Decision ID: fd58ebed-46e6-4766-908e-248571693b2e
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Angriff etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung, vom 12. Juni 2019 (DG190001)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 20. Dezember 2018 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. D1 26).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 101 S. 88 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Das Verfahren wird in Bezug auf die Vorwürfe der Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne
von Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1 SVG sowie des pflichtwidrigen
Verhaltens bei Unfall im Sinne von Art. 92 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 51 Abs. 1 und
3 SVG (Dossier 15) eingestellt.
2. Der Beschuldigte ist schuldig
− der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB (Dossier 21);
− der Freiheitsberaubung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1 StGB (Dossier 30);
− des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB (Dossier 6);
− der versuchten Erpressung im Sinne von Art. 156 Ziff. 1 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB (Dossier 26);
− des Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB (Dossier 21);
− des mehrfachen Landfriedensbruchs im Sinne von Art. 260 Abs. 1 StGB (Dossier 1,
4, 7);
− der mehrfachen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte im Sinne von
Art. 285 Ziff. 1 Abs. 1 StGB, teilweise in Verbindung mit Ziff. 2 StGB (Dossier 1, 27);
− der mehrfachen Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB (Dossier 14, 21, 31);
− der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
(Dossier 30);
− der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB (Dossier 30);
− der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB (Dossier 14);
- 3 -
− der mehrfachen Beschimpfung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB (Dossier 9, 10, 11,
14, 31);
− des mehrfachen Fahrens ohne Berechtigung im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. b und d
SVG (Dossier 15, 16, 17) sowie
− der mehrfachen Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB (Dossier 21, 30).
3. Der Beschuldigte wird vom Vorwurf der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1
StGB betreffend Dossier 7 freigesprochen.
4. Der Beschuldigte wird bestraft mit 45 Monaten Freiheitsstrafe (wovon 172 Tage durch Haft
erstanden sind) sowie mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 30.– und einer Busse
von Fr. 600.–.
5. Die Freiheitsstrafe und die Geldstrafe werden vollzogen.
6. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an
deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 6 Tagen.
7. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 20. Dezember 2018
beschlagnahmten Betäubungsmittel und Betäubungsmittelutensilien (Asservat-Nr.
A011'380'179, A011'380'191, A011'380'204, A011'380'215, A011'380'226 und
A011'972'182) werden eingezogen und vernichtet.
8. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 20. Dezember 2018
beschlagnahmten Fr. 90.– werden eingezogen und zur Urteilsvollstreckung verwendet.
9. a) Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ Schadenersatz von Fr.
500.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 11. März 2017 zu bezahlen (betreffend Diebstahl
gemäss Dossier 21).
Im Übrigen wird festgestellt, dass der Beschuldigte der Privatklägerin B._
gegenüber aus den eingeklagten Ereignissen dem Grundsatz nach
schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Schadenersatzanspruches
wird die Privatklägerin auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
b) Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ eine Genugtuung von
Fr. 2'500.– zuzüglich 5 % Zins seit 10. März 2017 zu bezahlen.
10. a) Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte der Privatklägerin C._ gegenüber aus
den eingeklagten Ereignissen dem Grundsatz nach schadenersatzpflichtig ist. Zur
- 4 -
genauen Feststellung des Schadenersatzanspruches wird die Privatklägerin auf den
Weg des Zivilprozesses verwiesen.
b) Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin C._ eine Genugtuung von
Fr. 1'000.– zuzüglich 5 % Zins seit 15. April 2018 zu bezahlen.
11. Die Zivilforderungen der Privatkläger D._, E._, F._, G._, H._ und
I._ werden auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
12. Rechtsanwältin lic. iur. X._ wird für ihre Bemühungen als amtliche Verteidigerin mit
Fr. 41‘051.50 (inkl. Barauslagen und MwSt.), abzüglich Fr. 15'200.– Akontozahlung, aus der
Gerichtskasse entschädigt.
13. Rechtsanwalt lic. iur. Y._ wird für seine Aufwendungen als unentgeltlicher
Rechtsbeistand der Privatklägerin B._ aus der Gerichtskasse mit Fr. 6‘655.70 (inkl.
Barauslagen und MwSt.) entschädigt.
14. Rechtsanwältin Dr. iur. Z._ wird für ihre Aufwendungen als unentgeltliche
Rechtsbeiständin der Privatklägerin C._ aus der Gerichtskasse mit Fr. 8‘605.– (inkl.
Barauslagen und MwSt.) entschädigt.
15. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 6'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 5'500.– Gebühr Strafuntersuchung
Fr. 11'773.25 Auslagen Gutachten
Fr. 105.30 Auslagen Untersuchung
Fr. 41'051.50 amtliche Verteidigung
Fr. 15'260.70 Vertreter Geschädigter/Privatklägervertretungen
16. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen
der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerin B._
und der Privatklägerin C._, werden dem Beschuldigten auferlegt.
17. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen.
Vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
18. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretungen der Privatklägerinnen B._ und C._
werden definitiv auf die Gerichtskasse genommen.
19. Der Antrag der Privatklägerin C._ auf Zusprechung einer Umtriebsentschädigung wird
abgewiesen.
- 5 -
20. [Mitteilungen.]
21. [Rechtsmittel.]"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 11 ff.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 102; Urk. 120 S. 1 und Prot. II S. 14 sinngemäss)
1. Ziffer 1 des angefochtenen vorinstanzlichen Urteils sei zu bestätigen.
2. In Abänderung von Ziffer 2 des angefochtenen Urteils sei der Beschuldigte
freizusprechen von folgenden Vorwürfen:
- der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 159 [recte: 129] StGB
(Dossier 21);
- der versuchten Erpressung im Sinne von Art. 156 Ziff. 1 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Dossier 26);
- des Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB (Dossier 21);
- des Landfriedensbruchs im Sinne von Art. 260 Abs. 1 StGB (Dossier 4);
- der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB (Dossier 31);
- der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB (Dossier 30);
- der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB (Dossier 14),
- der Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB (Dossier 21).
Im Übrigen sei der Beschuldigte gemäss Ziffer 2 des angefochtenen Urteils
schuldig zu sprechen.
3. Ziffer 3 des angefochtenen Urteils sei zu bestätigen.
4. In Abänderung von Ziffer 4 des angefochtenen Urteils sei der Beschuldigte
mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr zu bestrafen, wovon 172 Tage
durch Haft erstanden sind, sowie mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen
zu je Fr. 10.– und einer Busse von Fr. 500.–.
- 6 -
5. In Abänderung von Ziffer 5 des angefochtenen Urteils sei von einem Vollzug
der Freiheitsstrafe abzusehen.
6. Ziffer 6 des angefochtenen Urteils sei ersatzlos aufzuheben.
7. Ziffer 7 des angefochtenen Urteils sei zu bestätigen.
8. Ziffer 8 des angefochtenen Urteils sei zu bestätigen.
9. Ziffer 9 des angefochtenen Urteils sei ersatzlos aufzuheben.
10. In Abänderung von Ziffer 10 des angefochtenen Urteils seien sämtliche
Zivilansprüche der Privatklägerin C._ auf den Zivilweg zu verweisen.
11. Ziffer 11 des angefochtenen Urteils sei zu bestätigen.
12. Die Ziffern 12 bis 15 des angefochtenen Urteils seien zu bestätigen.
13. In Abänderung von Ziffer 16 des angefochtenen Urteils seien die Kosten der
Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens mit Ausnahme der Vertei-
digungskosten dem Beschuldigten zu 10% aufzuerlegen.
14. In Abänderung von Ziffer 17 des angefochtenen Urteils sei bezüglich der
Kosten der amtlichen Verteidigung die Nachforderung gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO auf 10% der Anwaltskosten zu beschränken.
15. Die Ziffern 18 bis 21 des angefochtenen Urteils seien zu bestätigen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(schriftlich; Urk. 107)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) Der Privatklägerschaft:
Keine Anträge.
- 7 -

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte, Berufungsumfang, Prozessuales
1. Prozessgeschichte
1.1. Das vorstehend wiedergegebene Urteil vom 12. Juni 2019 wurde den
Parteien gleichentags mündlich eröffnet (Prot. I S. 52 ff.). Der Beschuldigte
meldete mit Schreiben vom 14. Juni 2019 innert Frist Berufung an (Urk. 87).
1.2. Nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 94 und 98/2) reichte der
Beschuldigte am 16. Januar 2020 fristgerecht die Berufungserklärung ein
(Urk. 102). Mit Präsidialverfügung vom 12. Februar 2020 wurde die Berufungs-
erklärung in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 und Art. 401 StPO den
Privatklägern und der Staatsanwaltschaft zugestellt, um gegebenenfalls
Anschlussberufung zu erheben oder Nichteintreten auf die Berufung zu
beantragen. Die Staatsanwaltschaft verzichtete mit Schreiben vom 19. Februar
2020 auf Anschlussberufung (Urk. 107). Die Privatkläger liessen sich nicht
vernehmen.
1.3. Unter dem 5. November 2020 erging die Vorladung für die
Berufungsverhandlung vom 14. Januar 2021 (Urk. 110). Am späten Nachmittag
des 13. Januar 2021 liess der Beschuldigte durch seine Verteidigung mitteilen, er
zeige seit mehreren Tagen Erkältungssymptome und werde sich einem Corona-
Test unterziehen (vgl. Urk. 118 und Urk. 119). In der Folge erschien lediglich die
amtliche Verteidigerin zur anberaumten Berufungsverhandlung, an welcher die
Berufungsbegründung des appellierenden Beschuldigten entgegengenommen
und festgehalten wurde, dass dem Beschuldigten Frist angesetzt werde, um sein
Fernbleiben – insbesondere mit dem Nachweis eines Corona-Tests – zu belegen
(Prot. II S. 4; Urk. 121). Nach entsprechender Fristansetzung und letztmalig
erstreckter Frist liess der Beschuldigte ein Testzertifikat ins Recht reichen
(Urk. 128; Urk. 130/1-2). Der Beschuldigte liess sich erst am späten Morgen des
14. Januar 2021 testen, obwohl er angeblich bereits seit mehreren Tagen an einer
Erkältung litt (Urk. 118/1). Das Verschiebungsgesuch wurde offensichtlich zur
Unzeit gestellt (Art. 205 Abs. 2 StPO). Trotzdem wurde am 28. Januar 2021
- 8 -
erneut zur heutigen Berufungsverhandlung vorgeladen, zu welcher wiederum
einzig die amtliche Verteidigerin erschien. Der Beschuldigte blieb der
Verhandlung unentschuldigt fern (Urk. 131; Prot. II S. 11 ff.).
1.4. Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung stellte die Verteidigung die
Beweisergänzungsanträge (Urk. 137; vgl. nachfolgend E. I.4 f.). Nach erfolgter
Zwischenberatung wurden die gestellten Beweisergänzungsanträge abgelehnt
(Prot. II S. 14). Im Übrigen verwies die Verteidigung auf die bereits anlässlich der
ersten Berufungsverhandlung erstattete Berufungsbegründung (Prot. II S. 14).
Das Verfahren ist spruchreif.
2. Umfang der Berufung
2.1. Der Beschuldigte verlangt, er sei von den Vorwürfen der Gefährdung des
Lebens (Dossier 21), der versuchten Erpressung (Dossier 26), des Diebstahls
(Dossier 21), des Landfriedensbruchs (Dossier 4), der Drohung (Dossier 31), der
Nötigung (Dossier 30), der Sachbeschädigung (Dossier 14) und der Tätlichkeit
(Dossier 21) freizusprechen. Im Übrigen sei er mit einer bedingten Freiheitsstrafe
von einem Jahr zu bestrafen. Der Beschuldigte ficht zudem die Regelung der
Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen der Privatklägerinnen B._ und
C._ (Dispositivziffern 9 und 10), die vorinstanzliche Kostenauflage
(Dispositivziffer 16) und den Nachforderungsvorbehalt an (Dispositivziffer 17; vgl.
Prot. II. S. 5 ff.).
Unangefochten blieben die Einstellung des Verfahrens betreffend Verletzung der
Verkehrsregeln und pflichtwidriges Verhalten bei Unfall (Dispositivziffer 1), die
Schuldsprüche in Dispositivziffer 2 wegen Freiheitsberaubung (2. Spiegelstrich,
Dossier 30), Angriffs (3. Spiegelstrich, Dossier 6), mehrfachen
Landfriedensbruchs (6. Spiegelstrich, Dossiers 1 und 7), mehrfacher Gewalt und
Drohung gegen Behörden und Beamte (7. Spiegelstrich, Dossiers 1 und 27),
mehrfacher Drohung (8. Spiegelstrich, Dossiers 14 und 21), einfacher
Körperverletzung (9. Spiegelstrich, Dossier 30), mehrfacher Beschimpfung (12.
Spiegelstrich, Dossiers 9, 10, 11, 14 und 31), mehrfachen Fahrens ohne
Berechtigung (13. Spiegelstrich, Dossiers 15, 16 und 17) und Tätlichkeit (14.
- 9 -
Spiegelstrich, Dossier 30). Unangefochten blieben weiter der Freispruch vom
Vorwurf der Sachbeschädigung (Dispositivziffer 3, Dossier 7), die Einziehung der
beschlagnahmten Betäubungsmittel und Betäubungsmittelutensilien
(Dispositivziffer 7), die Verwendung der beschlagnahmten Barschaft zur
Kostendeckung (Dispositivziffer 8), der Verweis verschiedener Zivilforderungen
auf den Weg des Zivilprozesses (Dispositivziffer 11), die Entschädigung der
amtlichen Verteidigung sowie der Rechtsbeistände der Privatklägerinnen B._
und C._ (Dispositivziffern 12-14 und 18), die erstinstanzliche
Kostenfestsetzung (Dispositivziffer 15) sowie die Abweisung einer
Umtriebsentschädigung an die Privatklägerin C._ (Dispositivziffer 19). In
diesem Umfang ist der vorinstanzliche Entscheid in Rechtskraft erwachsen, was
vorab vorzumerken ist (Art. 399 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 437 StPO; Prot. II S.
13 f.).
2.2. Im Übrigen steht der angefochtene Entscheid unter Berücksichtigung des
Verschlechterungsverbots im Sinne von Art. 391 Abs. 2 StPO zur Disposition.
3. Anklageprinzip
3.1. Die Verteidigung führte sowohl vor Vorinstanz als auch im
Berufungsverfahren aus, die Nötigung zum Nachteil der Privatklägerin J._
(Dossier 30, Vorfall vom 15. Juli 2018) sei ungenügend angeklagt. In der
Anklageschrift werde nicht ausgeführt, der Beschuldigte habe weitere Schläge
angedroht. Ebenso wenig sei der Anklage zu entnehmen, wie der Beschuldigte
die Privatklägerin gezwungen haben soll, ihre Schuhe anzuziehen, über die
Balkontüre das Haus zu verlassen und im Anblick der eingetroffenen Polizei ruhig
zu bleiben (Urk. 78 S. 19 f.; Urk. 120 S. 21 f.). Die Rüge ist unbegründet.
3.2. Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand
des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 29 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2
BV; Art. 9 und Art. 325 StPO; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 lit. a und b EMRK). Das
Gericht ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden
(Immutabilitätsprinzip), nicht aber an dessen rechtliche Würdigung durch die
Anklagebehörde (vgl. Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten
- 10 -
Person zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben,
dass die Vorwürfe im objektiven und subjektiven Bereich genügend konkretisiert
sind. Das Anklageprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte
der beschuldigten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör
(Informationsfunktion; BGE 143 IV 63 E. 2.2 S. 65 mit Hinweisen).
3.3. Die Anklage wirft dem Beschuldigten vor, der Privatklägerin mehrmals mit
der flachen Hand ins Gesicht geschlagen zu haben. Der Privatklägerin sei es
darauf gelungen, sich im Badezimmer einzuschliessen und von dort die Polizei zu
alarmieren. Der Beschuldigte, der dies bemerkt habe, habe die Türe der Toilette
gewaltsam aufgestossen. In der Folge habe er die Privatklägerin gepackt und
gezwungen, die Schuhe anzuziehen und mit ihm über die Balkontüre das Haus zu
verlassen. Aus einiger Entfernung hätten sie die in der Zwischenzeit eingetroffene
Polizei beobachten können. Dabei habe der Beschuldigte die Privatklägerin
aufgefordert, ruhig zu bleiben und nicht mehr zu weinen, bis die Polizei
unverrichteter Dinge wieder abgezogen sei. Dem Beschuldigten sei es bewusst
gewesen, dass sich die eingeschüchterte Privatklägerin nur aus Angst vor ihm
ruhig verhalten habe. Er habe in der Absicht gehandelt, eine Kontaktaufnahme mit
den Polizisten zu verhindern (Urk. D1 26 S. 13 f.).
3.4. Damit sind der Lebenssachverhalt und das dem Beschuldigten zur Last
gelegte Verhalten hinreichend konkretisiert. Die Anklageschrift genügt
offensichtlich den sich aus der Umgrenzungsfunktion ergebenden Anforderungen.
Mit Blick auf die Ereignisse vor dem Eintreffen der Polizei ist die in der Anklage
erwähnte Aufforderung, ruhig zu bleiben und nicht mehr zu weinen, nicht als
blosse Bitte zu verstehen. Sie richtete sich denn auch an die Adresse einer
eingeschüchterten Privatklägerin. Entgegen der Verteidigung erklärt die Anklage
zudem hinreichend, wie die Privatklägerin dazu gebracht wurde, ihre Schuhe
anzuziehen und das Haus über die Balkontüre zu verlassen. Die Anklageschrift ist
nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Umgrenzung des
Prozessgegenstands und der Information des Beschuldigten, damit dieser die
Möglichkeit hat, sich zu verteidigen. Eine Anklageschrift ist kein Urteil (Urteil
6B_462/2014 vom 27. August 2015 E. 2.3.1 mit Hinweis, nicht publ. in BGE 141
- 11 -
IV 369; Urteil 6P.183/2006 vom 19. März 2007 E. 4.2). Der Beschuldigte wusste,
welche Nötigungshandlungen Gegenstand der Anklage bilden und er wurde von
den Vorwürfen nicht überrascht. Dass und inwiefern ihm eine wirksame
Verteidigung nicht möglich gewesen sein sollte, ist weder aufgezeigt noch
ersichtlich. Eine Verletzung des Anklageprinzips liegt nicht vor.
4. Beweisantrag: Gerichtliche Einvernahme der Privatklägerinnen
4.1. Die Verteidigung beantragt erstmals anlässlich der heutigen
Berufungsverhandlung, es seien die Privatklägerinnen B._, J._ und
C._ gerichtlich als Auskunftspersonen zu befragen. Zur Begründung wird im
Wesentlichen angeführt, es widerspreche dem Unmittelbarkeitsprinzip, dass
sämtliche Privatklägerinnen nie von einem Gericht angehört worden seien. Soweit
der Beschuldigte die Anklagevorwürfe nicht anerkenne, bestünden in den
Schilderungen jeder Privatklägerin hinsichtlich der sie betreffenden
Anklagesachverhalte zahlreiche Ungereimtheiten. Deshalb – so die Verteidigung
weiter – seien deren Aussagen durch das Gericht einer "eigenen Würdigung" zu
unterziehen (Urk. 137 S. 1).
4.2. Ein Beweisantrag kann abgelehnt werden, wenn er unzulässig ist, die
damit behauptete Tatsache unerheblich, dem Gericht offenkundig bereits bekannt
oder bereits rechtsgenügend erwiesen ist oder der Beweisantrag einzig zur
Verschleppung des Verfahrens gestellt wird (FINGERHUTH/GUT, in: Zürcher
Kommentar StPO, 3. Auflage 2020, N. 12 zu Art. 343 StPO). Das
Berufungsgericht erhebt auf Antrag oder von Amtes wegen bereits im
Vorverfahren ordnungsgemäss und vollständig erhobene Beweise nur dann
erneut, wenn die unmittelbare Kenntnisnahme des Beweises für die Urteilsfällung
notwendig erscheint (Art. 405 Abs. 1 StPO i.V.m. 343 Abs. 3 StPO; Urteil
6B_1251/2014 vom 1. Juni 2015 E. 1.3.). Beweise sind notwendig, wenn sie den
Ausgang des Verfahrens beeinflussen können. Dies ist namentlich der Fall, wenn
die Beweiskraft des Beweismittels in entscheidender Weise vom Eindruck
abhängt, der bei seiner Präsentation entsteht, beispielsweise wenn es in
besonderem Masse auf den unmittelbaren Eindruck einer Zeugenaussage
ankommt, etwa wenn bei einem sogenannten Vier-Augen-Delikt Aussage gegen
- 12 -
Aussage steht. Allein der Inhalt einer Aussage (was gesagt wird) lässt eine
erneute Beweisabnahme aber nicht als notwendig erscheinen. Ausschlaggebend
ist vielmehr, ob das Urteil in entscheidender Weise vom Aussageverhalten der
betreffenden Person (wie sie es sagt) abhängt (vgl. BGE 140 IV 196 E. 4.4.2).
Eine Beweisabnahme durch das Gericht ist nicht schon deshalb notwendig, weil
nonverbales Verhalten der einvernommenen Person stets Teil ihrer
Aussageleistung ist. Andernfalls hätte der Gesetzgeber bei den
Personalbeweisen konsequenterweise das Unmittelbarkeitsprinzip statuieren
müssen, was er jedoch gerade unterliess. Die Aussagekraft nonverbalen Ver-
haltens darf denn auch nicht überbewertet werden, und dessen Interpretation ist
schwierig (zum Ganzen: Urteil 6B_430/2015 vom 12. Juni 2015 E. 2.3.2). Die
Aussagenpsychologie verweist auf intensive Forschungen auf diesem Gebiet und
warnt eindringlich vor einer Über- oder sogar Falschbewertung solcher Faktoren
zur Beurteilung der Glaubhaftigkeit einer Aussage (s.a. FINGERHUTH/GUT, a.a.O.,
N. 29 f. zu Art. 343 StPO).
Das Gericht verfügt bei der Frage, ob die unmittelbare Kenntnis eines
Beweismittels im Sinne von Art. 343 Abs. 3 StPO für die Urteilsfällung notwendig
erscheint, über einen Ermessensspielraum (BGE 140 IV 196 E. 4.4.1 f. m.H.).
4.3. Die Verteidigung begründet die erneute Befragung sämtlicher
Privatklägerinnen einzig mit dem Umstand, deren Aussagen seien
widersprüchlich. Weshalb die Verteidigung erst im heutigen Zeitpunkt – rund 1 1⁄2
Jahre nach der vorinstanzlichen Hauptverhandlung und ohne jegliche neue
Erkenntnisse seit der Untersuchung – zu diesem Schluss gelangt, ist nicht restlos
klar. Allein der Inhalt einer rechtsgültig deponierten Aussage rechtfertigt im Sinne
der dargelegten Rechtsprechung jedoch keine erneute Einvernahme vor Gericht.
Wie hernach im Rahmen der Erwägungen zum Schuldpunkt im Einzelnen
aufzuzeigen sein wird, erweisen sich die strittigen Aussagen aller
Privatklägerinnen entgegen der Verteidigung aber ohnehin nicht als
widersprüchlich oder in anderer Weise unglaubhaft. Auch handelt es sich bei den
zu prüfenden Vorwürfen nicht um typische Vier-Augen-Delikte, bei welchen die
Beweiswürdigung mangels anderweitiger Beweise entscheidend vom
- 13 -
Aussageverhalten einer einzelnen Person abhängt. Hinsichtlich der noch strittigen
Anklagesachverhalte liegen jeweils weitere (Sach-)Beweise vor, und der
Beschuldigte hat die ihm zur Last gelegten Übergriffe darüber hinaus in gewissen
Teilen anerkannt. Eine erneute Befragung der Privatklägerinnen durch das
Gericht erscheint daher nicht als notwendig (siehe nachfolgend betr. B._
E. II.4.3.9.; betr. J._ E. 7.1.3.; betr. C._ E. 6.2., E. 8.2. und E. 9.3.).
5. Beweisantrag: Einholung eines Berichts über die psychische Gesundheit des Beschuldigten
5.1. Weiter beantragt die Verteidigung die Einholung eines Berichts über den
aktuellen psychischen Gesundheitszustand des Beschuldigten. Dieser habe sich
in psychiatrische Behandlung begeben. Gemäss ersten Abklärungen habe sich
dabei der Verdacht auf eine psychische Störung ergeben. Dies stehe im
Widerspruch zu den Ergebnissen des in der Untersuchung eingeholten
psychiatrischen Gutachtens von Dr. K._ vom 27. März 2018, weshalb Zweifel
an der psychischen Gesundheit des Beschuldigten bestünden, was mit Blick auf
die Frage der Zurechnungsfähigkeit und die Strafzumessung einer Abklärung
bedürfe (Urk. 137 S. 2).
5.2. Ein bereits erstelltes Gutachten ist nur zu ergänzen, wenn aufgrund der
veränderten Sachlage mit hinreichender Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen ist,
dass die Antworten auf die Gutachterfragen zufolge der Entwicklung seit der
Gutachtenserstellung anders ausfallen könnten als das Ergebnis der bereits
erstellten Expertise (vgl. DONATSCH, in: Zürcher Kommentar StPO, 3. Auflage
2020, N. 9 zu Art. 189 StPO).
5.3. Gemäss psychiatrischem Gutachten von Dr. med. K._ vom 27. März
2018 liege beim Beschuldigten keine krankheitswertige psychische Störung oder
ein Abhängigkeitsleiden vor. Er zeige zwar gewisse dissoziale oder emotional
instabile Züge, jedoch genüge der Nachweis sozial abweichenden Verhaltens
allein nicht zur Stellung der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung. Ebenfalls
habe beim Beschuldigten zum Tatzeitpunkt keine Beeinträchtigung der Einsichts-
und Steuerungsfähigkeit vorgelegen (Urk. 11/16 S. 19 ff. und S. 23 f.). Das
- 14 -
Gutachten ist vollständig, nachvollziehbar und klar. Wenn der Beschuldigte,
welcher sich noch in der Untersuchung mit der Einlegung eines Rechtsmittels
gegen die Begutachtung seiner Person gewehrt hatte (vgl. Urk. 11/6), nunmehr
geltend macht, es bestünden seit Kurzem Zweifel an seiner psychischen
Gesundheit, so handelt es sich dabei um eine blosse Parteibehauptung, welche
nicht ansatzweise belegt ist. Selbst die Verteidigung räumte sinngemäss selber
ein, es lägen keinerlei schriftliche Belege vor und es sei aufgrund der heutigen
Ausgangslage unklar, ob der Beschuldigte überhaupt an einer Erkrankung leide
(Urk. 137 S. 2). Damit ergeben sich weder aus den Akten noch den Vorbringen
der Verteidigung Zweifel an der Richtigkeit und Aktualität der gutachterlichen
Folgerungen oder sonst Hinweise darauf, dass sich der Geisteszustand bzw. die
Persönlichkeitsstruktur des Beschuldigten seit Erstattung des Gutachtens
entscheidwesentlich verändert haben könnte. Es besteht bei dieser Ausgangslage
kein Anlass, einen Bericht der psychiatrischen Poliklinik Zürich einzuholen. Der
diesbezügliche Beweisantrag ist abzuweisen.
II. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Allgemeines
Die Vorinstanz hat die theoretischen Grundsätze der richterlichen Beweiswür-
digung dargelegt. Darauf kann verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO), ebenso
auf die vorinstanzlichen Erwägungen zur Frage der Glaubwürdigkeit einer
Person (Urk. 101 S. 11 f.). Im Übrigen kann sich die Berufungsinstanz auf die
für ihren Entscheid wesentlichen Punkte beschränken (vgl. BGE 141 IV 249
E. 1.3.1 S. 253; Urteil 1B_242/2020 vom 2. September 2020 E. 2.2., je mit
Hinweisen).
2. Landfriedensbruch (Dossier 4)
2.1. Anklagevorwurf und Standpunkte
2.1.1. Die Vorinstanz kommt zusammengefasst zum Schluss, der Anklagevorwurf
sei erstellt. Danach seien nach Ende eines Fussballspiels zwischen dem
FC Luzern und dem FCZ Teile der beiden Fanlager gewalttätig aufeinander
- 15 -
losgegangen, wobei im betroffenen Quartier Sachschäden an Fahrzeugen und
Gebäuden entstanden sei. Der Beschuldigte sei Teil dieser gewaltbereiten
Gruppierung gewesen. Er habe angegeben, am 25. Mai 2015 am Fussballspiel
des FCZ gegen den FC Luzern sowie beim Zusammentreffen beider Fanlager
dabei gewesen zu sein. Unbestritten geblieben sei auch, dass sich der
Beschuldigte an der L._-strasse in Luzern aufgehalten habe. Dass anlässlich
des Vorfalls ein Sachschaden von ca. Fr. 14'000.– entstanden sei, sei ebenfalls
erstellt (Urk. 101 S. 19 ff.).
2.1.2. Der Beschuldigte bestritt den Sachverhalt im Untersuchungsverfahren und
vor Vorinstanz weitgehend. Es sei richtig, dass er am Match gewesen sei. Er
habe aber nur schlichten und die Leute vom Zaun wegnehmen wollen (Urk. D1
7/8 S. 3). Er sei mit zwei Kollegen und nicht in einer Fangruppe unterwegs
gewesen (Prot. I S. 30). Die Verteidigung hielt fest, laut Rapport der Luzerner
Polizei hätten die Luzerner Fans mit den Provokationen angefangen. Der
Beschuldigte habe sich an den Zaun zwischen den beiden Fan-Gruppen
begeben. Er habe jedoch weder geschlagen noch zu einem Wurf ausgeholt.
Vielmehr sei er versehentlich von einem anderen FCZ-Fan an der Brust getroffen
worden und deswegen zu Boden gefallen. Darauf sei er zum Marsch
zurückgekehrt. Er habe sich somit vom Geschehen entfernt, bevor es zu
Gewalttätigkeiten gekommen sei. Dem Polizeirapport sei zudem nicht zu
entnehmen, wo und wann die Schäden entstanden seien respektive wo sich der
Beschuldigte in diesem Zeitpunkt genau aufgehalten habe (Urk. 78 S. 25 f.; Urk.
120 S. 3).
Anlässlich der Berufungsverhandlung wiederholte die Verteidigung im Wesent-
lichen den bereits geschilderten Standpunkt. Ergänzend und entgegen den bis-
herigen Ausführungen macht die Verteidigung nunmehr geltend, die Fotos würden
zeigen, wie der Beschuldigte an einem Zaun stehe und zu einem Wurf aushole
(Urk. 120 S. 2 f.).
2.2. Sachverhaltserstellung
- 16 -
2.2.1. Unbestritten ist, dass der Beschuldigte am 25. Mai 2015 das Fussballspiel
zwischen dem FC Luzern und dem FCZ besuchte. Aus dem Polizeirapport vom
8. Oktober 2015 geht hervor, dass beide Fanlager nach dem Spiel in getrennten,
von der Polizei vorgegebenen Routen zum ...-Platz respektive zum Bahnhof
marschierten. Dabei kam es auf den parallel verlaufenden Wegen (M._- und
L._-strasse) zwischen den Lagern zu Sichtkontakt. In der Folge überstiegen
einzelne Luzerner Fans zwei Maschendrahtzäune in Richtung der Zürcher Fans.
Nachdem auch Zürcher Fans die beiden Maschendrahtzäune überwunden hatten,
kam es zu einzelnen massiven Schlägereien. Fans, welche den Ausschreitungen
aus dem Weg gehen wollten und die Routen der Polizei einhielten, waren vor
einem Aufeinandertreffen geschützt. Die Höhe des Sachschadens im Quartier
(Fahrzeuge, Mobiliar und Gebäude) wird im Polizeirapport auf ca. Fr. 14'690.–
beziffert (Urk. D4 1). Unbestritten ist weiter, dass der Beschuldigte sich mit
mehreren Personen am Maschendrahtzaun, welcher das Bahntrassee zwischen
der M._- und der L._-strasse eingrenzt, aufhielt. Auf Vorhalt des
Fotobogens (Urk. D4 2, Fotoblatt 2) erklärte der Beschuldigte, er habe seinen
Kollegen auf die Seite nehmen wollen, sei aber von ihm weggestossen worden
und dann umgefallen (Urk. D1 7/8 S. 3). Eingeräumt ist damit nur, aber immerhin,
dass es sich bei der auf dem erwähnten Fotoblatt mit einem Pfeil markierten
Person am Zaun um den Beschuldigten handelt. Dies stimmt auch mit Kleidung
und Handverband überein (vgl. Urk. D4 2 Fotoblätter 1, 2 und 3).
Keine Zweifel bestehen, dass der Beschuldigte am Zaun stand, als die im
Polizeirapport beschriebene und unbestrittene Auseinandersetzung zwischen
beiden Fanlagern im Gange war oder zumindest ihren Lauf nahm. Die beiden
Gruppierungen waren ursprünglich auf getrennten Routen unterwegs. Mit dem
Verlassen der Route, dem Überqueren des Bahntrassees zwischen M._- und
L._-strasse und dem Betreten der gegnerischen Seite wurde die
Konfrontation gesucht und lanciert. Befand sich der Beschuldigte mit anderen
Fans in diesem Zeitpunkt am Zaun, so heisst dies entgegen der Ansicht der
Verteidigung nichts anderes, als dass die Auseinandersetzung zwischen beiden
Gruppierungen – wenn nicht im vollen Gange – mindestens ihren Lauf nahm.
- 17 -
2.2.2. Der Beschuldigte will am Zaun gestanden haben um zu schlichten
(Urk. D1 7/8 S. 3). Die Verteidigung betont, der Beschuldigte habe weder
geschlagen noch zu einem Wurf ausgeholt (Urk. 78 S. 25) respektive sei auf
einem Foto erkennbar, wie er zu einem Wurf aushole (vgl. Urk. 120 S. 2).
Zutreffend ist, dass der Beschuldigte nicht als Gewaltanwender identifiziert
werden konnte (Urk. D4 2 Fotoblatt 2). Dies ist für die rechtliche Qualifikation des
angeklagten Delikts aber ohnehin irrelevant (E. II.2.3. nachfolgend). Soweit der
Beschuldigte nur geschlichtet und deshalb die Aggressionen nicht mitgetragen
haben will, ist dies aus mehreren Gründen nicht glaubhaft. Zum einen sind seine
Aussagen teilweise nachweislich wahrheitswidrig. Auf die Frage der
vorinstanzlichen Vorsitzenden, ob er als Einzelperson oder mit der FCZ-
Fangruppe ans Spiel gegangen sei, gab der Beschuldigte zur Antwort, er sei mit
zwei Kollegen und nicht in einer Fangruppe unterwegs gewesen (Prot. I S. 30).
Solches ist durch die Akten widerlegt, die den Beschuldigten inmitten eines
Fanmarsches vor dem Fussballspiel zeigen (Urk. D4 2, Fotoblatt 3). Insbesondere
aber ist nicht überzeugend, dass der Beschuldigte sich von den friedlichen Fans
respektive von der polizeilich vorgesehenen Route (vom Stadion zum Extrazug)
löste und den Ort der Auseinandersetzung am Zaun nur deshalb aufsuchte, um
zu vermitteln. Eine solche Absicht ist klarerweise vorgeschoben. Sie passt im
Übrigen auch nicht mit dem Gebaren des Beschuldigten überein, das er wenige
Wochen zuvor am 21. Februar 2015 und 12. April 2015 an den Tag gelegt hatte.
In Zürich war er aktiver Teil einer Gruppierung, die nach einem Fussballspiel
zwischen GC und dem FCZ gewaltsam gegen Polizeibeamte losging (Dossier 1).
In Basel war er mit von der Partie, als nach dem Ende des Fussballspiels
zwischen dem FC Basel und dem FCZ die beiden Fanlager noch im
Stadioninnern versuchten, gewalttätig aufeinander loszugehen. Dabei nahm der
Beschuldigte nicht nur an der Zusammenrottung teil, sondern er war erneut
gewalttätig beteiligt, indem er gegen einen Absperrzaun des Gästesektors trat
(Dossier 7). In Luzern war der Beschuldigte abermals und im gleichen Stil an
vorderster Front dabei, um an den Gewalthandlungen teilzunehmen. Es ist nicht
glaubhaft, dass der Beschuldigte seine Rolle in Luzern plötzlich anders verstand.
Ebenso wenig nachvollziehbar erschiene im Lichte der Vorbringen der Vertei-
- 18 -
digung, dass der Beschuldigte zu einem Wurf hätte ausholen müssen, wenn
er doch gemäss eigenen Aussagen am Zaun nur habe schlichten wollen
(vgl. Urk. 120 S. 2).
2.2.3. Laut Verteidigung habe der Beschuldigte nie bestritten, sich im fraglichen
Zeitpunkt an der L._-strasse in Luzern aufgehalten zu haben. Es sei jedoch
nicht klar, ob dies auch der Ort sei, an welchem die Sachbeschädigungen
begangen worden seien. So sei dem Rapport nicht zu entnehmen, in welchem
Quartier und wann die Schäden entstanden seien. Weiter seien die Schäden nicht
mittels Fotos oder anderer Beweismittel konkretisiert. Der Rapport und die
Anklage seien viel zu dürftig (Urk. 78 S. 25 f.; Urk. 120 S. 2). Laut Anklageschrift
entstand der Sachschaden im Rahmen der zwischen beiden Fanlagern
ausgetragenen gewalttätigen Auseinandersetzung. Die Sachbeschädigungen
geschahen zwischen ca. 18.00 Uhr und 18.30 Uhr an der L._-strasse in
Luzern nach dem Ende des Fussballspiels. Bei der L._-strasse handelt es
sich um eine rund 350 Meter lange Strasse. Entsprechend örtlich eingegrenzt ist
das in Mitleidenschaft gezogene Quartier. Für den Beschuldigten war ersichtlich,
welche Vorwürfe Gegenstand der Anklage bilden. Damit genügt die Anklageschrift
insbesondere ihrer Umgrenzungs- und Informationsfunktion (BGE 143 IV 63
E. 2.2 S. 65 mit Hinweisen; vgl. auch E. I.3 vorstehend). In welchem Zeitpunkt die
Sachbeschädigungen verübt wurden (ob vor, während oder nach dem Auftauchen
des Beschuldigten am Zaun) und in welcher exakter Höhe, kann offengelassen
werden (vgl. sogleich E. II.2.3.).
2.2.4. Zusammenfassend ist der anklagerelevante Sachverhalt betreffend den
Vorfall vom 25. Mai 2015 im oben genannten Sinne erstellt.
2.3. Rechtliche Würdigung
2.3.1. Landfriedensbruch gemäss Art. 260 Abs. 1 StGB begeht, wer an einer
öffentlichen Zusammenrottung teilnimmt, bei der mit vereinten Kräften gegen
Menschen oder Sachen Gewalttätigkeiten begangen werden.
- 19 -
Zusammenrottung ist die Ansammlung einer nach den Umständen mehr oder
weniger grossen Zahl von Personen, die nach aussen als vereinte Macht
erscheint und von einer für die öffentliche Friedensordnung bedrohlichen
Grundstimmung getragen wird (BGE 108 IV 33 E. 1a S. 34 mit Hinweisen). Sie ist
öffentlich, wenn sich ihr eine unbestimmte Zahl von Personen anschliessen kann.
Ob Öffentlichkeit anzunehmen ist, hängt von den gesamten Umständen ab, deren
Tragweite unter Berücksichtigung von Sinn und Zweck der in Betracht fallenden
Strafbestimmung und des dadurch geschützten Rechtsguts zu bewerten ist
(BGE 130 IV 111 E. 4.3 S. 117 mit Hinweisen). Die mit vereinten Kräften gegen
Menschen oder Sachen begangenen Gewalttätigkeiten müssen symptomatisch
sein für die Stimmung, welche die Menge antreibt, und als Tat der Zusammen-
rottung erscheinen. Gewalt setzt nicht notwendig besondere physische Kraft
voraus. Es genügt, wenn ein Teilnehmer Gewalttätigkeiten begeht, die für die
Grundhaltung der Gruppe charakteristisch sind. Das tatbestandsmässige
Verhalten besteht bereits in der freiwilligen Teilnahme an der Zusammenrottung
und setzt nicht voraus, dass der Teilnehmende selber Gewalthandlungen begeht.
In objektiver Hinsicht genügt es, dass er als Bestandteil der Zusammenrottung
und nicht bloss als passiver, von der Ansammlung distanzierter Zuschauer
erscheint (Urteil 6B_863/2013 vom 10. Juni 2014 E. 5.4 mit Hinweisen). Der
Teilnehmer fällt nur unter Art. 260 StGB, wenn er im Zeitpunkt der Verübung von
Gewalttätigkeiten noch an der Zusammenrottung teilnimmt (GERHARD FIOLKA, in:
Basler Kommentar, Strafrecht, Bd. II, 4. Aufl. 2019, N. 22 zu Art. 260 StGB). Ein
freiwilliges Entfernen im Sinne von Art. 260 Abs. 2 StGB liegt nicht vor, wenn der
Teilnehmer von der Polizei verfolgt wird (BERNARD CORBOZ, Les infractions en
droit suisse, Vol. II, 3. Aufl. 2010, N. 10 zu Art. 260 StGB). Freilich ist Gleich-
zeitigkeit nicht absolut nachzuweisen. Es genügt, wenn die erstellte Anwesenheit
einen ausreichenden zeitlichen und örtlichen Zusammenhang mit den Aus-
schreitungen aufweist (Urteil 6B_862/2017 vom 9. März 2018 E. 1.3.2).
Subjektiv muss der Teilnehmer um den Charakter der Ansammlung als einer
Zusammenrottung wissen. Es genügt, wenn er sich wissentlich und willentlich der
Zusammenrottung, das heisst einer Menschenmenge, die von einer für die
Friedensordnung bedrohlichen Grundstimmung getragen wird, anschliesst oder in
- 20 -
ihr verbleibt. Wer solches tut, muss mit Gewaltakten rechnen. Die Verübung von
Gewalttätigkeiten muss als objektive Strafbarkeitsbedingung vom Vorsatz des
Teilnehmers nicht erfasst sein (BGE 108 IV 33 E. 3a S. 36; Urteil 6B_863/2013
vom 10. Juni 2014 E. 5.4, je mit Hinweisen).
2.3.2. Die gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Teilen der beiden
Fangruppen des FC Luzern und FCZ fand im Anschluss an das Fussballspiel auf
dem Weg zum ...-Platz und zum Bahnhof statt. Zu diesem Zweck verliessen die
jeweiligen Gruppierungen die von der Polizei vorgegebenen getrennten Routen.
Die Gewaltakte waren Ausdruck der gewaltbereiten Grundhaltung, welche die
Menge antrieb. Sie erscheinen als Tat der Zusammenrottung und sind den
Teilnehmern zuzurechnen. Der Beschuldigte war nicht etwa nur ein unbeteiligter
Zuschauer oder Vermittler, sondern an vorderster Front dabei. Er war am Zaun,
als die Auseinandersetzung zwischen beiden Gruppierungen mindestens ihren
Lauf nahm. Der Beschuldigte geriet nicht zufällig und ohne sein Wissen oder
gegen seinen Willen in die Zusammenrottung. Vielmehr suchte er die Ausein-
andersetzung abseits der offiziellen Marschroute bewusst und gewollt auf. Der
friedensbedrohende Charakter der Zusammenrottung war spätestens ab dem
Zeitpunkt erkennbar und vom Beschuldigten mitgeprägt, als Teile der Fanlager
die L._- respektive M._-strasse in Richtung Gegner verliessen.
Offenbleiben kann die Frage, in welchem genauen Zeitpunkt die Sachbeschä-
digungen verübt wurden (ob vor, während oder nach dem Auftauchen des
Beschuldigten am Zaun) und in welcher Höhe ein Sachschaden eintrat (vgl. dazu
die Vorbringen der Verteidigung; Urk. 120 S. 2 f.). Die Gewalttätigkeiten und damit
auch ihr genaues Ausmass müssen als objektive Strafbarkeitsbedingung vom
Vorsatz des Beschuldigten nicht erfasst sein. Dass aber im Quartier rund um die
L._-strasse Schäden verursacht wurden, geht aus dem Polizeirapport
rechtsgenügend hervor (Urk. D4 1). Selbst wenn die Schäden im Übrigen nicht
zeitgleich mit dem Auftauchen des Beschuldigten am Zaun erfolgt wären, kann er
daraus für seinen Standpunkt nichts ableiten (Urk. 120 S. 3). Ein ausreichender
zeitlicher und örtlicher Zusammenhang mit den vom Beschuldigten mitgetragenen
Ausschreitungen wäre gleichwohl zu bejahen. Schliesslich hätte sich der
- 21 -
Beschuldigte selbst in jenem Fall tatbestandsmässig verhalten, wenn die
Zusammenrottung einzig zu Gewalttätigkeiten zwischen den Fanlagern und nicht
gegen Sachen geführt hätte. Ob während der Ausschreitungen und gewaltsamen
Auseinandersetzungen einzelne Fans verletzt wurden, kann dahingestellt bleiben.
Eine aggressive und aktive Einwirkung auf Personen genügt. Gewalttätigkeit ist
nicht erst anzunehmen, wenn im Sinne eines Erfolgsdelikts Menschen verletzt
oder Sachen beschädigt werden (Urteil 6B_863/2013 vom 10. Juni 2014 E. 5.7.2
mit Hinweisen).
2.3.3. Der Beschuldigte ist demnach schuldig zu sprechen des
Landfriedensbruchs im Sinne von Art. 260 Abs. 1 StGB (Dossier 4).
3. Sachbeschädigung (Dossier 14)
3.1. Die Vorinstanz kommt zusammengefasst zum Schluss, der Anklagevorwurf
sei erstellt. Danach habe der Beschuldigte am 6. Mai 2016 in der Abstandszelle
der Polizeiwache in Zürich den kompletten Wasserhahn aus der Wand gerissen.
Sein Geständnis decke sich mit den Akten (Urk. 101 S. 31 f.). Dem ist
grundsätzlich nichts beizufügen.
3.2. Die Verteidigung wendet dagegen ein, es fehlten jegliche Angaben zur
Schadenshöhe, insbesondere mangle es an einer fachmännischen Schätzung
oder konkreten Rechnung der tatsächlich angefallenen Reparaturkosten. Zu
Gunsten des Beschuldigten sei davon auszugehen, dass bloss ein geringfügiger
Schaden entstanden sei. Damit liege lediglich eine bereits verjährte Übertretung
vor (Urk. 78 S. 28 f.; Urk. 120 S. 4).
3.3. Die privilegierte Bestimmung entfällt, wenn es dem Täter wie hier gleich-
gültig ist, wie hoch der Schaden ist (TRECHSEL/CRAMERI, in: Schweizerisches
Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, N. 6 zu Art. 172ter StGB).
Kommt hinzu, dass der Schaden entgegen der Verteidigung offensichtlich nicht
geringfügig ist. Das Hochbaudepartement der Stadt Zürich bezifferte den
Schaden auf ca. Fr. 1'000.– (Urk. D14 7). Hält die Vorinstanz fest, Wasserhähne
in Gefängniszellen würden gemäss allgemeiner Lebenserfahrung deutlich mehr
- 22 -
als Fr. 300.– kosten, ist ihr beizupflichten (Urk. 101 S. 32). Zudem fallen un-
weigerlich entsprechende Reparaturkosten an, riss der Beschuldigte doch den
gesamten Hahn "aus der Wand" (Urk. D1 26 S. 8). Der Schaden ist damit auf
Fr. 300.– übersteigend zu bemessen. Ein geringfügiges Vermögensdelikt im
Sinne von Art. 172ter StGB liegt nicht vor. Nicht zu beanstanden ist, wenn es bei
einer Schätzung bleibt. Da der Schaden im Rahmen eines Strafverfahrens
regelmässig nicht exakt festgestellt werden kann, sind Schätzungen
unvermeidbar und zulässig (vgl. Urteile 6B_202/2010 vom 31. Mai 2010 E. 4.3.2
und 6B_28/2018 vom 7. August 2018 E. 4.2.3.). Die genaue Höhe des
Sachschadens kann an dieser Stelle daher offenbleiben.
3.4. Die Vorinstanz hat das Herausreissen des Wasserhahns als Sachbe-
schädigung qualifiziert (Urk. 101 S. 32). Darauf kann verwiesen werden. Der
Beschuldigte ist demnach schuldig zu sprechen der Sachbeschädigung im Sinne
von Art. 144 Abs. 1 StGB (Dossier 14).
4. Tätlichkeiten und Gefährdung des Lebens (Dossier 21)
4.1. Ausgangslage und Standpunkte
4.1.1. Laut Anklagevorwurf habe der Beschuldigte am 10. März 2017 im Rahmen
eines verbalen Streits mindestens viermal gegen den Kopf der Privatklägerin
B._ geschlagen, so dass ihr Kopf mindestens zweimal an einem Fenstersims
aufgeschlagen sei. Mehrere Stunden später sei es zu einem zweiten Übergriff
gekommen. Dabei habe der Beschuldigte die Privatklägerin B._ mit beiden
Händen am Hals gepackt. Unmittelbar danach habe er seinen Unterarm um ihren
Hals geschlungen. Ein drittes Mal habe er sie gewürgt, als die Privatklägerin
bäuchlings auf dem Boden gelegen habe. Er habe sein Bein um ihren Hals gelegt
und sie gewürgt, indem er mit seiner eigenen Hand sein Bein gegen sich gezogen
habe. Die einzelnen Würgevorgänge seien derart heftig gewesen, dass ein Schrei
der Privatklägerin aufgrund des Druckes verstummt sei. Sie habe keine Luft mehr
bekommen und es sei ihr schwarz vor Augen geworden. Zudem habe sie einen
Urinabgang gehabt. Die Privatklägerin habe sich aufgrund einer durch einen
Sauerstoffmangel bedingten Hirnfunktionsstörung in Lebensgefahr befunden, was
- 23 -
dem völlig rücksichtslos handelnden Beschuldigten bewusst gewesen sei (Urk. D1
26 S. 9 ff.)
4.1.2. Der Beschuldigte erklärte vor Vorinstanz, es habe einen verbalen Streit
gegeben. Es stimme nicht, dass er die Privatklägerin geschlagen habe. Diese
habe einen Stuhl herumgeworfen und in der Folge viermal versucht, ihm eine
Ohrfeige zu geben. Nachdem sie ihn zweimal getroffen habe, habe er sie von
hinten gehalten. Er habe sie nie gewürgt oder den Fuss um ihren Hals
geschlungen (Prot. I S. 37 ff.). Die Verteidigung hält zusammengefasst fest, die
Privatklägerin habe die ersten Tätlichkeiten (betreffend Datum, Anzahl und Art der
Schläge) unterschiedlich geschildert. Zudem hätten die Spuren einer ent-
sprechenden Gewalteinwirkung vier Tage später im Zeitpunkt der Untersuchung
durch das IRM sichtbar sein müssen. Das IRM habe aber nicht die kleinste Spur
entdeckt (Urk. 78 S. 2 ff.; Urk. 120 S. 5 f.). Gleiches gelte betreffend die
angeklagte Gefährdung des Lebens. Auch diesbezüglich hätten keine objektiven
Spuren durch das IRM festgestellt werden können. Die Privatklägerin B._
habe verschiedene Varianten geschildert und deshalb gelogen. Das Würgen mit
dem Unterarm habe die Privatklägerin in Stärke und Dauer selbst relativiert. Beim
Würgen mit dem Bein sei unklar, wie dies bei einer Person überhaupt erfolgen
könne, die bäuchlings auf dem Boden liege. Den Urinabgang habe die
Privatklägerin nur auf suggestive Fragen hin bejaht. Unglaubhaft seien ihre
Schilderungen auch, weil der Wohnpartner der Privatklägerin nichts von der
Auseinandersetzung mitbekommen habe und weil der Beschuldigte durch die
Privatklägerin kurz nach dem Vorfall in die Wohnung gelassen worden sei
(Urk. 78 S. 7 ff.; Urk. 120 S. 7 ff.).
4.1.3. Zum Anklagevorwurf wurde die Privatklägerin B._ am 14. März 2017
polizeilich und am 21. April 2017 staatsanwaltschaftlich einvernommen (Urk. D21
3; Urk. D1 8/1). Der Beschuldigte wurde am 16. März 2017 und anlässlich der
erstinstanzlichen Hauptverhandlung dazu befragt (Urk. D21 4; D1 7/3; Prot. I
S. 37 ff.). Die Vorinstanz hat die jeweiligen Sachverhaltsschilderungen der
Privatklägerin und des Beschuldigten zutreffend zusammengefasst, worauf vorab
verwiesen werden kann (Urk. 101 S. 35 ff. und 44 f.).
- 24 -
4.2. Tätlichkeiten
4.2.1. Es blieb unbestritten, dass es zwischen dem Beschuldigten und der
Privatklägerin zu einem Disput kam. Unklar ist, ob der Disput in eine tätliche
Auseinandersetzung mündete. Die Vorinstanz sieht es entgegen den Vorbringen
des Beschuldigten als erstellt an, dass dieser die Privatklägerin auf einen Stuhl
gedrückt und ihren Kopf mindestens zwei Mal gegen ein Fenstersims geschlagen
habe (Urk. 101 S. 44 f.; Prot. I S. 38).
4.2.2. Wie die Vorinstanz richtig ausführt, sind die Aussagen der Privatklägerin
zum Vorfall authentisch (Urk. D2 3 S. 2 f.; Urk. D1 8/1 S. 3 f.). Als sie anlässlich
der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme nach ihrer Schilderung (wonach der
Beschuldigte ihren Kopf gepackt und viermal gegen das Fenstersims geschlagen
habe) auf die bei der Polizei deponierte Aussage angesprochen wurde (wonach
der Beschuldigte ihr vier Faustschläge gegen den Kopf verpasst habe, weshalb
sie mindestens zweimal am Fenstersims aufgeschlagen sei), gab sie zu Protokoll,
sie könne sich nicht genau erinnern. Das einzige, woran sie sich erinnere, seien
die vier Schläge gegen ihren Kopf (Urk. D1 8/1 S. 4). Diese Erklärung ist
überzeugend und die verschiedenen Schilderungen vermögen die Glaubhaftigkeit
ihrer Aussagen nicht in Zweifel zu ziehen. Wesentlich sind vier Schläge, welche
der Privatklägerin in Erinnerung blieben. Gleiches gilt in Bezug auf die von der
Verteidigung hervorgehobene Frage nach dem genauen Zeitpunkt der Tätlich-
keiten. Es trifft zu, dass die Angaben dazu nicht eindeutig ausfielen (vgl. Urk. 120
S. 5; Urk. D2 3 S. 2, 3 und 8; Urk. D1 8/1 S. 3 und 5). Bereits aus der ersten
Befragung lässt sich hingegen herauslesen, dass der zweite Übergriff "am
nächsten Tag" erfolgte, was mit den Schilderungen gegenüber der
Staatsanwaltschaft übereinstimmt. Schliesslich hält die Verteidigung fest, das IRM
habe trotz der geschilderten Schläge anlässlich der Untersuchung der
Privatklägerin am 14. März 2017 keine Kopfverletzungen festgestellt (Urk. 120
S. 5). Dieser Hinweis ist zutreffend (Urk. D21 9/2), schliesst aber entsprechende
Schläge mindestens vier Tage vorher klarerweise nicht aus. Die Privatklägerin
berichtete einzig von Übelkeit und Schwindel. Sie behauptete nicht, durch die
Schläge verletzt worden zu sein (Urk. D2 3 S. 3; Urk. D1 8/1 S. 4).
- 25 -
Zusammenfassend verpasste der Beschuldigte der Privatklägerin vier Schläge,
wobei sie mindestens zweimal mit dem Kopf gegen das Fenstersims aufschlug.
Der angeklagte Sachverhalt ist mit der Vorinstanz erstellt.
4.2.3. Die Vorinstanz hat die vier Schläge gegen den Kopf der Privatklägerin
zutreffend als Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB gewürdigt.
Betreffend die objektiven Tatbestandsmerkmale handelte der Beschuldigte
gestützt auf das Beweisergebnis mit Wissen und Willen und damit vorsätzlich. Er
ist entsprechend schuldig zu sprechen (Dossier 21).
4.3. Gefährdung des Lebens
4.3.1. Die vorinstanzliche Würdigung der Aussagen des Beschuldigten und der
Privatklägerin ist korrekt und kann grundsätzlich übernommen werden (Urk. 101
S. 36 ff.). Zutreffend ist, dass die Privatklägerin konstant und anschaulich drei
Würgephasen schilderte. Danach habe der Beschuldigte sie zu sich aufs Bett
runtergezogen und sie von hinten mit den Armen gewürgt. Nachdem sie sich
habe befreien können, habe er sie (immer noch auf dem Bett) von vorne mit der
Hand am Hals gepackt. Sie seien beide irgendwie zu Boden gegangen, worauf er
sein Bein um ihren Hals geschlungen und darauf das Bein mit seiner Hand
gehalten und zugezogen habe (Urk. D21 3 S. 4; Urk. D1 8/1 S. 5 ff.). Die
Privatklägerin gab wiederholt und glaubhaft an, wie beim Würgen mit der Hand ihr
Schrei verstummt (Urk. D21 3 S. 4; Urk. D1 8/1 S. 5 f.) und es ihr schwarz vor
Augen geworden sei. Ihre Schilderungen dazu (Urk. D21 3 S. 4: "Ich war kurz
davor, schwarz zu sehen"; Urk. D1 8/1 S. 7: "[...] als er mich wieder mit einer
Hand packte und mein Hilfeschrei erstickte. Ich merkte dann bei diesem dritten
Mal, dass ich nicht mehr ganz da war, mir wurde schwarz vor Augen"; "In diesem
Moment [gemeint: beim Würgen mit dem Bein] ist mir wiederum, wie vorher,
schwarz vor Augen geworden") sind anschaulich und nachvollziehbar. Erkennbar
ist, dass die Privatklägerin das Hinunterziehen aufs Bett als erste (von vier)
Phasen ohne "richtiges Würgen" bezeichnet und ihre Depositionen, ob und wann
es ihr schwarz vor Augen wurde, bei der Staatsanwaltschaft leicht detaillierter
ausfielen. Dieser Umstand spricht nicht gegen die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen.
Er lässt vielmehr erkennen, wie die Privatklägerin die im Rahmen eines
- 26 -
dynamischen Geschehens erlebten verschiedenen Gewalttätigkeiten rekonstruiert
sowie mit leichten Abweichungen und damit nicht wiederkehrend oder etwa
monoton wiedergibt. Nicht nur schilderte die Privatklägerin das Würgen und damit
das Kerngeschehen konstant und stimmig. Vielmehr weisen ihre Beschreibungen
eine bemerkenswerte Vielzahl von Details darüber auf, was sie verspürte und was
ihr während des Übergriffs durch den Kopf ging (beispielsweise Urk. D2 3 S. 4:
"[...] ich dachte, es sei vorbei, ich müsse jetzt sterben"; [...] konnte ich gar nicht
richtig Luft holen, weil es sich angefühlt hat, wie wenn meine Luftröhre innen drin
zusammenkleben würde. Es ging sicher 3-4 Sekunden, nachdem er mich
losgelassen hatte, bis ich wieder Luft holen konnte"; Urk. D2 3 S. 8: "Und ich
merkte, dass ich total verlangsamt im Kopf war"; Urk. D1 8/1 S. 6: "Es kamen nur
noch komische Töne hervor"). Auch die Art und Weise, wie die Privatklägerin den
Beschuldigten während des Übergriffs erlebte und sie dies in Worte fasst, ist
eindrücklich (Urk. D2 3 S. 4: "Er schaute ganz apathisch geradeaus ins Nichts.
Das machte mir grosse Angst"; "Er sagte immer: 'Bis ruhig, bis ruhig, bis eifach
ruhig'. Er kam immer mehr auf diesen Trip, mich ruhig zu bekommen, obwohl ich
überhaupt keinen Ton mehr rausbringen konnte"; "Er hatte einen
psychopathischen Blick, ganz starr, die Augen richtig aufgerissen. Es war wirklich
extrem"). Diese Erzählungen wie auch die Schilderungen zur späteren Phase, als
die Privatklägerin ins Bad flüchtete, sich einschloss und von dort aus die Polizei
alarmierte, sind konkret, anschaulich, in einer logischen Reihenfolge
wiedergegeben und wirken ohne Weiteres erlebnisbasiert.
4.3.2. Daran vermögen auch die weiteren vorgebrachten Einwände der
Verteidigung nichts zu ändern. Es trifft zwar zu, dass die Berichte der am 11.
März 2017 vor Ort erschienenen Polizeibeamten unterschiedlich ausfielen (vgl.
Urk. 120 S. 8 und S. 13). Insbesondere ist erkennbar, dass die Privatklägerin
gegenüber der Aspirantin N._ Gewalttätigkeiten schilderte, die sie so
gegenüber den Polizeibeamten O._ und P._ nicht erwähnte (Urk. D21
8/1-3). Dies kann ohne Weiteres darauf gründen, dass die Privatklägerin eher in
der Lage oder bereit war, das unmittelbar Erlebte einmalig und gegenüber einer
Person des gleichen Geschlechts zu erzählen. Zudem ging es dabei sicherlich
nicht darum, die gerade erlebten Gewalttätigkeiten detailliert wiederzugeben. Die
- 27 -
Verteidigung unterstreicht, mit der Umschreibung der Privatklägerin gegenüber
N._, der Beschuldigte habe sie zu Boden und ihr mit seinem Knie auf den
Hals gedrückt, liege eine weitere Variante des Vorfalls vor. Damit kapriziert sich
die Verteidigung auf die Vorstellung, ein Opfer massiver Gewalt sei in den ersten
Minuten danach in der Lage, das Erlebte vollständig und druckreif wiederzugeben
(vgl. Urk. 120 S. 11 f.).
4.3.3. Auf die Frage, ob die Privatklägerin durch das Würgen einen Urin- oder
Stuhlabgang hatte, führte sie am 14. März 2017 gegenüber der Polizei aus, sie
sei unten nass gewesen. Sie habe sich nicht viel dabei gedacht. Sie habe nicht
viel Wasser (gemeint: Urin) verloren und dies erst im Bad bemerkt, als sie sich
dort eingeschlossen habe. Sie habe sich in diesem Moment aber keine Gedanken
darüber gemacht. Erst, als sie der Polizist gefragt habe, sei es ihr richtig bewusst
geworden (Urk. D21 3 S. 8). Der Polizeibeamte P._ hielt in seinem
Wahrnehmungsbericht fest, die Privatklägerin habe auf entsprechende Frage
gemeint, sie sei eventuell etwas feucht. Ob sie einen Urinabgang gehabt habe,
könne sie jedoch nicht sagen (Urk. D21 8/2 S. 2). Laut Aspirantin N._ habe
die Privatklägerin zwar einen Urinabgang verneint, jedoch angegeben, feucht
geworden zu sein (Urk. D21 8/3). Die Frage der Staatsanwaltschaft betreffend
einen Urinabgang bejahte die Privatklägerin in der Folge. Sie habe Wasser lassen
müssen (Urk. D1 8/1 S. 7 und 10). Diese Depositionen zeigen, dass die
Privatklägerin bereits im Bad realisierte, dass sie nass respektive feucht und
diesen Umstand nicht einzuordnen in der Lage war. Damit ist nicht zweifelhaft,
dass die geschilderte Nässe auf einen Abgang von Urin zurückzuführen ist.
Ebenso wenig ist entgegen der Verteidigung (Urk. 78 S. 13 ff.) zweifelhaft, dass
die Nässe nicht mit einem blossen Schwitzen oder früheren Geschlechtsverkehr
zu erklären ist. Ein blosses Schwitzen dürfte kaum zu den Schilderungen der
Nässe passen und wäre von der Privatklägerin wohl ganz unerwähnt geblieben.
Einen Geschlechtsverkehr erwähnt (abgesehen von der Verteidigung) niemand
der beteiligten Personen.
4.3.4. Während des Vorfalls war der Mitbewohner Q._ in seinem Zimmer.
Dieser sei laut Privatklägerin am Schlafen gewesen. Vermutlich habe er von der
- 28 -
Auseinandersetzung etwas mitbekommen. Er habe aber nicht geholfen, weil er
wohl vor dem Beschuldigten Angst gehabt habe. Ihr Mitbewohner sei recht klein
und auch schon ein wenig älter. Sie könne es sich nicht erklären, warum er nichts
gemacht habe (Urk. D2 3 S. 5). Sie habe ihn später darauf angesprochen, worauf
er gelacht und ihr gesagt habe, das würde ihn nicht interessieren (Urk. D1 8/1
S. 9). Laut O._ habe der Mitbewohner während der Anwesenheit der Polizei
desinteressiert vor dem Computer gesessen. Auf Frage habe er einzig
geantwortet, nichts gehört zu haben und deshalb auch keine Angaben zum Vorfall
machen zu können (Urk. D21 8/1 S. 2).
Die Würdigung des geschilderten Verhaltens von Q._ ergibt grundsätzlich
eine Entlastung des Beschuldigten. Der Umstand, dass während des mutmass-
lichen Übergriffs sich noch eine weitere Person in der Wohnung aufhielt, die trotz
Hilferufe nicht eingriff, scheint mit den Schilderungen der gewaltsamen
Auseinandersetzung nicht von vornherein vereinbar (so im Grundsatz auch die
Verteidigung: Urk. 120 S. 13). In diesem Zusammenhang ist jedoch anzumerken,
dass sich der Mitbewohner selbst nach dem Eintreffen der Polizei ganz
desinteressiert und passiv gab, sich trotz ersten Befragungen unbeeindruckt an
seinen Computer setzte und damit augenscheinlich kundtat, mit der ganzen
Sache nichts zu tun haben zu wollen. Dies steht mit den Mutmassungen der
Privatklägerin im Einklang, der Mitbewohner habe wohl etwas gehört, aber
gleichwohl nicht eingegriffen. Das Verhalten des Mitbewohners entlastet den
Beschuldigten zwar tendenziell. Es vermag die Anschuldigungen der
Privatklägerin aber nicht zu widerlegen. Selbst die Darstellung des Beschuldigten,
wonach er die Privatklägerin abgefangen habe, als sie auf ihn losgegangen sei,
sie sei immer hysterischer geworden und habe all seine Sachen umhergeworfen
und auch einen Stuhl nach ihm geworfen (Urk. D1 7/3 S. 2), er habe sie immer
wieder aufgefordert, ruhig zu sein, weil sie ihn so hysterisch angeschrien habe
und es Abend gewesen sei (Urk. D21 4 S. 5), zeigt auf, dass die
Auseinandersetzung unbestrittenermassen gewaltsam und laut geführt wurde. So
oder anders steht fest, dass der Mitbewohner gleichwohl nicht eingriff. Die
Erklärungen der Privatklägerin dazu sind deshalb plausibel.
- 29 -
4.3.5. Laut Verteidigung sei es schliesslich mit dem Anklagevorwurf nicht ver-
einbar, dass die Privatklägerin den Beschuldigten nach dem Vorfall wieder in die
Wohnung gelassen habe (Urk. 78 S. 16 f.; Urk. 120 S. 14 f.). Dem kann nicht
gefolgt werden. In diesem Zeitpunkt war die Privatklägerin mit der Polizei tele-
fonisch verbunden, was sie via Lautsprecher ihres Telefons auch gegenüber dem
Beschuldigten klar signalisierte. Zudem hielt sie in der anderen Hand einen
Pfefferspray bereit. Der Beschuldigte sei nochmals erschienen, weil er sein
Portemonnaie und seine Postkarte habe holen wollen, darauf sei er aber gleich
wieder rausgerannt (Urk. D2 3 S. 7; Urk. D1 8/1 S. 11). Die Privatklägerin
ermöglichte dem Beschuldigten also, dass er seine persönlichen Sachen holte,
wohl auch, um ihn später nicht nochmals sehen zu müssen. Dass sie dabei im
telefonischen Kontakt mit der Polizei stand und mit einem Pfefferspray
ausgerüstet war, spricht für (und nicht gegen) die Sachdarstellung der
Privatklägerin.
4.3.6. Den glaubhaften Schilderungen der Privatklägerin stehen die wenig
glaubhaften Ausführungen des Beschuldigten gegenüber. Wenn die Vorinstanz
aus dessen Aussagen folgert, der Beschuldigte sei im Kern konstant bei
derselben Version der Geschehnisse geblieben, indem er pauschal bestritten
habe, die Privatklägerin gewürgt zu haben, ist dies nur teilweise zutreffend
(Urk. 101 S. 43). Bei gesamthafter Würdigung seiner Darstellung ist im Laufe der
Untersuchung eine gewisse Dramatisierungstendenz feststellbar. Während der
Beschuldigte zunächst lediglich geltend machte, die Privatklägerin habe keine
Ruhe gelassen und seine Kleider und Schuhe herumgeworfen, weshalb er sie
festgehalten habe, fügte er in der Hafteinvernahme an, sie habe ihn auch
angegriffen. Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung stellte er sich
schliesslich auf den Standpunkt, die Privatklägerin sei gekommen, habe ihn vier
Mal ohrfeigen wollen und davon zwei Mal getroffen; danach habe er gesehen, wie
sie ihn nochmals habe schlagen wollen (Urk. D21 4 S. 2 f.; Urk. D1 7/3 S. 3; Prot.
I S. 38). Diese übersteigernde Darstellung der Privatklägerin als eigentliche
Aggressorin lässt Zweifel an seinen Ausführungen aufkommen, zumal dann kein
Grund ersichtlich wäre, weshalb sich die Privatklägerin hernach hätte ins Bad
einschliessen müssen, um die Polizei zu avisieren.
- 30 -
4.3.7. Zusammenfassend ist auf die konkreten, anschaulichen und in einer
logischen Reihenfolge wiedergegebenen Aussagen der Privatklägerin
abzustellen. Damit ist der Tathergang im Sinne der Anklage erstellt.
In Bezug auf die Frage, ob der Beschuldigte durch das wiederholte und massive
Würgen eine Lebensgefahr schuf, hielt das rechtsmedizinische Gutachten des
IRM der Universität Zürich vom 21. März 2017 Folgendes fest: Objektive Zeichen
einer Lebensgefahr (Stauungsblutungen im Gesichtsbereich) hätten nicht
festgestellt werden können. Folge man den subjektiven Angaben der
Privatklägerin, wonach es im Rahmen des Würgens zu Schwindel, Sehstörungen
(Schwarzsehen) und unwillkürlichem Urinabgang gekommen sei, lägen subjektive
Symptome einer durch Sauerstoffmangel bedingten Hirnfunktionsstörung vor, was
auf eine Lebensgefahr schliessen lasse. In der Folge legt das IRM Merkmale und
Risiken des Würgens (als Kompression der Halsweichteile mittels einer oder
beider Hände) und des Unterarmwürgegriffs dar. Bei einem Unterarmwürgegriff
könne es durch die breitflächige Kompression mit dem gebeugten Arm zu kaum
sichtbaren Befunden oder einem gänzlichen Fehlen von Halsverletzungen
kommen. Durch die Hebelwirkung und den flächenhaften Kontakt sei es möglich,
eine erhebliche Krafteinwirkung auszuüben und die Halsweichteile massiv zu
komprimieren. Durch diese höhere Krafteinwirkung könne relativ leicht ein
gleichzeitiges Abdrücken von Schlagadern und Venen des Halses erreicht
werden. Dies führe zu einer kompletten Unterbrechung des Blutzuflusses und
Blutabflusses des Gehirns. Das zeitgleiche Abdrücken der Halsschlagadern und
Halsvenen verhindere eine Blutstauung und somit Stauungsblutungen im
Kopfbereich. Die sofortige Unterbrechung der arteriellen Zufuhr von
sauerstoffreichem Blut bewirke eine noch raschere Sauerstoffarmut des Gehirns,
als dies zum Beispiel bei einem Würgen mit den Händen der Fall sei. Ein
Unterarmwürgegriff sei grundsätzlich als lebensgefährlich zu bewerten, selbst
wenn objektive Befunde (Würgemale, Stauungsblutungen) fehlten. Für einen
Angreifer sei nicht erkennbar, ab welcher Intensität respektive Dauer der
Halskompression er das Opfer in Lebensgefahr bringe. Dies könne bei einem
Unterarmwürgegriff im Vergleich zum manuellen Würgen noch rascher erreicht
werden (Urk. D21 9/2). In Würdigung dieses Gutachtens ist erstellt, dass der
- 31 -
Beschuldigte insbesondere durch das Würgen mit dem Arm eine erhebliche
Krafteinwirkung und eine sofortige Unterbrechung der arteriellen Zufuhr von
sauerstoffreichem Blut ins Gehirn bewirkte. Daran ändert laut Expertise nichts,
dass beim Opfer Würgemale oder Stauungsblutungen nicht hätten festgestellt
werden können. Petechiale Einblutungen an Schleimhäuten oder Bindegeweben
sind zwar typische Anzeichen eines Würgevorgangs, stellen aber keine restlos
zuverlässigen Merkmale in dem Sinne dar, dass bei deren Fehlen eine solche
zwingend auszuschliessen wäre (s.a. SGRM; Sektion Medizin, Schädigung durch
Strangulation, Ausgabe Mai 2012, S. 7 ff.). Ebenso ist nicht massgebend, dass
sich die Privatklägerin nach wenigen Sekunden aus dem Griff befreien konnte.
Sie zeigte Symptome, die auf eine durch Sauerstoffmangel bedingte
Hirnfunktionsstörung hinwiesen. Mithin schuf der Beschuldigte eine konkrete und
akute Lebensgefahr. Dass es durch die Beeinträchtigung der Blutzufuhr zum
Gehirn jederzeit zu tödlichen Hirnschädigungen hätte kommen können, gilt
gleichermassen für das anschliessende Würgen mit dem Bein. Auch damit wird
eine breitflächige Kompression und ohne Weiteres eine Hebelwirkung erzielt.
4.3.8. In subjektiver Hinsicht bleibt Folgendes festzuhalten. Es kann nicht
ernsthaft bestritten werden, dass der Beschuldigte – wie jeder
Durchschnittsmensch – wusste, dass das massive Würgen eines Menschen eine
unmittelbare Lebensgefahr und damit die Möglichkeit des Todeseintritts schafft.
Der Beschuldigte würgte die Privatklägerin wiederholt, massiv und auf
verschiedene Weise. Auch wenn er mit brachialer Gewalt das körperlich
unterlegene Opfer zum Schweigen bringen wollte ("Bis ruhig, bis ruhig, bis eifach
ruhig") und dies grundsätzlich auch mit einem Tötungsvorsatz einhergehen
könnte, liess er vom Opfer gleichwohl ab und ermöglichte es ihm, dass es sich im
Badezimmer in Sicherheit bringen konnte. Jedoch zeigt das massive und
wiederholte Würgen, dass der Beschuldigte im Wissen der damit geschaffenen
Lebensgefahr diese auch wollte und nicht nur in Kauf nahm. Daran würde nichts
ändern, wenn der Beschuldigte darauf vertraut hätte, dass sich die Gefahr nicht
realisiert. Der angeklagte Sachverhalt ist auch in subjektiver Hinsicht erstellt.
- 32 -
4.3.9. Das Beweisergebnis lässt keine vernünftigen Zweifel offen. Verlangt die
Verteidigung bei dieser Ausgangslage die gerichtliche Einvernahme der Privat-
klägerin, so besteht dafür keine Notwendigkeit gemäss Art. 343 StPO.
Widersprüchliche Angaben hinsichtlich des Kerngeschehens seitens der
Privatklägerin liegen nicht vor. Entscheidend ist zudem – und dies lässt die
Verteidigung gänzlich ausser Acht –, dass der Beschuldigte ausdrücklich
anerkennt, im Zuge der Auseinandersetzung der Privatklägerin gedroht zu haben,
indem er unmittelbar nach den von ihm bestrittenen Würgevorgängen
Videosequenzen mit einem Messer aufnahm und diese der Privatklägerin sandte,
als sie sich im Bad eingeschlossen hatte (vgl. Urk. D1 26 S. 10; Urk. D21 4 S. 7;
Urk. D21 8/4; Prot. I S. 39; Prot. II S. 14). Der Beschuldigte beliess es aber nicht
dabei, sondern er filmte hernach noch die geschlossene Badezimmertür. Dabei ist
zu hören, wie der Beschuldigte von der Privatklägerin gefragt wird, wieso er ihr
dies antue und er bitte gehen solle (Urk. D21 8/4). Diese Sachbeweise stützen
mithin nicht nur die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Privatklägerin, sondern sie
erschüttern zugleich diejenigen des Beschuldigten. Selbst wenn hinsichtlich der
vorliegend noch strittigen tätlichen Übergriffen isoliert betrachtet keine (direkten)
Sachbeweise vorliegen, handelt es sich deshalb nicht um eine "Aussage gegen
Aussage"-Konstellation, bei welcher keine weiteren Beweismittel zur Überprüfung
der gemachten Aussagen zur Verfügung stehen (vgl. hiervor E. I.4.). Eine
gerichtliche Einvernahme der Privatklägerin ist somit nicht angezeigt, und der
diesbezügliche Beweisantrag der Verteidigung ist abzulehnen. Im Übrigen
spräche auch der zeitliche Aspekt gegen eine erneute Einvernahme der
Privatklägerin. Die inkriminierten Ereignisse liegen im heutigen Zeitpunkt rund vier
Jahre zurück. Nach Ablauf einer solchen Dauer erscheint der Erkenntniswert
einer erneuten Einvernahme gering, erfolgt doch in solchen Fällen oft nur noch
eine Rezitation der Erinnerung an frühere Aussagen und keine eigentliche
Schilderung des ursprünglich Erlebten (vgl. FINGERHUTH/GUT, a.a.O., N 29a zu
Art. 343 StPO).
4.4. Rechtliche Würdigung
- 33 -
4.4.1. Gemäss Art. 129 StGB macht sich der Gefährdung des Lebens schuldig,
wer einen Menschen in skrupelloser Weise in unmittelbare Lebensgefahr bringt.
In objektiver Hinsicht erfordert der Tatbestand den Eintritt einer konkreten
unmittelbaren Lebensgefahr. Eine solche liegt vor, wenn sich aus dem Verhalten
des Täters nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge direkt die Wahrscheinlichkeit
oder nahe Möglichkeit der Todesfolge ergibt (BGE 133 IV 1 E. 5.1 S. 8 mit
Hinweisen). Dies setzt indes nicht voraus, dass die Wahrscheinlichkeit des Todes
grösser sein muss als jene seines Ausbleibens (BGE 121 IV 67 E. 2b/aa S. 70 mit
Hinweis). Bei den Folgen des Würgens wendet die rechtsmedizinische Praxis
eine symptomorientierte Abgrenzung an (vgl. im Einzelnen STEFAN MAEDER, in:
Basler Kommentar, Strafrecht, Bd. I, 4. Aufl. 2019, N. 16 ff. zu Art. 129 StGB).
Der subjektive Tatbestand verlangt in Bezug auf die unmittelbare Lebensgefahr
direkten Vorsatz. Eventualvorsatz genügt nicht. Weiter erfordert der Tatbestand
ein skrupelloses Handeln. Skrupellos ist ein in schwerem Grad vorwerfbares, ein
rücksichts- oder hemmungsloses Verhalten (BGE 133 IV 1 E. 5.1 S. 8 mit
Hinweisen). Zu berücksichtigen sind die Tatmittel, die Tatmotive sowie die
konkrete Tatsituation (Urteil 6S.127/2007 vom 6. Juli 2007 E. 2.3). Je grösser die
vom Täter geschaffene Gefahr ist und je weniger seine Beweggründe zu billigen
sind, desto eher ist die Skrupellosigkeit zu bejahen (BGE 107 IV 163 E. 3 S. 164
mit Hinweisen). Skrupellosigkeit liegt stets vor, wenn die Lebensgefahr aus
nichtigem Grund geschaffen wird oder deutlich unverhältnismässig erscheint, so
dass sie von einer tiefen Geringschätzung des Lebens zeugt (CORBOZ, a.a.O.,
Vol. I, N. 32 zu Art. 129 StGB).
4.4.2. Der Beschuldigte würgte das Opfer wiederholt. Die Tatausführung
insbesondere mit dem Arm und in der Folge mit dem Bein, indem der
Beschuldigte den Hals der Privatklägerin mit einem Bein umschlang und dieses
dann an sich zog, muss als brachial bezeichnet werden. Gestützt auf die
gutachterlichen Feststellungen wies das Opfer Symptome auf (Schwindel,
Sehstörungen [Schwarzsehen], unwillkürlichen Urinabgang), die für eine durch
Sauerstoffmangel bedingte Hirnfunktionsstörung sprechen. Damit schuf der
Beschuldigte eine konkrete und akute Lebensgefahr, die in rechtlicher Hinsicht als
- 34 -
unmittelbar bezeichnet werden muss. Betreffend die objektiven
Tatbestandsmerkmale handelte der Beschuldigte gestützt auf das
Beweisergebnis mit Wissen und Willen und damit direktvorsätzlich. Sein
Verhalten offenbart, dass er mit Gefährdungsvorsatz handelte.
Der Beschuldigte wollte die Privatklägerin nach einem Disput zum Schweigen
bringen. Die heftige körperliche Gewalt ist weder verständlich noch kann sie ge-
billigt werden. Indem er die Privatklägerin wiederholt und heftig würgte, legte er
gemessen an den allgemeinen Grundsätzen von Sitte und Moral ein äusserst
verwerfliches Verhalten an den Tag. Der Beschuldigte handelte rücksichts- und
hemmungslos. Sein Verhalten ist zweifelsohne als skrupellos im Sinne des
Tatbestands zu bezeichnen.
4.4.3. Der Beschuldigte ist demnach schuldig zu sprechen der Gefährdung des
Lebens im Sinne von Art. 129 StGB (Dossier 21).
5. Diebstahl (Dossier 21)
5.1. Die Anklage wirft dem Beschuldigten vor, er habe am 11. März 2017 von
der Privatklägerin B._ einen Fingerring und Bargeld in der Höhe von ca.
Fr. 200.– an sich genommen. Dies sei geschehen, nachdem er sie gewürgt
gehabt habe und sie ins Bad habe flüchten können. Die Vorinstanz kommt
zusammengefasst zum Schluss, der Anklagevorwurf sei erstellt (Urk. 101 S. 49
ff.).
5.2. Der Beschuldigte bestritt den Sachverhalt im Untersuchungsverfahren und
vor Vorinstanz. Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung führte er aus,
die Privatklägerin habe kein Geld gehabt. Der einzige, der Geld gehabt habe, sei
er gewesen. Den Ring habe ihm die Privatklägerin geschenkt (Prot. I S. 41). Die
Verteidigung hielt fest, wer so wenig Geld wie die Privatklägerin zum Leben habe
und den genauen Betrag des Bargelds im Portemonnaie nicht beziffern könne,
der lüge. Den Ring habe die Privatklägerin dem Beschuldigten geschenkt.
Stamme dieser, wie von der Privatklägerin behauptet, von einem früheren Freund,
dann sei die Schenkung ein Beweis dafür, dass der Ex-Freund wirklich ein
- 35 -
Ex-Freund sei, die Privatklägerin die Beziehung zum Beschuldigten ebenfalls als
beendet betrachtet und den Ring habe zurückerhalten wollen (Urk. 78 S. 18 f.).
Daran hielt die Verteidigung auch im Berufungsverfahren fest (Urk. 120 S. 16 ff.)
5.3. Die Vorinstanz hat die Sachverhaltsschilderungen der Privatklägerin
(Urk. D21 3 S. 7; Urk. D1 8/1 S. 9) und des Beschuldigten (Urk. D21 4 S. 8; D1
7/3 S. 3; Prot. I S. 41) zutreffend zusammengefasst und korrekt gewürdigt, worauf
vorab verwiesen werden kann (Urk. 101 S. 49 ff.). Insbesondere ist richtig, dass
der Beschuldigte unmittelbar nach dem gewaltsamen Übergriff der Privatklägerin
(via Whatsapp) ein Video schickte, auf dem er den besagten Ring am Ringfinger
präsentiert (Urk. D21 8/4). Die Vorinstanz hält richtig fest, dass dieses Gehabe
eben gerade dafür spricht, dass der Ring nicht dem Beschuldigten gehörte.
Zudem wollte die Privatklägerin, anders als der Beschuldigte, nur eine lockere
Beziehung führen (Urk. 101 S. 51). Nicht einleuchtend und sogar den Aussagen
des eigenen Klienten widersprechend ist dabei die Erklärung der Verteidigung,
der Beschuldigte habe im Video die Privatklägerin daran erinnern wollen, wie eng
sie doch miteinander seien, was für eine Schenkung spreche (Urk. 120 S. 18).
Selbst der Beschuldigte verneinte anlässlich der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung (nunmehr) klar, mit der Privatklägerin eine Liebesbeziehung
geführt zu haben (Prot. I S. 38). Gleichermassen hilflos ist die Erklärung des
Beschuldigten, er habe mit der Videoaufnahme – notabene im Anschluss an
einen lebensgefährlichen Übergriff – bloss zeigen wollen, dass er ihr nichts antue
(Urk. D21 4 S. 7). Die Vorinstanz hält schliesslich fest, dass die Privatklägerin den
Geldbetrag unterschiedlich hoch beziffert habe (mehr als Fr. 450.–; Fr. 200.– bis
Fr. 300.–). Einerseits sei dies mit dem Zeitablauf zwischen den Einvernahmen zu
begründen, andererseits aber auch, weil nicht immer mit Sicherheit gesagt
werden könne, wie viel Bargeld sich im Portemonnaie befinde. Diese Erwägungen
sind zutreffend. Der Beschuldigte wusste, dass ihm der Ring und das Bargeld
nicht gehörten. Wenn die Vorinstanz schlussfolgert, der anklagerelevante
Sachverhalt sei erstellt, so ist dem beizupflichten (Urk. 101 S. 51). Auch in diesem
Zusammenhang kann eine nochmalige Befragung der Privatklägerin durch das
Gericht unterbleiben. Die Gründe dafür wurden bereits genügend dargelegt (vgl.
E. I.4. und E. II.4.3.9.).
- 36 -
5.4. Die Vorinstanz hat die Wegnahme des Rings und des Bargelds zutreffend
als Diebstahl im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB gewürdigt. Der Beschuldigte ist
entsprechend schuldig zu sprechen (Dossier 21).
6. Versuchte Erpressung (Dossier 26)
6.1. Ausgangslage
6.1.1. Die Vorinstanz sieht als erstellt, dass der Beschuldigte am 25. September
2017 der Privatklägerin C._ eine SMS schickte mit der Aufforderung,
Fr. 150.– in den Briefkasten zu legen, damit er das Geld abholen könne. Seine
Forderung habe er mit den Worten unterstrichen, sie werde sich jetzt schon
wünschen zu sterben, falls sie es nicht mache ("Du duesch hüt abig 150 franke in
briefkaste oder du wirsh es dir wünsch würa h scho etz sterbe"). Auf das Geld
habe der Beschuldigte keinen Anspruch gehabt. Trotz Drohungen sei die
Privatklägerin der Forderung nicht nachgekommen (Urk. 101 S. 51 ff.).
6.1.2. Der Beschuldigte räumte ein, die Kurznachricht verfasst zu haben. Er habe
aber nicht an eine Todesdrohung gedacht. Vielmehr habe er der Privatklägerin
signalisieren wollen, sie im Geschäft anzuschwärzen. Zudem habe sie ihm das
Geld geschuldet. Er habe für die Privatklägerin etwas von ihrem Kollegen abholen
müssen, der bei ihm in der Nähe wohne. Dazu habe er – wie mit der
Privatklägerin vereinbart – ein Taxi genommen. Sie habe ihm versprochen, den
Betrag zurückzuzahlen. Auf die Frage, wie sich der Betrag zusammengesetzt
habe, gab der Beschuldigte zur Antwort, "eben durch diesen Kollegen, bei dem
ich für sie etwas holen sollte und das Taxi und die Getränke". Er habe ein Gramm
Kokain holen müssen, was er aber, wie mit der Privatklägerin vereinbart, nicht
habe bezahlen müssen (Urk. D1 7/6 S. 3). Die Verteidigung hielt vor Vorinstanz
fest, die Privatklägerin habe dem Beschuldigten zugesichert, die Kosten für den
Uber sowie für Getränke und Lebensmittel zurückzuerstatten (Urk. 78 S. 20).
Ergänzend respektive in Abweichung dazu bringt die Verteidigung im
Berufungsverfahren sinngemäss vor, die Privatklägerin habe derart um die Gunst
des Beschuldigten geworben, dass davon auszugehen sei, die Privatklägerin
habe dem Beschuldigten beim inkriminierten Vorfall nicht nur den Uber bezahlt
- 37 -
sondern auch "grundlos" und ohne Abgeltung konkreter Auslagen Geld
versprochen. Der Beschuldigte habe davon ausgehen dürfen, einen Anspruch auf
diesen Geldbetrag zu haben (Urk. 120 S. 19 f.).
6.2. Sachverhaltserstellung
6.2.1. Der Beschuldigte will die Kurznachricht zur Durchsetzung einer
rechtmässigen Forderung verschickt haben. Gemäss seiner Darstellung habe er
in der Nähe seines Wohnortes von einem Kollegen der Privatklägerin ein Gramm
Kokain abgeholt und zu diesem Zweck – wie mit der Privatklägerin vereinbart –
ein Taxi benutzt. Diesbezüglich ist mit Blick auf eine Abrechnung des
Fahrdienstes Uber jedoch ein erstes Fragezeichen zu setzen. Auf der
Abrechnung ist eine Fahrt vom 23. September 2017 kurz nach Mitternacht von
der R._-strasse 1 an die S._-strasse 2-3 ersichtlich (Urk. D26 5 S. 2).
Der Beschuldigte wohnte damals an der R._-strasse 4 und die Privatklägerin
an der S._-strasse 5. Der Fahrpreis betrug Fr. 36.27. Die Fahrt erfolgte ohne
erkennbaren Umweg (vgl. Ausdruck von Google Maps in Urk. D26 5 S. 2). Der Ort
der behaupteten Kokainabholung müsste sich damit auf der besagten Route
zwischen den beiden Wohnorten befunden haben. Dies ist nicht auszuschliessen,
aber eher unwahrscheinlich. Weiter ist nicht nachvollziehbar, weshalb der
Beschuldigte zur Begründung des Geldbetrages von Fr. 150.– den Kollegen der
Privatklägerin erwähnt, erklärt er doch gleichzeitig, er habe das Kokain nicht vor
Ort bezahlen müssen (Urk. D1 7/6 S. 3 f.). Der Beschuldigte bleibt damit in seinen
Erklärungen zur Entstehung und Höhe seiner Forderung wenig überzeugend.
Eine Fahrt mit einem Taxi oder Uber vom damaligen Wohnort des Beschuldigten
zur Wohnung der Privatklägerin sowie Getränke können wohl Fr. 150.– kosten.
Nähere Angaben dazu blieben aber aus, weshalb die Schilderungen vage und
wenig glaubhaft ausfallen. Gleiches gilt für die von der Verteidigung vor
Vorinstanz zusätzlich thematisierten Lebensmittel (Urk. 78 S. 20). Diese blieben
selbst vom Beschuldigten unerwähnt (Urk. D1 7/6 S. 2 ff.; Prot. I S. 42 f.).
Gleiches hat für die neu angeführte Variante der "grundlosen Geldgeschenke" zu
gelten. Solches wurde vom Beschuldigten selber nie vorgebracht. Es handelt sich
dabei um eine reine Mutmassung der Verteidigung.
- 38 -
6.2.2. Die Aussagen der Privatklägerin hat die Vorinstanz vollständig
zusammengefasst (Urk. 101 S. 53 f.). Sie fallen detailliert, nachvollziehbar und
glaubhaft aus. Die Privatklägerin hielt konkret und anschaulich fest, dass sie dem
Beschuldigten kein Geld geschuldet habe. Die von ihr eingereichte Bestätigung
unterstützt zudem ihre Schilderung, wonach sie (und nicht der Beschuldigte) die
Fahrkosten beglichen habe. Sie habe für den Beschuldigten wie gewohnt einen
Uber bestellt, damit er zu ihr komme (Urk. D1 8/2 S. 6 ff.). Wenn die Vorinstanz
unter anderem angesichts dieser Aussagen und der in den Akten liegenden
Bestätigung schlussfolgert, der anklagerelevante Sachverhalt sei erstellt, so ist
dem beizupflichten.
6.2.3. Die vorliegenden Sachbeweise und glaubhaften Aussagen der
Privatklägerin lassen keine vernünftigen Zweifel am Beweisergebnis offen. Daran
würde auch eine gerichtliche Einvernahme der Privatklägerin nichts zu ändern
vermögen. Der Antrag auf erneute Einvernahme der Privatklägerin C._ ist
unter diesem Titel abzuweisen.
6.3. Rechtliche Würdigung
6.3.1. Gemäss Art. 156 Ziff. 1 StGB wird wegen Erpressung mit Freiheitsstrafe bis
zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer in der Absicht, sich oder einen andern
unrechtmässig zu bereichern, jemanden durch Gewalt oder Androhung ernstlicher
Nachteile zu einem Verhalten bestimmt, wodurch dieser sich selber oder einen
andern am Vermögen schädigt. Die genannten Nötigungsmittel stimmen wörtlich
mit jenen des Tatbestands der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB überein.
Beim Tatmittel der Androhung ernstlicher Nachteile stellt der Täter dem Opfer die
Zufügung eines Übels in Aussicht, dessen Eintritt er als von seinem Willen
abhängig erscheinen lässt. Es kommt dabei nicht darauf an, ob der Täter die
Drohung wirklich wahr machen will, sofern sie nur als ernst gemeint erscheinen
soll. Ernstlich sind die Nachteile, wenn ihre Androhung nach einem objektiven
Massstab geeignet ist, auch eine besonnene Person in der Lage des Betroffenen
gefügig zu machen und so seine Freiheit der Willensbildung oder Willensbetä-
- 39 -
tigung zu beschränken (BGE 122 IV 322 E. 1a S. 324 f.; Urteil 6B_1139/2017 vom
23. Mai 2018 E. 2.2.2; je mit Hinweisen).
6.3.2. Mit der SMS-Nachricht an die Privatklägerin, Fr. 150.– bereitzustellen,
ansonsten werde sie sich jetzt schon wünschen zu sterben, erfüllte der
Beschuldigte mit Ausnahme der Vermögensdisposition sämtliche
Tatbestandsmerkmale der Erpressung im Sinne von Art. 156 Ziff. 1 StGB. Der
Beschuldigte wusste, keinen Anspruch gegenüber der Privatklägerin zu haben.
Der Erfolg blieb aus, obwohl der Beschuldigte alles nach seiner Vorstellung
Notwendige getan hatte, um die Privatklägerin zur Geldübergabe zu bewegen.
Damit blieb es beim Versuch. Für die rechtliche Qualifikation nicht relevant ist,
dass es der Beschuldigte auf einen eher geringen Deliktsbetrag abgesehen hatte.
Eine Privilegierung steht nicht zur Diskussion (Art. 172ter Abs. 2 StGB).
6.3.3. Der Beschuldigte ist demnach schuldig zu sprechen der versuchten Er-
pressung im Sinne von Art. 156 Ziff. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
(Dossier 26).
7. Nötigung (Dossier 30)
7.1. Ausgangslage und Sachverhalt
7.1.1. Laut Anklage kam es am 15. Juli 2018 zwischen dem Beschuldigten und
der Privatklägerin J._ im Keller seines Wohnortes abermals zu einer
verbalen und tätlichen Auseinandersetzung. Nachdem der Beschuldigte realisiert
habe, wie die Privatklägerin eingeschlossen in der Toilette mit ihrem Mobiltelefon
den Notruf der Polizei gewählt habe, habe er die Türe der Toilette gewaltsam
aufgestossen. In der Folge habe er die Privatklägerin gepackt und gezwungen,
die Schuhe anzuziehen und mit ihm über die Balkontüre das Haus zu verlassen.
Aus einiger Entfernung hätten sie die in der Zwischenzeit eingetroffene Polizei
beobachten können. Dabei habe der Beschuldigte die Privatklägerin aufgefordert,
ruhig zu bleiben, bis die Polizei unverrichteter Dinge wieder abgezogen sei. Dem
Beschuldigten sei es bewusst gewesen, dass sich die eingeschüchterte Privat-
klägerin nur aus Angst vor ihm ruhig verhalten habe. Er habe in der Absicht
- 40 -
gehandelt, eine Kontaktaufnahme mit den Polizisten zu verhindern (Urk. D1 26
S. 13 f.). Die Vorinstanz hält fest, der Beschuldigte habe in der Untersuchung
anerkannt, die Privatklägerin geschlagen zu haben. Weiter habe die Verteidigung
sinngemäss den übrigen Sachverhalt anerkannt, weshalb dieser in Überein-
stimmung mit den Akten als erstellt zu betrachten sei (Urk. 101 S. 59 f.).
7.1.2. Mit Blick auf die Zugeständnisse des Beschuldigten (Urk. D1 7/7 S. 2 f.)
und die Ausführungen der Verteidigung (Urk. 78 S. 19 f.; Urk. 120 S. 20 f.) ist der
Sachverhalt im Sinne der Anklage als erstellt zu betrachten. Dies stimmt mit den
Schilderungen der Privatklägerin überein (Urk. D1 8/8 S. 4 f.).
7.1.3. Es erscheint nicht klar, weshalb die Verteidigung (auch) eine erneute
Einvernahme der Privatklägerin J._ beantragt, werden die sie betreffenden
Anklagepunkte seitens des Beschuldigten in tatsächlicher Hinsicht doch gar nicht
bestritten. Der Beschuldigte hat die Schuldsprüche der Freiheitsberaubung, der
einfachen Körperverletzung und der Tätlichkeiten zum Nachteil der Privatklägerin
J._ ausdrücklich anerkannt (Urk. 120 S. 1 und S. 20; Prot. II S. 14), und der
verbleibenden Tatvorwurf der Nötigung wird – wie sogleich aufzuzeigen ist – allein
mit einer Verletzung des Anklageprinzips und fehlender Tatbestandsmässigkeit
begründet (Urk. 120 S. 21). Unter Verweis auf die oben gemachten Ausführungen
in E. I.4. kann auf die Einvernahme der Privatklägerin J._ daher bereits von
Vornherein verzichtet werden.
7.1.4. Die Verteidigung argumentiert, die Nötigung sei nicht genügend angeklagt
(vgl. dazu E. I.3. vorstehend). Zudem habe die Privatklägerin, als die Polizei
bereits vor Ort gewesen sei, keine weiteren Schläge befürchten müssen, sie sei
unter den Augen der Polizei freiwillig ruhig gewesen (Urk. 78 S. 20). Diesen
Standpunkt wiederholte die Verteidigung im Berufungsverfahren (Urk. 120 S. 20
f.).
7.2. Rechtliche Würdigung
7.2.1. Der Nötigung nach Art. 181 StGB macht sich schuldig, wer jemanden durch
Gewalt oder Androhung ernstlicher Nachteile oder durch andere Beschränkung
- 41 -
seiner Handlungsfreiheit nötigt, etwas zu tun, zu unterlassen oder zu dulden
(vgl. zu den Nötigungsmitteln E. III.6.3.1. vorstehend).
7.2.2. Die Vorinstanz hat in ihrer rechtlichen Würdigung theoretische Erwägungen
zum objektiven und subjektiven Tatbestand der Nötigung gemacht (Urk. 101 S. 60
ff.). Darauf kann verwiesen werden. Der Einwand der Verteidigung, die Privat-
klägerin habe nicht länger Schläge befürchten müssen und sei sozusagen unter
den Augen der Polizei freiwillig ruhig gewesen, dringt aus mehreren Gründen
nicht durch. Zum einen wurde die Privatklägerin zu einem Tun gezwungen, als sie
aus dem Badezimmer gezerrt und mit dem Beschuldigten das Haus über die
Balkontüre verlassen musste. Bereits in diesem Zeitpunkt verhielt sich die
Privatklägerin nach dem Willen des Beschuldigten und war die Nötigung
(zumindest teilweise) vollendet, selbst wenn der Beschuldigte weitere
Verhaltensweisen erzwingen wollte. Zum andern grenzt die Behauptung, die
Privatklägerin sei draussen vor dem Haus freiwillig ruhig gewesen, an Trölerei.
Der Beschuldigte schlug die Privatklägerin unmittelbar zuvor mehrmals mit der
flachen Hand ins Gesicht. Er trat die verschlossene Türe der Toilette, hinter der
die Privatklägerin Zuflucht gesucht hatte, gewaltsam ein, zerrte die Privatklägerin
aus dem Badezimmer und zwang sie, den Tatort vor dem Eintreffen der
alarmierten Polizei zu verlassen. Diese Gewalttätigkeiten erfolgten im gleichen Stil
wie der Vorfall vom 6. Juli 2018. Dass der Beschuldigte selbst beim Eintreffen der
Polizei der Privatklägerin ein Verhalten (respektive eine Unterlassung) mit Gewalt
aufzwang, brauchte er seinem Opfer nicht mit Worten zu erklären. Die Vorinstanz
qualifiziert diese konkludente Androhung zutreffend als tatbestandsmässig.
7.2.3. Die übrigen objektiven und subjektiven Tatbestandsmerkmale der Nötigung
bejaht die Vorinstanz mit zutreffender Begründung (Urk. 101 S. 61 f.). Dem ist
nichts beizufügen. Der Beschuldigte ist demnach schuldig zu sprechen der
Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB (Dossier 30).
8. Drohung vom 26. Oktober 2018 (Dossier 31)
8.1. Standpunkte
- 42 -
8.1.1. Die Vorinstanz kommt zusammengefasst zum Schluss, der Anklage-
sachverhalt sei erstellt. Danach habe der Beschuldigte die Privatklägerin C._
am 26. Oktober 2018 um ca. 23.00 Uhr bis am 27. Oktober 2018 um ca. 02.00
Uhr mehrmals angerufen und ihr mit dem Tode gedroht, wodurch die
Privatklägerin in Angst versetzt worden sei. Dies habe der Beschuldigte
zumindest in Kauf genommen. Zudem habe der Beschuldigte die Privatklägerin
mit den Worten "fette Sau", "Stück Scheisse" und "Missgeburt" beschimpft (Urk.
101 S. 62 ff.; Urk. D1 26 S. 14). Der vorinstanzliche Schuldspruch wegen
Beschimpfung blieb unangefochten und ist nicht Gegenstand des
Berufungsverfahrens.
8.1.2. Der Beschuldigte hielt vor Vorinstanz fest, er habe die Privatklägerin am
Telefon beschimpft, ihr aber nicht gedroht (Prot. I S. 47). Die Verteidigung
argumentiert, der Beschuldigte und die Privatklägerin hätten immer wieder etwas
miteinander gehabt. Der Beschuldigte habe keine feste Beziehung führen wollen,
was die "Ursache dieses Problems" gewesen sei. Nach einem Rauswurf des
Beschuldigten aus der Wohnung der Privatklägerin habe sich ein Machtkampf
abgespielt. Per Whatsapp und mündlich am Telefon habe man hin und her ge-
stritten. Der komplette Verlauf dieses Schlagabtausches fehle. Die Verteidigung
erklärt weiter, wie der Beschuldigte in eine Falle getappt sei, nachdem aus der
"versöhnungsbereiten Frau ein Rache-Engel" geworden sei. Ob die angeklagten
Drohungen tatsächlich erfolgt oder Teil einer ganzen Inszenierung gewesen
seien, sei unklar. Es bestehe ein erheblicher Verdacht, dass die Todesdrohungen
erfunden worden seien, um einer Kampagne gegen den Beschuldigten Nachdruck
zu verleihen (Urk. 78 S. 21 ff.; Urk. 120 S. 21 ff.).
8.2. Sachverhalt
8.2.1. Zum Vorwurf wurde der Beschuldigte am 28. Oktober 2018 und 29. Oktober
2018 im Rahmen der Untersuchung sowie am 12. Juni 2019 vor Vorinstanz
befragt (Urk. D31 4; Urk. D1 7/9; Prot. I S. 47). Die Privatklägerin wurde am
6. November 2018 staatsanwaltschaftlich einvernommen (Urk. D1 8/10). Die
Vorinstanz hat die Aussagen der Privatklägerin und des Beschuldigten zutreffend
zusammengefasst und korrekt gewürdigt, worauf verwiesen werden kann
- 43 -
(Urk. 101 S. 63 ff.). Richtig ist, dass der Zeuge T._ im Detail beschrieb, wie
die Privatklägerin den fraglichen Anruf entgegengenommen hat. Er habe
gesehen, wie die Privatklägerin dabei gezittert habe und nah an einem
Nervenzusammenbruch gewesen sei. Beim Anrufer habe es sich laut
Privatklägerin um den Beschuldigten gehandelt. Einen weiteren Anruf habe der
Zeuge selbst entgegengenommen, worauf eine männliche Stimme ihn
aufgefordert habe, die Privatklägerin ans Telefon zu holen. Der Zeuge habe
aufgelegt und das Telefon habe erneut geklingelt. Den Anruf habe die
Privatklägerin abgenommen. Bei aktiviertem Lautsprecher seien dann Schimpf-
und Hasstiraden hörbar gewesen, wie "fette Sau, ich mach dich fertig!". Er glaube,
es seien noch schlimmere Sachen gefallen. Die Privatklägerin habe erneut zu
weinen und zu zittern begonnen und habe dann aufgelegt. Sie habe ihm (dem
Zeugen) gesagt, dass sie Angst habe, nach Hause zu gehen. Sie habe Angst,
dass der Beschuldigte ihr etwas antun würde. Die Privatklägerin sei nervlich am
Ende gewesen. Es seien wohl auch Todesdrohungen gefallen. Ansonsten hätte er
der Privatklägerin nicht empfohlen, die Polizei zu verständigen (Urk. D1 8/9).
8.2.2. Diese Aussagen sind konkret und anschaulich. Sie decken sich über weite
Strecken mit den Schilderungen der Privatklägerin. Nicht zweifelhaft ist deshalb,
dass nicht nur die von der Privatklägerin und dem Zeugen behaupteten und
unbestrittenen Beschimpfungen, sondern auch die Drohungen fielen. Mit Blick auf
die Beschreibungen des Zeugen ist entgegen der Ansicht der Verteidigung zudem
erstellt, dass die Privatklägerin aufgrund der Todesdrohungen Angst hatte
(vgl. Urk. 120 S. 24 f.). Wenngleich die Privatklägerin dazu gegenüber der
Staatsanwaltschaft zuerst festhielt, keine Angst gehabt zu haben, relativierte sie
dies noch im gleichen Satz (Urk. D1 8/10 S. 3: "Ich hatte nicht Angst, dass er jetzt
kommt und mir etwas antut. Er hat aber in diesem Moment trotzdem Macht über
mich, sodass ich tue, was er will") wie auch gegen Ende der Befragung
(Urk. D1 8/10 S. 6: "T._ rief die Polizei an, weil [...] ich Angst hatte"). Wenn
die Vorinstanz unter anderem angesichts dieser Aussagen schlussfolgert, der
anklagerelevante Sachverhalt sei erstellt, so ist dem beizupflichten. Daran
vermögen auch die Einwände der Verteidigung nichts zu ändern. Die schwierige
Beziehung, den Streit über die persönlichen Sachen des Beschuldigten in der
- 44 -
Wohnung der Privatklägerin sowie die Konfrontation des Beschuldigten durch
Kollegen der Privatklägerin schildern beide Kontrahenten in den Grundzügen.
Was die Verteidigung darüber hinaus wortreich als Inszenierung oder Kampagne
beschreibt, erschöpft sich in Mutmassungen und vermag das Beweisergebnis
nicht in Frage zu stellen. Auch hier kann aufgrund der geschilderten
Ausgangslage ohne Not von einer erneuten unmittelbaren Beweisabnahme im
Sinne der beantragten Einvernahme der Privatklägerin C._ abgesehen
werden.
8.3. Rechtliche Würdigung
Die Vorinstanz hat die Todesdrohung gegenüber der Privatklägerin zutreffend als
Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB gewürdigt. Der Beschuldigte ist
entsprechend schuldig zu sprechen (Dossier 31).
9. Drohung vom 28. Oktober 2018 (Dossier 31)
9.1. Laut Anklage schickte der Beschuldigte am 28. Oktober 2018 frühmorgens
um ca. 03.00 Uhr der Privatklägerin C._ via Whatsapp zwei Fotos. Sie
zeigten eine in seinem Zimmer auf einem Salontisch liegende Pistole. Die
Privatklägerin sei dadurch in Angst versetzt worden, was der Beschuldigte
zumindest in Kauf genommen habe. Die Vorinstanz kommt zusammengefasst
zum Schluss, der Anklagesachverhalt sei erstellt (Urk. 101 S. 66 f.).
9.2. Der Beschuldigte will die Fotos verschickt haben, weil ihm ein Kollege der
Privatklägerin gedroht habe. Er habe sich provoziert gefühlt und die Bilder mehr
aus Angst verschickt als zur Einschüchterung (Urk. D31 4 S. 3 f.). Laut Vertei-
digung habe der Beschuldigte nicht der Privatklägerin, sondern ihrem Kollegen
gedroht, der ständig die Anrufe auf das Telefon der Privatklägerin
entgegengenommen habe. Der Beschuldigte habe die Bilder der Privatklägerin
geschickt, weil er die Nummer des Kollegen nicht gehabt habe (Urk. 78 S. 24;
Urk. 120 S. 25).
- 45 -
9.3. Dass der Beschuldigte auf das Handy der Privatklägerin zwei Bilder einer
Pistole schickte, blieb unbestritten und ist belegt (Urk. D31 5 S. 2 f.; Urk. D31 6).
Die Privatklägerin hielt dazu nachvollziehbar fest, es sei ihr "richtig mulmig"
geworden. Sie habe nicht gewusst, dass der Beschuldigte solche Dinge besessen
habe und sei erschrocken (Urk. D1 8/10 S. 6). Es ist nicht zweifelhaft, dass die
Privatklägerin beim Anblick der Waffe erschrak und sich in ihrem
Sicherheitsgefühl angegriffen fühlte. Dies gilt umso mehr, als sie nur zwei Tage
vorher bereits vom Beschuldigten mit dem Tode bedroht worden war. Die
Notwendigkeit einer gerichtlichen Befragung der Privatklägerin ist auch in diesem
Punkt nicht gegeben und wird seitens der Verteidigung nicht ansatzweise
dargelegt.
9.4. Behauptet die Verteidigung, die (eingeräumte) Drohung sei gegen einen
Kollegen gerichtet gewesen, dringt diese Argumentation nicht durch (Urk. 120
S. 25). Selbst wenn dies zuträfe, entfiele dadurch einzig ein direkter Vorsatz
(ersten Grades). Es ist nicht zweifelhaft, dass der Beschuldigte zumindest in Kauf
nahm, dass die Privatklägerin die auf ihrem Handy eingegangene Drohung an
sich selbst gerichtet verstehen würde (wie sie dies im Übrigen zwei Tage vorher
bereits gemacht hatte). Die Argumentation geht auch deshalb an der Sache
vorbei, weil die Androhung eines Übels sich auch gegen Rechtsgüter Dritter
richten kann. Von Fahrlässigkeit (Urk. 78 S. 24; Urk. 120 S. 26) kann keine Rede
sein.
9.5. Die rechtliche Qualifikation der Vorinstanz ist zutreffend. Der Beschuldigte
ist schuldig zu sprechen der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB (Dossier
31).
III. Strafzumessung
1. Ausgangslage, anwendbares Recht und Grundsätze der Strafzumessung
1.1. Die Vorinstanz bestraft den Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von
45 Monaten, einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 30.– und einer Busse
von Fr. 600.– (Urk. 101 S. 80 f.).
- 46 -
Die Verteidigung beantragt, der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von
einem Jahr, einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 10.– und einer Busse von
Fr. 500.– zu bestrafen und begründet dies nebst den geforderten Freisprüchen
pauschal mit dem Vorbringen, der verschuldensmässigen Bewertung der Delikte
durch die Vorinstanz könne nicht gefolgt werden (Urk. 102; Urk. 120 S. 26 f.). Die
Staatsanwaltschaft beantragt die Bestätigung des vorinstanzlichen Strafmasses
(Urk. 107).
1.2. Der Beschuldigte beging die Delikte mehrheitlich vor Inkrafttreten der seit
1. Januar 2018 geltenden neuen Bestimmungen des Allgemeinen Teils des
Strafgesetzbuches (Änderungen des Sanktionenrechts; AS 2016 1249). Die
Delikte der Dossiers 30 und 31 wurden nach der Revision verübt. Stehen mehrere
Taten zur Beurteilung an, sind sie je einzeln unter die beiden Rechte zu
subsumieren und ist in einem zweiten Schritt gegebenenfalls eine Gesamtstrafe
zu bilden (BGE 134 IV 82 E. 6.2.3 S. 88 f.). Wie zu zeigen sein wird, sind eine
Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe auszusprechen. Das neue Sanktionenrecht ist
für den Beschuldigten betreffend Strafmass und Vollzug nicht milder. Der
Grundsatz der lex mitior (Art. 2 Abs. 2 StGB) gelangt für die vor dem 1. Januar
2018 verübten Delikte nach den zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen nicht
zur Anwendung.
1.3. Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB und die an sie gestellten Begründungsanforderungen wiederholt dargelegt
(BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff. S. 59 ff. mit Hinweisen). Entsprechendes gilt für die
Bildung der Einsatz- und der Gesamtstrafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB in
Anwendung des Asperationsprinzips (BGE 144 IV 313 E. 1.1 S. 316 ff., 217 E. 2.2
und E. 3 S. 219 ff.; 141 IV 61 E. 6.1.2 S. 67 f.; je mit Hinweisen). Darauf sowie auf
die zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen (Urk. 101 S. 67 ff.) kann verwiesen
werden.
Die Bildung einer Gesamtstrafe ist nur bei gleichartigen Strafen möglich.
Ungleichartige Strafen sind kumulativ zu verhängen, da das Asperationsprinzip
nur greift, wenn mehrere gleichartige Strafen ausgesprochen werden. Mehrere
gleichartige Strafen liegen vor, wenn das Gericht im konkreten Fall für jeden
- 47 -
einzelnen Normverstoss gleichartige Strafen ausfällen würde. Dass die
anzuwendenden Strafbestimmungen abstrakt gleichartige Strafen androhen,
genügt nicht (BGE 142 IV 265 E. 2.3.2 S. 267 f.; 138 IV 120 E. 5.2 S. 122 f.; je
mit Hinweisen). Wie noch zu zeigen ist, sind die Voraussetzungen für die
Bildung von jeweiligen Gesamtstrafen (eine Gesamtfreiheitsstrafe und eine
Gesamtgeldstrafe) gegeben.
Das Bundesgericht unterstreicht in seiner jüngeren Rechtsprechung, dass
Art. 49 Abs. 1 StGB keine Ausnahme von der konkreten Methode erlaubt. Es
schliesst die Ausfällung einer Einheitsstrafe im Sinne einer Gesamtbetrachtung
aus (BGE 144 IV 217 E. 3.5.4 S. 235 f. mit Hinweisen). Diese Rechtsprechung
wurde wiederholt bestätigt (BGE 144 IV 313 E. 1.1.2 S. 317 f.; Urteile
6B_712/2018 vom 18. Dezember 2019 E. 3.1, 6B_1033/2019 vom 4.
Dezember 2019 E. 5.2 f., 6B_166/2019 vom 6. August 2019 E. 3.2.4,
6B_409/2018 vom 7. Juni 2019 E. 2.3 und 6B_884/2018 vom 5. Februar 2019
E. 1.2.2). Damit sind nach der "konkreten Methode" für sämtliche Delikte
gedanklich Einzelstrafen zu bilden. Dies hat die Vorinstanz – etwa indem sie
die verübten Landfriedensbrüche als Ganzes beurteilte – teilweise unterlassen.
2. Wahl der Sanktionsart und Strafrahmen
2.1. Bei der Wahl der Sanktionsart ist als wichtiges Kriterium die
Zweckmässigkeit einer bestimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter
und sein soziales Umfeld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen (BGE
134 IV 97 E. 4.2 S. 100 mit Hinweisen). Nach dem Prinzip der
Verhältnismässigkeit soll nach konstanter Rechtsprechung bei alternativ zur
Verfügung stehenden und hinsichtlich des Schuldausgleichs äquivalenten
Sanktionen im Regelfall diejenige gewählt werden, die weniger stark in die
persönliche Freiheit des Betroffenen eingreift (BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 123;
Urteil 6B_125/2018 vom 14. Juni 2018 E. 1.3.2; je mit Hinweis).
Die Geldstrafe stellt die Hauptsanktion dar (BGE 134 IV 97 E. 4.2.2 S. 101).
Sie wiegt als Vermögenssanktion prinzipiell weniger schwer als ein Eingriff in
die persönliche Freiheit (BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 123; 134 IV 97 E. 4.2.2
- 48 -
S. 101, 82 E. 7.2.2 S. 90). Am Vorrang der Geldstrafe hat der Gesetzgeber im
Rahmen der erneuten Revision des Sanktionenrechts entgegen der ursprüng-
lichen Stossrichtung festgehalten (BGE 144 IV 217 E. 3.6 S. 237 f. mit Hin-
weisen).
2.2. Zu beurteilen sind 28 Delikte (davon drei Übertretungen). Ob mit Blick auf
die Zweckmässigkeit der Sanktion und den Schuldausgleich für die
verschiedenen Verbrechen und Vergehen eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe
angemessen erscheint, wird bei der Würdigung der einzelnen Delikte zu prüfen
sein.
2.3. Das Gesetz sieht für die Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129
StGB eine Strafandrohung von Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geld-
strafe vor. Den gleichen Strafrahmen weisen die hier ebenfalls zur Diskussion
stehenden Delikte der Freiheitsberaubung (Art. 183 Ziff. 1 StGB), des Angriffs
(Art. 134 StGB), der Erpressung (Art. 156 Ziff. 1 StGB) und des Diebstahls
(Art. 139 Ziff. 1 StGB) auf. Strafschärfungs- und Strafmilderungsgründe führen
nur bei aussergewöhnlichen Umständen dazu, die Grenzen des ordentlichen
Strafrahmens zu verlassen und sie nach oben oder unten zu erweitern
(BGE 136 IV 55 E. 5.8 S. 63 mit Hinweisen). Strafschärfungsgründe sind aber
straferhöhend und Strafmilderungsgründe strafmindernd zu berücksichtigen.
2.4. Für die Bildung der Gesamtfreiheitsstrafe erweist sich die Gefährdung des
Lebens (Dossier 21) als schwerste Tat im Sinne von Art. 49 Abs. 1 StGB. Für die
Festsetzung einer Gesamtgeldstrafe ist vom Diebstahl (Dossier 21) als
Einsatzstrafe auszugehen.
3. Gefährdung des Lebens (Dossier 21)
3.1. Im Rahmen der objektiven Tatschwere ist zu berücksichtigen, dass der
Beschuldigte die Privatklägerin B._ wiederholt und insgesamt drei Mal
würgte. Die von ihm dadurch verursachte Lebensgefahr kommt im Vergleich zu
allen denkbaren Gefährdungen des Lebens eher im mittleren Bereich der Skala
zu liegen. Zumindest in Bezug auf das Würgen mit dem Unterarm und dem Bein
- 49 -
war die Intensität gross und vom Beschuldigten zudem nur beschränkt dosierbar.
Die erhebliche Krafteinwirkung bewirkte eine sofortige Unterbrechung der
arteriellen Zufuhr von sauerstoffreichem Blut ins Gehirn. Die wiederholte Gewalt
muss als brachial bezeichnet werden. Dies spiegelt sich in den Umständen wider,
dass es der Privatklägerin schwarz vor Augen wurde, ihr Schrei verstummte und
es zu einem unkontrollierten Urinabgang kam. Es erfolgte zwei Mal eine
gefährliche breitflächige Kompression. Die zeitliche Dauer der Würgevorgänge
war, relativ gesehen, hingegen nicht sehr lang. Dennoch war die Gefährdung
hoch und zeitigte die Tat bei der Privatklägerin eine spürbare psychische
Belastung. Sie erlitt während des Würgevorgangs Todesangst (Urk. D2 3 S. 4).
Relativierend zu gewichten ist, dass die Tat affektakzentuierte Züge trägt und
nicht von langer Hand geplant war. Das Verschulden wiegt objektiv nicht mehr
leicht.
3.2. Handelte der Beschuldigte direktvorsätzlich sowie rücksichts- und
hemmungslos, ist dies dem Tatbestand immanent. Gleichwohl gilt es herauszu-
streichen, dass die Tat aus nichtigem Anlass begangen wurde. Der Beschuldigte
wollte einen Disput beenden und die Privatklägerin zum Schweigen bringen.
Nichts hinderte ihn daran, die Wohnung der Privatklägerin einfach zu verlassen
und damit dem Streit und ihr aus dem Weg zu gehen.
Gemäss Gutachten von Dr. med. K._ vom 27. März 2018 sind beim
Beschuldigten dissoziale und vor allem emotional instabile Züge vorhanden.
Allerdings erreichten diese nicht das Ausmass einer Persönlichkeitsstörung, und
eine Verminderung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit konnte nicht
festgestellt werden (Urk. D1 11/16 S. 17 ff.). Die Persönlichkeitszüge haben
deshalb hier (wie auch bei den folgenden Delikten) keinen Einfluss auf das
Tatverschulden.
3.3. In Anbetracht aller strafzumessungsrelevanten Faktoren erscheint es
dem Verschulden des Beschuldigten angemessen, eine Freiheitsstrafe von
21 Monaten als Einsatzstrafe festzusetzen.
4. Freiheitsberaubung (Dossier 30)
- 50 -
4.1. In Bezug auf die objektive Tatschwere ist zu berücksichtigen, dass der
Beschuldigte die Privatklägerin J._ mittels körperlicher Gewalt über eine
Zeitdauer von etwa zwei Stunden mitten in der Nacht am Verlassen des Zimmers
hinderte. Hält die Vorinstanz fest, der Beschuldigte habe damit auch eine
Vertrauenssituation ausgenutzt, kann dies übernommen werden. Die objektive
Tatschwere ist insgesamt als leicht einzustufen. Ebenso trifft zu, dass der
Beschuldigte einzig aus egoistischen Motiven und ohne nachvollziehbaren Grund
handelte. Die Elemente der subjektiven Tatkomponente vermögen die objektive
Tatschwere nicht zu relativieren.
4.2. Es erscheint dem Verschulden des Beschuldigten angemessen, als
Einzelstrafe eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten respektive eine Geldstrafe von
180 Tagessätzen festzulegen.
4.3. Bei der Wahl der Sanktionsart (vgl. E. III.2.1 vorstehend) gilt es zu
berücksichtigen, dass der Beschuldigte gewaltsam die körperliche
Fortbewegungsfreiheit der Privatklägerin einschränkte. Dieser Übergriff erfolgte
im Rahmen einer körperlichen Auseinandersetzung und ging mit den zeitgleich
verübten Tätlichkeiten und der Körperverletzung (Nasenbeinfraktur) Hand in
Hand. Darüber hinaus ging der Beschuldigte mit zahlreichen weiteren Verbrechen
respektive Vergehen gegen Leib und Leben Dritter vor. Er demonstrierte damit
wiederholt eine völlige Gleichgültigkeit gegenüber der körperlichen und
psychischen Integrität der Opfer. Seine Delinquenz muss in diesem Sinne als
hartnäckig bezeichnet werden. Es bestehen erhebliche Zweifel an der
spezialpräventiven Wirkung einer Geldstrafe. Auch wäre sie in Bezug auf die hier
zur Diskussion stehende Freiheitsberaubung weder schuldangemessen noch
zweckmässig. Mithin kommt sie auch unter dem Gesichtspunkt des
Schuldausgleichs nicht in Frage. Es scheint deshalb geboten, für das
vorliegende Delikt eine Freiheitsstrafe auszufällen.
4.4. In Anwendung des Asperationsprinzips ist eine Erhöhung der Einsatz-
strafe um vier Monate angemessen.
5. Angriff (Dossier 6)
- 51 -
5.1. Der Beschuldigte beteiligte sich zusammen mit einer unbekannten Anzahl
von Mittätern an einem Übergriff auf drei Personen, bei dem die angegriffenen
Personen mit Schlägen und Fusstritten traktiert wurden. Der Beschuldigte selbst
versetzte einem Geschädigten einen Faustschlag ins Gesicht auf Höhe der Stirn.
Eine angegriffene Person trug zwei Rissquetschwunden an der Stirn, eine weitere
Person eine Rissquetschwunde an der Unterlippe und eine Prellung des
Nasenbeins und die dritte Person eine Prellung unter dem rechten Auge davon. In
Bezug auf die objektive Tatschwere wesentlich ist, dass die Täter mehrere Opfer
angriffen, insbesondere Faustschläge ins Gesicht ein erhebliches Risiko bergen
und die Täter zudem mit Fusstritten auf ihre Opfer losgingen. Nicht Gegenstand
der Anklage ist, dass die Fusstritte gegen am Boden liegende Opfer respektive
gegen deren Kopf ausgeführt worden wären. Die zugefügten Verletzungen sind,
relativ betrachtet, als gering zu bezeichnen. Bei der subjektiven Tatschwere
berücksichtigt die Vorinstanz richtig, dass der Beschuldigte ohne
vorausgegangene Provokation und aus nichtigem Grund handelte.
5.2. Bei einer Gesamtbetrachtung in objektiver und subjektiver Hinsicht ist von
einem noch leichten Verschulden auszugehen. Unter Berücksichtigung des
Geständnisses ist für den Angriff eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten
respektive eine Geldstrafe von 210 Tagessätzen festzulegen. Bei der Wahl der
Sanktionsart gilt es zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte auch hier Leib und
Leben Dritter tangierte. Unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen
(E. III.2.1. und E. III.4.3.) ist als Einzelstrafe gedanklich eine Freiheitsstrafe
festzusetzen. Die Einsatzstrafe ist in Anwendung des Asperationsprinzips um fünf
Monate zu erhöhen.
6. Versuchte Erpressung (Dossier 26)
6.1. Die objektive Tatschwere ist zunächst für das vollendete Delikt der
Erpressung zu erheben. Nach der Würdigung der objektiven und subjektiven
Tatschwere ist zu berücksichtigen, dass eine versuchte Tatbegehung vorliegt
(s.a. MATHYS, Leitfaden Strafzumessung, 2. Aufl. 2019, S. 48 N 119 ff. und S. 110
N 298 ff.).
- 52 -
Der Beschuldigte verlangte von der Privatklägerin C._ einen Betrag von
Fr. 150.–. Diese Summe ist gering und wirkt sich verschuldensmindernd aus.
Zu Lasten des Beschuldigten gilt es Rechnung zu tragen, dass
er Todesdrohungen und damit ein massives Nötigungsmittel einsetzte.
Gesamthaft wiegt das objektive Verschulden im Vergleich zu allen denkbaren
Erpressungen sehr leicht.
6.2. Unter Berücksichtigung der direkt vorsätzlichen Tatbegehung vermögen
die Elemente der subjektiven Tatkomponente die objektive Tatschwere nicht zu
relativieren. Damit erscheint für die vollendete Tat eine Freiheitsstrafe von fünf
Monaten respektive eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen angemessen. Der
Beschuldigte hat alles nach seiner Vorstellung Notwendige getan, um die
Privatklägerin zur Geldübergabe zu bewegen. Der Versuch wirkt sich deshalb
nur leicht strafmindernd aus. Für die versuchte Tatbegehung erscheint eine
Freiheitsstrafe von vier Monaten respektive 120 Tagessätzen angemessen. Bei
der Wahl der Sanktionsart gilt es zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte sich
zwar unrechtmässig bereichern und damit ein Vermögensdelikt begehen wollte,
aber auch hier mit den Todesdrohungen zumindest vorgab, gegen Leib und
Leben Dritter vorzugehen. Unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen
(E. III.2.1. und E. III.4.3.) ist als Einzelstrafe gedanklich eine Freiheitsstrafe
festzusetzen. Die Einsatzstrafe ist in Anwendung des Asperationsprinzips um drei
Monate zu erhöhen.
7. Mehrfacher Landfriedensbruch (Dossiers 1, 4 und 7)
7.1. Die objektive Tatschwere der vom Beschuldigten begangenen Land-
friedensbrüche ist innerhalb des zur Verfügung stehenden Strafrahmens zu
bemessen und damit zueinander sowie auch zum breiten Spektrum von
denkbaren Landfriedensbrüchen in Relation zu setzen. Der Beschuldigte war
anlässlich der Auseinandersetzung am 21. Februar 2015 (Dossier 1) nicht nur
Teil des Kollektivs, sondern ein aktiver Teilnehmer, indem er mindestens
einmal einen Gegenstand in Richtung der Polizisten warf. Damit prägte er
den friedensbedrohenden Charakter der Zusammenrottung mit. Führt die
Vorinstanz aus, der Beschuldigte sei lediglich Teil der Menge gewesen
- 53 -
(Urk. 101 S. 73), kann ihr in diesem Punkt nicht gefolgt werden. Die Gewalt-
tätigkeiten der Meute waren beträchtlich, nachdem einzelne Polizeibeamte
durch Gegenstände getroffen und verletzt wurden. Zudem gingen diverse
Fensterscheiben angrenzender Liegenschaften zu Bruch.
Am 25. Mai 2015 (Dossier 4) war der Beschuldigte mit von der Partie, als
Anhänger des FC Luzern und FCZ aufeinander losgingen. Es kam zu
einzelnen massiven Schlägereien. Im betroffenen Quartier entstand an
Fahrzeugen, Mobiliar und Gebäuden ein Sachschaden von rund Fr. 14'690.–.
Der Beschuldigte konnte zwar nicht als Gewaltanwender identifiziert werden, er
war aber gleichwohl an vorderster Front dabei.
Am 12. April 2015 (Dossier 7) versuchten die beiden Fanlager nach dem Ende
des Fussballspiels zwischen dem FC Basel und dem FCZ noch im Stadion-
innern aufeinander loszugehen. Der Beschuldigte setzte sich abermals
gewalttätig in Szene, indem er gegen einen Absperrzaun des Gästesektors
trat.
7.2. In subjektiver Hinsicht ist bei allen drei Vorfällen von direktem Vorsatz
auszugehen. Dem Beschuldigten ist kein spontanes Handeln zuzubilligen und er
geriet nicht zufällig in die Tumulte. Mit seiner Teilnahme und den teilweise
eigenen Gewalttätigkeiten suchte er die Auseinandersetzung mit der Polizei
respektive mit den anderen Gruppierungen. Er wusste um den Charakter der
Ansammlungen und trug diesen mit. Ob auch die Verübung von Gewalttätigkeiten
von seinem Vorsatz mitumfasst war, ist (da objektive Strafbarkeitsbedingung)
nicht relevant. Damit vermögen die Elemente der subjektiven Tatkomponente die
objektive Tatschwere nicht zu relativieren.
7.3. Insgesamt ist beim Vorfall vom 21. Februar 2015 von einem nicht mehr
leichten Verschulden und bei den Vorfällen vom 25. Mai 2015 und 12. April
2015 jeweils von einem noch leichten Verschulden auszugehen. Als Sank-
tionsart kommen nur Freiheitsstrafen in Betracht (E. III.2.1. und E.III.4.3.). Für
den Landfriedensbruch vom 21. Februar 2015 in Zürich (Dossier 1) ist
gedanklich eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten, für den Landfriedensbruch
- 54 -
vom 25. Mai 2015 in Luzern (Dossier 4) eine Freiheitsstrafe von vier Monaten und
für den Landfriedensbruch vom 12. April 2015 in Basel (Dossier 7) eine Freiheits-
strafe von vier Monaten festzulegen. Für die Asperation und die Bemessung der
Gesamtstrafe ist dem Verhältnis der einzelnen Taten untereinander, ihrem
Zusammenhang, ihrer grösseren oder geringeren Selbständigkeit sowie der
Gleichheit oder Verschiedenheit der verletzten Rechtsgüter und Begehungs-
weisen Rechnung zu tragen. Der Gesamtschuldbeitrag des einzelnen Delikts
kann dabei geringer zu veranschlagen sein, wenn die Delikte zeitlich, sachlich
und situativ in einem engen Zusammenhang stehen (Urteil 6B_323/2010 vom
23. Juni 2010 E. 3.2). Die vorliegend zu beurteilenden Landfriedensbrüche
erfolgten jeweils im Zusammenhang mit Ausschreitungen an Fussballspielen des
FCZ, weshalb zumindest situativ und sachlich ein gewisser Bezug unter diesen
Delikten besteht. Sodann ist zu berücksichtigen, dass der Landfriedensbruch vom
21. Februar 2015 gemäss Dossier 1 sachlich, situativ und zeitlich unmittelbar mit
dem ebenfalls zu sanktionierenden Tatbestand der Gewalt und Drohung gegen
Behörden und Beamte in Zusammenhang steht (siehe sogleich E. III.8.1.). Es
rechtfertigt sich, die Einsatzstrafe in Anwendung des Asperationsprinzips um
insgesamt acht Monate zu erhöhen.
8. Mehrfache Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte (Dossiers 1
und 27)
8.1. Auch hier gilt es, die objektive Tatschwere der vom Beschuldigten
begangenen Übergriffe innerhalb des zur Verfügung stehenden Strafrahmens
zu bemessen und zueinander in Relation zu setzen. Der Beschuldigte warf am
21. Februar 2015, als Polizeibeamte die Teilnehmer eines Fanmarsches einer
Personenkontrolle unterziehen wollten, einen Gegenstand in Richtung der
Polizisten (Dossier 1). In Bezug auf die objektive Tatschwere ist zu
berücksichtigen, dass sein Tatvorgehen nicht geplant, sondern spontan aus der
Situation der beabsichtigten Personenkontrolle heraus erfolgte. Ohne das
Geschehen zu bagatellisieren ist festzuhalten, dass Situationen vorstellbar
sind, welche deutlich bedrohlicher wirken können. Dies gilt hier insbesondere
- 55 -
deshalb, da nicht feststeht, was der Beschuldigte als Wurfgeschoss
verwendete. Gesamthaft wiegt das objektive Verschulden leicht.
8.2. Am 28. September 2017 setzte sich der Beschuldigte, als zwei Polizisten
ihn im Zusammenhang mit dem Vorwurf der Erpressung zu Hause aufgesucht
hatten, massiv zur Wehr. Er drohte den Beamten, dass er ihren Familien etwas
antun würde. Auf der Fahrt im Dienstwagen drohte der Beschuldigte weiter, er
werde die Polizisten, ihre Frauen und ihre Kinder umbringen. Weiter bespuckte er
den neben ihm sitzenden Polizeibeamten (Dossier 27). Die Gegenwehr des
Beschuldigten, die Drohungen und das Bespucken erfolgten spontan. Zu seinen
Lasten fällt ins Gewicht, dass er die Amtshandlungen wiederholt beeinträchtigte
und die von ihm gewählten Worte (insbesondere die Drohungen gegenüber den
Familienangehörigen der Polizisten) nicht zu bagatellisieren sind. Gesamthaft
wiegt das objektive Verschulden knapp noch leicht.
8.3. Der Beschuldigte handelte bei beiden Vorfällen mit direktem Vorsatz und
ohne nachvollziehbaren Grund. Als Sanktionsart kommen nur Freiheitsstrafen
in Betracht (E. III.2.1. und E. III.4.3.). Für den Vorfall vom 21. Februar 2015
(Dossier 1) ist eine Freiheitsstrafe von vier Monaten und für den Vorfall vom
28. September 2017 unter Berücksichtigung des Geständnisses eine Frei-
heitsstrafe von vier Monaten festzulegen. Bei der Asperation ist betreffend
Dossier 1 – wie bereits ausgeführt – dem Zusammenhang mit dem
Landfriedensbruch Rechnung zu tragen. Die Einsatzstrafe ist in Anwendung des
Asperationsprinzips insgesamt um fünf Monate zu erhöhen.
9. Mehrfache Drohungen (Dossiers 14, 21 und 31)
9.1. Der Beschuldigte drohte am 6. Mai 2016 einem Polizeibeamten, dessen
Familie umzubringen (Dossier 14). Am 10./11. März 2017 drohte er der Privat-
klägerin B._ mittels zweier Videosequenzen, auf denen er mit einem Messer
herumfuchtelte (Dossier 21). Die Todesdrohungen vom 26. Oktober 2018 und 28.
Oktober 2018 waren gegen die Privatklägerin C._ gerichtet (Dossier 31).
Sämtliche Äusserungen und Gesten waren von den Adressaten als
Todesdrohungen zu verstehen. Dies gilt ohne Weiteres auch in Bezug auf die
- 56 -
Videosequenzen mit dem Messer, welche der Beschuldigte der Privatklägerin
B._ schickte, nachdem er sie kurz zuvor lebensgefährlich gewürgt hatte. Das
objektive Verschulden je Vorwurf wiegt leicht.
9.2. Bei sämtlichen Drohungen sind Elemente der subjektiven
Tatkomponente, welche die objektive Tatschwere relativieren würden, nicht
gegeben. Als Sanktionsart kommen nur Freiheitsstrafen in Betracht (E. III.2.1.
und E.III.4.3.). Die einzelnen Drohungen wären mit Freiheitsstrafen von je drei
Monaten respektive aufgrund des Geständnisses (Dossier 21) von zwei Monaten
zu ahnden. Bei der Asperation ist betreffend Dossier 21 dem Zusammenhang mit
der Gefährdung des Lebens Rechnung zu tragen (vgl. dazu die allgemeinen
Ausführungen in E. III.7.3.). Die Einsatzstrafe ist in Anwendung des
Asperationsprinzips insgesamt um fünf Monate zu erhöhen.
10. Einfache Körperverletzung (Dossier 30)
10.1. Der Beschuldigte fügte der Privatklägerin J._ eine Nasenbeinfraktur
zu. Die Verletzung hat zweifelsohne erhebliche Schmerzen verursacht. Mit Blick
auf alle denkbaren Körperverletzungen (das Bundesgericht hat etwa einen
Faustschlag ins Gesicht, der einen Bluterguss unterhalb des linken Auges zur
Folge hatte [BGE 119 IV 25], zwei je ca. 2 x 5 cm grosse Schwellungen und
Rötungen im Bereich der Augenbraue und des Ohrs sowie eine
Druckschmerzhaftigkeit am unteren Rippenbogen [BGE 127 IV 59] und einen
harten Faustschlag ins Gesicht, der Schmerzen unterhalb des Auges und ein
Schwindelgefühl zur Folge hatte [Urteil 6S.386/2003 vom 18. Mai 2004], bereits
als einfache Körperverletzungen eingestuft) ist die Nasenbeinfraktur als nicht
mehr leichte Verletzung zu qualifizieren. Spricht die Anklage von einer "Kopfnuss"
(Schlag mit den Fingerknöcheln gegen den Kopf), dürfte wohl eher von einem
Schlag mit der Stirn die Rede sein (so auch der Beschuldigte in Urk. D1 7/7 S. 2).
Die genaue Vorgehensweise kann offenbleiben. So oder anders liess der
Beschuldigte der Privatklägerin durch den unvermittelten Schlag keine Möglichkeit
auszuweichen oder sich zu schützen. Die objektive Tatschwere ist insgesamt als
nicht mehr leicht einzustufen. Einmal mehr handelte der Beschuldigte aus
egoistischen Motiven und ohne nachvollziehbaren Grund. Die Verletzung nahm er
- 57 -
in Kauf. Insgesamt erscheint das als nicht mehr leicht eingestufte objektive
Verschulden in unverändertem Licht.
10.2. Nachdem bei der Wahl der Sanktionsart nur eine Freiheitsstrafe in
Betracht kommt (E. III.2.1. und E.III.4.3.), ist für die Körperverletzung eine
Freiheitsstrafe von sechs Monaten festzulegen. Bei der Asperation ist dem
Zusammenhang mit der Freiheitsberaubung Rechnung zu tragen (vgl. E. III.7.3.).
Die Einsatzstrafe ist in Anwendung des Asperationsprinzips insgesamt um drei
Monate zu erhöhen.
11. Nötigung (Dossier 30)
11.1. Der Beschuldigte zerrte die Privatklägerin J._ aus dem Badezimmer,
zwang sie, mit ihm über die Balkontüre das Haus zu verlassen und hiess sie ruhig
zu bleiben, bis die von der Privatklägerin alarmierte Polizei unverrichteter Dinge
wieder abzog. In objektiver Hinsicht ist relevant, dass der Beschuldigte die
Privatklägerin in ihrer Willensfreiheit insgesamt empfindlich beschränkte, selbst
wenn die Einschränkung ihrer Willensbetätigung zeitlich nur von kurzer Dauer
war. Zulasten des Beschuldigten wirkt sich aus, dass er mit seinem Vorgehen
eine wesentliche kriminelle Energie an den Tag legte. Nicht nur setzte er den
Grund, dass die Privatklägerin vor ihm flüchten und sich im Badezimmer
einschliessen musste. Sondern er zeigte sich völlig unbeeindruckt, dass sie hinter
verschlossener Tür die Polizei verständigen konnte. Diese Angelegenheit löste er
einmal mehr mittels Gewalt. Er handelte direktvorsätzlich.
11.2. Aufgrund des objektiv noch leichten Verschuldens, das durch das subjek-
tive Verschulden nicht relativiert wird, wäre für die Nötigung eine Freiheitsstrafe
(E. III.2.1. und E.III.4.3.) von vier Monaten festzusetzen. Die Einsatzstrafe ist in
Anwendung des Asperationsprinzips um zwei Monate zu erhöhen.
12. Diebstahl (Dossier 21)
12.1. Mit dem Fingerring im Wert von rund Fr. 300.– und dem Bargeld von etwa
Fr. 200.– beging der Beschuldigte, nachdem er die Privatklägerin B._
lebensgefährlich gewürgt und sie bedroht hatte, ein Vermögensdelikt in geringer
- 58 -
Höhe. Die objektive Tatschwere ist leicht. Der Beschuldigte handelte direkt-
vorsätzlich und aus finanziellen respektive egoistischen Motiven. Die Tat erfolgte
zudem, als die Privatklägerin nach einem massiven Übergriff ins Bad flüchten und
sich dort einschliessen konnte. In einem solchen Moment einen Diebstahl zu
begehen und dies via Whatsapp der Privatklägerin anzukündigen, war
gleichermassen feige und dreist.
12.2. Aufgrund des objektiv leichten Verschuldens, welches durch das sub-
jektive Verschulden erhöht wird, ist eine Einsatzstrafe von einem Monat und
20 Tagen Freiheitsstrafe respektive von 50 Tagessätzen Geldstrafe festzu-
setzen. Als Sanktionsart ist auf eine Geldstrafe zu erkennen (vgl. E. III.2.1.
vorstehend).
13. Sachbeschädigung (Dossier 14)
13.1. Der Beschuldigte verursachte in der Abstandszelle der Polizeiwache in
Zürich einen Sachschaden von rund Fr. 1'000.–, indem er einen Wasserhahn aus
der Wand riss. Der Schaden ist, ohne den Vorfall zu bagatellisieren, im unteren
Bereich der Skala möglicher Sachbeschädigungen anzusiedeln. Der Beschuldigte
handelte mit direktem Vorsatz.
13.2. Aufgrund des objektiv leichten Verschuldens, welches durch das
subjektive Verschulden nicht relativiert wird, wäre für die Sachbeschädigung
eine Geldstrafe (E. III.2.1.) von 30 Tagessätzen festzusetzen. Die Einsatzstrafe ist
in Anwendung des Asperationsprinzips um 20 Tagessätze zu erhöhen.
14. Mehrfache Beschimpfungen (Dossiers 9, 10, 11, 14 und 31)
14.1. Die vom Beschuldigten verwendeten Kraftausdrücke finden sich in der
Anklage und im vorinstanzlichen Urteil (Urk. D1 26; Urk. 101 S. 76). Sie richteten
sich gegen mehrere Polizeibeamte (Dossiers 9, 10, 11 und 14) und die Privat-
klägerin C._ (Dossier 31). Die Beschimpfungen respektive die
ehrverletzenden Äusserungen sind vergleichbar. Der Beschuldigte handelte
direktvorsätzlich.
- 59 -
14.2. Insgesamt ist das Gesamtverschulden je Vorfall als nicht mehr leicht
zu bezeichnen. Als Sanktionsart kommen nur Geldstrafen bis maximal
90 Tagessätze in Betracht (Art. 177 Abs. 1 StGB). Die Beschimpfungen wären je
Vorfall mit Geldstrafen von 20 Tagessätzen respektive aufgrund des
Geständnisses (Dossier 11) mit einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu ahnden.
Entgegen der Vorinstanz liegen bei den Dossiers 9, 10 und 14 keine
Geständnisse vor (vgl. Prot. I S. 32 ff.; Urk. D1 7/10 S. 16; Urk. D1 7/8 S. 5;
Urk. D14 11 S. 2 ff.). Bei den Dossiers 14 und 31 ist betreffend Asperation dem
Zusammenhang mit den ebenfalls erfolgten Drohungen Rechnung zu tragen. Die
Einsatzstrafe ist um je 15 Tagessätze (Dossiers 9 und 10), 7 Tagessätze
(Dossier 11) und je 10 Tagessätze (Dossiers 14 und 31) und damit um 57
Tagessätze zu erhöhen.
15. Mehrfaches Fahren ohne Berechtigung (Dossiers 15, 16 und 17)
15.1. Der Beschuldigte lenkte am 30. Mai 2016 (Dossier 15) und 27. Juni 2016
(Dossier 16) einen Personenwagen ohne Begleitperson, obwohl er lediglich über
einen Lernfahrausweis verfügte. Am 24. August 2016 (Dossier 17) lenkte er einen
Personenwagen, obwohl ihm der Lernfahrausweis entzogen worden war.
Nachdem die so zurückgelegten Strecken nicht bekannt sind und der
Beschuldigte direktvorsätzlich handelte, sind die Vorfälle grundsätzlich
vergleichbar. Erschwerend fällt in Bezug auf den Vorfall vom 24. August 2016 ins
Gewicht, dass der Beschuldigte sich zusätzlich über einen Entzug des
Lernfahrausweises hinwegsetzte.
15.2. Insgesamt ist das Gesamtverschulden je Vorfall als leicht zu
bezeichnen. Als Sanktionsart kommen Geldstrafen in Betracht (E. III.2.1.). Die
unberechtigten Fahrten wären je Vorfall mit Geldstrafen von 40 Tagessätzen
(Dossiers 15 und 16) respektive 60 Tagessätzen (Dossier 17) zu ahnden. Die
Einsatzstrafe ist um je 30 Tagessätze (Dossiers 15 und 16) respektive
40 Tagessätze (Dossier 17) und damit um 100 Tagessätze zu erhöhen.
16. Mehrfache Tätlichkeiten (Dossiers 21 und 30)
- 60 -
Die Vorinstanz berücksichtigt, dass der Beschuldigte die Tätlichkeiten gegen die
Privatklägerinnen B._ und J._ in Ausnützung der Vertrauenssituation
beging. Er handelte direktvorsätzlich und aus niedrigen Beweggründen. Die
Vorinstanz schätzt das Gesamtverschulden als nicht mehr leicht und bemisst die
Busse unter Berücksichtigung der finanziellen Situation des Beschuldigten und
dessen Geständnis auf Fr. 600.– (Urk. 101 S. 77). Der Beschuldigte verdient als
Malerpraktikant nach eigenen Angaben monatlich Fr. 1'500.–. Der Praktikumslohn
geht an das Sozialamt, welches die Krankenkassenprämien und die Miete
bezahlt. In der Vergangenheit habe er etwa monatlich Fr. 600.– zur freien Ver-
fügung gehabt (Prot. I S. 20 ff.). Mit Blick auf die finanzielle Situation des
Beschuldigten ist die Bussenhöhe der Vorinstanz zu übernehmen.
17. Täterkomponente und Zwischenfazit
17.1. Die Vorinstanz hat die persönlichen Verhältnisse und den Werdegang
des Beschuldigten korrekt wiedergegeben. Darauf kann verwiesen werden
(Urk. 101 S. 79 f.). Die Verteidigung führte im Berufungsverfahren aus, der
Beschuldigte wohne in einer betreuten Wohngemeinschaft und habe die
letzten anderthalb Jahre mit Gelegenheitsjobs verbracht. Er sei aber nach wie
vor sozialhilfeabhängig. Der Beschuldigte habe immer wieder versucht, in ein
Programm einsteigen und eine Lehre absolvieren zu können. Dies habe bis
anhin aber nicht funktioniert. Die zuständige Sozialarbeiterin habe bestätigt,
dass sie mit dem Beschuldigten eine Psychiaterin aufgesucht habe. Der
Beschuldigte habe sich dort geöffnet und sehr reflektiert gezeigt. Er befinde
sich nach Ansicht der Sozialarbeiterin an einem Wendepunkt zum Besseren
(Urk. 120 S. 27).
Mit der Vorinstanz ist der schwierigen Kindheit und Jugend strafmindernd im
Umfang von rund einem Fünftel der Einsatzstrafen Rechnung zu tragen
(vgl. dazu BGE 121 IV 202 E. 2d/bb S. 204 f.). Die einschlägige Vorstrafe vom
24. Oktober 2013 (unter anderem wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden
und Beamte sowie wegen Drohung; Urk. 104) sowie das Delinquieren während
laufender Untersuchung wirken sich im Umfang von rund einem Zehntel der
Einsatzstrafen straferhöhend aus. Dies führt zu einer Reduktion der
- 61 -
Einsatzstrafen um rund einen Zehntel. Weitere strafzumessungsrelevante
Faktoren ergeben sich aus dem Vorleben des Beschuldigten nicht.
17.2. Als Zwischenfazit kann Folgendes festgehalten werden. Die
Freiheitsstrafe von 21 Monaten als Einsatzstrafe ist auf 56 Monate zu
asperieren (E. III.3.-11.). Die Geldstrafe von 50 Tagessätzen als Einsatzstrafe
ist auf 227 Tagessätze zu asperieren (E. III.12.-15.). Die Busse ist auf
Fr. 600.– festzusetzen (E. III.16.). Unter Berücksichtigung der
Täterkomponente ist die Strafe im genannten Umfang zu reduzieren. Dies führt
zu einer Freiheitsstrafe von rund 50 Monaten, einer Geldstrafe von rund 200
Tagessätzen und einer Busse von rund Fr. 540.–. Die Tagessatzhöhe ist mit
der Vorinstanz auf Fr. 30.– festzusetzen (Urk. 101 S. 80 f.; E. III.16).
18. Zusammenfassung
18.1. Oben stehende Erwägungen erfolgen in Nachachtung der bundesgericht-
lichen Rechtsprechung, wonach bei Tatmehrheit aus dem Urteil hervorgehen
muss, welche Einzelstrafen für die verschiedenen Straftaten festgesetzt werden.
Nur so lässt sich laut Bundesgericht überprüfen, ob die einzelnen Strafen und
deren Gewichtung bei der Strafschärfung bundesrechtskonform sind (Urteil
6B_1071/2019 vom 5. November 2020 E. 3.3.2). Solche Anforderungen bedeuten
bei Tatmehrheit zweifelsohne einen wesentlichen Aufwand. Er zeigt sich konkret
in den vorstehenden Erwägungen (E. III.3.-16.). Entgegen der höchstrichterlichen
Rechtsprechung trifft deshalb nicht zu, dass die Nennung der Einzelstrafen den
Aufwand für die Urteilsbegründung nicht erheblich erhöhen würde, "weil das
Gericht ohnehin für jede Einzeltat eine selbständige Strafe gedanklich festsetzen
und die entscheidrelevanten Überlegungen in den Grundzügen wiedergeben
muss" (so der Entscheid des Bundesgerichts a.a.O.).
18.2. Insgesamt erscheint eine Freiheitsstrafe von 50 Monaten, eine Geld-
strafe von 200 Tagessätzen zu Fr. 30.– und eine Busse von Fr. 540.– als
angemessen. Unter Berücksichtigung des Verschlechterungsverbots im Sinne
von Art. 391 Abs. 2 StPO bleibt es im Wesentlichen bei der vorinstanzlichen
Strafe. Die vorinstanzliche Gesamtfreiheitsstrafe wäre auch nicht zu
- 62 -
unterschreiten, wenn aus den entsprechenden Einzelfreiheitsstrafen für die
Delikte der Dossiers 30 (Freiheitsberaubung, einfache Körperverletzung) und
31 (Drohungen) separat eine Gesamtfreiheitsstrafe gebildet würde. Es kann
deshalb verzichtet werden, entsprechendes im Detail auszuführen. Gleiches
gilt offensichtlich für die Gesamtgeldstrafe.
18.3. Der Beschuldigte ist zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von 45 Monaten
sowie mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 30.– und einer Busse von
Fr. 540.–. Die erstandene Haft von 172 Tagen ist anzurechnen (Art. 51 StGB).
Für den Fall, dass die Busse schuldhaft nicht bezahlt wird, ist eine Ersatz-
freiheitsstrafe von fünf Tagen auszusprechen (Art. 106 Abs. 2 StGB).
IV. Vollzug
1. Nach Art. 42 aStGB schiebt das Gericht den Vollzug einer Geldstrafe oder
einer Freiheitsstrafe von höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine
unbedingte Strafe nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung
weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Abs. 1). Wurde der Täter
innerhalb der letzten fünf Jahre vor der Tat zu einer bedingten oder unbedingten
Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten oder zu einer Geldstrafe von
mindestens 180 Tagessätzen verurteilt, so ist der Aufschub nur zulässig, wenn
besonders günstige Umstände vorliegen (Art. 42 Abs. 2 aStGB). Für den
bedingten Vollzug nach Art. 42 Abs. 1 aStGB genügt das Fehlen einer
ungünstigen Prognose, das heisst die Abwesenheit der Befürchtung, der Täter
werde sich nicht bewähren (BGE 134 IV 1 E. 4.2.2 S. 5 f.). Der Strafaufschub ist
deshalb die Regel, von der grundsätzlich nur bei ungünstiger Prognose
abgewichen werden darf. Er hat im breiten Mittelfeld der Ungewissheit den
Vorrang (BGE 135 IV 180 E. 2.1 S. 185 f.; 134 IV 97 E. 7.3 S. 117, 1 E. 4.2.2 S. 5
f.; Urteil 6B_125/2018 vom 14. Juni 2018 E. 1.2.2; je mit Hinweisen).
Die Prüfung der Bewährungsaussichten des Täters ist anhand einer
Gesamtwürdigung aller wesentlichen Umstände vorzunehmen (vgl. dazu im
Einzelnen BGE 134 IV 1 E. 4.2.1 S. 5 mit Hinweisen).
- 63 -
2. Die Frage des bedingten Vollzugs stellt sich einzig in Bezug auf die
Geldstrafe. Die Vorinstanz bejaht eine ungünstige Legalprognose. Sie erwägt,
eine solche sei bereits aufgrund der hier zu beurteilende Serie von Delikten an-
zunehmen. Darüber hinaus habe der Gutachter Dr. med. K._ ausgeführt,
dass die seit der Jugend bestehenden Verhaltensstörungen die Legalprognose
belasten würden. Der Gutachter gehe von einer eher ungünstigen Legalprognose
in Bezug auf Drohungen, Beschimpfungen, Tätlichkeiten und eventuell auch
Fahren ohne Führerausweis aus (Urk. 101 S. 81 f.). Die vorinstanzlichen
Erwägungen sind zutreffend. Die zahlreichen Straftaten sowie die Delinquenz
während laufender Untersuchung und trotz wiederholter Untersuchungshaft
sprechen eine klare Sprache. Es ist nicht erkennbar, dass sich die persönlichen
Verhältnisse des Beschuldigten heute in einem wesentlich günstigeren Licht
präsentieren würden. Ihm kann keine günstige Prognose gestellt werden. Damit
entfällt auch eine (altrechtlich mögliche) teilbedingte Geldstrafe.
V. Zivilansprüche
1. Allgemeines
Die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Leistung von Schadenersatz und
Genugtuung sowie die Bemessungskriterien dieser Leistungen finden sich im
angefochtenen Urteil (Urk. 101 S. 82 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO sinngemäss).
2. Schadenersatzforderungen der Privatklägerinnen B._ und C._
2.1. Aufgrund der Schuldsprüche ist über die Schadenersatzansprüche zu
entscheiden (Art. 126 Abs. 1 lit. a StPO).
2.2. Die Vorinstanz verpflichtet den Beschuldigten, der Privatklägerin B._
im Zusammenhang mit dem Diebstahl Schadenersatz von Fr. 500.– nebst Zins zu
- 64 -
5% seit 11. März 2017 zu bezahlen. Als Begründung hält die Vorinstanz fest, der
Schadenersatzanspruch der Privatklägerin B._ setze sich aus dem
entwendeten Ring im Wert von Fr. 300.– und dem Geldbetrag von Fr. 200.–
zusammen. Zudem sei festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber der
Privatklägerin B._ aus den eingeklagten Ereignissen dem Grundsatze nach
schadenersatzpflichtig sei.
2.3. Weiter stellt die Vorinstanz fest, dass der Beschuldigte gegenüber der
Privatklägerin C._ aus den eingeklagten Ereignissen dem Grundsatze nach
schadenersatzpflichtig ist. Dazu wird erwogen, der genaue Schaden könne noch
nicht abschliessend beurteilt werden. Zur genauen Feststellung des Umfangs des
Anspruchs sei die Privatklägerin auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen
(Urk. 101 S. 83 ff.).
2.4. Der Beschuldigte begründet die Anfechtung des vorinstanzlich zuge-
sprochenen Schadenersatzbetrages an die Privatklägerin B._ sowie der
Feststellung der grundsätzlichen Schadenersatzpflicht gegenüber den Privat-
klägerinnen B._ und C._ einzig mit den beantragten Freisprüchen
hinsichtlich der inkriminierten Anklagevorwürfe (Urk. 120 S. 27).
2.5. Nachdem im Berufungsverfahren der Diebstahl zum Nachteil der Privat-
klägerin B._ zu bestätigen ist, ist der geltend gemachte
Schadenersatzanspruch von Fr. 500.– nebst Zins zu 5% Zins seit 11. März 2017
gestützt auf Art. 41 Abs. 1 und Art. 73 Abs. 1 OR gegeben. Im Übrigen ist sodann
mit der Vorinstanz festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber der
Privatklägerin B._ aus den eingeklagten Ereignissen dem Grundsatze nach
schadenersatzpflichtig ist (vgl. Urk. 75 S. 6 und Urk. 101 S. 83 f.). Zur genauen
Feststellung des Schadenersatzanspruches ist die Privatklägerin B._ auf den
Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
2.6. Die Privatklägerin C._ begründet ihren Anspruch damit, es sei offen,
ob sie in einem späteren Zeitpunkt nochmals therapeutische Hilfe in Anspruch
nehmen müsse (Urk. 57 S. 7). Soweit die Vorinstanz einen grundsätzlichen
Schadenersatzanspruch der Privatklägerin C._ bejaht, ist dem nichts
- 65 -
beizufügen und der Anspruch gestützt auf Art. 41 Abs. 1 OR gegeben. Es ist
daher festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin C._
aus dem eingeklagten Ereignis (versuchte Erpressung und Drohungen, Dossiers
26 und 31) dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist, die Privatklägerin zur
genauen Feststellung des Schadenersatzanspruches aber auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen wird.
3. Genugtuungsforderungen der Privatklägerinnen B._ und C._
3.1. Die Vorinstanz folgte den Genugtuungsbegehren der Privatklägerinnen
B._ und C._ weitgehend und verpflichtete den Beschuldigten, der
Privatklägerin B._ eine Genugtuung von Fr. 2'500.– nebst 5% Zins seit 10.
März 2017 sowie der Privatklägerin C._ eine solche von Fr. 1'000.– nebst
5% Zins seit 15. April 2018 zu bezahlen (Urk. 75 S. 1 und S. 7; Urk. 57 S. 1 und
S. 5 ff.; Urk. 101 S. 90 f.).
3.2. In Bezug auf die Forderung der Privatklägerin B._ trägt die Vorinstanz
dem massiven Übergriff Rechnung, bei dem die Privatklägerin vom Beschuldigten
gewürgt wurde. Der Privatklägerin sei es schwarz vor Augen geworden, sie habe
keine Luft mehr bekommen und habe einen Urinabgang gehabt. Sie sei zudem
kurz danach mittels zweier Videosequenzen in Angst und Schrecken versetzt
worden. Durch die Würgevorgänge sei die Privatklägerin in ihrer psychischen und
physischen Integrität erheblich verletzt worden. In Anbetracht dieser Umstände
erscheine eine Genugtuung von Fr. 2'500.– nebst 5% Zins seit 10. März 2017 als
der Intensität der erlittenen Unbill und dem Verschulden des Beschuldigten
angemessen (Urk. 101 S. 84 f.).
3.3. Zur Forderung der Privatklägerin C._ erwägt die Vorinstanz, der
Beschuldigte habe widerrechtlich und schuldhaft in die psychische Integrität der
Privatklägerin eingegriffen. Er habe sie beschimpft, sie mehrfach bedroht und sie
zu einer Geldzuwendung zu nötigen versucht. Die Privatklägerin habe sich nach
eigenen Angaben über längere Zeit in ihrem Sicherheitsgefühl stark beeinträchtigt
gefühlt. Nach der Zusendung der Fotos habe sie Angst um ihr Leben gehabt. Die
Beschimpfungen hätten sie in ihrem Selbstwertgefühl geprägt. Insgesamt
- 66 -
erscheine eine Genugtuung von Fr. 1'000.– nebst 5% Zins seit 15. April 2018 als
der Intensität der erlittenen Unbill und dem Verschulden des Beschuldigten
angemessen (Urk. 101 S. 86).
3.4. Die Verteidigung begründet ihre Anträge auf Abweisung der
Genugtuungsforderungen respektive deren Verweis auf den Zivilweg einzig mit
Blick auf die jeweilig beantragten Freisprüche. Im Übrigen beanstandete sie
die Höhe der Genugtuungsforderungen nicht (Urk. 102 S. 2 f.; Urk. 120 S. 27).
Ein substanziiertes Bestreiten liegt nicht vor (vgl. dazu Regula Echle, Die
Adhäsionsklage nach der Schweizerischen Strafprozessordnung [...], Zürich
2018, S. 85 f.). Unter Berücksichtigung des dem Gericht bei der Bemessung der
Genugtuung zustehenden grossen Ermessens, und da die entsprechenden
Schuldsprüche bestätigt werden, hat es beim vorinstanzlichen Entscheid sein
Bewenden. Der Beschuldigte ist daher zu verpflichten, der Privatklägerin B._
Fr. 2'500.– zuzüglich 5 % Zins seit 10. März 2017 sowie der Privatklägerin
C._ Fr. 1'000.– zuzüglich 5% Zins seit 27. Oktober 2018 als Genugtuung zu
bezahlen. Im Mehrbetrag sind die Genugtuungsbegehren abzuweisen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kostenfolgen im erstinstanzlichen Verfahren
Wie bereits ausgeführt, ist die erstinstanzliche Kostenfestsetzung (inklusive die
Entschädigungen der amtlichen Verteidigung und der Rechtsbeistände der
Privatklägerschaft, Dispositivziffern 12-15 und 18) in Rechtskraft erwachsen. Bei
diesem Ausgang des Verfahrens ist die erstinstanzliche Kostenauflage
(Dispositivziffern 16 und 17) zu bestätigen. Von einer teilweisen Kostenbefreiung
trotz der rechtskräftigen Einstellung und des Freispruchs (Dispositivziffern 1 und
3) ist abzusehen. Der beschuldigten Person können die gesamten Kosten der
Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens auferlegt werden, wenn die
ihr zur Last gelegten Handlungen in einem engen und direkten Zusammenhang
stehen und alle Untersuchungshandlungen hinsichtlich jedes Anklagepunkts
notwendig waren. Bei einem einheitlichen Sachverhaltskomplex ist vom
Grundsatz der vollständigen Kostenauflage nur abzuweichen, wenn die
- 67 -
Strafuntersuchung im freisprechenden Punkt zu Mehrkosten geführt hat (Urteil
6B_115/2019 vom 15. Mai 2019 E. 4.3 mit Hinweisen). Die Vorwürfe des
eingestellten respektive in einen Freispruch mündenden Verfahrens haben das
Ausmass der Strafuntersuchung nicht in relevanter Weise tangiert. Eine teilweise
Kostenbefreiung drängt sich nicht auf.
2. Kosten- und Entschädigungsfolgen im Berufungsverfahren
2.1. Die Gerichtsgebühr ist aufgrund des konkreten Aufwands und dem
Umstand, dass zweimalig zur Berufungsverhandlung vorgeladen werden
musste, auf Fr. 5'000.– zu veranschlagen (Art. 424 Abs. 1 StPO in Verbindung
mit § 16 Abs. 1 und § 14 GebV OG). Die Kosten im Rechtsmittelverfahren
tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens
(Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei im Rechtsmittelverfahren als obsiegend
oder unterliegend gilt, hängt davon ab, in welchem Ausmass ihre vor
Beschwerdeinstanz bzw. Berufungsgericht gestellten Anträge gutgeheissen
wurden (THOMAS DOMEISEN, in: Basler Kommentar, Schweizerische Straf-
prozessordnung, Bd. II, 2. Aufl. 2014, N. 6 zu Art. 428 StPO).
2.2. Der Beschuldigte richtete sich mit seiner Berufung gegen verschiedene
Schuldsprüche und unterliegt im Berufungsverfahren mit seinen Anträgen
vollumfänglich. Ausgangsgemäss sind ihm die Kosten des
Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der Kosten der amtlichen Verteidigung
und unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, aufzuerlegen (Art. 428
Abs. 1 StPO). Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen
Vertretung der Privatklägerschaft für das Berufungsverfahren sind auf die
Gerichtskasse zu nehmen. Eine allfällige Rückerstattungspflicht bleibt
vorbehalten (Art. 135 Abs. 4 StPO, Art. 138 Abs. 1 und Art. 426 Abs. 4 StPO;
Urteil 6B_123/2014 vom 2. Dezember 2014 E. 6.3, nicht publ. in BGE 141 IV 10).
2.3. Die amtliche Verteidigung macht im Berufungsverfahren einen Aufwand
von Fr. 9'213.70 (inkl. MwSt.) geltend, was ausgewiesen ist und angemessen
erscheint (Urk. 138). Zusätzlich sind ihr die Aufwendungen im Zusammenhang
mit der heutigen Berufungsverhandlung sowie Nachbesprechung (insgesamt rund
- 68 -
2 Stunden) zu vergüten. Es rechtfertigt sich daher, Rechtsanwältin lic. iur.
X._ für ihre Aufwendungen im Berufungsverfahren pauschal und gesamthaft
mit Fr. 9'700.– (inkl. Auslagen und MwSt.) zu entschädigen.
2.4. Die unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin C._,
Rechtsanwältin Dr. iur. Z._, reichte am 18. März 2021 ihre Aufwendungen im
Berufungsverfahren ein (Urk. 135/1-2). Der geltend gemachte Aufwand von
Fr. 980.35 ist ausgewiesen sowie angemessen und entsprechend zu
entschädigen.
- 69 -