Decision ID: 8d9a3e62-1891-48db-9be4-b45197c4a42c
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die
1983
geborene
X._
ist in ihrer Eigenschaft als Pfändungsbeamtin der Gemeinde
Y._
bei der
Lloyd’s
, London, Zweigniederlassung Zürich, obligatorisch gegen Unfälle versichert.
Laut
undatierter Schadenmeldung
fiel
sie am
2.
Juni 2017 beim Judo-Training auf den Hinterkopf und Rücken
. Ab
8.
Juni 2017 erschien sie deshalb nicht mehr zur Arbeit
(
Urk.
12/A1).
Der erstbehan
delnde Arzt
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Innere Medizin,
verordnete Physiotherapie (
Urk.
12
/A2) und bescheinigte der Versicherten
zunächst eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (
Urk.
12
/M1-2).
Gemäss seinem Bericht vom 1
7.
Juli 2017 erlitt
s
ie eine HWS-Stauchung mit Peitschentrauma (
Urk.
12
/M3). Die Ärzte der Klinik für Neurologie des
A._
diagnostizierten im Bericht vom 2
5.
August 2017 den Verdacht auf ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma und ein
postkommotionelles
Syndrom (
Urk.
12
/M4).
Von August bis September war
die Versicherte
zu 50
%
a
rbeitsunfähig geschrieben,
danach
bestand eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit
(
Urk.
12
/M6)
.
1.2
Mit Schreiben vom 1
2.
Oktober 2017 eröffnete die
Lloyd’s
der Versicherten, dass das Ereignis vom
2.
Juni 2017 weder als Unfall noch als unfallähnliche Körper
schädigung qualifiziert werden könne. Deshalb bestehe keine Leistungspflicht der
Lloyd’s
aus der obligatorischen Unfallversicherung (
Urk.
12
/A13). Am 3
1.
Okto
ber 2017 machte die Versicherte, inzwischen
vertreten
durch die
Protekta
Rechtsschutz-Versicherung AG
(
Urk.
12
/A14)
, ergänzende Angaben zum
Her
gang des
Ereignis
ses vom
2.
Juni 2017 (
Urk.
12
/A17
).
Mit Verfügung vom
1
5.
Dezember 2017
(
Urk.
12
/A18)
und, nachdem die
Versicherte
am 2
9.
Januar 2018
dagegen Einsprache erhoben hatte (
Urk.
12
/A20)
,
mit
Einspracheentscheid vom
2
9.
Juni 2018
verneinte die
Lloyd’s
einen Anspruch der Versicherten auf Unfallversicherungsleistungen (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte, vertreten durch die
Protekta
Rechtsschutz-Versicherung AG, mit Eingabe vom 2
9.
August 2018 Beschwerde mit dem Antrag, es seien ihr
aufgrund des Ereignisses vom
2.
Juni 2017 Unfallversicherungs
leistungen zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom
7.
Dezember 2018 beantragte
die
Lloyd’s
die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
11), was der Beschwerdeführerin
am 1
1.
Dezember 2018
mitgeteilt wurde (
Urk.
15).
Auf
die einzelnen Vorbringen
der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
UV170040
Gegenstand der Unfallversicherung, Gesetzestext, gültig ab 1.1.2017
08.2018
Gemäss Art. 6
des
Bundesgesetz
es
über die Unfallversicherung (UVG)
werden – soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt – die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (Abs. 1). Die Versicherung erbringt ihre Leistungen auch bei folgenden Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind (Abs. 2): Knochenbrüche (lit. a), Verrenkungen von Gelenken (lit. b), Meniskus
risse (lit. c), Muskelrisse (lit. d), Muskelzerrungen (lit. e), Sehnenrisse (lit. f), Band
läsionen (lit. g) und Trommelfellverletzungen (lit. h). Diese Aufzählung der den Unfällen gleichgestellten Körperschädigungen ist abschliessend (BGE 116 V 136 E. 4a, 147 E. 2b, je mit Hinweisen; Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungs
recht, 2. Auflage, Bern 1989, S. 202).
Ausserdem erbringt die Versicherung ihre Leistungen für Schädigungen, die der verunfallten Person bei der Heilbehandlung zugefügt werden (Abs. 3).
1.2
UV170180
Unfallbegriff, Gesetzestext
08.2018
Ein Unfall ist gemäss Art. 4
des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
1.
3
1.3.1
UV170190
Unfallbegriff, ungewöhnlicher äusserer Faktor
08.2018
Nach der Rechtsprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er – nach einem objektiven Massstab – den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ausschlag
gebend ist also, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umwelteinwir
kungen auf
den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkungen allein begründen keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 72 E. 4.1 und E. 4.3.1 mit Hinweis).
1.3.2
UV170650
Unfallbegriff, ungewöhnlicher äusserer Faktor, unkoordinierte Bewegung, insb. Sportverletzung
08.2018
Nach Lehre und Rechtsprechung kann das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung bestehen. Bei Körperbewegungen gilt dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam «programmwidrig» beeinflusst hat. Bei einer solchen unkoordinierten Bewegung ist der ungewöhnliche äussere Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor – Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt – ist wegen der erwähnten Programmwidrigkeit zugleich ein unge
wöhnlicher Faktor (BGE 130 V 117 E. 2.1 mit Hinweisen).
1.3.3
Ohne besonderes Vorkommnis ist bei einer Sportverletzung das Merkmal der Ungewöhnlichkeit und damit das Vorliegen eines Unfalles zu verneinen (BGE 130 V 117 E. 2.2 mit Hinweis).
Dies bestätigt ein Blick auf
verschiedene
von der Rechtsprechung beurteilte Sportverletzungen:
Bei einer Lehrerin, die in einer Turnstunde eine Rolle vorwärts ausführte und in der Folge
behandlungs
bedürftige
Beschwerden im Nackenbereich verspürte, wurde das Vorliegen eines Unfalls im Rechtssinne verneint (Urteil des Bundesgerichts U 98/01 vom 2
8.
Juni 2002 E. 1).
Ebenfalls keinen Unfall im Rechtssinne erleidet, wer ohne besondere Vorkommniss
e einen Rückwärtspurzelbaum ausführt
und dabei eine Trauma
tisierung der HWS
erleidet
(Urteil des Bundesgericht
s
U 322/02 vom
7.
Oktober 2003 E. 4.2
,
4.4
und 5.4) o
der wem eine Rückwärtsrolle im Jiu-Jitsu-Training misslingt und
wer
dabei nicht über die Schulter, sondern über das Genick rollt (Urteil des Bundesgerichts 8C_189/2010 vom
9.
Juli 2010 E.
4 und
5).
Da
gegen wurde der Unfallbegriff bejaht bei einem
nicht näher beschriebenen
Sturz beim Kampfsporttraining
mit Verletzung der linken Schulter
(Urteil des Bundesgerichts 8C_
826
/
2008 vom
2.
April 2009
E.
5.1
)
und einem Bandencheck im Eishockey (BGE 130 V 117 E. 3)
.
Im in BGE 130 V 117 beurteilten Fall hatte sich der Versicherte beim Check gegen eine Bande verletzt. Das Bundesgericht gelangte in Erwägung 3 zur Beurteilung, durch diesen Vorgang sei der natürliche Ablauf der Körperbewegung programmwidrig beeinflusst worden, worin die Ungewöhnlich
keit des Geschehens liege. Auch wenn derartige Körperattacken im Eishockey häufig vorkämen, ändere dies nichts daran, dass sie zu einer unvor
hersehbaren Beeinträchtigung des vom Spieler vorgesehenen Bewegungsablaufs führten. Jeder Spieler müsse zwar damit rechnen, dass er gefoult werde, er könne
allerdings nicht voraussehen, wie sich die Körperattacke auf den natürlichen Bewegungs
ablauf auswirken werde.
Generell ergibt sich aus der Rechtsprechung
zu Sportverletzungen
, dass
der äussere Faktor ungewöhnlich ist,
wenn die sportliche Übung anders verläuft als geplant, nicht aber, wenn ein Geschehen in die gewöhnliche Bandbreite der Bewegungsmuster der betreffenden Sportart
fällt und sich das einer sportlichen Übung inhärente Risiko einer Verletzung verwirklicht.
Auch
wenn die Übung zwar nicht ideal verläuft, die Art der
Ausführung sich aber noch in der Spann
weite des Üblichen bewegt, liegt kein Unfallereignis vor (Urteile des Bundesge
richts 8C_835/2013 vom 2
8.
Januar 2014 E. 5.1 sowie U 322/02 vom
7.
Oktober 2003 E. 4.4;
Alexandra
Rumo-Jungo
/André P. Holzer, Bundesgesetz über d
ie Unfallversicherung
[
UVG
]
,
4.
Auflage
, Zürich 2012,
S. 43 mit Hinweisen).
Zu beachten ist auch, dass sich ein Vorfall für gewisse Personen als ungewohnt, für andere aber als durchaus normal erweisen kann, so dass es nicht gerecht wäre, für alle Versicherten die gleichen Kriterien anzuwenden. So handelt es sich beispielsweise bei einem Sturz für einen Spaziergänger um ein aussergewöhn
liches Ereignis, nicht aber für einen Schwinger während des Zweikampfes (RKUV 1992
Nr. U 156 S. 259
).
2.
2.1
Die
Lloyd’s
verneinte im angefochtenen Einspracheentscheid das Vorlie
gen eines Unfalls im Rechtssinn. Dies begründete sie damit
,
der Hergang des Ereignisses vom
2.
Juni 2017 sei anhand der Schadenmeldung zu ermitteln, da diese Darstel
lung als Aussage der ersten Stunde unbefangener und nicht nachträglich durch versicherungsrechtliche Überlegungen geprägt sei und deshalb erhöhte Beweis
kraft habe. Demnach sei
die Beschwerdeführerin
beim Judo-Training im Zweikampf auf den Hinterkopf und Rücken gefallen. Damit werde ein Geschehen beschrieben, das sich noch innerhalb der gewöhnlichen Bandbreite der Bewegungsmuster der ausgeübten Sportart befinde. Mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit habe sich nichts Aussergewöhnliches beziehungsweise
P
rogramm
widriges ereignet.
Im Übrigen habe die Beschwerdeführerin selbst angegeben, dass Würfe für den J
udosport charakteristisch seien und deshalb im Training immer wieder geübt würden, ebenso wie das gezielte Fallen. Selbst wenn
angenommen werde,
ihr Trainingspartner
habe
den Wurf nicht korrekt ausge
führt, könne dies nicht sogle
ich als aussergewöhnlich gelten;
der Sinn einer solchen Übungsanlage
bestehe ja
gerade darin, Fehler zu
machen
und
sich verbessern zu können. Dies gelte umso mehr, als sich die Beschwerdeführerin als ausserordentlich geübte und erfahrene Judoka bezeichne. Zur Annahme einer Aussergewöhnlichkeit
beziehungsweise einer programmwidrigen Beeinflussung des Bewegungsablaufs
müsste nachgewiesen werden, dass der Trainingspartner eine Regelwidrigkeit begangen habe (
Urk.
2 S. 4 f.
; vgl. auch
Urk.
12
/A18 S. 2
).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt, das Ereig
nis vom
2.
Juni 2017 sei als Unfall zu qualifizieren
, was zur Leistungspflicht der
Lloyd’s
führe. Zur Ermittlung des Ereignishergangs dürfe nicht bloss auf die undatierte Schadenmeldung, welche in knapper Form von ihrem Arbeitgeber ausgefüllt worden sei, abgestellt werden. Die
Lloyd’s
habe es unterlassen, sie nach Eingang der Schadenmeldung einen standardisierten, detaillierteren Fragebogen zum Ereignishergang ausfüllen zu lassen. Deshalb habe sie selbst dies nachgeholt und das Vorgefallene aus eigener Sicht in dem am 3
1.
Oktober 2017 ausgefüllten Fragebogen geschildert.
Darin seien erstmalige
Aussagen
zum Sachverhalt
enthalten
, weshalb darauf abzustellen sei.
Demnach habe der Trainingsp
artner beim Übungskampf zu einem Wurf angesetzt
und ihr aus V
ersehen ein Bein gestellt. Da sie darauf weder mit Blockieren noch mit Ausweichen habe reagieren können, sei sie auf den Rücken gefallen und habe sich dabei den Hinterkopf angeschlagen (
Urk.
1 S. 2 f.).
Ihr Fall müsse analog dem in BGE 130 V 117 behandelten Bandencheck beim Eishockeyspiel behandelt werden: Im Judo-Kampfsport müsse zwar mit
Würfen gerechnet werden. Auch werde im Judo das gezielte Fallen geübt.
Solange ein Wurf
richtig
ausgeführt werde, sei es für den
Gegner
absehbar, wie er fallen werde. Da ihr Trainingspartner den Wurf nicht korrekt ausgeführt habe, sei ihr Fall im Ablauf derart gestört worden, dass sie nicht wie geplant auf die Seite gefallen, sondern
mit dem
gestreckten Rücken
und anschliessend mit dem Kopf hart
auf die Matte
aufgeprallt
sei. Obwohl sie eine ausserordentlich geübte und erfahrene Judoka sei, sei der Bewegungsablauf durch den fehlerhaften Wurf auf unvorhersehbare, programmwidrige Art beeinflusst worden. Damit müsse das Vorliegen eines ungewöhnlichen äusseren Faktors bejaht werden; das Ereignis vom
2.
Juni 2017 erfülle den Unfallbegriff (
Urk.
1 S. 3 f.).
2.3
In der Beschwerdeantwort
bringt
die Lloyds
ergänzend vor
, selbst wenn die
Schaden
meldung
vom Arbeitgeber
ausgefüllt worden sein sollte, könne nicht ernsthaft daran gezweifelt werden, dass die dortigen Angaben über den Sachver
halt von der Beschwerdeführerin selbst stammten. Deshalb treffe ihre Behaup
tung, bei der Darstellung auf dem erst am 3
1.
Oktober 2017 ausgefüllten Fragebogen handle es sich
um ihre Aussagen der ersten Stunde, nicht zu.
Der
Angabe im Fragebogen, ihr Trainingspartner habe ihr ein Bein gestellt, sei
en
versicherungsrechtliche
Überlegungen
zugrunde gelegen
. Die Beschwerdeführe
rin habe das
Stellen des Beins
nämlich ausdrücklich als «äusseren Faktor» im Sinne von
Art.
4 ATSG bezeichnet.
Dass der Trainingspart
n
er
den Ereignisher
gang
nicht bezeugen können solle, wie die Beschwerdeführerin auf dem Fragebogen geltend mache, sei nicht glaubhaft. Ihre
Erklärung, er habe nicht bemerkt, wie stark der Aufprall gewesen sei, überzeuge
nicht. Damit sei nicht erstellt, dass ihr während des Trainings versehentlich ein Bein gestellt worden sei.
Im Übrigen finde die Darstellung der Beschwerdeführerin, Rücken und Hinterkopf seien beim Fall «gestreckt» gewesen, in den Akten keine Stütze
(
Urk.
11 S. 8 und 11 f.)
.
Selbst wenn davon ausgegangen werde
, dass ihr durch den Trainings
partner wider Erwarten ein Bein gestellt worden sei, könne das Ereignis nicht als Unfall anerkannt werden. Ein während einer Übung nicht korrekt ausgeführter Wurf des
Gegners
sei für den Judosport kein aussergewöhnlich
es Ereignis und liege zweifellos noch in der gewöhnlichen Bandbreite von Bewegungsmustern (
Urk.
11 S. 8 f.).
Das Ereignis vom
2.
Juni 2017 könne auch nicht mit dem vom Bundesgericht beurteilten Bandencheck
im Eishockey
verglichen werden: Beim Eishockeyspiel gehe es im Wesentlichen um das Erzielen und
V
erhindern von Toren; Bandenchecks dürften als Mittel zur Zielerreichung nur in sehr engen Grenzen eingesetzt werden. Demgegenüber
stelle das
– teilweise auch
nicht korrekt ausgeführte
-
Werfen und Fallen den eigentlichen Kern des Judosports dar
(
Urk.
11 S. 12 f.).
3.
3.1
Laut der (undatierten) Schadenmeldung verletzte sich die Beschwerdeführerin am
2.
Juni 2017 beim abendlichen Judo-Training am Schädel/Hirn, indem sie im Zweikampf auf den Hinterkopf und Rücken fiel (
Urk.
12
/A1).
3.2
Der behandelnde Internist
Dr.
Z._
hielt in seinem Bericht vom 1
7.
Juli 2017 fest, die Beschwerdeführerin habe erneut beim Kampfsport eine HWS-Stauchung mit Peitschentrauma erlitten und sich dabei eine mittelschwere Hirn
erschütterung zugezogen
. Der Heilungsverlauf habe sich verzögert (
Urk.
12
/M3).
3.3
Die Spezialisten der Klinik für Neurologie des
A._
beurteilten die Beschwerdeführerin neuropsychologisch.
Laut i
hrem Unter
suchungsbericht vom 2
5.
August 2017
gab die Beschwerdeführerin an
, dass
sie am
2.
Juni 2017 rücklings «wie ein Brett» auf den Hinterkopf gefallen sei und seither unter einer starken
Ermüdbarkeit, Konzentrationsstörungen, Kopfschmer
zen, Schlafstörungen und einer erhöhten Licht- und Lärmempfindlichkeit leide
(
Urk.
12
/M4 S. 1). Die Untersuchung ergab eine leichte kognitive Verlangsamung und eine reduzierte beziehungsweise instabile Konzentrationsfähigkeit
, welche von den Spezialisten im Rahmen eines
postkommotionellen
Syndroms nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma interpretiert wurde (
Urk.
12
/M4 S.
2 f.
). Zusätzlich ist dem Bericht die Diagnose einer Migräne ohne Aura zu entnehmen (
Urk.
12
/M4 S. 1; vgl. auch
Urk.
12
/M5).
3.4
Nachdem die
Lloyd’s
der
Beschwerdeführerin
am 1
2.
Oktober 2017 mitgeteilt hatte, dass sie für das Ereignis vom
2.
Juni 2017 keine Versicherungsleistungen ausrichten werde (
Urk.
12
/A13), reichte die mittlerweile durch die
Protekta
Rechtsschutz-Versicherung AG
vertretene Beschwerdeführerin (
Urk.
12
/A13-A14) einen am 3
1.
Oktober 201
7
von ihr ausgefüllten Fragebogen ein. Gemäss der dortigen Darstellung setzte ihr Partner am
2.
Juni 2017 beim Judo-Übungs
kampf
im Übungsraum des lokalen Judo Teams
zu einem Wurf an und stellte ihr dadurch aus Versehen ein Bein
. Da beim Judo ein respektvoller Umgang mit dem Partner vorausgesetzt werde, sei das Kriterium einer unbeabsichtigten Schädi
gung gemäss
Art.
4 ATSG erfüllt. Den äusseren Faktor bilde das versehentliche Beinstellen durch ihren Übungspartner. Es gebe keine Zeugen; ihr Übungspartner habe nicht bemerkt, wie stark der Aufprall gewesen sei (
Urk.
12
/A17 S. 1). Sofort nach dem Aufprall habe sie sich komisch gefühlt. In der Nacht beziehungsweise am Morgen danach hätten die Kopfschmerzen b
egonnen (
Urk.
12
/A17 S. 2).
3.5
Wegen anhaltender Kopfschmerzen
, Nackenver
s
pannungen, Schwindel sowie kognitiver Beeinträchtigungen
wurde die Beschwerdeführerin durch ihren Haus
arzt
Dr.
Z._
den Neurologen des
B._
vorgestellt.
Diese
führten
in ihrem Bericht vom
6.
Februar 2018
als Hauptdiagnose
eine im Rahmen eines Judo-Trainings am
2.
Juni 2017 erlittene
Concussion
und
HWS
-Distorsion
und als Nebendiagnose eine Migräne ohne Aura auf (
Urk.
12
/M6 S. 1). In anamnestischer Hinsicht erwähnten die Ärzte, die Beschwerdeführerin sei am
2.
Juni 2017 beim Judo-Training während eines Übungskampfes aus dem Stehen auf den Hinterkopf gefallen. Der Schlag sei unerwartet gewesen. Sie sei schnell wieder aufgestanden und habe erst am nächsten Tag erste Symptome entwickelt (
Urk.
12
/M6 S. 3).
4.
4.1
Judo ist eine japanische Kampfsportart. Ziel des Zweikampfes ist es, den Gegner durch Anwenden einer Technik mit Kraft und Schnelligkeit kontrolliert auf den Rücken zu werfen. Die Judo-Techniken lassen sich grob in Stand-/Wurftechniken, Bodentechniken und die Fallschule einteilen. Wurftechniken werden angewendet, um den Gegner vom Stand in die Bodenlage zu bringen. Dabei reicht die Auswahl vom einfachen Beinstellen
bis hin zum Überkopfwurf. Um sich bei den Würfen nicht zu verletzen, müssen alle Judoka Falltechniken erlernen. Dabei werden Techniken geübt, so zu
f
allen, dass man sich dabei nicht verletzt. Das Fallen wird nach allen Seiten trainiert: Seitwärts,
r
ückwärts und nach vorn. Träger höherer Gürtelgrade trainieren
die Techniken
auch als Fall über ein Hindernis und dann als «freien Fall» in der Luft.
Die eingeübte Falltechnik soll im Fall der Fälle (etwa beim Stolpern oder einem Schubs-Angriff) reflexartig ausgeführt werden, um eine zeitliche Verzögerung durch aktives Nachdenken zu minimieren und dadurch unverletzt zu bleiben. Für alle Fallarten gilt prinzipiell, dass der Kopf immer mit dem Kinn auf die Brust gedrückt werden sollte, um die Belastung von der Hals
wirbelsäule zu nehmen und den Kopf vor dem Aufschlag zu schützen; zudem sollte niemals vollkommen senkrecht zur Längsachse des Körpers auf dem Rücken abgerollt werden, sondern immer schräg dazu, um die Wirbelsäule zu entlasten (
vgl. dazu
Wikipedia
, Die freie Enzyklop
ä
die
,
https://de.wikipedia.org/wiki/
Judo)
.
4.2
Die strittige Frage, ob der Hergang des Ereignisses vom
2.
Juni 2017 lediglich anhand der Angaben auf der Schadenmeldung oder gestützt auf die detaillierte Darstellung in dem am 3
1.
Oktober 201
7
ausgefüllten Fragebogen zu ermitteln sei, kann aufgrund der nachfolgenden Ausführungen
offen
bleiben
.
4.3
Laut der Darstellung der Beschwerdeführerin vom 3
1.
Oktober 201
7
setzte ihr Trainingspartner am
2.
Juni 2017 beim Judo-Übungskampf zu einem Wurf an und stellte ihr
dabei
aus Versehen ein Bein
. S
ie habe
weder
blockieren noch
ausweichen können, sei auf den Rücken gefallen
und habe sich dabei den Hinterkopf angeschlagen
(
Urk.
12
/A17 S. 1).
Zur Beurteilung der Frage, ob das Ereignis vom
2.
Juni 2017 einen Unfall im Rechtssinne
darstellt
, hilft die diagnostische Einordnung des Ereignisses und der Folgen durch die Ärzte nicht weiter, da der juristische Unfallbegriff massgeblich ist.
Der vorliegende Fall kann mit den vorerwähnten Sportverletzungen
nach
einer Rolle vorwärts in der Turnstunde
, einem Rückwärtspurzelbaum und einer miss
lungenen Rückwärtsrolle im Jiu-Jitsu-Training mit Abrollen über das Genick (
vgl.
vorstehend
E. 1.3
.
3) nicht verglichen werden.
Der hier zu beurteilende Bewegungsablauf
wurde durch eine Drittperson mitbeeinflusst, nämlich den
Trai
ningspartner
, der
nach der Beschreibung der Beschwerdeführerin
ein
en
Wurf
nicht korrekt
ausgeführt hat
.
Auch mit dem vom Bundesgericht beurteilten Bandencheck beim Eishockey
(vgl. vorstehend E. 1.3.3)
kann die vorliegende Konstellation nicht gleichgesetzt werden
. Wie die
Lloyd’s
zu Recht geltend macht, gehört ein Bandencheck nicht
zu den primären Zielen
des Hockey
wettkampfs
und
er
ist unter Umständen
regel
widrig. Im Gegensatz dazu ist es das Ziel des Zweikampfes im Judo, den Gegner mit einem Wurf zu Fall zu bringen, wobei das Beinstellen zu den erlaubten Kampftechniken zählt.
Die Abweichung vom Idealverlauf der sportlichen Tätig
keit ist
im hier zu beurteil
enden Fall somit vergleichsweise geringer.
Entscheidend ist, dass im Judotraining – zumal bei fortgeschrittenen Judoka wie der Beschwerdeführerin – Würfe trainiert werden, denen ein Verletzungsrisiko inhärent ist, wenn der Wurfgegner den anschliessenden Fall nicht korrekt ausführt.
Aus diesem Grund werden die Falltechniken so eingeübt, dass sie re
f
lexartig ausgeführt werden
können
.
Es
kann ohne Weiteres davon ausgegan
gen werden, dass die trainierten Würfe
häufig
nicht lehrbuchmässig gelingen
; die
Lloyd’s
weist diesbezüglich zu Recht darauf hin, dass das Training nicht zuletzt
über das Lernen
aus Fehlern
W
irksam
keit
erlange
(
Urk.
11 S. 8
Rz
38 f.)
.
Dies bedeutet, dass die Trainingspartner bereits vor der Übung mit einer gewissen Abweichung vom gep
lanten
Sollverlauf
zu rechnen haben; dies gilt
insbesondere
für fortgeschrittene Judoka, die schwierigere
Übung
en
in ihre Trainings
einbauen
und über eine
bessere
Falltechnik verfügen
.
Das von der Beschwerdeführerin beschriebene Stellen eines Beins durch den
Übungs
partner
bewegt sich
im Rahmen
der gewöhnlichen Bandbreite der sport
artspezifischen Bewegungsmuster
.
Es stellt
im Judo eine
erlaubte
Technik dar.
Daran ändert nichts, dass der Trainingspartner nach der Darstellung der Beschwerdeführerin im Trainingsverlauf das Bein versehentlich und demnach unbeabsichtigt gestellt hat. Die Beschwerdeführerin als erfahrene Judoka musste bei objektiver Betrachtung mit einem solchen Verlauf rechnen. Die Beschwerde
führerin macht denn auch nicht geltend, es sei zuvor etwas Abweichendes vereinbart worden oder es sei
sonstwie
zu einer Regelwidrigkeit gekommen.
Es gelang der Beschwerdeführerin in der Folge nicht, dem Angriff durch Blockieren oder Ausweichen zu begegnen.
D
ies
er nicht ideale Verlauf der Übung ändert nichts daran, dass das Training in der Spannweite des für die Spo
r
tart Üblichen verlief.
Der Ablauf des Wurfs und die dadu
r
ch bedingte
äussere
Einwirkung
auf
den
Körper
der Beschwerdeführerin
war aufgrund der
konkreten Verhältnisse für sich allein noch nicht geeignet,
ihren
Fall
programmwidrig zu
beeinflussen;
sie
zeitigte bloss
deshalb
ungewöhnliche Auswirkungen, weil die
Beschwerdeführe
rin die Falltechniken
, die eine Verletzung verhindern sollen,
nicht
erfolgreich umzusetzen vermochte
.
D
arauf, dass
sich
anlässlich des beschriebenen Falls auf den Rücken nichts
Ungewöhnliches
ereignete, deutet auch der Umstand hin, dass der Trainingspartner laut Angaben der Beschwerdeführerin nichts Besonderes bemerkte (
Urk.
12
/
A17).
Da nach Lage der Akten während des Trainings vom
2.
Juni 2017 auch sonst kein ungewöhnlicher äusserer Faktor – etwa
eine wegrutschende
Kampfmatte (
vgl.
Urk.
12
/A18 S. 2
sowie das Urteil des Bundesgerichts U 322/02 vom
7.
Oktober 2003 E. 4.4
) - auf die Beschwerdeführerin einwirkte, ist das Ereignis vom
2.
Juni 2017 nicht als Unfall i
m Rechtssinne zu qualifizieren.
5.
Da
es sich bei der erlittenen
HWS-Distorsion beziehungsweise dem leichten Schädel-Hirn-Trauma
nicht um
unfallähnliche
Körperschädigungen im Sinne der
abschliessenden Aufzählung in Art. 6 Abs. 2 lit. a-h UVG (vorstehend E. 1.
1
) handelt, entfällt
unbestrittenermassen
auch eine Leistungspflicht der
Lloyd’s
unter diesem Titel.
6.
Aus dem G
esagten folgt, dass
d
ie Lloyds ihre Leistungspflicht zu Rech
t verneint
hat
.
Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.