Decision ID: 49a3850c-2eb5-531f-a39b-f190f6755000
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Robert Baumann, Waisenhausstrasse 17,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Erlass (Rückforderung)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 19. Juli 2002 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 3).
Mit einer Verfügung vom 31. März 2004 sprach ihm die IV-Stelle ausgehend von einem
Invaliditätsgrad von 60 % für die Zukunft, d.h. ab 1. Mai 2004, eine Dreiviertelsrente zu
(IV-act. 45). Am 15. April 2004 folgten die Verfügungen für den Zeitraum 1. Mai 2003
bis 31. Dezember 2003 (halbe Rente; nachfolgend: Verfügung Nr. 1) und 1. Januar bis
30. April 2004 (Dreiviertelsrente; IV-act. 49 f.; nachfolgend: Verfügung Nr. 2). Die IV-
Stelle begann unmittelbar nach dem Erlass dieser Verfügungen mit der Auszahlung der
Dreiviertelsrente. Am 19. April 2004 erhob die Personalvorsorgestiftung der Firma B._
Einsprache gegen die Verfügung vom 31. März 2004. Sie beantragte, es sei
festzustellen, dass beim Versicherten keine rentenbegründende Invalidität eingetreten
sei (IV-act. 53). Am 29. April 2004 erhob die Personalvorsorgestiftung Einsprache
gegen die Verfügungen vom 15. April 2004 mit denselben Anträgen (IV-act. 56). Am 7.
Mai 2004 erhob der Versicherte Einsprache gegen die Verfügung vom 31. März 2004
und die Verfügungen vom 15. April 2004. Er beantragte die Zusprache einer ganzen
Invalidenrente (IV-act. 61). Die IV-Stelle zahlte die Dreiviertelsrente weiter aus. Sie wies
beide Einsprachen am 3. Januar 2005 in zwei getrennten Entscheiden ab (IV-act. 84 f.).
Im Entscheid zuhanden des Versicherten kam sie allerdings zum Schluss, dass der
Invaliditätsgrad nicht nur 60 %, sondern 67 % betrage. Der Versicherte liess am
31. Januar 2005 Beschwerde gegen den Einspracheentscheid erheben. Auch die
Personalvorsorgestiftung erhob am 3. Februar 2005 Beschwerde (IV-act. 89 und 94).
Der Versicherte liess beantragen, ihm sei spätestens ab 1. Mai 2003 eine ganze
Invalidenrente auszurichten. Die Personalvorsorgestiftung beantragte die Feststellung,
dass beim Versicherten keine rentenbegründende Invalidität eingetreten sei;
eventualiter sei die Sache zur Ergänzung des Sachverhalts an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Trotz dieser Beschwerden zahlte die IV-Stelle die Dreiviertelsrente
weiter aus. In teilweiser Gutheissung beider Beschwerden hob das Gericht die
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Einspracheentscheide vom 3. Januar 2005 am 27. Oktober 2005 auf. Es wies die
Sache zur weiteren Abklärung und zur neuen Entscheidung im Sinne der Erwägungen
an die Beschwerdegegnerin zurück (IV-act. 115). Auch dies hinderte die IV-Stelle nicht
an der weiteren Auszahlung der Dreiviertelsrente.
A.b In der Folge gab die IV-Stelle bei der MEDAS Zentralschweiz ein polydisziplinäres
Gutachten in Auftrag (IV-act. 123). Die Gutachter schätzten die Arbeitsfähigkeit des
Versicherten in einer körperlich leichten, wechselbelastenden Tätigkeit auf 70 %. Mit
Verfügungen vom 13. und 14. Dezember 2007 (IV-act. 151 f.) sprach die IV-Stelle
dem Versicherten statt der bisher ausbezahlten Dreiviertelsrente rückwirkend ab dem
1. Januar 2004 eine halbe Rente zu, da der Invaliditätsgrad neu auf 52 % festgesetzt
worden war. Gleichzeitig forderte sie vom Versicherten für die zwischen dem 1. Januar
2004 und dem 31. Dezember 2007 zu viel ausgerichteten Rentenleistungen einen
Betrag von Fr. 54'324.-- zurück (IV-act. 151). Gegen die Verfügungen vom 13. und
14. Dezember 2007 erhob der Versicherte Beschwerde (IV-act. 156). Nach
mehrmaligen Fristerstreckungen sistierte das Gericht das Verfahren, damit der
Versicherte das Ergebnis der Abklärungen der Vorsorgeeinrichtung abwarten konnte
(IV-act. 156 ff.). Mit Schreiben vom 19. November 2008 liess der Versicherte die
Beschwerde zurückziehen, weshalb das Verfahren mit Verfügung vom 20. November
2008 als gegenstandlos geworden abgeschrieben wurde (IV-act. 166).
B.
B.a Am 8. Januar 2008 (IV-act. 153) bzw. 12. Dezember 2008 (act. G 4.2/06) liess der
Versicherte betreffend die Rückforderung ein Erlassgesuch stellen. Sein
Rechtsvertreter argumentierte, das Ergebnis der polydisziplinären Abklärung sei weder
für die IV-Stelle bzw. Ausgleichskasse noch für den Versicherten voraussehbar
gewesen. Dem Versicherten habe das Bewusstsein über den unrechtmässigen
Leistungsbezug gefehlt und dieses Fehlen sei bei einer objektiven Betrachtungsweise
unter den konkret gegebenen Umständen in jedem Fall entschuldbar. Da auch die
Voraussetzung der grossen Härte gegeben sei, sei dem Versicherten die
Rückforderung zu erlassen.
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B.b Am 2. April 2009 orientierte der Rechtsvertreter die Ausgleichskasse darüber, dass
die Arbeitslosenkasse die Ermächtigung erhalten habe, den Betrag von Fr. 6'314.05
direkt zur Tilgung der Rückforderung an die Ausgleichskasse zu zahlen. Dieser Betrag
ging am 27. April 2009 bei der Ausgleichskasse ein (act. G 4.2/10).
B.c Am 8. Mai 2009 bat die Ausgleichskasse das Bundesamt für Sozialversicherung
(BSV) um eine Stellungnahme, da gewisse Unsicherheiten bei der Beurteilung des
guten Glaubens bestünden (act. G 4.2/12). In seiner Antwort vom 25. Juni 2009 hielt
das BSV fest, dass der Versicherte bei der Entgegennahme der Rentenleistungen nicht
grobfahrlässig und deshalb in gutem Glauben gehandelt habe. Unter Berücksichtigung
der unklaren Rechtslage und des Bildungsgrades (Realschule und Anlehre) könne dem
Versicherten keine Grobfahrlässigkeit unterstellt werden. Würde in Fällen wie dem
Vorliegenden grobfahrlässiges Handeln angenommen, könnten konsequenterweise
keine IV-Leistungen mehr während der Rechtsmittelfrist in gutem Glauben bezogen
werden, da während diesem Zeitraum mit einer Einsprache gerechnet werden müsse.
B.d Mit Verfügung vom 27. Januar 2012 (act. G 1.1) wies die IV-Stelle das Erlass
gesuch ab. Sie hielt fest, dass die noch offene Rückforderung von Fr. 47'982.95 voll
umfänglich zurückbezahlt werden müsse. Zudem entzog sie einer gegen diese Ver
fügung gerichteten Beschwerde die aufschiebende Wirkung. Die IV-Stelle begründete
ihren Entscheid damit, dass der Versicherte in der Zeit von Januar 2004 bis Ende 2008
Rentenleistungen bezogen habe, welche auf nicht rechtskräftigen Verfügungen basiert
hätten. Aufgrund der Einsprache der Personalvorsorgestiftung habe er damit rechnen
müssen, dass die ursprünglich zugesprochenen Leistungen noch abgeändert werden
könnten. Deshalb habe der Versicherte die über die Jahre zu viel bezahlten Leistungen
nicht gutgläubig beziehen können. Da die Voraussetzung des guten Glaubens nicht
erfüllt sei, erübrige sich die Prüfung der grossen Härte.
C.
C.a Gegen diese Verfügung richtete sich die vom Versicherten (nachfolgend: Be
schwerdeführer) erhobene Beschwerde vom 27. Februar 2012 (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Gutheissung des Erlassgesuchs unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zu Lasten der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin);
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eventualiter sei die Streitsache zur Vornahme weiterer Abklärungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Weiter verlangte der Rechtsvertreter, dass die
der Beschwerde entzogene aufschiebende Wirkung umgehend wiederherzustellen sei.
In materieller Hinsicht begründete der Rechtsvertreter die Beschwerde wie folgt: Die
Beschwerdegegnerin habe während der Einspracheverfahren bzw. bis zum Erlass der
Einspracheentscheide selbst die Auffassung vertreten, dass der Beschwerdeführer bis
Ende 2003 Anspruch auf eine halbe Rente und danach auf eine Dreiviertelsrente habe.
Während die Beschwerdegegnerin bei Verfügungserlass noch von einem
Invaliditätsgrad von 60 % ausgegangen sei, sei sie im Einspracheentscheid vom
3. Januar 2005 zuhanden des Beschwerdeführers sogar von einem Invaliditätsgrad von
67 % ausgegangen. Die Beschwerdegegnerin habe mehrfach und unmissverständlich
zum Ausdruck gebracht, sie sei der Ansicht, dass die Personalvorsorgestiftung die
Beschwerde zu Unrecht erhoben habe. Auch vom Ergebnis der medizinischen
Abklärungen durch die MEDAS habe die Beschwerdegegnerin Kenntnis gehabt.
Dennoch habe sie erst mit den Verfügungen vom 13. und 14. Dezember 2007 die
rückwirkende Herabsetzung der Rente verfügt. Der Beschwerdeführer sei beim Bezug
der Rentenleistungen auf jeden Fall gutgläubig gewesen, da ihm das Bewusstsein über
einen unrechtmässigen Leistungsbezug gefehlt habe; dies gelte umso mehr, weil sich
die Unrechtmässigkeit des Leistungsbezugs erst im Nachhinein herausgestellt habe.
Der Beschwerdeführer müsse sich auch keinerlei Nachlässigkeit vorwerfen lassen: Da
die Beschwerdegegnerin selber stets davon ausgegangen sei, dass der IV-Grad 60
bzw. 67 % betrage, könne von ihm nicht erwartet werden, dass er die vorsorgliche
Einstellung oder eine Herabsetzung der Rentenleistungen verlange, weil sich eventuell
ein anderer Prozessausgang ergeben könnte. Ausserdem habe der Beschwerdeführer
davon ausgehen können, dass die Beschwerdegegnerin bei Vorliegen allfälliger Zweifel
die Rentenleistungen selbst reduziert bzw. gestoppt hätte. Auch habe er davon
ausgehen können, dass die Beschwerdegegnerin die Ausgleichkasse orientiere und
anweise. Weiter werde das Vorhandensein des guten Glaubens vermutet. Vor diesem
Hintergrund könne nicht gesagt werden, die Entgegennahme der Rentenleistungen
durch den Beschwerdeführer sei nicht gutgläubig erfolgt. Der Rechtsvertreter
argumentierte weiter, eine Rückweisung sei im vorliegenden Fall nicht notwendig, da
das Vorliegen einer grossen Härte bejaht und deshalb direkt durch das Gericht geprüft
werden könne.
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C.b In der Beschwerdeantwort vom 20. April 2012 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Erteilung der aufschiebenden Wirkung. Im Übrigen sei die
Beschwerde abzuweisen. Zur materiellen Begründung brachte sie vor, dass der
Beschwerdeführer aufgrund der Einsprache der Personalvorsorgestiftung gegen die
Rentenverfügung von Beginn weg nicht habe gutgläubig sein können. Die
Personalvorsorgestiftung habe in ihrer Einsprache und ihrer Beschwerde dezidiert
geltend gemacht, dass der Beschwerdeführer in einer angepassten Tätigkeit nicht
arbeitsunfähig sei. Der Beschwerdeführer habe deshalb jedenfalls nicht mit Sicherheit
ausschliessen können, dass die Rentenleistungen, die nicht auf rechtskräftigen
Verfügungen basierten, herabgesetzt oder gar eingestellt würden. Dies sei erst recht
der Fall gewesen, als das Gericht eine Abklärung durch die MEDAS angeordnet habe.
Die Beschwerdegegnerin verwies schliesslich noch auf die Stellungnahme der
Ausgleichskasse vom 2. April 2012 (IV-act. 175).
C.c In ihrer Stellungnahme (IV-act. 175) hatte die Ausgleichskasse ausgeführt, der
Rechtsvertreter habe durch das vorsorgliche Erheben einer Beschwerde, den etlichen
beantragten Fristverlängerungen und dem Sistierungsgesuch auf Zeit gespielt. Be
reits im November 2008 sei eine Nachzahlung der Personalvorsorgestiftung von
Fr. 53'210.40 an den Versicherten erfolgt; die offene Rückforderung sei dabei nicht
berücksichtigt worden. Bei der Berechnung der Nachzahlung sei die tatsächlich
erfolgte Überentschädigung mit der IV nicht mitberücksichtigt, sondern vom
schlussendlich gültigen IV-Betrag ausgegangen worden. Weiter sei am 3. Januar 2009
der Schwiegervater des Beschwerdeführers verstorben. Das Ehepaar C._ habe aus
der Erbschaft Euro 60'000.-- erhalten. Auch dieser Betrag sei nicht zur Tilgung der
Schuld bei der IV verwendet worden, sondern es sei damit eine Eigentumswohnung
gekauft worden.
C.d In der Replik vom 23. Juli 2012 (act. G 10) brachte der Rechtsvertreter vor, dem
Beschwerdeführer könne nicht vorgeworfen werden, dass sich der Rückzug der Be
schwerde aufgrund der Abklärungen bei der Personalvorsorgestiftung hinausgezögert
habe. Die Beschwerdegegnerin sei über alles informiert worden, insbesondere auch
über die erwirkten BVG-Rentenleistungen und das Erbe des verstorbenen Schwieger
vaters. Die Beschwerdegegnerin habe ihn während des laufenden Verfahrens be
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treffend das Erlassgesuch auch nicht zur Zahlung aufgefordert. Weiter verwies der
Rechtsvertreter auf die Stellungnahme des BSV (act. G 12 S. 1 f.).
C.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).
C.f Am 23. Oktober 2012 (act. G 12) wurde die aufschiebende Wirkung der
Beschwerde formlos wiederhergestellt.

Erwägungen:
1.
1.1 Anfechtungsgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet die Verfügung vom
27. Januar 2012, mit der ein Erlassgesuch des Beschwerdeführers abgewiesen worden
ist. Streitgegenstand bildet demnach die Frage, ob das Erlassgesuch zu Recht
abgewiesen worden ist. Die Frage der Rechtmässigkeit der Rückforderung bildet
dagegen nicht Gegenstand dieses Verfahrens, da die entsprechende Verfügung
unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen und damit für die Parteien und das
Gericht verbindlich geworden ist.
1.2 Die Rückforderungsverfügung vom Dezember 2007 ist mit der Abschreibung der
dagegen erhobenen Beschwerde am 20. November 2008 rechtskräftig geworden.
Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung hat die in Analogie zu Art. 16 Abs. 2 Satz
1 AHVG fünf Jahre betragende (lückenfüllend geschaffene) Vollstreckungsverwirkung
(vgl. etwa SVR-Rechtsprechung 2007, IV Nr. 6 E. 2.3) am 1. Januar 2009 zu laufen
begonnen. Sie wäre also am 31. Dezember 2013 abgelaufen, womit der Streit um den
Erlass gegenstandslos geworden wäre. Nun hat der Beschwerdeführer aber bereits am
8. Januar 2008 - und damit offensichtlich rechtzeitig - ein Erlassgesuch stellen lassen.
Während der Dauer der Behandlung dieses Gesuches - und damit auch während der
Dauer des vorliegenden Beschwerdeverfahrens - steht die
Vollstreckungsverwirkungsfrist still (vgl. etwa ZAK 1991, S. 502 ff. E. 3b a.E.). Da die
Vollstreckungsverwirkung also noch nicht eingetreten ist, ist über einen allfälligen
Anspruch des Beschwerdeführers auf einen Erlass der Rückforderung zu entscheiden.
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1.3 Die Rückforderung beläuft sich auf Fr. 54'324.--. Die teilweise Tilgung der Rück
forderung durch eine Verrechnung mit einer Nachzahlung der Arbeitslosenkasse von
Fr. 6'314.05 hat das Erlassgesuch - und damit die Beschwerde - nicht im Umfang
dieses Betrages gegenstandslos werden lassen, da die Tilgung einen allfälligen
Anspruch auf einen Erlass nicht untergehen lässt. Auch eine bereits bezahlte
Rückforderung kann noch erlassen werden.
2.
2.1 Gemäss Art. 25 Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über den allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) sind unrechtmässig bezogene Leistungen
zurückzuerstatten. In Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG ist eine Ausnahme von diesem
allgemeinen Grundsatz verankert: Unrechtmässig bezogene Leistungen müssen dann
nicht zurückerstattet werden, wenn die versicherte Person die Leistungen in gutem
Glauben empfangen hat und wenn eine grosse Härte vorliegt. Durch den Bezug von
unrechtmässigen Leistungen wird eine versicherte Person gegenüber allen anderen
versicherten Personen besser gestellt, denn sie erhält mehr Leistungen, als ihr nach
dem materiellen Leistungsrecht zustehen würden. Wird ihr dann die Rückerstattung der
unrechtmässig bezogenen Leistungen erlassen, bleibt diese Besserstellung bestehen.
Der Erlass der Rückforderung hat also eine Missachtung des materiellen
Leistungsrechts und des Grundsatzes der Gleichbehandlung aller
Leistungsberechtigten zur Folge. Deshalb müssen an die Erfüllung der
Erlassvoraussetzungen hohe Anforderungen gestellt werden.
2.2 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung entfällt der gute Glaube als
Erlassvoraussetzung von vornherein, wenn der Rückerstattungstatbestand durch ein
arglistiges oder grobfahrlässiges Verhalten (Melde- oder Auskunftspflichtverletzung)
herbeigeführt worden ist (BGE 112 V 97 E. 2c). Weiter ist gemäss der
höchstrichterlichen Rechtsprechung zu unterscheiden zwischen dem guten Glauben
als fehlendem Unrechtsbewusstsein und der Frage, ob sich jemand unter den
gegebenen Umständen auf den guten Glauben berufen kann oder ob er bei zumutbarer
Aufmerksamkeit den bestehenden Rechtsmangel hätte erkennen sollen (Urteil des
Bundesgerichts vom 22. April 2010, 8C_221/2010, E. 4). Das Mass der erforderlichen
Sorgfalt beurteilt sich nach einem objektiven Massstab, wobei aber das der
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versicherten Person in ihrer Subjektivität Mögliche und Zumutbare (Urteilsfähigkeit,
Gesundheitszustand, Bildungsgrad usw.) nicht ausgeblendet werden darf (BGE 138 V
218 E. 4.). Das BSV hat in seiner Stellungnahme zuhanden der Ausgleichskasse
ausgeführt, dass der gute Glaube im vorliegenden Fall zu bejahen sei, weil der
Beschwerdeführer bei der Entgegennahme der Rentenleistungen nicht grobfahrlässig
gehandelt habe. Das BSV verkennt dabei, dass der gute Glaube gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht nur bei grobfahrlässigem Handeln verneint
werden kann. Im vorliegenden Fall wird dem Beschwerdeführer denn auch gerade kein
arglistiges oder grobfahrlässiges Verhalten vorgeworfen. Es stellt sich vielmehr die
Frage, ob der Beschwerdeführer unter Beachtung der gebührenden Sorgfalt damit hat
rechnen müssen, dass er durch den Empfang von Rentenleistungen, die auf einer nicht
rechtskräftigen Verfügung basierten, nach Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG
rückerstattungspflichtig werden könnte. Die hohen Anforderungen an das Mass der
Sorgfaltspflicht rechtfertigen sich ‒ wie in Ziffer 2.1 erläutert ‒ dadurch, dass der Erlass
einer Rückforderung eine Ungleichbehandlung der versicherten Personen zur Folge
hat. Eine analoge Anwendung der in Art. 3 Abs. 1 des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches (ZGB, SR 210) verankerten Vermutung des Vorhandenseins des
guten Glaubens ist ausgeschlossen (a.M.: Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., N 33
zu Art. 25), denn diese zivilrechtliche Vermutung steht in einem ganz anderen
Zusammenhang. Sie betrifft das Verhältnis von Privatpersonen, die sich
rechtsgeschäftlich begegnen und von denen anzunehmen ist, dass sie sich dabei
rechtmässig verhalten. Beim Erlass geht es um eine Rechtswohltat zugunsten einer
versicherten Person, die immer unrechtmässig, d.h. in Verletzung der materiellen
Leistungsnormen und des Gleichbehandlungsgrundsatzes, Leistungen erhalten hat.
Wenn hier eine Vermutung der Gutgläubigkeit bestünde, könnte die Verwaltung ein
Erlassgesuch nur abweisen, wenn es ihr gelänge nachzuweisen, dass der Bezüger der
unrechtmässigen Leistungen nicht gutgläubig gewesen ist. Der Nachteil der
Beweislosigkeit läge also bei ihr, d.h. in einer Situation, in der sich weder die
Gutgläubigkeit beim Bezug unrechtmässiger Leistungen noch deren Gegenteil
beweisen liessen, müsste der Erlass gewährt werden. Das deckt sich offenkundig nicht
mit dem Charakter des Erlasses als Rechtswohltat. Wer einen unrechtmässigen
Leistungsbezug und damit eine rechtsungleiche Besserstellung durch den Erlass der
Rückforderung perpetuieren will, dem muss der Nachweis der Erfüllung der
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entsprechenden Voraussetzungen - und damit insbesondere des gutgläubigen Bezugs
der unrechtmässigen Leistungen - auferlegt sein. Gelingt ihm dieser Nachweis nicht,
kann die Rückforderung nicht erlassen werden, denn er trägt den Nachteil der
Beweislosigkeit, weil er aus dem Erlassgesuch für sich einen Vorteil ableitet. Der gute
Glaube beim Bezug unrechtmässiger Leistungen ist also nicht zu vermuten.
2.3 Die Verfügung vom 31. März 2004 und die Verfügung Nr. 2 vom 15. April 2004, die
unmittelbar ab ihrer Eröffnung von der Beschwerdegegnerin vollstreckt worden sind,
sind nicht in formelle Rechtskraft erwachsen, weil die Personalvorsorgestiftung gegen
sie Einsprache und später Beschwerde erhoben hat. Die Personalvorsorgestiftung hat
in der Einsprache- wie auch in der Beschwerdebegründung dargelegt, dass der
Beschwerdeführer ihrer Meinung nach keinen Anspruch auf eine Invalidenrente habe.
Der Beschwerdeführer hat somit ab dem Zeitpunkt, in dem er über die Einsprache bzw.
später über die Beschwerde der Personalvorsorgestiftung informiert worden ist,
gewusst, dass die Verfügungen aufgehoben und der Rentenanspruch schlimmstenfalls
verneint werden könnten. Nachdem die Verfügungen in der Folge tatsächlich durch das
Gericht aufgehoben worden sind, hat er sich erst recht nicht mehr darauf verlassen
können, dass die in den aufgehobenen Verfügungen festgelegten Rentenleistungen in
einer neuen Verfügung Bestand haben würden. Die Beschwerdegegnerin hat dem Be
schwerdeführer gestützt auf prekäre nicht rechtskräftige bzw. später aufgehobene
Verfügungen jahrelang Rentenleistungen ausgerichtet, ohne dazu verpflichtet gewesen
zu sein. Gemäss Art. 19 Abs. 4 ATSG können Vorschusszahlungen nämlich nur dann
ausgerichtet werden, wenn der Anspruch auf Leistungen als nachgewiesen erscheint
und sich die Leistungsausrichtung verzögert. Da der Rentenanspruch im vorliegenden
Fall umstritten gewesen ist, hat der Leistungsanspruch zum Vornherein nicht als
nachgewiesen erscheinen können (vgl. BBl 1999 4561). Das problematische Verhalten
eines Sozialversicherungsträgers kann nicht gegen die fehlende Gutgläubigkeit eines
Leistungsbezügers aufgewogen werden, d.h. der nicht gutgläubige Bezug
unrechtmässiger Leistungen verwandelt sich nicht in einen gutgläubigen Bezug, nur
weil die Leistungsausrichtung auf ein unsorgfältiges oder anderweitig problematisches
Verhalten des Sozialversicherungsträgers zurückzuführen ist. Deshalb ist nicht von
Bedeutung, ob die Beschwerdegegnerin davon ausgehen konnte, dass die Zusprache
einer Dreiviertelsrente im Einspracheverfahren, im Beschwerdeverfahren und später in
dem an den Rückweisungsentscheid anschliessenden Verwaltungsverfahren bestätigt
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werden würde. Objektiv betrachtet musste der Beschwerdeführer aufgrund der
Argumentation der Personalvorsorgestiftung und später aufgrund der Erwägungen des
Gerichts damit rechnen, dass die ausbezahlten Rentenleistungen im
Rechtsmittelverfahren bzw. im darauffolgenden Verwaltungsverfahren tiefer ausfallen
könnten, so dass sie im überschiessenden Teil unrechtmässig bezogen worden wären.
2.4 Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführer unter Beachtung der gebührenden
Sorgfalt hätte erkennen müssen, dass er dadurch rückerstattungspflichtig werden
konnte. Der Beschwerdeführer hat in D._ die Realschule besucht. In der Schweiz hat
er eine Anlehre absolviert und später als Maschineneinrichter und Springer gearbeitet
(IV-act. 3). Er ist intelligent und verfügt über sehr gute Deutschkenntnisse (IV-act. 123
S. 25). Deshalb ist er in der Lage gewesen, unter Beachtung der erforderlichen Sorgfalt
zu erkennen, dass Leistungen, die weder auf einer rechtskräftigen Verfügung noch
einer anderen gesetzlichen Grundlage basieren, gestützt auf Art. 25 Abs. 1 ATSG
zurückgefordert werden müssen. Im Übrigen ist dem Beschwerdeführer das Wissen
seines Rechtsvertreters, welcher ihn bereits vor der Eröffnung der Verfügung vertreten
hat (vgl. insbesondere IV-act. 21), anzurechnen. Zusammenfassend ist festzuhalten,
dass der Beschwerdeführer beim Bezug der zu Unrecht ausgerichteten
Rentenleistungen nicht gutgläubig gewesen ist, da er wusste bzw. hätte wissen
müssen, dass die Leistungen noch zu seinen Ungunsten abgeändert werden konnten
und er bei einer Herabsetzung der Leistungen rückerstattungspflichtig werden würde.
Er hat die zurückgeforderten Rentenleistungen also nicht gutgläubig bezogen. Da die
Erlassvoraussetzungen des gutgläubigen Bezugs und der grossen Härte bei einer
Rückerstattung kumulativ erfüllt sein müssen, erübrigt sich die Prüfung der zweiten
Erlassvoraussetzung.
3. Im Sinne der obigen Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Das Verfahren
ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1 IVG). Dem Beurteilungsaufwand entsprechend wird
die Gerichtsgebühr, die dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen ist, auf
Fr. 600.-- festgesetzt. Die Gerichtskosten sind durch den in gleicher Höhe geleisteten
Kostenvorschuss gedeckt. Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
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im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP