Decision ID: 539e0d30-c32e-4409-aaed-88d98c03b3f6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden sind iranische Staatsangehörige und reisten ih-
ren eigenen Angaben zufolge am (...) September 2018 mit ihren Original-
reisepässen ausgehend vom Flughafen D._ nach Belgrad. Von dort
seien sie schlepperunterstützt auf dem Landweg nach Athen gefahren und
danach mit gefälschten französischen Identitätskarten auf dem Luftweg
über Spanien nach Italien gelangt. Am 15. Oktober 2018 seien sie mit dem
Zug in die Schweiz eingereist. Tags darauf stellten sie ein Asylgesuch. Am
23. Oktober 2018 fand die Befragung zur Person (BzP) statt, am 10. Juli
2020 hörte das SEM den Beschwerdeführer und am 13. Juli 2020 die Be-
schwerdeführerin vertieft zu ihren Asylgründen an.
In Bezug auf ihren persönlichen Hintergrund machten sie geltend, sie hät-
ten vor ihrer Ausreise in E._ gelebt. Der Beschwerdeführer sei (...)
mit Universitätsabschluss und habe zuletzt für ein Privatunternehmen ge-
arbeitet. Die Beschwerdeführerin sei nach der Matura als (...) tätig gewe-
sen. Ihre Familienangehörigen lebten nach wie vor im Iran.
Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch damit, dass er im Iran
christliche Hauskirchen besucht habe. Er sei mit einem christlichen Arbeits-
kollegen befreundet. Als er diesem einmal bei einem Stromproblem im
Haushalt geholfen habe, sei er zu einem gleichzeitig stattfindenden Fest
eingeladen worden. Er habe wiederholt Einladungen angenommen, gele-
gentlich sei auch seine Frau dabei gewesen. Zu einem späteren Zeitpunkt
habe er auf Initiative des Freundes an einem Anlass mit christlichen Gebe-
ten teilgenommen, an welchem auch für seine todkranke Mutter gebetet
worden sei. Dies habe ihn sehr berührt und er habe danach regelmässig
Hauskirchen besucht. Am 29. Juli 2018 sei es anlässlich eines solchen Be-
suchs zu einer Razzia der Behörden gekommen. Er sei mit anderen Per-
sonen festgenommen, abgeführt und in der gleichen Nacht wieder freige-
lassen worden. Danach sei er zweimal vorgeladen und befragt worden.
Anlässlich des zweiten Termins sei er von einem Richter verhört, in ein Ge-
fängnis gebracht und am vierten Tag wieder freigelassen worden, da sein
Vater für ihn gebürgt habe. Danach habe er sich mit der Beschwerdeführe-
rin in ein Haus seines Schwiegervaters in der Provinz begeben. Seine
Schwester lebe auch dort und habe ihm berichtet, dass die Behörden bei
einer Durchsuchung seines Elternhauses seinen Laptop mitgenommen
hätten. Da sich darauf christliche Dokumente befunden hätten, seien sie
zu einem Cousin der Beschwerdeführerin nach Teheran gefahren und von
E-5727/2020
Seite 3
dort aus geflüchtet. Er befürchte, zu einer Haft- oder Todesstrafe verurteilt
zu werden. Die Beschwerdeführerin brachte vor, aufgrund der Probleme
ihres Mannes geflohen zu sein und als seine Ehefrau ebenfalls eine
schwere Strafe zu befürchten. Nach seiner Ausreise seien die Behörden
noch mehrmals bei seiner Familie vorbeigekommen. In der Schweiz hätten
sie sich taufen lassen und an Demonstrationen gegen die iranische Regie-
rung teilgenommen.
Zur Stützung ihrer Angaben legten sie zwei Vorladungen betreffend den
Beschwerdeführer und ein Schreiben des Gefängnisses über seine Frei-
lassung auf Kaution sowie diverse Identitätsdokumente im Original bezie-
hungsweise in Kopie vor (Führerausweise, Melli-Karten, Shenasname). Im
Weiteren reichten sie ihre Heiratsurkunde, Kopien ärztlicher Zeugnisse be-
treffend den Vater und den Bruder des Beschwerdeführers, Kopien von Ar-
beitszeugnissen sowie Empfehlungsschreiben (der Asylunterkunft, eines
Schweizer Pastors sowie zweier Kirchenmitglieder), diverse Arbeitszeug-
nisse aus der Schweiz und Kopien zweier Taufzeugnisse vom November
2018 zu den Akten. Zu den eingereichten Arztberichten gaben sie an, der
Bruder sei wegen dem Beschwerdeführer vom Geheimdienst der Revolu-
tionsgarde festgenommen, verhört und misshandelt worden. Der Vater sei
aufgrund der Flucht der Beschwerdeführenden herzkrank geworden.
B.
Mit Verfügung vom 15. Oktober 2020 – eröffnet am 16. Oktober 2020 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 16. November 2020 liessen die Beschwerdeführenden
durch ihren damaligen Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen sei
Asyl zu gewähren, eventualiter sei ihre vorläufige Aufnahme als Flüchtlinge
anzuordnen, subeventualiter sei die vorläufige Aufnahme wegen Unzuläs-
sigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anzu-
ordnen, subsubeventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache
zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Im Weiteren bean-
tragen sie die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Verbei-
ständung sowie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
E-5727/2020
Seite 4
Als Beweismittel legten sie Screenshots vor (Facebook-Profile sowie Bilder
im Internet geteilter Videos von ihren Teilnahmen an zwei Demonstrationen
in der Schweiz gegen das iranische Regime beziehungsweise für die Frei-
lassung von politischen Gefangenen im Iran, einen Aufruf zur Teilnahme an
einer Demonstration in der Schweiz, diverse Posts politischen Inhalts so-
wie Posts von Karikaturen beziehungsweise Beleidigungen Khomeinis). Im
Weiteren reichten sie Fotografien ihrer Demonstrationsteilnahmen in diver-
sen Städten in der Schweiz, eine Teilnahmebestätigung einer Bibelschule
betreffend die Beschwerdeführerin sowie ihre über ihren Account geteilten
Posts von Bildern, welche sie in der Bibelschule zeigen, beziehungsweise
Posts, in welchen sie diverse Videos betreffend den christlichen Glauben
weitergeleitet hat, ein.
D.
Am 20. November 2020 reichten die Beschwerdeführenden zwei Bestäti-
gungen des Präsidenten der F._ über ihre Mitgliedschaft im Exeku-
tivkomitee und ihre Rolle als (...) beziehungsweise (...) zu den Akten. Sie
seien verantwortlich für die Veranstaltungen im Kanton (Vorbereitung des
Materials, Sicherheit der Teilnehmenden).
E.
Mit Verfügung vom 27. November 2020 hiess die Instruktionsrichterin das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und ordnete den Rechts-
vertreter lic. iur. Roger Kuhn als amtlichen Rechtsbestand bei.
F.
In der Vernehmlassung vom 4. Dezember 2020 nahm das SEM zur Be-
schwerde Stellung und hielt vollumfänglich an seinem Entscheid fest.
G.
Darauf replizierten die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 1. Februar
2021. Sie hielten an ihren Beschwerdebegehren fest und legten als Be-
weismittel erneut das Arztzeugnis betreffend den Bruder des Beschwerde-
führers, Auszüge der Website der F._, auf welcher sie als Mitglieder
aufscheinen sowie auch die Tätigkeiten der F._ beschrieben sind,
sowie einen Aufruf zur Kundgebung vom 23. November 2019 und Fotos
der Kundgebung vor.
E-5727/2020
Seite 5
H.
Gemäss Auszug aus dem Geburtsregister des Zivilstandswesens
G._ vom (...) kam am (...) das Kind der Beschwerdeführenden zur
Welt.
I.
Mit Schreiben vom 30. September 2021 ersuchte der Rechtsvertreter um
Entlassung aus dem Amt als unentgeltlicher Rechtsbeistand und um Ein-
setzung von MLaw Lara Märki, Rechtsanwältin, als amtliche Rechtsbei-
ständin. Er verwies auf die bereits mit der Beschwerde zu den Akten ge-
reichte Vollmacht, worin diese ebenfalls als Rechtsvertreterin genannt sei.
J.
Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um Entlassung aus der amtli-
chen Vertretung mit Verfügung vom 22. Oktober 2021 gut und ordnete den
Beschwerdeführenden die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin bei.
K.
Mit Eingabe vom 2. November 2021 reichte die Rechtsvertreterin eine Kos-
tennote zu den Akten.
L.
Mit Eingaben vom 16. November 2022 und vom 28. November 2022 lies-
sen die Beschwerdeführenden weitere Beweismittel (Sceenshots, Bestäti-
gung der Bibelschule) zu den Akten reichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
E-5727/2020
Seite 6
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bis zu diesem Zeit-
punkt gültige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Ände-
rung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden (Eltern) haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.5 Das am (...) geborene Kind der Beschwerdeführenden wird in das Be-
schwerdeverfahren einbezogen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26 - 33 VwVG kon-
kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst alle Befugnisse, die
einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Dazu gehört insbesondere das Recht der Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden sowie Einsicht in die Akten zu nehmen. Mit
dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen
tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung ange-
messen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass
die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfech-
ten kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überlegungen nennen, von
denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt. Nicht
E-5727/2020
Seite 7
erforderlich ist hingegen, dass sich die Begründung mit allen Parteistand-
punkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen aus-
drücklich erwähnt oder widerlegt. Somit darf sich die Vorinstanz bei der
Begründung der Verfügung auf die für den Entscheid wesentlichen Ge-
sichtspunkte beschränken und ist nicht gehalten, sich ausdrücklich mit je-
der tatbeständlichen Behauptung auseinanderzusetzen (vgl. BGE 136 I
184 E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
3.2 Die Beschwerdeführenden beantragen im Eventualstandpunkt die
Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung und rügen einen zu strengen
Massstab bei der Glaubhaftigkeitsprüfung. In der Beschwerde bringen sie
unter anderem vor, der Dolmetscher an der BzP sei aus Afghanistan ge-
wesen und habe kein übliches Farsi gesprochen. Aus Höflichkeit und Zu-
rückhaltung hätten sie bestätigt, dass sie ihn gut verstehen könnten. Da sie
sich nach Erhalt der Vorladung zur Anhörung Sorgen gemacht hätten, hät-
ten sie mit Schreiben vom 1. Juli 2020 um die Ladung eines geeigneten
Dolmetschers gebeten. Im Weiteren habe das SEM die vorgelegten Be-
weismittel nicht ausreichend gewürdigt, sondern pauschal als unglaubhaft
qualifiziert. Es fehle zudem eine Auseinandersetzung mit den Aussagen
der Beschwerdeführerin.
3.3 Aus den Akten geht hervor, dass die Beschwerdeführenden zu Beginn
und am Ende der BzP zu Protokoll gegeben haben, den Dolmetscher gut
zu verstehen. Im Rahmen der Rückübersetzung der Protokolle wurden
keine Korrekturen angebracht. Nach der Rückübersetzung bestätigten sie
unterschriftlich, dass die Protokolle ihren Aussagen entsprechen würden.
Konkrete Anhaltspunkte für Verständigungsprobleme beziehungsweise für
eine gravierende Fehlleistung des Dolmetschers, welche eine Gehörsver-
letzung begründen würde, liegen nicht vor. Solche Hinweise gehen auch
nicht aus ihrem späteren Schreiben an das SEM hervor, in welchem sie für
die Anhörung um die Ladung eines Dolmetschers aus dem Iran gebeten
haben. Dass sich das SEM im Rahmen der Glaubhaftigkeitsprüfung auf die
Protokolle der BzP gestützt hat, ist nicht zu beanstanden.
3.4 Hinsichtlich der angeblich unberücksichtigt gebliebenen Beweismittel
ist festzuhalten, dass das SEM alle Dokumente, welche die Beschwerde-
führenden eingereicht hatten, in der angefochtenen Verfügung angeführt
und sich mit der Frage des Beweiswerts der vorgelegten Kopien von be-
hördlichen Dokumenten auseinandergesetzt hat. Es geht aus der Verfü-
gung klar hervor, weshalb die eingereichten Dokumente nach der Auffas-
E-5727/2020
Seite 8
sung des SEM an der Unglaubhaftigkeit der Fluchtvorbringen nichts än-
dern. Damit sind keine entscheidwesentlichen Beweismittel unberücksich-
tigt geblieben. Dass die Würdigung der Dokumente nach Ansicht der Be-
schwerdeführenden anders hätte ausfallen sollen, lässt nicht auf eine Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs schliessen. Soweit die Beschwerdeführerin
eine ungenügende Würdigung ihrer Vorbringen rügt, ist festzuhalten, dass
sie an der BzP keine eigenen Fluchtgründe genannt, sondern sinngemäss
eine befürchtete Reflexverfolgung vorgebracht hat. Sie sagte, sie befürchte
ihre Hinrichtung mit der Begründung: «einen Ehemann sieht man dort nicht
getrennt von der Ehefrau. Die Frau wird dort auch einbezogen» (A7, S. 8).
Auch in der Anhörung hat sie ausgesagt, sie fürchte im Wesentlichen, dass
ihr Mann verhaftet werde und sie deshalb ebenfalls Probleme bekommen
würde (A20 F77). Im Weiteren befürchte sie wegen ihrer im Familienkreis
bekannten Konversion als Abtrünnige behandelt zu werden (A20 F79 f.).
Mit diesen Gründen hat sich die Vorinstanz – wenn auch nur kurz – in der
angefochtenen Verfügung auseinandergesetzt. In der Beschwerde wird
nicht substantiiert dargelegt, welche Aussagen der Beschwerdeführerin
konkret eine vertiefte Auseinandersetzung benötigen. Die Verfügung war
inhaltlich so abgefasst, dass die Beschwerdeführenden dagegen wirksam
Beschwerde erheben konnten. Es liegt kein Begründungsmangel vor, der
zur Kassation führen könnte.
3.5 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Der hilfsweise Antrag auf Rückweisung ist abzu-
weisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
E-5727/2020
Seite 9
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM hielt in der angefochtenen Verfügung fest, die geltend ge-
machten Vorfluchtgründe seien nicht glaubhaft. Der Beschwerdeführer
habe in der Anhörung die Hausdurchsuchung nach seiner Freilassung aus
dem Gefängnis und die Beschlagnahmung seines Laptops nachgescho-
ben. Im Weiteren hätten sie divergierende Aussagen zum letzten Arbeits-
tag des Beschwerdeführers gemacht. Laut Aussagen in der BzP bezie-
hungsweise Anhörung des Beschwerdeführers sei dieser Ende Juli gewe-
sen; im Verlauf der Anhörung habe er aber gesagt, nach seiner Freilassung
im August nochmals gearbeitet zu haben. Die Beschwerdeführerin habe
seinen letzten Arbeitstag auf den 5. oder 6. September datiert. Seine An-
gaben zum Konversionsprozess, zu den Hauskirchenbesuchen sowie zur
drohenden Verfolgung seien vage und oberflächlich ausgefallen. Wären
die Besuche – wie er vorbringe – ein fester Bestandteil seines Lebens ge-
wesen, hätte er konkrete und substanzielle Angaben dazu machen können,
wie die Besuche abgelaufen seien und was ihm daran gefallen habe. Er
habe auf Nachfrage keine Beispiele für Fragen nennen können, die er sei-
nem christlichen Freund interessehalber gestellt habe. Seine Aussagen
hätten sich auf ein «schönes Gefühl», das er in der Hauskirche gehabt
habe, beschränkt. Statt dieses Gefühl zu erklären beziehungsweise in ei-
nen Lebenskontext zu stellen, habe er auf Nachfragen mit allgemeinen
Ausführungen geantwortet (Gott als Symbol für Liebe; dass man im Islam
Angst haben müsse; dass das Gefühl die Erscheinung des Heiligen Geis-
tes im Herzen gewesen sei). Seinen Angaben fehle damit der persönliche
Bezug. Auch die Frage nach der Motivation für den Glaubenswechsel habe
er nur vage beantwortet. Er habe gesagt, er sei noch nicht hundertprozen-
tig Christ, habe sich jedoch taufen lassen. Das Christentum sei keine Reli-
gion, sondern ein Weg. Er sei ein besserer Mensch geworden. Die Ausfüh-
rungen seien nicht überzeugend, weil er zum Anhörungszeitpunkt schon
seit drei Jahren intensiv mit dem Christentum in Kontakt gewesen sein
müsste, nachdem er angegeben habe, dass der Besuch der Hauskirchen
für ihn zum festen Bestandteil seines Lebens im Iran geworden sei. Dem
hätten aber seine vagen Angaben zum Konversionsprozess widerspro-
chen. Es fehlten Berichte über Glaubensinhalte, welche ihn angesprochen
hätten, sowie konkrete Aktivitäten, um den Konversionsprozess glaubhaft
E-5727/2020
Seite 10
zu machen. Im Weiteren seien auch die Aussagen zu den Ereignissen, wel-
che zur Flucht geführt hätten, vage geblieben. In Bezug auf die angebliche
Razzia habe er nicht genau sagen können, von welcher Behörde die Be-
amten gewesen seien (gemäss BzP seien es Polizeibeamte gewesen, laut
Anhörung Beamte in Zivil). Er habe auch die Personen, welche mit ihm
nach dem Gottesdienst noch vor Ort verblieben seien, nicht genau benen-
nen können. Schliesslich sei die Schilderung der dreitägigen Haft rudimen-
tär und frei von Realkennzeichen gewesen. Auch zu den für ihn gefährli-
chen Dokumenten auf dem Laptop habe er lediglich vage Angaben ge-
macht. Erst nach zweimaligem Nachfragen habe er angegeben, es sei um
Martin Luther und den Unterschied der Kirchen gegangen. Es wäre zu er-
warten gewesen, dass er frei über die Dokumente erzählen, ihren Inhalt
benennen und erklären könne, was daran für ihn eine Gefahr darstelle, zu-
mal er vorgebracht habe, dass er sich nach der Konfiskation des Laptops
auf die Flucht begeben habe. Auch die Vorbringen der Beschwerdeführerin
zu den Vorfluchtgründen seien unglaubhaft geblieben. Dass Probleme mit
dem iranischen Staat bestünden, ergebe sich auch nicht aus den einge-
reichten Vorladungen und dem Schreiben betreffend seine Freilassung auf
Kaution. Es fehle darauf ein Vermerk des Vorladungsgrundes und als Ko-
pien hätten die Schreiben keinen Beweiswert. Zudem könnten iranische
Dokumente leicht gefälscht oder käuflich erworben werden. Trotz Aufforde-
rung habe der Beschwerdeführer sich nicht mehr darum bemüht, an wei-
tere Informationen über sein Verfahren zu gelangen, obwohl er an der BzP
noch angegeben habe, dass es in seinem Fall zu einem Urteil kommen
werde. Auch die medizinischen Unterlagen hinsichtlich seines Vaters, das
Arztzeugnis in Bezug auf seinen Bruder und die Arbeitsbestätigungen und
Empfehlungsschreiben stellten keinen Beleg für die geltend gemachte Ver-
folgung im Iran dar. Im Weiteren seien die Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin, sie habe sich bereits im Iran dem Christentum zugewandt, unglaub-
haft. Auch die Taufe, welche zwei Monate nach der Ausreise stattgefunden
habe, lasse nicht darauf schliessen, dass sie sich davor vertieft mit dem
Christentum und dem Glaubenswechsel auseinandergesetzt hätten. Beide
hätten nicht darzulegen vermocht, weshalb sie sich dazu entschieden hät-
ten. Der Vollständigkeit halber sei festzuhalten, dass Konvertiten im Iran
nicht automatisch verfolgt würden, ohne exponierte Stellung beziehungs-
weise Funktion in der neuen Glaubensgemeinschaft, etwa, indem sie sich
aktiv für dessen Verbreitung einsetzten. Da davon auszugehen sei, dass
sie vor ihrer Ausreise keine Probleme gehabt hätten, sei auch nicht erkenn-
bar, weshalb sie bei einer Rückkehr im Fokus der Behörden stehen wür-
den. Aufgrund der vorgebrachten Demonstrationsteilnahmen sei kein poli-
E-5727/2020
Seite 11
tisches Profil erkennbar, welches bei Rückkehr zu einer konkreten Gefähr-
dung führen könnte. Zwar interessierten sich die iranischen Behörden für
exilpolitische Aktivitäten, seien aber auf Personen konzentriert, welche mit
ihren Aktivitäten aus der Masse hervortreten und als ernsthafte Bedrohung
für das Regime wahrgenommen würden. Die Teilnahmen an zwei bezie-
hungsweise drei Demonstrationen als einfache Teilnehmende seien nicht
geeignet, ein ernsthaftes Vorgehen der iranischen Behörden zu bewirken.
Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass gegen den Beschwerdeführer im
Iran behördliche Massnahmen eingeleitet worden seien und er vom irani-
schen Staat als Bedrohung wahrgenommen würde.
5.2 Demgegenüber bringen die Beschwerdeführenden vor, sie hätten ihre
Angaben zur Beschlagnahmung des Laptops nicht nachgeschoben. Der
Beschwerdeführer sei in der BzP aufgefordert worden, sich kurz zu halten,
und habe erst in der Anhörung Gelegenheit zur ausführlichen Schilderung
des Vorfalls erhalten. Wie er in der Anhörung auch gesagt habe, seien die
Teilnahmen an religiösen Veranstaltungen und die Vorwürfe des Richters
in der Befragung Grund für seine Ausreise gewesen. Die Hausdurchsu-
chung habe nur das Fass zum Überlaufen gebracht. Zwar habe die Vor-
instanz an der BzP mehrmals bezüglich der Asylgründe nachgefragt, zu
den Ereignissen nach dem 29. Juli 2018 habe sie ihm aber nur zwei Fragen
gestellt. Grund dafür, dass die Beschlagnahmung des Laptops an der BzP
nicht protokolliert worden sei, seien die Übersetzungsprobleme an der Erst-
befragung gewesen. Er (der Beschwerdeführer) habe dabei die Sicherstel-
lung christlicher Dokumente mit Sicherheit erwähnt. Auch bei Betrachtung
seiner Aussagen zum letzten Arbeitstag sei erkennbar, dass er diesen nicht
mit Ende Juli datiert habe, wie die Vorinstanz zu Unrecht angenommen
habe. Er habe in der BzP dafür als Zeitangabe lediglich den fünften Monat
im persischen Kalender genannt, welcher im gregorianischen Kalender
zwischen dem 23. Juli und dem 21. August liege. Die Aussage an der An-
hörung, dass er nach seiner Freilassung im August nochmals arbeiten ge-
gangen sei, stehe dazu nicht im Widerspruch. Bei der Frage nach dem
letzten Arbeitstag habe es sich ohnehin um eine Nebensächlichkeit gehan-
delt. Insbesondere gehe die Vorinstanz zu Unrecht von der mangelnden
Glaubhaftigkeit seines Glaubenswechsels aus und habe seine Aussagen
zum Konversionsprozess zu Unrecht pauschal als unglaubhaft abgetan,
ohne sich damit auseinanderzusetzen. Die Schilderung, wie sich seine
Freundschaft zu einem Christen entwickelt habe und es schliesslich zu
Hauskirchenbesuchen gekommen sei, sei äusserst facettenreich ausgefal-
len und enthalte Realkennzeichen. Er habe auch über Fragen an seinen
E-5727/2020
Seite 12
Freund berichtet und als Motivation für die Konversion nicht nur ein schö-
nes Gefühl genannt, sondern zahlreiche weitere Gründe aufgeführt, aus
welchen sich ein höchstpersönlicher und emotionaler Bezug ableiten lasse
(Atmosphäre, interessante Menschen, das Sprechen über Liebe und Ver-
gebung, das Gebet für seine (...) Mutter). Auch werde ihm zu Unrecht eine
mangelnde Substanziiertheit weiterer Aussagen vorgehalten. Er habe nicht
wissen können, von welcher Behörde die Hausdurchsuchung im Zuge der
Razzia durchgeführt worden sei, weil die Sicherheitskräfte Zivilkleidung ge-
tragen hätten. Üblicherweise würden sich die Einheiten bei einer Durchsu-
chung auch nicht ausweisen. Zudem wiesen seine diesbezüglichen Schil-
derungen im freien Bericht Realkennzeichen auf. Er habe – im Gegensatz
zu den Ausführungen der Vorinstanz – einen Teil der anwesenden Teilneh-
mer des Hauskirchenbesuchs sehr wohl benennen können. Die Vorinstanz
bemängle auch zu Unrecht seine Angaben hinsichtlich seines Gefängnis-
aufenthalts und der beschlagnahmten Dokumente auf dem Laptop. Ihm
seien dazu nur zwei bis drei Fragen gestellt worden. Nachfragen hätten
sich um Details und Beispiele gedreht, welche er auch genannt habe. Er
habe die verschiedenen Themen der Dokumente auf dem Laptop genannt,
woraufhin die Vorinstanz nicht weiter nachgefragt habe. Schliesslich sei
auch den eingereichten Vorladungen und Beweismitteln Beweiswert zuzu-
messen. Der Grund der Vorladung werde auf iranischen Dokumenten nicht
immer genannt, wie sich auch aus einem EASO-Länderbericht ergebe.
Möglicherweise sei der Vorladungsgrund Apostasie gewesen und aufgrund
der öffentlichen Sittlichkeit nicht genannt worden. Den Beschwerdeführen-
den sei auch nicht vorzuwerfen, dass sie kein Gerichtsurteil nachgereicht
hätten. Revolutionsgerichte würden diese nicht immer zustellen und es sei
auch unklar, ob das Verfahren überhaupt abgeschlossen sei.
Die Konversion der Beschwerdeführenden beruhe auf einem ernst gemein-
ten Gesinnungswandel, wie sich aus den Taufurkunden und zahlreichen
weiteren Beweismitteln ergebe. Die Beschwerdeführerin besuche eine Bi-
belschule und sei in den sozialen Medien aktiv, wo sie regelmässig Posts
mit christlichen Inhalten teile und sich zum Thema äussere. Ihre exilpoliti-
schen Aktivitäten seien beachtlich, wobei festzuhalten sei, dass ihnen zu-
nächst bei der Anhörung nicht bewusst gewesen sei, dass dies für ihr Asyl-
gesuch relevant sei. Die Fotos belegten Teilnahmen des Beschwerdefüh-
rers an insgesamt elf Demonstrationen, die Beschwerdeführerin sei vor al-
lem im Internet politisch aktiv und teile regelmässig Beiträge politischen
Inhalts. Sie habe Videos gepostet, die ihre Teilnahmen an Demonstratio-
nen gegen das iranische Regime zeigten, welche hunderte Aufrufe aufwie-
sen und von weiteren Personen geteilt worden seien, weshalb von einer
E-5727/2020
Seite 13
grossen Reichweite auszugehen sei. Iranische Institutionen überwachten
soziale Medien, Blogs und kleine Webseiten auch ausserhalb des Irans.
Es sei mit hohen Strafen zu rechnen, wenn die Veröffentlichung von Inhal-
ten in den Augen der Behörden die öffentliche Moral schädigten oder als
Verbreitung von Lügen gelten würden. Bei einer Rückkehr käme es zu ei-
nem Kontakt mit den Behörden und zur Überprüfung ihrer Internetaktivitä-
ten. Bereits eine einfache Google-Suche würde zu ihren Facebook-Profilen
und zur Website der F._ führen, auf welcher sie namentlich und mit
Fotos angeführt seien. Bereits in der Schweiz habe die Beschwerdeführe-
rin Drohungen, dass sie eine schwere Strafe zu erwarten habe, sowie Be-
leidigungen und Hasskommentare erhalten. Die Verbreitung der Inhalte im
Internet setze sie einer grossen Gefahr aus, zumal sie unter Umständen
bereits jetzt in den Fokus der Behörden geraten sei. So sei über eine De-
monstration in H._ auf dem Newskanal (...) mit 141'000 Aufrufen
berichtet worden. In dem Video sei der Beschwerdeführer klar erkennbar.
Dies gelte auch für weitere Newsfeeds und Youtube. Ihre Aktivitäten wür-
den in Quantität und Qualität als staatsfeindlich angesehen und wiesen
eine hohe Exponiertheit auf.
5.3 In der Vernehmlassung hält die Vorinstanz an ihrem Entscheid fest und
führt ergänzend aus, die geltend gemachten Vorfluchtgründe seien un-
glaubhaft. Die (als Nachfluchtgrund) geltend gemachte Konversion der Be-
schwerdeführerin sei unglaubhaft und dürfte den Behörden nicht bekannt
sein. Daran vermöge die Teilnahmebestätigung der christlichen Schule der
Beschwerdeführerin nichts zu ändern. Das im Weiteren dargelegte exilpo-
litische Engagement in Form von geteilten oder weitergeleiteten Inhalten
im Internet (mehrheitlich zum Zeitpunkt nach Erlass der angefochtenen
Verfügung) sei als niederschwellig einzustufen. Dies gelte auch für ihre for-
male Bezeichnung als Mitglieder des Exekutivkomitees einer Bewegung
sowie für die Teilnahme an diversen Veranstaltungen, an welchen sie sich
nicht über das Mass anderer Personen hinaus exponiert hätten.
5.4 In der Replik halten die Beschwerdeführenden an ihren Beschwerde-
begehren fest. Die eingereichten Beweismittel zeigten, dass die Konver-
sion der Beschwerdeführerin nicht nur formal erfolgt sei, sondern sie sich
sehr intensiv mit dem Glauben befasse. Da sie bereits in den Fokus der
iranischen Behörden gelangt seien, müsse davon ausgegangen werden,
dass jene vom Facebook-Profil der Beschwerdeführerin Kenntnis hätten.
Der Beschwerdeführer sei bereits vor Ausreise als regimefeindliche Person
aufgefallen, wie sich aus den nachgewiesenen Kontakten mit den Strafver-
folgungsbehörden zeige. Sie hätten auch seinen Bruder, der beim Militär
E-5727/2020
Seite 14
sei, belangt und misshandelt. Dies werde durch das vorgebrachte Arzt-
zeugnis belegt – selbst wenn der Militärarzt darin den Grund für die
Schmerzen nicht habe anführen wollen. Schliesslich sei ihr exilpolitisches
Engagement nicht als niederschwellig einzustufen. Es sei anzunehmen,
dass die Behörden sie auf dem Radar hätten, wegen der Erkennbarkeit auf
den veröffentlichten Fotos ihrer Aktivitäten sowie wegen der regimekriti-
schen Inhalte ihrer Posts, sowie als Exekutivmitglieder der F._ be-
ziehungsweise (...).
6.
6.1 Im Ergebnis ist nach Prüfung der Akten in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz festzuhalten, dass die geltend gemachten Vorfluchtgründe der
Beschwerdeführenden in den wesentlichen Punkten den Anforderungen an
die Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 AsylG nicht genügen.
6.2 Zwar machten beide – wie in der Beschwerdeschrift angeführt – Anga-
ben zur engen Freundschaft mit einem christlichen Arbeitskollegen des Be-
schwerdeführers. Auch haben sie die Stichhaltigkeit einzelner Argumente
des SEM, welche zur Begründung der Verfügung herangezogen wurden,
nicht zu Unrecht angezweifelt, wie etwa die Angaben des Beschwerdefüh-
rers zu seinem letzten Arbeitstag nach dem persischen Kalender, welche
nicht auf ein eindeutiges Datum Ende Juli schliessen lassen. Die Vorin-
stanz hat aber nachvollziehbar begründet, weshalb sie seine Hauskirchen-
besuche nicht für glaubhaft befunden hat. Es trifft zu, dass er nicht über-
zeugend über den Glaubenswechsel sowie die Hauskirchenbesuche be-
richtet hat, obwohl er seinen Angaben zufolge zwischen September 2017
und Ende Juli 2018 etwa zweimal pro Monat an solchen Treffen teilgenom-
men haben müsste. Das angenehme Beisammensein sagt zu wenig dar-
über aus, zumal er und seine Freunde sich mit seinen Hauskirchenbesu-
chen in grosse Gefahr begeben haben müssten. Es ist zwar richtig, dass
er im freien Bericht unter anderem angegeben hat, dass auch für seine
kranke Mutter gebetet worden sei. Auf Nachfragen hin, was für ihn wirklich
wichtig gewesen sei, gab er aber keine konkreten Antworten. Dass er sich
aus Interesse an abstrakten religiösen Fragen auf regelmässige Hauskir-
chenbesuche eingelassen haben soll, ist nicht nachvollziehbar (A19
F40 ff.). Als er direkt gefragt wurde, was der ausschlaggebende Punkt ge-
wesen sei, Christ zu werden, gab er an, er fühle sich nicht hundertprozentig
als Christ. Auch auf Nachfrage hin, warum er sich dann habe taufen lassen,
sagte er, das Christentum sei keine Religion. Die Vorinstanz hat insgesamt
betrachtet seine oberflächlichen Angaben zu den Hauskirchenbesuchen
E-5727/2020
Seite 15
und zur Konversion zu Recht als zu vage und damit als unglaubhaft einge-
stuft. Es trifft auch zu, dass seine Schilderung der Razzia, im Zuge derer
er festgenommen worden sei, nicht den Eindruck erweckt, er habe dies
tatsächlich erlebt (A19 F50 ff.). Bei einem so einschneidenden Erlebnis
(Abführen in Handschellen mit Augenbinden) ist nicht nachvollziehbar,
dass er zunächst ungenau von noch drei oder vier anwesenden Personen,
die betroffen gewesen seien, spricht, und nur zwei der anderen mit Namen
nennen kann. Zu den weiteren Konsequenzen bringt er vor, dass zwei we-
gen Alkoholbesitz beziehungsweise -konsum verurteilt worden seien und
ihm vorgeworfen hätten, dass sie wegen ihm bestraft worden seien, weil er
als Muslim dabei gewesen sei. Bei dieser Sachlage erschliesst sich nicht,
warum er dann eine Strafe wegen Apostasie befürchtet. Wie die Vorinstanz
festgehalten hat, ist es auch nicht nachvollziehbar, dass er sich nicht mit
Hilfe eines Anwalts nach dem Stand seines Verfahrens erkundigen könne.
Im Weiteren ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz die Aussagen
zu den drei Tagen, welche er in der Haft verbracht habe, als zu vage und
deshalb für unglaubhaft befunden hat. Er wurde in der Anhörung zweimal
aufgefordert, diese Tage detailliert zu schildern, und hat darauf jeweils nur
kurz in zwei bis drei Sätzen geantwortet, es habe sich um eine schmutzige
Zelle für eine Person gehandelt, in der sie aber zu zweit gewesen seien,
mit wenig Toilettengang und schlechtem Essen, er habe im Sitzen schlafen
müssen (A19 F60 f.). Schliesslich hat die Vorinstanz auch zutreffend fest-
gehalten, dass beide Beschwerdeführende in der BzP die spätere Haus-
durchsuchung bei den Eltern des Beschwerdeführers, welche nach seiner
Freilassung stattgefunden habe, nicht erwähnt haben. Erst in der Anhörung
hat der Beschwerdeführer dargelegt, wie sehr er sich geärgert habe, dass
er nach seiner Freilassung seinen Laptop bei seinen Eltern vergessen
habe. Die Nachricht seiner Schwester über die Hausdurchsuchung habe
ihn «wie einen Hammer» getroffen, da die Behörden erst durch seinen Lap-
top überhaupt in den Besitz von belastbaren Beweisen gelangt seien. Wie
die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat, hat er diese Begebenheit in der
Anhörung als eigentlichen Ausreisegrund genannt. Bei einem Ärgernis mit
derart einschneidenden Folgen wäre zu erwarten gewesen, dass zumin-
dest einer der Beschwerdeführenden die Beschlagnahmung des Laptops
bereits an der BzP erwähnt hätte. Es trifft auch zu, dass der Beschwerde-
führer zweimal um Beschreibung der kompromittierenden Dokumente ge-
beten wurde, bevor er Beispiele genannt hat (A19 F70 f.). Dass die Vor-
instanz darin ein ausweichendes Aussageverhalten sieht, ist nicht zu be-
anstanden. Die geltend gemachte Gefahr beziehungsweise Furcht vor Ver-
folgung aufgrund des belastenden Beweismaterials erscheint auch vor
dem Hintergrund unglaubhaft, dass die Beschwerdeführenden unbehelligt
E-5727/2020
Seite 16
mit ihren Originalreisepässen über den Flughafen D._ ausgereist
sind. Im Weiteren hat die Vorinstanz zutreffend festgehalten, dass die Be-
schwerdeführerin ausgesagt hat, Verfolgungshandlungen aufgrund der
Probleme ihres Mannes zu befürchten. Da seine Vorfluchtgründe nicht
glaubhaft sind, ist auch die von ihr geltend gemachte Reflexverfolgungsge-
fahr unglaubhaft. Ihre Aussagen, sich bereits im Iran zum Christentum hin-
gezogen gefühlt zu haben, stellen keine substantiierte Behauptung einer
Verfolgungsgefahr vor der Ausreise dar, und vermögen die geltend ge-
machte Furcht nicht objektiv zu begründen. An diesem Ergebnis vermögen
die eingereichten Beweismittel nichts zu ändern. Dass der Vater des Be-
schwerdeführers an der Hausdurchsuchung geschlagen worden sei, lässt
sich nicht aus den Arztdokumenten zu einem Herzleiden herleiten. Auch
die Dokumente zu den Problemen des Bruders enthalten keine konkreten
Hinweise auf eine Verfolgung, da darin – wie die Beschwerdeführenden
vorbringen – kein Grund für die Verletzung genannt wurde. Grundsätzlich
ist auch die Einschätzung der Vorinstanz, die Kopien der Vorladungen und
der Kautionsbestätigung seien ohne nennenswerten Beweiswert – ange-
sichts der oberflächlichen Aussagen zu den zugrundeliegenden Ereignis-
sen –, nicht zu beanstanden.
6.3 Nach dem Gesagten ist es den Beschwerdeführenden nicht gelungen,
eine im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus dem Iran bestehende Verfolgung
durch die heimatlichen Behörden nachzuweisen oder zumindest glaubhaft
zu machen. Im Ausreisezeitpunkt erfüllten sie die Flüchtlingseigenschaft
gemäss Art. 3 AsylG nicht.
7.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführenden die Flüchtlings-
eigenschaft aufgrund des Vorliegens subjektiver Nachfluchtgründe erfül-
len. Sie machen geltend, sie seien exilpolitisch aktiv und müssten deshalb
bei einer Rückkehr in den Iran mit flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung
rechnen. Die Beschwerdeführerin bringt im Weiteren vor, sie sei zum Chris-
tentum konvertiert und übe den Glauben aktiv aus.
7.1
7.1.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimatland eine Gefährdungssituation geschaffen worden sei,
macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG
geltend. Solche begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, führen aber zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie
missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen
E-5727/2020
Seite 17
werden Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.1). Massgeblich ist, ob die heimatlichen Behörden das
Verhalten der asylsuchenden Person als staatsfeindlich einstufen und
diese deswegen bei der Rückkehr in den Heimatstaat eine Verfolgung ge-
mäss Art. 3 AsylG befürchten muss. Es bleiben damit die Anforderungen
an den Nachweis einer begründeten Furcht massgeblich (Art. 3 und Art. 7
AsylG).
7.1.2 Die Menschenrechtssituation im Iran muss schon seit geraumer Zeit
in genereller Hinsicht als schlecht bezeichnet werden, insbesondere be-
züglich der Wahrung der politischen Rechte und der Meinungsäusserungs-
freiheit. Jegliche Kritik am System der Islamischen Republik und an deren
Würdenträgern ist tabu. Die politische Betätigung für staatsfeindliche Or-
ganisationen im Ausland ist im Iran unter Strafe gestellt. Einschlägigen Be-
richten zufolge wurden in der Vergangenheit Personen verhaftet, angeklagt
und verurteilt, die sich unter anderem im Internet kritisch zum iranischen
Staat geäussert hatten. Es ist bekannt, dass die iranischen Behörden die
politischen Aktivitäten ihrer Staatsbürger auch im Ausland überwachen und
erfassen. Mittels Einsatzes moderner Software dürfte es den iranischen
Behörden auch möglich sein, die im Internet vorhandenen grossen Daten-
mengen gezielt und umfassend zu überwachen. Es ist im Einzelfall zu prü-
fen, ob die Aktivitäten einer asylsuchenden Person bei einer allfälligen
Rückkehr in den Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte
Nachteile im flüchtlingsrechtlichen Sinn nach sich ziehen. Dabei ist davon
auszugehen, dass sich die iranischen Geheimdienste auf die Erfassung
von Personen konzentrieren, die über die massentypischen, niedrigprofi-
lierten Erscheinungsformen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen aus-
geübt und/oder Aktivitäten vorgenommen haben, welche die jeweiligen
Personen aus der Masse der mit dem Regime Unzufriedenen herausste-
chen und als ernsthafte und gefährliche Regimegegner erscheinen lassen.
Zu einem gewissen Mass darf zudem davon ausgegangen werden, dass
die iranischen Sicherheitsbehörden zwischen tatsächlich politisch enga-
gierten Regimekritikern und Exilaktivisten, die mit ihren Aktionen in erster
Linie die Chancen auf ein Aufenthaltsrecht zu erhöhen versuchen, unter-
scheiden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3; Urteile des BVGer D-830/2016 vom
20. Juli 2016 E. 4.2 und E-5292/2014 vom 25. Februar 2016 E. 7.4 m.w.H).
7.1.3 Allein der Übertritt zu einer anderen Glaubensrichtung führt im Iran
grundsätzlich noch nicht zu einer (individuellen) staatlichen Verfolgung
(vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3). Eine christliche Glaubensausübung vermag
E-5727/2020
Seite 18
gegebenenfalls dann flüchtlingsrechtlich relevante Massnahmen auszulö-
sen, wenn sie in der Schweiz aktiv und sichtbar nach aussen praktiziert
wird und im Einzelfall davon ausgegangen werden muss, dass das heimat-
liche Umfeld von einer solchen, allenfalls gar missionierende Züge anneh-
menden Glaubensausübung erfährt und die asylsuchende Person denun-
ziert. Eine Verfolgung durch den iranischen Staat kommt somit dann zum
Tragen, wenn der Glaubenswechsel bekannt wird und zugleich Aktivitäten
des Konvertiten vorliegen, die vom Regime als Angriff auf den Staat ange-
sehen werden. Bei Konversionen im Ausland muss daher bei der Prüfung
im Einzelfall neben der Glaubhaftigkeit der Konversion auch das Ausmass
der öffentlichen Bekanntheit für die betroffene Person in Betracht gezogen
werden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.4 f.; Urteile des BVGer D-2496/2018
vom 22. Mai 2018 E. 5.5, D-7222/2013 vom 31. Oktober 2014 E. 6.5).
7.2 In der Beschwerde wird vorgebracht, der Beschwerdeführer nehme
häufig an Demonstrationen teil und die Beschwerdeführerin engagiere sich
überwiegend in den sozialen Medien. Beide seien Exekutivmitglieder der
F._.
Wie sich aus den vorgelegten Fotos ergibt, hat der Beschwerdeführer im
Zeitraum zwischen 23. November 2019 und 7. Dezember 2020 an elf De-
monstrationen oder Standaktionen der F._ in I._,
J._, K._, und H._ teilgenommen. Dabei trug er Fah-
nen oder Bilder, auf welchen zum Beispiel der Kopf eines religiösen Füh-
rers durchgestrichen ist oder erhängte Personen abgebildet sind (mit der
Überschrift «Terrorist Islamic Republic of Iran. Islam in Iran»). Von einer
solchen Aktion in I._ vom (...) wurde eine minutenlange Foto-Se-
quenz auf L._ (...) ausgestrahlt (das Video weist 900 Aufrufe im In-
ternet auf). Das Video von der Demonstration vom 11. November 2020 in
Bern wurde laut Angaben der Beschwerdeführenden auf (...) mit 140'000
Aufrufen gezeigt. Es ist unter dem in der Beschwerde angeführten Link
zwar nicht (mehr) abrufbar, die Bilder dieser Aktion auf dem (...) in
H._ sind aber nach wie vor auf der Website der F._ vorhan-
den (Aktion vom 11. November 2020 zum [...]/). Im Weiteren sind auch
Bilder von anderen Aktionen, an welchen der Beschwerdeführer sichtbar
teilgenommen hat, auf jener Website abrufbar. Im Zeitraum von November
2019 bis Dezember 2020 hat der F._ etwa 30 solcher
Standaktionen oder Demonstrationen organisiert, der Beschwerdeführer
war an jedem dritten Anlass dabei. Wie das Bundesverwaltungsgericht be-
reits festgehalten hat, fallen sowohl die Anlässe als auch die Aktivitäten der
F._ eher durch ihre Häufigkeit als durch die Qualität auf (vgl.
E-5727/2020
Seite 19
D-1052/2018 vom 7. März 2018 E. 6.3.1 m.w.H.). Aus den Fotos dieser
Kundgebungen in der Schweiz lässt sich im Weiteren nicht schliessen,
dass der Beschwerdeführer besonders aus den Reihen der anderen Teil-
nehmenden hervortreten würde. Zum Vorbringen, die Beschwerdeführen-
den seien Mitglieder des Exekutivkomitees des (...) F._ – der Be-
schwerdeführer sei (...) und die Beschwerdeführerin (...) – ist festzuhalten,
dass auf der Website (...) aufgelistet sind. Allein die Funktionen als (...)
lassen zwar nicht auf eine extensive politische Tätigkeit und damit auch
nicht auf eine wesentliche Schärfung des politischen Profils schliessen,
selbst wenn die Beschwerdeführenden namentlich sowie mit Foto und Te-
lefonnummern auf der Website aufscheinen (vgl. D-6735/2018 vom
18. März 2019 E. 3.5.2, D-5716/2020 vom 1. Dezember 2020 E. 6.2,
E-4721/2019 vom 5. März 2021 E. 7.1.3, D-1052/2018 vom 7. März 2018
E. 6.3.1). Zur namentlichen Nennung auf der Website kommt aber in einer
Gesamtbetrachtung die Häufigkeit der Teilnahmen an den Aktionen sowie
die Reichweite der in den sozialen Medien (Facebook) weitergeleiteten
Nachrichten und geteilten politischen Posts hinzu. Im Zusammenhang mit
Internetaktivitäten können auch Personen mit einem weniger herausragen-
den Profil ins Visier des iranischen Staates geraten (vgl. D-1052/2018 vom
7. März 2018 E. 6.3.2 und E-5508/2017 vom 26. Oktober 2017 E. 6.1.4).
Der Beschwerdeführer ist über Facebook mit 230 Personen befreundet
und verbreitet unter seinem Klarnamen Posts, in welchen der Tod Ali Kha-
meneis und das Ende der Islamischen Republik Iran gefordert werden. Der
Facebook-Account der Beschwerdeführerin weist 4’993 Freunde auf, mit
welchen sie Bilder der Aktionen beziehungsweise Demonstrationen der
F._ teilt. Es handelt sich um Fotos beziehungsweise Videos in de-
nen der Beschwerdeführer sichtbar ist, sowie religiöse und politische
Posts, darunter Karikaturen von Khomeini, beziehungsweise Posts, in de-
nen Khomeini als Lügner und Zerstörer des Irans dargestellt wird. Die Be-
schwerdeführerin hat den Account zwar nur unter ihrem Vornamen ange-
legt und dabei eine ungewöhnliche Schreibweise verwendet (Silbentren-
nung, Gross-Kleinschreibung). Es wird aber auch ihr Wohnort bekanntge-
geben. Eine einfache Google-Suche mit diesen Daten führt sofort auf die
Website der F._, wo sie mit vollem Namen, Bild und Wohnort ge-
nannt ist. Die persönliche Zuordnung der Inhalte ihres Accounts ist daher
sehr einfach. Sie erhält auf Facebook Hassbotschaften, in welchen sie als
Schlampe beschimpft und damit bedroht wird, im Gefängnis zu landen. Ihre
Furcht, dass jemand, der ihr solche Hassbotschaften schickt, sie und ihren
Mann auch identifiziert beziehungsweise denunziert hat, ist objektiv be-
gründet.
E-5727/2020
Seite 20
7.3 Zusammenfassend ist zwar nicht davon auszugehen, dass den Be-
schwerdeführenden innerhalb der Gemeinschaft der exilpolitischen Aktivis-
tinnen und Aktivisten eine Führungsposition zukommt. Bei einer Gesamt-
betrachtung liegen aber genügend Hinweise dafür vor, dass sie den irani-
schen Überwachungsbehörden mit ihren exilpolitischen Aktivitäten aufge-
fallen sind. Damit dürfte den iranischen Behörden auch das Bekenntnis der
Beschwerdeführerin zum christlichen Glauben, das auf Facebook einseh-
bar ist, bekannt sein, und erhöht das Gefährdungspotential noch zusätz-
lich. Angesichts der Aktenlage ist es objektiv nachvollziehbar, dass die Be-
schwerdeführenden befürchten, sie könnten bei einer Rückkehr in den Hei-
matstaat einer Behandlung ausgesetzt werden, die einer flüchtlingsrecht-
lich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkäme.
7.4 Die Beschwerdeführenden erfüllen damit die Flüchtlingseigenschaft
gemäss Art. 3 AsylG unter dem Aspekt subjektiver Nachfluchtgründe
(Art. 54 AsylG). Hingegen schliesst Art. 54 AsylG die Gewährung von Asyl
aus. Im Ergebnis hat das SEM das Asylgesuch damit zu Recht abgelehnt.
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H).
9.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Wie weiter oben festgestellt, haben die Beschwerdeführenden eine be-
gründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
glaubhaft gemacht und erfüllen die Flüchtlingseigenschaft. Der Vollzug der
Wegweisung in den Iran erweist sich daher wegen drohender Verletzung
des flüchtlingsrechtlichen Gebots des Non-Refoulements (Art. 5 AsylG;
Art. 33 Abs. 1 FK) sowie mit Blick auf Art. 3 EMRK als unzulässig im Sinne
von Art. 83 Abs. 3 AIG. Die Beschwerdeführenden sind daher in der
E-5727/2020
Seite 21
Schweiz vorläufig aufzunehmen. Das minderjährige Kind ist in den Flücht-
lingsstatus der Eltern einzubeziehen und somit ebenfalls als Flüchtling in-
folge Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen
(Art. 51 Abs. 1 AsylG).
10.
Die Beschwerde ist demnach abzuweisen, soweit damit die Gewährung
von Asyl beantragt wurde. Hingegen ist die Beschwerde insoweit gutzu-
heissen, als die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft der Beschwerde-
führenden und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme als Flüchtlinge be-
antragt wurde. Die vorinstanzliche Verfügung vom 15. Oktober 2020 ist
demnach aufzuheben, soweit damit die Flüchtlingseigenschaft verneint
und der Vollzug der Wegweisung angeordnet wurde (Dispositivziffern 1, 4,
und 5). Das SEM ist anzuweisen, die Beschwerdeführenden als Flüchtlinge
infolge Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist von einem teilweisen Obsiegen
der Beschwerdeführenden auszugehen, wobei vorliegend praxisgemäss
von einem rechnerischen Grad des Durchdringens von zwei Drittel auszu-
gehen ist.
11.1 Die reduzierten Verfahrenskosten wären den Beschwerdeführenden
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). In Anbetracht der Gutheissung des
Gesuchs um unentgeltliche Prozessführung in der Verfügung vom 27. No-
vember 2020 ist von der Kostenauflage abzusehen (Art. 65 Abs. 1 VwVG),
zumal aus den Akten nicht hervorgeht, dass sich an der Bedürftigkeit der
Beschwerdeführenden etwas geändert hätte.
11.2 Die Beschwerdeführenden sind im Umfang ihres Obsiegens zu zwei
Dritteln für die ihnen erwachsenen notwendigen Kosten zu entschädigen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. VGKE). Die Rechtsvertreterin hat am 2. No-
vember 2021 eine Kostennote in der Höhe von Fr. 3'983.33 vorgelegt und
erklärt, dass keine Mehrwertsteuerpflicht besteht sowie dass der Stunden-
ansatz auf Fr. 250.– anzusetzen sei, sie für den Fall des Unterliegens aber
von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis 150.– ausgehe.
Der zeitliche Aufwand von 15.8 Stunden und die geltend gemachten Aus-
lagen von Fr. 25.– sind nicht zu beanstanden. Unter Berücksichtigung der
letzten Eingabe ist die reduzierte Parteientschädigung auf gerundet
Fr. 2'700.– festzulegen und vom SEM zu vergüten.
E-5727/2020
Seite 22
11.3 Mit Verfügung vom 27. November 2020 wurde das Gesuch um unent-
geltliche Verbeiständung gutgeheissen und den Beschwerdeführenden zu-
nächst ihr nicht-anwaltlicher Rechtsvertreter beigeordnet, der für sie insbe-
sondere die Beschwerde und die Replik verfasst hat. Das Bundesverwal-
tungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stun-
denansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen
und Vertreter aus (Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE [SR 173.320.2]). Unter
Berücksichtigung der Eingabe vom 16. November 2022 wird ein amtliches
Honorar von gerundet Fr. 820.– zulasten der Gerichtskasse des Bundes-
verwaltungsgerichts ausgerichtet.
(Dispositiv nächste Seite)
E-5727/2020
Seite 23