Decision ID: 1e476f17-302f-57a5-bb00-73e848a35d3b
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X fuhr am Freitag, 15. Januar 2010, um 15.45 Uhr, mit einem Personenwagen in
Fahrweid (Gemeinde Weinigen ZH) auf der Autobahn A1 in Richtung Zürich-City. Ihr
Ehemann begleitete sie auf dem Beifahrersitz. Die Autobahn ist an dieser Stelle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vierspurig. X befand sich auf der dritten Fahrspur von rechts. Beim Wechsel auf die
vierte Fahrspur kam es zu einer seitlichen Kollision mit einem von hinten nahenden
Personenwagen der Marke Mercedes-Benz. Es entstand geringer Sachschaden an
beiden Fahrzeugen; Personen wurden nicht verletzt.
B.- Mit Strafverfügung des Statthalteramts Dietikon vom 24. Februar 2010 wurde X
wegen ungenügender Rücksicht auf nachfolgende Fahrzeuge beim Wechseln des
Fahrstreifens schuldig gesprochen und zu einer Busse von Fr. 350.-- verurteilt. Der
Strafentscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Mit Verfügung vom 18. August
2010 entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis wegen Verursachens eines
Verkehrsunfalls zufolge unvorsichtigen Wechselns des Fahrstreifens für die Dauer eines
Monats.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X durch ihren Vertreter mit Eingabe vom 8.
September 2010 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission. Sie beantragte, unter
Kosten- und Entschädigungsfolge sei die Verfügung vom 18. August 2010 aufzuheben
und es sei kein Führerausweisentzug zu verfügen. Eventualiter sei die Sache zu neuer
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Vorinstanz verzichtete auf eine
Vernehmlassung. Auf die Ausführungen zur Begründung der Rechtsbegehren wird,
soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 8. September 2010 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs wird eine Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend gemacht. Die
Vorinstanz habe weder die Annahme eines mittelschweren Falls noch die dazu
notwendige Annahme eines nicht mehr leichten Verschuldens bzw. eines nicht mehr
leichten Gefahrtatbestands begründet. Vielmehr beschränke sich die angefochtene
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügung darauf, die Verwirklichung des Tatbestands der mittelschweren
Widerhandlung pauschal zu behaupten. Damit habe die Vorinstanz ihre
Begründungspflicht verletzt.
a) Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt: BV) gewährt den Parteien
Anspruch auf rechtliches Gehör. Aus diesem Anspruch leitet das Bundesgericht die
Pflicht der Behörde ab, ihre Verfügungen und Entscheide zu begründen (z.B. BGE 133
III 439 E. 3.3). Als persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht verlangt dieser
Grundsatz, dass die Behörden die Vorbringen des vom Entscheid oder der Verfügung
in seiner Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft
und in der Entscheidfindung berücksichtigt (G. Steinmann, in: St. Galler Kommentar,
2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2008, N 27 zu Art. 29 BV). Der von einem Entscheid oder
einer Verfügung Betroffene soll wissen, warum die Behörde entgegen seinem Antrag
entschieden hat; die Begründung muss deshalb so abgefasst sein, dass der Betroffene
den Entscheid oder die Verfügung gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (BGE
133 III 439 E. 3.3). Dies ist nur möglich, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die
Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheids oder der Verfügung ein Bild
machen können; in diesem Sinn müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt
werden, von denen sich die Behörde leiten liess und auf welche sich ihr Entscheid
stützt. Auf der anderen Seite bedeutet dies nicht, dass sich die Behörde ausdrücklich
mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand
auseinandersetzen muss; vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid oder die
Verfügung wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (BGE 133 I 270 E. 3.1). Ist die
Sachlage klar und sind die anwendbaren Normen bestimmt, kann ein Hinweis auf diese
Rechtsnormen genügen, während ein weiter Spielraum der Behörde – aufgrund von
Ermessen oder unbestimmten Rechtsbegriffen – und eine Vielzahl von in Betracht
fallenden Sachverhaltselementen eine ausführliche Begründung gebieten (Urteil des
Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen B 2009/211 vom 18. März 2010, E. 2.1 mit
Hinweisen zur Lehre und Rechtsprechung).
b) Die Vorinstanz hielt der schriftlichen Eingabe des Vertreters der Rekurrentin vom 9.
August 2010 nur entgegen, dem Antrag könne nicht gefolgt werden. Die verursachte
Gefahr (Unfall mit konkreter Gefährdung) könne nicht mehr als gering eingestuft
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden. Es liege unabhängig vom Grad des Verschuldens zumindest ein
mittelschwerer Fall vor.
Diese Ausführungen genügen den Anforderungen an das rechtliche Gehör nicht. In der
Stellungnahme des Rechtsvertreters wurde im Wesentlichen geltend gemacht, es
handle sich nur um einen leichten Vorfall ohne Personenschaden und – zufolge leichter
Kollision – nur mit geringen Sachschäden. Zudem habe die Rekurrentin sämtliche
vorgeschriebenen Massnahmen vor dem Fahrspurwechsel getroffen, weshalb das
Verschulden nur ganz leicht sei. Die Vorinstanz ist auf diese Vorbringen nicht
eingegangen. Der Einwand der Verletzung des rechtlichen Gehörs ist daher begründet.
Von einer Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zu neuer Entscheidung ist
jedoch abzusehen, denn das Gericht verfügt über volle Kognition (Art. 46 Abs. 1 VRP);
mithin können alle Mängel gerügt werden, und das Gericht kann die Begründung
nachholen. Die Heilung der Gehörsverletzung im Rekursverfahren darf für den
Betroffenen indessen keinen Nachteil zur Folge haben, was unabhängig vom
Verfahrensausgang im Rahmen der Kostenverlegung zu berücksichtigen ist.
3.- a) Die Vorinstanz hat die angefochtene Verfügung auf Art. 34 Abs. 3 SVG gestützt.
Nach dieser Bestimmung muss ein Fahrzeugführer, der seine Fahrtrichtung ändern will,
wie zum Abbiegen, Überholen, Einspuren und Wechseln des Fahrstreifens, auf den
Gegenverkehr und auf die ihm nachfolgenden Fahrzeuge Rücksicht nehmen. Sie hat
die Verkehrsregelverletzung als mittelschwere Widerhandlung qualifiziert und der
Rekurrentin den Führerausweis gestützt auf Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG entzogen.
b) Die Rekurrentin erachtet die Widerhandlung demgegenüber als besonders leicht
oder höchstens leicht. Im Rekurs wird vorgebracht, eine Streifkollision bei stockendem
Kolonnenverkehr sei ein leichter Vorfall bei dem, wenn überhaupt, auch nur eine ganz
geringe Gefahr geschaffen werde. Es habe keinerlei Personenschaden und keine
Auffahrkollision, sondern bloss eine leichte Streifkollision mit nur geringen
Beschädigungen der Fahrzeuge gegeben. Dies sei gefährdungsmässig noch
unbedeutender als eine Auffahrkollision innerhalb einer sich mit Schritttempo vorwärts
bewegenden Fahrzeugkolonne. Bei einer seitlichen Streifkollision des vorliegenden
leichten Ausmasses sei die Gefahr von Wirbelverletzungen bzw. Schleudertrauma-
Fällen ausgeschlossen. Die Rekurrentin habe vor dem Fahrstreifenwechsel sämtliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorgeschriebenen Vorsichtsmassnahmen korrekt ergriffen. Gemäss den polizeilichen
Abklärungen habe sie in den Rückspiegel geschaut und den Kopf gedreht. Weit hinten
habe sie dabei einen Mercedes-Benz auf dem äussersten linken Fahrstreifen gesehen.
Sie sei der Meinung gewesen, dass sie den Fahrstreifen noch wechseln könne, ohne
dieses Fahrzeug zu behindern. Deshalb habe sie den linken Richtungsanzeiger betätigt
und mit dem Fahrstreifenwechsel begonnen. An sich habe sie die Verkehrssituation
richtig wahrgenommen, aber falsch eingeschätzt. Darin liege, wenn überhaupt, nur ein
kleines Verschulden.
4.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen ist,
der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln
eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit.
a SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
a) Eine leichte Widerhandlung im Sinn von Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG setzt voraus, dass
die vom Lenker durch die Verkehrsregelverletzung bewirkte Gefahr für die Sicherheit
anderer gering und das Verschulden leicht ist. Beide Voraussetzungen müssen
kumulativ erfüllt sein (BGE 135 II 138, E. 2.2.3).
Die leicht erhöhte abstrakte Gefährdung wird als "geringe Gefahr für die Sicherheit
anderer" umschrieben. Wenn im Strassenverkehr von der "Sicherheit anderer" die
Rede ist, ist damit das Schutzgut der körperlichen Integrität ("Leib und Leben") und
Gesundheit anderer Personen, seien dies Verkehrsteilnehmer oder sonst wie mögliche
Gefährdete. Die Verkehrsregeln sind als abstrakte Gefährdungsdelikte ausgestaltet, so
dass deren Verletzung den Tatbestand der Gefahr selbst nicht als Deliktsmerkmal
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
enthält. Der Gesetzgeber knüpft vielmehr Sanktionen oder Massnahmen an ein
Verhalten, das generell geeignet ist, das geschützte Rechtsgut zu gefährden oder zu
verletzen. Abstrakte Gefährdungstatbestände bedrohen mithin ein Verhalten wegen
seiner typischen Gefährlichkeit allgemein mit Strafe oder Massnahme. Es ist nicht
relevant, ob im Einzelfall tatsächlich ein Rechtsgut gefährdet wurde (vgl. R.
Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band III: Die
Administrativmassnahmen, Bern 1995, Rz. 2255-2257; Trechsel/Noll, Schweizerisches
Strafrecht allgemeiner Teil I: Allgemeine Voraussetzungen der Strafbarkeit, 5. Aufl.
1998, S. 77).
b) Im Recht der Administrativmassnahmen liegen der gesetzlichen Kategorisierung der
Widerhandlungen gegen Strassenverkehrsvorschriften verschiedene
Gefährdungsstufen zugrunde. Von der konkreten Gefährdung der körperlichen
Integrität anderer Personen ist die abstrakte Gefährdung zu unterscheiden, die
"einfach" oder "erhöht" sein kann. Die einfache abstrakte Gefährdung zieht kein
Administrativmassnahmeverfahren nach sich (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Eine solche
Gefährdung ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung aber nur dann
anzunehmen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten des
Rekurrenten hätten betroffen werden können. Führt hingegen die Missachtung einer
Verkehrsregel zu einer Verletzung eines Rechtsguts, einer konkreten Gefährdung der
körperlichen Integrität oder zu einer erhöhten abstrakten Gefährdung dieses
Rechtsguts, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die
neuen Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43ff.).
c) Für die Abstufung innerhalb der erhöhten abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der
Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je näher die Möglichkeit einer konkreten
Gefährdung oder Verletzung liegt, umso schwerer wiegt die erhöhte abstrakte
Gefährdung (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete Gefahr liegt vor, wenn für einen
bestimmten Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer die Gefahr einer Körperverletzung
oder gar Tötung bestand. Zudem ist das Ausmass der üblicherweise entstandenen
Schädigung bei Eintritt der Rechtsgutverletzung zu berücksichtigen. (vgl. VRKE IV vom
6. Juli 2005 in Sachen H. L., E. 4 b/bb).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.- Die Verwaltungsbehörde darf beim Entscheid über die Massnahme von den
tatsächlichen Feststellungen des Strafrichters nur abweichen, wenn sie Tatsachen
feststellt und ihrem Entscheid zugrunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren,
wenn sie zusätzliche Beweise erhebt oder wenn der Strafrichter bei der
Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht alle Rechtsfragen abgeklärt, namentlich
die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat. In der rechtlichen Würdigung
des Sachverhalts ist die Verwaltungsbehörde demgegenüber frei, ausser die rechtliche
Qualifikation hängt stark von der Würdigung von Tatsachen ab, die der Strafrichter
besser kennt, etwa weil er den Beschuldigten persönlich einvernommen hat (Urteil des
Bundesgerichts 1C_402/2009 vom 17. Februar 2010, E. 3.1).
a) Gestützt auf die tatsächlichen Feststellungen in der Strafverfügung, von denen
abzuweichen kein Anlass besteht, ist davon auszugehen, dass die Rekurrentin mit
ihrem Fahrzeug auf der vierspurigen Autobahn vom dritten auf den vierten Fahrstreifen
wechseln wollte, dabei die Distanz zu einem sich von hinten auf der vierten Fahrspur
nähernden Fahrzeug falsch einschätzte und eine Kollision mit geringem Sachschaden
an beiden Fahrzeugen verursachte. Die strafrechtliche Verurteilung wegen
Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Ziff. 1 SVG (ungenügende Rücksicht auf
nachfolgende Fahrzeuge beim Wechseln des Fahrstreifens [Art. 34 Abs. 3 und Art. 44
Abs. 1 SVG]) wurde von der Rekurrentin zu Recht nicht angefochten. Aus dem
Polizeirapport geht zudem hervor, dass sie sich vor dem Spurwechsel in einer
stehenden Kolonne befand. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit betrug in jenem
Bereich 100 km/h. Der Unfallgegner gab zu Protokoll, dass er mit ungefähr 50 km/h auf
der vierten Spur unterwegs gewesen sei. Aufgrund der schwachen Kollision erachtete
die Polizei diese Angabe über die gefahrene Geschwindigkeit als glaubwürdig.
Zwar trifft zu, dass die Rekurrentin letztlich nur eine leichte Streifkollision ohne
Personenschaden verursacht hat. Allein deshalb kann indessen nicht darauf
geschlossen werden, es sei, "wenn überhaupt, nur eine ganz geringe Gefahr
geschaffen worden" (Rekurs, S. 4 Ziff. 5). Ob ein Verhalten gefährlich war, beurteilt sich
nicht danach, ob ein Rechtsgut tatsächlich verletzt wurde. Namentlich ist nicht
ausgeschlossen, dass ein Verhalten extrem gefährlich war und trotzdem zu keiner
Rechtsgutverletzung geführt hat. Die Rekurrentin musste mit anderen Fahrzeugen auf
der vierten Spur, auf welche sie wechseln wollte, rechnen. Der Spurwechsel war
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
deshalb nicht ungefährlich, weil sie ihn aus einer stehenden Kolonne vollziehen wollte
und die signalisierte Höchstgeschwindigkeit 100 km/h betrug. Hinzu kam, dass die
Fahrzeuge auf der vierten Fahrspur einem Hindernis seitlich nicht ausweichen konnten.
Denn rechts stand die Fahrzeugkolonne, in welcher sich auch die Rekurrentin befand,
und links war die Mittelleitplanke. Indem die Rekurrentin die Distanz falsch einschätzte
und dem Unfallgegner unter den gegebenen Umständen den Weg abschnitt,
gefährdete sie Letzteren in nicht mehr geringem Ausmass. Dass es zu keiner heftigeren
Kollision kam, hängt vor allem damit zusammen, dass der Unfallgegner umgehend eine
Vollbremsung einleitete und zudem nicht allzu schnell unterwegs war.
Die Annahme einer leichten Widerhandlung scheidet demnach aus. Namentlich kann
nicht gesagt werden, dass die Rekurrentin durch die Verletzung von Verkehrsregeln nur
eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen habe. Ebenfalls nicht
erfüllt ist die zweite Voraussetzung der leichten Widerhandlung. Es trifft nicht zu, dass
die Rekurrentin nur ein leichtes Verschulden trifft. Sie hatte das herannahende
Fahrzeug zwar gesehen, mangels genügender Aufmerksamkeit aber die Distanz zu ihm
falsch eingeschätzt, obwohl sie sich aufgrund der Verkehrssituation im Wesentlichen
auf das herannahende Fahrzeug konzentrieren konnte. Dass sich auf der vierten
Fahrspur auch noch andere Fahrzeuge befanden, hat die Rekurrentin gegenüber der
Polizei nicht geltend gemacht und geht im Übrigen auch nicht aus den Akten hervor.
Da sie mit Fahrzeugen mit höheren Geschwindigkeiten auf der vierten Fahrspur
rechnen musste, wiegt der Umstand, dass sie beim Wechseln des Fahrstreifens die
notwendige Aufmerksamkeit nicht aufbrachte, verschuldensmässig nicht mehr leicht.
Daran ändert auch nichts, dass in der Strafverfügung Ausführungen zur Schwere des
Verschuldens fehlen. Daraus kann die Rekurrentin jedenfalls nichts zu ihren Gunsten
ableiten. Denn eine strafrechtliche Verurteilung nach Art. 90 Ziff. 1 SVG kann
massnahmerechtlich sowohl eine leichte (Art. 16a SVG) als auch eine mittelschwere
Widerhandlung (Art. 16b SVG) darstellen. Abgesehen davon ist die
Verwaltungsbehörde in der rechtlichen Qualifikation des Sachverhalts und damit auch
des Verschuldens frei, zumal keine Tatsachen zu würdigen sind, die der Strafrichter
besser kennt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 1C_492/2009 vom 17. Februar 2010,
E. 3.1).
6.- Die Vorinstanz ist demnach zu Recht von einer mittelschweren Widerhandlung
gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG ausgegangen. Zu prüfen bleibt die Entzugsdauer.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder Führerausweisentzugs sind gemäss
Art. 16 Abs. 3 SVG die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die
Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Die Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten werden. Gemäss Art. 16b
Abs. 2 lit. a SVG wird der Lernfahr- oder Führerausweis nach einer mittelschweren
Widerhandlung mindestens für einen Monat entzogen. Die Vorinstanz hat den
Führerausweis für einen Monat entzogen. Dabei handelt es um die gesetzliche
Mindestentzugsdauer, welche nicht unterschritten werden darf und deshalb ebenfalls
zu bestätigen ist.
7.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Aufgrund der
Verletzung des Anspruchs der Rekurrentin auf rechtliches Gehör durch die Vorinstanz
sind die amtlichen Kosten entgegen dem Verfahrensausgang dem Staat aufzuerlegen
(Art. 95 Abs. 2 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint angemessen (vgl.
Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, in: Amtsblatt des Kantons St. Gallen Nr.
52/27.12.2010, S. 4042 ff.). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist der Rekurrentin
zurückzuerstatten
Ebenfalls zufolge Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör durch die Vorinstanz
hat die Rekurrentin Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung (Art. 98 Abs. 1
und 2 VRP). Ein Honorar von Fr.1'700.-- (Barauslagen und Mehrwertsteuer inbegriffen)
erscheint angemessen (Art. 22 Abs. 1 lit. b, 28 und 29 der Honorarordnung für
Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt: HonO); kostenpflichtig ist
der Staat.