Decision ID: 62d373fa-70cb-4a3c-8a1b-75ea79d54baf
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
Helsana Versicherungen AG, Versicherungsrecht, Postfach, 8081 Zürich,
Beschwerdeführerin,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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und
A._,
Beigeladener,
vertreten durch Amtsvormundschaft Wil, Poststrasse 10, 9500 Wil,
betreffend
medizinische Massnahmen (Psychotherapie für A._)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ wurde am 17. August 2000 zum Bezug von IV-Leistungen angemeldet (IV-
act. 1). Gemäss den Angaben von Dr. med. B._, Kinderarzt FMH, vom 1. September
2000 litt er an einer Alkoholembryopathie und an einer zerebralen Bewegungsstörung
(IV-act. 7). Mit einer Verfügung vom 19. September 2000 (IV-act. 9) sprach die IV-Stelle
gestützt auf Art. 13 IVG Leistungen zur Behandlung der Geburtsgebrechen Nr. 390
(angeborene cerebrale Lähmungen) und Nr. 493 (Folgen von Embryo- und
Foetopathien) zu. Dr. med. C._, Arzt für Allgemeine Medizin FMH, ersuchte im
September 2004 um eine Kostengutsprache für eine ergotherapeutische Behandlung
(IV-act. 73). Er begründete dies mit den multiplen Entwicklungsrückständen des
Versicherten (IV.act. 74). Die Ergotherapie D._ beantragte am 1. November 2004 eine
Sonderschulung (IV-act. 76). Der Schulpsychologe hatte am 1. Juni 2004 angegeben,
der Versicherte sei schulbildungsfähig (IQ nach Kramer-Test: 67). Die IV-Stelle erteilte
am 20. Dezember 2004 die Kostengutsprache für eine Ergotherapie (IV-act. 80) und am
11. März 2005 für eine Sonderschulmassnahme (IV-act. 84). Am 30. August 2005
wurde um die Übernahme der Kosten einer Hippotherapie ersucht (IV-act. 111). Dr.
C._ teilte am 6. September 2005 mit (IV-act. 112), diese Therapie diene der
Verbesserung der Motorik bei ataktischen Bewegungsstörungen. Auch dies wurde
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bewilligt (IV-act. 119). In einem Bericht vom 2. Februar 2009 hielt die Ergotherapeutin
u.a. fest (IV-act. 152), der Versicherte kenne Begriffe wie vorne, hinten, oben, unten,
rechts und links, er kenne auch viele Buchstaben und Zahlen sicher, er könne bis 20
abzählen und kleine Mengen bis 10 zusammenzählen. Er habe gute Fortschritte beim
Lesen und Schreiben gemacht und er arbeite selbständiger und sehr konzentriert.
A.b Der Beistand des Versicherten stellte am 6. April 2010 ein Gesuch um die
Übernahme einer Psychotherapie-Traumatherapie (IV-act. 165). Die IV-Stelle erkundigte
sich am 2. August 2010 bei Dr. med. E._ vom Ostschweizer Kinderspital, von
welchem Trauma die Rede sei und welcher Zusammenhang zwischen der
Traumatherapie und den beiden Geburtsgebrechen bestehe (IV-act. 179). Dr. E._
antwortete am 16. August 2010 (IV-act. 180), im Rahmen der Alkoholembryopathie
(Geburtsgebrechen Nr. 493) sei es in den ersten Lebensjahren zu einer Vielzahl von
traumatisierenden Erlebnissen gekommen. Diese Erfahrungen bei einem durch den
intrauterinen Alkoholeinfluss geschädigten Kind durch eine wiederholt alkoholisierte
Mutter schienen sich nun in massiven Ängsten zu äussern. Bei Streitigkeiten im
schulischen Umfeld zeige der Versicherte häufig eine sogenannte Freeze-Reaktion, d.h.
er erstarre. Dies äussere sich als soziale Kontaktstörung mit emotionaler
Distanziertheit, was den Versicherten in der Partizipation beeinträchtige. Dies wiederum
wirke sich sehr einschneidend auf die Beschulung und die Berufsausbildung und damit
auf die berufliche Eingliederung aus. Die durch diese Traumatisierung bedingte
massive frühkindliche Verunsicherung bewirke zudem ein geringes Selbstwertgefühl
und eine Beeinträchtigung bei der Äusserung der eigenen Bedürfnisse. Zusätzlich habe
die ataktische CP eine Verunsicherung zur Folge. Mit einer gezielten, zeitlich begrenzen
therapeutischen Intervention könne eine massive Verbesserung der späteren
beruflichen Integration erreicht werden. Dr. med. F._ vom RAD hielt dazu am 25.
August 2010 fest (IV-act. 181), die Traumata seien nicht direkt durch die Embryopathie
bedingt, denn sie seien nach der Geburt im Rahmen von massiven
Auseinandersetzungen der Mutter mit dem Lebenspartner aufgetreten. Deshalb
bestehe aus medizinischer Sicht kein direkter Zusammenhang zwischen der
Traumatherapie und den Geburtsgebrechen. Mit einer Verfügung vom 15. Oktober
2010 wies die IV-Stelle das Begehren um eine Kostengutsprache für die
Psychotherapie ab (IV-act. 186). Sie begründete dies damit, dass die Psychotherapie
noch nicht während eines Jahres durchgeführt werde, dass eine Eingliederung in der
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freien Wirtschaft mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nie in Frage kommen werde, so
dass die Voraussetzungen des Art. 12 IVG nicht erfüllt seien, und dass kein direkter
Zusammenhang zwischen der Traumatherapie und den Geburtsgebrechen bestehe.
A.c Am 9. Mai 2011 wurde erneut um die Übernahme der Kosten einer
Psychotherapie ersucht (IV-act. 195). Dr. med. G._, Kinder- und Jugendpsychiatrie,
machte geltend, die Behandlung dauere nun schon mehr als ein Jahr (Behandlungs
beginn 21. April 2010). Der Versicherte weise eine posttraumatische Belastungsstörung
auf, die zu einer sozialen Kontaktstörung und zu einer emotionalen Distanziertheit
führe. Dies beeinträchtige die Beschulung und die Lernfähigkeit. Gemäss dem Bericht
von Dr. E._ bestehe ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der posttraumatischen
Belastungsstörung und dem Geburtsgebrechen Nr. 493. Der Versicherte werde noch
etwa ein Jahr eine psychotherapeutische Behandlung benötigen, um langfristig
wesentliche Auswirkungen auf die schulische Karriere und die spätere Berufsbildung zu
unterbinden. Am 11. Juni 2011 gab Dr. G._ ergänzend an (IV-act. 197), im bisherigen
Behandlungsverlauf habe sich eine deutliche Besserung im Autonomieverhalten
ergeben. Zudem habe der Versicherte im Lernverhalten Fortschritte gemacht.
Therapieziele seien die Verbesserung des Selbstwertgefühls und eine gute Integration
im schulischen Umfeld. Dr. med. H._ vom RAD hielt dazu am 10. November 2011
fest (IV-act. 204), aus medizinischer Sicht sei tatsächlich davon auszugehen, dass der
Versicherte ohne eine gezielte psychotherapeutische Unterstützung in der schulischen
und beruflichen Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt wäre. Allerdings bestehe ein
erheblicher Entwicklungsrückstand (Entwicklungsalter 5 Jahre, biologisches Alter 11,5
Jahre). Ausserdem weise der Versicherte autistische Verhaltenszüge auf. Aufgrund
dieser schweren psychomentalen Retardierung könne keine positive Prognose
hinsichtlich einer späteren erfolgreichen beruflichen Eingliederung in der freien
Wirtschaft gestellt werden. Mit einem Vorbescheid vom 15. November 2011 (IV-act.
206) teilte die IV-Stelle mit, dass sie beabsichtige, das Begehren um die Übernahme
der Kosten einer Psychotherapie abzuweisen. Sie begründete dies damit, dass keine
positive Diagnose hinsichtlich einer erfolgreichen beruflichen Eingliederung in der freien
Wirtschaft gestellt werden könne. Dr. med. I._, Vertrauensarzt der Helsana
Versicherungen AG, notierte am 25. November 2011 (IV-act. 210-9 f.), die
Psychotherapie sei medizinisch indiziert, der Zusammenhang mit dem
Geburtsgebrechen Nr. 493 sei gegeben, bei einem Unterbleiben der Psychotherapie
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wäre eine erhebliche Beeinträchtigung der Beschulung und der Integration zu erwarten,
die bisherige Behandlung habe zu einer Besserung im Autonomie- und im
Lernverhalten geführt, so dass nicht von einer desolaten Prognose gesprochen werden
könne, und es sei mit einer Verbesserung der Integrationschancen zu rechnen. Die
Helsana Versicherungen AG machte am 6. Dezember 2011 geltend (IV-act. 210-1 ff.),
Dr. G._ habe unter Verweis auf den Bericht von Dr. E._ eine positive Prognose
gestellt. Dasselbe gelte für Dr. I._. Deshalb seien die Leistungsvoraussetzungen
gemäss Art. 12 IVG erfüllt. Dr. E._ habe auch den Zusammenhang zwischen der
Psychotherapie und dem Geburtsgebrechen Nr. 493 bejaht. Die IV-Stelle habe es
unterlassen zu prüfen, ob die Kosten der Psychotherapie allenfalls gestützt auf Art. 13
IVG übernommen werden könnten. Mit einer Verfügung vom 16. Januar 2012 wies die
IV-Stelle das Leistungsgesuch ab (IV-act. 212). Sie wies darauf hin, dass sie den
Zusammenhang zwischen der Psychotherapiebedürftigkeit und den Geburtsgebrechen
bereits mit der Verfügung vom 15. Oktober 2010 verneint habe. Der Versicherte werde
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in der freien Wirtschaft eingegliedert
werden können.
B.
B.a Die Helsana Versicherungen AG erhob am 24. Januar 2012 Beschwerde (act. G 1)
mit dem Antrag, die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, die Kosten für die
ambulante Psychotherapie zu übernehmen; eventualiter sei das Verfahren zu weiteren
Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Begründung entsprach
den Ausführungen in der Stellungnahme zum Vorbescheid.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 30. März 2012 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Sie machte geltend, es bestehe kein Leistungsanspruch
gestützt auf Art. 12 IVG, weil mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen
sei, dass der - zum Gerichtsverfahren beigeladene - Versicherte nicht in die freie
Wirtschaft werde eingegliedert werden können. Deshalb werde mit der Psychotherapie
das Leiden an sich behandelt. Die Traumata seien nicht durch die Embryopathie
bedingt, sondern durch die späteren Auseinandersetzungen zwischen der Mutter und
dem Lebenspartner. Demnach komme auch kein Leistungsanspruch gestützt auf Art.
13 IVG in Frage.
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Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG haben invalide oder von einer Invalidität bedrohte Versicherte
einen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet
sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (lit. a), und die Voraussetzungen für
den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (lit. b). Zu den
Eingliederungsmassnahmen gehören unter anderem die medizinischen Massnahmen
(Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG). Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch
auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendigen medizinischen
Massnahmen (Art. 13 Abs. 1 IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche
diese Massnahmen gewährt werden (Art. 13 Abs. 2 Satz 1 IVG). Die Liste der
Geburtsgebrechen bildet Gegenstand einer besonderen Verordnung (Art. 3 IVV). Als
Geburtsgebrechen gelten Gebrechen, die bei vollendeter Geburt bestehen (Art. 1 Abs.
1 Satz 1 GgV). Gemäss den Angaben von Dr. E._ (vgl. IV-act. 180) besteht die direkte
Ursache des Bedarfs nach einer Psychotherapie nicht in einem Geburtsgebrechen,
sondern in einer Vielzahl traumatisierender Erlebnisse des Beigeladenen in den ersten
Lebensjahren. Die Folgen dieser Erlebnisse für die psychische Gesundheit sind also
nicht schon bei der Geburt vorhanden gewesen, was eine Qualifikation als
Geburtsgebrechen ausschliesst. Trotzdem sind Dr. E._ und später auch Dr. G._
(vgl. IV-act. 195) davon ausgegangen, dass eine enge Verbindung der psychischen
Beeinträchtigung (posttraumatische Belastungsstörung) mit den Geburtsgebrechen Nr.
390 und Nr. 493 bestehe, die es erlaube, die Psychotherapie als Teil der Behandlung
dieser beiden Geburtsgebrechen zu qualifizieren. Dieser Zusammenhang kann nur
therapeutischer Natur sein. Die Symptome der durch die traumatisierenden Erlebnisse
bewirkten posttraumatischen Belastungsstörung erschweren oder beeinträchtigen
nämlich die Therapie der beiden Geburtsgebrechen. Dieser Umstand kann angesichts
der diesbezüglich eindeutigen gesetzlichen und verordnungsmässigen Konzeption
nicht ausreichen, um die Psychotherapie als Behandlung der beiden Geburtsgebrechen
zu betrachten. Der Umstand allein, dass eine erworbene Krankheit zu einem
vorbestehenden Geburtsgebrechen hinzutritt und dessen Behandlung bzw. die
Behandlung des gesamten Krankheitskomplexes erschwert, rechtfertigt es nicht, auch
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die erworbene Krankheit unter Art. 13 IVG zu subsumieren, um so die Kosten der
Behandlung beider Krankheiten durch die Invalidenversicherung finanzieren zu können.
Für eine solche Interpretation bietet die geschilderte Rechtslage keinen Raum. Die
Beschwerdegegnerin hat somit zu Recht eine Übernahme der Kosten der
Psychotherapie gestützt auf Art. 13 IVG verweigert.
2.
2.1 Nach Art. 12 IVG haben Versicherte bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch
auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich,
sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den
Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit,
sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor
wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren (Abs. 1). Die Einschränkung "bis zum
vollendeten 20. Altersjahr" wurde bei im Übrigen unverändertem Wortlaut mit der 5. IV-
Revision ab 1. Januar 2008 in Art. 12 Abs. 1 IVG eingefügt. Unter der bis Ende 2007
gültig gewesenen Fassung von Art. 12 IVG durfte sich die medizinische Massnahme bei
Erwachsenen nicht auf die Behandlung des Leidens an sich richten. Die
Rechtsprechung kannte von dieser Regel jedoch eine Ausnahme für nichterwerbstätige
Personen vor dem vollendeten 20. Altersjahr. Diese galten als invalid, wenn die
Beeinträchtigung ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
voraussichtlich eine ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit zur Folge hatte (Art. 5
Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 ATSG). Nach der vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision
gültigen Rechtsprechung konnten medizinische Vorkehren bei Jugendlichen deshalb
schon dann überwiegend der beruflichen Eingliederung dienen und trotz des
einstweilen noch labilen Leidenscharakters von der IV übernommen werden, wenn
ohne diese Vorkehren eine Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand
einträte, wodurch die Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit oder beide
beeinträchtigt würden (AHI 2003 S. 104 E. 2; EVGE I 484/02 vom 27. Oktober 2003 und
I 16/03 vom 6. Mai 2003; BGE 105 V 20). Diese Praxis legte aArt. 12 Abs. 1 IVG also in
Bezug auf unter 20-Jährige gegen den Wortlaut aus. Die Kosten einer Behandlung von
Versicherten vor dem vollendeten 20. Altersjahr wurden von der Invalidenversicherung
getragen, wenn das Leiden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer
korrigierbaren, die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden
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oder gar verunmöglichenden stabilen pathologischen Zustand führen konnte. Im
Rahmen der 5. IV-Revision sollte Art. 12 IVG nach dem Willen des Bundesrats ersatzlos
gestrichen und sämtliche medizinischen Massnahmen sollten bei der
Krankenversicherung angesiedelt werden (vgl. Ziff. 1.6.3.2 der Botschaft des
Bundesrats vom 22. Juni 2005 zur Änderung des IVG, BBl 2005 4459, 4540 ff.). Das
Parlament folgte diesem Vorschlag nicht und sprach sich dafür aus, dass die
Invalidenversicherung weiterhin bis zum 20. Altersjahr der versicherten Person im
Rahmen der beruflichen Eingliederung für die medizinischen Massnahmen aufkommen
müsse. Die Praxis, wonach bei Kindern und Jugendlichen selbst bei labilem
Leidenscharakter bzw. Behandlung des Leidens an sich medizinische Massnahmen
übernommen wurden, wenn ohne diese eine Heilung mit Defekt oder ein sonstwie
stabilisierter Zustand einträte, sollte beibehalten werden (vgl. Ulrich Meyer,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2010, S. 133
f.; vgl. auch Annina Baltisser, Der Anspruch auf medizinische Massnahmen nach Art.
12 IVG, in: Ueli Kieser/Miriam Lendfers [Hrsg.], Jahrbuch zum Sozialversicherungsrecht
[JaSo] 2013, S. 111 ff.). Der seit 1. Januar 2008 in Kraft stehende Art. 12 Abs. 1 IVG ist
daher nicht seinem Wortlaut getreu anzuwenden. Der dort festgeschriebene Grundsatz,
dass die medizinische Massnahme nicht auf die Behandlung des Leidens an sich
gerichtet sein darf, wie dies vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision praxisgemäss
ausschliesslich bei über 20-Jährigen der Fall war, kann folglich nicht auf unter 20-
Jährige übertragen werden (vgl. auch die Entscheide IV 2011/62 vom 24. August 2011
und IV 2009/443+457 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
13. August 2010, E. 3; letzterer bestätigt durch den Bundesgerichtsentscheid
9C_809/2010 vom 23. Dezember 2010). Im vorliegenden Fall besteht somit ein
Anspruch auf eine Übernahme der Kosten der Psychotherapie, wenn das Leiden mit
hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die spätere
Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden oder gar verunmöglichenden
stabilen pathologischen Zustand führen wird.
2.2 Dr. G._ hat angegeben (vgl. IV-act. 195), bei einem Unterbleiben der
psychotherapeutischen Behandlung wäre die Lernfähigkeit des Beigeladenen so stark
beeinträchtigt, dass die schulische Karriere und die spätere Berufsausbildung in
erheblichem Ausmass gefährdet wären. Die seit mehr als einem Jahr durchgeführte
Psychotherapie habe Fortschritte im Lernverhalten bewirkt (IV-act. 197). Dr. H._ vom
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RAD hingegen hat aus dem erheblichen Entwicklungsrückstand des Beigeladenen den
Schluss gezogen (vgl. IV-act. 204), dass keine positive Prognose hinsichtlich einer
späteren erfolgreichen beruflichen Eingliederung in der freien Wirtschaft gestellt werden
könne. Offensichtlich ist er also davon ausgegangen, dass die Psychotherapie zwar
durchaus erfolgversprechend sei und die Lernfähigkeit des Beigeladenen verbessern
könne, dass dies aber irrelevant sei, weil die beiden Geburtsgebrechen eine berufliche
Ausbildung zum Vornherein ausschlössen, der Beigeladene also nie, auch nicht bei
einer vollumfänglich erfolgreichen Psychotherapie, in der freien Wirtschaft werde
eingegliedert werden können. Diese Prognose von Dr. H._ beruht auf einer
Auslegung des Art. 12 Abs. 1 IVG, die unter den dort verwendeten Begriff des
Erwerbslebens nur eine Eingliederung in der freien Wirtschaft subsumieren will. Das ist
eine zu enge Auslegung des Begriffs des Erwerbslebens, denn allein schon aus
Gründen der Gleichbehandlung muss damit auch die Beschäftigung in einer
geschützten Werkstätte gemeint sein (falls es sich dabei nicht um eine reine
Beschäftigungstherapie handelt, bei der kein ökonomischer Mehrwert geschaffen wird).
Wäre trotz der durch die beiden Geburtsgebrechen bewirkten schweren
psychomentalen Retardierung eine ökonomisch sinnvolle Verwertung der
Arbeitsfähigkeit in einer geschützten Werkstätte möglich, wenn die posttraumatische
Belastungsstörung adäquat behandelt würde, so läge also eine erfolgreiche
Eingliederung des Beigeladenen ins Erwerbsleben vor. Von der Retardierung allein
kann nicht auf eine definitive Unfähigkeit zur Eingliederung ins Erwerbsleben (im
obgenannten weiten Sinn) geschlossen werden, denn Art. 12 Abs. 1 IVG erfordert
keinen Eingliederungserfolg bereits in dem Alter, in dem gesunde junge Menschen ins
Erwerbsleben treten. Dr. H._ scheint davon ausgegangen zu sein, dass der
Beigeladene auch nicht mit Verzögerung ins Erwerbsleben werde eintreten können,
weil ihm das entsprechende Entwicklungspotential völlig fehle. Wenn diese Prognose
von Dr. H._ zur weiteren Entwicklung des Beigeladenen plausibel wäre, müsste
davon ausgegangen werden, dass dieser aufgrund der beiden Geburtsgebrechen
tatsächlich keine Aussicht darauf hätte, je ins Erwerbsleben eintreten zu könne, selbst
wenn es sich dabei "nur" um eine Erwerbstätigkeit in einer geschützten Werkstätte
handeln würde. Da die behandelnden Ärzte und die übrigen den Beigeladenen
betreuenden Personen aber immer von einem entsprechenden Entwicklungspotential
ausgegangen sind, kann die Prognose von Dr. H._ nicht als ausreichend
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wahrscheinlich qualifiziert werden. Es kann also nicht angenommen werden, dass der
Beigeladene mit ausreichender Wahrscheinlichkeit auch bei einer erfolgreichen
psychotherapeutischen Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung nicht
fähig sei, sich ins Erwerbsleben einzugliedern. Allerdings lassen auch die Angaben der
behandelnden Ärzte nicht mit ausreichender Wahrscheinlichkeit vermuten, dass bei
einer erfolgreichen Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung von einer guten
Chance auf eine erfolgreiche Eingliederung ins Erwerbsleben auszugehen sei.
Demnach hat die Beschwerdegegnerin es in Verletzung ihrer Untersuchungspflicht
unterlassen, die Aussichten auf eine erfolgreiche Eingliederung ins Erwerbsleben zu
klären. Dazu wäre es erforderlich gewesen, den behandelnden Ärzten die Möglichkeit
zu geben, sich zur Überzeugungskraft der Prognose von Dr. H._ zu äussern und
anschliessend selbst eine Prognose abzugeben. Da sich der Sachverhalt also in Bezug
auf die Leistungsvoraussetzungen gemäss Art. 12 Abs. 1 IVG als unzureichend
abgeklärt erweist, ist die Sache zur Vervollständigung der Sachverhaltskenntnis an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Sollte der Einbezug der behandelnden Ärzte in
die Prognosestellung betreffend die Eingliederung ins Erwerbsleben nicht zur Klärung
des Sachverhalts führen, wird die Beschwerdegegnerin eine Begutachtung ins Auge
fassen müssen.
3.
Da die angefochtene Verfügung in Verletzung der Untersuchungspflicht ergangen ist,
muss sie aufgehoben werden. Die Sache ist zur weiteren Abklärung und zur
anschliessenden neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dieser
Verfahrensausgang ist im Hinblick auf die Verfahrenskosten als vollumfängliches
Obsiegen der Beschwerdeführerin zu werten. Die Gerichtskosten sind deshalb von der
Beschwerdegegnerin zu tragen. Der Beurteilungsaufwand erweist sich als
durchschnittlich, weshalb die Gerichtsgebühr praxisgemäss auf Fr. 600.-- festzusetzen
ist. Der Kostenvorschuss von ebenfalls Fr. 600.-- ist der Beschwerdeführerin
zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
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im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP