Decision ID: d4b33ed4-0ba8-4f82-9f37-75d3889e9e6c
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
1970
,
Mutter von 5 Kindern (Jahrgang 1989, 1990, 1994, 1996 und 1999
),
meldete sich u
nter Hinweis auf
eine seit sechs Jahren bestehende psychische Beeinträchtigung
am
2
4.
April 2014
bei der Invalide
n
versicherung zum Bezug von Rentenleistungen und zum Bezug von
Hilflo
senentschädigung
an (
Urk.
7/7
Ziff.
6.2-3 und
Urk.
7/
8
). Die
Sozialversiche
rungsanstalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerb
liche Situation ab,
und verneinte nach ergangenem Vorbescheid (
Urk.
7/24) mit Verfügung vom 1
5.
Dezember 2014 einen Leistungsanspruch (
Urk.
7/31 =
Urk.
2
/1
).
2.
Die Versicherte erhob am 2
9.
Januar 2015
Beschwerde gegen die Verfügung vom
1
5.
Dezember 2014
(
Urk.
2
/1
) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei
ihr ab
1.
Oktober 2014 eine ganze Invalidenrente
zuzusprechen
. Bezüglich der Ausrichtung einer
Hilflosenentschädigung
sei die Angelegenheit zwecks Vornahme weiterer Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Eventuell sei das Verfahren zu weiteren tatsächlichen und medizinischen Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Es seien ihr Er
ziehungsgutschriften für ihre fünf Kinder anzurechnen und die Beitragsjahre neu zu berechnen (
Urk.
1 S. 2
).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
1
2.
März 2015
(
Urk.
6
) die
t
eilweise Gutheissung der Beschwerde im Sinne einer Rückweisung zu weiteren Abklärungen.
Die Beschwerdeführerin hielt in ihrer Eingabe vom 2
7.
April 2015
an ihren
gestellten Anträgen fest (
Urk.
13 S. 2), was der Beschwerdegegnerin am 1
7.
Ju
n
i 2015 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
15).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte mit vollendetem 2
0.
Altersjahr, die vor der Beeinträchtigung ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit nicht erwerbstätig waren und denen eine Erwerbstätigkeit nicht zugemutet werden kann, gelten nach Art. 5 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
in Ver
bindung mit Art. 8 Abs. 3
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG)
als invalid, wenn eine Unmöglichkeit vorliegt, sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen.
Art.
7
Abs.
2 ATSG ist sinn
gemäss anwendbar. Demnach sind für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträch
tigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist.
1.2
Nach
Art.
4
Abs.
2 IVG gilt die Invalidität als eingetreten, sobald sie die für die Begründung des Anspruches auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und Schwere erreicht hat. Dieser Zeitpunkt ist objektiv aufgrund des Gesundheits
zustandes festzustellen; zufällige externe Faktoren sind unerheblich (AHI 2003 S. 209 E. 2a). Er beurteilt sich auch nicht nach dem Zeitpunkt, in dem eine Anmeldung eingereicht oder von dem an eine Leistung gefordert wird und stimmt nicht notwendigerweise mit dem Zeitpunkt überein, in welchem die versicherte Person erstmals Kenntnis davon bekommt, dass der
Gesundheits
schaden
Anspruch auf Versicherungsleistungen geben kann (BGE
126 V 5 E. 2b mit Hinweisen; AHI 2002 S. 147 E. 3a). Aus
Art.
4
Abs.
2 IVG ergibt sich, dass der Eintritt der Invalidität für die einzelnen Leistungen der Invalidenversiche
rung autonom zu bestimmen ist (so genannte leistungsspezifische Invalidität). Dabei sind die rechtlichen Vorgaben zu berücksichtigen, die sich aus
Art.
4
Abs.
1 IVG (in Verbindung mit
Art.
8 ATSG) ergeben. Folglich begründet der Gesundheitsschaden für jede Leistungsart innerhalb der Eingliederungsmass
nahmen je einen eigenen Versicherungsfall (BGE 112 V 275; vgl. auch BGE 126 V 241 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts I 159/05 vom 1
6.
März 2006 E.
3.2.1 mit Hinweisen).
1
.3
Schweizerische und ausländische Staatsangehörige sowie Staatenlose haben gemäss
Art.
6 IVG Anspruch auf Leistungen gemäss den nachstehenden Bestimmungen.
Art.
39 bleibt vorbehalten (
Abs.
1). Sieht ein von der Schweiz abgeschlossenes Sozialversicherungsabkommen die Leistungspflicht nur des einen Vertragsstaates vor, so besteht kein Anspruch auf eine Invalidenrente, wenn die von Schweizerinnen und Schweizern oder Angehörigen des
Vertrags
staates
in beiden Ländern zurückgelegten Versicherungszeiten nach der Zusammenrechnung einen Rentenanspruch nach dem Recht des andern
Ver
tragsstaates
begründen (
Abs.
1
bis
). Ausländische Staatsangehörige sind, vorbe
hältlich Artikel 9 Absatz 3, nur anspruchsberechtigt, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt (
Art.
13 ATSG) in der Schweiz haben und sofern sie bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufge
halten haben. Für im Ausland wohnhafte Angehörige dieser Personen werden keine Leistungen gewährt (
Abs.
2).
Bei Personen, die mehrere sich ablösende Staatsangehörigkeiten besessen haben, ist für die Leistungsberechtigung die Staatsangehörigkeit während
des Leistungsbezugs
massgebend
(Abs. 3).
1.
4
Gemäss
Art.
36
Abs.
1 IVG
haben Versicherte Anspruch auf eine ordentliche Rente, die bei Eintritt der Invalidität während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet haben.
Gemäss
Art.
36
Abs.
2 IVG sind für die Berechnung der ordentlichen Invaliden
rente die Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlas
senenversicherung
(AHVG) sinngemäss anwendbar; der Bundesrat kann ergän
zende Vorschriften erlassen.
Laut
Art.
32
Abs.
1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) in Verbindung mit
Art.
50 der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenen
versicherung
(AHVV) und
Art.
29
ter
Abs.
2 AHVG liegt ein volles Beitragsjahr vor, wenn eine Person insgesamt länger als elf Monate im Sinne von
Art.
1 oder 2 AHVG versichert war und während dieser Zeit entweder den Mindestbeitrag bezahlt hat (Variante 1) oder aber Beitragszeiten aufweist, in welchen der Ehe
gatte
gemäss
Art.
3
Abs.
3 AHVG mindestens den doppelten Mindestbeitrag entrichtet hat (Variante 2), oder für welche Erziehungs- oder Betreuungsgut
schriften angerechnet werden können (Variante
3).
E
ine persönliche Beitragsentrichtung
ist demnach
bei der Ermittlung der ein
jähri
gen Mindestbeitragsdauer für den ordentlichen Rent
enanspruch
gemäss
AHVG und IVG
nicht mehr erforderlich
(vgl. BGE 125 V 253 S. 255)
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre Verfügung (
Urk.
2) damit, dass bis zum heutigen Tage weder von der Beschwerdeführerin noch von ihrem Ehe
mann Beiträge geleistet worden seien. Da Beiträge jedoch maximal fünf Jahre rückwirkend einbezahlt werden könnten, hätten vorliegend die Voraussetzun
gen für die Erfüllung der Beitragsjahre bei Eintritt des Versicherungsfalles am 1
9.
September 2008 nicht mehr erfüllt werden können, weshalb kein Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe (S. 2).
In der
Beschwerdeantwort führte die Beschwerdegegnerin aus, es sei zutreffend, dass die erforderlichen Beitragsjahre auch durch Anrechnung von Erziehungs- oder Betreuungsgutschriften erfüllt werden könnten, weshalb die Sache zur erneuten
Prüfung der versicherungsmässigen Voraussetzungen zurückzuweisen sei (
Urk.
6 S. 1
Ziff.
2). Sollten die versicherungsmässigen Voraussetzungen erfüllt sein, wären zudem weitere medizinische Abklärungen durchzuführen, da lediglich ein Bericht vorliege, welcher die beweisrechtlichen Anforderungen nicht erfülle
(S. 2
Ziff.
2-3).
2.2
Dagegen machte die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde (
Urk.
1) geltend, die Beschwerdegegnerin habe den Zeitpunkt des Eintritts des Versicherungs
falles ungenügend abgeklärt.
E
s stehe nicht zweifellos fest, dass der Versiche
rungsfall bereit
s
am 1
9.
September 2008 eingetreten sei und sie durch eine rückwirkende Einzahlung von Beiträgen ihre drei vollen Beitragsjahre nicht mehr erfüllen kön
ne
(S. 4). Zudem seien die versicherungsmässigen Voraus
setzungen erfüllt, da die drei vollen Beitragsjahre auch durch Anrechnung von Erziehungsgutschriften erfüllt werden könnten
(S.
5
Ziff.
6).
In ihrer Stellungnahme zur Vernehmlassung (
Urk.
13) machte die Beschwerde
führerin weiter geltend
, die Beschwerdegegnerin habe
nun
anerkannt, dass bei ihr die versicherungsmässigen Voraussetzungen durch die Anrechnung von Erziehungs- und Betreuungsgutschriften erfüllt seien
(
S. 3
Ziff.
2).
Die
Beschwer
degegnerin
sei darauf zu behaften, dass der Versicherungsfall
am 1
9.
September 2008 eingetreten
sei
. Es sei ihr daher ab Oktober 2014 eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Mit Bezug auf die
Hilflosenentschädigung
sei die Angelegenheit an die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen
und Neuverfügung zurückzuweisen (S. 3
Ziff.
3).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin hat ursprünglich in ihrer Verfügung einen Anspruch auf eine Invalidenrente mit Hinweis auf das Nichterfüllen der Beitragsjahre zum Zeitpunkt des Versicherungsfalles verneint (vorstehend E. 2.1).
Wie die Beschwerdeführerin
beschwerdeweise
zutreffend feststellte - von der
Beschwer
degegnerin
in
der
Vernehmlassung
anerkannt - ist es grundsätzlich möglich, dass Beitragsjahre auch durch Anrechnung von Erziehungs
- oder Betreuungs
gutschriften erfüllt werden können (vgl.
vorstehend E. 1.4
). Unzutreffend ist jedoch, dass die Beschwerdegegnerin
damit
ohne die Vornahme weiterer Ab
klärungen
die versicherungsmässigen Voraussetzungen bei der Beschwerde
führerin
für gegeben erachtete
, beantragte sie
doch
ausdrücklich die
Rückwei
sung
zu deren
Prüfung.
3.2
Die Beschwerdegegnerin
wies
weiter
auf den ungenügend abgeklärten medizini
schen Sachverhalt hin. Den Akten liegt lediglich ein Arztbericht der
Y._
vom 2
6.
August 2014 (
Urk.
7/22) bei, welcher für die Beurteilung der invalidenversicherungsrechtlichen Ansprüche der Beschwerdeführerin unzu
reichend ist.
Wie auch
in
der Beschwerdeschrift
ausgeführt
,
herrscht betreffend den
Beginn und das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit weitgehende Unklarheit.
Auch wurde
n
hinsichtlich der beantragten
Hilflosenentschädigung
weder ent
sprechende Abklärungen getätigt, noch wurde mit der hier angefochtenen Ver
fügung über diesen Anspruch entschieden.
3.3
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vor
instanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (
§
26
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss ständiger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung - da diese das Verfahren verlängert und verteuert - abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. SVR 1995 ALV Nr. 27 S. 69).
3.4
I
nsgesamt
fehlt es vorliegend an
einer
verlässlichen
Grundlage zur
Prüfung der versicherungsmässigen Voraussetzungen sowie an den
medizinischen Grundla
gen zur Beur
teilung von allfälligen Leistungsansprüchen und
damit an der Grundlage für einen Entscheid.
Zur Beurteilung der invalidenversic
herungsrechtlichen Ansprüche der Beschwer
de
führerin
bedarf
es
nebst
Klarheit betreffend der
versicherungsmässi
gen
Voraussetzungen
zusätzlicher medizinischer Grundlagen und
Abklärungen.
Die angefochtene Verfügung vom 1
5.
Dezember
2014 (
Urk.
2
/1
) ist folglich auf
zu
heben und die Sache zur Vornahme weiterer Abklärunge
n im Sinne der Erwägungen und hernach
erneutem Entschei
d über den Leistungsanspruch der
Besc
hwerdeführerin
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
4.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 400.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Unter diesen Umständen erweist sich das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Prozessführung
(
Urk.
1 S. 2)
als gegenstandslos.
4.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen,
weshalb die vertretene Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Prozessentschä
digung
hat.
Nach
§
34
Abs.
3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert. Gemäss
§
8 in Verbindung mit
§
7
Abs.
1 der seit
1.
Juli 2011 in Kraft stehenden Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht (
GebV
SVGer
) wird - auch im Rahmen der unentgeltlichen Rechtsvertretung - namentlich für unnötigen Aufwand kein Ersatz gewährt.
Der von Rechtsanwältin
Barbara Wyler
mit Eingabe vom 2
7.
April
2015
(
Urk.
14)
geltend gemachte Aufwand von 18.17
Stunden ist der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses nicht angemessen.
Der geltend gemachte Aufwand lässt sich infolge der
nur nach Datum und nicht nach dem Aufwand für die
einzelne
Tätigkeit gegliederten Zusammenstellung
nicht nachvollziehen.
Angesichts der zu studierenden gut
40
Aktenstücke der Beschwerdegegnerin, der etwa
sechs- und drei
seitigen Rechtsschriften, den Aufwendungen im Zusammenhang mit dem Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung
, den allenfalls bestehenden Verständigungsschwierigkeiten,
sowie der in ähnlichen Fällen zugesprochenen Beträge ist die Entschädigung bei Anwendung des gerichtsübli
chen Stundenansatzes von
Fr.
220
.-- (zuzüglich
Mehrwertsteuer) auf
Fr.
2‘800.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.