Decision ID: 4307ba0a-7c86-5ccc-96b4-f92514c794bf
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 24. November 2021 in der Schweiz um
Asyl nachsuchte,
dass er am 7. Dezember 2021 der im Bundesasylzentrum (BAZ)
B._ tätigen Rechtsvertretungsorganisation Vollmacht erteilte,
dass er gemäss der Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac)
am 26. Oktober 2021 in Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staa-
ten eingereist ist und das SEM gestützt hierauf am 14. Dezember 2021 die
italienischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers ersuchte,
die hierzu innert Frist keine Stellung nahmen,
dass dem Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs vom
14. Dezember 2021 das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit
Italiens und zu seinem Gesundheitszustand gewährt wurde,
dass das SEM mit Verfügung vom 16. Februar 2022 (eröffnet am 17. Feb-
ruar 2022) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eintrat, des-
sen Wegweisung aus der Schweiz nach Italien anordnete, eine Ausreise-
frist ansetzte, den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung
beauftragte, die editionspflichtigen Akten aushändigte und feststellte, einer
Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu,
dass die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers ihr Mandat am 17. Feb-
ruar 2022 niederlegte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 22. Februar 2022 beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde einreichte,
dass er beantragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und
das SEM anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten,
dass eventualiter das SEM anzuweisen sei, sich gestützt auf Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen (Asylverordnung 1,
AsylV 1, SR 142.311) für das Asylverfahren für zuständig zu erklären,
dass subeventualiter die Sache aufgrund der Verletzung des rechtlichen
Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen sei,
E-846/2022
Seite 3
dass im Sinne vorsorglicher Massnahmen die aufschiebende Wirkung zu
erteilen und die Vollzugsbehörden anzuweisen seien, von einer Überstel-
lung nach Italien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die
vorliegende Beschwerde entschieden habe,
dass auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren sei,

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen des SEM entscheidet (vgl. dazu Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG,
SR 142.31] i.V.m. Art. 31‒33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass sich die Kognition des Gerichts bzw. die zulässigen Rügen im Asyl-
bereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG richten,
dass der Beschwerdeführer zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist
(Art. 48 Abs. 1 VwVG), seine Eingabe den formellen Anforderungen an
eine Beschwerde genügt (Art. 52 Abs. 1 VwVG) und er seine Beschwerde
fristgerecht eingereicht hat (Art. 108 Abs. 3 AsylG), womit auf diese einzu-
treten ist,
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die
Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE
2017 VI/5 E. 3.1, 2012/4 E. 2.2),
dass sich die Beschwerde – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensichtlich
unbegründet erweist, weshalb über diese in einzelrichterlicher Zuständig-
keit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten Richters
zu entscheiden ist (Art. 111 Bst. e AsylG),
dass gleichzeitig auf einen Schriftenwechsel zu verzichten und der Ent-
scheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG),
E-846/2022
Seite 4
dass der Beschwerdeführer eine Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und Rückweisung der Sache an das SEM beantragt, weil das rechtliche
Gehör verletzt worden sei,
dass er dies jedoch nicht ansatzweise begründet und eine Gehörsverlet-
zung auch nicht ersichtlich ist, weshalb eine Rückweisung an die
Vorinstanz ausser Betracht fällt und das Subeventualbegehren abzuwei-
sen ist,
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass das SEM zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates
die Zuständigkeitskriterien nach der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Dublin-III-VO) prüft,
dass wenn diese Prüfung zur Feststellung führt, dass ein anderer Mitglied-
staat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, das SEM, nachdem
der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zu-
gestimmt hat – oder bei fingierter Zustimmung –, auf das Asylgesuch
grundsätzlich nicht eintritt (vgl. BVGE 2015/41 E. 3.1),
dass die Vorinstanz anhand der Zentraleinheit Eurodac zu Recht die Zu-
ständigkeit Italiens erkannte und die italienischen Behörden – gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO – um Übernahme ersuchte,
dass die italienischen Behörden das Ersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1
Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet liessen, womit sie ihre Zu-
ständigkeit implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass die Vorinstanz bei dieser Sachlage zu Recht von der Zuständigkeit
Italiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens aus-
ging,
dass weder die Ausführungen des Beschwerdeführers im Dublin-Gespräch
noch in der Beschwerde geeignet sind, eine Verletzung der Zuständigkeits-
bestimmungen darzutun,
E-846/2022
Seite 5
dass es namentlich nicht von Belang ist, wenn sich der Beschwerdeführer
in Italien nicht hat registrieren lassen wollen beziehungsweise sein Zielland
die Schweiz war, zumal die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht
einräumt, den Antrag prüfenden Staat auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45
E. 8.3),
dass auch nicht von Belang ist, dass die italienischen Behörden dem Ersu-
chen um Übernahme nicht explizit zugestimmt haben, da in diesem Fall
davon auszugehen ist, dass dem Aufnahmegesuch stattgegeben wurde,
was die Verpflichtung Italiens nach sich zieht, den Beschwerdeführer auf-
zunehmen und angemessene Vorkehrungen für seine Ankunft zu treffen
(Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass damit die Grundlage für einen Nichteintretensentscheid in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG und die Anordnung einer Wegweisung
nach Italien gegeben ist,
dass sich der Beschwerdeführer anlässlich des rechtlichen Gehörs vom
14. Dezember 2021 mit der Begründung gegen eine Überstellung nach Ita-
lien aussprach, er sei auf See gerettet worden und die italienische Polizei
habe seine Fingerabdrücke nehmen wollen, obwohl er ausdrücklich die
Schweiz als Zielland erklärt habe; in der Schweiz fühle er sich wohl,
dass er zudem glaube, Probleme mit seiner Niere und Psyche zu haben,
dass er diesbezüglich auf Beschwerdeebene ergänzt, die italienische Poli-
zei habe ihn auf hoher See erreicht, mit unverhältnismässiger Gewalt fest-
genommen und zur Abgabe seiner Fingerabdrücke gezwungen, wonach er
auf die Strasse entlassen worden sei, wo er unter menschenunwürdigen
Bedingungen habe leben müssen,
dass zudem sein chronisches Nierenleiden abgeklärt werden müsse,
dass aufgrund der Aktenlage indessen keine Sachverhaltsumstände er-
sichtlich sind, die in rechtserheblicher Weise gegen eine Wegweisung in
den für ihn zuständigen Dublin-Vertragsstaat sprechen würden,
dass selbst wenn zutreffen würde, dass der Beschwerdeführer seine Fin-
gerabdrücke nicht freiwillig, sondern unter Zwang abgegeben habe, eine
Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt wäre, da
sich aus einem solchen Vorkommnis nicht ableiten lässt, dass systemische
Schwachstellen bestehen, welche nahelegen, dass der Beschwerdeführer
E-846/2022
Seite 6
bei einer Rückkehr nach Italien mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ei-
ner Art. 3 EMRK widersprechenden Behandlung ausgesetzt wäre,
dass in dieser Hinsicht festzuhalten ist, dass Italien Signatarstaat der
EMRK (SR 0.101), des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zu-
satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist, wobei Ita-
lien nach Auffassung der Schweiz grundsätzlich seinen diesbezüglichen
völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt,
dass die Schweiz gleichzeitig davon ausgeht, Italien anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) und 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie), ergeben,
dass im letztgenannten Zusammenhang zwar nicht von der Hand zu wei-
sen ist, dass die in Italien herrschenden Aufnahmebedingungen schon wie-
derholt zu Klagen Anlass gaben, wozu sich das Bundesverwaltungsgericht
bereits mehrfach geäussert hat (vgl. z. B. BVGE 2015/4 E. 4, 2016/2 E. 5,
2017 VI/5 E. 8.4 und 2017 VI/10 E. 5 sowie BVGer-Urteile F-6330/2020
vom 18. Oktober 2021 E. 10 und E-962/2019 vom 17. Dezember 2019
[beide publiziert als Referenzurteil]),
dass sich allerdings auch damit nichts daran geändert hat, dass das Ge-
richt im Falle von Personen, die – wie der Beschwerdeführer – keine be-
sondere Verletzlichkeit erkennen lassen, ohne Einschränkung von der Zu-
lässigkeit der Überstellung nach Italien ausgeht,
dass die unsubstanziierten Beschwerdeausführungen hieran nichts zu än-
dern vermögen und ebenfalls keinen Anlass zur Annahme geben, der Be-
schwerdeführer wäre in Italien ernsthaft gefährdet,
dass schliesslich auch die vom Beschwerdeführer behaupteten gesundheit-
lichen Probleme kein Hindernis für seine Überstellung nach Italien darstel-
len, zumal Italien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt
und es keinen Grund zur Annahme gibt, dem Beschwerdeführer werde dort
notwendige medizinische Behandlung verweigert,
E-846/2022
Seite 7
dass sich der Beschwerdeführer – nach Einreichung eines Asylgesuchs –
bei Bedarf im Übrigen an die italienischen Behörden wenden und die ihm
zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern kann
(vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie),
dass sich – neben den staatlichen Strukturen – auch zahlreiche private
Hilfsorganisationen der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen
annehmen, bei denen er bei Bedarf ebenfalls um Unterstützung nachsu-
chen kann,
dass demgemäss kein Grund für einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch
respektive für eine Anwendung der Ermessensklausel nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO in Verbindung mit Art. 29a Abs. 3 AsylV1 ersichtlich ist, wes-
halb das entsprechende Eventualbegehren abzuweisen ist,
dass in diesem Zusammenhang festzustellen bleibt, dass sich das SEM
aufgrund der Aktenlage auf eine summarische Würdigung der vorliegenden
Sache unter dem Aspekt von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 beschränken durfte,
da es sich beim Beschwerdeführer gemäss Aktenlage – wie vom SEM zu
Recht erkannt – nicht um eine besonders verletzliche Person handelt,
dass nach dem Gesagten der Nichteintretensentscheid in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG in keinem Punkt zu bemängeln ist,
dass gleichzeitig die Anordnung der Wegweisung nach Italien der Syste-
matik des Dublin-Verfahrens entspricht und im Einklang mit der Bestim-
mung von Art. 44 (erster Satz) AsylG steht,
dass schliesslich der Vollständigkeit halber darauf hinzuweisen ist, dass
allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zusam-
menhang mit der COVID-19-Pandemie gemäss aktuellem Kenntnisstand
lediglich temporäre Vollzugshindernisse darstellen und daher am Ausgang
des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern vermögen (vgl. Urteil des
BVGer F-1829/2020 vom 9. April 2020 E. 5.2),
dass nach vorstehenden Erwägungen die angefochtene Verfügung zu be-
stätigen und die eingereichte Beschwerde als offensichtlich unbegründet
abzuweisen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb die Begehren auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung mit ent-
sprechender Anweisung an die zuständigen Behörden und auf Erlass des
Kostenvorschusses gegenstandslos geworden sind,
E-846/2022
Seite 8
dass das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt
sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Verfahrenskosten von
Fr. 750.– (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1
VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-846/2022
Seite 9