Decision ID: 582cc039-35aa-436b-bfeb-c5901ee4e6c5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie mit letztem Wohnsitz in B._ – verliess gemäss eigenen Angaben
ihren Heimatstaat Anfang September 2018 über die Türkei und reiste mit
einem humanitären Visum am 31. Oktober 2018 legal in die Schweiz ein.
Am 27. November 2018 stellte sie in der Schweiz ein Asylgesuch und
wurde für den Aufenthalt und das Verfahren dem damaligen Testbetrieb
C._ zugeteilt (vgl. Art. 4 Abs. 1 der [am 29. September 2019 aufge-
hobenen] Verordnung über die Durchführung von Testphasen zu den Be-
schleunigungsmassnahmen im Asylbereich vom 4. September 2013
[TestV, SR 142.318.1]). Am 4. Dezember 2018 fand die Personalienauf-
nahme statt. Mit Entscheid vom 18. Dezember 2018 wurde sie dem erwei-
terten Verfahren zugewiesen.
B.
Anlässlich der Erstbefragung vom 14. Dezember 2018 und der ergänzen-
den Anhörung vom 22. Februar 2018 (recte: 2019) erklärte die Beschwer-
deführerin, sie sei in D._ geboren und im Alter von 19 Jahren
zwecks Heirat nach B._ gezogen, wo sie die meiste Zeit ihres Le-
bens mit ihrem Ehemann und ihren Kindern verbracht habe. Sie sei nie zur
Schule gegangen und sei immer Hausfrau gewesen. Vier ihrer Kinder wür-
den inzwischen in Deutschland, eine Tochter in Schweden und einer ihrer
Söhne (N [...]) in der Schweiz leben.
C.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs brachte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen vor, sie und ihr Ehemann seien in Syrien Mitglieder der Par-
tiya Karkerên Kurdistanê (PKK) gewesen. Sie habe bei sich zu Hause
Frauen der PKK empfangen, ihr Ehemann sei als Schlichter für die PKK
tätig gewesen. Einer ihrer Söhne sei vom syrischen Regime zwecks Rek-
rutierung mitgenommen und gefoltert worden, nach seiner Freilassung im
Jahr 2004 habe er sich das Leben genommen. Als ihre Kinder noch klein
gewesen seien, sei ihr Ehemann einmal für ein Jahr und zweimal für sechs
Monate von den Behörden festgehalten und gefoltert, jeweils aber wieder
freigelassen worden. Sie selbst sei dreimal bei sich zu Hause unter Anwen-
dung von psychischem Druck über die Tätigkeiten ihres Ehemanns befragt
worden. Ihr Haus in B._ sei ungefähr im Jahr 2013 durch Bomben-
explosionen zerstört worden. Nachdem einige ihrer Kinder Syrien verlas-
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sen hätten, seien sie und ihr Ehemann von den syrischen Behörden, Mit-
gliedern der PKK und der Freien Syrischen Armee (FSA) aufgesucht und
mit Peitschen und Holzstangen geschlagen worden. Ausserdem hätten die
syrischen Behörden ihren heute in der Schweiz lebenden Sohn zwangs-
rekrutieren wollen, es sei aber gelungen, ihn ausser Landes zu bringen.
Aufgrund der Ereignisse sei sie gemeinsam mit ihrem Ehemann nach
D._ gegangen. Im Zuge der türkischen Militäroffensive auf
D._ im Jahr 2018 seien sie vor den Bombenangriffen geflüchtet. Sie
und ihr Ehemann hätten nach B._ zu gelangen versucht. Da ihr
Ehemann aber auf einer Liste verzeichnet gewesen sei, hätten sie den
Kontrollposten nicht passieren können, weshalb sie stattdessen nach
E._ gegangen seien. Danach seien sie nach F._ an der tür-
kischen Grenze gereist. Zusammen mit einer Gruppe von ungefähr 30 Per-
sonen habe sie gemeinsam mit ihrem Ehemann versucht, die Grenze zu
überqueren. Dabei seien sie von einer Gruppe des Islamischen Staats (IS)
überfallen worden. Sie sei in Ohnmacht gefallen und es seien ihr die Zähne
ausgeschlagen worden; ihr Ehemann sei beschuldigt worden, PKK-Mit-
glied zu sein, weshalb er vom IS entführt worden sei. Bis heute wisse sie
nichts über den Verbleib ihres Ehemannes.
D.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2020 lehnte das SEM das Asylgesuch der Be-
schwerdeführerin ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an,
verfügte jedoch die vorläufige Aufnahme aufgrund der Unzumutbarkeit des
Vollzugs. Zur Begründung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft nicht standzuhalten vermögen; da sie jedoch aus
Syrien stamme, sei sie praxisgemäss vorläufig aufzunehmen.
E.
Mit Eingabe vom 19. Juni 2020 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, es sei ihre Flüchtlingsei-
genschaft festzustellen und es sei ihr Asyl zu gewähren.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte sei einen Kurzbericht einer Men-
schenrechtsorganisation aus D._ zu den Akten.
F.
Mit Schreiben vom 22. Juni 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
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G.
Mit Zwischenverfügung vom 30. Juni 2020 stellte die damals zuständige
Instruktionsrichterin fest, dass die Beschwerde aufgrund der fehlenden ei-
genhändigen Unterschrift den Anforderungen an Inhalt und Form nicht ge-
nüge, weshalb sie der Beschwerdeführerin Gelegenheit zur Beschwerde-
verbesserung einräumte.
H.
Mit Eingabe vom 5. Juli 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine eigen-
händig unterzeichnete Kopie der Beschwerdeschrift ein.
I.
Mit Verfügung vom 18. August 2020 stellte die damalige Instruktionsrichte-
rin die frist- und formgerechte Beschwerdeerhebung gegen die vorinstanz-
liche Verfügung fest. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlas-
sung ein.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 2. September 2020 hielt das SEM an seiner
Verfügung und deren Begründung fest. Ergänzend nahm es zu den Be-
schwerdevorbringen Stellung.
K.
Der Vorsitz des vorliegenden Verfahrens wurde aus organisatorischen
Gründen am 7. Januar 2022 auf Richterin Susanne Bolz-Reimann übertra-
gen.
L.
Mit Eingabe vom 30. Mai 2022 reichte die Beschwerdeführerin eine Bestä-
tigung der ambulanten Behandlung von Dr. med. G._, (...), vom (...)
2022, eine Kopie ihres Ausweises für vorläufig aufgenommene Ausländer,
ein Arztzeugnis von Dr. med. H._, Facharzt FMH Psychiatrie & Psy-
chotherapie, (...) vom (...) 2022 sowie ein Schreiben von Pater I._
des (...) Klosters J._ vom (...) 2022 ins Recht.
M.
Mit Instruktionsverfügung vom 31. August 2022 forderte die Instruktions-
richterin die Beschwerdeführerin zur Einreichung einer Replik ein.
N.
In ihrer Replik vom 14. September 2022 hielt die Beschwerdeführerin an
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den Beschwerdeanträgen und deren Begründung unter Beilage eines Arzt-
berichts von Dr. med. H._, Facharzt FMH Psychiatrie & Psychothe-
rapie, vom (...) 2022 fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bis zu diesem Zeit-
punkt anwendbare Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
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2.2 Das Bundesverwaltungsgericht berücksichtigt die Verfahrensakten von
K._, geboren am (...) (N [...]), dem Sohn der Beschwerdeführerin,
von Amtes wegen.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung ihres Asylentscheids führte die Vorinstanz im Wesent-
lichen aus, den Bombenexplosionen, welche das Haus der Beschwerde-
führerin zerstört hätten, fehle es an der asylrechtlich geforderten Gezielt-
heit. Gleich verhalte es sich in Bezug auf den Angriff durch den IS am sy-
risch-türkischen Grenzort F._. Aus ihren Vorbringen würden keine
Anhaltspunkte hervorgehen, welche auf eine gezielte Verfolgung der Be-
schwerdeführerin und ihres Ehemannes deuten würden. Die Inhaftierun-
gen ihres Ehemannes und die Befragungen der Beschwerdeführerin durch
die syrischen Behörden würden ferner geraume Zeit zurückliegen, weshalb
diese Ereignisse nicht kausal für ihre Ausreise gewesen seien. Schliesslich
weise auch ihr Sohn K._ (N [...]) kein Risikoprofil auf, er habe das
Asyl derivativ über seine Ehefrau erhalten.
4.2 In ihrer Beschwerde brachte die Beschwerdeführerin vor, sie habe in
einer lebensgefährlichen Situation gelebt. Ihr Sohn habe sich das Leben
genommen; ihr Ehemann sei von bewaffneten Gruppierungen entführt wor-
den und seither verschollen. Ihr Bruder L._ sei am 6. November
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2019 von einer bewaffneten Gruppierung entführt worden. Diese Gruppie-
rung habe unter Zustellung eines Foltervideos Lösegeld von ihren weiteren
Familienangehörigen verlangt. Obwohl ihre Angehörigen einen Teil des Lö-
segelds bezahlt hätten, sei ihr Bruder am 1. Februar 2020 getötet worden.
Ferner seien ihre Angehörigen vor dem syrischen Regime und dessen ver-
bündeten Gruppierungen auf der Flucht. Sie selbst sei in psychisch
schlechter Verfassung, weswegen sie sich auch in entsprechender Be-
handlung befinde. Ein wichtiger Aspekt dieser Therapie stelle die Möglich-
keit einer vorübergehenden Vereinigung mit ihren Kindern in anderen eu-
ropäischen Ländern dar. Sie sei deswegen auf ein entsprechendes Reise-
dokument angewiesen.
4.3 In der Vernehmlassung führte die Vorinstanz aus, ein Zusammenhang
zwischen den Fluchtgründen der Beschwerdeführerin und dem tragischen
Tod ihres Bruders sei nicht ersichtlich; der Tod ihres Bruders vermöge we-
der ihre Vorverfolgung noch eine ihr zukünftig drohende Verfolgung im
Sinne des Asylgesetzes zu begründen.
5.
5.1 Das Gericht stellt – in Übereinstimmung mit der Vorinstanz – fest, dass
den Bombenexplosionen im Rahmen einer Militäroffensive, bei welcher
das Haus der Beschwerdeführerin zerstört wurde, die Gezieltheit fehlt. Das
entsprechende Vorbringen erweist sich somit als asylunbeachtlich.
5.2 Auch dem Tod ihres Sohns im Anschluss an seine Rekrutierung und
der erlittenen Folter kommt keine Asylrelevanz zu. Das Gericht verkennt
den damit verbundenen Schmerz der Beschwerdeführerin nicht, stellt aber
fest, dass gemäss Aktenlage keine konkreten Hinweise für das Vorliegen
einer allfälligen Reflexverfolgung bestehen (vgl. SEM-eAkte [...]-18/15
[nachfolgend 18/15], F81-F83).
5.3 Betreffend die dreimaligen Befragungen der Beschwerdeführerin durch
die syrischen Behörden und die dreimaligen Festhaltungen ihres Ehe-
manns kommt das Gericht zum Schluss, dass die Vorinstanz zutreffend
deren Asylrelevanz verneint hat. Zwar machte die Beschwerdeführerin gel-
tend, sie und ihr Mann seien Mitglieder der PKK, sie hätte Treffen weibli-
cher PKK-Mitglieder bei sich zu Hause organisiert und ihr Ehemann sei als
Schlichter tätig gewesen (vgl. 18/15, F31-F33 und F44-F52; SEM-eAkte
[...]-30/13 [nachfolgend 30/13], F33-F35). Da diese Ereignisse aber unge-
fähr bis zum Jahr 2009 oder 2010 stattgefunden haben (vgl. 18/15, F20
und F57; 30/13, F37), fehlt es an einem zeitlichen Kausalzusammenhang
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zwischen den erlittenen Nachteilen und ihrer Ausreise. Dies deckt sich
auch mit den Angaben der Beschwerdeführerin, wonach letztlich die krie-
gerischen Auseinandersetzungen und die Situation allgemeiner Gewalt
ausschlaggebend für ihre Ausreise gewesen seien (vgl. 30/13, F54).
5.4 Sodann stellt das Gericht fest, dass die vorgebrachten Misshandlungen
durch die PKK, FSA und die syrischen Behörden nicht im asylrechtlichen
Sinn gezielt gegen die Beschwerdeführerin gerichtet waren. Wie die Be-
schwerdeführerin selbst ausführte, hätten solche Übergriffe gegen weite
Teile der Bevölkerung stattgefunden (vgl. 30/13, F53). Auch aus dem Um-
stand, dass ihr heute in der Schweiz lebender Sohn einer Zwangsrekrutie-
rung entkommen konnte, kann ohne Vorliegen konkreter Anhaltspunkte
nicht ohne Weiteres auf das Bestehen einer Reflexverfolgung geschlossen
werden.
5.5 Ferner geht das Gericht mit der Vorinstanz einig, dass nichts darauf
hindeutet, dass die in der Beschwerde vorgebrachte Entführung und Tö-
tung ihres Bruders im Jahr 2019, beziehungsweise 2020, einen Rück-
schluss auf eine Vorverfolgung oder eine zukünftige Verfolgung im Sinne
des Asylgesetzes zulassen würde. In der Folge ist auch dieses Vorbringen
asylrechtlich unbeachtlich.
5.6 In Bezug auf den Angriff auf die Beschwerdeführerin und ihren Ehe-
mann und dessen Entführung an der syrisch-türkischen Grenze stellt das
Gericht Folgendes fest: Auch wenn ein Zusammenhang zwischen der
PKK-Mitgliedschaft ihres Ehemanns und dessen Entführung durch den IS
nicht ausgeschlossen erscheint, liegen keine konkreten Hinweise für das
Bestehen einer allfälligen Reflexverfolgung vor, zumal nicht nachvollzieh-
bar erscheint, weshalb der IS die Beschwerdeführerin nicht auch mitge-
nommen hätte (vgl. 18/15, F32 f., F59-62 und F76-F80; 30/13, F28-F33).
Auch eine zukünftige Furcht vor asylrelevanter Verfolgung durch den IS
kann zum heutigen Zeitpunkt ausgeschlossen werden. Der IS in Syrien ist
noch nicht komplett zerschlagen, obwohl er seit der Schlacht von Baghuz
seine territoriale Kontrolle verloren hat (vgl. EASO Country Guidance: Sy-
ria, November 2021, S. 64 f., < https://euaa.europa.eu/sites/default/fi-
les/Country-_Guidance_Syria_2021.pdf >). Dennoch ist nicht davon aus-
zugehen, dass die Beschwerdeführerin – aufgrund fehlender politischer
Exponiertheit – bei einer (hypothetischen) Rückkehr nach Syrien in höhe-
rem Masse gefährdet wäre als die restliche kurdische Zivilbevölkerung.
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5.7 Im Übrigen ist festzuhalten, dass die illegale Ausreise aus Syrien sowie
die Asylgesuchstellung in der Schweiz für sich genommen keine flücht-
lingsrechtliche Relevanz entfalten, sofern keine Verfolgungssituation im
Sinne von Art. 3 AsylG und keine besondere individuelle Vorbelastung vor-
liegen (vgl. zur diesbezüglichen Praxis des Bundesverwaltungsgerichts die
Referenzurteile D-3839/2013 vom 28. Oktober 2013 E. 6.4.3 sowie
E-2943/2019 vom 6. Juli 2022 E. 7.4). Dies ist im Fall der Beschwerdefüh-
rerin zu verneinen, da aufgrund der Aktenlage – wie vorstehend ausgeführt
– nichts auf eine asylbeachtliche Verfolgung zum Zeitpunkt der Ausreise
hindeutet.
5.8 Mangels individueller asylrelevanter Verfolgung zum Zeitpunkt der Aus-
reise kann sich die Beschwerdeführerin auch nicht auf das Vorliegen von
zwingenden Gründen im Sinne von Art. 3 AsylG i.V.m. Art. 1 C Ziff. 5
Abs. 2 FK berufen, derentwegen eine Rückkehr ins Heimatland aus zwin-
genden, auf diese Verfolgung zurückgehenden Gründen nicht zumutbar
wäre (vgl. dazu das Urteil des BVGer D-1344/2021 vom 25. November
2021 E. 5.5 m.w.H.), selbst wenn nicht von der Hand zu weisen ist, dass
die Beschwerdeführerin durch die Folgen des syrischen Bürgerkriegs
schwer betroffen ist und bis heute darunter leidet.
5.9 Ferner ist die Zugehörigkeit der Beschwerdeführerin zur kurdischen
Ethnie für sich genommen nicht geeignet, eine asylrelevante Verfolgung zu
begründen. Gemäss geltender Rechtsprechung ist nicht davon auszuge-
hen, dass syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie im heutigen Zeit-
punkt in besonderer und gezielter Weise aufgrund ihrer Ethnie in einem
derart breiten und umfassenden Ausmass unter Anfeindungen zu leiden
hätten, dass von einer Kollektivverfolgung ausgegangen werden müsste
(vgl. Referenzurteil D-5771/2014 vom 17. Februar 2017 E. 6.3 m.w.H.; Ur-
teile des BVGer E-1774/2022 vom 12. Juli 2022 E. 6.2; E-2615/2022 vom
12. Juli 2022 E. 7.5). Auch unter dem Gesichtspunkt der veränderten Lage,
insbesondere seit dem Einmarsch der türkischen Truppen in Nordsyrien,
ist nicht davon auszugehen, dass sämtliche in Syrien und insbesondere in
Nordsyrien verbliebenen Kurden derzeit eine objektiv begründete Furcht
vor einer Verfolgung hätten (vgl. etwa Urteile des BVGer D-2365/2021 vom
12. Juli 2021 E. 6.5; D-6431/2019 vom 16. März 2020 E. 5.2.3; E-937/2017
vom 16. Januar 2020 E. 6.3).
Der bürgerkriegsbedingten Gefährdungslage und der fortbestehenden
Volatilität und Dynamik der Entwicklung in Syrien wurde vom SEM im Rah-
men des Wegweisungsvollzugs respektive der in diesem Zusammenhang
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angeordneten vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführerin Rechnung
getragen.
5.10 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die von der Beschwerdefüh-
rerin geltend gemachten Asylgründe nicht geeignet sind, eine flüchtlings-
rechtlich relevante Verfolgung oder eine entsprechende Verfolgungsfurcht
zu begründen. Demnach hat das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
der Beschwerdeführerin verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
5.11 Schliesslich hält das Gericht fest, dass es die belastende Situation der
Beschwerdeführerin in Bezug auf die fehlende Möglichkeit, ihre Kinder in
anderen europäischen Staaten besuchen zu können, nicht verkennt. Das
Gericht erinnert sie jedoch daran, dass es ihr freisteht, bei den kantonalen
Migrationsbehörden ihres Wohnsitzkantons nach fünf Jahren Aufenthalt
ein Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung nach Art. 84 Abs. 5
AIG einzureichen.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Nachdem die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
füllt und wegen der generellen Gefährdung aufgrund der aktuellen Situa-
tion in Syrien vom SEM infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig in der Schweiz aufgenommen wurde, stellt sich die Frage nach
dem Vorliegen der weiteren Voraussetzungen für einen Verzicht auf den
Vollzug der Wegweisung – Unzulässigkeit und Unmöglichkeit – heute nicht,
da diese Vollzugshindernisse alternativer Natur sind; ist eines erfüllt, gilt
der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar (vgl. BVGE 2009/51
E. 5.4).
7.2 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Vorliegend kann
jedoch ausnahmsweise auf die Erhebung der Kosten verzichtet werden
(Art. 63 Abs. 1 Satz 3 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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