Decision ID: e06ec33c-04a6-48d0-a6eb-b4e186623bfb
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Vergehen gegen das Ausländer- und Integrationsgesetz und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Bülach, Einzelgericht, vom 17. November 2021 (GG210031)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland vom 29. März
2021 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 22).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 52 S. 22 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig des rechtswidrigen Aufenthalts im Sinne von Art. 115
Abs. 1 Bst. b AIG.
2. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 12. Dezember 2015
gewährte bedingte Vollzug der Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je Fr. 10.–
(entsprechend Fr. 300.–) wird widerrufen.
3. Der Beschuldigte wird im Sinne einer Gesamtstrafe bestraft mit einer Geldstrafe
von 120 Tagessätzen zu Fr. 10.– (entsprechend Fr. 1'200.–), wovon 1 Tagessatz
als durch Haft geleistet gilt.
4. Der Vollzug der Geldstrafe wird nicht aufgeschoben.
5. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'200.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 1'100.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 5'445.– amtl. Verteidigungskosten
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens sowie die
Kosten der amtlichen Verteidigung werden dem Beschuldigten auferlegt,
jedoch zufolge Uneinbringlichkeit definitiv auf die Staatskasse genommen.
7. (Mitteilungen.)
8. (Rechtsmittel.)"
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Berufungsanträge: (Prot. II. S. 6)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 55; Urk. 68 S. 2):
"1. Das Urteil des Bezirksgerichts Bülach, Einzelgericht, vom
17. November 2021 sei aufzuheben abgesehen von der definitiven
Übernahme (allfälliger) dem Beschuldigten auferlegten Kosten auf die
Staatskasse gemäss Ziffer 6 des Urteilsdispositivs.
2. Das Strafverfahren gegen den Beschuldigten sei einzustellen;  sei der Beschuldigte vom Vorwurf des rechtswidrigen Aufenthalts im Sinne von Art. 115 Abs. 1 lit. b AIG freizusprechen.
3. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 12. Dez.
2015 gewährte bedingte Vollzug der Geldstrafe von 30 Tagen zu je
Fr. 10.– sei nicht zu widerrufen.
4. Es sei dem Beschuldigten für den erstandenen Tag Haft eine Genug-
tuung von Fr. 200.– zu bezahlen.
5. Die Untersuchungs-, Verfahrens- und Berufungskosten inkl. der Kosten
der amtlichen Verteidigung seien definitiv auf die Gerichtskasse zu
nehmen."
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 59)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte, Berufungsumfang, Prozessuales
1. Prozessgeschichte
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Ver-
meidung von Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz im
angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 52 S. 3 f. E. 1.2.).
1.2. Mit Urteil der Vorinstanz vom 17. November 2021 wurde der Beschuldigte
gemäss dem eingangs wiedergegebenen Dispositiv schuldig gesprochen und
bestraft. Der Beschuldigte meldete mit Eingabe vom 25. November 2021 innert
Frist Berufung an (Urk. 47).
1.3. Nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 51) reichte der Beschuldigte
am 19. Januar 2022 fristgerecht die Berufungserklärung ein (Urk. 55). Die Staats-
anwaltschaft erhob innert Frist (Urk. 57) keine Anschlussberufung (Urk. 59). Mit
Verfügung vom 14. Februar 2022 wurde mit dem Einverständnis der Parteien die
Durchführung eines schriftlichen Verfahrens angeordnet (Urk. 64). Nach Eingang
der Berufungsbegründung des Beschuldigten (Urk. 68) verzichtete die Staatsan-
waltschaft auf das Einreichen einer Berufungsantwort (Urk. 74). Auch die
Vorinstanz verzichtete auf Vernehmlassung (Urk 73). Beweisanträge wurden kei-
ne gestellt. Das schriftlich geführte Verfahren erweist sich als spruchreif.
2. Umfang der Berufung
Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung (Art. 402
StPO). Die nicht von der Berufung erfassten Punkte erwachsen in Rechtskraft.
Das Berufungsgericht überprüft somit das erstinstanzliche Urteil nur in den ange-
fochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte ficht das vorinstanz-
liche Urteil mit Ausnahme von Dispositiv-Ziffer 6 vollumfänglich an (Urk. 68 S. 2).
In diesem Umfang ist der vorinstanzliche Entscheid in Rechtskraft erwachsen,
was vorab mit Beschluss vorzumerken ist (Art. 399 Abs. 3 in Verbindung mit Art.
437 StPO). Im Übrigen steht der angefochtene Entscheid unter Berücksichtigung
des Verschlechterungsverbots im Sinne von Art. 391 Abs. 2 StPO zur Disposition.
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3. Formelles
Soweit für die tatsächliche und die rechtliche Würdigung des eingeklagten Sach-
verhaltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, so erfolgt dies in
Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO auch ohne dass dies jeweils explizit
Erwähnung findet. Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich
die urteilende Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinander-
setzen und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (BGE 141
IV 249 E. 1.3.1; BGE 141 III 28 E. 3.2.4). Die Berufungsinstanz kann sich somit
auf die für ihren Entscheid wesentlichen Punkte beschränken.
II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird zusammengefasst vorgeworfen, gegen die ihm bekann-
ten Aufenthaltsvorschriften verstossen zu haben, indem er nach seiner Haftent-
lassung vom 3. Oktober 2018 bis zu seiner Verhaftung am 23. September 2020
bewusst in der Schweiz verblieben sei, obwohl mit Entscheid vom 27. Februar
2018 auf sein zweites Asylgesuch nicht eingetreten worden und er aufgefordert
worden sei, die Schweiz bis am 24. April 2018 zu verlassen, wovon er Kenntnis
gehabt habe und welche Verfügung in der Folge in Rechtskraft erwachsen sei.
Zudem sei der Beschuldigte mit der Entlassungsanordnung vom 2. Oktober 2018
erneut aufgefordert worden, nach der Haftentlassung vom 3. Oktober 2018 die
Schweiz in Nachachtung des ihm bekannten negativen Asylentscheides zu ver-
lassen, deren Empfang er unterschriftlich bestätigt habe (Urk. 22 S. 2).
2. Beweiswürdigung
Die Vorinstanz hat zunächst die theoretischen Grundsätze der richterlichen
Beweiswürdigung dargelegt (Urk. 52 S. 4 E. 2.1.). Darauf kann verwiesen werden.
Weiter hat die Vorinstanz unter Hinweis auf das Geständnis des Beschuldigten
und die weiteren Akten zutreffend festgestellt, dass der Anklagesachverhalt er-
stellt sei (a.a.O. S. 5 E. 2.2.). Auf diese Erwägungen ist vorab ebenfalls zu ver-
weisen. Der objektive und subjektive Anklagesachverhalt wird vom Beschuldig-
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ten auch im Berufungsverfahren nicht in Abrede gestellt (Urk. 68 S. 2). Ergän-
zend ist lediglich festzuhalten, dass entgegen der Anklageschrift auf das zweite
Asylgesuch des Beschuldigten eingetreten wurde, dieses materiell geprüft und mit
– in Rechtskraft erwachsenem – Entscheid des Staatssekretariats für Migration
(fortan SEM) vom 27. Februar 2018 abgewiesen sowie die Wegweisung des Be-
schuldigten angeordnet wurde (Urk. 7/8). Diese Abweichung ist indes für die
rechtliche Würdigung des Sachverhalts nicht von Belang. Der eingeklagte Sach-
verhalt ist damit im Sinne der Erwägungen erstellt und kann dem Urteil zu Grunde
gelegt werden.
III. Rechtliche Würdigung
1. Gemäss Art. 2 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 333 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 2 VStrR
wird nach geltendem Recht beurteilt, wer nach dessen Inkrafttreten ein Verbre-
chen oder Vergehen begangen hat. Massgebend ist der Zeitpunkt der Vornahme
der tatbestandsmässigen Handlung (POPP/BERKEMEIER, Basler Kommentar StGB,
4. Auflage, Basel 2019, Art. 2 StGB N 5). Als Ausnahme bestimmt Art. 2 Abs. 2
StGB, dass eine Tat, welche vor Inkrafttreten des Gesetzes begangen wurde,
nach dem neuen Recht zu beurteilen ist, wenn dieses für den Täter das mildere
ist (lex mitior). Ein Dauerdelikt ist nach neuem Recht zu beurteilen, wenn es
(auch) begangen wurde, nachdem dieses in Kraft trat (Art. 2 Abs. 1 StGB). Daran
ändert nichts, wenn die Handlung nur zum Teil unter das neue Recht fällt (POPP/
BERKEMEIER, a.a.O., Art. 2 StGB N 11).
Ein Dauerdelikt liegt vor, wenn die Begründung des rechtswidrigen Zustandes mit
den Handlungen, die zu seiner Aufrechterhaltung vorgenommen werden, bzw. mit
der Unterlassung seiner Aufhebung eine Einheit bildet und das auf das Fortdau-
ern des deliktischen Erfolgs gerichtete Verhalten vom betreffenden Straftatbe-
stand ausdrücklich oder sinngemäss mitumfasst ist (BGE 141 IV 213.) Der an-
dauernde und ununterbrochene rechtswidrige Aufenthalt ist ein Dauerdelikt (BGE
135 IV 9).
Das Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integra-
tion (AIG) hat per 1. Januar 2019 das Bundesgesetz über die Ausländerinnen und
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Ausländer (AuG) ersetzt. Der Tatzeitraum erstreckt sich gemäss Anklageschrift
vom 3. Oktober 2018 bis zum 23. September 2020. Das inkriminierte Verhalten
wurde noch unter dem AuG begonnen, endete aber nach Inkrafttreten des AIG.
Auf das inkriminierte Verhalten ist somit das AIG anwendbar.
2. Den Tatbestand des rechtswidrigen Aufenthaltes erfüllt, wer sich rechtswid-
rig, namentlich nach Ablauf des bewilligungsfreien oder des bewilligten Aufent-
halts, in der Schweiz aufhält (Art. 115 Abs. 1 lit. b AIG).
3. Die Vorinstanz hat zu Recht geschlossen, dass gemäss erstelltem Sachver-
halt der objektive und subjektive Tatbestand von Art. 115 Abs. 1 lit. b AIG erfüllt
sind, indem sich der Beschuldigte im tatrelevanten Zeitraum ohne Aufenthaltsbe-
willigung wissentlich und willentlich in der Schweiz aufhielt (Urk. 52 S. 5 f. E. 3.1.).
Darauf kann verwiesen werden. Der Beschuldigte stellt im Berufungsverfahren
denn dies auch nicht in Abrede (Urk. 68 S. 2).
4.1. Der Beschuldigte lässt zusammengefasst geltend machen, die Gewalt
zwischen den Ethnien in Äthiopien sei zu einem Bürgerkrieg eskaliert. Die
C._ habe sich mit den Aufständischen der Region Tigray, der TDF, verbün-
det. Der Bürgerkrieg in der Region Tigray habe sich auf weite Gebiete der Region
B._, woher er stamme, ausgeweitet. In weiten Teilen Äthiopiens herrsche in
Folge des Krieges Hunger, eine Entwicklung, die im Asylverfahren noch nicht ha-
be berücksichtigt werden können. Die Vorinstanz gehe davon aus, dass lediglich
in der Region Tigray Bürgerkrieg herrsche. Indes verkenne sie die Gefährdungs-
lage in B._. Das von der Vorinstanz zitierte Urteil des Bundesverwaltungsge-
richtes vom 19. August 2012, wonach die allgemeine Lage in den übrigen Gebie-
ten Äthiopiens nicht durch Krieg, Bürgerkrieg oder eine Situation allgemeiner Ge-
walt gekennzeichnet sei, aufgrund derer die Zivilbevölkerung allgemein als konk-
ret gefährdet bezeichnet werden müsste (D3891/2019 E. 7.4.1. m.w.H.), gebe
weder ein aktuelles noch ein korrektes Bild der Gefährdungslage in B._ wie-
der. Eine Rückkehr nach Äthiopien sei ihm nicht möglich. Er sei Aktivist der
C._ und deshalb bei einer Rückkehr nach Äthiopien an Leib und Leben be-
droht. Eine Rückkehr sei deshalb nicht zumutbar und im Sinne des Non-
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Refoulement-Prinzips nicht zulässig. Das Nichtverlassen der Schweiz sei ihm
folglich strafrechtlich nicht vorwerfbar (Urk. 68 S. 2 ff.).
4.2. Art. 115 Abs. 1 lit. b AIG gelangt nicht zur Anwendung, wenn es der be-
troffenen ausländischen Person objektiv unmöglich ist, legal aus der Schweiz
auszureisen bzw. rechtmässig in das Heimatland zurückzukehren (BGer Urteil
6B_566/2017 vom 9. November 2017 E. 3.2). Gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung können neben tatsächlichen Gründen (wie längerdauernde
Transportunfähigkeit oder konsequente Weigerung des Herkunftsstaates, gewisse
Staatsangehörige zurückzunehmen) als rechtliche Gründe dem Vollzug der Weg-
weisung das Gebot des Non-Refoulements oder eine Unzumutbarkeit des Voll-
zugs entgegenstehen, weil der Ausländer im Heimatstaat einer konkreten Gefähr-
dung ausgesetzt wäre (Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG; vgl. BGer Urteil 6B_385/2019
vom 27. September 2019 E. 3.3.1.). Die Beantwortung der Frage, ob der Auslän-
der im Falle des Wegweisungsvollzugs im Herkunftsland konkret gefährdet wäre,
erfordert eine Prognose, welche vor dem länderspezifischen Hintergrund im
Rahmen einer Einzelfallbeurteilung unter Berücksichtigung der Verhältnisse vor
Ort und der individuellen Lebensumstände der betroffenen Person vorzunehmen
ist. Ob die konkrete Gefährdung tatsächlich eintreten wird, lässt sich nicht strikt
beweisen. Es genügt deshalb, wenn sie glaubhaft gemacht wird, mithin, wenn sie
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eintreten wird (Urteil BVGer 2014/26 vom
8. Oktober 2014, E. 7.7.4). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, muss –
unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme verfügt werden
(Art. 83 Abs. 1 AIG). Diesbezüglich sind die Prüfungspflichten des Strafgerichts
beschränkt. Gegenstand seines Verfahrens bildet ausschliesslich Art. 115 Abs. 1
lit. b AIG, indessen nicht auch die Wegweisungsfrage. Über diese entscheiden die
zuständigen ausländerrechtlichen Behörden an sich abschliessend und verbind-
lich. Das Strafgericht hat die Rechtswidrigkeit des Aufenthalts im Sinne von Art.
115 Abs. 1 lit. b AIG grundsätzlich nur zu verneinen, wenn sich der zu sichernde
Wegweisungsentscheid als offensichtlich unzulässig erweist (BGer Urteil
6B_385/2019 vom 27. September 2019 E. 3.3.1.).
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4.3. Das erste Asylgesuch des Beschuldigten vom 4. Mai 2015 wurde vom SEM
wie auch vom Bundesverwaltungsgericht im Wesentlichen mit der Begründung
abgewiesen, dass der Beschuldigte den zur Begründung des Asylgesuchs vorge-
brachten Sachverhalt – wonach er an einer "D._"-Versammlung mit dem
Vorwurf, der in Äthiopien verbotenen Partei C._ anzugehören, verhaftet und
anschliessend während zwei Monaten inhaftiert gewesen sowie danach ohne Er-
klärungen wieder freigelassen worden sei – nicht glaubhaft gemacht habe. In Be-
zug auf die gleichzeitig verfügte Wegweisung des Beschuldigten aus der Schweiz
wurde festgestellt, der Vollzug der Wegweisung sei vorliegend zulässig, weil es
dem Beschuldigten nicht gelungen sei, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung
nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, keine Anhaltspunkte für eine in Äthiopi-
en drohende menschenrechtswidrige Behandlung ersichtlich seien und auch die
allgemeine Menschenrechtssituation in Äthiopien den Wegeweisungsvollzug nicht
als unzulässig erscheinen lasse. Weder liessen die allgemeine Lage im Heimat-
land des Beschuldigten noch individuelle Gründe auf eine konkrete Gefährdung
im Falle einer Rückkehr schliessen. In Äthiopien herrsche keine Situation von
Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeinen Gewalt. Aus den Akten ergäben sich auch
keine konkreten Anhaltspunkte, wonach der Beschuldigte im Falle einer Rückkehr
aus individuellen Gründen in eine existenzbedrohende Situation geraten würde.
Sein verbesserter Gesundheitszustand, seine bisherigen Erfahrungen als Arbeiter
auf einer Kaffeeplantage und das familiäre Beziehungsnetz in Äthiopien (Eltern,
jüngere Schwester sowie weitere Verwandte) würden nach der Rückkehr wieder
von Nutzen sein bzw. ihm bei der Wiedereingliederung behilflich sein. Schliesslich
sei der Vollzug der Wegweisung auch möglich, da keine Vollzugshindernisse
bestünden und es dem Beschuldigten obliege, bei der Beschaffung gültiger Rei-
sepapiere mitzuwirken (Urk. 7/3 und Urk. 7/4).
4.4. Mit – der in Rechtskraft erwachsenen – Verfügung vom 27. Februar 2018
wies das SEM das zweite Asylgesuch des Beschuldigten ab und er wurde wiede-
rum aus der Schweiz weggewiesen. Das SEM erwog zusammengefasst, der Be-
schuldigte habe im ersten Asylverfahren keine politisch motivierte Verfolgung
durch die äthiopischen Behörden glaubhaft machen können, weshalb weiterhin
kein Anlass zur Annahme bestehe, dass er vor dem Verlassen von Äthiopien als
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regimefeindliche Person ins Blickfeld der äthiopischen Behörden geraten oder
dort in irgendeiner Form als Regimegegner oder politischer Aktivist registriert
worden sei. Demzufolge sei auch nicht davon auszugehen, dass er nach seiner
Ankunft in der Schweiz unter spezieller Beobachtung seitens der äthiopischen
Behörden gestanden sei. Zum exilpolitischen Engagement des Beschuldigten
hielt das SEM fest, dass keine Indizien bestünden, dass die Aktivitäten des Be-
schuldigten vom äthiopischen Nachrichtendienst registriert worden seien. Weder
seine Schilderungen noch die eingereichten Beweise deuteten darauf hin, dass
der Beschuldigte eine besonders qualifizierte Tätigkeit ausübe oder verantwor-
tungsvolle Aufgaben übernehme und damit eine besondere Exponiertheit aufwei-
se. Sämtliche eingereichten Bilder deuteten darauf hin, dass der Beschuldigte
sowohl an den verschiedenen Treffen der E._ Community und der Studenten
Union wie auch an den Demonstrationen lediglich ein einfacher Teilnehmer ohne
besondere Aufgabe sei und der nicht aus der Masse heraustrete, weshalb eine
konkrete Identifizierung als unwahrscheinlich zu erachten sei. Einzig das Ablich-
ten neben einem Oppositionellen sei ohnehin ungenügend, um das politische Pro-
fil zu schärfen. Der Beschuldigte sei in quantitativer als auch in qualitativer Hin-
sicht lediglich marginal in Erscheinung getreten. Angesichts des geringen Enga-
gements könne nicht von einem tatsächlichen Aktivismus gesprochen werden,
geschweige denn, dass der Beschuldigte als ernsthafte Oppositionskraft eine Ge-
fahr für die derzeitige äthiopische Regierung darstellen würde und deshalb eine
Verfolgung zu fürchten hätte. Die Bestätigungsschreiben der E._ Community
Switzerland und der Union of E._ Students in Europe erweckten den Ein-
druck von standardisierten Gefälligkeitsschreiben, welche auf Anfrage hin ausge-
stellt würden. Die Sicherheitslage in Äthiopien habe sich seit den Unruhen Ende
2016 und anfangs 2017 merklich verbessert, woraufhin das Parlament anfangs
August 2017 den Ausnahmezustand aufgehoben habe. Entsprechend habe sich
die Lage beruhigt und auch das E._-Fest ..., welches im Vorjahr mitent-
scheidend für den Beginn der Unruhen gewesen sei, sei dieses Jahr ruhig verlau-
fen. Angesichts dieser Entwicklung erscheine ein generelles Risiko einer Verhaf-
tung bzw. der flächendeckenden Verfolgung von E._-Angehörigen wenig
wahrscheinlich. Aufgrund dessen, dass die vom Beschuldigten vorgebrachten
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Vorfluchtgründe unglaubhaft seien und er auch keine subjektiven Nachfluchtgrün-
de habe geltend machen könne, sei vor diesem Hintergrund nicht von objektiven
Nachfluchtgründen auszugehen, womit er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle.
Aus den Akten ergäben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass dem Beschuldigten
im Falle einer Rückkehr nach Äthiopien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine
durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Weder die in Äthio-
pien herrschende politische Situation noch andere Gründe sprächen gegen die
Zumutbarkeit der Rückführung. Auch sprächen keine individuellen Gründe gegen
den Wegweisungsvollzug. Daraus folge, dass der Wegweisungsvollzug als zu-
mutbar erachtet werde. Ausserdem sei der Vollzug der Wegweisung technisch
möglich und praktisch durchführbar (Urk. 7/8).
4.5. Der Beschuldigte machte auch im vorliegenden Strafverfahren geltend, er
sei bereits vor seiner Flucht verhaftet und inhaftiert worden, weil ihm vorgeworfen
worden sei, die C._ zu unterstützen (Urk. 68 S. 5), obwohl er mit Politik
nichts zu tun gehabt habe (Prot. I S. 13). Er sei mehrfach ins Gefängnis geworfen
und geprügelt worden (a.a.O. S. 11 und 13). Anlässlich seiner ersten Anhörung zu
den Asylgründen machte er indes nur eine einzige Inhaftierung geltend, welche
rund zwei Monate gedauert habe (Urk. 7/3 S. 3). Seine Schilderungen bezüglich
der Verfolgungsintensität müssen als nachgeschoben und folglich als unglaubhaft
betrachtet werden, wurde dem Beschuldigten doch im Rahmen der Anhörung zu
den Asylgründen Gelegenheit gegeben, sich vollumfänglich zu den Fluchtgründen
zu äussern (Urk. 7/3 S. 5). Seine knappen Schilderungen fielen detailarm, undiffe-
renziert und nicht lebensgeprägt aus. Dies gilt namentlich für die Beschreibung
der Haft und der Umstände der Inhaftierung. Von ihm wurde nichts genannt, was
seine Schilderungen untermauern könnte. Insgesamt liegen keine Anhaltspunkte
dafür vor, dass die Beurteilung der Asylbehörden, wonach die vom Beschuldigten
vorgebrachten Vorfluchtgründe unglaubhaft seien, unzutreffend wäre.
4.6. Weiter brachte der Beschuldigte unter Hinweis auf verschiedene Berichte
von Behörden, Organisationen und Medien vor, in Äthiopien hätten sich blutige
Aufstände ereignet. E._ seien gegen Armut, Ausgrenzung und Unterdrü-
ckung auf die Strasse gegangen. Die NZZ habe am 3. November 2019 von De-
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monstrationen berichtet, die in Gewalt umgeschlagen und 78 Tote sowie Hunder-
te von Verletzten gefordert hätten. Am 29. Juni 2021, nach der Ermordung eines
bekannten äthiopischen Musikers, sei es in der Hauptstadt Addis Abeba und in
ganz B._ zu gewaltsamen Zusammenstössen gekommen, wobei nach offizi-
ellen Angaben 166 Personen getötet und Tausende verhaftet worden seien. Am-
nesty International habe von Verletzten und Toten durch Polizeigewalt berichtet.
Es habe polizeiliche Angriffe auf Aktivisten der C._ gegeben. Büros seien
gestürmt, Aktivisten verschleppt, geschlagen, gedemütigt und getötet worden.
Gemäss Schreiben des Delegierten des Exekutivkomitees der Schweizerischen
E._ Gemeinschaft vom 4. September 2021 würden in Äthiopien über 90'000
E._-Jugendliche in Gefängnissen und Konzentrationslagern leiden. Es ver-
gehe kein Tag, ohne dass ein E._-Jugendlicher von einer staatlichen Sicher-
heitstruppe in B._ getötet werde. Weiter werde im genannten Schreiben be-
stätigt, dass der Beschuldigte ein engagierter Aktivist der E._ Gemeinschaft
in der Schweiz sei. In der Beilage zum Plädoyer der Verteidigung vor der Vo-
rinstanz fänden sich auch Fotos, die Aktivitäten des Beschuldigten im Rahmen
der E._ Gemeinschaft in der Schweiz zeigten. Gemäss der Reisewarnung
des Auswärtigen Amtes der Deutschen Bundesregierung komme es in einigen
Gebieten innerhalb der Region B._ zu bewaffneten Überfällen und Kampf-
handlungen der C._ gegen staatliche Ziele. Auch das EDA bestätige auf sei-
ner Internetseite, dass in B._ politische und ethnische Spannungen bestün-
den. Laut EDA komme es immer wieder zu regionalen Unruhen, ethisch motivier-
ten Angriffen auf Dörfer und gewalttätige Zusammenstösse zwischen verschiede-
nen Volksgruppen und Sicherheitskräften, welche häufig Todesopfer und Verletz-
te forderten. In der Region B._ sei es im Mai und September 2021 zu Entfüh-
rungen von einheimischen und chinesischen Personen zwecks Lösegeldforde-
rung gekommen. In der Region B._ werde abgeraten von Reisen in die Dis-
trikte F._, West- und Ost-G._, H._ und I._. Die bewaffneten
Konfrontationen in der Region Tigra hätten sich auf diese Distrikte ausgeweitet.
Der Beschuldigte stamme aus dem District J._ unmittelbar neben der Kon-
fliktregion I._. Auch in der Gegend, woher der Beschuldigte komme, bestehe
ein bewaffneter Konflikt zwischen der C._ und der Regierung. Polizei und
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Armee hätten freie Hand und würden willkürlich gegen die lokale Bevölkerung
vorgehen. In J._ befänden sich grosse Gefängnisse der Regierung, wo tau-
sende junge E._ willkürlich gefangen gehalten würden (Urk. 68 S. 3 ff.).
4.7. Es ist aufgrund der Akten unzweifelhaft, dass der Beschuldigte im Tatzeit-
raum ein gewisses exilpolitisches Engagement aufwies, was bereits die Asylbe-
hörde anerkannt hat (vgl. vorstehende E. III.3.4.). Laut dem vom Beschuldigten
angeführten Schreiben des Delegierten des Exekutivkomitees der Schweizeri-
schen E._ Gemeinschaft vom 4. September 2021 sei der Beschuldigte nicht
nur Teilnehmer von Demonstrationen der Schweizerischen E._ Gesellschaft
gegen Menschenrechtsverletzungen der äthiopischen Regierung, er motiviere und
führe die Demonstranten auch an. Zudem habe er – nebst anderen sozialen Akti-
vitäten – eine aktive Rolle im jährlichen in K._ stattfindenden E._-Fest
... inne (Urk. 43/3). Das Schreiben erweckt den Eindruck eines standardisierten
Gefälligkeitsschreibens, welches auf Anfrage hin ausgestellt wird. Darauf weist
der Umstand hin, dass der Inhalt über weite Teile allgemein gehalten ist, sich in
erster Linie zur Organisation an sich äussert, der Beschuldigte lediglich einige
Male genannt wird und bloss oberflächlich angebliche Aktivitäten des Beschuldig-
ten aufzählt. Gleich verhielt es sich bereits mit den im Zusammenhang mit dem
zweiten Asylgesuch eingereichten Bestätigungsschreiben der Schweizerischen
E._ Gesellschaft vom 20. August 2017 und der Union of E._ Students in
Europe vom 4. September 2017 (vgl. vorstehende E. III.3.4.). Abgesehen davon,
dass der Beschuldigte auf den im vorliegenden Strafverfahren eingereichten Bil-
dern nicht zweifelsfrei erkennbar ist, ist er – soweit aus den Fotos ersichtlich – in
quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht lediglich marginal politisch in Er-
scheinung getreten. Soweit ersichtlich nahm er als blosser Teilnehmer an einer
Demonstration gegen Menschenrechtsverletzungen der äthiopischen Regierung
(Urk. 43/4/2) und einer Veranstaltung mit Personen der Opposition teil (Urk.
43/4/1). Das ist nicht geeignet, sein Profil zu schärfen. Ein tatsächlicher Aktivis-
mus geht daraus nicht hervor. Auch an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung
führte der Beschuldigte nichts aus, was sein Profil schärfen würde. Sein exilpoliti-
sches Engagement erwähnte er nicht einmal, geschweige denn machte er gel-
tend, Aktivist der C._ zu sein (vgl. Prot. I S. 11 ff.). Auch die Verteidigung be-
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schränkte sich darauf, pauschal zu behaupten, der Beschuldigte sei Aktivist der
Schweizer E._ Gemeinschaft bzw. der C._, ohne darzutun, in welchen
Aktivitäten und Tätigkeiten sich dieser angebliche politische Aktivismus konkret
manifestieren soll (Urk. 68 S. 3 und 5). Mangels begründeten Hinweisen auf ein
massgebliches politisches Profil ist nicht davon auszugehen, dass der Beschul-
digte als ernsthafte Oppositionskraft eine Gefahr für die äthiopische Regierung
darstellen würde und deshalb eine Verfolgung zu fürchten hätte. Vielmehr ist an-
zunehmen, dass sein marginales Engagement in der Schweiz von den äthiopi-
schen Behörden nicht registriert wurde. Die exilpolitische Tätigkeit des Beschul-
digten steht folglich – wie bereits im zweiten Asylverfahren (vgl. vorstehende E.
III.3.4) – einem Wegweisungsvollzug nicht entgegen.
4.8. Vom Beschuldigten nicht in Abrede gestellt wird, dass das SEM in seinem
Entscheid vom 27. Februar 2018 die damalige politische Lage in Äthiopien zutref-
fend dargestellt hat. Darauf ist nicht zurückzukommen. Richtig ist, dass sich die
politische Lage in Äthiopien seither gewandelt hat. Gemäss dem Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts vom 18. Oktober 2021 sei im April 2018 in Äthiopien
ein neuer Premierminister ernannt worden. Abiy Ahmed sei seit seinem Amtsan-
tritt der erste Präsident des Landes mit E._-Volkszugehörigkeit. Infolgedes-
sen und der damit einhergehenden Reformen habe sich die allgemeine Situation
in Äthiopien verbessert. Dies habe auch den Umgang mit regierungskritischen
Personen betroffen. Die neue Regierung habe die Oppositionellen im Exil zur
Rückkehr und zur Teilnahme am politischen Prozess in Äthiopien aufgerufen. Po-
litische Dissidenten, ehemalige Rebellen, Abspaltungsanführer und Journalisten
seien nach Äthiopien zurückgekehrt. Tausende von politischen Gefangenen seien
seit April 2018 begnadigt und freigelassen. Zahlreiche politische Bewegungen
seien im Juli 2018 von der Liste der terroristischen Gruppierungen gestrichen
worden, darunter auch die C._ (..., abgerufen am 7. Juni 2022), mit dem Ziel,
die Demokratie unter Einbindung aller politischen Kräfte zu stärken (vgl. zum
Ganzen Urteil des
BVGer E-7261/2018 vom 18. Oktober 2021, E. 10.4 zweiter Abschnitt). Im No-
vember 2020 – mithin nach dem Tatzeitraum – begann ein bewaffneter Konflikt in
der Region Tigray mit einer Offensive der äthiopischen Streitkräfte, nachdem die
https://www.aljazeera.com/news/2018/7/5/ethiopia-removes-olf-onlf-and-ginbot-7-from-terror-list
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in Tigray regierende TPLF die Autorität der Zentralregierung immer wieder infrage
gestellt hatte. Die TPLF verlor zunächst grösstenteils die Kontrolle über die Regi-
on, bevor sie die äthiopischen Truppen zurückschlug. Der Konflikt hat sich auch
auf Tigrays Nachbarregionen Amhara und Afar ausgeweitet (Nach 17 Monaten
Konflikt: Rebellen bestätigen Waffenruhe in Tigray - n-tv.de., abgerufen am 7. Ju-
ni 2022). Auch gemäss Einschätzung des EDA weiteten sich im Laufe des Jahres
2021 die militärischen Auseinandersetzungen von der Region Tigray auf die
angrenzenden Gebiete aus. Die TPLF und die C._ wurden im Mai 2021 wie-
der auf die Liste der terroristischen Gruppierungen genommen (..., abgerufen am
7. Juni 2022) nachdem es offenbar zu mehreren Angriffen in verschiedenen Tei-
len des Landes gegen Zivilisten und öffentliche Infrastruktur gekommen war. Im
August 2021 verkündete die C._, mit der TPLF eine militärische Allianz ge-
gen die Regierung zu bilden (..., abgerufen am 7. Juni 2022). Ab November 2021
waren grosse Teile der Region Amhara vom Tigray-Konflikt betroffen. Ab Dezem-
ber 2021 hat sich der Konflikt nach und nach in die Region Tigray und gewisse
angrenzende Gebiete zurückverlagert (vgl. Reisehinweise für Äthiopien (ad-
min.ch), abgerufen am 7. Juni 2022). Gemäss dem EDA sollen sich die bewaffne-
ten Konfrontationen in der Region Tigray indes auf die Distrikte F._, West-
und Ost-G._, H._ und I._ der Region E._ ausgeweitet haben
(vgl. Reisehinweise für Äthiopien (admin.ch), abgerufen am 7. Juni 2022). Inzwi-
schen wurde von beiden Seiten eine Waffenruhe verkündet, auch wenn die Lage
volatil ist (Äthiopien: Reise- und Sicherheitshinweise - Auswärtiges Amt
(auswaertiges-amt.de), abgerufen am 7. Juni 2022). Laut dem Auswärtigen Amt
der Deutschen Bundesregierung sind zudem neuerdings zahlreiche Gebiete von
B._ von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der C._ und der
äthiopischen Streitkräfte geprägt. Insbesondere in der L._-Zone kommt es
aufgrund einer andauernden Operation der Sicherheitskräfte gegen die C._
regelmäßig zu Schiessereien zwischen Sicherheitskräften und der C._. Es
kommt in B._ regelmäßig zu teils gewalttätigen Demonstrationen und Pro-
testaktionen sowie Straßenblockaden durch die lokale Bevölkerung und Milizen.
Betroffen davon waren zuletzt vor allem Städte in den Zonen West und Ost
M._, L'._ und West N._, einschließlich O._, P._, Q._
https://www.n-tv.de/politik/Rebellen-bestaetigen-Waffenruhe-in-Tigray-article23223185.html https://www.n-tv.de/politik/Rebellen-bestaetigen-Waffenruhe-in-Tigray-article23223185.html https://www.aljazeera.com/news/2021/5/1/ethiopia-to-designate-tplf-olf-shene-as-terror-groups https://www.eda.admin.ch/countries/ethiopia/de/home/reisehinweise/vor-ort.html#edaefedf2 https://www.eda.admin.ch/countries/ethiopia/de/home/reisehinweise/vor-ort.html#edaefedf2 https://www.eda.admin.ch/countries/ethiopia/de/home/reisehinweise/vor-ort.html#edaefedf2 https://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/aethiopiensicherheit/209504#content_1 https://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/aethiopiensicherheit/209504#content_1
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und R._, aber auch in den J._ und S._ Zonen (Äthiopien: Reise-
und Sicherheitshinweise - Auswärtiges Amt (auswaertiges-amt.de), abgerufen am
7. Juni 2022).
Der Beschuldigte gehört dem Volk der E._ an und stammt aus dem Distrikt
J._ der Region B._ (Urk. 68 S. 3 und5). Mangels Zugehörigkeit zum
Volk der Tigray und mangels nennenswertem politischen Profil als Oppositions-
kraft oder Regimegegner, insbesondere als Aktivist der C._ (vgl. vorstehende
E. III.4.7.), ist nicht anzunehmen, dass der Beschuldigte von den äthiopischen
Streitkräften verfolgt würde. Wie schon im ersten Asylverfahren gab der Beschul-
digte zudem an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung zu Protokoll, vor seiner
Flucht nichts mit Politik zu tun gehabt zu haben (Prot. I S. 13). Es ist folglich nicht
ersichtlich, weshalb die äthiopischen Behörden ihn als ernsthafte Oppositions-
kraft, die eine Gefahr für die Regierung darstellen würde, im Blickfeld haben oder
gar verfolgen sollten. Dies gilt insbesondere im Tatzeitraum, in welchem sich die
politische Lage massgeblich verbessert hatte und die Oppositionellen in den poli-
tischen Prozess eingebunden werden sollten. Der erst nach dem Tatzeitraum es-
kalierte bewaffnete Konflikt zwischen den äthiopischen Streitkräften und der TPLF
hat sich zudem wie gesehen Berichten zufolge nicht auf den Distrikt J._ aus-
geweitet, weshalb nicht davon auszugehen ist, der Beschuldigte würde in eine
Kriegsregion zurückkehren. Wie ausgeführt, gehört der Präsident des Landes
dem Volk der E._ an, welches zahlenmässig eines der grössten Völker in
Äthiopien ist. Begründete Hinweise, dass aufgrund einer extremen Situation von
allgemeiner und verbreiteter Gewalt für jede in der gesamten Region B._,
insbesondere im Distrikt J._, wohnhafte Person mit E._-
Volkszugehörigkeit eine ernsthafte Gefahr der Verfolgung bestünden bzw. im Tat-
zeitraum bestanden hätten, liegen nicht vor. Vielmehr beschränken sich die teil-
weise auftretenden Auseinandersetzungen auf die äthiopischen Streitkräfte mit
Aktivisten der C._. Begründete Hinweise, dass die Regierung gegen alle
Personen mit E._-Volkszugehörigkeit vorginge, liegen nicht vor.
Auch das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der grundsätz-
lichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Äthiopien aus. Laut dem
https://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/aethiopiensicherheit/209504#content_1 https://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/aethiopiensicherheit/209504#content_1
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Bundesverwaltungsgericht ist die allgemeine Lage in Äthiopien – mit Ausnahme
der nördlichen Konfliktregion Tigray – nicht generell durch Krieg, Bürgerkrieg oder
durch eine Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet, aufgrund derer die Zivil-
bevölkerung allgemein als konkret gefährdet zu bezeichnen wäre (vgl. zuletzt Ur-
teil des BVGer E-4813/2019 vom 1. Februar 2022, E. 10.3.1).
4.9. Gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts sind zur Erlan-
gung einer sicheren Existenzgrundlage in Äthiopien begünstigende Faktoren wie
finanzielle Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz erfor-
derlich (Urteil des BVGer E-3425/2021 vom 14. Januar 2022 E. 7.4.1). Die ge-
sundheitliche Versorgung hat sich in Äthiopien verbessert, wenn auch die Fort-
schritte auf tiefem Niveau stattfinden (Urteil des BVGer D-2319/2020 vom 16. De-
zember 2021 E. 7.4). Auch die Situation hinsichtlich der Arbeitslosigkeit hat sich in
Äthiopien in den letzten Jahren etwas verbessert (a.a.O. E. 7.2). In Äthiopien fand
in den letzten Jahren ein regelrechter Wirtschaftsboom statt (Ethiopia Overview:
Development news, research, data | World Bank, abgerufen am 7. Juni 2022).
Seit der Covid-19-Pandemie – aber auch teilweise dem Konflikt in der Tigray-
Region geschuldet – hat sich die wirtschaftliche Lage jedoch erneut massiv ver-
schlechtert. Gemäss der Weltbank führte die Covid-19-Pandemie in Äthiopien zu
höheren Preisen von Grundnahrungsmitteln, gestiegener Arbeitslosigkeit, lang-
samerem Wirtschaftswachstum und vermehrter Armut (Urteil des BVGer D-
2319/2020 vom 16. Dezember 2021 E. 7.3). Die Landwirtschaft, in der über 70
Prozent der Bevölkerung beschäftigt sind, war jedoch von der Covid-19-Pandemie
nicht nennenswert betroffen und ihr Beitrag zum Wachstum hat sich leicht ver-
bessert (Ethiopia Overview: Development news, research, data | World Bank, ab-
gerufen am 7. Juni 2022).
Die Asylbehörden hielten fest, dass der verbesserte Gesundheitszustand des
Beschuldigten, seine bisherigen Erfahrungen als Arbeiter auf einer Kaffeeplanta-
ge und das familiäre Beziehungsnetz in Äthiopien (Eltern, jüngere Schwester so-
wie weitere Verwandte) nach der Rückkehr wieder von Nutzen sein bzw. ihm bei
der Wiedereingliederung behilflich sein würden (vgl. vorstehende E. III.3.3.). Der
Beschuldigte machte im vorliegenden Strafverfahren nicht geltend, diese Faktoren
https://www.worldbank.org/en/country/ethiopia/overview https://www.worldbank.org/en/country/ethiopia/overview https://www.worldbank.org/en/country/ethiopia/overview
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hätten sich – abgesehen vom Ableben seines Vaters – massgeblich geändert
bzw. dies seien von den Asylbehörden nicht korrekt dargestellt worden. Sowohl
die Mutter als auch die Schwester des Beschuldigten leben gemäss eigenen An-
gaben des Beschuldigten nach wie vor in Äthiopien (Urk. 68 S. 13). Folglich ver-
fügt der Beschuldigte nach wie vor über ein intaktes familiäres Beziehungsnetz
sowie – wie gesehen – Arbeitserfahrung als Arbeiter auf einer Kaffeeplantage. Es
kann folglich davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte in seine Her-
kunftsverhältnisse zurückkehren würde und in der Lage wäre, für seinen Lebens-
unterhalt aufzukommen. Gemäss dem vom Beschuldigten vor Vorinstanz einge-
reichten Arztbericht der Dermis Hautklinik Bülach vom 20. Juli 2021 ist der Patient
gesund. Die Biopsie zeigt das Bild einer pigmentierten seborrhoischen Keratose.
Klinisch handelt es sich klar um einen Becker Nävus mit vermehrtem Haarwuchs
in den letzten Jahren. Für den Becker Nävus wird keine weitere Therapiemöglich-
keit gesehen (Urk. 43/6). Der Beschuldigte weist folglich keine schwerwiegende
Erkrankung auf, geschweige denn bestehen Hinweise, dass er nicht arbeiten
könnte und dadurch in eine existentielle Notlage geraten würde.
4.10. Insgesamt sprechen weder die in der Region des Beschuldigten herrschen-
de politische Situation noch andere Gründe wie die Lebensverhältnisse des Be-
schuldigten gegen die Zulässigkeit oder Zumutbarkeit der Rückführung. Der Be-
schuldigte hat nicht aufgezeigt, dass konkrete im Tatzeitraum relevante gewichti-
ge Anzeichen von Folter oder unmenschlicher Behandlung vorliegen oder dass er
im Falle des Wegweisungsvollzugs im Herkunftsland aus anderen Gründen konk-
ret gefährdet wäre. Ausserdem ist der Vollzug der Wegweisung technisch möglich
und praktisch durchführbar.
5.1. Der Beschuldigte macht weiter geltend, das Rückführungsverfahren sei nicht
abgeschlossen. Die Ausfällung einer Freiheitsstrafe wäre folglich aufgrund der
Rechtsprechung des Bundesgerichts nicht mit der EU-Rückführungsrichtlinie
vereinbar. Die Vorinstanz habe ihn mit einer Geldstrafe bestraft, weshalb auf-
grund des Verschlechterungsverbots ohnehin keine Freiheitsstrafe auszufällen
sei. Er unterliege als "Illegaler" einem Arbeitsverbot und sei auf Nothilfe angewie-
sen (unter Hinweis auf Belege der Nothilfebezüge der letzten Monate und seines
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zusätzliches Einkommens im Rahmen eines freiwilligen Beschäftigungspro-
gramms). Dem Beschuldigten würden vom kantonalen Sozialamt zusätzlich die
Unterkunft und die Krankenkasse bezahlt. Er habe keine weiteren Einkünfte. Es
gebe auch keine Drittpersonen, die für ihn die auferlegen Geldstrafen bezahlen
würden. Er lebe in prekären finanziellen Verhältnissen unterhalb des Existenzmi-
nimums, folglich werde er die auferlegte Geldstrafe nicht bezahlen können. Auf-
grund des nicht gesicherten Existenzminimums sei die Geldstrafe auch auf dem
Betreibungsweg nicht eintreibbar, weshalb er die Geldstrafe in Form einer Ersatz-
freiheitsstrafe werde verbüssen müssen. Bereits mit Strafbefehl vom 12. Oktober
2017 sei ihm betreffend den gleichgelagerten Vorwurf im früheren Zeitraum eine
vollziehbare Geldstrafe von 50 Tagessätzen auferlegt worden. Da er die Geldstra-
fe auch damals – unter den gleichen Voraussetzungen – nicht habe bezahlen
können und eine Betreibung aussichtslos gewesen sei, sei sie mit Vollzugsauftrag
vom 14. August 2018 in eine Ersatzfreiheitsstrafe umgewandelt worden. In der
Folge habe er eine Ersatzfreiheitsstrafe von 50 Tagessätzen abgesessen. Entge-
gen der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (Verweis auf Urteil des BGer
6B_1464/2020 vom 3. November 2021 E. 1.2.3.) bestehe im Umwandlungsver-
fahren kein Raum, sich mit dem Argument eines Verstosses gegen die EU-
Rückführungsrichtlinie gegen eine Umwandlung zu wehren (unter Hinweis auf ein
Urteil der 3. Abteilung, 3. Kammer des Verwaltungsgerichtes des Kantons Zürich
vom 10. Februar 2022, VB 2021/00679). Entsprechend müsse das Strafgericht
selber über die Zulässigkeit von Geld- bzw. Ersatzfreiheitsstrafen entscheiden.
Die Verhängung einer Geldstrafe sei nach Rechtsprechung des Bundesgerichts
mit der EU-Rückführungsrichtlinie vereinbar, vorausgesetzt sie erschwere das
Verfahren der Entfernung nicht (unter Hinweis auf Urteil des BGer 6B_1464/2020
vom 3. November 2021 E. 1.2.3.). Die Vorinstanz nehme die bundesgerichtliche
Rechtsprechung, wonach bei einer zu vollziehenden Ersatzfreiheitsstrafe von 33.3
Tagen nicht von einer relevanten Verzögerung ausgegangen werden könne, zum
Anlass, auch die ausgefällte Gesamtstrafe von 120 Tagen als mit der EU-
Rückführungsrichtlinie kompatibel zu erklären. Eine viermonatige Ersatzfreiheits-
strafe stelle keine Bagatellstrafe mehr dar. Sie sei erheblich, einschneidend und
entscheidend länger als die vom Bundesgericht beurteilte Ersatzfreiheitsstrafe.
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Sie würde das nach wie vor pendente Rückführungsverfahren in einer relevanten
Weise verzögern, zumal absehbare Termine wie z.Bsp. die Botschaftsvorführung
bis zur Verbüssung der Strafe nicht durchgeführt und verzögert würden. Aus der
Korrespondenz zwischen dem Migrationsamt und dem SEM betreffend Papierbe-
schaffung gehe hervor, dass die Botschaftsvorführung – nunmehr nach der
Corona-Pause – unmittelbar bevorstehe. Im Rückführungsverfahren stünden folg-
lich Schritte an, weshalb die von der Vorinstanz ausgefällte Geld- bzw. die zu er-
wartende Ersatzfreiheitsstrafe zu einer relevanten Verzögerung des Rückfüh-
rungsverfahrens führen würde (Urk. 68 S. 6 ff.).
5.2. Dem Beschuldigten ist zuzustimmen, dass die Verhängung einer Geldstrafe
nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts mit der Richtlinie
2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember
2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rück-
führung illegal aufhältiger Drittstaatangehöriger (fortan EU-Rückführungsrichtlinie
vereinbar ist, vorausgesetzt sie erschwert das Verfahren der Entfernung nicht. Ei-
ne solche Sanktion kann unabhängig von den für die Umsetzung der Wegweisung
erforderlichen Massnahmen ausgesprochen werden. Hingegen ist auf die Ver-
hängung und den Vollzug einer Freiheitsstrafe zu verzichten, wenn gegen den
Betroffenen mit illegalem Aufenthalt ein Wegweisungsentscheid erging und die
erforderlichen Entfernungsmassnahmen, zu denen auch Zwangsmassnahmen im
Sinne von Art. 8 der EU-Rückführungsrichtlinie gehören, noch nicht ergriffen wur-
den (zuletzt bestätigt in Urteil des BGer 6B_1464/2020 vom 3. November 2021
E. 1.2.1).
Entgegen der Auffassung des Beschuldigten besteht kein Anlass von der bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung abzuweichen, wonach für die Vereinbarkeit von
Geldstrafen im Sinne von Art. 35 f. StGB mit der EU-Rückführungsrichtlinie
spricht, dass die Umwandlung der Geldstrafe in eine Ersatzfreiheitsstrafe nicht
zwingend ist. Im Falle einer Nichtbezahlung besteht auch die Möglichkeit, die
Geldstrafe auf dem Betreibungsweg erhältlich zu machen (Art. 35 Abs. 3 und Art.
36 Abs. 1 StGB). Die Umwandlung der von einem Gericht ausgesprochenen un-
einbringlichen Geldstrafe erfolgt zwar gemäss Art. 36 Abs. 1 StGB von Gesetzes
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wegen, d.h. ein gerichtlicher Entscheid ist unter dem geltenden Recht nicht mehr
notwendig. Erforderlich ist jedoch ein entsprechender Strafvollzugsbefehl (Art.
439 Abs. 2 StPO). Laut Bundesgericht kann sich der Beschuldigte gegen eine all-
fällige Umwandlung der Geldstrafe in eine Ersatzfreiheitsstrafe daher gegebenen-
falls mit Beschwerde gegen den entsprechenden Vollzugsbefehl zur Wehr setzen.
Hingegen bildet die Frage der Umwandlung der Geldstrafe in eine Ersatzfreiheits-
strafe nicht Gegenstand des Strafurteils und damit des Strafverfahrens (Urteil des
BGer 6B_1464/2020 vom 3. November 2021 E. 1.2.3). Verkennt das kantonale
Verwaltungsgericht die Rechtsprechung des Bundesgerichts, kann der Beschul-
digte daraus grundsätzlich nichts zu seinen Gunsten ableiten.
5.3. Gegenstand des vorliegenden Strafverfahrens bildet die Bestrafung des
Beschuldigten mit einer Geldstrafe. Die Frage der Umwandlung einer Geldstrafe
in eine Ersatzfreiheitsstrafe stellt sich vorliegend nicht. Dieser Entscheid obliegt
der Vollzugsbehörde (Art. 439 Abs. 1 und 2 StPO). Ob die Umwandlung der
Geldstrafe in eine Ersatzfreiheitsstrafe das Verfahren der Entfernung erschweren
würde, wäre folglich nicht zwingend Verfahrensgegenstand. Der Beschuldigte lebt
von Sozialnothilfe und hat ansonsten keine nennenswerten Einkünfte (Urk. 70/1-
6), weshalb es ernsthaft möglich erscheint, dass die Geldstrafe gemäss Art. 36
Abs. 1 StGB in eine Ersatzfreiheitsstrafe umgewandelt werden muss.
5.4. Die Vorinstanz hat die migrationsrechtliche Historie des Beschuldigten zu-
treffend dargelegt (Urk. 52 S. 10 ff. E. 3.3.3. a)), worauf zur Vermeidung unnötiger
Wiederholungen verwiesen werden kann. Daraus schloss die Vorinstanz sodann
zu Recht, dass der Beschuldigte ein mehrjähriges, aufwendiges und umfangrei-
ches migrationsrechtliches Verfahren ausweise, mit zwei abgewiesenen Asylge-
suchen sowie einem pendenten Härtefallgesuch. Der Abschluss des Verfahrens
sei noch nicht absehbar, zumal sich die Beschaffung der für die Ausreise bzw.
Rückkehr nach Äthiopien erforderlichen Reisepapiere sehr schwierig und langwie-
rig gestalte. Der Beschuldigte weigere sich seit Jahren – der Beschuldigte reichte
am 4. Mai 2015 erstmals ein Asylgesuch in der Schweiz ein (Urk. 7/3) – konse-
quent seinen gesetzlichen Pflichten als rechtskräftig abgewiesener Asylbewerber
nachzukommen, die Schweiz zu verlassen und bei der Beschaffung der dafür
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notwendigen Papiere mitzuwirken, wofür keine Rechtfertigung bestehe (Urk. 52 S.
12 E. 3.3.3. b)). Der Beschuldigte kann sich laut dem Migrationsamt selber Papie-
re beschaffen und damit selber ausreisen, was er indessen in Verletzung seiner
Mitwirkungspflichten nicht tue (Urk. 8/1).
5.5. Dem Beschuldigten kann nicht gefolgt werden, dass gemäss der Korrespon-
denz zwischen dem Migrationsamt und dem SEM betreffend Papierbeschaffung
seine Botschaftsvorführung – nunmehr nach der Corona-Pause – unmittelbar
bevorstehe (unter Verweis auf MA Urk. 212 und Urk. 215 etc.). Er verweist dies-
bezüglich auf ein Schreiben des SEM vom 20. Februar 2020, aus dem hervor-
geht, dass die nächsten zentralen Befragungen Äthiopien für Mai bzw. Juni 2020
geplant seien und der Beschuldigte dannzumal für die Befragung vorgeladen
werde (Urk. 7/14). Weiter verweist er auf ein E-Mail des SEM vom 2. Juni 2020,
gemäss welchem die für Juni 2020 geplanten zentralen Befragungen Äthiopien
aufgrund des Corona-Virus auf den Herbst hätten verschoben werden müssen
und sobald der Termin feststehe, der Beschuldigte für die Befragung eingeladen
werde (Urk. 7/15).
Gemäss Aktennotiz der Staatsanwaltschaft vom 8. Oktober 2020 erkundigte sich
diese selbentags beim SEM nach dem Stand der zentralen Befragungen, an
welchen der Beschuldigte gemäss Akten des Migrationsamtes im Herbst 2020
teilnehmen sollte. Das SEM führte daraufhin aus, dass bei solchen Befragungen
jeweils eine Delegation des Heimatlandes (vorliegend eine äthiopische Delegati-
on) anreise und Gespräche mit den Migranten zur Feststellung bzw. Prüfung ihrer
Staatsangehörigkeit vornehme. Diese Delegation reise nach den Gesprächen zu-
rück nach Addis Abeba und teile dem SEM erfahrungsgemäss innerhalb von 1 bis
6 Monaten das Ergebnis der Untersuchung mit. Danach sei dem SEM eine relativ
rasche Beschaffung der Reisepapiere und folglich zwangsweise Rückführung
möglich (Urk. 8/3). Am 1. Dezember 2020 erkundigte sich die Staatsanwaltschaft
erneut beim SEM über den Stand der zentralen Befragungen betreffend den Be-
schuldigten. Dieses teilte der Staatsanwaltschaft mit, dass die Befragung des Be-
schuldigten bzw. das Gespräch mit dem Beschuldigten frühestens im Frühling
2021 stattfinde. Zu begründen sei dies mit der aktuellen Lage d.h. wegen dem
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Corona-Virus und der politischen Situation in Afrika (Urk. 8/4). Die Befragung des
Beschuldigen wurde folglich abermals verschoben. Sie hat bis heute – was unbe-
stritten ist – nicht stattgefunden. Entgegen der Ansicht des Beschuldigten sind die
Verzögerungen gemäss Auskunft des SEM nicht nur auf das Corona-Virus zu-
rückzuführen, sondern gründen auch in der politischen Situation in Afrika. Die po-
litische Situation in Äthiopien ist weiterhin sehr volatil (Äthiopien: Reise- und Si-
cherheitshinweise - Auswärtiges Amt (auswaertiges-amt.de), abgerufen am 7. Ju-
ni 2022). Daher und nicht zuletzt auch aufgrund des offenbar noch pendenten
Härtefallgesuchs des Beschuldigten ist nicht anzunehmen, dass die Befragung
bzw. das Gespräch des Beschuldigten mit der äthiopischen Delegation dem-
nächst, geschweige denn in absehbarer Zeit, erfolgen wird. Eine zwangsweise
Rückführung ist demzufolge ebenfalls nicht absehbar.
5.6. Insgesamt ist nicht ersichtlich, inwiefern die Bestrafung des Beschuldigten
mit der auszufällenden Geldstrafe von 70 Tagesätzen zu Fr. 10.– bzw. die abs-
trakte Möglichkeit der Umwandlung in eine allenfalls kürzere Ersatzfreiheitsstrafe
angesichts des dargelegten bereits seit vielen Jahren laufenden und wohl weiter-
hin langandauernden migrationsrechtlichen Verfahrens sowie unter Berücksichti-
gung der beharrlichen Weigerung des Beschuldigten, seinen Mitwirkungspflichten
nachzukommen, konkret das Rückschaffungsverfahren erschweren sollte. Die
vorliegend zur Debatte stehende Geldstrafe erweist sich somit als mit der EU-
Rückführungsrichtlinie vereinbar, und zwar auch vor dem Ergreifen der erforderli-
chen Fernhaltemassnahmen. Das vorliegende Strafverfahren ist damit nicht ein-
zustellen (vgl. in diesem Sinne Urk. 52 S. 12 f. E. 3.3.3. b)).
6. Es liegen weder Schuldausschluss- noch Rechtfertigungsgründe vor. Der
Beschuldigte ist demnach des rechtwidrigen Aufenthalts im Sinne von Art. 115
Abs. 1 lit. a AIG schuldig zu sprechen.
IV. Sanktion
1.1. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten im Sinne einer Gesamtstrafe mit
einer zu vollziehenden Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 10.– (Urk. 52
S. 23).
https://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/aethiopiensicherheit/209504 https://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/aethiopiensicherheit/209504
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1.2. Der Beschuldigte äusserte sich nur am Rande zur Sanktion und stellte – ab-
gesehen vom Antrag, vom Widerruf des bedingten Vollzugs der mit Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 12. Dezember 2015 ausgefällten Geld-
strafe abzusehen – keine konkreten Anträge (Urk. 68 S. 12 ff.).
2.1. Die Vorinstanz hat die Grundlagen der Strafzumessung und den Strafrah-
men zutreffend dargelegt sowie korrekt festgehalten, dass keine Strafschärfungs-
oder Strafmilderungsgründe vorliegen (Urk. 53 S. 19-22 E. IV.1.-4.). Auf diese
Erwägungen kann verwiesen werden. Im Sinne einer Wiederholung ist nochmals
festzuhalten, dass die Strafnorm des rechtswidrigen Aufenthalts im Sinne von Art.
115 Abs. 1 lit. b AIG als Sanktion Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstra-
fe vorsieht.
2.2. Bei der objektiven Tatschwere hat die Vorinstanz zu Recht die Deliktsdauer
von nahezu zwei Jahreṇ berücksichtigt, und dass sich der Beschuldigte trotz
mehrfacher Aufforderungen beharrlich weigerte, die Schweiz in Nachachtung des
rechtskräftigen negativen Asylentscheides zu verlassen. Diese Umstände deuten
auf eine gewisse, wenn auch nicht besonders grosse kriminelle Energie hin. Dem
Beschuldigten ist zugute zu halten, dass die Lage in Äthiopien angespannt und
nicht einfach für die allgemeine Bevölkerung ist. Ebenfalls zugute zu halten ist ihm
mit der Vorinstanz, dass er keine Anstalten unternommen hat, abzutauchen bzw.
sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen. Unter Berücksichtigung aller denk-
baren Fällen von rechtswidrigem Aufenthalt kann der Vorliegende daher nicht
als besonders gravierend bezeichnet werden. Gesamthaft wiegt das objektive
Verschulden leicht.
2.3. In subjektiver Hinsicht fällt ins Gewicht, dass der Beschuldigte direktvor-
sätzlich handelte. Als Motiv macht er geltend, er sei aus Äthiopien geflohen,
um sein Leben und seine Zukunft zu retten. Sein Verweilen in der Schweiz sei
in einem nachvollziehbaren Überlebenswillen begründet. Er gehe davon aus,
dass er im Falle einer Rückkehr an Leib und Leben gefährdet wäre (Urk. 68 S.
12 f.). Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass seine Asylgesuche abgewie-
sen wurden und keine Vollzugshindernisse der Wegweisung vorliegen. Gleich-
- 25 -
wohl ist das Ziel, nicht in ein krisengeplagtes Land zurückzukehren und sich
hier eine besseres Leben aufzubauen, nicht besonders verwerflicher Natur.
2.4. Die Elemente der subjektiven Tatkomponente relativieren die objektive
Tatschwere leicht. Bei einer Gesamtbetrachtung ist das Gesamtverschulden
als leicht zu qualifizieren. Damit rechtfertigt es sich, die Einsatzstrafe noch
knapp im mittleren Bereich des unteren Strafrahmendrittels auf 60 Tagessätze
festzusetzen.
2.5. Die Vorinstanz hat das Vorleben, die persönlichen Verhältnisse und das
Nachtatverhalten zutreffend wiedergegeben (Urk. 52 S. 17 f. E. 6.4.1. f.). Darauf
kann verwiesen werden. Aus den persönlichen Verhältnissen ergibt sich nichts für
die Strafzumessung Relevantes, was nicht bereits bei der Tatkomponente be-
rücksichtigt worden wäre. Der Umstand, dass sich der Beschuldigte zwar gestän-
dig, indes weder einsichtig noch reuig zeigte, ist aufgrund dessen, dass sich der
Anklagesachverhalt auch aus der übrigen Aktenlage ergibt, nur sehr moderat
strafmindernd zu berücksichtigen. Die beiden einschlägigen Vorstrafen wegen
rechtswidriger Einreise und/oder rechtswidrigem Aufenthalt und das Delinquieren
während laufender Probezeit schlagen mit der Vorinstanz straferhöhend zu Bu-
che. All dies offenbart eine gewisse Unbelehrbarkeit. Die gesundheitliche Situati-
on (vgl. E. III.3.9.) begründet keine besondere Strafempfindlichkeit.
2.6. Aufgrund des belasteten Vorlebens und des unkooperativen Verhaltens des
Beschuldigten rechtfertigt sich eine Erhöhung der Einsatzstrafe um 20 auf
80 Tagessätze.
2.7. Das andauernde und ununterbrochene rechtswidrige Verweilen im Lande ist
ein Dauerdelikt. Fehlt es nach einem ersten Schuldspruch für eine zweite Verur-
teilung an einem neuen Tatentschluss, ist bei der Strafzumessung darauf zu ach-
ten, dass die Summe der wegen des Dauerdelikts ausgesprochenen Strafen dem
Gesamtverschulden angemessen ist und die im Gesetz angedrohte Höchststrafe
nicht überschreitet (Urteil des BGer 6B_118/2017 vom 14. Juli 2017 E. 5.3.2.).
Der Beschuldigte weigert sich konstant die Schweiz zu verlassen. Er hat nach
dem früheren Schuldspruch wegen rechtswidrigem Aufenthalt keinen neuen Ta-
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tentschluss gefasst. Es erscheint dem Gesamtverschulden angemessen, die Stra-
fe um 10 auf 70 Tagessätze zu reduzieren.
2.8. Bei der Wahl der Sanktionsart ist als wichtiges Kriterium die Zweckmässig-
keit einer bestimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter und sein sozia-
les Umfeld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen (BGE 134 IV 97
E. 4.2 S. 100 mit Hinweisen). Nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit soll
nach konstanter Rechtsprechung bei alternativ zur Verfügung stehenden und hin-
sichtlich des Schuldausgleichs äquivalenten Sanktionen im Regelfall diejenige
gewählt werden, die weniger stark in die persönliche Freiheit des Betroffenen ein-
greift (BGE 138 IV 120 E. 5.2 S. 123; Urteil 6B_125/2018 vom 14. Juni 2018
E. 1.3.2; je mit Hinweis). Die Geldstrafe stellt die Hauptsanktion dar (BGE 134
IV 97 E. 4.2.2 S. 101). Sie wiegt als Vermögenssanktion prinzipiell weniger
schwer als ein Eingriff in die persönliche Freiheit (BGE 138 IV 120 E. 5.2
S. 123; 134 IV 97 E. 4.2.2 S. 101, 82 E. 7.2.2 S. 90). Am Vorrang der Geldstra-
fe hat der Gesetzgeber im Rahmen der erneuten Revision des Sanktionen-
rechts entgegen der ursprünglichen Stossrichtung festgehalten (BGE 144 IV
217 E. 3.6 S. 237 f. mit Hinweisen). Art. 41 StGB statuiert diese Priorität. Eine
kurze Freiheitsstrafe anstelle einer Geldstrafe von höchstens 180 Tagessätzen ist
unter anderem zulässig, wenn eine solche geboten erscheint, um den Täter von
der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Art. 41 Abs. 1
lit. a StGB).
Die Vorinstanz hat unter Darstellung des Vorlebens des Beschuldigten und seiner
Uneinsichtigkeit betreffend den rechtswidrigen Aufenthalt die Ausfällung einer
Freiheitsstrafe dennoch als unverhältnismässig erachtet. Entscheidend ist, dass
die Verhängung einer Freiheitsstrafe aufgrund der EU-Rückführungsrichtlinie nicht
zulässig ist, da noch nicht alle erforderlichen Entfernungsmassnahmen ergriffen
wurden (vgl. E. III.4.5.). Zur Vollstreckungsprognose ist zu sagen, dass die
Geldstrafe nicht als unvollziehbar erscheint. Insbesondere sprechen weder die
drohende Wegweisung noch der Umstand, dass der Beschuldigte von Nothilfe
lebt, per se gegen eine Geldstrafe (BGE 134 IV 60 E. 8.). Die Vorinstanz hat in
diesem Zusammenhang richtig erwähnt, dass der Beschuldigte mit freiwilligen Ar-
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beitseinsätzen einen geringen Zusatzverdienst erzielt (Urk. 52 S. 19 f. E. 6.6.2.;
Prot. I S. 9). Dieser bewegte sich zuletzt zwischen Fr. 137.50 und Fr. 207.50 pro
Monat (Urk. 70/5 f.). Insgesamt erscheint es möglich, dass die Geldstrafe vollzo-
gen werden kann, auch wenn ebenso möglich erscheint, dass sie nicht vollzogen
und schliesslich in eine Ersatzfreiheitsstrafe umgewandelt wird. Es ist daher eine
Geldstrafe auszusprechen. Im Übrigen stünde einer Freiheitsstrafe das Ver-
schlechterungsverbot entgegen.
2.9. Mit Blick auf die äusserst engen finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten,
welcher von Fr. 500.– Nothilfe pro Monat (Prot. I S. 9) und einem geringen Zu-
satzverdient (vgl. E. IV.2.8.) lebt, ist der von der Vorinstanz festgelegte Tagessatz
von Fr. 10.– ohne Weiteres angemessen.
2.10. Begeht der Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder Verge-
hen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben wird, so wi-
derruft das Gericht die bedingte Strafe oder den bedingten Teil der Strafe (Art. 46
Abs. 1 1. Satz StGB). Nach Art. 46 Abs. 5 StGB darf der Widerruf nicht mehr an-
geordnet werden, wenn seit dem Ablauf der Probezeit drei Jahre vergangen sind.
Die Probezeit beginnt mit der Eröffnung des Urteils zu laufen, das vollstreckbar
wird. Massgebend für die Einhaltung der Frist nach Art. 46 Abs. 5 StGB ist das
Urteil der Berufungsinstanz, soweit es das erstinstanzliche Urteil auch betreffend
den Widerruf ersetzt (Urteil des BGer 6B_733/2019 vom 15. November 2019 E.
1.3.1. f.).
Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom
12. Dezember 2015 zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 10.– verurteilt,
deren Vollzug bei einer Probezeit von zwei Jahren aufgeschoben wurde. Mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom 21. Dezember 2017, eröff-
net am 27. Dezember 2017, wurde diese Probezeit um ein Jahr verlängert (Urk.
54). Seit dem Ablauf der Probezeit sind mehr als drei Jahre vergangen, weshalb
der Widerruf der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom
12. Dezember 2015 ausgefällten bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je
Fr. 10.– (entsprechend Fr. 300.–) entfällt.
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2.11. Der Beschuldigte ist folglich mit einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu
Fr. 10.– bestrafen. Die erstandene Haft von einem Tag (Urk. 9/1 und 9/4) ist auf
die Geldstrafe anzurechnen (Art. 51 StGB).
V. Vollzug
1.1. Die Vorinstanz ordnete den Vollzug der Geldstrafe an (Urk. 52 S. 21 f. E. 7).
1.2. Der Beschuldigte beantragt eventualiter einen Aufschub des Vollzugs der
Geldstrafe. Zur Begründung bringt er vor, aufgrund seines pendenten Härtefall-
gesuchs bestehe Hoffnung auf eine Legalisierung seines Aufenthaltes, weshalb
ihm zumindest nicht zwingend eine schlechte Prognose zu stellen sei (Urk. 68
S. 13 f.).
2.1. Nach Art. 42 Abs. 1 StGB schiebt das Gericht den Vollzug einer Geldstrafe
oder einer Freiheitsstrafe von höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine
unbedingte Strafe nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung
weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten. Für den bedingten Vollzug nach
Art. 42 Abs. 1 StGB genügt das Fehlen einer ungünstigen Prognose, das heisst
die Abwesenheit der Befürchtung, der Täter werde sich nicht bewähren (BGE 134
IV 1 E. 4.2.2 S. 5 f.).
2.2. Die Vorinstanz hat korrekt dargelegt, weshalb dem Beschuldigten eine
ungünstige Legalprognose gestellt werden muss. Der Beschuldigte war im Tat-
zeitraum zweifach einschlägig vorbestraft wegen rechtswidriger Einreise und/oder
rechtswidrigem Aufenthalt. Zudem delinquierte er während laufender Probezeit
erneut. Weiter hat die Vorinstanz erwogen, dass der Beschuldigte bereits in
strafprozessualer Haft gewesen sei (Urk. 54) und zudem der Vollzug einer Ersatz-
freiheitsstrafe von 50 Tagen angeordnet worden sei (Urk. 43/5). Insgesamt befin-
de sich der Beschuldigte nun bereits zum dritten Mal in einem Strafverfahren we-
gen Widerhandlung gegen die ausländerrechtlichen Bestimmungen und weigere
sich dennoch hartnäckig, seiner Pflicht zum Verlassen der Schweiz nachzukom-
men (Urk. 52 S. 22 E. 7.2.). Diese zutreffenden Erwägungen können uneinge-
schränkt übernommen werden. Im dargelegten Verhalten des Beschuldigten ma-
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nifestiert sich klare Uneinsichtigkeit und Renitenz. Nichts zu Gunsten des Be-
schuldigten ableiten lässt sich aus dem pendenten Härtefallgesuch. Die Voraus-
setzungen der Härtefallklausel sind hoch und der Verfahrensausgang ist derzeit
völlig offen. Aus einer blossen Hoffnung auf Legalisierung des Aufenthalts lässt
sich nichts für die Legalprognose ableiten. Aufgrund des Gesagten ist von einer
ungünstigen Legalprognose auszugehen. Die Geldstrafe ist daher zu vollziehen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kostenfolgen im erstinstanzlichen Verfahren
Wie bereits ausgeführt, ist die erstinstanzliche Kostenauflage (Dispositiv-Ziffer 6)
in Rechtskraft erwachsen. Die erstinstanzliche Kostenfestsetzung ist zu bestäti-
gen. Es ist nicht ersichtlich und wird vom Beschuldigten auch nicht dargetan, in-
wiefern diese nicht korrekt sein sollte.
2. Kosten- und Entschädigungsfolgen im Berufungsverfahren
2.1. Die Gerichtsgebühr ist auf Fr. 3'000.– zu veranschlagen (Art. 424 Abs. 1
StPO in Verbindung mit § 16 Abs. 1 und § 14 GebV OG). Die Kosten im Rechts-
mittelverfahren tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unter-
liegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei im Rechtsmittelverfahren als ob-
siegend oder unterliegend gilt, hängt davon ab, in welchem Ausmass ihre vor
Beschwerdeinstanz bzw. Berufungsgericht gestellten Anträge gutgeheissen
wurden (THOMAS DOMEISEN, in: Basler Kommentar, Schweizerische Straf-
prozessordnung, Bd. II, 2. Aufl. 2014, N. 6 zu Art. 428 StPO). Nach Art. 428
Abs. 2 lit. a StPO können einer Partei, die ein Rechtsmittel ergriffen und einen für
sie günstigeren Entscheid erwirkt hat, die Kosten auferlegt werden, wenn die Vo-
raussetzungen für das Obsiegen erst im Rechtsmittel geschaffen worden sind.
2.2. Der Beschuldigte strebte mit seiner Berufung eine Verfahrenseinstellung,
eventualiter einen Freispruch an und unterliegt im Berufungsverfahren mit seinen
Anträgen – abgesehen von seinem Antrag bezüglich des zur Debatte gestande-
nen Widerrufs – vollumfänglich. Jedoch war im Zeitpunkt des vorinstanzlichen Ur-
teils der Ablauf der Probezeit noch nicht länger als drei Jahre her, weshalb die
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Anwendung von Art. 46 Abs. 5 StGB im vorinstanzlichen Verfahren nicht zur Dis-
kussion stand. Aufgrund der schlechten Legalprognose wäre der vorinstanzliche
Entscheid auch in diesem Punkt zu bestätigen gewesen. Die Voraussetzungen für
das Obsiegen in diesem Punkt wurden folglich erst im Rechtsmittelverfahren ge-
schaffen. Jedoch wurde die Strafe reduziert. Ausgangsgemäss würde es sich da-
her rechtfertigen, dem Beschuldigten die Kosten des Berufungsverfahrens, mit
Ausnahme der Kosten für die amtliche Verteidigung, zu vier Fünfteln aufzuerlegen
und zu einem Fünftel auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 428 Abs. 1 StPO).
Die Kosten der amtlichen Verteidigung im Berufungsverfahren wären – unter Vor-
behalt der Rückzahlungspflicht des Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO
im Umfang von vier Fünfteln – zu vier Fünfteln einstweilen und zu einem Fünftel
definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen. Es rechtfertigt sich jedoch, die Kosten
des Berufungsverfahren samt den Kosten für die amtliche Verteidigung im Beru-
fungsverfahren infolge Uneinbringlichkeit definitiv auf die Gerichtskasse zu neh-
men (Art. 425 StPO).
2.3. Die amtliche Verteidigung macht im Berufungsverfahren einen Aufwand
von Fr. 2'583.95 (inkl. MwSt.) geltend. Ihre Aufwendungen sind ausgewiesen
und erscheinen angemessen. Rechtsanwalt lic. iur. X._ ist folglich für sei-
ne Aufwendungen im Berufungsverfahren mit Fr. 2'583.95 (inkl. Auslagen und
MwSt.) zu entschädigen.
2.4. Ausgangsgemäss ist dem Beschuldigten keine Genugtuung für die erstan-
dene eintägige Haft zuzusprechen.