK abgewickelt werden.
4.4 Replizierend erwidern die Beschwerdeführenden, sie würden von der
Sozialhilfe unterstützt und in sehr bescheidenen Verhältnissen leben. Er
(Beschwerdeführer) lebe am Existenzminimum, weshalb er für die Einrei-
sekosten seiner Familie nicht habe aufkommen können. Für die Flucht aus
der Türkei habe er sich sodann mit EUR 7'000.– erheblich verschulden
müssen. Seit seiner Flucht habe er keinen Kontakt zu seiner dort lebenden
Familie mehr und könne nicht auf ihre Unterstützung zurückgreifen, da
diese selbst mittellos sei. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz handle es
sich bei den Fr. 633.67 nicht um Erspartes.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft Verfügungen des SEM im Anwen-
dungsbereich des Asylgesetzes nicht auf ihre Angemessenheit hin
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Gemäss BVGE 2014/22 (E. 5.4 – 5.8) handelt es
sich beim Entscheid betreffend Übernahme der Einreisekosten um einen
Ermessensentscheid. Die Kognition beschränkt sich auf das Vorliegen
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qualifizierter Fehler, d.h. auf Missbrauch und Über- oder Unterschreitung
des Ermessens.
5.2 Ein solch qualifizierter Fehler liegt nicht vor. Die Regelung von Art. 53
Bst. d AsylV 2 soll, wie erwähnt, insbesondere verhindern, dass sich durch
die Verzögerung der Ausreise eine Gefahr für die schutzbedürftige Person
ergibt. Der Beschwerdeführer reiste bereits im Mai 2018 aus, seine Familie
folgte rund zwei Jahre später und befindet sich seit dem 30. Oktober 2020
ebenfalls in der Schweiz. Aus den Akten geht nicht hervor, dass die Fami-
lienangehörigen in der Türkei einer akuten Gefährdung ausgesetzt waren
(vgl. E. 3.3). Dies wird denn auch auf Beschwerdeebene nicht geltend ge-
macht. Eine unverzügliche Ausreise der Ehefrau und der gemeinsamen
Kinder war damit nicht zwingend notwendig (vgl. auch Urteil des BVGer
F-400/2021 vom 16. April 2021 E. 5.4). Trotz Aufnahme eines Darlehens
von Dritten sind somit die Voraussetzungen für eine Kostenübernahme
durch den Bund nicht erfüllt. Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen,
dass der Beschwerdeführer weder den Darlehensvertrag noch aktuelle
Kontoauszüge eingereicht hat. Auch ein Nachweis der effektiv bezahlten
Flugkosten fehlt. Die abschliessende Klärung der Mittellosigkeit des Be-
schwerdeführers kann jedoch aus den erwähnten Gründen offengelassen
werden.
5.3 Zusammenfassend hat die Vorinstanz dem Gesuch um Übernahme der
Einreisekosten zu Recht nicht stattgegeben.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
nicht zu beanstanden ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist daher abzu-
weisen.
7.
7.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (vgl.
Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist unbesehen der finanziellen Verhältnisse der Be-
schwerdeführenden abzuweisen, da die Beschwerde als aussichtslos zu
bezeichnen ist und es daher an einer gesetzlichen Voraussetzung zu deren
Gewährung fehlt.
7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund
der besonderen Umstände (Sozialhilfeabhängigkeit) kann jedoch aus-
nahmsweise auf die Auferlegung von Verfahrenskosten verzichtet werden
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(Art. 63 Abs. 1 in fine VwVG i.V.m. Art. 6 Bst. b des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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