Decision ID: 985ebf22-1a25-49bb-ab12-5ab726bceff8
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._, geboren 1975 und Mutter von drei Kindern (Jg. 2007, 2009 und 2012 [Urk. 7/155, 7/169, 7/197]), leidet seit Geburt an einer ausgeprägten Missbildung der linken unteren Extremität im Sinne einer Dysmelie (Urk. 7/3). Die Eidgenössische Invalidenversicherung anerkannte das Geburtsgebrechen Nr. 176 gemäss der
Verordnung über Geburtsgebrechen (
GgV
)
und die Übernahme der daraus entstehenden Kosten für medizinische Massnahmen und Hilfsmittel (Urk. 7/4) und erteilte aufgrund der im gehfähigen Alter notwendig gewordenen
Prothesenversorgung
Kostengutsprachen für Oberschenkelprothesen mit Kniege
lenk (vgl. Leistungsblatt Urk. 7/6).
1.2
Nachdem die zuständige Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, für den Zeitraum vom 1. August 1997 bis 31. Dezember 2008 weiterhin
eine herkömmliche Oberschenkelprothese zugesprochen hatte (Urk. 7/108), erteil
te
sie am 3.
November 2000
(
Urk.
7/119)
auch eine Kostengutsprache für eine neue entwickelte Prothese mit elektronisch-hydraulisch gesteuertem Kniegelenk (sog. C-Leg [vgl. Urk. 7/110/2 f. und Urk. 7/116]). In der Folge ergingen verschiedene Kostengutsprachen für Änderungen, Anpassungen, Reparaturen und Service der beiden Prothesen (vgl. Urk. 7/129, 7/135, 7/137, 7/141, 7/143, 7/147, 7/149, 7/158, 7/160, 7/162, 7/192).
1.3
Am 3. Mai 2010 (Urk. 7/188) sprach die IV-Stelle ein neues C-Leg als Ersatz des Vorgängermodels zu, nachdem dieses nicht mehr hatte revidiert werden können (vgl. Urk. 7/181). Im Anschluss daran erteilte die IV-Stelle wiederum Kosten
gut
sprachen für Reparaturen, Services und Anpassungen, einerseits für das C-Leg als Erstversorgung (Urk. 7/231, 7/255, 7/271) und anderseits für die Prothese mit Mauch-Hydraulik (vgl. Urk. 7/259/3) als Zweitversorgung (Urk. 7/235, 7/245, 7/272). Sodann sprach sie der Versicherten auch Amortisationsbeiträge für ein neu angeschafftes Fahrzeug zu (Urk. 7/209 und Urk. 7/232).
1.4
Den Kostenvoranschlag vom 27. Oktober 2016 der A._ über Fr.
69'545.90
für eine Oberschenkelprothese «OTTO BOCK GENIUM»
(
Urk.
7/273)
nahm die IV-Stelle als Zusatzgesuch für die Folgeversorgung der Oberschenkelprothese entgegen (Urk. 7/274). Nachdem die IV-Stelle den Kosten
voranschlag zur fachtechnischen Beurteilung der SAHB vorgelegt hatte (Urk. 7/276)
, kündigte sie mit Vorbescheid vom 7. Dezember 2016 (Urk. 7/277) die Abweisung des Leistungsbegehrens an. Hieran hielt
sie nach dem Eingang von Einwänden (Urk. 7/278, 7/283, 7/288, 7/291) mit Verfügung vom 11. April 2017 fest (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 3. Mai 2017 Beschwerde mit folgendem Rechts
begehren:
1.
Es sei die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 11. April 2017
auf
zu
heben.
2.
Es sei der Beschwerdeführerin der Anspruch auf eine Ober
schenkel
prothese
mit
Genium
-Kniegelenk links zuzusprechen.
3.
Eventualantrag: Es sei ein neutrales, orthopädisches Gutachten i.S.v.
Art. 44 ATSG erstellen zu lassen.
4.
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zzgl. MwSt. zulasten der
Beschwerdegegnerin.
Die Beschwerdegegnerin schloss in ihrer Beschwerdeantwort vom 13. Juni 2017 auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6). Mit Eingabe vom 24. Juli 2017 äusserte sich die Beschwerdeführerin unter Beilage eines Vorbescheides der Beschwerde
gegnerin vom 21. Juli 2017 betreffend Revision der bestehenden Oberschenkel
prothese links erneut zur Sache (Urk. 9 und Urk. 10). Dazu reichte die Beschwer
degegnerin am 29. August 2017 eine Stellungnahme ein (Urk. 12). Mit Eingabe vom 31. Oktober 2018 (Urk. 14) reichte die Beschwerdegegnerin eine Mitteilung über die Kostengutsprache für einen Ersatz der Oberschenkelprothese links als Zweitversorgung ein (Urk. 15), worauf die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 8. November 2018 ihren Antrag auf Versorgung mittels
Genium
-Prothese erneu
erte (Urk. 17-18). Dies wurde der Beschwerdegegnerin am 9. November 2018 zur Kenntnis gebracht (Urk. 20).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
G
emäss
Art.
8
Abs.
1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
haben invalide oder von einer Invalidität bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbs
fähigkeit wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern (
lit
. a); und die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind (
lit
. b). Laut
Art.
8
Abs. 1
bis
IVG ist bei der Festlegung der Massnahmen die gesamte noch zu
erwartende Dauer des Erwerbslebens zu berücksichtigen. Zu den Eingliederungsmassnahmen gehört nach
Art.
8
Abs.
3
lit
. d IVG auch die Abgabe von Hilfsmitteln.
1.2
Gemäss
Art.
21 IVG hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf (Abs. 1). Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kon
taktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, haben im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel (Abs. 2). Die Versicherung gibt die Hilfsmittel zu Eigentum oder leihweise in einfacher und zweckmässiger Ausführung ab. Ersetzt ein Hilfsmittel Gegenstände, die der Versicherte auch ohne Invalidität anschaffen müsste, so hat er sich an den Kosten zu beteiligen (Abs. 3). Der Bundesrat kann vorsehen, dass der Versicherte ein leihweise abgegebenes Hilfsmittel nach Wegfall der Anspruchsvoraussetzungen weiter verwenden darf (Abs. 4).
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste und zum Erlass ergänzender Vorschriften im Sinne von
Art.
21
Abs.
4 IVG hat der Bundesrat in
Art.
14
der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
an das Eidgenössische Departe
ment des Innern übertragen, welches die Verordnung über die Abgabe von Hilfs
mitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) mit anhangsweise aufgeführter Hilfsmittelliste erlassen hat. Laut
Art.
2 HVI besteht im Rahmen der im Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fortbewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge notwendig sind (
Abs.
1). Anspruch auf die in dieser Liste mit * bezeichneten Hilfsmittel besteht nur, soweit diese für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung, die funktionelle Angewöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des Anhangs ausdrücklich genannte Tätigkeit notwendig sind (
Abs.
2; BGE 122 V 212 E. 2a).
1.3
Anspruch auf eine definitive funktionelle Beinprothese besteht gemäss
Ziff.
1.01 HVI Anhang in Verbindung mit
Art.
2
Abs.
1 HVI und
Art.
21
Abs.
2 IVG soweit eine solche für die Fortbewegung notwendig ist. Eine darüber hinausgehende Eingliederung ins Erwerbsleben oder in einen gleichgestellten Bereich im Sinne von
Art.
21
Abs.
1 IVG und
Art.
2
Abs.
2 HVI bildet nicht Voraussetzung für die Prothesenversorgung (vgl. auch
Art.
8
Abs.
2 IVG).
1.4
1.4.1
Als Eingliederungsmassnahme unterliegt jede Hilfsmittelversorgung den allge
meinen Anspruchsvoraussetzungen des
Art.
8
Abs.
1 IVG. Sie hat somit neben den dort ausdrücklich genannten Erfordernissen der Geeignetheit und Notwen
dig
keit auch denjenigen der Angemessenheit (Verhältnismässigkeit im engeren Sinne) als drittem Teilgehalt des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes zu genügen. Die Abgabe eines Hilfsmittels muss demnach unter Berücksichtigung der ge
samten tatsächlichen und rechtlichen Umstände des Einzelfalles in einem ange
messenen Verhältnis zum angestrebten Eingliederungsziel stehen. Dabei lassen sich vier Teilaspekte unterscheiden, nämlich die sachliche, die zeitliche, die finan
zielle und die persönliche Angemessenheit. Danach muss die Massnahme prog
nostisch ein bestimmtes Mass an Eingliederungswirksamkeit aufweisen; sodann muss gewährleistet sein, dass der angestrebte Eingliederungserfolg voraussicht
lich von einer gewissen Dauer ist; des Weiteren muss der zu erwartende Erfolg in einem vernünftigen Verhältnis zu den Kosten der konkreten Eingliederungsmass
nahme stehen (BGE 132 V 215 E. 3.2.2 mit Hinweisen
).
1.4.2
Das Erfordernis der finanziellen Angemessenheit wird im Hilfsmittelrecht durch
Art.
21
Abs.
3 IVG und
Art.
2
Abs.
4 HVI zum Ausdruck gebracht, wonach nur Anspruch auf Hilfsmittel in einfacher und zweckmässiger Ausführung besteht; durch eine andere Ausführung verursachte zusätzliche Kosten hat der Versicherte selbst zu tragen (
Meyer/Reichmuth
, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung,
3.
Aufl. 2014,
N. 27 zu Art. 21-21
quater
IVG). Die versicherte Person hat demnach in der Regel nur Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungszweck ange
messenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren (vgl.
Art.
8
Abs.
1 IVG). Denn das Gesetz will die Eingliederung soweit sicherstellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch genügend
ist (BGE 142 V 523 E. 6.3,
139 V 115 E. 5.1 mit Hinweisen
). Doch muss d
ie einfache und zweckmässige Hilfsmittelversorgung
auch
zeitgemäss sein (BGE 143 V 190 E. 7.3.2).
2.
2.1
Die B
eschwerdegegnerin begründete die angefochtene
Verfügung
(Urk. 2)
im Wesentlichen damit,
im aktuell anwendbaren Tarif über Orthopädie-Technische Hilfsmittel bestehe für das
Genium
Kniegelenk keine Tarifierung. Bei ausge
wiesener Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit könnten Kosten höchstens im Rahmen einer C-Leg Tarifierung oder einer konkurrenzfähigen Alternative von der Versicherung übernommen werden. Es bestehe kein Anspruch auf die neueste Technologie. Der Nutzen und die Kosten des Hilfsmittels müssten verhältnis
mässig sein und für das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) entsprächen die Mehrkosten gegenüber vergleichbaren Versorgungen (C-Leg) nicht einem äqui
valenten Mehrnutzen.
In ihrer Beschwerdeantwort hielt die Beschwerdegegnerin fest (Urk. 6 S. 2), der Einsatz eines C-Leg-Kniegelenkssystem zu Lasten der Invalidenversicherung sei auf die Fälle zu beschränken in denen ein besonders gesteigertes Einglie
de
rungsbedürfnis nachgewiesen sei. Das heisse, es müssten spezielle berufliche Anforderungen an die Gehfähigkeit und Herabsetzung des Sturzrisikos nachge
wiesen sein. Es sei somit über die medizinische Indikation hinaus zu verlangen, dass die Versorgung mit einem C-Leg-Kniegelenk im konkreten Fall berufsbe
dingt notwendig sei; für die Fortbewegung im ausserberuflichen Alltag führe schon eine herkömmliche Beinprothese zu einer hinreichenden Eingliederung. Es sei nicht ersichtlich, dass bei der als Krankenschwester tätigen Mutter von drei kleinen Kindern an die Gehfähigkeit besondere Anforderungen zu stellen seien und ein erheblich erhöhtes Sturzrisiko bestehe; es könne offenbleiben, ob selbst die Voraussetzungen für ein C-Leg- Kniegelenk gegeben seien. Das
Genium
-Kniegelenk stelle dagegen einen wegweisenden technischen Fortschritt in der Prothetik dar und gehöre zu der bestmöglichen Versorgung. Allein gestützt auf diese Tatsache könne das beantragte Hilfsmittel nicht mehr als einfach und zweckmässig angesehen werden.
Das während des hängigen Verfahrens ergangene Urteil des Bundesgerichts 9C_640/2016 vom 20. Juni 2017 (BGE 143 V 190), das den Anspruch des dort betroffenen Versicherten - abweichend zu früheren Entscheiden (E. 7) - auf Abgabe eines
G
enium
-Kniegelenk
s
bejahte, erachtete die Beschwerdegegnerin mit Eingabe vom 29. August 2017 (Urk. 12) nicht für einschlägig, da jenem Fall eine spezielle Mehrfachbehinderung zu Grunde gelegen habe.
2.2
Die Beschwerdeführerin stellt sich dagegen auf den Standpunkt (Urk. 1 S. 11 f.), sie arbeite als Clinical Nurse in einem 30 % Pensum und für die Ausübung des Berufes als Pflegefachfrau sei die Standsicherheit essentiell. In ihrer Tätigkeit sei bei Endoskopien zum Teil langes Stehen notwendig, was zu Ermüdung und Standunsicherheit mit der
bisherigen Prothese führen könne. Am Arbeitsort sei Treppensteigen unumgänglich, was mit der neuen Prothese
physiologischer
möglich wäre. Es sei nicht sinnvoll, dass ihre Arbeitsfähigkeit im angestammten Beruf durch Verschleiss des Bewegungsapparats wegen einer nicht optimalen Prothese eingeschränkt sei.
Ihre Ärzte seien der Ansicht, dass sie zur Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und zur Bewältigung des Haushaltes und der Kinderbetreuung auf ein
Genium
ange
wie
sen sei, insbesondere, da ihre schwere Störung nur durch ein optimal leistungs
fähiges Gelenk einigermassen kompensiert werden könne, sodass zur Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und zur Steigerung der Arbeitsfähigkeit nach Abschluss der
Kinderbetreuung eine optimale Versorgung mit einem
Genium
indiziert sei (S. 12 f.).
Die
Genium
-Prothese schaffe für sie einen massiven Mehrwert. Insbesondere könne sie mit dieser Prothese alternierend Treppensteigen, rückwärtsgehen, auf unebenen Flächen stehen sowie sicher schwere Gegenstände tragen. Diese Mehr
werte führten dazu, dass sie ihre Arbeit als Pflegefachfrau sicherer verrichten könne. Auch die Alltagsbewältigung wäre dadurch massiv vereinfacht, könnte sie doch die anfallenden Haushaltsarbeiten einfacher handhaben. Im Sport hätte sie ganz andere Möglichkeiten, könnte u.a. beim Tennisspielen rückwärts laufen. Schliesslich verspüre sie auch bereits nach der kurzen Testphase eine Linderung der Rücken- und Hüftbeschwerden (S. 13).
Sie arbeite in einem 30 % Pensum und sobald die Kinder älter seien, wolle sie ihr Arbeitspensum erhöhen. Die Verrichtung ihres Berufes verlange eine erhöhte Standsicherheit, müsse sie doch Patienten anheben, um diese pflegen zu können. Sodann müsste sie für die Verrichtung ihres Berufes häufig rückwärts laufen können, da sie Patienten behandle, welche im Bett lägen. Dies sei nur mit der
Genium
-, nicht jedoch mit der C-Leg- Prothese möglich. Mit der C-Leg-Prothese müsse sie jeweils eine Drehbewegung vornehmen, was insbesondere bei Heben schwerer Gewichte für den Rücken zu massiver (Mehr-) Belastung führe. Die Folgen seien vermehrte Rückenschmerzen, die therapeutisch behandelt werden müssten. Rückenschonendes alternierendes Treppensteigen sei jedoch bloss mit der
Genium
-Prothese möglich. Schliesslich verschaffe die
Genium
-Prothese beim Gewichtheben eine massiv bessere Standfestigkeit, was die Sturzgefahr sowohl für sie als auch für die Patienten vermindere (S. 17 f.).
Die veraltete C-Leg-Prothese vermöge die Defizite bei weitem nicht mehr zu kompensieren und würde die Beschwerde abgewiesen, so hätte dies zur Folge, dass sich der bereits angeschlagene Gesundheitszustand weiter verschlechtern werde und
früher oder später ein Anspruch auf eine Rente gestellt werden müsste, was wirtschaftlich viel teurer sei (S. 21).
Auch habe die Beschwerdegegnerin keine medizinischen Abklärungen vorge
nommen und es sei lediglich aufgrund der ablehnenden Empfehlungen der SAHB, die ihrerseits keine medizinischen Abklärungen vorgenommen habe, die Leis
tungspflicht aufgrund der fehlenden Tarifierung verweigert worden (S. 22).
Mit Eingabe vom 24. Juli 2017 berief sie sich sodann auf den die bisherige Praxis betreffend die
Genium
-Prothese ändernden Entscheid des Bundesgerichts BGE 143 V 190, mit dem einem Informatiker eine
Genium
-Prothese zugesprochen worden war (Urk. 9).
2.3
In Bezug auf die im Nachgang zur angefochtenen Verfügung vom 11. April 2017 ergangenen Entscheide betreffend Prothesenversorgung links (Vorbescheid vom 21. Juli 2017, Urk. 10; Mitteilung vom 30. Oktober 2018, Urk. 15) ist zu bemerken, dass der Beschwerde nach Art. 56 ATSG
Devolutiveffekt
zukommt. Somit verliert die Verwaltung die Herrschaft über den Streitgegenstand, und zwar insbesondere auch in Bezug auf die tatsächlichen Verfügungs- und Entscheidungsgrundlagen (BGE 127 V 228 E. 2b/
aa
).
Bei der vorliegend strittigen Prothesenversorgung handelt es sich offensichtlich nicht um den gleichen Streitgegenstand wie der am 21. Juli 2017 vorbe
schie
de
nen Beitrag zur Revision/Anpassung der bestehenden Prothese (Urk. 1). Die Mit
teilung vom 30. Oktober 2018 betrifft den Ersatz der Zweitversorgung (Urk. 15), mithin einen anderen Leistungsanspruch. Mit Blick auf die Vorbringen der Beschwerdeführerin vom 8. November 2018 (Urk. 18) ist festzuhalten, dass der mit der angefochtenen Verfügung beurteilte Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine
Genium
-Prothese weiterhin strittig bleibt und die späteren Entscheide jeweils andere Fragen beschlagen, so dass nicht weiter darauf einzugehen ist.
3.
3.1
Es steht ausser Frage und ist zwischen den Parteien nicht streitig, dass die Beschwerdeführerin Anspruch auf ein Hilfsmittel in Form einer geeigneten Ober
schenkelprothese hat. Die Beschwerdegegnerin erteilte in diesem Zusammenhang seit dem Jahr 2000 Kostengutsprache für eine Prothesenversorgung mit C-Leg und eine Kostengutsprache für eine (Zweit)Versorgung für eine Prothese mit Mauch-Hydraulik. Im Zusammenhang mit dem Fortkommen wurden überdies
Amortisationsbeiträge für ein Motorfahrzeug gewährt (vgl. Sachverhalt Ziff. 1.2. f.
hiervor).
Streitig ist, ob die Invalidenversicherung für die Mehrkosten einer Versorgung mit einer
Genium
-Prothese aufzukommen hat.
3.2
Rechtsprechungsgemäss kann die Einfachheit und Zweckmässigkeit der bean
tragten Versorgung nicht mit dem Fehlen einer IV-Tarifposition begründet werden
kann. So kann grundsätzlich auch ein ausserhalb von IV-Tarifposition liegendes Hilfsmittel zu Lasten der Invalidenversicherung in Betracht fallen, wobei dies auf jene Fälle zu beschränken ist, in denen ein besonderes Eingliederungsbedürfnis nachgewiesen ist (vgl. BGE 143 V 190 E. 7.3.1, 132 V 215 E. 4.3.3-4).
Insoweit
die
Beschwerdegegnerin in ihrer angefochtenen Verfügung
den An
spruch auf die
Genium
-
Prothese mit der Begründung verneint, dass diese gemäss der Tarifvereinbarung von der Invalidenversicherung nicht zu vergüten sei, kann ihr
daher
nicht gefolgt werden. Vielmehr wäre
in Bezug auf die erwähnte
Recht
sprechung das Vorbringen der Beschwerdeführerin zu prüfen gewesen,
ob
bei ihr ein besonderes Eingliederungsbedürfnis besteh
t
, welches (ausnahmsweise) eine über die tarifvertragliche Vereinbarung hinausgehende Versorgung mit einer
Genium
-
Prothese - im Sinne eines einfachen und zweckmässigen Hilfsmittels - erfordert.
Dabei wäre
insbesondere auch die medizinische Indikation einer ent
spre
chenden Versorgung zu prüfen
gewesen
,
wobei
das Bundesgericht jüngst im Zusammenhang mit der Anspruchsprüfung auf eine
Genium
-Kniegelenks
pro
these
auf die Bedeutung
von Stellungnahmen medizin
is
cher Fachpersonen
hinge
wiesen hat
(
BGE 143 V 190
E. 6.1).
3.3
Ob ein solches besonderes Eingliederungsbedürfnis besteht - was insbesondere unter Berücksichtigung der speziellen gesundheitlichen Situation sowie dem beruflichen Tätigkeits
- beziehungsweise den Aufgaben
bereich der Beschwerde
füh
reri
n zu prüfen ist - lässt sich aufgrund der
vorliegenden Akten nicht
abschliessend beurteilen
.
Aufgrund der angeborenen Dysmelie, welche sich gemäss dem Bericht von Dr. B._, Fachärztin FMH für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, vom 18. September 2009 (Urk. 7/170/3) darin zeigt, dass der linke Oberschenkel nach 20 cm aufhört und dann ein Knie und ein Stummelfuss vorhanden sind, und des Berichts von Dr. C._, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie FMH, vom 2. Februar 2017 (Urk. 7/287),
wonach ausgeprägte Flexionskontrakturen der Hüfte und des Knies bestünden, lässt sich zwar einerseits nachvollziehen, dass eine Störung vorliegt, die über eine «normale Amputation» – zum Beispiel als Folge eines Unfalls – hinausgeht (vgl. Urk. 7/287/2), und sich damit zu solchen Fällen nur beschränkt ein Bezug herstellen lässt. Anderseits bestehen aber die Beeinträchtigungen bei der Be
schwerdeführerin seit Geburt respektive seit gehfähigem Kindesalter und konnten gemäss der Berichterstattung
von
Dr. D._
vom 1
4.
Juli 2000
(Urk. 7/112) bis ins Erwachsenenalter mittels herkömmlicher Prothesenversorgungen sehr gut ausgeglichen werden, so dass trotz der Behinderung eine Ausbildung zur Kran
ken
schwester abgeschlossen werden konnte und diese Tätigkeit – neben dem Auf
gabenbereich – weiterhin ausgeübt wird. Zu berücksichtigen ist zudem, dass die
Zusprache
des
C-Leg
im Jahr 2000 – damals noch eine Neuentwicklung –
mit Blick auf die
damaligen beruflichen Umstände mit einer
Vollzeitbesc
häftigung als Krankenschwester
(
Urk.
7/118)
erfolgte. Seither hat sich das berufliche Belastungsprofil der Beschwerdeführerin aber dahingehend verändert, dass sie als Mutter von drei Kinder noch zu 30 % (an zwei Tagen pro Woche) erwerbstätig und ansonsten im Haushalt tätig ist (vgl. Urk. 7/259).
In medizinischer Hinsicht ergibt sich zwar
gemäss dem Bericht
von
Dr. C._ vom 30. Januar 2017 (Urk. 7/287)
, dass
die Beschwerdeführerin vermehrt über Rücken
schmerzen, Gesässschmerzen und Schmerzen im Steissbein klagt. Nach
vollziehbar ist auch, dass die Beschwerdeführerin mittels Prothesenversorgung der neusten Technologie
von einer Verbesserung der muskulären Situation profi
tieren könnte
, wurden doch die Vorzüge dieser Prothesenversorgung wie folgt umschrieben (vgl. BGE 143 V 190 E. 4.):
Das Kniesystem
Genium
ist mit Mikroprozessoren neuster Generation sowie zusätzlichen Sensoren und Steuerungselementen ausgestattet, die es erlauben, den Bewegungsablauf des Benutzers zu erkennen. Nach Angaben des Herstellers ermöglichen wichtige Innovationen in der Computertechnik ein mit den physio
logischen Bewegungsabläufen fast identisches Gehen. Mit Hilfe dieser Prothese können versicherte Personen Hindernisse und Treppen alternierend (im Wechsel
schritt) überwinden und symmetrisch belasten. Dank der intuitiven Steuerung sind das Gehen (vorwärts und rückwärts) und Richtungswechsel sicher möglich und erfordern weniger Kraftaufwand und Konzentration. Die
Genium
-Prothese stellt eine technische Weiterentwicklung des C-Leg-Modells dar.
Die Vorzüge dieser neusten Technologie sind damit zwar offenkundig und werden ähnlich auch im nicht bei
den Akten liegenden G
esuch über die Beantragung der
Genium
-Gelenk
prothese
für die Beschwerdeführerin der
Otto Bock
beschrieben (vgl. die
auszugsweise
Wiedergabe
im Einwand
[Urk.
7/
283 S. 6 ff.] und in der
Beschwerde
[Urk. 1 S. 7 ff.]).
Die Beschwerdegegnerin verneinte in ihrer Vernehmlassung das besondere ge
steigerte Eingliederungsbedürfnis (E. 2.1). Doch setzte sie sich damit in Wider
spruch zu den - eine Versorgung mittels
Genium
-Prothese unterstützenden – Aus
sagen der Arbeitgeberin (Urk. 7/282) und des behandelnden Dr. C._ (Urk. 7/287), ohne dass sie ihre abweichende Schlussfolgerung begründet und in medizinischer Hinsicht abgestützt hätte. Zwar ist bei der Würdigung von Berichten
von Hausärztinnen und Hausärzten wie überhaupt von behandelnden Arztpersonen
Zurückhaltung geboten
(BGE 135 V
465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc), doch kann auch nicht allein auf die Beurteilung durch den Rechtsdienst des Beschwerde
geg
nerin, die ohne Untermauerung durch medizinische Fachpersonen - wenigstens einer Beurteilung durch den Regionalen Ärztlichen Dienst - blieb, entschieden werden (BGE 143 V 190 E. 6.1).
Nach dem Gesagten bestehen
zwar keine Zweifel an der Geeig
netheit (Zweck
tauglichkeit) einer
Genium
-Kniegelenksprothese. Aus den
erwähnten Bericht
en
geht jedoch nicht
klar
hervor, ob es sich dabei um eine im invalidenver
siche
rungsrechtlichen Sinn notwendige (erforderliche) Hilfsmittelversorgung handelt, oder ob
–
stets unter Berücksichtigung der besonderen gesundheitlichen und beruflichen Situation der Beschwerdeführerin
,
wobei die konkrete Situation auch unter Berücksichtigung der bisherigen Hilfsmittelversorgung (Zweitversorgung, Amortisationsbeiträge an das Motorfahrzeug) zu untersuchen ist –
gegebenenfalls eine Eingliederun
g wirksam durch eine andere günstigere
Prothese erreicht werden kann.
Ebensowenig
enthalten die Akten klare Aussagen hinsichtlich der Frage der Angemessenheit (Verhältni
smässigkeit im engeren Sinn, E
. 1.
4.2 hier
vor)
.
Die Sache ist damit zur umfassenden Abklärung an die Beschwerdegegnerin zu
rückzuweisen und in Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom 11. April 2017 aufzuheben.
4.
4.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2)
.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
800.-- anzusetzen. E
ntsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
4.2
Nach
§
34
Abs.
1
GSVGer
hat die obsiegende Beschwerde führende Person An
spruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
).
In Anwendung dieser Kr
iterien ist die Parteientschädi
gung vorliegend auf
Fr. 2
'
15
0.-- (inkl. Mehrwert
steuer und Barauslagen
) festzu
setzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegeg
nerin aufzuerlegen.