Decision ID: 16ac2562-1a93-4817-957e-c857f4f4340b
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Verwaltungsrekurskommission, 29.06.2017 Art. 15a Abs. 1, 3 und 4, Art. 16a Abs. 2 SVG (SR 741.01). Allfällige Einwände, die an den Grundfesten der Strafbarkeit rühren, sind im Strafverfahren geltend zu machen. Der Sachverhalt kann im Administrativmassnahmenverfahren grundsätzlich nicht neu überprüft werden. Die Voraussetzungen für ein ausnahmsweises Abweichen von den tatsächlichen Feststellungen im Strafverfahren sind nicht erfüllt. Der Rekurrent überschritt die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts um 19 km/h. Da der Führerausweis während der Probezeit bereits für einen Monat entzogen war, würde die neuerliche (leichte) Widerhandlung zum zweiten Führerausweisentzug führen, weshalb die Annullierung des Führerausweises auf Probe zu bestätigen ist (Verwaltungsrekurskommission, Abteilung IV, 29. Juni 2017, IV-2017/32).
Präsident Urs Gmünder, Richter Urs Früh und Beat Fritsche, Gerichtsschreiberin Silvia
Geiger
X, Rekurrent,
gegen
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt, Abteilung Administrativmassnahmen,
Frongartenstrasse 5, 9001 St. Gallen, Vorinstanz,
betreffend
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Annullierung des Führerausweises auf Probe
Sachverhalt:
A.- X besass den Führerausweis der Kategorie B auf Probe seit dem 12. Oktober 2015.
Am 16. Oktober 2015 beging er eine mittelschwere Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, als er in A. einen Personenwagen lenkte und wegen
mangelnder Aufmerksamkeit einen Selbstunfall verursachte. Das Strassenverkehrs-
und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen verfügte daraufhin am 25. November 2015
einen Führerausweisentzug für die Dauer eines Monats, der vom 25. November bis 24.
Dezember 2015 vollzogen wurde. Nach Ablauf der Entzugsdauer wurde der
Führerausweis auf Probe durch einen neuen ersetzt und die Probezeit um ein Jahr
verlängert.
B.- Mit Strafbefehl des Stadtrichteramtes Zürich vom 21. November 2016 wurde X der
einfachen Verkehrsregelverletzung schuldig gesprochen und mit einer Busse von
Fr. 410.– bestraft. Es wurde ihm vorgeworfen, am Freitag, 1. Juli 2016, um 23.46 Uhr,
in Zürich auf der Dörflistrasse/Tramstrasse die zulässige Höchstgeschwindigkeit von
50 km/h um 19 km/h (nach Abzug der Messtoleranz) überschritten zu haben. Der
Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.- Am 29. November 2016 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des
Kantons St. Gallen aufgrund der Geschwindigkeitsüberschreitung vom 1. Juli 2016 ein
Administrativmassnahmeverfahren gegen X und verbot ihm das Führen von
Motorfahrzeugen aller Kategorien sowie aller Unter- und Spezialkategorien vorsorglich
ab sofort. Mit Schreiben vom 5. Dezember 2016 teilte X dem Strassenverkehrsamt mit,
dass nicht er den Personenwagen gelenkt habe, sondern sein Bruder Y. Das
Strassenverkehrsamt erwiderte darauf mit Schreiben vom 7. Dezember 2016, dass das
Strafverfahren abgewartet werde und X nach wie vor nicht mehr berechtigt sei,
Motorfahrzeuge zu führen. Mit Verfügung vom 23. Januar 2017 annullierte das
Strassenverkehrsamt den Führerausweis auf Probe, setzte die Frist für die
Wiedererteilung eines neuen Lernfahrausweises frühestens auf den 29. November 2017
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fest und machte die Wiedererteilung von einem verkehrspsychologischen Gutachten
abhängig, das die Fahreignung bejaht und nicht älter als drei Monate ist. Einem
allfälligen Rekurs wurde die aufschiebende Wirkung entzogen.
D.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 4. Februar 2017 (Datum der
Postaufgabe: 8. Februar 2017) Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission. Er
machte geltend, dass nicht er, sondern sein Bruder am 1. Juli 2016 der Lenker des
Personenwagens gewesen sei, und er deshalb den Führerausweis schon mehr als zwei
Monate unverschuldet habe abgeben müssen. Die Vorinstanz verzichtete am 6. März
2017 auf eine Vernehmlassung.

Auf die Ausführungen der Beteiligten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 4. Februar 2017 (Datum der
Postaufgabe: 8. Februar 2017) ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller
und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- a) Die Vorinstanz annullierte den Führerausweis auf Probe des Rekurrenten wegen
Missachtens der zulässigen Höchstgeschwindigkeit. In tatsächlicher Hinsicht stellte sie
fest, der Rekurrent habe am 1. Juli 2016 mit einem Personenwagen in Zürich (innerorts)
die Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h um 19 km/h überschritten. Der Rekurrent
macht geltend, dass nicht er, sondern sein Bruder das Fahrzeug am besagten Tag
gelenkt habe.
b) Mit Strafbefehl des Stadtrichteramtes Zürich vom 21. November 2016 wurde der
Rekurrent wegen Überschreitens der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit am 1. Juli
2016 mit einer Busse bestraft. Der Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
bis
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Gestützt auf die rechtskräftige strafrechtliche Verurteilung ist davon auszugehen, dass
der Rekurrent das Fahrzeug lenkte und die fragliche Geschwindigkeitsüberschreitung
beging. Nach der Rechtsprechung muss derjenige, der weiss oder annehmen muss,
dass gegen ihn ein Administrativmassnahmeverfahren durchgeführt wird, seine
Verteidigungsrechte und allfällige Rechtsmittelmöglichkeiten bereits im Strafverfahren
wahrnehmen, denn die Verwaltungsbehörde ist grundsätzlich an die tatsächlichen
Feststellungen im Strafverfahren gebunden. Nach ständiger Rechtsprechung darf sie
vom Strafurteil nur abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid zu
Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren, wenn sich die Erhebung
zusätzlicher Beweise aufdrängt, wenn die Beweiswürdigung des Strafrichters eindeutig
im Widerspruch zur Tatsachenlage stand oder wenn der Strafrichter bei der
Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat,
insbesondere jene nicht, welche die Verletzung der Verkehrsregeln betreffen (BGE 124
II 103 E. 1c/aa).
Die Voraussetzungen für ein Abweichen von der tatsächlichen Feststellung im
Strafbefehl sind nicht erfüllt. Der Rekurrent wurde im Schreiben der Vorinstanz vom 29.
November 2016 darauf hingewiesen, dass vor Abschluss des
Administrativmassnahmeverfahrens der Ausgang des Strafverfahrens abgewartet
werde. Gegen den Strafbefehl erhob der Rekurrent keine Einsprache. Damit wurde
dieser gemäss Art. 354 Abs. 3 der Schweizerischen Strafprozessordnung (SR 312.0,
abgekürzt: StPO) zum rechtskräftigen Urteil. Wenn sich der Sachverhalt anders
zugetragen und der Bruder des Rekurrenten die Geschwindigkeitsüberschreitung
begangen haben sollte, hätte der Rekurrent dies im Strafverfahren geltend machen
müssen. Es ist schwer nachvollziehbar, dass jemand, gegen den ein Strafverfahren
läuft, und der gemäss eigenen Angaben die fragliche Geschwindigkeitsüberschreitung
nicht begangen haben will, nicht alles daran setzt, seine Schuld im Strafverfahren zu
bestreiten. Wehren hätte er sich vor allem auch deshalb müssen, weil er bereits mit
einem Führerausweisentzug sanktioniert worden war und allgemein bekannt ist, dass
ein zweiter Führerausweisentzug zur Annullation des Führerausweises auf Probe führt.
Der Einwand des Rekurrenten, wonach er zuerst gedacht habe, er sei gefahren, bis er
erfahren habe, dass sein Bruder gefahren sei, erscheint unglaubwürdig. Dies brachte
der Rekurrent in dem Zeitpunkt vor, als ihm die Vorinstanz mitteilte, dass die
Geschwindigkeitsüberschreitung eine Annullierung des Führerausweises auf Probe zur
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Folge haben werde. Hätte der Rekurrent die Geschwindigkeitsüberschreitung nicht
begangen, wäre ihm dies von Anfang an bekannt gewesen, und dann hätte er sich
bereits im Strafverfahren entsprechend verteidigt. Es ist deshalb davon auszugehen,
dass der Rekurrent derjenige war, der am 1. Juli 2016 die
Geschwindigkeitsüberschreitung in Zürich beging.
3.- a) Der erstmals erworbene Führerausweis für Motorräder und Motorwagen wird
zunächst auf Probe erteilt. Die Probezeit beträgt drei Jahre (Art. 15a Abs. 1 des
Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Kommt es während der
Probezeit zu einem Entzug des Führerausweises, so wird die Probezeit um ein Jahr
verlängert (Art. 15a Abs. 3 SVG). Mit dem ersten Entzug des Führerausweises ist der
Neulenker gewarnt und es wird von ihm ein besonderes Mass an
Verantwortungsbewusstsein und sorgfältigem, künftigem Fahrverhalten erwartet.
Begeht er während der Probezeit eine zweite Widerhandlung, die zum Entzug des
Ausweises führt, verfällt der Führerausweis auf Probe (Art. 15a Abs. 4 SVG). Damit wird
bezweckt, Neulenker, welche noch nicht über die nötige Reife zum sicheren und
verkehrsregelkonformen Führen eines Personenwagens verfügen, vom Strassenverkehr
einstweilen fernzuhalten (Urteile des Bundesgerichts [BGer] 1C_202/2010 vom
1. Oktober 2010 E. 2.2, 4.1 und 4.2 mit Hinweisen und 1C_542/2009 vom
10. September 2009 E. 6.5).
Dem Rekurrenten war der Führerausweis auf Probe während der Probezeit aufgrund
einer mittelschweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die
Dauer eines Monats vom 25. November bis 24. Dezember 2015 entzogen, nachdem er
am 16. Oktober 2015 wegen mangelnder Aufmerksamkeit einen Selbstunfall verursacht
hatte. Die Probezeit wurde in der Folge bis am 11. Oktober 2019 verlängert. Am 1. Juli
2016 überschritt er in Zürich innerorts die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 km/
h um 19 km/h (nach Abzug der Messtoleranz). Wenn die innerorts zulässige allgemeine
Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h um 16-20 km/h überschritten wird, liegt eine
leichte Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften gemäss Art. 16a Abs. 1
SVG vor (Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Vorbemerkungen
zu Art. 16a bis c N 14). Gemäss Art. 16a Abs. 2 SVG wird der Führerausweis nach einer
leichten Widerhandlung für mindestens einen Monat entzogen, wenn in den
vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis entzogen war oder eine andere
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Administrativmassnahme verfügt wurde. Es handelt sich damit um die zweite
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften während der Probezeit, die
zum Entzug des Ausweises führt. Die Vorinstanz verfügte somit gestützt auf Art. 15a
Abs. 4 SVG zu Recht die Annullierung des Führerausweises auf Probe.
b) Nach der Annullierung des Führerausweises auf Probe kann ein neuer
Lernfahrausweis frühestens ein Jahr nach Begehung der Widerhandlung und nur
aufgrund eines verkehrspsychologischen Gutachtens, welches die Fahreignung bejaht,
erteilt werden (Art. 15a Abs. 5 SVG). Die Vorinstanz konnte den Führerausweis nach
der Geschwindigkeitsüberschreitung vom 1. Juli 2016 nicht umgehend vorsorglich
entziehen, denn der Polizeirapport der Stadtpolizei Zürich ging erst am 25. November
2016 bei ihr ein. Sie eröffnete am 29. November 2016 das
Administrativmassnahmeverfahren, also knapp sechs Monate nach der
Geschwindigkeitsüberschreitung, und entzog dem Rekurrenten gleichzeitig den
Ausweis vorsorglich. Der Rekurrent blieb demnach bis zur Eröffnung des
Administrativmassnahmeverfahrens im Besitz des Führerausweises. Das
Bundesgericht führte dazu aus, dass der Gesetzgeber offensichtlich davon
ausgegangen sei, bei einer zweiten Widerhandlung während der Probezeit, die einen
Ausweisentzug zur Folge habe, werde der Ausweis umgehend vorsorglich entzogen,
weshalb er den Fristenlauf für die einjährige Sperrfrist ausdrücklich mit dem Zeitpunkt
der Widerhandlung beginnen lasse (vgl. Art. 15a Abs. 5 SVG). Werde der Ausweis nicht
umgehend nach der Widerhandlung vorsorglich entzogen, sondern bis zum
Administrativverfahren beim Lenker belassen, so sei es nicht zu beanstanden, wenn als
Beginn der Sperrfrist das Datum der Annullierungsverfügung festgelegt werde. Ein
mindestens einjähriges Fahrverbot sei klar der Wille des Gesetzgebers und deshalb in
jedem Fall zwingend (BGer 1C_324/2013 vom 9. September 2013 E. 2.5). Die
Anordnung der Vor-instanz, wonach dem Rekurrenten frühestens ab dem
29. November 2017 (und nur aufgrund eines verkehrspsychologischen Gutachtens, das
die Fahreignung bejahe und nicht älter als drei Monate sei) ein neuer Lernfahrausweis
erteilt werden könne, entspricht damit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung und ist
nicht zu beanstanden.
4.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Mit der
Annullierung des Führerausweises auf Probe soll sichergestellt werden, dass der
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Rekurrent ohne Nachweis seiner Fahrfähigkeit zum Schutz der Sicherheit der übrigen
Verkehrsteilnehmer keine Motorfahrzeuge lenkt. Dieser Zweck wäre gefährdet, würde
ihm der Führerausweis während eines Beschwerdeverfahrens wiedererteilt. Einer
allfälligen Beschwerde ist deshalb die vom Gesetz vorgesehene aufschiebende
Wirkung zu entziehen (Art. 64 i.V.m. Art. 51 VRP).
5.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist zu verrechnen.