Decision ID: b059d168-a58a-519c-8b9c-9c4c6a153f75
Year: 2014
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am 1. September 1997 schlossen der Schweizerische Physiothera-
peutenverband (SPV; heute Schweizer Physiotherapieverband physios-
wiss [nachfolgend: physioswiss]) und das Konkordat Schweizerischer
Krankenversicherer (KSK; heute: santésuisse) einen nationalen Tarifver-
trag für die Behandlung durch Physiotherapeuten in freier Praxis (nach-
folgend: Nationaler Tarifvertrag 1998). Am 1. Juli 1998 genehmigte der
Bundesrat diesen Tarifvertrag. Der "Tarif nach Anhang 1" dieses Vertra-
ges wurde gleichzeitig "als gesamtschweizerisch geltende einheitliche
Einzelleistungstarifstruktur" festgelegt. Nicht genehmigt wurde die
zugleich unterbreitete Vereinbarung über einen Taxpunktwert von Fr. 1.-
(Akten des Regierungsrats des Kanton Thurgau [TG] 3 Beilagen 1, 11 f.).
Am 18. Oktober 2000 hielt der Bundesrat in einem Entscheid betreffend
die Kantone AR und AI (RKUV 5/2001 S. 456 ff.) fest, dass der auf dem
Nationalen Tarifvertrag basierende Modelltaxpunktwert auf Fr. 0.94 fest-
zulegen sei. Anhand der in diesem Entscheid verwendeten „Bundesrats-
formel“ sei, gestützt auf diesen Taxpunktwert, der im jeweiligen Vertrags-
kanton geltende Taxpunktwert zu berechnen (TG 3 Beilage 20).
A.b Gestützt auf den Nationalen Tarifvertrag schlossen santésuisse und
der Kantonalverband Schaffhausen / Thurgau (nachfolgend: Kantonalver-
band bzw. physio TG [Beschwerdeführerin 1]) am 20./25. Juni 2002 einen
Vertrag, in welchem der kantonal geltende Taxpunktwert für Leistungen
von Physiotherapeuten in freier Praxis auf Fr. 0.92, geltend ab 1. Januar
2003, festgelegt wurde. Mit Beschluss Nr. 855 vom 1. Oktober 2002 ge-
nehmigte der Regierungsrat des Kantons Thurgau die Taxpunktwertver-
einbarung zwischen santésuisse und physio TG (TG 3 Beilage 3).
A.c Am 22. Dezember 2006 ersuchte physioswiss den Bundesrat um Er-
höhung des in der Rechtsprechung festgelegten Nationalen Taxpunktwer-
tes (TG 3 Beilage 7). Am 22. Februar 2007 teilte das Bundesamt für Ge-
sundheit (BAG) dem Gesuchsteller mit, die Kompetenz des Bundesrats
liege (nur) bei der Genehmigung einer Tarifstruktur, nicht jedoch eines
Taxpunktwerts; dessen Festlegung obliege den Vertragsparteien, weshalb
auf das Gesuch nicht einzutreten sei.
B.
B.a Am 11. Dezember 2009 kündigte physioswiss den Nationalen Tarif-
vertrag per 30. Juni 2010 (TG 3 Beilage 9). Am 23. Juni 2011 kündigte
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 4
physioswiss zudem alle kantonalen Tarifverträge, im Namen der kantona-
len Physiotherapieverbände, per 31. Dezember 2011 (TG 3 S. 17, TG 3
Beilage 4).
B.b Am 1. Dezember 2011 stellte physioswiss einen Antrag auf Festset-
zung des Nationalen Taxpunktwerts in der Höhe von Fr. 1.10, rückwirkend
per 1. Juli 2011, an den Bundesrat (TG 3 Beilage 16). Am 11. Juni 2012
teilte Bundesrat Alain Berset in einer nationalrätlichen Fragestunde mit, in
der aktuellen Situation gelte die vom Bundesrat am 1. Juli 1998 festge-
setzte Tarifstruktur weiterhin. Sollten die Tarifpartner sich nicht über einen
Taxpunktwert einigen, sei es Sache der Kantonsregierungen, einen sol-
chen festzusetzen (AB 2012 N 1009; TG 3 Beilage 27).
B.c Mit Entscheid vom 7. Juni 2013 trat der Bundesrat auf das Begehren
um Festsetzung eines (neuen) Nationalen Taxpunktwertes nicht ein und
hielt fest, die am 1. Juli 1998 genehmigte Tarifstruktur habe weiterhin Gül-
tigkeit (Akte des Beschwerdeverfahrens C-2461/2013 [B-act.] 17 Beila-
ge 1 [nachfolgend: Nichteintretensentscheid]).
C.
C.a Am 6. Dezember 2011 teilte physioswiss im Namen des Kantonalver-
bandes dem Regierungsrat des Kantons Thurgau mit, dass die Verhand-
lungen mit den Versicherern gescheitert seien. Der Regierungsrat verfüg-
te daraufhin mit Beschluss Nr. 182 vom 28. Februar 2012, dass der Tax-
punktwert für physiotherapeutische Leistungen in freier Praxis im Kanton
Thurgau von Fr. 0.92 weitergelte, ab 1. Januar bis 31. Dezember 2012
(TG 1).
C.b Am 3. August 2012 teilte die tarifsuisse ag (nachfolgend: tarifsuisse)
dem Regierungsrat des Kantons Thurgau mit, die Verhandlungen seien
gescheitert; die Voraussetzungen für eine Festsetzung des kantonalen
Taxpunktwertes seien gegeben (TG 2). Am 25. September 2012 teilte
auch physioswiss mit, die Verhandlungen seien gescheitert, der Tax-
punkwert für Physiotherapeuten in freier Praxis im Kanton Thurgau sei
auf mindestens Fr. 1.05 ab 1. Januar 2013 festzusetzen (TG 3).
C.c Der hierzu eingeladene Preisüberwacher nahm am 19. Februar 2013
Stellung. Er empfahl dem Regierungsrat, den Taxpunktwert auf maximal
Fr. 0.90 festzusetzen (TG 7).
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 5
C.d Am 2. April 2013 stellte der Regierungsrat des Kantons Thurgau
(nachfolgend: Regierungsrat oder Vorinstanz) mit Beschluss Nr. 244 fest,
es liege ein vertragsloser Zustand vor, und setzte den Taxpunktwert für
physiotherapeutische Leistungen in freier Praxis ab dem 1. Januar 2013
auf Fr. 0.97 fest. Einer allfälligen Beschwerde gegen diesen Beschluss
entzog er die aufschiebende Wirkung (B-act. 1 Beilage 1).
D.
D.a Gegen diesen Beschluss erhoben 47 Krankenversicherer, vertreten
durch tarifsuisse (nachfolgend: tarifsuisse-Gruppe), am 1. Mai 2013 Be-
schwerde und beantragten die Aufhebung des angefochtenen Beschlus-
ses und Rückweisung an die Vorinstanz zu neuer Entscheidung. Even-
tualiter sei der Taxpunktwert in Gutheissung der Beschwerde auf Fr. 0.85
ab 1. Januar 2013 festzusetzen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuch-
ten sie um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde (Beschwerdedossier C-2461/2013).
D.b Am 2. Mai 2013 erhoben weitere 13 Krankenversicherer, vertreten
durch die Helsana Versicherungen AG (nachfolgend: Beschwerdeführe-
rinnen 44-56 oder HSK-Gruppe), gegen den Regierungsratsbeschluss
vom 2. April 2013 Beschwerde und beantragten ihrerseits die Aufhebung
des Beschlusses und Rückweisung zu neuer Entscheidung an die Vorin-
stanz. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie ebenfalls um Wie-
derherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde (Beschwer-
dedossier C-2468/2013).
D.c Am 27. Mai 2013 beantragte der um Stellungnahme ersuchte Regie-
rungsrat die Abweisung beider Verfahrensanträge auf Wiederherstellung
der aufschiebenden Wirkung.
D.d Am 30. Mai 2013 leistete die HSK-Gruppe den Kostenvorschuss von
Fr. 4‘000.-, am 3. Juni 2013 zahlte die tarifsuisse-Gruppe den gleichlau-
tenden Betrag in die Gerichtskasse ein (B-act. 12 f.).
D.e In ihren Stellungnahmen vom 6. Juni 2013 beantragte die als Vertre-
terin der Beschwerdegegnerinnen rubrizierte Rechtsanwältin lic. iur. LL.M.
Christine Boldi in beiden Verfahren die Abweisung der Beschwerde, so-
weit darauf einzutreten sei, eventualiter die Rückweisung an die Vorin-
stanz zu neuem Entscheid, und in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Ab-
weisung der Anträge auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung
der Beschwerde (B-act. 14 f.).
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 6
D.f Mit Zwischenverfügung vom 4. Juli 2013 vereinigte das Bundesver-
waltungsgericht die beiden Beschwerdeverfahren, verfügte in verfahrens-
rechtlicher Hinsicht die Weitergeltung des bisherigen Taxpunktwertes von
Fr. 0.92 während des hängigen Verfahrens und wies die Anträge der Par-
teien betreffend aufschiebende Wirkung bzw. Erlass vorsorglicher Mass-
nahmen ab (B-act. 16).
D.g In seiner Vernehmlassung vom 29. Juli 2013 beantragte der Regie-
rungsrat des Kantons Thurgau die Abweisung der Beschwerden und hielt
fest, weder liege eine Verletzung von Bundesrecht noch eine unrichtige
oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung vor (B-act. 19).
D.h Mit Beschwerdeantwort vom 5. August 2013 ersuchte Rechtsanwältin
Boldi um Einbezug von physioswiss, physio TG, der auf der eingereichten
Liste 6a aufgeführten Personen und der auf der eingereichten Liste 6b
aufgeführten Organisationen der Physiotherapie ins Verfahren, um Ab-
weisung der Beschwerden, soweit darauf einzutreten sei, um Festsetzung
des Taxpunktwertes auf Fr. 1.05, gestützt auf die am 1. Juli 1998 geneh-
migte Tarifstruktur, und um Nichteintreten auf die Beschwerden der Be-
schwerdeführerinnen 42 und 43. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuch-
te sie um volle Akteneinsichtsgewährung und Möglichkeit zur anschlies-
senden Stellungnahme bzw. um Durchführung eines zweiten Schriften-
wechsels (B-act. 21).
D.i Nach Aufforderungen des Gerichts vom 15. August und 25. Septem-
ber 2013 (B-act. 22, 25) betreffend die Parteistellung verschiedener um
Verfahrenszulassung ersuchender Personen und nach Eingaben von
physioswiss vom 16. September 2013 (B-act. 23 f.), 20. September 2013
(B-act. 25), 14. und 15. Oktober 2013 (B-act. 27 f.) und 17. Dezember
2013 (B-act. 30) entschied das Bundesverwaltungsgericht mit Teilurteil
vom 29. Januar 2014, dass physio TG und den vorliegend als Beschwer-
degegnerinnen 2 bis 110 rubrizierten Personen Parteistellung als Be-
schwerdegegnerinnen zukomme. Hingegen komme physioswiss und den
in Erwägung 4.6 gelisteten Personen keine Parteistellung als Beschwer-
degegnerinnen zu. Das Bundesverwaltungsgericht trat deshalb auf deren
Anträge nicht ein und auferlegte ihnen Verfahrenskosten von Fr. 1‘500.- in
solidarischer Haftung (B-act. 32).
D.j Mit Eingabe vom 18. Februar 2014 wies die tarifsuisse-Gruppe darauf
hin, dass die rubrizierten Beschwerdegegnerinnen 58, 62, 83, 102 dem
Tarifvertrag zwischen tarifsuisse und dem Verband Association Suisse
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 7
des Physiothérapeutes Indépendants (ASPI/SPFV) beigetreten seien,
und beantragte, auf deren Anträge sei mangels Legitimation nicht einzu-
treten (B-act. 39).
D.k Der zur Stellungnahme eingeladene Preisüberwacher empfahl mit
Eingabe vom 13. März 2014 die Festsetzung des kantonalen Taxpunkt-
wertes auf maximal Fr. 0.90 und führte in materieller Hinsicht aus, der au-
tomatische Teuerungsausgleich und die Erhöhung des Nationalen Tax-
punktwertes durch den Regierungsrat seien abzulehnen, da unzulässig.
Die Forderungen der Beschwerdegegnerinnen seien nicht rechtspre-
chungskonform und von den Beschwerdeführerinnen auch nicht akzep-
tiert (B-act. 40).
D.l Am 9. April 2014 schlossen tarifsuisse, die tarifsuisse-Gruppe (ohne
CSS, Intras, Arcosana, Sanagate) und physioswiss einen Tarifvertrag auf
nationaler Ebene (Nationaler Rahmenvertrag Physiotherapie
[B-act. 41.1]; nachfolgend: Nationaler Vertrag 2014), mit Wirkung ab
1. April 2014. Am gleichen Tag schlossen physio TG, physioswiss, tarifsu-
isse und die tarifsuisse-Gruppe (ohne CSS, Intras, Arcosana, Sanagate)
einen Kantonalen Anschlussvertrag Physiotherapie (B-act. 44.2; nachfol-
gend: Kantonaler Vertrag 2014).
D.m Am 10. April 2014 nahm das dazu eingeladene Bundesamt für Ge-
sundheit Stellung zum Beschwerdeverfahren und beantragte die teilweise
Gutheissung der Beschwerden und Rückweisung der Sache an den Re-
gierungsrat zu neuem Entscheid (B-act. 42).
D.n Mit Zwischenverfügung vom 15. April 2014 gewährte der Instruktions-
richter den Beschwerdegegnerinnen Einsicht in die Vor- und Beschwer-
deakten und lud die Parteien ein, ihre Schlussbemerkungen einzureichen
(B-act. 43).
D.o Mit Eingabe vom 17. bzw. 22. April 2014 ersuchten physioswiss und
die tarifsuisse-Gruppe gemeinsam um Sistierung des Beschwerdeverfah-
rens, nicht aber hinsichtlich CSS, Intras, Arcosana und Sanagate
(B-act. 44).
D.p Am 15. Mai 2014 reichten die HSK-Gruppe und der Regierungsrat
des Kantons Thurgau ihre Schlussbemerkungen ein (B-act. 46 und 48),
am 27. Mai 2014 die tarifsuisse-Gruppe (B-act. 49) und am 28. Mai 2014
die Beschwerdegegnerinnen. Letztere stellten gleichzeitig den Antrag, der
umstrittene Taxpunktwert sei auf mindestens Fr. 1.18 zu erhöhen
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Seite 8
(B-act. 50), und reichten eine Kostennote zu den Akten (B-act. 50 Beila-
ge 44).
D.q Mit Zwischenverfügung vom 9. Juli 2014 liess der Instruktionsrichter
den Parteien die Schlussbemerkungen zur Kenntnisnahme zukommen
und schloss den Schriftenwechsel ab (B-act. 51).
D.r Mit Eingabe vom 14. Juli 2014 teilte der Vertreter der tarifsuisse-
Gruppe mit, seine Vollmacht sei für die Krankenversicherer CSS, Intras,
Arcosana und Sanagate (diese wurden im Instruktionsverfahren als Be-
schwerdeführerinnen Nr. 1, 38, 43, 45 geführt; neu erfasst in C-_
[Dossierbezeichnung]) mit Wirkung ab 11. Juli 2014 widerrufen worden.
E.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien und weiteren Verfahrensbe-
teiligten und die eingereichten Unterlagen wird – soweit erforderlich – in
den nachfolgenden Erwägungen näher eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen einen Tariffestsetzungs-
beschluss des Regierungsrates des Kantons Thurgau nach Art. 47 Abs. 1
des Bundesgesetzes vom 18. März 1994 über die Krankenversicherung
(KVG, SR 832.10).
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember
1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021), sofern keine
Ausnahme nach Art. 32 VGG vorliegt. Als Vorinstanzen gelten die in
Art. 33 VGG genannten Behörden, wobei insbesondere Instanzen des
Bundes aufgeführt werden. Verfügungen kantonaler Instanzen sind ge-
mäss Art. 33 Bst. i VGG nur dann beim Bundesverwaltungsgericht an-
fechtbar, wenn dies in einem Bundesgesetz vorgesehen ist.
1.2 Art. 90a Abs. 2 KVG sieht vor, dass das Bundesverwaltungsgericht
Beschwerden gegen Beschlüsse der Kantonsregierungen nach Art. 53
KVG beurteilt. Zu den gemäss Art. 53 Abs. 1 KVG anfechtbaren Be-
schlüssen der Kantonsregierungen gehören namentlich Beschlüsse nach
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 9
Art. 47 Abs. 1 KVG. Beim angefochtenen Regierungsratsbeschluss
Nr. 244 vom 2. April 2013 handelt es sich um einen Beschluss im Sinne
von Art. 47 Abs. 1 KVG. Das Bundesverwaltungsgericht ist demnach zur
Beurteilung der Beschwerde zuständig.
1.3 Zur Beschwerde berechtigt ist nach Art. 48 Abs. 1 VwVG, wer vor der
Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit zur
Teilnahme erhalten hat (Bst. a); durch die angefochtene Verfügung be-
sonders berührt ist (Bst. b); und ein schutzwürdiges Interesse an deren
Aufhebung oder Änderung hat (Bst. c).
Vorliegend vertritt tarifsuisse die Krankenversicherer Nr. 1 bis 43 (B-act. 1
Beilagen 3 und 4; Beilagen zu B-act. 20; B-act. 52); tarifsuisse wiederum
hat am 29. April 2013 den die Beschwerde unterzeichnenden Dr. iur.
V. Augustin, Rechtsanwalt, mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragt
(B-act. 1 Beilage 2). Die Helsana ihrerseits führt in eigenem Namen Be-
schwerde (Beschwerdeführerin Nr. 44) und vertritt gleichzeitig die Kran-
kenversicherer Nr. 45 bis 56 als Beschwerdeführerinnen (Vollmachten in
B-act. 2 Beilage 2); die Beschwerde wurde unterzeichnet von Adrian He-
diger, Leiter Unternehmensrecht der Helsana Versicherungen AG, und
Rechtsanwalt Tonino Tundo (bevollmächtigt mit Vollmacht vom 13. Januar
2012 [B-act. 2 Beilage 1]).
Die Beschwerdeführerinnen haben – mit Ausnahme der Beschwerdefüh-
rerinnen Nr. 42 und 43 (s. dazu unten) – am vorinstanzlichen Verfahren
teilgenommen (vgl. B-act. 1 Rz. 12 f., B-act. 2 Rz. 2), sind durch den an-
gefochtenen Beschluss ohne Zweifel besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung. Sie sind
daher zur Beschwerde legitimiert (vgl. zur Beschwerdelegitimation der
Krankenversicherer auch Urteil des Bundesgerichts 2C_856/2011 vom
18. Januar 2012 E. 3; Urteil des BVGer C-6460/2011 vom 23. Juni 2014
E. 2.3). Nicht zu folgen ist dabei der Rüge der Beschwerdegegnerinnen,
die Beschwerdeführerinnen 44-56 seien infolge Abschlusses des Tarifver-
trags mit dem Verband SVFP, welcher in Art. 4 Abs. 3 ein generelles Ak-
zept eines [anderweise] behördlich festgesetzten Taxpunktwerts enthalte
und dem sich die Beschwerdeführerinnen 44-56 mit der vorliegenden Ta-
riffestsetzung "ohne weiteres" unterworfen hätten, nicht beschwerdelegi-
timiert (B-act. 21 S. 6 und 42 i.V.m. Stellungnahme vom 6. Juni 2013
[B-act. 15 S. 8]). Der angerufene Vertrag vom 1. Juli 2011 betrifft andere
Tarifpartner, weshalb bereits aus diesem Grund keine Rückschlüsse auf
die Beschwerdelegitimation im vorliegenden Verfahren zu ziehen sind.
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Die Beschwerdeführerinnen 42 und 43 sind gemäss der tarifsuisse-
Gruppe nicht an den Verhandlungen mit den Leistungserbringern beteiligt
gewesen (B-act. 1 Rz. 12), obwohl sie von der Vorinstanz über das lau-
fende Festsetzungsverfahren orientiert und zur Stellungnahme aufgefor-
dert wurden (vgl. RRB S. 4; vgl. auch TG 4 und B-act. 14 Beilagen 4a+b).
Die tarifsuisse-Gruppe äussert sich in ihrer Beschwerde nicht dazu, ob
die Voraussetzungen zur Beschwerdeführung nach Art. 48 Abs. 1 Bst. a
VwVG erfüllt sind (B-act. 1). Die Beschwerdegegnerinnen wiederum wei-
sen in ihrer Beschwerdeantwort darauf hin, dass sich die beiden Kran-
kenversicherer trotz Aufforderung durch die Vorinstanz im Tariffestset-
zungsverfahren nicht hätten vernehmen lassen, weshalb sie die Be-
schwerdelegitimation nicht erfüllten und weshalb auf ihre Beschwerde
nicht einzutreten sei (B-act. 21 Kap. II Rz. 19). Auf die Beschwerde der
Beschwerdeführerinnen 42 und 43 ist bei dieser Sachlage mangels Vor-
liegen der Beschwerdelegitimation nicht einzutreten.
1.4 Die Beschwerdeführerinnen Nr. 1-41 haben ihre Beschwerde am
1. Mai 2013 der Schweizerischen Post übergeben; der angefochtene Be-
schluss datiert vom 2. April 2013. Demnach ist die 30-tägige Beschwerde-
frist jedenfalls gewahrt (Art. 50 i.V.m. Art. 20 VwVG und Art. 53 Abs. 2
Bst. b KVG). Den Beschwerdeführerinnen Nr. 44-56 wurde der Beschluss
am 8. April 2013 eröffnet, womit auch ihre Beschwerde vom 2. Mai 2013
(am 3. Mai 2013 beim Bundesverwaltungsgericht eingegangen) die Be-
schwerdefrist von 30 Tagen wahrt. Die Beschwerden sind somit fristge-
recht erhoben worden.
1.5 Da die Beschwerden im Übrigen formgerecht (Art. 52 VwVG) einge-
reicht und die Kostenvorschüsse jeweils innert Frist geleistet wurden
(B-act. 12 f.), ist auf die Beschwerden der Beschwerdeführerinnen 1-41
und 44-56 einzutreten.
2.
2.1 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich ge-
mäss Art. 37 VGG und Art. 53 Abs. 2 Satz 1 KVG grundsätzlich nach dem
VwVG. Die Beschwerdeführenden können daher im Rahmen des Be-
schwerdeverfahrens betreffend eine Tariffestsetzung nach Art. 47 Abs. 1
KVG die Verletzung von Bundesrecht unter Einschluss des Missbrauchs
oder der Überschreitung des Ermessens, die unrichtige oder unvollstän-
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie die Unan-
gemessenheit des angefochtenen Entscheids rügen (Art. 49 VwVG).
C-2461/2013, C-2468/2013
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2.2 Neue Tatsachen und Beweismittel dürfen nur so weit vorgebracht
werden, als erst der angefochtene Beschluss dazu Anlass gibt. Neue Be-
gehren sind unzulässig (Art. 53 Abs. 2 Bst. a KVG).
2.3 Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Recht von Amtes wegen
an (vgl. Urteil des BVGer A-6743/2009 vom 3. Mai 2010 E. 1.5). Es ist
folglich weder an die in der Beschwerde geltend gemachten Argumente
(Art. 62 Abs. 4 VwVG) noch an die Erwägungen der Vorinstanz gebun-
den; es kann eine Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen
Grund gutheissen, und es kann eine Beschwerde mit einer von der Ar-
gumentation der Vorinstanz abweichenden Begründung abweisen (vgl.
BGE 133 II 249 E. 1.4; BVGE 2007/41 E. 2).
3.
Vorliegend umstritten ist die Festsetzung des Taxpunktwertes durch den
Regierungsrat des Kantons Thurgau für physiotherapeutische Leistungen
in freier Praxis auf Fr. 0.97, geltend ab 1. Januar 2013.
3.1 Die Beschwerdegegnerinnen haben mit Schlussbemerkungen vom
28. Mai 2014 beantragt, der Taxpunktwert für Leistungen der Physiothe-
rapeuten in freier Praxis im Kanton Thurgau sei auf mindestens Fr. 1.18
zu erhöhen, dies aufgrund "zwischenzeitlicher, derzeit noch unberück-
sichtigter Ereignisse" (Erscheinung der Lohndatenerhebung 2013 von H+,
Abschluss des Tarifvertrags vom 1. April 2014 [B-act. 50 S. 6]).
Aufgrund der Zulässigkeit der reformatio in peius darf die Gegenpartei ei-
ne Änderung der angefochtenen Verfügung zulasten der beschwerdefüh-
renden Partei und zu ihren Gunsten beantragen. Da das VwVG jedoch
keine Anschlussbeschwerde vorsieht, kommt einem solchen Antrag –
insbesondere auch in Beschwerdeverfahren vor Bundesverwaltungsge-
richt betreffend OKP-Tariffestsetzungen – lediglich die Bedeutung einer
prozessualen Anregung an die Beschwerdeinstanz zu. Solche Anträge
können indessen Kostenfolgen nach sich ziehen (vgl. BVGE 2010/24
E. 3.3 m.w.H.). Das besagte Begehren der Beschwerdegegnerinnen ist
daher lediglich als prozessuale Anregung zu behandeln. Der Vollständig-
keit halber bleibt darauf hinzuweisen, dass es sich bei diesem Begehren,
das sowohl betreffend die Höhe des Taxpunktwerts als auch betreffend
Begründung erstmals im Rahmen des Beschwerdeverfahrens einge-
bracht worden ist, um ein unzulässiges Novum im Sinne von Art. 53
Abs. 2 Bst. a KVG handeln würde.
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 12
3.2 Zudem ist in Erinnerung zu rufen, dass das Bundesverwaltungsge-
richt mit Teilurteil vom 29. Januar 2014 die Passivlegitimation von physio-
swiss und den in E. 4.6 des Teilurteils gelisteten Personen im vorliegen-
den Verfahren verneint hat, weshalb auf die in ihrem Namen gestellten
Anträge nicht weiter einzugehen ist.
4.
Nachfolgend sind die rechtlichen Grundlagen zur Festsetzung eines Tarifs
darzulegen.
4.1 In materiellrechtlicher Hinsicht sind intertemporalrechtlich grundsätz-
lich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei der Erfüllung des zu
Rechtsfolgen führenden Sachverhalts Geltung haben. Massgebend sind
vorliegend somit die am 1. Januar 2013 (Zeitpunkt, ab welchem der um-
strittene Tarif Geltung haben soll) in Kraft stehenden materiellen Geset-
zes- und Verordnungsbestimmungen, auf welche im Folgenden – soweit
nicht anders vermerkt – Bezug genommen wird (vgl. Urteil C-6460/2011
E. 3.2 m.w.H.).
4.2 Die obligatorische Krankenversicherung übernimmt nach Art. 24 KVG
die Kosten für die Leistungen gemäss den Artikeln 25 bis 31 KVG nach
Massgabe der in den Artikeln 32 bis 34 KVG festgelegten Voraussetzun-
gen. Als Leistungserbringer zulasten der OKP sind unter anderem Physio-
therapeutinnen und Physiotherapeuten, die ihren Beruf selbständig und
auf eigene Rechnung ausüben, und Organisationen der Physiotherapie
zugelassen (vgl. Art. 46 Abs. 1 Bst. a, Art. 47 und Art. 52a der Verordnung
über die Krankenversicherung [KVV, SR 832.102] i.V.m. Art. 35 Abs. 2
Bst. e und Art. 38 KVG; vgl. ausserdem Art. 4 Bst. e und Art. 5 der Ver-
ordnung des EDI vom 29. September 1995 über Leistungen in der obliga-
torischen Krankenpflegeversicherung [Krankenpflege-Leistungsverord-
nung, KLV, SR 832.112.31]).
4.3 Gemäss Art. 43 KVG erstellen die Leistungserbringer ihre Rechnun-
gen nach Tarifen oder Preisen (Abs. 1). Der Tarif ist eine Grundlage für
die Berechnung der Vergütung; er kann namentlich für die einzelnen Leis-
tungen Taxpunkte festlegen und den Taxpunktwert bestimmen (Einzelleis-
tungstarif [Abs. 2 Bst. b]). Tarife und Preise werden in Verträgen zwischen
Versicherern und Leistungserbringern (Tarifvertrag) vereinbart oder in den
vom Gesetz bestimmten Fällen von der zuständigen Behörde festgesetzt
(Abs. 4 Satz 1). Kommt zwischen Leistungserbringern und Versicherern
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Seite 13
kein Tarifvertrag zustande, so setzt die Kantonsregierung nach Anhören
der Beteiligten den Tarif fest (Art. 47 Abs. 1 KVG).
4.4 Nach Art. 43 KVG ist bei der Tarifvereinbarung oder Festsetzung
durch die zuständige Behörde auf eine betriebswirtschaftliche Bemes-
sung und eine sachgerechte Struktur der Tarife zu achten. Bei Tarifverträ-
gen zwischen Verbänden sind vor dem Abschluss die Organisationen an-
zuhören, welche die Interessen der Versicherten auf kantonaler oder auf
Bundesebene vertreten (Abs. 4 Sätze 2 und 3). Einzelleistungstarife
müssen auf einer gesamtschweizerisch vereinbarten einheitlichen Tarif-
struktur beruhen. Können sich die Tarifpartner nicht einigen, so legt der
Bundesrat diese Tarifstruktur fest (Abs. 5). Der Bundesrat kann Anpas-
sungen an der Tarifstruktur vornehmen, wenn sie sich als nicht mehr
sachgerecht erweist und sich die Parteien nicht auf eine Revision einigen
können (Abs. 5 bis
[in Kraft seit 1.1.2013]). Die Vertragspartner und die zu-
ständigen Behörden achten darauf, dass eine qualitativ hoch stehende
und zweckmässige gesundheitliche Versorgung zu möglichst günstigen
Kosten erreicht wird (Abs. 6). Die Leistungserbringer müssen sich an die
vertraglich oder behördlich festgelegten Tarife und Preise halten und dür-
fen für Leistungen nach diesem Gesetz keine weitergehenden Vergütun-
gen berechnen (Tarifschutz; Art. 44 Abs. 1 KVG). Der Tarifschutz in weit
gefasster Definition umfasst die Pflicht der Leistungserbringer und Versi-
cherer zur Einhaltung der massgeblichen Tarife und Preise sowohl im ge-
genseitigen als auch im Verhältnis zu den Versicherten (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 9C_252/2011 vom 14. Juli 2011 E. 3.1 m.H.).
4.5 Der Bundesrat kann Grundsätze für eine wirtschaftliche Bemessung
und eine sachgerechte Struktur sowie für die Anpassung der Tarife auf-
stellen. Er sorgt für die Koordination mit den Tarifordnungen der anderen
Sozialversicherungen (Art. 43 Abs. 7 KVG). Nach Art. 59c KVV (in Kraft
seit 1. August 2007 [AS 2007 3573]) prüft die Genehmigungsbehörde im
Sinne von Artikel 46 Absatz 4 des Gesetzes, ob der Tarifvertrag nament-
lich folgenden Grundsätzen entspricht: a. Der Tarif darf höchstens die
transparent ausgewiesenen Kosten der Leistung decken. b. Der Tarif darf
höchstens die für eine effiziente Leistungserbringung erforderlichen Kos-
ten decken. c. Ein Wechsel des Tarifmodells darf keine Mehrkosten ver-
ursachen (Abs. 1). Die Vertragsparteien müssen die Tarife regelmässig
überprüfen und anpassen, wenn die Erfüllung der Grundsätze nach Ab-
satz 1 Buchstaben a und b nicht mehr gewährleistet ist. Die zuständigen
Behörden sind über die Resultate der Überprüfungen zu informieren
(Abs. 2). Die zuständige Behörde wendet die Absätze 1 und 2 bei Tarif-
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 14
festsetzungen nach den Artikeln 43 Absatz 5, 47 oder 48 des Gesetzes
sinngemäss an (Abs. 3; vgl. auch Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
C-4961/2010 vom 18. September 2013 E. 4.3 m.H.).
5.
5.1 Im System des KVG bildet die Tarifvereinbarung zwischen den Tarif-
partnern die Regel, das Eingreifen der Kantonsregierung die Ausnahme.
Voraussetzung für die behördliche Festsetzung ist, dass ein vertragsloser
Zustand besteht, die Tarifverhandlungen zwischen den Parteien tatsäch-
lich gescheitert sind oder die Partner zumindest Gelegenheit hatten, eine
Vereinbarung zu treffen (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
C-1390/2008 vom 9. März 2011 E. 5.2; BVGE 2012/18 E. 5.7).
5.2 Unter den Parteien ist unumstritten, dass die Voraussetzungen für ei-
ne Tariffestsetzung durch die Kantonsregierung nach Art. 47 Abs. 1 KVG
(kein bestehender Tarif, gescheiterte Tarifverhandlungen) gegeben sind.
Die vom Regierungsrat verfügte Verlängerung des kantonalen Tarifvertra-
ges vom 20./25. Juni 2002 endete am 31. Dezember 2012 (vgl. oben
Bst. B.a und C.a). Seit dem 1. Januar 2013 besteht somit ein vertragslo-
ser Zustand. Am 3. August 2012 teilte tarifsuisse seitens der Versicherer
dem Regierungsrat des Kantons Thurgau mit, die Vertragsverhandlungen
seien gescheitert, weshalb die Voraussetzungen für eine Tariffestsetzung
durch den Regierungsrat gegeben seien (TG 2). Am 25. September 2012
stellte auch physioswiss (seitens der Leistungserbringer) im Namen des
Kantonalverbandes und der im Kanton in freier Praxis tätigen Physiothe-
rapeutinnen und Physiotherapeuten den Antrag auf Festsetzung eines
Taxpunktwertes infolge definitiven Scheiterns der Vertragsverhandlungen
(TG 3). Am 2. und 30. November 2012 haben sich sowohl tarifsuisse als
auch physioswiss zum Festsetzungsbegehren vernehmen lassen (Anhö-
rung der Beteiligten nach Art. 47 Abs. 1 KVG). Die Vorinstanz hat denn
auch mit angefochtenem Beschluss Nr. 244 vom 2. April 2013 den Tax-
punktwert für physiotherapeutische Leistungen in freier Praxis, geltend ab
1. Januar 2013, gestützt auf Art. 47 Abs. 1 KVG festgesetzt (B-act. 1 Bei-
lage 1 S. 5).
5.3 Umstritten ist vorliegend die Höhe des festzusetzenden kantonalen
Taxpunktwertes. Zu prüfen ist einleitend, wie der kantonale Taxpunktwert
während der Geltungsdauer des Nationalen Tarifvertrags 1998 bestimmt
wurde (E. 5.4), ob die Tarifstruktur gemäss Nationalem Tarifvertrag wei-
terhin Gültigkeit hat (E. 5.5), ob die von der Vorinstanz gewählte Methode
zur Ermittlung des kantonalen Taxpunktwertes bundesrechtskonform ist
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 15
(E. 5.6), und danach, inwieweit sie bei ihrer Festsetzung des Taxpunkt-
wertes für physiotherapeutische Leistungen in freier Praxis, mit Wirkung
ab 1. Januar 2013, Art. 59c KVV zu berücksichtigen hatte (E. 5.7).
5.3.1 Die tarifsuisse-Gruppe rügt in ihrer Beschwerde vom 1. Mai 2013 im
Wesentlichen, dass der Regierungsrat die Tarifgestaltungsvorgaben ge-
mäss Art. 59c KVV nicht beachtet habe. Er habe sich einerseits kaum zur
Rechtmässigkeit des von ihm festgesetzten Taxpunktwerts im Sinne von
Art. 59c Abs. 1 Bst. a und b KVV geäussert. Anderseits habe er weder die
Kosten der physiotherapeutischen Leistungen gestützt auf entsprechen-
des, solides und transparentes Datenmaterial überprüft (Bst. a), noch ha-
be er sich vergewissert, dass der von ihm festgesetzte Tarif höchstens die
für eine effiziente Leistungserbringung erforderlichen Kosten decke
(Bst. b). Er übergehe auch, dass der Referenztaxpunktwert vor 15 Jahren
nicht auf der Grundlage der Tarifgestaltungsvorgaben (Art. 59c KVV) er-
mittelt worden sei, weshalb die hoheitliche Tariffestsetzung ein Abweichen
vom Referenztaxpunktwert und eine Anpassung an die aktuelle Entwick-
lung erfordere; der Preisüberwacher habe deshalb auch in seiner Stel-
lungnahme vom 19. Februar 2013 empfohlen, die Berechnung des natio-
nalen Taxpunktwerts auf aktuelle Daten zu stützen, die Tarifstruktur zu re-
vidieren und „so viel wie möglich“ zu vereinfachen. Dass ein tieferer Tax-
punktwert als der ab 1. Januar 2013 in Höhe von Fr. 0.97 festgesetzte
wirtschaftlich sei, ergebe sich auch aus dem Nationalen Tarifvertrag zwi-
schen den Krankenversicherern und der ASPI, der vom Bundesrat mit
Beschluss vom 18. April 2012 bei einem [tieferen Nationalen] Taxpunkt-
wert von Fr. 0.92 genehmigt und damit indirekt als wirtschaftlich sowie
rechtmässig erachtet worden sei.
Der Regierungsrat habe nicht von den Vorgaben gemäss Art. 59c Abs. 1
KVV abweichen dürfen. Notabene hätte er von einer empirisch-
repräsentativen Anzahl Leistungserbringer Kostendaten erheben, diese
einer Effizienzprüfung unterziehen und gestützt darauf einen wirtschaftli-
chen Tarif ermitteln müssen. Dabei hätte er Überlegungen zur Auslastung
von Physiotherapiepraxen und zu „Produktionsbestandteilen“ (wie Sit-
zungsdauer, Auslastung des Personals, Teilung der Fixkosten, sinkende
Hypothekarzinsen, Arbeitseinsatz, Nichtabrechnung von einzelnen Tarif-
positionen etc.) vornehmen und eine Ertragssimulation durchführen müs-
sen. Im Wesentlichen den bisherigen Taxpunktwert zu übernehmen und
diesen einfach der Teuerung anzupassen bzw. auf den Landesindex der
Konsumentenpreise (LIKP) abzustellen, verfange nicht. Das KVG gebe
keinen Anspruch auf einen automatischen Teuerungsausgleich; die Tarife
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Seite 16
hätten weder ein Minimaleinkommen oder ein standesgemässes Ein-
kommen zu garantieren noch das bisherige Einkommensniveau zu erhal-
ten. Eine Taxpunktwert-Festsetzung alleine auf der Grundlage der Ent-
wicklung der Indizes von 1998-2010 bezüglich Nominallöhne, Konsumen-
tenpreise bzw. Mietpreise erweise sich angesichts der Vorgaben von
Art. 59c Abs. 1 KVV als rechtswidrig. Zudem habe die Vorinstanz festge-
stellte Verschiebungen in den Tarifpositionen seit 1998 nicht diskutiert und
auch nicht berücksichtigt, dass sich der Leistungskatalog gemäss Art. 5
KLV seither verändert habe und in Art. 52a KVV neue Organisationsstruk-
turen aufgenommen worden seien (B-act. 1). Darauf verweist sie auch in
ihren Schlussbemerkungen vom 27. Mai 2014 (B-act. 49 Ziff. 3).
5.3.2 Die HSK-Gruppe ihrerseits rügt mit Beschwerde vom 2. Mai 2013
(B-act. 2), dass die Vorinstanz mit ihrem Beschluss vom 2. April 2013
Bundesrecht verletze, indem sie die Vorgaben von Art. 59c KVV nicht be-
achtet und keine Wirtschaftlichkeitsprüfung nach den in der Verordnung
vorgeschriebenen Kriterien vorgenommen habe (Rz. 11). Weiter führt sie
aus, dass es keinen ersichtlichen Grund gebe, um vom langjährigen und
von der Rechtsprechung wiederholt bestätigten Tarifmodell abzuweichen
und nicht bis zum Entscheid des Bundesrates über eine allfällige Anpas-
sung des Modelltaxpunktwerts zuzuwarten und bis dahin einen provisori-
schen Taxpunktwert festzulegen (Rz. 19 f.). Die Rechtsprechung habe
zudem mehrmals die Festlegung eines kantonalen Taxpunktwerts auf der
Grundlage eines kantonalen Tarifmodells unterbunden (Rz. 21). Mit der
voreiligen Festlegung eines kantonalen Taxpunktwerts habe die Vorin-
stanz unsachgemäss gehandelt und ihren Ermessenspielraum verletzt
(Art. 49 Bst. c VwVG).
Weiter weist sie daraufhin, dass sie zwischenzeitlich (als Einkaufsge-
meinschaft HSK) mit der ASPI einen neuen nationalen Tarifvertrag unter-
zeichnet habe, der vom Bundesrat genehmigt worden sei und Nichtmit-
gliedern offenstehe.
5.3.3 Die Vorinstanz macht im angefochtenen Entscheid einleitend gel-
tend, dass die Voraussetzungen zur Tariffestsetzung nach Art. 47 Abs. 1
KVG gegeben seien (Rz. 1 f.). Der Bundesrat habe mit Beschluss vom
1. Juli 1998 die Tarifstruktur, wie sie im Vertrag zwischen dem Konkordat
der Schweizerischen Krankenkassen (KSK) und dem Schweizerischen
Physiotherapeutenverband (SPV) vereinbart worden sei, genehmigt und
für gesamtschweizerisch anwendbar erklärt. Da sich physioswiss und die
Krankenversicherer nicht auf eine neue Tarifstruktur hätten einigen kön-
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Seite 17
nen, bleibe die Tarifstruktur vom 1. September 1997 weiterhin anwendbar.
Die Festlegung einer neuen Tarifstruktur liege nicht in der Kompetenz der
Kantone. Gemäss Rechtsprechungspraxis des Bundesrates bildeten die
Eckwerte des Kostenmodells für das Modell-Physiotherapie-Institut (MPI)
die Ausgangspunkte für die Berechnung der kantonalen Taxpunktwerte.
Der [gestützt darauf ermittelte] gesamtschweizerische Referenztaxpunkt-
wert von Fr. 0.94 sei dem kantonalen Lohn- und Mietniveau anzupassen,
wozu die Lohn- und Mietstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik
zu benutzen sei (Rz. 4).
Auf der Basis der nationalen Tarifstruktur, der ein Kosten- und Leistungs-
modell zugrunde gelegt worden sei, sei vorliegend der Nationale Modell-
taxpunktwert neu zu ermitteln. Unter Berücksichtigung der Indexentwick-
lung 1998-2010 im Bereich der Nominallöhne, der Konsumentenpreise
und der Mietpreise ergebe sich ein Kostenzuwachs von 17.7%, der um
die Verschiebung im Leistungsindex (Verschiebung in den Tarifpositionen
mit höheren Taxpunktwerten) von durchschnittlich 7.9% zu reduzieren sei.
Dies ergebe einen nationalen Modell-Taxpunktwert von Fr. 1.03. Unter
Berücksichtigung des tieferen Kostenniveaus im Kanton Thurgau und in
Anwendung der Bundesratsformel ergebe sich ein neuer kantonaler Tax-
punktwert von aufgerundet Fr. 0.97 per 1. Januar 2013. Dieser entspre-
che einer Steigerung von 5.4% (Rz. 5.1, 6).
Nicht zu berücksichtigen sei die starke Entwicklung der Gesamtkosten im
Bereich Physiotherapie sowie der Kosten pro Versicherten, da die Kosten
pro Physiotherapeut stabil geblieben und sogar leicht zurückgegangen
seien. Die Zunahme der Gesamtkosten dürfe nicht durch eine Einkom-
mensreduktion der Physiotherapeuten kompensiert werden, die existenz-
bedrohend wirken könne; die Physiotherapeuten hätten Anspruch auf ei-
ne angemessene Anpassung ihres Einkommens an die gestiegenen Le-
benshaltungskosten. Auch der Vertrag der HSK-Gruppe mit der
ASPI/SVFP sehe gesamtschweizerisch eine Erhöhung des Taxpunktwer-
tes um vier Rappen per 1. April 2013 vor. Ein Ausgleich der Teuerung auf
kantonaler Ebene sei zulässig und werde beispielsweise auch in den
Übergangsbestimmungen im KVG zur Änderung vom 20. Dezember 2006
statuiert. Den Empfehlungen des Preisüberwachers und den Anträgen
von tarifsuisse könne deshalb nicht gefolgt werden. Dem Antrag von tarif-
suisse, die Leistungserbringer hätten ihre Kosten- und Leistungsdaten
zuzüglich Erfolgsrechnungen und Bilanzen für ihre Praxen pro 2008 bis
2012 vorzulegen, sei in Anbetracht der vom Preisüberwacher für 2004 bis
2011 ausgewiesenen Kosten nicht stattzugeben (Rz. 5 f.).
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Der Bundesrat habe in seiner Rechtsprechung das Kostenmodell der
Modellpraxis nicht angepasst, weshalb [e contrario] davon auszugehen
sei, das Kostenmodell des MPI stehe im Einklang mit Art. 59c KVV. Bei
der Genehmigung der nationalen Tarifstruktur am 1. Juli 1998 sei die
Wirtschaftlichkeit vom Bundesrat als gegeben beurteilt worden. Damit sei
auch der kantonale Taxpunktwert von Fr. 0.97, der auf dieser Struktur ba-
siere, mit dem Gebot der Wirtschaftlichkeit vereinbar (Rz. 7). Dieser Tax-
punktwert entspreche auch dem Gebot der Billigkeit gemäss Art. 46
Abs. 4 KVG, zumal keiner der Tarifpartner weder privilegiert noch über
den von Gesetzgeber und Bundesrat vorgegebenen Rahmen benachtei-
ligt werde. Die Tariferhöhung sei schliesslich wirtschaftlich tragbar, da sie
im Kanton Thurgau eine Erhöhung der monatlichen Vergütung durch die
OKP je versicherte Person von Fr. 0.39 und eine minimale Prämienerhö-
hung (0.18%; mit Rückstellungen und Reserven: 0.27%) bewirke. Die
Entwicklung liege zudem deutlich unter dem schweizerischen Durch-
schnitt (Rz. 8).
5.3.4 In ihrer Beschwerdeantwort vom 5. August 2013 (B-act. 21) bestrei-
ten die Beschwerdegegnerinnen den Vorwurf der tarifsuisse-Gruppe, der
Regierungsrat habe sich in seinem Entscheid zu den bundesrechtlichen
Vorgaben zur Wirtschaftlichkeit und Billigkeit eines Tarifs (Art. 46 Abs. 4
KVG, Art. 59c KVV) nicht geäussert. Er habe sich – entgegen den Vor-
würfen der Beschwerdeführerinnen – auf rechtsgenüglich vorhandene
Daten abgestützt, wie den Beilagen zum Festsetzungsantrag entnommen
werden könne, und auch keine direkte Korrektur des Taxpunktwertes über
einen automatischen Teuerungsausgleich vorgenommen. Der Preisüber-
wacher sei nicht zur Empfehlung befugt, dass die Tarifstruktur revidiert
und so viel wie möglich vereinfacht werden sollte, zumal es vorliegend
nicht um die Festsetzung einer Tarifstruktur gehe. Des Weiteren seien
keine Rückschlüsse aus dem ASPI-Vertrag möglich. Diesem Vertrag, der
nur bis Ende 2013 gelte, sei nur „eine Handvoll Physiotherapeuten“ bei-
getreten; zudem sehe der Vertrag den Tiers payant (recte: Tiers garant)
vor, womit ein erhöhtes Delkredererisiko für die Physiotherapeuten ver-
bunden sei. Für die Genehmigung des ASPI-Vertrages durch den Bun-
desrat hätten zudem keine „zusätzlichen Zahlen oder Daten im Sinne des
[...] Art. 59c Abs. 1 KVV“ beigebracht werden müssen. Wie dem mit Hel-
sana auf den 1. April 2013 geschlossenen Vertrag zu entnehmen sei, sei
der Handlungsbedarf für eine Erhöhung auch von anderen Krankenversi-
cherern anerkannt worden.
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Seite 19
Die Vorinstanz habe zu Recht das vom Bundesrat entwickelte Modellpra-
xisinstitut übernommen und es [bis 2010] teuerungsbereinigt; die Bereini-
gung der Daten gemäss Modellpraxisinstitut aufgrund der Datenerhebung
2010 wie auch aufgrund der indexbezogenen Bereinigung führe zum glei-
chen Ergebnis. Dass die Datenerhebung 2010, die ergebe, dass die Phy-
siotherapeuten einen jährlichen Verlust generierten, nicht in die Tarifver-
handlungen eingeflossen sei, sei tarifsuisse anzulasten und habe der
Verzögerung des Tariffestsetzungsprozesses [mit letztlich höher festge-
setzten Tarifen] gedient. Zudem hätten sich alle Kantone, die bisher die
Tarife festgesetzt hätten, den Überlegungen der Beschwerdegegnerinnen
(Notwendigkeit der Kaufkraftbereinigung) angeschlossen, ein automati-
scher Teuerungsausgleich sei dabei nicht erfolgt. Anders als die tarifsuis-
se-Gruppe und der Preisüberwacher behaupteten, seien Teuerungsauto-
matismen im KVG nicht unzulässig; bspw. statuierten die Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung der Pflegetarife eine Anpassung der Pflegeta-
rife an die Teuerung gemäss LIKP, worauf einige Kantonsregierungen in
ihren Tariffestsetzungen Bezug nähmen. Nicht massgeblich sei, ob die
Teuerung auf dem Nationalen Modelltaxpunktwert oder auf den kantona-
len Taxpunktwerten aufgerechnet werde.
Die Stellungnahme des Preisüberwachers vom 19. Februar 2013 sei
überholt und nicht mehr zu beachten, weil sie aufgrund falscher Annah-
men (Weitergeltung des Nationalen Tarifvertrags 1998) zu falschen
Schlüssen gelange. Der Regierungsrat Thurgau sei daher zu Recht nicht
dem Preisüberwacher gefolgt.
Im Weiteren bilde Art. 59c KVV bloss die frühere Rechtsprechung ab,
weshalb die seinerzeitige Bemessung des Bundesrates (abgestützt auf
Art. 43 Abs. 7 KVG) wie auch die vorliegend zur Diskussion stehende
Festsetzung durch die Vorinstanz im Einklang mit Art. 43 Abs. 7 KVG und
Art. 59c KVV stünden. Die Vorinstanz sei auch zum Schluss gekommen,
dass die Physiotherapeuten im Kanton Thurgau effizient arbeiteten; das
behauptete Gegenteil sei von der tarifsuisse-Gruppe nicht bewiesen wor-
den. In ihren Berechnungen hätten die Beschwerdegegnerinnen den (hö-
heren) Wert von 1.85 Personen pro Praxisgrösse belassen, obwohl dieser
Wert abgenommen habe. Die von der tarifsuisse-Gruppe gerügte Diskre-
panz zur Leistungserbringung in Spitalambulatorien sei nicht Beleg für ei-
ne dort kostendeckend erbrachte Physiotherapieleistung, sondern weise
höchstens darauf hin, dass auch die Tarife für Physiotherapieleistungen in
Spitalambulatorien erhöht werden müssten. Deshalb hätten H+ (Die Spi-
täler der Schweiz) und physioswiss beschlossen, gemeinsam die Tarif-
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Seite 20
struktur für physiotherapeutische Leistungen zu aktualisieren, was der
beigelegten Medienmitteilung vom 6. Mai 2013 zu entnehmen sei.
5.3.5 In seiner Stellungnahme vom 13. März 2014 weist der Preisüber-
wacher darauf hin, dass die Vorinstanz seinen Empfehlungen vom
19. Februar 2013 nicht gefolgt sei. Der automatische Teuerungsausgleich
auf OKP-Tarifen sei sowohl vom Bundesrat als auch vom Bundesverwal-
tungsgericht abgelehnt worden (Entscheide des Bundesrates vom
13. August 1997 betreffend den Kanton Zürich, RKUV 1997 KV Nr. 16
E. 8.3; Entscheid vom 25. Februar 2004 betreffend Kanton Basel-
Landschaft; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C-536/2009 vom
17. Dezember 2009 S. 16 f., 21). Die Teuerungsaufrechnung habe nicht
auf dem Taxpunktwert, sondern auf den Gesamtkosten des Modellinsti-
tuts zu erfolgen. Die Berechnungsmethode, wie sie von der Vorinstanz
gewählt worden sei (Berücksichtigung der Entwicklung der Nominallöhne,
der Konsumentenpreise und der Mietpreise zwischen 1998 und 2010, Be-
rechnung hieraus eines Kostenzuwachses von 17.7%, Reduktion um die
Verschiebung im Leistungsindex von durchschnittlich 7.9%, ergebend ei-
nen neuen Modell-Taxpunktwert von Fr. 1.03 und – unter Berücksichti-
gung der Bundesratsformel – einen neuen kantonalen Taxpunktwert von
Fr. 0.97), sei unzulässig und widerspreche der Rechtsprechung. Zudem
sei der Hinweis falsch, dass die Bundesratsformel einen Teuerungsme-
chanismus enthalte. Falls sich die Tarifpartner nicht auf einen Taxpunkt-
wert einigen könnten, habe die Kantonsregierung – worauf bereits der
Bundesrat in seinem Nichteintretensentscheid vom 7. Juni 2013 hinge-
wiesen habe – einen Taxpunktwert unter Beachtung der im KVG enthal-
tenen Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und Billigkeit zu ermitteln, was
vorliegend unterblieben sei. Er halte deshalb an seiner Empfehlung vom
19. Februar 2013 fest (B-act. 40, Bst. C.c und D.k).
5.3.6 Das Bundesamt für Gesundheit führt in seiner Stellungnahme vom
10. April 2014 aus, Art. 43 Abs. 4 und 6 KVG enthielten allgemeine Richt-
linien der Tarifierung, wie die betriebswirtschaftliche Bemessung und die
sachgerechte Struktur der Tarife sowie das Ziel einer qualitativ hoch ste-
henden und zweckmässigen gesundheitlichen Versorgung zu möglichst
günstigen Kosten. Aus dem Wirtschaftlichkeitsgebot lasse sich ebenfalls
das Erfordernis der Kostenneutralität ableiten. Dieses sei zudem explizit
in Art. 59c Absatz 1 Bst. c KVV aufgeführt. Die Kantonsregierungen seien
gehalten zu überprüfen, ob Tarifverträge mit dem Gesetz und dem Gebot
der Wirtschaftlichkeit und Billigkeit in Einklang stünden; Billigkeit meine
die wirtschaftliche Tragbarkeit eines Tarifs. Der Bundesrat habe eine
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Kompetenz zur Festlegung der Tarifstruktur, nicht jedoch der Taxpunkt-
werte, letzteres sei Sache der Tarifpartner auf nationaler oder kantonaler
Ebene.
Die Genehmigung des Nationalen Tarifvertrags 1998 durch den Bundes-
rat am 1. Juli 1998 habe sowohl den Tarifvertrag als auch seine Anhänge
1 (Tarif) und 2 (Ausführungsbestimmungen) umfasst. Die Tarifstruktur, die
sich auf nahezu zehnjährige Ausarbeitung zwischen den Vertragspartei-
en, die Arbeit in der Projektgruppe „Gesamtrevision Physiotherapietarif“
und deren verschiedenen Arbeitsgruppen sowie mehrfache Konsultation
des Preisüberwachers stütze, sei grundsätzlich auch ohne Modelltax-
punktwert zustande gekommen. Die den Unterlagen zur Genehmigung
beigelegte „Vereinbarung über den Taxpunktwert“, welche den Taxpunkt-
wert für die Unfall-, Invaliden- und Militärversicherung auf Fr. 1.00 festge-
legt habe, sei nicht Bestandteil der Genehmigung gewesen. Beim Modell-
taxpunktwert handle es sich weder um einen nationalen noch einen kan-
tonalen Taxpunktwert, sondern um eine [blosse] Hilfsgrösse, als Aus-
gangswert für die Berechnung der kantonalen Taxpunktwerte; er sei vom
Bundesrat in seiner Rechtsprechung überprüft und auf Fr. 0.94 reduziert
worden. Nach der Kündigung des Nationalen Tarifvertrags 1998 und des-
sen Auslaufen am 30. Juni 2011 gelte die vom Bundesrat genehmigte Ta-
rifstruktur weiterhin schweizweit; zudem stützten sich Tarifverträge zwi-
schen anderen Tarifpartnern nach wie vor auf diese Tarifstruktur. Es be-
stehe daher kein tarifstrukturloser Zustand, was der Bundesrat in seinem
Entscheid vom 7. Juni 2013 bestätigt habe.
Der Regierungsrat des Kantons Thurgau habe bei der Festsetzung des
Taxpunktwertes den sog. Modelltaxpunktwert beigezogen, diesen der In-
dexentwicklung von 1998 bis 2010 angepasst, und schliesslich mit Hilfe
der Bundesratsformel den kantonalen Taxpunktwert ermittelt. Unerlässlich
sei es jedoch – mit oder ohne Modelltaxpunktwertmodell –, die Tarif-
grundsätze nach Art. 43 und 46 KVG sowie Art. 59c KVV zu beachten.
Bedingung für die Tarifierung sei, dass Leistungs- und Kostendaten bei
der Bestimmung des Tarifs transparent ausgewiesen würden. Für die Be-
stimmung eines wirtschaftlichen Tarifs dürften von den transparent aus-
gewiesenen Kosten nur diejenigen vergütet werden, die einer effizienten
Leistungserbringung entsprächen. Eine entsprechende Berücksichtigung
der Tarifgestaltungsgrundsätze sei aus dem Regierungsratsbeschluss
und den vorgelegten Unterlagen nicht erkennbar. Es bestehe – wie in
Art. 59c KVV festgehalten – kein Anspruch auf vollständige Deckung aller
Kosten und es lasse sich keine Einkommensgarantie für freipraktizieren-
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de Leistungserbringer, die als Einzelunternehmer mit finanzieller Eigen-
verantwortung zu betrachten seien, ableiten (analog festgehalten im Ent-
scheid des Bundesrates vom 15. Januar 1997 [RKUV 2/1997, KV 5,
S. 122]). Das Vorgehen des Regierungsrates trage der geforderten
Transparenz, der effizienten Leistungserbringung sowie der vergangenen
wie zukünftigen Leistungsentwicklung der sozialen Krankenversicherung
nicht ausreichend Rechnung. Das KVG sehe weder einen expliziten noch
einen automatischen Teuerungsausgleich auf den Tarifen vor; ein Teue-
rungsausgleich sei zudem dann ungerechtfertigt, wenn – wie vorliegend –
die Physiotherapiekosten insgesamt sowie die Kosten pro Physiothera-
peut und jene pro Versicherten deutlich stärker anstiegen als die allge-
meine Teuerung. Der von der Vorinstanz vorgenommene Teuerungsaus-
gleich auf dem bestehenden Tarif stehe daher nicht im Einklang mit den
gesetzlichen Vorgaben. Zudem vermöge die Tariffestsetzung auch nicht
der wirtschaftlichen Tragbarkeit zu genügen, zumal der Regierungsrat
keine globale Betrachtung vorgenommen, sondern einzig den Effekt der
einzelnen Tarifanpassung auf das Prämienniveau berechnet und auch
keine wahrscheinliche Signalwirkung berücksichtigt habe. Schliesslich
habe er sich nicht mit Art. 55 KVG auseinandergesetzt (B-act. 42).
5.4 In Bezug auf die ab 1. Januar 2013 zur Bestimmung des kantonalen
Taxpunktwerts zu verwendende Methode ist zunächst die Entstehungs-
geschichte des Nationalen Tarifvertrags 1998 in Erinnerung zu rufen und
danach aufzuzeigen, wie der kantonale Tarif während der Gültigkeit des
Vertrags im Streitfall bestimmt wurde.
Im Verlaufe der zum Nationalen Tarifvertrag 1998 führenden Verhandlun-
gen einigten sich die Tarifpartner auf ein gesamtschweizerisches Kos-
tenmodell eines Modellphysiotherapieinstituts (MPI; MPI-Kostenmodell).
Dieses Modell bezieht sich auf damals empirisch ermittelte, normativ er-
gänzte und statistisch bereinigte Daten. Am 1. Juli 1998 genehmigte der
Bundesrat mit Wirkung ab 1. Januar 1998 den Nationalen Tarifvertrag
1998, zusammen mit beiden Anhängen (Anhang 1: "Tarif"; Anhang 2:
"Ausführungsbestimmungen"). Zugleich legte er den Tarif nach Anhang 1
dieses Vertrages als gesamtschweizerisch einheitliche Tarifstruktur für
Einzelleistungstarife fest. Eine zugleich unterbreitete Vereinbarung über
einen Taxpunktwert von Fr. 1.- wurde hingegen nicht genehmigt mit der
Begründung, dass der Taxpunktwert auf kantonaler Ebene von den Tarif-
partnern zu vereinbaren sei (TG 3, Beilage zu Beilage 11). Ab dem
1. Januar 1998 wurde somit derselben Leistung in der ganzen Schweiz
dieselbe Anzahl Taxpunkte zugeordnet. Eine kantonale Anpassung der
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Seite 23
Taxpunkte je Leistung war ausgeschlossen. Die Taxpunktwerte hingegen
waren auf kantonaler Ebene zu vereinbaren und zu genehmigen oder
subsidiär auf kantonaler Ebene hoheitlich festzusetzen.
Als Beschwerdeinstanz ging der Bundesrat – im Falle der Uneinigkeit der
kantonalen Tarifpartner – zur Bestimmung des kantonalen Taxpunktwerts
zunächst vom gesamtschweizerischen, als landesweit repräsentativ beur-
teilten MPI-Kostenmodell aus, was dem Willen der Tarifpartner entspre-
che. Die Eckwerte des Kostenmodells zum MPI (Personal-, Sach- und
Anlagenutzungskosten) dienten dabei grundsätzlich als Ausgangspunkt
für die Berechnung des kantonalen Taxpunktwerts, wobei der Bundesrat
in seinem (diese Praxis begründenden) Entscheid vom 18. Oktober 2000
in Sachen Taxpunktwert für Physiotherapie in den Kantonen Appenzell
Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden (RKUV 5/2001 S. 456 ff.,
KV 185) gewisse Korrekturen am MPI-Kostenmodell vornahm und hier-
aus einen nationalen Modelltaxpunktwert (MTPW; auch Nationaler Tax-
punktwert) in der Höhe von Fr. 0.94 als rechnerische Ausgangsgrösse für
die Bestimmung der kantonalen Taxpunktwerte ermittelte.
Zur Umrechnung von diesem nationalen auf den kantonalen Taxpunktwert
benutzte der Bundesrat die Lohn- und Mietstrukturerhebung des Preisü-
berwachers (später des BSV), beide Indizes je Kanton. Die Formel dazu
(sog. Bundesratsformel) lautete:
TpwK = Tpwn (m*M + I *L + r *100) / 100
TpwK = Taxpunktwert Kanton
Tpwn = Taxpunktwert national (fix: Fr. 0.94)
m = Mietindex Kanton
M = Mietkostenanteil im MPI (11,4%)
I = Lohnindex Kanton
L = Lohnkostenanteil im MPI (67,9%)
r = Restkostenanteil im MPI (20,7%)
Die Variablen Mietindex und Lohnindex des betroffenen Kantons, welche
in die Berechnungsformel für die Anpassung des nationalen Taxpunktwer-
tes an die lokalen Märkte einzusetzen sind, geben lediglich Auskunft über
das (aktuelle) Verhältnis zum nationalen Ausgangswert, welcher dem
(gewichteten) Durchschnitt sämtlicher kantonaler Taxpunktwerte ent-
spricht. Veränderungen der kantonalen Werte im Verhältnis zum nationa-
len Durchschnitt sind demnach – gesamtschweizerisch betrachtet – in
sich neutral. Solange der nationale Ausgangswert von Fr. 0.94 nicht er-
höht wird, was der Bundesrat in seiner Rechtsprechung stets verweigert
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 24
hat, ist eine über einen Ausgleich der intertemporalen lokalen Märkte hi-
nausgehende Erhöhung des Taxpunktwerts ausgeschlossen. Es handelt
sich dabei um eine rein mathematische Berechnung. Der Einbezug weite-
rer Kriterien (namentlich Teuerung, Lohnerhöhungen für Spitalphysiothe-
rapeuten und Mietindex eines anderen Kantons) wurde vom Bundesrat in
seiner Rechtsprechung stets abgelehnt (vgl. RKUV 5/2001 S. 456 ff.;
Bundesratsentscheid vom 25. Februar 2004 betreffend Festsetzung des
Taxpunktwertes für die Leistungen der Physiotherapeutinnen und Physio-
therapeuten im Kanton Basel-Landschaft E. 7; Bericht des Bundesamtes
für Justiz vom 7. Dezember 2004 über die Praxis des Bundesrates betref-
fend hoheitliche Festlegung des Taxpunktwertes für Physiotherapieleis-
tungen Ziff. 3.1, 4.; Bundesratsentscheid vom 6. April 2005 betreffend
Festsetzung des Taxpunktwertes für die Physiotherapieleistungen im
Kanton Zürich E. 6.2). Eine Überprüfung der KVG-Konformität des auf
diese Weise berechneten Taxpunktwerts war somit ausgeschlossen.
5.5
5.5.1 Anhand der in E. 5.4 beschriebenen Methode wurde der anwendba-
re kantonale Taxpunktwert, basierend auf der im Nationalen Tarifvertrag
1998 als Anhang 1 enthaltenen nationalen Tarifstruktur, ermittelt. Es be-
stand somit eine direkte Verbindung zwischen der nationalen Tarifstruktur
und dem kantonalen Taxpunktwert. Wenn eine Physiotherapieleistung in
der nationalen Tarifstruktur enthalten war und ihr darin bestimmte Tax-
punkte zugeordnet wurden, konnte mittels Multiplikation dieser Taxpunkte
mit dem kantonalen Taxpunktwert der konkrete Frankenbetrag berechnet
werden, den die OKP dem Leistungserbringer für diese Leistung zu ver-
güten hatte. Die Festsetzung eines kantonalen Taxpunktwerts kann somit
nur Wirkung entfalten, wenn dieser in Bezug auf eine geltende nationale
Tarifstruktur festgesetzt wird.
5.5.2 Es ist vorliegend unbestritten und offensichtlich, dass die vereinbar-
te und in Ziffer 1 des Bundesratsbeschlusses vom 1. Juli 1998 als Teil des
Nationalen Tarifvertrages 1998 genehmigte nationale Tarifstruktur wäh-
rend der Geltungsdauer des Vertrages für die dem Vertrag beigetretenen
Leistungserbringer und Krankenversicherer Bestand hatte und verbindlich
war. Unbestritten zwischen den Parteien ist auch, dass physioswiss mit
der Kündigung des Nationalen Tarifvertrags auch seine Anhänge (darun-
ter die vom Bundesrat genehmigte und als schweizweit anwendbar er-
klärte Tarifstruktur) gekündigt hat. Zu prüfen ist, ob die nationale Tarif-
struktur im vorliegend interessierenden Zeitraum ab 1. Januar 2013 wei-
terhin galt/gilt.
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Seite 25
5.5.3 Die Ziffern 1 bis 3 des bundesrätlichen Genehmigungsbeschlusses
vom 1. Juli 1998 lauten wie folgt:
1. Der Vertrag zwischen dem Konkordat der Schweizerischen Krankenversi-
cherer und dem Schweizerischen Physiotherapeuten Verband vom
1. September 1997 wird gestützt auf die Artikel 46 Absatz 4 und 43 Ab-
satz 5 des Bundesgesetzes vom 18. März 1994 über die Krankenversi-
cherung (KVG) bezüglich der folgenden Bestandteile genehmigt:
I. Tarifvertrag;
II. Anhang 1 Tarif;
III. Anhang 2 Ausführungsbestimmungen.
[...]
2. Der Tarif nach Anhang 1 wird gestützt auf Art. 43 Absatz 5 KVG als ge-
samtschweizerisch einheitliche Tarifstruktur für Einzelleistungstarife fest-
gesetzt.
3. Die Mitteilung an die Interessenten erfolgt durch das EDI (BSV).
Der in Ziffer 2 des Genehmigungsbeschlusses enthaltene Verweis auf
den (mit Ziffer 1 genehmigten) Anhang 1 des Tarifvertrages stellt eine di-
rekte Verbindung zwischen der Vertragsgenehmigung in Ziffer 1 und der
Tarifstrukturfestsetzung in Ziffer 2 des Beschlusses her. In seinem
Schreiben vom 1. Juli 1998, mit welchem das Bundesamt für Sozialversi-
cherung (BSV) das Konkordat der Schweizerischen Krankenversicherer
(heute: santésuisse) über den Beschluss vom 1. Juli 1998 informierte,
führte es – vom Bundesrat mit der Information der Interessenten beauf-
tragt (vgl. Ziffer 3 des Genehmigungsbeschlusses) – aus, dass der Bun-
desrat den Anhang 1 des vorliegenden Tarifes für diejenigen Physiothera-
peutInnen sowie Krankenversicherer, welche dem Vertrag nicht beiträten,
als gesamtschweizerisch einheitliche Tarifstruktur nach Art. 43 Abs. 5
KVG festgesetzt habe (TG 3 Beilage 11).
Die Festsetzung der Tarifstruktur erfolgte somit unter Bezugnahme auf die
Genehmigung des Nationalen Tarifvertrages und erfasste mit dem Fest-
setzungsbeschluss zusätzlich die übrigen Leistungserbringer und Kran-
kenversicherer, die nicht Vertragsparteien waren. Weder aus dem Ge-
nehmigungsbeschluss noch aus dem Informationsschreiben des BSV
lassen sich Hinweise auf die Geltungsdauer der festgesetzten Tarifstruk-
tur entnehmen und darauf, ob die Festsetzung in Ziff. 2 des Genehmi-
gungsbeschlusses eigenständige Bedeutung habe. Damit fehlen explizite
Hinweise dafür, dass bei Wegfall des Nationalen Tarifvertrages 1998 die
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 26
ergänzend dazu festgesetzte Tarifstruktur alleinige umfassende Wirkung
für alle Leistungserbringer der Physiotherapie in freier Praxis und für alle
Krankenversicherer entfalten solle. Vielmehr legt der Wortlaut des Be-
schlusses und des BSV-Schreibens den Schluss nahe, dass mit dem
Wegfall des Tarifvertrages auch die ergänzende Festsetzung einer Tarif-
struktur ausser Kraft trete. Dass der Bundesrat beabsichtigte, mit der Ta-
rifstrukturfestsetzung in Ziffer 2 eine generell-abstrakte Anordnung zu tref-
fen, die auch nach Wegfall des Tarifvertrages umfassende Wirkung haben
sollte, ist auch insofern unwahrscheinlich, als Art. 43 Abs. 5 KVG vorsieht,
dass die Tarifpartner zunächst Verhandlungen betreffend eine (neue) Ta-
rifstruktur führen können müssen, bevor der Bundesrat ersatzweise ho-
heitlich eine Tarifstruktur festsetzt.
Wie der Bundesrat im Nichteintretensentscheid vom 7. Juni 2013 zutref-
fend ausführte, ist die hoheitliche Festsetzung einer nationalen Tarifstruk-
tur generell-abstrakter Natur und hat in Verordnungsform zu erfolgen.
Auch das Bundesgericht geht in seiner Rechtsprechung zu TARMED (als
nationale Tarifstruktur) davon aus, dass diese eine generell-abstrakte Re-
gelung darstellt und eine auf Art. 43 Abs. 5 bis
KVG gestützte Anpassung
von TARMED und aller anderen gesamtschweizerisch einheitlichen Tarif-
strukturen mittels Verordnung zu erfolgen habe (vgl. BGE 134 V 443
E. 3.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_524/2013 vom 21. Januar 2014
E. 3 f.). Dementsprechend hat der Bundesrat zur Anpassung der Tarif-
struktur TARMED vor kurzem gestützt auf Art. 43 Abs. 5 bis
KVG die Ver-
ordnung über die Anpassung von Tarifstrukturen in der Krankenversiche-
rung vom 20. Juni 2014 erlassen (AS 2014 1883; Inkrafttreten: 1. Oktober
2014).
Hätte der Bundesrat im Juli 1998 eine Tarifstrukturfestsetzung generell-
abstrakter Natur vornehmen wollen, hätte er diese nicht in Ziffer 2 des
Genehmigungsbeschlusses verfügt, sondern eine entsprechende Verord-
nung erlassen, und hätte er namentlich die dafür massgeblichen Vor-
schriften einhalten müssen (d.h. Publikation des Verordnungstextes im
Bundesblatt [vgl. Art. 1 des Publikationsgesetzes vom 21. März 1986
{AS 1987 600, aufgehoben per 1. Januar 2005}]); vorliegend erfolgte die
Information an die interessierten Parteien einzig via Schreiben des BSV
vom 1. Juli 1998. In seinem Nichteintretensentscheid vom 7. Juni 2013
bestätigte der Bundesrat denn auch, dass die Tariffestsetzung im Ge-
nehmigungsbeschluss vom 1. Juli 1998 in Verfügungsform erfolgt sei und
der allfällige Erlass einer neuen Tarifstruktur angesichts ihrer generell-
abstrakten Bedeutung mittels Verordnung zu erfolgen hätte (TG 10).
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 27
Ergänzend kann auf Folgendes hingewiesen werden: Nachdem der
Schweizer Physiotherapie Verband Fisio (heute: physioswiss) beim Bun-
desrat eine Erhöhung des nationalen Modelltaxpunktwerts beantragt hat-
te, begründete auch das Bundesamt für Gesundheit den in Aussicht ge-
stellten Nichteintretensentscheid in seiner Antwort vom 22. Februar 2007
(TG 3 Beilage 8) in erster Linie damit, dass während der Geltungsdauer
des Nationalen Tarifvertrages 1998 kein vertragsloser Zustand für ambu-
lante Physiotherapieleistungen in der freien Praxis bestehe und der Bun-
desrat in dieser Situation nicht über die Kompetenz verfüge, eine Tarif-
struktur festzusetzen. Weiter erklärte das BAG mit Schreiben vom
10. August 2011, dass der Bundesrat für die Beurteilung eines Antrages
auf Festsetzung einer Tarifstruktur zuständig sei, falls sich die Tarifpartner
nicht einigen könnten. Die Frage, ob eine solche Einigung ausstehe, sei
insbesondere angesichts der vorliegenden Verträge in der Physiotherapie
zu klären (TG 3 Beilage 13). Auch hier – ebenso im ergänzenden Schrei-
ben vom 23. September 2011 – führte das BAG nicht an, dass bereits ei-
ne vom Bundesrat festgesetzte gesamtschweizerische Tarifstruktur be-
stehe (TG 3 Beilage 15). Soweit der (Gesamt-) Bundesrat in seinem
Nichteintretensentscheid vom 7. Juni 2013, Bundesrat Alain Berset in
seinem Schreiben vom 29. August 2012 (B-act. 2 Beilage 9) und das
BAG mit Stellungnahme vom 10. April 2014 (B-act. 42) festhalten, dass
die nationale Tarifstruktur weiterhin Geltung habe, begründen sie das le-
diglich damit, dass sich dies aus dem Genehmigungsbeschluss vom
1. Juli 1998 ergebe. Diese nicht weiter substantiierte Begründung vermag
angesichts der obigen Ausführungen nicht zu überzeugen.
5.5.4 Vielmehr ist davon auszugehen, dass mit der Vertragskündigung
und dem Wegfall des Nationalen Tarifvertrags per 30. Juni 2011 keine na-
tionale Tarifstruktur für in freier Praxis erbrachte Physiotherapieleistungen
mehr besteht; auch wurde zwischenzeitlich keine neue Tarifstruktur vom
Bundesrat genehmigt oder festgesetzt (Art. 43 Abs. 5 KVG). Da eine Ein-
zelleistungstarifstruktur gesamtschweizerisch vereinbart und genehmigt
oder gesamtschweizerisch festgesetzt werden muss, und im Zeitpunkt
des Erlasses des Beschlusses des Regierungsrates des Kantons Thur-
gau vom 2. April 2013 keine entsprechende nationale Einzelleistungstarif-
struktur mehr bestand, wurde mit dem angefochtenen Beschluss auch
kein gültiger OKP-Tarif festgesetzt. Der Beschluss ist bereits aus diesem
Grund aufzuheben.
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Seite 28
5.6 Ferner ist zu prüfen, ob der Regierungsrat des Kantons Thurgau mit
Aufrechnung der Teuerung Bundesrecht verletzt hat, wie die Beschwerde-
führerinnen geltend machen.
5.6.1 Vorliegend hat die Vorinstanz gestützt auf die Tarifstruktur 1998 so-
wie gestützt auf Überlegungen zur Teuerung seit 1998 in einem ersten
Schritt den Nationalen Taxpunktwert von Fr. 0.94 auf Fr. 1.03 angehoben
(Erwägung 5 des Beschlusses). Danach hat sie in einem zweiten Schritt
den kantonalen Taxpunktwert gestützt auf den neuen (angehobenen, teu-
erungsangepassten) Nationalen Taxpunktwert unter Berücksichtigung der
Bundesratsformel und der darin aktualisierten Werte bestimmt und daraus
einen kantonalen Taxpunktwert von Fr. 0.97 ermittelt.
5.6.2 Dieses Vorgehen ist – wie oben dargelegt und wie die Beschwerde-
führerinnen und die beigezogenen Fachämter zu Recht monieren –
KVG-widrig. Da – von den tarifsuisse/ASPI- und HSK/ASPI-Verträgen ab-
gesehen – auf nationaler Ebene (noch) keine Taxpunktwertvereinbarun-
gen abgeschlossen und auch keine Übereinkunft über eine gesamt-
schweizerisch anwendbare Methode zur Bestimmung kantonaler Tax-
punktwerte getroffen worden sind, sind die Kantonsregierungen dazu ver-
pflichtet, den jeweiligen Tarif kantonsspezifisch zu bestimmen. Es ist ih-
nen dabei aber verwehrt, einseitig ein (fiktives) nationales Modell zu ent-
wickeln bzw. auf einem früheren nationalen Modell aufzubauen und von
diesem nach selbst festgelegten Regeln auf den für ihren Kanton gelten-
den Tarif zu schliessen, zumal damit Art. 46 Abs. 4 i.V.m. Art. 47 Abs. 1
KVG in doppelter Hinsicht (fehlende Einigung der Tarifpartner über ein
nationales Modell, Unzuständigkeit der Kantonsregierung zur [Teil-] Fest-
legung eines nationalen Tarifmodells) verletzt wird.
Soweit der Regierungsrat vorliegend eine Hochrechnung auf ein (fiktives)
nationales Modell vorgenommen und daraus den kantonalen Tarif herge-
leitet hat, stellt dieses Vorgehen somit einen Verstoss gegen Bundesrecht
dar und ist der angefochtene Regierungsratsbeschluss auch daher auf-
zuheben.
5.7 Zu prüfen ist weiter, ob – und wenn ja, inwieweit – die Vorinstanz ge-
gen Art. 59c KVV verstossen hat und welche Schlüsse daraus für das
Verwaltungsverfahren zu ziehen sind.
5.7.1 Mit dem per 1. August 2007 in Kraft getretenen Art. 59c KVV hat der
Bundesrat eine die im KVG enthaltenen Tarifgrundsätze ergänzende Re-
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Seite 29
gelung betreffend die Tarifgestaltung im vertragslosen Zustand erlassen.
Dabei hat er - gestützt auf Art. 43 Abs. 7 KVG und im Hinblick auf den per
1. Januar 2007 erfolgten Übergang seiner Rechtsprechungskompetenz
an das Bundesverwaltungsgericht - im Wesentlichen Grundsätze in das
Verordnungsrecht überführt, welche er im Rahmen seiner Beschwerde-
entscheide entwickelt hatte.
5.7.2 Dies gilt insbesondere für Art. 59c Abs. 1 KVV Bst. a und b, mit wel-
chen die Grundsätze und gesetzlichen Vorgaben für KVG-Tarife, insbe-
sondere das Gebot der Wirtschaftlichkeit, der betriebswirtschaftlichen
Bemessung und der sachgerechten Struktur sowie der möglichst günsti-
gen Kosten, durch den dazu ermächtigten Verordnungsgeber präzisiert
und die zur Tarifbeurteilung notwendige Transparenz hervorgehoben wur-
den (vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
C-5543/2008 vom 1. April 2011 E. 6.1 m.w.H.).
5.7.3 Zudem verpflichtet Art. 59c Abs. 3 KVV in Verbindung mit Abs. 2 die
Tariffestsetzungsbehörden dazu, eine regelmässige Überprüfung eines
geltenden Tarifs auf die Erfüllung der Grundsätze nach Abs. 1 Bst. a und
b im Tariffestsetzungsverfahren zu ermöglichen und eine Tarifanpassung
vorzunehmen, wenn die Erfüllung dieser Grundsätze nicht mehr gewähr-
leistet ist. Dadurch wird für das Tariffestsetzungsverfahren die allgemeine
verwaltungsrechtliche Untersuchungsmaxime akzentuiert. Die zuständige
Behörde muss die notwendigen Untersuchungsmassnahmen ergreifen,
namentlich die benötigten Informationen und Dokumente beschaffen,
welche eine vollständige und richtige Ermittlung des rechtserheblichen
Sachverhalts erlauben und eine entsprechende Überprüfung bzw. Aus-
gestaltung des anzusetzenden Tarifs überhaupt erst ermöglichen (vgl.
Art. 12 VwVG und PATRICK L. KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER in: Wald-
mann/ Weissenberger, Praxiskommentar VwVG, Zürich 2009 [im Folgen-
den: Praxiskommentar VwVG 2009], Art. 12 N 16). Im Rahmen des Tarif-
festsetzungsverfahrens hat sich die zuständige Behörde primär an die Ta-
rifpartner (namentlich an die Leistungserbringer) zu halten und diese
ausdrücklich und konkret zur Vorlage entsprechender Dokumente anzu-
halten. Mit einem passiven Zuwarten und Abstellen auf die von den Par-
teien aus eigenem Antrieb eingereichten Unterlagen wird der gesteigerten
Untersuchungspflicht nicht genüge getan. Sollte sich eine Partei zu Un-
recht weigern, die von ihr angeforderten Dokumente einzureichen, hat die
zuständige Behörde sie unter Androhung angemessener Folgen zu mah-
nen. Sollte es der zuständigen Behörde infolge Weigerung der einen
und/oder anderen Partei nicht möglich sein, die Gewährleistung der Erfül-
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Seite 30
lung der Grundsätze gemäss Art. 59c Abs. 1 Bst. a und b KVV vollständig
zu überprüfen, hat sie zur Sachverhaltsabklärung nach Möglichkeit er-
gänzend oder subsidiär auf andere Quellen zurückgreifen (z.B. Statistiken
oder Untersuchungen des Bundes). Die Weigerung einer Tarifpartei, ent-
sprechende Unterlagen einzureichen, ist im Endentscheid im Rahmen der
verbleibenden Unschärfe unter dem Aspekt der Verletzung ihrer Mitwir-
kungspflichten und betreffend die Beurteilung der Beweislage zu berück-
sichtigen (vgl. RKUV 6/2002 488 f.).
Diesbezüglich fällt vorliegend besonders ins Gewicht, dass aus den Akten
nicht ersichtlich wird, dass der im Rahmen des Nationalen Tarifvertrags
1998 vereinbarte kantonale Taxpunktwert von der Kantonsregierung des
Kantons Thurgau seit seiner Genehmigung im Jahre 2003 jemals auf sei-
ne KVG-Konformität hin überprüft worden wäre. Die in der Rechtspre-
chung des Bundesrats massgebliche (rein rechnerische) Ermittlung des
kantonalen Taxpunktwerts sah für Beschwerdeverfahren eine solche
Überprüfung auch nicht vor. Umso mehr muss nun, nachdem keine Bin-
dung mehr an diese Rechtsprechung besteht, eine vertiefte Abklärung
des Sachverhalts und der Vereinbarkeit des bisherigen Tarifs mit den
KVG-Grundsätzen erfolgen. Dabei hätte die Vorinstanz die Empfehlung
des Preisüberwachers, den bisherigen Taxpunktwert auf maximal Fr. 0.90
zu senken (vgl. TG 7), als zusätzliches Indiz für die Notwendigkeit einer
fundierten Abklärung und inhaltlichen Überprüfung des bisherigen Tarifs
im Sinne von Art. 59c KVV erkennen müssen, zumal nach der Rechtspre-
chung den Empfehlungen des Preisüberwachers ein besonderes Gewicht
zukommt (vgl. BVGE 2012/18 E. 5.4). Mangels nationaler Regelung hat
diese Abklärung den kantonalen Sachverhalt zu betreffen. Ausserdem hat
tarifsuisse in seinem Festsetzungsbegehren diverse Anträge zur Verbes-
serung der Datenlage gestellt (TG 4, Anträge 3a-c; Rz. 6, 8, 17, 20, 46,
96), was die Vorinstanz zwar zur Kenntnis genommen hat (s. RRB S. 2 f.
und TG 6 S. 5), aber über diese Anträge nicht formell befunden und nicht
dargelegt hat, weshalb sie diesen Anträgen keine Folge geleistet hat.
5.7.4 In Bezug auf die in Art. 59c Abs. 1 Bst. a und b KVV präzisierten,
seit 2007 geltenden materiellen Vorgaben zur Tarifbestimmung (vgl. oben
E. 5.7.2) ist den Erwägungen des regierungsrätlichen Beschlusses – wie
das BAG in seiner Stellungnahme zu Recht darauf hinweist – nicht zu
entnehmen, inwiefern die Vorinstanz diese beachtet hätte. So enthalten
weder die eingereichten Vorakten noch die Ausführungen im Beschluss
Hinweise darauf, dass den Berechnungen der Vorinstanz aktuelle
Leistungs- und Kostendaten der Physiotherapeuten in freier Praxis
C-2461/2013, C-2468/2013
Seite 31
zugrunde liegen würden. Entgegen der Meinung der Vorinstanz hat der
Bundesrat mit seiner Genehmigung am 1. Juli 1998 zwar die damalige
Bundesrechtskonformität des Nationalen Tarifvertrags 1998 und die
schweizweit geltende Tarifstruktur, die auf diesem Vertrag basiert, und mit
Nichteintretensentscheid am 7. Juni 2013 die Weitergeltung der bisheri-
gen Tarifstruktur auf nationaler Ebene bestätigt, jedoch ist damit nicht
gleichzeitig das seinerzeit gestützt auf den Nationalen Tarifvertrag 1998
festgelegte und später vom Bundesrat in seiner Rechtsprechung korri-
gierte Niveau des Modelltaxpunktwertes bestätigt worden. Zudem beach-
tet die Vorinstanz nicht, dass den (zwar als solchen nachvollziehbaren)
Ausführungen zur Teuerung zusätzlich Überlegungen zur Effizienz der
bisher erbrachten Leistungen, zur Effizienzsteigerung bspw. mittels Ver-
dichtung der Infrastruktur, gemeinsamer Nutzung der Administration, Zu-
sammenlegung sich gleichender Prozesse und zur Vereinfachung der
Kostenstruktur gegenüberzustellen sind. Dies tut die Vorinstanz nicht an-
satzweise. Stattdessen begnügt sie sich damit, das frühere Lohnniveau
dem heutigen Lohnniveau gegenüberzustellen und den Taxpunktwert
entsprechend zu erhöhen, womit jedoch keineswegs Überlegungen zur
Leistungs- und Kosteneffizienz angestellt werden. Ausserdem ist keine
spezifische Auseinandersetzung betreffend die per 1. August 2009 neu
als Leistungserbringerinnen zugelassenen Organisationen der Physiothe-
rapie (Art. 52a KVV) erkennbar. Schliesslich enthält der angefochtene
Beschluss auch keine Ausführungen dazu, inwiefern sich die seit 1. Ja-
nuar 1998 durchgeführten Revisionen von Art. 5 KLV, der regelt, welche
physiotherapeutische Leistungen zulasten der OKP abgerechnet werden
können und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen, auf die
Überprüfung bzw. Neufestsetzung des OKP-Tarifs auswirken.
5.7.5 Unter Bezugnahme auf die Überprüfungs-, Untersuchungs- und An-
passungspflichten gemäss Art. 59c Abs. 2 KVV (vgl. oben E. 5.7.3) rügt
die tarifsuisse-Gruppe mit ihrer Beschwerde, sie habe die Vorinstanz er-
sucht, die Physiotherapeuten zu verpflichten, Kosten- und Leistungsrech-
nungsdaten sowie die Erfolgsrechnungen und Bilanzen über ihre Praxen
für die Jahre 2008 bis 2011 vorzulegen. Die Vorinstanz habe jedoch die-
sen Anträgen nicht stattgegeben und kein konkretes Datenmaterial ange-
fordert (B-act. 1 Rz. 43). Diese Ausführungen sind aufgrund der Aktenla-
ge im Beschwerdeverfahren zu bestätigen. Weder der Begründung des
angefochtenen Beschlusses noch den eingereichten Akten ist zu ent-
nehmen, dass die Vorinstanz Vorkehrungen getroffen hat, um konkrete
Angaben und Daten zu erhalten, auf Grund welcher sie hätte prüfen kön-
nen, ob der von ihr erhöhte Tarif den Anforderungen von Art. 59c Abs. 1
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Seite 32
Bst. a und b KVV gerecht wird. Ebenfalls fehlen Hinweise dafür, dass die
Vorinstanz gestützt auf solches Datenmaterial eine Überprüfung des fest-
zusetzenden Tarifs auf seine Wirtschaftlichkeit und Billigkeit hin vorge-
nommen hätte, wie ihr vom Gesetzgeber aufgetragen wird (Art. 43 Abs. 4
und Art. 46 Abs. 4 Satz 2 KVG; vgl. auch BGE 123 V 280 E. 6). Diesbe-
züglich kann der nicht weiter substantiierten Aussage der Beschwerde-
gegnerinnen, den Beilagen zum Festsetzungsantrag könne sehr wohl
entnommen werden, dass die Vorinstanz auf rechtsgenüglich vorhandene
Daten abgestützt habe (B-act. 21 Kap. II Rz. 27), nicht gefolgt werden.
Damit hat die Vorinstanz – wie die Beschwerdeführerinnen 1-41 zu Recht
rügen – auch ihre Untersuchungspflicht verletzt und den Sachverhalt un-
genügend abgeklärt. Zwar haben auch physioswiss und tarifsuisse ihre
Substantiierungs- und Mitwirkungspflichten nicht (vollständig) erfüllt. Da
die Vorinstanz aber davon abgesehen hat, von den Parteien konkretere
Mitwirkungshandlungen zu verlangen, kann ihnen dies vorliegend nicht
zum Nachteil gereichen, und ist der angefochtene Regierungsratsbe-
schluss (auch) wegen ungenügender Klärung des Sachverhalts aufzuhe-
ben.
5.8 Darauf hinzuweisen bleibt, dass die von den Beschwerdegegnerinnen
in der Beschwerdeantwort (B-act. 21 Kap. II Rz. 41) angerufenen Über-
gangsbestimmungen der Änderung des KVG vom 20. Dezember 2006
(Pflegetarife) zwar die Möglichkeit der teuerungsbedingten Anpassung
der Rahmentarife durch das Departement für Leistungen der Kranken-
pflege zu Hause, ambulant oder im Pflegeheim vorsehen, jedoch nicht
ersichtlich ist, inwiefern diese Bestimmungen für die vorliegend interes-
sierende Festsetzung eines Einzelleistungstarifs für in freier Praxis prakti-
zierende Physiotherapeuten einschlägig wären, und die Beschwerdegeg-
nerinnen auch nicht behaupten, das KVG enthalte zur vorliegend interes-
sierenden Frage eine positivrechtliche (Übergangs-) Regelung. Auf diese
Rüge und die zitierten Entscheide der Regierungsräte der Kantone GR,
SO und AG ist daher nicht weiter einzugehen.
5.9 Damit erweist sich der angefochtene Beschluss des Regierungsrates
des Kantons Thurgau in mehrfacher Hinsicht als bundesrechtswidrig. Bei
diesem Ergebnis ist nicht weiter zu prüfen, ob die Vorinstanz in ihrer Be-
rechnung des Modelltaxpunktwertes zu Unrecht einen Abzug von 7.9%
wegen Verschiebungen im Leistungsindex vorgenommen habe (B-act. 21
Kap. II Rz. 28 und 90 ff.). Ebenso wenig ist zu prüfen, ob der angefochte-
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Seite 33
ne Entscheid die Wirtschaftsfreiheit der Physiotherapeuten verletze, wie
die Beschwerdegegnerinnen rügen (B-act. 21 Kap. II Rz. 96).
6.
6.1 Damit bleibt festzuhalten, dass dem Tariffestsetzungsentscheid des
Regierungsrates des Kantons Thurgau vom 2. April 2013 keine gültige Ta-
rifstruktur zugrunde liegt und sich der Beschluss in mehrfacher Hinsicht
als bundesrechtswidrig erweist, weshalb er aufzuheben ist.
Bei diesem Ergebnis kann offengelassen werden, ob die als Beschwer-
degegnerinnen Nr. 58, 62, 83, 102 rubrizierten Personen passivlegitimiert
sind, wie die Beschwerdeführerinnen 1-41 mit Eingabe vom 18. Februar
2014 geltend gemacht haben (B-act. 39), und ob der angefochtene Ent-
scheid das Rechtsgleichheitsgebot verletze (B-act. 1 Rz. 35).
6.2 Mit Erlass des vorliegenden Urteils fallen die Verfahrensanträge der
tarifsuisse-Gruppe und der Beschwerdegegnerinnen auf Sistierung des
Verfahrens bis zur Genehmigung der kantonalen Taxpunktwertvereinba-
rung wegen Gegenstandslosigkeit dahin. Auch erübrigt sich damit das
von den Beschwerdeführerinnen 1-41 geforderte Einholen einer Ge-
richtsexpertise (B-act. 1 Rz. 28).
6.3
6.3.1 Mit dem Erlass des Endentscheides in der Hauptsache fallen die für
die Dauer des Verfahrens angeordneten vorsorglichen Massnahmen oh-
ne Weiteres dahin. Soweit das mit den Massnahmen provisorische Ange-
ordnete nicht mit dem Endzustand übereinstimmt, müssen die Folgen
grundsätzlich rückabgewickelt werden (vgl. Urteil C-5543/2008 E. 10
m.w.H.).
6.3.2 Mit dem vorliegenden Urteil wird die angefochtene Verfügung voll-
umfänglich aufgehoben. Damit entfällt die aufschiebende Wirkung der
Beschwerde und die provisorische Festsetzung des Taxpunktwerts ab
1. Januar 2013 (vgl. B-act. 16).
7.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und die Parteientschädi-
gung.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1
VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei. Den
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Seite 34
(im Hauptantrag) obsiegenden Beschwerdeführerinnen 1-41 und 44-56
werden daher keine Verfahrenskosten auferlegt.
Auf die Auferlegung von Verfahrenskosten an die Beschwerdeführerinnen
42 und 43 wird verzichtet (Art. 5 Bst. a des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Der von den Beschwerdeführerinnen 1-43 und 44-56 geleistete Kosten-
vorschuss von je Fr. 4‘000.- wird ihnen auf ein von ihnen je zu bezeich-
nendes Konto zurückerstattet.
Den Beschwerdegegnerinnen sind infolge überwiegenden Unterliegens
(s. dazu E. 7.2) Verfahrenskosten von Fr. 4‘000.- aufzuerlegen.
Der Vorinstanz sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 2
erster Halbsatz VwVG).
7.2
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens ist den mit ihrem Hauptan-
trag obsiegenden Beschwerdeführerinnen 1-41 eine Parteientschädigung
zulasten der Beschwerdegegnerinnen zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1
VwVG, Art. 7 Abs. 1 VGKE). Die Parteientschädigung umfasst die Kosten
der Vertretung sowie allfällige weitere notwendige Auslagen der Partei. In
Anbetracht des Umfangs der Beschwerdeschrift und der Schlussbemer-
kungen sowie der eingereichten Unterlagen erscheint eine Entschädigung
von Fr. 6'000.- inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer als angemessen.
Keine Parteientschädigung ist den Beschwerdeführerinnen 44-56 zuzu-
sprechen (vgl. Art. 9 Abs. 2 VGKE), zumal keine Entschädigung geschul-
det ist, wenn der Vertreter oder die Vertreterin in einem Arbeitsverhältnis
zur Partei steht und nicht ersichtlich ist, dass den Beschwerdeführerinnen
notwendige Kosten im Sinne von Art. 64 Abs. 1 VwVG entstanden sind
(vgl. Urteil des BVGer C-5550/2010 vom 6. Juli 2012 E. 24.2). Solche
Kosten sind vorliegend auch nicht geltend gemacht worden.
Den zum Beschwerdeverfahren zugelassenen Beschwerdegegnerinnen
ist aufgrund ihres mehrheitlichen Unterliegens (Unterliegen im Hauptan-
trag, überwiegendes Unterliegen in der materiellen Begründung des
Hauptantrags, Obsiegen im Eventualantrag) eine reduzierte Parteient-
schädigung zuzusprechen. Die Beschwerdegegnerinnen haben mit Kos-
tennote vom 28. Mai 2014 einen Aufwand von rund 113 Stunden à
C-2461/2013, C-2468/2013
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Fr. 280.-, Total Fr. 34‘195.40, geltend gemacht (B-act. 50 Beilage 44).
Dieser Aufwand ist aufgrund dessen, dass die Stellungnahmen weit-
schweifige Ausführungen zu meist bundesrechtswidrigen Positionen ent-
halten, auf einen als notwendig zu erachtenden Aufwand von rund einem
Drittel zu reduzieren und entsprechend dem mehrheitlichen Unterliegen
auf pauschal Fr. 4'000.- festzusetzen, je hälftig zu Lasten der Beschwer-
deführerinnen 1-43 und 44-56.
Der Betrag von Fr. 2‘000.- ist mit der den Beschwerdeführerinnen 1-41
zulasten der Beschwerdegegnerinnen zustehenden Parteientschädigung
von Fr. 6‘000.- zu verrechnen, womit jenen eine Parteientschädigung von
Fr. 4‘000.- zulasten der Beschwerdegegnerinnen verbleibt. Die restlichen
Fr. 2‘000.- sind den Beschwerdegegnerinnen zulasten der Beschwerde-
führerinnen 44-56 zuzusprechen.
8.
Das vorliegende Urteil bringt eine Änderung des angefochtenen Be-
schlusses mit sich, weshalb der Regierungsrat anzuweisen ist, die Ziffer 2
des Dispositivs im kantonalen Amtsblatt zu veröffentlichen.
9.
Die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bun-
desgericht gegen Entscheide auf dem Gebiet der Krankenversicherung,
die das Bundesverwaltungsgericht gestützt auf Art. 33 Bst. i VGG in Ver-
bindung mit Art. 53 Abs. 1 KVG getroffen hat, ist gemäss Art. 83 Bst. r des
Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (BGG, SR 173.110) unzuläs-
sig. Das vorliegende Urteil ist somit endgültig.
C-2461/2013, C-2468/2013
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