Decision ID: 02c4febf-934e-4896-a4d0-1b20d8a3814a
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog ab April 2014 eine Ergänzungsleistung zu einer Altersrente der AHV;
die Ergänzungsleistung entsprach den kantonalen Durchschnittsprämien für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung des EL-Bezügers und seiner Ehefrau (sog.
Minimalgarantie; EL-act. 97). Im Rahmen einer periodischen Überprüfung der
Ergänzungsleistung im Herbst 2018 gab der EL-Bezüger unter anderem (wie bereits bei
der ursprünglichen Anmeldung zum EL-Bezug; vgl. EL-act. 101–19) an, er habe in den
Jahren 2012–2018 jeweils die Sommer- und die Winterferien in seinem Herkunftsland
verbracht; diese Auslandsaufenthalte hätten in der Regel drei Wochen, manchmal aber
auch nur zwei Wochen gedauert (EL-act. 61–3). Nach dem Abschluss der periodischen
Überprüfung der Ergänzungsleistung bestand weiterhin ein Anspruch auf die
Minimalgarantie (EL-act. 54).
A.a.
Am 30. Juni 2020 forderte die EL-Durchführungsstelle den EL-Bezüger auf (EL-
act. 37), mittels des entsprechenden „Beiblattes“ mitzuteilen, wann er sich in der Zeit
ab Januar 2019 im Ausland aufgehalten habe. Zudem forderte sie die
Originalreisepässe des EL-Bezügers und der Ehefrau an. Am 13. Juli 2020 liess der EL-
Bezüger die verlangten Unterlagen einreichen und in einem Begleitschreiben geltend
machen (EL-act. 34), er verbringe jeweils nur die Sommer- und Winterferien in seinem
Herkunftsland. Am 20. Dezember 2019 sei er mit der Absicht, die Winterferien in der
„alten Heimat“ zu verbringen, in sein Herkunftsland gereist. Im Januar 2020 habe er
seinen abgelaufenen Reisepass verlängern wollen. Bis zum Eintreffen des neuen
Passes habe er vier Monate warten müssen. Von Ende Februar bis Mitte April 2020 sei
durch die Pandemie bedingt „gar nichts mehr“ gelaufen. Der Pass sei erst Ende April
2020 eingetroffen. In jener Zeit habe es keine Flüge mehr zurück in die Schweiz
A.b.
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gegeben. Der EL-Bezüger sei schliesslich mit dem erstmöglichen Flug im Juni 2020 in
die Schweiz zurückgekehrt. Die Ehefrau habe die ganze Zeit bei ihm bleiben müssen,
weil er wegen einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung nicht mehr allein leben könne.
Die Einträge in den Reisepässen belegten (EL-act. 35), dass der EL-Bezüger am 27.
Juni 2020 mit dem Auto in die Schweiz zurückgekehrt war. Die (nur teilweise lesbaren)
früheren Einträge dokumentierten unter anderem je einen dreiwöchigen Aufenthalt im
Herkunftsland im Sommer 2012 und im Sommer 2017, aber auch einen fünfwöchigen
Aufenthalt im Herkunftsland im Herbst 2013 und einen knapp dreimonatigen Aufenthalt
im Herkunftsland im Frühjahr 2019.
Am 17. Juli 2020 wies die EL-Durchführungsstelle den EL-Bezüger darauf hin (EL-
act. 33), dass die massgebenden Bestimmungen in der Wegleitung über die
Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (WEL) bei einem mehr als 92 Tage dauernden
Auslandaufenthalt ein – vorübergehendes – Dahinfallen der Ergänzungsleistung
vorschrieben. Der EL-Bezüger hätte aufgrund der Medienberichte erkennen können,
dass die Reisemöglichkeiten eingeschränkt würden. Er hätte folglich noch vor dem
„Lockdown“ im März 2020 in die Schweiz zurückkehren können. Zudem zeige der
Reisepass, dass er nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Auto in die Schweiz
zurückgekehrt sei. Aufgrund der aktuellen Aktenlage habe der EL-Bezüger mit einer
Rückforderung der Ergänzungsleistungen für die Monate April und Mai 2020 zu
rechnen. Sollte er im Jahr 2020 nochmals ins Ausland reisen, werde er den in der WEL
vorgesehenen Schwellenwert von 183 Tagen überschreiten, was zur Folge haben
werde, dass sein EL-Anspruch für das ganze Jahr 2020 dahinfallen werde. Da die
Eintragungen im Reisepass der Ehefrau unvollständig seien, werde der EL-Bezüger
aufgefordert, die Flugbestätigungen und die detaillierten Auszüge aller vorhandenen
Bankkonti ab Januar 2019 einzureichen. Am 31. August 2020 liess der EL-Bezüger die
angeforderten Belege einreichen und darauf hinweisen (EL-act. 30), dass die
gebuchten Flüge vom 31. März 2020 und vom 20. Juni 2020 kurzfristig von den
Fluggesellschaften abgesagt worden seien, weshalb der EL-Bezüger im Juni 2020 mit
dem ersten Bus, der nach dem „Lockdown“ wieder in die Schweiz gefahren sei,
zurückgekehrt sei. Am 7. September 2020 forderte die EL-Durchführungsstelle weitere
Angaben und Belege an (EL-act. 29). Sie hielt fest, die eingereichten Kontoauszüge
belegten monatliche Überweisungen an den Sohn für den Mietzinsanteil. Abgesehen
A.c.
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davon habe der EL-Bezüger offenbar keine Überweisungen getätigt. Am 17. Dezember
2019 habe er 15’000 Franken in bar abgehoben, am 29. Juli 2020 habe er 10’000
Franken in bar abgehoben und am 6. Mai 2019 und am 8. Oktober 2019 habe er
insgesamt 15’000 Franken an seinen Sohn überwiesen. Das werfe die Fragen auf, wie
der EL-Bezüger seine Rechnungen bezahle, wie er mit monatlich 1’250 Franken
ausgekommen sei und wofür er seinem Sohn 15’000 Franken überwiesen habe. Der
EL-Bezüger liess am 29. September 2020 ausführen (EL-act. 28), er bezahle seine
Rechnungen jeweils mittels Bareinzahlungen am Postschalter. Da er gesundheitlich
angeschlagen sei, erfolgten die Zahlungen jeweils durch den Sohn. Sporadisch
erfolgten dann Rückzahlungen an den Sohn. Der EL-Bezüger und seine Ehefrau lebten
sehr sparsam.
Im Januar 2021 notierte ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle, die dem
EL-Bezüger neu zugesprochene Hilflosenentschädigung (bei einer Hilflosigkeit mittleren
Grades; vgl. EL-act. 20) dürfe nicht als Einnahme angerechnet werden, da dieser
zuhause lebe (EL-act. 21). Bereits am 31. Dezember 2020 hatte der Rechtsvertreter des
EL-Bezügers darauf hingewiesen, dass dieser faktisch nicht mehr alleine leben könne;
sämtliche administrativen und Haushaltsaufgaben würden vom Sohn und der
Schwiegertochter übernommen (EL-act. 22–2). Die EL-Durchführungsstelle ersuchte
die Schweizer Botschaft im Herkunftsland des EL-Bezügers am 11. Januar 2021,
Stellung zu den Reisemöglichkeiten im Frühjahr 2020 zu nehmen. Diese antwortete am
28. April 2021 (EL-act. 14), im Januar und im Februar 2020 habe die Regierung noch
keine Massnahmen getroffen. Zug- und Busreisen seien ab dem 14. März 2020 nicht
mehr möglich gewesen, aber es habe die Möglichkeit bestanden, mit dem Auto
auszureisen. Die Flughäfen seien am 18. März 2020 um Mitternacht geschlossen und
am 1. Juli 2020 wieder geöffnet worden. Das EDA habe keine Rückholflüge organisiert.
Schweizerbürger und Aufenthaltsberechtigte hätten aber die Möglichkeit gehabt, die
von der Regierung des Herkunftslandes des EL-Bezügers organisierten Rückholflüge
(allerdings in die andere Richtung) zu nutzen, die am 28. März 2020, am 30. März 2020,
am 2. April 2020 und am 10. April 2020 erfolgt seien. Zudem habe eine Fluggesellschaft
mit der Unterstützung der Botschaft drei kommerzielle Sonderflüge am 28. April 2020,
am 29. April 2020 und am 4. Mai 2020 organisiert. Die Botschaft habe alle
interessierten Personen rechtzeitig über die Rückreisemöglichkeiten informiert. Mit
A.d.
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B.
einer Verfügung vom 29. April 2021 hob die EL-Durchführungsstelle den EL-Anspruch
des EL-Bezügers für die Monate April und Mai 2020 auf (EL-act. 13).
Am 27. Mai 2021 liess der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung vom
29. April 2021 erheben (EL-act. 11). Sein Rechtsvertreter beantragte die ersatzlose
Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Zur Begründung führte er aus, er habe
bereits am 13. Juli 2020 und am 7. September 2020 ausführlich dargelegt, dass es
dem EL-Bezüger unmöglich gewesen sei, vor Juni 2020 in die Schweiz
zurückzukehren. Eine Reise mit dem Auto habe nicht zur Diskussion gestanden, weil
der EL-Bezüger an einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung und an „Epilepsie-
Anfällen“ leide. Mit einem Entscheid vom 16. September 2021 wies die EL-
Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 5). Zur Begründung führte sie an,
gemäss den Ausführungen der Schweizer Botschaft hätte der EL-Bezüger bereits im
März 2020, spätestens aber im April 2020 die Möglichkeit gehabt, wieder in die
Schweiz zurückzukehren. Pandemiebedingt hätten zwar erschwerte Umstände
vorgelegen, aber die Rückkehr in die Schweiz sei nicht unmöglich gewesen. Der
Gesundheitszustand des EL-Bezügers sei bereits seit längerem und damit auch bei der
Ausreise aus der Schweiz schlecht gewesen, weshalb er offenkundig einer Rückreise in
die Schweiz nicht entgegen gestanden habe.
A.e.
Am 18. Oktober 2021 liess der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 16. September 2021 erheben
(act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die ersatzlose Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheides. Zur Begründung führte er aus, der
Beschwerdeführer habe zuerst die Fertigstellung des neuen Reisepasses abwarten
müssen, was wegen der Pandemie bereits länger als gewöhnlich gedauert habe.
Während seines Aufenthaltes im Herkunftsland habe sich sein Gesundheitszustand
massiv verschlechtert. Er habe sich in Spitalpflege begeben müssen. Allein hätte er
unmöglich in die Schweiz zurückkehren können. Der Sohn habe mehrfach versucht,
seinen Vater in die Schweiz zurückzuholen, was aber aus „mehreren Gründen“
unmöglich gewesen sei. Entgegen der Behauptung der EL-Durchführungsstelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) seien Reisen über den Landweg im März und
B.a.
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Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit. Sein Gegenstand muss deshalb
jenem des vorangegangenen Einspracheverfahrens entsprechen. Bei diesem hat es
sich ebenfalls um ein („echtes“) Rechtsmittelverfahren gehandelt, was bedeutet, dass
sich sein Zweck in der Überprüfung der Verfügung vom 29. April 2021 auf deren
Rechtmässigkeit erschöpft hat, weshalb der Gegenstand des Einspracheverfahrens
zwingend mit jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens identisch gewesen
ist. Das Verwaltungsverfahren ist eine Kombination aus einem Revisionsverfahren im
April 2020 noch nicht möglich gewesen. Wer sich an das Chaos und an die
aussergewöhnlichen Umstände erinnere, wisse, dass es ein Ding der Unmöglichkeit
gewesen sei, in dieser Ausnahmesituation über vier Länder hinweg in die Schweiz
zurückzukehren. Die Beschwerdegegnerin habe nicht erklärt, woher der schwerkranke
Beschwerdeführer über die Sonderflüge hätte Bescheid wissen sollen. Der
Beschwerdeschrift lag ein Arztzeugnis von Dr. med. B._ vom 6. August 2020 bei, laut
dem der Beschwerdeführer „im Frühsommer, im Ausland weilend, unter akuten
gesundheitlichen, neu aufgetretenen Beschwerden gelitten“ hatte (act. G 1.3).
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 19. November 2021 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 6).
B.b.
Der Beschwerdeführer liess am 30. November 2021 zwei weitere Arztzeugnisse
einreichen (act. G 7). Eine Arztpraxis im Herkunftsland des Beschwerdeführers hatte
am 21. Oktober 2021 bestätigt, dass der Beschwerdeführer „aus gesundheitlichen
Gründen und epileptischen Anfällen“ bis Ende Februar 2020 nicht reisefähig gewesen
sei (act. G 7.1). Bereits am 11. Oktober 2021 hatte Dr. B._ festgehalten (act. G 7.2),
dass der Beschwerdeführer unter einer chronisch progredienten Erkrankungsdynamik
seiner bekannten Demenz leide. Die Betreuungs- und Unterstützungspflicht sei nun
dermassen gross geworden, dass nun von einem Übergang von einer mittelschweren
zu einer schweren Demenz gesprochen werden müsse.
B.c.
Die Beschwerdegegnerin nahm keine Stellung zu dieser Eingabe (act. G 9).B.d.
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Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG, das die revisionsweise Aufhebung der laufenden
Ergänzungsleistung zufolge Dahinfallens einer der Anspruchsvoraussetzungen
(gewöhnlicher Aufenthalt in der Schweiz) zum Gegenstand gehabt hat, und aus einer
(Neu-) Zusprache einer Ergänzungsleistung zwei Monate später, als wieder alle
Anspruchsvoraussetzungen erfüllt gewesen waren, gewesen. Der Wortlaut des
Dispositivs der Verfügung vom 29. April 2021 hat das zwar nicht zum Ausdruck
gebracht, da er nur die Aufhebung der laufenden Ergänzungsleistung beinhaltet hat,
aber aus der Verfügungsbegründung geht hervor, dass die Verfügung auch die
Neuzusprache der Ergänzungsleistung ab Juni 2020 beinhaltet hat. Die Einsprache hat
sich vordergründig nur gegen die Aufhebung der Ergänzungsleistung per 31. März
2020 gerichtet, aber dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers ist selbstverständlich
bewusst gewesen, dass auch die Neuzusprache einer Ergänzungsleistung per 1. Juni
2020 dahinfallen müsste, falls seine Einsprache gutgeheissen würde, weshalb er sich
sowohl gegen die revisionsweise Aufhebung der Ergänzungsleistung per 31. März 2020
als auch gegen die – damit verfahrensrechtlich untrennbar verbundene – Neuzusprache
einer Ergänzungsleistung ab 1. Juni 2020 gewendet hat. Im Einspracheverfahren hat
sich die Beschwerdegegnerin mit beiden Streitgegenständen befasst. Der
Einspracheentscheid hat zwar seinem Wortlaut nach nur eine Feststellung enthalten,
aber die Formulierung muss als ein sprachliches Versehen qualifiziert werden, denn die
Beschwerdegegnerin hat mit dem angefochtenen Einspracheentscheid eindeutig –
rechtsgestaltend – die laufende Ergänzungsleistung per 31. März 2020 aufheben und
per 1. Juni 2020 eine neue Ergänzungsleistung zusprechen wollen. Der
Beschwerdeführer hat sich in seiner Beschwerdeschrift wiederum gegen beide
rechtsgestaltenden Anordnungen gewendet. In diesem Beschwerdeverfahren ist also
zu prüfen, ob einerseits die revisionsweise Aufhebung der Ergänzungsleistung per 31.
März 2020 und andererseits die (Neu-) Zusprache einer Ergänzungsleistung für die Zeit
ab dem 1. Juni 2020 rechtmässig gewesen ist.
2.
Der Anspruch auf eine Ergänzungsleistung setzt gemäss dem Art. 4 Abs. 1 ELG
unter anderem voraus, dass der EL-Bezüger nicht nur seinen Wohnsitz, sondern auch
seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort in der Schweiz hat. Fällt diese
Anspruchsvoraussetzung während eines laufenden EL-Bezuges dahin, muss die
laufende Ergänzungsleistung revisionsweise aufgehoben werden, denn die
Weiterausrichtung der Ergänzungsleistung setzt voraus, dass weiterhin sämtliche
Anspruchsvoraussetzungen erfüllt bleiben. Die Aufsichtsbehörde, das Bundesamt für
Sozialversicherungen, hat den EL-Durchführungsstellen in den Rz. 2330.01 ff. WEL
2.1.
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verbindlich vorgegeben, dass der gewöhnliche Aufenthalt in der Schweiz als
unterbrochen gilt, wenn sich der EL-Bezüger mehr als drei Monate am Stück oder in
einem Kalenderjahr während insgesamt mehr als drei Monaten ohne einen wichtigen
Grund im Ausland aufhält, dass die laufende Ergänzungsleistung auf den Beginn jenes
Monats einzustellen ist, in dem der EL-Bezüger den 91. Tag im Ausland verbracht hat,
und dass sie ab jenem Kalendermonat wieder auszurichten ist, der auf die Rückkehr in
die Schweiz folgt. Diese Regelung kann lediglich für sich in Anspruch nehmen, die
Rechtsanwendung zu vereinfachen, indem sie es den EL-Durchführungsstellen erlaubt,
die mitunter schwierige Auslegungsfrage, ob der EL-Bezüger seinen gewöhnlichen
Aufenthaltsort vorübergehend ins Ausland verlegt habe, anhand eines Kalenders zu
beantworten, ohne Rücksicht auf die weiteren Umstände des konkreten Einzelfalls
nehmen zu müssen. Dieser nicht wesentlich ins Gewicht fallende
verfahrensökonomische Vorteil wird allerdings teuer erkauft, denn mit der vom
Bundesamt für Sozialversicherungen vorgegebenen schematischen Vorgehensweise ist
es den EL-Durchführungsstellen weitgehend verunmöglicht, den übrigen relevanten
Umständen des konkreten Einzelfalls Rechnung zu tragen, was bedeutet, dass
Ungleiches nicht nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich behandelt wird
respektive dass verschiedene Sachverhalte ungeachtet ihrer tatsächlichen
Unterschiede alle gleichermassen über einen Kamm geschert werden, was
augenscheinlich das Gleichbehandlungsgebot verletzt. Eine rechtsgleiche und
sachgerechte Abgrenzung zwischen Auslandsaufenthalten, die zu einer Verlegung des
gewöhnlichen Aufenthaltsortes ins Ausland führen, und solchen, bei denen der
gewöhnliche Aufenthaltsort unberührt bleibt (z.B. Ausflüge für Einkäufe oder Besuche;
Ferienreisen im üblichen Rahmen etc.), ist nur gewährleistet, wenn sie sich danach
richtet, ob der EL-Bezüger seinen gewöhnlichen Aufenthalt vorübergehend hat ins
Ausland verlegen wollen. Diese Frage kann nur in Würdigung sämtlicher Umstände des
konkreten Einzelfalls beantwortet werden. Die Aufenthaltsdauer kann dabei durchaus
eine Rolle spielen, aber sie ist nicht das allein massgebende Kriterium, was im Übrigen
auch das Bundesamt für Sozialversicherungen implizit eingeräumt hat, indem es eine
„Verlängerung“ der „zulässigen“ Aufenthaltsdauer im Ausland aus verschiedenen
Gründen vorgegeben hat (vgl. Rz. 2340.01 WEL). Umgekehrt zeigt die Rz. 2340.03
WEL, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen offenbar zumindest stellenweise
den gewöhnlichen Aufenthalt mit dem Wohnsitz verwechselt haben muss, denn eine
Ausbildung, die zwingend im Ausland absolviert werden muss, gilt als ein die
„zulässige“ Aufenthaltsdauer „verlängernder“ wichtiger Grund, obwohl der Wille des
EL-Bezügers, diese Ausbildung im Ausland zu absolvieren, zwingend mit einer
Verlegung des gewöhnlichen Aufenthaltes ins Ausland einhergeht, weshalb in einem
solchen Fall die EL-Anspruchsberechtigung bei richtiger Interpretation des Art. 4 Abs. 1
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ELG bereits ab dem ersten Tag der Ausbildung beziehungsweise sofort nach der
Abreise ins Ausland dahinfallen müsste. Zusammenfassend erweist sich die in der WEL
vorgegebene Regelung zur Abgrenzung zwischen für den EL-Anspruch relevanten und
irrelevanten Auslandaufenthalten in verschiedener Hinsicht als nicht nachvollziehbar,
sachfremd, zu unzulässigen Ungleichbehandlungen führend und damit als gesetzes-
und verfassungswidrig, weshalb keine Veranlassung besteht, die Rechtmässigkeit des
angefochtenen Einspracheentscheides anhand der Rz. 2330.01 ff. WEL zu prüfen.
Massgebend für die Beantwortung der Frage, ob der Beschwerdeführer seinen
gewöhnlichen Aufenthalt vorübergehend ins Ausland verlegt hat, kann nur sein, ob ein
entsprechender Wille des Beschwerdeführers vorgelegen hat (vgl. zum Ganzen auch
den Entscheid EL 2019/52 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 12. Januar 2021,
E. 2.3).
Die Parteien haben sich eigentlich nur zur Frage geäussert, ob es dem
Beschwerdeführer möglich gewesen sei, vor Juni 2020 in die Schweiz zurückzukehren.
Die Beschwerdegegnerin hat sich auf den Standpunkt gestellt, dem Beschwerdeführer
hätten sich entsprechende Möglichkeiten geboten, weshalb die lange Dauer des
Auslandaufenthaltes „unentschuldbar“ sei. Der Beschwerdeführer hat geltend gemacht,
er habe viel früher in die Schweiz zurückkehren wollen, aber eine unglückliche
Verkettung von ungünstigen Umständen habe das verhindert. Er habe nämlich nur die
Winterferien 2019/2020 in seinem Herkunftsland verbringen und bei dieser Gelegenheit
seinen Reisepass verlängern wollen. Infolge der Pandemie habe sich die Ausstellung
des Reisepasses verzögert; anschliessend sei es ihm wegen der behördlichen
Massnahmen und wegen einer Verschlechterung seines Gesundheitszustandes nicht
mehr möglich gewesen, in die Schweiz zurückzukehren. In den Akten finden sich
allerdings verschiedene Hinweise, die Zweifel an den Angaben des Beschwerdeführers
wecken. Die Einträge im Reisepass der Ehefrau belegen, dass diese (mutmasslich
zusammen mit dem Ehemann, der nur den neuen, im Jahr 2020 ausgestellten
Reisepass eingereicht hat), nicht nur jeweils zwei, drei Wochen Sommer- und
Winterferien im Herkunftsland verbracht, sondern sich auch immer wieder einmal im
Frühjahr und im Herbst im Herkunftsland aufgehalten hatte. Die Einträge im Reisepass
weisen unter anderem einen fünfwöchigen (Herbst 2013) und sogar einen
dreimonatigen Aufenthalt im Ausland (Frühjahr 2019) aus. Vor diesem Hintergrund kann
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass der
Beschwerdeführer ohne einen Zwischenfall im Winter 2019/2020 maximal zwei, drei
Wochen in seinem Herkunftsland verbracht hätte. Zudem ist mit der Diskrepanz
zwischen den Angaben des Beschwerdeführers und den Einträgen im Reisepass
erwiesen, dass die Angaben des Beschwerdeführers nicht überwiegend wahrscheinlich
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/12
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richtig sind. Der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers war bereits bei der
Ausreise aus der Schweiz im Dezember 2019 schlecht gewesen und er hatte einer
Rückreise in die Schweiz im Juni 2020 mit einem Reisebus nicht entgegen gestanden.
Die geltend gemachte „massive“ Verschlechterung des Gesundheitszustandes im
Ausland hat gemäss dem im Beschwerdeverfahren eingereichten Arztzeugnis eine
Rückreise in die Schweiz nur bis Ende Februar 2020 verhindert. Gemäss der Auskunft
der Schweizer Botschaft hätte der Beschwerdeführer anschliessend noch zwei Wochen
Zeit gehabt, um in die Schweiz zurückzukehren. Entgegen der Darstellung des
Rechtsvertreters sind die behördlichen Massnahmen nicht überraschend,
gewissermassen „über Nacht“ beschlossen und in Kraft gesetzt worden. Der
„Lockdown“ war angekündigt und selbst wenn der Beschwerdeführer zunächst von der
Pandemiewelle ab Februar 2020 nichts mitbekommen hätte, wäre nach der
Ankündigung der behördlichen Massnahmen noch genug Zeit für eine kurzfristige
Rückreise geblieben. Die Schweizer Botschaft hat in ihrer behördlichen Auskunft darauf
hingewiesen, dass sich nach der Schliessung des Grenzverkehrs Mitte März 2020 noch
mindestens sechs Gelegenheiten für eine Rückkehr in die Schweiz geboten hätten.
Wenig glaubwürdig ist auch die Behauptung des Beschwerdeführers, er habe sich vom
Sohn zurück in die Schweiz holen lassen wollen, was aber „aus mehreren Gründen“
nicht geklappt habe, denn es ist nicht einzusehen, welche Gründe ein solches
Vorhaben hätten hindern sollen, zumal der Grenzverkehr damals noch nicht durch eine
Zertifikatspflicht erschwert gewesen ist. Die letztlich effektiv mit einem Reisebus
erfolgte Rückreise des Beschwerdeführers belegt, dass dieser in der Lage gewesen ist,
die Rückreise über den Landweg zu bewältigen. Wäre der Beschwerdeführer
tatsächlich an einer möglichst raschen Rückkehr in die Schweiz interessiert gewesen,
hätte er gewiss den Kontakt zur Botschaft gesucht. Dadurch hätte er Kenntnis von den
„Ausnahmeflügen“ erhalten. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer seinen neuen
Reisepass erst am 17. April 2020 respektive in den Tagen danach erhalten hat, ändert
daran nichts, denn offenbar hätte diese Tatsache für sich allein eine Rückreise in die
Schweiz mit dem Flugzeug Ende März 2020 nicht verhindert, wie aus den
Bestätigungen der Fluggesellschaft hervorgeht. Zusammenfassend ist es aufgrund der
Umstände schwierig, aber nicht – objektiv – unmöglich gewesen, im Frühjahr 2020 in
die Schweiz zurückzukehren. Damit ist allerdings die eigentlich massgebende Frage,
ob der Beschwerdeführer in der Zeit von Dezember 2019 bis Juni 2020 seinen
gewöhnlichen Aufenthaltsort ins Ausland verlegen wollte, noch nicht beantwortet.
Dass der Beschwerdeführer im März 2020 in die Schweiz hätte zurückkehren
können, er aber effektiv nicht in die Schweiz zurückgekehrt ist, deutet zwar darauf hin,
dass er im März 2020 noch nicht hat in die Schweiz zurückkehren wollen, denn er hat
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/12
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offenkundig nicht alles in seiner Macht Stehende für eine möglichst rasche Rückreise in
die Schweiz unternommen. Das beweist für sich allein aber nicht, dass er seinen
gewöhnlichen Aufenthaltsort ins Ausland hat verlegen wollen. Er könnte nämlich auch
nur vorschnell „eingeknickt“ sein und (vorerst) nicht weiter versucht haben, möglichst
bald in die Schweiz zurückzukehren, weil der Aufwand dafür (subjektiv) zu hoch
gewesen wäre. Massgebend für die Beantwortung der Frage, ob ein EL-Bezüger
seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort (vorübergehend) ins Ausland verlegt hat, ist
nämlich nicht, ob er alles ihm Zumutbare für eine möglichst rasche Rückreise in die
Schweiz unternommen hat, sondern nur, ob er den Willen gehabt hat, seinen
gewöhnlichen Aufenthaltsort ins Ausland zu verlegen. Zur Diskussion steht in Fällen wie
dem vorliegenden also nicht die Frage nach einer Verletzung einer Pflicht, möglichst
bald in die Schweiz zurückzukehren, sondern vielmehr die Frage, was der eigentliche
Wille des EL-Bezügers hinsichtlich seines Aufenthaltsortes gewesen ist. Die Aufhebung
der laufenden Ergänzungsleistung wegen der Verlegung des Aufenthaltsortes ins
Ausland ist auch keine „Sanktion“ einer Verletzung einer Pflicht zur möglichst raschen
Rückkehr in die Schweiz, sondern nur die Folge des Dahinfallens der
Anspruchsvoraussetzung des gewöhnlichen Aufenthaltes in der Schweiz. Obwohl die
Angaben des Beschwerdeführers teilweise aktenwidrig gewesen sind, weil er mehr und
teilweise längere Ferien im Herkunftsland als angegeben verbracht hat, steht aufgrund
der Akten doch mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass seine Reisen ins Herkunftsland jeweils nur Besuchs- und
Ferienzwecken gedient haben und dass der Beschwerdeführer also nicht die Absicht
gehabt hat, seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort in sein Herkunftsland zu verlegen. In
den Akten deutet nichts darauf hin, dass es sich in Bezug auf den Winterurlaub
2019/2020 anders verhalten hätte. Die letztlich (zu) lange Dauer des
Auslandaufenthaltes ist überwiegend wahrscheinlich auf eine Verkettung von
unglücklichen Umständen zurückzuführen: Der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers hat sich zuerst (vorübergehend) wesentlich verschlechtert, die
Ausstellung des neuen Reisepasses hat sich verzögert und die behördlichen
Massnahmen im Zusammenhang mit der Pandemie haben die Rückreise deutlich
erschwert. Der Beschwerdeführer dürfte mit Blick auf diese doch erheblichen
Erschwernisse beschlossen haben, mit der Rückreise in die Schweiz vorerst
zuzuwarten. Daraus kann aber nicht abgeleitet werden, dass er damit den Willen
geäussert hätte, seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort nun doch vorübergehend ins
Ausland zu verlegen. Vielmehr ist dieser Entschluss überwiegend wahrscheinlich nur
als ein – objektiv vorschnelles – Aufgeben der Bemühungen zu werten, so bald als
möglich in die Schweiz zurückzukehren. Das bedeutet, dass der Beschwerdeführer
seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht ins
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/12
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3.
Gerichtskosten sind nicht zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG). Der obsiegende
Beschwerdeführer hat einen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Der erforderliche
Vertretungsaufwand ist als deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren, weil der
Aktenumfang gering gewesen ist und weil sich das Verfahren auf eine isolierte
Rechtsfrage beschränkt hat. Die Parteientschädigung ist deshalb auf 2’500 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.