Decision ID: a92b5523-e879-4bf1-af6d-ead2777eca95
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 27. Oktober 2016 wegen
Rücken-, Bein- und Knieschmerzen bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an. Sie gab
an, seit 1990 bei der B._ AG als Maschinenführerin tätig zu sein (IV-act. 1, vgl. auch
IV-act. 40). Ihr behandelnder Arzt Prof. Dr. med. C._, Facharzt für Neurochirurgie,
attestierte ihr seit dem 14. November 2016 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit auf Grund
eines Zustands nach Dekompression L2-L5 links im Juni 2016, einer Lumboischialgie
links (L3?) bei MR-tomografisch nachgewiesener Rezidivdiskushernie L2/3 links und
einer mässigen linkskonvexen Skoliose der LWS (Arztbericht vom 5. Januar 2017; IV-
act. 19). Im Bericht vom 29. September 2017 hielt Prof. C._ fest, es seien nun
sämtliche interventionell therapeutischen und konservativen Therapiemassnahmen zur
Neige ausgeschöpft. Eine operative Therapie im Sinne einer multisegmentalen
Dekompression werde von ihm nicht durchgeführt. Er habe die Versicherte zu dieser
Beurteilung an Dr. D._ geschickt, welcher ebenfalls keine ausreichende
Operationsindikation sehe (IV-act. 57).
A.a.
Im Bericht vom 5. Oktober 2017 diagnostizierte Dr. med. E._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, eine längere depressive Reaktion auf Belastungs- und
Anpassungsstörung bei multiplen somatischen Diagnosen (ICD-10 F43.21) seit Anfang
2017. Alleine aus psychiatrischer Sicht bestehe keine anhaltende Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit (IV-act. 58). Am 20. Februar 2018 berichteten die Ärzte des Schmerz
zentrums des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) über die Erstkonsultation der
Versicherten. Sie diagnostizierten ein chronisches Schmerzsyndrom mit psychischen
und somatischen Anteilen (ICD-10: F45.41, IV-act. 64).
A.b.
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Am 16., 17. und 22. Oktober 2018 wurde die Versicherte durch Gutachter der
SMAB AG St. Gallen orthopädisch/traumatologisch, psychiatrisch, neurologisch und
internistisch begutachtet. Als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
attestierten die Gutachter ein pseudoradikuläres Lumbalsyndrom beidseits bei rechts-
links-konvexer thorakolumbaler Skoliose mit Osteochondrosen LWK 2-5 und Baastrup-
Phänomen LWK 3-4. In der angestammten Tätigkeit als Maschinenführerin attestierten
sie eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit, welche seit der Operation vom 15. Juni 2016
nachvollziehbar sei. In leidensangepassten Tätigkeiten bestehe seit Juli 2017 wieder
eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 88-6 und 88-8). RAD-Arzt Dr. med. F._ befand
das Gutachten als schlüssig (Stellungnahme vom 4. Dezember 2018; IV-act. 89).
A.c.
Durch Mitteilung vom 14. Dezember 2018 informierte die IV-Stelle die Versicherte,
dass das Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen abgewiesen werde (IV-act.
92).
A.d.
In einer E-Mail vom 25. Februar 2019 berichtete Dr. E._ dem KSSG, der
Gesundheitszustand der Versicherten habe sich aus psychiatrischer Sicht erheblich
verschlechtert. Die anfänglich längere depressive Reaktion auf Belastungs- und
Anpassungsstörung (ICD-10 F43.21, ED Anfang 2017) sei in eine depressive Episode
mittlerer Ausprägung mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.11) übergegangen.
Ausserdem liege eine Dysthymia (ICD-10 F34.1) zu Grunde, was zur Chronifizierung
und zu einer schlechten Prognose beitrage. Allein aus psychiatrischer Sicht liege eine
50%ige Arbeitsunfähigkeit seit Januar 2018 vor (IV-act. 98).
A.e.
Mit Vorbescheid vom 17. April 2019 stellte die IV-Stelle der Versicherten eine
Rentenabweisung in Aussicht, da gestützt auf die gutachterlich attestierte
Arbeitsfähigkeit von 100% in adaptierter Tätigkeit von einem Invaliditätsgrad von 0%
auszugehen sei (IV-act. 101). Dagegen liess die Versicherte durch Rechtsanwalt lic. iur.
K. Gemperli, Einwand erheben. Dieser ersuchte gestützt auf den Kurz-Bericht von Dr.
E._ vom 25. Februar 2019 sowie eine funktionsorientierte medizinische Abklärung der
MGSG Medizinisches Gutachtenzentrum Region St. Gallen GmbH vom 10. Mai 2019
um weitere Abklärungen (IV-act. 104f.).
A.f.
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Infolge des Einwands empfahl RAD-Arzt Dr. F._ in der Stellungnahme vom 21.
Juni 2019, bei Dr. E._ einen psychiatrischen Verlaufsbericht einzuholen (IV-act. 108).
Dieser diagnostizierte im Verlaufsbericht vom 25. Juli 2019 eine mittelgradige
depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.11) sowie einen Status
nach längerer depressiver Reaktion auf Belastungs- und Anpassungsstörung (ICD-10
F43.21). Die Versicherte sei seit Januar 2019 zunehmend depressiv geworden. Sowohl
in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als auch in einer ideal adaptierten sei sie aus
psychiatrischer Sicht zu höchstens 50% arbeitsfähig (IV-act. 111).
A.g.
Im Folgegutachten vom 31. Januar 2020 kamen die SMAB-Gutachter zum
Schluss, dass es bei der Versicherten in der Zwischenzeit zur Entwicklung einer
mittelgradigen Depression gekommen sei, die zu einer Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit um 30% geführt habe. Diese gelte für jede Art von Tätigkeit (IV-act.
122-10).
A.h.
Mit Vorbescheid vom 6. Februar 2020 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Ablehnung des Leistungsbegehrens gestützt auf das Gutachten und dem bei einer
70%igen Arbeitsfähigkeit ermittelten IV-Grad von 29% in Aussicht (IV-act. 126).
A.i.
Dagegen liess die Versicherte durch ihren Rechtsvertreter am 13. März 2020
Einwand erheben. Gestützt auf die Stellungnahme des behandelnden Psychiaters
Dr. E._ vom 29. Februar 2020 verlangte der Rechtsvertreter die Berücksichtigung
einer Arbeitsunfähigkeit von 50% (IV-act. 132).
A.j.
Mit Stellungnahme vom 1. Mai 2020 ersuchte RAD-Arzt Dr. F._ um Zustellung
des Berichts von Dr. E._ an die Gutachter, damit sich diese zu den Vorbringen des
behandelnden Arztes äussern könnten (IV-act. 133). Im Schreiben vom 25. Mai 2020
hielten die SMAB-Gutachter an ihren Diagnosen und Beurteilungen fest (IV-act. 135).
RAD-Arzt Dr. F._ befand diese Ausführungen als nachvollziehbar (Stellungnahme
vom 2. Juni 2020; IV-act. 136).
A.k.
Im Rahmen einer zweiten Anhörung informierte die IV-Stelle den Rechtsvertreter
der Versicherten über die neu eingegangenen Dokumente. Gestützt darauf halte sie am
bisherigen Entscheid fest, das Leistungsbegehren abzuweisen (Schreiben vom 3. Juni
A.l.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/18
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B.
2020; IV-act. 137). Rechtsanwalt Gemperle erklärte sich im Schreiben vom 18. Juni
2020 mit dem Entscheid nicht einverstanden (IV-act. 138).
Mit Verfügung vom 30. Juni 2020 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren im
Sinne des Vorbescheids ab (IV-act. 139).
A.m.
Dagegen richtet sich die vorliegende Beschwerde der Versicherten (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) vom 31. August 2020 mit dem Antrag auf deren Aufhebung und
auf Zusprache einer mindestens halben Rente; unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Zur Begründung macht der Rechtsvertreter geltend, der
behandelnde Psychiater bestehe darauf, dass sich gleichzeitig mit der unbestrittenen
Depression Ende 2018 eine Dysthymia entwickelt habe. Diese stelle zusammen mit der
zusätzlichen depressiven Episode eine Double Depression dar, eine der vier Subtypen
der chronischen Depression. Eine Double Depression führe oft zur Chronifizierung,
weshalb die Behandlung den Zustand nicht zu verbessern vermöge, sondern schon
erfolgreich sei, wenn sie ihn stabilisiere. Der Gutachter habe jedoch von der
Behandlung direkt auf den Gesundheitszustand geschlossen und eine Verbesserung
der Arbeitsfähigkeit nach einer sechsmonatigen Behandlung mit einem
Antidepressivum erwartet. Das sei unzulässig und erst recht bei Verkennung der
diagnostischen Zusammenhänge. Eine andere Argumentationslinie des Gutachters
beziehe sich auf angebliche psychosoziale Belastungsfaktoren. Laut dem Gutachter
müssten diese von ihm sogenannten "nicht-medizinisch" begründeten
Funktionsstörungen bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit abgezogen werden. So
betrage die Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung der psychosozialen Komponente
30%. Mit anderen Worten seien die Funktionsausfälle für die Annahme einer
Arbeitsunfähigkeit von 50% zwar da, aber es dürften seines Erachtens nur 30%
berücksichtigt werden. Dies, weil die dadurch bedingten Funktionsstörungen als
medizinisch nicht begründet betrachtet werden müssten. Diese Argumentation sei
widersprüchlich und nicht schlüssig, weshalb dem psychiatrischen Gutachten nicht
gefolgt werden könne. Nachdem der Gutachter aber zugestehe, dass er dem
Behandler an sich folge und von einer Arbeitsunfähigkeit von 50% ausgehe, jedoch
wegen (vermeintlicher) psychosozialer Belastungsfaktoren 20% abgezogen habe,
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/18
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Auf die weiteren Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der
übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen
1.
brauche es keine weiteren medizinischen Abklärungen, sondern es könne von einer
Arbeitsunfähigkeit von 50% ausgegangen werden. Dies führe zur Zusprechung einer
halben Rente (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 28. Oktober 2020 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Beschwerdeabweisung. Sie führt im Wesentlichen aus, der psychiatrische
Gutachter habe im Einklang mit der Rechtsprechung daran festgehalten, dass allein
aus einer Diagnose nicht direkt auf die Arbeitsfähigkeit geschlossen werden dürfe.
Zudem dürfe die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nicht ausschliesslich defizitorientiert
erfolgen, sondern es müssten auch allfällig vorhandene Ressourcen, die
psychosozialen Rahmenbedingungen und das Aktivitätsniveau im Alltag berücksichtigt
werden. Demgegenüber habe sich Dr. E._ bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
einzig auf seine diagnostische Einschätzung abgestützt, was nicht zulässig sei (act.
G 4).
B.b.
Mit Replik vom 17. Februar 2021 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
fest (act. G 10).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (vgl. act.
G 12).
B.d.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu beurteilen ist der Renten
anspruch der Beschwerdeführerin.
1.1.
Am 1. Januar 2022 sind mit der Revision zur Weiterentwicklung der
Invalidenversicherung verschiedene Änderungen des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) und der dazugehörigen Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) in Kraft getreten. Weil in zeitlicher Hinsicht
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu
1.2.
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Rechtsfolgen führenden Tatbestands Geltung haben, und weil ferner das
Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles grundsätzlich auf den bis
zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung (hier: 30. Juni 2020) eingetretenen
Sachverhalt abstellt, sind im vorliegenden Fall die bis zum 31. Dezember 2021 gültig
gewesenen materiellen Bestimmungen anwendbar (BGE 132 V 215 E. 3.1.1 mit
weiteren Hinweisen). Sie werden nachfolgend in dieser Fassung zitiert.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 16 ATSG i.V.m.
Art. 28a Abs. 1 IVG).
1.4.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/18
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2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der
medizinischen Fachpersonen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines medizinischen Berichts ist entscheidend, ob er für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a). Rechtsprechungsgemäss ist den im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -
ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E.
1.3.4; Urteil des Bundesgerichts vom 13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3). Ebenfalls
ist bei der Würdigung der medizinischen Aktenlage der Erfahrungstatsache Rechnung
zu tragen, dass behandelnde Ärzte im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer Patienten aussagen.
Dies gilt für Hausärzte wie auch für spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen (vgl.
statt vieler: Entscheide des Bundesgerichts vom 3. Mai 2021, 8C_164/2021, E. 3.2.1,
und vom 17. Februar 2021, 8C_783/2020, E. 5.2, je mit Hinweisen).
1.6.
Zunächst ist die zwischen den Parteien umstrittene Frage zu prüfen, ob der
Sachverhalt in medizinischer Hinsicht spruchreif abgeklärt wurde. Die
Beschwerdegegnerin stützte sich bei ihrer Entscheidfindung auf das Folgegutachten
des SMAB vom 31. Januar 2020 sowie auf die Stellungnahme derselben Gutachter
vom 25. Mai 2020 (IV-act. 122 und 135). Demgegenüber hält die Beschwerdeführerin
die Arbeitsfähigkeitsschätzung ihres behandelnden Psychiaters Dr. E._ für
massgebend (vgl. u.a. IV-act. 132). Nicht umstritten ist die gutachterliche Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten von 100% aus somatischer Sicht. Vorab
ist sodann festzuhalten, dass das Gutachten die von der Rechtsprechung geforderten
Kriterien erfüllt.
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/18
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Im Folgegutachten vom 31. Januar 2020 diagnostizierten die Gutachter mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit (im Rahmen der letzten Tätigkeit) eine mittelgradige
depressive Episode, unvollständig remittiert (ICD-10: F32.4), sowie ein
pseudoradikuläres Lumbalsyndrom beidseits bei rechts-links-konvexer
thorakolumbaler Skoliose mit Osteochondrosen LWK 2 bis 5 und Baastrup-Phänomen
LWK3/4. Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (im Rahmen der letzten Tätigkeit)
seien eine Rhizarthrose links, eine geringe Fasziitis plantaris links, eine arterielle
Hypertonie, ein Status nach CTS-Operation beidseits, Adipositas (BMI 34.8 kg/m )
sowie eine Hypercholesterinämie. Gemäss dem psychiatrischen Gutachter Dr. med.
G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie, führten die
krankheitswertigen psychischen Beeinträchtigungen durch die Depression in ihrem
Zusammenspiel zu einer erheblichen Einschränkung der psychomentalen Ausdauer
und Belastbarkeit der Versicherten. Da diese Auswirkungen zu einer globalen
Einschränkung der Funktionsfähigkeit führen würden, seien sie praktisch für jede Art
von Tätigkeit relevant. Die belastungsabhängig auftretenden Rückenschmerzen mit
pseudoradikulärer Ausstrahlung in beide Beine führten dazu, dass das Belastungsprofil
der letzten Tätigkeit als Maschinenführerin das Restleistungsvermögen der
Beschwerdeführerin dauerhaft übersteige. Sie bedingten jedoch keine generelle
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (IV-act. 122-7). Sodann verfüge die
Beschwerdeführerin über gute Ressourcen in den komplexen Ich-Funktionen
Realitätsprüfung, Urteilsbildung, Beziehungsfähigkeit, Kontaktgestaltung,
Interaktionskompetenz, Regressionsfähigkeit und Intentionalität. Sie sei durchaus in
der Lage, Willenskräfte zu mobilisieren, um allfällige Hindernisse bei der Bewältigung
von Aufgaben zu überwinden. Das unmittelbare soziale Umfeld sei intakt, das
Zusammenleben mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter gelte als interpersonelle
Ressource. Als Belastungsfaktoren berücksichtigte Dr. G._ einen
krankheitsbedingten Rückzug aus vielen sozialen Bereichen. Als psychosoziale
Belastungen mit direkt negativen funktionellen Folgen seien der Verlust der Eltern und
die anhaltende Arbeitslosigkeit zu nennen. Diese nicht-medizinisch begründeten
Funktionsstörungen würden bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ausgeklammert.
Hinsichtlich des Belastungsprofils seien körperlich leichte wechselbelastende
Tätigkeiten ohne Zwangshaltungen der Lendenwirbelsäule und ohne häufiges Bücken
zumutbar. Psychiatrisch lasse sich keine leidensadaptierte Tätigkeit definieren, da die
depressionsbedingten Beeinträchtigungen praktisch für jede Art von Tätigkeit relevant
und behindernd seien. Theoretisch könne in sehr anspruchsvollen Tätigkeiten die
Arbeitsfähigkeit schlechter sein als in weniger anspruchsvollen, z.B. in hohen
Kaderpositionen (mit sehr hoher Leistungserwartung/Sozialkompetenz und viel
2.2.
2
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/18
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Verantwortung), im Verkauf (bei viel geforderter Eigeninitiative, vielem Autofahren,
hohem Stressniveau) und bei Arbeiten an gefährlichen Maschinen (IV-act. 122-8).
Von beiden Seiten unbestritten blieb die Feststellung der Gutachter, dass die
Beschwerdeführerin in der bisherigen Tätigkeit seit der Operation vom 15. Juni 2016 zu
100% arbeitsunfähig sei. In leidensadaptierten Tätigkeiten gingen die Gutachter davon
aus, die psychiatrisch bedingte Arbeitsunfähigkeit sei seit Ende 2018 begründbar.
Dazumal habe sie wahrscheinlich in einer Grössenordnung von 50 % gelegen. Im
weiteren Verlauf sei es zu einer sukzessiven Abnahme der Arbeitsunfähigkeit
gekommen. Eine punktuelle Terminierung sei aber insofern nicht möglich. Es könne
jedoch erwartet werden, dass die Beschwerdeführerin nach einer sechsmonatigen
Behandlung mit einem Antidepressivum und bei begleitender Psychotherapie ein
deutlich besseres Funktionsniveau erreicht habe. Somit dürfe die aktuelle Einschätzung
einer Arbeitsfähigkeit von 70 % in leidensadaptierten Tätigkeiten seit spätestens Mitte
2019 gelten (IV-act. 122-9).
2.3.
Weiter nahm der psychiatrische Gutachter Dr. G._ im Folgegutachten zur E-Mail
des Behandlers Dr. E._ vom 25. Februar 2019 dahingehend Stellung, als er die dort
genannte Dysthymia (anhaltende, leichte chronische Depression mit zwischenzeitlichen
Schwankungen) nicht bestätigen konnte. Bestätigen könne er lediglich die
mittelgradige Depression. Die ebenfalls angegebene Arbeitsunfähigkeit von 50 % möge
dazumal zugetroffen haben. Bei der Angabe, dass diese Arbeitsunfähigkeit seit Januar
2018 bestehe, dürfte es sich aber um einen Tippfehler handeln, da wahrscheinlich
Januar 2019 gemeint sei. So habe sich Dr. E._ auch in seinem Verlaufsbericht vom
25. Juli 2019 geäussert. Allerdings sei dort weiterhin von einer Arbeitsfähigkeit von
höchstens 50 % ausgegangen worden, was nach einer über sechs Monate langen
Behandlung doch verwundere und irritiere. Unverstanden bleibe auch die
abschliessende Bemerkung, dass die Prognose unsicher sei. Immerhin handle es sich
um eine potentiell behandelbare Erkrankung (IV-act. 122-25). RAD-Arzt Dr. F._
befand am 5. Februar 2020, dass das SMAB-Gutachten den
versicherungsmedizinischen Anforderungen entspreche und darauf abgestellt werden
könne (IV-act. 124-3).
2.4.
Demgegenüber argumentierte Dr. E._ mit Stellungnahme vom 29. Februar 2020,
es sei nicht nachvollziehbar, dass es im weiteren Verlauf nach Ende 2018 zu einer
sukzessiven Abnahme der Arbeitsunfähigkeit gekommen sei und schlussendlich eine
Arbeitsunfähigkeit von 30 % für jede Art von Tätigkeit resultiere. Der Verlust der Eltern
(der Vater der Beschwerdeführerin sei vor zehn Jahren, die Mutter vor vier Jahren
gestorben) bzw. deren Vermissen könne in keiner Weise als psychosoziale Belastung
2.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/18
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mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eingestuft werden. Es seien menschliche
Gefühlsregungen, die als solche respektiert und nicht pathologisiert werden sollten.
Ausserdem klinge es geradezu zynisch, die Arbeitslosigkeit im psychopathologischen
Zustand integrieren zu wollen, wenn die Beschwerdeführerin aus somatischer Sicht in
ihrer angestammten Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig sei und die krankheitswertigen
psychischen Beeinträchtigungen durch die Depression zu einer globalen
Einschränkung der Funktionsfähigkeit führten, da sie damit praktisch für jede Art von
Tätigkeit relevant seien. Sodann werde die Dysthymia nicht bestätigt und auch nicht
weiter auf diese Diagnose eingegangen; eine entsprechende Anamneseerhebung finde
nicht statt. Doch erzähle die Beschwerdeführerin, dass sie bereits im Alter von 13
Jahren die Schule habe aufgeben müssen, um zu Hause zu helfen, und dass sie unter
dem aggressiven Verhalten des Vaters der Mutter gegenüber immer sehr gelitten habe.
Seit jener Zeit mache sie immer wieder Phasen von einer tiefliegenden Traurigkeit und
innerer Zerrissenheit durch. Diese Phasen würden begleitet von Freudlosigkeit,
Insuffizienzgefühlen, Grübeleien, Pessimismus und diffusen Ängsten. Laut ICD-10
F34.1 handle es sich bei der Dysthymia um eine chronische, wenigstens mehrere Jahre
andauernde depressive Verstimmung, die weder hinreichend schwer noch hinsichtlich
einzelner Episoden anhaltend genug sei, um die Kriterien einer schweren,
mittelgradigen oder leichten depressiven Störung (F33) zu erfüllen. Die Kriterien zur
Diagnosestellung einer Dysthymia seien bei der Beschwerdeführerin erfüllt. Die
Symptome der mittelgradigen depressiven Episode, unvollständig remittiert (ICD-10
F32.4), gingen mit denen der Dysthymia (ICD-10 F34.1) einher. Die Dysthymia mit
zusätzlich depressiver Episode, stelle eine Double Depression dar, eine der vier
Subtypen der chronischen Depression, welche aus fachärztlicher Sicht bekannt, den
therapeutischen Zugang erschwerten. Obgleich die Beschwerdeführerin adäquat und
leitliniengerecht psychiatrisch-psychotherapeutisch behandelt werde, habe die
Behandlung bisher zu keiner wesentlichen Besserung ihres psychopathologischen
Zustands geführt. Insgesamt liege eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % vor, welche seit
Januar 2019 attestiert werde (IV-act. 132-4f.).
Hinsichtlich dieser Kritik am Folgegutachten führten die SMAB-Gutachter in der
Stellungnahme vom 25. Mai 2020 aus, aus versicherungsmedizinischer Sicht lasse eine
Diagnose per se nicht auf die Höhe der Arbeitsunfähigkeit schliessen. Daher bedeute
die Diagnose mittelgradige Depression nicht automatisch eine Arbeitsunfähigkeit von
50 %. Ausserdem solle die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nicht ausschliesslich
defizitorientiert erfolgen, sondern auch allfällig vorhandene Ressourcen, die
psychosozialen Rahmenbedingungen und das Aktivitätsniveau im Alltag
berücksichtigen. Im Übrigen erscheine es nicht plausibel, dass wiederholte
2.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/18
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3.
psychopharmakologische Behandlungen, begleitet von Psychotherapie (seit Ende
2018) zu keinerlei Veränderung der psychischen Verfassung der Beschwerdeführerin
geführt haben sollten, womit ja eine gleichbleibend hohe Arbeitsunfähigkeit begründet
werde. Demgegenüber habe die Beschwerdeführerin selber angegeben, sich im
Vergleich zur Situation Ende 2018 in psychischer Hinsicht unterschiedlich entwickelt zu
haben. Die Schwierigkeiten mit dem Charakter seien jedenfalls etwas besser
geworden, wobei sie immer noch manchmal schreie. Nach Angaben der
Beschwerdeführerin scheine sie weiterhin unter dem Verlust der Eltern zu leiden.
Entsprechende Auswirkungen auf die Psychopathologie könnten durchaus
angenommen werden, die dadurch bedingten Funktionsstörungen müssten als
medizinisch nicht begründet betrachtet werden. Auch das Leiden unter der
Arbeitslosigkeit bzw., dass die Beschwerdeführerin dadurch in ihrer Stimmung und
ihrem Elan und Antrieb beeinträchtigt sei, gehöre in die Psychopathologie. Hier werde
allerdings lediglich eine Überlappung mit durchaus krankheitswertigen
Beeinträchtigungen durch die Depression angenommen. Deshalb werde auch die
Diagnose mittelgradige Depression bestätigt. Was die Dysthymia angehe, so habe die
Beschwerdeführerin mit einer solchen allfälligen Diagnose jahrelang ohne
Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit und ohne wiederholte Absenzen gearbeitet. Auch
wenn eine solche Diagnose unbedingt angenommen werden solle, ändere dies nichts
an der versicherungsmedizinischen Beurteilung, da es letztlich um die Beurteilung der
krankheitsbedingten Funktionseinschränkungen und deren Relevanz für die berufs
bezogene Leistungsfähigkeit gehe. Auch sei im Gutachten keine Rede davon gewesen,
dass die Behandlung nicht leitliniengerecht sei. Es sei lediglich festgestellt worden,
dass es trotz der dazumaligen Behandlung nicht zu einem weitgehenden Rückgang der
Krankheitssymptome oder gar zu einer Remission gekommen sei. Auch nach erneuter,
kritischer Durchsicht des Gutachtens könne keine andere Einschätzung abgegeben
werden (IV-act. 135). Diese Ausführungen erscheinen plausibel.
Wie auch der RAD-Arzt Dr. F._ am 2. Juni 2020 feststellte, erschienen die
Ausführungen des Psychiaters Dr. E._ nicht geeignet, dazu zu führen, dass die
Einschätzungen des Gutachtens abgeändert werden müssten. Vielmehr schloss sich
der RAD ohne Zweifel zu äussern vollumfänglich den Ausführungen des SMAB-
Gutachtens an (IV-act. 136).
2.7.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin argumentiert, dass die Folgerung des
psychiatrischen Gutachters nicht schlüssig sei. So schliesse er einerseits für die
Bestimmung der Arbeitsunfähigkeit von der Behandlung direkt auf den
3.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/18
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Gesundheitszustand und verkenne zudem die diagnostischen Zusammenhänge einer
Dysthymia mit zusätzlicher depressiver Episode. Andererseits gehe er zwar von
Funktionsausfällen aus, welche eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % begründen würden,
berücksichtige aber nur 30 % davon, weil "die dadurch bedingten Funktionsstörungen
... als medizinisch nicht begründet betrachtet" werden müssten (vgl. act. G 1, S. 3f.).
Vorliegend sind sich alle involvierten (behandelnde und begutachtende) Ärzte darin
einig, dass die Beschwerdeführerin an einer depressiven Symptomatik leidet. Einzig
betreffend die Diagnose einer Dysthymia bzw. einer Double Depression und die Aus
wirkungen des psychiatrischen Leidens auf die Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin bestehen unterschiedliche Ansichten. Allerdings ist mit den
Gutachtern (Stellungnahme vom 25. Mai 2020, IV-act. 135) anzumerken, dass Dr. E._
in seinem psychiatrischen Verlaufsbericht vom 25. Juli 2019 noch keine Dysthymia,
sondern eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10
F32.11, IV-act. 111-2) - also fast dieselbe Diagnose wie der psychiatrische Gutachter
(IV-act. 122-24) -, diagnostiziert hatte. Des Weiteren gilt zu beachten, dass aus
sozialversicherungsrechtlicher Sicht letztlich nicht die Schwere einer Erkrankung
entscheidend ist, sondern deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Unabhängig
von der klassifikatorischen Einordnung einer Krankheit resultiert aus einer Diagnose -
mit oder ohne diagnoseinhärentem Bezug zum Schweregrad - allein keine verlässliche
Aussage über das Ausmass der mit dem Gesundheitsschaden korrelierenden
funktionellen Leistungseinbussen bei psychischen Störungen (Urteil des
Bundesgerichtes vom 17. November 2021, 8C_280/2021, E. 6.2.2 mit Hinweisen).
3.2.
Die von Dr. E._ im Arztbericht vom 25. Juli 2019 erhobenen Befunde und die
jenigen des psychiatrischen Gutachters sind im Wesentlichen übereinstimmend. So
befanden beide, dass das Denken der Beschwerdeführerin eingeengt auf ihr Schicksal
sei, die Auffassung intakt, kein Wahn oder Halluzinationen vorliegen würden, sie im
Affekt niedergeschlagen, die Mimik angemessen und die emotionale Regung etwas
angespannter sei. Einzig hinsichtlich der Konzentration und der Aufmerksamkeit hielt
Dr. E._ die Beschwerdeführerin für beeinträchtigt und erwähnt ausgeprägte Ängste.
Diese Unterschiede können sich allerdings durch die verschiedenen
Untersuchungszeitpunkte erklären lassen. Jedenfalls führte der psychiatrische
Gutachter die für seine psychiatrische Beurteilung massgebende klinische
Untersuchung mit Anamneseerhebung, Verhaltensbeobachtung und Befunderhebung
entsprechend den Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der
Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP, 3. Aufl., 16.
Juni 2016, unter: https://www.psychiatrie.ch, unter: Fachleute und Kommissionen /
3.3.
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4.
Leitlinien) durch. Überdies sind beim Vorliegen einer Depression nicht nur die Befunde
und die Arbeitsfähigkeitsschätzung alleine massgebend, vielmehr ist eine
Indikatorenprüfung (siehe Gutachten IV-act. 122-8 und 25 f.) vorzunehmen
(nachfolgende E. 4). Im Gegensatz dazu äusserte sich Dr. E._ lediglich zu den
Defiziten im Alltag, beachtete die Konsistenz der von der Beschwerdeführerin geltend
gemachten Beeinträchtigungen jedoch nicht.
Für somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und
gleichgestellte Diagnosen), psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist
der Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu
BGE 145 V 226 E. 6; BGE 143 V 429 E. 7.2; BGE 141 V 294 f., E. 3.5 f. und S. 298, E.
4.2). Der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte
Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der
massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein
stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für
die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 427 E. 6a. E.). Ärztlicherseits ist
also substantiiert darzulegen, aus welchen medizinisch-psychiatrischen Gründen die
erhobenen Befunde das funktionelle Leistungsvermögen und die psychischen
Ressourcen in qualitativer, quantitativer und zeitlicher Hinsicht zu schmälern vermögen
(BGE 145 V 361 E. 4.3; BGE 143 V 418 E. 6). Auch im Rahmen eines strukturierten
Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 gilt der Grundsatz, wonach das
Invalidenversicherungsrecht soziale Faktoren so weit ausklammert, als es darum geht,
die für die Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit kausalen versicherten Faktoren zu
umschreiben. Die funktionellen Folgen von Gesundheitsschädigungen werden
hingegen auch mit Blick auf psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren
abgeschätzt, welche den Wirkungsgrad der Folgen einer Gesundheitsschädigung
beeinflussen (BGE 141 V 281 E. 3.4.2.1). Soweit sie direkt negative funktionelle Folgen
zeitigen, bleiben sie mithin ausser Acht (BGE 141 V 281 E. 3.4.3.3). Psychosoziale
Belastungsfaktoren können jedoch mittelbar zur Invalidität beitragen, wenn und soweit
sie zu einer ausgewiesenen Beeinträchtigung der psychischen Integrität als solcher
führen, welche ihrerseits eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bewirkt, wenn sie
einen verselbständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad
seiner - unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden - Folgen
verschlimmern (Urteil des Bundesgericht vom 7. Oktober 2019, 9C_371/2019, E. 5.1.3).
4.1.
Zur Kategorie des funktionellen Schweregrads, welcher sich nach den konkreten
funktionellen Auswirkungen beurteilt und insbesondere danach, wie stark die
4.2.
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versicherte Person in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionen
leidensbedingt beeinträchtigt ist (Urteil des Bundesgerichtes vom 30. November 2017,
8C_130/2017, E. 5.2.2 f.), bzw. zum Aspekt des Ausprägungsgrads der
Gesundheitsschädigung lassen sich dem Folgegutachten bzw. der Stellungnahme vom
25. Mai 2020 folgende Informationen entnehmen: Die krankheitswertigen psychischen
Beeinträchtigungen würden zu einer erheblichen Einschränkung der psychomentalen
Ausdauer und Belastbarkeit führen (IV-act. 122-23). Allerdings hält der Gutachter die
vom Behandler attestierte 50 %-ige Arbeitsfähigkeit für nicht plausibel. Die
wiederholten pharmakologischen Behandlungen, begleitet von Psychotherapie,
könnten nicht zu gar keiner Veränderung der psychischen Verfassung der
Beschwerdeführerin geführt haben (IV-act. 135). Weiter erachtet der Gutachter eine
deutliche Besserung des psychischen Gesundheitszustandes spätestens innert eines
Jahres als nicht unwahrscheinlich. Die Prognose war damit günstig.
In Bezug auf die Kategorie "Konsistenz" berichtet der psychiatrische Gutachter,
dass die angegebenen Beschwerden und das Verhalten während der Untersuchung
konsistent und in Bezug auf die Alltagsaktivitäten nachvollziehbar seien (IV-act.
122-25). Der Tagesablauf ist soweit strukturiert. Er beschränkt sich allerdings auf das
Einnehmen von Mahlzeiten, Spazieren, Rumliegen und Schlafen. Zu ihren
Freizeitaktivitäten zählte die Beschwerdeführerin das Lesen, wobei sie das nur ab und
zu könne, und das Fernsehschauen. Bezüglich sozialer Kontakte gab sie an, nebst der
Familie noch wenige Kollegen zu haben (IV-act. 122-19). Bei der Therapie und der
Medikamenteneinnahme besteht eine gute Kooperation, was gemäss Gutachter auf
einen tatsächlich gegebenen Leidensdruck schliessen lasse (IV-act. 122-25).
4.3.
4.4.
Betreffend die Ressourcen und damit die Frage, welche Faktoren sich positiv auf
das Leistungsvermögen der versicherten Person auswirken, ist dem Gutachten zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin über gute Ressourcen verfügt (vgl. IV-act.
122-8 und E. 2.2). Das familiäre Umfeld gilt als Ressource. Demgegenüber stellte der
Gutachter als Belastungsfaktoren einen krankheitsbedingten Rückzug aus vielen
sozialen Bereichen fest (IV-act. 122-8). Anlässlich der Begutachtung habe die
Beschwerdeführerin zudem darauf hingewiesen, unter dem Verlust der Eltern und der
anhaltenden Arbeitslosigkeit zu leiden. Ihre eigene Erklärung für ihren depressiven
Zustand sei der Verlust zweier Sachen, die ihr immer wichtig gewesen seien: Familie
und Arbeit. Folglich scheine die Beschwerdeführerin weiterhin unter dem Verlust der
Eltern zu leiden und entsprechende Auswirkungen auf die Psychopathologie könnten
4.4.1.
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durchaus angenommen werden (IV-act. 135-2). Der Gutachter ordnete beide
Belastungsfaktoren als psychosoziale Belastungen mit direkt negativen funktionellen
Folgen ein (IV-act. 122-8).
Im Gegensatz dazu hielt Dr. E._ die Beschwerdeführerin im Alltag für schwer
beeinträchtigt. Gemäss seinen Angaben war sie nicht in der Lage, sich an Regeln zu
halten oder sich in Organisationsabläufe einzufügen. Die Fähigkeit, den Tag und/oder
ausstehende Aufgaben zu planen und zu strukturieren sei schwer beeinträchtigt,
ebenso die Flexibilität und die Umstellungsfähigkeit. Die Fähigkeit zur Anwendung
fachlicher Kompetenzen sowie zur Umsetzung von Fach- und Lebenswissen gemäss
Rollenerwartungen an einem Arbeitsplatz sei schwer bis vollständig beeinträchtigt. Die
Durchhalte- und Selbstbehauptungsfähigkeit seien schwer eingeschränkt. Weiter sei
die Kontaktfähigkeit zu Dritten, wie auch die Gruppenfähigkeit schwer beeinträchtigt
IV-act. 111-2 Ziff. 4)
4.4.2.
Die Ausführungen von Dr. E._ sind nicht nachvollziehbar, da - wie bereits in der
Indikatorenprüfung ausgeführt - die Beschwerdeführerin den Alltag soweit in einem
normalen Rahmen bewältigen kann und sie einen guten Kontakt zu den
Familienmitgliedern hat. Gemäss Mini-ICF-APP ist die Beschwerdeführerin lediglich in
vier Fähigkeiten (Flexibilität und Umstellfähigkeit, Selbstbehauptungsfähigkeit,
Spontanaktivitäten und Durchhaltefähigkeit) mittelgradig, in einer Fähigkeit (Planung
und Strukturierung von Aufgaben) leicht und in allen anderen Bereichen überhaupt
nicht beeinträchtigt (z.B. in der Kontaktfähigkeit zu Dritten oder der Anpassung an
Regeln und Routinen; IV-act. 122-26). So kam Dr. G._ nachvollziehbar zum Schluss,
die Beschwerdeführerin berichte von Beeinträchtigungen und zeige Symptome, die
durchaus auf eine mittelgradig ausgeprägte Depression schliessen liessen.
Entsprechend sei auch der psychopathologische Befund ausgefallen. Auch ihr
Aktivitätsniveau untermauere diese diagnostische Annahme. Nach zusätzlicher
Berücksichtigung des Saldos aller wesentlichen Belastungen und Ressourcen lasse
sich aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 70 % annehmen. Diese gelte
für jede Art von Tätigkeit (IV-act. 122-26). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die
Gutachter im Bestreben, eine möglichst objektive bzw. medizinisch-
wirklichkeitsgetreue Beurteilung der gesundheitlichen Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführein vorzunehmen, eine überzeugende Konsistenz-
und Ressourcenprüfung vorgenommen haben. Insgesamt zeigt sich, dass die
Beschwerdeführerin in allen Lebensbereichen in einem gewissen Mass eingeschränkt
ist. Die Arbeitsfähigkeit wurde damit entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin
nicht rein aufgrund der erwähnten psychosozialen Belastungen tiefer eingeschätzt,
4.4.3.
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5.
Folglich ist das Gutachten des SMAB vom 31. Januar 2020 in sich schlüssig und
nachvollziehbar, weshalb für den Rentenentscheid darauf abgestellt werden kann.
Nachdem unter Berücksichtigung der gutachterlich festgestellten Arbeitsfähigkeit in
leidensadaptierten Tätigkeiten von 70 % und bei einem unbestrittenen
Einkommensvergleich seit Mitte 2019 ein Invaliditätsgrad von 29 % resultiert, ist die
rentenabweisende Verfügung nicht zu beanstanden.
6.
Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Gerichtskosten von Fr. 600.-- erscheinen
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Die unterliegende
Beschwerdeführerin hat die gesamten Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu tragen. Der
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird ihr daran angerechnet. Bei diesem
Verfahrensausgang mangels Obsiegens hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG e contrario i.V.m. Art. 98 Abs. 1 und
98 VRP).