Decision ID: 4161a463-3ffc-52f4-bc1c-697e11cbab18
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin ist Eigentümerin eines Weidhauses auf der Parzelle
Grindelwald Grundbuchblatt Nr. B._ (Landwirtschaftszone). Sie liess Teile des
Weidhauses abbrechen und neu aufbauen. Als die Bauverwaltung der Gemeinde
Grindelwald dies feststellte, forderte sie die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 25.
März 2015 auf, Stellung zu nehmen. Die Beschwerdeführerin bestätigte, dass sie Arbeiten
am Gebäude habe vornehmen lassen. Mit Schreiben vom 11. Mai 2015 hielt die Gemeinde
fest, es handle sich um baubewilligungspflichtige Arbeiten, und gab der
Beschwerdeführerin Gelegenheit zur Einreichung eines nachträglichen Baugesuches.
RA Nr. 110/2015/161 2
2. Die Beschwerdeführerin reichte am 29. Juni 2015 ein nachträgliches Baugesuch ein
für den Abbruch und Wiederaufbau des "Stübli" des Gebäudes und für eine Dachsanierung
und stellte ein Ausnahmegesuch für das Bauen ausserhalb der Bauzone. Nachdem das
Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) mit Verfügung vom 1. September 2015 die
Ausnahmebewilligung für das Bauen ausserhalb der Bauzone verweigerte, erteilte die
Gemeinde mit Entscheid vom 4. November 2015 den Bauabschlag und ordnete an, es
seien bis am 31. August 2016 vier der neuen Fenster zu verschliessen, die eingebaute
Koch- und Heizgelegenheit und der dazu erstellte Kamin sowie das Blechdach zu
entfernen und das bisherige Holzschindeldach wieder herzustellen. Gleichzeitig drohte sie
die Ersatzvornahme und eine Busse bei Nichtbefolgung an.
3. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 25. November 2015 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt
sinngemäss, auf die Wiederherstellung sei ganz oder teilweise zu verzichten und die
Wiederherstellungsfrist sei zu verlängern. Sie führt dazu unter anderem aus, sie habe die
Arbeiten von einem Holzbauunternehmen durchführen lassen, dessen Geschäftsinhaber
früher Mitglied der Baukommission von Grindelwald gewesen sei. Sie habe diesen
Geschäftsinhaber nach der Notwendigkeit einer Baubewilligung gefragt. Er habe ihr
versichert, sich vor Baubeginn mit der Gemeinde in Verbindung zu setzen. Sie habe daher
darauf vertraut, es würden keine ungesetzlichen Arbeiten ausgeführt. Weiter macht die
Beschwerdeführerin geltend, die Wahl des Dachmaterials Blech, die Fenstereinbauten und
die Heiz- resp. Kochstelle inklusive Kamin seien nicht zu beanstanden: In Grindelwald
seien auch andere Bedachungsmaterialien anstelle von Holzschindel gestattet und andere
Weidhäuser in der Umgebung hätten auch Blechdächer. Die Fenster seien teilweise von
vorne nicht sichtbar und da die Fensterläden meist geschlossen seien, wirke das Ganze
wie eine geschlossene Holzfassade. Eine Kochstelle sei in Weidhäusern immer üblich
gewesen.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Das AGR und die Gemeinde
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191).
RA Nr. 110/2015/161 3
beantragen die Abweisung der Beschwerde. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Bauentscheide – und mit ihnen zusammen die weiteren Verfügungen nach Art. 9 Abs. 2
Bst. b KoG2 wie jene des AGR – sowie baupolizeiliche Verfügungen können nach Art. 40
und Art. 49 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE
angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung der Beschwerde zuständig. Die
Beschwerdeführerin ist durch den vorinstanzlichen Entscheid beschwert und zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Bauentscheid
a) Die Beschwerdeführerin ist Eigentümerin eines sogenannten Weidhauses in der
Landwirtschaftszone. Weidhäuser sind traditionelle Temporärwohnbauten im Alp- oder
Vorsassgebiet, die aus einem Ökonomieteil (Stall/Scheune/Heulager) und einem kleinen,
jeweils nur temporär genutzten Wohnteil bestehen. Das Weidhaus der Beschwerdeführerin
besteht aus Holz, hat ein Satteldach und umfasst drei Teile, einen Stall im mittleren Teil
des Gebäudes sowie auf der einen Seite einen Lagerraum und der anderen Seite einen
kleinen Wohnraum ("Stübli"). Der Zugang zu diesem "Stübli" erfolgt über einen Vorraum.
Die Beschwerdeführerin liess den Wohnteil mit Vorraum abbrechen und neu aufbauen
(Holzfassade, teilweise mit sichtbarem Betonsockel), das Dach neu decken
(dunkelbraunes Blech), eine Koch- und Heizgelegenheit mit Kamin erstellen und
zusätzliche Fenster einbauen (anstelle eines bestehenden Fensters zwei neue Fenster und
vier zusätzliche Fenster). Vor Ausführung dieser Arbeiten war das Weidhaus mit
Holzschindeln gedeckt gewesen und hatte im Wohnteil eine einfache offene
Kochgelegenheit ohne Kamin sowie zwei Fensteröffnungen (je ein Fenster in der Nordost-
und in der Südwestfassade). Der Vorraum verfügte über eine Aussentür und hatte früher
keine Fenster, aber im oberen Bereich mehrere Fassadenöffnungen. Neu ist die Fassade
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1). 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721).
RA Nr. 110/2015/161 4
des Vorraums auf allen Seiten geschlossen, hat aber auf der Südostseite ein grosses
Fenster. Der frühere Zustand des Weidhauses und die ausgeführten Arbeiten sind
ausreichend durch die Baugesuchsunterlagen und Fotodokumentationen in den Vorakten
dokumentiert und zudem unbestritten. Der von der Beschwerdeführerin beantragte
Augenschein ist daher nicht erforderlich.
b) Die am Weidhaus vorgenommenen Umbau- und Erneuerungsarbeiten sind
baubewilligungspflichtig und erfordern eine Ausnahmebewilligung nach Art. 24 ff. RPG4 für
Bauten und Anlagen ausserhalb der Bauzone. Dies wird von der Beschwerdeführerin nicht
bestritten. Sie macht allerdings sinngemäss geltend, die Arbeiten seien bewilligungsfähig.
c) Das Weidhaus befindet sich gemäss kantonalem Richtplan in einem
Temporärsiedlungsgebiet. Laut dem Zonenplan "Landschaft" der Gemeinde Grindelwald5
liegt es zudem in einer Kulturlandschaft mit Weidhäusern und ist im kommunalen
Weidhausinventar verzeichnet. Damit beabsichtigte die Gemeinde Grindelwald, das
Gebäude als landschaftsprägende Baute zu schützen. Bei solchen Gebäuden können laut
Art. 39 Abs. 2 RPV6 Nutzungsänderung unter bestimmten Voraussetzungen als
standortgebunden bewilligt werden, sofern die äussere Erscheinung und die bauliche
Grundstruktur im Wesentlichen unverändert bleiben. Eine dieser Voraussetzungen ist aber,
dass der kantonale Richtplan und die Gemeindevorschriften Kriterien zur Schutzwürdigkeit
und Vollzugsbestimmungen enthalten (Art. 39 Abs. Abs. 2 Bst. d RPV und Massnahmeblatt
D_01 des kantonalen Richtplans). Die Gemeinde Grindelwald hat im Rahmen der letzten
Ortsplanungsrevision Vorschriften zu den geschützten Weidhäusern erlassen; die
entsprechenden Bestimmungen in ihrem Landschaftsreglement7 wurden aber bisher nicht
vom AGR genehmigt, das Genehmigungsverfahren ist bezüglich dieser Normen sistiert.8
Art. 39 Abs. 2 RPV ist daher nicht anwendbar. Eine Ausnahmebewilligung könnte nur
gestützt auf Art. 24c RPG erteilt werden.
d) Laut Art. 24c RPG werden altrechtliche Bauten, die bestimmungsgemäss nutzbar
sind, aber ausserhalb der Bauzone liegen und nicht mehr zonenkonform sind, in ihrem
4 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700) 5 Zonenplan Landschaft der Gemeinde Grindelwald vom 8. Juni 2001 (genehmigt am 29. August 2005). 6 Raumplanungsverordnung des Bundesrates vom 28. Juni 2000 (RPV; SR 700.1) 7 Landschaftsreglement der Gemeinde Grindelwald vom 8. Juni 2001 (genehmigt am 29. August 2005). 8 Verfügung des AGR vom 29. August 2005 (G. Nr. 120 02 40).
RA Nr. 110/2015/161 5
Bestand grundsätzlich geschützt. Solche Bauten können mit Bewilligung der zuständigen
Behörde erneuert, teilweise geändert, massvoll erweitert oder wiederaufgebaut werden,
sofern sie rechtmässig erstellt oder geändert worden sind (Art. 24c Abs. 1 und 2 RPG).
Eine Änderung gilt als teilweise und eine Erweiterung als massvoll, wenn die Identität der
Baute einschliesslich ihrer Umgebung in den wesentlichen Zügen gewahrt bleibt (Art. 42
Abs. 1 RPV). Massgeblicher Vergleichszustand für die Beurteilung der Identität ist der
Zustand, in dem sich die Baute oder Anlage im Zeitpunkt der Zuweisung zum
Nichtbaugebiet befand (Art. 42 Abs. 2 RPV). Ob die Identität der Baute oder Anlage im
Wesentlichen gewahrt bleibt, ist nach Absatz 3 dieser Norm unter Würdigung der
gesamten Umstände zu beurteilen. In die Gesamtbetrachtung einzubeziehen sind
insbesondere Veränderungen des Erscheinungsbildes des Gebäudes und seiner
Umgebung, die Vergrösserung der Nutzfläche, Volumenveränderungen,
Nutzungsänderungen, Umbauten innerhalb des Gebäudes, die Auswirkungen auf die
Erschliessung und das Verhältnis der Umbaukosten zum Gesamtwert des Gebäudes. Für
die Erweiterung der genutzten Flächen gelten zudem nach Art. 42 Abs. 3 Bst. a und b RPV
quantitative Grenzen. Werden diese überschritten, gilt die Identität der Baute als nicht
gewahrt und eine Bewilligung kann nicht erteilt werden. Bauliche Veränderungen dürfen
aber in jedem Fall keine wesentlich veränderte Nutzung ursprünglich bloss zweitweise
bewohnter Bauten ermöglichen (Art. 42 Abs. 3 Bst. c RPV). Der Abbruch und
Wiederaufbau einer Baute ist nur zulässig, wenn die Baute im Zeitpunkt des Abbruch noch
bestimmungsgemäss nutzbar war und an ihrer Nutzung ein ununterbrochenes Interesse
besteht (Art. 42 Abs. 4 RPV).
e) Das umstrittene Weidhaus liegt weit ausserhalb des Siedlungsgebiets in einer
Kulturlandschaft mit Weidhäusern. In seiner bisherigen Ausgestaltung hatte es in erster
Linie den Charakter eines Stalls mit Scheunenteil. Es trat als landwirtschaftliches
Ökonomiegebäude in Erscheinung. Die am Weidhaus vorgenommenen Änderungen haben
dieses Erscheinungsbild als ursprünglich landwirtschaftlich genutztes Gebäude mit nur
kleinem Temporärwohnteil stark verändert; der ausgebaute Wohnteil tritt nun dominant in
Erscheinung: Dies einerseits durch die neu sieben statt zwei Fenster, andererseits durch
die deutlich massiver ausgeführte Bauweise mit Betonsockel und vollständig
geschlossener Fassade im Bereich des Vorraums. Auch der Ersatz des Holzschindeldachs
durch ein Blechdach mit Kamin hat die Erscheinung des Gebäudes massgeblich verändert.
Die Fassaden- und die Dachgestaltung entsprechen nicht mehr der ursprünglichen
Erscheinung. Hinzu kommt, dass der Einbau zusätzlicher Fenster, die Schliessung der
RA Nr. 110/2015/161 6
Fassadenöffnungen und der Einbau einer Koch- und Heizgelegenheit nicht nur
ermöglichen, neben dem "Stübli" auch den Vorraum zum Wohnen zu nutzen, sondern das
Weidhaus neu ganzjährig bewohnbar machen. Die Identität des Gebäudes ist daher nicht
mehr gewahrt. Eine Ausnahmebewilligung gemäss Art. 24c RPG kann nicht erteilt werden.
Dies umso mehr, als es sich beim Weidhaus um eine ursprünglich bloss zweitweise
bewohnte Baute im Sinne von Art. 42 Abs. 3 Bst. c RPV handelt. Bei diesen Bauten
unterliegen bauliche Änderungen noch stärkeren Einschränkungen und dürfen keine
veränderte oder erweiterte Nutzung ermöglichen, wie dies vorliegend der Fall ist. Daran
ändern auch die Vorbringen der Beschwerdeführerin nichts: Die früher vorhandene offene
Feuerstelle im Weidhaus ermöglichte zwar wohl auch bisher das Zubereiten einfacher
Mahlzeiten. Ein regelmässiges Kochen und dauerhaftes Wohnen wäre aber mit der offenen
Feuerstelle ohne Kamin, die zu Rauchentwicklung im Gebäude führte, nicht möglich
gewesen. Sie hätte insbesondere auch nicht dazu dienen können, das Stübli und den
Vorraum, der einfache Bretterwände mit mehreren Öffnungen aufwies, in den kälteren
Monaten genügend zu beheizen. Die neue eingebaute Koch- und Heizgelegenheit führt
zweifellos zu einer stark erweiterten Nutzungsmöglichkeit. Was die Fenster betrifft, zeigen
die Fotos in den Vorakten deutlich, dass auch bei geschlossenen Fensterläden die neuen
Fenster deutlich als Fenster wahrgenommen werden, die Fassaden ganz anders aussehen
als früher und der Wohnteil prominent in Erscheinung tritt. Die Beschwerdeführerin kann
auch aus dem von ihr angerufenen Art. 40 Abs. 5 GBR9 nichts zu ihren Gunsten ableiten.
Nach dieser Bestimmung sollen Gebäude in der Vorsassstufe und im Alpgebiet zur
Erhaltung des traditionellen Baucharakters nach Möglichkeit mit Holzschindeln gedeckt
werden. Dies schliesst andere Bedachungsmaterialen zwar nicht gänzlich aus, lässt sie
aber nur in Ausnahmefällen zu. Zudem unterstreicht die genannte Bestimmung deutlich,
dass Holzschindeldächer wesentlich sind für das traditionelle Erscheinungsbild der
Gebäude im Vorsass- und Alpgebiet.
f) Da durch die ausgeführten Arbeiten die Identität des Weidhauses stark verändert
wurde, handelt es sich nicht mehr um eine teilweise Änderung. Zu Recht haben daher das
AGR die Erteilung einer Ausnahmebewilligung nach Art. 24c RPG und die Gemeinde die
Baubewilligung verweigert. Es kann bei diesem Ergebnis offen bleiben, in welchem
Umfang eine Erweiterung der Wohnfläche stattgefunden hat und ob diese in quantitativer
Hinsicht das zulässige Mass überschreitet.
9 Baureglement der Einwohnergemeinde Grindelwald 4. Juni 1999, genehmigt durch das AGR am 27. Februar 2001.
RA Nr. 110/2015/161 7
3. Wiederherstellung
a) Wird ein Bauvorhaben ohne Baubewilligung ausgeführt, so setzt die
Baupolizeibehörde eine angemessene Frist zur Wiederherstellung des rechtmässigen
Zustands unter Androhung der Ersatzvornahme (Art. 46 Abs. 1 und 2 BauG). Die
Wiederherstellungsanordnung muss im öffentlichen Interesse liegen, verhältnismässig sein
und darf den Vertrauensgrundsatz nicht verletzen (Art. 47 Abs. 6 BewD10).
Verhältnismässig ist eine Anordnung dann, wenn sie zur Erreichung des angestrebten Ziels
geeignet und erforderlich und für die Betroffenen zumutbar ist. Bei geringfügigen
Abweichungen und wenn die Bauherrschaft im baurechtlichen Sinn gutgläubig handelte,
kann die Wiederherstellung unterbleiben, wenn nicht gewichtige öffentliche oder private
Interessen diese gebieten. Bei bösem Glauben der Bauherrschaft kann auf die
Wiederherstellung nur verzichtet werden, wenn die Abweichung vom Erlaubten
unbedeutend ist oder die Wiederherstellung nicht im öffentlichen Interesse liegt oder
unverhältnismässig wäre. Auf den Grundsatz der Verhältnismässigkeit kann sich somit
auch eine Bauherrschaft berufen, die nicht gutgläubig gehandelt hat. Sie muss aber in Kauf
nehmen, dass die Behörden aus grundsätzlichen Erwägungen, nämlich zum Schutz der
Rechtsgleichheit und der baulichen Ordnung, dem Interesse an der Wiederherstellung des
gesetzmässigen Zustands erhöhtes Gewicht beimessen und die der Bauherrschaft
allenfalls erwachsenden Nachteile nicht oder nur in verringertem Mass berücksichtigen.11
b) Ein öffentliches Interesse an der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes ist
im Allgemeinen gegeben, da das Interesse an der Einhaltung der baurechtlichen
Bestimmungen und an der konsequenten Verhinderung von Bauten, die der baurechtlichen
Ordnung widersprechen, generell gross ist. Besonderes Gewicht kommt dem öffentlichen
Interesse am konsequenten Vollzug des Bau-, Planungs- und Umweltrechts ausserhalb
10 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1). 11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N 9 ff. mit Hinweisen.
RA Nr. 110/2015/161 8
des Baugebiets zu.12 Das umstrittene Weidhaus befindet sich ausserhalb des Baugebiets.
Die Beschwerdeführerin hat ohne Baubewilligung und ohne Ausnahmebewilligung nach
Art. 24 ff. RPG gebaut und damit die Vorschriften des Raumplanungsrechts verletzt. Dies
widerspricht zwingenden öffentlichen Interessen.13 Die angeordnete Wiederherstellung liegt
daher im öffentlichen Interesse.
c) Die Wiederherstellungsanordnung ist auch verhältnismässig: Die Gemeinde hat
angeordnet, die Koch- und Heizgelegenheit samt Kamin seien zu entfernen, vier der neuen
Fenster seien so zu verschliessen, dass sie nicht mehr geöffnet werden können und keine
Fensteröffnung wahrnehmbar sei, und das Blechdach sei wieder durch ein
Holzschindeldach zu ersetzen. Diese Massnahmen sind geeignet und erforderlich, um das
ursprüngliche Erscheinungsbild als landwirtschaftliche Ökonomiebaute mit
untergeordnetem Temporärwohnteil soweit möglich wieder herzustellen und die unzulässig
erweiterte Nutzungsmöglichkeit wieder einzuschränken. Entgegen der Auffassung der
Beschwerdeführerin reicht es zur Erreichung dieser Ziele nicht aus, die Fensterläden bei
Nichtbenutzung des Gebäudes geschlossen zu halten. Damit würde zum Einen die
unzulässig erweiterte Nutzungsmöglichkeit nicht eingeschränkt; zum Andern sind die
neuen Fenster auch bei geschlossenen Fensterläden deutlich als Fenster wahrnehmbar
und verändern die Erscheinung der Fassaden. Andere als die angeordneten Massnahmen
sind nicht geeignet oder nicht ausreichend. Die Anordnung der Gemeinde ist auch
genügend klar. Es ist daher nicht erforderlich, einen Augenschein durchzuführen und die
notwendigen Wiederherstellungsmassnahmen vor Ort zu diskutieren, wie dies die
Beschwerdeführerin verlangt.
d) Entgegen ihrer Auffassung ist ihr die Widerherstellung auch zumutbar. Ihr Vertrauen
darauf, dass sich der von ihr beauftragte Bauunternehmer nach der Notwendigkeit einer
Baubewilligung erkundigt und keine ungesetzlichen Arbeiten ausführt, ändert daran nichts.
Der Beschwerdeführerin war gemäss ihren Ausführungen bewusst, dass ihr Vorhaben
baubewilligungspflichtig sein könnte. Sie macht aber nicht geltend, die zuständige
Baubewilligungsbehörde habe ihr oder dem Bauunternehmer gegenüber Zusicherungen
gemacht oder unrichtige Auskünfte erteilt. Sie stützt sich einzig auf das Vorgehen ihres
Bauunternehmers. Aus dessen allfälligen Auskünften kann die Beschwerdeführerin aber
nichts zu ihren Gunsten ableiten. Eine geschützte Vertrauensposition kann nur durch
12 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9a; BGE 136 II 359 E. 6; BGer 1C_397/2007 E. 3.4. 13 BVR 1992 S. 488 E. 3.
RA Nr. 110/2015/161 9
Handlungen einer Behörde begründet werden, nicht dagegen durch eine Auskunft oder das
Handeln Dritter.14 Wer bauen oder nutzen will muss sich um die Zulässigkeit seines Tuns
kümmern und sich bei den Behörden nach der Bewilligungspflicht erkundigen. Tut die
Bauherrschaft dies nicht selbst und delegiert sie die Erkundigungspflicht an Architekten
oder Bauunternehmer, muss sie sich deren Wissen sowie deren Unterlassungen oder
unrechtmässige Handlungen zurechnen lassen. Dem Bauunternehmer, der gemäss
Angaben der Beschwerdeführerin früher Mitglied der Baukommission Grindelwald war,
hätte bewusst sein müssen, dass das Vorhaben baubewilligungspflichtig sein könnte.
Zudem weist Art. 40 Abs. 5 GBR explizit darauf hin, dass bei der Änderung des
Bedachungsmaterials, beispielsweise von Schindeln zu Blech, eine Baubewilligung
erforderlich ist. Indem der Bauunternehmer das Bauvorhaben ausführte, ohne sich vorher
bei der Gemeinde oder dem AGR zu erkundigen bzw. eine Baubewilligung einzuholen,
handelt er im baurechtlichen Sinn bösgläubig. Dies muss sich die Beschwerdeführerin
anrechnen lassen; sie gilt daher nicht als gutgläubig. Daher könnte auf die
Wiederherstellung nur dann verzichtet werden, wenn die Abweichung vom Erlaubten
unbedeutend oder nicht im öffentlichen Interesse wäre. Beides ist nicht der Fall. Da es sich
bei der Wahrung der Zonenkonformität in der Landwirtschaftszone um ein gewichtiges
öffentliches Interessen handelt, wäre im Übrigen auch bei Gutgläubigkeit der Bauherrschaft
nicht von einer Wiederherstellung abzusehen.15
e) Das öffentliche Interesse an der angeordneten Wiederherstellung überwiegt die
Nachteile, die der Beschwerdeführerin dadurch entstehen. Die Beschwerdeführerin gilt im
baurechtlichen Sinn als bösgläubig. Die finanziellen Nachteile, die ihr durch
Wiederherstellungsmassnahmen erwachsen können, haben daher nur eine untergeordnete
Bedeutung. Zudem richtet die Gemeinde Beiträge an Holzschindeldächer aus.16 Dadurch
können sich die finanziellen Aufwendungen für die Beschwerdeführerin reduzieren. Die
angeordneten Massnahmen sind daher verhältnismässig. Die angefochtene
Wiederherstellungsverfügung ist nicht zu beanstanden.
f) Die Gemeinde hat für die Ausführung der Wiederstellungsmassnahmen eine
grosszügige Frist bis 31. August 2016 angesetzt. Dies ergibt eine Zeitspanne von fast 10
14 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N 9b/a. 15 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9b/d mit Hinweis auf BGE 132 II 21 E. 6.4 und BGer 1C_404/2009 vom 12.5.2010 E. 4. 16 Reglement über den Fonds zur Erhaltung und Förderung der Schindeldächer in der Gemeinde Grindelwaldvom 21. März / 16. Mai 2006.
RA Nr. 110/2015/161 10
Monaten seit Erlass der Wiederherstellungsverfügung. Die Gemeinde hat bei der
Fristansetzung berücksichtigt, dass die notwendigen Arbeiten in den Wintermonaten nicht
ausgeführt werden können. Der Zeitraum zwischen Frühling und Ende August ist
ausreichend lang, um sie durchzuführen. Die angesetzte Frist ist daher verhältnismässig.
Da der Entscheid der BVE vor dem Frühjahr erfolgt, bleibt der Beschwerdeführerin
ausreichend Zeit, um die Wiederherstellungsarbeiten in Auftrag zu geben und durchführen
zu lassen. Eine Fristerstreckung ist nicht notwendig.
g) Zusammenfassend ergibt sich, dass die von der Vorinstanz angeordnete
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands im öffentlichen Interesse liegt, den
Vertrauensgrundsatz nicht verletzt und verhältnismässig ist. Die Beschwerde ist
abzuweisen und die Verfügungen des AGR und der Gemeinde sind zu bestätigen.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV17).
b) Die unterliegende Partei hat zudem der Gegenpartei deren Parteikosten, das heisst
den durch eine berufsmässige (anwaltliche) Parteivertretung anfallenden Aufwand, zu
ersetzen (Art. 104 Abs. 1 und Art. 108 Abs. 3 VRPG). Organe des Kantons und der
Gemeinden haben aber in der Regel keinen Anspruch auf Parteikostenersatz, es sei denn,
sie seien wie eine Privatperson betroffen, beispielsweise als Bauherrin (Art. 104 Abs. 4
i.V.m. Art. 2 Abs. 1 Bst. a und Bst. b VRPG). Das AGR und die Gemeinde Grindelwald sind
weder anwaltlich vertreten noch wie Privatpersonen betroffen, sondern haben im Rahmen
ihrer öffentlich-rechtlichen Aufgaben verfügt. Sie haben daher keinen Anspruch auf
Parteikostenersatz. Die Gemeinde Grindelwald macht zwar geltend, das Rechtsamt habe
ihr zu Unrecht über die Dezemberfeiertage eine nicht erstreckbare Antwortfrist gesetzt.
Dies sei bei der Kostenauflage zu würdigen. Es wird von der Gemeinde Grindelwald aber
nicht begründet, wieso ihr aus der Ansetzung einer 30-tägigen Antwortfrist zusätzlicher
17 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2015/161 11
spezieller Aufwand entstanden wäre. Zudem gelten gemäss Praxis der BVE auch für
nachträgliche Baubewilligungsverfahren die Vorschriften des ordentlichen
Baubewilligungsverfahrens. In Beschwerdeverfahren ist daher auch bei nachträglichen
Baubewilligungsverfahren die Beschwerdeantwort innert der gesetzlichen, nicht
erstreckbaren Frist von Art. 40 Abs. 5 BauG einzureichen. Die Gemeinde Grindelwald hat
keinen Anspruch auf Parteikostenersatz.