Decision ID: 1296b2b2-5042-4136-bafb-dd053f32e208
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 13.06.2017 Art. 37 Abs. 4 ATSG. Unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren. Notwendigkeit respektive Erforderlichkeit der anwaltlichen Vertretung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 13. Juni 2017, IV 2014/331). Entscheid vom 13. Juni 2017 Besetzung Versicherungsrichterin Karin Huber-Studerus (Vorsitz), Versicherungsrichterin Monika Gehrer-Hug, Versicherungsrichter Ralph Jöhl; Gerichtsschreiber Tobias Bolt Geschäftsnr. IV 2014/331 Parteien A._, Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Kreso Glavas, Advokatur Glavas AG, Haus zur alten Dorfbank, 9313 Muolen, gegen  des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren Sachverhalt
Entscheid Versicherungsgericht, 13.06.2017
A.
A.a A._ meldete sich im Dezember 2011 zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle des
Fürstentums Liechtenstein an (IV-act. 17). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete der
orthopädische Chirurg Dr. med. B._ im August 2012 ein fachärztliches Gutachten (IV-
act. 38). Er führte aus, wesentliche und fortgeschrittene strukturelle Deformitätsbefunde
lägen nicht vor, doch sei auf den (geringen) acetabulären Impingementbefund der
rechten Hüfte und auf den lumbo-spondylogenen Wirbelsäulenbefund (ohne Hinweise
für radiculäre Befunde) hinzuweisen. Das somatische Schmerzsyndrom sei chronifiziert.
Auf der psychischen Ebene zeichne sich zunehmend eine Beeinträchtigung ab. Die
bisherige, nach wie vor ausgeübte Tätigkeit sowie leidensadaptierte Tätigkeiten seien
dem Versicherten während vier bis fünf Stunden pro Tag zumutbar. Der Psychiater Dr.
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med. C._ berichtete im September 2012 (IV-act. 41), der Versicherte leide an einer
mittelgradigen depressiven Episode, die seine Arbeitsfähigkeit um 20 Prozent
vermindere. Mittels einer fortgesetzten psychiatrisch-psychotherapeutischen
Behandlung könne die Arbeitsfähigkeit gesteigert werden. Im April 2013 wurde dem
Versicherten eine Hüfttotalendoprothese rechts eingesetzt (IV-act. 51 f.). Im Oktober
2013 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), der
Rentenanspruch sei ausgehend von einer Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent ab dem
Jahr 2011 (mit einer vorübergehenden vollständigen Arbeitsunfähigkeit von April bis
August 2013) zu prüfen (IV-act. 61). Mit einer Verfügung vom 20. November 2013
sprach die liechtensteinische Invalidenversicherung dem Versicherten mit Wirkung ab
dem 1. September 2012 eine halbe, mit Wirkung ab dem 1. Mai 2013 eine ganze und
mit Wirkung ab dem 1. September 2013 wieder eine halbe Rente zu (IV-act. 68)
A.b Zuhanden der IV-Stelle des Kantons St. Gallen, die einen Anspruch auf eine Rente
der Schweizer Invalidenversicherung zu prüfen hatte, führte der RAD-Arzt Dr. med.
E._ am 10. Januar 2014 aus (IV-act. 69), der Sachverständige Dr. B._ habe keine
objektivierbaren Befunde genannt, die eine erhebliche gesundheitliche
Beeinträchtigung erklären könnten. Am 26. Februar 2014 notierte Dr. E._, seines
Erachtens sei der Versicherte in einer leidensadaptierten Tätigkeit uneingeschränkt
arbeitsfähig (IV-act. 80). Mit einem Vorbescheid vom 14. März 2014 teilte die IV-Stelle
dem Versicherten mit (IV-act. 84), dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens
vorsehe. Zur Begründung führte sie aus, bei einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit
für leidensadaptierte Tätigkeiten könne der Versicherte gemäss den Ergebnissen der
Schweizer Lohnstrukturerhebung ein Erwerbseinkommen von 61’776 Franken erzielen.
Im Verhältnis zum Valideneinkommen von 76’326 Franken resultiere ein nicht
rentenbegründender Invaliditätsgrad von 19 Prozent. Am 18. März 2014 liess der nun
anwaltlich vertretene Versicherte einwenden (IV-act. 86), er könne nur noch zu 50
Prozent arbeiten und werde keine andere Arbeitsstelle finden, an der er ein höheres
Pensum verrichten könnte. Er verstehe nicht, weshalb sich die IV-Stelle des Kantons
St. Gallen nicht dem Entscheid der liechtensteinischen Invalidenversicherung
anschliesse. Er beantrage die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Vorbescheidsverfahren. Am 31. März 2014 liess er die Zusprache einer halben Rente
oder eine polydisziplinäre Begutachtung beantragen (IV-act. 90). Der RAD-Arzt Dr.
E._ notierte am 30. April 2014, dass seines Erachtens keine weiteren medizinischen
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Abklärungen notwendig seien (IV-act. 92). Mit einer Verfügung vom 1. Mai 2014 wies
die IV-Stelle das Rentenbegehren des Versicherten ab. Mit einer Verfügung vom 3. Juni
2014 wies sie auch das Gesuch um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung ab (IV-
act. 96). Zur Begründung führte sie aus, hier liege ein „normaler Durchschnittsfall“ vor,
der weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht schwierige Fragen aufwerfe. Eine
anwaltliche Vertretung sei deshalb nicht erforderlich. Da nach der Eröffnung des
Vorbescheides keine neuen Tatsachen geltend gemacht worden seien, seien die
Eingaben vom 18. und 31. März 2014 aussichtslos gewesen.
B.
B.a Am 1. Juli 2014 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 3. Juni 2014 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
für das Verwaltungsverfahren sowie für das Beschwerdeverfahren. Zur Begründung
führte er aus, gerade angesichts des internationalen Bezuges der Hauptsache sei eine
anwaltliche Vertretung notwendig gewesen.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 5. August
2014 die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, eine
anwaltliche Vertretung sei nicht erforderlich gewesen, weil sich keine schwierigen
tatsächlichen oder rechtlichen Fragen gestellt hätten.
B.c Der Beschwerdeführer liess am 15. September 2014 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).

Erwägungen
1.
1.1 Der gesetzliche Tatbestand für die Bewilligung einer unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren (Art. 37 Abs. 4 ATSG) weist keine
Gemeinsamkeit mit jenem für die Prüfung eines Rentenanspruchs (Art. 28 Abs. 1 IVG)
auf. Zwar ist für die Prüfung der Notwendigkeit einer unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung der Sachverhalt massgebend, der auch für die Prüfung eines
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Rentenbegehrens zu würdigen ist. Die Prüfung beschränkt sich aber nur auf die
Beantwortung der Frage, ob der Sachverhalt besonders schwierige tatsächliche oder
rechtliche Probleme aufwirft. Sie betrifft also einen anderen Aspekt als jene des
Rentenbegehrens. Die beiden Subsumtionsvorgänge – die Bewilligung oder
Verweigerung einer unentgeltlichen Rechtsverbeiständung einerseits und die
Zusprache einer Rente oder die Abweisung eines Rentenbegehrens andererseits –
haben folglich nichts miteinander zu tun. Sie hängen nur insofern zusammen, als es
sich bei der Bewilligung oder Verweigerung einer unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung um einen Zwischenentscheid im Hauptverfahren betreffend das
Rentenbegehren handelt (vgl. TOBIAS BOLT, Unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
kantonalen Verfahren, in: Sozialversicherungsrechtstagung 2015, S. 46 ff.). Folglich
rechtfertigt sich die Vereinigung von zwei Beschwerdeverfahren, von denen eines den
Rentenanspruch und das andere die unentgeltliche Rechtsverbeiständung betrifft,
nicht.
1.2 Zwischenentscheide sind grundsätzlich nicht selbständig anfechtbar. Auf eine
Beschwerde gegen einen Zwischenentscheid kann nur eingetreten werden, wenn eine
der Voraussetzungen des Art. 55 Abs. 1 ATSG i.V.m. den Art. 45 f. VwVG erfüllt ist. Ein
Zwischenentscheid betreffend die unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren bewirkt stets einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil, weil
damit ein eigenständiges Leistungsbegehren abgewiesen wird. Dieser rechtliche
Nachteil kann durch einen günstigen Entscheid in der Hauptsache nicht wieder
gutgemacht werden, weshalb auf eine Beschwerde gegen einen solchen
Zwischenentscheid ohne Weiteres einzutreten ist (vgl. BOLT, a.a.O., S. 49 ff.).
2.
2.1 Laut dem Art. 37 Abs. 4 ATSG wird der gesuchstellenden Person für das
Verwaltungsverfahren ein unentgeltlicher Rechtsbeistand bewilligt, wo die Verhältnisse
es erfordern. Dies ist der Fall, wenn sich schwierige rechtliche oder tatsächliche Fragen
stellen, die es der versicherten Person verunmöglichen, ihre Rechte ohne die Hilfe
eines Rechtsanwaltes zu wahren (vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015,
Art. 37 N 35 ff., mit zahlreichen Hinweisen). Bei der Prüfung der Erforderlichkeit der
anwaltlichen Vertretung wird ein strenger Massstab angelegt (vgl. KIESER, a.a.O., mit
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Hinweisen auf die Materialien). Nach der Konzeption des Gesetzgebers bildet die
Erforderlichkeit einer anwaltlichen Vertretung die Ausnahme. In der Regel ist eine
anwaltliche Vertretung nach Ansicht des Gesetzgebers also nicht erforderlich (vgl.
hierzu etwa den Entscheid EL 2016/17 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 31.
Januar 2017).
2.2 Entgegen der Ansicht des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers erfordern die
internationalen Bezüge in der Hauptsache (Erwerbstätigkeit im Ausland) für sich allein
keine anwaltliche Vertretung, denn auch im Anwendungsbereich der EU/EFTA-
Abkommen wendet jede nationale Invalidenversicherung auch in Fällen mit
internationalen Bezügen je ihr eigenes nationales Recht an, wie wenn gar keine
internationalen Bezüge vorlägen. Die Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers im
Ausland hat nur zur Folge gehabt, dass die Beschwerdegegnerin die von der
liechtensteinischen IV-Stelle erhobenen Beweise – gewissermassen als „Fremdakten“ –
beigezogen und gewürdigt hat. Darin ist keine besondere Komplexität in tatsächlicher
oder rechtlicher Hinsicht zu erblicken, denn dies hat – ähnlich wie beispielsweise ein
Beizug von Akten einer Kranken- oder Unfallversicherung – nur zur Folge gehabt, dass
das Aktendossier umfangreicher geworden ist. Eine andere Auswirkung haben die
internationalen Bezüge vorliegend nicht gehabt. Weder in medizinischer noch in
erwerblicher Hinsicht hat es sich um einen komplexen Sachverhalt gehandelt.
Besonders anspruchsvolle rechtliche Fragen haben sich nicht gestellt. Das
Rentenverfahren ist zusammenfassend in jeder Hinsicht als ein gewöhnlicher
Standardfall zu qualifizieren, weshalb kein Grund ersichtlich ist, der für eine
Erforderlichkeit einer anwaltlichen Vertretung sprechen würde. Die angefochtene
Verfügung erweist sich damit als rechtmässig.
3.
Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen. Praxisgemäss werden für dieses Verfahren
keine Gerichtskosten erhoben. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung hat der Staat dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine
Entschädigung auszurichten. Da für dieses Beschwerdeverfahren kaum Akten zu
studieren waren und da sich nur eine spezifische, isolierte Rechtsfrage gestellt hat, ist
von einem deutlich unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwand auszugehen, weshalb
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die Entschädigung auf 80 Prozent von 500 Franken festgesetzt wird. Sollten es seine
wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur
Rückerstattung der Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO). Hinsichtlich einer
allfälligen Anfechtung dieses Entscheides ist darauf hinzuweisen, dass das
Bundesgericht Entscheide betreffend die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Verwaltungsverfahren ohne eine überzeugende Begründung als nicht selbständig
anfechtbare Zwischenentscheide qualifiziert, weshalb damit zu rechnen wäre, dass es
auf eine allfällige Beschwerde nicht eintreten würde.