Decision ID: 64d1409f-71ce-4154-8002-bbf8731dd7bd
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer hat gemäss eigenen Angaben seinen Heimatstaat
ungefähr (...) Monate vor seiner Einreise in die Schweiz mit einem Boot
nach Italien verlassen. Am 10. November 2021 sei er in die Schweiz ge-
langt; am selben Tag reichte er ein Asylgesuch ein. Am 12. November 2021
wurde eine Vollmacht zugunsten der ihm zugewiesenen Rechtsvertretung
des Bundesasylzentrums (BAZ) B._ eingereicht.
B.
Am 19. November 2021 wurde der minderjährige Beschwerdeführer be-
fragt (EB [Erstbefragung eines unbegleiteten minderjährigen Asylsuchen-
den]; Protokoll in den SEM-Akten Nr. {...} [A]12) und am 3. Januar sowie
am 8. Februar 2022 angehört (Protokolle Anhörung A25 und A33). Seine
Rechtsvertretung war jedes Mal anwesend.
B.a Dabei brachte er vor, er stamme aus C._ (Gouvernement Sfax),
wo seine Eltern mit seinen zwei jüngeren Brüdern immer noch lebten. Er
habe bis zum Alter von (...) Jahren die Schule besucht. Anschliessend
habe er – um seine Familie finanziell zu unterstützen – als (...) gearbeitet,
was ihm körperlich zugesetzt und ihn ermüdet habe. Als er eines Tages am
Strand zufälligerweise eine Gruppe gesehen habe, welche Tunesien mit
einem Boot habe verlassen wollen, habe er diese gefragt, ob er mitkom-
men dürfe. Ohne seine Eltern zu informieren sei er mit ihnen ausgereist.
Als Ausreisegrund gab er an, er sei müde von seiner Arbeit und wünsche
sich, wieder zur Schule gehen zu können und zu studieren. Bezüglich sei-
nes Gesundheitszustandes erklärte er, dass er Rückenschmerzen habe
und nicht gut sehen könne.
B.b Als Beweismittel reichte er eine Kopie eines Auszugs aus dem Zivil-
standsregister (das Original wurde am 26. November 2021 nachgereicht
[A17 f.]) sowie ein Foto eines Familienbüchleins zu den Akten (A13 und
A15).
C.
Ein Gutachten des Instituts (...) der Universität D._ vom 24. Januar
2022 kommt nach diversen Untersuchungen zum Schluss, dass das ange-
gebene Alter von (...) plausibel sei.
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D.
Am 21. Februar 2022 wurde der Beschwerdeführer dem erweiterten Ver-
fahren und dem Kanton E._ zugewiesen, weshalb die Rechtsver-
tretung des BAZ B._ ihr Mandat am 24. Februar 2022 beendete.
Am gleichen Tag ordnete der Kanton E._ dem Beschwerdeführer
eine Vertrauensperson zu und am 5. April 2022 zeigte lic. iur. Isabelle Mül-
ler der Caritas Schweiz ihre Mandatsübernahme an (vgl. Vollmacht vom
16. März 2022).
E.
Mit Verfügung vom 30. Mai 2022 – tags darauf eröffnet – verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, wies sein Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Voll-
zug an.
F.
Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer durch seine Rechts-
vertreterin am 29. Juni 2022 eine Beschwerde beim Bundesverwaltungs-
gericht ein. Er beantragt, die Verfügung sei aufzuheben und zur erneuten
Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Eventualiter sei die Unzulässigkeit respektive Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen und ihm die vorläufige Aufnahme zu
gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses zu verzichten und ihm die unentgeltliche Prozessfüh-
rung zu gewähren und es sei die Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbei-
ständin zu bestellen.
Der Beschwerde lag eine Fürsorgebestätigung der Caritas Schweiz vom
21. Juni 2022 bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM.
Dabei entscheidet das Gericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel und
auch vorliegend endgültig; eine Ausnahme nach Art. 32 VGG liegt nicht vor
(vgl. Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31 und 33 VGG sowie Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG).
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1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Ausländerrecht nach Art. 112 Abs. 1AIG (SR 142.20) in Ver-
bindung mit Art. 49 VwVG. Entsprechend können mit der Beschwerde die
Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Miss-
brauch des Ermessens, die unrichtige und unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts sowie die Unangemessenheit gerügt wer-
den.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf
Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
5.
Zwar wird mit dem Beschwerdebegehren 1 die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung beantragt. Aus der Begründung ergibt sich aber eindeutig,
dass sich auch der Rückweisungsantrag – gleich wie die materiellen Be-
gehren – auf den angeordneten Vollzug der Wegweisung beschränken
(vgl. Ziffern 4 und 5 des Verfügungsdispositivs). Die Verfügung vom 30. Mai
2022 ist entsprechend in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft, das Asyl
und die Wegweisung (vgl. Ziffern 1 bis 3 des Verfügungsdispositivs) nach
Ablauf der Rechtsmittelfrist in Rechtskraft erwachsen.
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Seite 5
6.
6.1 In formeller Hinsicht rügt der Beschwerdeführer, dass das SEM gemäss
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts verpflichtet gewesen
wäre, hinsichtlich seiner Rückkehr als Minderjähriger nach Tunesien be-
sondere Abklärungen zu tätigen. Die Vorinstanz habe zur Beantwortung
der Frage, in welcher konkreten Situation er sich nach seiner Rückkehr
wiederfinden würde, nur ungenügende Abklärungen getroffen. Stattdessen
habe sie sich lediglich auf die Angaben des Beschwerdeführers gestützt
und aus diesen geschlossen, er verfüge in seinem Heimatland über ein
familiäres Umfeld und ein weitreichendes tragfähiges Beziehungsnetz, in
welches er zurückkehren könne.
6.2 Diese Rüge der mangelhaften Sachverhaltsabklärung ist vorab zu prü-
fen, da ein Verfahrensmangel allenfalls geeignet wäre, eine Kassation des
vorinstanzlichen Entscheides zu bewirken.
6.2.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die zuständige Behörde den Sachverhalt
von Amtes wegen fest. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts verpflichten Art. 3 und Art. 22 des Übereinkommens vom
20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) die asyl-
rechtlichen Behörden, das Kindeswohl im Rahmen der Zumutbarkeitsprü-
fung als gewichtigen Aspekt zu berücksichtigen. Das SEM ist bezüglich un-
begleiteter minderjähriger Asylsuchender (UMA) verpflichtet, abzuklären,
ob sie zu ihren Eltern oder anderen Angehörigen zurückgeführt werden
können, und ob diese in der Lage sind, ihre Bedürfnisse abzudecken. Kön-
nen die Angehörigen nicht ausfindig gemacht werden oder ergibt sich, dass
die Rückkehr zu diesen dem Kindeswohl nicht entspricht, ist weiter abzu-
klären, ob das Kind in der Heimat allenfalls in einer geeigneten Institution
oder bei einer Drittperson untergebracht werden kann. Diesbezüglich sind
konkrete Abklärungen vorzunehmen; blosse allgemeine Feststellungen, im
Heimat- oder Herkunftsland würden Eltern oder andere Angehörige leben
beziehungsweise es gebe in dem betreffenden Land entsprechende Ein-
richtungen, genügen nicht (vgl. BVGE 2021 VI/3 E. 11.5.2 m.H.a. EMARK
1997 Nr. 23 E. 5, 1998 Nr. 13 E. 5e.bb und 2006 Nr. 24 E. 6.2.4).
6.2.2 Das SEM hat in seiner Verfügung im Wesentlichen festgehalten, dass
nicht anzunehmen sei, dass der Beschwerdeführer Tunesien ohne Wissen
seiner Eltern verlassen habe. Er stehe weiterhin in Kontakt mit ihnen und
diese Beziehung sei von einem Mindestmass an Fürsorge, Wohlwollen und
Vertrauen getragen. Es könne insgesamt nicht davon ausgegangen wer-
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den, dass er von seinen Eltern oder seinem Vorgesetztem schlecht behan-
delt oder gar ausgebeutet worden sei. Folglich würden genügend Anhalts-
punkte bestehen, die sowohl in familiärer wie auch in wirtschaftlicher Hin-
sicht auf hinreichend intakte Verhältnisse in Tunesien hinweisen würden.
Ferner könnten auch die Unterbringung des Beschwerdeführers sowie
seine Betreuung durch seine nächsten Verwandten bei einer Rückkehr
nach Tunesien als gewährleistet angesehen werden.
Infolge der (teilweise) unstimmigen, ausweichenden und undifferenzierten
Angaben, so das SEM weiter, habe es die wahren familiären Verhältnisse
zwar nicht abschliessend beurteilen können. In solchen Fällen stosse die
Untersuchungspflicht jeweils an gewisse vernünftige Grenzen und habe
ihre Schranken in der Mitwirkungspflicht der Parteien.
6.2.3 Nach Prüfung aller Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass das
SEM im Rahmen der Prüfung von Wegweisungsvollzugshindernissen for-
melles Recht nicht verletzt und den Sachverhalt vollständig und richtig fest-
gestellt hat, weshalb die Rüge abzuweisen ist.
Vorab ist festzustellen, dass das SEM alle Anforderungen, die zum Schutz
der Rechte von UMA an das erstinstanzliche Asylverfahren gestellt werden,
eingehalten hat. Der Beschwerdeführer konnte sodann anlässlich der EB
und seinen zwei Anhörungen ausführlich zu seiner Person, seiner Herkunft
(A33 F11-17), seinem familiären Umfeld (A33 F19-90), seiner Tätigkeit
(A33 F96-128) und seinen Ausreisegründen Auskunft geben und das SEM
hat genügend Nachfragen gestellt. Diese Aussagen des fast erwachsenen
gut (...)-jährigen Beschwerdeführers bilden eine genügende Grundlage, so
dass das SEM daraus rechtsgenügliche Schlussfolgerungen ziehen
konnte. Dabei hat es die Angaben detailliert geprüft (wie z.B. ein mögliches
Adoptionsverhältnis, A25 F7), sich zum Verhältnis zwischen dem Be-
schwerdeführer und seinen Eltern geäussert und dargelegt, weshalb auch
mit Blick auf seine Arbeitsbedingungen nicht von unzumutbaren Umstän-
den in seiner Heimat auszugehen ist. Aufgrund dieser von SEM festgestell-
ten Tatsachen hat es erwogen, dass der Beschwerdeführer in die Obhut
seiner Eltern zurückkehren könne – deren Personalien und Wohnort be-
kannt sind –, wo ihn eine seinem Alter entsprechende Betreuung erwarte.
Das SEM hat folglich durch die Aussagen des Beschwerdeführers genü-
gend Informationen zur Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs erhalten. Weitere Abklärungen bezüglich der Familienverhältnisse
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oder anderen Unterbringungsmöglichkeiten waren nicht vonnöten. Die zu-
ständigen Vollzugsbehörden verfügen über hinreichende Angaben, um die
exakten Modalitäten der Übergabe an die Eltern zu gegebener Zeit faktisch
zu organisieren, zumal der Beschwerdeführer offensichtlich auch über die
telefonischen Kontaktdaten verfügt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§ 124 ff. m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Hei-
matstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als
unzulässig erscheinen.
8.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Sind von einem allfälligen Weg-
weisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet im Rahmen der Zumutbarkeits-
prüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt von gewichtiger Bedeutung.
Das Kindeswohl gemäss Art. 3 Abs. 1 KRK und die aus diesem Überein-
kommen fliessenden Rechte sind als gewichtiger Aspekt zu berücksichti-
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gen. Namentlich können dabei folgende Kriterien im Rahmen einer Ge-
samtbeurteilung von Bedeutung sein: Alter des Kindes, Reife, Abhängig-
keiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigen-
schaften seiner Bezugspersonen (insbesondere Unterstützungsbereit-
schaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung bezie-
hungsweise Ausbildung sowie der Grad der erfolgten Integration bei einem
längeren Aufenthalt in der Schweiz (vgl. BVGE 2014/20 E. 8.3.6 und
2009/51 E. 5.6, je m.w.H.). Ferner hat die zuständige Behörde gemäss
Art. 69 Abs. 4 AIG vor einer Ausschaffung von unbegleiteten minderjähri-
gen Personen sicherzustellen, dass diese im Rückkehrstaat einem Famili-
enmitglied, einem Vormund oder einer Aufnahmeeinrichtung übergeben
werden, welche den Schutz des Kindes gewährleisten (vgl. BVGE 2015/30
E. 7.3 m.w.H.). Die Rückreisemodalitäten (Begleitung der UMA, Ort und
Zeit der Übergabe nach der Ankunft im Heimatland etc.) können allerdings
erst im unmittelbaren Vorfeld der Rückkehr geregelt werden (vgl. EMARK
1998 Nr. 13 E. 5e.bb). Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – un-
ter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewäh-
ren.
8.3.1 Das SEM hielt in seiner Verfügung in individueller Hinsicht fest, dass
der Beschwerdeführer mit seinen Eltern – die Mutter sei Hausfrau und der
Vater arbeite teilweise als (...) – und seinen zwei kleineren Geschwistern
in C._ gelebt habe, wo auch Verwandte väterlicherseits wohnhaft
seien. Er stehe in regelmässigen Kontakt mit seinen Eltern und ihre Bezie-
hung sei als gut zu bezeichnen.
Jedoch seien die Angaben bezüglich seiner Reise nach Europa, die er
spontan und ohne finanzielle Mittel angetreten habe, nicht erlebnisbasiert.
Auch sei das Verhalten des Vaters als Reaktion auf das Verschwinden des
Beschwerdeführers als nicht realistisch zu werten. Folglich sei nicht anzu-
nehmen, dass der Beschwerdeführer ohne Wissen der Eltern Tunesien
verlassen habe.
Ausserdem sei – angesichts der in Maghreb-Staaten weitverbreiteten
Gastfreundschaft und sozialen Verbundenheit – nicht glaubhaft, dass er zu
seinen weiteren Angehörigen in C._ keinen Kontakt gehabt habe,
zumal die Ausführungen das Familienleben betreffend unsubstantiiert und
ausweichend ausgefallen seien.
Der Beschwerdeführer habe ferner vorgebracht, lange Arbeitstage gehabt
zu haben, was ihn sehr ermüdet habe. Ausserdem sei sein Lohn, den er
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seinem Vater habe abgeben müssen, nicht immer ausbezahlt worden. Ei-
nen Grund dafür habe er nicht nennen können. Weil er noch sehr jung ge-
wesen sei, habe er sich nicht getraut, an dieser Situation etwas zu ändern
oder sich seinen Eltern anzuvertrauen. Dies sei, so das SEM, jedoch rea-
litätsfremd. Schliesslich seien keine Hinweise dafür erkennbar, dass sein
Vater ihn geschlagen hätte, wenn er tatsächlich ohne Geld nach Hause
gekommen wäre, zumal er ausdrücklich verneint habe, jemals von seinem
Vater geschlagen worden zu sein. So erscheine die Aussage bezüglich der
befürchteten Übergriffe seitens des Vaters unbegründet.
8.3.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen dagegengehalten, der Be-
schwerdeführer sei in Tunesien nicht dem Kindeswohl entsprechend auf-
gewachsen. Er stamme aus ärmlichen Verhältnissen und sei als (...)-Jäh-
riger genötigt worden, zu arbeiten. In diesem Alter sei er in der patriarcha-
lischen Familienstruktur nicht in der Position gewesen, dem Vater oder sei-
nem Arbeitgeber zu widersprechen. Die Tatsache, dass die Eltern ihren
Sohn täglich zwölf Stunden lang hätten arbeiten lassen, lasse den Schluss
zu, dass sie sich nicht um sein Wohl sorgten. Die geschilderten Umstände
rund um seine Ausreise würden zwar gewisse Zweifel wecken, jedoch
könne nicht gesagt werden, dass sie ihm die Ausreise erlaubt hätten, zumal
dafür schon das Geld gefehlt habe.
Schliesslich könne seine «grosse Reiseerfahrung» nicht als Grund für die
Annahme ins Feld geführt werden, dass er keinerlei Unterstützung benöti-
gen würde und im Falle der Rückkehr nach Tunesien alleine gut zurecht-
komme.
8.3.3 Nach Durchsicht der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht
zum Schluss, dass das SEM die Situation des minderjährigen Beschwer-
deführers unter dem Blickwinkel des Kindeswohls ausreichend gewürdigt
und zutreffende Schlüsse gezogen hat. Die Ausführungen in der Be-
schwerde vermögen den Erwägungen des SEM nichts Stichhaltiges ent-
gegenzusetzen, weshalb auch auf seine zutreffenden Ausführungen ver-
wiesen werden kann. Ergänzend ist hinsichtlich der umstrittenen Frage, ob
der Beschwerdeführer in seiner Heimat über ein tragfähiges soziales Netz
verfügt, Folgendes festzustellen:
Die Angaben des Beschwerdeführers ergeben nur ein vages Bild über sein
alltägliches Leben. Seine Arbeit als (...) habe er (...) Jahre lang ausgeübt
(A12 Ziff. 1.17.04), jedoch kenne er nicht einmal den Vor- oder Nachnamen
seines Arbeitgebers (A25 F19) beziehungsweise heisse dieser (...) (A25
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F21). Dieser Mann habe dem Beschwerdeführer den Beruf beigebracht
(A25 F18), respektive er habe bei ihm nichts gelernt (A25 F101). Jeden
Tag habe er von morgens bis abends gearbeitet und dann das Geld zu-
hause abgegeben. Ohne dieses Geld hätte er nicht nach Hause gehen
können (A33 F36 und F96), ansonsten wäre er von seinem Vater geschla-
gen worden (A33 F98). Über diese belastende Situation habe er nicht re-
den können; in einem solchen Fall hätte sein Vater ihn nicht beachtet und
weiterarbeiten lassen (A33 F106). Überdies ist an diesen Aussagen auffal-
lend, dass der Beschwerdeführer stets etwas befürchtet, sei es Schläge zu
erhalten oder mit seinen Anliegen ignoriert zu werden, ohne dass er jemals
solche Erfahrungen gemacht hätte. Ferner ist das Verhalten des (...)-jähri-
gen Beschwerdeführers, sich weder gegenüber seinem Vater noch seinem
Vorgesetzten zur Wehr zu setzen, nicht nachvollziehbar, zumal keine
glaubhaften Hinweise auf ein schwieriges Verhältnis zu diesen Personen
erkennbar sind, sondern sogar von einer «normalen Beziehung», zumin-
dest zu seinem Vater, auszugehen ist (A33 F183).
Die Ausführungen des Beschwerdeführers zu seiner Ausreise sind ferner
äusserst unplausibel und lassen wenig Details respektive Realkennzei-
chen erkennen. Er sei am Ufer des Meeres spazieren gewesen – obwohl
C._ ungefähr (...) km von der Stadt Sfax entfernt und nicht am Ufer
des Mittelmeeres liegt – und habe zufälligerweise eine Gruppe von Er-
wachsenen getroffen, die ihn – sei es aus Erbarmen (A12 Ziff. 5.02), sei
es, weil er sie sonst der Polizei verraten hätte (A12 Ziff. 5.02; A25 F29; A33
F91, F172 und F174) – mitgenommen habe. Er habe nicht gewusst, wohin
die Reise gehen würde (A33 F92), für welche er zudem nichts habe bezah-
len müssen (A12 Ziff. 5.02).
Nach dem Gesagten ist das vom Beschwerdeführer vorgebrachte zerrüt-
tete Verhältnis, zumindest zu seinem Vater, in zweiter Linie auch jenes zu
seinem Arbeitgeber, nicht glaubhaft. Auch wenn er bereits als Jugendlicher
in einem Arbeitsverhältnis gestanden hätte, ist nicht davon auszugehen,
der Beschwerdeführer habe sich in einem Ausbeutungsverhältnis befun-
den respektive müsste in ein solches zurückkehren.
8.3.4 Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, dass der Be-
schwerdeführer in C._ über ein tragfähiges soziales Netz verfügt
und er in die Obhut seiner Familie zurückkehren kann. Weil auch die wei-
teren im Rahmen des Kindeswohls zu berücksichtigenden Kriterien (vgl.
E. 8.3) erfüllt sind, erweist sich der Vollzug der Wegweisung als zumutbar.
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8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG und vgl. auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 49 VwVG). Die Be-
schwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Mit dem Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden. Das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätz-
lich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ange-
sichts der anerkannten Minderjährigkeit des Beschwerdeführers ist jedoch
gestützt auf Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2) auf die Auferlegung von Verfahrenskosten zu verzichten.
10.2 Das Gesuch um amtliche Verbeiständung ist bereits mangels Erfül-
lung der Kriterien von Art. 65 Abs. 1 VwVG abzuweisen.
(Dispositiv nächste Seite)
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