Decision ID: 484deb06-204a-5bdc-bcdd-c3766f44642f
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Dr.med. S ist der Hausarzt von X. Mit Schreiben vom 11. Dezember 2009 ersuchte
er das Institut für Rechtsmedizin (nachfolgend: IRM) in St. Gallen, die Fahreignung
seines Patienten abzuklären. Er wies darauf hin, dass Ehefrau und Tochter ihm
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegenüber Bedenken über die Fahreignung geäussert und ein Fahrlehrer anlässlich
einer Probefahrt die Fahreignung als ungenügend beurteilt haben. In medizinischer
Hinsicht bestehe eine kognitive Störung.
B.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen (nachfolgend:
Strassenverkehrsamt) eröffnete am 28. Dezember 2009 gegenüber X ein Verfahren zur
Abklärung der Fahreignung, kündigte die Anordnung einer verkehrsmedizinischen
Untersuchung an, verbot ihm vorsorglich das Führen von Motorfahrzeugen aller
Kategorien und forderte ihn auf, den Führerausweis einzusenden. Mit
Zwischenverfügung vom 11. Januar 2010 wurde eine verkehrsmedizinische
Untersuchung angeordnet. Diese fand am 25. Januar 2010 statt. Am 27. Januar 2010
teilte X telefonisch mit, nach langem inneren Ringen habe er den Entschluss gefasst,
den Führerausweis nun schweren Herzens freiwillig abzugeben.
Im Gutachten vom 23. Februar 2010 kam der Verkehrsmediziner zum Schluss, die
erhobenen klinischen Befunde und der deutlich erhöhte Zeitbedarf beim Trail-Making-
Test wiesen auf eine fehlende Fahreignung hin. Sollte X mit der Beurteilung nicht
einverstanden sein, werde eine umfassende verkehrs- bzw. neuropsychologische
Untersuchung empfohlen.
Am 4. März 2010 wurde X Gelegenheit gegeben, zum Ergebnis des Gutachtens und zu
einem allfälligen Sicherungsentzug Stellung zu nehmen. Er erklärte, es sei für ihn
unverständlich, dass von einer fehlenden Fahreignung gesprochen werde, und er
ersuche um Rückgabe des Führerausweises. Daraufhin ordnete das
Strassenverkehrsamt mit Zwischenverfügung vom 26. April 2010 eine verkehrs- bzw.
neuropsychologische Untersuchung beim Verkehrspsychologen Dr.phil. M. Keller, St.
Gallen, an. Dieser kam im Gutachten vom 27. September 2010 zum Schluss, dass die
Fahreignung von X wegen Leistungsschwierigkeiten nicht mehr gegeben sei.
C.- Mit Verfügung vom 25. Oktober 2010 entzog das Strassenverkehrsamt X den
Führerausweis wegen mangelnder Fahreignung aus medizinischen Gründen
(ungenügende Leistungsparameter) auf unbestimmte Zeit. Es hielt fest, dass einem
Gesuch um Wiederzulassung als Motorfahrzeugführer erst entsprochen werden könne,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sofern aus medizinischer Sicht die Fahreignung wieder gegeben sei. Einem allfälligen
Rekurs wurde zufolge Gefahr die aufschiebende Wirkung entzogen.
D.- Gegen diese Verfügung erhob X am 5. November 2010 (Poststempel) Rekurs bei
der Verwaltungsrekurskommission mit dem sinngemässen Rechtsbegehren, die
Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben. Die Vorinstanz verzichtete auf eine
Vernehmlassung. Auf die Ausführungen des Rekurrenten zur Begründung seines
Antrags sowie die Akten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 5. November 2010 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz dem Rekurrenten den Führerausweis
gestützt auf das verkehrs-/neuropsychologische Gutachten vom 27. September 2010
zu Recht wegen mangelnder Fahreignung aus medizinischen Gründen auf
unbestimmte Zeit entzogen hat.
a) Bestehen Zweifel an der körperlichen oder psychischen Fahreignung eines
Fahrzeugführers, sind medizinische, psychologische oder psychiatrische Abklärungen
vorzunehmen (Art. 11b Abs. 1 lit. a und b der Verordnung über die Zulassung von
Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr, SR 741.51, abgekürzt: VZV). Wird
dabei festgestellt, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für die Erteilung nicht oder
nicht mehr bestehen, muss der Führerausweis entzogen werden (Art. 16 Abs. 1 SVG).
In diesen Fällen dient der Entzug des Ausweises der Sicherung des Verkehrs vor
ungeeigneten Fahrzeugführern (Sicherungsentzug). Der Entzug wird grundsätzlich auf
unbestimmte Zeit ausgesprochen (Art. 16d Abs. 1 Ingress SVG).
aa) Wegen fehlender Fahreignung wird einer Person der Führerausweis entzogen, wenn
ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht, ein
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Motorfahrzeug zu führen (Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG). Psychologische Aspekte der
Fahreignung sind - mit Ausnahme der Frage der charakterlichen Eignung im Sinn von
Art. 16d Abs. 1 lit. c SVG - nicht näher geregelt. Entscheidend ist, dass ein
Motorfahrzeug sicher geführt werden kann (vgl. Art. 16d Abs. 1 lit a SVG). Aus
psychologischer Sicht geht es um die psychophysische Leistungsfähigkeit. Letztere ist
nicht mehr gegeben, wenn Hirnleistungsdefizite (kognitive Beeinträchtigungen in den
Bereichen optische Orientierung, Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit,
Reaktionsfähigkeit und Belastbarkeit) in einem solchen Ausmass bestehen, dass eine
Teilnahme als Fahrzeuglenker am Strassenverkehr mit hoher Wahrscheinlichkeit eine
Überforderung wäre. Insbesondere mit verkehrspsychologischen Leistungstests wird
überprüft, ob solche Hirnleistungsdefizite vorliegen. Die Notwendigkeit einer Abklärung
der kognitiven Hirnleistungsfunktionen kann - wie hier - als Ergänzung zu einer
medizinischen Untersuchung angezeigt sein (vgl. BGE 133 II 384 E. 3.5 mit Hinweisen).
Wie die Fahreignung aus psychophysischer Sicht zu beurteilen ist, kann nur indirekt
aus den Bestimmungen der Verordnung über die Zulassung von Personen und
Fahrzeugen im Strassenverkehr (SR 741.51, abgekürzt: VZV) zum Bestehen der
praktischen Führerprüfung geschlossen werden. Als Massstab gilt allgemein, dass ein
Motorfahrzeug unter Einhaltung der Verkehrsregeln auch in schwierigen
Verkehrssituationen vorausschauend und mit Rücksicht auf die übrigen
Verkehrsteilnehmer zu führen ist (Art. 22 Abs. 1 i.V.m. Anhang 12 Ziff. II VZV; vgl. auch
BGE 133 II 384 E. 3.6).
bb) Verwaltung und Gericht haben den massgebenden Sachverhalt richtig und
vollständig abzuklären und die materielle Wahrheit zu ermitteln (sog.
Untersuchungsgrundsatz; vgl. F. Gygi, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl. 1983,
S. 207). Je tiefer in den Persönlichkeitsbereich eingegriffen wird, desto sorgfältiger ist
diesem Grundsatz nachzuleben (vgl. R. Schaffhauser, Zur Entwicklung von Recht und
Praxis des Sicherungsentzugs von Führerausweisen, in: AJP 1/1992, S.17 ff.,
insbesondere S. 33, N 58). Da ein Sicherungsentzug stark in den
Persönlichkeitsbereich eingreift, ist eine genaue Abklärung der persönlichen
Verhältnisse des Betroffenen in jedem Fall und von Amtes wegen vorzunehmen.
cc) Die Vorinstanz ordnete aufgrund der Meldung des Hausarztes des Rekurrenten vom
11. Dezember 2009 eine verkehrsmedizinische Untersuchung beim IRM an. Da sowohl
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Hausarzt wie auch die Familie des Rekurrenten und ein Fahrlehrer, bei welchem der
Rekurrent eine Probefahrt absolviert hatte, die gleichen Bedenken äusserten,
bestanden konkrete Zweifel an der Fahreignung des Rekurrenten. Im Rahmen der
verkehrsmedizinischen Abklärung ergaben sich Hinweise auf leistungsmässige Defizite.
Im Gutachten des IRM vom 23. Februar 2010 wird festgehalten, bei der klinischen
Untersuchung sei eine generelle Verlangsamung bei der Ausführung entsprechender
Aufgaben aufgefallen. Besonders auffällig sei dies bei der Beurteilung der kognitiven
Tests geworden, wobei der Rekurrent insbesondere beim Trail-Making-Test in beiden
Teilen mehr als die üblicherweise notwendige Zeit benötigt habe. Seine Fahreignung
sei durch die altersbedingte Verlangsamung mit verlängerter Reaktionszeit sowie
vermehrter Tagesmüdigkeit bei Status nach einem Schlaganfall oder zumindest einer
passageren Durchblutungsstörung des Gehirns im Herbst 2009 in Frage gestellt.
Deshalb empfahl der Gutachter eine umfassende verkehrs- bzw. neuropsychologische
Untersuchung. Daher hat die Vorinstanz zusätzlich ein verkehrs- bzw.
neuropsychologisches Gutachten eingeholt. Indem sie eine spezialärztliche
Begutachtung angeordnet und das entsprechende Ergebnis beim Erlass der Verfügung
gewürdigt hat, ist die Vorinstanz ihrer behördlichen Verpflichtung zur Klärung des
Sachverhalts nachgekommen.
b) Der Rekurrent macht im Wesentlichen geltend, der Führerausweisentzug sei
ungerecht. Er habe noch ein kleineres Geschäft, weshalb die Zusammenarbeit aller
notwendig sei. Dies bedinge auch, dass seine Bewegungsmöglichkeit uneingeschränkt
sei. Seine Frau sei zudem voll ausgelastet.
aa) Die Beweismittel, und damit auch das verkehrs-/neuropsychologische Gutachten,
unterliegen der freien richterlichen Beweiswürdigung (Art. 21 Abs. 3 in Verbindung mit
Art. 58 Abs. 1 VRP). Im Vordergrund steht dabei die Frage, ob das Gutachten als
widerspruchsfrei, schlüssig und überzeugend zu beurteilen ist. Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann ärztlichen Gutachten Beweiswert
beigemessen werden, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet
sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit
bestehen (BGE 123 V 331 E. 1c). In Sachfragen weicht das Gericht nur aus triftigen
Gründen von einer gerichtlichen Expertise ab (BGE 133 II 384 E. 4.2.3). Dies gilt auch
für verkehrs- bzw. neuropsychologische Gutachten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bb) Das neuro- und verkehrspsychologische Gutachten vom 27. September 2010 (act.
12/17) beruht auf einem verkehrspsychologischen Interview sowie auf Befunden
verschiedener Tests und enthält eine Beurteilung der Leistungsfähigkeit. Der Neuro-
und Verkehrspsychologe hat mit dem Rekurrenten vier Tests aus der Reihe SVN 2000
(Schweizerische Verkehrspsychologische Normaluntersuchung) durchgeführt. Mit dem
ersten Test, dem Abzeichnen einer komplexen Figur, wird die Fähigkeit der räumlich
visuellen Konstruktion und der visuellen Gedächtnisleistung geprüft. Die komplexe
Figur besteht aus verschiedenen geometrischen Elementen, die in 18 Einheiten zerlegt
werden können. Am ehesten gleicht sie einem auf der Seite liegenden Haus. Für das
Abzeichnen bekommen die Probanden die Figur vorgelegt und werden beauftragt,
diese so genau wie möglich abzuzeichnen. Danach kann der Proband nach 3 und nach
30 Minuten gebeten werden, die Figur aus dem Gedächtnis zu zeichnen (vgl. http://
de.wikipedia.org/wiki/Rey-Osterrieth_Complex_Figure_Test mit Hinweis auf: Shin/Park/
Park/Seol/Kwon, Clinical and empirical applications of the Rey-Osterrieth Complex
Figure Tes, 2006, S. 892 ff.). Der Überprüfung der gerichteten Aufmerksamkeit dient
der zweite Test "deux barrages". Es müssen auf einem Blatt mit 40 Linien à je 25
Figuren aus 8 verschiedenen Zeichen (Quadrate mit Strichen oben, unten, links, rechts,
links oben, rechts oben, links unten und rechts unten) 2 Typen von Zeichen
durchgestrichen werden (Corraze/Albaret, L'enfant agité et distrait, 1996, S. 54 f.).
Beim dritten Test, dem Mini Mental Status, handelt es sich um ein Verfahren zur
Feststellung kognitiver Defizite. Anhand von neun Aufgabenkomplexen werden zentrale
kognitive Funktionen überprüft (zeitliche und räumliche Orientierung, Merk- und
Erinnerungsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Sprache und Sprachverständnis, Lesen,
Schreiben, Zeichnen und Rechnen). Der Proband muss Fragen beantworten und
einfache Handlungen ausführen (z.B. "Welches Jahr haben wir?", Nachsprechen,
Anweisung, ein Blatt Papier zu falten und auf den Boden zu legen, etc.). Für jede
erfolgreich bewältigte Aufgabe bekommt er einen Punkt. Die Skala reicht von 0 bis 30
Punkten. Ab Werten unterhalb von 25 Punkten liegt eine krankheitswertige
Beeinträchtigung vor (http://de.wikipedia.org/wiki/Mini-Mental-Status-Test mit Hinweis
auf: Kessler/Markowitsch/Denzler, Mini-Mental-Status-Test, 2000). Beim vierten Test,
dem Figurenfeld, sollen 40 gleichzeitig auf dem Computer-Bildschirm abgebildete
Paare von Verkehrszeichen gesucht werden. Damit werden die präzise Wahrnehmung
und Speicherung ähnlicher Reize, die flexible visuelle Orientierung, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wahrnehmungskapazität und Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie die Merkfähigkeit
und das kurzzeitige Behalten getestet (vgl. Leitfaden der Expertengruppe
Verkehrssicherheit, Verdachtsgründe fehlender Fahreignung, Massnahmen,
Wiederherstellung der Fahreignung, vom 26. April 2000, Anhang 2, Ziff. 2.3,
nachfolgend: Leitfaden).
cc) Der Gutachter hielt fest, die abgezeichnete komplexe Figur sei erkennbar gewesen;
der Rekurrent habe die Mittellinie aber deutlich nach rechts geschoben. Die Diagonalen
seien ersichtlich, sie schnitten den Mittelpunkt der Mittellinie und Mittelsenkrechten
aber nicht. Die ganze Figur sei verzerrt und es habe sich bei der Strichführung ein
Tremor (Zittern) gezeigt. Bei der späteren figurativen Gedächtnisleistung habe der
Rekurrent sich nicht daran erinnern können, was gemeint sei. In der gerichteten
Aufmerksamkeit "Deux barrages" seien nur die ersten zehn Linien korrigiert worden.
Der Rekurrent habe die ersten vier Linien fast fehlerfrei lösen können. Danach hätten
sich Auslassungen von einer ganzen Linie ergeben. Insgesamt habe es in diesen ersten
zehn Linien neben 41 Richtigen 22 Auslassungen gegeben. Die Fehlerquote liege damit
bei 50%. Die Impulskontrolle sei deutlich beeinträchtigt gewesen. Beim Mini Mental
Status sei der Rekurrent auf 26 Punkte gekommen. Er sei zeitlich, örtlich und
persönlich orientiert gewesen, habe aber Schwierigkeiten gehabt, sich an die gelernten
Worte zu erinnern. Das Abzeichnen der Figur habe ihm Mühe bereitet. Beim Figurenfeld
des SVN 2000 habe er sechs Richtige in einem Zeitraum erzielt, in dem andere die
ganze Aufgabe lösten und habe 25 Fehler begangen. Obwohl er am Anfang die
Aufgabe verstanden habe, habe er während deren Bearbeitung vergessen, was zu tun
ist. Die für die Fahreignung wichtigen Leistungsparameter hätten in vier wichtigen
Aufgaben durchgeführt werden können. Währendem die Orientierung zeitlich, örtlich
und persönlich vorliege und der Rekurrent am Anfang der Durchstreicheübung relativ
genau habe arbeiten können, hätten sich im späteren Verlauf des Testverfahrens immer
mehr Schwierigkeiten ergeben, weil er während des Lösens zum Teil die Instruktionen
vergessen habe. Das Abzeichnen der komplexen Figur sei nur leicht beeinträchtigt
gewesen. Mittelstarke Schwierigkeiten hätten sich aber bei der gerichteten
Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle, der Reaktionsgeschwindigkeit, beim visuellen
Überblick sowie bei der Gedächtnisleistung der komplexen Figur ergeben. Nachdem
der Gutachter dem Rekurrenten erklärt habe, dass verschiedene Schwierigkeiten in der
Wahrnehmung und der Reaktionsgeschwindigkeit vorlägen, habe dieser gesagt, dass
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das schon sein könne, er aber dennoch darauf hindeuten wolle, dass er fahren müsse.
Er habe sich im Testgespräch zu wenig einsichtig gezeigt. Insgesamt könne beim
vorliegenden Ergebnis keine der möglichen Kategorien vom Rekurrenten gefahren
werden.
c) In den Tests zur Beurteilung der fahrspezifischen Leistungsfähigkeit wurden die
Bereiche der visuellen Wahrnehmung, der Merk- und Erinnerungsfähigkeit sowie der
Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistung geprüft (vgl. E. 2b/bb). Diese
Leistungsfunktionen wirken vielschichtig zusammen, weshalb sie in
verkehrspsychologischen Testverfahren nicht isoliert voneinander gemessen werden
können. In allen Tests wird beispielsweise ein Mindestmass an
Wahrnehmungsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen benötigt (J. Bächli-
Biétry in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2003, Was kann die
Verkehrspsychologie im Bereich Fahreignungsdiagnostik leisten?, St. Gallen 2003, S.
77).
Das Gutachten erscheint widerspruchsfrei und schlüssig. Die in den einzelnen Tests
ermittelten Leistungsparameter waren in verschiedenen Bereichen auffällig.
Insbesondere war das Erinnerungsvermögen eingeschränkt. Der Rekurrent konnte sich
nach einigen Minuten weder an die komplexe Figur noch an die drei im Mini Mental
Status gelernten Worte erinnern. Beim Figurenfeldtest vergass er sogar während der
Durchführung des Tests, wie dieser funktioniert. Gerade im Strassenverkehr ist die
Gedächtnisleistung aber äusserst wichtig, müssen doch beispielsweise die auf der
befahrenen Strecke geltenden Verkehrszeichen im Gedächtnis behalten werden (vgl.
Leitfaden, Anhang 2, Ziff. 2.3). Im selben Test konnte er die jeweiligen Paare nur sehr
langsam erkennen und machte ebenfalls viele Fehler, was auf Defizite in der Reaktions-
und Verarbeitungsgeschwindigkeit und dem visuellen Überblick schliessen lässt. Im
Test "deux barrages" zeigte sich, dass sich der Rekurrent nur ganz zu Beginn während
einer kurzen Phase konzentrieren und diesen fehlerfrei lösen konnte. Danach liess die
Aufmerksamkeit nach und die Fehler häuften sich. Die festgestellten Leistungsdefizite
weisen darauf hin, dass der Rekurrent den komplexen Anforderungen im
Strassenverkehr nicht mehr gewachsen und nicht mehr in der Lage ist, unmittelbar,
zweckmässig und zuverlässig darauf zu reagieren. Darauf lassen auch verschiedene
Beobachtungen von Drittpersonen schliessen. So kam der Fahrlehrer nach einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Probefahrt bereits am 23. November 2009 zum Ergebnis, der Rekurrent solle nicht
mehr fahren. Seine Fahrweise sei sehr gefährlich. Er sei viel zu schnell in den Kurven
und könne Verzweigungen kaum erkennen. Damit stelle er eine erhebliche Gefahr für
sich selber und die übrigen Verkehrsteilnehmer dar (act. 12/1, S. 2-3). Der Hausarzt
wies im Schreiben vom 11. Dezember 2009 auf eine kognitive Störung hin, wobei
damals der Mini-Mental-Status-Test noch ein Ergebnis von 28 Punkten ergab (act.
12/1, S. 1). Gegenüber dem Verkehrsmediziner erklärte der Rekurrent am 25. Januar
2010, die anderen Verkehrsteilnehmer hätten aufzupassen, insbesondere müssten
Fussgänger warten, bis er am Fussgängerstreifen vorbeigefahren sei (act. 12/7, S. 2).
Diese Aussage lässt den Schluss zu, dass er mit den geltenden
Strassenverkehrsvorschriften nicht vertraut ist. Die Ehefrau erwähnte, der Rekurrent
habe zu Hause Mühe mit der Orientierung im Alltag. Aufgrund eines höheren
Schlafbedürfnisses schlafe er z.B. plötzlich am Schreibtisch oder in seinem Büro ein.
Es sei auch schon vorgekommen, dass er am Tisch eingeschlafen sei, als sie Besuch
gehabt hätten. Die ganze Familie mache sich Sorgen über die Fahrweise des
Rekurrenten, welche beängstigend sei. Auch Nachbarn und Bekannte aus der
Umgebung würden sie immer wieder darauf ansprechen, weshalb er noch Auto fahre
(act. 12/7, S. 2). Das soziale Umfeld schätzt den Rekurrenten demnach als Risiko für
den übrigen Strassenverkehr ein. Hinzu kommt, dass es gemäss vom Rekurrenten
bestätigten Aussagen der Ehefrau vor dem vorsorglichen Fahrverbot vermehrt zu
kleineren Blechschäden gekommen ist (act. 12/7, S. 3). Schliesslich vergass er den
ersten Termin für die verkehrs- und neuropsychologische Untersuchung. Später
erkundigte er sich nach einem Termin für die Untersuchung, wie wenn vorher nie etwas
abgemacht worden wäre (act. 12/14).
d) Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz zu Recht auf das verkehrs- und
neuropsychologische Gutachten vom 27. September 2010 abgestellt, die Fahreignung
des Rekurrenten gestützt auf Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG verneint und den Führerausweis
auf unbestimmte Zeit entzogen hat. Der mit dem Sicherungsentzug verbundene Eingriff
in die Persönlichkeitssphäre des Rekurrenten ist angesichts der auf dem Spiel
stehenden öffentlichen Interessen der Sicherheit von Passagieren und anderen
Verkehrsteilnehmern erforderlich und angemessen und liegt nicht zuletzt auch in
seinem eigenen, wohlverstandenen Interesse (vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts 6A.
15/2000 vom 28. Juni 2000, E. 4). Es gibt keine mildere Massnahme, um ihn als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Motorfahrzeugführer vom Strassenverkehr fernzuhalten. Der Rekurrent ist sich der
mangelnden Fahreignung nicht bewusst. So erklärte er dem Gutachter, trotz allfällig
bestehender Schwierigkeiten fahren zu müssen. Die langjährige unfallfreie Fahrpraxis
ändert ebenfalls nichts daran, dass die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit,
welche für das sichere Führen eines Motorfahrzeugs erforderlich ist, im heutigen
Zeitpunkt nicht mehr gegeben ist. Da die Fahreignung grundsätzlich dauernd vorliegen
muss und dies beim Rekurrenten nicht mehr der Fall ist, kann keine Rücksicht auf eine
allfällige berufliche Angewiesenheit auf den Führerausweis genommen werden. Die
angefochtene Verfügung erweist sich damit als recht- und verhältnismässig.
3.- Der Rekurs ist abzuweisen. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die
amtlichen Kosten dem Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 1'500.-- erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, in: Amtsblatt des Kantons St. Gallen Nr. 52/27.12.2010, S.
4042 ff.). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'500.-- ist zu verrechnen.