Decision ID: 2c3bc921-3b12-5078-ad93-3fddb6a07b50
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 28. September 2020 zusammen
mit ihrem Ehemann und ihren Kindern (separates Beschwerdeverfahren E-
4739/2021) in der Schweiz um Asyl nach und wurde dem Bundesasylzent-
rum (BAZ) Zürich zugewiesen. Am 7. Oktober 2020 wurden sie zu ihren
Personalien (Personalienaufnahme, PA) und am 24. November 2020 in
Anwesenheit ihrer Rechtsvertretung zu ihren Asylgründen befragt.
A.b Die Beschwerdeführerin machte zur Begründung ihres Asylgesuchs im
Wesentlichen Folgendes geltend:
Sie sei Bosniakin und im Dorf B._ / C._ geboren. Nach acht
Schuljahren habe sie als (...) – respektive Chefin in einer (...) – gearbeitet.
Die finanzielle Situation der Familie sei angespannt gewesen. Sie hätten
Sozialhilfe bezogen und seien von ihrer Mutter, welche eine Rente aus der
Schweiz beziehe, sowie einer Schwester finanziell unterstützt worden. Sie
habe zusammen mit ihrem Ehemann und den gemeinsamen vier Kindern
in C._ im Elternhaus mit dem Schwager und dessen Familie zu-
sammengewohnt. (...) habe sie einen Verkehrsunfall gehabt. Sie sei mit
einer Strassenlaterne kollidiert, wodurch eine Person namens D._
verletzt worden sei. Sie seien beide ins Spital eingeliefert worden.
D._ sei vor ihr entlassen worden, jedoch (...) Monate später an ei-
ner Thrombose verstorben. In einem ersten Prozess sei sie freigesprochen
worden. Dann hätten die Familienangehörigen von D._ einen zwei-
ten Prozess angestrengt, in dessen Verlauf sie wegen Schmiergeldzahlun-
gen der Familie E._ zu einer (...) Haftstrafe verurteilt worden sei.
Sie habe die Strafe zu Hause mit einer Fussfessel verbüssen können, da
sie zu dieser Zeit ein Kleinkind gehabt habe. Nach Verbüssung der Haft-
strafe sei sie zur Zahlung einer Genugtuungssumme an die Familie
E._ in Höhe von (...) Euro verpflichtet worden. Das Geld habe auf-
grund ihrer prekären finanziellen Verhältnisse jedoch nicht eingetrieben
werden können, weshalb das Gericht den Fall seit (...) für beendet betrach-
tet habe. Die Familie E._ habe jedoch ihren Mann am (...) 2019
verprügeln lassen. Dabei sei ihrem Mann mitgeteilt worden, dass ihre Fa-
milie die Summe unbedingt zu bezahlen habe. Sie habe ihren Mann von
einer Anzeige abgehalten, da es bei Nacht geschehen sei und somit keine
Zeugen vorhanden gewesen seien. Von (...) 2019 bis (...) 2020 sei ihr äl-
tester Sohn von einem Unbekannten vier Mal angesprochen und darauf
hingewiesen worden, dass ihre Familie die Summe zu bezahlen habe. Ihr
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Ehemann habe nach dem ersten Mal, als ihr ältester Sohn bedroht worden
sei, im (...) 2019 auf dem Polizeiposten eine Anzeige aufgeben wollen.
Während ein Polizist das Protokoll aufgenommen habe, sei ein hochkarä-
tiger Polizeibeamter respektive der Polizeikommandant dazugekommen
und habe den Polizisten angewiesen, die Protokollierung zu beenden und
die Anzeige nicht entgegenzunehmen. Dieser Kommandant habe ihren
Mann als Bosniaken übel beschimpft und die Aufgabe der Anzeige erfolg-
reich verhindert. Am (...) 2020 sei sie von Unbekannten in ihrem Auto an-
gehalten und verschleppt worden. Man habe sie zu einem abgelegenen
Gebäude gefahren. Dort sei sie von den unbekannten und maskierten
Männern (...) worden. Danach sei sie von diesen Personen im Kofferraum
von deren Auto zu ihrem Haus gebracht worden. Sie habe ihrer Familie nie
etwas von diesem Vorfall erzählt, so dass diese bis heute nicht davon
wüssten. Sie habe auch nie einen Versuch unternommen, die Übergriffe
anzuzeigen. Vor (...) 2020 habe dann ein Auto vor ihrem Haus angehalten.
Ein Mann sei ausgestiegen, habe ihren Mann beleidigt und bedroht.
Schliesslich sei ihr ältester Sohn am (...) 2020 erneut von einer unbekann-
ten Person angesprochen und bedroht worden. Daraufhin hätten sie ent-
schlossen, Serbien zu verlassen. Am (...) September 2020 seien sie aus-
gereist und tags darauf in die Schweiz gereist.
A.c Die Beschwerdeführerin, ihr Ehemann und ihre Kinder reichten ihre
serbischen Reisepässe, die Identitätskarte ihres Ehemannes (jeweils im
Original) sowie diverse Beweismittel betreffend ihr Gerichtsverfahren (16
an der Zahl, vgl. Auflistung in E. I Ziff. 3 der angefochtenen Verfügung) ein.
B.
Mit Zuteilungsentscheid vom 3. Dezember 2020 wurde das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin dem erweiterten Verfahren zugewiesen. Die mit Voll-
macht vom 14. Oktober 2020 mandatierte Rechtsvertretung erklärte glei-
chentags ihr Mandatsverhältnis mit der Beschwerdeführerin für beendet.
C.
Mit Verfügung vom 19. Oktober 2021 – eröffnet am 22. Oktober 2021 –
verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführe-
rin, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug an. Gleichzeitig händigte sie ihr die editionspflich-
tigen Akten aus. Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
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Seite 4
D.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 28. Oktober 2021
beantragte die Beschwerdeführerin die Aufhebung der angefochtenen Ver-
fügung, die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung
von Asyl, eventualiter die vorläufige Aufnahme in der Schweiz sowie sube-
ventualiter die Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung an die Vo-
rinstanz. In prozessualer Hinsicht beantragte sie die Bewilligung der unent-
geltlichen Rechtspflege inklusive Kostenvorschussverzicht sowie die Be-
stellung der rubrizierten Rechtsanwältin als unentgeltliche Rechtsbeistän-
din. Auf die Begründung wird – soweit wesentlich – in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
29. Oktober 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM aus, dass Übergriffe
durch Dritte oder Befürchtungen, künftig solchen ausgesetzt zu sein, nur
dann flüchtlingsrechtlich relevant seien, wenn der Staat weder schutzwillig
noch schutzfähig sei. Schutz sei generell gewährleistet, wenn funktionie-
rende wirksame Polizei- und Justizorgane zur Ermittlung, Strafverfolgung
und Ahndung von Verfolgungshandlungen bestünden. Der Zugang zu die-
sem Schutz und dessen Inanspruchnahme müsse zumutbar sein.
Dies sei vorliegend der Fall. Die dargelegten Vorfälle stellten auch in Ser-
bien Straftatbestände dar, die strafrechtlich verfolgt würden. In Einzelfällen
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könne es aufgrund der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit zwar
vorkommen, dass Behördenvertreter meist niederer Chargen die notwen-
digen Untersuchungsmassnahmen trotz wiederholtem Intervenieren nicht
einleiteten. Es bestehe jedoch die Möglichkeit, gegen fehlbare Beamte auf
dem Rechtsweg vorzugehen und die zustehenden Rechte bei höheren In-
stanzen einzufordern. Der serbische Staat sei bestrebt, Verfehlungen von
Beamten zu ahnden. Die Beschwerdeführerin habe einerseits angegeben,
hinsichtlich der geltend gemachten Übergriffe, welche sie selbst erlebt
habe, keine Anzeige erstattet zu haben, weil sie befürchtet habe, ihrer Fa-
milie könnte etwas zustossen. Da sie gar nicht erst den Versuch unternom-
men habe, bei den serbischen Behörden um Schutz zu ersuchen, könne
diesen auch nicht mangelnder Schutzwille und fehlende Schutzfähigkeit
vorgeworfen werden. Vielmehr habe sie, indem sie sich aufgrund der er-
wähnten Vorfälle nie an die Behörden gewandt habe, darauf verzichtet, den
Behörden die Möglichkeit zu geben, ihrer Schutzpflicht nachzukommen.
Hinweise auf einen erschwerten oder unzumutbaren Zugang zu den
Schutzorganen lägen nicht vor. Ferner habe sie angegeben, nach der von
der Polizei verweigerten Anzeigeentgegennahme nicht mehr versucht zu
haben, eine Anzeige aufzugeben, da die Behörden den Muslimen gegen-
über sehr frech seien. Schliesslich fänden sich in ihren Aussagen keine
weiteren Hinweise darauf, dass sie oder ihre Familie sich auf dem Rechts-
weg gegen die geltend gemachte Untätigkeit der Behörden zur Wehr ge-
setzt hätte. Überdies sei festzuhalten, dass sich die Lage der ethnischen
Minderheiten in Serbien im Zuge des demokratischen Wandels merklich
verbessert habe und mit weiteren Verbesserungen in den Bereichen Anti-
diskriminierung und Minderheitenschutz zu rechnen sei.
Ihre Schilderungen sowie die ihres Ehemannes seien hinsichtlich des Ver-
suches einer Anzeigeerstattung sodann stark widersprüchlich ausgefallen.
Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb es zu einem für die Einschätzung
ihrer weiteren Lebensperspektive in Serbien so zentralen Punkt zu wider-
sprüchlichen Angaben gekommen sei.
Da vom Vorhandensein eines adäquaten Schutzes durch den Heimatstaat
auszugehen sei, seien die geltend gemachten Übergriffe in ihrem Fall
flüchtlingsrechtlich nicht relevant.
5.2 Zur Begründung ihrer Beschwerde hielt die Beschwerdeführerin ein-
gangs fest, dass ihre Vorbringen glaubhaft ausgefallen seien, was vom
SEM im Allgemeinen auch nicht bestritten worden sei. Entgegen der Mei-
nung des SEM bestehe hinsichtlich des Vorfalls auf dem Polizeiposten gar
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kein Widerspruch. Ausserdem habe sie hierzu keine Aussagen aus erster
Hand machen können, da sie gar nicht anwesend gewesen sei.
Sie hätten versucht, bei der serbischen Polizei eine Strafanzeige gegen die
Familie E._ einzureichen. Der Kommandant des Polizeipostens
habe sich jedoch persönlich eingemischt und die Entgegennahme der An-
zeige verhindert, ihren Ehemann aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit
beleidigt sowie ihm für den Fall, dass er sich noch einmal melden sollte,
bedroht. Sie hätten daher keine Möglichkeiten gesehen, sich wirksam zu
wehren und ihr Leben zu schützen; sie hätten keine Mittel gehabt, sich ge-
gen den Kommandanten zur Wehr zu setzen. Aufgrund des jahrzehntelan-
gen Rechtsstreits mit der Familie E._ seien sie zermürbt und als
mittellose muslimische Bosniaken hätten sie in einem korrupten System
wie Serbien keine Chance. Der serbische Staat verweigere ihnen aufgrund
ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit den Schutz. Deshalb erfüll-
ten sie die Flüchtlingseigenschaft und es sei ihnen Asyl zu gewähren.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die angefochtene Verfügung zu stützen ist. Die Vorinstanz
kam in ihrer Verfügung mit zutreffender Begründung zum Schluss, die ser-
bischen Behörden seien schutzfähig und schutzwillig und die geltend ge-
machten Übergriffe deshalb flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Mit ihrer Be-
schwerdeeingabe vermag die Beschwerdeführerin den überzeugenden vo-
rinstanzlichen Argumenten nichts Stichhaltiges entgegenzuhalten, zumal
sich diese im Wesentlichen in der Wiederholung des bereits bekannten
Sachverhalts und in pauschalen Gegenbehauptungen erschöpft. Mit den
nachfolgenden Ergänzungen kann daher zur Vermeidung von Wiederho-
lungen auf die vorinstanzlichen Ausführungen verwiesen werden, welche
vollumfänglich zu bestätigen sind.
6.2 Der Bundesrat hat Serbien als sicheren Drittstaat («safe country») im
Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG bezeichnet (vgl. Asylverordnung 1
über Verfahrensfragen vom 11. August 1999, SR 142.311, Anhang 2). Für
sichere Drittstaaten besteht die gesetzliche Regelvermutung, dass eine
asylrelevante staatliche Verfolgung nicht stattfinde und Schutz vor nicht-
staatlicher Verfolgung gewährleistet sei. Es handelt sich hierbei um eine
relative Verfolgungssicherheit, welche im Einzelfall auf Grund konkreter
und substanziierter Hinweise umgestossen werden kann. Dies gelingt der
Beschwerdeführerin vorliegend nicht. Die Gründe hierfür wurden von der
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Vorinstanz zutreffend und ausführlich dargelegt. Selbst bei Wahrunterstel-
lung der angeblichen Intervention und Drohungen durch den Polizeikom-
mandanten (an deren Glaubhaftigkeit durchaus berechtigte Vorbehalte an-
zubringen wären), welcher die Aufgabe ihrer Anzeige verhindert haben soll,
müssen sie und ihre Familie sich vorhalten lassen, nicht sämtliche inner-
staatlichen Möglichkeiten ausgeschöpft respektive den Rechtsweg be-
schritten zu haben. Hierbei wäre es ihnen auch problemlos möglich gewe-
sen im Bedarfsfall einen Rechtsanwalt zu mandatieren, so wie sie es ja
bereits in den vorangegangenen Gerichtsverfahren mit der finanziellen Un-
terstützung von Verwandten getan haben, (vgl. vorinstanzliche Akten [...]-
55/19 [nachfolgend act. 55] F85, F104 f.; act. 54 F24; act. 66 F60, F78).
Betreffend die von ihr persönlich erlittenen Übergriffe versuchte sie gar
nicht erst, die Hilfe der Behörden in Anspruch zu nehmen (vgl. act. 66 F59
f.). Sodann geht aus den Akten nicht hervor, dass sie und ihre Familie von
den serbischen Behörden generell aufgrund ihrer Ethnie oder Religion dis-
kriminiert worden wären. Im Gegenteil: Ihren Aussagen ist unter anderem
zu entnehmen, dass sich andere Polizeibeamte durchaus hilfsbereit und
pflichtbewusst gezeigt haben und dazu bereit waren, ihre Anzeige entge-
genzunehmen (vgl. act. 55, F83, F103; act. 66 F48); Mit ihrem pauschalen
Hinweis auf ihre bosniakische Ethnie und ihre Religionszugehörigkeit in ih-
rer Beschwerdeeingabe vermögen sie die genannte gesetzliche Regelver-
mutung klarerweise nicht zu widerlegen. Es ist daher davon auszugehen,
die serbischen Behörden würden ihr im Falle einer Rückkehr den benötig-
ten Schutz gewähren.
6.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt und ihr Asylgesuch abzulehnen ist.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 9
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz erachtete den Vollzug der Wegweisung für zulässig, zu-
mutbar und möglich. Da die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle, könne auch der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss
Art. 5 Abs. 1 AsylG nicht angewandt werden. Aus den Akten ergäben sich
ferner keine Anhaltspunkte dafür, dass ihr im Falle einer Rückkehr nach
Serbien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK ver-
botene Strafe oder Behandlung drohe. Es sei davon auszugehen, dass sie
und ihre Familie in Serbien weiterhin ein Auskommen finden könnten und
die Rückkehr in ihren Heimatstaat daher auch als zumutbar zu erachten
sei.
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8.4 Gemäss der Beschwerdeführerin drohe ihr im Falle einer Rückkehr
nach Serbien eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung,
weshalb sie wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig
aufzunehmen seien. Bei einer Rückkehr stünden sie auch in finanzieller
und sozialer Hinsicht vor dem Nichts. In das Elternhaus könnten sie nicht
zurückkehren, da der Bruder nicht bereit sei, sie wieder aufzunehmen.
Ihnen drohe daher die Obdachlosigkeit. Bei einer Rückkehr bestehe so-
dann die Gefahr einer Retraumatisierung. Sie sei bis heute sichtlich er-
schüttert durch die erlebte Gewalt und nicht im Stande, an den Ort ihrer
Pein zurückzukehren. Sie habe sich seit der Vergewaltigung nicht mehr
aus dem Haus getraut und in ständiger Angst gelebt, dass die Täter ihre
Drohung wahrmachen und sie erneut entführen könnten. Eine Rückkehr
sei des Weiteren auch mit dem Kindeswohl nicht zu vereinbaren. Der Voll-
zug sei daher auch unzumutbar.
8.5 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies gelingt ihr nicht. Auch die allgemeine Menschen-
rechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heuti-
gen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der
Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völker-
rechtlichen Bestimmungen zulässig.
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Seite 11
8.6 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.6.1 Die allgemeine Lage in Serbien ist weder von Krieg, Bürgerkrieg noch
von allgemeiner Gewalt gekennzeichnet und der Vollzug der Wegweisung
dorthin grundsätzlich zumutbar. Der Bundesrat hat Serbien per 1. Januar
2018 denn auch als Heimat- oder Herkunftsstaat bezeichnet, in welchen
eine Rückkehr in der Regel zumutbar ist (vgl. Anhang 2 der Verordnung
über den Vollzug der Weg- und Ausweisung sowie der Landesverweisung
von ausländischen Personen [VVWAL, SR 142.281]). Die Regelvermutung
der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges kann durch konkrete und
substanziierte Hinweise umgestossen werden.
Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung zu Recht fest, ange-
sichts der Arbeitserfahrung des Ehemannes der Beschwerdeführerin, des
Zugangs zu Sozialhilfe sowie der finanziellen Zuwendungen von Verwand-
ten würden sie bei einer Rückkehr nach Serbien nicht in eine existenz-
bedrohende Situation geraten. Der neuerliche Hinweis in der Beschwerde
auf ihre prekäre finanzielle Lage vermag an dieser Einschätzung nichts zu
ändern. Zudem verfügen sie in Serbien – nebst ihrem Schwager – über
zahlreiche weitere Verwandte, auf deren Unterstützung sie eigenen Anga-
ben zufolge bereits öfter zählen konnten (vgl. act. 54 F11-15; act. 55 F61,
F73; act. 65 F17 f.; act. 66 F15, F19, F22-24, F32, F78). Mit ihrem pau-
schalen und rein behauptungsweise angeführten Beschwerdeeinwand, der
Bruder weigere sich, sie wieder aufzunehmen, weshalb ihnen die Obdach-
losigkeit drohe, vermögen sie die erwähnte Regelvermutung nicht zu wi-
derlegen.
Im Weiteren bringt die Beschwerdeführerin auf Beschwerdeebene vor, bei
einer Rückkehr nach Serbien drohe ihr eine Retraumatisierung. Damit
macht sie sinngemäss geltend, traumatisiert zu sein respektive an psychi-
schen Beschwerden zu leiden. Ohne ihr eine mögliche psychische Belas-
tung aufgrund der von ihr geltend gemachten Ereignisse absprechen zu
wollen, ist festzuhalten, dass hierzu keine Arztberichte aktenkundig sind
und die Beschwerdeführerin und ihre Rechtsvertretung solches weder an
der Anhörung noch im weiteren Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens
geltend machten (anlässlich des rechtlichen Gehörs zum medizinischen
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Sacherhalt sagte sie vielmehr aus, dass es ihr zurzeit «super» gehe,
vgl. act. 66 F33 f.). Anlässlich der Anhörung wies sie lediglich daraufhin,
sie habe versucht, einen Psychiater aufzusuchen, sei jedoch zu spät ge-
wesen und habe deshalb noch keinen Termin erhalten (vgl. act. 66 F56 f.).
Sodann geht das Gericht praxisgemäss davon aus, dass eine angemes-
sene gesundheitliche Grundversorgung – inklusive der Behandlung psy-
chischer Erkrankungen – in Serbien existiert und der Zugang hierzu ge-
währleistet ist (vgl. an Stelle vieler die Urteile des BVGer D-4627/2019 vom
19. September 2019 E. 8.3.3; E-7219/2015 vom 27. April 2016 E. 7.4.3).
Anderweitiges wird von der Beschwerdeführerin denn auch nicht geltend
gemacht. Es ist daher – unter Berücksichtigung der geltenden Praxis
(vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3) – nicht davon auszugehen, dass die Beschwer-
deführerin bei einer Rückkehr nach Serbien in eine medizinische Notlage
gerät.
Hinsichtlich des Kindeswohls ist auf die Ausführungen im gleichzeitig erge-
henden Urteil E-4739/2021 zu verweisen.
8.6.2 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.7 Die Beschwerdeführerin verfügt über einen gültigen serbischen Reise-
pass, weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeich-
nen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.8 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Eine Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz ist nicht angezeigt. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Die Beschwerdeführerin beantragt die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG und unentgeltlichen
Verbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG (recte Art. 102m Abs. 1
AsylG). Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass sich die
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Begehren als aussichtslos erweisen und es daher an einer gesetzlichen
Voraussetzung zu deren Gewährung fehlt.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Das mit der Beschwerde gestellte Begehren um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit dem vorliegen-
den Direktentscheid in der Sache gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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