Decision ID: ea035b23-a229-5bec-b7d4-0ee5831f6881
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
F._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Fürsprecher lic. iur. Daniel Küng, Rosenbergstrasse 51, Postfach 1121,
9001 St. Gallen,
gegen
Visana Versicherungen AG, Weltpoststrasse 19, Postfach 253, 3000 Bern 15,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
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Sachverhalt:
A.
A.a Die 1948 geborene F._ ist beim A._ als diplomierte Pflegefachfrau tätig und
dadurch bei der Visana Versicherungen AG (nachfolgend: Visana) gegen die Folgen von
Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert. Gemäss Unfallmeldung vom 5. Mai 2008
hatte sich die Versicherte am 5. März 2008 beim Aufheben einer umgefallenen Patientin
eine Zerrung am Knie zugezogen (UV-act. 1). Im Arztzeugnis vom 16. Mai 2008 (UV-
act. 2) diagnostizierte Dr. med. B._, Allgemeine Medizin FMH, eine Distorsion am
rechten Knie. Als Befunde wurden ein leichter Gelenkserguss und eine leichte
Druckdolenz am lateralen Gelenkspalt erhoben. Es würden keine Anhaltspunkte für
eine Meniskus- oder Bandläsion bestehen. Die Versicherte teilte Dr. B._ mit, beim
Aufheben eines Patienten (wohl: einer Patientin) einen plötzlichen heftigen Schmerz am
rechten Knie dorsal verspürt zu haben. Dr. B._ attestierte vom 9. bis 16. März 2008
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit.
A.b Mit Verfügung vom 8. September 2008 (UV-act. 6) lehnte die Visana ihre
Leistungspflicht für das Ereignis vom 5. März 2008 mit der Begründung ab, dass weder
ein Unfall noch eine unfallähnliche Körperschädigung vorliege. Die gegen diese
Verfügung erhobene Einsprache wies die Visana mit Einspracheentscheid vom 30.
März 2009 ab (UV-act. 31).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die von Fürsprecher lic. iur. Daniel
Küng, St. Gallen, im Namen der Versicherten eingereichte Beschwerde vom 8. Mai
2009 mit den Anträgen, der Einspracheentscheid vom 30. März 2009 und die
Verfügung vom 8. September 2008 seien vollumfänglich aufzuheben; es sei
festzustellen, dass der Unfallbegriff im Zusammenhang mit dem Ereignis vom 5. März
2008 erfüllt sei, und es seien der Beschwerdeführerin die gesetzlichen Leistungen zu
erbringen; eventualiter sei die Angelegenheit zur Vornahme weiterer Abklärungen und
anschliessender Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; unter
Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Zur
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Begründung wird im Wesentlichen ausgeführt, dass der Vorfall vom 5. März 2008 eine
Überanstrengung darstelle, welche den Rahmen des im Leistungsbereich Üblichen
oder Alltäglichen überschreite. Damit sei der Unfallbegriff von Art. 4 ATSG erfüllt und
die Beschwerdegegnerin leistungspflichtig.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 28. Mai 2009 beantragt die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde. Die Beschwerdeführerin habe im Laufe des Verfahrens
den Sachverhalt insofern abgeändert, dass es sich plötzlich um eine schwere Patientin
gehandelt habe. Im Hinblick auf die Rechtsprechung zur Aussage der ersten Stunde sei
auf den von der Beschwerdeführerin am 19. Juli 2008 ausgefüllten Fragebogen UVG
hinzuweisen, wonach sich nichts Ungewöhnliches vorgetragen habe und der
Bewegungsvorgang unter normalen Umständen abgelaufen sei. Die gesetzlichen
Voraussetzungen zur Bejahung eines Unfallereignisses seien vorliegend nicht gegeben.
B.c Mit Replik vom 26. Juni 2009 hielt der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin an
den gestellten Anträgen fest.
B.d Im Schreiben vom 1. Juli 2009 teilte die Beschwerdegegnerin mit, auf eine Duplik
zu verzichten.

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin als obligatorischer
Unfallversicherer für die Folgen des Vorfalls vom 5. März 2008 leistungspflichtig ist.
2.
2.1 Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG;
SR 832.20) werden die Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt.
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2.2 Als Unfall gilt die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines
ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine
Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge
hat (Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
2.3 Auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung sind gemäss Art. 9 Abs. 2 der
Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) folgende Körperschäden
den Unfällen gleichgestellt: Knochenbrüche, sofern sie nicht eindeutig auf eine
Erkrankung zurückzuführen sind, Verrenkungen von Gelenken, Meniskusrisse,
Muskelzerrungen, Sehnenrisse, Bandläsionen und Trommelfellverletzungen.
2.4 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Der Grundsatz gilt jedoch nicht
uneingeschränkt. Er findet sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht der Parteien. Der
Untersuchungsgrundsatz schliesst eine Beweislast im Sinn einer Beweisführungslast
begriffsnotwendig aus. Die Parteien tragen eine Beweislast aber insofern, als im Fall
der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem
unbewiesenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Das Gericht stellt auf jene
Sachverhaltsdarstellung ab, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als die
wahrscheinlichste würdigt. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts
genügt den Beweisanforderungen nicht (BGE 117 V 360 E. 4a mit Hinweisen, BGE 126
V 360 E. 5b). Nach konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist zu beachten,
dass die so genannten spontanen "Aussagen der ersten Stunde" in der Regel
unbefangener und zuverlässiger sind als spätere Darstellungen, die bewusst oder
unbewusst von nachträglichen Überlegungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art
beeinflusst sein können. Daher kommt den Angaben, welche die versicherte Person
kurz nach dem Unfall gemacht hat, meistens grösseres Gewicht zu als jenen nach
Kenntnis einer Ablehnungsverfügung des Versicherers (vgl. statt vieler Urteil U 64/02
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007 sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 26. Februar 2004, E. 1.2).
3.
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3.1 Die Begriffsmerkmale der plötzlichen, nicht beabsichtigten schädigenden
Einwirkung sind vorliegend erfüllt. Zu prüfen bleibt, ob das Vorliegen eines
ungewöhnlichen äusseren Faktors nachgewiesen werden kann.
3.2 Dabei bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die
Wirkung des äusseren Faktors, sondern auf den Faktor selbst. Ohne Belang für die
Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls
schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog (BGE 112 V 202 f. E. 1). Der
äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er den Rahmen des im jeweiligen
Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ob dies zutrifft, beurteilt sich
im Einzelfall, wobei grundsätzlich nur die objektiven Umstände in Betracht fallen (RKUV
2000 Nr. U 368 S. 99 E. 2b mit Hinweisen; BGE 122 V 233 E. 1, 121 V 38 E. 1a, je mit
Hinweisen). Nach Lehre und Rechtsprechung kann das Merkmal des ungewöhnlichen
äusseren Faktors auch in einer unkoordinierten Bewegung (RKUV 1999 Nr. U 333 S.
199 E. 3c/aa und Nr. U 345 S. 422 E. 2b; ALFRED MAURER, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. Bern 1989, S. 176 f.) oder in einer ausserordentlichen
Überanstrengung (vgl. BGE 116 V 139 E. 3b; RKUV 1994 Nr. U 180 S. 38 E. 2)
bestehen.
3.3 Gemäss Unfallmeldung vom 5. Mai 2008 verletzte sich die Beschwerdeführerin
am 5. März 2008 beim Aufheben einer umgefallenen Patientin am Knie. In einem von
der Beschwerdegegnerin zugestellten Fragebogen teilte die Beschwerdeführerin am
19. Juli 2008 (UV-act. 3) mit, dass sie eine gestürzte Patientin aufgerichtet habe. Auf
die Frage, ob es sich dabei um eine gewohnte Tätigkeit gehandelt habe und ob diese
unter normalen Umständen verlaufen sei, antwortete die Beschwerdeführerin mit "Ja".
Die Frage, ob sich dabei etwas Besonderes (z.B. Sturz, Anschlagen etc.) ereignet habe,
verneinte sie. In der Einsprachebegründung vom 2. Dezember 2008 (UV-act. 25) führte
die Beschwerdeführerin bezüglich des Ereignisses vom 5. März 2008 dann aus, dass
es sich gewichtsmässig um eine sehr schwere Patientin gehandelt habe. Die psychisch
schwer kranke Person habe sich beim Aufrichten nicht beteiligt, wodurch sie noch
schwerer geworden sei und in der Beschwerde teilte die Beschwerdeführerin mit, dass
sie das ganze Körpergewicht der Patientin von ca. 65 kg aus den Knien heraus heben
musste, da diese beim Aufstehen nicht ansatzweise mitgewirkt habe.
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3.4 Bei unkoordinierten Bewegungen ist die Ungewöhnlichkeit praxisgemäss zu
bejahen, wenn der normale Bewegungsablauf durch etwas Programmwidriges wie
Ausgleiten, Stolpern oder Abwehren eines Sturzes unterbrochen beziehungsweise
gestört wird (Rumo-Jungo, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 3. Aufl. 2003, S.
27 mit Hinweisen). Aufgrund der Sachverhaltsschilderungen kann vorliegend nicht von
einem programmwidrigen Bewegungsablauf ausgegangen werden. Ein Ausgleiten,
Stolpern oder dergleichen während dem Aufrichten der Patientin ist in den Akten nicht
festgehalten und wurde von der Beschwerdeführerin auch nicht geltend gemacht. Zu
prüfen bleibt, ob gestützt auf die gesamten Umstände ein Unfall im Sinn einer
Überanstrengung vorliegt.
3.5 Die Rechtsprechung bejaht das Vorliegen eines ungewöhnlichen äusseren
Faktors auch dann, wenn beim Heben oder Verschieben einer Last ein ganz
ausserordentlicher Kraftaufwand erfolgt und zu einer Schädigung führt. Es muss jedoch
von Fall zu Fall geprüft werden, ob die Anstrengung im Hinblick auf Konstitution und
berufliche oder ausserberufliche Gewöhnung der betreffenden Person ausserordentlich
war (BGE 116 V 139 Erw. 3b, mit Hinweisen; RKUV 1994 Nr. U 180 S. 38). Die
Beschwerdeführerin gibt im Fragebogen des Unfallversicherers an, dass es sich beim
Aufrichten einer gestürzten Patientin um eine gewohnte Tätigkeit gehandelt habe. Es ist
somit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in ihrer beruflichen Tätigkeit
bereits mehrere solche oder ähnliche Situationen erlebt hat. Diesbezüglich stellt das
Aufrichten einer gestürzten Patientin für eine Pflegefachfrau keine aussergewöhnliche
Tätigkeit dar. Es steht ausser Frage, dass das Ereignis vom 5. März 2008 eine gewisse
körperliche Anstrengung erfordert hat und es dadurch zu einer Krafteinwirkung auf das
rechte Knie gekommen ist. Allerdings ist aufgrund der Aktenlage keine
ausserordentliche Anstrengung ausgewiesen. Eine solche wäre jedoch für die Bejahung
eines ungewöhnlichen äusseren Faktors notwendig. Ausserdem ist dem ganzen Vorfall
keine Programmwidrigkeit zu entnehmen, welche sich zusätzlich negativ auf die
Belastungssituation des Knies ausgewirkt und zu einer Verstauchung des Knies geführt
hätte. Die im Lauf des Verfahrens von der Beschwerdeführerin vorgebrachten
Argumente, wonach es sich um eine sehr schwere Patientin gehandelt habe, welche
aufgrund ihrer Krankheit beim Aufstehen überhaupt nicht mitgeholfen habe, vermögen
an dieser Beurteilung nichts zu ändern. Unter Berücksichtigung der Rechtsprechung
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zur Aussage der ersten Stunde ist auf die Aussage der Beschwerdeführerin
abzustellen, dass es sich bei dem Vorfall um eine gewohnte Tätigkeit gehandelt hat.
Diesbezüglich ist festzuhalten, dass selbst unter Berücksichtigung der Argumente der
Beschwerdeführerin, eine ausserordentliche Anstrengung zu verneinen wäre. Beim
Aufrichten einer gestürzten Person muss nicht das ganze Körpergewicht auf einmal
hochgehoben werden. Ausserdem ist nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt, dass die Patientin überhaupt nicht
mitgeholfen hat, sich aufzurichten. Bezüglich allfälliger Konstitutionen der
Beschwerdeführerin, welche sich negativ auf das vorliegend zu beurteilende Ereignis
ausgewirkt haben könnten, ist den Akten kein Hinweis zu entnehmen; auch werden
solche von der Beschwerdeführerin nicht geltend gemacht. Unter Berücksichtigung
sämtlicher Umstände und mit Blick auf die Rechtsprechung (Rumo-Jungo, a.a.O., S.
30ff.) kann vorliegend nicht von einer aussergewöhnlichen Anstrengung ausgegangen
werden, weshalb die Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors und somit ein Unfall im
Rechtsinn zu verneinen ist.
3.6 Zu prüfen bleibt, ob eine unfallähnliche Körperschädigung vorliegt. Dem
Arztbericht vom 16. Mai 2008 ist keine in Art. 9 Abs. 2 UVV erwähnte
Körperschädigung zu entnehmen. Eine Kniedistorsion ist nicht unter die unfallähnlichen
Körperschädigungen zu subsumieren. Eine Meniskus- oder Bandläsion wurde von Dr.
B._ explizit ausgeschlossen. In der Rechtsprechung wurde wiederholt bestätigt, dass
der in Art. 9 Abs. 2 UVV enthaltenen Aufzählung der unfallähnlichen
Körperschädigungen abschliessender Charakter zukommt (BGE 114 V 302 E. 3d;
RKUV 1989 Nr. U 67 S. 165). Somit kann vorliegend nicht von einer unfallähnlichen
Körperschädigung ausgegangen werden.
4.
In Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 30. März 2009 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht