Decision ID: 6117bc8d-7f39-5f25-b8ca-a0147410a6c0
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer ist Eigentümer der Liegenschaft Y._strasse 21 in
Büetigen (Parzelle Nr. Z._). Diese Liegenschaft befindet sich im Geltungsbereich
des Lärmsanierungsprojekts Nr. 151 Lyss–Dotzigen (Lärmsanierung der Kantonsstrasse
Nr. 22 von Lyss nach Herzogenbuchsee). Mit Fachbericht vom 13. Juli 2012 hatte der
Fachausschuss Lärm des Amts für Umweltkoordination und Energie (AUE) dem
Sanierungsprojekt und den beantragten Erleichterungen zugestimmt.
Mit Verfügung vom 24. April 2015 teilte der Oberingenieurkreis III des Tiefbauamts (OIK III)
dem Beschwerdeführer mit, dass bei der Liegenschaft Y._strasse 21 die
Immissionsgrenzwerte (IGW) im Jahr 2031 im Bereich des 1. OG um 6 dB(A) am Tag und
5 dB(A) in der Nacht überschritten sein werden. Sämtliche zur Einhaltung des IGW
denkbaren Lärmschutzmassnahmen seien eingehend geprüft worden. Massnahmen an der
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Strasse (Quelle) könnten nicht parzellenweise ergriffen werden. Sie würden gesamthaft im
Rahmen des Projektes geprüft und gegebenenfalls umgesetzt. Als Massnahme auf dem
Ausbreitungsweg zwischen der Strasse und dem Gebäude (Fenster von lärmempfindlichen
Räumen) wäre eine Lärmschutzwand von über 3.00 m Höhe notwendig. Eine
Lärmschutzwand von dieser Höhe führe zu einer starken Beeinträchtigung des Ortsbildes.
Zudem würde die Zufahrt zur Liegenschaft behindert und die Sicht bei der Ausfahrt von
Parzelle Nr. Z._ derart beeinträchtigt, dass die Verkehrssicherheit nicht mehr
gewährleistet sei. Für die Liegenschaft des Beschwerdeführers seien daher
Erleichterungen i.S.v. Art. 14 LSV1 gewährt worden.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 20. Mai 2015 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die Aufhebung
der Verfügung vom 24. April 2015. Der Beschwerdeführer macht insbesondere geltend, die
auf der gegenüberliegenden Parzelle projektierte Lärmschutzwand werde zu einer höheren
Lärmbelastung seiner Parzelle führen. Es seien daher nach Fertigstellung der
Lärmschutzwand erneute Lärmmessungen durchzuführen. Zudem sei er nicht über den
Bau der Lärmschutzwand informiert worden.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, edierte die
Vorakten und führte den Schriftenwechsel durch. Der OIK III nahm in seiner
Vernehmlassung vom 9. Juni 2015 zur Beschwerde Stellung und beantragte die
Abweisung, soweit darauf eingetreten werden könne. Auf die Rechtsschriften wird, soweit
für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41) 2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Prozessvoraussetzungen
Angefochten ist eine Verfügung des OIK III betreffend Lärmsanierung eines
Kantonsstrassenabschnitts. Für die Beurteilung von Beschwerden gegen solche
Verfügungen ist gemäss Art. 62 Abs. 1 Bst. a VRPG3 die BVE zuständig. Der
Beschwerdeführer ist als Eigentümer der betroffenen Liegenschaft durch die Verfügung
besonders berührt. Er hat ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Änderung
der angefochtenen Verfügung (Art. 65 Abs. 1 VRPG). Somit ist er zur Beschwerdeführung
legitimiert. Im Übrigen ist auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde
einzutreten.
2. Sanierungspflicht
a) Gemäss Art. 16 Abs. 1 USG4 müssen Anlagen, die den Vorschriften des USG oder
den Umweltvorschriften anderer Bundesgesetze nicht genügen, saniert werden. Gestützt
auf Art. 16 Abs. 2 USG hat der Bundesrat mit der LSV Vorschriften über die Sanierung
bestehender ortsfester Anlagen erlassen (Art. 13 - 20 LSV). Zweck der Sanierung ist der
Schutz vor schädlichem und lästigem Lärm (Art. 1 USG, Art. 1 Abs. 1 LSV). Bestehende
ortsfeste Anlagen, die wesentlich zur Überschreitung der IGW beitragen, sind zu sanieren
(Art. 13 LSV): Sie müssen grundsätzlich so weit saniert werden, als dies technisch und
betrieblich möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist und dass die IGW nicht überschritten
werden (Art. 13 Abs. 2 LSV). Die Pflicht zur Sanierung von ortsfesten Anlagen besteht nur
dann, wenn die Immissionen lärmempfindliche Gebäude oder Zonen betreffen.5
Gemäss Art. 13 Abs. 3 LSV sind in einem ersten Schritt Massnahmen an der Quelle
vorzusehen.6 Stehen diesen Massnahmen überwiegende Interessen entgegen, sind
Massnahmen im Ausbreitungsbereich des Lärms anzuordnen (Lärmschutzwand,
Schallschutzfenster). Die Vollzugsbehörde kann gemäss Art. 14 Abs. 1 LSV
3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 4 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 5 Schrade/Wiestner, in Kommentar USG, 2001, Art. 16 N 42 6 Schrade/Wiestner, a.a.O., Art. 17 N 24
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Erleichterungen gewähren, wenn die Sanierung unverhältnismässige
Betriebseinschränkungen oder Kosten verursachen würde, oder wenn überwiegende
Interessen, namentlich des Ortsbild-, Natur- und Landschaftsschutzes, der Verkehrs- und
Betriebssicherheit sowie der Gesamtverteidigung einer Sanierung entgegenstehen.
Mit dem Entscheid über die Sanierung einer Strasse wird das zulässige Mass an
Lärmbelastung, das die Anlage in ihrer Umgebung verursachen darf, festgelegt (vgl. dazu
Art. 37a Abs. 1 LSV). Sollte dieses Mass in Zukunft überschritten werden, würde dies eine
Abweichung von der bewilligten Nutzung der Anlage darstellen.7 Steht fest oder ist zu
erwarten, dass die Lärmimmissionen einer Anlage von den im Sanierungsentscheid
festgehaltenen Immissionen auf Dauer wesentlich abweichen, so trifft die Vollzugsbehörde
die notwendigen Massnahmen (Art. 37a Abs. 2 LSV). In diesem Fall müsste die
Angelegenheit also neu beurteilt werden.8
b) Die Liegenschaft Y._strasse 21 liegt in einer Zone mit Empfindlichkeitsstufe
(ES) II. In dieser Zone gelten gemäss Anhang der LSV folgende Belastungswerte für den
Strassenverkehrslärm: Ein IGW von 60 dB(A) tags bzw. 50 dB(A) nachts und ein Alarmwert
von 70 dB(A) tags bzw. 65 dB(A) nachts. Für die der Kantonsstrasse zugewandte Fassade
der Liegenschaft wurde für das Jahr 2031 eine Lärmbelastung im OG von 66 dB(A) tags
bzw. 55 dB(A) nachts ermittelt. Im Erdgeschoss befinden sich keine der Kantonsstrasse
zugewandten lärmempfindlichen Räume. Gemäss dieser Prognose wird der IGW im OG
um 6 dB(A) am Tag und 5 dB(A) in der Nacht überschritten. Es besteht somit grundsätzlich
eine Sanierungspflicht für die Liegenschaft des Beschwerdeführers.
In seiner Verfügung vom 24. April 2015 hält der OIK III fest, dass der Kanton von der
Pflicht, Lärmschutzmassnahmen zu ergreifen, befreit wird. Er begründet dies damit, dass
für eine Reduktion der Lärmimmissionen um 5 dB(A) im OG der Liegenschaft des
Beschwerdeführers der Bau einer Lärmschutzwand von über 3.00 m Höhe nötig wäre. Eine
solch hohe Lärmschutzwand würde die Sicht bei der Ausfahrt aus der Parzelle stark
beeinträchtigen, so dass die erforderlichen Sichtweiten nicht mehr eingehalten wären. Die
Verkehrssicherheit wäre damit nicht mehr gewährleistet. Zudem würde eine
Lärmschutzwand dieser Höhe das Ortsbild stark beeinträchtigen.
7 Wolf, in Kommentar USG, 2000, Art. 25 N. 49 8 Wolf, a.a.O., Art. 25 N. 50
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c) Die Ausführungen des OIK III erscheinen nachvollziehbar und sachgerecht. Sie
werden vom Beschwerdeführer denn auch nicht bestritten. Er rügt viel mehr, dass bei den
Liegenschaften Y._strasse 18 und 20 auf der gegenüberliegenden Strassenseite
eine Lärmschutzwand erstellt werde. Es sei davon auszugehen, dass die Lärmschutzwand
zu Schallreflexionen auf seine Liegenschaft und damit zu einer höheren Lärmbelastung
führen werde. Er sei über dieses Projekt nicht informiert worden und verlange, dass nach
Erstellung der Lärmschutzwand erneut Lärmmessungen an seiner Liegenschaft
vorgenommen würden.
d) Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist ausschliesslich die Verfügung des
OIK III vom 24. April 2015 betreffend die Liegenschaft des Beschwerdeführers.
Lärmschutzmassnahmen auf andern Liegenschaften können nicht beurteilt werden. Die
Beteiligung Dritter, insbesondere der Nachbarn, ist in diesem Stadium des
Sanierungsprojekts nicht vorgesehen. Damit bestand auch kein Anlass, den
Beschwerdeführer über die Lärmschutzmassnahmen auf den beiden gegenüberliegenden
Parzellen zu informieren.
Wird festgestellt, dass bei einer Liegenschaft Sanierungsmassnahmen ergriffen werden
müssen, so sind diese im dafür vorgesehenen Verfahren umzusetzen. Im Falle von
Lärmschutzwänden muss ein konkretes Bauprojekt erarbeitet werden, welches im
Strassenplanverfahren geprüft wird (Art. 28 SG9). Der Strassenplan wird im Verfahren der
kantonalen Überbauungsordnung erlassen (Art. 29 SG). Für kleine Vorhaben gilt ein
vereinfachtes Strassenplanverfahren (Art. 30 SG). Dabei ist insbesondere die
Veröffentlichung oder die schriftliche Mitteilung an die betroffenen Grundeigentümerinnen
und Grundeigentümer vorgesehen (Art. 14 Abs. 1 SV10). Zudem sind Strassenbauvorhaben
auszustecken oder zu profilieren (Art. 119 Abs. 2 BauV11). Der Beschwerdeführer wird
deshalb im Rahmen des Strassenplanverfahrens zu gegebener Zeit vom konkreten
Bauvorhaben auf den gegenüberliegenden Parzellen Kenntnis nehmen und seine
Einwände in diesem Verfahren einbringen können.
e) Im Übrigen sprechen nicht eine zu tiefe Lärmbelastung, sondern die Beeinträchtigung
der Verkehrssicherheit und des Ortsbildes gegen den Bau einer Lärmschutzwand auf der
9 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11) 10 Strassenverordnung vom 29. Oktober 2008 (SV; BSG 732.111.1) 11 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
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Parzelle des Beschwerdeführers. Daran würde sich selbst dann nichts ändern, wenn die
Lärmschutzwand auf den gegenüberliegenden Parzellen tatsächlich zu einer Erhöhung der
Lärmimmissionen führen würde. Zudem werden moderne Lärmschutzwände aus
hochabsorbierenden Materialien erstellt, die solche Reflexionen gerade verhindern. Es ist
daher davon auszugehen, dass die geplante Lärmschutzwand zu keinen zusätzlichen
Lärmimmissionen auf der Parzelle des Beschwerdeführers führen wird. Auch der
Fenstergrenzwert von 68 dB(A) tags und 58 dB(A) nachts wird nicht erreicht werden. Damit
steht fest, dass betreffend die Parzelle des Beschwerdeführers zu Recht Erleichterungen
nach Art. 14 LSV erteilt wurden. Die Beschwerde wird abgewiesen.
3. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat deshalb die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 500.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV12). Parteikosten sind keine zu sprechen (Art. 108 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 104
Abs. 1 und 3 VRPG).