Decision ID: c6efc616-4fa6-4687-bb92-fc5ba15c736f
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_001
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Mit Zahlungsbefehl Nr. ... des Regionalen Betreibungsamtes Schöftland
vom 18. Juni 2021 betrieben die Kläger den Beklagten für den Betrag von
Fr. 21'890.45, von Fr. 20'638.45, von Fr. 22'875.05 und von Fr. 22'465.75
sowie die Zahlungsbefehlskosten von Fr. 103.30. Als Forderungsurkunde
bzw. Grund der Forderung wurde angegeben:
" Pfändungsurkunde Verlustschein Nr. [...] vom 31.05.2002, Ausstand  1995 Pfändungsurkunde Verlustschein Nr. [...] vom 31.05.2002, Ausstand  1996 Pfändungsurkunde Verlustschein Nr. [...] vom 31.05.2002, Ausstand  1997 Pfändungsurkunde Verlustschein Nr. [...] vom 31.05.2002, Ausstand  1998"
Der Beklagte erhob Rechtsvorschlag.
2.
2.1.
Mit Rechtsöffnungsbegehren vom 4. November 2021 ersuchten die Kläger
das Bezirksgericht Kulm um Erteilung der Rechtsöffnung für den Betrag
von Fr. 21'890.45, Fr. 20'638.45, Fr. 22'875.05 und Fr. 22'465.75, unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen.
2.2.
Mit Stellungnahme vom 26. November 2021 beantragte der Beklagte die
Abweisung des Rechtsöffnungsbegehrens.
2.3.
Mit Entscheid vom 7. Dezember 2021 erkannte das Präsidium des Bezirks-
gerichts Kulm:
" 1. 1.1. Den Gesuchstellern wird in der Betreibung Nr. [...] des Regionalen  Schöftland (Zahlungsbefehl vom 18. Juni 2021) für den  von Fr. 21'890.45 (Pfändungsurkunde Verlustschein Nr. [...] vom 31. Mai 2002, Ausstand Steuern 1995) und Fr. 22'875.05 ( Verlustschein Nr. [...] vom 31. Mai 2002, Ausstand Steuern 1997) definitive Rechtsöffnung erteilt.
1.2. Im Übrigen wird das Rechtsöffnungsbegehren in der Betreibung Nr. [...] abgewiesen.
- 3 -
2. Der Gesuchsgegner hat den Gesuchstellern die Kosten des  von Fr. 103.30 zu ersetzen.
3. Die Entscheidgebühr von Fr. 500.00 wird den Parteien je zur Hälfte (je Fr. 250.00) auferlegt und mit dem Kostenvorschuss der Gesuchsteller , so dass der Gesuchsgegner den Gesuchstellern an die  Fr. 250.00 direkt zu ersetzen hat.
4. Die Parteientschädigung wird wettgeschlagen."
3.
3.1.
Mit fristgerechter Beschwerde vom 16. Dezember 2021 (Postaufgabe) ge-
gen den ihnen am 9. Dezember 2021 in begründeter Form zugestellten
Entscheid begehren die Kläger Folgendes:
" Wir beantragen die Abänderung des Entscheids und verlangen zusätzlich zu den bereits erteilten Rechtsöffnungen der Steuerjahre 1995 und 1997, die Rechtsöffnungen des Steuerjahrs 1996 / Verlustschein Nr. [...] Fr. 20'638.45 und des Steuerjahrs 1998 / Verlustschein Nr. [...] Fr. 22'465.75. Die Gerichtskosten sind vollumfänglich durch den  zu übernehmen."
3.2.
Mit Beschwerdeantwort vom 11. Januar 2022 (Postaufgabe) beantragte der
Beklagte sinngemäss die Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge
zulasten der Kläger.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Rechtsöffnungsentscheide können mit Beschwerde angefochten werden
(Art. 319 lit. a i.V.m. Art. 309 lit. b Ziff. 3 ZPO). Mit der Beschwerde können
die unrichtige Rechtsanwendung sowie die offensichtlich unrichtige Fest-
stellung des Sachverhaltes geltend gemacht werden (Art. 320 ZPO). Neue
Anträge, neue Tatsachenbehauptungen und neue Beweismittel sind aus-
geschlossen (Art. 326 Abs. 1 ZPO). Das Obergericht kann aufgrund der
Akten entscheiden (Art. 327 Abs. 2 ZPO).
2.
2.1.
Die Vorinstanz erwog, zur Erteilung der provisorischen Rechtsöffnung ge-
nüge grundsätzlich die Vorlage des definitiven Verlustscheins, ohne dass
die Urkunden des Grundverhältnisses einzureichen wären (angefochtener
- 4 -
Entscheid E. 3.1). Beruhe die durch den Pfändungsverlustschein ausge-
wiesene Forderung jedoch auf einem definitiven Rechtsöffnungstitel, könne
nur gestützt auf diesen die definitive Rechtsöffnung erteilt werden, wobei
der für die Forderung bestehende definitive Rechtsöffnungstitel vorgelegt
werden müsse. Die Erteilung der provisorischen Rechtsöffnung für eine
Forderung des öffentlichen Rechts komme nicht in Betracht. Lege der Klä-
ger einzig einen Verlustschein als Rechtsöffnungstitel vor und sei aus die-
sem ersichtlich, dass die betriebene Forderung öffentlich-rechtlicher Natur
sei, sei die Rechtsöffnung zu verweigern (angefochtener Entscheid E. 3.2).
Die von den Klägern als Rechtsöffnungstitel ins Recht gelegten, definitiven
Pfändungsverlustscheine vom 31. Mai 2021 beruhten alle auf den Staats-
und Gemeindesteuern der Jahre 1995, 1996, 1997 und 1998 und damit auf
definitiven Rechtsöffnungstiteln. Die definitive Steuerveranlagung mit
Rechtskraftbescheinigung sei seitens der Kläger nur für die Jahre 1995 und
1997 eingereicht worden. Gemäss Fortsetzungsbegehren vom 10. Mai
2002 hätten die Steuern für das Jahr 1996 Fr. 18'429.70 und für das Jahr
1998 Fr. 20'692.80 betragen. Die definitiven Steuerveranlagungen für die
Jahre 1996 und 1998 seien seitens der Kläger nicht eingereicht worden,
womit für die Verlustscheine Nr. ... und Nr. ... keine Rechtsöffnung erteilt
werden könne (angefochtener Entscheid E. 3.3). Der Beklagte mache gel-
tend, dass es ihm aufgrund seines bescheidenen Einkommens nicht mög-
lich sei, die Forderungen zu begleichen. Der Beklagte bringe somit keine
Einwendungen vor, welche im vorliegenden Verfahren die definitive
Rechtsöffnung zu verhindern vermöchten (angefochtener Entscheid E. 4).
Zusammenfassend sei den Klägern für den Betrag von Fr. 21'890.45 (Aus-
stand Steuern 1995) und Fr. 22'875.05 (Ausstand Steuern 1997) definitive
Rechtsöffnung zu erteilen. Das Gesuch um definitive Rechtsöffnung für
Fr. 20'638.45 (Ausstand Steuern 1996) und für Fr. 22'465.75 (Ausstand
Steuern 1998) sei abzuweisen (angefochtener Entscheid E. 5).
2.2.
Mit der Beschwerde bringen die Kläger vor, sie hätten die Unterlagen voll-
ständig bei der Vorinstanz eingereicht. Die Veranlagungen seien gemäss
§ 51, 53 und 54 des damals geltenden Steuergesetzes vom 13. Dezember
1983 jeweils für zwei Jahre erstellt worden. Die definitiven Steuerveranla-
gungen gälten jeweils für zwei Steuerjahre (1995/1996 und 1997/1998).
Zudem seien die Steuerregisterauszüge mit Vollstreckbarkeitsbescheini-
gung für die Steuerjahre 1995/1996 und 1997/1998 bei der Vorinstanz ein-
gereicht worden (Beschwerde S. 2).
2.3.
Mit der Beschwerdeantwort entgegnet der Beklagte, die Gemeinde D. habe
ihn damals viel zu hoch eingeschätzt. Er habe seit vielen Jahren eine IV-
Rente beziehen müssen. Sein einziges Einkommen bestehe aus einer
AHV-Rente. Er verfüge über kein Vermögen.
- 5 -
2.4.
Beruht die Forderung auf einem vollstreckbaren gerichtlichen Entscheid, so
kann der Gläubiger beim Richter die Aufhebung des Rechtsvorschlags ver-
langen. Der Richter erteilt die definitive Rechtsöffnung, sofern der Schuld-
ner nicht durch Urkunden beweist, dass die Schuld seit Erlass des Ent-
scheids getilgt oder gestundet worden ist, oder die Verjährung anruft
(Art. 81 Abs. 1 SchKG). Verfügungen schweizerischer Verwaltungsbehör-
den sind den gerichtlichen Entscheiden gleichgestellt (Art. 80 Abs. 1 und
Abs. 2 Ziff. 2 SchKG). Der Beweis, dass eine vollstreckbare Verfügung oder
Urteil vorliegt, ist vom Betreibenden durch Urkunden zu erbringen (STAEHE-
LIN, in: Basler Kommentar SchKG, 3. Aufl. 2021 [BSK SchKG], N. 135 zu
Art. 80 SchKG). Zur Vollstreckbarkeit gehört im Steuerrecht insbesondere
die Veranlagungsverfügung, mit welcher die Veranlagungsbehörde die
Steuerforderung des Gemeinwesens gegenüber dem Steuerpflichtigen für
eine bestimmte Steuerperiode betragsmässig verbindlich festlegt (BGE
5A_41/2018 E. 3.2.1). Als Ausnahmebestimmung vom Grundsatz, dass
dem Rechtsöffnungsgericht die gesamte Verfügung vorgelegt werden
muss, genügt bei Steuerrechnungen aber auch ein Auszug aus den Steu-
erregistern in Form einer Abschrift oder eines Computerauszuges (STAEHE-
LIN, BSK SchKG, a.a.O., N. 135 zu Art. 80 SchKG).
2.5.
Vorliegend haben die Kläger im vorinstanzlichen Verfahren jeweils einen
Steuerregisterauszug samt Vollstreckbarkeitsbescheinigung für die Peri-
ode vom 1. Januar 1995 bis zum 31. Dezember 1996 und für die Periode
vom 1. Januar 1997 bis zum 31. Dezember 1998 eingereicht. Aus diesen
Steuerregisterauszügen lässt sich das steuerbare Einkommen und Vermö-
gen entnehmen, aber nicht direkt die geschuldeten Steuern. Die Kläger ha-
ben ferner zwei Veranlagungsverfügungen eingereicht. Während die eine
Veranlagungsverfügung betitelt ist mit "Definitive Steuerveranlagung 1997
/ 1998" und damit der Verfügung selber direkt zu entnehmen ist, dass es
sich um eine Veranlagung für zwei Jahre handelt, ist die andere Veranla-
gungsverfügung bloss bezeichnet mit "Def. Zwischenveranlagung ab
02.03.1995". In Kombination mit dem Steuerregisterauszug für die Periode
vom 1. Januar 1995 bis zum 31. Dezember 1996 ergibt sich jedoch hinrei-
chend klar, dass es sich auch hierbei um eine Veranlagung für zwei Jahre
handelt. Somit haben die Kläger entgegen der Vorinstanz nicht nur für die
Jahre 1995 und 1997, sondern auch für die Jahre 1996 und 1998 jeweils
eine definitive Steuerveranlagung samt Rechtskraftbescheinigung einge-
reicht. Die Steuerforderungen der Jahre 1996 und 1998 stimmen betrags-
mässig zwar nicht mit den veranlagten Beträgen überein, liegen aber da-
runter und sind deshalb von der jeweiligen Veranlagungsverfügung ge-
deckt.
Der Beklagte hat keine Einwendungen i.S.v. Art. 81 Abs. 1 SchKG (Tilgung,
Stundung oder Verjährung) erhoben. Seine Vorbringen, dass er nicht in der
- 6 -
Lage sei, den geforderten Betrag zu begleichen, und er zu hoch einge-
schätzt worden sei, sind im Rechtsöffnungsverfahren nicht zu hören, zumal
es sich bei letzterem ohnehin um ein unzulässiges neues Vorbringen (vgl.
vorne E. 1) handelt.
Die Beschwerde der Kläger erweist sich somit als begründet und ist gutzu-
heissen.
3.
3.1.
Ausgangsgemäss sind die obergerichtlichen Prozesskosten dem Beklag-
ten aufzuerlegen (Art. 106 Abs. 1 ZPO i.V.m. Art. 95 Abs. 1 ZPO). Die Ge-
richtskosten sind auf Fr. 600.00 festzusetzen (Art. 48 i.V.m. Art. 61 Abs. 1
GebV SchKG). Sie werden mit dem von den Klägern in gleicher Höhe ge-
leisteten Kostenvorschuss verrechnet (Art. 111 Abs. 1 ZPO). Die Kläger
haben im obergerichtlichen Verfahren keine Parteientschädigung bean-
tragt, weshalb die obergerichtlichen Parteikosten wettzuschlagen sind.
3.2.
Antragsgemäss sind auch die erstinstanzlichen Gerichtskosten neu zu ver-
legen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind auch diese voll-
umfänglich dem Beklagten aufzuerlegen.