Decision ID: ef4409e7-0beb-4ccb-8a72-b5866f98803f
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Der Beschuldigte wurde mit Urteil des Bezirksgerichts Lenzburg vom
22. November 2018 wegen mehrfachen qualifizierten Raubs (teilweise
versucht), gewerbs- und bandenmässigen Diebstahls, mehrfacher
Sachbeschädigung, mehrfachen Hausfriedensbruchs, qualifizierten
Handels mit Kokain sowie Widerhandlungen gegen das SVG schuldig
gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren verurteilt.
1.2.
Mit Urteil vom 20. Mai 2020 (SST.2019.162) bestätigte das Obergericht das
vorinstanzliche Urteil im Schuldpunkt und verurteilte den Beschuldigten
neu, aufgrund der festgestellten Verletzung des Beschleunigungsgebots,
zu einer Freiheitsstrafe von 12 1⁄2 Jahren.
1.3.
Das Bundesgericht hiess eine gegen das Urteil des Obergerichts gerichtete
Beschwerde mit Urteil 6B_797/2020 vom 31. Januar 2022 teilweise gut.
Hinsichtlich des vom Beschuldigten mit Beschwerde angefochtenen
Schuldspruchs wegen versuchten qualifizierten Raubs betreffend den
Vorfall vom 28. März 2012 (Restaurant K.; Anklageziffer 2) bestätigte das
Bundesgericht diesen. Das Bundesgericht hiess jedoch die Beschwerde
des Beschuldigten in Bezug auf den Schuldspruch wegen qualifizierten
Raubs betreffend den Vorfall vom 6. März 2012 (Tankstelle L.;
Anklageziffer 1) gut. Das Obergericht habe dem Beschuldigten zu Unrecht
alle Tathandlungen des Mittäters B. – namentlich den Einsatz der
geladenen Schusswaffe und die Schussabgabe – zugerechnet.
2.
Mit Eingabe vom 10. Februar 2022 stellte der Beschuldigte ein
Haftentlassungsgesuch, welches mit Verfügung vom 11. März 2022
abgewiesen wurde.
3.
3.1.
Mit Stellungnahme vom 16. Februar 2022 stellte die Staatsanwaltschaft
den Antrag, der Beschuldigte sei betreffend den Vorfall bei der Tankstelle
L. gemäss Art. 140 Ziff. 2 StGB (Mitführen einer Waffe) zu verurteilen und
neu zu einer Freiheitsstrafe von 10 1⁄2 Jahren zu verurteilen.
3.2.
Mit Stellungnahme vom 7. März 2022 beantragte der Beschuldigte, er sei
höchstens zu einer Freiheitsstrafe von 8 1⁄2 Jahren zu verurteilen.
- 3 -
3.3.
Die Staatsanwaltschaft reichte am 11. März 2022 eine freigestellte
Stellungnahme ein und verwies auf die bereits eingereichte Stellungnahme.
3.4.
Am 22. März 2022 reichte der Beschuldigte eine weitere Eingabe ein.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Im Rahmen der Bindungswirkung des Urteils des Bundesgerichts vom
31. Januar 2022 ist zunächst der Vorfall in der Tankstelle L.
(Anklageziffer 1) zu prüfen und anschliessend ist die Strafe neu zu
bemessen.
2.
2.1.
Mit Urteil vom 20. Mai 2020 erwog das Obergericht, dass sich der
Sachverhalt betreffend den Raubüberfall vom 6. März 2012 in der
Tankstelle in L. (Anklageziffer 1) gemäss Anklage zugetragen habe.
Unbestritten ist dabei, dass der Beschuldigte zusammen mit C. und B. den
Raubüberfall begangen hat, wobei C. im Auto geblieben ist und der
Beschuldigte die Tankstelle mit einer Schreckschusspistole betreten und B.
eine 9mm-Pistole mit sich geführt hat. Das Bundesgericht stellte in seinem
Urteil verbindlich fest, dass – entgegen der Auffassung des Obergerichts –
der von B. abgegebene Schuss im Tankstellenshop oder der Einsatz einer
geladenen Schusswaffe nicht vom gemeinsamen Tatplan erfasst gewesen
sei. Es sei nicht alleine aus dem Umstand, dass der Beschuldigte gewusst
habe, dass B. zuvor schon Raubüberfälle verübt habe, wobei bei
mindestens einem davon ein Schuss gefallen sei, zu schliessen, dass er
konkludent die Herbeiführung einer Lebensgefahr billigend in Kauf
genommen habe. Der Schuldspruch gemäss Art. 140 Ziff. 4 StGB sei daher
aufzuheben. Mit der Erwägung, der Beschuldigte habe es in diesem
Zusammenhang unterlassen, abzuklären ob die Waffe geladen gewesen
sei, werde ihm bei der Qualifikation als lebensgefährlichen Raub im
Übrigen (alleine) sein passives Verhalten angelastet resp. letztlich eine
Unterlassung vorgeworfen (Urteil des Bundesgerichts 6B_797/2020 vom
31. Januar 2022 E. 4.4).
2.2.
Des Raubs gemäss Art. 140 Ziff. 1 StGB macht sich schuldig, wer mit
Gewalt gegen eine Person oder unter Androhung gegenwärtiger Gefahr für
Leib oder Leben oder nachdem er den Betroffenen zum Widerstand unfähig
gemacht hat, einen Diebstahl begeht.
- 4 -
Der Räuber wird mit einer Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft,
wenn er zum Zweck des Raubes eine Schusswaffe oder eine andere
gefährliche Waffe mit sich führt (Art. 140 Ziff. 2 StGB). Ziff. 2 stellt eine Art
abstraktes Gefährdungsdelikt dar, d.h. die Qualifikation ist erfüllt, wenn der
Täter eine funktionsfähige Schusswaffe zum Zwecke des Raubes mit sich
führt, wobei es nicht darauf ankommt, ob er die Absicht hat, die Waffe zu
verwenden. Der Grund für die Qualifikation liegt allein in der der Gefahr,
dass sich der Täter in einer kritischen Situation entschliessen könnte, zur
Waffe zu greifen (BGE 124 IV 97 E. 2d; Urteil des Bundesgerichts
6B_737/2009 vom 28. Januar 2010 E. 1.3.2). Die Schusswaffe muss
objektiv funktionstüchtig und während der Tat zur Schussabgabe tauglich
sein, resp. wird eine defekte Schusswaffe oder eine Attrappe mitgeführt
oder steht die erforderliche Munition nicht in nächster Nähe zur Verfügung,
ist der qualifizierte Tatbestand nicht erfüllt (BGE 110 IV 80 E. 1).
2.3.
Gemäss seinen eigenen Aussagen war dem Beschuldigten klar, dass er
von B. für den Raubüberfall in der Tankstelle in L. eine
Schreckschusspistole erhalten hat (Untersuchungsakten [UA] act. 2893).
Er hatte auch bemerkt, dass zwei Schüsse drin waren (UA act. 2897).
Sodann war ihm bewusst, dass die Waffe, welche B. mit sich führte, eine
echte Pistole – sie wurde von ihm als eine Sigg Sauer oder Beretta erkannt
– war (UA act. 2893 und 2897). Der Beschuldigte beschrieb sich im
Umgang mit Waffen als geübt und mit einer gewissen Erfahrung (UA
act. 2893). Insbesondere erklärte er, dass er, wenn er eine Waffe in die
Hände nimmt, zuerst schauen würde, ob sich Schüsse im Magazin
befinden würde, dann, ob sie gesichert und dann, ob sie geladen sei (UA
act. 2894). Die Waffe, welche B. dabei gehabt hatte, sei nicht geladen
gewesen, bevor sie «rein gingen». Er denke, er habe sie auf dem Weg
geladen (UA act. 2895). Sie hätten jedoch nicht abgemacht, dass
geschossen werde (UA act. 2893) resp. sie hätten insgesamt nur
abgemacht, dass nicht geschossen werde (UA act. 2894). Auch der
Mittäter C. erklärte in seiner Einvernahme, dass nie die Rede davon
gewesen sei, dass jemand schiessen würde (UA act. 3060).
Was der Täter wusste, wollte und in Kauf nahm, betrifft sogenannte innere
Tatsachen, die sich der direkten Wahrnehmung durch andere entziehen
(STRATENWERTH, Schweizerisches Strafrecht, AT I, 4. Aufl. 2011, § 9 N.
63). Nur der Beschuldigte könnte mit letzter Gewissheit sagen, was er
gewollt hat und was nicht. Das führt nun aber nicht einfach dazu, dass der
subjektive Tatbestand nicht mehr erfüllt wäre, wenn eine beschuldigte
Person die Tat bestreitet. Vielmehr ist dann mit Hilfe von Erfahrungsregeln
aus dem äusseren Geschehen auf die subjektive Seite zu schliessen (vgl.
STRATENWERTH, a.a.O., § 9 N. 63). Das Gericht entscheidet auch dann
nach seiner freien, aus dem ganzen Verfahren geschöpften Überzeugung
(Art. 10 Abs. 2 StPO).
- 5 -
Insgesamt lässt die Tatsache, dass in der vom Beschuldigten gebrauchten
Schreckschusspistole zwei Schüsse im Magazin waren, nur den Schluss
zu, dass er auch davon ausgehen konnte und musste, dass in der echten
Waffe von B. Patronen waren. Dem Beschuldigten fehlten gegenteilige
Hinweise, er konnte auch lediglich überzeugt angeben, dass die Waffe von
B. noch nicht geladen gewesen sei. Dass er davon ausgegangen sei, dass
die Waffe keine Patronen im Magazin gehabt habe, wird selbst von ihm
selber nicht vorgebracht. Unter den gegebenen Umständen konnte er denn
auch gar nicht darauf vertrauen, dass sich keine Patronen im Magazin
befinden würden. Der Beschuldigte gab sich als geübt im Umgang mit
Waffen zu erkennen, wobei ihm daher auch die Regel bekannt sein dürfte,
dass Waffen in erster Linie immer als geladen zu betrachten sind, solange
man sich nicht vom Gegenteil überzeugt hat (vgl. z.B. Sicherheitstipps bei
Umgang mit Waffen des Kantons Zürich: www.zh.ch/de/sicherheit-
justiz/delikte-praevention/waffen.html). Entsprechend lässt dies nur den
Schluss zu, dass der Beschuldigte zumindest in Kauf nahm, dass B., als er
mit ihm zusammen den Raubüberfall auf die Tankstelle in L. verübte, eine
funktionstüchtige und zur Schussabgabe taugliche Waffe mit sich führte.
Indem der Beschuldigte, nachdem er in seiner Schreckschusspistole die
zwei Schüsse entdeckte, sich weder bei B. rückversicherte, dass in dessen
Waffe keine Munition war und auch keine Anstalten machte, B. von der
Mitnahme dessen Waffe abzuhalten, hat er damit konkludent in den Tatplan
eingewilligt, eine Schusswaffe gemäss Art. 140 Ziff. 2 StGB zum Zwecke
des Raubes mitzuführen. Demnach ist sowohl der objektive wie auch der
subjektive Tatbestand von Art. 140 Ziff. 2 StGB erfüllt und der Beschuldigte
ist entsprechend zu bestrafen.
3.
3.1.
Insgesamt hat sich der Beschuldigte des teilweise versuchten qualifizierten
Raubes gemäss Art. 140 Ziff. 4 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, des
qualifizierten Raubes gemäss Art. 140 Ziff. 2 StGB, des gewerbs- und
bandenmässigen Diebstahls gemäss Art. 139 Ziff. 2 und 3 StGB, der
mehrfachen Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB, des
mehrfachen Hausfriedensbruchs gemäss Art. 186 StGB, der qualifizierten
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 2
lit. a BetmG, des mehrfachen Führens eines Motorfahrzeugs unter
Betäubungsmitteleinfluss gemäss Art. 91 Abs. 2 lit. b SVG sowie des
mehrfachen Führens eines Motorfahrzeuges ohne den erforderlichen
Führerausweis gemäss Art. 95 Abs. 1 SVG schuldig gemacht.
Der Beschuldigte beantragt nach Rückweisung durch das Bundesgericht,
dass er höchstens zu einer Freiheitsstrafe von 8 1⁄2 Jahren zu verurteilen
sei (Stellungnahme Beschuldigter vom 7. März 2022), während die
Oberstaatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von 10 1⁄2 Jahren fordert
https://www.zh.ch/de/sicherheit-justiz/delikte-praevention/waffen.html https://www.zh.ch/de/sicherheit-justiz/delikte-praevention/waffen.html
- 6 -
(Stellungnahme Oberstaatsanwaltschaft vom 16. Februar 2022
[Postaufgabe: 17. Februar 2022]).
3.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.
3.3.
Vorliegend wurden sämtliche Taten vor Inkrafttreten des revidierten
Sanktionenrechts am 1. Januar 2018 begangen. Im neuen Sanktionenrecht
wird die Freiheitsstrafe gegenüber der Geldstrafe stärker gewichtet. So
wurde die maximale Anzahl Tagessätze von 360 auf 180 reduziert, was
den Anwendungsbereich der Geldstrafe einschränkt. Im Bereich von über
sechs Monaten besteht neu nur noch die Möglichkeit, eine Freiheitsstrafe
auszufällen. Wie zu zeigen sein wird (siehe unten, E. 3.4), kommt
vorliegend jedoch nur eine Gesamtfreiheitsstrafe in Frage, weshalb sich
das neue Recht nicht als milder erweist (vgl. sog. lex mitior, Art. 2 Abs. 2
StGB), weshalb gemäss Art. 2 Abs. 1 StGB das im Zeitpunkt der Taten
geltende Recht zur Anwendung gelangt.
3.4.
Bei der Wahl der Sanktionsart sind neben dem Verschulden unter
Beachtung des Prinzips der Verhältnismässigkeit als wichtige Kriterien die
Zweckmässigkeit und Angemessenheit einer bestimmten Sanktion, ihre
Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Umfeld sowie ihre
Wirksamkeit unter dem Gesichtswinkel der Prävention zu berücksichtigen
(BGE 147 IV 241 E. 3; BGE 134 IV 97 E. 4.2; BGE 134 IV 82 E. 4.1).
Während für den Raub und die qualifizierte Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz nur eine Freiheitsstrafe in Frage kommt, wäre für
die übrigen Delikte auch eine Geldstrafe denkbar.
Im Bereich des Strassenverkehrsgesetzes verfügt der Beschuldigte über
mehrere einschlägige Vorstrafen (vgl. aktueller Strafregisterauszug). Er
wurde teilweise zu unbedingten Geldstrafen verurteilt. Die bisher
ausgesprochenen Geldstrafen haben ihn jedoch nicht davon abgehalten,
innert der Probezeit erneut in erheblichem Ausmass straffällig zu werden.
Der Beschuldigte zeigte sich völlig unbeeindruckt von den bisherigen
Verurteilungen, was auf eine Uneinsichtigkeit schliessen lässt. Es ist damit
offensichtlich, dass die Ausfällung einer Geldstrafe nicht geeignet wäre,
den Beschuldigten von weiteren Straftaten abzuhalten. Unter dem Aspekt
der Zweckmässigkeit sowie der präventiven Effizienz sind für sämtliche
vom Beschuldigten begangenen Delikte Freiheitsstrafen auszufällen. Da
der Beschuldigte zu einer Freiheitsstrafe von über 180 Tagen zu verurteilen
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- 7 -
ist, findet Art. 41 StGB in der bis 1. Januar 2018 geltenden Fassung zudem
keine Anwendung (BGE 137 IV 312 E. 2.4).
3.5.
3.5.1.
In Bezug auf die schwerste Straftat, den versuchten qualifizierten Raub im
Restaurant K., für welche die Einsatzstrafe festzusetzen ist, ergibt sich
Folgendes:
Der Beschuldigte hat kurze Zeit, nachdem er bereits einen Raubüberfall auf
die Tankstelle L. verübte, erneut versucht, einen Raub zu begehen. Zur
Höhe des erhofften Deliktsguts äusserte sich der Beschuldigte nicht. Da er
davon ausging, dass das Restaurant gut lief (UA act. 2898) und sie spät
am Abend den Raub begingen, ist davon auszugehen, dass sie sich einige
Tausend Franken als Beute erhofften. Dieser Betrag, auf den der Raub
gerichtet war, ist zwar nicht zu bagatellisieren, in Anbetracht des
regelmässigen Einkommens des Beschuldigten von monatlich Fr. 4'900.00
netto kann jedoch auch nicht von einem Vielfachen seines Monatsgehalts
als Beute ausgegangen werden. Damit ist im Hinblick auf das grosse
Spektrum möglicher Deliktssummen bei einer Vollendung der Tat von
einem in finanzieller Hinsicht vergleichsweise gerade noch leichten
Taterfolg auszugehen.
Bei diesem Vorfall führte der Beschuldigte eine durchgeladene Waffe mit
sich und feuerte damit, nachdem er in ein Handgemenge mit einem
Angestellten geriet, auch einen Schuss ab, womit die verwirklichte
Lebensgefahr für die im Raum befindlichen Personen sehr konkret wurde.
Damit ging das Vorgehen des Beschuldigten klar über die blosse Erfüllung
des (qualifizierten) Tatbestands hinaus und zeugt von einiger krimineller
Energie. Nicht zu vernachlässigen sind die psychischen Folgen für die
Opfer. D. sagte rund vier Jahre nach dem Vorfall noch aus, dass sie oft
noch Angst habe, wenn sie alleine sei und Geräusche höre (UA act. 2192).
Grundsätzlich handelte er aus rein finanziellen und damit letztlich
egoistischen Gründen. Rein monetäre Gründe sind jedoch jedem
Vermögensdelikt immanent und werden beim Raub als qualifizierte Form
der Nötigung, um einen Diebstahl zu begehen oder die weggenommene
Sache behalten zu können, bereits durch das Tatbestandsmerkmal der
unrechtmässigen Bereicherungsabsicht beim Diebstahl erfasst. Sie dürfen
deshalb bei den Tatkomponenten nicht nochmals verschuldenserhöhend
berücksichtigt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1327/2015 vom
16. März 2016 E. 4.2). Der Beschuldigte verfügte zur Zeit des
Raubüberfalls über eine Arbeitsstelle und verdiente rund Fr. 4'900.00 netto
pro Monat. Damit hatte er für sich, seine Ehefrau und seine drei Kinder zu
sorgen. Aufgrund seiner hohen Schulden zwischen Fr. 100'000.00 bis
Fr. 200'000.00 (UA act. 57 und GA act. 121), welche er wegen Drogen und
- 8 -
durch Glückspiele (UA act. 2899) angehäuft hatte, befand er sich in einer
finanziell angespannten Situation. Dennoch ist auch davon auszugehen,
dass er beim Entschluss, den Raubüberfall zu begehen, über ein
erhebliches Mass an Entscheidungsfreiheit verfügte. Insbesondere ist zu
beachten, dass B. bei diesem Raub nicht teilgenommen hat und somit die
angebliche Bedrohungslage durch diesen bzw. der durch diesen
ausgeübte Druck als sehr gering angesehen werden muss (vgl. dazu UA
act. 2899 und 2903). Je leichter es aber für ihn gewesen wäre, die vom
Tatbestand des Raubs geschützten Rechtsgüter des Vermögens und der
persönlichen Freiheit zu respektieren, desto schwerer wiegt die
Entscheidung dagegen (vgl. BGE 117 IV 112 E. 1 S. 114 mit Hinweisen).
Insgesamt erscheint das Tatverschulden des Beschuldigten in Bezug auf
die vollendete Tat als mittelschwer bis schwer, und es wäre eine dafür
angemessene Freiheitsstrafe von 6 1⁄2 Jahren auszufällen gewesen. Da es
bei einem Versuch geblieben ist, ist eine angemessene Minderung der
Strafe vorzunehmen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es nur aufgrund
des Verhaltens des Personals des Restaurants K. bei einem Versuch
geblieben ist. Somit ist der Abbruch des Raubüberfalls nicht auf eine
Einsicht des Beschuldigten ins Unrecht seines Handelns zurückzuführen.
Es rechtfertigt sich deshalb vorliegend für den ausgebliebenen Erfolg nur
eine geringe Strafminderung im Umfang von einem Jahr auf 5 1⁄2 Jahre
vorzunehmen.
3.5.2.
Diese Einsatzstrafe ist für den Raub gemäss Art. 140 Ziff. 2 StGB auf die
Tankstelle L. angemessen zu erhöhen.
Der Beschuldigte hat zusammen mit anderen Mittätern Fr. 1'331.45
erbeutet. Diesbezüglich ist der Taterfolg im Vergleich zu bei einem
Raubüberfall möglichen Deliktsbeträgen noch als bescheiden zu
bezeichnen.
Das dem Beschuldigten zurechenbare Verhalten des Mittäters B. ist nicht
wesentlich über die blosse Erfüllung des qualifizierten Raubtatbestands
gemäss Art. 140 Ziff. 2 StGB hinausgegangen, auch wenn sich die
Munition bereits in der Waffe, welche für den Raubüberfall mitgeführt
wurde, befunden hatte. Erschwerend wirkt sich aus, dass die Täter zu
Beginn vermeintlich in Überzahl der Verkäuferin gegenübergetreten sind.
Nicht zu bagatellisieren ist sodann das Ausmass, in welchem die
Verkäuferin ihres subjektiven Sicherheitsgefühls verlustig ging. Während
sie zwar bald nach dem Vorfall wieder gearbeitet hat, so war sie für die
ersten Monate nie alleine im Shop und Personen, welche eine Kapuze oder
einen Schal vor dem Gesicht getragen hätten, seien ihr sehr unangenehm
gewesen (GA act. 129).
- 9 -
Der Beschuldigte selber erhielt von der erlangten Beute keinen Anteil, da
er damit einen Teil der Schulden beim Mittäter B. abbezahlte (UA act. 2893
und 2896). In Bezug auf die finanzielle Motivation zum Raub kann
grundsätzlich auf das oben Ausgeführte verwiesen werden (siehe oben,
E. 3.5.1.). Der Beschuldigte befand sich zwar in einer finanziell
angespannten Situation und er erklärte, von B. bedroht worden zu sein,
jedoch ohne dies genauer auszuführen (UA act. 2899 und 2903), dennoch
verfügte er über ein erhebliches Mass an Entscheidungsfreiheit. Sodann
stehen bei einer wirklichen Bedrohungslage auch andere, legale Mittel zur
Verfügung. Je leichter es aber für ihn gewesen wäre, das fremde Vermögen
und die persönliche Freiheit der vom Raub betroffenen Personen zu
respektieren, desto schwerer wiegt die Entscheidung dagegen (vgl. BGE
117 IV 112 E. 1 S. 114 mit Hinweisen).
Vor dem Hintergrund, dass der Beschuldigte selber «nur» eine
Schreckschusspistole mit sich führte, und B. als treibende Kraft angesehen
werden muss, wiegt das Verschulden des Beschuldigten vergleichsweise
geringer. Bei einem Strafrahmen von 1 bis 20 Jahren Freiheitsstrafe
erscheint bei einer isolierten Betrachtung eine Einzelstrafe von 3 Jahren für
das mittelschwere Verschulden angemessen. In Anwendung des
Asperationsprinzips ist die Einsatzstrafe um 2 Jahre zu erhöhen.
3.5.3.
Weiter hat der Beschuldigte während eines Zeitraums von knapp
2 1⁄2 Monaten (23. Dezember 2014 bis 3. März 2015) in verschiedenen
Konstellationen gewerbs- und bandenmässig eine Serie von neun
Einbruchdiebstählen ausgeführt, wobei einer ein Versuch war. Ein Teil des
von den Geschädigten geltend gemachten Betrages wird vom
Beschuldigten bestritten. Insgesamt ist von einem anerkannten
Deliktsbetrag von rund Fr. 45'000.00 auszugehen. Pro Monat ist demnach
von einem Deliktsbetrag von Fr. 15'000.00 auszugehen. Der Taterfolg ist
damit noch im mittleren Rahmen anzusiedeln. Erst die Verhaftung einzelner
Beteiligter (E. und G., UA act. 1949 und 1953) hat der deliktischen Tätigkeit
Einhalt gewährt.
Die Diebstähle wurden innerhalb der Bande in verschiedenen
Konstellationen getätigt. Es ist daher von einer grossen Gefährlichkeit
derselben auszugehen, da die Fortsetzung der Diebstähle nicht von einer
Person abhängig war, sondern sie sich zu zweit, zu dritt oder zu viert zu
Einbrüchen trafen. Damit geht das Ausmass des gewerbs- und
bandenmässigen Handelns über die blosse Erfüllung des qualifizierten
Tatbestands hinaus.
Eine eigentliche Führungsperson innerhalb der Bande kann nicht
ausgemacht werden. Selbst wenn vieles über den Beschuldigten gelaufen
ist (z.B. haben sich G. und F. über den Beschuldigten kennengelernt, UA
- 10 -
act. 3100), so ist nicht ersichtlich, dass die Initiative ausschliesslich von ihm
ausgegangen wäre (vgl. UA act. 3120, Frage 15). Insbesondere ist zu
beachten, dass der Beschuldigte G. über den Mitbeschuldigten C.
kennengelernt hat (UA act. 2887) und viele Ideen anscheinend von diesem
ausgingen (u.a. UA act. 2880, 2886 und 2961). Dies wirkt sich somit neutral
auf die Strafzumessung aus.
Zu vernachlässigen ist, dass es im Rahmen des banden- und
gewerbsmässigen Diebstahls einmal bei einem Versuch geblieben ist. Das
versuchte Verbrechen oder Vergehen ist zwar grundsätzlich mit milderer
Strafe bedroht als das vollendete (vgl. Art. 22 Abs. 1 StGB). Dieser
Grundsatz erleidet indessen gewisse Einschränkungen, wo der Täter
vollendete und versuchte gleichartige Delikte begangen und dabei
gewerbsmässig gehandelt hat. In diesem Fall liegt ein Kollektivverbrechen
vor, das sowohl alle gewerbsmässigen wie auch einzelne nicht
gewerbsmässige Handlungen und sowohl die vollendeten wie auch die
versuchten Taten umfasst. Der Versuch geht hier im vollendeten
gewerbsmässigen Kollektivdelikt auf (BGE 123 IV 113 E. 2d mit
Hinweisen). Der Betrag des wirklich verursachten Schadens ist beim
gewerbsmässigen Diebstahl verschuldensmässig nicht wesentlich
relevanter als der Deliktsbetrag, der sich aus versuchten Diebstählen
ergibt. Eine bloss versuchte Handlung ist daher im Rahmen der
Gewerbsmässigkeit bei der Strafzumessung zu vernachlässigen (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 6B_24/2014 vom 4. Dezember 2014 E. 5.2 betr. den
gewerbsmässigen Betrug).
Erneut verschuldenserhöhend wirkt sich jedoch das erhebliche Mass an
Entscheidungsfreiheit aus. Zwar verfügte der Beschuldigte weiterhin über
hohe Schulden, jedoch hat er mit der Verübung von Einbruchdiebstählen
den am einfachsten erscheinenden Weg gewählt. Zwar machte er geltend,
Schulden bei E. gehabt zu haben und von diesem unter Druck gesetzt
worden zu sein (UA act. 2885). Allerdings weist die Tatsache, dass er das
erbeutete Geld aus dem Einbruchdiebstahl in die M. nicht an E.
weitergeleitet hat (UA act. 2885) und weitere Einbruchdiebstähle ohne
Beteiligung von E. verübte, darauf hin, dass das «unter Druck setzen» nicht
über eine normale Rückforderung hinausging und der Beschuldigte
aufgrund seiner engen finanziellen Verhältnisse eine andere
Einnahmequelle suchte. Auch wenn der vom Beschuldigten behauptete
Drogenkonsum vor den jeweiligen Einbruchdiebstählen (UA act. 2884) zu
einer gewissen Enthemmtheit geführt haben dürfte, ohne dass dadurch
jedoch die Schuldfähigkeit eingeschränkt gewesen wäre, verfügte der
Beschuldigte über ein grosses Mass an Entscheidungsfreiheit. Je leichter
es aber für ihn gewesen wäre, das fremde Eigentum zu respektieren, desto
schwerer wiegt die Entscheidung dagegen (BGE 117 IV 112 E. 1 S. 114
mit Hinweisen). Wesentlich ist, dass der Entscheidungsspielraum des
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_24%2F2014&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F123-IV-113%3Ade&number_of_ranks=0#page113
- 11 -
Beschuldigten nicht etwa aufgrund einer bloss untergeordneten Stellung
eingeschränkt war.
Nicht verschuldenserhöhend wirken sich die rein monetären Beweggründe
aus. Ein rein monetäres Motiv ist jedem Vermögensdelikt immanent. Sie
dürfen demnach bei den Tatkomponenten nicht nochmals
verschuldenserhöhend berücksichtigt werden (Urteil des Bundesgerichts
6B_1327/2015 vom 16. März 2016 E. 4.2).
Insgesamt ist in Bezug auf den gewerbs- und bandenmässigen Diebstahl
– unter Berücksichtigung, dass beide Qualifikationsgründe erfüllt worden
sind – von einem mittelschweren Verschulden und einer dafür
angemessenen Einzelstrafe von 2 1⁄2 Jahren auszugehen. In Anwendung
des Asperationsprinzips rechtfertigt sich eine Erhöhung der Einsatzstrafe
um 1 1⁄2 Jahre.
3.5.1.
In engem zeitlichen und sachlichen Zusammenhang zu den Diebstählen
und den Raubüberfällen stehen die mehrfachen Sachbeschädigungen.
Insgesamt entstand ein Sachschaden von über Fr. 40'000.00, was als
grosser Schaden bezeichnet werden kann (vgl. BGE 136 IV 117 E. 4.3.1).
Das Ausmass der einzelnen Schäden ist teilweise (vgl. Anklageziffer 3.2,
Sachschaden Fr. 2'000.00; Anklageziffer 3.5, Sachschaden Fr. 5'587.35;
Anklageziffern 3.6.1 – 3.6.3, Sachschaden je Fr. 7'000.00; Anklage-
ziffer 3.7, Sachschaden über Fr. 14'000.00, UA act. 2642) als sehr hoch zu
bezeichnen, und die Sachbeschädigung ist damit nicht zu bagatellisieren.
Das Vorgehen bestand darin, mittels Flachwerkzeugen Fenster und Türen
aufzubrechen und ebenfalls die vorgefundenen Zigarettenautomaten und
Tresore, sofern diese nicht abtransportiert und zu einem späteren Zeitpunkt
aufgebrochen worden sind, aufzubrechen. Die Art und Weise des
Vorgehens ging somit nicht über die blosse Erfüllung des Tatbestands
hinaus und wirkt sich neutral aus.
Mittelschwer verschuldenserhöhend zu berücksichtigen ist hingegen die
mehrfache Tatbegehung und das hohe Mass an Entscheidungsfreiheit,
über das der Beschuldigte bei den Sachbeschädigungen verfügte.
Insgesamt ist von einem knapp mittelschweren Tatverschulden
auszugehen. Zu berücksichtigen ist, dass die Sachbeschädigungen nicht
das primäre Ziel, sondern Voraussetzung für die anschliessende Begehung
der Diebstähle oder deren Folge waren bzw. aufgrund der Schussabgabe
beim Raubüberfall erfolgten. Entsprechend geringer fällt bei der Bildung der
Gesamtstrafe in Anwendung des Asperationsprinzips ihr Gesamtschuld-
beitrag aus. Angemessen erscheint eine Erhöhung um 1⁄2 Jahr.
- 12 -
3.5.2.
In Bezug auf die Hausfriedensbrüche ist von einem mittelschweren
Tatverschulden auszugehen. Dass der Beschuldigte zusammen mit seinen
Mittätern nur in Restaurants und andere Geschäftsräume, aber keine
Wohnhäuser, eingedrungen ist, wirkt sich nicht verschuldensmindernd aus
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_680/2012 vom 11. Januar 2013 E. 2.3).
Ein Hausfriedensbruch ist für die Betroffenen meist schwerwiegender als
der bei einem Einbruchdiebstahl verursachte Sachschaden, da damit die
Privatsphäre aufs Gröbste verletzt wird und die Betroffenen in ihrem
Sicherheitsgefühl gravierend und nachhaltig getroffen werden (Urteil des
Bundesgerichts 6B_510/2015 vom 25. August 2015 E. 1.3). Dies trifft,
wenn auch in geringerem Ausmass, auch auf Eigentümer von
Geschäftsräumen zu. Insbesondere ist zu beachten, dass sich der
Beschuldigte zusammen mit F. innerhalt kürzester Zeit drei Mal Zutritt in
die gleichen Räumlichkeiten der N. in S. verschafft hat.
Wiederum mittelschwer verschuldenserhöhend zu berücksichtigen sind die
mehrfache Tatbegehung und das hohe Mass an Entscheidungsfreiheit,
über das der Beschuldigte bei den Hausfriedensbrüchen verfügte.
Insgesamt ist von einem mittelschweren Verschulden auszugehen. In
Anbetracht des situativen Zusammenhangs der Hausfriedensbrüche mit
den Diebstählen ist ihr Gesamtschuldbeitrag als geringer zu betrachten.
Angemessen erscheint in Anwendung des Asperationsprinzips eine
Erhöhung um 1⁄2 Jahr.
3.5.3.
Was die weiteren mit Berufung nicht angefochtenen Delikte angeht, so ging
die Vorinstanz bei der qualifizierten Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz von einem mittelschweren Verschulden aus, was
aufgrund der gehandelten Menge Kokain von rund 121 Gramm bei einem
Reinheitsgrad von 30 % (somit 36.3 Gramm reines Kokain) nicht zu
beanstanden ist. Auch in Hinblick auf die lange Zeitdauer von 1 1⁄2 Jahren,
in welchem der Beschuldigte den Kokainhandel betrieb und nur aufgrund
seiner Verhaftung damit gestoppt hat, erscheint die von der Vorinstanz
vorgenommene Erhöhung der Einsatzstrafe um 15 Monate angemessen
(vgl. vorinstanzliches Urteil, E. 15.3.3 S. 27).
3.5.4.
Für das mehrfache Führen eines Motorfahrzeugs unter
Betäubungsmitteleinfluss sowie das mehrfache Führen eines
Motorfahrzeugs ohne den erforderlichen Führerausweis erachtete die
Vorinstanz eine Erhöhung der Einsatzstrafe um 8 Monate dem
mittelschweren Verschulden angemessen (vorinstanzliches Urteil,
E. 15.3.3 S. 27). Dies erscheint erstaunlich mild. Das wiederholte Fahren
ohne Führerausweis und unter Drogeneinfluss zeugt von einer extremen
- 13 -
Gleichgültigkeit gegenüber den herrschenden Gesetzen, welche im
Rahmen des Strassenverkehrs besonders für die Sicherheit der weiteren
Verkehrsteilnehmer sorgen. Für seine Autofahrt vom 6. Mai 2015 um
18.10 Uhr von T. bis U. ist insbesondere dokumentiert, dass er sich in
einem nicht fahrfähigen Zustand befand, einen schwankenden Stand
zeigte und seine Reaktion verlangsamt war (UA act. 2700). Das Ausmass
der Gefährdung der weiteren Verkehrsteilnehmer ist bei einer Fahrt zu
dieser Tageszeit in diesem Zustand als erheblich einzuschätzen, womit
alleine für diese Fahrt eine Erhöhung der Einsatzstrafe um 3 Monate
angemessen ist.
Sodann hat der Beschuldigte 65 weitere Fahrten unter Betäubungs-
mitteleinfluss unternommen und ohne über den erforderlichen
Führerausweis zu verfügen. Für den Beschuldigten bestand keine
Dringlichkeit diese Fahrten zu unternehmen, er hätte das Leben auch ohne
Personenwagen bestreiten können (UA act. 2870). Er hat jeweils den für
ihn bequemsten Weg eingeschlagen, entsprechend war seine
Entscheidungsfreiheit nicht eingeschränkt, und er hat sich bewusst dafür
entschieden, gegen Strafbestimmungen zu verstossen. Je leichter es aber
für ihn gewesen wäre, die geltenden Normen der Strassenverkehrs-
gesetzgebung zu respektieren, desto schwerer wiegt die Entscheidung
gegen sie (vgl. BGE 117 IV 112 E. 1 S. 114 mit Hinweisen). Weiter ist zu
berücksichtigen, dass der Beschuldigte damit gleich zwei Tatbestände,
Führen eines Motorfahrzeuges unter Betäubungsmitteleinfluss gemäss
Art. 91 Abs. 2 lit. b SVG und Führen eines Motorfahrzeuges ohne den
erforderlichen Führerausweis gemäss Art. 95 Abs. 1 SVG, mehrfach erfüllt
hat, wobei beide Straftatbestände für sich alleine genommen für ein
einzelnes Delikt einen Strafrahmen von Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis
zu drei Jahren vorsehen. Unter den gegebenen Umständen ist bei den
einzelnen Fahrten jeweils von einem gerade noch leichten Verschulden
auszugehen. Bei isolierter Betrachtung erscheinen je 10 Tage
Freiheitsstrafe für die Verletzung der beiden Straftatbestände, insgesamt
also 20 Tage Freiheitsstrafe, angemessen. Aufgrund der Vielzahl der
Vergehen und in Anwendung des Asperationsprinzips erscheint es
sachgerecht, für die 65 Fahrten, in welchen gleich gegen zwei
Straftatbestimmungen verstossen wurden, die Einsatzstrafe je um 1⁄2 Jahr,
insgesamt also um 1 Jahr zu erhöhen.
3.5.5.
Betreffend die Täterkomponenten wirken sich die zum Teil einschlägigen
Vorstrafen zu Ungunsten des Beschuldigten aus. Der Beschuldigte hat sich
weder von Bussen noch unbedingten Geldstrafen beeindrucken lassen und
ist insbesondere während der laufenden Probezeit erneut in erheblichem
Ausmass straffällig geworden. Damit legt er eine krasse Gleichgültigkeit der
hiesigen Rechtsordnung gegenüber zu Tage. Allerdings darf aus dem
täterbezogenen Strafzumessungskriterium der Vorstrafen nicht indirekt ein
- 14 -
tatbezogenes Kriterium gemacht werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_325/2013 vom 13. Juni 2013 E. 4.3.2). Der Beschuldigte wurde mit
Strafbefehl vom 28. Januar 2013 der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau
zu einer Geldstrafe von 90 Tagesätzen und mit Strafbefehl vom 10. Juli
2013 der Staatsanwaltschaft Abteilung 2 Emmen zu einer Geldstrafe von
150 Tagessätzen verurteilt, weshalb sich diese Vorstrafen nur in geringem
Mass straferhöhend auswirken können.
Mit seinem Aussageverhalten hat der Beschuldigte sodann nichts zur
Beschleunigung des Verfahrens beigetragen. Er muss sich zwar nicht
selbst belasten, aber unter diesen Umständen kann ihm auch keine
Strafminderung gewährt werden. Sodann erklärte der Beschuldigte
wiederholt, dass er Fehler gemacht habe, auch wenn der Eindruck entsteht,
dass ihm mehr seine eigene Situation resp. das Erwischtwerden leidtut.
Immerhin hat er seit Mai 2018 monatlich Fr. 30.00 als finanzielle
Wiedergutmachung an die Opferhilfe Aargau bezahlt (vgl. Vollzugsbericht
vom 18. Mai 2020), was sich leicht zu seinen Gunsten auswirkt.
Weitere strafzumessungsrelevante Faktoren sind nicht ersichtlich.
Insbesondere bedeutet auch die familiäre Situation mit drei Kindern im Alter
zwischen 7 und 13 Jahren keine erhöhte Strafempfindlichkeit, da die
Verbüssung einer Freiheitsstrafe für jede arbeitstätige und in ein familiäres
Umfeld eingebettete Person mit einer gewissen Härte verbunden ist (Urteil
des Bundesgerichts 6B_1027/2019 vom 11. Mai 2019 E. 2.3.2).
Insgesamt überwiegen die negativen Täterkomponenten leicht, weshalb
die Einsatzstrafe um zwei Monate zu erhöhen ist.
3.6.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze des Beschleunigungsgebots
wiederholt dargelegt (statt vieler: Urteile des Bundesgerichts
6B_1003/2020 vom 21. April 2021 E. 3.3.1 sowie 6B_855/2020 vom 25.
Oktober 2021 E. 1.5.4; BGE 143 IV 373). Darauf kann verwiesen werden.
Vorliegend wurde der Beschuldigte am 19. Mai 2015 verhaftet und am
7. Mai 2018, mithin drei Jahre später, wurde Anklage erhoben. Diese
Zeitdauer erscheint lange, jedoch betraf die Untersuchung mehrere Mittäter
und verschiedene Delikte. Damit lässt sich jedoch die Zeitlücke von knapp
11 Monaten zwischen der letzten Einvernahme der Auskunftsperson H.
betreffend den Raub im Restaurant K. am 13. Mai 2016 (UA act. 2235 ff.)
und dem Auftrag für ein Gutachten über den Beschuldigten am 25. April
2017 durch die Staatsanwaltschaft (UA act. 59) nicht erklären.
Insbesondere, da sich der Beschuldigte seit Beginn der Untersuchung in
Untersuchungshaft bzw. seit dem 26. Januar 2016 im vorzeitigten
Strafvollzug befindet, hätte das Verfahren vordringlich durchgeführt werden
sollen (Art. 5 Abs. 2 StPO). Da erst 8 Monate nach dem Schlussbericht der
- 15 -
Kantonspolizei (UA act. 1945 ff.) überhaupt ein Gutachten angeordnet
worden ist, wobei deren Erstellung bekannterweise einige Zeit in Anspruch
nimmt, ist zu erkennen, dass damit das Beschleunigungsgebot verletzt
worden ist.
Sodann gilt es zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte am 2. Juli 2020
Beschwerde in Strafsachen an das Bundesgericht erhoben hat, der
Entscheid des Bundesgerichts datiert vom 31. Januar 2022, mithin
1 1⁄2 Jahre nach Eingang der Beschwerde, was insbesondere auch in
Anbetracht des Umstands, dass sich der Beschuldigte seit Mai 2015 in Haft
befindet, eine unverhältnismässig lange Zeit ist und damit das
Beschleunigungsgebot verletzt worden ist.
Diese nicht unerhebliche mehrfache Verletzung des Beschleunigungs-
gebots rechtfertigt eine Reduktion der Strafe um 8 Monate.
Zusammenfassend ist der Beschuldigte somit zu einer Freiheitsstrafe von
12 Jahren zu verurteilen.
3.7.
Die bisher ausgestandene Untersuchungshaft sowie der vorzeitige
Strafvollzug von gesamthaft 2'513 Tagen (19. Mai 2015 bis 4. April 2022)
sind auf die Strafe anzurechnen (Art. 51 StGB i.V.m. Art. 110 Abs.7 StGB;
Art. 236 Abs. 4 StPO).
4.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei
im Berufungsverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon
ab, in welchem Ausmass ihre vor Obergericht gestellten Anträge
gutgeheissen wurden (Urteil des Bundesgerichts 6B_330/2016 vom
10. November 2017 E. 4.3). Der Beschuldigte obsiegt minim in Bezug auf
die Qualifikation des Raubes in der Tankstelle L. (Anklageziffer 1) sowie
betreffend die Strafzumessung, während die Oberstaatsanwaltschaft in
diesen Punkten mit ihrem Antrag auf vollumfängliche Abweisung der
Berufung unterliegt. Unter diesen Umständen rechtfertigt es sich, dem
Beschuldigten seinen hälftigen Anteil an den obergerichtlichen
Verfahrenskosten, welche für dieses und das Verfahren von C.
(SST.2019.186) auf insgesamt Fr. 6'000.00 festzusetzen sind (§ 18 VKD),
zu 5/6 mit Fr. 2'500.00 aufzuerlegen und im Übrigen auf die Staatskasse
zu nehmen.
4.1.
Der amtliche Verteidiger ist für den Aufwand im Berufungsverfahren aus
der Staatskasse zu entschädigen. Er reichte für das Verfahren
SST.2022.31 keine Kostennote ein. Angemessen erscheint für die drei
- 16 -
Eingaben am Obergericht (Haftentlassungsgesuch vom 10. Februar 2022;
Stellungnahme zum Bundesgerichtsurteil vom 7. März 2022 und Eingabe
vom 22. März 2022), welche insgesamt rund 4 Seiten umfassen, und für
die übrigen Aufwendungen mit verfahrensleitenden Verfügungen sowie
Besprechung mit dem Beschuldigten ein Aufwand von 3 Stunden, zumal
das Haftentlassungsgesuch von Anfang an aussichtslos war. Für den
Aufwand nach Rückweisung durch das Bundesgericht erscheint sodann ein
Stundenansatz von Fr. 180.00 gemäss § 9 Abs. 3bis Satz 1 AnwT
gerechtfertigt, da nichts Neues vorgebracht werden musste und auch sonst
keinerlei Schwierigkeiten vorlagen. Unter Berücksichtigung der gemäss § 9
Abs. 3bis Satz 2 AnwT separat zu entschädigenden Auslagen von
praxisgemäss 3 % und der Mehrwertsteuer von 7.7 % ist der amtliche
Verteidiger im zweiten Umgang mit (gerundet) Fr. 600.00 zu entschädigen.
Hinzu kommt das Honorar aus dem ersten Umgang vor Obergericht von
Fr. 6'900.00, womit sich das Honorar (inkl. Mehrwertsteuer und Auslagen)
auf total Fr. 7'500.00 beläuft. Die Entschädigung ist vom Beschuldigten im
Umfang von 5/6, d.h. im Betrag von gerundet Fr. 6'250.00,
zurückzuerstatten, sobald er dazu in der Lage ist.
Der Beschuldigte hat dem amtlichen Verteidiger ausserdem auf dem von
ihm zu tragenden Anteil von 5/6 die Differenz zwischen der amtlichen
Entschädigung (Stundenansatz Fr. 200.00 resp. Fr. 180.00) und dem
vollen Honorar (Stundenansatz Fr. 220.00 resp. Fr. 200.00), zuzüglich der
auf dieser Differenz geschuldeten Mehrwertsteuer zu erstatten,
ausmachend total gerundet Fr. 610.00 (inkl. Mehrwertsteuer) zu erstatten,
sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen (Art. 135 Abs. 4 lit. b
StPO).
4.2.
Nachdem der Beschuldigte nach wie vor schuldig gesprochen wird, ist die
vorinstanzliche Kostenverlegung immer noch korrekt (Art. 428 Abs. 3 i.V.m.
Art. 426 Abs. 1 StPO). Die erstinstanzlichen Verfahrenskosten sind
deshalb vollumfänglich dem Beschuldigten aufzuerlegen.
Die dem amtlichen Verteidiger für das erstinstanzliche Verfahren
ausgerichtete Entschädigung von Fr. 29'235.25 ist mit Berufung nicht
angefochten worden, weshalb darauf im Berufungsverfahren nicht mehr
zurückgekommen werden kann (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018
vom 28. Januar 2019).
5.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).
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