Decision ID: 1e8dd09a-660a-4170-b2cb-6b6f272971ef
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.1
X._
, geboren 1991, leidet
seit ihrem 12. Altersjahr
an einer
durch einen gutartigen Gehirntumor verursachten Sehbehinderung (Geburts
gebrechen Nr. 384; Urk. 12/4-6)
, weshalb
s
ie
in ihrer Kindheit
vers
chie
dene Leistungen der Invalidenversicherung bezog
.
Sie besuchte eine Sehbehin
der
ten
schule und die Invalidenversicherung erstattete die Kosten für Hilfsmittel (Urk. 12/64). Mit Wirkung ab dem vollendeten 18. Altersjahr wurde ihr eine Entschädigung für leichte Hilflosigkeit zugesprochen (Urk. 12/157). Seit August 2009 ist die Versicherte
Mutter eines Sohnes
(Urk. 12/99/2-3).
Im Dezember 2009 meldete sich
X._
bei der Invaliden
ver
si
che
rung für berufliche Massnahmen an (Urk. 12/76; vgl. auch Urk. 12/100). Am 6. Juli 2010 erfolgte eine komplikationslos durchgeführte Nachresektion des Tumors im
Z._
(Urk. 12/98 und Urk. 12/102). Die Sozial
ver
si
che
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, erteilte in der Folge nach Vorab
klä
run
gen, einer sehbehindertentechnischen Grundschulung bei der Sehbehin
der
tenhilfe
A._
und einem Praktikum beim Ausbildungszentrum
B._
,
C._
(Urk. 12/129 und Urk. 12/130) Kostengutsprache für eine erstmalige berufliche Ausbildung als Kauffrau EFZ Profil B mit Beginn am 13. August 2012 (Urk. 12/188). Im Dezember 2012 wurde diese Ausbildung abgebrochen (Urk. 12/207), worauf die Versicherte am 16. Januar 2013 ein Belastbarkeitstraining bei der
D._
,
E._
, antreten konnte (Urk. 12/210 und Urk. 12/211)
. Am 1
1.
April 2013 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass eine Weiterführung
dieser
Integrationsmassnahme aufgrund der vielen Fehl
zeiten während des Belastbarkeitstrainings nicht angezeigt sei, weshalb die Teilnahme
dar
an a
bgeschlossen werde
(
Urk.
12/223).
Im Anschluss
wurde die Rentenprüfung vereinbart (
Urk.
12/222 S. 4 f.).
1.2
Die IV-Stelle holte in der Folge bei den behandelnden
Therapeuten
,
Dr.
phil
.
F._
, klinischer Psychologe-Psychotherapeut FSP
,
und
Dr.
med.
G._
, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, einen Bericht ein (
Urk.
12/226) und führte am 1
2.
August 2013 eine Abklärung der beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit in Beruf und Haushalt durch (
Urk.
12/232). Sie nahm Rücksprache mit ihrem regionalen ärztlichen Dienst (RAD)
und ihrem Rechtsdienst (Urk.
12/234) und auferlegte der Versicherten mit Schreiben vom
6.
September 2013
,
sich im Rahmen ihrer Schadenminderungspflicht einer regelmässigen intensiven psy
cho
therapeutischen Behandlung mit
bei Bedarf
Pharmakotherapie sowie einer Cannabis
-
und Alkoholabstinenz zu unterziehen (
Urk.
12/235). Mit Vor
bescheid vom
6.
September 2013 stellte die IV-Stelle der Versicherten schliesslich die
Abweisung des Rentenbegehrens
in Aussicht (
Urk.
12/237). Gegen diesen
leistungsablehnenden Vorbescheid e
rhob die Versicherte Einwand (Urk.
12/241 und
Urk.
12/246).
Zudem stellte sie
der IV-Stelle im Einwandverfahren Stel
lung
nahmen ihres behandelnden Psycho
therapeuten
, der Sehbehin
dertenhilfe
A._
und des Ausbildungszentrums
B._
,
C._
, zu (
Urk.
12/245). Die IV-Stelle
nahm Rücksprache mit ihrem Rechtsdienst
(Urk. 12/249)
und wies das Rentenbegehren mit Verfügung vom 2
1.
Januar 2014 ab (
Urk.
2).
2.
Gegen die Verfügung vom 21. Januar 2014 (Urk. 2) erhob die Versicherte am 20. Februar 2014 Beschwerde mit den Anträgen, die Verfügung sei aufzuheben und es sei ihr eine ganze Rente zuzusprechen. Zudem stellte sie ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Urk. 1 S. 2). In ihrer Vernehm
las
sung vom 1. April 2014 beantragte die IV-Stelle, die Beschwerde sei abzu
weisen (Beschwerdeantwort, Urk. 11), wovon die Beschwerdeführerin am 7. April 2014 in Kenntnis gesetzt wurde (Urk. 13).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die massgebenden rechtlichen Grundlagen, insbesondere betreffend die
Invali
ditätsbemessung
(Art. 16 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG, und Art. 28a des Bundesgesetzes über die Invali
denversicherung, IVG) und die Abstufung des Rentenanspruchs nach dem Grad der Invalidität (Art. 28 Abs. 2 IVG), sind in der angefochtenen Verfügung zu
treffend wiedergegeben (Urk. 2 S. 1). Darauf kann, mit den nachstehenden Ergänzungen, verwiesen werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG).
Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (
Art.
4
Abs.
1 IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmög
lich
keiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück
sichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre Verfügung vom 21. Januar 2014 damit (Urk. 2), die Abklärungen hätten ergeben, dass die Beschwerdeführerin ohne Gesundheitsschaden in einem 60%-Pensum berufstätig wäre. Die restlichen 40 % entfielen auf den Aufgabenbereich. Die Beschwerdegegnerin ging im Weiteren davon aus, dass die Beschwerdeführerin bei guter Gesundheit die
Aus
bildung zur Kauffrau abgeschlossen hätte. Aufgrund der medizinischen Beur
tei
lung und der IV-rechtlichen Überwindbarkeitsprüfung sei ferner die ange
stamm
te Tätigkeit in einem leichten Aufgabenbereich (vorhandene
Sehein
schränkung
)
zu 100 % zumutbar. Die Überforderung sei nicht
gesundheitsbe
dingt
, sondern auf IV-fremde Faktoren zurückzuführen. Im Ergebnis errechnete die
Beschwerde
geg
nerin
einen unter der rentenbegründenden Schwelle von 40 % liegenden Invaliditätsgrad von 21 %.
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich in ihrer Beschwerde (Urk. 1) auf den Stand
punkt, dass sie aufgrund ihrer psychischen Behinderung und ihrer starken
Seh
beeinträchtigung
aktuell keiner Tätigkeit nachgehen könne. Zur Begründung verwies sie auf die Berichte von Dr. phil.
F._
, die Stellungnahmen des RAD sowie
der Sehbehindertenhilfe
A._
und des Ausbildungszentrums
B._
,
C._
. Sie gab im Weiteren zu bedenken, dass sie allenfalls als Frühinvalide eingestuft werden müsse und bemängelte die Bemessung des Invalideneinkommens.
3.
3.1
Dr. med.
H._
, Oberarzt, und
I._
, Psychologin,
J._
, diagnostizierten in ihrem im Hinblick auf den Anspruch auf Massnahmen der beruflichen Eingliederung erstatteten Bericht vom 25. Mai 2010 (Urk. 12/90) eine einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0) mit Erstdiagnose im Jahr 2008, eine Anpassungsstörung / Angst und depressive Reaktion, gemischt (ICD-10 F43.22) mit Erstdiagnose im November 2007 sowie eine
Sehbehinderung durch Gehirn
tumor. Sie führten aus, die Beschwerdeführerin sei seit November 2007 in der
K._
bei der Therapeutin
I._
in ambulanter Behand
lung. Die Fachleute der
J._
gaben im Weiteren an, der Antrieb der Beschwerdeführerin sei mittelgradig vermindert, aktuell vor allem wegen der anstehenden Operation aber auch immer wieder, wenn zu viele Aufgaben an sie herangetragen würden. Sie könne sehr aggressiv werden, wenn sie sich in die Enge getrieben, überfordert oder ungerecht behandelt fühle oder wenn ihren Wünschen und Vorstellungen nicht entsprochen werde. Sie müsse lernen, ihr Temperament zu zügeln und sich in einem sozialen Umfeld anzupassen, was ihr immer wieder sehr schwer falle. Sie wolle Sonderregelungen und könne dafür viel Energie aufbringen, sei verbal sehr geschickt und erreiche damit häufig ihre Ziele. Die Beschwerdeführerin sei auf der einen Seite eine grosse Kämpferin (vor allem, wenn es um ihre Freiheiten gehe, die ihr über alles gingen), auf der anderen Seite falle sie immer wieder in depressive Stimmungen, verliere jegliche Motivation, komme ihren Alltagsverpflichtungen nicht nach und sei mit allem überfordert. Wenn die Beschwerdeführerin sich wertgeschätzt und den an sie gestellten Anforderungen gewachsen fühle, könne sie trotz ihrer
Sehbehinde
rung
und der depressiven Phasen gute Leistungen erbringen. Sie habe eine schnelle Auffassungsgabe, sei offen, kontaktfreudig und habe auch viel Humor. Ob sie eine berufliche Massnahme brauche, werde sich bei ihrem Praktikum als Fachperson Betreuung in der
L._
in
M._
zeigen. Die
J._
-Fach
leute attestierten der Beschwerdeführerin eine Arbeitsunfähigkeit von zirka 20 % und begründeten diese mit der starken Sehbehinderung, der Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung und dem aggressiven sowie depressiven Verhal
ten.
3.2
Am 3. November 2010 diagnostizierten die verantwortlich zeichnenden Ärzte des
N._
, Augenklinik (Urk. 12/116), eine
Optikusatrophie
beidseits bei einem Status nach Stauungspapillen beidseits bei einem Status nach Exzision eines
Falxmeningeoms
Grad II parasagittal rechts parietal 2004 sowie einem Status nach Kraniotomie und Resektion bei einem
Meningeomre
zidiv
am 6. Juli 2010. Sie gaben an, postoperativ zeigten sich weiterhin stabile Befunde mit einer massiven Einschränkung am rechten Auge.
3.3
PD Dr. med.
O._
, leitender Arzt in der neurochirurgischen Klinik des
Z._
, berichtete am 4. November 2010 der Hausärztin Dr. med.
P._
, Allgemeine Medizin FMH, von einem komplikationslosen Verlauf nach Exstirpation des
Falxmeningeom
-Rezidivs, das nach der zweiten Operation als WHO Grad I eingestuft worden sei (
meningo-theliales
Meningeom
), mit
Teil
verkalkungen
und
Fibrosen
. Er diagnostizierte ein
Falx-Meningeom
rechts parietal
parafalxial
WHO Grad I, einen Status nach zweimaliger Exstirpation im Jahr 2004 und am 6. Juli 2010 sowie einen Status nach Pseudotumor cerebri und
residuellen
Gesichtsfeldausfällen. PD Dr.
O._
gab an, eine Schulung beziehungsweise Ausbildung nach Beurteilung der IV-Stelle sei aus Sicht der neurochirurgischen Klinik zu 100 % möglich (Urk. 12/102).
In den Berichten vom 1. Februar 2011 (Urk. 12/110/1-3) beziehungsweise 8. Februar 2011 (Urk. 12/111) zuhanden der IV-Stelle ergänzte PD Dr.
O._
, auf den Schulbesuch oder eine berufliche Ausbildung wirkten sich die
residuel
len
Gesichtsfeldausfälle aus (Urk. 12/110/1-3) beziehungsweise in Bezug auf das mögliche Belastungsprofil seien lediglich die bereits vorbestehenden
residuellen
Gesichtsfeldausfälle relevant (Urk. 12/111).
3.4
Gegenüber der Berufsberaterin berichtete die Beschwerdeführerin im
Erst
ge
spräch
vom 4. April 2011, sie habe sich nach der zweiten Operation verändert. Sie sei impulsiver geworden, vertrage weniger und sei auch sonst weniger leis
tungsfähig. Sie habe diese Veränderungen bislang nicht abklären lassen, vor lauter Angst, dass eine neuropsychologische Abklärung dann etwas in Stein meisseln würde. Gleichzeitig sei dieser Zustand eine Belastung. Sie sei momen
tan auch sonst nicht in einer guten psychischen Verfassung und leide auch immer wieder unter depressiver Verstimmung. Sie habe zusätzlich ein ADS, das mit 16 Jahren festgestellt worden sei. Sie nehme nun Ritalin, was ihr helfe, und für die Depression
Fluctin
(Urk. 12/123 S. 3).
3.5
Im Low Vision Bericht der Sehbehindertenhilfe
A._
vom 9. Mai 2010 (richtig: 2011; Urk. 12/124/4-6) hielt die Augenoptikerin Frau
Q._
fest, die
Sehbe
hinderung
der Beschwerdeführerin sei aufgrund des erhöhten
Vergrösserungs
be
darfes
rechts sowie der reduzierten Kontrastwahrnehmung und den
Gesichts
feldeinschränkungen
links als schwer einzustufen.
3.6
Am 25. Mai 2011 protokollierte die Berufsberaterin Frau
R._
ein Telefonge
spräch mit Herrn
S._
von der
C._
, der angab, dass auch noch eine psychische Problematik bestehe, die sich vor allem in letzter Zeit ein
gestellt habe (Urk. 12/129 S. 2). Am 22. August 2011 hielt Frau
R._
fest, nach den Ergebnissen der Schnupperlehre in der
C._
sei wahr
scheinlich später aufgrund der Sehbehinderung keine volle Arbeitsfähigkeit zu erwarten, da bis jetzt nach der Hälfte der Tageszeit ein Einbruch mit Kopf
schmerzen erfolge. Dies könne sich eventuell durch den Einbezug aller Hilfs
mittel und mit vermehrter Übung noch bessern (Urk. 12/129 S. 1).
3.7
Anlässlich des Standortgesprächs vom 29. August 2012 zu Beginn der erstmali
gen beruflichen Ausbildung führte Dr. phil.
F._
aus (Urk. 12/205 S. 3 f.), die Therapie habe zwei Fokusse: das Coaching des ADHS und die depressiven Tendenzen. Hinsichtlich der Depression habe eine Stabilisierung stattgefunden. Die Ritalin-Dosierung sei eher tief und sie würden diese nun anpassen. Bei der
Beschwerdeführerin gebe es oft einen Teufelskreis: Sie fühle sich rasch unter Druck, werde körperlich krank und könne dann nicht arbeiten oder zur Schule gehen. Dann fühle sie sich noch mehr unter Druck und es falle ihr schwer, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Es sei wichtig, dass ihr Umfeld im Alltag aufmerksam sei, damit Überforderungstendenzen frühzeitig erkannt würden, so dass möglichst wenig Rückzug stattfinde. Er äusserte Bedenken, dass die Beschwerdeführerin frühzeitig Hilfe holen könne.
3.8.
3.8.1
Die RAD-Ärztin Dr. med.
T._
, Allgemeine Innere Medizin FMH, telefonierte im Hinblick auf den diskutierten Abbruch der im August angetretenen erstmali
gen beruflichen Ausbildung zur Kauffrau EFZ Profil B am 4. Dezember 2012 mit Dr. phil.
F._
(Urk. 12/208 S. 4). In ihrer Stellungnahme vom 4. Dezember 2012 zuhanden der Berufsberaterin hielt sie fest, es bestehe mit dem Therapeu
ten Einigkeit darüber, dass die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aktuell in der freien Wirtschaft 0 % betrage. Sie erklärte weiter, es sollte rasch mit einer Integrationsmassnahme begonnen werden. Während der
Integrationsmassnah
me
seien medizinische Massnahmen im Sinne einer regelmässigen intensiven psychologischen Behandlung mit bei Bedarf Pharmakotherapie und dem Ziel, die Einsicht in eine Cannabisabstinenz zu erreichen, unabdingbar. Im Weiteren sei eine sozialpädagogische Begleitung angezeigt. Damit wäre wahrscheinlich eine Ausbildungsfähigkeit im geschützten Rahmen innert 12 bis 24 Monaten zu erreichen. Die Arbeitsfähigkeit in freier Wirtschaft müsse aber auch nach einer erstmaligen beruflichen Ausbildung im geschützten Rahmen als massgeblich tangiert beurteilt werden, denn die gesundheitliche Problematik sei komplex (eingeschränkter
Visus
,
Meningeomoperationen
, ADHS mit eventuell vorliegen
den neuropsychologischen Defiziten, akzentuierte Persönlichkeit, wahrschein
lich sekundärer Cannabiskonsum, psychosoziale Problematik mit Kind, das in einer Pflegefamilie platziert sei). Zur Klärung der medizinisch-theoretischen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit und des Zumutbarkeitsprofils sei allenfalls eine polydisziplinäre Begutachtung angezeigt (neurologisch/psychiat
risch/neu
ro
psychologisch und
ophtalmologisch
), wobei der Zeitpunkt noch zu besprechen wäre. Neuropsychologisch seien gewisse Einschränkungen bei anamnestisch bekanntem ADHS möglich. Dr.
T._
führte weiter aus, die genannten medizi
nischen Massnahmen und eine Tagesstrukturierung seien auch angezeigt, wenn zeitnah eine
Rentenzusprache
erfolgen würde, um eine Basis für eine zukünftige Integration zu schaffen.
3.8.2
Nach Beendigung der Integrationsmassnahme gab die RAD-Ärztin Dr.
T._
am 16. April 2013 an, aufgrund der
Visuseinschränkung
beidseits sowie der
Gesichtsfeldeinschränkungen, aber auch aufgrund der psychischen Defizite und eventuell der anamnestisch vermuteten neuropsychologischen Defizite, schienen momentan weder eine berufliche Massnahme noch eine Integrationsmassnahme erfolgsversprechend umsetzbar zu sein. Es könne auch ohne Begutachtung auf
grund des vorliegenden Berufsberatungsberichts und der dort dargelegten Kon
takte
mit dem Psychotherapeuten und der geschilderten Verhaltensweisen der Versicherten nachvollzogen werden, dass aktuell aufgrund der gesundheitlichen Problematik mit Beginn in der Jugendzeit keine Arbeitsfähigkeit in der freien Wirtschaft vorliege. Eine erneute Beurteilung werde in zwei bis drei Jahren empfohlen. Von Seiten der
Visusproblematik
sei eine Besserung nicht möglich (Urk. 12/234 S. 4 f.).
3.9
Dr. phil.
F._
und Psychiater Dr.
G._
, behandelnde Therapeuten seit dem 5. Juli 2011, erstatteten am 12. Juni 2013 einen schriftlichen Bericht (Urk. 12/226). Sie stellten darin die folgenden Diagnosen:
Anpassungsstörung, Angst und depressive Reaktion
,
gemischt (ICD-10 F43.22), beste
hend seit Frühjahr 2013
emotional instabile Persönlichkeitsstörung
(ICD-10 F60.3)
einfache Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörung (ICD-10 F90.0), bestehend seit der Kindheit
Falx
Meningeom
mit Resttumor, operiert 2004 und 2010, Sehstörung
Dr. phil.
F._
und Dr.
G._
führten in ihrer Anamnese aus, die Beschwer
deführerin habe ihre Kindheit und Jugend zusammen mit der Mutter, ihrem Stiefvater sowie der jüngeren Halbschwester verbracht. Zum Kindesvater beste
he wenig Kontakt. Bereits mit drei Jahren habe die Beschwerdeführerin unter starken Kopfschmerzen gelitten. Im Kindergarten sei sie oft hyperaktiv gewesen. Daher habe eine erste Abklärung in der
U._
stattgefun
den. Die 2. Klasse habe sie wegen Auffälligkeiten wiederholt. Im Verlaufe der 5. Klasse sei die Diagnose eines Hirntumors mit der Konsequenz einer
Sehbe
hinderung
gestellt worden. Daher sei eine Umschulung in eine Sehbehinderten- und Blindenschule erfolgt. Die Beschwerdeführerin habe das 9. Schuljahr mit dem Sekundar-B Abschluss beendet. Ende 2009 sei ihr Sohn auf die Welt gekommen, der bei einer Pflegefamilie lebe. Die bisherigen Arbeitsversuche seien – auch in geschütztem Rahmen – aufgrund der psychiatrischen Erkran
kung (Impulsivität, Konzentrationsschwierigkeiten) gescheitert.
Dr. phil.
F._
und Dr.
G._
berichteten weiter, seit der Krankheit seien
Stim
mungsschwankungen
und Impulsivität bekannt. Im 10. Lebensjahr habe ein sexueller Übergriff durch einen Kollegen der Mutter stattgefunden. Die Be
schwerdeführerin konsumiere regelmässig Alkohol (1-2 Bier am Tag) und Can
na
bis (1 bis 2 Joints am Tag). Sie wohne in eigener Wohnung zusammen mit ihrem Partner.
Zu den ärztlichen Befunden führten sie aus, die Beschwerdeführerin sei wach und in allen Qualitäten orientiert. Es bestünden Beeinträchtigungen in der Kon
zentration. Im formalen Denken sei die Beschwerdeführerin unauffällig, im Antrieb leicht vermindert, im Affekt leicht ratlos und leicht deprimiert. Es bestün
den keine Hinweise für Sinnestäuschungen, Wahn oder eine Ich-Störung. Die Beschwerdeführerin sei stark hoffnungslos, leicht ängstlich, innerlich stark un
ruhig und leicht gereizt. Es bestünden ein sozialer Rückzug und ein Mangel an Krankheitsgefühl.
Dr. phil.
F._
und Dr.
G._
erachteten die Prognose in Bezug auf die psychi
atrischen Störungen als ungünstig. Es sei mit einer
Chronifizierung
der Symptomatik zu rechnen. Aus dem bisherigen Verlauf der
Integrationsbemü
hungen
gingen sie von keiner relevanten Arbeitsfähigkeit im 1. Arbeitsmarkt aus. Sie attestierten der Beschwerdeführerin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit aufgrund der psychischen Einschränkung (durch ADHS und Depressivität be
dingt). Es bestehe namentlich eine Einschränkung bei der Konzentration. Emp
fehlenswert sei weiter ein Entzug vom aktuell regelmässigen
Cannabis
kon
sum
.
3.10
Nach Einsicht in diesen Bericht führte Dr.
T._
am 17. Juni 2013 aus (Urk. 12/234), aus medizinischer Sicht des RAD liege mit der psychischen Prob
lematik (ADHS, Depression, emotional instabile Persönlichkeitsstörung) und der namhaften
Visusproblematik
(
V
isuswerte
rechts 0.05 und links
0.3 und beidsei
tigen Gesichtsfeldeinschränkungen) aktuell keine Arbeitsfähigkeit in der freien Wirtschaft vor. Der Cannabiskonsum sei als sekundär zu beurteilen, ein Entzug des regelmässigen Konsums sei aus Sicht des psychologischen Behandlers empfohlen und von der Versicherten zu verlangen zusammen mit einer regel
mässigen psychotherapeutischen/psychiatrischen Behandlung, womit eine Basis für eine künftig eventuell mögliche Reintegration zu erreichen wäre. Die Arbeits
fähigkeit sei seit Kindheit /Jugend in erheblichem Mass eingeschränkt.
3.11
Auf Rückfrage der Sozialberatung Pro
Infirmis
hin führten Dr. phil.
F._
und Dr.
G._
am 15. Oktober 2013 aus (Urk. 12/245), die komplexe psychi
atri
sche Symptomatik – das Zusammenspiel verschiedener Störungsbilder – führe dazu, dass die Stress- und Frustrationstoleranz, die Selbstdisziplin und das Durch
haltevermögen ausgeprägt vermindert seien. Das Überwinden dieser Proble
matik scheitere nicht am guten Willen der Patientin, sondern an ihrer dazu fehlenden Möglichkeit. Es sei weiterhin davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin nicht in der Lage sei, eine Ausbildung zu absolvieren, sei es im ersten oder im geschützten Arbeitsmarkt. Es bestehe seit Jahren sowohl im
geschützten Rahmen als auch im freien Markt eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Sie bemerkten, die Beschwerdeführerin habe die Behandlung kurz unterbrochen, sich jedoch wieder gemeldet, so dass die ambulante Therapie weiter geführt werden könne.
4.
4.1
In somatischer Hinsicht ist die Beschwerdeführerin durch eine schwere
Seh
behin
derung
mit sehr tiefen
Visuswerten
und Gesichtsfeldausfällen als Folge einer Gehirntumorerkrankung eingeschränkt.
Laut den behandelnden Dr. phil.
F._
und Dr.
G._
leidet die Beschwerde
führerin zudem an einer Anpassungsstörung mit vorwiegend
Angst und depres
sive
r
Reaktion
,
gemischt, bestehend seit Frühjahr 2013
, an einer
emotional instabilen Persönlichkeitsstörung sowie
seit der Kindheit
an einem ADHS.
Die behandelnden Therapeuten attestierten der Beschwerdeführerin aktuell eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Die RAD-Ärztin schloss sich in ihren Stellung
nahmen dieser Einschätzung an, wobei sie die somatischen Einschränkungen in ihre Würdigung miteinbezog.
4.2
Vorab ist – um diesbezügliche zwischen den Parteien allenfalls vorhandene Miss
verständnisse auszuräumen (vgl. Urk. 1 Ziff. 4 und Urk. 2 S. 2) – festzu
halten, dass die genannten psychiatrischen Diagnosen nicht
zu den
pathogene
tisch-ätiologisch
unklaren
syndromalen
Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische Grundlage gehören, bei denen nach den sog. "Foerster-Kriterien" zu prüfen ist, ob deren willentliche Überwindbarkeit ausnahmsweise zu verneinen ist (BGE 139 V 547 E. 7.1.4
und E. 9.1.1
;
Kreisschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen
über die Schlussbestimmungen der Änderung vom 1
8.
März 2011 de
s IVG, gültig ab 1. April 2014,
KSS
B, Randziffer 1003). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit
invalidenversi
cherungsrechtlich
nicht als relevant gelten indessen Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte, wobei das Mass des
Forderbaren
dabei weitgehend objektiv bestimmt wird (BGE 131 V 49 E. 1.2 mit Hinweisen). Auf diese Praxis scheint die
Beschwerdegegne
rin
zu verweisen, wenn sie sich auf die „IV-rechtliche
Überwindbarkeitsprü
fung
“ bezieht.
4.3
Nicht zutreffend sind die Ausführungen der Beschwerdegegnerin, wonach die Diagnosen einer Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion, gemischt, einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung sowie eines ADHS,
nicht unter den Begriff des rechtserheblichen Gesundheitsschadens fielen (Urk. 2 S. 3). Einzig in Bezug auf die Diagnose
"Angst und depressive Störung
,
gemischt"
gilt nach der neueren Rechtsprechung des Bundesgerichts die Relati
vierung
,
dass
diese im Lichte der offiziellen ICD-
klassifikatorischen
Umschrei
bung ganz allgemein im Grenzbereich dessen zu situieren
ist
, was überhaupt noch als krankheitswertig im Sinne des Gesetzes und
als
potentiell invalidisie
rendes Leiden gelten
kann
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_55/2014 vom 27. Februar 2014, E. 4.3 mit Hinweisen auf weitere Bundesgerichtsurteile). Die
sen Vorbehalt – der sich aus der
klassifikatorischen
Umschreibung des ICD ableitet, wonach bei einer Angst und depressiven Störung, gemischt keine der beiden Störungen ein Ausmass erreicht, das eine entsprechende einzelne Diag
nose rechtfertigen würde (vgl.
Dilling
,
Mombour
, Schmidt [Hrsg.], Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F],
9.
Auflage, 2014, S.
199)
– unbesehen auch auf die Diagnose eines ADHS und einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung anzuwenden, ist indessen verfehlt.
4.4
Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin während der abgebrochenen
Erst
aus
bildung
als schwer sehbehinderte junge Mutter einer Mehrfachbelastung ausgesetzt war, wobei ihr Kind von einer Pflegefamilie betreut wurde und nur jedes zweite Wochenende bei ihr verbrachte (Urk. 12/232 S. 2). Dem von der Beschwerdegegnerin hieraus gezogenen Schluss, es liege keine
gesundheitsbe
dingte
sondern eine auf IV-fremden Faktoren beruhende Überforderung vor, fehlt allerdings das nötige fachärztliche Substrat. Es vermag nicht zu überzeu
gen, wenn die IV-Stelle abweichend von der Einschätzung der behandelnden Therapeuten und von der Würdigung der versicherungsinternen Ärztin das Vor
liegen relevanter psychischer Gesundheitsschäden verneint, und dies im Wesent
lichen mit den Angaben der Beschwerdeführerin gegenüber der
Haus
halts
abklärungsperson
begründet (Urk. 12/249 S. 2). Eine solche Würdigung erscheint vor einer umfassenden Abklärung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin nicht angezeigt und lässt sich angesichts der verschiedenen aktenkundigen Hinweise auf psychische Defizite der jungen Versicherten sowie angesichts des bisherigen Verlaufs der beruflichen Massnahmen auch nicht mit den vorhandenen medizinischen und beruflichen Unterlagen plausibilisieren.
4.5
Nicht gefolgt werden kann aber auch dem Dafürhalten der Beschwerdeführerin, wonach eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit mit den aktenkundigen medizinischen und beruflichen Unterlagen ausgewiesen sei. Mit den im kurzen Bericht der behandelnden Therapeuten vom 12. Juni 2013 beschriebenen Befunden und dem Hinweis, die Arbeitsfähigkeit werde namentlich durch eine eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit tangiert (E. 3.9), wie auch mit der Ergänzung, wonach das Zusammenspiel verschiedener Störungsbilder dazu führe, dass die Stress-
und Frustrationstoleranz, die Selbstdisziplin und das Durchhaltevermögen aus
geprägt vermindert seien (E. 3.11), ist noch nicht hinreichend dargetan, weshalb die junge Versicherte zu 100 % arbeitsunfähig sein soll. Nicht
rechtsgenüglich
geklärt ist im Weiteren der Einfluss des Alkohol- und Cannabiskonsums. Hinzu kommen grundsätzliche Vorbehalte gegenüber einer
Rentenzusprache
einzig gestützt auf einen Bericht der behandelnden Ärzte (BGE 135 V 465 E. 4.5). Abklärungsbedürftig erscheinen ferner auch die konkreten Auswirkungen der ein
geschränkten Sehfähigkeit auf die Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit – worunter nicht nur Bürotätigkeiten zu verstehen sind
und die von der RAD-Ärztin Dr.
T._
anamnestisch vermuteten neuropsychologischen Defizite.
4.6
Die Sache ist somit an die Beschwerdegegnerin zur umfassende Abklärung des Gesundheitszustandes und der hieraus resultierenden
Arbeits
(
un
)
fähigkeit
sowie des Belastungsprofils der Beschwerdeführerin in einer angepassten Tätigkeit zurückzuweisen, wobei sich namentlich eine Abklärung in den von der RAD-Ärztin ursprünglich ins Auge gefassten Fachgebieten (neurologisch/psychiat
risch/neu
ropsychologisch und
ophtalmologisch
) aufdrängt. Die mit der Abklä
rung befassten Ärzte sollten dabei auch Einblick in die Berichte betreffend die beruflichen Massnahmen erhalten und die dortigen Abklärungsergebnisse und Assessmentberichte in ihre Einschätzung mit einbeziehen.
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens erweist sich das Gesuch der Beschwerde
füh
rerin um unentgeltliche Rechtspflege als gegenstandslos. Das Verfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Die Gerichtskosten sind auf Fr. 700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin ist zudem zu verpflichten, der Beschwerdeführerin eine Prozessentschädigung im Betrag von Fr. 1‘100.-- auszurichten.