Decision ID: 90c1666a-cc9f-57aa-8f77-3d53e73ee9f4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 14. November 2016 im Empfangs-
und Verfahrenszentrum B._ um Asyl nach. Dort wurde er am 22.
November 2016 zu seinen Personalien, zu seinem Reiseweg und summa-
risch zu seinen Fluchtgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am
4. April 2019 wurde er durch einen Mitarbeiter des SEM vertieft angehört.
A.b Anlässlich der BzP und der Anhörung machte der Beschwerdeführer
im Wesentlichen geltend, er sei türkischer Staatsangehöriger kurdischer
Ethnie und stamme aus C._ ([...] D._). Nach Abschluss des
Gymnasiums in E._ ([...] E._) und eines (...) Fernstudiums
in (...) an der Universität F._ im Januar 2016 habe er bis August
2016 im (...) der (...) gearbeitet. Seit 2014 sei er aktives Mitglied der So-
syalist Yeniden Kuruluş Partisi (SYKP) und habe als (...) an Versammlun-
gen und verschiedenen weiteren Veranstaltungen teilgenommen. Im April
2014 sei er wegen des (...) für rund sechs Stunden in Untersuchungshaft
genommen und wegen (...) gebüsst worden. Im Oktober 2014 sei er erneut
festgenommen worden, weil er in seinem Rucksack eine (...) sowie andere
mutmasslich gefährliche Gegenstände mit sich getragen habe; nach rund
zwölf Stunden, während derer er misshandelt worden sei, sei er wieder
freigelassen worden, wobei man ihm schriftlich bestätigt habe, dass gegen
ihn keine Anklage erhoben werde. Im Juli 2015 sei er beim Versuch, als
Protest gegen den Anschlag in Suruç (Provinz Sanliurfa) ein (...), angehal-
ten worden; die Polizeibeamten hätten – ohne ihn auf den Posten mitzu-
nehmen – seine Papiere kontrolliert, und ihn dann wieder freigelassen.
Schliesslich brachte er vor, sich zum Zeitpunkt der Anschläge in Ankara
vom 10. Oktober 2015 in der Stadt aufgehalten und dann Film- und Foto-
aufnahmen von den Ereignissen gemacht zu haben.
Im Juni 2016 sei er ein erstes Mal in die Schweiz gereist, nach neun Tagen
aber wieder in die Türkei zurückgekehrt. Am 2. September 2016 habe er
seine Heimat erneut verlassen und sei mit einem dank der Position seines
Vaters (dieser sei [...] G._, [...] E._) erhaltenen visumsbe-
freiten Pass auf dem Luftweg direkt in die Schweiz gelangt. Er habe einen
einmonatigen Deutschkurs besucht und gehofft, dass sich die Situation in
der Türkei bald verbessere. Als sich diese Hoffnung nicht erfüllt habe, habe
er am 14. November 2016 sein Asylgesuch eingereicht. In der Schweiz
habe er einen Onkel und zwei Cousinen, während seine Eltern und seine
vier Geschwister nach wie vor in E._ lebten.
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A.c Der Beschwerdeführer reichte im Verlauf des vorinstanzlichen Verfah-
rens seinen Reisepass, seine Identitätskarte und eine Ausreisebewilligung
im Original, zwei USB-Sticks mit Fotos sowie – jeweils in Kopie und mit
italienischen Übersetzungen – einen Haftbefehl, zwei Befragungsproto-
kolle, zwei Dokumente, welche bestätigen, dass keine Anklage erhoben
werde, eine Bestätigung der Wohnsitzadresse, ein Studien-Diplom und
eine Bestätigung der SYKP zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 28. Oktober 2019 – eröffnet am 29. Oktober 2019 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, die vom Beschwerde-
führer geschilderten polizeilichen Festnahmen im April und Oktober 2014
sowie im Juli 2015 hätten keinerlei juristischen Folgen nach sich gezogen.
Wäre er tatsächlich von staatlicher Seite verfolgt gewesen, hätte er nach
den geschilderten Ereignissen kein ruhiges Leben führen können. Er habe
indes im Januar 2016 sein (...)-Studium abschliessen können und sei ver-
schiedenen Arbeiten nachgegangen; seine letzte Arbeit habe er von März
bis August 2016 ausgeübt. Zudem hätten die geschilderten Massnahmen
– welche auch nicht die Intensität erreicht hätten, um eine Person objektiv
betrachtet daran zu hindern, weiterhin in Würde in ihrem Land zu leben –
der Verfolgung rechtsstaatlich legitimer Ziele gedient. Im Übrigen habe der
Beschwerdeführer zweimal – im Juni 2016 und im September 2016 – Ge-
legenheit gehabt, seine Heimat dauerhaft zu verlassen.
Was sodann die vom Beschwerdeführer geäusserte Angst betreffe, im
Falle seiner Rückkehr in die Türkei verhaftet zu werden, so habe dieser
zwar erklärt, seit April 2014 Mitglied der SYKP zu sein, der (...), an Pick-
nicks und Ausbildungen teilgenommen sowie Plakate aufgehängt zu ha-
ben. Dies genüge aber für sich allein nicht für die Annahme einer begrün-
deten Furcht vor asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen. Wäre er tat-
sächlich von staatlicher Seite verfolgt gewesen, hätte er kein menschen-
würdiges Leben führen und insbesondere auch die Türkei nicht zweimal
ohne Probleme verlassen können. Schliesslich seien gegen ihn auch keine
gerichtlichen Verfahren hängig.
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C.
Mit Eingabe vom 28. November 2019 erhob der Beschwerdeführer durch
Necmettin Sahin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er bean-
tragte die Aufhebung der SEM-Verfügung vom 28. Oktober 2019, die Zuer-
kennung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung des Asyls. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
ersucht.
Dabei wurde im Wesentlichen auf den anlässlich der BzP und der Anhö-
rung vorgebrachten Sachverhalt verwiesen und im Weiteren geltend ge-
macht, der Beschwerdeführer sei in der Türkei als Politiker bekannt und
auch in der Schweiz politisch aktiv. Ausserdem habe er das Attentat in An-
kara vom 13. März 2016 miterlebt und leide seither unter einer schweren
Depression, welche behandelt werden müsste. Gleichzeitig wurde die Ein-
reichung von Beweismitteln in Aussicht gestellt.
D.
D.a Die Instruktionsrichterin hielt mit Zwischenverfügung vom 16. Dezem-
ber 2019 fest, der Beschwerdeführer dürfe den Abschluss des Verfahrens
in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig forderte sie Necmettin Sahin auf, in-
nert sieben Tagen ab Erhalt der Verfügung eine schriftliche Vollmacht ein-
zureichen, andernfalls auf die Beschwerde nicht eingetreten und die bisher
aufgelaufenen Kosten ihm auferlegt würden.
D.b Nachdem die an die in der Beschwerde angegebene Adresse ver-
sandte Zwischenverfügung vom 16. Dezember 2019 von der schweizeri-
schen Post mit dem Vermerk "falsche Adressangabe/Strasse falsch" an
das Bundesverwaltungsgericht retourniert worden war, erliess die Instruk-
tionsrichterin am 31. Dezember 2019 eine neue Zwischenverfügung und
forderte Necmettin Sahin einerseits erneut zur Einreichung einer Voll-
macht, andererseits auch zur verbindlichen Mitteilung, an welche Adresse
künftige Korrespondenz zu richten sei, auf. Zudem wies sie darauf hin, die
Bedürftigkeit des Beschwerdeführers sei bis anhin nicht belegt.
D.c Mit Eingabe vom 11. Januar 2020 liess Necmettin Sahin dem Bundes-
verwaltungsgericht nicht nur eine Vollmacht zukommen, sondern gab unter
anderem seine Korrespondenz-Adresse an.
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E.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Januar 2020 stellte die Instruktionsrichte-
rin fest, das Vertretungsverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und
seinem Rechtsvertreter sei nunmehr nachgewiesen, und nahm von der
neuen Korrespondenz-Adresse Kenntnis. Des Weiteren wies sie die Gesu-
che um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses mit der Begründung der nicht
nachgewiesenen Bedürftigkeit ab und forderte den Beschwerdeführer –
unter Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall – zur Einzahlung
eines Kostenvorschusses in der Höhe von Fr. 750.– bis zum 3. Februar
2020 auf.
E.a Der verlangte Kostenvorschuss wurde am 29. Januar 2020 bezahlt.
F.
Am 11. Mai 2020 reichte der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsver-
treter dem Bundesverwaltungsgericht nebst einer am 28. Januar 2020 aus-
gestellten Bedürftigkeitsbestätigung (samt entsprechendem Entscheid des
Migrationsamtes des Kantons H._ über die Berechnungsgrundla-
gen) verschiedene Unterlagen (in Kopie beziehungsweise als Computer-
ausdrucke und mit deutschen Übersetzungen versehen) zu den Akten, wel-
che belegen sollen, dass er auf Twitter kritisch aktiv sei und gegen ihn aus
diesem Grund von der (...) E._ am 23. Dezember 2019 ein Fest-
nahmebefehl ausgestellt worden sei.
G.
Die Instruktionsrichterin übermittelte die Akten am 6. November 2020 an
das SEM und lud dieses zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
H.
Mit Verfügung vom 3. Dezember 2020 zog das SEM seinen Entscheid vom
28. Oktober 2019 teilweise in Wiedererwägung, erkannte dem Beschwer-
deführer die Flüchtlingseigenschaft zu und nahm ihn wegen Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig auf.
Dabei hielt es an der in der Verfügung vom 28. Oktober 2019 vorgenom-
menen Würdigung, soweit den vom Beschwerdeführer für die Zeit vor sei-
ner letztmaligen Ausreise aus der Türkei betreffenden Sachverhalt betref-
fend, fest, gelangte jedoch in Anbetracht der nunmehr auf Beschwerde-
ebene eingereichten Beweismittel zum Schluss, dass der Beschwerdefüh-
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rer die Anforderungen für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft er-
fülle. In Anwendung von Art. 54 AsylG (SR 142.31) sei er aber von Asylge-
währung auszuschliessen, da seine Flüchtlingseigenschaft durch sein Ver-
halten im Ausland beziehungsweise nach der Ausreise aus der Türkei ent-
standen sei. Sein Asylgesuch bleibe daher abgelehnt, und infolgedessen
sei auch die Wegweisung aus der Schweiz anzuordnen, wobei der Vollzug
der Wegweisung in die Türkei ausgeschlossen sei. Er werde daher als
Flüchtling vorläufig aufgenommen.
I.
I.a Die Instruktionsrichterin liess dem Beschwerdeführer mit Verfügung
vom 11. Dezember 2020 eine Kopie der Verfügung des SEM vom 3. De-
zember 2020 zukommen und ersuchte den Beschwerdeführer um Mittei-
lung bis zum 29. Dezember 2020, ob er die Beschwerde, soweit die Asyl-
gewährung und die Wegweisung betreffend (Dispositivziffern 2 und 3), zu-
rückziehe, wobei bei ungenutzter Frist davon ausgegangen werde, er halte
vollumfänglich an seinen Rechtsbegehren fest.
I.b Der Beschwerdeführer liess sich nicht dazu vernehmen.
J.
Das SEM bewilligte dem Beschwerdeführer am 15. März 2021 für die
Dauer der vorläufigen Aufnahme den Aufenthalt im Kanton B._-
Stadt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig,
ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor wel-
chem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.5 Zwar ist im Beschwerdeverfahren die Sprache des angefochtenen Ent-
scheides massgebend, indessen kann das Verfahren in einer anderen
Amtssprache geführt werden, wenn die Parteien eine solche verwenden
(vgl. Art. 33a Abs. 2 VwVG). In Übereinstimmung mit der Beschwerde-
schrift wird das vorliegende Beschwerdeverfahren deshalb in deutscher
Sprache geführt.
2.
2.1 Nachdem das SEM mit Verfügung vom 3. Dezember 2020 die ange-
fochtene Verfügung vom 28. Oktober 2018 teilweise in Wiedererwägung
gezogen hat, beschränkt sich der Prozessgegenstand auf die Fragen der
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl auf-
grund des allfälligen Vorliegens von Vor- oder objektiven Nachfluchtgrün-
den und der Wegweisung an sich.
2.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat be-
ziehungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; vielmehr
müssen konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen re-
alistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2.5; Entscheide und Mitteilungen der [ehemaligen] Asylrekurskommis-
sion 2005 Nr. 21 E. 7).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss gemäss Art. 7 AsylG die Flüchtlingsei-
genschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesver-
waltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vor-
bringen in einem publizierten Entscheid dargelegt und folgt dabei ständiger
Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1
m.w.H.).
4.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Bestehen einer flüchtlingsrechtlich rele-
vanten Verfolgungssituation des Beschwerdeführers aus Vorfluchtgründen
zu Recht verneint hat. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die
entsprechenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung (vgl. S. 3 f.
sowie Bst. B des Sachverhalts des vorliegenden Urteils) verwiesen wer-
den, wobei nachfolgend (E. 4.3) zur Vervollständigung gewisse Ergänzun-
gen anzubringen sind.
4.2 In der Beschwerdeschrift wird in knapper Art und Weise auf den im vor-
instanzlichen Verfahren vorgebrachten Sachverhalt verwiesen und im Wei-
teren geltend gemacht, der Beschwerdeführer leide unter psychischen
Problemen, seit er Zeuge des IS-Attentats in Ankara vom 13. März 2016
geworden und "mit Blut und Fleischstücken auf den Kleidern" nach
E._ zurückgekehrt sei (vgl. Beschwerde S. 3). Gleichzeitig stellt er
die Nachreichung eines ärztlichen Berichts, von Fotos über die Explosion
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in Ankara sowie von Beweismitteln für seine politischen Aktivitäten in Aus-
sicht. Am 12. Mai 2020 gingen beim Bundesverwaltungsgericht Auszüge
aus dem Twitter-Account des Beschwerdeführers sowie ein Festnahmebe-
fehl des (...) E._ ein. Bilder über die Ereignisse vom 13. März 2016
in Ankara oder ein ärztlicher Bericht wurden jedoch nicht eingereicht.
4.3
4.3.1 Vorab ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer im vorinstanzli-
chen Verfahren nie geltend gemacht hatte, Zeuge des Bombenanschlags
vom 13. März 2016 (zu welchem sich im Übrigen eine Splittergruppe der
Arbeiterpartei Kurdistans [PKK] bekannt hatte) auf dem Kizilay-Platz in An-
kara gewesen zu sein. Vielmehr erklärte er in der BzP, sich am 10. Oktober
2015 in Ankara befunden zu haben, als (am Hauptbahnhof zwei mutmass-
lich vom Islamischen Staat [IS] gezündete) Sprengsätze explodiert seien
(vgl. Akten SEM A5 S. 6). Auch brachte er keine gesundheitlichen Prob-
leme vor; vielmehr verneinte er die Frage nach allfälligen gesundheitlichen
Beeinträchtigungen ausdrücklich (vgl. A5 S. 8).
4.3.2 Das SEM hat sodann nicht grundsätzlich in Frage gestellt, dass der
Beschwerdeführer sich in seiner Heimat insbesondere durch die Teilnahme
an Kundgebungen politisch betätigt hat, und auch nicht, dass er sich zum
Zeitpunkt der Anschläge in Ankara aufgehalten hat. Beides wird im Übrigen
mit Bildern auf den eingereichten USB-Sticks dokumentiert, wobei darauf
hinzuweisen ist, dass der Beschwerdeführer in der Anhörung vom 4. April
2015 ausdrücklich erklärt hatte, die Fotos auf dem grünen USB-Stick nach
der Explosion vom 10. Oktober 2015 aufgenommen zu haben (vgl. A12 zu
F12–16). Ebenfalls nicht bestritten wird, dass der Beschwerdeführer mehr-
fach von Sicherheitsbehörden an- und kurzzeitig festgehalten wurde. Wie
das SEM indessen zu Recht bemerkte, sind diese Massnahmen (noch) als
rechtsstaatlich legitim und überdies nicht genügend Intensiv zu erachten,
zumal aus den sich bei den Akten befindenden Dokumenten ersichtlich ist,
dass der Beschwerdeführer jeweils nach kurzer Zeit wieder freigelassen
und gegen ihn auch nie Anklage erhoben wurde; diese Feststellung wird
denn auch vom Beschwerdeführer nach wie vor nicht bestritten.
4.3.3 Überdies konnte der Beschwerdeführer – wie in der angefochtenen
Verfügung ebenfalls zutreffend bemerkt wurde – nicht nur anfangs 2016
sein Studium abschliessen und daneben bis zu seiner Ausreise verschie-
denen Arbeitstätigkeiten nachgehen, sondern auch – was durch seine ei-
genen Angaben sowie die Einträge im Reisepass bestätigt wird – seine
Heimat ohne Probleme am 3. Juni 2016 legal über den Flughafen von
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E._ verlassen, am 12. Juni 2016 dorthin zurückkehren, um am
2. September 2016 erneut auf die gleiche Art in Richtung B._ aus-
reisen.
4.3.4 Aufgrund dieser Umstände gelangt auch das Bundesverwaltungsge-
richt zum Schluss, dass keine Anzeichen für ein asylrelevantes Verfol-
gungsinteresse der türkischen Behörden an der Person des Beschwerde-
führers im Zeitpunkt seiner (letztmaligen) Ausreise beziehungsweise für
eine ihm damals drohende asylrechtlich relevante Gefährdung bestehen.
An dieser Feststellung vermögen die auf Beschwerdeebene eingereichten
Dokumente nichts zu ändern, haben diese doch ausschliesslich die Aktivi-
täten des Beschwerdeführers (insbesondere kritische Äusserungen auf
Twitter und deren Verfolgung durch die türkischen Behörden) nach Verlas-
sen der Türkei zum Gegenstand. Ebenso wenig liegen objektive Nach-
fluchtgründe vor.
4.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz das Bestehen
von flüchtlingsrechtlich relevanten Vorfluchtgründen oder objektiven Nach-
fluchtgründe zu Recht verneint hat. Der Beschwerdeführer hat durch sein
Verhalten nach der letzten Ausreise aus der Türkei sein politisches Profil in
einer Art und Weise geschärft, welches nunmehr dazu führte, dass das
SEM davon ausging, er sei in seinem Heimatstaat mit erheblicher Wahr-
scheinlichkeit in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt. Solchermas-
sen subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum
Ausschluss von Asyl. Dementsprechend hat die Vorinstanz die Gewährung
des Asyls gesetzes- und praxiskonform verweigert. Die Beschwerde ist da-
her betreffend den Antrag auf Asylgewährung abzuweisen.
5.
5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
5.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 11
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung, so-
weit sie nicht vom SEM selber in Wiedererwägung gezogen worden ist,
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Demnach ist die Beschwerde abzuweisen, soweit
sie nicht als gegenstandslos geworden abzuschreiben ist.
7.
Der Vollständigkeit halber bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass alleine
die Einreichung der Fürsorgebestätigung am 11. Mai 2020 nicht als Gesuch
um Wiedererwägung des Entscheides über die mit Zwischenverfügung
vom 17. Januar 2020 verweigerte unentgeltliche Prozessführung zu quali-
fizieren ist. Hätte der vertretene Beschwerdeführer – nachdem er den Kos-
tenvorschuss am 29. Januar 2020 fristgerecht geleistet hatte – erneut um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ersuchen wollen, hätte er
solches ausdrücklich beantragen müssen.
8.
8.1 Der Beschwerdeführer ist mit seinem Antrag auf Asylgewährung unter-
legen. Bezüglich der Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und der An-
ordnung des Wegweisungsvollzugs ist er zufolge der diesbezüglichen Wie-
dererwägung des SEM im Rahmen des Schriftenwechsels als obsiegend
zu betrachten. Praxisgemäss bedeutet dies ein Obsiegen zu zwei Dritteln.
Entsprechend diesem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschwerdefüh-
rer reduzierte Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 VwVG). Diese sind
auf insgesamt Fr. 250.– festzusetzen (Art. 1‒3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in der Höhe von Fr. 750.–
geleistete Kostenvorschuss ist dem Beschwerdeführer im Umfang von
Fr. 500.– zurückzuerstatten, der Restbetrag von Fr. 250.– ist zur Deckung
der Verfahrenskosten zu verwenden.
8.2 Soweit der Beschwerdeführer obsiegt, hat er Anspruch auf eine Partei-
entschädigung für die ihm erwachsenen notwendigen Kosten, die vom
SEM auszurichten ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 und 4 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Angesichts des
Obsiegens zu zwei Dritteln ist die Parteientschädigung indessen um einen
Drittel zu reduzieren. Im vorliegenden Verfahren wurde keine Kostennote
eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen wird indessen verzichtet
(vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE), weil der Aufwand für die Beschwerdeführung
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Seite 12
zuverlässig abgeschätzt werden kann. Gestützt auf die in Betracht zu zie-
henden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist die um einen Drittel re-
duzierte Parteientschädigung aufgrund der Akten pauschal auf Fr. 300.–
festzusetzen. Dieser Betrag ist dem Beschwerdeführer durch das SEM zu
entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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