Decision ID: 0c6e321f-347b-4ebb-9ff4-a4f4de2a750a
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 19
63
, war vom
1.
April 1986
an als
Maurer bei der
Y._
AG
tätig (Urk.
5/4/3
, 5/8/1
)
.
A
m
29.
März 1989 erlitt er infolge eines Selbstunfalls mit einem Motorfahrzeug in
Z._
eine Fraktur des ersten Lendenwirbels
(vgl.
Urk.
5/76)
. Nach einer Umschulung zum
Elektronik
monteur
(März 1990 bis Juli 1994; vgl.
Urk.
5/16,
Urk.
5/39, Urk. 5/55,
Urk.
5/62,
Urk.
5/73)
, einem Sturz von der Leiter
am 3
0.
Dezember 1995
sowie nach einem Sturz auf nassem Boden
am
2
1.
März 1997
(beide Unfälle nicht versichert; vgl.
Urk.
5/9/5,
Urk.
5/74,
Urk.
5/84/3)
meldete er sich am 1
2.
Januar 1998
unter Hinweis auf ein chronisches
lumbospondylogenes
Syndrom rechts bei Status nach
Lendenwirbel
körper
frakturen
und bei Wirbelsäulenfehlform sowie unter Hinweis auf eine depressive Verstimmung bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung zum Bezug einer halben Rente an
(Urk. 5/84
/3
).
Die
Sozi
alversicherungsanstalt
des Kan
tons Zürich, IV-Stelle, sprach ih
m
ausgehend von einem Invaliditätsgrad von
56
% mit Verfügung vom
1
6.
November 1999
mit
Wirkung ab 1.
März 1998
eine
halbe
Invalidenrente zu (Urk.
5/108
). Dies insbe
sondere gestützt auf das
multidisziplinäre Gutachten der MEDAS
A._
vom
2.
Juli 1999
(
Urk.
5/9)
, in wel
chem
eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1), eine anhaltende
somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) sowie ein Status nach posttrau
matischer LWK1-Fraktur im März 1989 sowie BWK2-Fraktur im Dezember 1995
diagnostiziert wurde
n, wobei sämtlichen Diagnosen Einfluss auf die Arbeitsfä
higkeit zugemessen wurde
(Urk.
5/9/9
).
1.2
Mit
Verfügung vom
6.
Februar 2002
erhöh
t
e
die IV-Stelle
die
bisherige halbe Rente
mit Wirkung per
1.
Januar 2002
bei eine
r
durch den Bericht eines Psychi
aters attestierten vollumfänglichen
Arbeitsunfähigkeit
auf eine ganze
Rente
(Urk. 5/
120).
Nach Einholung des Revisionsfragebogens (Urk. 5/128) sowie des Berichtes von
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Rheumaerkrankungen (Urk. 5/131)
,
bestätigte die IV-Stelle die bisherige ganze Rente bei unverändertem Invaliditätsgrad mit Mitteilung vom
8.
März 2007 (Urk. 5/133).
1.
3
Anlässlich eines im
Januar
2012 eingeleiteten Revisionsverfahrens (Urk.
5/144 ff.
)
holte die
IV-Stelle einen Auszug aus dem individuellen Konto des Versicher
ten (IK-Auszug,
Urk.
5/145), bei
Dr.
B._
den Bericht vom 30. März 2012
(Urk. 5/
147) sowie eine Stellungnahme des
Regi
onalen Ärztlichen Dienstes (RAD;
Urk.
5/166/4-5) ein
und hob
die Rente
nach durchgeführtem
Vorbescheidver
fahren
(Urk.
5/167 ff.
)
, in dessen Rahmen sie einen Bericht der Klinik
C._
(Urk. 5/186/5-6) zu den Akten nahm,
ge
stützt auf die Schlussbestimmung a. der
Änderung des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG) vom 1
8.
März 2011 auf (Verfügung vom
4.
Juli
2013,
Urk.
5/188 =
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
X._
am
9.
September
2013 Beschwerde und bean
tragte
die
ersatzlose
Aufhebung der angefochtenen Verfügung
. Eventualiter beantragte
er, die angefochtene Verfü
gung sei aufzuheben und
das Verfahren
sei
an die Vorinstanz zur Durchführung weiterer medizinischer und sozialer Abklärungen zurückzuweisen
(Urk. 1 S. 2).
Mit Be
schwerdeantwort vom
30. September
2013 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde (Urk.
4
).
Mit Replik vom
3.
Februar 2013 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest und reichte als neue Belege das psychiatrische Privatgutachten von
Dr.
med.
D._
,
Facharzt
für
Psychiatrie und Psychothera
pie
, vom 1
4.
Januar
201
4
(Urk.
17/1),
die Verfügung des Amts für Wirtschaft und Arbeit vom 2
0.
Januar 2014
(Urk.
17/2) sowie einen Bericht der Klinik
C._
vom
8.
Januar 2014
(Urk.
17/3)
ein.
Die Beschwerdegegnerin hielt in ihrer Duplik vom 2
4.
Februar 2014 ebenfalls an ihrem Standpunkt fest
(Urk.
19).
Die Duplik wurde dem Beschwerdeführer
zur Kenntnisnahme zu
ge
stellt (Urk.
20
).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, so
weit
erforderlich, in den
nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8
Abs.
1
des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts; ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesund
heit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7
Abs.
1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
1.
2
Gemäss Schlussbestimmung a. der Änderung des IVG vom 18. März 2011 wer
de
n Renten, die bei
pathogenetisch
-ätiologisch unklaren
syndromalen
Be
schwer
de
bildern
ohne nachweisbare organische Grundlage gesprochen wur
den, innerhalb von
drei Jahren nach Inkrafttreten dieser Änderung überprüft. Sind die
anspruchsbegründenden
Voraus
setzungen nach Art. 7 ATSG nicht erfüllt, so wird die Rente herab
gesetzt oder
auf
gehoben, auch wenn die Voraussetzungen von Art. 17 Abs. 1 ATSG nicht er
füllt
sind.
Das Bundesgericht erachtete es aus Gründen der Rechtsgleichheit als geboten,
sämtliche
pathogenetisch
-ätiologisch unklaren
syndromalen
Beschwerdebilder
ohne nachweisbare organische Grundlage den gleichen Anforderungen zu un
ter
stellen, und hat in der Folge die im Bereich der anhaltenden
somatoformen
Schmerz
störungen entwickelte „Schmerz-Rechtsprechung“ bei verschiedenen ver
wandten Diagnosen, so bei der Würdigung des invalidisierenden Charakters von
Fibromyalgie
,
Chronic
Fatigue
Syndrome oder Neurasthenie, dissoziativen
Sensi
bi
li
täts
-
und Empfindungsstörungen, der dissoziativen Bewegungsstörung sowie einer spezifischen HWS-Verletzung ohne organisch nachweisbare
Funk
ti
ons
aus
fä
lle
(HWS- oder Schleudertrauma), der
nichtorganische
n
Hypersomnie
und der
leichte
n
Persönlichkeitsveränderung bei chronischem Schmerzsyndrom
zur Anwendung gebracht (vgl. BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3 unter Hinweis auf die jewei
ligen Fundstellen).
1.
3
Ausgangspunkt für die Bemessung der Invalidität bildet die Frage, ob und in welchem Ausmass es einer versicherten Person zumutbar ist, trotz ihres Gesundheitsschadens ein Erwerbseinkommen zu erzielen. In Art. 7 Abs. 2 ATSG, der mit der 5. IVG-Revision am 1. Januar 2008 in Kraft getreten ist, wird fest
ge
legt, dass eine Erwerbsunfähigkeit nur vorliegt, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist. Damit wurde gesetzlich verankert, dass die Zumutbarkeit nicht nach dem subjektiven Empfinden der versicherten Person, sondern nach
objektiven Gesichtspunkten zu beurteilen ist. Art. 7 Abs. 2 ATSG schreibt somit auf Gesetzesstufe das Erfordernis der Objektivierbarkeit fest, was nach der
bun
des
gerichtlichen
Rechtsprechung (BGE 135 V 215 E. 7.3) seit jeher gilt
(Thomas
Gächter
/Eva
Siki
,
S
paren um jeden Preis
?,
in:
Jusletter
vom 2
9.
November 2010, S. 3)
.
Bei der Beantwortung der Frage, welche Tätigkeiten einer versicherten Person trotz
ihres Gesundheitsschadens zumutbar sind, ist der Rechtsanwender mass
ge
b
lich auf die Informationen angewiesen, die ihm ärztliche und andere
Fach
per
so
nen
liefern. Diese haben sich darauf zu beziehen, ob und inwieweit eine ver
si
cherte Person trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung noch über Fähigkeiten verfügt, welche für die bisherigen Arbeitsmöglichkeiten wesentlich sind, und in welchen anderen Arbeitsbereichen das verbliebene Leistungsvermögen unter Berücksichtigung ihrer Kenntnisse verwertet werden könnte. Im Rahmen des das
Sozialversicherungsverfahren beherrschenden Untersuchungsgrundsatzes
(Art. 43 Abs. 1 ATSG) ist es die Pflicht der rechtsanwendenden Behörden, alle diesbe
züglich erforderlichen Auskünfte einzuholen und die notwendigen Abklärungen vorzunehmen.
Insbesondere wenn es bei den genannten Diagnosen (vorstehende E. 1.4) darum
geht zu beurteilen, welche (Willens-)Anstrengung von der versicherten Person nach
objektiven Gesichtspunkten erwartet werden darf, mit ihren Beschwerden umzugehen und eine erwerbliche Tätigkeit zu verrichten, muss sich der
Rechts
anwender
auf nachvollziehbare medizinische – in der Regel fachärztlich-psy
chiatrische – Stellungnahmen stützen können. Die ärztliche Fachperson hat die Beurteilung der zumutbaren Willensanstrengung und der dem Betroffenen zur Verfügung stehenden Ressourcen mit Blick auf die mit BGE 130 V 352 erstmals eingeführten („Foerster“-)Kriterien vorzunehmen, wobei sich die psychiatrische Expertise nicht in jedem Fall über jedes einzelne dieser Foerster-Kriterien aus
sprechen muss, sich aber immer dann zur Gesamtheit der Kriterien äussern sollte,
wenn die zu beurteilende Einschränkung vorwiegend auf psychischen Gründen be
ruht (vgl. Urs Müller,
Das Verwaltungsverfahren in der Invaliden
versicherung,
Rz
.
1693
).
Entscheidmassgeblich
ist in jedem Fa
ll eine
Gesamt
würdigung
der Si
tua
tion, die Aufschluss gibt über die noch vorhandenen Res
sourcen.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom
4. Juli
2013 (Urk. 2) die laufende ganze Rente
des Beschwerdeführers
gestützt auf die Schlussbestimmung a. der Änderung des IVG vom 1
8.
März 2011 aufgehoben.
Sie begründete dies damit, dass die ganze Rente aufgrund einer zu den
patho
genetisch-ätiologisch
unklaren
syndromalen
Beschwerde
bildern ohne nachweis
bare organische Grundlage gehörenden Diagnosen zugesprochen worden sei und dass die Foerster-Kriterien nicht erfüllt seien (Urk. 2).
2.2
Der Beschwerdeführer
stellt sich auf den Standpunkt,
es lägen auch somatische
Beschwerden
vor
.
Des Weiteren sei das Vorliegen der Foerster-Kriterien nicht ausreichend geprüft worden.
Dem Gutachten von
Dr.
D._
sei zu entnehmen, dass
er
aufgrund einer Kombination
aus
somatischen und psychi
schen Beschwerden auch in einer angepassten Tätigkeit arbeitsunfähig sei (Urk. 1 und Urk. 16)
.
3.
3.1
Bei der ursprünglichen
Z
usprache
der halben Rente
stützte sich die
Beschwerde
gegnerin
insbesondere auf das
multidisziplinäre Gutachten der MEDAS
A._
vom
2.
Juli 1999, in welchem eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1), eine anhaltende
somato
forme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) sowie ein Status nach posttraumatischer LWK1-Fraktur im März 1989 sowie BWK2-Fraktur im Dezember 1995 diagnos
tiziert
worden war
, wobei sämtliche
g
esundheitlichen Einschränkungen
Einf
luss auf die Arbeitsfähigkeit hatten
(Urk. 5/9/9).
3.2
Die Erhöhung auf eine ganze Rente erfolgte
gestützt auf den Bericht von
Dr.
med.
E._
, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
, vom 2
9.
Oktober 2001 (Urk. 5/116/5-12) sowie die Stellungnahme des IV-Arztes
Dr.
med.
F._
(Urk. 5/117).
Dr.
E._
diagnostizierte
aus psychiatrischer Sicht
eine anhaltende
somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4), eine Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2) sowie eine längere depressive Reaktion (ICD-10: F43.21). Er führte aus, die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10: F32.1)
falle ausser Betracht. Es bestehe hingegen
eine larvierte depressive Stimmung als Begleiterscheinung der Unfallfolgen.
Die Arbeitsunfä
higkeit betrage 100
%
, da sich das Schmerzsyndrom vollständig psychisch fixiert habe (Urk. 5/116/10
11).
Dr.
F._
empfahl, auf den Bericht von
Dr.
E._
abzustellen (Urk. 5/117/3).
Bestätigt wurde die ganze Rente schliess
lich
auch
gestützt auf den Bericht von
Dr.
B._
vom
7.
März 2007 (Urk. 5/131).
Dr.
B._
beschrieb unveränderte chronische
lumbospondylogene
Schmerzen bei einer sekundären
Fehlform
nach Frakturen der LWK 1 und
2.
Er gab an, der Beschwerdeführer hinke und zeige nach wie vor eine massiv eingeschränkte Beweglichkeit der ganzen Lendenwirbelsäule. Im Flachen könne er etwa eine halbe Stunde gehen. An Ort stehen könne er während fünf Minuten und sitzen während 15 Minuten. Er sei auch in einer angepassten Tätigkeit zu 100
%
arbeitsunfähig (Urk. 5/131/2).
3.3
Die
Rentenzusprache
erfolgte somit zu einem nicht unerheblichen Teil wegen der anhaltenden
somatoformen
Schmerzstörung. Daneben lag offenbar zeit
weise eine mittelgradige depressive Episode vor und
e
s bestanden auch gewisse Einschränkungen aus somatischer Sicht, welche dem Beschwerdeführer die Weiterausübu
ng der angestammten, körperlich
schweren Tätigkeit verunmög
lichten (Urk. 5/9/10).
Liegen sowohl
pathogenetisch
-ätiologisch unklare Beschwerden als auch erklärbare Beschwerden vor und
l
assen sich
diese vonei
nander
trennen, können
die Schlussbestimmungen der 6.
IV-Revision auf
die unklaren Beschwerden
nach neuster Rechtsprechung dennoch
angewandt wer
den. Mit
lit
. a
Abs.
1 der Schlussbestimmungen
sollen hinsichtlich unklarer Beschwerden die Bezüger laufender Renten gleich behandelt werden wie Versi
cherte, welche neu eine Rente bea
n
tragen
(
Urteil
des Bundesgerichts
8C_74/2014 vom 16.
Mai 2014
, E. 6.2
.3
)
.
Infolgedessen hat
die
Beschwerdegeg
nerin
die laufende Rente
,
soweit sie auf nicht erklärbaren Beschwerden beruht,
zu Recht unter
dem
Titel
der Schlussbe
stimmung
a. der Änderung des IVG vom 18.
März 2011
einer Neubeurteilung unterzogen.
4.
4.1
Bei der Überprüfung und Neubeurteilung von laufenden Renten, welche gestützt auf eine in der Schlussbestimmung a. der Änderung des
IVG vom 1
8.
März 2011 genannte Diagnose
gesprochen wurden, stellen sich die gleichen Fragen, wie wenn ein erstmaliges Leistungsgesuch zu beurteilen ist. Es geht somit darum, aus heutiger Sicht zu beurteilen, ob die Voraussetzungen für einen Rentenbezug im Zeitpunkt der Überprüfung - und nicht im Zeitpunkt der erst
maligen
Rentenzusprache
-
gegeben
sind
,
was insbesondere eine vollständige Abkläru
ng des medizinischen Sachverhalts erfordert (Urteil des Bundesgerichts
9C_519/2013
vom
2
6.
Februar
2014
,
E. 2
).
Dabei
sind
auch Veränderungen im Sachverhalt zu berücksichtigen, die seit der ursprünglichen Rentenzusprechung beziehungsweise seit der letzten Rentenrevision eingetreten sind. Denn daraus,
dass eine Rente unabhängig vom Vorliegen einer Sachverhaltsänderung im Sinne
von
Art.
17 Abs. 1 ATSG revidierbar ist, kann nicht geschlossen werden, dass vorhandene Sachverhaltsänderungen umgekehrt unberücksichtigt zu blei
ben hätten.
Zu klären ist daher ferner, ob sich der Gesundheitszustand seit der
Renten
zuspra
che
allenfalls verschlechtert hat und ob neben den nicht objekti
vierbaren Störungen anhand klinischer psychiatrischer Untersuchungen nun
mehr nicht klar eine Diagnose gestellt werden kann.
Weiter
ist zu prüfen, ob die "Foerster-Kriterien" als erfüllt zu betrachten sind und eine
Validitätseinbusse
auf diese Weise - trotz des hinsichtlich der invalidisierenden Folgen nicht objekti
vierbaren Beschwerdebildes - nachweisbar ist.
Da es sich bei den erwähnten Punkten, von deren Beantwortung der Bestand laufender Renten abhängt, in erster Linie um solche medizinischer Art handelt, sind an die ent
sprechenden Abklärungen besonders hohe Anforderungen zu stellen. Nament
lich muss verlangt werden, dass die Untersuchungen im Zeitpunkt der Revision aktuell sind und sich mit der massgeblichen Fragestellung auseinandersetzen. Soweit die versicherte Person sich - auch mit Bezug auf die Chancen, welche die Wiedereingliederungsmassnahmen bieten - der Beurteilung durch die Ver
wal
tung und deren Regionalen Ärztlichen Dienst nicht anschliessen kann, dürfte sich in der Regel eine neue, polydisziplinäre Begutachtung als unum
gänglich erweisen
(BGE 139 V 547 E. 10.1.2, 10.1.3 und 10.2)
.
4
.
2
4.2.1
Im Rahmen der im Januar 2012 eingeleiteten Rentenrevision berichtete
Dr.
B._
am 3
0.
März 2012, mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestehe ein chronisches
lumbospondylogenes
Syndrom bei Status nach LWK-1 Fraktur 1989 und LWK-2 Fraktur 1995 mit sekundärer
Fehlform
und massiv einge
schränkter Beweglichkeit der ganzen
Lendenwirbelsäule
. Die Schmerzen würden bei geringster Belastung zunehmen. Die Gehstrecke sei nach wie vor limitiert auf 15 bis 30 Minuten, sitzen könne der Beschwerdeführer höchstens eine Stunde, an Ort stehen 15 Minuten. In seiner angestammten Tätigkeit sei er zu 100
%
arbeitsunfähig
(Urk. 5/
147/1-2).
4
.2
.2
Am 1
9.
Juli 2012 nahm die RAD-Ärztin
Dr.
med.
G._
, Fachärztin für Arbeitsmedizin und Allgemeinmedizin, gestützt auf die Akten Stellung. Sie gab an, die Wirbelkörperfrakturen vermöchten das Ausmass der geschilderten Beschwerden nicht ausreichend zu erklären. Den Akten seien keine objektivier
baren anatomischen Befunde zu entnehmen, welche aus
versicherungsmedizi
nischer
Sicht eine dauerhafte
Arbeitsunfähigkeit
begründen könnten. Es lägen keine Anhaltspunkte für eine vom Schmerzerleben losgelöste, eigenständige, erhebliche psychische
Komorbidität
oder
für
sonstige schwere
Funktionsein
schränkungen
vor
(Urk. 5/
166/5).
4
.
2.
3
Mit Schreiben vom 1
4.
Mai 2013 überwies PD
Dr.
med.
H._
,
Facharzt
für Physikalische Medizin und Rehabilitation, speziell Rheumatologie, den Beschwerdeführer an den Chefarzt Wirbelsäulenchirurgie der Klinik
C._
, damit dieser beurteile, ob eine operative Intervention im Bereich der F
r
aktur L1/2 Beschwerdelinderung bringen könne. PD
Dr.
H._
hielt dabei fest, dass ein deutliches
Lumbovertebralsyndrom
bei Status nach Fraktur von L1 und L2 bestehe
(Urk. 5/
180/2).
4
.
2.
4
Dr.
med.
I._
, Leitender Arzt Wirbelsäulenchirurgie
in
der Klinik
C._
,
diagnostizierte anlässlich seiner Untersuchung vom
7.
Juni 2013 eine chronische
Lumboischialgie
rechtsbetont. Den MRI-Bildern vom 19. Dezember 2012 entnahm er
einen Status nach
einer
Kneifzangenfraktur von LWK2 und eine
r
Deckplattenimpressionsfr
aktur von LWK1 ohne klare Hinweise für Spinalkanalstenosen.
Die genaue Genese der Beschwerden sei unklar, es bestehe der Verdacht auf eine Symptomausweitung bei aber doch klaren struk
turellen Läsionen
(Urk.
5/1
86/5-6)
.
4
.
3
Bei dieser Aktenlage verfügte die Beschwerdegegnerin am
4.
Juli 2013 die Aufhe
bung der Rente (Urk. 2). Damit hat sie
die
besonders hohe
n
Anforderun
gen an die medizinischen Abklärungen
(vgl. vorstehende E. 3.2) der aktuellen Gesundheitssituation nicht erfüllt. In psychiatrischer Hinsicht wurden keinerlei
Abklärungen getätigt.
Die Beschwerdegegnerin äusserte sich einzig gestützt auf den Bericht von
Dr.
E._
vom
2
9.
Oktober 2001
, welcher nicht als aktuell bezeichnet werden kann, zu den Foerster-Kriterien (vgl. Urk. 2 S. 2). Nachdem beim Beschwerdeführer
nebst der anhaltenden
somatoformen
Schmerzstörung auch depressive Störungen
diagnostiziert worden waren (vgl. vorstehende E.
4
.1
), kann nicht allein gestützt darauf, dass sich der Beschwerdeführer nicht in psychiatrischer Behandlung befindet, darauf geschlossen werden, dass nunmehr keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
mehr
vorl
ie
ge (vgl. Urk. 2 S. 3). Dies muss umso mehr gelten, als sich der Beschwerdeführer auch früher nie einer regelmässigen psychiatrischen Behandlung unterzogen hatte.
Hinzu kommen die aktenkundigen somatischen Beeinträchtigungen im Sinne von klaren struk
turellen Ver
änderungen (vgl. vorstehende E
. 4.2.4), die es dem Beschwerde
führer nicht mehr erlauben, eine körperlich belastende Tätigkeit auszuüben. Diesbezüglich macht der Beschwerdeführer sogar eine Ver
schlechterung geltend (Urk. 1 S. 3; vgl. auch
Urk.
17/1 S. 20). Die Aus
wirkungen der somatischen Beeinträchtigung auf die Erwerbsfähigkeit prüfte die Beschwerdeführerin nicht, sie verneinte lediglich eine schwer
wiegende körper
liche Begleiterkrankung im Rahmen der Prüfung der Foerster-Kriterien (vgl.
Urk.
2 S. 2).
5.
5
.1
Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens reichte der Beschwerdeführer das psy
chiatrische Gutachten von
Dr.
D._
vom 1
4.
Januar 2014 ein (Urk. 17/1).
Dr.
D._
diagnostizierte insbesondere eine chronisch-rezidivierende depressive Störung (ICD-10: F33.8), eine schlicht strukturierte Persönlichkeit mit vermeidenden Verhaltensweisen und sekundär entstandener Selbstwertproblematik (ICD-10: Z73.1), eine chronische
Lumboischialgie
rechts
betont
(ICD-10: M54.4) und schlafbezogene Atmungsstörungen (Schlafapnoe; ICD-10: G47.39) und mass diesen Störungen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu (
Urk.
17/1 S. 22). Er
gelangte zum Schluss, es liege ein
komplexer
somatopsy
chischer
Gesundheitsschaden von Krankheitswert
vor, welche
r
sich aus einem eigentlichen orthopädisch-rheuma
tologischen Gesundheitsschaden sowie auf der Grundlage einer prädisponierenden Persönlichkeitsorganisation ergeben habe. Zusätzlich und erschwerend sei eine chronische depressive Entwicklung hinzugekommen, zu
der auch kognitive Einbussen gehörten, die testpsycholo
gisch
objektivierbar gewesen seien
. Wesentliche Foerster-Kriterien seien erfüllt, so die erhebliche psychische
Komorbidität
, der ausgewiesene sozial
e
Rückzug und die bislang
frustranen
Behandlungsversuche insbesondere auf somatischem
Fachgebiet. Krankheitsbedingt sei der Beschwerdeführer sowohl in angestamm
ter als auch in angepasster Tätigkeit zu mindestens 70
%
arbeitsunfähig (Urk. 17/1 S. 30).
5.
2
Das Parteigutachten von
Dr.
D._
(Urk. 17/1)
vermag weitere Zwei
fel an der Einschätzung des RAD
und der Beschwerdegegnerin
zu erwe
cken, wonach beim Beschwerdeführer ohne psychiatrische Abklärungen davon aus
gegangen werden kann
, eine nicht überwindbare psychische Störung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
liege nicht vor
.
Mit Einfluss auf die Arbeitsfä
higkeit diagnostizierte
Dr.
D._
insbesondere eine chronisch-rezidivierende depressive Störung gemäss ICD-10: F33.8
(
S. 22).
Er erhob d
i
e
psychiatrischen
Befund
e
an mehreren Terminen und befand, die Auffassung sei schwankend, die fokussierte Aufmerksamkeit geringfügig ein
geschränkt, die geteilte Aufmerksamkeit sehr viel deutlicher eingeschränkt. Es seien deutliche Konzentrationsmängel verifizierbar
(
S. 17).
Der
Antrieb
sei
leicht reduziert, in der Stimmungslage
sei der Beschwerdeführer
etwas gedrückt,
der subjektiv geklagte
Energieverlust
während der drei länger dauernden Sitzungen
sei
objektivierbar
gewesen
(
S. 18). Bei der leistungs- und neuropsychologischen Testung hätten sich
Defizite in den Aufmerksamkeits- und
Konzentrationsleis
tungen
ergeben
(
S. 21
).
Dr.
D._
zog weiter
die Systematik der Mini-ICF-APP bei (Kurzinstrument zur Fremdbeurteilung von Aktivitäts- und Partizipationsstörungen bei psychischen Erkrankungen in Anlehnung an die
Internationale
Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesund
heit [ICF] der Weltgesundheitsorganisation, Michael Linden, Stefanie Baron, Beate
Muschalla
, Bern 2009), welche zur Beurteilung von
Aktivitäts- und
Parti
zipation
sstörungen
bei psychischen Erkrankungen dient
. Danach sei der Beschwerdeführer wegen des diagnostisch erfassten Gesundheitsschadens in der Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen, in der Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben, in der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, in der Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, in der Durch
h
alte-, in der
Selbstbe
hauptungs
- und in der Gruppenfähigkeit sowie in der Fähigkeit zu
Spontanakti
vitäten
mittelgradig bis schwer eingeschränkt. In der Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen, der Kontaktfähigkeit zu Dritten sowie der Fähigkeit zu familiären beziehungsweise intimen Beziehungen sei er leicht bis mittelgradig eingeschränkt
(
S. 29
).
Bei diesen Einschränkungen
ist eine
Beeinträchtig
ung der Arbeitsfähigkeit durch
aus denkbar
, zumal
Dr.
D._
die rezidivierende depressive Störung als mittelgradig einstufte (Urk. 17/1 S. 26). Die Diagnose einer
soma
toformen
Schmerzstörung stellte er nicht mehr, stattdessen liegt nach seiner Beurteilung
eine dysfunktionale Schmerzverarbeitung vor (Urk. 17/1 S. 21
)
. Bezüglich der depressiven Störung ging der Experte überdies von einem eigen
ständigen Krankheitsgeschehen aus. Angesichts der insgesamt aber nicht als besonders gravierend beschriebenen Befunde vermag die von
Dr.
D._
attestierte Arbeitsunfähigkeit von 70 % auch in leidensangepassten Tätigkeiten (Urk. 17/1 S. 30) aber nicht derart zu überzeugen, dass darauf abgestellt werden könnte.
5.
3
Dem
im Beschwerdeverfahren eingereichten
Bericht der Klinik
C._
,
Wir
belsäulenchirurgie
und Neurochirurgie, vom
8.
Januar 2014 ist zusätzlich zu entnehmen, dass am 2
0.
September 2013 eine Facettengelenksinfiltration Th12/L1, L1/L2 beidseits stattgefunden habe, jedoch keinen Therapieerfolg gezeigt habe. Es lägen degenerative Veränderungen sowie eine kleine
Dis
kushernie
vor. Die Schmerzursache sei jedoch nicht vollständig erklärbar und bei eingeschränkter Compliance sei eine konklusive Beurteilung der Arbeitsfä
higkeit und der Belastungsfähigkeit nicht möglich. Die Ärzte empfahlen eine Begutachtung unter Berücksichtigung der psychischen Problematik (Urk. 17/
3
).
Auch dieser Bericht lässt keine zuverlässigen Schlüsse auf die aktuelle Arbeits
fä
higkeit zu.
5.
4
Zusammenfassend erlaub
en
die vorliegende
n
Akten keine schlüssige Beurtei
lung des
Rentenanspruchs.
Die gesundheitlichen Störungen und deren Auswir
kungen auf die Arbeitsfähigkeit
bleiben weiterhin
k
ontrovers
.
Die
Beschwerde
gegnerin
ist bei der Neubeur
teilung des Ren
tenanspruchs unter dem Blickwinkel von
Art.
7
Abs.
1 und 2 ATSG ihren sich aus dem Untersuchungsgrundsatz nach
Art.
43
Abs.
1 ATSG ergebenden Pflichten ungenügend nachgekommen
(vgl. vorstehende E.
1.5 und E.
4
.
1
)
, indem sie die angezeigten medizinischen Abklärungen zu den somatischen und psychischen Aspekten unterlassen hat. Dies hat die Beschwerdegegnerin mittels Durchführung einer interdisziplinären Begutachtung nachzuholen. Hernach hat sie über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers erneut zu befinden.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde in dem Sinne
gutzuheissen, dass die ange
foch
tene Verfügung aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurück
zu
weisen ist, damit diese die für die Beurteilung des Rentenanspruchs erfor
der
li
chen Abklärungen treffe und neu darüber befinde.
6
.
6
.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Ausgangsgemäss sind
die Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 700.-- der unterliegenden
Beschwerde
gegnerin
aufzuerlegen.
6
.2
Bei diesem Verfahrensausgang hat
der vertretene Beschwerdeführer
Anspruch auf eine Prozessentschädigung. Diese ist unter Berücksichtigung der Bedeutung
der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (§ 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht) auf Fr.
2
’
2
00.-- (inkl. Barauslagen und
MWS
t
) festzulegen.