Decision ID: 89cc5318-80af-45c7-8e9d-0b980322b2cc
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend qualifizierte einfache Körperverletzung und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 3. Abteilung - , vom 8. Juni 2017 (GG160199)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 27. September 2016
(Urk. D1/36) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist nicht schuldig und wird vom Vorwurf der qualifizierten
einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 und Ziff. 2
Abs. 1 und 2 StGB freigesprochen.
2. Die Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren des Privatklägers A._
werden auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
3. Von der Zusprechung einer Genugtuung an den Beschuldigten für Freiheits-
entzug wird abgesehen.
4. Die Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten werden auf die
Gerichtskasse genommen.
5. Dem Beschuldigten wird eine Prozessentschädigung für anwaltliche Vertei-
digung aus der Gerichtskasse zugesprochen. Über die Höhe der Prozess-
entschädigung wird mit separater Verfügung entschieden.
6. Der unentgeltliche Rechtsvertreter des Privatklägers, lic. iur. HSG X._,
wird mit Fr. 6'541.20 (inkl. Mehrwertsteuer; wovon Fr. 1'518.90 bereits be-
zahlt worden sind) entschädigt. Diese Kosten werden auf die Gerichtskasse
genommen.
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Berufungsanträge:
a) Des Vertreters der Privatklägerschaft:
(Urk. 86 S. 2, Prot. II S. 20)
1. Es sei das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 8. Juni 2017 in Bezug auf die Dispositiv-Ziff. 1 aufzuheben und Herrn B._ der qualifizierten einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 und 2 StGB für schuldig zu befinden und es sei hierfür eine Strafe auszufällen, eventualiter sei die Sache zur Bemessung der Strafe an die Vorinstanz zurückzuweisen.
2. Es sei festzustellen, dass der Beschuldigte für die  des Privatklägers dem Grundsatz nach haftbar ist.
3. Es seien die Dispositiv-Ziff. 4 und Ziff. 5 des angefochtenen  aufzuheben und die Kosten- und Entschädigungsfolgen neu zu regeln, eventualiter sei die Sache hierfür an die Vorinstanz .
4. Es sei die mit Strafbefehl der STA Zürich-Limmat vom 20. Mai 2009 ausgesprochene Strafe zu widerrufen, eventualiter sei die Sache für diesen Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5. Es sei ein Gutachten über die Ursache der Verletzung des  am linken distalen, dorsalen Unterarm (beim Handgelenk) einzuholen und dabei auch die Frage einer allfälligen  durch ein Stürzen auf am Boden liegende , herstammend von einem zerbrochenen Bierglas, abzuklären.
6. Es sei dem Privatkläger die unentgeltliche Rechtsvertretung zu gewähren und ihm der unterzeichnete Anwalt beizugeben.
7. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der  Person.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 102 S. 1, Prot. II S. 6, Prot. II S. 21)
1. Es sei die Berufung vollumfänglich abzuweisen unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Staatskasse ev. des .
2. Es sei der berichterstattende Klinikdirektor Dr. C._, welcher den ergänzenden Bericht [Urk. 95] verfasste, zu befragen.
3. Auf den neuen Antrag des Berufungsklägers, wonach  sei, dass der Beschuldigte dem Grundsatze nach haftbar sei, sei nicht einzutreten. Eventualiter sei der Antrag abzuweisen.
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c) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl:
(Urk. 89 S. 1)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte und Prozessuales
1. Gegenstand des Berufungsverfahrens
Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 3. Abteilung - Einzelgericht, vom 8. Juni
2017 wurde der Beschuldigte vom Vorwurf der qualifizierten einfachen Körperver-
letzung freigesprochen, das Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren des Pri-
vatklägers wurde auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen und von der Zuspre-
chung einer Genugtuung an den Beschuldigten abgesehen (Urk. 85).
Gegen das vorinstanzliche Urteil liess der Privatkläger A._ mit Eingabe vom
14. Juni 2017 fristgerecht Berufung anmelden (Urk. 77) und mit Eingabe vom
9. September 2017 die Berufungserklärung einreichen (Urk. 86). Er beantragt, der
Beschuldigte sei der qualifizierten einfachen Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 2 Abs. 1 und 2 StGB schuldig zu sprechen und angemessen zu be-
strafen. Die Dispositiv-Ziffern 2, 3 und 6 des vorinstanzlichen Urteils wurden vom
Privatkläger ausdrücklich nicht angefochten (Urk. 86). Die Beschränkung der An-
fechtung auf Teile des Urteils hat verbindliche Wirkung, weshalb eine Erweiterung
der mit der Berufungserklärung angefochtenen Punkten an der Berufungsver-
handlung nicht zulässig ist (Art. 399 Abs. 4 StPO). Daher ist der Antrag des Pri-
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vatklägers, es sei festzustellen, dass der Beschuldigte für die Zivilforderungen des
Privatklägers dem Grundsatz nach haftbar sei (Prot. II S. 20), nicht von der Beru-
fungserklärung gedeckt, vielmehr besteht ein offensichtlicher Widerspruch. Der
Antrag ist somit verspätet und nicht vom Berufungsgericht zu überprüfen (Art. 404
Abs. 1 StPO).
Der Beschuldigte und die Staatsanwaltschaft haben keine Berufung angemeldet
und innerhalb der angesetzten Frist keine Anschlussberufung erhoben. Die
Staatsanwaltschaft verzichtete ausdrücklich auf Anschlussberufung und beantrag-
te mit Eingabe vom 18. September 2017 Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
(Urk. 89).
Das vorinstanzliche Urteil ist somit bezüglich Dispositiv-Ziffer 2 (Zivilforderungen),
und 6 (Entschädigung unentgeltlicher Rechtsvertreter) in Rechtskraft erwachsen,
was vorweg festzustellen ist.
2. Legitimation der Privatklägerschaft
Gemäss Art. 382 Abs. 2 StPO kann die Privatklägerschaft einen Entscheid nur im
Schuld- und/oder im Zivilpunkt anfechten, sowie bei Fragen der Einziehung und
bezüglich Kosten- und Entschädigungsregelung, soweit ihre Interessen hiervon
betroffen sind. Bezüglich der Sanktion kann jedoch allein die Staatsanwaltschaft
ein Rechtsmittel einlegen. Ficht die Privatklägerschaft ein Urteil bei Freispruch
oder wegen eines ihres Erachtens unrichtigen Schuldspruchs an, so bezieht sich
das Rechtsmittel im Ergebnis aber ebenfalls auf eine schärfere Bestrafung
(SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar StPO, 3. Auflage, Zürich 2018, N5 ff. zu
Art. 382 StPO). Im Falle der Gutheissung der Berufung der Privatklägerschaft im
Schuldpunkt muss das Berufungsgericht eine dem abgeänderten Schuldspruch
entsprechende neue und gegebenenfalls strengere Sanktion ausfällen (BGE 139
IV 84 E1.2.1).
3. Beweisantrag
Mit Einreichung der Berufungserklärung stellte der Privatkläger den Beweisantrag,
es sei ein Gutachten über die Ursache der Verletzung des Privatklägers am linken
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distalen, dorsalen Unterarm (beim Handgelenk) einzuholen und dabei auch die
Frage einer allfälligen Selbstbeibringung durch ein Stürzen auf am Boden liegen-
de Glasscherben, herstammend von einem zerbrochenen Bierglas, abzuklären.
Zur Begründung des Beweisantrages macht der Privatkläger geltend, die Vor-
instanz habe zu Unrecht in Betracht gezogen, dass die Verletzung nicht mit dem
Messer zugefügt worden sei, sondern von einer Glasscherbe stammen könnte,
und der Privatkläger sich die Verletzung durch einen Sturz auf eine Glasscherbe
zugezogen haben könnte. Er habe zum Zeitpunkt des Vorfalles einen Pullover
und eine Jacke getragen, ein Selbststurz auf Glasscherben oder mit einem abge-
brochenen Bierglas in der Hand könne bei einer solchen Bekleidung nicht die
festgestellten Schnittverletzungen verursachen.
Mit Präsidialverfügung vom 23. November 2017 bzw. Schreiben vom 24. Novem-
ber 2017 wurde beim Universitätsspital Zürich, Klinik für Plastische Chirurgie und
Handchirurgie, (nachfolgend: USZ) ein entsprechender ergänzender ärztlicher Be-
fund eingeholt (Urk. 92 und 93). Dieser wurde vom USZ am 28. November 2017
erstellt (Urk. 95, Urk. 96/1-3).
II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl
vom 27. September 2016 vorgeworfen, im Rahmen einer zunächst verbalen Aus-
einandersetzung mit dem Privatkläger A._ unvermittelt ein Taschenmesser
aus seiner Tasche gezogen, ausgeholt und dem Geschädigten an dessen linken
Unterarm eine tiefe, ca. 5 cm lange Schnittwunde zugefügt zu haben. Dabei seien
die lange und die kurze Handwurzelstrecksehnen sowie die Daumen-Abspreiz-
und die Daumen-Strecksehne durchtrennt worden, was einen operativen Eingriff
erforderlich gemacht habe. Diese Verletzung habe der Beschuldigte durch sein
Tun zumindest billigend in Kauf genommen (Urk. 36 S. 2).
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2. Standpunkt des Beschuldigten
Der Beschuldigte bestreitet den Vorwurf. Er habe den Privatkläger mit seinem
Messer nicht einmal berührt; das Taschenmesser des Beschuldigten habe nichts
mit den Verletzungen des Privatklägers zu tun. Der Beschuldigte anerkennt, mit
dem Privatkläger eine tätliche Auseinandersetzung gehabt zu haben, wobei die
Streitenden beide umgefallen seien. Der Privatkläger sei dabei mit dem linken Un-
terarm auf die Scherben seines Bierglases gefallen, woher seine Schnittverlet-
zung stamme (Urk. 73 S. 2 f., Prot. II S. 15 f., Urk. 102 S. 7). Der Beschuldigte
habe mit seinem Messer nur herumgefuchtelt, woraufhin der Privatkläger davon
gerannt sei (Prot. I S. 19, Prot. II S. 13).
3. Beweiswürdigung
3.1. Allgemeine Grundsätze
Die Vorinstanz legte die Grundsätze der Beweiswürdigung zutreffend dar. Darauf
kann verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO, Urk. 85 S. 5 ff.).
3.2. Verwertbarkeit von Beweismitteln
Zur Verwertbarkeit der polizeilichen Einvernahme der Auskunftsperson D._
kam die Vorinstanz richtig zum Schluss, dass sich ein Schuldspruch nicht einzig
auf eine unkonfrontierte Aussage stützen darf (Urk. 85 S. 8 f.). Beweise, die in
Verletzung der Teilnahmerechte der beschuldigten Person erhoben worden sind,
sind grundsätzlich nicht zulasten des Beschuldigten verwertbar (Art. 147 Abs. 4
StPO). Es gibt indessen Ausnahmen von diesem Grundsatz, insbesondere dann,
wenn sich eine Wiederholung der Einvernahme bzw. die erstmalige Durchführung
einer staatsanwaltschaftlichen Einvernahme aus nicht von der Strafverfolgungs-
behörde zu vertretenden Gründen als unmöglich erweist. Eine unkonfrontierte
Aussage darf auch verwertet werden, selbst wenn sie für den Schuldspruch aus-
schlaggebend ist, falls ausreichend kompensierende Faktoren gegeben sind, um
den Anspruch des Beschuldigten auf ein faires Verfahren und die Überprüfung
der Verlässlichkeit des Beweismittels zu gewährleisten (Urteil des Bundesgerichts
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vom 10. Mai 2013, 6B_75/2013 E. 3.3.). Ob solche kompensierende Faktoren vor-
liegend zu bejahen sind, ist im Rahmen der Beweiswürdigung zu prüfen.
3.3. Beweismittel
Zu den weiteren Sachbeweismitteln stellte die Vorinstanz einerseits zugunsten
des Beschuldigten fest, dass er im Tatzeitpunkt eine Blutalkoholkonzentration von
1.51 Gewichtspromille aufwies (Urk. 85 S. 15 f.). Gemäss pharmakologisch-
toxikologischem Gutachten wurde ein Bereich von 1.37 bis 1.51 Gewichtspromille
gemessen (Urk. 10/7). Weiter zog die Vorinstanz das Gutachten zur Auswertung
und Beweiswertberechnung von DNA-Spuren auf dem Taschenmesser des Be-
schuldigten, wonach eine Mischspur der DNA des Beschuldigten und des Privat-
klägers ab der Spitze des Messers festgestellt werden konnte, hinzu. Auch die
Fotos des Fundortes des Privatklägers sowie der Verletzungen des Beschuldigten
sowie den ärztlichen Befund zu den Verletzungen des Privatklägers zur Sachver-
haltserstellung liess sie einfliessen (Urk. 85 S. 16). Den ärztlichen Befund hat das
USZ wie bereits dargelegt ergänzt und Fotos der Verletzung des Privatklägers
eingereicht (vgl. E. I.3.). Im ergänzenden ärztlichen Befund hielt das USZ mit
Verweis auf die Fotos fest, dass die oberflächliche Verlängerung der Verletzung
typischer für eine Messerverletzung sei. Theoretisch hätte die Verletzung auch
durch eine Glasscherbe verursacht werden können; jedoch komme ein Sturz nicht
in Frage. Zur Entstehung des Verletzungsmusters hätte der Patient seine Hand
durch eine zerbrochene Glasscheibe strecken und die Glasscherbe hätte eher
flach und ohne eine Spitze sein müssen, ansonsten die Wunde penetrierend ent-
standen wäre. Zudem hätte sich der Patient aufgrund der sich auf der Rückseite
des Unterarms befindenden Verletzung überschlagen müssen (Urk. 95).
Weiter liegen neben den Einvernahmen des Beschuldigten die Aussagen des Pri-
vatklägers und der Auskunftsperson D._ bei den Akten.
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3.4. Würdigung der Aussagen der Beteiligten
3.4.1. Allgemeines
Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass der Beschuldigte und der Privatkläger als
in ein Strafverfahren involvierte Personen sowohl hinsichtlich einer drohenden
Verurteilung und Strafe als auch hinsichtlich der finanziellen Folgen ein erhebli-
ches Interesse am Ausgang des Verfahrens haben. Diese Interessenlage ist bei
der Würdigung ihrer Aussagen zu beachten, führt aber nicht per se zu einer ein-
geschränkten Glaubwürdigkeit. Von primärer Bedeutung ist die Glaubhaftigkeit
der konkreten, sachverhaltsrelevanten Aussagen der Beteiligten. Diese werden
durch methodische Analyse ihres Inhalts darauf überprüft, ob die auf ein bestimm-
tes Geschehen bezogenen Angaben einem tatsächlichen Erleben des Aussagen-
den entspringen (BGE 133 I 33 E. 4.3).
3.4.2. Aussagen des Privatklägers
a) Zusammenfassung
Der Privatkläger gab in seiner polizeilichen Einvernahme vom 20. September
2013 zu Protokoll, dass er mit dem Beschuldigten eine verbale Auseinanderset-
zung vor der Bar gehabt habe. Dann habe der Beschuldigte ihn geschlagen. Sie
hätten sich in der Folge gegenseitig mit den Händen geschlagen. Er habe sich
verteidigt und versucht, sein Gesicht zu schützen. Seine Hand sei verletzt wor-
den, weil er seine Hände vor das Gesicht gehalten habe. Der Beschuldigte habe
mit dem Messer sein Gesicht oder seinen Oberkörper verletzen wollen. Auf ent-
sprechende Nachfrage erklärte der Privatkläger, dass der Beschuldigte und er
beide zu Boden gefallen seien. Ob sie zusammen umgefallen seien, wisse er
nicht mehr. Der Privatkläger habe die Verletzung noch nicht gehabt, als er vom
Boden aufgestanden sei. Der Beschuldigte habe mit dem Messer von oben her
zugestochen. Der Privatkläger bestritt auf Vorhalt der Aussagen von D._ hin,
selber handgreiflich geworden zu sein, und mit dem Bierglas etwas anderes, als
es zu Boden zu werfen, gemacht zu haben. Auch bestritt er, sich mit dem Glas
selber verletzt zu haben, da er das Glas weggeworfen habe und es nicht dort ge-
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legen sei, wo er zu Boden gefallen sei (Urk. 7 S. 3 ff.). Anlässlich seiner staats-
anwaltschaftlichen Einvernahme vom 6. November 2014 bestätigte der Privatklä-
ger seine bei der Polizei gemachten Angaben und erklärte erneut, dass er mit
dem Beschuldigten nach einer zunächst verbalen Auseinandersetzung ein Hand-
gemenge gehabt habe. Währenddessen habe der Beschuldigte ein Messer her-
vorgeholt und damit eine Schnittbewegung auf der linken Seite des Kopfes des
Privatklägers gemacht. Da er seine Arme vor sein Gesicht habe heben können,
sei er am Unterarm verletzt worden (Urk. 9 S. 2 ff.).
b) Würdigung
Die dem Vorfall vorangehende Geschichte schildert der Privatkläger in seinen
beiden Einvernahmen weitgehend konstant, sie stimmt zudem mit den Angaben
des Beschuldigten im Grossen und Ganzen überein. Der Privatkläger habe in ei-
ner Bar im Niederdorf Bier getrunken, neben ihm sei eine ältere Dame gesessen.
Er habe aus Versehen ihr Getränk verschüttet, worauf die Dame den Beschuldig-
ten hinzugeholt habe. Dieser habe den Privatkläger gepackt und aus der Bar
rausgeworfen. Bei seinen Angaben über die Verletzungshandlung zeigt sich die
Neigung des Privatklägers, das von ihm Wahrgenommene zu übertreiben. So er-
klärte er, der Beschuldigte habe ein grosses Messer in seiner Hand gehalten (tat-
sächlich handelte es sich um ein Taschenmesser) und habe ihn in sein Gesicht
und sein Herz stechen wollen (Urk. 7 S. 2 und S. 3), sein Blut sei ca. zwei Meter
weit gespritzt (Urk. 7 S. 6). Er habe nicht mehr gewusst, ob er in einer Bar oder in
einer Metzgerei gewesen sei (Urk. 9 S. 8). Die zum Ausdruck gebrachten, in der
Situation erfahrenen Emotionen sind zwar grundsätzlich nachvollziehbar und
sprechen für tatsächlich Erlebtes, jedoch sind in den Aussagen des Privatklägers
neben den Übertreibungen auch – wie vom amtlichen Verteidiger richtig vorge-
bracht (Prot. II S. 25) – Widersprüche festzustellen. So sagte er in der gleichen
Einvernahme zunächst, dass er gesehen habe, wie der Beschuldigte das Messer
aus einer der vorderen Hosentaschen genommen habe. Kurz darauf erklärte er
auf Nachfrage, dass er dies lediglich vermute, da sich der Beschuldigte seitlich
von ihm abgedreht und dann auf einmal das Messer mit offener Klinge in der
Hand gehabt habe. In der staatsanwaltschaftlichen Befragung schilderte der Pri-
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vatkläger den Geschehensablauf zunächst frei und gab dabei an, dass er nach-
dem er mit dem Messer verletzt worden sei, sofort geflüchtet sei. Im weiteren Ver-
lauf der Befragung erklärte er, die Flucht ergriffen zu haben, als er das Messer
gesehen habe. Auf weiteres Nachhaken erklärte er, dass er zuerst gar nicht reali-
siert gehabt habe, dass der Beschuldigte ein Messer in der Hand gehalten habe,
sondern erst als er ihn damit verletzt habe (Urk. 9 S. 6). Diese Aussage ist nicht
vereinbar mit seiner zuerst gemachten Aussage, der Beschuldigte habe gegen
sein Gesicht und in die Herzgegend stechen wollen. Als unglaubhaft zu bewerten
sind ferner seine Angaben zu seinem Beitrag an der handgreiflichen Auseinan-
dersetzung. Im Lichte des Untersuchungsergebnisses betreffend die Verletzun-
gen des Beschuldigten ist evident, dass der Privatkläger seine Verteidigungs-
handlungen verharmlost. Dass er früher während sechs Jahren Thai-Boxer war,
spricht dafür, dass er in der Lage ist, Schläge angemessen und präzis abzuweh-
ren, lässt aber auch den erheblichen Verdacht entstehen, dass er die Verletzun-
gen des Beschuldigten – immerhin hat dieser u.a. einen Zahn verloren – verur-
sachte. Zugunsten des Beschuldigten ist denn auch die Aussage der Auskunfts-
person D._ zu würdigen, wonach der Privatkläger zuerst dem Beschuldigten
mit dem Knie ins Gesicht geschlagen habe (Urk. 4 S. 1). Der Privatkläger stellt
sich selber in ein auffallend günstiges Licht, weshalb seine Aussagen betreffend
seinen Beitrag in der tätlichen Auseinandersetzung nicht glaubhaft erscheinen.
Insgesamt kann festgehalten werden, dass erhebliche Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit des Aussagen des Privatklägers bestehen.
3.4.3. Aussagen des Beschuldigten
a) Zusammenfassung
In seiner polizeilichen Einvernahme vom 19. September 2013 erklärte der Be-
schuldigte, dass der Privatkläger ihn nach einem zunächst nur verbalen Disput
vor dem Eingang der ...-Bar mit einem Bierglas angegriffen habe. Der Privatklä-
ger habe das Bierglas auf einem Tisch zerschlagen, so dass der obere Teil abge-
brochen sei und er noch den unteren Teil des Glases in der Hand gehalten und
damit Stichbewegungen in Richtung des Beschuldigten gemacht habe. Er habe
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mit den Händen Abwehrbewegungen gemacht und sei dann auch zusammen mit
dem Privatkläger zu Boden gefallen. Der Privatkläger sei dann wieder aufgestan-
den, habe ihm noch einen Tritt ins Gesicht verpasst und sei dann weg gegangen.
Mit der Verletzung des Privatklägers konfrontiert, tat der Beschuldigte seine Mei-
nung kund, wonach sich der Privatkläger beim Sturz an dem Glas in seiner Hand
verletzt habe. Er wisse, dass sein Messer dabei keine Rolle gespielt habe. Mit
den Aussagen der Auskunftsperson D._ konfrontiert, erklärte der Beschuldig-
te, dass diese Angaben mit den seinigen übereinstimmten, das Glas aber nicht
erwähnt worden sei. Sein Messer sei in der Hose gewesen (Urk. 5 S. 2 ff.). In der
staatsanwaltschaftlichen Hafteinvernahme vom 20. September 2013 bestätigte
der Beschuldigte seine bei der Polizei gemachten Aussagen (Urk. 8 S. 2). Dage-
gen konnte er sich in seiner staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 2. De-
zember 2015 nicht mehr an Details erinnern, ausser dass er mit einem Glas ver-
letzt worden sei. Zudem bestritt er weiter, sein Messer gegen den Privatkläger
eingesetzt zu haben und erläuterte erneut seinen Verdacht, dass sich der Privat-
kläger beim Sturz an dem Glas geschnitten habe (Urk. 22 S. 2 ff.). Anlässlich der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 15. September 2016 wurde dem Be-
schuldigten das Gutachten des IRM Zürich vorgehalten, woraufhin er die Aussa-
gen grösstenteils verweigerte. Er gab einzig zu Protokoll, dass der Privatkläger
mit dem Glas auf ihn losgegangen sei und so die Mischspur entstanden sei. Als
die Polizei gekommen sei, habe er das Messer aus der Tasche nehmen müssen
(Urk. 24 S. 2). An der Hauptverhandlung schilderte der Beschuldigte die zunächst
verbale und dann handgreifliche Auseinandersetzung mit dem Privatkläger. Sie
seien beide hingefallen und der Privatkläger habe permanent ein Bierglas in der
Hand gehabt. Als sie wieder aufgestanden seien, habe der Beschuldigte sein Ta-
schenmesser herausgeholt und – mit einem Abstand von 1.5 bis 2 Metern zum
Privatkläger – ein bisschen damit herumgefuchtelt. Der Privatkläger sei dann da-
von gerannt (Prot. I S. 19). Vor Obergericht schilderte der Beschuldigte das Ge-
schehene erneut, wobei sich seine Aussagen – soweit er sich erinnert – im Gros-
sen und Ganzen mit den bereits gemachten decken (Prot. II S. 10 ff.).
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b) Würdigung
Die Aussagen des Beschuldigten zur Vorgeschichte sind konstant, lebensnah und
detailreich. Auch decken sie sich weitgehend mit den hierzu gemachten Angaben
des Privatklägers. So gab er jeweils an, am betreffenden Abend nicht in seiner
Funktion als Türsteher, sondern privat in der ...-Bar gewesen zu sein. Als eine
Stammkundin ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass der Privatkläger sie
belästigt habe, habe er diesen des Hauses verwiesen. Sie seien zusammen nach
draussen und der Beschuldigte habe ihn auf das bereits bei anderer Gelegenheit
mündlich ausgesprochene Hausverbot aufmerksam gemacht. Auch in Bezug auf
den Angriff durch den Privatkläger mit einem Glas sagte der Beschuldigte kon-
stant aus. Auch sagte der Beschuldigte jeweils, dass er und der Privatkläger wäh-
rend des Handgemenges beide zu Boden gefallen seien. In Bezug auf den eigent-
lichen Vorwurf der Beibringung der Verletzung mit seinem Messer und insbeson-
dere zum Einsatz seines Messers machte der Beschuldigte jedoch widersprüchli-
che Angaben. Zunächst erklärte er, dass sein Messer in der Auseinandersetzung
keine Rolle gespielt habe, da dieses in seiner Hose gewesen sei (Urk. 5 S. 3 und
4). Seine konstante Angabe, dass ja alle wüssten, dass er ein Messer habe, er-
scheint als Schutzbehauptung, um allfälligen Aussagen, wonach er das Messer
benutzt habe, entgegenzuwirken bzw. diese zu erklären. In der Folge bestritt er
weiter, das Messer eingesetzt zu haben und lieferte die logische Erklärung, dass
er bei einem Messereinsatz seinen Job riskieren würde (Urk. 8 S. 2). Rund zwei
Jahre später bestritt der Beschuldigte wieder, ein Messer gegen den Privatkläger
eingesetzt zu haben. Auf ein Nachhaken erklärte er "eigentlich 100 % sicher" zu
sein. Auf die darauffolgende Frage, ob er das Messer vor, während oder nach
dem Vorfall irgendwann hervor genommen und in der Hand gehalten habe, ant-
wortete er dann aber, dass er sich nicht mehr daran erinnern könne. Diesen Wi-
derspruch konnte er auf die folgende Ergänzungsfrage nicht auflösen, vielmehr
verwickelte er sich noch mehr darin. Er erklärte nämlich, dass das Einzige, was er
sich erklären könnte, sei, dass er sich habe verteidigen müssen. Er könne sich
dies aber nicht vorstellen. Dass er sich nicht mehr genauer an den Einsatz des
Messers erinnern konnte, nachdem ihm genau dieser Vorwurf gemacht und be-
reits mehrmals vorgehalten wurde, mutet seltsam an und weckt den Verdacht,
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dass es sich dabei um eine Schutzbehauptung handelt, da er in der Zwischenzeit
mit dem Kurzbericht konfrontiert wurde, wonach sich DNA-Spuren des Privatklä-
gers auf der Klinge des Messers befanden. Als dann ein Gutachten vorlag, wel-
ches ein Mischprofil von DNA-Spuren des Beschuldigten und des Privatklägers
nachwies, verweigerte er seine Aussagen dazu. Er machte einzig die Bemerkung,
dass dieses Mischprofil wohl aufgrund des Angriffs des Privatklägers mit dem
Bierglas entstanden sei. Die Frage danach, ob er das Messer erst hervorgeholt
habe, als die Polizei ihn dazu aufforderte, wollte er wiederum nicht beantworten.
Der Verdacht erhärtet sich sodann deutlich, nachdem er an der Hauptverhandlung
zugab, das Messer gegen Ende der Auseinandersetzung mit dem Privatkläger
hervorgeholt und damit herumgefuchtelt zu haben. Dieser nicht von der Hand zu
weisende Widerspruch in den Aussagen, welche den Kernpunkt des Vorwurfs be-
schlagen, wird vom Beschuldigten nicht nachvollziehbar erklärt und lässt sich
nicht ausräumen. Darauf angesprochen, gab er an, erst jetzt in der Lage zu sein,
es so zu sagen, wie es gewesen sei, nachdem ihm alles nochmals erklärt worden
sei. Er habe dies erst auf sich wirken lassen müssen. Damit gab er einerseits zum
Ausdruck, in Hinblick auf seine Einvernahme instruiert worden zu sein, was sich
auch daran feststellen lässt, dass er sich im Gegensatz zu den letzten beiden
Einvernahmen bei der Staatsanwaltschaft wieder sehr detailliert an den Gesche-
hensablauf zur erinnern vermochte. Andererseits wollte er damit die nicht mit sei-
nen vorgängigen Aussagen in Einklang zu bringende Tatsache der an der Klinge
seines Messers festgestellten DNA-Spuren des Privatklägers erklären. Vor Ober-
gericht erklärte er das anfängliche Verschweigen des Messers damit, dass er sich
der Tragweite nicht bewusst gewesen sei (Prot. II S. 13).
Aufgrund der Aussagen des Beschuldigten ist erstellt, dass er sein Taschenmes-
ser während der Auseinandersetzung mit dem Privatkläger zückte und dieses
zum Einsatz brachte.
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3.4.4. Aussagen der Auskunftsperson D._
a) Zusammenfassung
D._ erklärte in seiner polizeilichen Einvernahme vom 19. September 2013
kurz nach dem Vorfall, dass er in der ...-Bar ein Bier getrunken habe und nach
draussen gegangen sei, um zu rauchen. Er habe gehört, wie der Beschuldigte
("B._") mit dem Privatkläger ("einem anderen Mann") gesprochen habe. Der
Beschuldigte habe ihn nicht in die Bar gelassen, mit der Begründung, dieser habe
dort Hausverbot. Der Privatkläger habe darum gebettelt, dass er in die Bar rein
gelassen werde. Dann habe der Beschuldigte dem Privatkläger eine Ohrfeige
verpasst, woraufhin der Privatkläger ebenfalls mit einer Ohrfeige reagiert habe.
Dann seien die Fäuste geflogen, wobei der Beschuldigte den Privatkläger auch
gegen die Fensterscheibe gedrückt habe. Der Privatkläger habe sich in der Folge
losgerissen und dem Beschuldigten mit dem Knie ins Gesicht geschlagen. Der
Beschuldigte habe ein Stück eines Zahns verloren und aus dem Mund geblutet.
Der Beschuldigte habe sodann ein Messer aus der Tasche genommen und mit
einer Schwingbewegung von oberhalb seines eigenen Kopfes nach unten gegen
den Privatkläger gestochen. Dabei seien beide zu Boden gefallen. Er habe nicht
gesehen, wo der Beschuldigte den Privatkläger mit dem Messer getroffen habe,
es sei so schnell gegangen. Danach seien beide aufgestanden und der Privatklä-
ger sei davon gerannt (Urk. 4 S. 1 f.).
b) Würdigung
Die Aussagen der Auskunftsperson sind sachlich und stimmig. Er belastet beide
Parteien gleichermassen. Daher ist keine Interessensbindung auszumachen. Sei-
ne Aussagen decken sich einerseits mit den Angaben des Beschuldigten, wonach
die Auseinandersetzung ihren Lauf nahm, weil er den Privatkläger aufgrund eines
Hausverbots nicht mehr in die Bar lassen wollte. Auch stützt sie die Angabe des
Beschuldigten, dass der Privatkläger ihm einen Zahn herausschlug. In diesem
Zusammenhang gab der Beschuldigte selber jedoch an, dass der Privatkläger ihm
einen Tritt mit dem Fuss versetzt habe, wobei die Auskunftsperson davon sprach,
dass der Privatkläger sein Knie dazu einsetzte. Diese Abweichung lässt sich mit
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dem raschen dynamischen Ablauf des Geschehens erklären und ist nicht von re-
levanter Bedeutung. Weiter untermauert die Angabe der Auskunftsperson aber
auch die Kernaussage des Privatklägers. Beide sprechen von der Schwingbewe-
gung von oben nach unten, mit welcher der Beschuldigte den Privatkläger mit
dem Messer verletzt habe.
Wie vorstehend aufgezeigt, sind die nicht konfrontierten Aussagen der Auskunfts-
person nur verwertbar, wenn ausreichend kompensierende Faktoren gegeben
sind, um den Anspruch des Beschuldigten auf ein faires Verfahren und die Über-
prüfung der Verlässlichkeit des Beweismittels zu gewährleisten. Darauf ist im
Rahmen der Schlusswürdigung der Beweismittel zurückzukommen.
3.5. Würdigung der weiteren Beweismittel
Nicht ausser Acht zu lassen ist, dass eine Mischspur der DNA des Privatklägers
und des Beschuldigten auf der Klinge des Messers des Beschuldigten festgestellt
werden konnte. Analysiert man den vom Beschuldigten geltend gemachten Ge-
schehensablauf, ergibt sich ein weiterer nicht nachvollziehbarer Widerspruch.
Gegen die Darstellung des Beschuldigten, wonach sich der Privatkläger die Ver-
letzungen durch den Sturz auf sein Bierglas selber beigebracht habe, spricht,
dass nach Entstehen dieser Verletzungen gemäss dem Beschuldigten kein Kör-
perkontakt zwischen den beiden mehr stattgefunden haben soll. Vielmehr habe
der Beschuldigte den Privatkläger nach dem Sturz mit dem Herumfuchteln mit
dem Messer in die Flucht geschlagen. Da beim Privatkläger einzig die Schnittver-
letzungen an Hand und Unterarm, welche er sich gemäss Beschuldigten wie ge-
sagt, durch diesen Sturz zugezogen habe, festgestellt wurde, ist daher die Be-
hauptung des Beschuldigten, eine Mischspur sei entstanden, weil überall Blut der
beiden war, nicht in Einklang zu bringen. Er habe den Privatkläger ja genau nicht
mehr berührt, nachdem dieser zu bluten begonnen habe. Wie daher DNA-Spuren
des Privatklägers auf sein Messer und insbesondere auf die Klinge gekommen
sein sollen, lässt sich vernünftigerweise nur mit einer direkten Berührung des
Messers erklären.
- 17 -
Der ergänzende ärztliche Befund hält schlüssig und nachvollziehbar fest, die Ver-
letzung am Unterarm des Privatklägers könne aufgrund ihrer Lokalisation, Tiefe
und ihres Verlaufs theoretisch auch von einer Glasscherbe verursacht worden
sein, wobei ein Sturz nicht in Frage komme, da der Patient seine Hand durch eine
zerbrochene Glasscherbe hätte strecken müssen oder sich beim Sturz hätte
überschlagen müssen, um sich an der dorsalen Seite des Unterarms zu verletzen.
Gemäss dem ärztlichen Befund ist die oberflächliche Verlängerung der Verletzung
typischer für eine Messerverletzung (Urk. 95). Nach Einholung des Berichts wurde
dieser den Parteien rund zwei Monate vor der Berufungsverhandlung zugestellt
(Urk. 99/1-3). Gelegenheit zur Stellungnahme hierzu wurde den Parteien damit
eingeräumt. Der amtliche Verteidiger bringt mit seinem Einwand, es hätten keine
Ergänzungsfragen gestellt werden können, und seinem Antrag auf Einvernahme
des berichterstattenden Arztes jedoch keine konkreten, zu stellenden Fragen vor.
Beim ergänzenden ärztlichen Befund handelt es sich einerseits – wie vom amtli-
chen Verteidiger zutreffend ausgeführt (Urk. 102 S. 5) – nicht um ein Gutachten
im Sinne von Art. 184 StPO, andererseits hatten die Parteien die Möglichkeit sich
dazu zu äussern, wovon sie auch Gebrauch machten (Urk. 102 S. 5 ff., Prot. II
S. 6). Eine Einvernahme von Dr. C._ erscheint nicht zielführend, zumal der
Bericht die gestellten Fragen klar beantwortet und der Arzt die Verletzungen fest-
zustellen und zu beschreiben, nicht aber den möglichen Ablauf der Geschehnisse
zu rekonstruieren hat.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass aufgrund des ergänzenden medizini-
schen Befundes eine Beibringung der Verletzung durch eine Glasscherbe zwar
theoretisch möglich ist, jedoch hätte sich das Opfer auch noch beim Stürzen
überschlagen müssen, wofür sich den Akten keine Anhaltspunkte entnehmen las-
sen. Es ist daher auf den ersten Befund des USZ, worin festgehalten wird, die
Verletzung sei durch einen Schnitt mit einem Messer verursacht worden und den
ergänzenden Befund abzustellen (Urk. 12/10 S. 1 und Urk. 95). Daher ist erstellt,
dass die Verletzung am Unterarm des Privatklägers durch ein Messer verursacht
wurde.
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4. Fazit
In einer Gesamtbetrachtung bestehen aufgrund der ärztlichen Befunde und der
DNA-Spur keine rechtserheblichen Zweifel daran, dass die Verletzung am Unter-
arm des Privatklägers durch den Beschuldigten mittels Einsatz des Taschenmes-
sers verursacht wurde. In der Anklageschrift wird bezüglich der Art und Weise,
wie die Verletzung zugefügt wurde, lediglich ausgeführt, der Beschuldigte habe
dazu ausgeholt. Dies lässt sich ohne Weiteres aus dem Umstand ableiten, dass
dem Privatkläger eine tiefe und 5 cm lange Schnittwunde zugefügt wurde, der
Stich/Schnitt muss mit einiger Kraft geführt worden sein. Offen bleibt, wie dieses
Ausholen erfolgte. Nicht vom Anklagevorwurf erfasst ist insbesondere, dass der
Beschuldigte gegen das Gesicht des Privatklägers oder dessen Oberkör-
per/Herzgegend gestochen hat, wie der Privatkläger ausführte. Diesbezüglich lie-
gen lediglich die offensichtlich übertriebenen Aussagen des Privatklägers vor.
Auch die Auskunftsperson D._ sagte aus, der Beschuldigte habe mit dem
Messer eine Schwingbewegung von oberhalb seines Kopfes nach unten gemacht.
Er habe nicht gesehen, wo der Privatkläger getroffen worden sei (Urk. 4 S. 1 f.).
Da eine tiefe und lange Schnittverletzung resultierte und darin ein deutlicher kom-
pensierender Faktor zu erkennen ist, ist bezüglich des Ausholens mit dem Messer
auch auf die nicht konfrontierte Aussage der Auskunftsperson abzustellen.
Der Anklagesachverhalt ist daher in allen Punkten erstellt.
III. Rechtliche Würdigung
1. Rechtliche Qualifikation
Die Staatsanwaltschaft würdigt das Verhalten des Beschuldigten als qualifizierte
einfache Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 und Ziff. 2 Abs. 1
und 2 StGB.
2. Objektiver Tatbestand
2.1. Wer vorsätzlich einen Menschen in anderer Weise an Körper oder Ge-
sundheit schädigt, wird auf Antrag mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
- 19 -
Geldstrafe bestraft (Art. 123 Ziff. 1 StGB). Die Strafe ist Freiheitsstrafe bis zu drei
Jahren oder Geldstrafe und der Täter wird von Amtes wegen verfolgt, wenn er ei-
ne Waffe oder einen gefährlichen Gegenstand gebraucht (Art. 123 Ziff. 2 StGB).
Ausschlaggebend für die Qualifizierung als gefährlicher Gegenstand ist, ob dieser
nach seiner Beschaffenheit so eingesetzt wird, dass die Gefahr einer schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB herbeigeführt wird. Praktisch jeder
Gegenstand von einiger Robustheit, Festigkeit und Härte kann in einer tätlichen
Auseinandersetzung gefährlich werden, wenn er eben in gefährlicher Weise ein-
gesetzt wird (vgl. Roth/Berkemeier, BSK StPO, 3. Auflage 2013, Art. 123 N 19 ff.).
Der Privatkläger erlitt eine 5 cm lange Schnittverletzung am Unterarm, wobei die
Handwurzelstrecksehnen sowie die Daumen-Abspreiz- und die Daumen-
Strecksehne durchtrennt wurden. PD Dr. med. C._ hielt auf entsprechende
Frage fest, dass die Verletzung zum Verlust der Fähigkeit, das Handgelenk zu
heben, und zu einer Bewegungseinschränkung des Daumens geführt habe. Zur
Frage nach bleibenden Schäden, stellte er ein Rehabilitationsdefizit der Hand
fest, welches auf unzureichende Therapie in der Nachbehandlung zurückzuführen
sei (Urk. 12/10 S. 1). Aufgrund dieser ärztlichen Einschätzung ist nicht erstellt,
dass ein bleibender Schaden durch den Messerstich verursacht wurde. Es bleibt
unklar, was für Beeinträchtigungen bleiben, und ob diese auf unzureichende
Handtherapie und Nachbehandlung zurückzuführen sind. Dem Grundsatze in du-
bio pro reo folgend ist daher zugunsten des Beschuldigten davon auszugehen,
dass der Privatkläger keine bleibenden Schäden davonträgt und nicht von einem
verstümmelten oder unbrauchbar gemachten Glied gesprochen werden kann.
Daher ist die Verletzung als einfache Körperverletzungen im Sinne von Art. 123
StGB zu qualifizieren.
2.2. Zu prüfen bleibt, ob das Taschenmesser unter den gegebenen Umständen
als gefährlicher Gegenstand im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB zu qualifi-
zieren ist. Dabei ist in Betracht zu ziehen, dass der Beschuldigte das Taschen-
messer in einem dynamischen Geschehen im Rahmen einer sich bereits im Gan-
ge befindlichen heftigen tätlichen Auseinandersetzung einsetzte, bei welcher die
beiden Kontrahenten auch zu Boden gingen. Der Beschuldigte holte aus und
setzte das Messer mit Kraft gegen den Privatkläger ein. Die Verletzung, welche
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resultierte, zeigt, dass die Gefahr bestand, dass die Hand des Privatklägers hätte
unbrauchbar gemacht werden können. Unter diesen Umständen stellt das Ta-
schenmesser aufgrund seines konkreten Einsatzes einen gefährlichen Gegen-
stand im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB dar.
3. Subjektiver Tatbestand
3.1. Dem Beschuldigten wird in der Anklage vorgeworfen, er habe im Wissen
um die möglicherweise Herbeiführung einer Verletzung zumindest unter Inkauf-
nahme einer solchen Verletzung gehandelt. Der Anklagevorwurf lautet somit auf
mindestens eventualvorsätzliche Tatbegehung.
3.2. Gemäss Art. 12 Abs. 2 StGB handelt vorsätzlich, wer die Tat mit Wissen
und Willen ausführt und handelt bereits vorsätzlich, wer die Verwirklichung der Tat
für möglich hält und in Kauf nimmt. Nach ständiger bundesgerichtlicher Recht-
sprechung ist Eventualvorsatz gegeben, wenn der Täter den Eintritt des Erfolgs
bzw. die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil
er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag
er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3.). Das Gericht hat aufgrund
der Umstände der Tat zu entscheiden, ob der Täter die Tatbestandsverwirkli-
chung im Sinne des Eventualvorsatzes in Kauf genommen hat. Wenn sich die
Verwirklichung der Gefahr dem Täter als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die
Bereitschaft, sie als Folge hinzunehmen vernünftigerweise nur als Inkaufnahme
des Erfolgs ausgelegt werden kann, ist Eventualvorsatz zu bejahen. Je grösser
die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist, und je schwerer die
Rechtsgutverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter habe
die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (Urteil des Bundesgerichts vom
23. April 2015, 6B_366/2014 E. 1.2.3. mit Hinweisen).
3.3. Wie bereits erwähnt, holte der Beschuldigte mit dem Messer in der Hand
während des dynamischen Geschehens einer heftigen tätlichen Auseinanderset-
zung aus und stach auf den Privatkläger ein. Er musste sich dabei im Klaren sein,
dass seine Handlung mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Schnittverletzung wie die
- 21 -
eingetretene zur Folge haben konnte. Unter den gegebenen Umständen ist even-
tualvorsätzliche Tatbegehung zu bejahen.
4. Fazit Tatbestandsmässigkeit
Der Beschuldigte hat den Tatbestand der einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 und Ziff. 2 Abs. 1 StGB in objektiver und subjektiver
Hinsicht erfüllt.
IV. Strafzumessung
1. Allgemeine Regeln der Strafzumessung und Übergangsrecht
1.1. Das Gericht misst die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu. Es be-
rücksichtigt das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung
der Strafe auf das Leben des Täters (Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Verschulden wird
nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts,
nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters
sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren Um-
ständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art. 47
Abs. 2 StGB).
1.2. Der Strafrahmen für die einfache Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 2
Abs. 2 StGB ist Geldstrafe oder bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe. Es liegen keine
besonderen Umstände vor, welche eine Unter- oder Überschreitung des ordentli-
chen Strafrahmen rechtfertigen würden.
1.3. Bei der konkreten Strafzumessung ist zwischen der Tat- und der Täter-
komponente zu unterscheiden. Bei der Tatkomponente ist vorerst die objektive
Tatschwere als Ausgangskriterium festzulegen und zu bemessen. Es gilt zu prü-
fen, wie stark das strafrechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt
worden ist. Darunter fallen etwa das Ausmass des Erfolges sowie die Art und
Weise des Vorgehens. Bei der Bewertung des subjektiven Verschuldens stellt
- 22 -
sich die Frage, wie dem Täter die objektive Tatschwere tatsächlich anzurechnen
ist.
1.4. Zusätzlich ist festzuhalten, dass per 1. Januar 2018 das neue Sanktionen-
recht des Strafgesetzbuches in Kraft getreten ist. Der Strafrahmen für einfache
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 StGB ist grundsätzlich der gleiche nach
altem sowie neuem Recht, ausser dass sich die Minimalgrenze der Geldstrafe
neu explizit aus dem Gesetz ergibt und bei 3 Tagessätzen liegt. Gemäss altem
Recht wäre grundsätzlich die Ausfällung einer Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen
möglich gewesen, nach dem neuen Recht ist eine Geldstrafe von maximal 180
Tagessätzen möglich. Daraus geht hervor, dass das neue Recht in der Anwen-
dung in concreto nicht das Mildere sein kann, soweit eine Sanktionshöhe resul-
tiert, für welche gemäss altem Recht noch eine Geldstrafe als mögliche Sankti-
onsart in Frage kommt. Wie nachfolgen darzulegen ist, trifft dies vorliegend zu,
weshalb gestützt auf Art. 2 Abs. 2 StGB das alte Recht anzuwenden ist.
2. Strafzumessung in concreto
2.1. Tatkomponenten
2.1.1. Objektive Tatschwere
Der Beschuldigte handelte ungeplant und spontan im Rahmen der Schlägerei
zwischen ihm und dem Privatkläger, nachdem ihn dieser verletzt hatte, und ihm
durch einen Schlag einen Zahn ausgeschlagen hatte. Er führte nur einen, aber
kräftigen Stich aus. Die Verletzung, welche dem Privatkläger zugefügt wurde, war
im Rahmen der einfachen Körperverletzung schwerwiegender Natur und an der
Grenze zur versuchten schweren Körperverletzung. Der Privatkläger musste sich
einer Operation und Rehabilitation unterziehen, war während rund eines Monats
100% arbeitsunfähig und litt längere Zeit an Schmerzen. Die objektive Tatschwere
wiegt nicht mehr leicht.
- 23 -
2.1.2. Subjektive Tatschwere
Der Beschuldigte handelte eventualvorsätzlich. Er wurde durch die Verletzungs-
handlung seitens des Privatklägers provoziert. Seine unkontrollierte und heftige
Reaktion lässt aber annehmen, dass das Motiv der Rache eine Rolle spielte und
sich der Beschuldigte von Wut leiten liess. Dass der Beschuldigte 1.51 Promille
Alkohol im Blut hatte, wirkt sich leicht relativierend auf die subjektive Tatschwere
aus. Die subjektive Tatschwere wiegt insgesamt noch leicht.
2.1.3. Fazit Tatkomponente
Insgesamt wiegt die Tatschwere nicht mehr leicht, weshalb eine Einsatzstrafe im
Bereich von 6 Monaten der Tatschwere angemessen erscheint.
2.2. Täterkomponenten
2.2.1. Persönliche Verhältnisse
Der Beschuldigte verweigerte die Aussagen zu seinen persönlichen Verhältnissen
in der Untersuchung grösstenteils. Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhand-
lung gab er an, dass seine Lebenspartnerin im fünften Monat schwanger sei. Er
erklärte weiter, bei E._ als stellvertretender Geschäftsführer in einem Pen-
sum zwischen 40 % und 70 % zu arbeiten und ein monatliches Einkommen zwi-
schen Fr. 2'500.– und Fr. 3'000.– netto zu generieren. Für die Miete bezahle er
1'120.–; Schulden habe er ungefähr Fr. 10'000.– (Prot. I S. 15 f.). Im Berufungs-
verfahren bestätigte er die an der Hauptverhandlung gemachten Angaben im We-
sentlichen; ergänzend erklärte er, dass seine Tochter inzwischen zur Welt ge-
kommen sei (Prot. II S. 6 ff.). Den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
lassen sich keine strafzumessungsrelevanten Faktoren entnehmen.
2.2.2. Vorstrafen
Aus dem Auszug des schweizerischen Strafregisters ist ersichtlich, dass der Be-
schuldigte drei Vorstrafen erwirkt hat. Am 20. Mai 2009 wurde er mit Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat wegen einfacher Körperverletzung, Gewalt
und Drohung gegen Behörden und Hinderung einer Amtshandlung mit einer
- 24 -
Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je Fr. 80.– und einer Busse von Fr. 500.– unter
Ansetzung einer zweijährigen Probezeit bestraft. Diese Probezeit wurde am
11. März 2013 von der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn um ein Jahr
verlängert. Mit Strafbefehl vom 11. März 2013 der Staatsanwaltschaft des Kan-
tons Solothurn wurde der Beschuldigte wegen Gewalt und Drohung gegen Be-
hörde sowie Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz mit einer Geldstrafe
von 50 Tagessätzen zu je Fr. 80.– (davon 25 Tagessätze bedingt vollziehbar, mit
einer Probezeit von zwei Jahren) und einer Busse von Fr. 400.– bestraft.
Schliesslich wurde der Beschuldigte ebenfalls von der Staatsanwaltschaft des
Kantons Solothurn mit Strafbefehl vom 25. Juli 2013 wegen Fahrenlassens ohne
Haftpflichtversicherung zu einer Geldstrafe von 5 Tagessätzen zu je Fr. 60.– und
einer Busse von Fr. 100.– mit einer Probezeit von zwei Jahren bestraft (Urk. 70).
Den Beizugsakten lässt sich entnehmen, dass der Beschuldigte jemanden in ei-
ner Schlägerei verletzte (Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat,
C -3/2008/910). Bei einem anderen Vorfall wurde er von der Polizei verhaftet, je-
doch sei dies aufgrund seiner tätlichen Gegenwehr erst nach einem Gerangel
möglich gewesen (Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn,
STA.2009.4061). Diese beiden Vorstrafen sind zwar einschlägig, jedoch liegen
sie, wie auch die dritte, nicht einschlägige Vorstrafe längere Zeit zurück. Die Vor-
strafen sind deshalb leicht straferhöhend zu berücksichtigen.
2.3. Nachtatverhalten / lange Verfahrensdauer
Der Beschuldigte bestreitet den Anklagevorwurf bis heute. Dieser Umstand ist
strafzumessungsneutral zu werten.
Der zu beurteilende Vorfall ereignete sich vor knapp 4,5 Jahren. Die Verfahrens-
verzögerungen sind teilweise vom Beschuldigten verursacht worden, zumal er ei-
nen Umzug nicht bei der Staatsanwaltschaft meldete und so ab Ende Oktober
2014 nicht mehr zu Einvernahmen vorgeladen werden konnte, weshalb das Ver-
fahren mit Verfügung vom 20. März 2015 sistiert wurde (Urk. 20) und der Aufent-
haltsort des Beschuldigten im November 2015 wieder bekannt wurde (Urk. 17).
- 25 -
Zudem musste auch die Hauptverhandlung mehrere Male u.a. aufgrund seines
unentschuldigten Nichterscheinens verschoben werden.
Die lange Verfahrensdauer ist insgesamt leicht strafmindernd zu berücksichtigen.
2.4. Fazit Täterkomponenten
Insgesamt halten sich die straferhöhenden sowie die strafmindernden Faktoren
die Waage, weshalb es bei der Einsatzstrafe von 6 Monaten bleibt.
V. Sanktionsart und Vollzug
1. Sanktionsart
Aufgrund der auszufällenden Sanktionshöhe von 6 Monaten kommen nach dem
anwendbaren alten Sanktionenrecht (vgl. vorstehend Erwägung IV.1.4.) sowohl
eine Geldstrafe (Art. 34 Abs. 1 aStGB) als auch eine Freiheitsstrafe in Betracht.
Bei der Wahl der Sanktionsart ist das Gewicht der Tat zu berücksichtigen, das
Verschulden des Täters, die Zweckmässigkeit der Sanktion, deren Auswirkungen
auf den Täter und sein soziales Umfeld sowie die präventive Effizienz (BGE 134
IV 97 E. 4, BSK-StGB, A. Dolge, Art. 34 N 25). Nach dem Verhältnismässigkeits-
prinzip soll bei alternativ zur Verfügung stehenden Sanktionen in der Regel dieje-
nige gewählt werden, die weniger stark in die persönliche Freiheit des Täters ein-
greift. Geldstrafe stellt gegenüber der Freiheitsstrafe die mildere Sanktion dar.
Vorliegend handelt es sich mit der qualifizierten einfachen Körperverletzung um
ein Delikt mit doch erheblichem Gewicht, welches in der Kategorie der mittel-
schweren Delinquenz anzusiedeln ist. Das Verschulden des Beschuldigten wiegt
insgesamt nicht mehr leicht. Die Tatbegehung betreffend die einschlägigen Vor-
strafen des Beschuldigten erfolgte rund 4 bis 5 Jahre vor dem angeklagten Vor-
fall, weshalb der heute zu beurteilenden Tat nicht mit der härteren Sanktionsart
begegnet werden müsste. Gegen die Ausfällung einer Geldstrafe spricht jedoch
der Umstand, dass der Beschuldigte dreimal innerhalb der Probezeit von bedingt
ausgefällten Geldstrafen delinquierte, was deutlich darauf hinweist, dass er sich
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durch die Ausfällung von Geldstrafen nicht beeindrucken lässt. Deshalb ist vorlie-
gend unter dem Gesichtspunkt der präventiven Effizienz eine Freiheitsstrafe aus-
zufällen.
Der Beschuldigte ist daher mit einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten zu bestrafen
unter Anrechnung eines Tages erstandener Haft.
2. Vollzug
Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von höchs-
tens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht notwendig
erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen
abzuhalten (Art. 42 Abs. 1). Die günstige Prognose wird vermutet.
In objektiver Hinsicht sind die Voraussetzungen für die Gewährung des bedingten
Strafvollzuges gegeben. Dass der Beschuldigte sich seit dem heute zu beurtei-
lenden Vorfall nichts mehr hat zu Schulden kommen lassen (Urk. 100), spricht
trotz der erwirkten Vorstrafen und mehrfacher Delinquenz in der Probezeit gegen
eine schlechte Legalprognose. Der Beschuldigte wird erstmals mit einer Freiheits-
strafe bestraft und es darf davon ausgegangen werden, dass er sich durch diese
härtere Sanktion sowie den Widerruf zweier bedingter Geldstrafen (vgl. Erwägun-
gen nachfolgend) beeindrucken lässt. Dem Beschuldigten ist daher der bedingte
Strafvollzug zu gewähren, unter Ansetzung einer Probezeit von drei Jahren.
VI. Widerruf
Wie bereits aufgezeigt, liess sich der Beschuldigte durch die bedingt ausgespro-
chenen Geldstrafen nicht beeindrucken und delinquierte erneut während der drei
laufenden Probezeiten. Mit Strafbefehl vom 11. März 2013 der Staatsanwaltschaft
des Kantons Solothurn wurde lediglich die Hälfte der Geldstrafe bedingt vollzo-
gen. Der bedingte Vollzug der Reststrafe von 25 Tagessätzen zu je Fr. 80.– ist
daher zu widerrufen. Auch der bedingte Vollzug der von der Staatsanwaltschaft
des Kantons Solothurn mit Strafbefehl vom 25. Juli 2013 ausgefällten Geldstrafe
von 5 Tagessätzen zu je Fr. 60.– ist zu widerrufen.
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Bezüglich der Frage des Widerrufes der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Zürich-Limmat vom 20. Mai 2009 ausgefällten bedingten Geldstrafe von 90 Ta-
gessätzen zu je Fr. 80.–, ist zu beachten, dass die angesetzte Probezeit von 2
Jahren, welche am 11. März 2013 von der Staatsanwaltschaft des Kantons Solo-
thurn um ein Jahr verlängert wurde, am 11. März 2014 abgelaufen ist. Im heuti-
gen Zeitpunkt sind somit mehr als drei Jahre seit Ablauf der Probezeit verstrichen,
weshalb gestützt auf Art. 46 Abs. 5 StGB kein Widerruf der bedingten Strafe mehr
angeordnet werden darf. Von einem Widerruf des bedingten Strafvollzugs bezüg-
lich der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 20. Mai 2009
ausgefällten bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je Fr. 80.– ist daher ab-
zusehen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Im vorinstanzlichen Urteil wurde infolge Freispruches des Beschuldigten keine
Gerichtsgebühr festgesetzt, die Kosten der unentgeltlichen Rechtsvertretung des
Privatklägers wurden auf die Gerichtskasse genommen und dem Beschuldigten
wurde eine Prozessentschädigung aus der Gerichtskasse zugesprochen, wobei
über die Höhe der Prozessentschädigung mit separater Verfügung zu entschei-
den sei (Dispositiv-Ziffern 4 - 6). Diese Regelung blieb bezüglich der Kosten der
unentgeltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers (Dispositiv-Ziffer 6) unange-
fochten und ist wie bereits erwähnt in Rechtskraft erwachsen. Der Privatkläger
beantragte im Berufungsverfahren Dispositiv-Ziffern 4 und 5 des angefochtenen
Urteils seien aufzuheben und die Kosten- und Entschädigungsfolgen seien neu zu
regeln (Urk. 86 S. 2). Da der Privatkläger durch die Kostenregelung in Dispositiv-
Ziffern 4 und 5 nicht beschwert ist, fehlt ihm die Legitimation in diesen Punkten.
Da der Beschuldigte in Abänderung des vorinstanzlichen Freispruchs mit diesem
Urteil der Begehung des ihm vorgeworfenen Delikts schuldig zu sprechen ist, ist
für das vorinstanzliche Verfahren eine Gerichtsgebühr in der Höhe von Fr. 1'500.–
festzusetzen. Gemäss Art. 426 Abs. 1 Satz 1 StPO trägt die beschuldigte Person
die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird. Ausgangsgemäss sind die Kosten
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der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens dem Beschuldigten auf-
zuerlegen.
Der Beschuldigte unterliegt im Berufungsverfahren vollumfänglich. Gestützt auf
Art. 428 StPO sind die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme derjeni-
gen der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers, daher dem Beschuldigten
aufzuerlegen. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers sind
auf die Gerichtskasse zu nehmen, unter Vorbehalt der Rückzahlungspflicht des
Beschuldigten (Art. 138 StPO in Verbindung mit Art. 135 StPO).
Der unentgeltliche Vertreter des Privatklägers macht für das Berufungsverfahren
einen Aufwand von rund Fr. 2'000.– geltend, was angemessen erscheint.
Zusammenfassend sind die Kosten der Untersuchung und beider Gerichtsverfah-
ren, mit Ausnahme derjenigen der unentgeltlichen Vertretung der Privatkläger-
schaft, dem Beschuldigten aufzuerlegen. Die Kosten der unentgeltlichen Vertre-
tung der Privatklägerschaft sind auf die Gerichtskasse zu nehmen, unter Vorbe-
halt der Rückzahlungsplicht des Beschuldigten.