Decision ID: 185c7a44-2fc9-5021-8104-4d240dd419b3
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner erstellte im nordwestlichen Bereich seiner Parzelle eine
terrassierte Sitzplatzanlage mit Stützmauern. Die beiden terrassierten Plätze sind mit
einem Plattenbelag befestigt. Die obere Terrasse soll als Sitzplatz dienen. Die Parzelle
Wohlen Gbbl. Nr. C._ liegt in der Wohnzone 1-geschossig (W1). Im Norden grenzt
die Parzelle an die Landwirtschaftszone an, welche zugleich ein Landschaftsschutzgebiet
ist. Der Beschwerdeführer machte gegenüber der Gemeinde geltend, es handle sich um
ein baubewilligungspflichtiges Vorhaben und verlangte einen anfechtbaren Entscheid. Die
Gemeinde unterbreitete die Frage der Baubewilligungspflicht dem
Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland, welches in der Folge gestützt auf Art. 48 BewD1
ein baupolizeiliches Verfahren durchführte. Mit Wiederherstellungsverfügung vom 3.
1 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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November 2017 beurteilte das Regierungsstatthalteramt die Terrassierungen mit
Stützmauern als baubewilligungspflichtig und ordnete die Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustandes an. Gleichzeitig wies es auf die Möglichkeit eines nachträglichen
Baugesuchs hin.
Am 26. November 2017 reichte der Beschwerdegegner das nachträgliche Baugesuch für
"Terrainveränderungen und Neubau Sitzplatz, inkl. Böschungssicherung" ein. Das
Bauvorhaben wurde den Nachbarn zunächst bekannt gegeben und schliesslich auch noch
publiziert. Der Beschwerdeführer erhob Einsprache und machte Rechtsverwahrung sowie
Lastenausgleichsbegehren geltend.
Mit Gesamtbauentscheid vom 15. August 2019 erteilte die Gemeinde Wohlen bei Bern die
Baubewilligung und merkte die Rechtsverwahrung und das Lastenausgleichsbegehren an.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 18. September 2019 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die
Aufhebung der Baubewilligung vom 15. August 2019 und Erteilung des Bauabschlags. Die
Bauherrschaft sei zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes zu verpflichten.
Zudem verlangt er, dass die Rechtsverwahrung und das Lastenausgleichsbegehren bei
einem allfälligen Bauentscheid vorzumerken seien.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Der Beschwerdegegner nahm mit Eingabe vom
20. Oktober 2019 Stellung zur Beschwerde und beantragt sinngemäss deren Abweisung.
Die Gemeinde beantragt mit Stellungnahme vom 22. Oktober 2029, die Beschwerde sei
abzuweisen.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Der Beschwerdeführer ist Eigentümer des angrenzenden
Grundstücks, er hat als Einsprecher am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen und ist
durch den vorinstanzlichen Entscheid beschwert. Er ist daher zur Beschwerdeführung
legitimiert (vgl. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerde wurde formgerecht eingereicht. Die
30-tägige Frist seit Eröffnung des Bauentscheids (an den damaligen Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers) ist gewahrt. Auf die Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten.
2. Aussenraumgestaltung
a) Der Beschwerdeführer rügt, das Bauvorhaben verletze Art. 15 Abs. 3 GBR4, wonach
der Siedlungsübergang zur Landwirtschaftszone und insbesondere zum
Landschaftsschutzgebiet naturnah auszubilden sei. Terrainveränderungen seien unter
Wahrung der charakteristischen Geländeformationen so anzulegen, dass sie sich
unauffällig in den Landschafts- und Siedlungsraum einfügten und ein weicher Übergang zu
den Nachbargrundstücken entstehe. Diese Voraussetzungen seien mit dem zweistufigen
Terrassensitzplatz, den Stützmauern, massiven Bodenplatten und Beleuchtungen nicht
erfüllt. Das Bauvorhaben schliesse nicht mit einer Bepflanzung ab. Es werde in grossem
Ausmass ins Landschaftsbild eingegriffen.
Der Beschwerdegegner macht geltend, kurz nach Fertigstellung seines Bauvorhabens
habe auch der Beschwerdeführer zwei terrassierte Sitzplätze direkt an die gemeinsame
Parzellengrenze erstellt, wovon die obere Terrassierung noch höher liege als sein
Vorhaben. Seine eigenen Stützmauern seien aus Naturstein gefertigt, die sich wunderbar
einfügten. Gegen die Landwirtschaftszone stünden immer noch Thujabüsche. Das
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 4 Baureglement der Gemeinde Wohlen, vom Amt für Gemeinden und Raumordnung genehmigt am 11. März 2013, mit Änderungen bis Juli 2015
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Bauwerk sei abgeschirmt und ausschliesslich von seinem eigenen Grundstück her
sichtbar.
b) Die Gemeinde hat in Art. 15 GBR eine Bestimmung zur Aussenraumgestaltung und
Siedlungsökologie erlassen, deren Absatz 3 wie folgt lautet:
3 Der Siedlungsübergang zur Landwirtschaftszone sowie zum Wald und insbesondere zum Landschaftsschutzgebiet ist naturnah auszubilden. In der Regel sind Böschungen anzulegen
und Stützmauern zu vermeiden. Terrainveränderungen sind unter Wahrung der
charakteristischen Geländeformationen so anzulegen, dass sie sich unauffällig in den
Landschafts- und Siedlungsraum einfügen und ein weicher Übergang zu den
Nachbargrundstücken entsteht.
c) Landschaftsschutzgebiete sind Schutzgebiete nach Art. 86 BauG. Sie bezwecken die
Erhaltung von landschaftlich empfindlichen oder wertvollen Landschaftsteilen,
Ortsrandanlagen und Aussichtspunkten sowie von lokalen, kulturgeschichtlich oder
ökologisch wertvollen Besonderheiten (vgl. Art. 33 Abs. 1 GBR). Da die Parzelle Nr.
C._ an ein Landschaftsschutzgebiet und an die Landwirtschaftszone angrenzt,
muss das Vorhaben den Anforderungen von Art. 15 Abs. 3 GBR genügen, d.h. es muss ein
naturnaher, weicher Siedlungsübergang ausgestaltet werden bzw. verbleiben. Bevor der
Beschwerdegegner die terrassierte Sitzplatzanlage erstellte, bestand auf der ganzen
Parzellenbreite eine grasbewachsene Böschung, was den reglementarischen
Anforderungen zweifellos genügte.5 Die terrassierte Sitzplatzanlage besteht nun aus zwei
mit Bodenplatten befestigten Plätzen sowie einer seitlichen Terrassierung mit einer
Natursteintreppe. Ein Teil der oberen Terrasse sowie das letzte Treppenstück reichen bis
an die Parzellengrenze. Sie grenzen mithin direkt an die Landwirtschaftszone und das
Landschaftsschutzgebiet an.
Weder im angefochtenen Entscheid noch in ihrer Beschwerdeantwort hat sich die
Gemeinde dazu geäussert, wie sie die Bestimmung von Art. 15 Abs. 3 GBR versteht. Der
oberste befestigte Bereich inklusive Treppenstück kann aber jedenfalls nicht als naturnah
ausgebildeter Siedlungsübergang bezeichnet werden. Daran vermögen auch die links
davon stehenden sechs Thujasträucher nichts zu ändern. Hinzu kommt, dass es sich auch
nicht um einheimische, standortgerechte Pflanzen im Sinne von Art. 15 Abs. 2 GBR
handelt. Die Auslegung, dass eine terrassierte Anlage mit befestigtem Belag bis direkt an
5 Vgl. Fotos in den Vorakten, Plastikmappe hinter pag. 285
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die Landwirtschaftszone und das Landschaftsschutzgebiet grenzen darf, ist rechtlich nicht
vertretbar. Das Bauvorhaben erweist sich im oberen Bereich nicht als bewilligungsfähig.
d) Die Gemeinde hat die angefochtene Baubewilligung in Ziffer 2.1.2 mit der Auflage
verbunden, dass dem Gestaltungsgrundsatz von Art. 14 GBR sowie den Bestimmungen
von Art. 15 GBR (Aussenraumgestaltung und Siedlungsökologie) Rechnung zu tragen sei.
Insbesondere sei darauf zu achten, dass sich das Projekt in die Umgebung einpasse, dass
auf bestehende Pflanzen Rücksicht genommen und standortgerechten und einheimischen
Pflanzenarten der Vorzug gegeben werde. Während die Vorgabe betreffend Pflanzen als
Auflage verfügt werden kann, trifft dies auf den ersten Teil der Auflage nicht zu. Die
Einpassung in die Umgebung und vorliegend insbesondere die Vereinbarkeit des
Vorhabens mit Art. 15 Abs. 3 GBR ist im Baubewilligungsverfahren zu prüfen; die
Einhaltung dieser Vorschriften ist Bewilligungsvoraussetzung (vgl. Art. 2 BauG).
Ausserdem ist nicht ersichtlich, wie die bis an die Grenze befestigte Anlage noch zu einem
naturnahen Siedlungsübergang im Sinne des Reglements ausgestaltet werden könnte.
e) Im Baureglement ist gegenüber der Landwirtschaftszone kein Zonenabstand
vorgeschrieben. Massgebend ist demnach die Bestimmung von Art. 15 Abs. 3 GBR, die
allerdings den Bereich des Siedlungsübergangs auch nicht näher definiert. Vorliegend ist
noch nicht geklärt, wie gross dieser Bereich ist, auf dem ein naturnaher Übergang zum
Landschaftsschutzgebiet gestaltet werden muss. Es steht daher noch nicht fest, welcher
Bereich der Parzelle Nr. C._ diesen Anforderungen genügen muss. Es ist nicht
Sache der BVE, darüber als erste Instanz zu entscheiden. Gemäss Art. 15 Abs. 3 GBR
sollen zudem Terrassierungen möglichst vermieden werden. Auch in diesem Punkt ist es
primär Sache der Gemeinde, ihre Praxis anzuwenden.
f) Die Sache ist somit noch nicht entscheidreif. Der angefochtene Bauentscheid ist
daher aufzuheben und an die Gemeinde zurückzuweisen zur Fortsetzung des Verfahrens
(vgl. Art. 72 VRPG6). Die Baubewilligungsbehörde wird im konkreten Fall festzulegen
haben, bis zu welchem Abstand ein naturnaher Siedlungsübergang gestaltet werden muss
und inwiefern in diesem Bereich Stützmauern anstelle von Böschungen zulässig sind.
Dabei ist auf die ständige Praxis der Gemeinde abzustellen. Gemäss Art. 46 Abs. 2 Bst. c
BauG hat die Baubewilligungsbehörde auch zu prüfen, ob die terrassierte Sitzplatzanlage
6 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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teilweise bewilligungsfähig ist. Soweit das Bauvorhaben nicht bewilligungsfähig ist, muss
zugleich über die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes entschieden werden.
g) Bei diesem Ausgang des Verfahrens brauchen die übrigen Rügen des
Beschwerdeführers nicht geprüft zu werden.
3. Kosten
a) Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Der
Beschwerdeführer hat den Bauabschlag beantragt. Bei einer Rückweisung wird
praxisgemäss von einem vollumfänglichen Obsiegen ausgegangen, wenn ein
reformatorischer Hauptantrag vorliegt und die Neubeurteilung aufgrund der Rückweisung
noch zu einer Gutheissung des Begehrens führen kann.7 Der Beschwerdegegner hat somit
die Verfahrenskosten zu tragen. Diese werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von
Fr. 1'200.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV8).
b) Der Beschwerdeführer war nicht anwaltlich vertreten und hat daher keinen Anspruch
auf Parteikostenersatz (Art. 104 Abs. 1 i.V.m. Art. 108 Abs. 3 VRPG).