Decision ID: 3c9202af-24f3-5220-a01f-3b7667b1c0c9
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 7. Oktober 2015 in die Schweiz ein und
suchte tags darauf um Asyl nach. Am 20. Oktober 2015 fand im Empfangs-
und Verfahrenszentrum die Befragung zur Person statt (BzP). Die Vo-
rinstanz hörte den Beschwerdeführer am 3. April 2017 vertieft zu seinen
Asylgründen an.
Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er sei in
B._ geboren worden und im Jahre 19(...) als (...)jähriger mit seiner
Familie in den C._ geflohen, wo sie sich in D._ niedergelas-
sen hätten. Er habe das (...) abgeschlossen, ein (...) und ein wenig als (...)
gearbeitet. Sein Vater habe als (...) Militär der afghanischen Armee ge-
dient. In dieser Funktion habe er der Taliban-Miliz hohe Verluste zugefügt.
Vor dem Gefecht in B._ im Jahre 19(...) habe der Vater Drohungen
von den Taliban erhalten. Sie hätten von ihm gefordert, dass er seinen
Dienst einstelle und ihm auch Geld dafür angeboten. Nach der Eroberung
B._ durch die Taliban hätten diese die Mutter des Beschwerdefüh-
rers unter Anwendung von Gewalt über den Verbleib des Vaters verhört.
Schliesslich sei es der Familie gelungen, sich beim (...) der Mutter, wo sich
auch der Vater eingefunden habe, wieder zu vereinen. Kurz darauf hätten
sie das Land verlassen und im C._ als Flüchtlinge gelebt. Sein Va-
ter stehe auf der Liste der Taliban, womit alle Familienangehörigen in Ge-
fahr seien. Zu Beginn des Jahres 20(...) habe sich eine Delegation der
Taliban mit der (...) Regierung getroffen. Im Rahmen dieses Besuches sei
ein Kommandant der Taliban, der seinen (...) im Krieg verloren habe, beim
Arbeitgeber des Vaters vorstellig geworden und habe sich als dessen
Freund ausgegeben. Dabei habe er sich über den Vater und dessen Fami-
lie erkundigt. Später habe sein Vater diese Person auch im Rahmen eines
Anlasses gesehen. Daraufhin habe sich die Familie während mehrerer Mo-
nate äusserst vorsichtig verhalten müssen und sei schliesslich aus dem
C._ geflüchtet. Ferner erklärte der Beschwerdeführer, um als Mig-
ranten im C._ weiter (...) zu können, hätten er und seine Schwester
sich in Afghanistan einen Pass ausstellen lassen und dann per Visa wieder
in den C._ einreisen müssen, was aufgrund des bereits Ausgeführ-
ten für sie zu gefährlich gewesen wäre.
Der Beschwerdeführer reichte diverse Unterlagen, insbesondere Schul-
zeugnisse und (...)unterlagen, als Beweismittel zu den Akten.
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B.
Mit Verfügung vom 8. August 2018 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfüllte die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asyl-
gesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Voll-
zug jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme
auf.
C.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 7. September 2018 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt, es sei seine
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Des Wei-
teren sei das vorliegende Verfahren mit dem seiner Eltern und seiner Ge-
schwister, N (...), zu koordinieren. Sodann sei die unentgeltliche Prozess-
führung zu bewilligen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu ver-
zichten und es sei ihm eine unentgeltliche Rechtsbeiständin zu bestellen.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 28. September 2018 wies die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung so-
wie um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes ab und forderte den
Beschwerdeführer dazu auf, innert Frist einen Kostenvorschuss von
Fr. 750. zu leisten.
E.
Der auferlegte Kostenvorschuss wurde am 8. Oktober 2018 innert Frist be-
glichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 105 Asylgesetz [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d
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Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG
und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Dem Gesuch um Koordination des vorliegenden Verfahrens mit demjeni-
gen der Angehörigen des Beschwerdeführers, N (...), wird insofern ent-
sprochen, als beiden Verfahren derselbe Spruchkörper zugeordnet ist und
flüchtlingsrelevante Elemente des einen Verfahrens im anderen berück-
sichtigt werden, sofern sie dessen Ausgang zu beeinflussen vermögen.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken.
Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen
Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexverfol-
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gung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet
befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung: BVGE 2007/19 E. 3.3
S. 225, unter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl. ausserdem
EMARK 1994 Nr. 17).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
6.
Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG nicht stand.
In ihren Erwägungen hält die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer und
seine Familie hätten sich trotz der Präsenz der Taliban im C._ seit
(...) noch bis (...) im Land aufgehalten, ohne dass es zu irgendwelchen
Zwischenfällen gekommen sei. Es sei somit nicht davon auszugehen, es
bestünden Anzeichen dafür, der Beschwerdeführer sei einer ernsthaften
Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt.
7.
In der Rechtsmitteleingabe wird im Wesentlichen ausgeführt, der Vater des
Beschwerdeführers stehe aufgrund seiner militärischen Vergangenheit
nach wie vor im Fokus der Taliban. Als ältestem Sohn eines ehemaligen
(...) Militärangehörigen drohe ihm Reflexverfolgung. Des Weiteren sei da-
von auszugehen, dass sich die Taliban im C._ eine gewisse Zurück-
haltung beim Ausüben von Angriffen und Attentaten auferlege, um von der
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/17
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(...) Regierung weiterhin geduldet zu werden. In Afghanistan müssten sie
dies nicht tun. Aufgrund der Zugehörigkeit des Vaters zu einer Personen-
gruppe mit erhöhtem Verfolgungsrisiko und der schlechten Sicherheitslage
in Afghanistan sei der Beschwerdeführer im Falle seiner Rückkehr einer
ernsthaften Gefahr ausgesetzt.
8.
Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass sich der Beschwerdeführer und
seine Familie trotz Anwesenheit der Taliban noch mehrere Monate im
C._ aufhielten, kam die Vorinstanz zum Schluss, dass keine ernst-
hafte Gefahr im flüchtlingsrechtlichen Sinne bestand. Das Gericht schliesst
sich dieser Auffassung an.
Dass die Taliban im C._ bei Attentaten eine gewisse Zurückhaltung
an den Tag legen würden, wird in der Rechtsmitteleingabe als Vermutung
geäussert, ist aber im vorliegenden Kontext nicht plausibel. Gemäss Vor-
bringen des Beschwerdeführers habe der angebliche Verfolger seiner Fa-
milie gezielt nach dem Vater Ausschau gehalten und sich zu erkennen ge-
geben. Dabei musste er davon ausgehen, der Vater des Beschwerdefüh-
rers könnte sich dadurch zu allfälligen Sicherheits- oder Fluchtmassnah-
men gezwungen sehen. Ferner komme es gemäss Beschwerdeführer im
C._ regelmässig zu Übergriffen auf afghanische Migranten, welche
generell sehr schlecht behandelt würden (vgl. SEM-Akten, A12/15 Q66 und
Q76), was die tatsächliche Notwendigkeit der geltend gemachten Zurück-
haltung der Taliban weiter relativiert. Insofern ist der mehrmonatige Zeit-
raum, in welchem der Beschwerdeführer und seine Familie trotz Anwesen-
heit der Taliban unbehelligt im C._ lebten, im Sinne der Vorinstanz
zu würdigen.
Im Zusammenhang mit den Vorbringen der Eltern zu D._ (vgl. Be-
schwerdeverfahren E-5111/2018), dem Taliban, welcher den Vater des Be-
schwerdeführers für den Tod seiner Angehörigen verantwortlich machen
würde, wurden diverse Inkonsistenzen festgestellt. Zum einen kennt die
Familie dessen angebliche Rachedrohungen nur vom Hörensagen. Der
Vater erklärte, es handle sich bei ihm um einen der Peiniger der Mutter,
welche sie im Jahre 19(...) misshandelt hätten. Diese wiederum erklärte,
sie habe ihre Peiniger nicht gesehen. Und schliesslich wurde der Einfluss
dieser Person innerhalb der Taliban nicht substantiiert dargelegt. Auch in
der vorliegenden Rechtsmitteleingabe wird er relativ knapp als "Anführer"
bezeichnet.
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Insgesamt vermögen die Vorbringen des Beschwerdeführers keine ernst-
hafte Gefahr darzulegen.
Im Ergebnis ist deshalb festzuhalten, dass in Ermangelung einer erkenn-
baren aktuellen Verfolgungsgefahr – auch unter Berücksichtigung, dass es
sich beim Vater des Beschwerdeführers um einen ehemaligen (...) Militär-
angehörigen handelt – die über (...) Jahre zurückliegende Verfolgungssi-
tuation im Heimatland heute keine flüchtlingsrechtlich relevante Gefahr
mehr zu begründen vermag. Eine Gefährdung des Beschwerdeführers
durch Reflexverfolgung ist nicht gegeben.
9.
Aufgrund des Ausgeführten ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein
Asylgesuch abgelehnt hat.
10.
10.1.1 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegwei-
sung aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht
eintritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9, BVGE 2013/37 E. 4.4.). Die Wegweisung
wurde demnach zu Recht angeordnet.
10.2 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung (Un-
zulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Ist
eine von ihnen erfüllt, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar
zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den
Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2011/7
E. 8). Gegen eine allfällige Aufhebung der vorläufigen Aufnahme steht dem
weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an das Bun-
desverwaltungsgericht offen, wobei in jenem Verfahren die Vollzugshinder-
nisse von Amtes wegen und nach Massgabe der dannzumal herrschenden
Verhältnisse von Neuem zu prüfen sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 m.w.H.;
aus der jüngeren Rechtsprechung vgl. z.B. Urteil des BVGer E-2322/2019
vom 21. Juni 2019 E. 8.2).
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Die Vorinstanz hat in ihrer Verfügung vom 8. August 2018 die vorläufige
Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet, weshalb
sich weitere Ausführungen zum Wegweisungsvollzug erübrigen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Verfahrenskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE; SR
173.320.2]). Der am 8. Oktober 2018 geleistete Kostenvorschuss in glei-
cher Höhe ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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