Decision ID: e7f792e8-ae44-4e6b-a5dc-94444a24e129
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog seit längerer Zeit Ergänzungsleistungen zu seiner IV-Rente (EL-act.
87, 92). Am 9. Juli 2014 wurde seine Schwester, B._, zu seiner neuen Beiständin
ernannt (EL-act. 70-2).
A.a.
Am 9. Mai 2017 leitete die EL-Durchführungsstelle eine periodische Überprüfung
der Ergänzungsleistungen ein (EL-act. 59). Die Beiständin des Versicherten gab im
Formular vom 30. Mai 2017 an, dass der Versicherte an einer unverteilten Erbschaft
beteiligt sei. Gemäss dem Sicherungsinventar vom 4. Mai 2016 war der Vater des
Versicherten (nachfolgend: Erblasser) bereits am _. 2016 verstorben (EL-act. 52). Der
Versicherte war als einer von sechs gesetzlichen Erben aufgelistet. Das
Inventarergebnis hatte ein Vermögen von Fr. 414'482.03 ergeben, wobei die
Liegenschaft C._ zum amtlichen Verkehrswert von Fr. 392'000.-- angerechnet
worden war.
A.b.
Die Beiständin des Versicherten teilte der EL-Durchführungsstelle am 6. März 2018
mit, dass die Erbschaft noch nicht verteilt worden sei. Auch die Liegenschaft des
Erblassers sei noch nicht verkauft worden (EL-act. 45-1). Gemäss der Zins- und
Kapitalbescheinigung hatte der Saldo auf dem Privatkonto des Versicherten bei der
Bank D._ per 31. Dezember 2017 Fr. 8'176.88 betragen (EL-act. 45-3). Zinsen hatte
der Versicherte keine erhalten.
A.c.
Mit Verfügung vom 31. Mai 2018 setzte die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistungen aufgrund der Ergebnisse der periodischen Überprüfung
A.d.
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rückwirkend ab 1. Februar 2016 neu fest (EL-act. 41). In der Anspruchsberechnung war
die unverteilte Erbschaft inklusive der Liegenschaft des Erblassers zu einem Anteil von
1/6 berücksichtigt worden. Darüber hinaus waren das Sparguthaben, das
Erwerbseinkommen und die Erträge aus Sparguthaben aktualisiert worden. Für den
Zeitraum vom 1. Februar 2016 bis 31. Mai 2018 resultierte eine Rückforderung von
Fr. 22'996.--. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Am 15. September 2018 teilte die Beiständin des Versicherten mit, dass sich die
finanzielle Situation des Versicherten verändert habe. Sie bat darum, die EL-
Berechnung anzupassen (EL-act. 32-1). Laut einem Kontoauszug hatte der Saldo des
Privatkontos bei der Bank D._ per 31. Juli 2018 noch Fr. 1.27 betragen (EL-act.
32-2).
A.e.
Auf Nachfrage hin erklärte die Beiständin des Versicherten am 5. November 2018,
dass die Erbschaft immer noch nicht verteilt sei (EL-act. 30 f.).
A.f.
Mit Verfügung vom 22. November 2018 passte die EL-Durchführungsstelle die
laufende EL per 1. September 2018 an die Reduktion des Sparguthabens (neu Fr. 1.--,
bisher Fr. 8'175.--) an. Die EL betrug nun Fr. 3'511.-- pro Monat (EL-act. 29). Gegen
diese Verfügung erhob die Beiständin des Versicherten am 21. Dezember 2018
Einsprache (EL-act. 25). Sie machte geltend, dass sie aufgrund der Reduktion der
Ergänzungsleistungen wegen der Anrechnung eines Vermögensverzehrs aus der
unverteilten Erbschaft grosse Mühe habe, die Heimrechnungen zu bezahlen. Das
Problem sei, dass die Erbteilung noch nicht vollzogen und das Geld des Versicherten in
seinem Hausanteil gebunden sei.
A.g.
Am 11. Februar 2019 teilte der Ersatzbeistand des Versicherten (vgl. EL-act. 13)
dem zuständigen EL-Sachbearbeiter mit, dass die Miete, die der Versicherte der
Erbengemeinschaft für den von ihm mit entgeltlichem Wohnrecht genutzten 1⁄2-Anteil
an der Liegenschaft C._ bezahle, in der Anspruchsberechnung nicht berücksichtigt
sei. Der Versicherte halte sich an den Wochenenden tatsächlich bei seiner Schwester
auf. Somit seien in der EL-Berechnung Ausgaben von jährlich Fr. 9'600.-- (bzw. ab
1. Februar 2017 von jährlich Fr. 9'960.--) nicht berücksichtigt.
A.h.
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B.
Am 15. März 2019 stellte die Beiständin des Versicherten ein Wiedererwägungs
gesuch (EL-act. 11-1). Sie bat darum, den Vermögensverzehr neu zu berechnen. Dem
Gesuch lag eine Kopie der eigenhändigen letztwilligen Verfügung des Erblassers vom
15. März 2008 bei (EL-act. 11-2 f.).
A.i.
Mit Entscheid vom 30. April 2019 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache
gegen die Verfügung vom 22. November 2018 ab (EL-act. 8). Zur Begründung hielt sie
fest, Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilde lediglich die Anpassung des
Sparguthabens des Versicherten auf dem Konto der Bank D._ an den
Vermögensstand per 31. Juli 2018. Der EL-Anspruch sei auf den Beginn des Monats
September 2018, in welchem die Änderung gemeldet worden sei, erhöht worden.
Diesbezüglich sei die angefochtene Verfügung vom 22. November 2018 korrekt. Den
Anteil des Versicherten an der unverteilten Erbschaft habe die EL-Durchführungsstelle
bereits in der Verfügung vom 31. Mai 2018 angerechnet, welche unangefochten in
Rechtskraft erwachsen sei. In Bezug auf diesen Anteil seien seither keine
Sachverhaltsveränderungen eingetreten bzw. solche seien bislang nicht geltend
gemacht worden. Deswegen könne der angerechnete Anteil an der unverteilten
Erbschaft nicht im Rahmen der angefochtenen Anpassungsverfügung vom 22.
November 2018 überprüft werden. Auch die Voraussetzungen der prozessualen
Revision nach Art. 53 Abs. 1 ATSG seien nicht erfüllt. Ein Wiedererwägungsgesuch
betreffend die Verfügung vom 31. Mai 2018 wäre bei der EL-Durchführungsstelle
einzureichen, was offenbar mit der Eingabe vom 15. März 2019 bereits gemacht
worden sei.
A.j.
Am 12. August 2019 trat die EL-Durchführungsstelle nicht auf das
Wiedererwägungsgesuch der Beiständin vom 15. März 2019 ein (EL-act. 2). Sie hielt
fest, dass ein neues Wiedererwägungsgesuch gestellt werden könne, sobald sich die
Erbengemeinschaft bezüglich der Liegenschaft geeinigt habe und die Verhältnisse
absolut klar seien.
A.k.
Am 31. Mai 2019 beantragte die Beiständin des Versicherten (nachfolgend:
Beschwerdeführer) eine Fristverlängerung für die Beschwerdeerhebung (act. G 1). Das
Gericht teilte der Beiständin am 5. Juni 2019 mit, dass ihre Eingabe den gesetzlichen
B.a.
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Erwägungen
1.
Anforderungen an eine Beschwerde nicht genügten (act. G 2). Es gewährte ihr
ausnahmsweise eine Nachfrist zur Verbesserung ihrer Eingabe. Zudem forderte es die
Beiständin auf, eine Ermächtigung der KESB zur Beschwerdeerhebung einzureichen. In
ihrer Eingabe vom 17. Juni 2019 verwies die Beiständin zur Hauptsache auf ein
Schreiben ihres Bruders, welcher auch der Erbenvertreter der Erbengemeinschaft des
Erblassers war (act. G 3). Der Erbenvertreter hatte am 16. Juni 2019 festgehalten, dass
die Erbengemeinschaft mit dem Einspracheentscheid vom 30. April 2019 nicht
einverstanden sei (G 3.2). Der Beschwerdeführer arbeite und lebe seit vielen Jahren in
einem Wohnheim und komme am Wochenende "nach Hause", d.h. in das Haus an der
C._, von welchem er gemäss dem Testament des Erblassers 1/5 geerbt habe. Dort
wohne auch seine Schwester, die seine Beiständin sei. Die EL-Durchführungsstelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) habe vom Beschwerdeführer bereits im Mai 2018
aufgrund der rückwirkenden Anrechnung eines Vermögensverzehrs einen Betrag von
Fr. 22'096.-- zurückgefordert. Diese Rechnung sei aus dem Nachlass des Erblassers
bezahlt worden. Dieses Geld sollte gemäss dem Testament jedoch an alle sechs Erben
verteilt werden. Die Erbengemeinschaft möchte deshalb zukünftig jeweils jährlich eine
"Vermögensverzehrs-Rechnung" von ca. Fr. 10'000.-- erhalten. Im Gegenzug sollten
die Ergänzungsleistungen des Beschwerdeführers wieder auf den alten Stand
angehoben werden. Das Wiedererwägungsgesuch vom 15. März 2019 wäre also
gutzuheissen. Bei diesem Vorgehen wäre der gesamte Vermögensverzehr des
Beschwerdeführers nach ca. vier Jahren abbezahlt und alles richtig und transparent
dokumentiert.
Am 18. September 2019 reichte die KESB den Beschluss betreffend die Erteilung
einer Prozessvollmacht an die Beiständin für das Beschwerdeverfahren vor dem
Versicherungsgericht ein (act. G 9).
B.b.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 10. Oktober 2019 mit Verweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 11).
B.c.
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Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ist der Einsprache
entscheid vom 30. April 2019. Diesem liegt die Verfügung vom 22. November 2018
zugrunde, mit welcher die Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistungen rückwirkend
ab 1. September 2018 von Fr. 3'375.-- (inkl. Prämienpauschale Krankenversicherung)
auf Fr. 3'511.-- pro Monat erhöht und für den Zeitraum 1. September 2018 bis 30.
November 2018 einen Betrag von Fr. 408.-- (3 x Fr. 136.--) nachgezahlt hatte. Der
Grund für die rückwirkende Anpassung der Ergänzungsleistungen ist einzig die
Reduktion des Sparguthabens von Fr. 8'175.-- auf Fr. 1.-- gewesen. Der anrechenbare
Vermögensverzehr hatte sich neu auf insgesamt Fr. 8'416.-- belaufen (bisher
Fr. 10'050.--). Streitgegenstand ist somit die Revision der Ergänzungsleistungen als
Folge der Veränderung des Sparguthabens gewesen (Art. 17 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR
830.1). Die Zusprache einer Dauerleistung für die Zukunft stützt sich stets auf eine
Prognose über die Sachverhaltsentwicklung ab. Diese Prognose lautet praktisch
immer: Der Sachverhalt bleibt unverändert. Mit dem Korrekturinstrument der Revision
kann eine Dauerleistung angepasst werden, wenn sich der Sachverhalt später ändert,
so dass die der ursprünglichen Verfügung zugrunde gelegte Sachverhaltsprognose nun
falsch ist und durch eine neue Prognose ersetzt werden muss. Die neue Prognose
lautet wieder: Der veränderte Sachverhalt wird sich nicht ändern. Mit der
Revisionsverfügung wird dieser neuen Sachverhaltsprognose Rechnung getragen (vgl.
Ralph Jöhl, Die Revision nach Art. 17 ATSG, in: JaSo 2012, S. 153 ff.). Die EL-
Anspruchsberechnung setzt sich aus den einzelnen Ausgabe- und Einnahmepositionen
zusammen. Bezüglich jeder einzelnen Berechnungsposition erfolgt eine
Sachverhaltsprognose. In einem Revisionsverfahren nach Art. 17 Abs. 2 ATSG können
deshalb entsprechend dem Wesen der Revision nur diejenigen Berechnungspositionen
angepasst werden, die tatsächlich von einer Sachverhaltsveränderung betroffen sind.
Entgegen der Auffassung des Bundesgerichts (vgl. BGE 141 V 15 E. 2.1; vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 5. Dezember 2016, 8C_668/2016 E. 5.2.2) kann der
Leistungsanspruch bei Vorliegen eines Revisionsgrundes im Sinne von Art. 17 Abs. 2
ATSG also nicht umfassend überprüft werden, denn ganz offenkundig lassen weder
der Wortlaut noch die Entstehungsgeschichte, der systematische Zusammenhang oder
der Sinn und Zweck des Art. 17 Abs. 2 ATSG dies zu. Der Anteil an der unverteilten
Erbschaft ist dem Beschwerdeführer bereits mit der Verfügung vom 31. Mai 2018
rückwirkend ab dem 1. Februar 2016 angerechnet worden. Allfällige Einwände gegen
die Anrechnung des Anteils an der unverteilten Erbschaft in der EL-
Anspruchsberechnung hätten somit in einer Einsprache gegen die Verfügung vom 31.
Mai 2018 geltend gemacht werden müssen. Dies ist jedoch unterlassen worden und
die Verfügung vom 31. Mai 2018 inzwischen in Rechtskraft erwachsen. Die Anrechnung
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des Anteils an der unverteilten Erbschaft hätte mit der Verfügung vom 22. November
2018 deshalb nur überprüft und − soweit nötig − angepasst werden können, wenn
bezüglich der Erbschaft zwischenzeitlich eine Sachverhaltsveränderung eingetreten
wäre. Dies ist jedoch nicht der Fall gewesen, namentlich hat bis zum Verfügungserlass
am 22. November 2018 keine Erbteilung stattgefunden (EL-act. 31). Die
Beschwerdegegnerin hat folglich im Rahmen des der Verfügung vom 22. November
2018 zugrundeliegenden Revisionsverfahrens nicht überprüfen können, ob der Anteil
des Beschwerdeführers am unverteilten Erbe korrekt in der der Anspruchsberechnung
berücksichtigt worden war. Die Erbfolgen haben somit auch nicht Streitgegenstand des
Einspracheentscheides vom 30. April 2019 und des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens bilden können. Zwar hat sich die Beschwerdegegnerin im
angefochtenen Einspracheentscheid nicht nur mit der Höhe des Sparguthabens − dem
einzigen Revisionsgrund − auseinandergesetzt. Bei den übrigen Ausführungen,
insbesondere denjenigen zur Anrechnung des Anteils an der unverteilten Erbschaft
(Erw. 2/d), hat es sich jedoch lediglich um obiter dicta, d.h. um informative, nicht
entscheidrelevante Aussagen gehandelt.
2.
Die Beiständin des Beschwerdeführers hat sinngemäss beantragt, dass die
Ergänzungsleistungen auf den "alten Stand", d.h. auf monatlich Fr. 3'969.--, anzuheben
seien (Stand per 1. Januar 2018, d.h. vor der Anrechnung des Anteils an der
unverteilten Erbschaft, siehe EL-act. 48-1 ff.). Dafür solle der Erbengemeinschaft des
Erblassers jährlich eine "Vermögensverzehrs-Rechnung" von ca. Fr. 10'000.-- gestellt
werden. Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht dem Betrag, um den die
anerkannten Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung, ELG, SR 831.30). Die anerkannten Ausgaben und die
anrechenbaren Einnahmen, worin in einem bestimmten Umfang auch das Vermögen
einbezogen ist, werden nach den in Art. 10 und 11 ELG sowie in Art. 11 bis 18 der
Verordnung über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELV, SR 831.301) festgelegten Bestimmungen ermittelt. Das
Gesetz schreibt der Beschwerdegegnerin also vor, welche Ausgaben und welche
Einnahmen in der Anspruchsberechnung von EL-Bezügern zu berücksichtigen sind. Es
lässt der Beschwerdegegnerin keine Möglichkeit, bestimmte Einnahmen nicht
anzurechnen, dafür aber − zumindest was die Ergänzungsleistungen angeht −
unbeteiligten Dritten eine Rechnung in der Höhe des anrechenbaren
Vermögensverzehrs zu stellen. Beim Anteil eines EL-Bezügers an einer unverteilten
Erbschaft handelt es sich um einen Bestandteil des Vermögens im Sinne von Art. 11
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Abs. 1 lit. c ELG. Die Beschwerdegegnerin muss den Anteil eines EL-Bezügers an einer
unverteilten Erbschaft also zwingend in der EL-Anspruchsberechnung berücksichtigen
und kann keine separate "Vermögensverzehrs-Rechnung" ausstellen. Der Antrag der
Beiständin des Beschwerdeführers, den anrechenbaren Vermögensverzehr der
Erbengemeinschaft separat in Rechnung zu stellen, ist deshalb abzuweisen.
3.
4.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. a ATSG).