Decision ID: e7b29727-15ea-560a-a769-cf5e0b85464a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger und ethnischer
Hazara aus dem Dorf B._ bei C._ (Distrikt D._, Pro-
vinz Ghazni), verliess Afghanistan eigenen Angaben zufolge im Juli 2015
Richtung Iran, von wo er via Türkei, Mazedonien, Serbien und weitere un-
bekannte Länder am 11. September 2015 in die Schweiz einreiste und glei-
chentags um Asyl nachsuchte.
B.
Am 22. September 2015 erhob das SEM die Personalien des Beschwer-
deführers und befragte ihn zum Reiseweg und summarisch zu den Grün-
den für das Verlassen des Heimatlandes (Befragung zur Person, BzP). Am
14. Februar 2017 hörte die Vorinstanz den Beschwerdeführer einlässlich
zu den Asylgründen an und am 22. Februar 2017 fand eine ergänzende
Anhörung statt.
Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuches im
Wesentlichen vor, er habe von 2007 bis 2013 in E._ (...) studiert.
Im Jahr 2009 hätten die Taliban den LKW seines Vaters für ein Fahrzeug
der Organisation der Vereinten Nationen (UNO) oder der Organisation des
Nordatlantikvertrags (NATO) gehalten und deshalb eine Autobombe darun-
ter platziert. Sein Vater sei bei der Explosion verstorben. Nach dem Tod
seines Vaters sei er für kurze Zeit nach Afghanistan zurückgekehrt. Auf-
grund seines damals ausländischen Haarschnittes und weil er keinen Voll-
bart getragen habe, hätten ihn die Taliban schikaniert, ihm die Haare abra-
siert und ihn zusammengeschlagen. Als er im Jahr 2011 erneut kurz nach
Afghanistan zurückgekehrt sei, sei es wieder zu Problemen mit den Taliban
gekommen. Sie hätten ihn schikaniert und zusammengeschlagen, weil er
im Besitz eines Mobiltelefons gewesen sei. Nach seinem Studienabschluss
im Jahr 2013 sei er definitiv nach Afghanistan zurückgekehrt. Er sei kaum
aus dem Haus gegangen, weil er befürchtet habe, aufgrund seines gepfleg-
ten Aussehens die Aufmerksamkeit der Taliban auf sich zu lenken und von
diesen mitgenommen zu werden.
Am 24./25. Tag des Ramadans (11./12. Juli 2015) seien abends zwei gute
Freunde zu ihm zu Besuch gekommen. Als er dabei gewesen sei, Tee zu-
zubereiten, hätten seine Freunde auf seinem Laptop eine elektronische Bi-
belausgabe auf Farsi entdeckt. Dies habe eine intensive Diskussion zwi-
schen ihm und seinen Freunden ausgelöst. Er habe seinen Freunden auf-
gezeigt, aus welchen Gründen er sich vom islamischen Glauben abgekehrt
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habe. Seine Freunde hätten diesbezüglich kein Verständnis gezeigt und
ihm damit gedroht, seine Aussagen im Dorf zu verbreiten, sollte er nicht um
Vergebung bitten. Seine Freunde hätten angegeben, sie hätten die ganze
Diskussion auf ihrem Mobiltelefon aufgezeichnet. Er habe die Drohungen
damals nicht ernst genommen und sie aus dem Haus weggeschickt. Am
nächsten Morgen sei er im Garten gewesen, als seine jüngere Schwester
ihm mitgeteilt habe, dass sechs bis sieben wichtige Dorfbewohner vor sei-
ner Haustüre stehen würden, um mit ihm zu sprechen. Er habe sofort ge-
wusst, dass seine Freunde diese Dorfbewohner auf ihn gehetzt hätten und
habe Angst bekommen. Er sei deshalb über die Gartenmauer gesprungen
und zu seiner Tante väterlicherseits geflohen, welche weit entfernt von ih-
rem Dorf lebe. Der Ehemann seiner Tante habe ihn zu dessen Freund in
die Nähe von F._ gebracht. Am nächsten Morgen habe er erfahren,
dass die Dorfbewohner nicht nur den Mullah der Moschee über seinen Fall
in Kenntnis gesetzt, sondern auch die Taliban und den (...) (schiitischer
Religionsrat) über ihn informiert hätten. Am dritten Tag nach seiner Flucht
habe er mit einer Burka getarnt fliehen können und sei schliesslich Mitte
Juli über G._ aus Afghanistan ausgereist.
Nach der Ausreise hätten die Taliban bei ihm zuhause nach ihm gesucht
und ein Fahndungsschreiben für ihn in der Moschee ausgehängt. Ein wei-
teres Fahndungsschreiben sei durch den schiitischen Religionsrat ausge-
stellt worden. Seine Mutter sei ausserdem aus Angst vor den Taliban eine
Zeit lang nach H._ geflohen.
In der Schweiz habe er sich am 4. Dezember 2016 taufen lassen. Als sein
Mitbewohner davon erfahren habe, habe dieser ihn schikaniert und ande-
ren Landsleuten von seiner Konversion erzählt.
Der Beschwerdeführer reichte einen afghanischen Pass, eine (...) Aufent-
haltsbewilligung zusammen mit einem Registrierungsformular für Auslän-
der, eine Studienbescheinigung aus E._, zwei Fahndungsschrei-
ben, seinen Taufschein aus der Schweiz, zwei Fotos von seiner Taufe in
der Schweiz und ein Schreiben der (...) vom 25. April 2018 ein.
C.
Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 11. September 2018 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht
und lehnte sein Asylgesuch vom 11. September 2015 ab. Gleichzeitig ver-
fügte es die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz, schob
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den Vollzug jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen
Aufnahme auf.
D.
Mit Eingabe vom 8. Oktober 2018 liess der Beschwerdeführer handelnd
durch seinen Rechtsvertreter gegen diesen Entscheid beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei die angefoch-
tene Verfügung aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und
ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Dispositivziffer 1 aufzuheben
und festzustellen, dass er infolge subjektiver Nachfluchtgründe die Flücht-
lingseigenschaft erfülle. In verfahrensrechtlicher Hinsicht liess er zudem
beantragen, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten und ihm die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung
zu gewähren.
Mit der Beschwerde reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorgebestäti-
gung vom 21. September 2018 und eine Honorarnote ein.
E.
Mit Verfügung vom 24. Oktober 2018 hiess der zuständige Instruktionsrich-
ter des Bundesverwaltungsgerichts die Gesuche um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung unter dem Vorbe-
halt einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse des
Beschwerdeführers gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und ordnete dem Beschwerdeführer den Rechtsvertreter als
amtlichen Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig gab er dem SEM Gelegenheit,
zur Beschwerde Stellung zu nehmen.
F.
In der Vernehmlassung vom 8. November 2018 beantragte das SEM die
Abweisung der Beschwerde.
G.
Mit Verfügung vom 15. November 2018 wurde dem Beschwerdeführer die
Gelegenheit gegeben, zur Vernehmlassung Stellung zu nehmen.
H.
Mit Replik vom 30. November 2018 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Vorbringen in der Beschwerde fest und reichte eine aktualisierte Honorar-
note ein.
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Seite 5
I.
Mit Schreiben vom 28. April 2020 des Beschwerdeführers an den (...) und
in Kopie ans Bundesverwaltungsgericht ersuchte er um die Akzeptanz des
abgelaufenen afghanischen Pass als Identitätsausweis. Eventualiter ersu-
che er um eine Fristerstreckung zur Einreichung der heimatlichen Doku-
mente. Zudem teilte er mit, dass er seit einiger Zeit bemüht sei, über Ver-
wandte vorhandene heimatliche Papiere in die Schweiz bringen zu lassen.
J.
Am 28. April 2020 ersuchte er das Gericht um einen möglichst baldigen
Abschluss des Beschwerdeverfahrens. Er möchte seit längerem seine Ver-
lobte heiraten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31], Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Auf-
grund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Aner-
kennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden
kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Aus-
gangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol-
gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation
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im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns-
ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen
(vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4, WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi
Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
4.
4.1 Das SEM lehnte das Asylgesuch mit der Begründung ab, die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers seien einerseits nicht glaubhaft und würden
andererseits der Asylrelevanz entbehren.
Im Einzelnen führte es aus, dass es dem Beschwerdeführer – ohne auf die
Glaubhaftigkeit seiner Abkehr vom Islam einzugehen – nicht gelungen sei,
glaubhaft darzulegen, dass die Dorfbewohner und die Taliban davon erfah-
ren hätten. Dies zumal er die aus der angeblichen Diskussion mit seinen
Freunden entstandene Bedrohungslage nicht in nachvollziehbarer Weise
zu schildern vermocht habe. So erstaune zunächst einmal, dass er sich
seinen Freunden gegenüber überhaupt dermassen kritisch über die islami-
sche Religion geäussert habe. Dies obwohl er selbst gesagt habe, dass er
nicht einmal seiner Familie davon habe erzählen können (vgl. Akte A15/18
F64). Warum er diesen Zwang gegenüber seiner Familie nicht verspürt
habe, habe er damit nicht erklärt. Die Erklärung sei auch vor dem Hinter-
grund, dass er sich der Gefahr einer solchen Diskussion offensichtlich sehr
wohl bewusst gewesen sei, nicht nachvollziehbar. Hätten seine Freunde
tatsächlich eine Bibelausgabe auf seinem Laptop entdeckt, wäre vielmehr
zu erwarten gewesen, dass er das Thema so rasch wie möglich zu been-
den versucht hätte, anstatt in seiner Islamkritik dermassen ins Detail zu
gehen, wie er es gemäss seinen Angaben getan habe (vgl. Akte A15/18
F46 f.). Hinzu komme, dass er während der BzP gesagt habe, dass seine
Freunde die Diskussion mit einem Mobiltelefon aufgezeichnet hätten (vgl.
Akte A4/15 Ziff. 7.01), während er in der Anhörung plötzlich nicht mehr ge-
wusst habe, was für ein Gerät seine Freunde für die Aufnahme benutzt
hätten (vgl. Akte A15/18 F57). Erst als er in der ergänzenden Anhörung
erneut darauf angesprochen worden sei, habe er angegeben, dass es ein
Mobiltelefon gewesen sei (vgl. Akte A17/9 F27). Nebst diesem Wider-
spruch habe er auch die Frage, woher er überhaupt gewusst habe, dass
seine Freunde eine Aufnahme gemacht hätten, nicht zu beantworten ver-
mocht. Er habe auch keine Angaben über das Zustandekommen dieser
Aufnahme machen können. So habe er sich immer wieder ausweichend
geäussert (vgl. Akte A17/9 [recte: A15/8] F56 und F58) und schliesslich er-
klärt, die Aufnahme gar nie gesehen beziehungsweise gehört zu haben
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(vgl. Akte A15/18 F59). Diese unsubstantiierten Antworten würden erstau-
nen. Denn hätten seine Freunde ihm tatsächlich mit einer Aufnahme ge-
droht, sei davon auszugehen, dass er hätte erfahren wollen, ob eine solche
überhaupt existiert und wie seine Freunde diese Aufnahme gemacht hät-
ten. Während er zudem in der BzP angegeben habe, dass zwei bis drei
Weissbärtige vor seiner Haustür gestanden hätten (vgl. Akte A4/15
Ziff. 7.01), habe er anlässlich der Anhörung plötzlich von einer Person na-
mens I._ gesprochen, welche zusammen mit fünf bis sechs ande-
ren wichtigen Dorfbewohnern zu ihm gekommen sei (vgl. Akte A15/18
F47). Auf diesen Widerspruch angesprochen, habe er angegeben, dass er
beide Male lediglich geschätzt habe. Da diese Personen jedoch seinen
Ausreisegrund darstellen würden, wäre zu erwarten gewesen, dass er sich
bei seiner Schwester genau danach erkundigt hätte, wer vor der Tür ge-
standen habe. Er habe diesen Widerspruch nicht glaubhaft aufzulösen ver-
mocht. Auch die Schilderung seiner Flucht am Folgetag wirke unsubstanti-
iert und widerspreche der allgemeinen Handlungslogik. Auf die Frage nach
seiner Reaktion, als seine Schwester ihm gesagt habe, dass Dorfbewohner
vor der Türe stünden, habe er lediglich angegeben, dass er sofort gewusst
habe, worum es gehe und er habe Angst gehabt (vgl. Akte A15/18 F65).
Danach habe er seiner Schwester gesagt „okay geh“ und sei über die Gar-
tenmauer gesprungen (vgl. Akte A15/18 F67). Ein solches Verhalten wirke
äusserst stereotyp und wenig lebensnah. Seine Erklärung, dass er seine
Schwester und Mutter nicht habe informieren wollen, damit diese nicht un-
ter Druck gesetzt werden könnten (vgl. Akte A15/18 F69), vermöge nicht
zu überzeugen. Denn selbst wenn nachvollziehbar sei, dass er seiner Fa-
milie seinen genauen Zufluchtsort nicht habe verraten wollen, sei seine
Schilderung der Ereignisse vage und erscheine realitätsfremd. Eine Per-
son, welche zur Flucht gezwungen werde, befinde sich in einer Ausnahme-
situation. Sie sei voller Emotionen, treffe Massnahmen, um unentdeckt zu
bleiben, schmiede Pläne und wäge dabei Alternativen ab. Davon sei in sei-
nen Aussagen nicht die Rede. Somit habe er die Ereignisse, die mit der
vorgebrachten Flucht verbunden gewesen seien, nicht in substantiierter
und nachvollziehbarer Weise zu schildern vermocht. Obwohl nicht ausge-
schlossen werden könne, dass er sich vom Islam abgewendet habe, er-
scheine die Verfolgung, welche er vorgebracht habe, aufgrund dieser Er-
wägungen konstruiert. In Bezug auf die eingereichten Fahndungsschrei-
ben sei sodann anzumerken, dass solche Dokumente keinerlei Sicher-
heitsmerkmale enthielten und daher leicht fälschbar seien. Da solchen Do-
kumenten deshalb ein geringer Beweiswert zukomme, vermöge er die vor-
stehend angeführten Unglaubhaftigkeitsmerkmale in seinen Aussagen
nicht umzustossen. Zusammenfassend könne ihm nicht geglaubt werden,
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dass er wegen seiner islamkritischen Haltung in Afghanistan einer Verfol-
gung beziehungsweise Bedrohungslage ausgesetzt gewesen sei. Diese
Vorbringen würden den Anforderungen an die Glaubhaftmachung der
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten.
Eine allfällige Konversion zum Christentum an sich entfalte keine Asylrele-
vanz, solange diese in Afghanistan nicht bekannt werde. Der Beschwerde-
führer habe sodann selbst angegeben, dass nur zwei seiner Freunde, die
in J._ leben würden, von seiner Konversion wüssten (vgl. Akte
A17/9 F4). Er habe keinen Kontakt zu den Leuten aus seinem Heimatdorf
und würde diesen niemals davon erzählen. Da sich zudem die Verfolgung
durch die Dorfbewohner und die Taliban als unglaubhaft erwiesen habe,
sei nicht davon auszugehen, dass er aufgrund der Konversion eine indivi-
duelle und gezielte Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG in Afghanistan zu
befürchten hätte. Selbst wenn Landsleute aus der Schweiz von seiner Kon-
version erfahren hätten, bedeute dies nicht automatisch, dass diese auch
in Afghanistan bekannt geworden sei. Er führe auch keine entsprechenden
Hinweise an. Aufgrund der fehlenden Asylrelevanz dieses Vorbringens
könne offengelassen werden, ob die in der Schweiz geltend gemachte
Schikane durch seinen Mitbewohner überhaupt glaubhaft sei. Eine spätere
Glaubhaftigkeitsprüfung bleibe jedoch ausdrücklich vorbehalten.
In Bezug auf die zweimaligen Schikanen durch die Taliban in den Jahren
2009 und 2011 sei festzuhalten, dass diese keine derart intensiven Mass-
nahmen darstellen würden, die ihm ein menschenwürdiges Leben in Af-
ghanistan verunmöglicht hätten. Dies zeige sich nur schon durch die Tat-
sache, dass er im Jahr 2013 wieder definitiv nach Afghanistan zurückge-
zogen sei. Sodann seien es gemäss seinen Angaben auch nicht diese zwei
Vorfälle, welche im Jahr 2015 zu seiner letztmaligen Ausreise aus Afgha-
nistan geführt hätten. Diese Vorbringen seien somit mangels Intensität und
aufgrund des fehlenden sachlichen sowie zeitlichen Kausalzusammen-
hangs nicht asylrelevant.
Den Akten seien keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass er wegen sei-
nes Vaters im Visier der Taliban gestanden habe. Obwohl er zwei Mal von
den Taliban angegangen worden sei, habe es jeweils andere Gründe dafür
gegeben. Die allfälligen Probleme seines Vaters mit den Taliban würde so-
mit keine Asylrelevanz für ihn entfalten.
4.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, der Be-
schwerdeführer habe mit seinen Freunden zahlreiche sozial geächtete,
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Seite 10
wenn nicht sogar verbotene Tätigkeiten unternommen. Es habe häufig sol-
che reine Männerrunden unter Freunden gegeben, bei denen man zusam-
men geraucht, Fussball im Fernsehen geschaut und über Frauen gespro-
chen habe. Manchmal habe man sich auf dem grossen LED-Fernseher des
Beschwerdeführers gar pornographische Filme angeschaut. Bei einer die-
ser Runden habe er auch erfahren, dass einer der beiden Freunde Sex mit
der Frau von dessen Arbeitgeber gehabt habe (vgl. Akte A15/18 F47). Der
Beschwerdeführer habe also in diesen Männerrunden immer offener sein
können als vor der eigenen Familie. Auch in der Schweiz sei es häufig üb-
lich, gewisse Gedanken und Geheimnisse nur mit Freunden zu teilen und
diese vor der Familie zu verheimlichen. Es sei also nicht erstaunlich, dass
sich der Beschwerdeführer seinen Freunden erklärt habe und nicht seiner
Familie, die davon nichts habe wissen sollen. Allerdings habe er seine
Glaubenszweifel auch nie mit seinen Freunden besprochen. Er sei ge-
zwungen gewesen, darüber zu sprechen, da diese eben zufällig eine Bi-
belausgabe auf dem Laptop entdeckt hätten. Wenn das SEM meine, es
wäre zu erwarten gewesen, dass er das Thema so rasch wie möglich zu
beenden versuche, sei darauf hinzuweisen, dass er eben dies getan habe
(vgl. A15/18 F46: „Ich habe es nicht so ernst genommen. Ich habe einfach
gelacht. Ich habe gesagt, das ist ein Buch, das ist informativ, das ist nichts
Wichtiges. Ich habe die ganze Situation nicht ernst genommen. ... Dann
haben sie mir ernsthaft gesagt, ich solle zu ihnen sitzen und ihnen erklären,
warum ich so etwas lese und ich solle ihnen vertrauen und die Wahrheit
erzählen. Ich habe gesagt: „Es reicht, lassen wir das, ich möchte nicht dar-
über gross diskutieren.“ ...“). Es habe sich um Freunde gehandelt, mit de-
nen der Beschwerdeführer bislang über persönliche Dinge habe sprechen
können und deren Geheimnisse er auch geteilt habe. Für den Beschwer-
deführer sei die Reaktion unerwartet, aber nicht so ausgefallen, wie er sich
das gedacht habe. Seine Antworten hätten gar dazu geführt, dass die Si-
tuation eskaliert sei und man sich gegenseitig zu erpressen versucht habe.
Eine Durchsicht der Antworten zu F46, F47, F53 bis F64 gebe sehr an-
schaulich und detailliert wieder, wie die Diskussion verlaufen sei. Daher
könne es keine Zweifel geben, dass diese Auseinandersetzung mit den
Freunden so abgelaufen sei, wie es der Beschwerdeführer schildere. Auch
die vom SEM angeführten Widersprüche mit dem Mobiltelefon würden sich
bei näherer Durchsicht der relevanten Aktenpassagen als konstruiert ent-
puppen. Der Beschwerdeführer habe angegeben, die Freunde hätten ihm
gesagt, alle Aussagen seien aufgenommen worden (vgl. Akte A15/18 F47,
F56). Dass er in der BzP gesagt habe, es sei ein Mobiltelefon gewesen,
sei seine einzige Erklärung für die Aussage seiner Freunde gewesen, sie
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hätten alles aufgenommen. Es sei vielmehr lebensfern, sich damit ausei-
nanderzusetzen, ob die Freunde die Aufnahme nun gemacht hätten oder
nicht. Allein die Aussage der Freunde, sie hätten alles aufgenommen, habe
den Beschwerdeführer in Unruhe versetzt. Warum er sich hätte vergewis-
sern sollen, ob die Aufnahme existiere oder nicht, bleibe nicht nachvollzieh-
bar. Allein die Aussage der Freunde vor Dritten, er habe Gotteslästerliches
geäussert, reiche für eine Bestrafung aus. Er sei heute noch überrascht,
dass seine Freunde dies dann auch in die Realität umgesetzt hätten, ob-
wohl er sie mit der angedrohten Preisgabe von intimem Wissen unter Kon-
trolle zu halten versucht habe.
Der angebliche Widerspruch bezüglich der Anzahl der Weissbärtigen sei
haltlos. In der BzP berichte er, dass seine Schwester ihm gesagt habe, es
seien zwei bis drei Weissbärtige, die ihn gesucht hätten. In der Anhörung
habe er gesagt: „Als ich im Garten war, kam meine Schwester zu mir. Es
sind ein paar wichtige Leute von unserer Ortschaft zum Beispiel I._
und fünf bis sechs andere Leute vor der Tür...“ Aus dieser Stelle gehe der
angeführte Widerspruch vom SEM nicht hervor. Er habe nicht angegeben,
fünf bis sechs Weissbärtige hätten nach ihm gefragt, sondern ein paar
wichtige Leute. Er wisse alles nur vom Hörensagen seiner Schwester. Al-
lein der Name I._ habe ihm aber ausgereicht, um zu wissen, dass
seine Freunde vermutlich ihre Drohung in die Tat umgesetzt hätten. Dass
die zwei bis drei Weissbärtigen von Gefolge umgeben gewesen seien, sei
im afghanischen Kontext nachvollziehbar. Hinsichtlich der Zweifel bezüg-
lich der Flucht gehe das SEM von einem Idealtypus des Flüchtlings aus,
den es so nicht gebe. Die Antworten des Beschwerdeführers zu Frage 49
seien so detailliert (Namen, Beziehungen, Orte, rechte Seite und der De-
cke, etc.), dass vielmehr die pauschale Wertung des SEM nicht nachvoll-
ziehbar sei. Da das SEM die Abkehr vom Islam nicht ausschliessen könne,
sei es bei näherer Betrachtung der Aussagen nicht auszuschliessen, dass
sich die Ereignisse exakt so zugetragen hätten, wie der Beschwerdeführer
sie schildere.
Die Ansicht des SEM, dass die in der Schweiz erfolgte Konversion vom
Islam zum Christentum den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft
nicht standhalte, da diese in Afghanistan nicht bekannt sei, sei falsch. Das
Bundesverwaltungsgericht habe entschieden (Urteil D-4952/2014 vom
23. August 2017), dass eine Person aufgrund ihrer Apostasie bei einer
Rückkehr in ihr Heimatland Afghanistan einem unerträglichen psychischen
Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt sei, da sie tagtäglich im
Kontext der konservativ und religiös geprägten Gesellschaft Afghanistans
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Seite 12
gezwungen wäre, ihre innere Überzeugung zu verstecken und zu verleug-
nen. Das SEM meine, es könne offengelassen werden, ob die in der
Schweiz geltend gemachte Schikane durch einen Mitbewohner glaubhaft
sei. Es handle sich um einen tatsächlichen Angriff, der der Polizei bekannt
sei. Allerdings habe der Beschwerdeführer auf eine Anzeige gegen den An-
greifer verzichtet. Er werde die polizeiliche Bestätigung des Vorfalls, sobald
er dieser habhaft sei, dem Gericht nachreichen. Neben dem individuellen
Glauben und der neuen Identität als Christ äussere sich der Gesinnungs-
wandel des Beschwerdeführers auch gegenüber der Umwelt. So sei es in
der Schweiz bereits mehreren Personen aus Afghanistan bekannt, dass er
zum christlichen Glauben konvertiert sei. Es sei nicht auszuschliessen,
dass diese Information über soziale Netzwerke gezielt nach Afghanistan
übermittelt und dort bekannt gemacht worden seien. Es könne von ihm im
Falle der Rückkehr nach Afghanistan nicht verlangt werden, sich einer Ver-
folgungsgefahr durch diskretes Verhalten zu entziehen, indem er seine
Apostasie verheimliche, seinen christlichen Glauben und Lebensstil im
Verborgenen lebe und sich gegen seiner Überzeugung gemäss den isla-
mischen und landesüblichen Sitten und Gebräuchen verhalte. Dies würde
zu einem unerträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2
AsylG führen. Er wäre gezwungen, ein riskantes Doppelleben zu führen
und müsste bei jeder Äusserung, ja sogar Verhaltensweise ausserhalb der
eigenen vier Wände bewusst seine Persönlichkeit verleugnen, um nicht
Gefahr zu laufen, als Apostat und Christ enttarnt zu werden. So wäre er
wahrscheinlich gezwungen, an religiösen Handlungen der muslimischen
Mehrheitsbevölkerung aktiv teilzunehmen, da anderenfalls schwerwie-
gende Übergriffe durch staatliche oder nichtstaatliche Akteure nicht ausge-
schlossen werden könnten. Bereits einmal habe sein Verhalten – die Nicht-
teilnahme am schiitischen Qadr-Fest – für Aufmerksamkeit gesorgt (vgl.
Akte A15/18 F46). Seine Mutter habe ihn bereits mehrfach am Telefon ge-
fragt, ob es denn stimme, was seine Freunde rumerzählt hätten. Er sage
dann nicht „nein“, weil er sich nicht verstellen wolle, aber auch nicht „ja“,
weil er wisse, dass seine Mutter dann unglücklich sei, sondern versuche
das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Eine in der Schweiz be-
kannte Konversion habe eben auch im konkreten Fall zur Folge, dass diese
bei Fortführung des neuen Lebensstils in Afghanistan mit allergrösster
Wahrscheinlichkeit rasch bekannt werden würde, sollte sie es nicht schon
längst sein. Es sei unverzichtbarer Bestandteil seiner religiösen Identität
geworden, sich nicht mehr mit dem muslimischen Glauben zu identifizie-
ren, sondern frei, ernsthaft und mit innerer Überzeugung den neu gewon-
nenen christlichen Glauben jeden Tag leben zu dürfen. Es sei daher davon
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auszugehen, dass er seine nunmehrige Weltanschauung bei einer Rück-
kehr in sein Heimatland leben und praktizieren werde. Dies würde aber mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer Entdeckung führen.
Bei Verheimlichung seiner nichtmuslimischen religiösen Grundhaltung hin-
gegen wäre er einem unerträglichen psychischen Druck ausgesetzt, da er
sich entgegen seiner inneren Überzeugung verhalten müsste und jederzeit
Gefahr laufen würde, durch eine unbedachte Äusserung oder Handlung als
Apostat und Christ entdeckt zu werden. In beiden Fällen gewähre daher
Art. 3 AsylG Schutz vor Verfolgung.
4.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, im Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts D-4952/2014 vom 23. August 2017 sei entschieden wor-
den, dass der betroffene afghanische Staatsangehörige aufgrund seiner
Apostasie bei einer Rückkehr nach Afghanistan einem unerträglichen psy-
chischen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt wäre. Aus
dem Urteil gehe allerdings hervor, dass die Beurteilung der Frage, ob und
inwieweit von einer Person vernünftigerweise erwartet werden könne, die
drohende Verfolgung durch das eigene Verhalten abzuwenden, in einer
Einzelfallprüfung zu erfolgen habe (E. 7.6.1). Dabei spiele das persönliche
Umfeld der betroffenen Person eine wichtige Rolle. Die Annahme, das Ver-
heimlichen einer persönlichen Überzeugung beziehungsweise einer mit
der Persönlichkeit untrennbar verknüpften Eigenschaft bewirke einen un-
erträglichen psychischen Druck, setze voraus, dass die betroffene Person
in einem Umfeld zu leben gezwungen sei, in welchem sie Gefahr laufe,
dass eben diese Überzeugung oder Eigenschaft entdeckt, denunziert und
sanktioniert werde (E. 7.6.2). Sodann sei festzuhalten, dass der Beschwer-
deführer sich bereits vor dem Tod seines Vaters im Jahr 2009 von der isla-
mischen Religion abgekehrt habe (vgl. Akte A15/18 [recte A17/9] F5). Der
Tod seines Vaters im Jahr 2009 sei schliesslich der Auslöser dafür gewe-
sen, dass der Beschwerdeführer sich vertieft mit dem Christentum zu be-
schäftigen begonnen habe. Er habe zum Zeitpunkt des Todes seines Va-
ters zwar noch in E._ gelebt, jedoch habe er sich in den Jah-
ren 2009 und 2011 nach Afghanistan begeben und sich im Jahr 2013 wie-
der endgültig dort niedergelassen. Somit habe er sich offensichtlich bereits
während der Zeit, in welcher er sich in Afghanistan aufgehalten habe, vom
Islam abgekehrt. Ausserdem habe sich sein Glaube (seine Abkehr vom Is-
lam und seine Zuwendung zum Christentum) bereits damals in seinem Le-
ben widerspiegelt. Zwar habe er wegen seines ausländisch aussehenden
Haarschnitts und weil er in Besitz eines Mobiltelefons gewesen sei, Prob-
leme mit den Taliban bekommen. Die Tatsache, dass die Taliban ihn des-
wegen zwei Mal geschlagen und schikaniert hätten, stelle allerdings keine
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genügend intensive Massnahme dar, um als asylrelevant eingestuft zu wer-
den oder einen unerträglichen psychischen Druck zu begründen. Schliess-
lich falle auf, dass er in Bezug auf die eigentlichen Dorfbewohner (welche
keine Taliban seien) keine Probleme geltend gemacht habe. Als er beim
zweiten Mal in eine Auseinandersetzung mit den Taliban geraten sei, seien
sogar Dorfbewohner dazwischen gegangen und hätten die Taliban dazu
bewegt, von ihm abzulassen (vgl. Akte A17/9 F30). In der Beschwerde er-
wähne er zudem, dass er in seinem Freundeskreis zahlreiche Tätigkeiten
unternommen habe, welche gegen die islamischen und landesüblichen Sit-
ten verstossen hätten oder sogar verboten seien. Seine Darstellung in der
Anhörung, wonach er in Afghanistan sein Haus aufgrund seiner andersar-
tigen Lebensart kaum habe verlassen können, erscheine somit äusserst
überspitzt (vgl. Akte A15/18 F32 und F33). Ebenfalls sei zu bezweifeln,
dass er tatsächlich von seinen Freunden dafür kritisiert worden sei, dass
er nicht am dreitägigen schiitischen Qadr-Fest teilgenommen habe, zumal
sich die fragliche Auseinandersetzung mit seinen Freunden als nicht glaub-
haft erwiesen habe. Vielmehr scheine es, dass der Beschwerdeführer sich
trotz seines Glaubens und seiner Lebensart so habe arrangieren können,
dass er in seinem persönlichen Umfeld in Afghanistan ohne grössere Prob-
leme habe leben können. Die Schwelle zur Annahme eines unerträglichen
psychischen Drucks im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG sei somit vor seiner
Ausreise nicht gegeben. Es sei dem Beschwerdeführer daher zuzumuten,
dass er auch im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan wieder in derselben
Art in seinem Dorf leben könnte, wie vor der Ausreise.
4.4 In der Replik wird im Wesentlichen geltend gemacht, es sei in der Be-
schwerde ausführlich dargelegt worden, weshalb seine Auseinanderset-
zung mit seinen Freunden für glaubhaft zu erachten sei. Würde er heute in
sein Dorf zurückkehren, drohe ihm eine Verfolgung aufgrund der erfolgten
Denunziation als Christ durch seine ehemaligen Freunde. Die weiteren
Ausführungen des SEM zu den Schikanen und Bedrohungen der Taliban
bezögen sich auf Sachverhalte, die teilweise bis zu sieben Jahre zurücklä-
gen. Diese hätten gerade nicht stattgefunden, weil er sich dem Christentum
zugewandt habe, sondern allein wegen seines vermeintlich „westlichen“
Aussehens. Moderne Haarschnitte seien in vielen islamischen Ländern
Ausdruck der Beliebtheit westlicher Kultur- und Konsumgüter, aber gerade
kein Zeichen für eine Verbundenheit mit christlichen Werten. Selbst wenn
man den fluchtauslösenden Moment für nicht glaubhaft erachten sollte,
wäre es ihm nicht zuzumuten, wieder in seinem Dorf zu leben. Er habe in
den Jahren vor seiner Flucht aus Afghanistan versucht, sich mit der dorti-
gen Lebensweise zu arrangieren. Immer wieder habe er allerdings Zweifel
D-5748/2018
Seite 15
am Lebensstil seines Umfeldes gehabt, den er als bedrückend und persön-
lich einschränkend empfunden habe. Schon die wiederkehrenden Mo-
scheebesuche, die er allein seiner Mutter zuliebe unternommen habe,
seien ihm mehr und mehr zur Belastung geworden, da er sich schon in
Afghanistan in Auseinandersetzung mit den Werten der christlichen sowie
der islamischen Religion befunden habe. Mittlerweile sei diese Auseinan-
dersetzung allerdings zu einer Überzeugung geworden, die mit der in der
Schweiz erfolgten Taufe deutlich zum Ausdruck gebracht worden sei. Auch
sei er es sich gewöhnt, seine Meinung frei zu äussern und mit anderen
darüber zu diskutieren. Er lebe in einem stark kirchlich geprägten Umfeld
in der Schweiz und möchte die regelmässigen Kirchbesuche und Austau-
sche mit anderen Gläubigen nicht mehr missen. Es sei für ihn unvorstellbar
geworden, diese Entwicklung, die sich durch seinen Aufenthalt und seine
Erfahrungen in der Schweiz beschleunigt hätten, anzuhalten oder gar zu
verleugnen. Bei einer Rückkehr nach Afghanistan wäre er aber genau dazu
gezwungen. Er müsste einen grossen Teil seiner Persönlichkeit aus Angst
entdeckt zu werden, wieder verschleiern oder gar negieren. Diese Persön-
lichkeitsentwicklung übersehe das SEM gänzlich, wenn es lediglich
schreibe, die Schwelle zur Annahme eines unerträglichen psychischen
Drucks sei vor der Ausreise nicht gegeben gewesen. Ob aber mittlerweile
die Schwelle zur Annahme eines unerträglichen psychischen Drucks durch
die hier in der Schweiz gesammelten Eindrücke, Erfahrungen und Über-
zeugungen überschritten worden seien, erfahre er vom SEM nicht. Er sei
anders als das SEM vermute, nicht mehr dieselbe Person wie in den Jah-
ren 2013 bis 2015.
5.
5.1 Das SEM hat zutreffend festgestellt, dass die Schikanen der Taliban
gegen den Beschwerdeführer in den Jahren 2009 und 2011 asylrechtlich
nicht relevant sind, weil es sich einerseits um zu wenig intensive Nachteile
handelte und andererseits der zeitliche und sachliche Kausalzusammen-
hang zur Ausreise im Juli 2015 nicht gegeben ist. So kehrte der Beschwer-
deführer 2011 und 2013 trotz der angeblichen Schikanen aus E._
nach Afghanistan zurück, im Jahre 2013 sogar, um seinen Wohnsitz dau-
erhaft nach Afghanistan zu verlegen.
5.2 Auch aus der angeblichen Ermordung des Vaters durch die Taliban mit-
tels einer Autobombe (vgl. Akte A15/18 F22) hatte der Beschwerdeführer
keine ihn betreffende asylrechtlich relevante Nachteile erfahren. Zudem ist
anzufügen, dass der Beschwerdeführer anlässlich der BzP im Widerspruch
D-5748/2018
Seite 16
zur Anhörung angegeben hat, sein Vater sei im Zusammenhang mit einem
Minenunfall ums Leben gekommen (vgl. Akte A4/15 Ziff. 3.01).
5.3 Der Beschwerdeführer brachte ferner vor, er werde in Afghanistan ver-
folgt, weil seine Freunde, die einen Bibeltext auf seinem Laptop entdeckt
hätten, ihn an die Taliban verraten hätten. Er sei von Weissbärtigen zu-
hause gesucht worden.
Dass es der Beschwerdeführer bevorzugte, mit seinen Freunden über die
Abkehr vom Islam zu diskutieren statt mit seiner Familie, ist, wie in der
Beschwerde zutreffend ausgeführt, durchaus nachvollziehbar und spricht
nicht gegen die Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens. Gleichwohl ist seine
Schilderung über die Entdeckung der Bibel auf seinem Laptop und die da-
raufhin erfolgte Denunziation durch seine Freunde unglaubhaft. Der Be-
schwerdeführer konnte zwar die Diskussion mit seinen Freunden detailliert
wiedergeben (vgl. A15/18 F46 f.). Da ihm bewusst war, wie heikel das
Thema ist, ist jedoch bezweifeln, dass die Diskussion wie geschildert ab-
gelaufen ist. Es erstaunt insbesondere, dass der Beschwerdeführer, als er
feststellte, dass seine Freunde kritische Fragen zu stellen beginnen und
nicht seiner Meinung sind, als Grund für sein Fernbleiben von den drei
Quadr-Nächten sogleich unumwunden erklärte, sein Gewissen lasse es
nicht zu, in die Moschee zu gehen. Unverständlich ist ohnehin, dass der
Beschwerdeführer einen Bibeltext auf dem Computer unter dem Titel «das
heilige Buch», beziehungsweise eine Bibel direkt auf dem Desktop und da-
mit auf den ersten Blick einsehbar abgespeichert hatte (vgl. Akte A15/18
F46), zumal er wusste, welche Konsequenzen die Entdeckung solcher
Texte in Afghanistan haben kann. Als (...) hätte er derart heikle Daten vor
den unerwünschten Blicken Dritter sicher auf dem Computer abgespei-
chert. Schliesslich wirkt auch die Schilderung, dass die beiden engen
Freunde die ganze Diskussion auf ein Mobiltelefon aufgezeichnet hätten,
konstruiert. Zudem konnte der Beschwerdeführer seine widersprüchlichen
Angaben hinsichtlich der Anzahl Personen, die vor der Tür gestanden
seien, nicht erklären. Dass es sich dabei um eine eigene Schätzung ge-
handelt habe, ist schon deshalb auszuschliessen, weil nicht er selbst, son-
dern seine Schwester den Weissbärtigen die Tür öffnete, und ihm alles nur
vom Hörensagen seiner Schwester bekannt ist. Ferner wirkt auch die
Flucht des Beschwerdeführers überstürzt, angesichts der Tatsache, dass
er sich bei seiner Tante und dem Onkel, welchem er sogar über die Dis-
kussion über seine islamkritische Haltung problemlos berichten konnte,
hätte verstecken können, bis Gras über die Sache gewachsen wäre, oder
er sich nach E._ zu seiner ehemaligen Vermieterin hätte begeben
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Seite 17
können, deren Freund mit ihm über das Christentum diskutiert habe. Es ist
deshalb davon auszugehen, dass sich die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers nicht wie von ihm geltend gemacht zugetragen haben. Das SEM hat
bezüglich der eingereichten Briefe der Taliban zudem zutreffend festge-
stellt, dass diese nur einen geringen Beweiswert hätten und deshalb nicht
geeignet seien, die von ihm angeführten Unglaubhaftigkeitsmerkmale in
seinen Aussagen umzustossen. Dem Beschwerdeführer ist es nicht gelun-
gen, glaubhaft zu machen, dass seine islamkritische Haltung beziehungs-
weise sein Interesse für das Christentum in der Heimat bekannt geworden
und er deswegen im Ausreisezeitpunkt durch die Taliban oder die Dorfbe-
wohner verfolgt worden ist.
5.4 Es ist auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer unter
einem unerträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG
aufgrund seiner Abkehr vom Islam und seiner Zuwendung zum Christen-
tum in Afghanistan gelitten hat. Der Beschwerdeführer hat sich in
E._ bereits nach dem Tod seines Vaters dem Christentum zuge-
wendet. Er ist daraufhin im Jahr 2011 und im Jahr 2013 nach Afghanistan
gereist. Wäre sein Glaube in jenem Zeitpunkt bereits so ausgeprägt gewe-
sen, dass er sich gefürchtet hätte, seine religiöse Überzeugung nicht ver-
stecken zu können, hätte er sich im Jahr 2013 nicht für ein Leben in Afgha-
nistan entschieden. Der Beschwerdeführer gab zwar an, er habe sich
mehrheitlich zu Hause aufgehalten, weil er auf Grund seines gepflegten
äusseren Erscheinungsbildes zu stark aufgefallen sei. Dies ist jedoch – wie
in der Replik eingeräumt wird – nicht primär auf seine Religion zurückzu-
führen. Ferner verfügt der Beschwerdeführer nicht nur über Verwandte mit
einer konservativ-religiösen Haltung, sondern auch über einen Onkel, der
ihm bei der Flucht behilflich gewesen ist, welcher vom Beschwerdeführer
anlässlich der Anhörung als offener, nicht religiöser Mensch beschrieben
worden ist (vgl. Akte A15/18 F74). Zudem wird in der Beschwerde einge-
räumt, der Beschwerdeführer habe in Afghanistan mit seinen muslimischen
Freunden vor dem afghanischen Hintergrund viel Anrüchiges und Verbote-
nes getan. Dies lässt nicht den Schluss zu, dass er vor der Ausreise aus
Afghanistan unter einem unerträglichen psychischen Druck im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG gelitten hätte, nachdem er sich dem Christentum zuge-
wandt hatte.
5.5 Dem Beschwerdeführer ist es somit nicht gelungen, eine im Zeitpunkt
der Ausreise asylrelevante Verfolgung nachzuweisen oder glaubhaft zu
machen.
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Seite 18
6.
6.1 Der Beschwerdeführer reichte während dem erstinstanzlichen Asylver-
fahren seinen Taufschein aus der Schweiz, zwei Fotos von seiner Taufe in
der Schweiz und ein Schreiben der (...) vom 25. April 2018 ein und macht
geltend, er werde seine nunmehrige Weltanschauung bei einer Rückkehr
in sein Heimatland leben und praktizieren. Dies würde aber mit an Sicher-
heit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer Entdeckung der Konversion
führen. Bei Verheimlichung seiner nichtmuslimischen religiösen Grundhal-
tung hingegen wäre er einem unerträglichen psychischen Druck ausge-
setzt, da er sich entgegen seiner inneren Überzeugung verhalten müsse
und jederzeit Gefahr laufen würde, durch eine unbedachte Äusserung oder
Handlung als Apostat und Christ entdeckt zu werden. In beiden Fällen ge-
währe daher Art. 3 AsylG Schutz vor Verfolgung.
6.2 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im
Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen
zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch
gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob
sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen
werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/29 E. 5.1, 2009/28 E. 7.1 m.w.H.).
6.3
6.3.1 Gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts unterlie-
gen konvertierte Christen in Afghanistan keiner Kollektivverfolgung. Dies-
bezüglich ist vielmehr eine individuelle Prüfung der Gefährdung in jedem
Einzelfall vorzunehmen (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-
2245/2017 vom 26. November 2019 E 7.2 m.w.H.). Im als Referenzurteil
publizierten Entscheid D-4952/2014 vom 23. August 2017 hielt das Bun-
desverwaltungsgericht unter anderem fest, dass Gläubige anderer Religi-
onen als des Islams gemäss der afghanischen Verfassung ihren Glauben
innerhalb der gesetzlichen Grenzen frei ausüben könnten. Die afghanische
Verfassung bezeichne den Islam jedoch gleichzeitig explizit als offizielle
Staatsreligion und bestimme, dass keine andere Religion den Grundsätzen
und Regeln des Islams zuwiderlaufen dürfe. Zwar werde Apostasie im af-
ghanischen Strafgesetzbuch nicht als Straftat definiert, falle aber nach af-
ghanischer Rechtsauffassung unter die nicht weiter definierten ‚ungeheu-
erlichen Straftaten‘, die laut Strafgesetzbuch nach der Hanafi-Rechtslehre
D-5748/2018
Seite 19
bestraft würden. Gemäss dieser Lehre würden Frauen lebenslang respek-
tive bis zum Widerruf der Konversion in Haft genommen und Männer ent-
hauptet. Werde die Todesstrafe nicht verhängt, seien die vorgesehenen
strafrechtlichen sowie gesellschaftlichen Konsequenzen äusserst hart. Die
Äusserung von nicht-religiösen Überzeugungen werde verfolgt oder
schlicht durch soziale Zwänge verunmöglicht, wobei die soziale Kontrolle
und der soziale Druck in Afghanistan gross seien (vgl. a.a.O. E. 7.5.2).
Im Referenzurteil wurde der Schluss gezogen, dass Personen, deren
Apostasie öffentlich bekannt werde, objektiv begründete Furcht vor Nach-
teilen im Sinne von Art. 3 AsylG hätten. Es sei zu prüfen, inwieweit von
einer Person vernünftigerweise erwartet werden könne, die drohende Ver-
folgung durch das eigene (diskrete) Verhalten abzuwenden, oder ob sol-
ches für sie zu einem unerträglichen psychischen Druck führe (vgl. a.a.O.
E. 7.5.5 f.).
6.3.2 Die Annahme, das Verheimlichen einer persönlichen Überzeugung
beziehungsweise einer mit der Persönlichkeit untrennbar verknüpften Ei-
genschaft bewirke einen unerträglichen psychischen Druck, setzt voraus,
dass die betroffene Person in einem Umfeld zu leben gezwungen sei, in
welchem sie Gefahr läuft, dass eben diese Überzeugung oder Eigenschaft
entdeckt, denunziert und sanktioniert wird. Je grösser die Gefahr sei, durch
eine unbedachte Geste oder Äusserung entdeckt zu werden, und je gra-
vierender die staatliche oder private Sanktionierung im Falle der Entde-
ckung ausfällt, desto eher sei davon auszugehen, die betroffene Person
stehe unter einem psychisch unerträglichen Druck, weil sie gezwungen sei,
ihre Persönlichkeit zu verleugnen und ein Doppelleben zu führen, um nicht
entdeckt zu werden (vgl. a.a.O. E. 7.6.2 m.w.H.).
6.3.3 Anders als die im angeführten Referenzurteil zu beurteilende Person
weist der Beschwerdeführer ein deutlich schwächeres persönliches Profil
auf. Er gab zwar bereits auf dem Personalienblatt bei der Asylgesuchstel-
lung am 11. September 2015 an: “My previous religion was Islam, which I
don’t believe in it. I‘m planning to convert to Christianism." Auch das SEM
schloss eine Konversion nicht aus. Es ging jedoch davon aus, dass der
Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Afghanistan wieder in dersel-
ben Art leben könne, wie vor seiner Ausreise, als er sich auch schon dem
Christentum zugewandt gehabt habe. Der Beschwerdeführer hat sich in
der Schweiz am 4. Dezember 2016 taufen lassen, was durch die einge-
reichten Beweismittel hinreichend belegt ist. Aus dem Schreiben der (...)
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vom 25. April 2018 geht hervor, dass er vor der Taufe häufig zum Gottes-
dienst gegangen sei, angefangen habe, die Bibel zu lesen, und einen Bi-
belkurs besucht habe. Als der Beschwerdeführer den Wunsch geäussert
habe, sich taufen zu lassen, habe der Pfarrer mit ihm Gespräche geführt
und sein Anliegen geprüft. Als er getauft worden sei, habe er der Gemeinde
erzählt, was seine Beweggründe gewesen seien. Seit der Taufe sei er in
der Gemeinde aktiv, helfe bei Veranstaltungen und nehme an Bibelaben-
den teil. Er sei Teilnehmer von christlichen Treffen, wie die (...) 2017 in
L._ oder im (...) in M._, das von der (...) Kirche durchgeführt
worden sei. Einige Male habe er im Gottesdienst von seinem Leben als
Christ erzählt. Ein Mitbewohner der Wohngemeinschaft habe Landsleuten
über die Konversion des Beschwerdeführers berichtet, so dass er für diese
als Verräter gelte. Seine Familie habe schon damals mit ihm gebrochen,
weil er anders geglaubt habe, als sie. Wenn er als Christ zurückkäme, wäre
dies eine Familienschande und er müsse um sein Leben fürchten. Weil ihn
dies bedrücke, sei er ein "stiller Christ". Er stehe zu seinem Glauben, aber
trage ihn nicht öffentlich vor sich her.
6.3.4 Die Hinwendung des Beschwerdeführers zum Christentum und sein
religiöses Engagement sind nachgewiesen beziehungsweise glaubhaft ge-
macht. Nicht glaubhaft ist hingegen, dass seine Abkehr vom Islam im Hei-
matland zur Verfolgung des Beschwerdeführers geführt hat (vgl. E. 5) be-
ziehungsweise seine Familie deswegen mit ihm gebrochen hat. Der Be-
schwerdeführer telefonierte von der Schweiz aus regelmässig mit seiner
Mutter und im Zusammenhang mit der Beschaffung von Dokumenten für
eine Trauung in der Schweiz, schrieb der Beschwerdeführer am 28. April
2020 an den (...), dass er in Kontakt mit Verwandten in Afghanistan sei.
Insofern ist nicht davon auszugehen, dass die Verwandten über seine Kon-
version im Bild seien und er bei der Rückkehr mit asylrelevanten Nachteilen
seitens seiner Familienmitglieder rechnen müsste. Zudem gab der Be-
schwerdeführer an, er habe bereits nach der Rückkehr aus E._ den
Ramadan nicht befolgt, sei nicht in die Moschee gegangen, habe nicht ge-
betet (vgl. Akte A17/9 F3) und in seinem Freundeskreis zahlreiche Tätig-
keiten unternommen, welche gegen die islamischen und landesüblichen
Sitten verstossen hätten oder sogar verboten seien. Es ist deshalb nicht
davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr nach Afghanistan als Christ
ein Doppelleben führen müsste, zumal auch sein Freundeskreis und ein
Teil seiner Verwandtschaft kein religiös geprägtes Leben zu führen scheint.
Der Beschwerdeführer wird vom Pfarrer seiner Kirchgemeinde ausserdem
als "stiller Christ" beschrieben. Es ist deshalb nicht davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer sich im Falle der Rückkehr nach Afghanistan
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seine religiöse Überzeugung derart unterdrücken müsste, dass er einem
unerträglichen psychischen Druck ausgesetzt wäre. Vielmehr ist anzuneh-
men, dass er in Afghanistan – wie schon in der Vergangenheit – auch in
Zukunft in einem Umfeld leben kann, in dem die soziale Kontrolle nicht der-
art ausgeprägt ist, dass seine religiöse Überzeugung von Interesse wäre
beziehungsweise seine Abkehr vom Islam und seine Hinwendung zum
Christentum zwangsläufig auffallen würde. An dieser Einschätzung vermö-
gen auch die spekulativen Ausführungen in der Beschwerde nichts zu än-
dern, wonach in der Schweiz bereits mehreren Personen aus Afghanistan
bekannt sei, dass der Beschwerdeführer zum christlichen Glauben konver-
tiert sei, und nicht ausgeschlossen werden könne, dass diese Information
über soziale Netzwerke gezielt nach Afghanistan übermittelt und dort be-
kannt gemacht worden seien.
6.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers zu Recht verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung wurde mit Verfügung vom 24. Oktober
2018 unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen Lage des Be-
schwerdeführers gutgeheissen. Die Bedürftigkeit des Beschwerdeführers
wurde mit einer Fürsorgebestätigung vom 21. September 2018 belegt. Der
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Beschwerdeführer arbeitet seit dem 18. Februar 2019 für die (...) in
N._ als (...). Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass er damit
den prozessualen Notbedarf übersteigende Einkünfte erzielt. Da der Be-
schwerdeführer mithin nach wie vor als prozessual bedürftig zu betrachten
ist, sind ihm vorliegend keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
9.2 Das Honorar des amtlichen Rechtsbeistandes ist bei diesem Verfah-
rensausgang durch die Gerichtskasse zu vergüten. Mit der Replik wurde
eine aktualisierte Kostennote eingereicht, worin der zeitliche Aufwand von
neun Stunden, und weitere Auslagen von Fr. 30.– aufgeführt sind. Dies er-
scheint angemessen. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemes-
sungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Rechtsbeistand zu Lasten des
Bundesverwaltungsgerichts ein Honorar von insgesamt Fr. 1'380.– (inkl.
Auslagen) zuzusprechen.
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