Decision ID: c5325fc4-86ce-5904-a5ce-1dc72d06c7d2
Year: 2015
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. A.1
Gemäss Schadenmeldung UVG der C_ vom 28. September 2010 (Vi. act. 1) sei die am
XX.XX.1960 geborene und dort seit 8. April 2000 im Restaurant zu 58% tätige A_ am
29. August 2010 bei einem Autounfall als Mitfahrerin verletzt worden.
A.2
Laut Austrittsbericht des Spitals Herisau vom 9. September 2010, wo sie nach der Ein-
lieferung mit der Ambulanz bis 2. September 2010 stationär behandelt worden war, bestehe
u.a. eine mittelgradige ventrale Keil-Deckplattenimpressionsfraktur am LWK 1 mit be-
gleitender, kaum dislozierter Fraktur des Processus spinosus L1 sowie eine Spondylo-
listhesis L5/S1 (Vi. act. 9).
A.3
Gemäss Austrittsbericht des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vom 16. September 2010
(Vi. act. 10) über die stationäre Behandlung vom 2. bis 15. September 2010, in deren
Rahmen am 6. September 2010 eine komplikationslose dorsale Spondylodese auf Höhe
Seite 3
Th12-L2 erfolgte, sei die Patientin depressiv verstimmt. Laut Verlaufsbericht vom
27. Oktober 2010 (Vi. act. 15) bestünden zwar noch gewisse Ermüdungserscheinungen in
der dorsalen Muskulatur des Operationsgebietes, doch seien keine Schmerzmittel mehr
nötig. Im Verlaufsbericht vom 9. Dezember 2010 (Vi. act. 22) wurden neurologische oder
sensorische Ausfälle verneint. Mit Blick auf den Rücken wäre eine berufliche Tätigkeit
wieder möglich, doch klage die Patientin über Angstzustände und Depressionen.
A.4
Internistin Dr. med. D_ berichtete am 28. Dezember 2010 (Vi. act. 24) hingegen von
täglichen Rückenschmerzen, weshalb die Patientin nicht länger als eine Stunde sitzen
könne; auch sei das Heben von Lasten über 10kg mit Schmerzen verbunden.
A.5
Auf Anregung von Suva-Kreisarzt und Chirurge Dr. med. E_ vom 13. April 2011
(Vi. act. 36) war im Falle der ca. 159cm grossen und 85kg schweren Versicherten eine sta-
tionäre Reha aufgrund der subjektiven Blockaden im Rücken und der eher schwachen
Rückenmuskulatur nötig. Eine solche erfolgte gemäss Austrittsbericht der Rheinburg-Klinik
Walzenhausen vom 7. Juni 2011 (Vi. act. 42) vom 3. bis 27. Mai 2011.
A.6
Das KSSG berichtete am 22. September 2011 (Vi. act. 54) über praktische Beschwerdefrei-
heit und eine 40%ige Erwerbstätigkeit in einem Restaurant, am 5. Oktober 2011
(Vi. act. 59; s. auch den Austrittsbericht vom 11. Oktober 2011 [Vi. act. 60] über den statio-
nären Aufenthalt vom 4. bis 7. Oktober 2011) über die operative Freigabe des Segments
L1/2 und am 25. November 2011 (Vi. act. 73) über einen regelrechten postoperativen Ver-
lauf mit lediglich muskulären Rückenbeschwerden ohne sensomotorisches Defizit.
A.7
Da gemäss Bericht Dr. D_ vom 10. Januar 2012 (Vi. act. 83) ein erneuter Arbeitsversuch
schmerzbedingt nicht möglich gewesen sei, kündigte die C_ das Arbeitsverhältnis mit der
Versicherten auf Ende Februar 2012 (Vi. act. 75). Mit Bericht vom 1. Februar 2012 (Vi. act.
91) meinte Kreisarzt Dr. E_, bei unveränderten Befunden nach Wirbelbruch sei eine
eingeschränkte Beweglichkeit normal, und es sei nicht sicher, ob die Schmerzen ganz
vergingen. Diese wurden in der Folge verstärkt therapiert, wie aus den Berichten des KSSG
vom 13. März 2012 (Vi. act. 104) und des Palliativzentrums Flawil vom 14. und
15. Juni 2012 (Vi. act. 115 und 116), 17. April 2013 (Vi. act. 177, 4/5), 25. Juli 2013 (Vi.
act. 177) und vom 27. September 2013 (Vi. act. 186), wonach unter Medikation und Phy-
siotherapie eine erfreuliche Stabilisierung eingetreten sei, hervorgeht.
Seite 4
A.8
Auf Vermittlung der Invalidenversicherung erfolgte ferner vom 15. Oktober 2012 bis am
18. Januar 2013 ein Belastbarkeitstraining bei der obvita St. Gallen. Gemäss Schlussbe-
richt vom 30. Januar 2013 (Vi. act. 202) sei die in der Zielvereinbarung vorgegebene Prä-
senzzeit von 4h/Tag an 5 Tagen/Woche wegen starken Rückenbeschwerden nicht erreicht
worden. Vom 19. Januar bis 18. Juli 2013 fand zusätzlich ein Aufbautraining statt, wie dem
Schlussbericht der obvita vom 15. Juli 2013 (Vi. act. 172) zu entnehmen ist, wonach die
Wiedereingliederung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht realistisch sei.
A.9
Nachdem Dr. med. F_, FMH Allgemeinmedizin, bereits am 9. März 2013 (Vi. act 148)
gemeint hatte, die (volle) Wiederaufnahme der Arbeit sei nicht vorgesehen, erstattete die
Rodiag St. Gallen am 23. April 2013 (Vi. act. 156) einen radiologischen Bericht, wonach
sich an der LWS - abgesehen von Lysesaum im Bereich der Pedikelschraube L1 rechts,
wahrscheinlich auch links beginnend - regelrechte Befunde gezeigt hätten. Mit Bericht
gleichen Datums (Vi. act. 159) empfahl Dr. E_ eine intensivierte Therapie der
Dysbalancen der Rückenmuskulatur. Gestützt auf eine CT-Untersuchung meinte das KSSG
am 13. Juni 2013 (Vi. act. 169), die von der Versicherten geklagten Schmerzen seien me-
chanisch nicht erklärbar.
A.10
Suva-Kreisarzt Dr. med. G_, FMH für Chirurgie, erstattete am 30. August 2013 Bericht
über die Abschlussuntersuchung. Der Versicherten seien Tätigkeiten, bei denen
Wechselpositionen eingenommen und gewisse Gewichtslimiten eingehalten werden
könnten, vollschichtig zumutbar (Vi. act. 181). Gleichentags schätzte er den
Integritätsschaden auf 10% (Vi. act. 182).
A.11
Gemäss Arbeitsvertrag mit der obvita St. Gallen vom 9. September 2013 (Vi. act. 190) war
die Versicherte dort ab Oktober 2013 während 6h/Mt. (ca. 4%-Pensum) tätig.
B. B.1
Mit Verfügung vom 16. Januar 2014 (Vi. act. 193) erkannte die Suva bei einem
Invalideneinkommen von Fr. 48'768.35 (LSE 2010, TA1, Totalwert von Frauen auf AF 4,
41.7h/Wo, Teuerung [2011 1%, 2012 0.8%, 2013 0.7%], Leidensabzug 10%) und einem
auf ein 100%-Pensum umgerechneten Valideneinkommen von Fr. 57'308.40 (13 x
Seite 5
Fr. 4'074.- + 12 x Zulage von Fr. 312.20 + C_-Partizipation von Fr. 600.-) auf eine Rente
von 15%, ferner auf eine Integritätsentschädigung von Fr. 12'600.--.
B.2
Dagegen liess die Versicherte durch RA AA_ mit Schreiben vom 17. Februar 2014
(Vi. act. 200) Einsprache mit dem Antrag auf eine ganze Rente und eine Integritätsent-
schädigung von mindestens 20% erheben. In der Begründung wurde u.a. auf einen Bericht
von mag. phil. H_, Atelier für Musik und Gestaltung, vom 20. Januar 2014 (Vi. act. 203)
verwiesen, wonach die auf Zuweisung der Opferhilfe St. Gallen erfolgende Therapie der
unfallbedingten psychischen Beschwerden noch nicht abschlossen werden könne. Ferner
wurde eine Stellungnahme Dr. D_ vom 5. Februar 2014 (Vi. act. 201) erwähnt, dass die
Patientin, die unbedingt ins Berufsleben zurückkehren wolle, nicht vollzeitlich einsetzbar
sei, da nach maximal einer Stunde Rückenschmerzen einsetzten. Ausserdem bestünden
unfallbedingt psychische Probleme.
B.3
Nach einer Stellungnahme Dr. G_ vom 27. Juni 2014 (Vi. act. 208) hiess die Suva die
Einsprache mit Entscheid vom 7. Juli 2014 (Vi. act. 209) teilweise gut, indem sie nach
zusätzlicher Berücksichtigung der Teuerung 2014 von 0.7% und Erhöhung des Leidensab-
zuges auf 15% wegen zusätzlichen Pausenbedarfs einen Invaliditätsgrad von nunmehr
19% errechnete. Zwischen dem mittelschweren Unfall und den behaupteten psychischen
Beschwerden bestehe kein adäquater Kausalzusammenhang, da nur erhebliche Be-
schwerden sowie eine lange Behandlung und Arbeitsunfähigkeit vorlägen.
C. C.1
Dagegen liess die Versicherte mit Schreiben vom 9. September 2014 Beschwerde mit den
eingangs wiedergegebenen Anträgen erheben. Zufolge Trennung vom Ehemann habe die
Absicht einer Erhöhung des Erwerbspensums auf 80% per Anfang September 2010 be-
standen, was die Arbeitgeberin mündlich zugesichert habe. Eine Integrierbarkeit in den
ersten Arbeitsmarkt liege nicht vor, wie auch aus den beiliegenden Angaben von
Schmerztherapeut Dr. med. I_ vom 21. August und vom 8. September 2014 hervorgehe.
Dieser bezeichnete die bildgebend nicht erklärbaren Beschwerden als unfallbedingt, da sie
früher nicht bestanden hätten. Der insgesamt zufriedenen, aber nicht mehr arbeitsfähigen
Patientin könne er nicht mehr weiterhelfen. Allerdings erfolge die Behandlung primär durch
die Orthopädie am KSSG.
Seite 6
C.2
Mit der Beschwerdeantwort vom 15. November 2014 reichte die Suva eine Beurteilung
ihres Versicherungsmediziners und Chirurgen Dr. med. J_ vom 31. Oktober 2014 zu den
Akten, der die Meinung Dr. G_ und damit ihre bisherige Einschätzung teilte.
C.3
Mit Replik vom 5. Januar 2015 und Duplik vom 13. Januar 2015 beharrten beide Parteien
auf ihrem bisherigen Standpunkt.

Erwägungen
1. Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form- und
Fristerfordernisse erfüllt sind. Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. 2.1
Nach Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1) gilt als Unfall die plötzliche, nicht beabsichtigte
schädigende Wirkung eines äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Be-
einträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. Eine
versicherte Person hat u.a. Anspruch auf zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen
(Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung vom 20. März 1981 [UVG;
SR 832.20]), ab dem dritten Tag nach dem Unfall zufolge voller oder teilweiser Arbeitsun-
fähigkeit auf Taggelder (Art. 16 UVG) und - sofern von der Fortsetzung der ärztlichen Be-
handlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustands erwartet werden kann und
allfällige Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind - bei
mindestens 10%iger Invalidität auf eine Invalidenrente der Unfallversicherung (Art. 18 und
19 UVG). Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebliche
Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie überdies An-
spruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung. Diese wird mit der Invalidenrente
festgesetzt oder, falls kein Rentenanspruch besteht, bei der Beendigung der ärztlichen Be-
handlung gewährt (Art. 24 UVG), wobei sich die Höhe der Integritätsentschädigung grund-
sätzlich nach der Schwere der Beeinträchtigung richtet.
Seite 7
2.2
Die Leistungspflicht einer Unfallversicherung gemäss UVG setzt bei somatischen bzw.
organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen (BGE 134 V 109 Erw. 2, 138 V 248 Erw. 4)
voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und den eingetretenen gesundheitlichen Be-
schwerden ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen in diesem Sinn sind
alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten
oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht
werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen
Kausalzusammenhanges nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare
Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zu-
sammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der versicherten
Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weggedacht werden kann,
ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177
Erw. 3.1).
2.3
Der leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenhang muss von der versicherten
Person mit dem im Sozialversicherungsrecht allgemein üblichen Beweisgrad der über-
wiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden (Urteile des Bundesgerichts
8C_354/2007 vom 4. August 2008 Erw. 2.2, 8C_318/2013 vom 18. September 2013
Erw. 3). Dabei spielen ärztliche Berichte eine wichtige Rolle. Das Bundesrecht schreibt
nicht vor, wie diese zu würdigen sind. Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsge-
richtsbeschwerdeverfahren gilt aber der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach
haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsrichter die Beweise frei, d.h. ohne Bin-
dung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das
Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass der Sozialversicherungsrichter alle Beweismittel,
unabhängig von deren Herkunft, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs ge-
statten. Insbesondere darf bei einander widersprechenden medizinischen Berichten der
Prozess nicht erledigt werden, ohne dass das gesamte Beweismaterial gewürdigt wird und
die Gründe angegeben werden, warum auf die eine und nicht auf die andere medizinische
These abgestellt wird. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist also ent-
scheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter-
suchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zu-
sammenhänge und Situation der Patientin einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der
Experten begründet sind (BGE 122 V 157 Erw. 1c).
Seite 8
2.4
Dennoch hat es die Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als
vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten
Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. zum Folgenden BGE 125 V 351
Erw. 3b). Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens durch die Suva oder durch UVG-Pri-
vatversicherer eingeholten Berichten von externen Spezialärzten, welche aufgrund ein-
gehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei
der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen. In Bezug auf Berichte von Hausärzten
und behandelnden Ärzten darf und soll der Richter der Erfahrungstatsache Rechnung tra-
gen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in
Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten aussagen, was mit der unterschiedlichen
Natur von Behandlungs- und Begutachtungsauftrag zusammenhängen mag (Urteile des
Bundesgerichts 9C_739/2008 vom 26. März 2009 Erw. 2.4, 8C_107/2013 vom
23. April 2013).
Auch den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte schliesslich kommt Beweis-
wert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich
widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen. Die Tatsache
allein, dass der befragte Arzt in einem Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger
steht, lässt jedenfalls nicht schon auf mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schlies-
sen. Es bedarf vielmehr besonderer Umstände, welche das Misstrauen in die Unparteilich-
keit der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen lassen. Im Hinblick auf die erhebliche
Bedeutung, welche den Arztberichten im Sozialversicherungsrecht zukommt, ist an die Un-
parteilichkeit des Gutachters allerdings ein strenger Massstab anzulegen.
2.5
Massgebend für die richterliche Überprüfungsbefugnis ist der Zeitpunkt, an dem die ange-
fochtene Verfügung (BGE 129 V 167 Erw. 1) bzw. der diese bestätigende Einspracheent-
scheid erging (Urteil des Bundesgerichts 8C_42/2008 vom 19. Januar 2009 Erw. 2.3).
Später ergangene Berichte, die sich zur Entwicklung des Gesundheitszustandes bis zu
jenem Zeitpunkt äussern, können aus prozessökonomischen Gründen jedoch ausnahms-
weise in die richterliche Beurteilung einbezogen werden, wenn der nach dem erwähnten
Zeitpunkt eingetretene, allenfalls zu einer neuen rechtlichen Beurteilung der Streitsache
führende Sachverhalt hinreichend genau abgeklärt ist und die Verfahrensrechte der Par-
teien, insbesondere deren Anspruch auf rechtliches Gehör, respektiert worden sind (BGE
Seite 9
130 V 138 Erw. 2.1, Urteile des Bundesgerichts 8C_292/2008 vom 9. April 2009 Erw. 4,
8C_186/2014 vom 8. Mai 2014 Erw. 3.2.1).
3. 3.1
Was die somatischen Beschwerden anbelangt, so anerkannte die Suva grundsätzlich
unfallbedingte somatische Beschwerden. Umstritten ist jedoch, inwiefern diese die Arbeits-
fähigkeit der Beschwerdeführerin beeinträchtigen. In diesem Zusammenhang waren die Be-
richte des KSSG nach der dortigen dorsalen Spondylodese auf Höhe Th12-L2 vom
6. September 2010 durchwegs positiv, indem am 16. September 2010 von einem kompli-
kationslosen Eingriff und Verlauf, am 27. Oktober 2010 von einem weiterhin erfreulichen
Verlauf und am 9. Dezember 2010 sogar davon die Rede war, dass vom Rücken her eine
berufliche Tätigkeit wieder möglich wäre. Nach einer von Kreisarzt Dr. E_ angeregten,
etwas mehr als dreiwöchigen stationären Rehabilitation in der Rheinburg-Klinik Walzen-
hausen im Mai 2011 erfolgte im KSSG am 5. Oktober 2011 eine operative Segmentfrei-
gabe, wobei sich gemäss Austrittsbericht vom 11. Oktober 2011 peri- und postoperativ
wiederum keine Komplikationen einstellten. Sogar Hausärztin Dr. D_ meinte wie auch
das KSSG am 25. November 2011, dass der Verlauf nach der Segmentfreigabe planmäs-
sig und regelrecht sei und die Patientin lediglich über muskuläre Rückenbeschwerden
klage, jedoch ohne sensomotorische Defizite.
3.2
In der Folge verzögerte sich jedoch der weitere Heilungsverlauf, wie aus den Berichten
Dr. D_ vom 10. Januar 2012, wonach nach der operativen Segmentfreigabe ein erneuter
Arbeitsversuch wegen der anhaltenden Schmerzen nicht möglich sei, und von Kreisarzt
Dr. E_ vom 1. Februar 2012, dass eine eingeschränkte Beweglichkeit nach einem
Wirbelbruch normal sei, weshalb die therapeutischen Bemühungen, auch im Rahmen einer
Schmerzambulanz, zu intensivieren seien, hervorgeht. Diese berichtete am 13. März 2012
über einen Ausbau der analgetischen und antidepressiven Therapie, wodurch sich der
Zustand gemäss Verlaufsberichten vom 15. Juni 2012 und vom 17. April 2013 eingependelt
habe, die Patientin aus Sorge vor Nebenwirkungen aber eine Dosissteigerung abgelehnt
habe. In dieses Bild passt, dass Hausarzt Dr. F_ am 8. November 2012 und am 9. März
2013 aufgrund von Rückenschmerzen eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestierte.
Wenngleich im radiologischen Bericht der Rodiag St. Gallen vom 23. April 2013 nur von
einem Lysesaum im Bereich der Pedikelschraube L1 rechts die Rede war, und obwohl das
KSSG diesen am 13. Juni 2013 als neurologisch unbedenklich bezeichnete und sich die
Schmerzen mechanisch nicht erklären konnte, riet es doch zu einer Weiterbetreuung der
Patientin im Palliativzentrum. Gemäss dessen Bericht vom 25. Juli 2013 verspüre die
Seite 10
Patientin trotz regelmässiger Analgesie beträchtliche Schmerzen. Immerhin war dann am
27. September 2013 die Rede von einer Stabilisierung des Zustandes.
3.3
Unter diesen Umständen erstaunt es eher, dass Kreisarzt G_ am 30. August 2013 von
einer vollständigen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer leidensadaptierten,
körperlich leichten Tätigkeit ausging, zumal auch die im Rahmen des Einspracheverfahrens
von der Versicherten beigebrachten Unterlagen, so der Bericht von Musik- und Gestal-
tungstherapeutin H_ vom 20. Januar 2014 und insbesondere jener von Hausärztin
Dr. D_ vom 5. Februar 2014 wie auch der im Beschwerdeverfahren eingereichte Bericht
von Neurochirurge Dr. I_ vom 21. August 2014 doch in eine andere Richtung deuteten,
wobei in diesem Zusammenhang auch noch die Berichte der obvita St. Gallen über das
Belastbarkeits- und das Aufbautraining vom 30. Januar und vom 15. Juli 2013 erwähnt
seien. Jedenfalls vermochte die verhältnismässig kurze Beurteilung des Suva-
Versicherungsmediziners Dr. J_ vom 31. Oktober 2014, die sich im Wesentlichen auf
eine formelle Argumentation beschränkte, die hauptsächlich durch die behandelnden Ärzte
in somatischer Hinsicht geweckten Zweifel an der Einschätzung Dr. G_ nicht zu
entkräften. Deshalb ist die Sache in Aufhebung des Einspracheentscheides und der diesem
zugrundeliegenden Verfügung zur ergänzenden Sachverhaltsabklärung im Sinne einer
externen somatischen Abklärung der Beschwerdeführerin an die Suva zurückzuweisen.
4. Im Hinblick auf den Erlass einer neuen Verfügung durch die Unfallversicherung sei noch
auf zwei Punkte hingewiesen:
4.1
Die von der Beschwerdeführerin geklagten psychischen Beschwerden können nicht als
unfallbedingt gelten, da es an einer Häufung der einschlägigen Kriterien beim vorliegend
als mittelschwerer Unfall im mittleren Bereich - die Unfallschwere ist aufgrund des augen-
fälligen Geschehensablaufs mit den sich dabei entwickelnden Kräften zu beurteilen (Urteil
des Bundesgerichts 8C_376/2011 vom 15. September 2011 Erw. 5.1; vgl. die Kasuistik
dazu im Urteil des Bundesgerichts 8C_100/2011 vom 1. Juni 2011 [im entsprechenden
Entscheid BGE 137 V 199 nicht publizierte] Erw. 4.4.1) - einzustufenden Ereignis und damit
an der erforderlichen Adäquanz fehlt. Erforderlich wären mithin mindestens deren drei oder
eines in besonderer Ausprägung (Urteile des Bundesgerichts 8C_721/2011 vom
11. November 2011 Erw. 4.2, 8C_738/2011 vom 3. Februar 2012 Erw. 7.2 und
8C_435/2011 vom 13. Februar 2012 Erw 4.2), doch ist vorliegend in Übereinstimmung nur
von erheblichen Beschwerden und von einer langen Behandlungsdauer auszugehen (vgl.
den Kriterienkatalog der sog. Psychopraxis gemäss BGE 115 V 133 Erw. 6).
Seite 11
4.2
Je nach Beurteilung des Ausmasses der körperlichen Beschwerden in dem von der Suva
einzuholenden somatischen Bericht kann an der detaillierten und auf der Feinrastertabelle
beruhenden Einschätzung des Integritätsschadens durch Kreisarzt Dr. G_ vom
30. August 2013 festgehalten werden oder aber ist dieser bei stärkeren somatischen Be-
schwerden als bisher angenommen etwas zu erhöhen.
5. 5.1
Es sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG in Verbindung mit
Art. 1 UVG).
5.2
Der teilweise obsiegenden Beschwerdeführerin ist im Falle einer Rückweisung der Ange-
legenheit mit (überwiegend) noch offenem Ausgang an die Vorinstanz praxisgemäss eine
ganze Parteientschädigung auszurichten (Art. 61 lit. g ATSG; Urteil des Bundesgerichts
8C_383/2012 vom 25. Juli 2012 Erw. 6.1). Da die von RA A_ am 20. Januar 2015 unter
Hinweis auf Art. 16 Abs. 1 der Verordnung über den Anwaltstarif vom 14. März 1995
(bGS 145.53) eingereichte Kostennote mit einem pauschalen Honorar von Fr. 3'800.-- als
überhöht erscheint, ist der Beschwerdeführerin praxisgemäss eine Parteientschädigung in
Höhe von pauschal Fr. 2'500.-- zulasten der Suva zuzuerkennen.
6. Das vorliegende Urteil stellt einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 des
Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (Bundesgerichtsgesetz [BGG];
SR 173.110) dar. Gegen Zwischenentscheide ist die Beschwerde nur im Rahmen von
Art. 92 f. BGG zulässig, etwa wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil
bewirken können (vgl. auch BGE 139 V 99). Nach dem Grundsatz der Einheit des
Verfahrens sind Zwischenentscheide mit dem in der Hauptsache zulässigen Rechtsmittel
anzufechten. In Leistungsstreitigkeiten aus dem Bereich der Sozialversicherungen ist die
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten gegeben (Art. 62 Abs. 1 ATSG,
Art. 82 lit. a BGG). Es handelt sich um eine streitwertunabhängige Angelegenheit
(vgl. Art. 85 BGG).
Seite 12