Decision ID: ea7e6725-7571-4c8c-93c9-386514f0099e
Year: 2022
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Strafbefehl vom 5. August 2021 (STA-Nr. A1 21 1632, 2186) wurde A._ (Beschwerdefüh-
rer/Beschuldigter) wegen des mehrfachen vorsätzlichen Führens eines Motorfahrzeuges in
angetrunkenem Zustand (qualifizierte Alkoholkonzentration) sowie der fahrlässigen einfachen
Verkehrsregelverletzung durch Nichtmitführen des Führerausweises mit einer Geldstrafe von
60 Tagessätzen zu je Fr. 200.– und einer Busse von Fr. 2'200.– bestraft (STA-act. 1.1).
Gegen diesen Strafbefehl hat der Beschwerdeführer mit Postaufgabe vom 30. August 2021
Einsprache erhoben (STA-act. 1.6). Mit Schreiben vom 9. September 2021 teilte die Staats-
anwaltschaft dem Beschuldigten mit, die Einsprache werde als nicht fristgerecht erachtet. Er
könne diese innert einer Nachfrist von fünf Tagen zurückziehen, ansonsten werde die Eingabe
wie eine verspätete Eingabe behandelt und dem Kantonsgericht zur Beurteilung der Gültigkeit
überwiesen (STA-act. 4.1 ff.). Mangels entsprechender Rückzugserklärung überwies die
Staatsanwaltschaft die Angelegenheit am 21. Oktober 2021 dem Gericht (STA-act. 4.5).
Mit Verfügung vom 18. November 2021 trat das Kantonsgericht Nidwalden, Strafabteilung/Ein-
zelgericht, zufolge Verspätung auf die Einsprache nicht ein.
B.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 4. Dezember 2021 Beschwerde beim
Obergericht und verlangte sinngemäss die Aufhebung der angefochtenen Verfügung.
C.
Auf das Einholen einer Stellungnahme der Staatsanwaltschaft wurde verzichtet (Art. 390
Abs. 2 StPO). Praxisgemäss wurden die vorinstanzlichen Akten beigezogen. Die Beschwer-
deabteilung in Strafsachen hat die vorliegende Streitsache auf dem Zirkularweg abschliessend
beurteilt. Die Tatsachen und Parteistandpunkte ergeben sich, soweit sie für den Entscheid von
Belang sind, aus den nachfolgenden Erwägungen.
3│7

Erwägungen:
1.
1.1
Die angefochtene Verfügung vom 18. November 2021 ist ein Nichteintretensentscheid, mit
dem nicht materiell über Straffragen befunden wird. Es kommt daher das Beschwerdeverfah-
ren zur Anwendung (Art. 393 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 80 Abs. 1 StPO). Sachlich zuständig ist
die Beschwerdeabteilung in Strafsachen des Obergerichts Nidwalden (Art. 29 GerG
[NG 261.1]), die in Dreierbesetzung entscheidet (Art. 22 Ziff. 2 GerG). Der Beschwerdeführer
hat als Adressat der angefochtenen Verfügung ein rechtlich geschütztes Interesse an deren
Aufhebung und ist somit zur Beschwerde legitimiert (Art. 382 Abs. 1 StPO). Die Beschwerde
wurde innert zehn Tagen (Art. 396 Abs. 1 StPO) bei der Vorinstanz eingereicht und entspre-
chend der Bestimmung von Art. 91 Abs. 4 StPO an das Obergericht weitergeleitet. Da es sich
beim Beschwerdeführer um einen juristischen Laien handelt, sind auch an den Inhalt der Be-
schwerdeschrift keine hohen Anforderungen zu stellen. Auf die Beschwerde ist daher einzu-
treten.
1.2
Mit der Beschwerde können Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Miss-
brauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung, die unvollständige oder
unrichtige Feststellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden (Art. 393
Abs. 2 StPO). Die Beschwerdeinstanz verfügt demnach über volle Kognition.
2.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet ausschliesslich der Nichteintre-
tensentscheid der Vorinstanz. Es kann somit nur geprüft werden, ob die Vorinstanz zu Recht
nicht auf die Einsprache eingetreten ist.
4│7
3.
3.1
Gemäss Art. 354 Abs. 1 StPO beträgt die Frist zur Erhebung einer Einsprache gegen einen
Strafbefehl zehn Tage. Die Frist beginnt am Tag nach Zustellung bzw. Eröffnung des Ent-
scheids zu laufen (Art. 90 Abs. 1 StPO) und ist eingehalten, wenn die Einsprache spätestens
am letzten Tag der Frist bei der zuständigen Behörde abgegeben oder zu deren Handen der
Schweizerischen Post oder einer Schweizerischen diplomatischen oder konsularischen Ver-
tretung übergeben worden ist (Art. 91 Abs. 2 StPO). Fällt das Fristende auf einen Samstag,
Sonntag oder Feiertag, so endet die Frist am nächstfolgenden Werktag (Art. 90 Abs. 2 StPO).
Die Zustellung ist erfolgt, wenn die Sendung durch den Adressaten oder von einer Angestellten
oder im gleichen Haushalt lebenden Person entgegengenommen wurde (Art. 85 Abs. 3 StPO).
Kann eine eingeschriebene Postsendung nicht dementsprechend dem Adressaten oder einer
der im Gesetz genannten Person gegen Unterschrift zugestellt werden, so wird der Adressat
mittels Abholungseinladung avisiert. Bei einer eingeschriebenen Postsendung, die nicht abge-
holt worden ist, gilt die Zustellung am siebten Tag nach dem erfolglosen Zustellversuch als
erfolgt, sofern die Person mit einer Zustellung rechnen musste (Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO). Der
Strafbefehl vom 5. August 2021 enthielt eine entsprechende Rechtsmittelbelehrung.
3.2
Der Strafbefehl vom 5. August 2021 wurde gleichentags zum Versand per Einschreiben bei
der Poststelle aufgegeben. Die eingeschriebene Sendung wurde am 6. August 2021 zur Ab-
holung avisiert mit Frist bis zum 13. August 2021 (STA-act. 1.4). An diesem Tag gilt die Sen-
dung als zugestellt. Am darauffolgenden Tag, d.h. am 14. August 2021, begann die zehntägige
Einsprachefrist zu laufen und endete am 24. August 2021. Damit erfolgte die Einsprache mit
Postaufgabe 30. August 2021 offenkundig verspätet, sodass die Vorinstanz zu Recht nicht
darauf eingetreten ist.
4.
Der Beschwerdeführer stellt sich auf den Standpunkt, dass er aus beruflichen sowie persönli-
chen Gründen sowie dem Extremgesundheitszustand seiner Mutter (präfinal) für längere Zeit
in B._ und nicht in der Schweiz gewesen sei, als die Frist ablief. Darüber hinaus habe er keine
vertraute Person in Nidwalden, die das Postfach hätte lehren können. Für die Richtigkeit und
Exaktheit dieser Darstellung gebe es in der Schweiz/Ins wichtige Personen und in B._ eine
Zahl von Zeugen, die im Zweifelsfall benannt würden.
5│7
Soweit der Beschwerdeführer damit sinngemäss eine Wiederherstellung der versäumten Frist
gemäss Art. 94 StPO beantragt, kann darauf, mangels Zuständigkeit des Gerichts, nicht ein-
getreten werden. Ein diesbezügliches Gesuch wäre gemäss Art. 94 Abs. 2 StPO innert 30 Ta-
gen nach Wegfall des Säumnisgrundes schriftlich und begründet bei derjenigen Behörde zu
stellen gewesen, bei welcher die versäumte Verfahrenshandlung hätte vorgenommen werden
müssen, vorliegend der Staatsanwaltschaft.
Damit kann offengelassen werden, wie angesichts der widersprüchlichen Angaben ‒ im Rah-
men der Einsprache hatte der Beschwerdeführer noch berufliche Gründe (Vorstellungsgesprä-
che) für seine Abwesenheit geltend gemacht ‒ zu verfahren wäre und ob überhaupt ein Wie-
derherstellungsgrund vorliegen würde. Die Wiederherstellung kommt nämlich nur in Betracht,
wenn der säumigen Person kein Vorwurf gemacht werden kann, sie mit anderen Worten aus
hinreichenden objektiven oder subjektiven Gründen davon abgehalten worden ist, fristgerecht
zu handeln oder eine Vertretung zu bestellen. Dabei muss es sich um Gründe von einigem
Gewicht handeln. Wiederherstellung kann nur in Fällen klarer Schuldlosigkeit gewährt werden.
Jedes Verschulden einer Partei oder ihres Vertreters oder beigezogener Hilfspersonen, so
geringfügig es sein mag, schliesst sie aus. Von einem Verfahrensbeteiligten, der Beschwer-
deführer ist über das gegen ihn eröffnete Verfahren in Kenntnis gesetzt worden, der jederzeit
mit Zustellung behördlicher Post rechnen muss, ist zu verlangen, dass er für die Nachsendung
seiner an die bisherige Adresse gelangenden Korrespondenz besorgt ist, allenfalls längere
Ortsabwesenheiten der Behörde mitteilt oder einen Stellvertreter ernennt (BGE 139 IV 228 E.
1.1; 130 III 396 E. 1.2.3).
5.
Nach dem Gesagten erweist sich die Beschwerde als unbegründet und ist abzuweisen, soweit
darauf überhaupt einzutreten ist.
6│7
6.
6.1
Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens oder Un-
terliegens die Kosten des Rechtsmittelverfahrens. Ausgangsgemäss hat der unterliegende Be-
schwerdeführer die Gerichtskosten zu tragen.
6.2
Die Entscheidgebühr des Obergerichts als Beschwerdeinstanz in Strafsachen beträgt
Fr. 200.– bis Fr. 3‘000.– (Art. 11 Ziff. 2 PKoG [NG 261.2]) und wird ermessenweise (Art. 2
Abs. 1 PKoG) auf Fr. 500.– festgesetzt.
7│7