Decision ID: fbee37c4-2772-4373-86cc-0b8dbeae82d0
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1961 geborene und als Raumpflegerin tätig gewesene
X._
meldete sich am 1
1.
Februar 2013 unter Hinweis auf eine Fussoperation bei der Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (
Urk.
7/3). Die IV-Stelle holte Auskünfte
über die erwerbliche und medizinische Situation ein und teilte d
er Versicherten am 2
3.
Mai 2013 mit, dass keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich seien (
Urk.
7/
11).
Im Rahmen des
Vorbescheidverfahrens
und aufgrund einer Ver
schlechterung des Gesundheitszustandes der
Versicherten
tätig
t
e die IV-Stelle
weitere medizinische Abklärungen und
veranlasste
am 7.
Februar 2017
eine
bidis
ziplinäre
Begutachtung
(
Urk.
7/82)
, welche aus rheumatologischer Sicht durch
Dr.
med.
Z._
und aus psychiatrischer Sicht durch Prof.
Dr.
med.
A._
durchgeführt wurde (vgl.
Expertise vom
1.
und 2
1.
J
uni 2017; Urk. 7/95
/1-70
und
71
sowie
Urk.
7/97-98).
Mit Verfügung vom
9.
Juli 2018
sprach die IV-Stelle der Versi
cherten schliesslich für die Zei
t vom 1. September 2013 bis 30.
September 2015 eine befristete ganze Invalidenrente zu.
Ein
über den 1.
Oktober 2015
hinaus
bestehender Leistungsanspruch wurde hingegen verneint (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 1
8.
Oktober
2018 (
Urk.
1) Be
schwerde und beantragte, die Verfügung vom
9.
Juli 2018 sei aufzuheben (1.), es sei der Versicherten ab September 2013 eine unbefristete ganze Rente auszu
richten (2.), es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren (3.), unter Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin (4.).
Die IV-Stelle schloss am 2
3.
November 2018 (
Urk.
6) auf Abweisung der Be
schwerde, was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 2
7.
November 2018 (
Urk.
8) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung,
IVG
,
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründet die angefochtene (teilweise) leistungsab
wei
sende Verfügung vom
9.
Juli 2018 (
Urk.
2) damit, dass sich der Gesundheits
zu
stand der Beschwerdeführerin ab dem 3
0.
Juni 2015 wesentlich verbessert habe. Für angepasste Erwerbstätigkeiten bestehe seither eine vollständige Arbeitsfähig
keit. Zu berücksichtigen seien überwiegend sitzende Arbeiten mit leichter Wech
sel
belastung,
teil sitzend, teils ebenerdig gehen
d
, auch mit gelegentlichem Heben und Tragen von Lasten bis 15 kg körpernah. Aus psychiatrischer Sicht würden
keine iv-relevanten psychischen Beschwerden vorliegen. Bei Verwertung der vollen
Restarbeitsfähigkeit könne die Beschwerdeführerin ein rentenaus
schliess
endes Erwerbseinkommen erzielen.
Die eigenen Abklärungen hätten ergeben, dass die psychiatrischen Beschwerden ausschliesslich aufgrund
von
Einflüssen aus dem sozialen Umfeld entstanden seien. Zudem fehle der Beschwerdeführerin die Moti
vation
,
einer Tätigkeit nachzugehen und ihren Tagesablauf aktiv zu gestalten. Dies könne in der Invalidenversicherung nicht berücksichtigt werden.
2.2
Die Beschwerdeführerin stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1),
im Sinne des Gutachtens werde aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 20-30
%
in angepasster Tätigkeit ab November 2015 als zumutbar erachtet
.
Die Beschwerdeführerin habe anlässlich der Begutachtung auf explizite Befragung hin angegeben, dass es durch psychosoziale Belastungsfaktoren zu einer leichten
Aggravierung
der subjektiv wahrgenommenen Schmerzstärke im Körper komme und sich bei diesen Gedanken auch ihre Depression verstärke. Von ausschliess
l
ich aufgrund psychosozial
er
Faktoren entstandenen psychiatrischen Beschwerden könne keine Rede sein. Insbesondere werde im Gutachten an keiner Stelle er
wähnt, dass man ohne die psychosozialen Belastungsfaktoren annehmen könnte, es sei keine Störung von Krankheitswert entstanden. Hinzu komme, dass die Ursache, also die Entstehung der psychischen Störung
,
nicht relevant sei. Ent
scheidend für die Entstehung des Anspruchs auf eine Invalidenrente sei einzig, dass während eines Jahres eine mindestens 40%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden
habe und weiterhin eine anspruchsbegründende Erwerbsunfähigkeit bestehe. Di
ese Voraussetzungen seien im vorliegenden Fall erfüllt. Der Gutachter habe explizit festgehalten, dass sich das depressive Zustandsbild als eigenständiges Krankheits
bild manifestiert habe und das psychopathologische Bild (neben der chronischen Schmerzstörung) dominiere. Es sei wahrscheinlich, dass psychosoziale Faktoren mitverursachend für die depressive Erkrankung seien, jedoch seien diese nicht ausschliesslich ursächlich dafür. Insbesondere bestehe
das klinische Beschwerde
bild
der Beschwerdeführerin nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühre
n würden
. Vielmehr liege eine verselbständigte psychische Störung mit Krankheitswert vor. Die Beschwerde
füh
rerin werde leitliniengerecht behandelt und es seien keine medizinischen Mass
nahmen vorhanden, welche eine Verbesserung des Gesundheitszustandes mit sich bringen würden.
Die
Indikatorenprüfung
sei nicht
schlüssig, da sich der Inhalt nicht mit dem Gutachten decke. Der Tagesablauf der Beschwerdeführerin sei trost
los, da sie praktisch keinerlei ausserhäusliche Aktivitäten aufweise noch soziale Kontakte oder Hobbies pflege. Der Beschwerdeführerin zu unterstellen, ihr fehle die Motivation
,
irgendetwas selbst zu mache
n
, sei nicht haltbar.
Im Weiteren seien die pauschalen Aussagen zu den psychosozialen Faktoren wenig über
zeu
gend, zumal die Begriffe «Arbeitslosigkeit, Sozialamt, Ende KTG-TG, Schul
den» faktisch gleichzusetzen seien und allesamt in dieselbe Richtung (finanzielle Prob
leme) gehen würden. Hinzu komme, dass die Beschwerdeführerin seit Juli 2017 nicht mehr vom Sozialamt abhängig sei. Das Argument der IV-Stelle gehe damit ins Leere. Es erschliesse sich in keiner Weise, inwiefern sich der Gesundheits
zustand der Beschwerdeführerin sei
t
3
0.
Juni 2015 wesentlich verbessert haben soll. Die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
von 75
%
ergebe sich einzig aus psychiatrischer Sicht. Auch aus somatischer Sich
t
könne seit Sommer 2015 nicht von einer wesentlichen Verbesserung des Gesundheitszustandes ausgegangen werden. Im psychiatrischen Teilgutachten werde zudem die Vermutung für eine mögliche zusätzliche neurologische Störung geäussert. Diese sei durch die IV-Stelle nicht weiter abgeklärt worden.
3.
3.1
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Neurologie sowie Psychiatrie und Psychothe
rapie,
welcher die Beschwerdeführerin seit 6. März 2015 behandelt,
hielt in seinem Bericht vom 1
5
.
November 2015 (
Urk.
7/54) folgende Diagnosen mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest:
-
Depressive Episode, aktuell mittelgradig bis schwer (ICD-10: F32.1)
-
Schmerzsyndrom
lumbosakral
und
lumbogluteal
bds
. bei Wirbelkör
per
fraktur Deckplatte LWK 4 und V.a. Fraktur LWK 2 unklarer Ursache
-
Schmerzsyndrom Sprunggele
nk
bds
. bei Pseudoarthrose
Subtalargelenk
und St. n.
Subt
alararthrodese
9/2012
Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit führte er folgende Diagnosen auf:
-
Arterielle Hypertonie
-
Chron.
r
ez
. Hämorrhoiden
Hinsichtlich der
erhobenen
Befunde
(S. 3,
Ziff.
4.5)
führte er aus, die Beschwer
deführerin leide an einem depressiven Syndrom mit Antriebsminderung,
Anhe
donie
, soz
ialem
Rückzugsverhalten
sowie
Ein- und Durchschlafstörungen (z.T. auch
schmerzbedingt).
Ausserdem habe sie ein chronisches Schmerzsyndrom der Füsse/Sprunggelenke beidseits und
lumbogluteal
und -sakral ohne neurologische Ausfallsymptomatik.
Er attestierte eine vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit seit Behandlungsbeginn.
3.2
Dr.
med.
C._
, Oberarzt
D._
und
Psychologin
E._
hielten in ihrem Austrittsbericht vom 1
1.
Mai 2017 (
Urk.
7/90
) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest:
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psy
chotische Syndrome (F33.2)
-
Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren mit/bei M96.0 Pseudoarthrose nach Fusion oder
Arthrodese
(F45.41)
(
Sub
talargelenk
beidseits mit Z. n. operativer Versorgung mittels
Subtal
ar
arthrodese
)
-
Intermittierend auftretende
pectangiöse
Beschwerden
-
Intermittierend aufgetretene rechtsseitige Oberbauchschmerzen und Übel
keit
-
Vd
.
a.
Cholecystolithiasis
-
Sonografisch
und laborchemisch aktuell nicht nachweisbar
-
DD kardiale Genes
e
der Beschwerden bei Dauer und Ausprägung und neg. Enzymen eher unwahrscheinlich
-
DD Opiattherapie (dadurch Übelkeit erklärbar DD
morphinduzierter
Gallenblasen-
Sphincterspasmus
)
-
DD
muskuloskelettal
/
Intercostalneuralgie
bei anamnestischer BWK 10
Fx
-
DD psychogen, da sei Jahren bekannt und somatisch aktuell
o.p.B
.
-
Postmenopausale Osteoporose mit pathologischer Fraktur: LWK 4 (MRI LWS 09/15) DXA 11/2015: LWS-1,5
SD, Hüfte links -1,0
SD, Schenkelhals link
s
-1,2
SD (M80.08)
-
Benigne essentielle Hypertonie: ohne Angabe einer
hypertensiven
Krise (I10.00)
-
Aktenanamnestisch: Dissoziative Amnesie (F44.0)
-
Aktenanamnestisch: chronische Fuss- und Rückenschmerzen: mehrere Lokalisationen der Wirbelsäule (M54.80)
-
Pseudoarthrose
Subtalargelenk
, lange Schraube rechts bei St. n. Druck
prob
lematik derselben am
Calcaneus
-
St. n. aufrichtender
Talonavicular
- und
Subtalar-Arthrodese
mit Umstel
lungsosteotomie
Scarf
und Akin
bds
.
-
Tibialis
posterior
Sehneninsuffizienz
bds
.
-
Symptomatische
Hallux
valgus
bds
.
-
Pseudoarthrose
Talonaviculargelenk
link
s
-
St. n.
auftrichtender
Arthrodese
unteres Sprunggelenk
-
Lumbovertebrales
Schmerzsyndrom
-
St. n. LWK-4-Fraktur 09/15
-
MRI 09/2015: Multisegmentale degenerative Veränderung
-
Mehrsegmentale leichte bis mässige spinale und
foraminale
Steno
sie
rungen
-
Schwere Facettengelenkar
th
rose L3/L4 und L4/L5 mit Reizzustand L3/4
-
Al
te Fraktur des LWK 4 und BWK 10
-
Aktenanamnestisch: Anaphylaxie auf Wespenstich
-
Dekompensierte
Knicksenfüssigkeit
bds
.
-
St. n. Korrektur einer symptomatischen
epigastrischen
Hernie rechts sowie kleinen asymptomatischen Narbenhernien
infraumbilikal
Dazu führten sie aus, der Eintritt der Beschwerdeführerin sei freiwillig auf Zu
weisung des ambulanten Psychiaters
Dr.
B._
aufgrund starker Suizid
wünsche vor dem Hintergrund einer bekannten rezidivierenden depressiven Stö
rung erfolgt. Das schwer depressive Zustandsbild mit zusätzlich starker Schmerz
symptomatik der Beschwerdeführerin habe sich bei gutem Ansprechen auf die Aktivierung durch Ergo- und Bewegungstherapie, pharmakologischer Umstellung der antidepres
s
iven un
d schmerzbezogenen Medikation, i
nsbesondere auf die
Eindosierung
von Lithium sowie intensive psychotherapeutische Behandlung durch
greifend und stabil gebessert. Aufgrund eines möglichen Rezidivs sei eine langfristige psychiatrische und psychotherapeutische, regelmässige ambulante Behandlung indiziert (S.
5 f.
).
3.3
Dr.
med.
Z._
, Innere Medizin FMH spez. Rheumaerkrankungen, hielt im
inter
nistisch-rheumatologischen Teilgutachten vom 2
1.
Juni 2017 (
Urk.
7/98/1-91
) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (S. 85):
-
Verminderte Belastbarkeit und Beschwerden beider Füsse links mehr als rechts
-
bei kongenitalen schweren Knick-Senkfüssen beidseits und
Hallux
valgus
beideits
mit mehreren Fussoperationen
-
Verminderte Belastbarkeit und Beschwerden der LWS bei
-
Multisegmentalen degenerativen Veränderungen mit schweren
Facette
gelenksarthrosen
L3/L4 und L4/L5 sowie leichten bis mässigen spinalen und
foraminalen
Stenosen ohne Kompression neurogener Strukturen (MRI 03/2016) sowie
-
Status nach alten mässigen
osteoporotischen
Fraktur
en LWK 4 und BWK 10 mit stabilem
Verlauf ohne zunehmende Sinterung (Röntgen 12/2016 gegenüber Röntgen 09/2015)
Zudem stellte sie folgende Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 85):
-
Nikotin-Abusus
-
Ausgedehnte chronische Schmerzen
-
Adipositas Grad I (BMI 33.9 kg/m
2
)
-
Hypercholesterinämie (7.8 mmol/l)
-
Arterielle Hypertonie mit medikamentöser Therapie und unauffälligen kardiologischen Befunden (09/2012) mit klinisch und elektrografisch normalem Arbeitsversuch
-
Leichte
medialbetonte
Gonarthrose links mit
F
emoropatellararthrose
und kleine
Bakercyste
bei sonst intakten Kniebinnenstrukturen (MRI 09/2011)
-
Osteoporose
(Erstdiagnose 11/2015 mit DEXA)
-
Status nach Varizen-Operation beidseits (11/2008)
Dazu führte sie aus,
d
ie Beschwerdeführerin benötige eine Fuss- und LWS-schonende Tätigkeit. Dabei könne sie bei einem leichten Belastungsniveau Lasten bis zu 10
kg hantieren.
In einer angepassten Tätigkeit sei sie zu 100 % arbeits
fähig.
Leichte Reinigungsarbeiten wie Aufräumen oder Staub wischen könne sie ausüben. Besonders günstig sei die angestammte Tätigkeit als Sitzwache im
F._
bzw. in der
G._
. Günstig sei auch die erlernte Tätigkeit als Verkäuferin. Die Beschwerdeführerin könne uneingeschränkt kleine leichte Gegenstände wie Smartphones, Schmuck oder Billetts verkaufen
(S. 89)
.
3.4
Prof.
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neu
rologie, führte in seinem psychiatrischen Teilgutachten vom
1.
u
nd 17. Juni 2017 (
Urk.
7/95/1-70) folgende Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit auf (S.
67):
-
Rezidivierende depressive Störung; mindestens seit 04/2016 anhaltend; im Verlauf mittelgradig bis schwer; zeitweilig mit psychotischen Sympto
men: ICD-10: F33.1/2
-
Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren; teilweise erfüllte Standardindikatoren; ICD-10: F45.41
Zudem stelle er folgende Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (S. 67):
-
Probleme in V
erbindung mit Ausbildung und Bildung; ICD-10: Z55
-
Probleme mit Berufstätigkeit und Arbeitslosigkeit; ICD-10: Z56
-
Probleme in Verbindung mit Wohnbedingungen und ökonomischen Ver
hält
nissen; ICD-10: Z59
Des Weiteren gab er an
, bei der Beschwerdeführerin würden auf psychiatrischem Fachgebiet mittelschwere bis schwere Fähigkeitsstörungen mit
handicapierender
Auswirkung auf die mittel- und langfristige Arbeitsfähigkeit bestehen.
In der Abgrenzung der Funktionseinschränkungen, welche auf die vorgenannten psy
chia
trischen Störungen zurückzuführen seien, von den Folgen nicht versicherter Faktoren, sei zu erwähnen, dass die depressive Psychopathologie durch psycho
soziale Faktoren mitverursacht und aufrechterhalten werde. In allen Berichten der behandelnden Psychiater werde hierauf hingewiesen. Das depressive Zustandsbild erfahre auch durch die chronische Schmerzerkrankung eine Verstärkung, habe sich jedoch seit dem zweiten stationären Aufenthalt in der
D._
als eigenständiges Krankheitsbild manifestiert und dominiere neben
der chronischen Schmerzstörung das psychopathologische Bild
(S. 65)
.
Ausserdem führte er aus, bei der Beschwerdeführerin liege prämorbid keine nach
halti
ge Störung der Ich-Strukturen
vor. Eine Minderung der psychischen Resilienz sei durch hereditäre Faktoren nicht bestehend. Zwar liege im Rahmen der psy
chiatrischen Erkrankungen ein sozialer Rückzug vor, jedoch sei dieser Rückzug nicht vollumfänglich. Die Beschwerdeführerin habe eine gewisse familiäre Teil
habe in der Exploration angegeben. Die Komorbiditäten der chronischen Schmerz
störung mit der rezidivierenden Depression sei als sich gegenseitig verstärkende Konstellation zu beschreiben. Durch die Schmerzen komme es zu einer Verstär
kung der Depression. Hierdurch sei die subjektive Schmerzwahrnehmung erhöht, so dass ein sich negativ befruchtender Teufelskreislauf entstehe. Der Gutachter kam zum Schluss, dass die Standardindikatoren teilweise als positiv gewertet werden müss
t
en und aus medizinischer Sicht die Überwindung ihrer Schmerzen teilweise erschwer
t sei
(S. 65
)
.
Aufgrund der krankheitsbedingten Fähigkeitsstörungen sei die Beschwerde
füh
re
rin aus rein psychiatrischer Sicht in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit und in adap
tierten Tätigkeit
en
zu 70
%
bis 80
%
in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Diese Einschätzung gelte seit dem Bericht des behandelnden Psychiaters
Dr.
B._
vom 1
5.
November 2015, da dort eine mittelgradig bis schwere Depression erst
malig nachvollziehbar beschrieben worden sei. Das Störungsbild sei mit gewissen Schwankungen seither anhaltend. Während der stationären Aufenthalte habe definitionsgemäss eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden (S. 66).
4.
4.1
Die
eingeholte
n
Gutachten (E. 3.3 und E. 3.4 hiervor) beru
h
en auf den erfor
derlichen Untersuchungen, sind für die streitigen Belange umfassend und wurden in Kenntnis der und in Auseinandersetzung mit den fallrelevanten
Vorakten
erstellt.
Die Gutachter legten die medizinischen Zusammenhänge einleuchtend dar, beurteilten die medizinische Situation überzeugend und setzten sich mit den geklagten Beschwerden und dem Verhalten der Beschwerdeführerin auseinander. Sie gelangten sodann zum ausführlich begründeten Schluss,
dass
aus rheuma
tologischer Sicht in optimal angepasster Tätigkeit keine Arbeitsunfähigkeit be
steht. Auch die Feststellung einer lediglich im Umfang von noch 20 % bis 30 % verbleibenden Arbeitsfähigkeit aus psychischen Gründen erscheint schlüssig, dies namentlich aufgrund der gutachterlich festgehaltenen mannigfaltigen und als erheblich einschränkend imponierenden Befunden.
Das
bidisziplinäre
Gutachten entspricht damit den rechtsprechungsgemässen Anforderungen an eine beweis
kräftige medizinische Entscheidungsgrundlage (vgl. E. 1.4 hiervor). Dies wird von den Parteien grundsätzlich auch nicht bestritten. Umstritten ist hingegen, ob
die
aufgrund der psychischen Beschwerden
attestierte
Einschränkung der Arbeits
fähigkeit
rechtlich relevant ist
.
4.2
Nach der Rechtsprechung ist es in sämtlichen Fällen gesundheitlicher Beein
trächtigungen, somit auch bei psychischen Störungen, keineswegs allein Sache der mit dem konkreten Einzelfall (gutachterlich) befassten Arztpersonen, selber abschliessend und für die rechtsanwendende Stelle (Verwaltung, Gericht) ver
bind
lich zu entscheiden, ob das
medizinisch festgestellte Leiden
zu einer (andau
ernden oder vorübergehenden) Arbeitsunfähigkeit (bestimmter Höhe und Ausprä
gung) führt. Aufgrund dieser tatsächlichen und rechtlichen Gegebenheiten hat die Rechtsprechung seit jeher die Aufgaben von Rechtsanwender und Arztperson im Rahmen der Invaliditätsbemessung wie folgt verteilt: Sache des (begutach
tenden) Mediziners ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu beschreiben, das heisst mit den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersuchung unter Berücksichtigung der subjektiven Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf die Diagnose zu stellen. Hiermit erfüllt der Sachverständige seine genuine Aufgabe, wofür Verwaltung und im Streitfall Gericht nicht kompetent sind. Bei der Folgenabschätzung der erhobenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit kommt der Arztperson hingegen keine abschliessende Beurteilungskompetenz zu (BGE 140 V 193 E. 3.1 und 3.2). Von einer
medizinischen Einschätzung der Arbeitsun
fähigkeit kann damit aus rechtlicher Sicht abgewichen werden, ohne dass ein - wie vorliegend grundsätzlich beweiskräftiges - Gutachten dadurch seinen Beweis
wert verlöre (vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts 9C_106/2015 vom
1.
April 2015 E. 6.3). Das Vorliegen einer allfälligen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit gilt es nachfolgend zu prüfen.
5.
5.1
Die Beschwerdeführerin leidet seit
ca. März 2015
an einer mittelgradigen bis schweren depressiven Störung.
Die Annahme eines psychischen Gesundheits
schadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassi
fikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich ein
wandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleich
bedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beein
trächtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diag
nose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objekti
vierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Gemäss der für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychoso
matische Leiden entwickelten Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die tatsäch
liche Arbeits- und Leistungsfähigkeit der versicherten Person grundsätzlich in einem strukturierten, ergebnisoffenen Beweisverfahren anhand von auf den funk
tionellen Schweregrad bezogenen Standardindikatoren zu ermitteln (BGE 141 V 281). Mit BGE 143 V 418 hat das Bundesgericht erkannt,
dass grundsätzlich sämtliche psychische Leiden einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen seien, wobei es je nach Krankheitsbild allenfalls gewissen Anpassungen hinsichtlich der Wertung einzelner Indikatoren bedürfe. Diese Ab
klärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechts
erheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (E. 7).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens sind als Standardindikatoren die folgenden Aspekte massgebend (BGE 141 V 281 E. 4.1.3):
Funktioneller Schweregrad
-
Gesundheitsschädigung
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
-
Komorbiditäten
-
Persönlichkeit: Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Ressourcen
-
sozialer Kontext
Konsistenz (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungs
anamnestisch
ausgewiesener Leidensdruck
Diese
Standardindikatoren erlauben - unter Berücksichtigung leistungshin
dernder
äusserer
Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotenzialen (Res
sourcen) anderseits - das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzu
schät
zen (BGE 141 V 281 E. 3.4-3.6 und E. 4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_2
60/2017 vom 1. Dezember 2017 E.
4.2.3).
Die Anerkennung eines renten
begründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Aus
wirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit
(zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es dar
an, hat die Folgen der Beweislosigkeit (nach wie vor) die materiell beweisbe
lastete versicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2).
5.2
5.2.1
Was den Komplex «Gesundheitsschädigung» respektive den Indikator der «Aus
prägung der diagnoserelevanten Befunde» angeht, ist festzuhalten, dass nur dort, wo bereits in den Diagnosekriterien ein Bezug zum Schweregrad gefordert wird, ein solcher nicht erreichter Schweregrad gegebenenfalls bereits den Ausschluss einer krankheitswertigen Störung erlauben würde. Verallgemeinert auf sämtliche psychische Diagnosen angewendet, greift diese Auffassung jedoch zu kurz. Fehlt in der Diagnose die Schweregradbezogenheit, zeigt sich die Schwere der Störung in ihrer rechtlichen Relevanz erst bei deren funktionellen Auswirkungen (vorge
nannter BGE 143 V 418 E. 5.2.2). Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin hat sich seit
ihrer Operation mit
Subtalararthrodese
beidseits im September 2012 zunehmend verschlechtert,
wobei es im November 2014 zu einer akuten Zu
stands
verschlechterung und einer Aufnahme in die
D._
gekommen ist.
Die Beschwerdeführerin
leidet seither
nach übereinstim
men
den Aussagen der behandelnden Fachärzte und de
r
Gutac
hter
an einer mittel
gradigen bis schweren depr
essiven Störung mit
einer
mindestens 70%i
gen
Ein
schränkung der Arbeitsfähigkeit. In Bezug auf den funktionellen Schweregrad erweist sich der Indikator der diagnoserelevanten Befunde damit als mindestens mittelgradig ausgeprägt. Psychosoziale Faktoren, welche rechtlich keine Invalidi
tät zu begründen vermögen, sind zwar vorhanden, doch hat sich das depressive Zustandsbild seit dem zweiten stationären Aufenthalt in der
D._
als eigenstän
diges Krankheitsbild manifestiert (E. 3.4 hiervor).
5.2.2
Bezüglich des Indikators «Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder
–
resi
ste
nz
» hat sich der Gesundheitszustand seit
März 2015
trotz psychiatrisch-psycho
the
rapeutischer Behandlung mit Gesprächen, mehreren stationären Aufenthalten sowie einer Psychopharmakotherapie weiter verschlechtert.
Dr.
A._
führte dazu aus, die Beschwerdeführerin könne in einer somatisch leidensadaptierten Tätigkeit in geringem Umfang eingegliedert werden. Zur Tagesstrukturierung empfehle sich dies zunächst im geschützten Rahmen.
Auch könnte nach Angaben der
D._
eine Tagesstrukturierung per tagesklinischem Aufenthalt zur Stabili
sie
rung der psychischen Situation beitragen und gegebenenfalls die Arbeitsfähigkeit erhöhen (
Urk.
7/95/63). Die bisher durchlaufenen
Massnahmen und geringen Er
folge lassen ebenfalls auf eine mittelgradige bis schwere Ausprägung der Sympto
matik schliessen.
5.2.3
Störungen fallen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich be
deut
same Komorbiditäten in Betracht, wenn ihnen im konkreten Fall ressourcen
hemmende Wirkung beizumessen ist
(vorgenannter BGE 143 V 418 E.
8.1). Die Beschwerdeführerin leidet an Fussbeschwerden, aufgrund welcher sie ihre ange
stammte Tätigkeit als Raumpflegerin nicht mehr ausüben kann. Zudem besteht eine rezidivierende depressive Störung sowie eine chronische Schmerzstörung. Die chronische Schmerzstörung mit der rezidivierenden Depression ist als sich
gegenseitig verstärkende Konstellation zu betrachten. Durch die Schmerzen kommt
es folglich zu einer V
erstärkung der Depression (Urk.
7/95/65). Die genannten Diagnosen sind mit deutlichen Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit verbunden und führen zu deutlichem subjektiven Leid. Als «Komorbiditäten» zu berücksichtigende krankheitswerte Störungen sind damit ausgewiesen.
5.2.4
Bei den Komplexen «Persönlichkeit» und «sozialer Kontext» ergibt sich Folgendes:
Die Beschwerdeführerin ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder, die nicht mehr zusammen mit ihr im gleichen Haushalt leben. Sie ist in Montenegro unter unauffälligen psychosozialen und stabilen emotionalen Verhältnissen aufge
wach
sen
und hat dort den Beruf der Verkäuferin gelernt. In der Schweiz hat sie schliesslich als Raumpflegerin gearbeitet. Zu den Kindern hat die Beschwerde
führerin nur wenig Kontakt, da sie sich überfordert fühlt (Urk. 7/95/47). Ein soziales Netzwerk
hat die Beschwerdeführerin nicht und hat sich infolge ihrer Krankheit zurückgezogen. So hat sie keine Kollegen oder Freundinnen und ist auch keinem Verein zugehörig. Weitere regelmässige Kontakte zu etwaigen Ver
wandten sind nicht ersichtlich
(Urk. 7/95/48)
. Der soziale Lebenskontext und die Persönlichkeit enthalten somit keine bestätigenden
,
sich potenziell günstig auf die Ressourcen auswirkenden Faktoren.
5.2.5
In der Kategorie «Konsistenz» (bezüglich Abgrenzung und gegenseitigen Bezügen zu den Komplexen «Persönlichkeit» und «sozialer Kontext» eingehend Michael E. Meier, Ein Jahr neue Schmerzrechtsprechung, in:
Jusletter
vom 1
1.
Juli 2016, S. 28 ff.) zielt der Indikator
«gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen» auf die Frage ab, ob die diskutierte Einschränkung in Beruf und Erwerb (bzw. bei Nichterwerbstätigen im Aufgaben
bereich) einerseits und in den sonstigen Lebensbereichen (z.B. Freizeitgestaltung) anderseits gleich ausgeprägt ist. Dabei ist das bisherige Kriterium des sozialen Rückzugs (wiederum) so zu fassen, dass neben Hinweisen auf Einschränkungen auch Ressourcen erschlossen werden; umgekehrt kann ein krankheitsbedingter Rückzug aber auch Ressourcen zusätzlich vermindern. Soweit
erhebbar
, empfiehlt sich auch ein Vergleich mit dem Niveau sozialer Aktivität vor Eintritt der Gesundheitsschädigung. Das Aktivitätsniveau der versicherten Person ist stets im Verhältnis zur geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit zu sehen (BGE 141 V 281 E. 4.4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.1).
Bei der Beschwerdeführerin besteht ein deutlicher sozialer Rückzug, da sie ferner den Kontakt mit ihren eigenen Kindern scheut und auch anderweitig keine Kon
takte oder Beschäftigungen vorweisen kann. Die Beschwerdeführerin vermag zwar ab und zu mit dem Ehemann eine Runde spazieren zu gehen oder TV zu schauen, die Hausarbeit wird jedoch komplett von ihrem Mann erledigt. Sie i
s
st nur unregelmässig und kocht weder Mittag- noch Abendessen. Aufgrund der
schmerzbedingten Schlafstörungen steht die Beschwerdeführerin bereits zwischen
03.00 Uhr und 05.00 Uhr auf und legt sich vor dem Mittagessen wieder hin
Urk.
7/95/52)
. Die Einschränkungen im Alltag sind als mittelgradig bis schwer zu betrachten und
sind
damit
mit
der gutachterlich geltend gemachten Arbeitsun
fähigkeit von 70
%
bis 80
%
vereinbar
.
5.2.6
Im Rahmen des Indikators «behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck» (zur Abgrenzung vom Indikator «Behandlungs- und
Eingliederungserfolge oder -resistenz» vgl. Michael E. Meier, a.a.O., S. 25
Rz
60) weist die
Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen, das heisst das Aus
mass, in welchem Behandlungen wahrgenommen oder eben vernachlässigt werden
(ergänzend zum Gesichtspunkt Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder
–
resi
stenz
unter dem Komplex «Gesundheitsschädigung») auf den tatsächlichen Leidensdruck hin. Dies gilt allerdings nur, solange das betreffende Verhalten nicht durch das laufende Versicherungsverfahren beeinflusst ist. Nicht auf fehlenden Leidensdruck zu schliessen ist, wenn die Nichtinanspruchnahme einer empfoh
lenen und zugänglichen Therapie oder die schlechte Compliance klarerweise auf eine (unabwendbare) Unfähigkeit zur Krankheitseinsicht zurückzuführen ist. In ähnlicher Weise zu berücksichtigen ist das Verhalten der versicherten Person im Rahmen der beruflichen (Selbst-) Eingliederung. Inkonsistentes Verhalten ist auch hier ein Indiz dafür, die geltend gemachte Einschränkung sei anders begründet als durch eine versicherte Gesundheitsbeeinträchtigung (BGE 141 V 281 E. 4.4.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.2).
Die Beschwerdeführerin ist seit März 2015 - mithin seit über 4 Jahren - bei
Dr.
B._
in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung mit seitheri
gen
regelmässigen Gesprächen und einer Psychopharmakotherapie. Sie hat bereits drei stationäre Aufenthalte in der
D._
hinter sich, welche je
weils eine nur vorübergehend andauernde Verbesserung gebracht haben. Anläss
lich der Begutachtung durch
Dr.
A._
und
Dr.
Z._
waren alle geprüften Medikamente im therapeuti
schen Bereich nachweisbar (Urk.
7/95/63 und
Urk.
7/98/76). Hinweise auf eine mangelnde
Medikamentencompliance
oder inkonsistentes Verhalten hinsichtlich der Terminwahrnehmungen konnten nicht festgestellt werden. In Anbetracht der mehrjährigen intensiven Behandlung ist von einem ausgewiesenen Leidensdruck auszugehen.
5.2.7
Bei gesamthafter Betrachtung über die massgeblichen Indikatoren ist
–
über
einsti
mmend mit den Gutachtern und dem behandelnden Psychiater
- eine medi
zinisch-gesundheitliche Anspruchsgrundlage, welche zur Anerkennung einer aus psychischen Gründen
seit
März
2015
zu
70
%
bis 80
%
eingeschränkten Arbeits
fähigkeit in einer angepassten Tätigkeit führt, mit überwiegender Wahrschein
lichkeit ausgewiesen.
Dass die psychischen Beschwerden, wie dies die Beschwer
degegnerin annimmt, ausschliesslich aufgrund psychosozialer Faktoren entstan
den sind (Urk. 7/107/9), ergibt sich nicht aus den Akten und wäre für sich auch kein Argument gegen einen Leistungsanspruch. Denn wenn und soweit
psycho
sozial
e und soziokul
tu
relle
Faktoren zu einer eigentlichen Beeinträchtigung der psychischen Integrität führen, indem sie einen verselbständigten Gesundheits
schaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner – unabhängig von den invaliditätsfremden Ele
menten bestehenden – Folgen verschlimmern, können sie sich mittelbar invalidi
tätsbegründend auswirken (Urteil des Bundesgerichts 9C_537/2011 vom 28. Juni 2012 E. 3.2 mit Hinweisen).
Gutachter Dr.
A._
verwies seinerseits auf bestehende psychosoziale Belas
tungs
faktoren, welche die Psychopathologie mitverursachen und aufrecht erhal
ten. Er fasste diese Umstände in seinen Diagnosen Probleme in Verbindung mit Ausbildung und Bildung (ICD-10 Z 55), Probleme mit Berufstätigkeit und Arbeits
losigkeit (ICD-10 Z 56) sowie Probleme in Verbindung mit Wohnbedingungen und ökonomischen Verhältnissen (ICD-10 Z 59), welchen er indes allesamt keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit beimass. Er verwies im Gegenteil auf die chronische Schmerzerkrankung, welcher er eine verstärkende Auswirkung zu
mass und hielt fest, dass sich das depressive Zustandsbild mittlerweile als eigen
ständiges Krankheitsbild manifestiert hat (Urk. 7/95/65 und 67). Bei dieser Aktenlage kann die psychiatrische Pathologie nicht als ausschliesslich psycho
sozial bedingt gefasst werden.
5.3
In zeitlich
er Hinsicht ergibt sich, dass d
e
r
Anlass zur Anmeldung bei der Inva
lidenversicherung gebende Fussproblematik per Sommer 2015 soweit abge
klungen war, dass der Beschwerdeführerin wieder eine Arbeitstätigkeit, wenn auch in leidensangepasster Form, wieder vollzeitlich zumutbar war. Dr. med.
H._
, Facharzt für Chirurgie, vom regionalen ärztlichen Dienst der Be
schwer
degegnerin diagnostizierte am 30. Juni 2015 (Urk. 9/47) nach Untersu
chung der Beschwerdeführerin schwere Knick-Senkfüsse bei Status nach aufrich
tender
Talonavicular-Arthrodese
sowie
Arthrodese
unters Sprunggelenk und
Scarf
-Osteotomie rechts (September 2012) sowie Schraubenentfernung
Calcaneus
rechts (September 2013) und einen Status nach aufrichtender
Arthrodese
unteres Sprunggelenk und
talonavicular
sowie
Scarf
-Osteotomie links (Februar 2014). Er schilderte einen normalen Verlauf der
Arthrodesen
rechts, diejenige am linken Fuss sei indes deutlich verzögert verlaufen mit Entwicklung eines Verdachts auf eine
Pseudarthrose
(S. 8). Aufgrund seiner Untersuchungen ging Dr.
H._
von einer vollumfänglichen Arbeitsunfähigkeit in angestammter Tätigkeit als Raum
pflegerin aus, erachtete eine angepasste Tätigkeit (überwiegend sitzend aus
zuübende Tätigkeit mit minimaler Wechselbelastung) indes als vollzeitlich zu
mut
bar (S. 8 f.).
Die Annahme einer gesundheitlichen Verbesserung per Juni 2015 in Bezug auf die Fussproblematik ist demgemäss überwiegend wahrscheinlich zutreffend. Aller
dings hatte sich ab März 2015 die psychiatrische Pathologie etabliert und
die Beschwerdeführerin war deswegen vollumfänglich arbeitsunfähig (E. 3.1). Di
ese Annahme des Hausarztes wurde später durch den Fachgutachter in dem Sinne bestätigt, als auch er von einer erheblichen Arbeitsunfähigkeit (70 - 80 %) aus
ging. Demgemäss sind die erwerblichen Auswirkungen der verbleibenden Arbeits
fähigkeit per Juni 2015 zu prüfen.
6.
Die Beschwerdegegnerin stellte einem
Valideneinkommen
von Fr. 61'754.-- ein Invalideneinkommen (bei einer 100%igen Arbeitsfähigkeit basierend auf den Tabellenlöhnen des Bundesamtes für Statistik ohne Gewährung eines Abzuges vom Tabellenlohn) von Fr. 52'842.-- gegenüber (Urk. 2). Die Basiszahlen blieben unbestritten und geben zu keinen Weiterungen Anlass. Hieraus ergibt sich, dass bei Zugrundelegung einer 70 bis 80%igen Arbeitsunfähigkeit ein Invaliditätsgrad von über 70 % und damit ein Anspruch auf eine ganze Rente auch über Septem
ber 2015 hinaus resultiert.
7
.
Demzufolge ist die angefochtene Verfügung (
Urk.
2) in Gutheissung der Be
schwer
de aufzuheben mit der Feststellung, dass die Beschwerdeführerin
auch übe
r September 2015 hinaus
weiterhin Anspruch auf eine ganze Invalidenrente hat.
8
.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfah
rens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Damit erweist sich das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Pro
zess
führung (
Urk.
1 S.
2) als gegenstandslos.