Decision ID: 579e64c7-2938-5f52-9cbd-5d004c6c5730
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 21. Oktober 2019 suchten die Beschwerdeführenden um Asyl in der
Schweiz nach.
Ihr Gesuch begründeten sie hauptsächlich damit, sie stammten aus
F._ (russische Teilrepublik Tschetschenien), wo der Beschwerde-
führer A._ unter anderem als (..) im (...) tätig gewesen sei. Aufgrund
einer politisch geäusserten Kritik sei er am 7. November 2017 verhaftet,
am 27. November 2017 jedoch gegen Bezahlung freigelassen worden. Da-
nach seien sie nach G._ gezogen. Ende Juni 2018 sei die Be-
schwerdeführerin B._ mit den Kindern nach F._ zurückge-
kehrt. Nachdem der Untersuchungsrichter den Beschwerdeführer zur
Rückkehr nach F._ aufgefordert gehabt habe, sei er zu einem
Freund nach H._ gereist. Im Sommer 2018 sei die Beschwerdefüh-
rerin nach H._ geflogen, da der jüngste, am (...) geborene Sohn in
einem Krankenhaus habe behandelt werden müssen. Man habe ihnen dort
jedoch mitgeteilt, eine medizinische Behandlung des Kindes sei nicht er-
folgversprechend. Die Beschwerdeführerin sei danach mit dem Kind nach
F._ zurückgekehrt und habe sich vergeblich an verschiedene Kran-
kenhäuser im Ausland gewandt, um medizinische Hilfe für ihren Sohn zu
erhalten. Im März 2019 habe die Familie schliesslich für eine medizinische
Behandlung des Sohnes nach I._ reisen können. Dort hätten sie
sich vom 10. März bis am 14. März 2019 aufgehalten. Nach der Rückkehr
in den Heimatstaat sei der Beschwerdeführer im Mai oder Juni 2019 durch
den Untersuchungsrichter erneut zur Rückkehr nach F._ aufgefor-
dert worden. Am 15. Juli 2019 sei die Familie mit dem Flugzeug von
H._ aus ausgereist.
Die Beschwerdeführenden legten ihrem Asylgesuch medizinische Doku-
mente betreffend den jüngsten Sohn bei.
B.
Am 2. Dezember 2019 wurde ein Entlassungsbrief des (...) Kinderspitals
vom 18. November 2019 hinsichtlich der Hospitalisierung des jüngsten
Sohnes zu den vorinstanzlichen Akten gereicht.
C.
Mit Verfügung vom 3. März 2020 verneinte die Vorinstanz die Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführenden, lehnte die Asylgesuche ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
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D.
Gegen den Entscheid des SEM vom 3. März 2020 erhoben die Beschwer-
deführenden mit Eingabe vom 18. März 2020 beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde und beantragten die vollumfängliche Aufhebung der Ver-
fügung.
E.
Mit Urteil E-1615/2020 vom 26. Mai 2020 wies das Bundesverwaltungsge-
richt die Beschwerde vom 18. März 2020 ab. Darin bestätige es die vorin-
stanzlichen Ausführungen, wonach den von den Beschwerdeführenden
geschilderten Ausreisegründen keine flüchtlingsrechtliche Relevanz zu-
komme.
Den Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden in ihren Heimat-
staat Russland respektive in die Teilrepublik Tschetschenien befand das
Gericht für zulässig, zumutbar und möglich. Hinsichtlich des jüngsten Soh-
nes stützte das Gericht die Ansicht der Vorinstanz, dass die von ihm benö-
tigen Medikamente und Therapien in H._ und in F._ vorhan-
den seien. Sämtliche Medikamente und auch die geeignete (...) seien in
H._ und teilweise in F._ erhältlich. Den Beschwerdeführen-
den sei es bei einer Wohnsitznahme in F._ zumutbar, die Medika-
mente aus H._ zu beschaffen. Ebenso seien (...) und (...) in Russ-
land, beispielsweise im (...) in H._, verfügbar. Gewisse Kosten,
etwa für (...) oder Medikamente, seien von den Beschwerdeführenden zu
tragen, was angesichts ihres ökonomischen Hintergrundes jedoch möglich
sei. Es sei auch nicht davon auszugehen, dass eine drastische und lebens-
bedrohende Verschlechterung des Gesundheitszustands des Sohnes ein-
zig aufgrund der Rückkehr nach Russland drohen würde.
F.
Mit Schreiben an das SEM vom 2. Juli 2020 ersuchten die Beschwerdefüh-
renden – handelnd durch rubrizierten Rechtsvertreter – um Wiedererwä-
gung der Verfügung des SEM vom 3. März 2020 im Vollzugspunkt. Auf-
grund der gesundheitlichen Situation des jüngsten Kindes sei eine Rück-
kehr der Familie in den Heimatstaat weder zulässig noch zumutbar noch
möglich. Beantragt wurde die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführen-
den.
Zur Begründung wurde unter Hinweis auf ein ärztliches Zeugnis des (...)
Kinderspitals vom 2. Juni 2020 und unter Verweis auf ein Schreiben des
Gesundheitsministeriums in der Tschetschenischen Föderation vom
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12. Mai 2020 ausgeführt, bei einem Vollzug der Wegweisung würde das
Leben des jüngsten Sohnes auf dem Spiel stehen. Das Kleinkind leide an
der Krankheit (...) und könne in Wochen oder Monaten sterben. Für die
verbleibende Lebenszeit benötige es intensive begleitende therapeutische
Massnahmen im Sinne eines palliativen komplexen Settings, um möglichst
seine Schmerzen und Leiden zu lindern. In dieser Phase der Erkrankung
wäre eine Rückführung der Familie nach Tschetschenien oder Russland,
wo die medizinische Versorgung im Sinne einer Palliative-Care nicht ge-
währleistet sei, aus ärztlicher Sicht ethnisch nicht vertretbar, zumal das
Kind aufgrund des reduzierten Allgemeinzustandes nicht reise- oder trans-
portfähig sei. Der Vollzug der Wegweisung gestalte sich daher aktuell als
unzulässig (Lebensgefahr), unzumutbar (medizinische Notlage) und auch
als unmöglich, da kein Arzt in eine solche Begleitung einwilligen würde.
G.
Am 13. Juli 2020 wies das SEM das zuständige Migrationsamt an, den
Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführenden einstweilen auszuset-
zen.
H.
Am 7. August 2020 holte das SEM bei der behandelnden Ärztin weitere
Informationen über den Gesundheitszustand des Kindes ein. Die Ärztin be-
stätigte die zuvor erwähnte Diagnose und erwähnte, dass die Betreuung
des Kindes sehr intensiv sei, da es Tag und Nacht überwacht werden
müsse. Die Reisefähigkeit sei kaum gegeben und das Kind könne während
der Rückreise versterben.
I.
Mit Entscheid vom 28. August 2020 – eröffnet am 31. August 2020 – lehnte
das SEM das Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführenden vom
2. Juli 2020 im Wesentlichen mit der Begründung ab, es liege hinsichtlich
des Gesundheitszustandes des Sohnes keine wiedererwägungsrechtlich
relevante Veränderung vor. Dem medizinischen Spezialfall werde jedoch
durch Ansetzung einer Ausreisefrist bis 4. Januar 2021 Rechnung getra-
gen. Sollte es den Beschwerdeführenden nicht ausreichen, der Ausreise-
pflicht nachzukommen stehe es ihnen frei, beim SEM vor Ablauf der Frist
um Fristerstreckung zu ersuchen. Auf die weiteren Erwägungen wird – so-
fern von Relevanz – in den Erwägungen eingegangen.
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Seite 5
J.
Gegen den Wiedererwägungsentscheid des SEM erhoben die Beschwer-
deführenden durch rubrizierten Rechtsvertreter am 30. September 2020
Beschwerde. Dabei wurde unter anderem die Aufhebung der vorinstanzli-
chen Verfügung beantragt und darum ersucht, den Beschwerdeführenden
infolge Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Vollzuges
der Wegweisung die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Eventualiter sei
die Verfügung aufzuheben und die Sache zwecks vollständiger und richti-
ger Würdigung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde – unter Beilage ei-
ner Fürsorgebestätigung – die Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege beantragt. Ferner wurde um einstweilige Sistierung des Vollzuges
der Wegweisung ersucht.
Zur Begründung wurden im Wesentlichen die Ausführungen im Wiederer-
wägungsgesuch vom 2. Juli 2020 wiederholt. Ausserdem wurde – unter
Hinweis auf einen weiteren Arztbericht des (...) Kinderspitals vom 24. Sep-
tember 2020 sowie auf verschiedene Zeitungsartikel und Berichte das Ge-
sundheitswesen in Russland betreffend – ausgeführt, bereits die Rückreise
in den Heimatstaat berge das Risiko zunehmender Schmerzen und Leiden,
selbst wenn das Kind von einer Fachperson begleitet würde. Auch jede
Weiterverlegung in eine Institution sei mit dem Risiko lückenhafter Versor-
gung verbunden. Die Vorinstanz habe sich mit den medizinischen Bedürf-
nissen des Kindes nicht tatsächlich auseinandergesetzt. Aufgrund der
Lage des Gesundheitswesens im Heimatland sei mehr als fraglich, wie das
SEM zum Schluss gelangen könne, dass das schwer kranke Kind im Hei-
matland die nötige, komplexe Palliativbehandlung (inklusive Medikamente
wie etwa [...]) erhalten könne.
Auf die weiteren Ausführungen wird – sofern entscheidwesentlich – in den
Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
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Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wiederer-
wägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung auf
dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist das
Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 6 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG)
ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich der vorliegend interessierenden Normen des Aus-
länderrechts (Art. 83 Abs. 1 bis 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember
2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration
[Ausländer- und Integrationsgesetz], AIG, SR 142.20) nach Art. 49 VwVG
(vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt
(vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert
30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und
begründet einzureichen (Art. 111b Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch – wie vorliegend – die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Ver-
fügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der
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Sachlage in Bezug auf das Vorliegen von Wegweisungsvollzugshindernis-
sen (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.).
5.
5.1 Die Beschwerdeführenden haben sich in ihrem Wiedererwägungsge-
such vom 2. Juli 2020 hauptsächlich auf eine nach dem Entscheid des
Bundesverwaltungsgerichts veränderte gesundheitliche Situation des
jüngsten Kindes berufen, welche den Vollzug der Wegweisung nunmehr
als unzulässig, unzumutbar sowie unmöglich erscheinen lasse. Dazu
wurde ein Arztbericht vom 2. Juni 2020 sowie ein Schreiben des Gesund-
heitsministeriums der Tschetschenischen Föderation vom 12. Mai 2020 bei
der Vorinstanz eingereicht. Das SEM hat die Eingabe demnach zutreffend
als Wiedererwägungsgesuch nach Art. 111b AsylG qualifiziert.
5.2 Nachdem die Vorinstanz zudem die Rechtzeitigkeit des Wiedererwä-
gungsgesuchs zu Recht nicht in Abrede gestellt hat und auf dieses einge-
treten ist, hat das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen, ob sie in zutreffen-
der Weise das Bestehen der geltend gemachten Wiedererwägungsgründe
verneint respektive mit Bezug auf den Wegweisungsvollzug zu Recht an
der ursprünglichen Verfügung festgehalten hat. Dabei ist praxisgemäss der
sich präsentierende Sachverhalt im Urteilszeitpunkt massgebend (vgl. statt
vieler: Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-4909/2016 vom 5. Septem-
ber 2016 E. 4.3).
6.
6.1 Das SEM regelt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen
Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme, wenn der Vollzug der Weg-
weisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvoll-
zugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der
gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft;
das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und
andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2
m.w.H.).
6.2 In der Beschwerde wird unter anderem die Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz zwecks vollständiger und richtiger "Würdigung" des rechts-
erheblichen Sachverhalts beantragt. In der Beschwerde wird in diesem Zu-
sammenhang gerügt, die Vorinstanz sei nicht bereit gewesen, sich tatsäch-
lich mit den medizinischen Bedürfnissen des schwer kranken Kindes aus-
einanderzusetzen. Diese Rüge zielt im Kontext der weiteren Ausführungen
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(hinsichtlich der geltend gemachten, veränderten gesundheitliche Situation
des Kindes, dessen nicht vorhandener Reisefähigkeit sowie der Behaup-
tung, im Heimatstaat stünde ihm aufgrund der gesundheitlichen Lage keine
adäquate und finanzierbare medizinische Behandlung zur Verfügung) auf
einen Vorhalt an das SEM ab, den rechtserheblichen Sachverhalt nicht voll-
ständig abgeklärt zu haben. Andererseits wird damit – wenn auch bloss
implizit – die Rüge der Verletzung der Begründungspflicht erhoben. Diese
formellen Rügen sind vorab zu behandeln, da sie allenfalls geeignet sein
könnten, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
6.3 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
7.
7.1 Das SEM lehnte das Wiedererwägungsgesuch mit der Begründung ab,
es habe bereits in seiner Verfügung vom 3. März 2020 ausführlich erklärt,
dass das ganze Spektrum der vom jüngsten Sohn benötigten Behandlung
in Russland verfügbar und zugänglich sei und dem Kind daher keine ernst-
hafte, rapide und irreversible Verschlechterung des Gesundheitszustandes
drohe. Auch habe es festgestellt, dass weder stichhaltige Anhaltspunkte für
das Vorliegen einer medizinischen Notlage im Sinne von Art. 83 Abs. 4 des
Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und
Ausländer und über die Integration (Ausländer- und Integrationsgesetz,
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AIG, SR 142.20) noch einer durch Art. 3 der Konvention vom 4. November
1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR
0.101) verbotenen Behandlung im Heimatland vorliegen würden. Auch für
den Fall, dass in Russland keine entsprechende Behandlungsqualität ver-
fügbar sei, habe das SEM schon im ursprünglichen Entscheid erwähnt,
dass von einer menschenwürdigen Behandlung des schwer kranken Soh-
nes ausgegangen werden könne. Das Bundesverwaltungsgericht habe in
seinem Urteil ebenfalls erwogen, dass dem Sohn nur aufgrund einer Rück-
kehr in den Heimatstaat keine drastische und lebensbedrohliche Ver-
schlechterung des Gesundheitszustandes drohen würde.
Aus dem Wiedererwägungsgesuch gehe grundsätzlich nichts wesentlich
Neues hervor. Weder sei der Antwort des Gesundheitsministeriums zu ent-
nehmen, dass eine notwendige medizinische Behandlung in der russi-
schen Föderation nicht zur Verfügung stünde noch müsse von einem Man-
gel an Behandlungsmöglichkeiten in Russland ausgegangen werden. Da-
bei werde als wesentlich die allgemeine, dringende medizinische Behand-
lung erachtet, welche zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Exis-
tenz absolut notwendig sei. Diese Behandlung sei, wie schon im ordentli-
chen Verfahren ausgeführt, in Russland grundsätzlich verfügbar. Die im
Arztbericht vom 2. Juni 2020 attestierte Reise- und Transportunfähigkeit
werde durch die kantonale Behörde zum gegeben Zeitpunkt respektive un-
mittelbar vor der Überstellung abgeklärt. Es bestehe die Möglichkeit einer
Begleitung durch medizinisches Fachpersonal und der Abgabe dringend
benötigter Medikamente. Im Falle einer Rückführung von Personen, bei
welchen kein Unterbruch der Therapie vorgenommen werden könne, treffe
das SEM in Abstimmung mit den kantonalen Behörden und allenfalls in
Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM),
den heimatlichen Behörden und der Schweizer Botschaft Vorkehrungen,
damit eine Weiterführung der benötigten Behandlung gewährleistet sei.
Nichtsdestotrotz gehe das SEM vorliegend von einem mit grosser Tragik
verbundenen Spezialfall aus. Die erforderliche interdisziplinäre Behand-
lung und Betreuung, eine symptomatische Therapie und eine palliative Ver-
sorgung seien in der Schweiz bereits etabliert. Diesem Umstand werde mit
der Ansetzung einer neuen Ausreisefrist Rechnung getragen, wobei ein all-
fälliges Gesuch um deren Verlängerung jeweils vor Fristablauf gestellt wer-
den müsse.
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Es würden demnach keine Gründe vorliegen, welche die Rechtskraft der
Verfügung vom 3. März 2020 beseitigen könnten, weshalb das Wiederer-
wägungsgesuch abzuweisen sei.
7.2
7.2.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Ausführungen des SEM in der angefochtenen Verfügung
den Anforderungen an die Begründungspflicht nicht standhalten. Auch
lässt sich eine Verletzung der Abklärungspflicht des SEM feststellen. Der
rechtserhebliche Sachverhalt erscheint nämlich – wie nachstehend eben-
falls aufgezeigt – nicht genügend erstellt.
7.2.2 Dem ärztlichen Zeugnis vom 2. Juni 2020 lässt sich entnehmen, dass
seit Erlass der ursprünglichen Verfügung und Ergehen des Gerichtsurteils
nunmehr eine ärztliche Diagnose ([...]) für die schwere Erkrankung des
Sohnes benannt wird. Es wird erklärt, dass der Sohn nicht reise- oder
transportfähig sei. Für die verbleibende Lebenszeit (vermutlich Wochen
oder Monate) seien intensive therapeutische Massnahmen im Sinne eines
palliativen komplexen Settings nötig, um die Schmerzen und Leiden zu lin-
dern. Es finde eine regelmässige neuropädiatrische Begleitung, Unterstüt-
zung beim (...) durch (...) und (...), regelmässige Physiotherapie und me-
dikamentöse Anpassung der (...) und (...) Therapie statt. Auch die medika-
mentöse palliative Betreuung sei sehr komplex und benötige kontinuierli-
che Begleitung. In dieser Phase der Erkrankung sei eine Rückführung der
Familie nach Russland oder Tschetschenien, wo die medizinische Versor-
gung des Patienten im Sinne einer Palliativ-Care nicht gewährleistet sei,
ethisch nicht vertretbar.
7.2.3 Aufgrund dieser ärztlichen Angaben ist davon auszugehen, dass sich
der Gesundheitszustand des Kindes seit Ergehen der Verfügung des SEM
vom 3. März 2020 und des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts vom
26. Mai 2020 verändert hat, zumal zuvor nicht von einem derart komplexen
und palliativen Therapiebedarf die Rede war. Die darin erwähnte, zuneh-
mende (...) und (...)problematik lässt ebenfalls auf eine Änderung des me-
dizinischen Zustands schliessen. Das SEM geht indes auf die Angaben im
ärztlichen Zeugnis nicht konkret ein, sondern erklärt lediglich, es ergebe
sich aus dem Wiedererwägungsgesuch nichts wesentlich Neues. Vor dem
Hintergrund, dass im Arztbericht betont wird, dass in dieser Phase ein pal-
liativ komplexes Setting nötig sei, welche im Heimatstaat nicht gewährleis-
tet wäre, erscheint eine solche Argumentation nicht genügend. Der allge-
meine Hinweis des SEM auf seine bereits in der ursprünglichen Verfügung
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Seite 11
gemachten Ausführungen zur grundsätzlichen Möglichkeit der medizini-
schen Behandlung des Sohnes im Heimatland ist ebenfalls als unzu-
reichend zu erachten. Denn damit wird nicht aufgezeigt, ob und welche
medizinischen Einrichtungen im Heimatland für dieses Krankheitsstadium
überhaupt bestehen und ob die notwendigen Therapien und Medikamente
verfügbar sind, die dem Kind während der verbleibenden Lebenszeit ein
menschenwürdiges Dasein ermöglichen. Dass das dazu notwendige palli-
ative Setting in der Schweiz, wie vom SEM erwähnt, etabliert ist, steht aus-
ser Frage, lässt aber die vorliegend interessierende Frage, ob ein solches
auch im Heimatland vorhanden wäre, gänzlich ausser Acht.
7.2.4 Daran ändert auch der Verweis des SEM auf die Antwort des Ge-
sundheitsministeriums von Tschetschenien nichts. Im Gegenteil; wenn das
SEM aufgrund des erwähnten Antwortschreibens von der Möglichkeit einer
Behandlung des Sohnes im Heimatland spricht, so verkennt es, dass ge-
mäss der deutschen nicht beglaubigten Übersetzung des in Russisch ver-
fassten Schreibens in Tschetschenien ein individuelles Behandlungspro-
gramm finanziell nicht unterstützt würde und eine komplexe hochtechnolo-
gische Diagnostik und multidisziplinäre Kontrolle dort nicht zur Verfügung
stünde. Erwähnt wird zwar auch eine Klinik in der Russischen Föderation,
welche indes keine (...) Untersuchungen vornehme. Das Antwortschreiben
lässt zudem – wie im Wiedererwägungsgesuch geltend gemacht wird – ei-
nige Fragen zur Erhältlichkeit von Medikamenten und weiteren medizini-
schen Hilfsmitteln offen. Eine eigentliche Auseinandersetzung damit findet
durch das SEM in dessen Verfügung jedoch ebenfalls nicht statt.
7.2.5 Aufgrund der bestehenden Sachlage lässt sich zwar feststellen, dass
sich der Gesundheitszustand des Kindes verändert hat, indes lässt sich
nicht sachgerecht überprüfen, ob dies eine massgebliche Veränderung
respektive in wiedererwägungsrechtlicher Hinsicht relevante Veränderung
darstellt. Insbesondere lässt sich die Frage nach der Möglichkeit der not-
wendigen medizinischen Behandlung des Kindes in der derzeit vorhande-
nen Krankheitsphase in Russland oder Tschetschenien aufgrund des bis-
her erstellten Sachverhaltes zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten.
Vielmehr bedarf es zusätzlicher Abklärungen, namentlich eines weiteren
aktuellen und aufgrund der Komplexität des Falles detaillierten ärztlichen
Berichts. Sodann bedarf es konkreter Abklärungen über die vorhandenen
medizinischen Einrichtungen und Institutionen in Russland, welche den all-
fälligen Bedürfnissen des Kindes gerecht werden und welche die notwen-
digen Behandlungen ohne Unterbruch der Therapie gewährleisten können.
Denn im Vordergrund steht hier die gewichtige Frage, ob dem Kind, sollte
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Seite 12
es denn überhaupt reisefähig sein und einen allfälligen medizinischen
Transport unter ärztlicher Begleitung antreten können, bei einer Rückkehr
in sein Heimatland ein menschenwürdiges Dasein für die verbleibende Le-
benszeit respektive ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht werden
kann.
7.2.6 Auch mit dem auf Beschwerdeebene eingereichten ärztlichen Bericht
vom 20. September 2020 lassen sich die erwähnten Fragen nicht beant-
worten. Im Gegenteil werden mit diesem doch weitere Fragen aufgewor-
fen, wie etwa jene in der Beschwerde formulierte Frage nach der Erhält-
lichkeit und Verabreichung des Schmerzmittels (...) – die das Kind palliativ
erhält – sowie weiterer Medikamente, welche ihm neu verabreicht werden
([...] und [...]). Ausserdem erwähnt der Arzt, dass die Verlegung in eine
weitere Institution im Heimatland das Risiko einer lückenhaften Versorgung
berge und mit grossem Leiden und Schmerzen des Kindes verbunden
wäre. Eine zwar knappe Aussage, der allerdings angesichts des Schicksals
des Kleinkindes respektive der Frage danach, ob dieses auch bei einer
Rückkehr in den Heimatstaat unter menschenwürdigen Umständen ster-
ben kann, Tragweite zukommt. Auch diesbezüglich besteht Klärungsbe-
darf.
Die Ansetzung einer langen Ausreisefrist vermag diese erforderlichen Ab-
klärungen nicht zu ersetzen.
8.
Nach dem Gesagten erweisen sich die Rügen der unvollständigen Sach-
verhaltsfeststellung sowie jene der Verletzung der Begründungspflicht als
zutreffend. Die Beschwerde ist daher insofern gutzuheissen, als mit ihr die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache
zur Neubeurteilung beantragt wird. Die vorinstanzliche Verfügung vom
28. August 2020 ist aufzuheben und die Sache ist in Anwendung von
Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständigen Sachverhaltsabklärung im
genannten Sinn und zur Neubeurteilung unter Wahrung der notwendigen
Begründungsdichte ans SEM zurückzuweisen.
Auf die im Beschwerdeverfahren in reformatorischer Hinsicht gestellten
Rechtsbegehren und deren Begründung (inkl. Beweismittel) ist bei diesem
Verfahrensausgang nicht weiter einzugehen, da es Sache des SEM sein
wird, sich damit zu befassen.
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Seite 13
9.
Aufgrund des direkten Entscheides in der Hauptsache wird der verfahrens-
rechtliche Antrag auf einstweilige Sistierung des Vollzuges der Wegwei-
sung gegenstandslos.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist gegenstandslos
geworden.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts des Ausgangs des
Verfahrens zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung für die
ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten zu-
zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da keine Kostennote durch
den Rechtsvertreter eingereicht wurde, werden die notwendigen Parteikos-
ten aufgrund der Akten bestimmt (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE)
ist den Beschwerdeführenden zulasten der Vorinstanz eine Parteientschä-
digung von insgesamt Fr. 1250.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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