Decision ID: 4bf45989-e47e-44e2-865e-33e7bb5b48e0
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1962,
arbeitete zuletzt seit 1982 i
n einem
Teilzeitpensum für die
Y._
AG
(
Urk.
7/3
Ziff.
5.4)
. Nach rund 28
Jahren als Wäschereimitarbeiterin wurde ihr ein neuer Arbeitsplatz am Fliessband in der Schokoladenproduktion zugewiesen (vgl.
Urk.
7/1/1). A
m
30.
März 2010
meldete sie sich
unter Hinweis auf degenerative Veränderungen an der Halswirbelsäule (HWS), Taubheit und Kraftlosigkeit in der rechten Hand sowie eingeschränkter Bewegungsfreiheit der rechten Schulter bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/3
Ziff.
6.2)
, nachdem sie am 2
7.
Januar 2010 auf Eis ausgerutscht und auf die Schulter gefallen war.
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte in der Folge einen Auszug aus dem individuellen Konto der Versicherten (
Urk.
7/8), diverse Arztberichte (
Urk.
7/9,
Urk.
7/10 und
Urk.
7/17) sowie einen Arbeitgeberbericht (
Urk.
7/12) ein und zog die Akten des Unfallversicherers bei (
Urk.
7/13,
Urk.
7/19 und
Urk.
7/30).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
7/51), in dessen Verlauf wei
tere Arztberichte aufgelegt w
o
rden
waren
(
Urk.
7/63,
Urk.
7/66,
Urk.
7/71 und
Urk.
7/76/5-7)
, verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 19. Oktober 2012 (
Urk.
2) einen Anspruch der Versicherten auf Leistungen der Invalidenversiche
rung.
2.
Gegen die Verfügung vom 1
9.
Oktober 2012 (
Urk.
2) erhob die Versicherte am 2
0.
November 2012 Beschwerde (
Urk.
1) und beantragte, die Sache sei an die IV-Stelle zurückzuweisen (
Ziff.
1). Eventualiter sei ihr ab
1.
Februar 2011 eine
Rente zuzusprechen (
Ziff.
2).
In der Beschwerdeantwort vom
8.
Januar 2013 (
Urk.
6)
beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am 1
0.
Januar 2013 (
Urk.
8) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8
Abs.
1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (
Art.
4
Abs.
1
des Bun
desgesetzes über die Invalidenversicherung,
IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der
durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7
Abs.
1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von
Art.
4
Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
8 ATSG bewirken. Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als rele
vant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Per
son bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des
Forderbaren
wird dabei weitgehend objektiv bestimmt. Festzustellen ist, ob und in welchem Umfang die Ausübung einer Erwerbstätigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit der psychi
schen Beeinträchtigung vereinbar ist. Ein psychischer Gesundheitsschaden führt also nur soweit zu einer Erwerbsunfähigkeit (
Art.
7 ATSG), als angenommen werden kann, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit (
Art.
6 ATSG) sei der versi
cherten Person sozial-praktisch nicht mehr zumutbar (BGE 131 V 49 E. 1.2 mit Hinweisen).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden kön
nen (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung
vom
1
9.
Oktober 2012 (
Urk.
2)
davon aus, dass der Beschwerdeführerin eine leidensangepasste Tätigkeit zu 100
%
zumutbar sei
,
und errechnete einen
rentenausschliessenden
Invaliditätsgrad von 22
% (
g
emischte Methode)
. Dabei stützte sie sich im
Wesentlichen auf die Beurteilung ihre
s
regionalen ärztlichen Dienstes
, RAD,
und hielt ein interdisziplinäres Gutachten für
un
nötig.
2.2
Die Beschwerdeführerin
wandte ein, die Beschwerde
gegnerin
sei ihrer Abklärungspflicht nicht nachgekommen. Aufgrund der eingereichten Arztberichte könne
sie
nicht davon
ausgehen
, dass keine neuen Gesichtspunkte zum medi
zinischen Sachverhalt vorlägen (
Urk.
1 S. 7 f.).
3.
3.1
Am 2
8.
und 2
9.
Juni 2010
wurden
, veranlasst durch den Unfall
versicherer
,
diver
se Tests zur Evaluation der arbeitsbezogenen funktionellen Leistungs
fähig
keit (EFL) der Beschwerdeführerin durchgeführt (
Urk.
7/30/18-30).
Im
entsprechenden
Bericht vom
1.
Ju
l
i 2010 führten der Betriebsphysiotherapeut und
Ergonom
Z._
und
Dr.
med.
A._
, FMH Rheumatologie,
Rehabi
litation und Physikalische Medizin, aus,
dass bezüglich der Tätigkeit in der Ver
packung keine körperliche arbeitsrelevante Probleme beständen. Das
Ausmass der
demonstrierten physischen Einschränkungen
lasse
sich mit den objektivier
baren pathologischen Befunden der klinischen Untersuchungen und der bildgebenden Abklärung sowie den Diagnosen aus somatischer Sicht
teilweise
erklä
ren.
Zur Unterbrechung der vorgeneigten Haltung solle die Beschwerdeführerin Stre
t
ching machen. Auch seien ihr eine Anpassung der Stuhlhöhe sowie wär
mere Kleidung
gegen den Durchzug und
die
Kälte zu empfehlen.
Aus ärztlicher
Sicht
bestehe keine Arbeitsunfähigkeit.
Einschränkungen beständen
lediglich
bei Arbeiten auf Kopfhöhe
(S. 5).
3.2
Die
Dres
. med.
B._
(
Stellvertretender
Chefarzt) und
C._
(Assistenzärztin) des Rehabilitationszentrums der
Klinik D._
nannten im Austrittsbericht vom
8.
März 2012 (
Urk.
7/63/1-4)
über die
Hospitalisation
vom
5.
b
is 2
5.
Februar 2012
folgende Diagnosen
(S. 1)
:
Zervikozephales
, -
spondylogenes
und –brachiales Schmerzsyndrom
rechts mit/bei
Klippel
-Feil-Syndrom mit Blockwirbelbildung Halswirbelkörper
(HWK) 2/3 sowie
Osteochondrose
und
Retrospondylophytenbildung
HWK 4/5 sowie HWK 6/7 mit
osteodiskaler
Einengung des linksseiti
gen
Neuroforamens
Blockierungen der mittleren HWS rechts und thorakal
leichtem
Impingement
der Schulter
Epicondylopathia
humeri
lateralis
ausgeprägter muskulärer
Dysbalance
leichter generalisierter
Bandlaxität
:
Beighton
Score 0
leichtem
Thoracic
-Outlet-Syndrom, neurographisch diskretem
Carpal
tunnel
-Syndrom
Assessments:
Angstvermeidung: FABQ bei Eintritt: gesamt 84/90, bei Austritt: 49/90
Angst/Depression: HADS bei Eintritt: A 12 / D 11 (von 21 Punkten), bei Austritt: A 8 / D 5
Status nach
Schulterluxation links am 27.10.2010 durch Sturz bei der Arbeit mit
Rotatorenmanschettenschaden
und leichter
retraktiler
Kapsulitis
Arterielle Hypertonie
Hyperprolaktinämie
(bekannt seit ca. 1997)
bei winziger Missbildung in der Hypophyse, grössenkonstant seit 8
10 Jahren
Sie führten aus, dass die Beschwerdeführerin seit Jahren an Schmerzen der
Halswirbelsäule (
H
W
S
)
mit Ausstrahlung in den rechten Arm leide und sich nunmehr durch die persistierenden Schmerzen auch ausgelaugt und erschöpft fühle.
Sie habe chronische
cervicocephale
und
cervicobrachiale
Schmerzen sowie eine reaktive Depression. Bis am
9.
März 2012 sei sie
zu
100
%
arbeits
unfähig. Eine Neubeurteilung der Arbeitsunfähigkeit ab
9.
März 2012
habe
durch den behandelnden Arzt
zu
erfolgen (S. 2 f.).
3.3
Der Ergotherapeut
E._
führte im Austrittsbericht Ergotherapie vom 24. Februar 2012 (
Urk.
7/63/8-10) des Rehabilitationszentrums
der
K
linik D
._
aus, die Beschwerdeführerin habe bei schlechter Tagesform nur 20
Minuten in der Gestaltungstherapie arbeiten können und
habe
dann wegen grosser Schmerzen abbrechen müssen. Am Ende des Aufenthaltes habe
sie
noch 20 Minuten am Stück sitzend arbeiten können. Ein regelmässiger Positions
wechsel beim Arbeiten sei nicht möglich
gewesen
, da sich bei Arbeiten im Sitzen die Schmerzen schnell verstärk
t
hätten
(S. 3).
3.
4
Im Bericht vom
4.
August 2012 (
Urk.
7/76/5-7) nannte
Dr.
med.
F._
, Allge
meine Medizin FMH, folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1):
Blockwirbel C2/C3 sowie mittelschwere bis schwere degenerative Verän
de
rungen der Nachbaretagen mit chronischen Nacken- und Kopf
schmer
zen
Schmerzen im rechten Arm bei
Thoracic
-Outlet-Syndrom rechts
Arterielle Hypertonie
Depressive Entwicklung
Kleines
Prolaktinom
mit
Hyperprolaktinämie
Status nach Schulterluxation links mit Gelenkkapselverletzung, fast symptomlos ausgeheilt Januar 2010
Sie berichtete, dass sie
etwa
alle zwei Wochen mit der Beschwerdeführerin
Gesprä
che
führe
, wobei
l
etztere sich
leidend, jedoch nicht als psychisch krank
empfinde. Die
Antidepressiva
nehme sie täglich
ein.
In einer leichten Arbeit auf Hüfthöhe ohne
hohes
Arbeitstempo
sei die Beschwerdeführerin
halbtags zu 30
%
arbeitsfähig. Belastende Arbeiten wie Putzfrau, Fenster- und Bodenreinigungen seien nicht denkbar (S. 2).
4.
4.1
In der Beschwerdeantwort stellte sich die Beschwerdegegnerin auf den Stand
punkt, dass keine Hinweise für eine psychische Einschränkung mit Krankheitswert vorlägen, weshalb es hierfür keiner weiteren Abklärung bedürfe (
Urk.
6
Ziff.
4). Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Aufgrund der medizinischen Aktenlage ist es offenkundig, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit der
unfallbedingten
Schulterluxation im Jahr 2010 verschlechtert
hat
. Nebst der Diagnose Blockwirbel C2/C3 wurde bei ihr eine depressive Entwicklung
festgestellt, weshalb sie bei
Dr.
F._
in Sprech
stunden war und
eine medikamentöse Therapie gestartet wurde.
Aufgrund der Progredienz der Beschwerden postulierte med.
pract
.
G._
am 14. November 2012 (
Urk.
3/5) eine umfassende rheumatologische und psychiatrische Abklä
rung.
Eine
interdisziplinäre
Abklärung scheint angesichts der Aktenlage als indiziert
.
Lediglich a
ufgrund
des Umstandes, dass bislang noch keine psychotherapeuti
sche Behandlung eingeleitet wurde
und
sich die psychische Stimmung aufgrund der Medikation besserte
,
kann
nicht
ohne weiteres
angenommen werden
,
dass
keine psychische Einschränkung mit Krankheitswert vor
liegt
. Die Annahme einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in leidensangepasster Tätigkeit aus orthopädi
scher, neurologischer sowie rheumatologischer Sicht
durch den RAD
(vgl.
Urk.
7/8
4
S. 3)
lässt die aufziehende
psychiatrische
Problematik
unberücksich
tigt und
erscheint
daher
zu wenig begründet
.
4.2
Bei dieser
Ausgangslage drängt sich demnach eine ergänzende medizinische Abklärung auf, da der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aufgrund der vorliegenden medizinischen Aktenlage nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest
gestellt werden können. Ein Gutachten, das sich umfassend zum Gesundheits
zustand äussert und sich insbesondere mit sämtlichen Diagnosen und daraus abgeleiteten Arbeitsunfähigkeiten aus
einan
dersetzt und sich allenfalls zur We
chsel
wirkung zwischen somatisch bedingten und allfälligen psychisch beding
ten Einschränkungen ausspricht, erweist sich als unabdingbar.
In Gut
heissung der Beschwerde ist daher die
angefochtene Verfügung
vom 19.
Okto
ber 2012
aufzuheben und die Angelegenheit zur Vornahme von ergän
zenden Ab
klärungen und erneuter Rentenverfügung an die Beschwerdegegnerin zurück
zuweisen.
5
.
Die Gerichtskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
4
00.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
Zudem ist der Beschwerdeführerin eine Prozessentschädigung von
Fr.
1‘600
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen (
§
61
lit
.
g ATSG, in Verbindung mit
§
34
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialver
sicherungsgericht).