Decision ID: 44c5e937-1c4e-52c5-b7a7-c435a4933077
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 10. August 2020 um Asyl nach. Am
13. August 2020 mandatierte er die ihm zugewiesene Rechtsvertretung.
Die Personalienaufnahme erfolgte am gleichen Tag. Die Vorinstanz hörte
ihn am 21. Oktober 2020 zu seinen Asylgründen an. Mit Zuteilungsent-
scheid vom 28. Oktober 2020 wurde sein Gesuch dem erweiterten Verfah-
ren zugewiesen, woraufhin seine Rechtsvertretung mit Schreiben vom
29. Oktober 2020 das Mandat für beendet erklärte. Mit Vollmacht vom
26. November 2020 mandatierte der Beschwerdeführer eine neue Rechts-
vertretung. Am 11. Dezember 2020 wurde eine ergänzende Anhörung zu
den Asylgründen durchgeführt.
A.b Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er gehöre der
Ethnie der B._ an und habe vor seiner Ausreise im Dorf C._,
Distrikt D._, Provinz E._, gelebt. Er sei verheiratet und habe
fünf Kinder. Von 1985 bis 1989 habe er Militärdienst geleistet und danach
während (...) Jahren als (...) gearbeitet. Er habe auch nach seinem Militär-
dienst eine Waffe getragen und in seinem Dorf zirka (...) bewaffnete Per-
sonen angeführt, um dieses vor den Taliban und dem sogenannten islami-
schen Staat (IS) zu beschützen. Diese Verteidigungsgruppe sei von der
Regierung in materieller und finanzieller Hinsicht unterstützt worden. Unter
anderem sei ihnen ein (...) zur Verfügung gestellt worden. Im Jahre (...)
habe eine befreundete Kampfgruppe aus der Region einen bedeutenden
Funktionär der Taliban in ihre Gewalt gebracht. Da diese Gruppe über kein
angemessenes Transportmittel verfügt habe, um den Taliban-Anführer an
die zuständigen Behörden zu überstellen, habe seine Verteidigungsgruppe
mit ihrem (...) diese Aufgabe übernommen. Während des Transports seien
sie in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Im Zuge dieses Angriffs seien
mehrere Personen ums Leben gekommen, unter ihnen der Taliban-Funkti-
onär. Im Jahre (...) hätten die Taliban seine Heimatregion und auch sein
Dorf eingenommen. Ein Überläufer, der (...) seines Schwagers, habe den
Taliban erzählt, dass es sich bei ihm – dem Beschwerdeführer – um den
Verantwortlichen für den Tod des verstorbenen Taliban-Funktionärs
handle. Die Taliban hätten sich darauf bei anderen Dorfbewohnern – er
selber habe das Dorf zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen – nach ihm
erkundigt. Der (...) des Schwagers habe ihn aus Rache verraten, da er ihn
dafür verantwortlich mache, dass der Schwager wegen der Tötung seiner
Ehefrau – der Schwester des Beschwerdeführers – eine mehrjährige Ge-
E-194/2021
Seite 3
fängnisstrafe absitzen müsse. Bevor der (...) des Schwagers zu den Tali-
ban übergelaufen sei, habe er mit einer Waffe auf den Beschwerdeführer
geschossen.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seinen Identitätsausweis,
sein Militärbüchlein sowie seinen Eheschein zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 15. Dezember 2020 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylge-
such ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Vollzug
jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
C.
Mit Eingabe vom 15. Januar 2021 reichte der Beschwerdeführer gegen den
Entscheid der Vorinstanz Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
ein. Er beantragt, es sei die Verfügung in den Dispositivziffern 1 bis 3 auf-
zuheben, seine Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihm Asyl zu ge-
währen. Ferner sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen.
D.
Am 21. Januar 2021 wurde beim Gericht die Kostennote der Rechtsvertre-
terin vom 20. Januar 2021 eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 Asylgesetz [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs-
E-194/2021
Seite 4
vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerde-
führer zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufge-
nommen hat.
2.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet. Sie ist deshalb
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei-
ten Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) und mit
summarischer Begründung (Art. 111a Abs. 2 AsylG) zu behandeln.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG nicht stand.
Zur Begründung wird in der Verfügung ausgeführt, der Grund, weshalb der
Beschwerdeführer von der Taliban gesucht werde, sei Rache. Die Verfol-
gung beruhe somit nicht auf einem in Art. 3 AsylG aufgezählten flüchtlings-
relevanten Motiv. Die Taliban wolle sich an ihm aufgrund seines Handelns,
nicht aufgrund seines Seins, rächen. Ferner habe das Hauptziel der Taliban
darin bestanden, die Region zu kontrollieren. Auch wenn die Taliban sich
im Dorf nach dem Beschwerdeführer erkundigt hätten, sei es nicht so, dass
sie nur wegen ihm das Dorf angegriffen hätten und es seien auch die an-
deren Dorfbewohner bedroht gewesen, welche gegen die Taliban gekämpft
hätten. Seine Bedrohungslage ergebe sich aus seiner Mitgliedschaft zur
bewaffneten Dorfmiliz und nicht aus seinem Sein. Aufgrund der offensicht-
lich fehlenden flüchtlingsrechtlichen Relevanz der Fluchtvorbringen könne
darauf verzichtet werden, auf allfällige Unglaubhaftigkeitselemente in sei-
nen Vorbringen einzugehen.
5.
In der Rechtsmitteleingabe wird im Wesentlichen geltend gemacht, der Be-
schwerdeführer gelte in den Augen der Taliban bereits aufgrund seiner ehe-
maligen Stellung als (...) einer von der Regierung unterstützten Verteidi-
gungsmiliz als Ungläubiger und politischer Gegner. Dass ihm ferner die
E-194/2021
Seite 5
Verantwortung für den Tod eines bedeutenden Taliban-Funktionärs unter-
stellt werde, mache ihn zum politischen Gegner und seiner Verfolgung wür-
den klarerweise asylrelevante Motive zugrunde liegen. Das Rachemotiv
des (...) des Schwagers des Beschwerdeführers trete dabei in den Hinter-
grund. Würde der Argumentation der Vorinstanz gefolgt, wären gezielte
gegnerische Vergeltungsmassnahmen in politisch-militärischen Konflikten
nie als asylrelevante Verfolgungen zu qualifizieren, was dem Sinn der
Flüchtlingskonvention widersprechen würde. Der Beschwerdeführer ver-
füge aufgrund seiner Tätigkeit als (...) über ein einschlägiges Risikoprofil
im Sinne der Rechtsprechung.
6.
6.1 Die Vorinstanz verzichtete im angefochtenen Entscheid darauf, eine
Glaubhaftigkeitsprüfung der Fluchtvorbringen durchzuführen, und stellte
bei der Beurteilung deren Flüchtlingsrelevanz auf die Schilderungen des
Beschwerdeführers ab. Dieser macht nun unter anderem geltend, die Vor-
instanz blende bei der Beurteilung seiner Fluchtvorbringen wesentliche
Elemente aus.
6.2 Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör folgt unter anderem die
Pflicht der Behörden, sich mit den wesentlichen Gesichtspunkten ausei-
nanderzusetzen und den Entscheid zu begründen. Die Begründung muss
so abgefasst werden, dass der Betroffene den Entscheid sachgerecht an-
fechten kann (vgl. BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.).
6.3 Den Vorbringen des Beschwerdeführers lässt sich im Wesentlichen
entnehmen, dass er als ehemaliger (...) einer Verteidigungsmiliz im Ver-
dacht stehe, für den Tod eines höheren Taliban-Funktionärs verantwortlich
zu sein, und die Taliban sich über ihn erkundigt habe.
Die Begründung der Vorinstanz, das Verfolgungsmotiv der Taliban beruhe
lediglich auf Rache und sei somit nicht flüchtlingsrechtlich relevant, greift
nach Ansicht des Gerichts klar zu kurz. Wie in der Beschwerdeschrift zu-
treffend darauf hingewiesen wird, blendet sie den politisch-religiösen Kon-
text des Konflikts in Afghanistan aus. Ferner setzt sich die Vorinstanz in
diesem Zusammenhang zu wenig mit dem Umstand auseinander, dass der
Beschwerdeführer – gemäss seinen Schilderungen – in den Augen seiner
Verfolger als Hauptverantwortlicher für den Tod eines bedeutenden Tali-
ban-Funktionärs gelte und sich die Taliban explizit nach ihm erkundigt ha-
ben soll. Die Vorinstanz begnügt sich mit dem blossen Hinweis, sämtliche
Dorfbewohner, welche gegen die Taliban gekämpft hätten, seien bedroht
E-194/2021
Seite 6
gewesen, womit sie die in den Fluchtvorbringen durchaus vorhandenen
Anhaltspunkte für eine mögliche Exponiertheit des Beschwerdeführers be-
ziehungsweise eine mögliche Gezieltheit der Verfolgung unbehandelt lässt.
Ferner wirft die Argumentation der Vorinstanz die Frage auf, ob (und wes-
halb) sie sämtliche Mitglieder der Verteidigungsmiliz in gleicher Weise als
von der geltend gemachten Racheabsicht betroffen sieht. Insofern ist der
Entscheid auch als unklar zu qualifizieren.
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Begründung der Vorinstanz
den aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör fliessenden Anforderungen
nicht zu genügen vermag. Unter anderem setzt sie sich mit entscheidwe-
sentlichen Umständen nicht beziehungsweise ungenügend auseinander.
Somit ist die Sache zur vollständigen und rechtsgenüglichen Entscheidbe-
gründung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es ist darauf hinzuweisen,
dass durch den vorliegenden Entscheid der Frage der Flüchtlingseigen-
schaft (zum Beispiel bezüglich der Wahrscheinlichkeit der Verwirklichung
einer allenfalls vorhandenen Gefahr sowie der Glaubhaftigkeit der Flucht-
vorbringen an sich) nicht vorgegriffen wird.
6.4 Aufgrund des Ausgeführten ist die Beschwerde gutzuheissen, die Dis-
positivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung vom 15. Dezember
2020 sind aufzuheben und die Sache ist zur neuen Entscheidung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu auferlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit ist das in der Rechtsmitteleingabe ge-
stellte Begehren um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ge-
genstandslos geworden.
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die am
20. Januar 2021 eingereichte Kostennote weist einen Arbeitsaufwand von
insgesamt 7,5 Stunden zu einem Stundensatz von Fr. 200.– sowie Baraus-
lagen von Fr. 20.– aus. Der geltend gemachte Zeitaufwand erweist sich als
zu hoch. Er ist auf sechs Stunden zu kürzen und die Entschädigung auf
insgesamt Fr. 1'220.– festzusetzen.
E-194/2021
Seite 7
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ist
– in Anbetracht des Ausgangs des Verfahrens – gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
E-194/2021
Seite 8