Decision ID: 790a3e00-e6be-4030-9661-91f5e98340f9
Year: 2022
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_004
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Sachverhalt
1. Mit Verfügung vom 1. April 2021 (act. 2.4) stellte die Kantonspolizei Appenzell Ausserrho-
den A. anlässlich einer Fürsorgerischen Unterbringung vom 15. Februar 2021 einen Betrag
von Fr. 494.50 für den Transport in Rechnung.
2. Dagegen liess A., vertreten durch RA AA., mit Eingabe vom 26. April 2021 (act. 2.5) beim
Departement Inneres und Sicherheit Rekurs erheben u.a. mit dem Antrag, die Rechnung
vom 1. April 2021 aufzuheben. Gleichzeitig beantragte sie die unentgeltliche Rechtspflege
und Rechtsverbeiständung.
3. Mit Schreiben vom 18. Mai 2021 (act. 2.6) hielt die Kantonspolizei (im Folgenden: verfü-
gende Behörde) fest, dass die Verfügung vom 1. April 2021 fälschlicherweise an A.
ergangen sei. Aufgrund dessen ziehe sie die Verfügung in Wiedererwägung und ziehe
diese zurück. Die Rechnung vom 1. April 2021 könne damit als hinfällig betrachtet werden.
4. Mit Entscheid vom 20. Mai 2021 (act. 2.1) schrieb das Departement Inneres und Sicherheit
den Rekurs infolge Gegenstandslosigkeit ab.
5. Dagegen liess A. (im Folgenden: Beschwerdeführerin), vertreten durch RA AA., mit Eingabe
vom 21. Juni 2021 (act. 1) mit eingangs erwähnten Rechtsbegehren Beschwerde beim
Obergericht erheben.
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6. Mit Eingabe vom 20. Juli 2021 (act. 5) liess sich das Departement Inneres und Sicherheit
(im Folgenden: Vorinstanz) mit eingangs erwähnten Anträgen zur Beschwerde vernehmen.
7. Mit Eingabe vom 30. August 2021 (act. 8) liess die Beschwerdeführerin eine Replik einrei-
chen, worin sie an ihren Anträgen festhielt.
8. Auf die Begründung der gestellten Anträge wird - soweit erforderlich - in den Erwägungen
näher eingegangen.

Erwägungen
1. Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form- und
Fristerfordernisse erfüllt sind. Die sachliche bzw. funktionale Zuständigkeit des Obergerichts
ergibt sich aus Art. 54 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS
143.1), wonach das Obergericht zur Behandlung von Beschwerden gegen letztinstanzliche
Verfügungen der Verwaltungsbehörden zuständig ist. Auf die Beschwerde ist damit einzu-
treten.
2. Aus der Vernehmlassung der Vorinstanz geht hervor, dass der Beschwerdeführerin im
Rekursverfahren versehentlich keine Parteientschädigung zugesprochen wurde, weshalb
diesbezüglich eine teilweise Gutheissung der Beschwerde beantragt wird. Damit kann die
Beschwerde in diesem Punkt ohne Weiteres gutgeheissen werden, womit die Sache zur
Zusprechung einer Parteientschädigung für das Rekursverfahren an die Vorinstanz zurück-
zuweisen ist.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass die Vorinstanz den Rekurs infolge Gegen-
standslosigkeit rechtsfehlerhaft abgeschrieben habe. Aufgrund des Devolutiveffekts dürfe
sich die verfügende Behörde im Rekursverfahren grundsätzlich nicht mehr mit der Sache
befassen. Es fehle eine gesetzliche Grundlage, wonach die Vorinstanz die angefochtene
Verfügung bis zu ihrer Vernehmlassung in Wiedererwägung ziehen könne. Selbst wenn
eine solche zulässig wäre, fehle es an einer Wiedererwägungsverfügung, die den im Rekurs
gestellten Rechtsbegehren vollumfänglich entspreche.
3.2 Wie die Vorinstanz vernehmlassungsweise zutreffend ausführt, entspricht es einer lang-
jährigen kantonalen Verwaltungspraxis, dass Behörden ihre Verfügungen während eines
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Rekursverfahrens formlos in Wiedererwägung ziehen können (HANS-JÜRG SCHÄR, Gesetz
über das Verwaltungsverfahren des Kantons Appenzell A.Rh., 1985, Vorbemerkungen zu
Art. 14 und 15, N. 6; Vorbemerkungen zu Art. 18-29, N. 2), ohne dass dazu explizit eine
gesetzliche Grundlage notwendig wäre. Eine solche formlos Wiedererwägung von Amtes
wegen entspricht im Weiteren auch der herrschenden Lehre (HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN,
Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, Rz. 1213; WIEDERKEHR/PLÜSS, Praxis des
öffentlichen Verfahrensrechts, 2020, Rz. 3880; RHINOW/KOLLER/KISS/THURNHERR/BRÜHL-
MOSER, Öffentliches Prozessrecht, 3. Aufl. 2014, Rz. 655) und der Praxis anderer Kantone
(MARTIN BERTSCHI, in: Alain Griffel [Hrsg.], Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz
des Kantons Zürich, 3. Aufl. 2014, Rz N. 22 zu den Vorbemerkungen zu §§ 86a-86d VRG).
Aus dem Schreiben der verfügenden Behörde vom 18. Mai 2021 geht zudem klar hervor,
dass die Verfügung vom 1. April 2021 in Wiedererwägung gezogen und die Rechnung für
die Transportkosten zulasten der Beschwerdeführerin hinfällig wurde. Damit kann nicht
zweifelhaft sein, dass die verfügende Behörde die Rechnung aufgehoben hat, zumal nicht
ersichtlich ist, wie der Widerruf einer Rechnung sonst erfolgen sollte. Daran ändert auch
der Umstand nichts, dass kein Rechtsmittel auf der Verfügung vom 18. Mai 2021 aufgeführt
ist, da mit der Aufhebung der Rechnung dem Rechtsbegehren der Beschwerdeführerin im
Rekursverfahren entsprochen wurde und der anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin
auch bei einer unterbliebenen Rechtsmittelbelehrung innert zwei Monaten der Weiterzug
der Wiedererwägungsverfügung offen gestanden wäre (Art. 18 Abs. 2 VRPG). Der
Abschreibungsentscheid der Vorinstanz ist damit in der Hauptsache nicht zu beanstanden,
womit die Beschwerde diesbezüglich abzuweisen ist.
4. Zusammenfassend ist die Beschwerde damit in Bezug auf die Zusprechung einer Partei-
entschädigung für das Rekursverfahren gutzuheissen und im Übrigen abzuweisen.
5.
5.1 Nach Art. 19 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 53 Abs. 1 VRPG ist im Beschwerdeverfahren vor
Obergericht gebühren- und kostenpflichtig, wer ganz oder teilweise unterliegt oder auf des-
sen Rechtsmittel nicht eingetreten wird. Die Entscheidgebühr wird auf insgesamt Fr. 700.--
festgesetzt (Art. 4a des Gesetzes über die Gebühren in Verwaltungssachen, bGS 233.2).
Diese wird im Rahmen des Obsiegens und Unterliegens zur Hälfte (Fr. 350.--) der
Beschwerdeführerin auferlegt und zur Hälfte (Fr. 350.--) auf die Staatskasse genommen.
Der Kostenanteil der Beschwerdeführerin wird im Rahmen der unentgeltlichen
Prozessführung der Staatskasse belastet, unter Vorbehalt der Rückerstattungspflicht nach
Art. 25 Abs. 3 VRPG.
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5.2 Der Beschwerdeführerin wurde für das Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Rechtsver-
beiständung gewährt. Gemäss Art. 23 AT entschädigt der Staat diese nach dem notwendi-
gen Zeitaufwand. Die von RA AA. eingereichte Kostennote von Fr. 1'238.65 (act. 9) erweist
sich als tarifkonform (Art. 23 f. der Verordnung über den Anwaltstarif, AT, bGS 145.53).
Ausgangsmässig wird diese zur Hälfte und damit zu Fr. 619.30 der Beschwerdeführerin
zulasten der Vorinstanz zugesprochen. Zur Hälfte (Fr. 619.30) wird die Entschädigung
zufolge Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege auf die Staatskasse genommen.
5.3 Die Beschwerdeführerin hat die Gerichtskosten nachzuzahlen und die Auslagen für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung zurückzuerstatten, sobald es ihre wirtschaftlichen
Verhältnisse erlauben (Art. 25 Abs. 3 VRPG).
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