Decision ID: 7f3fc26c-07f1-47f3-974f-4d95f178e56b
Year: 2005
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1998, leidet unter anderem an einer angeborenen spasti
schen
cerebralen
Lähmung gemäss Ziffer 390 Anhang der Verordnung über Ge
burtsgebrechen (
GgV
) sowie an
cerebralen
Bewegungsstörungen gemäss Ziffer 395 Anhang
GgV
(vgl. unter anderem Urk. 7/64, Urk. 7/77). Neben verschiede
nen medizinischen Massnahmen (vgl. Urk. 7/60-61, Urk. 7/58, Urk. 7/53, Urk. 7/47, Urk. 7/39, Urk. 7/29), Sonderschulmassnahmen (vgl. Urk. 7/59, Urk. 7/51, Urk. 7/36, Urk. 7/25), Pflegebeiträge (vgl. Urk. 7/52, Urk. 7/50, Urk. 7/37), sowie die Kosten für heilpädagogische Früherziehung (vgl. Urk. 7/35, Urk. 7/18, Urk. 7/15), sprach die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
X._
auch verschiedene Hilfsmittel (vgl. Urk. 7/55, Urk. 7/46, Urk. 7/45, Urk. 7/44, Urk. 7/41, Urk. 7/40, Urk. 7/33-34, Urk. 7/31, Urk. 7/28, Urk. 7/20-21, Urk. 7/16-17, Urk. 7/13-14) zu. Mit Kostenvoranschlag vom 20. November 2003 beantragte die Mutter von
X._
die Übernahme der Kosten für ein Kinder-Rückhaltesystem
Unisafety
(Therapie-Autositz mit zu
sätzlichen Fixationsmöglichkeiten)
in der Höhe von Fr. 2'326.30 (Urk. 7/100, Urk. 7/93).
Mit Verfügung vom 14. Mai 2004 lehnte die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (Urk. 7/9). Die dagegen erhobene Einsprache vom 3. Juni 2004 (Urk. 7/10) wies die IV-Stelle mit Entscheid vom 2. September 2004 (Urk. 7/2 = Urk. 2) ab.
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 2. September 2004 (Urk. 2) erhob die Mut
ter von
X._
mit Eingabe vom 21. September 2004 Beschwerde und beantragte die Übernahme der Kosten für den Autositz (Urk. 1). Mit Beschwer
deantwort vom 10. November 2004 hielt die IV-Stelle an ihrem Entscheid fest (Urk. 6). Am 15. November 2004 wurde der Schriftenwechsel als geschlossen er
klärt (Urk. 9).
Die
Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der Beschwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
2.1
Gemäss Art. 21 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste
Anspruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstä
tigkeit oder der Tätigkeit in ihrem Aufgabenbereich, für die Schulung, die Aus
bildung oder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf. Ferner be
stimmt Art. 21 Abs. 2 IVG, dass Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, im Rahmen einer vom Bundesrat auf
zustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel haben.
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste und zum Erlass ergänzender Vorschriften im Sinne von Art. 21 Abs. 4 IVG hat der Bundesrat in Art. 14 der Verordnung über die Invalidenversicherung (
IVV
) an das Eidgenössische De
partement des Innern übertragen, welches die Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (
HVI
) mit anhangsweise aufge
führter Hilfsmittelliste erlassen hat. Laut Art. 2
HVI
besteht im Rahmen der im Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fort
bewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbst
sorge notwendig sind (Abs. 1). Anspruch auf die in dieser Liste mit * bezeich
neten Hilfsmittel besteht nur, soweit diese für die Ausübung einer Erwerbstätig
keit oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung, die funktionelle Angewöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des An
hangs ausdrücklich genannte Tätigkeit notwendig sind (Abs. 2; BGE 122 V 214
Erw
. 2a).
2.2
In ständiger Rechtsprechung hat das Eidgenössische Versicherungsgericht fest
gehalten, dass die im Anhang zur
HVI
enthaltene Liste der von der Invaliden
versicherung abzugebenden Hilfsmittel insofern abschliessend ist, als sie die in Frage kommenden Hilfsmittelkategorien aufzählt, wogegen bei jeder Hilfsmit
telkategorie zu prüfen ist, ob die Aufzählung der einzelnen Hilfsmittel (inner
halb der Kategorie) ebenfalls abschliessend oder bloss exemplifikatorisch ist (BGE 121 V 260
Erw
. 2b, 117 V 181
Erw
. 3b mit Hinweisen).
3.
3.1
Streitig und zu prüfen ist die Leistungspflicht der Invalidenversicherung für den
Rehab
-Kinder-Autositz.
3.2
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren ablehnenden Entscheid vom 2. September 2004 damit, dass ein Anspruch auf Übernahme der Kosten für ei
nen
Rehab
-Kinder-Autositz bei Kindern ohne Rumpf- und Kopfkontrolle be
stehe. Bei
X._
sei die Rumpf- und Kopfkontrolle zwar vermindert, eine gewisse Kontrolle
sei aber dennoch vorhanden. Damit bestehe kein An
spruch auf Kostenübernahme (Urk. 2 S. 2).
3.3
Demgegenüber machte die Mutter der Versicherten geltend,
X._
ver
füge über keine Rumpf- und Kopfkontrolle. Sie sei daher im Auto auf einen Kindersitz mit einem Fünf-Punkte-Gurt angewiesen. Gemäss Ziffer 10.05 An
hang
HVI
würden invaliditätsbedingte Abänderungen von Motorfahrzeugen von der Invalidenversicherung übernommen. Da
X._
auf einen Spezialkin
dersitz zwingend angewiesen sei, komme dies einer Änderung des Motorfahr
zeuges gleich. Daher sei gestützt auf Ziff. 10.05 Anhang
HVI
Kostengutsprache zu erteilen.
4.
4.1
Gemäss Ziffer 15.10 Anhang
HVI
werden spezielle
Rehab
-Kinder-Autositze für Versicherte ohne Kopf- und Rumpfkontrolle von der Invalidenversicherung übernommen.
4.2
Dr. Z._, Leitender Arzt, und Dr. A._
, Assistenzärztin, Rehabilita
tions
poliklinik,
Spital B._
, berichteten am 15. Juli 2004, dass bei
X._
eine Rumpfhypotonie mit deutlich verminderter Rumpfkontrolle und wenig Stütz- und Gleichgewichtsreaktionen bestünde. Daneben bestünde ein deutlicher Hypertonus der Extremitäten und eine leichte Ataxie. Ein Kinder-Rückhaltesystem sei daher angezeigt (Urk. 7/63). Am 2. August 2004 führten sie ergänzend aus, dass
X._
eine deutlich verminderte Rumpfkontrolle und auch eine verminderte Kopfkontrolle mit wenig ausgeprägten Stütz- und Gleichgewichtsreaktionen zeige (Urk. 7/62).
4.3
In Würdigung der medizinischen Bericht
e
steht fest, dass
X._
wohl über eine verminderte, jedoch nicht über keine Kopf- und Rumpfkontrolle ver
fügt. Demnach besteht aber kein Anspruch auf Übernahme der Kosten eines
Re
hab-Kinder-Autositze
gestützt auf Ziffer 15.10 Anhang
HVI
.
4.4
Zu prüfen ist, ob der beantragte Autositz als invaliditätsbedingte Abänderung von Motorfahrzeugen gemäss Ziff. 10.05 Anhang
HVI
abgegeben werden kann, was von der Beschwerdegegnerin verneint wird (Urk. 6). Diese Ziffer lässt die Übernahme invaliditätsbedingter Abänderungskosten auch dann zu, wenn die versicherte Person das Fahrzeug nicht selber lenken kann und unabhängig da
von, ob ein Anspruch auf Motorisierung nach Ziff. 10.01* - 10.04*
HVI
Anhang besteht oder nicht. Ferner ist auch nicht erforderlich, dass die versicherte Person Halterin des Fahrzeuges ist, an dem die invaliditätsbedingten Abänderungen vorgenommen worden sind. Da bei dieser Ziffer zudem das * fehlt, wird die ge
setz
liche Zielrichtung dieser Hilfsmittelkategorie auf die Fortbewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt und die Selbstsorge gemäss Art. 21 Abs. 2 IVG und Art. 2 Abs. 1
HVI
erweitert (BGE 121 V 258 ff.).
Aus dem Kostenvoranschlag der Firma
C._
vom 20. November 2003 geht hervor, dass es sich beim in Frage stehenden
Unisafety
um einen Therapie-Autositz mit zusätzlichen Fixationsmöglichkeiten für einen sicheren Autotransport handelt mit einer grossen Vielfalt an Zubehör (vgl. Urk. 7/93 S. 2-3). Weder diesem Angebot, noch der Beschwerdeschrift (Urk. 1) kann entnommen werden, dass dieser Autositz einen Umbau des elterli
chen Motorfahrzeuges erforderlich machen würde, weshalb er nicht als invali
ditätsbedingte Abänderung von Motorfahrzeugen im Sinne von Ziff. 10.05 An
hang
HVI
und der Hilfsmittelbegriff somit nicht als erfüllt betrachtet werden kann.
4.5
Zu prüfen ist ferner, ob als Anspruchsgrundlage Ziff. 13.02*
HVI
Anhang in Frage kommt. Gemäss dieser Ziffer gewährt die Invalidenversicherung der Be
hinderung individuell angepasste Sitz-, Liege- und Stehvorrichtungen, sofern diese am Arbeitsplatz, zur Schulung oder zur Ausbildung des Invaliden notwen
dig sind. Diese Verordnungsbestimmung geht davon aus, dass auch das Sitzen eine Körperfunktion ist, welche, wenn sie ausfällt, durch den Einsatz eines Hilfsmittels ersetzt werden kann (nicht publiziertes Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts in Sachen H. vom 17. Februar 1997, I 182/96, mit Hin
weis auf
SVR
1996 IV Nr. 81 S. 238
Erw
. 2). Im vorliegenden Fall ist somit zu untersuchen, ob der strittige Autositz der Schulung der Versicherten dient, da die beiden anderen in Frage kommenden Anspruchsvoraussetzungen, die Not
wendigkeit am Arbeitsplatz oder zur Ausbildung bei der Versicherten fraglos nicht zur Diskussion stehen. Gemäss Wegleitung des Bundesamtes für Sozial
versicherung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (
WHMI
), gültig ab 1. März 2004,
Rz
1016, beinhaltet die Schulung nicht nur die eigentliche Schulausbildung eines Kindes, sondern auch seine Früherziehung. Die Beschwerdegegnerin gewährte der Versicherten unter anderem Sonder
schulmassnahmen (heilpädagogische Früherziehung; vgl. Urk. 7/7/35, Urk. 7/18, Urk. 7/15), welche als Teil der Sonderschulmassnahmen gemäss Art. 19 IVG zweifellos der Früherziehung der Versicherten dienen. Der in Frage stehende Autositz erfüllt im vorliegenden Fall den generellen Zweck, die Versicherte si
cher und genügend geschützt im Auto ihrer Eltern zu transportieren, weil ihr aufgrund ihrer schweren Behinderung eine Rumpf- und Kopfkontrolle nur ver
mindert möglich sind (Urk. 7/62-63). Somit dient zwar der Autositz unter anderem auch dem Transport der zu den Durchführungsstellen der
zugesprochenen Sonderschulmassnahmen, ist jedoch nicht Teil dieser Massnahmen und nur in
direkt mit diesen verbunden, weshalb er nicht als Hilfsmittel zur "Schulung" im vorgenannten Sinne abgegeben werden kann.
4.6
Die Beschwerdegegnerin hat somit zu Recht entschieden, dass der
anbegehrte
Autositz nicht als Hilfsmittel der Invalidenversicherung abgegeben werden kann.
4.7
4.7.1
Wird gemäss Randziffer 1215 des Kreisschreibens über die medizinischen Einglie
derungsmassnahmen des Bundesamtes für Sozialversicherung (
KSME
) im Zusammenhang mit einer seitens der Invalidenversicherung zugesprochenen medizinischen Massnahme der Einsatz von Behandlungsgeräten (z.B. Inhalati
onsapparate, Korrekturbrillen bei Geburtsgebrechen des Auges, Vernebelungs
geräte, Destillationsapparate und
Schaumgummikossen
bei
Mucoviscidose
, Therapiebälle und - matten sowie
Haverich
-Dreiräder bei
cerebralen
Lähmun
gen) erforderlich, gehen die dadurch entstehenden Kosten im Rahmen der Art. 11, 12 und Art. 3 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozi
alversicherungsrechts (ATSG), Art. 13 IVG zu Lasten der Invalidenversicherung. Der Einsatz von Behandlungsgeräten erfolgt auf Anordnung des behandelnden Arztes, gegebenenfalls ist ein ärztlich visierter Kostenvoranschlag einzureichen (Randziffer 1217
KSME
).
4.7.2
Der beantragte Autositz steht nicht in einem engen, unmittelbaren Zusammen
hang mit den von der Invalidenversicherung übernommenen medizinischen Massnahmen und kann deshalb nicht als Behandlungsgerät qualifiziert werden. Daher ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf den Kinderautositz auch als Behandlungsgerät zu verneinen.
4.8.
Schliesslich gilt es noch darauf hinzuweisen, dass mit der Ausrichtung von Pflege
beiträgen für hilflose Minderjährige in einem gewissen Umfange auch die Versorgung mit Hilfsmitteln abgegolten werden, die nicht in der Hilfsmittelliste aufgeführt sind (ZAK 1983 S. 447). Der Pflegebeitrag hat zum Zweck, die Hilfs
bedürftigkeit eines invaliden Versicherten und die deswegen von Angehörigen oder von anderen Personen aufzuwendende Hilfe mit einer Geldleistung aus
zugleichen. Der Autositz dient, wie sich den Akten entnehmen lässt (Urk. 3), vor allem dazu, den Eltern die von ihnen zu leistende Hilfe im Bereich Fortbewe
gung zu erleichtern. Insofern erfüllt er einen Zweck, der mit der Entrichtung des Pflegebeitrages abgegolten wird.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Kosten für einen Kinderautositz nicht von Invalidenversicherung zu übernehmen sind. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
Die
Einzelrichterin
erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Y._
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherung
4.