Decision ID: 1d00fa37-ec2a-55ff-9620-ed32b3be882e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin 1),
hat eigenen Angaben zufolge gemeinsam mit ihren Enkelkindern
B._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin 2) und C._ (nachfol-
gend: Beschwerdeführer) am (...) Mai 2019 die Ukraine verlassen und sei
durch ihr unbekannte Länder am (...) Mai 2019 in die Schweiz eingereist.
Am (...) Mai 2019 stellten die Beschwerdeführenden im Bundesasylzent-
rum (BAZ) (...) ein Asylgesuch.
B.
Am 9. Mai 2019 führte das SEM mit der Beschwerdeführerin 1 eine Perso-
nalienaufnahme durch. Am 15. Mai 2019 fand mit ihr ein persönliches Ge-
spräch gemäss Art. 5 der Verordnung EU Nr. 604/2013 statt. Gleichentags
erfolgte ebenfalls eine Erstbefragung der Beschwerdeführerin 2. Die Be-
schwerdeführenden reichten ihre ukrainischen Reisepässe zu den Akten.
C.
Am 13. Juni 2019 fand mit der Beschwerdeführerin 1 eine Erstbefragung
gemäss Art. 26 Abs. 3 AsylG und am 11. Juli 2019 eine Anhörung nach
Art. 29 AsylG statt. Die Beschwerdeführerin 2 wurde ebenfalls am 11. Juli
2019 gemäss Art. 29 AsylG angehört. Dabei machten die Beschwerdefüh-
renden im Wesentlichen folgenden Sachverhalt geltend:
Sie hätten in der Stadt D._ in der Provinz E._ gelebt. Die
Familie habe wiederholt unter der häuslichen Gewalt des Schwiegersohns
beziehungsweise Vaters der Beschwerdeführenden gelitten. Er habe die
Tochter beziehungsweise Mutter im (...) 2009 in Anwesenheit der Kinder
derart geschlagen, dass diese an den Folgen der von ihm zugefügten Ver-
letzungen verstorben sei. Seither hätten die damals minderjährigen Be-
schwerdeführenden bei ihrer Grossmutter, der Beschwerdeführerin 1, ge-
lebt. Der Schwiegersohn beziehungsweise Vater sei daraufhin wegen Tot-
schlags verhaftet worden. Etwa eineinhalb Jahre später sei er entlassen
worden und habe die Familie zu belästigen begonnen, unter anderem da
die Beschwerdeführerin 1 ihren Schwiegersohn angezeigt hatte. Nach ei-
ner Weile sei er plötzlich verschwunden. Sie hätten nachträglich erfahren,
dass er in Russland erneut inhaftiert worden sei. Im Jahr 2017 oder 2018
sei er wieder nach D._ zurückgekehrt. Seither habe er die Familie
immer wieder belästigt und bedroht.
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Die Beschwerdeführerin 1 führte weiter aus, dass es regelmässig zu Be-
gegnungen mit ihrem Schwiegersohn gekommen sei. Er sei zu ihnen nach
Hause gekommen und habe sie bedroht. Er habe ihr die Kinder und die
Wohnung wegnehmen wollen. Sie habe sich etwa fünf bis sieben Mal an
die Polizei gewandt, diese habe jedoch nichts unternommen. Zuletzt sei
sie etwa ein halbes Jahr vor der Ausreise bei der Polizei gewesen. Sie ver-
mute, dass der Schwiegersohn der Polizei möglicherweise Geld gegeben
habe. Ohnehin sei Korruption in der Ukraine weit verbreitet. Auch ihre En-
kelkinder hätten Angst vor dem Vater gehabt. Ausserdem hätten an ihrem
Wohnort kriminelle Banden ihr Unwesen getrieben und sie vermute, dass
auch ihr Schwiegersohn einer solchen Gruppe angehöre. Zudem herrsche
in ihrer Herkunftsregion E._ Krieg. Aufgrund dessen habe sie ent-
schieden, mit ihren Enkelkindern die Ukraine zu verlassen.
Die Beschwerdeführerin 2 gab in ihren Befragungen an, ihr Vater habe sie
immer wieder belästigt und habe ihr beispielsweise in der Schule oder im
(...) aufgelauert. Er habe sie und ihren Bruder der Grossmutter wegneh-
men wollen. Er sei mehrmals zu ihnen nach Hause gekommen, habe die
Grossmutter bedroht und ihr auch die Wohnung wegnehmen wollen. Diese
habe sich auch an die Polizei gewandt, es sei jedoch nichts unternommen
worden. Sie hätten sich in Gefahr gefühlt. Zudem herrsche in ihrer Her-
kunftsregion E._ seit fünf Jahren Krieg und sie hätten Angst, dort
zu leben.
Die Beschwerdeführenden reichten folgende Dokumente zu den Akten:
 Einen Todesschein der Tochter beziehungsweise Mutter
 Ein Gerichtsurteil betreffend den Schwiegersohn beziehungsweise
Vater
 Ein Dokument in Bezug auf einen Gefängnisaufenthalt des Schwie-
gersohnes beziehungsweise Vaters
 Eine Sorgerechtsbestätigung zu Gunsten der Beschwerdeführe-
rin 1
 Ein Gerichtsurteil, gemäss welchem dem Schwiegersohn bezie-
hungsweise Vater das Sorgerecht entzogen worden sei
 Ein Beschluss in Bezug auf Alimentenzahlung durch den Vater
 Eine Bestätigung, dass bis anhin keine Alimente bezahlt worden
seien
 Schuldokumente von der Beschwerdeführerin 2
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Seite 4
D.
Am 12. Juli 2019 forderte das SEM die Zentrumsärztin des BAZ (...) auf,
einen Arztbericht betreffend die Beschwerdeführerin 1 einzureichen.
E.
Mit Eingabe vom 19. Juli 2019 legte die Rechtsvertreterin einen ärztlichen
Kurzbericht der Zentrumsärztin des BAZ (...), datiert auf den 17. Juli 2019,
sowie einen ausführlicheren ärztlichen Bericht, datiert auf den 19. Juli
2019, ins Recht. Aus den Berichten geht hervor, dass die Beschwerdefüh-
rerin 1 an einer posttraumatischen Belastungsstörung leide und für weitere
Abklärungen an eine Psychiatrie zu überweisen sei.
F.
Mit Verfügung vom 24. Juli 2019 teilte das SEM den Beschwerdeführenden
mit, dass ihr Asylgesuch fortan im erweiterten Verfahren behandelt werde,
da weitere Abklärungen namentlich in Bezug auf die geltend gemachten
medizinischen Probleme nötig seien. Gleichzeitig wies das SEM sie dem
Kanton F._ zu.
G.
Am 12. August 2019 teilte die zugewiesene Rechtsvertretung dem SEM
mit, dass das Mandatsverhältnis beendet sei.
H.
Am 14. August 2019 reichte die Beratungsstelle für Asylsuchende der Re-
gion Basel dem SEM eine Mandatsanzeige ein.
I.
Am 18. September 2019 reichte die Rechtsvertretung einen Arztbericht be-
treffend die Beschwerdeführerin 1, datiert auf den 16. September 2019, zu
den Akten. Aus dem Bericht gehen insbesondere die Diagnosen einer mit-
telgradigen depressiven Episode sowie von gemischten Angst- und Panik-
zuständen hervor. Des Weiteren übermittelte sie einen Arztbericht betref-
fend den Beschwerdeführer, datiert auf den 9. September 2019. Darin hielt
die untersuchende Fachärztin FMH für Kinder- und Jugendmedizin fest,
beim Beschwerdeführer bestünden schon länger Verhaltensauffälligkeiten
mit Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen sowie aktuelle Zei-
chen einer gewissen Rückzugstendenz. Sie empfahl aufgrund der Biogra-
fie des Beschwerdeführers eine kinder- und jugendpsychiatrische Evalua-
tion. Aktuell stehe jedoch eine Stabilisierung des Umfelds im Vordergrund.
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Seite 5
J.
Mit Schreiben vom 16. Januar 2020 erkundigten die Beschwerdeführenden
sich über den Verfahrensstand und ersuchten um eine Änderung der Na-
men der Enkelkinder im ZEMIS. Daneben nahmen sie Bezug auf eine E-
Mail der für die Familie zuständigen Sozialberaterin (nachgereicht mit Ein-
gabe vom 17. Februar 2020), aus welcher im Wesentlichen hervorgeht,
dass derzeit Abklärungen in Bezug auf eine Pflegeplatzbewilligung und
mögliche Unterstützung für die Grossmutter bei der Betreuung der Enkel-
kinder im Gange seien.
K.
Mit Schreiben vom 22. Januar 2020 teilte das SEM den Beschwerdefüh-
renden mit, dass das Asylgesuch aufgrund der hohen Geschäftslast noch
hängig sei und das Gesuch sobald als möglich gemäss der internen Prio-
ritätenordnung entschieden werde.
L.
Am 20. Februar 2020 gewährte das SEM den Beschwerdeführenden Ak-
teneinsicht in ihre Verfahrensakten.
M.
Mit Verfügung vom 28. Februar 2020 (eröffnet am 2. März 2020) verneinte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden, lehnte ihre
Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Vollzug an. Zudem wies das SEM das Gesuch um Berichtigung der Perso-
nendaten der Enkelkinder im ZEMIS ab.
N.
Mit Eingabe vom 1. April 2020 (Poststempel) liessen die Beschwerdefüh-
renden durch ihre Rechtsvertreterin diese Verfügung beim Bundesverwal-
tungsgericht anfechten und beantragten, die angefochtene Verfügung vom
28. Februar 2020 sei aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführenden sei festzustellen und ihnen sei Asyl zu gewähren,
eventualiter sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung für die Be-
schwerdeführenden unzulässig und unzumutbar sei und infolge dessen
eine vorläufige Aufnahme anzuordnen sei.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie die Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und die Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands
sowie die Ansetzung einer den Umständen angemessenen Nachfrist zur
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Einreichung weiterer Beweismittel und einer möglichen Beschwerdeergän-
zung.
Der Rechtsmitteleingabe wurden folgende Beweismittel beigelegt:
 Eine E-Mail vom 25. März 2020 der behandelnden Ärztin der Be-
schwerdeführerin 1 betreffend Verzögerung bei der Erstellung ei-
nes Arztberichtes aufgrund der Corona-Situation
 Zwei Verfügungen des Erziehungsdepartements F._ vom
2. März 2020 betreffend eine Pflegeplatz-Bewilligung für die Be-
schwerdeführerin 1 zur Aufnahme ihrer Enkelkinder
 Ein Abklärungsbericht des Kinder- und Jugenddienstes vom 6. Ja-
nuar 2020
 Ein Bericht der transkulturellen Familienbegleitung durch Organisa-
tion K._ vom 9. März 2020
 Eine E-Mail vom 26. März 2020 bezüglich einer Terminbestätigung
für den Beschwerdeführer bei einem Psychologen
 Eine Fürsorgebestätigung
 Eine Honorarnote der Rechtsvertreterin
O.
Am 3. April 2020 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den Ein-
gang der Beschwerde und hielt fest, die Beschwerdeführenden könnten
den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
P.
Mit Zwischenverfügung vom 8. April 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und
ordnete die Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzei-
tig eröffnete sie den Beschwerdeführenden eine Frist zu Einreichung wei-
terer ärztlicher Berichte sowie allenfalls einer Beschwerdeergänzung.
Q.
Am 11. Mai 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Beschwerdeer-
gänzung sowie einen Abschlussbericht der Universitären Psychiatrischen
Kliniken (UPK) G._, datiert auf den 30. März 2020, betreffend den
Beschwerdeführer, in dem ihm im Wesentlichen eine Anpassungsstörung
attestiert und eine Psychotherapie empfohlen wird, sowie einen ärztlichen
Bericht betreffend die Beschwerdeführerin 1, datiert auf den 7. April 2020,
in dem eine weiterhin bestehende mittelgradige depressive Episode diag-
nostiziert und eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung bis auf
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weiteres empfohlen wird, ein. Zudem lag ein Bericht der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) zum Thema «Ukraine: Häusliche Gewalt» samt
Rechnung bei.
R.
Am 15. Mai 2020 informierten die Beschwerdeführenden das Gericht, ihr
in der Ukraine wohnhafter Sohn beziehungsweise Onkel habe in Erfahrung
bringen können, dass der Schwiegersohn beziehungsweise Vater derzeit
ihre Wohnung unrechtmässig bewohne. Sie reichten Fotos der aufgebro-
chenen Wohnungstür zu den Akten.
S.
Die Vorinstanz reichte am 27. Mai 2020 eine Vernehmlassung ein.
T.
Am 18. Juni 2020 replizierten die Beschwerdeführenden.
U.
Mit Schreiben vom 22. Juli 2020 informierte die Rechtsvertreterin das Ge-
richt, dass die Beschwerdeführerin 2 eine Kunsttherapie begonnen habe
und legte am 27. August 2020 einen diesbezüglichen kurzen Bericht ins
Recht. Aus dem Bericht geht im Wesentlichen hervor, dass die Beschwer-
deführerin 2 an Schlafstörungen leide und unverarbeitete Ängste spürbar
seien. Gleichzeitig wies die Rechtsvertreterin darauf hin, dass der Be-
schwerdeführer derweilen bei einem anderen Arzt seine Behandlung fort-
setze.
V.
Am 6. Oktober 2020 forderte die Instruktionsrichterin bezugnehmend auf
das Schreiben vom 27. August 2020 den Beschwerdeführer auf, einen ak-
tualisierten Arztbericht zu den Akten zu reichen.
W.
Mit Eingabe vom 7. November (gemeint wohl: Dezember) 2020 legte die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers einen Arztbericht vom 2. De-
zember 2020 ins Recht, wonach die psychotherapeutischen Gespräche
seit 23. Juli 2020 an insgesamt sechs Terminen durchgeführt worden
seien. Die Sprachkompetenz des Beschwerdeführers wird als recht gut be-
schrieben und im Schulalltag der Integrationsklasse mache er so gute Fort-
schritte, dass er in einzelnen Fächern seit August 2020 teilweise in die
1. Sekundarschule Regelklasse habe eintreten können. Eine Rückkehr in
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die Ukraine sei für den Beschwerdeführer eine der denkbaren Möglichkei-
ten. Für die Grossmutter würde bei einer Rückkehr – trotz grösserer Ver-
trautheit im angestammten Sprachraum – die Unterstützung bei der Erzie-
hung entfallen und sie wäre wiederum verstärkt mit ihren Ängsten konfron-
tiert, was sich auch auf die Erziehung auswirken dürfte. Zudem reichte die
Rechtsvertreterin einen aktuellen Bericht zur transkulturellen Familienbe-
gleitung von Organisation K._, datierend auf den 18. November
2020, ein. Dieser Bericht bestätigt die gute Integration des Beschwerde-
führers in der Schulklasse. Weiter wird festgehalten, dass sich alle Famili-
enmitglieder in der Schweiz wohlfühlen. Der Beschwerdeführer habe prak-
tisch keinen Kontakt mehr mit der ukrainischen Klasse, seine Freunde
seien jetzt hier, im Wohnort, im Migrationszentrum und in der Schule. Vo-
raussichtlich werde er im nächsten Jahr in die Regelklasse übertreten und
wolle es in den ([...]) schaffen, wofür er gute Noten benötige. Weiterhin
verweigere er alle Freizeitaktivitäten. Der Start einer regelmässigen Psy-
chotherapie mache aus Sicht des Therapeuten erst Sinn, wenn der Aufent-
haltsstatus des Beschwerdeführers feststehe und die Behandlung ohne
Abbruch fortgesetzt werden könne.
X.
Mit Eingabe vom 4. Januar 2021 wurde ein weiterer, aktueller Bericht der
zuständigen Sozialarbeiterin des kantonalen Kinder- und Jugenddienstes,
datierend vom 30. Dezember 2020, eingereicht. Daraus geht hervor, dass
die Familie in ihrer Integration Fortschritte erzielt habe und die beiden Ju-
gendlichen gute schulische Erfolge erreichen würden. Die Beschwerdefüh-
rerin 2 absolviere mit guten Noten das schulische Brückenangebot und
habe gute Chancen, auf Sommer 2021 eine Lehrstelle zu finden. Der Be-
schwerdeführer werde in die Regelklasse übertreten können. Er leide aber
weiterhin unter Verlustängsten und sei stark von seiner Grossmutter ab-
hängig. Aus Sicht des Kindesschutzes müsste bei einem negativen Ent-
scheid eine Retraumatisierung der beiden Jugendlichen befürchtet wer-
den. Die psychische und physische Situation der Beschwerdeführerin 1
habe sich dank der regelmässigen Psychotherapie verbessert.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
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Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
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gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftma-
chung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweis-
mass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den
Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das
Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend
für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht
es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen,
die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüch-
lich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf ge-
fälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3
AsylG).
4.
4.1
4.1.1 Zur Begründung führte die Vorinstanz in Bezug auf die Flüchtlingsei-
genschaft im Wesentlichen aus, dass die Drohungen und Verfolgung durch
den Schwiegersohn beziehungsweise Vater nicht glaubhaft geworden
seien. Die diesbezüglichen Aussagen zu den Geschehnissen in den Jah-
ren 2018 und 2019 seien widersprüchlich und unsubstantiiert ausgefallen.
4.1.2 Die Aussagen der Beschwerdeführerin 1 über die aktuelle Bedro-
hungssituation durch ihren Schwiegersohn seien durchwegs vage und un-
konkret gewesen. Über den letzten Vorfall mit dem Schwiegersohn habe
sie lediglich die allgemein gehaltene Angabe gemacht, dass er ständig
drohe und diese Drohungen auf die Kinder übertrage. Er habe ihre Enkel-
tochter beleidigt und er sei zu allem fähig, weshalb sie die Ukraine verlas-
sen hätten. Auf erneute Nachfrage des SEM, Details über das letzte Zu-
sammentreffen mit dem Schwiegersohn wiederzugeben, habe sie angege-
ben, die Enkelkinder seien bei einer Bekannten gewesen. Sie habe zu
Hause Bücher und Hefte geholt und sei dabei auf den Schwiegersohn ge-
troffen, der sie bedroht habe. Die diesbezüglichen Angaben seien aber er-
neut allgemein geblieben und sie habe lediglich ausgeführt, dass er sie
ständig bedroht habe und sie manchmal vom Haus weggegangen und
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dann wieder zurückgekehrt seien. Wäre es tatsächlich im April 2019 zu ei-
nem Vorfall gekommen, sei zu erwarten gewesen, dass sie darüber kon-
kreter und detaillierter berichtet hätte. Auch die Angaben über die zweit-
letzte Begegnung mit dem Schwiegersohn seien vage geblieben. Sie habe
generell angegeben, nicht oft zu Hause gewesen zu sein, sondern sich
versteckt zu haben. Sie habe zwar einige Details genannt, jedoch seien die
Angaben zu dem Vorfall allgemein geblieben. Sie habe gesagt, er sei
manchmal gekommen und habe gedroht, sie zu erdrosseln. Es gebe viele
Sachen zu erzählen. Auf Nachfrage wie konkret er sie bedroht habe, habe
sie lediglich angegeben, er habe sie beschimpft und es wäre sicherlich ir-
gendwann etwas passiert, wenn sie dort verblieben wäre. Es sei insgesamt
zu erwarten gewesen, dass sie mit konkreten Beispielen über die Bedro-
hungen hätte berichten können. Zudem seien die Angaben auch wider-
sprüchlich gewesen. So habe sie in der Erstbefragung auf die Frage, ob
der Schwiegersohn etwas Konkretes von ihr gefordert habe, vage angege-
ben, dass er ihr ständig drohe, da sie nach dem Tod ihrer Tochter gegen
ihn Anzeige erstattet habe. Später habe sie angegeben, er wolle sich an
ihr rächen und wolle ihren Tod. In der Anhörung habe sie demgegenüber
ausgesagt, dass er die Wohnung haben wolle. Zudem habe er nach der
ersten Haftentlassung Dokumente betreffend das Sorgerecht für ihre En-
kelkinder und nach der zweiten Haftentlassung Dokumente betreffend die
Wohnung gefordert. Auf Nachfrage, weshalb sie in der Erstbefragung diese
Forderungen nicht erwähnt habe, habe sie angegeben, dass so vieles pas-
siert sei und sie nicht an alles habe denken können. Diese Erklärung ver-
möge indes nicht zu überzeugen, da sie mehrmals nach den konkreten
Forderungen des Schwiegersohnes gefragt worden sei.
4.1.3 Auch die Beschwerdeführerin 2 habe inkonsistente Angaben zur ak-
tuellen Bedrohungssituation durch ihren Vater gemacht. Ihre Äusserungen
über die Begegnungen mit ihrem Vater seien vage und substanzlos ausge-
fallen. Zur ersten Begegnung nach der Rückkehr ihres Vaters habe sie ge-
sagt, sie wisse nicht mehr wie diese gewesen sei. Zudem habe sie in all-
gemeiner Weise angegeben, er sei wie immer auf dieselbe Art und Weise
zu ihnen gekommen, habe nicht normal reden können und ihnen jeweils
gedroht. Sie sei damals noch klein gewesen und es seien seither einige
Jahre vergangen. Dies sei erstaunlich, da sie ihre Aussage, ihr Vater sei im
Jahr 2015 oder 2016 aus Russland zurückgekehrt, auf das Jahre 2018
oder 2019 korrigiert habe. Nach einer mehrjährigen Abwesenheit des Va-
ters sei zu erwarten gewesen, dass sie über die erste Begegnung detail-
lierter hätte berichten können, zumal diese Begegnung noch nicht lange
zurückliege. Zu den Besuchen des Vaters in ihrem (...) habe sie nur vage
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angegeben, er sei regelmässig gekommen, sie habe jedoch absichtlich ei-
nen anderen Weg genommen, damit er sie nicht sehe. Über die Situation,
als der Vater ihnen mit dem Tod gedroht habe, habe sie ebenfalls keine
genaueren Angaben machen können. Insgesamt entstehe aus ihren Schil-
derungen nicht der Eindruck, dass die Beschwerdeführerin 2 nach der
zweiten Haftentlassung des Vaters immer wieder von diesem belästigt wor-
den sei.
4.1.4 Ausserdem hätten sich die Beschwerdeführerinnen widersprochen.
Die Beschwerdeführerin 2 habe gesagt, sie habe ihren Vater im Jahr 2019
einmal in ihrer Schule gesehen, ob er sie auch gesehen habe, wisse sie
nicht. Der letzte persönliche Kontakt sei im Jahr 2018 gewesen. Hingegen
habe die Beschwerdeführerin 1 angegeben, ihr Schwiegersohn sei im Jahr
2019 regelmässig zu ihnen nach Hause gekommen, die Kinder seien auch
zu Hause gewesen. Auf Vorhalt habe die Beschwerdeführerin 1 angege-
ben, dass ihre Enkeltochter allenfalls gemeint habe, dass sie ihn lediglich
einmal gesehen habe, da sie sich bei den Besuchen jeweils versteckt habe.
Die Beschwerdeführerin 2 habe auf entsprechenden Vorhalt gesagt, dass
ihr Vater vielleicht zu ihrer Grossmutter gekommen sei, während sie in der
Schule gewesen sei. Ihre Grossmutter habe ihr diesbezüglich nicht viel er-
zählt. Auch zum Zeitpunkt des Besuches des Vaters beziehungsweise
Schwiegersohnes bei der Schule der Beschwerdeführerin 2 hätten sich die
Beschwerdeführerinnen widersprochen. Die Beschwerdeführerin 1 habe
gesagt, der Besuch könne nicht im April 2019, wie von der Beschwerde-
führerin 2 angegeben, gewesen sein, da ihr Schwiegersohn zu diesem
Zeitpunkt bereits auf der Flucht gewesen sei. Der (...) sei vielmehr Ende
2017 oder Anfang 2018 gewesen. Zusammenfassend könne nicht geglaubt
werden, dass die Beschwerdeführenden in den letzten beiden Jahren in
dem von ihnen dargelegten Ausmass Bedrohungen und Belästigungen
durch den Vater beziehungsweise Schwiegersohn ausgesetzt gewesen
seien. Es sei indes nicht auszuschliessen, dass sie sich von ihm bedroht
gefühlt hätten. Die psychische Belastung und die Angst vor ihm sei in den
Erzählungen spürbar und die Aussagen der Beschwerdeführerin 1 zum
Tod der Tochter seien substantiiert gewesen.
4.1.5 Trotz der Tragik der Ereignisse im Jahr 2009 bestehe jedoch kein ge-
nügend enger zeitlicher und sachlicher Kausalzusammenhang zwischen
den damaligen Vorfällen und ihrer Ausreise, weshalb dieses Vorbringen
keine Asylrelevanz zu entfalten vermöge. Sollten sie bei einer Rückkehr
Übergriffen durch den Vater beziehungsweise Schwiegersohn ausgesetzt
sein, könnten sie sich an die staatlichen Behörden wenden. Übergriffe
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durch Dritte würden von den ukrainischen Behörden weder unterstützt
noch gebilligt und die Ukraine verfüge über wirksame Polizei- und Justizor-
gane. Es sei davon auszugehen, dass die ukrainischen Behörden ihnen
generell Schutz gewährleisten würden. Es könne zwar im Einzelfall vor-
kommen, dass die Schutzgewährung unterbleibe oder nicht in ausreichen-
dem Masse gewährt werde. Eine faktische Garantie für langfristigen indivi-
duellen Schutz könne indes nicht verlangt werden. Von der Polizei könne
nicht erwartet werden, dass sie jeder Person, welche einen gewissen Ge-
fährdungsgrad aufweise, einen umfassenden Personenschutz zukommen
lasse. Die Beschwerdeführerin 1 habe zwar zu Protokoll gegeben, dass sie
aufgrund der Gewalttätigkeiten ihres Schwiegersohnes mehrere Briefe an
die örtliche Polizei geschrieben habe, die Polizei habe jedoch nichts unter-
nommen. Das letzte Mal sei im Jahr 2018 gewesen und die Beamten hät-
ten ihr gesagt, dass es nichts bringen würde, weshalb sie sich in der Folge
nicht mehr an die Polizei gewandt habe. Sie vermute, dass der Schwieger-
sohn der Polizei Geld gegeben habe und diese aufgrund Korruption nichts
weiter gegen ihn unternommen habe. Sie vermute zudem, dass auch die
Polizei Angst vor ihm gehabt habe. Da sie jedoch die Bedrohungslage in
den letzten beiden Jahren nicht habe glaubhaft machen können, sei auch
in Zweifel zu ziehen, dass die Polizei tatsächlich nichts unternommen und
auf die Anzeige nicht reagiert habe. Sollte es sich indes so zugetragen ha-
ben, wäre es ihr zuzumuten gewesen, dass sie den Amtsmissbrauch durch
einzelne Beamte gemeldet und allenfalls mit der Hilfe eines Anwalts die zur
Verfügung stehenden Beschwerdemöglichkeiten und Rechtsmittel ausge-
schöpft hätte. Auch wäre ihr zuzumuten gewesen, bei einer anderen staat-
lichen Stelle um Schutz zu ersuchen, beispielsweise bei der Polizeistelle in
der nahegelegenen Stadt H._, die unter der Kontrolle der ukraini-
schen Regierung sei. Es sei davon auszugehen, dass die ukrainischen Be-
hörden ihnen rechtstaatlichen Schutz gewährleisten könnten.
4.1.6 In Bezug auf die vorgebachte Angst der Beschwerdeführerin 1 vor
kriminellen Banden in ihrer Wohnregion sei ebenfalls auf die Schutzfähig-
keit und Schutzwilligkeit der ukrainischen Behörden zu verweisen. Ange-
sichts der aktuellen Lage seien die Bewohner der Ukraine zwar allgemein
einem erhöhten Risiko von Repressalien durch Gruppierungen, welche ge-
gen das herrschende Regime vorgehen und für sich Macht in Anspruch
nehmen sowie durch kriminelle Banden ausgesetzt. Die bekannt geworde-
nen Übergriffe würden jedoch nicht eine derartige Intensität aufweisen,
dass jeder Bewohner in der Ukraine damit rechnen müsse, Opfer zu wer-
den. Ausserdem seien die ukrainischen Behörden in der Lage und willens,
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den vom Konflikt in der Ostukraine betroffenen Personen wirksamen
Schutz zu gewähren.
4.1.7 Auch die Furcht der Beschwerdeführerin 1, von ihrem Schwieger-
sohn getötet zu werden oder vor einer Entführung der Enkelkinder durch
ihn, sei nicht asylrelevant. Es bestünden keine hinreichenden Anhalts-
punkte für eine begründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen, die auf
einer objektivierten Betrachtungsweise und nicht auf dem subjektiven
Empfinden beruhe. Aufgrund der heutigen Aktenlage seien keine Hinweise
ersichtlich, wonach ihnen Verfolgungsmassnahmen aus einem der in Art. 3
AsylG genannten Gründe drohen würden. Zudem könnten sie bei Übergrif-
fen durch den Schwiegersohn den Schutz der ukrainischen Behörden be-
anspruchen.
4.1.8 In Bezug auf die angespannte Lage in ihrer Wohnregion aufgrund des
Krieges in der Ostukraine sei festzustellen, dass gegenwärtig ein relativ
kleines Gebiet im Osten der Ukraine von einem militärischen Konflikt zwi-
schen ukrainischen Sicherheitskräften und Separatisten betroffen sei. Die
allgemeine Unsicherheit, die als unausweichliche Folge diese Konfliktes in
jenem Teil des Landes herrsche, betreffe die dortige ukrainische Bevölke-
rung in gleichem Masse. Die geltend gemachten Nachteile seien als Folge
der allgemeinen Lage zu sehen und demnach nicht asylrelevant.
4.2
4.2.1 Die Beschwerde thematisiert zunächst als Grundlage für die Glaub-
haftigkeit der Aussagen der Beschwerdeführer diverse Quellen zu grund-
sätzlichen Ausführungen und Hintergrundinformationen betreffend Infor-
mationsverarbeitung und das Erinnern von traumatischen Erlebnissen. Da-
neben weist die Rechtsmitteleingabe darauf hin, dass die gemäss den ärzt-
lichen Berichten bestehende psychische Belastung der Beschwerdefüh-
renden bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit zu berücksichtigen sei.
Ebenso sei bei der Beschwerdeführerin 1 ihre geringe Schulbildung zu be-
rücksichtigen. Sie habe bei beiden Anhörungen einen offensichtlich belas-
teten Eindruck hinterlassen.
4.2.2 Entgegen der Ansicht der Vorinstanz habe die Beschwerdeführerin 1
über den letzten Vorfall mit dem Schwiegersohn, welcher sich im April 2019
zugetragen habe, differenziert berichten können. So habe sie angegeben,
dass sich die Enkelkinder bei einer Bekannten aufgehalten hätten, um dort
ihre Hausaufgaben zu erledigen. Sie habe ihnen die Hefte und Bücher vor-
E-1853/2020
Seite 15
beigebracht. Als sie nach Hause gekommen sei, habe sie dort den Schwie-
gersohn vorgefunden. Er habe sie erneut zu bedrohen begonnen. Es
könne nicht von ihr erwartet werden, dass sie sich genauestens an den
letzten Vorfall erinnern könne, zumal die Drohungen und Gewalttätigkeiten
sich zu wiederholen schienen und das Verhaltensmuster des Schwieger-
sohnes stets ähnlich gewesen sei. Ihre Erinnerungen hätten sich sehr
wahrscheinlich vermischt. Der von ihr geschilderte Ablauf sei jedoch durch-
aus nachvollziehbar und glaubhaft. Sie habe zudem ausgeführt, dass der
Schwiegersohn in regelmässigen Abständen von etwa ein bis zwei Wochen
zu ihr gekommen sei. Sie habe sein jeweils gewaltsames und einschüch-
terndes Verhalten detailtreu und anschaulich geschildert (vgl. SEM Akte
A33, F102, F106, F110). In Bezug auf die vom SEM dargelegten wider-
sprüchlichen Aussagen zu den konkreten Bedrohungen und Forderungen
des Schwiegersohnes sei darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführe-
rin 1 bei der ersten Befragung einen offensichtlich belasteten und nervösen
Eindruck hinterlassen habe. Sie habe am ganzen Körper gezittert. Dies
müsse berücksichtigt werden. Es sei auch nicht als Widerspruch zu werten,
dass sie gesagt habe, sie hätte über nichts verfügt, was der Schwiegersohn
hätte mitnehmen können. Die Familie habe in grosser Armut gelebt und die
Wohnung sei kaum eingerichtet gewesen, weshalb es auch kaum etwas
gegeben habe, was man hätte mitnehmen können. Die Enteignung der
Wohnung sei nicht nur ein "Mitnehmen" zu bezeichnen. Bei der zweiten
Befragung sei sie erneut sehr nervös und ihr Verhalten sei von Scham ge-
prägt gewesen. Sie habe dennoch dargelegt, dass ihr Schwiegersohn sie
immer wieder unter Druck gesetzt habe, ihm die Wohnung zu überschrei-
ben. Sie habe dabei zu weinen begonnen. Es könne ihr somit nicht zu Last
gelegt werden, dass sie dies an der ersten Befragung nicht erwähnt habe.
4.2.3 In Bezug auf die Ausführungen der Beschwerdeführerin 2 sei anzu-
merken, dass die Fragestellung des SEM nach einer konkreten Situation,
bei welcher der Vater Todesdrohungen gesprochen habe, sehr heikel ge-
wesen sei. Es sei nachvollziehbar, dass die (damals) minderjährige Be-
schwerdeführerin ausweichend Antwort gegeben habe, da sie aufgrund der
traumatischen Vorgeschichte nicht in der Lage gewesen sei, im Rahmen
der Anhörung konkret darüber zu berichten. Zudem würden ihre Aussagen
zahlreiche Realitätskennzeichen aufweisen. Nach Durchsicht der Anhö-
rungsprotokolle zeichne sich ein klares Bild einer verängstigten jungen
Frau, welche dankbar sei, dass sie in der Schweiz endlich Distanz zu ihrem
Vater gefunden habe und die ständigen Bedrohungen ein Ende gefunden
hätten.
E-1853/2020
Seite 16
4.2.4 Zu den angeblichen Widersprüchen zwischen den Beschwerdeführe-
rinnen müsse darauf hingewiesen werden, dass Zeitangaben generell eine
nicht allzu grosse Bedeutung beigemessen werden dürfe. Hinsichtlich der
Bedrohungen im Jahr 2019 müsse aber den Aussagen der Grossmutter
mehr Bedeutung beigemessen werden. Sie habe dazu treffenderweise
ausgeführt, dass ihre Enkelin noch ein Kind sei und ihre Aussagen deshalb
mit Vorsicht zu würdigen seien. Zudem habe die Beschwerdeführerin 1
mehrfach betont, dass sich die Kinder wiederholt versteckt hätten und es
somit möglich sei, dass die Kinder teilweise beim Erscheinen ihres Vaters
nicht zu Hause gewesen seien oder sie die Besuche zeitlich nicht mehr
einordnen könnten. Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 wurden diesbezüglich
weitere Präzisierungen der Aussagen der Beschwerdeführerin 2 nachge-
reicht; der Beschwerdeführerin 2 falle es offensichtlich schwer, sich an die
konkreten, mit viel Stress behafteten Begegnungen mit ihrem Vater zu er-
innern.
Zusammenfassend könne festgehalten werden, dass die geltend ge-
machte Bedrohungssituation durch den Vater beziehungsweise Schwie-
gersohn durchaus glaubhaft dargelegt worden sei.
4.2.5 Des Weiteren wurde in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft in der
Beschwerde unter Verweis auf diverse Quellen ausgeführt, dass häusliche
Gewalt in der Ukraine ein ernsthaftes Problem sei und von den staatlichen
Behörden oftmals nicht entsprechend geahndet werde. Mit Eingabe vom
11. Mai 2020 wurde eine entsprechende Auskunft der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe SFH vom 1. Mai 2020 eingereicht. Die Beschwerdeführe-
rin 1 habe seit dem Tod der Tochter mindestens fünf bis sieben Anzeigen
bei der zuständigen Polizei eingereicht, diese habe jedoch nichts unter-
nommen. Zudem werde aus den Schilderungen deutlich, dass es ihr als
ungebildeter und mittelloser Person schwergefallen sei, sich an eine Poli-
zeistelle zu wenden, umso mehr als sie in der Nähe der Kriegsgebiete ge-
lebt und die Polizei vermutlich andere Prioritäten gehabt habe, als sich ihrer
Situation anzunehmen. Die Auffassung der Vorinstanz, dass die heimatli-
chen Behörden derartige Verfehlungen nicht unterstützen oder billigen wür-
den, könne aufgrund der Schilderungen der Beschwerdeführerin sowie
zahlreicher Länderberichte nicht geteilt werden. Es sei davon auszugehen,
dass die ukrainischen Behörden weder schutzfähig noch schutzwillig seien
und die Bedrohungslage durch den Schwiegersohn beziehungsweise Va-
ter noch heute vorliege.
E-1853/2020
Seite 17
4.2.6 Den Beschwerdeführenden stehe zudem auch keine innerstaatliche
Schutzalternative offen. Bei ihnen handle es sich um eine ungebildete und
leicht betagte Grossmutter sowie ihre beiden Enkelkinder, welche beide
noch die Schule besuchen und keiner Erwerbstätigkeit nachgehen würden.
Sie hätten in ihrer Heimat in grosser Armut gelebt. Es sei davon auszuge-
hen, dass die Beschwerdeführerin 1 zusammen mit den Enkelkindern in
eine existenzbedrohende Situation geraten würde, müssten sie sich inner-
halb ihres Heimatstaates an einem neuen Ort niederlassen. Die Mietkosten
seien höher und es sei kaum davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führerin 1 aufgrund ihres Alters und ihres Bildungsgrades eine Arbeit finden
würde, um sich mit den beiden Grosskindern ein Leben in Würde zu er-
möglichen. Zudem sei davon auszugehen, dass sie auch an einem ande-
ren Ort keinen adäquaten Schutz von den Behörden erhalten würden,
sollte der Schwiegersohn beziehungsweise Vater den neuen Aufenthaltsort
ausfindig machen.
4.2.7 Zusammenfassend erfüllten die Beschwerdeführenden die Flücht-
lingseigenschaft und ihnen sei in der Schweiz Asyl zu gewähren.
4.3 In der Vernehmlassung wies das SEM darauf hin, es werde nicht in
Abrede gestellt, dass es zu Belästigungen durch den Schwiegersohn be-
ziehungsweise Vater gekommen sei. Auch das Vorhandensein einer sub-
jektiven Furcht werde nicht angezweifelt. Jedoch hätten die Beschwerde-
führenden nicht glaubhaft machen können, dass es bis kurz vor ihrer Aus-
reise zur intensiven Bedrohungen durch den Schwiegersohn beziehungs-
weise Vater gekommen sei. Es sei vielmehr anzunehmen, dass sich die
geltend gemachten Vorfälle auf einen weiter zurückliegenden Zeitpunkt be-
ziehen würden. Mangels einer glaubhaft dargelegten Intensivierung von
Verfolgungshandlungen im Vorfeld oder zum Zeitpunkt der Ausreise sei
eine objektivierbare und unmittelbare Furcht im Hinblick auf eine Rückkehr
in den Heimatstaat nicht erkennbar.
4.4 In der Replik entgegneten die Beschwerdeführenden, dass sich das
SEM zur Untermauerung seiner Zweifel auf mehrere Aussagen der (da-
mals) minderjährigen Beschwerdeführerin 2 gestützt habe. Dies sei inso-
fern störend, als es sich bei ihr um eine offensichtlich schwer belastete
minderjährige Jugendliche handle, die in einem Umfeld von häuslicher Ge-
walt aufgewachsen sei und den Tod der Mutter miterlebt habe. Wie in der
Beschwerde ausgeführt, würden traumatische Erlebnisse die Informations-
verarbeitung teilweise stark verändern. Es könne der Beschwerdeführe-
rin 2 somit nicht zum Nachteil gereichen, dass sie sich nicht mehr in jedem
E-1853/2020
Seite 18
Detail an die Begegnungen mit ihrem Vater nach seiner Rückkehr aus
Russland erinnern könne.
5.
5.1 Den Akten sowie den Rechtsmitteleingaben zufolge steht fest, dass die
Beschwerdeführenden keine staatliche, sondern eine private Verfolgung
geltend machen – einerseits durch ihren Vater beziehungsweise den
Schwiegersohn, und andererseits durch kriminelle Banden.
5.2
5.2.1 Aufgrund der eingereichten Beweismittel und der Aussagen der Be-
schwerdeführerinnen anlässlich der Anhörungen bestehen aus Sicht des
Bundesverwaltungsgerichts keine Zweifel daran, dass der Vater bezie-
hungsweise Schwiegersohn der Beschwerdeführenden im Rahmen häus-
licher Gewaltanwendung den Tod der Mutter beziehungsweise Tochter zu
verantworten hatte und deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt worden war,
welche (teilweise) vollzogen wurde. Das SEM stellt dies, wie auch den Um-
stand, dass der Vater beziehungsweise Schwiegersohn sich vor der Aus-
reise der Beschwerdeführenden wieder auf freiem Fuss befand, im Ergeb-
nis nicht in Abrede.
5.2.2 Die geltend gemachten Belästigungen durch den Vater beziehungs-
weise Schwiegersohn sowie die Angst der Beschwerdeführenden vor ihm
sind im Lichte dieses Geschehnisses zu betrachten. Wie die Rechtsvertre-
terin in der Beschwerde zu Recht vorbringt, kann bei der Glaubhaftigkeits-
prüfung hier nicht massgebend sein, ob sich alle Aussagen der Beschwer-
deführerin 1 bis in jedes Detail mit denjenigen der damals minderjährigen
Beschwerdeführerin 2 decken. Vielmehr drängt sich eine gesamthafte Be-
trachtung auf, welche bei den einzelnen Aspekten berücksichtigt, dass die
Wahrnehmungen der Beschwerdeführenden aufgrund ihrer individuellen
Erlebnisse und den verschiedenen Perspektiven (als Grossmutter bezie-
hungsweise als Enkeltochter) unterschiedlich geprägt sind und sich die Be-
teiligten auch nicht ungefiltert über alles austauschen (vgl. act. [...] S. 5
F34, wo die Beschwerdeführerin 1 auf die Frage, wie oft der Schwieger-
sohn im Jahr 2019 nach Hause gekommen sei, unaufgefordert anfügt, sie
habe versucht, nicht mit den Kindern über dieses Thema zu sprechen und
die Beschwerdeführerin 2 habe nicht gross mit ihr darüber gesprochen).
Zudem ist – wie die Rechtsvertreterin in ihrer Rechtsmitteleingabe eben-
falls zutreffend weiter ausführt und der beigelegten Auskunft der SFH vom
1. Mai 2020 zu entnehmen ist – bei einigen Formen häuslicher Gewalt ein
E-1853/2020
Seite 19
gewisses, sich wiederholendes Muster inhärent, was die Abgrenzung ein-
zelner Ereignisse voneinander schwierig macht (vgl. zu den verschiedenen
Gewaltformen diverse Publikationen des Eidgenössischen Büros für die
Gleichstellung von Frau und Mann, <https://www.ebg.
admin.ch/dam/ebg/de/dokumente/haeusliche_gewalt/infoblaetter/a3.pdf.
download.pdf/a3_gewaltdynamiken-und-interventionsansaetze.pdf>, be-
sucht am 14.12.2020). Dementsprechend hielt die Beschwerdeführerin 1
bereits zu Beginn der Erstbefragung fest, nervös zu sein und erwähnte
mehrfach, vielleicht etwas vergessen zu haben (act. [...] S. 2 F3, S. 13
F93, S. 24 F185 f.; act. [...] S. 10 F71). Aus diesem Grund erscheint es
nicht sachgerecht, daraus auf einen Widerspruch zu schliessen, dass die
Beschwerdeführerin 1 bei der Erstbefragung nicht erwähnt habe, dass ihr
Schwiegersohn ihre Wohnung haben wollte, sondern lediglich von seinen
Racheabsichten wegen der Anzeige bei der Polizei und der Bedrohung mit
dem Tod berichtete (act. [...] F104ff., 174ff.). Abgesehen davon war an an-
derer Stelle dieser Anhörung durchaus von den Drohungen, sie aus der
Wohnung zu vertreiben, die Rede (act. [...] S. 13 F96, S. 15 F110). Auch
daraus, dass die Beschwerdeführerin 2 die Frage nach der ersten Begeg-
nung mit ihrem Vater nach dessen Rückkehr nicht zeitlich einordnen
konnte, ist angesichts dessen, dass auch sie bestätigt, er habe sie immer
wieder auf dieselbe Art und Weise behelligt und bedroht, kein Widerspruch
zu erkennen (act. [...] S. 7 F74 ff.). Im Gegenteil erscheint aufgrund der
Ähnlichkeit gewisser Begebenheiten deren Verwechslung sowie die
Schwierigkeit ihrer zeitlichen Festlegung nachvollziehbar. Soweit das SEM
intensive Bedrohungshandlungen durch den Vater beziehungsweise
Schwiegersohn vor dem Zeitpunkt der Ausreise der Beschwerdeführenden
nicht als glaubhaft erstellt erachtet, ist festzuhalten, dass beide Beschwer-
deführerinnen unabhängig voneinander übereinstimmend als letzten Vor-
fall eine Begegnung mit dem Vater beziehungsweise Schwiegersohn im
April 2019 nennen (act. [...] S. 14 F99; act. [...] S. 6 F36; act. [...] S. 7
F70). Selbst wenn sich weitere Aussagen der Beschwerdeführerinnen hin-
sichtlich der Anzahl der Vorfälle in den letzten zwei Jahren und den Ereig-
nisfolgen bei den einzelnen Vorkommnissen unterscheiden, steht aus Sicht
des Bundesverwaltungsgerichts dennoch im Kern glaubhaft fest, dass der
Vater beziehungsweise Schwiegersohn die Beschwerdeführenden auch
während der letzten zwei Jahre mehrmals, und insbesondere im April 2019
zuletzt aufgesucht hat. Nach dem Tod ihrer letzten Schwester, welche für
die Familie offenbar eine gewisse Schutzfunktion ausgeübt hatte, fiel für
die Beschwerdeführerin 1 eine wichtige Hilfestellung weg (act. 1040634-33
S. 9 ff. F79 und F92; act. 1040634-36 S. 3 F17, S. 5 F34 S. 8 F54 f.). An-
gesichts des folgenschweren Ereignisses mit der Mutter beziehungsweise
E-1853/2020
Seite 20
der Tochter der Beschwerdeführenden wäre selbst bei einem einmaligen
Besuch des Vaters beziehungsweise Schwiegersohns im April 2019 die
Angst vor ihm nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv begründet gewe-
sen, zumal keine der Beschwerdeführerinnen angab, das Aufsuchen sei in
friedlicher Absicht erfolgt.
5.2.3 Die Tatsache, dass die Ausreisegründe der Beschwerdeführenden –
und dabei insbesondere die (wiederholten) Belästigungen durch den Vater
beziehungsweise Schwiegersohn nach seiner (zweiten) Haftentlassung –
vom Bundesverwaltungsgericht geglaubt werden, ändert allerdings nichts
an der grundsätzlichen Schutzfähigkeit und dem Schutzwillen der ukraini-
schen Behörden vor solchen Übergriffen Dritter. Die Existenz einer wirksa-
men Schutzinfrastruktur im ukrainischen Staat beziehungsweise bei des-
sen Behörden und Instanzen hat das Bundesverwaltungsgericht bereits im
Urteil D-7725/2015 vom 6. März 2018 festgehalten (vgl. E. 8.4.1) und seit-
her etwa im Urteil E-1276/2020 vom 14. April 2020 E. 6.1 bestätigt. Beide
Beschwerdeführerinnen sprechen an, dass sich die Beschwerdeführerin 1
mehrfach erfolglos an den örtlichen Polizeiposten gewandt habe (act.
1040634-27 S. 7 f.; 1040634-33 S. 15f. F111-F119; 1040634-36 S. 2 F10;
1040634-37 S. 8 F84 und S. 12 f. F135 ff.). Die Beschwerdeführerin 1
wollte der Vorinstanz zwar von ihr verfasste Briefe an die Polizei bezie-
hungsweise eine entsprechende Bestätigung derselben einreichen. Doch
derartige Beweismittel sind in den Akten bis heute nicht vorhanden. Selbst
in diesem Fall, bei dem sich der staatliche Schutz als ungenügend erweist,
da einzelne Beamte ihren Pflichten nur ungenügend nachkommen oder
korrupt sind, haben die Beschwerdeführenden die dort zur Verfügung ste-
henden Beschwerdemöglichkeiten und Rechtsmittel auszuschöpfen, allen-
falls mit der Hilfe eines Rechtsanwaltes oder einer Rechtsanwältin. Wie die
Vorinstanz zutreffenderweise festhält, wäre es den Beschwerdeführenden
zuzumuten und möglich, bei einer anderen staatlichen Stelle um Schutz zu
ersuchen und sich beispielsweise an die Polizeistelle in einer nahegelege-
nen Stadt wie H._ zu wenden. Insbesondere sind der mit der Be-
schwerdeergänzung eingereichten Auskunft der SFH zur häuslichen Ge-
walt in der Ukraine vom 1. Mai 2020 neue gesetzliche Grundlagen zur Ver-
hütung, Bekämpfung und strafrechtlicher Ahndung solcher Taten zu ent-
nehmen. Angesichts dessen, dass diese strengeren Gesetze erst im Ja-
nuar 2018 beziehungsweise Januar 2019 in Kraft getreten sind, erscheint
die Schlussfolgerung verfrüht, dass diese Massnahmen ungenügend und
ineffizient seien, zumal in den ersten neun Monaten des Jahres 2019 rund
44'000 Verwarnungen sowie Schutzanordnungen wegen häuslicher Ge-
walt erfolgten und die Polizei das Problem langsam etwas ernster nehme,
E-1853/2020
Seite 21
indem sie nicht mehr von einer privaten Angelegenheit zwischen den Ehe-
partnern ausgehe (USDOS, Country Report on Human Rights Practices
2019, Ukraine, S. 43, < https://www.state.gov/reports/2019-country-re-
ports-on-human-rights-practices/ukraine/ >, abgerufen am: 16.12.2020).
Auch der im Februar 2020 aufgenommene Betrieb einer staatlichen natio-
nalen telefonischen Hotline für die Meldung von Fällen häuslicher Gewalt
zeugt vom staatlichen Willen, Betroffene vor solchen Vergehen zu schüt-
zen (BVGer-act. 4, Auskunft der SFH vom 1. Mai 2020 S. 11; Kyiv Post,
Ukraine launches first state hotline for reporting domestic violence,
12. Februar 2020, < https://www.kyivpost.com/ukraine-politics/ukraine-lau-
nches-first-state-hotline-for-reporting-domestic-violence.html>, besucht
am: 16.12.2020). Des Weiteren hat die ukrainische Regierung einer aktu-
ellen Länder-Analyse zufolge seit der Euromaidan-Revolution in den Jah-
ren 2013/2014 eine Reihe von Anti-Korruptionsreformen durchgeführt (vgl.
Ukraine-Analysen Nr. 224 vom 28. Oktober 2019, Korruption, Antikorrupti-
onsaktivismus in den ukrainischen Regionen, MAX BADER, Forschungs-
stelle Osteuropa [FSO] & Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde
[DGO, Bremen & Berlin], < https://www.laender-analysen.de/ukraine-ana-
lysen/224/>, besucht am: 16.12.2020).
5.3 In Bezug auf die geltend gemachte Angst vor Repressalien durch An-
gehörige von kriminellen Banden ist – um Wiederholungen zu vermeiden –
auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu verweisen, wonach
die ukrainischen Behörden auch diesbezüglich in der Lage und willens
sind, wirksamen Schutz zu gewähren. Den Beschwerdeführenden ist es
auch hier möglich und zumutbar, diesen Schutz in Anspruch zu nehmen.
5.4 Zusammenfassend steht zwar glaubhaft fest, dass vom Vater bezie-
hungsweise Schwiegersohn eine konkrete Bedrohung gegenüber den Be-
schwerdeführenden ausging. Die Vorbringen in der Beschwerde sowie in
der Beschwerdeergänzung und auch die eingereichten Beweismittel sind
jedoch nicht geeignet, um das Bestehen einer intakten Schutzinfrastruktur
in der Ukraine und die Zumutbarkeit deren Inanspruchnahme durch die Be-
schwerdeführenden in Frage zu stellen. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch
der Beschwerdeführenden daher – mangels Asylrelevanz ihrer Vorbringen
– zu Recht abgewiesen.
6.
E-1853/2020
Seite 22
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005
(AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integ-
rationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Gesetzes-
artikel (Art. 83 Abs. 1-4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen
worden.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
8.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.3 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur. Ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E. 8).
Die nachfolgenden Erwägungen konzentrieren sich auf den Aspekt der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Angesichts des Verfahrensaus-
gangs können Erwägungen zu den Aspekten der Zulässigkeit und der Mög-
lichkeit des Vollzugs unterbleiben.
9.
E-1853/2020
Seite 23
9.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.2
9.2.1 Zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führte das SEM in der
ablehnenden Verfügung aus, dass der Wohnort der Beschwerdeführenden
nicht von den Separatisten kontrolliert werde und nicht direkt vom Kriegs-
geschehen betroffen sei. Aufgrund der in der Ukraine verfassungsmässig
garantierten Niederlassungsfreiheit bestehe zudem generell die Möglich-
keit, den Wohnort innerhalb dem von der Regierung kontrollierten Gebiet
frei zu wählen. Es würden auch keine individuellen Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen. Die Beschwerdeführe-
rin 1 habe seit ihrem 17. Lebensjahr in D._ gelebt und es sei anzu-
nehmen, dass sie sich wieder rasch an ihrem Heimatort zurechtfinden
werde. Auch wenn sie angegeben habe, dass sie unter Armut gelitten hät-
ten, sei nicht davon auszugehen, dass sie in eine ausweglose Situation
geraten würde, welche sie nicht bewältigen könne. Sie besitze eine Woh-
nung und habe zwei kleine Grundstücke, auf denen sie Gemüse und
Früchte für den Eigenbedarf angebaut habe. Für die Finanzierung der Aus-
reise habe sie zudem das Haus ihrer Eltern verkauft. Als alleinerziehende
Grossmutter habe sie zudem staatliche Hilfe und eine monatliche Rente
erhalten. Sie habe daneben zwischendurch anderen Personen in der Land-
wirtschaft geholfen und als Malerin gearbeitet. Ausserdem verfüge sie über
ein soziales Beziehungsnetz. Ihr Sohn lebe mit seiner Familie in der Nähe
und er habe sie und die Enkelkinder bereits in der Vergangenheit finanziell
unterstützt. Sollte sie bei einer Rückkehr in eine finanzielle Notlage gera-
ten, könne sie auf seine Unterstützung zählen. Auch sei anzunehmen, dass
er bei der Erziehung ihrer Enkelkinder unterstützend zu Seite stehen
könne, da die Enkel mit ihrem Onkel offenbar ein gutes Verhältnis pflegten.
Sie habe zudem von der Kirche und von einem in den USA wohnhaften
Bekannten Unterstützung erhalten. Es sei anzunehmen, dass sie auch in
Zukunft in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht auf Unterstützung zählen
könne.
In Bezug auf die medizinischen Beeinträchtigungen der Beschwerdefüh-
renden führte das SEM aus, dass die Beschwerdeführerin 1 gemäss dem
ärztlichen Bericht an einer mittelgradig depressiven Episode sowie an
E-1853/2020
Seite 24
Angstzuständen leide und auf eine regelmässige psychotherapeutische
Behandlung angewiesen sei. Psychische Leiden seien auch in der Ukraine
behandelbar. Es gebe in der Ukraine verschiedene Institutionen, die sich
auf psychosoziale Gesundheit spezialisiert hätten. In ihrer Wohnregion
gebe es beispielsweise das «H._ City Psychiatric Hospital». Nach
dem Tod der Tochter habe sie zudem bereits eine Therapie in Anspruch
genommen. Hinsichtlich der Finanzierung einer ärztlichen Behandlung sei
zu erwähnen, dass die gesundheitliche Grundversorgung in der Ukraine
prinzipiell kostenlos sei. Es treffe zwar zu, dass die Finanzierung der me-
dizinischen Behandlung für Personen mit bestimmten Erkrankungen
schwierig sein könne. Es habe sich beispielsweise die Praxis entwickelt,
dass Patienten die Medikamente selbst bezahlen müssten. Die schlechte
wirtschaftliche Lage und Korruption hätten zu diesem Problem beigetra-
gen. Anderseits sei im Herbst 2017 durch das ukrainische Parlament ein
Gesetz erlassen worden, gemäss welchem das Gesundheitswesen unter
Beachtung von internationalen Empfehlungen reformiert und die Korrup-
tion gestoppt werden solle. Die ersten Neuerungen seien umgesetzt wor-
den und Kosten für gewisse ärztlich verschriebene Medikamente sollten
ganz oder teilweise zurückerstattet werden.
In Bezug auf das Kindeswohl führte das SEM des Weiteren aus, dass die
Beschwerdeführerin 2 eine gesunde, junge Frau sei. Mit dem Abschluss
der zehnten Klasse verfüge sie über eine gute schulische Bildung und sie
sei kurz vor dem Abitur gestanden. Gemäss ihrer Aussage könne sie bei
einer Rückkehr die elfte Klasse besuchen und das Abitur machen. Sie habe
ferner angegeben, nach dem Abitur studieren zu wollen. Aufgrund ihrer So-
zialisation und Schulausbildung in der Ukraine sowie ihrer Sprachkennt-
nisse sei zu vermuten, dass dieser Wunsch in ihrer Heimat einfacher zu
verwirklichen sei. Sie verfüge in der Ukraine zudem über ein stabiles sozi-
ales Umfeld, habe Tanzkurse besucht und sich sportlich betätigt. Von der
Schweiz aus stehe sie in engem Kontakt zu einer Klassenkollegin und
pflege Kontakt zu weiteren Freunden.
Der Beschwerdeführer leide gemäss einem Arztbericht unter schon länger
bestehenden Verhaltensauffälligkeiten mit Konzentrationsschwierigkeiten,
Schlafstörungen sowie einer Rückzugstendenz. Die Verhaltensauffälligkei-
ten liessen gemäss Einschätzung des SEM vermuten, dass er mit seiner
aktuellen Lebenssituation überfordert sei und ihm mit einer Rückkehr in
sein gewohntes Umfeld besser gedient sei. Zudem könne auch er in der
Ukraine eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen, bei-
spielsweise in den auf Kinder und Jugendliche spezialisierten «Center for
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Seite 25
Social-Psychological rehabilitation of children» in H._ und
I._. Er habe vor der Ausreise die sechste Klasse besucht und es
spreche nichts dagegen, dass er bei einer Rückkehr wieder die Schule be-
suchen könne.
Die Enkelkinder der Beschwerdeführerin 1 hätten ihr ganzes Leben bis Mai
2019 in der Ukraine gelebt. Sie befänden sich (zum Zeitpunkt der Eröffnung
der Verfügung) seit weniger als einem Jahr in der Schweiz, weshalb nicht
von einer Entwurzelung von der Heimat oder einer fortgeschrittenen In-
tegration in der Schweiz auszugehen sei, welche eine Wegweisung unzu-
mutbar erscheinen liesse. Schliesslich würde es auch dem Kindeswohl ent-
sprechen, als minderjährige Jugendliche im gewohnten sozialen und
sprachlichen Umfeld aufzuwachsen. An dieser Einschätzung vermöge
auch die E-Mail der zuständigen Sozialarbeiterin nichts zu ändern, wonach
Abklärungen für die benötigte Unterstützung bei der Betreuung der Enkel-
kinder im Gange seien. Es sei davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führerin 1 in der Ukraine auf ihr soziales Beziehungsnetz zurückgreifen
könne und in den gewohnten Strukturen die Betreuung der Enkelkinder ge-
währleistet sei. Auch wenn nicht in Abrede gestellt werde, dass sie auf-
grund ihres Alters und ihrer psychischen Verfassung vor gewissen Heraus-
forderungen stehen werde, sei es ihr zuzumuten, sich auch in Betreuungs-
fragen an geeignete Institutionen zu wenden. Insgesamt sei der Wegwei-
sungsvollzug als zumutbar zu erachten.
9.2.2 In der Beschwerde wurde demgegenüber moniert, dass die Be-
schwerdeführerin 1 gesundheitlich angeschlagen sei und sich in psychiat-
rischer Behandlung befinde. Sie leide an einer depressiven Episode und
es bestehe der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung. Sie
bedürfe einer regelmässigen Psychotherapie. Der Grossmutter sei in der
Ukraine die elterliche Sorge über ihre beiden Enkelkinder erteilt worden
und auch das zuständige Erziehungsdepartement in der Schweiz habe
festgestellt, dass sie als Pflegemutter für ihre beiden Enkelkinder als ge-
eignet erscheine. Die familiäre Situation sei dennoch komplex. Abklärun-
gen hätten ergeben, dass der Beschwerdeführer traumatisiert sei und drin-
gend eine Psychotherapie benötige. Die Grossmutter sei gelegentlich
überfordert und wünsche sich fachliche Unterstützung. Durch die jahrelan-
gen Bedrohungen durch den Schwiegersohn sei sie selber traumatisiert.
Es sei eine sozialpädagogische Familienbegleitung errichtet worden und
die Familie werde auch von einer kulturellen Vermittlerin von Organisation
K._ unterstützt. Gemäss einem Bericht von Organisation
K._ vom 9. März 2020 sei der Beschwerdeführer ein ängstlicher
E-1853/2020
Seite 26
Junge mit einer engen Bindung zur Grossmutter. Er weise Ängste vor dem
Fremden auf, habe nun Mühe, sich in der Schweiz zu adaptieren und weise
erhebliche Schlafprobleme auf. Die Beschwerdeführerin 2 habe sich gut
adaptiert, es bestehe aber der Verdacht, dass sie ihre traumatischen Er-
lebnisse verstecke. Für beide werde eine Traumatherapie empfohlen.
Die Beschwerdeführenden hätten in ihrer Heimat in Armut gelebt und seien
teilweise von der Kirche unterstützt worden. Die Grossmutter sei die ein-
zige wesentliche Bezugsperson für ihre Enkelkinder, der Kontakt zum Sohn
beziehungsweise Onkel sei lose gewesen und sie hätten diesen vor allem
während der Ferien besucht. Die Beschwerdeführerin 1 habe zur Finanzie-
rung der Ausreise ihr Elternhaus verkauft und verfüge somit lediglich noch
über ein Grundstück in der Ukraine. Ihre Wohnung habe sie zwar bei der
Abreise abgeschlossen, es sei derzeit indes unklar, ob der Schwiegersohn
diese unrechtmässig an sich genommen habe, wie es sein Ziel gewesen
sei. Es sei davon auszugehen, dass die Grossmutter bei einer Rückkehr in
die Ukraine erneut mit der Erziehung und Betreuung ihrer Enkelkinder
überfordert sein könnte und ihr keine familienbegleitende Hilfe zur Verfü-
gung stehen würde, so dass insbesondere die Entwicklung des jungen und
sehr vulnerablen Beschwerdeführers nach Art. 6 KRK nachhaltig gefährdet
sein könnte. Auch werde es für die Beschwerdeführerin 1 aufgrund ihres
Alters zusehends schwieriger, ein Einkommen für ihre beiden Enkelkinder
zu generieren. Insgesamt sei unter Berücksichtigung des Kindeswohles
eine Rückkehr für die Beschwerdeführenden nicht zumutbar.
9.2.3 In der Vernehmlassung führte das SEM in Bezug auf die Zumutbar-
keit des Vollzugs der Wegweisung aus, dass es sich bei einer allfälligen
unrechtmässigen Beschlagnahmung der Wohnung durch den Schwieger-
sohn beziehungsweise Vater um einen kriminellen Akt handle, der von den
ukrainischen Behörden im Falle einer Anzeigeerstattung geahndet werden
könne. Es sei den Beschwerdeführenden zumutbar, sich bei einer Rück-
kehr an die Behörden zu wenden. Es könne auch erwartet werden, dass
der Sohn beziehungsweise Onkel der Beschwerdeführenden sich noch vor
ihrer Rückkehr an die Behörden wenden könne, um die unrechtmässige
Aneignung zu melden und rechtliche Schritte einzuleiten. Die Beschwerde-
führerin 1 habe angegeben, dass sich die Dokumente betreffend ihres
Wohneigentumes bei ihrem Sohn befänden. Sollte die Wohnsituation bei
der Rückkehr noch nicht geklärt sein, könnten die Beschwerdeführenden
vorübergehend bei ihrem Sohn beziehungsweise Onkel untergebracht
werden.
E-1853/2020
Seite 27
9.2.4 In ihrer Replik entgegneten die Beschwerdeführenden, es sei frag-
lich, ob die ukrainischen Behörden bei dieser Angelegenheit tätig werden
würden. Selbst wenn sie den Schwiegersohn beziehungsweise Vater aus
der Wohnung verweisen würden, ziehe dies negative Konsequenzen für
das Wohlergehen der Beschwerdeführenden mit sich. Das SEM gehe
fälschlicherweise von einem funktionierenden Rechts- und Behördenstaat
in der Ukraine aus und verkenne die Lebensrealität in der von Krieg und
Armut gezeichneten Region.
10.
10.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in zahlreichen Urteilen – auch
neueren Datums – davon aus, dass die allgemeine Lage in der Ukraine
trotz des immer noch andauernden bewaffneten Konflikts in einem Teil des
Staatsgebiets nicht landesweit durch Krieg oder eine Situation allgemeiner
Gewalt gekennzeichnet ist, aufgrund derer die Zivilbevölkerung als gene-
rell konkret gefährdet bezeichnet werden müsste (vgl. etwa die Urteile
BVGer E-1276/2020 vom 14. April 2020 E. 9.2 oder D-7725/2015 vom
6. März 2018 E. 10.4.1).
10.2 Bei einer gesamtheitlichen Betrachtung, insbesondere auch unter
Einbezug der aktuellen medizinischen Berichte, hält die Begründung der
Vorinstanz zur fehlenden medizinischen Notlage bei den Beschwerdefüh-
renden nicht stand.
10.2.1 Die Beschwerdeführerin 1 ist eine mittlerweile (...)-jährige Frau, die
aufgrund einer fortbestehenden mittelgradigen depressiven Episode sowie
gemischten Angst- und Panikzuständen regelmässiger psychotherapeuti-
scher Behandlung bedarf und die zugleich für zwei Jugendliche mit trau-
matischer Vorgeschichte, darunter für den (...)-jährigen Beschwerdeführer,
einzige nahe Bezugsperson ist. Sie nimmt die elterliche Sorge als Einzel-
person wahr und trägt damit auch die alleinige Verantwortung für die Erzie-
hung und Ausbildung der beiden. Aus dem Bericht der behandelnden Ärztin
vom 7. April 2020 geht eine teilweise Überforderung der Beschwerdefüh-
rerin 1 mit der Erziehungsverantwortung hervor. Die psychische Verfas-
sung habe sich verbessert, sei aber nach wie vor instabil (BVGer-act. 4).
Hierzu ist dem medizinischen Bericht vom 2. Dezember 2020 von
J._ weiter zu entnehmen, dass bei einer allfälligen Rückkehr der
Grossmutter in ihrem angestammten Sprachraum zwar für sie alles ver-
trauter wäre. Doch entfiele die Unterstützung bei der Erziehung und sie
wäre verstärkt mit ihren Ängsten konfrontiert, was sich auch auf die Erzie-
hung auswirken dürfte (act. 18: Arztbericht vom 2. Dezember 2020). Diese
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Seite 28
Wechselwirkung zwischen dem psychischen Befinden der Beschwerdefüh-
rerin 1 und ihrer Erziehungskompetenz ist nicht zu vernachlässigen. Neben
einer psychotherapeutischen ist auch eine enge sozialpädagogische Be-
gleitung bei einer allfälligen Rückkehr der Beschwerdeführerin 1 von gros-
ser Relevanz.
Soweit die Vorinstanz in Bezug auf Ersteres das "H._ City Psychi-
atric Hospital" nennt, ist festzuhalten, dass für Patienten aus D._
offiziell nur die stationäre Versorgung zur Verfügung steht (сайт
краматорск [Stadtportal von H._], Городская психиатрическая
больница [Städtische psychiatrische Klinik], undatiert, <https://krampor-
tal.info/kram-psychiatric.php>, abgerufen am 18.11.2020). Zwar gibt es in
D._ ein städtisches Zentralspital, auf welches die Vorinstanz zutref-
fenderweise in Zusammenhang mit medizinischen Notfällen hinweist. Da-
ran angegliedert ist ein sogenannter psycho-neurologischer Dispanser,
welcher ambulante psychiatrische Behandlungen anbietet
(ВДружковке.net [...], Психоневрологический диспансер, undatiert,
<[...]>, abgerufen am 12.11.2020). Festzuhalten ist aber, dass kostenlose
psychologische Leistungen in der Ukraine nur in sehr begrenztem Masse
verfügbar sind und für langfristige Betreuung die Patienten selber aufkom-
men müssen (International Organisation for Migration [IOM], ZIRF-Coun-
selling: Kiew, Medizinische Versorgung, Psyche, 01.08.2018,
<https://milo.bamf.de/mi-
lop/cs.exe/fetch/2000/702450/698578/704870/698622/19198095/Kiew_-
_Medizinische_Versorgung%2C_Psyche%2C_01.08.2018.pdf?no-
deid=20093617&vernum=-2>, abgerufen am 18.11.2020). Laut einem Arti-
kel der H._ Post vom April 2020 ist es im Rahmen der laufenden
Gesundheitsreform zu einer teilweise massiven (bis zu 50 Prozent) Unter-
finanzierung von Spitälern gekommen. Davon sei die lokale psychiatrische
Klinik ebenfalls betroffen. Das Geld reiche nun nicht mehr aus, um alle An-
gestellten zu bezahlen. Bei der stationären Unterbringung fehle zudem
Geld für die Verpflegung der Patienten. Ein weiteres Problem sei, dass kein
Geld für subventionierte Medikamente für Patienten mit psychischen Stö-
rungen bereitstehe. Es sei nicht klar, wer dies finanzieren solle. Infolgedes-
sen erhielten gemäss Chefarzt des Krankenhauses etwa zweitausend Per-
sonen keine Medikamente mehr (H._ Post, [...] [Die psychiatrische
Klinik von H._ hat nach Beginn der zweiten Etappe der medizini-
schen Reform nicht genug Geld], 30.04.2020, [...], abgerufen am
18.11.2020). Laut einem anderen Artikel der H._ Post vom April
2020 sind viele andere, allerdings nicht näher präzisierte, medizinische
E-1853/2020
Seite 29
Dienste kostenpflichtig geworden (H._ Post, [...] [Gesundheitsre-
form in H._: Den Spitälern reicht das Geld nicht aus], 27.04.2020,
[...], abgerufen am 18.11.2020). Angesichts dessen ist fraglich, ob die Be-
schwerdeführerin bei einer Rückkehr tatsächlich langfristig eine ambulante
psychotherapeutische Behandlung kostenlos in Anspruch nehmen kann.
Darüber hinaus gilt zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin 1 in
finanzieller Hinsicht ebenfalls die Gesamtlast für die Familie alleine trägt,
auch wenn ihr Sohn oder die Kirche gewisse Unterstützungen bieten kön-
nen. Vor allem Personen im Pensionsalter und alleinerziehende Elternteile
sind in der Ukraine aktuell dem grössten Armutsrisiko ausgesetzt – bei der
Beschwerdeführerin 1 treffen damit gleich zwei Risikofaktoren zusammen
(UNICEF, Ukraine: Fighting COVID-19 in Ukraine: Initial estimates of the
impact on poverty, 15.04.2020, <https://www.unicef.org/ukraine/me-
dia/5816/file/COVID%20impact%20on%20poverty%20Eng.pdf>, abgeru-
fen am 18.11.2020). Da die Beschwerdeführerin 1 stark die Tendenz auf-
weist, an sich selber zu sparen (vgl. BVGer-act. 18: Bericht Organisation
K._ vom 18. November 2020), ist naheliegend, dass sie bei einer
allfälligen Rückkehr eine psychotherapeutische Behandlung spätestens
dann einstellen wird, wenn dabei Kosten anfallen, die sie nicht oder nur mit
Mühe tragen kann. Hierzu stellt die Vorinstanz zwar richtigerweise fest,
dass der Beschwerdeführerin eine Wohnung gehöre und sie nach dem Ver-
kauf ihres Elternhauses noch immer auf einem Grundstück den Eigenbe-
darf an Früchten und Gemüse decken könne. Als alleinerziehende Gross-
mutter habe sie zudem staatliche Hilfe und eine monatliche Rente erhalten.
Allerdings beträgt diese rund 1500 ukrainische Griwna im Monat, was in
etwa 47 Schweizer Franken entspricht. Die staatlichen Beiträge für allein-
erziehende Mütter von Kindern von 6-18 Jahren erhöhen sich ab Dezem-
ber 2020 auf 2218 bis 2395 Griwna pro Monat, das heisst umgerechnet
rund 71 Euro (News.24tv, Прожиточный минимум, дети и переселенцы:
как изменятся социальные выплаты в 2020 году [Existenzminimum, Kin-
der und Binnenvertriebene: Wie sich die Sozialleistungen im Jahr 2020 än-
dern werden], 29.11.2019). Private Anbieter psychologischer oder psycho-
therapeutischer Behandlung, die ihre Dienste auf dem Internetprotal
RIA.com anbieten, verlangen mindestens 350 Griwna, was ungerechnet
rund 11 Schweizer Franken pro Sitzung ausmacht (RIA.com, Услуги
психолога [Psychiatrische Dienste], undatiert,
<https://www.ria.com/c/krasota-i-zdorovye/o-uslugi-psikhologa>/, abgeru-
fen am 18.11.2020; OANDA Währungsrechner, Wechselkurs UAH-CHF
vom 17.12.2020).
E-1853/2020
Seite 30
Zudem ist entgegen der Vorinstanz nur zurückhaltend von einem sozialen
Beziehungsnetz auszugehen, zumal die verstorbene Schwester der Be-
schwerdeführerin 1 eine grosse Rolle gespielt hatte (vgl. oben E. 5.2.2).
Der Kontakt zum Onkel beziehungsweise Sohn wird als selten beschrieben
und eher telefonisch gepflegt (act. 1040634-27 S. 5 3.01; act. 1040634-37
S. 5 F47 ff., S. 16 F180; act. 1040634-33 S. 10 F83; act. 1040634-36 S. 10
F73). Zwar hat der Onkel die Beschwerdeführenden in der Vergangenheit
auch schon finanziell unterstützt, doch seine eigene finanzielle Situation
gestaltet sich als alleiniger Broterwerber seiner Familie mit seltenen Auf-
trägen ebenfalls eher schwierig (act. 1040634-37 F 55ff.). Bereits in der
Vergangenheit hatte er die Beschwerdeführerin 1 nicht bei der Erziehung
der Enkelkinder im Alltag unterstützt, weshalb dieser Schluss der Vo-
rinstanz in Bezug auf eine allfällige Rückkehr realitätsfremd ist. Auch die
Kirche dürfte nur beschränkt Unterstützung für die Beschwerdeführerin 1
bei der Erziehung der Kinder leisten können.
Damit besteht die konkrete Gefahr, dass die Beschwerdeführerin 1 bei ei-
ner allfälligen Rückkehr in die Ukraine faktisch aus finanziellen Gründen
keine psychotherapeutische Hilfe wird in Anspruch nehmen können und
dies sich nachteilig auf ihre Erziehungskompetenzen auswirken wird.
10.2.2 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so
bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Ge-
sichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus
einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte
von Art. 3 Abs. 1 der Konvention vom 20. November 1989 über die Rechte
des Kindes (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind
demnach sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hin-
blick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen. Diesbezüglich können
namentlich folgende Kriterien im Rahmen einer gesamthaften Beurteilung
von Bedeutung sein: Alter des Kindes, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe,
Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Be-
zugspersonen (insbesondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit),
Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung, sowie der Grad
der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der Schweiz (vgl.
BVGE 2009/28 E. 9.3.2, 2009/51 E. 5.6, 5.8.2).
10.2.3 Der bald (...)-jährige Beschwerdeführer weist dem aktuellsten me-
dizinischen Bericht vom 2. Dezember 2020 zufolge noch immer eine
grosse Abhängigkeit von der Grossmutter auf. Er vermöge etwa nicht ohne
die Nähe der Grossmutter einzuschlafen und leide unter diffusen Ängsten.
E-1853/2020
Seite 31
Im Schulalltag habe er in der Zwischenzeit grosse Fortschritte gemacht und
sich innert kurzer Zeit eine gute Sprachkompetenz erarbeitet. Zwar sei für
ihn eine Rückkehr in die Ukraine mittlerweile noch immer eine der denkba-
ren Möglichkeiten, doch die Grossmutter bezeichne dies als riskant und
gefährlich. J._ beschreibt das frühe Trauma als sehr einschnei-
dend, erachtet aber einen direkten Zusammenhang zur aktuellen Sympto-
matik einer Anpassungsstörung mit Angst und depressiven Reaktion nicht
als zwingend gegeben (BVGer-act. 18: Arztbericht vom 2. Dezember
2020). Gemäss dem aktuellen Bericht der transkulturellen Familienbeglei-
tung habe der Beschwerdeführer manchmal wie früher Schreiattacken,
aber wesentlich weniger als am Anfang. Neue Beziehungen gehe er nur
zögerlich ein. Er habe viel Zeit benötigt, bis er neue Freundschaften einge-
hen konnte und sich in der Schweiz wohl fühlte. Inzwischen habe er prak-
tisch keinen Kontakt mehr zu ukrainischen Klassenkameraden. Weiterhin
verweigere er jedoch alle Freizeitaktivitäten (BVGer-act. 1 Beilage 4: Be-
richt zum Abklärungsauftrag vom 6. Januar 2020; BVGer-act. 18: Bericht
(...) vom 18. November 2020; BVGer-act. 20, Bericht des Kinder- und Ju-
genddienstes vom 30. Dezember 2020).
Der Beschwerdeführer hat sich mittlerweile gut in der Schweiz adaptiert
und scheint gewillt zu sein, seine Chancen auf einen Übertritt in die Regel-
klasse mit erweiterten Anforderungen ([...]) wahrzunehmen. Dies ist als po-
sitive Entwicklung zu werten. Soweit die Vorinstanz sich dahingehend äus-
sert, dass mit einer Rückkehr in sein gewohntes Umfeld dem Beschwerde-
führer besser gedient sei, erscheint dies bei Betrachtung der Angelegen-
heit im Lichte des Kindeswohls stark vereinfacht.
Jedenfalls gilt in Bezug auf die Möglichkeit einer psychotherapeutischen
Behandlung für Kinder und Jugendliche in der Ukraine Ähnliches wie das
zur Beschwerdeführerin 1 Gesagte. Spezialisierte psychologische Inter-
ventionen können von staatlichen Institutionen eher nicht erbracht werden.
In diesem Fall müssten sich Patienten und Patientinnen an private Gesund-
heitseinrichtungen wenden. Dort würden aber teilweise veraltete oder po-
tentiell schädliche Methoden angewandt werden (World Bank Team
[WBG], Mental health in transition : assessment and guidance for strength-
ening integration of mental health into primary health care and community-
based service platforms in Ukraine, 2017, <http://docu-
ments1.worldbank.org/curated/en/310711509516280173/pdf/120767-WP-
Revised- WBGUkraineMentalHealthFINALwebvpdfnov.pdf>, abgerufen
am 18.12.2020). Die aktuelle psychiatrische Versorgungslage für Kinder in
der Ukraine stellt sich insbesondere wegen der rapide abnehmenden Zahl
E-1853/2020
Seite 32
der praktizierenden Kinderpsychiater, der fehlenden Priorität der Kinder-
psychiatrie und Gesundheitsfürsorge im Allgemeinen, dem erschwerten
Zugang zu Medikamenten und dem seit der Covid-19-Pandemie erhöhten
Bedarf an spezialisierter psychiatrischer Versorgung als schwierig dar (In-
ternational Association for Child and Adolescent Psychiatry and Allied Pro-
fessions [IACAPAP], Challenges in the provision of mental health care to
children and adolescents during the COVID-19 pandemic in Ukraine,
06.2020, <https://iacapap.org/challenges-in-the-provision-of-mental-
health-care-to-children-and-adolescents-during-the-covid-19-pandemic-
in-ukraine/>, abgerufen am 21.12.2020). In der gesamten Region
E._ sind nur elf ausgebildete Fachkräfte für die psychische Ge-
sundheit von Kindern tätig. Die Vorinstanz nennt die "Center for Social-
Psychological rehabilitation of children" in H._ und I._. Das-
jenige in I._ war aufgrund des Kriegsgeschehens zeitweise stark
beschädigt, konnte aber wieder aufgebaut und voll in Betrieb genommen
werden. Weitere Angebote sind zeitlich befristet – so etwa im E._
Regional Center for social-psychological help – oder deren Platzzahl be-
schränkt – wie im Zentrum für soziale und psychologische Rehabilitation
von Kindern des Kinderhilfswerks des Stadtrats der Kommune H._
(UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs [OCHA], Mental
health in E._ and Luhansk oblasts – 2018, 03.2019,
<https://www.humanitarianresponse.info/sites/www.humanitarian-
response.info/files/documents/files/2018_mhpss_report_en.pdf>; (...), bei-
des abgerufen am 22.12.2020).
Formal gesehen sind zwar beschränkte Angebote für die psychiatrische
Betreuung des Beschwerdeführers in der Region E._ vorhanden,
wobei hier ebenfalls unklar ist, wie es sich mit der Tragbarkeit der Kosten
verhält und inwieweit deren Zugang langfristig gesichert ist. Seine haupt-
sächliche Bezugsperson, die Beschwerdeführerin 1, möchte ihn unterstüt-
zen, benötigt dafür aber selbst Unterstützung. Das zögerlich gewonnene
Vertrauen und die Fortschritte des Beschwerdeführers würden mit einem
erneuten Wohnortswechsel aufs Spiel gesetzt. Wie sich dies auf seine
künftige Entwicklung und Ausbildung auswirkt, ist nicht abzusehen. In An-
betracht des Kindeswohls erscheinen insbesondere sein Alter, die belas-
tende Vorgeschichte und die erneute Konfrontation mit dem Vater als kriti-
sche Faktoren, welche bei zugleich fraglicher psychiatrischer Weiterbe-
treuung gegen die Zumutbarkeit seiner Rückkehr in die Heimat sprechen.
10.2.4 Die Beschwerdeführerin 2 ist mittlerweile volljährig geworden. Das
Kindeswohl ist bei ihr nicht mehr zu berücksichtigen. Bei einer allfälligen
E-1853/2020
Seite 33
Rückkehr würde sie mit ihrer Grossmutter und ihrem Bruder die engsten
Familienangehörigen hinter sich lassen müssen und wäre anschliessend
bei einer Rückkehr – eventuell zum Onkel – erneut mit ihrem Vater kon-
frontiert, was angesichts der belastenden Vorgeschichte schwierig er-
scheint. Selbst wenn sie, wie die Vorinstanz festhält, das Abitur im Heimat-
land nachholen könnte, ist aufgrund der prekären finanziellen Lage und der
hohen Lebenskosten – eine Zweizimmerwohnung ausserhalb des Zent-
rums einer ukrainischen Stadt kostet durchschnittlich 172 Euro monatlich
(ohne Nebenkosten) – ungewiss, ob sich ihr Wunsch nach Absolvierung
eines Studiums dort in der Tat einfacher verwirklichen lässt als in der
Schweiz (Numbeo, Lebenshaltungskosten in der Ukraine, letzte Aktualisie-
rung 11.2020, <https://de.numbeo.com/lebenshaltungskosten/land/Ukra-
ine?displayCurrency=EUR>, abgerufen am 17.11.2020). Aus eigener Kraft
vermag sie ohne Berufsausbildung und/oder –erfahrung wohl kaum ihren
eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Bundesverwaltungsgericht
kommt aus diesen Gründen zum Schluss, dass ein Wegweisungsvollzug
der Beschwerdeführerin 2 ebenfalls als unzumutbar zu betrachten ist.
10.3 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Vorinstanz in der an-
gefochtenen Verfügung den Vollzug der Wegweisung der Beschwerdefüh-
renden aus der Schweiz zu Unrecht als zumutbar qualifiziert hat.
11.
Damit ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die Verfügung vom
28. Februar 2020 ist im Wegweisungsvollzugspunkt aufzuheben. Die Vor-
instanz ist anzuweisen, die Beschwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, nach-
dem den Akten keine Hinweise auf Ausschlussgründe gemäss Art. 83
Abs. 7 AuG zu entnehmen sind. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuwei-
sen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die (reduzierten) Verfah-
renskosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG). Mit Verfügung vom 8. April 2020 wurde allerdings das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung bewilligt und es ist davon
auszugehen, dass diese Situation unverändert ist, weshalb keine Verfah-
renskosten zu erheben sind.
12.2 Teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteient-
schädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig
E-1853/2020
Seite 34
hohen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7-13 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Beschwerdeführenden
sind mit ihrem Begehren betreffend Wegweisungsvollzug durchgedrungen,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss von einem hälftigen
Obsiegen ausgeht. Mit der Beschwerde reichte die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführenden eine provisorische Kostennote in Höhe von
Fr. 2'550.– bei einem Stundenaufwand von 12.75 Stunden ein. Dies er-
scheint insgesamt angemessen, da sich aufgrund der notwendigen Abklä-
rungen bei diversen Ärzten und Sozialarbeitern sowie länderspezifischen
Recherchen ein ausserordentlicher Aufwand für die Rechtsvertreterin er-
geben hat. Zu berücksichtigen sind weitere 4,5 Stunden als zusätzlicher
Aufwand für die Beschwerdeergänzung vom 11. Mai 2020, die Eingabe
vom 15. Mai 2020, die Replik vom 18. Juni 2020, die Eingaben vom 22. Juli
2020, vom 27. August 2020, vom 7. Dezember 2020 (mit welcher insbe-
sondere der Arztbericht vom 2. Dezember 2020 und der Bericht von Orga-
nisation K._ vom 18. November 2020 eingereicht wurden) und vom
4. Januar 2021. Einschliesslich den nachgewiesenen Auslagen von
Fr. 1'800.– für die SFH-Länderanalyse erscheint bei einem Stundenansatz
von Fr. 200.– ein Totalaufwand von Fr. 5'250.– gerechtfertigt. Die von der
Vorinstanz auszurichtende hälftige Parteientschädigung beläuft sich damit
auf Fr. 2'625.– (inklusive Auslagen).
12.3 Mit der oben genannten Verfügung wurde den Beschwerdeführenden
zudem die amtliche Rechtsverbeiständung gewährt. Soweit sie im vorlie-
genden Verfahren (ebenfalls hälftig) unterliegen, ist der Rechtsbeiständin
durch die Gerichtskasse ein Honorar auszurichten. Unter Berücksichtigung
des massgebenden Stundenansatzes von Fr. 150.- (vgl. Verfügung vom
8. April 2020) und der Bemessungsfaktoren (Art. 12 i.V.m. Art. 8-11 VGKE),
ist der amtlichen Rechtsbeiständin zulasten der Gerichtskasse ein amtli-
ches Honorar von Fr. 2'194.– (inklusive Auslagen) zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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