Decision ID: 9af2a1c1-cb37-465a-8dc9-0b6945ab7225
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Mit Ausschreibung im Schengener Informationssystem (SIS) vom 9. Au-
gust 2017 ersuchten die tschechischen Behörden um Festnahme zwecks
Auslieferung des tschechischen Staatsangehörigen A. (act. 5.1).
B. Am 17. August 2017 wurde A. anlässlich einer Ausreisekontrolle in Basel
festgenommen (act. 5.2). Kurz darauf ordnete das Bundesamt für Justiz
(nachfolgend „BJ“) die provisorische Auslieferungshaft von A. an (act. 5.3).
Im Rahmen seiner Einvernahme vom gleichen Tag widersetzte sich A. der
vereinfachten Auslieferung an die Tschechische Republik und verzichtete
dabei auf den Beizug eines Rechtsbeistands (act. 5.4). Am 18. August 2017
erliess das BJ den Auslieferungshaftbefehl gegen A. (act. 5.5), der unange-
fochten geblieben ist.
C. Mit Schreiben vom 7. September 2017 ersuchte das tschechische Justizmi-
nisterium die Schweiz um Auslieferung von A. im Hinblick auf die Vollstre-
ckung einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten aus dem Urteil des Stadtbezirks-
gerichts Prag 3 vom 21. März 2016 i.V.m. dem Urteil des Stadtgerichts Prag
vom 14. September 2016 (act. 5.6). A. war schuldig gesprochen worden, am
2. April 2015 mit der Unterstützung von zwei Mittätern den Geschädigten B.
in der Wohnung [...] in Prag eingeschlossen und von ihm – unter Androhung
von Gewalt – die Herausgabe von Geld, Bankkarten, Passwörtern etc. ver-
langt zu haben.
D. Anlässlich seiner Befragung vom 18. September 2017 widersetzte sich A.
erneut einer Auslieferung an die Tschechische Republik (act. 5.7).
E. Mit Schreiben vom 26. September 2017 reichte er seine schriftliche Stellung-
nahme zum tschechischen Auslieferungsersuchen ein. Gegen seine Auslie-
ferung brachte er zur Hauptsache vor, ihm sei der tschechische Strafantritts-
befehl nicht zugestellt worden. Er verlangte von den tschechischen Behör-
den dessen ordnungsgemässe Zustellung unter Verzicht der Auslieferung.
Er erklärte, er würde in der Folge freiwillig die Haft antreten (act. 5.8).
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F. Mit Auslieferungsentscheid vom 4. Oktober 2017 bewilligte das BJ die Aus-
lieferung von A. an die Tschechische Republik für die dem Auslieferungser-
suchen vom 7. September 2017 zugrunde liegenden Straftaten (act. 5.9).
G. Dagegen erhebt A. mit Eingabe vom 30. Oktober 2017, versandt am 3. und
eingegangen am 7. November 2017, Beschwerde an die Beschwerdekam-
mer des Bundesstrafgerichts und beantragt die Aufhebung des Ausliefe-
rungsentscheids. In der Beschwerde machte er neu geltend, er sei unschul-
dig und sei aufgrund von willkürlicher Beweiswürdigung schuldig gesprochen
worden (act. 1). In der Beschwerde stellt A. auch ein Asylgesuch, welches
zuständigkeitshalber dem Staatssekretariat für Migration weitergeleitet
wurde (act. 4).
Mit Schreiben vom 8. November 2017 wurden die Akten vom BJ eingefordert
(act. 3), welche mit Schreiben vom 10. November 2017 hierorts eingingen
(act. 5). Auf die Durchführung eines Schriftenwechsels wurde verzichtet
(Art. 57 Abs. 1 VwVG e contrario).

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für den Auslieferungsverkehr zwischen der Schweiz und der Tschechischen
Republik sind primär das Europäische Auslieferungsübereinkommen vom
13. Dezember 1957 (EAUe; SR 0.353.1) sowie die beiden hierzu ergange-
nen Zusatzprotokolle vom 15. Oktober 1975 (ZPI EAUe; SR 0.353.11) und
vom 17. März 1978 (ZPII EAUe; SR 0.353.12), welchen beide Staaten bei-
getreten sind, massgebend. Ausserdem gelangen die Bestimmungen der
Art. 59 ff. des Übereinkommens vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des
Übereinkommens von Schengen vom 14. Juni 1985 (Schengener Durchfüh-
rungsübereinkommen, SDÜ; Abl. L239 vom 22. September 2000, S. 19 – 62)
zur Anwendung (BGE 136 IV 88 E. 3.1 S. 89).
1.2 Soweit diese Staatsverträge bestimmte Fragen nicht abschliessend regeln,
findet auf das Verfahren der Auslieferung und der vorläufigen Auslieferungs-
haft ausschliesslich das Recht des ersuchten Staates Anwendung (Art. 22
EAUe), vorliegend also das Bundesgesetz vom 20. März 1981 (Rechtshilfe-
gesetz, IRSG; SR 351.1) und die Verordnung vom 24. Februar 1982 über
internationale Rechtshilfe in Strafsachen (Rechtshilfeverordnung, IRSV;
SR 351.11). Das innerstaatliche Recht gelangt nach dem Günstigkeitsprinzip
auch dann zur Anwendung, wenn dieses geringere Anforderungen an die
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Auslieferung stellt (BGE 142 IV 250 E. 3; 140 IV 123 E. 2 S. 126; 137 IV 33
E. 2.2.2 S. 40 f.; 136 IV 82 E. 3.1; 122 II 140 E. 2 S. 142). Vorbehalten bleibt
die Wahrung der Menschenrechte (BGE 135 IV 212 E. 2.3; 123 II 595 E. 7c
S. 617; TPF 2008 24 E. 1.1 S. 26).
2.
2.1 Gegen Auslieferungsentscheide des BJ kann innert 30 Tagen seit der Eröff-
nung des Entscheids bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts
Beschwerde geführt werden (Art. 55 Abs. 3 i.V.m. Art. 25 Abs. 1 IRSG;
Art. 12 Abs. 1 IRSG i.V.m. Art. 50 Abs. 1 VwVG; Art. 37 Abs. 2 lit. a Ziff. 1
des Bundesgesetzes vom 19. März 2010 über die Organisation der Strafbe-
hörden des Bundes, StBOG; SR 173.71).
2.2 Der angefochtene Auslieferungsentscheid wurde dem Beschwerdeführer am
5. Oktober 2017 eröffnet (act. 5.9). Die vorliegende Beschwerde mit Post-
aufgabe am 3. November 2017 erging somit innert Frist, weshalb auf die
Beschwerde einzutreten ist.
3. Die Beschwerdekammer ist nicht an die Begehren der Parteien gebunden
(Art. 25 Abs. 6 IRSG). Sie prüft die Auslieferungsvoraussetzungen grund-
sätzlich mit freier Kognition. Die Beschwerdekammer befasst sich jedoch nur
mit Tat- und Rechtsfragen, die Streitgegenstand der Beschwerde bilden
(Entscheide des Bundesstrafgerichts RR.2009.2 vom 9. Juli 2009, E. 2.4;
RR.2007.34 vom 29. März 2007, E. 3, je m.w.H.).
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung muss sich die urteilende In-
stanz sodann nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinanderset-
zen und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen. Sie kann sich
auf die für ihren Entscheid wesentlichen Punkte beschränken. Es genügt,
wenn die Behörde wenigstens kurz die Überlegungen nennt, von denen sie
sich leiten liess und auf welche sich ihr Entscheid stützt (BGE 124 II 146
E. 2a; 122 IV 8 E. 2c; Urteil des Bundesgerichts 1A.59/2004 vom
16. Juli 2004, E. 5.2, m.w.H.).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer bestreitet die Tatbegehung, für welche er in erster
und zweiter Instanz in der Tschechischen Republik verurteilt wurde. Er macht
geltend, die tschechischen Gerichte hätten die Beweismittel in willkürlicher
http://links.weblaw.ch/BGE-122-I-139 http://links.weblaw.ch/BGE-123-II-595
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Weise ausgewählt. Sie hätten sämtliche (entlastenden) Beweismittel igno-
riert und die Aussagen des Geschädigten als glaubwürdig bezeichnet, ob-
wohl dieser zur fraglichen Zeit unter dem Einfluss von Rauschmittel in unbe-
kannter Menge gestanden habe. Er bereite den Antrag auf die Wiederauf-
nahme des Verfahrens vor und werde bei dessen Abweisung zuerst Be-
schwerde beim Verfassungsgericht der Tschechischen Republik und gege-
benenfalls Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
erheben (act. 1).
4.2 Das Auslieferungsverfahren dient nicht der nachträglichen Überprüfung der
Beweiswürdigung rechtskräftiger Strafurteile durch den Rechtshilferichter.
Dieser hat weder Tat- noch Schuldfragen zu prüfen und grundsätzlich auch
keine Beweiswürdigung vorzunehmen, sondern ist vielmehr an die Sachver-
haltsdarstellung im Ersuchen gebunden, soweit sie nicht durch offensichtli-
che Fehler, Lücken oder Widersprüche sofort entkräftet wird (vgl. BGE 132
II 81 E. 2.1; Urteile des Bundesgerichts 1A.163/2006 vom 23. Januar 2007,
E. 3.2 f.; 1A.189/2006 vom 7. Februar 2007, E. 2.6; 1A.125/2006 vom 10. Au-
gust 2006, E. 2.1, je m.w.H.). Das gilt umso mehr, wenn – wie vorliegend –
bereits ein rechtskräftiges und in zweiter Instanz überprüftes Strafurteil der
Justizbehörden des ersuchenden Staates vorliegt.
4.3 Mit seiner Rüge verkennt der Beschwerdeführer offensichtlich, dass das
Auslieferungsverfahren nicht der nachträglichen Überprüfung der Beweis-
würdigung rechtskräftiger Strafurteile durch den Rechtshilferichter dient. In
der im Urteil des Stadtbezirksgerichts Prag 3 vom 21. März 2016 bzw. des
Stadtgerichts Prag vom 14. September 2016 wiedergegebenen Sachver-
haltsschilderung (act. 5.6A; Zusammenfassung s. unter supra lit. C) finden
sich sodann keine offensichtlichen Fehler, Lücken oder Widersprüche, wel-
che die Sachdarstellung im Auslieferungsersuchen sofort im Sinne der
Rechtsprechung entkräften würden. Solche Mängel zeigt der Beschwerde-
führer weder mit seinen pauschalen Bestreitungen noch mit seinen übrigen
Argumenten auf. Dass das tschechische Strafverfahren den in der EMRK
oder im Internationalen Pakt vom 16. Dezember 1966 über bürgerliche und
politische Rechte (UNO-Pakt II; SR 0.103.2) festgelegten Verfahrensgrund-
sätzen nicht entsprochen hätte, hat der Beschwerdeführer nicht im Ansatz
glaubhaft gemacht und ist auch nicht ersichtlich. Unter dem geprüften Ge-
sichtspunkt erweist sich nach dem Gesagten die Rüge als offensichtlich un-
begründet.
5. Andere Auslieferungshindernisse wurden weder geltend gemacht noch sind
solche ersichtlich. Die Auslieferung des Beschwerdeführers an die Tschechi-
sche Republik ist daher zulässig. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten in
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allen Punkten als unbegründet abzuweisen. Da der Beschwerdeführer mit
der Beschwerde ein Asylgesuch gestellt hat, ist die Auslieferung nur unter
dem Vorbehalt zu bewilligen, dass das Asylgesuch abgewiesen wird
(s. BGE 133 IV 76 E. 4.9).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer stellte das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege und Verbeiständung (RP.2017.66, act. 1).
6.2 Die Beschwerdekammer befreit eine Partei, die nicht über die erforderlichen
Mittel verfügt, auf Antrag von den Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren
nicht aussichtslos erscheint, und bestellt ihr einen Anwalt, wenn es zur Wah-
rung ihrer Rechte notwendig ist (Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 39
Abs. 2 lit. b StBOG).
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung sind Prozessbegehren als
aussichtslos anzusehen, wenn die Gewinnaussichten beträchtlich geringer
erscheinen als die Verlustgefahren und sie deshalb kaum als ernsthaft be-
zeichnet werden können. Dagegen gilt ein Begehren nicht als aussichtslos,
wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr die Waage hal-
ten oder jene nur wenig geringer sind als diese. Massgebend ist, ob eine
Partei, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger
Überlegung zu einem Prozess entschliessen würde. Ob im Einzelfall genü-
gende Erfolgsaussichten bestehen, beurteilt sich nach den Verhältnissen zur
Zeit, zu der das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gestellt wird
(BGE 129 I 129 E. 2.3.1; 128 I 225 E. 2.5.3; 124 I 304 E. 2c).
6.3 Den vorstehenden Erwägungen (E. 4 f.) ist zu entnehmen, dass die Be-
schwerde offensichtlich unbegründet war und demgemäss keine Aussicht
auf Erfolg hatte. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege und Verbeiständung ist folglich aus diesem Grund abzuweisen.
7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird der Beschwerdeführer kosten-
pflichtig (Art. 63 VwVG i.V.m. Art. 39 Abs. 2 lit. b StBOG). Für die Berech-
nung der Gerichtsgebühr gelangt das BStKR (i.V.m. Art. 63 Abs. 5 VwVG)
zur Anwendung. Der vermutungsweise schwierigen finanziellen Situation
des Beschwerdeführers ist mit einer reduzierten Gerichtsgebühr von
Fr. 300.-- Rechnung zu tragen.
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