Decision ID: 399aa7c5-117e-4929-adb2-e67440efaaf2
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Nach einer Anmeldung zur Früherfassung (IV-act. 1) meldete sich A._ am 22.
Dezember 2015 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 6). Dr.
med. B._, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, berichtete am 15. Januar 2016
über eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1) und eine
Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.0). Die Versicherte sei seit 7. September 2015 zu
100% arbeitsunfähig und befinde sich in ambulanter psychiatrischer Behandlung in der
Klinik X._ (IV-act. 13). Am 3. Februar 2016 ergänzte Dr. B._, es liege zudem ein
chronisches Schmerzsyndrom mit Kopfschmerzen, ausstrahlend in die Nacken-
Schulterregion mit einem Hitzegefühl im Kopf sowie Kribbelparästhesien peripher vor
(IV-act. 20).
A.a.
RAD-Arzt Dr. med. C._ hatte am 25. Januar 2016 notiert, medizinisch-
theoretisch könne von einem gewissen Eingliederungspotential ab mindestens Ende
Februar 2016 in Form einer Arbeitsfähigkeit von ca. 30%, steigerbar je nach Verlauf,
ausgegangen werden. Der Arbeitsplatzerhalt in der Wäscherei der Stiftung Z._ stehe
im Vordergrund (IV-act. 16). Ab 1. März 2016 leistete die IV-Stelle Beiträge an
Integrationsmassnahmen der Versicherten bei deren Arbeitgeberin (IV-act. 25 f.).
A.b.
Am 29. März 2016 berichteten die Ärzte des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) über
ein Fibromyalgiesyndrom, ein lumbovertebrales Schmerzsyndrom und eine Depression.
Hinweise für eine entzündliche rheumatologische Systemerkrankung fänden sich
aktuell keine (IV-act. 52-24 ff.). Ein am 14. Juli 2016 durchgeführtes MRT der
Wirbelsäule ergab in der Altersnorm liegende degenerative Veränderungen und keine
Neurokompression (IV-act. 52-11).
A.c.
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Da die Versicherte wieder zu 100% arbeitsunfähig geschrieben wurde und eine
stationäre psychiatrische Behandlung geplant war, wurden die
Integrationsmassnahmen per 18. August 2016 abgebrochen (vgl. IV-act. 61-1). Vom 24.
August bis 1. September 2016 befand sich die Versicherte stationär in der Klinik Y._.
Die behandelnden medizinischen Fachpersonen hielten in ihrem Kurzaustrittsbericht
vom 2. September 2016 eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10:
F45.40), eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1) und rezidivierende
Blasenentzündungen fest. Für die Dauer des Aufenthaltes attestierten sie der
Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (IV-act. 44).
A.d.
Ab September 2016 arbeitete die Versicherte zu 20% bei ihrer Arbeitgeberin in der
Reinigung und der Wäscherei (IV-act. 40). Die Arbeitgeberin kündigte das
Arbeitsverhältnis infolge gesundheitlicher Probleme der Versicherten mit einem
Schreiben vom 27. September 2016 per 31. Dezember 2016 (IV-act. 48).
A.e.
Dr. B._ hielt am 29. November 2016 als Diagnosen eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.40), ein Fibromyalgie-Syndrom und eine mittelgradige
depressive Episode (ICD-10: F32.1) fest. Die Versicherte sei für jegliche Tätigkeit zu
100% arbeitsunfähig (IV-act. 52-1 ff.). Dr. med. D._, Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, Klinik X._, berichtete am 30. Dezember 2016 über eine mittelgradige
depressive Episode mit somatischen Symptomen (ICD-10: F32.1), einhergehend mit
einer vorbestehenden jahrelangen generalisierten Angststörung im Rahmen der
Störung der Stressmodulationsfähigkeit (ICD-10: F41.1). Die Versicherte habe sich vom
24. Oktober bis 2. Dezember 2016 in der Klinik X._ in einer integrativen
tagesklinischen Behandlung befunden. Sie sei zu 100% arbeitsunfähig. Mit beruflichen
Massnahmen im Sinne eines Belastbarkeitstrainings mit einem anschliessenden
Arbeitstraining in einem geschützten Rahmen sowie mit therapeutischen Massnahmen
sei mit der Wiederherstellung der vollen Arbeitsfähigkeit auf dem freien
Wirtschaftsmarkt für adaptierte Tätigkeiten zu rechnen (IV-act. 58, vgl. IV-act. 88-6 ff.).
A.f.
RAD-Arzt Dr. C._ notierte am 7. Februar 2017, aus versicherungsmedizinischer
Sicht bestehe ein niederschwelliges Eingliederungspotential mit Aussicht auf eine
Arbeitsfähigkeit von mindestens 50% innerhalb von sechs bis zwölf Monaten. Sollten
A.g.
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berufliche Massnahmen erneut scheitern, müsste eine vertiefte medizinische Abklärung
in Betracht gezogen werden (IV-act. 60).
Dr. med. E._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, untersuchte die
Versicherte im Auftrag ihrer Krankentaggeldversicherung. In seinem Gutachten vom 7.
April 2017 führte er aus, diagnostisch handle es sich um eine rezidivierende depressive
Störung, aktuell um eine mittelgradige Episode, die am Zurückgehen sei. Die
Versicherte sei nach wie vor zu 100% arbeitsunfähig (Fremdakten 2).
A.h.
Mit einer Mitteilung vom 14. Juni 2017 übernahm die IV-Stelle die Kosten für ein
Belastbarkeitstraining vom 29. Mai bis 28. August 2017 in der Dreischiibe St. Gallen
(IV-act. 72). Dr. med. F._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik X._,
attestierte der Versicherten vom 1. bis 31. Juli 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 100%
(IV-act. 78). Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 26. Juli 2017 mit, das
Belastbarkeitstraining habe aufgrund des Gesundheitszustandes per 20. Juli 2017
abgebrochen werden müssen. Die Mitteilung vom 14. Juni 2017 werde aufgehoben (IV-
act. 82, vgl. IV-act. 79-9, 80).
A.i.
Dr. D._ hielt in seinem Bericht vom 11. August 2017 als Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach
Extrembelastung (ICD-10: F62.0), einhergehend mit einer vorbestehenden jahrelangen
generalisierten Angststörung im Rahmen der Störung der Stressmodulationsfähigkeit
(ICD-10: F41.1), und eine anhaltende Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) fest. Derzeit sei
keine Tätigkeit möglich (IV-act. 86). Auch Dr. B._ attestierte der Versicherten am 24.
August 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (IV-act. 88-1 ff.).
A.j.
Auf Empfehlung von RAD-Arzt Dr. C._ (vgl. IV-act. 95) beauftragte die IV-Stelle
die medexperts AG mit einer polydisziplinären (internistisch, neurologisch,
orthopädisch, psychiatrisch) Begutachtung (IV-act. 97). Die abklärenden Ärzte nannten
in ihrem Gutachten vom 26. Februar 2018 als Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte depressive
Episode (ICD-10: F33.0), eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10:
F45.4) und einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz. Aus internistischer und
orthopädischer Sicht bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. In der zuletzt
A.k.
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ausgeübten Tätigkeit als Mitarbeiterin in einer Wäscherei liege seit August 2017
polydisziplinär eine Arbeitsunfähigkeit von 30% vor. Dabei sei die psychiatrische
Beurteilung ausschlaggebend. Aus neurologischer Sicht sei die Arbeitsunfähigkeit in
der zuletzt ausgeübten Tätigkeit mit 20% zu beziffern. Auch in einer adaptierten
Tätigkeit liege polydisziplinär eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit vor. Aus psychiatrischer
Sicht sei eine stationäre Schmerztherapie mit Rekonditionierung unter Entwicklung
eines Krankheitskonzepts indiziert. Gleichzeitig sollte die Medikation, auch unter dem
Aspekt einer schmerzmodulierenden Wirkung, evaluiert werden. Aus neurologischer
Sicht werde eine Anbindung an ein Schmerzzentrum mit einer multidiziplinären
Betreuung empfohlen. Regelmässiger Ausdauersport und Entspannungsübungen seien
empfehlenswert. Zudem sollte die Versicherte mögliche Auslöser meiden (IV-act. 104).
RAD-Arzt Dr. C._ notierte am 14. März 2018, auf das Gutachten der medexperts
AG könne abgestützt werden. In der angestammten Tätigkeit in der Wäscherei bestehe
seit August 2017 eine Arbeitsunfähigkeit von 100%, in einer adaptierten Tätigkeit eine
solche von 30% (IV-act. 110). Die zuständige Mitarbeiterin der IV-Stelle hielt am 18.
Mai 2018 fest, gemäss dem Gutachten sei auch die angestammte Tätigkeit zu 70%
zumutbar (IV-act. 116).
A.l.
Am 19. April 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, das Leistungsbegehren
um berufliche Massnahmen werde abgewiesen, da sich die Versicherte nicht in der
Lage fühle, an Eingliederungsbemühungen mitzuwirken (IV-act. 113).
A.m.
Mit einem Vorbescheid vom 18. Mai 2018 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden
Invaliditätsgrades in Aussicht (IV-act. 118). Dagegen erhob die Versicherte am 31. Mai
2018 einen Einwand (IV-act. 119). Am 9. Juli 2018 (Posteingang IV-Stelle 25. Juli 2018)
begründete sie ihren Einwand und sie reichte Berichte der behandelnden Ärzte Dr.
med. G._, Fachärztin für Allgemeinmedizin FMH, und Dr. med. H._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, ein (IV-act. 125 f.). Dr. G._ hatte am 2. Juli 2018
angegeben, die Versicherte habe begonnen, das Elternkaffee zu betreuen. Sie benötige
dafür ca. einen halben Tag pro Woche, verteile die Zeit aber über die ganze Woche. Sie
komme damit an ihre Belastungsgrenze. Wie die Versicherte fähig sein sollte, einer
Vollbeschäftigung nachzugehen, wisse sie nicht (IV-act. 125-2 f.). Dr. H._ hielt in
A.n.
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B.
seinem Bericht vom 10. Juli 2018 als vorläufige Diagnosen eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F33.1),
eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10:
F45.41), eine Zwangsstörung (Wasch-/Desinfektionszwang; ICD-10: F42.1), eine
komplexe posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; ICD-10: F43.1), eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.40), eine Fibromyalgie und
Spondylopathien im Lumbalbereich fest. Die Versicherte stosse bei ihrer neuen
Tätigkeit mit einem Pensum von 10% immer wieder an ihre Grenzen (IV-act. 126).
Mit einer Verfügung vom 26. Juli 2018 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren bei
einem Invaliditätsgrad von 30% ab (IV-act. 127).
A.o.
Gegen die Verfügung vom 26. Juli 2018 erhob die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) am 29. August 2018 Beschwerde. Sie beantragte, die Verfügung
sei teilweise aufzuheben. Die aktuelle medizinische Situation und die beiden von ihr
eingereichten Arztberichte seien zu berücksichtigen. Es sei ein korrekter
Einkommensvergleich vorzunehmen, welcher den Umstand, dass sie zum Beispiel im
Jahr 2013 Fr. 86'687.-- verdient habe, berücksichtige. Schliesslich sei ihr die
unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren (act. G1). Sie legte der Beschwerde die
bereits mit ihrem Einwand eingereichten Berichte von Dr. G._ vom 2. Juli 2018 und
Dr. H._ vom 10. Juli 2018 bei (act. G1.2 f.). Am 12. September 2018 liess die nun
anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin beantragen, die Verfügung vom 26. Juli 2018
sei aufzuheben. Ihr sei mindestens vorübergehend eine "volle" Invalidenrente
zuzusprechen. Weiter sei ihr die unentgeltliche Prozessführung und -verbeiständung zu
gewähren; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Die Beschwerdeführerin liess
ausführen, auf das Gutachten der medexperts AG könne nicht abgestellt werden, denn
der orthopädische Teilgutachter habe sich nicht mit dem vom KSSG diagnostizierten
Fibromyalgiesyndrom auseinandergesetzt. Der behandelnde Psychiater habe andere
Diagnosen als die Gutachter gestellt. Die polydisziplinäre Einschätzung einer
Arbeitsunfähigkeit von 30% seit August 2017 sei nicht nachvollziehbar und
widersprüchlich. Zudem seien die Akten des früheren Hausarztes Dr. med. I._, im
Verfahren nicht berücksichtigt worden. Schliesslich habe die IV-Stelle (nachfolgend:
B.a.
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Beschwerdegegnerin) das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin verletzt, indem sie
von dieser mit dem Einwand eingereichte Arztberichte ignoriert und nicht dem RAD
sowie allenfalls den Gutachtern vorgelegt habe. Zudem hätte die Beschwerdegegnerin
in Bezug auf ihre Abklärungspflicht vor Erlass der Verfügung die
Behandlungsempfehlungen der Gutachter prüfen bzw. abwarten müssen, ob diese
wirklich zielführend seien (act. G4). Die Beschwerdeführerin liess weitere medizinische
Akten einreichen (vgl. act. G4.3 ff.).
In ihrer Beschwerdeantwort vom 26. Oktober 2018 beantragte die
Beschwerdegegnerin, die Beschwerde sei abzuweisen. Sie führte aus, der
orthopädische Teilgutachter habe keinen Anlass für die Diagnose eines Fibromyalgie-
Syndroms gesehen. Er habe die nicht objektivierbaren Schmerzen thematisiert und als
Schmerzstörung diagnostiziert. Die von Dr. I._ geschilderten Symptome seien von
den Gutachtern berücksichtigt worden. Die von Dr. H._ gestellte Diagnose einer
PTBS vermöge nur schon deswegen nicht zu überzeugen, weil innerhalb der letzten
sechs Monate kein traumatisierendes Ereignis von aussergewöhnlicher Schwere
aufgetreten sei. Der psychiatrische Teilgutachter Dr. med. univ. J._, Facharzt
Psychiatrie und Psychotherapie, habe sich mit den abweichenden Diagnosen der
behandelnden Ärzte auseinandergesetzt und nachvollziehbar erklärt, weshalb diese
nicht vorlägen. Aus dem Gutachten der medexperts AG gehe klar hervor, dass die
Beschwerdeführerin sowohl in einer angestammten als auch in einer adaptierten
Tätigkeit zu 30% arbeitsunfähig sei. Die Beschwerdegegnerin sei in der angefochtenen
Verfügung auf die wesentlichen Punkte des Einwandes vom 9. Juli 2018 eingegangen.
Folglich liege keine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor (act. G9).
B.b.
Am 6. November 2018 entsprach die Verfahrensleitung dem Gesuch der
Beschwerdeführerin um die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (act. G10).
B.c.
In ihrer Replik vom 29. November 2018 liess die Beschwerdeführerin an ihren
Anträgen festhalten. Sie liess vorbringen, dass eine PTBS nicht innerhalb von sechs
Monaten diagnostiziert worden sei, bedeute nicht, dass keine solche vorliege (act.
G12). Sie liess eine Stellungnahme von Dr. H._ vom 26. November 2018 einreichen
(act. G12.1.1).
B.d.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und vorliegend zu prüfen ist der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Invalidenrente.
Die Beschwerdegegnerin liess die Frist zur Einreichung einer Duplik unbenützt
ablaufen (act. G14 f.).
B.e.
Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) wird unter Invalidität die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit
verstanden. Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Der Grad der für einen allfälligen Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird
gemäss Art. 16 ATSG durch einen Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das
Einkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der
Durchführung der notwendigen und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in
Beziehung gesetzt wird zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
1.1.
Im Sozialversicherungsprozess gelten die Grundsätze der Untersuchungspflicht
und der freien Beweiswürdigung (Art. 43 Abs. 1 ATSG). Demgemäss hat der
Versicherungsträger bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien
gebunden zu sein. Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben
zusätzliche Abklärungen stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53 E. 4a am Schluss, BGE 117 V 282 E. 4.a).
1.2.
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2.
Vorab ist die Frage zu klären, ob die medizinische Situation und damit die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin rechtsgenüglich abgeklärt wurden. Die
Beschwerdegegnerin stützte sich in der angefochtenen Verfügung in medizinischer
Hinsicht im Wesentlichen auf das Gutachten der medexperts AG (IV-act. 127). Die
Beschwerdeführerin spricht dem Gutachten die Beweiskraft ab; sie hält ihm die
Einschätzungen behandelnder Ärzte entgegen (act. G1).
Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine
zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der medizinischen
Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
1.3.
Die Beschwerdeführerin hat sich am 22. Dezember 2015 bei der
Beschwerdegegnerin zum Leistungsbezug angemeldet (IV-act. 6). Dr. B._ hatte der
Beschwerdeführerin seit 7. September 2015 eine Arbeitsunfähigkeit von 100%
attestiert (IV-act. 13). Das Wartejahr im Sinne von Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG lief somit am
1. September 2016 ab. Da in diesem Zeitpunkt mehr als sechs Monate seit der
Anmeldung vom 22. Dezember 2015 vergangen waren (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG), kommt
frühestens ab 1. September 2016 ein Rentenanspruch in Betracht. Die Gutachter der
medexperts AG haben sich lediglich zur Arbeitsfähigkeit ab August 2017 geäussert. Ab
diesem Zeitpunkt haben sie die Beschwerdeführerin in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit
als Mitarbeiterin in einer Wäscherei sowie in einer adaptierten Tätigkeit als zu 30%
arbeitsunfähig qualifiziert (vgl. IV-act. 104-51). Im Folgenden ist zu prüfen, ob für die
Zeit vom 1. September 2016 bis Ende Juli 2017 die Arbeitsfähigkeit mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit erstellt ist.
2.1.
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Für diesen Zeitraum lassen sich dem Gutachten keine Angaben zur
Arbeitsfähigkeit, insbesondere nicht zur Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit
entnehmen. Der psychiatrische Teilgutachter Dr. J._ hat sich zwar mit den
Einschätzungen der behandelnden Ärzte auseinandergesetzt, die attestierten
Arbeitsunfähigkeiten aber nur teilweise für nachvollziehbar erachtet. Eine eigene
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit in der Zeit vor August 2017 hat er nicht
vorgenommen (vgl. IV-act. 104-27 ff.). Den weiteren medizinischen Akten ist zu
entnehmen, dass sich die Beschwerdeführerin vom 24. Oktober bis 2. Dezember 2016
in der Klinik Teufen aufgehalten hatte. Der behandelnde Dr. D._ hatte der
Beschwerdeführerin am 30. Dezember 2016 eine Arbeitsunfähigkeit von 100%
attestiert; mit beruflichen Massnahmen im Sinne eines Belastbarkeitstrainings mit
einem anschliessenden Arbeitstraining in einem geschützten Rahmen sowie mit
therapeutischen Massnahmen sei mit der Wiederherstellung der vollen Arbeitsfähigkeit
auf dem freien Wirtschaftsmarkt zu rechnen (IV-act. 58). RAD-Arzt Dr. C._ hatte am 7.
Februar 2017 notiert, es bestehe ein niederschwelliges Eingliederungspotential mit
Aussicht auf eine Arbeitsfähigkeit von mindestens 50% innerhalb von sechs bis zwölf
Monaten. Die genaue Festlegung des Pensums für die Zeit der Eingliederungsphase
und der Modalitäten sollte unter Einbezug der eingliederungsfachlichen Information
bzw. Einschätzung festgelegt werden. Grundsätzlich sei aufgrund des bisherigen
Verlaufs von einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit auszugehen; sollten berufliche
Massnahmen erneut scheitern, so müsste eine vertiefte medizinische Abklärung in
Betracht gezogen werden (IV-act. 60). Daraus ist zu schliessen, dass sich Dr. C._
nicht in der Lage gesehen hatte, die Arbeitsfähigkeit konkret festzulegen. Wie auch Dr.
D._ hatte er berufliche Massnahmen und danach allenfalls eine Begutachtung für
notwendig erachtet. Dr. E._ hatte in seinem Gutachten vom 7. April 2017 eine
rezidivierende depressive Störung, aktuell eine mittelgradige depressive Episode,
diagnostiziert und der Beschwerdeführerin eine Arbeitsunfähigkeit von 100% attestiert
(Fremdakten 2). Wie Dr. J._ jedoch zu Recht kritisiert hat, erscheint die diagnostische
Herleitung von Dr. E._ wenig detailliert. Er war kaum auf die Schmerzsymptomatik
eingegangen und hatte sich bei seiner Beurteilung von den anamnestischen Angaben
leiten lassen. Die von Dr. E._ attestierte Arbeitsunfähigkeit von 100% lässt sich auch
insofern nicht nachvollziehen, als er einerseits eine rückläufige depressive Störung
festgehalten hatte, andererseits aber ausgeführt hatte, es handle sich um eine
chronisch verlaufende Erkrankung mit fraglich möglichem Stillstand (vgl. IV-act.
104-29, Fremdakten 2). Nachdem die beruflichen Massnahmen am 20. Juli 2017 hatten
abgebrochen werden müssen (vgl. IV-act. 82), hatten Dr. B._ und Dr. D._ der
Beschwerdeführerin erneut eine Arbeitsunfähigkeit von 100% attestiert (vgl. IV-act. 86,
88-1 ff.). Dr. B._ hatte festgehalten, die Beschwerdeführerin sei durch die anhaltende
2.2.
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somatoforme Schmerzstörung physisch und psychisch massiv belastet und
eingeschränkt. Eine Tätigkeit sei ihr daher nicht möglich (IV-act. 88-1 ff.). Der Verweis
auf eine Diagnose allein macht die Arbeitsfähigkeitsschätzung jedoch nicht
nachvollziehbar. Dr. D._ hatte unter anderem ausgeführt, die Beschwerdeführerin
überfordere sich schnell und habe eine deutlich verminderte Stresstoleranz. Es komme
dann meist zur Dekompensation, so dass ihr eine Anwesenheitskonstanz kaum
möglich sei. Ausserdem sei die Beschwerdeführerin sehr geräuschempfindlich; nach
weniger guten Tagen mache sie sich Selbstvorwürfe und sie habe zunehmend
Zukunftsängste (IV-act. 86). Wie RAD-Arzt Dr. C._ am 10. November 2017
überzeugend festgehalten hatte, war zur Klärung der Arbeitsfähigkeit sowie zur
diagnostischen Einschätzung eine polydisziplinäre Begutachtung notwendig (vgl. IV-
act. 95). Allein anhand der vorhandenen medizinischen Berichte konnte die
Arbeitsfähigkeit nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit festgelegt werden. Der
Sachverhalt ist demnach bezüglich einer möglichen Arbeitsunfähigkeit zwischen dem
frühestmöglichen Rentenbeginn im September 2016 und August 2017 (Beginn der
gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung) ungenügend abgeklärt worden.
Weiter zu prüfen ist die Überzeugungskraft des Gutachtens der medexperts AG
bezüglich der Arbeitsfähigkeit ab August 2017. Dr. J._ hat als Diagnosen mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte
depressive Episode (ICD-10: F33.0), und eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) aufgelistet (IV-act. 104-36). Er hat dazu ausgeführt,
dass die Beschwerdeführerin in ihrer bisherigen bzw. in einer adaptierten Tätigkeit aus
rein psychiatrischer Sicht anhand ihrer Funktionen und Defizite (vgl. auch das Mini-ICF)
zu 30% arbeitsunfähig sei. Diese Einschätzung erfolge unter Berücksichtigung der
angeführten zugrundeliegenden psychosozialen Belastungen (IV-act. 104-34). Aus
gutachterlicher Sicht biete eine adaptierte Tätigkeit der Beschwerdeführerin die
Möglichkeit zu niederschwelligen Pausen und sie berücksichtige den beruflichen bzw.
schulischen Ausbildungsstand (IV-act. 104-36). Diese Ausführungen vermögen die
Arbeitsunfähigkeitsschätzung (30%) nicht zu belegen, denn diese Defizite könnten
ebenso gut eine höhere oder eine tiefere Arbeitsfähigkeit erklären. Der ebenfalls nicht
weiter begründete, leicht erhöhte Pausenbedarf ist von Dr. J._ bei den
Adaptionskriterien berücksichtigt worden, so dass er keine Arbeitsunfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit rechtfertigt.
2.3.
Die neurologischen Teilgutachter Dr. med. K._, Facharzt für Neurologie, und
med. pract. L._, Assistenzarzt für Neurologie, haben als Diagnose mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz aufgeführt. Sie haben
2.4.
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festgehalten, in der angestammten sowie in einer adaptierten Tätigkeit sei die
Beschwerdeführerin zu 80% arbeitsfähig. Sie haben dies mit einem erhöhten
Pausenbedarf aufgrund der chronischen Kopfschmerzen begründet (IV-act. 104-45 f.).
Der erhöhte Pausenbedarf allein vermag die Arbeitsunfähigkeitsschätzung (20%) in
einer adaptierten Tätigkeit nicht zu belegen. Zudem lässt sich dem Gutachten nicht
entnehmen, ob es der Beschwerdeführerin zumutbar wäre, den
Medikamentenübergebrauch zu unterlassen, und ob sich dadurch die Arbeitsfähigkeit
verbessern würde. Die aus internistischer und orthopädischer Sicht attestierte
Arbeitsfähigkeit von 100% in der angestammten sowie in einer adaptierten Tätigkeit
überzeugen (IV-act. 104-51).
Mit ihrem Einwand vom 9. Juli 2018 reichte die Beschwerdeführerin Arztberichte
der damals behandelnden Dr. G._ und Dr. H._ ein. Beide Ärzte haben angegeben,
die Beschwerdeführerin komme mit ihrem derzeitigen Arbeitspensum von 10% an ihre
Belastungsgrenze. Dr. H._ hat in seinem Bericht vom 10. Juli 2018 - abweichend
vom Gutachten der medexperts AG - als vorläufige Diagnosen unter anderem eine
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10:
F45.41), eine Zwangsstörung (Wasch-/Desinfektionszwang; ICD-10: F42.1), eine
komplexe posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; ICD-10: F43.1), eine
Fibromyalgie und Spondylopathien im Lumbalbereich festgehalten (IV-act. 125 f.). Trotz
dieser Divergenzen hat die Beschwerdegegnerin keine weiteren Abklärungen
vorgenommen. Insbesondere hat sie die neuen Arztberichte weder dem RAD noch den
Gutachtern der medexperts AG zur Stellungnahme vorgelegt. Am 26. Juli 2018 hat sie
die angefochtene Verfügung erlassen und ist in dieser nicht auf die genannten
Arztberichte eingegangen (IV-act. 127). Damit hat sie ihre Untersuchungspflicht
verletzt.
2.5.
Die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Nach der Auffassung
des Bundesgerichts ist eine Rückweisung an die Verwaltung dann zulässig, wenn wie
vorliegend eine Ergänzung oder Präzisierung der Ausführungen der Gutachter
erforderlich ist (vgl. das Urteil des Bundesgerichtes vom 15. November 2019,
8C_525/2019 E. 3.3). Die Beschwerdegegnerin wird die Arbeitsfähigkeit für den
Zeitraum vom 1. September 2016 bis Ende Juli 2017 abklären müssen. Dies wird
vorzugsweise mittels einer Nachfrage bei den Gutachtern der medexperts AG erfolgen.
Weiter wird sie bei Dr. J._ eine Begründung für die im Gutachten abgegebene
Arbeitsfähigkeitsschätzung einholen. Die Beschwerdegegnerin wird Dr. K._ und med.
pract. L._ ebenfalls dazu auffordern, ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung zu begründen.
Zudem wird sie bei diesen nachfragen, ob es der Beschwerdeführerin zumutbar wäre,
2.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.