Decision ID: 12bf36bb-ca8c-5e90-9871-969b526d3adf
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 13.12.2012 Art. 35 Abs. 1bis AVIG, Art. 57a Abs. 1 AVIV. Verkürzung der allgemeinen Bezugsdauer von Kurzarbeitsentschädigung. Anrechnung von während der befristeten Geltungsdauer des Stabilisierungsgesetzes eingetretenen Abrechnungsperioden mit mehr als 85% Arbeitsausfall nach Ende des Stabilisierungsgesetzes bejaht (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 13. Dezember 2012, AVI 2012/33).Präsidentin Lisbeth Mattle Frei, Versicherungsrichterin Marie Löhrer, a.o. Versicherungsrichter Christian Zingg; Gerichtsschreiberin Jeannine BodmerEntscheid vom 13. Dezember 2012in SachenA._, Beschwerdeführerin,gegenKantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendKurzarbeitsentschädigung (Höchstbezugsdauer)Sachverhalt:
A.
A.a Am 26. März 2012 beantragte die A._, (nachfolgend: Arbeitgeberin) für den
Gesamtbetrieb für die Abrechnungsperiode März 2012 Kurzarbeitsentschädigung.
Gemäss Abrechnung über die Kurzarbeit machte die Arbeitgeberin 89.83%
Ausfallstunden geltend (act. G 3.1.7). Zuvor hatte sie bereits im November 2011 für
95.07% (act. G 3.1.3), im Dezember 2011 für 87.85% (act. G 3.1.4), im Januar 2012 für
88.72% (act. G 3.1.5) und im Februar 2012 für 89.82% Ausfallstunden (act. G 3.1.6)
Kurzarbeitsentschädigung geltend gemacht.
A.b Mit Schreiben vom 29. März 2012 teilte die Arbeitslosenkasse der Arbeitgeberin
mit, dass ihr während der laufenden Rahmenfrist bereits vier Abrechnungsperioden mit
einem Arbeitsausfall von mehr als 85% vergütet worden seien. Daher könnten keine
Leistungen mehr ausgerichtet werden (act. G 3.1.10).
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A.c Die Arbeitgeberin nahm dazu am 2. April 2012 Stellung. Sie führte aus, die Löhne
für den März per 25. März 2012 ausbezahlt zu haben. In der Kurzarbeitszeit-
Abrechnung vom März weise sie 89.83% Ausfallstunden aus. Somit sei der prozentuale
Ausfall 4.83% über dem Zulässigen. Es sei nicht verständlich, dass die
Arbeitslosenkasse aus diesem Grund für den Monat März kein Geld auszahlen könne.
Die Arbeitgeberin sei mit den Lieferanten wegen der Kurzarbeit z.T. Abzahlungstermine
eingegangen. Diese habe sie strikte einzuhalten. Im Falle des Verzugs müssten
Mitarbeiter entlassen oder das Unternehmen eventuell geschlossen werden. Sie sei
noch bis Ende Mai unbedingt auf die Unterstützung durch die Arbeitslosenkasse
angewiesen. Danach habe sie wieder genügend Arbeit und könne eventuell noch
weitere Mitarbeiter einstellen (act. G 3.1.11).
A.d Mit Verfügung vom 5. April 2012 wies die Arbeitslosenkasse den Anspruch auf
Kurzarbeitsentschädigung für den Monat März 2012 ab. Da der Arbeitsausfall während
längstens vier Abrechnungsperioden 85% der normalen betrieblichen Arbeitszeit
überschreiten dürfe, der Arbeitgeberin jedoch während der laufenden Rahmenfrist vom
1. November 2011 bis 31. Oktober 2013 bereits Kurzarbeitsentschädigungen während
vier Abrechnungsperioden mit einem Arbeitsausfall von mehr als 85% ausgerichtet
worden seien, bestehe kein Anspruch mehr (act. G 3.1.12).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob die Arbeitgeberin am 5. April 2012 Einsprache. Sie
begründete diese damit, dass Art. 57a der Verordnung über die obligatorische Arbeits
losenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) bis zum 31.
Dezember 2011 suspendiert gewesen sei und damit auch allfällig bereits bezogene
Abrechnungsperioden mit Bezug von mehr als 85% Ausfall nicht angerechnet werden
dürften. Folglich sei die Abrechnungsperiode März 2012 erst die 3.
Abrechnungsperiode in der laufenden Rahmenfrist, welche 85% überschreite. Zudem
sei der Antrag vom 9. Februar mit einem voraussichtlich prozentualen Arbeitsausfall
von 90% ohne Einschränkung am 10. Februar bewilligt worden. Hier sei die
Informationspflicht verletzt worden. Im Bewilligungsschreiben fehle der Hinweis, dass
ab Ende Februar die 4. Abrechnungsperiode überschritten werde (act. G 3.1.13).
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B.b Mit Einspracheentscheid vom 12. April 2012 wies die Kantonale Arbeitslosenkasse
die Einsprache ab. Sie hielt daran fest, dass mit dem Wegfall der verlängerten
Höchstbezugsdauer am 31. Dezember 2011 die alte Regelung mit vier
Abrechnungsperioden am 1. Januar 2012 wieder in Kraft getreten sei. In der Folge
hätten die bisher angefallenen Abrechnungsperioden angerechnet werden müssen. Der
Zähler für die Abrechnungsperioden sei also mit der befristeten Suspendierung nicht
vorübergehend unterbrochen worden. Der Höchstanspruch auf
Kurzarbeitsentschädigung sei nur bis Ende 2011 unabhängig von der Anzahl der
Abrechnungsperioden zugelassen worden. In der Verfügung des Amtes für Arbeit vom
10. Februar 2012 sei die Arbeitgeberin darauf aufmerksam gemacht worden, dass
Kurzarbeitsentschädigung ausgerichtet werden könne, sofern die übrigen
Anspruchsvoraussetzungen erfüllt seien. Damit sei die Auszahlung von
Kurzarbeitsentschädigung nicht vorbehaltlos bewilligt worden. Zwar sei ihr mit E-Mail
vom 29. März 2012 mitgeteilt worden, es sei der Anspruch erst für die dritte
Abrechnungsperiode geltend gemacht worden. Diese unrichtige Auskunft sei allerdings
während der laufenden Abklärungen und somit vor Abschluss des Verfahrens erfolgt:
Der mit Schreiben vom 29. März 2012 angekündigte definitive Entscheid sei nämlich
noch nicht zugestellt worden. Das E-Mail sei daher keine ausreichende Grundlage für
den Gutglaubensschutz. Zudem sei keine nicht wieder gut zu machende Disposition
ersichtlich, welche bereits gestützt auf diese Auskunft getroffen worden wäre. Somit sei
eine Berufung auf den Gutglaubensschutz nicht möglich (act. G 3.1.14).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vorliegend zu beurteilende
Beschwerde der Arbeitgeberin vom 13. April 2012 mit dem sinngemässen Antrag auf
Aufhebung des Entscheids und Zusprache von Kurzarbeitsentschädigung. Zur
Begründung werden die Argumente in der Einsprache vom 5. April 2012 wiederholt. Im
Weiteren machte die Beschwerdeführerin geltend, es könne nicht sein, dass wegen
einer 4%igen Überschreitung einem Unternehmen Null Franken ausbezahlt werde. Dies
widerspreche jeder Logik. Eine Begrenzung auf 85% sei demgegenüber
nachvollziehbar und ergäbe einen Sinn (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Eingabe vom 27. Mai 2012 unter Verweis
auf den Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
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Erwägungen:
1.
1.1 Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung besteht, wenn der Arbeitsausfall
anrechenbar sowie voraussichtlich vorübergehend ist und erwartet werden darf, dass
durch Kurzarbeit die Arbeitsplätze erhalten werden können (Art. 31 Abs. 1 lit. b und d
des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIG; SR 837.0). Ein Arbeitsausfall ist u.a. anrechenbar, wenn
er auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen und unvermeidbar ist (Art. 32 Abs. 1 lit. a
AVIG).
1.2 Gemäss Art. 35 Abs. 1 AVIG wird die Kurzarbeitsentschädigung innerhalb von
zwei Jahren während höchstens zwölf Abrechnungsperioden ausgerichtet. Diese Frist
gilt für den Betrieb und beginnt mit dem ersten Tag der ersten Abrechnungsperiode, für
die Kurzarbeitsentschädigung ausgerichtet wird. Die gesetzliche Regelung kennt zwei
Ausnahmen von der allgemeinen Höchstdauer, die beide entgegengesetzte Ziele
verfolgen. Im einen Fall wird die allgemeine Bezugsdauer verkürzt, im anderen Fall
verlängert. Laut Art. 35 Abs. 1 AVIG darf der Arbeitsausfall während längstens vier
Abrechnungsperioden 85% der normalen betrieblichen Arbeitszeit überschreiten.
Überschreitet der Arbeitsausfall innerhalb der Rahmenfrist während mehr als vier
zusammenhängenden oder einzelnen Abrechnungsperioden 85% der normalen
betrieblichen Arbeitszeit, besteht nur für die vier ersten Abrechnungsperioden ein
Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung (Art. 57a Abs. 1 der Verordnung über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIV;
SR 837.02]). Demgegenüber kann der Bundesrat gestützt auf seine Kompetenz nach
Art. 35 Abs. 2 AVIG bei andauernder erheblicher Arbeitslosigkeit die Höchstdauer der
Leistungen allgemein oder für einzelne besonders hart betroffene Regionen oder
Wirtschaftszweige um höchstens sechs Abrechnungsperioden verlängern (vgl. auch
Thomas Nussbaumer, Arbeitslosenversicherung, in: Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht [SBVR], Bd. Soziale Sicherheit, 2. Aufl. Basel 2007, Rz
500ff.). Der Zweck von Art. 35 Abs. 1 AVIG liegt in der Verhinderung von
Strukturerhaltung. Kurzarbeit soll dann angewendet werden, wenn gute Prognosen auf
Wiedererholung des Betriebs bestehen. Sie soll jedoch nicht "eine Art Sterbehilfe" sein.
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Der Grund, weshalb ein Prozentsatz von 85% und nicht von 100% eingeführt wurde,
liegt in der Verhütung von Missbräuchen. Würde das Gesetz auf 100% abstellen, wäre
es leicht, dieses zu umgehen. Eine Arbeitsstunde pro Betrieb und Monat würden
diesfalls genügen, um die Vier-Monats-Sperre unwirksam zu machen. Daher verankerte
der Gesetzgeber hier die 85%-Grenze (vgl. AmtlBull StR 1994 S. 314 [Votum BE
Beerli]).
1.3 Am 1. Januar 2010 trat das Bundesgesetz über befristete konjunkturelle
Stabilisierungsmassnahmen in den Bereichen des Arbeitsmarkts, der Informations- und
Kommunikationstechnologien sowie der Kaufkraft in Kraft (StabG; AS 2009 5043). Es
war befristet bis 31. Dezember 2011 und suspendierte die Regelungen nach Art. 35
Abs. 1 AVIG und Art. 35 Abs. 2 AVIG für die Zeit seiner Geltungsdauer (Art. 7 StabG).
Gemäss Art. 7 StabG wurde Art. 35 Abs. 2 AVIG für die befristete Dauer zudem
dahingehend geändert, dass der Bundesrat die Kompetenz erhielt, die Höchstdauer
der Leistungen gemäss Abs. 1 der Bestimmung um höchstens zwölf
Abrechnungsperioden zu erhöhen. Dies tat er durch Art. 57b AVIV anlässlich der
Änderung vom 5. März 2010 (AS 2010 887), wodurch die Höchstdauer der
Kurzarbeitsentschädigung um zwölf Abrechnungsperioden verlängert wurde.
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, nachdem auf Grund des befristeten
Stabilisierungsprogramms die Bestimmung von Art. 57a AVIV bis zum 31. Dezember
2011 nicht angewendet werden dürfe, seien auch allfällig bis dahin bereits bezogene
Abrechnungsperioden mit einem Ausfall von mehr als 85% ab dem 1. Januar 2012
nicht zu berücksichtigen (act. G 1).
2.2 Dieser Argumentation kann nicht gefolgt werden. Das StabG sah lediglich eine
Suspendierung von Art. 35 Abs. 1 AVIG vom 1. Januar 2010 bis 31. Dezember 2011
vor. Danach trat die Bestimmung wieder ohne weitere Einschränkungen in Kraft. Eine
Nichtbeachtung von bereits erfolgten Abrechnungsperioden mit Arbeitsausfällen von
mehr als 85% wurde gesetzlich nicht festgehalten. Sinn und Zweck des
Stabilisierungsprogramms war es, auf Grund der eingetretenen Rezession befristete
Massnahmen zur Vermeidung zusätzlicher Arbeitslosigkeit, zur Vermeidung und
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Eindämmung von prozyklischen Entscheiden sowie zur Fortsetzung der
Wachstumspolitik und Promotion des Wirtschaftsstandortes zu ergreifen. In der
Botschaft vom 10. August 2009 hielt der Bundesrat explizit fest, es sei vorgesehen, Art.
35 Abs. 1 AVIG für die Geltungsdauer des Gesetzes nicht anzuwenden. In dieser Zeit
dürfe der Arbeitsausfall auch länger als vier Abrechnungsperioden 85% der normalen
betrieblichen Arbeitszeit überschreiten (vgl. Botschaft AS 2009 5735ff., 5743). Da
demgegenüber für die Zeit danach keine Spezialbestimmung bzw. keine
Suspendierung mehr gilt, sind auch die während der Geltungsdauer des StabG
eingetretenen Arbeitsausfälle von über 85% vollständig anzurechnen.
2.3 Im gleichen Sinn wies das Seco in seiner Mitteilung vom Juli 2010 darauf hin, dass
mit dem Wegfall der verlängerten Höchstbezugsdauer am 31. Dezember 2011 wieder
die alte Regelung, also eine Höchstbezugsdauer von 12 Monaten gelte. Unternehmen,
die am 31. Dezember 2011 während 12 oder mehr Abrechnungsperioden
Kurzarbeitsentschädigung bezogen hätten, verlören (damit) ihren Anspruch auf weitere
Kurzarbeitsentschädigung (035-AVIG-Praxis 2010/26). Diese Verwaltungsbestimmung
ist in Anlehnung an obige Ausführungen gesetzmässig. Auch hier kann nicht ohne
ausdrückliche gesetzliche Regelung gesagt werden, dass bereits ausgerichtete
Kurzarbeitsentschädigungen während 12 und mehr Abrechnungsperioden während der
Dauer des Stabilisierungsprogramms als nicht erfolgt zu betrachten und damit nicht zu
zählen wären. Vielmehr sind die bereits geleisteten Zahlungen im Rahmen der ab dem
1. Januar 2012 wieder auflebenden Bestimmungen zu berücksichtigen. Eine Gleich
behandlung der Abs. 1 und 2 von Art. 35 AVIG ist damit gewährleistet.
3.
Weiter argumentiert die Beschwerdeführerin, dass ihr Antrag vom 9. Februar am
10. Februar ohne Einschränkung bewilligt worden sei. Hier sei die Informationspflicht
verletzt worden. Im Bewilligungsschreiben habe jeder Hinweis gefehlt, dass ab Ende
Februar die vierte Abrechnungsperiode überschritten werde (act. G 1). Zwar wird in den
den Akten beiliegenden Formularen und Unterlagen tatsächlich nicht auf den
höchstens während vier Abrechungsperioden zulässigen Arbeitsausfall von mehr als
85% hingewiesen; gemäss der Broschüre des Eidgenössischen
Volkswirtschaftsdepartements (EVD) zur Information für Arbeitgeber und
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Arbeitgeberinnen bezüglich Kurzarbeitsentschädigung (Ausgabe 2011; Info-Service
Arbeitslosenversicherung), welche auch im Internet abrufbar ist (vgl. http://
www.treffpunkt-arbeit.ch/publikationen/broschueren/, S. 13, abgerufen am 22.
November 2012) wird darüber aber kurz und klar informiert. Mit diesem Hinweis in der
Informationsbroschüre hat die Verwaltung ihre gesetzliche Aufklärungs- und
Beratungspflicht (vgl. Art. 27 Abs. 1 und 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]) erfüllt.
4.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG)
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP