Decision ID: 6893a48c-57d5-50a5-8fa8-4b60aaa7c898
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
L._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Urs Glaus, Oberer Graben 44, Postfach, 9001 St.
Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rentenrevision
Sachverhalt:
A.
A.a L._, bezog seit 1996 eine ganze Rente der Invalidenversicherung (IV) bei einem
Invaliditätsgrad von 67% (IV-act. 39). Gemäss einem polydisziplinären Gutachten des
Zentrums für medizinische Begutachtung in Basel (ZMB) vom 29. Januar 1997 lagen
folgende Hauptdiagnosen vor: Lumbovertebralsyndrom bei Spondylolisthesis L5,
narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Impulsdurchbrüchen und chronische Hepatitis
C (IV-act. 13).
A.b Im Februar 2003 stellte die IV-Stelle dem Versicherten Fragen zur Veränderung
seines Gesundheitszustands und fragte auch seinen Hausarzt Dr. med. A._,
Facharzt FMH für Innere Medizin, an (IV-act. 49, 50). Mit Mitteilung vom 10. Juni 2003
teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, sie habe keine Änderung festgestellt, weshalb
bei einem Invaliditätsgad von 67% weiterhin Anspruch auf die bisherige Rente bestehe
(IV-act. 51).
A.c Im Rahmen eines im März 2004 eingeleiteten Rentenrevisionsverfahrens holte die
IV-Stelle bei Dr. A._ einen Verlaufsbericht ein, in dem dieser einen stationären
Gesundheitszustand attestierte (IV-act. 54). Mit Verfügung vom 19. August 2004 setzte
die IV-Stelle daraufhin in Vollzug der Änderungen der 4. Revision des Bundesgesetzes
über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) die ganze Invalidenrente bei einem
unveränderten Invaliditätsgrad von 67% auf eine Dreiviertelsrente herab (IV-act. 62).
Dagegen erhob der Versicherte am 27. August 2004 Einsprache (IV-act. 63), die er mit
Schreiben vom 8. September 2004 mit einer Verschlechterung seines
Gesamtgesundheitszustands begründete (IV-act. 66). Daraufhin stellte die IV-Stelle
Dr. A._ mit Schreiben vom 14. Oktober 2004 verschiedene Fragen zu einer allfälligen
Veränderung des Gesundheitszustands des Versicherten (IV-act. 68). Dr. A._
erachtete im Schreiben vom 21. Oktober 2004 eine Verschlechterung als möglich und
empfahl der IV-Stelle, eine neutrale Begutachtung in Auftrag zu geben (IV-act. 69).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Mit Verfügung vom 2. Dezember 2004 widerrief die IV-Stelle die Verfügung vom
19. August 2004 und stellte nach Durchführung weiterer Abklärungen eine
Neuverfügung in Aussicht (IV-act. 74). Am 17. Dezember 2004 erteilte sie dem ZMB
den Auftrag zur polydisziplinären Begutachtung des Versicherten (IV-act. 79). Die
Untersuchungen erfolgten während eines stationären Aufenthalts vom 27. bis 30. März
2006. Das Gutachten vom 11. Mai 2006 nennt insbesondere folgende Hauptdiagnosen:
Lumbovertebrales Schmerzsyndrom, Kniebeschwerden beidseits sowie multiple
Phobien mit Paniksyndrom, episodisch mit Somatisierungsneigung bei narzisstischer
Persönlichkeitsstruktur. Der Gesundheitszustand habe sich aus psychiatrischer Sicht
verbessert. Aus rein medizinischer Sicht seien dem Versicherten optimal adaptierte
körperlich leichte Tätigkeiten draussen zu sechs Stunden täglich zumutbar (IV-act. 83).
A.e Mit Vorbescheid vom 4. August 2006 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten an,
sie gedenke, die Rente bei einem Invaliditätsgrad von 41% auf eine Viertelsrente
herabzusetzen (IV-act. 90). Dazu nahm Rechtsanwalt Dr. iur. Urs Glaus in Vertretung
des Versicherten am 19. September 2006 Stellung. Er beantragte die Ausrichtung einer
ganzen, eventualiter einer Dreiviertelsrente. Die psychische Befindlichkeit des
Versicherten, seine Migräneanfälle, aber auch die Rücken- und Gelenksschmerzen
liessen eine geregelte Erwerbstätigkeit zu jeweils sechs Stunden am Tag nicht zu.
Selbst wenn sich ein Arbeitgeber finden liesse, der dem Versicherten eine optimal
adaptierte Tätigkeit anbieten könnte, sei doch sehr fraglich, ob er ihn einstellen würde
und falls doch, zu welchen Lohnbedingungen. Das Invalideneinkommen sei viel zu
hoch angesetzt (IV-act. 95). Auf Aufforderung der IV-Stelle hin nahmen die zuständigen
Gutachter des ZMB am 11. Januar 2007 zu den Vorbringen des Rechtsvertreters des
Versicherten Stellung und hielten an den Ausführungen im Gutachten fest (IV-act. 100).
A.f Am 22. März 2007 verfügte die IV-Stelle eine Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad
von 41% ab 1. Mai 2007 und passte auch die Kinderrenten an (IV-act. 104). Im
Verfügungsteil 2 erläuterte sie, bei der Festsetzung des Invalideneinkommens auf die
Tabellenlöhne der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für
Statistik (LSE) abgestellt und einen Abzug von 20% zugelassen zu haben. Einer
allfälligen Beschwerde gegen die Verfügung entzog sie die aufschiebende Wirkung (IV-
act. 102).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde des Rechtsvertreters des
Versicherten vom 30. April 2007 (act. G 1). Er beantragt die Aufhebung der Verfügung.
Dem Beschwerdeführer sei einer ganze, eventualiter eine Dreiviertelsrente
zuzusprechen. Ihm sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, alles unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen. Es sei nicht zu erwarten, dass auf dem
Arbeitsmarkt eine den diversen diagnostizierten physischen und psychischen Leiden
des Beschwerdeführers angepasste Tätigkeit existiere. Einerseits sei es dem
Beschwerdeführer aufgrund seiner somatischen Einschränkungen nicht möglich, eine
körperlich schwere Tätigkeit auszuüben, andererseits sei er einem Arbeitgeber aus
charakterlichen Gründen nicht zumutbar sowie für eine Arbeit in geschlossenen
Räumen aufgrund seiner Phobien mit Paniksyndrom nicht geeignet. Das von der
Beschwerdegegnerin errechnete Invalideneinkommen entspreche nicht den
tatsächlichen Möglichkeiten und sei deshalb herabzusetzen. Im Auftrag seines
Hausarztes sei der Beschwerdeführer am 27. November 2006 von Dr. med. B._,
Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, untersucht worden. Dieser habe in
seinem Bericht vom 26. Februar 2007 festgehalten, dem Beschwerdeführer mangle es
aus Gründen der pathologischen Persönlichkeitsstruktur an Sozialkompetenz und
Anpassungsfähigkeit. Dr. B._ schätze diesen Mangel im Gegensatz zum
psychiatrischen Vorgutachter als schwerwiegend ein. Zum Einkommensvergleich
macht der Rechtsvertreter geltend, aus den Unterlage gehe weder hervor, dass neben
der Teuerung auch die Lohnentwicklung berücksichtigt worden sei, noch sei die
genaue Berechnung des verwendeten Valideneinkommens nachvollziehbar. Die von
den ZMB-Gutachtern gewählte Formulierung, der Beschwerdeführer verfüge noch über
"gewisse Ressourcen", sei viel zu unbestimmt, als dass sie für die Berechnung des
Invaliditätsgrads verwertbar wäre. Die im ZMB-Gutachten vorgeschlagenen Tätigkeiten
wie das Vertragen von Werbematerial, Botengänge oder einfache Hauswartsarbeiten
kämen für den Beschwerdeführer aufgrund seiner somatischen und psychischen
Einschränkungen nicht in Frage. Überdies erreiche das Austragen von Zeitungen oder
Werbematerial bzw. das Abnehmen von Wohnungen kaum eine 75%ige
Beschäftigung. Die festgestellte Arbeitsfähigkeit von 75% beziehe sich auf einen sehr
spezifischen und geringen Bereich des Arbeitsmarkts, und die in Betracht kommenden
Tätigkeiten seien sehr eng umschrieben. Es dürften keine realitätsfremden
Einsatzmöglichkeiten berücksichtigt werden. Eine dem Beschwerdeführer zumutbare
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeit sei nicht Gegenstand von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Die
wirtschaftliche Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit sei zu verneinen.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 29. Mai 2007 die
Abweisung der Beschwerde. Im ersten ZMB-Gutachten sei dem Beschwerdeführer aus
somatischer Sicht theoretisch zwar eine volle Arbeitsfähigkeit attestiert, diese sei aber
praktisch für schlicht unverwertbar gehalten worden. Im Verlaufgutachten werde
jedoch von einer bemerkenswerten Verbesserung des psychischen
Gesundheitszustands gesprochen und eine adaptierte Arbeitsfähigkeit von ca. 75%
bestätigt. Aufgrund der grösseren Auswahl von möglichen Arbeitsstellen könne der
Beschwerdeführer seine Restarbeitsfähigkeit nun auch verwerten. Dr. B._ stelle in
seinem Bericht dieselbe psychiatrische Diagnose wie die ZMB-Gutachter und schliesse
sich diesen betreffend die nicht vermindert zumutbare Arbeitsfähigkeit sogar an. Er
stelle lediglich die Sozialkompetenz und Anpassungsfähigkeit des Beschwerdeführers
in Abrede. Somit könne dieses Schreiben die Schlussfolgerungen der ZMB-Gutachter
nicht in Frage stellen. Auch unter Berücksichtigung des Maximalabzugs von 25% auf
dem Invalideneinkommen ergebe sich ein Invaliditätsgrad von 45% (act. G 4).
B.c Am 31. Mai 2005 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ein
Gesuchsformular für die unentgeltliche Prozessführung samt den erforderlichen
Beilagen ein (act. G 5). Die Verfahrensleitung bewilligte das Gesuch am 1. Juni 2007
(act. G 7).
B.d Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hält in seiner Replik vom 13. Juli 2007
an seinen Anträgen fest. Er äussert sich zur Verwertbarkeit der einzelnen im ZMB-
Gutachten genannten möglichen adaptierten Tätigkeiten und kommt zum Schluss, es
liege keine Arbeitsgelegenheit vor, weil nur bei illusorischem Entgegenkommen eines
durchschnittlichen Arbeitgebers eine Anstellung möglich wäre (act. G 11).
B.e Die Beschwerdegegnerin hält im Schreiben vom 14. August 2007 an ihrem Antrag
fest (act. G 13).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Bevor der Rentenanspruch des Beschwerdeführers materiell beurteilt werden kann,
muss geprüft werden, ob die prozessualen Voraussetzungen für die Durchführung
eines Revisionsverfahrens gegeben sind.
1.2 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]). Anlass zur Rentenrevision gibt nach der auch unter dem ATSG
massgeblichen Rechtsprechung jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen
Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu
beeinflussen (BGE 130 V 349 f. Erw. 3.5). Eine bloss unterschiedliche Beurteilung eines
im Wesentlichen gleich gebliebenen Sachverhaltes stellt dagegen praxisgemäss keine
revisionsbegründende Änderung dar (BGE 112 V 372 Erw. 2b). Ob eine
revisionsbegründende Änderung eingetreten ist, beurteilt sich durch Vergleich des
Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der letzten (der versicherten Person eröffneten)
rechtskräftigen Verfügung bestand, die auf einer materiellen Prüfung des
Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und
Durchführung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunkten für eine Änderung in
den erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitszustands) beruht (BGE 133 V 108),
mit dem Sachverhalt zur Zeit der streitigen Revisionsverfügung (BGE 125 V 369 Erw. 2)
bzw. des Einspracheentscheids (vgl. Entscheid I 817/05 des Bundesgerichtes vom
5. Februar 2007).
1.3 Die Beschwerdegegnerin sprach dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom
11. Februar 1999 bei einem Invaliditätsgrad von 67% rückwirkend auf den 1. Mai 1996
eine ganze Invalidenrente zu. Im Februar 2003 sandte sie dem Beschwerdeführer einen
"Fragebogen für Rentenrevision" zu, den dieser am 27. Februar 2003 ausfüllte und
unterzeichnete. Er gab an, sein Gesundheitszustand habe sich verschlimmert (IV-
act. 49). Am 10. März 2003 gab Dr. A._ an, der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers sei seit 1997 stationär (IV-act. 50). Daraufhin hielt die
Beschwerdegegnerin in einer Mitteilung vom 10. Juni 2003 fest, es bestehe weiterhin
Anspruch auf die bisherige Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 67% (IV-
act. 51). Sie führte 2003 also kein Rentenrevisionsverfahren mit einer umfassenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Prüfung des medizinischen Sachverhalts durch, zumal sie keine Hinweise auf eine
Veränderung hatte. Eine umfassende Sachverhaltsabklärung hatte seit der erstmaligen
Rentenzusprache nicht mehr stattgefunden. Vergleichszeitpunkt für die im März 2004
schliesslich eingeleitete Rentenrevision ist also der Gesundheitszustand, wie er sich im
Zeitpunkt der erstmaligen Leistungszusprache (Februar 1999) präsentierte. Die
medizinischen Unterlagen belegen eine Veränderung des Gesundheitszustands seit
1997. So verschwand etwa die im ersten ZBM-Gutachten noch als Hauptdiagnose
aufgeführte Hepatitis C im zweiten ZMB-Gutachten aus den sich auf die
Arbeitsfähigkeit auswirkenden Diagnosen in die Liste der Nebendiagnosen. Neu als
Hauptdiagnose nennt das zweite ZMB-Gutachten hingegen die beidseitigen
Kniebeschwerden. Auch die multiplen Phobien mit Paniksyndrom sind im zweiten
Gutachten (zumindest in dieser Ausprägung) neu. Der relevante Sachverhalt hat sich
also im Sinne von Art. 17 ATSG verändert, sodass eine Rentenrevision grundsätzlich
zulässig ist.
2.
2.1 Das ZMB-Gutachten vom 29. Januar 1997 enthält insbesondere die Diagnosen des
Lumbovertebralsyndroms bei Spondylolisthesis L5, der narzisstischen
Persönlichkeitsstörung mit Impulsdurchbrüchen und der chronischen Hepatitis C. Rein
schon wegen der Befunde im Bereich der Wirbelsäule sei die zuletzt ausgeführte
Tätigkeit als Hilfsgärtner nicht mehr möglich. Der Beschwerdeführer sei nicht
teamfähig, zeige eine mangelnde Einschätzung der Realität, sei sehr ausgeprägt
dysphorisch und aufgrund seiner Charaktereigenschaften mit unkontrollierbarem
impulshaftem Verhalten zusätzlich beeinträchtigt. Diese Merkmale würden
Eingliederungsmassnahmen verhindern und auch seine bereits somatisch reduzierte
Arbeitsfähigkeit zusätzlich vermindern. Aus psychischen Gründen sei dem
Beschwerdeführer keine Tätigkeit in einem Team zumutbar, womit er einem
Arbeitgeber aus charakterlichen Gründen kaum zumutbar sei, ausser es würde sich um
ein Angestelltenverhältnis handeln, bei dem der Beschwerdeführer sehr unabhängig
und unbelästigt seine Arbeit verrichten könne. Eine dem Rücken adaptierte Tätigkeit
unter Vermeiden von Heben und Tragen von Lasten über 15 Kilogramm und Arbeiten in
einer Zwangshaltung sowie mit der Möglichkeit, während der Arbeit die Position
wechseln zu können, und eine Arbeit, die den dargelegten psychischen Bedingungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entspreche, könnte der Beschwerdeführer weiterhin vollschichtig ausüben. Dabei
kämen nur selbstständige Tätigkeiten in Frage wie Kleinhandel, Betreiben eines
Imbissstandes, Vertragen von Zeitungen oder Werbematerial, eine geeignete
Ausläufertätigkeit oder ähnliches (IV-act. 13-16).
2.2 Das zweite ZMB-Gutachten vom 11. Mai 2006 stellt neben dem lumbovertebralen
Schmerzsyndrom die Hauptdiagnosen der Kniebeschwerden beidseits und der
multiplen Phobien mit Paniksyndrom, episodisch mit Somatisierungsneigung bei
narzisstischer Persönlichkeitsstörung. Betreffend Hepatitis C wird festgehalten, aktuell
könne nicht mehr von einer invaliditätsrelevanten Hepatopathie gesprochen werden.
Weiter wird aus psychiatrischer Sicht eine Verbesserung des Gesundheitszustands seit
der ersten ZMB-Begutachtung attestiert. Insbesondere hätten die negativen
Charaktereigenschaften mit Impulshaftigkeit und dysphorischem Verhalten wesentlich
gebessert. Es zeige sich deutlich, dass der Beschwerdeführer als alleinerziehender
Vater in den letzten zehn Jahren psychologisch eine recht gute Entwicklung
durchgemacht habe und gereift sei. Die von psychiatrischer Seite 1997 festgehaltene
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der negativen Charaktereigenschaften
könne aktuell nicht mehr angenommen werden. Neu hinzugekommen sei eine Tendenz,
mit multiplen unspezifischen Angststörungen im Sinne von multiplen Phobien zu
reagieren, die sich in Form von Paniksyndromen episodisch klinisch zeigen würden.
Aus gesamtmedizinischer Sicht sei der Beschwerdeführer in einer körperlich leichten
Tätigkeit arbeitsfähig, wobei eine gewisse Einschränkung in der Teamfähigkeit gegeben
sein könne. Der Beschwerdeführer weise etwas eigenwillige narzisstische
Charakterzüge auf bei einer Persönlichkeit, die seit Jahren der Arbeit entwöhnt sei.
Dies erschwere die Teamfähigkeit zusätzlich, weil er sich nicht mehr gewöhnt sei, sich
in autoritative Strukturen einzulassen. Aus charakterlichen Gründen könne allerdings
keine volle Teamunfähigkeit mehr angenommen werden. Der Beschwerdeführer sei
nicht jedem Arbeitgeber zumutbar. Der Arbeitgeber müsse eine gewisse Toleranz für
die Eigenschaften des Beschwerdeführers mitbringen; dieser sei aber keineswegs
vollständig unkooperativ. Während der gesamten Zeit im ZMB habe er sich als
anständig, kooperativ und keineswegs dysphorisch erwiesen. Aufgrund der Tendenz zu
Ängsten und Phobieneigung seien auch Tätigkeiten in Innenräumen nicht geeignet. Als
geeignet bezeichnen die Gutachter das Vertragen von Werbematerial, Botengänge,
leichte Arbeiten draussen wie leichte Gärtnerarbeiten (Heckenschneiden), einfache
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hauswartarbeiten (Ansprechpartner für Mieter, Wohnungsabnahmen, leichte
Gartenarbeiten). Solche Tätigkeiten seien ihm aus medizinischer Sicht zu sechs
Stunden täglich zumutbar. Eine gewisse Einschränkung des Rendements müsse
aufgrund der Diagnosen und der angenommenen verminderten
Stressbelastungsfähigkeit ausgemacht werden (IV-act. 83).
2.3 Die Gutachter empfanden also einerseits die Dysphorie als abgebaut und die
Kooperationsbereitschaft als gestärkt. Andererseits hätten sich Phobien entwickelt
bzw. verstärkt. Teamfähigkeit erachten sie als deutlich stärker gegeben als noch 1997.
Dieser Einschätzung widerspricht der Psychiater Dr. B._ in seinem Bericht vom
26. Februar 2007. Der Beschwerdeführer habe sich ihm bei der Begutachtung am
27. November 2006 durchgehend dysphorisch, alloakusativ und schimpfend
präsentiert. Er habe monoton mit streckenweise inadäquat überheblichem Tonfall
gesprochen. Dr. B._ schätzt den Mangel an Sozialkompetenz und
Anpassungsfähigkeit als schwerwiegend ein. Der Beschwerdeführer sei einem Team
oder einem Arbeitgeber in der freien Wirtschaft nicht zumutbar. Diese Frage habe der
ZMB-Gutachter nicht diskutiert. Von sich selbst sagt Dr. B._, er könnte mit dem
Beschwerdeführer langfristig nicht einmal als Betreuer zusammenarbeiten (act. G 1.3).
2.4 Der psychiatrische Teilgutachter Dr. C._ hielt im ZMB-Gutachten vom 11. Mai
2006 fest, er habe den Beschwerdeführer auf die Veränderung in seinem Verhalten
angesprochen, worauf dieser erwidert habe, er habe sich auf das Gespräch vorbereitet,
sei extra vorher schlafen gegangen und habe den Wecker auf zwanzig Minuten vor
dem Untersuchungstermin um 13 Uhr gestellt. Er sei also ausgeruht und entsprechend
aufgestellt zur Sitzung gekommen (IV-act. 83-17). Dr. B._ konnte bei seiner
Untersuchung vom 27. November 2006 keineswegs eine solche Ausgeglichenheit
feststellen; im Gegenteil befand sich der Beschwerdeführer in einem derart
dysphorischen, unkooperativen Zustand, dass Dr. B._ sich zur Bemerkung veranlasst
sah, er würde mit ihm nicht einmal als Betreuer zusammenarbeiten. Er verneinte
entschieden, dass der Beschwerdeführer einem Arbeitgeber oder einem Team
zumutbar sei. Offenbar weist das Verhalten des Beschwerdeführers starke
Schwankungen auf. Der Bericht von Dr. B._ vom 26. Februar 2007 vermag jedenfalls
zumindest Zweifel an der positiven Einschätzung der Sozialkompetenz, Angepasstheit
und Kooperationsbereitschaft des Beschwerdeführers durch die ZMB-Gutachter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufkommen zu lassen. Da diese positiven Eigenschaften ausser in der zweiten ZMB-
Begutachtung offenbar nie bemerkt wurden, ist nicht auszuschliessen, dass es sich
dabei nicht um einen dauerhaften, etablierten Zustand handelt.
2.5 Die medizinischen Akten belegen insgesamt, dass der Beschwerdeführer in einer
leichten, dem Rückenleiden optimal adaptierten Tätigkeit grundsätzlich eine
Restarbeitsfähigkeit von etwa 75% aufweisen würde. Dem Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers ist jedoch zuzustimmen, dass fraglich ist, ob diese Arbeitsfähigkeit
tatsächlich noch verwertbar ist. Aufgrund seiner Phobien kann dem Beschwerdeführer
keine Tätigkeit in Innenräumen zugemutet werden. In Frage käme also nur Hilfsarbeit
im Freien, wobei diese wegen der somatischen Beschwerden grundsätzlich körperlich
leicht sein müsste. In ihrem Bericht vom 8. Oktober 1998 hatte die zuständige IV-
Berufsberaterin festgehalten, der Beschwerdeführer würde beispielsweise für die
Verteilung von Werbematerial oder Zeitungen relativ viel Zeit benötigen, da er nicht
schwer heben und keinen Transportkarren stossen könne. Er müsste daher kleine
Zeitungspakete einzeln mitnehmen und wegen der Rückenbeschwerden
zwischendurch Pausen einlegen. Von dieser Situation ausgehend könne für den
Beschwerdeführer ein Stundenlohn von höchstens Fr. 8.- angenommen werden (IV-
act. 35). Diese Beurteilung erscheint auch heute noch plausibel, haben sich die
somatischen Leiden des Beschwerdeführers seit 1997 doch nicht verbessert. Im
Gegenteil werden im ZMB-Gutachten vom 11. Mai 2006 neu Knieprobleme
diagnostiziert, was die Geeignetheit der vorgeschlagenen Tätigkeit als Verteiler von
Werbung oder Zeitungen zusätzlich als zweifelhaft erscheinen lässt. Auch das
Argument des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers, das Vertragen von
Werbematerial sei ein typischer Nebenjob oder ein Ferienjob für Jugendliche, weshalb
fraglich sei, ob damit ein Arbeitspensum von 75% erreicht werden könne, ist
stichhaltig. Zudem erscheint als ungewiss, dass der Beschwerdeführer die im ZMB-
Gutachten als möglich erachteten Botengänge tatsächlich ausführen könnte, sind
solche doch klar weisungsgebunden und erfordern Anpassungsfähigkeit und ein
gewisses Mass an Kooperation. Die Eignung des Beschwerdeführers für gewisse
Hauswartstätigkeiten wie die Einnahme einer Stellung als Ansprechpartner für Mieter
erscheint ebenfalls als zweifelhaft. Wie der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers zu
Recht geltend macht, erfordert eine solche Tätigkeit einen guten Umgang mit
Menschen sowie Geduld und Verständnis für die Anliegen der Mieter, wofür der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer möglicherweise aufgrund seiner Charaktereigenschaften nicht
geeignet ist. Ebenfalls fraglich ist, ob überhaupt eine Hauswartstelle an eine Person
vergeben würde, die nur leichte Tätigkeiten ausführen und sich nicht in Innenräumen
aufhalten kann.
2.6 Die Einschätzung von Dr. B._ vermag wie erwähnt zumindest Zweifel an der
Beurteilung der Teamfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der ZMB-Gutachter zu
wecken. Ob die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers vor
dem Hintergrund der erheblichen Einschränkungen, denen eine den Beschwerden und
Charaktereigenschaften des Beschwerdeführers optimal adaptierte Tätigkeit unterliegt,
noch gegeben ist, kann bei der vorliegenden Aktenlage nicht entschieden werden. Die
Sache ist daher zur ergänzenden Abklärung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Es empfiehlt sich, eine BEFAS-Abklärung in einer geeigneten
Institution in Auftrag zu geben. Dabei sollte die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers konkret überprüft werden. Eine Abklärungsdauer von etwa drei
Monaten erschiene als angemessen, sind schnelle Ergebnisse bei den vorliegenden
komplexen Gegebenheiten doch nicht wahrscheinlich. Wesentlich und notwendig wäre,
dass in der Abklärungsinstitution auch ein Arzt zugegen wäre und an der Abklärung
des Beschwerdeführers mitwirken würde. Die Abklärungspersonen sollten vertieft zur
Frage Stellung nehmen, ob der Beschwerdeführer einem Arbeitgeber und einem Team
zumutbar ist. Sollte sich durch solche Abklärungen zeigen, dass die Verwertung der
Arbeitsfähigkeit nicht möglich wäre, so besteht ein Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente. Stellt sich die Verwertung als grundsätzlich möglich heraus, so sind die
Erwerbsmöglichkeiten des Beschwerdeführers in dieser optimal adaptierten Tätigkeit
sorgfältig zu beurteilen, sodass das Invalideneinkommen bei der
Invaliditätsgradsbemessung möglichst realistisch festgelegt werden kann.
3.
3.1 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 22. März 2007 teilweise gutzuheissen und die Sache
zur Veranlassung einer beruflichen Abklärung gemäss den Ausführungen in Erw. 2.6
und zur anschliessenden Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-
erscheint als angemessen. Die Rückweisung zur weiteren Abklärung und
Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles Obsiegen (ZAK 1987 S. 268 Erw. 5a). Somit
unterliegt die Beschwerdegegnerin vollumfänglich. Da sie gemäss Art. 3 Abs. 1 lit. b
des st. gallischen Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (sGS 350.1) Teil der
Sozialversicherungsanstalt und damit Teil einer selbständigen öffentlich-rechtlichen
Anstalt ist, kommt Art. 95 Abs. 3 VRP (Befreiung von der Pflicht zur Übernahme
amtlicher Kosten) nicht zur Anwendung (vgl. Urs Peter Cavelti/Thomas Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl., 2003, Rz 792). Die Beschwerdegegnerin hat deshalb
die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.- zu bezahlen.
3.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
ungekürzte Parteientschädigung. Diese wird vom Gericht ohne Rücksicht auf den
Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der
Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand angemessen erscheint eine
Parteientschädigung von Fr. 3'500.- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
3.4 Die bereits bewilligte unentgeltliche Prozessführung wird bei diesem
Verfahrensausgang gegenstandslos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG