Decision ID: 168a9090-48fc-43a5-8598-abd3512909ae
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1965 geborene Beschwerdeführer bezog Arbeitslosenentschädigung
und war daher bei der Beschwerdegegnerin obligatorisch gegen Unfallfol-
gen versichert, als er dieser am 25. Februar 2021 meldete, er sei am
17. Januar 2021 auf dem Schnee ausgerutscht und „mit dem Mund auf eine
Betonmauer gefallen“. Hierbei habe er eine Zahnschädigung erlitten. Die
Beschwerdegegnerin tätigte daraufhin Abklärungen in medizinischer Hin-
sicht. Mit Verfügung vom 8. April 2021 verneinte sie sodann eine Leistungs-
pflicht für das gemeldete Ereignis. Die dagegen erhobene Einsprache wies
sie mit Einspracheentscheid vom 18. Oktober 2021 ab.
2.
2.1.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 16. November
2021 fristgerecht Beschwerde und beantragte sinngemäss, der angefoch-
tene Einspracheentscheid sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin
sei zu verpflichten, die Kosten der Zahnbehandlung zu übernehmen.
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 30. November 2021 beantragte die Beschwerde-
gegnerin die Abweisung der Beschwerde.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin begründete die Leistungsverweigerung damit,
dass der Vorfall vom 17. Januar 2021 nicht natürlich kausal für die Zahn-
beschwerden sei. Der Beschwerdeführer stellt sich demgegenüber auf den
Standpunkt, ihm habe „als Folge des Unfalls“ ein Zahn gezogen werden
müssen.
Streitig und zu prüfen ist demnach, ob die Beschwerdegegnerin ihre Leis-
tungspflicht für die vom Beschwerdeführer am 25. Februar 2021 gemeldete
Zahnschädigung mit Einspracheentscheid vom 18. Oktober 2021 (Ver-
nehmlassungsbeilage [VB] 19) zu Recht verneint hat.
2.
2.1.
Soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, werden die Versicherungs-
leistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten
gewährt (Art. 6 Abs. 1 UVG).
- 3 -
2.2.
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt unter an-
derem voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen
Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang
besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind
alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als
eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit
eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist
für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich,
dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher
Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit
anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der versicher-
ten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit anderen Worten nicht wegge-
dacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Stö-
rung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen; vgl. auch
BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 111 f. und 129 V 402 E. 4.3.1 S. 406).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen
Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage,
worüber die Verwaltung bzw. im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen
der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungs-
recht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu be-
finden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die
Begründung eines Leistungsanspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1
S. 181 mit Hinweisen).
3.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich im angefochtenen Einspracheent-
scheid in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen auf die Beurteilungen ih-
res beratenden Zahnarztes Dr. med. dent. B.. Am 19. März 2021 führte
dieser aus, eine Kausalität des Ereignisses vom 17. Januar 2021 für die
am Zahn 21 festgestellte Schädigung sei "möglich". Gemäss Zahnrönt-
genbild sei die „Wurzel vom unfallgeschädigten Zahn 21“ nicht im Knochen
verankert gewesen, sondern habe an den letzten Fasern des Weichgewe-
bes gehangen. Der Zahn sei derart stark vorgeschädigt gewesen, dass er
dem normalen Kauakt im Unfallzeitpunkt nicht hätte widerstehen können
(VB 7).
Am 14. Oktober 2021 führte Dr. med. dent. B. sodann – unter Bezugnahme
auf die Argumentation des Beschwerdeführers in der Einsprache vom
2. Mai 2021 (VB 15 S. 1) – aus, die eine Woche nach dem Ereignis vom
17. Januar 2021 erfolgte Untersuchung habe ergeben, dass der Zahn
"kontusioniert/subluxiert, aber immer noch in situ" gewesen sei. Das Zahn-
röntgenbild vom 25. Januar 2021 habe eine komplette Knochenauflösung
rund um die Wurzel des Zahns 21 gezeigt. Die Verankerung im Knochen
- 4 -
habe deutlich weniger als 12 % betragen. Eine derart ausgeprägte knö-
cherne Destruktion sei bakteriell/entzündlichen Ursprungs und verlaufe
"über Monate und Jahre". Gemäss dem aktuellen Stand der Wissenschaft
sei ein Zahn, welcher zu weniger als 12 % seiner Wurzeloberfläche mit ge-
sundem Faserapparat im Knochen verankert sei, nicht im Stande, einem
normalen Kauakt zu widerstehen. In der medizinischen Radiologie sei klar
etabliert, dass es mindestens drei bis vier Wochen benötige, bis eine Ver-
änderung der Knochendichte im Röntgenbild sichtbar werde. Deshalb habe
er die Kausalität am 8. April 2021 als „möglich“ beurteilt. Durch den Unfall
sei der Zahn locker geworden, jedoch nicht "verloren" gegangen. Eine ge-
ringere Beweglichkeit sei kein Indiz für eine genügende Stabilität des Zah-
nes vor dem Unfallereignis. Wäre der Zahn durch das Unfallereignis direkt
verloren gegangen ("totalluxiert"), dann hätte von einem solch gravieren-
den Unfallereignis ausgegangen werden müssen, dass auch ein nicht der-
art vorgeschädigter Zahn totalluxiert wäre. Es sei objektivierbar, dass das
Kauen (mit den seitlichen Backenzähnen) vor dem Sturz vom 17. Januar
2021 „wohl sicher gut möglich“ gewesen sei. Wenn der Beschwerdeführer
damals hingegen in einen Apfel gebissen hätte, wäre der Zahn 21 im Apfel
stecken geblieben. Der Zahn habe nicht gezogen werden müssen, weil er
locker gewesen sei, sondern weil der krankheitsbedingte Infekt keine an-
dere Therapie zugelassen habe. Dies sei aber bereits vor dem Unfallereig-
nis so gewesen. Die Beurteilung der Kausalität sei schliesslich nicht nur auf
der Grundlage des Zahnröntgenbildes, sondern anhand der gesamten Fak-
tenlage, insbesondere auch unter Berücksichtigung des Unfallgeschehens
und des Berichtes des Zahnarztes im Zahnschadenformular erfolgt. Das
Zahnröntgenbild sei im vorliegenden Fall eindeutig aussagekräftig. Offen-
sichtlich hätten den Beschwerdeführer auch nicht die erhöhte Zahnbeweg-
lichkeit, sondern die immer stärker werdenden Schmerzen gestört. Der Be-
schwerdeführer sei wegen den zunehmenden Schmerzen zum Zahnarzt
gegangen und nicht wegen der erhöhten Zahnbeweglichkeit. Die zuneh-
menden und nicht sofort vorhandenen Schmerzen würden die „überwie-
gende Ursache des Krankheitsgeschehens“ bezeugen. „Wäre die Kausali-
tät überwiegend wahrscheinlich, hätten die Schmerzen unmittelbar nach
dem Unfallereignis stark eingesetzt" (VB 19 S. 12 f.).
4.
4.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134
V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
- 5 -
4.2.
Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner me-
dizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, kommt ihnen
praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder
einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag
gegebenen Gutachten zu (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c
S. 160 ff.). Zwar lässt das Anstellungsverhältnis der versicherungsinternen
Fachperson zum Versicherungsträger alleine nicht schon auf mangelnde
Objektivität und Befangenheit schliessen (BGE 125 V 351 E. 3b/ee
S. 353 ff.). Soll ein Versicherungsfall jedoch ohne Einholung eines externen
Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge
Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zu-
verlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Fest-
stellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135
V 465 E. 4.4 S. 469 f.; 122 V 157 E. 1d S. 162 f.).
4.3.
Eine reine Aktenbeurteilung ist nicht an sich schon unzuverlässig. Entschei-
dend ist, ob genügend Unterlagen aufgrund anderer persönlicher Untersu-
chungen vorliegen, die ein vollständiges Bild über Anamnese, Verlauf und
gegenwärtigen Status ergeben. Der medizinische Sachverständige muss
sich insgesamt aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein lückenloses Bild
machen können (Urteile des Bundesgerichts 8C_46/2019 vom 10. Mai
2019 E. 3.2.1; 8C_641/2011 vom 22. Dezember 2011 E. 3.2.2 mit Hinwei-
sen).
5.
5.1.
Dr. med. dent. B. stellte in seiner Beurteilung vom 14. Oktober 2021 nicht
in Abrede, dass sich der vorliegend in Frage stehende Zahn durch das
Ereignis vom 17. Januar 2021 gelockert habe. Jedoch gelangte er mit
überzeugender Begründung zum Schluss, das Ziehen des Zahnes sei nicht
aufgrund dessen Lockerung, sondern weil der krankheitsbedingte Infekt
keine andere Therapie zugelassen habe, notwendig gewesen. Angesichts
der im Zahnröntgenbild vom 25. Januar 2021, mithin nur rund eine Woche
nach dem Sturz, sichtbaren ausgeprägten knöchernen Destruktion im Be-
reich der Verankerung des Zahns 21, die gemäss den einleuchtenden Aus-
führungen von Dr. med. dent. B. bakteriell/entzündlichen Ursprungs ist und
"über Monate und Jahre" entsteht, ist diese fachärztliche Einschätzung
schlüssig und nachvollziehbar. Es sind ferner keine medizinischen
Unterlagen aktenkundig, welche gegen diese Einschätzungen sprechen
würden. Dr. med. dent. B. stützte sich – entgegen dem Vorbringen des
Beschwerdeführers – nicht einzig auf das Zahnröntgenbild, sondern unter
anderem auch auf den Bericht der Zahnärztin Dr. med. dent. C.
(Eingangsdatum 5. März 2021; VB 5). Diese war erst einige Tage nach
dem Sturz erstmals vom Beschwerdeführer konsultiert worden (vgl. VB 15
- 6 -
S. 1). Auf dem von der Beschwerdegegnerin zugestellten Formular
„Zahnschaden: Befund“ gab sie an, im Bereich des Kieferknochens bzw.
der Weichteile bestehe ein von Zahn 21 ausgehender Abszess; der Zahn
sei parodontal geschädigt und müsse während mindestens zehn Jahren
beobachtet werden. Diese Beurteilung lässt sich ohne Weiteres mit derje-
nigen von Dr. med. dent. B. vereinbaren. Es lässt sich dem Bericht von
Dr. med. dent. C. sodann nicht entnehmen, dass diese, wie vom
Beschwerdeführer behauptet, ausgesagt habe, der Zahn habe als Folge
des Unfalls gezogen werden müssen. Dass der "Kauakt" gemäss dem
Beschwerdeführer vor dem Sturz noch intakt gewesen war (VB 15), genügt
zur Annahme einer Unfallkausalität des Zahnschadens sodann nicht.
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung gilt eine gesundheitliche
Schädigung nämlich nicht bereits als durch ein Ereignis verursacht, weil sie
nach diesem aufgetreten ist (beweisrechtlich unzulässige sogenannte "post
hoc, ergo propter hoc"-Argumentation; BGE 142 V 325 E. 2.3.2.2 S. 330;
119 V 335 E. 2b/bb S. 341 f.). Es bestehen somit keine auch nur geringen
Zweifel an den Beurteilungen von Dr. med. dent. B., weshalb die
Beschwerdegegnerin darauf abstellen durfte. Demnach ist davon
auszugehen, dass ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem
Ereignis vom 17. Januar 2021 wohl möglich, nicht aber (überwiegend)
wahrscheinlich ist.
5.2.
Eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin für den gemeldeten Zahn-
schaden wäre nach der Rechtsprechung übrigens selbst dann zu vernei-
nen, wenn man davon ausginge, dass der Sturz vom 17. Januar 2021 teil-
ursächlich war für die Schädigung, welche die Extraktion des Zahns 21 er-
forderlich machte. Angesichts des Umstands, dass der Knochen, in wel-
chem der Zahn 21 verankert war, gemäss den schlüssigen Ausführungen
von Dr. med. dent. B. krankheitsbedingt derart massiv geschädigt war,
dass ein Biss in einen Apfel bereits genügt hätte, um ihn noch ganz aus der
Verankerung zu lösen, könnte der Sturz jedenfalls nur als Zufallsursache
betrachtet werden, die keine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin zu
begründen vermöchte (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_669/2019 vom
25. März 2020 E. 4 mit Hinweisen).
6.
6.1.
Nach dem Dargelegten hat die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht
für die ihr am 25. Februar 2021 als Folge des Ereignisses vom 17. Januar
2021 gemeldete Schädigung des Zahns 21 mit Einspracheentscheid vom
18. Oktober 2021 zu Recht verneint. Die dagegen erhobene Beschwerde
ist daher abzuweisen.
6.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
- 7 -
6.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch auf
Parteientschädigung zu.