Decision ID: 5267939b-0e9e-5cc9-a203-fd645753d3e0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Eritrea eigenen Angaben zufolge am
1. März 2015 und gelangte über den Sudan, Libyen und Italien am 9. Au-
gust 2015 in die Schweiz, wo er gleichentags um die Gewährung von Asyl
ersuchte. Dabei gab er an, er sei am (...) geboren. Am 18. August 2015
wurde er zu seiner Person und zu seinem persönlichen Hintergrund, zu
seinem Reiseweg, zum Verbleib seiner Reise- und Identitätspapiere und
summarisch zu seinen Gesuchsgründen befragt.
Im Nachgang zur Befragung liess der Beschwerdeführer dem SEM Kopien
der Identitätskarten seiner Eltern zukommen. Anfang Februar 2016 reichte
er zusätzlich die Kopie einer Taufbestätigung nach, datierend vom (...)
2015 und ausgestellt von der Diözese von B._. Dabei machte er
unter Bezugnahme auf deren Inhalt geltend, er sei nicht am (...), sondern
am (...) geboren (Anm.: gemäss Taufschein ist dies das Taufdatum und das
Geburtsdatum der [...]), womit er aktuell (...) Jahre alt sei. Nach entspre-
chender Aufforderung reichte er die Bestätigung im Original nach. Vom
SEM wurde in der Folge das implizite Gesuch um Berichtigung der Perso-
nendaten abgelehnt, verbunden mit der Feststellung, die den Beschwerde-
führer betreffenden Personendaten im Zentralen Migrationsinformations-
system lauteten wie bisher. Dieser Entscheid wurde nicht angefochten.
Am 19. Mai 2017 fand die einlässliche Anhörung zu den Gesuchsgründen
statt. Bei dieser Gelegenheit machte der Beschwerdeführer einleitend gel-
tend, er sei am (...) geboren worden. Auf seine weiteren Angaben und Aus-
führungen wird nachfolgend eingegangen.
B.
Im Rahmen der Befragung und der Anhörung brachte der Beschwerdefüh-
rer zu seiner Person und zu seinem persönlichen Hintergrund im Wesent-
lichen das Folgende vor: Er stamme aus dem Dorf C._, welches elf
Kilometer von B._ entfernt und in der Nähe von D._ gelegen
sei (Anm.: auch E._, ostsüdöstlich von B._, auf halber Stre-
cke nach F._ gelegen). Dort sei er bei seinen Eltern und mit sechs
Geschwistern aufgewachsen. Von seinen Geschwistern sei sein ältester
Bruder bereits verstorben. Er sei im Militärdienst gefallen, respektive man
habe ihnen gesagt, dass er gefallen sei. Tatsächlich wüssten sie aber nicht,
ob er gefallen oder auf der Flucht erschossen worden sei. Von den fünf
anderen Geschwistern seien zwei im Militär und zwei weitere hielten sich
im Ausland auf. Zuhause lebe nur noch sein jüngstes Geschwister. Sein
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Vater, welcher eigentlich Bauer sei, sei ebenfalls im Militär. Ausser vom
Sold des Vaters hätten sie von der Landwirtschaft gelebt. Die wirtschaftli-
che Situation der Familie sei aber schlecht gewesen, da ihr Vater kaum
zuhause gewesen sei. Da der Beschwerdeführer schon immer religiös ge-
wesen sei, habe er Priester werden wollen. Er sei deshalb nach der
(...) Klasse aus der Schule von D._ ausgetreten und in G._
in ein Kloster eingetreten, wo weiterhin Schulunterricht stattgefunden habe.
Er habe jedoch die Priesterausbildung nach wenigen Jahren wieder aufge-
geben, um seine Mutter zu unterstützen, die oft alleine war, und sei noch-
mals während (...) Jahren in D._ zur Schule gegangen. Während
der 10. Klasse habe er die Schule abgebrochen, um seiner Mutter zu hel-
fen.
Nach dem Schulabbruch habe er wegen der Razzien zumeist in der Einöde
übernachten müssen. Am (...) 2015, mithin rund einen Monat nach seinem
Schulabbruch, sei ihm dann eine behördliche Vorladung zugestellt worden,
welche von seinen Eltern entgegengenommen worden sei. Er habe diese
in den Händen gehabt und selbst gelesen, diese aus Wut jedoch wegge-
worfen, weil er keinen Militärdienst leisten wollte. In der Vorladung habe es
geheissen, da er die Schule abgebrochen habe, habe er sich innert fünf
Tagen in F._ bei der Polizei zu melden (Hauptort der gleichnamigen
Subzoba, (...) ostsüdöstlich von C._ und D._ gelegen).
Nachdem er dieser Vorladung nicht nachgekommen sei, sei er von den
Behörden innert weniger Tage zweimal zuhause gesucht worden. Er habe
sich jedoch weiterhin nachtsüber in der Einöde aufgehalten und tagsüber
auf dem Feld gearbeitet. Als die Behörden am (...) 2015 ein drittes Mal zu
ihm nachhause gekommen seien, sei an seiner Stelle sein Vater mitge-
nommen und nach F._ gebracht worden. Sein Vater habe zu die-
sem Zeitpunkt seinen turnusgemässen Urlaub gehabt. Da sein Vater krank
sei, habe der Beschwerdeführer befürchtet, dieser könnte die Haft aus ge-
sundheitlichen Gründen nicht überstehen. Er habe sich daher drei Tage
nach der Verhaftung seines Vaters, am Freitag den (...) 2015 in F._
den Behörden gestellt, worauf sein Vater aus der Haft entlassen worden
sei. Der Beschwerdeführer sei daraufhin mit andern Jungen in einer Halle
eingesperrt worden. Dort habe es kaum Verpflegung gegeben und sie
seien auch geschlagen worden. Bereits am folgenden Sonntagabend sei
ihm die Flucht von dort gelungen. Die Anlage habe sich ausserhalb der
Stadt in den Plantagen befunden und sie seien am Tag jeweils zweimal
täglich nach draussen gelassen worden, um ihre Notdurft zu verrichten.
Dies auch am Sonntagabend, so gegen 20 Uhr, wobei sie an diesem Tag
nicht so streng bewacht worden seien. Auf fünfzehn Jungen seien vier
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Wächter gekommen. Dies habe ein anderer Junge zur Flucht genutzt, und
er habe sich spontan ebenfalls zur Flucht entschieden. Der Beschwerde-
führer sei dabei von einem Wächter kurz festgehalten und auf die Stirn
geschlagen worden, habe aber dennoch entkommen können.
Zum Teil zu Fuss und zum Teil mit Auto oder Bus sei er über Keren nach
Hagaz, Akurdet, Tekreret, Forto Sawa, Girmayka bis nach Kassala im Su-
dan gelangt. Zum weiteren Reiseweg gab der Beschwerdeführer an, er sei
im Mai 2015 – finanziert von seinem in Khartum lebenden Bruder – vom
Sudan nach Libyen und von dort auf dem Seeweg nach Italien gelangt.
Nachdem er auf See gerettet und nach Italien gebracht worden sei, sei er
in die Schweiz weitergereist.
Auf die Frage nach dem Verbleib seiner Reise- und Identitätspapiere
machte er im Rahmen der Befragung vom 18. August 2015 geltend, er ver-
füge über keine Identitätskarte. Er sei zwar noch in der Heimat volljährig
geworden, er habe sich aber keine solche ausstellen lassen. Dabei stellte
er in Aussicht, sowohl seinen Schulausweis als auch seinen Taufschein
beizubringen. Wie vorstehend aufgezeigt, reichte er in der Folge Kopien
der Identitätspapiere seiner Eltern und eine nach seiner Ausreise ausge-
stellte Taufbestätigung nach. Aus den Akten geht weiter hervor, dass er im
Nachgang zur Anhörung als weiteres Beweismittel in Kopie (zwei Fotos)
ein Schulzeugnis nachreichte, worin der Abschluss der (...) Klasse ver-
zeichnet ist.
C.
Mit Verfügung vom 7. Februar 2018 – eröffnet am folgenden Tag – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte sein Asylgesuch ab, verbunden mit der Anordnung der
Wegweisung aus der Schweiz und des Wegweisungsvollzuges nach Erit-
rea.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 12. März 2018
– handelnd durch seine Rechtsvertreterin – Beschwerde, wobei er zur
Hauptsache die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl beantragte, even-
tualiter die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und Anordnung einer
vorläufigen Aufnahme in der Schweiz als Flüchtling, subeventualiter die
Feststellung der Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzuges und Anordnung einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz. In
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prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege, um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht und um Bei-
ordnung seiner Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 16. März 2018 wurde dem Gesuch des Be-
schwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG) entsprochen und antragsgemäss auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses (gemäss Art. 63 Abs. 4 VwVG) ver-
zichtet. Für den Entscheid über das Gesuch um Gewährung der amtlichen
Verbeiständung (nach Art. 110a Abs. 1 AsylG [SR 142.31]) wurde derweil
auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen, verbunden mit der Aufforderung
an die Rechtsvertreterin, den Nachweis der diesbezüglichen Befähigung
zu erbringen. Gleichzeitig wurde das SEM zum Schriftenwechsel eingela-
den (Art. 57 Abs. 1 VwVG).
F.
In seiner Vernehmlassung vom 21. März 2018 hielt das SEM an der ange-
fochtenen Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
G.
Mit Replik vom 5. April 2018 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehmlas-
sung des SEM Stellung.
H.
Nachdem die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers am 28. März 2018
unter Vorlage erst eines Teils der mit Verfügung vom 16. März 2018 einver-
langten Unterlagen geltend gemacht hatte, sie erfülle die Voraussetzungen
nach Art. 110a Abs. 3 AsylG, wurde sie mit Zwischenverfügung vom 11. Ap-
ril 2018 zum Nachreichen der noch fehlenden Unterlagen und ergänzen-
den Angaben aufgefordert. Dieser Aufforderung kam sie am 26. April 2018
nach, worauf dem Gesuch um Beiordnung ihrer Person als amtliche
Rechtsbeiständin mit Verfügung vom 30. April 2018 entsprochen wurde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM; dabei entschei-
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det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was vorlie-
gend nicht der Fall ist – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des
Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht
(vgl. Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 und 105 ff. AsylG).
1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und seine
Eingabe ist als frist- und formgerecht zu erkennen (Art. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 52 Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerde einzutreten ist.
2.
Da sich das SEM massgeblich auf das Vorliegen von Widersprüchen im
Sachverhaltsvortrag beruft, bleibt der Ordnung halber festzuhalten, dass
die Befragung zur Person vom 18. August 2015 tatsächlich eher kurz aus-
fiel und auch nicht in der Muttersprache des Beschwerdeführers (...), son-
dern in Tigrinya geführt wurde. Da jedoch insgesamt nichts dafür spricht,
es sei an dieser Stelle zu schwerwiegenden Verständigungsproblemen ge-
kommen, bestehen für das Gericht keine Hinweise auf eine mögliche Ge-
hörsrechtsverletzung. Der Tatsache der bloss kurzen Befragung nicht in
der Muttersprache bleibt jedoch im Rahmen der materiellen Prüfung der
Gesuchsvorbringen Rechnung zu tragen (vgl. nachfolgend, E. 5). Da im
Weiteren der rechtserhebliche Sachverhalt aufgrund der Aktenlage als hin-
reichend erstellt erscheint, hat das Gericht in der Sache zu entscheiden
(Art. 61 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Im Rahmen der Begründung dieses Entscheides erklärte das SEM die
Vorbringen des Beschwerdeführers über die angeblich ausreiserelevanten
Ereignisse als insgesamt unglaubhaft. Einerseits habe er widersprüchliche
Angaben zu den zeitlichen Abläufen der Ereignisse gemacht. So habe er
an der Anhörung angegeben, nach der Zustellung der militärischen Vorla-
dung hätten die eritreischen Behörden noch zweimal nach ihm gesucht,
was er an der Befragung nicht geltend gemacht habe. Weiter habe er an
der Befragung einerseits ausgeführt, Eritrea bereits am 1. März 2015 ver-
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lassen zu haben. Andererseits wolle er sich aber am (...) 2015 bei den Be-
hörden gemeldet haben, wobei er in diesem Zusammenhang an der Anhö-
rung vom (...) 2015 gesprochen habe. Laut seinen Angaben an der Befra-
gung sei sein Vater zudem zwei Wochen nach Zustellung der Vorladung
verhaftet worden, während er an der Anhörung ausgesagt habe, dies sei
nach vier Wochen gewesen. Insgesamt habe er sowohl an der Befragung
als auch an der Anhörung zur Chronologie der Ereignisse immer wieder
unterschiedliche Angaben gemacht, obwohl ihm mehrmals die Gelegenheit
zu einer korrekten Darlegung geboten worden sei. Neben diesen Wider-
sprüchen habe er die geltend gemachte Haft in F._ und seine an-
gebliche Flucht von dort wenig genau beziehungsweise wenig überzeu-
gend geschildert.
Im Anschluss daran gelangte das SEM unter Bezugnahme auf die publi-
zierte Praxis gemäss Referenzurteil D-7898/2018 vom 30. Januar 2017
zum Schluss, im Falle des Beschwerdeführers bestehe auch kein Anlass
zur Annahme, er hätte aufgrund der geltend gemachten illegalen Ausreise
in der Heimat asylrelevante Nachstellungen zu gewärtigen. Andere An-
knüpfungspunkte, welche ihn in den Augen der heimatlichen Behörden als
missliebige Person erscheinen liessen, seien ebenfalls nicht ersichtlich.
Der Beschwerdeführer habe seine Heimat im Alter von (...) Jahren verlas-
sen, ohne dass eine vorgängige Einberufung für den Militärdienst nachge-
wiesen oder glaubhaft gemacht wäre. Folglich sei davon auszugehen, dass
er aus irgendwelchen Gründen nicht dem Nationaldienst unterstanden
habe, er diesen allenfalls schon geleistet habe und er diesbezüglich auch
zukünftig nichts zu fürchten habe. Den Wegweisungsvollzug erklärte das
SEM sodann als zulässig, zumutbar und möglich. In diesem Zusammen-
hang äusserte es sich namentlich zur Frage der Zulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzuges im Lichte der Bestimmungen von Art. 3 und 4 EMRK, wel-
che es bejahte.
3.2 Im Rahmen seiner Beschwerdebegründung hielt der Beschwerdefüh-
rer an seinen Gesuchsvorbringen fest, wobei er dem SEM unter Verweis
auf entsprechende Aktenstellen entgegenhielt, soweit Widersprüche be-
standen hätten, hätten diese im Rahmen der Anhörung allesamt aufgelöst
werden können, was vom damaligen Sachbearbeiter zumindest in einem
Punkt ausdrücklich anerkannt worden sei. In diesem Zusammenhang wies
er einerseits darauf hin, dass seine Befragung effektiv nur summarisch er-
folgt sei, mit fünfzig Minuten nur kurz gedauert habe und die Anhörung erst
viel später durchgeführt worden sei, wobei auf den unterschiedlichen Cha-
rakter dieser beiden Interviews zu verweisen sei. Andererseits verwies er
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darauf, dass einer der vom SEM als zentral angerufenen Widersprüche
sich schon innerhalb seiner Befragung geklärt habe. So habe er anlässlich
der Befragung zwar angegeben, dass er am 1. März 2015 nach H._
gereist sei, sich allerdings später korrigiert, dass dieses Datum das Datum
des (...) gewesen sei. An der Befragung sei er lediglich gefragt worden, ob
er schriftliche Vorladungen bekommen habe, deshalb habe er nur die
schriftliche Vorladung angegeben und die zwei anschliessenden Besuche
der Sicherheitsbehörden nicht erwähnt. Einer Gesamtbetrachtung der
Glaubhaftigkeit hielten seine Vorbringen stand, zumal keine diametralen
Widersprüche in der Abfolge der Ereignisse und damit der Konsistenz sei-
ner Vorbringen erkennbar seien, sondern höchstens mindere Unsicherhei-
ten, welche denn auch aktenkundig vom damaligen Sachbearbeiter als
kleinere Widersprüche bezeichnet worden seien. Bei der Festlegung der
Daten sei es lediglich innerhalb desselben Monats (...) 2015 zu Widersprü-
chen gekommen. Schliesslich seien ihm unzählige Fragen gestellt worden,
so dass er schliesslich völlig verwirrt worden sei. Im Rahmen seiner weite-
ren Ausführungen bestritt der Beschwerdeführer die vorinstanzliche Fest-
stellung betreffend die mangelnde Substanziierung seiner Schilderungen
zur geltend gemachten Haft in F._ und seiner Flucht von dort.
Hierzu sei auf die über eine A4 Seite einnehmende, ausführliche freie Er-
zählung anlässlich der Bundesanhörung zu verweisen. Zudem verwies er
im Rahmen einer detaillierten Auseinandersetzung auf entsprechende Ak-
tenstellen und wiederholte dabei im Wesentlichen seine Vorbringen von der
Anhörung. Wiederum unter Verweis auf entsprechende Aktenstellen ver-
wies er sodann auf das Vorliegen deutlicher Realkennzeichen und Detail-
angaben im Zusammenhang mit der Ausreise. Vor diesem Hintergrund
seien seine Angaben sehr wohl detailliert und lebensnah ausgefallen. Vom
SEM wiederum seien alle positiven Sachverhaltselemente konsequent un-
berücksichtigt gelassen worden, weshalb keine korrekte Würdigung der
rechtserheblichen Sachverhaltselemente vorliege.
Im Rahmen seiner weiteren Ausführungen zur Sache hielt der Beschwer-
deführer fest, es sei zumindest seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen,
da er diese auch im Lichte der Praxis gemäss Referenzurteil D-7898/2015
erfülle. Er sei nicht nur illegal ausgereist, sondern in seinem Fall kämen
auch weitere Faktoren hinzu. So habe er zwei Brüder, welche bereits ge-
flohen seien, und sein Vater sei seinetwegen in Haft gewesen. Von daher
sei seine Familie den militärischen Behörden aus mehrfachen Gründen be-
kannt, und er dürfte daher im Falle einer Rückkehr als missliebige Person
einem erheblichen Bestrafungsrisiko aus asylrelevanten Gründen ausge-
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setzt sein. In seinen abschliessenden Ausführungen erklärte der Be-
schwerdeführer den Wegweisungsvollzug unter Berufung auf den ihm in
der Heimat drohenden Militärdienst als mit Art. 3 und Art. 4 Abs. 2 EMRK
unvereinbar, mithin unzulässig, zumindest aber als unzumutbar. Für die
diesbezüglichen Vorbringen im Einzelnen ist, soweit nicht nachfolgend da-
rauf eingegangen wird, auf die Akten zu verweisen.
3.3 In seiner Vernehmlassung bekräftigte das SEM unter Verweis auf seine
bisherigen Erwägungen, die geltend gemachte Refraktion und illegale Aus-
reise sei nicht glaubhaft gemacht, weshalb der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle und sein Asylgesuch abzulehnen sei.
Vor diesem Hintergrund setzte sich das SEM zur Hauptsache mit der Frage
der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges im Lichte der Bestimmungen
von Art. 3 und Art. 4 Abs. 2 EMRK auseinander, wobei es an seiner bereits
bezogenen Position festhielt. Vor dem Hintergrund der nachfolgenden Er-
wägungen kann für die diesbezüglichen Ausführungen auf die Akten ver-
wiesen werden.
3.4 In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer fest, die vorinstanzliche
Vernehmlassung enthalte keine neuen Erwägungen, weshalb an der Be-
schwerde vollumfänglich festgehalten werde.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel-
tend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum
Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht
missbräuchlich gesetzt wurden. Daher werden Personen, welche subjek-
tive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als
Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer stellt sich im Rahmen seiner Beschwerde als
Refraktär dar, und er verlangt vor diesem Hintergrund die Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl, eventualiter zumin-
dest die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund seiner illegalen
Ausreise und seines Profils. Es besteht jedoch – wie nachfolgend aufge-
zeigt – weder Anlass zur Annahme, er habe im Zeitpunkt seiner eigenen
Angaben zufolge Ende März 2015 erfolgten Ausreise in direktem Kontakt
mir den heimatlichen Militärbehörden gestanden, noch ist der geltend ge-
machten illegalen Ausreise aus Eritrea flüchtlingsrechtliche Relevanz zu-
zumessen.
5.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit
der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen
oder nicht. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Ge-
samtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentli-
chen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, per-
sönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller bzw.
die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung,
wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht
es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist,
aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende
Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
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5.3 Das SEM hat richtigerweise erwogen, dass die Vorbringen des Be-
schwerdeführers die Anforderungen an die Glaubhaftmachung nicht zu er-
füllen vermögen. Dabei ist insbesondere hervorzuheben, dass die Vorbrin-
gen insgesamt chronologisch nicht in Einklang zu bringen sind. Der Be-
schwerdeführer machte sowohl während der Befragung als auch während
der Anhörung wiederholt unterschiedliche Angaben zu den Daten der ver-
schiedenen Ereignisse. Zwar weist er in der Beschwerde richtig darauf hin,
dass es dabei lediglich zu kleineren Datumsabweichungen gekommen sei
und alles innerhalb des Monats (...) 2015 stattgefunden habe. Vor diesem
Hintergrund könnten die Widersprüche als nicht diametral bezeichnet wer-
den. Ausschlaggebend ist aber vorliegend, dass der Beschwerdeführer
stets konkrete Daten nannte, seine Angaben im Laufe des Verfahrens je-
doch ständig änderte und den Rückfragen des Sachbearbeiters anpasste.
Der Sachbearbeiter merkte denn an der Anhörung auch an, es scheine,
der Beschwerdeführer rette sich von Frage zu Frage (vgl. A24 F123). Der
Wiederspruch, dass der Beschwerdeführer an der Befragung zunächst an-
gab, er sei am 1. März 2015 ausgereist und später aber angab, er habe
sich am (...) 2015 bei den Behörden gemeldet, ist klar als diametral zu
bezeichnen. Der Beschwerdeführer korrigierte sich denn auch nicht, wie in
der Beschwerde angegeben, sogleich, sondern passte seine Angaben auf
Rückfrage des Sachbearbeiters an (vgl. A5 S. 7). Auch dass er an der Be-
fragung die zwei Besuche der Behörden zwischen der Zustellung der Vor-
ladung und der Mitnahme des Vaters nicht erwähnte, spricht gegen die
Glaubhaftigkeit der Vorbringen. Zwar hat die Befragung einen summari-
schen und anderen Charakter als die Anhörung und ist vorliegend mit fünf-
zig Minuten eher kurz ausgefallen und überdies nicht in der Muttersprache
des Beschwerdeführers durchgeführt worden. Doch selbst vor diesem Hin-
tergrund wäre zu erwarten gewesen, dass er die weiteren für sein Asylge-
such zentralen Besuche der gefürchteten Sicherheitsbehörden auch schon
bei der Befragung erwähnt hätte. Der Erklärungsversuch in der Be-
schwerde, wonach er nur nach der schriftlichen Vorladung gefragt worden
sei, ist nicht zutreffend. Er wurde aufgefordert, seine Vorbringen frei zu
schildern und erwähnte die Besuche dabei nicht (vgl. A5 S. 6f.). Dass er
aus der Frage, wann er die Vorladung erhalten habe, geschlossen habe,
dass er nur die schriftliche Vorladung erwähnen müsse, vermag nicht zu
überzeugen. Auch dass er an der Anhörung auf einmal angab, sein Vater
sei vier Wochen nach der Zustellung der Vorladung verhaftet worden, passt
nicht in die Chronologie der Ereignisse und ist als diametraler Widerspruch
zu bezeichnen. Dass der Sachbearbeiter an der Anhörung von kleineren
Widersprüchen sprach, ist vielmehr auf die Bemühung zurückzuführen, ein
angenehmes Anhörungsklima zu schaffen. Rückschlüsse auf die Relevanz
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der Widersprüche lassen sich daraus nicht ziehen. Auch der lange Zeit-
raum zwischen der Befragung und der Anhörung vermag die Widersprüche
nicht überzeugend aufzulösen, zumal diese auch innerhalb der Befragung
beziehungsweise der Anhörung bestanden. Dass dem Beschwerdeführer
an der Anhörung diverse Fragen gestellt wurden, ist darauf zurückzufüh-
ren, dass seine Angaben ständig voneinander abwichen und der Sachbe-
arbeiter sich bemühte, eine Chronologie herzustellen. So gab er dem Be-
schwerdeführer abschliessend noch einmal die Gelegenheit, genaue An-
gaben zu den Ereignissen zu machen, worauf der Beschwerdeführer gar
keine Daten mehr nannte (vgl. A24 F116).
5.4 Weitere Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers ergeben
sich insbesondere auch aus der ausgesprochenen Substanzarmut in Be-
zug auf seine Schilderungen der Haft und der daraus erfolgten Flucht. Zwar
wird in der Beschwerde wiederum richtig darauf hingewiesen, dass die freie
Erzählung an der Anhörung über eine A4 Seite einnahm. Während der Be-
schwerdeführer aber zunächst sehr ausführlich von seiner schulischen
Laufbahn, dem Aufenthalt im Kloster und dem Schulabbruch sowie später
zu seiner Ausreise berichtete, sind seine Aussagen zur Verhaftung, der
Haft und der Flucht sehr allgemein gehalten und kurz. So beschränkten
sich diese Ausführungen in freier Rede gerade mal auf elf Zeilen (vgl. A24
F61). Und auch auf Rückfragen gab er durchwegs unsubstanziierte und
ausweichende Antworten sowohl zur Verhaftung und der darauffolgenden
Haft als auch zur Flucht (vgl. A24 F82 ff.). Zur Flucht gilt es überdies fest-
zuhalten, dass er diese überaus unplausibel schilderte, indem er angab, er
habe die Flucht eines anderen bei geringer Anzahl Wärter spontan genutzt,
um selber zu fliehen. Dabei sei er zunächst von einem Wärter festgehalten
worden, habe aber dennoch fliehen können, indem er sich zunächst hinter
einem Kaktus versteckt habe. Der Wärter, obwohl mit einem Gewehr be-
waffnet, habe nicht geschossen beziehungsweise auf Rückfrage gab er an,
er glaube, dieser habe dann noch geschossen (vgl. A24 F88 ff.). Ange-
sichts des Umgangs eritreischer Sicherheitsbehörden mit Deserteuren und
Refraktären ist diese Aussage nicht nachvollziehbar, dies auch vor dem
Hintergrund, dass Plausibilitätsüberlegungen aufgrund kultureller Unter-
schiede mit Vorsicht anzustellen sind. Die diversen Aktenverweise in der
Beschwerde auf Realkennzeichen und Detailangaben vermögen an dieser
Einschätzung nichts zu ändern.
5.5 Weitere Ungereimtheiten ergeben sich im Zusammenhang mit den An-
gaben des Beschwerdeführers zu seinem Schülerausweis. So gab er an,
die neuen Schülerausweise für das kommende Schuljahr würden erst nach
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dem ersten Halbjahr des Schuljahrs ausgehändigt. Wer in dieser Zeit in
eine Razzia gerate, werde zuerst einmal festgehalten, bis die Schule be-
stätigt habe, dass diese Person dort auf der Schule angemeldet sei (vgl.
A24 F73 ff.). Diese Aussagen sind vor dem Hintergrund der Erkenntnisse
des Gerichts über die tatsächlichen Verhältnisse in Eritrea nicht nachvoll-
ziehbar. Der Einzug in den Nationaldienst erfolgt über die zwölfte Schul-
klasse in Sawa. Wer die Schule vorher abbricht, läuft Gefahr, bei einer der
zahlreichen Razzien eingezogen zu werden. Es ist deshalb von eminenter
Wichtigkeit, den Schülerausweis stets auf sich zu tragen, um bei einer Raz-
zia den aktuellen Schulbesuch beweisen zu können und nicht verhaftet zu
werden. Schliesslich scheint es auch unplausibel, dass der Beschwerde-
führer am 1. Februar 2015 die Schule abbrach, um seiner Mutter zu helfen,
und bereits am (...) 2015 das Aufgebot für den Militärdienst erhielt. Ergän-
zend gilt es zudem anzumerken, dass der Beschwerdeführer innerhalb der
Befragung teils anderslautende und zudem in sich widersprechende Anga-
ben zum Reiseweg gemacht hatte: nachdem er zuerst angegeben hatte,
seine Reise habe am (...) 2015 in C._ begonnen zu haben, brachte
er auf Nachfrage hin vor, die Reise habe er am (...) 2015 von F._
gestartet zu haben. Gleichzeitig gab er an, er sei zuerst per Fahrzeug nach
H._ gereist, von wo er zu Fuss nach B._ gelangt sei. Das
wäre allerdings der verkehrte Weg; wenn schon, dann hätte er von
B._ nach H._ reisen müssen, wie in der Anhörung beschrie-
ben. Fraglich scheint schliesslich, dass der Beschwerdeführer angab,
C._ liege in der Subzoba B._ (vgl. A5 S. 3), er sich aber ge-
mäss dem Aufgebot im Hauptort der benachbarten Subzoba F._
hätte melden müssen (vgl. A24 F70).
5.6 Insgesamt sind die Aussagen des Beschwerdeführers in Bezug auf die
fluchtauslösenden Ereignisse von einer ausgesprochenen Substanzarmut
geprägt und lassen sich nicht in eine zeitliche Chronologie bringen, zumal
der Beschwerdeführer im Laufe der Befragung und der Anhörung zwar Da-
ten nannte, diese aber ständig wieder anpasste.
5.7 Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass sich der Be-
schwerdeführer mit seiner Ausreise einer konkret anstehenden Rekrutie-
rung entzogen hätte, geschweige denn, dass er nach Missachtung eines
konkreten Aufgebots inhaftiert und in der Folge aus der Haft geflohen wäre.
Es sind keine glaubhaften Hinweise auf eine asylrelevante Verfolgungssi-
tuation im Ausreisezeitpunkt ersichtlich.
D-1522/2018
Seite 14
6.
Nach dem Gesagten bleibt im Folgenden zu prüfen, ob der Beschwerde-
führer die Flüchtlingseigenschaft wegen der geltend gemachten illegalen
Ausreise aus Eritrea erfüllt, worauf er sich im Weiteren beruft. Es ist mithin
zu prüfen, ob er in seiner Heimat nur schon deswegen mit ernsthaften
Nachteilen aus einem asylrelevanten Motiv zu rechnen hat, weil er Eritrea
mutmasslich ohne Bewilligung der heimatlichen Behörden und damit im
Sinne der eritreischen Gesetzgebung widerrechtlich verlassen hat.
6.1 Im Referenzurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 ist das Bundes-
verwaltungsgericht nach einer eingehenden quellengestützten Lageana-
lyse zum Schluss gelangt, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale
Ausreise aus Eritrea per se zur Flüchtlingseigenschaft führt, nicht mehr
aufrechterhalten werden kann (vgl. a.a.O., E. 4.6-4.11 und E. 5.1). Demge-
mäss gilt auch im Falle des Beschwerdeführers, dass nicht mit überwie-
gender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, einer Person drohe ein-
zig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Verfol-
gung. Als ebenso ausschlaggebend erweist sich sodann, dass nach Fest-
stellung des Gerichts flüchtlingsrechtlich nicht relevant die Möglichkeit ist,
dass jemand nach seiner Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen wird.
In dieser Hinsicht hat das Gericht festgestellt, dass die Frage, ob eine dro-
hende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von Art. 3
und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, nicht die Frage der Flüchtlingsei-
genschaft, sondern die Frage der Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs betreffe. Für die Begründung der Flücht-
lingseigenschaft im eritreischen Kontext bedürfe es daher neben der ille-
galen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu einer Ver-
schärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgungsgefahr führen könnten (vgl. a.a.O., E. 5.1).
6.2 Im Falle des Beschwerdeführers ist das Vorliegen solcher zusätzlicher
Faktoren zu verneinen, da einerseits – wie vorstehend ausgeführt – die
geltend gemachten Vorfluchtgründe nicht glaubhaft gemacht werden konn-
ten und andererseits aufgrund der Aktenlage auch keine anderen Anknüp-
fungspunkte ersichtlich sind, welche ihn in den Augen des eritreischen Re-
gimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten. Zwar wird vom
Beschwerdeführer geltend gemacht, er habe zwei Brüder, welche bereits
geflohen seien, und sein Vater sei seinetwegen in Haft gewesen. Diese
Vorbringen vermögen jedoch nicht zu überzeugen, da sich auch von daher
kein ernsthaftes Alleinstellungsmerkmal ergibt, welches den Beschwerde-
führer von anderen eritreischen Asylsuchenden konkret unterscheiden
D-1522/2018
Seite 15
würde. Die Haft seines Vaters ist als Element seiner unglaubhaften Ausrei-
segründe zudem ebenfalls als nicht glaubhaft zu erachten.
6.3 Nach vorstehenden Erwägungen ist es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen, die Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder glaubhaft zu ma-
chen, weshalb die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft zu bestätigen ist.
Das Asylgesuch wurde demnach zu Recht abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
[erster Satz] AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Anordnung der Wegweisung ist demnach zu bestätigen (vgl. dazu BVGE
2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 [zweiter
Satz] AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]).
In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass bezüglich der Geltend-
machung von Wegweisungsvollzugshindernissen gemäss ständiger Praxis
der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft gilt, das
heisst, allfällige Vollzugshindernisse sind zu beweisen, wenn der strikte Be-
weis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen
(vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche
Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des
Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenste-
hen (Art. 83 Abs. 3 AuG). Im Falle des Beschwerdeführers ist der Wegwei-
sungsvollzug indes unter keinem Titel als unzulässig zu erkennen.
8.2.1 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
D-1522/2018
Seite 16
den Verfahren keine Anwendung finden (vgl. auch Art. 33 Abs. 1 des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK,
SR 0.142.30]). Die Zulässigkeit des Vollzuges beurteilt sich demgemäss
nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen
(insbesondere Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK, Art. 3 EMRK und vorliegend
auch Art. 4 EMRK).
8.2.2 Vom Beschwerdeführer wurde namentlich geltend gemacht, der
Wegweisungsvollzug sei als unzulässig zu erkennen, da ihm im Falle einer
Rückkehr in die Heimat sein Einzug in den eritreischen Nationaldienst
drohe. Hierzu gilt es festzuhalten, dass die Frage der Zulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs bei anstehender Einziehung in den eritreischen Na-
tionaldienst vom Bundesverwaltungsgericht in einem Koordinationsurteil
geklärt worden ist (vgl. BVGE 2018 VI/4). Das Gericht hat die Zulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs im genannten Urteil sowohl unter dem Ge-
sichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2 EMRK) als auch unter
jenem des Verbots der Folter und der unmenschlichen und erniedrigenden
Behandlung oder Strafe (Art. 3 EMRK) geprüft und bejaht (vgl. a.a.O.
E. 6.1.5.2). Es kann auf die Ausführungen im genannten Urteil verwiesen
werden.
8.2.3 Der Ordnung halber ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass das
Gericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges im vorgenannten
Grundsatzurteil lediglich für freiwillig Rückkehrende beurteilt hat – aufgrund
des fehlenden Rückübernahmeabkommens mit Eritrea – und die Frage der
Zulässigkeit zwangsweiser Rückschaffung explizit offengelassen wurde
(vgl. BVGE 2018 VI/4 E. 6.1.7).
8.2.4 Weitere Gründe für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ergeben sich weder aus den Akten noch aus der Beschwer-
deschrift. Der Wegweisungsvollzug ist folglich als zulässig zu betrachten.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren. Im Falle des Beschwerdeführers erweist sich in-
des Wegweisungsvollzug unter keinem Gesichtspunkt als unzumutbar.
D-1522/2018
Seite 17
8.3.1 Im Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 ist das Bundes-
verwaltungsgericht nach einer eingehenden Analyse der Ländersituation
(vgl. a.a.O., E. 15 und 16) zum Schluss gelangt, dass angesichts der do-
kumentierten Verbesserungen in der Nahrungsmittel- und Wasserversor-
gung, im Bildungswesen sowie im Gesundheitssystem die bisherige Praxis
(gemäss EMARK 2005 Nr. 12), wonach eine Rückkehr nach Eritrea nur bei
begünstigenden individuellen Umständen zumutbar sei, nicht mehr auf-
rechterhalten werden kann (vgl. a.a.O., E. 17.2). Das Gericht stufte den
Wegweisungsvollzug nach Eritrea daher als grundsätzlich zumutbar ein.
8.3.2 Im Grundsatzurteil BVGE 2018 VI/4 vom 10. Juli 2018 ist das Gericht
im Weiteren zum Schluss gelangt, dass auch Personen, welche im Falle
einer Rückkehr nach Eritrea in den Nationaldienst eingezogen werden, auf-
grund der allgemeinen Verhältnisse im Nationaldienst nicht in eine existen-
zielle Notlage zu geraten drohen (vgl. a.a.O., E. 6.2.3). Auch sei nicht über-
wiegend wahrscheinlich, im Nationaldienst von ernsthaften Übergriffen be-
troffen zu sein, da nicht von flächendeckenden Misshandlungen und sexu-
ellen Übergriffen im Nationaldienst auszugehen sei (vgl. a.a.O., E. 6.2.4).
Demnach sei auch nicht davon auszugehen, dass Nationaldienstleistende
bei Rückkehr generell im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG konkret gefährdet
seien. Die drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst führt
demgemäss – anders als geltend gemacht – nicht zur Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs.
8.3.3 Angesichts der im Referenzurteil D-2311/2016 festgehaltenen
schwierigen allgemeinen – und insbesondere wirtschaftlichen – Lage in
Eritrea muss bei Vorliegen besonderer Umstände aber nach wie vor von
einer Existenzbedrohung ausgegangen werden. Die Frage der Zumutbar-
keit bleibt daher im Einzelfall zu prüfen (a.a.O., E. 17.2). Die vorliegend er-
sichtlichen Einzelfallumstände sprechen indes nicht gegen die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzuges. So handelt es sich beim Beschwerdefüh-
rer um einen jungen Mann, welcher gemäss Aktenlage gesund ist und des-
sen Familie – seine Eltern und immerhin noch eines von fünf Geschwistern
– weiterhin im Heimatdorf leben, wo die Familie Landwirtschaft betreibt.
Auch wenn die Familie laut dem Beschwerdeführer mit schwierigen wirt-
schaftlichen Verhältnissen zu kämpfen hat, so verfügt er doch am Heima-
tort weiterhin über ein familiäres Beziehungsnetz. Im Ausland verfügt er
zudem über zwei Geschwister, welche ihn unterstützten können, wie es der
eine bei der Ausreise des Beschwerdeführers schon getan hat. Es ist ihm
zuzumuten, zusammen mit seiner Familie wiederum in der Landwirtschaft
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Seite 18
zu arbeiten. Zudem ist nicht auszuschliessen, dass er seine Priesteraus-
bildung in Eritrea fortsetzen könnte.
8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Wegweisungsvollzug auch als
zumutbar.
8.4 Abschliessend ist auch von der Möglichkeit des Wegweisungsvollzu-
ges auszugehen (Art. 83 Abs. 2 AuG), da eine freiwillige Rückkehr nach
Eritrea technisch ohne weiteres möglich und der Beschwerdeführer ver-
pflichtet ist, über die für ihn zuständige Vertretung seines Heimatstaates
die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8
Abs. 4 AsylG; BVGE 2008/34 E. 12). Mit Blick darauf erweist sich als uner-
heblich, dass derzeit die zwangsweise Rückführung nach Eritrea generell
nicht möglich ist; die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr steht praxisge-
mäss der Feststellung der Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs (im
Sinne von Art. 83 Abs. 2 AuG) entgegen.
8.5 Den vorstehenden Erwägungen gemäss ist der Wegweisungsvollzug
als zulässig, zumutbar und möglich zu erkennen, womit die Anordnung ei-
ner vorläufigen Aufnahme ausser Betracht fällt (Art. 83 Abs. 1-4 AuG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten des Verfah-
rens grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Aufgrund der Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege (nach Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist jedoch von einer Kostenauflage ab-
zusehen, zumal den Akten nicht zu entnehmen ist, dass die finanziellen
Verhältnisse des Beschwerdeführers sich seither geändert hätten.
10.2 Nachdem die rubrizierte Rechtsvertreterin dem Beschwerdeführer als
amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet worden ist (vgl. Art. 110a Abs. 1
i.V.m. Art. 110a Abs. 3 AsylG), ist sie für ihren Aufwand unbesehen des
Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwen-
dig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Mit der Replikeingabe vom
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5. April 2018 hat sie eine Kostennote eingereicht, in welcher (bereinigt um
den ersichtlichen Rechnungsfehler zu eigenen Lasten) ein zeitlicher Auf-
wand von insgesamt 10,5 Stunden geltend gemacht wird, zu einem Ansatz
von Fr. 180.– zuzüglich Mehrwertsteuer auf dem resultierenden Betrag.
Zusätzlich wird eine Spesenpauschale geltend gemacht, welche nicht
mehrwertsteuerpflichtig sei. Der damit ausgewiesene Aufwand ist in zeitli-
cher Hinsicht als der Sache angemessen zu erkennen, indes wird bei amt-
licher Rechtsvertretung nach Art. 110a AsylG praxisgemäss von einem
Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterin-
nen und Vertreter ausgegangen. Zudem werden vom Gericht praxisge-
mäss keine Spesenpauschalen vergütet. Nach dem Gesagten ist das amt-
liche Honorar aufgrund der Aktenlage, unter Berücksichtigung des üblichen
Aufwandes in vergleichbaren Verfahren sowie der massgebenden Bemes-
sungsfaktoren (Art. 12 i.V.m. Art. 9-11 VGKE) auf pauschal Fr. 1‘750.–
(inkl. Spesen und Mehrwertsteuerbetrag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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