Decision ID: d8113612-4402-5779-bfe5-0cbfc26f0c15
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 31. Dezember 2020 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit EURODAC) vom 11. Januar 2021 ergab, dass er am 19. November
2020 in Kroatien registriert worden war und gleichentags ein Asylgesuch
eingereicht hatte, nachdem er zuvor (am 31. August und 12. September
2019) bereits in Griechenland registriert worden war.
C.
Am 12. Januar 2021 fand die Personalienaufnahme (PA) statt, und glei-
chentags beauftragte der Beschwerdeführer die Mitarbeitenden des
Rechtsschutzes für Asylsuchende Bundesasylzentrum Region Bern mit der
Wahrung seiner Rechte im Asylverfahren.
D.
Anlässlich des persönlichen Dublin-Gesprächs vom 18. Januar 2021
machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, es treffe zu, dass
er am 31. August 2019 illegal nach Griechenland eingereist und am
12. September 2019 um Asyl ersucht habe. Er habe dort ungefähr ein Jahr
verbracht, jedoch weder ein Interview gehabt noch einen Asylentscheid er-
halten. Sodann sei er am 19. November 2020 in Kroatien daktyloskopiert
worden. Er habe dort jedoch kein Asylgesuch einreichen wollen. In der
Folge habe eine kurze Befragung stattgefunden, und er habe eine Karte
erhalten, womit er das «Camp» habe betreten und verlassen können. Er
habe in B._ gelebt. Auch in Kroatien habe er keinen Asylentscheid
erhalten. Im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs zur mögli-
chen Zuständigkeit Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens und einer damit verbundenen Wegweisung dorthin er-
klärte der Beschwerdeführer, er wolle nicht nach Kroatien zurückkehren.
Die Grenzpolizei habe ihn zwölfmal von Kroatien nach Bosnien deportiert,
ihn geschlagen und ihm seine Sachen weggenommen. Er habe rund zwei
Wochen ohne warme Kleidung auf der Strasse leben müssen. Einmal sei
er von Dieben überfallen, bestohlen und mit einem Messer verletzt worden.
Auch damals habe ihm die kroatische Polizei nicht geholfen, sondern ihn
deportiert. Nach seinem Gesundheitszustand gefragt, gab er an, es gehe
ihm gut.
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Der Beschwerdeführer reichte weder Identitätspapiere noch anderweitige
Beweismittel zu den Akten.
E.
Am 19. Januar 2021 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Wie-
deraufnahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
F.
Mit Eingabe vom 21. Januar 2021 reichte der Beschwerdeführer einen ärzt-
lichen Kurzbericht vom 15. Januar 2021, eine medizinische Dokumentation
von ORS sowie eine migrationsmedizinische Abklärung vom 11. Januar
2021 zu den Akten.
G.
Mit Schreiben vom 1. Februar 2021 stimmten die kroatischen Behörden
dem Rückübernahmegesuch zu.
H.
Mit Verfügung vom 1. Februar 2021 – eröffnet am 4. Februar 2021 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz
spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Ferner
beauftragte das SEM den zuständigen Kanton ([C._]) mit dem Voll-
zug der Wegweisung, ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen Ak-
ten gemäss Aktenverzeichnis an und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen die Verfügung komme keine aufschiebende Wirkung zu.
I.
Die zugewiesene Rechtsvertretung teilte mit Schreiben vom 5. Februar
2021 mit, das Mandatsverhältnis sei beendet.
J.
In seiner Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 11. Februar
2021 beantragte der Beschwerdeführer, die vorinstanzliche Verfügung vom
1. Februar 2021 sei aufzuheben, und das SEM sei anzuweisen, seine Asyl-
gründe (materiell) zu prüfen. Eventuell sei die Vorinstanz anzuweisen, die
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Unzulässigkeit und/oder Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs fest-
zustellen und das Asylgesuch in der Schweiz zu prüfen. In prozessualer
Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung (inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses) sowie um unentgeltliche Verbeiständung.
Der Beschwerde lag eine Kopie der angefochtenen Verfügung bei.
K.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
15. Februar 2021 vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
L.
Gleichentags setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstellung
einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls,
und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
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Seite 5
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summa-
risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde im vorliegenden Fall auf einen
Schriftenwechsel verzichtet.
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung seines Entscheids im Wesentlichen
aus, der Beschwerdeführer habe nachweislich am 19. November 2020 in
Kroatien ein Asylgesuch gestellt, und Kroatien habe dem Übernahmeersu-
chen zugestimmt. Ungeachtet des Wunsches des Beschwerdeführers
nach einem weiteren Verbleib in der Schweiz sei somit Kroatien für die wei-
tere Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig. Es
bestünden keine Hinweise darauf, dass die kroatischen Behörden das Ver-
fahren nicht rechtsstaatlich korrekt durchführen würden. Falls sich der Be-
schwerdeführer dort rechtswidrig behandelt fühlen sollte, könne er sich an
die zuständigen Stellen wenden. Seine Vorbringen im Rahmen des ihm
gewährten rechtlichen Gehörs vermöchten die Zuständigkeit Kroatiens
nicht zu widerlegen. Sodann gebe es keine wesentlichen Gründe für die
Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asyl-
suchende in Kroatien systemische Schwachstellen aufweisen würden, die
eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im
Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich
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brächten (vgl. Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). Kroatien habe die einschlägigen
Richtlinien ohne Beanstandungen von Seiten der Europäischen Kommis-
sion umgesetzt. Kroatien sei ferner Signatarstaat des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30)
und der EMRK, und es lägen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor,
dass sich Kroatien nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halten
würde. Zwar werde den kroatischen Behörden vorgeworfen, sie würden
Asylsuchende an der Grenze anhalten, ihnen keine Möglichkeit zur Einrei-
chung eines Asylgesuchs bieten und sie teilweise gewaltsam nach Bosnien
und Herzegowina zurückführen (sog. Push-backs). Diese Problematik
könne nach aktuellen Erkenntnissen des SEM, namentlich Abklärungen
durch die Schweizer Botschaft in Kroatien, jedoch nicht mit Rückführungen
nach Kroatien gestützt auf die Dublin-III-VO in Verbindung gebracht wer-
den. Dublin-Rückkehrende hätten in Kroatien Zugang zu einem rechts-
staatlichen Asylverfahren, und es gebe keine Hinweise darauf, dass ihnen
eine Rückschiebung nach Bosnien und Herzegowina oder systematisch
Gewalt seitens der kroatischen Polizei drohe. Im Übrigen sei es dem Be-
schwerdeführer den Akten zufolge offenbar bereits gelungen, in Kroatien
ein Asylgesuch zu stellen, und er habe sich anschliessend ohne Probleme
im Land aufhalten können. Insgesamt bestehe somit kein Grund zur An-
nahme, Kroatien würde dem Beschwerdeführer – als Dublin-Rückkehrer –
den Zugang zum Asylverfahren verwehren respektive den Grundsatz des
Non-Refoulements missachten, oder der Beschwerdeführer wäre bei einer
Rückkehr nach Kroatien gravierenden Menschenrechtsverletzungen aus-
gesetzt. Schliesslich lägen auch keine Gründe für eine Anwendung der Er-
messens- respektive Souveränitätsklauseln (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO
respektive Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
(AsylV 1, SR 142.311) vor. Es sei davon auszugehen, dass dem Beschwer-
deführer, welcher den Akten zufolge an (...) leide, in Kroatien Zugang zu
einer allenfalls notwendigen medizinischen Behandlung gewährt würde
und dort eine ausreichende medizinische Infrastruktur vorhanden sei. Auf
das Asylgesuch sei demnach nicht einzutreten.
5.2 In der Beschwerde wird vorgebracht, der Beschwerdeführer habe
zwölfmal erfolglos versucht, nach Kroatien einzureisen, sei aber von der
kroatischen Polizei jeweils unter Anwendung von Gewalt wieder zurück
nach Bosnien gebracht und im Wald ausgesetzt worden. Die Polizei habe
ihm weder Essen und Trinken noch Kleider gegeben und auch die Wunde
nicht versorgt, welche ihm von Dieben zugefügt worden sei; vielmehr habe
sie ihm ebenfalls seine Sachen (Rucksack, Smartphone etc.) weggenom-
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men. Diese «push-back»-Aktionen der kroatischen Polizei seien ein syste-
matisches Problem und würden in den Berichten verschiedenster Organi-
sationen erwähnt. Am 19. November 2020 sei er dann nach einem erneu-
ten Grenzübertritt auf einen kroatischen Polizeiposten gebracht worden.
Obwohl er kein Asylgesuch in Kroatien habe stellen wollen, seien ihm seine
Fingerabdrücke abgenommen worden. Tags darauf sei er in ein Asylzent-
rum nach B._ verlegt worden. Er habe das Zentrum nicht verlassen
dürfen, sei nicht über das weitere Verfahren informiert worden und habe
kein Rechtsmittel ergreifen können. Er habe auch nie ein regelkonformes
Asylgesuch eingereicht. Schliesslich sei ihm dann die Weiterreise in Rich-
tung Schweiz gelungen. Was er in Kroatien anlässlich der «push-backs»
erlebt habe, sei völkerrechtswidrig und traumatisierend. Er habe kein Ver-
trauen mehr in die kroatischen Behörden. Die Polizei im Landesinnern ver-
halte sich wohl kaum anders als die Grenzpolizei. Ein menschenwürdiges
Leben sei für ihn in Kroatien nicht möglich, weshalb er nicht dorthin zurück-
kehren wolle. Asylsuchende aus Afghanistan hätten ohnehin keine Chance
auf einen positiven Asylentscheid in Kroatien; es sei fraglich, ob er dort ein
faires Asylverfahren erhalten würde. Zudem fürchte er sich vor einer erneu-
ten Deportation nach Bosnien (Verweis auf das Urteil des BVGer
D-6299/2019 vom 4. Dezember 2019 E. 4.4). Es sei daher nicht zulässig,
ihn nach Kroatien zurückzuschicken.
6.
6.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
6.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den im Kapitel III dargelegten Kri-
terien (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl.
auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO).
6.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
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Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.4 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
eine antragsstellende Person, die während der Prüfung ihres Antrags in
einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder sich im Hoheits-
gebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach
Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO).
6.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert: Das
SEM kann demnach das Asylgesuch "aus humanitären Gründen" auch
dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zu-
ständig wäre.
7.
7.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 19. November 2020 in Kroatien
registriert worden war. Dem daraufhin vom SEM gestellten Gesuch um
Rückübernahme des Beschwerdeführers haben die kroatischen Behörden
am 1. Februar 2021 zugestimmt. Die grundsätzliche Zuständigkeit Kroati-
ens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens betreffend
den Beschwerdeführer ist damit gegeben. Sein Einwand, er habe nie in
Kroatien ein Asylgesuch stellen wollen, ändert daran nichts, da die Dublin-
III-VO den Schutzsuchenden nicht das Recht einräumt, den ihren Antrag
prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
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7.2 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist sodann zu prüfen, ob es
wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
7.2.1 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) sowie der FK,
und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass es seinen diesbezügli-
chen völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf ausserdem
davon ausgegangen werden, Kroatien anerkenne und schütze die Rechte,
die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parla-
ments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen
Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
7.2.2 Die Vermutung, Kroatien beachte als Mitglied des Gemeinsamen Eu-
ropäischen Asylsystems und Signatarstaat der vorstehend erwähnten völ-
kerrechtlichen Abkommen die Menschenrechte, kann im Einzelfall wider-
legt werden. Die antragstellende Person hat dazu jedoch konkret darzule-
gen respektive mindestens glaubhaft zu machen, dass eine aktuelle und
ernsthafte Gefahr einer Verletzung einer direkt anwendbaren Norm des
Völkerrechts droht (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 und 7.5). Der Beschwerde-
führer verweist in diesem Zusammenhang auf seine Erlebnisse an der bos-
nisch-kroatischen Grenze und schliesst daraus, das kroatische Asylsystem
weise systemische Schwachstellen auf, und er müsse im Falle seiner Über-
stellung nach Kroatien mit einer Verletzung seiner Grundrechte rechnen.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts liegen jedoch im heutigen
Zeitpunkt, auch unter Würdigung der in der Beschwerde erwähnten kriti-
schen Berichterstattung zu Kroatien, keine Gründe für die Annahme vor,
das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in
Kroatien weise systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2
Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf (vgl. dazu beispielsweise die Urteile des
BVGer E-5910/2020 vom 10. Dezember 2020 E. 7.2 und F-5436/2020 vom
10. November 2020 E. 5.2, m.w.H.).
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7.2.3 Für den vorliegenden Fall ist ausserdem festzustellen, dass das SEM
in Beachtung des Referenzurteils des Bundesverwaltungsgerichts
E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 E. 5.5–5.8 eine Einzelfallprüfung vorge-
nommen hat und dabei unter Verweis auf die mehrfachen Abklärungen
durch die Schweizer Vertretung in Kroatien (den Akten zufolge letztmals im
November 2020; vgl. den entsprechenden Bericht vom 17. November
2020; A13) zum Schluss gekommen ist, dass Personen, welche im Rah-
men eines Dublin-Verfahrens nach Kroatien zurückgeführt werden, nicht
von der problematischen Push-Back-Praxis betroffen sind. Die Vorwürfe
über Unregelmässigkeiten der kroatischen Grenzpolizei im Umgang mit
Migrantinnen und Migranten betrifft diesen Abklärungen zufolge Personen,
welche illegal und direkt nach Kroatien einreisen, nicht hingegen Dublin-
Rückkehrende. Diesen droht grundsätzlich weder eine Abschiebung nach
Bosnien und Herzegowina noch systematische Gewaltanwendung durch
die kroatische Polizei, und der Zugang zu einem rechtsstaatlichen Asyl-
und Wegweisungsverfahren steht ihnen offen. Es ist daher auch unter Be-
rücksichtigung der vom Beschwerdeführer geschilderten Erlebnisse nicht
davon auszugehen, dass Kroatien systematisch gegen seine vertraglichen
Verpflichtungen verstösst. Der Hinweis in der Beschwerde auf das Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts D-6299/2019 vom 4. Dezember 2019 ver-
mag an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Zwar wurde im fraglichen
Verfahren geltend gemacht, der Asylgesuchsteller habe nach seiner Dub-
lin-Rücküberstellung von Slowenien nach Kroatien keine Möglichkeit erhal-
ten, in Kroatien ein Asylgesuch zu stellen. Aus diesem Einzelfall kann in-
dessen nicht auf systemische Mängel im kroatischen Asylsystem geschlos-
sen werden. Im Übrigen hat der Beschwerdeführer gemäss den Angaben
der kroatischen Behörden dort bereits ein Asylgesuch gestellt, welches
weiterhin hängig ist (vgl. A22/A23: «The procedure is still ongoing»), wes-
halb davon auszugehen ist, dass dieses bei seiner Rückkehr weitergeführt
wird. Sodann lassen die auf Beschwerdeebene monierten geringen Chan-
cen von afghanischen Asylsuchenden auf einen positiven Asylentscheid in
Kroatien keine Rückschlüsse auf die Qualität des kroatischen Asylsystems
zu, weshalb dieser Einwand ebenfalls nicht auf Schwachstellen im kroati-
schen Asylsystem schliessen lässt. Der Beschwerdeführer hat ferner auch
nicht konkret dargetan, die ihn bei einer Rückführung erwartenden Bedin-
gungen in Kroatien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von
Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen
könnten. Gemäss dem bereits erwähnten Bericht der Schweizer Vertretung
in Kroatien vom 17. November 2020 (vgl. dort Bst. D) werden die Unter-
kunftsbedingungen in den Aufnahmezentren für Asylsuchende von interna-
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Seite 11
tionalen Organisationen als gut eingestuft. Es ist demnach auch nicht da-
von auszugehen, dass der Beschwerdeführer im Falle einer Wegweisung
nach Kroatien in eine existenzielle Notlage geraten könnte.
7.2.4 Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO nicht gerechtfertigt.
7.3 Eine Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisieren-
den – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) ist im vorliegenden Fall ebenfalls nicht
angezeigt. Insbesondere ergibt sich aus den vom Beschwerdeführer gel-
tend gemachten gesundheitlichen Problemen ([...]) offensichtlich kein völ-
kerrechtliches Vollzugshindernis im Sinne von Art. 3 EMRK, welches zwin-
gend zu einem Selbsteintritt führen müsste. Die fraglichen gesundheitli-
chen Beeinträchtigungen können nicht als schwerwiegend bezeichnet wer-
den. Ausserdem verfügt Kroatien über eine ausreichende medizinische Inf-
rastruktur und ist gemäss Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie verpflichtet, den
Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgungzugänglich zu
machen. Konkrete Hinweise, wonach dem Beschwerdeführer eine adä-
quate medizinische Behandlung verweigert würde, liegen nicht vor. Dem-
nach ist die Überstellung des – ansonsten gesunden (vgl. die migrations-
medizinische Abklärung vom 11. Januar 2021 in fine; A21) – Beschwerde-
führers nach Kroatien ohne weiteres als zulässig zu erachten. Bei der An-
wendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 verfügt das
SEM sodann über einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.).
Da im vorliegenden Fall keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch
oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens bestehen, enthält
sich das Gericht in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
7.4 Nach dem Gesagten bleibt Kroatien der für die Behandlung des Asyl-
gesuchs des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-
III-VO.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Kroatien in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
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Seite 12
9.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG. Allfällige
Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) sind da-
her nicht mehr separat zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
10.
Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. Der am 15. Februar 2021 ver-
fügte einstweilige Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin.
11.
11.1 Angesichts des vorliegenden, direkten Entscheids in der Sache er-
weist sich der Antrag, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten, als gegenstandslos.
11.2 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
(Art. 65 Abs. 1 VwVG) und amtliche Verbeiständung (Art. 102m Abs. 1
Bst. a AsylG) sind ungeachtet der geltend gemachten – allerdings bis heute
nicht nachgewiesenen – prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen, da sich
die Beschwerdebegehren entsprechend den vorstehenden Erwägungen
von vornherein als aussichtslos erwiesen haben.
11.3 Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1‒3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13