Decision ID: 8483b047-0085-457d-b827-5b96d1510697
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Niedermann, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorsorgliche Renteneinstellung (Observation)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 29. Januar 1996 zum Bezug von IV-Leistungen an (act.
G 8.1.2). Der Hausarzt Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH,
diagnostizierte im Bericht vom 8. März 1996 als erhebliche Leiden diffuse
Rückenschmerzen von HWS bis LWS mit radikulären Symptomen S1 links und eine
Blasenentleerungsstörung (act. G 8.1.9). Der Versicherte wurde an mehreren Tagen im
Juli 1998 in der MEDAS Zentralschweiz polydisziplinär (neurologisch, rheumatologisch,
kardiologisch und psychiatrisch) begutachtet. Im Gutachten vom 31. Juli 1998
diagnostizierten die Experten mit wesentlicher Einschränkung der Arbeitsfähigkeit eine
ausgeprägt polysymptomatische dissoziative Störung sowie einen Verdacht auf eine
passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung. Der Versicherte sei sowohl für die
angestammten Tätigkeiten als Kellner und Lieferwagenchauffeur als auch für sämtliche
anderen Tätigkeiten zu 100% arbeitsunfähig (act. G 8.1.53). Gestützt auf diese
medizinische Einschätzung sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab
1. November 1996 eine ganze Rente samt entsprechenden Zusatzrenten zu (Verfügung
vom 12. November 1998, act. G 8.1.59).
A.b In der im Rahmen von Amtes wegen eingeleiteten Revisionsverfahren ergangenen
Verfügung vom 6. Februar 2003 (act. G 8.1.75) und Mitteilung vom 26. Mai 2006 (act.
G 8.1.90) wurde ein Anspruch auf eine ganze Rente bestätigt.
A.c Am 22. September 2009 äusserte die Gemeinde gegenüber der IV-Stelle einen
Verdacht auf einen IV-Betrug, da der Versicherte eine Visitenkarte vorgelegt habe,
worin er sich als Investment Broker ausgebe. Ferner habe er erzählt, ein Hotel zu
besitzen. Er habe auch von Geschäftsreisen in Osteuropa gesprochen (E-Mail vom
22. September 2009, act. G 8.2.1; vgl. ferner Telefonnotiz vom 12. April 2010, act.
G 8.2.2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Die IV-Stelle gab am 12. Mai 2010 eine Observation in Auftrag (act. G 8.2.5; zur im
Juni, September und Oktober 2010 durchgeführten Observation vgl.
Observationsbericht vom 5. Oktober 2010, act. G 8.2.7).
A.e Im Juni 2010 leitete die IV-Stelle erneut eine Revision von Amtes wegen ein. Im
Fragebogen vom 20. Juni 2010 gab der Versicherte an, sein Zustand habe sich in den
letzten beiden Jahren verschlechtert (act. G 8.1.96). Am 22. September 2010 fand ein
"Standortgespräch" in der IV-Stelle statt, worin der Versicherte zu seinem
Gesundheitszustand und weiteren persönlichen Verhältnissen befragt wurde
(Gesprächsprotokoll vom 22. September 2010, act. G 8.1.105). Der RAD-Arzt Dr. med.
C._ nahm am 28. Oktober 2010 Stellung zu den Observationsergebnissen und den
Ergebnissen des Standortgesprächs vom 22. September 2010. Keine der vom
Versicherten geltend gemachten Behinderungen hätte bei der Observation auch nur
annäherungsweise festgestellt werden können. Der Versicherte könne seinen
Funktionsverlust sehr zielgerichtet kontrollieren. Das Vorliegen einer dissoziativen
Störung könne deshalb mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.
Eine behandlungsbedingte vollständige Arbeitsunfähigkeit habe etwa vom 1. Februar
1996 bis höchstens August 1996 wegen einer Operation des Sakraldermoids
bestanden (act. G 8.2.8). Am 7. Februar 2011 erhob die IV-Stelle gegen den
Versicherten eine Straf- und Zivilklage wegen Betrugs und Widerhandlungen gegen IV-
rechtliche Strafnormen (act. G 8.2.10). Die Kantonspolizei St. Gallen führte am 11. März
2011 eine Hausdurchsuchung beim Versicherten durch (vgl. hierzu Ermittlungsbericht
vom 21. September 2011, act. G 8.4).
A.f Die IV-Stelle orientierte den Versicherten am 25. März 2011 über die
durchgeführte Observation. Es sei davon auszugehen, dass der Versicherte die Rente
zu Unrecht erwirkt habe. Die IV-Stelle teilte mit, dass sie die laufende Rentenleistung
mit sofortiger Wirkung vorsorglich einstellen werde (act. G 8.3.5). Der Versicherte nahm
hierzu am 1. April 2011 Stellung (act. G 8.3.11). Am 5. April 2011 verfügte die IV-Stelle
die vorsorgliche sofortige Renteneinstellung. Einer allfälligen Beschwerde entzog sie
die aufschiebende Wirkung (act. G 8.3.12).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde vom 20. Mai 2011. Der
Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolge deren
Aufhebung und die weitere Ausrichtung einer ganzen Rente. Der Beschwerde sei die
aufschiebende Wirkung wieder zu erteilen. Der Beschwerdeführer bringt vor, die gegen
ihn erhobenen Vorwürfe seien nicht erhärtet worden und haltlos. Durch die sofortige
Renteneinstellung erwüchsen ihm erhebliche und nicht wieder gutzumachende
Nachteile. Es sei ferner nicht nachvollziehbar, weshalb die Beschwerdegegnerin noch
keine erneute MEDAS-Begutachtung in Auftrag gegeben habe, nachdem der
Sachverhalt unbestritten unvollständig abgeklärt worden sei. Deshalb sei unverzüglich
eine MEDAS-Begutachtung durchzuführen und bis zum Vorliegen verlässlicher
Ergebnisse die Rente weiter auszurichten (act. G 1; vgl. auch die ergänzende Eingabe
vom 26. August 2011, act. G 6).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 17. Oktober
2011 die Beschwerdeabweisung. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass
Verfahrensgegenstand lediglich die Frage bilde, ob sie die Rentenleistung zu Recht
vorsorglich habe einstellen dürfen. Es sei nicht zu prüfen, ob der Beschwerdeführer
gegenwärtig einen Rentenanspruch habe. Relevant sei nur, ob hinreichende Gründe
bestünden, welche die Rechtmässigkeit der Rentenleistungen in Frage stellten, und ob
eine Güterabwägung eine vorsorgliche Massnahme als verhältnismässig erscheinen
lasse. Die Voraussetzungen für eine vorsorgliche sofortige Renteneinstellung seien
erfüllt. Der Beschwerdeführer habe deutlich schlechtere Prozessaussichten. Es
bestünden Zweifel, dass der Beschwerdeführer eine allfällige Rückforderung
begleichen würde. Sein Interesse, nicht in die Vermögensreserven eingreifen oder gar
zur Sozialhilfe gehen zu müssen, habe demnach vor jenem der Verwaltung,
uneinbringliche Rückforderungen zu vermeiden, zurückzutreten (act. G 8).
B.c In der Replik vom 24. Februar 2012 hält der Beschwerdeführer unverändert an
seinen Anträgen fest (act. G 16).
B.d Die Beschwerdegegnerin hält ihrerseits an der beantragten
Beschwerdeabweisung fest. Die vom Beschwerdeführer geforderte MEDAS-
Begutachtung müsse sich auf sämtliche verfügbaren Akten abstützen, weshalb zuerst
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Abschluss der strafrechtlichen Beweiserhebungen abzuwarten sei (Duplik vom
29. März 2012, act. G 18).
B.e Am 18. Mai 2012 orientiert die Beschwerdegegnerin, dass das zuständige Unter
suchungsamt Gossau eine psychiatrische Abklärung in Auftrag gegeben habe (Auftrag
vom 14. Mai 2012, act. G 22).
B.f In der Eingabe vom 29. Mai 2012 rügt der Beschwerdeführer eine Verschleppung
des Verwaltungsverfahrens durch die Beschwerdegegnerin. Mit einem baldigen
Abschluss der Abklärungen im Strafverfahren sei ferner nicht zu rechnen. Es bestünden
keine Erkenntnisse, die den Verdacht eines Betrugs belegen würden (act. G 23). Zur
Untermauerung dieses Standpunkts reicht der Beschwerdeführer Berichte der
behandelnden Ärzte ein (Bericht Dr. B._ vom 29. April 2012, act. G 23.5; Bericht
Dr. med. D._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 7. Mai 2012,
act. G 23.6). Mit Eingabe vom 10. Juli 2012 reicht der Beschwerdeführer einen weiteren
Bericht von Dr. D._, datiert vom 12. Mai 2012, nach. Er weist auf die aufgelaufenen
Schulden hin und ersucht um rasche Wiederausrichtung der Rente, bis ein MEDAS-
Gutachten Klarheit über den Gesundheitszustand gebe (act. G 25 und G 25.1).

Erwägungen:
1.
Vorliegend umstritten und zu prüfen ist die Frage, ob die vorsorgliche sofortige
Sistierung der Rente zu Recht erfolgte. Der materielle Leistungsanspruch, mithin die
Frage, ob die Rente herabzusetzen oder aufzuheben ist, bildet unbestrittenermassen
nicht Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens.
2.
2.1 Nach der Rechtsprechung (Urteil des Bundesgerichts vom 12. April 2010,
9C_45/2010, E. 2 mit Hinweisen) ist die IV-Stelle in analoger Anwendung von Art. 56
des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (VwVG; SR 172.021) grundsätzlich
zum Erlass vorsorglicher Massnahmen ermächtigt. Die vorliegend zu beurteilende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorsorgliche Massnahme erging im Rahmen eines Revisions- bzw.
Wiedererwägungsverfahrens.
2.2 Vorsorgliche Massnahmen werden aufgrund einer summarischen Prüfung
gestützt auf die vorhandenen Unterlagen getroffen. Auch im Rechtsmittelverfahren
kann die Sache deshalb nicht eingehend abgeklärt und damit der Entscheid in der
Hauptsache vorweggenommen werden. Vielmehr ist aufgrund der vorhandenen Akten
zu beurteilen, ob die Voraussetzungen für eine vorsorgliche Massnahme erfüllt sind
(Urteil des Bundesgerichts vom 8. Juli 2009, 9C_463/2009, E. 3.2.2).
2.3 Ein Entscheid über die Anordnung vorsorglicher Massnahmen setzt Dringlichkeit
voraus, d.h. dass es sich als notwendig erweist, die fraglichen Vorkehren sofort zu
treffen. Sodann muss der Verzicht auf Massnahmen für die betroffene Partei einen
Nachteil bewirken, der nicht leicht wieder gutzumachen ist, wobei ein tatsächliches,
insbesondere wirtschaftliches Interesse genügen kann. Erforderlich ist weiter, dass eine
Abwägung der entgegenstehenden Interessen den Ausschlag für den einstweiligen
Rechtsschutz gibt und dieser verhältnismässig erscheint. Der durch die Endverfügung
zu regelnde Zustand darf dadurch jedoch weder präjudiziert noch verunmöglicht
werden. Die Hauptsachenprognose kann bei der Überprüfung einer vorsorglichen
Massnahme insbesondere dann berücksichtigt werden, wenn sie eindeutig ist; bei
tatsächlichen oder rechtlichen Unklarheiten drängt sich hingegen Zurückhaltung auf,
weil diesfalls die entsprechenden Entscheidgrundlagen ja erst im Hauptverfahren
ermittelt bzw. festgelegt werden (BGE 127 II 137 f. E. 3).
3.
Der Beschwerdeführer bezieht seit November 1996 wegen einer ausgeprägten
polysymptomatischen dissoziativen Störung sowie eines Verdachts auf passiv-
aggressive Persönlichkeitsstörung (act. G 8.1.53-10 f.) eine ganze Rente (act. G 8.1.59).
3.1 Gemäss der medizinischen Aktenlage präsentierte sich der Beschwerdeführer
den medizinischen Fachpersonen gegenüber jeweils als stark eingeschränkte Person
(zum gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers ermittelten medizinischen
Leistungsprofil vgl. RAD-Stellungnahme vom 27. April 2010, act. G 8.2.3). Er "verhielt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich wie ein Mensch mit linksseitiger Hemiparese, öffnete und verengte seine rechte
Lidspalte in kontinuierlichem Wechsel, zeigte feinschlägigen ausgeprägten Tremor der
rechten Hand, sprach mit leiser Stimme, [...], wirkte insgesamt sehr hinfällig und
krank" (psychiatrische Begutachtung vom 15. Juli 1998, act. G 8.1.53-20). Auch der
rheumatologische Gutachter beschrieb ein sehr auffälliges Krankheitsverhalten. Der
Beschwerdeführer habe völlig verkrümmt im Wartezimmer gesessen, sein Gangbild sei
verlangsamt, schleppend. Den linken Arm halte er nahe am Körper, schlaff
herunterhängend. Es bestehe ein groteskes klinisches Erscheinungsbild
(rheumatologisches Teilgutachten vom 9. Juli 1998, act. G 8.1.53-25 ff.). Der Hausarzt
berichtete am 24. Dezember 2000 von einem schlürfenden halb gebückten Gang ohne
Mitbewegungen des linken Armes. Sitzen auf einem Stuhl sei normal nicht möglich (act.
G 8.1.71-3). Diese Feststellungen wiederholte er im Bericht vom 9. April 2006 (act.
G 8.1.87). Im Revisionsfragebogen vom 22. Februar 2006 gab der Beschwerdeführer
an, er benötige für seine alltäglichen Lebensverrichtungen wie etwa beim An-/
Auskleiden, Aufstehen "etc." Dritthilfe (act. G 8.1.82-2). Diesen Hilfsbedarf bestätigte er
am 20. Juni 2010 (act. G 8.1.96; vgl. auch act. G 8.1.105-3). Schliesslich erwähnte der
Hausarzt am 18. August 2010, dass sich der Beschwerdeführer als eine Person
präsentiere, die weder gerade normal stehen könne, noch halbwegs normal auf einem
Stuhl sitzen könne. An eine Erwerbstätigkeit sei nicht zu denken (act. G 8.1.102-4).
Dr. D._ berichtete bei einem stationären Gesundheitsverlauf u.a. von einem
auffälligen Gang (Bericht vom 24. August 2010, act. G 8.1.103). Anlässlich des
Standortgesprächs vom 22. September 2010 brachte der Beschwerdeführer vor, er
könne die Hände nicht über den Kopf bewegen. Ferner könne er nicht ohne sichtbare
Behinderung aufrecht gehen. Auf keinen Fall könne er sich bücken (act. G 8.1.105-4).
Er habe die geklagten Schmerzen auch bei Medikamenteneinnahme "immer - jeden
Tag - jede Stunde". Er könne nicht in normaler Position sitzen, sondern nur in
derjenigen, in der er jetzt sei, und höchstens eine halbe Stunde. Jede andere Position
sei extrem schmerzhaft (act. G 8.1.105-5). Autofahren könne er nur in der genannten
Sitzposition. Er fahre nur in Notfällen, höchstens ein oder zweimal im Jahr und nur
kurze Strecken (act. G 8.1.105-6). An das Standortgespräch sei er mit dem Bus
gekommen (act. G 8.1.105-7).
3.2 In Abweichung zur vorstehend dargestellten Präsentation gegenüber
medizinischen Fachpersonen und Sozialversicherungsbehörden und dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entsprechend eingeschränkten Leistungsprofil (vgl. RAD-Stellungnahme vom 27. April
2010, act. G 8.2.3) wird der Beschwerdeführer von einem Angestellten der
Wohnsitzgemeinde, der ihn persönlich kenne, folgendermassen beschrieben: Es "seien
bisher keinerlei Einschränkungen aufgefallen, weder im psychischen Bereich noch
körperlich. Er würde absolut normal gehen, sich bücken etc., eben einfach wie ein
'normaler' Mensch". Gegen aussen pflege der Beschwerdeführer ein sehr auffallendes
Auftreten als Geschäftsmann (Telefonnotiz vom 23. April 2010, act. G 8.2.2). Auch
anlässlich der von der Beschwerdegegnerin in Auftrag gegebenen Observation - deren
Rechtmässigkeit vom Beschwerdeführer nicht bestritten wird - zeigte sich beim
Autofahren, im Umgang mit dem Hund der Familie sowie Bekannten, und der Sichtung
seiner Korrespondenz beim Briefkasten ein im Wesentlichen normales Bewegungsbild
des Beschwerdeführers (vgl. act. G 18, DVD-1, und act. G 8.2.7), zumindest aber
keines, das sich mit den genannten Angaben des Beschwerdeführers (vgl. vorstehende
E. 3.1) vereinbaren lassen würde (act. G 8.3.7). Auch erweist sich die Behauptung des
Beschwerdeführers, er sei mit dem Bus zum Standortgespräch gekommen
(G 8.1.105-7) als tatsachenwidrig, kann doch dem Observationsbericht entnommen
werden, dass der Beschwerdeführer mit seinem - etwas von der Örtlichkeit der SVA
distanziert parkierten - Auto angereist war, das er selbst lenkte (act. G 8.3.7-13 f.).
Anlässlich der Hausdurchsuchung vom 11. März 2011 wurde der Beschwerdeführer
gut gelaunt angetroffen. Er sei zügig gegangen und habe ohne äusserlich
wahrnehmbare körperliche Einschränkungen auf dem Sofa Platz nehmen können
(Ermittlungsbericht vom 21. September 2011, act. G 8.4, S. 3).
3.3 Im Licht dieser Umstände bestehen offensichtliche Diskrepanzen zwischen dem
gegenüber medizinischen Fachpersonen sowie der Beschwerdegegnerin anlässlich des
Standortgesprächs gezeigten Verhalten und demjenigen Verhalten, dass der
Beschwerdeführer in seinem Alltag zeigt. Es bestehen gewichtige Anhaltspunkte dafür,
dass der Beschwerdeführer zumindest einer erheblich rentenreduzierenden
Erwerbstätigkeit nachgehen könnte. Unter diesen Umständen hatte die
Beschwerdegegnerin verwaltungsrechtliche Konsequenzen zu ziehen. Daran ändern
die im Beschwerdeverfahren eingereichten Berichte der behandelnden Ärzte nichts,
vermögen diese doch die genannten offenkundigen Verhaltensdiskrepanzen nicht
zugunsten des Beschwerdeführers aufzulösen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.4 Würden vorliegend vorsorgliche Massnahmen unterbleiben, so könnte der
Beschwerdeführer bis zum Abschluss des Revisions- bzw.
Wiedererwägungsverfahrens weiterhin Leistungen der Invalidenversicherung beziehen.
Damit käme er unter Umständen in den Genuss von zu Unrecht ausgerichteten
Leistungen, die er gegebenenfalls zurückzuerstatten hätte. Die Beschwerdegegnerin
hat ein Interesse daran, eine Rückforderung wegen der damit verbundenen
administrativen Erschwernisse und der Gefahr der Nichteinbringlichkeit nach
Möglichkeit zu vermeiden. Die vorsorgliche Renteneinstellung erweist sich als geeignet,
um diesen nicht leicht wieder gut zu machenden Nachteil nicht eintreten zu lassen. Die
vorläufige Renteneinstellung ist auch erforderlich. Eine mildere Massnahme ist nicht
ersichtlich. Zwar stellt die vorläufige Renteneinstellung einen erheblichen Einschnitt in
die Einkommenssituation des Beschwerdeführers und seiner Familie dar. Bei der
Abwägung der Gründe für und gegen eine vorläufige Renteneinstellung steht dem
genannten Interesse der Beschwerdegegnerin das Interesse des Beschwerdeführers
gegenüber, während der Dauer des Revisionsverfahrens nicht von der Fürsorge
abhängig zu werden. Diesem Umstand kommt jedoch praxisgemäss nur dann
ausschlaggebende Bedeutung zu, wenn mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen
ist, dass der Leistungsanspruch des Beschwerdeführers weiterhin besteht (BGE 105 V
269 f. E. 3; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 22. August 2007, 8C_261/2007,
E. 2.3). Dies trifft nach dem Gesagten (vgl. vorstehende E. 3.2 f.) sowie der plausiblen
RAD-Stellungnahme vom 28. Oktober 2010 (act. G 8.2.8) vorliegend indessen nicht zu.
Die Anordnung der fraglichen vorsorglichen Massnahmen präjudiziert den in der
Hauptsache zu erlassenden Entscheid nicht, noch verunmöglicht er diesen. Die
Tatsache, dass der Beschwerdeführer allenfalls Sozialhilfe in Anspruch nehmen muss,
rechtfertigt für sich allein die weitere Rentenausrichtung nicht. Bei der vorliegenden
Aktenlage und mit Blick auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachten (act. G 6,
S. 4) knappen finanziellen Verhältnisse überwiegt vielmehr das öffentliche Interesse an
einer sofortigen Sistierung der Rentenleistungen das private Interesse an der
Weiterausrichtung der Rente bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen Entscheids über
den Rentenanspruch.
4.
Der Beschwerdeführer rügt schliesslich, die Beschwerdegegnerin verschleppe bzw.
verzögere in ungerechtfertigter Weise das Hauptverfahren (act. G 23, S. 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Der Devolutiveffekt der Beschwerde gegen den vorsorglichen
Massnahmenentscheid betrifft nur diesen. Er hindert die Beschwerdegegnerin damit
nicht, in der Hauptsache das Revisionsverfahren, ein Wiedererwägungsverfahren oder
ein prozessuales Revisionsverfahren voranzutreiben. Insbesondere geht es nicht an,
vorsorglich eine Rente einzustellen, dann untätig zu bleiben und der versicherten
Person auf diese Weise ohne materiellen Sachentscheid die (allenfalls geschuldete)
Rente vorzuenthalten. Eine ungerechtfertigte Verzögerung des Hauptverfahrens kann
dazu führen, dass die Aufrechterhaltung der vorsorglichen Renteneinstellung
rechtswidrig wird (Urteil des Bundesgerichts vom 12. April 2010, 9C_45/2010, E. 2.2
mit Hinweis).
4.2 Vorliegend verfügte die Beschwerdegegnerin die vorsorgliche Massnahme am
5. April 2011 (act. G 8.3.12). Da es sich bei einer sofortigen Renteneinstellung um eine
die betroffene Person finanziell stark beeinträchtigende vorläufige Massnahme handelt,
hat die Beschwerdegegnerin das Hauptverfahren beförderlich voranzutreiben,
namentlich auch dann, wenn parallel eine Strafuntersuchung stattfindet. Soweit sich in
einem allenfalls laufenden Strafuntersuchungsverfahren keine unmittelbaren
Erkenntnisse für das invalidenversicherungsrechtliche Hauptverfahren abzeichnen, darf
die Beschwerdegegnerin nicht einfach mit Blick auf das Strafverfahren zuwarten.
Vielmehr hat sie auch in diesem Fall selbst für eine zügige Erledigung Gewähr zu
bieten. Vorliegend verhielt sich die Beschwerdegegnerin nach der sofortigen
Renteneinstellung passiv und nahm selbst keine weiteren Abklärungsmassnahmen vor.
Sie wartete lediglich die teilweise zögerlich eintreffenden Ergebnisse der
Strafuntersuchung ab. Dies wirft zwar Fragen an der Beförderlichkeit der
Fallbearbeitung durch die Beschwerdegegnerin auf. Bei der Beantwortung der Frage
nach der am 29. Mai 2012 gerügten Verfahrensverschleppung fällt indessen ins
Gewicht, dass die Staatsanwaltschaft am 13. April 2012 eine psychiatrische
Begutachtung in Aussicht stellte (act. G 23.1), die sie am 14. Mai 2012 anordnete (act.
G 23.3). Die Ergebnisse dieser psychiatrischen Begutachtung können für den im
Hauptverfahren zu beurteilenden Rentenanspruch von entscheidender Bedeutung sein,
weshalb die Beschwerdegegnerin bis zu deren Vorliegen zuwarten darf. Allerdings ist
im Rahmen einer beförderlichen Erledigung der Hauptsache zu erwarten, dass sich die
Beschwerdegegnerin aktiv am Begutachtungsprozess - insbesondere mit einem IV-
spezifischen Fragekatalog - beteiligt. Die Anordnung einer eigenen Begutachtung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
durch die Beschwerdegegnerin rechtfertigt sich vorliegend indessen nicht, zumal
daraus keine Verfahrensbeschleunigung (mehr) zu erwarten ist, sondern vielmehr
verpönte Doppelspurigkeiten entstehen würden. Entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers (act. G 23, S. 2; vgl. auch Schreiben vom 7. Mai 2012, act. G 23.2)
erscheint die monodisziplinäre psychiatrische Begutachtung für die Beurteilung des
Rentenanspruchs geeignet. Für die Vornahme einer polydisziplinären Beurteilung
besteht kein zwingender Anlass, sind doch vorliegend unbestrittenermassen
psychische Leiden zu beurteilen. Es bestanden (zum Ausschluss einer somatischen
Erkrankung vgl. MEDAS-Gutachten vom 31. Juli 1998, act. G 8.1.53-9 f.; vgl. den
neurologischen Untersuchungsbericht vom 13. August 2001, act. G 8.1.87-7 ff. und die
neurologische Untersuchung vom 9. November 2005, an der sich ein unauffälliger
klinischer Untersuchungsstatus zeigte, act. G 8.1.87-4 f.) und bestehen keine Hinweise
für eine fassbare körperliche Schmerzursache (Bericht Dr. B._ vom 29. April 2012,
act. G 23.5: kein fassbares körperliches Leiden, Störung der Schmerzempfindung/-
verarbeitung; Bericht Dr. D._ vom 7. Mai 2012, act. G 23.6: depressive Störung
durchschnittlich mittleren Grades verbunden mit einem massiven Schmerzsyndrom).
Unter diesen Umständen ist (inzwischen) eine ungerechtfertigte Verzögerung des
Hauptverfahrens zu verneinen. Nach Vorliegen des psychiatrischen Gutachtens wird
die Beschwerdegegnerin unverzüglich über die Hauptsache zu entscheiden haben,
ansonsten sie Gefahr läuft, dass die Aufrechterhaltung der vorsorglichen Massnahme
rechtswidrig wird.
5.
Nach dem Gesagten erfolgte die vorsorgliche sofortige Renteneinstellung zu Recht. Mit
diesem Entscheid erübrigt sich die Frage der Wiederherstellung der aufschiebenden
Wirkung.
6.
Mit Blick auf eine allfällige Beschwerdeerhebung beim Bundesgericht ist darauf
hinzuweisen, dass Entscheide über vorsorgliche Massnahmen nur unter den für den
Weiterzug von Vor- und Zwischenentscheiden geltenden Voraussetzungen anfechtbar
sind (Urteil des Bundesgerichts vom 20. Juli 2010, 8C_532/2010). Der vorläufige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entzug finanzieller Leistungen stellt nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts in
der Regel keinen nicht wieder gutzumachenden Nachteil dar. Das gelte auch für die
vorsorgliche Einstellung einer Rentenzahlung (Urteil des Bundesgerichts vom 12. April
2010, 9C_45/2010, E. 1.2 mit Hinweisen). Ferner ist auf Art. 46 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110) aufmerksam zu machen,
wonach die in dessen Abs. 1 geregelten Fristenstillstände u.a. in Verfahren betreffend
vorsorgliche Massnahmen nicht gelten (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom
19. Januar 2012, 9C_652/2011, E. 4.4).
7.
7.1 Die Beschwerde ist im Sinne der Erwägungen abzuweisen.
7.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Diese ist vollumfänglich dem unterliegenden
Beschwerdeführer aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm
daran anzurechnen. Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP