Decision ID: b818e3f2-77b9-435a-9147-e18842e951e9
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
R._,
Beschwerdeführer,
gegen
RAV Sargans, Langgrabenweg, Postfach, 7320 Sargans,
Beschwerdegegner,
vertreten durch Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen,
betreffend
Förderung selbstständiger Erwerbstätigkeit
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Sachverhalt:
A.
A.a R._, Jahrgang 1981, absolvierte von 1996 bis 1999 in A._ eine Lehre als
Herrencoiffeur. Nach Abschluss der Lehre arbeitete er als Coiffeur und stellvertretender
Geschäftsführer im ehemaligen Lehrbetrieb weiter, bis er am 5. März 2003 in die
Schweiz einreiste (act. G 3.1/C4). In der Schweiz arbeitete der Versicherte vorerst als
Küchenhilfe bei B._, anschliessend als Verpacker bei der C._ und der D._ (act.
G 3.1/B8). Die Anstellung bei der D._ kündigte er noch während der Probezeit per
12. Juni 2008 (act. G 3.1/C20, 22).
A.b Am 16. März 2009 meldete sich der Versicherte zur Arbeitsvermittlung und zum
Leistungsbezug bei der Arbeitslosenversicherung an (act. G 3.1/C1, B4). Vom
17. August 2009 bis 6. November 2009 absolvierte der Versicherte im Rahmen einer
arbeitsmarktlichen Massnahme einen Alphabetisierungskurs (act. G 3.1/C48). Am 7.
August 2009 beantragte er Taggelder während der Planungsphase zur Aufnahme einer
selbstständigen Erwerbstätigkeit als Herrencoiffeur. Die Planungsphase sollte von
1. September 2009 bis 31. Oktober 2009 andauern und die selbstständige
Erwerbstätigkeit per 2. November 2009 aufgenommen werden (act. G 3.1/B23). Das
Gesuch wurde dem Versicherten am 20. August 2009 vom Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zur Ergänzung zurückgesendet, hatte es der
Versicherte doch unterlassen, einen Budgetplan für die ersten drei Geschäftsjahre zu
erstellen und das Gesuch zu datieren und zu unterschreiben. Zudem forderte das RAV
den Versicherten unter Hinweis auf seine fehlenden Geschäftsführungskenntnisse auf,
die Bestätigung eines Treuhandunternehmens oder einer dazu geeigneten Person
beizubringen, die sich bereit erkläre, ihn in administrativen Belangen zu unterstützen
(act. G 3.1/B26). Am 21. August 2009 reichte der Versicherte ein Grobkonzept (act.
G 3.1/B27), am 26. August 2009 das ergänzte Formular, zusammen mit dem
geforderten Budgetplan ein, nicht jedoch die geforderte Bestätigung.
A.c Mit Verfügung vom 4. September 2009 lehnte das RAV Sargans das Gesuch des
Versicherten ab. Zur Begründung führte es an, dass der Versicherte nicht über die
notwendigen Geschäftsführungskenntnisse verfüge und zufolge ungenügender
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Sprachkompetenzen auch nicht in der Lage sei, die entsprechenden Kenntnisse im
Rahmen eines Jungunternehmer-Seminars zu erlernen. Bei der Prüfung des
Grobprojektes bzw. Budgetplans sei zudem festgestellt worden, dass die
wirtschaftliche Tragfähigkeit der geplanten selbstständigen Erwerbstätigkeit äusserst
fragwürdig sei (act. G 3.1/B32).
B.
B.a Gegen die Verfügung des RAV vom 4. September 2009 liess der Versicherte durch
seine Ehefrau am 10. September 2009 Einsprache erheben. Sie stellte sich auf den
Standpunkt, dass mangelnde Deutschkenntnisse keinen ausreichenden Grund
darstellten, um dem Ehemann die Eröffnung des Coiffeursalons zu verweigern. Zudem
besuche er zurzeit einen Deutschkurs, den er fortsetzen werde (act. G 3.1/B33).
B.b Mit Entscheid vom 21. September 2009 bestätigte das RAV die ablehnende
Verfügung. Die Begründung entspricht derjenigen in der Verfügung (act. G 3.1/B35).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid des RAV Sargans vom 21. September 2009
richtet sich die von R._ am 29. September 2009 (Datum Postaufgabe) ans
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen erhobene Beschwerde. Darin beantragt
der Beschwerdeführer sinngemäss die Aufhebung des Einspracheentscheides und die
Zusprache von Taggeldern zur Förderung der selbstständigen Erwerbstätigkeit. Zur
Begründung führt er an, im Rahmen seiner Tätigkeit als Herrencoiffeur und
stellvertretender Geschäftsführer in A._ gewisse Kenntnisse in der Geschäftsführung
erworben zu haben. Zudem habe er einen Buchhalter beauftragt, um die
administrativen Dinge mit Versicherungen und Steuerbehörden für ihn zu erledigen. In
Anbetracht der Tatsache, dass es sich beim Zielpublikum des geplanten Coiffeursalons
um Männer mit Migrationshintergrund handle, stünden auch seine geringen
Deutschkenntnisse einer selbstständigen Erwerbstätigkeit als Herrencoiffeur nicht im
Weg. Schliesslich sei er mit den im Rahmen des Alphabetisierungskurses erworbenen
Deutschkenntnissen durchaus auch in der Lage, deutschsprachige Kunden zu
bedienen (act. G 1).
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C.b Mit Beschwerdeantwort vom 30. Oktober 2009 beantragt der Beschwerdegegner
die Abweisung der Beschwerde. Er stellt sich auf den Standpunkt, dass der
Beschwerdeführer zwar über die notwendigen fachlichen Fertigkeiten zur Führung
eines Coiffeurgeschäftes, nicht aber über die dafür notwendigen Sprach- und
Geschäftsführungskenntnisse verfüge. Indem der Beschwerdeführer es trotz
Aufforderung unterlassen habe, die Bestätigung eines Treuhandunternehmens oder
einer Person beizubringen, die ihn in administrativer Hinsicht bei der Geschäftsführung
unterstützen würde, habe er den Nachweis genügender Geschäftskenntnisse nicht
erbracht. Die blosse Behauptung des Beschwerdeführers, er werde einen Buchhalter
damit beauftragen, die Arbeiten mit Versicherungen und Steuerbehörden für ihn zu
erledigen, genüge nicht. Darüberhinaus habe der Beschwerdeführer bereits über einen
Geschäftsraum und das notwendige Inventar für den Coiffeursalon verfügt. Da eine
Planung somit nicht mehr notwendig gewesen sei, hätte das Gesuch auch bereits aus
diesem Grund abgelehnt werden müssen (act. G 3).
C.c Mit Replik vom 20. November 2009 legt der Beschwerdeführer eine Bestätigung
von E._ ins Recht, worin ihm diese ihre Unterstützung in allen mit der selbstständigen
Tätigkeit zusammenhängenden administrativen Angelegenheiten zusichert (act. G 5,
G 5.1).
C.d Der Beschwerdegegner verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (act. G 7).

Erwägungen:
1.
1.1 Die Arbeitslosenversicherung kann versicherten Personen, die eine dauernde
selbstständige Erwerbstätigkeit aufnehmen wollen, durch die Ausrichtung von
höchstens 90 Taggeldern während der Planungsphase eines Projektes unterstützen
(Art. 71a Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung
und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0]). Die kantonale Amtsstelle prüft die
Anspruchsvoraussetzungen, unterzieht das Gesuch einer formellen und einer
summarischen materiellen Prüfung, entscheidet innert vier Wochen nach Eingang des
Gesuchs, ob Taggelder ausgerichtet werden, und setzt deren Anzahl fest (Art. 95b
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Abs. 2 und 3 der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02]).
1.2 Der Beschwerdegegner kommt zum Schluss, der Beschwerdeführer verfüge nicht
über die notwendigen Sprach- und Geschäftsführungskenntnisse, um die in der
Schweiz bei der Unternehmensführung zu beachtenden administrativen und
rechtlichen Regelungen einhalten zu können. Diese Auffassung ist im Hinblick darauf,
dass der Beschwerdeführer noch von Mitte August 2009 bis anfangs November 2009
einen Alphabetisierungskurs besuchte, lediglich über Grundkenntnisse in der
deutschen Sprache verfügt, bislang noch nie eine selbstständige Erwerbstätigkeit in
der Schweiz ausgeübt hat und mit den damit einhergehenden Verpflichtungen nicht
vertraut ist, nicht zu beanstanden und wird auch vom Beschwerdeführer nicht
ausdrücklich bestritten.
1.3 Der Beschwerdegegner scheint aber der Auffassung zu sein, dass der
Beschwerdeführer seine fehlenden Geschäftsführungskenntnisse durch Beibringung
einer Bestätigung eines Treuhandunternehmens oder einer fähigen Drittperson, die
dem Beschwerdeführer ihre Unterstützung in administrativen Belangen zusichert, hätte
ausgleichen können. Ob dies zulässig ist, wird nachfolgend zu prüfen sein.
2.
2.1 Gemäss Art. 81 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) und Art. 109 AVIG erlässt der Bundesrat
die Ausführungsbestimmungen zum Arbeitslosenversicherungsgesetz. Dieser Aufgabe
ist er mit Erlass des am 31. August 1983 in Kraft getretenen AVIV nachgekommen.
2.2 Damit die Aufnahme einer selbstständigen Erwerbstätigkeit von der
Arbeitslosenversicherung durch die Entrichtung von Taggeldern gefördert wird, muss
die antragstellende Person unter anderem ein Grobprojekt zur Aufnahme einer
wirtschaftlich tragfähigen und dauerhaften selbstständigen Erwerbstätigkeit vorweisen
können (Art. 71b Abs. 1 lit. d AVIG). Dieses gesetzlich normierte Ziel konkretisierte der
Bundesrat in Art. 95b Abs. 1 lit. b AVIV dahingehend, dass die antragstellende Person
angemessene Kenntnisse in der Geschäftsführung darzulegen hat oder eine
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Bescheinigung vorlegen muss, dass solche Kenntnisse in einem entsprechenden Kurs
erworben worden sind. Hintergrund von Art. 95b Abs. 1 lit. b AVIV kann im Lichte von
Art. 71b Abs. 1 lit. d AVIG demnach nur die Auffassung sein, dass eine wirtschaftlich
tragfähige und dauerhafte selbstständige Erwerbstätigkeit in jedem Fall angemessene
Kenntnisse in der Geschäftsführung voraussetzt. Diese Kenntnisse haben nach dem
Wortlaut von Art. 95b Abs. 1 lit. b AVIV bei der anspruchstellenden Person vorzuliegen.
Für eine Substituierung fehlender Geschäftsführungskenntnisse durch Dritte, sei dies
ein Treuhandunternehmen oder eine fähige Drittperson, lässt der Wortlaut von Art. 95b
Abs. 1 lit. b AVIV keinen Raum.
2.3 Für die wortlautgetreue Auslegung von Art. 95b Abs. 1 lit. b AVIV spricht auch die
Tatsache, dass ein allfälliges Outsourcing bestimmter administrativer Tätigkeiten
(bspw. der Buchführung, der Abrechnung gegenüber den Sozialversicherungen oder
der Erstellung der Steuererklärung) eine selbstständig erwerbstätige Person letztlich
nicht von ihrer Verantwortlichkeit für die korrekte Erfüllung der gesetzlichen Pflichten
entbindet. Eine selbstständig erwerbstätige Person muss daher zumindest in der Lage
sein, die von einem Treuhänder oder einer fähigen Drittperson für sie vorgenommenen
Handlungen in ihren Grundzügen nachzuvollziehen resp. zu überprüfen. Auch im
Hinblick auf die Anforderungen, die eine selbstständige Erwerbstätigkeit an die
Persönlichkeit stellt, kann es nicht angehen, jeder versicherten Person mit
ausreichenden Berufskenntnissen die Eignung für eine selbstständige Erwerbstätigkeit
ohne Rücksichtnahme auf das Vorhandensein unternehmerischer Fähigkeiten
zuzugestehen; dies widerspräche dem gesetzlich normierten Ziel, nur die Aufnahme
einer wirtschaftlich tragfähigen und dauerhaften selbstständigen Erwerbstätigkeit
finanziell zu unterstützen, ermöglichen gute Berufskenntnisse alleine doch noch nicht
die dauerhafte Erzielung des Lebensunterhaltes durch eine selbstständige
Erwerbstätigkeit.
2.4 Ersucht eine versicherte Person demnach um Taggelder zur Förderung der
selbstständigen Erwerbstätigkeit, dürfen solche Taggelder grundsätzlich nur dann
gewährt werden, wenn die antragstellende Person selbst angemessene Kenntnisse in
der Geschäftsführung aufweist resp. nachweisen kann.
3.
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Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführer im Lichte des verfassungsmässigen
Grundsatzes von Treu und Glauben (Art. 9 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft [BV, SR 101]) in einem allfälligen Vertrauen auf die falsche Auskunft
des Beschwerdegegners zu schützen und vom materiellen Recht abweichend zu
behandeln ist (vgl. für viele: BGE 121 V 65 E. 2a). Im vorliegenden Fall forderte der
Beschwerdegegner den Beschwerdeführer mit Schreiben vom 20. August 2009 unter
anderem auf, ein Grobkonzept und die Bestätigung eines Treuhandunternehmens oder
einer fähigen Person zur Unterstützung seiner Geschäftsführungskenntnisse
einzureichen. Im Grobkonzept, dass am darauffolgenden Tag beim Kantonalen Amt für
Arbeit St. Gallen einging (act. G 3.1/B27), äussert sich der Beschwerdeführer
dahingehend, das gesamte Inventar für den Coiffeursalon bereits erworben und mit
dem Umbau passender Geschäftsräumlichkeiten begonnen zu haben. Nachdem der
Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Auskunftserteilung demnach sämtliche
Dispositionen bereits getätigt hatte, fehlt es an einer mit der falschen Auskunft
kausalen, nicht ohne Nachteil rückgängig zu machenden Disposition. Eine vom
materiellen Recht abweichende Behandlung des Beschwerdeführers kommt damit
nicht in Frage.
4.
Da fehlende Geschäftsführungskenntnisse grundsätzlich nicht durch Kenntnisse eines
Treuhandunternehmens oder einer fähigen Drittperson ersetzt werden können, der
Beschwerdeführer nicht über ausreichende Kenntnisse in der Geschäftsführung verfügt
und der verfassungsmässige Vertrauensschutz vorliegend nicht zum Tragen kommt, ist
die Beschwerde abzuweisen. Offen gelassen werden kann in dieser Situation, ob das
Gesuch aus weiteren Gründen abzuweisen wäre, wie der Beschwerdegegner in der
Beschwerdeantwort geltend machte. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61
lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53