Decision ID: 5ec0dedd-f242-4047-9e54-e5d0d88bcf63
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1985 geborene
X._
war vom
1.
Mai 2014
bis 3
0.
April 2016 (
Urk.
1 S. 7)
als Eishockeyspieler
bei der
Y._
AG
angestellt und damit bei der Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG
(fortan: Allianz)
obligato
risch unfallversichert. Am 1
7.
Februar 2015 erhielt er im Rahmen eines Eisho
ckeyspiels in einem Zweikampf ei
nen Schlag gegen den Kopf (Urk.
10A/1001).
Dr.
Z._
, Chefarzt Sportmedizin an der
Klinik
A._
, diagnostizierte am 2
6.
Februar 2015 einen Status nach Kopfkontusion mit Commotio cerebri am 1
9.
Februar 2015 (richtig: 17. Feb
ruar 2015) und aktuell persistierender Konzentrationsermüdung und visuellen Störungen sowie einen Status nach
Guillain
-
Barré
-Syndrom vor circa vier Jahren (
Urk.
10M/1). In der Folge erbrachte die Allianz die gesetzlichen Leistungen. Mit Verfügung vom
1
6.
Oktober 2017 stellte sie diese – unter Hinweis auf das Fehlen eines adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfallereignis und den geklagten Beschwerden –
rückwirkend
per 3
0.
Juni 2017 ein (Urk. 10A/1051). Dagegen erhob der Versicherte am 1
4.
November 2017 Einsprache (
Urk.
10A/1052) und gab
s
eine Begründung hierzu
am 2
0.
Dezember 2017
zu Protokoll (Urk.
10A/1053).
Nachdem
er sich
wiederholt
nach dem Verfahrens
stand erkundigt (
Urk.
10A/1054, 10A/1057, 10A/1059-60) und ein Gutachten von
B._
aufgelegt
(Urk.
10M/1056) hatte
, reichte
er beim hiesigen Gericht am 4.
April 2019 eine Rechtsverzögerungsbeschwerde ein (Urk. 10A/1062). Mit am 2
5.
Juni 2019 erlassene
m
Einspracheentscheid
hielt die Allianz an ihrer Leis
tungseinstellung fest (
Urk.
10A/1067 =
Urk.
2). Mit Gerichtsverfügung vom
2.
Juli 2019 wurde das Beschwerdeverfahren – angesichts des zwischenzeitlich dahingefallenen Rechtsschutzinteresses – als gegenstandslos geworden abge
schrieben
und dem Versicherten wurde, da die Beschwerde aufgrund des konti
nuierlichen Ausbleibens des geforderten
Einspracheentscheids
aller Voraussicht nach gutzuheissen gewesen wäre, eine Prozessentschädigung zugesprochen (Pro
zess-Nr. UV.2019.00091 [
Urk.
10A/1069]).
2.
Mit Eingabe vom 2
3.
August 2019 erhob
X._
Beschwerde mit folgendem Rechtsbegehren (
Urk.
1 S. 2):
«1.
Es sei der
Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin vom 2
5.
Juni 2019 aufzuheben.
2.
Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, dem Beschwerdeführer bis zum Erreichen des Endzustandes und/oder bis zum Bezug einer Rente die Leistungen im bisherigen, gesetzlich und vertraglich geschuldeten Umfang
auszurichten
.
3.
Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, die gesetzlich und vertrag
lich geschuldeten Leistungen seit Einstellung der Zahlungen per 3
0.
Juni 2017 zuzüglich 5
%
Zins nachzu
z
ahlen.
4
.
Eventualiter sei der
Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin vom 2
5.
Juni 2019 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Be
schwerdegegnerin zurückzuweisen.
5
.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der
Beschwerdegeg
nerin.»
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Durchführung einer öffentlichen Ver
handlung, um
Beizug
der vorinstanzlichen Akten und
um Einholung eines ge
richtlichen Gutachtens (
Urk.
1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom
4.
Dezember 2019 schloss die Allianz auf Abweisung der Beschwerde, soweit darauf eingetre
ten werden könne. Betreffend die prozessualen Anträge um Durchführung einer öffentlichen Verhandlung und Einholung eines Gerichtsgutachtens beantragte sie ebenfalls deren Abweisung (
Urk.
9 S. 2).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Da – wie nachfolgend darzulegen sein wird – eine Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin bereits aus formellen Gründen angezeigt ist, kann es mit der Zustellung der Vernehmlassung zusammen mit dem vorliegenden Entscheid sein Bewenden haben.
2.
2.1
Die Parteien haben nach
Art.
29
Abs.
2
der Bundesverfassung (
BV
)
und
Art.
42
Satz 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs
rechts (
ATSG
)
Anspruch auf recht
liches Gehör
. Sie müssen nicht angehört werden
vor
Verfügungen, die d
urch Einsprache anfechtbar sind
(
Art.
42 Satz 2 ATSG;
BGE 134 V 97 E.
2.8.1).
2.2
Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung einer Person eingreift. Dazu gehört insbesondere deren Recht, sich vor Erlass des in ihre Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweiser
gebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen (BGE 132 V 368 E. 3.1 mit Hinweisen).
2.3
Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur. Daher führt dessen Ver
letzung ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids. Vorbehalten bleiben praxisgemäss Fälle, in denen die Verletzung des Begründungsrechts nicht besonders schwer wiegt und dadurch geheilt wird, dass die Partei, deren rechtliches Gehör verletzt wurde, sich vor einer Instanz äussern kann, welche sowohl Tat- als auch Rechts
fragen uneingeschränkt überprüft. Von einer Rückweisung der Sache zur Gewäh
rung des rechtlichen Gehörs an die Verwaltung ist im Sinne einer Hei
lung des Mangels selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs dann abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalis
tischen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten) Interesse der betroffenen Partei an einer
beförderli
chen
Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären (
vgl.
BGE 132 V 387 E. 5.1 mit Hinweisen).
3.
3.1
Im Rahmen des
Einspracheverfahrens
ersuchte die Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 1
6.
Mai 2019
Dr.
C._
, Facharzt FMH für Neurologie, um eine Beurteilung der medizinischen Situation und insbesondere um Beantwortung
von Fragen zur Kausalität, der Arbeitsfähigkeit und des Endzustands (Urk.
10A/1063).
In der Folge erstattete er am 2
3.
Mai 2019
sein Aktengutachten (Urk. 10M/26). Dieses diente als medizinische Entscheidungsgrundlage für den abschlägigen
Einspracheentscheid
vom 2
5.
Juni 2019
(
Urk.
2).
3.2
Die Beschwerdegegnerin unterliess es, dem Beschwerdeführer vor Erlass des nun angefochtenen
Einspracheentscheids
das Gutachten zur Stellungnahme zuzustel
len. Vielmehr stellte sie ihm jenes erst nach Aufforderung am
4.
Juli 2019 zu (
Urk.
10A/1070-1071). Dies stellt – insbesondere da das Gutachten eine wesent
liche Grundlage des
Einspracheentscheids
bildete
(vgl.
Urk.
2
Ziff.
32 und 35)
– eine schwere Verletzung des rechtlichen Gehörs dar.
Entgegen der Beschwerde
gegnerin
(
Urk.
9 S. 3)
ist dieser Mangel im vorliegenden Verfahren keiner Heilung zugänglich. Denn es kann nicht Sinn des durch die Rechtsprechung geschaffenen Instituts der Heilung des rechtlichen Gehörs sein, dass
Versicherungsträger sich über den elementaren Grundsatz des rechtlichen Gehörs hinwegsetzen und darauf vertrauen, dass solche Verfahrensmängel in einem von der betroffenen Person
allfällig angehobenen Prozess dann behoben
würden. Die nachträgliche Gewäh
rung des rechtlichen Gehörs bildet häufig nur einen unvollkommenen Ersatz für eine unterlassene vorgängige Anhörung. Abgesehen davon, dass versicherten Personen dadurch eine Instanz verlorengehen kann, wird ihnen zugemutet, zur Verwirklichung ihrer Mitwirkungsrecht
e
ein Rechtsmittel zu ergreifen (vgl. BGE 116 V 182 E. 3c).
3.3
Dem Beschwerdeführer
wiederum
kann nicht gefolgt werden, wenn er aufgrund der festgestellten Verletzung des rechtlichen Gehörs
und unter Bezugnahme auf BGE 137 V 210
(E. 6)
dem Aktengutachten von Dr.
C._
bereits grundsätzlich
den Beweiswert abspricht (
Urk.
1 S. 7). Aus den Akten ist zu schliessen, dass es sich dabei um eine versicherungsinterne Beurteilung handelt. Eine Anwendung von
Art.
44 ATSG ist damit nicht vorgesehen (BGE 136 V 117 E. 3.3.2.3).
Infolgedes
sen kann – im Gegensatz zu Abklärungen externer Spezialärzte – auf versiche
rungsinterne Gutachten schon dann nicht mehr abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom
3.
Oktober 2014 E. 4.2 mit weiteren Hinwei
sen; vgl. zum Ganzen
Kieser
, ATSG-Kommentar,
3.
Auflage, Zürich 2015,
Art.
44 N
25). Auch die Einholung eines Gerichtsgutachtens drängt sich vorliegend nicht auf (
Urk.
1 S. 7).
Die Frage, ob eine Streitsache zur neuen Begutachtung an die Versicherung zurückzuweisen oder auf der Grundlage eines (einzuholenden) Ge
richtsgutachtens zu beurteilen ist, stellt sich erst, wenn eine Beurteilung einer versicherungsinternen oder auch
-
externen Stelle nicht schlüssig ist und die offene Tatfrage nicht anhand anderer Beweismittel geklärt werden kann (vgl. BGE 137 V 210 E. 4.4.1.1). Dies
braucht vorliegend (noch) nicht geklärt zu werden; vorab geht es einzig darum, dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör im
Ein
spracheverfahren
einzuräumen.
3.4
Damit ist der angefochtene
Einspracheentscheid
vom 2
5.
Juni 2019 (
Urk.
2) aus formellen Gründen – ungeachtet der materiellen Erfolgsaussichten der Be
schwerde (vgl. E. 2.3
hievor
) – aufzuheben. Die Sache ist an die Beschwerdegeg
nerin zurückzuweisen, damit sie über den Leistungsanspruch des Beschwerdefüh
rers in einem rechtsgenügenden Verfahren neu entscheide. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
4.
Die Rückweisung der Sache an die Verwaltung gilt rechtsprechungsgemäss für die Frage der Auferlegung der Parteientschädigung als vollständiges Obsiegen (BGE 141 V 281 E. 11.1, 137 V 210 E. 7.1, 137 V 57 E. 2.2). Ausgangsgemäss steht dem Beschwerdeführer gestützt auf Art. 61
lit
. g ATSG und § 34 Abs. 1 und
3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) eine Prozessent
schädigung zu, welche ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwi
erigkeit des Prozesses auf Fr. 2'6
00.-- (inklusive Bar
auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.