Decision ID: 017010e8-e348-4eae-a0eb-b75a9be0cca7
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Urs Glaus, Marktplatz 4, 9004 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren
Sachverhalt:
A.
A.a Mit Verfügung vom 11. April 2002 sprach die IV-Stelle dem Versicherten, der
gemäss multidisziplinärer Begutachtung durch die Klinik für Rheumatologie und
Rehabilitation des Bewegungsapparates Valens vom 24. September 2001 an einem
chronischen Panvertebralsyndrom u.a. bei/mit: Wirbelsäulenfehlform und Fehlhaltung
sowie lumbosacraler Übergangsanomalie litt (act. G 3.74), mit Wirkung ab 1. Juli 2000
eine halbe Rente zu. Aufgrund einer gesundheitlichen Verschlechterung gewährte die
IV-Stelle dem Versicherten ab 1. Januar 2004 eine ganze Rente (Verfügung vom
18. März 2004; act. G 3.109; vgl. auch act. G 3.119 und G 3.128).
A.b Am 3. Januar 2013 verfügte die IV-Stelle nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren die Aufhebung der Rente auf den ersten Tag des zweiten
Monats nach Zustellung der Verfügung. Zur Begründung führte sie aus, die
Rentenleistungen seien einzustellen, da die Überprüfung des Anspruchs nach der
Schlussbestimmung des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung vom 18. März
2011 ergebe, dass die gesundheitliche Beeinträchtigung aus objektiver Sicht
überwindbar sei. Es liege keine Erwerbsunfähigkeit vor. Die dagegen gerichtete
Beschwerde vom 1. Februar 2013 hiess das Versicherungsgericht mit Entscheid vom
25. März 2013 unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung teilweise gut. Es wies
die Sache zur Vornahme einer polydisziplinären Begutachtung an die IV-Stelle zurück.
Die zu beauftragenden Experten hätten sich vorab zum allfälligen Bestehen eines
pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebilds zu äussern. Nur
wenn sie ein solches bejahen würden, hätten sie namentlich dessen Gewicht im
gesamten Leidensbild sowie die Frage nach dessen Überwindbarkeit zu beurteilen und
hernach unter Berücksichtigung des gesamten Leidensbilds die Restarbeitsfähigkeit
einzuschätzen (vgl. zum Ganzen Urteil des Versicherungsgerichts vom 25. März 2013,
IV 2013/51, act. G 3.157).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Die IV-Stelle teilte dem Rechtsvertreter des Versicherten am 26. April 2013 mit, zur
Klärung der Leistungsansprüche sei eine umfassende medizinische Untersuchung
(Allgemeine Innere Medizin, Rheumatologie, Psychiatrie) notwendig. Ohne seinen
schriftlich begründeten Gegenbericht innert 10 Tagen werde sie eine Gutachterstelle
mit der Untersuchung beauftragen. Die Wahl der Gutachterstelle erfolge nach dem
Zufallsprinzip. Über Ort, Untersuchungstermine und die an der Abklärung beteiligten
medizinischen Fachpersonen werde er informiert, sobald sie bekannt seien. Der
Mitteilung legte die IV-Stelle einen Fragekatalog bei (vgl. hierzu act. G 3.162). Des
Weiteren räumte sie dem Rechtsvertreter die Möglichkeit ein, innert zehntägiger Frist
Zusatzfragen zu stellen (act. G 3.161). Der Rechtsvertreter ersuchte im Schreiben vom
8. Mai 2013 um Fristerstreckung. Er habe noch keine Möglichkeit gehabt, mit dem
Hausarzt des Versicherten die Fragen zu besprechen. Ferner bitte er um Erklärung,
"was die mit gelbem Markierstift durchgestrichene Bitte an die Gutachter" bedeute.
Schliesslich ersuchte er um Beantwortung der Frage, wie das Zufallsprinzip nach
Art. 72 IVV gehandhabt werde, bevor die IV-Stelle in einer Verfügung die
Gutachterstelle bestimme (act. G 3.163). Die IV-Stelle gewährte am 14. Mai 2013 eine
einmalige Nachfrist. Die markierte Stelle sei für die Gutachter bestimmt. Auf der
Homepage www.suissemedap.ch fänden sich Informationen über das Zufallsprinzip
bezüglich polydisziplinärer Gutachten (act. G 3.164).
A.d Im Namen des Versicherten hatte der Rechtsvertreter am 10. Mai 2013 die
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung beantragt (act. G 3.165). Die IV-Stelle
wies dieses Gesuch in der Verfügung vom 29. Mai 2013 ab. Sie stellte sich auf den
Standpunkt, dass sich in dieser Angelegenheit keine besonders schwierigen
Rechtsfragen stellen würden. Abgesehen davon, dass angesichts der angeordneten
MEDAS-Begutachtung noch kein materieller Entscheid bevorstehe, habe sich der
Gesuchsteller - wenn überhaupt - im jetzigen Verfahrensstadium mit dem Beizug von
Fach- und Vertrauensleuten sozialer Institutionen/unentgeltlicher Rechtsberatungen zu
behelfen. Das Abstellen auf das finanzielle Moment hätte zur Folge, dass der Anspruch
auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung praktisch immer bejaht werden müsste; dies
käme einem generellen Anspruch auf einen unentgeltlichen anwaltlichen Vertreter im
Verwaltungsverfahren gleich und widerspräche der gesetzlichen Konzeption (act.
G 3.167).
B.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen die Verfügung vom 29. Mai 2013 richtet sich die Beschwerde vom 31. Mai
2013. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge beantragt der Beschwerdeführer dessen
Aufhebung und die Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung. Ferner sei
der Beschwerdegegnerin zu untersagen, bis zum Entscheid über die vorliegende
Beschwerde weitere Verfügungen zu erlassen und Prozesshandlungen vorzunehmen.
Im Wesentlichen bringt der Beschwerdeführer vor, die Voraussetzungen für die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren seien
erfüllt (act. G 1).
B.b Das Versicherungsgericht fordert die Beschwerdegegnerin am 11. Juni 2013 auf,
zum Antrag des Beschwerdeführers auf vorsorgliche Massnahmen (Ziff. 4 der Anträge
der Beschwerdeschrift) Stellung zu nehmen (act. G 2).
B.c Die Beschwerdegegnerin nimmt im Schreiben vom 25. Juni 2013 Stellung zu Ziff. 4
der Anträge der Beschwerdeschrift und ersucht, dass auf diesen Antrag nicht einzu
treten sei (act. G 3).
B.d Im Zwischenentscheid vom 23. Juli 2013 weist das Versicherungsgericht den
Antrag des Beschwerdeführers auf Gewährung vorsorglicher Massnahmen während
des hängigen Beschwerdeverfahrens ab (IV 2013/237 Z, act. G 6).
B.e Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Beschwerdeantwort verzichtet (vgl. act. G 7).

Erwägungen:
1.
Strittig und im vorliegenden Verfahren zu überprüfen ist, ob für das
Verwaltungsverfahren ein Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung besteht.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Gemäss Art. 29 Abs. 3 der Bundesverfassung (BV; SR 101) hat jede Person, die
nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und deren Rechtsbegehren nicht
aussichtslos erscheint, Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege. Falls es zur Wahrung
ihrer Rechte notwendig ist, hat sie ausserdem Anspruch auf unentgeltlichen
Rechtsbeistand. Beim Anspruch gemäss Art. 29 Abs. 3 BV handelt es sich um einen
"eigentlichen Pfeiler des Rechtsstaates" (BGE 132 I 214 E. 8.2).
2.1.1 Ob eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung sachlich notwendig ist,
beurteilt sich nach den konkreten Umständen des Einzelfalls. Die Rechtsnatur des
Verfahrens ist ohne Belang. Grundsätzlich fällt die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für jedes staatliche Verfahren in Betracht, in das die
gesuchstellende Person einbezogen wird oder das zur Wahrung ihrer Rechte
notwendig ist (BGE 128 I 227 E. 2.3 mit Hinweisen). Die bedürftige Partei hat Anspruch
auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung, wenn ihre Interessen in schwerwiegender
Weise betroffen sind und der Fall in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht
Schwierigkeiten bietet, die den Beizug eines Rechtsvertreters oder einer
Rechtsvertreterin erforderlich machen. Droht das in Frage stehende Verfahren
besonders stark in die Rechtsposition der betroffenen Person einzugreifen, ist die
Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsbeistands grundsätzlich geboten (siehe hierzu
die bei Jörg Paul Müller/Markus Schefer, Grundrechte in der Schweiz, 4. Auflage, Bern
2008, aufgeführte Rechtsprechung auf S. 904, Fn 80, sowie Urteile des Bundesgerichts
vom 16. April 2013, 8C_140/2013, E. 3.1, und vom 29. März 2010, 8C_172/2010, E. 3),
sonst nur dann, wenn zur relativen Schwere des Falls besondere tatsächliche oder
rechtliche Schwierigkeiten hinzukommen, denen die gesuchstellende Person auf sich
alleine gestellt nicht gewachsen wäre (zum Ganzen BGE 130 I 180 E. 2.2; vgl. auch
BGE 125 V 36 E. 4b).
2.1.2 Die sachliche Notwendigkeit wird nicht allein dadurch ausgeschlossen, dass
das in Frage stehende Verfahren von der Offizialmaxime oder dem
Untersuchungsgrundsatz beherrscht wird, die Behörde also gehalten ist, an der
Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts mitzuwirken (BGE 125 V 36 E. 4b mit
Hinweisen). Denn das sachgerechte Anlegen eines jeden Verfahrens und dessen
richtige Leitung erfordern von der Behörde eine umfassende Kenntnis der
einschlägigen Rechtsfragen, geht es doch darum, die rechtserheblichen tatsächlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umstände einfliessen zu lassen. Die Erfahrung zeigt, dass ein schlecht begonnenes
Verfahren später nur sehr schwer in die richtige Bahn zu bringen ist. Abgesehen davon,
dass die Untersuchungsmaxime allfällige Fehlleistungen der Behörde nicht zu
verhindern vermag, ist zu bedenken, dass sie nicht unbegrenzt ist. Sie verpflichtet die
Behörde zwar, von sich aus alle Elemente in Betracht zu ziehen, die
entscheidwesentlich sind, und unabhängig von den Anträgen der Parteien Beweise zu
erheben. Diese Pflicht entbindet die Beteiligten indessen nicht davon, durch Hinweise
zum Sachverhalt oder Bezeichnung von Beweisen am Verfahren mitzuwirken (so BGE
130 I 183 f. E. 3.2 mit Hinweisen). Die Offizialmaxime rechtfertigt es jedoch, an die
Voraussetzungen, unter denen eine Rechtsverbeiständung sachlich geboten ist, einen
strengen Massstab anzulegen (BGE 125 V 36 E. 4b mit Hinweisen). Trotz dieses
strengen Massstabs betonte das damalige Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG;
seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts), die Kernfunktion
der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung verlange, der bedürftigen gesuchstellenden
Person die zweckdienliche Wahrung ihrer Ansprüche auch im Verwaltungsverfahren
der Sozialversicherung unter den durch die Rechtsprechung geschaffenen, vorstehend
umschriebenen Voraussetzungen zu ermöglichen (BGE 125 V 36 E. 3c).
2.2 Die in BGE 125 V 32 begründete Rechtsprechung (strengerer Massstab bei
Verfahren mit Offizialmaxime) mündete im Gesetzgebungsverfahren in Art. 37 Abs. 4
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1), wie aus den Materialien hervorgeht (AB 2000 S 181; vgl. BGE 132 V 201
E. 4.1 und 5.1.3 mit Hinweisen). Danach wird der gesuchstellenden Person ein
unentgeltlicher Rechtsbeistand bewilligt, wo die Verhältnisse es erfordern. Unter
Berücksichtigung der damaligen Rechtsprechung zur unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung im Sozialversicherungsverfahren (vgl. Bericht der Kommission
des Nationalrats für soziale Sicherheit und Gesundheit vom 26. März 1999, S. 73)
wurde bewusst eine im Vergleich zu den Anforderungen an die Verfahrensregeln vor
dem kantonalen Versicherungsgericht (Art. 61 lit. f Satz 2 ATSG: "Wo die Verhältnisse
es rechtfertigen") leicht abweichende, an strengere Voraussetzungen geknüpfte
Formulierung gewählt (BGE 132 V 204 E. 5.1.3 mit Hinweis). Eine über die damalige
Rechtsprechung hinausgehende Erschwernis wurde mit Art. 37 Abs. 4 ATSG nicht
bezweckt (vgl. Bericht der Kommission des Nationalrates für soziale Sicherheit zur
parlamentarischen Initiative Sozialversicherungsrecht vom 26. März 1999, S. 73: "Diese
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
strengen Voraussetzungen finden ihren Niederschlag in der Formulierung, dass nur
dann ein unentgeltlicher Rechtsbeistand bewilligt wird, wenn die Verhältnisse es
erfordern."). Den höheren Anforderungen im Verwaltungsverfahren soll insofern
Rechnung getragen werden, als die Erforderlichkeit der Vertretung eingehend zu prüfen
ist. Dabei wird auf die Schwierigkeit des Falls und auf die Verfahrensphase abgestellt
(BBl 1999 4595; vgl. auch BGE 132 V 201). Hervorzuheben ist, dass damit nicht eine
besondere Strenge im Vergleich zum übrigen Verwaltungsverfahren, wo die
Offizialmaxime gilt, sondern zur Verwaltungsgerichtsbarkeit angestrebt wurde. Ferner
ist aus teleologischer Sicht bei der Prüfungsstrenge im Auge zu behalten, dass Art. 37
Abs. 4 ATSG keine IV-rentenspezifische Bestimmung ist, sondern sein Geltungsbereich
vor allem auch Verwaltungsverfahren erfasst, wo geringfügige Leistungsentscheide
(Sachleistungen, Beitragsstreitigkeiten, usw.) zu treffen sind.
2.3 Die Einordnung von Art. 37 Abs. 4 ATSG im Gesetzesabschnitt
"Sozialversicherungsverfahren" verdeutlicht in systematischer Hinsicht, dass der
Anspruch auf unentgeltliche Vertretung im gesamten Verwaltungsverfahren bestehen
kann. Dies ergibt sich auch aus den Gesetzesmaterialien; auf einen Einschub einer
zeitlichen Grenze wurde bewusst verzichtet (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Auflage,
Zürich 2009, Rz 20 zu Art. 37).
3.
Zwischen den Parteien besteht eine unterschiedliche Auffassung hinsichtlich der Frage,
ob eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung im vorliegend zu beurteilenden
Verwaltungsverfahren aufgrund der Verhältnisse erforderlich ist. Dabei ist unbestritten,
dass der Beschwerdeführer über keine Rechtskenntnisse verfügt.
3.1 Vorliegend fällt ins Gewicht, dass es im fraglichen Verwaltungsverfahren um ein
gestützt auf lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen zur Änderung des Bundesgesetzes
über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) vom 18. März 2011 angehobenes
Revisionsverfahren geht, bei der eine Herabsetzung bzw. Aufhebung der bisherigen
Rentenleistungen der Invalidenversicherung und damit ein (teilweiser) Verlust der
(formell rechtskräftig zugesprochenen) finanziellen Existenzgrundlage drohen. Das
angehobene Revisionsverfahren greift damit besonders stark in die Rechtsposition des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführers ein. Zu beurteilen ist kein Gesuch um die Ausrichtung einer
Versicherungsleistung. Im Vergleich zum gesamten sozialversicherungsrechtlichen
Leistungsspektrum geht es zudem vorliegend um die wohl bedeutendste Leistung,
nämlich die langfristige finanzielle Ersatzleistung für einen krankheitsbedingten Verlust
der Erwerbsfähigkeit. Ein weniger schwerer Eingriff in die Rechtsposition des
Beschwerdeführers als eine Herabsetzung bzw. Aufhebung einer Rentenleistung und
des damit verbundenen Entzugs der finanziellen Existenzgrundlage tritt im
Sozialversicherungsrecht kaum auf. Allein schon angesichts der besonderen Schwere
des drohenden Eingriffs in die Rechtsposition ist die sachliche Notwendigkeit gemäss
Art. 37 Abs. 4 ATSG vorliegend zu bejahen, ohne dass es darauf ankommt, ob der Fall
besondere tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten stellt (vgl. Müller/Schefer,
a.a.O., S. 904 mit Hinweisen; siehe auch der Art. 37 Abs. 4 ATSG zugrunde liegende
BGE 125 V 36 E. 4b sowie BGE 130 I 180 E. 2.2).
3.2 Selbst wenn im Übrigen nicht von einem besonders starken, sondern einem
weniger schweren Eingriff ausgegangen würde, so wäre zu beachten, dass vorliegend
besondere tatsächliche und rechtliche Schwierigkeiten bestehen, die eine
Rechtsverbeiständung erforderlich machen, wie sich aus nachfolgenden Erwägungen
ergibt.
3.2.1 Wie bereits erwähnt, geht es vorliegend nicht um eine erstmalige
Leistungszusprache, sondern um eine Revision gestützt auf lit. a Abs. 1 der
Schlussbestimmungen zur Änderung des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) vom 18. März 2011 (vgl. vorstehende E. 3.1).
Hinzu kommt, dass diese Bestimmung erst seit 1. Januar 2012 in Kraft steht und es
noch keine gefestigte Rechtsprechung zum Umgang mit der entsprechenden
Bestimmung gibt, insbesondere auch mit Blick auf eine allfällige Wiedereingliederung
gemäss lit. a Abs. 2 der Schlussbestimmungen, die bereits im
Rentenrevisionsverfahren von Bedeutung ist. Nebst den hohen rechtlichen
Anforderungen sind in einem entsprechenden Revisionsverfahren auch komplexe
tatsächliche Gesichtspunkte zu beurteilen, wie etwa Tatbestandsmässigkeit des
Beschwerdebilds ("pathogenetisch-ätiologisch unklares syndromales Beschwerdebild
ohne nachweisbare organische Grundlage") sowie die Foersterkriterien. Bereits aus
diesen Gründen ist eine Rechtsverbeiständung notwendig. Dies gilt vorliegend umso
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mehr, als im laufenden Revisionsverfahren das Versicherungsgericht eine erste
Rentenverfügung der Beschwerdegegnerin (vgl. act. G 3.145) aufhob und aus mehreren
Gründen zur umfassenden polydisziplinären Begutachtung an die Beschwerdegegnerin
zurückwies (Entscheid des Versicherungsgerichts vom 25. März 2013, IV 2013/51, act.
G 3.157; vgl. zur Bedeutung dieses Umstands für die sachliche Notwendigkeit einer
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung das Urteil des Bundesgerichts vom
21. November 2012, 9C_676/2012 E. 3.2.2).
3.2.2 Ergänzend ist zu bemerken, dass vorliegend der Rechtsdienst der
Beschwerdegegnerin bereits substanziell im Verfahren involviert ist
(Beschwerdeantwort vom 20. Februar 2013 im Verfahren IV 2013/51, act. G 3.152) und
wohl zu erwarten ist, dass die Beschwerdegegnerin von ihrem bereits in der Verfügung
vom 3. Januar 2013 (act. G 3.145) sowie in der Beschwerdeantwort vom 20. Februar
2013 (Verfahren IV 2013/51, act. G 3.152) vertretenen Standpunkt nicht leichthin
abrücken wird, mithin nicht mehr vollkommen unvoreingenommen erscheint (zur
Überschätzung der Unparteilichkeit von Verwaltungsbehörden vgl. bereits BGE 112 Ia
16 f. E. 3b). Deshalb ist auch unter dem Gesichtspunkt der Waffengleichheit eine
Rechtsverbeiständung geboten.
3.3 Die Beschwerdegegnerin hält dem Beschwerdeführer entgegen, er müsse sich im
jetzigen Verfahrensstadium mit dem "Beizug" von Fach- und Vertrauensleuten sozialer
Institutionen/unentgeltlicher Rechtsberatungen behelfen (act. G 3.167).
3.3.1 Die Beschwerdegegnerin benennt indessen keine konkret dem Beschwerde
führer für einen "Beizug" zur Verfügung stehenden Stellen, weshalb ihr Einwand ins
Leere zielt. Die Beschwerdegegnerin verkennt - wie die von ihr referenzierte
Rechtsprechung (Urteil des Bundesgerichts vom 28. Juni 2012, 8C_438/2012, E. 2.2.1)
-, dass einer gesuchstellenden Person nicht eine unentgeltliche Beratung
entgegengehalten werden kann, sondern - wenn überhaupt (vgl. nachstehende
E. 3.3.2) - lediglich eine in Betracht fallende umfassendere "Verbeiständung" bzw.
Interessenwahrung (vgl. etwa BGE 114 V 236 E. 5b und 132 V 201 E. 4.1; vgl. auch
Urteil des Bundesgerichts vom 26. November 2012, 9C_878/2012, E. 3.6.2). Es ist auch
nicht zu übersehen, dass das (materielle) Invalidenversicherungsrecht insbesondere in
den vergangenen Jahren an Umfang und Komplexität stark zugenommen hat. Damit ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht nur das Bedürfnis versicherten Person gewachsen, in IV-Verwaltungsverfahren
von einem sachkundigen Rechtsbeistand beraten und vertreten zu werden. Vielmehr
besteht auch auf Seiten der Verwaltungsbehörden ein Interesse daran, in schwierigen
Fällen auf die Unterstützung eines Rechtsbeistandes zählen zu können, der die
versicherte Person sach- und rechtskundig vertritt und berät (vgl. BGE 112 Ia 17 E. 3b
betreffend Verwaltungsstreitigkeiten).
3.3.2 Hinzu kommt, dass es sich bei diesem Vorbringen um eine Singularität der
Rechtsprechung des damaligen EVG (vgl. etwa BGE 114 V 228) bzw. der heutigen
Sozialrechtlichen Abteilungen des Bundesgerichts (Urteil des Bundesgerichts vom
28. Juni 2012, 8C_438/2012, E. 2.2.1) zum verfassungsmässigen Recht der
unentgeltlichen Verbeiständung handelt. Weder in den Grundsatzentscheiden BGE 111
Ia 276, 112 Ia 14 oder 122 I 8 noch der seither ergangenen Rechtsprechung des
Bundesgerichts in Lausanne findet sich - soweit ersichtlich - eine derartige
Anspruchseinschränkung. Gleiches gilt für die Lehre zu Art. 29 Abs. 3 BV (vgl. etwa
Stefan Meichssner, Das Grundrecht auf unentgeltliche Rechtspflege [Art. 29 Abs. 3
BV], Basel 2008, S. 118 ff.; Müller/Schefer, a.a.O., S. 904 f.; Steinmann, St. Galler
Kommentar zu Art. 29 BV, Rz 40). Dabei ist darauf hinzuweisen, dass im Leitentscheid
BGE 125 V 32 das entsprechende Kriterium lediglich in der allgemeinen Erwägung zur
bisherigen Rechtsprechung des EVG erwähnt (E. 2), jedoch in den Kernerwägungen
(E. 4a ff.) nicht mehr aufgeführt wird. Damit geht einher, dass auch in den Materialien
zum ATSG dieses zusätzliche Erfordernis ("in Betracht fallen einer unentgeltlichen
Verbeiständung durch Verbandsvertreter" usw.) keine Berücksichtigung fand (Bericht
der Kommission des Nationalrates für soziale Sicherheit zur parlamentarischen
Initiative Sozialversicherungsrecht vom 26. März 1999, S. 73, sowie AB 2000 S. 181).
Schliesslich erweist sich die fragliche, von der Beschwerdegegnerin ins Feld geführte
Anspruchsbeschränkung als nicht sachgerecht, da sie grundsätzlich jedem Gesuch auf
unentgeltliche Rechtsverbeiständung etwa unter Hinweis auf die Aufklärungs- und
Beratungspflicht der Sozialversicherungsträger gemäss Art. 27 Abs. 1 und 2 ATSG
entgegengehalten werden könnte und damit das Grundrecht auf unentgeltliche
Rechtsverbeiständung seines Sinns entleert würde. Einzig bei tatsächlich vorhandener
Vertretungsmöglichkeit der gesuchstellenden Person - etwa im Rahmen einer
Vormundschaft - rechtfertigt sich der Einbezug allfällig vorhandener juristischer
Kenntnisse des Vertreters bei der Anspruchsprüfung (vgl. Meichssner, a.a.O., S. 133
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit Hinweisen auf die Rechtsprechung). Nicht angerechnet werden können der
gesuchstellenden Person indessen hypothetisch vorhandene Rechtskenntnisse eines
unbestimmten Personenkreises. Es besteht keine Schadenminderungspflicht, die es
jeder gesuchstellenden Person aufträgt, vor Inanspruchnahme der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung zunächst sämtliche möglichen unentgeltlichen
Rechtsberatungen auszuschöpfen, zumal fraglich ist, ob entsprechende rechtskundige
Beratungen, geschweige denn rechtskundige Vertretungen, die den Beizug einer
anwaltlichen Vertretung entbehrlich machen würden, überhaupt voraussetzungslos und
jeder Person kostenlos zur Verfügung stehen. Schon gar nicht geht es an, der
gesuchstellenden Person bezüglich einer hypothetischen Beratungsmöglichkeit die
Beweislast aufzuerlegen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 26. November 2012,
9C_878/2012, E. 3.6.2; anders offenbar noch Urteile des Bundesgerichts vom
18. September 2009, 9C_315/2009, E. 2.2, sowie vom 28. Juni 2012, 8C_438/2012,
E. 2.2.1, worin indessen entsprechende Beratungsgelegenheiten nicht konkret benannt
werden und nicht mehr von einer Verbeiständungsmöglichkeit, sondern entgegen der
früheren Rechtsprechung bloss noch Beizugsmöglichkeit die Rede ist).
3.4 Wenn die Beschwerdegegnerin unter Hinweis auf die jüngere, nicht amtlich
publizierte Rechtsprechung (etwa Urteil des Bundesgerichts vom 7. August 2008,
9C_165/2009, E. 1.2) ausführt, "Das Abstellen auf das finanzielle Moment hätte zur
Folge, dass der Anspruch auf unentgeltliche Verbeiständung praktisch immer bejaht
werden müsste; dies käme einem generellen Anspruch auf einen unentgeltlichen
anwaltlichen Vertreter im Verwaltungsverfahren gleich und widerspräche der
gesetzlichen Konzeption" (act. G 3.167), lässt sie ausser Acht, dass nicht die Quantität
möglicher Gewährungen unentgeltlicher Rechtsverbeiständungen gleichgelagerter Fälle
bei der Anspruchsprüfung massgebend sein kann, sondern die Eingriffsschwere und
allenfalls Komplexität der in Frage stehenden Verfahren. Sie vernachlässigt dabei auch
den Umstand, dass Art. 37 Abs. 4 ATSG keine IV-rentenspezifische Bestimmung ist
(vgl. vorstehende E. 2.2 am Schluss). Wie bereits erwähnt, geht es vorliegend um den
Entzug der finanziellen Existenzgrundlage des Beschwerdeführers und es stellen sich
heikle sowie schwierige Rechts- und Tatfragen (vgl. vorstehende E. 3.1 und 3.2). Der
Vollständigkeit halber ist zu bemerken, dass weder in BGE 125 V 32 noch in den
Materialien ein entsprechendes von der Quantität gleichgelagerter Fälle abhängiges
zusätzliches Erfordernis erwähnt wurde. Es steht der Beschwerdegegnerin auch nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Übrigen frei, die in einer
Kostennote geltend gemachten Aufwände je einzeln auf ihre Notwendigkeit hin zu
überprüfen und bei fehlender Notwendigkeit das Honorar zu kürzen.
3.5 In Anbetracht der komplexen, von einem juristischen Laien nur sehr schwer
überblickbaren Verhältnisse verbietet sich vorliegend die Annahme, eine anwaltliche
Vertretung sei für den Beschwerdeführer im Verwaltungsverfahren nicht erforderlich,
selbst wenn ein besonders starker Eingriff in die Rechtsposition des
Beschwerdeführers verneint würde.
4.
Aus den Akten ergibt sich die finanzielle Bedürftigkeit des Beschwerdeführers (vgl.
Gesuch vom 18. Februar 2013, act. G 3.165-3 f.). Sie blieb von der
Beschwerdegegnerin unbestritten. Aufgrund der Aktenlage ist auch die Voraussetzung
der Nichtaussichtslosigkeit erfüllt.
5.
5.1 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 29. Mai 2013 in
Gutheissung der Beschwerde aufzuheben, dem Beschwerdeführer ist die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren ab Datum der
Gesuchstellung (10. Mai 2013, act. G 3.165-1) zu bewilligen und Rechtsanwalt Dr. Urs
Glaus zum unentgeltlichen Vertreter zu ernennen.
5.2 Bei Streitigkeiten betreffend unentgeltliche Verbeiständung im
Verwaltungsverfahren sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Da es
sich vorliegend und im Zwischenentscheid vom 23. Juli 2013, IV 2013/237 Z (act. G 6),
nicht um eine Streitigkeit betreffend "IV-Leistungen" handelt, findet die Kostenregelung
von Art. 69 Abs. 1 IVG keine Anwendung (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts
vom 12. Januar 2012, IV 2010/270, E. 6.4).
5.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers hat auf die Einreichung einer Honorarnote verzichtet. Der
Bedeutung und dem Aufwand der Streitsache angemessen erscheint für das Verfahren
IV 2013/237 eine Parteientschädigung von pauschal Fr. 1'500.-- (inklusive Barauslagen
und Mehrwertsteuer). Die Festlegung einer Entschädigung aus unentgeltlicher
Rechtsverbeiständung erübrigt sich bei diesem Prozessausgang für das Verfahren
IV 2010/237. Im Verfahren IV 2010/237 Z betreffend vorsorgliche Massnahmen hatte
der Rechtsvertreter verglichen mit der Hauptsache keinen zu entschädigenden
Zusatzaufwand (vgl. die Beschwerdeeingabe vom 31. Mai 2013, act. G 1), der im
Rahmen einer unentgeltlichen Rechtsverbeiständung zu entschädigen wäre.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP