Decision ID: 160b4456-267e-4d32-b43d-1b26fc62b0f0
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im August 2006 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe in seinem Herkunftsland nach
dem Abschluss der Grundschule eine militärische Ausbildung zum Soldaten absolviert.
Hier in der Schweiz sei er zuletzt in einem Einsatzprogramm des regionalen
Arbeitsvermittlungszentrums tätig gewesen. Der Chirurg Dr. med. B._ berichtete im
September 2006 (IV-act. 11), der Versicherte leide an chronischen Rückenschmerzen,
an einer Konzentrationsschwäche und an einer Depression. Seit dem 1. März 2005 sei
er vollständig arbeitsunfähig. Der Gesundheitszustand verschlechtere sich zusehends.
Die meisten Behandlungen seien wegen mangelnder Kooperation gescheitert. Es
bestehe der Verdacht auf eine beginnende Demenz. Der Allgemeinmediziner Dr. med.
C._ teilte im September 2006 mit (IV-act. 13), der Versicherte leide an einem
chronischen Lumboverte¬bralsyndrom mit einer Discushernie L5/S1 rechts, an
chronischen Kopfschmerzen und an einer chronischen Depression. Vom 1. September
2005 bis zum 31. Oktober 2005 sei er vollständig arbeitsunfähig gewesen. Seit dem 1.
November 2005 sei er wieder zu 50 Prozent arbeitsfähig. Ihm seien allerdings nur
leichte, rückenschonende Tätigkeiten zumutbar. Die Klinik D._ berichtete im
November 2006 (IV-act. 20), die Ergebnisse sämtlicher testpsychologischer
Abklärungen schlössen eine auch nur beginnende dementielle Entwicklung aus. Die
klinischen und die bildgebenden Befunde sowie die fremdanamnestischen Angaben
bestätigten dieses Ergebnis. Der Versicherte leide aber an einer mittelgradigen
depressiven Episode mit somatischen Symptomen. Im Februar 2007 gab der
Neurologe und Psychiater Dr. med. E._ an (IV-act. 21), der Versicherte leide an einer
somatoformen Schmerzstörung und an einer Migrationsproblematik mit
psychosozialen Schwierigkeiten. Beides wirke sich nicht auf seine Arbeitsfähigkeit aus.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Academy of Swiss Insurance Medicine (asim) am
31. Dezember 2007 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 31). Die Sachverständigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hielten fest, der Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit
einer gegenwärtig mittelgradigen Episode, an einem chronischen lumbo-vertebralen
Schmerzsyndrom sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, an einer spezifischen Phobie (Schlangen),
an einer chronischen Gastritis, an einem Nikotinabusus und an einer Adipositas. Er sei
nur noch zu maximal 50 Prozent arbeitsfähig. Schwere körperliche Tätigkeiten seien
ihm nicht mehr zumutbar. Im November 2008 notierte Dr. med. F._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD), das Gutachten der asim sei überzeugend; eine
relevante zwischenzeitliche Sachverhaltsveränderung sei unwahrscheinlich (IV-act. 46).
Mit einer Verfügung vom 3. September 2009 sprach die IV-Stelle dem Versicherten
rückwirkend ab dem 1. November 2006 eine halbe Rente bei einem Invaliditätsgrad von
56 Prozent zu (IV-act. 55).
A.b Im Rahmen einer im Juli 2013 eingeleiteten revisionsweisen Überprüfung des
Rentenanspruchs gab Dr. med. G._ im August 2013 an (IV-act. 74), er verfüge nicht
über genügend Vorakten, um einen vollständigen (formalisierten) Arztbericht erstatten
zu können. Offenbar befinde sich der Versicherte schon seit Jahren in einer
psychiatrischen Behandlung, ohne dass ein Erfolg zu verzeichnen wäre. Es liege eine
„Compliance-Störung“ vor. Der Versicherte könne regelmässig Flugreisen in seine
Heimat unternehmen, ohne dass je Probleme aufgetreten wären. Er, Dr. G._,
empfehle eine erneute Begutachtung durch eine unabhängige Stelle. Der
Allgemeinmediziner Dr. med. H._ berichtete im August 2013 über einen im
Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesundheitszustand (IV-act. 75). Im Januar
2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass eine erneute polydisziplinäre
Begutachtung notwendig sei (IV-act. 80). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die
medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) Zentralschweiz am 3. Juli 2014 ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 88). Die Sachverständigen gaben an, der
Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig
schweren depressiven Episode ohne psychotische Symptome, an einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an
einem chronifizierten cervico-lumbal-betonten panvertebralen Schmerzsyndrom, an
einer Metatarsalgie, an einer Adipositas, an einer spezifischen Phobie (Schlangen), an
Zwangshandlungen, an einem mittelschweren obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom, an
einem Diabetes mellitus, an einer essentiellen Hypertonie und an einem Nikotinabusus.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Er sei nur noch zu 20 Prozent arbeitsfähig. Im August 2014 notierte der RAD-Arzt Dr.
I._ (IV-act. 93–1 f.), das Gutachten der MEDAS Zentralschweiz sei in verschiedener
Hinsicht nicht überzeugend. Die IV-Stelle forderte die Sachverständigen deshalb in der
Folge auf, Stellung zur Würdigung von Dr. I._ zu nehmen (IV-act. 91). Diese hielten in
einer Stellungnahme vom 3. September 2014 an ihrer Diagnosestellung und an ihrer
Arbeitsfähigkeitsschätzung fest (IV-act. 92). Am 16. September 2014 notierte die RAD-
Ärztin Dr. med. J._ (IV-act. 93–3 f.), der psychiatrische Sachverständige habe nach
wie vor keine überzeugende Begründung für seine Diagnosestellung und für seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung liefern können. Die Diagnose einer schwergradigen
depressiven Episode stehe im Widerspruch zu den im Gutachten beschriebenen, noch
vorhandenen Ressourcen des Versicherten (Ausflüge in die Stadt, Café-Besuche,
Einkäufe) und zum Umstand, dass der Versicherte offenbar alleine habe nach Luzern
reisen und dort im Hotel übernachten können. Zudem sei anzuzweifeln, dass eine
schwer depressive Person die langen Untersuchungen hätte durchstehen können.
Zusammenfassend lägen also verschiedene Hinweise auf ein diskrepantes Verhalten
des Versicherten vor.
A.c In der Folge beschloss die IV-Stelle, den Versicherten observieren zu lassen (IV-
act. 95 f.). Im Februar 2015 erteilte sie der K._ GmbH einen entsprechenden Auftrag
(IV-act. 97). Diese berichtete am 27. März 2015 (IV-act. 100), sie habe den Versicherten
am 5., am 9. und am 24. März 2015 observiert. Am 5. März 2015 habe sie ihn nicht zu
Gesicht bekommen. Am 9. März 2015 habe der Versicherte seine Wohnung kurz nach
dem Mittag verlassen. Er sei in Begleitung eines älteren Mannes zu einem Carrossier
gefahren. Nach einer Besichtigung des Wagens sei er weiter ins Stadtzentrum
gefahren, wo er ein Strassencafé aufgesucht habe. Zu Fuss sei der Versicherte dann
zuerst zu einem Kiosk, dann zu einer Bank und schliesslich wieder zurück ins
Strassencafé gegangen. Dort habe er sich mit seinem Begleiter und einem Dritten
unterhalten und mehrere Telefonate geführt. Anschliessend habe er jeweils für kurze
Zeit eine andere Garage, die Gemeindeverwaltung seiner Wohngemeinde, seine
Wohnung und schliesslich wieder die erste Garage aufgesucht. Dann sei er mit dem
Auto ins L._ gefahren, habe sich für gut eine Stunde in einer Pizzeria aufgehalten und
sei dann weiter gefahren. Die Observation sei in M._ abgebrochen worden. Am 24.
März 2015 habe der Versicherte seinen Sohn nach dem Mittag mit dem Auto zur
Schule gefahren, eine Autogarage aufgesucht und schliesslich ein Restaurant in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stadt N._ aufgesucht. Nach 45 Minuten habe er das Restaurant wieder verlassen,
sich mit einem Mann auf dem Gehsteig unterhalten und mit diesem dann eine O._-
Filiale in der Stadt aufgesucht. Nachdem er einige Telefonate auf dem Gehsteig geführt
habe, sei er mit seinem Begleiter zu einem Supermarkt gefahren, den aber nur sein
Begleiter betreten habe. Anschliessend habe der Versicherte seinen Begleiter wieder
zum Restaurant zurück gebracht. Danach habe er seinen Sohn von der Schule
abgeholt. Nach einem kurzen Halt in einer Autogarage habe er seine Tochter von der
Arbeit abgeholt. Um 16.30 Uhr sei er wieder zuhause gewesen. Um 17 Uhr sei die
Observation abgebrochen worden. Im Rahmen der Observationen seien keine
Beeinträchtigungen aufgefallen. Der Versicherte habe einen aufgestellten,
kommunikativen und selbstsicheren Eindruck hinterlassen. Im April 2015 notierte die
RAD-Ärztin Dr. med. P._ (IV-act. 102), das Observationsmaterial wecke Zweifel am
Vorhandensein einer höhergradig ausgeprägten depressiven Störung. Auch Hinweise
auf ein relevantes Rückenleiden seien nicht ersichtlich. Im August 2014 berichtete Dr.
G._ über einen unveränderten Gesundheitszustand des Versicherten (IV-act. 104).
Auch der Psychiater Dr. med. Q._ gab im Mai 2015 an, dass der Gesundheitszustand
des Versicherten unverändert geblieben sei (IV-act. 106). Am 23. Juni 2015 fand ein
Gespräch zwischen einem Sachbearbeiter der IV-Stelle und dem Versicherten statt, bei
dem der Versicherte mit den Observationsergebnissen konfrontiert wurde (IV-act. 111).
A.d Im Auftrag der IV-Stelle erstatteten der Rheumatologe Prof. Dr. med. R._ vom
Inselspital Bern und der Psychiater Dr. med. S._ am 27. August 2015 ein
bidisziplinäres Gutachten (IV-act. 126). Der rheumatologische Sachverständige hielt
fest, der Versicherte habe sich zu Beginn der Untersuchung demonstrativ missmutig
hingesetzt. Bei der ersten verbalen Äusserung des Sachverständigen habe er
aufgeschrien, vehement mit beiden Fäusten und fast gleichzeitig mit voller Wucht mit
der Stirn auf die Tischplatte geschlagen, sei aufgesprungen, habe sich das Jackett vom
Leib gerissen, das Smartphone auf den Boden geschmettert, aufgeheult und sich laut
heulend auf die Untersuchungsliege gelegt. Fünf Minuten später habe die
Untersuchung normal begonnen werden können. Der Versicherte habe die Fragen aber
oft ausschweifend oder gar nicht beantwortet. Die Blutspiegelbestimmung habe unter
dem Referenzwert liegende Konzentrationen der Wirkstoffe Trazodon und Mirtazepan
ergeben; die Konzentration von m-CPP habe gerade noch im Referenzbereich gelegen.
Die klinischen und die bildgebenden Befunde seien abgesehen von einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Übergangsanomalie im lumbo-sacralen Bereich mit einer kompensatorischen
(leichtgradigen) Fehlform, altersentsprechenden degenerativen Veränderungen der
Lendenwirbelsäule und einer muskulären Insuffizienz unauffällig gewesen. Diagnostisch
leide der Versicherte an einem intermittierenden Lumbovertebralsyndrom und an einem
intermittierenden Cervicovertebralsyndrom. Keine der beiden Diagnosen habe eine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Bezüglich der Diagnose und der
Arbeitsfähigkeitsschätzung bestehe eine Übereinstimmung mit dem rheumatologischen
Teilgutachten der MEDAS Zentralschweiz. Auch in Bezug auf das rheumatologische
Teilgutachten der asim bestehe eine weitgehende Übereinstimmung, allerdings hätten
die Sachverständigen der asim die bildgebenden Befunde stärker gewichtet, was
erkläre, weshalb sie schwere körperliche Tätigkeiten als unzumutbar qualifiziert hätten.
Der psychiatrische Sachverständige gab an, der Versicherte habe sein Verhalten
während der Exploration relativ rasch geändert, habe manchmal geseufzt und
gestöhnt, sich dann aber wieder normal mit dem Dolmetscher unterhalten und seine
Ausführungen mit lebhaften Handbewegungen begleitet. Mit den
Observationsergebnissen konfrontiert habe er sich erregt, einen Trinkbecher auf den
Tisch geknallt, argumentiert und gestikuliert, einen finsteren Blick aufgesetzt und
insgesamt sehr vorwurfsvoll gewirkt. Nach der Exploration habe er sich mürrisch
verabschiedet. Er habe gespannt, innerlich geladen und ungehalten gewirkt. Die
während der Exploration immer wieder aufgetretenen Affektdurchbrüche mit Weinen
und Schluchzen hätten den Eindruck des „Gemachten“, „Gesteuerten“ oder zumindest
„Selbstmitleidigen“ hinterlassen. Ermüdungserscheinungen seien trotz der langen
Abklärungsdauer nicht aufgetreten. Im Gegenteil habe der Versicherte am Ende der
Untersuchung (beim Gespräch über die Observation) sthenisch gewirkt, konzentriert
aus den Akten bestimmte Schriftstücke hervorgesucht und sich über Ungerechtigkeiten
ereifert. Sein Aussageverhalten sei demgegenüber diffus, tangential und unergiebig
gewesen. Zwischen den eigenen Angaben des Versicherten und den
fremdanamnestischen Informationen – „Arztberichte, somatische Gutachter,
Observation“ – bestünden derart auffällige Diskrepanzen, dass zumindest von einer
massiven Dramatisierung gesprochen werden müsse. Auffällig sei, dass der Versicherte
bis zur Observation konstant über eine „Panalgie“ mit massivsten schmerzbedingten
Einschränkungen, über ständige diffuse Ängste, über eine Deprimiertheit, über
Insuffizienzgefühle und über einen beinahe grotesken sozialen Rückzug geklagt habe,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in der aktuellen Untersuchung nun aber die auffällige Verdeutlichung von Schmerzen
nicht mehr gezeigt und seine Argumentation geändert habe. Er habe nämlich „einen
Freund ins Spiel gebracht“, mit dem er einen Teil seiner Freizeit verbringe, und er habe
neu behauptet, die früheren Dolmetscher hätten seine Aussagen falsch verstanden.
Weiter sei auch seine Opferhaltung auffällig: Er beschreibe sich als Opfer von
Behördenwillkür und Drangsalierung, neuerdings auch durch die IV-Stelle. Unter
Berücksichtigung der objektiven klinischen Befunde könne keine Diagnose mit einer
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt werden. Als sich nicht auf die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten auswirkende Diagnosen seien narzisstische
Persönlichkeitszüge, deutliche Hinweise für eine Aggravation und für eine
Selbstlimitierung sowie eine Dekonditionierung zu nennen. Bezüglich der
psychiatrischen Teilgutachten der asim und der MEDAS Zentralschweiz sei zu
kritisieren, dass die subjektiven Klagen des Versicherten für bare Münze genommen
worden seien. Seine angeblichen Beschwerden seien kaum validiert worden.
Offensichtliche Diskrepanzen (z.B. erhaltene Fahrfähigkeit, normale Konzentration
während einer mehrstündigen Abklärung) seien nicht kommentiert worden. Der
Blutspiegel der Psychopharmaka sei nicht bestimmt worden und es seien keine
fremdanamnestischen Auskünfte eingeholt worden. Zudem erscheine die
Kommunikation zwischen den Sachverständigen bezüglich der Abgleichung ihrer
Beobachtungen als verbesserungsfähig. Die im Frühjahr 2015 durchgeführte
Observation habe denn auch nachgewiesen, dass die Behauptungen des Versicherten
zu seinem angeblichen totalen sozialen Rückzug und zum Fehlen jeglicher Aktivitäten
und Kontakte völlig unglaubwürdig seien. Trotzdem sei „in dubio pro patiente“
retrospektiv davon auszugehen, dass er im ursprünglichen Rentenverfahren
beziehungsweise bei der ersten Begutachtung im Januar 2008 zu 50 Prozent
arbeitsunfähig gewesen sei. Spätestens im Zeitpunkt der zweiten Begutachtung im
Frühjahr 2014 sei dies aber nicht mehr der Fall gewesen. Gesamthaft sie folglich eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit ab April 2014 zu attestieren.
A.e Mit einem Vorbescheid vom 11. Dezember 2015 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten an (IV-act. 127), dass sie die laufende Rente auf das Ende des der
Zustellung der noch zu erlassenden Verfügung folgenden Monats aufheben werde. Zur
Begründung verwies sie im Wesentlichen auf das bidisziplinäre Gutachten vom 27.
August 2015. Dagegen liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte am 29. Januar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2016 beziehungsweise am 22. Februar 2016 eine „Einsprache“ erheben (IV-act. 132
und 135). Sein damaliger Rechtsvertreter beantragte die Weiterausrichtung der
bisherigen halben Rente der Invalidenversicherung. Zur Begründung führte er an, das
bidisziplinäre Gutachten vom 27. August 2015 weise diverse Mängel auf, weshalb nicht
darauf abgestellt werden könne. Weder dieses Gutachten noch die übrigen Akten
enthielten Hinweise auf eine relevante Sachverhaltsveränderung, weshalb die
Voraussetzungen für eine revisionsweise Rentenaufhebung nicht erfüllt seien. Der
Eingabe lag eine Stellungnahme von Dr. H._ vom 2. Februar 2016 (IV-act. 136–5), der
eine Arbeitsfähigkeit von 20–30 Prozent beziehungsweise maximal 50 Prozent in einer
adäquaten Tätigkeit attestiert hatte, und ein Bericht des Psychiaters Dr. med. T._
vom 30. Januar 2016 bei (IV-act. 136–2 ff.), der eine depressive Störung diagnostiziert
und ebenfalls eine Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent attestiert hatte. Mit einer
Revisionsverfügung vom 25. Februar 2016 hob die IV-Stelle die laufende Rente auf das
Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats auf (IV-act. 137).
B.
B.a Am 11. April 2016 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 25. Februar 2016 erheben (act. G 1). Seine
Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Weiterausrichtung der bisherigen Rente, eventualiter eine weitere Begutachtung ohne
Berücksichtigung der Akten „der rechtswidrigen Observation“ und subeventualiter die
Durchführung einer beruflichen Abklärung oder einer Evaluation der funktionellen
Leistungsfähigkeit über mindestens vier Wochen hinweg. Zur Begründung führte sie
an, die Akten belegten keine wesentliche Veränderung des Sachverhaltes seit der
ursprünglichen Rentenzusprache. Die angefochtene Revisionsverfügung beruhe
lediglich auf einer anderslautenden Würdigung eines unverändert gebliebenen
Sachverhaltes, weshalb sie rechtswidrig sei. Die durchgeführte Observation sei
unverhältnismässig gewesen, da sie über vier Wochen gedauert habe und da kein
begründeter Anfangsverdacht vorgelegen habe. Das Observationsmaterial müsse
folglich aus den Akten entfernt werden. Auf das bidisziplinäre Gutachten vom 27.
August 2015 könne bereits deshalb nicht abgestellt werden, weil die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) dieses weisungswidrig in Auftrag gegeben
habe. Das Bundesamt für Sozialversicherungen habe nämlich mit dem IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rund¬schreiben Nr. 334 vom 7. Juli 2015 eine Auftragssperre bis zur Fertigstellung
eines neuen Standard-Fragekataloges verhängt. Das Gutachten enthalte zudem
diverse inhaltliche Mängel: Der psychiatrische Sachverständige habe keine
fremdanamnestische Auskunft des behandelnden Psychiaters Dr. T._ eingeholt, der
seine Behandlung zwei Tage vor der psychiatrischen Exploration aufgenommen habe;
das Gesamtgutachten sei gemäss der darin enthaltenen Datumsangabe vor der
Erstellung des psychiatrischen Teilgutachtens beziehungsweise noch am Tag der
rheumatologischen Untersuchung erstellt worden; der psychiatrische Sachverständige
habe sich nur kurz zur Observation geäussert respektive sich nicht eingehend mit dem
Observationsmaterial auseinandergesetzt; die Sachverständigen seien
voreingenommen gewesen (der rheumatologische Sachverständige habe den
Beschwerdeführer – mit einer halben Stunde Verspätung – mit den Worten begrüsst:
„Machen Sie schnell, ich habe keine Zeit; Sie müssen auch kein Theater machen“).
Schliesslich habe die Beschwerdegegnerin rechtswidrigerweise keine Abklärungen zum
schweren Schlaf-Apnoesyndrom getätigt. Der Beschwerde lag ein
Sprechstundenbericht des Zentrums für Schlafmedizin des Kantonsspitals St. Gallen
vom 11. Januar 2016 bei, laut dem die CPAP-Therapie eine gute Unterdrückung der
Apnoen bewirkt hatte (act. G 1.1.6).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 6. Juni 2016 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, bezüglich der Zulässigkeit berufe
sich der Beschwerdeführer auf eine veraltete Praxis. Die vorliegend durchgeführte
Observation sei im Lichte der aktuellen Rechtsprechung des Bundesgerichtes zulässig
gewesen. Im Verwaltungsverfahren habe der Beschwerdeführer die Gelegenheit
gehabt, sich zum Gutachtensauftrag und zu den vorgesehenen Fragen zu äussern.
Davon habe er keinen Gebrauch gemacht. Seine Rügen seien nun verspätet. Ohnehin
sei nicht einzusehen, welchen Vorteil er gewonnen hätte, wenn die
Beschwerdegegnerin die Fertigstellung des neuen Standard-Kataloges abgewartet
hätte, den sie dann ja sowieso mit Zusatzfragen hätte ergänzen müssen. Das
Gutachten sei in jeder Hinsicht überzeugend. Die Schlafapnoe könne dank der
erfolgreichen Therapie keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit haben. Das Vorliegen
einer relevanten Sachverhaltsveränderung könnte nur dann verneint werden, wenn
bereits die ursprüngliche Rentenzusprache auf einem falschen Sachverhalt beruht
hätte. Angesichts der zahlreichen Hinweise auf (mindestens) eine Aggravation liege
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diesbezüglich eine Unsicherheit vor. Diese dürfe aber nicht zu einer Perpetuierung der
Rente führen.
B.c Am 11. Juli 2016 liess der Beschwerdeführer an seinen Anträgen festhalten (act. G
8). Auch die Beschwerdegegnerin hielt am 18. August 2016 an ihrem Antrag fest (act. G
10).
C.
Bereits am 8. Juni 2016 hatte ein Rechtsdienstmitarbeiter der Beschwerdegegnerin
notiert, die ausdrückliche Anerkennung des Beschwerdeführers, dass sich sein
Gesundheitszustand nicht wesentlich verändert habe, stelle eine neue Tatsache dar,
die zu einer prozessualen Revision der ursprünglichen rentenzusprechenden Verfügung
führen müsse (IV 2016/317, act. G 3.1.1). Mit einem Vorbescheid vom 9. Juni 2016
hatte die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer deshalb mitgeteilt, dass sie die
Aufhebung der ursprünglichen rentenzusprechenden Verfügung vom 3. September
2009 mittels einer prozessualen Revision und die Abweisung des ursprünglichen
Rentenbegehrens vorsehe (IV 2016/317, act. G 3.1.2). Dagegen hatte der
Beschwerdeführer in einer „Einsprache“ vom 11. Juli 2016 einwenden lassen (IV
2016/317, act. G 3.1.3), es liege keine qualifiziert neue Tatsache im Sinne des Art. 53
Abs. 1 ATSG vor. Die Beschwerdegegnerin habe nur den bereits bekannten
Sachverhalt neu gewürdigt. Angesichts des bereits hängigen Beschwerdeverfahrens IV
2016/119 sei eine Sistierung des „Einspracheverfahrens“ angezeigt. Mit einer
Verfügung vom 18. August 2016 hob die Beschwerdegegnerin mittels einer
prozessualen Revision die ursprüngliche rentenzusprechende Verfügung auf und
ersetzte sie durch die Abweisung des ursprünglichen Rentenbegehrens des
Beschwerdeführers (IV 2016/317, act. G 3.1.4).
D.
D.a Am 19. September 2016 liess der Beschwerdeführer eine Beschwerde gegen die
Verfügung vom 18. August 2016 erheben (IV 2016/317, act. G 1). Seine
Rechtsvertreterin beantragte nebst der Aufhebung der angefochtenen Verfügung die
Sistierung des Beschwerdeverfahrens bis zum Abschluss des Beschwerdeverfahrens
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV 2016/119 und eventualiter die Vereinigung der beiden Beschwerdeverfahren. Zur
Begründung führte sie aus, die Beschwerdegegnerin habe den Anspruch des
Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verletzt, da sie mit keinem Wort auf den
Sistierungsantrag eingegangen sei. In materieller Hinsicht sei zu beanstanden, dass gar
kein Revisionsgrund im Sinne des Art. 53 Abs. 1 ATSG vorliege. Zudem habe die
Beschwerdegegnerin die relative Frist von 90 Tagen verpasst, denn die angebliche
neue Tatsache sei bereits mit dem Eingang des Observationsmaterials oder spätestens
mit dem Einwand des früheren Rechtsvertreters vom 22. Februar 2016, dass von einer
Verbesserung des Gesundheitszustandes nicht die Rede sein könne, bekannt
gewesen.
D.b Am 28. September 2016 teilte das Versicherungsgericht den Parteien mit (IV
2016/317, act. G 2), dass es beabsichtige, die beiden Beschwerdeverfahren IV
2016/119 und IV 2016/317 zu vereinigen.
D.c Die Beschwerdegegnerin beantragte am 14. November 2016 die Abweisung der
Beschwerde (IV 2016/317, act. G 3). Zur Begründung führte sie an, der Hinweis des
Beschwerdeführers auf die Revisionsfristen stelle die offensichtliche Erklärung dafür
dar, weshalb seinem Sistierungsantrag nicht entsprochen worden sei. Die relative
Revisionsfrist beginne erst mit der „sicheren Kenntnis“ der neuen Tatsache zu laufen.
Diese sei in der Bekräftigung des Beschwerdeführers vor Gericht zu erblicken, sein
Gesundheitszustand habe sich nicht verbessert. Das zwischenzeitlich ergangene Urteil
des EGMR vom 18. Oktober 2016 ändere für den vorliegenden Fall nichts an der
Zulässigkeit der Observation. Der Beschwerdeführer könne nicht beweisen, dass er am
3. September 2009 in einem rentenbegründenden Ausmass invalid gewesen sei,
weshalb sein ursprüngliches Rentengesuch abgewiesen werden müsse. Gegen eine
Vereinigung der beiden hängigen Beschwerdeverfahren sei nichts einzuwenden.
D.d Der Beschwerdeführer liess am 27. Dezember 2016 an seinen Anträgen festhalten
(IV 2016/317, act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (IV
2016/317, act. G 8).
D.e Am 2. Mai 2018 wies das Versicherungsgericht den Beschwerdeführer darauf hin
(IV 2016/119, act. G 15), dass der Art. 88bis Abs. 2 IVV vom Versicherungsgericht des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kantons St. Gallen in einem kürzlich ergangenen Entscheid (IV 2015/178 vom 28.
November 2017; ohne nachvollziehbare Begründung aufgehoben durch das Urteil des
Bundesgerichtes 9C_84/2018 vom 10. September 2018) als gesetzwidrig qualifiziert
worden sei. Falls das Gericht im vorliegenden Fall auf das bidisziplinäre Gutachten von
Prof. Dr. R._ und Dr. S._ abstellen würde und falls die später ergangene Verfügung
vom 18. August 2016 nicht zur Folge hätte, dass die revisionsweise Rentenaufhebung
(Art. 17 Abs. 1 ATSG) per se hinfällig würde, bestünde also die Möglichkeit, dass das
Versicherungsgericht die Rente bereits per April 2014 oder per August 2015 aufheben
könnte. Dadurch würde der Beschwerdeführer im Vergleich zur Verfügung vom 25.
Februar 2016 schlechter gestellt. Dem Beschwerdeführer werde deshalb die
Möglichkeit eingeräumt, Stellung zur möglichen reformatio in peius zu nehmen oder
seine Beschwerde zurückzuziehen. Am 4. Juni 2018 liess der Beschwerdeführer die
Sistierung des (vereinigten) Beschwerdeverfahrens beantragen (IV 2016/119, act. G 19).
Zur Begründung führte seine Rechtsvertreterin an, der Entscheid IV 2015/178 des St.
Galler Versicherungsgerichtes vom 28. November 2017 sei beim Bundesgericht
angefochten worden. Folglich könne der Art. 88bis Abs. 2 IVV noch nicht als
gesetzwidrig qualifiziert werden. Zunächst sei deshalb abzuwarten, wie das
Bundesgericht diesbezüglich entscheiden werde. Im Übrigen sei der Beschwerdeführer
nach wie vor der Ansicht, dass das Gutachten von Prof. Dr. R._ und Dr. S._ nicht
überzeuge. Er wolle seine Beschwerde deshalb nicht zurückziehen.
D.f Am 5. Juni 2018 sistierte das Versicherungsgericht das Beschwerdeverfahren
antragsgemäss (IV 2016/119, act. G 20). Mit einem Urteil vom 10. September 2018
(9C_84/2018) hob das Bundesgericht den Entscheid IV 2015/178 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 28. November 2017 auf. In der E. 5.3 führte es aus: „Was
die Vorinstanz hinsichtlich einer Gesetzwidrigkeit des Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV
ausführt, die mit der Änderung von Art. 88bis Abs. 2 lit. b IVV eingetreten sein soll,
überzeugt nicht. Das Bundesgericht ist wiederholt von der Gesetzmässigkeit von Art.
88bis Abs. 2 lit. a IVV ausgegangen“. Am 26. September 2018 hob das
Versicherungsgericht die Sistierung des (vereinigten) Beschwerdeverfahrens IV
2016/119 und IV 2016/317 auf und es gewährte den Parteien die Gelegenheit, Stellung
zum Urteil des Bundesgerichtes 9C_84/2018 vom 10. September 2018 zu nehmen (IV
2016/119, act. G 23). Der Beschwerdeführer liess am 28. September 2018 geltend
machen, dass der Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV auch im vorliegenden Verfahren zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anwendung kommen müsse (IV 2016/119, act. G 25). Die Beschwerdegegnerin wies
darauf hin, dass ja ohnehin eine prozessuale Revision mit Wirkung ex tunc im Raum
stehe, weshalb der Frage nach der Anwendbarkeit des Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV keine
Bedeutung zukomme (IV 2016/119, act. G 26).

Erwägungen
1.
Aufgrund des engen sachlichen Zusammenhang sind die beiden Beschwerdeverfahren
IV 2016/119 und IV 2016/317 – entsprechend den übereinstimmenden Anträgen der
Parteien – formal zu vereinigen. Folglich hat sich dieser Beschwerdeentscheid zur
Rechtmässigkeit der beiden Verfügungen vom 25. Februar 2016 und vom 18. August
2016 zu äussern.
2.
2.1 Bevor die beiden Verfügungen eingehend auf ihre materielle Rechtmässigkeit
überprüft werden können, ist zu prüfen, ob das Observationsmaterial und die sich
darauf stützenden Aktenstücke – wie vom Beschwerdeführer beantragt – aus den
Akten entfernt werden müssen. Das könnte nämlich zur Folge haben, dass sich der
Sachverhalt als ungenügend abgeklärt erwiese, womit die Sache zur weiteren
Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden müsste.
2.2 Das Bundesgericht hat (in Auseinandersetzung mit dem Urteil 61838/10 des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte vom 18. Oktober 2016 in Sachen
Vukota-Bojic gegen die Schweiz) im BGE 143 I 377 vom 14. Juli 2017 erwogen, dass
(auch) in der Invalidenversicherung eine genügende gesetzliche Grundlage, die eine
verdeckte Überwachung umfassend klar und detailliert regeln würde, fehle (BGE 143 I
377 E. 4 S. 384). Das bedeutet für den vorliegenden Fall, dass die durch die
Beschwerdegegnerin in Auftrag gegebene Observation rechtswidrig erfolgt ist. Gemäss
dem erwähnten BGE 143 I 377 ist die Rechtmässigkeit der Verwertung von
Observationsmaterial allerdings unabhängig von der Rechtmässigkeit der
Auftragsvergabe (und damit der Observation selbst) zu prüfen (BGE 143 I 377 E. 5 S.
384 ff. mit zahlreichen Hinweisen). Weder das ATSG noch das IVG enthalten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesetzliche Bestimmungen zur Frage nach der Zulässigkeit der Verwertung von
grundsätzlich rechtswidrig erlangten Observationsergebnissen. Das Bundesgericht hat
in Anlehnung an die Bestimmungen in der ZPO im BGE 143 I 377 Kriterien für die
Beantwortung der Frage nach der Verwertbarkeit von Observationsmaterial im
Sozialversicherungsverfahren aufgestellt. Zusammenfassend hat es sich auf den
Standpunkt gestellt, dass bis zur Schaffung einer spezifischen gesetzlichen Grundlage
eine Interessenabwägung zwischen den privaten Interessen der observierten Person
und den öffentlichen Interessen (insbesondere Verhinderung eines
Versicherungsmissbrauchs) vorzunehmen sei. Die vom Bundesgericht formulierten
Kriterien erlauben eine weitgehend uneingeschränkte Verwertung von
Observationsmaterial. Darauf muss hier allerdings nicht näher eingegangen werden, da
das Observationsmaterial vorliegend keine wesentliche Bedeutung gehabt hat. Die
Sachverständigen Prof. Dr. R._ und Dr. S._ haben sich zwar in ihrem Gutachten,
auf das die Beschwerdegegnerin abgestellt hat, mit den Observationsergebnissen
auseinandergesetzt, weil sie von der Beschwerdegegnerin dazu aufgefordert worden
sind. Aber für ihre Diagnosestellung und für ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung haben die
Observationsergebnisse keine relevante Rolle gespielt. Das hat auch die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers eingeräumt, indem sie gerügt hat, der
psychiatrische Sachverständige Dr. S._ habe sich nicht eingehend mit den
Observationsergebnissen auseinandergesetzt. Selbst wenn das Observationsmaterial
aus den Akten entfernt werden müsste, würde sich am materiellen Entscheid nichts
ändern, wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen.
3.
Mit ihrer Verfügung vom 18. August 2016 hat die Beschwerdegegnerin die
ursprüngliche rentenzusprechende Verfügung gestützt auf den Art. 53 Abs. 1 ATSG
(sog. prozessuale Revision) integral durch eine Abweisung des ursprünglichen
Rentenbegehrens ersetzt. Diese zweite Verfügung ist in Bezug auf das damals bereits
hängige Beschwerdeverfahren IV 2016/119 betreffend die Verfügung vom 25. Februar
2016 keine Verfügung pendente lite im Sinne des Art. 53 Abs. 3 ATSG gewesen, weil
sie einen völlig anderen Gegenstand als die erste Verfügung vom 25. Februar 2016 zum
Inhalt hat. Formal gesehen besteht deshalb kein enger sachlicher Zusammenhang
zwischen den beiden Verfügungen vom 25. Februar 2016 und vom 18. August 2016
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beziehungsweise zwischen den beiden Beschwerdeverfahren IV 2016/119 und IV
2016/317. Allerdings hat die Beschwerdegegnerin mit ihrer prozessualen
Revisionsverfügung vom 18. August 2016 die ursprüngliche rentenzusprechende
Verfügung durch eine Abweisung des damaligen Rentenbegehrens ersetzt. Dadurch
hat sie nicht nur die ursprüngliche rentenzusprechende Verfügung, sondern auch alle
darauf aufbauenden Revisionsverfügungen – auch die Verfügung vom 25. Februar 2016
– beseitigt. Mit der Abweisung der gegen die Verfügung vom 18. August 2016
erhobenen Beschwerde muss das die Verfügung vom 25. Februar 2016 betreffende
Beschwerdeverfahren folglich zwingend seinen Anfechtungs- und Streitgegenstand
verlieren. Also liegt eben doch ein enger sachlicher Zusammenhang zwischen den
beiden Verfügungen und den beiden Beschwerdeverfahren vor, weshalb die
Beschwerdeverfahren zu vereinigen sind. Da mit einer Abweisung der Beschwerde
gegen die prozessuale Revisionsverfügung vom 18. August 2016 eine Prüfung der
Rechtmässigkeit der Verfügung vom 25. Februar 2016 obsolet würde, ist zuerst zu
prüfen, ob die prozessuale Revisionsverfügung vom 18. August 2016 rechtmässig ist.
4.
4.1 Laut dem Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen in
Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger
nach deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet,
deren Beibringung zuvor nicht möglich war. Als „neu“ gelten nicht Tatsachen, die erst
nach dem Erlass der formell rechtskräftigen Verfügung eingetreten sind, denn solchen
nachträglichen Sachverhaltsveränderungen wird mit der Anwendung des Art. 17 Abs. 1
ATSG begegnet. Der Art. 53 Abs. 1 ATSG bezweckt dagegen die Korrektur einer von
Anfang an bestehenden qualifizierten Unrichtigkeit. Folglich muss es sich um
Tatsachen handeln, die im Zeitpunkt des Erlasses der formell rechtskräftigen Verfügung
bereits bestanden haben, aber damals noch nicht bekannt gewesen sind. Der Begriff
der qualifiziert neuen Tatsache muss eng definiert werden, denn nur so kommt es nicht
zu einer als (prozessuale) Revision „getarnten“ schrankenlosen
Wiedererwägungspflicht. Das bedingt, dass die Tatsache für beide Beteiligten, den
Verfügungsadressaten und die verfügende Behörde, objektiv erst nach dem Eintritt der
formellen Rechtskraft der Verfügung „entdeckbar“ werden darf. Dieser Voraussetzung
entspricht auch der sogenannte Revisionsausschlussgrund (vgl. Art. 81 Abs. 2 VRP und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 66 Abs. 3 VwVG), laut dem eine Revision ausgeschlossen ist, wenn der spätere
Revisionsgrund bereits im ordentlichen Verfahren hätte entdeckt werden können (vgl.
zum Ganzen den Entscheid IV 2015/353 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 28.
Juli 2017, E. 2.2). Das Bundesgericht hat diese Interpretation des Art. 53 Abs. 1 ATSG
zwar in seinem Urteil 8C_658/2017 vom 23. Februar 2018 als unzutreffend bezeichnet,
dies aber mit keinem Wort begründet. Das Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen sieht deshalb keine Veranlassung, von seiner bisherigen Praxis abzuweichen.
4.2 Die Beschwerdegegnerin hat nicht etwa geltend gemacht, die Ergebnisse der in
ihrem Auftrag durchgeführten Observation oder des Gutachtens vom 27. August 2015
stellten erhebliche Beweismittel betreffend eine qualifiziert neue Tatsache im Sinne des
Art. 53 Abs. 1 ATSG dar. Vielmehr hat sie behauptet, die Angabe des
Beschwerdeführers, sein Gesundheitszustand habe sich im Vergleich zur
Rentenzusprache nicht verändert, sei eine qualifiziert neue Tatsache im Sinne des Art.
53 Abs. 1 ATSG, denn damit habe der Beschwerdeführer selbst bestätigt, dass er
schon im ursprünglichen Rentenverfahren aggraviert oder gar simuliert habe. Die
Frage, ob darin tatsächlich eine neue Tatsache zu erblicken ist, kann offenbleiben,
denn es kann sich dabei jedenfalls nicht um eine qualifiziert neue Tatsache im Sinne
des Art. 53 Abs. 1 ATSG handeln, da bereits im ursprünglichen Rentenverfahren
Hinweise auf eine mögliche Aggravation und auf eine Malcompliance vorgelegen
haben: Dr. B._ hat explizit darauf hingewiesen, dass die bisherigen
Behandlungsversuche mangels Kooperation des Beschwerdeführers gescheitert seien;
obwohl der Beschwerdeführer gemäss dem Bericht der Klinik D._ eindeutig nicht an
einer beginnenden dementiellen Erkrankung gelitten hat, hat er entsprechende
Symptome präsentiert; der Neurologe und Psychiater Dr. E._ hat bereits vor der
Begutachtung durch die asim ausführlich dargelegt, dass keine psychische Erkrankung
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit auszumachen sei. Die Aussage des
Beschwerdeführers, sein Gesundheitszustand sei unverändert, ist also keine relevante
neue Tatsache. Ein Revisionsgrund im Sinne des Art. 53 Abs. 1 ATSG ist folglich nicht
auszumachen.
4.3 Hinzu kommt, dass die Zulässigkeit einer sogenannt prozessualen Revision
gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung an Verwirkungsfristen gebunden ist:
Eine entsprechende Korrektur ist nur zulässig, wenn die integral zu ersetzende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügung vor weniger als zehn Jahren ergangen ist und wenn die Korrektur innert 90
Tagen seit der Entdeckung des Revisionsgrundes durchgeführt wird (vgl. etwa BGE
140 V 514 E. 3.3 S. 517 mit Hinweisen). Wenn – der Beschwerdegegnerin folgend – die
„Anerkennung“ des Beschwerdeführers, dass sein Gesundheitszustand unverändert
geblieben sei, als Grund für die prozessuale Revision qualifiziert werden müsste, dann
wäre diese also nur zulässig, wenn sie spätestens 90 Tage später verfügt worden wäre.
Nun hat der Beschwerdeführer aber bereits in seiner (fälschlicherweise als Einsprache
bezeichneten) Eingabe vom 22. Februar 2016 mit aller Deutlichkeit „anerkannt“, dass
sich sein Gesundheitszustand seit der ursprünglichen Rentenzusprache nicht verändert
hatte. Die sich auf den Art. 53 Abs. 1 ATSG stützende Verfügung ist aber erst am 18.
August 2016, also rund 180 Tage später und somit lange nach Ablauf der relativen
Verwirkungsfrist von 90 Tagen, ergangen. Die Beschwerdegegnerin hat zwar geltend
gemacht, nicht diese erste „Anerkennung“, sondern erst jene vor Schranken sei
massgebend, aber mit keinem Wort begründet, weshalb erst die „Anerkennung“ vor
Schranken „zählen“ sollte. Ein Grund für diese unterschiedliche Gewichtung der
Angaben des Beschwerdeführers ist nicht ersichtlich, weshalb die Argumentation der
Beschwerdegegnerin nicht überzeugt. Zudem hat der Beschwerdeführer bereits in
seiner Beschwerdeschrift vom 11. April 2016 (wiederum mit aller Deutlichkeit) eine
fehlende Veränderung seines Gesundheitszustandes „anerkannt“. Auch diese
„Anerkennung“ vor Schranken ist im Zeitpunkt der Eröffnung der Verfügung vom 18.
August 2016 wesentlich mehr als 90 Tage alt gewesen, nämlich etwa rund 120 Tage.
Selbst wenn also ein Grund für eine sogenannt prozessuale Revision vorgelegen hätte,
müsste die Verfügung vom 18. August 2016 als verspätet und damit als rechtswidrig
qualifiziert werden. Sie ist folglich ersatzlos aufzuheben. Das bedeutet, dass sie die
Revisionsverfügung vom 25. Februar 2016 nicht beseitigen kann.
5.
5.1 Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente
laut dem Art. 17 Abs. 1 ATSG von Amtes wegen oder auf ein Gesuch hin für die
Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben. Die Beantwortung der
Frage nach der erheblichen Sachverhaltsveränderung erfordert einen Vergleich
zwischen dem Sachverhalt im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache und
jenem im Zeitpunkt des Abschlusses eines Rentenrevisionsverfahrens. Das setzt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
grundsätzlich voraus, dass der reale Sachverhalt für beide Vergleichszeitpunkte mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht. In der
Praxis treten aber immer wieder Fälle auf, in denen der im Zeitpunkt der ursprünglichen
Rentenzusprache massgebende Sachverhalt damals nicht hinreichend abgeklärt
worden ist und in denen er sich auch im Rentenrevisionsverfahren retrospektiv nicht
mehr mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
ermitteln lässt. In einem solchen Fall liegt für den damaligen Sachverhalt eine objektive
Beweislosigkeit vor. Diese würde an sich den Vergleich des damaligen Sachverhaltes
mit dem aktuellen Sachverhalt im Zeitpunkt desAbschlusses des
Rentenrevisionsverfahrens verunmöglichen. Dadurch würde eine auf einem
ungenügend ermittelten Sachverhalt basierende Rente aber „revisionsresistent“, denn
jede Rentenrevision müsste zufolge der Unmöglichkeit des Sachverhaltsvergleichs
scheitern. Dies liefe offenkundig dem Sinn und Zweck des Art. 17 Abs. 1 ATSG
zuwider. Folglich muss die Revision einer Rente auch dann zulässig sein, wenn der
Sachverhalt zum Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache nicht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht. In einem
solchen Fall muss der (überwiegend wahrscheinliche) Sachverhalt im Zeitpunkt des
Abschlusses des Rentenrevisionsverfahrens gemäss der Praxis des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen (vgl. etwa den Entscheid IV 2015/58
des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 18. September 2017) mit jenem Sachverhalt
verglichen werden, der der ursprünglichen Rentenzusprache zugrunde gelegt worden
ist. Ein Revisionsgrund liegt in einem solchen Fall also dann vor, wenn der aktuelle
Sachverhalt nicht mehr jenem Sachverhalt entspricht, auf den bei der ursprünglichen
Rentenzusprache abgestellt worden ist. Das lässt sich damit erklären, dass
revisionsrechtlich nach einer Veränderung des rechtlich relevanten Sachverhaltes
gesucht wird, wobei rechtlich relevant jener Sachverhalt ist, der der ursprünglichen
leistungszusprechenden Verfügung zugrunde gelegt worden ist.
5.2 In medizinischer Hinsicht steht das bidisziplinäre Gutachten von Prof. Dr. R._
und Dr. S._ im Vordergrund, schon weil es sich dabei um das aktuellste Gutachten in
den Akten handelt. Die beiden Sachverständigen haben den Beschwerdeführer
während mehreren Stunden eingehend persönlich untersucht. Sie haben in ihrem
Gutachten sowohl die subjektiven Angaben des Beschwerdeführers als auch die von
ihnen erhobenen objektiven klinischen Befunde – klar voneinander abgegrenzt –
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausführlich festgehalten. Der Sachverständige Dr. S._ hätte zusätzlich noch
fremdanamnestische Angaben des behandelnden Psychiaters Dr. T._ eingeholt,
wenn dieser den Beschwerdeführer nicht erst gerade zwei Tage vor der
psychiatrischen Begutachtung durch Dr. S._ zum ersten Mal gesehen hätte, wenn er
sich also aufgrund einer längeren Behandlungsdauer bereits fundiert zur Sachlage
hätte äussern können. Die beiden Sachverständigen haben die medizinischen Vorakten
ausführlich gewürdigt und sich detailliert mit den gestellten Diagnosen und den
Arbeitsfähigkeitsschätzungen der behandelnden und der begutachtenden Fachärzte
auseinandergesetzt. Das bidisziplinäre Gutachten vom 27. August 2015 hat folglich auf
einer umfassenden Kenntnis des massgebenden medizinischen Sachverhaltes beruht.
Die Sachverständigen haben gestützt darauf überzeugend begründete Diagnosen
gestellt und eine ebenso überzeugend begründete Arbeitsfähigkeitsschätzung
abgegeben. Das Gutachten erscheint (aus der Sicht eines medizinischen Laien) als
äusserst sorgfältig erarbeitet, widerspruchsfrei und umfassend. Ein Anzeichen für eine
Voreingenommenheit ist nicht ersichtlich. Selbst wenn Prof. Dr. R._ den
Beschwerdeführer mit der geltend gemachten Aussage begrüsst haben sollte, was
angesichts der sorgfältigen Ausarbeitung des Gutachtens äusserst unwahrscheinlich
ist, könnte der Beschwerdeführer daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten, denn das
Gutachten enthält keinen Hinweis darauf, dass Prof. Dr. R._ voreingenommen oder
nicht genügend objektiv gewesen wäre. Auch eine Voreingenommenheit von Dr. S._
ist nicht ersichtlich. Seine Bemerkung, der Beschwerdeführer führe „das beschaulich-
aktive Leben eines Frühpensionierten“, dient lediglich dazu, den Gesamteindruck, den
der Beschwerdeführer auf dem Observationsvideo hinterlässt, anschaulich zu
umschreiben. Wie die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers selbst eingeräumt hat,
hat Dr. S._ dem Observationsmaterial aber keine entscheidende Bedeutung
zugemessen, das heisst er hat weder seine Diagnosestellung noch seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung mit den Eindrücken begründet, die das
Observationsmaterial bei ihm hinterlassen hat. Seiner oben erwähnten Aussage kommt
daher keine relevante Bedeutung zu. Selbst wenn sie aber massgebend für die
Beurteilung wäre, könnte sie nicht als ein Indiz für eine Voreingenommenheit
interpretiert werden, da sie umschreibenden und nicht wertenden Inhaltes ist.
Zusammenfassend ist das Gutachten vom 27. August 2015 für sich allein betrachtet als
in jeder Hinsicht überzeugend zu qualifizieren. Der behandelnde Psychiater Dr. T._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hat zwar später geltend gemacht, der Beschwerdeführer leide entgegen den
Ausführungen von Dr. S._ an einer relevanten depressiven Störung, weshalb er nur
zu 50 Prozent arbeitsfähig sei. Er hat sich aber weder inhaltlich mit dem ausführlichen
Gutachten von Dr. S._ auseinandergesetzt noch hat er anhand objektiver klinischer
Befunde eine überzeugende Begründung für seine abweichende Diagnosestellung und
Arbeitsfähigkeitsschätzung liefern können. Dasselbe gilt auch in Bezug auf die
Stellungnahme von Dr. H._, der allerdings ohnehin über keinen psychiatrischen
Facharzttitel verfügt. Auch die übrigen Akten enthalten keine Hinweise, die erhebliche
Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens vom 27. August 2015 wecken
würden. Aus allfälligen formellen Mängeln bei der Vergabe des Gutachtensauftrages
könnte der Beschwerdeführer heute nichts mehr zu seinen Gunsten ableiten, denn er
hat es verpasst, rechtzeitig Einwände gegen die Begutachtung zu erheben, obwohl ihm
die entsprechende Gelegenheit gegeben worden war. Folglich ist auf das Gutachten
vom 27. August 2015 abzustellen. Damit steht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer spätestens ab
April 2014 uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen ist.
5.3 Bezüglich des Zeitraums vor April 2014 hat der psychiatrische Sachverständige Dr.
S._ keine hinreichend zuverlässige Arbeitsfähigkeitsschätzung abgeben können: Er
hat festgehalten, dass der Beschwerdeführer im Januar 2008 möglicherweise zu 50
Prozent arbeitsunfähig gewesen sei. Auch in den übrigen medizinischen Berichten
finden sich keine Angaben, die es retrospektiv erlauben würden, den
Arbeitsunfähigkeitsgrad des Beschwerdeführers in der Zeit vor April 2014 mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu bestimmen. Das
bedeutet, dass der massgebende Sachverhalt für den relevanten Vergleichszeitpunkt
der ursprünglichen Rentenzusprache nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, weshalb nach dem oben Ausgeführten
(vgl. E. 5.1) diesbezüglich auf jenen Sachverhalt abzustellen ist, der der ursprünglichen
Rentenzusprache zugrunde liegt. Mit anderen Worten ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer bei der ursprünglichen Rentenzusprache (gemäss dem Gutachten
der asim) an einer mittelgradigen depressiven Episode gelitten hat, die seine
Arbeitsfähigkeit um 50 Prozent eingeschränkt hat. Vergleicht man diesen Sachverhalt
mit dem aktuellen Sachverhalt, liegt offenkundig eine relevante Veränderung vor, denn
der psychiatrische Sachverständige Dr. S._ hat keine psychische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsbeeinträchtigung – insbesondere keine depressive Störung – mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit mehr feststellen und dementsprechend auch keine
Arbeitsunfähigkeit mehr attestieren können. Darin ist ein Revisionsgrund im Sinne des
Art. 17 Abs. 1 ATSG zu erblicken, der eine entsprechende Rentenanpassung
rechtfertigt. Angesichts der uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit hat offensichtlich kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad mehr vorliegen können, weshalb die Rente hat
aufgehoben werden müssen. Insofern erweist sich die Revisionsverfügung vom 25.
Februar 2016 als rechtmässig.
5.4 Die Beschwerdegegnerin hat die Rente allerdings gestützt auf den Art. 88bis Abs.
2 lit. a IVV erst auf das Ende des der Zustellung der Revisionsverfügung vom 25.
Februar 2016 folgenden Monats aufgehoben. Bei richtiger Betrachtung müsste dieses
Vorgehen als rechtswidrig qualifiziert werden, weil sich der Art. 88bis Abs. 2 IVV nicht
auf eine ausreichende gesetzliche Grundlage stützen kann. Obwohl sich der Art. 17
ATSG nicht zum Zeitpunkt einer Rentenrevision äussert, kommt dafür nämlich stets nur
der Zeitpunkt des Eintrittes der relevanten Sachverhaltsveränderung in Frage (vgl.
MIRIAM LENDFERS, Die IVV-Revisionsnormen [Art. 86ter–88bis] und die anderen
Sozialversicherungen, in: Sozialversicherungsrechtstagung 2009). Der
Verordnungsgeber hat sich allerdings aus Vertrauensschutzüberlegungen dafür
entschieden, eine Herabsetzung oder eine Aufhebung einer Rente der
Invalidenversicherung erst dann wirksam werden zu lassen, wenn der Rentenbezüger
Kenntnis vom Ende seines bisherigen Anspruchs erhalten hat und sich darauf hat
einstellen können. Von dieser Ausnahme vom Art. 17 Abs. 1 ATSG (und indirekt auch
vom Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG) hat er im Art. 88bis Abs. 2 lit. b IVV wiederum eine
Ausnahme (nämlich die Rückkehr zur Grundregel) vorgesehen: Die Herabsetzung oder
die Aufhebung einer Rente erfolgt rückwirkend ab dem Eintritt der für den Anspruch
erheblichen Sachverhaltsveränderung, also ab dem vom Art. 17 Abs. 1 ATSG eigentlich
vorgesehenen Wirkungszeitpunkt, wenn der Rentenbezüger die Leistung zu Unrecht
erwirkt hat oder wenn er der ihm nach Art. 77 IVV zumutbaren Meldepflicht nicht
nachgekommen ist. Wer seine Meldepflicht verletzt oder die Leistung zu Unrecht
erwirkt hat, hat nach Ansicht des Verordnungsgebers also kein schutzwürdiges
Vertrauen in den Fortbestand der Rente, weshalb für diesen Personenkreis der
vertrauensschutzrechtlich motivierte befristete Weiterbezug der Rente bis nach dem
Erlass der Revisionsverfügung nicht zum Tragen kommen soll. Für diese Personen gilt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
direkt der Art. 17 Abs. 1 ATSG. Das Bundesgericht, das in einer langen, konstanten
Rechtsprechung den Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV stets als gesetzeskonform qualifiziert
hat (ohne sich allerdings mit dem Art. 17 Abs. 1 ATSG und dem Art. 25 Abs. 1 Satz 1
ATSG auseinanderzusetzen), hat ebenso konstant die Auffassung vertreten, der Art.
88bis Abs. 2 lit. b IVV müsse sehr weit interpretiert werden. Es hat nämlich geltend
gemacht, nicht nur ein fehlendes schutzwürdiges Vertrauen im Sinne des Art. 88bis
Abs. 2 lit. a IVV, sondern auch jede andere – für die Frage nach dem Vorliegen eines
schutzwürdigen Vertrauens gar nicht massgebende – Meldepflichtverletzung führe zur
Anwendung des Art. 88bis Abs. 2 lit. b IVV, also beispielsweise eine versäumte
Meldung eines Wohnungswechsels. Dadurch hat das Bundesgericht den im Art. 88bis
Abs. 2 IVV enthaltenen Vertrauensschutzgedanken „untergraben“. Indem der
Verordnungsgeber mit Wirkung auf den 1. Januar 2015 diese bundesgerichtliche
Interpretation des Art. 88bis Abs. 2 lit. b IVV in den Wortlaut jener Bestimmung
aufgenommen und explizit festgehalten hat, dass kein Kausalzusammenhang zwischen
einer Meldepflichtverletzung und der Weiterausrichtung der (nicht mehr im früheren
Umfang geschuldeten) Rente bestehen müsse, hat er ganz bewusst den
vertrauensschutzrechtlichen Zweck des Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV aufgegeben. Mit der
erwähnten Verordnungsänderung hat er den Art. 88bis Abs. 2 IVV also vollständig
seines Sinns entleert, wodurch dieser definitiv jede Rechtfertigung verloren hat. Ohne
die frühere vertrauensschutzrechtliche Motivation als Begründung für die von der
gesetzlichen Regelung abweichende Bestimmung kann die aus einer Anwendung des
Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV resultierende Verletzung des Art. 17 Abs. 1 ATSG und des
Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG nicht mehr länger hingenommen werden. Der Art. 88bis
Abs. 2 lit. a IVV muss folglich definitiv als gesetzwidrig qualifiziert werden, weshalb ihm
an sich die Anwendung zu versagen wäre. Da die Anwendung des Art. 88bis Abs. 2 lit.
b IVV als Ausnahme von der Regel des Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV dasselbe Ergebnis
zeitigt wie die Anwendung des Art. 17 Abs. 1 ATSG, erwiese er sich als überflüssig,
wenn dem Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV konsequent die Anwendung versagt würde (vgl.
zum Ganzen den Entscheid IV 2015/178 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 28.
November 2017, E. 4). Das Bundesgericht hat sich in seinem Urteil 9C_84/2018 vom
10. September 2018 nicht mit der Argumentation des Versicherungsgerichtes des
Kantons St. Gallen auseinandergesetzt, sondern lediglich apodiktisch und unter
Verzicht auf eine materielle Begründung festgehalten, dass es den Art. 88bis Abs. 2 IVV
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch weiterhin als gesetzmässig qualifiziere. Würde das Versicherungsgericht die
Rente vorliegend bereits rückwirkend per 30. April 2014 aufheben, würde das
Bundesgericht das folglich als rechtswidrig qualifizieren und die Rente doch erst per
Ende März 2015 (oder Ende April 2015; je nach Zustellzeitpunkt) aufheben. Da es die
Beschwerdegegnerin zudem offenbar nicht kümmert, dass sie über den 30. April 2014
hinaus bis Ende März 2015 unrechtmässig bezogene Rentenleistungen nicht
zurückfordert, bleibt nichts anderes übrig, als den Wirkungszeitpunkt der
angefochtenen Verfügung vom 25. Februar 2016 als zwar gesetzwidrig, aber
(höchstrichterlich) praxiskonform zu akzeptieren.
6.
6.1 Zusammenfassend ist die prozessuale Revisionsverfügung vom 18. August 2016 in
Gutheissung der dagegen erhobenen Beschwerde als rechtswidrig aufzuheben,
während die Beschwerde gegen die Revisionsverfügung vom 25. Februar 2016
abzuweisen ist. Hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen ist folglich für das
Verfahren IV 2016/119 von einem vollständigen Unterliegen des Beschwerdeführers
und für das Verfahren IV 2016/317 von einem vollständigen Obsiegen des
Beschwerdeführers auszugehen.
6.2 Da die Vereinigung der beiden Beschwerdeverfahren den Gesamtaufwand des
Gerichtes etwas reduziert hat, sind die Gerichtskosten für die beiden
Beschwerdeverfahren auf je 400 Franken festzusetzen. Die Beschwerdegegnerin hat
die Gerichtskosten für das Beschwerdeverfahren IV 2016/317 zu bezahlen. An sich
hätte der Beschwerdeführer die Gerichtskosten für das Beschwerdeverfahren IV
2016/119 zu bezahlen. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung wird er aber von dieser Pflicht befreit.
6.3 Der erforderliche Vertretungsaufwand ist insgesamt deutlich geringer als der
Aufwand für die Vertretung in zwei völlig voneinander unabhängige
Beschwerdeverfahren, aber deutlich höher als der Aufwand für die Vertretung in einem
durchschnittlich aufwendigen Beschwerdeverfahren gewesen. Das würde bei einem
Obsiegen des Beschwerdeführers in beiden Beschwerdeverfahren die Zusprache einer
Parteientschädigung von 4’500 Franken rechtfertigen. Da der Beschwerdeführer aber
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nur in einem Beschwerdeverfahren obsiegt, hat die Beschwerdegegnerin nur eine halb
so hohe Parteientschädigung auszurichten, also 2’250 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer). Der Staat hat der Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers eine Entschädigung von 80 Prozent der anderen Hälfte (vgl. Art. 31
Abs. 3 AnwG) auszurichten, also 1’800 Franken.
6.4 Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der
Beschwerdeführer zur Nachzahlung der Gerichtskosten für das Beschwerdeverfahren
IV 2016/119 und zur Rückerstattung der Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Beschwerdeverfahren IV 2016/119 verpflichtet werden
können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).