Decision ID: 7e30e274-fcd9-43d6-85e2-86ac704e3238
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1965 geborene Beschwerdeführerin war aufgrund ihrer Anstellung als
Reinigungsmitarbeiterin bei der Beschwerdegegnerin obligatorisch gegen
Unfallfolgen versichert. Am 13. Dezember 2014 rutschte sie auf einer
Treppe aus, stürzte und verletzte sich am rechten Fuss (Sprunggelenk).
Die Beschwerdegegnerin erbrachte in der Folge im Zusammenhang mit
dem Unfall vorübergehende Leistungen (Heilbehandlung/Taggeld). Mit Mit-
teilung vom 21. Dezember 2017 stellte sie diese per 31. Januar 2018 ein.
Mit Verfügung vom 3. Januar 2018 sprach sie der Beschwerdeführerin so-
dann eine Integritätsentschädigung bei einer Integritätseinbusse von 15 %
zu und verneinte einen Rentenanspruch.
1.2.
Mit Schadenmeldung UVG für arbeitslose Personen vom 15. Oktober 2018
meldete die Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin per 23. Juni
2018 einen Rückfall zum Unfall vom 13. Dezember 2014, wofür diese wie-
derum vorübergehende Leistungen erbrachte. Am 8. Juli 2021 teilte die Be-
schwerdegegnerin der Beschwerdeführerin – unter Hinweis auf das Ergeb-
nis der kreisärztlichen Untersuchungen vom 27. Januar 2021 und der me-
dizinischen Abklärungen von Prof. Dr. med. E. – die Einstellung dieser
Leistungen per 31. Juli 2021 mit. Mit Verfügung vom 16. August 2021
sprach sie der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. August 2021 eine In-
validenrente bei einem Invaliditätsgrad von 15 % sowie eine Integritätsent-
schädigung bei einer (zusätzlichen) Integritätseinbusse von 15 % zu. Die
dagegen erhobene Einsprache wies die Beschwerdegegnerin mit Ein-
spracheentscheid vom 29. September 2021 ab.
2.
2.1.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 29. Oktober 2021
fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Rechtsbegehren:
"1. Der angefochtene Einsprache-Entscheid vom 29. September 2021 sei aufzuheben.
2. Die Sache sei zur Durchführung weiterer Abklärungen, insbesondere
zur Einholung eines versicherungsexternen Gutachtens und zum  eines neuen Entscheids an die Beschwerdegegnerin .
3. Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Be-
schwerdeführerin eine ganze Invalidenrente auszurichten.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerde-
gegnerin."
- 3 -
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 3. Dezember 2021 beantragte die Beschwerde-
gegnerin die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Streitig und zu prüfen ist die Rechtmässigkeit des Einspracheentscheides
vom 29. September 2021 (Vernehmlassungsbeilage [VB] 342).
2.
2.1.
Soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, werden die Versicherungs-
leistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten
gewährt (Art. 6 Abs. 1 UVG).
2.2.
Die in Rechtskraft erwachsene Verweigerung weiterer Leistungen durch
den obligatorischen Unfallversicherer schliesst die spätere Entstehung ei-
nes Anspruchs, der sich aus demselben Ereignis herleitet, nicht unter allen
Umständen aus. Vielmehr steht ein solcher Entscheid unter dem Vorbehalt
späterer Anpassung an geänderte unfallkausale Verhältnisse. Dieser in der
Invalidenversicherung durch das Institut der Neuanmeldung (Art. 87 Abs. 3
und 4 IVV in Verbindung mit Art. 17 Abs. 1 ATSG) geregelte Grundsatz gilt
auch im Unfallversicherungsrecht, indem es der versicherten Person jeder-
zeit frei steht, einen Rückfall oder Spätfolgen eines rechtskräftig beurteilten
Unfallereignisses geltend zu machen (vgl. Art. 11 UVV) und erneut Leistun-
gen der Unfallversicherung zu beanspruchen (BGE 144 V 245 E. 6.1
S. 254).
2.3.
Der Unfallversicherer hat Heilbehandlung und Taggeldleistungen nur so-
lange zu gewähren, als von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung eine
namhafte Besserung des Gesundheitszustandes erwartet werden kann.
Trifft dies nicht mehr zu, ist der Fall unter Einstellung der vorübergehenden
Leistungen mit gleichzeitiger Prüfung des Anspruchs auf eine Invaliden-
rente und auf eine Integritätsentschädigung abzuschliessen (vgl. auch:
BGE 134 V 109 E. 3 ff. S. 112 ff., 133 V 64 E. 6.6.2; RKUV 2006 U 571
S. 82).
2.4.
Ist die versicherte Person infolge des Unfalles zu mindestens 10 % invalid
(Art. 8 ATSG), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1
UVG in der bis 31. Dezember 2016 in Kraft gestandenen und angesichts
- 4 -
des vom 13. Dezember 2014 datierenden Unfalls vorliegend massgeben-
den Fassung [vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung vom
25. September 2015]).
3.
3.1.
Kreisarzt Dr. med. F., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumato-
logie des Bewegungsapparates, untersuchte die Beschwerdeführerin am
27. Januar 2021. In seiner entsprechenden Beurteilung vom 28. Januar
2021 führte er zusammengefasst aus, aufgrund des Unfallereignisses, das
zu einer Malleolarfraktur Typ A und einer osteochondralen Flakefraktur me-
dialer Talus rechts nach schwerem Distorsionstrauma geführt habe, seien
eine Arthrodese des rechten oberen Sprunggelenkes und in der Folge eine
Desarthrodese mit Implantation einer OSG-Prothese durchgeführt worden.
Aufgrund der Beschwerdesymptomatik sei eine nur noch leichte, vorwie-
gend sitzende Tätigkeit zumutbar. Zeitlich bestünden deutliche Einschrän-
kungen durch die starke Schwellung und eine Schmerzzunahme nach län-
gerem Sitzen. Nach 30 Minuten Sitzen müsse die Beschwerdeführerin das
Bein bei starker Schmerzsymptomatik hochlagern und kühlen, um die
Schwellung zum Abklingen zu bringen. Anschliessend bestünden weiterhin
starke Schmerzen, welche ein erneutes Herabhängenlassen des Beines
erschweren würden. Somit sei es aktuell schwer, eine zeitliche Einschrän-
kung festzulegen. In Anbetracht der nun 7-jährigen Leidensgeschichte und
der weiterhin ausgeprägten Beschwerdesymptomatik sei der Wunsch nach
einer Zweitmeinung geäussert worden. Es werde entsprechend ein Aufge-
bot bei Prof. Dr. med. E. veranlasst. Ob eine "Verbesserung des Belastbar-
keitsprofils" möglich sei, sei abzuwarten (VB 267).
3.2.
Prof. Dr. med. E., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie
des Bewegungsapparates, stellte im Bericht vom 25. März 2021 folgende
Diagnosen:
"Schwere persistierende neuropathische Schmerzen nach Distorsion OSG rechts am 13.12.2014 - laterale Malleolarfraktur A und osteochondrale Fraktur mediale Talus-
domkante - Osteosynthese und AMIC-Plastik am 7.1.2015 - ME 12.2.2016 - arthroskopisches Debridement und Defektfüllung OCLT am 6.1.2017 - OSG-Arthrodese am 22.6.2018 - Desarthrodese und OSG-TP am 22.5.2020"
Ferner führte Prof. Dr. med. E. aus, es bestünden schwere neuropathische
Schmerzen ohne sicheres mechanisches Korrelat. Mit grosser Wahr-
scheinlichkeit sei durch eine weitere Operation ("zum Beispiel Entfernung
der OSG TP und Re-Arthrodese") die Situation nicht relevant und dauerhaft
zu verbessern. Er erachte die Gefahr einer weiteren Schmerzeskalation als
- 5 -
gross und empfehle die konservative weitere Behandlung sowie eine
Schmerztherapie (VB 279).
3.3.
Dr. med. F. nahm am 22. Juni 2021 erneut Stellung. Dabei führte er zusam-
mengefasst aus, eine wesentliche Verbesserung des unfallbedingten Ge-
sundheitszustandes bzw. der Belastbarkeit sei mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit – auch unabhängig von der Schmerztherapie – nicht mehr zu
erwarten. Unter Berücksichtigung der kreisärztlichen Untersuchung und
der weiteren medizinischen Unterlagen sei nur noch eine leichte, vorwie-
gend sitzende Tätigkeit zumutbar. Bereits Gehstrecken von 15 Minuten
würden der Beschwerdeführerin massive Beschwerden bereiten; diese be-
nötige im Anschluss daran eine lange Erholungsphase. Zudem bestehe
eine zeitliche Einschränkung, da nach bereits 30-minütigem Sitzen eine
Schwellung und eine starke Schmerzsymptomatik aufträten, deretwegen
das Bein hochgelagert und gekühlt werden müsse. Im Anschluss daran sei
wiederum eine längere Erholungsphase notwendig. In Anbetracht der
schweren Unfallfolgen und der ausgeprägten Beschwerdesymptomatik sei
eine konkrete zeitliche Einschränkung schwer zu eruieren. Pragmatischer-
weise sei es sinnvoll, zusätzlich am Vormittag und am Nachmittag je eine
Stunde Pause zu veranschlagen. Zur Aufrechterhaltung der Erwerbsfähig-
keit wäre eine regelmässige Physiotherapie (einmal wöchentlich) zu emp-
fehlen. Zur Schmerztherapie könne mangels Berichten keine Stellung ge-
nommen werden (VB 305).
4.
4.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134 V
231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
4.2.
Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner me-
dizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, kommt ihnen
praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder ei-
nem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag
gegebenen Gutachten zu (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c
S. 160 ff.). Zwar lässt das Anstellungsverhältnis der versicherungsinternen
Fachperson zum Versicherungsträger alleine nicht schon auf mangelnde
Objektivität und Befangenheit schliessen (BGE 125 V 351 E. 3b/ee
S. 353 ff.). Soll ein Versicherungsfall jedoch ohne Einholung eines externen
Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge
- 6 -
Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zu-
verlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Fest-
stellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V
465 E. 4.4 S. 469 f.; 122 V 157 E. 1d S. 162 f.).
4.3.
Auch ein reines Aktengutachten bzw. eine Aktenbeurteilung kann voll be-
weistauglich sein, wenn es im Wesentlichen um die Beurteilung eines fest-
stehenden medizinischen Sachverhalts geht und sich neue Untersuchun-
gen erübrigen (Urteile des Bundesgerichts 8C_46/2019 vom 10. Mai 2019
E. 3.2.1; 8C_641/2011 vom 22. Dezember 2011 E. 3.2.2 mit Hinweisen).
5.
5.1.
Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor, auf die Beurteilung
des Kreisarztes könne nicht abgestellt werden, da dessen Einschätzungen
betreffend die Arbeitsfähigkeit nicht nachvollziehbar seien. Angesichts der
Notwendigkeit, das rechte Bein alle 30 Minuten hochzulagern und zu küh-
len, sei es illusorisch anzunehmen, dass in einer angepassten Tätigkeit
trotzdem noch eine Arbeitsfähigkeit von 31.7 Stunden pro Woche bestehen
solle.
5.2.
5.2.1.
Dr. med. H., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, führte in seinem Bericht vom 31. Mai 2021 aus, die
Beschwerdeführerin sei auch aufgrund der neuropathischen Überlagerun-
gen der Schmerzproblematik nicht "als teilarbeitsfähig oder arbeitsfähig
einzustufen". Auch leichte Arbeiten seien ihr nicht mehr zumutbar. Die Be-
lastungsintoleranz des Fusses sei auf den Unfall, diejenige des Knies und
des Rückens jedoch auf eine Krankheit zurückzuführen (VB 296).
5.2.2.
Dr. med. I., Fachärztin für Anästhesiologie, führte im Bericht vom 4. Juli
2021 aus, ein Teil der Schmerzen habe zwar etwas gebessert werden kön-
nen. Die Beeinträchtigung sei jedoch nach wie vor stark. Es bestünden wei-
terhin starke Schmerzen beim Laufen, aber auch im Sitzen. Dazu kämen
aufgrund der Schmerzen und der Medikamenteneinnahme relevante Ein-
bussen in der Konzentrationsfähigkeit. Die Beschwerdeführerin nehme
weiterhin NSAR und Opiate ein, weshalb keine weitere Therapiemöglich-
keit habe angeboten werden können (VB 331).
5.3.
Dr. med. F. hielt in seinem Bericht vom 28. Januar 2021 (VB 267) hinsicht-
lich der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer angepassten Tä-
tigkeit zunächst fest, es sei aktuell schwer, eine zeitliche Einschränkung
- 7 -
festzulegen. In der Beurteilung vom 22. Juni 2021 (VB 305) erachtete er
dies weiterhin als schwierig und befand es als sinnvoll, "[p]ragmatischer-
weise" am Vormittag und am Nachmittag jeweils eine zusätzliche Stunde
Pause zu veranschlagen. Diese zeitliche Einschränkung der Arbeitsfähig-
keit in einer Verweistätigkeit ist nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. Ge-
mäss den Einschätzungen von Dr. med. F. treten bereits nach 30 Minuten
eine Schwellung und Schmerzsymptomatik auf, die eine Pause zum Hoch-
lagern und Kühlen des Beines notwendig machen. Im Anschluss sei zudem
eine "längere Erholungsphase" nötig. Wie lange das Hochlagern bzw. die
anschliessende längere Erholungsphase idealerweise dauern sollte, gab
Dr. med. F. nicht an. Vor diesem Hintergrund leuchtet die in einer ange-
passten Tätigkeit attestierte Arbeitsfähigkeit nicht ohne Weiteres ein. Selbst
unter Annahme, dass für das Hochlagern und Kühlen des Beines bzw. für
die anschliessende Ruhepause lediglich 15 Minuten notwendig wären, wür-
den die von Dr. med. F. als sinnvoll erachteten beiden Pausen von insge-
samt zwei Stunden pro Tag hierfür offenkundig nicht genügen. Die Beurtei-
lung von Dr. med. F. ist daher mit Zweifeln behaftet, weshalb darauf nicht
abgestellt werden kann. Die Beschwerdegegnerin wird weitere Abklärun-
gen, insbesondere betreffend die Zumutbarkeit einer dem von Dr. med. F.
definierten Anforderungsprofil entsprechenden Tätigkeit in zeitlicher Hin-
sicht, vorzunehmen und im Anschluss über den weiteren Leistungsan-
spruch der Beschwerdeführerin neu zu befinden haben.
6.
6.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen,
dass der angefochtene Einspracheentscheid vom 29. September 2021 auf-
zuheben und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen
und zur Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
6.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
6.3.
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Ersatz der
richterlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG), denn die
Rückweisung der Sache an die Verwaltung zwecks Vornahme ergänzen-
der Abklärungen gilt als anspruchsbegründendes Obsiegen (BGE 132 V
215 E. 6.1 S. 235 mit Hinweisen).