Decision ID: 1cd6d0ac-fdcc-4c33-a995-e06ce5a43342
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1964,
reiste erstmals 2002 in die Schweiz ein (
Urk.
7/2
Ziff.
4.1) und verfügt
e
über eine vom
1.
Juli 2007 bis 3
0.
Juni 2012 gültige Aufenthaltsbewilligung B (
Urk.
7/3/1), als er sich a
m 1
0.
August 2010 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an
meldete
, wobei er angab
,
im Umfang von 30
%
als Autovermittler
selbständigerwerbend
zu sein (
Urk.
7/2
Ziff.
5.4)
.
Am 1
8.
Oktober 2010 bestätigte die zuständige Behörde seinen Flüchtlings-Status (
Urk.
7/15)
.
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte Arztberichte (
Urk.
7/10-11,
Urk.
7/13,
Urk.
7/16), einen Auszug aus dem individuellen Konto (
Urk.
7/5) und ein psychiatrische
s
Gutachten, das am 1
2.
September 2009 er
stattet wurde (
Urk.
7/21), ein.
Mit Vorbescheid vom 2
6.
Oktober 2011 stellte die IV-Stelle in Aussicht, einen Rentenanspruch zu verneinen (
Urk.
7/24). Dagegen erhob der Versicherte am
6.
Januar 2012 Einwände (
Urk.
7/30) und reichte weitere ärztliche Berichte (
Urk.
7/29) ein
, zu denen der Gutachter am
2.
April 2012 Stellung nahm (
Urk.
7/33)
.
Nach Eingang eines weiteren ärztlichen Berichts (
Urk.
7/37/1) ver
neinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 1
3.
September 2012 einen Rentenan
spruch (
Urk.
7/40 =
Urk.
2).
2.
Gegen die Verfügung vom 1
3.
September (
Urk.
2) erhob der Versicherte am
2.
Oktober 2012 Beschwerde und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ein weiteres Gutachten einzuholen, jedenfalls sei ein durch die Staatsanwaltschaft veranlasstes Gutachten abzuwarten, und die Sache anschliessend durch die IV-Stelle neu zu beurteilen (
Urk.
1 S. 4).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
6.
November 2012 (
Urk.
6) die Abweisung der Beschwerde.
Der Prozess wurde m
it Gerichtsverfügung vom 2
2.
November 2012 bis zum Vorliegen des durch die Staatsanwaltschaft v
eranlassten Gutachtens sistiert
(
Urk.
8) und am 1
9.
April 2013 wieder aufgenommen (
Urk.
10).
Zum Gutachten vom 2
1.
Januar 2013 (
Urk.
14) nahm der Beschwerdeführer nicht mehr Stellung (vgl.
Urk.
15-17), und die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Stellungnahme (
Urk.
18), was dem Beschwerdeführer am 2
4.
September 2013 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
19).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des S
ozialversicherungsrechts, ATSG)
. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge
sundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung ver
bleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7
Abs.
1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Er
werbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
destens 40 Prozent arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Die seit dem 1. Januar 2004 massgeblichen Rentenabstufungen geben bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent Anspruch auf eine
Viertelsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent Anspruch auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 Prozent Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent Anspruch auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) davon aus, dass beim Beschwerdeführer nie eine längerdauernde Arbeitsunfähigkeit von mehr als 30
%
bestanden habe, weshalb schon die Wartezeit g
emäss Art. 28 Abs. 1
lit
. b IVG
nicht erfüllt sei (S. 1). Die Diagnose einer Anpassungsstörung habe aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht keinerlei Relevanz, und
vom behandelnden Psychiater würden nunmehr Diagnosen angeführt, die er bis an
hin nicht gestellt habe (S. 2 oben).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber - unter Hinweis auf die von ihm eingeholten ärztlichen Stellungnahmen - auf den Standpunkt, auf das von der Beschwerdegegnerin eingeholte Gutachten könne nicht abgestellt werden.
2.3
Strittig und zu prüfen ist somit, wie es sich mit dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers verhält und aufgrund welcher ärztlicher Berichte diese Frage zu beantworten ist.
3.
3.1
Vom 2
4.
bis 2
7.
Juni und am 22./2
3.
Juli 2003 weilte der Beschwerdeführer stationär in der
Psychiatrische
n Klinik
Z._
, dies gemäss Bericht vom
2.
November 2010 (
Urk.
7/16)
. Es wurde eine Anpassungsstörung mit vor
wiegender Störung des Sozialverhaltens (ICD-10 F43.24) diagnostiziert (
Ziff.
1.1)
3.2
Dr.
med. A._
, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, führte in einem Zeugnis vom 1
8.
August 2005 (
Urk.
7/1/1) aus, er behandle den Beschwerdeführer seit zirka Mai 200
5.
Dieser berichte glaubhaft, dass er zunehmend von Erinnerungen an Erlebnisse in seinem Heimatland
B._
(Verfolgung, Diskriminierung) gequält werde. Die von ihm geklagten Symptome seien diagnostisch im Rahmen einer Depression bei posttraumatischer Belastungsstörung einzuordnen; ferner seien psychotische Symptome (Verfolgungsideen, akustische Halluzinationen, optische Halluzinationen, Beeinflussungs- und Beeinträchtigungsideen) vorhanden.
3.3
Gemäss Austrittsbericht des psychiatrisch-psychologischen Dienstes
(
PPD), Justizvollzug Kanton Zürich, vom 1
1.
April 2007 (
Urk.
7/1/2) wurde der Be
schwerdeführer während einer - nicht präzisierten - Haftzeit engmaschig vom PPD betreut, dies erstmals am
4.
Oktober 2006 und letztmals am 1
1.
April 200
7.
Zum Austrittszeitpunkt habe sich der Klient soweit stabil präsentiert, allerdings bei einer unverändert vorliegenden depressiven Grundstimmung mit latenter Suizidalität
; eine Auslieferung könne eine akute Suizidgefährdung zur Folge haben.
3.4
In einem
Zeugnis
vom
2
2.
Juni 2007 (
Urk.
7/1/3)
gab
Dr.
A._
an, er habe den Beschwerdeführer zwischen Mai 2005 und dessen Inhaftierung im Oktober 2007
(richtig wohl: 2006) psychiatrisch behandelt. Diese
r leide an einer paranoiden Schizophrenie.
3.5
In seiner Anmeldung
zum Leistungsbezug vom 1
0.
August 2010 (
Urk.
7/1) nannte der Beschwerdeführer als gesundheitliche
Beeinträchtigungen „sehr ner
vös, Angst, Schlaflosigkeit, schnell gereizt, starke Kopfschmerzen“ (
Ziff.
6.2) und führte aus, diese bestünden seit zirka 30 Jahren und seien seit 4-5 Jahren stärker (
Ziff.
6.3).
Dr.
med. C
._
, Allgemeine Medizin FMH, führte in seinem Bericht vom
1
4.
September 2010 (
Urk.
7/10/6-10)
aus, er behandle den Beschwerdeführer seit dem
5.
Juli 2010 (
Ziff.
1.2)
,
und nannte als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine posttraumatisch paranoide Schizophrenie (
Ziff.
1.1).
3.6
Dr.
A
._
nannte in seinem Bericht vom
4.
Oktober 2010 (
Urk.
7/11)
folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
1.1):
Paranoia (F22) bei
Differentialdiagnose (DD) kombinierter Persönlichkeitsstörung mit passi
ven-aggressiven und paranoiden Zügen
Ferner nannte er folgende Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
1.1):
posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; englisch: PTSD), remittiert
Anpassungsstörung mit vorwiegender Störung des Sozialverhaltens (F34.24)
Probleme in
Verbindung mit sozialer Umgebung (Z60)
Probleme in der Beziehung zum Ehepartner (Z63.0)
Bezüglich Arbeitsfähigkeit führte er aus, der Patient habe bis anhin nicht gearbeitet, seine Tätigkeit als selbständiger Autohändler könne er nicht genau feststellen (
Ziff.
1.6).
Als die Arbeitsfähigkeit einschränkende Faktoren nannte er eine Team- und Konfliktunfähigkeit, verminderte Leistungsbereitschaft und gestörte Kontakt
fähigkeit
. Die bisherige Tätigkeit als selbständiger Autohändler (Autonomie, Zeiteinteilung) oder allenfalls in einem geschützten Rahmen sei zumutbar; zu Beginn könne mit höchstens 2-3 Stunden pro Tag gerechnet werden, dies in einem wohlwollenden Rahmen
(
Ziff.
1.7)
.
3.7
Dr.
med.
D._
, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Oberärztin, Psychiatri
sche Einrichtung E._
, führte in ihrem Bericht vom
1
4.
Oktober 2010
(
Urk.
7/13)
aus, dass sie den Beschwerdeführer seit dem 2
0.
April 2010 behandle (
Ziff.
1.2), und nannte als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit einen Verdacht auf (eine seit 2005 bestehende) Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis,
differentialdiagnostisch
auf
schizotype
, paranoide Persönlichkeitszüge (
Ziff.
1.1).
Die Arbeitsfähigkeit könne nicht schlüssig beurteilt werden, sie (die behandeln
den Ärztinnen und Ärzte) gingen von einer Arbeitsunfähigkeit von zirka 50
%
aus (
Ziff.
1.6).
3.8
Am 1
2.
September 2011 erstattete
Dr.
med.
F._
, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie FMH, ein Gutachten im Auftrag der Beschwerdegegnerin
(
Urk.
7/21
=
Urk
3/2
)
. Er stützte sich auf die ihm überlassenen Akten (S.
2 ff.), die Angaben des Beschwerdeführers (S. 7 ff.) und die von ihm am 2
6.
August 2011 (vgl. S. 1) erhobenen Befunde (S. 10 f.).
Berufsanamnestisch hielt der Gutachter unter anderem fest, zwischen 2005 und 2010 habe der Beschwerdeführer zusammen mit seiner Frau eine Autovermittlung geführt, dies nach eigenen Angaben aus gesundheitlichen Gründen nur zu 30
%
(S. 12).
Der Gutachter nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit (S. 11
Ziff.
5.1):
Verdacht auf kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotional instabi
len, impulsiv-aggressiven,
histrionischen
und dissozialen Anteilen (ICD-10 F61)
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte bis mittelgradige Episode (ICD-10 F33.0 / F33.1)
Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 11
Ziff.
5.2) nannte der Gutachter den s
chädlichen Gebrauch von Sedativa
(vorrangig
Benzodiapine
; ICD-10 F13.1).
Der Gutachter erläuterte, welche Überlegungen ih
n die genannten
Diagnosen stel
len liessen (S. 11 ff.) und führte aus, dass und warum eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, wie von behandelnder Seite postuliert, aus seiner Sicht anhand der aktuellen Untersuchungsergebnisse und auch der vor
liegenden medizinischen Berichte ausgeschlossen werden könne (S. 13 f.).
Zur Arbeitsfähigkeit führte der Gutachter aus, in der angestammten Tätigkeit als
Selbständigerwerbender
mit einem Autobetrieb bestehe aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit von zirka 30
%
bezogen auf ein Vollzeitpensum, dies mit voraussichtlich noch Besserungstendenz durch adäquate medizinische Massnahmen (S. 14
Ziff.
7.1). Gleiches führte er bezogen auf - näher umschrie
bene (S. 14
Ziff.
7.4) - adaptierte Tätigkeiten aus (S. 14
Ziff.
7.3). Retrospektiv sei davon auszugehen, dass eine höhere Arbeitsunfähigkeit von mehr als nur 30
%
nur vorübergehend während einigen Wochen in akuten Krankheitsphasen vorgelegen habe (S. 14
Ziff.
7.2).
Bei der angegebenen Arbeitsunfähigkeit von 30
%
seien psychosoziale Faktoren nicht einberechnet; sie sei vor allem auf ein psychisches Leiden mit Krankheitswert zurückzuführen (S. 16
Ziff.
9.1).
Der Beschwerdeführer schätze sich selbst als nicht mehr arbeitsfähig ein. Diese Einschätzung der Leistungsfähigkeit aus subjektiver Sicht sei aus objektiv-gutachterlicher Sicht so nicht
nachvollziehbar. Es hätten sich auch Hinweise auf eine über Verdeutlichungstendenzen hinausgehende Aggravation
ergeben
und
auf
einen hohen sekundären Krankheitsgewinn, der dem Exploranden seit eini
gen Jahren viele Freiheiten und eine hohe und freie Verfügbarkeit in seinem Tagesablauf in einer Nische der Gesellschaft ermöglicht habe. Ob er diese besondere Situation wirklich aufgeben möchte, müsse noch abgewartet bezie
hungsweise weiter beobachtet werden. Auch hätten sich verschiedene psychoso
ziale Belastungsfaktoren gefunden
wie subjektives Krankheitskonzept, Bagatel
lisierung der Suchtproblematik, Migrationshintergrund, erschwerte Bedingungen im Elternhaus, bisher kaum Zeiten von regulärer Berufstätigkeit, eher geringer beruflicher Ehrgeiz, schlechte Deutschkenntnisse,
Dekonditionierung
vom regu
lären freien Arbeitsmarkt (S. 15
Ziff.
8.4).
In Bezug auf
die diagnostische Einschätzung bestehe nur bedingt Übereinstim
mung mit den psychiatrischen Vorbeurteilungen, wo sich verschiedene diag
nostische Vorschläge fänden. Dies könne erfahrungsgemäss schon ein erster wichtiger Hinweis auf das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung sein.
Dr.
A
._
habe eine kombinierte Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, was mit seiner (des Gutachters) Einschätzung im Wesentlichen übereinstimme. Eine Anpassungsstörung sei zeitlich auf höchstens 2 Jahre limitiert und könne somit keine Diagnose mit Relevanz nach invalidenversicherungsrechtlichen Kriterien darstellen. Eine paranoide Schizophrenie könne, wie dargelegt, mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden (S. 16
Ziff.
8.5).
3.9
Am
9.
Dezember 2011 nahm
Dr.
D._
(vorstehend E. 3.7) auf Anfrage des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers zum Gutachten von
Dr.
F._
Stellung
(
Urk.
7/29/1-2
=
Urk.
3/4
)
. Sie führte unter anderem aus, grundsätzlich sei dieses ausführlich und lege
artis
aufgebaut. Allerdings bleibe die paranoide Verarbeitungsweise in der Beurteilung praktisch unberücksichtigt, welche ihres Erachtens wesentlich zur Einschränkung der Funktionsfähigkeit des Patienten beitrage (S. 1
Ziff.
1).
Ein klarer Ausschluss einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis sei bei der Beurteilung von Patienten mit Migrationshintergrund generell schwierig.
Hier wäre die Einschätzung durch
Dr.
A
._
von zentraler Bedeutung.
Der Patient zeige ausgeprägte formale Denkstörungen, sei
logorrhoisch
, be
schrei
be fraglich paranoide Ideen sowie optische Halluzinationen. Alle diese Symptome wiesen auf eine paranoide Störung hin (S. 1
Ziff.
2).
Sie führte weiter aus, dass sie die Beurteilung (des Rechtsvertreters) teile und eine Arbeitsfähigkeit über 50
%
sicherlich - sowohl rückwirkend wie auch in Zukunft - unrealistisch sei (S. 2
Ziff.
5).
3.10
Am
4.
Januar 2012 nahm
Dr.
A
._
(vorstehend E. 3.2)
auf Anfrage des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers zum Gutachten von
Dr.
F._
Stellung
(
Urk.
7/29/3-5
=
Urk.
3/5
)
. Er führte unter anderem aus, formell sei das Gut
achten gut aufgebaut; er stimme aber inhaltlich
nicht ganz mit dem Gutachter überein. Bei der - von beiden diagnostizierten - kombinierten Persönlichkeitsstörung handle
es sich um eine tiefgreifende Störung; hier nur von einer Arbeitsunfähigkeit von 20-30
%
auszugehen, fände er ein „Herunterspielen“ dieser Krankheit (S. 1). Wie von
Dr.
D._
erwähnt, sei das Ausbleiben einer Ein
ordnung der paranoiden Verarbeitungsweise eine andere Schwachstelle des Gutachtens (S. 1 unten).
Er sei sich nicht ganz sicher, ob eine Schizophrenie vorliege. Wenn er den Patien
ten mit gleichen (durchschnittlichen) Personen aus seinem Kulturkreis vergleiche, falle es ihm schwer, diese Diagnose zu stellen; hier divergiere sein Eindruck zu demjenigen von
Dr.
D._
(S. 2).
Eine hypochondrische Störung zu diagnostizieren scheine ihm fehl am Platz; während rund siebenjähriger Behandlung in der Muttersprache habe er
keine solche feststellen können (S. 2 Mitte).
Bezüglich Arbeitsfähigkeit könne er sagen, dass der Beschwerdeführer in
all
den Jahren seit seiner Ankunft in der Schweiz nie „richtig“ gearbeitet habe. Er sei seines Erachtens aufgrund der Vorgeschichte, der langjährigen tiefverwurzelten Störung, de
r
Fehlentwicklung seit seiner Jugend, der langjährigen desolaten so
zialen Situation, der fehlenden inneren Strukturierung, der fehlenden Ausbil
dung und der Beziehungsunfähigkeit voll arbeitsunfähig (S. 2 f.).
3.11
Am
2.
April 2012 nahm der Gutachter
Dr.
F._
noch einmal Stellung
(
Urk.
7/33
=
Urk.
3/7
)
und führte unter anderem aus, die behandelnden Thera
peuten bezögen psychosoziale Belastungsfaktoren in ihre Beurteilung der Ar
beitsunfähigkeit mit ein, da sie von einem biopsychosozialen Krankheitsmodell ausgingen. Ungünstig sei es, wenn ein dysfunktionales Schon- und
Vermeidungsverhalten des Patienten von den Therapeuten unterstützt werde. Beim Exploranden überwögen die psychosozialen Faktoren; sie seien aus seiner Sicht überwiegend für das vorliegende Zustandsbild ursächlich (S. 1 Mitte).
3.12
Dr.
D._
nahm am
4.
Mai 2012
noch einmal Stellung
(
Urk.
7/37/1
=
Urk.
3/8
)
und führte unter anderem aus, die psychosozialen Aspekte würden natürlich berücksichtigt, seien aber nicht ausschlaggebend für die von ihr gestellte Verdachtsdiagnose auf eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis oder, differentialdiagnostisch, einer
schizotypen
, paranoiden Persönlichkeitsstörung (
Ziff.
2). Auch wies sie darauf hin, dass nicht
sie
, wie vom Gutachter angenommen, eine Anpassungsstörung diagnostiziert habe, sondern eine andere Ärztin in anderem Zusammenhang (
Ziff.
5).
3.13
Am
3
1.
Januar 2013
erstatteten
Dr.
med. G._
, Leitende Ärztin, und
lic
. phil.
H._
, klinische Psychologin, Psychiatri
sche Einrichtung E._
, ein
Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft
(
Urk.
14)
. Sie stützten sich auf die von ihnen genannten Akten und Auskünfte (vgl. S. 2
Ziff.
3 und 4), die Angaben des Beschwerdeführers (S. 53
f.
) und die von ihnen am
1
5.
und 2
2.
Oktober 2012 (vgl. S. 5
Ziff.
2) erhobenen Befunde (S. 55 ff.).
Die Gutachterinnen stellten folgende Diagnosen (S. 61
Ziff.
7.1):
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit paranoiden und dissozialen Zügen (ICD-10 F61.0)
Differentialdiagnose: Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis (ICD-10 F2)
Dabei führten sie unter anderem aus, dass und warum die Kriterien für die Diagnose einer Schizophrenie beim Exploranden zurzeit nicht erfüllt seien (S.
71 unten), und dass
(auch)
Dr.
D._
zurzeit die Diagnose einer Erkran
kung aus dem schizophrenen Formenkreis als weniger wahrscheinlich erachte (S. 73 unten).
4.
4.1
Das von der Beschwerdegegnerin eingeholte Gutachten von
Dr.
F._
wurde vom Beschwerdeführer mit Hinweis auf kritische Anmerkungen von behandeln
der Seite in Frage gestellt.
4.2
Dr.
D._
erachtete es zwar als ausführlich und lege
artis
aufgebaut, bemän
gelte jedoch die Gewichtung einer allfälligen paranoiden Komponente und den Ausschluss einer schizophrenen Problematik (vorstehend E. 3.9). Beide Kritikpunkte vermögen nicht zu überzeugen.
Eine Schizophrenie verneinte sowohl der behandelnde Psychiater (vorstehend E.
3.10), dessen diesbezügliche Einschätzung
Dr.
D._
ausdrücklich als zentral bezeichnet hatte, als auch
2013
die von der Staatsanwaltschaft einge
setzten Gutachterinnen (vorstehend E. 3.13).
Diese stellten denn auch
eine
Diagnose, die weitgehend mit der von
Dr.
F._
gestellten Diagnose überein
stimmt, nämlich eine kombinierte Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F61). Ledig
lich in der näheren Charakterisierung
bestehen Unterschiede:
Dr.
F._
sprach von emotional instabilen, impulsiv-aggressiven,
histrionischen
und dissozialen Anteilen, während die Gutachterinnen 2013 von paranoiden und dissozialen Zügen sprachen. Dass dies ergebnisrelevant sein könnte, ist nicht ersichtlich.
4.3
Auch der - seit 7 Jahren - behandelnde Psychiater
Dr.
A
._
attestierte dem Gutachten von
Dr.
F._
, es sei formell gut aufgebaut; er stimme jedoch inhaltlich nicht
ganz mit ihm überein (vorstehend E. 3.10). Aus den entspre
chenden Ausführungen von
Dr.
A
._
ergibt sich, dass er insbesondere die Schätzung der Arbeitsfähigkeit als zu tief beurteilte und dass er den Be
schwerdeführer aufgrund von zahlreichen, einzeln genannten Belastungsfaktoren als vollständig arbeitsunfähig erachtete.
Unterschiede der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit zwischen der gutachterli
chen Beurteilung und derjenigen von behandelnden Ärzten sind nicht unge
wöhnlich.
Sie spiegeln die relevante Verschiedenheit von Behandlungsauftrag einerseits und Begutachtungsauftrag andererseits (Urteil des Bundesgerichts 9C_842/2009 vom 1
7.
November 2009 E. 2.2; vgl. auch BGE 135 V 465 E. 4.5) und die - au
ftragsrechtliche und therapeutische - Vertrauensstellung des behan
delnden Arztes (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/cc). Dies wird vorliegend besonders deutlich, handelt es sich doch bei den Umständen, welche den behandelnden Psychiater auf eine volle Arbeitsunfähigkeit schliessen liessen, überwiegend um psychosoziale Faktoren, die alleine gerade keinen Krankheitswert zu begründen vermögen (vgl. BGE 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2).
Damit sind auch die von
Dr.
A
._
erhobenen Einwände nicht geeignet, die Schlüssigkeit des Gutachtens von
Dr.
F._
in Frage zu stellen.
4.4
Somit steht der medizinische Sachverhalt dahingehend fest, dass sowohl retro
spektiv als auch aktuell eine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 30
%
besteht.
5.
Dass echtzeitliche Atteste eine höhere Arbeitsunfähigkeit als die vom Gutachter attestierte belegen würden, ist weder aus den Akten ersichtlich noch geltend gemacht worden.
Mithin
erweist sich der Standpunkt der Beschwerdegegnerin, die Anspruchsvoraussetzung von
Art.
28
Abs.
1
lit
. b IVG (Wartejahr) sei nicht erfüllt, als zutreffend.
Damit kann auch die von der Beschwerdegegnerin nicht näher geprüfte Frage offen gelassen werden,
wie es sich mit den versicherungsmässigen Vorausset
zungen gemäss
Art.
6
Abs.
2 IVG verhält, zumal der Beschwerdeführer gemäss dem Auszug aus dem individuellen Konto (
Urk.
7/5) nie Beiträge entrichtet hat
,
und näher abzuklären wäre, ob er sich während 10 Jahren ununterbrochen in der Schweiz aufgehalten hat.
Zusammenfassend erweist sich der angefochtene Entscheid als rechtens, was zur Abweisung der dagegen erhobenen Beschwerde führt.
6.
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf
Fr.
700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss dem Beschwerdeführer aufzuerle
gen.