Decision ID: c9163f89-c1e9-5082-bf2c-00ec032f4b79
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge zusammen mit ihrer Mutter am (...) Oktober 2020 auf dem Luftweg
und gelangte nach B._. Mit einem türkischen Spezialpass reiste sie
am (...) Oktober 2020 visumsbefreit legal in die Schweiz ein und stellte
gleichentags ein Asylgesuch. Daraufhin wurde am 3. November 2020 eine
Personalienaufnahme durchgeführt und am 11. Dezember 2020 fand eine
einlässliche Anhörung zu den Asylgründen statt. Mit Verfügung vom 16.
Dezember 2020 wies das SEM das Asylgesuch dem erweiterten Verfahren
zu.
B.
B.a Anlässlich der Anhörung machte die Beschwerdeführerin geltend, sie
habe vor der Ausreise zusammen mit ihren Eltern und den beiden Brüdern
in C._ gelebt. Sie habe zwölf Jahre die Schule besucht, wobei sie
vier Jahre davon an einer Gülen-Schule gewesen sei. Ihr Vater sei Polizei-
kommissar gewesen und nach Razzien im Zusammenhang mit Korrupti-
onsfällen irgendwie beschuldigt worden. Aus diesem Grund sei er immer
wieder an andere Dienstorte verlegt und nicht mehr befördert worden. Drei
Tage nach dem Putschversuch im Juli 2016 seien Polizisten von der Ter-
rorbekämpfung zu ihnen nach Hause gekommen, hätten alles durchsucht
sowie sämtliche digitalen Geräte beschlagnahmt. In der Folge hätten sie
ihren Vater mitgenommen. Nachdem sie für 15 Tage nichts von ihm gehört
hätten, hätten sie ihn gelegentlich im Gefängnis besuchen können. Dabei
seien sie jedoch schlecht behandelt und erniedrigt worden. Zudem sei die
ganze Familie sozial ausgegrenzt und diskriminiert worden, insbesondere
als ihr Umfeld von der Inhaftierung des Vaters erfahren habe. Dies habe
ihnen allen psychisch sehr zugesetzt. Nach der Schule habe sie sich auf
die Zulassungsprüfungen für die Universität vorbereitet. Sie habe aber da-
rauf verzichtet, sich immatrikulieren zu lassen, da es immer wieder Berichte
von Entführungen und sexuellen Belästigungen an den Universitäten ge-
geben habe. Bei einer Rückkehr befürchte sie, als der Gülen-Bewegung
nahestehende Person – da sie deren Schule besucht habe – oder anstelle
ihres Vaters festgenommen zu werden. Zudem könne sie in der Türkei kein
freies Leben führen und habe schlechte Zukunftsperspektiven, da sie bei
den Behörden registriert sei, weiterhin Diskriminierungen ausgesetzt wäre
und kaum eine Anstellung erhalten würde.
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B.b Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin folgende Unterlagen
zu den Akten: Identitätskarte und Pass im Original, Schreiben der Anstalt
für soziale Sicherheit mit Übersetzung, Untersuchungsprotokoll der Polizei
C._ mit Übersetzung, Resultat der Zulassungsprüfung zur Univer-
sität, diverse Zeitungs- und Internetartikel sowie Schul- und Ausbildungs-
zeugnisse.
C.
Mit Verfügung vom 9. Juli 2021 – eröffnet am 13. Juli 2021 – stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht.
Es lehnte ihr Asylgesuch ab und wies sie aus der Schweiz weg. Der Vollzug
der Wegweisung wurde als unzumutbar erachtet, weshalb eine vorläufige
Aufnahme angeordnet wurde.
D.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 22. Juli 2021 erhob die Beschwer-
deführerin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Ent-
scheid. Darin beantragte sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung,
die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um unentgeltliche Rechts-
pflege inklusive Beiordnung der unterzeichnenden Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin sowie Koordinierung des Verfahrens mit jenem
ihrer Mutter (N ...).
E.
Die damals zuständige Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung mit Verfügung vom 28. Juli 2021
gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete
der Beschwerdeführerin MLaw Silke Scheer als amtliche Rechtsbeiständin
bei.
F.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 6. August 2021 zur Beschwerde
vom 22. Juli 2021 vernehmen.
G.
Die Beschwerdeführerin reichte mit Eingabe vom 7. September 2021 eine
Replik zu den Akten.
H.
Aus organisatorischen Gründen wurde der Vorsitz des Verfahrens auf Rich-
terin Susanne Bolz übertragen.
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I.
Das vorliegende Verfahren wird mit dem Verfahren D-3350/2021 betreffend
die Mutter der Beschwerdeführerin, D._ (N ...), koordiniert behan-
delt. Zur Beurteilung des Falles wurden sowohl die elektronischen Asylak-
ten der Mutter als auch jene des Vaters E._ (N ...) beigezogen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
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Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM aus, dass sich die
allgemeine Menschenrechtslage in der Türkei nach dem Wiederaufflam-
men des Kurdenkonflikts und dem Putschversuch verschlechtert habe. In
spezifisch gelagerten Einzelfällen seien auch Reflexverfolgungshandlun-
gen durch türkische Behörden bekannt geworden. Gemäss der bundesver-
waltungsgerichtlichen Rechtsprechung sei indessen nach wie vor davon
auszugehen, dass die erlittenen oder zu befürchtenden Nachteile naher
Angehöriger im Regelfall keine flüchtlingsrechtlich relevante Intensität er-
reichten. Dies sei nur bei Vorliegen von besonderen Umständen der Fall,
etwa wenn die betroffene Person bereits schwerwiegende Nachteile erlit-
ten habe, wenn die Behörden Anlass zur Vermutung hätten, dass sie mit
einer gesuchten Person in Kontakt stehe oder beim Verdacht eigener poli-
tischer Aktivitäten beziehungsweise Unterstützungshandlungen für eine il-
legale Organisation. Zudem müsse seitens der türkischen Behörden auf-
grund des spezifischen Profils der gesuchten Person ein ausgeprägtes In-
teresse an deren Festnahme bestehen. Demgegenüber bestehe bei Ange-
hörigen von bereits inhaftierten oder ehemals verfolgten Personen in aller
Regel keine Gefahr, von Reflexverfolgungsmassnahmen betroffen zu wer-
den. Die Beschwerdeführerin bringe vor, sie befürchte, anstelle ihres Va-
ters verhaftet zu werden. Dabei handle es sich jedoch lediglich um eine
Vermutung. Ihrem Vater sei weder vorgeworfen worden, er sei ein Füh-
rungsmitglied der FETÖ (Fethullahçı Terör Örgütü; Deutsch: "Fethullahisti-
sche Terrororganisation"), noch sei er wegen aktiver Putschteilnahme ver-
urteilt worden. Im Juli 2020 sei er nach Einleitung eines zweiten Strafver-
fahrens gegen ihn nicht inhaftiert worden. Der Beschwerdeführerin selbst
sei strafrechtlich nie etwas vorgeworfen worden. Auch nach der Ausreise
ihres Vaters habe es keine gegen sie gerichteten behördlichen Aktivitäten
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gegeben, was insofern nachvollziehbar sei, als es sich bei ihrem Vater nicht
um eine besonders exponierte Persönlichkeit handle. Es sei daher nicht
davon auszugehen, dass ihr eine Reflexverfolgung von asylrelevanter In-
tensität drohe, zumal sie legal mit ihrem eigenen Reisepass aus der Türkei
habe ausreisen können. Zudem lebten ihre Brüder weiterhin unbehelligt in
der Türkei. Die Befürchtung der Beschwerdeführerin, dass sie als ehema-
lige Schülerin einer Gülen-Schule der Putschteilnahme bezichtigt und da-
her von den türkischen Behörden verfolgt werden könnte, sei nicht nach-
vollziehbar. Es sei wenig wahrscheinlich, dass deswegen fünf Jahre später
ein Verfahren gegen sie eröffnet werden könnte, nachdem die heimatlichen
Behörden bis anhin dafür offensichtlich keine Veranlassung gesehen hät-
ten. Schliesslich sei anzumerken, dass die von der Beschwerdeführerin
geltend gemachten Diskriminierungen zu keinem Zeitpunkt eine asylrele-
vante Intensität erreicht hätten. Insgesamt liessen sich den Akten keine An-
haltspunkte entnehmen, welche die geltend gemachte Furcht vor asylrele-
vanten Verfolgungsmassnahmen als begründet erscheinen liessen. Ihre
Eltern seien indessen als Flüchtlinge anerkannt und ihnen sei Asyl gewährt
worden. Für die beiden noch minderjährigen Brüder seien Einreisebewilli-
gungen erteilt worden, womit sich in absehbarer Zeit die gesamte Kernfa-
milie der Beschwerdeführerin in der Schweiz befinde. Angesichts ihres
noch jungen Alters erweise sich der Vollzug der Wegweisung daher als un-
zumutbar.
4.2 In der Beschwerde wurde geltend gemacht, gemäss konstanter Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts komme es im Kontext der Türkei regel-
mässig zu staatlichen Repressalien gegen Familienangehörige von politi-
schen Aktivisten, welche geeignet seien, als Reflexverfolgung flüchtlings-
rechtliche Relevanz zu entfalten. Dem Vater der Beschwerdeführerin sei
die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt und Asyl gewährt worden. Am (...)
Juni 2018 sei er wegen Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisa-
tion zu einer Haftstrafe von (...) Jahren verurteilt worden, wobei die Beru-
fung abgewiesen und eine Beschwerde am Kassationshof noch hängig sei.
Nach dem Putschversuch von 2016 sei er aus dem Polizeidienst entlassen
und für elf Monate in Untersuchungshaft versetzt worden. Eine weitere
Festnahme sei im Juli 2020 erfolgt, wobei ihm erneut Mitgliedschaft in einer
bewaffneten Terrororganisation vorgeworfen worden sei. Als er unter der
Auflage einer Meldepflicht entlassen worden sei, habe er das Land illegal
verlassen. Nach der Ausreise sei er als Tatverdächtiger von der Ober-
staatsanwaltschaft C._ für eine Befragung vorgeladen worden.
Schliesslich sei am (...) November 2020 ein Haftbefehl ergangen und im
Frühjahr 2021 habe das Gericht für schwere Straftaten C._ eine
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Zwischenverfügung hinsichtlich einer anstehenden Gerichtsverhandlung
am (...) Juni 2021 erlassen. Die Vorinstanz verkenne, dass gegen den Va-
ter der Beschwerdeführerin zwei Verfahren hängig seien, wobei sich eines
am Kassationshof befinde, während er im zweiten erstinstanzlich der Mit-
gliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation angeklagt werde. Es
handle sich bei ihm weder um eine bereits inhaftierte noch um eine ehe-
mals verfolgte Person, weshalb gemäss der Rechtsprechung das Risiko
bestehe, dass die Beschwerdeführerin als volljährige Tochter von Re-
flexverfolgung betroffen sein werde. Dies sei insbesondere der Fall, wenn
nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet werde und die Behörde
Anlass zur Vermutung habe, dass jemand mit der gesuchten Person in en-
gem Kontakt stehe. Vorliegend handle es sich um eine solche Konstella-
tion, da ihr Vater gesucht werde und die Behörden vermuten würden, dass
sie als dessen Tochter engen Kontakt zu ihm pflege. Hätten die türkischen
Behörden kein weitergehendes Interesse am Vater gehabt, wäre kaum ein
zweites Verfahren gegen ihn eröffnet worden, nachdem er bereits zu einer
mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden sei. Aus den Akten gehe hervor,
dass die Sozialversicherungen der Beschwerdeführerin, ihrer Mutter und
ihrer Geschwister überprüft worden seien. Zudem sei ersichtlich, dass die
Polizei Informationen über sie eingeholt habe, beispielsweise betreffend
Anschlussnummer, Vereinsmitgliedschaften sowie Ein- und Ausreisen. Da-
bei handle es sich um eine staatliche Fichierung und es bestehe auch des-
wegen begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung. Abschliessend sei
festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin nach der Ausreise ihres Vaters
das Land zeitnah ebenfalls verlassen habe, weil sie befürchtete, an dessen
Stelle festgenommen zu werden. Soweit die Vorinstanz argumentiere, den
in der Türkei verbliebenen Geschwistern sei nichts geschehen, verkenne
sie, dass diese noch minderjährig und wohl vor allem deshalb von ernst-
hafter Reflexverfolgung verschont geblieben seien. Die Einschätzung der
Vorinstanz, die Beschwerdeführerin habe keine begründete Furcht vor
künftiger flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung erweise sich als unzu-
treffend, weshalb ihr die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen sei.
4.3 In seiner Vernehmlassung wies das SEM darauf hin, dass es sich bei
dem in der Beschwerdeschrift als Haftbefehl bezeichneten Dokument um
einen vom Haft- und Massnahmenrichter von C._ ausgestellten
Vorführbefehl handle. Diesem seien keine inhaltlichen Informationen zur
Sache zu entnehmen. Beim zweiten Dokument handle es sich um eine
Eintretensprüfung, welche nur als Fragment (Dispositivziffern 2 und 15a)
vorliege. Es werde darin erwähnt, dass für den Vater ein Vorführbefehl be-
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stehe; inhaltlich könne dem Dokument nichts Weiteres entnommen wer-
den. Aus den Akten des Vaters gehe hervor, dass die zweite Strafuntersu-
chung Tatbestände betreffe, die sich nach dessen Haftentlassung ereignet
haben sollen. Folglich könne das zweite Verfahren nicht als Hinweis für ein
überdurchschnittliches Verfolgungsinteresse des türkischen Staates ge-
wertet werden. Dies zeige sich auch daran, dass er nicht sofort inhaftiert,
sondern in die sogenannte "kontrollierte Freiheit" entlassen worden sei. Zu-
dem seien dem Vater nur untergeordnete Arbeiten im Umkreis der Gülen-
Bewegung vorgeworfen worden. Sodann lägen den türkischen Behörden
sämtliche Erkenntnisse aus den in der Beschwerdeschrift aufgeführten Un-
tersuchungsmassnahmen im Verfahren des Vaters bereits seit mehreren
Jahren vor. Es sei jedoch bis heute keine Strafuntersuchung gegen die Be-
schwerdeführerin eingeleitet worden, weshalb mit hinreichender Sicherheit
davon ausgegangen werden könne, es bestehe ihr gegenüber keinerlei
Verfolgungsinteresse. Zwar hätten die Behörden möglicherweise ein Inte-
resse daran, Informationen über den Verbleib ihres Vaters zu erhalten. An-
gesichts der grossen Anzahl an Strafverfahren gegen (mutmassliche)
FETÖ-Mitglieder sei es jedoch unwahrscheinlich, dass sämtliche von de-
ren Angehörigen mit Massnahmen von asylrelevanter Intensität zu rechnen
hätten. Dies möge in Einzelfällen – wenn die angeklagte Person in den
Augen der türkischen Behörden über ein besonders staatsgefährdendes
Profil verfüge – zwar zutreffen; von einer solchen Konstellation sei vorlie-
gend aber nicht auszugehen.
4.4 In der Replik wurde festgehalten, dass sich die Vorinstanz kaum zu der
in der Beschwerdeschrift erwähnten bundesverwaltungsgerichtlichen
Rechtsprechung zur Reflexverfolgung in der Türkei äussere. Es entstehe
der Eindruck, dass die Verurteilung des Vaters sowie das zweite gegen
diesen eröffnete Strafverfahren heruntergespielt würden mit dem Argu-
ment, es gebe keine Hinweise auf eine unterstellte hochrangige FETÖ-Mit-
gliedschaft sowie ein damit einhergehendes Risikoprofil. Dabei lasse das
SEM ausser Acht, dass er zu (...) Jahren Gefängnis verurteilt worden sei,
was als eine sehr lange Haftdauer für jemanden erscheine, an dem der
türkische Staat kein Interesse haben soll. Zudem sei gänzlich unberück-
sichtigt geblieben, dass im Juni 2021 am Gericht für schwere Straftaten in
C._ eine Gerichtsverhandlung in Abwesenheit des Vaters stattge-
funden habe wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft in einer bewaffneten
Terrororganisation. Zwar sei ihr Vater im Sommer 2020 tatsächlich in die
kontrollierte Freiheit entlassen worden. Er habe die Türkei aber kurz darauf
illegal verlassen und damit gegen die Meldepflicht sowie die ihm auferlegte
Ausreisesperre verstossen, womit er als flüchtig gelte. Zudem habe die
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Vorinstanz ihre Fichierung sowie jene ihrer Mutter und der Geschwister
nicht thematisiert.
5.
5.1 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein. Eine begründete Furcht vor Verfolgung im
Sinne dieser Bestimmung liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur An-
nahme besteht, diese hätte sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in
absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich mit ebensolcher Wahrschein-
lichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinrei-
chende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Ausgangspunkt für die
Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob zum Zeitpunkt der
Ausreise eine Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen
bestand. Die Verfolgungsfurcht muss zum Zeitpunkt des Asylentscheids
noch aktuell sein (vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1 und 2010/57 E. 2 je
m.w.H.).
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis davon aus,
dass in der Türkei staatliche Repressalien gegen Familienangehörige von
politischen Aktivisten angewandt werden, die als sogenannte Reflexverfol-
gung flüchtlingsrechtlich erheblich im Sinne von Art. 3 AsylG sein können.
Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Reflexverfolgung zu werden, ist nach
der Praxis des Gerichts vor allem dann gegeben, wenn nach einem flüch-
tigen Familienmitglied gefahndet wird und die Behörde Anlass zur Vermu-
tung hat, dass jemand mit der gesuchten Person in engem Kontakt steht.
Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn ein nicht unbedeutendes poli-
tisches Engagement der reflexverfolgten Person für illegale politische Or-
ganisationen hinzukommt beziehungsweise ihr seitens der Behörden un-
terstellt wird (vgl. Urteil des BVGer D-5089/2015 vom 30. Mai 2018 E. 8.2
m.H.). In diesem Zusammenhang kann auf die vorstehend wiedergegebe-
nen Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl.
E. 4.1).
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5.3
5.3.1 Der Vater der Beschwerdeführerin wurde nach dem Putschversuch
vom Juli 2016 per Dekret aus dem Polizeidienst entlassen und für rund elf
Monate in Untersuchungshaft versetzt. Mit Urteil der (...) wurde er am (...)
Juni 2018 zu einer Haftstrafe von (...) Jahren verurteilt. Eine Berufung ge-
gen dieses Urteil wurde von der (...) abgelehnt, während eine gegen die-
sen Entscheid gerichtete Beschwerde an den Kassationshof noch hängig
ist. Aus den Akten geht zudem hervor, dass im Sommer 2020 ein weiteres
Verfahren gegen den Vater eingeleitet wurde aufgrund des Vorwurfs der
Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation. In dieser Hinsicht
fand am (...) Juli 2020 eine Vernehmung statt und er wurde in der Folge in
die sogenannte kontrollierte Freiheit – mit der Auflage einer Meldepflicht
sowie einer Ausreisesperre – entlassen. Daraufhin reiste er im August 2020
illegal aus der Türkei aus. Mit Verfügung vom 30. Juni 2021 wurde er als
Flüchtling anerkannt und ihm wurde in der Schweiz Asyl gewährt.
5.3.2 Die Beschwerdeführerin brachte vor, sie sei aufgrund der Inhaftie-
rung ihres Vaters sozial ausgegrenzt und diskriminiert worden (vgl. SEM-
Akte [...] [nachfolgend Akte 20], F66 f.). Sie war zudem nach eigenen An-
gaben bei der Hausdurchsuchung nach dem Putschversuch im Jahr 2016
anwesend, was sie sehr verängstigt habe (vgl. Akte 20, F28). Die Situation
ihrer Familie war für sie als Jugendliche respektive junge Frau zweifellos
belastend. Für das Gericht ist jedoch nicht ersichtlich, aus welchem kon-
kreten Anlass sie befürchtete, anstelle ihres Vaters festgenommen zu wer-
den. Sie gab in diesem Zusammenhang lediglich an, dass es in der Türkei
so sei, dass anstelle von gesuchten Familienmitgliedern deren Angehörige
mitgenommen würden (vgl. Akte 20, F71 ff.). Konkrete Anhaltspunkte dafür,
dass sie aufgrund ihres Vaters inhaftiert worden wäre, lassen sich den Ak-
ten jedoch nicht entnehmen. Zu keinem Zeitpunkt wurde gegen die Be-
schwerdeführerin selbst ein Strafverfahren eingeleitet. Sie war auch nie
Ziel von Verfolgungsmassnahmen seitens der türkischen Behörden. Ihr Va-
ter wurde zwar zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und es wurde ein
zweites Verfahren gegen ihn eingeleitet. Dabei wurden ihm insbesondere
Kontakte zu Personen aus der Gülen-Bewegung sowie die Verteilung von
Lebensmitteln vorgehalten (vgl. SEM-Akten [...] F90 und Beweismittel 28).
Demgegenüber wurde ihm offenbar nie eine führende Rolle bei der Gülen-
Bewegung oder eine direkte Beteiligung am Putschversuch vorgeworfen.
Die Vorinstanz wies auch zu Recht darauf hin, dass er nach der Verneh-
mung im Juli 2020 kaum in die kontrollierte Freiheit entlassen worden wäre,
wenn ihm konkrete terroristische Handlungen – die über die blosse Mit-
gliedschaft bei der FETÖ hinausgehen – vorgeworfen worden wären. Vor
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diesem Hintergrund kann nicht davon ausgegangen werden, dass die tür-
kischen Behörden im Vater einen besonders gefährlichen Regimegegner
gesehen hätten, nach welchem sie mit allen Mitteln fahnden würden. Zwar
lässt sich nicht ausschliessen, dass die Beschwerdeführerin in der Türkei
nach dem Aufenthaltsort ihres Vaters gefragt würde. Es ist jedoch nicht an-
zunehmen, dass sie an dessen Stelle festgenommen werden würde, zumal
es keinerlei Hinweise darauf gibt, dass die heimatlichen Behörden je nach
ihr gesucht hätten.
5.3.3 Auf Beschwerdeebene wurde weiter geltend gemacht, im Rahmen
des Verfahrens gegen den Vater seien auch über die Beschwerdeführerin,
ihre Geschwister sowie ihre Mutter polizeiliche Informationen eingeholt
worden. Dabei handle es sich um eine staatliche Fichierung, wobei gemäss
BVGE 2010/9 E. 5 eine Fichierung von politisch unbequemen Personen
eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung nach sich ziehe. Dies-
bezüglich ist festzuhalten, dass die betreffenden Informationen im Rahmen
des ersten, im Jahr 2016 gegen den Vater eingeleiteten Verfahrens einge-
holt worden waren. Dieses Vorgehen hatte weder für die Beschwerdefüh-
rerin noch ihre Angehörigen konkrete Folgen. Zudem ist darauf hinzuwei-
sen, dass sich der Beschwerdeführer in BVGE 2010/9 politisch betätigt
hatte und wegen verschiedenen gravierenden Delikten inhaftiert sowie ver-
urteilt worden war. Das Gericht ging davon aus, dass aufgrund des Straf-
verfahrens wegen eines politischen Delikts ein Datenblatt über seine Per-
son angelegt worden war. Diese Konstellation unterscheidet sich wesent-
lich vom vorliegenden Verfahren, in welchem gerade keine Ermittlungen
gegen die Beschwerdeführerin geführt wurden. Es ist nicht davon auszu-
gehen, dass aufgrund der im Rahmen des Verfahrens gegen den Vater
eingeholten allgemeinen Informationen – namentlich betreffend Unterkunft,
Ein- und Ausreise, Versicherungen und Vereinsmitgliedschaften – eine mit
einem politischen Datenblatt vergleichbare Fichierung vorgenommen
wurde. Dies gilt umso mehr, als die damals noch minderjährige Beschwer-
deführerin zu keinem Zeitpunkt politisch tätig war, ihre schulische Laufbahn
in der Folge ungehindert fortsetzen konnte und nie Probleme mit den hei-
matlichen Behörden hatte. Zudem konnte sie im Oktober 2020 die Türkei
legal unter Verwendung ihres eigenen Reisepasses verlassen. Diese Um-
stände lassen darauf schliessen, dass sie zu keinem Zeitpunkt von den
Behörden als politisch unbequeme Person registriert worden war.
5.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es keine genügenden An-
haltspunkte für die Annahme gibt, dass der Beschwerdeführerin aufgrund
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der beiden hängigen Strafverfahren gegen ihren Vater eine Reflexverfol-
gung durch die türkischen Behörden gedroht hätte. Das SEM hat daher
ihre Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint und ihr Asylgesuch abge-
lehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde daher ebenfalls zu Recht an-
geordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
6.3 Die Vorinstanz hat mit Verfügung vom 9. Juli 2021 die vorläufige Auf-
nahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeordnet. Demnach er-
übrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit
und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Auf die
Erhebung von Kosten ist indessen angesichts der mit Verfügung vom
28. Juli 2021 gewährten unentgeltlichen Prozessführung zu verzichten.
8.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde der Beschwerdeführerin
MLaw Silke Scheer als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Mit der Be-
schwerde reichte sie eine Liste ihrer Aufwendungen ein und führte aus,
aufgrund der überwiegenden Deckungsgleichheit des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens mit jenem der Mutter (D-3350/2021) werde der Auf-
wand für beide zusammengenommen und halbiert. Demgemäss wurde ein
zeitlicher Aufwand von fünf Stunden à Fr. 193.85 (inkl. Mehrwertsteuer) und
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ein pauschaler Auslagenersatz von Fr. 53.85 geltend gemacht, insgesamt
Fr. 1023.10. Zudem wurde in der Replik ausgeführt, der Aufwand für diese
bemesse sich auf eine zusätzliche Stunde. Der Stundenansatz beträgt bei
nicht-anwaltlichen Vertreterinnen praxisgemäss – wie bereits in der Verfü-
gung vom 28. Juli 2021 ausgeführt – Fr. 100.– bis Fr. 150.– und ist entspre-
chend zu reduzieren. Der zeitliche Aufwand erweist sich dagegen als an-
gemessen. Die Auslagenpauschale erscheint nach Durchsicht der Akten
plausibel, sofern sich diese auf beide Verfahren bezieht, weshalb für den
vorliegenden Fall lediglich Fr. 26.95 an Auslagen zu berücksichtigen sind.
Das amtliche Honorar ist somit gerundet auf Fr. 996.– (6 Stunden à
Fr. 150.– zuzüglich Mehrwertsteuer plus Spesen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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