Decision ID: 4c8f954e-1c78-46cc-a695-070bd06833f9
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, II. Abteilung, vom 29. Januar 2019 (DG180061)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich (vormals Staats-
anwaltschaft IV) vom 18. Oktober 2018 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 15).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 54 S. 41 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Dossier 1)
− des Raufhandels im Sinne von Art. 133 StGB (Dossier 2) − der Gewaltdarstellung im Sinne von Art. 135 Abs. 1bis StGB (Dossier 3)
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 23 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 220 Tage
durch Haft erstanden sind.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf
2 1/2 Jahre festgesetzt.
4. Der Beschuldigte wird in Anwendung von Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB für 6 Jahre des
Landes verwiesen.
5. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
28. September 2018 beschlagnahmte Mobiltelefon iPhone X, schwarz, (Ass.-
Nr. A011'601'664) des Beschuldigten wird nach Eintritt der Rechtskraft des Urteiles
herausgegeben. Das Mobiltelefon ist vorgängig auf die Werkseinstellungen zurück-
zusetzen.
Wird das Mobiltelefon nicht innerhalb von 90 Tagen herausverlangt, so wird der
Verzicht angenommen.
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6. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 4'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 2'500.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 1'123.65 Gutachten/Expertisen etc.
Fr. 4'825.65 unentgeltliche Rechtspflege der ehemaligen Privatklägerschaft (RA Y._)
Fr. 16'319.50 amtl. Verteidigungskosten (RA X2._)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Be-
schuldigten auferlegt, einschliesslich derjenigen der unentgeltlichen Vertretung der
ehemaligen Privatklägerschaft; davon ausgenommen sind die Kosten der amtlichen
Verteidigung, welche einstweilen und unter dem Vorbehalt von Art. 135 Abs. 4
StPO von der Gerichtskasse übernommen werden.
8. [Mitteilungen]
9. [Rechtsmittel]"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 4 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten A._:
(Urk. 79)
1. Es sei das Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom 29. Januar 2019 betreffend
Ziffer 1, erster Spiegelstrich sowie die Ziffern 2 und 4 aufzuheben.
2. Der Beschuldigte sei vom Anklagevorwurf der versuchten schweren Körper-
verletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB (Dossier 1) freizusprechen.
3. Es sei der Beschuldigte betreffend Raufhandel sowie Gewaltdarstellung mit
einer Freiheitsstrafe von 8 Monaten, wovon 220 Tage durch Haft erstanden
sind, zu bestrafen. Der Vollzug sei aufzuschieben.
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4. Von einer Landesverweisung sei in jedem Fall abzusehen.
5. Im Übrigen seien die Anträge der Anschlussberufungsklägerin abzuweisen
und es sei der Schuldspruch der Vorinstanz betreffend Ziffer 1, zweiter
Spiegelstrich vollumfänglich zu bestätigen.
6. Es seien die Kosten für das vorliegende Verfahren vollumfänglich auf die
Staatskasse zu nehmen und dem Beschuldigten und Berufungskläger eine
angemessene Entschädigung für die erbetene Verteidigung gemäss einge-
reichter Honorarnote (zzgl. 7.7 % MwSt) aus der Gerichtskasse zuzuspre-
chen.
Zum prozessualen Antrag:
Es sei der Antrag der Anklägerin, Berufungsbeklagten und Anschlussberu-
fungsklägerin betreffend Anordnung von Sicherheitshaft abzuweisen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 80)
Schuldigsprechung von A._ im Sinne der Anklageschrift
Bestrafung mit einer Freiheitsstrafe von 3 1⁄2 Jahren unter Haftanrechnung
Vollzug der Freiheitsstrafe
Anordnung einer Landesverweisung von 8 Jahren und Ausschreibung im
SIS
Kostenauflage
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Umfang der Berufung
1.1 Anklagehintergrund des vorliegenden Verfahrens in Dossier 1 ist eine am
24. Juni 2018 um ca. 02:35 Uhr stattgefundene Auseinandersetzung im Restau-
rant B._ in C._ zwischen D._, Pächter und Geschäftsführer des
genannten Restaurants (im Folgenden: D'._; vgl. sep. Verfahren SB190248 bzw. DG180063) und einem unbekannt gebliebenen dunkelhäutigen Mann, in de-
ren Verlauf der Dunkelhäutige zu Boden ging. In diese Auseinandersetzung
mischten sich auf der Seite D'._s dann drei weitere Personen ein, nämlich
der vorliegend Beschuldigte (nachfolgend: Beschuldigter) sowie E._, Schwiegersohn von D'._ (im Folgenden: E'._; vgl. sep. Verfahren SB190250 bzw. DG180064) und F._ (im Folgenden: F'._; vgl. sep.  SB190244 bzw. DG180062).
1.2 Die Anklagesachverhalte gemäss Dossier 2, basierend auf einem Ereignis
vom 27. Juli 2017, bzw. gemäss Dossier 3, datierend vom 24. Juni 2018, betref-
fen von den erwähnten Personen einzig den Beschuldigten als Sicherheitsdienst-
Mitarbeiter in einem andern Lokal bzw. als Privatperson.
2.1 Der Beschuldigte wurde am 24. Juni 2018, 04.00 Uhr, gemeinsam mit den
Mitbeschuldigten D'._ und F'._ im Restaurant B._ verhaftet. Die
Haft (Polizeiverhaft, Untersuchungs- und Sicherheitshaft) dauerte bis
29. Januar 2019, dem Datum des angefochtenen Urteils (Urk. D1/12/1; Urk. 19,
27, 41; 43-45).
2.2 Die Verteidigung des Beschuldigten betreffend den Anklagevorwurf in
Dossier 2 wurde zunächst wahrgenommen durch Rechtsanwalt lic. iur. X3._
(26. Januar 2018 bis 2. Mai 2018; amtlich) und Rechtsanwalt lic. iur. X4._ (3.
Mai 2018 bis 24. Juni 2018; erbeten). Betreffend aller Dossiers war der Beschul-
digte mit Wirkung auf 24. Juni 2018 bis 5. September 2018 alsdann amtlich ver-
teidigt durch Rechtsanwalt lic. iur. X2._. Ab 5. September 2018 stand dem
Beschuldigten hinsichtlich aller Dossiers Rechtsanwältin lic. iur. X5._ als er-
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betene Verteidigerin zur Seite (vgl. Urk. D1/11/14). Per 4. März 2019 wurde
Rechtsanwältin lic. iur. X5._ durch Rechtsanwältin lic. iur. X1._ abgelöst
(Zum Ganzen: Urk. D2/8/1-13; Urk. D1/11/1-21; Urk. 49 f.).
2.3 Für Einzelheiten und zum Prozessverlauf bis zum erstinstanzlichen Urteil
kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 54 S. 3 f.).
Ursprünglich erhoben alle vier Mitbeschuldigten Berufung. Zwischenzeitlich zogen
die Mitbeschuldigten D'._ und F'._ ihre Berufungen zurück, weshalb an
der Berufungsverhandlung vom 1. Oktober 2020 über die verbleibenden zwei Ver-
fahren (SB190249 und SB190250) gleichzeitig verhandelt wurde (vgl. Prot. II S.
4).
3. Gegen das eingangs wiedergegebene Urteil des Bezirksgerichts Bülach,
II. Abteilung, vom 29. Januar 2019 liess der Beschuldigte am 6. Februar 2019
durch seine damalige Verteidigerin rechtzeitig Berufung anmelden (Urk. 46) und
mit Eingabe seiner neuen Verteidigerin vom 29. April 2019 ebenfalls fristgerecht
die Berufungserklärung einreichen (Urk. 53 und 56). Auf entsprechende Frist-
ansetzung erhob die Staatsanwaltschaft am 12. Juni 2019 Anschlussberufung
(Urk. 61). Beweisanträge wurden keine gestellt. Hingegen stellte die Staats-
anwaltschaft für den Fall antragsgemässer Verurteilung den Verfahrensantrag,
der Beschuldigte sei nach der Urteilseröffnung vor Schranken des Obergerichtes
zufolge wiederauflebender Fluchtgefahr verhaften zu lassen und erneut in Sicher-
heitshaft zu versetzen (Urk. 61 S. 2). An diesem prozessualen Antrag hielt die
Staatsanwaltschaft an der Berufungsverhandlung nicht mehr fest (Prot. II S. 8 f.).
4. Der Beschuldigte ficht das erstinstanzliche Urteil wie folgt an: im Schuld-
punkt teilweise betreffend Dossier 1, hinsichtlich der Strafzumessung, der
Landesverweisung und der Kostenfolgen. Mit ihrer Anschlussberufung stellt die
Staatsanwaltschaft wie schon vor Vorinstanz den Antrag, den Beschuldigten im
Sinne der Anklage der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung und
der Gewaltdarstellungen schuldig zu sprechen, mit 3 1/2 Jahren Freiheitsstrafe zu
bestrafen und für 8 Jahre des Landes zu verweisen (Urk. 61 und Urk. 15 S. 4).
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Im Ergebnis nicht angefochten ist das vorinstanzliche Urteil hinsichtlich des
Schuldspruchs der Gewaltdarstellung laut Dossier 3 (Dispositivziffer 1 Spiegel-
strich 3) und der Herausgabe des beschlagnahmten Mobiltelefons (Dispositivziffer
5). Unangefochten blieb überdies die Kostenfestsetzung von Dispositivziffer 6, die
allerdings nicht ganz vollständig ist. Es entging der Vorinstanz offensichtlich, über
die dem Sachrichter vorbehaltene Regelung der Kosten- und Entschädigungsfol-
gen aus dem Beschwerdeentscheid der III. Strafkammer vom 3. September 2018
betreffend Entlassung aus der Untersuchungshaft (vgl. D1/12/28) zu befinden.
Das ist von Amtes wegen nunmehr im Berufungsentscheid nachzuholen. Somit ist
vorab mittels Beschluss festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil in der
Dispositivziffer 1 Spiegelstrich 3 und den Dispositivziffern 5 und 6 in Rechtskraft
erwachsen ist.
5. Der Beschuldigte liess mit Eingabe vom 29. September 2020 die Beweisan-
träge stellen, dass die Prozessbeteiligten D'._ und F'._ nochmals durch
das Berufungsgericht zur Vorgeschichte zu befragen seien (Urk. 75). Diesen Be-
weisanträgen wurden an der Berufungsverhandlung nicht stattgegeben, da die
beiden Mitbeschuldigten bereits mehrfach parteiöffentlich befragt wurden und die
Möglichkeit zu Ergänzungsfragen bestand. Für eine erneute Befragung von
D'._ und F'._ gab es keine Veranlassung. Die von der Verteidigung
thematisierte Vorgeschichte ist im Übrigen ohnehin nicht Teil des Anklagesach-
verhaltes (vgl. Prot. II S. 7).
6. Schliesslich ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss. Das Berufungsgericht
kann sich auf die für seinen Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken
(BGE 143 III 65 E. 5.2; 141 IV 249 E. 1.3.1; je mit Hinweisen).
II. Schuldpunkt – Sachverhaltserstellung
1. Anklagevorwurf
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Die Anklagevorwürfe – soweit noch Verfahrensgegenstand – ergeben sich aus
der Anklageschrift (Urk. 15) und sind auch im angefochtenen Urteil dargestellt
(Urk. 54 S. 4 f.).
1.1 Zusammengefasst wird dem Beschuldigten in Dossier 1 vorgeworfen, er sei
in der Tatnacht vom 24. Juni 2018 im Fumoir-Bereich des Restaurants B._
zu einer Auseinandersetzung hinzugestossen, bei welcher seine Mittäter D'._
und F'._ einen unbekannt gebliebenen Dunkelhäutigen am Boden fixierten,
wobei F'._ diesen mit dem Gewicht seines Körpers niedergedrückt und
D'._ dessen rechtes Bein festgehalten habe. Der Dunkelhäutige sei zuvor im
Zuge einer Auseinandersetzung mit D'._ zu Boden gegangen. Sogleich habe
der Beschuldigte dann zusammen mit dem weiteren Mittäter E'._ dem längst
wehrlosen und schliesslich aus dem Kopf blutenden Dunkelhäutigen je mehrere
heftige Fusstritte versetzt. Die genauen Verletzungen des Dunkelhäutigen sind
nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft wertet das Vorgehen als in Mittäterschaft
begangene versuchte schwere Körperverletzung, was der Beschuldigte ange-
sichts des gewalttätigen Vorgehens gewusst und gewollt bzw. zumindest in Kauf
genommen habe.
1.2 Der Anklagevorwurf betreffend Dossier 2 lautet zusammengefasst dahin,
dass der Beschuldigte am 27. Juli 2017 [recte: 27. August 2017; vgl. u.a. Urk.
D2/1 und D2/4] um ca. 03:00 Uhr als Sicherheitsdienst-Mitarbeiter im Dancing
G._ in H._ nach einer Auseinandersetzung unter Gästen den dortigen
Gast und ehemaligen Privatkläger I._ mit dem Ziel, ihn aus dem Lokal zu
nehmen, angegangen sei. Zu diesem Zweck habe er sich hinter I._ gestellt,
seinen rechten Arm um dessen Hals gelegt und ihn in diesem Würgegriff zu ei-
nem Notausgang gezerrt. Dabei habe er I._ derart stark im Würgegriff fest-
gehalten, dass dieser deswegen Atemnot und in der Folge noch rund eine Woche
lang Probleme mit dem Schlucken gehabt habe, was der Beschuldigte gewusst
und gewollt bzw. zumindest in Kauf genommen habe.
Draussen im Freien habe der Beschuldigte dem andauernd im Würgegriff festge-
haltenen Privatkläger mit der linken Faust einen Faustschlag gegen dessen linke
Schläfe versetzt. Als noch immer im Würgegriff des Beschuldigten, habe der
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Privatkläger dann von mehreren unbekannt gebliebenen Sicherheitsdienst-
Mitarbeitern des G._ mehrere Schläge und Fusstritte erhalten, so dass er
zusammen mit dem Beschuldigten zu Boden gegangen sei. Anschliessend habe
ein unbekannt gebliebener Sicherheitsdienst-Mitarbeiter des G._ dem noch
immer vom Beschuldigten festgehaltenen Privatkläger einen heftigen Fusstritt ge-
gen das linke Auge/Schläfe erteilt, worauf er bewusstlos geworden sei. Gemäss
Anklage führte diese Gewalteinwirkung beim Privatkläger zu einem Schädel-
hirntrauma mit Augapfelprellung und Monokelhämatom links sowie zu rund zwei-
wöchigen Beschwerden (Kopfweh, Schwindel, Übelkeit) und damit einhergehen-
der Arbeitsunfähigkeit. Diese Verletzungen bewirkten objektiv keine Lebensge-
fahr. Die Staatsanwaltschaft geht aber aufgrund des gewalttätigen Vorgehens von
in Mittäterschaft begangener versuchter schwerer Körperverletzung aus, was der
Beschuldigte gewusst und gewollt bzw. zumindest in Kauf genommen habe.
2. Standpunkt des Beschuldigten bzw. Ausführungen der Verteidigung
2.1 Zum Vorwurf gemäss Dossier 1 anerkennt der Beschuldigte, den Dunkel-
häutigen gemeinsam mit E'._ getreten zu haben (Prot. I S. 15 f.). Seit der
Schlusseinvernahme anerkennt er auch, dass er den Dunkelhäutigen mehrfach
gegen den Kopf getreten habe (Urk. D1/3/5 S. 5; Prot. I S. 13 f. und 15). Seine
Tritte seien nicht so stark gewesen (Prot. I S. 13).
Er habe den Dunkelhäutigen nicht verletzen wollen, er habe so reagiert aus Angst
um seine Kollegen, das Ganze sei wegen seines Schockes geschehen
(Urk. D1/3/4 S. 4, 6; Prot. I S. 17 und 98). Es habe ein Gerangel gegeben und die
Mitbeschuldigten D'._ und F'._ hätten mit weiteren Mitarbeitenden ver-
sucht, die Situation zu beruhigen. Er habe selbst auch versucht, zu helfen. Dann
habe er gesehen, dass die Situation ausser Kontrolle geraten sei, dass D'._
zu Boden gegangen sei und F'._ versucht habe, dem Dunkelhäutigen ein
Messer oder eine Gabel wegzunehmen. F'._, der für ihn wie ein Vater sei,
habe am Gesicht geblutet. Er sei geschockt gewesen und habe die Kontrolle ver-
loren. Er habe dann jedoch gemerkt, dass er falsch reagiert habe und habe ver-
sucht, dem Dunkelhäutigen zu helfen, indem er ihm Wasser und Eis gebracht und
ihn nach draussen begleitet habe. Vorher habe er ihm das Messer abgenommen
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(Prot. I S. 13 ff.; Urk. D1/3/3 S. 4 f.). Er wisse, dass sich der Dunkelhäutige durch
seine Tritte hätte schwere, möglicherweise sogar lebensgefährliche Verletzungen
zuziehen können. Ihm tue es im Nachhinein sehr leid und er bereue dies zutiefst
(Urk. D1/3/5 S. 5).
An der Berufungsverhandlung gab der Beschuldigte ebenfalls an, er sei in Panik
bzw. unter Schock gewesen, da er gedacht habe, F'._, der wie ein Vater für
ihn sei, sei niedergestochen worden. Der Fusstritt sei unbewusst gewesen. Er
habe es im Video gesehen, dass er ihm einen Fusskick gegeben habe. Er habe
keine andere Möglichkeit gehabt, F'._ zu helfen. Sein Arm sei in einem Gips
gewesen. Sein Ziel sei es gewesen, ihm die Waffe aus der Hand zu nemen. Es
sei sehr wahrscheinlich ein Messer gewesen. Es habe geglänzt, aus Metall. Er
und seine Verteidigerin seien zur Auffassung gelangt, dass es ein Messer gewe-
sen sei, nachdem sie die Aufnahmen nochmals angesehen hätten. Der Vorfall
habe ihm kurz danach sehr leid getan, weshalb er ihm auch Wasser und Eis ge-
bracht habe. Der Dunkelhäutige sei in einem guten Zustand gewesen und habe
sich entfernt, als er die Polizei gehört habe. Er [der Beschuldigte] habe gedacht,
dass das Ganze irgendwie organisiert gewesen sei (Urk. 78 S. 5 f.).
2.2 Demgegenüber stellt der Beschuldigte den ganzen Vorfall gemäss Dossier 2
in Abrede. Er bestreitet, I._ im Würgegriff aus dem Nachtclub entfernt oder
ihn geschlagen oder getreten zu haben. Der Beschuldigte führte durchgehend
aus, dass es im G._ zu einer grossen Schlägerei gekommen sei, an welcher
rund 20 Personen beteiligt gewesen seien. Er und J._, der an jenem Abend
zuständige Einsatzleiter der Security, hätten eingegriffen und I._ an die Hand
genommen bzw. an den Armen gepackt und nach draussen begleitet. Diese Aus-
sagen wiederholte der Beschuldigte in mehreren Einvernahmen sowie an der
Hauptverhandlung vor Vorinstanz und im Berufungsverfahren (Urk. D2/5/1 S. 2;
Urk. D2/5/2 S. 3; Urk. D2/5/4 S. 2; Urk. D1/3/5 S. 2-4; Prot. I S. 19 ff. und 98;
Urk. 78 S. 7 f.). Vor Vorinstanz sagte der Beschuldigte zudem, dass er und
J._ den Privatkläger nach dem Rausbringen gehalten hätten, bis er sich be-
ruhigt habe (Prot. I S. 19 f.). An der Berufungsverhandlung gab der Beschuldigte
wiederholt an, er sei für das Innere des Lokals zuständig gewesen. Nachdem er
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I._ nach draussen begleitet habe, sei er wieder ins Lokal gegangen (Urk. 78
S. 7).
2.3 Die Verteidigung führte in der Berufungsverhandlung zusammengefasst aus,
die Anklageschrift umschreibe nur eine einfache Körperverletzung und dafür
mangle es an einem Strafantrag der geschädigten Person, weshalb auf die An-
klage nicht eingetreten werden dürfe. Das in den Untersuchungsakten befindliche
Video sei bruchstückhaft und zeige die massive Auseinandersetzung vor der
Videoaufnahme nicht. Der wesentliche und relevante Teil, wie es zu Auseinan-
dersetzung gekommen sei, fehle schlichtweg. Der geschädigte Dunkelhäutige ha-
be in der Vorgeschichte seinen Tatbeitrag geleistet. Deshalb sei er auch geflohen.
Da der Geschädigte weder befragt, verifiziert noch untersucht worden sei, fehle
es am objektiven Tatbestand einer versuchten schwere Körperverletzung. Es sei
diesbezüglich auf die Aussagen von F'._, D'._, E'._ und des Be-
schuldigten abzustellen, welche übereinstimmend aussagen, dass der Dunkel-
häutige der Aggressor gewesen sei und ein scharfes Pizzamesser, gegebenen-
falls eine Gabel, in der Hand gehabt habe. Der Angriff mit einem Pizzamesser mit
einer Klinge von gut 20 bis 25 cm sei unmittelbar bevorgestanden, weshalb der
Beschuldigte in Notwehrhilfe gehandelt habe. Die Tritte seien seitlich auf den am
Boden liegenden Dunkelhäutigen gegangen. Der Beschuldigte habe den rechten
Arm im Gips gehabt, weshalb er nur die Füsse zur Hilfe habe nehmen können.
Die Tritte seien nicht gegen den Kopf, sondern nur gegen den Oberköper bzw.
Schulterbereich erfolgt (Urk. 79 S. 3 ff.).
3. Grundsätze der Beweiswürdigung und Beweismittel
Zu den Grundsätzen der Beweiswürdigung und den vorhandenen Beweismitteln
kann auf die korrekten Ausführungen im angefochtenen Urteil verwiesen werden
(Urk. 54 S. 7 f. und 11).
4. Beweiswürdigung
4.1 Dossier 1 – Fusstritte gegen den Dunkelhäutigen im B._
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4.1.1 Hinsichtlich des ersten Anklagevorwurfs anerkannte der Beschuldigte wie
erwähnt, einen Dunkelhäutigen gemeinsam mit E'._ getreten und dabei
(mehrfach) dessen Kopf getroffen zu haben (Prot. I S. 13; Urk. 78 S. 5 f.).
4.1.2 Es ist auch auf dem Handy-Video (vgl. Urk. D1/2/5) zu sehen, dass sich der
Beschuldigte in gestreiftem Oberteil an einer Attacke gegen einen Dunkelhäutigen
beteiligte. Der Dunkelhäutige lag auf dem Boden, wobei F'._ ihn mit seinem
Gewicht niederdrückte und D'._ dessen rechtes Bein festhielt. Das haben
diese zwei Mitbeschuldigten auch je eingestanden (Urk. 3/4 S. 3; Prot. I S. 44 und
59 f.). Der Beschuldigte trat währenddessen gemeinsam mit E'._ mehrfach
auf den Dunkelhäutigen ein. Das Ganze erscheint als eine rasche Abfolge von
Fusstritten relativ spontan aus der Situation heraus durch zwei Personen je in
ihrem Rhythmus. Die Attacke der mehr oder weniger nebeneinander stehenden
und in ähnliche Richtung tretenden Angreifer zielte auf dasselbe Opfer ab, womit
sie sich gegenseitig ergänzten.
Weiter ist dem Video zu entnehmen, dass es sich dabei um Tritte von grosser
Intensität handelte und dass sich diese gegen den Kopf- bzw. Oberkörperbereich
des Dunkelhäutigen richteten. Der Beschuldigte landete dabei auch mindestens
einen Treffer gegen den Kopf des Dunkelhäutigen. Sodann ergibt sich aus der
Videoaufnahme, dass der Dunkelhäutige aus dem Kopf blutete. Weitere reale
Verletzungsfolgen sind unbekannt. Die vom Beschuldigten und von E'._ aus-
geführten, massiven Tritte erscheinen klarerweise geeignet, auch lebensgefährli-
che Kopfverletzungen, wie in der Anklage beispielhaft aufgezählt, hervorzurufen
(vgl. Urk. 15 S. 2).
4.1.3 Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Beschuldigte zusammen mit
E'._ mehrere heftige Fusstritte gegen den wehrlosen, am Boden fixierten
Dunkelhäutigen ausführte, wobei die Tritte beider gegen den Kopfbereich und den
Oberkörper des Opfers erfolgten und dass insbesondere der Beschuldigte auch
mindestens einen Kopftreffer landete. Die anderweitige Behauptung des Beschul-
digten, er habe "nicht so stark" getreten, ist folglich widerlegt. Der äussere (objek-
tive) Sachverhalt ist erstellt.
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4.1.4 Wie schon die Vorinstanz zutreffend ausführte, sieht man sodann in der
Videoaufnahme, dass der Dunkelhäutige einen metallenen Gegenstand in den
Händen hielt und ihm dieser nach der Attacke vom Beschuldigten aus den
Händen genommen wurde (Urk. D1/2/5). Um welche Art von Gegenstand es sich
dabei genau handelte, ist indessen nicht erkennbar. Auch die Mitbeschuldigten
F'._, D'._ und E'._ führten in den Konfrontationseinvernahmen so-
wie vor Vorinstanz übereinstimmend mit dem Beschuldigten aus, dass vom Dun-
kelhäutigen eine Bedrohung ausgegangen sei und dieser mit einem Messer res-
pektive einer Gabel "bewaffnet" gewesen sei (Urk. 3/3 und 3/4; Prot. I S. 34 f.,
44 ff., 60 ff.). Obwohl es gewisse Widersprüche gibt, muss vom Vorhandensein
eines Messers bzw. einer Gabel ausgegangen werden, zumindest kann dies nicht
widerlegt werden.
Eine akute durch den Dunkelhäutigen geschaffene Bedrohungssituation ist jedoch
auf dem Video nicht erkennbar und wurde im Übrigen auch von niemandem sub-
stanziert behauptet. So ist nirgends dargelegt, wann, wo, wie und wen der Dun-
kelhäutige damit konkret bedroht oder gar verletzt haben soll. Die diffusen Aus-
führungen der Mitschuldigten präsentieren sich darüber hinaus uneinheitlich (z.B.
Urk. 3/3 S. 4 f.; Urk. 3/4 S. 5; Prot. I S. 34 f., 44, 60). Der Beschuldigte erklärte
dazu zunächst, er wisse nicht, welche Absichten der Dunkelhäutige gehabt habe
(Prot. I S. 13). Kurz darauf behauptete er, der Dunkelhäutige habe F._ damit
niederstechen wollen (Prot. I S. 14). Als er (Beschuldigter) getreten habe, habe
der Dunkelhäutige ein Messer in der Hand gehabt und damit noch herumzufuch-
teln versucht, doch F'._ habe versucht ihn festzuhalten, um ihm das Messer
wegzunehmen (Prot. I S. 13 f.). Jedenfalls lag der Dunkelhäutige wie gesehen be-
reits – durch D'._ und F'._ fixiert – wehrlos am Boden, als sich der Be-
schuldigte mit seinen Fusstritten an der Attacke gegen den Dunkelhäutigen betei-
ligte. Des Weiteren erscheinen Fusstritte ungeeignet, einen potentiell gefährlichen
Gegenstand aus den Händen einer (am Boden liegenden und dort fixierten) Per-
son zu entwinden. Vielmehr schiessen Fusstritte dieser Art und Intensität vollends
über das Ziel hinaus, eine akute Bedrohungssituation – wäre denn eine solche
anfangs überhaupt vorgelegen – zu entschärfen. Daran ändert auch der Umstand
nichts, dass der Beschuldigte seinen rechten Arm im Gips hatte.
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4.1.4 Zu den Ausführungen der Verteidigung, wonach der auf dem Video ersicht-
lichen Auseinandersetzung eine massive Auseinandersetzung vorausgegangen
sei und der Dunkelhäutige der eigentliche Aggressor gewesen sei, gilt zu sagen,
dass diese Vorgeschichte nicht Teil des Anklagesachverhaltes ist. Zu beurteilen
ist, dass dem Beschuldigten in der Anklage zur Last gelegte Verhalten. Ebenso
wenig ist der Einwand der Verteidigung begründet, dass das Video bruchstückhaft
sei. Wie eben dargelegt, ist auf dem Video der massgebliche Teil der inkriminier-
ten Auseinandersetzung erkennbar, weshalb darauf abzustellen ist.
4.1.5 Wer mit einer solchen Intensität gegen den Kopfbereich resp. den Oberkör-
per einer wehrlos am Boden liegenden Person tritt und dabei insbesondere auch
den Kopf trifft, weiss und nimmt zumindest in Kauf, dass diese dadurch massive
(Kopf-)Verletzungen erleiden könnte. Der Beschuldigte räumte denn auch ein,
dass beim Dunkelhäutigen schwere, möglicherweise auch lebensgefährliche Ver-
letzungen hätten eintreten können (Urk. D1/3/5 S. 5). Die wiederholte Bekundung
des Beschuldigten, er habe den Dunkelhäutigen nicht schwer verletzen wollen
(Urk. D1/3/5 S. 5; Prot. I S. 17 und 98; Urk. 78 S. 6), geht unter diesen Umstän-
den an der Sache vorbei. Der Beschuldigte realisierte denn auch, dass das Opfer
blutete (Prot. I S. 15) und er bekannte, beim Treten übertrieben zu haben (Prot. I
S. 14). Weiter gab der Beschuldigte mehrmals zu Protokoll, es tue ihm im Nach-
hinein sehr leid, er bereue das zutiefst. Er habe gemerkt, dass er einen Fehler
begangen habe. Als er gemerkt habe, dass er falsch reagiert habe, habe er dem
Dunkelhäutigen zu helfen versucht und ihm Wasser und Eis gebracht (Urk. D1/3/5
S. 5; Prot. I S. 13, 15 und 98 f.; Urk. 78 S. 6). Letzteres sieht man auch auf der
Videoaufnahme (Urk. D1/2/5). Die Reuebekundung des Beschuldigten wirkt
glaubhaft. Die Behauptung des Beschuldigten an der Berufungsverhandlung, das
Ganze sei irgendwie organisiert gewesen, ist neu und entbehrt jeglicher Grund-
lage (Urk. 78 S. 6)
Der innere (subjektive) Sachverhalt von Dossier 1 ist ebenfalls erstellt.
4.2 Dossier 2 – Vorfall im G._
4.2.1 Standpunkt des Beschuldigten
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Der Anklagevorwurf gemäss Dossier 2 wird vom Beschuldigten vollumfänglich
bestritten (vgl. vorne Erw. II. 2.2).
4.2.2 Aussagen von I._ und vorläufige Würdigung
Anlässlich der polizeilichen Einvernahme rund fünf Tage nach dem Vorfall (vgl.
Urk. D2/6/2/1) schilderte I._, der ein- bis zweimal pro Monat als Gast im
G._ verkehrte, dass der Beschuldigte ihn von hinten gepackt und in den
Würgegriff genommen habe, nachdem sich eine Auseinandersetzung unter
Partygästen geklärt habe. Der Beschuldigte habe ihn vom Boden abgehoben und
sei mit ihm durch einen Notausgang nach draussen gegangen, total eine Strecke
von ungefähr 18 Metern, immer im Würgegriff, so dass er keinen Bodenkontakt
mit seinen Füssen gehabt habe. Dann sei ihm schwarz vor den Augen geworden
und er sei kurz bewusstlos gewesen. Da habe er plötzlich einen Faustschlag auf
seinem Gesicht gespürt. Er nehme an, dass der ihn tragende Beschuldigte ihn
geschlagen habe, da er sich plötzlich freier gefühlt und wieder auf seinen Füssen
gestanden habe. Er sei zu Boden gefallen und habe einen Fusstritt ins Gesicht
bekommen und von überall her weitere Schläge auf den Kopf und Hals, dies
durch ungefähr vier bis fünf Security-Mitarbeiter, deren Namen er nicht kenne.
Seine Kollegin K._ habe dazwischen gehen wollen, sei aber von der Security
daran gehindert und auch zu Boden gestossen worden. Ein weiterer seiner Kolle-
gen, L._, sei hinzugekommen, worauf Security-Mitarbeiter endlich mit den
Schlägen auf ihn aufgehört hätten und – ihn am Boden liegen lassend – wegge-
gangen seien. Später sei sein Bruder gekommen und habe ihn nach Hause ge-
fahren. Auf Frage bezeichnete er den Beschuldigten mit dessen Vor- und Nach-
namen als denjenigen Security-Mitarbeiter, der ihn am Hals gepackt habe. Des-
sen Name wisse er aufgrund von Facebook (Urk. D2/6/1 S. 2 f.).
Gegenüber der Staatsanwaltschaft (vgl. Urk. D2/6/3) erklärte I._, der Be-
schuldigte, den er vom Sehen her als Türsteher aus dem Club G._ kenne
und schon mehrmals dort gesehen habe, habe ihn von hinten mit seinem rechten
Arm um den Hals gefasst und so in den Würgegriff genommen. In diesem Griff
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habe er ihn rückwärts zum Notausgang und nach draussen "geschleikt". Auf die
Intensität angesprochen, bezeichnete er den Würgegriff als schwer bzw. als über-
raschend und sehr stark (Urk. D2/6/3 S. 4 f.). Er habe Atemnot gehabt und da-
nach noch rund eine Woche Probleme mit dem Schlucken. Er habe den Beschul-
digten auf Albanisch gefragt, was los sei, woraufhin der Beschuldigte ihm mit der
linken Faust einen Schlag gegen die linke Schläfe verpasst habe. Draussen seien
weitere Security-Angestellte gewesen und er habe dann von allen Seiten Schläge
und Kicks erhalten. Er sei sodann zu Boden gegangen und mit ihm auch der Be-
schuldigte. Dann habe er von der Seite einen Kick ins linke Auge erhalten, so wie
man einen Fussball trete, von wem wisse er nicht, und sei bewusstlos geworden
(Urk. D2/6/3 S. 3 f.). Bis dahin habe er sich immer im Würgegriff des Beschuldig-
ten befunden (Urk. D2/6/3 S. 6).
Der ehemalige Privatkläger I._ sagte detailliert, im Wesentlichen konstant
und widerspruchsfrei aus. In seinen Depositionen unterschied er klar, welche
Handlungen er dem Beschuldigten anlastet sowie weshalb, und was ihm andere
Security-Mitarbeiter angetan hätten. Seine Schilderungen enthalten bildhafte und
einleuchtende Erläuterungen, etwa was seinen Bodenkontakt im Zuge des Wür-
gegriffs oder beim Faustschlag gegen seine linke Schläfe betrifft oder dass der
spätere Fusstritt gegen das linke Auge/Schläfe von einem der andern Security-
Mitarbeiter und nicht vom Beschuldigten, der mit ihm zu Boden gegangen war und
ihn immer noch im Würgegriff festhielt, stamme (Urk. D2/6/3 S. 3 und 6). An-
schaulich ist auch seine Beschreibung vom Beginn der gewaltsamen Übergriffs:
Der Beschuldigte habe ihn am rechten Handgelenk gefasst. Darauf habe er
(I._) ihn angeschaut, darum wisse er, dass es der Beschuldigte war
(Urk. D2/6/3 S. 3). Die Zuordnung eines Namens zur Person des Beschuldigten
konnte er dann – ebenfalls nachvollziehbar – anhand von Facebook vornehmen.
Übertreibungsmerkmale, sei es hinsichtlich der beschriebenen Tathandlungen
oder betreffend der erlittenen Verletzungen, letztere durch Spitalberichte und Fo-
tos dokumentiert (Urk. D2/4/1-3), sind keine ersichtlich. Auch deklarierte er Wis-
senslücken und sagte generell bedacht aus. Seine Aussagen spiegeln fraglos tat-
sächlich Erlebtes und erweisen sich als nachvollziehbar und glaubhaft, sodass
darauf abgestellt werden kann.
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4.2.3 Aussagen des Zeugen L._ und vorläufige Würdigung
Anlässlich der polizeilichen Einvernahme rund fünf Tage nach dem Vorfall
(Urk. D2/7/1) schilderte L._, dass der Beschuldigte, den er mit Namen be-
zeichnete, seinen Kollegen I._ – dessen Geburtstag sie gefeiert hätten – am
Ende eines verbalen Streits mit einer andern Gruppe von Gästen plötzlich um den
Hals gepackt und vom Boden abgehoben habe. Der Beschuldigte habe I._
rückwärtslaufend zum Notausgang und schliesslich aus dem Club gezerrt. Als sie
schon fast draussen gewesen seien, sei er selber auch zum Notausgang gerannt.
Vor dem Notausgang seien aber drei weitere Security-Mitarbeiter gestanden und
hätten ihn nicht durchgelassen. Er habe gesehen, wie I._ noch immer vom
Beschuldigten um den Hals festgehalten und zusammen mit drei weiteren Securi-
ty-Mitarbeitern zur Gebäudeecke gezerrt worden sei. Daneben sei K._, die er
seit diesem Abend im G._ kenne, mitgelaufen und habe auf Albanisch ge-
schrien, dass die Security I._ loslassen sollen. Erneut habe er versucht,
durchgelassen zu werden. Da habe er gesehen, wie der Beschuldigte und I._
zu Boden gefallen seien, wobei I._ unter den Beschuldigten zu liegen ge-
kommen sei. Weil einer der drei Security-Mitarbeiter zu den beiden hingeeilt sei,
habe er nun selber auch zu I._ hinrennen können, wobei er zuerst über
K._ habe steigen müssen, die ebenfalls zu Boden gestossen worden sei. Er
habe gesehen, wie auf den immer noch festgehaltenen und am Boden liegenden
I._ durch ihm nicht namentlich bekannte Security-Mitarbeiter mit Fäusten und
Fusstritten eingeschlagen worden sei. Auf entsprechende Fragen führte er aus,
I._ habe sich – da immer noch im Würgegriff des Beschuldigten und am Bo-
den liegend – weder gegen die Schläge noch die Tritte wehren oder schützen
können. Der Chef Security, dessen Vorname J._ und dessen
Telefonnummer er als regelmässiger Gast im Lokal nennen konnte, habe zuge-
schaut, was draussen passiert sei, ohne Einfluss zu nehmen (vgl. Urk. D2/7/1 S. 1
und 3 f.). Nachdem der Beschuldigte I._ losgelassen habe, habe er (Zeuge)
I._ auf die Füsse geholfen, ihn auf eine nahe Mauer gesetzt und dann Was-
ser geholt, um dessen blutende Verletzung am Auge zu säubern. Derweil sei
K._ bei I._ geblieben (Urk. D2/7/1 S. 2 f.).
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In der Zeugeneinvernahme bei der Staatsanwaltschaft (Urk. D2/7/4) bestätigte
L._, dass I._ im Würgegriff des Beschuldigten und mit dem Rücken zu
diesem in Richtung Notausgang gezogen worden bzw. dabei eigentlich mehr in
der Luft gewesen sei und dass er selber dann hinterher gerannt, aber von den
weitern Türstehern kurz nachdem er durch den Notausgang ins Freie gelangt war
aufgehalten worden sei. K._ sei bereits vor ihm draussen gewesen und habe
geschrien, sie sollen I._ loslassen und aufhören. Er habe I._ am Boden
gesehen und den Beschuldigten auf ihm. Die andern Türsteher seien hinzu ge-
gangen. Einer der Türsteher habe I._ ins Gesicht getreten. Er wisse nicht
welcher, der Beschuldigte könne es nicht gewesen sein, da er in jenem Moment
auf I._ gelegen und ihn im Würgegriff gehalten habe. Auch K._ sei am
Boden gewesen. Weiter erklärte der Zeuge, dass er neben dem geschilderten
Würgegriff keine weiteren Gewalttätigkeiten, namentlich weder Schläge noch Trit-
te, vom Beschuldigten gegenüber I._ gesehen habe (Urk. D2/7/4 S. 3 ff.).
Die Sachdarstellung des Zeugen L._, der generell gleichbleibend sowie de-
tailliert, anschaulich, realitätsnah und zudem zurückhaltend ausgesagt hat, wider-
spiegelt ein allgemein bekanntes Phänomen aus dem realen Nachtleben der Ge-
genwart: Sicherheitskräfte spedieren entschlossen und alles andere als sanft ei-
nen Gast aus einem Lokal und sorgen mit rabiaten Zugaben dafür, dass der
Betroffene eine Rückkehr meidet und sich – sofern noch möglich – allein oder mit
Hilfe Dritter entfernt. Die plausiblen Schilderungen L._s stützen sodann die
Aussagen von I._ und stimmen im wesentlichen Ablauf auch überein mit je-
nen der Zeugin K._. Es kann darauf abgestellt werden.
4.2.4 Aussagen der Zeugin K._ und vorläufige Würdigung
Anlässlich der polizeilichen Einvernahme, welche 10 Tage nach dem Vorfall statt-
fand (Urk. D2/7/2), schilderte K._, dass sie gesehen habe, wie ein Security-
Mitarbeiter I._ von hinten um den Hals gepackt und ihn in diesem Würgegriff
von hinten rausgezerrt habe. I._s schmerzvollen Gesichtsausdruck habe sie
noch gut in Erinnerung. Sie sei dann einfach hinterher gelaufen bis nach
draussen. Dabei sei I._ sicher viermal vom Security geschlagen worden. Sie
sei dazwischen gegangen und habe den Security auf Albanisch gebeten resp. fast
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schon gefleht, damit aufzuhören, weil sie I._ habe schützen wollen. Der
Security habe auf Albanisch zu den andern Security-Mitarbeitern gesagt, sie sol-
len das Mädchen wegnehmen. Daraufhin habe jemand sie geschubst und sie sei
zu Boden gefallen. Wieder aufgestanden, habe sie gesehen, wie einer der Securi-
ty-Mitarbeiter I._, der am Boden lag, mit seinem Fuss gegen den Hinterkopf
getreten habe. Dann sei es eigentlich vorbei gewesen mit den Schlägen und
L._ habe sich sofort um I._ gekümmert, während die Security-
Mitarbeiter einfach davongelaufen seien. Auf Frage verneinte sie, einen dieser
Security-Mitarbeiter zu kennen. Sie könne lediglich den Security-Mitarbeiter be-
schreiben, der I._ aus dem Club geschleift und geschlagen haben. Der sei
gross, kräftig gebaut und habe eine Glatze oder höchstens noch einen Millimeter-
schnitt (Urk. D2/7/2 S. 2).
Anlässlich der staatsanwaltlichen Zeugeneinvernahme ca. 10 Monate später
(Urk. D2/7/7) bestätigte K._, dass I._ nach draussen gezerrt und ver-
schlagen worden sei. I._ sei von einem Mann von hinten mit dem Arm um
den Hals gepackt worden. Eine Art Schwitzkasten sei es gewesen und so sei
I._ aus dem Lokal gezerrt worden. Draussen sei I._, der sich noch im-
mer im Würgegriff befunden habe, von mehreren Security-Mitarbeitern geschla-
gen worden. Sie könne nicht mehr mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob
der Security-Mitarbeiter, der I._ im Würgegriff gehabt habe, auch zugeschla-
gen habe. Sie erwähnte wiederum, selber von einem der Security-Mitarbeiter ge-
schubst worden und deswegen zu Boden gefallen zu sein. Nach dem Aufstehen
habe sie gesehen, dass I._ am Boden gewesen sei und einen Fusstritt ge-
gen den Kopf erhalten habe, von wem konnte sie nicht sagen. Sie erinnerte sich
aber, dass er geblutet habe (Urk. D2/7/7 S. 3 f.). Dass der an der Einvernahme
anwesende Beschuldigte es gewesen sei, welcher I._ in den Schwitzkasten
genommen und aus dem Club gezerrt hatte, konnte die Zeugin K._ nicht sa-
gen, sie wisse es nicht (Urk. D2/7/7 S. 5).
Die Schilderungen der Zeugin in ihren Befragungen sind als authentisch einzustu-
fen. Sie sagte grundsätzlich gleichbleibend aus, äusserte sich zurückhaltend und
deklarierte Nichtwissen und fehlende Erinnerung, ohne Lücken mit Mutmassun-
- 20 -
gen zu füllen. Sie war offensichtlich besorgt um I._, den sie als Bruder eines
ihrer Kollegen zwar nur vom Sehen kannte, und erschreckt durch das gewalttätige
Geschehen. Es besteht kein Grund daran zu zweifeln, dass sie einen tatsächlich
stattgefundenen und sogar hautnah durch eigene körperliche Betroffenheit erleb-
ten Vorfall beschrieb, der überdies in den wesentlichen Aspekten mit der Sach-
darstellung des Zeugen L._ übereinstimmt und ebenso die Aussagen des
Opfers bestärkt. Was die (Faust-)Schläge angeht, die gemäss ihrer Aussage bei
der Polizei dem I._ vom Beschuldigten und nicht – wie sie dann gegenüber
der Staatsanwaltschaft ausführte – von mehreren Security-Mitarbeitern zugefügt
worden seien, ist das Folgende festzuhalten: Aus den Darlegungen der Zeugin
K._ geht im Ergebnis klar hervor, dass von mehreren Security-Mitarbeitern
des Lokals G._ Gewalt an I._ verübt wurde. Dabei konnte sie konstant
dem Beschuldigten zuordnen, dass er das Opfer im Würgegriff aus dem Lokal ge-
zerrt und auch noch draussen so festgehalten hatte, ferner dass das Opfer dann
in dieser Position von mehreren Security-Mitarbeitern mit mehreren Schlägen
traktiert wurde und dass schliesslich dem am Boden liegenden Opfer jedenfalls
ein Fusstritt gegen den Kopf verabreicht wurde. Es spricht für wahrheitsgetreue
Aussagen, dass sie – ihre primäre Aussage relativierend – den Beschuldigten
nicht unnötig belastete. Gleiches zeigt sich auch in ihren verneinenden Antworten
auf die Fragen, ob sie sagen könne, wer I._ gegen den Kopf getreten habe
und ob sie im anwesenden Beschuldigten denjenigen sehe, der das Opfer im
Würgegriff aus dem Club gezerrt habe (Urk. D2/7/7 S. 4 f.). An der fehlenden
Identifikation des Beschuldigten rund 10 Monate nach dem Vorfall ändert aber
nichts, dass die Zeugin anlässlich der tatzeitnahen polizeilichen Einvernahme den
Beschuldigten vortrefflich und im Einklang mit aktenkundigen damaligen Fotos
von ihm hatte beschreiben können (vgl. Urk. D2/7/2 S. 2; Urk. D1/2/1, D1/2/ und
D1/12/1). Diese Beschreibung ist zudem vereinbar mit den Angaben des Be-
schuldigten zu seinen Körpermassen: 1.82m gross und 90 kg schwer (D2/5/2
S. 4). Die Aussagen K._s sind ohne Einschränkung zur Sachverhaltserstel-
lung heranzuziehen.
- 21 -
4.2.5 Aussagen von J._ und vorläufige Würdigung
Anlässlich der polizeilichen Einvernahme führte J._, der Security-
Einsatzleiter des G._, aus, dass es zu einer Schlägerei mit diversen Beteilig-
ten gekommen sei und der Beschuldigte und er eine aggressive Person gepackt,
nach draussen geführt und dort auf den Boden gelegt hätten. Er habe etwas Blut
in dessen Gesicht gesehen. Er habe auf die Person eingeredet, sie solle sich
beruhigen. Weder der Beschuldigte noch er selbst hätten die Person geschlagen.
Die behaupteten Schläge habe er sicher schon drinnen bei der Schlägerei mit der
Gruppe abbekommen (Urk. D2/7/3 S. 2 f.).
Als Auskunftsperson bei der Staatsanwaltschaft gab J._ an, dass es zu einer
Schlägerei gekommen sei, unter anderem habe I._ an der Schlägerei teilge-
nommen. Der Beschuldigte und er hätten I._ gepackt und hinausgeschmis-
sen. Warum dieser geblutet habe wisse er nicht. Er habe nicht gesehen, dass der
Beschuldigte I._ geschlagen habe, auch nicht, dass I._ von einem der
Security-Mitarbeiter gegen den Kopf getreten worden sei, als er am Boden lag. Es
sei ein grosses Durcheinander gewesen und er habe Ordnung schaffen müssen.
Er habe aber gesehen, wie der Beschuldigte I._ am Boden mit dem Arm fi-
xiert habe (Urk. D2/7/5 S. 2 f.).
Da J._ bestreitet, irgendwelche Gewaltausübung gegenüber I._ nament-
lich durch den Beschuldigten oder andere Security-Mitarbeiter gesehen zu haben,
bleibt wenig Raum für eine vorläufige Würdigung seiner Aussagen. Immerhin
ergibt sich aus J._s Aussage, dass der Beschuldigte I._ am Boden mit
dem Arm fixiert hatte.
4.2.6 Aussagen von M._ und vorläufige Würdigung
Als Zeuge führte M._ bei der Staatsanwaltschaft aus (Urk. D2/7/8), dass es
am 27. August 2017 im Innern des Lokals G._ zu einer Massenschlägerei
zwischen zwei Gruppen gekommen sei. Dort habe er I._ gesehen, welcher
bereits im Gesicht verletzt gewesen sei. Sodann hätten J._ und der Beschul-
- 22 -
digte I._ an den Armen gepackt und zum Notausgang gezogen bzw. getra-
gen. Er selbst habe auch jemanden gepackt und vor die Tür gestellt. Dann sei er
wieder reingegangen und habe nicht gesehen, was draussen weiter passiert sei
(Urk. D2/7/8 S. 3). Die inhaltsarme Aussage dieses Security-Mitarbeiters erweist
sich als für die Sachverhaltserstellung kaum sachdienlich. Immerhin stützt die
Zeugenaussage die Schilderung I._s, beim Rauswurf aus dem Lokal kaum
mehr Boden mehr unter den Füssen gehabt zu haben.
4.2.7 Aussagen von N._ und vorläufige Würdigung
N._, der mit dem Beschuldigten zusammen als Türsteher im G._ tätig
war und den Beschuldigten als guten Kollegen, Freund und Bruder bezeichnete,
gab an, nicht dabei gewesen zu sein, als I._ am 27. August 2017 im Rahmen
einer Auseinandersetzung verletzt wurde. Er habe in der fraglichen Nacht jedoch
als Security gearbeitet und I._ unverletzt nach der Schlägerei gesehen.
I._ habe ihm gesagt, dass er im Club Streit mit der Security gehabt habe.
Demgegenüber habe ihm der Beschuldigte gesagt, dass I._ im Club Streit
angezettelt habe und die Security ihn habe rausschmeissen müssen. Der Be-
schuldigte habe auch gesagt, dass sie dabei noch zu Boden gefallen seien und
I._ bereits verletzt gewesen sei (Urk. D2/7/9 S. 3 f.). Mangels persönlicher
Wahrnehmung ist diese Zeugenaussage für die Sachverhaltserstellung nicht auf-
schlussreich.
4.2.8 Spitalbericht
Dem Kurzaustrittsbericht des Spitals Uster vom 28. August 2017 ist zu ent-
nehmen, dass I._ eine leichte traumatische Hirnverletzung und leichtgradige
Würgeverletzungen erlitt. Zudem wurden ein Monokelhämatom und ein Hämatom
über Os mastoideum links diagnostiziert (Urk. D2/4/1-2).
4.2.9 Gesamtwürdigung und Fazit Sachverhaltserstellung
Mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 54 S. 15 ff.) und unter Hinweis auch auf die vorste-
henden vorläufigen Würdigungen (Erw. II. 4.2.2 ff.) ergibt sich das Nachstehende:
Gemäss Aussage des Beschuldigten ist der einzige körperliche Kontakt zwischen
- 23 -
ihm und I._ jener gewesen, als der Beschuldigte zusammen mit J._
I._ an die Hand genommen bzw. an den Armen gepackt und nach draussen
begleitet hat. Diese Aussage wird von J._ und von M._ geteilt. Entspre-
chend blieben die Aussagen des Beschuldigten und seiner Security-Kollegen
spärlich. Hingegen haben I._, L._ und K._ insgesamt übereinstim-
mend – sowohl in den polizeilichen als auch in den staatsanwaltlichen Einver-
nahmen – und je in vielen realitätsnahen und glaubhaften Einzelheiten geschil-
dert, dass der Beschuldigte I._ im Würgegriff zum Notausgang gezerrt hat,
der Beschuldigte und I._ zu Boden gefallen sind, der Beschuldigte I._
am Boden weiterhin im Würgegriff festgehalten hat und dass sodann mehrere
Security-Mitarbeiter I._ verprügelt haben. Dabei hat einer von ihnen I._
ins Gesicht bzw. gegen den Hinterkopf getreten, wer dies war blieb unklar. Die
Aussagen der drei letztgenannten Personen erfolgten überdies durchwegs mit
Bedacht und enthalten auch entlastende Hinweise, so zum Beispiel durch
L._, der es als unmöglich bezeichnete, dass der Beschuldigte selber I._
ins Gesicht bzw. gegen den Kopf getreten haben kann, da beide damals am Bo-
den lagen. Auch erklärte L._, ausser dem Würgegriff keine weiteren Gewalt-
tätigkeiten des Beschuldigten gegenüber I._ gesehen zu haben. Auch in
K._s Aussagen, namentlich jenen bei der Staatsanwaltschaft, finden sich wie
vorne in Erw. II. 4.2.4 aufgezeigt durchgehend vorsichtige Belastungen des Be-
schuldigten. Die einlässlichen und nachvollziehbaren Sachdarstellungen von
I._ sowie der Zeugen L._ und K._ sind sodann gut vereinbar mit
den festgestellten Verletzungen des Spitals Uster. Insoweit kleinere Abweichun-
gen in den Aussagen von I._ und jenen der Zeugen L._ und K._
bestehen, betrifft dies nicht mehr als Nebensächlichkeiten, und sie lassen sich
ohne weiteres mit ihren ungleichen Standorten und Rollen während des Gesche-
hens erklären, weshalb das gewonnene Gesamtbild keine Trübung erfährt. Gänz-
liche Kongruenz namentlich in den beiden Zeugenaussagen hätte überdies er-
staunt, gerade weil die Zeugen das Tatgeschehen aus unterschiedlichen Per-
spektiven und Distanzen mitbekamen – der Zeuge L._ zudem nur als Be-
obachter, während die Zeugin K._ auch selber körperlich betroffen war.
Schliesslich spielte sich der Vorfall bei grosser Dynamik und in Präsenz einer
- 24 -
Vielzahl weiterer Personen ab, so dass fraglos nicht durchgehend freie Sicht für
beide auf das Geschehen gegeben war.
In Anbetracht all dieser Umstände überzeugen die Aussagen von I._ und der
Zeugen L._ und K._, während die auch durch seine Berufskollegen se-
kundierte Behauptung des Beschuldigten, I._ habe sich seine Verletzungen
bereits bei einer Schlägerei mit einer andern Gruppe im Innern des Clubs zuge-
zogen und sei lediglich vom Beschuldigten und J._ aus dem Lokal spediert
worden, als unglaubhaft und daher reine Schutzbehauptung erscheint.
Folglich ist erwiesen, dass I._ seine Verletzungen nach der Auseinanderset-
zung zweier Gruppen im Club, mithin erst draussen im Zuge der Gewalttätigkeiten
seitens der Security-Mitarbeiter erlitten hat, woran auch der Beschuldigte beteiligt
war. Namentlich ist erstellt, dass der Beschuldigte den ehemaligen Privatkläger
I._ in den Würgegriff genommen und ihn so nach draussen befördert und am
Boden festgehalten hat, woraufhin I._ von mehreren unbekannt gebliebenen
Security-Mitarbeitern des G._ mehrere Schläge und auch einen heftigen
Fusstritt gegen den Kopf erhielt. Hingegen können weder der von I._ geltend
gemachte Faustschlag des Beschuldigten gegen seine Schläfe noch der etwas
später erfolgte Fusstritt gegen seinen Kopf dem Beschuldigten persönlich oder ei-
nem anderen Individuum konkret zugeordnet werden. Von wem der Fusstritt
stammte, blieb stets ungewiss. Zum fraglichen Faustschlag gegen die linke Schlä-
fe des Opfers ist anzufügen, dass selbst I._ in der polizeilichen Befragung
bloss gemutmasst hatte, dass der Beschuldigte der Urheber sei. Erst in der
staatsanwaltlichen Einvernahme richtete sich I._s Vorwurf dann dezidiert ge-
gen den Beschuldigten. Bei K._ verhält es sich eher umgekehrt: An ihrer an-
fänglichen Belastung des Beschuldigten betreffend (mehrfacher) Schläge gegen
I._ hielt sie als Zeugin gerade nicht mehr fest bzw. konnte es nicht mit Si-
cherheit sagen, sondern nur noch vermuten. Schliesslich hatte der ansonsten
sehr detailliert und präzis aussagende Zeuge L._ zu keinem Zeitpunkt etwas
erwähnt von einem Faustschlag des Beschuldigen zum Nachteil von I._ (vgl.
vorne Erw. II. 4.2.3). Unter all diesen Umständen kann dieser initiale Faustschlag
- 25 -
gegen die linke Schläfe des I._ nach dem Grundsatz in dubio pro reo nicht
dem Beschuldigten persönlich zugeschrieben werden.
Der vorinstanzlichen Erwägung jedoch, Anzeichen für ein koordiniertes Handeln
bzw. eine gemeinsame Planung des Beschuldigten und der weiteren Security-
Mitarbeiter seien nicht erkennbar, das Ganze erscheine vielmehr als eine
Aneinanderreihung spontaner Handlungen aus der Situation heraus (vgl. Urk. 54
S. 17), kann nur beschränkt beigepflichtet werden. Auch wenn von einem eher
spontanen und situativen Handeln der Security-Mitarbeiter auszugehen ist, so
zeigt sich in ihrem Vorgehen doch ein zielgerichteter Zusammenschluss mit
gemeinschaftlichem, sich ergänzendem Wirken zwecks Rauswurfs von I._
aus dem Lokal. Ein kurzfristiger und zumindest stillschweigender, übereinstim-
mender Entschluss zu einem koordinierten Auftritt gegenüber dem offensichtlich
missliebigen Gast ist ohne Weiteres zu bejahen (vgl. die nachfolgende Erw. III. 4).
Der äussere (objektive) Sachverhalt von Dossier 2 ist mit der genannten Aus-
nahme betreffend Faustschlag gegen die linke Schläfe erstellt.
Die Vorinstanz prüfte sodann, inwiefern I._ durch sein eigenes Verhalten An-
lass für den Rausschmiss aus dem Club bzw. das handgreifliche Vorgehen der
Security-Mitarbeiter geboten habe. Sie stützte sich dabei auf die Aussagen von
J._, wonach I._ aggressiv gewesen sei und Drohungen von sich gege-
ben habe (Urk. D2/7/5 S. 4 f.). Zudem hätten der Beschuldigte, J._, M._
und N._ ausgeführt, dass es im Club zu Schwierigkeiten bzw. einer Schläge-
rei gekommen sei, bei welcher I._ aggressiv in Erscheinung getreten sei
(Urk. D2/5/1 S. 2 f.; Urk. D2/7/3 S. 2; Urk. D2/7/5 S. 3. f.; Urk. D2/7/8 S. 3;
Urk. D2/7/9 S. 4). Eine Schlägerei wird von I._ und den Zeugen L._ und
K._ zwar verneint, doch räumten auch sie Unstimmigkeiten zwischen zwei
Gruppen – eine davon die Geburtstagsgäste von I._ – ein. Es ist daher mit
der Vorinstanz davon auszugehen, dass I._ die Auseinandersetzung mit dem
Beschuldigten und den Security-Mitarbeitern bis zu einem gewissen Grad mitpro-
voziert hat (Urk. 54 S. 17). Gleichzeitig ist aber festzuhalten, dass der Beschuldig-
te zu keinem Zeitpunkt spezifizierte, was für Probleme oder welches konkrete ag-
gressive Verhalten von I._ dazu geführt haben soll, dass gerade er rausspe-
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diert und verprügelt wurde, nachdem gemäss dem Beschuldigten in jener Nacht
sehr viele Auseinandersetzungen im G._ stattgefunden hätten (vgl.
Urk. D2/5/1 S. 2, D2/5/2 S. 2 f.; Prot. I S. 19 f.).
Wer wie dargelegt eine Person im Würgegriff aus dem Lokal zerrt, diese weiter so
festhält und dann am Boden fixiert, worauf eine Personenmehrzahl auf den
Gebodigten und Wehrlosen einprügelt und diesem dabei auch mindestens ein
heftiger Fusstritt gegen den Kopf versetzt wird, der weiss und nimmt zumindest in
Kauf, dass das Opfer dadurch massive (Kopf-)verletzungen erleiden könnte.
Damit ist auch der innere (subjektive) Sachverhalt von Dossier 2 erstellt.
III. Schuldpunkt – Rechtliche Würdigung
1. Betreffend den Vorfall gemäss Dossier 1 – Fusstritte gegen den Dunkel-
häutigen im B._ – sprach die Vorinstanz den Beschuldigten anklagegemäss
der versuchten schweren Körperverletzung schuldig (Dispositivziffer 1 Spiegel-
strich 1). Der Beschuldigte ficht dies an.
Hinsichtlich des Ereignisses laut Dossier 2 erkannte die Vorinstanz den Beschul-
digten des Raufhandels für schuldig. Während der Beschuldigte das akzeptiert
(Urk. 79 S. 29), beanstandet die Staatsanwaltschaft in ihrer Anschlussberufung
die rechtliche Würdigung und beantragt nach wie vor ebenfalls die Schuldig-
sprechung wegen versuchter schwerer Körperverletzung (Urk. 80 S. 2 ff.).
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB macht sich
schuldig, wer einen Menschen lebensgefährlich verletzt (Abs. 1) oder dessen
Körper, ein wichtiges Organ oder Glied verstümmelt, ein wichtiges Organ oder
Glied unbrauchbar macht oder das Gesicht eines Menschen arg und bleibend
entstellt (Abs. 2). In subjektiver Hinsicht ist für die Erfüllung des Tatbestandes der
schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 und 2 StGB Vorsatz
erforderlich, wobei Eventualvorsatz genügt. Im angefochtenen Urteil sind die
objektiven und subjektiven Tatbestandsmerkmale samt der bundesgerichtliche
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Rechtsprechung einlässlich dargelegt. Darauf kann zur Vermeidung unnötiger
Wiederholungen verwiesen werden (Urk. 54 S. 19 f.).
2.2 Ein Versuch im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB liegt vor, wenn der Täter
sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale (insbesondere Vorsatz) erfüllt und
seine Tatentschlossenheit manifestiert hat, ohne dass alle objektiven Tatbe-
standsmerkmale verwirklicht sind (BGE 137 IV 113 E. 1.4.2 mit Verweisen).
2.3 Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen
und Willen ausführt (Art. 12 Abs. 2 Satz 1 StGB). Vorsätzlich handelt bereits, wer
die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2
Satz 2 StGB). Nach ständiger Rechtsprechung ist Eventualvorsatz gegeben,
wenn der Täter den Eintritt des Erfolgs beziehungsweise die Tatbestandsverwirk-
lichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall sei-
nes Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht
sein. Für den Nachweis des Vorsatzes kann sich das Gericht – soweit der Täter
nicht geständig ist – regelmässig nur auf äusserlich feststellbare Indizien und auf
Erfahrungsregeln stützen, die ihm Rückschlüsse von den äusseren Umständen
auf die innere Einstellung des Täters erlauben. Zu den äusseren Umständen, aus
denen der Schluss gezogen werden kann, der Täter habe die Tatbestands-
verwirklichung in Kauf genommen, zählen die Grösse des dem Täter bekannten
Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtver-
letzung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser die
Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die Sorg-
faltspflichtverletzung wiegt, desto eher darf gefolgert werden, der Täter habe die
Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; 135 IV 12
E. 2.3.2; 134 IV 26 E. 3.2.2, je mit Hinweisen). Das Gericht darf vom Wissen des
Täters auf den Willen schliessen, wenn sich dem Täter der Eintritt des Erfolgs als
so wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen,
vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann
(BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 mit Hinweis; 135 IV 12 E. 2.3.2; 134 IV 26 E. 3.2.2, je
mit Hinweisen; Urteile des Bundesgerichts 6B_1062/2017 vom 26. April 2018
E. 2.1.2, 6B_261/2017 vom 13. November 2017 E. 2.2 a.E.).
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Eventualvorsatz kann indessen auch vorliegen, wenn der Eintritt des tatbe-
standsmässigen Erfolgs nicht in diesem Sinne sehr wahrscheinlich, sondern bloss
möglich war. Doch darf nicht allein aus dem Wissen des Täters um die Möglich-
keit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden. Vielmehr
müssen weitere Umstände hinzukommen (BGE 133 IV 9 E. 4.1 mit Hinweisen;
Urteil des Bundesgerichts 6B_261/2017 vom 13. November 2017 E. 2.2 a.E.).
Solche Umstände liegen namentlich vor, wenn der Täter das ihm bekannte Risiko
nicht kalkulieren und dosieren kann und das Opfer keine Abwehrchancen hat
(BGE 133 IV 1 E. 4.5; 131 IV 1 E. 2.2; Urteil des Bundesgerichts 6B_789/2018
vom 21. Januar 2019 E. 1.3.2).
2.4 Raufhandel
Gemäss Art. 133 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe
bestraft, wer sich an einem Raufhandel beteiligt, der den Tod oder die Körper-
verletzung eines Menschen zur Folge hat (Abs. 1). Nicht strafbar ist, wer aus-
schliesslich abwehrt oder die Streitenden scheidet (Abs. 2).
Ein Raufhandel ist eine wechselseitige tätliche Auseinandersetzung von mindes-
tens drei Personen, die den Tod oder die Körperverletzung eines Menschen zur
Folge hat. Ein Streit zwischen zwei Personen wird zum Raufhandel, wenn ein
Dritter tätlich eingreift. Strafbar ist, wer sich beteiligt, d.h. wer aktiv am Raufhandel
teilnimmt in einer Weise, die geeignet ist, die Auseinandersetzung zu fördern bzw.
deren Intensität zu steigern. Wer tätlich ausschliesslich abwehrt oder die Streiten-
den scheidet, beteiligt sich an einem Raufhandel, weil er tätlich ist, doch ist er
gemäss Art. 133 Abs. 2 StGB nicht strafbar. Kein Beteiligter ist, wer ausschliess-
lich passiv bleibt und nicht tätlich wird. Die Beteiligung muss eine aktive sein; das
passive Einstecken von Schlägen genügt nicht (BGE 131 IV 150 E. 2.1 mit Hin-
weisen). Schlagen also mindestens zwei Personen auf eine dritte Person ein, die
passiv die Schläge einsteckt, ohne sich aktiv tätlich zu wehren, kann neben all-
fälligen Körperverletzungsdelikten nicht Raufhandel, sondern allenfalls Angriff
(Art. 134 StGB) vorliegen (BGE 137 IV 1 E. 4.2.2; Urteile des Bundesgerichts
6B_82/2016 vom 3. Juni 2016 E. 2.1 und 6B_1056/2015 vom 4. Dezember 2015
E. 4.1).
- 29 -
3. Dossier 1 – Fusstritte gegen den Dunkelhäutigen im B._
3.1 Vorauszuschicken ist, dass das Opfer zwar aus dem Kopf blutete, die
genauen Verletzungen aber nicht bekannt sind. Ob eine vollendete schwere
Körperverletzung vorliegt – wie gestützt auf die umschriebenen Tatvorwürfe in der
Anklageschrift beispielhaft erwähnt (Urk. 15 S. 2) –, kann mangels dokumentierter
Verletzungen nicht geprüft werden und ist somit nicht nachweisbar. Es fehlt am
objektiven Tatbestandsmerkmal einer schweren Körperverletzung. Die Staats-
anwaltschaft klagt denn auch keine vollendete Tatbegehung ein. Es bleibt daher
abzuklären, ob im Sinne der Anklagebehörde ein vollendeter Versuch einer
schweren Körperverletzung zu bejahen ist.
3.2 Im Rahmen der Prüfung der Frage, welche Verletzungsfolgen der Beschul-
digte für möglich gehalten und in Kauf genommen hat (subjektiver Tatbestand),
führte die Vorinstanz gestützt auf den erstellen Sachverhalt (vgl. Urk. 54 S. 9 f.)
zusammengefasst das Nachstehende aus (vgl. Urk. 54 S. 21 f.):
Die für den inneren Willen des Beschuldigten massgeblichen äusseren Umstände
seien aufgrund der Beweismittel, insbesondere der Videoaufzeichnung, sowie der
allgemeinen Lebenserfahrung zu eruieren. Je grösser das dem Beschuldigten be-
kannte Risiko der Tatbestandsverwirklichung sei bzw. je schwerer die Sorgfalts-
pflichtverletzung wiege, desto eher dürfe der Schluss gezogen werden, er habe
die Tatbestandsverwirklichung zumindest in Kauf genommen (BGE 135 IV 12
E. 2.3.2; 134 IV 26 E. 3.2.2; 130 IV 58 E. 8.2 ff.). Im Einklang mit der konstanten
bundesgerichtlichen Praxis sei es als allgemein bekannt vorauszusetzen, dass
Fusstritte in den Kopfbereich eines am Boden liegenden Opfers – selbst wenn
dieses sich zusammenrollt und den Kopf mit den Händen zu schützen versucht –
zu lebensgefährlichen Beeinträchtigungen der körperlichen Integrität führen
können (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1180/2015 vom 13. Mai 2015 E. 4.1
m.w.H.). Im vorliegenden Fall sei es im dynamischen Geschehensablauf alleine
dem Zufall überlassen gewesen, ob die Tritte den Kopf des Opfers treffen und
schwere Verletzungen verursachen oder nicht. Zusätzlich zu den Fusstritten habe
eine Wehrlosigkeit des Opfers vorgelegen, da dieses durch einen der Mitbeschul-
digten auf den Boden gedrückt worden sei, während ein weiterer Mitbeschuldigter
- 30 -
sein Bein festgehalten habe. Zudem seien die vom Beschuldigten ausgeführten
Tritte wie unter Ziff. III. 2.3.2 ausgeführt sehr heftig gewesen und durch die Ein-
wirkung mehrerer Personen habe eine Übermacht bestanden mit einhergehender
besonderer Gefährdung des Opfers. Ein aggravierendes Moment liege demzufol-
ge in mehrfacher Hinsicht klarerweise vor, obwohl das gemäss der zitierten bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung für die Erfüllung des Tatbestands der versuch-
ten schweren Körperverletzung nicht erforderlich sei (Urteil des Bundesgerichts
6B_1180/2015 vom 13. Mai 2016 E. 4.1 [vgl. auch Urteil 6B_1024/2017 vom
26. April 2018 E. 2.2.1]). Aufgrund aller genannten Umstände sei davon auszuge-
hen, dass sich dem Beschuldigten die Verwirklichung der Gefahr, d.h. Kopftreffer
mit schweren Verletzungsfolgen, als so wahrscheinlich aufdrängten, dass die Be-
reitschaft, sie als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des
Erfolgs ausgelegt werden könne. Zusammenfassend sei somit festzuhalten, dass
der Beschuldigte den Tatbestand der versuchten schweren Körperverletzung
erfüllt habe.
Diese Erwägungen sind überzeugend und zu teilen, wobei ergänzend vorab auf
die vorstehenden Ausführungen zur Sachverhaltserstellung (Erw. II. 4.1) zu ver-
weisen ist. Die vielen Tritte des Beschuldigten und von E'._ waren erkennbar
von grosser Intensität und richteten sich offensichtlich gegen den Kopf- und Ober-
körperbereich. Das Opfer wurde gleichzeitig von zwei Angreifern traktiert und
stand (oder besser: lag) praktisch unter Dauerbeschuss. Dieses parallele Vorge-
hen verstärkte die ausgeübte Gewalt und erhöhte das Verletzungsrisiko deutlich.
Mit der Vorinstanz ist neben der Heftigkeit der Tritte und der Einwirkung mehrerer
Personen auch nochmals ein weiterer erschwerender Aspekt hervorzuheben: die
komplette Wehrlosigkeit des Opfers. Aufgrund der Viererattacke hatte der regel-
recht am Boden blockierte Dunkelhäutige nicht den Hauch einer Chance, die
schädigenden Handlungen abzufangen oder abzumildern, geschweige denn, sich
gegenüber den Angreifern körperlich irgendwie mit Aussicht auf Erfolg zur Wehr
zu setzen. Offensichtlich ging es den Beschuldigten darum, dem Dunkelhäutigen
mit vereinten Kräften eine nachhaltige Lehre zu erteilen. Es kommt hinzu, dass
der Dunkelhäutige nachweislich aus dem Kopf blutete, wobei der Beschuldigte
nach Sichtung des Videos eingestand, beim wiederholten Treten das Opfer am
- 31 -
Kopf getroffen zu haben (Prot. I S. 13-15). Auch konnte der Beschuldigte dem
Vorhalt, dass sich die Person am Boden nicht wehrte, nichts entgegenhalten
(Prot. I S. 17 und 19). Vielmehr räumte er beim (erneuten) gemeinsamen Betrach-
ten des Videos die Übermacht der vier Angreifer ein: man sehe einen wehrlosen
Mann, auf den alle andern losgehen und treten würden (Prot. I S. 18). In der
Dynamik des Tatablaufs konnte der Beschuldigte das ihm bekannte Risiko einer
gravierenden bis hin zu einer lebensgefährlichen Körperverletzung (vgl. vorne
Erw. II. 4.1.5) weder kalkulieren noch das Ziel seiner eigenen Tritte hinreichend
genau steuern, um einen Kopftreffer – was denn auch tatsächlich eintrat – zu
verhindern.
3.3 Festzuhalten ist daher, dass allein schon die kräftigen Fusstritte des
Beschuldigten ein grosses Risiko der Verwirklichung einer schweren Körperver-
letzung bargen. Das gilt erst recht, nachdem sich durch seine Tritte mindestens
ein Kopftreffer verwirklicht hat. Zudem ist beim Beschuldigten auch ein Motiv
auszumachen: Er sei geschockt gewesen, weil F'._ am Gesicht geblutet ha-
be und habe so reagiert, weil F'._ nicht nur ein Freund, sondern ein Stellver-
treter seines Vaters bzw. wie sein Vater sei (Prot. I S. 13; Urk. 78 S. 5). Es steht
Vergeltung am Dunkelhäutigen im Raum.
3.4 Der Beschuldigte war sich bei diesem Geschehensablauf fraglos des
grossen Risikos einer schweren Körperverletzung seitens des Opfers bewusst.
Wer derart heftig gegen den Kopfbereich resp. den Oberkörper einer wehrlos am
Boden liegenden Person tritt, weiss und nimmt zumindest in Kauf, dass schwer-
wiegende gesundheitliche Folgen für das Opfer resultieren können. Das gilt umso
mehr, als der Beschuldigte zusammen und gleichzeitig mit dem Mittäter E'._
das Opfer mit Fusstritten malträtierte. Als er mit treten anfing, war der Dunkelhäu-
tige eigentlich schon durch D'._ und F'._ am Boden überwältigt. Das
zeigt umgekehrt, dass er gezielt und verstärkend eingriff. Es liegt eine schwere
Sorgfaltspflichtverletzung vor. Der Eintritt des tatbestandlichen Erfolgs ist dem-
nach klarerweise als sehr wahrscheinlich und nicht bloss als möglich einzustufen.
Die Verwirklichung des Risikos einer schweren Körperverletzung im Bereich des
Kopfes, wie beispielhaft in der Anklage umschrieben (vgl. Urk. 15 S. 2), musste
- 32 -
sich dem Beschuldigten unter all diesen Umständen als so wahrscheinlich auf-
drängen, dass seine Bereitschaft, sie als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise
nur als Inkaufnahme einer schweren Körperverletzung gedeutet werden kann (vgl.
Urk. D1/3/5 S. 5). Er wollte dies gemeinsam mit dem Mitbeschuldigten E'._
(und den Mitbeschuldigten F'._ und D'._) bzw. nahm es zumindest in
Kauf und hiess dabei die Tathandlungen der andern Täter gut (vgl. die nachste-
hende Erw. III. 3.5). Der subjektive Tatbestand ist ebenfalls zu bejahen. Es liegt
eine versuchte schwere Körperverletzung vor.
3.5 Mittäterschaft
3.5.1 Im angefochtenen Urteil wird bezüglich Dossier 1 erwogen, Anzeichen für
ein koordiniertes Handeln bzw. eine gemeinsame Planung der Mitbeschuldigten
seien nicht erkennbar. Mittäterschaft sei vorliegend zu verneinen. Die Vorinstanz
spricht den Beschuldigten der versuchten schweren Körperverletzung schuldig
gestützt auf das Verhalten, das ihm individuell zugeordnet werden kann (Urk. 54
S. 9 und 24).
Es ist der Vorinstanz insoweit zuzustimmen, als schon das dem Beschuldigten
konkret zuzuordnende Handeln den Tatbestand einer versuchten schweren
Körperverletzung klar erfüllt. Entgegen der Auffassung im vorinstanzlichen Urteil,
jedoch im Einklang mit der Staatsanwaltschaft (vgl. Urk. 15, 32, 61 und 80) ist von
in Mittäterschaft begangener versuchter schwerer Körperverletzung auszugehen.
3.5.2 Mittäterschaft wird definiert als gleichwertiges koordiniertes Zusammen-
wirken bei der Begehung einer Straftat, so dass als Mittäter erscheint, wer bei der
Entschliessung, Planung oder Ausführung eines Delikts vorsätzlich und in mass-
gebender Weise mit anderen Tätern zusammenwirkt, so dass er als Haupt-
beteiligter dasteht (Praxiskommentar StGB-TRECHSEL/JEAN-RICHARD, 3. Aufl.,
Zürich/St. Gallen 2018, Vor Art. 24 N 10 ff.; BGE 108 IV 88 E. 2b; Urteil des
Bundesgerichts 6B_895/2008 vom 14. April 2009 E. 3.2). Damit von Tatherrschaft
ausgegangen werden kann, muss der Betreffende somit wenigstens in einem
dieser drei Stadien in für die Tat massgebender Weise mit den anderen Tätern
zusammenwirken. Wann dies der Fall ist, ist letztlich aufgrund einer wertenden
- 33 -
Beurteilung der gesamten Umstände zu entscheiden. Was die Deliktsausführung
betrifft, ist insbesondere die Rolle zu berücksichtigen, die ein Beteiligter bei der
Ausführung des Delikts innehatte (vgl. DONATSCH/TAG, Strafrecht I, Verbrechens-
lehre, 9. Aufl., Zürich 2013, § 15 S. 177 ff.).
In subjektiver Hinsicht setzt Mittäterschaft Vorsatz und einen gemeinsamen Tat-
entschluss voraus. Der gemeinsame Tatentschluss braucht nicht ausdrücklich zu
sein, er kann auch bloss konkludent bekundet werden, wobei Eventualvorsatz ge-
nügt (BGE 130 IV 58 E. 9.2.1 S. 66; 126 IV 84 E. 2c/aa S. 88; je mit Hinweisen).
Der Mittäter braucht an der ursprünglichen Entschlussfassung nicht von Anfang
an mitgewirkt zu haben, er kann sich den Tatentschluss auch erst sukzessive zu
eigen machen (BGE 135 IV 152 E. 2.3.1; 134 IV 1 E. 4.2.3; Urteil des Bundesge-
richts 6B_1062/2017 vom 26. April 2018 E. 2.1.3; BSK StGB I-FORSTER, 4. Aufl.,
Basel 2019, Vor Art. 24 N 12 mit Hinweisen). Kausale Tatbeiträge werden dem
anderen Mittäter angerechnet, auch wenn er zum besagten Zeitpunkt die Tat-
herrschaft nicht mehr inne hat, vorausgesetzt, die Taten stehen in einer engen
zeitlichen, räumlichen und sachlichen Beziehung (BGE 108 IV 88 E. 2b S. 93;
Urteile des Bundesgerichts 6B_405/2011 vom 24. Januar 2012 E. 2.5.2 und
6B_885/2008 vom 14. April 2009 E. 3.2).
3.5.3 Mit der Staatsanwaltschaft (Urk. 32 S. 8 f.) steht die mittäterschaftliche Vor-
gehensweise ausser Frage. Zunächst ist zu konstatieren, dass in der Anklage mit-
täterschaftliches Handeln umschrieben ist (vgl. Urk. 15 S. 2). Die Anklageschrift
nennt mithin die Sachverhaltselemente, welche zur Annahme von Mittäterschaft
führen. Die Visionierung des Videos ergibt sodann die klare Überzeugung, dass
hier die Beschuldigten als Vierer-Team, wohl angeführt durch D'._, den Chef
des Lokals, der zu jedem der Mitbeschuldigen eine nähere Beziehung aufweist
(Schwiegervater bzw. Bekannte und regelmässige Gäste des B._), agierten
und dem unliebsamen dunkelhäutigen Gast mit vereinten Kräften eine eigentliche
Abreibung erteilten. Die mittäterschaftliche Verbindung ist offensichtlich. Es zeigt
sich das Bild eines arbeitsteiligen Vorgehens, das nicht länger geplant gewesen
sein muss, sondern auch einem kurzfristigen und stillschweigenden Zusammen-
finden aus der Situation heraus entsprungen ein kann, was hier der Fall zu sein
- 34 -
scheint. Ohne die Fixierung des Opfers am Boden durch F'._ und D'._
wäre die Treterei durch den Beschuldigten und E'._ nicht so, wie stattgefun-
den, durchführbar gewesen. Dank dieser Fixierung des Dunkelhäutigen durch
F'._ und D'._ und dessen daraus resultierender Wehrlosigkeit konnten
die zwei jüngeren Mitbeschuldigten diesen anschliessend ungehindert mit hefti-
gen Fusstritten eindecken und dabei am Kopf blutig treten. Jeder der Beteiligten,
auch der Beschuldigte, der mit seinem Handeln wesentlich zum Tatgeschehen
beitrug, nahm bei diesem Vorfall eine tragende Rolle ein und steht als Hauptbetei-
ligter da. Von einem isolierten Vorgehen des Beschuldigten im Sinne eines Ne-
bentäters – von Nebentäterschaft wird gesprochen, wenn mehrere Täter unab-
hängig voneinander, als Alleintäter, denselben Straftatbestand verwirklichen, was
namentlich bei Fahrlässigkeit vorkommt (vgl. Praxiskommentar StGB-
Trechsel/Jean-Richard , 3. Aufl. Zürich/St. Gallen 2018, Vor Art. 24 N 23 und Art.
12 N 44 mit Beispielen) – kann vorliegend keine Rede sein. Dies gilt umso mehr,
als sich der Beschuldigte nach seiner Darstellung einmischte, weil ihm der Mitbe-
schuldigte F'._ sehr nahe steht (vgl. vorne Erw. II. 2.1 und III. 3.3).
3.5.4 Gemäss der erwähnten bundesgerichtlichen Rechtsprechung bewirkt das
Konzept der Mittäterschaft eine materiellrechtlich begründete Beweiserleichterung
bei der Zurechnung von Teilaspekten einer Tat an die Mittäter. Führen verschie-
dene Personen gemeinsam strafbare Handlungen aus und dies erst noch – wie
hier – in einem engen örtlichen, zeitlichen und sachlichen Zusammenhang,
schneidet das Institut der Mittäterschaft einem Mittäter den Einwand ab, es habe
jeweils ein Anderer die fragliche Teilhandlung ausgeführt. Insbesondere geht die
Argumentation fehl, er könne dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden, denn
er habe das weder getan noch davon auch nur Kenntnis gehabt und mit den
eigenen Handlungen keine schwere Verletzung gewollt bzw. in Kauf genommen.
Ebenso wenig liegt eine Exzess anderer Mitbeschuldigter vor. Vielmehr steht auf-
grund des erstellten Sachverhalts fest, dass der Beschuldigte im Wissen um das
gleichzeitige Treten durch E'._ auch das eigene Tathandeln fortsetzte und in
gemeinsamer Übermacht schwere Verletzungen des Dunkelhäutigen auch durch
die Fusstritte von E'._ in Kauf nahm. Ebenso wenig ist erkennbar, dass der
Beschuldigte das Verhalten der ihn unterstützenden Angreifer, F'._ und
- 35 -
D'._, missbilligt oder sie gar von ihrem Tun abgehalten hätte. Folglich ist
auch das Fixieren am Boden dem Beschuldigten anzurechnen, auch wenn er die-
se Handlungen nicht selber ausführte. Denn schon das Zusammenwirken im kon-
kludenten Handeln begründet Mittäterschaft. Weder müssen sich die Täter vorher
persönlich kennen noch bedarf es einer Absprache oder einer (kurzfristigen) Pla-
nung (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 6B_1062/2017 vom 26. April 2018 E.
2.2.2). Endlich ist nach dem Gesagten auch ohne Belang, dass sich der Beschul-
digte (erst) als Dritter dieser Attacke anschloss. Mittäterschaft ist daher zu beja-
hen. Die Folge der Mittäterschaft ist wie erwähnt, dass jedem Mittäter das gesam-
te Handeln bzw. das ganze Geschehen zugerechnet wird (Urteil des Bundesge-
richts 6B_27/2020 vom 20. April 2020, E. 1.3.2 mit Hinweisen).
3.6 Notwehrsituation
Die Argumentation der Verteidigerin des Beschuldigten, der Beschuldigte habe in
Bezug auf Dossier 1 aus einer akuten Notwehrsituation heraus gehandelt bzw.
Notwehrhilfe geleistet (Urk. 33 S. 6 ff.; Urk. 79 S. 26 ff.), ist mit der Vorinstanz
ebenfalls zurückzuweisen (Urk. 54 S. 23).
Gemäss dem erstellten Sachverhalt gesellte sich der Beschuldigte offensichtlich
solidarisierend zur Szenerie hinzu, als der Dunkelhäutige schon am Boden fixiert
war, überwältigt durch Gewaltakte von Mitbeschuldigten. Das Opfer befand sich
mithin bereits im Zustand der Wehrlosigkeit. Wehrlos ist, wer sich nicht (mehr) zu
verteidigen vermag (Rehberg, Strafrecht III, 8. Auflage, Zürich 2003, S. 30). Die
Gründe können physischer oder psychischer Natur sein. Unerheblich ist, ob der
Angegriffene sich tatsächlich nicht mehr verteidigen kann oder ob er auf
(weiteren) Widerstand verzichtet, weil er das für nutzlos hält (BSK StGB-I,
Roth/Berke-meier, 4. Auflage, Basel 2019, Art. 123 N 25). Gemäss bundes-
gerichtlicher Rechtsprechung ist wehrlos (im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 StGB), wer
nicht in der Lage ist, sich gegen eine schädigende Einwirkung zur Wehr zu setzen
("une personne hors d'état de se défendre", vgl. BGE 129 IV 1 mit Verweis auf
BGE 85 IV 125 E. 4b). Es ist nicht zweifelhaft, dass der Dunkelhäutige unter den
konkreten Umständen ausserstande war, sich gegenüber seinen Angreifern und
- 36 -
deren (drohender) Handlungen mit einiger Aussicht auf Erfolg zur Wehr zu set-
zen.
Im Zeitpunkt, als sich der Beschuldigte mit mehreren heftigen Fusstritten ins
Tatgeschehen einmischte und kurz darauf noch von E'._ sekundiert wurde,
ging vom Dunkelhäutigen keine akute Gefahr für den Beschuldigten oder die Mit-
beschuldigten aus (dazu auch vorne Erw. II. 4.1.4; Urk. 54 S. 23). Es bestand we-
der eine unmittelbare Bedrohungssituation noch waren die (Mit-)Beschuldigten
damals einem tatsächlichen und andauernden Angriff seitens der jeweiligen Opfer
ausgesetzt. Es ist somit nicht ersichtlich, dass im Tatzeitpunkt eine Notwehrlage
oder eine Notwehrhilfesituation im Sinne von Art. 15 StGB vorgelegen hätte. Das
Vorgehen des Beschuldigten (ebenso wie jenes der Mitbeschuldigten) war nicht
nur rechtwidrig, sondern auch unverhältnismässig. Vielmehr handelte es sich
offensichtlich um einen Revancheakt aufgrund von früher am Abend stattge-
fundenen und abgeschlossenen, aggressiven Auftritten seitens der Opfer.
Dem Einwand, der Beschuldigte sei in Panik gewesen bzw. unter Schock gestan-
den, da er gedacht habe, sein Ziehvater werde niedergestochen, ist zudem
keinem Glauben zu schenken. Der Beschuldigte ist Profi-Boxer und arbeitete als
Security, weshalb er sich Auseinandersetzungen dieser Art gewönnt ist und
adäquat reagieren kann. Zudem befand sich der Dunkelhäutige wie erwähnt
bereits am Boden und war durch D'._ und F'._ fixiert. Es bestand keine
Notwehrsituation. Dass im Rahmen der Berufungsverhandlung dann sogar von
einem Pizzamesser mit einer Klinge von etwa 20 bis 25 cm die Rede war, wel-
ches der Dunkelhäutige in der Hand gehalten haben soll, verstärkt den Eindruck
einer Schutzbehauptung, zumal sich der Beschuldige ursprünglich nicht sicher
war, was es für ein Gegenstand war.
3.7 Anklageprinzip
3.7.1 Die Verteidigerin des Beschuldigten beantragte vor Vorinstanz und auch im
Berufungsverfahren (Urk. 79 S. 7 f.), es sei auf die Anklage in Dossier 1 be-
- 37 -
treffend Versuch einer schweren Körperverletzung nicht einzutreten, da aus der
Anklage nicht hervorgehe, dass Tritte gegen den Kopf erfolgt seien. Die Formulie-
rung "im Falle von – im hochdynamischen Geschehensverlauf nicht auszuschlies-
senden – Treffern der Tritte gegen den Kopf" ändere nichts daran, dass das
Tatelement der Tätigkeit, welche einer schwere Körperverletzung verursachen
könnte, fehle und umschreibe lediglich, dass sich dies hätte ereignen können
(Urk. 33 S. 4 f.).
Diese Argumentation ist nicht stichhaltig und mit der Vorinstanz zu verwerfen
(Urk. 54 S. 24). Das dem Beschuldigten und den Mitbeschuldigten konkret ange-
lastete Verhalten ist in der Anklageschrift klar dargelegt (Urk. 15 S. 2). Die jewei-
ligen Tathandlungen des Beschuldigten und von E'._, D'._ und F'._
sind präzis umschrieben. Es steht zwar nichts von Tritten spezifisch gegen den
Kopf der Opfers, jedoch wird das Zielgebiet durch den Hinweis auf die potentiellen
Folgen von Kopftreffern in Abs. 2 zumindest indirekt umschrieben, was ausrei-
chend ist. Auch wurde dem Beschuldigten das Tatverhalten in den Einvernahmen
wiederholt zur Stellungnahme unterbreitet (vgl. zuletzt Prot. I S. 12 ff.), zudem
veranschaulicht durch mehrfaches Abspielen der Videoaufnahmen, so dass er
wusste, wogegen er sich zu verteidigen hatte. Er äusserte sich denn auch zu den
Vorwürfen und räumte ein, mit seinen Tritten das Opfer auch am Kopf getroffen
zu haben. Die abschliessende rechtliche Würdigung der konkreten Tatvorwürfe
bzw. des erstellten Sachverhaltes obliegt dem Sachgericht.
3.7.2 Insoweit die Verteidigerin auch das Fehlen eines Strafantrages betreffend
(allfälliger) einfacher Körperverletzung bemängelte und den Nichteintretensantrag
damit begründete (Urk. 33 S. 4 und 10; Urk. 79 S. 7), ist darauf hinzuweisen, dass die vorliegende Tat an einem Wehrlosen begangen wurde. Damit wäre eine
qualifizierte Form der versuchten einfachen Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 2 Abs. 3 StGB gegeben, ohne Antragserfordernis. Der Beschuldigte
wäre von Amtes wegen zu verfolgen.
4. Dossier 2 – Vorfall im G._
4.1 Mittäterschaft
- 38 -
4.1.1 Im angefochtenen Urteil wird bezüglich Dossier 2 erwogen, dem Beschul-
digten könne kein Verhalten individuell zugeordnet werden, welches geeignet
wäre, eine schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB hervorzurufen.
Anzeichen für ein koordiniertes Handeln bzw. eine gemeinsame Planung des Be-
schuldigten mit den weiteren beteiligten Security-Mitarbeitern seien nicht erkenn-
bar. Es liege somit keine Mittäterschaft vor, sondern eine klassische Nebentäter-
schaft mit jeweils individueller Verantwortung der jeweiligen Beschuldigten für ihre
eigenen Handlungen (Urk. 54 S. 17 und 25).
Entgegen dieser Auffassung, jedoch in Übereinstimmung mit der Staatsanwalt-
schaft (Urk. 15, 32, 61 und 80) ist von Tatbegehung in Mittäterschaft mit den
weiteren, am Vorfall beteiligten Security-Mitarbeitern auszugehen.
4.1.2 Wie bereits zum Vorfall gemäss Dossier 1 ausgeführt, wird Mittäterschaft
definiert als gleichwertiges koordiniertes Zusammenwirken bei der Begehung
einer Straftat, so dass als Mittäter erscheint, wer bei der Entschliessung, Planung
oder Ausführung eines Delikts vorsätzlich und in massgebender Weise mit
anderen Tätern zusammenwirkt, so dass er als Hauptbeteiligter dasteht (Praxis-
kommentar StGB-TRECHSEL/JEAN-RICHARD, 3. Aufl., Zürich/St. Gallen 2018, Vor
Art. 24 N 10 ff.; BGE 108 IV 88 E. 2b; Urteil des Bundesgerichts 6B_895/2008
vom 14. April 2009 E. 3.2). Damit von Tatherrschaft ausgegangen werden kann,
muss der Betreffende somit wenigstens in einem dieser drei Stadien in für die Tat
massgebender Weise mit den anderen Tätern zusammenwirken. Wann dies der
Fall ist, ist letztlich aufgrund einer wertenden Beurteilung der gesamten Umstände
zu entscheiden. Was die Deliktsausführung betrifft, ist insbesondere die Rolle zu
berücksichtigen, die ein Beteiligter bei der Deliktsausführung innehatte
(vgl. DONATSCH/TAG, Strafrecht I, Verbrechenslehre, 9. Aufl., Zürich 2013, § 15
S. 177 ff.).
In subjektiver Hinsicht setzt Mittäterschaft Vorsatz und einen gemeinsamen Tat-
entschluss voraus. Der gemeinsame Tatentschluss braucht nicht ausdrücklich zu
sein, er kann auch bloss konkludent bekundet werden, wobei Eventualvorsatz ge-
nügt (BGE 130 IV 58 E. 9.2.1 S. 66; 126 IV 84 E. 2c/aa S. 88; je mit Hinweisen).
Der Mittäter braucht an der ursprünglichen Entschlussfassung nicht von Anfang
- 39 -
an mitgewirkt zu haben, er kann sich den Tatentschluss auch erst sukzessive zu
eigen machen (BGE 135 IV 152 E. 2.3.1; 134 IV 1 E. 4.2.3; Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1062/2017 vom 26. April 2018 E. 2.1.3; BSK StGB I-FORSTER,
4. Aufl., Basel 2019, Vor Art. 24 N 12 mit Hinweisen). Kausale Tatbeiträge werden
dem anderen Mittäter angerechnet, auch wenn er zum besagten Zeitpunkt die
Tatherrschaft nicht mehr inne hat, vorausgesetzt, die Taten stehen in einer engen
zeitlichen, räumlichen und sachlichen Beziehung (BGE 108 IV 88 E. 2b S. 93;
Urteile des Bundesgerichts 6B_405/2011 vom 24. Januar 2012 E. 2.5.2 und
6B_885/2008 vom 14. April 2009 E. 3.2).
4.1.3 Mit der Staatsanwaltschaft (Urk. 32 S. 12 f.; Urk. 80 S. 3 f.) steht die mit-
täterschaftliche Vorgehensweise ausser Frage. Zunächst ist zu konstatieren, dass
in der Anklage Handeln in Mittäterschaft umschrieben ist (vgl. Urk. 15 S. 3). Die
Anklageschrift nennt mithin die Sachverhaltselemente, welche zur Annahme von
Mittäterschaft führen. Aufgrund des Beweisergebnisses ist sodann erstellt, dass
der Beschuldigte und die weiteren Security-Mitarbeiter mit vereinten Kräften und
sich gegenseitig ergänzend dem I._ über dessen ruppige Entfernung aus
dem Clublokal hinaus eine eigentliche Abreibung erteilten. Die mittäterschaftliche
Verbindung ist evident. Es zeigt sich das Bild eines arbeitsteiligen Vorgehens, das
nicht länger geplant gewesen sein muss, sondern auch einem zeitnahen und still-
schweigenden Zusammenfinden aus der Situation heraus entsprungen sein kann,
was hier der Fall scheint. Nachdem der Beschuldigte den unliebsamen Gast ins
Freie gezerrt hatte, hielt er ihn weiter im Würgegriff fest, dies selbst dann, als die
zwei zu Boden gefallen waren. Diese Fixierung ermöglichte es den hinzugekom-
menen Security-Kollegen, das Opfer ungehindert mit Schlägen und – als es dann
am Boden lag – mit einem heftigen Fusstritt gegen dessen Kopf einzudecken.
Ohne das fortgesetzte Festhalten des I._ im Würgegriff durch den Beschul-
digten wären die weiteren beteiligten Security-Mitarbeiter nicht in der Lage gewe-
sen, das Opfer in der Form und Intensität wie hier geschehen zu schlagen und
treten. Die gezielte, massgebende und auch unerlässliche Mitwirkung des Be-
schuldigten bei der hier zu beurteilenden Tatausführung erstreckte sich mithin
zeitlich über das gesamte Geschehen: Vom Packen in den Würgegriff und dem
Hinauszerren bis zum unverminderten Festhalten des Opfers selbst am Boden.
- 40 -
Damit schuf er die Rahmenbedingungen für die nachfolgende Prügelattacke sei-
ner Mitstreiter. Auch die Initiative resp. die Entschlussfassung zum Vorfall ist ge-
mäss erstelltem Sachverhalt beim Beschuldigten zu orten, umgesetzt durch seine
gezielte Behändigung von I._, wobei der Beschuldigte gemäss seiner Aus-
sage "einfach den Aggressivsten nach draussen begleitet" (Urk. D2/5/2 S. 4) bzw.
gezerrt hat, worauf sich die übrigen Involvierten ihm kurzfristig verstärkend an-
schlossen und ihrerseits I._ mit Gewalthandlungen traktierten. Einer weiteren
Planung hierzu bedurfte es nicht. Jeder der Beteiligten, namentlich der Beschul-
digte, der mit seinem Handeln in massgeblicher Weise zum Tatablauf beitrug,
nahm bei diesem Vorfall eine tragende Rolle ein und steht als Hauptbeteiligter da.
Daran ändert nichts, dass die mitwirkenden Kollegen aus dem Sicherheitsdienst
des G._ vorliegend unbekannt blieben und dass dem Beschuldigten selber
weder Schläge gegen das Opfer noch der Fusstritt gegen dessen Kopf anzulasten
ist. Wesentlich ist vielmehr, dass das Handeln des Beschuldigten seinen Berufs-
kumpanen den Weg ebnete, ihrerseits so wie erwiesen auf I._ einzudre-
schen. Dass der Beschuldigte das Vorgehen seiner Berufskollegen missbilligt o-
der sie gar davon abgehalten hätte, wurde sodann weder behauptet noch ist es
ersichtlich. Von einem isolierten Vorgehen des Beschuldigten im Sinne eines Ne-
bentäters – von Nebentäterschaft wird gesprochen, wenn mehrere Täter unab-
hängig voneinander, als Alleintäter, denselben Straftatbestand verwirklichen, was
namentlich bei Fahrlässigkeit vorkommt (vgl. Praxiskommentar StGB-
Trechsel/Jean-Richard , 3. Aufl. Zürich/St. Gallen 2018, Vor Art. 24 N 23 und Art.
12 N 44 mit Beispielen) – kann vorliegend keine Rede sein.
4.1.4 Wie bereits zum Tatgeschehen gemäss Dossier 1 dargelegt, bewirkt das
Konzept der Mittäterschaft eine materiellrechtlich begründete Beweiserleichterung
bei der Zurechnung von Teilaspekten einer Tat an die Mittäter. Führen verschie-
dene Personen gemeinsam strafbare Handlungen aus und dies erst noch – wie
hier – in einem engen örtlichen, zeitlichen und sachlichen Zusammenhang,
schneidet das Institut der Mittäterschaft einem Mittäter den Einwand ab, es habe
jeweils ein Anderer die fragliche Teilhandlung ausgeführt. Insbesondere geht die
Argumentation fehl, er könne dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden, denn
er habe das weder getan noch davon auch nur Kenntnis gehabt und mit den
- 41 -
eigenen Handlungen keine schwere Verletzung gewollt bzw. in Kauf genommen.
Ebenso wenig liegt ein Exzess der weiteren Security-Mitarbeiter vor. Vielmehr
steht aufgrund des erstellten Sachverhalts fest, dass der Beschuldigte im Wissen
um das Vorgehen der andern Security-Mitarbeiter das Opfer weiterhin in der
genannten Weise festhielt und am Boden blockierte. Denn es ist ihm fraglos nicht
entgangen, was seine Kollegen gerade taten. Weder nahm er Einfluss darauf
noch konnte er dies steuern. Demzufolge und insbesondere auch aufgrund der
mehrfachen Täterübermacht nahm er auch schwere Verletzungen des Opfers
durch Schläge oder Fusstritte durch seine Berufskollegen in Kauf. Als Mittäter hat
er auch deren Tatvorgehen gegen sich gelten zu lassen, es ist ihm das gesamte
Handeln bzw. das ganze Geschehen anzurechnen, auch wenn er selber keine
Tatherrschaft innehatte (Urteil des Bundesgerichts 6B_27/2020 vom 20. April
2020, E. 1.3.2 mit Hinweisen).
4.2 Versuchte schwere Körperverletzung
4.2.1 Die durch I._ erlittenen, vorne in Erw. II. 4.2.8 genannten Verletzungen
sind nicht schwerer Art. Das ergibt sich auch aus dem ergänzenden Bericht der
Augenklinik des Universitätsspitals Zürich vom 6. September 2017. Es ist zu-
nächst mit der Staatsanwaltschaft (Urk. 32 S. 12) von einfacher Körperverletzung
auszugehen.
4.2.2 Zu Recht stellt sich die Staatsanwaltschaft sodann auf den Standpunkt,
dass auch beim Anklagvorwurf gemäss Dossier 2 ein Fall von versuchter schwe-
rer Körperverletzung vorliegt (Urk. 15 S. 3 f.; Urk. 32 S. 12 f.; Urk. 80 S. 4).
Die möglichen Verletzungen sind exemplarisch in der Anklage umschrieben und
zudem eingangs wiedergegeben; darauf ist zu verweisen (Urk. 15 S. 3; vorne
Erw. II. 1.2). Wie schon in Erw. III. 3.2 betreffend Dossier 1 erwogen, was analog
für den Vorfall im G._ gilt, ist im Einklang mit der konstanten bundesgerichtli-
chen Praxis als allgemein bekannt vorauszusetzen, dass Fusstritte in den Kopfbe-
reich eines am Boden liegenden Opfers – selbst wenn dieses sich zusammenrollt
und den Kopf mit den Händen zu schützen versucht – zu lebensgefährlichen
Beeinträchtigungen der körperlichen Integrität führen können (vgl. Urteil des
- 42 -
Bundesgerichts 6B_1180/2015 vom 13. Mai 2015 E. 4.1 m.w.H.). Das musste erst
recht dem Beschuldigten als Security-Mitarbeiter in einem Club und als lang-
jährigem Profiboxer bewusst sein (vgl. Urk. D2/5/1 S. 3; D2/5/2 S. 4; Prot. I S. 15;
Urk. 78 S. 3). Auch im vorliegenden Fall war es im dynamischen Geschehens-
ablauf alleine dem Zufall überlassen, ob der heftige Fusstritt gegen das linke
Auge/Schläfe des Opfers eine schwere Verletzung von Schädel, Hirn oder Auge
– letzteres ein wichtiges Organ eines Menschen im Sinne von Art. 122 Abs. 2
StGB – verursacht oder nicht. Die Heftigkeit des Trittes gegen den Kopf zeigt sich
ferner darin, dass I._ in der Folge bewusstlos wurde. Zusätzlich zu diesem
Fusstritt und weiteren Schlägen von mehreren Security-Mitarbeitern hat eine
Wehrlosigkeit des Opfers vorgelegen, da sich dieses anhaltend im Würgegriff des
Beschuldigten und nach erfolgtem Sturz zudem auf dem Boden befand. Durch die
gewalttätige Einwirkung mehrerer Personen hat eine Übermacht bestanden mit
einhergehender besonderer Gefährdung des Opfers. Das verstärkte die ausge-
übte Gewalt und erhöhte das Verletzungsrisiko deutlich. Der am Boden blockierte
I._ hatte keine Chance, die schädigenden Handlungen abzufangen oder ab-
zumildern, geschweige denn, sich gegenüber den Angreifern körperlich irgendwie
mit Aussicht auf Erfolg zur Wehr zu setzen. Der objektive Tatbestand der versuch-
ten schweren Körperverletzung ist erfüllt.
4.2.3 Offensichtlich ging es dem Beschuldigten und seinen Berufskollegen
darum, dem Opfer mit vereinten Kräften eine nachhaltige Lehre zu erteilen. In der
Dynamik des Tatablaufs konnte der Beschuldigte das ihm zweifellos bekannte
Risiko einer gravierenden bis hin zu einer lebensgefährlichen Körperverletzung
(vgl. die exemplarische Aufzählung möglicher Schädigungen in der Anklagschrift;
Urk. 15 S. 3) insbesondere im Falle eines Kopftreffers durch die Mittäter – was
bekanntlich tatsächlich eintrat – weder kalkulieren noch steuern resp. verhindern.
Die Verwirklichung des Risikos einer schweren Körperverletzung im Bereich des
Kopfes musste sich dem Beschuldigten unter den genannten Umständen als so
wahrscheinlich aufdrängen, dass seine Bereitschaft, sie als Folge hinzunehmen,
vernünftigerweise nur als Inkaufnahme einer schweren Körperverletzung gedeutet
werden kann. Er wollte dies gemeinsam mit den beteiligten Security-Kollegen
bzw. nahm es zumindest in Kauf und hiess dabei die Tathandlungen der andern
- 43 -
Täter gut (vgl. die vorstehende Erw. III. 4.1). Der subjektive Tatbestand ist eben-
falls zu bejahen. Es liegt eine versuchte schwere Körperverletzung vor.
4.2.4 Ein Raufhandel, wie ihn die Vorinstanz betreffend Dossier 2 sieht (Urk. 54
S. 25 ff.), ist weder im Anklagesachverhalt mit den notwendigen Tatbestands-
elementen umschrieben noch liegt ein solcher vor. Vor allem ist keine wechsel-
seitige tätliche Auseinandersetzung gegeben. Von einer aktiven Teilnahme
I._s kann nicht die Rede sein (vorne Erw. III. 2.4). Gemäss dem erstellten
Sachverhalt blieb er ausschliesslich passiv. Wie erwähnt, konnte (und/oder wollte)
er sich angesichts des überraschenden, von hinten erfolgten Zugriffs durch den
Beschuldigten und dessen fortdauerndem Würgen sowie seiner daraus resultie-
renden Wehrlosigkeit und der Mehrzahl an gewalttätigen Angreifern aus der
Reihe der Security-Mitarbeiter gar nicht aktiv (tätlich) wehren, sondern liess die
geballte Attacke der Personenübermacht mit Schlägen und jedenfalls einem
Fusstritt passiv über sich ergehen. Das eingeklagte Geschehen beinhaltet die
Konstellation viele gegen einen, nämlich gegen ein wehrloses Opfer. Ob allenfalls
vor dem hier eingeklagten Tatgeschehen schon unter Gästen resp. Gästegruppen
ein Streit im Sinne einer tätlichen Auseinandersetzung stattgefunden hat, ist, da
nicht Anklagegegenstand, für die rechtliche Würdigung irrelevant.
5. Da weder Rechtfertigungs- noch Schuldausschlussgründe vorliegen, ist der
Beschuldigte hinsichtlich der noch Gegenstand des Berufungsverfahrens
bildenden Anklagesachverhalte in Dossier 1 und 2 der mehrfachen versuchten
schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
Ergänzend ist nochmals zu betonen, dass der Beschuldigte aus dem Umstand,
dass andere Beteiligte nicht verurteilt worden sind, nichts zu seinen Gunsten ab-
leiten kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_82/2016 vom 3. Juni 2016 E. 2.2).
IV. Strafzumessung und Vollzug
1. Anwendbares Recht
- 44 -
Da der Beschuldigte die zu beurteilenden Delikte teils vor (Dossier 2) und teils
nach (Dossier 1 und 3) dem Inkrafttreten der Revision des Sanktionenrechts per
1. Januar 2018 begangen hat, ist vorab über das anwendbare Recht betreffend
die Tat gemäss Dossier 2 zu entscheiden. Das geltende (neue) Recht ist für das
Delikt gemäss Dossier 2 nur anwendbar, wenn es für den Beschuldigten bei sepa-
rater Beurteilung nach der konkreten Methode zu einem günstigeren Ergebnis
führt (Art. 2 Abs. 2 StGB). Während das bis 31. Dezember 2017 geltende alte
Recht für die schwere Körperverletzung einen unteren Strafrahmen von
180 Tagessätzen Geldstrafe vorsah (Art. 122 Abs. 4 aStGB), gilt seit dem
1. Januar 2018 ein unterer Strafrahmen von sechs Monaten Freiheitsstrafe
(Art. 122 Abs. 4 StGB). Da im Rahmen der Strafzumessung bei der (gedank-
lichen) Festsetzung einer selbständigen Einzelstrafe für die am 27. August 2017
begangene versuchte schwere Körperverletzung im G._ ohnehin auf eine
überjährige Freiheitsstrafe zu erkennen wäre, erweist sich das bis 31. Dezember
2017 geltende alte Recht vorliegend nicht als milder. Folglich rechtfertigt es sich,
auf alle drei Delikte das ab 1. Januar 2018 geltende neue Sanktionenrecht
anzuwenden.
2. Strafrahmen, Strafart, Strafzumessungskriterien
2.1 Die Vorinstanz hat sich umfassend und korrekt zu den Grundsätzen der
Strafzumessung geäussert, insbesondere auch zur Unterscheidung zwischen
objektiver und subjektiver Tatschwere sowie Tat- und Täterkomponente. Weiter
hat die Vorinstanz zutreffend die massgebende Vorgehensweise bei der Gesamt-
strafenbildung nach Art. 49 Abs. 1 StGB in Anwendung des Asperationsprinzips
dargelegt, ausgehend von der versuchten schweren Körperverletzung mit einem
ordentlichen Strafrahmen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe
als schwerste begangene Straftat. Zuzustimmen ist der Vorinstanz ferner, dass
die Deliktsmehrheit (und nunmehr auch die mehrfache Tatbegehung) sowie der
Umstand, dass es bei versuchten Tatbegehungen blieb, innerhalb des genannten
ordentlichen Strafrahmens für schwere Körperverletzung zu berücksichtigen sind.
Auf diese Ausführungen kann vorab verwiesen werden (Urk. 54 S. 28-30; Art. 82
Abs. 4 StPO).
- 45 -
2.2 Zur Strafzumessung gehört vorliegend nicht nur die Bestimmung des
Masses, sondern auch der Art der Strafe. Die Frage der Strafart stellt sich vor-
liegend betreffend die Gewaltdarstellung im Sinne von Art. 135 Abs. 1bis StGB
(Dossier 3), welches Delikt mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geld-
strafe von höchstens 180 Tagessätzen geahndet wird. Dazu wurde im angefoch-
tenen Urteil nichts gesagt. Kommt das Gericht nach der sog. konkreten Methode
im Rahmen der Strafzumessung bei der (gedanklichen) Festsetzung selbständi-
ger Einzelstrafen für den einzelnen Normverstoss auf "180 Strafeinheiten" oder
weniger, ist ausser einer Freiheitsstrafe auch die Ausfällung einer Geldstrafe
möglich (Art. 34 Abs. 1 StGB). Das Gericht hat sich bei der Gesamtstrafenbildung
zur Wahl der jeweiligen Strafart für die konkreten Delikte zu äussern und im
Hinblick auf das Gebot der Verhältnismässigkeit zu begründen, wenn es nach
Festlegung der Einsatzstrafe für das schwerste Delikt auch für die weiteren Taten
eine Freiheitsstrafe für erforderlich hält (Art. 41 Abs. 2 StGB; Art. 50 StGB; Urteil
des Bundesgerichts 6B_210/2017 vom 25. September 2017 E. 2.2.1). Aus dem
Umstand, dass für alle Delikte gesamthaft nur eine den gesetzlichen Geldstrafen-
bereich übersteigende Sanktion als verschuldensangemessen erachtet wird, folgt
nicht, dass für sämtliche Delikte (zwingend) auf Freiheitsstrafe zu erkennen ist
(BGE 144 IV 217 E. 3.3.3 und 4.1; 142 IV 265 E. 2.3.2 S. 267). Im überschnei-
denden Bereich gilt (nach wie vor) das Primat der Geldstrafe. Der Täter soll so
wenig Strafe als möglich, aber so viel wie nötig erfahren (BGE 144 IV 217
E. 3.5.2). Eine Freiheitsstrafe wiegt immer schwerer als eine Geldstrafe, unab-
hängig von der Dauer der Freiheitsstrafe bzw. der Höhe des Geldstrafenbetrages
(BGE 144 IV 217 E. 3.3.3 und 3.4.1 je mit Hinweisen). Hält das Gericht im Rah-
men der Gesamtstrafenbildung für einzelne Delikte im konkret zu beurteilenden
Fall unter Beachtung des Verhältnismässigkeitsprinzips eine Geldstrafe nicht
mehr für schuldangemessen und zweckmässig, hat es dies wie erwähnt zu
begründen.
Vorliegend ist es abweichend zur Vorinstanz angezeigt, für die Gewaltdarstellung
eine Geldstrafe auszusprechen. Einerseits führt die (gedankliche) Festsetzung als
selbständige Einzelstrafe zu einer Sanktion, die unter "180 Strafeinheiten" und
damit noch im Geldstrafenbereich liegt. Anderseits steht dieses Vergehen in
- 46 -
keinem zeitlichen, sachlichen oder örtlichen Zusammenhang mit den Körper-
verletzungsdelikten.
3. Tatkomponente versuchte schwere Körperverletzung (Dossier 1)
3.1 Als schwerstes Delikt, für welches die Einsatzstrafe festzulegen ist,
erscheint vorliegend die Tat gemäss Dossier 1, dies insbesondere, da vier Perso-
nen Gewalt gegenüber dem Opfer ausgeübt haben, zwei von ihnen durch je meh-
rere heftige Fusstritte, und der Dunkelhäutige im Ergebnis aus dem Kopf blutete.
Damit steht fest, dass die körperliche Integrität in einem sehr sensiblen Bereich
betroffen ist (vgl. auch Foto in Urk. D1/2/1 S. 3). Der genaue deliktische Erfolg ist
zwar unbekannt, doch hing es mit der Vorinstanz einzig vom Zufall ab, ob sich
das tatbestandsmässige Risiko einer schweren bzw. lebensgefährlichen Verlet-
zung namentlich durch die Vielzahl von Fusstritten verwirklichen würde. Eine nicht
unerhebliche Nähe zum tatbestandmässigen Erfolg einer schweren Körperverlet-
zung ist jedenfalls gegeben. Der Beschuldigte hat mit dem erwiesenen Handeln,
den heftigen Fusstritten, gegenüber dem bereits Wehrlosen alles Notwendige
hierzu getan. Dabei hat sich der Beschuldigte erkennbar ohne jedes Zögern
zusammen mit den drei Mittätern an der Attacke gegen das Opfer beteiligt. Die Art
und Weise des Tatvorgehens durch die vereinte Täterschaft und damit die grosse
Übermacht, was erschwerend ins Gewicht fällt, ist als brutal und auch hemmungs-
los zu bezeichnen. Die durch den Beschuldigten mit seinen kräftigen Tritten bei
der Tatausübung offenbarte kriminelle Energie erweist sich ebenfalls als beträcht-
lich. Aufgrund der unberechenbaren Dynamik erscheinen seine Tatbeiträge als
umso gefährlicher.
Beim objektiven Tatverschulden ist auch ein allfälliger Versuch zu beachten. Dass
es bei bloss versuchter Tatbegehung einer schweren Körperverletzung blieb, ist
lediglich strafmindernd zu werten, denn es ist von vollendetem Versuch auszuge-
hen, welcher das Verschulden des Täters an sich unberührt lässt. Gleichwohl hat
sich dieser Umstand hier – abweichend zur vorinstanzlichen Ansicht (Urk. 54
S. 30) – zugunsten des Beschuldigten auszuwirken. Während Art. 22 Abs. 1 StGB
die Strafmilderung, das heisst den Wechsel in den Sonderstrafrahmen des
Art. 48a StGB, ins richterliche Ermessen stellt, sollte das Ausbleiben des tatbe-
- 47 -
standsmässigen Erfolgs jedenfalls im Regelfall zu einer milderen Strafe führen als
derjenigen, auf die zu erkennen wäre, wenn der Täter das Delikt vollendet hätte.
Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe beim vollendeten Versuch hängt
dabei von der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolgs und den tatsächlichen
Folgen der Tat ab. Die Reduktion der Strafe soll mit andern Worten umso geringer
sein, je näher der tatbestandsmässige Erfolg und je schwerwiegender die tatsäch-
liche Folge der Tat war (BSK StGB I - Niggli/Maeder, 4. Aufl. Basel 2019, Art. 22
N 28 mit Verweisen). Wie gezeigt, ist es nicht dem Beschuldigten zu verdanken,
sondern einzig dem blossen Zufall, dass vorliegend keine nachweislich schweren
Verletzungen im Sinne von Art. 122 StGB resultierten. Angesichts des brutalen
eigenen Vorgehens, des gleichgerichteten, nicht minder aggressiven parallelen
Handelns durch E'._ und der Unterstützung durch D'._ und F'._
sowie der nicht beeinflussbaren Dynamik infolge der Täterübermacht hatte der
Beschuldigte keine Chance abzuschätzen oder gar zu beeinflussen, welche Fol-
gen seine Gewalteinwirkungen wie auch jene der Mittäter bzw. die Gesamtheit al-
ler Attacken auf den Dunkelhäutigen zeitigen würden. Das Opfer war einer hohen
Gefährdung ausgesetzt, was der Beschuldigte wusste und in Kauf nahm, und der
tatbestandmässige Erfolg wie gezeigt nicht allzu fern. Dass die Tat im Versuchs-
stadium stecken blieb, vermag die Strafe innerhalb des ordentlichen Strafrahmen
daher nur moderat zu mindern. Die objektive Tatschwere ist insgesamt noch
knapp leicht.
3.2 Betreffend die subjektive Tatschwere ist festzuhalten, dass der Beschuldigte
gezielt, bewusst, gewollt, wenn auch offensichtlich kurzfristig, am Tatgeschehen
partizipierte. Hinsichtlich des (möglichen) Taterfolgs ist aber von Eventualvorsatz
auszugehen, was sein Verschulden etwas relativiert. Beim Motiv steht Vergeltung
im Vordergrund, eine kollektive Abreibung gegenüber einem unliebsamen Gast.
Namentlich auch das Blut am Gesicht des Mitbeschuldigten F._, zu welchem
der Beschuldigte eine vater-sohn-ähnliche Beziehung ins Feld führt, soll ihn ge-
mäss seiner Aussage geschockt und zur Einmischung ins Geschehen bewogen
haben (Prot. I S. 13 ff.). Hätte es sich nur darum gehandelt, den Betroffenen des
Lokales zu verweisen, wäre dies statt mit den verübten Gewalttätigkeiten ebenso
mit einem entschiedenen gemeinsamen Hinausbegleiten erreichbar gewesen.
- 48 -
Hierzu befanden sich gemäss den Videoaufnahmen (Urk. D1/2/6) auch Securities
im Lokal. Entlastend wirkt das Motiv jedenfalls nicht. Der Beschuldigte handelte
überdies bei voll erhaltener Schuldfähigkeit; Abweichendes wurde weder behaup-
tet noch ist es aktenkundig. Zudem verfügte der Beschuldigte über uneinge-
schränkte Entscheidungsfreiheit, sich vom Vorfall fernzuhalten. Im Moment, als er
sich der Keilerei anschloss, ging vom Opfer kaum mehr eine Gefährdung nament-
lich gegenüber dem ihm nahestehenden F._ oder andern Personen aus, war
doch der Dunkelhäutige bereits durch zwei der Mitbeschuldigten überwältigt und
befand sich am Boden (vgl. vorne Erw. II. 4.1.4 und III. 3.6).
3.3 Das subjektive Tatverschulden vermag die objektive Tatschwere etwas zu
relativieren. Die Tatschwere ist – innerhalb des weiten Strafrahmens von 6 Mona-
ten bis zu 10 Jahren Freiheitsstrafe – insgesamt als noch leicht einzustufen. Es
rechtfertigt sich eine Einsatzstrafe in dessen unterem Bereich, bei 20 Monaten
Freiheitsstrafe.
4. Tatkomponente versuchte schwere Körperverletzung (Dossier 2)
4.1 In objektiver Hinsicht ist festzustellen, dass I._ der Übermacht einer
Mehrzahl von Tätern wehrlos ausgesetzt war, wobei er – bereits gebeutelt durch
einen andauernden Würgegriff seitens des Beschuldigten – nebst Schlägen je-
denfalls einen heftigen Fusstritt gegen das linke Auge/Schläfe kassierte. Dadurch
war die körperliche Integrität in einem sehr sensiblen Bereich betroffen, was auch
seine (kurze) Bewusstlosigkeit zeigt. Auch wenn daraus mit einem Schädelhirn-
trauma mit Augapfelprellung und Monokelhämatom links sowie rund zweiwöchi-
gen Beschwerden (Kopfweh, Schwindel, Übelkeit) und damit einhergehender Ar-
beitsunfähigkeit lediglich eine einfache Körperverletzung resultierte (Urk. 15 S. 3;
vgl. auch vorne Erw. II. 4.2.8), hing es doch einzig vom Zufall ab, ob sich das tat-
bestandsmässige Risiko einer schweren bzw. lebensgefährlichen Verletzung ver-
wirklichen würde. Das gilt umso mehr aufgrund der Unberechenbarkeit des Tat-
verlaufs bei der gegebenen Dynamik und geballten Aggression mit vielen Invol-
vierten. Eine nicht unerhebliche Nähe zum tatbestandmässigen Erfolg einer
schweren Körperverletzung ist jedenfalls zu bejahen. Der Beschuldigte mag mit
dem ihm nachgewiesenen Handeln allein diese Erfolgsnähe (noch) nicht bewirkt
- 49 -
haben, doch ist ihm wie dargelegt aufgrund der Mittäterschaft der gewalttätige
Übergriff auf I._ – den der Beschuldigte damals erkennbar mitgetragen und
nicht dagegen interveniert hat – in seiner Gesamtheit anzurechnen. Der Beschul-
digte offenbarte insbesondere durch seine zeitlich das ganze Tatgeschehen um-
fassende Rolle einige kriminelle Energie.
Da es beim Versuch einer schweren Körperverletzung blieb, rechtfertigt sich wie-
derum eine moderate Strafminderung, wobei zur Begründung im Wesentlichen
auf Erw. IV. 3.1 hiervor zu Dossier 1 verwiesen werden kann. Auch vorliegend ist
von einem vollendeten Versuch auszugehen. Die objektive Tatschwere erweist
sich insgesamt als gerade noch leicht.
4.2 Betreffend die subjektive Tatschwere ergibt sich, dass der Beschuldigte zu-
nächst gezielt, bewusst und gewollt, wenn auch kurzfristig, I._ packte, um ihn
im Hauruckverfahren aus dem Lokal zu entfernen. Insoweit handelte er mit direk-
tem Vorsatz. Indem er das Opfer draussen weiterhin, selbst nach dem Sturz zu
Boden, im Würgegriff behielt, manifestierte er sein Einverständnis mit den Schlä-
gen und dem Fusstritt, die seine Security-Kollegen dem wehrlosen Opfer nun ver-
abreichten. Hinsichtlich des (möglichen) Taterfolgs ist von Eventualvorsatz aus-
zugehen, was sein Verschulden etwas relativiert. Das Motiv ist nicht näher be-
kannt, doch dürfte es dem Beschuldigten darum gegangen sein, einem als Stö-
renfried empfundenen Gast mit einer kollektiven Abreibung eine gehörige Lektion
zu erteilen. Wäre es einzig darum gegangen, den Betroffenen loszuwerden, hätte
dies statt mit den verübten Gewalttätigkeiten ebenso mit einem entschiedenen
gemeinsamen Hinausbegleiten erreicht werden können. Entlastend wirkt das Mo-
tiv jedenfalls nicht. Der Beschuldigte handelte überdies bei voll erhaltener Schuld-
fähigkeit; Abweichendes wurde weder behauptet noch ist es aktenkundig. Zudem
verfügte der Beschuldigte, der den Tatauftakt machte, über uneingeschränkte
Entscheidungsfreiheit, von einem solchem Vorgehen abzusehen bzw. den Würge-
riff zu beenden resp. die weiteren Security-Mitarbeiter von ihrem Tun abzuhalten.
4.3 Das subjektive Tatverschulden vermag die objektive Tatschwere etwas zu
relativieren. Die Tatschwere ist insgesamt als noch leicht einzustufen. Separat be-
trachtet wäre für diese Tat jedenfalls eine deutlich überjährige Strafe auszufällen.
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In Nachachtung des Asperationsprinzips erscheint es angemessen, die für das
schwerste Delikt festgesetzte Einsatzstrafe (vorne Erw. IV. 3.3) aufgrund des
gewalttätigen Vorgehens gegen I._ um 12 Monate auf 32 Monate zu erhö-
hen.
5. Täterkomponente
5.1 Zum Werdegang und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
kann vollumfänglich auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 54 S. 32 f.; ferner Urk. D1/3/1 S. 10 f.; Urk. D1/13/2; Prot. I S. 10 ff.).
Aktualisierend führte der Beschuldigte an der Berufungsverhandlung aus, als
Bodenleger zu arbeiten und Fr. 4'500.– netto zu erzielen und etwa Fr. 20'000.–
Schulden zu haben, sowie verlobt zu sein (Urk. 78 S. 2 ff.). Diese Biografie wirkt
sich mit der Vorinstanz strafzumessungsneutral aus.
5.2 Wie die Vorinstanz zutreffend erwog (vgl. Urk. 54 S. 33), zeigte sich der
Beschuldigte betreffend den äusseren Sachverhalt von Dossier 1 im Verlauf des
Verfahrens zwar grösstenteils geständig (vgl. Urk. D1/3/5 S. 5; Prot. I S. 13, 15
und 23). Aufgrund der Videosequenzen war die Beweislage jedoch erdrückend
(vgl. Urk. D1/2/5; Urk. D1/2/6), so dass nicht davon auszugehen ist, dass gerade
das Geständnis das Verfahren wesentlich vereinfacht hat. Betreffend Dossier 2
bestritt der Beschuldigte den Anklagevorwurf durchgehend. Dennoch rechtfertigt
es sich, das teilweise Geständnis – abweichend zur Vorinstanz, welche eine
Strafminderung ganz ablehnte – doch minim strafreduzierend zu berücksichtigen.
5.3 Straferhöhend fällt indessen ins Gewicht, dass der Beschuldigte während
laufender Strafuntersuchung straffällig wurde. So lief gegen den Beschuldigten im
Zeitpunkt des Vorfalls im Lokal "B._" bereits eine Strafuntersuchung wegen
(schwerer) Körperverletzung im Dancing "G._".
5.4 Anzeichen von echter Einsicht oder Reue sind mit der Vorinstanz (Urk. 54
S. 33 f.) nur in Bezug auf Dossier 1 ersichtlich. Der Beschuldigte führte zum
Vorfall im B._ wiederholt glaubhaft aus, er habe falsch reagiert und es tue
ihm leid (Urk. D1/3/3 S. 4 f.; Urk. D1/3/4 S. 6; Urk. D1/3/5 S. 5; Prot. I S. 13 ff., 26,
- 51 -
98 f.; Urk. 78 S. 6). In der Videoaufnahme (Urk. D1/2/5) ist denn auch erkennbar,
dass er dem Dunkelhäutigen im Anschluss an die Attacke Wasser und Eis
brachte. Das ist ebenfalls leicht strafmindernd zu würdigen.
5.5 Es liegt mit der Vorinstanz keine besondere Strafempfindlichkeit vor, die zu
berücksichtigen wäre (Urk. 54 S. 34).
5.6 Die täterbezogenen Elemente verhalten sich im Ergebnis strafzumessungs-
neutral.
5.7 Desinteresseerklärung von I._
Mit Eingabe vom 7. November 2018 – mithin rund 14 Monate nach dem zu
beurteilenden Vorfall – liess der ehemalige Privatkläger I._ durch seinen
Rechtsvertreter, Rechtsanwalt lic. iur. Y._, seinen Strafantrag wegen Körper-
verletzung zurückziehen und sein Desinteresse an einer weiteren Strafverfolgung
und Bestrafung des Beschuldigten erklären (Urk. 20). Darauf Bezug nehmend,
verwies die frühere Verteidigerin des Beschuldigten vor Vorinstanz auf Art. 53
StGB. Sogar bei einer erwiesenen Straftat lasse dies unter Umständen die Ein-
stellung des Verfahrens resp. den Umgang von einer Bestrafung zu (Urk. 33 S. 15
f.).
Vorab ist zu konstatieren, dass in den Anwendungsfällen der Strafbefreiung im
Sinne von Art. 52 bis 54 StGB im Stadium des gerichtlichen Verfahrens nach der
Anklageerhebung nur ein Schuldspruch unter Verzicht auf Strafe möglich. Ein
Freispruch oder eine Verfahrenseinstellung gestützt auf diese Bestimmungen fällt
somit ausser Betracht. Dies ergibt sich schon aus dem Wortlaut von Art. 52, 53
und 54 StGB, wonach die zuständige Behörde von einer "Bestrafung" absieht
(BGE 139 IV 220 E. 3.4 und E. 3.4.7, bestätigt in den Urteilen des Bundesgerichts
6B_479/2018 vom 19. Juli 2019 E. 2.4.2, 6B_167/2018 vom 5. März 2019 E. 1.2
und 6B_983/2017 vom 20. März 2017 E. 1.2). Eine Desinteresseerklärung des
Geschädigten resp. Privatklägers ändert nichts daran, dass die staatlichen
Behörden bei Offizialdelikten – hier mehrfache versuchte schwere Körperver-
letzung – von Amtes wegen abzuklären haben, ob in tatsächlicher und rechtlicher
- 52 -
Hinsicht eine strafbare Handlung vorliegt (Urteil des Bundesgerichts 6B_667/2019
vom 4. Dezember 2019 E. 3.2). Ob sich trotz Schuldspruch in Anwendung von
Art. 52 ff. StGB allenfalls ein Verzicht auf Strafe rechtfertigt, ist im Rahmen der
Strafzumessung zu thematisieren.
Vorliegend besteht sowohl in spezial- als auch in generalpräventiver Hinsicht
nach wie vor ein unvermindertes Strafbedürfnis. Ein Verhalten, wie es der Be-
schuldigte zu diversen Zeitpunkten (2017 und 2018) an unterschiedlichen Örtlich-
keiten und gegenüber zwei verschiedenen Opfern an den Tag legte, gefährdet die
körperliche Integrität von Personen und damit auch die Sicherheit im gesellschaft-
lichen Leben in hohem Masse. Die beiden Taten stellen mithin keine singulären
Fehltritte dar, was sich ergänzend auch aus den nicht unbedeutenden Verkehrs-
delikten aus dem Jahre 2019 ergibt. Folglich ist im Interesse der Öffentlichkeit
eine Strafbefreiung wegen fehlendem Strafbedürfnis im Sinne von Art. 52 ff. StGB
klar zu verwerfen. Davon abgesehen hat der Beschuldigte das von ihm gegen-
über I._ bewirkte Unrecht gar nicht anerkannt. Schliesslich fehlt es auch an
jeglichen Hinweisen auf Wiedergutmachungsbemühungen des Beschuldigten.
Das schriftlich mitgeteilte Desinteresse von I._ an einer weiteren
Strafverfolgung resp. einer Bestrafung des Beschuldigten bleibt ohne Einfluss auf
die Strafzumessung.
6. Fazit Strafzumessung Freiheitsstrafe
In gesamthafter Würdigung aller Strafzumessungsfaktoren resultiert für die Taten
gemäss Dossier 1 und Dossier 2 eine Freiheitsstrafe von 32 Monaten.
An diese Freiheitsstrafe sind 220 Tage Untersuchungs- und Sicherheitshaft anzu-
rechnen (Art. 51 StGB; 24. Juni 2018 bis und mit 29. Januar 2019; vgl. Urk. 54
S. 34 und vorne Erw. I. 2.1).
7. Gewaltdarstellung (Dossier 3)
7.1 Tatkomponente
- 53 -
Zur objektiven Tatschwere dieses vom Beschuldigten im Berufungsverfahren
nicht mehr bestrittenen Delikts ist festzuhalten, dass das auf seinem beschlag-
nahmten Mobiltelefon vorgefundene Video die äusserst brutale Folterung und Tö-
tung eines Mannes mit einem Messer zeigt. Auf der Filmaufnahme ist ein bereits
geköpfter männlicher Leichnam zu erkennen. Darüber liegt ein noch lebender
Mann, bei welchem mit einem Messer im Herzbereich der Torso geöffnet wird.
Danach wird dem Mann bei lebendigem Leibe der Bauch aufgeschnitten und an-
schliessend die Bauchdecke skalpiert. Dann greift der Schlächter in den Torso
des Mannes, greift das Herz und schneidet es heraus. Er hält das Herz in den
Händen und wirft es schlussendlich auf den Körper des gefolterten und getöteten
Mannes. Zum Schluss der Filmaufnahme steckt man dem Mann noch das Messer
in den rechten Brustbereich (Urk. D3/1-2). Es handelt sich um eine geradezu bes-
tialische Abschlachtung eines Menschen, ein blanker Horror. Selbst vor dem Tier-
schutzgesetz hätte ein solches Vorgehen nicht im geringsten Bestand. Gemäss
erstelltem Sachverhalt (vgl. Urk. 54 S. 17 f.) war dieses Video dem Beschuldigten
in einem Gruppenchat via WhatsApp geschickt worden, worauf er es kurz an-
schaute und dann abstellte, als er sah, worum es ging. Weiter ist erwiesen, dass
sich das Video mehrere Monate auf seinem Mobiltelefon befand (Prot. I S. 23 f.;
Urk. D1/3/5 S. 6 und D3/3 S. 2). Obwohl es sich nur um eine Filmaufnahme han-
delt, ist die objektive Tatschwere aufgrund des absolut barbarischen Inhalts und
des mehrmonatigen Besitzes durch den Beschuldigten sehr erheblich. Zu seinen
Gunsten wirkt sich aus, dass ihm keine aktive Beschaffungshandlung nachgewie-
sen werden kann. Die objektive Tatschwere ist damit als erheblich einzustufen.
In subjektiver Hinsicht hat die Vorinstanz dem Beschuldigten zugestanden und
strafmindernd in die Waage gelegt, lediglich mit Eventualvorsatz gehandelt zu ha-
ben. Dem kann nicht zugestimmt werden. Vielmehr ist von direktem Vorsatz be-
treffend den Besitz auszugehen, was einer weiteren Strafreduktion entgegensteht.
Dass ein junger Mann der Generation Y nicht gewusst haben will, dass sein eige-
nes Mobiltelefon (iPhone) über WhatsApp empfangene Bilder und Videos auto-
matisch auch bei den eigenen Aufnahmen speichert (Prot. I S. 25), ist völlig
unglaubhaft. Abgesehen davon hat der Beschuldigte uneinheitlich ausgesagt: Am
20. Juli 2018 gegenüber dem Staatsanwalt führte er aus, das Video sei ihm vor 7
- 54 -
oder 8 Monaten von einem Kollegen geschickt worden. Es sei richtig, dass es auf
seinem Mobiltelefon gespeichert gewesen sei. Da sei es halt geblieben. Er habe
es nicht angeschaut (Urk. D3/3 S. 2). Erst ein halbes Jahr später vor Vorinstanz
machte er geltend, er habe das Video – dessen Inhalt er beschreiben konnte –
damals geöffnet, kurz angeschaut und sogleich gelöscht. Dass es ein paar Mona-
te auf dem Mobiltelefon gewesen sei, sei unabsichtlich passiert (Prot. I S. 23 f.).
Ein entlastendes Motiv ist nicht ersichtlich. Fraglos wäre es dem Beschuldigten
möglich gewesen, diese Gewaltdarstellung nach deren Empfang definitiv zu
löschen, zumal er von Anfang an um dessen abscheulichen Inhalt wusste. Das
subjektive Verschulden vermag die objektive Tatschwere nicht zu relativieren.
Angesichts des gegebenen Strafrahmens von Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr
oder Geldstrafe rechtfertigt die Tatkomponente eine Einsatzstrafe von
110 Tagessätzen Geldstrafe.
7.2 Täterkomponente
Für die Biografie und Strafempfindlichkeit kann vorab auf die Ausführungen in
Erw. IV. 5 hiervor verwiesen werden. Das Geständnis des Beschuldigten zu
diesem Vergehen ist strafmindernd zu berücksichtigen, allerdings nur minim, da
die Beweislage aufgrund des Durchsuchungsergebnisses ohnehin erdrückend
war (vgl. Urk. D3/1-2). Weiteres Nachtatverhalten wie etwa Einsicht oder Reue ist
nicht aktenkundig.
Die Täterkomponente führt zu einer geringfügigen Reduktion der Einsatzstrafe
aufgrund der Tatkomponente. Es resultiert eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen.
7.3 Bei den aktuellen wirtschaftlichen Verhältnissen erscheint ein Tagessatz in
der Höhe von Fr. 50.– angemessen.
7.4 Zusatzstrafe
Hat das Gericht eine Tat zu beurteilen, die der Täter begangen hat, bevor er
wegen einer andern Tat verurteilt worden ist, so bestimmt es die Zusatzstrafe in
der Weise, dass der Täter nicht schwerer bestraft wird, als wenn die strafbaren
- 55 -
Handlungen gleichzeitig beurteilt worden wären (Retrospektive Konkurrenz;
Art. 49 Abs. 2 StGB). Eine solche Konstellation ist hier gegeben in Bezug auf den
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Baden vom 30. April 2019 betreffend die am
6. März 2019 begangenen Verkehrsdelikte mit einer Sanktion von 40 Tages-
sätzen Geldstrafe (Einsatz- oder Grundstrafe; vgl. Urk. 68) und die heute zu
beurteilende Gewaltdarstellung gemäss Dossier 3. Eine Zusatzstrafe ist nur bei
gleichartigen Strafen auszusprechen, mithin vorliegend hinsichtlich der Geldstrafe
für das Gewaltdelikt. Das Gericht muss gedanklich eine Gesamtstrafe mit der neu
zu beurteilenden Straftat und den bereits beurteilten Straftaten festlegen und in
den Strafzumessungserwägungen – ausnahmsweise mittels Zahlenangaben –
beziffern. Davon hat es die Dauer der im rechtskräftigen Entscheid ausgefällten
Einsatz- oder Grundstrafe zu subtrahieren. Die Differenz ist die Zusatzstrafe (vgl.
OFK/StGB-Heimgartner, 20. Auflage, Zürich 2018, Art. 49 N 7 ff. mit Hinweisen;
BGE 142 IV 265 E. 2.4).
Ausgehend von der Gewaltdarstellung als das schwerere Delikt, welches separat
betrachtet zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen führen würde, wären für die
Verkehrsdelikte in Nachachtung des Asperationsprinzips 30 Tagessätze zu
addieren. Von dieser gedanklich gebildeten Gesamtstrafe von 130 Tagessätzen
ist die Dauer der unabänderlichen Strafe für die rechtskräftig abgeurteilten SVG-
Delikte von 40 Tagessätzen gemäss dem Strafbefehl vom 30. April 2019 zu
subtrahieren. Es resultiert somit eine vorliegend auszusprechende Zusatzstrafe
von 90 Tagessätzen Geldstrafe für die Gewaltdarstellung gemäss Dossier 3.
7.5 Fazit Strafzumessung Geldstrafe
Für die Tat gemäss Dossier 3 ist der Beschuldigte mit einer Geldstrafe von
90 Tagessätzen zu Fr. 50.– zu bestrafen, als Zusatzstrafe zum Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Baden vom 30. April 2019.
8. Vollzug
- 56 -
8.1 Für Freiheitsstrafen, die zwischen zwei und drei Jahren und damit über der
Grenze für bedingte Strafen liegen, sieht Art. 43 StGB einen eigenständigen
Anwendungsbereich vor. An die Stelle des vollbedingten Strafvollzuges, der hier
ausgeschlossen ist (Art. 42 Abs. 1 StGB), tritt der teilbedingte Vollzug, wenn die
subjektiven Voraussetzungen dafür gegeben sind. Die subjektiven Voraussetzun-
gen des teilbedingten Vollzugs richten sich nach denselben Kriterien, die für den
vollbedingten Vollzug gemäss Art. 42 StGB gelten (BGE 139 IV 270 E. 3.3 S. 277;
BGE 134 IV 1 E. 5.3.1 S. 10; Urteil des Bundesgerichts 6B_1005/2017 vom 9. Mai
2018 E. 4.2.1). Auch die teilbedingte Strafe im Sinne von Art. 43 StGB setzt eine
begründete Aussicht auf Bewährung voraus. Wenn und soweit die Legalprognose
nicht schlecht ausfällt, muss der Vollzug jedenfalls eines Teils der Strafe auf Be-
währung ausgesetzt werden. Andererseits ist bei einer schlechten Prognose auch
ein bloss teilweiser Aufschub der Strafe ausgeschlossen. Bemessungsregel bei
der Festsetzung des aufzuschiebenden und des zu vollziehenden Strafteils bildet
das Ausmass des Verschuldens. Das Verhältnis der Strafteile ist so festzusetzen,
dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewährung des Täters einerseits und
dessen Einzeltatschuld anderseits hinreichend zum Ausdruck kommen. Je güns-
tiger die Prognose und je kleiner die Vorwerfbarkeit der Tat, desto grösser muss
der auf Bewährung ausgesetzte Strafteil sein. Der unbedingte Strafteil darf das
unter Verschuldensgesichtspunkten (Art. 47 StGB) gebotene Mass nicht unter-
schreiten.
8.2 Der Beschuldigte gilt als Ersttäter. Gemäss dem Auszug aus dem Schweize-
rischen Strafregister vom 8. September 2020 (Urk. 68) verfügt der Beschuldigte
zwar nicht über ein Vorstrafe, doch delinquierte er während der Dauer des vorlie-
genden Verfahrens: Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Baden vom 30. April
2019 wurde er wegen (einfacher) Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Abs. 1 SVG und wegen mehrfacher grober Verletzung der Verkehrsregeln
im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG, je begangen am 6. März 2019, mit einer Geld-
strafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 120.–, bedingt vollziehbar bei einer Probezeit
von 2 Jahren, und mit einer Busse von Fr. 1'200.– bestraft. Es besteht grundsätz-
lich begründete Aussicht auf Bewährung; dem Beschuldigten kann die notwendi-
ge günstige Prognose für eine teilbedingte Freiheitsstrafe gestellt werden, wenn
- 57 -
auch – aufgrund der Delinquenz während laufendem Verfahren – nicht ganz ohne
einen verbleibenden Rest an Bedenken. Trotz mehrfacher Tatbegehung erweist
sich das Verschulden auch insgesamt noch als nicht allzu schwer. Es rechtfertigt
sich ein Vollzugsanteil von wenig über dem gesetzlichen Minimum von 6 Monaten
(Art. 43 Abs. 3 StGB). Der zu vollziehende Strafanteil ist vorliegend auf 12 Monate
zu bemessen. Für den zur Bewährung ausgesetzten verbleibenden Strafanteil
von 20 Monaten ist die Probezeit nach dem Gesagten auf 3 Jahre festzusetzen.
Auch für die als Zusatzstrafe auszusprechende Geldstrafe wegen der Gewalt-
darstellung ist der Vollzug unter Verweis auf die obigen Erwägungen unter An-
setzung einer Probezeit von 3 Jahren aufzuschieben.
V. Landesverweisung und Ausschreibung im SIS
1. Die gesetzlichen Grundlagen sind im angefochtenen Urteil wiedergegeben,
worauf verwiesen werden kann (Urk. 54 S. 37 f.).
2. Der aus Slowenien stammende Beschuldigte hat sich der mehrfachen ver-
suchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22
Abs. 1 StGB schuldig gemacht. Schwere Körperverletzung zählt zu den Katalog-
taten (Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB). Auch die bloss versuchte Begehung einer
Katalogtat ist von Art. 66a Abs. 1 StGB erfasst, und die Landesverweisung ist
auch unabhängig davon anzuordnen, ob die Strafe bedingt, teil- oder unbedingt
ausgesprochen wurde (BGE 144 IV 168 E. 1.4.1; Urteile des Bundesgerichts
6B_1024/2019 vom 29. Januar 2020 E. 1.3.1 und 6B_841/2019 vom 15. Oktober
2019 E. 1.1). Damit ist der Beschuldigte gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB
grundsätzlich des Landes zu verweisen. Es liegt ein Fall der obligatorischen
Landesverweisung vor.
Von der Landesverweisung kann gemäss Art. 66a Abs. 2 StGB nur "ausnahms-
weise" abgesehen werden, wenn sie kumulativ [1] einen "schweren persönlichen
Härtefall" bewirken würde (vgl. nachfolgende Erw. V. 3.1 f.) und [2] "die  Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen
des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen" (vgl. nachfolgende
- 58 -
Erw. V. 3.3). Diese sog. Härtefallklausel dient der Umsetzung des Verhältnismäs-
sigkeitsprinzips (vgl. Art. 5 Abs. 2 BV; BGE 145 IV 364 E. 3.2; 144 IV 332
E. 3.1.2; je mit Hinweisen). Sie ist restriktiv anzuwenden (BGE 144 IV 332
E. 3.3.1, publ. in: Pra 6/2019 S. 698; Urteil des Bundesgerichts 6B_1474/2019
vom 23. März 2020 E. 1.2). Dabei ist anhand der gängigen Integrationskriterien
eine Einzelfallprüfung vorzunehmen (Urteil des Bundesgerichts 6B_1024/2019
vom 29. Januar 2020 E. 1.3.2 mit Hinweisen, E. 1.3.6). Nach der bundesgericht-
lichen Rechtsprechung lässt sich zur Prüfung des Härtefalls im Sinne von Art. 66a
Abs. 2 StGB der Kriterienkatalog der Bestimmung über den "schwerwiegenden
persönlichen Härtefall" in Art. 31 Abs. 1 der Verordnung vom 24. Oktober 2007
über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE; SR 142.201) heran-
ziehen. Zu berücksichtigen sind namentlich der Grad der (persönlichen und wirt-
schaftlichen) Integration, einschliesslich familiärer Bindungen des Ausländers in
der Schweiz bzw. in der Heimat, Aufenthaltsdauer und Resozialisierungschancen.
Ebenso ist der Rückfallgefahr und wiederholter Delinquenz Rechnung zu tragen.
Das Gericht darf auch vor dem Inkrafttreten von Art. 66a StGB begangene Straf-
taten berücksichtigen (BGE 146 IV 105 E. 3.4.1; 144 IV 332 E. 3.3.2; Urteil des
Bundesgerichts 6B_348/2020 vom 14. August 2020 E. 1.2.1). Nach der gesetz-
lichen Systematik ist die obligatorische Landesverweisung anzuordnen, wenn die
Katalogtaten einen Schweregrad erreichen, so dass die Landesverweisung zur
Wahrung der inneren Sicherheit notwendig erscheint. Diese Beurteilung lässt sich
strafrechtlich nur in der Weise vornehmen, dass massgebend auf die verschul-
densmässige Natur und Schwere der Tatbegehung, die sich darin manifestieren-
de Gefährlichkeit des Täters für die öffentliche Sicherheit und auf die Legal-
prognose abgestellt wird (Urteile des Bundesgerichts 6B_348/2020 vom
14. August 2020 E. 1.2.1; 6B_742/2019 vom 23. Juni 2020 E. 1.1.2; 6B_627/2018
vom 22. März 2019 E. 1.6.2; je mit Hinweisen).
Von einer Landesverweisung kann ferner abgesehen werden, wenn die Tat in
entschuldbarer Notwehr (Art. 16 Abs. 1 StGB) oder in entschuldbarem Notstand
(Art. 18 Abs. 1 StGB) begangen wurde (Art. 66a Abs. 3 StGB). Gemäss erstelltem
Sachverhalt fällt die Anwendung von Art. 66a Abs. 3 StGB zum Vorneherein
ausser Betracht, so dass sich eine entsprechende Prüfung erübrigt.
- 59 -
3. Härtefallprüfung
3.1 Wie die Vorinstanz korrekt ausführte (Urk. 54 S. 37), ist ein schwerer
persönlicher Härtefall dann als gegeben zu erachten, wenn die Landesverweisung
den Ausländer verglichen mit der potenziellen Wegweisung von anderen Auslän-
dern in stark erhöhtem Masse treffen würde und für ihn erhebliche Nachteile zur
Folge hätte, sodass die Landesverweisung für ihn zu einer nicht hinnehmbaren
Härte führen würde. Als konkrete Härtefallgründe fallen dabei insbesondere die
Anwesenheitsdauer, die familiären Verhältnisse, die Arbeits- und Ausbildungs-
situation, die Persönlichkeitsentwicklung, der Grad der Integration sowie die Re-
sozialisierungschancen des Beschuldigten in der Heimat und hierorts in Betracht.
3.2 Im Einklang mit der Vorinstanz (Urk. 54 S. 38 f.) ist festzustellen, dass der
Beschuldigte seit Ende 2012/Anfang 2013 in der Schweiz lebt, was noch nicht
sehr lange ist. Er ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Er hat eine Freundin
bzw. Verlobte, welche Schweizerin albanischer Herkunft ist. Er wurde im Kosovo
geboren und wuchs in Slowenien mit seinen Eltern und seinem Bruder auf. Dort
besuchte er für 9 Jahre die Schule. Danach ging er für 2 Jahre auf eine Hoch-
schule im Bereich Bauingenieur/Hochbau. Diese Ausbildung brach er ab, als er in
die Schweiz kam. In der Schweiz arbeitete er vor seiner Verhaftung während
5 Jahren als Bodenleger. Nach eigenen Angaben verdient der Beschuldigte
monatlich ca. Fr. 4'500.– und verfügt über kein Vermögen. Er hat Schulden in der
Höhe von ca. Fr. 15'000.– aufgrund eines Autokaufs. Der Beschuldigte ist Profi-
boxer unter einer Verbandslizenz und boxte im Zeitraum von 2007 bis 2012 auch
schon in Slowenien für jenes Land gegen Entgelt. Konkret erhielt er einen Lohn
von ca. 1'000 bis 1'200 Euro. Vor den hier zu beurteilenden Delikten ist der Be-
schuldigte strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten. Doch hat er sich während
des laufenden Verfahrens, im Frühling 2019, strafbar gemacht (vgl. vorne Erw. IV.
5.2). Seine Eltern leben in Slowenien. Zu ihnen hat er eine gute und enge Bezie-
hung und unterstützt sie auch finanziell. Sein Bruder lebt seit fast drei Jahren
auch in der Schweiz. Dieser weilt gelegentlich beim Beschuldigten in der Schweiz
als Gast. Mit der deutschen Sprache ist der Beschuldigte nicht allzu vertraut. Alle
- 60 -
Einvernahmen wurden mit Hilfe eines Dolmetschers durchgeführt (Urk. D1/13/1-2;
Urk. D1/12/28 S. 9 f.; Prot. I S. 10 f., 27 und 98; Urk. 78).
Der heute 27 Jahre alte Beschuldigte lebt damit erst seit rund 7 Jahren in der
Schweiz, das entspricht einer eher kurzen Aufenthaltsdauer. Der Beschuldigte ist
weder in der Schweiz geboren noch hier aufgewachsen noch hat er hierorts Schu-
len besucht oder eine Ausbildung absolviert. Seine ganze Kindheit und Jugend
bis fast zum vollendeten 20. Altersjahr verbrachte er mit seiner angestammten
Familie in Slowenien. Dort absolvierte er auch seine bisherige Ausbildung, bis hin
zu einem partiellen Hochschulstudium. Er ist mit der dortigen Kultur vertraut und
beherrscht seine Muttersprache Slowenisch neben Albanisch weit besser als
Deutsch. Er verfügt sodann über wichtige familiäre Kontakte in Slowenien, da sei-
ne Eltern und sein Bruder dort leben. Hinsichtlich seiner Integration in der
Schweiz ist festzuhalten, dass er mit einer Schweizerin albanischen Ursprungs
zusammen bzw. verlobt ist, bis zu seiner Verhaftung einer Arbeit nachgegangen
ist und laut eigenen Angaben Deutsch spricht. Mit seiner Boxkarriere will er wei-
terfahren und sogar für die Schweiz kämpfen. Hier seien für ihn als Sportler neue
Wege frei geworden. Seine Beziehung zur Schweiz bezeichnet er persönlich, be-
ruflich und sportlich als sehr gut, während er angibt, zu seinem Heimatland eine
schwache Verbindung zu haben (Urk. D1/13/2 S. 2, D1/33 S. 24; Prot. I S. 10 f.
und 98 f.). Obwohl von einer gewissen Integration des Beschuldigten in der
Schweiz auszugehen ist, erscheint er unter objektiven Gesichtspunkten in seinem
Heimatland insgesamt weit stärker verwurzelt als in der Schweiz. Slowenisch ist
seine Muttersprache, im Heimatland wurde er zwei Jahrzehnte lang sozialisiert
und reifte zum erwachsenen Menschen heran, dort hat er alle Schulen besucht
und sein berufliches Fundament gelegt. Die prägenden Jahre seiner Kindheit und
Jugend hat er demnach in Slowenien zugebracht. Erst als Erwachsener kam er in
die Schweiz. Dass dies aus einer Notlage oder sonstigen Drucksituation heraus
geschehen wäre, wurde weder geltend gemacht noch ist es ersichtlich. Es ist dem
noch jungen Beschuldigten daher zweifellos gut möglich und auch zuzumuten,
sich im Heimatland, wo mit den Eltern auch seine nächsten Verwandten wohnen,
wieder einzuleben sowie sozial und beruflich zu integrieren, allenfalls auch seine
abgebrochene Ausbildung wieder aufzunehmen. Auch sollte es ihm bei seinem
- 61 -
Bildungsstand – ergänzt um die Berufserfahrung in der Schweiz – ohne Schwie-
rigkeiten gelingen, in Slowenien eine Arbeitsstelle zu finden. Da er schon in frühe-
ren Jahren in Slowenien berufsmässig den Boxsport ausgeübt hat, bietet sich ihm
dort auch die Gelegenheit, wieder für seine Heimatland aufzutreten. Seine Reso-
zialisierungschancen sind sowohl in der Schweiz als auch in Slowenien intakt, aus
welchem Land er wie gesehen um den Jahreswechsel 2012/2013 freiwillig weg-
gezogen ist. Zudem ist Slowenien lediglich rund eine Flugstunde bzw. ca. acht
Autostunden entfernt und es existieren heute schnelle und günstige Kommunika-
tionswege. Weiter hat die Verlobte des Beschuldigten die Möglichkeit, den Be-
schuldigten nach Slowenien zu begleiten und dort an seiner Seite Fuss zu fassen.
Gestützt auf ihre albanischen Wurzeln dürften ihr die slawische Kultur und die
dortige Sprache nicht gänzlich fremd sein. Alternativ ist es ihr unbenommen, den
Beschuldigten von der Schweiz aus so oft wie möglich in Slowenien zu besuchen.
Der Beschuldigte legt auch nicht dar und es ist nicht erkennbar, dass er von einer
Landesverweisung ungleich schwerer betroffen sein soll als andere ausländische
Straftäter. In Anbetracht all dieser Umstände kann nicht gesagt werden, dass ein
Verlassen der Schweiz bei objektiver Betrachtung zu einem nicht hinnehmbaren
Eingriff in die Daseinsberechtigung des Beschuldigten führen würde. Dass ein
Leben in der Schweiz vor allem wirtschaftlich komfortabler sein dürfte als in
Slowenien, begründet keinen Härtefall. Denn der Gesetzgeber hat mit Art. 121
Abs. 3-6 BV und Art. 66a ff. StGB eine Verschärfung der zuvor geltenden auslän-
derrechtlichen Rechtsprechung angestrebt (BGE 145 IV 55 E. 4.3; 144 IV 332
E. 3.3.3; Urteile des Bundesgerichts 6B_1338/2019 vom 8. Juli 2020 E. 3.2 und
6B_736/2019 vom 3. April 2020 E. 1.2.2), sodass der Verzicht auf eine Landes-
verweisung wegen eines persönlichen Härtefalls nur mehr ausnahmeweise in
Frage kommt (Urteil des Bundesgerichts 6B_1338/2019 vom 8. Juli 2020 E. 3.2).
Ein schwerer persönlicher Härtefall liegt somit nicht vor.
3.3 Selbst wenn ein Härtefall noch knapp zu bejahen wäre, würde das öffent-
liche Interesse an der Landesverweisung des Beschuldigten seine privaten Inte-
ressen am Verbleib in der Schweiz überwiegen. Zum öffentlichen Interesse ist
festzuhalten, dass die vom Beschuldigten mehrfach begangene versuchte schwe-
re Körperverletzung ein Verbrechen darstellt und damit als schwere strafbare
- 62 -
Handlung einzustufen ist. Obwohl nicht Katalogtat gemäss Art. 66a StGB, ist er-
gänzend anzufügen, dass die beim Beschuldigten vorgefundene Gewaltdarstel-
lung im Sinne von Art. 135 Abs. 1bis StGB ebenfalls die körperliche Integrität und
damit eines des höchsten Rechtsgüter betrifft. Betroffen von den gewalttätigen
Handlungen des Beschuldigten waren zudem zwei verschiedene Opfer an
unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Das zeigt, dass
das Ausüben von Gewalttätigkeiten gegenüber Menschen dem Beschuldigten
nicht ganz persönlichkeitsfremd ist. Es liegt hinsichtlich der versuchten schweren
Körperverletzungen ein geradezu klassischer Anwendungsfall von Art. 66a StGB
vor: Ratio legis der Einführung dieser Gesetzesbestimmung war unstreitig, gefähr-
liche ausländische Täter aus dem Land zu entfernen und so die Bevölkerung zu
schützen. Wer sich derart wie in den erstellen Sachverhalten aufführt, ist ein solch
gefährlicher Täter und verdient keinen Schutz seiner persönlichen Interessen an
einem Verbleib in der Schweiz. Aus diesem Grund ist der Beschuldigte auch zu
einer mehrjährigen Freiheitsstrafe zu verurteilen, wobei es wie erwähnt irrelevant
ist, dass er dabei in den Genuss eines bloss teilbedingten Vollzuges kommt.
Ebenso wenig kann der Beschuldigte aus dem Umstand, dass das Verschulden
insgesamt je "als noch leicht" taxiert wurde (vorne Erw. IV. 3.3 und 4.3), etwas für
sich ableiten. Diese Relativierung seines Verschuldens betrifft nicht das Delikt der
schweren Körperverletzung als solches, welches zu den Verbrechen zählt,
sondern lediglich die konkrete Einordnung innerhalb des von 6 Monaten bis zu
10 Jahren reichenden Strafrahmens für die schwere Körperverletzung. Der Be-
schuldigte, auch wenn Ersttäter, stellt eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und
Sicherheit dar. Was die Legalprognose betrifft, kann ein schon ein geringes, aber
tatsächlich vorhandenes Risiko einer Verletzung hoher Rechtsgüter, wie hier die
körperliche Unversehrtheit, das öffentliche Interesse an der Landesverweisung
bestärken. Das trifft vorliegend zu aufgrund des mehrfachen diesbezüglichen
Delinquierens des Beschuldigten bei nur teilweiser Einsicht und Reue. Die
Tatumstände werfen kein gutes Licht auf den Beschuldigten. Zu erwähnen ist
schliesslich die neue, wenn auch weder einschlägige noch eine Katalogtat bilden-
de mehrfache Delinquenz des Beschuldigten im Jahre 2019. Es ergibt sich dar-
aus, dass die vorliegend zu ahnenden Taten nicht bloss einmalige Ausrutscher
- 63 -
des Beschuldigten darstellen, weshalb gewisse Bedenken bezüglich seines künf-
tigen Wohlverhaltens bestehen und für die auf Bewährung ausgesetzte restliche
Freiheitsstrafe und die Geldstrafe die Probezeit auf 3 Jahre und damit mehr als
das gesetzliche Minimum festzusetzen ist. Zusammenfassend stehen dem
gewichtigen öffentlichen Interesse an der Landesverweisung des Beschuldigten
seine zwar nicht unerheblichen, aber doch geringeren privaten Interessen am
Verbleib in der Schweiz gegenüber. Demzufolge sind die Voraussetzungen für ein
Absehen von der Landesverweisung gemäss Art. 66a Abs. 2 StGB nicht erfüllt.
3.4 Slowenien, dessen Staatsangehörigkeit der Beschuldigte besitzt, ist ein Mit-
gliedstaat der Europäischen Union. Es ist daher überdies zu klären, ob dem Be-
schuldigten als EU-Bürger trotz der strafrechtlichen Verurteilung gestützt auf das
Freizügigkeitsabkommen (vgl. das Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemein-
schaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit [Freizügig-
keitsabkommen, FZA; SR 0.142.112.681]), ein Aufenthaltsrecht hierorts zusteht.
Diese Prüfung hat die Vorinstanz unterlassen.
3.4.1 Ob eine Landesverweisung anzuordnen ist, bestimmt sich nach dem
Schweizer Recht. Ist das nach dem massgebenden Recht der Fall, stellt sich ge-
gebenenfalls die weitere Frage, ob sie im Sinne von Art. 66d StGB aufzuschieben
ist oder ob ein völkerrechtlicher Vertrag (die Kriterien der EMRK werden regel-
mässig bei der Härtefallbeurteilung zu prüfen sein) wie das FZA, einen Hinde-
rungsgrund für die Landesverweisung bildet (vgl. Urteile des Bundesgerichts
6B_177/2020 vom 2. Juli 2020 E. 2.5.4; 6B_861/2019 vom 23. April 2020 E. 3.6.4;
6B_736/2019 vom 3. April 2020 E. 1.1.1; 6B_378/2018 vom 22. Mai 2019 E. 2.1,
nicht publ. in: BGE 145 IV 364).
Gemäss Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA dürfen die aufgrund dieses Abkommens ein-
geräumten Rechte nur durch Massnahmen, die aus Gründen der öffentlichen
Ordnung, Sicherheit und Gesundheit gerechtfertigt sind, eingeschränkt werden
(vgl. BGE 145 IV 364 E. 3.5). Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA ist für die Schweiz
strafrechtlich aber nicht in einer Weise restriktiv auszulegen, welche diese
- 64 -
Bestimmung des ihrer gewöhnlichen Bedeutung nach anerkannten Normgehalts
entleeren würde. Vielmehr ist anzunehmen, dass der Normsinn dem Wortsinn
entspricht (BGE 145 IV 364 E. 3.8 S. 375). Das FZA berechtigt lediglich zu einem
doppelt bedingten Aufenthalt in der Schweiz, nämlich einerseits nach Massgabe
der spezifischen Vertragsvereinbarungen als Voraussetzung eines rechtmässigen
Aufenthalts und andererseits nach Massgabe des rechtskonformen Verhaltens
im Sinne von Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA. Der schuldig gesprochene Straftäter
hat sich evidentermassen nicht an diese Konformitätsbedingungen gehalten
(BGE 145 IV 364 E. 3.4.4 S. 370; Urteile 6B_177/2020 vom 2. Juli 2020 E. 2.5.4;
6B_736/2019 vom 3. April 2020 E. 1.1.3). Bei der Einschränkung der Freizügigkeit
im Sinne des Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA handelt es sich im Wesentlichen um die
Prüfung der Verhältnismässigkeit staatlichen Handelns (Art. 5 Abs. 2 BV; BGE
145 IV 364 E. 3.9 S. 375). Nach der (ausländerrechtlichen) Rechtsprechung des
Bundesgerichts zu Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA setzen Entfernungs- oder Fernhal-
temassnahmen eine hinreichend schwere und gegenwärtige Gefährdung der öf-
fentlichen Ordnung durch den Ausländer voraus. Eine strafrechtliche Verurteilung
darf nur insofern zum Anlass für eine derartige Massnahme genommen werden,
als die ihr zugrunde liegenden Umstände ein persönliches Verhalten erkennen
lassen, das eine gegenwärtige Gefährdung der öffentlichen Ordnung darstellt.
Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA steht Massnahmen entgegen, die (allein) aus general-
präventiven Gründen verfügt würden. Auch vergangenes Verhalten kann den Tat-
bestand einer solchen Gefährdung der öffentlichen Ordnung erfüllen. Weiter
kommt es auf die Prognose des künftigen Wohlverhaltens an. Mit dem Erfordernis der gegenwärtigen Gefährdung ist nicht gemeint, dass weitere Straftaten mit Ge-
wissheit zu erwarten sind oder umgekehrt solche mit Sicherheit auszuschliessen
sein müssten. Es ist vielmehr eine nach Art und Ausmass der möglichen Rechts-
güterverletzung zu differenzierende hinreichende Wahrscheinlichkeit verlangt,
dass der Ausländer künftig die öffentliche Sicherheit oder Ordnung stören wird. Je
schwerer diese ist, desto niedriger sind die Anforderungen an die in Kauf zu neh-
mende Rückfallgefahr (BGE 145 IV 364 E. 3.5.2 S. 371 f. mit Hinweisen; Urteile
des Bundesgerichts 6B_177/2020 vom 2. Juli 2020 E. 2.5.4; 6B_736/2019 vom
3. April 2020 E. 1.1.3). Ein geringes, aber tatsächlich vorhandenes Rückfallrisiko
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kann für eine aufenthaltsbeendende Massnahme im Sinne von Art. 5 Abs. 1
Anhang I FZA genügen, sofern dieses Risiko eine schwere Verletzung hoher
Rechtsgüter wie z.B. die körperliche Unversehrtheit beschlägt (BGE 145 IV 364
E. 3.5.2 S. 371 f., 55 E. 4.4 S. 63; Urteile 6B_177/2020 vom 2. Juli 2020
E. 2.5.4; 6B_736/2019 vom 3. April 2020 E. 1.1.3; 6B_1146/2018 vom
8. November 2019 E. 6.3.2 und 6.3.3). Die Prognose über das Wohlverhalten und
die Resozialisierung gibt in der fremdenpolizeilichen Abwägung, in der das
allgemeine Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit im Vordergrund
stehen, nicht den Ausschlag (BGE 145 IV 364 E. 3.5.2 S. 372 mit Hinweisen).
Ausgangspunkt und Massstab für die ausländerrechtliche Interessenabwägung ist
die Schwere des Verschuldens, die sich in der Dauer der Freiheitsstrafe nieder-
schlägt; auch eine einmalige Straftat kann eine aufenthaltsbeendende Mass-
nahme rechtfertigen, wenn die Rechtsgutverletzung schwer wiegt (BGE 145 IV
364 E. 3.5.2 S. 372; Urteile 6B_177/2020 vom 2. Juli 2020 E. 2.5.4; 6B_736/2019
vom 3. April 2020 E. 1.1.3).
3.4.2 Zunächst kann zur Vermeidung von Wiederholungen auf die vorstehenden
Erwägungen zur Härtefallprüfung verwiesen werden, womit ein schwerer persön-
licher Härtefall gemäss Art. 66a Abs. 2 StGB verneint wurde (Erw. V. 3.1 f.). Wei-
ter ist der Beschuldigte wegen mehrfacher versuchter schwerer Körperverletzung
zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten zu verurteilen. Es handelt
sich dabei um schwer wiegende Rechtsgutverletzungen. Eine hinreichend schwe-
re und gegenwärtige Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch den Beschuldig-
ten bzw. sein persönliches Verhalten ist vorliegend gegeben, wie in Erw. V. 3.3
hiervor dargelegt. Auch hinsichtlich der Prognose des künftigen Wohlverhaltens
hat sich gezeigt, dass nach Art und Ausmass der möglichen Rechtsgüter-
verletzung eine hinreichende Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Beschuldigte
auch künftig die öffentliche Ordnung und Sicherheit stören wird. Angesichts der
schweren Verletzung hoher Rechtsgüter, hier der körperlichen Unversehrtheit (zur
Einstufung des Tatverschuldens innerhalb des Strafrahmens siehe vorne Erw.
V. 3.3), genügt vorliegend ein geringes, aber tatsächlich vorhandenes Rückfall-
risiko für eine aufenthaltsbeendende Massnahme im Sinne von Art. 5 Abs. 1
Anhang I FZA. Ein solches Risiko ist nach dem Gesagten zu bejahen. Dieses
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Rückfallrisiko für die körperliche Integrität Dritter beeinträchtigendes Handeln des
Beschuldigten, mag es auch nur gering sein, erweist sich jedenfalls als real.
Zuletzt ist daran zu erinnern, dass der Verzicht auf eine Landesverweisung trotz
Katalogtat nach dem klaren Willen des Gesetzgebers die Ausnahme bleiben soll
(BGE 145 IV 55 E. 4.3; 144 IV 332 E. 3.3.3; Urteil 6B_736/2019 vom 3. April 2020
E. 1.2.2 in fine). Angesichts der Schwere der begangenen Körperverletzungs-
delikte mit einem Strafrahmen von bis zu 10 Jahren kommt ein Verzicht auf eine
Landesverweisung mangels Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit
im Sinne von Art. 5 Ziff. 1 Anhang I FZA jedenfalls nur unter besonderen Umstän-
den in Frage, die die Taten mit Blick auf den verwirklichten Unrechtsgehalt am un-
tersten Rand aller möglichen Varianten erscheinen lassen. Solche privilegieren-
den Umstände sind hier nicht ersichtlich.
3.5 Aufgrund des Gesagten ist der Beschuldigte in Anwendung von Art. 66a
Abs. 1 lit. b StGB des Landes zu verweisen.
3.6 Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung soll die Dauer der
Landesverweisung in einem adäquaten Verhältnis zur Dauer der ausgefällten
Freiheitsstrafe stehen (Urteil des Bundesgerichts 6B_549/2019 vom 29. Mai 2019
E. 3; BGE 123 IV 107 E. 3). Das ergibt sich auch aus dem in der Bundesver-
fassung verankerten Verhältnismässigkeitsprinzip (Art. 5 Abs. 2 BV; Art. 36 Abs. 2
und 3 BV). Da vorliegend mit 32 Monaten eine Freiheitsstrafe unterhalb der Mitte
des von 6 Monaten bis 10 Jahre reichenden Strafrahmens auszusprechen ist, hat
dies auch für die Landesverweisung mit einer möglichen Dauer von 5 bis
15 Jahren (Urk. 66a Abs. 1 StGB Ingress) zu gelten. Die Landesverweisung ist
dementsprechend in leichter Abweichung zur Vorinstanz (Urk. 54 S. 40) auf
7 Jahre festzusetzen.
4. Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem
Da der Beschuldigte slowenischer Staatsangehöriger und somit EU-Bürger ist, hat
im vorliegenden Falle keine Ausschreibung im Schengener Informationssystem
(SIS) zu erfolgen.
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VI. Kostenfolgen
1. Bei diesem Verfahrensausgang ist die erstinstanzliche Kostenregelung ge-
mäss Dispositivziffer 7 zu bestätigen.
2. Der Beschuldigte unterliegt auch im Berufungsverfahren mit seinen Anträ-
gen weitestgehend. Die Staatsanwaltschaft dringt bei der rechtlichen Würdigung
durch. Damit hängen auch die Sanktionshöhe und die Dauer der Landesverwei-
sung unmittelbar zusammen, wobei das Strafmass und die Dauer der Landesver-
weisung aber etwas geringer ausfallen. Das ist – auch vom Bearbeitungsaufwand
her – aber nur geringfügig zu gewichten. Es rechtfertigt sich, die Kosten des
Berufungsverfahrens dem Beschuldigten zu 4/5 aufzuerlegen und zu 1/5 auf die
Gerichtskasse zu nehmen.
3. Mit Beschluss der III. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich
vom 3. September 2018 (Urk. D1/12/28) wurde eine Haftbeschwerde des Be-
schuldigten teilweise gutgeheissen. Die Gerichtsgebühr für das Beschwerde-
verfahren wurde auf Fr. 1'200.– festgesetzt. Die Regelung der Kosten- und Ent-
schädigungsfolgen des Verfahrens wurde im Sinne von Art. 421 Abs. 1 StPO dem
Endentscheid vorbehalten (Urk. D1/12/28 S. 11 f.). Was die Entschädigung der
damaligen amtlichen Verteidigung für ihre Aufwendungen in diesem Beschwerde-
verfahren anbelangt, erfolgte die Honorierung im Anschluss an den Widerruf der
amtlichen Verteidigung durch den Staatsanwalt für amtliche Mandate (Urk.
D1/11/20). Der entsprechende Betrag von Fr. 16'319.50 ist im Kostenblock der
Vorinstanz (Dispositivziffer 6) aufgeführt. Die Regelung der Kostenfolgen ging bei
der Vorinstanz aber offensichtlich vergessen. Das ist im Berufungsverfahren
nachzuholen.
Im genannten Beschwerdeentscheid hatte der Beschuldigte nur minim obsiegt,
indem die Haftverlängerung um 8 Tage, konkret vom 29. November auf den
21. November 2018 verkürzt wurde. Es rechtfertigt sich, die Kosten des Be-
schwerdeverfahrens dem Beschuldigten zu 4/5 aufzuerlegen und zu 1/5 auf die
Gerichtskasse zu nehmen.
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