Decision ID: 982f46f1-1dff-4c64-93b0-8ed10759ad1b
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erhielt am 19. Mai 1994 den Führerausweis für die Kategorien B und BE und die
Unterkategorien D1 und D1E sowie am 1. April 2003 für die Kategorie A erteilt. Mit
Verfügung vom 18. Mai 2006 verbot ihm das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
das Führen von Motorfahrzeugen aller Kategorien sowie aller Unter- und
Spezialkategorien (inkl. Mofa) infolge Drogenkonsums vorsorglich ab sofort. Da X den
Kostenvorschuss von Fr. 800.– für eine Fahreignungsabklärung nicht leistete, blieb der
Führerausweis vorsorglich entzogen. Am 4. November 2014 (Eingang beim
Strassenverkehrsamt) stellte X beim Strassenverkehrsamt ein Gesuch um
Wiedererteilung des Führerausweises. Das verkehrsmedizinische Gutachten vom
19. März 2015 ergab, dass die Fahreignung für die 2. medizinische Gruppe (nach alter
Terminologie, das heisst Führerausweis-Kategorie C, Führerausweis-Unterkategorien
C1 und D1 sowie Bewilligung zum berufsmässigen Personentransport und
Verkehrsexperten) aufgrund einer chronischen psychischen Erkrankung im Sinn einer
rezidivierenden depressiven Störung mit häufigen Hospitalisationen nicht mehr
befürwortet werden könne. Die Fahreignung für die 3. medizinische Gruppe (nach alter
Terminologie, das heisst Führerausweis-Kategorien A und B sowie Führerausweis-
Unterkategorien A1 und B1 und Spezialkategorien F, G und M) könne aus
verkehrsmedizinischer Sicht wegen einer Alkohol-, Drogen- und
Benzodiazepinabhängigkeit gemäss dem Diagnoseklassifikationssystem ICD-10 mit
begonnener, aber noch nicht ausreichend langer Abstinenz derzeit ebenfalls nicht
befürwortet werden. Zu empfehlen seien ein Abstinenznachweis über weitere 6 Monate
sowie ein hausärztlicher Verlaufsbericht in 6 Monaten über die psychische Erkrankung.
Am 20. April 2015 entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis auf
unbestimmte Zeit. Als Bedingungen für die Aufhebung des Entzugs erklärte es eine
kontrollierte und fachlich betreute Alkohol- und Drogenabstinenz (Arzt) von mindestens
sechs Monaten, monatliche Urinproben auf Cannabis, die Abstinenz von
zentralwirksamen, suchterzeugenden Medikamenten, regelmässige hausärztliche
Konsultationen wegen der psychischen Erkrankung mit Einreichen von
Verlaufsberichten und eine verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung.
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B.- Das Gutachten vom 9. November 2015 kam zum Schluss, dass die Fahreignung für
die 3. medizinische Gruppe (nach alter Terminologie) aus verkehrsmedizinischer Sicht
mit folgenden Auflagen bestätigt werden könne: Einhalten einer Abstinenz von Alkohol,
Drogen und zentralwirksamen, suchterzeugenden Medikamenten mittels
Abstinenzkontrollen (Haaranalyse) alle sechs Monate und monatlicher Urinkontrollen
auf Cannabis, Fortsetzung der monatlichen hausärztlichen Konsultationen als Ersatz für
eine Fachtherapie sowie regelmässige hausärztliche Betreuung bezüglich der
psychiatrischen Erkrankung, Einreichen von Verlaufsberichten alle sechs Monate und
einer Mindestdauer der Abstinenzkontrollen von drei Jahren. Am 18. November 2015
stellte X erneut ein Gesuch um Wiedererteilung des Führerausweises. Am
11. Dezember 2015 verfügte das Strassenverkehrsamt die teilweise Aufhebung der
Sicherungsentzugsverfügung vom 20. April 2015 und erteilte X aufgrund der langen
Fahrabstinenz von über fünf Jahren einen Lernfahrausweis, verbunden mit Auflagen im
Sinn der gutachterlichen Empfehlungen auf unbestimmte Zeit. Am 7. April 2017 wurde
die Auflage zur Drogenabstinenz auf Cannabis mittels Urinkontrollen und am
17. Oktober 2018 sämtliche übrigen Auflagen aufgehoben. Ein neuer Führerausweis
wurde X am 22. Oktober 2018 ausgestellt.
C.- Am Freitag, 14. Dezember 2018, um 21.39 Uhr, kam es zu einem Suizidversuch von
X in seiner Wohnung. Beim Eintreffen der Polizei, die durch die Notrufe des Hausarztes
sowie der Ehefrau alarmiert worden war, war er am linken Unterarm verletzt und befand
sich in alkoholisiertem Zustand. Er wurde per amtsärztlicher fürsorgerischer
Unterbringung in die Psychiatrie St. Gallen Nord (Klinik Wil) eingewiesen. Am
24. Januar 2019 gewährte das Strassenverkehrsamt X das rechtliche Gehör zur
beabsichtigten Einholung eines verkehrsmedizinischen Gutachtens. Gleichzeitig verbot
es ihm das Führen von Motorfahrzeugen vorsorglich ab sofort und entzog einem
allfälligen Rekurs die aufschiebende Wirkung. X liess sich am 13. Februar 2019 durch
seinen Rechtsvertreter vernehmen. Am 14. Februar 2019 ordnete das
Strassenverkehrsamt eine verkehrsmedizinische Untersuchung an. Im Gutachten des
Instituts für Rechtsmedizin (IRM) des Kantonsspitals St. Gallen vom 3. Oktober 2019
wurde festgehalten, dass sich der Rekurrent anlässlich der Untersuchung in einem
guten somatischen Allgemeinzustand sowie psychisch bewusstseinsklar und zu allen
Qualitäten voll orientiert präsentiert habe. Es liege allerdings weiterhin eine
behandlungs- und kontrollbedürftige psychische Problematik in Form einer
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rezidivierenden depressiven Störung vor. Im Oktober und Dezember 2018 hätten
stationäre psychiatrische Behandlungen aufgrund von Rückfällen stattgefunden. Die
Angaben des Rekurrenten würden für eine nicht überwundene
Abhängigkeitsproblematik sprechen. Laboranalytisch könne mindestens eine
mehrmonatige Alkoholabstinenz nachvollzogen werden. X befinde sich wieder in
ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung inklusive Medikation. Der
behandelnde Psychiater berichte von einer zunehmenden Stabilisierung. Unabhängig
von einem Ereignis im Strassenverkehr sei ein Abstinenznachweis zu fordern. Aufgrund
des Krankheitsverlaufs mit wiederholten Rückfällen, Hospitalisationen, psychosozialen
Belastungssituationen und in Verbindung mit der depressiven Störung sei für eine
positive Beurteilung der Fahreignung auch ein längerfristig psychisch stabiler Zustand
(ohne erneute depressive Episoden) von mindestens einem Jahr zu fordern. Diese
Bedingungen würden aktuell nicht vorliegen, weshalb die Fahreignung noch nicht
bestätigt werden könne.
D.- Das Strassenverkehrsamt gewährte X am 5. Oktober 2019 das rechtliche Gehör
zum beabsichtigten Führerausweisentzug auf unbestimmte Zeit. Dessen
Rechtsvertreter führte in seiner Eingabe ans Strassenverkehrsamt vom 24. Oktober
2019 im Wesentlichen aus, dass sowohl gestützt auf ärztliche Fremdauskünfte als auch
die Untersuchung des IRM selbst keinerlei Anzeichen für eine Suchtproblematik
bestünden. Ein einmaliges Ereignis, anlässlich dessen sich sein Mandant in den
eigenen vier Wänden betrunken habe, reiche nicht aus, um Zweifel an dessen
Fahreignung zu begründen. Das Strassenverkehrsamt verfügte am 28. Oktober 2019
Folgendes:
"1. Entzug des Führerausweises für die Dauer von: unbestimmte Zeit.
2. Damit ist Ihnen ab sofort bzw. seit dem 24.01.2019 das Recht aberkannt,
Motorfahrzeuge aller Kategorien sowie aller Unter- und Spezialkategorien (inkl.
Mofa)
zu führen.
3. Diese Massnahme hat auch den Entzug allfälliger Lernfahrausweise und
internationaler
Führerausweise sowie die Aberkennung ausländischer Führerausweise zur Folge.
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4. Der Führerausweis ist bereits bei uns deponiert.
5. Bedingung für die Aufhebung des Entzugs ist eine:
• Kontrollierte und fachlich betreute Suchtmittelabstinenz (Psychiater) von
insgesamt
mindestens 12 Monaten. Die Haaranalytik erfolgt auf Alkohol,
Medikamente/Benzodiazepine (gemäss Info-Blatt).
• Mindestens 12monatiger psychisch stabiler Zustand ausserhalb des stationären
Settings bei regelmässiger psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung.
• Die Abstinenz sollte bis zur Neubeurteilung bzw. Wiedererteilung des
Führerausweises
fortgesetzt werden, zumal mit entsprechenden Auflagen zu rechnen ist.
• Ausführlicher psychiatrischer Bericht sowie Bericht über neurologische
Abklärung
bezüglich Migräne.
• Verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung.
6. Einem allfälligen Rekurs wird zufolge Gefahr die aufschiebende Wirkung entzogen.
Die Rekursinstanz kann eine gegenteilige Verfügung treffen (Art. 51 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege [sGS 951.1; abgekürzt: VRP]).
7. Die Verfahrenskosten betragen Fr. 550.00 (Rechnung beiliegend)."
E.- Dagegen erhob X durch seinen Rechtsvertreter am 8. November 2019 Rekurs bei
der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) und stellte folgendes
Rechtsbegehren:
"1. Die angefochtene Verfügung vom 28. Oktober 2019 sei vollumfänglich
aufzuheben.
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2. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung vom 28. Oktober 2019 vollumfänglich
aufzuheben und dem Rekurrenten die Fahrerlaubnis unter gleichzeitiger, einjähriger
Abstinenzauflage mit Nachweis durch halbjährliche Haaranalysen wieder zu
erteilen.
3. Subeventualiter sei die angefochtene Verfügung vom 28. Oktober 2019
vollumfänglich
aufzuheben und dem Rekurrenten die Fahrerlaubnis unter gleichzeitiger, einjähriger
Abstinenzauflage mit Nachweis durch halbjährliche Haaranalysen im Januar 2020
und im Juli 2020 sowie der Auflage, sich psychiatrisch behandeln zu lassen,
solange
dies gemäss Dr. Y indiziert ist, wieder zu erteilen.
4. Dem Rekurrenten sei die unentgeltliche Rechtspflege und die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung zu gewähren.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zuzüglich Mehrwertsteuer zulasten der
verfügenden Behörde.
6. Die ausseramtliche Entschädigung sei dem Rechtsvertreter des Rekurrenten
zuzusprechen."
F.- Mit präsidialer Verfügung vom 14. Januar 2020 wurde das Gesuch des Rekurrenten
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen und der Gesuchsteller
im vorliegenden Verfahren vom Kostenvorschuss und von den Gerichtskosten vorläufig
befreit. Rechtsanwalt lic.iur.oec. HSG David Zünd, St. Gallen, wurde als unentgeltlicher
Rechtsvertreter bestellt. Für die Zwischenverfügung wurden keine amtlichen Kosten
erhoben. Die Vorinstanz liess sich am 23. Januar 2020 zum Rekurs vernehmen und
stellte den Antrag, der Rekurs sei vollumfänglich abzuweisen. Zusammengefasst führte
sie aus, dass allgemein bekannt sei, dass eine Suchterkrankung nicht vollständig
heilbar sei. Die Auflagendauer bis im Oktober 2018 sei augenscheinlich zu kurz
gewesen, womit belegt sei, dass die bestehende Abhängigkeitsproblematik nicht
behoben sei. Am 28. Januar 2020 reichte der Rechtsvertreter des Rekurrenten eine
Kostennote ein.
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Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 8. November 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht einen Sicherungsentzug auf
unbestimmte Zeit gegen den Rekurrenten verfügt hat.
a) Motorfahrzeugführer müssen über Fahreignung und Fahrkompetenz verfügen (Art. 14
Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Über Fahreignung
verfügt, wer das Mindestalter erreicht hat (Art. 14 Abs. 2 lit. a SVG), die erforderliche
körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von
Motorfahrzeugen hat (lit. b), frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von
Motorfahrzeugen beeinträchtigt (lit. c), und nach seinem bisherigen Verhalten Gewähr
bietet, als Motorfahrzeugführer die Vorschriften zu beachten und auf die Mitmenschen
Rücksicht zu nehmen (lit. d). Über Fahrkompetenz verfügt, wer die Verkehrsregeln
kennt (Art. 14 Abs. 3 lit. a SVG) und Fahrzeuge der Kategorie, für die der Ausweis gilt,
sicher führen kann (lit. b). Ausweise und Bewilligungen sind zu entziehen, wenn
festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht
mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1, 1. Halbsatz SVG). Wegen fehlender Fahreignung wird
einer Person der Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn ihre körperliche
und geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht, ein Motorfahrzeug
sicher zu führen (Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG), sie an einer Sucht leidet, welche die
Fahreignung ausschliesst (lit. b) oder sie auf Grund ihres bisherigen Verhaltens nicht
Gewähr bietet, dass sie künftig beim Führen eines Motorfahrzeugs die Vorschriften
beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen wird (lit. c). Die medizinischen
Mindestanforderungen werden in Art. 7 in Verbindung mit Anhang 1 der
bis
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Verkehrszulassungsverordnung (SR 741.51, abgekürzt: VZV) umschrieben, wobei
differenziert nach Gruppe 1 (Führerausweis-Kategorien A und B, Führerausweis-
Unterkategorien A1 und B1 sowie Führerausweis-Spezialkategorien F, G und M) und 2
(Führerausweis-Kategorien C und D, Führerausweis-Unterkategorien C1 und D1,
Bewilligung zum berufsmässigen Personentransport sowie Verkehrsexperten)
insbesondere definiert wird, welche Erkrankungen nicht vorliegen dürfen. Eine
mangelnde psychische Fähigkeit, ein Motorfahrzeug zu lenken, kann etwa darin
bestehen, dass die betroffene Person die Verantwortung für ihre Handlungen infolge
andauernder pathologischer Zustände, wie zum Beispiel psychischer Krankheit oder
sehr geringer intellektueller Fähigkeiten, nicht übernehmen kann (vgl. Urteil des
Bundesgerichts [BGer] 6A.72/2003 vom 13. Februar 2004 E. 2.2.2). Die zuständige
Verwaltungsbehörde ermittelt den Sachverhalt von Amtes wegen. Den Betroffenen trifft
eine Mitwirkungspflicht (Dähler/Schaffhauser, Handbuch Strassenverkehrsrecht,
S. 241). Bei einer Alkoholsucht wird als Voraussetzung der Wiedererteilung des
Führerausweises in der Regel eine mindestens einjährige kontrollierte Abstinenz
verlangt (BGer 1C_98/2007 vom 13. September 2007 E. 2.2).
b) Im verkehrsmedizinischen Gutachten vom 3. Oktober 2019 kam die Sachverständige
zum Schluss, dass die Fahreignung nicht gegeben sei. Es ist zu prüfen, ob eine
fehlende Fahreignung tatsächlich nachgewiesen bzw. schlüssig begründet wurde.
Veranlassung für die Abklärungen war der Vorfall vom 14. Dezember 2018, als der
Rekurrent sich selbst verletzt hatte, von der Polizei in alkoholisiertem Zustand zu Hause
angetroffen und anschliessend per amtsärztlich verfügter fürsorgerischer
Unterbringung in die Klinik Wil eingewiesen wurde.
aa) Die Sachverständige führte in ihrem Gutachten vom 3. Oktober 2019 aus, dass das
IRM letztmals am 16. Oktober 2018 Stellung bezogen und damals ausgeführt habe, die
Fahreignung könne aus verkehrsmedizinischer Sicht nur unter der Auflage mit weiterhin
regelmässigen ärztlichen Kontrollen der psychischen Erkrankung bestätigt werden.
Entgegen dieser Empfehlung sei der Rekurrent damals aus den Auflagen entlassen
worden. Aktuell präsentiere sich der Rekurrent in somatischer Hinsicht in gutem
Allgemeinzustand. Sodann sei er bewusstseinsklar und zu allen Qualitäten voll
orientiert. Auffallend seien gewisse Bagatellisierungstendenzen. Es ergäben sich keine
Hinweise auf Drogenkonsum. Mittels Haaranalyse, welche den Zeitraum von Mitte
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Januar 2019 bis Anfang Juli 2019 umfasse, habe kein Ethylglucuronid (Abbauprodukt
von Alkohol, abgekürzt: EtG) nachgewiesen werden können. Dieses Resultat sei mit
einer Abstinenz in diesem Zeitraum vereinbar. Bei der Blutlaborkontrolle vom 24. Juni
2019 seien die alkoholrelevanten Parameter im Normbereich gewesen.
Im Oktober 2018 habe sich der Rekurrent aufgrund eines Rückfalls mit Alkohol und
Benzodiazepinen in stationäre Behandlung begeben. Sowohl im Oktober 2018 als auch
im Dezember 2018 seien von der Klinik mittelgradige depressive Episoden beschrieben
worden. Der behandelnde Psychiater berichte von einer Abstinenzeinhaltung. Gemäss
diesem stehe der Rekurrent unter Druck, bleibe aber bei knapper Medikation stabil. Es
liege eine bleibende Gefühlslabilität vor, seine Frau arbeite voll und er betreue das
vierjährige Kind, wobei er überfordert sei. Psychotherapeutische Termine würden alle
zwei bis drei Wochen stattfinden.
Zusammenfassend hielt die Sachverständige fest, dass beim Rekurrenten weiterhin
eine behandlungs- und kontrollbedürftige psychische Problematik in Form einer
rezidivierenden depressiven Störung vorliege. Anhand der Ausführungen des
Rekurrenten sei anzunehmen, dass im Vorfeld der im Dezember 2018 selbst
zugefügten Schnittverletzungen ein wiederholter Alkoholkonsum stattgefunden habe.
Besonders kritisch zu werten sei, dass der Rekurrent im Oktober 2018 aus der
verkehrsmedizinischen Kontrolle entlassen worden sei und im gleichen Monat wieder
mit dem Alkoholkonsum begonnen habe. Dies spreche nicht für eine überwundene
Abhängigkeitsproblematik. In der aktuellen Untersuchung habe eine mehrmonatige
Alkoholabstinenz laboranalytisch nachvollzogen werden können. Der Rekurrent befinde
sich wieder in ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung inklusive
Medikation. Der behandelnde Psychiater berichte von einer zunehmenden
Stabilisierung, ohne aktuelle Diagnosen zu nennen. Bei Vorliegen einer Abhängigkeit sei
zuerst ein längerfristiger Abstinenznachweis zu erbringen. Dieser sei unabhängig davon
zu fordern, ob ein Ereignis im Strassenverkehr vorgefallen sei oder nicht. Insbesondere
aufgrund des Krankheitsverlaufs beim Rekurrenten mit wiederholten Rückfällen,
Hospitalisationen, psychosozialen Belastungssituationen und in Verbindung mit der
depressiven Störung sei für eine positive Beurteilung der Fahreignung auch ein
längerfristig psychisch stabiler Zustand (ohne erneute depressive Episoden) von
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mindestens einem Jahr zu fordern. Diese Bedingungen würden aktuell nicht vorliegen,
weshalb die Fahreignung nicht bestätigt werden könne.
bb) Beim Rekurrenten wurden in der Vergangenheit unter anderem die Diagnosen
rezidivierende depressive Störung sowie Störung durch Alkohol mit
Abhängigkeitssyndrom gestellt. Von Mai 2014 bis Oktober 2018 gelang es ihm
nachgewiesenermassen, abstinent zu leben. Am 22. Oktober 2018 wurde ihm ein
auflagefreier Führerausweis ausgestellt. In administrativrechtlicher Hinsicht war ihm
also der Alkoholkonsum ab diesem Zeitpunkt nicht mehr untersagt. Aktenkundig ist der
Vorfall vom 14. Dezember 2018, bei dem der Rekurrent bei sich zu Hause verzweifelt
und mit einer Atemalkoholkonzentration von 0,69 mg/l angetroffen wurde. In der
Befragung anlässlich der verkehrsmedizinischen Untersuchung vom 9. Juli 2019 führte
er aus, dass er aufgrund einer Depression bereits im Oktober 2018 für 14 Tage in der
Klinik Wil gewesen sei. Gelegentlich habe er ein Bier konsumiert, Hochprozentiges
habe er jedoch nicht mehr zu sich genommen. Ab 4. Januar 2019 bzw. seit seinem
Wissen um die verkehrsmedizinische Untersuchung habe er den Alkoholkonsum
wieder eingestellt und seither nichts mehr getrunken. Sodann gehe er wieder zu einem
Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Behandlung. Er werde diesen
weiterhin regelmässig aufsuchen.
Fraglich ist, inwieweit in der Zeit von Oktober bis Dezember 2018 tatsächlich von einer
erneuten Alkoholabhängigkeit ausgegangen werden muss. Über diese Zeit liegen keine
Laborwerte vor. Der Rekurrent selbst spricht von einem geringen, gelegentlichen
Konsum. Gemäss verkehrsmedizinischem Gutachten vom 3. Oktober 2019 trat der
Rekurrent am 25. Oktober 2018 mit einer Blutalkoholkonzentration (BAK) von
0,75 Gewichtspromille in die Klinik Wil ein. Beim nochmaligen Eintritt am 14. Dezember
2018 wies er eine BAK von 1,13 Gewichtspromille auf. Beide Werte sind nicht derart
hoch, dass sie Rückschlüsse auf eine Alkoholproblematik zulassen würden. Auch wenn
notorisch ist, dass bei einem trockenen Alkoholiker jeder Alkoholkonsum zu einem
Rückfall in die Sucht führen kann, ist vorliegend – neben dem Eingeständnis eines
geringen, gelegentlichen Alkoholkonsums – bis auf die Vorfälle, die zu den
Klinikeintritten geführt haben, nichts Weiteres belegt. Im Hinblick auf zu verfügende
strassenverkehrsrechtliche Administrativmassnahmen kann lediglich daraus –
unabhängig von allfälligen rein medizinischen Definitionen – jedenfalls keine erneute
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Alkoholabhängigkeit abgeleitet werden. Im Rahmen des Gutachtens konnten denn
auch weder im Blut noch in den Haaren Hinweise auf einen Alkoholkonsum gefunden
werden. Dem Rekurrenten gelang es ab Januar 2019 dementsprechend problemlos
wieder, alkoholabstinent zu leben. Zu seinen Gunsten ist zudem zu berücksichtigen,
dass er bei Bedarf selbst Hilfe suchte. Im Oktober 2018 hatte er sich offenbar selbst in
die Klinik Wil begeben (act. 5/114). Bevor es am 14. Dezember 2018 zur
Selbstverletzung mit Alkoholkonsum sowie zur Einweisung per fürsorgerischer
Unterbringung in die Klinik Wil gekommen war, hatte er seinem Hausarzt telefonisch
mitgeteilt, dass er sich umbringen wolle (act. 5/85), worauf dieser einen Notruf
absetzte. Sodann merkte er selbst, dass es ein Fehler gewesen war, keine
psychotherapeutische Therapie mehr in Anspruch zu nehmen. Aus eigener
Veranlassung nimmt er nun wieder eine psychiatrische und psychotherapeutische
Behandlung in Anspruch. Seine Motivation, ein geordnetes Leben zu führen und eine
gute psychische Stabilität aufrechtzuerhalten, erscheint gestützt auf die Akten als sehr
hoch. Weiter sind keine Vorfälle bekannt, wo der Rekurrent tatsächlich in
alkoholisiertem Zustand am Strassenverkehr teilgenommen hätte. Sodann ist aus dem
verkehrsmedizinischen Gutachten zu schliessen, dass sich der Rekurrent aktuell in
guter körperlicher und psychischer Verfassung befindet. Die Kopfschmerzproblematik
dürfte für sich alleine – nach heutigem Aktenstand – nicht geeignet sein, eine fehlende
Fahreignung zu begründen. Namentlich wird dies im Gutachten nicht ausgeführt.
Insgesamt sind die Erkenntnisse, die in der verkehrsmedizinischen Untersuchung
erlangt wurden, nicht geeignet, einen Sicherungsentzug zu rechtfertigen. Beim
Rekurrenten liegen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass seine Fahreignung
nicht gegeben wäre. Die Schlussfolgerung am Ende des rechtsmedizinischen
Gutachtens vom 3. Oktober 2019 ist somit nicht nachvollziehbar. Es erscheint aktuell
nicht als verhältnismässig und im Interesse der Verkehrssicherheit nicht als geboten,
den Rekurrenten vom Strassenverkehr fernzuhalten. Dementsprechend ist die
vorinstanzliche Verfügung vom 28. Oktober 2019 aufzuheben. Der Führerausweis ist
dem Rekurrenten wieder auszuhändigen.
3.- Die langjährige Vorgeschichte mit Alkoholabhängigkeit, psychischer Erkrankung
sowie über 20 Hospitalisationen in der Klinik Wil dürfen jedoch nicht gänzlich ausser
Betracht gelassen werden. Es muss davon ausgegangen werden, dass der Rekurrent
ein erhöhtes Risiko hat, dass sich sein psychischer Zustand inskünftig wieder
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verschlechtern wird. Wie in Erwägung 2a dargelegt kann auch aufgrund psychischer
Krankheit eine mangelnde Fähigkeit bestehen, ein Motorfahrzeug zu lenken; nämlich
dann, wenn die betroffene Person die Verantwortung für ihre Handlungen nicht mehr
übernehmen kann. Dieser Umstand dürfte jedenfalls bei akuter Suizidalität infolge einer
depressiven Episode gegeben sein. Um eine gewisse Kontrolle im Interesse der
Verkehrssicherheit aufrechtzuerhalten, erscheint es unter der Würdigung sämtlicher
Umstände als angebracht, vom Rekurrenten regelmässige psychiatrische
Verlaufsberichte (vierteljährlich; erstmals per Ende Mai 2020) auf unbestimmte Zeit zu
verlangen. Da die Kopfschmerzsymptomatik nicht geklärt ist, ist sodann ein
neurologischer Abklärungsbericht zur Migräne beizubringen (spätestens per Ende Juli
2020). Es sind also entsprechende Auflagen zu erlassen. Bei Hinweisen auf eine
Veränderung des Sachverhalts hat die Vorinstanz erneut zu prüfen, ob weitere
Massnahmen erforderlich sind oder der Rekurrent zu gegebener Zeit aus den Auflagen
entlassen werden kann.
4.- Mit den Auflagen soll die Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer sichergestellt
werden. Dieser Zweck wäre gefährdet, müsste der Rekurrent diese Auflagen während
eines Beschwerdeverfahrens nicht einhalten. Einer allfälligen Beschwerde ist deshalb
die vom Gesetz vorgesehene aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 51 VRP).
5.- Die Vorinstanz unterliegt mehrheitlich. Nachdem der Führerausweis des
Rekurrenten aufgrund vorsorglicher Massnahmen bereits seit über einem Jahr
entzogen ist, erschiene es zudem unbillig, ihm vorliegend noch einen Teil der amtlichen
Kosten aufzuerlegen. Dementsprechend hat der Staat die Kosten zu tragen (Art. 95
Abs. 1 VRP; PK VRP/SG-von Rappard-Hirt, Art. 95 N 2 ff.). Eine Entscheidgebühr von
Fr. 1'500.– erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12).
6.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sowie im Sinn von Ziffer 4 hiervor hat der
Rekurrent Anspruch auf eine volle Entschädigung seiner ausseramtlichen Kosten
(Art. 98 VRP), da der Beizug eines Rechtsvertreters aufgrund der Rechts- und
Sachlage als notwendig und angemessen erscheint (Art. 98 Abs. 2 VRP). In Verfahren
vor der VRK wird das Honorar grundsätzlich als Pauschale bemessen, wobei der
bis
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Rahmen zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– liegt (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung, sGS 963.75, abgekürzt: HonO). Der Rechtsvertreter reichte eine
Kostennote über den Betrag von Fr. 3'738.30 (Honorar Fr. 3'337.50, Barauslagen
Fr. 133.50, Mehrwertsteuer Fr. 267.30) ein, wobei er Aufwand ab Januar 2019
aufführte. Das vorliegende Verfahren begann jedoch erst mit dem Rekurs gegen die
Verfügung vom 28. Oktober 2019. Frühere Aufwendungen sind verfahrensfremd und
können nicht entschädigt werden (vgl. Art. 98 Abs. 3 lit. b VRP). Die im Zusammenhang
mit dem Rekurs aufgelisteten Positionen (Aufwendungen ab 30. Oktober 2019)
belaufen sich auf rund 9 Stunden, was bei einem Ansatz von Fr. 250.– ein Honorar von
Fr. 2'250.– ergibt. Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von Fr. 90.– (4% von
Fr. 2'250.–, Art. 28 Abs. 1 HonO) und die Mehrwertsteuer von Fr. 180.20 (7,7% von
Fr. 2'340.–, Art. 29 HonO); entschädigungspflichtig im Gesamtbetrag von Fr. 2'520.20
ist der Staat (Strassenverkehrsamt).