Decision ID: 85b9b65a-2dcc-4e04-9839-05f78a05d1c2
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 16.06.2011 Art. 5 Abs. 2, Art. 22 Abs. 2 FZG: Ein vom Gericht veranlasstes Unterschriftengutachten ergab, dass der Ehemann die Unterschrift der Ehefrau auf dem Barauszahlungsgesuch gefälscht hatte. Damit fehlte es an der erforderlichen Zustimmung der Ehefrau, weshalb die Freizügigkeitsstiftung für den dieser entstandenen Schaden aufzukommen und ihr den gemäss Scheidungsurteil zugesprochenen Anteil der Austrittsleistung ihres Ehemanns zu ersetzen hat (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 16. Juni 2011, BV 2010/15). Bestätigt durch Entscheid des Bundesgerichts 9C_257/2012 Vizepräsident Joachim Huber, Versicherungsrichterin Christiane Gallati Schneider und Versicherungsrichter Martin Rutishauser; Gerichtsschreiberin Jeannine Bodmer Entscheid vom 16. Juni 2011 in Sachen A._, Klägerin, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Fritz Heeb, Rathausplatz 1, 8880 Walenstadt, gegen Freizügigkeitsstiftung der Basellandschaftlichen Kantonalbank, Rheinstrasse 7, 4410 Liestal, Beklagte, vertreten durch Advokat Dr. iur. Stefan Schmiedlin, Augustinergasse 5, 4051 Basel, betreffend Vorsorgeausgleich Sachverhalt:
A.
A.a Auf Gesuch um Barauszahlung von B._ löste die Freizügigkeitsstiftung der
Basellandschaftlichen Kantonalbank (nachfolgend: Freizügigkeitsstiftung) am
28. Februar 2006 sein seit kurzem bei ihr bestehendes Freizügigkeitskonto auf und
zahlte die Austrittsleistung von Fr. 106'329.30 gemäss seinen Anweisungen aus (BV
2007/6: act. G 9/1.8, 9/B/12ff.). Im nachfolgend angehobenen Scheidungsverfahren
bestritt die Freizügigkeitsstiftung die Existenz einer Austrittsleistung (BV 2007/6: act. G
9/1), wogegen die Ehefrau, A._, geltend machte, einer Auflösung des
Freizügigkeitskontos nie zugestimmt zu haben (BV 2007/6: act. G 9/1.12). Mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entscheid des Kreisgerichts G._ vom 7. Dezember 2006 (rechtskräftig geworden am
3. Februar 2007) wurde die Ehe der A._ und des B._ geschieden und der jeweilige
Anspruch der beiden Parteien auf je die Hälfte der nach Freizügigkeitsgesetz für die
Ehedauer zu ermittelnden Austrittsleistung des anderen Ehegatten festgestellt. Das
Kreisgericht überwies die Sache am 27. Februar 2007 an das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen (BV 2007/6: act. G 9/1), welches der Ehefrau Gelegenheit
einräumte, gegen die Freizügigkeitsstiftung beim "zuständigen Versicherungsgericht
des Kantons Basel-Landschaft" Klage zu erheben, während es das anhängige
Vorsorgeausgleichsverfahren sistierte. Am 27. Juni 2008 liess die Ehefrau, vertreten
durch Rechtsanwalt lic. iur. Fritz Heeb, Walenstadt, demgemäss gegen die
Freizügigkeitsstiftung Klage auf Feststellung einreichen, dass die Freizügigkeitsstiftung
die Freizügigkeitsleistung des B._ im Betrag von Fr. 106'214.95 am 20. Februar 2006
an diesen ausbezahlt habe, ohne dass die erforderliche Zustimmung der Ehefrau
vorgelegen habe. Zudem sei die Freizügigkeitsstiftung zu verpflichten, der Ehefrau auf
deren Vorsorgeeinrichtung mit Fr. 53'107.45 zuzüglich gesetzliche Zinsen vom 21.
Februar 2006 bis zur effektiven Überweisung (abzüglich 1⁄2 der eigenen Austrittsleistung
gemäss Art. 122 ZGB) den ihr gemäss Scheidungsurteil zustehenden hälftigen
Anspruch auszubezahlen (BV 2007/6: act. G 9/11.1). Mit Entscheid vom 21. November
2008 trat das Gericht mangels örtlicher Zuständigkeit nicht auf die Klage ein und
überwies die Sache zur weiteren Behandlung ans Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen (BV 2007/6: act. G 2 ff., 16). Die von der Freizügigkeitsstiftung dagegen
erhobene Beschwerde wies das Bundesgericht mit Urteil vom 26. Mai 2009
(9C_1060/2008) ab. Unterdessen war B._ verstorben (BV 2007/6: act. G 9/23.1).
A.b Mit Urteil vom 8. Februar 2010 wies das Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen die Klage der Ehefrau ab und verweigerte die Teilung ihrer Austrittsleistung im
Sinn der Anordnung des Scheidungsurteils. Die dagegen durch die Ehefrau erhobene
Beschwerde hiess das Bundesgericht mit Urteil vom 1. September 2010 (9C_153/2010)
- soweit es darauf eintrat - in dem Sinn gut, als es den Entscheid des
Versicherungsgerichts aufhob und die Sache ans kantonale Gericht zurückwies. Dieses
habe die Echtheit der Unterschrift der Ehefrau etwa durch Anordnung eines
Schriftgutachtens und hinsichtlich der übrigen Anspruchsvoraussetzungen den
Sachverhalt abzuklären sowie anschliessend die Forderung der Ehefrau neu zu
beurteilen (vgl. Urteil vom 1. September, a.a.O., Erwägung 4.3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
B.a Am 5. Oktober 2010 beauftragte das Versicherungsgericht die Dienststelle
Forensische Chemie und -Technologie der Kantonspolizei St. Gallen abzuklären, ob die
Unterschrift der A._ (Klägerin) auf dem Auszahlungsgesuch vom 20. Februar 2006 mit
technischen Mitteln oder von Hand angebracht worden war, und für den Fall, dass sie
von Hand angebracht worden wäre, ob es sich um die echte Unterschrift der Klägerin
oder eine gefälschte handle (act. G 2). Mit Schreiben vom 7. Oktober 2010 orientierte
der Vizepräsident der zuständigen Abteilung des Versicherungsgerichts die Parteien
darüber, dass es sich bei der fraglichen Unterschrift auf dem Antragsformular mit
Sicherheit um eine Unterschrift handle, welche von Hand angebracht worden sei (act.
G 3). Am 18. Oktober 2010 beantragte der Rechtsvertreter der Klägerin zusätzlich die
Prüfung der Frage, ob allenfalls festgestellt werden könne, dass der Ehemann sel. von
der Ehefrau eine Blankounterschrift auf einem leeren Blatt Papier beschafft habe,
worauf nachträglich der Barauszahlungsantrag geschrieben wurde (act. G 4). Die
Experten der kantonspolizeilichen Dienststelle kamen im Forensischen
Untersuchungsbericht vom 4. November 2010 zum Schluss, dass die geprüfte
Unterschrift von Hand geleistet worden sei. Sie sei nicht mit einem technischen Mittel
eingefügt worden. Beide Unterschriften (auf dem Dokument) seien gemäss der Strich-
Kreuzungs-Charakteristik nach dem Druck des Dokuments geleistet worden (act. G 9).
Am 9. November 2010 wurden die Parteien darüber informiert, dass die Möglichkeit
einer Blankounterschrift durch die Ehefrau auf Grund des bisherigen
Untersuchungsbefunds ausgeschlossen werden könne. Gleichzeitig wurden sie
eingeladen, allfällige Bedenken gegen eine Handschriftenbegutachtung durch den
Kriminaltechnischen Dienst der Kantonspolizei Basel-Landschaft mitzuteilen (act.
G 11). Die Beklagte, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Stefan Schmiedlin, Basel,
erklärte sich am 23. November 2010 mit der Beauftragung der Gutachtensstelle
einverstanden (act. G 14). Die Klägerin liess ebenfalls keine Einwände vorbringen.
B.b Im Handschriftengutachten vom 4. Januar 2011 kam Wachmeister lic. sc. forens.
C._, Kriminaltechnik der Kantonspolizei Basel-Landschaft, zum Schluss, dass es sich
bei der fraglichen Unterschrift um eine relative Pausfälschung handle, bei welcher die
Vergrösserung einer Passkopie der Klägerin als Vorlage gedient habe. Dabei lasse sich
aber nicht beantworten, ob die fragliche Unterschrift von der Klägerin stamme oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht, da zur Schrifturheberschaft bei der erwähnten Fälschungsart generell keine
Aussage möglich sei (act. G 18.3).
B.c Die Klägerin nahm am 1. Februar 2011 durch ihren Rechtsvertreter zum
Gutachtensergebnis Stellung (act. G 20). Die Beklagte verzichtete am 7. Februar 2011
auf die Einreichung einer Vernehmlassung (act. G 21). Am 14. Februar 2011 korrigierte
der Rechtsvertreter der Klägerin das Klagebegehren insoweit, als der Verzugszins nicht
ab 21. Februar 2006, sondern erst mit der Rechtskraft des Scheidungsurteils ab 3.
Februar 2007 geschuldet sei (act. G 24).
B.d Am 29. März 2011 ersuchte das Versicherungsgericht die D._ BVG
Sammelstiftung (nachfolgend: D._) um Auskunft bezüglich der Höhe der
Austrittsleistung des B._ im Zeitpunkt der Heirat bzw. um weitere Angaben anhand
eines Fragebogens zu deren Eruierung (act. G 25). Gestützt auf die Angaben des
Gerichts nahm die D._ mit Schreiben vom 19. April 2011 eine ungefähre Berechnung
der zu teilenden Freizügigkeitsleistung von B._ vor (act. G 26). Am 28. April 2011
teilte sie mit, dass ihr lediglich die Höhe seiner Freizügigkeitsleistung von Fr. 26'978.25
bei Eintritt am 1. Januar 1994 bekannt sei. Angaben zur früheren Vorsorgeeinrichtung
konnte sie keine machen (act. G 28). Mit Schreiben vom 2. Mai 2011 teilte das Gericht
den Parteien seine approximative Berechnung der Austrittsleistung des B._ auf den
Zeitpunkt der Heirat mit (act. G 29). Die Parteien verzichteten auf eine weitere
Stellungnahme (act. G 30, 31).

Erwägungen:
1.
Bezüglich dem fehlenden schutzwürdigen Interesse betreffend die
Feststellungsanträge, der rechtsdogmatischen Einordnung des zwischen dem
verstorbenen Ehemann und der Beklagten zustande gekommenen Vorsorgevertrags
und der rechtlichen Voraussetzungen zum Schadenersatzanspruch bei fehlerhafter
Barauszahlung wird auf das Urteil des Bundesgerichts vom 1. September 2010
(9C_153/2010) E. 1.2, 4.1 und 4.2 sowie den Entscheid des Versicherungsgerichts vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8. Februar 2010 (BV 2007/6) E. 2 verwiesen. Für den weiteren Sachverhalt kann
ebenfalls auf die beiden Entscheide abgestellt werden.
2.
2.1 Vorliegend ist zu prüfen, ob die während der Ehe erfolgte Barauszahlung der
Freizügigkeitsleistung an B._ rechtmässig war, und falls nicht, wie hoch der
Schadenersatzanspruch der Klägerin gegenüber der Beklagten ist.
2.2 Nach Art. 5 Abs. 1 FZG kann die versicherte Person die Barauszahlung der
Austrittsleistung u.a. verlangen, wenn sie eine selbständige Erwerbstätigkeit aufnimmt
und der obligatorischen beruflichen Vorsorge nicht mehr untersteht (lit. b). An
verheiratete Anspruchsberechtigte ist die Barauszahlung gemäss Art. 5 Abs. 2 FZG nur
zulässig, wenn der Ehegatte schriftlich zustimmt. Wegen Unzulässigkeit der
Barauszahlung einer Freizügigkeitsleistung an eine verheiratete Person kann der
geschiedene Ehegatte mit gerichtlich festgestelltem Teilungsanspruch (Art. 122 f. des
Zivilgesetzbuchs [ZGB; SR 210], Art. 281 Abs. 3 der Zivilprozessordnung [ZPO;
SR 272]; SZS 2004 S. 375, B 90/01 E. 3.2) sowie die Witwe oder der Witwer (Art. 15
Abs. 1 lit. b der Freizügigkeitsverordnung [FZV; SR 831.425] in Verbindung mit Art. 19
des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge
[BVG; SR 831.40]; vgl. BGE 130 V 103) Schadenersatz geltend machen. Der (noch)
verheiratete Ehepartner hingegen kann die Unzulässigkeit der Barauszahlung
feststellen lassen (BGE 128 V 48 f. E. 3). Der Schadenersatzanspruch des
geschiedenen Ehegatten ist grundsätzlich auf den vom Scheidungsgericht festgelegten
Anteil der nach Art. 22 Abs. 2 des Freizügigkeitsgesetzes (FZG; SR 831.42) zu
ermittelnden Austrittsleistung beschränkt (SZS 2007 S. 164, Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 20. März 2006 i/S S. [B 126/04] E. 3.2). Bei der
Schadensermittlung sind jedoch auch die - auf Grund des familienrechtlichen
Teilungsanspruchs - gegenüber weiteren involvierten Vorsorge- oder
Freizügigkeitseinrichtungen (vgl. Art. 281 Abs. 3 lit. c ZPO und Art. 25a Abs. 2 FZG)
bestehenden Anwartschaften von Amtes wegen zu berücksichtigen (Art. 73 Abs. 2
BVG). Das Berufsvorsorgegericht hat in der Folge die Höhe der zu berücksichtigenden
http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2011&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=BGE+135+V+232&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-V-103%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page103 http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2011&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=BGE+135+V+232&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F128-V-41%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page41
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Austrittsleistungen festzusetzen und die Teilung vorzunehmen (vgl. BGE 135 V 236 E.
2.4).
3.
Wie das Bundesgericht mit Urteil vom 1. September 2010 festhielt, hat die Beklagte
ihre Sorgfaltspflicht insofern verletzt, als sie auf die im Auszahlungsbegehren
ersichtliche Zustimmung der Ehefrau abgestellt hat, ohne weitere Abklärungen zu
treffen (vgl. Erwägung 4.2). Nachdem die Prüfung der Echtheit der Unterschrift der
Klägerin auf dem Barauszahlungsgesuch vom 20. Februar 2006 (BV 2007/6: act. G
9/1.8) gemäss dem Bericht zum Dokumentenuntersuch vom 4. November 2010 (act.
G 9) und dem Handschriftengutachten vom 4. Januar 2011 (act. G 18.3) eine Fälschung
ergeben hat, steht vorliegend fest, dass die Barauszahlung vom 28. Februar 2006 (BV
2007/6: act. G 9/A/4) ohne schriftliche Zustimmung der Klägerin und somit zu Unrecht
erfolgte (vgl. Art. 5 Abs. 2 FZG). Damit bleibt der Anspruch der Klägerin auf hälftige
Teilung nach Art. 122 ZGB bestehen und die unzulässige Barauszahlung ist im
Verhältnis unter den Ehegatten als ungültig zu betrachten. Die Beklagte, welche
gemäss bundesgerichtlichem Entscheid ihre Sorgfaltspflicht hinsichtlich einer
genügenden Abklärung zur Verifizierung der Zustimmungserklärung verletzte, hat in der
Folge für den der Klägerin entstandenen Schaden aufzukommen.
4.
4.1 Somit ist die Höhe des von der Beklagten zu leistenden Schadenersatzes zu
prüfen. Auszugehen ist dabei vom Entscheid des Kreisgerichts G._ vom 7. Dezember
2006 über das Teilungsverhältnis der Austrittsleistungen, wonach die Eheleute je
Anspruch auf die Hälfte der nach dem Freizügigkeitsgesetz für die Ehedauer zu
ermittelnden Austrittsleistung des anderen haben (BV 2007/6: act. G 9/C/2). Gemäss
Art. 22 Abs. 2 FZG entspricht die zu teilende Austrittsleistung eines Ehegatten der
Differenz zwischen der Austrittsleistung zuzüglich allfälliger Freizügigkeitsguthaben im
Zeitpunkt der Ehescheidung und der Austrittsleistung zuzüglich allfälliger
Freizügigkeitsguthaben im Zeitpunkt der Eheschliessung. Für diese Berechnung sind
die Austrittsleistung und die Freizügigkeitsguthaben im Zeitpunkt der Eheschliessung
auf den Zeitpunkt der Ehescheidung aufzuzinsen. Barauszahlungen während der Ehe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden nicht berücksichtigt. Haben die Ehegatten vor dem 1. Januar 1995 geheiratet,
so wird die Austrittsleistung im Zeitpunkt der Eheschliessung auf Grund einer vom
Eidgenössischen Departement des Innern erstellten Tabelle berechnet. Hat jedoch ein
Ehegatte seit der Eheschliessung bis zum 1. Januar 1995 nie die Vorsorgeeinrichtung
gewechselt und steht fest, wie hoch nach neuem Recht die Austrittsleistung im
Zeitpunkt der Eheschliessung gewesen wäre, so ist dieser Betrag für die Berechnung
nach Art. 22 Abs. 2 FZG massgebend.
4.2 Bezüglich der Austrittsleistung des verstorbenen Ehemanns ist bekannt, dass sie
im Zeitpunkt der Barauszahlung am 28. Februar 2006 Fr. 106'329.30 betrug (BV
2007/6: act. G 9/A/4). Weder die H._ Freizügigkeitsstiftung der Kantonalbanken, die
Freizügigkeitsstiftung des Ehemanns vor seinem Wechsel zur Beklagten, noch die
vorangehende und letztbekannte Vorsorgeeinrichtung von B._, die D._, konnten
Angaben zur Höhe seiner Austrittsleistung im Zeitpunkt der Heirat am 29. Juni 1991
machen (BV 2007/6: act. G 9/1.2 und vgl. act. G 28). Laut Mitteilung der D._ vom 28.
April 2011 trat B._ am 1. Januar 1994 bei ihr mit einer Freizügigkeitsleistung von
Fr. 26'978.25 ein (act. G 28). Gestützt auf diese erste bekannte Austrittsleistung nach
Heirat lässt sich nach Art. 22a FZG sowie der Verordnung über die Tabelle zur
Berechnung der Austrittsleistung nach Art. 22a FZG (SR 831.425.4; senkrecht:
9 Jahre / waagrecht: 3 Jahre) durch Multiplikation mit 56% approximativ eine
Austrittsleistung im Zeitpunkt der Heirat (vgl. BV 2007/6: act. G 9.1) von Fr. 15'107.82
ermitteln. Nach Aufzinsung der Austrittsleistung bei Heirat (4% Zins bis 31. Dezember
2002, 3.25% Zins vom 1. Januar bis 31. Dezember 2003, 2.25% Zins vom 1. Januar bis
31. Dezember 2004 und 2.5% Zins vom 1. Januar 2005 bis 1. März 2006; vgl. Art. 8a
Abs. 1 FZV i.V.m. Art. 12 der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen-
und Invalidenvorsorge [BVV2; SR 831.441.1]) ergibt sich eine Austrittsleistung bei
Heirat von Fr. 25'778.60. Nach Abzug der Austrittsleistung bei Heirat von der
Austrittleistung anlässlich der Barauszahlung resultiert ein Betrag von Fr. 80'550.70 (=
Fr. 106'329.30 - Fr. 25'778.60). Dieser wiederum aufgezinst auf den Zeitpunkt der
Rechtskraft der Scheidung am 3. Februar 2007 (vgl. Urteile des EVG vom 28. März
2006 i/S X. und Y. [B 16/05 und B 17/05], wonach auf den Eintritt der Rechtskraft
abzustellen ist) ergibt für B._ eine zu teilende Austrittsleistung bei Scheidung von
Fr. 82'421.-- (= Fr. 80'550.70 + Fr. 1'870.30 Zins).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3 Gestützt auf die Angaben der Pensionskasse der E._ (seit 30. Oktober 2009:
Pensionskasse der F._), vom 28. Juli 2009 steht fest, dass die Klägerin bei
Scheidung (am 3. Februar 2007) ein Freizügigkeitsguthaben von Fr. 21'581.55
(aufgezinst) besass (BV 2007/6: act. G 30.1). Gemäss Entscheid des Präsidenten des
Bezirksgerichts I._ vom 4. Dezember 2000 betreffend Eheschutzmassnahmen
(BV 2007/6: act. G 9/C/6) sowie dem Scheidungsurteil vom 7. Dezember 2006
(BV 2007/6: act. G 9/C/2) war die Klägerin bis wenige Jahre vor der Ehetrennung Ende
2000 nicht erwerbstätig. Somit ist davon auszugehen, dass sie im Zeitpunkt der Heirat
am 29. Juni 1991 (vgl. BV 2007/6: act. G 9/1) noch nicht über ein
Freizügigkeitsguthaben verfügte (vgl. BV 2007/6: act. G 9/C/2 S. 10 Ziff. 14). Zudem ist
auf Grund dieser Vorgaben auch in Bezug auf die per 13. April und 27. Juli 2007, also
nach Rechtskraft der Scheidung, in die Pensionskasse der Klägerin eingebrachten
Freizügigkeitsleistungen von Fr. 632.15 und Fr. 293.80 (BV 2007/6: act. G 30.1) davon
auszugehen, dass es sich dabei überwiegend wahrscheinlich um frühere, während der
Ehe geäufnete Austrittsleistungen im Zusammenhang mit anderen Arbeitsverhältnissen
handelt. Folglich sind sie zum Betrag von Fr. 21'581.55 (aufgezinst) hinzuzurechnen,
wodurch bei der Klägerin eine zu teilende Austrittsleistung von Fr. 22'507.50 resultiert.
Die hälftige Teilung des Differenzbetrags der zu teilenden Austrittsleistungen der
Ehegatten von Fr. 59'913.50 (Fr. 82'421.-- minus Fr. 22'507.50) ergibt schliesslich
einen Betrag von Fr. 29'956.75. Damit hat die Beklagte auf das Vorsorgekonto der
Klägerin insgesamt Fr. 29'956.75 nebst Zins zu 2.5% ab 3. Februar bis 31. Dezember
2007, 2.75% ab 1. Januar bis 31. Dezember 2008 sowie 2% ab 1. Januar 2009 bis zum
Zeitpunkt der Überweisung zu übertragen.
4.4 Zusammenfassend steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass die Klägerin dem Barauszahlungsbegehren ihres
mittlerweile verstorbenen Ex-Ehemanns B._ nie zugestimmt hat. Nachdem die
Beklagte ihm die gesamte Freizügigkeitsleistung unter Verletzung der Sorgfaltspflicht
ausbezahlt hat (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 1. September 2010, a.a.O.), ist sie
verpflichtet, der Klägerin den ihr auf Grund des Scheidungsurteils zustehenden Anteil
an der Austrittsleistung des Ehemanns zu ersetzen.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinsichtlich der vom Rechtsvertreter der Klägerin ab Rechtskraft des Scheidungsurteils
(3. Februar 2007) geltend gemachten Verzugszinsen, ist auf Art. 2 Abs. 4 FZG zu
verweisen. Dieser statuiert lediglich für den Fall, dass die Vorsorgeeinrichtung die
fällige Austrittsleistung nicht innert 30 Tagen überweist, nachdem sie die notwendigen
Angaben erhalten hat, ab Ende dieser Frist eine Verzugszinspflicht. Gestützt auf BGE
129 V 257 f. E. 4.2.1 und 4.2.2 ist als Stichtag für den Beginn der 30-tägigen Frist in
jenen Fällen, in denen - wie hier - nicht das Scheidungsgericht, sondern das
Vorsorgegericht gestützt auf Art. 281 Abs. 3 ZPO die Austrittsleistung in betraglicher
Hinsicht ermittelt hat, erst auf den Eintritt der Rechtskraft des kantonalen
Gerichtsentscheids, bei dessen Weiterzug auf den Tag der Ausfällung der
Entscheidung des Bundesgerichts abzustellen (Art. 61 des Bundesgerichtsgesetzes
[BGG; SR 173.110]). In betraglicher Hinsicht wäre ein Verzugszins von 3% auf der
Austrittsleistung samt dem reglementarischen oder gesetzlichen Zins bis zum Zeitpunkt
des Beginns der Verzugszinspflicht zu bezahlen (Art. 26 Abs. 2 FZG i.V.m. Art. 7 FZV
i.V.m. Art. 12 lit. f BVV 2; BGE 129 V 258 E. 4.2.3; vgl. auch Bundesgerichtsurteil vom
29. Mai 2007 i/S H. [B 108/06] E. 5.1).
6.
Im nichtstreitigen Entscheidverfahren der beruflichen Vorsorge gilt, wie im gesamten
Verwaltungsverfahren, der Untersuchungsgrundsatz (vgl. R. Schnyder, Das nicht
streitige Entscheidverfahren in der beruflichen Vorsorge, in: Verfahrensfragen in der
Sozialversicherung [hrsg. von R. Schaffhauser und F. Schlauri], St. Gallen 1996,
S. 131). Die Einrichtungen der beruflichen Vorsorge tragen die Verantwortung zur
Abklärung des leistungsbegründenden Sachverhalts. Vorliegend wäre die beklagte
Freizügigkeitsstiftung gemäss dem bundesgerichtlichen Entscheid vom 1. September
2010 verpflichtet gewesen, zur Erfüllung ihrer Sorgfaltspflicht zusätzliche Abklärungen
zur Überprüfung der auf dem Auszahlungsbegehren ersichtlichen Unterschrift der
Ehefrau vorzunehmen. Die Abklärung des Barauszahlungsgesuchs war damit nicht
ausreichend. Bei einer derartigen Verletzung der Sorgfalts- und damit auch der
Untersuchungspflicht wird die Sache im Verwaltungsgerichtsverfahren üblicherweise
vom Gericht an die Verwaltungsbehörde zurückgewiesen, damit diese ihre
Versäumnisse nachholen kann und dem Betroffenen durch den Wegfall einer mit
uneingeschränkter Kognition ausgestatteten Instanz kein Nachteil entsteht. Im Bereich
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=BGE+132+V+236+Zins&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-251%3Ade&number_of_ranks=0#page257 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=BGE+132+V+236+Zins&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-251%3Ade&number_of_ranks=0#page257 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=BGE+132+V+236+Zins&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-258%3Ade&number_of_ranks=0#page258
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der beruflichen Vorsorge und insbesondere auch in Freizügigkeitsfällen ist das Gericht
nun aber nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts nicht befugt, die Sache zur
Vornahme ergänzender Abklärungen und neuer Entscheidung an die
Vorsorgeeinrichtung zurückzuweisen (SZS 2000, 172; BGE 117 V 237; BGE 115 V 239).
Deshalb mussten die notwendigen Handschriftengutachten vom Versicherungsgericht
eingeholt und die unzureichende Abklärung durch die Beklagte auf diese Weise
nachgeholt werden. Damit rechtfertigt es sich aber auch, die daraus entstehenden
Kosten der Beklagten zu auferlegen, deren Obliegenheit es auf Grund des geltenden
Untersuchungsgrundsatzes gewesen wäre, diese Abklärungen zu treffen (vgl. dazu U.
Kieser, Das Verwaltungsverfahren in der Sozialversicherung, Zürich 1999, Rz 534).
Hieran vermag auch die in Art. 73 Abs. 2 BVG angeführte grundsätzliche
Kostenlosigkeit des Verfahrens nichts zu ändern, denn es kann nicht angehen, dass
der Staat die Kosten für Gutachten zu übernehmen hat, welche die
Freizügigkeitseinrichtung in Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht nicht eingeholt hat.
Entsprechend sind daher die Kosten von insgesamt Fr. 1'600.-- (Fr. 800.-- für
Dokumentenuntersuch + Fr. 800.-- für Handschriftenuntersuch; act. G 10, 12, 18.2) für
die vom Gericht angeordneten beiden Gutachten von der Beklagten zu tragen.
7.
Auf Grund obiger Ausführungen ist die Klage gutzuheissen und die Beklagte zu
verpflichten, zu Gunsten des Vorsorgekontos der Klägerin bei der Pensionskasse der
F._ den Betrag von Fr. 29'956.75 zu überweisen, nebst Zins zu 2.5% ab 3. Februar
bis 31. Dezember 2007, zu 2.75% ab 1. Januar bis 31. Dezember 2008 sowie zu 2% ab
1. Januar 2009 bis zum Überweisungszeitpunkt. Gerichtskosten sind keine zu erheben
(Art. 73 Abs. 2 BVG). Hingegen hat die Klägerin bei diesem Ausgang des Verfahrens
Anspruch auf den vom Gericht festgesetzten Ersatz der Parteikosten (Art. 73 Abs. 2
BVG und Art. 98 ff. des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1])
durch die Beklagte. Vorliegend erscheint eine wegen der durch das Bundesgericht
angeordneten prozessualen Erweiterung mit entsprechendem Mehraufwand gegenüber
dem Normalsatz angemessen erhöhte Entschädigung von Fr. 6'000.-- (einschliesslich
Mehrwertsteuer und Barauslagen) für die Verfahren BV 2007/6 und BV 2010/15 als
angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP