Decision ID: 05ac246c-6147-449d-b864-f12cbcfb521b
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._, geboren 1962, arbeitete seit dem 1. Oktober 2008 als Crew-Aus
hilfe bei der Y._ und war dadurch bei der AXA Versicherun
gen AG (AXA) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 27. September 2009 war die Versicherte mit einer Kollegin in den frühen Mor
genstunden in einer Bar in Zürich-Oerlikon, als sie auf dem Weg zur Toilette sah, wie ein Mann und eine Frau etwas austauschten. Daraufhin wurde sie von mehreren Männern tätlich angegriffen (Unfallmeldung UVG vom 14. Oktober 2009, Urk. 15/A1; vgl.
auch Schadeninspektorenbericht vom 9. Dezember 2010, Urk. 15/A35, und Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 5. April 2013, Urk. 15/P1/15-21). Nach Überführung in die Klinik für Unfallchirurgie des Z._ stellte die behandelnde Ärztin (1) eine Commotio cerebri, (2) eine akute Belastungsstörung, (3) eine offene Nasenbein
fraktur, (4) eine Septumfraktur und (5) Kontusionen der Ellbogen beidseits fest (Urk. 15/M1). Nach zweitägiger neurologischer Überwachung wurde die Versi
cherte am 29. September 2009 per fürsorgerische Freiheitsentziehung wegen Selbstgefährdung in die A._ über
wiesen, wo sie bis zum 23. Oktober 2009 hospitalisiert war (Urk. 15/M6). Die AXA erbrachte Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen. Mit Schreiben vom 26. Februar 2010 kündigte die Y._ das Arbeitsverhältnis mit der Versicherten per 31. März 2010 (Urk. 15/A11). Vom 28. Juli bis zum 20. August 2010 (B._; Urk. 15/M15), vom 20. bis zum 27. Oktober 2010 (A._; Urk. 15/M54) und vom 27. bis zum 28. Januar 2012 (A._; Urk. 15/M55) wurde die Versicherte erneut in psychiatrischer Hinsicht stationär behandelt. Am 28. Juni 2012 erstattete die C._ im Auftrag der AXA ein polydis
ziplinäres Gutachten (Urk. 15/M50; vgl. auch ergänzende Stellungnahme der C._ vom 19. September 2012, Urk. 15/M51). Vom 4. bis zum 8. April 2013 (Urk. 15/M56) und vom 22. April bis zum 2. Mai 2014 (Urk. 15/M57) folgten zwei weitere stationäre Aufenthalte der Versicherten in der A._. Am 7. Juli 2015 erstattete Dr. med. D._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, im Auftrag der AXA ein Gutachten (Urk. 15/M58). Mit Verfügung vom 29. September 2015 stellte die AXA die Leistungen per 30. September 2011 ein (Urk. 15/A160). Die dagegen von der Versicherten am 6. November 2015 erho
bene Einsprache (Urk. 15/A176) wies die AXA mit Entscheid vom 11. Februar 2016 (Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 14. März 2016 Beschwerde mit folgenden Anträgen (Urk. 1 S. 2):
1.
Der Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin vom 1
1.
Februar 2016 sei
aufzuheben.
2.
Es sei eine Oberbegutachtung der Beschwerdeführerin hinsichtlich der Diagnose
ihres psychischen Vorzustandes bzw. hinsichtlich der Kausalität zwischen
Unfallereignis und aktuellem psychischem Zustand durch einen AXA
Versicherungen AG unabhängigen Gutachter vorzunehmen.
3.
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu
lasten der Beschwerdegegnerin.
In prozessualer Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsvertretung (Urk. 1 S. 2). Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 14. Juni 2016 auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 14 S. 2), was der Beschwerdeführerin am 15. Juni 2016 angezeigt wurde (Urk. 16).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am 9. November 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesge
setzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfall
versicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen,
die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat
(vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu be
urteilende Unfall hat sich am 27. September 2009
ereignet, wes
halb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in
dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG werden – soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt – die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt.
1.3
Rechtsprechung und Lehre haben schreckbedingte plötzliche Einflüsse auf die Psyche seit jeher als Einwirkung auf den menschlichen Körper (im Sinne des geltenden Unfallbegriffes) anerkannt und für ihre unfallversicherungsrechtliche Behandlung besondere Regeln entwickelt. Danach setzt die Annahme eines Unfalles voraus, dass es sich um ein aussergewöhnliches
Schreckereignis
, ver
bunden mit einem entsprechenden psychischen Schock, handelt; die seelische Einwirkung muss durch einen gewaltsamen, in der unmittelbaren Gegenwart des Versicherten sich abspielenden Vorfall ausgelöst werden und in ihrer über
raschenden Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen durch Störung des seelischen Gleichgewichts typische Angst- und Schreckwirkungen (wie Lähmungen, Herzschlag etc.) hervorzurufen. Das frühere Eidgenössische Versicherungsgericht, heute Bundesgericht, hat diese Rechtsprechung wieder
holt bestätigt und dahingehend präzisiert, dass auch bei
Schreckereignissen
nicht nur die Reaktion eines (psychisch) gesunden Menschen als Vergleichs
grösse dienen kann, sondern in diesem Zusammenhang ebenfalls auf eine „weite Bandbreite" von Versicherten abzustellen ist. Zugleich hat es dabei rela
tivierend, unter Bezugnahme auf den massgeblichen Unfallbegriff, betont, dass sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit definitionsgemäss nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber bezieht, weshalb nicht von Belang sein könne, wenn der äussere Faktor allenfalls schwerwie
gende, unerwartete Folgen nach sich zog. An den Beweis der Tatsachen, die das
Schreckereignis
ausgelöst haben, an die Aussergewöhnlichkeit dieses Ereignis
ses sowie den entsprechenden psychischen Schock sind strenge Anforderungen zu stellen (Urteil des Bundesgerichts 8C_376/2013 vom 9.
Oktober 2013 E. 3.1 mit
Hinweisen).
1.4
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
lidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhan
densein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der glei
chen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die allei
nige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die einge
tretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Verwaltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht übli
chen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
anspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.5
Wird durch den Unfall ein krankhafter Vorzustand verschlimmert oder über
haupt erst manifest, fällt der natürliche Kausalzusammenhang dahin, wenn und sobald der Gesundheitsschaden nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Dies trifft dann zu, wenn entweder der Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante) oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine), erreicht ist (RKUV 1992 Nr.
U 142 S.
75 E.
4b mit Hinweisen; nicht publiziertes Urteil des Bundesgerichts U
172/94 vom 26.
April 1995). Das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens muss mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein (RKUV 2000 Nr.
U 363 S.
45; BGE
119 V 7 E. 3c/aa).
Die
blosse
Möglichkeit nunmehr gänzlich fehlender ursächlicher Auswirkungen des Unfalls genügt nicht.
Da es sich hiebei um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt aber die ent
sprechende Beweislast
–
anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist
–
nicht bei der versicherten Per
son, sondern beim Unfallversicherer (RKUV 1994 Nr.
U 206 S.
328
f. E.
3b, 1992 Nr.
U 142 S. 76).
Diese Beweisgrundsätze gelten sowohl im Grundfall als auch bei Rückfällen und Spätfolgen und sind für sämtliche Leistungsarten
massgebend
(
Urteil des Bundesgerichts 8C_637/2013 vom 11.
März 2014 E.
2.3.1 mit Hinweisen).
Mit dem Erreichen des
S
tatus quo sine vel ante entfällt eine Teilursächlichkeit für die noch bestehenden Beschwerden. Solange jedoch der
S
tatus quo sine vel ante noch nicht wieder erreicht ist, hat der Unfa
llversicherer gestützt auf Art. 36 Abs.
1 UVG in aller Regel neben den Taggeldern auch Pflegeleistungen und Kostenvergütungen zu übernehmen, worunter auch die
Heilbehandlungs
kosten nach Art.
10 UVG fallen
(Urteil des Bundesgerichts 8C_637/20
13 vom 11. März 2014 E. 2.3.2).
1.6
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorak
ten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete den angefochtenen Entscheid damit, dass Dr. D._ in seinem Gutachten die Hauptdiagnose einer Borderline-Störung gestellt habe. Sowohl diese Hauptdiagnose als auch die gestellten Nebendiag
nosen seien nachvollziehbar. Dr. D._ habe sich eingehend mit den abwei
chenden Meinungen der behandelnden Ärzte und der Gutachter der C._ befasst und insbesondere aufgezeigt, weshalb er die Diagnose einer posttrau
matischen Belastungsstörung (PTBS) nicht habe bestätigen können. Im Weite
ren sei darauf hinzuweisen, dass der natürliche Kausalzusammenhang bei einem krankhaften Vorzustand nicht nur dann dahinfalle, wenn der Gesund
heitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden habe (Status quo ante), erreicht sei, sondern auch dann, wenn
derjenige Zustand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte
(Status quo sine), erreicht sei. Selbst wenn man aber vom Vorliegen eines natürlichen Kausalzusammenhangs ausginge, müsste eine weitere Leistungspflicht aufgrund des Fehlens eines adä
quaten Kausalzusammenhangs, der anhand der Praxis bei Schreckereignissen zu beurteilen sei, verneint werden. Angesichts der diesbezüglichen Kasuistik, etwa bei
einem Raubüberfall durch drei Täter mit Schusswaffen (Terminierung nach 18 Monaten, Urteil
des Bundesgerichts U
593/06 vom 1
4.
April 2008), einem nächtlichen Angriff durch
einen alkoholisierten Mann mit Würgen und B
eschimpfen (Adäquanz verneint, Urteil
des damaligen Eidgenössischen Versi
cherungsgerichts
U 390/04 vom 1
5.
April 200
5) oder bei einem Versicherten, welc
her von zwei unbekannten Jugendlichen unvermittelt angegriffen, gewürgt und mit einem gezielten Faustschlag trakti
ert worden sei
(Adäquanz verneint, Urteil des Sozialversicherungsger
icht des Kantons Zürich UV.2012.
00117 v
om 24. September 2013), erscheine
es jedenfalls gerechtfertigt, von einer Termi
nierung pe
r Ende September 2011 auszugehen (Urk. 2 S. 10 ff.).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber geltend, dass der Angriff bzw. das Unfallereignis vom 27. September 2009 eine gut sichtbare Narbe an ihrer Nase hinterlassen und verschiedenste Schmerzen am ganzen Körper verursacht habe. Noch viel schwerer wiege aber ihre seither bestehende desolate psychi
sche Verfassung. Sämtliche Vorärzte inkl. der C._-Gutachter hätten eine PTBS festgestellt, welche auf das Unfallereignis vom 27. September 2009 zurückzu
führen sei. Die von Dr. D._ gestellte Hauptdiagnose einer Borderline-Störung sei nicht nachvollziehbar. Zunächst steche ins Auge, dass Dr. D._ seine Diagnose(n) aus eigentlichen Nebenschauplätzen bzw. –befunden hergeleitet habe. So sei wenig plausibel, dass er die begründete Angst der Beschwerdefüh
rerin vor einer Entführung der Tochter als psychopathologisch eminenten Belastungsfaktor qualifiziert habe. Im Weiteren habe Dr. D._ einzig aus dem Umstand, dass sie im Rahmen einer Hospitalisation aus dem Bett gefallen sei, auf störende Verhaltensauffälligkeiten geschlossen. Diese Konklusion sei umso fraglicher, als dieser Zwischenfall – und diesbezüglich auch das Verhalten der involvierten Pflegefachfrau – gar nicht genau geklärt sei. Die von Dr. D._ exemplifikatorisch behandelten Themenkreise (Entführungsangst, aus dem Bett fallen etc.) seien denn auch von keinem der vorbehandelnden Ärzte erwähnt bzw. als derart relevant eingestuft worden. Dass sämtliche mit der Beschwer
deführerin vorbefassten Ärzte derart fahrlässig – um nicht zu sagen in Verlet
zung ihrer ärztlichen Abklärungspflicht – vorgegangen seien, erscheine jedoch unwahrscheinlich. Sodann habe Dr. D._ auch ohne Begründung behauptet, dass bei der Beschwerdeführerin eine markante Störung der Emotionsregulie
rung vorliege. Dies, obschon Dr. med. E._,
Oberärztin des F._ der A._, die Auslösung affektiver Krisen an wech
selnden Umständen festgemacht habe und diese als Ausnahmezustände bezeichnet habe. Betreffend die Frage, wann der Status quo sine eingetreten sei, habe sich Dr. D._ ausschliesslich auf die allgemeine klinische Erfahrung gestützt, wonach solche Verschlimmerungen in der Regel nach zwei Jahren abgeklungen seien. Dies, ohne zu berücksichtigen, dass die nach dem Unfaller
eignis aufgetretene Verschlimmerung des Gesundheitszustands der Beschwer
deführerin effektiv keinesfalls abgeklungen sei. Angesichts der nicht mehr behandelbaren, psychisch-bedingten und unfallkausalen vollen Erwerbsunfä
higkeit habe sie Anspruch auf Ausrichtung von Rentenleistungen sowie einer Integritätsentschädigung. Eventuell werde beantragt, dass eine Oberbegutach
tung des Gesundheitszustands vorzunehmen sei (Urk. 1 S. 5 ff.).
3.
3.1
Nachdem die Beschwerdeführerin am 27./28. September 2009 in der Klinik für Unfallchirurgie des Z._ erstversorgt worden war (Urk. 15/M1), stellten die Ärzte der Krankenstationen der A._ nach dem stationären Aufenthalt vom 29. September bis zum 23. Oktober 2009 im gleichentags erstellten Kurzaus
trittsbericht zuhanden von Dr. E._ folgende Diagnosen (Urk. 15/M10/2):
(1)
eine Anpassungsstörung im Sinne einer akuten traumatischen Belastungsreaktion
(ICD-10 F43.23)
(2)
ein Verdacht auf eine beginnende Somatisierungsstörung (ICD-10 F45;
posttraumatische Schmerzen, vor allem linke Schulter)
(3)
vorbestehend
mittelgradige depressive Episode bei anhaltender psychosozialer
Belastung (ICD-10 F32.11)
(4)
Status nach tätlichem Angriff mit einer Faustwaffe am 2
7.
September 2009 (ICD-
10 X93)
mit:
-
Commotio cerebri (zweitägige Somnolenz und Überwachung im Z._), persis-
tierenden Kopfschmerzen
-
offener Nasenbeinfraktur
-
Halswirbelsäulen-(HWS-)Distorsion
-
multiplen Kontusionen, vor allem Ellbogen und linke Schulter mit anhaltenden
Schmerzen
-
posttraumatischer Akkomodationsstörung und corneae guttatae, mit Lesebrille
versorgt
Die Ärzte der A._ erklärten, dass sich die Beschwerdeführerin bereits vor dem überraschenden Angriff in einer depressiven, erschöpften, finanziell prekären Situation als alleinerziehende Mutter einer 11-jährigen Tochter mit einer stres
sigen Anstellung im Stundenlohn befunden habe. Seit dem Überfall habe sie täglich Schmerzen, Intrusionen und Albträume (Urk. 15/M10/2).
3.2
Dr. E._ diagnostizierte im Bericht vom 29. Januar 2010 (1) eine PTBS (ICD-10 F43.1) nach tätlichem Angriff mit Faustwaffe am 27. September 2009 und (2) eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1). Die Beschwerde
führerin komme zu wöchentlichen Konsultationen in ihr Ambulatorium. Der Zustand sei stationär. Die Täter seien gemäss Angaben der Beschwerdeführerin noch auf freiem Fuss. Zurzeit bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Urk. 15/M5).
3.3
Mit Beschluss der Vormundschaftsbehörde der Stadt Zürich vom 27. April 2010 wurde für die Beschwerdeführerin eine Beistandschaft nach aArt. 394 ZGB angeordnet (Urk. 15/A28/2).
3.4
Die Ärztinnen der B._ diagnostizierten im Bericht vom 6. September 2010 (1) eine PTBS (ICD-10 F43.1), (2) eine mittelgradige depres
sive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.11) und (3) einen Verdacht auf eine beginnende Somatisierungsstörung (ICD-10 F45). Sie erklärten, dass die Beschwerdeführerin vom 28. Juli bis zum 20. August 2010 bei ihnen in Behandlung gewesen sei (Urk. 15/M15).
3.5
Dr. med. G._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, gab im Bericht vom 27. Januar 2011 an, dass sich die Beschwerdeführerin vom 3. Mai bis zum 28. Juli 2006 bei ihm in ambulanter psychiatrischer Therapie befunden habe. Es sei dabei hauptsächlich um die schwierige psychosoziale Situation gegangen (Scheidung, Wohnsituation, Arbeitslosigkeit, Migrationsproblematik, Angst vor Entführung ihrer Tochter usw.). Diagnostisch habe es sich um eine Anpassungsstörung mit Angst und längerer depressiver Reaktion gemischt (ICD-10 F43.22) gehandelt (Urk. 15/M31).
3.6
Dr. E._ gab im Bericht vom 21. März 2011 an, dass der Zustand der Beschwerdeführerin seit der letztmaligen Berichterstattung am 30. November 2010 im Wesentlichen unverändert sei. Sie leide nach wie vor unter Albträu
men und Zuständen mit starkem Weinen (Urk. 15/M38).
3.7
Die Ärzte der H._ der A._ hielten im an Dr. E._ gerichteten Austrittsbericht vom 28. Januar 2012 fest, dass die Beschwerdeführerin vom 27. bis zum 28. Januar 2012 bei ihnen hospitalisiert gewesen sei. Die Zuweisung sei per fürsorgerische Freiheitsentziehung wegen Selbstgefährdung erfolgt. Die Tochter der Beschwerdeführerin sei am gleichen Tag wegen Suizidalität bei den I._ eingewiesen worden, woraufhin die Beschwerdeführerin einen Zusammenbruch erlitten habe (Urk. 15/M55).
3.8
Die Ärzte der C._ stellten im polydisziplinären Gutachten vom 28. Juni 2012 folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Urk. 15/M50/47):
(1)
eine schwere anhaltende affektive Störung (CD-10 F34.8), Differentialdiagnose
Angst und depressive
Störung gemischt (ICD-10 F41.2),
als Residualzustand einer
PTBS
(ICD-10 F43.1)
(2)
eine Somatisierungsstörung undifferenziert (ICD-10 F45.1) mit Elementen einer
somatoformen vegetativen Störung; Verdacht auf dissoziative Störung, gemischt
(ICD-10 F44.7)
Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie folgende (
Urk.
15/M50/47):
(1)
Kopfschmerzen, am ehesten vom Spannungstyp im Rahmen der
psychopathologischen Störung
(2)
unklare Schulterbeschwerden (keine Hinweise auf eine unfallkausale
Schulterpathologie)
(3
)
Status nach leicht dislozierter, mehrfragmentärer offener Nasenbein- u
nd
Septu
mfraktur nach tätlichem Angriff am 2
7.
September 2012, persistierende
Septumdeviation
-
Nasenatmungsbehinderung
•
hyperreaktive/allergische
Komponente
?
(4
)
ein
en
Verdacht auf dentogene Osteolyse Oberkieferbereich rechts
Die Ärzte der
C._
erklärten,
dass die Beschwerden, welche dem Residualzu
stand einer PTBS in Form einer schweren affektiven Störung zuzuordnen seien, überwiegend wahrscheinlich in natürlichem Kausalzusammenhang zum Unfall vom 27. September 2009 stehen würden. Zwar müsse ein psychischer Vorzu
stand anerkannt werden. Dieser habe gemäss den verfügbaren Informationen aber zu keinem Zeitpunkt das Ausmass einer schweren psychischen Störung erreicht. Der Status quo ante sei somit nicht erreicht worden. Die Störung, wel
che am 27. September 2009 aufgetreten sei, sei im Ausmass derart stark, dass nicht von einem Status quo sine ausgegangen werden könne. Es bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Eine dauernde erhebliche Schädigung der Integri
tät aus psychischen Gründen sei als Folge des Unfalls vom 27. September 2009 erwiesen (Urk. 15/M50/48-66).
3.9
Mit Urteil vom 5. April 2013 bestätigte das Obergericht des Kantons Zürich den vorinstanzlichen Schuldspruch (des Bezirksgerichts Bülach) gegen einen der Täter/Beschuldigten vom 27. September 2009 wegen Angriffs im Sinne von Art. 134 des Schweizerischen Strafgesetzbuches. Gleichzeitig verpflichtete das Obergericht diesen, der Beschwerdeführerin eine Genugtuung von Fr. 5‘000.--zuzüglich Zins von 5 % ab dem 27. September 2009 zu bezahlen (beantragt hatte sie eine Genugtuungssumme von Fr. 50‘000.--). Das Obergericht wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Vorinstanz zu den geltend gemachten psychischen Problemen der Beschwerdeführerin erwogen habe, es sei nicht stringent nachgewiesen, ob diese tatsächlich vorliegen würden und ob sie ihre Ursache in den Handlungen des Beschuldigten hätten. Im Berufungs
verfahren habe die Beschwerdeführerin ein Gutachten der C._ einreichen lassen, welches indessen keine Klärung herbeiführe. Aus den vorhandenen medizinischen Akten gehe hervor, dass bei der Beschwerdeführerin bereits vor dem Vorfall vom 27. September 2009 eine psychiatrische Grunderkrankung vorgelegen habe, weswegen sie auch stationär in der J._ habe behandelt werden müssen. Die Beschwerdeführerin habe sich seit längerer Zeit am Rande der Erschöpfung befunden. Weiter sei der Hinweis ver
merkt, dass sie bereits am 16. August 2009 in der psychiatrischen Poliklinik vorstellig geworden sei. Es hätten seit langem Probleme am Arbeitsplatz bestanden, wo sie auch Suizidgedanken geäussert habe. Ob der Unfall alleinige Ursache ihres psychischen Gesundheitszustands sei, sei nach wie vor offen und könne in diesem Verfahren nicht entschieden werden (Urk. 15/P1/37-38).
3.10
Die Ärztinnen des Zentrums für Depressionen, Angsterkrankungen und Psycho
therapie der A._ erklärten im an Dr. E._ gerichteten Bericht vom 8. April 2013, dass die Beschwerdeführerin vom 4. bis zum 8. April 2013 bei ihnen hos
pitalisiert gewesen sei. Der Eintritt sei freiwillig erfolgt, auf Empfehlung der behandelnden Dr. E._. Einer der Angreifer (vom 27. September 2009) sei vorzeitig aus der Haft entlassen worden, was den psychischen Zustand der Beschwerdeführerin verschlechtert habe (Urk. 15/M56).
3.11
Dr. E._ diagnostizierte im Bericht vom 29. Oktober 2013 nebst einer PTBS (ICD-10 F43.1) eine andauernde Persönlichkeitsveränderung (ICD-10 F62.0). Sie gab an, dass der Zustand der Beschwerdeführerin seit dem Bericht vom 21. März 2011 im Wesentlichen unverändert sei (Urk. 15/M52).
3.12
Die Ärztinnen des Zentrums für Akute Psychische Erkrankungen der A._ erklär
ten im Bericht vom 9. Mai 2014, dass die Beschwerdeführerin vom 22. April bis zum 2. Mai 2014 in ihrer Klinik hospitalisiert gewesen sei. Der Eintritt sei freiwillig erfolgt, bei akuter Exazerbation einer depressiven Stim
mungslage und Suizidalität im Rahmen einer familiären Belastungssituation (Streitigkeit mit der 15-jährigen Tochter) vor dem Hintergrund einer bekannten rezidivierenden depressiven Störung (Urk. 15/M57).
3.13
Dr. D._ stellte im psychiatrischen Gutachten vom 7. Juli 2015 folgende Diag
nosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Urk. 15/M58/123):
(1)
eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ (ICD-10 F60.31)
(2)
Störungen durch Sedativa oder Hypnotika: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F13.2)
(3)
Albträume (Angstträume, ICD-10 F51.5)
(4)
dissoziative Störungen (Konversionsstörungen), gemischt (ICD
-
10 F44.7)
(5)
eine undifferenzierte Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.1)
Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte Dr. D._ nicht. Er erklärte, dass bei der Beschwerdeführerin unfallfremde Faktoren im Rang einer Persönlichkeitsstörung gegeben seien, welche den Heilverlauf und die Reintegration bzw. Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin massgeblich beein
trächtigen würden. Das Unfallereignis vom 27. September 2009 habe den Vor
zustand nicht auf Dauer und richtunggebend beeinflusst. Werte man das Unfallerei
gnis vom
27. September 2009 in der Gesamtent
wicklung der psychi
schen Störungen immerhin als Aus
löser einer vorübergehenden Verschlimme
rung, dann sei
der Einfluss unfallunabh
ängiger Faktoren auf das Gesche
hen doch derart gross, dass
die vorübergehende Verschlimmerung
- gestützt auf die klinische Erfahrung -
spätestens zwei Jahre nac
h dem Unfallereignis abgeklun
gen gewesen sei. Der
Status quo sine
sei damit spätestens im Herbst 2011 erreicht worden. Eine unfallkausale Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestehe nicht (Urk. 15/M58/124-126).
4.
4.1
Unbestritten ist, dass der Angriff auf die Beschwerdeführerin vom 27. September 2009 einen Unfall im Sinne des Gesetzes darstellt, für dessen gesundheitliche Folgen die Beschwerdegegnerin grundsätzlich leistungspflichtig ist. Während zwei Jahren hat die Beschwerdegegnerin denn auch Heilungskos
ten übernommen und Taggelder ausgerichtet.
Dass im Zeitpunkt der Leistungs
einstellung per 30. September 2011 keine unfallbedingten somatischen Beschwerden mehr vorlagen, ist sodann ebenfalls unbestritten (vgl. Urk. 1). Streitig und zu prüfen ist nun, ob die Beschwerdeführerin für die geltend gemachten psychischen Beschwerden über den 30. September 2011 hinaus Anspruch auf Leistungen hat.
4.2
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdegegnerin – auch mit Blick auf die im Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 5. April 2013 geäusserten Vorbehalte gegenüber dem Gutachten der C._ vom 28. Juni 2012 (vgl. Urk. 15/P1/37-38) - zu Recht ein zweites psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben hat. Dies wurde im Übrigen beschwerdeweise auch nicht mehr beanstandet (vgl. Urk. 1).
4.3
Dr. D._ hat in seinem sehr ausführlichen Gutachten vom 7. Juli 2015 detail
lierte Befunde erhoben und
hinsichtlich seiner eigenen Diagnosestellung in nachvollziehbarer Weise dargelegt, dass die
Dynamik
der bei der Beschwerde
führerin
vorherrschenden Angst
für die Haupt
diagnose
Borderline-Störung (ICD-10 F60.31)
wegweis
end sei. Diese Angst betreffe im Kern bindungsrele
vante
, existenziell bedrohlich erlebte Ängste vo
r Alleingelassenwerden, Zurückw
eisung,
A
usgeschlossen
werden und hilflosem A
us
geliefert sein. Die daraus resultieren
de Affektdynamik - als Abbild e
iner zu Grunde liegenden defizitären Ich-Struktur - sei
nicht nur typisch, sondern auch spezifisch für
Menschen mit einer Borderline-
Persönlichkeitsproblematik. In d
ieser Dimen
sion, das heisse hinsichtlich der bindungsrelevanten, existenziell bedrohlich erlebten Ängste, gehe
die Problematik
der Beschwerdeführerin
deutlich darüber hinaus, was man im Rahm
en einer komplexen Traumafolgest
örung an
trauma
bedingt
en Pe
rsönlichkeitsveränderungen kenne
.
Die
Pers
önlichkeit
sproblematik
habe
vorliegend
daher
das A
usmass einer Persönlichkeitsstörung (Urk. 15/M58/97). Im Weiteren liege ein Abhängigkeitssyndrom durch Gebrauch von Sedativa vor (ICD-10 F13.2). Die Beschwerdeführerin nehme
seit Jahren Sedativa
vom Benzodiazepine-Typ (Temesta/Lora
zepam) oder auch ben
zodiazepinähnliche Sub
stanzen (Stilnox
/Zolpidem)
. Die Einnahme geschehe
g
emäss ärztlicher Verordnung, erfolge aber auch in un
sachgemässer, übermäs
siger und abhängiger Weise. Angesichts einer Situation, in der Angst- und Schmerzvermeidung
allgegenwärtig seien und exis
tenziell notwendig erschei
nen
würden, führe
die regelmäs
sige, auch impulsive, durch Kon
trollverlust und Wirkungsverlust gekennzeichn
ete Einnahme von Beruhigungsmitteln mit Suchtpotenzial in die Abhängigkeit (Urk. 15/M58/99).
Die Diagnose
Albträume (Angstträume; ICD-10 F51.5) könne
insofern gestellt werden, als ein Traumerle
ben voller An
gst oder Furcht beschrieben werde
mit detaillierter Erinnerung an den Trauminha
lt. Dieses Traumerleben betreffe
Themen der H
interlist, Lüge, Täuschung (Dr. E._
: „Träume von Spinnen"), der Bedrohung (
Dr. E._
: „von dunklen Gestalten verfolgt und angegriffen zu
werden") oder
der Haltlosigkeit und Enttäuschung (
Dr. E._: „in die Tiefe fallen"; Urk. 15/M58/100
).
Ausgangspunkt für die
Diagnose
dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) gemischt (ICD-10 F44.7) sei
die Analyse des „prä-stu
porös-m
utistischen Zustands", der
zur ersten psychi
atrischen Hospit
alisation
ge
führt
habe. Vorangegangen sei ein
Verlust oder mindestens die Einbusse von körperlichem
Halt und Bewegungskontrolle
, was zum Herausfallen
aus dem Bett geführt haben müsse. Es handle sich dabei um ein Misch
bild einer neuro
logisch anmutenden, aber neurologisch nicht erklärbaren Störung mit erkenn
b
arer Psychogenese (Urk. 15/M58/100). Die
undifferenzierte Somatisierungs
störung (ICD-10 F45.1) beziehe
sich
schliesslich
auf
die
Neigung
der Beschwer
deführerin, seelisches Leiden durch Erle
ben und Aufzeigen von Körperbe
schwerden zu
m Ausdruck zu bringen. Diese Diagnose beziehe sich auf somat
o
medizinisch nicht hinreichend erklärbare körpernahe Beschwerden, wie sie im Zuge neurologischer, orthopädischer und ohrenärztlicher Un
tersuchungen fest
gestellt worden seien. Es handle
sich um meist unterschiedliche
körperliche Beschwerden, die phasenweise auch zahlreicher vorkommen
würden
. Das voll
ständige und typische klini
sche Bild einer Somatisierungsstörung zeige sich indes nicht (Urk. 15/M58/100-101).
4.4
Im Weiteren hat sich Dr. D._ mit den abweichenden Beurteilungen der behan
delnden Ärzte und der Gutachter der C._ kritisch und sachlich ausei
nandergesetzt und insbesondere überzeugend dargetan, weshalb das Vorliegen einer PTBS zu verneinen ist. So setze die Diagnose einer PTBS (nach DSM-5 und ICD-10)
zunächst voraus,
dass das sogenannte Traumakriterium (A-Krite
rium) erfüllt sei. Die Traumatisierung beinhalte dabei einen objektiven Ereignis
aspekt (A1-Kriterium; eine Situation aussergewöhnlicher Bedrohung oder kata
strophalen Ausmasses oder ein Ereignis, das in gravierender Weise sexuelle Gewalt beinhalte, mit schwerwiegenden Verletzungen einhergehe oder zum Tod hätte führen können) und einen entsprechenden subjektiven Aspekt (A2-Krite
rium; Urk. 15/M58/106). Dem Urteil des Obergerichts sei betreffend Tathergang zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin – gemäss ihren stringenten Äusse
rungen -
an d
er linken Schulter gepackt worden sei, sich nach links umgedreht und
i
n das Gesicht des Täters geblickt habe
, welcher ihr im Anschluss mit der rechten Faust oder Hand auf den Kopf
geschlagen habe. Hinsichtlich der
Frage, ob
sie
eine schwerwiegende Verletzung erlitt
en oder einer tödlichen Bedrohung ausgesetzt gewesen sei (A
1-Kriterium)
, sei zu bemerken, dass der
direkte Hieb mit der Faust
oder Hand auf den Kopf
gewöhnlich nicht geeignet
sei
, den Tod herbeizuführen. Tödliche Folgen hätte der Schlag für
die Beschwerdeführerin
indirekt nur dann haben können, wenn
sie
als Folge des Hiebs derart unglück
lich auf den Kopf gefallen wäre, dass
sie sich ein schwerstes Schädelhirn-Trauma zugezogen hätte. Ob das Traumakriterium unter diesen Umständen als erfüllt zu erachten sei, sei in objektiver Hinsicht zumindest unklar. Ferner sei zu verneinen, dass der Angriff für die Beschwerdeführerin unmittelbar die Qualität eines traumatischen Ereignisses gehabt habe (A2-Kriterium). Denn dazu wäre erforderlich, dass sie nachweislich Todesangst erlebt hätte oder ein peritrauma
tisches Erleben zumindest die
Qualität des tief Verstörenden, der tiefgreifenden Verzweiflung, der intens
iven Furcht, der Hilflosigkeit oder
des Entsetzens gehabt hätte. In einer solchen Verfassung
habe
sich
die Beschwerdeführerin
in den Stunden nach dem Angriff
aber
nicht
befunden
. Jedenfalls
würden
die ers
ten ärztlichen Berichte aus
dem Z._
keinen Hinweis auf eine e
rkennbare psy
chische Alteration liefern (Urk. 15/M58/109-110).
Beim - ebenfalls erforderlichen - B-Kriterium der PTBS (Intrusionen) handle es sich sodann um das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Urk. 15/M58/106). Bemerkenswert sei in diesem Zusammenhang, dass Dr. E._ die Verknüpfung „Intrusionen und Zustände mit starkem Weinen“ mache. Tatsächlich würden nebst Dr. E._ alle anderen Untersu
cher (einschliesslich er selbst) darüber berichten, dass die Beschwerdeführerin unter bestimmen Umständen in heftiges Weinen verfalle. Es handle sich dabei um eine ausgeprägte Störung der Emotionsregulation mit einer Affektdynamik, die an das Erleben einer existenziell bedrohlichen Verlassenheitsangst anknüpfe. Die Analyse der Affektdynamik habe gezeigt, dass die Störungen der Emotionsregulation zwar auch im Erinnern des Angriffs auftreten könnten, aber keinesfalls nur dann. Zudem sei etwa im Bericht über die erste psychiatrische Hospitalisation in den Wochen nach dem Angriff vom September 2009 die Rede von Flashbacks und Albträumen, wobei im Behandlungsverlauf ein Rück
gang verzeichnet worden sei, so dass sich die Beschwerdeführerin sehr umgänglich und gut im Kontakt mit Mitpatienten gezeigt und viel Besuch von Landsleuten erhalten habe. Somit ergebe sich auch hier der Eindruck, dass die abklingenden Flashbacks im Zusammenhang mit einer positiven Befindlich
keitsänderung stehen würden. Zusammengefasst bestünden daher erhebliche Zweifel daran, ob die klinischen Beobachtungen Dr. E._ und auch dieje
nigen der Ärzte der Psychiatrischen Kliniken in psychopathologischer Hinsicht als Intrusionen gewertet werden dürften. Überdies würden auch seine eigenen gutachterlichen Untersuchungen keinen Hinweis auf ein intrusives Erleben ergeben. Zwar sei es im Rahmen der Be
gegnung mit der
Beschwerdeführerin
wiederholt zu heftigem Weinen
gekommen
. Solche Momente
würden aber
kei
nen erkennbaren Zusammenhang mit intrusivem Erleben
widerspiegeln. Die aufkommenden Gefühle hätten
nicht die Qu
alität der wiedererlebten Todes
angst oder der in der Nach
hallerinnung auftauchenden Verst
örung. Vielmehr
erkenne
man darin ein vielgestaltiges Mischbild von Scham, Trauer, Angst, Wut und
Groll (Urk. 15/M58/111-113).
Untersuche
man
sodann
die Berichte
Dr. E._
(2010
bis 2013) und denjeni
gen der Ärzte der A._ (2009) nach Belegen für
ein Ver
meidungsverhal
ten im Sinne eines
inneren Vermeidungsverhaltens, das als spezifisches Merk
mal einer
PTBS
anzusehen wäre
(C-Kriterium), finde
man auch hierfür keinen Hinweis.
Das Rückzugs- und Vermeidungsverhalten der Beschwerdeführerin entspringe nicht ein
fach einem Schutzbedürfnis angesichts eines befürc
hteten weiteren Angriffs. Es sei vielmehr Abbild von Misst
rauen und Furcht im Kon
takt mit Fremden.
Ihr Rückzugs- und Vermeidungsverhalten sei
psychologisch in einen grösseren
Zusammenhang einzubetten; es sei
im Kern Ausdruck der Persönlic
hkeitsstörung und der damit einhergehenden Angst- und Schmerz
vermeidung (Urk. 15/M58/113-114).
Schliesslich wies Dr. D._ auch darauf hin, dass die von den Gutachtern der C._ gestellte
Diagnose
impliziere
, dass eine
PTBS vorgelegen habe
und in deren Folge eine
s
chwere anhal
tende affektive Störung, di
fferentialdiagnostisch Angst und depressive
Störung gemischt, übrig geblieben sei
. Für den
diagnosti
zierenden Laien klinge
das irgendwi
e plausibel. Nachvollziehbar sei dies
aber schon bei korrekter Anwendung der gebräuchlichen
Diagnoseinstrument
e (ICD-10,
DSM-5) nicht. D
enn
ein
Residualzustand einer PTBS sei keine validiert
e psy
chiatrische Diagnose. Man wisse
also nicht, ob tatsächlich und allenfalls au
fgrund welcher Merkmale eine PTBS
weiterhin f
estzustellen sei (Urk. 15/M58/103).
4.5
Was die Beschwerdeführerin gegen das Gutachten von Dr. D._ vorbrachte (vgl. Urk. 1), vermag nicht zu überzeugen. Dr. D._ hat – wie die Beschwerde
gegnerin zutreffend bemerkte (Urk. 2 S. 12) - nicht irgendwelche nichtigen Vorfälle aufgegriffen, um zu seiner Diagnosestellung zu gelangen. Was den Vorfall von Ende September 2009 betrifft, als die Beschwerdeführerin im Rah
men einer Auseinandersetzung mit einer Pflegeperson des Z._ aus dem Bett gefallen war, erklärte die Beschwerdeführerin selbst, dass dies der Auslöser der darauffolgenden Krise gewesen sei (Urk. 15/M6/1). Daraufhin wurde sie denn auch in die A._ überwiesen. Was aus Sicht der Beschwerdeführerin damals genau passiert sein soll, wurde im Bericht der A._ vom 18. November 2009 im Übrigen detailliert wiedergegeben (Urk. 15/M6/1). Ferner ist aktenkundig, dass die Beschwerdeführerin bereits 2006 gegenüber ihrem damaligen Psychiater Dr. G._ über ihre Angst vor einer Entführung der Tochter berichtete (Urk. 15/M31) und sie auch in der Folge immer wieder entsprechende Befürch
tungen äusserte (Urk. 15/M5/2, Urk. 15/M11/1, Urk. 15/M50/19 und Urk. 15/M58/37; vgl. auch Urk. 15/M58/71-72). Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Tochter der Beschwerdeführerin hätte entführt werden können, sind indes nicht ersichtlich. Dass Dr. D._ darin eine über das normale Mass hin
ausgehende Verlassenheitsangst erkannte (Urk. 15/M58/77-79), leuchtet daher ebenfalls ein. Überdies hat Dr. D._ auch ausführlich begründet, weshalb er von einer Störung der Affektkontrolle ausging (Urk. 15/M58/80-82). Unter Hinweis darauf, dass der Grund für die Symptombildung in den Hintergründen des Strukturdefizits und der lebensgeschichtlich überdauernden Konflikte liege, welche die Beschwerdeführerin bis zu diesem Zeitpunkt dank einem Genügen der Bewältigungsstrategien habe kompensieren können, erläuterte er auch, weshalb der Angriff vom 27. September 2009 in der Gesamtentwicklung als blosser Auslöser und nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als massge
bende Ursache der vorliegenden psychischen Problematik zu betrachten ist (Urk. 15/M58/120-121). Unter diesen Umständen erscheint auch plausibel, dass der Status quo sine Dr. D._ zufolge gestützt auf die klinische Erfahrung spä
testens Ende September 2011 erreicht wurde (Urk. 15/M58/125).
4.6
Es ist somit festzuhalten, dass auf die
Beurteilung von Dr. D._ abgestellt wer
den kann.
Von allfälligen weiteren medizinischen Abklärungen sind keine entscheid
rele
vanten neuen Erkenntnisse zu erwarten, weshalb davon abzuse
hen ist.
5.
5.1
Im Weiteren wies die Beschwerdegegnerin zu Recht darauf hin, dass selbst bei Vorliegen eines natürlichen Kausalzusammenhangs zwischen dem Angriff vom 27. September 2009 und den nach September 2011 noch geklagten psychischen Beschwerden eine weitere Leistungspflicht aufgrund des Fehlens des adäquaten Kausalzusammenhangs verneint werden müsste (Urk. 2 S. 14).
Da beim erlittenen Schreckereignis die psychische Stresssituation im Vorder
grund stand, währenddessen den erlittenen somatischen Beschwerden keine (entscheidende) Bedeutung beigemessen werden kann, erscheint es sachgerecht, den
adäquaten
Kausalzusammenhang nach der allgemeinen Formel (gewöhnli
cher Lauf der Dinge und allgemeine
Lebenserfahrung) zu überprüfen (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 8C_653/2007 vom 28. März 2008 E. 2.4-5 mit Hinweisen)
.
5.2
Der vorliegende Angriff vom 27. September 2009 (vgl. zum genauen Tather
gang die Sachverhaltsdarstellung in E. 4.4, welche gemäss Obergericht des Kantons Zürich so als erstellt gelten kann),
der von eher kurzer Dauer war,
ist vergleichbar mit den von der Beschwerdegegnerin aufgeführten Fällen von Ereignissen, welche nach Meinung des Bundesgerichts nicht geeignet waren, langjährige, psychische Störungen mit andauernder Arbeitsunf
ähigkeit auszu
lösen (vgl. E. 2.1
). Weiter wurde die Adäquanz
etwa
auch bei einem Überfall in einem Spielsalon durch drei maskierte Männer verneint, wobei einer mit den Fäusten auf das Opfer einschlug, ein anderer dieses mit einer Pistole bedrohte und
sich die Versicherte
nebst Schwellungen im Gesicht eine Rissquetschwunde über dem linken Auge zuzog, welche genäht werden musste (Urteil des
damali
gen
Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 2/05 vom 4. August 2005). Auch im Falle einer Versicherten, welche um 3.40 Uhr als erste bei der Arbeit erschien und von drei schwarz gekleideten und vermummten Einbrechern überrascht wurde, wurde der adäquate Kausalzusammenhang verneint. Die Täter befahlen dabei der Versicherten sich auf den Boden zu legen, wo sie an Armen und Beinen gefesselt in einer Toilette eingesperrt wurde und sich am Hinterkopf ein Hämatom zuzog (Urteil des Bundesgerichts 8C_522/2007 vom 1. September 2008).
Wie die Beschwerdegegnerin zutreffend feststellte (Urk. 2 S. 14), erscheint eine Einstellung der Leistungen zwei Jahre nach dem Unfallereignis vom 27. September 2009 deshalb als gerechtfertigt.
6
.
Zusammenfassend führt dies in Bestätigung des angefochtenen Einspracheent
scheids zur Abweisung der Beschwerde.
Der beantragte Beizug der Strafakten des Bezirksgerichts Bülach und des Oberge
richts des Kantons Zürich (Urk. 1 S. 3) erweist sich im Übrigen nicht als erforderlich.
7.
7.1
Da die Beschwerdeführerin bedürftig ist (Urk. 11-12), der Prozess nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet werden kann und die anwaltliche Vertretung der Beschwerdeführerin
geboten war, ist ihr Rechtsanwältin Dina Raewel
als
unentgeltliche
Rechtsvertreter
in
für das vorliegende
Verfahren
zu bestellen.
Da Rechtsanwältin Raewel trotz Aufforderung (Urk. 17) keine Honorarnote einge
reicht hat, ist deren Entschädigung ermessensweise ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Pro
zesses auf
Fr.
2‘800.-- (inkl. Barauslagen und MWSt) festzulegen.
Das Gesuch der Beschwerdeführerin
um
unentgeltliche
Prozessführ
ung erweist sich als obsolet, weil
das vorliegende Verfahren kostenlos ist (Art. 61 lit. a
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG).
7.2
Kommt die
Beschwerdeführer
in
künftig in günstige wirtschaf
tliche Verhältnisse, so kann
das Gericht
sie
zur Nachzahlung der Auslagen für die
unentgeltliche
Rechtspflege verpflichten (§ 16 Abs. 4 des Gesetzes über das Sozialversiche
rungsgericht, GSVGer).