Decision ID: 0996566c-fca1-56b8-92d1-0144ac8554ad
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner betreibt auf der Parzelle Frauenkappelen Grundbuchblatt
Nr. E._ eine Schlosserei. Die Parzelle liegt in der Weilerzone und im Bereich der
Baugruppe C "Mühle" gemäss Bauinventar des Kantons Bern. In einem nachträglichen
Baubewilligungsverfahren erteilte die Gemeinde dem Beschwerdegegner die
Baubewilligung für folgendes Bauvorhaben: "Umnutzung des baubewilligten Vorplatzes als
RA Nr. 120/2015/57 2
Arbeits- und Umschlagsfläche auf der gesamten bestehenden Fläche, Nutzung für die
Ausübung der Arbeitstätigkeiten im Zusammenhang mit dem Betrieb der mechanischen
Werkstatt/Schlosserei, das Abstellen von Geräten, Maschinen und Fahrzeugen, welche
dafür erforderlich sind, sowie als Umschlagsplatz."
Aufgrund einer Beschwerde der benachbarten Beschwerdeführenden ergänzte die Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) die Baubewilligung der Gemeinde
mit Entscheid vom 22. April 2015 (RA Nr. 110/2014/127) u.a. mit folgender Auflage:
"Entlang der gemeinsamen Marche der Parzelle Frauenkappelen Grundbuchblatt Nr.
E._ und der Parzelle Frauenkappelen Grundbuchblatt Nr. F._ dürfen sich
im Abstandsbereich von 2 m ab Grenze ohne Zustimmung der Nachbarn keine
Lagerhaltungen oder Gestelle befinden." Der Entscheid der BVE erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
2. Nachdem sich die Beschwerdeführenden bei der Gemeinde über die Nichteinhaltung
dieser Auflage beschwerten, erliess die Gemeinde am 4. September 2015 folgende, an
den Beschwerdegegner adressierte Verfügung: "1. Der Container auf Rollen und die Metallmulde sind innerhalb von 10 Tagen seit Erhalt dieser
Verfügung auf dem 2.00 m Bereich zur Grundstücksgrenze gegenüber der Parzelle Nr.
F._ zu entfernen, sofern sie weiterhin fix abgestellt werden sollen. Andernfalls ist nur ein
tageweises Abstellen in diesem Bereich zugelassen.
2. Im Abstandsbereich von 2.00 m ab Parzellengrenze ist keine Lagerhaltung zugelassen, d.h.
Material darf ausschliesslich tageweise und ohne fixe Gestelle oder z.B. auf einem Palett
tageweise abgestellt werden."
3. Gegen diese Verfügung reichten die Beschwerdeführenden am 5. Oktober 2015
Beschwerde bei der BVE ein. Sie stellen folgendes Rechtsbegehren: " Die Verfügung der Bau- und Verkehrskommission Frauenkappelen vom 4. September 2015 sei
aufzuheben, soweit sie in ihrer Formulierung die Auflage der BVE im Beschwerdeentscheid vom
22. April 2015, Entscheidsziffer 1, al 2 (Verfahren 110/2014/127) aufzuweichen versucht bzw.
aufweicht, und es sei die Baupolizeibehörde Frauenkappelen anzuhalten, der BVE-Auflage
gegenüber dem Beschwerdegegner vorbehaltlos Nachachtung zu verschaffen".
RA Nr. 120/2015/57 3
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Mit Beschwerdeantwort vom 28.
Oktober 2015 beantragt der Beschwerdegegner die Abweisung der Beschwerde. Die
Gemeinde stellt in ihrer Stellungnahme vom 2. November 2015 ebenfalls den Antrag, die
Beschwerde sei abzuweisen und die Verfügung der Gemeinde sei zu bestätigen.
5. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Mit der angefochtenen Verfügung weist die Gemeinde den Beschwerdegegner an, einen
Container auf Rollen und eine Metallmulde aus dem Grenzabstand von 2 m zu entfernen.
Zudem konkretisiert sie die von der BVE mit Entscheid vom 22. April 2015 verfügte
Auflage, indem sie verfügte, im Grenzabstand von 2 m gegenüber der Parzelle der
Beschwerdeführenden dürfe Material ausschliesslich tageweise und ohne fixe Gestelle
oder z.B. auf einem Palett tageweise abgestellt werden. Es handelt sich dabei um eine
baupolizeiliche Verfügung, welche nach Art. 49 Abs. 1 BauG2 innert 30 Tagen seit
Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden kann. Die
Beschwerdeführenden sind als Nachbarn durch die angefochtene Verfügung beschwert
und daher zur Beschwerde legitimiert. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten.
2. Einhaltung der Auflage, Auslegung durch die Gemeinde
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191). 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721).
RA Nr. 120/2015/57 4
a) Die Beschwerdeführenden sind der Ansicht, dass die Gemeinde nicht für die
vorbehaltslose Durchsetzung der rechtskräftig verfügten Auflage gemäss Entscheid der
BVE vom 22. April 2015 sorgt. So sei zwar der Kehrichtcontainer und der
Altmetallcontainer nach der Intervention der Gemeinde von der Grenze entfernt worden.
Nun stehe aber während Tagen ein Anhänger mit einem blachenbedeckten Palettgestell im
Grenzbereich. Ebenso würden geschlossene Anhängergefährte schikanös über längere
Zeit an der Grenze abgestellt. Die Auflage der BVE sei unmissverständlich. Die Gemeinde
habe mit ihrer Interpretation, wonach "tageweise ohne fixe Gestelle bzw. auf einem Palett"
betriebene Lagerungen nicht unter die Auflage fallen würden, dem nachbarlichen
Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Auch bringe eine Lagerung der Ware auf einem
fahrbaren Anhänger über mehrere Tage gegenüber der verpönten Lagerung im
zweimetrigen Abstandsbereich für sie keine Verbesserung. Die Verfügung der Gemeinde
sei dahingehend richtig zu stellen, dass jede über 1-tägige Lagerung von Material auf
beweglichen oder unbeweglichen Gestellen bzw. direkt am Boden unter das von ihr
verfügte Lagerungsverbot falle und damit jeder Widerhandlung in diesem Sinne
baupolizeilich durch Einschreiten geahndet werden müsse.
Der Beschwerdegegner hält in der Beschwerdeantwort vom 28. Oktober 2015 fest, er habe
sämtliche Lagerhaltungen aus dem Grenzabstand entfernt. Das von den
Beschwerdeführenden erwähnte Material auf dem Anhänger sei eine Maschine, welche für
einen Kunden in der Schweiz angefertigt werde und in Einzelteilen zu ihm in die Werkstatt
geliefert worden sei. Sobald diese Arbeiten fertig seien, werde die Maschine dem Kunden
ausgeliefert. Es handle sich keinesfalls um nichtgebrauchtes Material. Da die
Beschwerdeführenden auf der Seite zum Vorplatz weder bewohnte Räume noch Türen
oder Fenster hätten, könne er sich nicht vorstellen, dass sie durch seine Arbeiten
unzumutbar gestört würden. Es gehe der Nachbarschaft lediglich darum ihn finanziell zu
ruinieren.
Die Gemeinde bringt in ihrer Stellungnahme vom 2. November 2015 vor, sie sei zuständig
für die Einhaltung der Bauvorschriften, weshalb ihr auch die Auslegung der umstrittenen
Auflage obliege. Dies habe sie mit der angefochtenen Verfügung gemacht. Die in der Folge
durchgeführten Kontrollen hätten ergeben, dass der Beschwerdegegner dieser Auflage
nachlebe. Aus der Beschwerde gehe nicht hervor, dass den Beschwerdeführenden durch
die von ihr festgehaltenen zwischenzeitlichen Nutzungen des Streifens im Grenzbereich
durch den Beschwerdegegner nachweislich ein Schaden entstanden sei. Die
RA Nr. 120/2015/57 5
Gemeindebaupolizeibehörde könne stichprobenweise Kontrollen durchführen, sie sei
jedoch ausserstande, den Grenzbereich rund um die Uhr zu kontrollieren oder zu
bewachen. Tatsache sei, dass sich im Grenzbereich seit der angefochtenen Verfügung
keine fixen Gestelle mehr befänden. Sie sei der Ansicht, dass der Beschwerdegegner die
Auflage einhalte und sehe keinen weiteren Handlungsbedarf.
b) Mit der umstrittenen Auflage verlangte die BVE im Entscheid vom 22. April 2015,
dass sich entlang der gemeinsamen Marche der Parzelle Frauenkappelen Grundbuchblatt
Nr. E._ und der Parzelle Frauenkappelen Grundbuchblatt Nr. F._ im
Abstandsbereich von 2 m ab Grenze ohne Zustimmung der Nachbarn keine
Lagerhaltungen oder Gestelle befinden dürfen. Begründet wurde dies im Entscheid damit,
dass unbewohnte An- und Nebenbauten gemäss Art. 212 Abs. 2 Bst. a GBR3 einen
Grenzabstand von mindestens 2 m einzuhalten hätten. Die damals vorhandene
Lagerhaltung im vorderen Bereich und das Eisengestell im hinteren Bereich des Vorplatzes
seien aufgrund ihrer Dimensionen bzw. der durch sie beanspruchten, nicht zu
vernachlässigenden Fläche sowie dem Umstand, dass sie dauernd und seit längerer Zeit
am selben Ort platziert sind, den unbewohnten Nebenbauten gleichzustellen. Solche
Lagerhaltungen seien daher aus dem Grenzabstand zu entfernen.
Mit der angefochtenen Verfügung intervenierte die Gemeinde beim Beschwerdegegner und
verlangte von diesem, dass ein Container auf Rollen sowie eine Metallmulde, welche seit
längerer Zeit praktisch unverändert im Grenzabstand abgestellt waren, zu entfernen sind
(Ziffer 1). Mit Ziffer 2 der angefochtenen Verfügung nahm sie eine Auslegung der Auflage
der BVE vor, indem sie verfügte, im Abstandsbereich von 2.00 m ab Parzellengrenze sei
keine Lagerhaltung zugelassen, d.h. Material dürfe ausschliesslich tageweise und ohne
fixe Gestelle oder z.B. auf einem Palett tageweise abgestellt werden.
Entgegen deren Ausführungen in der Beschwerde (Rz. 5, zweiter Abschnitt) hat die
Gemeinde in der Verfügung das Wort "tageweise" nicht nur im ersten Satzteil ("tageweise
und ohne fixe Gestelle"), sondern auch im zweiten Satzteil ("oder z.B. auf einem Palett
tageweise") aufgeführt. Es ist zudem nicht ersichtlich, inwiefern die von den
Beschwerdeführenden verlangte Richtigstellung, wonach jede über 1-tägige Lagerung von
Material auf beweglichen oder unbeweglichen Gestellen bzw. direkt am Boden unter das
3 Baureglement der Gemeinde Frauenkappelen vom 19. August 2010, genehmigt durch das AGR am 6. Oktober 2011.
RA Nr. 120/2015/57 6
verfügte Lagerungsverbot fallen müsse (Rz. 5, dritter Abschnitt), von der Interpretation der
Gemeinde abweicht. Ein Anpassungsbedarf der Verfügung der Gemeinde vom 4.
September 2015 besteht damit nicht.
c) Die Beschwerdeführenden verlangen weiter, die Baupolizeibehörde sei anzuhalten,
der BVE-Auflage gegenüber dem Beschwerdegegner vorbehaltslos Nachachtung zu
verschaffen.
Die BVE ist nicht Aufsichtsbehörde der Gemeinden, weshalb auf diesen Antrag nicht
einzutreten ist. Ohnehin machen die Beschwerdeführenden nicht konkret geltend, inwiefern
die Gemeinde ihren baupolizeilichen Pflichten nicht nachgekommen sein soll. Eine
Vernachlässigung der baupolizeilichen Aufgaben ist auch nicht erkennbar. Gemäss
eigenen Aussagen hat die Gemeinde nach Erlass der angefochtenen Verfügung Kontrollen
durchgeführt und dabei festgestellt, dass der Auflage nachgelebt wird. Zudem hat sie innert
angemessener Frist reagiert, als die Beschwerdeführenden auf eine unzulässige
Lagerhaltung hingewiesen haben.
d) Die Beschwerde erweist sich damit als unbegründet und ist abzuweisen, soweit
darauf eingetreten werden kann.
3. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG4). Diese werden bestimmt
auf eine Pauschalgebühr von Fr. 600.00.
b) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).