Decision ID: bf9b2427-ae4a-4243-9dd8-2482659a8a2a
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
D._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Sozialberatung,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorübergehende Rentenkürzung (Mitwirkungspflicht im Revisionsverfahren)
Sachverhalt:
A.
A.a D._ meldete sich am 13. August 2004 bei der IV-Stelle des Kantons A._ zum
Bezug von IV-Leistungen (Berufsberatung, Umschulung auf eine neue Tätigkeit, Rente)
an, da er im November 2003 einen Bandscheibenvorfall erlitten habe (act. G 9.2). Nach
getätigten Abklärungen sprach ihm die IV-Stelle des Kantons A._ mit Verfügung vom
29. Juli 2005 ausgehend von einem Invaliditätsgrad von 100% mit Wirkung ab 1.
November 2004 eine ganze Invalidenrente zu (act. G 9.7). In der Folge zog der
Versicherte in den Kanton St. Gallen, weshalb die IV-Stelle des Kantons A._ die
Akten am 4. Oktober 2005 an die IV-Stelle des Kantons St. Gallen (nachfolgend: IV-
Stelle) überwies und anmerkte, für 1. Oktober 2006 sei ein Revisionsverfahren
vorgesehen (act. G 9.48).
A.bIm Oktober 2006 leitete die IV-Stelle ein Revisionsverfahren ein (act. G 9.58). Auf
Empfehlung des Regionalen Ärztlichen Diensts der Invalidenversicherung (RAD; act. G
9.65) gab sie am 14. November 2007 ein Verlaufsgutachten bei der Zentrum für
Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene AG (AEH) in Auftrag (act. G 9.68). In der Folge
teilte die Ehefrau des Versicherten der AEH mit, dass dieser an den für den 21. und
22. Januar 2008 vorgesehenen Untersuchungen nicht teilnehmen könne, da er per
20. Januar 2008 notfallmässig ins Kantonsspital St. Gallen (KSSG) eingeliefert worden
sei und am 21. Januar 2008 operiert werde (act. G 9.70). Nachdem der Versicherte
wieder aus dem KSSG entlassen worden war (vgl. act. G 9.72), bot ihn die AEH per 19.
und 20. Mai 2008 erneut zur Begutachtung auf (act. G 9.49). Mit Schreiben vom 2. Mai
2008 gelangte der Hausarzt des Versicherten an die AEH und bat diese, sich zwecks
Terminverschiebung mit dem Versicherten in Verbindung zu setzen, da dieser in einer
sehr schwierigen familiären Situation stecke und es ihm gesundheitlich schlecht gehe.
Ein Termin ca. einen Monat später erscheine sinnvoller (act. G 9.76). Mit ELAR-Notiz
vom 7. Mai 2008 hielt der zuständige IV-Sachbearbeiter fest, Dr. B._ (vom RAD) habe
mit dem Hausarzt des Versicherten telefoniert. Es sei diesem zumutbar, den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtungstermin wahrzunehmen, zumal es ihm zwischenzeitlich wieder besser
gehe (act. G 9.74).
A.c Mit Schreiben vom 7. Mai 2008 forderte die IV-Stelle den Versicherten auf, an der
Begutachtung vom 19. Mai 2008 kooperativ mitzumachen. Sollte er den Termin nicht
wahrnehmen oder sich an der Begutachtung nicht kooperativ zeigen, werde sie die
Rentenleistungen umgehend kürzen. Er solle den Termin bei der AEH bis 15. Mai 2008
bestätigen (act. G 9.75). Dieses Schreiben wurde der IV-Stelle am 21. Mai 2008 mit
dem Vermerk "nicht abgeholt" retourniert (act. G 9.77). In der Folge nahm der
Versicherte die Begutachtungstermine nicht wahr.
B.
Mit Verfügung vom 25. Juli 2008 kürzte die IV-Stelle die Rentenzahlungen an den
Versicherten während sechs Monaten vom 1. November 2008 bis 31. Mai 2009 um
50% bzw. Fr. 1'601.--, da er seine Mitwirkungspflicht verletzt habe (act. G 9.80).
C.
C.a Mit Eingabe vom 30. Juli 2008 erhebt der Versicherte, vertreten durch die
Sozialberatung, Beschwerde und beantragt die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung sowie die Weiterausrichtung der bisherigen Invalidenrente. Zur Begründung
wird im Wesentlichen ausgeführt, der Beschwerdeführer habe von März bis Juni 2008
unter äusserst widrigen Umständen gelebt. Er sei in einer absoluten Ausnahmesituation
gestanden. Es sei verfehlt, ihn nun auch noch seiner Existenzgrundlage zu berauben.
Es sei ihm nochmals eine Chance zur Wahrung seiner Mitwirkungspflicht zu gewähren
(act. G 1). Am 15. August 2008 ersucht der Beschwerdeführer zudem um unentgeltliche
Prozessführung (act. G 3).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 30. Oktober 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung macht sie im Wesentlichen geltend,
das Mahn- und Bedenkzeitverfahren sei korrekt durchgeführt worden. Die vom
Beschwerdeführer angeführten Probleme seien im Mai 2008 nicht aktuell gewesen.
Auch sein Hausarzt sei laut telefonischer Abklärung vom 7. Mai 2008 der Ansicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen, dass es dem Beschwerdeführer zumutbar sei, den Begutachtungstermin
wahrzunehmen (act. G 9).
C.c Am 11. November 2008 wird dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Prozessführung (Befreiung von Gerichtskosten) bewilligt (act. G 10). Es findet kein
weiterer Schriftenwechsel statt (vgl. act. G 12).

Erwägungen:
1.
Vorliegend umstritten und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin die Invalidenrente
des Beschwerdeführers zu Recht für sechs Monate um 50% gekürzt hat.
2.
Gemäss Art. 43 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) hat sich eine versicherte Person ärztlichen
oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, soweit diese für die Beurteilung
notwendig und zumutbar sind. Kommt eine versicherte Person dieser Pflicht nicht
nach, können die Leistungen nach Art. 21 Abs. 4 ATSG (Mahn- und
Bedenkzeitverfahren) gekürzt oder verweigert werden. Beim Entscheid über die
Kürzung oder Verweigerung von Leistungen sind alle Umstände des einzelnen Falls,
insbesondere das Ausmass des Verschuldens und die wirtschaftliche Lage der
versicherten Person, zu berücksichtigen (Art. 7b Abs. 1 und 3 des Bundesgesetzes
über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Bei einer Verletzung von Art. 43 Abs.
2 ATSG wird die Rente während längstens sechs Monaten um höchstens die Hälfte
gekürzt (Art. 86 Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR
831.201]).
3.
3.1 Wie die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort unter Hinweis auf Art. 38
Abs. 2 ATSG korrekt ausführt, hat das Schreiben vom 7. Mai 2008 (act. G 9.75) als
dem Beschwerdeführer (am siebten Tag nach dem ersten erfolglosen
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zustellungsversuch) zugestellt zu gelten. Der Beschwerdeführer war sich bewusst,
dass zu jenem Zeitpunkt ein Revisionsverfahren hängig war und musste daher mit
diesbezüglichen Postsendungen der Beschwerdegegnerin rechnen. In besagtem
Schreiben hat die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer ausdrücklich darauf
aufmerksam gemacht, dass sie die Rentenleistungen umgehend kürzen werde, falls er
den Begutachtungstermin nicht wahrnehmen oder sich an der Begutachtung nicht
kooperativ zeigen werde. Zudem hat sie ihn angehalten, den Termin bis 15. Mai 2008
bei der AEH zu bestätigen. Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer dieser
Aufforderung keine Folge geleistet hat.
3.2 Wie oben erwähnt (E. 2) ist in Fällen der Verletzung von Art. 43 Abs. 2 das Mahn-
und Bedenkzeitverfahren im Sinn von Art. 21 Abs. 4 ATSG durchzuführen. Dieses
verlangt neben der schriftlichen Mahnung und dem Hinweis auf die Rechtsfolgen im
Widersetzungsfall das Einräumen einer angemessenen Bedenkzeit. Das Bundesgericht
hat - soweit ersichtlich - bislang nicht entschieden, wie lange eine solche Bedenkzeit
mindestens zu dauern hat. Dies dürfte denn auch von den konkreten Umständen im
Einzelfall abhängen. Vorliegend begann die Bedenkzeit gestützt auf die Zustellfiktion
nach Art. 38 Abs. 2 i.V.m. Art. 38 Abs. 1 ATSG am 16. Mai 2008 zu laufen. Auf dem
Couvert wurde der 15. Mai 2008 als letzter Abholtag (siebter Tag nach erstem
erfolglosem Zustellungsversuch) vermerkt (act. G 9.77-3). An diesem Tag galt das
Schreiben als zugestellt. Die Bedenkfrist begann damit einen Tag später zu laufen.
Gemäss Aufforderung der Beschwerdegegnerin hätte der Beschwerdeführer bereits am
15. Mai 2008 - und damit vor Beginn der Bedenkzeit - seinen Begutachtungstermin bei
der AEH bestätigen müssen. Zwar ist die Sanktion der Rentenkürzung nicht an die
Unterlassung der Bestätigung des Termins, sondern an die Nichtteilnahme bzw. nicht
kooperative Mitwirkung an der Begutachtung gebunden, doch sandte die
Beschwerdegegnerin der AEH eine Kopie dieses Schreibens. Es ist somit durchaus
denkbar, dass sich die AEH nicht mehr an die vereinbarten Termine gebunden fühlte
und diese anderweitig vergab, nachdem der Beschwerdeführer diese trotz
ausdrücklicher Aufforderung durch die Beschwerdegegnerin nicht fristgerecht
bestätigte hatte, zumal die AEH (wie andere Gutachtensinstitute auch) standardmässig
eine telefonische Terminbestätigung nach Erhalt des entsprechenden Aufgebots
verlangt (vgl. act. G 9.49-3). Im Ergebnis blieb dem Beschwerdeführer damit überhaupt
keine Möglichkeit, innerhalb der Bedenkfrist zu reagieren, weshalb das Schreiben der
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin vom 7. Mai 2008 den Anforderungen an das Mahn- und
Bedenkzeitverfahren nicht genügt.
Selbst wenn man für die Bemessung der Bedenkfrist nicht auf die geforderte
Terminbestätigung, sondern auf die Teilnahme an der Begutachtung abstellte, kann
nicht von einer angemessenen Bedenkzeit im Sinn von Art. 21 Abs. 4 ATSG
gesprochen werden. Wie bereits erwähnt, war die Begutachtung für den 19. und 20.
Mai 2008 vorgesehen. Zwar waren dem Beschwerdeführer die Begutachtungstermine
bereits seit März 2008 bekannt (act. G 9.49), doch wusste er zu jenem Zeitpunkt nicht,
dass er für den Fall der Nichtteilnahme an der Begutachtung mit einer
(vorübergehenden) Kürzung seiner Invalidenrente zu rechnen haben würde; darüber
hinaus gibt es in den Akten auch keine Anhaltspunkte dafür, dass der
Beschwerdeführer die Teilnahme an der Begutachtung (damals) verweigern wollte. Der
Beschwerdeführer hatte somit lediglich drei Tage Zeit, um über die Teilnahme an der
Begutachtung zu entscheiden. Diese kurze Bedenkfrist erscheint nicht als
angemessen. Dies umso weniger, als es sich bei der angekündigten (wenn auch nur
vorübergehenden) Rentenkürzung doch um einen erheblichen Eingriff in die
Rechtsposition des Beschwerdeführers handelte, dies gerade auch angesichts seiner
finanziellen Situation. Zudem fühlte sich der Beschwerdeführer nicht in der Lage, an
der Begutachtung teilzunehmen; diese Auffassung teilte (zumindest anfänglich) auch
sein Hausarzt. Angesichts dieser unklaren Ausgangssituation musste der
Beschwerdeführer im Rahmen der Bedenkzeit u.a. auch die Möglichkeit haben, sich
diesbezüglich juristisch beraten zu lassen. Hierfür blieb ihm faktisch nur gerade der
erste Tag der Bedenkfrist, fielen doch der 17. und 18. Mai 2008 auf ein Wochenende.
Unter diesen Umständen erweist sich die angesetzte Bedenkfrist als zu kurz.
Mangels korrekt durchgeführten Mahn- und Bedenkzeitverfahrens fällt die von der
Beschwerdegegnerin ausgesprochene Sanktion der vorübergehenden Rentenkürzung
dahin. Folglich ist die angefochtene Verfügung aufzuheben.
3.3 Angesichts der konkreten Umstände stellt sich ohnehin die Frage, ob die
Beschwerdegegnerin zum gegebenen Zeitpunkt zu Recht ein Mahn- und
Bedenkzeitverfahren angestrengt hat. So ergeben sich aus den Akten keine
Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer die Teilnahme an einer Begutachtung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
an sich abgelehnt hätte. Vielmehr fühlte er sich im fraglichen Zeitpunkt nicht in der
Lage, die betreffenden Untersuchungen über sich ergehen zu lassen, worin er durch
seinen Hausarzt bestärkt wurde. Dieser ersuchte die AEH denn auch nur um eine
Verschiebung (um ca. einen Monat; act. G 9.76) und nicht um eine definitive Absage
des Termins. Der Beschwerdeführer war also grundsätzlich bereit, seiner
Mitwirkungspflicht nachzukommen und an einer Begutachtung teilzunehmen. Unter
diesen Umständen hätte es sich aufgedrängt, vor der Durchführung eines allfälligen
Mahn- und Bedenkzeitverfahrens abzuklären, ob es für den Beschwerdeführer zu
jenem Zeitpunkt sinnvoll und zumutbar gewesen wäre, an der Begutachtung
teilzunehmen. Die Beschwerdegegnerin hat dies offenbar auch ansatzweise getan,
indem der RAD-Arzt mit dem Hausarzt Kontakt aufgenommen hat und letzterer die
Teilnahme an der Begutachtung für zumutbar gehalten haben soll (act. G 9.74). Diese
rudimentären Abklärungen waren jedoch nicht ausreichend. Abgesehen davon, dass
diesbezüglich keine schriftlichen Aufzeichnungen, insbesondere ein Protokoll über das
Telefonat zwischen dem RAD-Arzt und dem Hausarzt, existieren - die Aktennotiz des
zuständigen IV-Sachbearbeiters genügt nicht -, hätte dem Beschwerdeführer
diesbezüglich das rechtliche Gehör gewährt werden müssen. Soweit aus den Akten
ersichtlich, wurde er jedoch nicht einmal über das Telefonat zwischen dem RAD-Arzt
und seinem Hausarzt informiert. Das Mahn- und Bedenkzeitverfahren scheint damit
auch verfrüht in die Wege geleitet worden zu sein.
4.
4.1 Im Sinn der obigen Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Diese Kosten sind von der unterliegenden Beschwerdegegnerin zu
bezahlen. Die bereits bewilligte unentgeltliche Prozessführung (Befreiung von
Gerichtskosten) wird bei diesem Verfahrensausgang gegenstandslos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte