Decision ID: 08436711-b15d-4f3d-88b9-f2fc0c7f911a
Year: 2019
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_004
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Sachverhaltskonstellation rechtsverweigernder Charakter.
4. Mit Vernehmlassung vom 26. August 2019 stellte das Departement für
Finanzen und Gemeinden Graubünden (nachfolgend: Beschwerdegegner)
folgende Rechtsbegehren:
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"1. Die Beschwerde sei vollumfänglich abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden kann.
2. Auf die Begehren der Beschwerdeführerin, der betreffende Steuererlassentscheid des Departementes für Finanzen und Gemeinden (DFG) sei aufzuheben und der Antrag auf einen Teilerlass in der Höhe von 50 % der betreffenden Nachlasssteuer gutzuheissen, sei nicht einzutreten.
3. Auch auf das Eventualbegehren, die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, der Beschwerdeführerin Fr. 27'567.50 zurückzuerstatten, sei nicht einzutreten.
4. Unter gesetzlicher Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdeführerin."
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, dass sich ein
Anspruch einer steuerpflichtigen Person, sich vor dem Erlass eines
Steuererlassentscheids mündlich zu äussern, weder aus Verfassungsrecht
noch aus Gesetzesrecht herleiten lasse. Zudem werde die vollumfängliche
Bezahlung der kantonalen Nachlasssteuer von der Beschwerdeführerin
nicht bestritten. Weiter werde in Art. 11 der Steuererlassverordnung
folgendes geregelt: "Zahlt die gesuchstellende Person ohne Vorbehalt die
vom Erlassgesuch betroffenen Steuern, Verzugszinsen oder Bussen ganz
oder teilweise, während das Gesuch bei der Erlassbehörde hängig ist, so
wird das Erlassverfahren im Umfang der Zahlung gegenstandslos." Es sei
somit nicht nachvollziehbar, worin die von der Beschwerdeführerin
behauptete Rechtsverweigerung liegen solle, zumal die
Gegenstandslosigkeit ausdrücklich in der besagten Verordnung
festgehalten werde. Die betreffende Nachlasssteuerforderung sei mit der
Bezahlung untergegangen und das Erlassgesuch sei mit der Begleichung
der Steuer gegenstandslos geworden, weshalb der Beschwerdegegner
darauf zu Recht nicht eingetreten sei. Selbst wenn der Beschwerdegegner
auf das Steuererlassgesuch hätte eintreten müssen, was bestritten werde,
hätte dieses abgewiesen werden müssen, zumal die Beschwerdeführerin
keinen Forderungsverzicht des nicht privilegierten Sozialamts der
Gemeinde X._ geltend gemacht habe.
5. In ihrer Replik vom 9. September 2019 hielt die Beschwerdeführerin an den
gestellten Rechtsbegehren und an ihren Ausführungen fest und nahm zur
Vernehmlassung des Beschwerdegegners Stellung.
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6. Am 20. September 2019 verzichtete der Beschwerdegegner auf die
Einreichung einer Duplik.
7. Mit Eingabe vom 26. September 2019 reichte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin seine Honorarnoten vom 5. Juli 2019 und 10.
September 2019 ein.
8. Auf die weiteren Ausführungen der Parteien sowie den angefochtenen
Steuererlassentscheid vom 4. Juni 2019 wird, sofern erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.1. Anfechtungsobjekt des vorliegenden verwaltungsgerichtlichen
Beschwerdeverfahrens bildet der Steuererlassentscheid vom 4. Juni 2019,
mit welchem der Beschwerdegegner auf das Gesuch der
Beschwerdeführerin um Erlass der kantonalen Nachlasssteuer (Fr.
55'135.--) im Umfang von 50 %, folglich im Betrag von Fr. 27'567.50, nicht
eingetreten ist. Gemäss Art. 139 Abs. 1 des Steuergesetzes für den Kanton
Graubünden (StG, BR 720.000) in Verbindung mit Art. 49 Abs. 1 lit. c des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100) können
Steuerpflichtige gegen Entscheide über Steuererlasse des
Beschwerdegegners innert 30 Tagen beim Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden Beschwerde erheben.
1.2. Im vorliegenden verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren ist
lediglich die Frage zu behandeln, ob der Beschwerdegegner zu Recht auf
das Steuererlassgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist oder
er zu Unrecht einen entsprechenden Nichteintretensentscheid erlassen
hat. Soweit die Beschwerdeführerin die Gutheissung ihres Gesuchs um
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Erlass der kantonalen Nachlasssteuer im Umfang von 50 %, d.h. im Betrag
von Fr. 27'567.50, sowie eventualiter vom Beschwerdegegner bzw. von der
Veranlagungsbehörde die Rückerstattung von Fr. 27'567.50 verlangt, ist
auf die Beschwerde nicht einzutreten. Die weiteren
Prozessvoraussetzungen geben vorliegend keinen Anlass zu
Bemerkungen. Somit ist im Rahmen der vorstehenden Ausführungen auf
die form- und fristgerecht (Art. 139 Abs. 1 StG und Art. 38 Abs. 1 und 2
VRG) eingereichte Beschwerde einzutreten.
2.1. In formeller Hinsicht gilt es zunächst auf die beschwerdeführerische Rüge
einzugehen, wonach nicht bekannt sei, weshalb der Beschwerdegegner
auf die wiederholten Bemühungen von Herrn B._, Treuhand C._
GmbH, um erläuternde Unterredung nicht eingegangen sei. Dies
entspreche nicht den Anforderungen, die im Lichte des Anspruchs auf
rechtliches Gehör zu erfüllen seien.
2.2. Zum Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV; SR 101)
gehört unter anderem das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines in
seine Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern. Im
Besonderen dient der Gehörsanspruch einerseits der Sachaufklärung,
anderseits stellt er ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht dar. Er
verleiht dem Steuerpflichtigen im Sinn einer verfassungsrechtlichen
Minimalgarantie eine Reihe von Verfahrensrechten. Als
verfassungsrechtliche Minimalgarantie gilt der Grundsatz des rechtlichen
Gehörs auch dann, wenn er positivrechtlich keinen Eingang in die
Verfahrensordnung gefunden hat. Zudem können die kantonalen
Steuergesetze weiter gehen und Rechte normieren, die über den Inhalt des
Gehörsanspruchs von Art. 29 Abs. 2 BV hinausreichen (vgl.
ZWEIFEL/CASANOVA/BEUSCH/HUNZIKER, Schweizerisches
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Steuerverfahrensrecht, Direkte Steuern, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2018,
§ 5 Rz. 18 f. mit weiteren Hinweisen).
2.3. Wie der Beschwerdegegner zutreffend ausführt, räumt Art. 29 Abs. 2 BV
keinen grundsätzlichen Anspruch auf eine mündliche Anhörung ein (vgl.
BGE 134 I 140 E.5.3 und Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons
Graubünden A 12 26 E.3). Auch sieht das kantonale Steuergesetz
betreffend Steuererlassverfahren keinen über Art. 29 Abs. 2 BV
hinausreichenden Anspruch auf eine mündliche Anhörung vor. Demnach
lässt sich ein Anspruch eines Steuerpflichtigen, sich vor Erlass eines
Steuererlassentscheids mündlich zur Sache zu äussern, weder aus
Verfassungsrecht noch aus Gesetzesrecht ableiten. Nichts anderes ergibt
sich schliesslich aus Art. 6 Ziff. 1 der Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101), zumal die in
dieser Bestimmung garantierten Verfahrensrechte im Steuerverfahren
keine Anwendung finden (vgl. ZWEIFEL/CASANOVA/BEUSCH/HUNZIKER,
a.a.O., § 5 Rz. 20). Eine Gehörsverletzung liegt somit nicht vor.
3.1. In materieller Hinsicht ist sodann – wie bereits erwähnt – nur die Frage zu
prüfen, ob der Beschwerdegegner zu Recht auf das Steuererlassgesuch
der Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist. Kommt das streitberufene
Gericht zum Schluss, dass auf das Erlassgesuch hätte eingetreten werden
müssen, so ist die Beschwerde gutzuheissen und der Fall zur materiellen
Beurteilung an den Beschwerdegegner zurückzuweisen. Andernfalls muss
die Beschwerde abgewiesen und der vorinstanzliche Entscheid bestätigt
werden.
3.2. Der Erlass von Kantonssteuern wird in Art. 156 StG geregelt, wobei
praxisgemäss die ausführlicheren Bestimmungen des Bundesgesetzes
über die direkte Bundessteuer (DBG; SR 642.11) sowie der Verordnung
des Eidgenössischen Finanzdepartements über die Behandlung von
Gesuchen um Erlass der direkten Bundessteuer (Steuererlassverordnung;
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SR 642.121) herangezogen werden (vgl. Urteil des Verwaltungsgerichts
des Kantons Graubünden A 18 35 vom 11. September 2018; vgl. auch
BEUSCH/RAAS, in: ZWEIFEL/BEUSCH [Hrsg.], Kommentar zum
Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über die direkte
Bundessteuer, 3. Aufl., Basel 2017, Vor Art. 167-167g Rz. 19). Gemäss Art.
156 Abs. 1 StG können Steuern, Kosten oder Bussen ganz oder teilweise
erlassen werden, wenn der Steuerpflichtige in Not geraten ist oder wenn
aus anderen Gründen die Bezahlung des geschuldeten Betrags für ihn eine
grosse Härte bedeuten würde. Das Erlassgesuch ist mit schriftlicher
Begründung und unter Beilage der nötigen Beweismittel der kantonalen
Steuerverwaltung einzureichen (Art. 156 Abs. 2 StG). Gemäss Art. 156
Abs. 3 lit. a und b StG entscheidet das Finanzdepartement über
Erlassgesuche betreffend die Kantonssteuer für Beträge ab Fr. 5'000.-- bis
Fr. 50'000 pro Steuerjahr.
3.3. Ein Erlass kann stets nur erfolgen, wenn die Veranlagung abgeschlossen
ist und eine rechtskräftig festgesetzte Steuer vorliegt (vgl. Art. 7 Abs. 1 der
Steuererlassverordnung). Dies ergibt sich bereits daraus, dass nur dann
die (notwendigerweise zu kennende) Höhe der zu erlassenden Steuern
feststehen kann. Der Steuererlass gehört denn auch nicht zur
Steuerveranlagung, sondern zum Steuerbezug. Eine weitere
Voraussetzung besteht darin, dass die Steuer noch überhaupt nicht oder
dann nur unter Vorbehalt bezahlt worden ist (vgl. ausdrücklich Art. 5 Abs.
2 und Abs. 3 lit. b der Steuererlassverordnung). Dies ergibt sich zum einen
bereits sprachlich aus der Formulierung in Art. 156 Abs. 1 StG, wonach
lediglich der "geschuldete Betrag" erlassen werden kann. Zum anderen und
gewichtiger ist dies auch ein Gebot der rechtlichen Logik: Ist nämlich die
Steuer (vorbehaltlos) bezahlt, so ist der Betrag nicht mehr geschuldet, die
Steuerforderung durch Erfüllung (Bezahlung) untergegangen und damit ein
Erlass unmöglich (vgl. zum Ganzen: BEUSCH/RAAS, a.a.O., Art. 167 Rz. 4
mit weiteren Hinweisen). Zahlt die gesuchstellende Person ohne Vorbehalt
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die vom Erlassgesuch betroffenen Steuern, Verzugszinsen
oder Bussen ganz oder teilweise, während das Gesuch bei der
Erlassbehörde hängig ist, so wird das Erlassverfahren im Umfang der
Zahlung gegenstandslos (Art. 11 der Steuererlassverordnung). Nach dem
Dargelegten erweist sich der Einwand der Beschwerdeführerin, wonach mit
der in Art. 156 Abs. 1 StG enthaltenen Passage, erlassen werden können
"geschuldete Beträge", betont werden solle, dass lediglich rechtskräftig
festgelegte Steuern Gegenstand eines Erlassgesuchs werden könnten und
nicht etwa provisorische, als unbegründet.
3.4. Vorliegend ist zwischen den Parteien unbestritten, dass die
Beschwerdeführerin die rechtskräftig veranlagte kantonale Nachlasssteuer
in der Höhe von Fr. 55'135.-- mit Valutadatum vom 17. Juni 2016
vollständig bezahlte. Sodann kann den vorliegenden Akten nicht
entnommen werden, dass die Beschwerdeführerin die vom Erlassgesuch
betroffene kantonale Nachlasssteuer unter ausdrücklichem oder sich aus
den Umständen ergebendem Vorbehalt leistete. Betreffend Vorbehalt hält
die Beschwerdeführerin fest, wer sich in einer Notlage befinde bzw. den
Härtefallkriterien genüge, zahle kaum ohne Vorbehalt. Der Vorbehalt
komme zusätzlich dadurch zum Ausdruck, dass sie im Mai 2016 durch
ihren damaligen Rechtsvertreter ein Teilerlassgesuch habe stellen lassen
und wenige Wochen später – lediglich aus übersteigertem Respekt vor der
Steuerbehörde (d.h. aus Angst vor allfälligen Bussen etc.) – die
Nachlasssteuer bezahlt habe. Hätte sie die Absicht oder infolge einer
allfälligen Verbesserung der finanziellen Lage die nicht
existenzgefährdende Möglichkeit gehabt, am Erlassgesuch nicht weiter
festzuhalten, hätte sie ihren damaligen Rechtsvertreter entsprechend
instruiert. Es ist nicht ersichtlich, dass aufgrund dieser geschilderten
Umstände auf einen Vorbehalt hätte geschlossen werden müssen. Die
betreffenden Ausführungen der Beschwerdeführerin sind als
Schutzbehauptungen und deshalb als unerheblich zu qualifizieren.
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Ebenfalls hilft der Beschwerdeführerin nicht weiter, wenn sie unter
Bezugnahme von Art. 5 Abs. 3 lit. b der Steuererlassverordnung betont,
dass ein Erlass auch nach Zahlung in Frage komme, da dies gestützt auf
den klaren Wortlaut der besagten Bestimmung lediglich bei
Erlassgesuchen möglich ist, bei denen die Zahlung unter Vorbehalt
erfolgte, was vorliegend – wie gesehen – gerade nicht der Fall war. Vor
dem Hintergrund des Gesagten erhellt, dass mit der vollständigen und
vorbehaltlosen Bezahlung der kantonalen Nachlasssteuer in der Höhe von
Fr. 55'135.-- die entsprechende Steuerforderung untergangen ist und ein
Erlass derselben naturgemäss nicht mehr möglich ist; der erwähnte
Steuerbetrag ist mithin nicht mehr "geschuldet" im Sinne von Art. 156 Abs.
1 StG. Das Erlassgesuch der Beschwerdeführerin wurde mit der Bezahlung
der kantonalen Nachlasssteuer vollständig gegenstandslos, weshalb der
Beschwerdegegner darauf zu Recht nicht eingetreten ist. Schliesslich ist
nicht nachvollziehbar, worin die von der Beschwerdeführerin behauptete
Rechtsverweigerung liegen soll, zumal Art. 11 der Steuererlassverordnung
die Gegenstandslosigkeit für den Fall der vollständigen und vorbehaltlosen
Bezahlung der vom Erlassgesuch betroffenen Steuer während der
Hängigkeit des Gesuchs bei der Erlassbehörde ausdrücklich festhält.
4. Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdegegner auf das
Erlassgesuch der Beschwerdeführerin betreffend kantonale
Nachlasssteuer zu Recht nicht eingetreten ist, weshalb sich der
angefochtene Steuererlassentscheid vom 4. Juni 2019 als rechtens erweist
und die dagegen erhobene Beschwerde vom 4. Juli 2019 abzuweisen ist,
soweit darauf überhaupt eingetreten werden kann.
5. Bei diesem Ausgang des Verfahrens trägt die unterliegende
Beschwerdeführerin die Gerichtskosten (Art. 73 Abs. 1 VRG). Die
Staatsgebühr wird im Rahmen von Art. 75 Abs. 2 VRG auf Fr. 300.--
festgesetzt und sie wird zusammen mit den Kanzleiauslagen der
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unterliegenden Beschwerdeführerin auferlegt. Dem obsiegenden
Beschwerdegegner steht keine Parteientschädigung zu (Art. 78 Abs. 2
VRG).