Decision ID: ca429ae5-86e6-47a2-8952-0a7b51e2bb70
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 30. Juli 2001 ein erstes Mal in der
Schweiz um Asyl nach. Mit Verfügung vom 4. November 2005 stellte das
damalige Bundesamt für Migration (BFM) fest, dass er die Flüchtlingsei-
genschaft nicht erfülle. Es lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der
Schweiz weg. Aufgrund der allgemeinen Sicherheitslage im Irak und unter
Berücksichtigung der Aktenlage erachtete es den Vollzug der Wegweisung
als unzumutbar, weshalb eine vorläufige Aufnahme angeordnet wurde.
A.b Im Februar 2013 verzichtete der Beschwerdeführer ausdrücklich auf
die vorläufige Aufnahme und kehrte im folgenden Monat freiwillig in den
Irak zurück.
B.
B.a Am 17. November 2021 stellte der Beschwerdeführer im Bundesasyl-
zentrum (BAZ) B._ ein weiteres Asylgesuch. Ein Abgleich mit der
europäischen Fingerabdruckdatenbank Eurodac ergab, dass er am 21. Ok-
tober 2021 in Italien aufgegriffen und zwei Tage später daktyloskopiert wor-
den war.
B.b Die Personalienaufnahme fand am 24. November 2021 statt und am
29. November 2021 wurde ein Dublin-Gespräch durchgeführt. Dabei gab
der Beschwerdeführer an, er habe den Irak vor etwa viereinhalb Monaten
in Richtung Türkei verlassen. Von Istanbul aus sei er in einem Lastwagen
mit der Fähre nach Italien gelangt, wo ihm die Fingerabdrücke abgenom-
men worden seien. Er habe sich in Italien höchstens ein bis zwei Tage auf-
gehalten und nie die Absicht gehabt, ein Asylgesuch zu stellen. In der Folge
sei er mit dem Auto in die Schweiz gereist. Er wolle auf keinen Fall nach
Italien zurückgeschickt werden, da er lange Zeit in der Schweiz gelebt und
hier Familienangehörige – einen Onkel mütterlicherseits, dessen Ehefrau
und Cousins – habe. Die Schweiz sei ein gutes Land und er würde sich
das Leben nehmen, wenn er nach Italien zurückgehen müsse. Hinsichtlich
des medizinischen Sachverhalts führte er aus, dass es ihm psychisch nicht
gut gehe. Er sei im Irak intensiv gefoltert worden, weshalb er (...) habe und
oft unter (...) leide. Weiter habe er (...). Sein psychischer Zustand habe
sich verschlechtert, seit ihm gesagt worden sei, dass er eventuell nach Ita-
lien gehen müsse.
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B.c
Am 25 November 2021 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zu-
gewiesene Rechtsvertretung.
B.d
Mit Schreiben vom 1. Dezember 2021 ersuchte das SEM die italienischen
Behörden gestützt auf Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) um Übernahme des Beschwerde-
führers. Dieses Gesuch blieb innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vor-
gesehenen Frist unbeantwortet.
C.
Gemäss Post-it vom 6. Dezember 2021 galt der Beschwerdeführer ab die-
sem Datum als verschwunden. Mit Schreiben vom gleichen Tag setzte die
zugewiesene Rechtsvertreterin das SEM darüber in Kenntnis, dass der Be-
schwerdeführer – welchem ein verlängertes Wochenende bei der Familie
des Onkels in C._ bewilligt worden war – sich noch bei seinem On-
kel befinde. Es gehe ihm psychisch sehr schlecht und er halte den Stress
sowie die Unruhe im Zusammenleben mit so vielen Personen im BAZ kaum
aus, weshalb er unbedingt noch eine Nacht bei der Familie habe bleiben
wollen. Er entschuldige sich für die Abwesenheit und verspreche, am fol-
genden Tag ins BAZ zurückzukehren.
D.
Der Beschwerdeführer reichte in der Folge verschiedene ärztliche Zeug-
nisse ein. Aus diesen geht hervor, dass bei ihm unter anderem eine (...)
vorliegt und er sich seit der Einreise in die Schweiz in psychiatrischer Be-
handlung befindet. Er leide insbesondere an (...) und Suizidgedanken. Ge-
mäss den vorgelegten medizinischen Unterlagen hat er zudem (...).
E.
Mit Schreiben vom 10. Januar 2022 beantragte der Beschwerdeführer,
dass die Schweiz gestützt auf Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO einen Selbstein-
tritt vornehme und sein Asylverfahren in der Schweiz durchführe. Aufgrund
seiner physischen sowie psychischen Verfassung, die durch zahlreiche
Arztberichte dokumentiert sei, handle es sich bei ihm um eine äusserst vul-
nerable Person. Nach Einschätzung der behandelnden Psychiaterin sei bei
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einem Abbruch der Behandlung mit einer akuten Verschlechterung der
Symptomatik sowie einer Selbstgefährdung zu rechnen. Angesichts der
geltenden Rechtsprechung zu Italien und den weiterhin bestehenden Män-
geln im dortigen Aufnahmesystem insbesondere für vulnerable Personen
sei ein Selbsteintritt angezeigt. Zudem verfüge er in der Schweiz über ein
tragfähiges familiäres Netz, wobei er von seinen Angehörigen sowohl psy-
chisch als auch physisch abhängig sei. Weiter habe er in den Jahren 2001
bis 2013 bereits legal in der Schweiz gelebt, entsprechende Sprachkom-
petenzen (Deutsch) erworben, am Wirtschaftsleben teilgenommen und die
Werte der Bundesverfassung respektiert. Es sei von einem erheblichen
Grad an vorbestehender Integration auszugehen. Eventualiter beantrage
er den Eintritt auf das Asylgesuch aus humanitären Gründen.
F.
Mit Schreiben seiner Rechtsvertreterin vom 17. März 2022 stellte der Be-
schwerdeführer beim SEM – im Hinblick auf die bevorstehende Kantons-
zuweisung infolge Ablauf der Aufenthaltsdauer von 140 Tagen im BAZ –
den Antrag, er sei dem Kanton C._ zuzuweisen. Dieser wurde im
Wesentlichen damit begründet, dass aufgrund seiner psychischen Erkran-
kung ein Abhängigkeitsverhältnis zu seinen im Kanton C._ leben-
den Familienangehörigen bestehe.
G.
Mit Verfügung vom 22. März 2022 – eröffnet am 24. März 2022 – trat das
SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die
Wegweisung in den gemäss Dublin-III-VO zuständigen Staat (Italien) an
und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist
zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte es die zuständige kantonale Be-
hörde mit dem Vollzug der Wegweisung und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
H.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
31. März 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen
Entscheid. Darin beantragte er, die angefochtene Verfügung sei aufzuhe-
ben und das SEM sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Even-
tualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen, subeventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen zur
Einholung einer individuellen Zusicherung der italienischen Behörden be-
treffend seine adäquate und nahtlose medizinische Versorgung und die
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Verfügbarkeit holistischer Rehabilitationsmassnahmen sowie einer Unter-
bringung in den Strukturen für vulnerable Personen. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht wurde beantragt, der Beschwerde die aufschiebende Wir-
kung zu erteilen sowie im Sinne einer superprovisorischen vorsorglichen
Massnahme die Vollzugsbehörden unverzüglich anzuweisen, von einer
Wegweisung nach Italien abzusehen. Weiter sei ihm die unentgeltliche
Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses zu verzichten.
Der Beschwerde lagen – neben einer Vollmacht und der angefochtenen
Verfügung – folgende Unterlagen bei: Antrag auf Selbsteintritt vom 10. Ja-
nuar 2022, Antrag auf Zuweisung an den Kanton C._ vom 17. März
2022, verschiedene ärztliche Berichte und Bescheinigungen, mehrere Be-
richte der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) über die Lage von Asyl-
suchenden und Flüchtlingen in Italien, ein Schreiben der Verwandten des
Beschwerdeführers vom 4. Januar 2022 sowie ein anonymisiertes Schrei-
ben des SEM betreffend Bewilligung einer Privatunterkunft.
I.
Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Überstellung mit superpro-
visorischer Massnahme vom 4. April 2022 per sofort einstweilen aus. Die
vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht gleichentags
in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
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daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (take charge) sind die in Kapitel
III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge anzuwenden (Art. 7 Dublin-III-VO). Der als zuständig ermittelte
Mitgliedstaat ist verpflichtet, eine antragstellende Person, die in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat, nach Massgabe der Art. 21,
22 und 29 Dublin-III-VO aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
Wenn ein Antragsteller, der aus einem Drittstaat kommt, die Land-, See-
oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, ist dieser
Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet ge-
mäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts.
3.3 Der Beschwerdeführer war gemäss eigenen Angaben gegenüber der
Vorinstanz im Oktober 2021 illegal über Italien ins Hoheitsgebiet der Dub-
lin-Staaten gelangt. Dies deckt sich auch mit den vorliegenden Eurodac-
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Daten (vgl. SEM-Akten [...]). Die italienischen Behörden haben den Antrag
der Vorinstanz vom 1. Dezember 2021 auf Übernahme des Beschwerde-
führers nicht in der dafür vorgesehenen Frist beantwortet (vgl. Art. 22 Abs.
1 Dublin-III-VO). Somit ist davon auszugehen, dass dem Aufnahmegesuch
durch die italienischen Behörden stillschweigend stattgegeben wurde, was
die Verpflichtung nach sich zieht, die Person aufzunehmen und angemes-
sene Vorkehren für die Ankunft zu treffen (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die
grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit gegeben. Auch der Be-
schwerdeführer bestreitet nicht, über Italien gereist zu sein.
4.
4.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser
Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der
die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.2 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einer drittstaatsangehörigen oder staaten-
losen Person gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch
wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die
Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus hu-
manitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
4.3 Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen
Dublin-Staat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen bin-
denden, völkerrechtlichen Bestimmung, ist die Vorinstanz verpflichtet, die
Souveränitätsklausel anzuwenden und das Asylgesuch in der Schweiz zu
behandeln (BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 7.2).
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5.
5.1 Ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK kann vorliegen, wenn eine schwer
kranke Person durch die Abschiebung – mangels angemessener medizini-
scher Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert
würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
5.2 Gemäss den Arztberichten von Dr. D._, Fachärztin für Psychi-
atrie und Psychotherapie wurden beim Beschwerdeführer eine (...) und
(...) diagnostiziert. Er leide insbesondere unter (...) und nehme die Medi-
kamente (...). Die Fortführung der Traumatherapie sowie die weitere Ein-
nahme der Medikamente wurde als indiziert angesehen und die Prognose
ohne Behandlung als schlecht bezeichnet (vgl. insb. Beschwerdebeilagen
21 und 22 sowie SEM-Akten [...] [nachfolgend Akte 64]). Im Bericht vom
28. März 2022 wird zudem ausdrücklich festgehalten, dass eine Unterbre-
chung der Therapie im jetzigen Zeitpunkt unzumutbar sei und zur vitalen
Gefährdung des Patienten mit akuter Suizidalität führen könne (vgl. Be-
schwerdebeilage 23). Auf physischer Ebene leide der Beschwerdeführer
an (...) (vgl. Beschwerdebeilagen 6, 9 und 11). Gemäss den Ausführungen
in der Beschwerdeschrift nimmt der Beschwerdeführer wöchentlich Ter-
mine bei der behandelnden Psychiaterin wahr.
5.3 Vorab ist festzuhalten, dass das italienische Asylsystem derzeit trotz
punktueller Schwachstellen keine systemischen Mängel aufweist (vgl. statt
vieler: Urteile des BVGer F-3494/2021 vom 28. Oktober 2021 E. 4.2,
F-4299/2021 vom 3. November 2021 E. 5, Referenzurteil E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 E. 6.3). Italien ist Partei der EMRK, des Übereinkom-
mens gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30)
sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301)
und es ist davon auszugehen, dass es seinen diesbezüglichen völkerrecht-
lichen Verpflichtungen nachkommt. Weiter darf angenommen werden, Ita-
lien anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus
den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU
vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und
Aberkennung des internationalen Schutzes sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
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die internationalen Schutz beantragen (nachfolgend: Aufnahmerichtlinie)
ergeben (vgl. etwa Urteil des BVGer F-4557/2019 vom 4. Dezember 2019
E. 4.4 m.H.).
5.4 Im Zusammenhang mit der gesundheitlichen Situation des Beschwer-
deführers wird in der Beschwerde im Wesentlichen geltend gemacht, dass
das italienische Asylsystem in Bezug auf die Unterbringung und medizini-
sche Versorgung von vulnerablen Personen nach wie vor gravierende
Mängel aufweise. Obwohl er als Folteropfer mit schweren psychischen Be-
einträchtigungen hochvulnerabel sei, würde er bei einer Rückkehr nach Ita-
lien – mangels ausreichender Kapazitäten in den spezialisierten SAI-Struk-
turen – höchstwahrscheinlich in einem Erstaufnahmezentrum respektive in
temporären Einrichtungen untergebracht. Trotz theoretischen Verbesse-
rungen in jüngerer Zeit stehe viel zu wenig medizinisches Fachpersonal
zur Verfügung, um eine angemessene Betreuung zu gewährleisten, wobei
es vor allem an psychologischer Unterstützung fehle. Diese sei oft erst
nach mehreren Monaten verfügbar. Ein Unterbruch der Behandlung sei
von der behandelnden Ärztin jedoch als unzumutbar eingestuft worden und
es bestehe die ernsthafte Gefahr, dass sich sein Gesundheitszustand bei
einer Überstellung nach Italien rasch und unumkehrbar verschlechtern
würde.
5.5 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass Italien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur
verfügt und der Zugang zum italienischen Gesundheitssystem über die
Notversorgung hinaus gewährleistet erscheint (vgl. statt vieler: Urteile des
BVGer F-1515/2022 vom 6. April 2022 E. 7.8, E-910/2022 vom 1. April
2022 E. 6.5, je m.H.), auch wenn es in der Praxis zu Verzögerungen kom-
men kann (vgl. Urteil E-962/2019 E. 6.2.7). Eine psychiatrische Behand-
lung in Form einer Traumatherapie sowie der Abgabe von Medikamenten
ist somit auch in Italien möglich. Der Umstand, dass die Überstellung nach
Italien aufgrund der mangelnden Italienischkenntnisse des Beschwerde-
führers allenfalls zu einem Qualitätsverlust in der Therapie führen könnte,
ändert an dieser Einschätzung nichts (vgl. dazu auch Urteil F-3494/2021
vom 28. Oktober 2021 E. 5.1.4). Weder die Dublin-III-VO noch andere völ-
kerrechtliche Bestimmungen räumen den asylsuchenden Personen ein
Recht ein, den für eine medizinische Behandlung bestgeeignetsten Staat
frei zu wählen oder eine dem schweizerischen Standard entsprechende
Therapie in Anspruch nehmen zu können (vgl. BVGE 2017 VI/7 E. 6.2).
Vorliegend ist festzuhalten, dass es sich beim Beschwerdeführer um eine
vulnerable Person handelt. Anlässlich des Dublin-Gesprächs gab er an,
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bereits während seines ersten Aufenthalts in der Schweiz sieben Jahre in
psychiatrischer/psychologischer Therapie gewesen zu sein. Aufgrund der
Erlebnisse nach der Rückkehr in seine Heimat habe sich seine psychische
Situation im Vergleich zu damals noch verschlechtert (vgl. SEM Akten [...]).
Mit Hilfe seiner in der Schweiz ansässigen Verwandten wurde für ihn schon
zwei Wochen nach der Einreichung seines Asylgesuchs eine Psychothera-
pie organisiert. Am 3. Dezember 2021 meldete die Therapeutin Dr.
D._ dem SEM die Behandlung an und wies darauf hin, eine regel-
mässige psychiatrisch psychotherapeutische Behandlung sei angezeigt,
gegebenenfalls eine stationäre Traumatherapie. Bei einem Abbruch der
Behandlung sei mit einer akuten Verschlechterung der Symptomatik und
einer Selbstgefährdung zu rechnen (vgl. SEM Akten [...]). Die während der
Behandlung fortlaufend erstellten Berichte von Dr. D._ hielten
grossmehrheitlich fest, es bestünden aktuell keine Suizidgedanken respek-
tive es liege keine Eigen- oder Fremdgefährdung vor, erachteten die Prog-
nose bei einem Abbruch der Behandlung aber als schlecht (vgl. Beschwer-
debeilagen 8, 12-14, 16-22 sowie Akte 64). In einer separaten Bescheini-
gung der behandelnden Ärztin wurde sodann festgehalten, der Abbruch
der Behandlung könne "zur vitalen Gefährdung des Patienten mit akuter
Suizidalität" führen (vgl. Beschwerdebeilage 23). Festzustellen ist, dass die
in den Arztberichten beschriebenen gesundheitlichen Probleme des Be-
schwerdeführers zwar ernst sind, jedoch keinen derartigen Schweregrad
aufweisen, als dass bei einem zeitweiligen Unterbruch der Behandlung so-
fort mit einer raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung des Ge-
sundheitszustands gerechnet werden müsste. Allerdings wäre – vor allem
in Hinblick auf das tendenziell bestehende Risiko einer Selbstgefährdung
– dem aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers bei der Or-
ganisation der Überstellung nach Italien Rechnung zu tragen, indem die
dortigen Behörden vorgängig über diesen sowie allfällige notwendigen me-
dizinischen Behandlungen informiert würden (vgl. dazu auch die Auflistung
in den Überstellungsmodalitäten, SEM-Akten [...]). Entgegen der auf Be-
schwerdeebene vertretenen Auffassung könnte dies ausreichen, um eine
angemessene medizinische Betreuung in Italien zu gewährleisten. Kon-
krete Hinweise darauf, dass medizinische Informationen über den Be-
schwerdeführer nicht weitergeleitet oder die italienischen Behörden eine
erforderliche Behandlung verweigern würden, lassen sich den Akten nicht
entnehmen. Zwar erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass er bei der
Rückkehr in einem Erstaufnahmezentrum oder einer temporären Einrich-
tung untergebracht werden und der effektive Zugang zur medizinischen
Versorgung dort unter Umständen erschwert sein könnte. Eine Verletzung
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von Art. 3 EMRK liegt aber selbst dann nicht vor, wenn sich der umfas-
sende Zugang zum italienischen Gesundheitssystem und eine Fortsetzung
der Traumatherapie für kurze Zeit verzögern sollte. Nach der Rechtspre-
chung können allfällige suizidale Absichten lediglich ein temporäres Voll-
zugshindernis darstellen (vgl. etwa Urteil F-4557/2019 vom 4. Dezember
2019 E. 4.5.2 m.w.H.). Zusammenfassend ist nicht davon auszugehen,
dass eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Italien zu einer Verlet-
zung von Art. 3 EMRK führen würde.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, er sei Opfer von Folter
und seine Überstellung nach Italien würde das in Art. 14 FoK verankerte
Recht auf Rehabilitation verletzen.
6.2 Der Beschwerdeführer erwähnte anlässlich des Dublin-Gesprächs,
dass er im Heimatstaat intensiv schwer worden sei. Weiter beschrieb er
seine gesundheitlichen Probleme respektive die Schmerzen, die er auf-
grund seiner Foltererfahrungen noch immer verspüre (vgl. SEM-Akte [...]
[nachfolgend Akte 13]). Er führte dabei nicht näher aus, inwiefern sowie in
welchem Zusammenhang er Folter erlitten habe. Im Schreiben der Fami-
lienangehörigen vom 4. Januar 2022 wird ein längerer Gefängnisaufenthalt
im Irak erwähnt, bei welchem der Beschwerdeführer schwer gefoltert wor-
den sei (vgl. Beschwerdebeilage 27). Aus den zahlreichen psychiatrischen
Berichten geht ebenfalls nicht genauer hervor, auf welche Ereignisse die
diagnostizierte (...) zurückgehen könnte respektive welche konkreten Fol-
tererfahrungen der Beschwerdeführer gemacht haben soll. Aufgrund der
Aktenlage ist somit nicht klar, was im Irak genau vorgefallen ist und ob
seine Erlebnisse als Folter zu qualifizieren wären. Ohne näher auf die Ver-
bindlichkeit (vgl. dazu WALTER KÄLIN/JÖRG KÜNZLI, Universeller Menschen-
rechtsschutz, 4. Aufl. 2019 Rz. 7.33 ff.; FANNY DE WECK, Non-Refoulement
under the European Convention on Human Rights and the UN Convention
against Torture, 2017, S. 88 ff.) des vom Beschwerdeführer angerufenen
Entscheids des UN-Ausschusses gegen Folter Nr. 742/2016 in Sachen
A.N. gegen die Schweiz vom 3. August 2018 sowie die Anwendbarkeit der
FoK und deren Bestimmungen auf den vorliegenden Fall einzugehen, ist
festzuhalten, dass vorliegend ein anderer Sachverhalt zu beurteilen ist, als
in jenem Entscheid. Gemäss Art. 25 Abs. 1 der Aufnahmerichtlinie tragen
die Mitgliedstaaten dafür Sorge, dass Personen, die Folter oder andere
schwere Gewalttaten erlitten haben, die Behandlung – insbesondere den
Zugang zu einer adäquaten medizinischen und psychologischen Behand-
lung oder Betreuung – erhalten, die für den Schaden, welcher ihnen durch
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Seite 12
derartige Handlungen zugefügt wurde, erforderlich ist. Es wurde bereits
dargelegt, dass davon ausgegangen werden kann, dass der Beschwerde-
führer in Italien einen mit Blick auf seinen Gesundheitszustand hinreichen-
den Zugang zur medizinischen Versorgung erhalten wird (vgl. oben E. 5.5).
Entgegen seiner Auffassung kann er aus dem von ihm angerufenen Ent-
scheid daher nichts zu seinen Gunsten ableiten.
7.
7.1 In der Beschwerde wird sodann eine Verletzung von Art. 8 EMRK ge-
rügt, weil zwischen dem Beschwerdeführer und seinen in der Schweiz le-
benden Verwandten ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe, das in den
Schutzbereich dieser Bestimmung falle. Er sei mit seinem Onkel aufge-
wachsen und dieser sei für ihn wie ein Bruder. Die in der Schweiz lebende
Familie, bestehend aus dem Onkel, dessen Ehefrau und seinen Cousins,
kümmere sich seit seiner Ankunft in der Schweiz um ihn. Er habe jedes
Wochenende bei ihnen verbracht und sei sowohl psychisch als auch ma-
teriell stark unterstützt worden. Da er unter schwerwiegenden psychischen
Problemen leide, sei die Unterstützung durch seine Angehörigen von aus-
serordentlicher Wichtigkeit, was auch die behandelnde Psychiaterin in ih-
rem Bericht vom 14. März 2022 festgestellt habe. Eine massgebliche af-
fektive Unterstützung sowie praktische Hilfestellungen im Alltag könne aber
nur bei einem Verbleib des Beschwerdeführers in unmittelbarer Nähe er-
folgen.
7.2 Gemäss Art. 8 Abs. 1 EMRK hat jede Person das Recht auf Achtung
ihres Privat- und Familienlebens. Der Schutzbereich dieser Bestimmung
umfasst dabei neben der Kernfamilie auch weitere verwandtschaftliche
Bande. So kann die Beziehung zwischen Onkel/Tante und Neffe/Nichte
ebenfalls darunter fallen, sofern eine nahe, echte und tatsächlich gelebte
Beziehung vorliegt. Nach der Rechtsprechung setzt dies indessen zusätz-
lich voraus, dass zwischen diesen Personen ein eigentliches Abhängig-
keitsverhältnis besteht (vgl. zum Ganzen BVGE 2008/47 E. 4.1.1).
7.3 Da die Beziehung zwischen dem Beschwerdeführer und seinen Ver-
wandten in der Schweiz nicht unter den Begriff der Kernfamilie fällt, ist zu
prüfen, ob von einer nahen, echten und tatsächlich gelebten Beziehung
sowie vom Bestehen eines Abhängigkeitsverhältnisses auszugehen ist. Ei-
genen Angaben zufolge ist der Beschwerdeführer mit seinem Onkel aufge-
wachsen und dieser ist für ihn wie ein Bruder. Bereits während des ersten
Aufenthalts in der Schweiz habe er an psychischen Probleme gelitten und
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Seite 13
sei auf die Unterstützung des Onkels und der weiteren Verwandten ange-
wiesen gewesen. Es ist jedoch zu beachten, dass der Beschwerdeführer
die Schweiz im Jahr 2013 freiwillig verliess und in den Irak zurückkehrte.
Daran zeigt sich, dass er ohne Weiteres bereit und in der Lage war, sein
Leben ohne räumliche Nähe zu den in der Schweiz wohnhaften Verwand-
ten zu gestalten. Auch wenn der Kontakt mit den Angehörigen in dieser Zeit
unter anderem durch Besuche aufrechterhalten wurde, kann offensichtlich
nicht von einer nahen, echten und tatsächlich gelebten Beziehung im Sinne
der Rechtsprechung ausgegangen werden. Beim Beschwerdeführer han-
delt es sich um einen erwachsenen Mann, der trotz der diagnostizierten
Erkrankungen keineswegs als pflegebedürftig angesehen werden kann.
Zwar hat er eigenen Angaben zufolge während des rund achtjährigen Auf-
enthalts im Heimatstaat traumatische Erfahrungen gemacht, welche ihn
schwer beeinträchtigten (vgl. dazu Akte 13 und Beschwerdebeilage 27).
Dennoch war er in der Lage, eine mehrmonatige Reise in die Schweiz zu
bewältigen und sich unter der Woche im BAZ aufzuhalten, ohne auf die
unmittelbare Unterstützung seiner Verwandten im Alltag angewiesen ge-
wesen zu sein. Zudem hielt das SEM zutreffend fest, dass der Kontakt zu
den Angehörigen auch nach einer Überstellung nach Italien durch moderne
Kommunikationsmittel aufrechterhalten werden kann und die Verwandten,
welche über gefestigte Aufenthaltsrechte in der Schweiz verfügten, ihn dort
besuchen könnten. Das Krankheitsbild des Beschwerdeführers lässt – ent-
gegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung – nicht darauf
schliessen, dass der Beschwerdeführer anhaltend auf die unmittelbare
Nähe seiner Verwandten angewiesen ist. Ein Abhängigkeitsverhältnis, auf-
grund dessen die Beziehung zwischen dem Beschwerdeführer und seinen
Angehörigen in der Schweiz unter den Schutzbereich von Art. 8 EMRK fal-
len würde, kann vorliegend nicht angenommen werden. Daran ändert auch
der Umstand nichts, dass die behandelnde Psychiaterin von einem Abhän-
gigkeitsverhältnis ausgeht. Bei dieser Einschätzung handelt es sich nicht
um eine rechtliche Beurteilung und es obliegt dem Gericht, zu prüfen, ob
eine Beziehung aus juristischer Sicht in den Schutzbereich von Art. 8
EMRK fällt respektive als Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der massgebli-
chen Rechtsprechung einzustufen ist.
8.
8.1 In Bezug auf die Anwendung der Souveränitätsklausel aus humanitä-
ren Gründen gestützt auf Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 verfügt das SEM über ei-
nen Ermessensspielraum, welcher vom Bundesverwaltungsgericht auf-
grund der Kognitionsbeschränkung von Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG zu res-
pektieren ist. Das Gericht hat indessen zu überprüfen, ob die Vorinstanz
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ihr Ermessen gesetzeskonform ausgeübt hat. Dies ist nur dann der Fall,
wenn das SEM – bei Vorliegen von durch die gesuchstellende Person gel-
tend gemachten Umständen, die eine Überstellung aufgrund ihrer individu-
ellen Situation oder der Verhältnisse im zuständigen Staat problematisch
erscheinen lassen – in nachvollziehbarer Weise prüft, ob es angezeigt ist,
die Souveränitätsklausel aus humanitären Gründen auszuüben. Dazu
muss die Vorinstanz in ihrer Verfügung wiedergeben, aus welchen Grün-
den sie auf einen Selbsteintritt aus humanitären Gründen verzichtet. Im
Unterlassungsfall liegt eine Ermessensunterschreitung vor (vgl. BVGE
2015/9 E. 7 und 8). Bei der Beurteilung, ob humanitäre Gründe vorliegen,
hat das SEM die Gesamtheit der Umstände des Einzelfalles in Betracht zu
ziehen. Auch wenn einzelne Faktoren für sich genommen nicht ausreichen
würden, können diese gegebenenfalls kumuliert dazu führen, dass eine
Überstellung aus humanitärer Sicht problematisch erscheint (vgl. Urteil
E-2703/2015 vom 23. April 2018 E. 7.3 m.H.).
8.2 Das SEM führte in diesem Zusammenhang im Wesentlichen aus, der
Beschwerdeführer berufe sich in seinem Gesuch um Selbsteintritt vom
10. Januar 2022 auf eine vorbestehende Integration. Ein während des ers-
ten Aufenthalts in der Schweiz gestelltes Härtefallgesuch sei jedoch vom
damaligen BFM mit Verfügung vom 14. September 2009 gerade wegen
mangelnder Integration abgelehnt worden, insbesondere weil der Be-
schwerdeführer keinen Willen zur Teilnahme am Wirtschaftsleben gezeigt
habe und seine sprachliche Integration unzureichend gewesen sei. Später
habe er die Schweiz wieder verlassen und mehr als acht Jahre im Irak ge-
lebt, weshalb nicht von einem erheblichen Grad an vorbestehender In-
tegration gesprochen werden könne. Auch wenn eine emotionale Bindung
zu den Verwandten in der Schweiz bestehe, habe er sich mit seiner Aus-
reise freiwillig von diesen getrennt und ein Abhängigkeitsverhältnis liege
nicht vor. Ferner könne seinem Gesundheitszustand bei der Organisation
der Überstellung nach Italien durch entsprechende Information der italieni-
schen Behörden Rechnung getragen werden.
8.3 In der Beschwerdeschrift wurde gerügt, dass das SEM die Frage des
Selbsteintrittes primär unter dem Gesichtspunkt der Integration des Be-
schwerdeführers geprüft habe. Mit den medizinischen Gründen setze es
sich dagegen nur mit einem Textbaustein auseinander. Es fehle somit an
einer nachvollziehbaren Begründung, weshalb trotz schwerster psychi-
scher Beschwerden und Suizidgefährdung ein Selbsteintritt nicht angezeigt
erscheine. Weiter werde ausser Acht gelassen, dass der Beschwerdefüh-
rer als Folteropfer besonders vulnerabel sei und dass seine Familie für ihn
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– selbst wenn ein Abhängigkeitsverhältnis verneint würde – eine wertvolle
Unterstützung darstelle. Die lange frühere Aufenthaltsdauer in der Schweiz
spreche ebenfalls für einen Selbsteintritt, da er mit den lokalen Gegeben-
heiten vertraut sei und Gespräche auf Deutsch führen könne. Das SEM
habe insgesamt zahlreiche für die Frage des Selbsteintritts relevante As-
pekte nicht gewürdigt.
8.4 Die Auffassung des SEM, dass angesichts der Feststellungen in der
Verfügung des BFM vom 14. September 2009 nicht von einer vorbestehen-
den Integration ausgegangen werden könne, greift vorliegend zu kurz. Es
ist unbestritten, dass sich der Beschwerdeführer zwischen 2001 und 2013
für eine längere Zeit legal hierzulande aufgehalten hat. Er befand sich auch
nach der Abweisung seines Härtefallgesuchs noch mehrere Jahre in der
Schweiz. Sowohl die Rechtsvertretung als auch der Arzt E._ hielten
fest, dass die Gespräche mit dem Beschwerdeführer jeweils auf Deutsch
geführt werden respektive eine Verständigung in deutscher Sprache prob-
lemlos möglich sei (vgl. Beschwerdeschrift S. 21, SEM-Akte [...]). Von einer
fehlenden sprachlichen Integration, wie sie in der Verfügung vom 14. Sep-
tember 2009 bemängelt wurde, kann somit nicht mehr gesprochen werden.
Dem Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) lässt sich weiter
entnehmen, dass der Beschwerdeführer in den Jahren 2010 sowie 2012
und 2013 zumindest zeitweise erwerbstätig war, was auch die Feststellung,
es fehle ihm am Willen zur Teilnahme am Wirtschaftsleben, relativiert. Vor
diesem Hintergrund erscheint die damalige Einschätzung einer mangelhaf-
ten Integration nicht mehr aktuell und das SEM hätte sich folglich nicht auf
diese stützen dürfen. Im Übrigen ist anzumerken, dass es nicht sachge-
recht erscheint, die (hohen) Anforderungen an die Integration im Rahmen
der Prüfung eines Härtefallgesuchs heranzuziehen zur Beurteilung der
Frage, ob aufgrund einer vorbestehenden Integration von Bindungen zum
Aufenthaltsstaat auszugehen ist. Weiter stellte die Vorinstanz pauschal
fest, dass sich der Beschwerdeführer mit seiner Ausreise dauerhaft von
seinen Verwandten getrennt habe und kein Abhängigkeitsverhältnis vor-
liege. Hinsichtlich der gesundheitlichen Situation wurde darauf verwiesen,
dass die psychiatrisch-psychologische Behandlung in Italien fortgesetzt
werden könne. Dies ist zwar grundsätzlich zutreffend. Die Ausführungen
des SEM lassen indessen eine Gesamtbetrachtung aller konkreten Um-
stände des vorliegenden Falles vermissen. Gerade angesichts des lang-
jährigen früheren Aufenthalts des Beschwerdeführers in der Schweiz – wel-
cher durchaus auf massgebliche Bindungen zum Aufenthaltsstaat schlies-
sen lässt – erscheint es indessen unumgänglich, eine solche vorzuneh-
men. In diesem Rahmen wäre zu prüfen gewesen, wie sich der Umstand,
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dass der Beschwerdeführer unter gravierenden psychischen Beeinträchti-
gungen leidet, in der Schweiz über Angehörige verfügt sowie dass er der
deutschen, nicht aber der italienischen Sprache mächtig ist, auf eine allfäl-
lige Überstellung nach Italien auswirkt. In Bezug auf die Familienangehöri-
gen ist insbesondere zu beachten, dass diese den Beschwerdeführer seit
der Einreise in die Schweiz anhaltend massgeblich unterstützt haben. Dies
lässt sich sowohl an den bei der Familie verbrachten Wochenenden als
auch dem Umstand erkennen, dass die Angehörigen für ihn die Behand-
lung bei Dr. D._ aufgegleist und dafür gesorgt haben, dass er re-
gelmässig im Wochenrhythmus eine psychiatrische Therapie in Anspruch
nehmen kann (vgl. Beschwerdebeilage 27). Die Verwandten setzen sich
offensichtlich für den psychisch kranken Beschwerdeführer ein und sind
bemüht, ihn so gut als möglich zu unterstützen. Auch wenn kein eigentli-
ches Abhängigkeitsverhältnis im Sinne von Art. 8 EMRK vorliegt und die
medizinische Versorgung in Italien grundsätzlich gewährleistet ist, könnte
eine ganzheitliche Würdigung der verschiedenen relevanten Faktoren ge-
eignet sein, die Anwendung der Souveränitätsklausel als angezeigt er-
scheinen zu lassen. Indem die Vorinstanz sich auf eine veraltete Einschät-
zung zu einer nicht ausreichenden Integration stützte und die erwähnten
Aspekte lediglich isoliert betrachtete, ist sie ihrer Pflicht zur gesetzeskon-
formen Ermessensausübung nicht nachgekommen und hat ihr Ermessen
unterschritten. Da es sich bei der Ermessensunterschreitung um eine
Rechtsverletzung handelt, ist die angefochtene Verfügung diesbezüglich
aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung – unter umfassender Prü-
fung der Anwendung der Souveränitätsklausel aus humanitären Gründen
in Ausübung des gesetzeskonformen Ermessens – an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung beantragt wird, und die Sache zur Neu-
beurteilung im Sinne der Erwägungen (vgl. insb. E. 8) an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
10.
Das Beschwerdeverfahren wird mit vorliegendem Urteil abgeschlossen,
weshalb sich das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung als
gegenstandslos erweist. Der superprovisorisch angeordnete Vollzugs-
stopp fällt dahin.
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11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
11.2 Da der Beschwerdeführer im Beschwerdeverfahren durch die ihm zu-
gewiesene Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102f Abs. 1 i.V.m. Art. 102h
Abs. 3 AsylG vertreten war, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe
von Art. 102k AsylG entschädigt werden, ist keine Parteientschädigung
auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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