Decision ID: 74f71b67-5cd8-5823-9226-b1f0d1e5b675
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Ehemann der Beschwerdeführerin suchte am 15. Januar 2015 in
der Schweiz um Asyl nach. Mit Entscheid vom (...) Januar 2016 wurde sein
Asylgesuch abgelehnt und er aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs vorläufig aufgenommen. Er stellte am (...) Mai 2017 beim
SEM ein Gesuch um Familiennachzug respektive um humanitäre Einreise-
bewilligung zugunsten der Beschwerdeführerin.
Die religiöse Heirat sei gemäss Angaben des Ehemannes am (...) 2015
vollzogen worden. Er sei bei der Hochzeit nicht persönlich anwesend ge-
wesen in Syrien, sondern habe sich dabei von seinen Eltern vertreten las-
sen. Den Akten lässt sich zudem entnehmen, dass die Beschwerdeführerin
am (...) 2017 bei einem Gericht in C._ eine Klage auf Bestätigung
der Eheschliessung eingereicht hat. Mit Beschluss vom (...) 2017 bestä-
tigte das Gericht den Eheschluss und liess die Eheschliessung im Zivilre-
gister eintragen (vgl. zum Ganzen vorinstanzliche Akten, Familiennach-
zugsgesuch resp. humanitäres Einreisegesuch vom [...] Mai 2017 sowie
Schreiben vom 31. Juli 2017 mit Beweismitteln [ohne Aktorennummern];
sowie B2, Beweismittel 4; B25, F20 ff. und B9, Ziff. 2.02).
A.b Die Beschwerdeführerin reiste mit einem humanitären Visum am
(...) März 2018 in die Schweiz ein und stellte in der Folge am 15. Mai 2018
ein Asylgesuch. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 29. Mai
2018 und der beiden Anhörungen vom 19. November 2018 und vom
27. Mai 2019 machte sie im Wesentlichen Folgendes geltend:
Sie sei kurdischer Ethnie und stamme aus C._, Provinz D._.
Sie habe die Maturitätsprüfung bestanden, von der Regierung aufgrund ih-
rer Ethnie jedoch kein Zeugnis erhalten. Ihr Vater, welcher eine hohe Stel-
lung bei der PYD (Partiya Yekîtiya Demokrat, Partei der Demokratischen
Union) innegehabt habe, sei im Jahr (...) verhaftet worden und seither ver-
schollen. Sie selbst sei Mitglied der PYD. Bereits während der Schulzeit
habe sie für die kurdische Zeitung E._ gearbeitet und an einem
Institut der PYD die kurdische Sprache unterrichtet. Seit Beginn ihrer Tä-
tigkeiten ab 2012 hätten immer wieder Behördenvertreter zuhause nach ihr
gesucht, sie sei dann jedoch nie zuhause gewesen. 2013 habe sie einen
sechsmonatigen (...)-Kurs an der Universität absolviert und im Anschluss
als (...) für die Zeitung E._ unter dem Decknamen «F._» ge-
arbeitet. Als 2013 oder 2014 zwei ihrer Arbeitskollegen festgenommen wor-
E-4212/2019
Seite 3
den seien, sei sie gemeinsam mit Genossen der Asayish (kurdische Si-
cherheitskräfte) zum Gefängnis gegangen, um deren Freilassung zu erwir-
ken. In der Folge sei es zu einer kämpferischen Auseinandersetzung ge-
kommen, bei welcher Menschen getötet worden seien. Seitdem sei sie ver-
stärkt im Fokus der Behörden gestanden und von syrischen Behördenver-
tretern immer wieder zuhause gesucht worden. 2016 oder 2017 sei ein Ar-
beitskollege an der Front in Kobane durch eine Rakete getötet und sie
selbst durch Splitter verletzt worden. Daraufhin habe sie ihre (...) Tätigkeit
aufgegeben. Im Jahr 2017 oder 2018 sei sie nach Damaskus gegangen
und habe dort ihre Heirat im Hinblick auf einen allfälligen Familiennachzug
bei den Behörden registrieren, sich einen Reisepass ausstellen sowie Do-
kumente beglaubigen lassen. Nachdem sie im (...) oder (...) 2017 von ei-
nem Gesprächstermin in der Schweizer Botschaft in Beirut nach Damas-
kus zurückgekehrt sei, sei sie noch am Flughafen festgenommen und für
etwa (...) inhaftiert worden. Man habe sie anhand von Fotos von Demonst-
rationen, an denen sie teilgenommen habe, als «F._» identifizieren
können. An ihrem letzten Tag in Haft sei sie vergewaltigt worden. Zufälli-
gerweise habe ein Brigadiergeneral namens G._ jedoch eingegrif-
fen, sie ins Spital gebracht und ihr schliesslich gegen Bezahlung zur Flucht
aus dem Spital verholfen. Er habe sie zu sich nach Hause gebracht und
dann mit einem militärischen Krankentransport per Flugzeug nach
C._ geschickt, wo ihr ein Brigadier namens H._ ebenfalls
geholfen und ihr ein Taxi organisiert habe, mit welchem sie nach Hause
gebracht worden sei. Bis zu ihrer Ausreise – rund drei Monate später –
habe sie sich bei ihren Schwiegereltern, bei einem Onkel in I._ und
im Dorf aufgehalten. Am (...) 2018 habe sie mit Hilfe von H._ Syrien
über den Flughafen in C._ legal verlassen und sei tags darauf mit
einem humanitären Visum in die Schweiz gelangt. Nach ihrer Ausreise sei
sie weiterhin von den Behörden gesucht worden. Am (...) 2018 habe man
bei ihrer Familie nach ihr gefragt und ein Urteil über eine lebenslängliche
Haftstrafe überbringen wollen. Grundlage der Verurteilung sei ein im Jahr
2013 von ihr unter ihrem Decknamen veröffentlichter Artikel über die Situ-
ation der Kurden. Ihr Bruder J._ sowie sämtliche (...) ihres Instituts
seien verhaftet worden.
A.c Am (...) wurde das Kind der Beschwerdeführerin geboren, welches in
das Verfahren eingeschlossen wurde.
A.d Die Beschwerdeführerin reichte folgende Dokumente und Beweismit-
tel ein:
E-4212/2019
Seite 4
– einen syrischen Reisepass,
– ein Familienbüchlein,
– eine Kopie des Familienbüchleins ihrer Schwiegereltern,
– ihren Eheschein (resp. die gerichtliche Bestätigung ihrer Eheschlies-
sung),
– einen Auszug aus dem Personenstandsregister,
– einen Auszug aus dem Familienregister,
– acht Fotos aus Syrien.
B.
Mit Verfügung vom 19. Juli 2019 – eröffnet am 22. Juli 2019 – verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden (Disposi-
tivziffer 1) und lehnte ihre Asylgesuche ab (Dispositivziffer 2). Gleichzeitig
verfügte sie ihre Wegweisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3), deren
Vollzug es aufgrund dessen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen
Aufnahme jedoch aufschob (Dispositivziffern 4-6).
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 20. August 2019
(Datum Poststempel) beantragten die Beschwerdeführenden die Aufhe-
bung der Dispositivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung, die Fest-
stellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventua-
liter sei die angefochtene Verfügung im Asylpunkt aufzuheben und zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen sowie von Amtes wegen
ein medizinischer Bericht oder ein ärztliches Gutachten zu erstellen. In pro-
zessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amt-
liche Rechtsbeiständin.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 3. September 2019 hiess der Instruktionsrich-
ter die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
amtlicher Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und setzte die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtli-
che Rechtsbeiständin der Beschwerdeführenden ein.
E.
Mit Schreiben vom 25. Juni 2020 erkundigten sich die Beschwerdeführen-
den nach dem Stand des Verfahrens. Diese Anfrage wurde vom Instrukti-
onsrichter mit Schreiben vom 29. Juni 2020 beantwortet.
E-4212/2019
Seite 5
F.
Eine weitere Verfahrensstandanfrage vom 2. März 2021 beantwortete der
Instruktionsrichter mit Schreiben vom 8. März 2021.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.5 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
E-4212/2019
Seite 6
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerdeführenden rügen in ihrer Beschwerde in formeller Hin-
sicht (sinngemäss), dass das SEM den Sachverhalt nicht hinreichend er-
stellt hat, indem es entgegen dem Vorliegen entsprechender Hinweise
(frauenspezifische Verfolgung bzw. Erleben eines sexuellen Übergriffs, Be-
merkungen betreffend ihre Befindlichkeit sowie Beobachtungen der anwe-
senden Hilfswerksvertretung) keine Abklärungen im Hinblick auf eine allfäl-
lige Traumatisierung getätigt hat. Diesbezüglich weisen sie auf die psychi-
sche und physische Belastung der Beschwerdeführerin hin; sie habe kurz
nach der Geburt ihres Sohnes und kurz vor der vertieften Anhörung vom
27. Mai 2019 einen Zusammenbruch erlitten und sei vom (...) Februar
2019 bis (...) März 2019 hospitalisiert gewesen.
Diese formelle Rüge ist vorgängig zu behandeln, da sie allenfalls zur Kas-
sation der vorinstanzlichen Verfügung führen könnte.
3.2 Vorliegend ist keine unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfest-
stellung des SEM (vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3) zu erkennen. Zunächst ist auf
die Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin gemäss Art. 8 AsylG hinzu-
weisen. Es wäre ihr zuzumuten gewesen, sich selber um eine ärztliche Un-
tersuchung zu bemühen, zumal hierzu genügend Zeit bestanden hätte. So-
dann ergibt sich aus dem Protokoll der Anhörung, dass sie – vermutungs-
weise im Rahmen ihres Spitalaufenthalts – bereits bei einem Psychiater
gewesen ist (vgl. vorinstanzliche Akten B25, F14). Aus dem mit der Be-
schwerde eingereichten Arztbericht der Spitäler K._ vom (...) April
2019 geht hervor, dass im Rahmen der Hospitalisation am (...) März 2019
ein «nochmaliges» psychiatrisches Konsilium durchgeführt wurde (vgl. Be-
schwerdebeilage 3). Es wäre der Beschwerdeführerin daher ohne Weite-
res möglich gewesen, beim SEM einen entsprechenden Arztbericht einzu-
reichen. Sodann ergeben sich keine Hinweise darauf, dass sie an der Fort-
setzung der Anhörung vom 27. Mai 2019 psychisch derart beeinträchtigt
gewesen wäre, dass sie nicht imstande gewesen wäre, bei der Befragung
beziehungsweise der Rückübersetzung mitzuwirken und ihre Asylgründe
in adäquater Weise darzutun. Die erste Anhörung wurde damals aufgrund
des körperlichen Unwohlseins der Beschwerdeführerin infolge ihrer
Schwangerschaft abgebrochen (vgl. B19, F44 ff.). Vor diesem Hintergrund
musste sich die Vorinstanz nicht veranlasst sehen, weitere Abklärungen
zum (psychischen) Gesundheitszustand vorzunehmen. Dem steht auch
E-4212/2019
Seite 7
die allgemeine Anregung der Hilfswerksvertretung zur Einholung eines me-
dizinischen Gutachtens nicht entgegen, zumal sie die Vorinstanz nicht
rechtlich bindet. Ohnehin ergibt sich aus dem genannten Arztbericht nicht,
dass die Beschwerdeführerin traumatisiert wäre. In psychischer Hinsicht
wurden die Diagnosen «Unklare Bewusstseinsstörung mit Panikattacke»,
postpartale Depression, Schlafmangel, eine anamnestisch schwere psy-
chosoziale Situation respektive Wohnungssituation sowie eine Panikstö-
rung vom April 2018 gestellt. Schliesslich ist festzustellen, dass die Anhö-
rung vom 27. Mai 2019 fast drei Monate nach Beendigung des Spitalau-
fenthalts am (...) März 2019 stattfand, womit zwischen der Hospitalisierung
und der Anhörung ein genügend langer Zeitraum liegt und nicht davon aus-
zugehen war, dass die Ursachen, welche zur Hospitalisierung geführt ha-
ben, im Zeitpunkt der Anhörung noch Auswirkungen gehabt hätten.
Nach dem Ausgeführten besteht kein Anlass, die angefochtene Verfügung
aus formellen Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zur Vornahme
weiterer Abklärungen zurückzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin hielten weder den Anforderungen von
E-4212/2019
Seite 8
Art. 7 AsylG an die Glaubhaftigkeit noch denjenigen von Art. 3 AsylG an die
flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit stand.
Ihre Aussagen enthielten zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten,
weshalb von einem konstruierten Sachverhalt auszugehen sei. Bezüglich
ihrer Haft habe sie an der BzP angegeben, ihr Anwalt sei gekommen und
habe mit den Beamten gesprochen, woraufhin man sie gegen Geldzahlung
freigelassen habe. An der Anhörung vom 27. Mai 2019 habe sie jedoch in
offenem Widerspruch hierzu geschildert, ein Brigadiergeneral namens
G._ habe ihr gegen Geldzahlung zur Flucht aus dem Spital verhol-
fen. Ihr Anwalt habe dagegen nichts von ihrem Aufenthaltsort gewusst. Sie
hätte ihn nicht benachrichtigen können und erst nach ihrer Freilassung in
C._ wieder Kontakt mit ihm gehabt. Diesen Widerspruch habe sie
auf Nachfrage nicht auflösen können. Angesichts ihrer detaillierten Anga-
ben zum Besuch des Anwalts in der BzP könne ein Verständigungsproblem
ausgeschlossen werden. Zudem habe sie an der BzP angegeben, nach
ihrer Verhaftung zweieinhalb Stunden befragt worden zu sein, wohingegen
sie an der Anhörung nur von einer halbstündigen Befragung gesprochen
habe. Weiter habe sie an der BzP angegeben, nicht zu wissen, ob ein Ver-
fahren gegen sie hängig sei. Dies erstaune, da sie an der Anhörung aus-
geführt habe, man habe ihr während der Haft gesagt, dass sie vor Gericht
gestellt würde. Sodann habe sie an der BzP angegeben, dass ihr Schwa-
ger ihr das Flugticket von C._ nach Beirut besorgt habe. Demge-
genüber habe sie an der Anhörung in klarem Widerspruch hierzu gesagt,
sie habe dem für den Flughafen zuständigen Brigadier H._ Geld
gegeben, woraufhin dieser für sie ein Ticket von C._ nach Beirut
gelöst habe. Im Weiteren habe sie an der Anhörung im Gegensatz zur BzP
die Anhaltung aufgrund ihrer (...)tätigkeit auf dem Weg nach Beirut am
Flughafen von Damaskus nicht erwähnt. Dies, obwohl sie an der Anhörung
sogar ausdrücklich gefragt worden sei, ob sie bereits vor ihrer Verhaftung
Probleme gehabt habe. Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie etwaige
Probleme zu Beginn des Tages erwähnt hätte. Überdies habe sie an der
ersten Anhörung erzählt, ihr Bruder J._ sei seit (...) Monaten ver-
schollen, nachdem die Regierung in ihrem Quartier gewesen sei. An der
zweiten Anhörung habe sie in Widerspruch dazu angegeben, dass etwa
(...) vor ihrer ersten Anhörung die syrischen Behördenvertreter das letzte
Mal zu ihnen nach Hause gekommen seien, wobei ihr Bruder J._
anwesend gewesen sei. Die Behörden hätten nach ihr gesucht und ihrem
Bruder J._ das Urteil gegen sie überreichen wollen. Anschliessend
sei er ihretwegen verhaftet, jedoch nach etwa (...) Tagen durch einen Ge-
fangenenaustausch freigekommen. Diese beiden Versionen liessen sich
E-4212/2019
Seite 9
nicht miteinander vereinbaren, zumal sie zugleich angegeben habe, ihr
Bruder sei zuvor noch nie in Haft gewesen. Hinzu komme, dass sie weder
den gravierenden Vorfall der angeblichen Schiesserei noch die angeblich
ständige Suche nach ihr an der BzP erwähnt habe. Dies sei schwer nach-
vollziehbar, zumal sie an der BzP sogar explizit gefragt worden sei, ob sie
sonst je Konflikte mit Behörden oder Organisationen gehabt habe. Im Wei-
teren sei nicht plausibel, dass sie trotz angeblich intensiver Suche – insbe-
sondere nach der Schiesserei – nie festgenommen worden sei, zumal sie
nach dem Tod ihres Arbeitskollegen stets zuhause gewesen sei und sich
auch in den Monaten bis zur Ausreise bei ihrer Familie sowie ihren Schwie-
gereltern aufgehalten habe. Auch erstaune, dass sie nach ihrer angebli-
chen Verhaftung und Flucht aus der Haft nicht untergetaucht, sondern statt-
dessen nach C._ und sogar in das Haus ihrer Familie zurückge-
kehrt sei. Dies, obwohl die Behörden ständig vorbeigekommen seien und
sie so leicht hätte aufgespürt werden können. Schliesslich seien die einge-
reichten Beweismittel nicht tauglich, den geltend gemachten Sachverhalt
glaubhaft zu machen. Zudem fehlten Beweismittel zur behaupteten regie-
rungskritischen (...) Arbeit oder ihrer angeblichen Verurteilung. Dies, ob-
wohl sie eigenen Angaben zufolge seit ihrer Ankunft in der Schweiz Kontakt
zu ihrer Familie, ihren ehemaligen Genossen und Arbeitskollegen und so-
gar zum Brigadiergeneral G._ gehabt habe. Diese zahlreichen Wi-
dersprüche und Unstimmigkeiten liessen sich auch nicht mit ihren gesund-
heitlichen Beschwerden erklären.
Ihre weiteren Vorbringen (Tod des Arbeitskollegen sowie eigene Verletzun-
gen durch Rakete in Kobane, allfällige Demonstrationsteilnahmen ohne
glaubhafte Identifizierung durch die Behörden, Verhaftung des Vaters im
Jahr (...), Nichterhalt des Maturitätszeugnisses aufgrund ihrer kurdischen
Ethnie) entfalteten sodann keine asyl- beziehungsweise flüchtlingsrechtli-
che Relevanz.
5.2
5.2.1 Zur materiellen Begründung ihrer Beschwerde brachte die Beschwer-
deführerin erstmals vor, in Folge der Vergewaltigung in Haft sogar schwan-
ger geworden zu sein. Dies habe sie vor ihren Verwandten verbergen kön-
nen, habe jedoch kurz nach ihrer Einreise in die Schweiz starke Blutungen
erlitten und das Ungeborene verloren. Dies sei mitunter der Grund gewe-
sen, weshalb sie ihr Asylgesuch nicht unmittelbar nach der Einreise in die
Schweiz gestellt habe. Dies als Novum auf Beschwerdeebene zu bezeich-
nen sei jedoch falsch, zumal es bereits an der BzP zumindest gewisse An-
zeichen hierfür gegeben habe. Sie habe damals angegeben, Probleme mit
E-4212/2019
Seite 10
dem Magen zu haben und möglicherweise schwanger zu sein. An der ers-
ten Anhörung habe sie davon gesprochen, bereits zuvor ein Kind verloren
zu haben, ohne dass das SEM diesbezüglich weiter nachgefragt habe. Sie
habe zudem anlässlich der BzP das Gefühl gehabt, der Dolmetscher kenne
ihre Familie. Deshalb sei sie in ihren Aussagen sehr zurückhaltend gewe-
sen und habe dort noch nichts von den während der Haft erlittenen sexu-
ellen Übergriffen erwähnt. Im Rahmen des rechtlichen Gehörs habe sie
sich auch dahingehend geäussert. An der ersten Anhörung sei es zwischen
ihr und der Dolmetscherin zu Verständigungsschwierigkeiten gekommen.
Dies habe sie auch mitgeteilt und für die nächste Anhörung um eine andere
Dolmetscherin gebeten. Die Dolmetscherin habe dies aber der Befra-
gungsleitung offenbar nicht zugetragen, zumal dieselbe Person für die
zweite Anhörung erneut eingesetzt worden sei. Es gelte auch zu berück-
sichtigen, dass sie psychisch und physisch belastet sei. Vor der zweiten
Anhörung sei sie vom (...) Februar 2019 bis (...) März 2019 hospitalisiert
gewesen.
5.2.2 Zu den Argumenten der Vorinstanz äusserte sich die Beschwerde-
führerin wie folgt:
Zutreffend sei, dass sie ihren Anwalt während der Haft weder habe sehen
noch sprechen können; er habe auch ihren Aufenthaltsort nicht gekannt.
Anlässlich der BzP habe sie den Namen des Brigadiergenerals einfach aus
Misstrauensgründen nicht genannt. Bezüglich der Verhördauer glaube sie,
zweimal davon gesprochen zu haben, dass dieses circa zweieinhalb Stun-
den gedauert habe und nicht lediglich eine halbe Stunde. Sie habe diesen
Fehler anlässlich der Rückübersetzung offenbar nicht bemerkt. Weiter be-
stehe auch kein Widerspruch hinsichtlich der Frage, ob ein Verfahren ge-
gen sie hängig sei. Vom Urteil gegen sie habe sie erst später – nach der
BzP – erfahren, dementsprechend habe sie auch die Frage beantwortet
und gesagt, dass sie dies nicht wisse. Sie habe indessen nicht gesagt,
dass es gar kein Verfahren gegen sie gebe. Dass ihr während der Haft mit
einem Gerichtsverfahren gedroht worden sei bedeute zudem nicht zwin-
gend, dass tatsächlich ein Verfahren eröffnet werde. Betreffend die Be-
schaffung des Flugtickets sei zutreffend, dass ihr Schwager ihr das Flugti-
cket von C._ nach Beirut und ihr Ehemann dasjenige von Beirut in
die Schweiz besorgt hätten. Der für den Flughafen zuständige General
H._ habe ihr bloss noch gegen Geld eine Ausreiseerlaubnis ausge-
stellt. Womöglich sei dies in der Anhörung sinngemäss als «Flugticket» in-
terpretiert und übersetzt worden. Zur Nichterwähnung ihrer Anhaltung auf
dem Weg zum Botschaftsgespräch in Beirut führte sie aus, dass sie sich
E-4212/2019
Seite 11
mangels Nachteilen nicht veranlasst gesehen habe, darüber konkret zu
sprechen. Hinsichtlich der Verhaftung ihres Bruders sei sie sich sicher,
dass sie an der ersten Anhörung gesagt habe, dass ihr Bruder nicht (...)
Monate, sondern circa (...) Tage zuvor verhaftet worden sei. Zum Zeitpunkt
der ersten Anhörung sei er unbekannten Aufenthalts gewesen. Im (...)
2019 hingegen sei er wieder auf freiem Fuss gewesen, zumal er zuvor etwa
(...) Tage nach seiner Festnahme im Rahmen eines Gefangenenaustau-
sches freigelassen worden sei. Demzufolge sei ihre Antwort, wonach ihr
Bruder vor diesem Ereignis noch nie in Haft gewesen sei, korrekt. Die
Schiesserei habe sie an der BzP nicht erwähnt, weil sie dazu angehalten
worden sei, sich kurz zu fassen. Sie habe damals auch bereits erwähnt,
wegen ihrer (...) Tätigkeit in den Fokus der Behörden geraten zu sein – die
Verhaftung der beiden Arbeitskollegen sei ja auch aufgrund derer (...) Tä-
tigkeit erfolgt. Des Weiteren sei sie nach C._ zurückgekehrt und
dort nie festgenommen worden, weil die Stadt – respektive der Stadtteil, in
welchem sich ihr Elternhaus befinde – nur teilweise unter Kontrolle der Re-
gierung stehe. Sie habe sich nie über längere Zeit am selben Ort aufgehal-
ten und ihren Aufenthaltsort innerhalb von C._ den momentanen
Machtverhältnissen angepasst. Ihre Bemühungen, Beweismittel zu ihrer
(...) Tätigkeit zu beschaffen, seien bisher erfolglos geblieben. Die Ge-
schehnisse habe sie jedoch überwiegend detailliert und in nachvollziehba-
rer Weise schildern können. Ihr schulischer und beruflicher Werdegang sei
genau dargelegt worden. Auch ihre übrigen Schilderungen, wie etwa zum
Vorfall in Kobane, vermittelten den Eindruck von persönlich Erlebtem. Dies
gelte auch betreffend die Verhaftung am Flughafen in Damaskus sowie die
erlittene Vergewaltigung. Schliesslich seien auch ihre Ausführungen, wie
sie mit Hilfe der beiden Offiziere G._ und H._ in Sicherheit
gebracht worden und ausgereist sei, glaubhaft ausgefallen.
Dem sexuellen Übergriff sei ein Verfolgungsmotiv im Sinne von Art. 3 AsylG
zugrunde gelegen: Man habe anlässlich ihres Verhörs ein Geständnis von
ihr erzwingen und sie wohl für ihre vermutete politische Anschauung be-
strafen wollen. Der frauenspezifische Verfolgungscharakter ergebe sich
zudem daraus, dass sie die fehlbaren Beamten nicht habe anzeigen kön-
nen und die Offenlegung dieser Tat für sie in gesellschaftlicher Hinsicht mit
Risiken verbunden gewesen sei. Sodann sei sie nach ihrer Ausreise aus
Syrien aufgrund ihrer (...) Tätigkeit offenbar verurteilt worden. Hinzu
komme, dass sie aus einer politisch überzeugten und aktiven Familie
stamme. Damit erfülle sie die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG.
E-4212/2019
Seite 12
6.
6.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein, nicht der inneren Logik entbehren oder den Tatsa-
chen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind sub-
stanziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderun-
gen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer An-
hörung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2, BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; Entscheidungen und Mitteilungen
der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005
Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaf-
tigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5).
6.2 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Verfügung des SEM zu stützen ist. Das SEM hat die
Vorbringen der Beschwerdeführerin mit überzeugender Begründung für
unglaubhaft beziehungsweise asylirrelevant befunden. Die Beschwerde-
führerin vermag mit ihrer Beschwerdeeingabe nichts vorzubringen, was im
Resultat zu einer anderen Einschätzung führen könnte. Mit den nachfol-
genden Erwägungen kann daher zur Vermeidung von Wiederholungen auf
die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz gemäss angefochtener Ver-
fügung (dort E. II) und obiger Zusammenfassung (vgl. E. 5.1) verwiesen
werden, denen sich das Gericht anschliesst. Die erst auf Beschwerde-
ebene geltend gemachte Schwangerschaft beziehungsweise Fehlgeburt
als neues Sachverhaltsvorbringen ist nachfolgend gesondert zu prüfen.
E-4212/2019
Seite 13
6.2.1 Zunächst ist auf die von der Beschwerdeführerin geäusserten Vorbe-
halte betreffend die Dolmetschpersonen einzugehen. Dabei handelt es sich
um Behauptungen, welche keinerlei Stütze in den Akten respektive in den
Befragungsprotokollen finden. Eine Begründung für ihre Vermutung, der
BzP-Dolmetscher kenne ihre Familie, fehlt. Auch für die angeblichen Ver-
ständigungsschwierigkeiten anlässlich der ersten Anhörung vom Novem-
ber 2018 finden sich keinerlei Hinweise, im Gegenteil: Sie gab damals so-
gar an, die Dolmetscherin «ganz gut» zu verstehen (vgl. B19, F1). Aus dem
Protokoll ergeben sich keine Anzeichen für Verständigungsschwierigkei-
ten, auch die Hilfswerksvertretung merkte nichts dergleichen an. Anlässlich
der zweiten Anhörung, an welcher dieselbe Dolmetscherin zum Einsatz ge-
kommen sei, gab die Beschwerdeführerin auf Nachfrage wiederum an,
diese «ganz gut» zu verstehen (vgl. B25, F1). Sofern es dennoch zu ge-
wissen Schwierigkeiten gekommen sein sollte, scheinen diese gemäss
dem Unterschriftenblatt der Hilfswerksvertretung vielmehr auf die chaoti-
sche Erzählweise der Beschwerdeführerin zurückzuführen zu sein (vgl.
a.a.O.). Es wäre ihr sodann ohne Weiteres möglich gewesen, zu Beginn
der Anhörung gegen den Einsatz derselben Dolmetscherin zu protestieren
oder – sollte ihr dies anlässlich der Anhörung unangenehm gewesen sein
– dies im Nachgang der Befragung dem SEM schriftlich zur Kenntnis zu
bringen.
Diese offensichtlich haltlosen Einwände der Beschwerdeführerin führen zu
ersten Zweifeln an ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit.
6.2.2 Hinsichtlich der Beschwerdebegründung betreffend die Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen ist Folgendes festzustellen:
Zum erheblichen Widerspruch betreffend die Frage, ob die Beschwerde-
führerin ihren Anwalt während ihrer Zeit in Haft gesehen oder gesprochen
hat, führte sie lediglich pauschal aus, dass die Aussage, wonach sie wäh-
rend ihrer Haft keinen Kontakt zum Anwalt gehabt habe und dieser auch
ihren Aufenthaltsort nicht gekannt habe, korrekt sei. Eine nachvollziehbare
Erklärung, wie es überhaupt zu einem derart erheblichen Widerspruch
kommen konnte, vermag sie damit nicht zu geben. Auch überzeugt ihr Ein-
wand nicht, den Namen des Brigadiergenerals G._ an der BzP aus
Misstrauensgründen nicht genannt zu haben. Diesfalls wäre es wesentlich
naheliegender gewesen, den Namen des Generals nicht zu nennen, an-
statt eine substanziell vollkommen andere Geschichte zu erzählen. Mithin
E-4212/2019
Seite 14
handelt es sich beim entsprechenden Einwand um eine reine Schutzbe-
hauptung. Die erwähnten Widersprüche hat sie demnach weiterhin gegen
sich gelten zu lassen.
Auch den Widerspruch betreffend die Organisation des Flugtickets von
C._ nach Beirut vermochte sie mit der Erklärung, womöglich sei die
für sie von H._ beschaffte Departure-Erlaubnis respektive Ausrei-
seerlaubnis von der Dolmetscherin an der Anhörung fälschlicherweise mit
«Flugticket» übersetzt worden, nicht aufzulösen. Zum einen wurde ihr das
Anhörungsprotokoll am Schluss der Anhörung rückübersetzt und sie hat
die Vollständigkeit und Richtigkeit der Angaben unterschriftlich bestätigt.
Ein allfälliges Missverständnis wäre wohl spätestens bei der Rücküberset-
zung entdeckt und korrigiert worden. Zum anderen sprach sie an der An-
hörung explizit davon, dass H._ ihr das Ticket von C._ direkt
nach Beirut gelöst habe (vgl. B25, F31).
Was den Widerspruch hinsichtlich des Verschwindens des Bruders der Be-
schwerdeführerin betrifft (vgl. B19, F12 und B25, F41ff.) ist zunächst fest-
zustellen, dass die Frage nach dem effektiven Alter des Bruders – auch
wenn sich aus den Akten, scheinbar vom SEM unbemerkt, Ungereimthei-
ten ergeben – vorliegend nicht relevant ist. Ihre einfache Behauptung, der
Bruder sei nicht wie protokolliert (...) Monate, sondern (...) Tage vor der
ersten Anhörung verhaftet worden, vermag nicht zu überzeugen. Auf die
protokollierten Aussagen – deren Richtigkeit und Vollständigkeit die Be-
schwerdeführerin mit ihrer Unterschrift bestätigte – ist daher abzustellen.
Ebensowenig vermag sie mit ihrem pauschalen Hinweis auf den summari-
schen Charakter der BzP das Nichterwähnen der Schiesserei zu erklären.
Dabei handelte es sich um ein zentrales Ereignis, welches ihr zufolge einen
«sehr grossen Einfluss» auf ihr Leben gehabt habe; dabei habe sie auch
selber erstmals zur Waffe gegriffen und es seien gar Leute getötet worden
(vgl. B25, F60-62, F67-69). Sie führte dieses Ereignis sogar als Grund für
das nachfolgend erhöhte Verfolgungsinteresse der Behörden an ihrer Per-
son an (vgl. B25, F69). Es wäre daher zwingend zu erwarten gewesen,
dass sie ein derart einschneidendes und auch für den weiteren Verlauf ihrer
Verfolgungsgeschichte wichtiges Ereignis zumindest ansatzweise erwähnt
hätte – ein einfacher Hinweis auf ihre (...) Tätigkeiten, aufgrund derer sie
in den Fokus der Behörden geraten sei, kann klarerweise nicht dahinge-
hend interpretiert werden.
E-4212/2019
Seite 15
Vor dem Hintergrund der Schiesserei, aufgrund derer sie sodann im Fokus
der Behörden gestanden sei, ist in keiner Weise nachvollziehbar, weshalb
es ihr dennoch scheinbar problemlos möglich gewesen sein soll, im Jahr
2017 mit ebendiesen Behörden zwecks Ausstellung eines Reisepasses,
gerichtlicher Feststellung der Ehe sowie Beglaubigung diverser Doku-
mente in direkten und intensiven Kontakt zu treten (vgl. B25, F20, F31).
Der in den Akten liegende syrische Reisepass ist ihr am (...) 2017 ausge-
stellt worden. Sie sei zudem während insgesamt etwa einem Jahr in Da-
maskus geblieben (vgl. B19, S. 7), wo sie sich zweifellos im Zugriffsbereich
der syrischen Behörden befunden hätte. Die entsprechenden Sachum-
stände sprechen nicht nur klar gegen eine tatsächliche objektive Verfol-
gungsgefahr, sondern auch gegen eine subjektive Verfolgungsfurcht der
Beschwerdeführerin. Ferner gab sie im Rahmen eines auf der Schweizer
Botschaft in Beirut am (...) 2017 geführten Gesprächs auf die Frage, ob sie
vom syrischen Staat gesucht werde, unmissverständlich an, dass dies
nicht zutreffe (vgl. Dokument «Interview security related aspects for huma-
nitarian visa» [ohne Aktorennummer], Antwort zu Frage 2.3.4.).
Aufgrund des voranstehend Gesagten kann zweifelsfrei davon ausgegan-
gen werden, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ihrer Reise nach
Beirut nicht im Fokus der Behörden stand und die entsprechenden Vorbrin-
gen für unglaubhaft zu befinden sind.
6.2.3 Nicht nachvollziehbar ist im Weiteren, weshalb die Beschwerdefüh-
rerin nach der angeblichen Verhaftung und der Flucht aus dem Spital –
wonach auch aufgrund der früheren Teilnahme an der Schiesserei ein er-
hebliches behördliches Interesse an ihr bestanden haben müsse – auf di-
rektem Weg nach C._ respektive nach Hause zurückgekehrt sei
und danach noch mehrere Monate mit der Ausreise zugewartet habe (vgl.
B25, F31, F150 f., F175). Dies ist mit dem üblicherweise zu erwartenden
Handeln einer tatsächlich verfolgten Person logisch nicht zu vereinbaren.
Aus den Protokollen ergibt sich sodann – wie in der Beschwerde geltend
gemacht – auch nicht, dass sie ständig ihren Aufenthaltsort gewechselt
hätte (vgl. a.a.O.). Angesichts der geltend gemachten Verfolgungsgefahr
erschliesst sich dem Gericht überdies nicht, weshalb sie in der Schweiz
dennoch an eine Rückkehr nach Syrien gedacht und hierfür gar erste
Schritte in die Wege geleitet habe, davon aber ihrem Sohn zuliebe abge-
sehen habe (vgl. B25, F169) – dies spricht zusätzlich klar gegen das effek-
tive Vorhandensein einer Verfolgungsfurcht.
E-4212/2019
Seite 16
Im Übrigen liegen die Motive der beiden hochrangingen Offiziere, welche
der Beschwerdeführerin bei ihrer Flucht geholfen haben sollen, gänzlich im
Dunkeln und sind nur schwer alleine mit angeblichen finanziellen Vorteilen
zu begründen. Wie G._ von der Verhaftung der Beschwerdeführerin
überhaupt Kenntnis erlangt haben sollte, aus welchem Grund er spontan
mitten in der Nacht ihre Zelle aufgesucht (vgl. B25, F31) und sie hierbei
zufälligerweise auch noch gleich aus in den Fängen ihrer in flagranti vor-
gefundenen Peiniger befreit haben sollte, ist nicht nachvollziehbar. Aus den
Protokollen ergibt sich weiter, dass G._ auch sehr darauf bedacht
gewesen sei, die Beschwerdeführerin unbemerkt aus dem Spital und nach
Hause zu bringen (vgl. B25, F150). Dies lässt darauf schliessen, dass eine
derartige Unterstützung für ihn mit erheblichen Risiken verbunden gewe-
sen wäre. Umso mehr erstaunt, dass G._ sodann auch noch den
hochrangigen Offizier H._ in die Sache miteinbezogen habe und
dieser scheinbar ebenfalls ohne zu hinterfragen bei der Heimreise der Be-
schwerdeführerin behilflich gewesen sei respektive ihr später gar auch
noch zur Flucht aus Syrien verholfen habe. Weshalb G._ überdies
selbst nach geglückter Flucht und Ankunft der Beschwerdeführerin in der
Schweiz den Kontakt zu ihr aufrecht erhalte (vgl. B19, F14 f. und F17), ist
in keiner Weise nachvollziehbar. Dies, zumal die Beschwerdeführerin von
den Behörden weiterhin gesucht worden sei und eine entsprechende Auf-
rechterhaltung des Kontakts für G._ wohl mit erheblichem Risiko
verbunden gewesen wäre. Überdies kam es auch diesbezüglich zu unver-
einbaren Schilderungen – an der zweiten Anhörung führte die Beschwer-
deführerin auf die Frage, ob sie bis zu ihrer Ausreise jemals wieder Kontakt
mit G._ oder H._ gehabt habe, aus, dass es nicht mehr zum
Kontakt mit G._ gekommen sei, da sie ihre Nummer geändert habe
(vgl. B25, F154). Inwiefern und weshalb nach ihrer Ausreise scheinbar nun
dennoch ein Kontakt habe hergestellt werden können, bleibt ungeklärt.
Sodann reichte die Beschwerdeführerin bis zum heutigen Datum keinerlei
Beweismittel betreffend die vorgebrachte (...) Tätigkeit ein. Angesichts ih-
res engen Kontakts zu ihrem Anwalt in Syrien (vgl. B25, F172 f.) wäre es
ihr sicherlich möglich gewesen, mit ihm Kontakt herzustellen und ihn zu
beauftragen, Beweismittel zu beschaffen und in die Schweiz zu schicken.
6.3 Hinsichtlich der auf Beschwerdeebene erstmals vorgebrachten
Schwangerschaft (resp. Fehlgeburt) infolge der geschilderten Vergewalti-
gung ist Folgendes zu sagen:
E-4212/2019
Seite 17
6.3.1 Zunächst ist festzuhalten, dass bei Wahrunterstellung einer Schwan-
gerschaft zum Zeitpunkt ihrer Einreise in die Schweiz nicht zwingend auch
auf die Glaubhaftigkeit der Vergewaltigung zu schliessen, sondern dies le-
diglich als ein mögliches Indiz bei der Gesamtwürdigung zu berücksichti-
gen wäre. Es ergeben sich aber auch betreffend die angebliche Schwan-
gerschaft zahlreiche Ungereimtheiten, insbesondere in zeitlicher Hinsicht.
Der sexuelle Übergriff habe, den Schilderungen der Beschwerdeführerin
an der Anhörung zufolge, circa im (...) 2017 – wenige Tage nach ihrer
Rückkehr aus Beirut – stattgefunden. Die Beschwerdeführerin nennt kei-
nen genauen Zeitpunkt, in welchem sie ihr Ungeborenes verloren habe;
dieses Ereignis muss zeitlich jedoch zwischen ihrer Ankunft in der Schweiz
am (...) März 2018 und der Stellung des Asylgesuchs am 15. Mai 2018
verortet werden, zumal sie dies als Grund für das späte Einreichen des
Asylgesuchs anführte (vgl. Beschwerdeeingabe Ziff. 3.3). Zu diesem Zeit-
punkt wäre sie bereits seit rund (...) Monaten schwanger gewesen, was die
von ihr geschilderte Fehlgeburt durch blosse Blutungen als äusserst un-
wahrscheinlich und damit unglaubhaft erscheinen lässt. Darüber hinaus er-
scheint auch nicht plausibel, dass die Beschwerdeführerin trotz fortge-
schrittener Schwangerschaft und angeblich alleine aufgrund fehlender
Krankenversicherung in der Notfallaufnahme des Spitals L._ abge-
wiesen worden sei, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits Blutungen ge-
habt habe – die beschriebene Symptomatik erfordert in der Regel sofortige
medizinische Untersuchungen. Schliesslich reichte die Beschwerdeführe-
rin auch keinerlei ärztlichen Bericht, welche ihr Vorbringen bestätigen
könnte, ein. Die geltend gemachte Schwangerschaft aufgrund der Verge-
waltigung mit anschliessender Fehlgeburt muss daher als nachgeschoben
und unglaubhaft taxiert werden.
6.3.2 Auch hinsichtlich der Schilderung der behauptungsweise erlittenen
Vergewaltigung ergeben sich aufgrund der Aktenlage erhebliche Zweifel an
der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens. So sind die entsprechenden Dar-
stellungen nicht nur wenig konkretisiert und ohne Hinweise auf Selbster-
lebtes verblieben. Vielmehr weisen sie auch massive Unstimmigkeiten und
Widersprüche auf.
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen
der BzP angab, sie sei in der Haft von zwei Männern bloss mit «schlimmen
Wörtern» beschimpft worden. Auf konkrete Frage hin verneinte sie aus-
drücklich, dass diese Männer ihr «nähergekommen» seien (vgl. B9,
Ziff. 7.02). Ihre Sachverhaltsvorbringen in der BzP, wonach folglich kein
E-4212/2019
Seite 18
Übergriff erfolgt ist, stehen in Widerspruch zu der in der Anhörung vorge-
brachten Vergewaltigung beziehungsweise der auf Beschwerdeebene so-
gar geltend gemachte Schwangerschaft infolge der Vergewaltigung.
Hinzu kommt, dass die in der Anhörung vorgetragenen Schilderungen der
Vergewaltigung sowohl hinsichtlich des tatsächlichen wie auch des zeitli-
chen Ablaufs der Geschehnisse wesentliche Unstimmigkeiten aufweisen.
So konnte sich die Beschwerdeführerin in der freien Schilderung ihrer Asyl-
gründe nicht mehr genau entsinnen, ob an der Vergewaltigung zwei oder
drei Männer beteiligt gewesen seien (vgl. B25, F31). Nicht nur, dass eine
entsprechende Erinnerungslücke bei einer dermassen kleinen Anzahl an-
wesender Täter nur sehr wenig glaubhaft erscheint. Vielmehr steht diese
Angabe auch in Widerspruch zu ihrer Schilderung der Tat selbst. Obschon
sie sich zuvor betreffend die Anzahl beteiligter Männer nicht sicher war,
führte sie später an der Anhörung aus: «Zwei von denen sind gekommen
und haben mich festgehalten, der dritte hat meine Kleider zerrissen und sie
haben mit mir geschlafen» (vgl. B25, F127). Die entsprechende Sachschil-
derung schliesst eine Täterschaft von lediglich zwei Personen jedoch aus,
so dass ihre betonte Erinnerungslücke, ob nun zwei oder drei Täter beteiligt
gewesen seien, objektiv nicht nachvollziehbar ist.
Auch hinsichtlich der zeitlichen Einordung der angeblich erlittenen Verge-
waltigung ergeben sich klare Zweifel. So brachte die Beschwerdeführerin
mehrfach vor, sie sei insgesamt (...) oder (...) Tage lang in Haft gewesen.
Sie sei am letzten – also am (...) oder (...) – Tag der Haft vergewaltigt
worden (vgl. B25, F31, F134) und noch am selben Tag von Brigadiergene-
ral G._ – der die Täter in flagranti ertappt habe – aus der Haft befreit
und ins Spital gebracht worden. Diese Schilderungen lassen sich jedoch
nicht mit den übrigen Ausführungen in Einklang bringen. So brachte die
Beschwerdeführerin vor, dass sie verhaftet und direkt am Folgetag der Ver-
haftung (ein einziges Mal) verhört worden sei (vgl. B25, F125 und F128).
Zwei beziehungsweise drei Tage danach habe bereits die Vergewaltigung
stattgefunden (vgl. B25, F127). Entsprechend dieser Darstellung hätte sich
somit der Übergriff am vierten beziehungsweise am fünften Tag der Haft
zugetragen. Diese Schilderungen stehen in einem klaren Widerspruch zu
ihrer mehrfach zu Protokoll gegebenen Angaben, sie sei (...) oder (...) Tage
lang in Haft gewesen, am letzten (also [...] oder [...]) Tag der Haft verge-
waltigt und gleichentags von G._ aus der Haft gerettet worden.
E-4212/2019
Seite 19
6.3.3 Das Gericht schliesst nicht aus, dass die Beschwerdeführerin wo-
möglich tatsächlich einmal Opfer eines sexuellen Übergriffs gewesen sein
könnte. Angesichts der festgestellten erheblichen Widersprüche und Un-
gereimtheiten erscheinen aber die geschilderten Umstände dieses Über-
griffs – und damit dessen Asylrelevanz – unglaubhaft.
6.4 Nebst dem oben Ausgeführten ist festzustellen, dass die Schilderungen
der Beschwerdeführerin stellenweise gewisse Realkennzeichen enthalten
respektive substanziiert ausgefallen sind. Auch der zeitliche Widerspruch
betreffend die Dauer des angeblichen Verhörs ist sodann als marginal und
nicht wesentlich einzustufen. Ebenso die Frage, ob die Beamten ihr mitge-
teilt hätten, dass gegen sie ein Verfahren laufe oder nicht – hier besteht ein
gewisser Interpretationsspielraum, der nicht zu ihren Ungunsten ausgelegt
werden kann. Vor dem Hintergrund der oben genannten zahlreichen zent-
ralen Widersprüche und erheblichen Unstimmigkeiten vermögen diese As-
pekte die gewichtigen Zweifel am Wahrheitsgehalt ihrer Asylvorbringen je-
doch klar nicht aufzuwiegen.
Auch unter Berücksichtigung des psychischen Zustands der Beschwerde-
führerin (vgl. hierzu Ausführungen oben in E. 3.2) ist an dieser Schlussfol-
gerung festzuhalten. Es ist zwar anerkannt, dass sich eine Traumatisierung
negativ auf das Aussageverhalten auswirken kann (vgl. Entscheidungen
und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
2005 Nr. 21 E. 6.2.3. S. 191 f.; 2003 Nr. 17 E. 4b S. 105 ff. m.w.H.), eine
solche wurde bei der Beschwerdeführerin bisher jedoch nicht diagnosti-
ziert. Im Rahmen eines psychiatrischen Konsiliums habe sich im Gespräch
primär ein soziales Problem bei aktuell schwerer Unterbringung und Woh-
nungssituation gezeigt. Sie habe sich zudem psychisch auf der Handlungs-
ebene unauffällig präsentiert und es hätten sich keine Hinweise für eine
psychotische Störung oder gar akute Selbst- oder Fremdgefährdung erge-
ben (vgl. Arztbericht vom [...] April 2019, S. 3). Sie äusserte sich anlässlich
der Anhörung zwar über psychische Probleme und dass sie vieles ver-
gesse (vgl. B25, F5, F13-15), ihre Schilderungen erwecken aber den Ein-
druck, dass sie sich frei und ungestört hat äussern können. Die erwähnten
Widersprüche und Ungereimtheiten ihrer Vorbringen lassen sich unter
Würdigung der gesamten Aktenlage denn auch nicht alleine durch ihre psy-
chischen Probleme erklären. Ohnehin wäre auch eine diagnostizierte Trau-
matisierung im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)
per se nicht geeignet, die konkreten Umstände des traumabegründenden
Erlebnisses zu belegen (vgl. hierzu BVGE 2015/11 E. 7.2.1 f.).
E-4212/2019
Seite 20
6.5 Gesamthaft betrachtet ist es den Beschwerdeführenden nicht gelun-
gen, ihre Asylgründe glaubhaft darzutun. Das SEM hat demzufolge zu
Recht ihre Flüchtlingseigenschaft verneint und die Asylgesuche abgelehnt.
Es besteht auch keine Veranlassung für die in der Beschwerde eventualiter
beantragten Instruktionsmassnahmen (Einholen eines ärztlichen Gutach-
tens).
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass der anerkannten konkreten
Gefährdung aufgrund des in Syrien herrschenden Bürgerkrieges mit der
Anordnung der vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführenden in der
Schweiz aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rech-
nung getragen worden ist. Praxisgemäss erübrigen sich damit weitere Aus-
führungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da mit Zwischenverfü-
gung vom 3. September 2019 jedoch die unentgeltliche Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und seither keine Verbesse-
rung der finanziellen Verhältnisse eingetreten ist, sind keine Verfahrens-
kosten zu erheben.
E-4212/2019
Seite 21
10.2 Mit Zwischenverfügung vom 3. September 2019 wurde überdies lic.
iur. Isabelle Müller als amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführen-
den beigeordnet. Ihr ist deshalb ein amtliches Honorar zu entrichten. Der
mit Eingabe vom 2. März 2021 eingereichtem Honorar ausgewiesene Auf-
wand von 11.3 Stunden erscheint angemessen, ist jedoch um den für eine
angebliche «Zustellung Schreiben SEM an Mandantin» ausgewiesenen
Zeitaufwand zu kürzen, zumal ein solches Schreiben nicht aktenkundig ist
und dieses augenscheinlich in keinem Zusammenhang mit dem vorliegen-
den Beschwerdeverfahren steht. Unter Berücksichtigung der massgeben-
den Berechnungsfaktoren (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE) ist der
Rechtsbeiständin ein amtliches Honorar in Höhe von Fr. 1'871.30 (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-4212/2019
Seite 22