Decision ID: 2faa6f5d-de72-496a-902a-335a02c050de
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der mazedonische Staatsangehörige
X._
,
geboren 1981,
ist verheiratet und Vater dreier Kinder (
Urk.
13/1/1-2). N
ach der Grundschule
wurde er
in Mazedonien
zu
m
Automechaniker
ausgebildet
(
Urk.
9/10 S. 34
). Nachdem er in Mazedonien und Österreich als Automechaniker gearbeitet hatte, reiste er im Jahr 2005 in die
Schweiz ein (
Urk.
9/10 S. 35,
Urk.
13/1/1), wo er ab dem
1.
August 2006 für die
A._
AG
als Wagenparkbetreuer
im Bereich Autoservice und -unterhaltung
tätig war (Urk.
2/2
, Urk.
13/3.1/253
,
Urk.
13/13,
Urk.
13/77.1/39
).
In dieser Eigen
schaft war er bei der
Careal
Holding BVG-Kasse
vorsorgeversichert (Urk.
2/5
).
Am
14. September 2012
erlitt
der Versicherte
auf der Autobahn vor der Verzweigung
Wankdorf
einen Verkehrsun
fall, als er aufgrund eines Staus abbremsen musste und der
nach
folgende Lenker auf sein Fahrzeug auffuhr (Urk.
13/3.1/99).
Der Ver
sicherte wurde ins S
pital
B._
gebracht, wo ein
leichtes
Schädelhirn
trauma, Prellungen des Thorax, der linken Schulter, der Lendenwirbelsäule
und des rech
ten Unterschenkels sowie eine Riss
quetsch
wunde an der Stirn
links
diagnostiziert wurden (
Urk.
13
/3.1/120
).
Die zuständige Unfallversicherung erbrachte Versiche
rungsleistungen (
Urk.
9/7 S. 2).
1.2
Am
15
. M
ärz
20
13 meldete sich
X._
unter Hinweis auf
eine
seit dem Unfall vom 1
4.
September 2012 bestehende posttraumatische Belastungsstörung bei der IV-Stelle Bern zum Leistungsbezug an
(Urk.
13
/
1/5).
Die Unfall
ver
siche
rung stellte ihre Versicherungsleistungen per 3
1.
Dezember 2013 ein (
Urk.
9/7
S.
2
). Alsdann
löste
die
Arbeitgeberin
das Arbeitsverhältnis mit
X._
per 3
0.
April 2014 auf (
Urk.
13/83/
6
). Die IV-Stelle Bern
sprach ihm
-
nach ein
schlä
gigen Abklärungen
-
mit Verfügung vom
24
.
Februar 2016
mit Wirkung ab 1.
September 2013
eine auf einem Invaliditätsgrad von 100 % basierende ganze Rente der Invalidenversicherung
sowie Kinderrenten
zu (Urk. 1
3
/
8
2
).
2.
Am 20. Dezember 2016 erhob
X._
gegen die
Careal
Holding BVG-Kasse
Klage mit folgen
dem Rechtsbegehren (Urk. 1 S. 2):
“
1.
Die Beklagte sei zu verpflichten, dem Kläger ab
1.
September 2013 eine ganze Invalidenrente auszurichten
.
2.
Weiter sei die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger für seine drei Kinder auf der Basis seiner Invalidenrente folgende Kinderrenten auszurichten:
-
für C._
ab
1.
September 2013,
-
für
D._
ab
1.
September 2013 und
-
für E._
ab
1.
Mai 2015.
3.
Die Beklagte sei zu verpflichten,
auf den Invalidenrenten für den Kläger und die Kinder ab 2
0.
Dezember 2016 den Verzugszins von 5
%
zu bezahlen.
4.
Es
seien die Akten der
IV-
St
e
lle Bern
beizuziehen.
5.
Es sei
ein zweiter Schriftenwechsel durchzuführen
.
Unter Entschädigungsfolge zulasten der Beklagten.“
Die Beklagte
beantragte mit Klageantwort vom 17. Juli 201
7
, die Klage sei voll
umfänglich abzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des Klägers
(Urk.
8 S. 2).
Nachdem mit Gerichtsverfügung vom
23
.
Februar 2017
(Urk. 1
0
) die Akten der Eidgenössischen Invalidenversicherung (Urk.
13
/1-9
2
) beigezogen worden waren, hielten die Parteien
replicando
(Urk.
16
) und
duplicando
(Urk.
21
) an ihren Rechtsbegehren fest.
Am
8.
August 2017 wurde dem Kläger eine Kopie der Duplik der Beklagten vom
7.
August 2017
zugestellt (
Urk.
22).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die
Akten
wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 73 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinter
lassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) bestimmt sich der Gerichtsstand nach dem schwei
zerischen Sitz oder Wohnsitz des Beklagten oder dem Ort des Be
trie
bes, bei dem der Versicherte angestellt worden war, wobei die klagende Partei den Gerichts
stand wählen kann (
BGE 133 V 488 E. 2.1
mit Hinweis).
Da die Beklagte ihren Sitz im Kanton Zürich hat (
Urk.
2/4) ist das angerufene Gericht örtlich und gestützt auf
§
2
Abs.
2
lit
. a des Gesetzes über das Sozial
ver
sicherungsgericht (
GSVGer
) sachlich zuständig.
2.
2.1
Anspruch auf Invali
denleistungen haben gemäss
Art.
23 BVG Personen, die im Sinne der Invaliden
versicherung zu mindestens 40
%
invalid sind und bei Eintritt der Arbeitsun
fähigkeit, deren Ursache zur Invalidität geführt hat, versichert waren. Nach Art.
23 BVG versichertes Ereignis ist einzig der Eintritt der rele
van
ten Arbeits
un
fähigkeit, unabhängig davon, in welchem Zeitpunkt und in wel
chem Masse daraus ein Anspruch auf Invalidenleistungen entsteht. Die Ver
sicher
ten
eigen
schaft muss nur bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit gegeben sein, dagegen nicht notwendigerweise auch im Zeitpunkt des Eintritts oder der Ver
schlim
me
rung der Invalidität. Diese wörtliche Auslegung steht in Einklang mit Sinn und Zweck der Bestimmung, nämlich denjenigen Arbeitnehmerinnen und Arbeit
nehmern Versicherungsschutz angedeihen zu lassen, welche nach einer längeren Krankheit aus dem Arbeitsverhältnis ausscheiden und erst später invalid werden. Für eine einmal aus - während der Versicherungsdauer aufgetretene
-
Arbeitsun
fähigkeit geschuldete Invalidenleistung bleibt die Vorsorge
einrichtung somit leistungs
pflichtig, selbst wenn sich nach Beendigung des Vorsorgever
hält
nisses der Invaliditätsgrad ändert. Entsprechend bildet denn auch der Wegfall der Ver
sicherteneigenschaft kein Erlöschungsgrund (
Art.
26
Abs.
3 BVG e
contrario
;
BGE
123 V 262 E. 1a, 118 V 35 E. 5).
2.
2
Aus der engen Verbindung zwischen dem Recht auf eine Rente der Invalidenver
sicherung und demjenigen auf eine Invalidenleistung nach BVG ergibt sich, dass der Invaliditätsbegriff im obligatorischen Bereich der beruflichen Vorsorge und in der Invalidenversicherung grundsätzlich der gleiche ist (BGE 123 V 269 E. 2a, 120 V 106 E. 3c, je mit Hinweisen).
Praxisgemäss sind daher die Vorsorgeeinrichtungen im Bereich der gesetzlichen Mindestvorsorge (
Art.
6 BVG) an die Feststellungen der IV-Organe (Eintritt der invalidisierenden Arbeitsunfähigkeit, Eröffnung der Wartezeit, Festsetzung des Invaliditätsgrades) gebunden, soweit die IV-rechtliche Betrachtung aufgrund einer gesamthaften Prüfung der Akten nicht als offensichtlich unhaltbar erscheint (BGE 126 V 309 E. 1 in
fine
). Diese Konzeption fusst auf der Überlegung, die Organe der (obligatorischen) beruflichen Vorsorge von eigenen aufwändigen Ab
klärungen freizustellen, und gilt nur bezüglich Feststellungen und Beur
teilungen der IV-Organe, welche im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren für die Festlegung des Anspruchs auf eine Invalidenrente entscheidend waren (BGE 132 V 1 E. 3.2). So hat beispielsweise eine verspätete Anmeldung zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung rechtsprechungsgemäss die freie Überprüfbarkeit des leistungserheblichen Sachverhaltes durch die Vorsorgeeinrichtung beziehungs
weise das Berufsvorsorgegericht zur Folge (Urteil des Bundesgerichts 9C_49/2010 vom 2
3.
Februar 2010 E. 2.1).
Diese Bindungswirkung setzt voraus, dass die Vorsorgeeinrichtung (spätestens) ins
Vorbescheidverfahren
(
Art.
73
ter
der Verordnung über die Invalidenver
siche
rung
,
IVV)
einbezogen und ihr die Rentenverfügung formgültig eröffnet wurde (Urteil des Bundesgerichts 9C_81/2010 vom 1
6.
Juni 2010 E. 3.1
mit Hinweisen).
Dem BVG-Versicherer steht ein selbständiges Beschwerderecht im Verfahren nach IVG zu. Unterbleibt ein solches Einbeziehen der Vorsorgeeinrichtungen, ist die IV-rechtliche Festsetzung des Invaliditätsgrades (grundsätzlich,
masslich
und zeitlich) berufsvorsorgerechtlich nicht verbindlich (BGE 130 V 270 E. 3.1).
Stellt die Vorsorgeeinrichtung auf die invalidenversicherungsrechtliche Betrach
tungsweise ab, muss sich die versicherte Person diese entgegenhalten lassen, soweit diese für die Festlegung des Anspruchs auf eine Invalidenrente entschei
dend war, und zwar ungeachtet dessen, ob der Vorsorgeversicherer im Verfahren der Invalidenversicherung beteiligt war oder nicht. Vorbehalten sind jene Fälle, in denen eine gesamthafte Prüfung der Aktenlage ergibt, dass die Invaliditätsbe
messung der Invalidenversicherung offensichtlich unhaltbar war (BGE 130 V 270 E. 3.1).
3
.
3.1
Der Kläger bringt im Wesentlichen vor, die IV-Stelle Bern habe ihm gestützt auf das Gutachten des
F._
vom
5
.
November 2015
(nachfolgend:
F._
-Gutachten)
mit Verfügung vom 2
4.
Februar 2016 ab
1.
September 2013 eine ganze Invali
denrente sowie drei Kinderrenten zugespro
chen (
Urk.
1 S. 6). Diese Ver
fügung sei der Beklagten vorers
t nicht eröffnet wor
den, weshalb seine Rechts
vertreterin mit Schreiben vom
8.
März 2016 darauf hin
gewiesen habe, dass eine Zustellung auch an die Beklagte zu erfolgen habe (
Urk.
1 S. 6-7). Die IV-Stelle Bern habe der Beklagen sodann mit Schreiben vom 1
5.
März 2016 sowohl den Vorbescheid vom
2.
Dezember 201
5
als auch die Verfügung vom 2
4.
Februar 2016 zugestellt. Weil die Beklagte auf die Erhebung einer Beschwerde gegen diese Verfügung verzichtet habe, sei sie grundsätzlich daran gebunden, denn der Entscheid der IV-Stelle Bern sei nicht offensichtlich falsch
. Aufgrund dessen habe sie ihm - gleich wie die Eidge
nös
sische Invalidenversiche
rung - eine ganze Invalidenren
te sowie daran gebun
dene
Kinderrenten auszu
richten (Urk. 1 S. 7
,
Urk.
16 S. 6
).
Nebst den von den
F._
-Gutachter
n
festge
stellten psychischen Ein
schränkungen seien sie auch a
us neuro
logischer Sicht von einer 40%igen Arbeitsun
fähigkeit
in der bisherigen und
in einer
angepasste
n
Tätigkeit
ab Mitte März 2013 ausgegangen (Urk. 16 S.
12).
Die Beklagte verweise mehrfach auf Ausführungen der
F._
-Gutachter, welche eine inkonsistente und
aggravatorische
Beschwerde
schilderung
(des Klägers)
be
schreiben würden. Daraus könne die Beklagte jedoch nichts zu ihren Gunsten ab
leiten, weil d
ie Gut
achter allfällige Unstimmigkeiten bemerkt
hätten
(
Urk.
1
6
S.
5).
Die Beklagte nehme sodann Bezug auf das
Gutachten von
Dr.
G._
, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom
2.
Februar 201
4.
Dieses
Gutachten sei von der Krankentaggeldversicherung in Auftrag gegeben worden und für die vorliegend zu prüfenden Fragen
völlig unbrauchbar
(
Urk.
16 S. 12).
3.2
Die Beklagte
macht
demgegenüber im Wesentlichen
geltend
,
dass sie
an
den von der IV-Stelle Bern festgelegten Eintritt der invalidisierenden Arbeitsunfähigkeit
nicht gebunden sei,
weil ihr der Vorbescheid vom
2.
Dezember 2015 und die Ver
fügung vom 2
4.
Februar 2016 nicht
rechtsgenüglich
eröffnet worden seien. Sie (die Beklagte) könne damit
ihre
Leistungspflicht gänzlich frei prüfen
. Im Übrigen bestehe
so oder anders
kein
e
Bindung an den im IV-Verfahren festgelegten Inva
liditätsgrad, weil der IV
Entscheid offensichtlich unrichtig
sei
(
Urk.
8 S. 11).
Wenn nämlich die Leistungs
einschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Konstellation beruhe, liege rechtsprechungsgemäss kein sozialversicherungs
rechtlich mass
ge
bender Gesund
heitsschaden vor.
Aus fast allen
Teilgutachten
des
F._
-Gutachtens
sei zu ent
nehmen, dass eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilderten gesund
he
itlichen Einschränkungen und des vom Kläger
gezeig
ten Verhalten
s
bestehe (
Urk.
8
S. 12). Die Ausführungen der
F._
-
G
utachter würden be
legen, dass die Symptomschilderungen des Klägers in sich schlichtweg nicht nachvollziehbar und die geklagten Leiden eindeutig nicht mit dem übrigen Gesamtverhalten vereinbar gewesen seien
(Urk. 8 S. 13)
.
Insbesondere bestehe eine verbale Über
zeichnung der geklagten Kopfschmerzen. Namentlich sei weder die
vom Kläger geltend gemachte Invalidi
sierung beziehungsweise Arbeitsun
fä
higkeit noch die vollkommene Inaktivität und der soziale Rückzug im privaten Alltag mit den Kopfschmerzen begründbar (Urk. 21 S. 10).
Sodann habe
Dr.
G._
in seinem Gutachten vom
2.
Juni 2014 unter Bezugnahme auf des
sen klini
sche Unter
suchung und test
psychologische Befunde ausgeführt, dass beim Kläger von einer erheblichen Aggravation bis hin zur Simulation aus
zugehen sei
(Urk.
8
S.
13)
.
Eine invalidisierende Beeinträchtigung der Gesundheit
sei
somit zu ver
neinen, weshalb
sie nicht l
eistungspflicht
ig
sei
(
Urk.
8
S.
13-14)
.
4.
4.1
Mit Verfügung vom 24. Februar 2016 führte die IV-Stelle Bern aus, dass der Klä
ger seit dem Unfall vom 1
4.
September 2012 (Beginn der einjährigen Warte
zeit) in seiner Arbeitsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen sei (Urk. 13/82/5). Dem
nach wäre grundsätzlich von einem Beginn der mass
geben
den Arbeitsunfä
higkeit des Klägers während des Versicherungsverhältnis mit der Beklagten aus
zugehen (Urk. 2/2, Urk. 2/5, Urk. 13/3.1/253, Urk. 13/77.1/39). Allerdings ist vorab zu prüfen, ob im vorliegenden berufsvorsorgerechtlichen Verfahren eine Bindungswirkung an die Verfügung der IV-Stelle Bern vom 24. Februar 2016 (Urk. 13/82) besteht, mit welcher dem Kläger mit Wirkung ab dem 1. September
2013 basierend auf einem Invaliditätsgrad von 100 % eine ganze Invalidenrente
sowie Kinderrenten
zugesprochen wurde
n
.
4.2
Ein Rechtssubjekt muss eine von einer Behörde verfügte Rechtsfolge nur dann gegen sich gelten lassen, wenn es vorgängig dazu angehört worden ist. Mit dieser rechtsstaatlichen Minimalanforderung eines fairen Verfahrens ist es nicht verein
bar, dass eine Vorsorgeeinrichtung die von der IV-Stelle vorgenommene Festle
gung des Invaliditätsgrades und des Eintritts der invalidisierenden Arbeitsun
fä
higkeit im Bereich der obligatorischen beruflichen Vorsorge kraft Verbind
lich
keitswirkung (vgl. BGE 126 V 308 E. 1) grundsätzlich gegen sich gelten lassen muss, ohne im Verfahren vor der IV-Stelle einbezogen worden zu sein. Das auf fehlende Bindung bei offensichtlicher Unhaltbarkeit lautende Korrektiv (vgl. BGE 126 V 308 E. 1) ändert an der Verletzung des rechtlichen Gehörs und der Miss
achtung der daraus fliessenden Mitwirkungsrechte nichts. Denn es macht einen wesentlichen Unterschied aus, ob die Vorsorgeeinrichtung am IV-Verfahren, das zum verbindlichen Entscheid führt, teilnehmen kann mit der Möglichkeit, auf jeden tatsächlichen oder rechtlichen Fehler hinzuweisen oder ob sie der Verbind
lichkeitswirkung als grundsätzlichen
fait
accompli nur bei erstellter offen
sichtli
cher Unhaltbarkeit entgeht (BGE 129 V 73 E. 4.1).
4.3
Daraus folgt, dass die Vorsorgeeinrichtung spätestens im
Vorbescheidsverfahren
(Art. 73
bis
IVV) in das invalidenversicherungsrechtliche Verfahren einzubeziehen ist (BGE 130 V 270 E. 3.1, 129 V 73 E. 4.2.2). Dies war vorliegend nicht der Fall. Stattdessen versandte die IV-Stelle Bern den Vorbescheid vom 2. Dezember 201
5
(
Urk.
13/78) und die Rentenverfügung vom 24. Februar 2016 (
Urk.
13/82) erst mit Schreiben vom 15. März 2016 an die Beklagte (Urk. 13/86). Daraufhin ersuchte die Beklagte mit Schreiben vom 1
8.
März 2016 bei der IV-Stelle Bern um Zustellung der IV-Akten zur Prüfung eines allfälligen Invalidenrenten
anspruchs des Klägers (Urk. 13/87). Die IV-Stelle stellte der Beklagten die IV-Akten erst mit Schreiben vom
8.
Juni 2016 zu (
Urk.
13/88). Dies
e nachträgliche Zustellung von Vorbescheid und Rentenverfügung
ändert jedoch nichts daran, dass die Beklagte nicht in das IV-Verfahren einbezogen worden war.
Die Beklagte
war nach Treu und Glauben auch nicht gehalten, Beschwerde gegen die Verfügung zu erheben (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_702/2011 vom 28. Februar 2011 E. 3.
2
). Die Beklagte ist daher an den Entscheid der IV-Stelle Bern
nicht
gebun
den, weshalb d
ie Frage, ob sie dem Kläger Invaliden
leistungen auszurichten hat, frei geprüft werden
kann
.
5
.
5.1
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und
E.
7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische Leiden entwickelte strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indika
toren, die es
-
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungs
faktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderer
seit
s
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen ein
zu
schätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundes
ge
richts 9C_590/2017 vom 1
5.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines ren
tenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Aus
wirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchs
grund
lage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und wider
spruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachge
wiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
5.2
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regel
fall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie “
funktioneller Schweregrad" (E. 4.3)
-
Komplex “
Gesundheitsschädigung" (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex “
Persönlichkeit" (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex “
Sozialer Kontext" (E. 4.3.3)
-
Kategorie “
Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
5.3
Rechtsprechungsgemäss liegt regelmässig kein versicherter Gesundheitsschaden vor, soweit die Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Konstellation beruht. Dies trifft namentlich zu, wenn: eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilderten Schmerzen oder Ein
schrän
kungen und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese besteht; intensive Schmerzen angegeben werden, deren Charakterisierung jedoch vage bleibt; keine medizinische Behandlung und Therapie in Anspruch genommen wird; demonstrativ vorgetragene Klagen auf den Sachverständigen unglaubwürdig wirken oder wenn schwere Ein
schränkun
gen im Alltag behauptet werden, das psychosoziale Umfeld jedoch weitgehend intakt ist. Nicht per se auf Aggravation weist blosses verdeutlichendes Verhalten hin (BGE 141 V 281 E. 2.2.1, BGE 131 V 49 E. 1.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_899/2014 vom 2
9.
Juni 2015 E. 4.1 mit Hinweisen).
Eine auf Aggravation oder vergleichbaren Konstellationen beruhende Leistungs
einschränkung vermag einen versicherten Gesundheitsschaden nicht leichthin auszuschliessen, sondern nur, wenn im Einzelfall Klarheit darüber besteht, dass nach plausibler ärztlicher Beurteilung die Anhaltspunkte für eine klar als solche ausgewiesene Aggravation eindeutig überwiegen und die Grenzen eines bloss verdeutlichenden Verhaltens zweifellos überschritten sind, ohne dass das
aggrava
torische
Verhalten auf eine verselbständigte, krankheitswertige psychische Stö
rung zurückzuführen wäre (vgl. BGE 143 V 418 E. 8.2 mit Hinweis; vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 6.1 und 9C_899/2014 vom 2
9.
Juni 2015 E. 4.2).
Steht fest, dass eine anspruchsausschliessende Aggravation oder ähnliche Kon
stellation im Sinne der Rechtsprechung gegeben ist, erübrigt sich die Durch
führung eines strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.2.2; Urteil des Bundesgerichts 9C_899/2014 vom 2
9.
Juni 2015 E. 4.4).
5.4
Gemäss altem Verfahrensstandard eingeholte Gutachten verlieren nicht per se ihren Beweiswert. Im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls mit sei
nen spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rügen ist entscheidend, ob das abschliessende Abstellen auf die vorhandenen Beweisgrundlagen vor Bun
desrecht standhält
(BGE 137 V 210 E. 6
). In sinngemässer Anwendung auf die materiell-beweisrechtlich geänderten Anforderungen ist in jedem einzelnen Fall zu prüfen, ob die administrativen und/oder gerichtlichen Sachverständigen
gut
achten - gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fachärztlichen Berichten - eine
schlüssige Beurteilung im Lichte
der massgeblichen Indikatoren
erlauben oder nicht
(BGE 141 V 281 E. 8;
Urteil des Bundesgerichts 9C_154/2016 vom 19.
Oktober 2016 E. 5
)
.
5.5
Das Sozialversicherungsgericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzu
stellen und alle Beweismittel objektiv zu prüfen, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden, ob sie eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Insbesondere darf es beim Vorliegen einander widersprechender medizinischer Berichte den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (ZAK 1986 S. 188 E. 2a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist im Lichte dieser Grundsätze entscheidend, ob es für die Beantwortung der gestell
ten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen Unter
suchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt
-
was vor allem bei psychi
schen Fehlentwicklungen nötig ist
-
, in Kenntnis der und gegeben
enfalls in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
abgegeben worden ist, ob es in der Darle
gung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge einleuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Experten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszu
räumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Beantwortung der Fragen erschweren oder verunmöglichen, gegebe
n
en
falls deutlich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; Ulrich Meyer, Die Rechtspflege in der Sozialversicherung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in: Hermann
Fredenhagen
, Das ärztliche Gutachten, 4. Auflage 2003, S. 24 f.).
6
.
6
.1
Am
F._
-Gutachten vom
5.
November 2015 waren die
Dres
.
H._
, F
M
H für Allgemeine Innere Medizin,
I._
, FMH für Neuro
logie,
J._
, FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
K._
, FMH für Dermatologie,
L._
, FMH für Endokrinologie, und
M._
, FMH für Otorhinolaryngologie, sowie
N._
, Fachpsychologe für Neuropsychologie, beteiligt (
Urk.
13/77.1/
77).
Die
F._
-Gutachter stellten folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (
Urk.
13/77.1/68):
-
Chronifizierte
depressive Störung (ICD-10: F32.1)
Differentialdiagnose: andauernde Persönlichkeitsänderung (ICD-10: F62.1)
-
Undifferenzierte Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.1)
-
Tinnitus links (ICD-10: H93.1)
-
Aktuell kompensiert
-
Intermittierende Schwindelsymptomatik (ICD-10: H81.3) bei
-
Verdacht auf periphere
verstibuläre
Funktionsstörung links
-
Status nach Verkehrsunfall (
Heckkollison
) vom 1
4.
September 2012
-
leichtes Schädelhirntrauma mit Commotio cerebri (leichte traumatische Hirnverletzung)
-
chronischer posttraumatischer Kopfschmerz, mit Spannungskopf
schmerz
,
migräniformem
Kopfschmerz, Medikamentenübergebrauchs
kopfschmerz (
MÜKS
) sowie funktioneller Überlagerung
Als Diagnosen ohne Auswir
kungen auf die Arbeitsfähigkeit
bezeichneten die
F._
-Gutachter
(Urk. 13/77.1/68
-69
)
:
-
Status nach posttraumatischer Belastungsstörung (ICD-10: F43.1)
-
Mehrfaktoriell
bedingte geringe Testleistungen
-
Hidraden
itis
suppurativa
-
Psoriasis
vulgaris
-
Diabetes mellitus Typ 2
(Erstdiagnose März 2013)
-
Metabolisches Syndrom
6
.2
Zur Arbeitsfähigkeit des
Kläger
s hielten die
F._
-Gutachter im Wesentlichen fest, dass
er
aufgrund
der psychischen Problematik in keiner Weise belast
bar und im zwischenmenschlichen Kontaktverhalten beeinträchtigt
sei
. Unter den gege
benen Umständen sei daher weiterhin von einer vollen Arbeits
un
fähigkeit für jede Tätigkeit auszugehen. Aus
rein
dermatologischer
und
endo
krinolo
gischer
Sicht sei der
Kläger
demgegenüber
zu 100
% arbeitsfähig (Urk.
13/77.1/72
-73
).
Aus
otoneurologischer
Sicht würden sich
sodann -
unter Berück
sichtigung der qualitativen Einschränkungen aufgrund der inter
mit
tierenden Schwindel
sympto
matik bei Verdacht auf leichtgradige periphere vesti
buläre Funktionsstörung links
in einer angepassten Tätigkeit keine Einschrän
kungen der Arbeitsfähigkeit
ergeben
(
Urk.
13/77.1/74).
A
ufgrund der Kopf
schmerzproblematik sei
a
us neuro
logischer Sicht eine Einschränkung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 40
%
zu beziffern.
Schliesslich seien d
ie bei
der neuropsychologischen Untersuchungen
festgestellten Leistungsdefizite in diesem Zusammenhang sowie als Ausdruck einer verminderten Anstrengungs
fähigkeit/-bereitschaft ein
zuordnen und wür
den keine zusätzlichen Ein
schrän
kungen der Arbeits
fähigkeit ergeben. Gesamt
medizinisch sei daher weiterhin von einer vollen Arbeitsun
fähigkeit für jede Tätigkeit auszugehen. Diese Einschrän
kung der Arbeitsfähigkeit
bestehe
seit dem Unfall im September 2012 (
Urk.
13/77.1/75).
7.
7.1
7.1.1
Wie festge
halten
liegt regelmässig keine versicherte Gesundheitsschädigung vor, wenn die Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Konstel
lation beruht. Das strukturierte Beweisverfahren muss in einem solchen Fall nicht durchgeführt werden (vgl. E.
5.3
vorstehend).
7.
1.
2
Die Beklagte macht unter Hinweis auf das psychiatrische Gutachten von Dr.
G._
vom 2. Juni 2014 (
Urk.
9/10) geltend, dass beim Kläger von einer er
heblichen Aggravation bis hin zur Simulation auszugehen sei (Urk. 8 S. 13).
Dr.
G._
hielt in seinem Gutachten unter anderem fest, das
s
im Rahmen
seiner Untersuchung
des Klägers
ein
Leidensdruck trotz teils dramatisch geschilderter Beschwerden und der Angabe einer vollständigen Arbeitsun
fähig
keit nicht erkennbar
gewesen sei
. Die Schilderung des Ereignisses und der Beschwerden (“Kopfweh“) sei “dramatisch“ gewesen. Sie sei ausführlich und oftmals ohne ent
sprechende Nach
frage
erfolgt
.
Die von ihm durchgeführten
Beschwerdevali
dierungs
stests
(
SFSS
resp. MENT)
würden in der
Gesamtschau auf ein
ab
sicht
li
ches Erzeugen respek
tive starke
s
Übertreiben körperl
icher oder psychischer Symptome
hinweise
n (
Urk. 9/10 S. 45
und
S. 55)
. Klinisch
-
phänomenologisch hätten
allerdings
keine rele
vanten, psychopathologisch objektivierbare
n
Auf
fäl
lig
keit
en bestanden und d
er Psychostatus sei unauffällig gewesen (Urk. 9/10 S.
55-
56).
Dr.
G._
gelangte zum Schluss, dass beim
Kläger
gegenwärtig keine psychische Störung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vorliegen würde (Urk. 9/10 S. 60).
Bezüglich des
F._
-Gutachtens vom
5.
November 2015 ist auf die Beurteilung des Neuropsychologen hinzuweisen, wonach die bei seiner Untersuchung festge
stellten Leistungsdefizite
als Ausdruck einer verminderten Anstrengungsfähig
keit/-bereitschaft einzuordnen seien (
Urk.
13/77.1/67).
In ihrer Gesamtbeur
tei
lung hielten die
F._
-Gutachter
sodann
fest, dass die Konsistenz äussert schwierig zu beantworten sei. Diesbezüglich werde auf die Feststellungen in den einzelnen Gutachten verwiesen. Dies ändere jedoch nichts an der Sch
luss
konklusion (Urk. 13/77.1/71).
Dr.
O._
, Facharzt für Neurologie FMH,
führte
nach der Untersuchung des Klägers vom 2
3.
Januar 2013
aber aus
, dass ihm keinerlei Zeichen einer Beschwerdeaggravation und keine inkonsistenten Befunde auf
ge
fallen seien (Urk.
13/3.1/85)
Am 1. Februar 2013 wies der behan
delnde Arzt
Dr.
P._
, Psychiatrie und Psycho
therapie FMH, wiederum darauf hin
,
dass
er zunehmend Probleme bekommen
habe
, dem
Kläger
zu glau
ben, da dessen
Aussagen sehr inkon
sistent seien (
Urk.
13/3.1/77). Unmittelbar danach begab sich
der Kläger zu
Dr.
Q._
, Fach
ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, in Behandlung (
Urk.
13/3.1/75, 77).
Einige der untersuchenden Fachärzte sprachen somit von einem
aggravatorischen
Verhalten des Klägers.
Die Fra
ge, ob aufgrund dessen von einer den Anspruch auf Invalidenleistungen ausschliessenden Aggravation oder gar Simulation des Klägers auszugehen ist,
kann jedoch offenbleiben,
weil aufgrund der nach der bundes
gerichtlichen Rechtsprechung zu beachtenden
Standardindikatoren
eine
relevante
Arbeits
un
fähigkeit
des Klägers zu verneinen ist.
7.2
7.2.1
Bei der Anspruchsprüfung nach BGE 141 V 281 ist zunächst auf den funk
tio
nellen Schweregrad einzugehen.
Diesbezüglich ist
zum
Komplex “
Gesundheits
schädigung"
zur
“
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
“
insbesondere
festzuhalten,
dass laut Bericht der behandelnden Psychiaterin
Dr.
Q._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
vom 1
3.
Septem
ber 2013 n
eben der inzwischen teilremittierten posttraumatischen Belastungs
störung sich schlei
chend eine depressive Symptomatik entwickelt
habe, die zu
nächst durch die im Lindenhofspital begonnene Medikation mit
Cipralex
®
anbe
handelt
worden sei
, mit einem unplanmässigen Unterbruch der Medikation
-
und wohl auch im Rahmen der Verunsicherung wegen der wiederholten
Abszessbildung
-
im Sinne einer larvierten Depression
inzwischen jedoch wieder manifest gewor
den sei (
Urk.
13/27
)
.
In ihren Zwischenbericht vom
2.
Juli 2014 hielt Dr.
Q._
sodann fest, dass der Kläger in erster Linie noch unter Kopfschmerzen leide, die einschiessend oder anhaltend auftreten könn
t
en bis hin zu begleitender Übel
keit, Kreislaufproblemen, Schwitzen. Auslösend könnten Situationen mit subjek
tivem Kontrollverlust sein und in dem Sinne auch aktuelle Konflikte, die bei ihm Angst vor seiner aufsteigenden Wut hervorrufen würden, die
er
als bedrohlich, als schlecht kontrollierbar erlebe (Korrelat zum Unfallhergang). Andere körperli
che (auch psychosomatische) Reaktionen oder Symptome (wie Kribbeln im Arm) würden beim
Kläger
hypochon
drische Ängste (Körper als vulnerabel, nicht ver
lässlich)
auslösen
. Die Grundanspannung sei weiter erhöht. Ohne Medikation sei der Schlaf stark gestört.
Der Kläger sei in seinem Selbstvertrauen gänzlich ver
unsichert (
Urk.
13/38/3).
Für die Unter
su
chung durch
den psychiatrischen
F._
-Gutachter
Dr.
J._
vom 25. Juni 2015 brachte der
Kläger
einen im Voraus ausgefüllten Fragebogen mit, wo er die meisten Beschwerden aufgelistet hat
te
.
Dr.
J._
befragte den
Kläger
deshalb zu den einzelnen Beschwerden, die er nur teilweise spontan erzählt oder aufgeführt habe (
Urk.
13/77.1/21).
Dr.
J._
hielt
nach seiner
Unter
su
chung des Klägers
fest
, dass
d
ies
er
in der psychiatrischen Problematik, bedingt durch die depressive Störung mit aus
ge
sprochener
Somatisierungsneigung
,
noch stark gefangen sei, wodurch er immer wieder in Zustände ger
a
t
e
, die er nicht mehr selber steuern
könne
. Es bestehe auch eine psycho
motorische Beeinträchtigung und allgemeine Verlangsamung
(
Urk.
13/77.1/16,
Urk.
13/77.1/72)
.
Der
neurolo
gische
F._
-Gutachter
Dr.
I._
führte
aus
,
dass sich in der klinisch-neurologischen Unter
suchung kein pathologischer Befund habe erheben lassen (Urk.
13/77.1/53)
sowie,
dass die Angaben des Klägers zum Kopfwehverlauf etwas diskrepant seien. So schildere er einerseits einen immer gleichbleibenden Kopf
wehverlauf. Danach lasse sich aber eine Kopfwehreduktion unter der Intervall
medikation mit einem Betablocker eruieren (
Urk.
13/77.1/52).
Weiter
schrieb
Dr.
I._
, dass der Klä
ger seit dem Verkehrsun
fall vom 1
4.
September 2012 arbeitsunfähig sei. Ein Arbeitsversuch sei gemäss seinen Angaben wegen Kopf
schmerzen, Schwindel und Schlafstörungen gescheitert. Dieses hohe Aus
mass der Arbeitsunfähigkeit könne nicht mit neurologischen Faktoren begründet werden. Die bisherige Tätig
keit des Klägers an sich sei angepasst. Es könnten keine rele
vanten qualita
tiven Einschränkungen be
nannt werden
(Urk.
13/77.1/74). Auf
grund der inter
mit
tierenden Kopfwehspitzen mit
migräniformen
Begleiterschei
nungen seien
aber auch
inter
mittierende Arbeits
zeit
aus
fälle einzuräumen. Er
schwerend komme hinzu, dass diese in der Regel un
berechenbar auftreten würden. Aus neuro
logi
scher Sicht sei aufgrund der Kopfschmerz
pro
ble
matik eine Einschränkung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 40
%
zu be
ziffern (Urk.
13/77.1/75).
Dr.
Q._
ihre
r
seits
sprach von somatoformen fluk
tuieren
den, teils massive
n
Kopfschmerzen (
Urk.
13/53/10
)
.
7.2.2
Alsdann sind
“
Behandlungserfolg oder
-
resistenz
“, mithin Verlauf und Ausgang von Therapien, wichtige Schweregradindikatoren. Das definitive Scheitern einer indizierten, lege
artis
und mit optimaler Kooperation des Versicherten durch
ge
führten Thera
pie wei
s
t auf eine negative Prognose hin (BGE 141 V 281 E.
4.3.1.2). Laut Dr.
J._
habe trotz intensiven therapeutischen Massnahmen im halb
statio
nären und ambulanten Bereich keine durchschlagende Besserung erzielt werden
können
(
Urk.
13/77.1/24)
.
Dazu ist den IV-Akten namentlich zu ent
nehmen, dass der Kläger v
om 1
8.
August 2014 bis 1
0.
Oktober 2014 in der Tages
klinik der psychiatrischen Dienste Spital
R._
behandelt
worden war
.
Im
Bericht
des Spitals
R._
vom
2.
Oktober 2014
wurde ausgeführt
, dass zu Beginn der Eintrittstermin auf Wunsch des Klägers wegen familiärer Angelegen
heiten
zwei Mal habe verschoben werden müssen. Nach Eintritt am 1
8.
August 2014 sei mit ihm zunächst ein Halbtagesprogramm vereinbart worden mit der Aussicht, bei gutem Verlauf eine Steigerung vorzunehmen. Der weitere Verlauf sei geprägt
gewesen
von körperlichen Beschwerden, vor allem im Sinne von massiven Kopfschmerzen, welche dazu geführt hätten, dass der Kläger durch
schnittlich ein bis zwei Tage
pro Woche nicht in die Tagesklinik habe kommen können. Immer wieder habe er sich bemüht, trotz der Schmerzen die Tagesklinik zu besuchen, habe dann häufig liegen müssen und zum Teil nur sehr einge
schränkt am Pro
gramm teilnehmen können (
Urk.
13/49/3).
Themen wie Medi
ka
men
ten
fragen und psychosoziale Probleme
hätten
aufgrund der häufigen Abwe
sen
heiten des Klägers nicht besprochen werden können. Auch ein geplantes Paargespräch habe auf
grund einer kurzfristigen Erkrankung der Ehefrau nicht durchgeführt werden können (
Urk.
13/49/4).
Von einer optimalen Kooperation des Klägers bei thera
peutischen Massnahmen ist gestützt darauf nicht auszu
gehen.
Dasselbe muss zu seinem Verhalten in der
beruflichen Eingliederung
gesagt werden.
Dazu wurde
in den IV-Akten namentlich fest
ge
halten, dass der Kläger zu Beginn kooperativ und offen mit dem Job Coach der IV-Stelle
Bern
zusam
men
gearbeitet habe. Mit der Verschlechterung der gesund
heitlichen Situation sei die Zusammenarbeit jedoch rasch schwierig geworden. In der zweiten
Coaching
woche
sei der Kläger nicht mehr am Arbeitsplatz erschienen. Nach eigenen Aussagen habe er unter starken Kopfschmerzen und Schwindel
an
fällen
gelitten. Ausgelöst durch starke Schmerzen einer eiternden Zyste am Gesäss habe ein zweiter Arbeits
versuch ein weiteres Mal nach wenigen Tagen abge
brochen werden müssen. In Absprache mit der behandelnden Psychiaterin habe ein weiterer Start auf den 2. September 2013 verschoben werden müssen. Die Zyste habe zum zwei
ten Mal operiert werden müssen. Der Kläger sei bis min
destens Mitte Oktober 2013 ausgefallen.
Dr.
Q._
habe betont, dass nebst einer körperlichen Beein
trächtigung auch psychosomatische Schmerzen vorhan
den seien. Sie stehe mit dem Kläger in den Anfängen des medizinischen und therapeutischen Prozesses. Am 1
1.
September 2013 habe ein ausserordentliches Standortgespräch mit allen in den Integrationsprozess beteiligten Personen statt
gefunden. Der Klä
ger habe aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen können. Infolge Ent
zündungen im Gesässbereich habe eine weitere Operation an
gestanden. Das Coaching sei
schliesslich
per 1
0.
Oktober 2013 beendet worden (
Urk.
13/29/2).
Dr.
Q._
teilte der IV-Stelle Bern am
6.
Februar 2014 mit, dass grundsätzlich eine Ent
wicklung stattfinde und der Kläger “auf gutem Weg“ sei, doch bestehe kein Zeithorizont für berufliche Massnahmen. Ihr Ziel sei es, den Kläger zu befä
higen
,
für sich und seine Familie Verantwortung zu über
nehmen (vgl. S. 7 des Protokolls der IV-Stelle Bern [
Urk.
13]
)
.
Gemäss Mitteilung der IV-Stelle Bern vom 13. März 2014 wurden die berufliche Eingliederung
in der Folge
abge
schlossen, weil aufgrund der gesundheitlichen Situation
des Klägers
keine beruf
liche Mass
nahmen möglich waren (Urk. 13/32/1).
7.2.3
Gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts fallen Störungen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich bedeutsame Komorbidität (vgl. BGE
141 V 281 E. 4.3.1.3) in Betracht, wenn ihnen im konkreten Fall ressourcen
hem
mende Wirkung beizumessen ist (BGE 143 V 418 E. 8.1). Zu erwähnen
sind
dies
bezüglich die wiederkehrenden Abszesse
im Gesässbereich
des Klägers, aufgrund der
er
s
e
ine
berufliche Wiedereingliederung mehrfach ver
schoben werden musste (E. 7.2.2)
. Dies
auch
wenn
der
Kläger selbst bei der
F._
-Be
gut
achtung davon sprach, dass seine dermatologischen Probleme keinen Einfluss auf seine Arbeits
fähigkeit hätten (
Urk.
13/77.1/28).
7.2.4
Zum
K
omplex “
Persönlichkeit"
ist sodann festzuhalten, dass
Dr.
J._
beim Kläger
keine Hinweise auf Zwänge, Wahn und psychotische Phänomene fest
stel
len konnte. Der Kläger habe affektiv wenig spürbar gewirkt. Die affektive Kon
taktaufnahme seit etwas reduziert gewesen. Er habe insgesamt eher indifferent, nicht eigentlich gedrückt, gewirkt. Er habe bestätigt, dass er keine Gefühle empfinde, kein Interesse habe
, er spüre sein Gegenüber nicht richtig. Er stehe teilweise in einer heftigen inneren Anspannung, habe je nach Beschwerden auch teilweise heftige Ängste. Es habe das Gefühl von Wertlosigkeit bestanden und der Kläger habe passive Sterbewünsche geäussert. Die affektive Modulation sei ein
geschränkt gewesen, ebenfalls die gestische und mimische Mitbeteiligung, psycho
motorisch sei er verlangsamt gewesen. Es habe immer einige Zeit gedauert, bis er auf eine Frage eine Antwort gegeben habe. Er habe allgemein einen gebremsten Eindruck hinterlassen
(
Urk.
13/77.1/21
)
.
Zudem hielt Dr.
J._
fest, dass Dr.
Q._
wohl eine gewisse Besserung beschreibe, was aber vor
wiegend die Sympto
matik
der posttraumatischen Belastungsstörung
betreffe. Anderseits sei es zu einer deutlichen Veränderung der Persönlich
keitsstruktur im Sinne einer Abflachung gekommen. Erschwerend mache sich die grosse Passivität mit Lustlosigkeit bemerkbar, so dass nur sehr geringe Res
sourcen vorhanden seien, die ausgenützt werden könnten (Urk. 13/77.1/24).
7.2.5
Bei der Prüfung des sozialen Kontextes sind soziale Belastungen nicht zu berück
sichtigen, soweit sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen (BGE 141 V 281 E. 4.3.3). Der Lebenskontext der versicherten Person kann indes auch (mobilisier
bare) Ressourcen
bereithalten
, weil sie von ihrem sozialen Umfeld unterstützt werden kann (BGE 141 V 281 E. 4.3.3).
Beim Kläger sind psycho
so
ziale Belastungsfaktoren vorhanden.
Im
Spital
R._
wurde
am 2.
Oktober 2014
unter anderem eine m
ittelgradige depressive Episode bei multiplen psycho
so
zialen Problemen (Schul
d
en, Arbeitslosigkeit, zunehmende soziale Isolation)
diagnostiziert
(
Urk.
13/
49
/
3)
.
Gemäss den Akten bestanden
sodann
psychosoziale Belastungsfaktoren, weil die Familie des
Kläger
s nach de
m
Ende der Versiche
rungsleistungen
der Unfallversicherung und der Kranken
taggeldversicherung vom Sozialamt unterstützt wurde und der Kläger
über
Fr.
100‘000.-- S
chulden hatte (
Urk.
13/77.1/19
). Anderseits gilt es her
vor
zuheben, dass d
er Kläger
auf
einen
guten
familiäre
n
Zusammenhalt
zählen kann
, nebst der Unterstützung durch die Ehefrau ist namentlich zu erwähnen, dass ihn ein Cousin für die Untersuchung durch
Dr.
J._
begleitet
hat
(
Urk.
13/77.1/20)
,
und
er weiterhin
Kontakt mit seinen
Kollegen
hat
(
Urk.
9/10 S. 42).
7.3
7.3.1
Was die
Kategorie „Konsistenz"
betrifft, so kann nicht von einer
gleichmässige
n
Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleichbaren Lebensbereichen
ausgegangen werden.
Diesbezüglich ist dem Gutachten von
Dr.
G._
zu ent
nehmen, dass der Kläger
bei der Untersuchung vom
5.
Mai 2014 (Urk. 9/10 S. 2)
ihm gegenüber ohne entsprechende Nachfrage erklärt habe, dass er sich gegen
wärtig keine Arbeit zutraue (
Urk.
9/10 S. 42). Eine erhebliche Einschränkung im “Alltag“
sei
jedoch nicht beschrieben
worden
, wenngleich die Angaben dies
be
züglich vage und ausweichend gewesen seien (Urk. 9/10 S. 58).
Der Kläger
gab an, dass er fast jeden Tag gegen 5.30 Uhr aufstehe
n würde
(
Urk.
9/10 S. 40). Durch den Tag hindurch sei er vor allem zu Hause. Er bereite sich kleinere Speisen zu. Er werde beim Haushalt von der Ehefrau unterstützt, welche den Hauptteil des Haushaltes besorg
e
. Er beteilige sich jedoch mittlerweile vermehrt. Zudem kümmer
e er sich um seine Kinder
(
Urk.
9/10 S. 41)
.
Er gehe mit seinem Sohn “ab und zu spielen“. Er kümmere sich sehr gut um seinen Sohn und schaue, dass es ihm gut gehe (
Urk.
9/10 S. 42).
Gelegentlich gehe er mit dem Auto in die Migros oder den Denner einkaufen. Er gehe auch gerne in einen “türkischen Laden“ ein
kaufen. Er bekomme “ab und zu“
Besuch von Seiten der Familie der
Ehefrau. Insbesondere eine Schwester komme regelmässig. Seine Familie komme ihn auch besuchen, wenn es finanziell “drin liege“. Es bestehe ein guter familiärer Zusam
menhalt.
Gelegentlich telefoniere er mit einem guten Kollegen, mit dem er sich auch gelegentlich treffe (
Urk.
9/10 S. 42).
Das Essen bereite ihm “keine Problem
e
“. Im Fernsehen schau
e er sich Fussball-Spiele an (
Urk.
9/10 S. 41).
Im
Jahr
2015 ist der Kläger noch ein
mal Vater geworden
(Urk. 13/77.1/11)
. Die Untersu
chungen im
F._
fanden am
1
7.
Juni, 2
5.
Juni,
2.
Juli,
7.
Juli,
1.
September
und 2
1.
September 2015
statt
(Urk.
13/77.1/5)
.
Den vom neuro
psycho
logischen Gutachter eingeholten fremdanamnestischen Angaben der Ehefrau ist zu ent
nehmen, dass sich diese bitter über die familiäre Situation be
klagte habe. Die Situation sei völlig hoffnungslos. Sie selbst und die Kinder müss
ten sich ganz nach ihrem Ehemann richten und Rücksicht nehmen (z.B. kein Lärm etc.). Er habe jegliche Initiative verloren, kümmere sich um nichts, sei passiv und übernehme keine Verantwortung (
Urk.
13/77.1/59).
Bei der
endokrinologischen
Evaluation gab
d
er
Kläger
namentlich an, dass
er
sich ganz zurück
gezogen habe. Er sitze den ganzen Tag still zu Hause und trinke drei bis fünf Flaschen Mineralwas
ser.
Er könne mit den Kindern nicht spielen, obwohl er dies möchte und auch seinen
Kindern verspreche. Er habe oft Kopfschmerzen und sei blockiert und verwirrt. An manchen Tagen gehe es wieder ganz gut, dann verschlechtere sich die Situa
tion sogleich wieder (
Urk.
13/77.1/34).
Die Gutachterin hielt jedoch fest, dass
eine auffällige Diskrepanz zwischen der anamnestisch totalen Ein
schränkung der kör
perlichen Aktivität (sitzt den ganzen Tag zu Hause und trinkt Mineralwasser) und der allseits sehr kräftigen Muskulatur
des Klägers
bestehe (
Urk.
13/77.1/38). Der Kläger mache den Eindruck eine
s eher kräftigen und körperlich
gesunden jungen Mannes (
Urk.
13/77.1/39).
Dr.
I._
führte aus
, dass die Exploration der All
tagsstruktur
des Klägers
“wenig Greifbar
es“ ergebe
n habe
(
Urk.
13/77.1/48)
.
Das Verhalten des Klägers während der Abklärung sei zwar kooperativ und im Wesentlichen adäquat. Es bestünden aber doch auch Hinweise auf eine gewisse verbale Überzeichnung der Kopfschmerzen. Die geltend gemachte vollständige Invalidisierung, nicht nur mit Arbeitsunfähigkeit, sondern auch mit vollkomme
ner Inaktivität und sozialem Rückzug im privaten Alltag
,
sei in diesem Ausmass mit dem Kopfschmerz nicht begründbar. Es bestehe hier eine funktionelle Über
lagerung (
Urk.
13/77.1/53).
Der
Kläg
er
sei
zur Untersuchung
mit dem Auto
ge
fahren
.
Dazu habe er ausgeführt, d
as Auto
fahren sei “schwierig, aber es gehe“
. Beim Abbremsen werde ihm schwindlig, auch bekomme er dann Kopfweh. Er müsse dann hinausfahren und anhalten
(
Urk.
13/77.1/48).
Trotzdem legte
der
Kläger
mit dem Auto
selbständig eine S
trecke von rund 120
km
pro Weg
zurück.
Dies, obwohl seine
Leistungen bei der neuropsycho
logischen Unter
su
chung im
F._
im Bereich Aufmerksamkeit/
Konzentrations
fähigkeit allesamt
,
teilweise sehr deutlich,
unter der Norm
waren
(
Urk.
13/77.1/65) und
er
nach eigenen Angaben
bei
den
-
un
berechenbar auf
treten
den
-
Kopf
wehattacken unkonzen
triert und
in der Wahrnehmung
stark eingeengt (
Urk.
13/38/3)
sei
.
7.3.2
Zum Indikator “
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck
“ ist schliesslich festzuhalten, dass ge
mäss den Aussagen des
Klägers
die Kopfschmerzen
s
ein Hauptproblem
seien
(
Urk. 13/3.1/85
,
Urk.
13/3.1/129)
. Er brauche
keinen Psychiater, sondern jemanden, der ihm “mit diesen Kopf
schmer
zen“ helfe (
Urk.
13/3.1/185)
.
Dr.
I._
hielt fest, dass bezüglich der Kopf
schmerzen die vorhanden
en
Therapiemöglichkeiten nicht ausgeschöpft seien (
Urk.
13/77.1/53).
Bei der geltend gemachten invalidisierenden Kopfweh
prob
le
matik wäre eine weiterführende neurologische Begleittherapie wünschens
wert (
Urk.
13/77.1/53-54). Ein Neurologe sei bislang nur einmal konsiliarisch bei
ge
zogen worden. Neben der anzustrebenden Reduktion des Schmerz
mittel
ge
brauchs bestünden auch in der Inter
vall
medikation brachliegende Verbes
serungs
möglich
keiten (
Urk.
13/77.1/54).
Den Akten ist
diesbezüglich
zu entnehmen, dass der Klä
ger gegen die Kopfschmerzen Medikamente einnimmt (
Urk.
13/77.1/47) und die
Kopf
schmerzproblematik
nunmehr
ausschliesslich
bei
Dr.
Q._
behandelt
(Urk.
13/53/13
)
. Ein behandlungs- und eingliederungsanamnestischer Leidens
druck ist damit nicht ausgewiesen.
7.4
In der Gesamtschau
sind unter Berücksichtigung der massgeblichen Standard
in
di
katoren
(insbesondere auffällige Indikatoren in der Kategorie Konsistenz)
mit dem im
Sozialver
sicherungsrecht massge
benden Beweisgrad der überwiegenden Wahr
scheinlich
keit keine erheblichen funk
tionel
len Auswirkungen der vom Klä
ger als invalidisierend empfundenen psychischen Beschwerden und
Kopfschmer
zen
erstellt.
Zwar geht
Dr.
J._
davon aus, dass der
Kläger
aufgrund seiner psychischen Einschränkungen
keine genügenden Ressourcen mobilisieren kann, weil
aber
auf
grund der zahlreichen - auch aus dem
F._
-Gutachten vom
5.
November 2015 (
Urk.
13/77.1) ersichtlichen
-
Inkonsistenzen nicht von einer
gleich
mäs
sige Ein
schränkung des
Aktivitätenniveaus
und einem ausgewiesenen Leidensdruck ausgegangen werden kann, kann auf
dessen
Einschätzung nicht abgestellt werden.
Ein Abweichen von den durch die Ärzte gezogenen Schluss
folgerungen ist möglich, wenn sich aus rechtlicher Sicht eine andere Ein
schätzung ergibt (vgl. BGE 140 V 193 E. 3.1 und 3.2 sowie 130 V 352 E.
3.3).
Ein Anspruch
des Klägers
auf Invalidenleistungen der Beklagten besteht daher nicht (vgl.
Art.
27 des Vorsorgereglements der Beklagten, Stand 3
1.
Dezember 2014).
8.
Diese Erwägungen führen zur Abweisung der Klage.
9.
Der Beklagten steht in ihrer Funktion als Trägerin der beruflichen Vorsorge trotz ihres Obsiegens keine Prozessentschädigung zu (§ 34 Abs. 2
GSVGer
; vgl. statt vieler: BGE 128 V 124 E. 5b).