Decision ID: bcb4ddc4-6dcb-43c7-baa2-8ea5e024cb78
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Der 1983 geborene Beschwerdeführer meldete sich am 2. Mai 2005 wegen
einer Handgelenksfraktur der linken Hand zum Bezug von Leistungen der
Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) bei der damals zuständigen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle (IV-Stelle Zürich),
an. Die IV-Stelle Zürich gewährte dem Beschwerdeführer daraufhin diverse
berufliche Massnahmen, welche am 10. August 2007 aufgrund einer An-
stellung des Beschwerdeführers im ersten Arbeitsmarkt erfolgreich abge-
schlossen wurden. Der Beschwerdeführer galt als rentenausschliessend
eingegliedert.
1.2.
Am 4. November 2015 meldete sich der Beschwerdeführer erneut bei der
IV-Stelle Zürich zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle Zürich überwies ihre
Akten zuständigkeitshalber an die Beschwerdegegnerin. Diese wies das
Rentenbegehren mit Verfügung vom 31. Januar 2017 ab.
1.3.
Am 9. März 2021 meldete sich der Beschwerdeführer wegen eines Bän-
derrisses und einer Entzündung am rechten Fussgelenk wiederum zum
Leistungsbezug an. Die Beschwerdegegnerin klärte in der Folge die beruf-
liche und gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers ab, holte dabei
mehrmals die Akten der Unfallversicherung (E.) ein und nahm Rücksprache
mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD). Mit Vorbescheid vom
7. Dezember 2021 stellte die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer
die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Nach erneuter Rück-
sprache mit dem RAD verfügte sie am 9. Februar 2022 ihrem Vorbescheid
entsprechend.
2.
2.1.
Gegen die Verfügung vom 9. Februar 2022 erhob der Beschwerdeführer
mit Eingabe vom 8. März 2022 fristgerecht Beschwerde und stellte fol-
gende Anträge:
"1. Die Verfügung vom 9.9.2022 [recte: 9. Februar 2022] sei aufzuheben.
2. Dem Beschwerdeführer sei eine Invalidenrente zuzusprechen.
3. Eventualiter sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuwei-
sen, damit diese ein orthopädisches Gutachten durchführt.
4. Subeventualiter seien dem Beschwerdeführer berufliche Massnahmen
zuzusprechen.
- 3 -
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der ."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 13. April 2022 beantragte die Beschwerdegeg-
nerin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 20. April 2022 wurde die beruf-
liche Vorsorgeeinrichtung des Beschwerdeführers im Verfahren beigeladen
und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt, worauf diese mit Ein-
gabe vom 27. April 2022 sinngemäss verzichtete.
2.4.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 8. August 2022 wurde den Par-
teien und der Beigeladenen eine Aktennotiz des RAD vom 11. April 2022
zur Kenntnis- und allfälligen Stellungnahme zugestellt. Die Parteien liessen
sich dazu nicht vernehmen. Die Beigeladene verzichtete mit Schreiben vom
12. August 2022 sinngemäss auf eine Stellungnahme.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Soweit der Beschwerdeführer im vorliegenden Verfahren einen Anspruch
auf berufliche Massnahmen geltend macht, ist darauf hinzuweisen, dass
die Beschwerdegegnerin in ihrer Verfügung vom 9. Februar 2022 einzig
über den Rentenanspruch befunden hat. Folglich erfasst das vorliegende
Anfechtungsobjekt den Anspruch auf berufliche Massnahmen nicht, wes-
halb auf dieses Subeventualbegehren nicht einzutreten ist (vgl. hierzu
BGE 131 V 164 E. 2.1 S. 164 f.). Im Übrigen wird betreffend den Anspruch
des Beschwerdeführers auf berufliche Massnahmen auf die Ausführungen
im ebenfalls mit heutigem Datum ergehenden Urteil VBE.2022.203 in
Sachen der Parteien verwiesen.
1.2.
Die Beschwerdegegnerin ging in ihrer Verfügung vom 9. Februar 2022, im
Wesentlichen gestützt auf die Stellungnahmen ihrer RAD-Ärzte, davon aus,
in einer angepassten Tätigkeit bestehe eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Un-
ter Hinweis auf den sich aufgrund des durchgeführten Einkommensver-
gleichs ergebenden Invaliditätsgrad von 8 % verneinte sie einen Renten-
anspruch des Beschwerdeführers (VB 90 S. 1 ff.). Mit Vernehmlassung
vom 13. April 2022 nahm die Beschwerdegegnerin zu den vom Beschwer-
deführer (neu) ins Recht gelegten medizinischen Berichten Stellung, nach-
- 4 -
dem sie diese erneut durch den RAD hatte würdigen lassen. Sie kam ge-
stützt auf die Einschätzung des RAD zum Schluss, dass "mindestens eine
80%ige Arbeitsfähigkeit" gegeben sei und damit – selbst bei Gewährung
eines Abzugs vom Tabellenlohn – unverändert von einem rentenaus-
schliessenden Invaliditätsgrad auszugehen sei (Vernehmlassung S. 2).
Dagegen bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, es bestünden
mindestens geringe Zweifel an den versicherungsinternen Arztberichten,
da dort die Arbeitsfähigkeit abweichend von den behandelnden Ärzten be-
urteilt werde. Ausserdem sei die Restarbeitsfähigkeit nicht verwertbar und
die Beschwerdegegnerin habe beim Invalideneinkommen zu Unrecht kei-
nen leidensbedingten Abzug gewährt sowie überhaupt das Invalidenein-
kommen in gesundheitlich Beeinträchtigte diskriminierender Weise ermit-
telt (Beschwerde S. 7 ff.).
1.3.
Streitig und zu prüfen ist demnach, ob die Beschwerdegegnerin den Ren-
tenanspruch des Beschwerdeführers mit Verfügung vom 9. Februar 2022
zu Recht verneint hat.
2.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in medizinischer Hinsicht im Wesent-
lichen auf die Beurteilungen der RAD-Ärzte Dr. med. G., Praktischer Arzt,
sowie Dr. med. I., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie
des Bewegungsapparates, vom 25. Mai 2021, 7. Februar 2022 sowie vom
11. April 2022 (VB 59; 60 S. 2; 88; 104).
RAD-Arzt Dr. med. G. führte am 25. Mai 2021 gestützt auf die Berichte der
behandelnden Ärzte aus, es sei ein "St. n. Tenodese Peronaeus brevis- auf
Peronaeus longus- Sehne, Raffung des Lig. fibulo talare anterius und
fibulokalkaneare (Suture Tak-Anker) OSG rechts am 21.01.21 bei Läsionen
Peronaeus brevis rechts und Instabilität OSG rechts" dokumentiert. Im
Weiteren verwies er auf die Beurteilung des RAD-Orthopäden vom 25. Mai
2021 (VB 59 S. 1). RAD-Arzt Dr. med. I. gab in seiner konsiliarischen
Aktenbeurteilung vom 25. Mai 2021 an, es liege zwar ein Gesund-
heitsschaden mit Krankheitswert vor, der eine länger dauernde, jedoch
grundsätzlich keine bleibende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der an-
gestammten Tätigkeit als LKW-Chauffeur bzw. "Rampenchef" begründe. In
einer angepassten Tätigkeit bestehe eine 100%ige Arbeitsfähigkeit, wobei
die Verweistätigkeit wechselbelastend, überwiegend sitzend, ohne Heben
und Tragen von mittelschweren und schweren Lasten, ohne absturzgefähr-
detes Arbeiten und Steigen auf Gerüsten, Leitern und Dächern und ohne
Gehen in unwegsamem Gelände ausgestaltet sein müsse (VB 60 S. 2). Mit
Stellungnahme vom 7. Februar 2022 hielt RAD-Arzt Dr. med. I. an seiner
vorgängigen Beurteilung fest (VB 88 S. 2 f.). "In Zusammenfassung" der im
Beschwerdeverfahren eingereichten Berichte von Dr. med. J., Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates,
- 5 -
vom 17. Januar 2022 und von Dr. med. K., Facharzt für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, vom 4. März 2022
hielt RAD-Arzt Dr. med. I. am 11. April 2022 fest, dass in einer
angepassten, wechselbelastenden, überwiegend sitzenden Tätigkeit
wegen des erhöhten Pausenbedarfs eine (lediglich) 80%ige Ar-
beitsfähigkeit bestehe, das heisse "nach einer Stunde Arbeit jeweils eine
15-minütige Pause bei einer 41-Stunden-Woche" (VB 104).
3.
3.1.
Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner me-
dizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, kommt ihnen
praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder im
Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag gegebe-
nen Gutachten zu (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c
S. 160 ff.). Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gut-
achtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge An-
forderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuver-
lässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststel-
lungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 465
E. 4.4 S. 469 f. und 122 V 157 E. 1d S. 162 f.).
3.2.
Beweistauglich kann auch eine reine Aktenbeurteilung sein, wenn es im
Wesentlichen um die Beurteilung eines feststehenden medizinischen
Sachverhalts geht und sich neue Untersuchungen erübrigen. Dies ist ins-
besondere der Fall, wenn genügend Unterlagen aufgrund anderer persön-
licher Untersuchungen vorliegen, die ein vollständiges Bild über Anam-
nese, Verlauf und gegenwärtigen Status ergeben. Der medizinische Sach-
verständige muss sich insgesamt aufgrund der vorhandenen Unterlagen
ein lückenloses Bild machen können (Urteile des Bundesge-
richts 8C_46/2019 vom 10. Mai 2019 E. 3.2.1; 8C_641/2011 vom 22. De-
zember 2011 E. 3.2.2 mit Hinweisen).
4.
4.1.
Der Beschwerdeführer bringt vor, Dr. med. J. sei der Ansicht, in einer
Verweistätigkeit sei eine Pause von 15 Minuten pro Stunde erforderlich.
Demnach bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 75 %. Diese Einschätzung des
behandelnden Arztes wecke mindestens geringe Zweifel an den Ein-
schäzungen des RAD-Arztes (Beschwerde S. 8).
4.2.
RAD-Arzt Dr. med. I. schliesst in der Aktennotiz vom 11. April 2022 in einer
angepassten, wechselbelastenden, überwiegend sitzenden Tätigkeit
wegen des erhöhten Pausenbedarfs auf eine 80%ige Arbeitsfähigkeit, d.h.
- 6 -
"nach einer Stunde Arbeit jeweils eine 15-minütige Pause bei einer 41-
Stunden-Woche" (VB 104).
Dies erscheint nachvollziehbar: 20 % von 41 Stunden entsprechen
8.2 Stunden. Durch gleichmässige Verteilung dieser 8.2 Stunden auf fünf
Arbeitstage resultieren 1.64 Stunden "Minderzeit" pro Tag. Der Beschwer-
deführer hat pro Tag folglich noch ein Stundensoll von 6.56 zu erfüllen.
Setzt der Beschwerdeführer also nach jeder vollen Stunde für 15 Minuten
seine Arbeit pausenbedingt aus, ist er auf 6 x 15 Minuten und damit ent-
sprechend 1.5 Stunden pro Tag an Pausen angewiesen. Die (zusätzlich)
erforderliche Pausenzeit übersteigt damit die zuvor ermittelte tägliche "Min-
derzeit" von 1.64 Stunden nicht. Allfällige Mittagspausen sind ausser Acht
zu lassen. Damit entspricht eine 80%ige Arbeitsfähigkeit insgesamt dem
RAD-ärztlich zugestandenen Pausenbedarf von 15 Minuten nach jeweils
einer Stunde Arbeit.
Nicht zutreffend sind demnach die Ausführungen von Dr. med. J. in seiner
E-Mail zu den Fragen des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers vom
8. März 2022 (Beschwerdebeilage [BB] 4), wonach die Arbeitsfähigkeit
aufgrund des 15-minütigen Pausenbedarfs nach jeder Stunde 75 %
betrage. Hierbei handelt es sich um einen Rechenfehler, da pauschal vom
Wochenstundensoll 25 % abgezogen wurden, weil "für eine Stunde Ar-
beitstätigkeit" eine Pause von 15 Minuten erforderlich sei (vgl. BB 4). Zuvor
hatte Dr. med. J. in seinem Bericht vom 17. Januar 2022 explizit und in sich
schlüssig festgehalten, es sei nach einer Stunde Arbeit jeweils eine 15-
minütige Pause vorzunehmen, weshalb er die Leistungsfähigkeit des
Beschwerdeführers auch zutreffend mit 80 % bemass (vgl. VB 86 S. 3).
Folglich entspricht die Beurteilung von Dr. med. J. der (angepassten)
Beurteilung von RAD-Arzt Dr. med. I. vom 11. April 2022 (VB 104). Die
Ausführungen des Beschwerdeführers, wonach die unterschiedlichen Be-
urteilungen der Arbeitsfähigkeit einerseits von Dr. med. I. und andererseits
von Dr. med. J. geringe Zweifel an der Einschätzung des RAD-Arztes
weckten, verfangen nicht, da beide Ärzte, wie soeben dargelegt, letztlich
von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit
ausgehen.
Im Übrigen ist dem Bericht von Dr. med. K. vom 4. März 2022 ebenfalls
keine von der Beurteilung des RAD abweichende Einschätzung zur
Arbeitsfähigkeit zu entnehmen, führte Dr. med. K. doch aus, dass eine
angepasste Tätigkeit sitzend und nur kurz stehend theoretisch möglich sei
(vgl. BB 5), was sich mit der Einschätzung der RAD-Ärzte deckt (vgl. E. 2.
hiervor). Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Dr. med. K. den
Umfang der Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit nicht exakt
bezifferte, hielt er doch lediglich fest, er könne "nicht genau sagen", ob eine
"angepasste Tätigkeit zu 100 % erfüllt werden" könne (vgl. BB 5). Wie
gesehen ist nicht davon auszugehen, dass eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
- 7 -
besteht, sondern lediglich eine 80%ige Arbeitsfähigkeit in angepasster
Tätigkeit.
4.3.
Weiter macht der Beschwerdeführer unter Hinweis auf die bundesgerichtli-
che Rechtsprechung geltend, sofern offensichtliche und erheblichen Dis-
krepanzen zwischen der medizinischen Einschätzung der Leistungsfähig-
keit und der Leistung während einer ausführlichen beruflichen Abklärung
ernstliche Zweifel an den ärztlichen Annahmen zu begründen vermöchten,
sei eine klärende medizinische Stellungnahme einzuholen; eine solche
Stellungnahme sei "dem Gutachten" nicht zu entnehmen. Er habe bei
einem "vorwiegend gehend und stehenden Arbeitsversuch" am 31. August
2021 bloss 1.5 Stunden arbeiten können und danach einen stark geschwol-
lenen Fuss gehabt (Beschwerde S. 9).
Hierzu ist festzuhalten, dass ein einzelner 1.5-stündiger Arbeitsversuch
keine ausführliche berufliche Abklärung darstellt. Zudem geht RAD-Arzt
Dr. med. I. in seinem Zumutbarkeitsprofil vom 11. April 2022 (VB 104) von
einer überwiegend sitzenden Tätigkeit mit erhöhtem Pausenbedarf aus.
Der Beschwerdeführer unternahm jedoch einen Arbeitsversuch in der
angestammten Tätigkeit als "Rampenchef" (bzw. LKW-Chauffeur), und
nicht in einer entsprechend angepassten Tätigkeit (vgl. VB 72). Der ange-
gebene Verlauf des Arbeitsversuchs lässt daher keinen Rückschluss auf
die Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit zu.
4.4.
Zusammenfassend gehen sowohl der behandelnde Arzt Dr. med. J. (vgl.
VB 86 S. 2 f.) als auch RAD-Arzt Dr. med. I. (vgl. VB 104) von einer
80%igen Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit aus. Eine an-
derweitige Einschätzung der Arbeitsfähigkeit lässt sich den übrigen medi-
zinischen Akten nicht entnehmen. Auch nur geringe Zweifel an den versi-
cherungsinternen Beurteilungen liegen demnach nicht vor. Das Abstellen
auf die Aktenbeurteilung von Dr. med. I. erweist sich damit als zulässig und
auf weitere Abklärungen (vgl. Rechtsbegehren Ziff. 3) kann in antizipierter
Beweiswürdigung verzichtet werden, da von solchen keine ent-
scheidrelevanten weiteren Erkenntnisse zu erwarten sind (vgl. BGE 137
V 64 E. 5.2 S. 69; 136 I 229 E. 5.3 S. 236). Dem Beschwerdeführer ist eine
angepasste, wechselbelastende, überwiegend sitzende Tätigkeit mit 15-
minütigen Pausen nach jeweils einer Stunde Arbeit zumutbar. Aufgrund
des erhöhten Pausenbedarfs besteht eine 80%ige Arbeitsfähigkeit.
5.
5.1.
Der Beschwerdeführer bringt vor, auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
finde sich kein Arbeitgeber, der jemanden anstelle, der "alle 45 Minuten
- 8 -
eine Viertelstunde Pause" benötige. Es fehle daher an einer wirtschaftlich
verwertbaren Restarbeitsfähigkeit (Beschwerde S. 10).
5.2.
Die Frage der Verwertbarkeit der (Rest-)Arbeitsfähigkeit beurteilt sich be-
zogen auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 und Art. 16
Abs. 1 ATSG), wobei an die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und
Verdienstaussichten keine übermässigen Anforderungen zu stellen sind
(Urteil des Bundesgerichts 8C_910/2015 vom 19. Mai 2016 E. 4.2.1 mit
Hinweisen, in: SVR 2016 IV Nr. 58 S. 190). Der ausgeglichene Arbeits-
markt ist ein theoretischer und abstrakter Begriff. Er berücksichtigt die kon-
krete Arbeitsmarktlage nicht, umfasst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten
auch tatsächlich nicht vorhandene Stellenangebote und sieht von den feh-
lenden oder verringerten Chancen Teilinvalider, eine zumutbare und geeig-
nete Arbeitsstelle zu finden, ab (BGE 134 V 64 E. 4.2.1 S. 70 f. mit Hinwei-
sen). Rechtsprechungsgemäss kann eine Unverwertbarkeit der verbliebe-
nen Leistungsfähigkeit daher nicht leichthin angenommen werden. An der
Massgeblichkeit dieses ausgeglichenen Arbeitsmarktes vermag auch der
Umstand nichts zu ändern, dass es für die versicherte Person im Einzelfall
schwierig oder gar unmöglich ist, auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt eine
entsprechende Stelle zu finden (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 9C_500/2021 vom 9. Dezember 2021 E. 6.2 mit Hinweisen).
5.3.
Entgegen dem Beschwerdeführer ist gestützt auf die medizinischen Akten
davon auszugehen, dass er jeweils nach 60 Minuten und nicht bereits nach
45 Minuten eine Viertelstunde Pause benötigt (vgl. E. 4.2. hiervor). Diesbe-
züglich hielt das Bundesgericht fest, dass auch bei einem deutlich erhöhten
Pausenbedarf von bis 15 Minuten pro Stunde und einem leicht reduzierten
Rendement durchaus Stellen, die diesem Anforderungsprofil entsprechen,
auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt angeboten werden (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 8C_351/2014 vom 14. August 2014 E. 5.2.2.). Im Übrigen
lassen sich den Akten keine Anhaltspunkte entnehmen, welche gegen eine
Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit des noch recht jungen Beschwer-
deführers sprechen würden.
6.
Bezüglich der Invaliditätsbemessung der Beschwerdegegnerin bringt der
Beschwerdeführer vor, die bisherige Praxis, für die Ermittlung des Invali-
deneinkommens auf den Medianlohn der Schweizerischen Lohnstrukturer-
hebung (LSE) und insbesondere auf das Kompetenzniveau 1 abzustellen,
sei diskriminierend, da gesundheitlich eingeschränkte Menschen unmög-
lich ein Einkommen in der Höhe des LSE-Medianlohnes erzielen könnten.
Die bisherige Praxis verstosse gegen Art. 16 ATSG, Art. 8 Abs. 2 BV i.V.m.
Art. 9 BV und Art. 29 Abs. 1 BV sowie Art. 6 EMRK. Es liege eine "gesund-
heitlich diskriminierte Lohndiskriminierung" vor (Beschwerde S. 10 ff.; 14).
- 9 -
Den Ausführungen des Beschwerdeführers kann im Lichte der bundesge-
richtlichen Rechtsprechung nicht gefolgt werden, hat doch das Bundesge-
richt festgehalten, dass in der bisherigen Praxis der Ermittlung des Invali-
deneinkommens gestützt auf den Medianlohn der LSE keine Diskriminie-
rung erblickt werden könne und keine sachlichen Gründe für eine Praxis-
änderung bestünden (BGE 148 V 174 S. 191 E. 9.2.3.).
7.
7.1.
Weiter bringt der Beschwerdeführer vor, es sei vom Invalideneinkommen
ein "zwingende[r] Teilzeitabzug von 10 %" gemäss Art. 26bis Abs. 3 IVV vor-
zunehmen (vgl. Beschwerde S. 10).
7.2.
7.2.1.
Am 1. Januar 2022 sind die Bestimmungen zur Weiterentwicklungen der IV
(Änderung vom 19. Juni 2020) in Kraft getreten. Gemäss lit. b Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen des IVG zur Änderung vom 19. Juni 2020 bleibt
für Rentenbezügerinnen und -bezüger, deren Rentenanspruch vor Inkraft-
treten dieser Änderung entstanden ist und die bei Inkrafttreten dieser Än-
derung das 55. Altersjahr noch nicht vollendet haben, der bisherige Ren-
tenanspruch grundsätzlich solange bestehen, bis sich der Invaliditätsgrad
nach Art. 17 Abs. 1 ATSG ändert. Vorliegend würde der Rentenanspruch
des am 31. Dezember 2021 noch (bei weitem) nicht 55-jährigen Beschwer-
deführers am 1. September 2021 (Eintritt der Arbeitsunfähigkeit per 30. Juli
2020, Anmeldung per 9. März 2021; Ablauf der Karenzfrist am 9. Septem-
ber 2021) und damit vor dem 31. Dezember 2021 entstehen. Damit sind
die Bestimmungen des IVG und diejenigen der IVV sowie des ATSG in der
bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung anwendbar (vgl.
BGE 144 V 210 E. 4.3.1 S. 213; Urteil des Bundesgerichts 8C_793/2017
vom 8. Mai 2018 E. 7.1 mit Hinweisen).
7.2.2.
Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von lohnstatistischen An-
gaben ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert allenfalls zu kürzen.
Die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind,
hängt von sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen des kon-
kreten Einzelfalles ab (leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre,
Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), welche nach
pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen sind. Ein Abzug soll
aber nicht automatisch, sondern nur dann erfolgen, wenn im Einzelfall An-
haltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person wegen eines oder
mehrerer dieser Merkmale ihre gesundheitlich bedingte (Rest-)Arbeitsfä-
higkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem
Einkommen verwerten kann. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzuges
- 10 -
ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalidenein-
kommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu
schätzen und insgesamt auf höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu be-
grenzen (BGE 135 V 297 E. 5.2 S. 301; 134 V 322 E. 5.2 S. 327 f. 129
V 472 E. 4.2.3 S. 481; 126 V 75 [insbesondere E. 5 S. 78 ff.]).
7.3.
Der Beschwerdeführer beruft sich auf Art. 26bis Abs. 3 IVV (Beschwerde
S. 10). Diese am 1. Januar 2022 in Kraft getretene Bestimmung sieht einen
10%igen Abzug vom statistischen Wert vor, sofern Versicherte zu 50 %
oder weniger arbeitsfähig sind. Wie erwähnt, ist vorliegend noch das bis
Ende 2021 geltende Recht anwendbar. Selbst bei Anwendung des ab
1. Januar 2022 geltenden Rechts wäre allerdings kein Abzug nach
Art. 26bis Abs. 3 IVV vorzunehmen, da der Beschwerdeführer, wie darge-
legt (vgl. E. 4.4. hiervor), in einer angepassten Tätigkeit zu 80 % arbeitsfä-
hig ist.
Ein Teilzeitabzug gestützt auf das vor dem 1. Januar 2022 geltende Recht
scheidet ebenfalls aus, da sich ein Teilzeitpensum von 80 % bei Männern
ohne Kaderfunktion – statistisch gesehen – nicht lohnsenkend auswirkt
(BfS, LSE 2018, T18, Monatlicher Bruttolohn nach Beschäftigungsgrad, be-
ruflicher Stellung und Geschlecht, ohne Kaderfunktion, Männer, Total). An-
dere einen leidensbedingten Abzug begründende Faktoren werden weder
geltend gemacht noch sind solche anhand der Akten ersichtlich, womit ein
leidensbedingter Abzug nicht gerechtfertigt ist.
7.4.
Zur Bestimmung des zuletzt erzielten Einkommens ist grundsätzlich auf
den massgeblichen Lohn gemäss AHVG abzustellen (Art. 25 Abs. 1 IVV
i.V.m. Art. 5 Abs. 2 AHVG; vgl. statt vieler Urteil des Bundesge-
richts 8C_430/2010 vom 28. September 2010 E. 5.1 in fine). Wenn zuguns-
ten des Beschwerdeführers – in Abweichung von den Werten in der ange-
fochtenen Verfügung – gestützt auf die Angaben der ehemaligen Arbeitge-
berin von zusätzlichem AHV-beitragspflichtigen Einkommen von
Fr. 7'222.00 zum Grundlohn von Fr. 74'997.00 (vgl. VB 53.1 S. 5) und da-
mit von einem Valideneinkommen in der Höhe von Fr. 82'219.00 ausge-
gangen und dies dem Invalideneinkommen basierend auf einer 80%igen
Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit in der Höhe von Fr. 55'090.40
(68'863.00 [vgl. VB 90 S. 2] x 0.8) gegenüberstellt wird, ergibt sich ein In-
validitätsgrad von gerundet 33 % ([Fr. 82'219.00 - Fr. 55'090.40]
/ Fr. 82'219.00 x 100), womit kein rentenbegründender IV-Grad erreicht
wird. Die angefochtene Verfügung erweist sich somit im Ergebnis jedenfalls
als rechtens.
- 11 -
8.
8.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf ein-
zutreten ist.
8.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrens-
ausgang dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
8.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch auf
Parteientschädigung zu.
- 12 -