Decision ID: a0a3bce2-ed40-4ab1-81ea-0b9954646a8d
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprecher lic. iur. Marc Brügger-Kuret, Rathausstrasse 39,
8570 Weinfelden,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Ergänzungsleistung
Sachverhalt:
A.
A.a S._, Jahrgang 1967, meldete sich am 21. Februar 2006 zum Bezug von
Ergänzungsleistungen (EL) an (EL-act. A/21). Der Rentenantrag bei der
Invalidenversicherung (IV) wurde am 30. Mai 2006 letztinstanzlich vom
Eidgenössischen Versicherungsgericht (seit Anfang 2007: Bundesgericht) abgewiesen
(Urteil I 76/05). Die EL-Durchführungsstelle verneinte mit Verfügung vom 22. August
2007 einen Anspruch auf Ergänzungsleistungen (EL-act. A/13). Dagegen erhob
Rechtsanwalt Marc Brügger-Kuret in Vertretung des Versicherten am 21. September
2007 Einsprache (EL-act. A/11), die er am 5. Januar 2008 ergänzend begründete (EL-
act. A/3). Der Rechtsdienst der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen wies
die Einsprache in Vertretung der EL-Durchführungsstelle mit Entscheid vom 5. Juni
2008 ab. Wegen der höchstrichterlichen Abweisung des IV-Rentengesuchs könne nur
eine selbstständige "rentenlose" EL zur Diskussion stehen. Diese sei an die Stelle der
mit der 10. AHV-Revision in Kraft getretenen ausserordentlichen Renten mit
Einkommensgrenzen getreten. Räume ein Sozialversicherungsabkommen den
Angehörigen eines Staats keinen Anspruch auf eine ausserordentliche Rente ein oder
bestehe kein Sozialversicherungsabkommen mit dem Herkunftsland, so könne der
ausländische Staatsangehörige keinen Anspruch auf eine rentenlose EL begründen.
Der Einsprecher befinde sich seit 1989 in der Schweiz. Er sei kein anerkannter
Flüchtling. Mit seinem Herkunftsland A._ habe die Schweiz kein
Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen. Deswegen könne er keine rentenlose
EL beanspruchen (act. G 1.1.1).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die Beschwerde des Rechtsvertreters des
Beschwerdeführers vom 8. Juli 2008. Er beantragt die Aufhebung des Entscheids und
die Ausrichtung von EL ab Januar 2006. Weiter beantragt er die Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
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Massgebend sei die Auslegung von Art. 2c lit. b ELG. Dieser erwähne nicht, dass ein
Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen sein müsse, damit ein Anspruch auf
rentenlose EL bestehe. Art. 2 Abs. 2 ELG und Art. 2c lit. b ELG würden in einem
Spannungsverhältnis zueinander stehen. Es sei nicht klar, ob einer dieser beiden
Bestimmungen der Vorrang einzuräumen sei und wenn ja, welcher. Weil die
Verweigerung von EL für Betroffene gravierende finanzielle Folgen haben könne, würde
die Interpretation der Beschwerdegegnerin dazu führen, dass alle Ausländer, die aus
einem Staat stammten, mit dem die Schweiz kein Sozialversicherungsabkommen
abgeschlossen habe, vom Wegfall der Akzessorietät der EL ausgeschlossen und
dadurch diskriminiert wären. Der Beschwerdeführer lebe seit 1989 in der Schweiz und
habe seit 1995 den Status eines vorläufig Aufgenommenen. Für den Beginn der
Karenzfrist sei auf dieses letztere Datum abzustellen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 14. Juli 2008 die Abweisung der

Beschwerde und verwies zur Begründung auf die Erwägungen im Einspracheentscheid
(act. G 4).
B.c Das Sozialamt Gossau reichte am 14. August 2008 für den Beschwerdeführer das
Gesuchsformular für die unentgeltliche Prozessführung vom 5. Juli 2008 ein (act. G 6).
Der zuständige Abteilungspräsident bewilligte das Gesuch am 27. August 2008
(act. G 7).
Erwägungen:
1.
Auf den 1. Januar 2008 ist das neue Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) in Kraft getreten.
Es ersetzt das ELG vom 19. März 1965 in der bis 31. Dezember 2007 gültig gewesenen
Fassung. Weil in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend
sind, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestands Geltung haben
(BGE 127 V 467 Erw. 1), sind auf den angefochtenen Einspracheentscheid die bis zum
31. Dezember 2007 geltenden Bestimmungen anzuwenden.
2.
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2.1 Auf die altrechtlichen ausserordentlichen Renten mit Einkommensgrenzen (also
bedarfsabhängig) hatten in der Schweiz wohnhafte Schweizer Bürger Anspruch, denen
keine ordentliche Rente zustand oder deren ordentliche Rente kleiner war als die
ausserordentliche Rente (vgl. Art. 42 Abs. 1 AHVG in der bis Ende 1996 gültig
gewesenen Fassung). Bereits bei seinem Inkrafttreten 1946 kannte das AHVG in Art. 42
sog. Übergangsrenten. Dieser Rentenanspruch wurde Schweizern eingeräumt, die
nicht mindestens ein Beitragsjahr aufwiesen, oder deren Hinterlassenen, soweit das
Jahreseinkommen unter Hinzurechnung eines angemessenen Teils des Vermögens
eine gewisse Grenze nicht erreichte. Der Kreis der Übergangsrentenbezüger
beschränkte sich im Wesentlichen auf vor 1883 geborene Personen (bzw. deren
Hinterlassene), auf Personenkategorien also, die im Lauf der Jahrzehnte nach
Inkrafttreten des AHVG aussterben würden. In Ausnahmefällen konnten allerdings auch
später die Voraussetzungen für den Bezug von Übergangsrenten erfüllt werden, so
etwa bei Auslandschweizern, die sich nicht freiwillig versichern liessen und kurze Zeit
vor oder erst nach Eintritt des Rentenfalls in die Schweiz zurückkehrten und
obligatorisch versichert wurden. Eine der Voraussetzungen für den Bezug einer
Übergangsrente war die Schweizer Nationalität (zum Ganzen Binswanger Peter,
Kommentar zum Bundesgesetz über die Alters- und Hinterlassenenversicherung,
Zürich 1950, S. 174 ff.). Am 1. Januar 1960 wurde der Begriff der Übergangsrente in
Anlehnung an die IV-Gesetzgebung in "ausserordentliche Rente" umgewandelt. Die
Beschränkung auf in der Schweiz wohnhafte Schweizer Bürger blieb bestehen. Die
Gewährung solcher Renten an langansässige Ausländer und Staatenlose sollte gemäss
Botschaft des Bundesrats vom 24. Oktober 1958 nicht gesetzlich vorgesehen werden,
sondern allenfalls durch zwischenstaatliche Vereinbarungen unter bestimmten
Voraussetzungen zugesichert werden (BBl 1958 II 1203; 1247 f.). Art. 39 Abs. 1 des am
1. Januar 1960 in Kraft getretenen IVG hielt entsprechend fest, ausserordentliche
Renten würden in der Schweiz wohnhaften Schweizer Bürgern unter den gleichen
Voraussetzungen wie ausserordentliche AHV-Renten gewährt. Zwischenstaatliche
Abkommen räumten schliesslich den Angehörigen mehrerer Staaten nach einer
bestimmten Mindestaufenthaltsdauer Anspruch auf ausserordentliche Renten ein (vgl.
Kieser Ueli, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum AHVG, 1. Aufl., Zürich 1996,
S. 174).
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2.2 Mit dem System der EL ergaben sich Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen den
Ergänzungsleistungen und den ausserordentlichen Renten mit Einkommensgrenzen. Im
Zug der 10. AHV-Revision wurden die einkommensabhängigen ausserordentlichen
AHV- und IV-Renten per 1. Januar 1997 schliesslich ins ELG überführt. Die
Beschränkung auf ein einziges Bedarfssystem diente gemäss Botschaft des
Bundesrats vom 5. März 1990 über die 10. AHV-Revision der Vereinfachung und
Transparenz. Beibehalten wurden nur die ausserordentlichen Renten ohne
Einkommensgrenzen. Diese werden an Personen ausgerichtet, die bis zur Entstehung
des Rentenanspruchs nie die Möglichkeit zu Beitragszahlungen hatten (insbesondere
Geburts- und Kindheitsinvalide sowie Ehefrauen, die bereits bei Einführung der AHV
1948 verheiratet waren und danach nie erwerbstätig gewesen sind; BBl 1990 II 60). In
den Gesetzesmaterialien findet sich kein Hinweis darauf, dass die rentenlosen EL
anders als die früheren ausserordentlichen Renten mit Einkommensgrenzen neu auch
Nichtvertragsausländern ausgerichtet werden sollten. Im Gegenteil wurde etwa in der
Botschaft des Bundesrats vom 20. November 1996 zur 3. EL-Revision (im
Zusammenhang mit der Harmonisierung der Karenzfristen für den Bezug der früheren
ausserordentlichen Renten) nur auf Ausländer von Staaten Bezug genommen, mit
denen die Schweiz ein Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen hat (BBl 1996 I
1203).
2.3 Art. 2c ELG darf nicht losgelöst von der Gesetzessystematik betrachtet werden.
Er verweist denn auch explizit auf Art. 2 ELG. Nach dieser Bestimmung haben
Schweizer Bürger mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die eine
der Voraussetzungen nach Art. 2a-2d erfüllen, Anspruch auf EL, wenn die vom ELG
anerkannten Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen. Ausländer mit
Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz sind gemäss Art. 2 Abs. 2 lit. a
ELG anspruchsberechtigt, wenn sie sich unmittelbar vor Verlangen der EL
ununterbrochen zehn Jahre in der Schweiz aufgehalten haben und Anspruch auf eine
Rente, eine Hilflosenentschädigung oder ein IV-Taggeld haben oder die
Anspruchsvoraussetzungen nach Art. 2b ELG erfüllen (lit. a). Nach lit. c besteht ein EL-
Anspruch für Ausländer mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die
gestützt auf ein Sozialversicherungsabkommen Anspruch auf ausserordentliche Renten
der AHV oder IV hätten, sowie nach lit. b für Flüchtlinge und Staatenlose, die sich
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unmittelbar vor Verlangen der EL ununterbrochen fünf Jahre in der Schweiz
aufgehalten haben.
2.4 Im vorliegenden Fall ist der Beschwerdeführer nicht Schweizer, sodass Art. 2
Abs. 1 ELG ausser Betracht fällt. Auch nicht in Frage kommt Art. 2 Abs. 2 lit. a ELG.
Der Beschwerdeführer hat sich zwar vor dem Antrag auf EL ununterbrochen über zehn
Jahre in der Schweiz aufgehalten, hat aber keinen Anspruch auf eine Rente (vgl. EVGE
I 76/05), eine Hilflosenentschädigung oder ein IV-Taggeld. Auch die
Anspruchsvoraussetzungen von Art. 2b lit. b ELG erfüllt er nicht, regelt diese
Bestimmung doch lediglich einen Anspruch im Bereich der Witwen-, Witwer- und
Waisenrenten. Der Beschwerdeführer ist srilankischer Staatsangehöriger. Weil die
Schweiz mit A._ kein Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen hat, kommt ein
EL-Anspruch auch gestützt auf Art. 2 Abs. 2 lit. c ELG nicht in Frage. Der
Beschwerdeführer hatte bei der EL-Anmeldung im Jahr 2006 unbestrittenermassen
keinen Flüchtlingsstatus und war auch nicht staatenlos (vgl. das Schreiben des
Ausländeramts B._ vom 22. Mai 2008 im Dossier B der EL-Akten). Somit entfällt auch
die Möglichkeit der EL-Gewährung gestützt auf Art. 2 Abs. 2 lit. b ELG. Da der
Beschwerdeführer somit die Anspruchsvoraussetzungen des Art. 2 ELG nicht erfüllt,
sind die Art. 2a-d ELG auf ihn von Vornherein nicht anwendbar. Entgegen der Ansicht
des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers besteht zwischen Art. 2c lit. b ELG und
Art. 2 ELG kein Spannungsverhältnis. Vielmehr sind sie – wie oben auch anhand der
Entstehungsgeschichte der rentenlosen EL belegt – systematisch aufeinander
abgestimmt und in sich schlüssig (zur fehlenden Anspruchsberechtigung von
Nichtvertragsausländern, die nicht zugleich Flüchtlinge oder Staatenlose sind, siehe
auch Jöhl Ralph, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in SBVR XIV-Meyer, Soziale
Sicherheit, S. 1666, Rz. 38; Imhof Edgar, Ausländer/innen von ausserhalb der EU/EFTA
und Sozialversicherungen – ein Überblick, in: SZS 50/2006, S. 442 f.; vgl. auch die vom
Bundesamt für Sozialversicherung herausgegebene Wegleitung über die Stellung der
Ausländer und Staatenlosen [WAS], Allg. S. 7f.; Urteil I 810/05 des Bundesgerichts vom
5. Februar 2007, Erw. 5.3 und 6.4).
3.
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3.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Der
angefochtene Einspracheentscheid ist nicht zu beanstanden. Der Beschwerdeführer
hat keinen Anspruch auf rentenlose EL.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
3.3 Dem Beschwerdeführer wurde die Rechtsverbeiständung am 27. August 2008
bewilligt. Wenn seine wirtschaftlichen Verhältnisse es gestatten, kann er jedoch zur
Nachzahlung der vom Staat entschädigten Parteikosten verpflichtet werden (Art. 288
Abs. 1 ZPO/SG i.V.m. Art. 99 Abs. 2 VRP/SG). Der Staat ist zufolge der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung zu verpflichten, für die Kosten der Rechtsvertretung des
Beschwerdeführers aufzukommen. Die Höhe der Parteientschädigung ist vom Gericht
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses zu bemessen (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff.
VRP/SG, sGS 951.1). Angemessen ist ein Honorar von pauschal Fr. 3'000.- inkl. Bar
auslagen und Mehrwertsteuer. Im Rahmen der unentgeltlichen Prozessführung wird
dieses Honorar um 20% reduziert (Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes). Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ist somit mit Fr. 2'400.- zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG