Decision ID: 6a30e895-7afd-5c51-9e81-aacb1e58b269
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 02.07.2015 Art. 16b Abs. 1 lit. c EOG. Mutterschaftsentschädigung. Da die Beschwerdeführerin ihre selbstständige Erwerbstätigkeit bereits vor der Niederkunft definitiv aufgegeben und sich bei der Ausgleichskasse abgemeldet hat, und auch nicht als arbeitslos gelten kann, besteht kein Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung. (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 2. Juli 2015, MUV 2014/1).Aufgehoben durch Urteil des Bundesgerichts 9C_577/2015.Entscheid vom 2. Juli 2015BesetzungPräsidentin Lisbeth Mattle Frei, Versicherungsrichterinnen Christiane Gallati Schneider und Marie-Theres Rüegg Haltinner; Gerichtsschreiber Jürg SchutzbachGeschäftsnr.MUV 2014/1ParteienA._,Beschwerdeführerin,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,GegenstandMutterschaftsentschädigungSachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 5. November 2013 bei der Sozialversicherungsanstalt
St. Gallen zum Bezug von Mutterschaftsentschädigung an. Sohn B._ sei am _.
Oktober 201_ geboren worden (act. G 3.1/1.1). Im Begleitschreiben vom 6. November
2013 führte sie ergänzend aus, sie sei bis zum 31. August 2013 selbstständig
erwerbend gewesen und habe somit bis einen Monat vor dem Geburtstermin
gearbeitet. Sie werde ihre selbstständige Erwerbstätigkeit aus familiären Gründen nicht
wieder aufnehmen (act. G 3.1/1.7).
A.b Mit Verfügung vom 15. November 2013 wies die Sozialversicherungsanstalt St.
Gallen das Gesuch ab, da sich die Versicherte per 31. August 2013 als selbstständig
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Erwerbende abgemeldet habe und daher ab 1. September 2013 nicht mehr als solche
gelte (act. G 3.1/2.1).
A.c Mit Einsprache vom 27. November 2013 leitete die Einsprecherin nunmehr aus
einem früheren Arbeitsverhältnis einen Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung ab.
Sie sei bis 31. Januar 2011 bei der C._ GmbH angestellt gewesen. Gemäss Art. 9a
Abs. 2 AVIG hätte infolge verlängerter Rahmenfrist für die Beitragszeit Anspruch auf
Arbeitslosentaggelder bestanden. Im Zeitpunkt der Geburt sei sie arbeitslos im Sinn
von Art. 29 lit. b EOV gewesen (act. G 3.1/3).
A.d Mit Entscheid vom 7. April 2014 wies die Sozialversicherungsanstalt die
Einsprache ab. Die Abklärung beim seco habe ergeben, dass im Zeitpunkt der Geburt
die Mindestbeitragsdauer nicht erfüllt worden sei und daher kein Anspruch auf
Entschädigung bestehe (act. G 3.1/12).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 25. April
2014 mit dem sinngemässen Antrag auf Aufhebung des angefochtenen Entscheids.
Zudem sei der Beschwerdeführerin per 9. Oktober 2013 Mutterschaftsentschädigung
auszurichten. Ein Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung entstehe, wenn zum
Zeitpunkt der Geburt ein Anspruch auf Arbeitslosentaggelder bestanden hätte. Dies sei
bei ihr der Fall gewesen. Sie sei vom 1. Februar 2011 bis zum 31. August 2013
selbstständig erwerbend gewesen. Die Rahmenfrist für die Beitragszeit hätte sich somit
gemäss Art. 9a Abs. 2 AVIG auf vier Jahre verlängert. In der Rahmenfrist vom
9. Oktober 2009 bis zum 8. Oktober 2013 verfüge sie über eine Beitragszeit von 15
Monaten und 22 Tagen. Somit hätte ein Anspruch auf Arbeitslosentaggelder
bestanden, was gemäss Art. 16b Abs. 3 lit. b EOG i.V.m. Art. 29 lit. b EOV zu einem
Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung führe (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine materielle Stellungnahme und
beantragt Abweisung der Beschwerde (act. G 3).

Erwägungen:
1
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Der Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung setzt voraus, dass die Frau während der
neun Monate unmittelbar vor der Niederkunft im Sinn des AHVG obligatorisch
versichert war, in dieser Zeit mindestens fünf Monate lang eine Erwerbstätigkeit
ausgeübt hat und im Zeitpunkt der Niederkunft Arbeitnehmerin im Sinn von Art. 10
ATSG oder selbstständig Erwerbende im Sinn von Art. 12 ATSG war oder im Betrieb
des Ehemannes mitgearbeitet und einen Barlohn bezogen hat (Art. 16b Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft
[EOG], SR 834.1). Gemäss der gesetzlichen Regelung ist lediglich erforderlich, dass die
Frau zum Zeitpunkt der Niederkunft eine selbstständige oder unselbstständige
Erwerbstätigkeit ausübt (Art. 16b Abs. 1 lit. c EOG). Eine Wiederaufnahme der
Erwerbstätigkeit nach Ablauf des 14-wöchigen bezahlten Mutterschaftsurlaubs ist nicht
erforderlich. Es ist mithin nicht entscheidend, ob die Frau auch nach der Niederkunft
noch erwerbstätig ist (vgl. auch das Kreisschreiben über die
Mutterschaftsentschädigung [Kreisschreiben MSE], Ziff. 1050 und 1058).
2.
2.1 Vorliegend ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin ihre selbstständige
Tätigkeit per Ende August 2013 definitiv aufgegeben hat (vgl. Begleitschreiben vom
6. November 2013 zum Antrag auf Mutterschaftsentschädigung [act. G 3.1/1.7]).
Insbesondere wird nicht geltend gemacht und es ist nicht ersichtlich, dass über den
31. August 2013 hinaus auch nur die theoretische Möglichkeit der Wiederaufnahme der
Geschäftstätigkeit gegeben war, indem etwa noch ein ungekündigtes Mietverhältnis
der Geschäftsräume, weiter betriebene Telefonanschlüsse und weiter gültige
Telefonbucheinträge vorhanden waren oder die Kundschaft über eine vorübergehende
Einstellung des Geschäfts mit allfälliger Stellvertretung informiert wurde. Vielmehr
impliziert das Schreiben vom 6. November 2013, dass auch die
Geschäftsräumlichkeiten baldmöglichst aufgegeben wurden, da auch nur schon eine
Teilzeittätigkeit nicht mehr rentabel gewesen wäre. Die Beschwerdeführerin war somit
zum Zeitpunkt der Geburt definitiv nicht (mehr) erwerbstätig. Nachdem auf Grund ihres
Schreibens vom 6. November 2013 kein Wille der Beschwerdeführerin erkennbar ist,
und auch im vorliegenden Verfahren nicht geltend gemacht wird, das Geschäft nach
dem 31. August 2013 bzw. nach dem Mutterschaftsurlaub weiterzuführen, würde sich
am tatsächlichen Statuswechsel per Ende August 2013 auch nichts ändern, wenn etwa
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die Kündigungsfrist für die Geschäftsräume noch über das Geburtsdatum hinaus
angedauert hätte. Da somit von einer effektiven Geschäftsaufgabe per Ende August
2013 auszugehen ist, ist auch nicht erheblich, dass die Beschwerdeführerin ihre
Erwerbstätigkeit glaubwürdig infolge der schwangerschaftsbedingten
Arbeitsunfähigkeit vorzeitig aufgegeben hat. Indem die Abmeldung bei der
Ausgleichskasse nicht nur pro forma erfolgte, sondern das Geschäft effektiv
aufgegeben wurde, unterscheidet sich der vorliegende Fall grundlegend von anderen,
bereits vom Bundesgericht entschiedenen Fällen (vgl. Entscheid E3/2006 vom
16. Januar 2008, in welchem trotz schwangerschaftsbedingter Einstellung der Tätigkeit
- jedoch unter Aufrechterhaltung der betrieblichen Infrastruktur - nicht von einer
definitiven Aufgabe der selbstständigen Erwerbstätigkeit ausgegangen wurde; etwas
schwächer allerdings der Entscheid 9C_44/2012 vom 12. April 2012, wo das
Bundesgericht bereits aus dem Umstand, dass die Ansprecherin nach der Geburt
Mutterschaftsurlaub beantragen wollte und keine Anhaltspunkte für die Aufgabe der
selbstständigen Erwerbstätigkeit ersichtlich waren, auf das Fortbestehen dieser
Tätigkeit und des entsprechenden Status geschlossen hatte [E. 3.2]).
2.2 Die Beschwerdeführerin führt sodann aus, sich der Folgen der Abmeldung nicht
bewusst gewesen zu sein, macht aber nicht geltend, sie sei von der
Beschwerdegegnerin mangelhaft beraten oder informiert worden. Mithin ist davon
auszugehen, dass sie sich ohne vorgängige Konsultation bei der Ausgleichskasse als
selbstständig Erwerbende abgemeldet hat. Aus der schriftlichen Abmeldung vom
4. September 2013 konnte die Beschwerdegegnerin ebenfalls keinen Beratungsbedarf
erkennen, wies die Beschwerdeführerin doch nicht auf die bevorstehende Niederkunft
als Grund für die Aufgabe der selbstständigen Erwerbstätigkeit hin (act. G 5.6). Die
Anspruchsvoraussetzung des Art. 16b Abs. 1 lit. c Ziff. 2 EOG ist damit nicht erfüllt.
2.3 Die Beschwerdeführerin macht schliesslich geltend, sie sei zum Zeitpunkt der
Geburt arbeitslos gewesen und verfüge aus ihrer früheren Anstellung bei der C._
GmbH über genügend Beitragszeiten. Ob dies zutrifft, kann offen bleiben. Zwar
verzichtet die bundesgerichtliche Rechtsprechung in Bezug auf den Anspruch auf
Mutterschaftsentschädigung auf die Anspruchsvoraussetzung der kontrollierten
Arbeitslosigkeit im Sinn von Art. 8 Abs. 1 lit. a AVIG i.V.m. Art. 10 Abs. 3 AVIG, d.h. auf
eine Anmeldung beim RAV. Indessen muss auch hier materiell Arbeitslosigkeit
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vorliegen (BGE 136 V 239 E. 2.1). Demgegenüber war die Beschwerdeführerin nie
materiell arbeitslos, insbesondere auch nicht in den letzten 9 Monaten vor der
Niederkunft, wie sie im Anmeldeformular selber bestätigt hat (act. G 3.1/1.2). So
wechselte sie nach eigenen Angaben per 1. Februar 2011 nahtlos von der
unselbstständigen in die selbstständige Tätigkeit (vgl. Beschwerde S. 2). Auch nach
Beendigung der letzteren per 31. August 2013 bis zur Geburt am 9. Oktober 2013 war
sie nicht materiell arbeitslos, suchte sie doch auch in diesem Zeitraum keine Stelle.
Vielmehr gab sie die selbstständige Erwerbstätigkeit infolge der bevorstehenden
Niederkunft auf. Die Beschwerdeführerin vermag somit aus dem früheren
Arbeitsverhältnis bei der C._ GmbH - unabhängig von der allenfalls erfüllten
Beitragspflicht - nichts zu ihren Gunsten abzuleiten.
3.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu er
heben (Art. 61 lit. a ATSG).