Decision ID: f72e00af-b888-43d3-b013-37be2823c706
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Mit
Antrag vom 5.
Januar 2019 ersuchte
X._
die Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich um Ausrichtung einer Insolvenzentschädigung für offene Lohnforderung
en
von insgesamt Fr. 28'044.55
, da über die Arbeitgeberin,
Y._
,
Z._
,
wegen offensichtlicher Über
schul
dung kein Ko
nkurs eröffnet worden sei (Urk.
7/134 f.). Nachdem die Arbeits
los
enkasse dem Versicherten am 29.
Januar 2019 mit
geteilt hatte, dass noch kein Grund zur Überprüfu
ng einer Insolvenzentschädigung bestehe, da über die frag
liche Gesellschaft weder der Konkurs eröffnet
worden sei noch eine Nicht
eröffn
ung des Konkurses wegen offensich
tlicher
Ü
berschuldung vorliege (Urk.
7/138), legte die Lebensgefährtin des Ver
sicherten mit Schreiben vom 22.
Februar 2019
(Urk.
7/108) unter anderem
die Verfügung des Konkursgerichts des Kantons Zürich vom
20.
Februar 2019 auf, mit welcher auf das Konkursbe
gehren des Versicherten nicht eingetreten worden war, da dies
er den Kostenvor
schuss von Fr.
1'800.--
im
Sinne von Art.
169 des Schuldbetrei
bungs- und Konkursgesetzes (Sch
KG) nicht geleistet hatte (Urk.
7/109-111).
Weiter legte sie ein Schreiben des
Stadtammann
- und Betreibungsamtes
A._
auf, um damit zu belegen, dass ein Zahlungsbefehl vorliege (Urk. 7/112). Mit Verfügung vom 22. M
ai 2019 wurde dem Versicherten eine Insolvenzentschädig
ung von Fr.
13'247.80 brutto bezie
hungsweise Fr.
10
'
430.35 netto zugesprochen (Urk.
7/97-99). Dagegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 17.
Juni 2019 Einspra
che (Urk. 7/78-83). Mit Verfügung vom 10.
Oktober 2019 hob die Arbeits
l
osenkasse die Verfügung vom 22.
Mai 2019 wiedererwägungsweise auf und stellte fest, dass der Versicherte keinen Anspruch auf Insolvenzentschädigung habe. Der Versicherte wurde sodann zur Rückerstattung der bereits ausbezahlten
Insolvenzentschädigung von Fr. 7'948.70 verpflichtet (Urk.
7/74-76). Mit Ent
scheid vom
11.
Oktober 2019 schrieb die Arbeitslosenkasse das
Einsprachever
fahren
betreffend die in Wiedererwä
gung gezogene Verfügung vom 22.
Mai 2019 als g
egenstandslos geworden ab (Urk.
7/72 f. = Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der
Versicherte mit Eingabe vom 6.
November 2019 Beschwerde beim hiesigen Gericht und beantragte di
e Aufhebung des angefochtenen
Ein
sprach
eentscheids
sowie die Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur Neuentscheidung über die Höhe
des Anspru
chs auf Insolvenzents
ch
ädigung (Urk.
l). Gege
n die Verfügung vom 10.
Oktober 2019 erho
b der Versicherte sodann Einspra
c
he bei der Arbeitslosenkasse (Ein
sprache vom 6. November 2019 [Urk.
7/42-48]).
Mit Beschwerdeantwort
vom 21.
November 2019 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Der Beschwerdefü
hre
r brachte in
seiner Beschwerdesch
rift vom 6.
November 20
19 vor, die Verfügung vom 22. M
ai 2019, g
egen welche Einspra
che erhoben worden sei, sei nicht in formelle Rechtskraft erwachsen
,
weshalb sie auch nicht in
Wiedererw
ägung
gemäss Art. 53 Abs.
2 des Bundesgesetzes über den Allg
e
meinen Teil des Sozialversicherungs
rechts (ATSG)
habe
ge
zogen werden dürfen
. Indem die Beschwerdegegner
in das
Ein
spracheverfahren
b
etreffend die Verfü
gung vom 22.
Mai 2019 als gegenstandslos geworden abgeschrieben habe, habe sie ihm die Möglichkeit genommen, auch ein Rechtsmittel
betreffend die Höhe der Insolvenzentschädigung
zu ergreifen
(Urk. 1
).
1.2
Demgegenüber hielt die Beschwerdegegnerin
in der Beschwerdeantwort vom 21.
Novemb
er 2019 dafür, wenn gemäss Art.
53 Abs.
2 ATSG auf formell rechts
kräftige Verfügungen
oder
Einspracheentscheide
zurü
ckgekommen werden dürfe, wenn diese zweifellos unrichtig seien oder deren Berichtigung von erheblicher Bedeutung sei, könne e
contrario
daraus geschlossen werden, dass auch auf for
mell nicht rechtskräftige Verfügungen jederzeit zurückgekommen werden dürfe. Dem Beschwerdeführer stehe sodann die Möglichkeit offen, e
in
weiteres Rechts
mittel
gegen den noch zu erlassenden
Ein
spracheentscheid
b
etreffend die Verfü
gung vom 10. Oktober 2019 zu ergreifen (Urk.
6).
2.
2.1
Gemäss Art. 1 Abs. 1
des Bun
desgesetzes über die oblig
atorische Arbeitslosen
ver
sicherung und die Insolvenzentschädigun
g (Arbeitslosenver
siche
rungs
gesetz, AVIG) sind die Bestimmungen des ATSG auf die obligatorische Arbeitslosen
ver
siche
rung
und
die Insolvenzentschädigung anwendbar, soweit das AVIG nicht ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht.
2.2
Gegen Verfügungen kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden; davon ausgenommen sind prozess- und verfa
hrens
leitende Verfügungen (Art. 52 Abs. 1
ATSG).
2.3
Gemäss Art. 12 Abs. 1
der Verordnung über den Allge
meinen Teil des Sozial
ver
sicherun
gsrechts (ATSV) ist
der Versicherer an das Begehren
der Ei
nsprache füh
renden Person nicht gebunden. Er kann die Verfügung zu Gunsten ode
r zu Ungunsten der Einsprache fü
hrenden Partei abändern. Allerdings hat er
ihr
gemäss Abs.
2 der Bestimmung Gel
egenheit zum Rückzug der Einspra
che einzu
räumen, wenn er beabsichtigt, die Ve
rfügung zu Ungunsten der Einspra
che führenden Person abzuändern (vgl. auch bereits BGE 122 V 166).
2.4
Bei einem Rückzug der Einspra
che tritt die formelle Rechtskraft der Verfügung ein, gegen welche sich die Einsprache richtet. In der Folge steht es der verfügen
den Behörde frei, die in formelle Rechtskraft erwachsene Verf
ü
gung in Wieder
erwägung zu ziehen, wenn die entsprechenden Vor
aussetzungen (insbesondere Art. 53 Abs.
2 ATSG) erfüllt sind. Es muss also jedenfalls erstellt sein, dass die betreffende Verfügung zweifellos unrichtig ist, was jewe
ils
nicht ohne Weiteres angenommen werden kann (vgl.
Ueli
Kieser
, ATSG-Kommentar, 3.
A
ufl., Zürich/Basel/Genf 2015, N 163
f.)
.
3.
Ob die Voraussetzungen von Art. 53 Abs. 2 ATSG gegeben wären, ist vorliegend nicht zu prüfen
.
Indem die Beschwerdegegnerin die Ver
fü
gung vom 22.
Mai
2019 mittels Verfügung vom 10.
Oktober 2019 wiedererwägungsweise aufhob und das
Einspracheverfahren
b
etreffend die Verfügung vom 22. Mai 2019 mit Entscheid vom 11.
Oktober 2019 als gegenstandslos geworden ab
schrieb,
umging sie das für solche Fälle in Art. 12 Abs. 2 ATSV vorgesehene Vorgehen und
verletzte das rechtl
iche Gehör des Beschwerdeführer
s
;
insbesondere
nahm sie ihm
die
Mö
g
lich
keit
, die
Einsprache
zurückzuziehen
.
Es besteht daher
ein Rechts
schutz
interesse
an der Aufhebung des hier angefochtenen
Einsprache
entscheids
.
4.
Die Sache ist an die Beschwerdegegner
in zurückzuweisen,
damit sie
das
Ein
spracheverfahren
weiterführt und
dem Besch
werdef
ührer
gemäss Art.
12 ATSV Gelegenheit ein
räumt
, die
Einsprache
allenfalls
zurückzuziehe
n
.
Unter diesen Umständen
versteht
es
sich von selbst, dass die wiedererwägungs
weise erlassene Ver
fügung
vom 10.
Oktober 2019
als nichtig zu betrachten ist.
5.
5.1
Das Verfahren ist kostenlos.
5.2
Der Beschwerdeführer beantragte die Zusprechung einer Prozessentschädigung (Urk. 1 S. 2).
Nach § 34 Abs. 1
des
Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
(
GSVGer
)
hat die obsiegende
Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem
Mass
des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollstän
di
ges Obsiegen (BGE 137 V 57 E.
2.2), weshalb
der
vertretene Beschwerde
führer Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat
, welche auf Fr. 900.-- festzusetzen ist.