Decision ID: dae75671-84cc-55d8-878b-f461eaf8e273
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ war bei der B._ GmbH als Bauarbeiter mit Kranführertätigkeit (UV-act. 40
und UV-act. 90-2) angestellt und dadurch obligatorisch bei der Suva gegen die Folgen
von Unfällen versichert, als er am 12. Oktober 2018 auf einer Baustelle rücklings
2 Meter tief in eine «frisch humusierte» Böschung stürzte (Schadenmeldung vom
17. Oktober 2018, UV-act. 1). Dabei erlitt er Bodenplattenimpressionsfrakturen am
BWK7 und BWK10 sowie eine Deckplattenimpressionsfraktur am BWK12 (siehe hierzu
den Austrittsbericht der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Spital C._ vom 25. Oktober 2018, wo der Versicherte vom
12. bis 16. Oktober 2018 hospitalisiert war und konservativ behandelt wurde, UV-
act. 10). Die Suva übernahm die Kosten der Heilbehandlung und richtete dem
Versicherten ein Taggeld aus (UV-act. 5; zur Übersicht über die bis 31. Oktober 2019
ausgerichteten Taggeldleistungen siehe UV-act. 112).
A.a.
Der an der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen (KSSG) behandelnde Oberarzt
Dr. med. D._ berichtete am 12. Dezember 2018 über einen protrahierten Verlauf (UV-
act. 16; siehe auch dessen Bericht vom 24. Januar 2019, UV-act. 19). Im
Untersuchungsbericht vom 21. Februar 2019 führte er aus, die Röntgenaufnahmen
hätten stets eine stationäre Konfiguration der Wirbel ohne Hinweis auf eine
Nachsinterung gezeigt. Ein am 30. Januar 2019 durchgeführtes MRI der
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Brustwirbelsäule (siehe hierzu UV-act. 28) habe ein persistierendes
Knochenmarksödem in allen drei Wirbeln ergeben. Die Wirbel seien somit noch nicht
verheilt. Dr. D._ bescheinigte weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (UV-act. 25).
Am 18. April 2019 berichtete er gestützt auf eine Röntgenuntersuchung («TLÜ ap/
lateral») vom 16. April 2019 (siehe hierzu UV-act. 33), im Vergleich zu den
Voraufnahmen vom Oktober 2018 (siehe hierzu UV-act. 6 und UV-act. 55 f.) präsentiere
sich eine stationäre Konfiguration der betroffenen Wirbel ohne relevante segmentale
Hyperkyphose. Er habe die Arbeitsunfähigkeit bis Mitte Juni 2019 verlängert. Falls die
Schmerzen des Versicherten weiter persistieren würden, sei die Aktualisierung der
MRI- und CT-Bildgebung der BWS vorgesehen (UV-act. 36-2 f.). Am 6. Mai 2019
meldete sich der Versicherte zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV)
bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1).
Die von Dr. med. E._, Facharzt für Radiologie, am 2. Juli 2019 durchgeführten
bildgebenden Untersuchungen (MRT BWS und CT BWS) ergaben, dass das
Knochenmarksödem an den BWK7, BWK10 und BWK12 vollständig regredient war.
Die Frakturen zeigten sich weitgehend konsolidiert (UV-act. 68). Dr. D._ berichtete
am 11. Juli 2019, die Frakturen hätten konservativ behandelt werden können und seien
konsolidiert. Insgesamt sei nicht konklusiv nachvollziehbar, weshalb der Versicherte
nach wie vor unter stärksten Schmerzen leide. Von wirbelsäulenchirurgischer Seite
könne ihm nicht adäquat geholfen werden, weshalb eine Vorstellung im
Schmerzzentrum am KSSG empfohlen werde. Dr. D._ verlängerte die Bescheinigung
einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit bis 18. August 2019 (UV-act. 73). Dr. med. F._,
Facharzt für Chirurgie, versicherungsmedizinischer Dienst der Suva, hielt eine
stationäre Rehabilitation des Versicherten für empfehlenswert (Stellungnahme vom
15. Juli 2019, UV-act. 74). Diese erfolgte vom 12. August bis 17. September 2019 in
der Rehaklinik Bellikon. Die dort behandelnden medizinischen Fachpersonen
berichteten, im Rahmen der stationären Rehabilitation habe keine namhafte
Verbesserung der Beschwerden erzielt werden können. Weitere physiotherapeutische
Massnahmen seien nicht vorgesehen. Sie hielten die zuletzt ausgeübte Tätigkeit für
nicht mehr zumutbar, da sie mit sehr schweren, rückenbelastenden Arbeiten
verbunden sei. Eine leidensangepasste leichte bis mittelschwere Tätigkeit könne der
Versicherte ganztags ausüben. Eine reine Kranführer-Tätigkeit, die einem
A.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leidensangepassten Tätigkeitsprofil entsprechen würde, sei medizinisch möglich.
Während des Aufenthalts habe der Versicherte ein dysfunktionales Schmerzverhalten
gezeigt und sich nicht zu einer Steigerung der Belastbarkeit in der Lage gesehen.
Einschränkungen der körperlichen Belastbarkeit würden sich mit den objektivierbaren
Diagnosen aus somatischer Sicht durchaus erklären lassen, das Ausmass der
Schmerzangaben jedoch nur teilweise (Austrittsbericht vom 3. Oktober 2019, UV-
act. 95). Dr. F._ schloss sich der Auffassung der medizinischen Fachpersonen der
Rehaklinik Bellikon sowohl bezüglich des medizinischen Endzustands als auch der
Zumutbarkeitsbeurteilung an (Stellungnahme vom 28. Oktober 2019, UV-act. 96). Den
Integritätsschaden schätzte er auf 10 % (Beurteilung vom 28. Oktober 2019, UV-
act. 98).
Am 29. Oktober 2019 teilte die Suva dem Versicherten mit, dass von einer
weiteren Behandlung des Rückens keine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes mehr erwartet werden könne, weshalb sie die Übernahme der
Heilbehandlungskosten und die Taggeldleistungen auf den 1. November 2019 einstelle
(UV-act. 99). Mit Verfügung vom 19. November 2019 wies sie das Rentengesuch des
Versicherten ab, sprach ihm aber eine Entschädigung für einen 10%igen
Integritätsschaden zu (UV-act. 116).
A.d.
Im Bericht vom 11. Dezember 2019 führte Dr. med. G._, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, aus, beim
Versicherten finde sich eine zweidimensionale Fehlstellung nach den Frakturen an der
Brustwirbelsäule. Zur Kompensation der Hyperkyphose komme es zu einer vermuteten,
kompensatorischen Lordosierung der Lendenwirbelsäule. Diese Verhältnisse würden
die Beschwerden im Bereich des thorakolumbalen Übergangs und der oberen
Lendenwirbelsäule erklären. Eine Kyphoplastie sei bei konsolidierten Wirbelkörpern
wahrscheinlich nicht mehr möglich. Die Physio- und Schmerztherapien seien
ausgeschöpft. Zur Abklärung der Frage nach einer Korrektur-Spondylodese werde er
den Versicherten bei Dr. med H._, Fachärztin für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, anmelden. Bei körperlich anstrengender
Tätigkeit als Kranführer auf dem Bau sehe er aktuell eine weitere 100%ige
Arbeitsunfähigkeit. Es sei so, dass die Kranführer heutzutage in der Regel immer auch
A.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
ausserhalb des Krans arbeiten, den Kran selbst beladen und auf der Baustelle sehr
mobil sein müssten (UV-act. 121).
Am 6. Januar 2020 erhob der Versicherte Einsprache gegen die Verfügung vom
19. November 2019 und beantragte deren Aufhebung. Es sei ihm eine Invalidenrente
und eine Integritätsentschädigung von 15 % zuzusprechen. Eventualiter seien weitere
Abklärungen durchzuführen (UV-act. 124).
B.a.
Dr. H._ diagnostizierte im Bericht vom 15. Januar 2020 eine fortbestehende
Dorsalgie bei Zustand nach Bodenplattenimpression Th7, Th10 sowie
Deckplattenimpression Th12 bei Sturz aus ca. 2 Metern Höhe am 12. Oktober 2018.
Aus ihrer Sicht sei ein konservatives Vorgehen in Form einer Schmerztherapie indiziert.
Der Versicherte gebe zwar Schmerzen vor allem in der senkrechten Position an. Es
bestehe allerdings eine gewisse Diskrepanz zwischen der Schilderung der
Beschwerden, der Ausdehnung derselben auch breitflächig thorakal und lumbal und
den während des Gesprächs doch sehr rasch durchgeführten Bewegungen mit der
gesamten Wirbelsäule und der Schilderung des Versicherten bezüglich
Belastungsfähigkeit. Auch ein Nicht-Ansprechen auf Schmerzmittel gebe hier einen
Hinweis, dass wahrscheinlich eine eindeutig alleinige somatische Ursache nicht zu
eruieren sein werde. Sie habe dem Versicherten nochmals klar mitgeteilt, dass die
Belastbarkeit der Wirbelsäule durchaus gegeben sei und er keine Angst haben müsse.
Eine Teilarbeitsfähigkeit von 40 bis 50 % könne durchaus bei geeigneter Arbeit erreicht
werden (UV-act. 131-2 f.).
B.b.
Am 12. Februar 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie ihm
Arbeitsvermittlung gewähre (UV-act. 132).
B.c.
Nach einer Untersuchung des Versicherten am 16. März 2020 diagnostizierte
Dr. med. I._, Oberarzt am Schmerzzentrum am KSSG, eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren. Er empfahl u.a. die
Durchführung einer detonisierenden und segmentstabilisierenden Physiotherapie der
Wirbelsäule (Bericht vom 17. März 2020, UV-act. 133-2 ff.). Im Bericht vom 1. Mai 2020
bestätigten die medizinischen Fachpersonen der Klinik J._, gestützt auf die am
B.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
23. März 2020 erfolgte Untersuchung des Versicherten, dass er an einer chronischen
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41) leide. Mit
dem Versicherten sei zwecks Verbesserung der starken körperlichen Beschwerden,
Ein- und Durchschlafstörungen, Verbesserung der Stimmungslage und Erhaltung der
Arbeitsfähigkeit eine integrative psychosomatische Behandlung in der Klinik J._
vereinbart worden (UV-act. 134).
Mit Einspracheentscheid vom 29. Juni 2020 wies die Suva die Einsprache des
Versicherten ab. Sie vertrat den Standpunkt, dass sie den Fall, was die Unfallfolgen
anbelange, zu Recht per 31. Oktober 2019 abgeschlossen und einen Rentenanspruch
verneint habe. Die Bemessung der Integritätsentschädigung mit 10 % sei korrekt.
Gestützt auf die Beurteilung der medizinischen Fachpersonen der Rehaklinik Bellikon
sei von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten auszugehen.
Die nicht objektivierbaren Beschwerden des Versicherten stünden nicht in einem
adäquaten Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis vom 12. Oktober 2018. Dem
Fallabschluss stehe nicht entgegen, dass die IV-Stelle Arbeitsvermittlung gewährt
habe, da es sich hierbei nicht um eine eigentliche Eingliederungsmassnahme gehandelt
habe. Unter Berücksichtigung eines 5%igen Tabellenlohnabzugs resultiere ein nicht
rentenbegründender Invaliditätsgrad von aufgerundet 8 % (UV-act. 138).
B.e.
Dr. med. L._, Oberarzt am Schmerzzentrum am KSSG, berichtete am 12. August
2020, der Versicherte schildere insgesamt eine unveränderte Situation. Analgetika
nehme er im Moment nicht ein. Er habe dies versucht, jedoch aufgrund der fehlenden
Wirkung und wegen Magenproblemen ausgesetzt. Weitere Therapien würden
momentan nicht durchgeführt. Die früher empfohlene detonisierende und
segmentstabilisierende Physiotherapie sei nicht in die Wege geleitetet worden (IV-
act. 56-2 ff.).
B.f.
Am 1. September 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen den
Einspracheentscheid vom 29. Juni 2020 Beschwerde. Er beantragte dessen Aufhebung
und die Ausrichtung der gesetzlichen Leistungen. Eventualiter sei die Sache an die
Beschwerdegegnerin zur Durchführung weiterer medizinischer Abklärungen
zurückzuweisen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Im Wesentlichen
C.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
brachte der Beschwerdeführer zur Begründung vor, im vorliegenden Fall seien die
Eingliederungsbemühungen der IV-Stelle abzuwarten. Selbst wenn davon
ausgegangen würde, dass er wieder eingegliedert werden und eine leidensangepasste
Tätigkeit finden könne, sei derzeit noch offen, ob und in welchem Umfang er eine
solche Tätigkeit effektiv ausüben könne. Bei der Bestimmung des
Invalideneinkommens sei ein Tabellenlohnabzug von 10 % sachgerecht. Aufgrund der
Aktenlage lasse sich eine Integritätsentschädigung von 15 % rechtfertigen (act. G 1).
Mit der Beschwerde reichte er u.a. einen Konsiliarbericht von Dr. med. M._, Facharzt
für Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates, vom 29. April 2020 ein.
Dieser führte darin aus, formal sei das Korrelat für die bestehenden Beschwerden die
posttraumatische Veränderung an der Wirbelsäule. «Damit einhergehend ist die
Einschränkung für jegliche Belastungen durch dann auftretende rein axiale
Beschwerden verständlich». Therapeutisch kämen Infiltrationen infrage (act. G 1.8).
Die Beschwerdegegnerin beantragte in der Beschwerdeantwort vom 21. Oktober
2020 die Abweisung der Beschwerde und verwies zur Begründung auf die
Ausführungen im angefochtenen Einspracheentscheid. Sie reichte das Assessment-
und Verlaufsprotokoll der Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle vom 30. Juni
2020 ein (act. G 5.1). Daraus ergebe sich, dass zu keiner Zeit Massnahmen zur
Diskussion gestanden hätten, die den der Invalidenrente der Unfallversicherung
zugrunde zu legenden Invaliditätsgrad hätten beeinflussen können (act. G 5).
C.b.
In der Replik vom 18. Januar 2021 hielt der Beschwerdeführer unverändert an der
Beschwerde fest (act. G 13).
C.c.
Auf Antrag des Beschwerdeführers (act. G 13, II. 2) zog das Versicherungsgericht
die IV-Akten bei (act. G 16).
C.d.
Die Beschwerdegegnerin brachte in der Duplik vom 12. April 2021 vor, der RAD-
Arzt Dr. med. N._, Facharzt für Chirurgie, gehe in der Stellungnahme vom
24. November 2020 (IV-act. 69) aus somatischer Sicht ebenfalls wie die medizinischen
Fachpersonen der Rehaklinik Bellikon davon aus, dass der Beschwerdeführer bezogen
auf leidensangepasste Tätigkeiten über eine volle Arbeitsfähigkeit verfüge. In Bezug auf
die psychischen bzw. nicht objektivierbaren Beschwerden sei die adäquate
C.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
In der Verfügung vom 19. November 2019 (UV-act. 116) hat die Beschwerdegegnerin
sich explizit zwar nur zu den Ansprüchen auf Rente und Integritätsentschädigung
geäussert. Sie hat einleitend aber immerhin auf ihr Schreiben vom 29. Oktober 2019, in
welchem sie die Heilkosten- und Taggeldleistungen eingestellt hat (UV-act. 99), Bezug
genommen. Der Einsprache ist mit dem Argument, die Eingliederungsbemühungen der
IV seien abzuwarten, sodann zumindest sinngemäss ein Protest gegen die Einstellung
der vorübergehenden Leistungen zu entnehmen. Entsprechend hat die
Beschwerdegegnerin im Einspracheentscheid geprüft, ob sie den Fall «zu Recht per
31.12.2019 abgeschlossen» habe (UV-act. 138-6 Ziff. 2 ff.). In der Beschwerde werden
überdies «Heilungskosten» im Betreff erwähnt, und es wird (umfassend) die Zusprache
der gesetzlichen Leistungen beantragt. Vor diesem Hintergrund sind sowohl die
Einstellung der vorübergehenden Leistungen (Heilkostenübernahme und Taggeld) auf
Ende Oktober 2019 als auch die Abweisung des Rentengesuchs und die Höhe des
Anspruchs auf eine Integritätsentschädigung zum Streitgegenstand des vorliegenden
Verfahrens zu zählen.
Unfallkausalität zu verneinen. Des Weiteren wäre die Rechtsprechung gemäss BGE
141 V 281 zu beachten, die im vorliegenden Fall gegen eine Invalidität spreche, da
«viele IV-fremde Gründe» vorliegen würden. Zudem habe der Beschwerdeführer
gegenüber der Arbeitslosenkasse eine Vermittlungsfähigkeit von 100 % angegeben
(act. G 19).
Der Beschwerdeführer verzichtete stillschweigend auf eine weitere Stellungnahme
(act. G 24).
C.f.
Die Unfallkausalität bildet Anspruchsvoraussetzung für sämtliche
Versicherungsleistungen der Unfallversicherung (Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20]). Eine Leistungspflicht des
Unfallversicherers besteht demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und
adäquat-kausal mit einem versicherten Unfallereignis zusammenhängen (vgl. dazu BGE
129 V 181 f. E. 3.1 f.). Für die Beantwortung der Frage nach dem Bestehen natürlicher
Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf
Angaben ärztlicher Experten oder Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht
1.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
nach den von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist (vgl. Alexandra
Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Bundesgesetz über die Unfallversicherung [UVG], 4. Aufl. 2012, S. 55 und 58).
Zunächst zu beurteilen ist die von der Beschwerdegegnerin per 1. November 2019
angeordnete Einstellung der Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen.
2.1.
Der Anspruch auf Heilbehandlung (Art. 10 UVG) und Taggeld (Art. 16 UVG) endet
spätestens zum Zeitpunkt, in dem von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine
namhafte Besserung des Gesundheitszustands der versicherten Person mehr erwartet
werden kann (Art. 19 Abs. 1 UVG; vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 8. Dezember
2017, 8C_254/2017, E. 4.3, und vom 18. September 2012, 8C_425/2012, E. 4.2). Bei
nicht objektivierbaren Beschwerdebildern, deren adäquate Unfallkausalität sich nach
der sogenannten «Psychopraxis» bestimmt (BGE 115 V 133), stellen die nach
Abschluss der Behandlung von somatischen Unfallfolgen noch
behandlungsbedürftigen psychischen Leiden nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts keinen Grund für einen Aufschub der Einstellung der Heilbehandlungs-
und Taggeldleistungen dar, da die psychischen Beeinträchtigungen für die Beurteilung
der Adäquanz bei der Psychopraxis unberücksichtigt zu bleiben haben (Urteil des
Bundesgerichts vom 29. April 2016, 8C_892/2015, E. 4.1 mit Hinweisen). Sollte die
Prüfung der Kriterien nach BGE 115 V 133 im Zeitpunkt des medizinischen
Endzustands der unfallbedingten somatischen Gesundheitsschäden jedoch zu einer
Bejahung der Adäquanz natürlicher unfallkausaler psychischer Leiden führen, hat der
Unfallversicherer in Nachachtung des in Art. 19 Abs. 1 UVG enthaltenen Grundsatzes
«medizinische Eingliederung vor Rente» bis zum Erreichen des Endzustands des
unfallbedingten psychischen Schadens Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen zu
erbringen. Ist dieser Endzustand erreicht, so ist bezüglich der adäquaten Kausalität
eines allfälligen psychischen Dauerschadens (Erwerbsunfähigkeit und
Integritätsschaden) eine neuerliche Adäquanzprüfung vorzunehmen (Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 2. März 2020, UV 2018/10, E. 2.1 mit Hinweisen auf die
Literatur).
2.2.
Der Begriff der ärztlichen Behandlung setzt eine kontinuierliche, mit einer
gewissen Planmässigkeit auf eine namhafte Verbesserung des Gesundheitszustands
gerichtete Vorkehr voraus. Ärztliche Verlaufskontrollen, die Einnahme von
Medikamenten sowie manualtherapeutische Behandlungen gelten nicht als
kontinuierliche, mit einer gewissen Planmässigkeit auf eine namhafte Verbesserung des
2.2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitszustandes gerichtete ärztliche Behandlung im Sinn der Rechtsprechung
(Urteil des Bundesgerichts vom 22. September 2016, 8C_306/2016, E. 5.3).
Der Begriff «namhaft» bringt zum Ausdruck, dass die durch weitere
Heilbehandlung zu erwartende Besserung ins Gewicht fallen muss. Unbedeutende
Verbesserungen sowie nur vorübergehende Verbesserungen des Gesundheitszustands
oder Verbesserungen allein der Befindlichkeit genügen diesem Erfordernis nicht. Dies
gilt ebenfalls für Massnahmen, die lediglich der Symptombekämpfung dienen und nicht
auf die Heilung des Gesundheitsschadens gerichtet sind (Urteil des Bundesgerichts
vom 27. Mai 2010, 8C_29/2010, E. 4.2). Für die Beendigung des Anspruchs auf
Heilbehandlung im Sinn von Art. 10 UVG ist ein Dahinfallen jeglichen Bedarfs an
medizinischer Behandlung somit nicht vorausgesetzt (Urteil des Bundesgerichts vom
2. Mai 2014, 8C_888/2013, E. 4.1 und E. 4.2.2). Dass die versicherte Person von
weiterer Physiotherapie profitieren kann, genügt im Übrigen nicht, um das Erreichen
eines ärztlich austherapierten Gesundheitszustands im Sinn von Art. 19 Abs. 1 UVG zu
verneinen (siehe anstatt vieler etwa das Urteil des Bundesgerichts vom 3. Dezember
2019, 8C_674/2019, E. 4.3).
2.2.2.
Die Beschwerdegegnerin hat ausführlich und schlüssig dargelegt, dass die nicht
objektivierbaren Schmerzangaben bzw. das psychische Leiden des Beschwerdeführers
(siehe zur chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
[ICD-10: F45.41] UV-act. 134-3 und IV-act. 133-2) in keinem adäquaten
Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis vom 12. Oktober 2018 stehen bzw. steht
(UV-act. 138, S. 8 f.). Darauf ist zu verweisen, zumal der Beschwerdeführer nichts
dagegen vorbrachte bzw. sich damit gar nicht auseinandersetzte. Für die Beurteilung
des Erreichens des medizinischen Endzustands im Sinn von Art. 19 Abs. 1 UVG sind
damit ausschliesslich die objektivierbaren Unfallfolgen an der Wirbelsäule massgebend.
2.3.
Am 11. Juli 2019 legte Dr. D._ anhand der Ergebnisse der bildgebenden
Abklärungen vom 2. Juli 2019 (UV-act. 68) eingehend begründet dar, dass die
Frakturen konsolidiert seien. Wirbelsäulenchirurgische Therapievorschläge machte er
keine (UV-act. 73). Wie sich aus dem Bericht von Dr. med. univ. O._, Facharzt für
Radiologie, vom 21. Oktober 2020 bzw. der von ihm gleichentags durchgeführten
bildgebenden Abklärung ergibt, blieb der Gesundheitszustand in der Folge stationär
(IV-act. 68-11). Dr. L._ gelangte im Bericht vom 12. August 2020 ebenfalls zum
Schluss, dass bereits im Juli 2019 keine erhöhte Instabilität im Bereich der
gebrochenen Wirbel mehr bestanden habe, sondern sogar eine Konsolidierung der
gebrochenen Wirbel erkennbar gewesen sei (IV-act. 56-3 unten mit skeptischen
Ausführungen zu Erweiterungen der Schmerztherapie etwa mit Infiltrationen). Im
2.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rahmen der stationären Rehabilitation in der Rehaklinik Bellikon vom 12. August bis
17. September 2019 konnte keine namhafte Verbesserung der Beschwerden erzielt
werden. Die dort behandelnden medizinischen Fachpersonen empfahlen im
Austrittsbericht vom 3. Oktober 2019 lediglich die Fortführung des instruierten
Heimprogramms (UV-act. 95-2). Die analgetische Bedarfsmedikation war wirkungslos
geblieben (UV-act. 95-4). Die am 14. August 2019 durchgeführte bildgebende
Abklärung (BWS ap und lateral) hatte eine stationäre Situation gezeigt (UV-act. 95-10).
Aus den übrigen Akten ergeben sich keine Hinweise auf ärztliche
Behandlungsmöglichkeiten, von denen noch eine namhafte Besserung des
objektivierbaren Gesundheitsschadens an der Wirbelsäule hätte erwartet werden
können. Dies gilt umso mehr, als auch Dr. G._ wenige Wochen später im Bericht vom
11. Dezember 2019 die Auffassung vertrat, eine Kyphoplastie sei bei konsolidierten
Wirbelkörpern wahrscheinlich nicht mehr möglich. Im Übrigen hielt er fest, «die
Physiotherapie und Schmerztherapie scheint ausgeschöpft» (UV-act. 121-3). Dr. H._
vermochte ebenfalls keine weiteren wirbelsäulenchirurgischen Behandlungsvorschläge
zu machen und hielt weiterhin ein konservatives Vorgehen für indiziert. Die von ihr
empfohlene multimodale Schmerztherapie erfolgte hauptsächlich mit Blick auf die
Diskrepanzen in der Schmerzpräsentation und die nicht somatischen Ursachen der
Beschwerden (Bericht vom 15. Januar 2020, UV-act. 131), womit offenbleiben kann, ob
es sich hierbei überhaupt um einen der Verbesserung des Gesundheitszustands oder
lediglich um einen der Symptombekämpfung dienenden Vorschlag handelte.
Nichts zu seinen Gunsten vermag der Beschwerdeführer aus dem von ihm ins Feld
geführten Bericht von Dr. M._ vom 23. April 2020 (IV-act. 41-4 f.; act. G 13, S. 2
Mitte) abzuleiten. Denn weder daraus noch aus dem danach erstatteten Bericht vom
29. April 2020 (act. G 1.8) ergeben sich Hinweise auf eine Verschlechterung der
objektivierbaren Unfallfolgen oder aussagekräftige Einschätzungen zu im Sinn von
Art. 19 Abs. 1 UVG erfolgversprechenden ärztlichen Massnahmen, welche die
Einschätzung der medizinischen Fachpersonen der Rehaklinik Bellikon infrage zu
stellen vermögen. Insbesondere äusserte sich Dr. M._ ebenfalls deutlich
zurückhaltend bezüglich operativer Massnahmen (act. G 1.8, S. 2). Dem Bericht vom
23. April 2020 lässt sich allerdings entnehmen, dass der Beschwerdeführer – entgegen
seinen bisherigen gegenüber der Beschwerdegegnerin gemachten Aussagen («Vor
diesem Ereignis hatte ich nie Rückenprobleme», UV-act. 31-1 unten) – bereits vor dem
Unfall vom 12. Oktober 2018 an «gelegentlichen Rückenschmerzen» litt. Auf weitere
Abklärungen zu diesem Vorzustand kann indessen vorliegend mangels Bedeutung für
die Entscheidfindung verzichtet werden.
2.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Licht der vorstehend dargestellten Umstände ist nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin bezüglich der somatischen Unfallfolgen im Oktober 2019 von
einem medizinischen Endzustand ausging und die Heilbehandlungs- und
Taggeldleistungen auf den 1. November 2019 einstellte. Bezüglich der
Taggeldleistungen ist der Vollständigkeit halber zu ergänzen, dass der
Beschwerdeführer ab November 2019 ohnehin bei einer Vermittlungsfähigkeit von
100 % ein Taggeld der Arbeitslosenversicherung bezog (IV-act. 64) und damit
gegenüber der Beschwerdegegnerin kein Taggeldanspruch mehr bestand (Art. 25
Abs. 3 der Verordnung über die Unfallversicherung [UVV; SR 832.202]).
2.6.
Eine allfällige Verzögerung der beruflichen Eingliederung durch die
Invalidenversicherung ändert nichts am medizinischen Endzustand der Unfallfolgen
bzw. daran, dass auf diesen Zeitpunkt hin die Einstellung der Heilbehandlungs- und
Taggeldleistungen zu erfolgen hat (Urteil des Bundesgerichts vom 28. Mai 2009,
8C_306/2009, E. 4.3). Wie die Beschwerdegegnerin ausserdem zutreffend unter
Hinweis auf das Assessment- und Verlaufsprotokoll der Eingliederungsverantwortlichen
der IV-Stelle vom 30. Juni 2020 (act. G 5.1) darlegte (UV-act. 138-9 und act. G 5),
standen beim Beschwerdeführer, der über keine qualifizierte Berufsausbildung verfügt
(IV-act. 1-5 und act. G 5.1, S. 1), im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren zu
keiner Zeit Eingliederungsmassnahmen zur Diskussion, welche geeignet gewesen
wären, den unfallbedingten Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht
kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]) in einem
rentenrelevanten Ausmass zu verringern (Urteil des Bundesgerichts vom 14. Januar
2016, 8C_651/2015, E. 3.2.2). Insbesondere stellt die von der IV-Stelle gewährte
Arbeitsvermittlung (UV-act. 132-2 f.) keine Eingliederungsmassnahme im Sinn von
Art. 19 Abs. 1 und Abs. 3 UVG dar (Urteil des Bundesgerichts vom 18. Oktober 2012,
8C_657/2012, E. 2.2.2). Ausserdem ist unabhängig von der konkret in Betracht
fallenden Eingliederungsmassnahme über den (definitiven) Rentenanspruch im Sinn
von Art. 19 Abs. 1 UVG zu befinden, wenn – wie vorliegend (siehe nachstehende E. 3.5)
– bereits nach dem Abschluss der medizinischen Eingliederung kein
rentenbegründender Mindestinvaliditätsgrad von 10 % (Art. 18 Abs. 1 UVG) resultiert
(Urteil des Bundesgerichts vom 14. Januar 2016, 8C_651/2015, E. 3.2.2). Die
Beschwerdegegnerin durfte daher direkt und unabhängig vom
invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren zur Beurteilung eines Anspruchs auf eine
(definitive) Invalidenrente im Sinn von Art. 19 Abs. 1 UVG schreiten (siehe hierzu
nachstehende E. 3.1 ff.).
2.7.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Zu prüfen ist des Weiteren der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Invalidenrente.
3.1.
Ist eine versicherte Person infolge des Unfalls zu mindestens 10 % invalid (Art. 8
ATSG), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente, sofern sich der Unfall vor Erreichen
des ordentlichen Rentenalters ereignet hat (Art. 18 Abs. 1 UVG).
3.2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
medizinischen Berichts ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
3.3.
Die medizinischen Fachpersonen der Rehaklinik Bellikon bescheinigten dem
Beschwerdeführer im Austrittsbericht vom 3. Oktober 2019 aus «unfallkausaler Sicht»
bzw. unter Berücksichtigung ausschliesslich der objektivierbaren Unfallfolgen eine
100%ige Arbeitsfähigkeit für dem Rückenleiden angepasste («keine längerdauernde
Einnahme von Zwangshaltungen, keine Schläge/Vibrationsbelastung»), leichte bis
mittelschwere Arbeiten (UV-act. 95-2). Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung beruht auf
einer umfassenden Berücksichtigung der vom Beschwerdeführer geklagten Leiden und
auf im Rahmen einer mehrwöchigen stationären Rehabilitation, einschliesslich
klinischer Untersuchung und durchgeführter Belastungstests, gewonnenen
Erkenntnissen. Der Arbeitsfähigkeitsschätzung liegen des Weiteren bildgebende
Abklärungsergebnisse vom 14. August 2019 (UV-act. 95-10) zugrunde, womit sich der
Austrittsbericht auf allseitige Untersuchungen stützt. Nicht unfallkausale Faktoren
wurden zu Recht ausgeklammert und insbesondere das dysfunktionale
Schmerzverhalten des Beschwerdeführers gewürdigt. Die Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und die Beurteilung der objektivierbaren Unfallfolgen durch die
medizinischen Fachpersonen der Rehaklinik Bellikon leuchten ein. Auch der RAD-Arzt
Dr. N._ schloss sich dieser Beurteilung an (Stellungnahme vom 24. November 2020,
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-act. 69-4). Aus den übrigen medizinischen Akten gehen keine für die Beurteilung der
objektiven Unfallfolgen relevante Gesichtspunkte hervor, welche die medizinischen
Fachpersonen der Rehaklinik Bellikon ausser Acht gelassen hätten. Der
Beschwerdeführer brachte ausserdem keine substanziierte Kritik an der von den
medizinischen Fachpersonen der Rehaklinik Bellikon vorgenommenen
Arbeitsfähigkeitsschätzung vor (vgl. act. G 1 und G 13). Vielmehr ging er gegenüber der
Arbeitslosenversicherung ebenfalls davon aus, dass er für leidensangepasste
Tätigkeiten über eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit verfügt (zur von ihm geltend
gemachten und von der Arbeitslosenkasse anerkannten 100%igen
Vermittlungsfähigkeit siehe IV-act. 64).
Der von der Beschwerdegegnerin vorgenommene Einkommensvergleich ist
ausführlich und schlüssig begründet. Er blieb vom Beschwerdeführer denn auch an
sich unbestritten (vgl. act. G 1 und act. G 13). Dieser macht einzig geltend, der von der
Beschwerdegegnerin gewährte Tabellenlohnabzug von 5 % sei auf 10 % zu erhöhen
(act. G 1, Rz 19). Zur Begründung brachte er ausschliesslich vor, die
Integritätsentschädigung habe 10 % betragen. Allein dieser Umstand deute darauf hin,
dass eine Einschränkung vorliege, welche sich invalidisierend (im Sinne des UVG)
auswirken könne (act. G 1, Rz 19). Allerdings legt der Beschwerdeführer weder dar
noch ist erkennbar, inwiefern die Höhe einer Integritätsentschädigung Rückschlüsse
auf über die Arbeitsunfähigkeit hinausgehende lohnwirksame Nachteile auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt zulässt. Er verkennt bei seinem Vorbringen, dass das
versicherte Gut bzw. der versicherte Schaden beim Anspruch auf eine
Integritätsentschädigung nicht das Erwerbspotenzial einer versicherten Person auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt bzw. dessen Verlust ist. Art. 24 UVG versichert die
körperliche, geistige und psychische Integrität gegen erhebliche Schädigung und steht
damit in keinem relevantem Zusammenhang mit der konkreten Erwerbsfähigkeit bzw.
deren konkreter Beeinträchtigung (siehe zum Ganzen nachstehende E. 4.2). In
Anbetracht des noch nicht weit fortgeschrittenen Erwerbsalters des Beschwerdeführers
(geboren 1972, UV-act. 1) und der uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten, die auch bis mittelschwere, dem Rückenleiden
angepasste Arbeiten umfasst (UV-act. 95-2 Mitte), besteht jedenfalls kein Anlass, den
von der Beschwerdegegnerin gewährten 5%igen Tabellenlohnabzug zu erhöhen. Die
Beschwerdegegnerin hat folglich zu Recht einen nicht rentenbegründenden
Invaliditätsgrad ermittelt und das Rentengesuch abgewiesen.
3.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Es verbleibt die Prüfung der Höhe des Anspruchs auf eine
Integritätsentschädigung. Die Beschwerdegegnerin sprach dem Beschwerdeführer
gestützt auf die Beurteilung ihres Versicherungsmediziners Dr. F._ vom 28. Oktober
2019 (UV-act. 98) eine 10%ige Integritätsentschädigung zu.
4.1.
Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebliche
Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie
Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung (Art. 24 Abs. 1 UVG). Die
Integritätsentschädigung wird gemäss Art. 25 Abs. 1 UVG entsprechend der Schwere
des Integritätsschadens abgestuft. Bei gleichem medizinischem Befund ist der
Integritätsschaden für alle Versicherten gleich; er wird abstrakt und egalitär bemessen.
Spezielle Behinderungen der betroffenen Person bleiben dabei unberücksichtigt (BGE
124 V 35 E. 3c, 113 V 221 E. 4b). Die Bemessung des Integritätsschadens hängt somit
nicht von den besonderen Umständen des Einzelfalls ab; es geht vielmehr um die
medizinisch-theoretische Ermittlung der Beeinträchtigung der körperlichen und/oder
geistigen bzw. psychischen Integrität, wobei subjektive Faktoren ausser Acht zu lassen
sind (BGE 115 V 147 E. 1). Nach Art. 36 Abs. 2 UVV wird die Integritätsentschädigung
gemäss den Richtlinien des Anhangs 3 zur UVV bemessen. Dieser Anhang enthält eine
als gesetzmässig und nicht abschliessend anerkannte Skala. Die medizinische
Abteilung der Suva hat in Weiterentwicklung der bundesrätlichen Skala zusätzliche
Bemessungsgrundlagen in tabellarischer Form (sogenannte Feinraster) erarbeitet.
Diese Tabellen enthalten Richtwerte, mit denen die Gleichbehandlung aller Versicherten
gewährleistet werden soll; sie sind mit dem Anhang 3 zur UVV vereinbar (BGE 124 V 32
E. 1c mit Hinweis).
4.2.
Dr. F._ legte seiner Schätzung des Integritätsschadens für die objektivierbaren
Unfallfolgen den Feinraster von Tabelle 7.2 zugrunde und begründete schlüssig und im
Einklang mit der Rechtslage (siehe vorstehende E. 4.2), weshalb er auf den Mittelwert
der vorgegebenen Bandbreite von 5 bis 15 % abstellte, worauf zu verweisen ist (UV-
act. 98). Der Beschwerdeführer legt denn auch gar nicht konkret dar, weshalb diese
fachliche Ermessensausübung unrichtig wäre bzw. welche relevanten Gesichtspunkte
zu Unrecht ausser Acht gelassen worden wären. Vielmehr beschränkt er sich in der
Beschwerde – wie bereits in der Einsprache vom 6. Januar 2020 (UV-act. 124-3) – auf
die nicht näher substanziierte Behauptung, aufgrund der Aktenlage lasse sich eine
Integritätsentschädigung von 15 % rechtfertigen, weshalb diese entsprechend
anzuheben sei (act. G 1, Rz 20). Anzufügen bleibt, dass die gesamte übrige
medizinische Aktenlage keine Aussage zu einem Integritätsschaden enthält.
4.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Gemäss vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember
2020 gültigen, für das vorliegende Verfahren gemäss Art. 82a ATSG noch
anwendbaren Fassung). Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung.