Decision ID: 3dc1eda2-97a8-404e-b6ed-58dbeaa15334
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Der 1948 geborene Beschwerdeführer war aufgrund seines Anstellungs-
verhältnisses obligatorisch bei der Beschwerdegegnerin gegen die Folgen
von Unfällen versichert. Am 7. März 2019 erlitt er innerhalb von etwa zwei
Stunden zwei Verkehrsunfälle (Kollisionen), wobei er sich ein Cervikalsyn-
drom, eine posttraumatische Hochtonschwerhörigkeit mit Tinnitus beidseits
sowie zwei HWS-Distorsionen zuzog. In der Folge erbrachte die Beschwer-
degegnerin die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlungskosten und Tag-
gelder). Mit Verfügung vom 10. November 2020 verneinte die Beschwer-
degegnerin eine weitere Leistungspflicht mangels Vorliegens eines adä-
quaten Kausalzusammenhangs zwischen den noch geklagten, organisch
nicht hinreichend nachgewiesenen Beschwerden und den Unfallereignis-
sen und stellte die Leistungen per 15. November 2020 ein. Die dagegen
erhobene Einsprache wies sie mit Einspracheentscheid vom 14. Ja-
nuar 2021 ab. Dieser Einspracheentscheid erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
1.2.
Mit Gesuch vom 2. Dezember 2021 stellte der Beschwerdeführer gestützt
auf ein zwischenzeitlich durch das Bezirksgericht Bremgarten in Auftrag
gegebenes polydisziplinäres Gutachten vom 3. September 2021 ein "Wie-
dererwägungsgesuch zum Einspracheentscheid mit Datum vom 14. Ja-
nuar 2021". Mit Verfügung vom 27. Januar 2022 trat die Beschwerdegeg-
nerin auf das Wiedererwägungsgesuch nicht ein und führte aus, die Vo-
raussetzungen für eine prozessuale Revision seien nicht gegeben. Die da-
gegen erhobene Einsprache wies die Beschwerdegegnerin mit Ein-
spracheentscheid vom 22. Juli 2022 ab, soweit sie darauf eintrat.
2.
2.1.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 15. August 2022
fristgerecht Beschwerde und beantragte sinngemäss die Ausrichtung der
gesetzlichen Leistungen über den 15. November 2020 hinaus.
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 5. September 2022 beantragte die Beschwerde-
gegnerin die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei.
- 3 -

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Die Beschwerdegegnerin trat auf das Gesuch des Beschwerdeführers um
Wiedererwägung des Einspracheentscheides vom 14. Januar 2021 nicht
ein und führte aus, die Voraussetzungen für eine prozessuale Revision
seien nicht erfüllt (Vernehmlassungsbeilage [VB] 332).
1.2.
Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, das vom Bezirksgericht Brem-
garten angeordnete polydisziplinäre Gutachten der MEDAS Zentral-
schweiz, Interdisziplinäre medizinische Gutachterstelle, vom 3. Septem-
ber 2021 (MEDAS-Gutachten; VB 327) sei nicht ausreichend berücksichtigt
worden, obschon diesem zu entnehmen sei, dass unfallkausale körperliche
Schäden und Beeinträchtigungen vorliegen würden.
1.3.
Strittig und zu prüfen ist somit, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht auf
das Wiedererwägungsgesuch nicht eintrat und die Voraussetzungen für
eine prozessuale Revision gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG als nicht erfüllt er-
achtete.
2.
Gegen ein Nichteintreten auf ein Wiedererwägungsgesuch besteht keine
Anfechtungsmöglichkeit. Die Wiedererwägung liegt im pflichtgemässen Er-
messen der Verwaltung; die Verwaltung kann dazu vom Gericht nicht ver-
halten werden (Art. 53 Abs. 2 ATSG als "Kann-Vorschrift"; vgl. zum Gan-
zen BGE 133 V 50 E. 4.1.3 und E. 4.2 S. 54 ff. und 119 V 475 E. 1b/cc
S. 479). Soweit der Beschwerdeführer sinngemäss die Überprüfung des
Nichteintretens auf das Wiedererwägungsgesuch beantragt, ist auf die Be-
schwerde daher nicht einzutreten. Zu prüfen bleibt damit einzig, ob die Be-
schwerdegegnerin die prozessuale Revision des Einspracheentscheids
vom 14. Januar 2021 (VB 323) zu Recht ablehnte.
3.
3.1.
Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen
und Einspracheentscheide in Revision gezogen werden, wenn die versi-
cherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche
neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung
zuvor nicht möglich war (vgl. anstatt vieler: BGE 135 V 201 E. 5.1 S. 204
und 127 V 466 E. 2c S. 469; MEYER/REICHMUTH, Rechtsprechung des Bun-
desgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Invali-
denversicherung [IVG], 3. Aufl. 2014, N. 71 zu Art. 30-31 IVG).
- 4 -
3.2.
Als "neu" gelten Tatsachen, welche sich zwar vor Erlass der formell rechts-
kräftigen Verfügung oder des Einspracheentscheids verwirklicht haben, je-
doch trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt waren (BGE 143 V 105
E. 2.3 S. 107 f.; Urteil des Bundesgerichts U 22/07 vom 6. September 2007
E. 4.1 mit Hinweisen). Nicht neu ist eine Tatsache dann, wenn das im Re-
visionsverfahren vorgebrachte Element lediglich eine neue Würdigung ei-
ner bereits bekannten Tatsache in sich schliesst (vgl. UELI KIESER, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl. 2020, N. 26 zu Art. 53 ATSG mit Hinweis auf BGE 127
V 353 E. 5b S. 358). Die neuen Tatsachen müssen zudem "erheblich" sein.
Eine neue Tatsache ist jedenfalls nur dann im Sinne von Art. 53 Abs. 1
ATSG erheblich, wenn sie die tatsächliche Grundlage der Verfügung oder
des Einspracheentscheids so zu ändern vermag, dass bei zutreffender
rechtlicher Würdigung ein anderer Entscheid resultiert (vgl. Urteile des Bun-
desgerichts U 68/06 vom 4. Januar 2007 E. 2.2 sowie 8C_720/2009 vom
15. Februar 2010 E. 5.1; vgl. auch MEYER/REICHMUTH, a.a.O., N. 72 zu
Art. 30-31 sowie UELI KIESER, a.a.O., N. 25 zu Art. 53 ATSG).
3.3.
Neue Beweismittel haben entweder dem Beweis der die Revision begrün-
denden neuen erheblichen Tatsachen oder dem Beweis von Tatsachen zu
dienen, die zwar bekannt gewesen, aber unbewiesen geblieben sind. Sol-
len bereits vorgebrachte Tatsachen mit neuen Mitteln bewiesen werden, ist
darzutun, dass die Beweismittel im früheren Verfahren nicht beizubringen
gewesen waren. Ausschlaggebend ist, dass das Beweismittel nicht bloss
der Sachverhaltswürdigung, sondern der Sachverhaltsfeststellung dient.
Es genügt daher nicht, dass ein neues Gutachten den Sachverhalt anders
wertet; vielmehr bedarf es neuer Elemente tatsächlicher Natur, welche die
Entscheidungsgrundlagen als objektiv mangelhaft erscheinen lassen
(BGE 127 V 353 E. 5b S. 358 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts
U 22/07 vom 6. September 2007 E. 4.1). Auch ist ein Revisionsgrund nicht
schon gegeben, wenn bereits bekannte Tatsachen möglicherweise unrich-
tig gewürdigt wurden. Notwendig ist vielmehr, dass die unrichtige Würdi-
gung erfolgte, weil für den Entscheid wesentliche Tatsachen nicht bekannt
waren oder unbewiesen blieben (BGE 127 V 353 E. 5b S. 358; Urteil des
Bundesgerichts U 68/06 vom 4. Januar 2007 E. 2.2 mit Hinweis). Das Be-
weismittel muss sich auf eine Tatsache beziehen, welche Grundlage des
gegebenenfalls zu revidierenden Entscheides bildete. In Bezug auf das
Auffinden neuer Beweismittel hat der Gesetzgeber bewusst auf das Krite-
rium der "Erheblichkeit" verzichtet. Dieses Kriterium ist demnach nicht im
Rahmen der Eintretensprüfung, sondern bei der materiellen Entscheidung
zu berücksichtigen (UELI KIESER, a.a.O., N. 31 zu Art. 53 ATSG). Auch die
auf einem neuen Beweismittel basierende Revisionstatsache muss jedoch
bei zutreffender rechtlicher Würdigung bereits aus sich selber heraus zu
einer anderen Entscheidung führen (Urteil des Bundesge-
richts 8C_720/2009 vom 15. Februar 2010 E. 5.2 mit Hinweisen).
- 5 -
3.4.
Bei der prozessualen Revision nach Art. 53 Abs. 1 ATSG sind zwei mate-
rielle Prüfungsschritte zu unterscheiden: Zunächst stellt sich die Frage, ob
ein Revisionsgrund vorliegt, der die Rechtskraftwirkung des ursprünglichen
Entscheids beseitigt. Wenn nein, scheidet eine prozessuale Revision aus;
wenn ja, ist anschliessend eine neue materielle Anspruchsprüfung durch-
zuführen (THOMAS FLÜCKIGER, in: Basler Kommentar, Allgemeiner Teil des
Sozialversicherungsrechts, 2020, N. 20 zu Art. 53 ATSG). Ein negatives
Ergebnis der "Vorprüfung" bewirkt keinen Nichteintretensentscheid, son-
dern führt zur Abweisung des Revisionsgesuchs (THOMAS FLÜCKIGER,
a.a.O., N. 40 zu Art. 53 ATSG).
4.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich im rechtskräftigen Einspracheent-
scheid vom 14. Januar 2021 (VB 323) im Wesentlichen auf folgende medi-
zinische Berichte:
4.1.
Dr. med. B., Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, diagnostizierte im
Bericht vom 4. April 2019 ein Cervikalsyndrom, eine posttraumatische
Hochtonschwerhörigkeit mit Tinnitus beidseits und einen Verdacht auf Be-
teiligung des vestibulären Schenkels bei Status nach zwei HWS-Distorsio-
nen bei Verkehrsunfällen am 7. März 2019 (VB 33).
4.2.
Die Kreisärztin Dr. med. C., Fachärztin für Oto-Rhino-Laryngologie, hielt in
ihrer Beurteilung vom 17. März 2020 fest, beim Beschwerdeführer bestehe
ein subjektiver Tinnitus bei altersgemässem unauffälligem Hörschwellen-
verlauf und somit ohne pathomorphologischem Systembefund. Da sich bei
den Unfallereignissen die Airbags nicht ausgelöst hätten, könne nicht von
einem akustischen Trauma ausgegangen werden. Aufgrund des unmittel-
bar nach dem Unfallereignis auftretenden Tinnitus sei aus rein ORL-ärztli-
cher Sicht die natürliche Kausalität zwar gegeben, letztlich entscheidend
sei jedoch die adäquate Kausalität (VB 232 S. 1).
4.3.
In seiner Aktenbeurteilung vom 27. August 2020 führte Kreisarzt Dr. med.
D., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewe-
gungsapparates, aus, auf dem rein orthopädisch-traumatologischen Fach-
gebiet seien keine unfallkausalen strukturellen Läsionen im Bereich der
Halswirbelsäule durch die beiden Unfälle vom 7. März 2019 entstanden,
wie MRI-bildgebend mit Datum vom 19. September 2019 (vgl. VB 139) be-
legt sei. Auch könne eine richtunggebende Verschlimmerung von deutlich
degenerativen Vorerkrankungen der HWS bildgebend mittels MRI vom 19.
September 2019 (vgl. VB 139) ausgeschlossen werden (VB 296 S. 13). Die
aktuell berichteten Beschwerden im Nacken- und Schultergürtelbereich
- 6 -
seien nach fast 18 Monaten nach den beiden Ereignissen im Sinne von
myofascialen Beschwerden überwiegend wahrscheinlich nicht mehr unfall-
kausaler Natur, sondern mit überwiegender Wahrscheinlichkeit den deutli-
chen vorbestehenden Degenerationen der HWS geschuldet (VB 296
S. 14).
4.4.
Nach Prüfung der Adäquanz nach der Schleudertrauma-Praxis verneinte
die Beschwerdegegnerin einen adäquaten Kausalzusammenhang zwi-
schen den organisch nicht nachweisbaren Beschwerden und den Unfaller-
eignissen vom 7. März 2019 (vgl. VB 323).
5.
5.1.
Gemäss dem MEDAS-Gutachten vom 3. September 2021 (VB 327) dia-
gnostizierte Dr. med. E., Facharzt für Oto-Rhino-Laryngologie, mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit einen dekompensierten Tinnitus beidseits, diffuse
Schwindelbeschwerden nach Verkehrsunfällen am 7. März 2019 und diffe-
rentialdiagnostisch eine Contusio labyrinthi sowie ohne Einfluss auf die Ar-
beitsfähigkeit eine hochtonbetonte leicht- bis mittelgradige sensorineurale
Schwerhörigkeit beidseits (VB 325 S. 39). Dr. E. führte zum Kausalzusam-
menhang aus, der Tinnitus sei wenige Stunden nach den beiden Unfällen
aufgetreten, die erste fachärztliche Beurteilung sei drei Wochen nach dem
Unfall durch Dr. F. (vgl. VB 32) erfolgt (VB 325 S. 40). Im Hörtest seien eine
Senke bei 6 kHz sowie klinisch ein Spontannystagmus nach rechts doku-
mentiert. Der Spontannystagmus weise auf eine akute Funktionsstörung
des Gleichgewichtsorgans hin, weshalb von einer Contusio labyrinthi (trau-
matische Innenohrerschütterung) als Unfallfolge ausgegangen werden
müsse, in diesem Zusammenhang sei auch der Tinnitus zu erklären. Somit
seien die das Fachgebiet der HNO betreffenden noch bestehenden Beein-
trächtigungen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf die Unfälle zu-
rückzuführen (VB 325 S. 40).
5.2.
Die Beschwerdegegnerin hielt mit Blick auf die biomechanische Kurzbeur-
teilung vom 5. August 2019 (vgl. VB 109) fest, es stelle sich die Frage, ob
bei den Unfällen vom 7. März 2019 eine wie von Dr. med. E. als Unfallfolge
beschriebene Contusio labyrinthi (traumatische Innenohrerschütterung)
eingetreten sei (VB 332 S. 8). Ein Kopfanprall sei bei beiden Kollisionen
nicht geltend gemacht worden (VB 332 S. 9). Das Teilgutachten von
Dr. med. E. beinhalte lediglich eine neue Würdigung bereits bekannter Tat-
sachen. Neue Elemente tatsächlicher Natur, welche die ärztliche Beurtei-
lung von Kreisärztin Dr. med. C. vom 17. März 2020 als objektiv mangelhaft
erscheinen liessen, seien nicht anzunehmen (VB 332 S. 9). Zusammenge-
fasst würden das MEDAS-Gutachten vom 3. September 2021 und auch
- 7 -
das Teilgutachten von Dr. med. E. vom 18. Juni 2021 keine neuen Beweis-
mittel darstellen, welche eine prozessuale Revision gemäss Art. 53 Abs. 1
ATSG rechtfertigen würden (VB 332 S. 9).
6.
6.1.
Dem Untersuchungsbefund des otorhinolaryngologischen Teilgutachtens
vom 18. Juni 2021 ist zu entnehmen, dass zur Feststellung des Tinnitus
eine Tonaudiometrie durchgeführt wurde (VB 325 S. 39). Gestützt darauf
diagnostizierte der otorhinolaryngologische Gutachter einen dekompen-
sierten Tinnitus beidseits, differentialdiagnostisch eine Contusio labyrinthi,
sowie eine hochbetonte leicht- bis mittelgradige sensorineurale Schwerhö-
rigkeit beidseits (VB 325 S. 39). Ferner führte er aus, beim Beschwerde-
führer bestehe seit den zwei Verkehrsunfällen ein hochfrequenter subjektiv
stark störender Pfeiftinnitus. Dieser verursache Schlafprobleme, sodass
eine dekompensierte Situation im Sinne eines Tinnitus Grad lll-IV vorliege,
was einem schwergradigen Tinnitus entspreche. Der Tinnitus selbst stelle
ein subjektives Phänomen dar, welches messtechnisch nicht objektiviert
werden könne. Im Rahmen der ersten HNO-ärztlichen Kontrolle nach den
Unfällen habe ein Spontannystagmus nachgewiesen werden können, dies
entspreche einem objektiven Zeichen einer posttraumatischen Funktions-
störung des Gleichgewichtsorganes (Contusio labyrinthi), welches sich im
Innenohr befinde. Somit sei eine gleichzeitige traumatische Schädigung der
Hörschnecke sehr wahrscheinlich, sodass beim Beschwerdeführer ein
posttraumatischer Tinnitus postuliert werden müsse (VB 327 S. 36).
6.2.
Den Akten, die als Entscheidgrundlage für den Einspracheentscheid vom
14. Januar 2021 (vgl. VB 323) dienten, ist in otorhinolaryngologischer Hin-
sicht zu entnehmen, dass die Diagnose Tinnitus gestützt auf die Befunde
von Reintonaudiogrammen, mithin subjektiven Verfahren (vgl. Pschyrem-
bel, Klinisches Wörterbuch, 267. Auflage, Berlin/Boston 2017, S. 183), ge-
stellt wurde (vgl. VB 13; 75 S. 5; 110 S. 3). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung zählen Reintonaudiogramme nicht zur Erbringung des ob-
jektiven Nachweises eines Tinnitus (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 8C_779/2013 vom 30. Dezember 2013 E. 4.1; vgl. zum Ganzen
BGE 138 V 248 E. 5.9 S. 256 ff.). Ein bildgebender oder apparativer Nach-
weis, welcher ein Absehen von der besonderen Adäquanzprüfung gestat-
ten würde, ist damit durch das neu eingebrachte MEDAS-Gutachten vom
3. September 2021 nicht erbracht, zumal organisch objektiv ausgewiesene
Unfallfolgen erst vorliegen, wenn die erhobenen Befunde mit apparati-
ven/bildgebenden Abklärungen bestätigt werden (BGE 134 V 109 E. 9
S. 122, 117 V 359 E. 5d/aa S. 363; Urteil des Bundesgerichts 8C_806/2007
vom 7. August 2008 E. 8.2 mit weiteren Hinweisen). Dies gilt rechtspre-
chungsgemäss auch bei einem Tinnitus (BGE 138 V 248).
- 8 -
Anzumerken ist ferner, dass der Schweregrad eines (subjektiven) Tinnitus
nicht mittels objektiver Messungen, sondern ausschliesslich aufgrund der
Angaben der betroffenen Person und deren subjektiv empfundenen Beein-
trächtigung festgelegt wird. Rechtsprechungsgemäss kann der so be-
stimmbare Schweregrad keine verlässlichen Rückschlüsse auf eine orga-
nische Unfallfolge als Ursache des Tinnitus bieten (BGE 138 V 248 E. 5.9.2
S. 257). Hinsichtlich der differentialdiagnostisch aufgeführten Contusio la-
byrinthi (vgl. VB 325 S. 39) ist darauf hinzuweisen, dass es an einem pro-
zessual revisionsrechtlich verlangten Erfordernis fehlt, soweit sich das
Neue im Wesentlichen in (differenzial-)diagnostischen Überlegungen er-
schöpft, also – wie vorliegend – auf der Ebene der medizinischen Beurtei-
lung anzusiedeln ist (Urteil des Bundesgerichts 9C_955/2012 vom 13. Feb-
ruar 2013 E. 3.3.1). Damit kann nicht die Rede davon sein, dass das neu
eingereichte MEDAS-Gutachten einen Fehler in der früheren Beweisgrund-
lage eindeutig aufzeigen würde (BGE 144 V 245 E. 5.4 S. 249 f. und
E. 5.5.5 S. 252 f.). Die Beschwerdegegnerin hat demzufolge zu Recht aus-
geführt, dass keine neuen Elemente tatsächlicher Natur vorliegen, welche
die Entscheidungsgrundlagen des Einspracheentscheids vom 14. Ja-
nuar 2021 als objektiv mangelhaft erscheinen lassen. Nach dem Dargeleg-
ten ist festzuhalten, dass aus dem MEDAS-Gutachten vom 3. Septem-
ber 2021 keine erheblichen neuen Tatsachen hervorgehen und solche
durch den Beschwerdeführer auch nicht aufgezeigt werden.
7.
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin demnach zu Recht die
Voraussetzungen für eine prozessuale Revision gemäss Art. 53 Abs. 1
ATSG als nicht erfüllt erachtet und das entsprechende Gesuch des Be-
schwerdeführers abgewiesen. Die gegen den Einspracheentscheid vom
14. Januar 2021 erhobene Beschwerde ist folglich abzuweisen.
8.
Soweit der Beschwerdeführer rügt, die Beschwerdegegnerin habe die Kos-
ten einer Rehamassnahme im Jahr 2019 abgelehnt, kann ihm nicht gefolgt
werden. Vielmehr geht aus den Akten hervor, dass die Beschwerdegegne-
rin eine Kostengutsprache für den in einem Einzelzimmer gewünschten
Rehaaufenthalt gewährte, der Beschwerdeführer diesen indes kurzfristig
ablehnte (VB 194; 259; 290). Auf weitere Ausführungen hierzu kann folglich
verzichtet werden. Dies umso mehr, als der Einspracheentscheid vom
14. Januar 2021 ohnehin bereits unangefochten in Rechtskraft erwachsen
ist.
9.
9.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf ein-
zutreten ist.
- 9 -
9.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
9.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als So-
zialversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) keine Parteient-
schädigung zu.