Decision ID: 58a4fefa-453d-4936-8320-1828c6907f5d
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1973 geborene und
als Tänzerin sowie
in der
Z._
tätig gewesene
X._
meldete sich am 30. September 2017 unter Hinweis auf eine Gelenksentzündung, Bursitis und eine Fussoperation bei der Invaliden
versicherung zum Bezug von Leistungen an (Urk. 10/5).
Die Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte Auskünfte über die erwerbliche und medizinische Situation ein
, veranlasste am 7. August 2018 (Bericht vom 8. August 2018; Urk. 10/35) eine Untersuchung beim Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) und legte der Versicherten mit Schreiben vom 9. August 2018 (Urk. 10/36) eine Schadenminderungspflicht
(Durchführung einer neurologischen Behandlung; Urk. 10/36)
auf
, welche sie mit Schreiben vom 11. Oktober 2018 als hinfällig bezeichnete (Urk. 10/45; vgl. auch Urk. 10/39-44, 46-47)
. Nach Einholung wei
terer medizinischer Unterlagen v
eranlasste
die IV-Stelle
eine polydisziplinäre medizinische Begutachtung (Expertise vom 27. November 2019; Urk. 10/87).
Mit Vorbescheid vom 13. Februar 2020 (Urk. 10/92) stellte sie der Versicherten die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht. Nach erhobenem Einwand vom
31. März 2020 (Urk. 10/100) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren schliesslich mit Verfügung vom 3. April 2020 (Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 11. Mai 2020 (Urk. 1) Beschwer
de und beantragte, die Verfügung vom 3. April 2020 sei aufzuheben, ihr sei eine ganze Rente ab April des Jahres 2018 zuzusprechen und eventualiter seien wei
tere medizinische Massnahmen in die Wege zu leiten (S. 2). In verfah
rensrecht
licher Hinsicht beantragte sie
unter Beilage einer Unterstützungs
bestätigung der Sozialen Dienste Zürich (Urk. 3)
die Gewährung der unentgelt
lichen Prozess
führung (S. 2).
Die IV-Stelle schloss am 18. August 2020 (Urk. 9) auf Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 19. August 2020 (Urk. 11) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person
zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen (E. 7.2; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.1). Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in wel
chem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 7.1; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Laut BGE 143 V 418 fallen Störungen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich bedeutsame Komorbidität in Betracht, wenn ihnen im konkre
ten Fall ressourcenhemmende Wirkung zukommt (E. 8.1, Präzisierung der Recht
sprechung; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 5.1 und E. 7.2).
1.
4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung vom 3. April 2020 (Urk. 2) damit, dass
keine längerdauernde gesundheitliche Einschränkung im Sinne des Gesetzes ausgewiesen sei
(S. 1)
. Die im Gutachten des
Zentrums
A._
vom 27. November 2019 festgestellte Dia
gnose einer somatoformen Störung sei nicht nachvollziehbar. Der psycho
pathologische Befund sei unauffällig und während der gesamten Untersuchung seien keinerlei Anhaltspunkte für Schmerzen vorgebracht worden.
Für die bis
herige Tätigkeit als Tänzerin gebe es altersbedingt ein Limit, dies sei jedoch nicht krankheitsrelevant (S. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
sämtliche
Medizin
er
, welche sie persönlich untersucht hätten,
würden ihr eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestieren. Aus diesem Grund sei es in keiner Weise nachvollziehbar, dass das Leistungsbegehren lediglich
gestützt auf die RAD-Stellungnahme abgelehnt werde (S. 9). Selbst wenn die Beschwerdegegnerin das eingeholte Gutachten als nicht beweiswürdig erachte, rechtfertige es nicht die
Schlussfolgerung, dass kein langandauernder Gesundheitsschaden vorliege. All
fällige Unklarheiten im psychiatrischen Teilgutachten könnten mittels Rück
fragen an die
Behandlerstelle
geklärt werden. Ebenso könne eine erneute psychi
atrische Begutachtung vorgesehen werden (S. 10).
3.
3.1
Im Rahmen der orthopädisch/chirurgischen Untersuchung vom 7. August 2
018 (Bericht vom 8. August 2018;
Urk. 10/35) durch den RAD-Arzt, Dr. med.
B._
, Facharzt für Chirurgie, hielt dieser folgende Diagnosen mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (S. 8):
-
Ausgeprägter Berührungsschmerz
und
Neuralgie linke
Abdomen
seite
/linke
r
Rücken bis zum Rippenbogen mit/bei
-
Status nach Herpes
zoster
Infektion ohne sichtbare Hautbeteiligung
-
Anhaltender Juckreiz 3x2 cm grosses Hautareal linken Unterbauch
-
Eingeleiteter medikamentöser Therapie seit Ende Mai 2018 in Italien
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit führte er folgende auf (S. 8):
-
Bursitis trochanterica beidseits mit/bei
-
a
ktuell weiter rückläufige Tendenz
-
Status nach
lumbosacralen
Schmerzen beidseits mit/bei
-
a
ktuell ohne Symptomatik
-
Ossifiziertes Labrum
superoposterior
Acetabulum
beidseits
-
Konstitutionelle Hypermobilität
-
Status nach zweimaligen operativen Eingriffen am linken OSG/distale Achillessehne
-
a
ktuell
b
eschwerdefrei
Zur Arbeitsfähigkeit führte Dr.
B._
aus, dass b
ei der Beschwerdeführerin in Kenntnis sämtlicher Akten und der körperlichen Untersuchung ein instabiler Gesundheitszustand ausgewiesen sei, der die Arbeits
fähigkeit beeinträchtige. Zur
zeit bestehe eine 100%ige Arbeits
un
fähigkeit in bisheriger und angepasster Tätigkeit. Eine Schmerztherapie sei eingeleitet worden und zudem sei eine fach
ärztliche neurologische Mitbehandlung zu empfehlen. Aus medizinischer Sicht sei ein längerer Verlauf im Rahmen der Neuropathie zu erwarten. Allerdings sei auf Dauer mindestens eine 70-100%ige Arbeitsfähigkeit in an
gepasster Tätigkeit zu erwarten;
ob die bisherige Tätigkeit als Tänzerin wieder möglich sein werde, müsse noch abgewartet werden (S. 9).
3.2
Dr. med.
C._
, Fachärztin für Anästhesie und spezialisiert in Schmerztherapie FMH,
an der
K
linik
D._
,
hielt in ihrem Bericht vom 15. Januar 2019 (Urk. 10/48)
fest, die Beschwerdeführerin habe anlässlich der Untersuchung zerbrechlich und ängstlich gewirkt und es bestehe ein hoher Leidensdruck. Der Grund der Schmer
zen sei nicht klar. Es seien neuropathische Schmerzen und für eine Herpes Zoster Neuralgie sei das Gebiet relativ ausgedehnt. Sie habe zudem eine ausgeprägte
Allodynie
auf leichten Druck, auf Kleider und auf ihre Unterhosen. Sehr ungüns
tig sei die ausgeprägte Invalidisierung, die nicht ungefährlich sei.
Sie,
Dr.
C._
,
habe der Beschwerdeführerin mitgeteilt, dass sie mit der Rekonditionierung nicht warten dürfe
,
sondern mit den Schmerzen wieder den Alltag
(Haushalt
übernehmen
, regelmässig nach draussen gehen, Spaziergänge machen, Treppen steigen etc.)
aufnehmen müsse.
3.3
Die
Fachärzte
vom Zentrum
A._
Dr. med.
E._
, Fach
ä
rzt
in
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Dr. med.
F._
, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, Dr. med.
G._
, Facharzt für
Chirurgische Orthopädie FMH und Dr. med.
H._
, Fach
ä
rzt
in
für Neurologie FMH, hielten in ihrem polydisziplinären Gutach
ten vom 27. November 2019 (Urk.
10/87) mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit die Diagnose einer sonstigen somatoformen Störung (ICD-10: F45.8) fest (S. 7).
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
nannten
die Experten folgende Diagnosen (S.
8
):
-
Schmerzsyndrom linke Rumpfhälfte ohne morphologisches Korrelat
-
Neurologisch: keine Hauteffloreszenzen/keine sensiblen Aus
fälle/Berührungsempf
indlichkeit lokal
-
Konstitutionelle Laxität,
Beighton
-Score vo
n
ca. 5/9 mit Fuss
insuffizienz beidseits
-
Mittelfussschmerz links, Differenzialdiagnose Tendovaginitis
tibialis
anterior
-
Verdacht auf
s
u
bmalleoläres
Impingement
rechts bei
Rückfussvalgus
-
Lockere Spreizfusskomponente
-
Status nach Eingriff an der Achillessehne links 03/2019, folgenlos aus
geheilt
-
Status nach Appendektomie 2000
Sie
führten aus, bei der Beschwerdeführerin bestehe ein seit Jahren anhalten
der, nicht durch objektivierbare somatische Faktoren ausgelöster und nicht durch externe Faktoren beeinflussbarer
Schmerz im Bereich der linken Hüfte. Der Schmerz sei sowohl bezüglich Lokalisation und Ausdehnung, bezüglich Schmerz
charakter sowie auc
h in seinem Ausmass medizinisch
objektiv nicht nachvoll
ziehbar. Es handle sich um eine in überwiegendem Masse unbewusste Konversion eine
s
aufgrund einer fehlenden psychiatrischen und psychotherapeutischen Vor
behandlung und somit
Verlaufsbeurteilung nicht genau definierbaren inner
psychischen Konfliktes in eine körperliche Symptomatik (S. 7)
Zu den funktionellen Auswirkungen der Befunde gaben die Gutachter an, in Bezug auf die Fähigkeiten bestehe ein diskrepantes Bild zwischen subjektiver Ein
schätzung und objektivem Befund. Die Beschwerdeführerin sei objektiv in der Lage, ihren Alltag zu strukturieren, zu planen und sich an Regeln und Routinen anzupassen. Sie sei aufgrund der unklaren Schmerzen in ihren Spontan
aktivitäten beeinträchtigt, auch die Anwendung von fachlichen Kompetenzen, das heisst der beruflichen ausbildungsspezifischen Fähigkeit
en,
sei subjektiv mit
telgradig eingeschränkt, objektiv sei hier wohl nur eine leichte Beeinträchtigung feststellbar. Die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit sei
en
nicht beeinträchtigt. Die Durchhaltefähigkeit sei aufgrund der subjektiv empfundenen Schmerzen schwer beeinträchtigt. Die Selbstbehauptungsfähigkeit und die Kontaktfähigkeit zu Dritten seien nicht beeinträchtigt. Auch die Gruppenfähigkeit und die Fähig
keit zu familiären Beziehung
en
sei
en
nicht beeinträchtigt. Eine intime Beziehung könne die Beschwerdeführerin aufgrund der körperlichen Beschwerden nicht haben. Subjektiv sei die Beschwerdeführerin bezüglich Spontanaktivitäten schwer beeinträchtigt, objektiv sei diese Einschr
änkung höchstens leichtgradig. D
ie Selbstpflege sei nicht beeinträchtigt und auch die Verkehrsfähigkeit sei gegeben. Die Beschwerdeführerin habe eine gute Ausbildung absolviert und sie habe es wohl künstlerisch recht weit gebracht. Allerdings bestehe bei ihrem Beruf als Tänzerin
ein
altersbedingtes Limit und ab einem gewissen Alter könne die Leis
tung auf der Bühne nicht mehr in dem Masse erbracht werden, wie es verlangt werde. Ihre geplante Karriere als Tango-Lehrerin in der Schweiz mit einem ent
sprechenden Partner sei nicht gelungen. Die Beschwerdeführerin habe somit ihre beruflichen Perspektiven nicht umsetzen können. Sie könne zwar ein wenig Deutsch, beherrsche die deutsche
Sprache jedoch nicht genügend gut, um in einem intellektuell anspruchsvolleren Beruf in der deutschsprachigen Schweiz tätig zu sein. Die Beschwerdeführerin sage von sich selbst, dass sie sehr viele kreative und intellektuelle Fähigkeiten besitze, die sie auch gerne anwenden
möchte
. Aus rein orthopädische Sicht liege an den Füssen aktuell aufgrund einer Reizsymptomatik eine vorübergehende, innerhalb absehbarer Zeit durch Schuh
einlagen und Fussgymnastik behebbare Funktionseinschränkung vor (S. 8 f.).
Zu den Belastungsfaktoren und Ressourcen gaben die Experten an, die Beschwer
deführerin
verfüge über vielerlei Ressourcen, sie sei gut ausgebildet und habe in den sechs Jahren in der Schweiz offenbar auch die deutsche Sprache recht gut gelernt. Zumindest hätten einige Untersuchungen auf Deutsch stattgefunden. Sie wirke intelligent, sei auch objektiv körperlich
,
wie in den somatischen Unter
suchungen
beschrieben
,
nicht wirklich eingeschränkt. Als Belastung könn
t
e
n
die ungewisse finanzielle Situation mit Abhängigkeit vom Sozialamt wie auch die fehlenden konkreten beruflichen Perspektiven angesehen werden (S. 9).
Hinsichtlich der Konsistenzprüfung seien bei den Untersuchungen vielerlei Inkonsistenzen aufgefallen. Insgesamt handle es sich jedoch nach überein
stimmender Einschätzung der Gutachter um eine unbewusste Konstellation. Die Beschwerdeführerin leide subjektiv an invalidisierenden Schmerzen, welche kör
perlich nicht erklärbar seien, jedoch zu einer deutlichen Einschränkung ihrer Lebensq
ualität
und zu keinem direkten Krankheitsgewinn führen würden (S. 10).
In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit gaben die Gutachter an, aus orthopädisch-neu
rologischer Sicht würde keine wesentliche Einschränkung in der bisherigen Berufstätigkeit als Tänzerin bestehen. Die genannte Fusssymptomatik stelle eine Reizsituation aufgrund der konstitutionellen Laxität und der muskulären Dekon
ditionierung dar
. Diese sei innerhalb absehbarer Zeit therapierbar. Insofern wür
den sich somatisch gesehen keine wesentlichen Einschränkungen der Arbeits
fähigkeit in der bisherigen Tätigkeit ableiten. Aus psychiatrischer Sicht sei die Beschwerdeführerin sowohl in der angestammten wie auch in einer adaptierten Tätigkeit im Moment als zu 100 % arbeitsunfähig anzusehen. Aus orthopädischer Sicht sei die Beschwerdeführerin aufgrund der konstitutionellen Laxität nur für leichte und kurzzeitig mittelschwere Tätigkeiten belastbar. Aus neurologischer Sicht sei sie zu 100 % arbeitsfähig (S. 10).
Die Experten führten ausserdem aus, zur Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit sei aus somatischer Sicht unter Berücksichtigung der konstitutionellen
ligamen
tären
Laxität eine Kompensation dieser Insuffizienz durch eine entsprechende muskuläre Kräftigung, speziell der Unterschenkelmuskulatur erforderlich. Wie schon im Jahr 2019 aus neurologischer Sicht empfohlen worden sei, müsse zur definitiven Diagnosesicherung eine Liquordiagnostik erfolgen. Wiederholte medikamentöse Behandlungen mit
Acyclovir
seien bei ungesicherter Diagnose und atypischem Krankheitsbild nicht zu empfehlen. Aus psychiatrischer Sicht sei dringend eine psychotherapeutische Behandlung angezeigt. Es müsse sich um eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie handeln, welche bei der Beschwer
deführerin ihre unbewussten Motive für die aktuellen Einschränkungen erkenne und dabei auch die Erfahrung mach
e
, dass sie sich mit dieser Symptomatik in ihrer Lebensqualität beziehungsweise ihrer gesamten Lebensgestaltung massiv einschränke.
Eine lege artis durc
hgeführte Psychotherapie, die
durch
aus
auch als Auflage formuliert werden könne, sollte nach ca. zwei Jahren eine Verbesserung der medizinischen Situation erbringen (S. 11).
Die Gutachter empfahlen zudem eine befristete Berentung, um die unbewusste Selbstlimitierung der Beschwerdeführerin einschränken und beheben zu können.
Trotzdem sei der Erfolg der psychotherapeutischen Massnahmen von der Koope
ration und Motivation der Beschwerdeführerin abhängig. Diese sei momentan noch in keiner Weise vorhanden. Für sie stehe aktuell eine rein körperliche Ursa
che ihrer Beschwerden im Vordergrund (S. 12).
3.4
Der RAD-Arzt Dr.
med.
I._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Trau
matologie, führte in seiner Stellungnahme vom 20. und 23. Dezember 2019 (Urk. 10/91/6-8)
aus
, das
A._
-Gutachten (vgl. E. 3.3 hiervor) beantworte die gestellten Fragen umfassend, berücksichtige die beklagten Beschwerden, sei in Kenntnis und in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
erstellt worden und sei in der Dar
legung der medizinischen Zusammenhänge einleuchtend. Ebenso würden die gezogenen Schlussfolgerungen in nachvollziehbarer Weise hergeleitet werden
(S. 6). Gestützt auf das Gutachten ging Dr.
I._
von einer 100%igen Arbeits
unfähigkeit sowohl in angestammter als auch angepasster Tätigkeit aus (S. 7).
3.
5
Zur aus orthopädischer Sicht fehlenden Konsistenz werde
Dr. med.
J._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
weitere Ausführungen machen (S. 7). Dieser
hielt in seiner Stellungnahme vom 23. Januar 2020 (Urk. 10/91/8-9)
als Fazit
fest, auf das psychiatrische Teil-Gutachten könne nicht abgestellt werden, da es die formalen Qualitätskriterien nicht erfülle, nicht nachvollziehbar und in seinen medizinischen Schlussfolgerungen nicht plausibel sei.
Der psycho
pathologische Befund sei unauffällig und die gestellte Diagnose werde nicht her
geleitet. Anhand der Anamnese und des unauffälligen psychopathologischen Befundes könne keine psychiatrische Diagnose gestellt werden. Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und in einer angepassten Tätigkeit sei aus psychiatrischer Sicht nicht nachvollziehbar, da sie auf nicht wissenschaftlich fun
dierten Kenntnissen und auf nicht objektiv nachvollziehbaren Funktions
einschränkungen beruhe.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte den Anspruch auf eine Invalidenrente
insbe
sondere
gestützt auf die Beurteilung
des
RAD-
Psychiaters
Dr.
J._
(
vgl. E. 3.5 hiervor
). Zwischen den Parteien herrscht grundsätzlich Einigkeit darüber, dass aus somatischer Sicht keine
iv-relevanten
Diagnosen mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit vorhanden sind. Vorliegend stellt sich daher die Frage, ob auf das psychiatrische Teilgutachten
von Dr.
E._
(Urk.
10/44-55) abgestellt werden kann und falls nicht, ob die Stellungnahme von Dr.
J._
ausreicht, um den medizinischen Sachverhalt rechtsgenüglich fest
zustellen.
4.2
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funktio
nelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49
der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
beurteilen die RAD die medi
zinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmetho
den können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fachkompetenz und der allge
meinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersuchen. Sie halten die Unter
suchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wer
tung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie wür
digen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundes
gerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
Praxisgemäss kommt einer reinen Aktenbeurteilung des RAD im Vergleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Expertise, welche auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und die Schluss
folgerungen widerspruchsfrei begründet, nicht der gleiche Beweiswert zu (Urteil des Bundesgerichts
8C_971/2012 vom 11. Juni 2013 E. 3.4).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jenem exter
ner medizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den pra
xisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Allerdings kann auf das Ergebnis ver
sicherungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und
Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf
BGE 139 V 225
E. 5.2;
135 V 465
E. 4.4 und E. 4.7).
4.3
Die psychiatrische Gutachterin Dr.
E._
schildert
e
in ihrem Teilgutachten (Urk. 10/87/44-55), die Beschwerdeführerin sei überzeugt, an einer k
örperlichen Erkrankung zu leiden
und sei in keiner Weise bereit
,
auch nur eine psychische Beteiligung an diesen Symptomen zu diskutieren (S. 50).
Insbesondere legt
e
sie
dar, dass es
sich
bei den geklagten Symptomen und Funktionseinbussen der Beschwerdeführerin um eine Konversion handelt, das heisst eine unbewusste Umwandlung von psychischen Belastungen in körperliche Symptome (S. 52).
Aufgrund der unbewussten Verschiebung eines psychischen Konflikts in eine körperliche Symptomatik schloss Dr.
E._
auf
die Diagnose einer
sonstigen
somatoformen Störung und
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit (S. 53).
Ihre Schlussfolgerungen vermögen jedoch nicht zu überzeugen. Einerseits bleiben die Ursachen der Konversion (belastende Ereignisse oder Probleme sind vorausgesetzt gemäss ICD 10 F.45.8) unklar bzw. der dafür verantwortliche psychische Konflikt ist nicht genau definiert (S.
50), wie die Gutachterin selber einräumt. So führte sie dazu weiter aus, die unbewussten Gründe für die Umwandlung einer offen
sichtlich psychischen Problematik in ein körperliches Syndrom könnten nach dieser einen Untersuchung nicht abschliessend geklärt werden (S. 52). Sie erwähnte auch ein sehr undurchsichtiges Erscheinungsbild und ging für die Ent
wicklung der Symptomatik vom Vorliegen unbewusster und bewusster Faktoren aus (S. 52). Die geklagten Symptome und Funktionseinbussen seien nicht konsis
tent und nicht plausibel, wenn man davon ausgehe, dass diese körperliche Ursachen hätten. Unter der Annahme, dass es sich um eine Konversion handle, das heisse eine unbewusste Umwandlung von psychischen Belastungen in kör
perliche Symptome, so könnten die Symptome nachvollzogen werden. Sie würde die Konversion als weitgehend unbewussten Mechanismus der Versicherten erachten. Bezüglich Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit wird von ihr aus
geführt, unter der Prämisse, dass die Beschwerden, die die Versicherte angebe, durch eine unbewusste Verschiebun
g eines psychischen
Konflikts in eine kör
perliche Symptomatik entstanden seien, könne die Versicherte ihre Tätigkeit als Tänzerin bzw. Tanzlehrerin nicht mehr ausüben. Es bestehe aus rein psychi
atrischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%. Und da die Versicherte angebe, dass selbst das Sitzen und Stehen für sie körperlich unzumutbar sei, sei auch die Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit im Moment nicht gegeben (S.
54).
4.4
Insoweit ist RAD-Arzt Dr.
J._
zuzustimmen, dass auf das psychi
atrische Teilgutachten nicht abzustellen ist. Denn sowohl die gestellte Diagnose als auch die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit beruhen lediglich auf Annahmen und Prämissen der
Gutachterin sowie Angaben der Versicherten selber, was für die Belange der Invalidenversicherung klarerweise nicht genügt und keiner weiteren Ausführungen bedarf. Es kann aber auch nicht auf die Stellungnahme von Dr.
J._
abgestellt werden, da diese ebenfalls nicht als hinreichend zuverlässige Grundlage für die Beurteilung des verlangten Leistungsanspruchs herangezogen werden kann (vgl. oben E. 4.2). Denn seine Aussage, anhand der Anamnese und des unauffälligen psychopathologischen Befundes könne keine psychiatrische Diagnose gestellt werden, vermag nicht zu überzeugen, würde das doch letztlich darauf hinauslaufen, dass bei Konversionen bzw. neurotischen und somatoformen Störungen - wie im vorliegenden Fall - regelmässig kein invali
denversicherungsrechtlich versicherter Gesundheitsschaden vorliegen könnte, da es ja auch an einer funktionellen somatischen Ursache fehlt. Dies kann selbst
redend nicht Sinn und Zweck der Invalidenversicherung sein.
4.
5
Nach dem Gesagten stellen
somit
die vorliegenden Akten, namentlich das
psychiatrische
A._
-
Teilg
utachten vom 27. November 2019 (vgl. E. 3.3 hiervor) und die RAD-Stellungnahme von Dr.
J._
vom 23. Januar 2020 (vgl. E. 3.5 hiervor) keine verlässliche Grundlage für die Beurteilung des Leistungs
anspruchs dar, weshalb ergänzende Abklärungen vorzunehmen sind.
Ent
spr
echend ist die angefochtene Ver
fügung vom
3
.
April
2020 (Urk. 2) aufzuheben und die Sache zu weiteren Abklärungen in psychiatrischer Hinsicht und zum erneut
en Entscheid über den Leistungsanspruch
de
r
Beschwerdeführer
in
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Im Rahmen dieser Abklärungen wird bezügl
ich der psychischen Erkrankung
für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
auch
ein strukturiertes Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 durchzuführen sein (vgl.
BGE 143 V 409
E. 4.5.1, BGE 143 V 418 E. 7.2),
welches bis anhin nicht rechtsg
enüglich stattgefunden hat.
In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Damit erweist sich das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Pro
zessführung bei diesem Verfahrensausgang als gegenstandslos.