Decision ID: 627bdf12-80f2-582f-9ffa-4f9d44af88b0
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Peter Sutter, Haus Eden, Paradiesweg 2,
Postfach, 9410 Heiden,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente; berufliche Massnahmen
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich im Mai 2008 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an. Sie machte geltend, an
Schmerzen in beiden Händen zu leiden, die in die Arme und bis in den Nacken hoch
strahlten. Die Beeinträchtigung bestehe seit einem Autounfall am 28. Oktober 1999.
Von Juni 1998 bis 31. Oktober 2007 sei sie als Verkäuferin bei der B._ AG mit
Vollzeitpensum, aber im Stundenlohn angestellt gewesen (IV-act. 1).
A.b Im Rahmen der Frühintervention telefonierte Dr. med. C._, Fachärztin FMH für
Arbeitsmedizin, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) am 14. Mai 2008 (IV-act. 7) mit
Dr. med. D._, Facharzt FMH für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Sie
protokollierte die Angabe eines zervikozephalen Syndroms und Verkrampfungen der
Hände sowie diverse Dysfunktionen. Die Versicherte könne jede Tätigkeit ausser
anhaltendem oder repetitivem Handhaben von schweren Lasten während acht Stunden
täglich ausüben. Der letzte Kontakt mit Dr. D._ habe im Oktober 2007 stattgefunden.
Dr. D._ bestätigte diese Angaben am 21. Mai 2008 unterschriftlich (IV-act.13).
A.c Ebenfalls am 14. Mai 2008 (IV-act. 8) telefonierte die Ärztin des RAD mit Dr. med.
E._, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin. Dieser nannte ein post
traumatisches Schmerzsyndrom beider Hände, Arme und des Nackens. In jeder Tätig
keit ohne Handhabung schwerer Lasten, anhaltend über Schulterhöhe oder repetitiv
mit starker Belastung der Arme sei die Versicherte voll eingliederungsfähig. Er habe sie
am 13. März 2008 letztmals gesehen. Eine unterschriftliche Bestätigung von Dr. E._
ist nicht aktenkundig.
A.d Im Weiteren fand am 14. Mai 2008 ein Telefongespräch der zuständigen IV-Ein
gliederungsverantwortlichen mit der Versicherten statt. Im Protokoll wurde
festgehalten, die Versicherte könne sich vorstellen, eine reine "Überwachungstätigkeit"
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gut ausüben zu können. Eine Tätigkeit mit grosser Beanspruchung der Hände sei
jedoch nicht möglich. Von der IV erwarte sie Unterstützung bei der Stellensuche. Sie
suche eine Vollzeitstelle. Die Betreuung ihrer am 20. Juni 2007 geborenen Tochter
werde durch die Mutter der Versicherten gewährleistet (IV-act. 9).
A.e Am 19. Mai 2008 (IV-act. 12) telefonierte die Ärztin des RAD mit Dr. med. F._,
praktische Ärztin. Diese gab gemäss Telefonprotokoll an, die Versicherte leide an
Schmerzen in beiden Händen und Armen bis in den Nacken. Die Behandlung beinhalte
Atlasologie, Familientherapie und Psychotherapie. Die Versicherte könne während zwei
Stunden täglich einer für Arme und Hände leichten körperlichen Tätigkeit nachgehen.
Sie werde voraussichtlich in einigen Monaten wieder volle Arbeitsfähigkeit erreichen.
Dr. F._ bestätigte diese von der Ärztin des RAD protokollierten Angaben mit
Unterschrift vom 20. Mai 2008 (IV-act. 15).
A.f Die B._ AG gab im Arbeitgeberfragebogen vom 18. Juni 2008 (IV-act. 23) an,
das Arbeitsverhältnis mit der Versicherten habe am 31. Oktober 2007 geendet. Sie
habe 40 Stunden wöchentlich gearbeitet und einen Stundenlohn von Fr. 22.50 erzielt.
Der letzte Arbeitstag sei der 15. März 2007 gewesen. In der beigelegten Arbeitgeber
bescheinigung vom 12. Januar 2008 zuhanden der Arbeitslosenversicherung (IV-
act. 23-8) hatte die Arbeitgeberin angegeben, sie habe der Versicherten gekündigt, weil
diese den neuen Arbeitsvertrag (40% Teilpensum auf Wunsch der Versicherten) nicht
eingehalten und die Stelle nicht angetreten habe.
A.g Am 6. Juni 2008 fand ein Assessment-Gespräch mit der Versicherten statt. Im
Protokoll vom 30. Juni 2008 (IV-act. 27) wurde u.a. festgehalten, die Versicherte
wünsche sich Unterstützung der IV bei der Wiedereingliederung. Sie könnte sich Integ
rationsmassnahmen gut vorstellen. Im aktuellen Zeitpunkt fühle sie sich noch nicht
arbeitsfähig, sie habe zu starke Schmerzen und Verkrampfungen. In der Folge ver
suchte die Eingliederungsberaterin, einen gemeinsamen Termin mit der Versicherten
und Dr. F._ zu vereinbaren, was nicht gelang (vgl. IV-act. 27-4 f.). In einer internen
Stellungnahme vom 1. Oktober 2008 (IV-act. 29-2) hielt die Ärztin des RAD fest, die
ausreichenden Unterlagen enthielten keinen Hinweis auf eine psychiatrische
Erkrankung, worauf auch Dr. F._ nicht hingewiesen habe.
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A.h Mit zwei Vorbescheiden vom 29. März 2009 (IV-act. 34, 36) kündigte die IV-Stelle
der Versicherten die vorgesehene Verneinung eines Anspruchs auf berufliche Mass
nahmen und auf Rente an.
A.i Gegen diese Vorbescheide liess Rechtsanwalt Dr. iur. Peter Sutter in Vertretung
der Versicherten am 29. Juli 2009 (IV-act. 43) einwenden, die medizinischen Ab
klärungen seien unvollständig und müssten aktualisiert werden, bevor verfügt werde.
Dazu gehöre sicherlich das Einholen eines ausführlichen Berichts bei Dr. F._.
Offenbar reichte der Rechtsvertreter der IV-Stelle u.a. einen Bericht von Dr. D._ vom
5. Oktober 2007 (IV-act. 44-3 ff.) zuhanden von Dr. E._ ein. Darin werden ein
Zervikovertebralsyndrom und ein Lumbovertebralsyndrom erwähnt. Dr. D._ berichtet
auch von den geklagten unklaren Schmerzen und Verkrampfungen in den Händen bei
Belastung. Deshalb sei die Versicherte bereits im November 2001 einmal bei ihm in
Behandlung gewesen. Er habe der Versicherte vom 27. September bis 6. Oktober 2007
ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis gemacht. Bis 26. September 2007 habe sie Mutter
schaftsurlaub gehabt und ab 7. bis 20. Oktober 2007 Ferien.
A.j Auf Anfrage der IV-Stelle erstattete Dr. F._ am 18. Februar 2010 Bericht (IV-
act. 51). Mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte sie eine somatoforme
Schmerzstörung mit zervikaler Verspannung, Ausstrahlung in beide Arme bis zu den
Fingern mit Parästhesien sowie chronische Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen
und rascher Ermüdbarkeit. Weiter äusserte sie den Verdacht auf eine Fraktur der Zehe
IV rechts und eine Stauchung der Zehe III rechts im November 2009. Dr. F._ gab an,
die ambulante Behandlung habe bis Dezember 2009 gedauert. Die Versicherte habe
sich in der Behandlung immer mehr zurückgezogen, sei nur noch selten gekommen
und sei immer passiver geworden. Sie sei nicht mehr arbeitsfähig.
A.k Nach Rückfrage beim RAD (vgl. IV-act. 54) betrachtete die IV-Stelle die
Versicherte weiterhin als voll arbeitsfähig und verneinte daher mit Verfügungen vom
10. März 2010 (IV-act. 55, 56) den Anspruch sowohl auf berufliche Massnahmen als
auch auf Rente.
B.
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B.a Gegen diese Verfügungen richtet sich die vom Rechtsvertreter der Versicherten
am 13. April 2010 erhobene Beschwerde (act. G 1). Beantragt werden unter Kosten-
und Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die Zusprache von beruflichen
Massnahmen und/oder einer Invalidenrente. Eventualiter sei die Sache für eine weitere
Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Einschätzung von Dr.
D._, wonach die Beschwerdeführerin zu 100% arbeitsfähig sein solle, sei kaum je
hinterfragt worden, obwohl die Beschwerdeführerin mehrfach darauf hingewiesen
habe, dass Dr. D._ ihr Problem gar nicht erfasst habe. Demgegenüber habe Dr. F._
eine Arbeitsfähigkeit von maximal zwei Stunden pro Tag attestiert. Diese Einschätzung
habe die Beschwerdegegnerin vollständig negiert. Die Beschwerdegegnerin habe zwar
– wie mit Einwand verlangt – einen Bericht von Dr. F._ eingeholt. Sie habe aber
bereits zuvor zum Ausdruck gebracht, dass sie aufgrund der vorbestehenden
Aktenlage entscheiden werde, und zwar unabhängig davon, wie der Bericht von Dr.
F._ auch immer ausfallen werde. Zwischen den beteiligten Fachärzten beständen
unterschiedliche Auffassungen betreffend die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin.
Eine Auseinandersetzung mit den abweichenden Meinungsäusserungen habe nur
ungenügend stattgefunden.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 31. Mai 2010 die
Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Im Gegensatz zu Dr. F._ sei Dr. D._ als
Rheumatologe fachärztlich qualifiziert, die von der Beschwerdeführerin geltend ge
machten Beschwerden im Bereich des Nackens und der Hände zu beurteilen. Die seit
der Untersuchung von Dr. D._ neu dazu gekommene Verdachtsdiagnose der Fraktur
der Zehe IV rechts mache die pessimistische Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. F._
nicht plausibler. Der RAD führe in seiner Stellungnahme vom 10. März 2010 zu Recht
aus, dass die Beschwerdeführerin diese Verletzung nicht ärztlich habe behandeln
lassen, weshalb sie für die Arbeitsfähigkeit nicht als relevant einzustufen sei. Es gebe
keine medizinischen Hinweise, weshalb die Beschwerdeführerin in einer adaptierten
Tätigkeit nicht voll arbeitsfähig sein sollte, zumal auch ihr Hausarzt Dr. E._ ihr in
einem Schreiben vom 26. September 2007 volle Arbeitsfähigkeit in einer körperlich
leichten Tätigkeit attestiere. Bei der Beschwerdeführerin lägen im Wesentlichen einzig
ätiologisch-pathogenetisch unerklärliche syndromale Leidenszustände vor, denen
infolge der fehlenden Objektivierbarkeit jedoch keine invalidisierende Wirkung
zukomme. Betreffend Arbeitsvermittlung wird festgehalten, aus dem FI-Assessment
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protokoll ergebe sich mit aller Deutlichkeit, dass die Beschwerdeführerin subjektiv nicht
eingliederungsfähig sei. Sie verhalte sich vollkommen passiv und sei nicht bereit, mit
der IV-Stelle zusammenzuarbeiten.
B.c Die Beschwerdeführerin lässt in der Replik vom 5. Juli 2010 (act. G 8) an ihren An
trägen unverändert festhalten. Sie erwarte von der Beschwerdegegnerin, dass ihre Be
schwerden nun endlich fachlich und aktuell interdisziplinär abgeklärt würden. Sie lasse
sich nicht einfach als Simulantin hinstellen. Der RAD mache eine reine Schreibtisch
beurteilung, ohne dass ihm die Beschwerdeführerin vorgestellt worden wäre. Sie er
warte nun endlich, in ihrem Leiden ernst genommen zu werden. Sie könne ja nicht
mehr tun als darauf hinzuweisen und entsprechende medizinische Abklärungen zu
verlangen, wozu heute wohl auch ein psychiatrisches Konsilium gehören dürfte.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 7. Juli 2010 auf weitere Ausführungen
(act. G 10).

Erwägungen:
1.
1.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Erwerbs
unfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Ein
gliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.2 Anspruch auf eine Invalidenrente besteht, wenn die versicherte Person u.a.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen ist (Art. 28 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Es besteht ein Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70% und auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50% besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
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Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente (Art. 28 Abs. 2
IVG).
1.3 Gemäss Art. 43 Abs. 1 ATSG nimmt der Versicherungsträger die notwendigen
Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein. Um den
Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist der Versicherungsträger und im Beschwerde
fall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch
andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin
ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in
welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person
arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten be
gründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
1.4 Art. 8 der Schweizerischen Bundesverfassung (BV; SR 101) und Art. 6 Ziff. 1 der
Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101)
geben keinen formellen Anspruch auf versicherungsexterne Begutachtung, wenn
Leistungsansprüche streitig sind. Erachtet das Sozialversicherungsgericht die rechts
erheblichen tatsächlichen Entscheidgrundlagen bei pflichtgemässer Beweiswürdigung
als schlüssig, darf es den Prozess ohne Weiterungen abschliessen. In solchen Fällen
sind an die Beweiswürdigung jedoch strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch
nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Fest
stellungen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (RKUV 1997 U 281 E. 1a
S. 281f.).
2.
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2.1 Die Versicherte wurde während der Schwangerschaft ab 16. März 2007 voll
arbeitsunfähig geschrieben. Im Juni 2007 gebar sie eine Tochter (vgl. IV-act. 44-4). Dr.
E._ hielt in einem Schreiben vom 26. September 2007 (bei den UV-Akten) an die für
den Unfall von 1999 zuständige Haftpflichtversicherung fest, die Versicherte berichte
seit dem Unfall über deutlich häufigere und stärkere Kopfschmerzen und aktuell vor
allem über Schmerzen beider Arme, Ausstrahlung vom Nacken. Er hielt Arbeiten, die
keine Kraftanwendung im oberen Extremitätenbereich bedürfen, für wahrscheinlich voll
zumutbar. Auf seine Überweisung hin suchte die Versicherte am 28. September und
3. Oktober 2007 Dr. D._ auf (IV-act. 44-3). Dieser berichtete am 5. Oktober 2007 über
intermittierend auftretende Nacken- und Kreuzbeschwerden sowie Schmerzen in der
Handinnenfläche.
2.2 Im Mai 2008 fanden Telefongespräche zwischen der zuständigen Ärztin des RAD
und Dr. D._, Dr. E._ und Dr. F._ statt. Dr. D._ und Dr. E._ nannten dabei
keine die Arbeitsfähigkeit in geeigneten Tätigkeiten beeinträchtigenden Diagnosen bzw.
Befunde, wobei Dr. D._ die Versicherte letztmals im Oktober 2007, Dr. E._ im März
2008 gesehen hatte. Dr. F._ ging bereits bei jenem Telefonat vom Mai 2008 von einer
erheblichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus: Sie erachtete nur noch zwei
Stunden den Schmerzen an Armen und Händen Rechnung tragende Arbeit täglich als
möglich. Die Versicherte hatte sie vier Tage vor dem Gespräch mit der Ärztin des RAD
zuletzt gesehen.
2.3 Für die folgende Zeit liegen keine Arztberichte bei den Akten. Erst am 18. Februar
2010 liess sich Dr. F._ erneut vernehmen. Sie nannte die Diagnose einer
somatoformen Schmerzstörung bei zervikaler Verspannung, Ausstrahlung in beide
Arme bis zu den Fingern mit Parästhesien, sowie bei chronischen Kopfschmerzen,
Konzentrationsstörungen und rascher Ermüdbarkeit. Zudem äusserte sie den Verdacht
auf eine Zehenfraktur und eine Zehenstauchung im November 2009. Sie habe die Ver
sicherte von 30. April 2008 bis 9. Dezember 2009 behandelt, seither sei der Hausarzt
Dr. E._ zuständig. Zunächst habe die Behandlung unter guten Voraussetzungen
begonnen. Im Verlauf habe sich die Versicherte immer mehr zurückgezogen. Sie sei nur
noch selten zur Konsultation gekommen und sei immer passiver geworden. Im
November 2009 habe sie sich die rechte Zehe IV gebrochen und die rechte Zehe III
verstaucht (klinische Diagnose). Dr. F._ hielt fest, sie habe die Versicherte nicht
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motivieren können, den Befund z.B. mittels Röntgen weiter abklären oder die Zehe
gipsen zu lassen. Im Dezember 2009 sei sie das letzte Mal gekommen, die Befunde
seien unverändert gewesen. Sie habe Schmerzen und einen stark geschwollenen
rechten Zeh gehabt und sei nicht beim Hausarzt gewesen. Es werde zurzeit kaum
möglich sein, die Versicherte zu irgendeiner Therapie zu bewegen, daher bestehe
naturgemäss eine schlechte Prognose. Die Arbeitsunfähigkeit als Verkäuferin betrage
100%. Die Ärztin des RAD hielt zu diesem Bericht am 10. März 2010 fest, die
attestierte volle Arbeitsunfähigkeit als Verkäuferin dürfte sich auf die Fussverletzung
vom November 2009 beziehen und müsse als vorübergehend angesehen werden, da
diesbezüglich von einem kurzen Heilungsverlauf mit guter Prognose ausgegangen
werden dürfe. Diese Einschätzung vermag ohne weitere Abklärungen nicht zu
überzeugen. Dr. F._ hatte bereits vor der Fussverletzung im Mai 2008 nur eine
minimale Restarbeitsfähigkeit von zwei Stunden täglich attestiert. Die Akten liefern im
Übrigen keine Hinweise darauf, warum die Versicherte die klinisch von Dr. F._
festgestellte Fussverletzung nicht abklären und behandeln liess. Eine derartig
verweigerte Behandlung trotz für Dr. F._ klar erkennbaren Schmerzen ist zumindest
ungewöhnlich. Dennoch wurde weiteres dazu nicht erhoben und auch nicht abgeklärt,
ob die Versicherte ihren Hausarzt Dr. E._ deswegen nach dem Behandlungsabbruch
bei Dr. F._ doch noch aufgesucht hat. Die Ärztin des RAD mutmasste am 10. März
2010, der Verlauf werde durch viele IV-fremde Faktoren beeinflusst. Die Beschwerden
dürften sich soweit gebessert haben, dass die Therapien nicht mehr nötig seien oder
zu wenig erfolgreich waren. Aus dieser Spekulation lässt sich nichts für den
vorliegenden Fall Relevantes ableiten. Bei einer vermutungsweise gebrochenen und
einer verstauchten Zehe erscheint eine Behandlung keinesfalls als unnötig. Die
Darstellungen und insbesondere die Prognose von Dr. F._ vom Februar 2010 lassen
zudem nicht darauf schliessen, dass es der Versicherten besser gehe und darum
weitere Therapien nicht mehr nötig gewesen wären.
2.4 Im Verfügungszeitpunkt (10. März 2010) lagen ausser dem Schreiben von Dr.
F._ vom 18. Februar 2010, die als Allgemeinmedizinerin keine umfassende Be
urteilung vornehmen konnte und wollte, keine aktuellen Berichte zum Gesundheits
zustand der Versicherten vor. Die wenigen aktenkundigen somatischen Berichte
datieren vom Herbst 2007, die Telefonprotokolle mit Dr. E._ und Dr. D._ vom Mai
2008 (wobei Dr. E._ das Protokoll über das Gespräch mit ihm nach Lage der Akten
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nicht unterzeichnet hatte). Die Erhebungen in medizinischer Hinsicht waren also bereits
im Frühjahr 2008 dürftig und wurden seither nicht mehr aktualisiert. Damit hat die
Beschwerdegegnerin die ihr obliegende Untersuchungspflicht verletzt. Die Schluss
folgerung der Ärztin des RAD vom 10. März 2010, aus versicherungsmedizinischer
Sicht dürfe die Versicherte bis zum Beweis des Gegenteils als 100% angestammt und
leidensadaptiert arbeitsfähig angesehen werden, verkennt, dass die Beweisführungs
pflicht nicht bei der Versicherten, sondern bei der Beschwerdegegnerin liegt. Diese
kann ihre Erhebungen (ausserhalb des Anwendungsbereichs von Art. 43 Abs. 3 ATSG)
erst einstellen, wenn sie sich ein fundiertes Bild über die gesundheitliche Situation und
deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person gemacht hat.
Dies ist vorliegend nicht der Fall.
2.5 Auch in psychiatrischer Hinsicht ist die Aktenlage unzulänglich abgeklärt. Dr.
E._ und Dr. D._ äusserten sich nicht zur psychischen Situation der Beschwerde
führerin, was aufgrund der fehlenden entsprechenden fachlichen Qualifikation auch
nicht ihre Aufgabe ist. Aktenkundig ist, dass Dr. F._ mit der Versicherten Atlasologie,
Familientherapie und Psychotherapie machte. Weitere Hinweise auf eine mögliche
psychische Problematik bzw. zumindest auf eine psychisch belastende Situation sind
dem FI-Assessmentprotokoll zum Gespräch mit der Versicherten vom 6. Juni 2008 zu
entnehmen: Seit frühester Kindheit sei die Situation zuhause sehr schwierig gewesen,
der Vater sei Alkoholiker und gewalttätig gegen Mutter und Kinder gewesen. Die
Versicherte habe ihre Lehre nach sechs Monaten wegen Mobbings abgebrochen. Die
Schwangerschaft ab Herbst 2006 sei ungewollt gewesen. Die Beziehung zum Vater der
Tochter sei äusserst schwierig und belastend. Er sei unberechenbar und schnell
aggressiv, ähnlich wie ihr (der Versicherten) Vater. Unterdessen habe er Hausverbot
bekommen. Er bedrohe sie aber auch in der Öffentlichkeit. Sie lebe in dauernder Angst
vor Verfolgung und Tätlichkeit durch den Kindsvater. Die Versicherte lebe
zurückgezogen und halte sich am liebsten in der eigenen Wohnung auf. Engen Kontakt
habe sie mit ihrer Mutter, ansonsten habe sie seit der Schwangerschaft und Geburt der
Tochter keine sozialen Kontakte. Die IV-Eingliederungsberaterin hielt im Protokoll ihren
subjektiven Eindruck fest, dass die Versicherte am Anfang des Gesprächs einen
ruhigen, gefassten Eindruck gemacht habe. Später sei dann die enorme psychische
Belastung spürbar geworden. In der Folge erwies es sich offenbar als schwierig, mit
der Versicherten in Kontakt zu treten. Am 27. August 2008 hielt die
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Eingliederungsverantwortliche fest, die Versicherte nehme Telefonate nicht entgegen
und melde sich auch selber nicht. Die Eingliederungsverantwortliche gibt an, sie habe
wie die zuständige Sachbearbeiterin der Haftpflichtversicherung die Erfahrung
gemacht, dass bei der Versicherten im direkten Kontakt Motivation und Compliance
vorhanden zu sein schienen, sie sich aber zurückziehe, sobald der direkte Kontakt
abgebrochen sei.
2.6 Vor diesem Hintergrund vermag die Einschätzung der Ärztin des RAD vom
14. November 2008, es lägen keine Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung vor,
nicht zu überzeugen. Auch diesbezüglich scheinen weitere Abklärungen angezeigt. Die
Beschwerdegegnerin hat ihre Abklärungen in medizinischer Hinsicht zu früh beendet.
3.
3.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung teilweise gutzuheissen und die Sache ist im Sinn der Er
wägungen zur weiteren medizinischen Abklärung sowie zur anschliessenden neuen
Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis Fr.
1'000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von insgesamt Fr. 600.-
erscheint als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als
volles Obsiegen (BGE 132 V 235 Erw. 6.2). Die Beschwerdegegnerin hat deshalb die
gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.- zu bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss
von Fr. 600.- ist der Beschwerdeführerin zurückzuerstatten.
3.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
werden (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). In Berück
sichtigung der Aktenmenge und des mutmasslichen Vertretungsaufwands erscheint
eine Parteientschädigung von Fr. 2'500.- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen.
bis
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Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP