Decision ID: d4c5f5a7-3cda-4b91-a998-38a79cf9fcc4
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X war seit 2005 für die Fahrzeugkategorien A1 und B, seit 2006 für die
Fahrzeugkategorien BE und D1E und seit 2007 für die Fahrzeugkategorien C, D1 und
CE fahrberechtigt. Im Administrativmassnahmen-Register ist er nicht verzeichnet.
Am Sonntag, 16. August 2015, 5.32 Uhr, war X mit einem Personenwagen in Thal
unterwegs, als er polizeilich kontrolliert wurde. Da die Polizisten eine verlangsamte
Pupillenreaktion und wässrige Augen feststellten, wurde ein Drogenschnelltest (Urin)
durchgeführt. Dieser fiel positiv auf Amphetamin aus, weshalb zusätzlich eine
Blutentnahme angeordnet und im Spital Rorschach durchgeführt wurde. Die
Auswertung der Blutprobe durch das Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital
St. Gallen (IRM) ergab eine Amphetamin-Konzentration von 30 μg/l. Im Urin wurden
zudem 21 μg/l Kokain und 230 μg/l Benzoylecgonin (inaktives Abbauprodukt von
Kokain) nachgewiesen.
B.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen bestätigte am
19. August 2015 die vorläufige Abnahme des Führerausweises. Am 7. September 2015
stellte es X eine verkehrsmedizinische Untersuchung in Aussicht und gab ihm
Gelegenheit zu einer schriftlichen Stellungnahme. Gleichzeitig verbot es X das Führen
von Motorfahrzeugen aller Kategorien vorsorglich ab sofort. Einen dagegen erhobenen
Rekurs wies der Verfahrensleiter mit Entscheid vom 17. Februar 2016 ab (vgl. VRKE
IV-2015/204 P). Mit Zwischenverfügung vom 13. Oktober 2015 ordnete das
Strassenverkehrsamt eine verkehrsmedizinische Untersuchung an. Letztere wurde am
18. Januar 2016 am IRM durchgeführt. Im Gutachten vom 9. März 2016 wurde
festgestellt, die Fahreignung könne unter Einhaltung einer Drogenabstinenz mit
Haaranalyse in sechs Monaten befürwortet werden. Am 16. März 2016 wurde dem
Rechtsvertreter das rechtliche Gehör gewährt. Mit Eingabe vom 21. März 2016 nahm
dieser zur verkehrsmedizinischen Begutachtung, zum angedrohten
Führerausweisentzug für die Dauer von drei Monaten und den Auflagen Stellung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.- Mit Verfügung vom 23. März 2016 (zugestellt am 29. März 2016) hob das
Strassenverkehrsamt den vorsorglichen Führerausweisentzug vom 7. September 2015
auf (Ziffer 1 des Rechtsspruchs), entzog den Führerausweis für die Dauer von drei
Monaten (Ziffer 2) und stellte fest, dass X das Führen von Motorfahrzeugen aller
Kategorien und Unterkategorien sowie der Spezialkategorie F während der Dauer des
Entzugs mit Wirkung ab 16. August bis und mit 15. November 2015 untersagt gewesen
sei (Ziffer 3). Gleichzeitig wurde der Führerausweis unter anderem mit der Auflage einer
vollständigen, kontrollierten Drogenabstinenz mittels Haaranalyse in sechs Monaten
versehen (Ziffer 4a, b). In den Ziffern 4c, 4e und 4f wurden die Auflage und die Folge
eines allfälligen Nichteinhaltens derselben konkretisiert. Zusätzlich wurde dem
Rekurrenten auch aufgetragen, beim Führen von Motorfahrzeugen eine Sehhilfe zu
tragen (Ziffer 4d). Einem allfälligen Rekurs entzog das Strassenverkehrsamt die
aufschiebende Wirkung (Ziffer 5). Die Gebühr für die Verfügung wurde auf Fr. 475.–
festgesetzt (Ziffer 6).
D.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 8. April
2016 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit den Anträgen, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge seien die Ziffern 2 und 3 sowie die Ziffern 4 lit. a, b, c, e und f
der angefochtenen Verfügung aufzuheben. Die Angelegenheit sei an die Vorinstanz
zurückzuweisen mit der Anweisung, das Verfahren bis zum rechtskräftigen Abschluss
des Strafverfahrens vor dem Kreisgericht Rorschach zu sistieren und danach wieder
aufzunehmen. Weiter sei die Ziffer 6 der angefochtenen Verfügung aufzuheben und die
vorinstanzliche Gebühr auf die Staatskasse zu nehmen. Schliesslich sei dem
Rekurrenten für das Verfahren vor der Vorinstanz eine Parteientschädigung in der Höhe
von Fr. 5'616.– zuzusprechen. Zudem stellte er diverse Eventualbegehren. Die innert
Frist nachgereichte Rekursergänzung datiert vom 27. April 2016.
Die Vorinstanz verzichtete am 4. Mai 2016 auf eine Vernehmlassung.
E.- Mit Strafbefehl des Untersuchungsamts St. Gallen vom 14. September 2015 wurde
X im Zusammenhang mit dem Ereignis vom 16. August 2015 wegen Fahrens in nicht
fahrfähigem Zustand zu einer bedingten Geldstrafe von 25 Tagessätzen zu je Fr. 130.–
sowie zu einer Busse von Fr. 800.– verurteilt. Dagegen erhob X Einsprache. Mit
Entscheid der Einzelrichterin des Kreisgerichts Rorschach vom 7. Juni 2016 wurde X
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Führens eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand schuldig gesprochen und
zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je Fr. 110.– sowie zu einer Busse
von Fr. 500.– verurteilt. Da X gegen den Strafentscheid Berufung angemeldet hatte,
sistierte der Verfahrensleiter am 19. August 2016 das Rekursverfahren. Am 24. August
2016 hob das Strassenverkehrsamt die mit Verfügung vom 23. März 2016
angeordneten Auflagen mit sofortiger Wirkung auf, nachdem sich das IRM im
Verlaufsbericht vom 8. August 2016 aus verkehrsmedizinischer Sicht für die Aufhebung
der Abstinenzauflage ausgesprochen hatte.
F.- Mit Schreiben vom 16. November 2016 teilte der Rechtsvertreter mit, das
Strafverfahren gegen den Rekurrenten sei rechtskräftig abgeschlossen. Am
17. November 2016 hob der Verfahrensleiter die Sistierung des Rekursverfahrens auf
und gab dem Rekurrenten Gelegenheit, eine Stellungnahme einzureichen. Am
2. Januar 2017 nahm der Rekurrent innert erstreckter Frist Stellung. Auf die

Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 8. April 2016 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 27. April 2016 in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Wenn eine Streitsache gegenstandslos wird, ist das Verfahren als erledigt
abzuschreiben. Gegenstandslosigkeit liegt vor, wenn die Grundlagen der Streitigkeit im
Lauf des Verfahrens dahinfallen oder die Beteiligten jedes rechtliche Interesse an einer
Entscheidung verloren haben. Gründe für eine Gegenstandslosigkeit sind unter
anderem gegeben bei einem Widerruf der angefochtenen Verfügung oder deren
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abänderung im Sinn des Rechtsbegehrens (Anerkennung), bei einem Rückzug des
gestellten Gesuchs oder beim Wegfall des Streitgegenstands (Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl. 2003, Rz. 1045).
Mit Verfügung vom 23. März 2016 versah die Vorinstanz den Führerausweis unter
anderem mit der Auflage (Ziffer 4), dass der Rekurrent eine vollständige, kontrollierte
Drogenabstinenz (lit. a) mittels Haaranalyse in sechs Monaten einzuhalten habe (lit. b).
Weiter wurde festgehalten, dass die Auflagen auf unbestimmte Zeit Gültigkeit haben,
eine Aufhebung der Auflagen frühestens in sechs Monaten geprüft werden könne (lit. e)
und bei Missachtung der Auflagen mit dem Entzug des Führerausweises – allenfalls auf
unbestimmte Zeit – zu rechnen sei (lit. f). Dagegen erhob der Rekurrent mit Eingabe
vom 8. April 2016 Rekurs. In der Haaranalyse vom 13. Juli 2016 wurden keine Drogen
nachgewiesen, weshalb das IRM im Auflagenzeugnis vom 8. August 2016 die
Aufhebung der Auflagen befürwortete (vgl. act. 16/1 und 2). In der Folge hob die
Vorinstanz am 24. August 2016 die mit Verfügung vom 23. März 2016 festgesetzten
Auflagen mit sofortiger Wirkung auf (vgl. act. 18). Das Rekursverfahren ist daher, soweit
die Auflagen zur Drogenabstinenz angefochten waren, in diesem Punkt (Auflagen)
zufolge Gegenstandslosigkeit als erledigt abzuschreiben.
3.- In tatsächlicher Hinsicht bestreitet der Rekurrent, vorsätzlich ein Fahrzeug unter
dem Einfluss von Drogen (Amphetamin) gelenkt zu haben. Er macht insbesondere
geltend, der Strafentscheid vom 7. Juni 2016 beruhe auf unvollständigen
Beweiserhebungen.
a) Massgeblich ist grundsätzlich der Sachverhalt, wie er im Strafverfahren festgestellt
wurde. Denn das Strafverfahren bietet durch die verstärkten Mitwirkungsrechte des
Beschuldigten, die umfassenderen persönlichen und sachlichen
Ermittlungsinstrumente sowie die weiterreichenden prozessualen Befugnisse besser
Gewähr dafür, dass das Ergebnis der Sachverhaltsermittlung näher bei der materiellen
Wahrheit liegt als im nicht durchwegs derselben Formstrenge unterliegenden
Verwaltungsverfahren. Die Verwaltungsbehörde darf von den tatsächlichen
Feststellungen im Strafurteil nur dann abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und
ihrem Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren oder die er nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu einem anderen
Entscheid führt, wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter den feststehenden
Tatsachen klar widerspricht, oder wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf
den Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat, namentlich die Verletzung
bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103 E. 1c; Urteil der
Verwaltungsrekurskommission [VRKE] IV-2012/126 vom 21. März 2013, abrufbar unter:
www.gerichte.sg.ch). Die Verwaltungsbehörde hat vor allem dann auf die Tatsachen im
Strafurteil abzustellen, wenn dieses im ordentlichen Verfahren mit öffentlicher
Verhandlung unter Anhörung von Parteien und Einvernahme von Zeugen ergangen ist,
es sei denn, es bestünden klare Anhaltspunkte für die Unrichtigkeit dieser
Tatsachenfeststellung; in diesem Fall hat die Verwaltungsbehörde nötigenfalls
selbstständige Beweiserhebungen durchzuführen (Urteil des Bundesgerichts [BGer]
1C_266/2014 vom 17. Februar 2015 E. 2.1.2).
b) Mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes St. Gallen vom 14. September 2015 wurde
der Rekurrent wegen Fahrens in nicht fahrfähigem Zustand (andere Gründe) nach
Art. 91 Abs. 2 lit. b des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) zu einer
bedingten Geldstrafe von 25 Tagessätzen zu je Fr. 130.– sowie zu einer Busse von
Fr. 800.– verurteilt. Gleichzeitig wurde er über die Weiterleitung des Strafbefehls an das
Strassenverkehrsamt sowie über die Möglichkeit der Einspracheerhebung orientiert
(act. 10/56 f.). Am 17. September 2015 erhob er Einsprache gegen den Strafbefehl. Mit
Strafentscheid des Kreisgerichts Rorschach vom 7. Juni 2016 wurde der Schuldspruch
gegen den Rekurrenten bestätigt, die Strafe jedoch reduziert; er wurde zu einer
bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je Fr. 110.– sowie zu einer Busse von
Fr. 500.– verurteilt (act. 24 S. 25). Am 19. August 2016 sistierte der Verfahrensleiter das
Rekursverfahren, nachdem der Rekurrent gegen den Strafentscheid vom 7. Juni 2016
Berufung angemeldet hatte, mit dem Hinweis, über den Warnungsentzug könne erst
nach Abschluss des Strafverfahrens entschieden werden (act. 17). Mit Schreiben vom
16. November 2016 teilte der Rekurrent mit, dass das Strafverfahren gegen ihn
rechtskräftig abgeschlossen worden sei (act. 20). Am 2. Januar 2017 reichte er den
rechtskräftigen Strafentscheid vom 7. Juni 2016 ein (act. 15 und 16/2).
Der Rekurrent wusste um die zentrale Bedeutung des Ausgangs des Strafverfahrens
für das Administrativmassnahmeverfahren; entsprechend stellte er bei der Vorinstanz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und im Rekursverfahren jeweils ein Sistierungsgesuch. Dessen ungeachtet akzeptierte
er letztlich den Strafentscheid des Kreisgerichts Rorschach vom 7. Juni 2016 und
verzichtete auf eine schriftliche Berufungserklärung nach Vorliegen des begründeten
Urteils (vgl. Art. 399 Abs. 3 der Strafprozessordnung, SR 312.0; vgl. auch act. 26/13
S. 26). Damit ist der Strafentscheid vom 7. Juni 2016 in Rechtskraft erwachsen. Die
Administrativbehörde ist an die tatsächlichen Feststellungen im Strafverfahren
grundsätzlich gebunden. Die Voraussetzungen für ein Abweichen (vgl. E. 2a) sind nicht
erfüllt. Insbesondere wurde vor dem Kreisgericht eine öffentliche Verhandlung
durchgeführt, an welcher der Rekurrent persönlich befragt wurde (vgl. act. 26/15 und
16). Bereits im Entscheid IV-2015/204 vom 17. Februar 2016 (vorsorglicher
Führerausweisentzug) wurde der Rekurrent darauf hingewiesen, dass für die Frage, ob
er vorsätzlich Amphetamin konsumiert habe oder nicht und ob die Urin- und Blutprobe
ordnungsgemäss abgenommen worden sei, der Strafrichter zuständig sei (E. 3c). Im
Strafentscheid vom 7. Juni 2016 wurde festgestellt, dass die Anordnung der
Blutuntersuchung zulässig war und die Blutanalyse als Beweismittel verwertbar ist; die
in diesem Zusammenhang vom Rechtsvertreter gestellten Beweisanträge wurden
eingehend geprüft und alsdann allesamt abgewiesen. Ausserdem wurde festgehalten,
dass der Rekurrent das Amphetamin bewusst und gewollt zu sich genommen habe
und später noch unter dem Einfluss desselben bewusst und gewollt nach Hause
gefahren sei. Zusammenfassend wurde der Rekurrent des Fahrens in nicht fahrfähigem
Zustand (andere Gründe) schuldig gesprochen (vgl. act. 26/13 Ziff. 44, 51 und 53). Es
bestehen keine Anhaltspunkte für die Unrichtigkeit dieser Feststellungen, weshalb im
vorliegenden Verfahren keine selbstständigen Beweiserhebungen durchzuführen sind.
Der Rekurrent wäre vielmehr gehalten gewesen, gegen den Strafentscheid des
Kreisgerichts Rorschach vom 7. Juni 2016 ein Rechtsmittel einzulegen, soweit er damit
nicht einverstanden war. Das vorliegende Verfahren dient nicht dazu, strafrechtlich zu
klärende Aspekte nochmals aufzurollen. Im Übrigen führte der Rekurrent nicht aus, was
er mit den angebotenen Beweisen überhaupt belegen will. Die Beweisanträge sind
daher abzuweisen.
4.- Die Vorinstanz entzog dem Rekurrenten den Führerausweis gestützt auf Art. 16c
Abs. 1 lit. c wegen einer schweren Widerhandlung für die Dauer von drei Monaten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dass nicht zugewartet werden musste, wie die Vorinstanz ausführte, weil der Entzug
aufgrund des vorsorglichen Führerausweisentzugs bereits vollzogen war, trifft nicht zu.
Einerseits werden mit dieser Begründung unzulässigerweise materielle und
vollstreckungsrechtliche Fragen miteinander verknüpft. Andererseits muss auch in
einem solchen Fall bis zum Abschluss des Strafverfahrens mit der Verhängung eines
Warnungsentzugs zugewartet werden, weil ein bestehender Führerausweisentzug im
Hinblick auf allfällige weitere Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften
und die in Art. 16b Abs. 2 und Art. 16c Abs. 2 SVG vorgesehenen Kaskaden von
grosser Bedeutung ist. Aus prozessökonomischen Gründen ist hinsichtlich des
verfügten Warnungsentzugs indessen auf eine Aufhebung und Rückweisung an die
Vorinstanz zu neuer Verfügung zu verzichten. Stattdessen ist der Warnungsentzug im
vorliegenden Verfahren zu prüfen. Der vorinstanzliche Verfahrensfehler wird jedoch bei
der Kostenverlegung zu berücksichtigen sein.
5.- a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03, abgekürzt: OBG)
ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung
ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG),
mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Wer
wegen Betäubungs- oder Arzneimitteleinfluss oder aus anderen Gründen fahrunfähig
ist und in diesem Zustand ein Motorfahrzeug führt, begeht eine schwere
Widerhandlung (Art. 16c Abs. 1 lit. c SVG).
b) Im Strafverfahren wurde festgestellt, dass die Analyse der anlässlich der
Verkehrskontrolle vom 16. August 2015 abgenommenen Blutprobe ein
Amphetamingehalt von 30 μg/l (21-39 μg/l) ergab. Der Rekurrent wurde deswegen des
Fahrens in nicht fahrfähigem Zustand (andere Gründe) nach Art. 91 Abs. 2 lit. b in
Verbindung mit Art. 31 Abs. 2 SVG schuldig gesprochen. Die Strafbestimmung
entspricht in Wortlaut und Sinn Art. 16c Abs. 1 lit. c SVG (vgl. Philippe Weissenberger,
Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 16c SVG N 32). Gemäss Art. 2 Abs. 2
lit. d der Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11) gilt die Fahrunfähigkeit grundsätzlich
als erwiesen, wenn im Blut des Fahrzeuglenkers Amphetamin nachgewiesen wird. Die
beim Rekurrenten gemessene Blutkonzentration von 30 μg/l Amphetamin liegt deutlich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über dem in Art. 34 der Verordnung des ASTRA zur
Strassenverkehrskontrollverordnung (SR 741.013.1) festgelegten Grenzwert von 15 μg/
l, ab welchem von Fahrunfähigkeit auszugehen ist. Es handelt sich dabei um eine
unumstössliche gesetzliche Vermutung, welche zwingend zu einem
Führerausweisentzug wegen schwerer Widerhandlung nach Art. 16c SVG führt (vgl.
Weissenberger, a.a.O., Art. 16c SVG N 33). Die Vorinstanz ist dementsprechend zu
Recht von einer schweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften
gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. c SVG ausgegangen. Zu prüfen bleibt die Entzugsdauer. Die
Vorinstanz entzog den Führerausweis für drei Monate. Für eine schwere Widerhandlung
handelt es sich dabei um die Mindestentzugsdauer (Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG), die auch
bei einem ungetrübten automobilistischen Leumund nicht unterschritten werden darf
(Art. 16 Abs. 3 SVG). Folglich ist der dreimonatige Führerausweisentzug zu bestätigen.
Die Massnahme wurde vom 16. August bis 15. November 2015 bereits vollzogen.
c) Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs in diesem Punkt (Warnungsentzug
für die Dauer von drei Monaten) abzuweisen ist.
6.- Der Rekurrent beantragt weiter, die vorinstanzliche Gebühr sei auf die Staatskasse
zu nehmen; allenfalls sei sie zu erlassen. Ausserdem sei ihm für das vorinstanzliche
Verfahren eine Parteientschädigung von Fr. 5'616.– zuzusprechen.
a) In Verfahren nach Art. 94 Abs. 1 VRP hat derjenige eine Gebühr zu entrichten, der
eine Amtshandlung zum eigenen Vorteil oder durch sein Verhalten veranlasst hat. Als
Verhaltensverursacher gilt, wer unmittelbar durch sein Verhalten eine Amtshandlung
veranlasst. Ein Verschulden ist nicht erforderlich (R. Hirt, Die Regelung der Kosten nach
st. gallischem Verwaltungsrechtspflegegesetz, Lachen/St. Gallen 2004, S. 74). Gemäss
Ziff. 20.12 des Gebührentarifs für die Kantons- und Gemeindeverwaltung (sGS 821.5)
beträgt die Gebühr für Verfügungen in einem Verwaltungsverfahren, soweit keine
andere Gebühr festgelegt ist, zwischen Fr. 150.– und Fr. 2300.–.
Der Rekurrent lenkte am 16. August 2015 ein Fahrzeug unter Amphetamineinfluss.
Dieses Verhalten führte zur Einleitung eines Administrativmassnahmeverfahrens,
weshalb die Gebühr des vorinstanzlichen Verfahrens zu Recht dem Rekurrenten
auferlegt wurde. Die Höhe der Gebühr wurde vom Rekurrenten nicht gerügt. Mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 475.– beträgt diese im Übrigen rund einen Fünftel der maximal möglichen Gebühr
und ist daher nicht zu beanstanden. Die Voraussetzungen für einen Erlass der Gebühr
sind bereits deshalb nicht erfüllt, weil der Rekurrent offensichtlich in der Lage war und
ist, die Anwaltskosten für das Straf- und Administrativmassnahmeverfahren zu
finanzieren. Zudem bezahlte er auch den Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– für das
Rekursverfahren.
b) Art. 98 Abs. 3 lit. b VRP bestimmt, dass in erstinstanzlichen Verfahren in der Regel
keine ausseramtlichen Kosten zugesprochen werden. Eine ausseramtliche
Entschädigung ist im erstinstanzlichen Verfahren jedoch dann gerechtfertigt, wenn das
Verfahren willkürlich eröffnet wurde oder wenn für die Betroffenen durch die Eröffnung
des Verfahrens zur Wahrung ihrer Rechte der Beizug eines Anwalts unbedingt
erforderlich ist (VRKE IV-2013/82 vom 25. September 2013, abrufbar unter:
www.gerichte.sg.ch; GVP 1987 Nr. 46). Die Frage, wann eine fachkundige rechtliche
Vertretung notwendig ist, ist in sachgemässer Analogie zur Praxis bei der Gewährung
der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung zu beantworten. Es ist folglich insbesondere
auf die Schwierigkeit der sich im Verfahren stellenden Fragen, die Rechtskenntnisse
der Beteiligten, die Bedeutung der Streitsache für die Betroffenen und auf eine allfällige
Rechtsvertretung der Gegenpartei abzustellen (Hirt, a.a.O., S. 156 f.).
Für eine willkürliche Verfahrenseröffnung ergeben sich vorliegend keine Anhaltspunkte.
Der Rekurrent ist aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit zwar erhöht
sanktionsempfindlich, weshalb ein länger dauernder Ausweisentzug einen nicht
unerheblichen Eingriff in seine Rechtsstellung bedeutet. Die vom Rekurrenten
erhobenen Vorwürfe beschlagen aber hauptsächlich das Straf- und nicht das
Administrativmassnahmeverfahren (Verwertbarkeit der Beweise, vorsätzliche Einnahme
von Amphetamin). Dem Rekurrenten wäre es auch ohne Anwalt möglich gewesen, im
vorinstanzlichen Verfahren zu bestreiten, Amphetamin vorsätzlich eingenommen zu
haben, und auf das hängige Strafverfahren hinzuweisen. Die Notwendigkeit des
Beizugs eines Rechtsanwaltes im erstinstanzlichen Administrativmassnahmeverfahren
war unter Würdigung sämtlicher Umstände nicht gegeben; dementsprechend ist der
Rekurs in diesem Punkt ebenfalls abzuweisen. Es bleibt, die Kosten des
Rekursverfahrens zu verlegen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.- a) Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu
tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden. Es gilt der
Grundsatz der Kostentragung nach Massgabe des Obsiegens und Unterliegens. Bei
Gegenstandslosigkeit gilt, dass derjenige als unterlegener Beteiligter zu betrachten ist,
der die Gegenstandslosigkeit verursacht hat (Hirt, a.a.O., S. 101).
Der anlässlich der Polizeikontrolle vom 16. August 2015 durchgeführte
Drogenschnelltest fiel positiv auf Amphetamin aus, weshalb zusätzlich eine
Blutentnahme angeordnet wurde. Die Auswertung der Blutprobe durch das IRM ergab
eine Amphetamin-Konzentration von 30 μg/l. Im Urin wurden zudem ca. 21 μg/l Kokain
und ca. 230 μg/l Benzoylecgonin (inaktives Abbauprodukt von Kokain) nachgewiesen.
Im verkehrsmedizinischen Gutachten vom 9. März 2016 wird die Fahreignung mit einer
Drogenabstinenzauflage befürwortet. Zur Begründung wurde ausgeführt, die
Abklärungen hätten zwar keine konkreten Hinweise auf eine Drogenproblematik
ergeben. Der beim Ereignis nachgewiesene Drogenmischkonsum müsse vor dem
Hintergrund des hohen Suchtpotenzials von Kokain und Amphetamin kritisch gesehen
werden. Hinzu komme, dass der Rekurrent im Besitz höherer Fahrzeugkategorien sei
(vgl. act. 10/115). Die Ausführungen im Gutachten sind nachvollziehbar. Im Unterschied
zum Amphetamin war die Fahrfähigkeit des Rekurrenten zwar nicht zusätzlich wegen
vorgängigen Kokainkonsums beeinträchtigt. Dass im Urin Benzoylecgonin
nachgewiesen wurde, deutete allerdings auf einen möglichen Mischkonsum hin. Den
Nachweis der Drogenabstinenz erbrachte der Rekurrent erst im Rekursverfahren,
nachdem er am 13. Juli 2016 der Abstinenzkontrolle nachgekommen war und in der
entsprechenden Haaranalyse keine Drogen vorgefunden worden waren. Damit hat der
Rekurrent die Gegenstandslosigkeit zu vertreten. Des Weiteren unterliegt der Rekurrent
mit seinen Anträgen, soweit er die Aufhebung der Ziffern 2 und 3 (Warnungsentzug)
sowie Ziffer 6 (Kostenspruch) beantragt. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass der
Rekurrent im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs bei der Vorinstanz am
21. März 2016 die Sistierung des Administrativverfahrens bis zum Abschluss des
Strafverfahrens vor dem Kreisgericht Rorschach beantragte (act. 10/128). Mit
Verfügung vom 23. März 2016 entzog die Vorinstanz den Führerausweis für die Dauer
von drei Monaten, ohne das Strafverfahren abzuwarten (act. 10/132). Dadurch hat die
Vorinstanz eine wesentliche Verfahrensvorschrift verletzt. Unter Berücksichtigung
sämtlicher Umstände rechtfertigt es sich daher, die amtlichen Kosten dem Staat zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einem Viertel und dem Rekurrenten zu drei Vierteln aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr
von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr 1'200.– ist mit dem Kostenanteil des
Rekurrenten von Fr. 900.– zu verrechnen und im Restbetrag von Fr. 300.–
zurückzuerstatten.
b) Der Rekurrent ist vom Staat insofern zu entschädigen, als die Vorinstanz dem
Sistierungsantrag nicht nachgekommen ist und trotz hängigen Strafverfahrens ein
Warnungsentzug verfügte. Dadurch wurde er gezwungen, Rekurs zu erheben, um keine
prozessualen Nachteile zu erleiden. Demgegenüber musste er den Rekurs bezüglich
der Anfechtung der Anordnung von Auflagen begründen. Da Auflagen aus Gründen der
Verkehrssicherheit und nicht wegen eines schuldhaften Verhaltens des Betroffenen
angeordnet werden, ist das Strafverfahren in solchen Fällen grundsätzlich nicht
abzuwarten. Zwar hätte ein Hinweis auf das hängige Strafverfahren genügt, da das
Gericht die Sistierung selbständig verfügt hätte, soweit der Sachverhalt nicht klar
gewesen wäre. Daraus, dass der Rekurrent trotz Sistierungsantrag zur
Rekursergänzung angehalten wurde, kann deshalb kein Entschädigungsanspruch
abgeleitet werden, weil der Rechtsvertreter selbst eine Nachfrist zur Rekursergänzung
beantragte. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Geltendmachung der Sistierung
aufgrund des hängigen Strafverfahrens weder in tatsächlicher noch in rechtlicher
Hinsicht schwierig war. Entsprechend erscheint ein Honorar von Fr. 1'000.– als
angemessen. Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von Fr. 40.– und die Mehrwertsteuer
von Fr. 83.20 (Art. 22 Abs. 1 lit. c, Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 der Honorarordnung für
Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75). Die ausseramtliche Entschädigung
beträgt damit insgesamt Fr. 1'123.20; kostenpflichtig ist der Staat.