Decision ID: 8802a773-ce11-4a52-8009-472f88e7b060
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis für die Fahrzeugkategorie B am 4. November 1982. Im
Administrativmassnahmen-Register ist er nicht verzeichnet. Am Mittwoch, 15. Juni
2016, war er mit seinem Personenwagen von A nach B unterwegs. Eine
Polizeipatrouille stellte fest, dass er mehrfach die Mittellinie überfuhr, und hielt ihn zur
Kontrolle an. Der Atemlufttest fiel mit 2,09 Gewichtspromille positiv aus. Die
Auswertung der Blutprobe durch das Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital
St. Gallen ergab für den Ereigniszeitpunkt eine Blutalkoholkonzentration von minimal
2,04 und maximal 2,76 Gewichtspromille.
B.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt, Abteilung Administrativmassnahmen
(nachfolgend: Strassenverkehrsamt), verbot X nach dem Vorfall vom 15. Juni 2016 mit
Verfügung vom 27. Juni 2016 das Führen von Motorfahrzeugen vorsorglich ab sofort.
Am 1. Juli 2016 ordnete es eine verkehrsmedizinische Untersuchung beim Institut für
Rechtsmedizin an der Universität Zürich (nachfolgend: IRM Zürich) an. Mit Strafbefehl
des Untersuchungsamts C vom 5. Juli 2016 wurde X des Führens eines
Motorfahrzeugs in nicht fahrfähigem Zustand schuldig gesprochen und mit einer
bedingten Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je Fr. 160.– und einer Busse von
Fr. 3'200.– bestraft. In tatsächlicher Hinsicht wurde unter anderem festgestellt, die
Blutalkoholkonzentration habe im Zeitpunkt des Ereignisses mindestens 2,04
Gewichtspromille betragen. Gegen den Strafbefehl erhob X keine Einsprache.
C.- Am 24. August 2016 liess sich X am IRM Zürich verkehrsmedizinisch untersuchen.
Im Bericht vom 22. September 2016 verneinte die Gutachterin die Fahreignung wegen
einer erheblichen verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauchsproblematik. Sie empfahl eine
mindestens sechsmonatige Alkoholabstinenz mit therapeutischer Begleitung durch die
Suchtberatungsstelle und eine ärztliche Kontrolle des Blutdrucks. Mit Verfügung vom
21. November 2016 entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis auf
unbestimmte Zeit mit einer Sperrfrist von drei Monaten (15. Juni bis 14. September
2016). Die Wiedererteilung des Führerausweises machte es vom Nachweis einer
kontrollierten und fachlich betreuten Alkoholabstinenz (Beratungsstelle) von
mindestens sechs Monaten, einer ärztlichen Kontrolle des Blutdrucks mit allfälliger
Einleitung weiterer diagnostischer oder therapeutischer Massnahmen und einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung abhängig. Einem allfälligen Rekurs wurde
die aufschiebende Wirkung entzogen.
Dagegen erhob X mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 7. Dezember 2016 Rekurs
bei der Verwaltungsrekurskommission. Er beantragte, die Verfügung des
Strassenverkehrsamts sei aufzuheben und es sei ein Warnungsentzug von vier
Monaten auszusprechen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Auf die
Ausführungen zur Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen. Das Strassenverkehrsamt verzichtete am 28. Dezember
2016 auf eine Vernehmlassung. Am 17. Januar 2017 reichte die Rechtsvertreterin eine
weitere Stellungnahme ein.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 7. Dezember 2016 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz gestützt auf das
verkehrsmedizinische Gutachten vom 22. September 2016 die Fahreignung zu Recht
verneint und dem Rekurrenten den Führerausweis wegen eines verkehrsrelevanten
Alkoholmissbrauchs auf unbestimmte Zeit entzogen sowie die Wiedererteilung des
Führerausweises von einer Alkoholabstinenz, einer ärztlichen Kontrolle des Blutdrucks
und einer verkehrsmedizinischen Untersuchung abhängig gemacht hat.
a) Der Rekurrent bringt im Rekurs im Wesentlichen vor, anhand der Blutdruckthematik
sehe man, dass sich die Vorinstanz mit dem Gutachten generell nicht genügend
auseinandergesetzt und dieses nicht nachvollziehbar gewürdigt habe. Obschon seine
Fahreignung durch den zeitweilig erhöhten Blutdruck nicht beeinträchtigt und der von
der Gutachterin verlangte ärztliche Bericht dazu im Verfügungszeitpunkt bereits
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorgelegen habe, sei diese Bedingung für die Wiedererteilung ohne nähere
Begründung verfügt worden. Die Vorinstanz habe sodann ihre Verfügung
ausschliesslich auf die Ethylglucuronid(EtG)-Konzentrationen gestützt. Die Analyse des
zweiten Haarsegments zeige aber gerade, dass der Rekurrent Ende Juni 2016 jeglichen
Alkoholkonsum nachweislich eingestellt habe. Nach dem Vorfall vom 15. Juni 2016
habe er während der Fussball-Europameisterschaft noch zwei- bis dreimal Alkohol
konsumiert und nachher ohne weitere Probleme damit aufgehört. Da die
Segmentierung den Zeitraum Anfang Juni bis Ende August 2016 abdecke, habe sich
erwartungsgemäss kein EtG-Wert von Null ergeben. Wie das Gutachten zutreffend
festhalte, schliesse der ermittelte EtG-Wert von 57 pg/mg eine Alkoholabstinenz denn
auch nicht aus, womit der Nachweis der Abstinenz ab Ende Juni 2016 erbracht sei. Der
Rekurrent sei gesund, körperlich seien keine Befunde erhoben worden, welche die
Fahreignung einschränkten. Ferner seien bei ihm keine Entzugserscheinungen oder
anderweitige alkoholbedingte Besonderheiten festgestellt worden. All dies zeige, dass
keine Alkoholmissbrauchsproblematik vorliege.
Gemäss Gutachten weise die EtG-Konzentration des ersten Segmentes für den
Zeitraum Anfang März bis Anfang Juni 2016 auf einen chronischen starken
Alkoholkonsum hin. Ohne weitere Begründung werde der "Hinweis" anschliessend als
sicherer chronischer Alkoholüberkonsum interpretiert, was angesichts der bloss
beschränkten Dauer von drei Monaten nicht nachvollziehbar sei. Ein psychisches
Verlangen nach Alkohol gebe es beim Rekurrenten nicht. Selbst wenn ein solches
vorläge, wäre es weder begründungs- noch beweistauglich für eine
Alkoholmissbrauchsproblematik. Entscheidend sei demgegenüber, dass der Rekurrent
nur zuhause Alkohol getrunken und den Alkoholkonsum bis zum einschlägigen Ereignis
strikt vom Autofahren getrennt habe. Die Alkoholgewöhnung sei in Bezug auf den
Einzelfall zu beurteilen. Dem Polizeibericht sei zu entnehmen, dass der Rekurrent in
einer unsicheren Schlangenlinie mehrfach die Mittellinie überfahren habe. Er sei daher
offensichtlich nicht mehr fähig gewesen, ein Motorfahrzeug zu lenken.
Das Gutachten gehe fälschlicherweise davon aus, die Alkoholabstinenz sei notwendige
Voraussetzung der Fahreignung. Der Rekurrent sei jedoch lediglich verpflichtet,
Alkoholkonsum und Autofahren zu trennen. Es sei aber auch zu beachten, dass der
Rekurrent den Vorfall als unverzeihlichen Fehler bezeichne, diesen in keiner Weise
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bagatellisiere und künftig Trinken und Fahren strikt trennen werde. Sein Leumund sei
tadellos. Obschon er sowohl beruflich als auch privat in den vergangenen 34 Jahren
täglich mit dem Fahrzeug unterwegs gewesen sei, habe er sich abgesehen von einer
Geschwindigkeitsüberschreitung vor über zehn Jahren stets korrekt verhalten. Seinen
beruflichen Pflichten komme er zuverlässig nach. Vor dem Inkrafttreten von Art. 15d
Abs. 1 lit. a des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) hätte in einem
Fall wie dem vorliegenden nicht einmal eine verkehrsmedizinische Untersuchung
angeordnet werden dürfen. Die Ansicht des Bundesgerichts, wonach aufgrund einer
einzigen Trunkenheitsfahrt kein genügender Anhaltspunkt für ernsthafte Zweifel an der
Fahreignung vorliege, bleibe daher bestehen. Ein verkehrsmedizinisches Gutachten
allein stelle gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung sodann noch keine
hinreichende Grundlage für die Anordnung eines Sicherungsentzugs gestützt auf Art.
16d Abs. 1 lit. b SVG dar.
b) Ausweise und Bewilligungen sind zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die
gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16
Abs. 1 SVG). Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer
Fahreignungsuntersuchung unterzogen, namentlich bei Fahren in angetrunkenem
Zustand mit einer Blutalkoholkonzentration von 1,6 Gewichtspromille oder mehr oder
mit einer Atemalkoholkonzentration von 0,8 mg Alkohol oder mehr pro Liter Atemluft
(Art. 15d Abs. 1 lit. a SVG).
Art. 16d SVG regelt den Führerausweisentzug wegen fehlender Fahreignung. Nicht
geeignet, ein Fahrzeug zu führen, ist namentlich, wer nicht oder nicht mehr über die
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit verfügt, um ein Motorfahrzeug sicher zu
führen (Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG), wer an einer Sucht leidet, welche die Fahreignung
ausschliesst (lit. b), oder wer aufgrund seines bisherigen Verhaltens nicht Gewähr
bietet, dass er künftig beim Führen eines Motorfahrzeugs die Vorschriften beachten
und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen wird (lit. c). Trunksucht wird von der
Rechtsprechung bejaht, wenn die betroffene Person regelmässig so viel Alkohol
konsumiert, dass ihre Fahrfähigkeit vermindert wird und sie diese Neigung zum
übermässigen Alkoholgenuss durch den eigenen Willen nicht zu überwinden oder zu
kontrollieren vermag. Auf eine fehlende Fahreignung darf geschlossen werden, wenn
die Person nicht mehr in der Lage ist, Alkoholkonsum und Strassenverkehr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausreichend zu trennen, oder wenn die nahe liegende Gefahr besteht, dass sie im
akuten Rauschzustand am motorisierten Strassenverkehr teilnimmt (Ph.
Weissenberger, Kommentar SVG und OGB, 2. Aufl. 2015, Art. 16d N 28). Auch bloss
suchtgefährdete Personen, bei denen aber jedenfalls ein Alkohol- oder
Drogenmissbrauch vorliegt, können demnach vom Führen eines Motorfahrzeugs
ferngehalten werden. Zweck des Sicherungsentzuges ist es, die zu befürchtende
Gefährdung der Verkehrssicherheit durch einen ungeeigneten Fahrzeugführer in der
Zukunft zu verhindern. Daraus ergibt sich, dass der Sicherungsentzug immer auf
unbestimmte Zeit anzuordnen ist. Der Nachweis, dass eine Sucht überwunden ist, kann
nur durch Einhaltung einer mindestens einjährigen Totalabstinenz erbracht werden.
Liegt ein solcher Nachweis nicht vor, ist eine Suchtgefährdung zu bejahen (BGE 129 II
82 E. 2.2 und 4.1; Urteil des Bundesgerichts [BGer] 6A.66/2004 vom 7. Dezember 2004
E. 3.2; Weissenberger, a.a.O., Art. 16d N 31).
Da ein Sicherungsentzug tief in den Persönlichkeitsbereich des Betroffenen eingreift,
ist nach der Rechtsprechung in jedem Fall und von Amtes wegen eine genaue
Abklärung der persönlichen Verhältnisse und insbesondere der Trinkgewohnheiten des
Betroffenen vorzunehmen. Das Ausmass der notwendigen behördlichen
Nachforschungen, namentlich die Frage, ob ein medizinisches Gutachten eingeholt
werden soll, richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls und liegt im
pflichtgemässen Ermessen der Entzugsbehörde (BGE 129 II 82 E. 2.2 mit Hinweisen;
vgl. BGer 1C_98/2007 vom 13. September 2007 E. 2.1-3).
c) Da beim Rekurrenten gestützt auf Art. 15d Abs. 1 lit. a SVG zu Recht eine
Fahreignungsuntersuchung angeordnet wurde, jene Zwischenverfügung vom 1. Juli
2016 unangefochten in Rechtskraft erwuchs und das entsprechende Gutachten
mittlerweile vorliegt, ist auf den Einwand, unter dem früher geltenden Recht hätte bei
einem einmaligen FiaZ-Ereignis mit 2,4 Gewichtspromille (Mittelwert) keine
Untersuchung stattgefunden, nicht näher einzugehen. Im Übrigen hat der Gesetzgeber
bestimmt, dass eine Trunkenheitsfahrt mit einer Blutalkoholkonzentration von
mindestens 1,6 Gewichtspromille ernsthafte Zweifel begründet.
Das verkehrsmedizinische Gutachten des IRM Zürich vom 22. September 2016 stützt
sich einerseits auf die Vorgeschichte und die Angaben des Rekurrenten, andererseits
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf die Resultate der Laboruntersuchungen. Im Gutachten wird ausgeführt, aus dem
Untersuchungsgespräch sei hervorgegangen, dass der Rekurrent beim Ereignis vom
Juni 2016 nach einem strengen Arbeitstag Alkohol im Übermass konsumiert und
danach unüberlegt eine Fahrt angetreten habe. Abgesehen von diesem Ereignis mache
er einen moderaten wöchentlichen Alkoholkonsum geltend. Bezüglich Risiken und
Gefahren von Alkohol, insbesondere auch im Strassenverkehr, zeige er sich informiert
und einsichtig. Seit rund zwei Monaten verzichte er auch wegen der
verkehrsmedizinischen Untersuchung problemlos auf Alkohol. Künftig wolle er
weiterhin moderat Alkohol konsumieren, jedoch Fahren und Trinken strikt trennen. Die
Einnahme von Drogen und anderen suchterzeugenden Substanzen sei verneint
worden. Bei Bedarf nehme er ein Blutdruckmedikament ein, was selten sei. In der
körperlichen Untersuchung seien die Blutdruckwerte erhöht gewesen. Andere Befunde,
welche die Fahreignung einschränken würden, seien nicht feststellbar gewesen. Das
Drogenscreening sei durchwegs negativ ausgefallen. Mit der beweiskräftigen
Haaranalyse sei im Zeitraum von Anfang März bis Anfang Juni 2016 ein chronischer
Alkoholüberkonsum nachgewiesen worden, was im Widerspruch zu seinen
Konsumangaben stehe. Für den Zeitraum von Anfang Juni bis Anfang August 2016 sei
die Konzentration des Alkoholmarkers EtG deutlich tiefer gewesen. Aufgrund eines
möglichen Auswachsphänomens könne somit für diesen Zeitabschnitt die geltend
gemachte Alkoholabstinenz nicht ausgeschlossen werden. Zusammenfassend müsse
beim Rekurrenten von einer erheblichen verkehrsrelevanten
Alkoholmissbrauchsproblematik mit einem FiaZ-Ereignis im Juni 2016 ausgegangen
werden. Entgegen seinen Angaben sei in den Monaten vor der verkehrsmedizinischen
Untersuchung, abgesehen von einer Konsumverhaltensänderung kurz vor der
Begutachtung, von einem erheblichen chronischen Alkoholüberkonsum auszugehen.
Die Ergebnisse ständen im klaren Widerspruch zu den Angaben des Rekurrenten und
stellten somit einen möglichen Hinweis auf Bagatellisierung der Problematik dar. Im
Hinblick darauf, dass noch keine tiefgründige und echte Auseinandersetzung mit den
eigenen Konsumgründen und -gewohnheiten stattgefunden habe und auch keine
konkreten, erfolgreichen Kompensations- und Verhinderungsstrategien hätten genannt
werden können, bleibe das Risiko eines erneuten FiaZ-Ereignisses weiterhin stark
erhöht. Es bleibe nun abzuwarten, ob es dem Rekurrenten gelinge, die anamnestisch
eingeleitete Konsumverhaltensänderung im Sinne einer Alkoholabstinenz auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
längerfristig aufrecht zu erhalten und sich im Rahmen der Begleittherapie mit der
eigenen Problematik auseinanderzusetzen. Die Fahreignung könne somit zum aktuellen
Zeitpunkt aus verkehrsmedizinischer Sicht nicht befürwortet werden (act. 9/35 ff.).
d) aa) Der Umfang der Nachforschungen richtet sich nach den Umständen des
Einzelfalls und liegt im pflichtgemässen Ermessen der Entzugsbehörde.
Beweiserhebungen sind nach den allgemeinen Grundsätzen nur soweit durchzuführen,
als sie erforderlich sind (vgl. BGer 6A.8/2007 vom 1. Mai 2007 E. 2.5). Anders als bei
der Laboranalytik anhand der aus dem Blut ermittelten Parameter CDT, GGT, GOT,
GPT und MCV (vgl. BGE 129 II 82 E. 6.2.1), mit welcher Alkoholkonsum nicht direkt
nachgewiesen werden kann, handelt es sich bei der forensisch-toxikologischen
Haaranalyse auf EtG um eine direkte, beweiskräftige Analysemethode, deren Resultate
objektive Rückschlüsse zum Alkoholkonsum eines Probanden während einer
bestimmten Zeit erlauben (vgl. zum Ganzen Schweizerische Gesellschaft für
Rechtsmedizin, Arbeitsgruppe Haaranalytik, Bestimmung von Ethylglucuronid [EtG] in
Haarproben, Version 2014, Ziff. 3.1). Das EtG ist ein nicht oxidatives Nebenprodukt des
Stoffwechsels von Trinkalkohol (B. Liniger, Die forensisch-toxikologische Haaranalyse
auf Ethylglucuronid – eine beweiskräftige Untersuchungsmethode zur Überprüfung des
Alkoholkonsums in der verkehrsmedizinischen Begutachtung, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2006, St. Gallen 2006, S. 41 ff.). Weil EtG ein Abbauprodukt von
Alkohol ist, korreliert die festgestellte EtG-Konzentration mit der aufgenommenen
Menge an Trinkalkohol. Aufgrund des Kopfhaar-Längenwachstums von rund einem
Zentimeter pro Monat lassen sich Aussagen über den Alkoholkonsum während der
entsprechenden Zeit vor der Haarentnahme machen. Die bundesgerichtliche
Rechtsprechung anerkennt die Haaranalyse als geeignetes Mittel sowohl zum
Nachweis eines übermässigen Alkoholkonsums als auch der Einhaltung einer
Abstinenzverpflichtung. Die Vornahme der Haaranalyse ist qualifizierten Labors
vorbehalten. Die erzielten Ergebnisse sind Gutachten, von denen die zuständigen
Behörden nicht ohne triftige Gründe abweichen dürfen. Ein Abweichen ist nur zulässig,
wenn die Glaubwürdigkeit des Gutachtens durch die Umstände ernsthaft erschüttert ist
(vgl. BGer 1C_615/2014 vom 11. Mai 2015 E. 2.3.1; BGE 140 II 334 E. 3 mit Hinweisen).
Nach der früheren Rechtsprechung gehörten in Fällen, in welchen lediglich ein
pathologischer CDT-Wert vorlag, zu den für den Nachweis einer Trunksucht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erforderlichen Abklärungen etwa eine gründliche Prüfung der persönlichen
Verhältnisse, welche namentlich die Einholung von Fremdberichten von Hausarzt,
Arbeitgeber und Familienangehörigen usw. umfasst, eine einlässliche Aufarbeitung der
konkreten Trunkenheitsfahrt, eine Alkoholanamnese, d.h. die Erforschung des
Trinkverhaltens (Trinkgewohnheiten und Trinkmuster) des Betroffenen und seiner
subjektiven Einstellung dazu, sowie eine umfassende, eigens vorzunehmende
körperliche Untersuchung mit besonderer Berücksichtigung von alkoholbedingten
Hautveränderungen (BGE 129 II 82 E. 6.2.2). Seit nun biochemische Analyseresultate
von Blut- und Haarproben objektive Rückschlüsse zum Alkoholkonsum eines
Probanden während einer bestimmten Zeit ermöglichen, stellt ein deutlich überhöhter
Wert gemäss Rechtsprechung ein wichtiges Indiz für einen verkehrsrelevanten
Alkoholmissbrauch mit Suchtgefährdung und damit für eine mangelnde Fahreignung
dar (vgl. E. 2 lit. d/bb). Hingegen erlauben auch signifikant erhöhte biochemische Werte
allein noch keinen zweifelsfreien Schluss auf eine den Sicherungsentzug
rechtfertigende fehlende Fahreignung im Sinn von Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG. Sie
vermögen eine ausreichende verkehrsmedizinische Abklärung als Voraussetzung für
den Sicherungsentzug nicht vollständig zu ersetzen. In der Regel erübrigen sich jedoch
weitergehende und teils durchaus heikle Abklärungen im persönlichen Umfeld eines
Probanden, um zu einem sicheren Befund zu gelangen.
bb) Die dem Rekurrenten am 24. August 2016 im IRM Zürich abgenommene
Kopfhaarprobe von 5,5 bis 6 cm Länge wurde in zwei Segmente von ca. 2 cm (erstes
Segment, kopfnah) und ca. 3 cm (zweites Segment) unterteilt. Das erste Segment wies
einen EtG-Gehalt von 57 pg/mg, das zweite einen solchen von über 100 pg/mg auf
(act. 9/37). Wie im verkehrsmedizinischen Gutachten vom 22. September 2016 dazu
korrekt ausgeführt wird, weist die im zweiten Segment festgestellte Konzentration auf
einen regelmässigen starken Alkoholkonsum im Zeitraum von Anfang März bis Anfang
Juni 2016 hin. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist dies bereits bei EtG-
Werten von 45 und 66 pg/mg der Fall (vgl. BGer 1C_150/2010 vom 25. November 2010
E. 5.3). Ein EtG-Wert von 94 pg/mg begründet nach der Praxis des Bundesgerichts ein
schwerwiegendes Indiz für einen verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch mit
Suchtgefährdung im Sinne von Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG (vgl. BGer 1C_243/2010 vom
10. Dezember 2010 E. 2.7). Bereits eine Konzentration von 30 pg/mg EtG deutet auf
einen massiven täglichen Alkoholkonsum von über 60 Gramm Ethanol hin und stellt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach medizinischer Fachmeinung die Grenze zum übermässigen Alkoholkonsum dar
(vgl. Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin, a.a.O., Ziff. 6.1 und 6.2;
Consensus of the Society of Hair Testing on Hair Testing for Chronic Excessive Alcohol
Consumption 2009, in: Toxichem Krimtech 76/2009 S. 252, www.gtfch.org; BGE 140 II
334 E. 7). Der im Gutachten ausgewiesene EtG-Wert von über 100 pg/mg belegt damit
einen Alkoholkonsum von weit mehr als 60 Gramm Ethanol pro Tag, was einem
massiven täglichen Alkoholüberkonsum in den drei Monaten März bis Ende Mai 2016
entspricht und nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ein schwerwiegendes
Indiz für einen alkoholrelevanten Alkoholmissbrauch mit Suchtgefährdung darstellt.
Entgegen den Ausführungen im Rekurs (Ziff. 30) erkannte das Bundesgericht, soweit
ersichtlich, nach einer Trunkenheitsfahrt mit einer derart hohen Alkoholisierung und
einem anschliessenden EtG-Messergebnis von mehr als 100 pg/mg noch nie auf eine
fehlende Alkoholproblematik.
cc) Im verkehrsmedizinischen Gutachten vom 22. September 2016 wird zwar keine
Alkoholabhängigkeit im medizinischen Sinn festgestellt; eine solche wird aber auch
nicht ausgeschlossen. Kann eine Alkoholabhängigkeit im Sinn von ICD-10 nicht
diagnostiziert werden, stellt sich die Frage nach der Verkehrsrelevanz eines
Alkoholmissbrauchs, namentlich nach der Fähigkeit der betroffenen Person,
Alkoholüberkonsum und Fahren hinreichend konsequent trennen zu können. Obwohl
eine Trunkenheitsfahrt als solche schon den Bezug zum Strassenverkehr und somit die
verkehrsrelevante Bedeutung des im Einzelfall zu beurteilenden Alkoholproblems
hinreichend belegt, kommt den detaillierten FiaZ-Umständen sowie dem FiaZ-
Problembewusstsein zusätzlich sehr grosse Bedeutung zu (vgl. B. Liniger,
Verkehrsmedizin: Fahreignungsbegutachtung und Auflagen, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2004, St. Gallen 2004, S. 94).
Der Alkoholkonsum des Rekurrenten wurde am 15. Juni 2016 verkehrsrelevant. Er
lenkte damals ein Fahrzeug mit einer sehr hohen Blutalkoholkonzentration von
mindestens 2,04 und maximal 2,76 Gewichtspromille. Da ein Sicherungsentzug nicht
wegen eines schuldhaften Verhaltens des Ausweisinhabers verfügt wird, sondern im
Interesse der Verkehrssicherheit, gilt die Unschuldsvermutung nicht und darf beim
Alkoholisierungsgrad auf den Mittelwert abgestellt werden (BGE 140 II 331 E. 6). Dieser
beträgt 2,4 Gewichtspromille und weist klar auf eine allgemeine Alkoholgewöhnung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rekurrenten hin. Für Personen, welche nur selten Alkohol trinken, ist es gar nicht
möglich, eine Blutalkoholkonzentration von 2,0 Gewichtspromille überhaupt zu
erreichen, zumal sie – aufgrund der alkoholtoxischen Wirkung – schon vorher mit
zunehmender Übelkeit, Bewusstseinsstörungen und beispielsweise Erbrechen
reagieren. Derart beeinträchtigte Personen sind nicht mehr in der Lage, nur noch
halbwegs zielgerichtete Handlungen auszuführen, geschweige denn das Fahrzeug zu
finden und dieses einigermassen korrekt bedienen und führen zu können (vgl. Liniger-
Verkehrsmedizin, a.a.O., S. 92). Der Rekurrent brachte in diesem Zusammenhang zwar
vor, er habe sich nicht mehr fahrfähig gefühlt und sei Schlangenlinien gefahren. Dem ist
entgegenzuhalten, dass er es immerhin schaffte, in stark alkoholisiertem Zustand
unfallfrei von A nach B zu fahren, dort Zigaretten zu kaufen und wieder die Rückfahrt
anzutreten. In der Fachliteratur wird zudem darauf hingewiesen, dass von der
durchschnittlich alkoholgewohnten Bevölkerung Werte von über 1,6 Gewichtspromille
nicht erreicht werden und das einmalige Erreichen oder Überschreiten dieses Wertes
auch ohne aktive Verkehrsteilnahme bereits ein Beleg eines gesundheitsschädigenden
und missbräuchlichen Umgangs mit Alkohol ist, welcher mit einer Suchtgefährdung
einhergeht (vgl. Liniger-Verkehrsmedizin, a.a.O., S. 93). Aufgrund des hohen
Alkoholisierungsgrades im Ereigniszeitpunkt muss beim Rekurrenten von einer
erheblichen Toleranzentwicklung ausgegangen werden, welche sich nur durch ein
längerfristiges normabweichendes Trinkverhalten entwickeln kann. Beim fraglichen
Ereignis handelte es sich deshalb nicht um einen einmaligen Alkoholüberkonsum.
Zu berücksichtigen sind weiter die Angaben des Rekurrenten zu seinem
Alkoholkonsum. Er führte gegenüber der Gutachterin zum Ereignis vom 15. Juni 2016
aus, er habe nach einem strengen Tag am Abend einen guten Wein, welchen er
geschenkt bekommen habe, getrunken. Er habe ca. 1,3 Liter davon getrunken, da er so
gut gewesen sei. Dann habe er keine Zigaretten mehr gehabt und sei auf die
"unmögliche Idee" gekommen, mit dem Auto welche zu holen. Die Strecke hätte nur
fünf bis sechs Minuten in Anspruch genommen. Er habe sich schon alkoholisiert
gefühlt, die Hemmschwelle sei tief gewesen. Das Ganze sei spontan und unüberlegt
geschehen. Es sei ein absoluter Blödsinn gewesen. Er sei sonst ein Genusstrinker.
Selten trinke er einmal bei einem Apéro beruflich (ca. zweimal pro Jahr) oder bei einer
Tagung oder einem Essen ein Bier oder ein Glas Wein. Unter der Woche, wenn er
arbeite, trinke er im Prinzip, mit wenigen Ausnahmen, keinen Alkohol. Er trinke
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
praktisch nur Wein, ca. drei bis vier Gläser, dies sehr unterschiedlich, ca. ein- bis
zweimal pro Woche. Nach dem Ereignis vom Juni 2016 habe er im Rahmen der
Fussball-EM noch zwei- bis dreimal mit Kollegen Alkohol getrunken. Seit ca. zwei
Monaten habe er auf Alkohol verzichtet, auch wegen der Untersuchung.
Abgesehen von der Trunkenheitsfahrt im Juni 2016 machte der Rekurrent gegenüber
der Gutachterin einen moderaten wöchentlichen Alkoholkonsum geltend. Angesichts
des hohen EtG-Wertes der Haarprobe von über 100 pg/mg ist jedoch erstellt, dass die
tatsächliche Trinkmenge im Zeitraum März bis zum FiaZ-Ereignis wesentlich höher als
60 Gramm Ethanol pro Tag gewesen sein musste (vgl. E. 2 lit. d/bb). Ein solch
übermässiges Konsumverhalten erlaubt es kaum je, ausreichend zwischen dem
Suchtmittelkonsum und der Teilnahme am Strassenverkehr zu trennen
(vgl. Weissenberger, a.a.O., Art. 16d N 30). Es besteht ein klarer Widerspruch zwischen
den Angaben des Rekurrenten und dem Messwert, was ein Hinweis auf eine
Bagatellisierung der Alkoholproblematik ist. Mit der Gutachterin ist deshalb davon
auszugehen, dass der Rekurrent bisher nicht fähig oder willens war, sich kritisch mit
seinem Trinkverhalten auseinanderzusetzen und es ihm am entsprechenden
Problembewusstsein fehlt. Daran vermag weder eine Alkoholabstinenz von Ende Juni
bis Ende August 2016, die gemäss Gutachten aufgrund des Auswachsphänomens
trotz der festgestellten EtG-Konzentration von 57 pg/mg nicht ausgeschlossen werden
kann, noch ein unauffälliger Gamma-Glutamyltranspeptidase(GGT)-Wert Ende Oktober
2016 etwas zu ändern. Einerseits erfolgte der Verzicht auf Alkohol zugegebenermassen
auch unter dem Eindruck der straf- und administrativmassnahmerechtlichen Verfahren,
andrerseits war deren Dauer mit zwei Monaten noch zu kurz, um von einer
erfolgreichen Überwindung zu sprechen; geht doch das Bundesgericht für den
Nachweis der Überwindung einer Sucht von einer minimalen Abstinenz von einem Jahr
aus. Aus diesem Grund kommt der Segmentierung der Haarprobe in Abschnitte von
2 und 3 cm Länge keine entscheidende Bedeutung zu. Selbst wenn die Haarprobe in
Segmente mit Zeiträumen von Anfang März bis Ende Juni und Anfang Juli bis Anfang
August eingeteilt worden wäre, wäre es im kopffernen Segment bei einem EtG-Wert für
einen chronischen Alkoholüberkonsum geblieben.
Dass die Gutachterin unter den gegebenen Umständen darauf verzichtete, eigene
Erkundigungen im familiären und beruflichen Umfeld des Rekurrenten einzuholen, ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angesichts des klaren beweiskräftigen Resultats der Haarprobenanalyse, der
Trunkenheitsfahrt vom 15. Juni 2016 und den eigenen Angaben des Rekurrenten zu
seinem Alkoholkonsum nicht zu beanstanden (vgl. BGer 6A.8/2007 vom 1. Mai 2007 E.
2.5). Die Ergebnisse wurden zwar teilweise knapp, aber nachvollziehbar dokumentiert.
Der Vorwurf, das Gutachten sei unvollständig und deshalb nicht schlüssig, ist somit
unbegründet (vgl. Weissenberger, a.a.O., Art. 15d SVG N 9).
e) Die Feststellung der Gutachterin, beim Rekurrenten sei von einer erheblichen
verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauchsproblematik mit FiaZ-Ereignis im Juni 2016 und
damit von einer fehlenden Fahreignung auszugehen, erweist sich demzufolge als
widerspruchsfrei, nachvollziehbar und schlüssig. Keine Rolle spielt die Problematik des
erhöhten Blutdrucks, auf welche nachfolgend einzugehen ist (vgl. E. 3c). Auch wenn
keine Alkoholabhängigkeit im medizinischen Sinn gemäss ICD-10 diagnostiziert wurde,
besteht aufgrund der dargelegten Umstände die erhöhte Gefahr, dass der Rekurrent
nicht in der Lage ist, Alkohol und Strassenverkehr konsequent zu trennen. Diese Gefahr
hat sich am 15. Juni 2016 verwirklicht. Dass es sich dabei um einen einmaligen Vorfall
gehandelt habe, wie der Rekurrent vorbrachte, lässt sich nicht überprüfen. Auch wenn
davon ausgegangen wird, dass es sich um eine erste Trunkenheitsfahrt gehandelt hat,
ist der Rekurrent damit mehr als jede andere Person der Gefahr ausgesetzt, sich in
einem Zustand ans Steuer eines Fahrzeugs zu setzen, der das sichere Führen nicht
mehr gewährleistet. Die Fahreignung ist deshalb zu verneinen, weshalb ein
unbefristeter Sicherungsentzug auszusprechen ist (vgl. Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG;
BGE 129 II 82 E. 4.1; BGer 6A.8/2007 vom 1. Mai 2007 E. 2.1).
f) Der von der Vorinstanz angeordnete Sicherungsentzug erscheint angesichts des auf
dem Spiel stehenden öffentlichen Interesses der Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer
geboten und angemessen (vgl. BGer 6A.15/2000 vom 28. Juni 2000 E. 4). Die
Massnahme ist insbesondere verhältnismässig, zumal die Vorinstanz die Aufhebung
der Massnahme im günstigsten Fall, d.h. bei Einhaltung der kontrollierten und fachlich
betreuten Alkoholabstinenz und positivem Ergebnis der Kontrolluntersuchung, bereits
nach sechs Monaten in Aussicht stellte. Die erhöhte Sanktionsempfindlichkeit im Sinn
einer beruflichen Angewiesenheit kann nicht berücksichtigt werden. Ein
Sicherungsentzug bezweckt die Fernhaltung ungeeigneter Fahrzeugführer vom
Verkehrsgeschehen, und zwar bis der Mangel als geheilt zu betrachten ist. Bis dahin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hat eine allfällige Sanktionsempfindlichkeit keinen Einfluss auf die Beurteilung der
Notwendigkeit des Sicherungsentzugs (BGer 6A.77/2003 vom 22. März 2004 E. 2.5.2).
Auch dem ungetrübten automobilistischen Leumund des Rekurrenten kommt im
vorliegenden Verfahren des Sicherungsentzugs keine entscheidende Bedeutung zu;
denn bei Vorliegen einer fehlenden Fahreignung muss zwingend ein Entzug auf
unbestimmte Zeit erfolgen (vgl. Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG; BGE 133 II 331 E. 9.1;
Weissenberger, a.a.O., Art. 16d N 10). In Bezug auf den Sicherungsentzug ist der
Rekurs somit abzuweisen.
3.- a) Gemäss Art. 17 Abs. 3 SVG kann der auf unbestimmte Zeit entzogene
Führerausweis bedingt und unter Auflagen wiedererteilt werden, wenn eine allfällige
gesetzliche oder verfügte Sperrfrist abgelaufen ist und die betroffene Person die
Behebung des Mangels nachweist, der die Fahreignung ausgeschlossen hat. Eine
Wiedererteilung des Ausweises bei einem Sicherungsentzug wegen fehlender
Fahreignung kommt somit nur in Frage, wenn die Fahreignung wiederhergestellt ist. Die
vom Entzug betroffene Person hat ein Gesuch um Wiedererteilung des
Führerausweises zu stellen und mit den erforderlichen Beweismitteln zu belegen, dass
der Mangel, der die Fahreignung ausgeschlossen hat, behoben ist (BSK SVG-Rütsche/
Weber, Art. 17 N 22). Bei einer Alkoholproblematik wird der Führerausweisentzug
aufgehoben, wenn eine erfolgreiche Behandlung des Suchtleidens stattgefunden hat.
Dies bedeutet, dass die betreffende Person eine kontrollierte Alkoholabstinenz von in
der Regel mindestens einem Jahr Dauer nachweisen muss und eine erneute
verkehrsmedizinische Begutachtung positiv verläuft.
b) Dass die Vorinstanz die Wiedererteilung des Führerausweises von einer kontrollierten
und fachlich betreuten Alkoholabstinenz (Beratungsstelle) von mindestens sechs
Monaten Dauer und einer die Fahreignung befürwortenden verkehrsmedizinischen
Untersuchung (inkl. Haaranalyse) abhängig gemacht hat, ist nicht zu beanstanden; dies
entspricht der gängigen Praxis des Strassenverkehrsamts bei einer Alkoholproblematik.
Da insbesondere die Änderung des Alkoholtrinkverhaltens stabil gefestigt und eine
allfällige den Alkoholmissbrauch bedingende Persönlichkeitsproblematik erkannt und
entscheidend korrigiert worden sein muss, gehört zu den Minimalkriterien für den
Nachweis der kontrollierten Alkoholabstinenz das Aufsuchen einer Beratungs- oder
Therapiestelle. Ohne fachspezifische Therapie sind ein grundlegender
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einstellungswandel und ein entsprechendes Problembewusstsein nur schwer zu
erreichen.
c) Gestützt auf das verkehrsmedizinische Gutachten verfügte die Vorinstanz als
zusätzliche Bedingung für die Aufhebung des Sicherungsentzugs sodann eine ärztliche
Kontrolle des Blutdrucks mit allfälliger Einleitung weiterer diagnostischer oder
therapeutischer Massnahmen. Inwiefern sich der erhöhte Blutdruck negativ auf die
Fahreignung des Rekurrenten auswirkt, geht aus dem Gutachten indessen nicht hervor.
Der Rekurrent befindet sich zudem wegen des zeitweilig erhöhten Blutdrucks in
ärztlicher Behandlung. Einen aktuellen ärztlichen Bericht dazu hat er der Vorinstanz
bereits vor Erlass der angefochtenen Verfügung eingereicht (act. 9/61). Der Arzt wies
darauf hin, dass bei erhöhten Blutdruckwerten eine antihypertensive Therapie
verordnet worden sei und sich der Rekurrent daran halte. Der arterielle Blutdruck (RR)
sei gut eingestellt, weshalb eine engmaschige medizinische Kontrolle nicht erforderlich
sei. Diese Bedingung für die Wiedererteilung des Führerausweises ist daher
aufzuheben.
4.- Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz zu Recht auf das
verkehrsmedizinische Gutachten vom 22. September 2016 abgestellt, die Fahreignung
des Rekurrenten gestützt auf Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG verneint, den Führerausweis auf
unbestimmte Zeit entzogen, die Wiedererteilung von einer kontrollierten und fachlich
betreuten Alkoholabstinenz von mindestens sechs Monaten Dauer sowie einer
erneuten verkehrsmedizinischen Untersuchung mit Befürwortung der Fahreignung
abhängig gemacht und für das Fahren in angetrunkenem Zustand eine Sperrfrist von
drei Monaten festgelegt hat. Nicht zu bestätigen ist indessen die ärztliche Kontrolle des
Blutdrucks als Bedingung für die Aufhebung des Sicherungsentzugs.
Dementsprechend ist der Rekurs teilweise gutzuheissen und Ziff. 6 al. 3 (ärztliche
Kontrolle des Blutdrucks) der Verfügung vom 21. November 2016 ist aufzuheben.
5.- Mit dem Sicherungsentzug soll sichergestellt werden, dass der Rekurrent zum
Schutz der Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer vom Strassenverkehr
ferngehalten wird. Dieser Zweck wäre gefährdet, wenn er während eines
Beschwerdeverfahrens als Motorfahrzeugführer zum Strassenverkehr zugelassen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
würde. Einer allfälligen Beschwerde ist deshalb die vom Gesetz vorgesehene
aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 51 VRP).
6.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
zu neun Zehnteln und dem Staat zu einem Zehntel aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP).
Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'500.– ist angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'500.– ist bis
zum Betrag von Fr. 1'350.– zu verrechnen und dem Rekurrenten im Restbetrag von
Fr. 150.– zurückzuerstatten.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist keine ausseramtliche Entschädigung
zuzusprechen (Art. 98 VRP).