Decision ID: 86144e7c-997e-5819-b9ce-76addbc2510a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein ethnischer Ingusche mit letztem Wohnsitz
in B._, Inguschetien, stellte am 6. Oktober 2015 zusammen mit sei-
ner (mittlerweile verstorbenen) Ehefrau und der gemeinsamen Tochter ein
Asylgesuch in der Schweiz.
A.b Anlässlich der Personalienaufnahme vom 8. Oktober 2015 und der
einlässlichen Anhörung im sogenannten Testbetrieb brachte der Beschwer-
deführer im Wesentlichen Folgendes vor:
Im Juli 2012 hätten russische Soldaten ihn von seinem Haus in ein Verhör-
zimmer verschleppt. Ihm sei vorgeworfen worden, eine Kolonne der russi-
schen Armee angegriffen zu haben. Die Soldaten hätten ihn befragt, miss-
handelt und gedrängt, die Schuld für den Angriff einzuräumen; er habe sich
jedoch geweigert. Nachdem sein Bruder wenige Tage nach der Mitnahme
einem Staatsanwalt eine Geldsumme bezahlt habe, sei er freigelassen
worden. Im August 2012 hätten die Sicherheitskräfte ihn mit einem Gross-
aufgebot erneut zu Hause festnehmen wollen; er sei zu diesem Zeitpunkt
jedoch nicht daheim gewesen. Nach diesem Vorfall habe er sich einige
Monate bei Freunden und Bekannten in seiner Heimatregion versteckt.
Anschliessend habe er sich nach C._ begeben, wo er sich ohne
weitere Probleme bis zu seiner Ausreise aufgehalten habe. Er habe jedoch
befürchtet, auch dort von den russischen Behörden ausfindig gemacht wer-
den zu können, weshalb er sich schliesslich zur Ausreise entschlossen
habe. Nach seiner Flucht seien seiner Familie im (...) 2012 zwei
Gerichtsvorladungen für ihn zwecks einer Zeugenaussage zugestellt wor-
den. Er habe dies für einen Vorwand für eine erneute Festnahme gehalten
und sei deshalb nicht erschienen. Daraufhin sei er zur Fahndung ausge-
schrieben worden. 2014 habe sein Schwiegervater beim russischen
Inlandgeheimdienst Informationen zu seinem Verbleib einholen wollen;
dabei sei ihm mitgeteilt worden, es bestehe der Verdacht, dass der Schwie-
gersohn nach Syrien gereist sei.
A.c Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer
unter anderem zwei Gerichtsvorladungen vom (...) und (...) 2012 sowie ein
Fahndungsblatt zu den Akten.
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B.
B.a Am (...) 2016 wurde die Ehefrau des Beschwerdeführers in der
Schweiz Opfer eines Gewaltverbrechens. In der Folge erhob die Staatsan-
waltschaft des Kantons D._ Anklage gegen den Beschwerdeführer
aufgrund eines an seiner Partnerin verübten Tötungsdelikts.
B.b Das Asylgesuch der verstorbenen Ehefrau wurde am (...) 2016 abge-
schrieben. Auch dasjenige der Tochter wurde am 8. Mai 2017 als gegen-
standslos geworden abgeschrieben, nachdem diese am (...) April 2017
nach Russland zurückgekehrt war.
C.
Mit Schreiben vom 20. Juni 2017 zog der Beschwerdeführer sein Asylge-
such zurück, woraufhin dieses vom SEM am 30. Juni 2017 als gegen-
standslos geworden abgeschrieben wurde.
II.
D.
Mit Schreiben vom 6. Februar 2019 (Eingangsstempel SEM) gelangte der
Beschwerdeführer an die Vorinstanz und machte darin sinngemäss gel-
tend, nicht auf seinen Asylstatus in der Schweiz verzichtet haben zu wollen.
Eventualiter ersuchte er um Durchführung eines neuen Asylverfahrens,
weil ihm infolge des Todes seiner Ehefrau in seinem Heimatstaat Blutrache
drohe.
E.
Das SEM bestätigte dem Beschwerdeführer am 13. Februar 2019, seine
Eingabe als neues Asylgesuch entgegengenommen zu haben.
F.
Das Kantonsgericht D._ erklärte den Beschwerdeführer mit Ent-
scheid vom 14. Oktober 2019 der vorsätzlichen Tötung schuldig, verurteile
ihn zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren und verwies ihn für eine Dauer
von 15 Jahren des Landes. Eine dagegen erhobene Beschwerde wies das
Bundesgericht später mit Urteil 6B_187/2020 vom 21. Oktober 2020 ab,
womit die Verurteilung rechtskräftig wurde.
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Seite 4
G.
Anlässlich der Befragung vom 25. August 2020 machte der Beschwerde-
führer – in Ergänzung zu den Vorbringen im Rahmen des ersten Asylver-
fahrens – im Wesentlichen geltend, infolge des Gerichtsurteils gegen ihn
im Zusammenhang mit dem Tod seiner Ehefrau nun zu befürchten, seitens
seiner Schwiegerfamilie Opfer von Blutrache zu werden.
H.
Mit Verfügung vom 19. März 2021 – eröffnet am 23. März 2021 – verneinte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein
Asylgesuch ab und verwies betreffend den Vollzug der rechtskräftigen Lan-
desverweisung auf die Kompetenz der zuständigen kantonalen Behörde.
I.
I.a Der Beschwerdeführer gelangte mit Schreiben vom 13. April 2021 an
die Vorinstanz, welche die Eingabe in Anwendung von Art. 8 VwVG zustän-
digkeitshalber ans Bundesverwaltungsgericht überwies.
I.b Die Eingabe war in deutscher und russischer Sprache verfasst, wobei
der deutschsprachige Teil im Wesentlichen – zusammen mit einer Bitte um
Übersetzung – auf die ausführlichen russischen Ausführungen im zweiten
Teil der Eingabe verwies.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 28. April 2021 setzte der Instruktionsrichter
dem Beschwerdeführer – unter Androhung des Nichteintretens – eine
Nachfrist zur Einreichung einer Beschwerdeverbesserung, zumal aus dem
deutschen Teil der Eingabe vom 13. April 2021 nicht erkennbar werde, ob
beziehungsweise in welchem Umfang sowie mit welcher Begründung eine
Aufhebung der angefochtenen Verfügung respektive eine Abänderung des
Dispositivs begehrt werde. Zudem wurde der Beschwerdeführer aufgefor-
dert, innert Frist einen Kostenvorschuss zu leisten.
K.
K.a Die verbesserte Beschwerde wurde am 4. Mai 2021 eingereicht. Darin
ersuchte der Beschwerdeführer sinngemäss um Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung sowie um Asylgewährung unter Anerkennung seiner
Flüchtlingseigenschaft.
K.b Der Kostenvorschuss wurde vom Beschwerdeführer ebenfalls frist-
gerecht geleistet.
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L.
Am 10. Mai 2021 (Eingang BVGer) überwies das SEM dem Bundesverwal-
tungsgericht ein Bestätigungsschreiben von E._ vom 13. April 2021
betreffend die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Befürchtungen
einer Blutfehde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist – unter
dem nachstehenden Vorbehalt (vgl. E. 6.1.2) – einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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Seite 6
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Flüchtlingen wird gemäss Art. 53 AsylG kein Asyl gewährt, wenn sie
wegen verwerflicher Handlungen des Asyls unwürdig sind (Buchstabe a),
sie die innere oder die äussere Sicherheit der Schweiz verletzt haben oder
gefährden (Bst. b) oder gegen sie eine Landesverweisung nach Artikel 66a
oder 66abis StGB ausgesprochen wurde (Bst. c).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1; vgl. auch Urteil des BVGer D-2282/2018 vom 5. April 2019
E. 5.1).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Asylentscheid im We-
sentlichen mit der mangelnden Glaubhaftigkeit der vom Beschwerdeführer
geltend gemachten Vorfluchtgründe. Seine Ausführungen zur Inhaftierung
und seiner angeblichen Verfolgung infolge Terrorismusverdachts seien
oberflächlich und vage ausgefallen. Er habe mehrheitlich die allgemeine
Situation in seiner Herkunftsregion geschildert, in Bezug auf seine konkre-
ten Erlebnisse jedoch lediglich grobe Handlungsabläufe der Geschehnisse
wiedergegeben. So habe er sich insbesondere bezüglich der Verhöre und
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der Folterungen auf plakative Darstellungen beschränkt. Vor dem Hinter-
grund, dass es sich bei der Festnahme und Inhaftierung um ein einschnei-
dendes Erlebnis und ein Kernelement seiner Asylgründe gehandelt haben
soll, wäre ein ausführlicherer Bericht zu erwarten gewesen, der auch die
persönliche Betroffenheit des Beschwerdeführers zum Ausdruck bringe.
Auch betreffend die Ereignisse, die sich nach seiner Flucht zugetragen
haben sollen, habe er keine substanziierten Angaben machen können.
So habe er sich im Wesentlichen darauf beschränkt, zu erwähnen, dass er
zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu Hause gewesen sei und die entspre-
chenden Entwicklungen deshalb nicht darlegen könne. Angesichts der
Schwere der angeblich gegen ihn erhobenen Vorwürfe sei es erstaunlich,
dass er keine Informationen über Behördenkontakte seiner Familie habe,
beispielsweise anlässlich der Zustellung von Gerichtsdokumenten. Es sei
– vor dem Hintergrund der drohenden Konsequenzen – äusserst unwahr-
scheinlich, dass er jahrelang kein Interesse an den genauen Umständen
der Verfolgungssituation gehabt haben wolle. Die Zweifel an der geltend
gemachten Verfolgung durch die russischen Behörden würden auch
dadurch gestützt, dass er nach dem Rückzug seines ersten Asyl-
gesuchs mit der russischen Botschaft in Kontakt getreten sei. Im Übrigen
gebe es Recherchen zufolge keine Hinweise darauf, dass eine grossange-
legte Aktion der russischen Sicherheitskräfte gegen ihn gelaufen sei.
Es hätten im von ihm genannten Zeitraum tatsächlich solche Aktionen statt-
gefunden, jedoch zu anderen Daten und an anderen Orten. Insofern sei
nicht auf eine Involvierung des Beschwerdeführers zu schliessen. Diese
Einschätzung vermöchten auch die eingereichten Beweismittel nicht um-
zustossen, zumal die Gerichtsvorladungen ihn lediglich in seiner Eigen-
schaft als Zeuge nennen würden.
Betreffend die geltend gemachte Blutrache sei festzuhalten, dass es sich
hierbei um lokal oder regional beschränkte Verfolgungsmassnahmen
handle. Der Beschwerdeführer könne sich demnach bei einer Rückkehr in
einem anderen Landesteil niederlassen, da aus den Akten nicht hervor-
gehe, dass seine Schwiegerfamilie in der Lage sei, ihn überall in Russland
aufzuspüren. Zudem sei zu bemerken, dass die geltend gemachte Befürch-
tung, Opfer von Blutrache zu werden, sich lediglich auf vage Angaben und
den Verweis auf Zeugenaussagen im Strafverfahren stütze. Er habe keine
konkreten Hinweise zu einer Verfolgung durch seine Schwiegerfamilie lie-
fern können und sich im Wesentlichen auf die Feststellung beschränkt,
Blutrache sei in seiner Heimatregion die logische Konsequenz des Schuld-
spruchs wegen der Tötung seiner Ehefrau.
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5.2 Zur Begründung seines Rechtsmittels führte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen aus, Probleme mit der russischen Polizei gehabt zu haben,
weil er in Syrien gewesen sei. Aus den eingereichten Kopien seines Reise-
passes gehe dieser Aufenthalt zweifelsfrei hervor. Zu seiner Inhaftierung
könne er keine weiteren Angaben machen, da seine Augen die ganze Zeit
über verbunden gewesen seien und er demzufolge nichts habe sehen kön-
nen. Er sei von den Soldaten erpresst worden, weshalb er bezüglich des
Angriffs auf den russischen Militärkonvoi seine Schuld eingestanden habe.
Er habe jedoch keinen solchen Angriff ausgeführt und sei zu diesem
Schuldeingeständnis gezwungen worden. Zudem halte er daran fest, von
Blutrache bedroht zu sein. Seine Schwiegerfamilie würde niemals bestäti-
gen, Rache an ihm üben zu wollen, weil sie sich vor der Polizei fürchte.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe überdies
Übersetzungsfehler geltend.
6.1.1 Aus den Akten ergeben sich keine Anhaltspunkte für Übersetzungs-
fehler oder Verständigungsschwierigkeiten, die sich nachteilig auf den Aus-
gang des Asylverfahrens ausgewirkt hätten. Der Beschwerdeführer reichte
zwar mithilfe seiner ihm im Testbetrieb zugewiesenen amtlichen Rechts-
vertretung ein Korrigendum zu einzelnen Punkten im Protokoll zur Perso-
nalienaufnahme zu den Akten (vgl. act. A35/6). Die entsprechenden Anga-
ben wurden dem Beschwerdeführer durch die Vorinstanz im Rahmen ihrer
Glaubhaftigkeitsprüfung jedoch nicht in erheblichem Masse angelastet und
die Zweifel des SEM am Reiseweg des Beschwerdeführers stützen sich
auch auf andere Aktenstücke. Beiden Anhörungsprotokollen sind sodann
keine Hinweise auf Übersetzungsfehler oder Verständigungsprobleme zu
entnehmen. Der Beschwerdeführer schien den Fähigkeiten und der Integ-
rität der Übersetzerin anlässlich der ersten Anhörung zwar zunächst mit
Skepsis zu begegnen (vgl. act. A41/19 F42, F112 ff. sowie Bemerkung vor
F49); letztlich bestätigte er im Anschluss an die Rückübersetzung jedoch
die Richtigkeit der gemachten Angaben mit seiner Unterschrift. Auch bei
der zweiten Anhörung bestätigte er nach der Rückübersetzung die Richtig-
keit seiner Angaben und brachte in diesem Zusammenhang während der
Rückübersetzung mehrere Ergänzungen an, die jedoch ebenfalls keinen
Schluss auf Verständigungsprobleme oder Übersetzungsfehler zulassen
(vgl. act. B9/17 S. 15 f.).
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Seite 9
6.1.2 Soweit der Beschwerdeführer anführt, wegen seines Übersetzers
"2 Gerichte verloren" zu haben und beantragt, mit seinem (strafrechtlichen)
Fall noch einmal vor Obergericht erscheinen zu können, ist hierauf nicht
einzutreten, zumal sich das vorliegende Verfahren einzig auf die Frage der
Flüchtlingseigenschaft und des Asyls beschränkt.
6.2 Ferner bringt der Beschwerdeführer vor, den Rückzug seines ersten
Asylgesuchs nie beabsichtigt zu haben. Hierzu kann festgehalten werden,
dass das SEM sämtliche Asylgründe und Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers – einschliesslich derer, die im Rahmen des ersten Asylverfahrens gel-
tend gemacht worden waren – materiell geprüft hat. Letztlich ist dem Be-
schwerdeführer aus seiner Rückzugserklärung (vgl. act. A71/4) also kein
Nachteil erwachsen.
6.3 Insgesamt besteht somit keine Veranlassung, die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Nach Prüfung sämtlicher Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht
zum Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdeführers
zu Recht als unglaubhaft (Vorfluchtgründe) respektive flüchtlingsrechtlich
nicht relevant (befürchtete Blutrache) qualifiziert hat. Die Ausführungen in
der Beschwerdeschrift vermögen den Erwägungen des SEM nichts Stich-
haltiges entgegenzusetzen. Somit kann vorab auf die zutreffenden
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden.
Ergänzend hält das Bundesverwaltungsgericht Folgendes fest:
7.2 Die Schilderungen des Beschwerdeführers zur geltend gemachten Ver-
folgung durch russische Sicherheitskräfte fielen – wie von der Vorinstanz
zutreffend festgestellt – unsubstanziiert, vage und teilweise widersprüch-
lich aus.
7.2.1 Der Beschwerdeführer brachte vor, sein Aufenthalt in Syrien sei aus-
schlaggebend für seine Probleme mit den russischen Sicherheitskräften
gewesen. Hierzu ist zunächst festzuhalten, dass der Beschwerdeführer an-
lässlich der ersten Anhörung keinen Aufenthalt in Syrien erwähnte, sondern
er erst im Rahmen der zweiten Anhörung angab, "1995 oder vielleicht
1996" in Syrien gewesen zu sein (vgl. act. A41/19 F12 und act. B9/17 F33).
Dass sich im ([...] abgelaufenen) Reisepass des Beschwerdeführers ein
am "(...).1997" ausgestelltes Visum des Embassy of the S.A.R, Amman
("Category: Transet", "Validity: Thrre monthes") zu befinden scheint, lässt
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Seite 10
sich mit seinen Vorbringen ebenfalls kaum in Einklang bringen. Der Be-
schwerdeführer erklärte zwar, dass Personen, welche in arabischen Län-
dern studiert hätten, Probleme mit den russischen Behörden hätten und
auch er aus diesem Grund verdächtigt worden sei (vgl. act. A41/19 F40 f.).
Allerdings sind den Akten keine Anhaltspunkte zu entnehmen, weshalb der
Beschwerdeführer im Jahr 2012 – und somit 13 Jahre nach seinem Ab-
schluss in einem arabischen Sprachzentrum in Jordanien im Jahr 1999 –
in den Fokus der Behörden geraten sein sollte (vgl. act. A41/19 F12 und
F24). Dies gerade auch vor dem Hintergrund, dass er in der Folge im Jahr
2004 ein (...)studium abgeschlossen habe und anschliessend bis 2009 in
diesem Bereich sowie später in der (...)branche tätig gewesen sei (vgl. act.
A41/19 F12 f.).
7.2.2 Sodann weisen auch die vom Beschwerdeführer eingereichten Be-
weismittel keinen Zusammenhang mit seinen Asylvorbringen auf. Wie von
der Vorinstanz richtig festgestellt, wurde der Beschwerdeführer lediglich als
Zeuge vorgeladen. Auch der eingereichte Fahndungsaufruf erweckt nicht
den Eindruck, Teil einer Fahndungskampagne zu sein, in deren Verlauf
– wie von ihm beschrieben – mit Panzern ganze Strassen abgeriegelt
worden sein sollen (vgl. act A41/19 F29 S. 6). Die Einschätzung, dass der
russische Staat keinerlei Interesse am Beschwerdeführer hatte und hat,
wird auch dadurch gestützt, dass der Beschwerdeführer sich nach dem
Rückzug seines ersten Asylgesuchs an die russischen Behörden wandte.
Ein solches Verhalten widerspricht in krasser Weise der behaupteten
Furcht vor Verfolgung durch den russischen Staat und entzieht zudem dem
angeblichen Terrorismusverdacht die Glaubhaftigkeitsgrundlage.
7.2.3 Abschliessend kann festgehalten werden, dass die Vorinstanz die
Vorbringen des Beschwerdeführers zu Recht als vage und unsubstanziiert
bezeichnet hat. Der Beschwerdeführer flüchtete sich mehrfach in Aus-
sagen zur allgemeinen politischen Lage in seiner Herkunftsregion Ingu-
schetien, ohne dabei einen konkreten Bezug zu seinen persönlichen Er-
lebnissen herstellen zu können, und die Schilderungen lassen ganz allge-
mein eine persönliche Betroffenheit vermissen. In diesem Zusammenhang
und angesichts der Schwere der Vorwürfe erstaunt auch das auffallende
Desinteresse des Beschwerdeführers an den weiteren Entwicklungen be-
treffend den gegen ihn angeblich im Raum stehenden Terrorismusverdacht
nach seiner Flucht (vgl. act. B9/17 F79, F82). Soweit der Beschwerde-
führer nun auf Beschwerdeebene insbesondere behauptet, im Zuge seiner
Inhaftierung von den russischen Sicherheitskräften zu einem Schuldeinge-
ständnis gezwungen worden zu sein (vgl. Beschwerdeverbesserung S. 2),
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Seite 11
findet dies in den Akten keine Stütze; vielmehr bestritt er im Rahmen
des erstinstanzlichen Verfahrens explizit, die Schuld auf sich genommen
zu haben (vgl. act. A41/19 F29 S. 5).
7.3 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, ihm drohe aufgrund des
Todes seiner Ehefrau Blutrache seitens seiner Schwiegerfamilie, erweist
sich dieses Vorbringen als flüchtlingsrechtlich nicht relevant:
7.3.1 Verfolgung im Sinn des Asylgesetzes und der Flüchtlingskonvention
erfolgt immer wegen des Seins, nicht wegen des Tuns (vgl. hierzu und zum
Folgenden BVGE 2014/28 E. 8.3 ff.). Der Beschwerdeführer befürchtet
Nachteile, weil ihm infolge des Tötungsdelikts an seiner Ehefrau Blutrache
seitens seiner Schwiegerfamilie drohe. Dieses "Tun" würde demnach den
Anlass für die geltend gemachte Verfolgungs- und Bedrohungssituation bil-
den. Verfolgungsmotive im Sinn von Art. 3 Abs. 1 AsylG sind vorliegend
nicht ersichtlich.
7.3.2 Im Übrigen kann festgehalten werden, dass der Beschwerdeführer
bei allfälligen Problemen und privaten Nachstellungen in diesem Zusam-
menhang einerseits die heimatlichen Behörden um Schutz ersuchen
könnte und sich für ihn – wie das SEM in der angefochtenen Verfügung
überzeugend dargelegt hat – andererseits innerhalb Russlands zumutbare
Aufenthaltsalternativen anbieten dürften (wie beispielsweise C._,
wo er bereits drei Jahre ohne Probleme gelebt habe; vgl. act. B9/17 F51).
Insofern ist auch die auf Beschwerdeebene eingereichte Bestätigung einer
entfernten Verwandten des Beschwerdeführers vom 13. April 2021, dass
diesem Blutrache drohe, nicht geeignet zu einer anderen Beurteilung zu
führen.
7.4 Die Vorinstanz hat somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und das Asylgesuch abgelehnt, so dass die Be-
schwerde im Asylpunkt abzuweisen ist.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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Seite 12
8.2 Gemäss Art. 32 Abs. 1 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen
(AsylV 1, SR 142.311) wird die Wegweisung aus der Schweiz (unter ande-
rem) nicht verfügt, wenn die asylsuchende Person von einer rechtskräfti-
gen Landesverweisung nach Art. 66a oder 66abis StGB betroffen ist (vgl.
zum Ganzen: Botschaft zur Änderung des Strafgesetzbuchs und des
Militärstrafgesetzes [Umsetzung von Art. 121 Abs. 3–6 BV über die Aus-
schaffung krimineller Ausländerinnen und Ausländer] vom 26. Juni 2013,
BBl 2013 6006 ff.). Im Fall einer rechtskräftigen Landesverweisung wird
auch die vorläufige Aufnahme nicht verfügt (Art. 83 Abs. 9 AIG). Vielmehr
obliegt es bei solchen Konstellationen der kantonalen Vollzugsbehörde,
das Vorliegen von Vollzugshindernissen zu prüfen (vgl. etwa das Urteil
BVGer E-695/2020 vom 27. März 2020 E. 1.2.3).
8.3 Die mit Urteil vom 14. Oktober 2019 durch das Kantonsgericht
D._ angeordnete Landesverweisung wurde mit dem letztinstanzli-
chen Entscheid des Bundesgerichts vom 21. Oktober 2020 rechtskräftig.
Das SEM hat danach in seinem Asylentscheid in Anwendung der oben
zitierten Bestimmungen auf die Anordnung der Wegweisung und die Prü-
fung von allenfalls bestehenden Vollzugshindernissen verzichtet. Nachdem
es die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint
hat (vgl. oben E. 6), wird die kantonale (Vollzugs-)Behörde insbesondere
für den Entscheid zuständig sein, ob der Vollzug der Landesverweisung
zwingenden Bestimmungen des Völkerrechts entgegensteht (vgl. Art. 66d
StGB). Sie kann in diesem Zusammenhang beim SEM eine Stellungnahme
zu allfälligen Vollzugshindernissen einholen (vgl. Art. 32 Abs. 2 AsylV 1).
8.4 Unter den gegebenen Umständen entfällt auch für das Bundesverwal-
tungsgericht infolge Unzuständigkeit (zudem mangels eines Anfechtungs-
objekts) eine entsprechende Überprüfung.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und der rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt wurde (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde
ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
E-1778/2021
Seite 13
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der in glei-
cher Höhe geleistete Kostenvorschuss ist zur Deckung der Kosten zu ver-
wenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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