Decision ID: 75384553-b8f1-42ab-9d9c-ed93667c6f59
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._, geboren 1976, begann im August 1993 eine Lehre als Industrielackiererin, welche sie nach einem Jahr aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste (Urk. 7/21/4, 7/34/1 und 7/36/11). Wegen einer chronischen Epicondylitis humeri radialis („Tennisellenbogen“) beidseits
mel
dete sich die Versicherte im Juni 1995 erstmals bei der Sozialver-
sicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbe
zug an (vgl. Urk. 7/1-3). Diese holte unter anderem ein polydisziplinäres Gutachten bei der Medi
zinischen Abklärungsstelle (MEDAS) am Kantonsspital A._ vom 23. Oktober und vom 18. November 1997 ein (Urk. 7/9 und 7/10). Darin wurden als Hauptdiagnosen ein Cervicobrachial
syndrom beidseits mit über
wiegend psychogener Chronifizierung und Übergang in eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4), verbunden mit gemischten dissoziativen Störungen (Pseudoparesen und Empfindungslosigkeit) beider Arme (ICD-10: F44.7), und ein chronisches cervicobrachiales weichteilrheu
matisches Schmerzsyndrom beidseits, ferner als Nebendiagnosen ein Span
nungs
kopfschmerz und eine Adipositas aufgeführt; für eine behinderungs
-
an
gepasste Tätigkeit wurde eine 70%ige Arbeitsfähigkeit attestiert (Urk. 7/10/8-10). Im Frühling 2000 wurde der Versicherten, ausgehend von einer Arbeits
fähigkeit von 70 % in einer dem physischen und psychischen Gesundheits
zustand angepassten Tätigkeit und einem Invaliditätsgrad von 40 %, ab dem 1. September 1995 eine Viertelsrente zugesprochen (Urk. 7/40).
Die Versicherte arbeitete seit dem 1. Oktober 2002 mit einem Pensum von 100 % als Hauspflegerin bei der Hausbetreuungsdienst für B._ AG (Urk. 7/48 und 7/59), als die IV-Stelle im Februar 2003 von Amtes wegen eine Rentenüberprüfung einleitete (Urk. 7/45-48). Nach deren Durchführung hob die IV-Stelle die Viertelsrente mit Verfügung vom 25. März 2003 rück
wirkend per 1. Mai 2001 auf (Urk. 7/52). Die Versicherte kündigte ihr Arbeitsverhältnis per 15. August 2003 (Urk. 7/59/4) und trat am 16. August 2003 eine befristete Anstellung als Pflegeassistentin in Ausbildung an (Urk. 7/54/5 und 7/60). Am 1. April 2004 reichte sie bei der IV-Stelle eine Anmeldung zur Berufsberatung und Umschulung auf eine neue Tätigkeit ein, da sie an Rückenproblemen und an rheumatischen Beschwerden leide (Urk. 7/54). Sie beantragte am 22. April 2005 erneut eine berufliche Umschulung (Urk. 7/70). Mit Verfügungen vom 27. September 2005 (Urk. 7/84) und vom 6. Juni 2006 (Urk. 7/100) erteilte die IV-Stelle Kosten
gutsprachen für eine berufsbegleitende Ausbildung zur beratenden Seelsor
gerin. Wie mit Vorbescheid vom 4. Januar 2008 in Aussicht gestellt (Urk. 7/116), erklärte die IV-Stelle die beruflichen Massnahmen mit Verfü
gung vom 16. Februar 2008 als erfolgreich abgeschlossen (Urk. 7/118).
Die Versicherte war ab dem 1. Juli 2008 mit einem Pensum von 32 % als Sigristin bei der reformierten Kirchgemeinde angestellt (Urk. 7/119/1, 7/124/5 und 7/142). Sie meldete sich am 24. Juni 2013 zur Früherfassung (Urk. 7/119) und am 18. August 2013 erneut zum Leistungsbezug (Urk. 7/124) an, da sie an psychischen Beschwerden leide (Urk. 7/124/5). Die IV-Stelle zog diverse Arztberichte bei (Urk. 7/127, 7/128 und 7/132). Über
dies nahm sie die Unterlagen des Unfallversicherers betreffend einen am 25. August 2011 als Beifahrerin erlittenen Autounfall zu den Akten (Urk. 7/141). Sie tätigte weitere erwerbliche (Urk. 7/142, 7/145 und 7/146) und medizinische (Urk. 7/143, 7/147, 7/156, 7/157 und 7/168) Abklärungen. Am 28. Oktober 2014 gab sie bei Dr. med. C._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag (Urk. 7/164), das er am 21. Dezember 2014 erstattete (Urk. 7/171). Mit Vor
bescheid vom 26. Januar 2015 stellte die IV-Stelle der Versicherten die Abweisung ihres Leistungsbegehrens in Aussicht (Urk. 7/172). Dagegen erhob die Versicherte Einwand (Urk. 7/178), den sie am 7. Mai 2015 ergänzend begründen liess (Urk. 7/184). Überdies liess sie weitere ärztliche Unterlagen vom 24. April 2015 (Urk. 7/183), vom 14. August 2013 (Urk. 7/190/1-6) und vom 9. September 2014 (Urk. 7/190/7-12) einreichen. Die IV-Stelle wandte sich darauf mit Rückfragen an den Gutachter (Urk. 7/194), die er am 1. November 2015 in einer ergänzenden Stellungnahme schriftlich beant
wortete (Urk. 7/195). Dazu liess sich die Versicherte mit Eingabe vom 30. November 2015 vernehmen (Urk. 7/197) und ein ärztliches Schreiben vom 26. November 2015 einreichen (Urk. 7/198). Mit Verfügung vom 2. Dezember 2015 verneinte die IV-Stelle einen Leistungsanspruch (Urk. 2 = 7/200).
2.
Gegen die Verfügung vom 2. Dezember 2015 erhob die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin Karin Wüthrich, mit Eingabe vom 18. Januar 2016 (Urk. 1) Beschwerde mit dem Antrag, die ange
fochtene Verfügung sei aufzu
heben und es seien ihr ab dem frühesten möglichen Zeitpunkt Rentenleistun
gen zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärun
gen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Unter Kosten- und Entschä
digungsfolgen (zuzüglich Mehrwertsteuer) zulasten der Beschwerdegegnerin (Urk. 1 S. 2). Überdies wurde um Bewilligung der unentgeltlichen Prozess
führung und um Bestellung von Rechtsanwältin Karin Wüthrich als unent
geltliche Rechtsvertreterin ersucht (Urk. 1 S. 2). Am 18. Februar 2016 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6). Mit Verfügung vom 1. März 2016 (Urk. 8) wurde X._ die unentgeltliche Pro
zessführung bewilligt und Rechtsanwältin Karin Wüthrich als ihre unentgelt
liche Rechtsvertreterin bestellt. Überdies wurde ein zweiter Schriftenwechsel angeordnet und eine Frist von 30 Tagen zur Replik angesetzt. Diese wurde am 18. April 2016 erstattet (Urk. 11). Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 24. Mai 2016 auf das Einreichen einer Duplik (Urk. 13). Davon wurde der Gegenpartei mit Verfügung vom 25. Mai 2016 Kenntnis gegeben (Urk. 14).
Am 25. Dezember 2016 verstarb X._ (Urk. 17), worüber ihre Rechtsvertreterin das Gericht am 25. Januar 2017 informierte (Urk. 15). Am 29. März 2017 teilte Rechtsanwältin Karin Wüthrich dem Gericht schrift
lich mit, die Erbinnen seien an der Fortsetzung des Beschwerdeverfahrens interessiert (Urk. 16). Es wurde mit Verfügung vom 3. April 2017 (Urk. 18) vom Eintritt der Erbinnen von X._ in den Prozess Vor
merk genommen. Mit derselben wurde Rechtsanwältin Karin Wüthrich als unentgeltliche Rechtsvertreterin entlassen, und es wurde den Erbinnen von X._ eine Frist angesetzt, um einen gemeinsamen Zustellungsempfänger zu bezeichnen oder die Zustellung an sich selber zu verlangen. Mit Schreiben vom 24. April 2017 wurde dem Gericht mitgeteilt, dass Rechtsanwältin Karin Wüthrich als Zustellungsempfängerin fungiere (Urk. 20 und 21). Am 27. April 2017 reichte diese ihre Honorarnote für die Dauer der unentgeltlichen Rechtsvertretung ein (Urk. 23 und 24).
Auf die einzelnen Ausführungen in den Rechtsschriften wird, soweit erforder
lich, in den Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bun
desgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliess
lich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertels
rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert und tritt die Verwaltung auf eine Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache mate
ri
ell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versicherten Person glaub
haft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich einge
treten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisions
fall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräfti
gen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festge
stellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidi
tät zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
1.4
Versicherungsträger und Sozialversicherungsgerichte haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfüg
baren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechts
anspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfas
send ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwer
den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen begründet sind. Aus
schlaggebend für den Beweiswert ist grund
sätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gut
achten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
2.
Die Beschwerdegegnerin zog in der angefochtenen Verfügung in Betracht, es sei auf das psychiatrische Gutachten von Dr. C._ vom 21. Dezember 2014 und dessen ergänzende Stellungnahme vom 1. November 2015 abzu
stellen. Demnach und gemäss den in somatischer Hinsicht getroffenen Abklärungen sei kein medizinischer Sachverhalt vorhanden, der eine Invali
dität begründe. Im Vordergrund stehe die invaliditätsfremde Suchtproblema
tik (Urk. 2).
Demgegenüber wurde in der Beschwerdeschrift und in der Replik im Wesent
lichen der Stand
punkt vertreten, es sei nicht auf die gutachterlichen Aus
führungen von Dr. C._, sondern auf die Berichte der psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandler abzustellen, eventualiter seien weitere Abklärungen vorzunehmen (Urk. 1 und 11).
3.
Die IV-Stelle ist auf die Neuanmeldung vom 18. August 2013 (Urk. 7/124) materiell eingetreten. Es gilt somit zu prüfen, ob sich der Gesundheitszustand der Versicherten im massgeblichen Zeitraum zwi
schen der Verfügung vom 25. März 2003, mit welcher ein Anspruch auf eine Invalidenrente ab dem 1. Mai 2001 verneint worden war (Urk. 7/52), und der angefochte
nen Verfü
gung vom 2. Dezember 2015 insoweit verschlechtert hat, dass nunmehr wie
der ein Anspruch auf eine Invalidenrente besteht. Da die Neuanmeldung zum Leistungsbezug am 18. August 2013 erfolgte (Urk. 7/124), steht frühestens ab dem 1. Februar 2014 eine Invalidenrente zur Diskussion (vgl. Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG).
4.
Die Verfügung vom 25. März 2003 stützte sich in medizinischer Hinsicht auf den Bericht von Dr. med. D._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, vom 12. November 2012, gemäss welchem seit Februar 2001 keine Beschwerden mehr bestanden, welche eine Arbeitsunfähigkeit gerechtfertigt hätten (Urk. 7/47; vgl. das Feststellungsblatt für den Beschluss vom 25. März 2003, Urk. 7/51).
5.
5.1
Hinsichtlich der weiteren Entwicklung der medizinischen Verhältnisse lässt sich den Akten – soweit hier relevant – entnehmen, dass sich die Versicherte im Oktober 2006 in die ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung von Dr. med. E._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, und lic. phil. F._, Fachpsychologe für Psychothe
rapie FSP, begeben hatte, welche rund sechs Jahre dauerte (vgl. Urk. 7/141/8-9). Dieselbe war dem Bericht der Behandler vom 25. Juni 2012 zufolge auf die Verarbeitung der traumatischen Lebensgeschichte ausgerich
tet und wurde in Form von wöchentlichen einstündigen psychotherapeu
tischen Sitzungen und von psychiatrischen Sitzungen nach Bedarf durchge
führt (Urk. 7/141/9). Die nach dem Autounfall vom 25. August 2011 und nach einem Treppensturz vom 21. April 2012 mit Schlüsselbeinbruch attes
tierte Arbeitsunfähigkeit habe weitestgehend somatische und sicher keine unfallkausalen psychischen Ursachen gehabt (Urk. 7/141/9).
5.2
Nach der konsiliarpsychiatrischen Untersuchung der Versicherten diagnosti
zierte Dr. med. G._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, gemäss seinem Bericht vom 28. Februar 2012 eine posttrau
matische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1), eine rezidivierende depressive Störung (ICD-10: F33.0), gegenwärtig unter Fluoxetin leichte Episode mit Ängsten und Schlafstörung, einen Status nach Adipositas per magna (aktuell mit Magenbypass einen BMI von ca. 25), einen Status nach diversen körper
lichen Eingriffen (Hysterektomie, 2011 Autounfall mit Knieverletzung und Knieinstabilität links), einen schädlichen Gebrauch von Benzodiazepinen (ICD-10: F13.1), aktuell 2,5 mg Lorazepam (zuvor Stilnox und Dalmadorm) und einen Status nach Asthma Bronchiale (seit zwei Jahren ohne Medika
mente symptomfrei). In der Herkunftsfamilie der Versicherten seien psychi
sche Störungen bekannt. Die Kindheit und die Jugend der Versicherten seien durch traumatische Erlebnisse geprägt gewesen. Es sei vorgängig eine post
traumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden (differential
diagnos
tisch eine Borderlinestörung, wobei diese Einschätzung vom behandelnden Therapeuten nicht geteilt werde). Die Versicherte sei verheiratet und lebe in stabilen Wohn- und Lebensverhältnissen. Sie sei zu ca. 40 % berufstätig. In der Freizeit beschäftige sie sich mit Hundesport. Bis August letzten Jahres habe die Versicherte abends einen halben Liter Wein konsumiert, aktuell sei sie abstinent (Urk. 7/141/31).
5.3
Dr. D._ attestierte der Versicherten vom 4. bzw. 24. März bis zum 7. April, vom 17. April bis zum 19. Mai und vom 26. Mai bis zum 6. Juni 2013 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Urk. 7/127/2 und 7/132/9). In seinem Bericht vom 12. September 2013 führte er eine seit ca. 1993 bestehende posttrauma
tische Belastungsstörung, eine Persönlichkeitsstörung und eine Fibromyalgie als Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit auf (Urk. 7/127/1). Ferner legte er dar, seit März 2013 sei die Versicherte ständig krank; sie leide an Erbrechen, Durchfällen, Selbstverletzungen und Depressivität (Urk. 7/127/2). Die Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit ergäben sich vor allem aus den schweren Depressionen mit der Unfähigkeit, etwas zu arbeiten. Es bestünden Konzentrationsstörungen, Ängste etc. (Urk. 7/172/2).
5.4
Vom 30. Mai bis zum 30. Juli 2013 war die Versicherte zum ersten Mal in der H._ AG, einer Privatklinik für Psychiatrie und Psychothe
rapie (im Folgenden: Privatklinik H._), hospitalisiert (Urk. 7/190/1). Im Austrittsbericht vom 14. August 2013 (Urk. 7/190/1-6) wurde eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) als Diagnose festgehal
ten und als Differentialdiagnose eine dissoziative Störung vermerkt (ICD-10: F44.9). Für die Dauer der Hospitalisation wurde eine 100%ige Arbeitsunfä
higkeit attestiert (Urk. 7/190/5).
Zum Einweisungsgrund wurde angeführt, die Versicherte sei am 21. und am 26. Mai 2013 nahe der Wohnung zweimalig vergewaltigt worden. Es sei ein unbekannter Mann gewesen, jeweils derselbe. Sie habe sich Unterstützung bei der Frauenhilfe gesucht und auch dem Polizisten, der mit ihrer häusli
chen Gewaltsituation zu tun gehabt habe, eine SMS-Nachricht geschickt. Sie wisse noch nicht, ob sie Anzeige erstatten möchte. Aktuell erlebe sie Ängste, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Schlafstörungen mit Schlafwandeln und Antriebslosigkeit. Sie fühle sich zuhause nicht mehr sicher. Durch die aktu
ellen traumatisierenden Ereignisse seien viele Traumatisierungen aus der Lebensgeschichte aktiviert worden (Urk. 7/190/2).
Die Versicherte sei verheiratet und lebe derzeit in Trennung. Mit ihrem Ehe
mann sei sie seit acht Jahren zusammen und seit fünf Jahren verheiratet. Aufgrund von Alkoholkonsum sei es seit Juni 2012 zu massiver häuslicher Gewalt gekommen, so dass die Versicherte viermal habe die Polizei rufen müssen. Sie lebe nun alleine in der Mietwohnung und arbeite Teilzeit als Sigristin. Aktuell sei ein Scheidungsverfahren pendent (Urk. 7/190/2).
Zur Traumaanamnese wurde geschildert, die Versicherte sei ein Wunschkind gewesen. Ihr Vater sei sehr streng und das Oberhaupt der Familie gewesen. Ihm sei es wichtig gewesen, nach aussen hin eine perfekte Familie darzustel
len. Es sei ihm immer wieder die Hand ausgerutscht. Die Versicherte selbst habe selten Schläge von ihrem Vater bekommen. Sie sei aber immer wieder Zeugin von körperlicher Gewalt gegenüber ihrer um ein Jahr älteren Schwester geworden. Die Versicherte sei vom ca. 6. bis zum 10./11. Lebens
jahr von ihrem Onkel, dem Halbbruder ihrer Mutter, sexuell missbraucht worden. Es sei dann später durch ihren Lehrmeister zu fünf bis sechs weite
ren sexuellen Übergriffen gekommen. In ihrer Ehe habe sie ab Juni 2012 massive körperliche Gewalterfahrungen gemacht. Als medizinische Traumata seien die sehr frühe Entfernung der Gebärmutter sowie eine schwere Throm
bose und Lungenembolie unklarer Genese vor sechs Jahren zu erwähnen (Urk. 7/190/3).
Zur traumarelevanten Psychopathologie wurde vermerkt, es bestehe eine kon
striktive Symptomatik mit Erinnerungslücken, emotionaler Abflachung, einem fehlenden Sicherheitsgefühl und Hilflosigkeit. Es bestünden auch Hyperarousal und Hypervigilanz. Es gebe keine Hinweise für Depersonalisa
tions- und Derealisationserleben. Es bestehe eine intrusive Symptomatik (Urk. 7/190/4).
Während der stationären Traumatherapie hätten die Stabi
lisierung und die Ressourcenaktivierung im Vordergrund gestanden. Der Versicherten seien Techniken, zum Beispiel Imaginationsübungen und das Anwenden von Skills, vermittelt worden, um selbständig einen besseren Umgang mit ihrer Symptomatik zu erlernen. Aufgrund der aktuellen trauma
tisierenden Erfahrungen hätten zunächst die Etablierung von innerer und äusserer Sicherheit und der Aufbau von Vertrauen in sich selbst und in das therapeutische Team im Zentrum der Behandlung gestanden. Es sei aufgef
allen, dass die Versicherte keinerlei Zugang zu ihrem emotionalen Erleben gehabt habe. Dieses Erlebens- und Verhaltensmuster habe ihr aufgezeigt werden können, und es sei mit ihr in einem ersten Schritt an der Erarbeitung des traumakompensatorischen Schemas gearbeitet worden im Sinne einer Funktionsanalyse des genannten Reaktionsmusters auf belastende Ereignisse. Dies sei vor dem Hintergrund der langen Krankheitsgeschichte notwendig, da es in der Vorgeschichte immer wieder zu einer Verschiebung des emotionalen Erlebens auf die somatische Ebene gekommen sei. Die Versicherte habe moti
viert mitgearbeitet und sich gewünscht, das genannte Muster besser verste
hen und damit auflösen zu können. Sie habe bereits in der ambulanten The
rapie die Zusammenhänge zwischen den unterdrückten bis hin zu den abge
spaltenen Affekten und ihrer somatischen Krankheitsgeschichte verstehen lernen können und könne nun darauf aufbauen (Urk. 7/190/4).
In diesem Prozess habe die Versicherte wichtige Grundüberzeugungen erken
nen und vor dem Hintergrund ihrer traumatisierenden Beziehungs
erfahrun
gen verstehen und verändern lernen können. Hierbei sei für sie nochmals vertieft verstehbar geworden, wie wichtig es für sie bisher gewesen sei, ihre Gefühle wegzusperren und alles mit sich auszumachen. Im Verlauf der The
rapie habe sie sich zunehmend mehr öffnen und entgegen ihrer Erwartung ihre Gefühle wahrnehmen und benennen können. Sie habe immer wieder emotional korrigierende Erfahrungen gemacht und sie habe ihre Befürchtun
gen, vor allem die Angst vor Kontrollverlust, immer wieder einer Realitäts
überprüfung unterziehen können. Sie sei in ersten Schritten wieder in ihr Selbstbewusstsein und in ihr Selbstvertrauen hineingewachsen. Durch ein mehrmaliges grenzüberschreitendes Verhalten eines Mannes auf dem Klinik
gelände sei es bei der Versicherten zu Fluchtimpulsen und Gedanken, die stationäre Massnahme vorzeitig beenden zu wollen, gekommen. Es sei ihr dann aber möglich gewesen, sich auf die Bearbeitung dieser Thematik ein
zulassen. Die Versicherte habe wahrnehmen können, wie sie in der Lage gewesen sei, sich zu schützen und nicht wie früher in einen Zustand von Freeze zu fallen. Hierdurch habe sie eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit machen können und ihre Flucht- und Abbruchimpulse seien wieder ver
schwunden. Von einer Anzeige habe sie bis zum Austritt abgesehen.
Im Verlauf habe sich die Versicherte mit einer Mitpatientin angefreundet, der sie dann auch angeboten habe, zu ihr zu ziehen und eine Wohngemeinschaft zu gründen. Das Angebot, das Wohnprojekt kritisch zu reflektieren, habe sie abgelehnt. Sie habe klare Regeln etabliert und traue sich zu, die Mitpatientin aufzunehmen. In der Austrittsphase sei es dann zu einer Aktivierung des nächtlichen „Schlafwandelns“ gekommen. Aus dem gesamten klinischen Eindruck sei deutlich geworden, dass es sich um einen dissoziativen Zustand handle, in dem die Versicherte Alltagsaufgaben wie Kochen oder Putzen ausführe. Sie sei über das Konzept der traumabedingten strukturellen Disso
ziation aufgeklärt worden und es sei nach diesem Konzept gearbeitet worden. Dies habe dazu geführt, dass die Versicherte immer wieder Nächte gehabt habe, in denen die nächtlichen dissoziativen Zustände nicht aufgetreten seien. Ob es sich um eine dissoziative Störung nicht näher bezeichnet
(ICD-10: F44.9) handle, müsse im weiteren Verlauf differentialdiagnostisch geklärt werden. Unterstützt worden sei diese Therapie durch eine neuro-
leptische Medikation mit niedrig dosiertem Quetiapin (Urk. 7/190/5).
Im Anschluss an ihren stationären Aufenthalt habe die Versicherte bei Dr. med. I._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychothera
pie und Oberarzt der Privatklinik H._, welcher den Austrittsbericht vom 14. August 2013 mitunterzeichnete, eine ambulante Behandlung aufge
nommen (Urk. 7/190/6).
5.5
Nach mehrfachem Dissoziieren und Alkoholabusus (ca. eine Flasche Rotwein getrunken und 1,46 Promille Blutalkoholgehalt am Aufnahmetag) trat die Versicherte zum zweiten Mal in die Privatklinik H._ ein, wo sie vom 26. bis zum 30. August 2013 hospitalisiert war (Urk. 7/128/1 und 7/128/2). Im Austrittsbericht vom 17. Oktober 2013 (Urk. 7/128) wurden eine kom
plexe posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) mit rezidivier
en
den Dissoziationen (ICD-10: F44.9), ein Somnambulismus (ICD-10: F51.3) und ein schädlicher Gebrauch von Alkohol (ICD-10: F10.1) als Diagnosen festgehalten (Urk. 7/128/1).
Am Aufnahmetag sei es zu einem kurzzeitigen Entweichen von der Station gekommen, währenddessen die Versicherte Alkohol konsumiert habe. Für diese Episode habe Amnesie bestanden. In der Folge sei es gleichentags zu einigen kürzeren dissoziativen Zuständen gekommen, wobei die Versicherte meist rasch orientierbar gewesen sei. Am Folgetag sei es noch einmalig zu einem dissoziativen Zustand gekommen, danach seien keine solchen Zustände mehr aufgetreten (Urk. 7/128/4).
Es sei ein leichtes Alkoholentzugssyndrom aufgetreten, das mit 1 bis 2 mg Temesta pro Tag aus der Reserve gut habe aufgefangen werden können. Ab dem 27. August 2013 habe man 1 mg Risperdal zur Nacht gegeben, um eine Verringerung der Dissoziationen zu erzielen. Darunter habe die Versicherte über Schlafstörungen, Kribbeln, Zittern und Schwitzen geklagt, weshalb die Dosis halbiert worden sein, was sie dann besser vertragen habe (Urk. 7/128/4).
5.6
Ein dritter stationärer Aufenthalt in der Privatklinik H._ fand vom 15. bis zum 27. September 2013 statt (Urk. 7/143/2).
5.7
Im Austrittsbericht vom 10. Januar 2014 (Urk. 7/143) zur vierten Hospitalisa
tion in der Privatklinik H._ vom 31. Oktober bis zum 27. November 2013 wurde nebst den bereits bekannten Diagnosen neu eine psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol, schädlicher Gebrauch (ICD-10: F10.1), aufgeführt (Urk. 7/143/1). Die Klinikeinweisung war im Rahmen einer ärzt
lichen fürsorgerischen Unterbringung erfolgt, nachdem die Versicherte in suizidaler Absicht Distraneurin, Stilnox und Naltrexin eingenommen und eine Blutalkoholkonzentration von 2,8 Promille aufgewiesen hatte. Während des Eintrittsgespräches habe die Versicherte angegeben, sie könne sich an nichts mehr erinnern, aktuell habe sie keine Suizidgedanken (Urk. 7/143/1).
Kurz nach dem Klinikeintritt habe die Versicherte deutliche Entzugssymp
tome mit starkem Tremor gezeigt. Unter der Einnahme von 6 mg Temesta täglich aus der Reserve sei es zu einer raschen Besserung gekommen, so dass die Dosis habe reduziert werden können (Urk. 7/143/4). Der Alkoholentzug habe während des Aufenthalts im Vordergrund gestanden, während man die Traumabehandlung der ambulanten Behandlung durch Dr. I._ belas
sen habe, welcher mit der Versicherten im Verlauf ihres Aufenthalts zwei Sitzungen durchgeführt habe (Urk. 7/143/5).
Während der stationären Behandlung sei es einmalig bei einem Aufenthalt ausserhalb der Klinik zu einem Alkoholrückfall gekommen. Dies habe man in ärztlichen Einzelgesprächen thematisiert. Man habe sich in den Einzelgesprä
chen auf alternative Strategien, auch anhand einer Skillsliste, zum Umgang mit schwierigen Belastungssituationen konzentriert. Auch die Möglichkeiten eines Austausches in einer Selbsthilfegruppe seien besprochen worden. Im Verlauf habe bei fehlenden Hinweisen auf eine anhaltende akute Selbstge
fährdung die ärztliche fürsorgerische Unterbringung aufgehoben werden können. Um eine ausreichende Stabilisierung zu erreichen, habe man der Versicherten einen weiteren Klinikaufenthalt von etwa vier Wochen emp
fohlen (Urk. 7/143/5).
5.8
Darauf folgte die fünfte Hospitalisation in der Privatklinik H._, die vom 6. Dezember 2013 bis um 7. Januar 2014 dauerte (Urk. 7/147/1). Für diesen Zeitraum wurde eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert (Urk. 7/147/5). Im Austrittsbericht vom 17. Februar 2014 wurde neu die psy
chische und Verhaltensstörung durch Alkohol, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtiger Substanzgebrauch (ICD-10: F10.24), als erste Diagnose auf
geführt. Der Klinikeintritt war erneut aufgrund akuter Selbstgefährdung mit einer ärztlichen fürsorgerischen Unterbringung angeordnet worden (Urk. 7/147/1).
Die Schwester der Versicherten habe die Polizei alarmiert, welche die Ver
sicherte in ihrer Wohnung aufgesucht habe, worauf es zu einer Auseinan
dersetzung gekommen sei. In deren Verlauf habe sich die Versicherte beim Sturz auf einen Wäschekorb am proximalen rechten Unterarm verletzt. Genaueres könne sie aber nicht erinnern, da sie dissoziiert habe. Zudem habe sie in dieser Nacht auch einen starken Asthmaanfall erlitten und eine Flasche Rotwein getrunken (Urk. 7/147/1). Die Verletzung wurde im J._ chirurgisch versorgt, von wo aus die Versicherte anschliessend in die Privatklinik H._ verlegt wurde. Dort wies sie im Alkoholatemtest immer noch 0,61 Promille auf (Urk. 7/147/2).
Die Versicherte habe berichtet, sie habe seit dem Klinikaustritt am 27. November 2013 regelmässig unter Flashbacks und Albträumen gelitten. Vor allem in der Nacht seien diese stark vorhanden gewesen, so dass sie kaum Schaf gefunden habe. Zusätzlich habe am 4. Dezember 2013 ein Gespräch mit ihrem Arbeitgeber stattgefunden, der sie unter Druck gesetzt habe, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Sie habe an vier Abenden in dieser Woche eine Flasche Rotwein zur Entlastung getrunken (Urk. 7/147/2).
Zu Beginn der Hospitalisation hätten neben deutlichen Alkoholentzugs
sympto
men psychopathologisch starke Scham- und Insuffizienzgefühle im Vordergrund gestanden. Die Entzugssymptomatik habe sich unter Lorazepam innert weniger Tage verbessert (Urk. 7/147/4). Während der Entzugsbehand
lung sei es zweimalig zu Alkoholrückfällen gekommen (Rückkehr mit 1,01 und 1,74 Promille), welche mittels Verhaltensanalysen mit der Versicherten besprochen worden seien. Erschwert worden sei hierbei, dass die Versicherte angegeben habe, bisherige Rückfallsituationen häufig aufgrund von angege
benen Dissoziationen nicht genau erinnern zu können (Urk. 7/147/5).
Zuhanden der IV-Stelle wurde ferner festgehalten, mit einer Verbesserung der Arbeitsfähigkeit im Erwerbsbereich sei auf längere Sicht nur unter Ein
haltung einer vollständigen Alkoholabstinenz zu rechnen, welche zum Aus
trittszeitpunkt noch nicht erreicht worden sei (Urk. 7/147/5).
5.9
Die Versicherte unterzog sich vom 9. Januar bis 23. Januar 2014 einer statio
nären Behandlung in der K._ Klinik (Urk. 7/156/2-3, 7/157/2-3 und 7/157/9), wo ihr für die Dauer des Klinikaufenthaltes eine 100%ige und anschliessend eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert wurde (Urk. 7/156/5-6, 7/157/5-6). In den Berichten zuhanden der IV-Stelle wurden die folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vermerkt (Urk. 7/156/2 und 7/157/2):
-
Alkoholabhängigkeit (ICD-10: F10.21), seit 2013
-
Tabakabhängigkeit (ICD-10: F17.34), seit 2013
-
Komplexe posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1), vermut
lich seit der frühen Jugend, ca. 6./7. Lebensjahr
-
Rezidivierende Dissoziationen (ICD-10: F44.9).
Im Schlussbericht vom 13. Februar 2014 wurde die Diagnose rezidivierender Dissoziationen nicht mehr aufgeführt (vgl. Urk. 7/157/9); das letzte dissozia
tive Erleben habe beim Klinikeintritt etwa drei bis vier Monate zurückgelegen (Urk. 7/157/10).
Suchtanamnestisch habe die Versicherte geschildert, sie habe bis 2012 ganz normal Alkohol konsumiert. Erst im Jahr 2013 sei der Konsum stärker geworden. Sie erkläre sich dies durch ein belastendes Verfahren mit ihrem damaligen Ehemann und zwei Gewalterfahrungen im Jahr 2013. In den letz
ten drei Monaten habe sie an einem Trinktag durchschnittlich eine Flasche Rotwein konsumiert, ihr maximaler Konsum an einem Trinktag seien 1 1⁄2 Flaschen Rotwein gewesen (Urk. 7/156/3 und 7/157/3).
Die Dissoziationen seien erst 2013 aufgetreten. Sie sei während Minuten bis Stunden „komplett weg“. Es sei 2013 zweimal zum Ritzen am Arm gekom
men. Sie sei 2013 zweimal vergewaltigt worden, was auch polizeilich aufge
nommen sei und weiter untersucht werde. Ferner habe 2013 ein Gerichts
verfahren gegen ihren damaligen Ehemann stattgefunden, da er sie geschla
gen, gewürgt und mit einem Messer bedroht habe. Sie habe das Verfahren einstellen lassen, da es für sie zu belastend gewesen sei (Urk. 7/156/4 und 7/157/4).
Die stationäre Behandlung sei durch die K._ Klinik nach lediglich 14 Tagen abgebrochen worden, da die Versicherte auf dem Gelände Alkohol konsu
miert habe. Die gesundheitliche Situation sei komplex. Neben einer Vielzahl somatischer Vordiagnosen bestehe die Kombination von Alkoholabhängig
keit mit verschiedenen psychischen Störungen. Bei der Versicherten bestehe eine positive Familienanamnese hinsichtlich Depression und psychischer Störungen. Ferner bestehe eine ausgedehnte Traumaanamnese (Urk. 7/156/4 und 7/157/4). Aufgrund der Kürze der Behandlung habe man bei der Ent
lassung lediglich die posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren können. Aus den Vorberichten der Privatklinik H._ seien aber weitere Störungen bekannt (Urk. 7/156/5 und 7/157/6).
5.10
Eine sechste Hospitalisation in der Privatklinik H._ fand vom 23. Juni bis zum 21. August 2014 statt (Urk. 7/168). Nebst den bereits gestellten Diagnosen wurde im von Dr. I._ verfassten Austrittsbericht vom 9. September 2014 neu eine chronische Alkoholabhängigkeit, derzeit absti
nent (ICD-10: F20.10), diagnostiziert (Urk. 7/168/1).
Vereinbarungsgemäss sei die Versicherte zum zweiten Intervall der stationä
ren Traumatherapie eingetreten. Nach einer längeren ambulanten Phase, unterbrochen von mehreren stationären Aufenthalten in Folge ihrer Alkohol
problematik, habe sich zuletzt eine deutliche Stabilisierung ergeben mit einer Reduktion der Trinkmengen, zuletzt auch mit längeren abstinenten Phasen. Zeitgleich sei ambulant intensive Arbeit an inneren Anteilen geleistet wor
den, zuletzt traumanah. Zur Arbeit an den verletzten inneren Anteilen, gege
benenfalls zur Traumakonfrontation, erfolge die aktuelle stationäre Phase (Urk. 7/168/1).
Zur Traumaanamnese wurde festgehalten, 2013 hätten nebst den zwei bereits bekannten mindestens drei weitere Vergewaltigungen stattgefunden (Urk. 7/168/2). Als trauma
relevante Psychopathologie wurden eine konstrik
tive Symptomatik, eine emotionale Abflachung, ein fehlendes Sicherheitsge
fühl, Hyperarousal, Hypervigilanz, Flashbacks auf visueller und auditorischer Ebene, teilweise auch in somatoformer Ausgestaltung, erhoben (Urk. 7/168/3).
Zum Behandlungsverlauf wurde unter anderem festgehalten, die Versicherte habe sich zu Beginn sehr motiviert zur Fortsetzung ihrer Arbeit mit den inneren Anteilen, insbesondere den Täterintrojekten gezeigt. Zudem habe sie die Entscheidung getroffen, den stationären Aufenthalt zum Anlass zu neh
men, endgültig alkoholabstinent zu werden. Schon kurz nach Beginn der stationären Therapie sei es zu einer ersten Dekompensation gekommen, als ihr Persönlichkeitsanteil des 5-jährigen Kindes sichtbar geworden sei. Damit seien auch viele traumatische Erfahrungen, welche den bisher idealisierten Vater betroffen hätten, für die Versicherte wahrnehmbar geworden. In einem ersten Schritt sei es ihr gelungen, dieses verletzte innere Kind zu bergen und auch im weiteren Verlauf bei sich zu behalten. Dies habe dazu geführt, dass ihre Traumaerinnerung und die Flashbacks für sie sehr viel realer geworden seien, damit auch innere Abwertungen und Glaubenssätze. Es sei ihr gelun
gen, adäquate Antworten für diese Glaubenssätze zu finden (Urk. 7/168/4).
Gegen die Mitte des Aufenthaltes habe sich eine Stagnation gezeigt. Es sei für die Versicherte hilfreich gewesen, ihr inneres Team in Form einer inneren Landkarte aufzustellen. Dabei sei deutlich geworden, dass mehrere der Con
trol-EPs eine Auseinandersetzung mit den verletzten inneren Anteilen ver
hinderten. Eine Konfrontation mit diesem Sachverhalt und ihrem Widerstand, in Kommunikation mit den verletzten inneren Anteilen zu gehen, habe eine erneute Krise ausgelöst. Sie habe der Versicherten möglich gemacht, in Kon
takt mit dem Control-EP des Wächters zu treten. Dabei sei ein deutliches Misstrauen gegen die Therapie sichtbar geworden, das sowohl mit dem Per
sönlichkeitsanteil als auch kognitiv auf der Ebene der Glaubenssätze habe bearbeitet werden können. Es sei deutlich geworden, dass die Therapie sich immer wieder zwischen der Annäherung und der Vermeidung hin und her bewegt habe, was die Versicherte auch schon von der ambulanten Phase her gekannt habe. In einem Einzelgespräch sei es der Versicherten gelungen, mit zwei der kontrollierenden Anteile (Wächter und Zerstörer) Kontakt aufzu
nehmen. Es sei ihr gelungen, an Emotionen wie Trauer und Wut, Scham über ihre Schwäche und ihre Angst vor dem Kontrollverlust zu gelangen. Ihre ausgeprägte Normenorientierung aus dem Über-Ich habe sie ebenso themati
sieren können. Es sei ihr in den Gesprächen zunehmend besser gelungen, mit den kontrollierenden Anteilen in Kontakt zu kommen, zum Schluss des Auf
enthaltes in einem Gespräch mit dem inneren Team auch Kontakt mit den verletzten Anteilen aufzunehmen. Dabei sei deutlich geworden, dass für sie weiterhin der Wunsch, klare Grenzen zu ziehen und sich in übergriffigen Beziehungen klar zu positionieren, im Vordergrund gestanden habe (Urk. 7/168/4).
Während des gesamten stationären Aufenthaltes sei es der Versicherten gelun
gen, alkoholabstinent zu bleiben. Sie zeige immer noch ein Vermei
dungsverhalten in Form von Rückzug, Dissoziationen spielten jedoch – wie das gesamte vorherige halbe Jahr – keine Rolle mehr. Es sei der Versicherten gelungen, ihre Kontrolle über ihr Verhalten und ihre Kognitionen sowie in der Arbeit mit den inneren Anteilen zu verbessern (Urk. 7/168/4).
Schliesslich wurde darauf hingewiesen, Dr. I._ werde die ambulante Behandlung weiterführen. Im Vordergrund stünden die weitere Stabilisie
rung, die Fortführung der Arbeit mit dem inneren Anteil, den inneren Glau
benssätzen und einem adäquaten Abgrenzungs- und Schutzverhalten. Auf
grund der sehr leichten Triggerbarkeit und dem ausgeprägten Vermeidungs
verhalten bestehe nach wie vor keine Arbeitsfähigkeit (Urk. 7/168/5).
5.11
Dr. C._ stellte in seinem Gutachten vom 21. Dezember 2014 (Urk. 7/171) keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien ein Abhängigkeitssyndrom von Alko
hol, gegenwärtiger Substanzkonsum (aktive Abhängigkeit), ICD-10: F10.24, ein Status nach anamnestischem Syndrom, durch Alkohol bedingt, ICD-10: F10.6, und der Verdacht auf eine artifizielle Störung, ICD-10: F68.1 (Urk. 7/171/20).
Unter anderem hielt Dr. C._ zur Suchtanamnese fest, die Versicherte habe angegeben, erst 2013, nach einer Vergewaltigung, mit dem vermehrten Konsum von Alkohol begonnen zu haben. Etwa anderthalb Jahre habe sie täglich zwei bis vier Flaschen Wein konsumiert. Um Entzugserscheinungen zu bekämpfen, habe sie zum Teil zusätzlich noch „stärkere“ Alkoholika kon
sumiert. Obwohl sie angebe, monatelang bis vor zwei Wochen lediglich zwei Panachés täglich getrunken zu haben, gebe sie auch an, dass der letzte Kon
sum von zwei Flaschen Wein an einem Tag zwei Wochen vor der gutachter
lichen Untersuchung stattgefunden habe. Dann habe sie mit zwei Tabletten Valium täglich die Entzugserscheinungen dämpfen können und sei nun seit zwei Wochen „trocken“ (Urk. 7/171/14).
Bei der Begutachtung habe die Versicherte auch erklärt, sich der traumati
schen Erlebnisse während ihrer Kindheit erst dann sicher geworden zu sein, als sie während ihrer Arbeit als Mitarbeiterin bei einer Psychologin und Seelsorgerin mit dieser über ihre Probleme mit der Schwester habe reden wollen. Ihre Chefin habe damals, 2004, den Verdacht geäussert, da müsse noch mehr gewesen sein als das Problem mit der Schwester. Es sei der Ver
sicherten dann klar geworden, dass sie die Erlebnisse vor 2013 verdrängt gehabt habe. Erst als die Psychologin einmal alles erarbeitet gehabt habe, sei der Versicherten klar geworden, dass sie als Kind vergewaltigt worden sein müsse. Sie habe sich schliesslich intensiv mit dem Thema des Kindesmiss
brauchs auseinandergesetzt und einschlägige Literatur gelesen (Urk. 7/171/17-18).
5.12
Am 24. April 2015 nahm Dr. I._ zum Gutachten von Dr. C._ Stellung (Urk. 7/183). Er diagnostizierte eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1), eine chronische Alkoholabhängigkeit, derzeit abstinent (ICD-10: F10.20), eine dissoziative Störung, nicht anders bezeichnet (ICD-10: F44.9), je seit mindestens 2013 (Urk. 7/183/4). Insbeson
dere vertrat er die Auffassung, durch die neuerliche Vergewaltigung im Jahr 2013 sei es zu heftigen Traumaerinnerungen der bis dahin nicht erinnerten verdrängten sequentiellen Traumatisierungen gekommen. Seit diesem Zeit
punkt sei es zu einer Zunahme des Alkoholabusus und zu einer deutlichen Einschränkung der bis dahin schon auf 30 % eingeschränkten Arbeitsfähig
keit (die Versicherte habe während Jahren nur noch eine Arbeit als Sigristin mit einem Pensum von 30 % ausgeübt) gekommen. Bis Ende 2014 habe die Arbeitsunfähigkeit 100 % betragen. Seit Januar 2015 sei die Versicherte im Rahmen eines Arbeitsversuches wieder zu 30 % als Sigristin tätig (Urk. 7/183/5).
5.13
In seiner ergänzenden Stellungnahme vom 1. November 2015 hielt Dr. C._ an seiner bisherigen Beurteilung fest (Urk. 7/195), worauf Dr. I._ mit Schreiben vom 26. November 2015 die Auffassung vertrat, seine sachlichen Argumente seien nicht behandelt worden (Urk. 7/198).
6.
6.1
Es ist strittig und zu prüfen, ob auf das psychiatrische Gutachten von Dr. C._ vom 21. Dezember 2014 (Urk. 7/171) samt der ergänzenden Stellungnahme vom 1. November 2015 (Urk. 7/195) abgestellt werden kann (vgl. Urk. 1, 2 und 11).
6.2
Das Gutachten von Dr. C._ vom 21. Dezember 2014 beruht auf der psychiatrischen Untersuchung der Versicherten vom 15. Dezember 2014 (Urk. 7/171/1) und auf umfangreichen Vorakten (Urk. 7/171/2-13).
Es trifft zwar zu, dass es nicht in Kenntnis der Austrittsberichte zum ersten und zum sechsten stationären Aufenthalt in der Privatklinik H._ erstellt wurde (Urk. 1 S. 7, 7/183/1, 7/183/3, 7/184/1-2 und 11 S. 2; vgl. Urk. 7/171/9-13). Die fraglichen Unterlagen wurden Dr. C._ jedoch nachträglich zugesandt (Urk. 7/190 und 7/194), worauf er seine ergänzende Stellungnahme vom 1. November 2015 verfasste, mit welcher er unter Berücksichtigung der nachgereichten Dokumente an seinen bisherigen Aus
führungen festhielt (Urk. 7/195). Die gutachterliche Beurteilung ist daher als mit der erforderlichen Aktenkenntnis erfolgt zu betrachten.
Zum Einwand, der Gutachter habe bloss eine einstündige Untersuchung durch
geführt, wohingegen den behandelnden Fachärzten ein wesentlich län
gerer Beobachtungszeitraum zur Verfügung gestanden habe (Urk. 1 S. 6), ist vorab zu bemerken, dass im Gutachten eine Begutachtungsdauer von immer
hin 75 Minuten aufgeführt wurde (Urk. 7/171/1). Weshalb diese Angabe nicht zutreffen soll, wurde weder dargelegt noch ist dies sonst ersichtlich. Insbesondere ist zu diesem Punkt generell festzuhalten, dass ein Gutachter eine Explo
randin in der Regel nur für eine beschränkte Zeit sieht und sich aus der Anzahl und der Dauer der geführten Gespräche keine Rückschlüsse auf die Wertigkeit eines Gutachtens ziehen lassen. Einen krankheitswertigen Befund oder das Feh
len eines solchen kann ein erfahrener Diagnostiker ohne Weiteres auch nach einem einmaligen Gespräch beziehungsweise einer Untersuchung feststellen. Eine Mindestdauer ist dabei nicht zwingend einzu
halten. Vorliegend kommt hinzu, dass Dr. C._ eine umfangreiche Krankengeschichte zur Verfügung stand, mit der er sich vorbereiten und die er in seine Beurteilung miteinbeziehen konnte. Aus seinem Gutachten geht sodann hervor, dass die Versicherte ihre aktuellen Beschwerden und deren Behandlung, ihre sozialen Verhältnisse, ihren Tagesablauf etc. eingehend schil
derte. Es fand eine ausführliche Anamnese und Befunderhebung statt (vgl. Urk. 7/171/13-20). Unter diesen Umständen kann offen bleiben, wie lange die fragliche Exploration tatsächlich gedauert hat, da Dr. C._ in diesem Punkt kein Versäumnis vorzuwerfen ist.
6.3
Mit Bezug auf die Anamnese wurde vorgebracht, die Versicherte habe – befragt zu ihrem Tagesablauf – dem Gutachter gegenüber offenbar einen Tag geschildert, während dem sie ihren Tagesablauf sehr gut strukturieren konnte. Sie weise aber häufig Tage mit erheblichem Rückzugsverhalten auf, die über einen langen Zeitraum der vergangenen zwei Jahre dominiert hätten (Urk. 1 S. 6, 7/183/1, 7/184/1 und 11 S. 2). Aus dem Gutachten geht aus
drücklich hervor, dass die Versicherte nicht einen besonders guten, sondern einen typischen Tagesablauf schilderte (Urk. 7/171/15-16). Demgegenüber lassen sich den diversen Berichten der Behandler keine detaillierten Ausfüh
rungen zum behaupteten Rückzugsverhalten, insbesondere auch keine dies
bezüglichen Angaben der Versicherten, entnehmen (vgl. Urk. 7/127, 7/128, 7/143, 7/147, 7/156, 7/157, 7/168 und 7/190/1-6). In den Austrittsberichten vom 10. Januar und 17. Februar 2014 wurde ein sozialer Rückzug sogar aus
drücklich verneint (Urk. 7/143/3 und 7/143/3).
6.4
Des Weiteren wurde geltend gemacht, offenbar sei während der Gutachtenssitu
ation nicht zur Sprache gekommen, dass die sequentiellen Traumatisierungen laut Angaben der Versicherten sowohl durch den Onkel als auch durch den Chef die ganze Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter angedauert hätten, viele weitere sexuelle Traumata seien in der Anamnese ebenfalls nicht aufgelistet. Damit zeigten sich erhebliche anamnestische Lücken in diesem Abschnitt (Urk. 1 S. 7, 7/183/2, 7/184/1 und 11 S. 2).
Dem Gutachten lässt sich zu diesem Punkt entnehmen, die Versicherte habe bei der Begutachtung von mehreren traumatischen Ereignissen berichtet, die ihrer Meinung nach der Grund für ihre desolate psychische Verfassung seien. Dazu habe sie eher stenographenhaft angegeben, ab dem Alter von sechs Jahren Opfer des sexuellen Missbrauchs durch einen Onkel geworden zu sein. Das habe „ein paar Jahre“ angehalten. In der Lehre zur Industrielackiererin sei sie von ihrem Chef „so mit anfassen sexuell belästigt“ und bedroht wor
den, wobei er sie einmal in einer von innen nicht zu öffnenden Brennkam
mer eingeschlossen habe. 2013 sei sie „erneut“ vergewaltigt worden. Sie habe „zuerst“ häusliche Gewalt durch ihren damaligen Ehemann ertragen, sie sei dann „auf dem Heimweg“ von einem unbekannten Mann vergewaltigt wor
den. Ihre Frauenärztin habe sie daraufhin untersucht und zur Polizei geschickt, wo sie eine Anzeige erstattet habe. 2014 sei sie wieder von einem unbekannten Mann auf dem Heimweg vergewaltigt worden. Dieses Mal hin
ter ihrem Wohnhaus, wo es dunkel gewesen sei. Den Mann habe sie schon im Zug gesehen, er müsse ihr nachgegangen sein. Auch dieses Mal habe die Frauenärztin Spermaspuren festgestellt. Zur Polizei sei die Versicherte nicht gegangen, da sie die aufreibenden und langen Einvernahmen nicht noch einmal über sich habe übergehen lassen wollen.
Auch auf offene Nachfragen hin, mit dem Hinweis, es sei genügend Zeit vor
handen, auch ausführlich zu berichten, und mit der Bitte, alles zu erwähnen, was ihr dazu noch einfalle, habe die Versicherte keinerlei Details zu den ein
zelnen Vorfällen geschildert (Urk. 7/171/17).
Aus diesen Ausführungen geht einerseits hervor, dass die Versicherte Dr. C._ gegenüber die relevanten der in den Vorakten thematisierten sexuellen Traumata erwähnt hatte. Beim Verfassen seiner ergänzenden Stel
lungnahme war ihm aufgrund der Vorakten überdies bekannt, dass es wäh
rend des ersten stationären Aufenthalts in der Privatklinik H._ mehr
malig zu einem grenzüberschreitenden Verhalten eines Mannes auf dem Klinikgelände gekommen war, welches die Versicherte noch während ihres Aufenthalts gut verarbeiten konnte, was ihr die positive Erfahrung von Selbstwirksamkeit ermöglichte (Urk. 7/190/5). Ferner konnte Dr. C._ zur Kenntnis nehmen, dass (erst) im Austrittsbericht vom 9. September 2014 zur Traumaanamnese neu festgehalten worden war, 2013 hätten nebst den zwei bereits bekannten mindestens drei weitere Vergewaltigungen stattge
funden (Urk. 7/168/2). Weitere Angaben dazu waren keine gemacht worden, was indessen zu erwarten wäre, hätten die Versicherte oder ihre Behandler den fraglichen Vorkommnissen für die gesundheitliche Verfassung ein ent
sprechendes Gewicht beigemessen. Die entscheidrelevanten Fakten waren Dr. C._ folglich bekannt (vgl. auch Urk. 7/195/1).
Selbst wenn es zutreffen sollte, dass die Angaben der Versicherten
– aus welchen Gründen auch immer (vgl. Urk. 1 S. 7, 7/183/2, 7/184/1 und 11 S. 2) – bei der Begutachtung lückenhaft ausfielen, wäre dies nicht Dr. C._ anzulasten, da er mit seinen Fragen ausreichend Gelegenheit für Ausführun
gen geboten hatte (Urk. 7/171/17). Bereits an dieser Stelle ist darüber hinaus zu bemerken, dass Dr. C._ die zum Teil unterschied-
lichen Schilderun
gen der Versicherten zur Dauer des geltend gemachten Missbrauchs durch den Onkel – dank eines sorgfältigen Aktenstudiums – nicht nur kannte, son
dern bei seiner Beurteilung auch mitberücksichtigte (vgl. Urk. 7/171/26).
6.5
Es wurde moniert, Dr. C._ habe sich in seinem Gutachten zwar mit den Flashbacks beschäftigt, eine genaue Exploration der Flashbacks der Ver
sicherten in Form von tagsüber ablaufenden Filmen, inneren Bildern, Stim
men von Vergewaltigungs- und sexuellen Missbrauchssituationen sowie dazugehörigen Körperempfindungen, wenn eine Triggersituation vorkomme, fehle jedoch vollkommen (Urk. 1 S. 6, 7/183/2, 7/184/1 und 11 S. 2). Es trifft zu, dass im Gutachten keine entsprechenden Beschreibungen der Versicher
ten zu finden sind. Dr. C._ sprach sie jedoch ausdrücklich auf die von ihr geltend gemachten und in den Akten erwähnten Flashbacks an. Bei dieser Gelegenheit erklärte sie (offenbar zum ersten Mal), was sie unter den „Flash
backs“ verstehe, welche sie erleide, wenn sie Personen begegne, die ihren Peinigern der Vergangenheit ähnlich sehen, nämlich „ganz stark“ zu erschre
cken. Ausserdem könne sie es „nicht ertragen“, wenn jemand hinter ihr stehe (Urk. 7/171/18). Typische Flashback-Phänome wurden von ihr keine geschil
dert. Solche wurden denn auch nicht in den diversen Berichten der Behandler konkret beschrieben (vgl. Urk. 7/127, 7/128, 7/143, 7/147, 7/156, 7/157 und 7/190/4). Einzig im Austrittsbericht zur sechsten Hospitalisation in der Pri
vatklinik H._ vom 9. September 2014 wurden – bloss pauschal – Flashbacks auf visueller und auditorischer Ebene, teilweise auch in somato
former Ausgestaltung, notiert (Urk. 7/168/3). Die Versichere selbst hatte gegenüber ihren Behandlern angegeben, sie habe erst nach dem Klinikaustritt vom 27. November 2013 regelmässig unter Flashbacks und Albträumen gelitten (Urk. 7/147/2). Solche blieben denn auch im Bericht ihres Hausarztes Dr. D._ und den bis dahin vorhanden gewesenen Austrittsberichten der Privatklinik H._ unerwähnt (vgl. Urk. 7/127, 7/128 und 7/190/1-6).
6.6
Als Zwischenergebnis ist folglich festzuhalten, dass Dr. C._ die subjek
tiven Angaben der Versicherten sorgfältig und korrekt erhoben hat. Anschliessend führte er ein eingehende Befunderhebung durch (Urk. 7/171/19-20).
6.7
Bei seiner Beurteilung
berücksichtigte Dr. C._ die von der Versicherten geklagten Beschwerden angemessen. Er beantwortete die gestellten Fra
ge
n umfassend und legte insbesondere ausführlich dar, wie er zu seiner Einschät
zung gelangte. Dabei setzte er sich mit den anderslautenden ärztlichen Beurteilungen, namentlich mit den im Raum stehenden Diagnosen einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer dissoziativen Störung und einer Persönlichkeitsstörung sowie mit den Arbeitsunfähigkeitsbeurteilungen der diversen Behandler, auseinander.
Die Diagnose eines Abhängigkeitssyndroms von Alkohol, gegenwärtiger Sub
stanzkonsum (ICD-10: F.10.24), begründete Dr. C._ unter Verweis auf die Angaben der Versicherten, die Berichte ihrer Behandler – insbesondere diejenigen der auf Entzugsbehandlungen spezialisierten K._ Klinik – und die ICD-Kriterien nachvollziehbar (Urk. 7/171/2). Ebenso legte er anhand der ICD-10-Kriterien schlüssig dar, weshalb die Voraussetzungen für die Diag
nose einer Persönlichkeitsstörung nicht erfüllt seien (Urk. 7/171/23-24). Insoweit wurde die Beurteilung durch Dr. C._ auch von Seiten der Versicherten – zu Recht – nicht in Frage gestellt.
6.8
Mit Bezug auf die von der Versicherten berichteten dissoziativen Zustände führte Dr. C._ aus, es gebe klare Hinweise darauf, dass die Amnesien vorgebracht worden seien, nachdem die Versicherte nachweislich Alkohol in nicht unerheblichen Mengen konsumiert habe (Urk. 7/171/24). Es sei deshalb nicht eine Art der Konversionsstörung nach ICD-10: F44 zu diagnostizieren, sondern die Diagnose eines anamnestischen Syndroms, durch Alkohol bedingt, gemäss ICD-10: F10.6 zu stellen (Urk. 7/171/42).
Die Feststellung von Dr. C._ deckt sich mit den Akten, aus welchen kon
stant hervorgeht, dass die Dissoziationen jeweils nach massivem Alkohol
konsum auftraten (Urk. 7/128/1, 7/128/4, 7/143, 7/147/1 und 7/147/5). Sie steht auch im Einklang mit den Angaben der Versicherten, wonach es erst 2013 zu Dissoziationen gekommen sei (Urk. 7/156/4 und 7/157/4). Zu diesem Zeitpunkt bestand unbestritten bereits eine massive Alkoholproblematik. Zwar wurde der Einwand erhoben, während des ersten Aufenthaltes in der Privatklinik H._ hätten Zustandsbilder mit Dissoziationen mehrfach beobachtet werden können, bei denen der Alkohol keinen Einfluss gehabt habe (Urk. 1 S. 6, 7/183/2, 7/184/1 und 11 S 2). Dazu ist indessen zu bemer
ken, dass die erwähnten Beobachtungen einzig ein nächtliches Schlafwan
deln betrafen, das von den damaligen Behandlern – im Rahmen der von ihnen diagnostizierten posttraumatischen Belastungsstörung – als dissoziativ gewertet wurde (Urk. 7/190/5). Sie weisen zu den später berichteten Dissozi
ationen keinen Zusammenhang auf und vermögen die gutachterliche Beur
teilung durch Dr. C._ nicht in Zweifel zu ziehen.
6.9
Die Voraussetzungen für die Diagnose einer posttraumatischen Belastungs-
stö
rung gemäss ICD-10: F43.1 wurden von Dr. C._ korrekt wiederge-
geben (Urk. 7/171/25). Ebenso legte er zutreffend dar, dass die von der Versicherten geschilderten traumatischen Ereignisse als Auslöser für eine posttraumatische Belastungsstörung in Frage kommen (Urk. 7/171/25-26).
Dr. C._ zog in Betracht, es sei auffällig, dass die betreffenden Vor
kommnisse erstmals 2013 im Bericht der Privatklinik H._ auftauchten. Bei der aktuellen Begutachtung habe die Versicherte erklärt, dass sie 2004 und erst nach intensiver Aufdeckungsarbeit mit einer Psychologin und Seelsorgerin auf die Idee gekommen sei, ihren offenkundig als erklärungsbe
dürftig eingestuften psychischen Zustand mit angeblich wiederholten Miss
brauchserfahrungen als Kind zu begründen. Die „Erinnerung“ sei nach den Angaben der Versicherten in einer aufdeckenden Therapie freigelegt worden. Dieser Verlauf finde sich nicht nur, aber typischerweise bei sogenannten Pseudoerinnerungen, was bedeute, dass die Erinnerung nicht erlebnisbasiert, sondern zum Beispiel durch Fremd- oder Autosuggestion entstanden sei. Beispielsweise fänden sich dann – wie bei der Versicherten – zunächst keine Erinnerungen an das angebliche Ereignis, sondern es würden erst mit der Aufnahme einer Therapie aktive Erinnerungsbemühungen unternommen, um das schlechte psychische Befinden zu erklären. Ferner könnten im Laufe der Zeit immer mehr Erinnerungen angegeben werden. Im vorliegenden Fall habe die Versicherte im Oktober 2013 angegeben, im Alter von sechs bis etwa elf Jahren Opfer ihres Onkels gewesen zu sein, im Mai 2014 habe sie bereits einen Zeitraum vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr genannt (Urk. 7/171/26). Da die Versicherte berichtet habe, dass die Psychologin, mit der sie über ihr Problem mit der Schwester gesprochen habe, „mehr dahinter“ vermutet habe als einen Schwesternkonflikt, bestehe ein starker Hinweis auf einen fremdsuggestiven Faktor. Therapeuten seien für die Ratsuchenden res
pektierte Autoritäts
figuren, deren suggestive Einflüsse grundsätzlich wirksa
mer seien als diejenigen von Personen ohne Autorität. Ferner sei der Umstand zu nennen, dass sich die Versicherte intensiv um passende Infor
mationen bemüht habe, indem sie einschlägige Fachliteratur konsultiert habe. Mit der Zeit habe sie auch weitere Traumata angegeben (mehrere Ver
gewaltigungen 2013/2014). Aus der aktuellen Perspektive lasse sich damit eine Zunahme der berichteten Ereignisse ableiten, was ebenfalls untypisch für erlebnisbezogene Erinnerungen sei (Urk. 7/171/27).
Diese Ausführungen von Dr. C._ decken sich mit den Angaben der Ver
sicherten und den Akten. Es wurde zwar bereits im Bericht von Dr. G._ vom 28. Februar eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) und zusätzlich eine rezidivierende depressive Störung (ICD-10: F33.0), gegenwärtig leichte Episode mit Ängsten und Schlafstörung, diagnostiziert (vgl. Urk. 7/141/31). Ein traumatisches Ereignis wurde darin jedoch nicht genannt, ebenso liess der Bericht eine Begründung der beiden (gleichzeitig) gestellten Diagnosen vermissen (Urk. 7/141/31), welche in dieser Konstella
tion – im Hinblick auf die diagnostischen Leitlinien gemäss ICD-10 – als äusserst fraglich erscheinen. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass gemäss den medizinischen Unterlagen erst im Austrittsbericht der Privat
klinik H._ vom 9. September 2014 erwähnt wurde, nebst den zwei bereits bekannten hätten mindestens drei weitere Vergewaltigungen im Jahr 2013 stattgefunden (Urk. 7/168/2). Damit werden die plausiblen Darlegungen von Dr. C._ noch zusätzlich untermauert. Insbesondere erscheint es vor dem von Dr. C._ aufgezeigten Hintergrund als schlüssig und nach
vollziehbar, dass er Zweifel an den betreffenden Aussagen der Versicherten hegte. Soweit eine gegenteilige Ansicht vertreten wurde (Urk. 1 S. 6 f., 7/183/2-3, 7/184/1-2 und 11 S. 3), ist ihr nicht zu folgen. Dies muss umso mehr gelten, als auch der Hinweis, die Versicherte habe gemäss dem ersten Austrittsbericht der Privatklinik H._ direkt in der Anamnese ohne vor
herige therapeutische Interventionen einen Teil ihrer Traumatisierungen berichtet (Urk. 1 S. 6, 7/183/3, 7/184/1 und 11 S. 2), keinerlei Bedenken an der gutachterlichen Einschätzung zu erwecken vermag, steht doch ausser Frage, dass vor dem erstmaligen Klinikeintritt durch andere Personen thera
peutische Interventionen erfolgt waren.
Es wurde moniert, dass Dr. C._ im Rahmen seiner Diskussion der Vor
berichte die Traumaanamnesen der Privatklinik H._ als copy-paste anmutend qualifizierte (Urk. 1 S. 7, 7/183/2, 7/184/1 und 11 S. 2; vgl. Urk. 7/171/23). In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass im Austritts
bericht der Privatklinik H._ vom 17. Oktober 2013 ausdrücklich ver
merkt wurde, die Anamnese sei grösstenteils aus den Vorberichten über
nommen worden (Urk. 7/128/2). Auch die Austrittsberichte vom 10. Januar und vom 17. Februar 2014 enthielten jeweils den Verweis, die anamnes
tischen Informationen stammten aus dem Voraufenthalt (Urk. 7/143/3 und 7/147/3). Es kommt hinzu, dass auch der Wortlaut der Traumaanamnesen zum ersten und sechsten stationären Aufenthalt nahezu identisch ausfiel (vgl. Urk. 7/190/3 und 7/190/8). Damit erweist sich die beanstandete gut
achterliche Feststellung als korrekt.
Die Frage, ob die Versicherte die diskutierten traumatisierenden Ereignisse tatsächlich erlebte, ist hier – wie zu zeigen sein wird – nicht von massgeb
licher Bedeutung. Es ist daher auch nicht zu beanstanden, dass Dr. C._ diesbezüglich auf weitere Abklärungen und auf eine Beant
wortung verzichtete (vgl. Urk. 7/171/26, 7/171/27 und 7/195/2). Entgegen der von Seiten der Versicherten vertretenen Ansicht ist daher weder Dr. C._ noch der Beschwerdegegnerin in diesem Punkt eine Unter
lassung vorzuwerfen (Urk. 1 S. 7 f., 7/183/4, 7/184/1 und 11 S. 3).
Wie Dr. C._ richtig erkannte, lässt sich die im Raum stehende Diag
nose einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) nicht allein mit einem erlittenen Trauma begründen, sondern es müssen weitere Kriterien erfüllt sein. Dr. C._ verneinte dieselben nachvollziehbar, da sie sich mit der von der Versicherten geschilderten Symptomatik und den erhobenen psychopathologischen Befunden nicht bejahen liessen (Urk. 7/171/27). Dem
entsprechend gab es auch keine Zusammenhänge zwischen dem vermehrten Alkoholkonsum nach der Vergewaltigung 2013 und einer Traumasymptoma
tik herauszuarbeiten, weshalb das Fehlen entsprechender Erörterungen zu Unrecht gerügt wurde (Urk. 1 S. 7, 7/183/1, 7/184/1 und 11 S. 2).
6.10
Darüber hinaus wurde auch sonst nichts vorgetragen, was das Gutachten und die ergänzende Stellungnahme von Dr. C._ als
formell oder materiell mangelhaft erscheinen liesse oder sonst in Zweifel zu ziehen vermöchte
.
Ebenso wenig ist etwa
s Derar
tiges aus den Akten ersicht
lich. Vielmehr sind sämtli
che von der Rechtsprechung statu
ierten Anforderungen an ein medizi
ni
sches Gutachten erfüllt (vgl. auch BGE 134 V 231 E. 5.1 und 125 V 351 E. 3a). Es ist folglich nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin zur Beurteilung des psychischen Gesundheitszustands darauf abgestellt hat. Dementsprechend ist davon ausge
hen, dass kein invaliditätsrelevantes psychisches Leiden vorlag, das die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin beeinträchtigte. Daran vermag auch der Umstand nichts zu ändern, dass sich die Versicherte mehrfach in stationärer psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung befunden hatte (Urk. 1 S. 6). Eine nach der Begutachtung bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung eingetretene Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustands wurde weder behauptet noch ergeben sich aus den Akten Anhaltspunkte für eine Entwicklung in diese Richtung.
7.
7.1
Es bleibt zu untersuchen, ob die Beschwerdegegnerin den physischen Gesund
heitszustand der Versicherten weiter hätte abklären müssen (vgl. Urk. 1 S. 8 f.
und 11 S. 3 f.
).
7.2
Hinsichtlich des am 25. August 2011 erlittenen Autounfalls, bei dem sich die Versicherte eine schwere Kniekontusion bzw. Distorsion links zugezogen hatte, lässt sich den Akten entnehmen, dass Dr. med. L._, Facharzt FMH für Rheumatologie, bereits ab dem 28. November 2011 – mit Ein
schränkungen (keine schweren körperlichen Arbeiten wie Schneeschaufeln) – wieder eine volle Arbeitsfähigkeit attestierte (Urk. 7/141/33 und 7/141/36). Auch Dr. med. M._, Assistenzarzt in der Klinik für Unfallchirurgie des Kantonsspitals A._, ging in seinem Bericht vom 22. November 2011 von geheilten Verhältnissen aus (Urk. 7/141/37).
7.3
Aus den Akten ergeben sich – selbst unter Berücksichtigung der diversen weiteren seither erlittenen Unfälle – keinerlei Hinweise dafür, dass der soma
tische Gesundheitszustand der Versicherten im – für die Beurteilung des hier strittigen Rentenanspruches ab dem 1. Februar 2014 – massgeblichen Zeit
raum während einer invaliditätsrelevanten Dauer in einer Weise beeinträch
tigt gewesen sein könnte, welche es ihr verunmöglicht hätte, als Sigristin oder als beratende Seelsorgerin oder in einer anderen behinderungsange
passten Tätigkeit ein rentenausschliessendes Erwerbsein
kommen zu erzielen (Urk. 7/127, 7/128, 7/132/9 7/141, 7/143, 7/147, 7/156, 7/157, 7/168 und 7/190; vgl. auch Art. 88a Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenver
sicherung, IVV). Etwas Derartiges wurde denn auch von Seiten der Ver
sicherten nie behauptet. Unter diesen Umständen durfte die Beschwerdegeg
nerin auf weitere medizinische Abklärungen verzichten.
8.
Aus dem Gesagten folgt, dass die Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen Verfügung vom 2. Dezember 2015 zu Recht einen Rentenanspruch verneinte. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
9.
9.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis 1‘000.-- festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- festzusetzen. Entspre
chend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den unterliegenden Beschwerde
führerinnen unter solidarischer Haftung je zur Hälfte aufzuerlegen.
9.2
Rechtsanwältin Karin Wüthrich hat für ihre Bemühungen und Auslagen als unentgeltliche Rechtsvertreterin im vorliegenden Verfahren eine Honorarnote vom 27. April 2017 eingereicht (Urk. 23 und 24). Der geltend gemachte Auf
wand
von 11 Stunden und 54 Minuten zuzüglich Barauslagen erscheint
angemessen. Es ist ihr daher wie beantragt eine Entschädigung von Fr. 2‘939.35 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse auszurichten.