Decision ID: 65e7e652-a12b-56bc-9e00-2ce293b44a46
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine sri-lankische Staatsangehörige tamilischer
Ethnie, gelangte eigenen Angaben zufolge am 5. Februar 2018 in die
Schweiz, wo sie gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
B._ um Asyl nachsuchte. In der Folge wurde sie darüber informiert,
dass ihr Asylverfahren im Rahmen der Testphase des Verfahrenszentrums
Zürich (VZ) durchgeführt werde. Am 8. Februar 2018 wurde sie zu ihrer
Person und zum Reiseweg befragt (Personalienaufnahme [PA]) und am
27. April sowie am 2. Juni 2018 eingehend angehört.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte sie im Wesentlichen geltend,
sie stamme aus Jaffna, wo sie von Geburt bis zur Ausreise an verschiede-
nen Adressen gelebt habe. Ein Onkel sei seit etwa 1995 Mitglied der Libe-
ration Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gewesen und im Jahr (...) in
C._ anlässlich einer Kontrolle des sri-lankischen Militärs von Solda-
ten erschossen worden. Über die Aktivitäten ihres Onkels für die Bewegung
wisse sie nichts. Ihr Vater sei bis zum Tod des Onkels Sympathisant der
LTTE gewesen. Vor seinem Tod sei ihr Onkel wiederholt bei ihr zu Hause
gesucht worden. Einmal sei ihr Vater anlässlich einer solchen Suche von
Soldaten in ein Camp mitgenommen und dort währen 15 bis 20 Tagen fest-
gehalten und gefoltert worden. Nach seiner Entlassung sei er mehrmals
von Armeeangehörigen bedroht worden, Genaueres darüber wisse sie
aber nicht. Sie habe im (...) den Bachelor in (...) an der (...) abgeschlos-
sen. Während der Studienzeit von (...) bis (...) habe sie rund zehn Mal an
Streiks teilgenommen, welche von den Studenten organisiert worden
seien. Auch habe sie an den jährlichen Feierlichkeiten zum Heldentag teil-
genommen. Im Jahr (...) habe sie in ihrer Funktion als Repräsentantin der
Fakultät zusammen mit zwei anderen Repräsentanten und zwei bis drei
weiteren Personen die Heldentagsfeier an der Universität organisiert. Bei
diesem Anlass seien sie von Angehörigen des Criminal Investigation De-
partments (CID) beobachtet worden. Nach ihrer Teilnahme an dieser Feier
im November (...) habe sie Probleme mit einem Mann bekommen, welcher
sich als Mitarbeiter des CID ausgegeben habe. Er habe sie systematisch
belästigt und wiederholt telefonisch kontaktiert. Bei der ersten Begegnung
habe er ihr eine Fotografie auf seinem Handy gezeigt, welche sie bei der
Heldentagsfeier zeige. Als er ihr das zweite Mal aufgelauert habe, habe er
ihr Mobiltelefon entwendet. Er habe ausserdem alles von ihr gewusst, ihren
Namen, ihre Telefonnummer, in welcher Fakultät sie gewesen sei, ihre Ad-
resse sowie Details über ihre Familie. Er habe ihr aufgelauert und Avancen
D-3736/2018
Seite 3
gemacht sowie gedroht, wenn sie sich seinen Wünschen nicht fügen
würde, würde er Informationen über ihre Teilnahme an den Heldentagsfei-
erlichkeiten und über die Tätigkeiten ihres Onkels für die LTTE an seinen
Vorgesetzten weiterleiten. Er habe Beweise dafür, dass sie die Heldentags-
feier organisiert habe. In der Folge habe sie den gleichen Mann vor ihrem
Zuhause gesehen, er habe sie ständig beobachtet. Deshalb habe sie Angst
bekommen und sich entschlossen, während der nächsten Zeit bei einer
Tante zu wohnen. Als sie bei ihrer Tante gewohnt habe, habe sie das Haus
während über zwei Monaten kaum verlassen. In dieser Zeit seien private
Fotografien von ihr, welche sie an der Heldentagsfeier im Jahr (...) zeigten,
auf ihrem Facebook-Account erschienen und sie habe darauf nicht mehr
zugreifen können. Sie gehe davon aus, dass dieser Mann mit dem ihr ent-
wendeten Mobiltelefon diese Fotografien hochgeladen und ihr Passwort
geändert habe. An ihrem Geburtstag habe sie das Haus ihrer Tante
schliesslich verlassen, um einen Tempel und danach ihre Eltern zu besu-
chen. Am nächsten Tag habe dieser Mann sie im Haus ihrer Tante über-
rascht, nachdem diese das Haus verlassen habe. Er habe ihr erklärt, er
liebe sie und wolle sie heiraten. Er habe ihr auch gedroht, ihre Familie zu
töten, wenn sie nicht kooperiere. Bei diesem Zusammentreffen habe er sie
drei Mal vergewaltigt. Auch habe er sie nackt fotografiert. Aus Furcht, er
könnte diese Nacktfotos veröffentlichen, habe sie niemandem von der Ver-
gewaltigung erzählt. Nach dem Vorfall sei sie in ihr Elternhaus zurückge-
kehrt, weil sie in deren Nähe habe sein wollen. Sie habe immer wieder
Anrufe von ihrem Peiniger erhalten. Dabei habe er sie jeweils aufgefordert,
sich seinen Wünschen zu fügen und ihn sexuell zu befriedigen. Nachdem
ihre Periode ausgeblieben sei, habe sie sich schliesslich ihrer Mutter an-
vertraut und ihr von den sexuellen Übergriffen erzählt. Diese habe mit ihr
einen Schwangerschaftstest durchgeführt, welcher positiv ausgefallen sei.
Daraufhin habe die Mutter den Vater informiert und dieser sei nach Co-
lombo gereist, um auf illegale Weise Abtreibungspillen zu besorgen, wel-
che sie in der Folge eingenommen habe. Ihr Peiniger habe sie weiterhin
angerufen und sei regelmässig vor ihrem Haus erschienen. Sie habe auf-
grund des psychischen Drucks ständig Kopfschmerzen gehabt. Da er im-
mer mit dem Auto oder dem Motorrad vor ihrem Haus vorbeigefahren sei,
habe sie mit der Zeit Angst vor Fahrzeuggeräuschen bekommen. Sie habe
nicht mehr richtig schlafen können und einmal keine Luft mehr bekommen,
weshalb sie ins Spital gebracht worden sei. Schliesslich habe sie den stän-
digen Druck nicht mehr ausgehalten und beschlossen, sich das Leben zu
nehmen. Vor ihrem Selbstmordversuch habe sie ihren Peiniger angerufen
um ihn über den Selbstmord zu informieren. Ihre Mutter habe den Selbst-
mordversuch in der Folge aber gerade noch rechtzeitig verhindern können,
D-3736/2018
Seite 4
indem sie ihr Seifenwasser zum Trinken gegeben habe, so dass sie habe
erbrechen müssen. Daraufhin hätten ihre Eltern beschlossen, eine Anzeige
auf dem zuständigen Polizeiposten einzureichen. Dort habe man ihnen
versichert, man werde sich um die Sache kümmern, sie hätten jedoch kei-
nerlei Dokumente erhalten. In derselben Nacht seien fünf oder sechs Poli-
zisten zu ihr nach Hause gekommen und hätten unter dem Vorwand, nach
Drogen zu fahnden, eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Ihr Vater sei
während dieser Zeit ausser Haus gewesen und auf der Strasse von Poli-
zeibeamten angehalten und kontrolliert worden. Danach habe ihr Peiniger
sie kontaktiert und erklärt, er habe die Hausdurchsuchung organisiert. Aus
Angst um ihre persönliche Sicherheit habe sie sich schliesslich zur Aus-
reise entschlossen. Mit Hilfe eines Schleppers habe sie Sri Lanka im (...)
verlassen. Nach ihrer Ausreise habe sie erfahren, dass sie wiederholt zu
Hause gesucht worden sei. Bei einem solchen Besuch sei ihr Vater verletzt
worden, weshalb sie sich danach nicht mehr getraut habe, ihre Eltern zu
kontaktieren. Von ihrem Onkel habe sie erfahren, dass diese aufgrund der
Suche nach ihr ihren Wohnort zu Verwandten nach D._ verlegt hät-
ten und sich dort versteckt hielten.
Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin ihre Identitätskarte im Ori-
ginal, eine Kopie ihrer Geburtsurkunde, eine Kopie eines Zeitungsartikels
vom (...), eine Kopie der Geburtsurkunde sowie der Todesbescheinigung
ihres Onkels, drei Fotografien ihrer Abschlussfeier im (...) sowie einen Aus-
weis des IKRK, welcher ihrem Vater gehöre, zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 18. Juni 2018 – eröffnet gleichentags – stellte das SEM
fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte
ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie
den Vollzug an.
C.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 28. Juni 2018
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhe-
bung der vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingsei-
genschaft, eventualiter die Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs, subeventualiter die Rückweisung des Verfahrens an die
Vorinstanz sowie in prozessualer Hinsicht die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung, unter Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschus-
ses.
D-3736/2018
Seite 5
D.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Juli 2018 stellte die vormals zuständige In-
struktionsrichterin den legalen Aufenthalt der Beschwerdeführerin während
des Verfahrens fest. Gleichzeitig wurde die Beschwerdeführerin aufgefor-
dert, eine Beschwerdeverbesserung einzureichen und der Entscheid be-
treffend unentgeltliche Rechtspflege wurde unter Einforderung einer Für-
sorgebestätigung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.
E.
Am 17. Juli 2018 reichte die Beschwerdeführerin eine Beschwerdeverbes-
serung ein und beantragte neben Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft
auch die Gutheissung ihres Asylgesuchs.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 9. August 2018 wurden die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf Erhebung
eines Kostenvorschusses abgewiesen und ein Kostenvorschuss eingefor-
dert, da die Mittellosigkeit unbelegt geblieben war.
G.
Mit Vernehmlassung vom 7. September 2018 hielt die Vorinstanz vollum-
fänglich an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
H.
Mit Eingabe vom 10. September 2018 ersuchte die Beschwerdeführerin
unter Einreichung einer Fürsorgebestätigung vom 31. August 2018 erneut
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
I.
Am 27. September 2018 reichte die Beschwerdeführerin ihre Replik ein
und ersuchte um Einsicht in ein vorinstanzliches Aktenstück betreffend die
gesundheitliche Versorgung in Sri Lanka. Sie reichte ferner die Kopie einer
Anmeldung zum Arztbesuch bei einer Frauenärztin vom 25. Septem-
ber 2018, ein Schreiben von Frau Dr. med. E._, (...) vom 25. Sep-
tember 2018, eine Kopie von zwei Terminkärtchen für den 25. September
und den 4. Oktober 2018 sowie eine Schnellrecherche der Länderanalyse
der schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 16. Juli 2018 zu den Akten.
Gleichzeitig ersuchte sie um Fristerstreckung zur Einreichung aktueller
Arztberichte.
D-3736/2018
Seite 6
J.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2018 wurde der Beschwerdeführe-
rin eine Kopie des verlangten vorinstanzlichen Aktenstückes zugestellt und
das Gesuch um Fristerstreckung gutgeheissen.
K.
Am 18. Oktober 2018 reichte die Beschwerdeführerin eine ergänzende
Stellungnahme ein unter Beilage eines Abklärungsberichts von Frau Dr.
med. E._, (...) vom 26. September 2018 (in Kopie), eines Schrei-
bens von Dr. med. F._, (...), vom 15. Oktober 2018 (in Kopie) sowie
einer Emailnachricht der SFH vom 18. Oktober 2018. Ferner wurde auf-
grund der Ferienabwesenheit einer Ärztin um erneute Fristerstreckung zur
Einreichung eines ärztlichen Berichts ersucht. Am 31. Oktober 2018 reichte
sie eine Kopie des ärztlichen Berichts von Dr. med. G._, (...), vom
24. Oktober 2018 zu den Akten.
L.
Mit Eingabe vom 20. Mai 2020 wurde der definitive Kurzaustrittsbericht der
(...) vom 8. April 2020 nachgereicht.
M.
Am 17. Juli 2020 wurde durch die Rechtsvertretung ein Abklärungsbericht
der (...) vom 26. Juni 2020 beim Gericht eingereicht. Gleichzeitig wurde
festgehalten, die Beschwerdeführerin melde sich in regelmässigen Abstän-
den verzweifelt bei der Rechtsvertretung und frage nach Neuigkeiten in ih-
rem Verfahren. Die Ungewissheit über ihre Zukunft und die allfällige dro-
hende Wegweisung nach Sri Lanka belaste sie überaus stark. Aus diesem
Grund werde dringend darum ersucht, baldmöglichst ein Urteil zu fällen.
N.
Am 20. Juli 2020 teilte die neu zuständige Instruktionsrichterin der Be-
schwerdeführerin mit, ihr Verfahren sei in Bearbeitung und werde prioritär
behandelt. Weitergehende Angaben zur voraussichtlichen Verfahrens-
dauer könnten leider nicht gemacht werden.
D-3736/2018
Seite 7

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 38 der
Verordnung über die Durchführung von Testphasen zu den Beschleuni-
gungsmassnahmen im Asylbereich [TestV, SR 142.318.1] i.V.m. Art. 112b
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
D-3736/2018
Seite 8
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Entsprechend
der Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft
erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von be-
stimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche im Fall einer Rück-
kehr in den Heimatstaat befürchten muss. Die Nachteile müssen der asyl-
suchenden Person gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
drohen oder zugefügt worden sein. Die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft setzt zudem voraus, dass die betroffene Person einer landesweiten
Verfolgung ausgesetzt ist und sich nicht in einem anderen Teil ihres Hei-
matstaates in Schutz bringen kann. Ausgangspunkt für die Beurteilung der
Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise be-
stehenden Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die Si-
tuation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Rahmen der Prü-
fung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Verän-
derungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und
Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der ein Asylgesuch
stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5 und
2010/57 E. 2, beide mit weiteren Hinweisen). Begründete Furcht vor Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter An-
lass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher
Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit
hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein,
die bei Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit
den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurteilung
einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfolgen,
und sie ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 m.w.H.).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
D-3736/2018
Seite 9
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Glaubhaftmachung im
Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Gegensatz zum strikten Be-
weis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse
Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entschei-
dend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen
Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung
für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen
Erlebnisse betreffende, substantiierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie
und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits-
gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn-
zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere
Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins-
besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach-
geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht
es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg-
lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und Plausibilität der
Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Ge-
suchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die
positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es dem-
nach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in
Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um-
stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid im Wesentlichen damit, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht genügen. Zwar habe sie umfang-
reiche Ausführung betreffend die geltend gemachten Nachstellungen durch
ihren Peiniger machen können, solche könnten allerdings auch sorgfältig
einstudiert sein. Damit entsprechende Aussagen zu Vorbringen jedoch pro-
filiert und glaubhaft wirken würden, bedürfe es entsprechender überzeu-
gender und stimmiger Antworten und Ausführungen auf vertiefende Fragen
hin, was vorliegend nicht der Fall sei. Bei näherer Betrachtung würden ihre
Antworten auf Fragen zu konkreten Details fast durchwegs substanzarm
ausfallen und der Logik entbehren. So sei nicht einzusehen, inwiefern ihr
D-3736/2018
Seite 10
angeblicher Peiniger sie mit Informationen zu ihrer angeführten Teilnahme
an der Heldenfeier im November 2016 und zum ehemaligen Engagement
ihres verstorbenen Onkels für die LTTE überhaupt hätte erpressen können,
da diese Informationen den Behörden bereits bekannt gewesen seien be-
ziehungsweise hätten sein können. Ferner sei nicht nachvollziehbar, dass
sie trotz der schwerwiegenden Probleme, insbesondere in Anbetracht der
geltend gemachten massiven sexuellen Übergriffe, die letzten Monate vor
der Ausreise wieder in ihr normales Wohnhaus zurückgekehrt sein und da-
bei keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben wolle. Weiter erstaune
die Aussage, sie habe im Nachgang zur angeführten wiederholten Verge-
waltigung keine ärztliche Untersuchung in Anspruch genommen. Ebenso
sei nicht nachvollziehbar, dass sie ihren Peiniger kontaktiert haben wolle,
um ihm ihre Selbstmordpläne mitzuteilen, ein solches Verhalten sei bar
jeglicher Logik. Auch sei nicht verständlich, weshalb sie oder ihre Eltern
sich anlässlich der Anzeige bei der Polizei nicht bemüht hätten, eine Kopie
der Anzeige zu erhalten, zumal dies in einer solchen Situation in Sri Lanka
üblich sei. Ebenfalls sei nicht nachvollziehbar, dass sie oder ihre Eltern zum
einen nicht versucht hätten, die vorgebrachte Anzeige in Jaffna auf dem
dort vorhandenen Children and Women’s Bureau zu machen. Ihre Aus-
sage, sie habe von der Existenz dieser Anlaufstelle keine Kenntnis gehabt,
überzeuge nicht, zumal sich jene in Jaffna befinde und Informationen zur
Existenz solcher Anlaufstellen immer wieder in den sri-lankischen Medien
präsent seien. Die Erklärung, sie hätte sich an keine Hilfsorganisation ge-
wendet, da sie befürchtet habe, ihr Peiniger könnte die von ihm gemachten
Nacktfotos publizieren, sei als Schutzbehauptung zu qualifizieren, sei doch
davon auszugehen, dass jene die ihnen gemeldeten Fälle mit grösster Dis-
kretion und Umsicht behandeln und allfällige weitere Schritte im Einzelfall
mit den betroffenen Personen absprechen würden. Weiter würden ihre
Schilderungen teilweise unsubstantiiert und zu wenig konkret ausfallen. So
entstehe kein konkretes Bild vom Ablauf der geltend gemachten drei Ver-
gewaltigungen, sie sei zu diesem Punkt lediglich wenige und zudem pau-
schal und stereotyp wirkende Aussagen zu machen imstande gewesen.
Auch auf Nachfrage hin habe sie keine näheren Angaben gemacht, son-
dern ausgesagt, sie schäme sich und wolle dazu nichts weiter sagen. Dies
sei als Schutzbehauptung zu qualifizieren, da sie einerseits stets bereit ge-
wesen sei, die Vergewaltigung zu erwähnen und zu benennen, und da das
SEM mit der Zusammenstellung eines reinen Frauenteams adäquate Rah-
menbedingungen geschaffen habe, damit sie über ihre Asylvorbringen
Auskunft geben könne. Auch die Beschreibung der Situation nach den Ver-
gewaltigungen vermöge nicht zu überzeugen, seien jene doch pauschal
und knapp ausgefallen indem sie gesagt habe, sie habe sich gewaschen,
D-3736/2018
Seite 11
stark geweint, sich Sorgen gemacht und aufs Bett gelegt und nichts ande-
res gemacht. Diese Beschreibung vermittle keinen lebensnahen Eindruck
und enthalte sozusagen keine emotionalen Eindrücke und Empfindungen,
was jedoch bei Personen in einer vergleichbaren Notsituation zwingend zu
erwarten wäre. Die Vorbringen zu den geltend gemachten Übergriffen und
Verfolgung durch den CID-Mitarbeiter könnten ihr nach dem Gesagten
nicht geglaubt werden. Jedoch wären die entsprechenden Vorbringen
selbst bei vorliegender Glaubhaftigkeit nicht asylrelevant, zumal es sich
dabei um Probleme mit einer Einzelperson handle, deren persönlicher Hin-
tergrund unklar sei, wobei sie die Möglichkeit gehabt habe, bei der lokalen
Polizeibehörde um Schutz zu ersuchen.
Die Beschwerdeführerin mache weiter geltend, ihr Onkel sei LTTE-Mitglied
gewesen und von Soldaten umgebracht worden und ihr Vater sei Sympa-
thisant gewesen, verschiedentlich aufgesucht und einmal mitgenommen
und misshandelt worden. Dazu sei festzuhalten, dass sie gemäss ihren ei-
genen Aussagen in diesem Zusammenhang nie asylbeachtlichen Verfol-
gungsmassnahmen ausgesetzt gewesen sei. Es würden somit keine An-
haltspunkte dafür bestehen, dass sie bis zu ihrer Ausreise aus Sri Lanka
wegen der erwähnten Probleme ihres Onkels oder ihres Vaters persönlich
gezielten, gegen ihre Person gerichteten staatlichen Verfolgungsmassnah-
men ausgesetzt gewesen wäre. Daran würden auch die in diesem Zusam-
menhang eingereichten Beweismittel nichts ändern. Weiter mache sie gel-
tend, während des Studiums an Streiks sowie an den alljährlichen Feier-
lichkeiten zum Heldentag teilgenommen und diese im Jahr 2016 sogar mit-
organisiert zu haben. Auch diese Vorbringen seien nicht asylrelevant, zu-
mal den Akten keine Hinweise darauf zu entnehmen seien, dass diese Ak-
tivitäten staatliche Verfolgungsmassnahmen zur Folge gehabt hätten be-
ziehungsweise zu künftigen solchen Verfolgungsmassnahmen führen
könnten.
Schliesslich habe sie geltend gemacht, nach ihrer Ausreise wiederholt von
unbekannten Personen zuhause gesucht worden zu sein. Auch dieses Vor-
bringen vermöge keine Asylrelevanz zu entfalten. Dabei handle es sich um
Übergriffe durch Unbekannte, welche bei der zuständigen lokalen Polizei
zur Anzeige gebracht werden könnten. Konkrete Belege dafür, dass die
heimatlichen Behörden diesbezüglich nicht schutzwillig wären, habe sie
keine geliefert.
Da die Beschwerdeführerin nicht glaubhaft gemacht habe, vor ihrer Aus-
reise asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu
D-3736/2018
Seite 12
sein, sei nicht ersichtlich, weshalb sie bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter Weise
verfolgt werden sollte. Sie habe selber zu Protokoll gegeben, sie habe
keine politischen Aktivitäten ausgeübt. Die Vorbringen betreffend den On-
kel und den Vater könnten keine Asylrelevanz entfalten. Es bestehe somit
kein begründeter Anlass zur Annahme, dass sie bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein werde. Ihr Asyl-
gesuch sei deshalb abzulehnen.
Weiter hielt die Vorinstanz betreffend Schutzfähigkeit und –willigkeit der sri-
lankischen Behörden fest, Sri Lanka habe das Übereinkommen vom
18. Dezember 1979 zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der
Frau (SR 0.108, nachfolgend: CEDAW) unterzeichnet. Die sri-lankische
Polizei habe im Land verteilt – so auch in Jaffna – spezielle Büros für Kinder
und Frauen eingerichtet, in welchen deren Anzeigen und Beschwerden
durch speziell geschulte weibliche Polizeibeamte entgegengenommen
würden. Sodann sei nicht geltend gemacht worden, es sei der Beschwer-
deführerin nicht möglich gewesen, Anzeige zu erstatten beziehungsweise
eine solche sei nicht entgegengenommen worden oder die Polizei habe
den Vorfall nicht aufklären wollen.
Zu den eingereichten medizinischen Informationen sei festzuhalten, dass
die aktuelle Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung er-
staune, da die Beschwerdeführerin anlässlich der letzten Anhörung noch
erklärt habe, es ginge ihr gut und sie brauche aktuell keine Medikamente.
Sodann sei nicht ersichtlich, dass die Diagnose von Fachärzten für Psy-
chologie beziehungsweise Psychiatrie gestellt worden sei, weshalb diese
mit Vorbehalt zur Kenntnis zu nehmen sei.
4.2 Dem wurde in der Beschwerde im Wesentlichen entgegnet, entgegen
den Ausführungen der Vorinstanz sei es der Beschwerdeführerin gelungen,
ihre Asylvorbringen glaubhaft zu schildern. So sei dem Anhörungsprotokoll
zu entnehmen, dass sie sich sehr geschämt habe, mehrfach vergewaltigt
worden zu sein und grosse Angst vor dem öffentlichen Bekanntwerden ge-
habt habe. Eine Konsultation bei einer Ärztin und das Eingeständnis, eine
Abtreibung vornehmen lassen zu müssen, sei mit schwerwiegenden recht-
lichen Konsequenzen verbunden, da Abtreibungen in Sri Lana noch immer
illegal seien. Die Schilderungen der Beschwerdeführerin betreffend ihre
Reaktionen nach der Vergewaltigung seien somit nachvollziehbar und rea-
listisch. Ihre Unfähigkeit, über die Vergewaltigungen im Detail zu erzählen,
D-3736/2018
Seite 13
sei im Kontext mit ihrer grossen Scham, dem Schock und der damit ver-
bundenen Traumatisierung zu sehen. So habe sie auch gesagt, sie emp-
finde Ekel, wenn sie an diesen Mann denke. Ferner sei darauf hinzuwei-
sen, dass sie während der Anhörung mehrere Angaben zum Ablauf der
Vergewaltigungen gemacht habe. Auch sei es lebensnah und nachvollzieh-
bar, dass sie sich nach den Vergewaltigungen leer gefühlt habe, geweint
habe und apathisch gewesen sei. Gerade die Tatsache, dass sie sich nicht
sofort an eine Ärztin gewandt habe, erscheine als ein sehr realistischer
Umstand, welcher für die Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin spre-
che. Insbesondere Vergewaltigungsopfer würden vielfach aus Scham,
Selbstvorwürfen und Ekel, aber auch aus Angst vor Repression oder Be-
kanntmachung der Tat in der Öffentlichkeit nicht sofort medizinische Hilfe
suchen oder Anzeige bei der Polizei erstatten. Auch dass die Beschwerde-
führerin ihren Peiniger über ihren Selbstmord habe informieren wollen, sei
nicht «bar jeder Logik» wie das SEM behaupte. So habe sie sich nach den
sexuellen Übergriffen in einem psychischen Ausnahmezustand befunden.
Sie habe einerseits dem seit Wochen andauernden Druck durch Suizid ein
Ende bereiten und andererseits die Belästigungen, durch welche auch ihre
Familie betroffen gewesen sei, beenden wollen. Diese Handlungen könn-
ten somit weder als realitätsfremd noch unlogisch bezeichnet werden. Aus-
serdem wäre es durchaus nachvollziehbar gewesen, wenn ihr Verhalten
nach dem Geschehenen nicht durch Vernunft geprägt gewesen wäre. Des
Weiteren sei die telefonische Mitteilung ihres geplanten Selbstmordes für
die Beschwerdeführerin die einzige Möglichkeit gewesen, die Hoheit über
ihr Handeln und ihr Recht auf Selbstbestimmung zurückzugewinnen. Zum
Vorbehalt, sie hätte ihre Anzeige beim Children and Women’s Bureau in
Jaffna erstatten können, machte sie geltend, dieses sei ihr nicht bekannt.
Ferner sei den Informationen der SFH zu entnehmen, dass die Tatsache,
dass die Polizei solche Büros führe, nichts am Zögern der Opfer ändere,
Anzeige zu erstatten. Ferner fehle es oft an entsprechend ausgebildetem
Personal. Obwohl Polizeistationen in der Theorie eigentlich eine Polizeibe-
amtin oder einen Polizeibeamten haben sollten, die oder der für Meldungen
zu Gewalt gegen Frauen und Kinder verantwortlich sei, sei dies in der Pra-
xis nicht überall der Fall. Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin das
Children and Women’s Bureau nicht kenne und dieses der Bevölkerung
nicht allseits bekannt sei, dürfe ihr nicht zu ihrem Nachteil ausgelegt wer-
den. Ferner sei es aufgrund der teilweise willkürlichen Behandlung durch
Polizei- und Justizbeamte glaubwürdig und nachvollziehbar, dass sie nicht
auf eine Kopie der Polizeianzeige beharrt habe. Aus ihrer Sicht sei es un-
denkbar, sich gegen den Entscheid der Polizeibehörden, ihr keine Kopie
der Anzeige auszuhändigen, aufzulehnen. Schliesslich könne festgestellt
D-3736/2018
Seite 14
werden, dass die Beschwerdeführerin sehr ausführlich und eindrücklich
von den sexuellen Übergriffen durch einen Mitarbeiter des CID und den
Problemen mit den sri-lankischen Behörden erzählt habe. Ihren Ausführun-
gen sei deutlich und unmissverständlich zu entnehmen, dass sie unter
grosser und unerträglicher innerlicher Anspannung gelitten habe, da sie
durch diesen besagten CID-Mitarbeiter mehrmals vergewaltigt, ständig te-
lefonisch und persönlich bedroht, genötigt und gestalkt worden sei. Zudem
seien sie und ihre Familie willkürlicher polizeilicher Repression ausgesetzt
gewesen. Ihre Asylvorbringen seien glaubhaft.
Ihre Vorbringen seien sodann auch asylrelevant. Sie habe aufgrund der
sexuellen Missbräuche und des Stalkings durch einen CID-Mitarbeiter und
der Hausdurchsuchung bei ihrer Familie unter einem unerträglichen psy-
chischen Druck gelitten, welcher es ihr verunmöglicht habe, weiterhin in
ihrer Heimat zu leben. Die Handlungen des CID-Mitarbeiters seien in Aus-
übung seines Amtes erfolgt. Insbesondere die Hausdurchsuchung bei der
Familie der Beschwerdeführerin verdeutliche, dass Beamte ihre hoheitli-
chen Befugnisse missbrauchen würden.
Schliesslich erfülle die Beschwerdeführerin auch mehrere Risikofaktoren
gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts. So sei sie
von einem CID-Mitarbeiter sexuell missbraucht, gestalkt und bedroht wor-
den. Des Weiteren habe dieser dafür gesorgt, dass Polizisten bei ihr eine
Drogenrazzia durchgeführt hätten. Zusätzlich hätten unbekannte Personen
die Beschwerdeführerin gesucht. Dieses Vorgehen der Behörden offen-
bare, dass sie diesen bekannt sei. Ferner habe sie während des Studiums
an Streiks teilgenommen und in ihrer Funktion als Repräsentantin der Stu-
denten im Jahr (...) die Heldentagsfeier mitorganisiert. Ihr Onkel sei so-
dann Mitglied der LTTE gewesen, ihr Vater Sympathisant. Sie sei von dem
CID-Mitarbeiter mehrmals auf die LTTE-Vergangenheit ihres Onkels ange-
sprochen worden. Grundsätzlich seien die Risikofaktoren «Teilnahme und
Organisation von Streiks» und Mitgliedschaft des Onkels bei den LTTE»,
für sich betrachtet, als schwache Risikofaktoren zu bewerten. Im Zusam-
menhang mit den persönlichen Problemen der Beschwerdeführerin mit ei-
nem CID-Mitarbeiter würden diese jedoch an Bedeutung gewinnen, da die-
ser die Informationen eingesetzt habe, um sie damit zu bedrohen und zu
nötigen. Aufgrund der Drogenrazzia bei ihrer Familie sei davon auszuge-
hen, dass sie den sri-lankischen Behörden namentlich bekannt sei. Des-
halb wäre bei einer Rückkehr nach Sri Lanka eine Inhaftierung sowie eine
unmenschliche und erniedrigende Behandlung der Beschwerdeführerin
D-3736/2018
Seite 15
durch die sri-lankischen Behörden wahrscheinlich. Somit habe sie begrün-
dete Furcht, bei einer Rückkehr durch die sri-lankischen Behörden Nach-
teile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu erleiden.
4.3 In ihrer Vernehmlassung legte das SEM im Wesentlichen dar, die Be-
schwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweis-
mittel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten.
Zu den medizinischen Vorbringen wurde festgehalten, die Vorinstanz gehe
davon aus, dass allfällige psychische Probleme auch im Heimatstaat um-
fassend abgeklärt und behandelt werden könnten. Dasselbe gelte für al-
lenfalls anstehende gynäkologische Behandlungen. Es sei daher nicht not-
wendig, weitere Berichte oder Untersuchungen abzuwarten.
4.4 In ihrer Replik legte die Beschwerdeführerin dar, sie befinde sich aktuell
in ambulanter psychiatrischer Behandlung und reichte entsprechende Be-
richte ein. Ferner stehe eine gynäkologische Untersuchung an. Entgegen
der Ansicht der Vorinstanz sei das Vorliegen von aktuellen medizinischen
Berichten notwendig um ein vollständiges Bild der gesundheitlichen Prob-
leme der Beschwerdeführerin zu haben. Für die Beurteilung der Glaubwür-
digkeit und der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei ein aktueller
medizinischer Bericht notwendig. Weiter wurde ausgeführt, dass gemäss
Auskunft der SFH weibliche Opfer von sexueller Gewalt in der tamilischen
Gesellschaft in Sri Lanka stigmatisiert würden. Frauen würden erlittene se-
xuelle Gewalt unter anderem deshalb nicht anzeigen, weil sie soziale Stig-
matisierung, Ablehnung durch Gemeinde und Familie sowie negative Hal-
tung und Schikane durch Polizeikräfte befürchten würden. Einem Bericht
des SEM vom 5. Juli 2016 sei sodann zu entnehmen, dass es in Jaffna nur
zu wenigen Anzeigen komme, obwohl ein Children and Women’s Bureau
existiere. Grund dafür sei, dass es der Bevölkerung im Norden am Ver-
trauen in die Behörden mangle.
In der ergänzenden Stellungnahme zur Replik wurde festgehalten, bei der
Beschwerdeführerin sei eine Posttraumatische Belastungsstörung diag-
nostiziert worden. Dem gleichzeitig eingereichten Abklärungsbericht vom
26. September 2018 ist weiter zu entnehmen, dass bei ihr Spannungskopf-
schmerzen und eine Ovarialzyste vorliegen. Bei der Beschwerdeführerin
handle es sich um eine stark belastete, verzweifelte Patientin, bei der eine
psychiatrisch-psychotherapeutische wie auch medikamentöse Behand-
lung dringend indiziert sei. Sie leide an ausgeprägten Albträumen, Schlaf-
störungen, Angst vor dem Alleinsein, sozialem Rückzug, Grübeln, depres-
D-3736/2018
Seite 16
siver Stimmung und starken Konzentrationsstörungen. Nach erfolgter de-
taillierter Befragung im Rahmen des Asylverfahrens habe die PTSD-Symp-
tomatik wieder zugenommen. Sie habe wiederkehrende Suizidgedanken
im Sinne von passiven Todeswünschen.
4.5 Dem Kurzaustrittsbericht der (...) vom 8. April 2020 ist zu entnehmen,
dass sich die Beschwerdeführerin vom (...) bis zum (...) in stationärer Be-
handlung befand. Ihr wurden Anpassungsstörungen sowie eine Posttrau-
matische Belastungsstörung diagnostiziert. Sie sei freiwillig nach einem
Suizidversuch durch Medikamenteneinnahme vom (...) 2020 eingetreten.
Sie berichte von aufdrängenden Erinnerungen in Form von Flashbacks und
Intrusionen, einer übermässigen Schreckhaftigkeit und ständiger Angst.
Ferner leide sie unter illusionären Verkennungen, ausgeprägten Schamge-
fühlen und Einschlafstörung. Unter einer neuen Medikation habe sich die
Symptomatik verbessert, so dass sie am (...) 2020 wieder habe entlassen
werden können. Im Abklärungsbericht der (...) vom 26. Juni 2020 wird er-
neut eine Posttraumatische Belastungsstörung sowie Spannungskopf-
schmerzen und eine reaktive mittelgradige depressive Episode diagnosti-
ziert. Die Beschwerdeführerin sei zusätzlich belastet durch die fehlende
Stabilität bei unklarem Aufenthaltsstatus mit Erwartungsängsten und Ein-
samkeit. Die antidepressive Medikation werde aufrechterhalten, die schlaf-
anstossende erhöht, da ihr Schlaf aufgrund von Gedankenkreisen auf eine
bis zwei Stunden pro Nacht reduziert sei. Ferner würden psychoedukative
und psychotherapeutische Gespräche erfolgen.
5.
5.1 Die Vorinstanz erachtet die Vorbringen der Beschwerdeführerin betref-
fend mehrfacher Belästigung, Unterdrucksetzen und sexueller Übergriffe
durch einen Mitarbeiter des CID als unglaubhaft. Dieser Einschätzung kann
nicht gefolgt werden. Die Begründung der Vorinstanz vermag diesbezüg-
lich nicht zu überzeugen. Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass die Aus-
führungen der Beschwerdeführerin äusserst umfangreich ausgefallen sind.
So hat sie bei beiden Anhörungen jeweils über mehr als drei Seiten hinweg
frei über ihre Probleme mit dem CID-Mitarbeiter berichtet. Auch können ih-
rem Bericht zahlreiche Realkennzeichen entnommen werden. So be-
schreibt sie beispielsweise die Fotografie, die er ihr beim ersten Zusam-
mentreffen gezeigt haben soll (vgl. vorinstanzliche Akten act. A21 F65 «Auf
diesem Foto bin ich nur von einer Seite zu sehen» und act. A27 F 131 «In
diesem Foto war nur diese Seite zu sehen [GS zeigt auf rechte Gesichts-
seite].»). Allgemein fallen ihre Ausführungen äusserst genau und substan-
ziiert aus. Dies gilt insbesondere für die Umstände um die Vergewaltigung.
D-3736/2018
Seite 17
So beschreibt sie jeweils, dass ihr Peiniger viel geredet habe und was er
gesagt habe (vgl. beispielsweise act. 21 F65: «Ich will nur mit dir reden. Ich
liebe dich, ich will dich haben. Das ist alles, mehr will ich nicht [...] Ich liebe
dich, ich will dich haben. Ich werde deine Familie umbringen. Du musst
kooperieren.» und nach der Vergewaltigung: «Sorry, ich habe es nicht ab-
sichtlich gemacht. Ich liebe dich. [...] Sorry, sorry, rede mit mir»). Auch be-
schrieb sie unaufgefordert die Kleidung des CID-Beamten (vgl. act. A27
F131 «An diesem Tag hatte er eine Armeehose und ein normales T-Shirt
an»). Der Vorwurf der Vorinstanz, solch ausführliche Ausführungen, wie die
Beschwerdeführerin sie gemacht habe, könnten auch sorgfältig einstudiert
sein, vermag nicht zu überzeugen. Die Beschwerdeführerin wurde zweimal
angehört und im Wesentlichen zum gleichen Sachverhalt befragt. Ihre Aus-
führungen sind übereinstimmend, aber nicht in einem Masse identisch,
dass der Verdacht aufkommen könnte, die Vorbringen seien einstudiert.
Die Vorinstanz führt denn auch in keiner Weise aus, wie sie zu dieser Ein-
schätzung gelangt. So fällt insbesondere im Vergleich der freien Erzählun-
gen der beiden Anhörungen auf, dass diese unterschiedlich aufgebaut sind
und die Informationen nicht deckungsgleich sind, sondern in der zweiten
Anhörung teilweise Dinge kürzer dargestellt wurden, dafür aber auch neue
Informationen enthalten sind. Dass nur vereinzelte Sätze fast gleich wie-
derzufinden sind, liegt daran, dass es sich dabei um besonders einpräg-
same Momente handelt und spricht für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen.
Auch nicht ersichtlich ist, inwiefern die Antworten der Beschwerdeführerin
fast durchwegs substanzarm ausgefallen sein sollen und der Logik entbeh-
ren würden. So beantwortet die Beschwerdeführerin alle Fragen bereitwil-
lig und teilweise sehr ausführlich. Dass sich die zweite Befragung, bei wel-
cher Fragen zu Details der Vorbringen gestellt wurden, über 30 Seiten er-
streckt, spricht auch gegen die Auffassung, die Antworten seien durchwegs
substanzarm. Der Vorhalt, es sei unlogisch, dass sich die Beschwerdefüh-
rerin mit der Drohung, Informationen zu ihrer Teilnahme an der Heldentags-
feier und zum LTTE-Engagement des Onkels weiterzuleiten, habe erpres-
sen lassen, da diese Informationen den Behörden bereits bekannt gewe-
sen seien beziehungsweise hätten sein können, vermag ebenfalls nicht zu
überzeugen. Ob die Behörden über diese Informationen hätten verfügen
können, erscheint hier nicht relevant, sondern die Tatsache, dass mit der
Weiterleitung solcher Informationen die Aufmerksamkeit der Behörden auf
die Beschwerdeführerin gelenkt worden wäre. Im Länderkontext muss als
absolut verständlich angenommen werden, dass sie sich durch eine solche
Drohung einschüchtern liess. So ist bekannt, dass die sri-lankischen Be-
hörden nicht nur an hochrangigen Mitgliedern der LTTE interessiert sind,
D-3736/2018
Seite 18
und dass sie Tamilinnen und Tamilen, die (beziehungsweise deren Fami-
lien) unter Verdacht stehen, LTTE-Verbindungen zu haben, schikanieren
(vgl. Referenzurteil des BVGer. E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, E. 8.5.1).
Ferner ist das SEM der Ansicht, es sei nicht nachvollziehbar, dass die Be-
schwerdeführerin trotz ihrer Probleme und insbesondere in Anbetracht der
geltend gemachten massiven sexuellen Übergriffe, die letzten Monate vor
der Ausreise wieder in ihr normales Wohnhaus zurückgekehrt sei und da-
bei keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen habe. Ebenfalls sei unver-
ständlich, dass sie nach den Vergewaltigungen keine ärztliche Untersu-
chung in Anspruch genommen habe. Die Vorinstanz berücksichtigt den
psychischen Zustand der Beschwerdeführerin damit in keiner Weise und
beurteilt ein Verhalten in einer äusserst emotionalen Situation unter dem
Aspekt der Logik. Mit diesen Ausführungen lässt sie jegliche Sensibilität
und Empathie missen. Die Beschwerdeführerin ist aus Angst vor ihrem Pei-
niger zu ihrer Tante gegangen. Nachdem sie an ihrem Geburtstag und nach
über zwei Monaten in Isolation das Bedürfnis hatte, die Eltern zu besuchen,
ist ihr Versteck offensichtlich aufgeflogen und es kam im Haus ihrer Tante
zur wiederholten Vergewaltigung. Dass sie nach diesem Vorfall wieder zu
Hause und vor allem bei ihren Eltern sein wollte, erscheint absolut nach-
vollziehbar. Schliesslich gab es nach dem Vorfall für sie auch keinen Grund
mehr, sich weiter bei der Tante aufzuhalten. Worauf die Vorinstanz abzielt
mit der Aussage, sie habe keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen, ist
schliesslich nicht klar, beziehungsweise ist nicht ersichtlich, was für Sicher-
heitsmassnahmen die Beschwerdeführerin aus Sicht des SEM hätte treffen
können. Schliesslich ist bekannt, dass sich zahlreiche Vergewaltigungsop-
fer nicht unmittelbar einer ärztlichen Untersuchung unterziehen oder An-
zeige erstatten, beziehungsweise die Dunkelziffer für dieses Delikt sehr
hoch ist. Dass die Beschwerdeführerin aus Scham und Angst, das ihr Wi-
derfahrene könnte öffentlich bekannt werden, keinen Arzt aufsuchte und
auch keine Anzeige erstatten wollte, erstaunt in keiner Weise. Dasselbe gilt
für den Anruf an ihren Peiniger vor dem Suizidversuch. So erklärte sie die-
sen denn auch damit, sie habe ihm mitteilen wollen, dass sie sich um-
bringe, damit er ihre Familie in Ruhe lasse. Dieses Vorgehen erscheint im
Hinblick auf den psychischen Zustand, in welchem sie sich zu diesem Zeit-
punkt befand und welcher sie zum Suizidversuch getrieben hat, als nach-
vollziehbar. Im Weiteren erstaunt auch nicht und erscheint – entgegen der
Auffassung der Vorinstanz – denn auch nicht als unglaubhaft, dass die Be-
schwerdeführerin und ihre Familie das Children and Women’s Bureau in
Jaffna nicht kannten. Es ist naheliegend, dass aufgrund der Tabuisierung
D-3736/2018
Seite 19
und Stigmatisierung des Themas Vergewaltigung die Information über sol-
che Anlaufstellen in der Bevölkerung nicht weit verbreitet sein mag. Dass
das SEM die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin die Vergewaltigungen
an sich nicht näher beschreiben konnte oder wollte, als Schutzbehauptung
wertet, erscheint schliesslich äusserst befremdlich. So ist, wie bereits oben
beschrieben, auffallend, wie substanziiert und detailreich sowie mit zahlrei-
chen Realkennzeichen versehen die Schilderung des Vorfalls im Haus der
Tante als Ganzes gesehen ausfällt. Einerseits ist nicht ganz klar, was für
eine konkrete Schilderung des Ablaufs der Vergewaltigungen sich die Vor-
instanz vorstellt. Andererseits erscheint es als absolut nachvollziehbar,
dass die Beschwerdeführerin über konkrete Details der Vergewaltigungen
nicht sprechen möchte. Dies tut sie denn auch so kund (vgl. act. A27 F236:
«Er hatte drei Mal Geschlechtsverkehr mit mir. Weiter möchte ich mich
dazu nicht äussern»). Bereits zu Beginn der Fragen zu diesem Thema
weint die Beschwerdeführerin gemäss Protokoll (vgl. act. A27 F233). Auf
Nachfrage, warum sie den Vorfall nicht näher beschreiben wolle, erklärt
sie, sie wisse es nicht, sie schäme sich sehr, sie könne dies einfach nicht
beschreiben (vgl. act. A27 F237). Dasselbe gilt für die Beschreibung ihres
Zustandes und ihrer Handlungen nach dem Vorfall, wobei sie aussagt, sie
habe unter Schock gestanden, Fieber bekommen, sei ahnungslos gewe-
sen und habe Angst gehabt. Sie habe sich Sorgen gemacht und sich
schwach gefühlt. Sie habe sich gewaschen, aufs Bett gelegt und stark ge-
weint. Auch hier ist nicht klar, was an diesen Antworten keinen lebensna-
hen Eindruck vermitteln und keine Emotionen und Empfindungen zeigen
soll. Diesen Antworten ist – wie auch beiden Anhörungen allgemein – klar
zu entnehmen, in was für einem angeschlagen emotionalen Zustand sich
die Beschwerdeführerin befindet, wenn sie sich an den Vorfall erinnert und
darüber spricht. So weinte sie jeweils auch bei der Beschreibung des Vor-
falls (vgl. act. A21 F65: «Er sagte mir, falls ich nicht kooperieren würde,
würde ich Konsequenzen haben. [GS weint] Ich konnte ihn nicht stoppen.
[GS schluchzt] Ich kann es nicht richtig beschreiben [...]». Sowie act. 27
F131: «Ich wurde sexuell belästigt [GS hält sich die Hände vors Gesicht
und fängt an zu weinen]. Ich wurde gefoltert [GS weint und schweigt]). Den-
noch war sie im Stande, von Anfang an darüber Auskunft zu geben. Entge-
gen der Ansicht der Vorinstanz erscheinen dem Gericht auch diese Aussa-
gen der Beschwerdeführerin als glaubhaft und realistisch. Insgesamt ist
nach dem Gesagten von der Glaubhaftigkeit der von der Beschwerdefüh-
rerin beschriebenen sexuellen Übergriffe sowie Belästigung, unter Druck
setzen und Bedrohung durch einen CID-Beamten, auszugehen.
D-3736/2018
Seite 20
5.2 Es bleibt zu prüfen, ob die glaubhaften Vorbringen der Beschwerdefüh-
rerin asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG sind.
5.2.1 In seinem Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hielt das
Bundesverwaltungsgericht fest, dass angesichts der in den vergangenen
Jahren aufgetretenen Verhaftungs- respektive Folterfälle von aus Europa
zurückkehrenden sri-lankischen Staatangehörigen tamilischer Ethnie da-
von auszugehen ist, dass die sri-lankischen Behörden gegenüber Perso-
nen tamilischer Ethnie, welche nach einem Auslandaufenthalt nach Sri
Lanka zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit aufweisen. Da aber ins-
besondere aus statistischen Gründen nicht generell angenommen werden
kann, dass jeder aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende ta-
milische Asylsuchende alleine aufgrund seines Auslandaufenthalts einer
ernstzunehmenden Gefahr vor Verhaftung und Folter ausgesetzt ist, muss
ermittelt werden, ob gewisse Personen aufgrund bestimmter Merkmale
eher Gefahr laufen, von den sri-lankischen Behörden misshandelt zu wer-
den (E. 8.1 und 8.3 m.w.H.).
In den vom Bundesverwaltungsgericht konsultierten Quellen sind die fol-
genden, nicht abschliessend zu verstehenden Risikofaktoren identifiziert
worden: eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene
Verbindung zu den LTTE, Beziehung zu einer regimekritischen politischen
Gruppe, Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, das
Vorliegen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden (übli-
cherweise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Ver-
bindung zu den LTTE), Fehlen der erforderlichen Identitätspapiere bei der
Einreise beziehungsweise Rückkehrende mit temporären Reisedokumen-
ten, zwangsweise Rückführung nach Sri Lanka oder durch die IOM (Inter-
nationale Organisation für Migration) begleitete Rückführung, (sichtbare)
Narben, gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land sowie wohl
auch Strafverfahren beziehungsweise Strafregistereintrag (E. 8.4 m.w.H.).
Vor dem Hintergrund dieser Risikofaktoren kam das Bundesverwaltungs-
gericht im genannten Referenzurteil zum Schluss, dass im Kern jene Rück-
kehrenden eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne
von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zuge-
schrieben wird, dass sie bestrebt sind, den nach wie vor als Bedrohung
wahrgenommenen tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen,
und so den sri-lankischen Einheitsstaat zu gefährden; auch nach dem
Machtwechsel im Januar 2016 scheint es nämlich ein wichtiges Ziel des
sri-lankischen Staates zu sein, jegliches Aufflammen des tamilischen Se-
D-3736/2018
Seite 21
paratismus im Keim zu ersticken. Dabei fallen allerdings nicht nur beson-
ders engagierte respektive exponierte Personen unter einen entsprechen-
den Verdacht (E. 8.5.1). Hingegen sind nicht alle Rückkehrenden, die eine
irgendwie geartete tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergan-
gene Verbindung zu den LTTE aufwiesen, einer flüchtlingsrechtlich rele-
vanten Gefahr vor Verfolgung ausgesetzt, sondern nur jene, die aus Sicht
der sri-lankischen Regierung bestrebt sind respektive einen wesentlichen
Beitrag dazu leisten könnten, den ethnischen Konflikt im Land wieder auf-
flammen zu lassen. Ob dies zu bejahen und einer Person mithin die Flücht-
lingseigenschaft zuzuerkennen ist, ist im Einzelfall zu erörtern, wobei eine
asylsuchende Person die für diese Beurteilung relevanten Umstände
glaubhaft machen muss (E. 8.5.3). Entsprechendes gilt für sri-lankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt haben
(E. 8.5.4). Es sind jegliche glaubhaft gemachten (stark und/oder schwach)
risikobegründenden Faktoren in einer Gesamtschau und in ihrer allfälligen
Wechselwirkung sowie unter Berücksichtigung der konkreten Umstände in
einer Einzelfallprüfung zu berücksichtigen, mit dem Ziel, zu erwägen, ob
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Ver-
folgung bejaht werden muss (E. 8.5.5).
5.2.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG muss die Verfolgung einer asylsuchen-
den Person «wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu
einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschau-
ungen» erfolgt sein beziehungsweise künftig drohen. Nach Art. 3 Abs. 2
zweiter Satz AsylG ist den frauenspezifischen Fluchtgründen Rechnung zu
tragen. Da sich die Beschwerdeführerin nicht unmittelbar auf eine ethnisch,
religiös oder politisch motivierte Verfolgung beruft, ist zu klären, ob der ihr
drohenden Verfolgung ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv zugrunde
liegt. Die Schweizerische Asylrekurskommission hat sich in Entscheidun-
gen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 2006 Nr. 32 E. 8 eingehend mit
dem Thema der frauenspezifischen Fluchtgründe auseinandergesetzt. Da-
bei wurde zwar davon abgesehen, die asylgesetzlichen Verfolgungsmotive
näher zu definieren und insbesondere die Frage, ob das Geschlecht in die
Kategorie der bestimmten sozialen Gruppe fallen kann, zu beantworten.
Festgestellt wurde aber, dass in einer Verfolgung einer Frau wegen ihres
Geschlechts grundsätzlich ein flüchtlingsrechtlich relevantes Verfolgungs-
motiv erblickt werden kann, unabhängig davon, ob und inwieweit diese
Frau zusammen mit anderen eine bestimmte soziale Gruppe gemäss Art. 3
Abs. 1 AsylG bildet (vgl. a.a.O. E.8.7.2). Zu prüfen sei der Einzelfall, wobei
darauf hingewiesen wurde, dass ein flüchtlingsrechtlich relevantes Verfol-
D-3736/2018
Seite 22
gungsmotiv daran zu erkennen ist, dass eine Verfolgung in diskriminieren-
der Weise an persönliche Merkmale der verfolgten Person anknüpft, zu
welchen auch das Geschlecht zählt.
5.2.3 Die Beschwerdeführerin hat glaubhaft gemacht, dass sie vor ihrer
Ausreise bereits Opfer von sexuellen Übergriffen seitens eines sri-lanki-
schen Behördenvertreters war. Zwar wurde sie nicht aus asylrelevanten
Gründen Ziel ihres Peinigers, sondern allem Anschein nach einfach, weil
sie ihm gefiel. So ist nicht davon auszugehen, dass dieser in staatlichem
Auftrag und auf Anweisung staatlicher Behörden gehandelt hätte, weshalb
es sich bei seinen Nachstellungen um eine nichtstaatliche Verfolgung han-
delt. Gleichzeitig gab er sich stets als CID-Beamter und damit Teil der Be-
hörden aus und fuhr gemäss ihren Beschreibungen auch jeweils in Armee-
fahrzeugen vor. Ferner veranlasste er offensichtlich nach ihrer Anzeige bei
der Polizei eine Hausdurchsuchung unter dem Vorwand der Drogenfahn-
dung bei ihr zu Hause. Er bediente sich damit eindeutig seines Einflusses
als Mitglied der Behörden, um die Beschwerdeführerin unter Druck zu set-
zen und gefügig zu machen. Es ist somit davon auszugehen, dass die sri-
lankischen Behörden in Bezug auf die Beschwerdeführerin nicht schutzwil-
lig waren beziehungsweise es konnte und kann nicht von ihr erwartet wer-
den, von der – ohnehin zum Teil schlecht funktionierenden und ineffizienten
– Schutzinfrastruktur Gebrauch zu machen und die Strafbehörden in ihrer
Heimatregion um Schutz anzurufen, zumal sie dies gemäss ihren glaub-
haften Vorbringen in der Vergangenheit bereits einmal erfolglos versucht
hatte. Es ist somit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin keinen
staatlichen Schutz vor weiteren Übergriffen seitens ihres Vergewaltigers in
Anspruch nehmen konnte. Vor dem Hintergrund der erlittenen Vergewalti-
gung wäre denn auch die Zumutbarkeit der Inanspruchnahme staatlichen
Schutzes zu verneinen (vgl. dazu EMARK 1996/16 E.4c/bb-dd).
5.2.4 Ihr Peiniger bedrohte und erpresste die Beschwerdeführerin damit,
er habe Beweise dafür, dass sie die Heldentagsfeier an der Universität im
Herbst (...) organisiert habe, kenne die LTTE-Vergangenheit ihres Onkels
und auch jene (zumindest vermeintliche) des Vaters und wisse, dass dieser
bereits einmal mitgenommen worden sei, und er werde diese Informatio-
nen an seinen Vorgesetzten weiterleiten, wenn sie nicht tue was er sage.
Selbst wenn also sie selber keine direkte Verbindung zu den LTTE hatte,
ist der Risikofaktor der tatsächlichen oder vermeintlichen, aktuellen oder
vergangenen Verbindung zu den LTTE als erfüllt zu betrachten, insbeson-
dere in Verbindung mit den Aktivitäten der Beschwerdeführerin an der Uni-
versität. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
D-3736/2018
Seite 23
zum Zeitpunkt der Ausreise eine begründete Furcht hatte und auch heute
noch hat, bei einer Rückkehr nach Sri Lanka asylrelevante, das heisst ge-
nügend intensive und gezielt gegen sie gerichtete, frauenspezifische Nach-
teile erleiden zu müssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei einer Rück-
kehr nach Sri Lanka erneut sexueller Gewalt ausgesetzt wäre, ist als er-
heblich einzustufen. Ihrer subjektiven Furcht ist wegen der bereits erlitte-
nen Vergewaltigungen stärkeres Gewicht beizumessen. Aufgrund des ein-
gereichten, von fachlich kompetenter Seite verfassten ärztlichen Berichts
ist erstellt, dass bei der Beschwerdeführerin vom Bestehen einer Posttrau-
matischen Belastungsstörung, begleitet von einer reaktiven mittelgradigen
depressiven Episode und Anpassungsstörungen, auszugehen ist, welche
eine Rückkehr in den Heimatstaat im heutigen Zeitpunkt psychisch verun-
möglicht. Die Beschwerdeführerin benötigt aus medizinischer Sicht weiter-
hin eine medikamentöse Behandlung und eine Psychotherapie. Dabei ist
es gerichtsnotorisch, dass insbesondere alleinstehende tamilische Frauen
sexuellen Übergriffen von Sicherheitskräften ausgesetzt sind. Darüber hin-
aus geht aus verschiedenen Berichten hervor, dass der Staat nicht willens
erscheint, tamilische Frauen vor sexueller Gewalt zu schützen (vgl. dazu
auch: UK Home Office, Country Policy and Information Note, Sri Lanka:
Tamil separatism, Version 5.0, Juni 2017, Ziff. 11.3.5). Es ist deshalb davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin auch heute keinen adäquaten
Schutz vor einer weiteren schweren Gefährdung ihrer physischen und psy-
chischen Integrität durch ihren Vergewaltiger erhielte. Für das Andauern
der Verfolgung spricht auch die Tatsache, dass nach ihrer Ausreise noch
bei ihren Eltern nach ihr gesucht worden sei, wobei diese sich offenbar in
einem Ausmass belästigt und bedroht fühlten, dass sie den Wohnort ge-
wechselt haben und sich versteckt halten. Schliesslich haben sich die
Spannungen zwischen Tamilen und Singhalesen seit der Ausreise der Be-
schwerdeführerin nicht erheblich verändert. Seit letztem Herbst amtet Go-
tabaya Rajapaksa, der ehemalige Militärchef, als Präsident in Sri Lanka
und sein Bruder Mahinda Rajapaksa, welcher von 2005 bis 2015 das Amt
des Präsidenten innehatte, als Ministerpräsident. Eine Rückkehr der Be-
schwerdeführerin hätte zur Folge, dass sie als Tamilin weiterhin in einer
nicht verbesserten Lage leben müsste. Vom Vorliegen einer innerstaatli-
chen Fluchtalternative ist nicht auszugehen.
5.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorbringen im Sinne von
Art. 7 AsylG glaubhaft sind und die Beschwerdeführerin die Voraussetzun-
gen der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Die Beschwerde
ist gutzuheissen. Ausschlussgründe liegen keine vor. Die angefochtene
D-3736/2018
Seite 24
Verfügung vom 18. Juni 2018 ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuwei-
sen, die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzuerkennen und ihr Asyl zu
gewähren.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der geleistete Kostenvorschuss ist der Be-
schwerdeführerin zurückzuerstatten.
6.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin wäre in Anwendung von Art. 64
VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2) grundsätzlich eine Entschädigung für die ihr notwendiger-
weise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Sie war jedoch auf Be-
schwerdeebene durch eine zugewiesene Rechtsvertretung im Sinne von
Art. 25 TestV vertreten. Nach Art. 28 TestV richtet das SEM dem Leistungs-
erbringer – der nach Art. 26 TestV für die Sicherstellung, Organisation und
Durchführung der Rechtsvertretung zuständig ist – eine Entschädigung
aus für die Wahrnehmung der Rechtsvertretung im Beschwerdeverfahren,
insbesondere das Verfassen einer Beschwerdeschrift. Es ist deshalb keine
Parteientschädigung auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3736/2018
Seite 25