Decision ID: 7def270b-b175-57c2-9d84-4094f86b1dde
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im April 2016 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu einer
Rente der Invalidenversicherung an (EL-act. I/45), die ihm mit einer Verfügung vom 24.
Februar 2016 rückwirkend per 1. Juli 2013 zugesprochen worden war (EL-act. I/46).
Der Anmeldung lag ein Mietvertrag vom 28. Juli 2015 für die Zeit ab dem 1. August
2015 bei, laut dem der monatliche Wohnungsmietzins von 870 Franken unter anderem
auch die Gebühren für Kabel-TV enthielt (EL-act. I/50–1 f.). Auf eine Nachfrage der EL-
Durchführungsstelle hin reichte der EL-Ansprecher im August 2016 unter anderem
einen Mietvertrag vom 14. Februar 2011 für die Zeit ab dem 1. März 2011 ein (EL-act. I/
40–3). Der Wohnungsmietzins hatte 750 Franken betragen. Unter dem Titel „Heiz- und
Nebenkosten“ war unter anderem die Position „Kabel-TV“ angeführt, aber
durchgestrichen worden. Dieser Mietvertrag war gemäss einer Bestätigung der
Immobilienverwaltung per 31. März 2014 gekündigt worden (EL-act. I/40–4). Der EL-
Ansprecher machte geltend (EL-act. I/36–3), in der Zeit vom 1. April 2014 bis zum 31.
Juli 2015 habe er als Untermieter bei seiner Grossmutter gewohnt. Diese habe für den
Wohnungsmietzins 841 Franken pro Monat bezahlen müssen (vgl. EL-act. I/40–5). Da
die Wohnung klein gewesen sei, habe er eine Garage mieten müssen, um sein Mobiliar
und seine Habseligkeiten einzulagern. Der Mietzins für die Garage habe 105 Franken
pro Monat betragen (vgl. EL-act. I/40–6). Eine Sachbearbeiterin der EL-
Durchführungsstelle notierte (EL-act. I/35–1), für die Zeit bis Ende März 2014 sei ein
Mietzins von 750 Franken zu berücksichtigen, aber davon seien 20 Franken für die im
Mietzins enthaltenen Radio- und TV-Gebühren abzuziehen. Für die Zeit von April 2014
A.a.
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bis und mit Juli 2015 sei die Hälfte des Wohnungsmietzinses von 841 Franken
anzurechnen, aber auch von diesem Mietzins seien 20 Franken für die im Mietzins
enthaltenen Radio- und TV-Gebühren abzuziehen. Die Kosten für die zugemietete
Garage seien nicht zu berücksichtigen, weil sie nicht zur Befriedigung des
Wohnzwecks gedient hätten. Für die Zeit ab August 2015 sei ein Mietzins von 870
Franken abzüglich 20 Franken zu berücksichtigen. Mit einer Verfügung vom 1.
September 2016, die unter anderem eine detaillierte Auflistung der berücksichtigten
Wohnkosten sowie eine Begründung für den jeweiligen Abzug von 20 Franken pro
Monat enthielt, sprach die EL-Durchführungsstelle dem EL-Ansprecher per 1. Juli 2013
eine Ergänzungsleistung zu, die allerdings erst für die Zeit ab dem 1. März 2015 die
sogenannte Minimalgarantie – die direkt der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung ausbezahlte kantonale Durchschnittsprämie – überstieg
(EL-act. I/32). Den Berechnungsblättern liess sich entnehmen (EL-act. I/23 ff. und EL-
act. I/33 f.), dass die EL-Durchführungsstelle für die Zeit ab dem 1. Juli 2013 einen
Mietzins von 8’760 Franken (= 12 × [750 – 20] Franken), für die Zeit ab dem 1. April
2014 einen Mietzins von 4’926 Franken (= 12 × [841 – 20] Franken ÷ 2) und für die Zeit
ab dem 1. August 2015 einen Mietzins von 10’200 Franken (= 12 × [870 – 20] Franken)
berücksichtigt hatte. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Am 6. Juni 2019 ersuchte der EL-Bezüger um eine Wiedererwägung (EL-act. I/11).
Er machte geltend, der von der EL-Durchführungsstelle berücksichtigte Abzug vom
Mietzins von 20 Franken für die Radio- und TV-Gebühren sei zweifellos unrichtig. Der
Vermieter jener Wohnung, in der der EL-Bezüger bis und mit März 2014 gelebt habe,
habe bestätigt, dass er keine Radio- und TV-Gebühren verrechnet habe; der Anschluss
sei plombiert gewesen. Die zuständigen technischen Betriebe hätten bestätigt, dass
die Radio- und TV-Gebühren sowohl für die Wohnung, in der der EL-Bezüger von April
2014 bis und mit Juli 2015 gelebt habe, als auch für die Wohnung, in der er seit August
2015 lebe, über eine Gemeinschaftsantenne und nicht über die Mietzinsen abgerechnet
würden. Der Anschluss der aktuellen Wohnung sei wiederum plombiert. Die EL-
Durchführungsstelle antwortete dem EL-Bezüger am 18. Juni 2019, dass sie nicht auf
sein Wiedererwägungsgesuch eintrete (EL-act. I/10). Am Folgetag, am 19. Juni 2019,
erliess die EL-Durchführungsstelle jedoch eine Verfügung, mit der sie die laufende
Ergänzungsleistung per 1. Juni 2019 mit der folgenden Begründung um 20 Franken pro
A.b.
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Monat erhöhte (EL-act. I/8): „Neuberechnung der Ergänzungsleistungen infolge Wegfall
Kürzung Radio/TV-Anschluss. Bitte beachten Sie, dass wir gemäss Art. 25 ELV die
Berechnung erst ab demjenigen Monat anpassen, in welchem uns die Änderung
mitgeteilt wird“.
Am 18. Juli 2019 erhob der EL-Bezüger eine Beschwerde beim
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen (EL-act. I/2). Er machte geltend, die EL-
Durchführungsstelle habe am Telefon eingeräumt, dass sie den Sachverhalt
ursprünglich ungenügend abgeklärt habe und dass es falsch gewesen sei, jeweils 20
Franken vom Mietzins abzuziehen, dass die entsprechende Verfügung aber
rechtskräftig geworden sei und dass es nun in ihrem freien Belieben stehe, ob sie auf
ein Wiedererwägungsgesuch eintreten wolle oder nicht. Er selbst sei nicht „vom Fach“.
Seinem damaligen Rechtsvertreter sei nicht aufgefallen, dass dieser Abzug
unrechtmässig vorgenommen worden sei. Die EL-Durchführungsstelle habe den Fehler
zwar per 1. Juni 2019 korrigiert, aber sie verweigere die aus einer rückwirkenden
Korrektur resultierende Nachzahlung von rund 2’000 Franken. Er fühle sich
„ohnmächtig, in einem rechtsfreien Raum“ und er bitte deshalb nun um Hilfe. Ein
Mitarbeiter der EL-Durchführungsstelle notierte im August 2019 (EL-act. I/1), erst
aufgrund der im Juni 2019 eingereichten Unterlagen sei für die EL-Durchführungsstelle
ersichtlich gewesen, dass die ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung vom 1.
September 2016 an einem Fehler gelitten habe. In jener Verfügung sei aber „ausführlich
und für Laien klar erkennbar erklärt“ worden, dass und weshalb ein Abzug von 20
Franken vom Mietzins vorgenommen worden sei. Für den EL-Bezüger sei der Fehler
damals also – anders als für die EL-Durchführungsstelle – offensichtlich zu erkennen
gewesen. Trotzdem habe er die Verfügung in Rechtskraft erwachsen lassen. Die
Korrektur des Fehlers sei nun lediglich noch gestützt auf den Art. 53 Abs. 2 ATSG
möglich. Der Art. 25 ELV, auf den in der Verfügung vom 19. Juni 2019 hingewiesen
worden sei, sei nicht einschlägig, denn er betreffe nur revisionsweise Korrekturen.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung stehe es der EL-Durchführungsstelle
völlig frei, ob und in welchem Umfang sie eine Wiedererwägung durchführen wolle.
Man habe sich hier für eine Korrektur ab Juni 2019 entschieden. Das Schreiben vom
18. Juni 2019 sei so zu verstehen, dass man „nur“ keine rückwirkende Korrektur habe
vornehmen wollen. Das sei nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zulässig
A.c.
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B.
gewesen. Am 13. August 2019 beantragte die EL-Durchführungsstelle unter Hinweis
auf die Ausführungen des Sachbearbeiters die Abweisung der Beschwerde (EL-act. II/
24). Das Versicherungsgericht trat mit einem Entscheid vom 12. Dezember 2019 nicht
auf die vermeintliche Rechtsverweigerungsbeschwerde ein, da es die Eingabe vom 18.
Juli 2019 als eine Einsprache gegen die Verfügung vom 19. Juni 2019 interpretierte und
diese deshalb zuständigkeitshalber an die EL-Durchführungsstelle zur Bearbeitung
überwies (EL 2019/46; vgl. EL-act. II/6). Mit einem Entscheid vom 24. Februar 2020
wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache gegen die Verfügung vom 19. Juni
2019 ab (EL-act. II/3). Zur Begründung führte sie an, die Wiedererwägung einer
Verfügung stelle „eine Befugnis und nicht eine Verpflichtung der Verwaltung“ dar. Weil
der Versicherungsträger frei über die „Vornahme einer Wiedererwägung“ entscheiden
könne, könne er auch „über die zeitliche Wirkung derselben bestimmen“. Diese trete
„ex tunc, ex nunc oder pro futuro“ ein. Vorliegend habe die EL-Durchführungsstelle die
Korrektur nicht ex tunc, sondern ex nunc und pro futuro vorgenommen, was „in ihrem
gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung zustehenden schrankenlosen Ermessen“
stehe.
Am 12. März 2020 erhob der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 24. Februar 2020 (act. G 1). Er
beantragte sinngemäss die rückwirkende Korrektur bezüglich des Abzugs vom
Mietzins für Radio- und TV-Gebühren. Zur Begründung führte er aus, die EL-
Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe sich mit keinem
Wort zu ihrem Fehler geäussert. Sie berufe sich bloss immer auf die verpasste
Rechtsmittelfrist. Er habe aber den Schaden. Das müsse doch in einem Rechtsstaat
näher angeschaut werden.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 2. April 2020 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 3).
B.b.
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Erwägungen
1.
Der Beschwerdeführer hat seinen Wohnsitz im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung
im Kanton Thurgau gehabt. Bei einer sich nur am Wortlaut des Art. 58 Abs. 1 ATSG
orientierenden Auslegung müsste das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
seine örtliche Zuständigkeit verneinen, einen Nichteintretensentscheid erlassen und die
Beschwerde an das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau als Versicherungsgericht
überweisen. Zwar erscheint der Wortlaut des Art. 58 Abs. 1 ATSG als „klar“, weshalb
nach der bundesgerichtlichen Auffassung eine historische, systematische und
teleologische Interpretation des Art. 58 Abs. 1 ATSG unterbleiben müsste. Aber auch
ein vermeintlich „klarer“ Wortlaut kann vom eigentlichen Sinn und Zweck der Norm
abweichen. Erst die historische, systematische und teleologische Auslegung zeigt, ob
der „klare“ Wortlaut den wahren Willen des Gesetzgebers zum Ausdruck bringt. Wäre
eine Diskrepanz zwischen einem „klaren“ Wortlaut und dem wahren Sinn und Zweck
einer Norm zum Vorneherein ausgeschlossen, könnte das (bekannte) Phänomen der
„unechten“ Gesetzeslücke gar nie auftreten. Dieses Phänomen tritt allerdings
regelmässig auf. Auch der Art. 58 Abs. 1 ATSG enthält ganz offensichtlich eine solche
„unechte“ Gesetzeslücke, wie die folgenden Ausführungen zeigen werden.
1.1.
Den Materialien zum ATSG lässt sich entnehmen, dass der Art. 58 Abs. 1 ATSG
weitgehend dem früheren Art. 86 Abs. 3 KVG entspricht (der allerdings alternativ eine
örtliche Zuständigkeit am Sitz der Versicherung vorgesehen hatte). Mit dieser
(eingeschränkten) Anleihe an die frühere krankenversicherungsrechtliche Lösung hat
der historische Gesetzgeber den Grundsatz im ATSG verankern wollen, dass sich der
Gerichtsstand nach dem Wohnsitz der versicherten Person bestimmt (vgl. den Bericht
der Kommission des Nationalrates für soziale Sicherheit und Gesundheit vom 26. März
1999, BBl 1999 4620). Damit sollte nicht nur ein einheitliches Anknüpfungskriterium für
die örtliche Zuständigkeit geschaffen, sondern auch sichergestellt werden, dass sich
jenes Gericht mit einer Streitsache befasst, das dem zu beurteilenden Sachverhalt am
nächsten steht (vgl. dazu auch Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 58 N
9). An den eher seltenen Fall, dass die versicherte Person ihren Wohnsitzkanton im
Zeitraum zwischen der Einsprache- und der Beschwerdeerhebung wechselt, hat der
historische Gesetzgeber aber offenbar nicht gedacht.
1.2.
In systematischer Hinsicht ist massgebend, dass die
Bundessozialversicherungszweige einen unterschiedlich starken Bezug zum
kantonalen Recht aufweisen. Die erste Säule (AHV/IV), die Unfall- und die
1.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/17
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Militärversicherung richten sich beispielsweise ausschliesslich nach Bundesrecht. Die
Familienzulagen sind dagegen weitgehend kantonalrechtlich geregelt; die
entsprechenden Bundesgesetze (FamZG; FLG) enthalten lediglich gewisse
vereinheitlichende Rahmenbestimmungen. Dementsprechend sieht der Art. 22 FamZG
vor, dass sich die örtliche Zuständigkeit zur Behandlung einer Beschwerde in
Abweichung vom Art. 58 Abs. 1 ATSG danach bestimmt, welche (kantonale) Familien
zulagenordnung anwendbar ist. Selbst das AHVG und das IVG sehen allerdings trotz
der fehlenden kantonalrechtlichen Bezüge vor, dass nicht das Versicherungsgericht am
Wohnsitz der versicherten Person, sondern jenes am Ort der verfügenden Ausgleichs
kasse beziehungsweise IV-Stelle örtlich zuständig ist. Die jährliche Ergänzungsleistung
ist zwar weitgehend bundesrechtlich geregelt. Die Kantone können aber ergänzende
Vorschriften betreffend die jährliche Ergänzungsleistung erlassen, weshalb diese einen
starken kantonalrechtlichen Bezug aufweist. Die zweite Komponente der
Ergänzungsleistung, die Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten, richtet
sich sogar fast ausschliesslich nach kantonalem Recht. Das Bundesgesetz enthält nur
einige Minimal- und Rahmenvorschriften. Gesamthaft zeichnet sich das
Ergänzungsleistungsrecht also durch einen gewichtigen kantonalrechtlichen Bezug
aus. In systematischer Hinsicht drängt sich deshalb eine örtliche
Zuständigkeitsregelung auf, die diesem Umstand Rechnung trägt, denn andernfalls
wäre ein kantonales Versicherungsgericht gezwungen, anstelle des für es einzig
massgebenden Bundes- und kantonalen Rechtes ausserkantonale Bestimmungen
anzuwenden, was verfassungsrechtlich gar nicht zulässig wäre. Massgebendes Recht
für ein kantonales Versicherungsgericht kann aber nur das Bundesrecht und das Recht
des eigenen Kantons sein; das Recht eines anderen Kantons gehört dagegen nicht
zum geltenden Recht. Das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau als
Versicherungsgericht kann weder berechtigt noch verpflichtet sein, die Anwendung st.
gallischen EL-Rechtes durch die EL-Durchführungsstelle des Kantons St. Gallen auf
ihre Gesetzmässigkeit zu überprüfen. Die Zuständigkeitsordnung müsste im
Ergänzungsleistungsrecht also so ausgestaltet sein, dass die Anwendung von
ausserkantonalem „Nicht-Recht“ vermieden würde. Sie müsste folglich eher jener im
Familienzulagenrecht (das ebenfalls stark kantonalrechtlich geprägt ist) als jener im
Unfall- oder Militärversicherungsrecht (das ausschliesslich bundesrechtlich geregelt ist)
entsprechen. Aus systematischer Sicht ist das Fehlen einer entsprechenden
Abweichung vom Grundsatz im Art. 58 Abs. 1 ATSG somit als eine (unechte)
Gesetzeslücke zu qualifizieren.
Der Art. 58 Abs. 1 ATSG verfolgt zwei Ziele: Erstens will er ein einheitliches
Anknüpfungskriterium schaffen und zweitens will er einen engen sachlichen Bezug
1.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/17
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zwischen dem Verwaltungs- und dem Beschwerdeverfahren herstellen. Hinsichtlich der
Schaffung eines einheitlichen Anknüpfungskriteriums spielt es keine Rolle, ob am
Wohnsitz der versicherten Person, am Sitz der Versicherung oder daran angeknüpft
wird, welches kantonale Recht zur Anwendung kommt. Jedes dieser Kriterien
ermöglicht eine einheitliche örtliche Zuständigkeitsordnung. Bezüglich des engen
sachlichen Bezuges hat der historische Gesetzgeber zwar dem Wohnsitz der
versicherten Person den Vorzug gegeben, womit er wohl hat erreichen wollen, dass
diese ein allfälliges Beschwerdeverfahren dort führen kann, wo sie sich am besten
auskennt. Dabei hat er aber offenbar übersehen, dass dieses von ihm gewählte
Anknüpfungskriterium dann das angestrebte Ziel verfehlt, wenn die versicherte Person
ihren Wohnsitz erst kurz vor der Beschwerdeerhebung verlegt hat, weil sie dann ja
nicht am („gewohnten“) „alten“ Ort Beschwerde führen kann, sondern gezwungen ist,
sich am (noch „fremden“) „neuen“ Ort gegen einen Entscheid eines
Versicherungsträgers zu wehren. Die Anknüpfung am Wohnsitz der versicherten Person
im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung steht in einem solchen (eher ungewöhnlichen)
Fall also dem Sinn und Zweck des Art. 58 Abs. 1 ATSG diametral entgegen. In
sachlicher Hinsicht führt sie zum stossenden Ergebnis, dass das kantonale
Versicherungsgericht das Recht eines anderen Kantons anwenden müsste oder dass
es, was rein theoretisch ebenfalls in Frage käme, nach seinem eigenen einschlägigen
Recht einen Einspracheentscheid beurteilen müsste, der auf dem Recht eines anderen
Kantons beruhte, was zumindest aus der Sicht der Gleichbehandlung aller EL-Bezüger
jenes anderen Kantons zu unerträglichen Resultaten führen würde. Da die örtliche
Zuständigkeit der kantonalen Versicherungsgerichte für alle Fälle gleich geregelt sein
muss, muss das oben Ausgeführte auch dann gelten, wenn ein Beschwerdeverfahren
nur bundesrechtliche Bestimmungen beschlägt. Die teleologische Auslegung spricht
folglich ebenfalls für das Vorliegen einer (unechten) Gesetzeslücke.
Zusammenfassend lassen die historische, die systematische und die teleologische
Interpretation für den Fall, dass eine versicherte Person ihren Wohnsitz nach der
Einsprache-, aber vor der Beschwerdeerhebung in einen anderen Kanton verlegt hat,
nur die Lösung zu, dass vom Wortlaut des Art. 58 Abs. 1 ATSG abgewichen wird. Das
Bundesgericht hat dieses Interpretationsergebnis zwar im Urteil 9C_260/2018 vom 18.
Dezember 2018 als unzutreffend verworfen, aber es hat seine Auffassung nicht
sachlich, sondern bloss damit „begründet“, eine Änderung der bundesgerichtlichen
Praxis dränge sich nicht auf. Im Urteil 9C_192/2019 vom 25. April 2019 hat es sich
ebenfalls nicht mit der Interpretation des Art. 58 Abs. 1 ATSG auseinandergesetzt. Die
Begründung in jenem Urteil hat sich im Wesentlichen in einem Verweis auf das Urteil
9C_260/2018 vom 18. Dezember 2018 erschöpft. Ergänzend hat das Bundesgericht
1.5.
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2.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit. Der Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens muss deshalb jenem des Einspracheverfahrens entsprechen.
Weil es sich auch beim Einspracheverfahren um ein („echtes“) Rechtsmittelverfahren
gehandelt hat und weil sich dessen Zweck folglich in der Überprüfung der Verfügung
vom 19. Juni 2019 auf deren Rechtmässigkeit erschöpft hat, hat dessen Gegenstand
jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen müssen, das mit der
Verfügung vom 19. Juni 2019 abgeschlossen worden war. Auf den ersten Blick scheint
es sich bei der Verfügung vom 19. Juni 2019 um eine Revisionsverfügung im Sinne des
Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt zu haben, aber dieser Eindruck täuscht. Die
Beschwerdegegnerin hat mit der „Anpassung“ der Ergänzungsleistung für die Zeit ab
dem 1. Juni 2019 nämlich nicht, wie es für eine Anwendung des Art. 17 Abs. 2 ATSG
typisch wäre, auf eine Sachverhaltsveränderung reagiert, die erst nach der
ursprünglichen Leistungszusprache eingetreten wäre, sondern sie hat einen Fehler
behoben, der ihr bereits bei der ursprünglichen Leistungszusprache unterlaufen war.
Das zeigen sowohl die interne Notiz eines Sachbearbeiters vom August 2019 als auch
darauf hingewiesen, dass die „zuständigen Instanzen darüber zu befinden“ hätten,
wenn sich einmal tatsächlich der Fall einstellen sollte, dass ein kantonales
Versicherungsgericht ausserkantonales Recht anzuwenden hätte. „Von der gesetzlich
vorgegebenen Zuständigkeitsordnung abzuweichen, weil in einem rein hypothetischen
Einzelfall unter sehr besonderen Umständen die im Entscheid des
Versicherungsgerichtes [St. Gallen] geschilderte Konstellation eintreten könnte“,
verletze Bundesrecht. Diese Ausführungen zeigen, dass das Bundesgericht nicht bereit
gewesen ist, sich mit der Argumentation des St. Galler Versicherungsgerichtes
auseinander zu setzen, und dass es weiterhin ausnahmslos auf den Wortlaut des Art.
58 Abs. 1 ATSG abstellen will, obwohl in einer Sachverhaltskonstellation wie der
vorliegenden gewichtige Gründe gegen das Abstellen auf den Wortlaut sprechen. Ein
Bundesgerichtsurteil kann nur für den konkreten Fall verbindlich sein. Für andere Fälle
mit ähnlichen Sachverhaltskonstellationen kann es dagegen keine formale
Bindungswirkung entfalten, sondern nur kraft einer überzeugenden Begründung
„bindend“ sein. Weil die erwähnten Urteile des Bundesgerichtes keine überzeugende
Begründung enthalten, muss aus den oben angeführten Gründen für die Behandlung
der Beschwerde (lückenfüllend) das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
zuständig sein, weil im angefochtenen Einspracheentscheid kantonalrechtliches
Ergänzungsleistungsrecht zur Anwendung gekommen ist. Auf die fristgerecht erhobene
Beschwerde ist deshalb einzutreten.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/17
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die Begründung des angefochtenen Einspracheentscheides vom 24. Februar 2020
ganz eindeutig. Eine solche Korrektur eines bereits bei der ursprünglichen
Leistungszusprache begangenen Fehlers ist nur in Anwendung des Art. 53 Abs. 2
ATSG, das heisst im Rahmen einer Wiedererwägung, möglich. Bei der Verfügung vom
19. Juni 2019 hat es sich folglich um eine Wiedererwägungsverfügung gehandelt, was
auch die Beschwerdegegnerin expressis verbis bestätigt hat. In diesem
Beschwerdeverfahren ist deshalb die Rechtmässigkeit der wiedererwägungsweisen
Korrektur der ursprünglichen leistungszusprechenden Verfügung vom 1. September
2016 zu prüfen.
3.
Gemäss dem Art. 53 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger auf formell
rechtskräftige Verfügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese
zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Die
Beschwerdegegnerin hat bei der ursprünglichen Leistungszusprache einen Abzug von
20 Franken vom Mietzins vorgenommen, weil sie davon ausgegangen ist, dass im
Mietzins die zum allgemeinen Lebensbedarf gehörenden Gebühren für den Radio- und
TV-Anschluss enthalten gewesen seien. Die vom Beschwerdeführer eingereichten
Unterlagen zeigen, dass diese Annahme zweifellos unrichtig gewesen ist: Im
Mietvertrag für jene Wohnung, in der der Beschwerdeführer bis zum 31. März 2014
gelebt hat, ist die Position „Kabel-TV“ als Teil der Nebenkosten durchgestrichen
gewesen (EL-act. 40–3) und die Vermieterin hat ausdrücklich bestätigt, dass der
Anschluss plombiert gewesen ist (EL-act. 11–4); die Kabelanschlussgebühren für jene
Wohnung, in der der Beschwerdeführer vom 1. April 2014 bis zum 31. Juli 2015 mit
seiner Grossmutter gelebt hat, sind gemäss einer Bestätigung der technischen
Betriebe direkt der Grossmutter in Rechnung gestellt worden (EL-act. 11–8), die
ihrerseits vom Beschwerdeführer als Untermieter keine Beteiligung an diesen Kosten
gefordert hat; der Kabelanschluss in der seit dem 1. August 2015 vom
Beschwerdeführer bewohnten Wohnung ist ebenfalls plombiert gewesen (EL-act. 11–
8). Der Beschwerdeführer hat also für den gesamten hier massgebenden Zeitraum
keine Kabelanschlussgebühren bezahlt, die ihm vom Vermieter in Rechnung gestellt
worden wären, weshalb für den gesamten Zeitraum kein Abzug von monatlich 20
Franken für vermeintlich als Nebenkosten verrechnete Kabelanschlussgebühren hätte
vorgenommen werden dürfen. Die ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung
erweist sich in diesem Zusammenhang aber noch in einem weiteren Punkt als
zweifellos unrichtig: Der Beschwerdeführer hat in der Zeit von April 2014 bis und mit
Juli 2015 vorübergehend als Untermieter bei seiner Grossmutter gelebt. Jene Wohnung
3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/17
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mit lediglich drei Zimmern (EL-act. 40–5) hat nicht über genügend Raum für die
Unterbringung aller Habseligkeiten des Beschwerdeführers (einschliesslich der Möbel)
verfügt, weshalb dieser gezwungen gewesen ist, eine Garage zuzumieten, in der er sein
Mobiliar hat einstellen können (vgl. EL-act. 36–3). Der Mietzins für diese Garage hat
sich auf 105 Franken pro Monat belaufen (EL-act. 40–6). Die Beschwerdegegnerin hat –
ohne auf die konkreten Umstände einzugehen – die Garage als nicht dem existenziellen
Wohnbedürfnisses dienend qualifiziert und die entsprechenden Ausgaben bei der
Anspruchsberechnung ausser Acht gelassen. Das ist rechtswidrig gewesen, denn
entscheidend für die Anerkennung von Kosten als relevante Ausgaben zur Befriedigung
des existenziellen Wohnbedürfnisses ist der Sinn und Zweck, dem die gemieteten
Räumlichkeiten dienen. Nach der bundesgerichtlichen Auffassung spielt es
beispielsweise keine Rolle, ob die Räumlichkeiten auf zwei Wohnungen aufgeteilt sind
(vgl. BGE 100 V 52 sowie das unveröffentlichte Urteil des EVG P 1/92 vom 8.
September 1992). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat deshalb einen
zugemieteten Bastelraum eines EL-Bezügers, der in einer kleinen Maisonette-Wohnung
gelebt hat, als relevante Ausgabe im Sinne des Art. 10 Abs. 1 lit. b ELG anerkannt, weil
der EL-Bezüger mangels entsprechenden Stauraums in seiner kleinen Wohnung
gezwungen gewesen ist, einen Teil seiner Habseligkeiten im Bastelraum zu verstauen
(vgl. das Urteil EL 2013/26 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 17. Oktober
2014, E. 3). Beim Beschwerdeführer hat eine vergleichbare Platznot bestanden,
solange er als Untermieter bei seiner Grossmutter gewohnt hat. Der Mietzins für die ab
dem 1. Februar 2014 gemietete Garage ist für die Zeit bis Ende Juli 2015 als Ausgabe
anzurechnen, da der Mietvertrag monatlich hat gekündigt werden können und da der
Beschwerdeführer Ende Juli 2015 wieder in eine eigene Wohnung eingezogen ist. Die
Berichtigung dieser beiden Fehler (Abzug für nicht angefallene
Kabelanschlussgebühren, fehlende Anrechnung der Garage) hat sich direkt auf die
Höhe des EL-Anspruchs des Beschwerdeführers ausgewirkt, sie hat also dazu geführt,
dass sich der EL-Anspruch entsprechend erhöht hat. Da die Ergänzungsleistung die
Deckung des ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzminimums bezweckt, ist die
Erhöhung der monatlichen Ergänzungsleistung um 20 Franken respektive für den
Zeitraum vom 1. Februar 2014 bis zum 31. Juli 2015 um 125 Franken von erheblicher
Bedeutung im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG gewesen ist. Die Voraussetzungen für
eine wiedererwägungsweise Korrektur der ursprünglichen leistungszusprechenden
Verfügung vom 1. September 2016 sind folglich erfüllt gewesen.
Der verfahrensrechtliche „Mechanismus“ der Wiedererwägung einer früheren,
formell rechtskräftigen Verfügung umfasst notwendigerweise zwei Schritte, nämlich
zuerst die Aufhebung der formell rechtskräftigen, aber zweifellos unrichtigen, das heisst
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/17
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rechtswidrigen Verfügung und dann den Erlass einer neuen, rechtmässigen Verfügung.
Die Beseitigung der früheren Verfügung führt dazu, dass das mit der rechtswidrigen
Verfügung abgeschlossene Verwaltungsverfahren (hier: betreffend die erstmalige
Zusprache einer Ergänzungsleistung) wieder rechtshängig wird und folglich (erneut,
aber nun materiell richtig) abgeschlossen werden muss. Die wiedererwägungsweise
Korrektur der ursprünglichen leistungszusprechenden Verfügung vom 1. September
2016 beinhaltet also die Beseitigung der ursprünglichen Verfügung und die (erneute)
erstmalige Zusprache einer Ergänzungsleistung für die Zeit ab dem 1. Juli 2013. Nur
die Beseitigung der zweifellos unrichtigen Verfügung durch eine neue Verfügung, die
den früheren Fehler vollständig korrigiert, kann der erheblichen Bedeutung der
Berichtigung vollumfänglich Rechnung tragen. Würde die Korrektur nicht rückwirkend,
sondern nur für die Zukunft vorgenommen, bliebe ja die als zweifellos unrichtig
erkannte Verfügung für eine bestimmte Periode in der Vergangenheit weiterhin
wirksam, obwohl deren Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist; es würde also
bewusst eine weiter bestehende „Teil“-Rechtswidrigkeit in Kauf genommen, was dem
Sinn und Zweck der Wiedererwägung diametral zuwiderlaufen würde.
Die Beschwerdegegnerin hat sich auf den Standpunkt gestellt, dass es ihr gemäss
der bundesgerichtlichen Auffassung frei gestanden habe, den Wirkungszeitpunkt der
wiedererwägungsweisen Korrektur nach eigenem Belieben zu bestimmen: „ex tunc, ex
nunc oder pro futuro“ (wobei nicht klar ist, worin der Unterschied zwischen einer
Korrektur ex nunc und einer Korrektur pro futuro bestehen soll, es sei denn die
Beschwerdegegnerin hätte damit andeuten wollen, dass sie ihren Fehler auch
beispielsweise erst mit Wirkung ab dem 1. Juni 2032 hätte beheben können). Der von
der Beschwerdegegnerin in diesem Zusammenhang ausdrücklich verwendete Begriff
eines „schrankenlosen Ermessens“ ist nichts anderes als ein Euphemismus für
„Willkür“. Die Beschwerdegegnerin hat also behauptet, dass der Art. 53 Abs. 2 ATSG
nach der bundesgerichtlichen Auffassung dem Sozialversicherungsträger ausdrücklich
eine willkürliche Bestimmung des Wirkungszeitpunktes einer Wiedererwägung erlaube.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob diese Interpretation des Art. 53 Abs. 2 ATSG richtig ist.
3.3.
Das den Versicherungsträgern angeblich zustehende „schrankenlose Ermessen“
bezüglich des Wirkungszeitpunktes einer Wiedererwägung wird damit begründet, dass
ein Versicherungsträger gemäss dem Art. 53 Abs. 2 ATSG nicht zur Eröffnung eines
Wiedererwägungsverfahrens verpflichtet sei respektive gezwungen werden könne, weil
der Art. 53 Abs. 2 ATSG – anders als der Art. 53 Abs. 1 ATSG – als eine „Kann-
Bestimmung“ ausgestaltet sei; wenn aber der Versicherungsträger frei entscheiden
könne, ob er sich überhaupt mit einem Wiedererwägungsbegehren materiell befassen
3.4.
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wolle, müsse er erst recht frei über den Wirkungszeitpunkt einer allfälligen
Wiedererwägung entscheiden können. Im Schrifttum wird das angebliche
„schrankenlose Ermessen“ betreffend die Eintretensfrage allerdings schon seit
Jahrzehnten kritisiert. Ulrich Meyer-Blaser stellte sich beispielsweise auf den
Standpunkt (Die Abänderung formell rechtskräftiger Verwaltungsverfügungen in der
Sozialversicherung, in: ZBl 1994, S. 355), das Verständnis der Wiedererwägung als
einer einseitigen, richterlich unüberprüfbaren Befugnis der Behörde, die den
Betroffenen in die Rolle eines reinen Objekts behördlichen Handelns oder Unterlassens
versetze, solle preisgegeben werden. Alfred Maurer vertrat die Auffassung
(Schweizerisches Sozialversicherungsrecht, Band I, 1983, S. 478), beim Vorliegen einer
qualifizierten Unrichtigkeit sei der Versicherungsträger nicht nur berechtigt, sondern
grundsätzlich – jedenfalls immer bei Dauerleistungen – verpflichtet, die fehlerhafte
Verfügung zurückzunehmen. Ueli Kieser erachtete es als nicht nachvollziehbar, dass
bei einer zweifellosen Unrichtigkeit kein Anspruch auf eine Wiedererwägung bestehen
solle (Die Abänderung der formell rechtskräftigen Verfügung nach der Rechtsprechung
des EVG, in: SZS 1991, S. 147). Alexandra Rumo-Jungo vertrat zwar die Auffassung
(Die Instrumente zur Korrektur der Sozialversicherungsverfügung, in: Verfahrensfragen
in der Sozialversicherung, S. 287), die Beantwortung der Eintretensfrage liege im
Ermessen der Verwaltung, aber die Verwaltung müsse dieses Ermessen pflichtgemäss
unter Berücksichtigung der verfassungsrechtlichen Grundsätze ausüben; die allfällige
Nichteintretensverfügung sei wie jede andere Verfügung anfechtbar, wobei sich der
Streitgegenstand auf die Eintretensfrage beschränke, was praktisch nur – aber
immerhin – eine Willkürprüfung zulasse. Daniel Jacobi wies darauf hin (Der Anspruch
auf Wiedererwägung von Verfügungen in der Sozialversicherung, in: ZBJV 2002, S. 479
f.), dass die „Kann-Formel“ in den allgemein geltenden Grundsatz des pflichtgemässen
Handelns und Ermessens der Verwaltung, auf den das EVG früher hingewiesen habe,
eingebunden sein müsse, weshalb anzuerkennen sei, dass ein
Nichteintretensentscheid als Verwaltungsakt den Verfügungsbegriff erfülle und deshalb
anfechtbar sein müsse. Zudem sei mit Blick auf die enge „Verwandtschaft“ zwischen
der Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG und der sogenannt prozessualen
Revision nach Art. 53 Abs. 1 ATSG nicht einzusehen, weshalb ein durchsetzbarer
Anspruch auf eine sogenannt prozessuale Revision, aber kein solcher Anspruch auf
eine Wiedererwägung bestehen sollte, da doch letztlich beide Instrumente das Ziel der
Verwirklichung des materiellen Rechtes verfolgten. Das Bundesgericht hat sich bislang
nicht zu einer Änderung seiner verfassungs- und gesetzeswidrigen Praxis durchringen
können, wonach die Verwaltung mit einem „schrankenlosen Ermessen“ (also
willkürlich) über die Eintretensfrage entscheiden könne. Zur Verteidigung seiner
Auffassung hat es lediglich die (unbewiesene) Behauptung ins Feld führen können, ein
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durchsetzbarer Anspruch auf eine Wiedererwägung würde den ordentlichen
Rechtsmittelweg illusorisch machen (vgl. die Nachweise bei Jacobi, a.a.O., S. 472).
Diese Behauptung kann nicht zutreffen, weil die Wiedererwägung nur unter strengen
Voraussetzungen – zweifellose Unrichtigkeit und erhebliche Bedeutung der
Berichtigung – zulässig ist, was bedeutet, dass in den meisten Fällen, in denen das
ordentliche Rechtsmittel nicht rechtzeitig ergriffen worden ist, eine Wiedererwägung
nicht in Frage kommt. Zudem müsste mit dieser Argumentation auch ein
durchsetzbarer Anspruch auf eine sogenannt prozessuale Revision verneint werden,
denn auch diese hat eine Korrektur einer formell rechtskräftigen Verfügung ausserhalb
des ordentlichen Rechtsmittelweges zur Folge. Zu beachten ist auch, dass der
Gesetzgeber sowohl auf dem Weg der sogenannt prozessualen Revision als auch auf
dem Weg der Wiedererwägung für Fälle, in denen das Interesse an der Durchsetzung
des materiellen Rechtes in einem besonders ausgeprägten Widerspruch zum Interesse
an der Rechtsverbindlichkeit einer formell rechtskräftigen Verfügung steht, dem
Interesse an der Durchsetzung des materiellen Rechtes den Vorzug eingeräumt hat,
dass dieser klare gesetzgeberische Wille aber ins Leere läuft, wenn die
Wiedererwägung zu einem „Rechtsbehelf“ herabgestuft wird, auf den die Verwaltung
nach freiem Belieben eintreten kann – oder auch nicht. Zu besonders stossenden
Ergebnissen führt diese Sichtweise in jenen Fällen, die Dauerleistungen betreffen.
Selbst wenn die Sozialversicherungsträger nach eigenem Ermessen über die
Eintretensfrage entscheiden könnten, müsste dieses Ermessen – wie jeder andere
Ermessensspielraum auch – pflichtgemäss, das heisst in Übereinstimmung mit dem
Normzweck und unter Beachtung der Verfassungsnormen, wie etwa dem
Verhältnismässigkeitsprinzip, dem Gleichbehandlungsgebot und dem Grundsatz von
Treu und Glauben, ausgeübt werden (vgl. Benjamin Schindler, Verwaltungsermessen,
2010, S. 176). Das Bundesgericht hat sich bislang nie zum Zusammenspiel zwischen
dem angeblich im Art. 53 Abs. 2 ATSG verankerten Ermessensspielraum und seiner
eigenen Rechtsprechung zur Pflicht des Sozialversicherungsträgers geäussert, ein ihm
zukommendes Ermessen pflichtgemäss auszuüben, auf die es zum Beispiel im BGE 98
V 129 hingewiesen hat: „Ermessensmissbrauch ist gegeben, wenn die Behörde im
Rahmen des ihr eingeräumten Ermessens bleibt, sich aber von unsachlichen, dem
Zweck der massgebenden Vorschriften fremden Erwägungen leiten lässt oder
allgemeine Rechtsprinzipien, wie das Verbot von Willkür und von rechtsungleicher
Behandlung, das Gebot von Treu und Glauben sowie den Grundsatz der
Verhältnismässigkeit verletzt“ (E. 2, S. 131 f.). Eine überzeugende Erklärung dafür,
weshalb der Gesetzgeber nur bei der Anwendung des Art. 53 Abs. 2 ATSG diese
fundamentalen verfassungsmässigen beziehungsweise rechtsstaatlichen Grundsätze
vollständig über Bord geworfen haben soll, hat das Bundesgericht nicht liefern können.
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Bei einer den rechtsstaatlichen Prinzipien Rechnung tragenden Interpretation kann kein
„schrankenloses“ Ermessen bezüglich der Eintretensfrage und erst recht kein
„schrankenloses“ Ermessen bezüglich der materiellen Entscheidung gerechtfertigt
werden. Die bundesgerichtliche Interpretation des Art. 53 Abs. 2 ATSG und des darin
enthaltenen Wortes „kann“ ist somit gesetzes- und verfassungswidrig.
Selbst wenn der Sozialversicherungsträger mit einem „schrankenlosen Ermessen“
über die Eintretensfrage entscheiden könnte, könnte er nicht mit derselben „schranken
losen“ Freiheit über die materiellen Wirkungen der Wiedererwägung verfügen, denn die
Frage nach dem Wirkungszeitpunkt ist nicht, wie das Bundesgericht offenbar glaubt,
„das Kleinere“, das in der Frage nach der Eröffnung eines Wiedererwägungsverfahrens
als „dem Grösseren“ (in maiore minus) eingeschlossen wäre. Die Eintretensfrage
beschlägt nämlich nur die Entscheidung, ob ein Verwaltungsverfahren zu eröffnen sei.
Entschliesst sich ein Versicherungsträger, ein Wiedererwägungsverfahren zu eröffnen,
befindet er sich nicht in einem „rechtsfreien Raum“, der in der nach „schrankenlosem
Ermessen“ (also: willkürlich) gefällten Entscheidung, auf ein Wiedererwägungsbegehren
einzutreten, enthalten wäre. Sobald ein Wiedererwägungsverfahren eröffnet worden ist,
unterscheidet sich dieses durch nichts von jedem anderen Verwaltungsverfahren. Der
Sozialversicherungsträger ist selbstverständlich an die Bundesverfassung und an die
Bundesgesetze gebunden, das heisst er ist insbesondere dem Legalitätsprinzip (Art. 5
Abs. 1 BV) und dem Gleichbehandlungsgebot (Art. 8 Abs. 1 BV) verpflichtet und er hat
sich verfahrensrechtlich sowie materiellrechtlich an die nach Art. 190 BV verbindlichen
Gesetzesbestimmungen zu halten. Die Auffassung, er könne in jedem beliebigen Punkt
von den materiellen Vorgaben des Gesetzes abweichen, weil ja bereits der Umstand,
dass er überhaupt ein Wiedererwägungsverfahren eröffnet habe, allein seinem „bien
plaire“ entspringe (vgl. Fritz Gygi, Verwaltungsrecht, 1986, S. 317), widerspricht
sämtlichen rechtsstaatlichen Prinzipien. Das Bundesgericht hat die angebliche
(materielle) Freiheit, willkürlich zu entscheiden, bisher – soweit überblickbar – auf den
Wirkungszeitpunkt der Wiedererwägung beschränkt. Aber wenn der Wirkungszeitpunkt
willkürlich festgesetzt werden kann, weil diese materielle Frage ja angeblich innerhalb
des Bereichs des „schrankenlosen Ermessens“ bezüglich der Eintretensfrage liegt,
muss es dem Versicherungsträger erlaubt sein, auch andere materiellen Fragen
willkürlich zu beantworten (womit es zum Beispiel ohne Weiteres zulässig wäre,
wiedererwägungsweise einen nachgewiesenen Vermögensverzicht bei der EL-
Anspruchsberechnung zu ignorieren). Im Art. 53 Abs. 2 ATSG findet sich nämlich kein
Hinweis darauf, dass sich die Freiheit, willkürlich zu entscheiden, nur auf die Frage
nach dem Wirkungszeitpunkt beschränken würde. Wenn das
Wiedererwägungsverfahren tatsächlich in jeder Hinsicht dem „schrankenlosen
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Ermessen“ des Sozialversicherungsträgers ausgeliefert wäre, könnten
Wiedererwägungsverfügungen nie einer gerichtlichen Überprüfung zugeführt werden,
denn diese Überprüfung müsste sich in der Feststellung erschöpfen, dass jede noch so
willkürliche Rechtsanwendung gesetzmässig sei. Wenn ein kantonales
Versicherungsgericht oder das Bundesgericht eine Wiedererwägungsverfügung
korrigieren würde, würde das Gericht nämlich in einer unzulässigen Weise in das
„schrankenlose Ermessen“ des Sozialversicherungsträgers eingreifen, was
gesetzwidrig wäre. Die bundesgerichtliche Auffassung, laut der ein
Nichteintretensentscheid bezüglich eines Wiedererwägungsbegehrens nicht in
Verfügungsform zu eröffnen sei, weil er nicht gerichtlich überprüft werden könne,
müsste auch auf jene Wiedererwägungsverfügungen angewendet werden, mit denen
eine materiell-rechtliche Korrektur vorgenommen worden wäre, wenn das
„schrankenlose Ermessen“ tatsächlich auch eine völlige Willkürfreiheit für sämtliche
Fragen des Wiedererwägungsverfahrens beinhalten würde, wie die
Beschwerdegegnerin offenbar annimmt. Zusammenfassend müsste jedes
Wiedererwägungsverfahren vollumfänglich ausserhalb des Sozialversicherungs-
respektive Verwaltungs- und Verwaltungsverfahrensrechtes ablaufen. Diese Auffassung
lässt sich mit den massgebenden Gesetzesbestimmungen nicht in Einklang bringen,
weshalb sie als gesetzwidrig zu verwerfen ist.
Die wiedererwägungsweise Korrektur der ursprünglichen leistungszusprechenden
Verfügung vom 1. September 2016 ist folglich ex tunc vorzunehmen, das heisst
rückwirkend auf den Anspruchsbeginn am 1. Juli 2013. Das bedeutet, dass das
massgebende Ausgabentotal für den gesamten Zeitraum um 20 Franken pro Monat
respektive um 240 Franken pro Jahr und für die Zeit vom 1. Februar 2014 bis zum 31.
Juli 2015 um 125 Franken pro Monat (= 20 + 105 Franken) respektive um 1’500
Franken pro Jahr zu erhöhen ist, da der anrechenbare Mietzins auch nach dieser
Korrektur für den gesamten Zeitraum weniger als das gesetzliche Mietzinsmaximum
beträgt. Damit übersteigt der massgebende Ausgabenüberschuss für die Monate Juli
und August 2013 neu die sogenannte Minimalgarantie um 197 Franken pro Jahr
respektive um 17 Franken pro Monat. Für die Monate September 2013 bis und mit
März 2014 bleibt es bei der sogenannten Minimalgarantie. Für die Monate April bis und
mit Dezember 2014 resultiert weiterhin ein Einnahmenüberschuss. Für die Monate
Januar und Februar 2015 bleibt es beim Anspruch auf die sogenannte Minimalgarantie.
Für die Monate März 2015 bis und mit Juli 2015 erhöht sich der EL-Anspruch um je
125 Franken pro Monat und für die Zeit von August 2015 bis und mit Mai 2019 erhöht
er sich um je 20 Franken pro Monat. Aus der mit diesem Urteil vorgenommenen
rückwirkenden Korrektur dürfte also eine Nachzahlung von 2 × 17 + 4 × 125 + 47 × 20
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4.
Gerichtskosten sind gemäss dem nach Art. 82a ATSG anwendbaren Art. 61 lit. a ATSG
in der bis zum 31. Dezember 2020 gültigen Fassung nicht zu erheben.