Decision ID: d2966fa6-d00e-5f99-8bd6-ebd5ce051d25
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführerin,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons
St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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St.Galler Gerichte
Erlass des Mindestbeitrages 2005 - 2007
Sachverhalt:
A.
S._ meldete sich am 29. Januar 2008 als Nichterwerbstätige bei der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA), Kantonale Ausgleichskasse,
an und teilte mit, sie habe ihre Erwerbstätigkeit am 31. Dezember 2004 aufgegeben
(act. G 5.1/1). Am 26. Februar 2008 verfügte die SVA gegenüber der Versicherten für
die Jahre 2005 bis 2008 den jeweiligen AHV/IV/EO-Mindestbeitrag (act. G 5.1/3), wobei
die Beitragsverfügung für das Jahr 2008 am 30. September 2008 widerrufen wurde,
weil die Versicherte zwischenzeitlich eine Erwerbstätigkeit aufgenommen hatte (act. G
5.1/18). Am 18. März 2008 ersuchte die Versicherte um Erlass der Mindestbeiträge und
machte unter Beilage der Veranlagungsverfügungen für die Staats- und
Gemeindesteuern für die Jahre 2005 bis 2007 geltend, sie erziele seit drei Jahren kein
Erwerbseinkommen mehr. Für ihren Lebensunterhalt und den ihres Kindes komme eine
Drittperson (Kindsvater mit dem sie im Konkubinat lebt) auf (act. G 5.1/5). Im Nachgang
zu einer ablehnenden Stellungnahme der AHV-Zweigstelle Z._ (act. G 5.1/8) eröffnete
die SVA der Versicherten mit Verfügung vom 11. April 2008, die Voraussetzungen für
einen Erlass der Mindestbeiträge seien nicht gegeben (act. G 5.1/9). Die dagegen
erhobene Einsprache vom 9. Mai 2008 (act. G 5.1/10) wies die SVA mit
Einspracheentscheid vom 12. November 2008 ab (act. G 5.1/19). Zur Begründung
führte die SVA an, die Versicherte habe Mitte 2008 eine Erwerbstätigkeit aufgenommen
und erziele ein Monatseinkommen von Fr. 2'000.--, womit das Erfordernis einer
grossen Härte offensichtlich nicht gegeben sei.
B.
Gegen diesen Einspracheentscheid erhob die Versicherte am 13. November 2008
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung erklärte sie unter anderem, die Angaben der
SVA, wonach sie ein monatliches Einkommen von Fr. 2'000.-- erziele, seien nicht
korrekt. Ihr Monatslohn variiere zwischen Fr. 800.-- und Fr. 2'200.--. Zudem hätten sich
ihre persönlichen Umstände insofern erheblich verändert, als der Kindsvater sie seit
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einigen Monaten nicht mehr finanziell unterstütze bzw. nur noch einen monatlichen
Kinderbeitrag von Fr. 600.-- leiste. Sodann werde sie per Anfang Dezember 2008
zusammen mit ihrem Kind in eine eigene Wohnung umziehen.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 23. Dezember 2008 beantragte die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde mit der Begründung, es sei bei der
Frage des Erlasses auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Konkubinatspartners
abzustellen, weil dieser für den Unterhalt der Beschwerdeführerin aufkomme. Seine
Bedürftigkeit sei nicht behauptet worden und bei einem Reineinkommen von Fr.
55'491.-- im Jahre 2006 offensichtlich auch nicht gegeben (act. G5).
D.
Mit Replik vom 2. Februar 2009 hält die Beschwerdeführerin fest, dass sie per 1.
Januar 2009 ihre neue Adresse dem Einwohneramt bekannt gegeben habe. Sie
bekräftige nochmals, dass sie selber die ausstehenden Beiträge nicht bezahlen könne
(act. G7).
E.
Die Beschwerdegegnerin hält mit Schreiben vom 11. Februar 2009 an ihrem Antrag fest
(act. G8).

Erwägungen:
1.
Der Mindestbeitrag, dessen Bezahlung für die obligatorisch Versicherten eine grosse
Härte bedeutet, kann erlassen werden (Art. 11 Abs. 2 AHVG). Art. 11 Abs. 2 AHVG gilt
unverändert seit Inkraftsetzung der AHV-Gesetzgebung, weshalb die seither ergangene
Rechtsprechung zu berücksichtigen ist. Bereits im Jahre 1951 erkannte das
Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; seit 1. Januar 2007: Bundesgericht), dass
es sich dabei um eine aussergewöhnliche Massnahme handelt, die im Allgemeinen auf
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die Fälle "notorischer Armengenössigkeit, bzw. auf diejenigen Versicherten beschränkt"
sei, deren Unterhalt ganz oder teilweise ohnehin zu Lasten der Öffentlichkeit oder
gemeinnütziger Institutionen gehe (EVGE 1951, 29ff., 31). Dementsprechend wird in der
einschlägigen Verwaltungsweisung davon ausgegangen, dass es sich beim Erlass des
Mindestbeitrags um eine aussergewöhnliche Massnahme handelt, die nur in Frage
kommt, wenn die versicherte Person in grosser Armut lebt und Sozialhilfe bezieht
(Wegleitung über die Beiträge der Selbstständigerwerbenden und Nichterwerbstätigen
in der AHV, IV und EO [WSN, Fassung gültig ab 1. Januar 2008], Rz 3073; Ueli Kieser,
Rechtsprechung des Bundesgerichtes zum AHVG, S. 116). Die grosse Härte ist nach
der Rechtsprechung gegeben, wenn bei Bezahlung des Mindestbeitrages das
betreibungsrechtliche Existenzminimum der versicherten Person unterschritten würde
(BGE 113 V 252, E. 3a, mit Hinweisen). Bei der Ermittlung des betreibungsrechtlichen
Existenzminimums ist die gesamte wirtschaftliche Situation der versicherten Person,
einschliesslich der Einkommens- und Vermögensverhältnisse des Ehegatten und der
im gemeinsamen Haushalt lebenden Personen, zu berücksichtigen (ZAK 1981, 545;
BGE 113 V 252, E. 3a, mit Hinweisen). Dabei ist ein Konkubinatsverhältnis, aus dem
Kinder hervorgegangen sind, hinsichtlich der Ermittlung des Existenzminimums im
Wesentlichen gleich zu behandeln wie ein eheliches Familienverhältnis (BGE 130 III 766
f. mit Hinweisen; BGE 106 III 11 E. 3c und d).
2.
2.1 Vorliegend ist strittig, ob eine grosse Härte als Voraussetzung für einen Erlass der
Mindestbeiträge für die Jahre 2005 bis 2007 gegeben ist.
2.2 Der Empfehlung der Gemeinde Z._ folgend, lehnte die Beschwerdegegnerin
einen Erlass der Mindestbeiträge ab, weil die Versicherte keine Sozialhilfe beziehe und
ihr Lebensunterhalt sowie derjenige ihres Sohnes von ihrem Konkubinatspartner
finanziert werde (act. G5.1/9). Während sich die Beschwerdegegnerin bei der
Beurteilung der grossen Härte in ihrem Einspracheentscheid auf ein monatliches
Erwerbseinkommen von Fr. 2'000.-- der Beschwerdeführerin im Jahre 2008 stützte
(act. G5.1/19), zieht sie in ihrer Beschwerdeantwort gestützt auf eine IPV-Verfügung ein
jährliches Reineinkommen des Konkubinatspartners von Fr. 55'491.-- im Jahre 2006
heran, weil auf die wirtschaftlichen Verhältnisse jener Person abzustellen sei, die für
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den Unterhalt aufkomme (act. G5). Nach eigenen Angaben verdient die
Beschwerdeführerin zwischen Fr. 800.-- und Fr. 2'200.-- pro Monat und hat kein
Vermögen (act. G3). Die tatsächliche wirtschaftliche Situation des Konkubinatspartners
ist aus den Akten nicht ersichtlich. Ohne hinreichende Abklärung des
betreibungsrechtlichen Existenzminimums kommt die Beschwerdegegnerin zum
Schluss, dass weder bei der Beschwerdeführerin noch beim Konkubinatspartner eine
grosse Härte vorliege. Bei der Frage des Erlasses bzw. bei der Ermittlung der
finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerin ist auf die gesamte wirtschaftliche
Situation abzustellen und nicht allein anhand des Erwerbseinkommens des einen oder
anderen Partners zu beurteilen. Massgebend gewesen wäre die wirtschaftliche
Situation der Lebensgemeinschaft.
2.3 Wie die Beschwerdeführerin geltend macht, haben sich ihre persönlichen
Verhältnisse zwischenzeitlich wesentlich verändert. Weil ihr Verhältnis zum Kindsvater
zunehmend angespannt gewesen sei, habe sie per 1. Dezember 2008 mit ihrem Sohn
eine eigene Wohnung bezogen. Damit stellt sich die Frage, ob die veränderten
Umstände bei der Ermittlung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums zu
berücksichtigen sind bzw. zu welchem Zeitpunkt eine grosse Härte gegeben sein
muss. Grundsätzlich ist bei der Beurteilung auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der
Schuldnerin abzustellen, die im Zeitpunkt gegeben sind, da sie bezahlen sollte (BGE
113 V 254 = ZAK 1988 S. 117, Erw. 4b; BGE 104 V 61 f. = ZAK 1978 S. 511; ZAK 1981
S. 545, E. 2a). In den zitierten Entscheiden ist dies der Zeitpunkt, in welchem die
Verfügung über das Herabsetzungsgesuch von AHV/IV/EO-Beiträgen in Rechtskraft
erwächst und gegebenenfalls jener, in welchem die kantonalen Rekursbehörden oder
das EVG über eine solche Herabsetzung entscheidet. In diesem Zusammenhang
können ausnahmsweise nach Verfügungserlass oder des vorinstanzlichen Entscheids
eingetretene neue Tatsachen berücksichtigt werden (BGE 120 V 271 [Übersetzung in
AHI-Praxis 4/1995 S. 155 f.]). Im Erlassverfahren von AHV/IV/EO-Mindestbeiträgen
rechtfertigt sich eine analoge Anwendung und demnach ist vorliegend für die
Beurteilung der grossen Härte der Zeitpunkt massgebend, in welchem das
Erlassgesuch in Rechtskraft erwächst. Ein Abstützen auf die aktuellen ökonomischen
Verhältnisse bei wesentlicher Veränderung der persönlichen Umstände erscheint im
Ergebnis berechtigt. Schliesslich setzt der Erlass von Mindestbeiträgen eine
wirtschaftliche Notlage der Beschwerdeführerin voraus, weshalb weit zurückliegende
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Verhältnisse nicht entscheidend sein können. Der angefochtene Entscheid lässt sich
bei diesen Gegebenheiten nicht aufrecht erhalten.
3.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheids teilweise gutzuheissen und die Angelegenheit zur
Vornahme weiterer Abklärungen der grossen Härte, das heisst zur Ermittlung des
betreibungsrechtlichen Existenzminimums und zu neuer Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit.
a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG