Decision ID: d1eed06c-44b6-5d11-890f-28ca63981cb9
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 15. Oktober 2015 zum dritten Mal bei der
Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Sie machte geltend, sie sei seit
Jahren depressiv, sei müde, habe keine Kraft, habe Schwindel und sei oft erschöpft.
Sie habe keinen Appetit, nehme (bei bestehendem Untergewicht weiter) an Gewicht ab,
habe Probleme mit dem Gleichgewicht und es fehle ihr an Selbstwertgefühl (IV-act. 66).
A.a.
Die Versicherte hatte vom 13. August 1990 bis zum 30. Mai 2000 in einem Pensum
von 6,5 Stunden an 4 Tagen wöchentlich als Küchenhilfe in der B._ gearbeitet
(Angaben C._ vom 27. April 2001, IV-act. 4), war wegen eines massiven Burnout-
Syndroms mit Erschöpfungscharakter und massivem Untergewicht (42 kg bei
Körpergrösse 172 cm) vom 5. Juni bis 1. Juli 2000 in der Klinik D._ stationär
behandelt worden (Bericht vom 24. Juli 2000, IV-act. 5-5 ff.) und hatte am 6. April 2001
erstmalig um Leistungen der IV ersucht (IV-act. 1). Das Gesuch um berufliche
Massnahmen war gestützt auf Berichte einer Psychotherapeutin vom 16. Juni 2001 (IV-
act. 5-4), einen Arztbericht des Hausarztes Dr. med. E._ vom 9. August 2001
(Eingang, IV-act. 5-1 ff.) und einem Bericht des Eingliederungsberaters vom
A.b.
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26. September 2001 (IV-act. 8) mit Verfügung vom 20. November 2001 abgewiesen
worden (IV-act. 13). Ab 1. Mai 2002 hatte die Versicherte einmal wöchentlich während
ca. sechs Stunden als Reinigungskraft gearbeitet (Angaben vom 2. Mai 2006 [Eingang],
IV-act. 23)
Am 12. April 2006 hatte die Versicherte wegen Erschöpfung, Depression und
körperlicher sowie psychischer Überlastung ein zweites Gesuch gestellt (IV-act. 16). Im
Auftrag der IV-Stelle war sie durch Dr. med. F._, Psychiatrie/Psychotherapie FMH,
begutachtet worden (Gutachten von 2. Februar 2007, IV-act. 48). Der Gutachter war
zum Schluss gekommen, aufgrund der anamnestischen Angaben, der in den Akten
beschriebenen sowie der in der Untersuchung erhobenen Befunde könne aus
psychiatrischer Sicht keine für die Arbeitsfähigkeit relevante Diagnose gestellt werden.
Die Versicherte leide aber an einem psychophysischen Erschöpfungssyndrom, welches
seines Erachtens auf eine somatoforme autonome Funktionsstörung des oberen
Gastrointestinaltraktes (ICD-10: F45.31) bei wahrscheinlich prämorbid vorbestehender
ängstlicher Persönlichkeit zurückzuführen sei. Nach dem Aufenthalt in der Klinik D._
im Juli 2000 habe sich ihr psychophysischer Zustand zunehmend gebessert und
derzeit sei sie in einer dem körperlichen Leiden angepassten Tätigkeit voll arbeitsfähig
(IV-act. 48-6). RAD-Ärztin Dr. med. G._, Fachärztin für Psychiatrie/Psychotherapie,
hatte am 14. Februar 2007 Stellung genommen: Das Gutachten von Dr. F._ sei
umfassend, kohärent, in sich widerspruchsfrei und nachvollziehbar. Es könne
vollumfänglich darauf abgestellt werden. Die Arbeitsfähigkeit sei in angestammter und
angepassten leichten Tätigkeiten in stressarmer Umgebung mit geregelten
Arbeitszeiten und ohne Nachtarbeit 100 % (IV-act. 49). Zu einem Arztbericht von
Dr. med. H._, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin, vom 5. Mai 2007 (IV-
act. 62) hatte die RAD-Ärztin am 9. Mai 2007 geäussert, diesem seien keine neuen
Diagnosen oder Funktionsausfälle zu entnehmen, welche nicht bereits in der
psychiatrischen Begutachtung von Dr. F._ gewürdigt worden seien (IV-act. 63). Mit
Verfügung vom 10. Mai 2007 hatte die IV-Stelle einen Rentenanspruch abgelehnt (IV-
act. 65).
A.c.
Dr. med. I._, Eidg. Fachärztin für Psychiatrie, hielt im Arztbericht vom
22. Oktober 2015 fest, sie behandle die Versicherte nach diversen Psychologinnen und
einem Psychiater seit 7. Oktober 2015. Sie diagnostizierte eine rezidivierende
A.d.
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depressive Störung, bestehend seit Jahren, in den letzten Jahren verschlechtert,
mittelgradige Episoden mit somatischen Symptomen (ICD-10: F33.11), eine
Anpassungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen;
Depression, Angst, Sorgen, Anspannung (ICD-10: F43.23) sowie eine Anorexia
nervosa, bestehend seit Jahren, chronifiziert, BMI 15 (ICD-10: F50.0). Die Versicherte
sei im gegenwärtigen psychischen und physischen Zustand zu 100 % arbeitsunfähig
(IV-act. 72-1 f.).
Anlässlich einer Haushaltsabklärung führte die Versicherte aus, ihre Mutter habe
sich zum Messie entwickelt und innerhalb von 48 Stunden ins Altersheim eintreten
müssen. Sie habe mit ihren Geschwistern über Wochen das Ekel erregende Haus
räumen müssen. Sie ekle sich seither vor allem (Fleisch-, Fett- und andere
Essensdüfte). Sie finde nur drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht und fühle sich am
Steuer unsicher. Seit Januar 2015 verrichte sie während ca. zwei Stunden wöchentlich
Reinigungsarbeiten bei der J._ in K._. Bei guter Gesundheit wäre sie zu
mindestens 50 % bis 60 % im Gastrobereich erwerbstätig. Die Abklärungsperson
ermittelte im Betätigungsvergleich keine Einschränkung im Haushalt (0 %; zum
Ganzen: Abklärungsbericht Haushalt vom 6. April 2016, IV-act. 80). In ihrer
Stellungnahme vom 22. September 2016 führte RAD-Ärztin Dr. med. L._, Fachärztin
für Psychiatrie und Psychotherapie, im Wesentlichen aus, der medizinische Sachverhalt
sei hinsichtlich Untergewicht sowie Persönlichkeit und Erschöpfungssyndrom weiter
abzuklären (IV-act. 84).
A.e.
Daraufhin beauftragte die IV-Stelle die medexperts ag, Dr. med. M._, Fachärztin
Allgemeine Innere Medizin, und Dr. med. G._ mit einem bidisziplinären (internistisch-
psychiatrischen) Gutachten (Auftrag vom 22. September 2016, IV-act. 87). Gemäss
Gutachten vom 6. Dezember 2016 (IV-act. 90) diagnostizierten die Expertinnen eine
Anorexia nervosa (ICD-10: F50.0), differenzialdiagnostisch eine atypische Anorexia
nervosa (ICD-10: F50.1), die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirke. Daneben erhoben
sie akzentuierte Persönlichkeitsanteile mit ängstlichen, perfektionistischen und
anankastischen Zügen (ICD-10:Z73.1) sowie einen Zustand nach Anpassungsstörung
mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen (ICD-10: F43.23; IV-
act. 90-22 f.). Infolge des chronischen Untergewichts liege eine gewisse Verminderung
der Leistungsfähigkeit infolge niedrigen Blutdrucks, Müdigkeit und Schwindels vor.
A.f.
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Diese sei aktuell mit 20 % zu beziffern (IV-act. 90-20). In körperlich leichter, zeitlich
flexibler Tätigkeit mit Möglichkeit vermehrter Pausen attestierten die Gutachterinnen ab
Untersuchungszeitpunkt eine Arbeitsfähigkeit von 80 % (IV-act. 90-31). RAD-Ärztin Dr.
L._ befand am 27. Januar 2017, auf das Gutachten könne abgestellt werden (IV-
act. 92).
Mit Vorbescheid vom 10. Februar 2017 gewährte die IV-Stelle der Versicherten
das rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 95). Mit
Einwand vom 20. April 2017 reichte die Versicherte einen Arztbericht von Dr. I._ vom
14. März 2017 ein. Die behandelnde Psychiaterin hielt darin fest, die Versicherte sei seit
7. März 2017 erneut bei ihr in Therapie. Der psychische Zustand habe sich in den
letzten Monaten deutlich verschlechtert. Die Versicherte habe erneut abgenommen. Sie
zeige - wie bereits vor Jahren - ein chronifiziertes, anorektisches Essverhalten, sei
abgemagert, angetrieben und eingeengt auf ihre derzeitigen finanziellen Probleme. Es
bestehe ein problematisches, zwiespältiges Verhältnis zum Ehemann. Die Versicherte
leide an einer rezidivierenden depressiven Störung, seit Jahren bekannt, gegenwärtig
mittelgradige Episode (ICD-10: F33.10), es bestünden der Verdacht auf eine bipolare
Störung, gemischte Episoden (ICD-10: F31.6), eine chronische Insomnie (ICD-10:
F51.0) und eine Anorexia nervosa, chronifiziert (ICD-10: F51.0). Es sei dringend eine
Abklärung der psychischen und kognitiven Defizite im Kantonsspital St. Gallen (KSSG)
zu empfehlen (IV-act. 99-8 f.). Im Einwand machte die Versicherte sodann geltend, die
Familienanamnese sei auffällig und im Gutachten unvollständig wiedergegeben. Die auf
80 % festgelegte Arbeitsfähigkeit sei nicht nachvollziehbar und lediglich pauschal
erfolgt. In Anbetracht der komplexen psychischen Beeinträchtigungen müsste eine
spezialisierte Klinik mit der Begutachtung beauftragt werden, welche langjährige
Erfahrung mit Anorexie und der entsprechenden Familiendynamik habe. Die
Anwendung der gemischten Methode verletze die Gleichbehandlung der Geschlechter
und die Qualifikation sei unrichtig (IV-act. 99-1 ff.). RAD-Ärztin Dr. L._ hielt in ihrer
Stellungnahme vom 23. Mai 2017 fest, die von Dr. I._ im Schreiben vom 14. März
2017 aufgeführten Symptome seien allesamt nicht neu, allerdings habe sich die
finanzielle Problematik verschärft. Die auffällige Familienanamnese sei im Gutachten
aufgeführt worden. Der Einwand sei nicht geeignet, das Gutachten zu widerlegen oder
eine Verschlechterung glaubhaft zu machen (IV-act. 100).
A.g.
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B.
Mit Verfügung vom 23. Mai 2017 wies die IV-Stelle das Rentengesuch unter
Wiedergabe der RAD-Stellungnahme vom gleichen Tag ab (IV-act. 101).
A.h.
Mit Beschwerde vom 22. Juni 2017 beantragt A._, vertreten durch
Rechtsanwältin lic. iur. R. Schmid, die Verfügung vom 23. Mai 2017 sei unter Kosten-
und Entschädigungsfolge aufzuheben. Es sei ihr mindestens eine halbe Rente
zuzusprechen. Eventuell sei eine stationäre psychiatrische Begutachtung anzuordnen.
Offensichtlich lägen in der Familie massive psychische Erkrankungen vor, die im
Gutachten allenfalls in einem Nebensatz abgehandelt würden. Das Gutachten sei nicht
geeignet, ihre komplexen psychischen Beeinträchtigungen - zu denen auch die
Anorexia nervosa zähle - nachvollziehbar zu beurteilen. Mit dem Gutachten müsste
eine spezialisierte Klinik wie z.B. die Klinik N._beauftragt werden, welche langjährige
Erfahrungen mit Anorexie und der entsprechenden Familiendynamik habe. Die auf
80 % festgelegte Arbeitsfähigkeit sei eine nicht nachvollziehbare Pauschalangabe. Die
diagnostizierte Anorexia nervosa könne nicht isoliert betrachtet werden, sie habe
weitere psychische Krankheiten zur Folge. Diese Folgen der langjährigen Anorexie
würden im Gutachten nicht behandelt. Die Weiterbeschäftigung beim O._ hätte zu
einem neuen Burnout-Syndrom geführt. Es habe sich gezeigt, dass sie an Gewicht
verliere, wenn sie arbeitstätig sei. Eine 80 %ige Arbeitsfähigkeit sei illusorisch. Die
Anwendung der gemischten Methode sei nur noch zulässig, wenn sie zu keiner
Geschlechterdiskriminierung führe. Sie habe keine familiären Pflichten. Sie könne nicht
als teilerwerbstätige Hausfrau qualifiziert werden. Ohne gesundheitliche Einschränkung
würde sie zu 100 % arbeiten (act. G 1).
B.a.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 19. September 2017 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Die Anwendung der gemischten
Methode sei nicht "per se" diskriminierend. Das Bundesgericht habe sie für weiterhin
anwendbar erklärt in Fällen der erstmaligen Rentenzusprache an eine während des
massgebenden Beurteilungszeitraumes teilerwerbstätige Person. Auch bei vorliegender
Neuanmeldung nach erfolgter rechtskräftiger Ablehnung eines Rentenanspruchs sei die
gemischte Methode weiterhin anzuwenden. Bezüglich der Qualifikation sei auf die
Aussage der Beschwerdeführerin vom 21. März 2016 abzustellen und der
B.b.
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Erwerbsbereich mit 55 % und die Haushaltstätigkeit mit 45 % zu gewichten. Das
Gutachten der medexperts ag vom 6. Dezember 2016 entspreche den Anforderungen
an eine beweiskräftige medizinische Entscheidgrundlage. Die von der
Beschwerdeführerin geäusserte Kritik sei nicht geeignet, Zweifel daran zu erwecken.
Auch bestehe kein Grund zur Annahme, dass eine stationäre Begutachtung in einer auf
Essstörungen spezialisierten Klinik zu einem anderen Resultat geführt hätte. Die
Einschränkung von 20 % sei nachvollziehbar mit der aus der diagnostizierten Anorexia
nervosa resultierenden Leistungsminderung begründet worden (act. G 4).
Die Beschwerdeführerin macht mit Replik vom 3. November 2017 geltend, die der
Qualifikation zugrunde liegende Aussage sei offensichtlich vor dem Hintergrund der
bereits jahrelang andauernden psychischen und physischen Beeinträchtigung gemacht
worden. Sie habe keine Kinder oder anderweitige Verpflichtungen, die es ihr
verunmöglichen würden, ein volles Erwerbspensum zu leisten. Das bidisziplinäre
Gutachten der medexperts ag hätte nicht einseitig durch die IV-Stelle angeordnet
werden dürfen, ein Einigungsversuch wäre zwingend erforderlich gewesen. Das
Gutachten sei bereits deshalb nicht verwertbar, weil die IV-Stelle die
Verfahrensgarantien nicht eingehalten habe. Die Gutachter hätten offensichtlich ausser
Acht gelassen, dass sie bereits vor dem Jahr 2000 an Depressionen und
Erschöpfungszuständen gelitten habe. Es sei keine umfassende Abklärung zum
Arbeitspensum bei voller Gesundheit getroffen worden. Die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit hätte unter Berücksichtigung leistungshemmender äusserer
Belastungsfaktoren erfolgen müssen. Aus dem internistischen Teilgutachten gehe nicht
hervor, dass sie unter akutem Rheuma leide (act. G 6). Hierzu reicht sie Arztberichte
von Dr. med. P._, Innere Medizin und Rheumatologie FMH, vom 22. September 2017
(act. G 6.3) und vom 6. Oktober 2017 (act. G 6.2) ein, wonach sie seit 9. September
2017 wegen akuter Oligo- bis Polysynovitis bzw. Verdachts auf periphere
Spondylarthritis mit Schmerzen in den Handgelenken, in der vor allem rechten Schulter
und im linken Knie in Behandlung sei.
B.c.
Mit Duplik vom 14. November 2017 bringt die Beschwerdegegnerin vor, da die
Beschwerdeführerin nach der Mitteilung vom 22. September 2016 keine Einwände
gegen die vorgesehenen Gutachterinnen oder andere zulässige Einwendungen
erhoben habe, sei kein konsensorientiertes Vorgehen zum Zug gekommen. Die
B.d.
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Erwägungen
1.
Rechtsprechung verlange auch keinen expliziten Hinweis auf die Möglichkeit eines
Gegenvorschlags. Es liege keine Verletzung der entsprechenden Verfahrensvorschrift
vor (act. G 8).
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
1.2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
1.3.
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2.
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, wird eine
neue Anmeldung nur geprüft, wenn die gesuchstellende Person glaubhaft macht, dass
sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat
(Art. 87 Abs. 2 und 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV]). Ist die
anspruchserhebliche Änderung glaubhaft gemacht, ist die Verwaltung verpflichtet, auf
das neue Leistungsbegehren einzutreten und es in tatsächlicher und rechtlicher
Hinsicht umfassend zu prüfen (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 17. April 2018,
9C_589/2017, E. 4, mit weiteren Verweisen, vom 6. Juni 2018, 8C_868/2017, E. 3.1 und
vom 3. August 2018, 8C_177/2018, E. 3.3).
1.4.
Die Beschwerdegegnerin hatte zuletzt mit Verfügung vom 10. Mai 2007 ein
Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin abgewiesen (IV-act. 65). Diese wurde
rechtskräftig. Die Beschwerdegegnerin ist auf das neue Gesuch vom 15. Oktober 2015
(IV-act. 66) eingetreten und hat es gestützt auf das bidisziplinäre Gutachten der
medexperts ag vom 6. Dezember 2016 mit vorliegend angefochtener Verfügung vom
23. Mai 2017 (IV-act. 101) abgewiesen. Es ist zunächst zu prüfen, ob das erwähnte
Gutachten als medizinische Grundlage beweistauglich ist.
2.1.
In formeller Hinsicht macht die Beschwerdeführerin geltend, das bidisziplinäre
Gutachten hätte nicht einseitig durch die Beschwerdegegnerin angeordnet werden
dürfen, es wäre zwingend ein Einigungsversuch erforderlich gewesen (Replik, act. G 6).
Ein konsensorientiertes Verfahren kommt indes erst zum Tragen, wenn die versicherte
Person zulässige Einwendungen gegen die vorgesehene Begutachtung erhebt (vgl.
BGE 139 V 354, E. 5.2.1, und S. 356, E. 5.2.2.3, mit Verweis auf das Kreisschreiben
über das Verfahren in der Invalidenversicherung (KSVI) des Bundesamtes für
Sozialversicherungen vom 1. Januar 2010, Stand 1. Januar 2018, Rz 2076.8). Solche
2.2.
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sind umgehend nach ihrer Entdeckung geltend zu machen (Urteil des Bundesgerichts
vom 1. September 2011, 9C_87/2011, E. 4.2). Daran ändert auch die Tatsache nichts,
dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Gehörsgewährung zur Begutachtung
noch nicht anwaltlich vertreten war (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 7. Februar
2017, 8C_445/2016, E. 5.2).
2.3.
Dr. G._ nahm, damals noch als RAD-Ärztin, zum Erstgutachten von Dr. F._
vom 2. Februar 2007 Stellung, dieses sei umfassend, kohärent, in sich widerspruchsfrei
und nachvollziehbar. Es könne vollumfänglich darauf abgestellt werden (IV-act. 49).
RAD-Ärztin Dr. L._ führte am 22. September 2016 zum Gutachten von Dr. F._ aus,
es sei nicht auf das Untergewicht eingegangen worden, obwohl die behandelnden
Ärzte dieses als beträchtlich angegeben hätten und die Versicherte vom RAV
deswegen mehrfach als nicht vermittelbar eingestuft worden sei. Der Gutachter habe
nicht erwogen, dass eine Persönlichkeit, welche zu jahrelangem Erschöpfungssyndrom
geführt habe, vertieft klärungsbedürftig und diagnostisch erwähnenswert sei (IV-
act. 84). Es fragt sich daher, ob Dr. G._ in ihrer späteren Aufgabe als Gutachterin als
befangen zu gelten hat.
2.3.1.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung begründet weder der Umstand,
dass ein Arzt oder eine Ärztin vormals bei einem RAD tätig war und später als
Gutachter amtet, eine Befangenheit (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Juni 2016,
9C_257/2016, E. 4.2.2), noch begründet eine frühere Tätigkeit als Gutachter für sich
alleine Befangenheit, selbst wenn die frühere Einschätzung nicht im Sinne der
versicherten Person ausgefallen ist. Befangenheit sei jedoch unter anderem
anzunehmen, wenn der Sachverständige die Schlüssigkeit seiner früheren Expertise zu
überprüfen oder deren Objektivität zu kontrollieren habe (Urteile des Bundesgerichts
vom 14. Oktober 2016, 9C_434/2016 und 9C_530/2016, E. 5.2, und vom 14.September
2009, 9C_273/2009, E. 3.4; vgl. auch Urteile des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 26. Mai 2006, U 303/05, E. 4, betreffend Tätigkeit als
beratender Arzt einer Unfallversicherung und als medizinischer Fachrichter, und vom 8.
Juni 2007, I 690/06, E. 4.2 betreffend vorangegangener Begutachtung im Auftrag einer
Lohnausfallversicherung gemäss Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag [VVG,
SR 221.229.1]). Da eine frühere Begutachtung eine intensivere Befassung mit der
versicherten Person bedingt als eine RAD-Stellungnahme, sind in der vorliegenden
Konstellation keine strengeren Kriterien angezeigt als bei einer Verlaufsbegutachtung.
2.3.2.
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3.
Das von Dr. G._ gewürdigte Gutachten von Dr. F._ führte zur rechtskräftig
gewordenen abweisenden Verfügung vom 10. Mai 2007. Die Beschwerdeführerin
meldete sich am 15. Oktober 2015 erneut zum Leistungsbezug an (IV-act. 66). Ein
Rentenanspruch besteht somit - vorbehältlich der Erfüllung des Wartejahres nach
Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG - frühestens ab 1. April 2016 (Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG).
Massgebend ist somit im vorliegenden Verfahren ausschliesslich der medizinische
Sachverhalt ab 1. April 2015 (allfälliger Beginn des Wartejahres gemäss Art. 28 Abs. 1
lit. b IVG). Die frühere RAD-Stellungnahme von Dr. G._ bezog sich damit nicht auf
den vorliegend in zeitlicher Hinsicht massgebenden medizinischen Sachverhalt.
Vielmehr liegt dazwischen eine Zeitdauer von 7 Jahren, so dass kaum plausibel
erscheint, dass die damaligen Beurteilungen von Dr. F._ und Dr. G._ die im
vorliegenden Verfahren massgebliche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit beeinflussen
könnten.
2.3.3.
Somit bestehen keine formellen Gründe, welche von vornherein zur
Beweisuntauglichkeit des Gutachtens führen. Im Folgenden ist das Gutachten materiell
zu prüfen.
2.4.
Die untergewichtige (BMI 17,2 kg/m ) Beschwerdeführerin beklagte gegenüber der
allgemein-internistischen Gutachterin Dr. M._ anlässlich der Begutachtung vom
3. November 2016 Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und eine
Konzentrationsminderung (IV-act. 90-13). Sie leide oft unter Schwindel, ihr Kreislauf
"mache nicht mit". Sie sei nervös, unruhig, dünnhäutig, teilweise auch misstrauisch. Sie
habe manchmal das Gefühl, dass die Leute sie anlügen würden. An solchen Tagen
ziehe sie sich zurück. Manchmal halte dieser Zustand bis zu mehreren Tagen an. Ihre
Mutter sei sehr dominant gewesen. Aus finanziellen Gründen habe sie nicht die
Hotelfachschule absolvieren können, sondern eine zweijährige Servicelehre gemacht.
Von 19_ bis 20_ habe sie in der B._ für 80 Personen gekocht. Im Jahr 2000 habe
sie einen kompletten Zusammenbruch erlitten und sei in der Klinik D._ stationär
behandelt worden. In den Jahren 2001 (richtig: April 2002, vgl. Angaben Arbeitgeber
vom 3. Mai 2006, IV-act. 26, und vom 30. August 2006, IV-act. 33) bis 2007 habe sie in
der Kaffeemaschinenreparaturwerkstatt ihres Schwagers ausgeholfen, was ihr aber
unter anderem wegen des 2 1/2-stündigen Arbeitsweges zu viel geworden sei. Aktuell
verrichte sie während etwa 2 1/2 Stunden wöchentlich Reinigungsarbeiten in den
Räumlichkeiten der J._. Sie sehe sich absolut nicht in der Lage, eine Stelle zu suchen
und wieder zu arbeiten (IV-act. 90-15 ff., 18 f.). Sie gehe gegen 22.30 Uhr zu Bett und
könne bis gegen 2.00 Uhr morgens schlafen, dann stehe sie auf. Sie lese, schreibe
3.1. 2
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Briefe, besorge den Haushalt mehr oder weniger selbständig, gehe nachmittags mit
ihrem Ehemann ein bis zwei Stunden spazieren und sehe fern. Bei den Hausarbeiten
sei sie nicht mehr so perfektionistisch wie früher, als sie täglich abgestaubt und alle
vierzehn Tage die Fenster geputzt habe. Spazieren und Wandern täten ihr gut und sie
halte sich gerne in Q._, insbesondere im R._ und in S._, auf. Sie sei gelegentlich
in psychiatrischer Behandlung bei Dr. I._, zwischen Oktober 2015 und April 2016 sei
sie zwei- oder dreimal dort gewesen. Zum Schlafen nehme sie 30 mg Mirtazapin (IV-
act. 90-19).
Im Befund vom 3. November 2016 beschrieb die psychiatrische Gutachterin
Dr. G._ einen aktiven und energischen Antrieb. Das Ausdrucksverhalten sei sehr
lebhaft, mitschwingend, teilweise leicht ausfallend. Vom Willen her wirke die
Beschwerdeführerin beherrscht und konsequent. Ihre Schilderungen seien farbig und
detailreich. Das Denken sei teilweise etwas sprunghaft und weitschweifend. Die
Stimmung sei mitschwingend, fröhlich, leicht expansiv, zuversichtlich und teilweise
etwas ambivalent und ratlos. Die mnestischen Funktionen, Aufmerksamkeit,
Konzentration, Merkfähigkeit und Gedächtnisleistungen seien während des
zweistündigen Gesprächs unauffällig gewesen. Von Seiten der Persönlichkeit gebe es
Hinweise auf zwanghafte anankastische und teilweise auch ängstlich-vermeidende
Anteile (IV-act. 90-18). Die psychiatrische Gutachterin diagnostizierte eine Anorexia
nervosa (ICD-10: F50.0), differenzialdiagnostisch eine atypische Anorexia nervosa
(ICD-10: F50.1), akzentuierte Persönlichkeitsanteile mit ängstlichen, perfektionistischen
und anankastischen Zügen (ICD-10:Z73.1) sowie einen Zustand nach
Anpassungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen (ICD-10:
F43.23; IV-act. 90-22 f.). Bezüglich Essstörung sei aktuell rein vom Gewicht her
grenzwertig die Diagnose einer Anorexia nervosa erfüllt. Die geforderte
Körperschemastörung liege teilweise vor. Von Seiten der Persönlichkeit sei infolge
schwieriger Kindheit, des frühen Verlusts des Vaters und der schwierigen
Mutterbeziehung von einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung auszugehen. Diese
imponiere heute im Sinne von akzentuierten Persönlichkeitszügen, bei
perfektionistischen und anankastischen Anteilen. Die Kriterien für eine relevante
Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 seien nicht erfüllt. Im Gutachten von Dr. F._ vom
2. Februar 2007 sei ebenfalls auf eine Persönlichkeitsakzentuierung hingewiesen
worden. Weiter habe damals ein Zustand nach einem Erschöpfungssyndrom
vorgelegen. Aktuell könne neuerlich ein Zustand nach einer Belastungssituation von
(wohl: vor) vier Jahren mit resultierender Anpassungsstörung festgestellt werden. Im
Zuge der Hausräumung ihrer Mutter sei es zu einer Überforderungssituation
gekommen, welche die Versicherte über längere Zeit beeinträchtigt habe, die jedoch
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
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aufgrund der aktuellen Untersuchung als weitgehend remittiert zu betrachten sei.
Wegen des chronischen Untergewichts liege eine gewisse Verminderung der
Leistungsfähigkeit infolge niedrigen Blutdrucks, Müdigkeit und Schwindels vor. Diese
sei aktuell mit 20 % zu beziffern (IV-act. 90-20 f.).
Unter Vornahme des inzwischen für alle nicht rein somatisch objektivierbaren
Beschwerden geltenden strukturierten Beweisverfahrens führte die Gutachterin weiter
aus: Die Ausprägung und Schwere der objektiven Befunde sei aus rein psychiatrischer
Sicht aktuell konklusiv als leicht zu bezeichnen. Die Versicherte leide seit vielen Jahren
an chronischem Untergewicht. Sämtliche Funktionseinschränkungen seien auf die
genannte Gesundheitsschädigung zurückzuführen. Aktuell im Vordergrund stünden
Beeinträchtigungen im Rahmen des chronischen Untergewichts mit niedrigem
Blutdruck, Müdigkeit und Schwindel. Bezüglich der Überforderungssituation anlässlich
der Hausräumung seien keine nennenswerten Beeinträchtigungen festzustellen. Von
Seiten der Persönlichkeit imponierten akzentuierte Persönlichkeitszüge mit
perfektionistischen und anankastischen Anteilen (IV-act. 90-21). Infolge der
akzentuierten Persönlichkeitszüge sei von einer erhöhten Vulnerabilität auszugehen.
Stress und andere Belastungsfaktoren würden subjektiv höher bewertet als bei
Gesunden (IV-act. 90-22). Die Anpassung an Regeln und Routinen sei nicht
beeinträchtigt. Die Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben sei leicht
eingeschränkt; anstehende Aufgaben würden abhängig von der aktuellen körperlichen
und psychischen Problematik erledigt. Grundsätzlich versorge sich die
Beschwerdeführerin aber selber und brauche keine Hilfe im Haushalt. Die Flexibilität
und Umstellungsfähigkeit sei leicht eingeschränkt. Die Beschwerdeführerin habe
Schwierigkeiten, sich neuen Situationen anzupassen. Die Anwendung fachlicher
Kompetenzen sei nicht eingeschränkt. Die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit sei
leicht beeinträchtigt, da sich die Beschwerdeführerin von äusseren Faktoren
beeinflussen lasse. Das Durchhaltevermögen sei leicht beeinträchtigt. Die
Selbstbehauptungsfähigkeit sei leicht beeinträchtigt; die Beschwerdeführerin sei
unsicher, ängstlich und vermeidend. Die Kontaktfähigkeit zu Dritten sei teilweise
eingeschränkt, da sich die Beschwerdeführerin zeitweise zurückziehe. Kaum Probleme
gebe es in der Beziehung zu vertrauten Menschen. Zum Ehemann, den Stiefkindern
und einer Schwester beschreibe die Beschwerdeführerin ein recht gutes Verhältnis. Die
Fähigkeit zu Spontanaktivitäten sei nicht wesentlich eingeschränkt. Die Selbstpflege für
Kleidung und Sauberkeit sei angemessen. Die Verkehrsfähigkeit sei nicht vorhanden;
die Versicherte fahre seit 4 1/2 Jahren nicht mehr Auto (IV-act. 90-21). Die
Unterstützung durch das vorhandene soziale Netzwerk sei gegeben. Die
Kommunikationsfähigkeit sei vorhanden. Die Motivation sei gut, die Therapieadhärenz
3.3.
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sei vorhanden (IV-act. 90-22). In Anbetracht der Tatsache, dass sich sowohl das
Gewicht als auch die Anpassungsstörung gebessert hätten, sei die Therapie als lege
artis zu bezeichnen. Bei neuerlicher Verschlechterung der psychischen Situation sei
wiederum eine fachpsychiatrische Therapie empfehlenswert (IV-act. 90-22). Aus rein
psychiatrischer Sicht gebe es keinen Hinweis auf Aggravation oder ähnliche
Erscheinungen (IV-act. 90-21) bzw. auf Diskrepanzen oder Widersprüche. Die geltend
gemachte Arbeitsunfähigkeit liege in sämtlichen vergleichbaren Lebensbereichen vor.
Die Beschwerdeführerin berichte, dass sie vor Eintritt des Gesundheitsschadens
vollumfänglich arbeitsfähig und körperlich aktiv gewesen sei (IV-act. 90-23).
Am 22. Oktober 2015 - rund ein Jahr vor der Begutachtung - hatte Dr. I._
berichtet, die Beschwerdeführerin sei nach verschiedenen Psychotherapien seit
7. Oktober 2015 bei ihr in Behandlung. Sie sei depressiv, leide an Schlaftstörungen, sei
im Denken eingeengt auf ihre Krankheit und Probleme, leide unter
Konzentrationsschwäche, sei erregt, habe eine besorgte Grundhaltung und leide unter
einer schweren chronifizierten Essstörung mit Gewichtsverlust (BMI 15 kg/m ). Die
behandelnde Psychiaterin hatte nebst einer Anpassungsstörung (ICD-10: F43.23) und
einer Anorexia nervosa (ICD-10: F50.0) eine rezidivierende depressive Störung,
bestehend seit Jahren, in den letzten Jahren verschlechtert, mittelgradige Episoden mit
somatischen Symptomen (ICD-10: F33.11) diagnostiziert und festgehalten, dass die
Beschwerdeführerin im aktuellen psychischen und physischen Zustand zu 100 %
arbeitsunfähig sei (IV-act. 72). Im Verlaufsbericht vom 22. April 2016 hatte sie
ausgeführt, die Beschwerdeführerin leide an einer Konzentrationsstörung. Das Denken
sei eingeengt, sie sei ratlos, deprimiert, müde, schwach, abgemagert. In den letzten
Monaten habe sich der bereits seit Jahren dauernd schlechte körperliche und
psychische Zustand deutlich verschlechtert. Die Beschwerdeführerin sei wegen
körperlicher Schwäche, Depression, Anorexia und Schlafstörungen zu 100 %
arbeitsunfähig. Im Bericht vom 14. März 2017 hielt Dr. I._ schliesslich fest, die
Beschwerdeführerin leide an einer Konzentrationsstörung. Sie sei seit 7. März 2017
erneut bei ihr in Therapie. Der psychische Zustand habe sich in den letzten Monaten
deutlich verschlechtert (IV-act. 99-8 f.; vgl. auch A.g).
3.4.
2
Die Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr. I._ einerseits und der Gutachterin
andererseits liegen weit auseinander. Die Beschwerdeführerin gab an, zwischen
Oktober 2015 und April 2016 insgesamt zwei- oder dreimal bei Dr. I._ in Behandlung
gewesen zu sein (IV-act. 90-19). Dies erscheint diskrepant zum von der behandelnden
Ärztin beschriebenen Zustand und der von ihr attestierten vollständigen
Arbeitsunfähigkeit sowie zum beschriebenen Tagesablauf bzw. Aktivitätsniveau. Die
3.5.
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von Dr. I._ festgehaltenen Konzentrationsstörungen liessen sich anlässlich der
Begutachtung nicht erheben. Deren geltend gemachte Schwere wird auch dadurch
relativiert, dass sie, obwohl bereits im Verlaufsbericht vom 22. April 2016 erwähnt (IV-
act. 81), offenbar bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung am 23. Mai 2017 (und
darüber hinaus) nicht wie in Aussicht gestellt (Bericht Dr. I._ vom 14. März 2017, IV-
act. 99-8 f.) weiter abgeklärt wurden. Die unterschiedliche Beurteilung ist jedoch auch
dadurch erklärbar, dass Dr. I._ die Beschwerdeführerin nur selten gesehen hat und
anzunehmen ist, dass dies in Krisenzeiten der Fall war. Auch hat sie vornehmlich die
Schilderungen und Sichtweise der Beschwerdeführerin übernommen, ohne dass eine
eigene kritische Reflexion erkennbar wird. Allerdings spricht zumindest für eine
subjektiv empfundene kognitive Einschränkung, dass sich die Beschwerdeführerin
beim Autofahren nicht mehr sicher fühlt (Abklärungsbericht Haushalt vom 6. April 2016,
IV-act. 80-4) bzw. bereits viereinhalb Jahre vor der Begutachtung durch Dr. G._ ganz
darauf verzichte (IV-act. 90-21), wobei diese Angaben retrospektiv allerdings nicht
übereinstimmen. Hinsichtlich des Gutachtens bleibt zu bemerken, dass die
Schlafstörungen zwar anamnestisch erhoben, jedoch nicht ausdrücklich in die
Diagnostik und Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einbezogen wurden. Im gutachterlichen
Befund wurde aber ausgeführt, Antrieb und Ausdrucksverhalten der
Beschwerdeführerin seien (sehr) aktiv und die kognitiven Leistungen während des
zweistündigen Gesprächs anhaltend unauffällig (IV-act. 90-18). Somit erscheint
nachvollziehbar, dass die Gutachterin wegen der Schlafstörungen keine zusätzliche
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit attestierte. Schliesslich bringt die
Beschwerdeführerin vor, die einschlägig sehr auffällige Familienanamnese sei durch die
Gutachterin unzureichend berücksichtigt worden. Die Anamnese der Gutachterinnen
hält hierzu im Wesentlichen fest, der Vater der Beschwerdeführerin sei verstorben, als
sie 13 Jahre alt gewesen sei. Die Mutter sei sehr dominant, habe sie unterdrückt und
sich nicht entfalten lassen. Sie und vier ihrer Geschwister würden an einem Messie-
Syndrom leiden. Die Kinder ihrer Schwester seien hyperaktiv bzw. in einem
Klosterinternat beschult worden (IV-act. 90-17). Im Beschwerdeverfahren wird
diesbezüglich ergänzt, drei ihrer Geschwister seien verbeiständet (act. G 1-2).
Offensichtlich lägen in der Familie massive psychische Erkrankungen vor, die im
psychiatrischen Gutachten allenfalls in einem Nebensatz abgehandelt würden. Es
bedürfe daher einer spezialisierten Gutachterstelle, die über langjährige Erfahrung mit
Anorexie und der entsprechenden Familiendynamik verfüge (act. G 1-4). Hierzu ist
zunächst anzumerken, dass auch die behandelnde Dr. I._ in ihren Berichten keinen
Bezug auf die Familienanamnese nimmt und somit dieser offenbar ebenfalls keine
wesentliche Bedeutung zumisst. Zwar deutet die Aussage, dass ihre Mutter und
Geschwister an einem Messie-Syndrom leiden würden, auf eine dahinterliegende
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psychiatrische Problematik hin. Es handelt sich jedoch um eine rein subjektive
Beurteilung der Beschwerdeführerin, die nach eigenen Aussagen ein
überdurchschnittliches Sauberkeitsbedürfnis aufweist (IV-act. 90-18 f.). Sie macht nicht
geltend, welche objektivierten Befunde bzw. Diagnosen bei den erwähnten
Angehörigen in welcher Ausprägung vorliegen würden, oder dass diese in
psychiatrischer Behandlung seien. Auch legt sie nicht dar, wie sich die geltend
gemachte familiäre Vorbelastung konkret limitierend auf ihre eigene Arbeitsfähigkeit
auswirken würde. Diesbezüglich dürfte eine Beweisführung ohnehin kaum möglich
sein. Die Gutachterin kannte auch den Abklärungsbericht Haushalt vom 6. April 2016
(IV-act. 80) und es ist anzunehmen, dass sie hier weiter nachgefragt hätte, wenn sie
dies als für die Bemessung der Arbeitsfähigkeit wesentlich erachtet hätte.
Die internistische Gutachterin erhob einen - bis auf das Untergewicht -
unauffälligen Befund (IV-act. 90-14). Sie fand keine Erkrankungen von Relevanz und mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 90-30). Mit Replik vom 3. November 2017
reichte die Beschwerdeführerin Berichte von Dr. P._ vom 22. September 2017
(act. G 6.3) und vom 6. Oktober 2017 (act. G 6.2) ein. Demnach leide die
Beschwerdeführerin seit 9. September 2017 unter Gelenkentzündungen mit akuten
Schmerzen und Schwellungen zunächst des rechten, dann auch des linken
Handgelenks sowie etwas später auch im Clavicula-Bereich beidseits. Ab dem
17. September 2017 sei es zu akuten Knieschmerzen links gekommen, so dass die
Beschwerdeführerin kaum noch habe schlafen und aufstehen können. Bei der
Untersuchung habe er eine leichte Arthritis beider Handgelenke und eine ausgeprägte
Arthritis des linken Kniegelenks mit einem Erguss, starken Bewegungsschmerzen und
einem deutlichen Schonhinken sowie Druckdolenzen der AC-Gelenke bds. ohne
Schwellungen gefunden (act. G 6.3). Nach einer Steroidinfiltration ins linke Kniegelenk
seien die Knieschmerzen vollständig zurückgegangen. Die Handgelenksschmerzen
hätten sich gebessert, seien aber nicht vollständig verschwunden. Ab dem
26. September 2017 sei es zu einer deutlichen Schwellung und Schmerzen des sterno-
clavicularen Gelenks rechts mit Bewegungsschmerzen der rechten Schulter im SC-
Gelenk gekommen. Diese Gelenkverteilung spreche am ehesten für eine
Spondylarthritis. Am 4. Oktober 2017 habe die Beschwerdeführerin berichtet, dass es
ihr nochmals deutlich besser gehe (act. G 6.2). Der Beginn der Auswirkungen der
rheumatischen Erkrankung wird klar auf den 9. September 2017 - und damit auf einen
Zeitpunkt nach Erlass der vorliegend zu beurteilenden Verfügung - datiert. Zudem
attestierte Dr. P._ lediglich vom 9. September bis 4. Oktober 2017 eine 100 %-ige
Arbeitsunfähigkeit und gab an, dass die Beschwerdeführerin betreffend Knie von einer
vollständigen und betreffend Hände von einer deutlichen Besserung berichtet habe.
3.6.
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4.
Für die richterliche Beurteilung sind grundsätzlich die tatsächlichen Verhältnisse zur
Zeit des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens massgebend. Indes sind Tatsachen,
die sich erst später verwirklichen, soweit zu berücksichtigen, als sie mit dem
Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die
Beurteilung im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung zu beeinflussen
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 27. Mai 2008, 9C_24/2008, E. 2.3.1). Ein
ersichtlicher Zusammenhang der rheumatischen Beschwerden mit den zum Zeitpunkt
der Begutachtung vorhandenen psychischen Beschwerden ist aus den Berichten von
Dr. P._ nicht ersichtlich. Eine diesbezügliche Verschlechterung des
Gesundheitszustandes könnte daher erst im Rahmen einer Wiederanmeldung
berücksichtigt werden, scheint aber ohnehin vorübergehender Natur gewesen zu sein.
Da die Gelenksschmerzen erst nach der Begutachtung auftraten, vermögen sie das
Gutachten nicht infrage zu stellen.
Insgesamt erweist sich das Gutachten als vollständig, nachvollziehbar und
schlüssig und es liegen keine Anhaltspunkte für eine Befangenheit von Dr. G._ vor.
Es ist daher darauf abzustellen und von einer 80 %igen Arbeitsfähigkeit in körperlich
leichten, adaptierten Tätigkeiten auszugehen.
3.7.
Die Beschwerdeführerin war vor ihrer ersten IV-Anmeldung bzw. vor Eintritt des
Gesundheitsschadens von 1990 bis 2000 als Küchenhilfe an der B._ tätig. Gemäss
Angaben der Arbeitgeberin arbeitete sie an vier Tagen pro Woche während 6,5
Stunden, was 26 Stunden pro Woche und bei der angegebenen betrieblichen
Normalarbeitszeit von 42 Stunden pro Woche einem Pensum von rund 62 %
entspricht. Das Einkommen belief sich von Januar bis Mai 2000 auf monatlich
Fr. 2'407.25, wobei der Beschwerdeführerin der 13. Monatslohn offenbar pro rata
ausbezahlt wurde (IV-act. 4.2). Somit resultiert ein Jahreseinkommen von Fr. 31'294.--
(13 x Fr. 2'407.25). Aufgerechnet auf ein 100 %-Pensum ergibt sich ein Jahreslohn von
Fr. 50'475.--. Unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung bis zum Jahr 2017
(Bundesamt für Statistik [BFS], Lohnentwicklung, T 39; Indices Frauen: 2000 = 2019;
2017 = 2719) beläuft sich das hypothetische Jahreseinkommen und somit das
Valideneinkommen auf Fr. 62'667.-- und liegt somit über dem Tabellenlohn. Dieser
betrug im Gastronomiebereich gemäss Lohnstrukturerhebung (LSE) 2016 des BFS
selbst unter Heranziehung des Kompetenzniveaus 2 Fr. 4'197.-- monatlich (Tabelle T1,
Ziff. 55-56, Frauen), was bei einer betriebsüblichen Normalarbeitszeit von 42,4 Std.
(gemäss BFS, betriebsübliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen) einen
Jahreslohn von Fr. 53'386.-- (Fr. 4'197.-- : 40 x 42,4 x 12) ergibt. Unter
4.1.
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5.