Decision ID: 70d4a74f-0436-4109-8af2-2476b508e5ec
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Die gelernte Filmdruckzeichnerin bzw. Lithografin A._ meldete sich am 5.
Oktober 2010 erstmals zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-
act. 1, 31). Weil die Versicherte ihren Auskunfts- und Mitwirkungspflichten nicht
nachkam, verfügte die IV-Stelle nach Durchführung des Mahn- und
Bedenkzeitverfahrens (vgl. IV-act. 22) am 9. Mai 2011 das Nichteintreten auf das
Leistungsbegehren (IV-act. 25).
A.b Am 11. Januar 2016 meldete die Versicherte sich unter Angabe einer seit 1980
bestehenden Sehbehinderung sowie einer Rückenwirbelverletzung von 2005 erneut
zum Leistungsbezug an (IV-act. 26).
A.c Dr. med. B._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, hatte am 8. März 2000
berichtet, die Versicherte stehe schon lange wegen chronisch rezidivierender
Rückenschmerzen in seiner Behandlung. Es bestehe eine deutliche linkskonvexe
Skoliose im Bereich der Lendenwirbelsäule, eine alte Fraktur im Bereich des fünften
Lendenwirbelkörpers sowie ein deutlicher Bandscheibenschaden zwischen dem
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fünften Lendenwirbelkörper und dem Kreuzbein. Eine halb sitzende, halb stehende
Tätigkeit ohne Heben von Lasten wäre für die Versicherte ideal (IV-act. 28). Am 20. Mai
und 15. Dezember 2006 hatte er ausgeführt, die Versicherte leide aufgrund einer
Fehlhaltung der Lendenwirbelsäule, einer alten Fraktur sowie einer
Bandscheibendegeneration häufig an Rückenbeschwerden. Es sei unbedingt darauf zu
achten, dass sie keine allzu schweren Lasten heben müsse und ihre Stellung (Stehen/
Sitzen) häufig ändern könne. Die Situation habe sich seit dem Zeugnis von 2000 (vgl.
IV-act. 41) nicht verändert (IV-act. 2, 42).
A.d Dr. med. C._, Ophthalmologie FMH, diagnostizierte am 25. April 2016 eine
beidseits hohe Myopie mit Cataracta corticonuclearis und leichtgradiger tilted disc,
einen Verdacht auf ein atypisches grossflächiges Pterygium des linken Auges und
einen Status nach hinterer Glaskörperabhebung des rechten Auges. Die Versicherte
habe berichtet, dass sie seit ihrer Rückkehr aus D._ im Jahre 1998 (richtig wohl:
1996) eine Visusverschlechterung beidseits wahrgenommen habe, was sich in letzter
Zeit vor allem am linken Auge akzentuiert habe. Hinzu sei eine erhöhte
Blendungsempfindlichkeit gekommen (IV-act. 48-8 f.). Dr. med. E._, Facharzt FMH
für Allgemeine Medizin, berichtete am 3. Juni 2016 über eine seit dem Kleinkindalter
persistierende und zunehmende hohe Myopie, weshalb eine deutliche
Visuseinschränkung bestehe. Der Versicherten seien sämtliche Tätigkeiten zumutbar,
welche das Augenlicht nicht allzu stark beanspruchten und den Rücken nicht
belasteten. Aus hausärztlicher Sicht bestehe keine medizinisch begründete quantitative
Arbeitsunfähigkeit für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit, er verweise jedoch auf den
augenärztlichen Bericht (IV-act. 47 f.).
A.e Nachdem die Versicherte auf Aufforderung der IV-Stelle einen Fragebogen
ausgefüllt hatte (vgl. IV-act. 55), teilte ihr diese am 13. Juli 2016 mit, es seien zurzeit
keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen angezeigt, da sie vorwiegend als
Hausfrau tätig sei (IV-act. 58).
A.f RAD-Ärztin Dr. med. F._ beurteilte am 4. Dezember 2016, der
Gesundheitszustand sei stabil. Es bestünden Einschränkungen für schweres Heben
und Tragen, Arbeiten in Wirbelsäulenzwangshaltungen und Tätigkeiten mit erhöhten
Anforderungen an die Sehfähigkeit. Die Arbeitsfähigkeit für die zuletzt ausgeübte
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Tätigkeit sei nicht bestimmbar, da kein Tätigkeitsprofil vorliege. Der Beginn der
gesundheitlichen Einschränkungen könne nicht genau festgelegt werden, diese lägen
aber spätestens seit dem 21. April 2016 (Vorstellung beim Augenarzt) vor. Gemäss Dr.
E._ bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 100% für adaptierte Tätigkeiten (IV-act. 68).
A.g Mit Vorbescheid vom 5. Dezember 2016 stellte die IV-Stelle der Versicherten bei
einem Invaliditätsgrad von 0% die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Sie
sei als Vollerwerbstätige zu qualifizieren und adaptiert zu 100% arbeitsfähig, wobei die
Validen- und Invalideneinkommen gleich hoch seien (IV-act. 71). Am 6. Februar 2017
verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid (IV-act. 72).
B.
B.a Gegen die Rentenverfügung vom 6. Februar 2017 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 8. März 2017. Die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
beantragt darin deren Aufhebung und die Zusprache mindestens einer Viertelsrente ab
12. Juli 2016. Weiter sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege und -verbeiständung zu
gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Sie bringt vor, nach Abschluss
ihrer Lehre als Filmdruckzeichnerin im Herbst 1974 habe sie bis 1999 mit kleineren
Unterbrüchen während rund zehn Jahren bei der G._ AG auf ihrem Beruf gearbeitet.
Dazwischen habe sie von 1981 bis 1996 in D._ gelebt und gearbeitet. Danach habe
sie aufgrund der Visusverschlechterung ihre Präzisionsarbeit im erlernten Beruf nicht
mehr ausüben können und sei von 2001 bis 2006 als Hilfskraft bei H._ tätig gewesen.
Seither sei sie, obwohl sie zwischen 2006 und 2011 rund 1600 Bewerbungen
geschrieben habe, arbeitslos. Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) habe
als Valideneinkommen fälschlicherweise den Tabellenlohn einer Hilfsarbeiterin
eingesetzt. Sie habe überwiegend als Filmdruckzeichnerin gearbeitet, weshalb jenes
Einkommen massgebend sei und nicht das, welches sie nach der
gesundheitsbedingten Aufgabe ihres erlernten Berufs als Hilfsarbeiterin erzielt habe.
Daher seien die Werte der LSE-Tabellen für den erlernten Beruf der
Filmdruckzeichnerin, welche die Beschwerdeführerin im Validenfall weiter ausgeübt
hätte, zu verwenden. Es sei deshalb von einem jährlichen Valideneinkommen von Fr.
77‘064.-- auszugehen. Das Invalideneinkommen sei entsprechend den Angaben der
Beschwerdegegnerin basierend auf den LSE-Tabellenlöhnen für Hilfsarbeiterinnen auf
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Fr. 53‘793.-- festzusetzen. Die Beschwerdeführerin stehe in weit fortgeschrittenem
Alter und verfüge bis zum Erreichen des AHV-Rentenalters kaum noch über eine
Aktivzeit. Angesichts der erheblichen qualitativen Anforderungen an eine
Verweistätigkeit erscheine der maximale Tabellenlohnabzug von 25% gerechtfertigt. Es
resultiere ein Invaliditätsgrad von rund 48%, womit die Beschwerdeführerin Anspruch
auf eine Viertelsrente ab 12. Juli 2016 habe (act. G1).
B.b In ihrer Beschwerdeantwort vom 18. Mai 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Sie führt aus, die Arbeitsfähigkeit von 100% für eine
adaptierte Tätigkeit und die Qualifikation als Vollerwerbstätige seien unbestritten. Für
die Vornahme des Einkommensvergleichs sei grundsätzlich auf die Gegebenheiten im
Zeitpunkt des allfälligen Rentenbeginns, vorliegend im Jahr 2016, abzustellen. Es sei
davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin gesundheitsbedingt ihren
angestammten Beruf habe aufgeben müssen. Aufgrund der spärlichen Information zur
letzten Tätigkeit der Beschwerdeführerin bei H._ sei davon auszugehen, dass es sich
dabei um eine körperlich belastende Tätigkeit im Logistikbereich gehandelt habe. Für
die Bestimmung des Valideneinkommens könne nicht auf das dort erzielte Einkommen
zurückgegriffen werden, entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin könne
dieses aber auch nicht abstrakt ermittelt werden. Vielmehr rechtfertige es sich, den
1997 erzielten Jahreslohn in der angestammten Tätigkeit bei der G._ AG in der Höhe
von Fr. 51‘976.-- der Nominallohnentwicklung bis 2016 anzupassen, womit das
Valideneinkommen auf rund Fr. 66‘105.-- zu veranschlagen sei. Das
Invalideneinkommen sei aufgrund der LSE-Tabellenwerte für das Kompetenzniveau 1
zu bestimmen, weshalb angepasst auf das Jahr 2016 ein Jahresverdienst von rund Fr.
54‘517.-- resultiere. Der Faktor Alter wirke sich nicht (zwingend) lohnsenkend aus für
Hilfsarbeiten. Auch seien keine anderen Gründe ersichtlich, die einen
Tabellenlohnabzug rechtfertigen würden. Es ergebe sich somit ein Invaliditätsgrad von
18%. Selbst bei Gewährung des maximalen Tabellenlohnabzugs würde immer noch ein
rentenausschliessender Invaliditätsgrad von rund 38% resultieren. Die angefochtene
Verfügung sei somit im Ergebnis nicht zu beanstanden (act. G4).
B.c Am 24. Mai 2017 entsprach die Verfahrensleitung dem Gesuch um Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtspflege (act. G5).
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B.d Mit Replik vom 19. Juni 2017 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest.
Entgegen den Ausführungen der Beschwerdegegnerin könne nicht auf den im Jahr
1997 erzielten Verdienst zurückgegriffen werden, da zu diesem Zeitpunkt schon eine
gesundheitliche Beeinträchtigung in Form einer deutlichen, sich auf das Einkommen
auswirkenden Visusverschlechterung bestanden habe. Aufgrund der tatsächlichen
Verhältnisse lasse sich das ohne gesundheitliche Beeinträchtigung realisierbare
Einkommen nicht hinreichend genau beziffern. Es müsse daher auf statistische Werte
wie die LSE zurück¬gegriffen werden. Aufgrund der Einschränkungen sei ein
Tabellenlohnabzug von 25% gerechtfertigt (act. G7).
B.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf das Einreichen einer Duplik (act. G9).

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und vorliegend zu beurteilen ist der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf Rentenleistungen.
1.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) wird unter Invalidität die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit
verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine
Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und nach
zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen Rentenanspruch
massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Laut Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
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Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
1.2 Im Sozialversicherungsprozess gelten die Grundsätze der Untersuchungspflicht
und der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Demgemäss hat der
Versicherungsträger bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien
gebunden zu sein. Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben
zusätzliche Abklärungen stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53 E. 4a am Schluss).
2.
Die Beschwerdeführerin ist unbestritten medizinisch-theoretisch in einer adaptierten
Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig (IV-act. 68). Es ist allerdings die Frage zu prüfen, ob und
inwiefern sich das Leistungsvermögen der Beschwerdeführerin auf dem in Frage
kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt wirtschaftlich verwerten lässt.
2.1 Bei der Prüfung der wirtschaftlichen Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit darf
nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten ausgegangen werden. Insbesondere
kann von einer Arbeitsgelegenheit (vgl. sinngemäss Art. 16 ATSG) dort nicht
gesprochen werden, wo die zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form
möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder dass sie
nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers
möglich wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle deshalb von vornherein als
ausgeschlossen erscheint. Ferner beinhaltet der Begriff des ausgeglichenen
Arbeitsmarktes nicht nur ein gewisses Gleichgewicht zwischen dem Angebot an und
der Nachfrage nach Stellen, sondern bezeichnet auch einen Arbeitsmarkt, der von
seiner Struktur her einen Fächer verschiedenartiger Stellen offen hält, und zwar sowohl
bezüglich der dafür verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen als
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auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes. Nach diesen Gesichtspunkten bestimmt
sich im Einzelfall, ob eine invalide Person die Möglichkeit hat, ihre restliche
Erwerbsfähigkeit zu verwerten, und ob sie ein rentenausschliessendes Einkommen zu
erzielen vermag oder nicht. Weder gestützt auf die Pflicht zur Selbsteingliederung noch
im Rahmen der den versicherten Personen auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
offen stehenden Möglichkeiten zur Verwertung ihrer Resterwerbsfähigkeit dürfen von
ihnen Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung der gesamten objektiven
und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalls nicht zumutbar sind (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 10. März 2003, I 617/02, E. 3.1 mit Hinweisen).
2.2 Erwerbslosigkeit aus invaliditätsfremden Gründen vermag zwar keinen
Rentenanspruch gegenüber der Invalidenversicherung zu begründen. Die
Invalidenversicherung hat daher grundsätzlich nicht dafür einzustehen, dass eine
versicherte Person zufolge ihres Alters keine ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung
angepasste Arbeit mehr findet. Soweit aber die Zumutbarkeit weiterer Erwerbstätigkeit
nach Massgabe der Selbsteingliederungspflicht und der auf einem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt vorhandenen Arbeitsgelegenheiten in Frage steht, stellt das
fortgeschrittene Alter keinen invaliditätsfremden Faktor dar. Vielmehr ist diesfalls zu
beurteilen, ob für die versicherte Person auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
realistischerweise geeignete Arbeitsstellen zur Verfügung stehen, an denen sie die ihr
verbliebene Restarbeitsfähigkeit zumutbarerweise noch ganz oder teilweise verwerten
kann. Im Rahmen der sowohl durch den Begriff des ausgeglichenen Arbeitsmarktes als
auch die Selbsteingliederungspflicht gebotenen Zumutbarkeitsprüfung gehört daher
das fortgeschrittene Alter der versicherten Person zu den ihre erwerblichen
Möglichkeiten und damit ihre Invalidität beeinflussenden persönlichen Eigenschaften
(Urteil des EVG vom 10. März 2003, I 617/02, E. 3.2.3). Die Anforderungen der
Rechtsprechung für die Annahme einer Unverwertbarkeit der verbleibenden
Restarbeitsfähigkeit sind streng (Urteil des Bundesgerichts vom 21. März 2016,
9C_536/2015, E. 4.2); das Bundesgericht verneint in der Regel die Verwertbarkeit der
verbliebenen Arbeitsfähigkeit höchstens bei über 60-jährigen versicherten Personen,
welchen im massgeblichen Zeitpunkt lediglich noch eine Aktivitätsdauer von weniger
als fünf Jahren verbleibt (Urteil vom 6. Juli 2016, 8C_113/2016, E. 4.3). Für den
Zeitpunkt, in welchem die Frage der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit bei
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vorgerücktem Alter beantwortet wird, ist auf das Feststehen der medizinischen
Zumutbarkeit der (Teil-)Er-werbsfähigkeit abzustellen. Die medizinische Zumutbarkeit
einer (Teil-)Erwerbsfähigkeit steht fest, sobald die medizinischen Unterlagen
diesbezüglich eine zuverlässige Sachverhaltsfeststellung erlauben (BGE 138 V 461 E.
3.3 und 3.4, vgl. auch Urteil vom 29. August 2014, 8C_248/2014, E. 2).
2.3 Das Alter der Beschwerdeführerin allein – sie war zum Zeitpunkt der Beendigung
der Sachverhaltsabklärung Ende 20_ bald 62 Jahre alt – schliesst für sich alleine die
Verwertbarkeit ihrer Restarbeitsfähigkeit zwar noch nicht aus. Vorliegend ist aber zu
beachten, dass die Beschwerdeführerin aus gesundheitlichen Gründen weder ihren
angestammten Beruf als Filmdruckzeichnerin, welcher in dieser Form gar nicht mehr
existiert (vgl. IV-act. 79), noch ihre zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Logistikmitarbeiterin
(IV-act. 64) mehr ausüben kann. Es sind ihr sämtliche Tätigkeiten zumutbar, welche die
Sehfähigkeit nicht allzu stark belasten und den Rücken schonen, also körperlich
leichte, wechselbelastende Tätigkeiten ohne Zwangshaltungen. Vorwiegend im Gehen
ausgeübte Tätigkeiten sind gemäss Einschätzung von Dr. E._ nur kurz zumutbar,
Überkopf-Arbeiten sowie Arbeiten auf Leitern/Gerüsten gehen nicht. Zudem sei die
Belastbarkeit eingeschränkt und die Beschwerdeführerin nach kurzer Zeit erschöpft (IV-
act. 48, 68). Es kommen somit nur wechselbelastende Tätigkeiten in Frage, welche die
Beschwerdeführerin körperlich wenig fordern, gleichzeitig aber auch ihre Augen nicht
zu stark beanspruchen. Aufgrund der Rückenproblematik grundsätzlich denkbare
Tätigkeiten, wie die in ihrem angestammten Beruf ausgeübten Präzisionsarbeiten oder
feinmotorische Tätigkeiten, aber auch diverse einfache und repetitive Arbeiten, kann sie
wegen ihrer Augenkrankheit nicht mehr ausüben. Für andere Berufsfelder, wie
beispielsweise Bürotätigkeiten, konnte die Beschwerdeführerin sodann nie die nötigen
Vorkenntnisse und Fertigkeiten erwerben. Der Umschulungs- und
Einarbeitungsaufwand für eine adaptierte (Hilfs-)Tätigkeit muss daher als erheblich
betrachtet werden. Für einen potentiellen Arbeitgeber ist dies bei einer verbleibenden
Erwerbsdauer von maximal drei Jahren zum Zeitpunkt der vorliegenden ärztlichen
Beurteilungen von Dr. E._ (IV-act. 47 f.), Dr. C._ (IV-act. 48-8) und RAD-Ärztin F._
(IV-act. 68) bzw. nur noch gut zwei Jahren im Zeitpunkt des Abschlusses der
Sachverhaltsabklärung nicht mehr wirtschaftlich und kaum mehr lohnend. Daher wird
schon dieser Umstand einen durchschnittlichen Arbeitgeber davon abhalten, die mit
ihrer Beschäftigung verbundenen Risiken wie krankheitsbedingte Ausfälle, berufliche
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Unerfahrenheit und altersbedingt eher geringe Anpassungsfähigkeit auf sich zu
nehmen, zumal solche Arbeitsplätze auch von gesundheitlich eingeschränkten
Personen in jungem und mittlerem Alter stark nachgefragt werden (vgl. dazu das Urteil
des Bundesgerichts vom 10. Mai 2013, 9C_954/2012, E. 3.2.2). Zudem ist
offensichtlich, dass die Kombination ihrer Beschwerden (chronische Rückenschmerzen
und Sehstörung) die Beschwerdeführerin für einen Arbeitgeber besonders unattraktiv
macht. In diesem Zusammenhang ist auch auf den Umstand hinzuweisen, dass die
Beschwerdeführerin bereits seit 2006 (IV-act. 1, 35), mithin seit über zehn Jahren, nicht
mehr arbeitstätig war und von 2006 bis 2011 – teilweise mit Unterstützung des RAV (IV-
act. 55, vgl. IV-act. 12) – rund 1600 gegenüber der Beschwerdegegnerin dokumentierte
Bewerbungen geschrieben hat (IV-act. 68, vgl. IV-act. 72), ohne einen Arbeitgeber zu
finden. Dass die Bewerbungen in ihrer Qualität unzureichend gewesen wären, hat die
Beschwerdegegnerin nie behauptet. Die Beschwerdeführerin selbst hielt am 7. Juli
2016 fest, ihre zahllosen erfolglosen Bewerbungen hätten sie zur Einsicht gebracht,
dass man mit über 50 Jahren kaum mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe (IV-act.
55).
2.4 Staatliches Handeln, wozu auch das Handeln der Sozialversicherungsorgane zählt,
muss im öffentlichen Interesse liegen und verhältnismässig sein (Art. 5 Abs. 2 der
Bundesverfassung [BV; SR 101]). Verhältnismässig ist staatliches Handeln, wenn es
geeignet ist, den angestrebten Zweck zu erfüllen, erforderlich ist, um den angestrebten
Zweck zu erreichen, und nicht im Missverhältnis zu anderen zu beachtenden Interessen
steht (vgl. sinngemäss BENJAMIN SCHINDLER, in: Bernhard Ehrenzeller et al., St.
Galler Kommentar zur BV, 3. Aufl., Art. 5 Rz 47 ff.). Vorliegend wurde der Sachverhalt
sowohl in medizinischer als auch in beruflicher Hinsicht bzw. mit Blick auf die
berufliche Eingliederung nur sehr knapp abgeklärt. Grundsätzlich würde sich deshalb
eine Rückweisung an die Beschwerdegegnerin zur medizinischen und beruflichen
Abklärung aufdrängen. Allerdings ist es höchst unwahrscheinlich, dass es der
Beschwerdegegnerin gelingen würde, der lange vom Arbeitsmarkt abwesenden
Beschwerdeführerin, die grundsätzlich bereits zum Vorbezug der ordentlichen AHV-
Altersrente berechtigt ist und der nur noch gut anderthalb Jahre bis zum Erreichen des
ordentlichen Rentenalters bleiben, mittels Arbeitsvermittlung zu einer neuen Anstellung
zu verhelfen. Weiter erscheint auch ohne medizinisches Gutachten ausgewiesen, dass
zumindest mehrere nicht unerhebliche qualitative Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit
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bestehen. Schadenmindernde Auflagen wie eine Augenoperation dürften zudem mit
Blick auf die nur noch kurze verbleibende Zeit bis zum Erreichen des ordentlichen
Rentenalters unverhältnismässig sein. Dies gilt in der konkreten Situation insgesamt für
Aufwand und Kosten weiterer medizinischer und beruflicher Abklärungsmassnahmen,
sodass es als gerade noch vertretbar erscheint, von einer Rückweisung abzusehen.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin in Anbetracht der gesamten Umstände selbst auf dem
hypothetischen ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht realistisch ist. Fehlt es an einer
wirtschaftlich verwertbaren Restarbeitsfähigkeit, liegt eine vollständige
Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze Invalidenrente begründet
(BGE 138 V 460, E. 3.1).
3.
Die Beschwerdeführerin meldete sich am 11. Januar 2016 zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 26). Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG konnte ein Rentenanspruch
damit frühestens am 1. Juli 2016 entstehen. Zu diesem Zeitpunkt war die
Beschwerdeführerin überwiegend wahrscheinlich bereits seit über einem Jahr für ihre
angestammte sowie die zuletzt ausgeübte Tätigkeit arbeitsunfähig und ihre
medizinisch-theoretisch vorhandene Arbeitsfähigkeit für eine adaptierte Tätigkeit nicht
mehr verwertbar (vgl. Art. 28 IVG). Der Beginn des Anspruchs auf eine ganze Rente ist
damit auf den 1. Juli 2016 festzulegen.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde unter Aufhebung der Verfügung vom 6.
Februar 2017 gutzuheissen und der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Juli 2016
eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Zur Festsetzung und Ausrichtung der
Leistung ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
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in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Ausgangsgemäss
hat die Beschwerdegegnerin die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
4.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat keine Kostennote eingereicht. Angesichts
der vergleichsweise bescheidenen Aktenlage sowie der unterdurchschnittlichen
Schwierigkeit der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen erscheint vorliegend
eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen. Die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (vgl.
act. G5) ist damit gegenstandslos.