Decision ID: 51ecff05-e522-4e89-bdd0-b307512c1bcd
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Nachdem ein erstes Leistungsgesuch von A._ vom 13. März 2010 (IV-act. 1)
abgewiesen worden war (Verfügung vom 19. April 2011, IV-act. 56), meldete er sich am
12. März 2015 erneut zum Bezug von IV-Leistungen bei der IV-Stelle an (IV-act. 57). Die
Ärzte der Klinik B._ diagnostizierten eine Retraumatisierung der Schulter rechts bei
irreparabler Supra- und Infraspinatusruptur rechts bei Status nach Schultertrauma am
20. Februar 2009 sowie einen Verdacht auf rheumatoide Arthritis (IV-act. 86-14 f.). Im
kreisärztlichen Untersuchungsbericht vom 27. Juni 2017 hielt Dr. med. C._, Facharzt
für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, fest, als
unfallabhängige Diagnosen seien eine Rotatorenmanschettenmassenruptur als Folge
einer Anprallverletzung des rechten Schultergelenks bei der Arbeit am 21. Februar 2009
bei: Zustand nach arthroskopisch assistierter Latissimus dorsi Transposition und
Bizepstenotomie am 11. Februar 2016 und aktuell mittel- bis hochgradig schmerzhafter
Funktionsbeeinträchtigung und Kraftverlust des rechten Schultergelenks bei
persistierender hochgradiger Aussenrotationsschwäche rechts zu stellen.
Unfallunabhängig bestehe eine Heberden-Arthrose an beiden Händen (UV-act. 87).
A.a.
Der behandelnde Dr. med. D._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
berichtete am 13. März 2018, der Versicherte leide an einer depressiven Episode
mittleren, intermittierend auch schweren Grades (ICD-10: F32.1, F32.2) und an einer
chronischen Schmerzstörung (ICD-10: F45.41; IV-act. 153; siehe auch den Bericht vom
12. Februar 2019, IV-act. 182). Die behandelnde Dr. med. E._, Fachärztin für
Allgemeine Innere Medizin, bescheinigte dem Versicherten sowohl bezogen auf die
angestammte Tätigkeit als selbstständiger Gipser und Maler als auch bezogen auf
andere Tätigkeiten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit (Verlaufsbericht vom 11. Juni
A.b.
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B.
2019, IV-act. 195). Nach einer Würdigung der Akten empfahl die RAD-Ärztin Dr. med.
F._, Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation, eine bidisziplinäre
(orthopädisch-psychiatrische) Begutachtung des Versicherten (Stellungnahme vom
11. Dezember 2019, IV-act. 213). Daraufhin ordnete die IV-Stelle in der Mitteilung vom
8. Januar 2020 eine bidisziplinäre (orthopädisch-psychiatrische) Begutachtung durch
die Z._ an. Der Auftrag werde durch Prof. Dr. med. G._, Facharzt u.a. für
Psychiatrie und Psychotherapie, sowie Dr. med. H._, Facharzt für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, ausgeführt (IV-act. 215). Der
Versicherte sprach sich gegen diese Anordnung - insbesondere die Person von Prof.
G._ - aus und beantragte ein konsensorientiertes Vorgehen bei der Wahl der
Gutachtenstelle. Er machte einen Sachverständigenvorschlag (Schreiben vom
17. Januar 2020, IV-act. 219). Die IV-Stelle entgegnete dem Versicherten am
11. Februar 2020, dass Prof. G._ nicht befangen sei und an der
Gutachtensanordnung festgehalten werde (IV-act. 221). Der Versicherte hielt an seiner
Kritik an der Gutachtensordnung fest und beantragte, dass die IV-Stelle entweder
seinen Sachverständigenvorschlag berücksichtige oder eine anfechtbare
Zwischenverfügung erlasse (Stellungnahme vom 27. Februar 2020, IV-act. 222).
Daraufhin verfügte die IV-Stelle am 17. März 2020, sie halte an der bidisziplinären
(orthopädisch-psychiatrischen) Begutachtung durch die Z._ fest (IV-act. 226).
Gegen die Zwischenverfügung vom 17. März 2020 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 12. Mai 2020. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten-
und Entschädigungsfolgen deren Aufhebung und die Beschwerdegegnerin sei zu
verpflichten, den Auftrag an die von ihm vorgeschlagenen Sachverständigen,
eventualiter konsensorientiert, zu vergeben (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 10. Juni 2020
die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Sie hält die von ihr
vorgenommene Gutachtensanordnung für rechtmässig. Ein konsensorientiertes
Vorgehen sei nicht angezeigt gewesen (act. G 3; zur miteingereichten Stellungnahme
des RAD vom 14. November 2019 bezüglich verschiedener Aspekte der Vergabepraxis
von mono- und bidisziplinären Gutachtensaufträgen siehe act. G 3.1).
B.b.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit
der von der Beschwerdegegnerin angeordneten bidisziplinären (orthopädisch-
psychiatrischen) Begutachtung durch die Z._ und die dort tätigen Prof. G._ und
Dr. H._.
Bei der Anordnung eines Gutachtens handelt es sich um eine Zwischenverfügung
(Art. 55 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG] in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des
Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]). Eine solche
kann unter anderem dann angefochten werden, wenn ein nicht wieder gutzumachender
Nachteil droht (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. April
2010, B 2009/197, E. 2.5; vgl. auch BGE 138 V 275 E. 1.2.1). Für die Beurteilung des
nicht wieder gutzumachenden Nachteils im Kontext des sozialversicherungsrechtlichen
Abklärungsverfahrens mit seinen spezifischen Gegebenheiten ist zu beachten, dass
das medizinische Administrativgutachten in der Regel die wichtigste medizinische
Entscheidgrundlage im Beschwerdeverfahren bildet. Die Mitwirkungsrechte der
versicherten Personen müssen daher bereits vor der Begutachtung durchgesetzt
werden können, bevor präjudizierende Effekte eintreten. Mit Blick auf das begrenzte
Überprüfungsvermögen der rechtsanwendenden Behörden genügt es daher nicht, die
Mitwirkungsrechte erst nachträglich, bei der Beweiswürdigung im Verwaltungs- und
Beschwerdeverfahren, einzuräumen (vgl. BGE 138 V 276 E. 1.2.2). Der
Verfahrensfairness kommt beim Einbezug von medizinischen Sachverständigen bei der
Rechtsanwendung daher ein besonderes Gewicht zu: Hohe verfahrensrechtliche
Standards müssen zumindest teilweise ausgleichen, was die materiellrechtliche
Steuerung durch den Gesetzgeber und die Nachkontrolle durch die Rechtsanwender
nicht bzw. nur beschränkt zu leisten vermögen. Wo es den Rechtsanwendern nicht
bzw. bloss beschränkt möglich ist, eine inhaltliche Ergebniskontrolle durchzuführen,
haben sie umso genauer zu prüfen, ob der Entscheid von fachkompetenten Organen in
einem fairen Verfahren zustande gekommen ist. Damit kommt der Kontrolle der
(verfahrensrechtlichen) Rahmenbedingungen, die einen richtigen Entscheid
gewährleisten sollen, entscheidende Bedeutung zu (siehe hierzu den Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 7. September 2020, IV 2020/69, E. 3.2 mit Hinweisen auf
Benjamin Schindler, Verwaltungsermessen, St. Gallen 2010, Rz 472 und Rz 478). Des
Weiteren darf auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Anordnung
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
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medizinischer Untersuchungen an einer Person «zweifellos» einen Eingriff in das
Grundrecht der persönlichen Freiheit (Art. 10 Abs. 2 der Bundesverfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft [BV; SR 101]) darstellt (BGE 136 V 126 E. 4.2.2.1
mit Hinweisen). Als solcher muss die Anordnung einer Begutachtung die
Voraussetzungen von Art. 36 BV erfüllen, was im Bestreitungsfall gerichtlich
überprüfbar sein muss. Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
Bei der von der Beschwerdegegnerin angeordneten Gutachtenstelle handelt es
sich um eine Gutachtenstelle, mit der das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV)
spätestens seit Ende 2019 eine Vereinbarung für die Erstattung von polydisziplinären
Begutachtungen im Rahmen des Zufallsprinzips SuisseMED@P abgeschlossen hat
(siehe hierzu SuiseMED@P Reporting 2019, Teil 1, S. 3; Download unter: <https://
www.bsv.admin.ch/ bsv/de/home/sozialversicherungen/iv/grundlagen-gesetze/
organisation-iv/medizinische-gutachten-iv.html>, abgerufen am 8. Dezember 2020).
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist die Beachtung der
Verfahrensfairness bzw. der Verfahrensgarantien bei der Vergabe von mono- und
bidisziplinären Gutachtensaufträgen an Gutachtenstellen, mit denen das BSV eine
eingangs erwähnte Vereinbarung getroffen hat, umso wichtiger, um eine Umgehung
des «zufallsbasierten MEDAS-Zuweisungssystems» zu verhindern. Im Fall, indem eine
IV-Stelle von einer MEDAS eine bi- oder gar bloss monodisziplinäre Expertise einholen
will, hat sie «zwingend» einen Einigungsversuch einzuleiten (BGE 139 V 357 E. 5.4,
bestätigt in BGE 142 V 565 E. 7.3.2.3). Indem die Beschwerdegegnerin jegliche
Bereitschaft für ein konsensorientiertes Vorgehen - wie es vom Beschwerdeführer von
Beginn weg gefordert wurde (IV-act. 219-4; siehe auch den Eventualantrag in der
Beschwerde, act. G 1) - vermissen liess (siehe etwa act. G 3, III. Rz 3), verletzte sie die
von ihr zu beachtenden Anforderungen an ein faires Verfahren. Die Beauftragung der
Z._ bzw. deren Ärzte ist folglich unzulässig, weshalb die angefochtene
Zwischenverfügung aufzuheben und die Sache zur konsensorientierten Bestimmung
der Gutachtenstelle an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist. Es erscheint
hierzu unter Berücksichtigung der Interessen sowohl des Beschwerdeführers als auch
der Beschwerdegegnerin sachgerecht, dass dem Beschwerdeführer das Recht
eingeräumt wird, aus der Sachverständigenliste der Beschwerdegegnerin drei
Vorschläge zu machen, die sie ernsthaft zu prüfen haben wird. Bei diesem
Verfahrensausgang kann offenbleiben, ob die weiteren Rügen des Beschwerdeführers
gegen die Gutachtenstelle bzw. die dort tätigen Sachverständigen zutreffend sind.
Anzufügen bleibt, dass aus dem allgemein gehaltenen Vorbringen des
Beschwerdeführers, eine umfassende administrative Erstbegutachtung habe
regelmässig polydisziplinär zu erfolgen (act. G 1, Rz 6), mangels konkreter Begründung
1.2.
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2.