Decision ID: 36e2c53f-12e4-4e69-a9a5-d20347f93c00
Year: 2015
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Die Staatsanwaltschaft des Bezirks Taipei, Taiwan, führt gegen B. und C.
eine Strafuntersuchung wegen Verdachts der Widerhandlungen gegen das
taiwanesische Börsengesetz sowie der Geldwäscherei. In diesem Zusam-
menhang gelangten die taiwanesischen Behörden mit Rechtshilfeersuchen
vom 24. Februar 2015 an die Schweiz und ersuchten unter anderem um
Sperrung der von der A. AG, einer angeblich von B. und C. zu deliktischem
Zweck geschaffenen Gesellschaft, gehaltenen Vermögenswerte bei der
Bank D. AG in Z. bis zu einem Betrag von EUR 7'500'000.00 (IBAN 1; kan-
tonale Akten [kA] pag. 4 ff.).
B. Die vom Bundesamt für Justiz (nachfolgend «BJ») als Leitbehörde be-
stimmte Staatsanwaltschaft des Kantons Zug (nachfolgend «StA Zug»; kA
pag. 1 ff.) trat mit Eintretens- und Zwischenverfügung vom 20. Mai 2015 auf
das taiwanesische Rechtshilfeersuchen ein und verfügte unter anderem die
Sperrung der von der Bank D. AG unter der Kontoverbindung IBAN 1 fest-
gestellten Vermögenswerte bis zur Höhe von EUR 7'500'000.00 bis zum Ab-
schluss des Rechtshilfeverfahrens (act. 1.1, Dispositiv-Ziff. 6).
C. Dagegen erhob die A. AG mit Eingabe vom 1. Juni 2015 Beschwerde bei der
Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts. Sie beantragt Folgendes
(act. 1):
"1. Es sei Ziff. 6 der Eintretens- und Zwischenverfügung der Beschwerdegeg-
nerin vom 20. Mai 2015 (RHI 2015 23) betr. Kontosperre der Kontoverbin-
dung IBAN 1, bei der Bank D. AG, Z., mit sofortiger Wirkung aufzuheben.
2. Eventualiter sei der Betrag von CHF 2'764'259.05 freizugeben und die Be-
schwerdegegnerin zu ermächtigen und anzuweisen, die Kontosperre ge-
mäss Ziff. 1 zukünftig jeweils zu einem Betrag aufzuheben, welcher es der
Beschwerdeführerin ermöglicht, die laufenden finanziellen und fälligen Ver-
pflichtungen gegenüber Dritten zu erfüllen.
3. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge (zzgl. MwSt.) zulasten der Be-
schwerdegegnerin."
Zudem stellt die A. AG folgenden prozessualen Antrag (act. 1):
"Die gemäss Ziff. 1 und Ziff. 2 vorstehend anbegehrte Aufhebung bzw. teilweise Auf-
hebung der Kontosperre sei ohne Anhörung der Beschwerdegegnerin anzuordnen."
D. Mit Schreiben vom 2. Juni 2015 änderte die A. AG ihren Eventualantrag
(Rechtsbegehren-Ziff. 2) ab. Sie verlangt fortan, dass eventualiter der Betrag
von Fr. 2'823'406.15 freizugeben sei (act. 3).
E. Die StA Zug beantragt mit Beschwerdeantwort vom 19. Juni 2015, die Be-
schwerde sei kostenpflichtig abzuweisen (act. 14), während das BJ in seiner
Vernehmlassung vom 25. Juni 2015 beantragt, es sei nicht darauf einzutre-
ten, unter Kostenfolge (act. 15). Dies wurde der A. AG gleichzeitig in einem
Schreiben vom 30. Juni 2015 zur Kenntnis gebracht (act. 16).
F. Mit Eingabe vom 10. Juli 2015 ersuchte die Beschwerdeführerin um vollum-
fängliche Akteneinsicht betreffend das Rechtshilfeverfahren (act. 17). Die-
sem Begehren entsprach die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts
am 13. Juli 2015 (act. 19). Die Akten wurden ihr am 24. Juli 2015 retourniert
(act. 21).
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterla-
gen wird, soweit erforderlich, in den rechtlichen Erwägungen eingegangen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Zwischen der Schweiz und Taiwan besteht kein Staatsvertrag über die
Rechtshilfe in Strafsachen (vgl. den Entscheid des Bundesstrafgerichts
RR.2013.236 vom 2. Mai 2014, E. 1.1). Vorliegend gelangt daher das
schweizerische Landesrecht zur Anwendung, namentlich das Bundesgesetz
vom 20. März 1981 (Rechtshilfegesetz, IRSG; SR 351.1) und die Verord-
nung vom 24. Februar 1982 über internationale Rechtshilfe in Strafsachen
(Rechtshilfeverordnung, IRSV; SR 351.11). Vorbehalten bleibt die Wahrung
der Menschenrechte (BGE 135 IV 212 E. 2.3; 123 II 595 E. 7c S. 617;
TPF 2008 24 E. 1.1 S. 26).
Auf Beschwerdeverfahren in internationalen Rechtshilfeangelegenheiten
sind zudem die Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 20. Dezem-
ber 1968 über das Verwaltungsverfahren (Verwaltungsverfahrensgesetz,
VwVG; SR 172.021) anwendbar (Art. 39 Abs. 2 lit. b i.V.m. Art. 37 Abs. 2
lit. a StBOG), wenn das IRSG nichts anderes bestimmt (siehe Art. 12 Abs. 1
IRSG).
2.
2.1 Als Inhaberin des beschlagnahmten Kontos ist die Beschwerdeführerin zur
Beschwerdeerhebung legitimiert (Art. 80h lit. b IRSG i.V.m. Art. 9a lit. a
IRSV). Auf ihre rechtzeitig erhobene Beschwerde (vgl. Art. 80k IRSG) kann
aber nur unter den nachfolgend geschilderten Voraussetzungen eingetreten
werden.
2.2 Einer Schlussverfügung in Rechtshilfeangelegenheiten vorangehende Zwi-
schenverfügungen können nur selbständig angefochten werden, sofern sie
durch die Beschlagnahme von Vermögenswerten und Wertgegenständen
(Art. 80e Abs. 2 lit. a IRSG) oder durch die Anwesenheit von Personen, die
am ausländischen Prozess beteiligt sind (Art. 80e Abs. 2 lit. b IRSG), einen
unmittelbaren und nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken.
Richtet sich die Beschwerde gegen eine Zwischenverfügung, so muss die
beschwerdeführende Person nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
mit konkreten Angaben glaubhaft machen, inwiefern die rechtshilfeweise Be-
schlagnahme von Vermögenswerten bzw. die Verweigerung einer (Teil-)
Freigabe zu einem nicht wieder gutzumachenden Nachteil führt. In Betracht
kommen insbesondere drohende Verletzungen von konkreten vertraglichen
Verpflichtungen, unmittelbar bevorstehende Betreibungsschritte, der dro-
hende Entzug von behördlichen Bewilligungen oder das Entgehen von kon-
kreten Geschäften. Die bloss abstrakte Möglichkeit, dass sich eine Konto-
sperre negativ auf die Geschäftstätigkeit der rechtsuchenden Person auswir-
ken könnte, ist hingegen für die Annahme eines nicht wieder gutzumachen-
den Nachteils im Sinne von Art. 80e Abs. 2 lit. a IRSG grundsätzlich nicht
ausreichend. Der drohende unmittelbare und nicht wieder gutzumachende
Nachteil muss glaubhaft gemacht werden; die blosse Behauptung eines sol-
chen Nachteils genügt nicht (zum Ganzen BGE 130 II 329 E. 2 S. 332; 128
II 353 E. 3 S. 354, je m.w.H.; Urteile des Bundesgerichts1B_285/2011 vom
18. November 2011, E. 2.3.2; 1A.32/2007 vom 16. August 2007, E. 2.1;
1A.81/2006 vom 21. Juli 2006, E. 2; 1A.183/2006 vom 1. Februar 2007,
E. 1.2; TPF 2008 7 E. 2.2). Schliesslich ist erforderlich, dass die beschwer-
deführende Person über keine anderen, nicht gesperrten Konten verfügt (Ur-
teile des Bundesgerichts 1A.31/2007 vom 16. August 2007, E. 2.2;
1A.37/2006 vom 3. April 2006, E. 1.2).
2.3 Die Beschwerdeführerin macht unter dem Titel des unmittelbaren nicht wie-
der gutzumachenden Nachteils geltend, das gesperrte Konto sei ihre einzige
aktive Kontoverbindung. Es seien sämtliche ihrer Vermögenswerte entweder
darauf deponiert oder aber über dieses Konto in Finanzprodukte der Bank
D. AG investiert. Die investierten Mittel würden nach Ablauf der Anlagezeit
automatisch wieder auf das gesperrte Konto transferiert, womit sinngemäss
gesagt wird, sie seien faktisch von der Sperre umfasst.
Die Beschwerdeführerin macht sodann geltend, aus dem mit Beschlag be-
legten Konto folgende Verpflichtungen bestreiten zu müssen: Vorab habe sie
die E. AG zu entgelten, welche treuhänderisch die Aktien der Beschwerde-
führerin halte und das einzige Verwaltungsratsmitglied bestelle. Bei ausblei-
bender Zahlung drohe der Verlust des Gesellschaftsorgans. Gleiches habe
für die anwaltliche Vertretung im Beschwerde- sowie im Rechtshilfe-, in ei-
nem Zivilverfahren und im taiwanesischen Strafverfahren zu gelten, da lau-
fend Vorschüsse und Honorare zu begleichen seien. Zudem werde dem-
nächst eine beträchtliche Steuerforderung in Deutschland fällig. Schlussend-
lich könne sich die Kontosperre sogar dahingehend auswirken, dass die zu
100 % von der Beschwerdeführerin gehaltene, in Taiwan tätige Tochterge-
sellschaft «F.» Entlassungen bei der dortigen Belegschaft vornehmen
müsse. Zusammenfassend habe die Sperrung ihres einzigen Kontos eine
konkrete Konkursgefahr zur Folge, deren Verwirklichung einen unmittelba-
ren und nicht wieder gutzumachenden Nachteil darstelle (act. 1, Rz. 17 ff.,
41 ff.).
Die Beschwerdegegnerin stellt nicht in Abrede, dass die Kontosperre einen
unmittelbaren und nicht wieder gutzumachenden Nachteil zur Folge haben
könnte (act. 14).
Demgegenüber weist das BJ in seiner Vernehmlassung darauf hin, dass aus
dem Abschluss der Beschwerdeführerin für das Jahr 2014 ersichtlich sei
(act. 1.9), dass diese neben dem rechtshilfeweise gesperrten Konto über ein
weiteres Konto bei der Bank D. AG mit der IBAN 2 verfüge (act. 15).
2.4 Der Hinweis des BJ erweist sich als zutreffend. Effektiv geht aus dem Jah-
resabschlussauszug 2014 hervor, dass die Beschwerdeführerin neben dem
gesperrten Konto über ein weiteres bei der Bank D. AG errichtetes Konto
verfügt. Sie verwendet dieses auch zur Abwicklung ihrer laufenden Verpflich-
tungen. Namentlich die E. AG und die im vorliegenden Verfahren mandatier-
ten Rechtsvertreter haben ihr Entgelt bis anhin sogar ausschliesslich von
diesem Konto überwiesen erhalten – und nicht etwa wie implizit vorgebracht,
von dem durch die Sperre betroffenen (edierte Akten Bank D. AG [ACB] pag.
16 ff.). Neben diesem Konto weist der Jahresabschluss weitere Vermögens-
werte im Umfang von EUR 1'000'000.00 aus (act. 1.9). Es dürfte sich dabei
um jenen Betrag handeln, den die Beschwerdeführerin am 16. Dezem-
ber 2014 auf ein auf ihren Namen lautendes Konto bei der Bank G., Y., über-
wiesen hat (ACB pag. 35 f., 38). So oder anders wurde das Schicksal dieser
Vermögenswerte von der Beschwerdeführerin ebenso wenig adressiert wie
Qualität und Umfang ihrer wirtschaftlichen Beziehungen zur Bank G., sodass
nicht ersichtlich ist, welche Umstände gegen die Verfügbarkeit dieser grös-
seren Geldsumme sprechen. Betreffend die bei der Bank D. AG investierten
Vermögenswerte hat die Beschwerdeführerin zwar einen Beleg eingereicht,
welcher die Überführung von EUR 3'500'000.00 aus dem gesperrten Konto
in zwei verschiedene Commercial Papers der Bank D. AG nachweist. Ver-
einbart wurde eine Laufzeit bis zum 4. Mai 2015 für einen Teilbetrag, resp.
bis zum 22. Juni 2015 für den Rest (act. 1.10). Wie sich den bei der Bank D.
AG edierten Unterlagen entnehmen lässt, ist im ersichtlichen Zeitraum (bis
21. Mai 2015) der zur Rücküberweisung fällige Betrag von
EUR 2'500'000.00 am Ende der Laufzeit nicht wieder auf dem gesperrten
Konto eingegangen (act. 1.10; ACB pag. 37). Damit stellt sich die Frage nach
dem Verbleib einer beträchtlichen Geldsumme, zumal der Restbetrag von
EUR 1'000'000.00 unterdessen (am 22. Juni 2015) ebenfalls zur Rücküber-
weisung fällig geworden sein müsste (act. 1.10). Nach dem Vorstehenden
erscheint wenig plausibel, dass das Geld seinen Weg zurück auf das ge-
sperrte Konto gefunden hat. Nicht zu übersehen ist ferner, dass die Be-
schwerdeführerin in ihrer Beschwerde vom 1. Juni 2015 ausführt, die Ver-
mögenswerte «werden [am Ende der Laufzeit des Finanzproduktes] auto-
matisch wieder auf das (gesperrte) Konto [...] in Z. transferiert» (act. 1,
Rz. 19). Nach der eingereichten Unterlage hätte sich der Teilbetrag von
EUR 2'500'000.00 jedoch schon seit dem 4. Mai 2015, d.h. bei Einreichung
der Beschwerde, wieder auf dem gesperrten Konto befinden müssen, was
die Beschwerdeführerin jedoch nicht so darstellt und auch jeden Beleg hier-
für schuldig bleibt (act. 1.10). Zusammenfassend hat die Beschwerdeführe-
rin nicht glaubhaft gemacht, dass ihre einzigen finanziellen Ressourcen auf
dem gesperrten Konto liegen.
Damit ist das Vorliegen eines unmittelbaren nicht wieder gutzumachenden
Nachteils zu verneinen und auf die vorliegende Beschwerde ist nicht einzu-
treten.
3. Ist in der Kontosperre kein unmittelbarer und nicht wieder gutzumachender
Nachteil zu erblicken, entfällt auch die Grundlage der Prüfung, ob sie der
geltend gemachten zeitlichen Dringlichkeit wegen ohne Anhörung der Ge-
genpartei (teilweise) aufzuheben wäre. Der sinngemässe Antrag auf Anord-
nung einer superprovisorischen Massnahme wird mit dem vorliegenden End-
entscheid hinfällig und ist als gegenstandslos geworden vom Geschäftsver-
zeichnis abzuschreiben.
4. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin die Ge-
richtskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Für die Berechnung der Ge-
richtsgebühren gelangt das Reglement des Bundesstrafgerichts vom 31. Au-
gust 2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in Bundesstraf-
verfahren (BStKR; SR 173.713.162) i.V.m. Art. 63 Abs. 5 VwVG und Art. 73
Abs. 1 lit. b StBOG zur Anwendung. Unter Berücksichtigung aller Umstände,
namentlich des Verfahrensausgangs, ist die Gerichtsgebühr vorliegend auf
Fr. 2'500.– festzusetzen und der Beschwerdeführerin aufzuerlegen, unter
Anrechnung des als Kostenvorschuss geleisteten Betrages von Fr. 5'000.–.
Die Bundesstrafgerichtskasse ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin den
Restbetrag von Fr. 2'500.– zurückzuerstatten.