Decision ID: 3b3b5d95-522b-4b99-a20b-152369ae50c4
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am 27. Oktober 2012 morgens kurz vor halb acht Uhr lenkte X ihren
Personenwagen der Marke Citroen mit dem Kennzeichen SG 000000 auf der Unteren
Bahnhofstrasse, Wil, in Richtung Ilgenkreisel. Beim Fussgängerstreifen zwischen der
Unteren und der Oberen Bahnhofstrasse kam es zu einer Kollision zwischen ihrem
Fahrzeug und einer Fussgängerin, die von links her den Fussgängerstreifen betreten
hatte; die Fussgängerin verletzte sich dabei.
B.- Wegen des Vorfalls vom 27. Oktober 2012 wurde X mit Strafbefehl des
Untersuchungsamtes Gossau vom 6. März 2013 der fahrlässigen Verletzung von
Verkehrsregeln schuldig gesprochen und zu einer Busse von Fr. 400.-- bzw. einer
Ersatzfreiheitsstrafe von vier Tagen verurteilt. Die Fussgängerin hatte keinen
Strafantrag wegen fahrlässiger Körperverletzung gestellt. Der Strafbefehl erwuchs
unangefochten in Rechtskraft. Mit Verfügung vom 12. März 2013 entzog das
Strassenverkehrsamt X wegen des Vorfalls vom 27. Oktober 2012 den Führerausweis
für die Dauer eines Monats zufolge mittelschwerer Widerhandlung gegen das
Strassenverkehrsgesetz. Zur Begründung führte es an, X habe durch ihr Fehlverhalten
den Verkehrsunfall vom 27. Oktober 2012 schuldhaft verursacht. Die durch den
Verkehrsunfall konkretisierte Gefährdung (durch Verletzung von anderen
Verkehrsteilnehmern) zeige auf, dass die dadurch hervorgerufene Gefahr nicht mehr als
gering eingestuft werden könne, weshalb eine mittelschwere Widerhandlung vorliege.
Die Entzugsdauer wurde auf das gesetzliche Minimum von einem Monat beschränkt.
C.- Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamtes vom 12. März 2013 erhob X
durch ihre Vertreterin mit Eingabe vom 27. März 2013 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission. Sie beantragte, die Verfügung vom 12. März 2013 sei
aufzuheben; es sei von einem Führerausweisentzug für die Dauer eines Monates
abzusehen und eventualiter sei eine Verwarnung auszusprechen; unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zu Lasten der Vorinstanz. Auf die Ausführungen zur Begründung

dieser Anträge wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen. Das
Strassenverkehrsamt verzichtete mit Schreiben vom 30. April 2013 auf eine
Vernehmlassung.
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Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 27. März 2013 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- In tatsächlicher Hinsicht ist unbestritten, dass die Rekurrentin am 27. Oktober 2012
auf der Unteren Bahnhofstrasse in Wil nicht rechtzeitig bremsen konnte und eine
Kollision mit einer Fussgängerin verursachte. Zu klären ist, ob die Widerhandlung
gegen das Strassenverkehrsgesetz als mittelschwer oder leicht zu qualifizieren ist.
a) Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a des Strassenverkehrsgesetzes,
SR 741.01, abgekürzt: SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren
Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch
Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Eine
mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a
SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Die mittelschwere Widerhandlung
nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG stellt einen Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn
nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten Widerhandlung und nicht alle
qualifizierenden Elemente einer schweren Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 II
138 E. 2.2.2).
Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird dabei zwischen der einfachen und der erhöhten
abstrakten Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen
nach sich (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann
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auszugehen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten
betroffen werden können. Führte dieses hingegen zu einer Verletzung eines Rechtsguts
oder einer konkreten bzw. einer erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen
Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete
Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten, tatsächlich daherkommenden
Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die Gefahr einer Körperverletzung
oder gar Tötung bestand (J. Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12).
Zudem ist das Ausmass der üblicherweise entstehenden Schädigung bei Eintritt der
Rechtsgutverletzung zu berücksichtigen (vgl. VRKE IV-2011/113 vom 24. November
2011 E. 3b, Rechtsprechung auf: www.gerichte.sg.ch/). Der Gefährdung der Sicherheit
kommt durch die seit 1. Januar 2005 geltenden Art. 16a bis 16c SVG eine wesentliche
und eigenständige Bedeutung zu. Der Gesetzgeber hat bewusst dem Gesichtspunkt
der Verkehrsgefährdung ein höheres Gewicht beigemessen.
b) Die Rekurrentin bringt im Wesentlichen vor, die Begründung der Vorinstanz, wonach
es sich vorliegend um eine mittelschwere Widerhandlung handle und der
Führerausweis für mindestens einen Monat entzogen werden müsse, stehe im klaren
Widerspruch zur Beurteilung im Strafurteil, welches im Gegensatz dazu von einem
geringen Verschulden sowie einer geringen Gefährdung ausgehe. Auch könne nicht
allein daraus, dass sich die Gefahr verwirklicht habe, auf eine mittelschwere
Widerhandlung geschlossen werden. Vielmehr sei vorliegend zu berücksichtigen, dass
es dank ihrem umsichtigen Fahrverhalten, der angepassten Geschwindigkeit und ihrer
grundsätzlichen Bremsbereitschaft trotz der entschuldbaren Ablenkung (Niessen) nur
zu einer leichten Kollision mit entsprechend geringfügiger Verletzung der Fussgängerin
gekommen sei. Somit habe zu keinem Zeitpunkt die Gefahr bestanden, dass sich die
Fussgängerin schwerere Verletzungen hätte zuziehen oder gar ernstlich verletzen
können. Folglich habe keine ernstliche Gefährdung für die Sicherheit anderer
Verkehrsteilnehmer bestanden. Auch müsse für die Annahme einer mittelschweren
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Widerhandlung die Gefährdung von einer gewissen Schwere sein, deren
Konkretisierung zu einer schwerwiegenderen als nur einer leichten Verletzung führe.
c) Vorab ist festzuhalten, dass der Schuldspruch im Strafverfahren wegen einfacher
Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Ziff. 1 SVG die Annahme einer mittelschweren
Widerhandlung im Administrativverfahren nicht ausschliesst. So umfasst die einfache
Verkehrsregelverletzung nach Art. 90 Ziff. 1 SVG administrativrechtlich die leichte und
mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16a und 16b SVG. Das straf- und das
administrativrechtliche Sanktionensystem sind insoweit nicht deckungsgleich. Von der
strafrechtlichen Sanktion kann deshalb nicht immer und ohne weiteres auf die
anzuordnende Verwaltungsmassnahme geschlossen werden (Urteile des
Bundesgerichts 1C_259/2011 vom 27. September 2011, E. 3.4, und 1C_282/2011 vom
27. September 2011, E. 2.4). Der Einwand der Rekurrentin, wonach die Vorinstanz an
das rechtskräftige Strafurteil gebunden sei und eine Verurteilung wegen Art. 90 Ziff. 1
SVG die Annahme einer leichten Widerhandlung gemäss Art. 16a SVG zur Folge habe,
stösst damit ins Leere.
d) Nach Art. 33 Abs. 2 SVG hat der Fahrzeugführer vor Fussgängerstreifen besonders
vorsichtig zu fahren und nötigenfalls anzuhalten, um den Fussgängern den Vortritt zu
lassen, die sich schon auf dem Streifen befinden oder im Begriff sind, diesen zu
betreten. Der Lenker muss vor Fussgängerstreifen ohne Verkehrsregelung jedem
Fussgänger, der sich bereits auf dem Streifen befindet oder davor wartet und
ersichtlich die Fahrbahn überqueren will, den Vortritt lassen. Damit er dieser Pflicht
nachkommen kann, muss er die Geschwindigkeit rechtzeitig mässigen und nötigenfalls
anhalten (Art. 6 Abs. 1 VRV). Bei diesen Bestimmungen handelt es sich um
grundlegende Verkehrsregeln, deren Missachtung regelmässig zu schweren Unfällen
führt (Urteil des Bundesgerichts 1C_327/2012 vom 27. Februar 2013 E. 2.2).
In ihrem Bericht vom 17. November 2012 hält die Kantonspolizei zum Unfallhergang
fest, die Rekurrentin sei bei starkem Regen und Dunkelheit gemäss eigenen Angaben
mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h um die starke Linkskurve auf den sich
unmittelbar danach befindlichen Fussgängerstreifen zugefahren. Gemäss den
Aussagen der Rekurrentin habe sie in diesem Moment niessen müssen, weshalb sie
abgelenkt gewesen sei und in der Folge die den Fussgängerstreifen überquerende
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Fussgängerin übersehen habe. Aufgrund der Missachtung ihrer Anhaltepflicht prallte
sie mit der Fahrzeugfront gegen das rechte Bein der Fussgängerin, welche
anschliessend zu Boden fiel und Verletzungen erlitt (act. 9/3 ff.). Bei der nachträglichen
ärztlichen Behandlung wurden beim Opfer ein leichtes Schleudertrauma sowie
Verstauchungen und Prellungen am rechten Bein (Knie) und Oberarm festgestellt (act.
9/11 ff.). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ruft im Sinn der
mittelschweren Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG bereits derjenige eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervor oder nimmt eine solche in Kauf, welcher als
vortrittsbelasteter Automobilist einen Fussgängerstreifen überfährt, ohne sich zu
vergewissern, ob sich Fussgänger bereits darauf befinden oder Anstalten machen, ihn
zu betreten (Urteil 1C_253/2012 vom 29. August 2012 E. 5). Dahingehend erweist sich
die Würdigung der Vorinstanz als zutreffend. Beim Verkehrsunfall konkretisierte sich die
Gefährdung, indem sich die Fussgängerin ein leichtes Schleudertrauma sowie
Verletzungen zuzog. Das Verhalten war demnach geeignet, die Sicherheit anderer zu
gefährden. Die Gefährdung kann damit nicht mehr als gering bezeichnet werden,
weshalb eine mittelschwere Widerhandlung im Sinne von Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG
vorliegt und der Führerausweis zu Recht entzogen wurde. Insbesondere schliesst ein
leichtes Verschulden eine nicht mehr geringe Gefährdung nicht aus.
3.- Gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder
Führerausweisentzugs die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die
Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführerin sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Fahrzeug zu führen; die
Mindestentzugsdauer darf nicht unterschritten werden. Diese beträgt gemäss Art. 16b
Abs. 2 lit. a SVG nach einer mittelschweren Widerhandlung einen Monat. Diese
Mindestentzugsdauer darf auch hier nicht unterschritten werden; daran ändert die
erhöhte Sanktionsempfindlichkeit der Rekurrentin, die als Taxifahrerin tätig ist, nichts.
4.- Der Rekurs ist somit abzuweisen. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die
amtlichen Kosten der Rekurrentin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu
verrechnen.
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