Decision ID: 60ed5f19-2ae1-5f05-b156-678c602d6500
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 11. Juni 2021 in der Schweiz um Asyl
nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) ergab, dass er am 18. Dezember 2015 in Schweden,
am 21. Juni 2019 in Frankreich und am 6. April 2021 in Deutschland dak-
tyloskopisch erfasst wurde respektive jeweils ein Asylgesuch eingereicht
hatte.
B.
Am 17. Juni 2021 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zugewie-
sene Rechtvertretung.
C.
Im Rahmen der Personalienaufnahme (PA) vom 18. Juni 2021 gab er an,
er habe Afghanistan im Jahr 2015 verlassen und sei in Europa zuerst nach
Deutschland eingereist.
D.
Am 22. Juni 2021 fand das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO), statt.
Dabei brachte der Beschwerdeführer bezüglich seines Asylverfahrens in
Schweden vor, einen negativen Entscheid erhalten zu haben. In Frankreich
sei er – ohne jemals eine Asylverfügung erhalten zu haben – für 18 Monate
geduldet worden. Jedoch sei er dort von farbigen Drittpersonen belästigt
und misshandelt worden. In Deutschland habe er sich nur auf der Durch-
reise befunden, sein eigentliches Ziel sei die Schweiz gewesen.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur mutmasslichen Zuständigkeit
Schwedens zur Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens
brachte der Beschwerdeführer vor, er würde nach Afghanistan abgescho-
ben werden, wo er wegen den Taliban und seiner Homosexualität den Tod
befürchte. Bezüglich Frankreich führte er aus, dort gebe es viele farbige
Personen, die ihm nachsetzen würden; das gefalle ihm nicht. Dies habe er
auch schon der französischen Polizei gemeldet. Auch in Deutschland sei
er in einer Gemeinschaftsunterkunft mit einem Messer bedroht worden.
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Zum medizinischen Sachverhalt brachte er vor, es gehe ihm körperlich, wie
all seine Narben von Schlägen und Messerstichen herkommend belegen
würden, nicht gut. In psychischer Hinsicht sei er bereits verstorben, zumal
er nicht verstehe, weshalb er in Europa kein Asyl erhalte. Er nehme keine
Medikamente, da ihn diese nur verrückt machen würden. Wenn er nach
Schweden, Frankreich oder Deutschland geschickt würde, würde er sich
mit einem Messer umbringen.
E.
Gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO ersuchte die Vorinstanz am
22. Juni 2021 die deutschen Behörden um Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers. Dieses Gesuch wurde am 25. Juni 2021 abgelehnt und
dahingehend begründet, die französischen Behörden hätten einer Über-
nahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO
bereits zugestimmt.
F.
Sodann ersuchte das SEM am 28. Juni 2021 die französischen Behörden
um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers (Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO). Diesem Gesuch wurde am 12. Juli 2021 stattgegeben.
G.
Mit Verfügung vom 13. Juli 2021 – eröffnet am 14. Juli 2021 – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Wegweisung aus
der Schweiz nach Frankreich und deren Vollzug an und forderte ihn auf,
die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu ver-
lassen. Ferner hielt es fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den
Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme, und händigte ihm die
editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
H.
Am 14. Juli 2021 wurde das Mandatsverhältnis zwischen der Rechtsver-
tretung und dem Beschwerdeführer beendet.
I.
Mit Eingabe vom 20. Juli 2021 erhob der Beschwerdeführer gegen den
Nichteintretensentscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er
beantragt, die Vorinstanz sei nach Aufhebung der Verfügung anzuweisen,
auf sein Asylgesuch einzutreten und sich für sein Asylverfahren für zustän-
dig zu erklären. Eventualiter sei die Verfügung zu kassieren und die Sache
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zur erneuten Sachverhaltsfeststellung und Begründung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Im Sinne vorsorglicher Massnahmen sei die aufschie-
bende Wirkung der Beschwerde zu erteilen und die Vollzugsbehörden an-
zuweisen, von einer Überstellung nach Frankreich abzusehen, bis das
Bundesverwaltungsgericht über die Beschwerde entschieden habe. Ferner
sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses zu verzichten.
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 21.
Juli 2021 in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
K.
Am 21. Juli 2021 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegwei-
sung per sofort einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5
E. 3.1; BVGE 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf
Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
4.
Der Rückweisungsantrag ist abzuweisen, da dieser in der Beschwerde
nicht weiter begründet wird und auch keine formellen Mängel erkennbar
sind.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft die Vorinstanz die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-
VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat
für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt die Vorinstanz, nachdem
der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zu-
gestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
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erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah-
men des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet
grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-
III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
5.3 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert und die Vorinstanz kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung
«aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss
Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völker-
rechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl.
BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, sich vor seiner Einreise in die
Schweiz in Frankreich aufgehalten und dort ein Asylgesuch eingereicht zu
haben, was sich als zuständigkeitsbegründend erweist (Art. 13 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO). Nachdem die französischen Behörden innerhalb der in Art. 25
Abs. 2 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der
Vorinstanz zugestimmt haben, ist die grundsätzliche Zuständigkeit Frank-
reichs gegeben.
6.2 In der Rechtsmitteleingabe wird aber mit Hinweis auf verschiedene
menschenrechtliche Berichte auf die desolate Lage von Asylsuchenden in
Frankreich hingewiesen. So hätten diese – auch Dublin-Rückkehrende –
meist keinen Zugang zu einer Unterkunft. Wie der Beschwerdeführer schon
anlässlich des Dublin-Gesprächs ausgeführt habe, habe er während
18 Monaten auf der Strasse gelebt, weswegen er des Öfteren verschie-
dene Probleme mit anderen Personen gehabt habe und verprügelt worden
sei. Diesbezüglich habe er sich auch an die Polizei gewandt. Ferner hätten
Asylsuchende erst nach drei Monaten Zugang zum französischen Gesund-
heitssystem, was fatale Auswirkungen auf die psychische Gesundheit des
Beschwerdeführers habe. Für Folteropfer stünden dort überdies nicht spe-
zielle Zentren zur Verfügung; die "regulären" Dienstleister seien aber keine
realistische Option für Folteropfer oder traumatisierte Asylsuchenden. Auf-
grund dieser systemischen Defizite setze die Schweiz mit der Überstellung
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des Beschwerdeführers diesen der Gefahr einer unmenschlichen oder ent-
würdigenden Behandlung aus (Art. 3 EMRK). Hinzu komme die Gefahr ei-
ner Kettenabschiebung nach Afghanistan, was dem Gebot des Non-Refou-
lement widerspreche.
7.
7.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist vorerst zu prüfen, ob es
wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende in Frankreich würden systematische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta (respektive Art. 3 EMRK) mit sich bringen würden.
7.2 Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, ist Frankreich ein Signa-
tarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zu-
satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301), hat diese Ab-
kommen unterzeichnet und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtli-
chen Verpflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser
Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus
den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU
vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und
Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) so-
wie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
7.3 Der Beschwerdeführer macht mit Hinweis auf seine Erlebnisse wäh-
rend des 18-monatigen Aufenthalts in Frankreich – kein Zugang zu einer
Unterkunft oder zu einer medizinischen Versorgung sowie Probleme mit
Drittpersonen – Mängel im französischen System geltend. Gemäss Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wiederaufnahmeverfahren
liegen indes im heutigen Zeitpunkt keine Gründe für die Annahme vor, das
Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Frank-
reich wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze
2 und 3 Dublin-III-VO auf (vgl. hierzu u.a. Urteile BVGer F-2682/2021 vom
23. Juni 2021 E. 7.2 und F-2608/2021 vom 9. Juni 2021 E. 5, je m.w.H.).
Das Bundesverwaltungsgericht anerkennt zwar, dass die Situation von
Asylsuchenden in Frankreich schwierig sein kann, jedoch gelingt es dem
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Beschwerdeführer mit seinen Angaben nicht, substantiiert darzulegen,
dass ihm in Frankreich die adäquate Unterstützung und Unterbringung
grundsätzlich verweigert worden wäre, und dass er sich erfolglos bemüht
hätte, diese gegebenenfalls auf dem Rechtsweg (Art. 26 der Aufnahme-
richtlinie) einzufordern. Mit seinem äusserst pauschalen Argument, er habe
sich erfolglos an die französische Polizei gewandt, vermag er sodann nicht
darzutun, dass es grundsätzlich unmöglich wäre, an die zuständigen Be-
hörden zu wenden, um nötigenfalls Schutz vor Übergriffen durch Drittper-
sonen zu erhalten. Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO nicht gerechtfertigt.
8.
8.1 Die Vermutung, wonach Frankreich als Mitglied des Gemeinsamen Eu-
ropäischen Asylsystems und Vertragsstaat der vorstehend erwähnten völ-
kerrechtlichen Abkommen die Menschenrechte beachtet, kann im Einzel-
fall widerlegt werden. Die antragstellende Person hat dazu jedoch konkret
darzulegen respektive mindestens glaubhaft zu machen, dass eine aktu-
elle und ernsthafte Gefahr einer Verletzung einer direkt anwendbaren
Norm des Völkerrechts droht (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.). In diesem Zu-
sammenhang ist zu prüfen, ob allenfalls das Selbsteintrittsrecht nach
Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO (Art. 29a Abs. 3 AsylV 1) – wie be-
antragt – auszuüben ist.
8.2
8.2.1. Entgegen der Behauptung des Beschwerdeführers sind vorliegend
keine konkreten Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass er im Falle einer
Wegweisung nach Frankreich wegen der dortigen Aufenthaltsbedingungen
in eine existentielle Notlage geraten würde. Die angeblich erfahrene Ob-
dachlosigkeit wird nicht ansatzweise konkret dargelegt. Sollte der Be-
schwerdeführer bei seiner Rückkehr in Frankreich als asylsuchende Per-
son nicht grundrechtskonform, das heisst insbesondere unter Gewährleis-
tung einer menschenwürdigen Notversorgung, untergebracht werden,
hätte er dies nötigenfalls gemäss Art. 26 der Aufnahmerichtlinie auf dem
Rechtsweg einzufordern (vgl. Urteile BVGer F-2189/2020 vom 26. Oktober
2020 E. 5.3 und F-4865/2020 vom 8. Oktober 2020 E. 5.1), wobei er sich
zur Unterstützung nötigenfalls auch an eine der vor Ort tätigen karitativen
Organisationen wenden kann.
8.2.2. Der Beschwerdeführer bringt sodann in genereller Weise vor, Asyl-
suchende hätten in Frankreich erst nach drei Monaten Zugang zu einer
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Krankenversicherung und würden vorher nur in absoluten Notfällen behan-
delt. Aus dieser ebenfalls pauschalen Behauptung lässt sich nichts zu sei-
nen Gunsten ableiten. Hinsichtlich des medizinischen Sachverhaltes ist
festzustellen, dass der Beschwerdeführer aufgrund der geltend gemachten
gesundheitlichen (insbesondere psychischen) Probleme, welche er auf
den Umstand zurückführt, dass kein europäisches Land ihm den Asylstatus
zuerkennen wolle (SEM-Akte A13) nicht in ärztlicher Behandlung steht.
Das SEM war im Übrigen aufgrund seiner Angaben nicht zu weiteren Ab-
klärungen angehalten. Festzuhalten ist, dass bekannt ist, dass Frankreich
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt und es darf da-
von ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer dort im Bedarfsfall
medizinische Betreuung – auch in psychischer Hinsicht, obwohl «Psycho-
logen nichts bringen würden» (SEM-Akte A13) – finden wird (vgl. Art. 19
der Aufnahmerichtlinie).
Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob-
lemen kann sodann nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Eine vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwer-
kranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizini-
scher Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert wür-
den, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichem Verschlechterung ih-
res Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 20126,
Grosse Kammer Nr. 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.). Eine solche Krankheit
liegt beim Beschwerdeführer offenkundig nicht vor. Hinsichtlich der geltend
gemachten Suizidgedanken ist festzuhalten, dass gemäss bundessgericht-
licher Rechtsprechung Suizidalität für sich allein kein Vollzugshindernis
darstellt (vgl. Urteil BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2), was auch
der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. z.B. Urteil
BVGer F-27/2021 vom 25. Februar 2021 E. 9.2 m.w.H.). In solchen Fällen
sind die schweizerischen Behörden jedoch gehalten, im Rahmen der kon-
kreten Rückkehrmassnahmen alles ihnen Zumutbare vorzukehren, um me-
dizinisch sowie betreuungstechnisch sicherzustellen, dass das Leben und
die Gesundheit der rückkehrpflichtigen Person möglichst nicht beeinträch-
tigt wird (vgl. Urteil BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2).
8.2.3. Nur pauschal bringt der Beschwerdeführer vor, er habe sich erfolglos
an die Polizei gewandt, nachdem er Probleme mit gewalttätigen Drittper-
sonen gehabt habe. Es gibt auch diesbezüglich keinen Grund anzuneh-
men, bei allfälligen künftigen solchen Vorkommnissen könnte er sich nicht
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an die zuständigen französischen Behörden, insbesondere die Polizei
wenden, die ihren Verpflichtungen zum Schutz nachkommen werden.
8.2.4. Schliesslich deutet nichts darauf hin, Frankreich werde im Falle des
Beschwerdeführers den Grundsatz des Non-Refoulements (Art. 33 FK so-
wie Art. 5 AsylG) missachten und ihn zwingen, in ein Land auszureisen, in
welchem er einer Gefahr ausgesetzt wäre, ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu erleiden, oder in dem er Gefahr laufen würde,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
8.3 Zusammenfassend konnte der Beschwerdeführer demnach kein kon-
kretes und ernsthaftes Risiko dartun, wonach seine Wegweisung nach
Frankreich die Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
9.
9.1 Schliesslich verlangt der Beschwerdeführer die Anwendung der Sou-
veränitätsklausel.
9.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vorinstanz
bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1
über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Aufgrund der
Kognitionsbeschränkung gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG überprüft
das Gericht den vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine
Beurteilung im Wesentlichen darauf, ob die Vorinstanz den Sachverhalt
diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umstän-
den Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat
(Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
9.3 Inwiefern die Vorinstanz die spezifischen Umstände des vorliegenden
Einzelfalls nicht genügend berücksichtigt haben soll – so dass ein Ermes-
sensmissbrauch anzunehmen wäre – wird nicht substantiiert geltend ge-
macht und ist auch nicht erkennbar. Es ist nicht ersichtlich, dass der Sach-
verhalt von der Vorinstanz unvollständig oder unrichtig festgestellt worden
wäre, wie der Beschwerdeführer moniert. Für eine Rückweisung der Sache
besteht auch unter diesem Aspekt kein Anlass.
9.4 Gestützt auf die vorangegangenen Erwägungen ist die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat die Überstellung nach Frankreich angeordnet. Frankreich ist als zustän-
diger Mitgliedstaat gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b bzw. c i.V.m. Art. 25 Abs. 2
Dublin-III-VO verpflichtet, den Beschwerdeführer wiederaufzunehmen.
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10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
11.
Weil das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
erweisen sich die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung so-
wie auf Verzicht der Erhebung der Verfahrenskosten als gegenstandslos.
Mit dem vorliegenden Urteil fällt sodann der am 21. Juli 2021 angeordnete
Vollzugsstopp dahin.
12.
12.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen waren, weshalb zumindest
eine der kumulativ zu verstehenden Bedingungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG
nicht erfüllt ist.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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