Decision ID: 291530f8-596c-4b31-8c59-ce1a460cd2b2
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_005
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. Am 12. Dezember 2019 reichte die A._ AG (nachfolgend: Bauherrin)
der Gemeinde B._ ein Baugesuch für die Überdachung des
Treppenaufgangs und die Sanierung der Balkone an den Gebäuden auf
ihren Parzellen F._ und G._ in H._. Die Gebäude liegen in
der Wohnzone und im Quartierplangebiet "I._". Ein Teil der Parzelle
F._ befindet sich im Übrigen in der Landwirtschafts- und Forstzone.
2. Mit Bau- und Einspracheentscheid vom 11. Februar 2020 lehnte die
Baukommission in Gutheissung der gegen das Baugesuch erhobenen drei
Einsprachen die beantragte Überdachung der Treppenanlage ab und
bewilligte unter Bedingungen die restlichen Bestandteile des Baugesuchs.
3. Dagegen erhob die Bauherrin am 20. Februar 2020 Beschwerde beim
Gemeindevorstand. Dieser bestätigte mit Beschwerdeentscheid vom 6.
April 2020 den Entscheid der Baukommission und wies die Beschwerde
ab.
4. Gegen diesen Beschwerdeentscheid erhob die Bauherrin (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) am 18. Mai 2020 Beschwerde beim
Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden und beantragte, dieser sei
aufzuheben und ihr sei die Baubewilligung zur Erstellung der
Überdachung des Treppenaufgangs zu erteilen; eventualiter sei der
angefochtene Entscheid aufzuheben und zur Neubeurteilung im Sinne der
Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5. In der Vernehmlassung vom 22. Juni 2020 verlangte die Gemeinde
B._ (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der
Beschwerde. Die Einsprecher (nachfolgend: Beigeladenen) liessen sich
nicht vernehmen.
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6. Mit Schreiben vom 6. Juli 2020 verzichtete die Beschwerdeführerin auf die
Einreichung einer Replik.
7. Auf die Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften und auf den
angefochtenen Entscheid sowie auf die im Recht liegenden Beweismittel
wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde gegen den
Beschwerdeentscheid vom 6. April 2020 (gleichentags mitgeteilt) ist das
Verwaltungsgericht zuständig (vgl. Art. 49 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über
die Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100]). Als Adressatin des
angefochtenen Entscheids ist die Beschwerdeführerin zur
Beschwerdeerhebung legitimiert (vgl. Art. 50 VRG). Zudem wurde die
Beschwerde frist- und formgerecht eingereicht (Art. 52 Abs. 1 und Art. 38
VRG), weshalb darauf eingetreten wird.
2. Strittig ist, ob die Beschwerdegegnerin die von der Beschwerdeführerin
nachgesuchte Bewilligung der Überdachung der Treppenanlage zu Recht
verweigert hat.
3. Die betreffende Treppenanlage erschliesst die Hauszugänge der
benachbarten Gebäude auf den Parzellen F._ und G._ der
Beschwerdeführerin. Gemäss den Bauplänen soll die geplante
Überdachung aus einer einzigen zentralen Betonstütze bestehen und ist
als getrennter Baukörper vorgesehen. Sie führt also nicht bis zu den
beiden Hauseingängen. Die Beschwerdegegnerin begründet ihren
ablehnenden Entscheid im Wesentlichen dadurch, dass die Überdachung
die Bestimmungen des am 13. Mai 1983 in Kraft gesetzten Quartierplans
"I._" verletze.
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3.1. In Bezug auf all jene Fragen, die im kantonalen Gesetz keine
abschliessende Regelung gefunden haben und bei denen den Gemeinden
eine relativ erhebliche Gestaltungsfreiheit zusteht, stellen die Vorschriften
der kommunalen Bauordnungen autonomes Gemeinderecht dar. Die
Gemeindeautonomie bezieht sich dabei nicht nur auf die Rechtsetzung,
sondern auch auf die Rechtsanwendung und -auslegung, wenn die
anwendbare Bestimmung dem selbstständigen Gemeinderecht angehört.
Das Verwaltungsgericht hat sich dann bei der Anwendung und Auslegung
solcher Normen Zurückhaltung aufzuerlegen, wenn ein Zweifelsfall
vorliegt, die Auslegung schwierig ist oder in besonderem Masse örtliche
Verhältnisse zu würdigen sind. Zur Wahrung des Gestaltungsbereichs der
unteren Instanzen und insbesondere der Gemeinden kann eine
richterliche Zurückhaltung bei der Überprüfung unbestimmter
Rechtsbegriffe zulässig sein. Das Gericht hat insbesondere dann keinen
Anlass einzugreifen, wenn sich die Gemeinde bei der Anwendung und
Auslegung ihres autonomen Rechts an den klaren Wortlaut einer
Bestimmung hält. Den Gemeinden kommt diesbezüglich ein geschützter
Beurteilungs- und Ermessensspielraum zu, in den das Gericht nur
eingreift, wenn die Gemeinde ihr Ermessen missbraucht bzw. über- oder
unterschritten hat, weil der erlassene Entscheid sich als sachlich
unvertretbar erweist oder gegen allgemeine Rechtsgrundsätze verstösst
(vgl. Urteile des Verwaltungsgerichts R 18 102 vom 13. April 2021 E.6, R
18 62 vom 19. März 2019 E.5.4, R 18 6 vom 2. Oktober 2018 E.2.1, R 15
13 vom 7. Juli 2015 E.3.a.). Quartierplanvorschriften gehören auch zum
Gemeinderecht (vgl. Urteil des Verwaltungsgerichts R 13 139 vom 5.
November 2013 E.2a f.).
3.2. Das Ziel des hier unbestritten zur Anwendung kommenden Planes
"I._" ist gemäss Ziff. 1 der Quartierplanvorschriften (QPV) primär die
Ausscheidung von "Freiflächen - Strassen etc." sowie eine optimale
Nutzung der Restflächen. Bezüglich Gestaltung sieht Ziff. 5.4 QPV vor,
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dass u.a. die hier interessierenden Parzellen J._ und K._ –
welche den heutigen Parzellen G._ und F._ entsprechen –
zusammengelegt werden können, die darauf erstellte Baute jedoch eine
max. Gebäudelänge von 15 m inkl. Anbauten nicht überschreiten darf.
3.3. Die Beschwerdegegnerin argumentiert, bereits aus dem Gestaltungsplan
ergebe sich, dass mit der Quartierplanung eine eher lockere Überbauung
des betroffenen Gebietes mit kleineren Bauten angestrebt worden sei,
wiesen doch alle im Gestaltungsplan dargestellten Häuser Grundrisse mit
Gebäudelängen zwischen 10 m und maximal 15 m auf. Die
Gebäudelängen seien durch den Quartierplan nicht nur bloss
richtungsplanmassig über die dargestellten Grundrisse beschränkt
worden, sondern indirekt auch über die Ausgestaltung und Anordnung der
einzelnen Bauparzellen beschränkt worden. Insbesondere seien die
Quartierplanverfasser bestrebt worden, gerade die am Waldrand
gelegenen Grundstücke so auszugestalten, dass möglichst grosse
Freiflächen und Durchblicke zum Wald erhalten blieben. In diesem Sinne
sei denn auch der Zweck der Quartierplanung in Ziff. 1 umschrieben
worden. Bezeichnenderweise umfasse der Quartierplan "I._" nicht
nur die Quartierplanvorschriften, sondern einen Gestaltungs- und einen
Erschliessungsplan. Daneben sei die damals bestehende Situation
planmassig erfasst worden. Beim vorliegenden Bauvorhaben seien nicht
nur die Bestimmungen des Baugesetzes, sondern auch die Vorgaben des
Quartierplans einzuhalten. Ziff. 5.4 sei in Verbindung mit dem Zweckartikel
zu würdigen. Die Zielsetzung des Quartierplans bestehe darin, eine
lockere Einfamilienhaus-Siedlung mit ausgeprägten Freiflächen
festzulegen. Freiflächen definierten sich als Bereiche, welche nicht
überbaut seien. Aus dem nach wie vor verbindlichen Gestaltungsplan
lasse sich erkennen, dass die Parzellierung und Anordnung der Bauten
auf dieses Ziel ausgerichtet seien. Vor diesem Hintergrund sei die
Auslegung der Ziff. 5.4 als auch das eigentliche Bauvorhaben zu
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würdigen. Die vorgesehene Baute wirke nach aussen voluminös und
vermittle den Eindruck eines Zusammenbaus. Die Baute diene beiden
Häusern als überdachter Zugang. Gegen aussen trete die Baute nicht als
eigenständig auf. Vielmehr führe sie zu einer optischen Einheit der beiden
Häuser. Der Quartierplan "I._" habe nun gerade nicht gewollt, dass
solche Gebilde entstehen. Daher sei als primäres Ziel des Quartierplans
die Schaffung von Freiflächen gesetzt worden. Die vorgesehene Baute
setze einen Akzent, der den Zielen des Quartierplans zuwiderlaufe. Die
mächtige Überdeckung reiche bis unter die ausgeprägten Vordächer der
Häuser auf Parzelle J._ und K._ und ermögliche die
fussgängermässige Erschliessung dieser Bauten trockenen Fusses.
Massgebend sei nicht der Abstand der Bauten zu den Fassaden. Die
geplante Baute schliesse sich gleichsam nahtlos an die bestehenden
Einfamilienhäuser an, denn das Haus auf Parzelle K._ besitze eine
Dachauskragung von 2.11 m und das Haus auf Parzelle J._ eine von
1.64 m. Aus der Fotomontage von Architekt L._ werde der eigentliche
Zusammenbau bildlich ersichtlich. Die Baugesuchunterlagen (Pläne
Ansicht) zeigten dasselbe Bild. lm äusseren Erscheinungsbild zeige sich
mithin eine Baute, die zu einem Zusammenschluss der Häuser auf den
Parzellen J._ und K._ führe. Diese Baute widerspreche somit
den Vorgaben des Quartierplans und könne nicht bewilligt werden. Die
Gestaltungsvorschriften erlaubten keinen Zusammenbau von
Liegenschaften, sei dieser nun effektiv vorhanden oder sei die Wirkung
gegen aussen mit einem Zusammenbau vergleichbar.
3.4. Das Gericht ist der Ansicht, dass die Beschwerdegegnerin die
Quartierplanvorschriften auf diesen Fall bezogen zu restriktiv angewendet
hat. Der Auffassung der Beschwerdegegnerin, durch die Überdachung
träten die Gebäude als Einheit auf, kann nicht geteilt werden. Die
oberwähnte Ziff. 5.4 QPV kann vorliegend keine Anwendung finden. Denn
zum einen erfolgt keine Parzellenzusammenlegung; zum anderen führt die
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eigenständige, nicht an den Gebäuden zusammengebaute Überdachung
nicht dazu, dass die zwei Gebäude eine Einheit bilden. Wie die
Beschwerdeführerin ausführt und aus der Veranschaulichung in den
Baugesuchplänen ersichtlich ist, beschränkt sich die strittige Überdachung
auf den Grundriss der Treppenanlage. Sie ist ausserdem von den beiden
Hauptfassaden talseitig um ca. 9 m zurückversetzt und mit diesen nicht
verbunden. Des Weiteren kann hier nicht von einer Einschränkung der
Freiflächen die Rede sein. Neben der relativ leichten Gestaltung der
Überdachung (baulich getrennt, mit einer einzigen zentralen Betonstütze)
ist noch zu berücksichtigen, dass zwischen den beiden Gebäuden, vor der
Treppenanlage, eine mächtige Linde steht, wie die Fotodokumentation der
Beschwerdeführerin belegt. Der Durchblick zwischen den Häusern ist
daher bereits heute schwer beeinträchtigt. Schliesslich ist nicht
einzusehen, wer infolge einer unwesentlichen Vergrösserung der bereits
bestehenden Einschränkung des Durchblicks durch die Überdachung in
seinen schutzwürdigen Interessen berührt sein sollte. Die
Beschwerdegegnerin überschreitet somit ihr Ermessen, wenn sie eine
Verletzung der Quartierplanvorschriften durch die geplante Überdachung
feststellt.
3.5. Da sich die Situation hinreichend aus den Akten ergibt, kann auf den von
der Beschwerdeführerin beantragten Augenschein in antizipierter
Beweiswürdigung verzichtet werden.
4. Im angefochtenen Entscheid liess die Beschwerdegegnerin die Frage
offen, ob die als Flachdach ausgestaltete Überdachung den
baugesetzlichen Vorgaben genüge. Die Baukommission hatte dies im
Bau- und Einspracheentscheid vom 11. Februar 2020 verneint. Da sich
der Gemeindevorstand aber im hier angefochtenen Beschwerdeentscheid
dazu nicht geäussert hat und das Gericht die Auslegung des kommunalen
Baugesetzes nicht vorwegnehmen darf, ist die Angelegenheit an die
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Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie über diesen Punkt
entscheidet.
5. Zusammenfassend ist die Beschwerde im Eventualantrag gutzuheissen.
In Aufhebung des angefochtenen Beschwerdeentscheids wird die Sache
zur Neubeurteilung im Sinne der vorstehenden Erwägung an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
6. Die vorliegend auf CHF 3'500.00 festgesetzte Staatsgebühr wird der
unterliegenden Beschwerdegegnerin auferlegt (vgl. Art. 73 Abs. 1 VRG).
Diese hat der obsiegenden Beschwerdeführerin ausserdem eine
Parteientschädigung zu zahlen (vgl. Art. 78 Abs. 1 VRG). Da ihr
Rechtsvertreter keine Honorarnote eingereicht hat, wird die
aussergerichtliche Entschädigung auf pauschal CHF 2'000.00 festgelegt.
Darauf ist die MWST gemäss Verwaltungsgerichtspraxis nicht geschuldet,
weil die Beschwerdeführerin vorsteuerabzugsberechtigt ist. Die
Beigeladenen haben sich am vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht
beteiligt, weshalb sie nicht kosten- und entschädigungspflichtig werden.