Decision ID: 1388f8cc-84c5-5a45-a14d-1adbcc52ec84
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
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vertreten durch Rechtsanwältin Dr. iur. Monika Brenner, Paradiesstrasse 4,
9030 Abtwil SG,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Nichteintreten auf neues Leistungsgesuch (Hilflosenentschädigung)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ leidet seit Geburt an einer kongenitalen Erkrankung des Bindegewebes und
der Muskeln (Marfan-ähnliches Syndrom) sowie St. n. dreimaliger lateraler Bandplastik
OSG re, mit persistierenden invalidisierenden Fussschmerzen; St. n. Skoliose-
Operation 1995 und einer somatoformen Störung im Rahmen der Entwicklungsstörung
(IV-act. 127-3). Er ist Bezüger einer ganzen Rente der Invalidenversicherung (IV; IV-act
48). Im Rahmen der Hilfsmittelversorgung wurden u.a. Unterschenkelorthesen sowie
ein Handrollstuhl mit Elektrohilfsantrieb abgegeben (IV-act 78 f.).
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A.b Am 16. März 2005 meldete sich der Versicherte erstmals bei der IV-Stelle der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA) zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung an (IV-act. 129-1 ff.). Mit Verfügung vom 5. September 2005
verneinte die IV-Stelle einen Anspruch auf Hilflosenentschädigung (IV-act. 107-41 ff.).
Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache des Versicherten wies der
Rechtsdienst der SVA in Vertretung der IV-Stelle mit Einspracheentscheid vom 5.
Dezember 2005 ab (IV-act. 99-1 ff.). Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
A.c Am 23. Juni 2009 (Eingang SVA) meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug
einer Hilflosenentschädigung an (IV-act. 44-1 ff.). Seit 18 Monaten sei er vermehrt auf
Hilfeleistungen angewiesen. Er benötige Hilfe beim Ankleiden/Auskleiden (Bekleidung
d. Extremitäten - Socken, Hosen); bei der Körperpflege (in den Teilbereichen Waschen,
Baden/Duschen, Rasieren); bei der Fortbewegung im Freien und der Pflege gesell
schaftlicher Kontakte (Hilfe beim Schieben des Rollstuhls, Einkaufen, Organisation von
Begleitung) sowie dauernde medizinisch-pflegerische Hilfe (beim Salben der Gelenke,
Anlegen und Wechseln der Orthesen sowie Bandagen). Darüber hinaus sei er auf
lebenspraktische Begleitung angewiesen (44-3 ff.).
A.d Mit Vorbescheid vom 22. Februar 2010 stellte die IV-Stelle dem Versicherten das
Nichteintreten auf das neue Leistungsgesuch in Aussicht (IV-act. 35-1).
A.e Gegen den Vorbescheid liess der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin
Dr. iur. M. Brenner, Einwand erheben (IV-act. 14-1 ff.; 25-1 f.; 28-1 ff.). Mit Verfügung
vom 6. Juli 2010 trat die IV-Stelle auf das neue Leistungsbegehren, wie angekündigt,
nicht ein (IV-act. 15-1 f.).
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B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde des Versicherten vom
13. September 2010. Die Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu
Lasten der Beschwerdegegnerin aufzuheben. Es sei auf das Leistungsgesuch einzu
treten und ihm die beantragte Hilflosenentschädigung zu gewähren. Weiter wird die un
entgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung beantragt (act. G 1; 4). Nach
mehrmals erstreckter Frist reicht die Vertreterin des Beschwerdeführers am 15. März
2011 die Beschwerdebegründung ein. Neben den bereits in der summarisch be
gründeten Beschwerde gestellten Rechtsbegehren lässt der Beschwerdeführer
eventualiter die Zusprache lebenspraktischer Begleitung beantragen. Der Beschwerde
führer lässt im Wesentlichen geltend machen, sein Gesundheitszustand habe sich seit
der erstmaligen Anmeldung progredient verschlechtert. Er sei mindestens während der
Hälfte des Jahres in den folgenden Bereichen täglich hilfsbedürftig: Ankleiden/
Auskleiden, Körper- und Gesundheitspflege, Fortbewegung, Haushaltsführung und der
Pflege gesellschaftlicher Kontakte. Aufgrund dessen sei die leichte, allenfalls sogar
mittlere Hilflosigkeit offensichtlich ausgewiesen. Sollte die Verschlechterung des
Gesundheitszustands wider Erwarten verneint werden, sei ihm zumindest lebens
praktische Begleitung zuzusprechen (act. G 12).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 18. April 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Der Sachverhalt stelle sich immer noch gleich dar, wie
im Zeitpunkt der ursprünglich ablehnenden Verfügung. Der Beschwerdeführer habe
nicht dargetan, dass sich die Hilflosigkeit bzw. der Grad der Hilflosigkeit oder ein
allfälliger Anspruch auf Hilflosenentschädigung bei einem Bedarf an lebenspraktischer
Begleitung in einer anspruchsbegründenden Weise verändert habe (act. G 14).
B.c Mit Replik vom 6. September 2011 lässt der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen festhalten (act. G 26).
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B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet am 12. September 2011 auf eine Duplik und
verweist auf die Beschwerdeantwort (act. G 28).
B.e Bereits am 19. April 2011 hatte die Gerichtsleitung dem Beschwerdeführer die
unentgeltliche Rechtspflege bewilligt (act. G 16).

Erwägungen:
1.
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin auf das Leistungsgesuch vom
23. Juni 2009 zu Recht nicht eingetreten ist. Nicht Streitgegenstand ist hingegen ein
allfälliger Leistungsanspruch des Beschwerdeführers. Soweit dieser beantragen lässt,
es sei ihm eine Hilflosenentschädigung zuzusprechen, ist auf die Beschwerde nicht ein
zutreten.
2.
2.1 Der Beschwerdeführer leidet an einem Marfan-ähnlichem Syndrom. Dieses wirkt
sich dahingehend aus, dass seine sensomotorische Unabhängigkeit beeinträchtigt ist.
Die Symptomatik des Syndroms wird kontinuierlich und saisonal durch Exazerbationen,
Schmerzen sowie schwere Bewegungsbehinderungen charakterisiert (IV-act 103-1;
127-3; 157-5). Anlässlich des erstmaligen Leistungsgesuchs im Jahr 2005 führte
Dr. med. B._, damalige Oberärztin am Inselspital Bern, Departement Frau, Kind und
Endokrinologie, aus, der Beschwerdeführer sei aufgrund seiner Krankheit im Alltag
während mehr als 8 Monaten pro Jahr auf Drittpersonen angewiesen. Während der
Wintermonate (bei Temperaturen unter 20°) verlange die Abhängigkeit von Dritt
personen eine Betreuung von 3 - 4 Stunden pro Tag. In der wärmeren Zeit seien es 1 -
2 Stunden pro Tag oder ausnahmsweise keine (IV-act. 103-1).
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2.2 Im Zeitpunkt der Neuanmeldung lagen der Beschwerdegegnerin insbesondere
die Berichte von Dr. B._ vom 14. April 2009 und 15. Juli 2009 vor. Darin führte sie
aus, der Beschwerdeführer sei je nach Jahreszeit und Exazerbation der Schmerzen auf
Hilfe von Drittpersonen angewiesen, nämlich bei der Begleitung (gemeint wohl: Be
kleidung) der unteren Extremitäten, bei der Körperpflege (Extremitäten/Rücken), beim
Einstieg bei höheren Hindernissen (40-80 cm), Heben, Schieben usw. von schweren
Gegenständen, bei der lokalen Pflege und dem Anlegen von Hilfsmitteln. Dazu bestehe
die Notwendigkeit einer Haushalthilfe mit sozialer Kompetenz sowie eine regelmässige
psychosomatische-psychiatrische Begleitung (IV-act. 40). Im Bericht vom 14. April
2009 führte sie aus, die Selbständigkeit des Beschwerdeführers sei stark von den
Temperaturexkursionen (warm-kalt versus kalt-warm), d.h. bei Temperaturänderung
und bei extremer Kälte oder extremer Wärme abhängig. Bei solchen Zuständen,
welche vermehrt während der Wintermonate aber auch während des Sommers
auftreten könnten, sei der Beschwerdeführer auf Hilfe von Drittpersonen angewiesen.
Die Häufigkeit erstrecke sich zwischen 3 - 4 mal pro Monat auf tägliche Situationen bei
extremen Temperaturen. Der Beschwerdeführer erhalte häufig Hilfe aus seinem
Freundeskreis, könne jedoch nicht immer mit "Goodwill-Aktionen" rechnen. In den
komplexen Schmerzphasen, welche Tage dauerten, könnten sich Situationen
entwickeln, in denen er erschöpft und daher zu 100% auf Hilfe von Drittpersonen
angewiesen sei (IV-act. 45-3). Sodann liegen Tagebuchaufzeichnungen des
Beschwerdeführers aus dem Zeitraum vom 4. September 2007 bis 4. März 2008 im
Recht. Darin beschreibt er seine Einschränkungen und den je nach
Gesundheitszustand variierenden Bedarf an Dritthilfe (IV-act. 19-1 ff.).
2.3 Die Beschwerdegegnerin hat ein erstes Begehren um Ausrichtung einer Hilflosen
entschädigung rechtskräftig abgewiesen. Im Einspracheentscheid vom 5. Dezember
2005 brachte sie zur Begründung vor, der Beschwerdeführer benötige während Krank
heitsschüben zwar Dritthilfe bei den Lebensverrichtungen Ankleiden/Auskleiden,
Aufstehen/Absitzen/Abliegen sowie der Fortbewegung, allerdings falle die Hilfe gemäss
Auskunft einer Hilfsperson nicht regelmässig an (IV-act. 99-1 ff.). Diese hatte am 14.
Juli 2005 angegeben, sie kenne den Beschwerdeführer seit Juni 2004. In dieser Zeit bis
zum Winter habe er 5 Krankheitsschübe erlitten, bei welchen sie ihn einige Tage unter
stützt hätte (Hilfestellungen, Kochen, Einkaufen). Im Januar (2005) sei ein nächster
Schub erfolgt und dann wieder im Juni (praktisch den ganzen Monat lang). Während
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den Schüben habe der Beschwerdeführer an starken Schmerzen gelitten, welche ihn in
einigen Verrichtungen eingeschränkt hätten (IV-act. 111-1).
2.4 Auf die Neuanmeldung ist die Beschwerdeführerin nicht eingetreten mit dem
Argument, der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft dargelegt, dass sich die tat
sächlichen Verhältnisse seit der Verfügung in einer für den Anspruch erheblichen Weise
verändert hätten. Unabhängig von einer Veränderung der tatsächlichen Verhältnisse
stellt sich vorliegend jedoch die Frage, ob die Beschwerdegegnerin aufgrund einer seit
dem ersten Leistungsbegehren erfolgten Rechtsänderung auf die Neuanmeldung hätte
eintreten müssen.
2.5 Gemäss Art. 87 Abs. 4 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV;
SR 831.201) i.V.m. Art. 87 Abs. 3 IVV kann eine neue Anmeldung zum Leistungsbezug
nur geprüft werden, wenn eine erhebliche Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht
wird. Diese Bestimmungen sind jedoch nicht für alle Rückkommensgründe anwendbar.
Neben der prozessualen Revision (Art. 53 Abs. 1 des Bundesgesetztes über den All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1), der Wiedererwägung
(Art. 53 Abs. 2 ATSG) und der Anpassung gemäss Art. 17 ATSG kennt die Recht
sprechung ein weiteres Korrekturinstrument: Eine formell rechtskräftige Verfügung
muss abgeändert werden, wenn seit deren Erlass eine Rechtsänderung eingetreten ist,
die die Verfügung als rechtswidrig erscheinen lässt. Insbesondere zeitlich unbefristet
fortwirkende Anordnungen sind zu ändern, wenn sie dadurch einer nachträglich ver
wirklichten Änderung des objektiven Rechts anzupassen sind; die Rechtsänderung
erlaubt nicht nur eine Anpassung, sie verlangt diese (m.w.H. BGE 112 V 387 Erw. 3c).
Nicht nur eine neue Gesetzgebung, sondern auch eine neue Gerichts- oder Ver
waltungspraxis rechtfertigt eine Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung,
wenn die neue Praxis in einem solchen Mass allgemeine Verbreitung erhält, dass deren
Nichtbefolgung im Einzelfall als Verstoss gegen das verfassungsrechtliche Gleich
behandlungsgebot erschiene (Art. 8 Abs. 1 BV; m.w.H. BGE 112 V 387 Erw. 3c;
vgl. auch BGE 127 V 10 Erw. 4c; 121 V 157 Erw. 4).
2.6 Bewirkt eine Praxisänderung grundsätzlich eine Besserstellung der versicherten
Person, etwa dadurch, dass die Anspruchsvoraussetzungen bei korrekter Interpretation
der Gesetzeslage weiter gefasst werden, so geht es nicht an, einige wenige Personen,
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deren Anspruch unter der alten Rechtslage bereits einmal rechtskräftig abgewiesen
wurde, von dieser präzisierten Rechtsprechung bzw. geänderten Praxis (oder
Gesetzeslage) auch für die Zukunft auszuschliessen. Auch dieser Kategorie von
Personen muss die Möglichkeit offenstehen, durch eine Neuanmeldung ebenso wie
Personen, deren Anspruch noch nie beurteilt wurde, die ihnen unter der geltenden
Rechtslage zustehenden Leistungen zu erhalten. Andernfalls käme es zum stossenden
Ergebnis, dass der Leistungsanspruch für ein und denselben Sachverhalt von der Zu
fälligkeit abhängig wäre, ob bereits unter der alten Rechtslage ein Gesuch beurteilt
wurde. Weiter käme es innerhalb der Kategorie von Personen mit vorgängiger rechts
kräftiger Gesuchsabweisung zu einer Ungleichbehandlung jener, bei denen sich zu
fälligerweise der Sachverhalt verändert hat, gegenüber jenen, bei denen der Sach
verhalt unverändert blieb. Erstere hätten nämlich nicht nur einen Eintretensanspruch,
sondern auch einen Anspruch auf Beurteilung nach der geltenden, im Vergleich zu
früher besseren Rechtslage, während die anderen an der Eintretenshürde scheitern
würden und von der Besserstellung nicht profitieren könnten. Solche Ergebnisse sind
nicht nur stossend, sondern lassen sich auch mit dem Gebot der Rechtsgleichheit nicht
vereinbaren. Versicherten Personen eine Anspruchsprüfung unter der geltenden
Rechtslage auf diese Weise zu vereiteln, wäre auch aus sachlichen Gründen nicht zu
rechtfertigen. Die Eintretenshürde des Art. 87 Abs. 4 i.V.m. Abs. 3 IVV hat ihren Grund
nämlich darin, die Verwaltung davor zu bewahren, wiederholt ein unverändertes
Gesuch gestützt auf eine unveränderte Tatsachenlage behandeln zu müssen. Solche
verfahrensökonomischen Überlegungen können jedoch bei einer Änderung der
Rechtslage klarerweise nicht gelten (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen IV 2008/374 vom 20. Januar 2009 Erw. 1).
2.7 Art. 87 Abs. 4 IVV umfasst somit nicht sämtliche Fälle der Neuanmeldungen nach
vorgängiger rechtskräftiger Abweisung. Der Grossteil der Fälle wird selbstredend durch
die Glaubhaftmachung einer nachträglichen erheblichen Sachverhaltsveränderung ab
gedeckt. Gelingt diese Glaubhaftmachung nicht, hat die Verwaltung vor Erlass eines
Nichteintretensentscheids jedoch immerhin von Amtes wegen zu prüfen, ob allenfalls
ein Leistungsanspruch aufgrund einer kürzlichen Rechtsänderung (Praxis oder Gesetz)
in Frage kommt. Diesbezüglich ist eine "Glaubhaftmachung" der Änderung im Grunde
nicht notwendig. Ein Nichteintreten auf die Neuanmeldung ist daher nur möglich, wenn
sich seit der letztmaligen Abweisung – soweit die Voraussetzungen des Art. 87 Abs. 4
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IVV nicht erfüllt sind – auch keine Rechtsänderung ergeben hat. Andernfalls ist auf das
Gesuch einzutreten und dieses ist materiell zu prüfen (Entscheid des Versicherungs
gerichts des Kantons St. Gallen IV 2008/374 vom 20. Januar 2009 Erw. 1).
3.
3.1 Nach Art. 38 Abs. 1 IVV liegt ein Bedarf an lebenspraktischer Begleitung im Sinne
von Art. 42 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG,
SR 831.20) vor, wenn eine volljährige versicherte Person ausserhalb eines Heimes lebt
und infolge Beeinträchtigung der Gesundheit ohne Begleitung einer Drittperson nicht
selbständig wohnen kann (lit. a), für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der
Wohnung auf Begleitung einer Drittperson angewiesen ist (lit. b) oder ernsthaft ge
fährdet ist, sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren (lit.c). Der Anspruch ist nicht
auf Menschen mit Beeinträchtigungen der psychischen oder geistigen Gesundheit be
schränkt; es ist durchaus möglich, dass auch andere Behinderte einen Bedarf an
lebenspraktischer Begleitung geltend machen können (Rz 8042 des Kreisschreibens
über Invalidität und Hilflosigkeit [KSIH]).
3.2 Im Zeitpunkt des Entscheids über das erste Leistungsbegehren (2005)
unterschied die IV-Stelle der SVA bei einem Anspruch auf Hilflosenentschädigung in
Form der lebenspraktischer Begleitung noch zwischen direkter und indirekter Dritthilfe
und berücksichtigte nur zweitere (vgl. etwa BGE 133 V 450 Erw. 7.2; Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen IV 2008/374 vom 20. Januar 2009).
Diese Praxis hat das Bundesgericht im BGE 133 V 450 unter eingehender Würdigung
der Materialien zur lebenspraktischen Begleitung verworfen und festgehalten, dass
neben der indirekten auch die direkte Dritthilfe zu berücksichtigen sei. Die
Begleitperson könne die notwendigerweise anfallenden Tätigkeiten also auch selber
ausführen, wenn die versicherte Person dazu gesundheitsbedingt trotz Anleitung oder
Überwachung/Kontrolle nicht in der Lage sei. Zur direkten Dritthilfe sind etwa das
Kochen, das Aufräumen des Zimmers und das Besorgen der Wäsche zu zählen. Ob die
Drittperson die Arbeit überwacht oder sie gleich selbst ausführt, ist nicht von Belang
(vgl. a.a.O., Erw. 4.3).
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Die anderslautende Verwaltungspraxis der IV-Stelle der SVA hat das Bundesgericht in
genanntem BGE 133 V 450 nicht bestehen lassen, sodass die IV-Stelle seither nicht nur
indirekte, sondern auch direkte Dritthilfe bei der Prüfung eines Anspruchs auf lebens
praktische Begleitung anerkennen muss. Entsprechend präzisierte das Bundesamt für
Sozialversicherung sein Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit (KSIH) in
Rz. 8047.1 f. Diese Praxisänderung ist geeignet, sich auf den Leistungsanspruch des
Beschwerdeführers auszuwirken. Er beantragte bereits anlässlich des ersten Leistungs
begehrens Hilflosenentschädigung in Form von lebenspraktischer Begleitung nach
Art. 37 Abs. 3 lit. e i.V.m. Art. 38 IVV. Im Einspracheentscheid vom 5. Dezember 2005
führte die Beschwerdegegnerin diesbezüglich aus, der Beschwerdeführer erfülle keine
der in Art. 37 Abs. 3 lit. b bis e aufgeführten Voraussetzungen zum Bezug einer Hilf
losenentschädigung (IV-act. 99-3). Anlässlich der Neuanmeldung machte der
Beschwerdeführer neben dem Bedarf an Dritthilfe in alltäglichen Lebensverrichtungen
wiederum geltend, er sei dauernd und regelmässig auf lebenspraktische Begleitung
angewiesen. Diese bestehe bei der Führung des Haushalts, der Begleitung für das
Knüpfen sozialer Kontakte sowie für Erledigungen und Kontakte ausserhalb der
Wohnung (IV-act. 44-1 ff.). In seinen Tagebuchaufzeichnungen schildert er u.a., er
benötige direkte Dritthilfe bei der Führung des Haushalts, so insbesondere bei der
Zubereitung des Essens, bei der Erledigung der Wäsche und beim Einkaufen. Er könne
das Haus, manchmal auch das Bett, an schlechten Tagen kaum noch verlassen. Seine
Therapietermine müsse er dann wegen der Schmerzen und Einschränkungen absagen.
Ohne Begleitung sei es ihm nicht möglich, gesellschaftliche Kontakte ausser Haus zu
knüpfen oder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ohne Hilfe sei er auch
psychisch überfordert (IV-act. 19-1 ff.). In den Tagebuchaufzeichnungen lassen sich
Anhaltspunkte dafür finden, dass während den saisonal auftretenden Krankheits
schüben ein möglicher Anspruch auf lebenspraktische Begleitung im Sinn von direkter
Dritthilfe bestehen könnte. Mithin geht auch Dr. B._ von der Notwendigkeit einer
Haushalthilfe aus (IV-act. 40). Unter diesen Umständen hätte die Beschwerdegegnerin
aufgrund der geänderten Praxis unabhängig von einer allfälligen Veränderung des
anspruchsrelevanten Sachverhalts auf das Gesuch um Hilflosenentschädigung
eintreten und weitere Abklärungen an die Hand nehmen müssen. Die
Nichteintretensverfügung vom 6. Juli 2010 ist daher aufzuheben. Die
Beschwerdegegnerin wird eine materielle Prüfung vorzunehmen haben, wobei eine
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umfassende Abklärung der Hilflosigkeit angebracht erscheint, welche – neben dem
Bedarf nach lebenspraktischer Begleitung – auch die Hilfsbedürftigkeit in den
alltäglichen Lebensverrichtungen einschliesst. Sinnvollerweise ist eine Abklärung vor
Ort durchzuführen und deren Ergebnisse sowie die vorhandenen Akten sind
fachmedizinisch plausibilisieren zu lassen. Betreffend die Regelmässigkeit einer
lebenspraktischen Begleitung ist auf Rz 8053 KSIH hinzuweisen; danach ist die Regel
mässigkeit zu bejahen, wenn die lebenspraktische Begleitung über eine Periode von
drei Monaten gerechnet im Durchschnitt mindestens während 2 Stunden pro Woche
nötig ist. Bei den alltäglichen Lebensverrichtungen wiederum könnte eine Hilflosigkeit
auch dann zu berücksichtigen sein, wenn sie zwar nicht dauernd, aber regelmässig
während eines erheblichen Teils des Jahres in hohem Grad vorliegt (EVGE 1961 S. 348,
I 114/61 vom 5. Oktober 1961).
4.
4.1 Die Beschwerde ist gemäss den vorstehenden Erwägungen gutzuheissen, soweit
darauf einzutreten ist. Unter Aufhebung der Verfügung vom 6. Juli 2010 ist die Sache
zur materiellen Prüfung des Anspruchs auf Hilflosenentschädigung und zur an
schliessenden Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 400.--
erscheint angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt. Da sie gemäss Art. 3
Abs. 1 lit. b des st. gallischen Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (sGS 350.1) Teil der
Sozialversicherungsanstalt und damit Teil einer selbständigen öffentlich-rechtlichen
Anstalt ist, kommt Art. 95 Abs. 3 VRP (Befreiung von der Pflicht zur Übernahme
amtlicher Kosten) nicht zur Anwendung (vgl. Urs Peter Cavelti/Thomas Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen - dargestellt an den Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl., 2003, Rz 792). Die Beschwerdegegnerin hat deshalb
die Gerichtsgebühr von Fr. 400.-- zu bezahlen.
bis
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4.3 Die obsiegende beschwerdeführende Partei hat bei diesem Verfahrensausgang
Anspruch auf eine Parteientschädigung. Die Parteientschädigung bemisst sich gemäss
Art. 61 lit. g ATSG nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des
Prozesses. Da lediglich das Eintreten zu überprüfen war, erweist sich eine Partei
entschädigung von Fr. 2'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als ange
messen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP