Decision ID: 46b91182-ed1d-558e-9722-ca3fd5ec6fbd
Year: 2004
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Am 11. Februar 2003 beantragte P. A. für sich und ihren Ehemann sowie die beiden
Kinder eine individuelle Prämienverbilligung für die Krankenversicherungsbeiträge für
das Jahr 2003. Das Gesuch ging am 3. März 2003 bei der Sozialversicherungsanstalt
ein. P. A. vermerkte, dass sie ab 1. April 2003 eine neue Adresse in G. habe.
Mit Verfügung vom 30. Mai 2003 sprach die Sozialversicherungsanstalt den
Gesuchstellern eine Prämienverbilligung für das Jahr 2003 im Betrag von Fr. 756.30 zu.
Am 6. Juni 2003 erhob P. A. Einsprache und beantragte eine neue Berechnung der
Prämienverbilligung, da sich ihre Lebenssituation massiv verschlechtert habe. Sie sei
seit 26. März 2003 alleinerziehende Mutter und ihr steuerbares Einkommen belaufe sich
noch auf Fr. 17'000.--.
Mit Entscheid vom 16. Juli 2003 wies die Sozialversicherungsanstalt die Einsprache ab
mit der Begründung, massgebend für den Anspruch auf Prämienverbilligung seien die
persönlichen und familiären Verhältnisse am 1. Januar des Jahres, für das die
Prämienverbilligung beansprucht werde. Da die Einsprecherin am 1. Januar 2003 noch
nicht vom Ehemann getrennt gelebt habe, könne ihrem Anliegen nicht entsprochen
werden.
B./ Gegen den Einspracheentscheid vom 16. Juli 2003 erhob P. A. mit Eingabe vom 15.
August 2003 Rekurs beim Versicherungsgericht und wiederholte die in der Einsprache
vorgebrachten Gründe.
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Das Versicherungsgericht hiess den Rekurs mit Entscheid vom 10. Februar 2004 gut,
hob den Einspracheentscheid auf und wies die Sache zu ergänzenden Abklärungen
und zu neuer Verfügung über den Anspruch der Rekurrentin auf Prämienverbilligung für
das Jahr 2003 an die Sozialversicherungsanstalt zurück. Es erwog, gemäss
Bundesrecht müssten bei der Ueberprüfung der Anspruchsvoraussetzungen die
aktuellsten Einkommens- und Familienverhältnisse berücksichtigt werden. Diese
Regelung gehe einer abweichenden kantonalen Bestimmung vor. Mit Bezug auf die
Einkommensverhältnisse habe der Kanton St. Gallen bereits vor dem Inkrafttreten der
bundesrechtlichen Vorgabe eine Sonderregelung getroffen, welche dem neuen Recht
entspreche. Dabei werde bei der Berechnung der Prämienverbilligung auf die
tatsächliche Leistungsfähigkeit und damit auf die aktuellsten Einkommensverhältnisse
des Gesuchstellers abgestellt, sofern diese offensichtlich vom normalerweise
massgebenden Einkommen, das aufgrund der am 31. Dezember des vorletzten Jahres
massgeblichen Steuerveranlagung ermittelt werde, abweiche. Mit Bezug auf die
familiären Verhältnisse kenne das kantonale Recht hingegen nur einen
Ausnahmesachverhalt, indem bei der Geburt eines Kindes das massgebende
Einkommen ab dem Geburtsmonat neu festgelegt werde. Weitere
Anpassungsvorbehalte an aktuelle Aenderungen in den familiären Verhältnissen seien
dagegen nicht vorgegeben. Damit genüge die kantonalrechtliche Regelung der
umfassender zu verstehenden bundesrechtlichen Vorgabe nicht mehr.
C./ Mit Eingabe vom 27. Februar 2004 erhob die Sozialversicherungsanstalt
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Rekursentscheid vom 10.
Februar 2004 sei aufzuheben, der Einspracheentscheid vom 16. Juli 2003 sei zu
bestätigen und auf die Erhebung von amtlichen Kosten sei zu verzichten. Zur
Begründung wird im wesentlichen vorgebracht, nach dem klaren Wortlaut der
einschlägigen Verordnung seien die persönlichen und familiären Verhältnisse am 1.
Januar des Jahres, für das die Prämienverbilligung beansprucht werde, massgebend.
Diese Regelung bezwecke unter anderem, das Verfahren möglichst einfach zu halten.
Aus verwaltungsökonomischen Gründen sei es kaum möglich, Aenderungen in den
persönlichen und familiären Verhältnissen während des laufenden Jahres zu
berücksichtigen und die damit zusammenhängenden Einkommensveränderungen zu
ermitteln. Sodann sei unklar, welche Veränderungen während des Jahres
berücksichtigt werden müssten. Die Berücksichtigung von Aenderungen erscheine
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zudem ungerecht, ja willkürlich, da Personen, welche nach der rechtskräftigen
Festlegung der Prämienverbilligung Aenderungen in den persönlichen und familiären
Verhältnissen erfahren würden, von der Anpassung ausgeschlossen wären. Auf die
weiteren Vorbringen in der Beschwerde wird, soweit wesentlich, in den nachstehenden
Erwägungen näher eingegangen.
Die Vorinstanz teilte am 3. März 2004 mit, sie verzichte auf eine Stellungnahme zur
Beschwerde.
Die Beschwerdegegnerin liess sich nicht vernehmen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Zwar ist in
Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (SR 830.1) ein Anspruch auf ein einfaches und rasches
Verfahren verankert, was nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ein
zweistufiges kantonales Verfahren eigentlich ausschliesst, doch wollte der Gesetzgeber
in diesem speziellen Bereich den Kantonen weitgehende Autonomie zugestehen, was
auch im Gebot zum Erlass von eigenen Ausführungsvorschriften zum Ausdruck kommt
(vgl. Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003,
Rz 510 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung). Die Sozialversicherungsanstalt ist zur
Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1
VRP). Die Beschwerdeschrift vom 27. Februar 2004 entspricht zeitlich, formal und
inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs.
1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2./ a) Nach Art. 11 Abs. 2 des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die
Krankenversicherung (sGS 331.11, abgekürzt EG zum KVG) bildet in der Regel die
letzte definitive Steuerveranlagung die Grundlage für die Festsetzung des die
Prämienverbilligung auslösenden Einkommens und Vermögens. Entspricht das
ermittelte Einkommen offensichtlich nicht der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, so
wird auf diese abgestellt (Art. 11 Abs. 3 EG zum KVG).
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Nach Art. 9 Abs. 1 der Verordnung zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung
über die Krankenversicherung (sGS 331.111, abgekürzt VO zum EG zum KVG) sind für
die Anspruchsberechtigung auf Prämienverbilligung für Personen mit zivilrechtlichem
Wohnsitz oder einer fremdenpolizeilichen Bewilligung zum Jahresaufenthalt im Kanton
die persönlichen und familiären Verhältnisse am 1. Januar des Jahres massgebend, für
das die Prämienverbilligung beansprucht wird.
Nach Art. 12 Abs. 4 VO zum EG zum KVG in der ab 1. Januar 2003 geltenden Fassung
(nGS 38-8) wird auf die Steuerveranlagung abgestellt, die am 31. Dezember des
vorletzten Jahres massgeblich ist. Liegt keine definitive Veranlagung vor, wird auf die
vorläufige Rechnungstellung des vorletzten Jahres abgestellt. Nach Vorliegen der
rechtskräftigen Veranlagung kann die anspruchsberechtigte Person innert dreissig
Tagen die Neuberechnung der Prämienverbilligung verlangen (Art. 12 Abs. 5 VO zum
EG zum KVG).
Art. 65 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (SR 832.10, abgekürzt KVG)
bestimmt, dass die Kantone dafür sorgen, dass bei der Ueberprüfung der
Anspruchsvoraussetzungen, insbesondere auf Antrag der versicherten Person, die
aktuellsten Einkommens- und Familienverhältnisse berücksichtigt werden. Nach der
Feststellung der Bezugsberechtigung haben die Kantone zudem dafür zu sorgen, dass
die Auszahlung der Prämienverbilligung so erfolgt, dass die anspruchsberechtigten
Personen ihrer Prämienzahlungspflicht nicht vorschussweise nachkommen müssen.
b) Streitig ist im Beschwerdeverfahren einzig die Frage, ob die Trennung der Ehe und
die Begründung eines eigenen Wohnsitzes durch die Beschwerdegegnerin und ihre
beiden Kinder im Laufe des Jahres 2003 und die daraus resultierende Veränderung der
wirtschaftlichen Verhältnisse bei der Festlegung der individuellen Prämienverbilligung
für das Jahr 2003 zu berücksichtigen sind bzw. die Nichtberücksichtigung dem
Grundsatz von Art. 65 Abs. 3 KVG widerspricht.
c) Wenn die persönlichen und familiären Verhältnisse einer Person am 1. Januar des
Jahres massgebend sind, für welches die Prämienverbilligung beansprucht wird, so
handelt es sich dabei in der Regel um die aktuellsten Daten. Art. 65 Abs. 3 KVG ist vor
dem Hintergrund zu beurteilen, dass zahlreiche Kantone in früheren Jahren aufgrund
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des Systems der Vergangenheitsbemessung bei den Staats- und Gemeindesteuern
keine aktuellen Steuerdaten zur Verfügung hatten (vgl. die Botschaft des Bundesrates
zur Teilrevision des KVG, BBl 1999, S. 844 f.). Das Bundesrecht schreibt indessen nicht
vor, dass auch Aenderungen, die während des Anspruchsjahres eintreten,
berücksichtigt werden müssen.
Einzig bei der Geburt eines Kindes wird das massgebende Einkommen ab dem
Geburtsmonat neu festgelegt (Art. 13 Abs. 1 VO zum EG zum KVG). Dies bedeutet aber
nicht, dass auch andere Veränderungen der Anspruchsvoraussetzungen noch während
des Anspruchsjahres berücksichtigt werden müssen. Die Geburt eines Kindes lässt
sich im Hinblick auf den Zeitpunkt und die entsprechenden Auswirkungen auf den
Anspruch auf Prämienverbilligung ohne weiteres feststellen und ohne zusätzliche
Erhebungen berücksichtigen. Zudem fällt mit der Geburt eines Kindes auch eine
zusätzliche Krankenversicherungsprämie an. Die Berücksichtigung von
Einkommensänderungen während des Anspruchsjahres würde hingegen einem
Verzicht auf die Massgeblichkeit der Steuerdaten gleichkommen. Einen solchen
Verzicht wollte der Bundesgesetzgeber aber gerade nicht vornehmen (vgl. BBl 1999, S.
844). Der Trennung der Ehe kann nicht wie der Geburt eines Kindes mit einer
Anpassung der Prämienverbilligung Rechnung getragen werden. Würde auf den Beizug
der Steuerdaten und auf die Massgeblichkeit der persönlichen und familiären
Verhältnisse zu Beginn des Anspruchsjahres verzichtet, müsste ein gesondertes
Veranlagungsverfahren durchgeführt werden. Hätte der Gesetzgeber dies gewollt, hätte
er eine Regelung für die Festlegung der Anspruchsvoraussetzungen erlassen und
insbesondere auch die Ausrichtung von Zulagen während der schwebenden
Anspruchsberechtigung sowie die Revision rechtskräftiger Verfügungen geregelt.
Die Vorinstanz verwies unter anderem auf die vorläufige Steuerrechnung der
Beschwerdegegnerin für das Jahr 2003 mit einem mutmasslichen Steuerbetrag von Fr.
1'100.--, was gemäss Einsprache einem steuerbaren Einkommen von rund Fr.
17'000.-- entspricht. Die der Beschwerdegegnerin von der neuen Wohngemeinde
zugestellte vorläufige Steuerrechnung sagt aber noch nichts über ihre effektive
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aus. Die Steuerfaktoren können erst am Ende der
Steuerperiode verbindlich festgestellt werden.
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Die Pflicht zur Berücksichtigung von Aenderungen während des Anspruchsjahres
würde sodann dem Grundsatz widersprechen, dass die Prämienverbilligungen
frühzeitig festzulegen sind und insbesondere darauf zu achten ist, dass die
Berechtigten der Prämienzahlungspflicht nicht vorschussweise nachkommen müssen
(vgl. Art. 65 Abs. 3 KVG).
Wie die Beschwerdeführerin zutreffend geltend macht, haftet der von der Vorinstanz
getroffenen Lösung die Gefahr der willkürlichen Handhabung des Gesetzes an.
Aufgrund der vorinstanzlichen Rechtsprechung könnten Aenderungen während des
Anspruchsjahres lediglich dann berücksichtigt werden, wenn die Prämienverbilligung
noch nicht rechtskräftig festgelegt ist. Personen, bei denen erst im Anschluss an den
rechtskräftigen Verbilligungsentscheid eine Aenderung in den persönlichen
Verhältnissen eintritt, wären von der Möglichkeit zur Anpassung ausgeschlossen. Dies
würde der rechtsungleichen Behandlung der Anspruchsberechtigten Tür und Tor
öffnen.
Nicht stichhaltig ist sodann das Argument der Vorinstanz, der Kanton St. Gallen habe
bereits vor Inkrafttreten von Art. 65 Abs. 3 KVG mit Art. 11 Abs. 3 EG zum KVG eine
Sonderregelung getroffen, welche der neuen Vorgabe entspreche. Art. 11 Abs. 3 EG
zum KVG wurde erlassen, als der Kanton St. Gallen noch das Steuersystem mit einer
zweijährigen Vergangenheitsbemessung kannte. Dies liess es notwendig erscheinen,
ein Korrektiv zu schaffen, damit keine Steuerdaten übernommen werden mussten,
welche nicht mehr aktuell waren. Mit der Umstellung auf die einjährige
Postnumerandobesteuerung mit Gegenwartsbemessung stellen die Steuerfaktoren am
31. Dezember des vorletzten Jahres die aktuellsten Steuerdaten dar. Der
Bundesgesetzgeber hat die Kantone nicht verpflichtet, Aenderungen der
wirtschaftlichen Verhältnisse während des Anspruchsjahres zu berücksichtigen, und
aus dem Umstand, dass die Geburt eines Kindes berücksichtigt wird, lassen sich keine
weitergehenden Tatbestände für eine Berücksichtigung von Aenderungen der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ableiten. Bei der Berücksichtigung der Trennung der
Ehe wäre zudem, wie die Beschwerdeführerin zutreffend geltend macht, die Revision
des Verbilligungsentscheides bei beiden Ehegatten erforderlich. Für eine solche fehlt
jedoch eine gesetzliche Grundlage.
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Da der Bundesgesetzgeber die Steuerfaktoren als Entscheidungsgrundlage für die
Prämienverbilligung beibehalten wollte und das System der einjährigen
Postnumerandobesteuerung mit Gegenwartsbemessung vorherrschend ist, erweisen
sich die Berücksichtigung der familiären und persönlichen Verhältnisse am 1. Januar
des Anspruchsjahres und das Abstellen auf die am Ende des vorletzten Jahres
geltenden Steuerfaktoren aufgrund der vorstehenden Ueberlegungen als konform mit
Art. 65 Abs. 3 KVG.
d) Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Beschwerde gutzuheissen ist. Der
Rekursentscheid vom 10. Februar 2004 ist aufzuheben und der Einspracheentscheid
der Sozialversicherungsanstalt vom 16. Juli 2003 zu bestätigen.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP).
Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'500.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif,
sGS 941.12). Auf ihre Erhebung ist zu verzichten, zumal sich die Beschwerdegegnerin
am Verfahren nicht beteiligt hat (Art. 97 VRP).
Die Kosten des Rekursverfahrens sind ebenfalls der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Auf die Erhebung ist zu verzichten (Art. 97 VRP).
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98ter VRP in Verbindung mit
Art. 263 Abs. 3 des Zivilprozessgesetzes, sGS 961.2).