Decision ID: db6bcb8b-fd60-4ce9-9d70-64acaef2520d
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1989, ist seit
1.
Oktober 2010 als selbständige Podologin
der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, angeschlossen
(
Urk.
8/1). Am 2
9.
März 2020 meldete
sie
sich bei der Ausgleichskasse für den
Bezug einer Erwerbsausfallentschädigung gestützt auf die Verordnung über Mass
nahmen bei Erwerbsausfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus (Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall) an
(
Urk.
8/147). Die Ausgleichskasse verneinte mit Verfügung vom 2
2.
April 2020 einen Anspruch der Versicherten auf die Ausrich
tung einer Erwerbsausfallentschädigung (
Urk.
8/148). Daran hielt sie mit
Ein
spra
cheentscheid
vom
2.
September 2020 fest (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
die Versicherte am
5.
Oktober 202
0
Beschwerde und beantragte, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und die Ausgleichskasse sei zu ver
pflichten, die ihr zustehende Entschädigung gemäss der Covid-19-Verordnung Erwerbsausfal
l
auszurichten. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um einstweilige Sistierung des Verfahrens (
Urk.
1 S. 2). Die Ausgleichskasse schloss in der Be
schwerdeantwort vom
2.
November 2020 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
7). Mit Verfügung vom
9.
November 2020 wurde das Sistierungsgesuch abgewiesen (
Urk.
9).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1
.
1.1
Nach
Art.
185
Abs.
3 der Bundesverfass
ung (BV) kann der Bundesrat Verord
nun
gen und Verfügungen erlassen, um eingetretenen oder unmittelbar drohenden schweren Störungen der öffentlichen Ordnung oder der inneren oder äusseren Sicherheit zu begegnen. Solche Verordnungen sind zu befristen (und zwar auf maximal sechs Monate; vgl.
Art.
7d
Abs.
2
lit
. a des Regierungs- und Verwal
tungs
organisationsgesetzes [RVOG]).
Gestützt auf dieses Notverordnungsrecht erliess der Bundesrat - nebst anderen Verordnungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie, die sich teilweise auch auf das Bundesgesetz über die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten des Menschen (
Epidemiengesetz
[
EpG
]) stützen - am 2
0.
März 2020 die
Covid
19-
Ver
ordnung Erwerbsausfall. Die Covid-19-Veror
dnung Erwerbsausfall wurde rück
wirkend
per 1
7.
März 2020 in Kraft gesetzt und der Geltungszeitraum bis zum 1
6.
September 2020 befristet (
Art.
11
Abs.
2). Danach wurde der Ge
ltungs
zeit
raum zunächst bis am 3
1.
Dezember 2021 verlängert (
Art.
11
Abs.
4) und in der Folge auf den 3
0.
Juni 2021 befristet (
Art.
11
Abs.
5). Die Verordnung erfuhr mehrere Änderungen, unter anderem am
6.
Juli, 1
7.
September und
8.
Ok
tober 202
0.
Mit dem Covid-19-Gesetz vo
m 2
5.
September 2020 wurde rück
wirkend per
1
7.
September 2020 eine gesetz
liche Grundlage für die Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall geschaffen (
Art.
15 in Verbindung mit
Art.
21
Abs.
3 des Covid-19-Gesetzes).
1.2
Selbständigerwerbende, die aufgrund einer Massnahme nach Art. 6 Abs. 1 und 2
der Verordnung 2 über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus (Covid-19
;
Covid-19-Verordnung 2) einen Erwerbsausfall erleiden, haben gemäss Art. 2 Abs. 3
Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall in der bis 16. September 2020 gültig gewe
senen Fassung Anspruch auf eine Erwerbsausfallentschädigung.
Gemäss Art. 6 Abs. 1 Covid-19-Verordnung 2 in der vom 17. März bis 5. Juni 2020 gültig gewesenen Fassung, war es verboten, öffentliche oder private Veran
staltungen, einschliesslich Sportveranstaltungen und Vereinsaktivitäten durchzu
führen.
Gemäss
Abs.
2 von
Art.
6 der Covid-19-Verordnung 2 in der vom 1
7.
März bis
5.
Juni 2020 gültig gewesenen Fassung waren öffentlich zugängliche Einrich
tun
gen für das Publikum geschlossen. Gemäss
Art.
6
Abs.
2
lit
. e in der vom 1
7.
März bis 2
6.
April 2020 gültig gewesenen Fassung der Covid-19-Verordnung 2 waren namentlich Betriebe mit personenbezogenen Dienstleistungen mit Körperkontakt wie Coiffeure, Massagen, Tattoo-Studios und Kosmetik geschlossen.
Gemäss Art. 6 Abs. 3
Covid-19-Verordnung 2 in der ab 17. März 2020
gültig gewesenen Fassung galt Absatz 2 unter anderem nicht für Gesundheitsein
rich
tungen wie Spitäler, Kliniken und Arztpraxen sowie Praxen und Einrichtungen
von Gesundheitsfachpersonen nach Bundesrecht und kantonalem Recht (zunächst
lit
. m, ab 11. Mai 2020
lit
. i).
Laut
Art.
10a
Abs.
2 Covid-19-Verordnung
2
in
der vom 1
7.
März 2020 bis 2
6.
April 2020 gültig gewesenen Fassung war es Spitälern und Kliniken, Arztpraxen und Zahnarztpraxen verboten, nicht dringend ange
zeigte medizinische Untersuchungen, Behandlungen und Therapien (Eingriffe) durchzuführen.
1.3
Gemäss Art. 2 Abs. 3
bis
Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall in der bis 16. Septem
ber 2020 gültig gewesenen Fassung sind Selbstständigerwerbende, die nicht unter Absatz 3 fallen, anspruchsberechtigt, wenn sie aufgrund der
bundes
rätlichen
Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus einen Erwerbsausfall erleiden und
ihr für die Bemessung der Beiträge der AHV massgebendes Ein
kommen für das Jahr 2019 zwischen Fr. 10'000.-- und Fr. 90'000.-- Franken liegt.
2.
2.1
Die Ausgleichskasse erklärte zur Verneinung des Anspruchs der Beschwerde
füh
rerin auf eine Erwerbsausfallentschädigung (
Urk.
2,
Urk.
7)
, die
von ihr ange
botene Dienstleistung als Podologin sei
nicht unter die Tätigkeiten gefallen, für welche der Bundesrat eine Betriebsschliessung angeordnet habe.
Dementspre
chend falle eine Corona-Erwerbsersatzentschädigung infolge Betriebsschliessung ausser Betracht. Selbständigerwerbende, für welche keine Be
triebsschliessung angeordnet worden sei, hätten im Rahmen der Härtefallregelung Anspruch auf eine Corona-Erwerbsersatzentschädigung. Voraussetzung
hierfür
sei ein AHV-pflichtiges Einkommen zwischen
Fr.
10'000.-- und
Fr.
90'000.--.
D
ie
Akontobei
träge
für das Jahr 2019 seien gestützt auf d
ie
Angaben der Beschwerdeführerin auf der Basis eines beitragspflichtigen Einkommens von
Fr.
154'900.-- festgelegt worden
. Die letzte definitive Beitragsverfügung be
treffe das Jahr 201
7.
Darin seien Beiträge auf der Grundlage
ein
es
Einkommen
s
von
Fr.
119'300.
--
abge
rechnet worden. Mithin seien die Voraussetzungen für einen Anspruch gestützt auf die Härtefallregelung nicht gegeben.
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte dagegen im Wesentlichen vor,
sie betreibe als
Selbständigerwerbende eine Podologie-Praxis und habe ein Jahreseinkommen
von
über
Fr.
90'000.
-- abgerechnet.
Ihre Praxis sei ein klassischer Betrieb mit perso
nenbezogenen Dienstleistungen mit Körperkontakt und falle nur deshalb nicht unter das vom Bundesrat verordnete Betriebsverbot, weil sie als Gesundheits
ei
n
richtung im Sinne von
Art.
6
Abs.
3
lit
. m der Covid-19-Verordnung 2 zu quali
fizieren sei.
Entscheidend sei
jedoch
, dass aus
der in
Art.
10a
Abs.
2 der
Covid
-Verordnung 2 statuierten Einschränkung auf dringend angezeigte medizinische E
i
ngriffe faktisch ein Praxisverbot mit einem vollstä
ndigen Erwerbsausfall resul
tiert habe
. Sie habe denn auch ihre Praxis vom 1
7.
März 2020 bis 2
7.
April 2020 faktisch schliessen müssen. Mithin sei sie materiell in gleichem Masse von den in der Covid-19-Verordnung erlassenen Einschränkungen betroffen, wie dies bei den mit einem formellen Veranstaltungs- oder Betriebsverbot belegten Selbstän
dig
erwerbenden der Fall
gewesen
sei.
Aufgrund des verfassungsrechtlichen
Gleich
behandlungsgebots (
Art.
8
der
Bundesverfassung, BV) dürfe
mangels eines recht
lich erheblichen Unterschieds
d
er direkten Auswirkungen der Regelungen in der
Covid-19-Verordnung 2 auf
die erwerbliche Situation
keine unterschiedliche Rege
l
ung erfolgen. Dementsprechend stehe ihr
d
er gl
eiche Entschädigungsanspruch zu wie jener,
welchen die
vom Veranstaltungs- und Betriebsverbot betroffenen Selbständigerwerbenden beanspruchen könnten (
Urk.
1).
3.
3.1
Wie dargelegt (E. 1.2) hatten gemäss
Art.
2
Abs.
3 Covid-19-Verordnung Erwerbs
ausfall in der bis 1
6.
September 2020 gültig gewesenen Fassung Selbstän
dig
erwerbende, die aufgrund einer Massnahme nach
Art.
6
Abs.
1 und 2 Covid-19-
Verordnung 2 einen Erwerbsausfall erlitten, Anspruch auf eine Erwerbsausfall
ent
schädigung.
3.2
Im Urteil EE.2020.00001 vom 1
8.
November 2020 hatte das hiesige Sozialver
sicherungsgericht den Fall einer Physiotherapeutin zu beurteilen. Es hielt fest, h
insichtlich der Tätigkeit
der Versicherten
als Physiotherapeutin
sei
zu beachten
,
dass diese weder gestützt auf
Abs.
1 noch gestützt auf
Abs.
2 von
Art.
6 Covid-19-Verordnung 2 verboten
gewesen sei, werde
doch in
Art.
6
Abs.
3
lit
. m (bzw. ab 1
1.
Mai 2020
lit
. i) Covid-19-Verordnung 2 fe
stgehalten, dass Gesundheitsein
richtungen wie Spitäler, Kliniken und Arztpraxen sowie Praxen und Einrich
tun
gen von Gesundheitsfachpersonen nach Bundesrecht und kantonalem Recht von
der Schliessung gemäss
Art.
6
Abs.
2 Covid-19-Verordnung 2 ausgenommen seien
. Physiotherapeutin sei
ein Gesundheitsberuf im Sinne des Bundesgesetzes über die Gesundheitsberufe (
GesBG
), weshalb die Versicherte
betreffend ihre Tätigkeit als Physiotherapeutin keinen Erwerbsaufall aufgrund einer Massnahme nach
Art.
6
Abs.
1 oder
Abs.
2 Covid-19-Verordnung 2 erlitten habe. Hieran ändere auch nic
hts, dass die Versicherte
als Physiotherapeutin lediglich noch dringend ange
zeigte medizinische Therapien
habe durchführen dürfen
und dadurch einen Erwerbsausfall erlitt
en
habe
, habe
diese Einschränkung doch nicht auf einer Massnahme gemäss
Art.
6
Abs.
1 oder 2 Covid-19-Verordnung 2
basiert
, sondern auf
Art.
10a Covid-19-Verordnung 2.
3.3
Podologin ist ebenfalls ein Gesundheitsberuf im Sinne des Bundesgesetzes über die Gesundheitsberufe (
Art.
2
Abs.
1
lit
. b
Gesb
; vgl. Erläuterungen zur Covid-19-Verordnung 2, Fassung vom 2
0.
März 2020, Stand 2
1.
März 2020, 0:00 Uhr
; ferner
Urk.
3/3
). Die obigen Ausführungen unter E. 3.1 gelten somit zwangslos auch im Falle der Beschwerdeführerin. Damit ist vorliegend ein Anspruch gestützt auf
Art.
2
Abs.
3 Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall zu verneinen.
Soweit die Beschwerdeführerin eine Verletzung des Gleichbehandlungsgebots rügt, kann ihr nicht gefolgt werden.
Nach
Art.
8
Abs.
1 BV
verletzt ein Erlass das Rechts
gleich
heitsgebot, wenn er rechtliche Unterscheidungen trifft, für die kein vernünftiger Grund in den zu regelnden Verhältnissen ersichtlich ist, oder
d
er Unterschei
dungen
unterlässt, die sich aufgrund der Verhältnisse aufdrängen, wen
n also Gleiches nicht nach Mass
gabe seiner Gleichheit gleich und Ungleiches nicht nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich behandelt wird
(BGE 131 I 1 E. 4.2, vgl. dazu ferner auch Urteil EE.2020.00046 des hiesigen Sozialversicherungsgerichts
vom 1
4.
Januar 2021 E. 1.4 ff.).
Die Erwerbsausfallentschädigung nach
Art.
2
Abs.
3
Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall knüpft an die angeordnete
n
Be
triebs
schliessung
en
an, während die Härtefallentschädigung nach
Art.
2
Abs.
3
bis
Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall
ihre Begründung darin findet, dass Selb
ständige
rwerbende
ihren Betrieb zwar nicht schliessen mussten
,
aber durch die Massnahmen des Bundes oder einer kantonal angeordneten und durch den Bun
desrat bewilligten Massnahme dennoch einen direkten oder indirekt
en Erwerbs
aus
fall erlitten (vgl. dazu
Rz
. 1041.2 des
Kreisschreibens über die Entschädigung
bei Massnahmen zur Bekämpfung des Coro
navirus - Corona-Erwerbsersatz,
Stand
:
3.
Juli 2020, KS CE)
.
Diese beiden Konstellationen sind nicht gleich gelagert. Während die einen aus rechtlichen Gründen den Betrieb zu schliessen ha
tten, durften
die anderen weiterarbeiten. Eine darauf basierende Differenzierung bei der Entschädigungsberechtigung erscheint sachgerecht und ist zumindest nicht
als verfassungswidrig zu beurteilen.
Auch wenn die Beschwerdeführerin als Podo
login lediglich noch dringend angez
eigte Therapien durchführen durfte
, war ihr die Ausübung ihrer Tätigkeit noch grundsätzlich möglich.
Ihre Situation war des
halb nicht dieselbe, wie die Situation jener, die aus rechtlichen Gründen die Schliessung ihres Betriebs hinzunehmen hatten.
3.4
Bei einem Erwerbsausfall, welcher nicht auf einer Massnahme gemäss
Art.
6
Abs.
1 oder 2 Covid-19-Verordnung 2 basiert, bestand gemäss
Art.
2
Abs.
3
bis
Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall in der bis 1
6.
September 2020 gültig gewesenen Fassung
- wie unter E. 1.3 hiervor ausgeführt -
nur ein Anspruch auf eine Entschädigung, wenn das für die Bemessung der Beiträge der AHV mass
gebende Einkommen für das Jahr 2019 zwischen
Fr.
10'000.-- und
Fr.
90'000.-- Franken
lag.
Da die Beschwerdeführerin im Jahr 2019
unbestrittenermassen
ein Einkommen von mehr als
Fr.
90'000.-- erzielt
e (vgl. auch
Urk.
3/1 S. 2
), besteht gestützt auf
Art.
2
Abs.
3
bis
Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall in der bis 1
6.
September 2020 g
ültig gewesenen Fassung kein An
spruch auf eine Erwerbs
ersatzentschädigung.
3.5
Diese Erwägungen führen zur Abweisung der Beschwerde.