Decision ID: 889980a9-4cd2-4680-936a-8e697c61760d
Year: 2021
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der 1974 geborene A._ («Beschwerdeführer»/«Versicherter») meldete sich erstmals anfangs
September 1997 wegen einer Rückenproblematik bei der IV-Stelle Nidwalden zum
Leistungsbezug an (IV-act. 1). Die IV-Stelle holte diverse medizinische und berufliche
Unterlagen ein und veranlasste die Prüfung von beruflichen Eingliederungsmassnahmen (IV-
act. 3 ff.). Sodann wurde eine orthopädische Begutachtung veranlasst, die eine volle
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Maschinenmechaniker und
jeglicher anderer Tätigkeit (ohne Heben und Tragen schwerer Lasten) ergab. Ab März 1998
war der Versicherte in einer entsprechenden Position bei der B._ AG tätig. Am 13. April 1998
erlitt er einen Verkehrsunfall, bei dem er ein HWS-Schleudertrauma erlitt. In der Folge
veranlasste die SUVA als zuständiger Unfallversicherer vom 14. September 1998 bis
4. November 1998 eine stationäre Rehabilitation, in deren Verlauf sich eine psychische
Problematik ergab, die zu einer tagesklinischen Betreuung in der Psychiatrie C._ führte. Die
Arbeitsfähigkeit konnte nicht gesteigert werden. Die berufliche Eingliederung wurde zufolge
Aussichtslosigkeit beendet und die Rentenprüfung in die Wege geleitet. Mit Verfügung vom 7.
Oktober 1999 wurde dem Versicherten eine ganze Rente bei einem IV-Grad von 100% mit
Wirkung ab 1. April 1999 zugesprochen.
Die von Amtes wegen eingeleiteten Revisionen vom 3. August 2000 und 4. September 2002
ergaben keine Änderungen des Invaliditätsgrades. Am 15. November 2005 wurde das dritte
Revisionsverfahren eingeleitet. Mit Verfügung vom 4. Oktober 2006 wurden die
Rentenzahlungen zufolge fehlender Mitwirkungspflicht eingestellt. Am 26. Oktober 2007
meldete sich der Beschwerdeführer erneut zum Rentenbezug an. Mit Verfügung vom 2. Juli
2008 wurde ihm wiederum eine ganze Rente ausgerichtet. Die Rentenrevision vom 7. März
2012 führte zu einer Bestätigung des Invaliditätsgrades.
Die am 2. Mai 2017 eingeleitete Revision führte zufolge Verletzung der Mitwirkungspflichten
zur sofortigen Rentensistierung vom 18. Oktober 2017. Aufgrund der mit Eingabe vom
30. Oktober 2017 übermittelten Unterlagen ergaben sich erhebliche Zweifel an den vorge-
tragenen Beeinträchtigungen, sodass die IV-Stelle eine polydisziplinäre Begutachtung
anordnete. Nach Vorlage des polydisziplinären Gutachtens der D._ AG vom 6. November
2018 (IV-act. 157) wurde die Rentensistierung mit Mitteilung vom 18. April 2019 aufgehoben
(IV-act. 164) und eine eingliederungsorientierte Rentenrevision angekündigt, die jedoch
wegen eines Auslandaufenthalts des Versicherten aufgeschoben wurde (IV-act. 165). Der
3│26
Einladung der Eingliederungsverantwortlichen vom 3. Juni 2019 blieb der Beschwerdeführer
fern (falsche Adresse; IV-act. 169 ff.). Am 23. August 2019 erklärte sich der Beschwerdeführer
mit den Eingliederungsmassnahmen (Belastbarkeits- und Aufbautraining bei der E._ vom 3.
September bis 30. November 2019; IV-act. 174) einverstanden. Diese wurden in der Folge
mangels Zielerreichung (hohe Absenzen) bis 29. Februar 2020 verlängert (IV-act. 184 ff.).
Trotz Entgegenkommen hinsichtlich Arbeitszeiten und Arbeitseinsätzen konnte keine
Steigerung des Arbeitspensums erreicht werden. Der daraufhin vorgesehene Arbeitsversuch
bei der F._ AG lehnte der Versicherte aus gesundheitlichen Gründen ab, was zum Abschluss
der Eingliederungsmassnahmen und zur Rentenprüfung führte (IV-act. 206). Mit Vorbescheid
vom 17. Juli 2020 stellte die IV-Stelle die Einstellung der Invalidenrente in Aussicht (IV-act.
211). Nach durchgeführtem Einwandverfahren bestätigte die IV-Stelle mit Verfügung vom 29.
September 2020 ihren Vorbescheid.
B.
Dagegen liess der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 29. Oktober 2020 Beschwerde mit
folgenden Anträgen erheben:
«1. Die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 29.09.2020 sei aufzuheben.
2. Dem Beschwerdeführer sei weiterhin eine ganze Invalidenrente auszurichten.
3. Eventualiter sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4. Es sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, die Kosten für die fachmedizinische
Stellungnahme von Frau Dr. med. G._ vom 28.10.2020 zu übernehmen.
5. Dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und er sei
von allfälligen Vorschuss- und Sicherheitsleistungen zu befreien. Zudem sei ihm die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung durch den Unterzeichnenden zu gewähren.
6. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zuzüglich der gesetzlichen Mehrwertsteuer)
zulasten der Beschwerdegegnerin.»
C.
Die IV-Stelle schloss mit Vernehmlassung vom 3. Dezember 2020 auf kostenfällige Abweisung
der Beschwerde. Gleichzeitig überwies sie das Versichertendossier (IV-act. 1-236).
4│26
D.
Mit Verfügung vom 14. Dezember 2020 (P 20 5) wurde das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege und Verbeiständung mangels Mittellosigkeit abgewiesen. Der Beschwerdeführer
wurde jedoch von der Leistung eines Kostenvorschusses befreit.
E.
Mit prozessleitender Verfügung vom 22. Januar 2021 wurde dem Beschwerdeführer die
ersuchte Replikfrist angesetzt. Er replizierte am 3. Februar 2021 und stellte die Einreichung
eines Gutachtens in Aussicht. Mit Verfügung vom 15. Februar 2021 wurde dem
Beschwerdeführer Frist bis zum 12. März 2021 zur Einreichung des angekündigten
Gutachtens gesetzt. Am 8. März 2021 wurde das Gutachten samt Stellungnahme eingereicht.
Die IV-Stelle duplizierte am 15. April 2021. Beide Parteien hielten an ihren ursprünglich
gestellten Anträgen fest. Der Beschwerdeführer gab am 26. April 2021 seine Kostennote zu
Protokoll.
F.
Die Sozialversicherungsabteilung des Verwaltungsgerichts Nidwalden hat die vorliegende
Beschwerdesache anlässlich ihrer Sitzung vom 14. Juni 2021 abschliessend beraten und
beurteilt. Auf die Ausführungen in den Rechtsschriften sowie die eingereichten Unterlagen
wird, soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG können Verfügungen der kantonalen IV-Stellen direkt vor dem
Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle angefochten werden. Die Beschwerde richtet sich
gegen die Verfügung der IV-Stelle Nidwalden vom 29. September 2020, womit die
örtliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts Nidwalden gegeben ist. Die sachliche
Zuständigkeit obliegt der Sozialversicherungsabteilung (Art. 57 ATSG [SR 830.1] in
Verbindung mit Art. 39 GerG [NG 261.1]), welche in Dreierbesetzung entscheidet (Art. 33 Ziff.
2 GerG). Der Beschwerdeführer hat als Adressat der angefochtenen Verfügung ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59
ATSG). Nachdem auch Frist und Form (Art. 60 und Art. 61 lit. b ATSG) eingehalten sind, ist
5│26
auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1
Nach Art. 6 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im
bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird
auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt.
Als Invalidität gemäss Art. 8 ATSG gilt die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann im IV-Bereich Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der
durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu
berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht
nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2
Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben Versicherte Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähigkeit
oder ihre Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können, während
eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 Prozent
arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf des Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid
sind (dortige lit. a bis c). Die Rente wird nach dem Grad der Invalidität abgestuft (Art. 28 Abs. 2
IVG).
2.3
Die Annahme einer allenfalls invalidisierenden psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung
setzt eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Diagnose nach einem wissenschaftlich
anerkannten Klassifikationssystem voraus (vgl. BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6). Zu betonen ist, dass im Kontext der rentenmässig abzugeltenden psychischen Leiden
belastenden psychosozialen Faktoren sowie soziokulturellen Umständen kein Krankheitswert
6│26
zukommt. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 ATSG in Verbindung
mit Art. 4 Abs. 1 IVG setzt in jedem Fall ein medizinisches Substrat voraus, das die Arbeits-
und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Um festzustellen, ob und in welchem Umfang
die ärztlichen Feststellungen auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen, sind sämtliche
psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu
unterziehen.
2.4
Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der
versicherten Person ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen
angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen
haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte
eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der
versicherten Person noch zugemutet werden können (vgl. BGE 132 V 93 E. 4 mit weiteren
Hinweisen).
2.5
Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsprozess
gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle anderen
Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle
Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu
entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen
Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden
medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu
würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere
medizinische These abstellt.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben
worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet
7│26
sind. Die Frage des Beweiswertes stellt sich auch bei den anzuwendenden medizinisch-
diagnostischen Methoden. Diese müssen wissenschaftlich anerkannt sein, damit der mit ihnen
erhobene Befund eine zuverlässige Beurteilungsgrundlage zu bieten vermag. Als
wissenschaftlich anerkannt gilt eine Untersuchungsart, wenn sie von Forschern und Praktikern
der medizinischen Wissenschaft auf breiter Basis anerkannt ist (so in BGE 134 V 231 E. 5.1
S. 323 f.; 125 V 351 E. 3a S. 352).
Dennoch erachtet es die bundesgerichtliche Rechtsprechung mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (vgl. die ausführliche
Zusammenstellung dieser Richtlinien in BGE 125 V 351 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl.
dazu auch BGE 135 V 465 E. 4.4 und 4.5). So ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen und -ärzte, welche aufgrund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und
bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (vgl. BGE 125 V 351 E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen).
2.6
Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis bilden die im Zeitpunkt des Abschlusses des
Verwaltungsverfahrens (vorliegend die Verfügung vom 29. September 2020) massgeblichen
tatsächlichen Verhältnisse (BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Später eingetretene Tatsachen sind
soweit zu berücksichtigen, als sie mit dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang
stehen und geeignet sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des Erlasses des
Einspracheentscheides zu beeinflussen (Urteil des Bundesgerichts 9C_24/2008 vom 27. Mai
2008 E. 2.3.1 mit Hinweisen). Soweit sich während des Verfahrens ein- bzw. nachgereichte
Arztberichte zum Gesundheitszustand im Zeitpunkt des Verfügungserlasses äussern oder
bereits bei den Akten liegende Berichte erläutern und ergänzen, sind auch diese Berichte in
die Beurteilung einzubeziehen (BGE 130 V 138 E. 2.1 mit Hinweisen).
8│26
3.
3.1
Die IV-Stelle erwog in der angefochtenen Verfügung, die medizinische Begutachtung habe
eine relevante Veränderung des Gesundheitszustandes ergeben. Damit sei ein medizinischer
Revisionsgrund gegeben und eine Neubeurteilung vorzunehmen. Der Beschwerdeführer sei
in einer angepassten Tätigkeit zu 65% arbeitsfähig. Aus dem Einkommensvergleich resultiere
ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad von 36%. Die durchgeführten
Eingliederungsmassenahmen seien beendet worden, da sich der Beschwerdeführer subjektiv
als nicht arbeits- und eingliederungsfähig erachtet habe.
3.2
Der Beschwerdeführer macht zusammengefasst geltend, es liege kein Revisionsgrund vor;
das Gutachten der D._ AG sei lediglich eine abweichende medizinische Beurteilung der
Wirkungen derselben Diagnosen auf die Arbeitsfähigkeit. Der Gesundheitszustand habe sich
nicht effektiv verändert, womit kein Raum für eine materielle Revision bleibe.
3.3
Zu prüfen ist, ob die IV-Stelle die ganze Rente zurecht revisionsweise aufgehoben hat.
4.
4.1
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von
Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder
aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Anpassung der Rente gibt jede tatsächliche
Änderung, die sich auf den Invaliditätsgrad und damit auf den Umfang des Anspruchs
(Viertelsrente, halbe Rente, Dreiviertelsrente, ganze Rente; Art. 28 Abs. 2 IVG) auswirkt (vgl.
BGE 134 131 E. 3). Ein Revisionsgrund in diesem Sinne betrifft Änderungen in den
persönlichen Verhältnissen der versicherten Person, wozu namentlich der
Gesundheitszustand gehört. Dabei ist nicht die Diagnose massgebend, sondern in erster Linie
der psychopathologische Befund und der Schweregrad der Symptomatik. Aus einer anderen
Diagnose oder einer unterschiedlichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus medizinischer
Sicht allein kann somit nicht auf eine für den Invaliditätsgrad erhebliche Tatsachenänderung
geschlossen werden. Umgekehrt ist – bei an sich gleich gebliebenem Gesundheitszustand –
9│26
eine Angewöhnung oder Anpassung an die Behinderung, welche zu einer Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit führt, revisionsrechtlich von Bedeutung (vgl. Urteil des Bundesgerichts
8C_170/2017 vom 13. Oktober 2017 E. 5.1 mit zahlreichen Hinweisen).
4.2
Der Beweiswert eines zwecks Rentenrevision erstellten Gutachtens hängt wesentlich davon
ab, ob es sich ausreichend auf das Beweisthema – erhebliche Änderung(en) des Sachverhalts
– bezieht. Einer für sich allein betrachtet vollständigen, nachvollziehbaren und schlüssigen
medizinischen Beurteilung, die im Hinblick auf eine erstmalige Beurteilung der
Rentenberechtigung beweisend wäre, mangelt es daher in der Regel am rechtlich
erforderlichen Beweiswert, wenn sich die (von einer früheren abweichende) ärztliche
Einschätzung nicht hinreichend darüber ausspricht, inwiefern eine effektive Veränderung des
Gesundheitszustandes stattgefunden hat. Vorbehalten bleiben Sachlagen, in denen es
evident ist, dass die gesundheitlichen Verhältnisse sich verändert haben (Urteil des
Bundesgerichts 8C_196/2020 vom 8. Juli 2020 E. 6.1. m.w.H.). Dabei ist zu berücksichtigen,
dass weder eine im Vergleich zu früheren ärztlichen Einschätzungen ungleich attestierte
Arbeitsunfähigkeit noch eine unterschiedliche diagnostische Einordnung des geltend
gemachten Leidens genügt, um auf einen verbesserten Gesundheitszustand zu schliessen;
notwendig ist vielmehr eine veränderte Befundlage (Urteil des Bundesgerichts 8C_300/2020
vom 2. Dezember 2020 E. 2.6.2 mit weiteren Hinweisen). Dabei bedarf es aber nicht per se
eines «Revisionsgutachtens», sondern der für die Beurteilung des Vorliegens eines
Revisionsgrundes massgebliche Sachverhalt kann sich auch aus einer Mehrheit von ärztlichen
Berichten ergeben, sofern diese ein schlüssiges und in sich stimmiges Bild des
Gesundheitszustandes zulassen (Urteil des Bundesgerichts 8C_151/2019 vom 20. August
2019 E. 6.2.1). Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in
rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung
an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
4.3
Zeitlicher Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen Änderung bildet die letzte
rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit
rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines
Einkommensvergleichs beruht. Vorliegend sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit
Verfügung vom 7. Oktober 1999 eine ganze Invalidenrente zu. Der Rentenanspruch wurde in
10│26
der Folge wiederholt revisionsweise überprüft und bestätigt, wobei keine einlässlichen
materiellen Abklärungen erfolgten. Im Rahmen der aktuellen Rentenrevision hob die IV-Stelle
nach Vornahme einer umfassenden medizinischen und erwerblichen Abklärung die laufende
Invalidenrente mit Verfügung vom 29. September 2020 auf. Demnach beurteilt sich die
Frage, ob eine Änderung der tatsächlichen Verhältnisse eingetreten ist, durch Vergleich des
Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der Verfügung vom 7. Oktober 1999 bestanden hat, mit
demjenigen im Zeitpunkt der vorliegend angefochtenen Verfügung vom 29. September 2020.
5.
5.1
5.1.1
Grundlage für die Verfügung vom 7. Oktober 1999 (IV-act. 33/173) bildete der Arztbericht von
H._ vom 1. Oktober 1997 (IV-act. 4/29), das orthopädische Gutachten von Dr. med. I._ vom
22. Dezember 1997 (IV-act. 12/51), der Bericht des SUVA-Kreisarztes vom 16. Juni 1998 (IV-
act. 15/65) sowie ein Bericht der Psychiatrie C._ vom 22. Juni 1999 (IV-act. 27; zum Ganzen:
IV-act. 30).
5.1.2
Der praktische Arzt H._ hielt in seinem IV-Arztbericht vom 1. Oktober 1997 die Diagnose
«Chronisch rezidivierendes Lumbovertebralsyndrom auf Grund von Funktions-störungen am
lumbosakralen Übergang» fest und attestierte dem Versicherten eine seit 8. Juli 1997 mit
kurzzeitigen Unterbrüchen bestehende vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit.
5.1.3
In seinem orthopädischen Gutachten vom 22. Dezember 1997 stellte Dr. med. I._, Facharzt
für Orthopädische Chirurgie, die Diagnosen (IV-act. 12/51):
− Lumbosacralvariante
− V.a. Spondylolyse L5
− Mediane Bogenschlussstörung L5
− Diskrete Segmentdegeneration L3-S1
Es liege eine lumbosakrale Formationsstörung vor, welche bereits zu einer kettenmässigen
Degeneration der kranial angrenzenden Segmente geführt habe. Man könne die Behandlung
vollständig abbrechen, ohne dass es dem Patienten schlechter gehe. Im gelernten Beruf als
Maschinenmechaniker sei der Patient abhängig vom Umfeld und Arbeitsplatz weitgehend
11│26
arbeitsunfähig für Heben und Tragen von Lasten, Arbeiten ausserhalb der Körperachse und
repetitive Position im Hohlkreuz. Für wechselnd stehend-gehend-sitzende Tätigkeiten ohne
Tragen und Heben von Lasten sei er rasch voll einsetzbar.
5.1.4
Der Kreisarzt Dr. med. J._ notierte in seinem Untersuchungsbericht vom 16. Juni 1998 (IV-
act. 15/65) keine Diagnose. Unter dem Titel Beurteilung hielt er im Wesentlichen fest, der
Patient sei am 19. April 1998 als Velofahrer angefahren worden. Dabei sei es zu einer
Commotio cerebri mit entsprechender Amnesie gekommen. Zusätzlich sei die HWS
distorsioniert und die LWS geprellt worden. Vorbestehend seien bekannte LWS-Beschwerden
seit der RS im Jahre 1995. Diese hätten sich in der Zwischenzeit etwas akzentuiert. Im
Vordergrund stünden aktuell die Kopfschmerzen und Verspannungen. Der Patient wirke in der
Tat verspannt, zum Teil auch etwas verängstigt über einen möglichen Stellenverlust. Die
Untersuchung zeige keine neurologischen Ausfälle, hingegen Muskelverspannungen und
leichte Bewegungseinschränkungen in der LWS und HWS. Die Bewegungseinschränkungen
in der LWS seien anamnestisch vorbestehend. Die Kopfschmerzen unterschiedlich,
wahrscheinlich von cervikal ausgehend. Aktuelle Röntgenbilder lägen nicht vor; offensichtlich
habe es keine Anzeigen für eine ossäre Läsion gegeben. Dies decke sich mit dem heutigen
Befund. Der Patient arbeite wieder etwa 50%. Er fühle sich am Abend noch stark müde und
klage über vermehrtes Schlafbedürfnis, was nach einer Commotio nicht
selten sei. Der Patient erreiche aktuell eine 25%ige Arbeitsfähigkeit (2-2.5 Stunden pro Tag).
Dies könne beim gutem Verlauf in den nächsten 2-3 Wochen gesteigert werden. Langfristig
sei mit einem guten Resultat zu rechnen.
5.1.5
Der Austrittbericht der Psychiatrie C._ vom 1. Juni 1998 (IV-act. 27 S. 4 ff./151) hält als
Diagnosen fest:
1. Schwere depressive Episode ohne psychotisches Symptome nach Unfall (ICD-10: F32.2)
2. Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.3)
Zur Arbeitsfähigkeit äussert sich der Bericht nicht. Im IV-Arztbericht vom 17. Juni 1998 wurde
dem Versicherten aus psychiatrischer Sicht eine volle Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (IV-
act. 27 S. 1 f./149).
12│26
5.2
Aktenkundig sind sodann folgenden Berichte.
5.2.1
Die Rehaklinik K._ hielt in ihrem Austrittsbericht vom 9. November 1998 fest (IV-act. 23 S. 13
ff.):
Organische Schädigung und funktionelle Störungen
Bei dem Unfall am 13. April 1998 wurde der Versicherte mit dem Velo von einem Auto in langsamen Tempo
umgestossen, es kam mit grosser Wahrscheinlichkeit zu einer milden traumatischen Hirnschädigung und einer
HWS-Distorsion und LWS-Kontusion. In der Folge bestehen weiterhin starke subjektive Beschwerden mit
einem schmerzbetonten, fibromyalgie-ähnlichen Bild, ohne dass in radiologischen und klinischen
Untersuchungen schwerwiegendere Verletzungen objektiviert werden konnten. Im Vordergrund steht eine
massive psychische Überlagerung, wobei aufgrund der anamnestischen Angaben eine vorbestehende
Komponente durchaus anzunehmen ist. Durch den Unfall hat sich jedoch eine richtungsgebende
Verschlechterung des psychischen Beschwerdebildes mit einer Exazerbation von Schmerzen ergeben, wobei
eine erhebliche psychosomatische Komponente anzunehmen ist. Die deutlich eingeschränkte
Leistungsfähigkeit, welche sich auch in der mittelschweren Störung bei der neuropsychologischen Abklärung
sowie in der Berufsabklärung zeigte, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zum grössten Teil durch diese
psychoreaktive Überlagerung bedingt.
Behinderung/Fähigkeitsstörung
Diese bestehen in der psychischen Problematik und der Selbstlimitierung.
Berufliche und soziale Auswirkungen
Der Beruf als CNC-Monteur kann momentan nicht aufgenommen werden, zumutbar wäre eine
wechselbelastende leichte Arbeit ohne Arbeiten über Kopfhöhe in der Dauer von 4 Std./Tag mit Pausen.
Die Einschränkungen sind nur zum Teil auf die Unfallfolgen zurückzuführen, es bestehen deutliche
unfallfremde Faktoren, welche zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine berufliche Wiedereingliederung mit Hilfe der
IV verunmöglichen.
Die Arbeitsfähigkeit betrage weiterhin 50% aus unfallkausaler Sicht, insgesamt sei jedoch aus
vorwiegend psychischen Gründen eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit gegeben.
Diesem Austrittsbericht beigelegt ist ein Abklärungsbericht der Neuropsychologin lic. phil. L._
vom 6. Oktober 1998 (IV-act. 23 S. 22 f.). Diese diagnostiziert eine mittelschwere Störung
multikausaler Ursache, St. n. einer milden traumatischen Hirnverletzung und HWS-Distorsion
vom 13. April 1998. Die Leistungen seien durch deutliche Verlangsamung in den meisten
Bereichen deutlich eingeschränkt. Die allgemeine intellektuelle Fähigkeit liege im
Normbereich. Als Ursache für die Störung komme ein Vorzustand, eine milde traumatische
13│26
Hirnverletzung, eine schmerzbedingte oder psychoreaktive Leistungseinschränkung in Be-
tracht. Schmerz- und psychoreaktive Problematik seien mit hoher Wahrscheinlichkeit ein wich-
tiger Faktor im heutigen Beschwerdebild.
5.2.2
Der Kreisarzt J._ stellte auch in seinem Abschlussbericht vom 16. Dezember 1998 (IV-
act. 23) keine Diagnosen. In der Beurteilung hielt er im Wesentlichen fest, es hätten heute
Lenden- und Nackenbeschwerden sowie Kopfschmerzen im Vordergrund gestanden. Bei der
Untersuchung sei die Neurologie unauffällig gewesen, die Schädelkalotte ebenfalls. Die
Haltung sei insgesamt gut, bei der Untersuchung der Wirbelsäule seien noch
druckschmerzhafte Punkte auslösbar, die Beweglichkeit sei insgesamt sehr gut, insbesondere
in der LWS. Die Muskulatur sei in ordentlichem Zustand, sicher noch verbesserungswürdig.
Im Vordergrund stünden heute depressive Verstimmungsbilder, weswegen der Patient auch
in Behandlung sei. Anhand der heutigen Befunde sei kein sicherer bleibender Nachteil
vorhanden, welcher auf den Unfall zurückzuführen sei. Dem Patienten seien von Seiten der
Unfallfolgen die gleichen Tätigkeiten wie vor dem Unfall zumutbar.
5.2.3
Die Psychiatrische Klinik M._ diagnostizierte mit ärztlichem Bericht vom 15. Juni 1999 (IV-
act. 27/155) eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome mit
Suizidtendenzen (ICD F32.2), differentialdiagnostisch eine organische Persönlichkeitsstörung.
6.
6.1
Im Rahmen der aktuellen Rentenrevision liess die IV-Stelle den Beschwerdeführer durch die
D._ AG polydisziplinär begutachten. Das Gutachten vom 12. November 2018 (IV-act. 157)
basiert auf den Untersuchungen des Internisten Dr. med. N._, des Neurologen Dr. med. O._,
der Neuropsychologin dipl. psych. P._, der Orthopädin Dr. med. Q._ und des Psychiaters
Dr. med. R._ (IV-act. 150/906, 157/925). Als Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit halten die Gutachter fest:
− Cervico-lumbovertebrales Schmerzsyndrom, radiologisch unauffälliger HWS Befund, an der LWS lumbo-
sacrale Übergangsstörung (ICD-10: M54.5, M53.9)
− Neurasthenie (ICD-10 F48.0)
Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien:
14│26
− Wellenförmige Beschwerde am Nacken und an der LWS mit Verspannungen. Temporäre
Beweglichkeitseinschränkungen in wechselndem Ausmass. Leichte bis mittelschwere neuropsychologische
Störung (13.04.1998 Velounfall) 7.12.2001 im Bericht Ärztliche Abschlussuntersuchung, SUVA Zentralschweiz
− Commotio cerebri. Kontusion der LWS. Distorsion der HWS (13.04.1998 Velounfall)
− Anamnestische Hepatitis B (ED 2007 und 2008)
− Chronische Müdigkeit bei gestörter Tag-/Nachtstruktur ohne organische Korrelat
− Kopfschmerzen vom Spannungstyp
− HWS-Distorsionstrauma nach Unfall April 1998
− Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert
− Akzentuierte Persönlichkeitszüge (emotional instabile, impulsive und unreife Züge)
Laut Gutachten bestehen vorab Beeinträchtigungen seitens des Bewegungsapparates.
Aufgrund der Minderbelastbarkeit der Wirbelsäule sei der Versicherte für körperliche schwere
Tätigkeiten nicht geeignet. Wegen des neurasthenischen Krankheitsbildes bestehe eine
leichte Reduktion der Funktionsfähigkeit infolge emotionaler Instabilität und allgemeiner
Stressanfälligkeit. Seine Fähigkeit, sich an Regeln und Routinen anzupassen sowie Aufgaben
zu planen und zu strukturieren sei leicht beeinträchtigt. Flexibilität und Umstellungsfähigkeit
seien infolge der subjektiv empfundenen Beeinträchtigungen leichtgradig reduziert. Die
Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenz als Maschinenmechaniker sei aus
psychiatrischer Sicht an und für sich nicht beeinträchtigt. Entscheidungs- und Urteilskraft seien
höchstens leicht reduziert. Die Durchhaltefähigkeit sei infolge der Neurasthenie mit den
subjektiven Empfindungen von Erschöpfbarkeit und reduzierter Belastbarkeit mässig
beeinträchtigt. Die Selbstbehauptungsfähigkeit sei nicht wesentlich beeinträchtigt. Die
Kontaktfähigkeit zu Dritten und Gruppenfähigkeit sei infolge Reizbarkeit leicht reduziert. Die
Mobilität sei erhalten. Der Versicherte habe nach einer beschwerten Kindheit und Jugendzeit
im Alter von 24 Jahren einen Unfall erlitten. Vor dem Hintergrund seiner unreifen und instabilen
Persönlichkeitsstruktur habe sich ein neurasthenisches Krankheitsbild entwickelt.
Der bereits über zwanzigjährige Rentenbezug mit bisher gescheiterten
Wiedereingliederungsversuchen und nun langjähriger Arbeitsunfähigkeit lasse daran zweifeln,
ob Wiedereingliederungsversuche erfolgreich wären. Die letzten Jahre habe sich scheinbar
eine gewisse Stabilisierung ergeben, bei Fähigkeiten des Versicherten für längere Reisen
sowie diversen aktiv ausgeübten Hobbys, wenn auch mit (laut Versichertem) eingeschränkter
Belastbarkeit. Im Verlauf der Jahre sei der Versicherte mehrmals psychiatrisch untersucht und
beurteilt worden. Zum Vorschein seien unterschiedliche Sichtweisen und Einschätzungen
gekommen. Es sei jedoch nicht plausibel, dass die beschriebenen Kindheits- und
Jugendereignisse zu einer schweren Persönlichkeitsstörung geführt habe. Ebensowenig sei
plausibel, dass infolge des Unfalls im April 1998 schwere Hirnschäden mit anhaltenden
15│26
kognitiven Folgedefiziten aufgetreten seien. Aus orthopädischer Sicht seien bei muskulären
Verspannungen im Bereich der HWS-Muskulatur und gelegentlichen Beschwerden der LWS
bei bekannter Übergangsstörung lumbosakral, gelegentlich belastungsabhängige
Beschwerden plausibel. Warum eine berufliche Tätigkeit nicht realisiert worden sei, lasse sich
retrospektiv nicht erklären. Es seien keine Funktionseinschränkungen feststellbar, welche
gegen leichte und mittelschwere Tätigkeiten sprächen. Körperlich schwere Tätigkeiten sollten
vermieden werden.
Die zuletzt durchgeführte Tätigkeit als CNC-Operateur sei wie jede andere körperlich schwere
Tätigkeit nicht zumutbar. Diesbezüglich bestehe eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (Beginn
1997, Gutachten Dr. I._). Für leichte bis mittelschwere Tätigkeiten, unter Berücksichtigung
des negativen Leistungsbildes, habe von 1998 bis 2002 eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit
bestanden, wobei nach der HWS-Distorsion vom 13. April 1998 einige Monate eine
Arbeitsunfähigkeit anzunehmen sei. Ab 2002 betrage die Arbeitsfähigkeit 65% (5 Std.
Präsenz). Anhand der vorhandenen Akten sei es schwierig retrospektiv den Zeitpunkt
festzustellen, an dem die Arbeitsunfähigkeit bzw. die Arbeitsfähigkeit begonnen hat. Im
Vordergrund stünden die orthopädischen und psychiatrischen Diagnosen; die
Arbeitsunfähigkeiten würden sich nicht addieren.
6.2
Der Beschwerdeführer legte im Rahmen des Beschwerdeverfahrens eine zu seinen Händen
verfasste Stellungnahme von der behandelnden Psychiaterin Dr. med. G._ vom 28. Oktober
2020 ins Recht (BF-Bel. 3). Die Psychiaterin berichtet, der Versicherte sei seit dem
29. Februar 2020 bei ihr in Behandlung und sie stellt folgende Diagnosen:
(Psychiatrisch) St. n. Schädel-Hirn-Trauma mit V.a. organisches Psychosyndrom, F 07.2, rezidivierende
depressive Störung, derzeit zumindest mittelgradige depressive Episode, F 33.1, diverse traumatische
Erfahrungen in der Kindheit- und Jugend, akzentuierte Persönlichkeitszüge, Z 73.1 somatisch: chronifiziertes
cervico-lumables Schmerzsyndrom
Derzeit bestehe in der angestammten Tätigkeit als CNC-Operateur eine Arbeitsunfähigkeit von
100% auf Dauer. Ebenso liege keine verwertbare Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit vor.
Aus ihrer Sicht sei dem Versicherten weiterhin keine regelmässige, erwerbsmässig dienende
Tätigkeit zumutbar. Die Komplexität der Erkrankung begründe hierbei die volle
Arbeitsunfähigkeit. Das organische Psychosyndrom nehme hierbei den grössten Anteil ein.
Eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit könne nicht erreicht werden. Der Gesundheitszustand
habe sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert.
16│26
6.3
Das im vorliegenden Verfahren aufgelegte, von Dr. med. S._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, verfasste Privatgutachten vom 23. Februar 2021 nennt als Diagnosen:
− Kombinierte Persönlichkeitsstörung bestehend seit der Adoleszenz, dem jungen Erwachsenenalter ICD-10: F
61.0
− Wahrscheinlich leichter Velounfall 1998 (milde traumatische Hirnschädigung nach den Akten
− Aktenanamnestisch Rückenschmerzen und weitgehend remittierte depressive Episode
In seiner Beurteilung hält der Psychiater stark zusammengefasst fest, dass die nach dem
Unfall gescheiterten Rehabilitationsbemühungen nur vor dem Hintergrund einer
vorbestehenden Persönlichkeitsstörung verstanden werden können. Die beschriebenen
Beeinträchtigungen seien nur bei einer schweren Hirnschädigung möglich. Bei einer
Hirnerschütterung ohne weitere Dimensionen sei eine solche Einschränkung ausgeschlossen,
in Verbindung mit der vorbestehenden Persönlichkeitsstörung allerdings nachvollziehbar. Der
Patient habe seit dem Unfall auf verschiedenen Ebenen Einschränkungen geltend gemacht,
die sich keiner einheitlichen Diagnose unterordnen liessen, ausser wenn eine
Persönlichkeitsstörung festgelegt werde. Die depressiven Episoden seien nach
übereinstimmenden Angaben in verschiedenen Unterlagen abgeklungen und mögen die
Fehlentwicklung akzentuiert haben.
Unter dem Titel Konsistenzen und Plausibilität, Würdigung von Fähigkeiten und Ressourcen
schreibt der Psychiater, dass auch in den Akten auf die sich in der ganzen Anamnese
ergebenden Inkonsistenzen hingewiesen werden; eine Objektivierung der Anamnese sei
schwierig. Dies gelte auch für die Ressourcen. Eine gewisse handwerkliche Begabung sei
anzunehmen und es gebe keine Hinweise auf organische Beeinträchtigungen, die ihm nicht
erlaubten wieder handwerklich tätig zu sein.
Der Psychiater hält bezüglich der «aktuellen Arbeitsfähigkeit im Rahmen jeder möglichen
Tätigkeit» fest, der Versicherte sei seit dem Unfall vor 20 Jahren nicht mehr im Arbeitsprozess
und die vollständige Berentung lange Zeit unbestritten geblieben. Die Gutachter hätten bei
ihrer Einschätzung die Vorgeschichte vor dem Unfall und die Chronifizierung unberücksichtigt
gelassen. Im Rahmen einer Würdigung der Gesamtsituation mit allen neuen Aspekten gehe
er davon aus, dass nur eine Teilarbeitsfähigkeit in der freien Wirtschaft nach einer längeren
Vorbereitungszeit möglich sei.
Der Versicherte habe noch rund 20 Lebensjahre im erwerbsfähigen Alter vor sich, was
intensive Bemühungen zur beruflichen Reintegration mit einer Mitwirkungspflicht rechtfertige.
17│26
Bei einer adäquaten Tätigkeit und einer Steigerung der Belastung nach einigen Monaten,
höchstens einem Jahr zumutbar. Damit habe der Explorand noch einige Monate Anspruch auf
eine ganze Berentung und später, ausgehend von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit, auf eine
halbe Rente. Die mehrmonatigen Reisen nach Vietnam seien zwar nicht mehr möglich, solche
seien aber auch nicht durch Versicherungsleistungen zu begünstigen. Durch ein solches
Vorgehen lasse sich die komplexe Problematik, die sich über Jahrzehnte entwickelt habe, am
sinnvollsten korrigieren.
7.
7.1
In somatischer Hinsicht erfüllt das polydisziplinäre Gutachten der D._ AG vom 12. November
2018 die rechtsprechungsgemässen Voraussetzungen an eine medizinische
Beurteilungsgrundlage (vgl. E. 4.2 hiervor). Es weist weder formale noch inhaltliche Mängel
auf, ist umfassend, berücksichtigt die geklagten Beschwerden, ist in Kenntnis der Vorakten
abgegeben worden und leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge bzw.
der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Sodann weist das Gutachten keine
Widersprüche von entscheidrelevanter Bedeutung auf und setzt sich auch hinlänglich mit den
bei den Akten liegenden Berichten auseinander. Die entsprechenden, vorstehenden
Darlegungen im Gutachten (vgl. E. 6.1 hiervor) vermögen zu überzeugen, sodass darauf
verwiesen werden kann. Was in der Beschwerde dagegen vorgebracht wird erweist sich, wie
sich nachfolgend zeigen wird, als unbegründet.
7.2
7.2.1
Der Beschwerdeführer macht zunächst geltend, es dürfe mit Fug bezweifelt werden, dass sich
der Gesundheitszustand nach einem Rentenbezug von 21.5 Jahren plötzlich
rentenausschliessend verbessert habe, zumal er in all den Jahren Anspruch auf eine ganze
IV-Rente gehabt habe. Auch das Belastbarkeitstraining bei der E._ habe keine verwertbare
Leistungsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt zu Tage gebracht. Hier bestehe ein Widerspruch zu
den Schlussfolgerungen der Gutachter der D._ AG, welche eine (teilweise) Arbeitsfähigkeit
bejaht hätten.
18│26
7.2.2
Massgebend ist, ob sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers revisionsrelevant
verändert hat bzw. inwieweit der Beschwerdeführer aufgrund der Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit in seiner Erwerbsmöglichkeit auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt eingeschränkt ist (vgl. Art. 7 f. ATSG). Die
Bestimmung der Arbeitsfähigkeit ist eine primär ärztliche Aufgabe, wobei anhand der
objektiven Befunderhebung die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die
Leistungsfähigkeit zu bestimmen sind (Urteil des Bundesgerichts 8C_1010/2014 vom 3. April
E. 5.1). Hingegen ist unwesentlich – was der Beschwerdeführer mit seinen Einwänden
verkennt –, ob, wie lange bzw. in welcher Höhe in der Vergangenheit eine Invalidenrente
bezogen wurde und wie ein von der IV-Stelle organisiertes Belastbarkeitstraining verlief.
7.3
7.3.1
Weiter moniert der Beschwerdeführer, die Gutachter hätten sich zu Unrecht auf die
psychiatrische Beurteilung der Unfallversicherung vom 21. Oktober 2002 abgestützt. Dort sei
es um die Frage eines allfällig zusätzlichen Integritätsschadens aufgrund seiner psychischen
Einschränkungen gegangen. Vom Integritätsschaden könne nicht einfach auf die
Arbeitsfähigkeit geschlossen werden. Die Teilarbeitsfähigkeit sei denn auch im Teilgutachten
Psychiatrie nicht hinreichend begründet.
7.3.2
Der psychiatrische Gutachter Dr. med. R._ (IV-act. 157 S. 45 ff.) stellte einerseits die
Diagnosen Neurasthenie (ICD-10 F48.0), die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirke und
andererseits die sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirkenden Diagnosen rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig remittiert (ICD-10 F33.4) und akzentuierte
Persönlichkeitszüge (emotional instabile, impulsive und unreife Züge [ICD-10 Z73.1]). Die der
Diagnosestellung zugrundeliegenden Überlegungen wurden unter dem Titel «Herleitung»
festgehalten (IV-act. 157 S. 53). Er erkannte eine leicht ausgeprägte (quantitativ)
Funktionsbeeinträchtigung (IV-act. 157 S. 55 Ziff. 7.4), weshalb die Arbeitsfähigkeit um 35%
quantitativ reduziert sei. Dem Exploranden sei eine Anwesenheitszeit von 5 Stunden täglich
zumutbar, wobei aus psychiatrischer Sicht nicht mit zusätzlichen relevanten qualitativen
Beeinträchtigungen zu rechnen sei (IV-act. 157 S. 56 Ziff. 8.1). Die entsprechenden
Überlegungen des Psychiaters fanden sodann Eingang in die Konsensbeurteilung (IV-act. 157
19│26
S. 10 ff.). Damit erweist die Kritik des Beschwerdeführers, wonach die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit in psychiatrischer Hinsicht ohne Begründung erfolgt, bloss auf psychiatrische
Beurteilung der Unfallversicherung vom 21. Oktober 2002 abgestellt und die
Arbeitsunfähigkeit in analoger Übernahme der dort festgelegten Integritätsentschädigung auf
35% festgesetzt worden sei, schlicht als sach- und aktenwidrig. Dass der Gutachter bei der
Festlegung des bisherigen Verlaufs der Arbeitsfähigkeit – unter dem ausdrücklichen Vorbehalt,
dass eine retrospektive Festlegung des Zeitpunkts des Beginns der hier festgestellten
Arbeitsfähigkeit nur schwierig möglich sei – sich u.a. auf die von der Psychiaterin Dr. med.
T._ im Oktober 2002 festgestellte Integritätsentschädigung von 35% bezog, vermag seine
überzeugenden Ausführungen nicht zu schmälern.
7.4
7.4.1
Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, bei der ursprünglichen Rentenzusprache im Jahr
1999 seien nicht die depressiven Episoden Grund für die Arbeitsunfähigkeit gewesen, sondern
ein organisches Psychosyndrom. Der angebliche Wegfall der depressiven Episoden lasse
folglich nicht auf eine Verbesserung seines Gesundheitszustandes schliessen.
7.4.2
Grundlage für die ursprüngliche Rentenzusprache bildeten u.a. der Austrittsbericht der
Psychiatrie C._ vom 1. Juni 1998 bzw. deren IV-Arztbericht vom 17. Juni 1998, die eine
schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F32.2) festhielten.
Insofern erweist sich die Behauptung, wonach ein organisches Psychosyndrom Grundlage für
die Rentenzusprache gewesen sei, nachweislich als unzutreffend.
7.5
7.5.1
Sodann moniert der Beschwerdeführer, die neuropsychologischen Defizite seien
fälschlicherweise bei den Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt.
7.5.2
Für eine Rentenzusprache ist nicht die medizinische Diagnose entscheidend, sondern deren
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Ein und dieselbe medizinische Diagnose kann
20│26
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit haben oder auch nicht (Urteil des Bundesgerichts
8C_275/2011 vom 7. Juni 2011 E. 3.4). Die Bestimmung der Arbeitsfähigkeit ist eine primär
ärztliche Aufgabe, wobei anhand der objektiven Befunderhebung die sich daraus ergebenden
Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit zu bestimmen sind (Urteil des Bundesgerichts
8C_1010/2014 vom 3. April E. 5.1). Die Gutachter hielten in der Konsensbeurteilung
ausdrücklich fest, dass die testpsychologischen Zusatzuntersuchungen keine
neuropsychologischen Defizite hätten objektivieren können. Das klinische Krankheitsbild
entspreche am ehesten einer Neurasthenie, nämlich anhaltendes Klagen über gesteigerte
Ermüdbarkeit und Erschöpfung, Klagen über Muskelschmerzen und Schwindelgefühle,
Unfähigkeit sich zu entspannen, Reizbarkeit und leichtere depressive Symptome (IV-act. 157
S. 11 Ziff. 4.1). Sodann teilten die Gutachter alle Diagnosen in solche mit und solche ohne
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein (IV-act. 157 S. 12 f. Ziffn. 4.2.1 und 4.2.2 sowie
vorstehende E. 6.1) und erläuterten die funktionellen Auswirkungen der Befunde sowie die
Teilarbeitsfähigkeit (IV-act. 157 S. 13 f. Ziffn. 4.3-4.8 sowie vorstehende E. 6.1). Es ist nicht
ersichtlich, inwiefern damit im Gutachten fälschlicherweise neuropsychologische Defizite bei
den Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt worden wären.
7.6
7.6.1
Der Beschwerdeführer stellt sich auf den Standpunkt, dass das psychiatrische Teilgutachten
bloss ein vom Vorgutachter abweichendes Krankheitsverständnis festhalte. Die bloss
abweichende Ausübung des medizinischen Ermessens sei aber nicht mit einer effektiven
Veränderung des Gesundheitszustandes zu verwechseln.
7.6.2
Aus psychiatrischer Sicht basiert die Rentenzusprache auf einer arbeitsfähigkeitsrelevanten
schweren depressiven Episode ohne psychotische Symptome nach Unfall (ICD-10: F32.2)
sowie einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.3). Aktuell wird hingegen
bloss die diagnostizierte Neurasthenie als die Arbeitsfähigkeit beeinflussend festgehalten. Die
rezidivierende depressive Störung ist gegenwärtig remittiert, was im Übrigen auch der
Psychiater S._ in seinem Privatgutachten vom 23. Februar 2021 bestätigte, und deshalb ohne
Einfluss. Bei der ebenfalls diagnostizierten akzentuierte Persönlichkeitszüge (emotional
instabile, impulsive und unreife Züge; ICD-10 Z73.1) handelt es sich um eine Z-Kodierung.
Dabei handelt es sich gemäss Rechtsprechung um «Probleme», die den Gesundheitszustand
21│26
beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen, aber nicht unter den
Begriff des rechtserheblichen Gesundheitsschadens fallen (u.a. Urteil des Bundesgerichts
8C_558/2015 vom 22. Dezember 2015 E. 4.2.4 mit weiteren Hinweisen). Damit liegt
offensichtlich eine Veränderung des Gesundheitszustandes vor.
7.7
7.7.1
Der Beschwerdeführer legt zur Untermauerung seines Standpunkts die Stellungnahme der
Psychiaterin Dr. med. G._ (BF-Bel. 3; vorstehende E. 6.2) und das Privatgutachten des
Psychiaters Dr. med. S._ (BF-Bel. 1 zur Eingabe vom 8. März 2021; vorstehende E. 6.3) ins
Recht.
7.7.2
7.7.2.1
Er macht zunächst geltend, die behandelnde Psychiaterin bejahe aufgrund eines
chronifizierten, therapieresistenten posttraumatischen organischen Psychosyndroms (ICD-10
F07.2) weiterhin eine volle Arbeitsunfähigkeit. Sie habe dabei die Erkenntnisse aus den
beruflichen Wiedereingliederungsmassnahmen berücksichtigt.
7.7.2.2
Die Psychiaterin hält unter anderem den Verdacht auf ein organisches Psychosyndrom bei
Status nach Schädel-Hirn-Trauma fest. Abgesehen davon, dass kein Schädel-Hirn-Trauma
aktenkundig ist (sondern «bloss» ein HWS-Schleudertrauma), äussert die Psychiaterin bloss
eine Verdachtsdiagnose, mithin ein beweismässig nicht gesichertes Leiden, das keine
rechtsgenügliche Grundlage bilden kann, um eine mögliche Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit nachzuweisen (Urteil des Bundesgerichts 9C_81/2019 vom 11. November
2019 E. 3.3.2). Auch lässt die Psychiaterin offen weshalb ihres Erachtens, anders als die D._
Gutachter und der Privatgutachter S._, keine remittierte rezidivierende depressive Störung
vorliegt. Insgesamt gelangt die behandelnde Psychiaterin zu einer anderen Einschätzung als
die Gutachter, benennt aber keine wichtigen Aspekte, die im Rahmen der
polydisziplinären Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind. Die neu
berücksichtigten «Erkenntnisse aus den beruflichen Wiedereingliederungsmassnahmen» sind
entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers keine wichtigen (medizinischen)
Erkenntnissen, die Zweifel am Gutachten der D._ AG begründen oder eine Neu- oder
22│26
Ergänzungsbegutachtung des Beschwerdeführers erforderlich machen würden. Vielmehr ist
mit der IV-Stelle davon auszugehen, dass die anderslautende Einschätzung primär darauf
beruht, dass sich die Psychiaterin wesentlich von den subjektiven Angaben des
Beschwerdeführers leiten liess. Auch vermag die Psychiaterin nicht nachvollziehbar
darzulegen, weshalb sie, insbesondere angesichts der Tatsache, dass der Beschwerdeführer
ab 2016 nicht mehr in psychiatrischer Behandlung war, von einem chronifizierten
therapieresistenten posttraumatischen organischen Psychosyndrom ausgeht. Es ist an dieser
Stelle auch daran zu erinnern, dass Hausärzte und behandelnde Fachärzte erfahrungsgemäss
aufgrund ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im Zweifelsfall mitunter eher zu Gunsten
ihrer Patienten aussagen (Urteil des Bundesgerichts 8C_143/2019 vom 21. August 2019
E. 4.4.1 m.w.H.).
7.7.3
7.7.3.1
Im Weiteren argumentiert der Beschwerdeführer mit dem von Dr. med. S._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, erstellten Privatgutachten vom 23. Februar 2021 (vgl.
vorstehende E. 6.3). Dieser habe eine kombinierte Persönlichkeitsstörung seit der Adoleszenz
sowie weitgehend remittierte depressive Episoden diagnostiziert. Die Diagnose der
Persönlichkeitsstörung fehle in der versicherungsmedizinischen Beurteilung, weil die
Vorgeschichte vor dem Unfall nicht einbezogen worden sei. Die diesbezügliche Anamnese
und Aktenlage sei unvollständig. Die Gutachter hätten zu stark auf die auf den Unfall
fokussierenden Berichte der Suva abgestellt. Dazu komme, dass die jahrzehntelange
Abwesenheit des Beschwerdeführers im Arbeitsprozess zu einer chronifizierten psychischen
Störung und immer schlechter werdenden Prognosen geführt hätten. Eine Teilarbeitsfähigkeit
sei aber nur noch mit grossem Aufwand und nach längerer Vorbereitungszeit möglich.
7.7.3.2
Anders als die Gutachter beschränkt sich der Privatgutachter darauf den Krankheitsverlauf zu
beschreiben, wobei er seine Erkenntnisse grossmehrheitlich auf Vermutungen – namentlich
betreffend die Kindheit – stützt. Er moniert, die Vorgeschichte vor dem Unfall sei nur
ungenügend anamnestisch erhoben worden und die damaligen medizinischen Abklärungen
zu sehr auf das Unfallgeschehen fokussiert gewesen. Damit verkennt er aber, dass im jetzigen
Verfahren in tatsächlicher Hinsicht der aktuelle Gesundheitszustand und die konkret
bestehenden Funktionseinschränkungen von Relevanz sind. Diesbezüglich geht der
23│26
Psychiater zwar von einer Teilarbeitsunfähigkeit aus, begründet dies im Wesentlichen aber mit
der langjährigen Berentung, welcher aber als IV-fremder Faktor keine Bedeutung zukommt.
Im Übrigen bejaht er die weitgehende Remission der Depression sowie eine
Teilarbeitsfähigkeit (und damit den Revisionsgrund).
7.7.4
Abschliessend ist zu bemerken, dass selbst die behandelnde Psychiaterin und der
Privatgutachter unterschiedliche Diagnosen (einerseits ein chronifiziertes, therapieresistentes
posttraumatisches organisches Psychosyndrom [Dr. med. G._], andererseits eine
kombinierte Persönlichkeitsstörung seit der Adoleszenz sowie aktenanamnestisch
Rückenschmerzen und weitgehend remittierte depressive Episoden [Dr. med. S._]) stellen.
Noch augenscheinlicher wird die Diskrepanz hinsichtlich der Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit: Während die Psychiaterin G._ diskussionslos von einer vollen
Arbeitsunfähigkeit ausgeht, stellt der Psychiater S._ die Möglichkeit einer Teilarbeitsfähigkeit
zu 50% nach einigen Monaten in Aussicht. Die nach seiner Auffassung (noch) bestehende
Teilarbeitsunfähigkeit begründet er indes im Wesentlichen mit einem IV-fremden Faktor
(langjährige Berentung). Selbst wenn das Krankheitsbild des Beschwerdeführers diagnostisch
näher oder anders bestimmt bzw. kategorisiert werden könnte, wäre nicht per se eine
niedrigere Arbeitsfähigkeit anzunehmen. Zwischen ärztlicher Diagnose und Arbeitsunfähigkeit
besteht nämlich – sowohl bei somatisch als auch bei psychisch dominierten Leiden –
grundsätzlich keine Korrelation (BGE 140 V 193 E. 3.1). Vielmehr ergibt sich die
Arbeitsunfähigkeit aus den vorhandenen – objektivierten oder plausibilisierten –
Funktionseinschränkungen (BGE 140 V 290 E. 3.3.1). Im Ergebnis vermögen auch die beiden
(voneinander abweichenden) ins Recht gelegten Beurteilungen der Psychiater Dres. med.
G._ und S._ keinerlei Zweifel an der polydisziplinären Begutachtung durch die
unabhängigen Gutachter zu bewirken.
8.
8.1
Im Zeitpunkt der Rentenzusprache 1999 lagen beim Beschwerdeführer in orthopädischer
Hinsicht ein chronisches lumbo- und zervikospondylogenes Syndrom bei degenerativen
Wirbelsäulenveränderungen und eine undifferenzierte seronegative Spondylarthropathie
(vorstehende E. 5.1.1 f.) sowie in psychiatrischer Hinsicht eine schwere depressive Episode
ohne psychotische Symptome nach Unfall sowie eine emotional instabile
24│26
Persönlichkeitsstörung (vorstehende E. 5.1.5 und 5.2.3) vor. Die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers wurde in körperlicher Hinsicht als eingeschränkt (leichte Tätigkeit nicht
über 10 kg mit zusätzlichen Pausen von täglich 1.5 Stunden) und aus psychischen Gründen
als gänzlich aufgehoben erachtet. Neuropsychologische Aspekte bildeten indes – soweit
ersichtlich – nicht Grundlage für die Rentenzusprache.
8.2
Demgegenüber war die depressive Störung im Revisionszeitpunkt remittiert, während sich in
psychiatrischer Hinsicht ein Krankheitsbild entwickelt hat, das am ehesten einer Neurasthenie
entspricht (vorstehende E. 6.1; IV-act. 157 S. 11), bei akzentuierten Persönlichkeitszügen
(emotional instabile, impulsive und unreife Züge [IV-act. 157 S. 54]). Die ursprünglich
geäusserte Verdachtsdiagnose einer undifferenzierten HLA-B27-positiven
Spondylarthropathie (Wirbelgelenkserkrankung) konnte zu keinem Zeitpunkt objektiviert
werden (IV-act. 157 S. 11). Neu klagte der Beschwerdeführer über eine progrediente
Beschwerdesymptomatik in der linken Schulter (IV-act. 157 S. 29), während sich die
lumbospondylogene Beschwerdesymptomatik (lumbosacrale Formationsstörung mit
kettenmässiger Degeneration der kranial angrenzenden Segmente) seit 2009 unverändert
präsentierte (IV-act. 157 S. 11 und 31). Die in der Voruntersuchung vom November 1998 noch
erhobenen mittelgradigen neuropsychologischen Defizite haben sich ebenfalls nicht mehr
objektivieren lassen (IV-act. 157 S. 91 ff., insb. 95). Die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers wurde aus orthopädischer Sicht für leichte und mittelschwere Tätigkeiten
als nicht eingeschränkt, aus psychiatrischer Sicht durch die Neurasthenie bloss noch teilweise
(um 35%) eingeschränkt betrachtet.
8.3
Nach dem Gesagten ist im Ergebnis nicht zu beanstanden, dass die IV-Stelle von einer
relevanten Verbesserung des Gesundheitszustandes ausging. Damit ist ein Revisionsgrund
im Sinne von Art. 17 ATSG erstellt und die vollumfängliche Überprüfung des Rentenanspruchs
begründet.
9.
Damit erübrigt sich auch die beantragte Übernahme der Kosten für die fachmedizinische
Stellungnahme von Dr. med. G._ vom 28.10.2020 (Antrags-Ziffer 4). Gemäss Art. 78 Abs. 3
IVV (SR 831.201) werden die Kosten von Abklärungsmassnahmen dann von der Versicherung
25│26
getragen, wenn die Massnahmen durch die IV-Stelle angeordnet wurden oder, falls es an einer
solchen Anordnung fehlt, soweit sie für die Zusprechung von Leistungen unerlässlich waren.
Weder hat die IV-Stelle die Einholung einer fachmedizinischen Stellungnahme bei Dr. med.
G._ angeordnet, noch war sie ‒ angesichts der veranlassten polydisziplinären Begutachtung
– notwendig.
10.
Das von der Beschwerdegegnerin ermittelte Valideneinkommen von Fr. 66'364.– und
Invalideneinkommen von Fr. 44'043.– sowie der errechnete IV-Grad von gerundet 36%
blieben unbestritten und die Aktenlage gibt keine Veranlassung zur weiteren Prüfung. Die IV-
Stelle hat die Invalidenrente infolge eines IV-Grades unter 40% zu Recht eingestellt (Art. 28
IVG e contrario in Verbindung mit den Art. 86ter ff. IVV).
11.
Zusammenfasend ergibt sich, dass die Aufhebung der Invalidenrente gerechtfertigt und die
angefochtene Verfügung im Ergebnis nicht zu beanstanden ist. Die dagegen erhobene
Beschwerde ist unbegründet und vollumfänglich abzuweisen.
12.
12.1
Abweichend von Art. 61 lit. a ATSG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.‒ bis Fr. 1'000.‒
festgelegt.
Die Kosten für das vorliegende Verfahren werden auf Fr. 800.– festgesetzt und
ausgangsgemäss dem Beschwerdeführer auferlegt. Der Beschwerdeführer wird verpflichtet,
den Betrag innert 30 Tagen seit Rechtskraft dieses Urteils mit beiliegendem
Einzahlungsschein an die Gerichtskasse Nidwalden zu bezahlen.
12.2
Dem unterliegenden Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 61
lit. g ATSG e contrario).
26│26