Decision ID: 6e451ef6-b8a1-4288-a6d3-46384791d9e1
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1973, meldete sich am 2. Mai 2008 unter Hinweis auf chronische Migräne, Depression, Fibromyalgie,
Rheuma, S
tirn
höhlen
entzündung und Diskushernie
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
7/2
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, sprach ihr mit Verfügung vom
19. November 2009
bei einem Invalidi
tätsgrad von
43
%
eine Viertelsr
ente ab
September 2007
zu (Urk.
7/41; Verfügungsteil 2 vgl. Urk. 7/39
).
1.2
Mit
Revisionsv
erfügung
vom 8. Dezember 2011 sprach die IV-Stelle der Versicherten eine befristete ganze Rente für den Zeitraum von November 2010 bis Januar 2012 zu und hob diese ab Februar 2012 auf (Urk. 7/76; Verfügungsteil 2 vgl. Urk. 7/74). Die hiergegen erhobene Beschwerde hiess das hiesige Gericht mit Urteil vom 7. September 2012 (Urk. 7/92, Verfahrens-Nr. IV.2012.00075) in dem S
inne gut
, dass die Verfügung vom 8. Dezember 2011 insoweit aufgehoben wurde, als sie den Rentenanspruch ab
Ende Januar
2012 verneinte, und die Sache zur weiteren Abklärung
ab diesem Zeitpunkt
und neuen Verfügung an die IV-Stelle zurückgewiesen wurde
.
Der Beginn der Rentenerhöhung wurde im genann
ten Urteil sodann verbindlich auf den 1. Mai 2010 festgesetzt (E. 5.3).
In der Folge holte die IV-Stelle
beim Zentrum Y._
ein interdisziplinäres Gutachten ein, welches am 25. März 2014 erstattet wurde (Urk. 7/110). Mit Verfügung vom
1. April 2015 sprach die IV-Stelle der Versicherten bei einer Qualifikation als zu 80
%
Erwerbstätige und zu 20
%
im Haushalt
T
ätige eine befristete ganze Rente für den Zeitraum von Februar 2012 bis zum 31. März 2015 zu und verneinte für den Folgezeitraum bei einem Invaliditätsgrad von
36
%
einen Rentenanspruch (Urk. 7/128; Verfügungsteil 2 vgl. Urk. 7/124).
1.3
Am 22. Januar 2019 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf eine Fibro
myalgie, eine chronische Migräne und eine am 10. Juli 2018 stattgehabte Operation zur Wirbelversteifung aufgrund sehr starker Rückenschmerzen erneut zum Leistungsbezug an (Urk. 7/135).
Die IV-Stelle klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab, führte im Dezember 2019 eine Abklärung der beeinträchtigen Arbeitsfähigkeit in Beruf und Haushalt durch (Urk. 7/163), welche eine Qualifikation als Vollerwerbstätige ergab, und verneinte nach
durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Urk.
7/166
; Urk.
7/172
) mit Verfügung vom
12. Februar 2021
eine
n Leistungsanspruch
(Urk.
7/179
= Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am
18. März 2021
Beschwerde gegen die Verfügung vom
12. Februar 2021
(Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei
die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, ihr die gesetzlichen Versicherungsleistun
gen auszurichten
(Urk. 1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
8
. Juni 2021
(Urk.
6
) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin
mit Verfügung vom
15. Juni 2021
zur Kenntnis gebracht (Urk.
8
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhal
ten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung, IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hin
weis).
1.4
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesent
lichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierba
r. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebenem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Aufgabenbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Ferner kann ein Revisionsgrund unter Umständen auch in einer wesentlichen Änderung hinsichtlich des für die Methodenwahl massgeblichen (hypothetischen) Sachverhalts bestehen (BGE 144 I 28 E. 2.2, 130 V 343 E. 3.5, 117
V 198 E. 3b, je mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in recht
licher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
1.6
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funk
tionelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49 IVV beurteilen die RAD die medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rahmen ihrer medizinischen
Fachkompetenz und der allgemeinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich unter
suchen. Sie halten die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.3.2).
Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 145 V 97 E. 8.5, 142 V 58 E. 5.1 mit Hinweisen).
Reine Aktengutachten sind beweiskräftig, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich fest
stehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteil des Bundesgerichts 8C_750/2020 vom 23. April 2021 E. 4 mit Hinweisen).
1.7
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Verfahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren über
haupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheid
relevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02
vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, dass die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall weiterhin als Putz
frau/Haushaltshilfe in einem Pensum von 100
%
arbeiten und dabei ein Jahres
einkommen von Fr. 47'952.90 verdienen würde. Diese bisherige Tätigkeit sei ihr nicht mehr zumutbar. Aus medizinischer Sicht sei ihr eine körperlich leichte wechselbelastende Tätigkeit ganztags zumutbar, wobei aufgrund der körperlichen Einschränkungen ein erhöhter Pausenbedarf ausgewiesen sei. Es bestehe somit eine Arbeitsfähigkeit von 80
%
. Gemäss statistischen Werten könnte die
Beschwerdeführerin ein Jahreseinkommen von Fr. 44'279.
--
erzielen. Beim resultierenden Invaliditätsgrad von 8
%
bestehe kein Rentenanspruch
. Aufgrund der ganztägigen Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit bestehe auch kein Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen (S. 1 f.).
Die Beurteilung
durch die
RAD-Psychiater
in
habe ergeben, dass aufgrund von anhaltenden Schmerzen eine depressive Verstimmung plausibel nachvollzogen und als normalpsychologisch beurteilt werden könne. Eine eigenständige Depression habe hingegen noch nie bestanden. So seien in der IV-Anmeldung keinerlei psychische Einschränkungen oder eine psychiatrische Therapie angege
ben worden und auf das psychiatrische Teilgutachten aus dem Jahr 2014 hätte nicht abgestellt werden dürfen. Beim damaligen psychopathologischen Befund könne keine mittelgradige depressive Symptomatik gemäss den ICD-10-Kriterien erkannt werden (S. 2 Mitte).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
die Aktenbeurteilung durch die RAD-Psychiaterin sei ihr nie zur Stellungnahm
e vorgelegt worden, w
omit ihr Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt sei (S. 5 Ziff. 3). Diese Beurteilung stelle sodann keine rechtsgenügende Feststellung des Sachverhalts dar, nachdem sie sich auf eine Disqualifizierung der medizinischen Vorakten beschränke und keine persönliche Untersuchung erfolgt sei (S. 5 Ziff. 4). Es handle sich um eine Neubeurteilung weit zurückliegender Sachver
halte, über welche am 1. April 2015 rechtskräftig verfügt worden sei (S. 6 unten Ziff. 4). Die Beurteilung, wonach eine eigenständige Depression noch nie bestanden haben solle, sei verfehlt und unbrauchbar. Die Akten
seien daher zu aktualisieren sowie
zu vervollständigen und alsdann sei eine polydisziplinäre Begutachtung zu veranlassen, da die der Verfügung zugrunde gelegte Arbeits
fähigkeit nicht erstellt sei (S. 7 Ziff. 4). Schliesslich sei auch die Berechnung des Invaliditätsgrades unzutreffend (S. 7 Ziff. 5).
2.3
Zu Recht ist das Vorliegen eines Revisionsgrundes vorliegend unbestritten, nachdem die Beschwerdeführerin
gemäss dem
überzeugenden und somit
beweis
k
räftigen Abklärungsbericht (vgl. Urteil des Bundesgerichts
I 236/06 vom 19. Juni 2006 E. 3.2
) vom 19. Dezember 2019
mittlerweile
unbestrittener
massen
als Vollerwerbstätige zu qualifizieren ist
(vgl. Urk. 7/163
sowie nachstehend E. 4.1
3
)
und somit eine wesentliche Änderung hinsichtlich des für die Methoden
wahl massgeblichen (hypothetischen) Sachverhalts besteht. Entsprechend ist der Rentenanspruch in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») und ohne Bindung an frühere Beurteilu
ngen zu prüfen (vorstehend E. 1.4
).
Strittig ist der Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin und dabei insbeson
dere, ob die von der Beschwerdegegnerin erkannte Arbeitsfähigkeit von 80
%
in angepasster Tätigkeit aufgrund der medizinischen Aktenlage ausgewiesen ist.
3.
3.1
Die Revisionsverfügung vom 1. April 2015 (Urk. 7/128) erging gestützt auf das interdisziplinäre
Y._
-Gutachten vom 25. März 2014 (Urk. 7/110).
3.2
Dieses wurde von
Dr. med. Z._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin,
Dr. med. A._
, Facharzt für Neurologi
e, Dr. med. B._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumato
logie des Bewegungsapparates sowie
Dr. med. C._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
erstattet.
Als Resultat der Konsenskonferenz (S. 37-46)
wurden
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
genannt
(S. 39 Ziff. 7):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom
-
anhaltende somatoforme Schmerzstörung
-
Migräne-Kopfschmerzen mit Aura-Phänomenen in Form von Flimmer
skotomen, früher auch Sprachstörungen seit Kindheit
-
seit Jahren transformierte Migräne bei Medikamentenübergebrauch (Paracetamol und
Triptane
)
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
wurden genannt
(S. 39 Ziff. 8):
-
chronisches Schmerzsyndrom Schulter/Arm rechts bei
-
Status nach Schulterkontusion rechts nach Sturz am 17. September 2007
-
Status nach Schulter-Arthroskopie rechts,
Débridement
bei
SLAP
-Läsion Grad I,
Synovektomie
,
A
k
romioplastik
und partieller Schultereckgelenks (AC)– Resektion am 20. Mai 2010
-
keine radikuläre oder peripher-neurogene Genese
-
chronisches lumbovertebrales
Schmerzsyndrom bei
-
Status nach Diskushernie zwischen dem 4. und 5. Lendenwirbel (L4/L5) und zwischen dem 5. Lendenwirbel und dem Kreuzbein (L5/S1) gemäss Magnetresonanztomographie (MRI) der Lendenwirbelsäule (LWS) vom 30. November 2005 mit Irritation der Wurzel S1 rechts
-
Iliosakralgelenk
(
ISG
)-Dysfunktion rechts
-
Spondylarthrosen
beidseits
L4
/5 und L5/S1
-
Status nach
Faszitis
plantaris
beidseits vor Jahren
-
chronische Gastritis laut Akten
Aus somatischer Sicht lasse sich kein nennenswerter Grund für eine Einschrän
kung der Arbeitsfähigkeit angeben. Für die angestammte Tätigkeit in der Reini
gung und als Haushaltshilfe sei von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Das Ausmass und die Intensität der von der Versicherten beklagten Schmerzen könne nicht allein mit den somatischen Befunden erklärt werden. Eine zusätzliche, psychogene Überlagerun
g
im Sinne einer Schmerverarbeitungs
störung
sei anzunehmen (S. 40 f. Ziff. 9).
Psychiatrisch bestehe bei einer ausgesprochenen hereditären Belastung mit depressiven Erkrankungen und einer entwicklungsgeschichtlich bedingten Mangelerfahrung durch frühe
Parentifizierung
und Depressivität der Mutter eine Disposition für rezidivierende depressive Störungen. Diese hätten sich anlässlich verschiedener lebensgeschichtlicher Ereignisse, anamnestisch erstmals anlässlich der unerwarteten Trennung der Eltern
,
manifestiert, als die Beschwerdeführerin knapp 30-jährig gewesen sei, sowie ein zweites Mal in starkem Ausmass nach der Geburt des Sohnes im Jahre 201
2.
Vorausgegangen sei eine unerwartete Schwangerschaft mit grosser Ambivalenz. Aktuell finde sich diagnostisch eine somatoforme Schmerzstörung. Es bestehe eine Komorbidität mit einer depressi
ven Erkrankung. Es finde sich ein verfestigter, therapeutisch schwierig angeh
barer, innerseelischer Verlauf einer Konfliktbewältigung, indem bei einem starken rigiden Über-Ich und fehlendem Selbstwertgefühl eine Schonung nur durch ein Krankheitsgeschehen beziehungsweise durch eine Schmerzproblematik möglich werde. Aufgrund der psychi
atri
schen Diagnosen sei von einer aktuellen Arbeits
unfähigkeit von 50
%
auszugehen. Diese sei bei konsequenter psychiatrischer Behandlung durchaus noch steigerungsfähig. Es werde eine Neubeurteilung in spätestens zwei Jahren empfohlen (S. 40 f. Ziff. 9).
Die Arbeitsunfähigkeitsangabe betreffe einerseits die bisherige Tätigkeit in der Reinigung. Aufgrund der subjektiven Schmerzangaben seien chronische Über
kopfarbeiten und das ständige Heben und Tragen von schweren Lasten über
20 kg nicht sinnvoll. Aus rein somatischer Sicht wäre eine vollschichtige Arbeits
fähigkeit möglich, die Einschränkung begründe sich mit
den psychiatrischen Faktoren. Im
Januar 2012 sei es zur Geburt des Sohnes mit anschliessend schwerer
postpartaler
Depression gekommen. Es sei deshalb für das Jahr 2012 von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten auszugehen. Die behandelnde Psychiaterin habe ab 1. Januar 2013 eine 80%ige Arbeitsunfähig
keit genannt. Ab Gutachtensdatum sei von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen (S. 41 f. Ziff. 10). Diese gelte auch in allen anderen adaptierten,
körperlich leichten, wechselbelastenden Tätigkeiten ohne chronische Überkopf
arbeiten und ohne ständiges Heben und Tragen von schweren Lasten über 20 kg (S. 42 Ziff. 11).
3.
3
Dr.
C._
nannte im psychiatrischen Teilgutachten (S. 31-
37) unter anderem folgende Befunde (S. 35 Ziff. 4.4.3): Formale oder inhaltliche Denkstörungen seien keine festzustellen, die Beschwerdeführerin berichte jedoch über Grübeln und Befürchtungen vor allem in der Nacht. Allenfalls bestehe zeitweise ein leichtes
Derealisationserleben
im Sinne eines dissoziativen Geschehens. Eine Antriebsstörung, vor allem morgens, sei deutlich
eruierbar
. Aktuell sei die Stimmung ausgeglichen,
euthym
, die Beschwerdeführerin sei schwingungsfähig. Psychomotorisch sei sie ruhig, wirke jedoch antriebsgehemmt. Sie berichte über
Anhedonie
und sexuelle Lustlosigkeit. Es bestünden Durchschlafstörungen und der Schlaf sei nicht erholsam. Sie sei oft sehr müde. Der Appetit sei vermindert bis nicht vorhanden. Es bestünden häufig gastrointestinale Beschwerden in Form von Übelkeit und Bauschmerzen. Ausserdem habe sie sehr oft Kopfschmerzen und zeitweilen auch Migräneanfälle.
Bei einer stark belasteten Familienanamnese für depressive Erkrankungen
ergebe sich das Bild einer rezidivierenden depressiven Störung mit einem ausgeprägten depressiven Syndrom, auch wenn dieses im Moment der Untersuchung nicht das Vollbild erreiche, welches zum Beispiel
postpartal
nach der Geburt des Sohnes
vorhanden gewesen sei. An äusseren Belastungen liege eine schwierige frühe Kindheit bei einer grossen Depressivität der Mutter vor. Bereits mit 11 Jahren habe sie die gesamte Verantwortung für die Familie übernehmen müssen, sei aber von ihrem Vater sehr oft entwertet und manchmal auch körperlich gezüchtigt worden. Besonders traumatisierend sei jedoch das Fehlen von jeglicher Anerken
nung gewesen und das Gefühl, in jeder Beziehung zu versagen. Dieses Gefühl sei auch als Erwachsene ständig bei ihr präsent. Die Beschwerdeführerin sei seit langem in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung, wobei sie die verordneten Medikamente regelmässig und mit grosser Sorgfalt einnehme. Die depressive Erkrankung könne immer wieder zu Rezidiven und somit zu vermin
derter Arbeitsfähigkeit führen. Sodann müsse von einer anhaltenden somatofor
men Schmerzstörung ausgegangen werden (S. 35 f. Ziff. 4.4.5).
4.
4.1
Folgende
relevanten
Arztberichte und anderen Akten gingen im
jüngsten
Revisionsverfahren bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom
12
. Februar 2021 (Urk. 2) ein:
4.2
Dr. med. D._
, Facharzt für Neurochirurgie, führte im Bericht vom 3. Dezember 2018 (Urk. 7/144/4-5
= Urk. 7/152/11-12
) aus, fast fünf Monate nach der Operation vom 10. Juli 2018, welche eine
Repositions-Spondy
lodese
L4
/
L5
mit mikrochirurgischer Dekompression beidseits von
rechts
wegen degenerativer
Spondylolisthese
mit Spinalkanalstenose umfasst habe (vgl. S. 1 Diagnosen), zeige sich ein mässiges Resultat bezüglich des Rückens. Auf jeden Fall seien keine eindeutigen radikulären Zeichen mehr nachweisbar. Radiologisch hätte
n die übrigen Segmente keine
degenerative
n
Veränderungen. Hauptproblem seien die
multilokulären
Schmerzen. Hier könne er der Patientin nicht weiter
helfen. Aufgrund der früher gestellten Diagnose der Fibromyalgie sei wohl wieder eine rheumatologische Betreuung sinnvoll (S. 2).
4.
3
Dr. med. E._
, Facharzt für Rheumatologie,
führte
im Bericht vom 18. Dezember 2018 (Urk.
7/144/6-7
= Urk. 7/152/13-14
) aus, d
ie aktuellen Schmerzen am gesamten Körper seien in erster Linie auf das Fibromyalgie-Syndrom
(Erstdiagnose im April 2004)
zurückzuführen. Weder klinisch noch in den veranlassten laborchemischen Untersuchungen fänden sich Hinweise auf eine aktive entzündlich-rheumatische System
- oder Stoffwechsel
erkrankung. Eine Therapie der Wahl gebe es nicht, angezeigt wäre ein multimodales Therapiekon
zept (psychotherapeutisch, physikalisch und medikamentös), am besten im Rahmen eines vierwöchigen stationären Rehabilitationsaufenthaltes (S. 2 Mitte).
4.
4
Dr. med. F._
, Facharzt für Radiologie und für Nuklearmedizin, führte im Bericht vom 25. Januar 2019 (
Urk. 7/140/2 =
Urk. 7/144/1 = Urk. 7/152/6) über das gleichentags durchgeführte MR LWS nativ aus, es liege gegenüber dem 7. November 2017 und dem 11. Juni 2018 ein regelrechter postoperativer Befund nach
Spondylodese
und Dekompression
L4
zu
L5
mit einem
epiduralen
Liquor
polster
zwischen den
Processi
spinosi
L4
und L5 vor. Es bestehe ein Hinweis auf eine
epifusionelle
Störung
L5
/
S1
mit flacher medianer Diskushernie und Kontakt zur
S1
-Wurzel im
Recessus
rechts. Eine
epidurale
Infiltration auf dieser Höhe wäre eine
valable
Therapieoption.
4.
5
Dr. med. G._
, Fachärztin für Radiologie, berichtete am 4. Februar 2019 (Urk. 7/152/5) über die gleichentags durchgeführte Computertomographie
(CT)-gesteuerte Infiltration L5/S1.
4.6
Dr. med. H._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, führte im Bericht vom 13. März 2019 (Urk. 7/143) aus, in den letzten 4-5 Jahren hätten die lumbalen Schmerzen mit Ausstrahlung in das rechte Gesäss und Bein zugenom
men. Nach Scheitern der konservativen Therapien sei die Patientin im Juli 2018 operie
rt worden. Weder die Operation
noch Medizinische Trainingstherapie (MTT) noch
gezielte Infiltrationen hätten den Zustand verbessert. Der Patient
in
seien sämtliche Stellen bis auf eine gekündigt worden, da sie die geforderte Leistung nicht mehr habe erbringen können (S. 2 Ziff. 1.4).
Die Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit habe vom 18. Mai 2018 bis 31. Januar 2019 100
%
betragen und betrage ab 1. März 2019 bis auf Weiteres 80
%
(S. 2 Ziff. 1.6).
4.
7
PD Dr. med. I._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, nannte im Bericht vom 2. April 2019 (Urk. 7/152/9-10) als – hier verkürzt wiedergegebene – Diagnose Schulter
beschwerden rechts unklarer Ätiologie, allenfalls eine
Bizepstendinopathie
(S. 1 oben). Das
Arthro
-MRI rechts habe eine strukturell erhaltene Schulter gezeigt. Die
Bizepssehne
könnte die Schmerzursache darstellen. Angesichts dessen sei der
Patientin die Möglichkeit der Schulterarthroskopie diagnostisch und therapeu
tisch erläutert worden. Eine
Bizepstendinopathie
würde mittels Tenotomie behandelt werden (S. 1 unten).
4.
8
Dr. med. J._
, Facharzt für Neurologie, nannte im Bericht vom 12. April 2019 (Urk. 7/152/7-8) folgende, hier verkürzt wiedergegebenen, Diag
nosen (S. 1 oben):
-
chronische Migräne mit Aura
-
Depression mit generalisierten Schmerzen und
Somatisierungstendenz
-
anamnestisch Status nach Operation einer lumbalen Spinalkanalstenose im Juli 2018
Am
Berichtsd
atum habe eine Nachkontrolle auf Wunsch der Patientin mit einer chronischen, aktuell hochaktiven Migräne vor dem Hintergrund eines generali
sierten Schmerzsyndroms stattgefunden. Es sei ein Versuch mit
Cefaly
vereinbart worden (S. 2).
4.9
Dr.
D._
(vorstehend E. 4.2) führte im Bericht vom 30. April 2019 (Urk. 7/150) aus,
die letzte Konsultation habe am 15. Januar 2019 stattgefunden (S. 1 Ziff. 1).
Attestiert worden sei eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit vom 2. Oktober 2018 bis zum 31. Januar 2019 (S. 1 Ziff. 1.3).
Betreffend Symptomatik (S. 2 Ziff. 2.2) gab er an, es bestünden Schmerzen an verschiedenen Körperre
gionen. Die Rücken- beziehungsweise Kreuzschmerzen strahlten in das Gesäss und in die Oberschenkel aus. Die präoperativen Beinschmerzen seien immer noch vorhanden. Als objektive Befunde (S. 2 Ziff. 2.4) seien Lumbalgien mit eher
pseu
doradikulärer
Ausstrahlung sowie Knieschmerzen angegebenen worden. Betreffend leidensangepasste Tätigkeit (S. 3 Ziff. 4.2) sei nicht auszuschliessen, dass eine leichte Tätigkeit zu 50
%
möglich sei.
4.10
Dr.
H._
(vorstehend E. 4.6) führte im Bericht vom 17. Juli 2019 (Urk. 7/152/1-4 = Urk. 7/155) aus, sie kenne die Patientin seit dem 2. November 200
6.
Ihre
Arbeitsfähigkeit habe immer zwischen 20 und 50
%
geschwankt (S. 1 Ziff. 1.1; S. 3 Ziff. 2.2
).
4.11
Dr.
J._
(vorstehend E. 4.8)
führte im Bericht vom
13. August 2019 (Urk. 7/157/2-3
= Urk. 7/159/2-3
)
aus, die Patientin berichte, sie habe nicht mehr mehrmals pro Woche Migräneattacken, sondern nur noch 3-4 Mal pro Monat, die Attacken seien auch schwächer geworden. Es bestehe demnach
ein gutes Ansprechen auf den Neurostimulator
Cefaly
als
Migräneprohylaxe
, was
die Patientin
bis zirka Oktober 2019 weiterführen werde. Reguläre Kontrollen seien keine mehr geplant (S. 1 unten).
4.1
2
Dr. med. K._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, RAD, führte in seiner Stellungnahme vom 21. Oktober 2019 (Urk. 7/165 S. 4-5) aus, die bisherige Tätigkeit als Putzfrau sei zu sehr wirbelsäulen- und schulterbelastend. Vom 10. Juli 2018 bis zum 31. Januar 2019 habe hier eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
bestanden, seit dem 1. März 2019 bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 80
%
auf Dauer.
Eine angepasste Tätigkeit müsse folgendes Belastungsprofil umfassen: leichte wechselbelastende Tätigkeit ohne Arbeiten auf Leitern und Gerüsten, ohne wirbelsäulenbelastende und schulterbelastende Zwangshaltungen und Tätigkei
ten (Bücken, Hocken, Kauern, Knien, Überkopfarbeit, Arbeiten in weiter Arm
vorhalte), ohne häufige Rumpfrotationen, ohne häufiges Gehen auf unebenem Gelände sowie ohne andauernde Vibrationsbelastungen und Nässe-/Kälteexpo
sition. Hier habe von 10. Juli 2018 bis 31. Januar 2019 eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
bestanden, danach medizinisch-theoretisch eine Arbeitsunfähigkeit von 20
%
wegen vermehrten Pausenbedarfs. Eine wesentliche Veränderung des Gesundheitszustands sei nicht zu erwarten. Die degenerativen Veränderungen würden im Laufe des Lebens zunehmen.
Es handle sich um eine schwere Erkran
kung.
4.13
Die Sachbearbeiterin der Beschwerdegegnerin erstattete am 19. Dezember 2019 ihren Bericht über die Abklärung der beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit in Beruf und Haushalt (Urk. 7/163). Dabei legte sie die Qualifikation auf 100
%
Erwerbs
tätigkeit fest (S. 4 Ziff. 2.6). Zur Begründung führte sie aus, die Beschwerdefüh
rerin habe bereits bei der letzten Abklärung im Jahr 2014 geltend gemacht, dass sie bei Gesundheit 100
%
arbeiten würde. Inzwischen sei ihr Sohn (Jahrgang 2012) älter, besuche bereits die zweite Klasse und werde im Hort fremdbetreut. Diese Fremdbetreuung würde sich ausbauen lassen. Zudem habe die Beschwerde
führerin im Jahr 2008 entsprechende Bewerbungsunterlagen vorweisen können (S. 4 f. Ziff. 2.6.1).
4.14
Dr. L._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
nannte
in ihrem im Rahmen des
Einwandverfahrens
eingeholten Bericht vom 4. August 2020 (Urk. 7/175)
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 3 Ziff. 2.5):
-
mittelschwere depressive Episode bei chronischen Schmerzzuständen (ICD-10 F32.1)
-
panvertebrale Schmerzen
-
chronische Migräne
-
Ein- und Durchschlafprobleme
Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 4 Ziff. 2.6) nannte sie eine unreife Persönlichkeitsstruktur (F60.8)
.
Die Behandlung erfolge seit dem März 2012 (S. 2 Ziff. 1.1), gegenwärtig
ein
Mal
pro Monat (S. 2 Ziff. 1.2). Die Arbeitsunfähigkeit betrage 50
%
seit dem 1. Januar 2012 bis zum Berichtsdatum (S. 2 Ziff. 1.3).
Betreffend aktuelle medizinische
Symptomatik und Situation
(S. 3 Ziff. 2.2)
habe
es
s
eit 2016 eine Verschlechterung der allgemeinen Erschöpfbarkeit bei chronischen Schmerzzuständen gegeben. Schon die kleinste Anstrengung im Haushalt bringe schnelle Erschöpfung. Es bestehe eine depressive Grundstim
mung mit Schuldgefühlen der Familie gegenüber. Sie habe kaum Kraft, mit dem Sohn nach draussen zu gehen.
Es bestünden irrationale Schuldgefühle. Die Patientin könne auch wütend werden, meist sei sie aber emotional ausgeglichen niedrig gestimmt. Emotional sei sie wenig spürbar, affektiv aber häufig traurig, hilflos und weinerlich. Depressive Zustände würden meist zuhause erlebt. Manch
mal schlafe sie mitten am Tag auf dem Sofa ein, bis der Sohn nach Hause komme. Es liege eine unreife Persönlichkeitsstruktur vor. Die Patientin mache regelmässig die seitens Physiotherapie verordneten Körperübungen, habe aber trotzdem Ein- und Durchschlafstörungen
.
Als objektive
Be
funde
(S. 3 Ziff. 2.4)
bestünden eine depressive Grundstimmung, wenig Zukunftsperspektiven, wenig Interesse an der Welt,
ein
sozialer Rückzug ausserhalb der Familie, Schuld- und Schamgefühle wegen verlorener Leistungs
fähigkeit und Verarmungsängste. Versuche, die Medikation zu optimieren, seien misslungen. Es bestehe bei wenig Schulbildung (4 Jahre) kaum Veränderungs
potential
.
Prognostisch werde die Patientin ihre Arbeitsfähigkeit nicht mehr steigern können (S. 4 Ziff. 2.7).
4.15
Dr. med. M._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, RAD,
ging
in ihrer Stellungnahme vom 4. Februar 2021 (Urk. 7/178 S.
3 f.
)
unter anderem auf die von der Beschwerdeführerin gegenüber den
Y._
-Gutachtern im März 2014 (vgl. vorstehend E. 3) getätigten Angaben ein.
So habe sie damals angegeben, dass sie sich 2007 nach einem Unfall in psychiatrische Behandlung begeben habe. Seit 2007 sei sie nicht mehr in Behand
lung gewesen, eine Psychotherapie
sei
aufgrund eines Unfalls wenig nachvoll
ziehbar. Hier hätten sich Ungereimtheiten gezeigt, die von dem Gutachter (
richtig
: der Gutachterin) hätten kommentiert werden müssen.
Weiter habe sie angegeben, sie sei nach der Geburt eines Sohnes erneut in eine schwere Depression gefallen, sie habe sich allerdings seltsam gut gefühlt, sie habe einfach die Augen nicht öffnen können; die Psychiaterin habe ihr damals gesagt, dass sie wieder an einer Depression leide, sie selbst habe dies gar nicht so empfunden. Offensichtlich habe der Gutachter auf die
Behandlerin
abgestellt und nicht wirklich die
Beschwerdeführerin
beurteilt (S. 3 unten).
Mit dem psychopathologischen Befund ausgeglichene Stimmung, morgendliche Antriebsstörung und Durchschlafstörung könne keinesfalls eine mittelgradige depressive Symptomatik gemäss den ICD-10 Kriterien erkannt werden. Da die ICD-10 Kriterien für eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung ebenfalls nicht erfüllt seien,
könne auch diese Diagnose nicht akzeptiert werden. Auf das psychiatrische Gutachten hätte somit nicht abgestellt werden dürfen (S. 4 oben).
Hinsichtlich des Berichts von Dr.
L._
vom 4. August 2020 (vorstehend E. 4.1
4
) führte Dr.
M._
aus, eine depressive Grundstimmung, «meist aber emo
tional ausgeglichen niedrig gestimmt», wenig Interesse, Schuld- und Scham
gefühle sowie Schlafstörung
en
definierten keinesfalls eine mittelgradige depressive Symptomatik gemäss den ICD-10 Kriterien. Eine 50%ige Arbeitsun
fähigkeit sei aus psychiatrischer Sicht so nicht nachvollziehbar. Zudem bringe Dr.
L._
die Diagnosen in direkten Zusammenhang mit den körper
lichen Einschränkungen, so dass nicht von einer eigenständigen psychiatrischen Diagnose ausgegangen werden könne (S. 4 Mitte).
Im Fazit könne eine depressive Verstimmung aufgrund von anhaltenden Schmer
zen plausibel nachvollzogen und als normalpsychologisch beurteilt werden. Eine e
igenständige Depression habe aus
psychiatrischer RAD-Sicht noch nie bestanden (S. 4 unten
).
5.
5.1
Die
Y._
-Gutachter kamen am 25. März 2014 zum Schluss, es bestehe ab diesem Datum bei der Beschwerdeführerin eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit, welche sich mit den psychiatrischen Faktoren begründe (E. 3.2). RAD-Ärztin Dr.
M._
befand am 4. Februar 2021, dass auf diese Beurteilung nicht hätte abgestellt werden dürfen, und begründete dies insbesondere mit dem psychopathologischen Befund
, welcher die ICD-Kriterien einer mittelgradigen depressiven Episode nicht erreicht
habe
(E. 4.
15
).
Dabei übersah sie zunächst, dass die psychiatrische Teilgutachterin als psycho
pathologische
n Befund
nicht nur eine morgendliche Antriebs- und Durchschlaf
störung, sondern auch ein leichtes
Derealisationserleben
im Sinne eines dissoziativen Geschehens, eine
Anhedonie
und sexuelle Lustlosigkeit sowie eine deutliche Appetitminderung festgehalten hatte (E. 3.
3).
Zudem hatte d
ie
Teilgutachterin
durchaus eingeräumt, dass das depressive Syndrom im Moment der Untersuchung nicht das Voll
bild erreicht habe. Es oblag ihr
, nicht nur die Untersuchungsbefunde, sondern auch die geklagten Beschwer
den und die Vorakten zu berücksichtigen und mit ersteren in einen einleuchten
den Zusammenhang zu bringen (vgl. E. 1.5).
Dies tat die Teilgutachterin, indem sie die gestellten Diagnosen und genannten Einschränkungen ausführlich und
grundsätzlich
plausibel mit Bezugnahme unter anderem auf die stark belastete Familienanamnese, die sehr schwierige Kindheit und die regelmässige und
sehr sorgfältige Einnahme der P
sychopharmaka herleitete (E. 3.3). Der Unfall von 200
7 spielte bei der Herleitung der Diagnosen k
eine t
ragende Rolle, weshalb unklar, aber
nicht weiter relevant ist, in
wiefern die RAD-Ärztin
betreffend die nach
folgende Behandlung
eine weitere Kommentierung als angezeigt erachtet hätte.
J
edenfalls
kann
nicht gesagt werden, die auf das
Y._
-Gutachten gestützte Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 1. April 2015 sei
zweifellos
unrichtig gewesen.
Es ist denn auch darauf hinzuweisen, dass eine Wiedererwägung im Sinne von Art. 53 Abs. 2 ATSG seitens der Beschwerdegegnerin gar nicht thema
tisiert wurde.
Es überzeugt somit nicht,
wenn
die
RAD-
Ärztin
Dr.
M._
knapp
sechs
Jahre nach der Erstellung das
Y._
-Gutachten als nicht beweiskräftig bezeichnet, ohne indes die Beschwerdeführerin selber untersucht zu haben.
5.2
Auch d
en aktuellen Bericht der behandelnden Psychiaterin Dr.
L._
vom 4. August 2020 (
E. 4.14) kritisierte Dr.
M._
in Bezug
auf den psychopatho
logischen Befund
, welche
n
sie
indes
nicht vollständig wiedergab. So finden sich nebst den von ihr zitierten Befunde
n
depressive Grundstimmung, Interesselosig
keit, Schuld-
und Schamgefühle sowie Schlafstörung
en
(E. 4.15) im erwähnten
Bericht der behandelnden Psychiaterin unter den objektiven Befunden auch ein sozialer Rückzug sowie Verarmungsängste
und
es
wurde
betreffend Symptomatik auch eine Verschlechterung der Erschöpfbarkeit seit 2016 angegeben (E. 4.14).
Insofern wird die Aussage von Dr.
M._
, die Symptomatik sei nicht ausreichend
für eine mittelgradige depressive Symptomatik gemäss den ICD-10 Kriterien und die 50%ige Arbeitsunfähigkeit nicht nachvollziehbar, bereits relativiert. Unzu
treffend ist sodann ihre Wahrnehmung, wonach Dr.
L._
die Diagnosen in einen direkten Zusammenhang mit den körperlichen Einschränkungen bringe. Zwar hielt letztere fest, es gebe immer wieder körperlich erschwerte Zustände mit Rückenschmerzen, fügte jedoch an, die Patientin suche die Besserung von aussen und finde keinen Zugang zu psychosomatischen Aspekten der Schmerzerkran
kung (Urk. 7/175 S. 2 f. Ziff. 2.1).
Damit hätte sich an sich die Brücke schlagen lassen zur Diskussion der 2014
gutachterlich
diagnostizierten anhaltenden somatoformen Schmerzstörung,
was Dr.
L._
indes nicht tat und diese Diagnose auch nicht stellte. Diesbe
züglich lässt sich der Sachverhalt derzeit nicht erstellen, nachdem Dr.
M._
sich lediglich auf die Feststellung beschränkte, die
genannte
im Jahr 2014 gestellte
Diagnose könne aufgrund der nicht erfüllten ICD-10 Kriterien nicht akzeptiert werden (E. 4.15). Auch
die Diagnose
eine
r
mittelschwere
n
depressive
n
Episode und eine
daraus abgeleitete
Arbeitsunfähigkeit in psychiatrischer Hinsicht von 50
%
darf derzeit nicht als gesichert gelten, nachdem der Erfah
rungstatsache Rechnung zu tragen
ist
, dass behandelnde Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifels
fall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 351 E. 3a/cc S. 353 mit weiteren Hinweisen), sprich deren Gesundheitsbeeinträchtigung tendenziell eher gravierender und deren Arbeitsfähigkeit tendenziell eher tiefer einschätzen als dies objektiv gerechtfertigt wäre.
Zudem ist
die
Durchführung des höchstrichterlich vorgeschriebenen strukturierten Beweisverfahrens (
vgl.
BGE 143 V 418, BGE 141 V 281)
beim derzeitigen Aktenstand nicht möglich.
5.3
Immerhin
liefert der Bericht von Dr.
L._
aber Anhaltspunkte dafür, dass in psychischer Hinsicht relevante Beeinträchtigungen vorhanden sein könnten. Diesen hätte die Beschwerdegegnerin nachgehen sollen. Es reicht mit Blick auf den Untersuchungsgrund
satz nicht aus, das vor Jahren
erstellte
neutrale Gutachten sowie
den
aktuelle
n
Bericht der behandelnden Psychiaterin
als n
icht beweiswertig zu bezeichnen und daraus ohne eigene Untersuchung den Schluss zu ziehen, es habe nie eine eigenständige Depression bestanden.
Wenn in dieser Konstellation keine Berichte vorliegen, die die rechtsgenügende Erstellung des
Sachverhaltes ermöglichen, so ist die Verwaltung gehalten, selber ein psychiatri
sches Gutachten in Auftrag zu geben.
Dies wird sie nachzuholen haben, nachdem Zweifel an der Zuverlässigkeit
und Schlüssigkeit
ihrer versicherungsinternen Beurteilung bestehen (E. 1.6).
5.4
Nebst dem psychischen ist auch dem
somatischen
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin Beachtung zu schenken, nachdem RAD-Arzt Dr.
K._
in seiner Stellungnahme vom 21. Oktober 2019 (E. 4.1
2
) festgehalten hatte, es liege eine schwere Erkrankung in Form von degenerativen Veränderungen vor. Konkret handelt es sich
um Schulter- sowie
Rückenbeschwerden
. Diesen war zwar im
Y._
-Gutachten 2014 noch keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zuerkannt worden, sie dürften aber mittlerweile weiter fortgeschritten sein, worauf etwa die im Juli 2018 vorgenommene Repositions-
Spondylodese
L4
/
L5
(E. 4.2)
, die im Januar 2019 gestellte Verdachtsdiagnose einer flachen medialen Diskushernie L5/S1 und
die Feststellung durch die Hausärztin Dr.
H._
im März 2019 (E. 4.6)
hinweisen
, wonach die lumbalen Schmerzen mit Ausstrahlung in das rechte Gesäss und Bein
in den letzten 4-5 Jahren zugenommen hätten
und trotz diverser Massnahmen keine Zustandsverbesserung eingetreten sei.
Betref
fend die
rechte
S
chulter bestehen sodann Beschwerden unklarer Ätiologie, allenfalls
eine
Bizepstendinopathie
(E. 4.7).
Entsprechend kam der RAD-Arzt in Übereinstimmung mit der Hausärztin Dr.
H._
(E. 4.6) denn auch zum Schluss, es bestehe in der bisherigen Tätigkeit als Putzfrau
in somatischer Hinsicht
ab dem 1. März 2019 eine dauerhafte 80%ige Arbeitsunfähigkeit.
5.5
Dr.
K._
untersuchte die Beschwerdeführerin selber nicht, es lagen ihm aber die Befunde der behandelnden Ärzte vor (vgl. E. 4.2-11). Auf diese nahm er bei seiner Einschätzung einer 80%igen
Arbeitsfähigkeit
in angepasster Tätigkeit ab 1. Februar 2019 (E. 4.13)
indes
keinerlei Bezug. Wie er zu
m
genannten
Schluss gelangte, ist daher nicht überprüf- und entsprechend auch nicht nachvollziehbar. Insbesondere setzte sich Dr.
K._
nicht mit der entgegenstehenden Ein
schätzung durch Dr.
D._
vom April 2019 (E. 4.9) auseinander, welcher in einer leichten Tätigkeit lediglich eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
für möglich gehalten
hatte.
Entsprechend bestehen auch an der Zuverlässigkeit
und Schlüssigkeit
der versicherungsinternen RAD-Aktenb
eurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit in somatischer Hinsicht Z
weifel, weshalb die Beschwerdegegne
rin diesbezüglich
ebenfalls
ergänzende Abklärungen vorzunehmen hat.
5.6
D
en Migräne-Kopfschmerzen
war
von den
Y._
-Gutachtern im März 2014 Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
zuerkannt worden
und aktuell
finden
noch Behandlungen wegen einer chronischen M
igräne statt
(E. 4.8; E. 4.10)
. Der
behandelnde Rheumatologe erachtete sodann ein Fibromyalgie-Syndrom als hauptursächlich für die aktuellen Schmerzen am gesamten Körper (E. 4.3).
Für die
Gesamtbeurteilung des aktuellen medizinischen Sachverhalts
sind daher gegebenenfalls
auch die neurologische
und die rheumatologische
Seite miteinzu
beziehen.
5.7
Die Sache ist daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach Einholung eines polydisziplinären Gutachtens eine neue Beurteilung vornehme und über den Leistungs
an
spruch der Beschwerdeführerin neu verfüge.
In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
Bei diesem Prozessausgang erübrigt sich sowohl die Frage, ob und inwiefern im Verwaltungsverfahren eine Verletzung des rechtlichen Gehörs der Beschwerde
führerin erfolgte, als
derzeit
auch eine Überprüfung des
von ihr
gerügten Einkommensvergleichs (vgl. E. 2.1).
6.
6
.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
6
.2
Nach § 34 Abs. 1 GSVGer hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3 GSVGer).
Nach ständiger Recht
sprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BG
E 137 V 57 E.
2.2), weshalb die
vertretene Beschwer
deführer
in
Anspruch auf eine Prozess
ent
schädigung hat.
Beim praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ist die Prozessentschäd
igung ermessensweise auf Fr. 2’0
00.-- (inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.