Decision ID: 78a3c98b-dfb2-5cf3-a7da-21414296c25f
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Andreas Fäh, Oberer Graben 26, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente (Wiedererwägung)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 31. August 2001 aufgrund eines Bandscheibenvorfalls für
eine Umschulung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 29).
A.b Am 4. Dezember 2001 erstattete der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. B._,
Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, einen Arztbericht. Er diagnostizierte eine lumbale
Discushernie, attestierte eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit ab dem 19. März 2001 und
verwies im Übrigen auf einen Austrittsbericht der Klinik Valens vom 28. November 2001
(IV-act. 18).
A.c Am 7. Februar 2002 erstatteten die Ärzte der Klinik Valens einen Arztbericht. Sie
diagnostizierten im Wesentlichen ein lumbospondylogenes Syndrom links und
attestierten einerseits eine vollständige Arbeitsunfähigkeit für die angestammte
körperlich schwere Tätigkeit als Bodenleger/Vorarbeiter und andererseits eine voll
ständige Arbeitsfähigkeit für leichte und wechselbelastende Verweistätigkeiten, hielten
zugleich aber auch fest, aufgrund der Beobachtungen während des stationären Auf
enthaltes sollte der Versicherte in einer körperlich leichten und wechselbelastenden
Tätigkeit zumindest eine 50%ige Teilarbeitsfähigkeit erreichen können; zur genauen
Quantifizierung der körperlichen Belastungen wäre eine Evaluation der funktionellen
Leistungsfähigkeit (EFL) hilfreich (IV-act. 20). Dem Arztbericht legten sie drei Consiliar
berichte vom Oktober 2001 sowie den Austrittsbericht vom 28. November 2001 be
treffend einen stationären Aufenthalt des Versicherten in der Klinik Valens vom
8. Oktober bis zum 3. November 2001 bei; in letzterem war ebenfalls eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten attestiert und darauf hingewiesen
worden, dass die Durchführung einer EFL zur genauen Quantifizierung der körperlichen
Leistungsfähigkeit und der Belastungslimiten zu empfehlen sei (IV-act. 19).
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A.d Vom 27. Januar bis zum 4. Februar 2003 erfolgte eine berufliche Abklärung in der
Beruflichen Abklärungsstelle (BEFAS) C._. Im Schlussbericht vom 18. Februar 2003
wurde unter anderem festgehalten, dass die Abklärungsmassnahme nach sieben
Tagen vorzeitig habe abgebrochen werden müssen. Unter Beachtung der objektivier
baren medizinischen Befunde und der konkreten Abklärungsresultate könne dem Ver
sicherten eine 70%ige Arbeitsfähigkeit attestiert werden. Auch mit allfälligen
beruflichen Massnahmen sei es in Berücksichtigung der vorliegenden Chronifizierung
und des stark auf die Schmerzen eingeengten Verhaltens kaum realistisch, die
Arbeitsfähigkeit behinderungsgerecht steigern zu können (IV-act. 14–2 ff.).
A.e Der zuständige Berufsberater der IV-Stelle erachtete am 14. März 2003 weitere
berufliche Massnahmen als nicht zielführend, legte unter Berücksichtigung einer ver
bliebenen Arbeitsfähigkeit von 70 % und je einem Abzug von 10 % für Minderverdienst
und Teilzeitanstellung das Validen- und Invalideneinkommen fest und empfahl die
Prüfung der Rentenberechtigung, sofern der Sachverhalt medizinisch genügend aus
gewiesen sei (IV-act. 14–1).
A.f Mit Verfügungen vom 1. Oktober und 13. November 2003 sprach die IV-Stelle
dem Versicherten eine halbe Rente mit Wirkung ab dem 1. März 2003 zuzüglich zweier
Kinderrenten für die im Ausland bei der Mutter wohnhaften Kinder zu (IV-act. 38
und 41).
B.
B.a Am 13. Juli 2004 teilte der Versicherte der IV-Stelle mit, dass sich sein
Gesundheitszustand verschlechtert habe. Er habe in letzter Zeit oft das Bewusstsein
verloren und könne daher nicht länger alleine wohnen. Er fragte an, ob die Rente
exportiert würde, wenn er in sein Heimatland zu seiner Ehefrau und den Kindern
zurückkehren würde, oder ob ein Familiennachzug möglich sei (IV-act. 43).
B.b Im Juli 2004 meldete sich der Versicherte sodann zum Bezug von Leistungen der
Arbeitslosenversicherung an (IV-act. 44).
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B.c Am 26. Oktober 2004 ersuchte der Versicherte mit einer neuen Anmeldung um
Berufsberatung, Umschulung und Rente; er habe am 25. März 2003 einen Unfall
erlitten, bei dem er sich an der rechten Hand verletzt habe (IV-act. 52).
B.d Auf Anfrage der IV-Stelle hin berichtete Dr. B._ am 10. Oktober 2004 über einen
unveränderten Zustand (IV-act. 59). In der Folge gingen der IV-Stelle zwei Berichte des
Spitals F._ vom 16. und 26. Mai 2003 betreffend die Behandlung einer
Rissquetschwunde an der rechten Hand nach einem Sturz am 28. April 2003 mit
nachfolgendem Wundinfekt und Abbruch der Behandlung im Spital trotz Risiken zu (IV-
act. 64–1 ff.).
B.e Am 4. Oktober 2005 nahm Dr. med. D._, Facharzt FMH für Arbeitsmedizin, vom
IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) Stellung zu den neu eingegangenen
medizinischen Unterlagen. Er hielt fest, eine relevante Veränderung des
Gesundheitszustandes sei nicht
ausgewiesen (IV-act. 73).
B.f Mit Verfügung vom 3. Januar 2006 trat die IV-Stelle auf das Rentenerhöhungs
gesuch nicht ein (IV-act. 88). Die am 24. Januar 2006 dagegen erhobene Einsprache
(IV-act. 94) zog der Versicherte am 27. Februar 2006 zurück (IV-act. 99).
C.
C.a Im Rahmen einer Überprüfung des Rentenanspruchs von Amtes wegen gab der
Versicherte am 17. August 2008 an, sein Gesundheitszustand habe sich seit dem Jahr
2004 verschlechtert; die Schmerzen würden schlimmer (IV-act. 109).
C.b Dr. B._ berichtete am 8. Oktober 2008 über einen vollständig unveränderten
Zustand, wies aber darauf hin, dass eine Überweisung an die Klinik für Orthopädie des
Kantonsspitals St. Gallen erfolgt sei (IV-act. 111).
C.c Am 16. Oktober 2008 teilte die IV-Stelle mit, dass weiterhin Anspruch auf eine
halbe Rente bestehe (IV-act. 113).
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C.d Mit Verfügung vom 6. Februar 2009 wurde die Rente bei unverändertem
Invaliditätsgrad rückwirkend per 1. Januar 2009 betragsmässig erhöht (IV-act. 114). Am
11. Juni und am 26. November 2010 ergingen zwei weitere Verfügungen mit unver
ändertem Rentenbetrag (IV-act. 120 f.).
D.
D.a Am 3. Januar 2011 ging der IV-Stelle ein Amtsstellenbericht der Kantonspolizei
St. Gallen betreffend „Verdacht IV-Betrug von Herr A._“ zu; es bestehe der Verdacht,
dass der Versicherte seinen Lebensmittelpunkt nicht mehr in der Schweiz habe (IV-
act. 122).
D.b Am 4. Januar 2011 wies die IV-Stelle die zuständige Ausgleichskasse an, die
Rente wegen unbekannten Aufenthalts per sofort einzustellen (IV-act. 124).
D.c Am 2. und 8. Februar 2011 ersuchte der Versicherte telefonisch um Weiteraus
richtung der Rente (IV-act. 127 f.).
D.d Am 17. Februar 2011 liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte die sofortige
Renteneinstellung beanstanden. Sein Anspruch auf rechtliches Gehör sei verletzt
worden; er wohne nach wie vor in der Schweiz und halte sich lediglich zeitweise in
seinem Heimatland auf, was ohne Weiteres zulässig sei (IV-act. 136).
D.e Mit Vorbescheid vom 7. März 2011 teilte die IV-Stelle mit, dass die wieder
erwägungsweise Aufhebung der Verfügung vom 1. Oktober 2003 vorgesehen sei,
wobei auf eine Rückforderung ausnahmsweise verzichtet werde (IV-act. 138).
D.f Am 13. Mai 2011 verfügte die IV-Stelle entsprechend (IV-act. 143).
E.
E.a Dagegen richtet sich die am 15. Juni 2011 erhobene Beschwerde, mit der die
ersatzlose Aufhebung der angefochtenen Verfügung und eventualiter die Durchführung
von Eingliederungsmassnahmen beantragt werden (act. G 1).
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E.b Die Beschwerdegegnerin schliesst gemäss Beschwerdeantwort vom
18. November 2011 auf Abweisung der Beschwerde (act. G 12).
E.c Ein zweiter Schriftenwechsel wurde nicht durchgeführt (act. G 20).

Erwägungen:
1.
Gegenstand der vorliegenden Beschwerde bildet die wiedererwägungsweise
Aufhebung der rentenzusprechenden Verfügung vom 1. Oktober bzw. 13. November
2003. Die im Januar 2011 veranlasste, offenbar verfügungslos gebliebene sofortige
Leistungseinstellung im Zusammenhang mit der Frage nach dem Aufenthalt des
Beschwerdeführers bildet nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung.
Entsprechende Ausführungen erübrigen sich deshalb.
2.
2.1 Gemäss den Akten der Beschwerdegegnerin – die nicht durchgehend nach einem
erkennbaren System geordnet sind, was mit Blick auf Art. 46 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) zu beanstanden
ist – lagen im Zeitpunkt der Rentenzusprache insbesondere ein ausführlicher Bericht
der Klinik Valens sowie der Schlussbericht der BEFAS C._ im Recht. Die Ärzte der
Klinik Valens hatten für leidensadaptierte Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
attestiert, die zuständigen Fachpersonen der BEFAS C._ eine 70%ige. Der
Berufsberater der IV-Stelle erstellte den Einkommensvergleich in der Folge ausgehend
von der Arbeitsfähigkeitsschätzung im Schlussbericht der BEFAS C._, wies aber
darauf hin, dass eine medizinische Validierung, allenfalls mittels Gutachten, notwendig
sei. Diese Validierung unterblieb dann allerdings; es wurde direkt verfügt, wobei der
Verfügung der Einkommensvergleich des Berufsberaters zugrunde gelegt wurde.
2.2 Massgebend für die Bemessung des Invaliditätsgrades ist unter anderem die
gesundheitsbedingte Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit in qualitativer und quanti
tativer Hinsicht. Entsprechend haben Ärzte, in aller Regel Fachärzte, Stellung zur ver
bliebenen Arbeitsfähigkeit zu nehmen (BGE 132 V 393 E. 3.2 S. 398 mit zahlreichen
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Hinweisen). Vor Zusprache der Rente Ende 2003 lag ein ausführlicher Arztbericht bei
den Akten, nämlich jener der Klinik Valens, dem der ausführliche Austrittsbericht samt
Consiliarberichten beilag. Die Ärzte, die den Beschwerdeführer erst untersucht und
dann vom 8. Oktober bis zum 3. November 2001 im Rahmen des stationären Aufent
halts behandelt hatten, hielten in Würdigung der Vorakten nachvollziehbar und über
zeugend fest, der Beschwerdeführer sei in einer leidensadaptierten Tätigkeit zu 100 %
arbeitsfähig. Allerdings wiesen sie darauf hin, dass zur Quantifizierung der Leistungs
fähigkeit die Durchführung einer EFL zu empfehlen sei. Im Bericht vom 7. Februar 2002
zuhanden der IV-Stelle attestierte Dr. med. E._, der als leitender Arzt Rheumatologie
auch den Austrittsbericht visiert hatte, ebenfalls eine 100%ige Arbeitsfähigkeit für
adaptierte Tätigkeiten, empfahl wiederum die Durchführung einer EFL, hielt dann aber
auch fest, es könne „zumindest eine 50%ige Teilarbeitsfähigkeit“ erreicht werden (IV-
act. 20–2). Die Fachleute der BEFAS C._, die den Beschwerdeführer während
lediglich sieben Tagen vornehmlich in beruflicher Hinsicht erprobten – wobei allerdings
auch zwei fachärztliche Gespräche erfolgten –, stellten sich auf den Standpunkt, der
Versicherte sei in leidensadaptierten Tätigkeiten zu 70 % arbeitsfähig. Dies
begründeten sie wie folgt: „So, wie wir Herrn A._ in seinem stark auf die Schmerzen
eingeengten Verhalten erlebten, erscheint es uns unter Berücksichtigung der
vorliegenden Chronifizierung kaum realistisch, auch mit allfälligen beruflichen Mass
nahmen wie einem aufbauenden Arbeitstraining, die aktuell attestierbare 70%ige
Arbeitsfähigkeit unter behinderungsgerechten Arbeitsbedingungen noch weiter steigern
zu können“ (IV-act. 14–6). Ob damit der Zumutbarkeit genügend Rechnung getragen
wurde, ist zwar fraglich. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung wurde aber unter Berück
sichtigung der Einschätzung eines Facharztes FMH für Physikalische Medizin und
Rehabilitation abgegeben und lag im Rahmen der von Dr. E._ abgegebenen –
allerdings etwas widersprüchlichen – Arbeitsfähigkeitsschätzung. Deshalb kann die
Festlegung des Invaliditätsgrades gestützt darauf nicht als zweifellos unrichtig im Sinne
von Art. 53 Abs. 2 ATSG bezeichnet werden. Wiewohl die Rentenzusprache wohl ver
früht erfolgt ist – gerade angesichts der divergierenden Arbeitsfähigkeitsschätzungen
wären weitere medizinische Abklärungen angezeigt gewesen –, ist sie nicht als derart
falsch zu qualifizieren, dass die Zulässigkeit der wiedererwägungsweisen Aufhebung
der rentenzusprechenden Verfügung bejaht werden könnte. Die angefochtene Ver
fügung ist daher aufzuheben.
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3.
Ob sich die von den Ärzten der Klinik Valens prognostizierte Verbesserung der Arbeits
fähigkeit auf 100 % für leidensadaptierte Tätigkeiten zwischenzeitlich verwirklicht hat
bzw. ob sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers seit der
Rentenzusprache erheblich verbessert hat, wofür durchaus gewisse Anhaltspunkte
bestehen, wäre im Rahmen eines Revisionsverfahrens von Amtes wegen zu prüfen. Ein
solches kann allerdings lediglich die Beschwerdegegnerin eröffnen; die
entsprechenden Fragen bilden denn auch nicht Gegenstand der angefochtenen
Verfügung bzw. des vorliegenden Beschwerdeverfahrens, sodass darauf nicht weiter
einzugehen ist.
4.
Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung mangels Vorliegens der Voraus
setzungen für eine Wiedererwägung der rentenzusprechenden Verfügung ersatzlos auf
zuheben. Die Beschwerde ist entsprechend gutzuheissen. Die gemäss Art. 69 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) zu erhebenden
und angesichts des durchschnittlichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden
Gerichtskosten sind ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der vom
Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe wird ihm zurück
erstattet. Die Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer sodann mit einer
reduzierten Pauschale von Fr. 2’000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehr
wertsteuer) zu entschädigen, wobei dem Umstand Rechnung getragen wird, dass nur
ein einfacher Schriftenwechsel stattfand, verhältnismässig wenig Akten zu sichten
waren und die Beschwerde relativ kurz gefasst ist.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht