Decision ID: 2f727ae6-89c3-4a52-bd4b-41f9db4ec444
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. A._, geboren 1965, meldete am 1. März 2019 einen Anspruch auf
Arbeitslosenversicherungstaggeld im Umfang von 100 % ab selbigem
Datum an. Zuletzt war er als Automobilverkaufsberater tätig.
2. Am 29. Januar 2020 teilte A._ seiner Personalberaterin des
Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) B._ mit, dass er
vom 10. Februar 2020 bis 28. Februar 2020 kontrollfreie Tage beziehen
werde. Am 2. März 2020 informierte A._ seine Personalberaterin,
dass er den geplanten Beratungstermin vom 6. März 2020 nicht
wahrnehmen könne, da er noch in Tunesien sei und die Fähre am 4. März
2020 voraussichtlich infolge Sperrung der Grenzen aufgrund der
Coronapandemie nicht nehmen könne. Nachdem die Personalberaterin in
der Folge nichts mehr von A._ hörte, erkundigte sie sich mit E-Mail
vom 13. März 2020 bei ihm. Daraufhin teilte A._ ihr mit, dass er nach
wie vor in Tunesien sei und noch immer keine Möglichkeit einer Rückreise
bestehe. Er stehe mit der Schweizer Botschaft in Tunesien in Kontakt und
hoffe auf baldige Ausreise. Nachdem A._ zum terminierten Gespräch
vom 13. Mai 2020 telefonisch nicht erreichbar war, bat die
Personalberaterin diesen per E-Mail um Rückruf. Daraufhin meldete sich
A._ am 25. Mai 2020 per E-Mail und informierte darüber, dass er
weiterhin in Tunesien und um eine möglichst rasche Rückreise bemüht
sei.
3. Gleichentags übermittelte die zuständige Personalberaterin die
Angelegenheit an das Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit Graubünden
(KIGA) zur Überprüfung und Abklärung des Taggeldanspruchs, da
A._ nun seit über drei Monaten im Ausland weilte.
- 3 -
4. Mit E-Mail vom 26. Mai 2020 teilte A._ dem KIGA mit, dass er seit
März 2020 in Tunesien weile und aufgrund der Coronapandemie nicht
zurückkehren könne. Er werde sämtliche Dokumente betreffend die
Hinderungsgründe seiner Rückreise zustellen.
5. Mit Schreiben vom 11. Juni 2020 forderte das KIGA A._ auf, innert
Frist bis zum 22. Juni 2020 mittels offizieller, allenfalls beglaubigter
Dokumente folgendes nachzuweisen: Annullation der Rückfahrt mit dem
Schiff vom 6. März 2020; Kontakt seit 9. März 2020 mit der
Schweizerischen Botschaft; Buchung des Fluges vom 6. Mai 2020;
Diebstahl des Autos; Buchung für das Schiff von Tunis nach Marseille am
5. Juni 2020. In der Folge stellte A._ am 19. Juni 2020 diverse
Unterlagen zu.
6. Mit Verfügung vom 24. Juni 2020 lehnte das KIGA die
Anspruchsberechtigung von A._ ab dem 1. März 2020 bis zu seiner
Rückkehr in die Schweiz mangels Vermittlungsfähigkeit ab.
7. Gegen diese Verfügung erhob A._ am 7. Juli 2020 sinngemäss
Einsprache und beantragte die erneute Prüfung seiner Situation.
Begründend brachte er zusammengefasst sinngemäss vor, dass er alles
Mögliche unternommen habe, um möglichst rasch in die Schweiz
zurückzureisen. Hierfür reichte er diverse weitere Unterlagen zusammen
mit der Eisprache ein. Weitere Unterlagen wurde dem KIGA am 9. Juli
2020 zugestellt.
8. Das KIGA lehnte die Einsprache mit Entscheid vom 17. Juli 2020 ab. Zur
Begründung führte es aus, aufgrund der Gesamtumstände sei davon
auszugehen, dass A._ ab dem 1. März 2020 bis zu seiner Rückkehr
in die Schweiz mangels Vermittlungsfähigkeit keinen Anspruch auf
- 4 -
Arbeitslosenentschädigung habe, selbst wenn er unfreiwillig im Ausland
festgesessen sei.
9. Dagegen erhob A._ (nachfolgend Beschwerdeführer) am 4. August
2020 (Datum Poststempel 5. August 2020) sinngemäss eine Beschwerde
an das Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden und beantragte
sinngemäss die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids und
die Auszahlung von Arbeitslosenentschädigung. Zur Begründung führte er
im Wesentlichen aus, er sei am 12. Februar 2020 in die Ferien nach
Tunesien gefahren. Geplant gewesen seien drei Wochen, weshalb sein
Retour-Ticket für den 6. März 2020 gebucht gewesen sei. Am 5. März
2020 sei der Lockdown in Tunesien ausgesprochen worden und es habe
keine Ausreisemöglichkeit mehr nach Europa gegeben. Er habe alles
versucht, um in die Schweiz zurückzukehren, und seine Beraterin mit
Informationen auf dem Laufenden gehalten. Er habe sein Retourticket
umgebucht, welches wieder storniert worden sei, und versucht, mit dem
Schiff nach Hause zu kommen, welches letztlich auch nicht gefahren sei.
Er habe auch mit dem TCS Kontakt aufgenommen in der Hoffnung, dass
dieser eine Lösung fände. Schliesslich habe er am 3. Juli 2020 mit dem
Schiff die Rückreise antreten können und sei am 4. Juli 2020 wieder in der
Schweiz angekommen. Seit dem 20. März 2020 habe er jeden Schritt
dokumentiert und weitergeleitet. Niemand habe mit COVID-19 gerechnet.
Hätte er davon gewusst, wäre er nicht abgereist. Er habe seit 30 Jahren
Wohnsitz in der Schweiz und sei nie arbeitslos gewesen bzw. sei noch nie
von der Arbeitslosenkasse abhängig gewesen. Das Coronavirus habe die
ganze Welt betroffen. Es sei keine vorhersehbare Situation gewesen,
weshalb er nicht verstehe, dass er das Risiko tragen müsse. Er habe sich
weiterhin um Arbeit bemüht.
10. Mit Stellungnahme vom 3. September 2020 beantragte das KIGA
(nachfolgend Beschwerdegegner) die Abweisung der Beschwerde. Zur
- 5 -
Begründung brachte der Beschwerdegegner im Wesentlichen vor, es sei
unbestritten und aufgrund der Dokumente erstellt, dass es dem
Beschwerdeführer trotz entsprechender Bemühungen aufgrund der
Massnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus nicht möglich
gewesen sei, wie geplant anfangs März 2020 von Tunesien in die Schweiz
zurückzukehren. Hingegen dürfe der Beschwerdeführer nicht
ausnahmsweise als vermittlungsfähig betrachtet werden, ohne dass er
sich dem Arbeitsmarkt in der Schweiz zur Verfügung stellen könne. Die
COVID-19-Sonderregelungen des SECO sähen einzig dann eine
Ausnahme vor, wenn sich die versicherte Person infolge Leistungsexports
im Ausland aufhalte und im Zusammenhang mit dem Coronavirus nicht
mehr in die Schweiz zurückkehren könne. Vorliegend sei weder
Leistungsexport beantragt worden, noch wäre ein solcher nach Tunesien
möglich gewesen. Somit könne durch die Ausnahmeregelung kein
Anspruch auf Arbeitslosenversicherungstaggeld während des
Auslandaufenthaltes begründet werden. Auch der analoge Beizug einer
zivilrechtlichen Betrachtungsweise würde in diesem Fall keinen Anspruch
auf Lohnfortzahlung begründen. Gemäss einschlägiger Lehre sei von
einer Verhinderung aus objektiven Gründen (z.B. auch Reiseverbote
wegen Seuchengefahr, Streichung eines Fluges etc.) auszugehen, bei
welcher kein Lohnanspruch bestehe, da diese Gründe nicht in die
Risikosphäre des Arbeitgebers fallen würden. Zusammenfassend sei die
Arbeitslosenversicherung mangels rechtlicher Grundlage nicht berechtigt,
dem Beschwerdeführer während seines Aufenthaltes in Tunesien
Arbeitslosenentschädigung auszurichten.
11. Mit Eingabe vom 17. September 2020 reichte der Beschwerdeführer eine
Replik ein. Der Beschwerdegegner verzichtete mit Schreiben vom
23. September 2020 auf die Einreichung einer Duplik. Schliesslich reichte
- 6 -
der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 15. Oktober 2020 die
Beratungsprotokolle des RAV ein.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften und
auf den angefochtenen Einspracheentscheid sowie auf die im Recht
liegenden Beweismittel wird, soweit rechtserheblich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt im vorliegenden Beschwerdeverfahren bildet der
Einspracheentscheid des Beschwerdegegners vom 17. Juli 2020 (Beilage
Beschwerdegegner [Bg-act.] 12). Nach Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) i.V.m. Art. 2 sowie Art. 56 Abs.
1 und Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann gegen
Einspracheentscheide aus dem Bereich der Arbeitslosenversicherung
Beschwerde beim kantonalen Versicherungsgericht erhoben werden.
Gemäss Art. 100 Abs. 3 AVIG i.V.m. Art. 128 Abs. 2 der Verordnung über
die obligatorische Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung
(AVIV; SR 837.02) ist für die Beurteilung von Beschwerden gegen
Verfügungen (Einspracheentscheide) einer kantonalen Amtsstelle das
Verwaltungsgericht desselben Kantons örtlich zuständig. Der
angefochtene Einspracheentscheid wurde vom KIGA als kantonale
Amtsstelle im Sinne von Art. 85 AVIG erlassen, sodass die örtliche
Zuständigkeit des angerufenen Gerichts gegeben ist. Die sachliche
Zuständigkeit des angerufenen Gerichts ergibt sich aus Art. 57 ATSG
i.V.m. Art. 49 Abs. 2 lit. a des kantonalen Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100). Der Beschwerdeführer ist
als formeller und materieller Adressat des Einspracheentscheides zur
- 7 -
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 59 ATSG), weshalb auf die im Übrigen
form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 60 ATSG und Art. 61
ATSG) einzutreten ist.
2. In materieller Hinsicht ist strittig und damit zu prüfen, ob die Ablehnung
des Anspruchs auf Arbeitslosenentschädigung mangels
Vermittlungsfähigkeit aufgrund des Auslandaufenthaltes in Tunesien zu
Recht erfolgt ist. Dabei ist unbestritten und aufgrund der Akten erstellt,
dass es dem Beschwerdeführer trotz entsprechender Bemühungen
aufgrund Coronamassnahmen nicht möglich war, anfangs März 2020 von
Tunesien in die Schweiz zurückzukehren.
3.1 Die Voraussetzungen für Arbeitslosenentschädigung ergeben sich aus
Art. 8 AVIG. Demnach hat der Versicherte Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung, wenn er unter anderem vermittlungsfähig ist
(vgl. Art. 8 Abs. 1 lit. f AVIG). Vermittlungsfähig ist, wer bereit, in der Lage
sowie berechtigt ist, eine zumutbare Arbeit anzunehmen und an
Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen (Art. 15 Abs. 1 AVIG). Zur
Vermittlungsfähigkeit gehört folglich die Arbeitsfähigkeit im objektiven Sinn
sowie die Bereitschaft, die Arbeitskraft – entsprechend den persönlichen
Verhältnissen – während der üblichen Arbeitszeit einzusetzen (vgl. BGE
120 V 385 E.3a m.H.; Urteil des Bundesgerichts 8C_337/2019 vom 13.
September 2019 E.3.1).
3.2 Gemäss Art. 27 Abs. 1 AVIV hat der Versicherte nach je 60 Tagen
kontrollierter Arbeitslosigkeit innerhalb der Rahmenfrist Anspruch auf fünf
aufeinander folgende kontrollfreie Tage, die er frei wählen kann. Während
der kontrollfreien Tage muss er nicht vermittlungsfähig sein, jedoch die
übrigen Anspruchsvoraussetzungen (Art. 8 AVIG) erfüllen (vgl. auch
AVIG-Praxis ALE, Rz. B364). Der Versicherte hat den Bezug seiner
- 8 -
kontrollfreien Tage spätestens 14 Tage im Voraus der zuständigen
Amtsstelle zu melden (Art. 27 Abs. 3 AVIV).
4.1 Aufgrund der Akten steht fest, dass der Beschwerdeführer seiner Beraterin
am 29. Januar 2020 mitteilte, dass er vom 10. Februar 2020 bis zum
28. Februar 2020 kontrollfreie Tage beziehen werde (vgl. Bg-act. 5).
Gemäss Ausführungen des Beschwerdegegners wurden dem
Beschwerdeführer sodann auch für diese Zeit insgesamt 15 kontrollfreie
Tage abgebucht (vgl. Stellungnahme Ziff. 3). Da der Beschwerdeführer
während der kontrollfreien Tage nicht vermittlungsfähig sein muss, stellt
sich die Frage der Vermittlungsfähigkeit für diesen Zeitraum nicht.
Während diesen kontrollfreien Tagen hat der Beschwerdeführer weiterhin
Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung, auch wenn er im Ausland weilt,
weshalb vorliegend zu Recht nur die Anspruchsberechtigung für den
Zeitraum ab dem 1. März 2020 bis zur Rückkehr des Beschwerdeführers
in die Schweiz am 4. Juli 2020 bzw. die Vermittlungsfähigkeit in diesem
Zeitraum in Frage steht.
4.2 Es ist unbestritten, dass sich der Beschwerdeführer nach seinen
kontrollfreien Tagen ab 1. März 2020 bis zum 4. Juli 2020 weiterhin in
Tunesien aufhielt. Damit konnte sich der Beschwerdeführer in dieser Zeit
nicht dem Arbeitsmarkt in der Schweiz zur Verfügung stellen, womit er
grundsätzlich als nicht vermittlungsfähig gilt und folglich keinen Anspruch
auf Arbeitslosenentschädigung für diesen Zeitraum hat. Zu prüfen bleibt,
ob aufgrund der Coronapandemie bzw. der erfolgten Grenzschliessung
dennoch eine Vermittlungsfähigkeit vorliegt.
4.3 Am 20. März 2020 hat der Bundesrat ein Paket mit diversen coronavirus-
bedingten Verordnungen bzw. Verordnungsänderungen verabschiedet,
unter anderem die Verordnung über Massnahmen im Bereich der
Arbeitslosenversicherung im Zusammenhang mit dem Coronavirus
- 9 -
(COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung [SR 837.033]). Diese
Verordnung wurde zunächst rückwirkend per 17. März 2020 in Kraft
gesetzt (vgl. Art. 9 Abs. 1 der COVID-19-Verordnung
Arbeitslosenversicherung; Anpassung am 9. April 2020 mit rückwirkender
Inkraftsetzung per 1. März 2020) und brachte diverse (vorübergehende)
Verfahrenserleichterungen und Anspruchserweiterungen mit sich. In
Bezug auf die Voraussetzungen der Vermittlungsfähigkeit wurde nichts
festgehalten. Diese Verordnung wurde in der Folge mehrfach abgeändert
und ergänzt.
4.4 Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hat zwecks einheitlicher
Rechtsanwendung jeweils – im Nachgang an den Erlass der
Verordnungen bzw. Verordnungsänderung – entsprechende Weisungen
erlassen (vgl. Art. 31 AVIG). In der hier zur Anwendung kommenden
Fassung Nr. 8 vom 1. Juni 2020 betreffend Sonderregelungen aufgrund
der Pandemie wird unter anderem festgehalten, dass versicherte
Personen, die bereits vor dem 17. März 2020 von einem Leistungsexport
betroffen waren und durch Reisebeschränkungen (Grenzschliessungen)
oder gesundheitliche Vorgaben (Quarantäne) nicht in die Schweiz
zurückkehren können, weiterhin aber einen Wohnsitz in der Schweiz
haben, sich telefonisch beim RAV zur Beratung und Kontrolle anmelden
können. Das RAV ist dann dafür zuständig, die Arbeitslosenkasse
entsprechend zu benachrichtigen, damit weiterhin
Arbeitslosenentschädigung ausbezahlt werden kann, sofern die
versicherte Person ihren Pflichten im Rahmen des Möglichen aus der
Distanz nachkommt (Arbeitsbemühungen, Beratungs- und
Kontrollgespräche mit dem RAV) und sich um eine rasche Rückkehr in die
Schweiz bemüht (vgl. Weisung des SECO Nr. 8 vom 1. Juni 2020, S. 17).
Ansonsten hält die Weisung explizit fest, dass im Bereich ALE die
Bestimmungen grundsätzlich unverändert gelten (vgl. Weisung des SECO
- 10 -
Nr. 8 vom 1. Juni 2020, S. 2), und ist ihr nichts betreffend die vorliegende
Problematik zu entnehmen.
4.5 Demzufolge sind weder der COVID-19-Verordnung
Arbeitslosenversicherung noch der hier zur Anwendung kommenden
Weisung des SECO Nr. 8 vom 1. Juni 2020 Änderungen in Bezug auf die
Vermittlungsfähigkeit aufgrund der Coronapandemie zu entnehmen.
Einzig im Zusammenhang mit einem Leistungsexport wurde die Situation,
wonach eine versicherte Person aufgrund von Pandemiemassnahmen
aus dem Ausland nicht mehr in die Schweiz einreisen kann, berücksichtigt.
So wird in der besagten Weisung des SECO vorgesehen, dass versicherte
Personen, welche sich bereits vor dem 17. März 2020 infolge
Leistungsexport im Ausland aufhielten und unter anderem durch
Reisbeschränkungen (Grenzschliessungen) nicht in die Schweiz
zurückkehren können, weiterhin Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung
haben, sofern die versicherte Person ihren Pflichten im Rahmen des
Möglichen aus der Distanz nachkommt und sich um eine rasche Rückkehr
in die Schweiz bemüht.
4.6 Ein Leistungsexport, wonach sich der Beschwerdeführer zur Arbeitssuche
nach Tunesien begeben haben soll, liegt vorliegend klar und
unbestrittenermassen nicht vor. Es fragt sich aber, ob die Weisung
betreffend Leistungsexport in analoger Weise auch auf versicherte
Personen, welche sich infolge kontrollfreier Tage oder unbezahlten
Urlaubs vor dem 17. März 2020 im Ausland befanden, anzuwenden ist.
Dies ist aus nachfolgenden Gründen zu verneinen. Zum einen geht aus
der vom SECO erlassenen Weisung hinsichtlich Leistungsexport hervor,
dass den Behörden eine Verhinderung der Rückkehr in die Schweiz
aufgrund von Reisebeschränkungen infolge der Pandemie und der daraus
entstehende Konflikt mit der Vermittlungsfähigkeit durchaus bewusst war.
Nichtsdestotrotz wurde eine entsprechende Weisung einzig für den
- 11 -
Leistungsexport erlassen und nicht auch für versicherte Personen, welche
sich infolge kontrollfreier Tage oder unbezahlten Urlaubs im Ausland
befinden. Zum anderen entspricht eine solche Risikoverteilung auch
weitgehend der zivilrechtlichen Betrachtungsweise. Gemäss Art. 324a
Abs. 1 des Schweizerischen Obligationenrechts (OR; SR 220) besteht
eine Lohnfortzahlungspflicht des Arbeitgebers, sofern der Arbeitnehmer
aus Gründen, die in seiner Person liegen, ohne sein Verschulden an der
Arbeitsleistung verhindert wird. Die Lohnfortzahlungspflicht besteht somit
nur bei einer Verhinderung, deren Gründe in der Person des
Arbeitnehmers liegen. Die Lohnfortzahlung ist auf subjektive
Leistungshindernisse beschränkt, d.h. auf Ereignisse, die den einzelnen
Arbeitnehmer speziell treffen. Objektive Leistungshindernisse, d.h.
Ereignisse, die in der Regel einen grösseren Personenkreis betreffen,
fallen demgegenüber in die Risikosphäre des Arbeitnehmers. Dieser hat
das Lohnrisiko selbst zu tragen, sofern sie nicht den Betrieb betreffen und
damit vom Betriebsrisiko des Arbeitgebers erfasst werden. Der
Arbeitnehmer hat somit keinen Lohnanspruch, wenn er wegen eines
solchen Ereignisses nicht arbeiten kann, so beispielsweise, wenn der
öffentliche Verkehr zusammenbricht und der Arbeitnehmer deshalb nicht
zur Arbeit gehen kann (vgl. THOMAS GEISER, in: AJP 2020,
Arbeitsrechtliche Regelungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus,
S. 546; REHBINDER/STÖCKLI, Berner Kommentar, 2010, N 11 zu Art. 324a
OR). ULLIN STREIFF/ADRIAN VON KAENEL/ROGER RUDOLPH vertreten den
Standpunkt, dass bei einem Reiseverbot wegen Seuchengefahr und damit
eines Epidemierisikos kein Anspruch auf Lohnfortzahlung nach Art. 324a
OR besteht (STREIFF/VON KAENEL/RUDOLPH, Arbeitsvertrag,
Praxiskommentar, 7. Auflage, 2012, N 6 zu Art. 324a/b OR). Auch GUY
LONGCHAMP ordnet Epidemien den externen objektiven Hindernissen zu,
die keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung nach Art. 324a OR eröffnen (GUY
LONGCHAMP, Commentaire du contrat de travail, SHK – Stämpflis
https://www.swisslex.ch/doc/aol/b85dac9b-d93e-46b4-97c7-93f4f77d1469/f00fc08f-a93b-4ea5-a101-ce5968be2a4d/source/document-link https://www.swisslex.ch/doc/aol/b85dac9b-d93e-46b4-97c7-93f4f77d1469/f00fc08f-a93b-4ea5-a101-ce5968be2a4d/source/document-link
- 12 -
Handkommentar, 2013, N 6 zu Art. 324a). Diese Überlegungen können
analog auf die Arbeitslosenversicherung angewendet werden. Demnach
hat diese für Reiseverbote aufgrund der Coronapandemie bzw. für den
Umstand, dass der Beschwerdeführer vorliegend aufgrund der
Grenzschliessung nicht aus seinen Ferien in Tunesien in die Schweiz
zurückkehren konnte, nicht einzustehen. Dies deshalb, da die
Grenzschliessung eine Vielzahl von Personen betraf und nicht bloss den
Beschwerdeführer individuell und nicht in die Risikosphäre eines
Arbeitgebers bzw. der Arbeitslosenversicherung fiel. Dieser Haltung steht
auch die Weisung des SECO nicht entgegen, wonach beim
Leistungsexport und verunmöglichter Rückkehr in die Schweiz aufgrund
der Coronapandemie dennoch Arbeitslosenentschädigung ausbezahlt
wird und dieser Fall offenbar der Risikosphäre der
Arbeitslosenversicherung zugeordnet wird. Im Falle eines
Leistungsexports hat die Arbeitslosenversicherung einen entsprechenden
Antrag bewilligt. Dies ist vergleichbar mit der zivilrechtlichen Konstellation,
bei der sich ein Arbeitnehmer auf einer Geschäftsreise im Ausland
befindet und nicht mehr einreisen kann. Diesfalls trifft den Arbeitgeber
ebenfalls eine Lohnfortzahlungspflicht, da die Verhinderung in die
Risikosphäre des Arbeitgebers fällt (vgl.
https://www.centrepatronal.ch/documents/bern/faq-ar-15092020.pdf,
zuletzt besucht am 24.08.2021).
4.7 Nach dem Ausgeführten ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
aufgrund seines Aufenthaltes in Tunesien vom 1. März 2020 bis zu seiner
Rückkehr in die Schweiz am 4. Juli 2020 als vermittlungsunfähig gilt, da er
während dieser Zeit nicht dem schweizerischen Arbeitsmarkt zur
Verfügung stand. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die
Rückreise des Beschwerdeführers aufgrund der Grenzschliessung
verunmöglicht war und der Beschwerdeführer somit unfreiwillig in
https://www.centrepatronal.ch/documents/bern/faq-ar-15092020.pdf
- 13 -
Tunesien festsass, da für ein solches ausserhalb der Risikosphäre der
Arbeitslosenversicherung liegendes Ereignis nicht die
Arbeitslosenversicherung einzustehen hat. Eine entsprechende rechtliche
Grundlage im Sinne einer Ausnahmeregelung aufgrund der
Coronapandemie, um im vorliegenden Fall dennoch
Arbeitslosenentschädigung ausrichten zu können, fehlt.
5. Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer ab dem
1. März 2020 bis zu seiner Rückkehr in die Schweiz am 4. Juli 2020 keinen
Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung hat. Der angefochtene
Einspracheentscheid des Beschwerdegegners ist demzufolge rechtens,
was zu seiner Bestätigung und zur Abweisung der dagegen erhobenen
Beschwerde führt.
6. Gemäss aArt. 61 lit. a ATSG i.V.m. Art. 82a ATSG ist das kantonale
Beschwerdeverfahren in Sozialversicherungssachen – ausser bei
leichtsinniger oder mutwilliger Prozessführung – kostenlos, weshalb
vorliegend keine Kosten zu erheben sind. Dem obsiegenden
Beschwerdegegner steht kein Anspruch auf Ersatz der Parteikosten zu
(vgl. Art. 61 lit. g ATSG).
- 14 -