Decision ID: 3568d25e-e5de-45b2-83e3-6a1872123f67
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 01.03.2017 Art. 14a IVG. Art. 53 ATSG. Abbruch von Eingliederungsmassnahmen mangels Voraussetzungen für eine Wiedererwägung nicht zulässig (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 1. März 2017, IV 2015/45). Entscheid vom 1. März 2017 Besetzung Vizepräsidentin Miriam Lendfers, Versicherungsrichter Joachim Huber, Versicherungsrichterin Marie Löhrer; Gerichtsschreiber Markus Lorenzi Geschäftsnr. IV 2015/45 Parteien A._, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwältin Karin Herzog, M.A. HSG in Law, Amparo Anwälte und Notare, Neugasse 26, Postfach 148, 9001 St. Gallen, gegen IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand Integrationsmassnahmen Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich, nach einer Anmeldung zur Früherfassung durch ihre
Arbeitgeberin im Oktober / November 2013 (IV-act.1-1 f.), Ende März 2014 zum Bezug
von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 6). Dr. med. B._,
Assistenzärztin, und Professor Dr. med. C._, Chefarzt der Klinik für Infektiologie /
Spitalhygiene des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG), diagnostizierten mit Schreiben
vom 9. April 2014 ein Chronic Fatigue Syndrom (möglicherweise getriggert durch einen
EBV-Infekt im November 2012), eine fokal noduläre Hyperplasie im Lebersegment IV
und einen Vitamin D-Mangel. Sie bescheinigten der Versicherten vorerst eine
Arbeitsunfähigkeit von 100% vom 1. Dezember 2013 bis am 31. März 2014 (IV-act. 17).
Davor hatte der Hausarzt der Versicherten, Dr. med. D._, Allgemeine Medizin FMH,
mehrfach und beinahe durchgehend Arztzeugnisse ausgestellt, welche der
Versicherten seit Mitte Oktober 2012 eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigten
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(IV-act. 1 f., 13, 25; vgl. auch die Dokumentation der Arbeitgeberin über die
krankheitsbedingten Abwesenheiten der Versicherten, IV-act. 25-7 ff.).
A.b Im Juli bzw. August 2014 unterschrieben die Versicherte, deren Arbeitgeberin, die
IV-Eingliederungsverantwortliche sowie ein beigezogener Job Coach einen
Eingliederungsplan für Integrationsmassnahmen für den Zeitraum 1. August 2014 bis
31. März 2015 bei initialem Arbeitspensum von 35% und monatlicher Steigerung um
10% (IV-act. 33). Am 9. Oktober 2014 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass auf
Kosten der IV-Stelle vom 1. August 2014 bis 31. März 2015 ein persönlicher Support
für die Versicherte am Arbeitsplatz im Rahmen eines Job Coachings durchgeführt
werde. Während dieser Massnahme würden der Versicherten Taggelder ausbezahlt (IV-
act. 38, 44)
A.c Der Job Coach informierte die IV-Stelle regelmässig über die wöchentlichen
Gespräche mit der Versicherten und deren Befinden (IV-act. 41, 43). Nach Steigerung
auf ein Arbeitspensum von 50% reduzierte die Versicherte ab Ende Oktober 2014 das
Pensum auf 40% (IV-act. 45, 52). Bei einer Besprechung mit der IV-
Eingliederungsverantwortlichen und der Ärztin des regionalen ärztlichen Dienstes
(RAD), Dr. med. E._, wurde die Versicherte am 24. November 2014 darüber
informiert, dass von einer 100%-igen Arbeitsfähigkeit ausgegangen werde.
Sinngemäss wurde ihr mitgeteilt, dass die Aktivitäten im Privatleben im Musikbereich
beweisen würden, dass ihr ein 100%-iges Pensum möglich und zumutbar sei (IV-act.
57). In der RAD-Fallübersicht vom 25. November 2014 führte Dr. E._ aus, dass bei
der Versicherten eine Arbeitsfähigkeit von 100% gegeben sei. Die privaten Aktivitäten
würden nicht zur Diagnose eines Chronic Fatigue Syndroms passen und psychische
Einschränkungen seien keine vorhanden. Aus medizinischer Sicht könne der Abbruch
der Integrationsmassnahmen erfolgen (IV-act. 58). Mit Schlussbericht des Job Coaches
vom 10. Dezember 2014 schlug dieser die Wiederaufnahme der Massnahme vor,
nachdem die Versicherte bereits im Dezember über eine Arbeitsfähigkeit von 60%
verfügt habe und das Ziel der vollen Arbeitsfähigkeit bis zum ursprünglichen Ende der
Massnahme am 31. März 2015 erreicht werden könnte (IV-act. 62).
A.d Am 6. Januar 2015 informierte die IV-Stelle die Versicherte, dass die Mitteilung
vom 9. Oktober 2014 über den persönlichen Support am Arbeitsplatz samt Taggeld
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und Reisekosten per 24. November 2014 aufgehoben werde. Die Voraussetzungen für
berufliche Massnahmen seien bei 100%-iger Arbeitsfähigkeit der Versicherten nicht
mehr erfüllt und die Integrationsmassnahme werde per 24. November 2014
abgebrochen. Es bestehe kein Anspruch auf berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen (IV-act. 61). Auf Verlangen der Versicherten (IV-act. 63) verfügte die
IV-Stelle am 21. Januar 2015 im Sinne der Mitteilung vom 6. Januar 2015 (IV-act. 64).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 12. Februar
2015. Die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) beantragt, dass die
Verfügung aufzuheben und die Integrationsmassnahmen (finanzielle Entschädigung
und Job Coaching) wieder aufzunehmen seien (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 11. Mai 2015 beantragt die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde (act. G 7). Es habe sich
nachträglich aufgrund der privaten Aktivitäten der Beschwerdeführerin gezeigt, dass
die Diagnose des Chronic Fatigue Syndroms nicht hätte gestellt werden dürfen. Da
keine anderen Diagnosen vorlägen, welche die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
einschränkten, sei eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit ausgewiesen. Damit bestehe weder
ein Anspruch auf Integrationsmassnahmen noch auf berufliche Massnahmen oder auf
eine Rente
B.c Mit Verfügung vom 11. Juni 2015 wurde dem Gesuch der Beschwerdeführerin um
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung entsprochen (act. G 10).
B.d Am 14. Juli 2015 lässt die mittlerweile vertretene Beschwerdeführerin unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen die Anträge stellen, dass die Verfügung der
Beschwerdegegnerin vom 21. Januar 2015 aufzuheben sei und der
Beschwerdeführerin die gesetzlichen Leistungen auszurichten seien. Die Beurteilung
der Beschwerdegegnerin, die Beschwerdeführerin sei 100% arbeitsfähig, finde in den
Akten keinerlei Stütze. Der behandelnde Arzt, Prof. C._, habe nach Verfügungserlass
klar festgehalten, dass er an seinen Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit festhalte und
diese auf der mehrfachen klinischen Behandlung der Beschwerdeführerin beruhten. Die
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Beurteilungen von Prof. C._ seien nachvollziehbar und von seiner
Arbeitsfähigkeitseinschätzung von 60% seit dem 1. Dezember 2014 auszugehen. Der
Beschwerdeführerin seien daher die vereinbarten Leistungen, insbesondere das
Taggeld für die Zeit vom 25. November 2014 bis zum Abschluss der
Integrationsmassnahme am 31. März 2015, nachzuzahlen. Gleiches gelte für den
Beitrag an die Arbeitgeberin. Weiter habe die Beschwerdegegnerin nebst der
Beurteilung der Integrationsmassnahmen in der gleichen Verfügung auch den Anspruch
auf Rentenleistungen verneint. Aufgrund der unterschiedlichen
Anspruchsvoraussetzungen sei das Zusammenfassen in einer Verfügung nicht zulässig.
Bereits aus diesem Grund sei die angefochtene Verfügung aufzuheben. Mindestens
jedoch hätten die Anspruchsvoraussetzungen separat geprüft werden müssen. Dies
habe die Beschwerdegegnerin nicht getan. Es fehle eine Beurteilung in Bezug auf die
langfristige Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin, welche die Prüfung von
Rentenleistungen zulassen würde. Entsprechend habe die Beschwerdegegnerin den
Untersuchungsgrundsatz gar in zweifacher Hinsicht verletzt (act. G 13).
B.e Mit Duplik vom 17. September 2015 hält die Beschwerdegegnerin am gestellten
Antrag um Abweisung der Beschwerde fest und führt ergänzend aus, dass laut der
neuesten Rechtsprechung bei der Konsistenzprüfung auch das Verhalten im privaten
Umfeld der versicherten Person massgebend sei. Aus den Akten sei ersichtlich, dass
die Beschwerdeführerin im privaten Bereich ein hohes Aktivitätsniveau aufweise,
welches nicht mit der gestellten Diagnose vereinbar sei (act. G 17).

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit
der Aufhebung der Integrationsmassnahme per 24. November 2014. Konkret bestand
diese aus persönlichem Support durch den Job Coach, Taggeld (ausbezahlt offenbar
an die Arbeitgeberin; vgl. IV-act. 44) sowie Reisekosten (IV-act. 38)
1.1 Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]) bedrohte
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Versicherte haben Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit a. diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern und
b. die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind
(Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in Integrationsmassnahmen
zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (Art. 8 Abs. 3 lit. abis IVG) und
Massnahmen beruflicher Art (Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG).
1.2 Versicherte, die seit mindestens sechs Monaten zu mindestens 50 Prozent
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) sind, haben Anspruch auf Integrationsmassnahmen zur
Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (Integrationsmassnahmen), sofern
dadurch die Voraussetzungen für die Durchführung von Massnahmen beruflicher Art
geschaffen werden können. Als Integrationsmassnahmen gelten gezielte, auf die
berufliche Eingliederung gerichtete a. Massnahmen zur sozial-beruflichen Rehabilitation
und b. Beschäftigungsmassnahmen (Art. 14a Abs. 1 und 2 IVG). Anspruch auf
Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung haben
Versicherte, die fähig sind, mindestens zwei Stunden täglich während mindestens vier
Tagen pro Woche an Integrationsmassnahmen teilzunehmen (Art. 4quater Abs. 1 der
Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Anspruch auf
Massnahmen zur sozialberuflichen Rehabilitation haben Versicherte, die in Bezug auf
Massnahmen beruflicher Art noch nicht eingliederungsfähig sind (Art. 4quater Abs. 2
IVV). Als Massnahmen zur sozialberuflichen Rehabilitation gelten Massnahmen zur
Gewöhnung an den Arbeitsprozess, zur Förderung der Arbeitsmotivation, zur
Stabilisierung der Persönlichkeit und zum Einüben sozialer Grundfähigkeiten (Art.
4quinquies Abs. 1 IVV).
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin, die Beschwerdeführerin, die Arbeitgeberin und der Job
Coach erstellten und unterzeichneten im Juli bzw. August 2014 eine schriftliche
Vereinbarung bzw. einen „Eingliederungsplan für Integrationsmassnahmen bei einem
Anbieter / Arbeitgeber für WISA (wirtschaftsnahe Integration mit Support am
Arbeitsplatz)“ (IV-act. 33). In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
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wurde als Ziel festgehalten, dass bei regelmässiger monatlicher Steigerung die
angestammte Tätigkeit bis am 31. März 2015 wieder zu 100% ausgeübt werden könne.
Bei WISA handelt es sich grundsätzlich um eine Integrationsmassnahme zur
sozialberuflicher Rehabilitation nach Art. 14a Abs. 2 lit. a IVG (vgl. dazu das
Kreisschreiben über die Integrationsmassnahmen [KSIM], gültig ab 1. Januar 2012, N
1006, 1010.3; vgl. ferner Urteil des Bundesgerichts vom 14. September 2009,
9C_599/2009, E. 2.2.2).
2.2 Im Folgenden teilte die Beschwerdegegnerin am 9. Oktober 2014 der
Beschwerdeführerin mit, dass auf Kosten der IV-Stelle vom 1. August 2014 bis 31.
März 2015 ein persönlicher Support am Arbeitsplatz im Rahmen eines Job Coachings
im Sinne von Integrationsmassnahmen durchgeführt werde, wobei die Vereinbarung
integrierender Bestandteil der Mitteilung war (IV-act. 38). Diese Mitteilung erging im
formlosen Verfahren nach Art. 51 ATSG in Verbindung mit Art. 74ter lit. abis IVV und
Art. 58 IVG. Eine Mitteilung nach Art. 51 Abs. 1 ATSG erwächst – wie die Verfügung im
Anwendungsbereich von Art. 49 ATSG – für den Versicherungsträger nach 30 Tagen in
Rechtskraft (UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Auflage, 2015, Art. 51 N 8, 27). Die
am 9. Oktober 2014 ergangene Mitteilung betreffend die Integrationsmassnahme ist für
die Beschwerdegegnerin dementsprechend seit dem 9. November 2014 rechtskräftig.
Die nach Art. 49 Abs. 1 ATSG am 20. Oktober 2014 förmlich ergangene Verfügung
bezüglich Taggeld vom 1. August 2014 bis 31. März 2015 (IV-act. 44) ist am 20.
November 2014 in Rechtskraft erwachsen.
2.3 Sowohl zum Zeitpunkt der mündlichen Mitteilung bezüglich Abbruch der
Integrationsmassnahme und Einstellung der Taggelder am 24. November 2014 (IV-act.
57-3) als auch bei der schriftlichen Mitteilung am 6. Januar 2015 (IV-act. 61) waren
vorgenannte Mitteilung vom 9. Oktober 2014 bzw. Verfügung vom 20. Oktober 2014
rechtskräftig. Als Folge der Rechtskraft muss sich die Beschwerdegegnerin auf einen
Rückkommenstitel nach Art. 53 ATSG berufen können (UELI KIESER, a.a.O. Art. 51 N
26, Art. 53 N 46), um die gewährte Integrationsmassnahme abzubrechen bzw. die
gesprochenen Taggelder nicht weiter ausrichten zu müssen. In der Verfügung vom 21.
Januar 2015 macht sie geltend, dass sich nachträglich gezeigt habe, dass die
Beschwerdeführerin 100% arbeitsfähig (gewesen) sei und damit kein Anspruch auf
Integrationsmassnahmen bestehe. Da keine Gründe für eine prozessuale Revision nach
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Art. 53 Abs. 1 ATSG ersichtlich sind und von der Beschwerdegegnerin auch nicht
geltend gemacht wurden, ist nachfolgend zu prüfen, ob die Voraussetzungen für eine
Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG erfüllt sind.
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin kann auf formell rechtskräftige Verfügungen (und auch
auf rechtskräftige Entscheide, welche im formlosen Verfahren ergangen sind [UELI
KIESER, a.a.O. Art. 51 N 26, Art. 53 N 46]) zurückkommen, wenn diese zweifellos
unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Die
Wiedererwägung dient der Korrektur einer anfänglich unrichtigen Rechtsanwendung
einschliesslich unrichtiger Feststellung im Sinn der Würdigung des Sachverhalts. Das
Erfordernis der zweifellosen Unrichtigkeit ist in der Regel erfüllt, wenn eine
Leistungszusprache aufgrund falscher oder unzutreffend verstandener Rechtsregeln
erfolgt ist oder wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig angewandt
wurden. Anders verhält es sich, wenn der Wiedererwägungsgrund im Bereich
materieller Anspruchsvoraussetzungen liegt, deren Beurteilung notwendigerweise
Ermessenszüge aufweist. Erscheint die Beurteilung einzelner Schritte bei der
Feststellung solcher Anspruchsvoraussetzungen (Invaliditätsbemessung,
Arbeitsunfähigkeitsschätzung, Beweiswürdigung, Zumutbarkeitsfragen) vor dem
Hintergrund der Sach- und Rechtslage, wie sie sich im Zeitpunkt der rechtskräftigen
Leistungszusprechung darbot, als vertretbar, scheidet die Annahme zweifelloser
Unrichtigkeit aus. Zweifellos ist die Unrichtigkeit, wenn kein vernünftiger Zweifel daran
möglich ist, dass die Verfügung unrichtig war. Es ist nur ein einziger Schluss –
derjenige auf die Unrichtigkeit der Verfügung – denkbar (Urteil des Bundesgerichts vom
23. November 2012, 8C_368/2012, E. 2.2).
3.2 Die Beschwerdegegnerin führt aus, dass sich nachträglich aufgrund der privaten
Aktivitäten der Beschwerdeführerin gezeigt habe, dass die Diagnose des Chronic
Fatigue Syndroms nicht hätte gestellt werden dürfen. Da keine anderen Diagnosen
vorlägen, welche die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin einschränkten, sei eine
100%-ige Arbeitsfähigkeit ausgewiesen. Im Folgenden ist damit zu prüfen, ob die
Arbeitsfähigkeitsschätzung bei Erlass der Mitteilung am 9. Oktober 2014 (IV-act. 38)
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bzw. der Verfügung betreffend Taggelder am 20. Oktober 2014 (IV-act. 44) und im
Verlauf zweifellos unrichtig war.
3.3 Dr. B._ und Prof. C._ diagnostizierten am 3. Oktober 2013 einen Verdacht auf
ein Chronic Fatigue Syndrom (möglicherweise getriggert durch einen EBV-Infekt im
November 2012) und eine fokal noduläre Hyperplasie im Lebersegment IV (IV-act. 48).
Mit Bericht vom 9. April 2014 (IV-act. 49) und 18. Juni 2014 (IV-act. 1s) bestätigten sie
als Diagnosen ein Chronic Fatigue Syndrom, eine fokal noduläre Hyperplasie im
Lebersegment IV und einen Vitamin D-Mangel. Sie bescheinigten der Versicherten eine
Arbeitsunfähigkeit von 100% vom 1. Dezember 2013 bis am 13. April 2014 (IV-act. 1p,
1r, 25-26 f.), 90% vom 14. April bis 2. Mai 2014 (IV-act. 25-25), 80% vom 5. Mai bis 6.
Juni 2014 (IV-act. 1r), 60% vom 1. bis 30. September 2014 (IV-act. 55), 55% vom 1. bis
20. Oktober 2014, 100% vom 21. bis 26. Oktober 2014 (IV-act. 56), 60% vom 27.
Oktober bis 16. November 2014 (IV-act. 56, 62-3), 50% vom 17. bis 30. November
2014 sowie 40% vom 1. Dezember 2014 bis 31. Juli 2015 (act. G 13.1). Mit Schreiben
vom 26. Januar 2015 führte Prof. C._, konfrontiert mit der Verfügung vom 21. Januar
2015, aus, dass seine bisherigen und weiteren Zeugnisse wahrheitsgerecht ausgefüllt
worden seien und die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit auf der mehrfachen klinischen
Beurteilung der Beschwerdeführerin basiere (IV-act. 65).
3.4 Entgegen den vorgenannten Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin stützt sich die Beschwerdegegnerin in der Verfügung vom 21.
Januar 2015 einzig auf die Stellungnahme des RAD vom 25. November 2014. Dr. E._
führt darin aus, dass die privaten Aktivitäten der Beschwerdeführerin nicht zur
Diagnose eines Chronic Fatigue Syndroms passten. Psychische Einschränkungen
seien bei der Beschwerdeführerin keine vorhanden. Gemäss aktueller Aktenlage sei
eine Arbeitsfähigkeit von 100% ausgewiesen. Neben den Eingliederungsmassnahmen
seien anspruchsvolle Tätigkeiten im Interessenbereich der Beschwerdeführerin
möglich, weshalb ein langsamer Aufbau in einem Bereich, der die Beschwerdeführerin
absolut nicht interessiere und von ihr als langweilig empfunden werde, nicht sinnvoll
sei. Medizinisch sei klar, dass die bisherige, angestammte Tätigkeit für die
Beschwerdeführerin nicht gesundheitsschädigend sei und aus gesundheitlichen
Gründen ebenso gut möglich sei wie die seit jeher angestrebte und nebenberuflich
sowie neben den Integrationsmassnahmen auch immer ausgeübte Musikkarriere (IV-
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act. 58). Mit weiterer Stellungnahme vom 15. September 2015 tragen Dr. E._ und Dr.
med. F._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, ebenfalls vom RAD, vor,
dass sich während der Eingliederungsmassnahme herausgestellt habe, dass die
Beschwerdeführerin zu weit mehr Aktivitäten fähig gewesen sei, als man ursprünglich
angenommen habe. Wiederholt finde man in den Unterlagen Angaben bezüglich
Unterforderung. Schon dies lasse auf eine bereits stattgefundene
Beschwerdeverbesserung schliessen. Zudem sei die Beschwerdeführerin fähig
gewesen, bereits am 13. September 2014 einen ersten Konzertauftritt zu absolvieren.
Eine danach zu erwartende gesundheitliche Verschlechterung sei aber nicht
eingetreten. Im Gegenteil habe die Beschwerdeführerin offenbar sehr souverän die
Vorbereitungen für die HEMA-Ausstellung fertig stellen können. Dabei sei nicht von
einer lediglich kurzfristigen Verbesserung des Gesundheitszustands auszugehen. Der
Beobachtungszeitraum ab September 2014 zeige, dass die Beschwerdeführerin neben
ihrer Erwerbstätigkeit fähig gewesen sei, fast monatlich einen Konzertauftritt zu
absolvieren, womit sie eine sowohl anhaltende körperliche als auch kognitive
Leistungsfähigkeit auf gutem Aktivitätsniveau beweise. An der Skala der funktionellen
Belastbarkeit könne abgelesen werden, dass sich die Beschwerdeführerin auf der Stufe
acht befinde, wo vollschichtige Arbeit zumutbar sei. Die Gesamtaktivität der
Beschwerdeführerin entspreche nicht einem relevanten Schweregrad der Diagnose
eines Chronic Fatigue Syndroms, weshalb keine Arbeitsunfähigkeit mehr begründet
werden könne (act. G 17.2).
3.5 Die Diagnose des Chronic Fatigue Syndroms wurde mehrfach gestellt und
bestätigt. Die behandelnden Fachärzte Dr. B._ und Prof. C._ berichten umfassend
und aufgrund mehrerer persönlicher Untersuchungen der Beschwerdeführerin über
einen längeren Zeitraum (IV-act. 48 f.). Die Beurteilungen sind einleuchtend und die
Folgerungen begründet. Der RAD hat keine Untersuchung der Beschwerdeführerin
vorgenommen und eine Beurteilung vorgenommen, ohne die behandelnden Ärzte mit
Fragen zu konfrontieren oder sie um Stellungnahmen zu bitten. Er stützt sich bei seiner
Einschätzung der vollen Arbeitsfähigkeit einzig auf deren privaten Aktivitäten (in Art und
Häufigkeit von ihm nicht näher umschriebene Auftritte als Sängerin), ohne schlüssig
darzulegen, weshalb die Arbeitsfähigkeitsschätzungen der Fachärzte damit widerlegt
sein sollen. Der Umfang der ausgewiesenen privaten Aktivitäten der
Beschwerdeführerin im relevanten Zeitraum ist nicht derart, dass er den von den RAD-
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Ärztinnen gezogenen Schluss als hinreichend fundiert, nachvollziehbar und plausibel
erscheinen lässt und die Berichte der Fachärzte zu entkräften vermag. Anders gesagt
führen die für die Ausübung der Freizeitbeschäftigung vorhandenen Ressourcen der
Beschwerdeführerin bei vorliegendem Ausmass (ein Auftritt als Sängerin im September
2014 sowie zwei Auftritte im Oktober 2014, act. G 17.1) nicht dazu, die Einschätzungen
der behandelnden Fachärzte zu widerlegen bzw. konkreter, diese als zweifellos
unrichtig erscheinen zu lassen.
3.6 Den Einschätzungen der Fachärzte folgend äussert sich auch der Job Coach, der
mit der Beschwerdeführerin seit Beginn der Massnahme regelmässig Gespräche führte
(IV-act. 41, 43, 45, 47). Im Schlussbericht vom 10. Dezember 2014 schildert er
ausführlich seine Eindrücke in Bezug auf die soziale und berufliche Entwicklung der
Beschwerdeführerin. Bis Mitte November 2014 habe eine 50%-ige Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin bestanden, wobei eine volle Arbeitsfähigkeit per Ende März 2015
gemäss seiner Einschätzung ohne Abbruch der Massnahme hätte erreicht werden
können. Bereits im Dezember 2014 habe ihre Arbeitsfähigkeit 60% betragen. Die
Beschwerdeführerin sei immer pünktlich zu den abgemachten Gesprächen erschienen
und habe aktiv am Prozess teilgenommen. Sie habe die ihr angebotenen Methoden
und Anwendungen angenommen und einige davon auch umgesetzt. Er schlage vor,
dass die Massnahme wieder aufgenommen werde, um die volle Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin ressourcenorientiert erreichen zu können (IV-act. 62). Die
Ausführungen des Job Coaches lassen es als glaubhaft erscheinen, dass die
Beschwerdeführerin bemüht und willens war, ihre Arbeitsfähigkeit durch zuverlässige
und aktive Teilnahme an der Massnahme zu steigern. Die Entwicklung gestaltete sich
grösstenteils positiv und wenn das Singen in vorgenanntem Umfang dazu beigetragen
hat, ist dies nicht zu Ungunsten der Beschwerdeführerin auszulegen.
3.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in Würdigung vorstehender Ausführungen
die Mitteilung vom 9. Oktober 2014 und die Verfügung vom 20. Oktober 2014 nicht
zweifellos unrichtig waren und es damit an den Voraussetzungen für eine
Wiedererwägung mangelt. Weiter ist auch nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
dargetan, dass die Beschwerdeführerin per Massnahmeabbruch über die gemäss
Zielvereinbarung angestrebte 100%-ige Arbeitsfähigkeit verfügte, womit sich ein
Abbruch der Massnahme allenfalls nach Art. 4sexies Abs. 3 IVV rechtfertigen würde;
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dies wurde von der Beschwerdegegnerin auch nicht geltend gemacht. Die Aufhebung
der Integrationsmassnahme (inklusive des Anspruchs auf Taggelder und Reisekosten)
per 24. November 2014 erfolgte zu Unrecht, weshalb die Verfügung vom 21. Januar
2015 in diesem Punkt aufzuheben ist und es bei der Mitteilung vom 9. Oktober 2014
und der Verfügung vom 20. Oktober 2014 sein Bewenden hat.
4.
4.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat ausgangsgemäss die gesamte
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- zurückerstattet.
4.2 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht
festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache
und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). Die
Vertreterin der Beschwerdeführerin hat eine nach Zeitaufwand bemessene Honorarnote
über Fr. 3‘114.05 (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) eingereicht (act. G 19.1).
Ein Honorar nach Zeitaufwand sieht die Honorarordnung für Rechtsanwälte und
Rechtsagenten des Kantons St. Gallen (HonO; sGS 963.75) im Verfahren vor dem
Versicherungsgericht grundsätzlich nicht vor (vgl. dazu Art. 23 f. HonO). Nachdem die
Honorarnote nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO tarifkonform ist und sie sich auch in
Berücksichtigung eines unvollständigen Prozesses im Rahmen dessen bewegt, was
praxisgemäss bei einem Fall wie diesem zugesprochen wird, ist darauf abzustellen. Mit
der Zusprache der Parteientschädigung erübrigt sich die Frage einer Entschädigung
aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung.