Decision ID: e0fd3919-4428-43d8-bbd7-72dcdfeb4a21
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.- X besitzt den Führerausweis für die Fahrzeugkategorien A1, B und BE seit dem
24. März 1980, C seit dem 27. Februar 1982, D und DE seit dem 20. September 1996
sowie CE seit dem 2. August 1983. Wegen Überschreitens der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit auf der richtungsgetrennten Autostrasse in Dachsen um 38 km/
h wurde ihm der Führerausweis mit Verfügung des Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamtes des Kantons St. Gallen vom 5. November 2013 für drei Monate
entzogen, und zwar vom 5. Mai bis 4. August 2014.
B.- Am Dienstag, 2. Dezember 2014, gegen 17 Uhr, lenkte X ein Sattelmotorfahrzeug
mit Sachentransportanhänger von Roggwil/TG herkommend auf die Autobahn A1. Er
fuhr in Richtung St. Gallen. Bei der kantonalen Notrufzentrale gingen Meldungen ein,
wonach auf der Höhe des Sitterviadukts (Stadtautobahn) ein Sattelschlepper mit
geöffneter Hebebühne unterwegs sei. Eine mobile Polizeipatrouille sichtete das
fragliche Fahrzeug kurze Zeit später auf der Höhe des Anschlusswerks Gossau. Als das
Fahrzeug in Oberbüren zur Kontrolle angehalten wurde, war die Hebebühne
geschlossen. Die Polizei stellte zudem eine ungenügend gesicherte Ladung fest.
Mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes Gossau vom 14. Januar 2015 wurde X wegen
Verletzung der Verkehrsregeln (offenstehende Hebebühne/ungenügende
Ladungssicherung) zu einer Busse von Fr. 250.– verurteilt. Der Strafbefehl erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
C.- Aufgrund dieses Vorfalls eröffnete das Strassenverkehrsamt ein
Administrativmassnahmeverfahren. Es gewährte X am 7. Mai 2015 das rechtliche
Gehör, worauf dieser am 10. Juni 2015 durch seine Rechtsvertreterin schriftlich
Stellung nahm. Mit Verfügung vom 4. August 2015 entzog das Strassenverkehrsamt
den Führerausweis wegen mittelschwerer Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für vier Monate.
D.- Dagegen erhob X mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 20. August 2015
Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission. Er beantragte, die Verfügung des
Strassenverkehrsamtes vom 4. August 2015 sei aufzuheben, eventualiter sei der
Führerausweis für die Dauer von maximal einem Monat zu entziehen, wobei der
Entzugstermin in Absprache mit dem Rekurrenten zu erfolgen habe; alles unter Kosten-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und Entschädigungsfolge. Die Vorinstanz verzichtete mit Schreiben vom
10. September 2015 auf eine Vernehmlassung. Auf die Ausführungen des Rekurrenten
sowie die Begründung der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung wird, soweit

erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 20. August 2015 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Art. 30 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) schreibt
unter anderem vor, dass die Ladung so anzubringen ist, dass sie niemanden gefährdet
oder belästigt und nicht herunterfallen kann. Gemäss Art. 57 Abs. 1 Satz 1 der
Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11, abgekürzt: VRV) hat sich der Führer zu
vergewissern, dass Fahrzeug und Ladung in vorschriftsgemässem Zustand sind und
das erforderliche Zubehör, wie das Pannensignal, vorhanden ist.
a) Die Vorinstanz und das Untersuchungsamt Gossau gehen davon aus, dass der
Rekurrent die Ladung ungenügend gesichert und das Fahrzeug mit offener Hebebühne
gelenkt habe.
Der Rekurrent bestreitet nicht, dass die Hebebühne offen gestanden habe. Im Rekurs
wird jedoch geltend gemacht, er habe seinen Anhänger vorschriftsgemäss beladen. Die
Spiegelschränke hätten aufgrund ihrer Zerbrechlichkeit nicht mit Spanngurten befestigt
werden können. Indem er die Ladung dicht aneinander gereiht und den
Paletthubwagen mit gezogener Bremse am Ende der Ladefläche platziert habe, habe er
die Ladung im Hinblick auf ein allfälliges Verrutschen gesichert. Die Ladung sei
demnach formschlüssig und somit einwandfrei gesichert gewesen. Durch das
Schliessen der Ladefläche sei die Ladung zusätzlich vor einem Herunterfallen gesichert
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen. Bei geschlossener Ladefläche gelte die Ladung somit als korrekt und
ausreichend gesichert. Eine zusätzliche kraftschlüssige Sicherung mittels Zurrgurten
sei aufgrund der Zerbrechlichkeit der Spiegelschränke und bei normalem Fahrbetrieb in
keiner Weise nötig gewesen. Der Rekurrent bringt weiter vor, dass er die Hebebühne
vor der Abfahrt regelkonform verschlossen habe. Auf der Autobahn habe sich die
Hebebühne aufgrund eines technischen Defekts selbständig geöffnet. Er habe im
Zeitpunkt der Kenntnisnahme des Missstandes sofort reagiert und die Hebebühne
mittels Fernsteuerung geschlossen. Bei der nächstmöglichen Ausfahrt habe er
angehalten und sich versichert, dass die Hebebühne geschlossen sei. Die Hebebühne
habe während der Fahrt schätzungsweise maximal für eine Dauer von 30 Sekunden
offen gestanden.
b) Da der Sachverhalt insbesondere in Bezug auf die Fragen der genügenden
Ladungssicherung sowie der Dauer des Offenstehens der Hebebühne umstritten ist, ist
vorab zu klären, auf welche Sachverhaltsfeststellungen abzustellen ist. Nach
Strassenverkehrsdelikten befindet das Strafgericht über die strafrechtlichen Sanktionen
(Freiheitsstrafe, Geldstrafe, Busse) und die Verwaltungsbehörde in einem separaten
Verfahren über Administrativmassnahmen (insbesondere Führerausweisentzug,
Verwarnung). Die Zweispurigkeit des Verfahrens ist zulässig, kann aber – bei fehlender
Koordination – dazu führen, dass derselbe Lebensvorgang zu voneinander
abweichenden Sachverhaltsfeststellungen von Verwaltungs- und Justizbehörden führt
und die erhobenen Beweise abweichend gewürdigt und rechtlich beurteilt werden. Um
dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat die Verwaltungsbehörde gemäss konstanter
bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich mit ihrem Entscheid zuzuwarten,
bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Denn das Strafverfahren bietet durch die
verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die umfassenderen persönlichen
und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die weiterreichenden prozessualen
Befugnisse besser Gewähr dafür, dass das Ergebnis der Sachverhaltsermittlung näher
bei der materiellen Wahrheit liegt als im nicht durchwegs derselben Formstrenge
unterliegenden Verwaltungsverfahren. An die rechtliche Würdigung durch das
Strafgericht ist die Verwaltungsbehörde nur dann gebunden, wenn diese stark von der
Würdigung von Tatsachen abhängt, die dem Strafgericht besser bekannt sind als der
Verwaltungsbehörde. Für den Betroffenen bedeutet dies auf der anderen Seite, dass er
nicht das Verwaltungsverfahren abwarten darf, um allfällige Rügen vorzubringen und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweisanträge zu stellen. Nach Treu und Glauben ist er verpflichtet, dies bereits im
Rahmen des Strafverfahrens zu tun und allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu ergreifen
(BGE 119 Ib 158 E. 2/c/bb und E. 3/c/bb; BGE 123 II 97 E. 3c/aa; Entscheid der
Verwaltungsrekurskommission [VRKE] IV-2009/152 vom 27. Mai 2010, in:
www.gerichte.sg.ch).
c) In tatsächlicher Hinsicht wurde im Strafbefehl des Untersuchungsamtes Gossau vom
14. Januar 2015 gestützt auf den Polizeirapport und die Angaben des Rekurrenten
gegenüber der Polizei festgestellt, dass die Hebebühne des Sattel-
Sachentransportanhängers während der Fahrt offen gestanden habe, und zwar bereits
im Zeitpunkt der Fahrt durch den Stephanshorntunnel, was sich aus den Bildern der
Verkehrsüberwachung ergebe. Auf Höhe des Anschlusswerks Gossau habe die durch
die Kantonale Notrufzentrale des Kantons St. Gallen aufgebotene Polizei das fragliche
Fahrzeug mit der nach wie vor offenen Hebebühne gesichtet. Im Anschluss daran sei
der Rekurrent beim Polizeistützpunkt Oberbüren zur Kontrolle angehalten worden. Die
Hebebühne sei zu diesem Zeitpunkt geschlossen gewesen. Bei der anschliessenden
Kontrolle durch die Polizei sei festgestellt worden, dass die Ladung, bestehend aus
diversen Verpackungen mit Spiegelschränken, ungesichert sowie nicht formschlüssig
geladen gewesen sei (formschlüssige Ladungssicherung bedeutet, dass die Ladung
entweder durch bündiges, lückenloses Verladen oder mittels Schräg- oder
Diagonalzurren sowie Kopf- oder Buchtlaschung gesichert wird). Vielmehr sei die
Ladung mit einer Schrumpffolie als Gebinde lose auf die Paletten gestellt worden.
Lediglich die Paletten seien formschlüssig geladen gewesen, nicht jedoch die sich
darauf befindliche Ladung. Der Rekurrent wurde im Strafverfahren wegen einfacher
Verletzung der Verkehrsregeln (offenstehende Hebebühne/ungenügende
Ladungssicherung) nach Art. 90 Abs. 1 SVG zu einer Busse von Fr. 250.– verurteilt. Der
Strafbefehl wurde nicht angefochten.
d) Massgeblich ist der Sachverhalt, wie er im Strafverfahren festgestellt wurde. Nach
konstanter Rechtsprechung darf die Verwaltungsbehörde von den tatsächlichen
Feststellungen im Strafurteil nur dann abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und
ihrem Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren oder die er nicht
beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu einem anderen
Entscheid führt, wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter den feststehenden
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tatsachen klar widerspricht, oder wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf
den Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat, namentlich die Verletzung
bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (Urteil des Bundesgerichts [BGer]
1C_476/2014 vom 29. Mai 2015 E. 2.3; BGE 124 II 103 E. 1c; VRKE IV-2012/126 vom
21. März 2013).
Die in Frage stehende Widerhandlung wurde von der Polizei vor Ort festgestellt und
rapportiert. Der Rekurrent hatte Gelegenheit, sich zum Vorhalt zu äussern. Er erklärte,
die Ladung sei seiner Meinung nach genügend gesichert gewesen. Wegen des Risikos,
die Ladung zu beschädigen, habe er nicht besser oder diese gar nicht sichern können.
Weshalb sich die Hebebühne während der Fahrt geöffnet habe, wisse er nicht. Er
anerkenne jedoch die ihm vorgehaltene Widerhandlung. Nebst den Beobachtungen der
Polizei, die im Rapport festgehalten wurden, liegen Fotos vor. Der Sachverhalt wurde
demnach umfassend abgeklärt. Der Rekurrent hätte die Möglichkeit gehabt,
Beweisanträge zu stellen; dies tat er jedoch nicht. Zudem hätte er Einsprache gegen
den Strafbefehl erheben können. Da er den Strafbefehl aber akzeptierte, ist er als Urteil
in Rechtskraft erwachsen. Weiter liegen weder neue Beweise vor, noch widerspricht
die Beweiswürdigung durch den Strafrichter feststehenden Tatsachen, weshalb auf
den Sachverhalt abzustellen ist, der zur strafrechtlichen Verurteilung führte.
Dementsprechend ist in Übereinstimmung mit der strafrechtlichen Verurteilung auch im
Administrativmassnahmeverfahren davon auszugehen, dass der Rekurrent die Ladung
nicht genügend sicherte und mit offener Hebebühne auf der Autobahn fuhr. Daran
ändert nichts, dass im Strafbefehl bei der Sachverhaltsumschreibung nicht der
Rekurrent, sondern eine andere Person als Fahrzeuglenker bezeichnet wurde; dabei
handelte es sich offensichtlich um ein Versehen. Welche Strecke der Rekurrent mit
offener Hebebühne fuhr, geht aus dem Strafbefehl nicht hervor. Dass es sich nur um
30 Sekunden gehandelt habe, wie im Rekurs geltend gemacht wird, kann aufgrund der
Akten ausgeschlossen werden. Denn wenn im Sinn der günstigsten Variante für den
Rekurrenten davon ausgegangen wird, dass die Hebebühne im Stephanshorntunnel
offen war, so beträgt die Distanz von dort zum Sitterviadukt ungefähr 7 km. Bis zum
Anschlusswerk Gossau, wo die Polizei den Sattelschlepper erkannt hatte, sind es gar
rund 15 km (vgl. www.google.ch/maps). Bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit
von 100 km/h, wobei dies wiederum die Annahme ist, welche für den Rekurrenten am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
günstigsten ist, denn häufig ist die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf der
Stadtautobahn auf 80 km/h begrenzt, werden die Strecken in rund 4 und 9 Minuten
zurückgelegt. Von einer kurzen Dauer kann deshalb weder im einen noch im anderen
Fall die Rede sein.
3.- Strittig ist, ob es sich vorliegend um eine leichte Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsordnung gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG oder um eine
mittelschwere Widerhandlung nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG handelt. Die Vorinstanz
qualifizierte den Verstoss gegen Art. 30 Abs. 2 SVG als mittelschwere Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften und entzog dem Rekurrenten den
Führerausweis gestützt auf Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG.
a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03) ausgeschlossen ist, der
Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche Gefahr für
die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die Widerhandlung
schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung liegt vor, wenn
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorgerufen oder in Kauf genommen wird (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Von einer
mittelschweren Widerhandlung ist immer dann auszugehen, wenn nicht alle
privilegierenden Elemente einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer schweren
Widerhandlung erfüllt sind (vgl. Botschaft zum revidierten SVG, in: BBl 1999 S. 4487).
Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird dabei zwischen der einfachen und der erhöhten
abstrakten Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen
nach sich (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auszugehen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten
betroffen werden können. Führte dieses hingegen zu einer Verletzung eines Rechtsguts
oder einer konkreten bzw. einer erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen
Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete
Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten, tatsächlich daherkommenden
Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die Gefahr einer Körperverletzung
oder gar Tötung bestand (Jürg Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung, Davos 1999,
S. 12). Zudem ist das Ausmass der üblicherweise entstehenden Schädigung bei Eintritt
der Rechtsgutverletzung zu berücksichtigen (vgl. VRKE IV-2011/113 vom
24. November 2011 E. 3b). Der Gefährdung der Sicherheit kommt eine wesentliche und
eigenständige Bedeutung zu. Der Gesetzgeber hat bewusst dem Gesichtspunkt der
Verkehrsgefährdung ein höheres Gewicht beigemessen. Insbesondere hat er das Recht
des Warnungsentzugs verselbständigt und im Hinblick auf die Erhöhung der
Verkehrssicherheit verschärft (BGer 1C_267/2010 vom 14. September 2010 E. 3.4).
b) Das Untersuchungsamt Gossau sprach den Rekurrenten der einfachen
Verkehrsregelverletzung schuldig (Art. 90 Abs. 1 SVG). Diese Strafbestimmung umfasst
administrativrechtlich die leichte (Art. 16a SVG) und die mittelschwere Widerhandlung
(Art. 16b SVG). Das straf- und das administrativrechtliche Sanktionensystem sind
insoweit nicht deckungsgleich (BGer 1C_259/2011 vom 27. September 2011 E. 3.4 und
1C_282/2011 vom 27. September 2011 E. 2.4). Bei der rechtlichen Würdigung des
Sachverhalts ist die Administrativbehörde nicht an diejenige der Strafbehörde
gebunden (vgl. oben).
c) Die Vorinstanz hielt in tatsächlicher Hinsicht fest, dass der Rekurrent einen
Sattelschlepper mit Sachtransportanhänger mit offenstehender Hebebühne bei
ungenügend gesicherter Ladung gelenkt habe. Zur Ladungssicherung führte sie aus,
dass die Ladung lediglich mit einer Schrumpffolie als Gebinde auf Paletten gestellt
worden sei. Nur die Paletten seien formschlüssig, die eigentliche Ladung sei jedoch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
völlig ungesichert gewesen. Gemäss Vorinstanz habe die Hebebühne bereits im
Stephanshorntunnel offen gestanden und dies auch noch in jenem Zeitpunkt, als die
Polizei das Fahrzeug des Rekurrenten auf Höhe Anschlusswerk Gossau gesichtet
habe. Demnach sei der Rekurrent über eine Strecke von mindestens 12 km mit offener
Hebebühne gefahren. Auf dem Fotoblatt der Polizei sei ersichtlich, dass die
Hebebühne in einem Winkel von ca. 90° Grad, und nicht, wie von der Rechtsvertreterin
des Rekurrenten behauptet, 30° Grad offen gestanden habe. Der Rekurrent habe
frühestens nach 12 km bemerkt, dass die Warnleuchte ihn auf die geöffnete
Hebebühne hingewiesen habe. Somit habe er seine diesbezügliche
Aufmerksamkeitspflicht eindeutig nicht wahrgenommen. Gerade von
Berufschauffeuren dürfe erwartet werden, dass er solch wichtige Warnhinweise innert
Kürze bemerke und umgehend die erforderlichen Schritte zur Behebung der Gefahr
einleite. Es habe damit für die anderen Verkehrsteilnehmer eine erhöht abstrakte Gefahr
bestanden und liege unabhängig vom Grad des Verschuldens zumindest ein
mittelschwerer Fall gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG vor.
d) Es ist erstellt, dass der Rekurrent die ungenügend gesicherte Ladung bei
offenstehender Hebebühne über eine längere Distanz während mehreren Minuten
transportierte. Dies geschah auf der Stadtautobahn und damit auf einer zur fraglichen
Zeit (einsetzender Feierabendverkehr) erfahrungsgemäss stark frequentierten und mit
hoher Geschwindigkeit befahrenen Strasse. Allein schon durch das Mitführen einer
ungenügend gesicherten Ladung wird eine erhebliche Verkehrsgefährdung geschaffen.
Wäre dem Rekurrenten die Ladung mit Spiegelschränken während der Fahrt mit der
offenstehender Hebebühne auf die Fahrbahn gefallen, wäre dies ein gefährliches
Hindernis für die anderen Verkehrsteilnehmer gewesen. Brems- und Ausweichmanöver
bis hin zu Kollisionen wären mögliche Folgen gewesen. Besonders kritisch war auch,
dass der Rekurrent mit offener Hebebühne durch insgesamt zwei längere Tunnels fuhr
(Stephanshorn- und Rosenbergtunnel). In diesen Tunnels waren die
Ausweichmöglichkeiten stark eingeschränkt, weshalb die Gefährdung umso grösser
war. Wären die Spiegelschränke auf die Fahrbahn gelangt, hätten diese gefährliche
Hindernisse darstellt.
Unter diesen Umständen kann die erhöhte abstrakte Gefährdung anderer
Verkehrsteilnehmer nicht mehr als leicht eingestuft werden; entsprechend liegt kein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leichter Fall gemäss Art. 16a SVG vor. Der Rekurrent handelte fahrlässig und nicht
schuldlos. Namentlich hätte er den Einwand, dass ein technischer Defekt zum Öffnen
der Hebebühne geführt habe, im Strafverfahren vorbringen müssen; denn damit macht
er geltend, dass es an der Tatbestandsmässigkeit des Verhaltens fehle, und rüttelt an
den Grundfesten des Strafurteils. Abgesehen davon ist nicht klar, ob tatsächlich ein
technischer Defekt vorlag. Es fällt auf, dass die Reparaturwerkstatt die Elektronik nach
dem Vorfall mehrmals auf eine Störung hin untersuchte, aber nichts feststellen konnte.
Erst am 10. Dezember 2014, als das Fahrzeug wieder in die Garage gebracht wurde,
und zwar mit einer aktuellen Störung der Hebebühne, wurde ein innerer Kurzschluss in
der Steuerplatine festgestellt. Darauf ist indessen nicht weiter einzugehen.
Zusammenfassend qualifizierte die Vorinstanz die begangene Verkehrsregelverletzung
zu Recht als mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG. Zu
prüfen bleibt die Dauer des Führerausweisentzugs.
4.- Bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder Führerausweisentzugs sind die
Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die Gefährdung der
Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als Motorfahrzeugführer sowie die
berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen (Art. 16 Abs. 3 SVG). Die
Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten werden. Diese beträgt gemäss
Art. 16b Abs. 2 lit. b SVG nach einer mittelschweren Widerhandlung mindestens vier
Monate, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis einmal wegen einer
schweren oder mittelschweren Widerhandlung entzogen war.
Dem Rekurrenten war der Führerausweis wegen einer schweren Widerhandlung vom
5. Mai bis 4. August 2014 für drei Monate entzogen, da er am 6. Juli 2012 eine
Geschwindigkeitsüberschreitung begangen hatte. Die vorliegend zu beurteilende
mittelschwere Widerhandlung geschah knapp vier Monate nach der Wiedererteilung
des Führerausweises und damit innerhalb der zweijährigen Frist gemäss Art. 16b
Abs. 2 lit. b SVG. Die Vorinstanz entzog den Führerausweis für vier Monate, das heisst
für die Mindestdauer; Letztere darf nicht unterschritten werden (Art. 16 Abs. 3 SVG;
BGE 132 II 234 E. 3.2), und zwar auch dann nicht, wenn es sich um einen
Berufschauffeur handelt, der besonders sanktionsempfindlich ist. Entsprechend ist die
angefochtene Verfügung auch hinsichtlich der Massnahmedauer zu bestätigen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist zu verrechnen.