Decision ID: 49646218-3eb7-4103-959b-f1d82e78cf39
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

(in Sachen B._, sel.)
Sachverhalt
A.
B._ (nachfolgend: Versicherter) war bei der C._ AG als Logistiker tätig und
dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva)
gegen die Folgen von Unfällen obligatorisch versichert, als er am 10. März 2009 bei der
Arbeit von einer herunterfallenden Spanplatte und zwei Fensterscheiben am Kopf
getroffen bzw. gestreift wurde (Suva-act. II/29 f.). Die gleichentags erstbehandelnden
Ärztinnen des Spitals D._ diagnostizierten eine Schädelkontusion mit Prellung
parietal. Sie führten eine Desinfektion der Schnittwunde am Kopf durch und
verordneten körperliche Schonung sowie Bedarfsanalgesie. Vom 10. bis 13. März 2009
attestierten sie dem Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (Suva-act. II/1, II/
30). Ein am Unfalltag durchgeführtes CT des Schädels hatte keinen Anhalt für eine
intracerebrale Blutung, ein sub- oder epidurales Hämatom sowie keine Anhaltspunkte
für eine Fraktur des Hirn- oder Gesichtsschädels ergeben (Suva-act. II/9). Dr. med.
E._, FMH Innere Medizin und Rheumatologie, attestierte dem Versicherten weiterhin
eine Arbeitsunfähigkeit von 100% (Suva-act. II/2 ff., vom 23. bis 27. März 2009
vorübergehend eine Arbeitsunfähigkeit von 50%). Ab 16. April 2009 ging Dr. E._ von
einer Arbeitsunfähigkeit von 75%, ab 20. April 2009 sodann von 50% aus (Suva-act. II/
6 f.).
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ab 4. Mai 2009 befand sich der Versicherte in Behandlung bei Dr. med. F._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH. Diese diagnostizierte eine
Anpassungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen (ICD-10:
F43.23), Differentialdiagnose: beginnende posttraumatische Stress-Symptomatik
(PTSD), und attestierte dem Versicherten ab 4. Mai 2009 eine Arbeitsunfähigkeit von
100% (Suva-act. II/8, II/36). Med. pract. G._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie,
Versicherungspsychiatrischer Dienst der Suva, hielt am 25. Mai 2009 fest, nach Ansicht
der gesamten Fallakten bestehe mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine
Unfallkausalität der psychischen Beschwerden (Suva-act. II/35). Ab 14. Juli 2009
attestierte Dr. F._ dem Versicherten wieder eine Arbeitsfähigkeit von 100% (Suva-
act. II/17, vgl. auch Suva-act. II/44).
A.b.
Im Auftrag des Rechtsvertreters des Versicherten war dieser am 8. Juli 2009
konsiliarisch durch Dr. med. H._, Rheumatologie FMH, untersucht worden. In seinem
Bericht vom 19. August 2009 hielt Dr. H._ als Diagnosen unter anderem ein
chronisches cervikothorakovertebrales Syndrom mit anamnestisch cervikocephaler
und linksseitiger cervikospondylogener Komponente bei Verdacht auf eine
Anpassungsstörung und eine arterielle Hypertonie fest. Die klinischen Befunde im
Sinne eines cervikothorakovertebralen Syndroms seien aufgrund der Schwere des
Unfallereignisses mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als unfallkausal einzustufen.
Aus somatischer Sicht könne vom Erreichen eines Status quo ante innerhalb der
folgenden drei Monate ausgegangen werden (Suva-act. II/41).
A.c.
Am 1. Dezember 2010 war der Versicherte arbeitslos (Beginn des
Arbeitslosenversicherungsanspruchs am 2. August 2010) und dadurch bei der Suva
gegen die Folgen von Unfällen obligatorisch versichert, als er als Autofahrer mit einem
Radschützenpanzer der Schweizer Armee kollidierte (Suva-act. I/1, I/24-2 ff.). Die
gleichentags erstbehandelnden Ärzte des Interdisziplinären Notfalls des Spitals I._
diagnostizierten eine Prellung der rechten Hüfte, des rechten Knies und der
Brustwirbelsäule (BWS). Radiologisch zeigte sich kein Anhalt für eine frische knöcherne
Verletzung (Suva-act. I/4). Dr. E._ behandelte den Versicherten am 2. Dezember 2010
und stellte eine nach dem Unfall eingetretene Panikstörung fest. Sie attestierte dem
Versicherten vom 2. bis 6. Dezember 2010 eine Arbeitsunfähigkeit von 100%, vom 7.
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bis 13. Dezember 2010 eine solche von 50% (Arztzeugnis vom 15. Dezember 2010;
Suva-act. I/3). Die Suva kam für die Folgen des Unfalls auf (Suva-act. I/99, I/103).
Dr. med. J._, Oberarzt Klinik K._, berichtete am 22. Dezember 2010 über eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig depressive Episode (ICD-10: F33.1),
sowie eine Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion gemischt mit Angst (ICD-10:
F43.2) (Suva-act. I/9). Er attestierte dem Versicherten vom 20. Dezember 2010 bis 10.
Januar 2011 eine Arbeitsunfähigkeit von 50%, ab 11. Januar 2011 eine solche von
100% (Suva-act. I/14). Vom 17. Januar bis 25. Februar 2011 befand sich der
Versicherte in einer ambulanten Rehabilitationsbehandlung in der Klinik K._. Die
zuständigen Ärzte Dr. J._ und Dr. med. L._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
hielten am 3. März 2011 fest, der Versicherte sei beim Austritt zu 100% arbeitsunfähig
gewesen und werde weiter durch sie psychiatrisch-psychotherapeutisch betreut (Suva-
act. I/25).
A.e.
Ab 14. September 2011 wurde der Versicherte in der Tagesklinik des Psychiatrie-
Zentrums M._ behandelt. Der dort tätige Dr. med. N._ hielt am 22. November 2011
als Diagnose eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; ICD-10: F43.1) und
einen Status nach einem schweren Verkehrsunfall fest. Derzeit bestehe eine schwere
depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F32.2). Aufgrund der
Verschlechterung des psychischen Zustandes werde der Versicherte zu einer
stationären Behandlung in die Klinik O._ überwiesen (Suva-act. I/85). Dort befand
sich der Versicherte vom 29. November 2011 bis 28. Januar 2012. Die zuständige
Oberärztin berichtete am 3. Februar 2012 über Anpassungsstörungen mit schwerer
depressiver Reaktion und ausgeprägter Somatisierung (ICD-10: F43.2) (Suva-act. I/
121).
A.f.
Am 12. März 2012 wurde der Versicherte durch med. pract. G._ untersucht.
Dieser befand am 16. Juli 2012, zum Untersuchungszeitpunkt sei von einer PTBS und
einer gemischten Angststörung auszugehen. Das Weiterbestehen einer natürlichen
Teilkausalität sei anzunehmen. Die Einweisung in eine auf Traumata spezialisierte
Einrichtung zur Abklärung und gegebenenfalls Behandlung sei notwendig (Suva-act. I/
164). Im Auftrag der Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft AG (nachfolgend:
Allianz) als Haftpflichtversicherung der Schweizerischen Eidgenossenschaft erstellte Dr.
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
med. P._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, am 18. August 2012 eine
Aktenbeurteilung. Er führte aus, das Unfallereignis vom 1. Dezember 2010 sei nicht
geeignet, den psychischen Verlauf, wie er vom Versicherten dargelegt werde,
hervorzurufen. Die natürliche Kausalität der Stimmungsstörung sei aus psychiatrischer
Sicht nur möglich. Seit Ende Mai/Anfang Juni 2011 bestünden klinisch psychiatrisch
keine Gründe mehr zur Annahme, dass der Versicherte aufgrund von Unfallfolgen in
seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt wäre (Suva-act. I/176).
Vom 20. September 2012 bis 17. Januar 2013 befand sich der Versicherte
stationär in der Psychiatrie Q._. Die dort behandelnden medizinischen Fachpersonen
hielten in ihrem Austrittsbericht vom 18. Januar 2013 als Diagnosen eine PTBS
(ICD-10: F43.1), eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1), eine beidseitige
Diskushernie HWK 5/6 und eine Hypothyreose unklarer Ätiologie fest (Suva-act. I/233).
A.h.
Dr. med. R._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Versicherungspsychiatrischer Dienst der Suva, hatte am 19. Dezember 2012 gestützt
auf die Akten befunden, die Schlussfolgerungen in der Stellungnahme von Dr. P._
könnten nicht nachvollzogen werden. Die ab dem Unfall vom 1. Dezember 2010
beklagten psychischen Beschwerden stünden überwiegend wahrscheinlich in einem
natürlichen Kausalzusammenhang zum Unfall. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
bestehe unfallkausal eine PTBS. Weiter gebe es Hinweise für eine depressive sowie
eine generalisiert-ängstliche und sozial phobische Komorbidität (Suva-act. I/212).
A.i.
Mit Verfügung vom 29. Januar 2013 stellte die Suva die Leistungen bezüglich der
Folgen des Unfalls vom 1. Dezember 2010 per 1. März 2013 ein. Die Adäquanz der
noch geklagten Beschwerden sei zu verneinen, weshalb auch kein Anspruch auf eine
Invalidenrente und/oder eine Integritätsentschädigung bestehe (Suva-act. I/217). Auf
die vom Versicherten verspätet dagegen erhobene Einsprache (vgl. Suva-act. I/225)
trat die Suva mit Einspracheentscheid vom 15. März 2013 nicht ein (Suva-act. I/230).
A.j.
Am 16. September 2013 legte sich der Versicherte in suizidaler Absicht auf ein
Bahngleis und liess sich von einem durchfahrenden Schnellzug überrollen. Er erlitt
dabei tödliche Verletzungen (Suva-act. II/48-2 ff.).
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Im Auftrag der Allianz erstellte Dr. med. S._, Leitender Arzt am Departement
Innere Medizin, Klinik für Psychosomatik, Kantonsspital St. Gallen, am 10. August 2016
ein Aktengutachten. In diesem hielt er fest, die psychische Störung sei zumindest
teilweise mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Folge des Unfalls vom 1.
Dezember 2010 gewesen. Zwischen diesem Unfall und dem Suizid vom 16. September
2013 bestehe mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zumindest eine natürliche
Teilkausalität (Suva-act. I/252-7 ff.).
A.l.
A._, die Witwe des Versicherten, teilte der Suva am 7. Februar 2018 mit, der
Versicherte sei am 16. September 2013 an den Folgen des Unfalls vom 1. Dezember
2010 verstorben. Sie ersuche um Ausrichtung einer Hinterlassenenrente (Suva-act. I/
252-1).
A.m.
Dr. med. T._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie von der
Versicherungsmedizin der Suva, beurteilte am 15. August 2018, ein natürlicher,
teilkausaler Zusammenhang zwischen dem Unfall vom 1. Dezember 2010 und dem
Suizid vom 16. September 2013 sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu bejahen.
Ohne den zweiten Unfall, also nur alleine aufgrund des ersten Unfalls vom 10. März
2009, wäre es überwiegend wahrscheinlich nicht zum Suizid gekommen. Der Suizid
habe damit überwiegend wahrscheinlich nicht die Folge des Unfalls vom 10. März 2009
dargestellt (Suva-act. II/52).
A.n.
Mit Verfügung vom 30. August 2018 verneinte die Suva ihre Leistungspflicht, da
die Selbsttötung des Versicherten keine eindeutige Folge eines versicherten Unfalles
gewesen sei. Am Todestag habe zudem keine Versicherungsdeckung bestanden
(Suva-act. I/260).
A.o.
Dagegen erhob die Witwe des Versicherten am 20. September 2018 Einsprache
(Suva-act. I/261).
B.a.
Mit Entscheid vom 20. Dezember 2018 wies die Suva die Einsprache ab (Suva-
act. I/264).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und vorliegend zu prüfen ist der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Hinterlassenenrente.
Gegen den Einspracheentscheid vom 20. Dezember 2018 erhob die Witwe
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 24. Januar 2019 die vorliegende Beschwerde.
Sie beantragte darin dessen Aufhebung und die Anweisung der Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin), ihr die gesetzlichen Rentenleistungen auszurichten; unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Sie brachte vor, die beiden Unfälle hätten zum
Suizid geführt, der natürliche und adäquate Kausalzusammenhang sei zu bejahen (act.
G1).
C.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 1. April 2019 die Abweisung der
Beschwerde. Sie führte aus, es sei auf die Beurteilung von Dr. T._ abzustellen.
Bezüglich des Unfalls vom 10. März 2009 könne die Frage des adäquaten
Kausalzusammenhangs mangels eines natürlichen Kausalzusammenhangs
offengelassen werden. In Bezug auf den Unfall vom 1. Dezember 2010 sei die Frage
der Adäquanz bereits rechtskräftig verneint worden. Darauf sei nicht zurückzukommen
(act. G5).
C.b.
Mit Replik vom 8. Mai 2019 hielt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest.
Sie machte geltend, bezüglich der Frage der Adäquanz liege keine res iudicata vor (act.
G7).
C.c.
In ihrer Duplik vom 13. Juni 2019 hielt die Beschwerdegegnerin an ihrem Antrag
fest (act. G9).
C.d.
Die Beschwerdeführerin nahm mit Eingabe vom 4. Juli 2019 Stellung zur Duplik
(act. G11).
C.e.
Gemäss Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) setzt die Zusprechung von Versicherungsleistungen das Vorliegen eines Unfalls
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
oder einer Berufskrankheit voraus. Stirbt der Versicherte an den Folgen des Unfalles,
so haben der überlebende Ehegatte und die Kinder Anspruch auf Hinterlassenenrenten
(Art. 28 UVG). Hat der Versicherte den Gesundheitsschaden oder den Tod absichtlich
herbeigeführt, so besteht grundsätzlich kein Anspruch auf Versicherungsleistungen, mit
Ausnahme der Bestattungskosten (Art. 37 Abs. 1 UVG). Wollte sich der Versicherte
nachweislich das Leben nehmen oder sich selbst verstümmeln, so findet Art. 37 Abs. 1
UVG jedoch keine Anwendung, wenn der Versicherte zur Zeit der Tat ohne Verschulden
gänzlich unfähig war, vernunftmässig zu handeln, oder wenn die Selbsttötung, der
Selbsttötungsversuch oder die Selbstverstümmelung die eindeutige Folge eines
versicherten Unfalles war (Art. 48 der Verordnung über die Unfallversicherung [UVV; SR
832.202]). Der Tatbestand von Art. 48 UVV (zweite Variante) setzt einen natürlichen und
adäquaten Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und dem Suizid oder
Suizidversuch voraus. Die Adäquanz ist dabei aufgrund der für psychische Unfallfolgen
geltenden Kriterien (BGE 115 V 133) zu beurteilen (vgl. BGE 120 V 352, E. 5; Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 15. November 2004, U 306/03, E.
2.1).
Der Versicherte war unbestritten zum Zeitpunkt des Suizids vom 16. September
2013 nicht obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert (vgl. Suva-act. II/50).
Da es sich beim Suizid folglich nicht um einen bei der Beschwerdegegnerin
versicherten eigenständigen Schadenfall gehandelt hat, muss die damalige
Urteilsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht beurteilt werden. Es ist damit vorliegend
einzig zu prüfen, ob der Suizid vom 16. September 2013 natürlich und adäquat kausal
auf die Unfälle vom 10. März 2009 bzw. vom 1. Dezember 2010 zurückzuführen ist.
1.2.
Dr. T._ beurteilte am 15. August 2018, nach dem ersten Unfallereignis vom 10.
März 2009 sei es zwar zu einem vorübergehenden ungünstigen Verlauf gekommen, der
Versicherte habe aber vor dem zweiten Unfall wieder eine volle Arbeitsfähigkeit
erreicht. Ohne den zweiten Unfall, also nur allein aufgrund des ersten Unfalls vom 10.
März 2009, wäre es überwiegend wahrscheinlich nicht zum Suizid gekommen. Deshalb
sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Suizid keine
Folge des Unfalls vom 10. März 2009 dargestellt habe (Suva-act. II/52). Aufgrund
dieser überzeugenden Beurteilung ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen
dem Unfall vom 10. März 2009 und dem Suizid vom 16. September 2013 entgegen der
Ansicht der Beschwerdeführerin (act. G1) grundsätzlich zu verneinen. Die Frage des
natürlichen Kausalzusammenhangs kann letztlich jedoch offenbleiben, da, wie sich
nachfolgend ergibt, der adäquate Kausalzusammenhang ohnehin zu verneinen ist.
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei der Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall
und einer anschliessend einsetzenden psychischen Fehlentwicklung mit Einschränkung
der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ist nach der Rechtsprechung (BGE 115 V 133) vom
Unfallereignis auszugehen. Wie erwähnt (E. 1.1) ist diese Rechtsprechung auch für die
Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und einem
nachfolgenden Suizid anwendbar. Bei der Beurteilung des adäquaten
Kausalzusammenhangs hat im Hinblick auf die Gebote der Rechtssicherheit und der
rechtsgleichen Behandlung der Versicherten eine objektivierte Betrachtungsweise Platz
zu greifen (BGE 115 V 135 E. 4b). Ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen dem
Suizid und dem Unfall besteht, wenn dem Unfall eine massgebende Bedeutung für die
Begehung des Suizids zukommt. In objektivierter Betrachtungsweise werden die
Unfälle nach ihrer erfahrungsgemässen Eignung, psychische Beschwerden (und
schliesslich einen Suizid) zu bewirken, eingeteilt in banale und leichte Unfälle einerseits,
schwere Unfälle andererseits und in einen dazwischen liegenden Bereich der
mittelschweren Unfälle. Bei banalen Unfällen kann der adäquate Kausalzusammenhang
in der Regel ohne weiteres verneint werden, weil auf Grund der allgemeinen
Lebenserfahrung davon ausgegangen werden kann, dass ein solcher Unfall nicht
geeignet ist, einen invalidisierenden psychischen Gesundheitsschaden mit
nachfolgendem Suizid zu verursachen. Bei schweren Unfällen dagegen ist der
adäquate Kausalzusammenhang in der Regel zu bejahen, denn nach dem
gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung sind solche
Unfälle geeignet, invalidisierende psychische Gesundheitsschäden zu bewirken. Dabei
gelten als schwer nur solche Unfälle, bei denen sämtliche Umstände, insbesondere die
Dramatik des Unfallereignisses und die Dauer desselben wie auch die somatischen
Unfallfolgen eine für die versicherte Person aussergewöhnliche Eindrücklichkeit
aufweisen.
2.2.
Bei Unfällen im mittleren Bereich lässt sich die Frage, ob ein adäquater
Kausalzusammenhang besteht, nicht aufgrund des Unfalls allein schlüssig
beantworten. Vielmehr sind weitere, objektiv fassbare Umstände, welche unmittelbar
mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder als direkte bzw. indirekte Folge davon
erscheinen, in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Die wichtigsten Kriterien sind
dabei besonders dramatische Begleitumstände oder eine besondere Eindrücklichkeit
des Unfalls; die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzung, insbesondere
ihre erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen; eine
ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; körperliche Dauerschmerzen;
eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; ein
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen sowie der Grad und die
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit (BGE 115 V 133 E. 6). Um die
adäquate Kausalität bejahen zu können, müssen nicht alle Umstände gegeben sein.
Vielmehr genügt ein Kriterium, wenn es sich um einen schweren Unfall im mittleren
Bereich handelt. Kommt keinem Einzelkriterium ein besonderes bzw.
ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien
herangezogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist (SVR 1999 UV Nr.
10 S. 32). Mit Urteil vom 29. Januar 2010 (8C_897/2009, E. 4.5) hat das Bundesgericht
die Rechtsprechung zur Anzahl der zu erfüllenden Adäquanzkriterien bei
mittelschweren Unfällen insofern präzisiert, als bei mittelschweren Unfällen im engeren
Sinn drei Adäquanzkriterien genügen, auch wenn sie nicht in besonders ausgeprägter
oder auffallender Weise vorliegen (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 7.
Dezember 2009, 8C_487/2009, E. 5 mit Hinweis).
Vorliegend wurde der Versicherte gemäss Angaben im Bericht der
erstbehandelnden Ärztinnen des Spitals D._ vom 10. März 2009 gleichentags von
einer Spanplatte und zwei Fensterscheiben, welche aus ca. 4 Metern Höhe
herunterfielen, am Kopf gestreift. Laut Bericht waren die Spanplatte und die
Fensterscheiben insgesamt ca. 70kg schwer (Suva-act. II/29 f.). Gegenüber Dr. H._
gab der Versicherte am 19. August 2009 an, er habe zusammen mit einem
Staplerführer einen Aluminiumrahmen mit eingelegten 6cm dicken Spanplatten und
Fenstereinlagen disloziert. Dabei sei der rund 1x2m grosse, ca. 80kg schwere Rahmen
aus einer Höhe von 80-100cm auf seinen Kopf geprallt und die Fenstereinlage
geborsten (Suva-act. II/41). Somit ergeben sich gewisse Diskrepanzen bezüglich des
genauen Geschehensablaufs. Es rechtfertigt sich jedoch jedenfalls höchstens von
einem mittelschweren Ereignis im engeren Sinn auszugehen.
2.4.
Bei einem mittelschweren Ereignis im engeren Sinn müssen für die Bejahung des
adäquaten Kausalzusammenhangs mindestens drei der relevanten Kriterien oder ein
einzelnes Kriterium in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sein. Bei der Prüfung
dieser Kriterien sind psychische Aspekte ausser Acht zu lassen (Urteil des
Bundesgerichts vom 23. Oktober 2009, 8C_654/2009, E. 4.2 mit Hinweisen).
2.5.
Bei der Beurteilung des Kriteriums der dramatischen Begleitumstände oder der
besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls sind objektive Massstäbe anzuwenden. Nicht
was in der einzelnen betroffenen Person beim Unfall psychisch vorgeht, soll
entscheidend sein, sondern die objektive Eignung solcher Begleitumstände, bei ihr
psychische Vorgänge auszulösen (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 E. 3b/cc). Zu beachten
ist auch, dass jedem mindestens mittelschweren Unfall eine gewisse Eindrücklichkeit
2.5.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eigen ist, die noch nicht für die Bejahung dieses Adäquanzkriteriums ausreichen kann
(vgl. SVR 2009 UV Nr. 41 S. 142). Es bestehen entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführerin (act. G1) keine Hinweise auf besonders dramatische
Begleitumstände oder eine besondere Eindrücklichkeit des Unfalls vom 10. März 2009.
Der Versicherte erlitt beim Unfall vom 10. März 2009 eine Schädelkontusion mit
einer Prellung parietal und einer 2cm breiten, wenige mm tiefen Schnittwunde parietal
(Suva-act. II/30). Dr. E._ berichtete am 15. April 2009 zudem über eine Commotio
cerebri (Suva-act. II/31). Eine CT-Untersuchung des Schädels hatte am Unfalltag
jedoch keinen Anhalt für eine intracerebrale Blutung, ein Hämatom oder eine Fraktur
des Hirn- oder Gesichtsschädels ergeben (Suva-act. II/9). Eine am 7. Mai 2009
durchgeführte MR-Untersuchung der Hals- und Brustwirbelsäule erbrachte keinen
Nachweis von Traumafolgen. Sichtbar war eine kleine flache Diskushernie im Segment
HWK 5/6, jedoch ohne Tangierung neuraler Strukturen (Suva-act. II/32). Dr. H._
berichtete am 19. August 2009 über ein chronisches cervikothorakovertebrales
Syndrom, welches überwiegend wahrscheinlich unfallkausal sei (Suva-act. II/41). Diese
Beeinträchtigung kann weder als besonders schwer, noch als solche besonderer Art
eingestuft werden. Auch sind syndromale Beeinträchtigungen in der Regel nicht
geeignet, psychische Fehlentwicklungen auszulösen.
2.5.2.
Zur Beantwortung der Frage der Dauer der ärztlichen Behandlung ist nicht allein
der zeitliche Massstab massgeblich. Ebenfalls in die Prüfung einzubeziehen sind die Art
und Intensität der Behandlung sowie die Frage, inwieweit davon noch eine Besserung
des Gesundheitszustands zu erwarten war (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 20. Oktober 2006, U 488/05, E. 3.2.3; BGE 134 V 128, E.
10.2.3). Die am Unfalltag erstbehandelnden Ärztinnen des Spitals D._ führten eine
Wunddesinfektion durch, legten einen Wundverband an, verordneten körperliche
Schonung sowie eine Bedarfsanalgesie (Suva-act. II/30). Neben Physiotherapie ist
sodann keine weitere somatische Behandlung aktenkundig (vgl. Suva-act. II/10). Dr.
H._ hielt am 19. August 2009 fest, es könne mit dem Erreichen des Status quo ante
innerhalb der folgenden drei Monate gerechnet werden. Er schlug weitere
Behandlungsmöglichkeiten vor (Suva-act. II/41), die jedoch - soweit aktenkundig -
nicht durchgeführt wurden. Das Kriterium der langen Dauer der ärztlichen Behandlung
ist damit nicht als erfüllt zu erachten.
2.5.3.
In den Akten finden sich keine Hinweise auf ausgeprägte, längerdauernde
Schmerzen des Versicherten aufgrund des Unfalls vom 10. März 2009, weshalb das
Kriterium der Dauerschmerzen zu verneinen ist.
2.5.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Bezüglich des am 1. Dezember 2010 erlittenen Unfalls stellte die Beschwerdegegnerin
mit Verfügung vom 29. Januar 2013 die Leistungen mangels Adäquanz der noch
geklagten Beschwerden per 1. März 2013 ein. Weiter verneinte sie einen Anspruch auf
eine Invalidenrente und/oder eine Integritätsentschädigung (Suva-act. I/217). Auf die
vom Versicherten verspätet dagegen erhobene Einsprache trat die
Beschwerdegegnerin mit Entscheid vom 15. März 2013 nicht ein (Suva-act. I/225, I/
230). Die Beschwerdegegnerin ist der Ansicht, es liege bezüglich des adäquaten
Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall vom 1. Dezember 2010 und dem Suizid
vom 16. September 2013 eine res iudicata vor (act. G5, G9). Die Beschwerdeführerin
bestreitet dies und ist der Ansicht, die Adäquanz sei erneut zu prüfen und zu bejahen
(act. G1, G7, G11). Die Frage, ob eine res iudicata vorliegt, kann insofern offenbleiben,
als - wie sich nachfolgend ergibt - ein adäquater Kausalzusammenhang ohnehin zu
verneinen ist. Damit muss auch nicht geklärt werden, ob zwischen dem Unfall vom 1.
Dezember 2010 und dem Suizid ein natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist
(Urteil des Bundesgerichts vom 16. August 2013, 8C_317/2013, E. 7.4 mit Hinweis auf
BGE 135 V 472 E. 5.1), wie dies Dr. S._ und Dr. T._ annehmen (vgl. Suva-act. I/
252-7 ff., Suva-act. II/52).
Hinweise auf eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich
verschlimmert hätte, ergeben sich weder aus den Akten noch werden solche von den
Parteien geltend gemacht. Ebenso deutet nichts auf einen schwierigen Heilungsverlauf
hin.
2.5.5.
Der Versicherte war vom 10. bis 22. März 2009 zu 100% arbeitsunfähig
geschrieben. Vom 23. bis 27. März 2009 wurde ihm eine Arbeitsunfähigkeit von 50%,
vom 28. März bis 15. April 2009 eine solche von 100% attestiert. Ab 16. April 2009 war
er sodann zu 25%, ab 20. April 2009 zu 50% arbeitsfähig (Suva-act. II/34). Ab 14. Juli
2009, mithin vier Monate nach dem Unfall, war er schliesslich wieder zu 100%
arbeitstätig. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Arbeitsunfähigkeit schon zuvor
primär psychisch bedingt war (vgl. Suva-act. II/31). Das Kriterium der langen Dauer der
physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit ist folglich zu verneinen.
2.5.6.
Da somit keines der zu berücksichtigenden Kriterien erfüllt ist, ist der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 10. März 2009 und dem Suizid vom
16. September 2013 zu verneinen.
2.5.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Gemäss dem Rapport der Militärpolizei wollte der Lenker eines nicht
vortrittsberechtigten Radschützenpanzers an einer Kreuzung links abbiegen. Nach
Einlegen eines Sicherheitshalts fügte er sich in den Verkehr ein und überquerte die
erste Fahrbahn. Dabei stellte er fest, dass sich auf der zweiten Fahrbahn ein
Personenwagen näherte. Er bremste ab und kam mit dem Panzer auf der zu
überquerenden Fahrbahn zum Stehen. Der Versicherte, welcher den erwähnten
Personenwagen lenkte, versuchte mit einer Geschwindigkeit von ca. 40km/h um den
Radpanzer herumzusteuern, um eine Kollision zu verhindern. Der Personenwagen
prallte jedoch mit seiner vorderen rechten Fahrzeugseite in die Front des stehenden
Panzers. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Personenwagen auf die
Gegenfahrbahn geschleudert und kam dort zum Stehen (Suva-act. I/24-2 ff.). Am
Personenwagen des Versicherten entstand ein Totalschaden (vgl. Suva-act. I/51). Am
10. März 2011 gab der Versicherte gegenüber der Beschwerdegegnerin an, er habe
gesehen, wie sich der Panzer der von ihm befahrenen Hauptstrasse genähert habe. Als
er an der Einmündung vorbeigefahren sei, habe sich der Panzer plötzlich in die
Hauptstrasse hinein bewegt, habe seinen Personenwagen auf der rechten Seite
getroffen und ihn quer zu seiner Fahrtrichtung über die vereiste Einspurstrecke und die
Gegenfahrbahn über die Strassenbegrenzung der Gegenfahrbahn hinaus geschoben.
Die vorne geneigte Front des Panzers sei seitlich rechts auf ihn zugekommen und es
sei ihm so vorgekommen, als ob ihn der Panzer überrollen würde (Suva-act. I/27). Laut
der biomechanischen Kurzbeurteilung vom 25. Juli 2011 erfuhr der Personenwagen
des Versicherten sowohl eine Verzögerung in Längs- als auch eine Beschleunigung in
Querrichtung zum Fahrzeug. Die daraus resultierende Geschwindigkeitsänderung
(delta-v) dürfte gesamthaft unterhalb oder innerhalb eines Bereichs von 20 bis 30 km/h
gelegen haben. Der Versicherte habe sich dadurch relativ zu seinem Fahrzeug nach
vorne rechts bewegt. Bei einer Kollision, welche vorwiegend eine Bewegung des
Insassen nach vorne und nur in geringerem Masse zur Seite bewirke, ergebe sich in
Bezug auf die Halswirbelsäule (HWS) ein günstigerer Bewegungsablauf und eine
geringere HWS-Belastung als bei Heckkollisionen. Es sei schwierig zu entscheiden, ob
die anschliessend an das Ereignis festgestellten, von der HWS ausgehenden
Beschwerden und Befunde isoliert durch die Kollisionseinwirkung erklärbar seien
(Suva-act. I/64). Für den Hergang des Unfalls finden sich in den Akten leicht
unterschiedliche Versionen. Es erscheint jedoch jedenfalls gerechtfertigt, von einem
mittelschweren Unfall im engeren Sinn auszugehen.
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei einem solchen müssen wie erwähnt für die Bejahung des adäquaten
Kausalzusammenhangs mindestens drei der relevanten Kriterien oder ein einzelnes
Kriterium in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sein (BGE 115 V 133 E. 6c/aa).
4.2.
Der Versicherte ging offenbar davon aus, dass er vom Panzer überrollt werden
würde (vgl. Suva-act. I/27). Gegenüber den behandelnden medizinischen
Fachpersonen der Psychiatrie Q._ gab der Versicherte an, er habe beim Unfall
Todesangst gehabt (Suva-act. I/233). Auch anlässlich der Untersuchung durch med.
pract. G._ vom 12. März 2012 berichtete der Versicherte, er habe gedacht, er müsse
sterben. Med. pract. G._ hielt dementsprechend fest, der Versicherte habe einen
beeindruckenden Unfall erlitten, bei dem ein Militärpanzer sein Auto gerammt habe.
Dagegen habe der Versicherte nichts unternehmen können und er habe sich in
Todesgefahr gesehen (Suva-act. I/164-8, 164-11). Dr. T._ beurteilte am 15. August
2018 aufgrund der Akten, der Panzer habe den Versicherten von der rechten Seite her
gerammt und mindestens zehn, wenn nicht über zwanzig Meter vor sich hergeschoben.
Der Radschützenpanzer wiege je nach Ausführung 12 bis 25 Tonnen. Falls das Auto
des Versicherten nicht dank der schnee- und eisbedeckten Strasse gut gerutscht wäre,
hätte der Panzer das Auto möglicherweise überrollt und zerquetscht. Es sei also
nachvollziehbar, dass der Versicherte als erfahrener LKW-Chauffeur in diesem Moment
Todesangst gehabt habe (Suva-act. II/52-20). Das Kriterium der besonders
dramatischen Begleitumstände oder einer besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls ist
damit zu bejahen, entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin (act. G1) jedoch nicht
in besonders ausgeprägter Weise. Es ist darauf hinzuweisen, dass im Zusammenhang
mit dem hier streitigen Kriterium nicht an das (subjektive) Unfallerlebnis anzuknüpfen
ist. Massgebend ist vielmehr das objektiv erfassbare Unfallereignis selbst (Urteil des
EVG vom 6. September 2005, U 270/05, E. 5). Das Ereignis ist nicht vergleichbar mit
den seltenen Fällen, in denen die Rechtsprechung das Kriterium als in besonderer
Weise erfüllt betrachtete (vgl. Urteil des EVG vom 6. Mai 2008, U 382/06, E. 4.3.1, mit
Hinweis). Auch in einem Fall, als ein Sattelschlepper auf der Autobahn bei einem
Spurwechsel in einen Personenwagen prallte und diesen über eine Distanz von ca.
300m vor sich herschob, erachtete das Bundesgericht das Kriterium zwar als erfüllt,
jedoch nicht in besonderer Weise (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 22. Oktober
2008, 8C_508/2008, E. 5.3, 5.9).
4.2.1.
Die am Unfalltag behandelnden Ärzte des Spitals I._ diagnostizierten eine
Prellung der Hüfte rechts, des rechten Knies und der BWS. Radiologisch habe sich
kein Anhalt für eine frische knöcherne Verletzung gezeigt (Suva-act. I/4). Eine MR-
Untersuchung der HWS vom 13. April 2011 brachte multisegmentäre Chondrosen aller
4.2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zervikalsegmente mit flachbogiger links mediolateraler bis knapp lateraler Diskushernie
bei HWK 5/6, mässige epidurale Kompressionen und eine leichte Einengung des
entsprechenden Neuroforamens zur Darstellung (Suva-act. I/31). Ob die Diskushernie
auf den Unfall vom 1. Dezember 2010 zurückzuführen war, lässt sich aufgrund der
vorhandenen Akten nicht abschliessend beurteilen (vgl. Suva-act. I/64). Insgesamt
können die Verletzungen aber ohnehin weder als besonders schwer, noch als
Verletzungen besonderer Art eingestuft werden. Auch sind derartige Verletzungen in
der Regel nicht geeignet, psychische Fehlentwicklungen auszulösen.
Die erstbehandelnden Ärzte verschrieben dem Versicherten lediglich Analgesie
nach Bedarf (Suva-act. I/4). Bereits am 8. Dezember 2010 berichtete Dr. E._, dem
Versicherten gehe es rein körperlich sehr gut, es bestünden keine Frakturen oder
grössere Hämatome. Die aufgelistete Medikation betraf einzig die psychischen
Beschwerden (Suva-act. I/5). Am 28. Januar 2011 hielt Dr. E._ sodann fest, rein
körperlich habe der Versicherte beim Unfall keinen Schaden erlitten (Suva-act. I/19).
Der Versicherte gab am 10. März 2011 gegenüber der Beschwerdegegnerin an, er habe
noch Probleme am Nacken und am Kopf. Auch der linke Ellbogen schmerze seit dem
Unfall (Suva-act. I/27). Abgesehen von Physiotherapie finden sich in den Akten jedoch
keine Hinweise auf eine somatische Behandlung (vgl. Suva-act. I/11, I/28, I/59, I/72, I/
90, I/155, I/205, I/234, I/237). Inwiefern und bis wann die bis mindestens Januar 2013,
mithin gut zwei Jahre nach dem Unfall, durchgeführte Physiotherapie unfallkausale
Beschwerden betraf, ist nicht aktenkundig. Ebenso erscheint fraglich, ob noch eine
Besserung des Gesundheitszustandes zu erwarten war. Das Kriterium der
langdauernden ärztlichen Behandlung ist damit zu verneinen.
4.2.3.
Der Versicherte klagte verschiedentlich über Schmerzen, vor allem am linken
Arm, am Nacken und am Kopf (vgl. Suva-act. I/27, I/58, I/63, I/85). Die psychischen
Beschwerden standen jedoch stets im Vordergrund. Das Kriterium der körperlichen
Dauerschmerzen ist als nicht erfüllt zu betrachten.
4.2.4.
Hinweise auf eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich
verschlimmert hätte, ergeben sich weder aus den Akten noch werden solche von den
Parteien geltend gemacht. Auch bestehen keine Anhaltspunkte für einen schwierigen
Heilungsverlauf.
4.2.5.
Dr. E._ attestierte dem Versicherten vom 2. bis 6. Dezember 2010 eine
Arbeitsunfähigkeit von 100%, vom 7. bis 12. Dezember 2010 eine solche von 50%. In
ihrem Bericht vom 8. Dezember 2010 hielt sie fest, dem Versicherten gehe es rein
körperlich sehr gut, ab dem 13. Dezember 2010 werde er wieder zu 100% arbeiten
4.2.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
6.
Da die Gerichtsschreiberin verhindert ist, wird der Entscheid für diese stellvertretend
von einer mitwirkenden Richterin unterzeichnet (Art. 39ter Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]).