Decision ID: 04f37ef5-e8c6-5f70-9f7f-cee4899df390
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Liegenschaft Bern 4 (Kirchenfeld/Schlosshalde) Grundbuchblatt Nr. E._
ist im Alleineigentum der Stadt Bern. Darauf befand sich bis Herbst 2015 unter anderem
der Entsorgungshof I._. Seither wird das Gebäude F._ samt Vorplatz
mehrheitlich von der städtischen Strassenreinigung (Strassenreinigungsstützpunkt Ost)
benutzt. Die Parzelle liegt in der Zone für öffentliche Nutzung A (F A). Die Stadt Bern
schloss im Jahr 2016 mit dem Verein G._ einen Gebrauchsleihe-Vertrag für die
befristete Zwischennutzung des Entsorgungshofs I._ ab. Dieser umfasste den
Aussenraum und einen Abstellraum des Gebäudes F._. Mit Nachtrag vom 1.
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November 2017 wurde die Nutzung während der Wintermonate auf den Waschraum
ausgeweitet, der während einer Testphase von der H._ genutzt worden war.
2. Mit Schreiben vom 26. März 2018 reichten die Beschwerdeführerinnen beim
Bauinspektorat der Stadt Bern eine baupolizeiliche Anzeige gegen den Verein G._
ein. Sie verlangten unter anderem ein sofortiges Benutzungsverbot. Das Bauinspektorat
führte einen doppelten Schriftenwechsel durch. Mit Schreiben vom 13. Juli 2018 teilte das
Bauinspektorat der Stadt Bern den Beschwerdeführerinnen mit, aufgrund der neuen
Ausgangslage (Eingabe eines Baugesuchs) erachte es das baupolizeiliche Verfahren als
überholt. Es schliesse daher das Verfahren ohne Verfügung ab. Mit Schreiben vom 20.
August 2018 wiesen die Beschwerdeführerinnen darauf hin, dass das baupolizeiliche
Verfahren mit einer anfechtbaren Verfügung abzuschliessen sei. Mit Schreiben vom 28.
August 2018 antwortete das Bauinspektorat der Stadt Bern, es halte an seiner
Entscheidung fest und verzichte auf weitere baupolizeiliche Massnahmen.
3. Mit Eingabe vom 6. September 2018 haben die Beschwerdeführerinnen
Rechtsverweigerungsbeschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des
Kantons Bern (BVE) erhoben. Sie beantragen, das Bauinspektorat der Stadt Bern sei
anzuweisen, unverzüglich das Verfahren zur Wiederherstellung des rechtmässigen
Zustands betreffend der in der baupolizeilichen Anzeige vom 26. März 2018 vorgebrachten
Rügen zu eröffnen bzw. wiederaufzunehmen, durchzuführen und erstinstanzlich
ordnungsgemäss abzuschliessen. Das Bauinspektorat der Stadt Bern sei ferner
anzuweisen, die Beschwerdeführerinnen an diesem Verfahren als Partei zu beteiligen.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Das Bauinspektorat der Stadt Bern
beantragte in seiner Vernehmlassung vom 3. Oktober 2018, auf die Beschwerde sei nicht
einzutreten, eventualiter sei sie abzuweisen. Der Verein G._ verzichtete
stillschweigend auf eine Teilnahme am Beschwerdeverfahren. Auf die Rechtsschriften und
die Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Die zuständige Baupolizeibehörde hat dafür zu sorgen, dass im Bauwesen die
gesetzliche Ordnung eingehalten wird. Erhält sie Kenntnis von unbewilligten Bauten und
Nutzungen, hat sie von Amtes wegen einzuschreiten und ein Wiederherstellungsverfahren
durchzuführen (Art. 46 BauG2). Sie hat mindestens zu prüfen, ob ein unrechtmässiger
Zustand besteht, ob eine Baueinstellung oder ein Benützungsverbot angezeigt sind und ob
die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes zu verfügen ist.3 Gemäss Art. 49
Abs. 1 BauG können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48 BauG innert 30
Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Die Beschwerde
nach Art. 49 BauG kann bei Untätigkeit der Gemeinde auch als
Rechtsverweigerungsbeschwerde eingelegt werden.4 In diesem Fall gilt das Verweigern
oder Verzögern einer Verfügung als Anfechtungsobjekt (Art. 60 Abs. 1 Bst. a i.V.m. Art. 49
Abs. 2 VRPG5).6
b) Nachbarinnen und Nachbarn, die in schutzwürdigen Interessen betroffen sind,
können sich als Anzeigende am baupolizeilichen Verfahren beteiligen. Sie haben
Parteistellung im Verfahren (Art. 46 Abs. 2 BauG) und können Anträge stellen. Sie haben
einen Anspruch darauf, dass das Verfahren mit einer Verfügung abgeschlossen wird.7 Die
Beschwerdeführerinnen haben baupolizeiliche Anzeige erhoben und mitgeteilt, dass sie im
fraglichen Verfahren Parteirechte ausüben wollen. Sie sind deshalb durch die
ausdrückliche Weigerung der Vorinstanz, eine Verfügung zu erlassen, beschwert und
daher grundsätzlich zur Beschwerde legitimiert.
c) Wegen Rechtsverweigerung oder Rechtsverzögerung kann grundsätzlich jederzeit
Beschwerde geführt werden. Gibt jedoch eine bestimmte Handlung oder Äusserung der
Behörde Anlass zu einer Rechtsverweigerungs- oder Rechtsverzögerungsbeschwerde, so
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 3 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 2, 6 und 7 4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 48 N. 3 5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 67 7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 2a
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muss die Rechtsverweigerung oder -verzögerung innert der Beschwerdefrist gerügt
werden. Das gilt insbesondere, wenn die Behörde den Erlass einer Verfügung ausdrücklich
verweigert. In diesem Fall ist ein Rechtsmittel dagegen nach dem Grundsatz von Treu und
Glauben grundsätzlich innert der gesetzlichen Frist zu erheben.8 Die ordentliche
Rechtsmittelfrist für eine Beschwerde gegen baupolizeiliche Verfügungen beträgt 30 Tage
seit Eröffnung (Art. 49 Abs. 1 BauG).
Die Vorinstanz hat den Beschwerdeführerinnen mit Schreiben vom 13. Juli 2018
ausdrücklich mitgeteilt, dass sie das baupolizeiliche Verfahren als überholt erachte und
dieses ohne Verfügung abschliesse. Dieses Schreiben ist somit im Sinne von Art. 49 Abs.
2 VRPG einer Verfügung gleichgestellt.9 Es wurde den Beschwerdeführerinnen bzw. ihrer
Anwältin am 16. Juli 2018 zugestellt. Die Beschwerdefrist begann somit am 17. Juli 2018
zu laufen und endete am 15. August 2018. Sowohl das Schreiben der
Beschwerdeführerinnen vom 20. August 2018 an die Vorinstanz, das inhaltlich wohl als
Beschwerde betrachtet werden könnte, als auch die eigentliche
Rechtsverweigerungsbeschwerde vom 6. September 2018 sind somit verspätet eingereicht
worden. Auf die Rechtsverweigerungsbeschwerde kann aus diesen Gründen nicht
eingetreten werden.
2. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführerinnen. Sie
haben deshalb die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden
bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 450.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19
Abs. 1 GebV10).
b) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).
8 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 72; BGer 2P.16/2002 vom 18. Dezember 2002 E. 2.2, mit weiteren Hinweisen; VGE 2015/189 vom 4. Dezember 2015 E. 2.2 9 Vgl. VGE 2015/189 vom 4. Dezember 2015 E. 2.3 10 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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