Decision ID: 492bbe46-0722-4736-91ac-3730c1381993
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Duri Poltera, Hadwigstrasse 6a, 9000 St. Gallen,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Urs Glaus, Marktplatz 4, 9004 St. Gallen,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidenrente
Sachverhalt:
A.
A.a B._ war als Chauffeur bei der A._ angestellt und dadurch bei der Suva
unfallversichert, als er am 6. August 2004 beim Trottinettfahren auf die rechte Schulter
stürzte und sich dabei eine mehrfragmentäre Humerusfraktur rechts zuzog (UV-act. 1).
Am 8. August 2004 wurde im Kantonsspital St. Gallen eine Schulterhemiprothese
rechts implantiert (UV-act. 3). Die Suva anerkannte ihre Leistungspflicht. In der Folge
persistierten die Schulterbeschwerden rechts. Eine neurologische Untersuchung vom
21. Oktober 2004 ergab eine unfallbedingte Läsion des Nervus axillaris (UV-act. 15).
Vom 24. August bis 16. September 2005 hielt sich der Versicherte zur stationären
Behandlung in der Rehaklinik Bellikon auf (UV-act. 73). Nach Durchführung einer
Abklärung in der Befas Appisberg vom 3. März bis 4. April 2006 (UV-act. 100) und
Vornahme von weiteren ärztlichen Behandlungen und Abklärungen gab die Suva dem
Versicherten mit Schreiben 13. August 2007 bekannt, die kreisärztliche Untersuchung
vom 3. August 2007 habe ergeben, dass von Seiten der Unfallfolgen keine ärztliche
Behandlung mehr notwendig sei. Die Heilkosten- und Taggeldleistungen würden daher
mit dem 31. August 2007 eingestellt (UV-act. 139).
A.b Mit Verfügung vom 31. August 2007 gewährte die Suva dem Versicherten mit
Wirkung ab 1. September 2007 eine Invalidenrente auf der Basis einer
Erwerbsunfähigkeit von 26 % (Valideneinkommen von Fr. 67'206.40 und
Invalideneinkommen von Fr. 49'634.--) und eines versicherten Verdienstes von Fr.
67'379.--. Gleichzeitig wurde ihm eine Integritätsentschädigung auf der Basis einer
Integritätseinbusse von 27.5 % zugesprochen (UV-act. 145). Die gegen diese
Verfügung von Rechtsanwalt Dr. iur. D. Poltera, St. Gallen, für den Versicherten
erhobene Einsprache (UV-act. 152) wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 27.
August 2009 ab.
Zuvor hatte die IV-Stelle Schwyz dem Versicherten mit Verfügung vom 16. Januar
2008 eine Viertelsrente auf der Basis eines IV-Grades von 45 % mit Wirkung ab 1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
August 2005 zugesprochen. Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde wies
das Verwaltungsgericht des Kantons Schwyz mit Entscheid vom 25. Juni 2008 ab.
Dieser Entscheid erwuchs in Rechtskraft, nachdem das vorerst dagegen eingelegte
Rechtsmittel zurückgezogen worden war (UV-act. 166). Mit Verfügung vom 12.
November 2008 bestätigte die unterdessen zuständige IV-Stelle St. Gallen den
bisherigen Rentenanspruch (IV-act. 4).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 27. August 2009 erhob Rechtsanwalt
Poltera für den Versicherten am 30. September 2009 Beschwerde mit den Anträgen,
der Entscheid sowie die Verfügung vom 31. August 2007 in Bezug auf die
Invalidenrente seien aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei eine Invalidenrente
von ca. 48 % auszurichten. Ihm sei für das Beschwerdeverfahren die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren. Zur Begründung legte der Rechtsvertreter unter anderem
dar, die kreisärztliche Einschätzung der Zumutbarkeit einer ganztägigen Arbeit stehe im
Widerspruch zum Befas-Bericht vom 11. Mai 2006. Im Rahmen der Befas-Abklärung
seien praktische Tätigkeiten ausprobiert und eine Arbeitsfähigkeitsbeurteilung unter
konkreten Arbeitsbedingungen vorgenommen worden. Damit könne offensichtlich nicht
nur auf die kreisärztliche Untersuchung vom 3. August 2007 abgestellt werden. Wenn
schon die IV-Stelle auf den Befas-Bericht abstelle und damit einen IV-Grad von 45 %
(grösstenteils unfallbedingt) festlege, so könne die Beschwerdegegnerin nicht einfach
von einem Invaliditätsgrad von 26 % ausgehen. Die psychischen Probleme des
Beschwerdeführers seien als IV-fremd weitestgehend nicht berücksichtigt worden. Im
Weiteren ergebe sich aus UV-act. 133/1 ein Valideneinkommen von Fr. 67'379.--. Die
Abweichung zu den von der Beschwerdegegnerin angenommenen Wert von Fr.
67'206.-- sei nicht erklärbar. Zum Invalideneinkommen sei dem UV-act. 141 ein
Durchschnittslohn von Fr. 51'507.-- zu entnehmen. Davon sei ein Leidensabzug von
mindestens 10 % zu machen, was eine Zahl von Fr. 46'356.-- ergebe. Rätselhaft
bleibe, wie die Zahl von Fr. 49'634.-- gemäss Einspracheentscheid entstanden sei. In
Berücksichtigung des Dreiviertel-Pensums gemäss Befas ergebe sich ein
Invalideneinkommen von Fr. 34'767.--. Wenn auf ein volles Pensum abgestellt würde,
wäre ein deutlich höherer Leidensabzug als 10 % gerechtfertigt. Angemessen sei
diesfalls ein solcher von 25 %.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b In der Beschwerdeantwort vom 3. Dezember 2009 beantragte Rechtsanwalt Dr.
iur. Urs Glaus, St. Gallen, für die Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. Zur
Begründung verwies der Rechtsvertreter auf die Darlegungen im angefochtenen
Entscheid und führte unter anderem aus, die Befas-Abklärung erscheine bezüglich der
unfallbedingten Beeinträchtigungen aus verschiedenen Gründen nicht schlüssig
(Verweis auf UV-act. 170). Im Gegensatz zur Befas-Abklärung sei die kreisärztliche
Beurteilung nachvollziehbar begründet und beruhe auf Messung der Einschränkungen
(UV-act. 135 S. 3f), welche den neurologischen Befunden entsprechen würden (UV-act.
49). Es sei zu Recht nicht auf den Invaliditätsgrad der IV abgestellt worden, zunächst
weil die Erwerbsunfähigkeit des Beschwerdeführers zwar teilweise unfallbedingt sei,
aber zugleich auf vorbestehende und unfallfremde Beschwerden zurückzuführen sei,
wie etwa die psychischen Störungen. Wenn der Beschwerdeführer geltend mache,
dass die krankheitsbedingten Elemente im Rahmen der Ermittlung des Invaliditätsgrads
durch die IV nur eine untergeordnete Rolle gespielt hätten, treffe dies nicht zu. Die
Berechnung des Invaliditätsgrads sei korrekt und nicht zu beanstanden. Bei der
Festsetzung des Invalideneinkommens mittels DAP-Profilen sei praxisgemäss kein
Leidensabzug zu gewähren.
B.c Am 12. Februar 2010 bewilligte der Gerichtspräsident die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung des Beschwerdeführers für das vorliegende
Beschwerdeverfahren.
B.d Das Versicherungsgericht zog die Akten der Invalidenversicherung betreffend den
Beschwerdeführer bei. Der Rechtsvertreter der Beschwerdegegnerin äusserte sich
dazu mit Schreiben vom 20. August 2010.

Erwägungen:
1.
Streitig ist, welcher Invaliditätsgrad der dem Beschwerdeführer für die Restfolgen des
Unfallereignisses vom 6. August 2004 mit Wirkung ab 1. September 2007
zugesprochenen Unfallrente zugrunde zu legen ist. Die Beschwerdegegnerin legte im
angefochtenen Entscheid (Erwägungen 2 und 3) die rechtlichen Grundlagen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallkausalität und der Bemessung von Rentenleistungen zutreffend dar; darauf kann
verwiesen werden.
2.
2.1 Ein Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Rehaklinik Bellikon vom 24. August
bis 16. September 2005 ergab gemäss Austrittsbericht vom 11. Oktober 2005 die
Diagnosen (A) eines Sturzes beim Fahren mit dem Trottinett mit ulnar betonten
Vorderarmschmerzen rechts sowie Residualzustand einer fraglichen Nervus axillaris-
Schädigung und (B) einer Epicondylopathia humeri ulnaris anamnestisch (zum aktuellen
Zeitpunkt nicht manifest) mit linksseitigem sensomotorischem Sulcus-Syndrom des
Nervus ulnaris (Diagnose im Rahmen einer neurologischen Abklärung im Herbst 2003).
Weitere physiotherapeutische Massnahmen seien nicht indiziert; ein Heimprogramm
sei instruiert worden. Die bisherige Tätigkeit als Lastwagen-Chauffeur (mit Heben und
Tragen von schweren Lasten und wiederholt länger dauernden Tätigkeiten oberhalb
der Horizontalen) sei nicht mehr zumutbar. Eine leichte Arbeit (5-10 kg; Heben bis 5 kg
mit der rechten Hand bis zur Brusthöhe; Gehen, Stehen auch auf unebenem Gelände)
ohne Krafteinsatz des Arms und der Hand rechts sowie ohne Arbeiten über Brusthöhe
sei jedoch ganztags zumutbar. Der Patient wünsche eine Umschulung als
Systemadministrator oder Netzwerktechniker. Um diesbezüglich Motivation und
Ressourcen zu evaluieren, werde eine berufliche Abklärung in der Befas Horw als
angezeigt erachtet. Die Leistungsbereitschaft werde (von den Ärzten der Rehaklinik) als
fraglich beurteilt. Der Patient habe die Ansicht vertreten, dass er Anrecht auf eine Rente
habe. Die Konsistenz bei den Tests und im Training sei fraglich gewesen. Das Ausmass
der demonstrierten Behinderung sei mit den vorliegenden Befunden und Diagnosen nur
unzureichend zu erklären. Es habe keine wesentliche Verbesserung der
Belastungstoleranz erreicht werden können. Der Patient sei den Therapien einzelne
Male unentschuldigt ferngeblieben und habe nur die Übungen ausgeführt, von denen er
sich selber einen gewissen Nutzen versprochen habe (UV-act. 73). Im Februar 2006
hielt sich der Beschwerdeführer in der Psychiatrischen Klinik Littenheid auf (UV-act.
82). Die Beschwerdegegnerin kam für die Kosten dieses Aufenthalts mit Hinweis auf
die fehlende Unfallkausalität nicht auf (UV-act. 85f).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Im Schlussbericht der Befas Appisberg vom 11. Mai 2006 über einen
Abklärungsaufenthalt vom 13. März bis 4. April 2006 wurde als anamnestische Angabe
des Beschwerdeführers unter anderem festgehalten, dass er wegen eines
Suizidversuchs mit Schlaftabletten in der Klinik Littenheid stationiert gewesen sei. Er
habe diesen "Aussetzer" gemacht, weil er sich keine Zukunft mehr habe vorstellen
können. Im Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik Littenheid vom 7. Februar 2006
sei erwähnt, dass der Beschwerdeführer bereits vom 29. Dezember 1999 bis 2. März
2000 in der Psychiatrischen Klinik Wil wegen Alkoholabhängigkeitssyndrom,
Anpassungsstörung und Verdacht auf kombinierte Persönlichkeitsstörung hospitalisiert
gewesen sei. Von Seiten der Klinik Littenheid sei ihm eine (allfällige) ambulante
psychiatrische Betreuung nahegelegt worden. Die Befas-Berichterstatter kamen zum
Schluss, dass dem Beschwerdeführer rein aufgrund der physischen Belastbarkeit eine
sechsstündige Präsenz bei behinderungsadaptierter Tätigkeit, wie z.B. geprüft im
Bürobereich, wo die PC-Mausbedienung mit der linken Hand erfolgt sei, zumutbar sei.
Der Beschwerdeführer habe eine tiefe Selbsteinschätzung bei behinderungsadaptierter
Tätigkeit (1⁄2 bis 3⁄4 Leistungseinschränkung) geäussert, bei gleichzeitigem Wunsch nach
zumindest teilweiser Existenzsicherung durch Berentung. Eine Chauffeurtätigkeit
erscheine behinderungsbedingt nicht mehr zumutbar. Auch bei
behinderungsadaptierten Tätigkeiten sei es während des Appisbergaufenthaltes jeweils
im Tagesverlauf zu einer Akzentuierung von belastungsabhängigen Schmerzen im
Schulterbereich rechts gekommen, weswegen aufgrund der aktuellen Beurteilung eine
täglich sechsstündige Präsenzzeit mit verkürzter Arbeitszeit am Nachmittag zugemutet
werden könne. Rein rheumatologisch-orthopädisch könne bei einer optimal
behinderungsangepassten und die rechte Hand kaum belastenden Tätigkeit eine
maximal 3⁄4-Arbeitsfähigkeit angenommen werden (z.B. nach Einarbeitungszeit in eine
Tätigkeit als Transportdisponent). Zumutbar seien auch Tätigkeiten als Autokurier
sowie diverse einfachere handwerkliche Hilfstätigkeiten mit Bedienen von Maschinen.
Unter Berücksichtigung der psychiatrischen Diagnosen mit seit 1999 zweimaliger
Hospitalisation wegen Anpassungsstörungen (im Frühjahr 2006 begleitet durch einen
multiplen Substanzgebrauch und 1999/2000 bei Verdacht auf eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung und Alkoholabhängigkeitssyndrom; ein Alkoholabusus werde
verneint und es hätten sich während der Beobachtungszeit auch keine diesbezüglichen
Verdachtsmomente ergeben) sowie tiefer Selbsteinschätzung von Arbeits- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leistungsfähigkeit empfehle sich eine ergänzende psychiatrische Exploration. Es werde
die Finanzierung (durch die IV) einer Ausbildung zum Strassentransport-Disponenten
empfohlen (UV-act. 100). Im Juli 2006 befand sich der Beschwerdeführer erneut in der
Psychiatrischen Klinik Wil (vgl. UV-act. 106 sowie Bericht der Psychiatrischen Klinik Wil
vom 27. März 2007 [IV-act. 77]).
2.3 Eine neurologische Beurteilung im Kantonsspital St. Gallen ergab gemäss Bericht
vom 6. November 2006 die Diagnosen einer N. femoralis Läsion rechts bei Status nach
Liegetrauma nach Suizidversuch vom 18. Juni 2006, eines schweren,
sensomotorischen Sulcus ulnaris Syndroms rechts und einer N. axillaris Läsion rechts,
traumatisch nach Humeruskopffraktur im August 2004. Im Vergleich zur
Voruntersuchung von Juni 2006 habe sich klinisch ein unveränderter Befund mit Plegie
des M. deltoideus rechts sowie Beinstrecker- und Beinbeugeschwäche gezeigt, wobei
bei fehlender Mitarbeit die Einzelkraftprüfung nicht sicher habe beurteilt werden
können. Neu im Vergleich zur Voruntersuchung sei eine Atrophie der N. ulnaris-
versorgten kleinen Handmuskeln rechts sowie eine Hypästhesie im Versorgungsgebiet
des N. ulnaris rechts aufgetreten. Elektrophysiologisch habe passend hierzu ein
schweres sensomotorisches Sulcus ulnaris Syndrom rechts nachgewiesen werden
können. Das Reinnervationsstadium sei weiterhin noch nicht abgeschlossen.
Therapeutisch werde einerseits weiterhin Physiotherapie und angesichts des Sulcus
ulnaris Syndroms weiche Polsterung des Ellbogens und Vermeidung von Kompression
des N. ulnaris im Bereich des Epicondylus sowie eine neurochirurgische Vorstellung
empfohlen (UV-act. 117). Am 20. Februar 2007 erstatteten die Suva-Ärzte Dr. med.
C._, FMH für Chirurgie, und Dr. med. D._, Facharzt für Neurologie FMH und für
Psychiatrie und Psychotherapie, eine ärztliche Beurteilung bezüglich der Läsion des
Nervus axillaris rechts und zum sensomotorischen Sulcus ulnaris Syndrom rechts. Sie
kamen unter anderem zum Schluss, aufgrund des derzeitigen Zustands müsse von
einem schlechten Resultat der Schulterprothese gesprochen werden, und es stelle sich
die Frage, ob der Beschwerdeführer zwecks Verbesserung der Schulterfunktion im
Hinblick auf eine Rekonstruktion der Rotatorenmanschette oder eines
Prothesenwechsels einem Orthopäden vorgestellt werden sollte. Die erst sekundär
diagnostizierte Neuropathie des Nervus ulnaris im Sulcus am rechten Ellbogen stehe in
einem höchstens möglichen ursächlichen Zusammenhang mit dem Unfall vom 6.
August 2004. Am wahrscheinlichsten sei auch sie, wie die dem Unfall vorangegangene
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ulnarisneuropathie am linken Ellbogen, idiopathischer Genese (UV-act. 122). Dr. med.
E._, Orthopädie am Rosenberg, erklärte im Bericht vom 9. Mai 2007, er glaube kaum,
dass die Funktion durch einen Wechsel einer inversen Schulterprothese deutlich
verbessert werde. Dies könne sich ändern, wenn die Schmerzproblematik deutlich
zunehme. Ähnliches gelte auch im Ellbogenbereich (UV-act. 129). Kreisarzt Dr. med.
F._, Facharzt für Chirurgie, erstattete am 12. Juli und am 3. August 2007 - gestützt
auf einen Untersuch des Beschwerdeführers - abschliessende Beurteilungen. Er hielt
fest, aufgrund der unfallbedingten Einschränkung seien Arbeiten mit normaler
Belastbarkeit der rechten Schulter auf Dauer auszuschliessen. Arbeiten mit besonderer
Erschütterung des Schultergelenks sowie mit Hebelkraft- und Zugkrafteinwirkung auf
das Schultergelenk rechts seien fortgesetzt auszuschliessen. Arbeiten auf Leitern und
Gerüsten seien ungeeignet. Überkopfarbeiten rechts seien nicht möglich. Ganztags
zumutbar seien überwiegend leichte bis selten mittelschwere Arbeiten im Bereich der
rechten Hand und des Unterarms auf Tisch- und Brusthöhe. Kurzzeitiges Tragen von
Gewichten bis 2 kg sei rechts zumutbar. Die Kraftentfaltung im Bereich der rechten
Hand und im Bereich des Unterarms sei nicht wesentlich eingeschränkt. Weitere
medizinische Massnahmen (neben zeitweiliger Einnahme von peripher wirkenden
Schmerzmitteln) seien derzeit unfallbedingt nicht notwendig. Die krankheitsbedingten
Beschwerden im Bereich des rechten Armes (Sulcus ulnaris Syndrom rechts,
mässiggradiges Karpaltunnel-Syndrom rechts, Läsion des Nervus femoralis rechts mit
Sensibilitätsstörung und Minderbelastbarkeit im Bereich des rechten Beines) würden zu
Leistungseinschränkungen neben der weiteren psychischen Problematik führen; diese
seien jedoch nicht unfallbedingt (UV-act. 132, 135). Den Integritätsschaden schätzte
Dr. F._ am 3. August 2007 auf 27.5 % (UV-act. 134).
2.4 In der ärztlichen Beurteilung vom 11. November 2009 legte Suva-Arzt Dr. med.
G._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie FMH, unter anderem dar, für die Prüfung
der Erwerbsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit gestützt auf DAP-
Arbeitsplätze sei davon ausgegangen worden, dass nur der aktiv gemessene und
während den Untersuchungen auch vorgezeigte Bewegungsumfang und -radius
beruflich nutzbar sei: mit einer Abduktion von maximal 20 bis 30°, und nur geringem
und kurzzeitigem Lastentragen körpernahe; hingegen mit praktisch vollem Einsatz der
rechten Hand und des Unterarms, sofern die Schulter körpernahe oder direkt am
Körper gehalten werden könne, zum Beispiel mit Aufstützen auf einem Tisch oder Pult.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Konkrete Berufserprobungen der mit dem rechten Arm erbrachten Leistung hätten in
der Rehaklinik Bellikon im August/September 2005 und in der Befas Appisberg im Jahr
2006 wegen ungenügender Kooperation keine schlüssigen Ergebnisse geliefert, so
dass daraus keine brauchbaren zusätzlichen Daten hätten gewonnen werden können.
Während des Befas-Aufenthalts seien zwar verschiedene konkrete, die rechte Schulter
nicht belastende Tätigkeiten über mehrere Stunden ausgeübt und überwacht worden.
Während der ersten Woche sei die rechte Hand allerdings überhaupt nicht eingesetzt
worden. In welchem Ausmass dies in der zweiten Woche der Fall gewesen sei, gehe
aus den Ausführungen nicht hervor. Im Bericht seien zwar medizinische Diagnosen
aufgeführt worden, doch fehle hierzu jeglicher klinische Befund. Mit der
Humeruskopfprothese und der partiellen Axillarislähmung habe man sich dort
überhaupt nicht auseinandergesetzt. Insofern fehle eine seriöse medizinische
Grundlage für die Beurteilung einer behinderungsangepassten Tätigkeit. Welchen
Einfluss die in der Diagnoseliste figurierenden, von der Klinik Littenheid übernommenen
psychiatrischen Diagnosen auf die konkreten Tätigkeiten und auf die
behinderungsangepasste Tätigkeit ausgeübt hätten, sei nicht besprochen worden,
ausser dass sich keine Anhaltspunkte für einen Alkoholabusus ergeben hätten. Aus
dem Befas-Bericht gehe anderseits hervor, dass der Beschwerdeführer regelmässig
mit dem eigenen Fahrzeug zur Berufserprobung erschienen sei und auch die
Arbeitszeit von 7.5 Stunden eingehalten habe. Weshalb die Arbeitszeit später um eine
Stunde reduziert worden sei, gehe aus dem Bericht (auf S. 4) nicht hervor. Anhand von
Beobachtungen über einen mehrwöchigen Zeitraum habe sich ergeben, dass der
Beschwerdeführer seine drei intakt gebliebenen Extremitäten, seinen Rücken und
offenbar auch sein Gehirn normal eingesetzt habe. Inwieweit der rechte Arm,
namentlich die Schulter, benützt worden sei, gehe aus den Beschreibungen nur unklar
hervor. Da man sich nicht mit orthopädisch-neurologischen Befunden
auseinandergesetzt habe, hätten auch keine Folgerungen betreffend zumutbare
behinderungsangepasste Tätigkeiten gezogen werden können. Als vollständig
leidensangepasste Tätigkeiten bezogen auf die Schulterprothese und die Folgen der
Nervenschädigung im rechten Schulterbereich könnten zunächst einmal alle
Tätigkeiten definiert werden, welche den rechten Arm nicht benötigen würden.
Ebenfalls leidensangepasst sei der Einsatz des rechten Arms im vorgezeigten und auch
vom Beschwerdeführer genutzten Bewegungsumfang und Bewegungsradius, d.h. mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abduktion von maximal 20 bis 30° und mit der mehrfach gezeigten Kraft. Kurzzeitiges
Lastentragen körpernahe bis 5 kg sei ebenfalls möglich. Leidensangepasst sei auch ein
Einsatz der rechten Hand und des rechten Unterarms, sofern die Schulter/der Oberarm
körpernah oder direkt am Körper gehalten werden könne und/oder der Arm dauernd
oder regelmässig auf einem Tisch oder Pult aufgestützt werden könne. Insofern der
Bewegungsradius nicht überschritten werde, sei beidhändiges Manipulieren von Lasten
in dem Umfang, wie es in den vorgelegten DAP-Blättern beschrieben werde, ebenfalls
leidensangepasst. Über eine zeitliche oder prozentuale Leistungsfähigkeit könne keine
Angabe gemacht werden, da über eindeutige Einschränkungen keine verwertbaren
Daten vorliegen würden, auch nicht in den UV-act. 3, 70, 100 und 135. Als zeitlich
einschränkend könnten allenfalls Verrichtungen zur Vorbereitung der Tätigkeit, in der
Pause oder nachher betrachtet werden, welche zwingend beide Arme erfordern und
über das beschriebene Mass hinausgehen würden. Dazu könnten z.B. das An- und
Entkleiden und die persönliche Hygiene, eventuell auch das Besuchen der Kantine
gerechnet werden. Die in UV-act. 141 ausgewählten DAP-Arbeitsplätze seien mit den
beschriebenen und definierten leidensangepassten Tätigkeiten vereinbar, so dass sie
auch zugemutet werden könnten. Beidhändigkeit sei dabei kein Problem. Einhändige
Verrichtungen könnten in der Regel mit dem besseren linken Arm verrichtet werden.
Aber auch rechts könnten die umschriebenen Tätigkeiten falls nötig einhändig
verrichtet werden (UV-act. 170).
3.
3.1 Zu eruieren ist vorab die beim Beschwerdeführer bestehende unfallbedingte
Arbeitsunfähigkeit. Wie dargelegt erachteten die Ärzte der Rehaklinik Bellikon die
bisherige Tätigkeit als Lastwagen-Chauffeur (mit Heben und Tragen von schweren
Lasten und wiederholt länger dauernde Tätigkeiten oberhalb der Horizontalen) nicht
mehr zumutbar, wohingegen sie eine leichte Arbeit (5-10 kg; Heben bis 5 kg mit der
rechten Hand bis zur Brusthöhe; Gehen, Stehen auch auf unebenem Gelände) ohne
Krafteinsatz des Arms und der Hand rechts sowie ohne Arbeiten über Brusthöhe als
ganztags zumutbar einstuften (UV-act. 73). Die Berichterstatter der Befas Appisberg
stimmten diesem Zumutbarkeitsprofil in qualitativer Hinsicht zu, erachteten jedoch
lediglich eine 75%ige Leistungsfähigkeit als realisierbar. Die sechsstündige Präsenzzeit
pro Tag mit verkürzter Arbeitszeit am Nachmittag begründeten sie mit dem Hinweis,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass es während des Aufenthalts jeweils im Tagesverlauf zu einer Akzentuierung von
belastungsabhängigen Schmerzen im Schulterbereich rechts gekommen sei (UV-act.
100).
Von Seiten der Psychiatrischen Klinik Wil wurde im Bericht vom 27. März 2007 eine
verminderte Leistungsfähigkeit (3 Stunden pro Tag) bescheinigt (IV-act. 49-6/6, 77-6/6).
Dr. med. H._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie, Heiden, welcher den
Beschwerdeführer seit Oktober 2006 behandelte, führte im Bericht vom 5. Juli 2007
unter anderem aus, aus psychiatrischer Sicht sei dem Beschwerdeführer prinzipiell eine
Tätigkeit zumutbar, wenn auch die Aussicht auf eine berufliche Wiedereingliederung in
Bezug auf die Persönlichkeitspathologie gering erscheine. Als Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vermerkte der Arzt eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung, eine Störung durch Alkoholabhängigkeitssyndrom
(gegenwärtig abstinent), Störungen durch Sedativa (Abhängigkeitssyndrom) und einen
Analgetikamissbrauch (IV-act. 52). In einer Stellungnahme des RAD vom 20./21. August
2007 wurde festgehalten, dass neben den Unfallfolgen auch krankheitsbedingte
Einschränkungen vorliegen würden. Der Beschwerdeführer könne gemäss Befas eine
behinderungsadaptierte Tätigkeit 6 Stunden pro Tag ausüben. Es sei möglich und
medizinisch beschrieben, dass die Schmerzangaben wegen der Persönlichkeitsstörung
erhöht seien. Darum werde auf eine Arbeitsfähigkeit von 6 Stunden abgestellt. Mit den
6 Stunden Arbeit pro Tag seien die Persönlichkeitsstörung wie das Schulterleiden
berücksichtigt. Somit sei die Abweichung gegenüber der Suva begründbar (IV-act.
61-4/5). Die IV begründete dementsprechend den von ihr in der Verfügung vom 5.
September 2007 auf 45 % festgelegten Invaliditätsgrad im Wesentlichen damit, dass
es dem Beschwerdeführer aufgrund der beruflichen Abklärung (der Befas) zumutbar
sei, sechs Stunden pro Tag einer einfachen handwerklichen Hilfsarbeitertätigkeit
nachzugehen. Nach den psychiatrischen Unterlagen sei eine Erwerbstätigkeit
zumutbar. Die Persönlichkeitsstörung stehe auch im Zusammenhang mit dem
Analgetika- und Alkoholmissbrauch und sei mit der attestierten Arbeitsfähigkeit von 6
Stunden behinderungsangepasst berücksichtigt worden (UV-act. 146). Auf Anfrage der
Beschwerdegegnerin (UV-act. 148) teilte die IV-Stelle mit, sie habe die Suva-Verfügung
vom 31. August 2007 sowie die medizinischen Unterlagen der Suva bei ihrer
Beurteilung berücksichtigt. Aufgrund der Stellungnahme des RAD würden nebst den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallfolgen auch krankheitsbedingte Einschränkungen vorliegen, die sie bei ihrer
Beurteilung berücksichtigt habe (UV-act. 150).
3.2 Wenn im Bericht der Rehaklinik Bellikon die Leistungsbereitschaft des
Beschwerdeführers sowie die Konsistenz bei den Tests und im Training als fraglich
erachtet und das Ausmass der demonstrierten Behinderung als durch die somatischen
Befunden nicht erklärt eingestuft wurden (UV-act. 73), so zeigt sich darin, dass bei der
vom Beschwerdeführer gezeigten Leistungsfähigkeit auch andere als somatisch/
körperliche Aspekte mitspielten. Dies wird durch die Feststellung im späteren Bericht
der Befas Appisberg implizit bestätigt, wonach der Beschwerdeführer während der
ersten Abklärungswoche ausschliesslich mit der linken Hand gearbeitet und keine
Versuche gemacht habe, die rechte Hand zu gebrauchen, sondern immer wieder
betont habe, dass er die rechte Hand nicht gebrauchen könne. Ab der zweiten Woche
habe er dann die rechte Hand (an der PC-Tastatur) eingesetzt. Auch beim Einsatz in
der Holzwerkstatt habe er beidhändig gearbeitet. Er habe gute Strategien gezeigt, bei
behinderungsbedingten Schwierigkeiten Hilfsmittel einzusetzen (UV-act. 100 S. 6).
Diese Darlegungen sprechen klar für eine (dem Gesundheitsschaden angepasste)
Einsetzbarkeit der rechten Hand. Die in der Befas Appisberg festgestellte teilweise
geringe Motivation bei der Ausführung von Arbeiten (UV-act. 100 S. 8) und die tiefe
Selbsteinschätzung bei behinderungsadaptierten Tätigkeiten wirkten sich zweifellos
auch auf die vom Beschwerdeführer gezeigte Leistung aus und dürften mit ein Grund
für die Absenkung der Arbeitszeit von anfänglich 7.5 auf 6.5 Stunden pro Tag (UV-act.
100 S. 4 und S. 10) gewesen sein. Unbestritten ist in diesem Zusammenhang, dass die
bereits vor dem Unfall vom 6. August 2004 ärztlich behandelten psychischen Probleme
des Beschwerdeführers keinen Unfallzusammenhang aufweisen (vgl. UV-act. 85f, 100,
106). Im Weiteren ist als erstellt zu erachten, dass im Bereich des rechten Arms und
Beins Beschwerden (Sulcus ulnaris Syndrom rechts, mässiggradiges
Karpaltunnelsyndrom rechts, Läsion des Nervus femoralis rechts mit
Sensibilitätsstörung und Minderbelastbarkeit im Bereich des rechten Beins) bestehen,
welche eine Krankheitsursache haben (vgl. UV-act. 135 S. 4f).
Unfallbedingt sind ausschliesslich der Zustand nach Implantation einer Schulter
hemiprothese rechts nach Humerusfraktur rechts (UV-act. 135 S. 4). Unter den
vorangehend dargelegten Umständen ist überwiegend wahrscheinlich davon
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auszugehen, dass in die Arbeitsfähigkeitsschätzung der Befas Appisberg auch Aspekte
einflossen, welche mit dem Trottinettunfall keinen Zusammenhang aufweisen. Überdies
ging wie erwähnt auch der RAD davon aus, dass die Schmerzangaben wegen der
Persönlichkeitsstörung erhöht seien (IV-act. 61-4/5). Die diesbezüglich von Suva-Arzt
Dr. G._ angestellten Überlegungen und Schlussfolgerungen (UV-act. 170 S. 4)
erscheinen begründet und nachvollziehbar. Soweit er als allenfalls zeitlich
einschränkend zwingend beidhändig auszuführende Verrichtungen zur Vorbereitung
der Tätigkeit erwähnte (z.B. An- und Entkleiden, persönliche Hygiene, evt. Besuch der
Kantine), ist festzuhalten, dass dies die eigentliche Berufsausübung nicht tangiert bzw.
diese nicht weiter einschränkt. Dieser Umstand liesse sich im Fall der Bemessung des
Invalideneinkommens anhand von Tabellenlöhnen allenfalls in Form eines Abzugs
berücksichtigen. Unter Einbezug der rein unfallbedingten Gesundheitsschäden an der
rechten Schulter ist - im hier in Frage stehenden Zeitraum vom 1. September 2007
(Rentenbeginn) bis 27. August 2009 (Datum des angefochtenen Entscheids) - kein
Grund für eine Arbeitsfähigkeitseinschränkung ersichtlich, wenn die von Kreisarzt Dr.
F._ und von Dr. G._ vermerkten Einschränkungen im Rahmen eines Vollpensum
beachtet werden. Nachstehend ist daher die vollzeitliche Zumutbarkeit einer dem
unfallbedingten Gesundheitsschaden (Schulterprothese, Nervenschädigung im rechten
Schulterbereich) angepassten Arbeit als gegeben zu erachten. Nachdem hier allein
unfallbedingte Einschränkungen zur Diskussion stehen, lässt sich aus der
abweichenden Beurteilung durch die IV nichts zugunsten des Beschwerdeführers
ableiten, zumal diese die Abweichung wie erwähnt ausdrücklich mit unfallfremden
Aspekten begründete.
4.
4.1 Bei der Ermittlung des ohne Gesundheitsschaden mutmasslich erzielten
Verdienstes (Valideneinkommen) ist nach der Rechtsprechung entscheidend, was die
versicherte Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdienen
würde. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und
Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer
Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
fortgesetzt worden wäre (vgl. BGE 135 V 297 Erw. 5.1). Konkret ist für die Bemessung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Valideneinkommens unbestrittenermassen von der vom Beschwerdeführer im
Unfallzeitpunkt ausgeübten Tätigkeit als Chauffeur auszugehen. Zugrunde zu legen ist
dabei der bei Rentenbeginn (1. September 2007) hypothetisch erzielte Lohn. Diesen
teilte die ehemalige Arbeitgeberin mit Fr. 67'206.40 pro Jahr mit (Grundlohn von Fr.
5'100.-- x 13, Nachtzuschlag von Fr. 42.20 x 12, Partizipation von Fr. 400.--; UV 133).
Der vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers angeführte Betrag von Fr. 67'379.--
(act. G 1 S. 3) wurde vom Beschwerdeführer im - hier nicht massgebenden - Zeitraum
vom 6. August 2003 bis 5. August 2004 erzielt (UV-act. 133/1) und bildete Grundlage
für die Bemessung des versicherten Jahresverdienstes (UV-act. 142). Dieser Betrag
beinhaltete allerdings auch eine Überstundenentschädigung von Fr. 1'720.--. Damit
stellt sich die Frage, ob der Beschwerdeführer ohne Unfall regelmässig Überstunden
geleistet hätte (RKUV 2000 Nr. U 400 S. 381 [= U 297/99] und AHI 2002 S. 155 Erw. 3b
[= I 357/01]; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts U 431/06 vom 4. Oktober 2007, Erw.
5.1) und die daraus resultierende Entschädigung damit bei der Ermittlung des
Valideneinkommens zu berücksichtigen ist. Den IV-Akten lässt sich diesbezüglich
entnehmen, dass Überstunden zwar im Jahr 2004 (in der Zeit vor dem Unfall), nicht
jedoch in den vorangegangenen Jahren 2003 und 2002 geleistet wurden (vgl.
Lohnabrechnungen; IV-act. 15). Es kann daher nicht davon ausgegangen werden, dass
regelmässig Überstunden geleistet wurden. Damit ist das von der ehemaligen
Arbeitgeberin gemeldete hypothetische Einkommen 2007 von Fr. 67'206.40 als
Valideneinkommen zugrunde zu legen.
4.2 Das Invalideneinkommen legte die Beschwerdegegnerin gestützt auf DAP-Zahlen,
d.h. die Arbeitsplätze Nr. 10635, 6150, 7468, 8490, 8195, auf Fr. 49'634.--
(Durchschnitt der Durchschnittswerte) fest, wobei beim Arbeitsplatz Nr. 7468 der
Durchschnittswert für über 30jährige Arbeitnehmer von Fr. 49'400.-- zur Anwendung
kam (UV-act. 141). Im Hinblick auf die geforderte Repräsentativität der DAP-Profile und
die daraus abgeleiteten Lohnangaben hat die Beschwerdegegnerin nach der
Rechtsprechung, zusätzlich zur Auflage von mindestens fünf DAP-Blättern, Angaben zu
machen über die Gesamtzahl der aufgrund der gegebenen Behinderung in Frage
kommenden dokumentierten Arbeitsplätze, über den Höchst- und den Tiefstlohn sowie
über den Durchschnittslohn der dem jeweils verwendeten Behinderungsprofil
entsprechenden Gruppe. Im Beschwerdeverfahren ist es Sache des angerufenen
Gerichts, die Rechtskonformität der DAP-Invaliditätsbemessung zu prüfen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegebenenfalls die Sache an den Versicherer zurückzuweisen oder an Stelle des DAP-
Lohnvergleichs einen Tabellenlohnvergleich gestützt auf die LSE vorzunehmen (Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 28. August 2003 i/S C. [U 35/00] Erw. 4.2.2).
Ausgehend vom dargelegten Zumutbarkeitsprofil (Erw. 3) sind die von der
Beschwerdegegnerin ausgewählten DAP-Arbeitsplätze den behinderungsbedingten
Einschränkungen des Beschwerdeführers vollumfänglich angepasst. Ein Leidensabzug
fällt bei der Bemessung des Invalideneinkommens anhand von DAP-Zahlen ausser
Betracht (BGE 129 V 472 Erw. 4.2.3; Urteil des EVG vom 26. Februar 2004 i/S H.M. [U
208/02]).
4.3 Zum Vergleich lässt sich das zumutbare Invalideneinkommen anhand der
Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik ermitteln. Dabei ist auf
Tabelle 1 (privater Sektor) Niveau 4 (einfache und repetitive Tätigkeiten) abzustellen.
Zugrunde zu legen sind - wie beim Valideneinkommen - die Zahlen des Jahres 2007.
Der Beschwerdeführer ist zwar auf leichtere Hilfsarbeiten beschränkt, aber er wäre in
der Lage, seine Restarbeitsfähigkeit in vielen Branchen zu verwerten, sowohl im Sektor
Produktion als auch im Sektor Dienstleistungen. Auszugehen ist deshalb vom
allgemeinen Durchschnittslohn aller Branchen. Aus der LSE 2006 TA 1 Niveau 4 ist für
Männer ein Monatssalär von Fr. 4'732.-- ersichtlich. Das hieraus errechnete Jahressalär
von Fr. 56'784.-- basiert auf 40 Wochenstunden und ist auf die betriebsübliche
durchschnittliche Arbeitszeit 2007, d.h. auf 41.7 Stunden, aufzurechnen, woraus sich
ein Betrag von Fr. 59'197.-- ergibt. Im Jahr 2007 stiegen die Nominallöhne um 1.6%,
woraus für dieses Jahr ein Betrag von Fr. 60'144.-- resultiert.
Es ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer seine Erwerbsfähigkeit auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt wegen der unfallbedingten Einschränkungen in der
rechten Schulter insofern eingeschränkt verwerten kann, als für ihn gewisse Arbeiten
zum vornherein ausser Betracht fallen. Hinzu kommen wie erwähnt gewisse
Einschränkungen bei den Verrichtungen zur Vorbereitung der Tätigkeit, welche
zwingend beide Arme benötigen. Im Übrigen ist jedoch die Verwertbarkeit einer
vollständige Arbeitsfähigkeit in leidensangepassten Tätigkeiten aus unfallbedingter
Sicht nicht in Frage gestellt. Ein Leidensabzug von 10 % trägt den konkreten
Umständen zureichend Rechnung. Selbst unter Berücksichtigung eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leidensabzuges von 15% ergäbe sich ein höheres Invalideneinkommen als das von
der Beschwerdegegnerin anhand von DAP-Werten ermittelte Einkommen von Fr.
49'634.--. Letzteres lässt sich somit nicht beanstanden. Damit bleibt es bei dem von
der Beschwerdegegnerin festgelegten Invaliditätsgrad von 26 %.
5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 27. August 2009 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben Art. 61 lit. a ATSG). Zufolge der am 12. Februar 2010 bewilligten
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung hat der Staat den Rechtsbeistand des
Beschwerdeführers - ausgehend von einer mittleren Entschädigung von Fr. 4'000.--
und unter Berücksichtigung einer Kürzung um einen Fünftel (Art. 31 Abs. 3 AnwG [sGS
963.75]) - mit pauschal Fr. 3'200.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu
entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG