Decision ID: e380c42a-a973-571e-8727-3ddc3bd90ce8
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 10. Mai 2017 bei der Gemeinde Köniz ein auf
den 4. April 2017 datiertes Baugesuch ein für den Abbruch des bestehenden Alters- und
Pflegeheims am H._weg und den Neubau eines Alters- und Pflegeheims mit 139
Pflegezimmern sowie einer unterirdischen Einstellhalle auf Parzelle Köniz Grundbuchblatt
Nr. I._. Die Parzelle liegt in der Zone für öffentliche Nutzung (ZöN) Nr. J._
(Alters- und Pflegeheim H._weg) und ist im Eigentum der Gemeinde. Gegen das
Bauvorhaben erhoben unter anderen die Beschwerdeführenden Einsprache. Mit
Gesamtentscheid vom 22. Februar 2018 erteilte das Regierungsstatthalteramt Bern-
Mittelland die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 27. März 2018 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragten, der
Gesamtentscheid vom 22. Februar 2018 sei aufzuheben und dem Vorhaben sei der
Bauabschlag zu erteilen. Eventuell seien die Rechtsverwahrung und die Anmeldung der
Lastenausgleichsansprüche vorzumerken. Die Beschwerdeführenden machten
insbesondere geltend, das Mobilitätskonzept sei mangelhaft, es werde kein reduziertes
Parkplatzangebot umgesetzt und das umgebende Quartier werde durch Immissionen
beeinträchtigt.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Mit Schreiben vom 12. April 2018
verzichtete das Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland auf das Einreichen einer
förmlichen Vernehmlassung. Mit Beschwerdevernehmlassung vom 26. April 2018
beantragte die Gemeinde die Abweisung der Beschwerde und verwies auf ihre
Ausführungen im Baubewilligungsverfahren. In ihrer Beschwerdeantwort vom 27. April
2018 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
eingetreten werden könne. Sie wies insbesondere darauf hin, dass die ZöN Nr. J._
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
RA Nr. 110/2018/46 3
2016 geändert worden sei mit dem Ziel der Verdichtung am bestehenden Standort durch
Erhöhung des Angebots an Heimplätzen.
4. Die Parteien nahmen ausserhalb des Verfahrens Vergleichsverhandlungen auf. Das
Beschwerdeverfahren wurde sistiert. Die Beschwerdegegnerin reichte mit Schreiben vom
3. August 2018 den Vergleich vom 20./27. Juli 2018 und Projektänderungspläne ein.
Vorgesehen sind eine Reduktion der Anzahl Parkplätze, der Bau einer Schallschutzmauer
sowie eine abweichende Schliessungszeit für externe Gastgewerbenutzung. Gemäss
Vergleich verpflichtet sich die Beschwerdegegnerin zur Einreichung der Projektänderung
bei der BVE, im Gegenzug verpflichten sich die Beschwerdeführenden, die Beschwerde
zurückzuziehen, falls die BVE die Projektänderung bewilligt. Der Vergleich umfasst auch
eine Einigung über die Tragung der Verfahrens- und der Parteikosten. Mit Verfügung vom
7. August 2018 nahm die BVE das Verfahren wieder auf und gab der Vorinstanz sowie der
Gemeinde Gelegenheit, sich zur Projektänderung zu äussern. Mit Schreiben vom 21.
August 2018 verzichtete das Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland auf eine
Stellungnahme. In seiner Stellungnahme vom 27. August 2018 sprach sich die Gemeinde
Köniz für die Bewilligung der Projektänderung aus. Auf die Rechtsschriften und die
Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Der Entscheid des Regierungsstatthalters Bern-Mittelland ist ein Gesamtentscheid im
Sinne von Art. 9 KoG2. Er ist gestützt auf Art. 11 Abs. 1 KoG in Verbindung mit Art. 5
Abs. 1 KoG mit Baubeschwerde nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 bei der BVE anfechtbar. Die
BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde zuständig.
b) Die Beschwerdeführenden sind Eigentümerinnen und Eigentümer von
Nachbarliegenschaften. Sie haben sich zulässigerweise als Einsprechende am
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
RA Nr. 110/2018/46 4
Baubewilligungsverfahren beteiligt (Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Sie sind zur Beschwerde
befugt (Art. 40 Abs. 2 BauG).
c) Die Beschwerdefrist beträgt 30 Tage. Sie beginnt am Tag nach der Zustellung des
Gesamtentscheids zu laufen (Art. 40 Abs. 1 BauG, Art. 41 Abs. 1 VRPG4). Dieser wurde
am 23. Februar 2018 der Post übergeben und den Beschwerdeführenden am 26. Februar
2018 zugestellt. Die Beschwerdefrist endete somit am 28. März 2018. Die Beschwerde
wurde am 27. März 2018 der Post übergeben und damit fristgerecht eingereicht. Die
Beschwerde enthält einen Antrag und eine Begründung (Art. 32 Abs. 2 VRPG). Die BVE
tritt deshalb auf die Beschwerde ein.
2. Projektänderung
a) Das Bauvorhaben betrifft den Abbruch und Neubau eines Alters- und Pflegeheims
mit 139 Pflegezimmern und den dazugehörigen Verwaltungs- und Pflegeeinrichtungen
sowie einem Gastgewerbebetrieb mit Aussenbewirtschaftungsfläche. Gemäss Baugesuch
sollen insgesamt 45 Parkplätze erstellt werden, davon 18 in einer unterirdischen
Einstellhalle. Gemäss dem Vergleich vom 20./27. Juli 2018 und den
Projektänderungsplänen (Plan Nr. 1521.0_32_01-01 "Situation Umgebung", Mst. 1:500
[wohl 1:200], vom 4. April 2017, rev. 18. Juli 2018; Plan Nr. 373_0336_01 "Detail
Schallschutzmauer", Mst. 1:100, vom 18. Juli 2018; beide mit Eingangsstempel der BVE
vom 6. August 2018) umfasst das Projektänderungsgesuch folgende Gegenstände: Die
Parkplatzzahl für Besucher und Angestellte wird von 45 auf 40 reduziert. Zwischen dem
Besucherparkplatz und dem Grundstück der Beschwerdeführenden 3 und 4 wird eine
Schallschutzmauer errichtet. Zudem gilt für externe Gastgewerbenutzungen eine
Schliessungszeit auf 22 Uhr und es wird definiert, welche Anlässe als interne
Gastgewerbenutzungen gelten.
b) Gemäss Art. 43 BewD5 kann die Bauherrschaft während der Hängigkeit eines
Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der BVE
eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues Baubewilligungsverfahren eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn das Bauvorhaben in seinen
4 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 5 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
RA Nr. 110/2018/46 5
Grundzügen gleich bleibt. Eine Veränderung der Grundzüge liegt dann vor, wenn ein
Hauptmerkmal wie Erschliessung, Standort, äussere Masse ,Geschosszahl,
Geschosseinteilung oder Zweckbestimmung wesentlich verändert wird oder wenn eine
Mehrzahl geringer Änderungen dem Bau oder der Anlage eine gegenüber dem
ursprünglichen Projekt veränderte Identität verleiht.6 Erfolgt die Projektänderung im
Baubeschwerdeverfahren, sind die Gemeinde, die Gegenpartei und die von der
Projektänderung berührten Dritten anzuhören. Die Beschwerdeinstanz kann das Verfahren
ohne erneute Veröffentlichung fortsetzen, wenn öffentliche oder wesentliche nachbarliche
Interessen nicht zusätzlich betroffen sind. Sie kann die Sache zur Weiterbehandlung an die
Vorinstanz zurückweisen oder selbst über die Projektänderung entscheiden. Das
geänderte Projekt tritt an die Stelle des ursprünglichen Bauprojekts.7
c) Auch nach der Projektänderung bleibt das Bauvorhaben in den Grundzügen gleich.
Die Änderungen beschränken sich auf die geringfügige Reduktion der Anzahl Abstellplätze
für Motorfahrzeuge für Besucher und Angestellte, die Erstellung einer Schallschutzmauer
entlang der Parzellengrenze der Beschwerdeführenden 3 und 4 und der Festlegung einer
abweichenden Schliessungszeit für externe Gastgewerbenutzungen. Die geplanten
Änderungen können deshalb vorliegend als Projektänderung behandelt werden. Die
Beschwerdeführenden haben sich mit der Beschwerdegegnerin auf diese Projektänderung
geeinigt. Der Vorinstanz und der Gemeinde wurde Gelegenheit zur Stellungnahme
gegeben. Dritte sind durch die Projektänderung nicht betroffen.
d) Gegenstand des Verfahrens ist nur noch das Projekt gemäss der Projektänderung
vom 3. August 2018. Es ist zu prüfen, ob die Projektänderung bewilligt werden kann. Die
beantragte eingeschränkte Schliessungszeit für externe Gastgewerbenutzungen entspricht
den öffentlichrechtlichen Vorschriften und ist ohne weiteres bewilligungsfähig. Die
entsprechende Auflage gemäss Ziffer 1.3 des Vergleichs vom 20./27. Juli 2018 wird
deshalb in den Entscheid aufgenommen. Hingegen bedürfen die Reduktion der
Abstellplätze für Motorfahrzeuge und die Schallschutzmauer einer näheren Prüfung.
3. Anzahl Abstellplätze für Motorfahrzeuge
6 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 12a 7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 13c
RA Nr. 110/2018/46 6
a) Geplant waren ursprünglich 45 Parkplätze für Motorfahrzeuge der Besucher und des
Personals auf der Parzelle der Beschwerdegegnerin. Zudem beabsichtigt die
Beschwerdegegnerin, 21 Parkplätze in der Nachbarschaft zu mieten. Gestützt auf den
Vergleich vom 20./27. Juli 2018 soll die Anzahl der Abstellplätze für Motorfahrzeuge auf
der Bauparzelle um fünf Einheiten auf 40 Abstellplätze reduziert werden. Es ist deshalb zu
prüfen, ob die Parkplatzpflicht noch erfüllt ist.
b) Laut Art. 16 Abs. 1 BauG sind bei der Erstellung von Bauten und Anlagen eine
ausreichende Anzahl von Parkplätzen zu errichten, sofern ein Parkplatzbedarf verursacht
wird. Die Berechnung der Anzahl Parkplätze wird in der Bauverordnung näher
umschrieben und wird durch eine Bandbreite begrenzt. Innerhalb dieser Bandbreite kann
die Bauherrschaft die erforderliche Anzahl Parkplätze festlegen (Art. 50 Abs. 1 BauV8).
Liegen besondere Verhältnisse vor, so kann von der Bandbreite nach oben oder nach
unten abgewichen werden, wenn das Vorhaben deutlich über- oder unterdurchschnittlich
ist (Art. 54 Abs. 1 BauV). Zudem kann die Gemeinde in ihren Vorschriften unter anderem
bestimmen, dass in Gebieten, die vom Fahrzeugverkehr zu entlasten oder freizuhalten
sind, nur beschränkt oder keine privaten Parkierungsmöglichkeiten geschaffen werden
dürfen oder dass diese ausserhalb des Gebietes angelegt werden können (Art. 18 Abs. 1
Bst. a BauG). Von dieser Kompetenz hat die Gemeinde Köniz in ihrem GBR9 Gebrauch
gemacht. Gemäss Ziff. 3.2 der Vorschriften zur ZöN Nr. J._ ist ein reduziertes
Parkplatzangebot umzusetzen. Grundlage der Reduktion bildet ein Mobilitätskonzept,
welches mit dem Baugesuch einzureichen ist.
c) Die unbestrittene Berechnung der Abstellplätze nach Art. 52 BauV ergibt für das
Projekt der Beschwerdegegnerin eine Bandbreite von 45 bis 69 Parkplätzen.10 Somit
befinden sich die ursprünglich auf der Bauparzelle geplanten 45 Parkplätze an der unteren
Grenze der Bandbreite. Diese wird durch die vereinbarte Reduktion auf 40 Parkplätze
unterschritten, da die zusätzlichen angemieteten Parkplätze in der Nachbarschaft mangels
grundbuchlicher Sicherstellung nicht angerechnet werden können (vgl. Art. 49 Abs. 3
BauV). Die Abweichung von der Bandbreite nach unten kann wie folgt gerechtfertigt
werden: Für die ZöN Nr. J._ ist ein reduziertes Parkplatzangebot umzusetzen. Das
8 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 9 Baureglement der Einwohnergemeinde Köniz vom 7. März 1993 (GBR) 10 Vorakten, pag. 377/379
RA Nr. 110/2018/46 7
(bereinigte) Mobilitätskonzept vom 15. September 201711 weist eine sehr gute Anbindung
des Alters- und Pflegeheims an den öffentlichen Verkehr nach. Dieses liegt weniger als
300 m von der nächsten Bushaltestelle und circa 600 m vom Bahnhof Köniz entfernt.12 Die
Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr ist überdurchschnittlich gut (öV-Güteklasse
B13). Unter Berücksichtigung der Gemeindevorschriften, die ein reduziertes
Parkplatzangebot verlangen, liegen deshalb besondere Verhältnisse vor, die eine
Abweichung von der Bandbreite rechtfertigen. Somit kann die Reduktion der Parkplätze auf
dem Areal des Alters- und Pflegeheims H._weg von 45 auf 40 Parkplätze bewilligt
werden.
4. Schallschutzmauer
a) Die geplante Erstellung einer Schallschutzmauer zwischen dem Besucherparkplatz
auf dem Areal der Beschwerdegegnerin und der Parzelle der Beschwerdeführenden 3 und
4 verändert die Situation bezüglich Zu- und Wegfahrt. Es ist deshalb zu prüfen, ob die
Schallschutzmauer die Verkehrssicherheit beeinträchtigt. Andere Gründe, die einer
Bewilligung entgegenstehen könnten, sind nicht ersichtlich.
b) Zu- und Wegfahrten dürfen die öffentliche Strasse nicht beeinträchtigen (Art. 73
Abs. 1 SG14 und Art. 21 Abs. 1 BauG in Verbindung mit Art. 57 BauV). Laut Art. 57 Abs. 1
BauV sind die anerkannten Regeln der Baukunde bei der Erstellung von Bauten und
Anlagen einzuhalten; deren Bestand darf weder Personen noch Sachen gefährden. Es sind
die Bestimmungen der BauV, der Spezialgesetzgebung und die Vorschriften und
Richtlinien der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) sowie ergänzend die
Normen der Fachverbände zu beachten (Art. 57 Abs. 2 BauV). Zur Beurteilung der Frage,
ob ein Strassenanschluss verkehrssicher ist, können die Normen des Schweizerischen
Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) als Entscheidungshilfe
herangezogen werden. Es handelt sich aber nicht um Rechtsnormen, sondern lediglich um
Richtlinien, deren Anwendung im Einzelfall vor den allgemeinen Rechtsgrundsätzen,
insbesondere vor dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit, standhalten muss. Sie dürfen
daher nicht unbesehen der konkreten Verhältnisse der Entscheidung zugrunde gelegt
11 Vorakten, pag. 559 ff. 12 Vorakten, pag. 549 13 Vgl. Karte "öffentlicher Verkehr", einsehbar unter <https://www.geo.apps.be.ch/de> 14 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
RA Nr. 110/2018/46 8
werden.15 Für die Anordnung von Grundstückzufahrten sowie für die Bestimmung von
Sichtweiten privater Ausfahrten in öffentliche Strassen sind die Normen VSS SN 640 050
(Grundstückzufahrten) und VSS SN 640 273a (Knoten, Sichtverhältnisse in Knoten in einer
Ebene) massgebend. Grundstückzufahrten sind überall dort zu vermeiden, wo die
minimalen Knotensichtweiten nicht gewähreistet werden können.16 Die Norm VSS SN 640
273a legt die Abmessungen der Sichtfelder fest, die vorhanden sein müssen, damit ein
vortrittsbelastetes Fahrzeug den vortrittsberechtigten Verkehr kreuzen oder in diesen
einbiegen kann.17 Das Sichtfeld ist die Fläche zwischen den Achsen der
vortrittsberechtigten Fahrstreifen und den Sichtlinien, d.h. den Geraden, die den
Beobachtungspunkt des vortrittsbelasteten Fahrzeuges mit den vortrittsberechtigen
Fahrzeugen verbinden. Das Sichtfeld ist von allen Hindernissen freizuhalten, die ein
Motorfahrzeug oder ein leichtes Zweirad verdecken könnten. In der Regel genügt es, wenn
das Sichtfeld in einem Höhenbereich zwischen 0.60 m und 3.00 m über der Fahrbahn
hindernisfrei ist.18 Die erforderlichen Knotensichtweiten hängen von der
Zufahrtsgeschwindigkeit der vortrittsberechtigten Motorfahrzeuge ab und werden durch
Wertebereiche definiert. Die unteren Werte gelten für untergeordnete Strassentypen
(Erschliessungsstrassen, Sammelstrassen, Verbindungsstrassen), Sichtwerte zwischen
dem unteren und dem oberen Wert sind erforderlich für übergeordnete Strassentypen wie
Hauptverkehrsstrassen und wichtige Verbindungsstrassen und der obere Wert gilt für
übergeordnete Strassen mit ungünstigen Verhältnissen im Knotenbereich (beispielsweise
grosse Längsneigung, mehr als zwei Fahrstreifen, grosser Schwerverkehrsanteil).19
c) Beim H._weg handelt es sich um eine Erschliessungsstrasse. Die
Höchstgeschwindigkeit beträgt 30 km/h. Die erforderliche Knotensichtweite auf die
Fahrbahn muss daher mindestens 20 m betragen. Die Knotensichtweite auf das Trottoir ist
ebenfalls einzuhalten. Die erforderliche Sichtweite beträgt mindestens 15 m. Aufgrund
einer Überprüfung des Plans Nr. 1521.0_32_01-01 "Situation Umgebung", Mst. 1:500 [wohl
1:200], vom 4. April 2017, rev. 18. Juli 2018 und der darin eingetragenen Sichtbermen
ergibt sich, dass die erforderlichen Sichtweiten auch nach Erstellung der
Schallschutzmauer eingehalten werden können. Die geplante Schallschutzmauer zwischen
15 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 21 N. 7 16 VSS SN 640 050 Ziff. 5 17 VSS SN 640 273a Ziff. 2 18 VSS SN 640 273a Ziff. 10 19 VSS SN 640 273a Ziff. 12.1
RA Nr. 110/2018/46 9
der Parzelle der Beschwerdegegnerin und den Beschwerdeführenden 3 und 4 kann
deshalb bewilligt werden.
RA Nr. 110/2018/46 10
5. Gegenstandslosigkeit des Beschwerdeverfahrens
a) Aus den vorangehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Projektänderung bewilligt
werden kann. Gemäss Ziff. 4 des Vergleichs vom 20./27. Juli 2018 haben die Parteien für
diesen Fall vereinbart, dass die Beschwerdeführenden ihr Rechtsmittel zurückziehen.
b) Ein Verfahren ist gemäss Art. 39 Abs. 1 VRPG dann abzuschreiben, wenn im Laufe
des Verfahrens das rechtserhebliche Interesse am Erlass einer Verfügung oder an einem
Entscheid in der Sache wegfällt, insbesondere zufolge Rückzug der Begehren, Rücknahme
der angefochtenen Verfügung oder Einigung unter den Parteien. Mit dem Einreichen der
Projektänderung hat die Beschwerdegegnerschaft ihr umstrittenes Bauvorhaben gestützt
auf eine Vereinbarung mit den Beschwerdeführenden geändert. Aufgrund der Bewilligung
der Projektänderung halten die Beschwerdeführenden nicht mehr an ihren übrigen Rügen
fest. Das Beschwerdeverfahren ist deshalb gegenstandslos geworden, soweit sich die
Beschwerde gegen das ursprüngliche Projekt wendet. Insoweit kann das Verfahren
deshalb abgeschrieben werden.
6. Kosten
a) Die Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'000.00
(Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 und Art. 21 Abs. 1 GebV20).
b) Laut Art. 108 Abs.1 VRPG trägt die unterliegende Partei die Verfahrenskosten des
Beschwerdeverfahrens, es sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine
andere Verlegung oder die besonderen Umstände rechtfertigen es, keine
Verfahrenskosten zu erheben. Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei zudem die
Parteikosten zu ersetzen, sofern nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen
Umstände eine andere Teilung oder die Wettschlagung gebieten oder die Auflage der
Parteikosten an das Gemeinwesen als gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG).
Wer ein Gesuch, eine Klage oder ein Rechtsmittel zurückzieht, den Abstand erklärt oder
auf andere Weise dafür sorgt, dass das Verfahren gegenstandslos wird, gilt als
20 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2018/46 11
unterliegende Partei (Art. 110 Abs. 1 VRPG). Mit Zustimmung der instruierenden Behörde
können die Parteien Abweichendes vereinbaren (Art. 110 Abs. 3 VRPG).
c) Die Parteien haben sich im Vergleich vom 20./27. Juli 2018 auch über die Verlegung
der Verfahrens- und Parteikosten geeinigt. Danach tragen sie die im Beschwerdeverfahren
angefallenen Verfahrenskosten je hälftig und die Parteikosten werden wettgeschlagen.
Dieser Kostenregelung kann zugestimmt werden. Die Beschwerdeführenden und die
Beschwerdegegnerin haben somit Verfahrenskosten in der Höhe von je Fr. 500.00 zu
tragen. Die Beschwerdeführenden haften für ihren Anteil solidarisch.