Decision ID: 0300c651-a082-4571-a969-3e2d129833f5
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Drohung etc. (Rückweisung des Schweizerischen )
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Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Hinwil vom 22. September 2011 (DG110008); Urteil des Obergerichtes des Kantons Zürich, II. , vom 6. Februar 2013 (SB120068); Urteil des Schweizerischen  vom 24. Juni 2013 (6B_263/2013)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 27. April
2011 (Urk. 119) ist diesem Urteil beigeheftet.
Beschluss der Vorinstanz:
Auf die Anklage betreffend der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126
Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB, des mehrfachen Miss-
brauchs einer Fernmeldeanlage im Sinne von Art. 179septies StGB und des
mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen im Sinne von Art. 292
StGB wird nicht eingetreten, soweit es um Sachverhalte geht, die sich nach der
Anklage vor dem 22. September 2008 zugetragen haben sollen.
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte ist schuldig
− der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB in Verbindung mit
Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB,
− der mehrfachen Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1
StGB,
− des mehrfachen Missbrauchs einer Fernmeldeanlage im Sinne von
Art. 179septies StGB,
− der mehrfachen Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB in Verbin-
dung mit Art. 180 Abs. 2 lit. a StGB,
− des mehrfachen Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB,
− des mehrfachen Entziehens von Unmündigen im Sinne von Art. 220
StGB,
− des mehrfachen Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen im Sinne
von Art. 292 StGB,
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− des geringfügigen Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB in Ver-
bindung mit Art. 139 Ziff. 4 StGB in Verbindung mit Art. 172ter Abs. 1
StGB.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit 12 Monaten Freiheitsstrafe, wobei die
gesamte Strafe durch Haft erstanden ist.
3. Es wird eine ambulante Behandlung der Beschuldigten im Sinne von
Art. 63 StGB (Behandlung psychischer Störungen) angeordnet.
4. Der Privatkläger wird mit seinen Zivilforderungen auf den Weg des Zivilpro-
zesses verwiesen.
5. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 6'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 15'944.40 Untersuchungskosten
Fr. 10'152.80 Gutachten
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden der
Beschuldigten auferlegt, aber abgeschrieben. Die Kosten der amtlichen
Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt
eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
7. Der Beschuldigten wird keine Genugtuung zugesprochen.
Weiterer Beschluss der Vorinstanz:
1. Folgende mit Verfügung der Staatsanwaltschaft See / Oberland vom
11. August 2008 beschlagnahmten Gegenstände werden der Beschuldigten
herausgegeben:
− 1 Holzleim der Marke "Forbo",
− 1 Universalkleber der Marke "Forbo",
− 1 Alleskleber der Marke "UHU",
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− 1 Stift, silberfarbig, sowie
− 1 Jacke, schwarz, mit verklebter Brusttasche.
2. Folgende mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
25. November 2008 beschlagnahmten Gegenstände werden dem Privatklä-
ger ausgehändigt:
− 1 Agenda "2008", schwarz, sowie
− 1 PostFinance-Karte, Nr. ..., Konto-Nr. ..., lautend auf B._.
3. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 16. Juli 2009 beschlagnahmten Gegenstände werden der Beschuldig-
ten ausgehändigt:
− 1 Brotmesser, Klingenlänge ca. 19 cm,
− 2 Küchenmesser, Klingenlänge je ca. 11 cm, sowie
− 1 Küchenmesser, Klingenlänge ca. 11 cm, aus Bauchtasche, schwarz,
− 1 Bauchtasche, schwarz,
− 1 Ladekabel der Marke "Sony Ericsson",
− 1 Ladekabel der Marke "Samsung",
− 1 Mobiltelefon der Marke "Samsung" sowie
− 1 Ringbuch "College-Block".
4. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 4. November 2009 beschlagnahmten Gegenstände werden definitiv
eingezogen und vernichtet:
− 1 Brecheisen, gelb (verpackt in schwarzem Stoffsack),
− 1 KABA 20 Schlüssel, ohne Nummer,
− 1 Pet-Flasche mit unbekanntem, flüssigem Inhalt (mutmasslich Brand-
beschleuniger),
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− 1 Wegweiser aus Karton mit Aufschrift "Lokal der Blutspende - ohne
Blut läuft gar nichts".
5. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 4. November 2009 beschlagnahmten Gegenstände werden der Be-
schuldigten ausgehändigt:
− 1 Tagebuch, College Ringbuchblock, A-4,
− 1 (Kauf-) Quittung "Schuh+Schlüssel ...",
− 5 (Küchen-)Messer,
− 1 Pack Rasierklingen der Marke "CadeaVera" à 10 Stück,
− 1 Mobiltelefon der Marke "Nokia", rot, Model 5130c-2, IMEI-NR. ...,
verpackt in "Füssling".
6. Der folgende mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 4. November 2009 beschlagnahmte Gegenstand wird dem Privatkläger
ausgehändigt:
− 1 Navigationsgerät der Marke "Medon", Modell E3115 M5, GoPal.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 239 S. 2)
1. Der Berufungsklägerin sei eine Genugtuung in Höhe von CHF
60'000.00 zuzusprechen;
2. Die Kosten des Berufungsverfahrens, einschliesslich derjenigen der
amtlichen Verteidigung, seien auf die Gerichtskasse zu nehmen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 245 S. 1)
keine Anträge
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
1. Mit Urteil vom 22. September 2011 verurteilte das Bezirksgericht Hinwil
die Beschuldigte wegen Tätlichkeiten, mehrfacher Sachbeschädigung, mehrfa-
chen Missbrauchs einer Fernmeldeanlage, mehrfacher Drohung, mehrfachen
Hausfriedensbruchs, mehrfachen Entziehens von Unmündigen, mehrfachen Un-
gehorsams gegen amtliche Verfügungen und geringfügigen Diebstahls. Es be-
strafte sie mit 12 Monaten Freiheitsstrafe, welche bereits durch Haft erstanden
waren, und ordnete eine ambulante Behandlung der Beschuldigten wegen psy-
chischer Störungen an. Auf diverse Übertretungen, die länger als drei Jahre zu-
rücklagen, trat das Gericht wegen Verjährung nicht ein. Der Privatkläger wurde
mit seinen Zivilforderungen auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen, und der
Beschuldigten wurde keine Genugtuung zugesprochen (Urk. 158).
Dem Urteil vom 22. September 2011 war ein längeres Hin und Her voraus-
gegangen, beginnend mit der Anklage der Staatsanwaltschaft gegen die Beschul-
digte vom 12. August 2008, welche Anklage wieder zurückgezogen wurde. Es
folgten kurz zusammengefasst die weiteren prozessualen Schritte: 28.11.08 er-
neute Anklagerhebung, 22.12.08 Nichtzulassung derselben, 16.06.09 erstes psy-
chiatrisches Gutachten über die Beschuldigte, 21.07.09 Erstattung eines ersten
Berichts und Antrags der Staatsanwaltschaft (wegen Schuldunfähigkeit der Be-
schuldigten), 26.11.09 Hauptverhandlung, 07.01.10 Beschluss des Bezirksge-
richts Hinwil auf Feststellung der Schuldunfähigkeit der Beschuldigten und auf
Anordnung einer stationären Massnahme, 18.01.10 Erstattung eines zweiten Be-
richts und Antrags der Staatsanwaltschaft an das Bezirksgericht (betreffend neue
Delikte), 13.04.10 Gutheissung des gegen den Beschluss vom 07.01.10 erhobe-
nen Rekurses durch das Obergericht und Rückweisung ans Bezirksgericht,
22.04.10 Hauptverhandlung, 29.04.10 Vereinigung des neuen Verfahrens und des
rückgewiesenen durch das Bezirksgericht, 03.07.10 zweites psychiatrisches Gut-
achten über die Beschuldigte, 09.12.10 Fortsetzung der Hauptverhandlung und
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Nichteintreten des Bezirksgerichts auf den zweiten Bericht und Antrag der Staats-
anwaltschaft und Aktenrückleitung an dieselbe zur allfälligen Erhebung einer An-
klage, 27.04.11 Anklageerhebung, 22.09.11 Hauptverhandlung.
2. Gegen das Urteil des Bezirksgerichts Hinwil vom 22. September 2011,
welches der Beschuldigten und dem Privatkläger am 4. Oktober 2011 und der
Staatsanwaltschaft am 5. Oktober 2011 schriftlich im Dispositiv zugestellt worden
war (Urk. 140), meldeten am 5., 6. bzw. 13. Oktober 2011 sowohl die Beschuldig-
te als auch die Staatsanwaltschaft und der Privatkläger rechtzeitig Berufung an
(Urk. 142, 141, 147). Das schriftlich begründete Urteil wurde der Beschuldigten
und dem Privatkläger am 18. Januar 2012 und der Staatsanwaltschaft am 19. Ja-
nuar 2012 zugestellt (Urk. 154). Die Berufungserklärungen folgten unterm 27. Ja-
nuar 2012 bzw. 6. und 7. Februar 2012: Während sich die Berufung der Beschul-
digten einzig auf die Frage von Entschädigung und Genugtuung für die Überhaft
bezog (Urk. 166), beantragte die Staatsanwaltschaft berufungshalber eine Ver-
schärfung der Sanktion auf drei Jahre Freiheitsstrafe und Fr. 1'000.– Busse; zu-
dem sei nicht bloss eine ambulante, sondern eine stationäre Massnahme anzu-
ordnen (Urk. 165). Auch der Privatkläger verlangte mit seiner Berufung die An-
ordnung einer stationären Massnahme sowie eine Verurteilung "im Sinne der An-
klage" (Urk. 160). Mit Eingabe vom 12. März 2012 (Urk. 171) liess die Beschuldig-
te beantragen, es sei auf die Berufung des Privatklägers nicht einzutreten bzw.
sie sei abzuweisen und es sei die Appellation der Staatsanwaltschaft mit Aus-
nahme des Antrags auf Aussprechung einer zusätzlichen Übertretungsbusse (von
maximal Fr. 300.–) ebenfalls abzuweisen. Sodann liess die Beschuldigte gegen-
über den Berufungen des Privatklägers und der Staatsanwaltschaft Anschlussbe-
rufung erklären.
Mit Beschluss der Berufungskammer vom 11. April 2012 wurde auf die Beru-
fung des Privatklägers, soweit den Sanktionspunkt betreffend, nicht eingetreten
(Urk. 176). Am 14. August 2012 zog der Privatkläger seine Berufung zurück
(Urk. 180). Davon wurde mit Beschluss vom 16. August 2012 Vormerk genom-
men, und es wurde die diesbezügliche Anschlussberufung der Beschuldigten als
hinfällig erklärt (Urk. 182).
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Am 3. Oktober 2012 hat auch die Staatsanwaltschaft die Berufung zurück-
gezogen (Urk. 193). Davon wurde mit Beschluss vom 16. Oktober 2012 Vormerk
genommen, und es wurde auch die diesbezügliche Anschlussberufung der Be-
schuldigten als hinfällig erklärt (Urk. 195). Das Verfahren beschränkt sich folglich
auf die Berufung der Beschuldigten, mit welcher nur Dispositivziffer 7 des vor-
instanzlichen Urteils, mit welcher der Beschuldigten keine Genugtuung zugespro-
chen wurde, angefochten wird. Deshalb wurde ebenfalls mit Beschluss vom
16. Oktober 2012 festgestellt, dass das Urteil des Bezirksgerichtes Hinwil vom
22. September 2011 bezüglich Dispositivziffern 1 (Schuldpunkt), 2 (Strafe), 3
(Massnahme), 4 (Verweis Zivilforderung auf Zivilweg), 5 und 6 (Kostendispositiv)
sowie die gleichentags ergangenen Beschlüsse (Nichteintreten; Herausgabe und
Einziehung von Gegenständen) in Rechtkraft erwachsen sind (Urk. 195).
Mit erwähntem Beschluss vom 16. Oktober 2012 wurde gestützt auf Art. 406
Abs. 1 lit. d StPO die Durchführung des schriftlichen Verfahrens angeordnet und
der Beschuldigten Frist zur Begründung der Berufung und zum Stellen allfälliger
Beweisanträge angesetzt (Urk. 195). Die Berufungsbegründung erfolgte mit Ein-
gabe vom 6. November 2012 (Urk. 198). Mit Präsidialverfügung vom 9. November
2012 wurde der Staatsanwaltschaft sodann Frist zur Einreichung der Berufungs-
antwort und zum Stellen von Beweisanträgen, soweit nötig, angesetzt und der
Vorinstanz Gelegenheit zur freigestellten Vernehmlassung eingeräumt (Urk. 200).
Die Vorinstanz verzichtete auf Vernehmlassung (Urk. 202). Die Berufungsantwort
der Staatsanwaltschaft erfolgte mit Schreiben vom 30. November 2012 (Urk. 205).
Mit Präsidialverfügung vom 3. Dezember 2012 wurde der Beschuldigten Frist zur
Replik eingeräumt (Urk. 207), welche mit Eingabe vom 10. Dezember 2012 erfolg-
te (Urk. 211). Anschliessend wurde der Staatsanwaltschaft mit Präsidialverfügung
vom 12. Dezember 2012 Frist zur Duplik eingeräumt (Urk. 213). Innert Frist erfolg-
te keine Stellungnahme zur Replik (vgl. Urk. 214/3), weshalb von einem Verzicht
auf eine solche auszugehen ist.
3. Mit Urteil vom 6. Februar 2013 sprach die II. Strafkammer des Oberge-
richts des Kantons Zürich der Beschuldigten für Überhaft eine Genugtuung von
Fr. 20'900.– aus der Staatskasse zu. Auf die Berufungsanträge der Beschuldigten
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in Zusammenhang mit der vorinstanzlichen Kostenregelung und der Schadloshal-
tung der Beschuldigten für weitere Kosten, welche die Beschuldigte (erst) mit der
Berufungsbegründung stellte, trat die II. Strafkammer des Obergerichts des Kan-
tons Zürich mit gleichentags erfolgtem Beschluss nicht ein (Urk. 218).
4. Gegen das Urteil erhob die Beschuldigte am 11. März 2013 Beschwer-
de in Strafsachen (Urk. 224/2). Diese wurde vom Bundesgericht, Strafrechtliche
Abteilung, mit Urteil vom 24. Juni 2013 gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts
des Kantons Zürich vom 6. Februar 2013 aufgehoben und die Sache zu neuer
Entscheidung an das Obergericht zurückgewiesen (Urk. 229 = Urk. 230).
5. Auf Anfrage des Präsidenten der II. Strafkammer erklärten sich der
Vertreter des Privatklägers, die Staatsanwaltschaft und der Verteidiger mit
E-Mails vom 15. Juli 2013 mit der schriftlichen Durchführung des Berufungsver-
fahrens einverstanden (Urk. 231-234). Davon wurde mit Präsidialverfügung vom
16. Juli 2013 Vormerk genommen und der Beschuldigten Frist zur Begründung
der Berufung angesetzt (Urk. 235). Diese erfolgte mit Eingabe des Verteidigers
vom 29. August 2013 (Urk. 239) sowie mit einer Ergänzung durch die Beschuldig-
te persönlich vom 14. September 2013 (Urk. 241). Mit Präsidialverfügung vom
17. September 2013 wurde der Staatsanwaltschaft Frist zur Berufungsantwort
angesetzt (Urk. 242). Die Staatsanwaltschaft verzichtete mit Eingabe vom 4. Ok-
tober 2013 auf eine Berufungsantwort (Urk. 245).
II. Prozessuales
1. Hebt das Bundesgericht einen Entscheid auf und weist es die Sache zu
neuer Beurteilung an die kantonale Instanz zurück, so wird der Streit in jenes Sta-
dium vor der kantonalen Instanz zurückversetzt, in dem er sich vor Erlass des an-
gefochtenen Entscheides befunden hat. Die kantonale Instanz hat ihrem neuen
Entscheid die rechtliche Begründung der Kassationsinstanz zu Grunde zu legen.
Auch wenn Art. 107 Abs. 2 des Bundesgerichtsgesetzes (BGG, SR 173.110) die
Regelung von Art. 277ter Abs. 2 aBStP beziehungsweise Art. 66 aOG nicht aus-
drücklich übernommen hat, gilt dieser Grundsatz ebenso unter dem seit dem
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1. Januar 2007 geltenden Bundesgerichtsgesetz (Seiler/von Werdt/Güngerich,
Bundesgerichtsgesetz, Handkommentar, Bern 2007, Art. 107 N 9). Die Vorinstanz
– mithin die erkennende Kammer – ist somit an die Auffassung des Bundesge-
richtes gebunden. Das Bundesgerichtsgesetz kennt das Institut der Teilrechtskraft
nicht. Im aktuellen Berufungsverfahren sind daher grundsätzlich alle bereits im
ersten Berufungsverfahren umstrittenen Punkte nochmals zu überprüfen. Aller-
dings galt schon unter dem bisherigen Recht, dass die kantonale Behörde, die
nach der Rückweisung neu entscheiden muss, nur in jenen Punkten auf ihr Urteil
zurückkommen darf, die zur Aufhebung des angefochtenen Entscheides durch
das Bundesgericht geführt haben, selbst wenn aus formellen Gründen das ganze
Urteil aufgehoben wurde (BGE 123 IV 1 E. 1; BGE 121 IV 109 E. 7; BGE 110 IV
116). Entscheidend ist auf die materielle Tragweite des bundesgerichtlichen Ur-
teils abzustellen und folglich danach zu fragen, ob damit der kantonale Entscheid
insgesamt oder nur teilweise aufgehoben wurde.
2. Der Beschluss der II. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zü-
rich vom 6. Februar 2013, mit welchem auf die Berufungsanträge der Beschuldig-
ten in Zusammenhang mit der vorinstanzlichen Kostenregelung und der Schad-
loshaltung der Beschuldigten für weitere Kosten, welche die Beschuldigte (erst)
mit der Berufungsbegründung stellte, nicht eintrat (vgl. Urk. 218), bildete nicht
Gegenstand der Beschwerde ans Bundesgericht. Im vorliegenden Berufungsver-
fahren stellte die Beschuldigte die entsprechenden Anträge (vgl. Urk. 198 S. 2,
Anträge Ziff. 1 und 2) sodann nicht mehr (Urk. 239 S. 2). Damit ist dies in diesem
Berufungsverfahren kein Thema mehr.
In der Berufungsbegründung im ersten Berufungsverfahren machte die
Staatsanwaltschaft geltend, im Falle von einer zu entschädigenden Überhaft be-
stünde die Möglichkeit, diese mit einer gegen die Beschuldigte im nunmehr an-
stehenden erstinstanzlichen Gerichtsverfahren neu auszufällenden Sanktion zu
verrechnen (Urk. 205 S. 2). Die II. Strafkammer des Obergerichts des Kantons
Zürich sah im Urteil vom 6. Februar 2013 von einer Verrechnung ab (Urk. 218
S. 17 f.). Auch dies war weder Thema im Beschwerdeverfahren vor Bundesge-
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richt noch wurde es von der Staatsanwaltschaft im vorliegenden Berufungsverfah-
ren erneut thematisiert (Urk. 245), weshalb darauf nicht mehr einzugehen ist.
Erneut zu beurteilen ist indes das Begehren um Zusprechung einer Genug-
tuung wegen Überhaft. Das Bundesgericht hatte diesbezüglich erwogen, dass das
rechtliche Gehör nach Art. 29 Abs. 2 BV verlange, dass die Behörde die Vorbrin-
gen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hö-
re, prüfe und in der Entscheidfindung berücksichtige. Nicht erforderlich sei, dass
sie sich mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetze und jedes ein-
zelne Vorbringen ausdrücklich widerlege. Vielmehr könne sie sich auf die für den
Entscheid wesentlichen Punkte beschränken. Die Begründung müsse so abge-
fasst sein, dass sich der Betroffene über die Tragweite des Entscheids Rechen-
schaft geben und ihn in voller Kenntnis der Sache an die höhere Instanz weiter-
ziehen könne. In diesem Sinne müssten wenigstens kurz die Überlegungen ge-
nannt werden, von denen sich die Behörde habe leiten lassen und auf die sich ihr
Entscheid stütze (Urk. 230 S. 3). Weiter führte das Bundesgericht aus, dass die
Vorinstanz zwar eine Genugtuung für die Überhaft von 209 Tagen zugesprochen
habe, es sei der vorinstanzlichen Begründung jedoch nicht zu entnehmen, ob und
wie sie die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten aussergewöhnlichen
Umstände berücksichtige. Da die Beschwerdeführerin in ihrer Berufungsbegrün-
dung ausführlich dargelegt habe, weshalb sich die konkreten Umstände genugtu-
ungserhöhend hätten auswirken müssen, hätte sich die Vorinstanz damit ausei-
nandersetzen müssen. Lediglich die bundesgerichtliche Rechtsprechung zu zitie-
ren und ohne weitere Ausführungen von einem Regelfall auszugehen, verletze
das rechtliche Gehör. Das Bundesgericht könne nicht prüfen, ob die Vorinstanz
ihr Ermessen rechtskonform ausgeübt habe (Urk. 230 S. 3 f.).
III. Materielles
1. Die Beschuldigte befand sich zwischen dem 1. Oktober 2008 und dem
6. August 2010 mit Unterbrüchen insgesamt während 574 Tagen in staatlichem
Gewahrsam (Polizeiverhaft [HDa 17.4, HDa 17.9, HDa 23.35, HDa 23.43, HD
21.3, HD 21.9], Untersuchungshaft [HDa 17.9, HDa 23.33, HD 21.9, HD 21.18],
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Sicherheitshaft und Massnahmevollzug [HD 21.18, HD 11.10, HD 11.12, HD 38,
HD 59 bzw. Urk. 186/7], Ersatzmassnahme in Klinik [HD 59 bzw. Urk. 186/7, HD
65]; vgl. auch Urk. 198 S. 3 sowie Anklageschrift in Urk. 119, wobei die letzte Si-
cherheitshaft, anders als dort aufgeführt, am 1. Juli 2010 endete und sich ab
2. Juli 2010 die Ersatzmassnahme in der Klinik ... anschloss, vgl. Urk. 186/7 und
186/9, und die Polizeiverhaft vom 30. Juni bis 3. Juli 2009 nicht erwähnt ist, vgl.
HDa 23.35 und HDa 23.43). Von der Vorinstanz wurde sie - rechtskräftig - mit ei-
ner Freiheitsstrafe von 12 Monaten bestraft (Urk. 158 S. 30).
2. Die Verteidigung der Beschuldigten verlangte bereits vor Vorinstanz ei-
ne Genugtuung für die Überhaft (Urk. 138 S. 29). Das Bezirksgericht stellte sich
jedoch auf den Standpunkt, bei der Untersuchungs- und Sicherheitshaft handle es
sich um eine adäquate Folge der Delinquenz der Beschuldigten und die Haftrich-
ter hätten stets das Verhältnismässigkeitsprinzip beachtet. Bei der erneuten Inhaf-
tierung im September 2009 habe mit der Anordnung einer stationären Massnah-
me nach Art. 59 StGB gerechnet werden müssen. Das Verhalten der Behörden
sei stets zumindest vertretbar und die Haft sei nicht rechtswidrig gewesen. Dass
wegen der verminderten Schuldfähigkeit der Beschuldigten die Freiheitsstrafe
kürzer ausgefallen sei als der insgesamt erlittene Freiheitsentzug, führe weder
nach altem noch nach neuem Prozessrecht zu einem Entschädigungs- oder gar
Genugtuungsanspruch (Urk. 158 S. 28 f.).
In der Berufungsbegründung liess die Beschuldigte beantragen, es sei ihr
eine Genugtuung in der Höhe von Fr. 60'000.– zuzusprechen (Urk. 239 S. 2). Die
Beschuldigte habe sich insgesamt 574 Tage in Polizeiverhaft, Untersuchungshaft,
Sicherheitshaft, im Massnahmevollzug und in freiheitsentziehenden Ersatzmass-
nahmen befunden. Diese seien gestützt auf Art. 51 StGB auf die Strafe anzurech-
nen. Ausgehend von der rechtskräftigen Freiheitsstrafe von 12 Monaten bzw. 365
Tagen verbleibe nach Abzug der anrechenbaren Haft eine Überhaft von 209 Ta-
gen. Gemäss Art. 431 Abs. 2 StPO, welcher den Fall der Überhaft regle, bestehe
im Fall von Untersuchungs- und Sicherheitshaft der Anspruch auf angemessene
Entschädigung und Genugtuung, wenn die zulässige Haftdauer überschritten sei
und der übermässige Freiheitsentzug nicht an die wegen anderer Straftaten aus-
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gesprochenen Sanktionen angerechnet werden könne. Die Ausnahme gemäss
Abs. 3 komme nicht zum Tragen. Es sei zwar richtig, dass die gegenüber der Be-
schuldigten angeordnete und immer wieder in allen möglichen Formen verlänger-
te Haft nicht gesetzwidrig gewesen sei, die Vorinstanz verkenne jedoch, dass
auch eine ungerechtfertigte Zwangsmassnahme rechtswidrig sei. Ungesetzlich
seien solche Zwangsmassnahmen, wenn sie auf der Verletzung von Rechtsnor-
men beruhten, d.h. wenn bei der Anordnung bzw. Verlängerung die vorauszuset-
zenden gesetzlichen Gegebenheiten der Haft nicht erfüllt seien, beispielsweise
eben kein dringender Tatverdacht gegeben sei. Zwangsmassnahmen seien dem-
gegenüber ungerechtfertigt, wenn sie zwar gesetzeskonform angeordnet worden
seien, sich aber im Nachgang als strafprozessual unbegründet erwiesen. Die
Zwangsmassnahme könne insgesamt, das heisst von Anfang an ungerechtfertigt
sein (Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO) oder es könne bloss deren Dauer ungerechtfer-
tigt sein, in welchem letzterem Fall eben Überhaft gegeben sei (Art. 431 Abs. 2
StPO). Bei Überhaft sei die angeordnete Haft stets gerechtfertigt gewesen; die
Rechtswidrigkeit könne sich erst im Nachhinein ergeben, dann nämlich, wenn die
Haft über die mutmassliche Dauer der zu erwartenden Strafe zu liegen komme.
Anspruch auf Entschädigung oder Genugtuung bei Überhaft setze auch voraus,
dass der übermässige Freiheitsentzug nicht an die wegen anderer Straftaten aus-
gesprochenen Sanktionen angerechnet werden könne. Auch diese Vorausset-
zung sei vorliegend nicht gegeben, da gegenüber der Beschuldigten kein Straf-
verfahren mehr pendent sei. Der Beschuldigten stehe ein Anspruch auf Entschä-
digung und Genugtuung zufolge der im Ausmass von 209 Tagen verbüssten
Überhaft zu (Urk. 239 S. 3 ff.).
Bei der Bemessung der Genugtuung seien die Dauer und die Umstände der
Verhaftung, die Schwere des vorgeworfenen Delikts, die Auswirkungen auf die
persönliche Situation des Verhafteten, insbesondere die damit bewirkten psychi-
schen Probleme, sowie die Auswirkungen der Inhaftierung im Umfeld der be-
troffenen Person zu berücksichtigen. Zusammenfassend führte die Verteidigung
dazu aus, mit der am 7. Januar 2010 erfolgten Anordnung der stationären thera-
peutischen Massnahme sei eine der schwersten Massnahmen gegenüber Geis-
tigabnormen überhaupt verhängt worden, sei doch der damit verbundene Frei-
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heitsentzug in zeitlicher Hinsicht unbestimmt, betrage in der Regel allerdings
höchstens fünf Jahre, wobei weitere Optionen auf jeweilig fünf Jahre zusätzlichen
Freiheitsentzug gegeben seien. Dieses Verdikt habe die ohnehin bereits psy-
chisch am Ende ihrer Belastbarkeit angekommene Beschuldigte in undenkliche
Verzweiflung und Not gestürzt. Bereits am 17. September 2009 habe die Be-
schuldigte ihrem Verteidiger aus dem Gefängnis in Zürich berichtet, sie würde er-
sticken, sie glaube, sterben zu müssen; sie habe sich lebendig begraben gefühlt,
habe den Tod erwartet und habe im eigentlichen Sinne ein Testament aufgestellt
(HD 46/3 [in HD 51]). Am 19. November 2009, mithin in einem Zeitpunkt, in wel-
chem die bisher erstandene Haft bereits bedrohlich in die Nähe der zu erwarten-
den Strafe gerückt sei, sei sie, weil sie an die Zellentüre geschlagen und nach
Verwarnung das Personal beschimpft habe, wegen schwerer Störung von Ord-
nung und Sicherheit sowie Drohungen gegen das Personal mit zwei Tagen Arrest,
infolge schweren Disziplinarvergehens, diszipliniert worden (HD 46/4 [in HD 51]).
Obwohl bereits dazumal erkannt worden sei, dass eine Fortsetzung der Untersu-
chungshaft nicht mehr verhältnismässig gewesen sei, ja auch eine Verletzung des
Beschleunigungsgebots als gegeben erachtet worden sei (HD 49 [in HD 51]), ha-
be der Haftrichter Sicherheitshaft angeordnet, welche in der Folge immer wieder
bestätigt bzw. verlängert worden sei, dies in Kenntnis davon, dass schon mehr-
fach die Fortsetzung der Haft als unverhältnismässig eingestuft und die Haftrichte-
rin bereits am 27. Mai 2009 auf die Gefahr von Überhaft hingewiesen habe. Des-
sen ungeachtet und in Kenntnis davon, dass "die Fortsetzung der Haft zu einer of-
fensichtlichen, schwerwiegenden Gefährdung der Gesundheit der Beschuldigten"
führte, weil diese unter der gegenwärtigen Situation massiv leide, zumal nicht nur
ihre psychische, sondern auch ihre körperliche Gesundheit beeinträchtigt sei
(komplexe Diabetes, starke Menstruationsblutungen - ungeklärter Natur, HD 54
[in HD 51]; qualifiziertes Haftregime im Hochsicherheitstrakt) und in Kenntnis dar-
über, dass gar keine geeignete Massnahmeeinrichtung bis Herbst 2010 zur Ver-
fügung stehe, sei dann diese Massnahme angeordnet worden. In der untersu-
chungsrichterlichen Einvernahme vom 15. Januar 2010 habe die Beschuldigte auf
die Frage nach Suizidgedanken zu Protokoll gegeben: "Oft bin ich in einer Situati-
on, bei der ich nicht nur den Gedanken habe, sondern schon fast mit der Ausfüh-
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rung beginne. Dies, weil ich die Situation nicht mehr ertrage. Ich habe das Ver-
ständnis nicht mehr, wofür ich das alles über mich ergehen lassen soll ... aber ir-
gendwann habe auch ich keine Kraft mehr. Ich habe auf alle Arten versucht zu
kämpfen. Ich kämpfe nur um mein Recht; es ist das einzige, womit ich leben
kann. Mir wurde meine Gesundheit genommen, mein Lebensinhalt, meine Kinder.
Man erwartet von mir, dass ich dies einfach alles hinnehme. Man macht mich zum
Verbrecher, nur weil ich mich dagegen zur Wehr gesetzt habe." (HD 60 S. 17 [in
HD 51]). Obwohl die Verteidigung schon vor dem Verdikt vom 7. Januar 2010 da-
rauf hingewiesen habe, dass gar keine akzeptable Anschlussmöglichkeit bzw.
Vollzugsstation innert nützlicher Frist zur Verfügung stünde, sei das Haftentlas-
sungsgesuch vom 29. Januar 2010 erneut abgewiesen und die Sicherheitshaft
bestätigt worden. Ab 17. Februar 2010 habe die stationäre Massnahme umge-
setzt werden können. Allerdings habe diese in der Überwachungsstation des In-
selspitals Bern begonnen, wo eben gerade keine Massnahmebehandlung habe
durchgeführt werden können und die Verantwortlichen der Klinik auch nicht ge-
wusst hätten, was diesbezüglich mit der Beschuldigten anzufangen sei. Per
11. März 2010 habe die Beschuldigte zum stationären Massnahmevollzug in das
Psychiatriezentrum ..., Sicherheitsabteilung, eintreten können. Nachdem die III.
Strafkammer des Obergerichts mit Beschluss vom 13. April 2010 den Beschluss
des Bezirksgerichts Hinwil vom 7. Januar 2010 aufgehoben habe, sei die Grund-
lage für den Massnahmevollzug entfallen, was wiederum die Anordnung von Si-
cherheitshaft nach sich gezogen habe. Ab dann sei die Beschuldigte nicht mehr
"therapiert", sondern nur noch im Hochsicherheitstrakt unter Haft gehalten wor-
den. Sie sei gegen ihren Willen auf der völlig falschen Grundlage des Gutachtens
C._ mit Medikamenten gegen Schizophrenie behandelt worden und deshalb
kraftlos und in einem andauernden Dämmerzustand gewesen, in welchem sie
denn auch ihre Kinder unter menschenunwürdigen Umständen, in Begleitung der
zwischenzeitlich seitens der Vormundschaftsbehörde D._ bestellten Famili-
enbegleiterin, nach Monaten des Unterbruchs, habe sehen können (Urk. 239 S. 7
ff.).
Das Ziel der Beschuldigten, das Wohlergehen ihrer Kinder und den Erhalt
und die Stärkung ihrer Beziehung zu diesen umzusetzen, sei ihr während mehr
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als 200 Tagen mit staatlicherseits rechtswidrigem bzw. ungerechtfertigtem Frei-
heitsentzug nicht nur verunmöglicht worden. Vielmehr habe diese Haft den bereits
vom anderen Elternteil in die Mutter-/Kindbeziehung getriebenen Keil nur noch tie-
fer in die Seele der Kinder und damit auch der Beschuldigten getrieben. Diese
Fortsetzung des Freiheitsentzugs, wenn auch gegen Ende in ungleich gelocker-
tem Regime in der geschlossenen Abteilung der Klinik ..., habe sich auch kontra-
produktiv nicht nur auf die Gesundheit, sondern eben auch auf die kritisierten
Verhaltensweisen der Beschuldigten ausgewirkt, welche ob der ihr gesetzten Un-
gerechtigkeiten und Unverhältnismässigkeiten noch mehr habe reagieren und
kämpfen müssen. Die Michael Kohlhaas-Situation habe sich so nur noch zu deren
Ungunsten verstärken und deren Kampfbereitschaft um die Kinder gegen den
Staat und den mittlerweile geschiedenen Ehegatten erhöhen müssen, was denn
auch wesentlich für die nachfolgend gegen sie weiter angehobenen strafrechtli-
chen Vorverfahren gewesen sei. Die Beurteilung der Gutachter E._/F._
betreffend Gefährlichkeit und weitere Deliktsbegehung hätten sich in den letzten
zwei Jahren bestätigt. Die Beschuldigte sei nicht gefährlich, sondern kämpfe nur
mit untauglichen Mitteln um ihre Kinder. Gerade die von der Beschuldigten aus-
gehende Gefährlichkeit und die Art der von ihr begangenen strafbaren Taten,
welche grossmehrheitlich in den Bereich der geringfügigen Kriminalität zu verwei-
sen seien, seien genugtuungserhöhende Umstände, ebenso die aufgrund ihrer
gesundheitlichen Beeinträchtigung ohnehin schon gegebene Verkürzung ihrer
Lebenserwartung wie auch die sich nach der Entlassung ergebenden zusätzli-
chen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, welche immer wieder notfallmässige
Spitalaufenthalte nach epilepsieähnlichen Zwischenfällen erforderlich machen
würden. Dieses ungerechtfertigte Wegsperren habe auch wesentlich zu einer
Ausgrenzung bei sämtlichen Behördenstellen und Nachbarn am Wohnort der Be-
schuldigten geführt. Auch wenn die Beschuldigte bereits vor Anhebung dieser
Strafverfahren, und insbesondere vor Umsetzung dieser Zwangsmassnahmen,
eine auffällige Persönlichkeitsstruktur aufgewiesen haben sollte, so habe sich die
schliesslich diagnostizierte paranoide Persönlichkeitsstörung jedenfalls auch aus
dem so geführten Strafverfahren ergeben. Es sei davon auszugehen, dass wäh-
rend der Haft erhebliche Probleme gesundheitlicher Natur aufgetreten seien, sich
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das Grundübel, nämlich die Persönlichkeitsstörung, wegen der so umgesetzten
und insbesondere dann ab 10. Januar 2010 rechtswidrig bzw. ungerechtfertigt
fortgeführten qualifizierten Haft noch erheblich akzentuiert habe, und die Beschul-
digte heute auch nicht über ein soziales Umfeld verfüge. Die einzige Bezugsper-
son der Beschuldigten sei noch deren Tochter G._, welche weiterhin zur
Mutter stehe, sowie ihr Verteidiger. Bei der Beschuldigten sei mittlerweile ein der-
artiges Misstrauenspotential zusammengekommen, welches ihr den Aufbau und
Erhalt eines Beziehungsnetzes nicht mehr erlaube. Den Strafverfolgungs- und Er-
kenntnisbehörden sei mit Blick auf das so geführte Strafverfahren nicht nur Un-
verhältnismässigkeit und Sturheit, sondern vor allem Unmenschlichkeit vorzuwer-
fen. Alle damit angesprochenen Personen hätten die ihnen obliegende Verantwor-
tung wegen den verbleibenden Unsicherheiten aus Angst um ihre Stellung nicht
wahrgenommen, sondern sich unter Berufung auf den Schutz der Allgemeinheit
und hier nicht zu wahrende Sicherheitsmomente für die Sicherheit entschieden
und damit rückblickend unverständlich und unmenschlich, dafür aber dauernd, die
psychische und physische Integrität eines Menschen geschädigt. Vor diesem Hin-
tergrund erscheine die Ausrichtung einer Genugtuung für die Überhaft und die
damit bewirkten Folgen in Höhe von Fr. 60'000.– als am unteren Limit der ge-
schuldeten Wiedergutmachung liegend, umso mehr in dieser Genugtuungsforde-
rung auch eine Aufrechnung des Verzugszinses von 5 % seit mittlerem Verfall
eingeschlossen sei (Urk. 239 S. 10 ff.).
Die Beschuldigte persönlich führte sinngemäss aus, ein Vorfall im Bezirks-
gefängnis Zürich habe in ihr eine Erinnerung ausgelöst, unter welcher sie seither
leide, da am 19. September 2010 dieselbe Angst hervorgerufen worden sei, so
dass bei ihr die Überzeugung ausgelöst worden sei, dass in dem Moment, wo sie
deswegen bewusstlos geworden und deshalb hilflos ausgeliefert worden sei, ein
erneuter Missbrauch stattfinde. Ihrer Erinnerungen nach sei dies wieder eine Tat-
sache, die eben durch das Auslösen in der Überhaft eine für sie gefährliche Situa-
tion geschaffen habe, wonach sie sich vom 19. September 2010 bis 29. Septem-
ber 2010 im Spital befunden habe. Die Überhaft habe verzögert, dass sie recht-
zeitig psychiatrische Hilfe in Anspruch habe nehmen können, zu einem Zeitpunkt,
wo es auch noch aktuelle Probleme betroffen hätte. Die Überhaft und deren Art
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hätten ihr bis jetzt unbeschreibliche Angst und bestimmt lebenslanges Misstrauen
Psychiatern gegenüber beschert, was auch den Erfolg der jetzigen Behandlung
verderben werde. Die Überhaft habe verhindert, dass sie sich Ärzten rechtzeitig
habe anvertrauen können wegen übermässig starken Blutungen, die im Gefäng-
nis viel zu lange (mindestens 18 Monate) nicht ernst genommen worden seien. In
einer Haftunterbrechung habe sie durch übrige erschwerende Umstände und ge-
nerelle Angst vor Ärzten auch keine Behandlung beginnen können. Die einzige
mögliche Lösung, ebenfalls aufgrund der in der Haft ausgelösten Erinnerung, sei
im Februar 2010 die Entfernung der Gebärmutter gewesen. Damit gehe einher,
dass sie nie mehr mit ihrem Teil der Vorstellung, mit ihrer Tochter in Brasilien zu
leben und eine neue Familie zu gründen, leben könne. Ebenfalls wegen der
Überhaft habe sich die Klärung ihrer finanziellen Verhältnisse, die noch immer
deswegen ungenügend seien, bis heute verzögert und sie sei gezwungen, für ihre
Verhältnisse so zu leben, dass sich seit 8 Jahren die Schulden anhäufen würden,
die weitere Folgen für sie und ihre Kinder haben würden. Die Überhaft habe sie in
einer Zeit von ihren Kindern getrennt, H._ sei damals 14-jährig und G._
ca. 9- bis 10-jährig gewesen, wo die Trennung und die Scheidungsfolgen für die
Kinder schon schwerwiegend für ihre Beziehung zu den Eltern gewesen seien.
Somit habe sie zu ihrem Sohn die Möglichkeit, noch eine normale Beziehung mit
ihm zu leben, nach der Überhaft gänzlich verloren. Er sei durch den Eindruck, der
ihm wegen der Justiz, vom Vater, von der KESB und der Polizei vermittelt worden
sei, zu stark beeinflusst worden. Ihre Tochter leide auch heute noch darunter, was
sie deswegen alles habe erleben müssen. Die Überhaft habe ihre Diabetes und
deren Folgen verstärkt und verschlechtert. Dadurch sei sie sicher einige Jahre
früher insulinpflichtig geworden, was eine weitere Einschränkung der Freiheit sei.
Sodann sei die Überhaft schwerwiegend, weil sie 2005 eine Hirnblutung gehabt
habe und statt die Möglichkeit zu erhalten, sich davon zu erholen, sei sie absicht-
lich in ein strafbares Verhalten getrieben worden, um ihrem Ex-Mann Begünsti-
gung zu verschaffen, ihr ihre Kinder wegnehmen zu können, denn er habe inzwi-
schen das Sorgerecht für beide Kinder. Wegen der Überhaft habe sie das perma-
nente Gefühl, nämlich Mordswut, Angst und Verzweiflung (als ihr die Tochter ent-
zogen worden sei), als jetzt seit Jahren vorherrschendes Grundgefühl abge-
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stumpft und trotzdem immer aggressiver im Denken gemacht. Die Überhaft habe
dadurch bewirkt, dass sie ständig Albträume habe und morgens nicht wisse, ob
sie im Gefängnis oder zu Hause sei, da dieses schlechte Grundgefühl sich bis
heute nicht mehr geändert habe. Die Überhaft mit Psychiatrisierung habe die Po-
lizei dementsprechend auf sie reagieren lassen, was zu Überreaktionen ihr ge-
genüber mit Verletzungsfolgen und weiterer psychischer Schädigung geführt ha-
be. Sie habe seitdem Panikattacken, wenn sie die Polizei sehe. Sie sei seitdem
paranoid veranlagt, was im täglichen Leben ihre Ziele verhindere. Weiter werde
sie dadurch von Vorurteilen mindestens die nächsten 10 Jahre verfolgt. Sie werde
erpressbar sein, da die KESB bei allfälliger Erbschaft von ihrer Familie, die an sie
ginge, Grund habe, die Verbeiständung ihrer Tochter aufrechtzuerhalten, damit
diese bei ihrem Ableben niemals an das Geld käme. Die Überhaft verwehre ihr
somit ein anständiges behördenfreies Leben hier und somit auch in Brasilien, da
die Verbeiständung ihrer Tochter und das Sorgerecht des Vaters dies verhindere.
Auch werde die finanzielle Schädigung nicht mehr aufhebbar sein. Die Bezie-
hungsschädigung zu ihren Kindern und ihrer Familie in Brasilien werde nicht mehr
gut zu machen sein (Urk. 241 S. 2 ff.).
3. Vorliegend gilt das neue Prozessrecht (Art. 454 Abs. 1 StPO). Gemäss
den Art. 429 und 431 StPO sind nicht nur ungerechtfertigte und rechtswidrige Haft
mit Entschädigungen bzw. Genugtuung auszugleichen, sondern auch (zum Zeit-
punkt der Anordnung) gerechtfertigte und rechtmässige Haft. So hat die beschul-
digte Person Anspruch auf Genugtuung für besonders schwere Verletzungen ih-
rer persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug, wenn sie ganz
oder teilweise freigesprochen oder das Verfahren gegen sie eingestellt wird
(Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO). Art. 431 Abs. 2 StPO regelt sodann die Überhaft,
d.h., wenn Untersuchungs- und Sicherheitshaft im Einklang mit den materiellen
und formellen Voraussetzungen angeordnet wurden, diese Haft aber den
schliesslich im Endentscheid ausgesprochenen Freiheitsentzug nicht erreicht
(Schmid, Handbuch StPO, N 1826). Demnach besteht im Fall von Untersu-
chungs- und Sicherheitshaft ein Anspruch auf angemessene Entschädigung und
Genugtuung, wenn die zulässige Haftdauer überschritten ist und der übermässige
Freiheitsentzug nicht an die wegen anderer Straftaten ausgesprochenen Sanktio-
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nen angerechnet werden kann (Art. 431 Abs. 2 StPO). Bei Verbüssung von Un-
tersuchungs- und Sicherheitshaft gelten die Tage (ev. Wochen oder Monate) als
Überhaft, die bereits verbüsst wurden, sich nach dem Urteil aber als übermässig,
d.h. nicht "zulässig" und damit ungerechtfertigt erweisen, weil die im Urteil ausge-
sprochene Sanktion tiefer als die bereits verbüsste Haftdauer ausfällt (StPO BSK-
Wehrenberg/Bernhard, Art. 431 StPO N 21).
Ist es aus medizinischen Gründen angezeigt, so kann die zuständige kanto-
nale Behörde die inhaftierte Person in ein Spital oder eine psychiatrische Klinik
einweisen (Art. 234 Abs. 2 StPO). Tritt dieser Fall ein, handelt es sich dabei wei-
terhin um Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft (StPO BSK-Härri, Art. 234 StPO
N 18). Demnach ist Art. 431 Abs. 2 StPO auch für die Haft anwendbar, welche die
Beschuldigte in Spitälern/Kliniken verbrachte (vgl. Urk. 38). Gleiches gilt für die
Ersatzmassnahme, wonach die Beschuldigte in die Klinik ... überzutreten hatte
(vgl. HD 59 bzw. Urk. 186/7). Denn Ersatzmassnahmen nach Art. 237 StPO stel-
len Zwangsmassnahmen dar. Wird der Beschuldigte freigesprochen oder das
Verfahren gegen ihn eingestellt und haben sich die Zwangsmassnahmen damit im
Nachhinein als unnötig erwiesen oder waren diese von Anfang an unrechtmässig,
ist ihm dafür gegebenenfalls nach Art. 429 ff. StPO eine Entschädigung bzw. Ge-
nugtuung auszurichten (StPO BSK-Härri, Art. 237 N 54; vgl. auch BSK Strafrecht
I-Mettler, Art. 51 N 20 ff.).
Der Massnahmevollzug, der gestützt auf den Beschluss des Bezirksgerichts
Hinwil vom 7. Januar 2010 erfolgte (HD 51/61) und welcher mit Beschluss der
III. Strafkammer des Obergerichts vom 13. April 2010 aufgehoben wurde
(HD 51/70), erweist sich im Nachhinein ebenfalls als ungerechtfertigt im Sinne
von Art. 431 Abs. 2 StPO. Haft im Hinblick auf eine anzuordnende stationäre
Massnahme bleibt sodann nur dann entschädigungsfrei, wenn auch tatsächlich
eine solche Massnahme angeordnet wird.
Folglich vermag die Begründung der Vorinstanz einen Kompensationsan-
spruch nicht auszuschliessen. Vielmehr ist die Überhaft der Beschuldigten, d.h.
der über die Sanktion von 12 Monaten Freiheitsstrafe hinausgehende Freiheits-
entzug, abzugelten. Da ein materieller Schaden nicht ersichtlich ist und auf das
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Stellen von Entschädigungsforderungen verzichtet wurde, bleibt es beim Genug-
tuungsanspruch für die 209 Tage bzw. rund sieben Monate Überhaft.
4. Die Höhe der auszurichtenden Entschädigung/Genugtuung richtet sich
nach den allgemeinen zivilrechtlichen Grundsätzen gemäss Art. 41 ff. OR. Es ist
eine Einzelfallbeurteilung vorzunehmen. Die Genugtuung ist nach Ermessen der
zusprechenden Behörde festzusetzen. Zu berücksichtigen sind jedenfalls die
Dauer und die Umstände der Verhaftung, die Schwere des vorgeworfenen De-
likts, die Auswirkungen auf die persönliche Situation des Verhafteten (Verlust Ar-
beitsstelle, psychische Probleme) sowie die Publizität der Festnahme (BSK StPO-
Wehrenberg/Bernhard, Art. 431 N 9 und 11). Bei der Bemessung ist insbesondere
zu beachten, dass die Wiedergutmachung mit zunehmender Haftdauer immer
schwieriger wird, die Beeinträchtigung der sozialen Existenz des Betroffenen im-
mer stärker wird und die psychische Belastung oftmals stark zunimmt (BSK StPO-
Wehrenberg/Bernhard, Art. 429 N 28). Das Bundesgericht erachtet bei kürzeren
Freiheitsentzügen Fr. 200.– pro Tag als angemessene Genugtuung, sofern nicht
aussergewöhnliche Umstände vorliegen, die eine höhere oder eine geringere
Entschädigung zu rechtfertigen vermögen. Bei längerer Untersuchungshaft (von
mehreren Monaten Dauer) ist der Tagessatz in der Regel zu senken, da die erste
Haftzeit besonders erschwerend ins Gewicht fällt (Urteil des Bundesgerichts
6B_111/2012 vom 15. Mai 2012 E. 4.2).
Die Beschuldigte macht als genugtuungserhöhende aussergewöhnliche
Umstände insbesondere geltend, dass die Überhaft negative Auswirkungen auf
ihre Gesundheit und ihr Psyche sowie auf die Beziehung zu ihren Kindern gehabt
habe. Diesbezüglich ergibt sich aus den Akten Folgendes:
Anlässlich der Haftanhörung vom 16. März 2009 führte die Beschuldigte be-
reits aus, dass die Beziehung zur ihren Kindern immer schlechter werde. Sie habe
diese während der ganzen Zeit nur während eineinhalb Stunden sehen können.
Die Kinder hätten sie im Gefängnis besucht, aber sie hätten sich nur durch eine
Trennscheibe unterhalten können (HDa 23.19 S. 4 f.). Aus dem Gutachten von
Dr. med. C._ vom 16. Juni 2009 ergibt sich, dass aus psychiatrischer Sicht
ein weiterer Verbleib der Beschuldigten im Strafvollzug ohne Behandlung nicht
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verantwortbar wäre und deren Zustand verschlimmern könnte (HDa 28.45 S. 43 =
HD 9.1 S. 43). In der Anhörung vom 3. Juli 2009 führte die Beschuldigte aus, sie
würde keine Haft mehr ertragen, egal auf welche Art und wo. Sie habe dies als
Kind schon einmal erlebt bzw. durchgemacht. Es sei ihr psychischer und physi-
scher Tod. Zudem werde sie in der Haft total bevormundet. Es könne nicht sein,
dass sie ihre Medikamente, die sie zuvor selbständig habe einnehmen können,
jetzt auf Anordnung hin einnehmen müsse. Auf diese Art solle sie nun die Haft
durchstehen. Sie könne dies so nicht durchstehen, wenn sie sich innerlich gegen
diese Sache sträuben müsse (HDa 23.40 S. 5). In einem Schreiben aus dem Ge-
fängnis an ihren Verteidiger vom 17. September 2009 führte die Beschuldigte aus,
sie habe das Gefühl, zu ersticken. Sie werde trotz den unzureichenden Sauer-
stoffverhältnissen in dieser Zelle belassen. Sie werde wohl als Versuchskanin-
chen missbraucht oder habe vielleicht so viel Geld, dass sie nur noch als Leiche
rentiere. Ihre Kinder H._ und G._ sollten ihre Bilder erhalten, welche
aber unverkäuflich bleiben und ausgestellt werden sollten. Sie glaube, dass sie
diesmal sterben werde, und es schmerze, dass sie ihren Kindern nur noch Leid
bieten könne. Der Druck auf der Brust sei ein körperliches Symptom, da sie dies
aus Kindheitserfahrung, was medizinisch erwiesen sei, schon kenne. Es sei, als
werde sie lebendig begraben. Sie werde ruhig sein und den Tod erwarten (HD
51/46/3). Am 19. November 2009 wurde sie von der Gefängnisleitung aufgrund ih-
res renitenten Verhaltens diszipliniert (HD 51/46/4). Am 11. Dezember 2009 führte
die Beschuldigte in der Anhörung aus, es gehe ihr psychisch nicht gut. Sie habe
Schwierigkeiten damit, die Kinder nicht zu sehen. Die Kinder seien das Wichtigste
in ihrem Leben und würden auf sie warten. Jetzt sei sie völlig von ihnen abge-
schnitten. Sie sei schon viel zu lange in Untersuchungshaft. Dies zerstöre die Be-
ziehung zu ihren Kindern und die Möglichkeiten, die sie habe, noch mehr (HD
21.17 S. 4 ff.). Mit der Verfügung des Haftrichters des Bezirkes Hinwil vom
16. Dezember 2009 wurde die Beschuldigte zwar in (befristete) Sicherheitshaft
versetzt, es wurde darin aber erwogen, dass nicht nur die psychische, sondern
insbesondere auch die physische Verfassung der Beschuldigten, die offenbar
aussergewöhnlich unter der nun doch schon sehr lange andauernden Haft leide,
eine rasche Hilfestellung erfordere (HD 51/50 S. 5). Auch in der Verfügung des
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Haftrichters des Bezirkes Hinwil vom 7. Januar 2010, mit welcher die Sicherheits-
haft aufrecht erhalten wurde, wurde ausgeführt, dass die Fortsetzung der Haft zu
einer offensichtlich schwer wiegenden Gefährdung der Gesundheit der Beschul-
digten führe, da diese massiv unter der gegenwärtigen Situation leide, zumal nicht
nur ihre psychische, sondern auch ihre körperliche Gesundheit beeinträchtigt sei
(unter anderem liege eine Zuckerkrankheit vor, hinzu kämen starke Menstruati-
onsblutungen, deren Ursache wohl abgeklärt werden müsste) (HD 51/54 S. 3 f.).
In der Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft vom 15. Januar 2010 führte sie
auf die Frage, ob sie ab und zu Suizidgedanken habe, aus, oft sei sie in der Situa-
tion, bei der sie nicht nur den Gedanken habe, sondern fast schon mit der Ausfüh-
rung beginne. Dies, weil sie die Situation nicht mehr ertrage. Sie habe das Ver-
ständnis nicht mehr, wofür sie das alles über sich ergehen lassen solle. Sodann
bejahte sie die Frage, ob diese Suizidgedanken in letzter Zeit zugenommen hät-
ten. Sie habe lange genug gekämpft. Aber irgendwann habe auch sie keine Kraft
mehr. Sie habe auf alle Arten versucht zu kämpfen. Sie kämpfe nur um ihr Recht.
Es sei das Einzige, womit sie leben könne. Ihr seien ihre Gesundheit genommen
worden, ihr Lebensinhalt, ihre Kinder. Und man erwarte von ihr, dass sie dies ein-
fach alles hinnehme (HD 51/60 S. 17).
Aus diesen Ausführungen der Beschuldigten, der Gutachterin und der Haft-
richter ergibt sich, dass der Freiheitsentzug auf die Beschuldigte eine einschnei-
dendere Wirkung hatte, als im Regelfall angenommen wird. Die Ausführungen der
Verteidigung, wonach die Beziehung zwischen der Beschuldigten und ihren Kin-
dern durch die Überhaft nicht nur verunmöglicht, sondern auch verschlechtert
wurde, sind nachvollziehbar. Ebenso lässt sich erkennen, dass der Freiheitsent-
zug sowohl der Gesundheit als auch der psychischen Verfassung der Beschuldig-
ten erheblich schadete. Dieser Umstand nahm mit zunehmender Haftdauer nicht
etwa ab. So kann bei der Beschuldigten nicht davon ausgegangen werden, dass
die erste Haftzeit besonders erschwerend ins Gewicht fiel, die Überhaft aufgrund
der längeren Haft jedoch weniger schwer wog. Vielmehr wurde die Beeinträchti-
gung der sozialen Existenz der Beschuldigten stärker und nahm die psychische
und physische Belastung zu. Es liegen damit aussergewöhnliche Umstände vor,
die es rechtfertigen, den Ansatz von Fr. 200.– pro Hafttag zu erhöhen. Für die
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Überhaft von 209 Tagen erscheint demnach eine Genugtuung von insgesamt
Fr. 60'000.– aus der Staatskasse als angemessen.
Mit Schreiben vom 5. April 2013 hat die Verteidigung beim Zentralen Inkas-
so gestützt auf das Urteil vom 6. Februar 2013, mit welchem der Beschuldigten
eine Genugtuung von Fr. 20'900.– zugesprochen worden war, bereits die Auszah-
lung von Fr. 20'900.– verlangt (Urk. 228). Nach Rücksprache mit der II. Straf-
kammer hat das Zentrale Inkasso den entsprechenden Betrag am 14. Juni 2013
an den Verteidiger ausbezahlt (Urk. 250). Davon ist im vorliegenden Urteil zur
Vermeidung von Doppelzahlungen Vormerk zu nehmen.
IV. Kostenfolgen
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Bei diesem Ausgang
des Verfahrens obsiegt die Beschuldigte mit ihrem Antrag auf Abgeltung der
Überhaft.
Als unterliegend gilt auch die Partei, die das Rechtmittel zurückzieht
(Abs. 428 Abs. 1 StPO). Unterliegt die Staatsanwaltschaft, trägt der verfahrens-
führende Kanton die Kosten (Schmid, StPO Praxiskommentar, Art. 428 N 3). So-
dann hat die zurückgezogene Berufung des Privatklägers angesichts der zum Teil
deckungsgleichen Berufung der Staatsanwaltschaft keinen erheblichen Verfah-
renszusatzaufwand verursacht, weshalb dem Privatkläger ebenfalls keine Kosten
aufzuerlegen sind, was bereits im Beschluss vom 16. August 2012 so festgehal-
ten wurde (Urk. 182 S. 3).
Zusammenfassend sind die Kosten des Berufungsverfahrens, einschliess-
lich derjenigen der amtlichen Verteidigung in der Höhe von Fr. 2'317.70 (inkl. 8%
MWST, vgl. Urk. 249) ohne Nachforderungsvorbehalt, auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
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