Decision ID: d590ea3f-bc30-5a5f-a950-11829b3774dc
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Rekurrent,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Vorinstanz,
betreffend
individuelle Prämienverbilligung 2009
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 23. Dezember 2009 bei der Sozialversicherungsanstalt des
Kantons St. Gallen (SVA) für die Prämienverbilligung 2009 an und vermerkte auf dem
Antragsformular, seit 27. Januar 2006 gerichtlich getrennt zu sein (act. G 3.1/19).
A.b Mit Verfügung vom 3. Februar 2010 wies die SVA das Gesuch ab. Alleinstehende
mit einem steuerbaren Vermögen von über Fr. 100'000.-- und Verheiratete mit einem
solchen von über Fr. 150'000.-- hätten keinen Anspruch auf Prämienverbilligung. Weil
das steuerbare Vermögen des Versicherten den in seinem Fall anwendbaren Grenzwert
von Fr. 100'000.-- übersteige, müsse sein Antrag auf Prämienverbilligung abgelehnt
werden (act. G 3.1/16).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte am 20. Februar 2010 Einsprache.
Sein steuerbares Vermögen habe per 31. Dezember 2007 unter dem Grenzwert von
Fr. 100'000.-- gelegen (act. G 3.1/6).
B.b Mit Entscheid vom 22. Oktober 2010 wies die SVA die Einsprache ab (act.
G 3.1/10).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich der vom Versicherten erhobene
Rekurs vom 2. November 2010 mit dem sinngemässen Antrag, der
Einspracheentscheid vom 22. Oktober 2010 und mit ihm die Verfügung vom 3. Februar
2010 seien aufzuheben und die für das Jahr 2009 beantragte Prämienverbilligung sei
zuzusprechen. Zur Begründung bringt der Versicherte vor, dass er am 16. März 2010
rechtskräftig geschieden worden und vorher lediglich gerichtlich getrennt gewesen sei.
In seinem Fall sei daher der Grenzwert für das steuerbare Vermögen von Verheirateten
im Betrag von Fr. 150'000.-- anzuwenden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b In der Vernehmlassung vom 15. November 2010 beantragte die Vorinstanz die
Abweisung des Rekurses, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des
Rekurrenten. Bei einer gerichtlich getrennten Person gelange nicht der Grenzwert von
Verheirateten zur Anwendung. Eine solche Person sei definitionsgemäss nicht mehr
verheiratet, sondern "standesamtlich getrennt" und sei damit im Sinne des Gesetzes
als alleinstehend zu taxieren.
C.c Mit Replik vom 3. Januar 2011 hielt der Rekurrent an seinem Antrag und seinem
Standpunkt fest. Mit Schreiben vom 7. Januar 2011 verzichtete die Vorinstanz auf die
Einreichung einer Duplik.

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 65 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (SR 832.10;
KVG) haben die Kantone den Versicherten in bescheidenen Verhältnissen
Prämienverbilligungen zu gewähren. Dazu haben sie nach Art. 97 Abs. 1 KVG
Ausführungsbestimmungen zu erlassen, bei deren Ausgestaltung die Bedingungen von
Art. 66 KVG sowie Art. 65 Abs. 3 KVG zu beachten sind (Art. 65 Abs. 2 KVG). Der
Kanton St. Gallen ist dieser Verpflichtung durch die Art. 9-16 des Einführungsgesetzes
zur Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung (sGS 331.11; EG-KVG) und
die dazugehörigen Vollzugsvorschriften in Art. 9-38 der Verordnung zum
Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung (sGS
331.111; Vo-EG) nachgekommen, wobei er insbesondere die persönlichen (Art. 10 EG-
KVG) und die einkommensmässigen (Art. 11 EG-KVG) Voraussetzungen sowie die
Höhe der Prämienverbilligung festgelegt hat (Art. 12 EG-KVG).
1.2 In Bezug auf die einkommensmässigen Voraussetzungen bestimmt Art. 11 Abs. 1
EG-KVG, dass die Regierung das die Prämienverbilligung auslösende Einkommen
unter teilweiser Berücksichtigung des steuerbaren Vermögens durch Verordnung
festsetzt, wobei Grundlage in der Regel die letzte definitive Steuerveranlagung bildet
(Abs. 2). Entspricht das ermittelte Einkommen offensichtlich nicht der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit, wird auf diese abgestellt (Abs. 3). Eine Prämienverbilligung wird
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach Art. 10 Abs. 1 EG-KVG Personen gewährt, die im Kanton St. Gallen
steuerrechtlichen Wohnsitz haben (lit. a) und ein die Prämienverbilligung auslösendes
Einkommen erzielen (lit. b). Massgebend für die Anspruchsberechtigung auf
Prämienverbilligung sind für Personen mit zivilrechtlichem Wohnsitz im Kanton die
persönlichen und familiären Verhältnisse am 1. Januar des Jahres, für das die
Prämienverbilligung beansprucht wird, im konkreten Fall am 1. Januar 2009 (Art. 9 Abs.
1 Vo-EG). Zu den familiären Verhältnissen gehört auch der Zivilstand der versicherten
Person (vgl. dazu Botschaft betreffend den Bundesbeschluss über die Bundesbeiträge
in der Krankenversicherung und die Teilrevision des Bundesgesetzes über die
Krankenversicherung vom 21. September 1998, BBl 1999 S. 844f.; Art. 12a Abs. 2 Vo-
EG).
1.3 Das massgebende Einkommen für die Berechnung der Prämienverbilligung für
Personen mit zivilrechtlichem Wohnsitz im Kanton entspricht gemäss Art. 12 Abs. 2 Vo-
EG dem nach kantonalem Steuerrecht ermittelten Reineinkommen, zuzüglich eines
Zehntels des steuerbaren Vermögens (Ziff. 1), zuzüglich der Beiträge an die Gebundene
Selbstvorsorge Säule 3a (Ziff. 2), zuzüglich die Leistungen und Einkaufsbeiträge an
Einrichtungen der beruflichen Vorsorge, soweit diese den Betrag von Fr. 25'000.--
übersteigen (Ziff. 3), zuzüglich des Liegenschaftsaufwands, soweit dieser den
Pauschalabzug von 20 Prozent der Mieteinnahmen übersteigt (Ziff. 4), zuzüglich der
Vorjahresverluste nach Art. 42 des Steuergesetzes vom 9. April 1998 (Ziff. 5), zuzüglich
75 Prozent des im vereinfachten Verfahren nach Art. 3 des Bundesgesetzes über
Massnahmen zur Bekämpfung der Schwarzarbeit vom 17. Juni 2005 abgerechneten
Bruttolohns (Ziff. 5bis), sowie abzüglich den Kinderabzug nach Art. 14 (Ziff. 6).
Alleinstehende mit einem steuerbaren Vermögen von über Fr. 100'000.-- und
Verheiratete mit einem steuerbaren Vermögen von über Fr. 150'000.-- haben keinen
Anspruch auf Prämienverbilligung (Art. 12 Abs. 3 Vo-EG). Abgestellt wird auf die
Steuererklärung bzw. auf die die Steuerperiode betreffende definitive Veranlagung des
vorletzten Jahres (Art. 12 Abs. 4 Vo-EG), im konkreten Fall mithin auf die definitive
Steuerveranlagung 2007.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Der Rekurrent lebt zufolge der Anmeldung für die individuelle Prämienverbilligung
(IPV) 2009 vom 23. Dezember 2009 seit 27. Januar 2006 (act. G 3.1/19) und laut
Einsprache vom 20. Februar 2010 seit Herbst 2005 gerichtlich von seiner Ehefrau
getrennt (act. G 3.1/6). Geschieden ist er gemäss Familienausweis seit 16. März 2010
(act. G 11). Während sich der Rekurrent auf den Standpunkt stellt, er sei damit am
1. Januar 2009 (vgl. dazu Erwägung 1.2) zwar gerichtlich getrennt, aber noch
verheiratet gewesen, womit der Grenzwert für Verheiratete anwendbar sei, ordnet ihn
die Vorinstanz als Alleinstehenden ein.
2.2 Die Bestimmungen im EG-KVG sowie in der Vo-EG betreffend Prämienverbilligung
bringen eine klare Übereinstimmung mit dem Steuerrecht zum Ausdruck (so wird
ausdrücklich vom steuerbaren Vermögen und steuerbaren Einkommen sowie von der
Veranlagung nach kantonalem Steuerrecht gesprochen). Insofern sind bei der Prüfung
des Anspruchs des Rekurrenten auf IPV die steuerrechtlichen Vorgaben, d.h. auch die
steuerrechtliche Stellung einer steuerpflichtigen Person, massgebend. Gemäss
Steuerrecht werden die in ungetrennter Ehe lebenden Ehegatten gemeinsam besteuert,
d.h. ihr Einkommen und ihr Vermögen werden unter jedem Güterstand, selbst bei
Gütertrennung, für die Besteuerung zusammengerechnet (Familienbesteuerung
gemäss Art. 20 Abs. 1 des Steuergesetzes [StG; sGS 811.1]). Die Voraussetzungen für
die Familienbesteuerung sind jedoch nur gegeben, wenn die Ehe auch als eheliche
Gemeinschaft besteht. Ist sie gerichtlich oder auch nur tatsächlich getrennt, so werden
die Ehegatten selbständig besteuert (Weidmann/Grossmann/Zigerlig, Wegweiser durch
das st. gallische Steuerrecht, 6. Aufl. Bern 1999, S. 18 f.). Der Zivilstand bzw.
Personenstand ist sodann grundsätzlich ein Rechtsbegriff des Zivilrechts, dem aber
auch im IPV-Recht eine gewisse Bedeutung zukommt (vgl. Art. 9 Abs. 1 und Art. 12a
Abs. 2 Vo-EG). Zu beachten ist jedoch, dass sowohl das Steuer- als auch das IPV-
Recht nicht die klassischen Begriffe des Zivilstandsrechts verwendet, sondern offenere
wie "persönliche und familiäre Verhältnisse". Wie vom Rekurrenten in der Replik
festgehalten, kennt das Zivilrecht lediglich die Zivilstände ledig, verheiratet, verwitwet
und geschieden, nicht aber einen Zivilstand getrennt (vgl. dazu Tuor/Schnyder/Schmid/
Rumo-Jungo, Das Schweizerische Zivilgesetzbuch, 13. Aufl. Zürich 2009, S. 131 und
zum Personenstand "in eingetragener Partnerschaft" gemäss Art. 2 Abs. 3 des
Bundesgesetzes über die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare
[Partnerschaftsgesetz, PartG; SR 211.231] A. Büchler, FamKomm Eingetragene
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Partnerschaft, Bern 2007, Art. 2 PartG N 16) oder - wie das Steuerrecht - alleinstehend.
Während die Ehescheidung die Ehe rechtlich beendet, wird das Eheband durch die
Trennung nicht aufgelöst. Der Personenstand beider Eheleute sowie deren
gegenseitiges Erbrecht bleiben tatsächlich unverändert. Nur die Pflicht zur ehelichen
Gemeinschaft, zum Zusammenleben der Ehegatten, wird aufgehoben. Für das
Steuerrecht und mithin auch die IPV, die in erster Linie auf die Steuerdaten abstellt, ist
daher nicht der Zivilstand an sich, sondern die materielle, zivilrechtliche Trennungsfolge
gemäss Art. 118 Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB; SR 210) von
Bedeutung, wonach mit der Trennung von Gesetzes wegen der ausserordentliche
Güterstand der Gütertrennung eintritt. Hierin unterscheidet sich der in Trennung
lebende Ehegatte vom verheirateten Ehegatten (vgl. dazu Art. 20 Abs. 1 StG; Tuor/
Schnyder/Schmid/Rumo-Jungo, a.a.O., S. 305). In das eben dargelegte System gilt es
die Begriffe "Alleinstehende" und "Verheiratete" einzuordnen. Der Rekurrent gilt zwar
zivilrechtlich als Verheirateter, doch haben bei der IPV die steuerrechtlichen Vorgaben
Vorrang, wonach getrennt lebende Ehegatten, wie bereits erwähnt, getrennt besteuert
werden. Das Vermögen der früheren Ehefrau kann damit im Rahmen der
Steuerberechnung des Rekurrenten automatisch keine Steuerberechnungsgrundlage
mehr bilden. Der Rekurrent wird laut Auskunft des Steueramtes vom 17. Juli 2007 seit
1. Januar 2005 bzw. seiner gerichtlichen Trennung entsprechend der steuerrechtlichen
Regelung getrennt von seiner früheren Ehefrau besteuert und weist insofern für das
Jahr 2007 eigene Steuerdaten auf (act. G 3.1/14). Die Vorinstanz hat bei der Prüfung
des Anspruchs des Rekurrenten auf Prämienverbilligung für das Jahr 2009
entsprechend der in Erwägung 1.3 dargelegten Regelung auf die rechtskräftige
definitive Steuerveranlagung 2007 bzw. deren Zahlen und damit auf ein Vermögen von
Fr. 149'000.-- (act. G 3.1/11) abgestellt. Dieses Vermögen ist aufgrund der getrennten
Besteuerung einzig dem Rekurrenten zuzuordnen. Es übersteigt den für Alleinstehende
vorgesehene Grenzwert von Fr. 100'000.--, womit ein Anspruch auf IPV für das Jahr
2009 ohne Prüfung der weiteren Elemente des massgebenden Einkommens zu
verneinen ist.
3.
3.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist der Rekurs gegen den
Einspracheentscheid vom 22. Oktober 2010 abzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Gemäss Art. 95 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRP;
sGS 951.1) hat in Streitigkeiten grundsätzlich jener Beteiligte die Kosten zu tragen,
dessen Begehren ganz oder zum Teil abgewiesen werden. Der Rekurrent ist im
vorliegenden Verfahren vollständig unterlegen und hat demnach für die Gerichtskosten
aufzukommen. Von der Erhebung der Gerichtsgebühr in Anwendung von Art. 97 VRP
abzusehen, besteht vorliegend aufgrund der Vermögensverhältnisse des Rekurrenten
kein Anlass. In Anwendung von Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung
(sGS 941.12) hat der Rekurrent daher eine Gerichtsgebühr von Fr. 500.-- zu bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP