Decision ID: f7da135c-60a1-4337-a5fe-16af9935d4f8
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 05.05.2020 Art. 42 IVG. Art. 43 Abs. 1 ATSG. Hilflosenentschädigung für Minderjährige. Labiler Diabetes mellitus. Fragliche Notwendigkeit einer dauernden Überwachung respektive einer intensiven Pflege. Ungenügende Sachverhaltsabklärung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 5. Mai 2020, IV 2019/80).
Entscheid vom 5. Mai 2020
Besetzung
Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug (Vorsitz), Karin Huber-Studerus und
Versicherungsrichter Ralph Jöhl; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
IV 2019/80
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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Gegenstand
Hilflosenentschädigung für Minderjährige
Sachverhalt
A.
A._ (Jahrgang 2008) wurde im Juli 2018 zum Bezug eines Assistenzbeitrages
angemeldet (IV-act. 9). Eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle teilte der Mutter des
Versicherten mit, dass dieser auch zum Bezug einer Hilflosenentschädigung
angemeldet werden müsse (IV-act. 10). Die Mutter gab an, dass ihr das bewusst sei,
aber das Ausfüllen des entsprechenden Formulars gestalte sich schwierig, weshalb es
noch einige Tage dauern werde, bis sie es einreichen könne. Im August 2018 wurde
der Versicherte dann auch zum Bezug einer Hilflosenentschädigung angemeldet (IV-
act. 13). Die Mutter machte geltend, der Versicherte leide an einem „Brittle Diabetes“,
der sich nur sehr schwer einstellen lasse. Das erfordere eine praktisch
ununterbrochene Überwachung tagsüber und nachts. Als alleinerziehende Mutter sei
sie mit der damit einhergehenden Belastung überfordert. Der Kinderendokrinologe Dr.
med. B._ berichtete im November 2018 (IV-act. 21), der Versicherte habe bereits
mehrfach – jeweils für 1–10 Tage – stationär behandelt werden müssen. Er leide an
keinen physischen, psychischen oder kognitiv-intellektuellen Einschränkungen. Die
Frage, ob die Hilflosigkeit mit geeigneten Hilfsmitteln vermindert werden könne,
beantwortete Dr. B._ mit: „Ja; Betreuung, wenn Kindsmutter nicht anwesend ist“. Am
9. Januar 2019 fand eine Abklärung in der Wohnung der Mutter statt. Der
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle berichtete (IV-act. 26–1 ff.), der zehnjährige
Versicherte habe sich offensichtlich sehr gut auf die Abklärung vorbereitet. Er habe
sämtliche Utensilien präsentiert, auf die er angewiesen sei, und er habe ziemlich genau
erklären können, worauf er achten und was er tun müsse. Insgesamt habe er sehr
eindrücklich präsentiert, dass er in den vergangenen sechs Jahren sehr gut gelernt
habe, mit seiner Krankheit umzugehen. Sein Alltag werde durch eine Insulinpumpe, die
er fast ständig trage, erheblich erleichtert. Für keine der sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen bestehe ein erheblicher und regelmässiger
behinderungsbedingter Bedarf nach einer Dritthilfe. Der Versicherte benötige aber
A.a.
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sowohl tagsüber als auch nachts eine dauernde Hilfe im Rahmen der
Behandlungspflege. Die Mutter müsse durchschnittlich eineinhalbmal pro Nacht den
Blutzucker messen, was jeweils etwa zehn Minuten benötige. Das ergebe einen
anrechenbaren Mehraufwand von 15 Minuten pro Tag. Zudem müsse sie ihren Sohn
neunmal pro Jahr zu Arztbesuchen begleiten, was jeweils 60 Minuten dauere. Daraus
resultiere ein anrechenbarer Mehraufwand von durchschnittlich einer Minute pro Tag.
Die Mutter des Versicherten machte geltend (IV-act. 26–7 ff.), der
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle habe sich wohl täuschen lassen. Der Versicherte
habe natürlich einen sehr guten Eindruck hinterlassen wollen. Er sei im Vorfeld der
Abklärung von seiner Mutter sehr gut instruiert worden. Vielleicht habe auch die schöne
Wohnung und die viele Technik einen falschen Eindruck vermittelt. Im Alltag sehe alles
ganz anders aus. Ihr Sohn sei leider noch sehr unselbständig. Es sei zwingend
erforderlich, dass die Mutter die Blutzuckerwerte rund um die Uhr immer wieder
kontrolliere, da sich die Form des Diabetes, an dem der Versicherte leide, kaum
einstellen lasse. Der Abklärungsbeauftragte habe offensichtlich nicht verstanden, wie
mühsam und zeitaufwendig es sei, den Blutzucker richtig einzustellen. Werde ein Wert
ausserhalb des Normbereichs festgestellt, müsse der Wert zum Beispiel mit einer
Tasse warmer Milch korrigiert werden. Danach müsse die Reaktion des
Blutzuckerspiegels abgewartet werden. Anschliessend müsse erneut gemessen und
gegebenenfalls nochmals korrigierend eingegriffen werden. Der Versicherte habe sich
an den Alarm der Insulinpumpe so gewöhnt, dass er diesen in der Nacht schon gar
nicht mehr höre. Tagsüber quittiere er den Alarm, ohne in der Folge etwas zu
unternehmen. Obwohl der Alarm erst bei einer erheblichen Überschreitung des
Normwertes ertöne, werde die Mutter durchschnittlich zwei- bis dreimal pro Nacht vom
Alarm aus dem Tiefschlaf gerissen. Sie könne sich kaum mehr erholen, weil sie rund
um die Uhr im Einsatz sei. Sie habe einmal testweise versucht, den Versicherten einen
Nachmittag lang sich selbst zu überlassen. Seine Werte seien anschliessend
katastrophal gewesen. Im Gespräch habe sich dann herausgestellt, dass der
Versicherte völlig falsch reagiert habe. In den Sommerferien am Strand habe man
einmal zwei Wochen auf den Sensor verzichtet, da dieser den Sand nicht vertragen
habe. Die Langzeitwerte seien in der Folge sehr schlecht gewesen. Der tägliche
Zeitaufwand für die externe Hilfe betrage realistisch betrachtet weit mehr als eine
Stunde pro Tag. Unter anderem müsse jede Mahlzeit genau entsprechend den
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Resultaten einer vorgängigen Berechnung abgewogen werden. Die Mutter müsse das
alles alleine bewältigen. Sie sei damit überfordert, was sich in gesundheitlichen
Beschwerden gezeigt und zu einem Arbeitsstellenverlust geführt habe. Die
pubertierende Schwester des Versicherten komme mit der ganzen Situation ebenfalls
nicht zurecht. Die Kleinfamilie sei dringend auf Hilfe angewiesen. Der
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle notierte (IV-act. 27), der Versicherte benötige keine
besonders aufwendige Pflege, das heisst keine Pflege, die mehr als zwei Stunden pro
Tag in Anspruch nehme. Zudem könne er mehr als eine Stunde alleine gelassen
werden, ohne dass er sich selbst oder Dritte gefährde. Zwar sei unbestritten, dass die
Mutter einen pflegerischen Aufwand habe. Die Anspruchsvoraussetzungen für eine
Hilflosenentschädigung seien aber nicht gegeben.
Mit einem Vorbescheid vom 6. Februar 2019 teilte die IV-Stelle der Mutter des
Versicherten mit, dass sie die Abweisung des Begehrens um eine
Hilflosenentschädigung vorsehe (IV-act. 28). Dagegen wandte die Mutter des
Versicherten am 25. Februar 2019 ein (IV-act. 29), der Blutzuckerspiegel müsse ständig
durch Insulin, Bewegung, Essen und Trinken korrigiert werden. Die entsprechenden
Berechnungen seien komplex und würden den zehnjährigen Versicherten überfordern.
Dem Versicherten könne auch nicht die ganze Verantwortung für die Kontrolle des
Blutzuckerspiegels aufgebürdet werden. Folglich sei eine dauernde Überwachung
durch eine Drittperson notwendig. Der Versicherte benötige beim Essen (Berechnung
der Kohlenhydrate, Blutzuckermessungen vor und nach dem Essen), bei der
Körperpflege (besondere Vorsicht im Umgang mit dem Katheter) und bei der
Fortbewegung (eingehende Vorplanung) eine erhebliche Dritthilfe. Mit einer Verfügung
vom 4. März 2019 wies die IV-Stelle das Begehren des Versicherten um eine
Hilflosenentschädigung ab (IV-act. 31). Bezugnehmend auf die Einwände gegen den
Vorbescheid führte sie aus, die Notwendigkeit einer Diät begründe keine Hilflosigkeit
bei der alltäglichen Lebensverrichtung Essen. Da der Versicherte seine Körperpflege
grundsätzlich selbständig durchführen könne, liege auch in diesem Bereich keine
relevante Hilflosigkeit vor. Im Bereich der Fortbewegung könne ebenfalls keine
Hilflosigkeit anerkannt werden, da der Versicherte grundsätzlich in der Lage sei, sich
selbständig zu bewegen. Die Kriterien für eine dauernde persönliche Überwachung
seien nicht erfüllt, da der Versicherte alleine gelassen werden könne. Eine besonders
A.b.
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B.
aufwendige Pflege läge nur vor, wenn der Versicherte pro Tag mindestens zwei
Stunden Pflege bei besonders erschwerenden qualitativen Momenten oder mindestens
vier Stunden Pflege benötigen würde, was nicht der Fall sei.
Am 2. April 2019 erhob die Mutter des Versicherten (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 4. März 2019 (act. G 1).
Sie beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Zusprache einer
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mindestens mittleren Grades sowie eventualiter
die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin)
zur Festsetzung der Hilflosenentschädigung und zur akzessorischen Prüfung eines
Anspruchs auf einenAssistenzbeitrag. Zur Begründung führte sie aus, die
Beschwerdegegnerin habe den Sachverhalt insbesondere in medizinischer Hinsicht
nicht hinreichend abgeklärt. Sie sei auch nicht auf die Einwände eingegangen, sondern
sie habe sich darauf beschränkt, allgemeine Verwaltungsweisungen wiederzugeben,
die mit dem konkreten Sachverhalt keinen Zusammenhang aufwiesen. Als Kind könne
der Beschwerdeführer die mittel- und langfristigen Folgen seines Handelns nicht
abschätzen, weshalb er im Alltag nicht in der Lage sei, seinen Diabetes selbständig
unter Kontrolle zu halten. Konkret müsse vor dem Einschlafen das Messgerät täglich
aufwendig kalibriert werden, was als eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe beim
Abliegen zu qualifizieren sei. Der Beschwerdeführer könne sein Essen nicht auf eine
gewöhnliche Weise einnehmen. Vor jeder Mahlzeit müsse der Blutzuckerwert
gemessen werden. Dann müssten die Nahrungsmittel anhand von Tabellen und
Berechnungsergebnissen genau abgewogen werden. In Bezug auf die Körperpflege sei
zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer lebenslang ständig zwei Hilfsmittel am
Körper trage, nämlich einen Katheter mit einem Schlauch und einen Sensor. Bei der
Körperpflege sei deshalb eine besondere Vorsicht notwendig. Die Katheter müssten
alle zwei Tage gewechselt werden. Wenn der Beschwerdeführer länger ausser Haus
sei, sei er immer auf eine Dritthilfe angewiesen. Sein Blutzuckerspiegel müsse ständig
überwacht werden. Die Mutter müsse für Rückfragen, Notfälle und Absicherungen der
betreuenden Personen ständig erreichbar sein. Zwar könne der Beschwerdeführer
auch mal alleine gelassen werden, aber das bedeute nicht, dass er keine ständige
B.a.
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Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin ein Begehren des
Beschwerdeführers um die Zusprache einer Hilflosenentschädigung abgewiesen. Da
dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf deren
Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand zwingend jenem des mit der
angefochtenen Verfügung abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen.
Folglich ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer im massgebenden Zeitraum einen
Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung für Minderjährige gehabt hat. Dieser
Anspruch setzt gemäss dem Art. 42 Abs. 1 IVG eine Hilflosigkeit im Sinne des Art. 9
ATSG voraus. Der Art. 42 Abs. 3 IVG, der für Erwachsene auch einen Bedarf nach einer
lebenspraktischen Begleitung als anspruchsbegründend qualifiziert, findet auf
Minderjährige keine Anwendung (Art. 42 Abs. 5 IVG). Folglich setzt ein Anspruch
eines Minderjährigen auf eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung einen
Bedarf nach einer regelmässigen und erheblichen Dritthilfe für mindestens zwei
Überwachung benötige, denn seine Blutzuckerwerte würden rund um die Uhr
überwacht.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 14. Mai 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zwei Sachbearbeiter hatten in einer internen Stellungnahme
festgehalten (act. G 4.1), grundsätzlich würden Gesuche um eine
Hilflosenentschädigung unter Hinweis auf einen Diabetes mellitus ohne eine Abklärung
vor Ort abgewiesen. Es sei kein einziger Fall bekannt, bei dem eine
Hilflosenentschädigung wegen eines Diabetes mellitus zugesprochen worden sei. Der
behandelnde Kinderendokrinologe habe keinen Hinweis auf eine besondere
Hilfsbedürftigkeit gemacht. Trotzdem sei eine Abklärung vor Ort vorgenommen
worden. Bei dieser Abklärung hätten keine relevanten Einschränkungen des
Beschwerdeführers festgestellt werden können. Der Beschwerdeführer könne
sämtliche alltäglichen Lebensverrichtungen selbständig ausführen. Die Mutter des
Beschwerdeführers habe in ihrer Beschwerdeschrift pflegerische Massnahmen mit den
Grundverrichtungen vermischt. Ihre Angaben in der Beschwerdeschrift widersprächen
ihren Angaben im Anmeldeformular.
B.b.
Der Beschwerdeführer hielt am 14. September 2019 an seinen Anträgen fest (act.
G 11). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 13).
B.c.
bis
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alltägliche Lebensverrichtungen (Art. 37 Abs. 3 lit. a IVV), eine Notwendigkeit einer
dauernden persönlichen Überwachung (Art. 37 Abs. 3 lit. b IVV), den Bedarf nach einer
durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders aufwendigen Pflege (Art. 37
Abs. 3 lit. c IVV) oder die aus einer schweren Sinnesschädigung oder eines schweren
körperlichen Gebrechens resultierende Notwendigkeit regelmässiger und erheblicher
Dienstleistungen Dritter zur Pflege gesellschaftlicher Kontakte voraus (Art. 37 Abs. 3 lit.
d IVV).
2.
Die Beantwortung der Frage, ob eine versicherte Person in einem
anspruchsbegründenden Ausmass hilflos ist, setzt einen vollständig ermittelten, mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehenden
Sachverhalt voraus. Die Pflicht zur Sachverhaltsermittlung trifft den
Sozialversicherungsträger (Untersuchungspflicht; Art. 43 Abs. 1 ATSG). Gemäss den
für die Beschwerdegegnerin verbindlichen Verwaltungsweisungen ist diese in jedem
Fall, in dem erstmals ein Anspruch einer minderjährigen versicherten Person auf eine
Hilflosenentschädigung zu prüfen ist, verpflichtet, eine Abklärung an Ort und Stelle
durchzuführen (vgl. die Rz. 2114 des Kreisschreibens über das Verfahren in der
Invalidenversicherung; KSVI). Vor diesem Hintergrund erstaunt die Aussage der
„Fachmitarbeiter“ der Beschwerdegegnerin in deren Stellungnahme zur Beschwerde,
von Diabetikern eingereichte Begehren um eine Hilflosenentschädigung würden
standardmässig ohne eine Abklärung an Ort und Stelle abgewiesen, denn damit würde
sich die Beschwerdegegnerin konsequent weisungswidrig verhalten. Der Umstand,
dass den „Fachmitarbeitern“ kein einziger Fall bekannt ist, in dem einem Diabetiker
eine Hilflosenentschädigung zugesprochen worden wäre, kann dieses weisungswidrige
Verhalten nicht rechtfertigen, da diese „Erfahrung“ keinen Beweiswert für den zu
beurteilenden konkreten Einzelfall haben kann. In der Tatsache, dass die
Beschwerdegegnerin eine Abklärung an Ort und Stelle durchgeführt hat, kann deshalb
kein „Entgegenkommen“ der Beschwerdegegnerin erblickt werden. Bei der Durchsicht
des Abklärungsberichtes fällt auf, dass die Beschwerdegegnerin zwar formal die
weisungsgemäss geforderte Abklärung durchgeführt hat, aber dass sie sich dabei
weitgehend darauf beschränkt hat, den Beschwerdeführer zu befragen. Die
Beschwerdegegnerin hat keinen Augenschein durchgeführt, das heisst sie hat nicht
versucht, den massgebenden Sachverhalt durch eigene Beobachtungen zu ermitteln.
Die Abklärung hätte deshalb genauso gut an einem anderen Ort oder auch nur
telefonisch durchgeführt werden können. Nicht vollständig nachvollziehbar ist auch,
dass die Beschwerdegegnerin offenbar hauptsächlich den Beschwerdeführer selbst
befragt hat, der damals erst zehn Jahre alt gewesen ist, weshalb seinen Angaben allein
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kein ausreichender Beweiswert zukommen kann. Der Abklärungsbericht erweist sich
aber auch deshalb als ein weitgehend untaugliches Beweismittel, weil er kein
wortgetreues Befragungsprotokoll enthält und weil er sich mit keinem Wort zur im
Zentrum des Interesses stehenden Frage äussert, wie zuverlässig der
Beschwerdeführer im Alltag seinen Blutzuckerspiegel gemessen hat und ob er in der
Lage gewesen ist, gegebenenfalls selbständig korrigierende Massnahmen (etwa die
Einnahme von Insulin in der richtigen Dosis oder den Genuss geeigneter Lebensmittel)
zu ergreifen. Zwar hat die Mutter des Beschwerdeführers nachträglich sehr detaillierte
Angaben zur Beurteilung des Pflege- und Betreuungsaufwandes gemacht. Diese
vermögen aber nicht zu überzeugen, da sie den Verdacht wecken, dass eine
Überbehütung vorliegen könnte, dass also der von der Mutter tatsächlich geleistete
Pflege- und Betreuungsaufwand den objektiv notwendigen Pflege- und
Betreuungsaufwand übersteigen könnte. Anhand der dem Gericht vorliegenden Akten
lässt sich die Frage nach Art und Ausmass einer allfälligen Überbehütung nicht
beantworten. Damit erweist sich der massgebende Sachverhalt als ungenügend
abgeklärt, weshalb die angefochtene Verfügung aufzuheben ist. Die Sache ist zur
Vervollständigung der Sachverhaltsermittlung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Diese wird eine weitere Abklärung an Ort und Stelle durchführen.
Dabei wird sie einen Augenschein vornehmen, das heisst sie wird den
Beschwerdeführer während eines längeren Zeitraums beobachten und die
entsprechenden Feststellungen (Blutzuckerschwankungen, Kontrollen, korrigierende
Eingriffe etc.) detailliert festhalten. Zusätzlich wird sie die Mutter des
Beschwerdeführers eingehend zu den erbrachten Pflege- und Betreuungsleistungen
befragen. Sie wird die Fragen und die Antworten in einem wortgetreuen Protokoll
festhalten. Im Anschluss an diese Abklärung an Ort und Stelle wird die
Beschwerdegegnerin eine medizinische Fachperson mit Erfahrung in der Behandlung
eines labilen („brittle“) Diabetes mellitus beauftragen, die Ergebnisse des Augenscheins
und die Angaben der Mutter des Beschwerdeführers sorgfältig auf eine mögliche
Überbehütung zu überprüfen. Sollte keiner der RAD-Ärzte über die notwendige
Erfahrung in der Behandlung eines labilen Diabetes mellitus verfügen, wird die
Beschwerdegegnerin einen versicherungsexternen Facharzt, der über die notwendige
Erfahrung verfügt, mit dieser Überprüfung betrauen. Sie wird sich dazu nicht an den
behandelnden Facharzt wenden, da dieser aufgrund seines therapeutischen
Behandlungsauftrages möglicherweise zugunsten des Beschwerdeführers befangen
sein könnte.
3.
Im Sinne eines obiter dictum ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdegegnerin bei
der Würdigung des Ergebnisses der nachzuholenden Sachverhaltsabklärung den
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folgenden Gesichtspunkten wird Rechnung tragen müssen: Das Bundesgericht hat in
seinem Urteil 8C_533/2019 vom 11. Dezember 2019 die Auffassung vertreten, es liege
ein anspruchsrelevanter Bedarf nach einer erheblichen und regelmässigen indirekten
Dritthilfe beim Aufstehen, Absitzen und Abliegen vor, wenn die Eltern abends jeweils
eine halbe bis eine dreiviertel Stunde bei ihrem Kind bleiben, es beruhigen, mit ihm
reden, es in den Arm nehmen und streicheln müssen, damit es im Bett bleibt und
einschläft (E. 4.9). Das Bundesgericht hat also den Bedarf nach einer indirekten
Dritthilfe beim Aufstehen, Absitzen und Abliegen – trotz der ausgewiesenen Fähigkeit
des Kindes, selbständig aufzustehen, abzusitzen und abzuliegen – mit einer
überdurchschnittlichen Betreuungsbedürftigkeit des Kindes beim Zubettgehen
begründet. Dieser Auffassung liegt eine sehr weite Interpretation des Begriffs einer
erheblichen indirekten Dritthilfe bei einer der sechs alltäglichen Lebensverrichtungen
zugrunde. Würde man dieser Auslegung folgen, müsste wohl jede Form einer
„Begleitung“ einer versicherten Person bei einer alltäglichen Lebensverrichtung als eine
erhebliche indirekte Dritthilfe qualifiziert werden, sofern diese „Begleitung“ einen
gewissen Aufwand verursacht. Das wäre vorliegend wohl im Zusammenhang mit dem
Essen der Fall, denn der Beschwerdeführer kann zwar grundsätzlich selber essen, aber
er benötigt eine intensive „Begleitung“ dabei: Seine Mutter muss den Blutzuckerspiegel
bestimmen, Nährwertberechnungen vornehmen und sämtliche Lebensmittel genau
abwägen; sie muss dem Beschwerdeführer eine Tasse Milch geben, um seinen
Blutzuckerwert zu beeinflussen; etc. Betreffend die Pflege im Sinne des Art. 37 Abs. 3
lit. IVV sieht die Rz. 8058 des Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der
Invalidenversicherung (KSIH) vor, dass eine Pflege dann als besonders aufwendig gilt,
wenn der Pflegeaufwand mehr als zwei Stunden pro Tag beträgt und wenn gleichzeitig
erschwerende qualitative Momente mit zu berücksichtigen sind oder wenn der
Pflegeaufwand mehr als drei Stunden pro Tag beträgt und wenn gleichzeitig
mindestens ein qualitatives Moment hinzukommt oder wenn der Pflegeaufwand mehr
als vier Stunden pro Tag beträgt. Diese schematische „Checkliste“ findet weder im
Gesetz noch in der Verordnung eine ausreichende Grundlage, weshalb es gesetzwidrig
wäre, die Frage nach der Notwendigkeit einer ständigen und besonders aufwendigen
Pflege strikt anhand dieser „Checkliste“ zu beantworten. Die von der Aufsichtsbehörde
in der Rz. 8058 des KSIH vorgegebene Abstufung kann höchstens als eine
Auslegungshilfe herangezogen werden, um im Einzelfall einen Anhalt dafür geben, ob
sich der konkrete Pflegebedarf im Bereich des vom Art. 37 Abs. 3 lit. c IVV Geforderten
bewegt. Die Frage, ob eine versicherte Person eine ständige und besonders
aufwendige Pflege im Sinne des Art. 37 Abs. 3 lit. c IVV benötigt, muss aber letztlich
unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände des konkreten Einzelfalls beantwortet
werden, was für den vorliegenden Fall bedeutet, dass diese Frage erst nach den noch
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durchzuführenden Abklärungen wird beantwortet werden können. Sofern die weiteren
Abklärungen ergeben sollten, dass diesbezüglich keine wesentliche Überbehütung
vorliegt, wird zu beachten sein, dass die Mutter des Beschwerdeführers seit Jahren
keine Nacht mehr hat durchschlafen können, weil sie jede Nacht mehrmals hat
aufstehen und sich um ihren Sohn kümmern müssen. Die damit einhergehende enorme
Belastung dürfte möglicherweise für sich allein bereits das Kriterium einer besonders
aufwendigen Pflege im Sinne des Art. 37 Abs. 3 lit. c IVV erfüllen. Berücksichtigt man
zudem den Umstand, dass die Mutter des Beschwerdeführers nicht nur nachts
durchschnittlich zwei- bis dreimal aufstehen muss, um den Beschwerdeführer zu
betreuen, sondern dass sie auch tagsüber den Blutzuckerspiegel engmaschig
überwachen und gegebenenfalls korrigierend eingreifen muss (was jeweils einige Zeit
benötigt, weil die Wirkung eines korrigierenden Eingriffs wegen der Labilität des
Diabetes mellitus nicht zuverlässig prognostiziert werden kann und deshalb nach
einiger Zeit kontrolliert werden muss), dürfte auch das Kriterium der ständig
notwendigen Pflege erfüllt sein, sofern diesbezüglich nicht eine erhebliche
Überbehütung im Spiel ist. Hinzu kommt, dass für die Bestimmung des
Betreuungsaufwandes nicht nur jene Zeit berücksichtigt werden darf, die eine
Betreuungsperson benötigt, um unmittelbar Betreuungsleistungen zu erbringen,
sondern dass auch jene Zeitabschnitte zu berücksichtigen sind, in denen sich die
Betreuungsperson in Bereitschaft halten muss. So müsste einer angestellten
Pflegeperson der Lohn für eine ganze Nacht bezahlt werden, wenn diese anstelle der
Mutter den Beschwerdeführer während der Nacht beaufsichtigen müsste, auch wenn
diese Pflegeperson nur zweimal den Blutzuckerspiegel messen und dem
Beschwerdeführer ein geeignetes Nahrungsmittel verabreichen müsste, denn sie
müsste sich ja während der ganzen Nacht für diese Eingriffe bereithalten. Das
Bundesgericht hat im Fall eines Mädchens, das während der Nacht medizinisch-
pflegerische Massnahmen benötigte, die insgesamt nicht mehr als zweieinhalb
Stunden in Anspruch nahmen, festgehalten: „Soweit die erwähnten Massnahmen in
dem Sinne nicht planbar sind, dass eine stetige Bereitschaft einer Pflegefachperson
gewährleistet sein muss, sind die dazwischen liegenden Zeitabschnitte als
pflegebedingt zu betrachten und somit ebenfalls zu berücksichtigen. Es kann sich
insoweit nicht anders verhalten als im Bereich der ambulanten Krankenpflege“ (Urteil
des Bundesgerichtes 9C_46/2017 vom 6. Juni 2017, E. 3.2, mit Hinweisen). Diese
Auffassung ist auch für den vorliegenden Fall relevant, weil es nicht um die konkrete
Leistung (Hilflosenentschädigung oder medizinische Massnahmen), sondern um den
Pflegeaufwand an sich geht, der für alle Leistungen – Hilflosenentschädigung,
Intensivpflegezuschlag und medizinische Massnahmen nach Art. 12 f. IVG – gleich
definiert ist. Sollte es wirklich objektiv notwendig sein, dass die Mutter den
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Beschwerdeführer rund um die Uhr engmaschig überwachen muss, weil bei einer zu
späten Reaktion auf eine jederzeit zu befürchtende Entgleisung des Blutzuckerspiegels
mit schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit des Beschwerdeführers gerechnet
werden müsste, bestünde eine Notwendigkeit einer dauernden Überwachung im Sinne
des Art. 39 Abs. 3 IVV, die bei der Berechnung des für einen Intensivpflegezuschlag
massgebenden täglichen Mehraufwandes mit einer Pauschale von zwei Stunden pro
Tag berücksichtigt wird. Ein allfälliger Anspruch des Beschwerdeführers auf einen
Intensivpflegezuschlag gehört zwar nicht zum Gegenstand dieses
Beschwerdeverfahrens (die Beschwerdegegnerin würde diesbezüglich Abklärungen
tätigen, sofern ein Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung zu bejahen wäre), aber
der Art. 39 Abs. 3 IVV zeigt, dass eine andauernde (nicht besonders intensive)
Überwachung bei der Ermittlung des Pflegeaufwandes wesentlich ins Gewicht fallen
kann.
4.
Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung in teilweiser Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und die Sache ist zur weiteren Sachverhaltsabklärung und zur
anschliessenden neuen Verfügung im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dieser Verfahrensausgang gilt hinsichtlich der
Kosten- und Entschädigungsfolgen rechtsprechungsgemäss als ein vollständiges
Obsiegen des Beschwerdeführers. Die Gerichtskosten, die angesichts des
durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzen sind, sind der
unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der
von ihm geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet.