Decision ID: bf6116c9-3aed-4d66-adb9-dc1d3f66a58a
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die
1958 geborene
X._
meldete sich am 26. Februar 2016 unter Hin
weis auf eine seit dem 28. April 2016 bestehende posttraumatische Belastungs
störung bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (Urk. 9/3
, Urk. 9/
4). Daraufhin zog die IV-Stelle die
Akten der
Leistungen erbringenden
Taggeldversicherer
bei und holte Auskünfte der behandelnden Ärzte ein.
Am 15. Dezember 2016 teilte sie der Versicherten mit, dass eine psychiatrische Abklärung bei Dr. med.
Y._
, Fachärztin für Psychia
trie und Psychotherapie, notwendig sei (Urk. 9/39).
Diese
erstattete am 22. März 2017 ihr Gutachten (Urk. 9/46).
Daraufhin
teilte
die IV-Stelle a
m 2. Mai 2017 der Versicherten mit, dass eine
erneute
psychiatrische Abklärung notwendig sei
,
und
schlug Dr. med.
Z._
, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psycho
therapie, als Gutachter vor (Urk. 9/51). Dagegen wehrte sich die
nun anwaltlich vertretene
Versicherte mit Schreiben vom 17. Mai 2017 (Urk. 9/60).
Am 24. Mai 2017 nahm die Verwaltung zu den erhobenen Einwendungen Stellung und hielt an
der
erneuten Begutachtung fest. Im Rahmen des Einigungsverfahrens beauf
tragte sie neu
pract
. med.
A._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, mit der Begutachtung und
räumte
der Versicherten
eine Frist
ein
, um Einwen
dungen gegen die Art der Begutachtung, die vorgesehene Fachdisziplin sowie die begutachtende Person geltend zu machen (Urk. 9/63)
, was diese mit einer nicht bei den Akten liegenden Eingabe vom 14. Juni 2017 offenbar machte (vgl. Urk. 9/69).
Daraufhin hielt
die IV-Stelle
mit Zwischenverfügung vom 5. Juli 2017 an der beabsichtigten Abklärung fest (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
X._
am 28. August 2017 Beschwerde mit dem Rechts
begehren um Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Zusprechung einer ganzen Invalidenrente. Im Eventualbegehren ersuchte sie um Rückweisung der Sache an die Verwaltung
mit der Anweisung, von der Begutachtung abzu
sehen und zur Berechnung des Invaliditätsgrades zu schreiten. In prozessualer Hinsicht beantragte die Beschwerdeführerin eine Nachfrist zur Begründung nach Gewährung der Akteneinsicht, die Anordnung einer öffentlichen Ver
handlung, ihre Zulassung zur Parteiaussage, die Einvernahme von drei Zeugin
nen und die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
(Urk. 1 S. 2
-3
).
Mit Beschwerdeantwort vom 26. September 2017 schloss die Verwaltung auf Ab
weisung der Beschwerde (Urk. 8), worüber die Beschwerdeführerin am 6. November 2017 orientiert wurde (Urk. 14).
Nachdem die Beschwerdeführerin am 14. November 2017 um Ansetzung einer Frist zur Replik ersucht hatte
(Urk. 15), verzichtete sie
mit Eingabe vom
22. November 2017 darauf und legte die Honorarnote ihres Rechtsvertreters ins Recht (Urk. 17).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
1.1.1
Anfechtungsgegenstand ist die Verfügung vom
5. Juli 2017
, mit welcher die Beschwerdegegnerin die
erneute
psychiatrische Begutachtung der Beschwerde
führerin angeordnet hat (Urk. 2). Es handelt sich dabei um eine Zwischenverfü
gung im Sinne von Art. 55 Abs. 1
des Bundes
gesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (
VwVG
). Dies
e ist gestützt auf Art. 46
lit
. a
VwVG
selbständig anfecht
bar, wenn sie einen nicht
wieder gutzumachenden
Nachteil bewi
rken kann (vgl. BGE 132 V 93 E.
6.1).
1.
1.
2
In BGE 137 V 210 wurde in Änderung der früheren Rechtsprechung (BGE 132 V 93 E. 6.5) erkannt, die
Eintretensvorausse
tzung
des nicht wieder gutzuma
chen
den Nachteils sei bei der Anordnung von medizinischen Gutachten und der Be
zeichnung der Gutachter für das erstinstanz
liche Beschwerdeverfahren regel
mässig gegeben,
zumal die nicht sachgerechte Be
gutachtung in der Regel einen rechtlichen und nicht nur einen tatsächlichen Nachteil bewirken werde. Hinzu komme, dass die mit medizinischen Untersuc
hungen einhergehenden Belastun
gen zuweilen einen erheblichen Eingriff in die
physische oder psychische Inte
g
rität bedeuten würden. Beschwerdeweise geltend gemacht werden
können demnach materielle Einwen
dungen beispielsweise des Inhalts, die in Aussicht genommene Begutachtung sei nicht notwendig, weil sie
mit Blick auf einen bereits umfassend abgeklärten Sachverhalt
bloss einer
„
second
opinion
" (Zweitmeinung) entspräche (noch anders: BGE 136 V 156; vgl. auch SVR 2007 UV Nr. 33 S. 111 E. 4.2, U 571/06).
1.
1.
3
Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur Rechts
verhältnisse zu überprüfen beziehungsweise zu beurteilen, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfü
gung beziehungsweise eines
Einspracheentscheids
– Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung beziehungsweise der
Einspracheentscheid
den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung,
wenn und insoweit keine Verfügung beziehungsweise kein
Einspracheentscheid
ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1; 125 V 413 E. 1a).
1.
2
1.2.1
M
it
de
r Beschwerde beanstandet die Beschwerdeführerin
zunächst
die in Aus
sicht ge
stellte
Begutach
tung
durch med.
pract
.
A._
a
ls unnötige und unzuläs
sige Ein
holung einer Zweitmeinung zu dem
bereits anhand der Berichterstat
tung der behandelnden Ärzte erstellten und
mit dem
psychiatrischen
Gutachten
von Dr.
Y._
vom 22. März 2017
(Urk.
9/46
) ber
eits umfassend abgeklärten Sach
verhalt (Urk. 1 S.
7, S.
13 ff.
).
Darüber hinaus habe sie während der Begut
achtung durch Dr.
Y._
eine
Retraumatisierung
erlitten. Eine erneute Begut
achtung sei für sie eine seelisch äusserst schmerzhafte Prozedur (Urk. 1 S. 7 ff.).
Angesichts der hiervor zitierten Rechtsprechung ist a
uf
die Be
schwerde daher
grundsätzlich
einzutreten.
1.2.2
Gegenstand der ange
fochtenen Verfügung ist
allerdings
nur
die Anordnung einer (erneuten) Begutachtung der Beschwerdeführerin
(vgl. Urk. 2). Im vorlie
genden Verfahren zu prüfen ist demzufolge lediglich
diese Frage
, während
mit Bezug
auf den
von der Beschwerdeführerin ebenfalls gestellten
Antrag
auf
Zu
sprechung
einer Invalidenrente
(Urk. 1 S. 2 und S. 19) auf die Beschwerde
nicht
eingetreten werden kann.
2
.
2
.1
Art. 43 Abs. 1 ATSG statuiert die Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen, wobei es im Ermessen des Versicherungsträgers liegt, darüber zu befinden, mit welchen Mitteln diese zu erfolgen hat. Im Rahmen der Verfahrensleitung kommt ihm ein grosser Ermessensspielraum bezüglich Notwendigkeit, Umfang und Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist der Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann. Die für die Beurteilung des Leistungs
anspruchs von Amtes wegen durch
zuführenden notwendige
n Abklärungen im Sinne von Art.
43 ATSG beinhalten indessen rechtsprechungsgemäss ni
cht das Recht des Versicherungs
trägers, eine
„
second
opinion
" zum bereits in einem Gutachten festgestellten Sachverhalt einzuholen, wenn ihm dieser
nicht gefällt (SVR 2007 UV Nr. 33 S. 111, U 571/06 E. 4.1 u. E.
4.2; Urteil des Bundesgerichts 8
C_957/2010 vom 1. April 2011 E.
6.1). Entscheidend dafür, ob weitere Abklärungen
ange
ordnet werden können und müssen, ist, ob die bereits vo
rliegenden Gutachten die praxisge
mässen inhaltlichen und beweismässigen Anforderun
gen erfüllen (Urteil des Bundesgerichts U 571/06 vom 29. Mai 2007 E.
4.2).
2
.2
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist entscheidend, ob es für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderli
chen allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berück
sichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person aus
einander setzt – was vor allem bei psychischen Fehlentwicklungen nötig ist –, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge einleuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Ex
perten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszuräu
mende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Beantwortung der Fragen erschweren oder verunmöglichen, gegebenenfalls deutlich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; Ulrich Meyer, Die Rechtspflege in der Sozialversicherung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in: Hermann
Fredenhagen
, Das ärztliche Gutachten, 4. Auflage 2003, S. 24 f.).
3
.
3
.1
Die Beschwerdegegnerin
begründete den angefochtenen
Zwischenentscheid
da
mit
,
dass
das psychiatrische
Gutachten von Dr.
Y._
vom 22. März 2017 in keiner Weise entsprechend den Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatri
sche Gutachten der
B._
vom 16. Juni 2016 erstellt worden
sei
, weshalb darauf nicht habe abgestellt werden können. Aus Sicht des RAD sei auch die Aktenlage keines
wegs so eindeutig, wie es der Rechtsvertreter darstelle (Urk. 2 S. 2).
3
.2
Dagegen wendet die Beschwerdeführerin
im Wesentlichen
ein,
bereits die erste Begutachtung durch Dr.
Y._
habe sich angesichts der gleichlautenden Arzt
berichte als unnötig erwiesen, zumal bei jeder Begutachtung die Gefahr der
Retraumatisierung
bestehe. Angesichts des Gesundheitszustandes stelle der er
neute Begutachtungsauftrag eine unmenschliche Behandlung dar, zumal es der Beschwerdegegnerin im Sinne des Verhältnismässigkeitsprinzips offen gestan
den wäre, mit Ergänzungsfragen an die Gutachterin zu gelangen.
Weiter wirft die Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin vor, eine unzulässige
second
opinion
einzuholen und ihr den Anspruch auf eine volle Rente zu verweigern (Urk. 1 insbes. S. 19).
3
.3
Dem entgegnet die Beschwerdegegnerin, dass es dem psychiatrischen Gutachten von Dr.
Y._
einerseits an einer Erörterung und Auseinandersetzung mit den
bereits vorliegenden Berichten der behandelnden Ärzte und Institutionen mangle. Andererseits genügten weder die Krankheits- noch die Arbeitsanam
nese den gestellten Anforderungen. Aufgrund dieser Versäumnisse erw
ie
sen sich sowohl die Beurteilung als auch die gezogenen Schlussfolgerungen als nicht nachvollziehbar und für die Beurteilung einer Invalidität im Sinne des Gesetzes als nicht geeignet. Die genannten Unzulänglichkeiten des psychiatri
schen Gutachtens erwiesen sich schliesslich als dergestalt, dass sie auch mittels Ergänzungsfragen nicht hätten behoben werden können. Daher erweise sich eine neuerliche Begutachtung als unabdinglich, um der Abklärungspflicht, ins
besondere dem Untersuchungsgrundsatz gerecht zu werden. Es handle sich da
mit nicht um die Einholung einer unzulässigen
second
opinion
.
Mit Bezug auf die Befürchtung einer
Retraumatisierung
könne von der psychiatrischen Fach
person, welche mit der Abklärung betraut werde, erwartet werden, eine allfällige Verschlechterung des Gesundheitszustandes (frühzeitig) zu erkennen, die not
wendigen Gegenmassnahmen zu treffen oder im Notfall die Begutachtung ab
zubrechen (Urk. 8 S. 2 f.).
3
.4
Streitig und zu prüfen ist, ob sich die Beschwerdeführerin erneut einer psychia
trischen Begutachtung zu unterziehen hat oder ob das bereits vorliegende Gut
achten
von Dr.
Y._
22. März 2017
(Urk.
9
/
46
) die praxisgemässen inhaltli
chen und beweismässigen Anforderungen an eine für den massgeblichen Sach
verhalt ausreichende medizinische
Entscheidungsgrundlage erfüllt
, beziehungs
weise ob allfällige Unzulänglichkeiten des Gutachtens mit Ergänzungsfragen behoben werden können.
4
.
4
.1
Dr.
Y._
stellte im
psychiatrischen Gutachten vom 22. März 2017 (Urk. 9/46)
folgende Diagnosen (S. 7):
-
Komplexe posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
-
Dissoziative Bewegungsstörung (ICD-10 F44.4)
-
Rezidivierende depressive Störung,
ggw
. mittelgradige Episode (ICD-10 F33.11)
-
Zwangshandlungen (ICD-10 F42.1)
Dem Gutachten
ist
weiter
zu entnehmen, dass
eine posttraumatische Belastungs
störung als Reaktion auf ein aussergewöhnlich belastendes Ereignis folgen könne. Bei der Versicherten könnten sowohl der sexuelle Missbrauch in der Kindheit als auch das Auffinden ihres Chefs nach dessen Suizid als Auslöser gesehen werden, beziehungsweise sei das ursprüngliche traumatische Erlebnis und die Folgen davon auf die Persönlichkeitsentwicklung und Vulnerabilität der
Versicherten durch das erneute traumatische Erlebnis erneut getriggert worden
(S. 7).
Sowohl der sexuelle Missbrauch in der Kindheit als auch das Auffinden des blut
überströmten toten Chefs erfüllten die Kriterien eines traumatischen Erleb
nisses.
D
ie diagnostische Klassifikation des ICD-10
wie auch diejenige des
DSM-5
nannten als B
eispiele möglicher traumatischer
Auslöser eine „Situation ausser
gewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmass, z.B. ein schwerer Unfall oder Zeuge des gewaltsamen Todes anderer aber auch Verge
waltigung". Prämorbide Persönlichkeitsfaktoren könnten die Schwelle für die Entwicklung einer solchen Störung senken und den Verlauf verstärken. Im DSM-5 werde als Kriterium Zeuge sein oder das Erfahren von einem traumati
schen Erlebnis (als Beispiel werde auch ein schwerer Unfall genannt) bei einem Angehörigen oder nahen Freund genannt. Die Versicherte habe mehrere Jahre eng zusammen mit ihrem Chef gearbeitet. Es habe sich um einen sehr kleinen Betrieb gehandelt, so dass von einem engen und persönlichen, freundschaftli
chen Arbeitsverhältnis ausgegangen werden könne. Zudem sei die Partnerin des Chefs die Wohnungsnachbarin der Versicherten gewesen. Auch über diese per
sönliche Beziehung habe ein freundschaftliches Verhältnis zum Vorgesetzten bestanden
(S. 7)
.
Typisch für eine posttraumatische Belastungsstörung
und auch bei der Versi
cherten als Symptom festzustellen
sei das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Flashbacks) vor dem andauernden Gefühl der emotionalen Betäubung,
Derealisation
, auch Teilnahmslosigkeit der Umwelt gegenüber. Aktivitäten oder Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten, würden vermieden. Die Versicherte vermeide z.B
.
die Um
gebung ihres früheren Arbeitsplatzes. Beim Wiedererleben des Traumas komme es zu akuten Ausbrüchen von unkontrollierten Bewegungsabläufen und einer Dissoziation aus der Umgebung und Realität. Es bestehe
Hypervigilanz
und Schreckhaftigkeit. Die Störung trete in der Regel innerhalb von sechs Monaten nach einem traumatischen Ereignis auf. Bei einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung
bestehe
neben den typischen Symptomen der
posttraumati
schen Belastungsstörung
auch ein breites Spektrum an kognitiven,
a
ffektiven und psychosozialen Beeinträchtigungen über einen längeren Zeitraum
(S. 7).
Die Diagnose einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung
beschr
ei
be
ein Symptombild bei dem neben den typischen Symptomen einer
posttrauma
tischen Belastungsstörung
auch eine Störung der Affektregulation, dissoziative Symptome, eine gestörte Selbstwahrnehmung sowie Beziehungsgestaltung
be
stünden
. Ausserdem könn
t
en Somatisierung, Störungen der Sexualität sowie
Veränderungen persönlicher Glaubens- und Wertvorstellungen vorkommen. Somit könn
t
en di
e dissoziative Bewegungsstörung,
die Zwangsstörung sowie die depressive Episode als
komorbide
Störung
en
oder als Symptome der kom
plexen
posttraumatischen Belastungsstörung gesehen werden (S. 7).
Dissoziative Bewegung
sstörungen zeig
t
en sich in unwillkürlichen Bewegungs
-
ab
läufen
, deren Kontrolle sich dem Betroffenen ent
ziehe
. Die nor
malen Abläufe w
ü
r
den unterbrochen. Häufig bestehe
eine enge Beziehung zu psychischem Stress. Sie führ
t
en zu einer Beeinträchtigung im Alltag sowie im Beruf. Bei der Versicherten m
ü
ss
e
die dissoziative Störung sicherlich als Teil ihrer komplexen
posttraumatischen Belastungsstörung
gesehen werden. Sie
sei
dennoch ausgeprägt genug, um eine eigene diagnostische Kodierung z
u recht
fertigen (S. 7 f.).
Bei einer Zwang
sstörun
g
hand
l
e es sich um stereotype Handlungen oder Ritu
ale, die weder als angenehm noch als nützlich erlebt w
ürden. Sie wü
rden gese
hen als vorbeugende Massnahme gegen ein objektiv unwahrscheinliches Ereig
nis, das Schaden anrichten könnte. Obwohl das
Verhalten als sinnlos erlebt we
rd
e, gelinge
der Widerstand dagegen nicht. Häufig
seien
auch Angstsymp
tome vorhanden, denen die Zwangshandlungen teilweise entgegenwirk
t
en. Zwischen Zwangs
störungen und Depression bestehe
eine enge Verbindung. Bei der Versicherten best
ünd
en seit dem Trauma im
April 2015 derartige Zwangs
handl
ungen
(S. 8).
Die rezidivie
rende depressive Störung bestehe
bereits seit über 25 Jahren in un
terschiedlicher Ausprägung. Zwischenzeitlich
habe
es wohl auch Remissionen
gegeben. Dennoch habe
die Versicherte seit vielen Jahren aufgrund ihrer ver
minderten Belastbarkeit nicht 100
% gearbeitet. Somit
müsse
zumindest von ei
ner erhöhten Vulnerabilität ausgegangen werden. Aktuell
könne
bei der Versi
cherten eine mittelgradige depressive Episode
festgestellt werden. Sie leide
unter gedrückter Stimmung, Interesseverlust
,
Freudlosigkeit, einem stark verminderte
n
Antrieb, erhöhter Ermüdbarkeit, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörun
gen, eine
m verminderte
n
Selbstwertgefühl sowie
fehlender Zukunftsperspektive (S. 8).
Sodann führte die Gutachterin aus, i
n der Stellungnahme des
Regionalen Ärztli
chen Dienstes
(
RAD;
gemeint ist
die Stellungnahme
von
Dr. med.
C._
, Fach
ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 6. Dezember 2016
[
Urk. 9/77 S. 5 f.
]
)
werde
auf Merkmale einer
posttraumatischen Belastungsstörung nach DSM-IV
hingewiesen, die bei der Versicherten nicht erfüllt seien. D
azu hielt die Gutachterin fest, d
ie diagnostischen Kriterien einer posttraumatischen Belas
tungsstörung
(309.81) gemäss dem aktuell gültigen DSM-5 seien
bei der Versi
cherten erfüllt
(S. 8 f.)
:
A.
Einem traumat
ischen Ereignis ausgesetzt sein:
Dies
sei
sowohl für die sexuel
len Übergriffe in der Kindheit als auch für das Auffinden ih
res er
schossenen Chefs gegeben.
B.
Eine oder mehrere Intrusionssymptome, die mit dem traumatischen Ereignis
zusammenh
ie
ngen
und danach anfingen
(es wü
rden hier nur die Symptome genannt, die bei der Versicherte festzustellen
seien):
(1)
Wiederholte, unwillkürliche und intrusive quälende Erinnerungen an das traumatische Ereignis,
verstärkt
wenn sie in der Stadt an ihrem ehemal
igen Arbeitsplatz vorbeikomme.
(2)
Dissoziative Reaktionen (z.
B. Flashbacks), in denen
s
ie das tr
aumatische Ereignis wiedererlebe, i
m extremsten Fall mit komplettem Verlust des Be
wusstseins für die
aktuelle Umgebung und Realität.
(3
)
Intensives und anhaltendes Leiden, wenn
innere oder äussere Reize aufträ
ten, die an das traumatische Ereignis erinner
te
n,
z
.B. ein Ge
räusch, ein Geruch oder Bilder.
(4)
Ausgeprägte physiologische Reaktionen auf solche Reize.
C.
Anhaltendes Vermeidungsverhalten in Bezug auf Stimuli, die mit dem Tr
auma in Zusammenhang gebracht würden. Sie vermeide
auch Menschen, die mit dem Ereignis
zusammenh
ie
ng
en
.
D.
Negative kognitive oder affektive Veränderungen
im Zusammenhang mit dem Trauma
(1)
Dissoziative Amnesie
(2)
Anhaltende, verzerrte Wahrnehmung der Ereignisse aber auch der Selbs
t
wahrnehmung mit Schuldgefühlen
(3)
Angst, Wut auch Angst vor der Zuku
nft, innere Leere, Traurigkeit
(4)
Anhaltende negative emotionale Zustän
de wie Angst, Schuld oder Scham
(5)
Ausgeprägter Interessenverlust,
Anhedonie
(anhaltende Unfähigkeit posi
tive Emotionen zu erleben), keine Teilnahme
an bisher wichtigen Aktivitäten
(6)
Gefühl von Distanz
zu oder Entfremdung von anderen
E.
Ausgeprägte Veränd
erung der Vigilanz und Reaktion
(
1
)
Hyper
v
igilanz
(2)
Schreckhaftigkeit
(3)
Konzentrationsstörung
(4)
Schlafstörungen
F.
Zeitliche Dauer von fast zwei Jahren seit 28
. April 2015.
G.
Klinisch relevantes Leiden oder Beeinträchtigung im sozialen, beruflichen oder sonst
igen wichtigen Lebensbereichen.
Ausserdem
werde
im DSM-
5
noch differenziert, ob zusätzlich dissoziative Symp
tome wie Depersonali
sation oder
Derealisation
bestünd
en, was bei der Versicherten ebenfalls bestätigt werden
könne
. Somit
seien
die diagnostischen Kriterien einer
posttraumatischen Belastungsstörung
sowohl nach den Leitlinien des ICD-
10 als auch nach denen des DSM-5
erfüllt
(S. 9)
.
Bei der Beurteilung der Arbeitsfähig
keit
stellte die Gutachterin fest,
f
ür die aktu
elle Lebenssituation ohne ausserhäusliche Tätigkeiten besteh
e
eine leichte Beeinträchtigung der Fähigkeit, sich an Regeln und Routine anzupassen. Die Versicherte
sei
im Stande
,
ihre Termine einzuhalten. Termine belaste
te
n sie al
lerdings recht stark und bedeute
te
n Stress. In der Planung und Strukturierung von Aufgaben
sei
sie leicht eingeschränkt, ebenfalls bei der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit. In der Entscheidun
gs- und Urteilsfähigkeit bestehe keine Einschränkung. Es bestehe
eine mittelgradige Beeinträchtigung der Durchhalte
fähigkeit sowie der Selbstbehauptungsfähigkeit. Die Kontaktfähigkeit
sei
einge
schränkt
.
Die Gruppenfähigkeit
könne derzeit nicht beurteilt werden.
F
ür grös
sere Gru
ppen oder wenn viel Lärm bestehe
,
sei
die Versicherte erheblich beein
trächtigt. Die Fähigkeit zu familiären und intimen Beziehungen
sei
leicht be
einträchtigt. Die Fähigkeit zu Spontanaktivitäten
sei
mittelgradig eingeschränkt. Die Selbstpflege
sei
nicht beeinträchtigt. Die Verkehrsfähigkeit
sei
mindestens mitte
l
gradig beeinträchtigt durch Flashbacks und unvorhe
rsehbare dissoziative Zustände (S. 9).
Daraus schloss die Gutachterin, dass d
ie
Beschwerdeführerin
für häusliche, pri
vate und Freizeitaktivitäten mittelgradig eingeschränkt
sei
. Eine berufliche Tä
tigkeit
sei
derzeit nicht möglich. Seit dem 28
. April 2015 bestehe
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für alle beruflichen Tätigkeiten. Die zwischenzeitlich auf Wunsch der Versicherten attestierte Teilarbeitsfähigkeit
könne aus
medizini
scher Sicht nicht nachvollzogen und
müsse
als Gefälligkeit bewertet werden
.
Auch weiterhin
bestünden
im Alltag durch die Störung starke Einschränkungen und die Versicherte
sei
als vollständig arbeitsunfähig
zu beurteil
en. Bei Weiter
führung der bereits bestehenden Therapie
könne
auf Dauer mit einer Verbesse
rung gerechnet werden. Eine erneute Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
sei
jedoch frühestens in
zwei
Jahren sinnvoll
(S. 9).
4
.2
Die
RAD
-Ärztin Dr.
C._
gab in der Stellungnahme vom 30. März 2017
(Urk. 9/77
S
.
7 f.
)
an, auf das psychiatrische Gutachten von Dr.
Y._
könne nicht abgestellt werden. Das Gutachten beschreibe eine kurze, jedoch einiger
massen nachvollziehbare Biografie. Allerdings erörtere es die vorliegenden Be
richte nicht. Weder die Krankheits- noch die Arbeitsanamnese genügten den gestellten Anforderungen. Weiter seien weder die Belastungen, noch die Ein
schränkungen, noch ein Belastungsprofil aufgeführt. Auch ein Tagesablauf fehle. Aufgrund dieser Mängel seien Beurteilung und Schlussfolgerungen nicht klar nachvollziehbar. Aufgrund der geradlinigen beruflichen Laufbahn und der fehlenden diagnosespezifischen Symptome könne nicht auf eine andauernde Persönlichkeitsveränderung (entsprechend einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung) aufgrund der sexuellen Übergriffe in der Kindheit ausge
gangen werden. Eine posttraumatische Belastungsstörung nach dem Auffinden des Chefs könne einigermassen nachvollzogen werden. Unter adäquater stö
rungsspezifischer Therapie müsste diese jedoch gut behandelbar sein. Warum es nach dem Klinikaufenthalt auf der
Traumastation
der Klinik
D._
schlechter gehen solle als vor dem Aufenthalt, könne nicht wirklich nachvoll
zogen werden. Es wäre zu diskutieren, ob diese Therapie adäquat sei.
4
.3
Am 21. Juni 2017 ergänzte Dr.
C._
, dass Dr.
Y._
s Gutachten nicht entspre
chend den Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie
B._
vom 16. Juni 2016 erstellt worden sei, weshalb darauf nicht abgestellt werden könne. In diesem Sinne könne nur ein erneutes Gutachten, das die gestellten Anforde
rungen erfülle, Klarheit verschaffen
(Urk.
9/77 S. 7
)
.
4.4
Dr. med.
D._
, Fachärztin für orthopädische Chirurgie und Traumatologie, fügte am 29. Juni 2017 namens des RAD hinzu, dass die Aktenlage keineswegs eindeutig sei. Dr.
med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
habe die Beschwerdeführerin
2015
zweimal
untersucht
(vgl.
dessen
Schreiben
vom 28. Juli und 23. Oktober 2015 an den Kollektiv-Krankenversicherer [
Urk. 9/11/20 und Urk. 9/11/23
]
)
.
Er habe Einsicht in die vorhandenen medizi
nischen Akten gehabt und am 23. Oktober 2015 nach eigener Untersuchung festgestellt, dass die Beschwerdeführeri
n
ab 1. Oktober 2015 zu 50 % und ab 1. Dezember 2015 zu 100 % arbeitsfähig sei. In seiner Einschätzung nehme er ausdrücklich zu den Leitlinien Bezug
. Das Gutachten erachtet sie als unbrauch
bar
(Urk. 9/77 S. 8)
.
5.
5.1
Dr.
Y._
begründete in ihrem Gutachten vom 22. März 2017
(E. 4.1)
in nachvoll
ziehbarer Weise die von ihr gestellten Diagnosen. Diese entsprechen im Wesentlichen auch den Beurteilungen der bisher involvierten Ärzte (vgl. dazu insbesondere die Berichte
des die Beschwerdeführerin früher behandelnden Psy
chiaters
med.
pract
.
F._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 10. Mai 2016
[Urk. 9/16],
der die Beschwerdeführerin aktuell behandelnden Psychiaterin
med.
pract
.
G._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 1. November 2016
[Urk. 9/36], sowie die beiden Austrittsberichte der
Klinik
D._
[Urk. 9/24, Urk. 9/41]).
Bei der Begründung der Diagnose ei
ner komplexen posttraumatischen Belastungsstörung
orientierte
sich die Gut
achterin
an
den allgemein anerkannten Klassifikationskriterien gemäss DS
M
5 und ICD
1
0.
Sie
setzte sich damit
sowie
mit den
von der RAD-Ärztin Dr.
C._
in ihrer, zur Begutachtung
A
nlass gebenden Stellungnahme vom 6. Dezember 2016 geäusserten Zweifel
n
(Urk. 9/77 S.
4-6)
eingehend
auseinander. Insoweit scheinen ihre Ausführungen schlüssig.
Daraus lässt sich indessen mit Bezug auf die Anspruch
sbegründung nichts zugunsten der Beschwerdeführerin
ableiten, denn eine posttraumatische Belastungsstörung zählt nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung zu den
mit
einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung vergleichbaren psychosomatischen Leiden (BGE 142 V 342 E. 5.2).
5.2
5.2.1
Mit BGE 141 V 281 hat das Bundesgericht seine Rechtsprechung zu den Voraus
setzungen, unter denen anhaltende somatoforme Schmerzstörungen und vergle
ichbare psychosomatische Leiden, worunter die posttraumatische Belas
tungsstörung zu begreifen ist (BGE 141 V 281 E. 5.2; 142 V 342),
eine Invalidi
tät zu bewirken vermögen, grundlegend überdacht und teilweise geändert (BGE 141 V 574 E. 3.4). Es er
folgte damit nicht eine Änderung der Voraussetzungen für den Leistungsan
spruch, sondern die Schaffung neuer Standardindikatoren für dessen Beurtei
lung und eines strukturierten, ergebnisoffenen Beweisverfah
rens (BGE 141 V 281 E. 3.6 und E. 6; BGE 141 V 585 E. 5.3). Unverändert ist auch in Zukunft dem klaren Willen des Gesetzgebers gemäss Art. 7 Abs. 2 ATSG Rechnung zu tragen, wonach im Zuge der objektivierten Betrachtungs
weise von der grund
sätzlichen „Validität“ der die materielle Beweislast tragen
den versicherten Per
son auszugehen ist (BGE 141 V 281 E. 3.7.2 unter Hinweis auf BGE 139 V 547 E. 8.1; BGE 141 V 585 E. 5.3).
Aus den me
dizinischen Unterlagen muss genauer als bisher ersichtlich sein, wel
che funktio
nellen Ausfälle in Beruf und Alltag aus den versicherten Ge
sundheitsschäden resultieren. Diagnosestellung und
in der Folge
–
Invalidi
-
tätsbemessung
haben somit stärker als bis anhin die entspre
chenden Auswirkungen der diagnoserele
vanten Befunde zu berücksichtigen. Medizinisch muss schlüssig begründet sein, inwiefern sich aus den funktionel
len Ausfällen bei objektivierter Zumutbar
keitsbeurteilung anhand der Standard
indikatoren eine Einschränkung der Ar
beitsfähigkeit ergibt. Wo dies nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit dar
getan werden kann, trägt weiterhin die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen. Eine anhaltende soma
toforme Schmerzstörung und ver
gleichbare Leiden können somit eine Invalidi
tät begründen, sofern funktionelle Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchs
grundlage im Einzelfall anhand der Standardindi
katoren schlüssig und wider
spruchsfrei mit zumindest überwiegender Wahr
scheinlichkeit in einem an
spruchserheblichen Ausmass nachgewiesen sind (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 574 E. 4.2).
Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei Vorliegen
einer anhaltenden somato
formen Schmerzstörung
beziehungsweise
eines damit vergleichbaren psychosomatischen Leidens
(BGE 141 V 281 E. 4.2) sind Indikatoren beachtlich, die das Bundesgericht wie folgt systematisiert hat
(
BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie „funktioneller Schweregrad"
-
Komplex „Gesundheitsschädigung"
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder –
resistenz
-
Komorbiditäten
-
Komplex „Persönlichkeit" (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen)
-
Komplex „Sozialer Kontext"
-
Kategorie „Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen ver
gleich
baren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Lei
dens
druck
Diese
Standardindikatoren erlauben - unter Berücksichtigung leistungshindern
der
äusserer
Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotenzialen (Ressourcen) anderseits - das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzu
schätzen (BGE 141 V 281 E. 3.4-3.6 und E. 4.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_534/2015 vom 1. März 2016 E. 2.2.1).
5.2.2
Mit Bezug auf die Einschätzung der der Beschwerdeführerin zumutbare
r
Arbeits
leistung vermag das Gutachten von Dr.
Y._
nicht vollends zu überzeu
gen. Zu bemängeln ist insbesondere, dass die Gutachterin es unterlassen hat,
ihre Einschätzung
hinsichtlich der
auf die posttraumatische Belastungsstörung zurückzuführenden Einschränkungen anhand
der nunmehr
massgebenden Standardindikatoren zu begründen
(vgl. BGE 142 V 342 E. 5.2)
.
Zwar stellte das Bundesgericht in BGE
141 V 281 E. 8
fest, dass g
emäss altem Verfahrensstandard eingeholte Gutachten ihren Beweiswert
nicht per se
verlie
ren
.
I
n sinngemässer Anwendung auf die nunmehr materiell-beweisrechtlich geän
derten Anforderungen
sei
in jedem einzelnen Fall zu prüfen, ob die beige
zogenen administrativen Sachverständigengutachten
gegebenenfalls im Kon
text mit weiteren fachärztlichen Berichten
eine schlüssige Beurteilung im Lichte der massgeblichen Indikatoren erlaub
ten oder nicht
.
Äussert sich jedoch ein nach der Rechtsprechungsänderung eingeholtes Gutachten nicht zu den Standardindikatoren, ist es unvollständig und bedarf einer entsprechenden Er
gänzung zwecks Untermauerung der darin enthaltenen Arbeitsfähigkeitsein
schätzung.
5.3
Zutreffend ist sodann, dass
sich Dr.
Y._
nicht mit
sämtlichen
bei den Akten liegenden ärztlichen Stellungnahmen
auseinander
setzte
. Zu erwähnen ist an dieser Stelle
insbesondere d
ie
allerdings stichwortartige und unbegrün
dete
Einschätzung des Vertrauensarztes des Krankentaggeldversicherers,
Dr.
E._
,
vom
23. Oktober 2015
(Urk. 9/11/20)
,
wonach
neu per 1. Oktober eine 50%ige und per 1. Dezember 2015 eine volle Arbeitsfähigkeit bestehe
. Hinweise auf eine gebesserte Symptomatik lassen sich
ferner
den
erzielten
Fortschritten
während
der zweiten Hospitalisierung
vom 2
3.
November 2016 bis 1
8.
Januar 2017
in
der Klinik
D._
erblicken
(
vgl. dazu den unda
tierten Austrittsbericht in
Urk. 9/41)
.
5.4
Mit
Bezug auf die von der Beschwerdegegnerin gerügte Nichtbeachtung der Leitlinien der
B._
vom 16. Juni 2016 (Urk. 2 S. 2) ist
demgegenüber
festzuhalten, dass we
der Gesetz noch Rechtsprechung den Psychiatern eine Begutachtung nach den Richtlinien der AMDP (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie) vom 16. Juni 2016 vor
schreiben
. Die Leitlinien stellen eine Orientierungshilfe für die gutachtenden Fachpersonen dar und sollen die Gut
achtenspraxis im Hinblick auf die normativ massgeblichen Gesichtspunkte kon
kretisierend anleiten. Ein Gutachten verliert demnach nicht automatisch seine Beweiskraft, wenn es sich nicht an diese anlehnt
(
Urteil des Bundesgerichts
8C_433/2017 vom 12. September 2017
E. 3.4.1 mit Hinweisen).
Es ist denn auch
nicht ersichtlich
, was sich hinsichtlich Qualität und Aussagekraft der Expertise
von
Dr.
Y._
ändern würde.
5.5
5.5.1
Es stellt sich nun die Frage, ob die Beschwerdegegnerin unter diesen Umständen eine neue Begutachtung anordnen durfte.
5.5.2
In BGE 137 V 210 E. 3.3.1
hielt
das Bundesgericht fest, das
s
bei der Würdigung externer Gutachten eine
offen oder verdeckt
auf ein gewünschtes Ergebnis ausgerichtete Einstufung des Beweiswertes eines Gutachtens
zu erschweren sei
.
B
eispielsweise
regte es an,
dass bei einfacher Ergänzungsbedürftigkeit des ex
ternen Gutachtens (zufolge von Unklarheiten, unvollständiger Beantwortung oder dem Auftauchen neuer Fragen) grundsätzlich kein Wechsel der Gutachter
stelle stattfinden
dürfe
, sondern erst bei schwerwiegenden Mängeln, welche eine unbefangene medizinische Stellungnahme nicht mehr erwarten
liessen
. Auch wenn der IV-Stelle bei der Beurteilung der Frage, ob die Abklärungen vollstän
dig seien, ein erhebl
icher Ermessensspielraum zustehe
, so
dürfe
die Einholung eines Zweitgutachtens (sog.
second
opinion
) doch nicht beliebig erfolgen
. So
fern offene Fragen oder Zweifel an den gutachtlichen Schlussfolgerungen
be
stünden
, soll
e
dies in erster Linie mit den Verfassern des betreffenden Gutach
tens geklärt werden.
5.5.3
Vorliegend leidet
, was im Übrigen selbst die Beschwerdegegnerin nicht behauptete,
das Gutachten von Dr.
Y._
vom 22. März 2017 (Urk. 9/46) keineswegs unter
schwerwiegenden Mängeln
.
Auch
bestehen keine Anhalts
punkte dafür,
dass eine unbefangene medizinische Stellungnahme nicht mehr möglich
wäre
, was im Übrigen selbst die Beschwerdegegnerin nicht behauptete
.
Vielmehr
ist anzunehmen, dass
die
Gutachterin in der Lage sein
sollte
, die un
terbliebene Auseinandersetzung mit den weiteren bei den Akten liegenden
ärzt
lichen
Stellungnahmen (vgl. E. 5.3) anhand ihrer Aufzeichnungen und ohne z
usätzliche
Abklärungsmassnahmen
zu ergänzen
.
Gleiches dürfte auch für die fehlenden Angaben
zu den Standardindikatoren
(E. 5.2) gelten. Sollte allerdings die von der Gutachterin anlässlich der Exploration vom 13. März 2017 aufge
nommene Anamnese Ergänzungsbedarf aufweisen, stünde der Gutachterin frei, die fehlenden Angaben durch Auskünfte Dritter im Rahmen einer Fremdanam
nese
einzuholen. Falls eine erneute Befragung der Beschwerdeführerin unum
gänglich sein sollte, müsste diese mit Blick auf die Verantwortlichkeitsbestim
mung von Art. 78 ATSG äusserst vorsichtig
und in Anwendung der ärztlichen Sorgfaltspflicht erfolgen, um eine (weitere) abklärungsbedingte Verschlechte
rung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin zu vermeiden.
5.5.4
Die Beschwerdegegnerin gab an, dass die Unzulänglichkeiten des psychiatri
schen Gutachtens „auch mittels Ergänzungsfragen nicht behoben werden konnten“ (Urk. 8 S. 2)
, ohne diese Auffassung zu begründen
. In den Akten fin
den sich keinerlei Hinweise dafür, dass die Beschwerdegegnerin Dr.
Y._
die Möglichkeit eingeräumt hätte, ihr Gutachten durch die Beantwortung von Er
gänzungsfragen zu verbessern.
Solange
die
diesbezüglich
en
Möglichkeiten nicht erfolglos ausgeschöpft wurden
, darf kein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben werden.
5.5.5
Eine
Ergänzung des Gutachtens durch
Befragung der Beschwerdeführerin vor Gericht
beziehungsweise
die
Einvernahme von Dr.
Y._
und weiteren, der Be
schwerdeführerin nahestehenden Personen
al
s Zeuge
n e
rscheinen
angesichts des
noch sehr
fragilen Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin als ungeeig
nete Massnahme
n
,
weshalb davon entgegen den entsprechenden Anträgen in der Beschwerde (Urk. 1 S. 2) Abstand zu nehmen ist.
6.
Da vorliegendes Verfahren nicht in den Anwendungsbereich von Art. 6 Ziff. 1
der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK)
fällt (Urteil des Bundesgerichts 8C_599/2014 vom 18. Dezember 2015 E. 5) und kein anderer sachlicher Grund für eine öffentliche Verhandlung erkennbar ist, ist der Antrag der Beschwerdeführerin, eine entsprechende Verhandlung durch
zuführen
(Urk. 1 S. 2)
, abzuweisen.
7
.
7
.1
In Bezug auf
den von
der Beschwerdeführerin
erhobenen Vorwurf der Rechtsver
zögerung (Urk. 1 S. 18 f.)
ist das Folgende in Erwägung zu ziehen.
Jede Person hat in Verfahren vor Gerichts- und Verwaltungsinstanzen An
spruch auf gleiche und gerechte Behandlung sowie auf Beurteilung innert ange
messener Frist (Art. 29
Abs.
1 der Bundesverfassung, BV). Diese Be
stimmung verankert den Grundsatz des Beschleunigungsgebots und verbietet die unge
rechtfertigte Verzögerung eines Entscheids. Unerheblich ist, auf welche Gründe
ob auf ein Fehlverhalten der Behörden oder auf andere Um
stände
die Rechtszögerung zurückzuführen ist; entscheidend ist ausschliess
lich, dass die Behörde nicht handelt (
Urteil des Bundesgerichts
8C_210/2013 vom 10. Juli 2013 E. 2.1 mit Hinweisen
).
Das ATSG und das IVG enthalten keine Frist, innert welcher die In
validen
versi
cherung ihre Verfügung erlassen muss. Ob sich die gegebene Verfahrensdauer mit dem Anspruch auf Rechtsschutz innert angemessener Frist verträgt, ist am konkreten Einzelfall zu prüfen. Massgeblich sind namentlich Umfang und Schwierigkeit des Falles, die Schwere der Betroffenheit des Einzelnen, aber auch
das
Verhalten der Betei
lig
ten (
Urteil des Bundesgerichts
8C_210/2013 vom 10. Juli 2013 E. 2.2 mit Hin
weisen).
Im sozialversicherungsrechtlichen Abklärungsverfahren steht die Unter
suchungs
pflicht der Verwaltung (Art. 43 ATSG) in einem gewissen Spannungs
verhältnis zum Anspruch auf ein zügiges Vorantreiben des Verfahrens. Das Ge
bot des raschen Verfahrens hat dabei grundsätzlich keinen Vorrang vor dem Untersuchungsgrundsatz. Dieses darf insbesondere nicht zur Folge haben, dass deswegen der medizinische Sachverhalt nicht mit der erforderlichen Sorgfalt untersucht und beurteilt wird.
Die Einholung eines entbehrlichen Zweitgutachtens kann indessen eine unzu
lässige Verfahrensverzögerung darstellen (BGE 136 V 156 E. 3.3 mit Hinweis auf die Urteile des Bundesgerichts 8C_622/2009 vom 3. Dezember 2009 und I 671/00 vom 21. August 2001 E. 5a).
7
.2
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die vorliegende
Ver-fahrens
verlängerung
auf der Anordnung eines entbehrlichen Zweitgutach
tens beruht. Die zur Verfahrensverzögerung führende Beweisanordnung erweist sich als nicht angemessen. Mit der Aufhebung der ent
sprechenden Verfügung erüb
rig
en
sich
jedoch Weiterungen zu dieser Frage
. Es ist indes bereits an dieser Stelle darauf hinzuwei
sen, dass
die
weitere
n von der Beschwerdegegnerin vor
zunehmenden
Verfahrensschritte um
gehend nach Rechtskraft dieses Entscheides an die Hand zu nehmen und zügig voranzutreiben sind.
8
.
Im Ergebnis ist somit festzuhalten, dass vorderhand keine weitere Begutachtung durchzuführen ist. Vielmehr
hat
die Beschwerdegegnerin zu
nächst
das Gutach
ten von Dr.
Y._
mittels Ergänzungsfragen verbessern zu lassen.
Sollten an
schliessend
nach dem Ermessen der Beschwerdegegnerin
weitere
Abklärungen
erforderlich sein,
müssten
diese
vor einem Entscheid über die invalidenversi
cherungsrechtlichen Leistungsansprüche der Beschwerdeführerin (
beförderlich
) durchgeführt werden.
Die angefochtene Verfügung vom 5. Juli 2017 (Urk. 2) ist folglich in teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben. Im Übrigen ist die Beschwerde abzu
weisen, soweit darauf eingetreten werden kann.
9
.
9
.1
Da es vorliegend nicht um die Bewilligung oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung geht, ist das Beschwerdeverfahren kostenlos (Art. 61
lit
. a ATSG in Verbindung mit Art. 69 Abs. 1
bis
IVG).
9
.2
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Prozessent
schädi
gung (Art. 61
lit
. g ATSG)
.
Nach § 34 Abs.
3 des Gesetzes über das So
zialversicherungsgericht (
GSVGer
) bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzu
setzenden Entschädigung nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksic
ht auf den Streitwert. Gemäss §
8 in Verbindung mit §
7 Abs.
1 der Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht (
GebV
SVGer
) wird namentlich für unnötigen Aufwand kein Ersatz gewährt.
9
.3
Der von Rechtsanwalt
Stolkin
mit Eingabe vom
22. November 2017
geltend gemachte Aufwand von
27.24 Stunden und Fr. 44.80
Barauslagen (Urk.
17
) ist der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses nicht ange
messen
.
Namentlich erscheint ein Aufwand von
über 19
1⁄2
Stunden für die Be
schwerdeschrift als
deutlich
überhöht.
Angesichts der zu studierenden gut
70
Aktenstücke der Beschwerdegegnerin, der etwa
zwanzig
seitigen
Beschwerdeschrift
, den Aufwendungen im Zusam
menhang mit dem Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung
sowie der in ähnlichen Fällen zugesprochenen Beträgen ist die
Prozesse
ntschädigung bei Anwendung des gerichtsüblichen St
undenansatzes von Fr. 220.
(zuz
üglich Mehrwertsteuer) auf Fr. 2‘
800
.
(inklusive Barauslagen
von Fr. 44.80
und Mehrwertsteuer) festzusetzen.
Damit ist das
Gesuch
der Beschwerdeführerin
um Bestellung von Rechtsanwalt
Stolkin
als unentgeltlichen Rechtsvertreter (Urk. 1 S. 3)
gegenstandslos gewor
den
.