Decision ID: d4101977-d5f5-593a-b64c-e0f93e8c596d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden suchten am (...) März 2017 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Befragungen zur Person vom 24. März 2017 und
der Anhörungen vom 27. September 2018 machten sie im Wesentlichen
Folgendes geltend:
Sie seien beide kurdischer Ethnie und hätten seit ungefähr 1984 bis zur
Ausreise im Juni 2015 in C._ gewohnt. Der Beschwerdeführer habe
den Militär- und Reservedienst – zuletzt als (...) – absolviert und danach
als (...) gearbeitet. Im Jahr 2004 sei er beauftragt worden, Demonstranten
mit einem Wasserwerfer zu bekämpfen und diese zu überfahren, sollten
sie Steine auf das Fahrzeug werfen. Da er sich geweigert habe, diesem
Befehl nachzukommen, sei er zwei Tage darauf entlassen worden. Danach
habe er den Lebensunterhalt als selbständiger (...) verdient. Sie hätten in
dieser Zeit jeweils am Freitag an Protesten teilgenommen. Da viele andere
Leute dabei gewesen seien, habe dies nie Konsequenzen für sie gehabt.
Seit 2011 würden zwei ihrer Söhne, D._ und E._, vom Militär
gesucht. E._ sei aus dem Militärdienst desertiert, D._ sei
gesucht worden, um diesen zu absolvieren. Ihr Sohn F._ sei in
G._ inhaftiert worden. Sie (die Beschwerdeführenden) seien wegen
ihren Söhnen insgesamt fünf Mal besucht und schikaniert worden. Als die
Behörden gemerkt hätten, dass ihre Söhne das Land verlassen hätten,
seien sie in Ruhe gelassen worden.
Später sei er (der Beschwerdeführer) zu den "H._", wo er wieder
als (...) tätig gewesen sei. Bei einem Einsatz sei er unter Beschuss gera-
ten, wobei sein Mitarbeiter am Arm getroffen worden sei. Da er Angst ge-
habt habe, das nächste Mal vielleicht selbst getroffen zu werden, habe er
kündigen wollen. Sein Chef habe die Kündigung jedoch nicht akzeptiert
und ihm indirekt gedroht, dass er, sollte er die (...) verlassen, als Verräter
gelten und zur Rechenschaft gezogen würde. Daher habe er zwei Wochen
weitergearbeitet und währenddessen sein gesamtes Hab und Gut verkauft
und die Ausreise geplant.
Er leide an (...).
E-3522/2020
Seite 3
Die Beschwerdeführerin gab im Wesentlichen die Probleme ihres Eheman-
nes und die ihrer Söhne als Ausreisegrund wieder. Sie fügte hinzu, dass
zwei ihrer Kinder in G._ einen Laden gehabt hätten, der in Brand
gesteckt worden sei.
Aufgrund ihrer Probleme hätten sie im Juni 2015 Syrien in Richtung Türkei
verlassen, wo sie sich während eines Jahres und sieben bis acht Monaten
aufgehalten hätten. Am (...) März 2017 seien sie schliesslich in die Schweiz
gereist.
Zum Nachweis ihrer Identität reichten sie den Reisepass des Beschwerde-
führers und ihre Identitätskarten ein.
Als Beweismittel legten sie das Militärdienstbüchlein (im Original) und den
Gewerkschaftsausweis der (...) (in Kopie) des Beschwerdeführers, das Fa-
milienbüchlein im Original, diverse Fotos betreffend die allgemeine Situa-
tion in I._ und zwei Fotos von enthaupteten Frauen ins Recht.
B.
Mit Verfügung vom 19. Juni 2020 verneinte die Vorinstanz die Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführenden und lehnte ihre Asylgesuche ab.
Gleichzeitig verfügte sie die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete zu-
folge Unzumutbarkeit des Vollzugs die vorläufige Aufnahme an.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 10. Juli 2020 be-
antragten die Beschwerdeführenden die Aufhebung der Ziffern 1 bis und
mit 3 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung, die Feststellung ihrer
Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl.
In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses so-
wie um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechts-
beistand.
D.
Mit Schreiben vom 13. Juli 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
E-3522/2020
Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes vom 26. Juni
1998 (AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende
Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
E-3522/2020
Seite 5
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Begründete Furcht vor künftiger Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG hat demnach, wer gute – das heisst von Dritten nachvollzieh-
bare – Gründe (objektives Element) für seine Furcht (subjektives Element)
vorweist, mit gewisser Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft das
Opfer von Verfolgung zu werden (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2011/50
E. 3.1.1; 2011/51 E. 6, je m.w.H.). Die erlittene Verfolgung beziehungs-
weise die begründete Furcht vor künftiger Verfolgung muss zudem sachlich
und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Herkunftsstaat und grundsätz-
lich auch im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein. Massgeblich
für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt
des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise
bestehende begründete Furcht vor Verfolgung – im Sinne einer Regelver-
mutung – auf eine andauernde Gefährdung hinweist. Veränderungen der
Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu
Lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2; 2009/51 E. 4.2.5; 2007/31 E. 5.2 f., je m.w.H.).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Ihren abweisenden Asylentscheid begründete die Vorinstanz mit der
fehlenden Asylrelevanz der gesuchstellerischen Vorbringen.
E-3522/2020
Seite 6
Die Weigerung des Beschwerdeführers, gegen Demonstranten vorzuge-
hen, habe ausser der Kündigung des Arbeitsverhältnisses durch seinen Ar-
beitgeber keine weiteren Konsequenzen für ihn gehabt. Neben der erfor-
derlichen Intensität der Verfolgung fehle es auch am zeitlichen Kausalzu-
sammenhang zwischen diesem Ereignis und der Ausreise.
Auch hinsichtlich der Reflexverfolgung durch das Militär aufgrund der De-
sertion beziehungsweise der Militärdienstverweigerung durch ihre Söhne
fehle es an der asylrelevanten Intensität. Sie seien anlässlich der vier bis
fünf Hausdurchsuchungen in den Jahren 2011 und 2012 nach ihren Kin-
dern befragt und beschimpft worden. Ausserdem habe man ihnen gedroht,
sie anstelle der gesuchten Kinder mitzunehmen. Dies sei jedoch nie ge-
schehen und geschlagen worden seien sie auch nicht. Nach den vier bis
fünf Besuchen seien sie in Ruhe gelassen worden. Ausserdem seien diese
Hausdurchsuchungen aufgrund der erst zweieinhalb Jahre später erfolgten
Ausreise nicht unmittelbar fluchtauslösend gewesen. Diese Einschätzung
werde zusätzlich durch die Antworten der Beschwerdeführenden auf die
Frage nach dem schlimmsten oder schwierigsten Erlebnis in Syrien ge-
stützt, wonach sie beide ausschliesslich bürgerkriegsbedingte Ereignisse
wie etwa die ständige Angst vor Explosionen und Detonationen oder die
Angst, in eine Schiesserei zu geraten und dabei verletzt zu werden, vorge-
bracht hätten. Die geltend gemachte Reflexverfolgung wegen der Söhne
sei demnach nicht als asylrelevant zu qualifizieren.
Im Rahmen von Krieg oder Situationen allgemeiner Gewalt erlittene Nach-
teile würden keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes darstellen, soweit
sie nicht auf der Absicht beruhten, einen Menschen aus einem der in Art. 3
AsyIG erwähnten Gründe zu treffen. Die Nachteile, welche die Beschwer-
deführenden erlitten hätten, seien auf die zurzeit herrschende Bürger-
kriegssituation und die allgemein gegenwärtige Gewalt in Syrien zurückzu-
führen. Hinweise auf eine gezielte Verfolgung ihrer Personen seien nicht
ersichtlich. Auch dem Vorbringen des Beschusses des (...) könnten keine
Hinweise auf eine zielgerichtete Verfolgung entnommen werden.
Befürchtungen, künftig Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu sein, seien
nur dann asylrelevant, wenn begründeter Anlass zur Annahme bestehe,
dass sich die Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft verwirklichen würde. Den Aussagen des Beschwerdeführers
hinsichtlich der Drohung des Arbeitgebers für den Fall einer Kündigung
seien jedoch keine hinreichenden Anhaltspunkte für die Annahme einer
E-3522/2020
Seite 7
derartigen begründeten Furcht zu entnehmen. Seine Befürchtungen ba-
sierten auf reinen Mutmassungen.
Schliesslich führe auch die Konsultation der Dossiers der Söhne und des
Bruders beziehungsweise Schwagers der Beschwerdeführenden zu keiner
anderen Beurteilung des Falles. Zwar seien drei der Söhne als Flüchtlinge
anerkannt worden und hätten in der Schweiz Asyl erhalten. Aus ihren Akten
würden sich jedoch keine Hinweise auf eine Reflexverfolgung ergeben,
was mit den Schlussfolgerungen der obenstehenden Erwägungen zur
mangelnden Asylrelevanz des Vorbringens der Hausdurchsuchungen in
Einklang stehe.
Die Vorbringen der Beschwerdeführenden vermöchten daher keine Asylre-
levanz zu entfalten, woran auch die beigebrachten Beweismittel nichts än-
derten.
5.2 Die Beschwerdeführenden ergänzten in ihrer Rechtsschrift den Sach-
verhalt insofern, als dass sie darlegten, weshalb ihr Sohn F._ in
G._ festgenommen worden sei. Dieser habe in seiner (...) für die
Kurden (...) und sei deswegen verhaftet und schwer gefoltert worden. Die
dadurch ausgelösten Hausdurchsuchungen hätten zwar nicht zu ihrer ei-
genen Verhaftung geführt, doch sei damit ein unerträglicher psychischer
Druck einhergegangen. Ihr Sohn F._ sei in die Türkei geflohen und
habe dort eine (...) Staatsangehörige geheiratet. Mit ihr sei er mittlerweile
in die Schweiz geflohen, wo sie um Asyl ersucht hätten. Diese Gesuche
seien noch nicht rechtskräftig beurteilt worden beziehungsweise deren Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht hängig. Es werde um Beizug
des entsprechenden N-Dossiers (N [...]) ersucht.
Das SEM sei zwar von der Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen ausgegangen,
habe aber bei der Beurteilung der Asylrelevanz den Sachverhalt in ver-
schiedene Teilaspekte unterteilt und es unterlassen, eine Gesamtbetrach-
tung vorzunehmen. Sie hätten nachweisen können, aufgrund ihrer Ethnie
und der damit einhergehenden Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe und ihrer politischen Anschauungen an Leib und Leben sowie in
ihrer Freiheit gefährdet zu sein. Der Beschwerdeführer sei mit seiner Wei-
gerung, gegen Demonstranten vorzugehen, bereits seit dem Jahr 2004
eine persona non grata gewesen. Diese Vergangenheit werde bei jeder
Kontrolle oder Befragung erneut ans Licht kommen, so auch dann, wenn
er nach dem Verbleib seines Sohns F._, des am meisten verfolgten
Familienmitgliedes, befragt würde. Sie beide (die Beschwerdeführenden)
E-3522/2020
Seite 8
würden daher Gefahr laufen, wegen der Suche nach dem Sohn F._
und den anderen als Refraktäre geflohenen Söhnen schwere Nachteile wie
Folter und erniedrigende Behandlung erleiden zu müssen.
Sie hätten bei der Flucht unter einem enormen psychischen Druck gestan-
den. Solange die Kurden C._ hätten halten können, sei dieser aus-
zuhalten gewesen, doch als der Fall dieser Stadt gedroht habe und die
Sicherheitslage auch wegen der Bombardements immer schlechter gewor-
den sei, habe es keine interne Fluchtalternative vor dem Regime mehr ge-
geben.
Durch ihre illegale Ausreise und das Treffen ihrer – von den Militärbehörden
gesuchten – Söhne sei ihr Gefährdungsprofil erhöht worden, weshalb sie
auch subjektive Nachfluchtgründe hätten.
Da sie die Flüchtlingseigenschaft erfüllten, verstosse der Vollzug ihrer
Wegweisung gegen Art. 33 des Abkommens über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 5 AsylG, Art. 3 EMRK und Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK,
SR 0.105] und sei daher unzulässig.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hält nach Durchsicht der Akten Folgen-
des fest:
6.2 Die Kündigung des Arbeitsverhältnisses des Beschwerdeführers mit
der (...) im Jahr 2004 ist – wie die Vorinstanz korrekt festhält – nicht asyl-
relevant. Neben der fehlenden zeitlichen Konnexität fehlt es auch an einer
Verfolgung. Dem Beschwerdeführer ist aus seiner Weigerung, gegen De-
monstranten vorzugehen, abgesehen von der Kündigung kein Nachteil er-
wachsen. Dies gilt auch für die Demonstrationsteilnahmen zu dieser Zeit.
Wie die Beschwerdeführerin in der Anhörung selbst darlegt, hätten so viele
Menschen an diesen Ereignissen teilgenommen, dass sie nicht aufgefallen
seien (vgl. A23 F52 ff.).
6.3 Soweit der Beschwerdeführer die Aufgabe seiner nur wenige Monate
vor der Ausreise wieder aufgenommenen Arbeit bei der (...) ins Feld führt,
kann ihm nicht gefolgt werden. Seine Befürchtungen, aufgrund des Verlas-
sens dieser Arbeitsstelle bei einer Rückkehr festgenommen und inhaftiert
zu werden, vermögen nicht zu überzeugen, zumal seine diesbezüglichen
Aussagen vage und nicht ausreichend fundiert sind (vgl. A22 F88 – 90).
E-3522/2020
Seite 9
Anhaltspunkte für die Annahme einer begründeten Furcht vor Verhaftung
ergeben sich daraus nicht. Daran vermag auch der Umstand, dass die (...)
– gemäss Angaben der Beschwerdeführerin – unter Kontrolle der
«H._» stand, nichts zu ändern.
6.4 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige oder Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Reflexverfolgung im dar-
gelegten Sinne zu werden, ist vor allem gegeben, wenn nach einem flüch-
tigen Familienmitglied gefahndet wird und die Behörde Anlass zur Vermu-
tung hat, dass jemand mit dem Gesuchten in engem Kontakt steht (zum
Begriff der Reflexverfolgung BVGE 2007/19 E. 3.3, unter Hinweis auf Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl. ausserdem EMARK 1994 Nr. 17). Diese ist
flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Reflexverfolgung betroffene
Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt
ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft begründet befürchten muss.
Die Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer
Oppositioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen do-
kumentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung
erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Per-
son für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um
Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine
Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu
erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehö-
rige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen auf-
grund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Perso-
nen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische
Armee und regierungsfreundliche Milizen) setzen dabei die Strategie der
Reflexverfolgung gezielt ein. Könne ein Regimegegner nicht gefunden wer-
den, würden Sicherheitskräfte – auch unter Anwendung von Gewalt – Fa-
milienangehörige, auch Kinder, willkürlich verhaften, in Isolationshaft neh-
men, foltern oder anderweitig misshandeln (vgl. Urteil des BVGer
E-734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2.2 ff. sowie u.a. Hoher Flüchtlings-
kommissar der Vereinten Nationen (UNHCR), International Protection
Considerations with regard to people fleeing the Syrian Arab Republic, Up-
date III, vom 27. Oktober 2014, https://www.refworld.org/docid/544e446d4.
html sowie entsprechendes Update V vom 3. November 2017, https://www.
refworld.org/docid/59f365034.html, abgerufen am 22. Juli 2020).
E-3522/2020
Seite 10
Zur Frage des Vorliegens einer Reflexverfolgung aufgrund der Militär-
dienstverweigerung beziehungsweise Desertion der Söhne ist festzustel-
len, dass die Beschwerdeführenden ihren Angaben zufolge vier bis fünf
Mal aufgesucht und belästigt worden sind. Ihnen wurde angedroht, anstelle
der gesuchten Söhne verhaftet zu werden. Physischer Gewalt waren die
Beschwerdeführenden nicht ausgesetzt. Zudem wurden sie nicht weiter
behelligt, als die Behörden festgestellt haben, dass die Söhne ausgereist
sind. Wie die Vorinstanz zutreffend ausführt, vermögen die geltend ge-
machten Besuche beziehungsweise Hausdurchsuchungen die erforderli-
che asylrelevante Intensität der Vorverfolgung nicht zu begründen.
Soweit in der Beschwerdeschrift der Beizug der Akten des Sohnes
F._ (N [...]) beantragt wird, der wegen des (...) gezielter Verfolgung
ausgesetzt gewesen sei und schwere Folter erlitten habe, ist darauf hinzu-
weisen, dass die Beschwerdeführenden weder in der Befragung zur Per-
son noch in der Anhörung ausdrücklich geltend gemacht haben, vor ihrer
Ausreise aufgrund der Aktivitäten ihres Sohnes F._ Verfolgungs-
massnahmen erlitten zu haben. Diesem erstmals auf Beschwerdeebene
geäusserten Vorbringen ist allein schon deshalb mit grösster Zurückhal-
tung zu begegnen. Zudem haben die Beschwerdeführenden – wie bereits
ausgeführt – nach der Ausreise ihrer Söhne im Jahr 2012 keine Behelli-
gungen von Seiten der Behörden erfahren, die ein asylrechtlich relevantes
Ausmass erreicht hätten. Die Unterstellung einer regimekritischen Haltung
aufgrund des geltend gemachten Schneiderhandwerks ihres Sohnes
F._ ist ebenfalls nicht ersichtlich. Dass sich die Situation zwischen-
zeitlich massgeblich verändert hätte und die Beschwerdeführenden im
Falle einer Rückkehr mit Reflexverfolgungsmassnahmen wegen der an-
geblichen Aktivitäten ihres Sohnes F._ zu rechnen hätten, ist nicht
ersichtlich und wird auch in der Beschwerdeschrift nicht weiter ausgeführt.
Im Übrigen ergeben sich aus den Asylakten des Sohnes F._, wel-
che das Gericht der Vollständigkeit halber beigezogen hat, keine Anhalts-
punkte, welche die These einer Reflexverfolgung der Beschwerdeführen-
den stützen würden.
6.5 Soweit in der Beschwerdeschrift geltend gemacht wird, dass die Be-
schwerdeführerenden unter einem unerträglichen psychischen Druck ge-
standen seien, ist Folgendes festzuhalten:
Mit dem Begriff des unerträglichen psychischen Drucks im Sinne von Art.
3 Abs. 2 AsylG werden unter anderem staatliche Massnahmen erfasst, die
E-3522/2020
Seite 11
sich nicht unmittelbar gegen die Rechtsgüter Leib, Leben oder Freiheit rich-
ten, sondern auf andere Weise ein menschenwürdiges Leben verunmögli-
chen. Ausgangspunkt, um einen unerträglichen psychischen Druck beja-
hen zu können, stellen in der Regel konkrete staatliche Eingriffe dar, die
effektiv stattgefunden haben. Die staatlichen Verfolgungsmassnahmen
müssen in einer objektivierten Betrachtung zudem als derart intensiv er-
scheinen, dass der betroffenen Person ein weiterer Verbleib in ihrem Hei-
matstaat objektiv nicht mehr zugemutet werden kann; ausschlaggebend ist
mit anderen Worten nicht, wie die betroffene Person die Situation subjektiv
erlebt hat, sondern ob aufgrund der tatsächlichen Situation für Aussenste-
hende nachvollziehbar ist, dass der psychische Druck unerträglich gewor-
den ist (vgl. BVGE 2010/28 E. 3.3.1.1 m.w.H).
Diese Voraussetzungen sind im Falle der Beschwerdeführerenden nicht
gegeben. Die Beschwerdeführenden haben keine asylrelevanten staatli-
chen Verfolgungsmassnahmen erlitten und es ist wie dargelegt nicht davon
auszugehen, dass sie bei einer Rückreise nach Syrien solche erleben wer-
den. Die erlebten Schikanen aufgrund ihrer Söhne sind zu wenig intensiv,
um den Beschwerdeführenden einen weiteren Verbleib in ihrem Heimat-
staat objektiv nicht zumuten zu können. Andere Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken könnten, sind nicht dargelegt.
Der kriegsbedingten unzumutbaren Situation in Syrien ist durch die vorläu-
fige Aufnahme in der Schweiz bereits Rechnung getragen worden.
6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden
weder eine persönliche asylrelevante Verfolgung noch eine Reflexverfol-
gung aufgrund ihrer Familienangehörigen darzulegen vermögen. Es ist
folglich nicht anzunehmen, dass sie bei der – angesichts ihrer vorläufigen
Aufnahme in der Schweiz – gänzlich hypothetischen Rückkehr nach Syrien
in absehbarer Zukunft eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu be-
fürchten hätten.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
E-3522/2020
Seite 12
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
beziehungsweise für die Anordnung der vorläufigen Aufnahme – Unzuläs-
sigkeit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit (Art. 83 Abs. 1–4 AIG) sind al-
ternativer Natur (vgl. BVGE 2011/7 E.8 m.w.H.). Nachdem die Vorinstanz
die Beschwerdeführenden mit Verfügung vom 19. Juni 2020 wegen Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufgenom-
men hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässig-
keit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Vollzugs der Wegweisung.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die Be-
schwerde jedoch im Zeitpunkt ihrer Einreichung nicht als aussichtslos be-
trachtet werden konnte und von der Mittellosigkeit der Beschwerdeführen-
den in der Schweiz ausgegangen werden kann, sind in Gutheissung des
Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG keine Kosten zu erheben.
Mit dem Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
10.2 Nachdem der Antrag auf unentgeltliche Prozessführung gutgeheissen
wurde und das Bundesverwaltungsgericht nach aArt. 110a Abs. 1 Bst. a
AsylG der asylsuchenden Person, welche von der Bezahlung der Verfah-
renskosten befreit wurde, auf Antrag eine amtliche Rechtsbeiständin oder
einen amtlichen Rechtsbeistand bestellt, ist auch das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gutzuheissen und antrags-
gemäss RA lic. iur. Bernhard Jüsi als amtlicher Rechtsbeistand der Be-
schwerdeführenden einzusetzen. Ihm ist ein amtliches Honorar zu entrich-
ten.
E-3522/2020
Seite 13
Bei amtlicher Vertretung geht das Bundesverwaltungsgericht in der Regel
von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und
Anwälte ausgegangen (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Insgesamt weist der
Rechtsvertreter in seiner Honorarnote vom 10. Juli 2020 einen zeitlichen
Aufwand von 4.45 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 300.–, sowie
Spesen in der Höhe von Fr. 6.80, total Fr. 1'445.10 aus. Der geltend ge-
machte zeitliche Aufwand erscheint angemessen. Allerdings ist der Stun-
denansatz auf Fr. 220.– zu kürzen. Das amtliche Honorar ist daher auf
Fr. 1'062.– (inkl. Mehrwertsteuerzuschlag und Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3522/2020
Seite 14