Decision ID: 78a0da95-956f-5008-acd6-4bb2aab7308f
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Am Abend des 6. Juli 2017 fiel einem Fahrzeuglenker in St. Gallen das seltsame
Fahrverhalten einer älteren Lenkerin des Personenwagens mit dem amtlichen
Kennzeichen SG 0_ auf. Bei der Verzweigung der Lindenstrasse und der Lukasstrasse
missachtete sie ein Stoppsignal, auf der Lukasstrasse fuhr sie Schlangenlinie und hielt
schliesslich vollständig an und bei der Weiterfahrt mit rund 20 km/h touchierte sie
immer wieder den Randstein. Der Lenker folgte dem Fahrzeug bis an die Q._-strasse
01_ und avisierte die Polizei. Die polizeiliche Kontrolle ergab, dass es sich bei der
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Lenkerin um A._ handelte. In ihrem Fahrzeug, das sie in einer Garagenbox abgestellt
hatte, sitzend, hörte sie lautstark Radio. Sie machte den Eindruck, als ob sie den
polizeilichen Aufforderungen und Fragestellungen nicht folgen konnte. Auffällig waren
sodann Gedankensprünge und ihre Erkundigung, ob die Poststelle St. Gallen noch
offen sei und ob es dort einen Briefkasten habe. Sie erwähnte mehrmals, zur
unerwünschten Bürgerin von St. Gallen erklärt worden zu sein, und wollte der Polizei
einen wichtigen Brief übergeben. Zur zurückgelegten Fahrstrecke konnte sie keine
genauen Angaben machen. Ein Atemalkoholtest verlief negativ. Ihr psychischer
Zustand erschien gesamthaft instabil. A._, geb. 1942, besitzt den Führerausweis seit
1978. Einträge im Administrativmassnahmen-Register sind nicht aktenkundig.
B. Gestützt auf den Polizeibericht vom 11. Juli 2017 eröffnete das Strassenverkehrs-
und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen am 18. Juli 2017 ein
Administrativmassnahmen-Verfahren zur Abklärung der Fahreignung von A._. Gegen
die Verfügung vom 16. August 2017, mit welcher eine vertrauensärztliche
Untersuchung der Stufe 3 angeordnete wurde, erhob sie Rekurs, den die
Verwaltungsrekurskommission am 22. Februar 2018 abwies mit der Begründung, es
bestünden – entgegen der Vermutung von A._ – keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass
der Meldeerstatter aus feindschaftlicher Gesinnung ihr gegenüber gehandelt habe. Ihr
Verhalten im Strassenverkehr habe verschiedene eindeutige und teils schwerwiegende
Fahrfehler auf einer vergleichsweise kurzen Strecke umfasst. Ein psychisch instabiler
Zustand könne Anlass für eine Abklärung der Fahreignung geben. Was sich hinter ihren
auffälligen Aussagen verberge, sei für Laien unklar. Die Abklärung erscheine
verhältnismässig, weil sie nur geringfügig belaste und geeignet sei, höherstehende
Rechtsgüter wie Leib und Leben anderer Verkehrsteilnehmer sowie ihrer selbst zu
schützen.
C. A._ (Beschwerdeführerin) erhob gegen den am 23. Februar 2018 versandten
Entscheid der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit Eingabe vom 6. März
2018 und Ergänzung vom 14. Mai 2018 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem
sinngemässen Antrag, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben.
Die Vorinstanz verwies mit Vernehmlassung vom 17. Mai 2018 auf die Erwägungen im
angefochtenen Entscheid und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das
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Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt (Beschwerdegegner) verzichtete mit Vermerk
vom 25. Mai 2018 auf eine Vernehmlassung.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen der
Beschwerdeführerin zur Begründung ihres Antrags sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
Satz 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die
Beschwerdeführerin, die mit ihrem Begehren, es sei auf die Anordnung einer
vertrauensärztlichen Untersuchung der Stufe 3 zur Abklärung ihrer Fahreignung zu
verzichten, im Rekursverfahren unterlegen ist, ist zur Erhebung der Beschwerde befugt
(Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerde gegen den am
23. Februar 2018 versandten Rekursentscheid wurde mit Eingabe vom 6. März 2018
rechtzeitig erhoben und erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 14. Mai 2018 in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist
deshalb einzutreten.
2. Umstritten ist, ob die Vorinstanz den Rekurs hinsichtlich der Anordnung einer
vertrauensärztlichen Untersuchung der Stufe 3 zur Abklärung der Fahreignung der
Beschwerdeführerin zu Recht abgewiesen hat.
2.1. Die Beschwerdeführerin rügt in erster Linie, der Polizeibericht vom 11. Juli 2017
enthalte keine Tatsachen, sondern Falschaussagen und Verleumdungen durch den
Meldeerstatter und einen der beiden Polizisten, die ein Amtsarzt nicht klären könne. Sie
sei korrekt gefahren und habe die geschilderten Fahrfehler nicht gemacht. Die
Lindenstrasse habe keinen direkten Anschluss an die Rorschacherstrasse, die
überquert werden müsste, vom Neudorf kommend. Die Kreuzung Lindenstrasse-
Lukasstrasse befinde sich rund 150 Meter entfernt vom Stoppsignal. Es gehe hier um
die Kesselhaldenstrasse, die an der Lukasstrasse ende und hier einen sehr spitzen
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Winkel habe und vom früheren Gasthaus „Saturn“ zusätzlich schwer einsehbar
gemacht werde. Man müsste dort, auch wenn es kein Stoppsignal gäbe, anhalten,
dann vorsichtig weiter, bis man freie Sicht in die Kesselhaldenstrasse habe. Es folge
dann gleich die Kreuzung mit der Harzbüchelstrasse. Schlangenlinien und Anstossen
am rechten Fahrbahnrand würden auf einen alkoholisierten Fahrer passen. Ihr Alkotest
sei aber null gewesen. Sie trinke grundsätzlich keinen Alkohol. An jenem Abend habe
es nur einen schwarzen VW, auf Höhe Kolumbanstrasse, gehabt, der ungeduldig
gewesen sei, hinter ihr gehupt und viel zu schnell gefahren sei. Sie habe Tempo 40 bis
50 und wo notwendig Tempo 30 gehabt. Sie wirft die Frage auf, wer denn die Geduld
hätte, eine doch recht lange Strecke mit Tempo 20 zu fahren, und würde nicht von
anderen gesehen werden. Würde sie lügen, verlöre sie das höchste Gut, die
Glaubwürdigkeit. Als Opfer könne man sich fast nicht wehren, „zu viel Geheimnis“. Die
ganze Beweislast liege beim Opfer. Die Glaubwürdigkeit der Amtsträger werde höher
eingestuft als ihre. Das müsse nicht sein. Man gebe die Tonaufnahmen, Meldezentrale,
Polizeikontrolle, frei, und höre sich an, was wirklich gesagt worden sei. Bei K._ könne
es sich um einen „Sans Papiers“ handeln. Er sei erst im August 2017 am Briefkasten
angeschrieben gewesen. Er sei immer sehr ruhig gewesen, als ob er nicht da wäre.
Arbeitslosigkeit und ein Papierlosenstatus könnten in die Illegalität führen. Die Sitzung
bei der Mietschlichtungsstelle sei in entspannter Atmosphäre verlaufen. Weiter
Angaben könnten, sollten noch gemacht werden.
Die Vorbringen der Beschwerdeführerin sind nicht geeignet, die Tatsachen, wie sie sich
aus dem polizeilichen Bericht ergeben, in Zweifel zu ziehen. Gründe, aus denen der
Meldeerstatter Beobachtungen schildern sollte, die er nicht gemacht hatte, und aus
denen die beiden kontrollierenden Polizisten unzutreffende Wahrnehmungen festhalten
sollten, sind nicht ersichtlich. Die Schilderungen der Verkehrssituationen durch die
Beschwerdeführerin schliessen sodann nicht aus, dass das geschilderte Fahrverhalten
den Tatsachen entspricht. Der Unübersichtlichkeit der Verzweigung der Lindenstrasse
mit der Lukasstrasse und der Kesselhaldenstrasse wurde mit einem Stoppsignal
Rechnung getragen. Wenn die Beschwerdeführerin vorbringt, sie sei „auf Sicht
gefahren“, schliesst das nicht aus, dass sie beim Stoppsignal nicht angehalten hat.
Ebensowenig schliesst der Umstand, dass sie nicht alkoholisiert war, aus, dass sie
Schlangenlinie fuhr und dabei auch den rechten Randstein touchierte. Ihre weiteren
Ausführungen – die Vermutung von Verleumdungen, die Nennung von unbekannten
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Personen, die Einreichung von Mietverträgen, die nichts zur Sache tun – sind geeignet,
die Feststellungen zum psychischen Zustand der Beschwerdeführerin anlässlich der
polizeilichen Kontrolle zu bestätigen. Im Übrigen kann auf die zutreffenden Erwägungen
im vorinstanzlichen Entscheid (Erwägung 3c Seiten 6 und 7) verwiesen werden.
Zusammenfassend bestehen keine Hinweise dafür, dass die Darstellung des
Sachverhalts im Bericht der Polizei vom 11. Juli 2017 und im angefochtenen Entscheid
vom 22. Februar 2018 unrichtig oder unvollständig wäre.
2.2. Zu prüfen bleibt, ob die festgestellten Tatsachen die Anordnung einer
vertrauensärztlichen Untersuchung der Stufe 3 zur Abklärung der Fahreignung der
Beschwerdeführerin rechtfertigen.
2.2.1. Motorfahrzeugführer müssen gemäss Art. 14 Abs. 1 SVG über Fahreignung und
Fahrkompetenz verfügen. Fahreignung setzt unter anderem die erforderliche
körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von
Motorfahrzeugen voraus (Art. 14 Abs. 2 lit. b SVG). Über Fahrkompetenz verfügt, wer
die Verkehrsregeln kennt und Fahrzeuge der Kategorie, für die der Ausweis gilt, sicher
führen kann (Art. 14 Abs. 3 SVG). Gemäss Art. 16 Abs. 1 SVG sind Ausweise zu
entziehen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung
nicht oder nicht mehr bestehen. Der Lernfahr- und Führerausweis wird
dementsprechend entzogen, wenn die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nicht
oder nicht mehr ausreicht, ein Motorfahrzeug sicher zu führen (Art. 16d Abs. 1 lit. a
SVG). Bestehen Zweifel an der Fahreignung wird der Betroffene gestützt auf Art. 15d
Abs. 1 SVG einer Fahreignungsuntersuchung unterzogen. Bestehen Zweifel an der
Fahrkompetenz, kann der Betroffene gestützt auf Art. 15d Abs. 5 SVG einer
Kontrollfahrt, einer Theorieprüfung, einer praktischen Führerprüfung oder einer andern
geeigneten Massnahme wie einer Aus- oder Weiterbildung oder einer Nachschulung
unterzogen werden.
2.2.2. Die mittlerweile über 76-jährige Beschwerdeführerin unterliegt gemäss Art. 15d
Abs. 2 SVG der Verpflichtung, sich alle zwei Jahre auf Anordnung der kantonalen
Behörde vertrauensärztlich auf die Fahreignung hin untersuchen zu lassen
(verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung im Sinn von Art. 27 Abs. 1 lit. b der
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Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr;
SR 741.51, VZV). Diese Regel schliesst nicht aus, dass von diesem Rhythmus
abweichend bei Zweifeln an der Fahrkompetenz gestützt auf Art. 15d Abs. 5 SVG
beispielsweise eine Kontrollfahrt und/oder bei Zweifeln an der Fahreignung gestützt auf
Art. 15d Abs. 1 SVG eine entsprechende Untersuchung angeordnet wird. Die in
Art. 15d Abs. 1 lit. a-e SVG genannten Gründe für die Anordnung einer solchen
Untersuchung sind nicht abschliessend. Vielmehr gilt die Generalklausel gemäss
Art. 15d Abs. 1 Ingress SVG, die mit Blick auf Art. 14 Abs. 2 SVG auszulegen und
anzuwenden ist.
Mit dem Begriff der Fahreignung umschreiben alle betroffenen wissenschaftlichen
Disziplinen (insbesondere Medizin, Psychologie und Jurisprudenz) die körperlichen und
geistigen Voraussetzungen des Individuums, ein Fahrzeug im Strassenverkehr sicher
lenken zu können. Die Fahreignung muss grundsätzlich dauernd vorliegen (vgl. BGE
133 II 384 E. 3.1). Der Umstand, dass – wie der Beschwerdeführer geltend macht –
keiner der in Art. 15d Abs. 1 lit. a-e SVG namentlich aufgezählten Gründe erfüllt ist,
schliesst deshalb die Rechtmässigkeit der angeordneten verkehrsmedizinischen
Untersuchung nicht aus.
2.2.3. Die Anordnung der verkehrsmedizinischen Abklärung der Fahreignung der
Beschwerdeführerin stützt sich nicht in erster Linie auf ihr Alter, sondern auf ihr am
6. Juli 2017 beobachtetes konkretes Verkehrsverhalten als Lenkerin eines
Personenwagens. Sie hat auf einer relativ kurzen Strecke mehrere, teilweise – wie die
Beachtung eines Stoppsignals – wichtige Verkehrsregeln verletzt (vgl. BGer 6A.2/2003
vom 21. Februar 2003 E. 2.2.1) und das Fahrzeug – indem sie Schlangenlinie fuhr und
den Randstein touchierte – offenkundig nicht beherrscht (vgl. BGer 1P.317/2004 vom
6. August 2004 E. 6.2). Sowohl anlässlich der anschliessenden polizeilichen Kontrolle
als auch später im Rechtsmittelverfahren ist sie mit Äusserungen aufgefallen, die zum
einen Uneinsichtigkeit hinsichtlich der beobachteten Fahrfehler – Gründe für langsames
Fahren – und zum andern Verknüpfungen des Sachverhalts mit sachfremden
Vorstellungen – Kündigung des Mietverhältnisses, Verhandlungen vor
Schlichtungsstelle für Miet- und Pachtverhältnisse – zeigen. Auch wenn die
Beschwerdeführerin mit Ausnahme ihres Verhaltens vom 6. Juli 2017 im
Strassenverkehr bisher nicht aktenkundig auffiel, hat der Beschwerdegegner unter den
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geschilderten Umständen zu Recht an ihrer Fahreignung gezweifelt und eine
vertrauensärztliche Untersuchung der Stufe 3 zur Abklärung ihrer Fahreignung
angeordnet. Im Übrigen kann auch hinsichtlich der rechtlichen Würdigung auf die
zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden.
3. Dementsprechend erweist sich die Beschwerde als unbegründet. Sie ist abzuweisen.
4. (...).