Decision ID: 18aca8b7-3eac-515e-8dec-4fcbfa8e2527
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin reichte am 19. Februar 2019 bei der Gemeinde Interlaken
ein Baugesuch (datiert 28.01.2019) für den Einbau eines Gastronomiebetriebes im
bestehenden Bahnhofsgebäude auf der Parzelle Interlaken Grundbuchblatt
Nr. C._ ein. Die Parzelle liegt in der Mischkernzone (MK). Die Beschwerdeführerin
plante zwei nach Geschlechtern getrennte, nicht rollstuhlgerechte Gästetoiletten
einzubauen. Die Gemeinde leitete das Baugesuch am 25. März 2019 zuständigkeitshalber
an das Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli weiter. Die vom
Regierungsstatthalteramt hinzugezogene Fachstelle Hindernisfreies Bauen Kanton Bern
(Procap) hielt in ihrem ersten Fachbericht vom 8. Mai 2019 als Auflage fest, es sei
mindestens eine geschlechtsneutral zugängliche, rollstuhlgerechte Toilette zu realisieren.
Da das Eröffnungsfest des neu renovierten Bahnhofsgebäudes kurz bevorstand, stellte die
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Beschwerdeführerin am 17. Juni 2019 ein Gesuch um Bewilligung des vorzeitigen
Baubeginns und nahm den Einbau des Gastronomiebetriebes inkl. zwei nach
Geschlechtern getrennten, nicht rollstuhlgerechten Gästetoiletten ohne Vorliegen der
Baubewilligung vor. Der Regierungsstatthalter tolerierte die vorzeitige Eröffnung des
Betriebs vorerst und holte erneut einen Fachbericht bei der Procap ein. Die Procap
äusserte sich in diesem zweiten Fachbericht nicht abschliessend zur Erstellungspflicht
einer rollstuhlgerechten Toilette. Anlässlich des Behördenbereinigungsgespräches vom
7. August 2019 präzisierte der Vertreter der Procap jedoch, wenn eine Gästetoilette erstellt
werde, müsse diese rollstuhlgerecht sein.
2. Mit Gesamtentscheid vom 11. September 2019 erteilte das Regierungsstatthalteramt
der Beschwerdeführerin die Baubewilligung und ordnete unter anderem folgende Auflagen
an:
«3.3.1 Auflagen Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli: Der Bauherrschaft wird die
Auflage erteilt, innert zwei Monaten nach Rechtskraft des vorliegenden Gesamtbauentscheids eine
rollstuhlgängige Toilette zu erstellen. Die Umsetzung dieser Auflage ist durch die
Gemeindebaupolizeibehörde Interlaken zu kontrollieren und das Kontrollergebnis dem
Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli zu melden. Darüber hinaus wird der Gesuchsteller
verpflichtet, der Bauverwaltung Interlaken und dem Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli
betreffend dem Einbau einer rollstuhlgerechten Toilette ebenfalls innert zwei Monaten nach
Rechtskraft des vorliegenden Gesamtbauentscheids je einen angepassten Grundrissplan 1:100 und
einen Installationsplan 1:50 einzureichen.»
«3.3.3 Fachstelle Hindernisfreies Bauen: Fachbericht vom 10. Juli 2019 betreffend Einbau einer
rollstuhlgerechten Toilette (vgl. die Auflage des Regierungsstatthalteramts Interlaken-Oberhasli).»
3. Die Beschwerdeführerin wandte sich mit «Gesuch um Erteilung einer
Ausnahmebewilligung» vom 10. Oktober 2019 an die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion
des Kantons Bern (BVE). Sie beantragt sinngemäss, auf die Auflage gemäss Ziff. 3.3.1 des
Gesamtentscheids vom 11. September 2019 sei zu verzichten und ihr sei eine
Ausnahmebewilligung zu erteilen. Zudem halte sie am unveränderten Baugesuch fest und
verlange einen anfechtbaren Bauentscheid.
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4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, erachtete die
Eingabe der Beschwerdeführerin vom 10. Oktober 2019 zunächst nicht als Beschwerde,
sondern als nachträgliches Projektänderungsgesuch zum Gesamtbauentscheid. Nach
einem schriftlichen Austausch mit dem Regierungsstatthalter und nach Einsichtnahme in
die Vorakten kam das Rechtsamt jedoch zum Schluss, bei der Eingabe der
Beschwerdeführerin handle es sich nicht um ein nachträgliches Projektänderungsgesuch,
sondern allenfalls um eine Beschwerde. Da die Beschwerdeführerin ihre Eingabe nicht
explizit als Beschwerde bezeichnet hatte, bat das Rechtsamt mit Schreiben vom 22.
Oktober 2019 um Mitteilung, ob sie tatsächlich Beschwerde erheben wolle. Daraufhin
reichte die Beschwerdeführerin am 24. Oktober 2019 ein mit der Eingabe vom 10. Oktober
2019 inhaltlich identisches Schreiben mit dem Titel «Beschwerde betreffend
Gesamtbauentscheid ...» ein.
5. Mit Verfügung vom 31. Oktober 2019 nahm das Rechtsamt die Eingabe der
Beschwerdeführerin vom 10. Oktober 2019 als Beschwerde gegen den Gesamtentscheid
des Regierungsstatthalteramtes vom 11. September 2019 entgegen und führte daraufhin
den Schriftenwechsel durch. Der Regierungsstatthalter beantragt in seiner Stellungnahme
vom 4. November 2019 die Abweisung der Beschwerde. Auch die Gemeinde beantragt mit
Schreiben vom 11. November 2019 sinngemäss die Abweisung der Beschwerde. Auf die
Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191). 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1).
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vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellenden,
die Einsprechenden und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40
Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin, deren Baugesuch nur unter Bedingungen und
Auflagen bewilligt wurde, ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und
daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten.
2. Pflicht zum Einbau einer rollstuhlgerechten Toilette
a) Gemäss dem in Art. 8 BV4 verankerten Grundsatz der Nichtdiskriminierung (sog.
Diskriminierungsverbot) darf niemand diskriminiert werden, namentlich nicht wegen einer
körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung. Das
Behindertengleichstellungsgesetz5 sieht gestützt auf Art. 8 Abs. 4 BV Massnahmen zur
Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten vor und hat zum Zweck,
Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen (Art. 1 Abs. 1 BehiG).
Gemäss Art. 2 Abs. 2 BehiG liegt eine Benachteiligung vor, wenn Behinderte rechtlich oder
tatsächlich anders als nicht Behinderte behandelt und dabei ohne sachliche Rechtfertigung
schlechter gestellt werden als diese, oder wenn eine unterschiedliche Behandlung fehlt, die
zur tatsächlichen Gleichstellung Behinderter und nicht Behinderter notwendig ist. Eine
Benachteiligung beim Zugang einer Baute, einer Anlage oder einer Einrichtung liegt vor,
wenn der Zugang für Behinderte aus baulichen Gründen nicht oder nur unter erschwerten
Bedingungen möglich ist (Art. 2 Abs. 3 BehiG). Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung
schliesst der Zugang zu öffentlich zugänglichen Bauten und Anlagen auch die
Benutzbarkeit der öffentlich zugänglichen Teile mit ein.6 Das
Behindertengleichstellungsgesetz gilt insbesondere für öffentlich zugängliche Bauten und
Anlagen, für welche nach Inkrafttreten dieses Gesetzes eine Bewilligung für den Bau oder
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0). 4 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101). 5 Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen vom 13. Dezember 2002 (Behindertengleichstellungsgesetz, BehiG; SR 151.3). 6 BGE 134 II 249 E. 3.3.
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für die Erneuerung der öffentlich zugänglichen Bereiche erteilt wird (Art. 3 Bst. a BehiG).
Auch bewilligungspflichtige Nutzungsänderungen lösen eine Pflicht zur Ergreifung von
Anpassungsmassnahmen aus.7 Öffentlich zugänglich sind Bauten und Anlagen, die einem
beliebigen Personenkreis offenstehen, z.B. Gastgewerbebetriebe (Art. 2 Bst. c Ziff. 1
BehiV8).9
b) Das Behindertengleichstellungsgesetz verpflichtet den Bund und die Kantone,
Massnahmen zu ergreifen, um Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu
beseitigen (Art. 5 Abs. 1 BehiG). Der Bernische Gesetzgeber erfüllt diese Verpflichtung mit
Art. 22 Abs. 1 BauG, wonach öffentlich zugängliche Bauten und Anlagen für Menschen mit
Behinderung zugänglich und benutzbar sein müssen. Hinsichtlich der spezifischen
Bauvorschriften für das hindernisfreie Bauen verweist Art. 85 Abs. 1 BauV10 in verbindlicher
Weise auf die SIA-Norm 500:2009 (SN 521 500). Werden in einer öffentlich zugänglichen
Baute oder Anlage dem Publikum Sanitärräume (Toiletten-, Dusch- und Umkleideräume)
zur Verfügung gestellt, so ist gemäss dieser SIA-Norm als Richtwert mindestens je einer
pro Geschoss rollstuhlgerecht zu erstellen und zu kennzeichnen.11 Die rollstuhlgerechten
Toiletten sind vorzugsweise an denselben Standorten wie die entsprechenden
Einrichtungen für die allgemeine Nutzung anzuordnen.12 Des Weiteren ist der Zugang zu
rollstuhlgerechten Toiletten geschlechterneutral zu gestalten, wobei der Zugang durch den
Bereich der Damentoilette bedingt zulässig ist.13 Zudem müssen die rollstuhlgerechten
Toiletten zu den gleichen Betriebszeiten wie die entsprechenden Einrichtungen für die
allgemeine Nutzung verfügbar und vorzugsweise ohne Intervention von Dritten benutzbar
sein.14 In Gastgewerbebetrieben ist grundsätzlich mindestens eine und in stark
frequentierten Anlagen sind mindestens zwei rollstuhlgerechte Toiletten vorzusehen.15
7 BGE 134 II 249 E. 5.1; Schefer Markus/Hess-Klein Caroline, Behindertengleichstellungsrecht, Bern 2014, S. 65. 8 Verordnung über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen vom 19. November 2003 (Behindertengleichstellungsverordnung, BehiV; SR 151.31). 9 BBl 2001 S. 1778. 10 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1). 11 SIA-Norm 500:2009 Ziff. 7.2.1.1 und 7.2.1.2. 12 SIA-Norm 500:2009 Ziff. 7.1.2. 13 SIA-Norm 500:2009 Ziff. 7.2.3.1. 14 SIA-Norm 500:2009 Ziff. 7.1.2 sowie Ziff. 1.2 (Begriffsdefinitionen). 15 SIA-Norm 500:2009, Anhang A.6.3.
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c) Diese Vorschriften gelten indes nur für Neubauten uneingeschränkt. Gemäss Art. 12
Abs. 1 BehiG und dem gleichlautenden Art. 85 Abs. 2a BauV kann bei der Erneuerung von
Bauten und Anlagen eine hindernisfreie Bauweise nur soweit verlangt werden, als der
Aufwand dafür nicht mehr beträgt als 5% des Gebäudeversicherungswerts vor der
Erneuerung bzw. 5% des Neuwerts (Bst. a) oder 20% der Erneuerungskosten (Bst. b). Als
Erneuerungskosten gelten die voraussichtlichen Baukosten ohne besondere Massnahmen
für Behinderte (Art. 7 Abs. 2 BehiV sowie Art. 85 Abs. 2a BauV). Im Allgemeinen ist unter
Erneuerung eine über den blossen Unterhalt (Instandhalten und Instandstellen, Ersetzen
einzelner schadhafter Teile) hinausgehende wesentliche Verbesserung des Zustandes
einer Baute zu verstehen.16 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist bei
Erneuerungen eine behindertengerechte Anpassung nur bei bewilligungspflichtigen
Erneuerungen erforderlich und auf die öffentlich zugänglichen Gebäudebereiche oder -
räume beschränkt, die von der bewilligungspflichtigen Erneuerung betroffen sind.17
d) Beim Gastronomiebetrieb der Beschwerdeführerin handelt es sich
unbestrittenermassen um ein öffentlich zugängliches Restaurant. Auch die
Bewilligungspflicht des Bauvorhabens wird nicht in Frage gestellt. Aus den
Grundrissplänen im Anhang zum Mietvertrag der gewerblichen Räumlichkeiten wird
ersichtlich, dass die Räumlichkeiten des heutigen Gastronomiebetriebes früher als
Ladenfläche dienten und diese weder über eine Küche noch über sanitäre Einrichtungen
verfügten.18 Somit handelt es sich nicht um eine blosse Erneuerung von einer bestehenden
Anlage, sondern um eine Neuanlage. Die Einschränkungen von Art. 85 Abs. 2a BauV sind
demzufolge nicht anwendbar. Die Beschwerdeführerin hat bereits zwei, nach
Geschlechtern getrennte, nicht rollstuhlgerechte Gästetoiletten in ihrem
Gastronomiebetrieb eingebaut. Gemäss SIA-Norm ist sie demzufolge verpflichtet,
«vorzugsweise» an demselben Standort wie die nicht rollstuhlgerechten Gästetoiletten
mindestens eine geschlechterneutral zugängliche, rollstuhlgerechte Gästetoilette
einzurichten.19 Als «Richtwert» gilt, dass sie grundsätzlich eine geschlechterneutral
zugängliche, rollstuhlgerechte Toilette (pro Geschoss) zu erstellen und zu kennzeichnen
16 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1a N. 25. 17 BGE 134 II 249 E. 3.2.2. 18 Vorakten, pag. 007. 19 SIA-Norm 500:2009 Ziff. 7.1.2.
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hat.20 Anlässlich des Behördenbereinigungsgespräches gab die Procap deshalb ihre
Beurteilung ab, wonach die Beschwerdeführerin zur Erstellung einer geschlechterneutral
zugänglichen, rollstuhlgerechten Toilette zu verpflichten sei. Die SIA-Norm bedarf jedoch
einer eingehenderen Auslegung. So bezeichnet die Umschreibung «vorzugsweise» unter
mehreren demselben Zweck dienenden Anforderungen jene, deren Erfüllung der
Zielsetzung der SIA-Norm am besten entspricht.21 Aus dieser offen formulierten Definition
lassen sich keine allgemeingültigen Kriterien herleiten. Auch der nicht näher definierte
«Richtwert» räumt einen gewissen Spielraum für die Beurteilung im Einzelfall ein.22
e) Die Beschwerdeführerin bringt unter dem Titel «Ausnahmebewilligung» sinngemäss
vor, der von der SIA-Norm 500:2009 in den Ziffern 7.1.2 und 7.2.1.2 zugelassene
Spielraum sei zu ihren Gunsten auszulegen. Die Beschwerdeführerin macht insbesondere
geltend, da in der Bahnhofsanlage eine öffentliche behindertengerechte Toilette zugänglich
sei, habe sie aus Verhältnismässigkeitsgründen auf den Einbau einer rollstuhlgerechten
Toilette verzichtet. Zur Begründung führt sie an, ein Umbau der beiden bereits eingebauten
nicht rollstuhlgängigen Toiletten in eine geschlechterneutrale rollstuhlgängige Toilette sei
mit enormem Zeit- und Kostenaufwand verbunden. Zudem verkehre in ihrem
Gastronomiebetrieb bis anhin eine grosse Anzahl weiblicher Gäste. Damit eine
geschlechtsspezifische Diskriminierung vermieden werden könne, müsse mindestens die
Hälfte der Toiletteneinheiten für Damen vorgesehen werden.
Ob die Beschwerdeführerin mit der «Ausnahmebewilligung» darüber hinaus tatsächlich die
Stellung eines formellen Ausnahmegesuchs im Sinne von Art. 26 BauG beabsichtigt haben
sollte, geht aus der Beschwerde nicht klar hervor. Selbst wenn dies der Fall sein sollte,
macht die Beschwerdeführerin zur Begründung aber hauptsächlich rein finanzielle
Interessen geltend, welche ohnehin keine Ausnahmebewilligung rechtfertigen würden.23
Eine geschlechterneutrale rollstuhlgerechte Toilette führt zudem nicht zu einer
geschlechtsspezifischen Diskriminierung (vgl. E. 2h, 3. Absatz), die eine Ausnahme
rechtfertigen könnte. Eine solche ist im Folgenden deshalb nicht weiter zu prüfen.
20 SIA-Norm 500:2009 Ziff. 7.2.1.2. 21 SIA-Norm 500:2009 Ziff. 1.2 (Begriffsdefinitionen). 22 Vgl. SIA-Norm 500:2009 Ziff. 1.1 (Begriffsdefinitionen). 23 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 26-27 N. 4 und N. 5 viertes Lemma mit Hinweis auf die Rechtsprechung.
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f) Die Procap führte in ihrem Fachbericht vom 10. Juli 2019 Folgendes aus:
«Wenn auf Grund der Lage im Bahnhofgebäude keine eigenen Toiletten erstellt werden müssen
(Zugang zu öffentlichen Toiletten), dann kann auf die Erstellung einer rollstuhlgerechten Toilette
grundsätzlich verzichtet werden. Ansonsten ist eine rollstuhlgerechte Toilette auf Grund der
Betriebsgrösse und der Verhältnismässigkeit (Kosten) zu erstellen. Wenn trotz der Befreiung von
der Erstellungspflicht im Bahnhofgebäude eigene Toiletten erstellt werden, dann ist im Sinne der
Nichtdiskriminierung vorzugsweise, d.h. am selben Standort, eine eigene rollstuhlgerechte Toilette
anzubieten. (...) Die Norm SIA 500 verwendet den Begriff "vorzugsweise". Damit besteht in der
Auslegung ein gewisser Spielraum. Im Bahnhofgebäude kann dieser Spielraum zugunsten des
Gesuchstellenden ausgelegt werden, wenn bei den beiden eigenen Toiletten ein deutlicher Hinweis
mit Wegführung zur öffentlichen rollstuhlgerechten Toilette angebracht wird.»24
g) Anlässlich des Behördenbereinigungsgespräches vom 7. August 2019 hielt der
Regierungsstatthalter fest, der Weg vom Gastronomiebetrieb bis zur WC-Anlage im
Untergeschoss des Bahnhofsgebäudes sei sehr umständlich. Der Weg führe entlang des
Perrons in den Lift, von dort Richtung Schiffländte und danach via einer Rampe wieder
zurück auf das Podest vor der WC-Anlage. Zudem sei unklar, ob diese Toilette gratis
benutzt werden könne. Der Vertreter der Procap ergänzte, in anderen Bahnhöfen im
Kanton Bern sei nicht jedes kleine Restaurant verpflichtet worden, eine eigene Toilette zu
erstellen. Werde aber eine Gästetoilette erstellt, müsse diese rollstuhlgerecht sein.25 Im
angefochtenen Entscheid begründete der Regierungsstatthalter die Auflage dann wie folgt:
«2.3 (...) Da vorliegend so oder so mindestens eine Toilette zu erstellen ist und die Benützung der
öffentlichen Toilettenanlagen im Untergeschoss - was auch der Gesuchsteller in seinem Schreiben
vom 12. August 2019 nicht mehr bestreitet - umständlich und insgesamt als diskriminierend zu
bewerten wäre, besteht vorliegend nach Auffassung des Regierungsstatthalters kein
Auslegungsspielraum, um auf den Einbau mindestens einer geschlechtsneutralen,
behindertengerechten Toilette zu verzichten. (...) »
h) Wie aus den Ausführungen der Procap und des Regierungsstatthalters hervorgeht,
befindet sich in der Bahnhofsanlage eine öffentliche Toilettenanlage mit rollstuhlgerechten
Toiletten. Vorliegend ist der Weg vom Gastronomiebetrieb zu der öffentlichen,
rollstuhlgerechten Toilette in der Bahnhofsanlage jedoch lang und umständlich. Dies wird
24 Vorakten, pag. 029 ff. 25 Vorakten, pag. 115 f.
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von der Beschwerdeführerin auch nicht bestritten. Hinzu kommt, dass nicht erstellt ist, ob
die öffentliche Toilettenanlage gratis benutzt werden kann und zu welchen Betriebszeiten
sie zur Verfügung steht.26 Die rollstuhlgerechte Toilette muss aber zwingend zu den
Betriebszeiten des Gastronomiebetriebes für die allgemeine Nutzung verfügbar sein.27
Sofern die Beschwerdeführerin Gästen ohne Behinderung Toiletten zur Verfügung stellt
und demgegenüber Gäste mit Behinderung einen umständlichen Weg bis zur nächsten,
allenfalls sogar kostenpflichtigen rollstuhlgerechten Toilette auf sich nehmen müssen oder
diese gar geschlossen ist, liegt eine Benachteiligung im Sinne von Art. 2 Abs. 2 und 3
BehiG vor. Durch den Einbau einer geschlechterneutral zugänglichen, rollstuhlgerechten
Toilette im Gastronomiebetrieb selber wird diese Benachteiligung behoben. Dies entspricht
im Übrigen auch der Beurteilung durch die Procap anlässlich des
Behördenbereinigungsgespräches.
Hinsichtlich des Kostenaufwands wurde bereits aufgezeigt, dass sich die
Beschwerdeführerin nicht auf einen Tatbestand gemäss Art. 85 Abs. 2a BauV berufen
kann (E. 2 c und d). Zudem dürften die Kosten für eine Anpassung der bereits erstellten
Gästetoiletten wohl deutlich weniger als 20% der Baukosten von ca. Fr. 350'000.–28 (Fr.
70'000.–) betragen (vgl. Art. 85 Abs. 2a Bst. b BauV) und sind der Beschwerdeführerin
somit zumutbar. Auch kann der Beschwerdeführerin mit Blick auf die ausreichenden
Platzverhältnisse zugemutet werden, eine rollstuhlgerechte Toilette einzubauen. Dass der
Beschwerdeführerin durch den bereits ohne Baubewilligung vorgenommenen Einbau von
nicht rollstuhlgerechten Gästetoiletten ein Mehraufwand entstanden ist, bleibt unbeachtlich.
Ferner stellen angemessene Massnahmen zum Ausgleich von Benachteiligungen der
Behinderten keine Ungleichbehandlung nach Art. 8 Abs. 1 BV für Nichtbehinderte dar
(Art. 5 Abs. 2 BehiG).29 Durch den Einbau einer geschlechterneutralen, rollstuhlgerechten
Toilette anstelle der bestehenden geschlechtsgetrennten Toiletten liegt somit noch keine
Diskriminierung von Frauen vor. Ohnehin sind in Gastgewerbebetrieben erst ab 50
Sitzplätzen geschlechtergetrennte Toiletten vorgeschrieben (Art. 69 Abs. 3 BauV). Für die
Berechnung der massgebenden Sitzplatzzahl besteht keine explizite gesetzliche Regelung.
26 Vorakten, pag. 115. 27 SIA-Norm 500:2009 Ziff. 7.1.2. 28 Vorakten, pag. 001. 29 Vgl. hierzu Schefer Markus/Hess-Klein Caroline, a.a.O., S. 20 f.
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Gemäss Art. 19 Abs. 2 altGGV30, der die Berechnung der Sitzplatzzahl im Hinblick auf die
Erforderlichkeit eines gastgewerblichen Fähigkeitsausweises regelte, wurden die Innen-
und Aussensitzplätze getrennt gezählt, wobei die grössere Zahl massgebend war. Die
Regierungsstatthalterämter des Kantons Bern wenden diese Berechnungsregel gemäss
ständiger Praxis weiterhin an. Diese Praxis erscheint sachgerecht, zumal abhängig von
den Witterungsverhältnissen in der Regel die Innen- oder die Aussensitzplätze nicht
gleichzeitig benützt werden.31 Gemäss Grundrissplan Erdgeschoss vom 29. August 2019
wurden 44 Innen- und 48 Aussensitzplätze bewilligt. Da die grössere und somit
massgebende Anzahl Aussensitzplätze unter 50 liegt, muss der Gastronomiebetrieb nicht
über geschlechtergetrennte Gästetoiletten verfügen. Ob der Gastronomiebetrieb
tatsächlich eine hohe Anzahl weiblicher Gäste anzieht, kann deshalb offen gelassen
werden.
i) Nach dem Gesagten gibt es keine Gründe, von den Vorgaben der SIA-Norm
abzuweichen. Die Beschwerdeführerin ist verpflichtet, eine geschlechterneutral
zugängliche, rollstuhlgerechte Toilette einzubauen. Die Auflage gemäss Ziff. 3.3.1 des
angefochtenen Entscheids ist demzufolge zulässig. Die Beschwerde erweist sich als
unbegründet und ist abzuweisen.
3. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin vollumfänglich. Sie
hat die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 800.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV32).
Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 3VRPG).