Decision ID: c2927d84-2212-51a0-80c8-566715fb4d68
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegner reichten am 25. Mai 2016 ein Baugesuch bei der Stadt Biel
ein für einen Anbau an das bestehende Doppeleinfamilienhaus und das Erstellen eines
Autoabstellplatzes auf Parzelle Biel Grundbuchblatt Nr. F._ Die Parzelle liegt in
der Bauzone 2, Mischzone A. Gegen das Bauvorhaben erhob die Beschwerdeführerin
Einsprache. Mit Gesamtbauentscheid vom 17. Oktober 2016 wies die Stadt Biel die
Einsprache ab und erteilte dem Bauvorhaben die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 15. November 2016 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Aufhebung des Entscheides vom 17. Oktober 2016 und die Erteilung des Bauabschlags.
Sie macht insbesondere geltend, bei einem Doppeleinfamilienhaus seien erhöhte
Anforderungen an die Schalldämmung einzuhalten, deshalb sei ein Gutachten zum
Schallschutz einzuholen. Weiter macht sie geltend, die Bauprofile entsprächen nicht den
Angaben im Baugesuch, es sei unklar, ob genügend Fahrradabstellplätze vorgesehen
seien und beim neuen Parkplatz würden die erforderlichen Sichtbermen nicht eingehalten.
Der Parkplatz führe zudem zu zusätzlichen Immissionen. Schliesslich seien in den Plänen
die 2012 getätigten Umbauarbeiten im Gebäudeinnern nicht ersichtlich und die Vorinstanz
habe ihren Entscheid ungenügend begründet und damit das rechtliche Gehör verletzt.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte bei der
Stadt Biel die Vorakten ein und gab ihr sowie den Beschwerdegegnern Gelegenheit, sich
zur Beschwerde zu äussern. Zudem holte es beim Tiefbauamt des Kantons Bern,
Oberingenieurkreis III (OIK III) einen Fachbericht zur Verkehrssicherheit des geplanten
Parkplatzes ein. Die Parteien erhielten Gelegenheit, sich zu diesem Bericht zu äussern und
Schlussbemerkungen einzureichen.
4. Auf die Rechtsschriften und den Fachbericht des OIK III wird, soweit für den
Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191).
RA Nr. 110/2016/169 3

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen,
die Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin, die
sich als Einsprecherin am vorinstanzlichen Verfahren beteiligt hat, ist durch den
vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung
legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Rechtliches Gehör
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Stadt Biel sei ihrer Begründungspflicht
nicht nachgekommen, da insbesondere Ausführungen zur Einhaltung der erhöhten
Anforderungen des Schallschutzes fehlten. Damit habe die Stadt Biel ihren Anspruch auf
rechtliches Gehör verletzt.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör nach Art. 29 Abs. 2 BV4 sowie Art. 26 Abs. 2 KV5
und Art. 21 ff. VRPG6 verlangt unter anderem, dass die Behörde die Vorbringen der
Parteien sorgfältig prüft und bei ihrem Entscheid berücksichtigt. Daraus folgt die
Verpflichtung der Behörde, ihre Verfügung zu begründen (Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG).
Eine Begründung muss so abgefasst sein, dass die Betroffenen die Verfügung sachgerecht
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1). 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721). 4 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101). 5 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1). 6 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21).
RA Nr. 110/2016/169 4
anfechten können. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von
denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Sie muss
sich dabei nicht ausdrücklich mit jeder Behauptung zum Sachverhalt und jedem rechtlichen
Einwand auseinandersetzen. Vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid
wesentlichen Gesichtspunkte beschränken. Sie kann die ausdrückliche Bezugnahme auf
vorgebrachte Argumente, die sie von vornherein als unerheblich betrachtet, unterlassen.7
c) Die Stadt Biel hat in ihrem Entscheid ausgeführt, es seien im Bereich des
bestehenden Gebäudes keine Umbauten geplant, die eine Verbesserung des
Schallschutzes erforderten. Das Projekt sehe lediglich eine Erweiterung auf dem der
Liegenschaft der Einsprecherin gegenüberliegenden Aussenbereich vor, die keine
Auswirkung auf die Trennwand zwischen den Häusern habe. Für den Schallschutz gegen
Aussenlärm werde nur bei störenden Betrieben oder grösseren Verkehrsträgern ein
Gutachten verlangt. Für den Schallschutz bei Innenlärm sei nur bei potenziell lauten
Nutzungen wie Restaurants ein Schalldämmnachweis erforderlich. Das Einfordern eines
Schalldämmnachweises sei daher im vorliegenden Fall nicht notwendig.
Die Stadt Biel hat damit dargelegt, weshalb sie die Auffassung vertritt, dass ein
Schalldämmnachweis nicht erforderlich sei. Sie hat auch aufgezeigt, weshalb nach ihrer
Beurteilung keine erhöhten Anforderungen an den Schallschutz bestehen. Die Stadt Biel
hat sich dementsprechend genügend mit den Argumenten der Beschwerdeführerin
auseinandergesetzt und ihren Entscheid ausreichend begründet. Sie hat das rechtliche
Gehör der Beschwerdeführerin nicht verletzt. Diese Rüge erweist sich als unbegründet.
3. Baugesuchsunterlagen
a) Die Beschwerdeführerin rügt, 2012 seien zahlreiche Umbauarbeiten im Gebäude der
Beschwerdegegner durchgeführt worden. Beispielsweise sei das Cheminée
herausgebrochen und durch einen Schwedenofen ersetzt worden. Zudem sei ein offener
Durchgang zwischen Küche und Wohnzimmer realisiert worden. Diese Veränderungen
seien in den vorhandenen Plänen nicht ersichtlich. Die Pläne stimmten daher nicht mit dem
Ist-Zustand überein.
7 BGE 134 I 83 E. 4.1; BVR 2013 S. 443, E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 5 ff.
RA Nr. 110/2016/169 5
b) Gegenstand des vorliegenden Baugesuchs ist ein Anbau an die bestehende
Liegenschaft sowie die damit verbundenen Anschlussarbeiten und ein neuer Parkplatz.
Diese Vorhaben sind in den Baugesuchsplänen detailliert dargestellt. Der Ist-Zustand in
den Innenräumen des bestehenden Gebäudes, die vom Bauvorhaben nicht betroffen sind,
muss nicht im Detail aus den Plänen ersichtlich sein. Frühere Bautätigkeiten sind zudem
nicht Verfahrensgegenstand. Inwiefern in den letzten Jahren im Gebäudeinnern
Umbauarbeiten vorgenommen worden sind, ist für die Beurteilung des umstrittenen
Bauvorhabens nicht relevant. Die Rüge, die Baugesuchspläne seien mangelhaft, ist
unbegründet.
4. Genügende Profilierung
a) Die Beschwerdeführerin rügt weiter, die gestellten Bauprofile stimmten nicht mit den
Angaben im Baugesuch überein. So sei beispielsweise auch nach Konsultation der
Gesuchsunterlagen unklar geblieben, was mit einem Bauprofil, das sich ca. zwei Meter von
der Gartenmauer entfernt im Gartenbereich der Liegenschaft befinde, angezeigt werden
soll. Die Vorinstanz habe dazu nur festgehalten, im Garten sei der Verschiebung eines
Profils zugestimmt worden, da es sonst an den Standort eines Strauchs zu stehen
gekommen wäre. Es lägen im vorliegenden Fall allerdings keine wichtigen Gründe vor, die
Erleichterungen für die Profilierung rechtfertigten.
b) Die Gesuchstellenden haben mit der Baueingabe die äusseren Umrisse des
Bauvorhabens im Gelände abzustecken und durch Profile kenntlich zu machen (Art. 16
Abs. 1 BewD8). Die Profilierungspflicht soll sicherstellen, dass interessierte Personen vom
Bauvorhaben Kenntnis erhalten und sich vom Bauvorhaben ein Bild machen können
(Publizitätswirkung). Sie soll insbesondere Einspracheberechtigte vor einem Rechtsverlust
bewahren.9 Aus der Profilierung müssen die für das Erscheinungsbild wesentlichen
Abmessungen im Gelände, nicht aber sämtliche Einzelheiten der geplanten Baute
ersichtlich sein. Für Letzteres ist allenfalls eine Einsichtnahme in die Akten nötig. Wer
8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1). 9 VGE 2010/301 vom 19. Oktober 2010, E. 6.2.
RA Nr. 110/2016/169 6
durch eine mangelhafte Profilierung keinen Nachteil erlitten hat, kann sich nicht
nachträglich für sich selbst oder andere wehren.10
c) Die Beschwerdeführerin hat bereits in ihrer Einsprache die unkorrekte Profilierung
gerügt. Sie bestreitet allerdings nicht, dass die Baugesuchstellenden das Bauvorhaben
grundsätzlich mit Profilen aussteckten. Sie hat vom Bauvorhaben denn auch Kenntnis
erhalten und die von ihr vorgebrachten Rügen zeigen auf, dass sie auch die Auswirkungen
des Bauvorhabens erkennen konnte. Es kann dementsprechend offen gelassen werden,
ob das Bauvorhaben im Detail korrekt profiliert ist und ob die Voraussetzungen für eine
erleichterte Profilierung vorlagen oder nicht. Der Einwand, die gestellten Bauprofile
stimmten mit den Angaben im Baugesuch nicht überein, ist unerheblich, da die
Beschwerdeführerin unabhängig davon keinen Nachteil erlitten hat.
5. Parkplätze für Fahr- und Motorfahrräder
a) Die Beschwerdeführerin rügt, auf den Baugesuchsplänen sei nicht ersichtlich, wo die
gemäss Bauverordnung erforderlichen Abstellplätze für Fahr- und Motorfahrräder erstellt
werden sollen. Entgegen den Ausführungen der Stadt Biel, könne sich die Bauherrschaft
auf Grund des Erweiterungsbaus nicht auf die Besitzstandsgarantie berufen. Die
Beschwerdegegner entgegnen, sie müssten keine neuen Abstellplätze errichten, da keine
zusätzliche Wohnung geschaffen werde. Zudem hätten sie im neu geplanten Keller
genügend Platz, um Fahrräder abzustellen.
b) Wird durch die Erstellung, die Erweiterung, den Umbau oder die Zweckänderung von
Bauten und Anlagen ein Parkplatzbedarf verursacht, so ist dafür auf dem Grundstück oder
in seiner Nähe eine ausreichende Anzahl von Abstellplätzen für Motorfahrzeuge, Fahrräder
und Motorfahrräder zu erstellen (Art. 16 BauG). Dies bedeutet, dass bei Umbauten oder
Erweiterungen von bestehenden Gebäuden nur Abstellplätze zu schaffen sind, wenn es
einen Mehrbedarf gibt. Umbauten oder Erweiterungen können nur dann zum Anlass
genommen werden, die Behebung eines bisherigen Defizits an Abstellplätzen zu
verlangen, wenn die Voraussetzungen der nachträglichen Parkplatzpflicht erfüllt sind, d.h.
wenn es die Verhältnisse erlauben und die Kosten zumutbar sind.
10 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 20; VGE 2012/2008 vom 31. Januar 2013 E. 2.4.
RA Nr. 110/2016/169 7
c) Die Beschwerdegegner wollen ihre Doppeleinfamilienhaushälfte durch einen Anbau
erweitern um mehr Wohnfläche zu erhalten, es wird aber keine zusätzliche Wohnung
geschaffen. Daher entsteht kein Mehrbedarf an Abstellplätzen. Dass bisher keine oder zu
wenig Abstellplätze vorhanden waren, wird von der Beschwerdeführerin nicht geltend
gemacht. Im Übrigen könnten die nach Art. 54c BauV erforderlichen zwei Abstellplätze für
Fahrräder und Motorfahrräder ohne weiteres in den Kellerräumlichkeiten des
Doppeleinfamilienhauses der Beschwerdegegner erstellt werden. Die Rüge der
Beschwerdeführerin ist unbegründet.
6. Autoabstellplatz
a) Die Bauparzelle grenzt an der Nordseite an den G._weg an. Der Bereich
zwischen Gebäude und Strasse ist heute als begrünter Vorgartenbereich ausgestaltet. Die
Beschwerdegegner beabsichtigen nun, zwischen der Nordfassade ihres Hauses und der
Strasse einen neuen, senkrecht zur Strasse angeordneten Autoparkplatz zu erstellen.
Dieser soll von der Hausfassade bis zum Fahrbahnrand reichen und eine Länge von 5.3 m
sowie eine Breite von 2.8 m aufweisen.
b) Der geplante Parkplatz befindet sich teilweise in einem Vorgartenbereich B, der nach
Art. 9 des Baulinienreglements der Stadt Biel11 zwar soweit zu begrünen ist, als dies die
Abstimmung mit dem vorhandenen Strassenraumcharakter erfordert, in dem aber auch
oberirdische, ungedeckte Abstellflächen für Motorfahrzeuge erlaubt sind. Die Stadt Biel
vertritt die Auffassung, mit dieser Bestimmung habe sie bewusst und zulässigerweise einen
von Art. 80 SG12 abweichenden Strassenabstand für Abstellplätze festgelegt. Eine
Ausnahmebewilligung für die Unterschreitung des Strassenabstandes sei daher nicht
erforderlich.
c) Den Gemeinden kommt in dem Umfang Autonomie zu, wie sie ihnen durch das
kantonale und das eidgenössische Recht eingeräumt wird (Art. 109 KV13). Gemäss Art. 80
SG gilt für Bauten und Anlagen an Gemeindestrassen ein Abstand von 3.6 m ab
Fahrbahnrand, soweit das zuständige Gemeinwesen in Nutzungsplänen oder in der
11 Vgl. Baulinienreglement der Stadt Biel vom 18. März 2004, SGR 721.2 (Baulinienreglement). 12 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11). 13 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1).
RA Nr. 110/2016/169 8
Gesetzgebung nichts anderes festlegt. Entsprechend dem klaren Wortlaut von Art. 80 SG
können die Gemeinden vom in Art. 80 SG vorgesehenen Strassenabstand abweichende
Regelungen vorsehen. Die Stadt Biel hat von dieser Möglichkeit für Parkflächen im
Vorgartenbereich B Gebrauch gemacht; gemäss Art. 9 des Baulinienreglements dürfen
ungedeckte Abstellflächen in diesem Bereich erstellt werden und müssen
dementsprechend keinen Strassenabstand einhalten.
d) Neben dem Strassenabstand sieht das kantonale Strassengesetz aber zusätzlich
Vorschriften für den Freihalteraum über der Strasse inklusive des zum Fahrbahnrand
seitlichen Raums vor (Lichtraumprofil). Gemäss Art. 83 Abs. 1 SG ist der Raum über der
Fahrbahn von öffentlichen Strassen einschliesslich des seitlichen Raums zum
Fahrbahnrand (lichte Breite) bis auf eine Höhe von mindestens 4.5 m freizuhalten. Die
lichte Breite ist auf einer Breite von 0.5 m freizuhalten (Art. 83 Abs. 3 SG). Im Gegensatz
zum Strassenabstand sieht das kantonale Gesetz beim Lichtraumprofil keinen Vorbehalt
für abweichende Gemeindevorschriften vor und Ausnahmen sind nicht möglich. Das
Lichtraumprofil seitlich zum Fahrbahnrand von 0.5 m dient der Verkehrssicherheit und ist in
jedem Fall einzuhalten.14 Die Gemeinden verfügen daher im Bereich der lichten Breite nicht
über ihnen zustehende Gemeindeautonomie. Unabhängig von allfälligen kommunalen
Vorschriften haben Bauten und Anlagen daher immer die lichte Breite, das heisst einen
Abstand von mindestens 0.5 m zum Fahrbahnrand einzuhalten.
Das geplante Parkfeld reicht bis an den Fahrbahnrand des G._wegs und hält
daher das Lichtraumprofil nicht ein. Die Beschwerdegegner machen diesbezüglich
allerdings geltend, sie besässen aktuell ein Auto mit einer Länge von 4.565 m. Dieses
könne problemlos abgestellt werden, ohne das Lichtraumprofil zu tangieren. Zudem seien
auch grössere Personenwagen nicht länger als rund 4.8 m. Auch beim Abstellen eines
solchen Autos könne vorliegend das Lichtraumprofil eingehalten werden.
Zu den Abmessungen von Parkplätzen enthält das kantonale Baurecht keine Bestimmung.
Art. 21 Abs. 1 BauG verlangt jedoch, dass Bauten und Anlagen so zu erstellen sind, dass
weder Personen noch Sachen gefährdet werden. Dabei sind gemäss Art. 57 Abs. 1 BauV15
bei der Erstellung von Bauten und Anlagen die anerkannten Regeln der Baukunde
einzuhalten. Dazu gehören auch die Normen des Schweizerischen Verbandes der
14 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 12 N. 19; VGE 2012/230 vom 30. Mai 2013, E. 3.2. 15 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1).
RA Nr. 110/2016/169 9
Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS).16 Die VSS-Norm SN 640 291a (Parkieren;
Anordnung und Geometrie der Parkierungsanlagen) gilt gemäss Ziffer 1 unter anderem
auch für nicht öffentlich zugängliche Parkierungsanlagen für Personenwagen auf privatem
Grund (Komfortstufe A). Gemäss Tabelle 3 auf Seite 13 dieser Norm beträgt die minimale
Länge eines Senkrechtparkfelds der Komfortstufe A 5 m. Diese Länge berücksichtigt, dass
viele Autos heute rund 4.8 m lang sind und die Parkplätze etwas länger als die Fahrzeuge
sein sollten. Der geplante Parkplatz hält die minimale Länge gemäss VSS-Norm SN 640
291a ein, ragt damit aber 0.2 m in die freizuhaltende lichte Breite gemäss Art. 83 SG. Er
kann daher nicht bewilligt werden. Unerheblich ist, ob die Beschwerdegegner zurzeit ein
Fahrzeug besitzen, welches abgestellt werden könnte, ohne das Lichtraumprofil zu
tangieren. Ein Parkplatz wird nicht für ein bestimmtes Fahrzeug bewilligt, sondern als eine
Anlage mit konkreten Massen, die auch bei künftigen Nutzungen mit anderen Fahrzeugen
verkehrssicher sein muss.
7. Strassenanschlussbewilligung und Verkehrssicherheit
a) Die Liegenschaft der Beschwerdegegner ist bisher über eine Garagenzufahrt, die für
die Liegenschaften G._weg 12 und G._weg 14 erstellt wurde, an die
Gemeindestrasse angeschlossen. Mit dem neu geplanten Parkplatz vor der Nordfassade
des Gebäudes, der künftig anstelle der bestehenden Garage im Untergeschoss für das
Abstellen von Autos genutzt werden soll, wird der Strassenanschluss der Parzelle der
Beschwerdegegner verändert bzw. ein neuer Anschluss geplant. Dafür bedarf es nach
Art. 85 SG einer Bewilligung der zuständigen Strassenaufsichtsbehörde. Der angefochtene
Bauentscheid enthält keine Strassenanschlussbewilligung, er ist diesbezüglich
unvollständig. Die Strassenanschlussbewilligung kann aber auch nachträglich erteilt
werden, sofern die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt wird.
b) Bei der Beurteilung, ob die Verkehrssicherheit bei einem Strassenanschluss gewährt
ist, sind gemäss Art. 57 Abs. 1 und Abs. 2 BauV die VSS-Normen heranzuziehen. Gemäss
der Norm SN 640 273a wird anhand der Parameter Beobachtungsdistanz und
Knotensichtweite ein Sichtfeld definiert, das in einem Bereich zwischen 0.6 m und 3 m über
dem Boden von allen Hindernissen frei sein muss. Die Knotensichtweite bei einer Ausfahrt,
16 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 21 N. 7; VGE 2014/163 vom 2. September 2015, E. 3.2.
RA Nr. 110/2016/169 10
die wie vorliegend auf eine Strasse mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 30
km/h führt, muss 20 m bis 35 m betragen. Der untere Wert von 20 m gilt für untergeordnete
Strassentypen wie Quartiererschliessungsstrassen. Sichtweiten zwischen dem unteren und
dem oberen Wert gelten für übergeordnete Strassentypen wie Hauptverkehrsstrassen. Der
obere Wert von 35 m gilt für übergeordnete Strassen, wenn zusätzlich ungünstige
Verhältnisse vorliegen. Die Beobachtungsdistanz, das heisst die Distanz vom
Fahrzeuglenker zum Fahrbahnrand, soll innerorts bei Neuanlagen 3 m betragen. Gemäss
der VSS-Norm SN 640 050 ist zudem bei der Anordnung und Gestaltung von
Grundstückzufahrten aus Sicherheitsgründen grundsätzlich das Ein- bzw. Ausfahren in
Vorwärtsrichtung anzustreben. Bei Zufahrten von Grundstücken mit nur einem oder zwei
Parkplätzen, die in eine Quartiererschliessungsstrasse münden, kann aber
ausnahmsweise auch das Rückwärtsausfahren und damit ein Senkrechtparkfelder erlaubt
werden. Diesfalls ist aber die Beobachtungsdistanz entsprechend zu vergrössern, was zu
einer Vergrösserung des freizuhaltenden Sichtfeldes führt.
c) Der OIK III hat in seinem Fachbericht vom 3. Februar 2017 ausgeführt, der
G._weg sei eine Fortsetzung der J._-Strasse. Er erschliesse die
angrenzenden Gebäude und das Quartier und verbinde Biel auch mit der
Nachbargemeinde Brügg. Die signalisierte Geschwindigkeit betrage 30 km/h. Der Verkehr
fliesse in beide Richtungen, wobei derjenige von der J._-Strasse her kommend
unmittelbar entlang der Liegenschaft G._strasse 12 führe. Es bestehe eine gute
Übersicht in Längsrichtung, was trotz Tempo 30 zu zügigem Fahren verleite. Für
Begegnungsfälle seien die Verhältnisse beengt; zwei Fahrzeuge könnten nur in denjenigen
Bereichen kreuzen, wo seitlich keine Autos parkiert seien. Die erforderliche
Knotensichtweite von 20 m werde bereits bei der heute bestehenden Zufahrt nicht
eingehalten; sie sei durch Pflanzen, die teilweise auf benachbarten Grundstücken stünden,
eingeschränkt.
Hinsichtlich des geplanten Parkplatzes kommt der OIK III zum Schluss, er könne aus
Gründen der Verkehrssicherheit nicht bewilligt werden. Die minimal erforderliche
Knotensichtweite von 20 m beim Vorwärtsfahren auf die Strasse könne bei den
vorliegenden Verhältnissen nicht eingehalten werden. Beim Rückwärtshinausfahren sei die
Ausfahrt auf den G._weg ein "Blindflug". Der Parkplatz führe zudem zu weiteren
Problemen: Einerseits behindere ein auf dem Parkplatz parkiertes Auto die Sicht für
Fahrzeuge, die aus der bestehenden Ausfahrt ausfahren, beträchtlich. Andererseits werde
RA Nr. 110/2016/169 11
die Sicht auf die Strasse für Personen, die aus der Haustüre treten, bzw. umgekehrt, die
Sicht der Autofahrer auf die Personen beim Hauseingang, behindert. Der OIK III beantragt
aus diesen Gründen den Parkplatz nicht zu bewilligen.
d) Die Beurteilung des OIK III überzeugt: Eine Vertretung der Fachstelle hat am 17.
Januar 2017 am G._ einen Augenschein vorgenommen und festgestellt, dass die
erforderlichen Sichtfelder für die Benutzer des geplanten Parkplatzes nicht frei sind. Die in
den Akten vorhandenen Fotos bestätigen dies. Die Vorgartenbereiche des
Doppeleinfamilienhauses G._weg 10/12 wie auch jene des benachbarten
Gebäudes G._weg 14 sind nicht auf dem gleichen Niveau wie die Strasse,
sondern gegenüber der Strasse erhöht. Weiter sind sie durch eine Mauer von der Strasse
abgetrennt und teilweise mit Holzzäunen eingefriedet sowie mit Stauden und Sträuchern
bepflanzt. Auch bei der für Strassen mit Tempo 30 geltenden minimalen Knotensichtweite
von 20 m ergeben sich Sichtfelder, welche Bereiche der Vorgärten überlappen. Da diese
Bereiche erhöht und begrünt sind, ist die Feststellung der Fachstelle, die Sichtfelder seien
eingeschränkt und insbesondere das Rückwärtsfahren aus dem Parkplatz erfolge "im
Blindflug", nicht in Zweifel zu ziehen. Auch die Schlussfolgerung, ein auf dem geplanten
Parkplatz abgestelltes Auto würde das Sichtfeld eines aus der Zufahrt des benachbarten
Gebäudes G._weg14 ausfahrenden Autos beträchtlich behindern, liegt auf der
Hand. Das Gleiche gilt für Personen, die sich vor dem Hauseingang des Gebäudes
G._weg 12 aufhalten. Der geplante Parkplatz bzw. der neue Strassenanschluss
beeinträchtigen daher die Verkehrssicherheit. Beides kann aus diesem Grund nicht
bewilligt werden.
e) Die Ausführungen der Beschwerdegegner und der Stadt Biel vermögen daran nichts
zu ändern: Beide machen geltend, der OIK III habe zu wenig berücksichtigt, dass es sich
beim G._weg nicht um eine stark befahrene Strasse handle und die
Fahrgeschwindigkeit gering sei. Der G._weg sei entgegen der Auffassung der
Fachstelle nicht eine Verbindungsstrasse nach Brügg, sondern nur eine
siedlungsorientierte Quartierdetailerschliessungsstrasse mit weniger als 1'000 Fahrten pro
Tag. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegner und der Stadt Biel ist die Fachstelle
allerdings nicht von höherer Fahrgeschwindigkeit oder einer sehr stark befahrenen Strasse
ausgegangen, sondern hat die tatsächliche Situation richtig gewürdigt. Die Fachstelle ging
für das Vorwärtshinausfahren von einer notwendigen Knotensichtweite von 20 m aus. Dies
entspricht gemäss VSS-Norm SN 640 273a dem Minimum bei einer Geschwindigkeit von
RA Nr. 110/2016/169 12
30 km/h und gilt für untergeordnete Strassentypen wie Quartiererschliessungsstrassen. Bei
stärker befahrenen Strassen oder höheren Fahrgeschwindigkeiten müssten die
Knotensichtweiten grösser sein. Die Fachstelle hat auch zu Recht ausgeführt, dass beim
Rückwärtshinausfahren eine Vergrösserung des freizuhaltenden Sichtfeldes notwendig ist.
Die Beschwerdegegner kritisieren weiter, dass die Fachstelle die vorhandenen
Bepflanzungen als Sichthindernisse erwähnt. Sie machen geltend, entlang von öffentlichen
Strassen müssten Hecken und Sträucher bis zu einer Höhe von 1.2 m einen
Strassenabstand von 0.5 m einhalten und höhere Hecken und Sträucher seien um ihre
Mehrhöhe zurückzuversetzen. Dies könne von der Stadt durchgesetzt werden. Die von den
Beschwerdegegnern genannten Abstände sind korrekt (Art. 57 Abs. 2 SV17 i.V.m. Art. 56
Abs. 1 SV). Allerdings umfasst vorliegend das freizuhaltende Sichtfeld einen Bereich des
Vorgartens der Beschwerdeführerin, der deutlich hinter den Abstandsbereich von 0.5 m für
Pflanzen reicht. Da die Vorgartenbereiche zudem ein höheres Niveau haben als die
Strasse, befinden sich auch Pflanzen, die nicht sehr hoch wachsen, rasch im
freizuhaltenden Bereich zwischen 0.6 m und 3 m.
Die Stadt Biel macht schliesslich geltend, die VSS-Normen seien eingehalten, begründet
dies aber nicht. Sie verweist zudem auf ein anderes Parkplatzvorhaben an der
K._strasse, dem der OIK III unter Auflagen zugestimmt habe, obwohl diese
Strasse sehr viel gefährlicher sei. Dieser Vergleich ist allerdings für den vorliegenden Fall
irrelevant, da bei der Beurteilung der Verkehrssicherheit immer die konkrete Situation
massgebend ist. Die beiden Vorhaben sind zudem nicht vergleichbar, ging es doch an der
K._strasse um einen Längsparkplatz in einem Bereich ohne Vorgärten.
Soweit die Beschwerdegegner mit dem Hinweis, es gebe am G._weg und in der
Stadt Biel vergleichbare Situationen wie der von ihnen geplante Parkplatz, ein Recht auf
Gleichbehandlung im Unrecht geltend machen wollen, sei dieser Argumentation
entgegengehalten, dass ein grosses öffentliches Interesse an der Verkehrssicherheit
besteht. Auch wenn die übrigen Voraussetzungen allenfalls erfüllt wären, stünde dieses
einer Gleichbehandlung im Unrecht entgegen.
17 Strassenverordnung vom 29. Oktober 2008 (SV; BSG 732.111.1).
RA Nr. 110/2016/169 13
f) Der OIK III hat die Situation vor Ort am 17. Januar 2017 besichtigt. Es ist nicht
ersichtlich, inwiefern er als Fachbehörde die Verhältnisse unkorrekt eingeschätzt haben
sollte. Daher erübrigt sich ein Augenschein durch das Rechtsamt. Der entsprechende
Beweisantrag der Beschwerdegegner wird abgewiesen.
8. Auswirkungen und übrige Rügen
a) Gemäss Art. 51 BauV ist pro Wohnung mindestens ein Abstellplatz für ein
Motorfahrzeug zu errichten. Die Baubewilligungsbehörde kann den Bauherrn zwar von der
Erfüllung der Parkplatzpflicht befreien, wenn er aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen
die verlangte Abstellfläche weder auf seinem Baugrundstück noch im Umkreis von 300 m
bereitzustellen vermag (Art. 55 BauV). Die Befreiung kann allerdings nur auf
entsprechendes Gesuch der Bauherrschaft erfolgen, insbesondere da sie allenfalls mit
einer Ersatzabgabe gemäss Art. 56 BauV verbunden ist. Fehlt einem Bauvorhaben
allerdings die erforderliche Anzahl Abstellplätze und liegt kein Befreiungsgesuch vor, so
kann es nicht bewilligt werden. Es ist in diesem Fall mit den öffentlichen-rechtlichen
Vorschriften nicht vereinbar.
c) Im vorliegenden Fall erfüllt der Parkplatz des Bauvorhabens die Anforderungen an
eine sichere Baute nicht. Er ist entsprechend nicht bewilligungsfähig. Der Einmündung auf
den G._weg kann mangels Verkehrssicherheit zudem keine
Strassenanschlussbewilligung erteilt werden. Da dem Bauvorhaben damit der erforderliche
Abstellplatz fehlt, erweist es sich insgesamt als nicht bewilligungsfähig. Die Beschwerde
erweist sich daher als begründet und dem Bauvorhaben ist der Bauabschlag zu erteilen.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens erübrigt es sich, auf die übrigen Rügen der
Beschwerdeführerin einzugehen.
9. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdegegner. Sie haben
die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
RA Nr. 110/2016/169 14
Pauschalgebühr von Fr. 1'200.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV18).
b) Die amtlichen Kosten für das erstinstanzliche Baubewilligungsverfahren haben die
Beschwerdegegner auch im Falle eines Bauabschlages als Baugesuchstellende zu tragen
(Art. 52 Abs. 1 BewD19). Dementsprechend bleiben die Kosten des
Baubewilligungsverfahren der Stadt Biel im Umfang von Fr. 5'075.00 den
Beschwerdegegnern auferlegt.
c) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG).
Die Kostennote des Anwaltes der Beschwerdeführerin gibt zu keinen Bemerkungen
Anlass. Die Beschwerdegegner haben somit der Beschwerdeführerin die Parteikosten von
Fr. 5'647.30 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu ersetzen.