Decision ID: 74cf5191-6f17-5a15-b6de-f8c9660dbeca
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Die kantonale Steuerverwaltung von Appenzell Ausserrhoden (nachfolgend auch: Vorin-
stanz) erliess am 20. Dezember 2019 eine Strafverfügung gegen A.. Sie warf ihm vor, er
habe als Steuerberater und Treuhänder des Ehepaars B. und C. aktive Beihilfe zu deren
vollendeter Steuerhinterziehung in den Steuerperioden 2009 und 2010 geleistet. Die
Vorinstanz auferlegte ihm für die Beihilfe zur Hinterziehung der Staats- und Gemeinde-
steuern 2009 und 2010 eine Busse von Fr. 20‘000.-- und für die Beihilfe zur Hinterziehung
der direkten Bundessteuern 2009 und 2010 eine Busse von Fr. 10‘000.--. Ausserdem
wurde er zur Bezahlung der Verfahrenskosten von Fr. 200.-- verpflichtet.
B. Mit eingeschriebenem Brief an die Vorinstanz vom 27. Januar 2020 erklärte A. „ausdrück-
lich seinen Protest gegen das Steuerstrafverfahren.“ Er erachte das Steuerstrafverfahren
als „krass EMRK-widrig und verfassungswidrig“, weshalb dieses unverzüglich eingestellt
werden müsse. Er bestreite die Strafverfügung sowohl in formeller als materieller Hinsicht
und fordere „einen vollumfänglichen Freispruch oder eine endgültige Einstellung des Ver-
fahrens.“ Gleichzeitig verlangte er eine gerichtliche Beurteilung durch das Obergericht.
C. Am 29. Januar 2020 überwies die Vorinstanz hierauf die Angelegenheit, soweit vom
Vorwurf der Beihilfe zur Steuerhinterziehung die Staats- und Gemeindesteuern betroffen
waren, direkt ans Obergericht, welches hierauf das Verfahren O2V 20 9 zur gerichtlichen
Beurteilung der Angelegenheit eröffnete.
D. Die Vorinstanz kündigte an, mit Bezug auf die angefochtene Busse im Zusammenhang mit
der A. vorgeworfenen Beihilfe zur Hinterziehung der direkten Bundessteuer werde sie die
Zustimmung zu einer Sprungbeschwerde einholen. A. lehnte dieses Vorgehen jedoch ab,
so dass die Vorinstanz zunächst das im Bundessteuerbereich gesetzlich vorgesehene Ein-
spracheverfahren durchführte. Das bereits beim Obergericht eröffnete Verfahren O2V 20 9
betreffend Staats- und Gemeindesteuern wurde inzwischen sistiert, um später eine
zeitgleiche Behandlung der beiden Verfahren sicherzustellen.
E. Am 20. April 2020 erliess die Vorinstanz im Bundessteuerverfahren einen Einspracheent-
scheid. Gemäss dessen Ziffer. 202 erhöhte die Vorinstanz die Busse neu auf Fr. 30‘000.--.
Die diversen verfahrensrechtlichen Anträge von A. wies die Vorinstanz weitgehend ab (mit
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Ausnahme des Begehrens um vollständige Akteneinsicht, welches im Rahmen des Ein-
spracheverfahrens erfüllt worden war), soweit sie überhaupt darauf eintrat. Gegen diesen
Einspracheentscheid erhob A. mit Schreiben vom 22. Mai 2020 Beschwerde beim Ober-
gericht mit den eingangs erwähnten Anträgen. Das Bundessteuerverfahren wurde unter der
Nummer O2V 20 25 eröffnet.
F. Nachdem A. sein zunächst gestelltes Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und
Verbeiständung nachträglich wieder zurückzog, wurde die Sistierung des Verfahrens
O2V 20 9 aufgehoben und es wurde in beiden Verfahren O2V 20 9 und O2V 20 25 je ein
Kostenvorschuss von Fr. 1‘500.-- eingeholt.
G. In der Folge forderte die Verfahrensleitung bei der Vorinstanz die Akten zum Verfahren
O2V 20 25 an. Die Vorinstanz verzichtete mit Schreiben vom 18. August 2020 auf die Teil-
nahme an der Hauptverhandlung sowohl im Verfahren O2V 20 9 als auch O2V 20 25. Den
Verfahrensbeteiligten wurden je diverse Akten zur Bedienung zugestellt. Am 4. September
2020 kündigte die Vorinstanz im Verfahren O2V 20 25 an, sie werde eine Wiedererwägung
des angefochtenen Einspracheentscheids vom 20. April 2020 vornehmen. Hierauf sistierte
das Obergericht das Verfahren O2V 20 25 und forderte die Vorinstanz auf, den Wiederer-
wägungsentscheid zu gegebener Zeit auch dem Obergericht zur Kenntnis zuzustellen.
H. Am 15. September 2020 ging beim Obergericht ein auf den 11. September 2020 datierter
Wiedererwägungsentscheid betreffend der A. vorgeworfenen Beihilfe an B. und C. zur
vollendeten Steuerhinterziehung betreffend die direkten Bundessteuern 2009 und 2010 ein.
In diesem Wiedererwägungsentscheid wurde die ursprünglich in der Strafverfügung vom
20. Dezember 2019 auf Fr. 10‘000.-- festgesetzte Busse neu bestätigt (und damit von der
noch im Einspracheentscheid vom 20. April 2020 vorgenommenen Erhöhung dieser Busse
auf Fr. 30‘000.-- wieder abgesehen). Mit Schreiben vom 30. September 2020 erklärte sich
A. mit diesem Wiedererwägungsentscheid ausdrücklich nicht einverstanden und hielt an
den bereits im Verfahren O2V 20 25 gestellten Anträgen fest.
I. Im Anschluss an den Wiedererwägungsentscheid der Vorinstanz nahm die Verfahrenslei-
tung das Verfahren O2V 20 25 wieder auf und führte es zeitgleich mit dem Verfahren
O2V 20 9 weiter. Die Beigeladene stellte mit Schreiben vom 1. Oktober 2020 eine
Teilnahme an der Hauptverhandlung in Aussicht. Der Vorinstanz und der Beigeladenen im
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Verfahren O2V 20 25 wurde mit Verfügung vom 19. Oktober 2020 Gelegenheit eingeräumt,
in beiden Verfahren zunächst einzig zum Vorwurf der Verletzung des rechtlichen Gehörs
schriftlich Stellung zu nehmen. Den Parteien wurde angekündigt, dass das Gericht im
Anschluss mittels Zirkularbeschluss zunächst vorab über diese Vorfrage entscheiden
werde. Weder die Vorinstanz noch die Beigeladene liessen sich innert der angesetzten
Frist vernehmen, noch erhoben sie Einwendungen gegen das vorgeschlagene Vorgehen.
J. Auf weitere Einzelheiten im Sachverhalt und in den Akten sowie die Vorbringen der Partei-
en in den Rechtsschriften wird, soweit entscheidrelevant, in den nachfolgenden Erwägung-
en näher eingegangen.

Erwägungen
1. Formelles
1.1 Im Steuerstrafrecht ist der Rechtsmittelweg im kantonalen Recht einerseits und im Bundes-
steuerrecht andererseits unterschiedlich ausgestaltet.
a. Anfechtungsobjekt im Verfahren O2V 20 9 ist die Strafverfügung der Vorinstanz vom
20. Dezember 2019: Mit dieser Strafverfügung wurde A. eine Busse im Betrag von
Fr. 20‘000.-- auferlegt wegen Beihilfe an B. und C. zur Hinterziehung der Staats- und Ge-
meindesteuern 2009 und 2010; zudem wurden ihm die Verfahrenskosten im Betrag von
Fr. 200.-- auferlegt. Die Verfügung ist gestützt auf Art. 261 Abs. 1 i.V.m. Art. 262
Steuergesetz (StG, bGS 621.11) direkt vom Obergericht zu beurteilen.
b. Insoweit von der Strafverfügung der Bundessteuerbereich betroffen ist, gelangt der in Art.
132 Abs. 1 i.V.m. Art. 182 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer
(DBG, SR 642.11) vorgesehene Rechtsmittelweg zur Anwendung. Diesen Verfahrensvor-
schriften entsprechend, hat A. die ihm für die Beihilfe zur Hinterziehung der direkten
Bundessteuern 2009 und 2010 auferlegte Busse mit Einsprache an die Vorinstanz an-
gefochten; den von der Vorinstanz daraufhin erlassenen Einspracheentscheid focht er mit
Beschwerde beim Obergericht an. Der von der Vorinstanz erlassene Wiedererwägungsent-
scheid entspricht seinen beschwerdeweise erhobenen Begehren im Verfahren O2V 20 25
nicht, weshalb das Beschwerdeverfahren mit dem Wiedererwägungsentscheid nicht gegen-
standslos geworden und deshalb weiterzuführen ist. Der Wiedererwägungsentscheid der
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Vorinstanz, A. betreffend der vorgeworfenen Beihilfe zur Hinterziehung von Bundessteuern
2009 und 2010 neu eine Busse von Fr. 10‘000.-- aufzuerlegen, wird im Sinne eines Antrags
der Vorinstanz zur Kenntnis genommen.
1.2 Nachdem die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der allgemeinen Prozessvoraus-
setzungen sowohl im Verfahren O2V 20 9 als auch O2V 20 25 ergibt, dass diese erfüllt
sind, ist sowohl auf das Begehren um gerichtliche Beurteilung im Verfahren O2V 20 9 als
auch auf die Beschwerde im Verfahren O2V 20 25 einzutreten. Aufgrund des engen Sach-
zusammenhangs werden die Verfahren vereinigt.
1.3 Gestützt auf Art. 2 der Verordnung über COVID-19-Massnahmen: Gerichte (bGS 113.2)
kann das Obergericht zur Bewältigung der aktuell ausserordentlichen Lage in allen Fällen
auf dem Zirkularweg entscheiden, wenn das Gesetz keine Verhandlung vorschreibt. Da die
Parteien sich stillschweigend mit dem Vorschlag, über die Vorfrage der gerügten Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs mittels Zirkularbeschluss zu entscheiden, einverstanden
erklärten, hat das Obergericht den vorliegenden Entscheid einstimmig im Zirkularverfahren
gefällt (vgl. auch Art. 52 Justizgesetz [JG, bGS 145.31]).
2. Materielles
A. rügt eine Verletzung seines rechtlichen Gehörs im Zusammenhang mit der gegen ihn
erlassenen Strafverfügung vom 20. Dezember 2019. Trifft dieser Vorwurf zu, wäre die
Strafverfügung betreffend Staatssteuern bzw. der Einspracheentscheid betreffend Bun-
dessteuern grundsätzlich aufzuheben, ohne dass überhaupt eine materielle Beurteilung der
Angelegenheit vorzunehmen wäre.
2.1 In diesem Zusammenhang ist folgender Sachverhaltsablauf von Bedeutung:
a. Aus den vorinstanzlichen Akten ergibt sich, dass die Steuerverwaltung am 12. Dezember
2019 ein Steuerstrafverfahren gegen A. eröffnete und ihm dies per Express-Einschreiben
an seine Adresse in Laufenburg mitzuteilen versuchte (KStV.AR.act. 5.1 im Verfahren
O2V 20 9). Als A. das Einschreiben tags darauf nicht entgegennahm, vereinbarte die Lei-
terin des Rechtsdienstes der Vorinstanz unverzüglich eine persönliche Übergabe des
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Schreibens (KStV.AR.act. 5.4), welche am 13. Dezember 2019 in den Räumlichkeiten der
D. in St. Gallen stattfand (KStV.AR.act. 5.5).
b. Im besagten Schreiben vom 12. Dezember 2019 (KStV.AR.act. 5.1 im Verfahren O2V 20 9)
heisst es unter anderem:
„Der Beschuldigte hat in den Jahren 2009 und 2010 als Steuerberater und Treuhänder aktive Beihilfe zur vollen-
deten Steuerhinterziehung durch [B.] und [C.] geleistet. [...] Es wird nun gemäss Art. 245 des Steuergesetzes
vom 21. Mai 2000 (StG; bGS 621.11) und des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer (DBG; SR
642.11) ein Untersuchungsverfahren wegen Beihilfe zur vollendeten Steuerhinterziehung eingeleitet. [...] Es
handelt sich um einen schweren Fall der Beihilfe zur fortgesetzten Steuerhinterziehung. [...] Bei einer Gesamt-
würdigung der aufgeführten straferhöhend und strafmindernden Umstände sind die Bussen wie folgt festzu-
setzen: Staats- und Gemeindesteuern 2009 und 2010: Fr. 30‘000, direkte Bundessteuern 2009 und 2010:
Fr. 20‘000. [...] Im Weiteren ist nach der Verordnung über die Rechtskosten und Entschädigungen in der Zivil-
und Strafrechtspflege die Erhebung einer Verfahrensgebühr von maximal Fr. 2‘000 vorgesehen. [...] Rechtliches
Gehör: [...] Sie werden zu einer persönlichen Anhörung am 20. Dezember 2019 um 10.00 Uhr in den Räumlich-
keiten der Kantonalen Steuerverwaltung an der Kasernenstrasse 2, 9100 Herisau vorgeladen. Dieser Termin
kann nicht verschoben werden. Bei Nichterscheinen wird von einem Verzicht auf die persönliche Anhörung
ausgegangen. [...] Bis zum gleichen Datum können Sie zum Sachverhalt, zur Beweiswürdigung sowie zum
Tatvorwurf auch umfassend schriftlich Stellung nehmen. Gleichzeitig weisen wir Sie darauf hin, dass Sie von
Gesetzes wegen das Recht haben, die Aussage zu verweigern. Wenn Sie eine Aussage machen, können so-
wohl Ihre schriftlichen wie auch mündlichen Angaben im weiteren Verfahren als Beweismittel verwendet wer-
den. [...] Beim Verzicht auf die mündliche Einvernahme sowie der Nichteinreichung einer Stellungnahme be-
trachten wir das Untersuchungsverfahren als abgeschlossen und werden aufgrund der Akten entscheiden. Die
Erledigung des Strafverfahrens wird Ihnen mittels Strafbescheid mitgeteilt; nach Ablauf der genannten Frist
werden wir die entsprechenden Verfügungen inkl. Verfahrenskosten mit Rechtsmittelbelehrung eröffnen.“
c. A. schickte der Vorinstanz nachweislich am 20. Dezember 2019 (Postaufgabe) - und somit
notabene rechtzeitig innert der ihm im oben zitierten Schreiben vom 12. Dezember 2019
angesetzten Frist - eine ausführlich begründete schriftliche Stellungnahme zu
(KStV.AR.act. 3 im Verfahren O2V 20 9; Zustellungsbeleg am Ende des Dokuments). In
seiner Stellungnahme rügte er vorab das verfahrensmässige Vorgehen der Steuerver-
waltung und wies unter anderem darauf hin, dass die Leiterin des Rechtsdienstes der
Steuerverwaltung ihn geradezu genötigt habe, das besagte Schreiben vom 12. Dezember
2019 überhaupt persönlich in Empfang zu nehmen, indem sie ihm eine polizeiliche
Zustellung angedroht habe. Es sei unverständlich, weshalb der sehr kurzfristig angesetzte
Termin nicht verschiebbar sein solle. Die Zeit sei offensichtlich zu kurz, um rechtzeitig einen
Rechtsbeistand beizuziehen und sich die nötigen Unterlagen zusammenzustellen. Seine
Verteidigung werde damit faktisch verunmöglicht. Er zitiere den Termin vom 20. Dezember
2019 unter scharfem Protest ab wegen grob willkürlicher Beschneidung seiner Verfahrens-
rechte. Da ihm eine wirksame Verteidigung rundweg verunmöglicht werde und das Verfah-
ren krass rechtswidrig sei, müsse es per sofort eingestellt werden; eine materielle Einlas-
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sung in das von der Vorinstanz beabsichtigte Steuerhinterziehungsverfahren komme unter
diesen Umständen nicht in Frage. Es liege eine krasse Verletzung von fair trial vor, wenn
gemäss Ansicht der Vorinstanz im Schreiben vom 12. Dezember 2019 die Untersuchung
bereits abgeschlossen und beendet sein soll, ohne dass überhaupt je irgendwelche Unter-
suchungshandlungen vorgesehen gewesen seien.
d. Ebenfalls am 20. Dezember 2019 - und damit offensichtlich bevor das am gleichen Tag der
Post übergebene Schreiben von A. bei der Vorinstanz angekommen war - erliess die Steu-
erverwaltung die Strafverfügung vom 20. Dezember 2019 und übergab diese gleichentags
der Post zur Beförderung (KStV.AR.act. 5.6, inkl. Zustellnachweis). In der Strafverfügung
heisst es unter anderem:
„Zur Wahrung des rechtlichen Gehörs wurde mit dem Einleitungsschreiben neben der Möglichkeit zur schriftli-
chen Stellungnahme auch die Möglichkeit zur mündlichen Anhörung am 20. Dezember 2019 in den Räumlich-
keiten der Kantonalen Steuerverwaltung gewährt. Von diesem Recht wurde kein Gebrauch gemacht.“
e. Mit Schreiben vom 6. Januar 2020 (KStV.AR.act. 5.8 im Verfahren O2V 20 9) teilte die
Vorinstanz A. mit, sein Schreiben vom 20. Dezember 2019 stelle keine Einsprache gegen
die Strafverfügung dar und habe keinen Einfluss auf deren Rechtsmittelfristen. Weitere
Ausführungen wurden keine gemacht. Hierauf übergab A. am 24. Januar 2020 der Post ein
auf den 27. Januar 2020 datiertes Schreiben an die Steuerverwaltung (KStV.AR.act. 1 im
Verfahren O2V 20 9), mit welchem er (erneut) geltend machte, das gesamte Verfahren sei
krass EMRK-widrig und er erhebe ausdrücklich Protest gegen das Steuerstrafverfahren.
Die unentschuldbare Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Steuerverwaltung müsse
zur Folge haben, dass die Strafverfügung vom 20. Dezember 2019 aufgehoben werde.
f. Am 29. Januar 2020 überwies die Vorinstanz hierauf die Akten zur Durchführung des
Hauptverfahrens betreffend der im Zusammenhang mit den Staats- und Gemeindesteuern
ausgefällten Busse ans Obergericht; bezüglich der Bundessteuern wurde das Einsprache-
verfahren durchgeführt (vgl. auch vorstehend, Sachverhalt, lit. C bis E). Im Einspracheent-
scheid vom 20. April 2020 (act. 8 im Verfahren O2V 20 25) bzw. im Wiedererwägungsent-
scheid vom 11. September 2020 (act. 14 im Verfahren O2V 20 25) nahm die Vorinstanz
zum formellen Vorwurf der Verletzung des rechtlichen Gehörs in Ziff. 142 f. wie folgt
Stellung:
„142. Im vorliegenden Einspracheverfahren hat die Einsprachebehörde die Kompetenz, den Sachverhalt und
die Rechtslage frei zu prüfen (Art. 134 DBG). Die Einsprachebehörde machte von ihrer Kompetenz Gebrauch
und gewährte dem Einsprecher die Wahrnehmung des rechtlichen Gehörs am 13. März 2020. Der Einsprecher
nutzte diese Möglichkeit. Am 13. März 2020 erschien er zur persönlichen Anhörung bei der Kantonalen Steuer-
verwaltung. Der Einsprecher machte mit Verweis auf sein Schreiben vom 20. Dezember 2019 und die Einspra-
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che vom 27. Januar 2020 Gebrauch von seinem Aussageverweigerungsrecht. Zudem wurde ihm die Möglich-
keit zur Akteneinsicht gewährt, welche der Einsprecher nutzte und sich Kopien anfertigen liess.
143. Der Einsprecher hat folglich die Möglichkeit erhalten, sich vor der Einsprachebehörde zu äussern, die den
Sachverhalt und die Rechtslage frei prüfen kann. Es wird im Folgenden auf die Ausführungen des Einsprechers
in seinem Schreiben vom 20. Dezember 2019 eingegangen. Eine allfällige Verletzung des rechtlichen Gehörs
wäre folglich geheilt.“
2.2 Der von A. gegenüber der Vorinstanz erhobene Vorwurf, diese habe sein rechtliches Gehör
verletzt, ist nach Ansicht des Obergerichts aus folgenden Gründen berechtigt:
a. Wie dargelegt, räumte die Vorinstanz A. eine Frist bis zum 20. Dezember 2019 zur mündli-
chen Anhörung oder zur schriftlichen Stellungnahme ein. A. hat am 20. Dezember 2019
von seinem Recht, eine schriftliche Stellungnahme abzugeben, Gebrauch gemacht und ei-
ne ausführliche schriftliche Stellungnahme abgegeben (KStV.AR. act. 5.7). Der Zeitpunkt
der Postaufgabe dieser Stellungnahme vom 20. Dezember 2019 um 17.50 Uhr in Witten-
bach ist mit dem Zustellnachweis der Post nachgewiesen (vgl. Track & Trace Sendungs-
verfolgung bei KStV.AR.act. 5.7). Die von der Steuerverwaltung angesetzte Frist für eine
Stellungnahme wurde von A. offensichtlich eingehalten.
b. Die Vorinstanz hat die in Frage stehende Strafverfügung am 20. Dezember 2019 um 12:26
Uhr der Post zur Beförderung übergeben. Die Strafverfügung wurde somit erlassen, ohne
dass die von A. eingereichte Stellungnahme zuvor zur Kenntnis genommen wurde. Die Vor-
instanz hat letztere aufgrund eines Postrückbehaltungsauftrags der Steuerverwaltung erst
am 30. Dezember 2019 überhaupt empfangen. Im Zeitpunkt der Postaufgabe der Strafver-
fügung konnte die Steuerverwaltung noch gar nicht wissen, ob A. von seinem Recht, eine
schriftliche Stellungnahme einzureichen, Gebrauch machen würde oder nicht. Die Angabe
der Vorinstanz in Ziff. I 4 der Strafverfügung, wonach A. von dem ihm eingeräumten Recht
zur Stellungnahme bzw. zur mündlichen Anhörung kein Gebrauch gemacht haben soll (vgl.
E. 2.1d vorstehend), ist falsch, denn A. hatte sehr wohl innert der ihm angesetzten Frist
eine Stellungnahme abgegeben.
c. Es kann unter den vorliegenden Umständen offengelassen werden, ob die mit Schreiben
vom 12. Dezember 2020 kurzfristige Fristansetzung durch die Vorinstanz von nur einer
Woche überhaupt zulässig gewesen wäre, hätte A. um Erstreckung der Frist bzw. um Ver-
schiebung des Termins ersucht. Immerhin ist anzumerken, dass es in verfahrensmässiger
Hinsicht durchaus bedenklich erscheint, wenn die Vorinstanz bereits zum Vornherein
jegliche Verschiebung des doch sehr kurzfristig angesetzten Termins explizit ausschliessen
will.
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d. A. wird von der Vorinstanz Beihilfe zu vollendeter Steuerhinterziehung vorgeworfen. Bei
vollendeter Steuerhinterziehung tritt die Strafverfolgungsverjährung grundsätzlich zehn
Jahre nach dem Ablauf der betroffenen Steuerperiode ein (Art. 260 Abs. 2 StG bzw. Art.
184 Abs. 2 DBG). Im vorliegenden Fall sind die Steuerperioden 2009 und 2010 betroffen,
d.h. es drohte im Dezember 2019, als die Vorinstanz das Verfahren eröffnete, bereits
unmittelbar der Eintritt der Strafverfolgungsverjährung im Zusammenhang mit den die Steu-
erperiode 2009 betreffenden Vorwürfe. Es drängt sich der Schluss auf, dass die Vorinstanz
angesichts der in Kürze eintretenden Verjährung darum bemüht war, möglichst wenig Zeit
bis zum Erlass einer Strafverfügung gegen A. verstreichen zu lassen, nachdem sie erst am
12. Dezember 2019 ein Verfahren eröffnet hatte. Solche Überlegungen sind
nachvollziehbar, entbinden aber die Steuerverwaltung nicht, verfahrensmässig korrekt
vorzugehen und dabei insbesondere das rechtliche Gehör der involvierten Personen zu
wahren.
e. Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist in Art. 29 Abs. 2 BV bzw. Art. 20 Abs. 4 der Kan-
tonsverfassung von Appenzell Ausserrhoden verankert. Nach diesem Grundsatz haben
Personen insbesondere Anspruch darauf, mit rechtzeitig und formgültig angebotenen
Beweisanträgen und Vorbringen gehört zu werden, soweit diese erhebliche Tatsachen
betreffen und nicht offensichtlich beweisuntauglich sind (vgl. anstelle vieler: Urteil des
Bundesgerichts 6B_915/2019 vom 10. Januar 2020 E. 1.1 m.w.H.). Erlässt die Vorinstanz
eine Strafverfügung, ohne zuvor überhaupt Kenntnis von der fristgemäss eingereichten
schriftlichen Stellungnahme des Beschuldigten zu nehmen, liegt eine schwere Verletzung
des rechtlichen Gehörs vor.
2.3 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur, womit seine Verletzung ungeachtet
der materiellen Begründetheit des Rechtsmittels zur Gutheissung der Beschwerde und zur
Aufhebung des angefochtenen Entscheids führt. Eine nicht besonders schwerwiegende
Verletzung des rechtlichen Gehörs kann ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die
betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die
sowohl den Sachverhalt wie die Rechtslage frei überprüfen kann. Unter dieser Voraus-
setzung ist darüber hinaus - im Sinne einer Heilung des Mangels - selbst bei einer
schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs - von einer Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen
Leerlauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung
gleichgestellten) Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der
Sache nicht zu vereinbaren wären (vgl. dazu anstelle vieler: Urteil des Bundesgerichts
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2C_756/2019 vom 14. März 2020 E. 3.2 m.w.H.). Allerdings darf die Verletzung des recht-
lichen Gehörs, auch wenn sie in oberer Instanz oder im weiteren Verfahren geheilt wird,
nicht dazu führen, dass zu Gunsten der Verwaltung ein Resultat erzielt wird, das bei korrek-
ter Vorgehensweise nicht erzielt worden wäre. Um ein missbräuchliches Verhalten der
Verwaltung zu verhindern, drängt sich die Lösung auf, wie sie sich bei formell richtigem
Verhalten ergeben hätte (Urteil des Bundesgerichts 8C_543/2010 E. 2.4; BGE 135 I 279 E.
2.6.1).
a. Im konkreten Fall ist aufgrund des dargelegten Sachverhalts davon auszugehen, dass die
Vorinstanz, hätte sie zunächst den Empfang der fristgemäss eingereichten schriftlichen
Stellungnahme von A. abgewartet und erst nach Kenntnisnahme derselben eine Strafver-
fügung erlassen, frühestens anfangs Januar 2020 eine Strafverfügung erlassen hätte. Aus
dem Track & Trace Auszug bei KStV.AR.act. 5.7 im Verfahren O2V 20 9 ergibt sich näm-
lich, dass die Vorinstanz die Stellungnahme vom 20. Dezember 2019 von A. aufgrund ihres
Postrückbehaltungsauftrags erst am 30. Dezember 2019 in Empfang genommen und
schliesslich mit Schreiben vom 6. Januar 2020 (KStV.AR.act. 5.8 im Verfahren O2V 20 9)
darauf reagiert hatte. Angesichts der geltenden Strafverfolgungsverjährungsvorschriften
wäre nun aber für den Fall, dass die Strafverfügung erst anfangs Januar 2020 erlassen
worden wäre, die Strafverfolgungsverjährung mit Bezug auf mögliche Delikte in der Steuer-
periode 2009 bereits eingetreten gewesen. Für A. hätte es daher offensichtlich nachteilige
Folgen, wenn die unter Verletzung seiner Gehörsrechte erlassene Strafverfügung trotzdem
Bestand haben könnte, wenn nachträglich von einer Heilung dieses Mangels ausgegangen
würde. Eine Heilung der schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs im Rahmen
des vorliegenden Gerichtsverfahrens (bzw., soweit der Bundessteuerbereich betroffen ist,
bereits im Rahmen des dort durchgeführten Einspracheverfahrens vor der Vorinstanz) fällt
daher im konkreten Fall ausser Betracht, da gemäss Rechtsprechung gerade zur Vermei-
dung solcher Konstellationen eine Heilung der Verletzung des rechtlichen Gehörs im weite-
ren Verlauf des Verfahrens ausgeschlossen bleibt, wenn dadurch zu Gunsten der Vorin-
stanz ein Resultat erzielt würde, das bei korrekter Vorgehensweise nicht erzielt worden
wäre.
b. Die Strafverfügung vom 20. Dezember 2019 ist somit wegen schwerwiegender Verletzung
des rechtlichen Gehörs aufzuheben. Unter diesen Umständen ist auch die Beschwerde
gegen den Einspracheentscheid vom 20. April 2020 bzw. den späteren Wiedererwägungs-
entscheid vom 11. September 2020 gutzuheissen. Die Vorinstanz wird eingeladen, zu
prüfen, ob sie - unter Wahrung der Gehörsrechte von A. - eine neue Strafver-fügung erlas-
sen will.
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c. Dass inzwischen die Strafverfolgungsverjährung für Delikte bis und mit Steuerperiode 2009
bereits eingetreten ist und die Strafverfolgungsverjährung für Delikte betreffend die Steuer-
periode 2010 demnächst eintreten wird, ist dem Obergericht nicht entgangen. Dies mag
zwar angesichts der - soweit ersichtlich gut dokumentierten - Vorwürfe gegenüber A.
unbefriedigend erscheinen, ist aber als Konsequenz der stattgefundenen Verfahrens-
führung durch die Vorinstanz hinzunehmen: Vor Erlass einer Strafverfügung ist der an-
geschuldigten Person zwingend Gelegenheit zur Stellungnahme einzuräumen (Art. 258
Abs. 2 StG bzw. Art. 183 Abs. 1 DGB). Deshalb geht es weder an, eine allfällige Verschie-
bung eines - zudem sehr kurzfristig angesetzten - Termins generell zum Vornherein auszu-
schliessen, noch darf einfach darauf verzichtet werden, eine fristgemäss eingereichte
Stellungnahme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, bevor eine Strafverfügung erlassen
wird. Die strafprozessualen Verfahrensgarantien höherstufigen Rechts gelten notabene
auch im Hinterziehungsverfahren. Das bedeutet, dass das Steuerstrafverfahren insgesamt,
d.h. namentlich bereits im Administrativverfahren und nicht erst in einem (allfälligen)
gerichtlichen Verfahren, den Anforderungen des Fairnessprinzips entsprechen muss (vgl.
dazu RICHNER/FREI/KAUFMANN/MEUTER, Handkommentar zum DBG, 3. Aufl. 2016, N. 3 ff.
zu Art. 182 DBG).
d. Die Vorinstanz wird eingeladen, in künftigen Verfahren dem Einhalten der verfahrensmäs-
sigen Voraussetzungen das nötige Gewicht zukommen zu lassen, damit nicht als Konse-
quenz bei deren Nichteinhaltung selbst bei an sich klar ausgewiesenen Vorwürfen gegen
beschuldigte Personen eine Aufhebung der Strafverfügung aus rein formellen Gründen
resultieren muss.
3. Kosten und Entschädigung
3.1 Die 2. Abteilung des Obergerichts hat in der vorliegenden Sache als Verwaltungsgericht
entschieden. Vor Verwaltungsgericht betragen die Verfahrenskosten gemäss Art. 4a des
Gesetzes über die Gebühren in Verwaltungssachen (bGS 233.2) grundsätzlich bis zu
Fr. 5‘000.--. Innerhalb des Gebührenrahmens sind die Gebühren nach dem Zeit- und
Arbeitsaufwand, der Bedeutung des Geschäfts sowie nach dem Interesse und der wirt-
schaftlichen Leistungsfähigkeit der Gebührenpflichtigen zu bemessen (Art. 20 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]). Im konkreten Fall
erscheint eine Gerichtsgebühr im Betrag von Fr. 1‘600.-- für die vereinigten Verfahren, in
denen ausschliesslich die Vorfrage der Verletzung des rechtlichen Gehörs zu beurteilen
war, angemessen. Diese sind beim vorliegenden Verfahrensausgang auf die Staatskasse
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zu nehmen. Die Gerichtskasse wird angewiesen, A. die geleisteten Kostenvorschüsse im
Betrag von insgesamt Fr. 3‘000.-- zurückzuerstatten.
3.2 Dem Verfahrensausgang entsprechend hat A. grundsätzlich Anspruch auf eine Ent-
schädigung. Im Verfahren O2V 20 9 wurde keine Stellungnahme bei A. eingeholt, sein
Aufwand dort beschränkte sich im Wesentlichen auf die Einreichung seines Begehrens
um gerichtliche Beurteilung vom 27. Januar 2020 (KStV.AR.act. 1 im Verfahren O2V 20 9).
Im Verfahren O2V 20 25 hat A. zwar einen Rechtsbeistand bezeichnet, seine aus-
führlichen Eingaben wurden aber von ihm persönlich verfasst. Das zunächst gestellte
Begehren um unentgeltliche Verbeiständung wurde später wieder zurückgezogen. Unter
Berücksichtigung, dass ein gewisser Aufwand für die Erledigung von persönlichen
Angelegenheiten grundsätzlich entschädigungslos hinzunehmen ist, erscheint bei einer
Gesamtwürdigung und insbesondere auch im Vergleich zu ähnlichen Fällen eine pau-
schale Aufwandentschädigung von Fr. 500.-- für die vereinigten Verfahren O2V 20 9 und
O2V 20 25 als angemessen, welche A. zulasten der Vorinstanz auszurichten ist.
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