Decision ID: 131e9f62-4a10-57ff-9836-54f5a19c4cb5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie,
verliess eigenen Angaben zufolge seinen Heimatstaat gemeinsam mit sei-
nem Bruder am 19. Juli 2015. Über die Türkei, Griechenland und weitere
Länder reiste er am 8. August 2015 in die Schweiz ein. Am 9. August 2015
suchte er im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
B._ um Asyl nach.
B.
B.a Am 11. August 2015 wurde eine Knochenalterbestimmung mit dem Be-
schwerdeführer durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass er ein wahr-
scheinliches Alter von (...) Jahren habe.
B.b Am 19. August 2015 fand eine Befragung zur Person statt (BzP; Pro-
tokoll in den SEM-Akten A6). Am selben Tag meldete das SEM dem zu-
ständigen Kanton den Beschwerdeführer als unbegleitete minderjährige
asylsuchende Person (UMA) und bat um Einleitung der entsprechenden
Schutzmassnahmen.
B.c Mit Schreiben vom 26. August 2015 informierte die C._ des
Kantons D._ das SEM, dass sie den Beschwerdeführer gesetzlich
vertrete.
B.d Am 1. Dezember 2015 wies die C._ das SEM darauf hin, dass
die Eltern des Beschwerdeführers inzwischen ebenfalls in die Schweiz ein-
gereist seien und ein Asylgesuch eingereicht hätten. Es wurde darum er-
sucht, die Eltern ebenfalls dem Kanton D._ zuzuweisen. Mit der
Vereinigung der Familie in der Schweiz endete die gesetzliche Vertretung
durch die C._.
C.
Am 3. November 2016 wurde der Beschwerdeführer unter Anwesenheit
seines Vaters zu seinen Asylgründen angehört (Protokoll in den SEM-Ak-
ten A16). Dabei machte er im Wesentlichen folgenden Sachverhalt geltend:
Er sei in E._ geboren und habe mit seinen Eltern, vier Brüdern und
einer Schwester zusammengelebt. Er habe die Schule bis zur 8. Klasse
besucht. Im Oktober 2014 sei er mit seiner Familie in die Türkei gereist, um
bei der Schweizer Botschaft ein Visum zu beantragen. Da man ihnen keine
Visa ausgestellt habe, seien sie nach Syrien zurückgekehrt. Seine Brüder
E-86/2019
Seite 3
seien für den Militärdienst aufgefordert worden, seien dem Aufgebot aber
nicht nachgekommen. Deswegen seien einige Male Personen zu ihnen
nach Hause gekommen, um die Brüder zu suchen. Da die Brüder nicht zu
Hause gewesen seien, habe man den Vater bedroht. Er selber sei aufgrund
seines Alters nicht zum Militärdienst einberufen worden. Das Leben in Sy-
rien sei generell schwierig gewesen, und er habe die Schule nicht mehr
besuchen können. Die Leute hätten auch von Entführungen gesprochen.
Deshalb habe die Familie entschieden, Syrien erneut zu verlassen.
Er reichte einen Zivilregisterauszug in Kopie, ein Schulzeugnis, eine (sei-
nen Angaben zufolge) Universitätsbescheinigung, einen Blutspendenach-
weis sowie einen Auszug aus dem Familienstandsregister ein.
D.
Mit Verfügung vom 3. Dezember 2018 (eröffnet am 5. Dezember 2018)
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, wies das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz. Der Vollzug der Wegweisung wurde infolge Unzumutbarkeit zu-
gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben.
E.
Am 18. Dezember 2018 ersuchte die neu mandatierte Rechtsvertretung
des Beschwerdeführers unter Vorlage einer Vertretungsvollmacht beim
SEM um Einsicht in die Asylakten.
F.
Mit Beschwerde vom 4. Januar 2018 (recte 2019) liess der Beschwerde-
führer durch seinen mit Vollmacht vom 17. Dezember 2018 mandatierten
Rechtsvertreter die Verfügung des SEM anfechten. Er beantragt, die Ver-
fügung des SEM sei in den Dispositivziffern 1 bis 3 aufzuheben und die
Sache sei zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen, eventualiter sei der Be-
schwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu ge-
währen, subeventualiter sei die Unzulässigkeit – nebst der Unzumutbarkeit
– des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme an-
zuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, nach Eingang
der Akten der Vorinstanz sei eine angemessene Nachfrist zur Beschwer-
deergänzung zu gewähren und das Verfahren mit jenem seiner Eltern
F._ und G._ (N [...]) zu koordinieren und die Asylakten sei-
ner Brüder H._ (N [...]) und I._ (N [...]) sowie die Verfahren-
sakten des Bruders J._
E-86/2019
Seite 4
(N [...] und D-5080/2018) seien zur Entscheidfindung beizuziehen. Ausser-
dem ersuchte er um unentgeltliche Prozessführung inklusive Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung seines
Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
G.
Am 8. Januar 2019 behandelte das SEM das Akteneinsichtsgesuch des
Beschwerdeführers vom 18. Dezember 2018 (Sachverhalt Bst. H.) und
stellte ihm die zu edierenden Akten zu.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Januar forderte die Instruktionsrichterin
den Beschwerdeführer unter anderem auf, eine Beschwerdeverbesserung
nachzureichen, da die Beschwerdeschrift einzig die Originalunterschrift der
Anwaltssubstitutin trage und diese nicht gehörig bevollmächtigt sei, in ei-
genem Namen die Beschwerde einzureichen. Gleichzeitig wurde dem Be-
schwerdeführer die Gelegenheit eingeräumt, eine Beschwerdeergänzung
einzureichen.
I.
Am 22. Januar 2019 reichte der Beschwerdeführer die Rechtsmittelschrift
mit der Unterschrift des Rechtsvertreters versehen ein.
J.
Am 23. Januar 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Ergänzung der
Rechtsmittelschrift und eine Kostennote ein.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 29. Januar 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses und ordnete den mandatierten Rechts-
vertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig wurde die Vo-
rinstanz eingeladen, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
L.
Am 28. Februar 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 6. März 2019 erhielt der Beschwerdeführer
Gelegenheit, eine Replik einzureichen und wurde aufgefordert, eine Für-
sorgebestätigung nachzureichen.
E-86/2019
Seite 5
N.
Am 18. März 2019 replizierte der Beschwerdeführer und legte eine Kosten-
note bei.
O.
Eine Fürsorgebestätigung wurde am 21. März 2019 nachgereicht.
P.
Am 29. April 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Vorladung für die
Rekrutierung zum Militärdienst beziehungsweise einen Marschbefehl im
Original ein.
Q.
Eine Übersetzung des Marschbefehls wurde am 14. Mai 2019 nachge-
reicht.
R.
Am 3. Mai 2021 teilte das SEM dem Gericht mit, dass dem Beschwerde-
führer eine Aufenthaltsbewilligung (B-Bewilligung) ausgestellt worden sei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM, welche in Anwendung des
AsylG ergangen sind, und entscheidet in diesem Bereich in der Regel –
und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
E-86/2019
Seite 6
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Der Beschwerdeführer wurde infolge Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Damit beschränkte
sich das vorliegende Beschwerdeverfahren ursprünglich auf die Fragen,
ob der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft erfüllt und ob ihm des-
wegen Asyl zu gewähren und auf die Wegweisung zu verzichten ist. Die
drei in Art. 83 Abs. 1 AIG (SR 142.20) genannten Bedingungen (Unzuläs-
sigkeit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs) für
einen (vorläufigen) Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung zugunsten
einer vorläufigen Aufnahme – im Sinne einer Ersatzmassnahme für die
nicht vollziehbare Wegweisung – sind alternativer Natur (vgl. dazu BVGE
2011/7 E. 8, mit weiteren Hinweisen). Entsprechend bestand im Zeitpunkt
der Beschwerdeerhebung – entgegen der in der Beschwerde vertretenen
Auffassung (vgl. Beschwerde E. II.C. Ziff. 4.4) – kein Rechtsschutzinte-
resse an der Feststellung eines weiteren Wegweisungsvollzugshindernis-
ses. Auf das Rechtsbegehren 7 der Beschwerde ist nach dem Gesagten
nicht einzutreten. Nachdem der Beschwerdeführer inzwischen über eine
gültige Aufenthaltsbewilligung verfügt, ist das Beschwerdeverfahren im
Wegweisungspunkt ohnehin gegenstandslos geworden (vgl. hierzu unten
E.8.2).
Im Übrigen ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. Demnach überprüft
das Gericht die angefochtene Verfügung auf Verletzung von Bundesrecht,
einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie auf
die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts.
3.
3.1 Das Urteil in vorliegender Sache ergeht zeitgleich und mit dem-
selben Spruchgremium wie dasjenige der Eltern des Beschwerdeführers
E-86/2019
Seite 7
(Urteil E-92/2019). Die Verfahren wurden entsprechend dem Verfahrens-
antrag 2 koordiniert behandelt.
3.2 In der Beschwerde wird beantragt, die Asylakten der Brüder des Be-
schwerdeführers H._ (N [...]) und I._
(N [...]) sowie J._ (N [...] und D-5080/2018) für das vorliegende Be-
schwerdeverfahren beizuziehen (Rechtsbegehren Ziff. 3). Das Bundesver-
waltungsgericht hat die Akten der Brüder antragsgemäss beigezogen.
3.3 Der Verfahrensantrag, dem Beschwerdeführer sei nach Eingang der
Akten der Vorinstanz eine Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergän-
zung anzusetzen (Rechtsbegehren Ziff. 1 ist das Gericht im Rahmen des
Instruktionsverfahrens gefolgt (siehe oben Sachverhalt Bst. J und K).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politi-
schen Anschauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder
begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal-
tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
4.3 Subjektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn eine asylsuchende Per-
son erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder
wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten ins-
besondere exilpolitische Betätigungen, illegales Verlassen des Heimatlan-
des (sog. Republikflucht) oder die Einreichung eines Asylgesuchs im Aus-
land, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung begründen (vgl.
BVGE 2009/29 E. 5.1; BVGE 2009/28 E. 7.1). Personen mit subjektiven
Nachfluchtgründen erhalten gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden je-
doch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen.
E-86/2019
Seite 8
4.4 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründet die angefochtene Verfügung damit, dass im Rah-
men von Krieg oder Situationen allgemeiner Gewalt erlittene Nachteile
keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes darstellen würden, soweit sie
nicht auf der Absicht beruhten, einen Menschen aus einem der in Art. 3
AsylG erwähnten Gründe zu treffen. Die vorgebrachten Ausreisegründe
des Beschwerdeführers seien vor dem Hintergrund der allgemeinen Lage
in Syrien zu betrachten. Eine persönliche Bedrohungslage, welche nicht
der allgemein vorherrschenden Machtverteilung und Kriegssituation in Sy-
rien zugeordnet werden könne, bestehe nicht. Er habe auf Nachfrage ex-
plizit angegeben, dass ihm in seiner Heimat nichts Konkretes passiert sei
und er mit den Behörden keine persönlichen Probleme gehabt habe. Seine
Vorbringen seien somit auf die allgemeine Sicherheitslage zurückzuführen
und nicht aus einem in Art. 3 AsylG genannten Motiv erfolgt, sie hielten
somit den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht stand.
5.2 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht gerügt, dass die Vor-
instanz es unterlassen habe, die Akten der Brüder des Beschwerdeführers
zur Entscheidfindung beizuziehen und eine mögliche Reflexverfolgung zu
prüfen. Dadurch sei sein rechtliches Gehör verletzt worden. Zudem sei die
Vorinstanz nicht auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Furcht
vor einer drohenden Einziehung in den Militärdienst eingegangen. Sie
habe ihre Begründungspflicht verletzt. Folglich sei die Sache zur vertieften
Abklärung des Sachverhalts und zur hinreichenden Begründung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
Materiell moniert der Beschwerdeführer, dass er nicht lediglich die allge-
meine Lage in Syrien für seine Ausreise verantwortlich gemacht habe, son-
dern sich ausdrücklich auf die gegen seine Brüder J._, H._
und I._ gerichtete Verfolgung bezogen habe. Deswegen habe er
sich ebenfalls vor einer Verfolgung gefürchtet. Die Behörden hätten bereits
in der Vergangenheit bei ihnen zu Hause nach den wehrdienstpflichtigen
Brüdern gesucht. Diese hätten sich ausserhalb des Elternhauses versteckt
E-86/2019
Seite 9
gehalten, um einem Einzug in den Militärdienst beziehungsweise den Re-
servedienst zu entkommen. Der Vater sei deswegen von den Behörden
ermahnt worden, seine Kinder beizubringen. Es sei allgemein bekannt,
dass Familienangehörigen von Wehrdienstverweigerern eine Reflexverfol-
gung drohen könne. Zwei seiner Brüder seien in der Schweiz als Flücht-
linge anerkannt worden, weshalb es konkrete Hinweise dafür gebe, dass
die gesamte Familie bei einer Rückkehr nach Syrien verhaftet und befragt
werden würde. Hinzu komme, dass der Beschwerdeführer Syrien illegal
verlassen habe. Ferner habe er begründete Furcht vor seiner eigenen Ein-
ziehung in den Militärdienst. Er habe inzwischen das militärdienstpflichtige
Alter erreicht. Er sei nie formell von seiner Dienstpflicht befreit worden und
habe sich durch sein Nichteinrücken in den Dienst als Regimegegner zu
erkennen gegeben. Aufgrund seiner kurdischen Ethnie und der von den
Schweizer Behörden anerkannten Verfolgung der Brüder sei davon auszu-
gehen, dass die Dienstverweigerung des Beschwerdeführers von den sy-
rischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit aufgefasst werde.
Es sei somit davon auszugehen, dass dem Beschwerdeführer in Syrien
eine Strafe drohe, welche nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht
diene, sondern dass er als politischer Gegner unverhältnismässig bestraft
würde.
Schliesslich hält der Beschwerdeführer fest, dass aufgrund seiner illegalen
Ausreise und der Einreichung seines Asylgesuchs subjektive Nachflucht-
gründe bestünden. Das Stellen eines Asylantrags werde in Syrien als poli-
tische Opposition angesehen, wobei rückgeführte und abgewiesene Asyl-
suchende bereits an der Grenze mit Verhaftung und Verhören sowie Miss-
handlungen zu rechnen hätten. Aus verschiedenen Berichten gehe hervor,
dass neben politisch aktiven Regimegegnern, einerseits Kurden und ande-
rerseits Familienangehörige von vom Regime gesuchten Personen im
Speziellen gefährdet seien, von den syrischen Grenzbehörden inhaftiert
und gefoltert zu werden.
5.3 Das SEM hält in der Vernehmlassung fest, dass das Bundesverwal-
tungsgericht in dem kürzlich ergangenen Urteil D-5080/2018 vom 18. Feb-
ruar 2019 betreffend den Bruder J._ zum Schluss gekommen sei,
dass die Furcht vor einer Reflexverfolgung unbegründet sei. Dasselbe
könne auch im Falle des Beschwerdeführers angenommen werden. Den
beiden Brüdern I._ und H._ sei lediglich aufgrund ihrer Mili-
tärdienstverweigerung und nicht aufgrund eines politischen Profils bezie-
hungsweise einer politisch motivierten Verfolgung Asyl gewährt worden.
Deren Asylgewährung sei somit ohnehin fragwürdig. Es seien auch keine
E-86/2019
Seite 10
anderen Hinweise ersichtlich, wonach der Beschwerdeführer in den Augen
des syrischen Regimes über ein politisches Profil verfüge. Es sei insge-
samt nicht davon auszugehen, dass ihm bei einer Rückkehr nach Syrien
aufgrund seiner Brüder eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung
drohe. Zum Vorwurf, das SEM habe die Asylakten der Brüder nicht beige-
zogen, sei anzumerken, dass deren Akten auf elektronischem Weg konsul-
tiert worden und somit bekannt gewesen seien. Zur nunmehr geltend ge-
machten Furcht des Beschwerdeführers vor einer Einziehung in den Mili-
tärdienst sei festzustellen, dass er in seinen Befragungen keine konkrete
Furcht vor Einziehung in den Militärdienst geäussert habe. Nur im Sinne
einer Information habe er angegeben, dass auch er zu einem späteren
Zeitpunkt in den Militärdienst hätte gehen müssen. Der Beschwerdeführer
sei bei der Ausreise erst (...) Jahre alt gewesen. Ein allfälliger Militärdien-
steinzug sei damals noch Jahre entfernt gewesen und eine konkrete Furcht
vor der Einziehung habe er nicht vorgebracht. Seine Tauglichkeit für den
Militärdienst sei noch gar nicht geprüft worden und er sei auch nicht vorge-
laden worden. Abgesehen davon gebe es keine Hinweise dafür, dass ihm
eine politisch motivierte Strafe drohe, welche einer flüchtlingsrechtlich re-
levanten Verfolgung gleichkomme. Bezüglich der Ausführungen zu subjek-
tiven Nachfluchtgründen könne ebenfalls auf das Urteil D-5080/2018 ver-
wiesen werden. Eine solchermassen begründete Verfolgung sei beim Bru-
der J._ ausgeschlossen worden, dasselbe könne auch für den Be-
schwerdeführer abgeleitet werden.
5.4 Der Beschwerdeführer repliziert, es gehe nicht an, dass das SEM nun
im Nachhinein die Asylgewährung der Brüder in Frage stelle, damit man
nicht auch ihn als Flüchtling anerkennen müsse. Dies sei wider Treu und
Glauben. Der angebliche elektronische Beizug der Asylakten seiner Fami-
lienangehörigen sei nicht in den Akten ersichtlich und von der Vorinstanz
nicht bewiesen worden. Auch das Argument, die Befürchtung, ebenfalls in
den Militärdienst eingezogen zu werden, sei nur als allgemeine Information
vorgebracht worden und nicht als konkretes Asylvorbringen, überzeuge
nicht. Zudem ziehe die Vorinstanz aus dem Urteil des Bruders J._
die falschen Schlüsse. Es könne nicht argumentiert werden, dass der Be-
schwerdeführer keine Probleme gehabt habe, da er damals noch minder-
jährig gewesen sei. Eine begründete Furcht sei insbesondere ab Errei-
chung des Wehrdienstalters, namentlich im Sinne eines objektiven Nach-
fluchtgrundes, gegeben.
E-86/2019
Seite 11
6.
6.1 In der Beschwerde wird die Rüge der Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs, der Verletzung der Pflicht zur vollständigen und richtigen Sachver-
haltsfeststellung sowie der Verletzung der Begründungspflicht erhoben.
Dabei handelt es sich um formelle Rügen, welche vorab zu beurteilen sind,
da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der vorinstanzlichen
Verfügung zu bewirken.
6.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3 BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Ver-
waltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.,
2013, Rz. 1043).
6.3 Es ist zunächst festzustellen, dass das SEM aus den Angaben des Be-
schwerdeführers im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens nicht ohne
Weiteres Anlass hatte, eine allfällige Reflexverfolgung zu prüfen. So er-
wähnte er an der BzP seine Brüder und deren Militärdienstverweigerung
bei seinen Asylgründen nicht (A6 Ziff. 7.01). Er gab demgegenüber aus-
drücklich an, keine Probleme mit den Behörden oder mit Gruppierungen
gehabt zu haben und auch nicht politisch tätig gewesen zu sein (A16
F.27 f.) Auch den Aussagen anlässlich der Anhörung ist einzig die vage
Aussage zu entnehmen, die Behörden seien ab und zu gekommen, um
nach seinen Brüdern zu fragen. Konkrete daraus resultierende Probleme
brachte er nicht vor (A16 F31 ff.). Insofern ist fraglich, ob das SEM von
Anfang an verpflichtet gewesen wäre, die Akten der Brüder beizuziehen
E-86/2019
Seite 12
und eine Reflexverfolgung zu prüfen. Nachdem in der Beschwerde aus-
drücklich eine solche geltend gemacht wurde, hat sich das SEM in der Ver-
nehmlassung zu dieser Frage ausführlich geäussert, eine drohende Re-
flexverfolgung des Beschwerdeführers indes verneint. Dasselbe gilt für die
Rüge, das SEM habe seine Furcht vor einer künftigen Einziehung in den
Militärdienst nicht geprüft. Zum Zeitpunkt der Ausreise war der Beschwer-
deführer erst (...) Jahre alt und nicht im rekrutierungsfähigen Alter. Seinen
Angaben zufolge stand er sodann auch nie in Kontakt mit den syrischen
Militärbehörden (A16, F30). Auch hierzu hat sich das SEM in seiner Ver-
nehmlassung geäussert. Ein allfälliges Säumnis wurde demnach auf Ver-
nehmlassungsstufe nachgeholt und der Beschwerdeführer erhielt mit der
Replik Gelegenheit, sich dazu zu äussern. Da dem Gericht bezüglich der
Frage der Asylrelevanz der vom SEM nicht berücksichtigten Vorbringen
volle Kognition zukommt, sind die Voraussetzungen für eine allfällige Hei-
lung der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör auf Beschwerde-
ebene gegeben (vgl. hierzu bspw. Urteil des BVGer D-87/2018 vom
30. Oktober 2018 E. 2.4.4 m.w.H). Soweit geltend gemacht wird, es sei
nicht belegt, dass das SEM die Dossiers der Brüder tatsächlich beigezogen
habe, ist festzustellten, dass sich dies bereits aus der Begründung der Ver-
nehmlassung ergibt.
Die Rügen der Verletzung formellen Rechts erweisen sich – spätestens
heute – als unbegründet. Der Antrag auf Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Sachver-
haltsabklärung und Neubeurteilung (Rechtsbegehren 5) ist demzufolge ab-
zuweisen.
7.
7.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Gericht ebenfalls zum Schluss,
das SEM zutreffenderweise festgestellt hat, der Beschwerdeführer erfülle
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht.
7.2
7.2.1 Das SEM hat zu Recht festgehalten, dass der Beschwerdeführer bis
zu seiner Ausreise aus Syrien keiner asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt
war. Er hat angegeben, keine Probleme mit den syrischen Behörden ge-
habt und sich nicht politisch betätigt zu haben (A16 F27 f.; A6 Ziff. 7.02). Er
bringt zwar vor, dass einmal die syrischen Behörden bei ihnen zu Hause
nach seinen Brüdern gefragt hätten, da diese nicht in den Militärdienst ein-
gerückt seien. Weiter sei jedoch nichts vorgefallen (A16 F43). Eine ge-
zielte, gegen seine Person gerichtete, asylrelevante Verfolgung vor seiner
E-86/2019
Seite 13
Ausreise aus Syrien wird somit weder vom Beschwerdeführer geltend ge-
macht noch ergeben sich aus den Akten konkrete Hinweise dafür.
7.2.2 Soweit der Beschwerdeführer als Ausreisegrund auf die allgemeine
Lage in Syrien verweist (SEM Akten A16, F25 f.; A6, Ziff. 7.01), ist dem
SEM ebenfalls beizupflichten, dass die schwierigen Lebensumstände auf
die vorherrschende Kriegssituation in Syrien zurückzuführen und flücht-
lingsrechtlich nicht relevant sind. Die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft erfordert nach schweizerischer Rechtsprechung den gezielten, auf
die betreffende Person individuell fokussierten Willen des Verfolgers, diese
bestimmte Person unmittelbar ernsthaften Nachteilen im Sinne des Geset-
zes zu unterwerfen. Der bürgerkriegsbedingten Gefährdungslage und der
fortbestehenden Volatilität und Dynamik der Entwicklung in Syrien wurde
von der Vorinstanz im Rahmen des Wegweisungsvollzugs respektive der
in diesem Zusammenhang angeordneten vorläufigen Aufnahme des Be-
schwerdeführers Rechnung getragen.
7.3
7.3.1 Im Beschwerdeverfahren wird nunmehr gelten gemacht, der Be-
schwerdeführer habe inzwischen das militärdienstpflichtige Alter erreicht,
weshalb er bei einer Rückkehr nach Syrien mit einer flüchtlingsrechtlich
relevanten Verfolgung zu rechnen hätte (Beschwerde E. II, C, Ziff. 3 und
Ziff. 4.2).
7.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist in seinem Grundsatzentscheid
BVGE 2015/13 vom 18. Februar 2015 zum Schluss gekommen, eine Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion vermöge die Flüchtlingseigenschaft
nicht per se zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung
im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden sei, mithin die betroffene Per-
son aus den in dieser Norm genannten Gründen wegen ihrer Wehrdienst-
verweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen habe, die
ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkomme (vgl.
E. 5.9). Bezogen auf die spezifische Situation in Syrien erwog das Gericht
weiter, die genannten Voraussetzungen seien im Falle eines syrischen Re-
fraktärs erfüllt, welcher der kurdischen Ethnie angehöre, einer oppositionell
aktiven Familie entstamme und bereits in der Vergangenheit die Aufmerk-
samkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen habe
(vgl. E. 6.7.3).
In zahlreichen, in der Folge des Entscheids BVGE 2015/3 ergangenen,
nicht publizierten Urteilen hat das Bundesverwaltungsgericht diese Praxis
E-86/2019
Seite 14
betreffend Dienstverweigerer und Deserteure aus Syrien gefestigt (vgl. die
Hinweise in BVGE 2020 VI/4 E. 5.1.2). Das Gericht geht demnach davon
aus, dass bei Wehrdienstverweigerung im syrischen Kontext jedenfalls
dann eine asylrelevante Strafe in begründeter Weise zu befürchten ist,
wenn zusätzliche exponierende Faktoren gegeben sind, welche darauf
schliessen lassen, dass eine Person als Regimegegner angesehen wird
und somit aus politischen Gründen eine unverhältnismässige Strafe zu be-
fürchten hätte. Hingegen geht das Gericht in ständiger Praxis nicht davon
aus, dass «herkömmlichen Wehrdienstverweigerern», das heisst solchen,
die nicht zusätzlich politisch exponiert sind, mit genügender Wahrschein-
lichkeit eine die Schwelle der Asylrelevanz erreichende Strafe droht (vgl.
BVGE 2020 VI/4 E. 6.2.4).
7.3.3 Betreffend den Beschwerdeführer ist festzustellen, dass er bei der
Ausreise aus Syrien erst (...) Jahre alt gewesen ist und seinen Angaben
zufolge nie in Kontakt mit den syrischen Militärbehörden bezüglich seiner
Aushebung gestanden ist. Der Beschwerdeführer wurde nicht zur Muste-
rung aufgeboten und das SEM hat in seiner Vernehmlassung zu Recht
festgehalten, dass die Tauglichkeit des Beschwerdeführers für den Militär-
dienst noch nicht festgestellt wurde. Demnach kann er trotz seines inzwi-
schen dienstpflichtigen Alters nicht als Wehrdienstverweigerer betrachtet
werden. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er zwischenzeitlich
angeblich einen Marschbefehl erhalten hat, welchen er im Beschwerdever-
fahren im Original einreichte. Einerseits sind solche Dokumente käuflich
leicht erwerbbar und nicht fälschungssicher (vgl. bspw. Urteil des BVGer
D-5934/2019 vom 23. April 2021 E.6.2). Andererseits ist festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer, wie erwähnt, nicht regulär ausgehoben worden ist
und sich kein Militärdienstbüchlein hat ausstellen lassen. Eine offizielle Ein-
berufung zum Militärdienst mittels des Marschbefehls erscheint sodann e-
her unwahrscheinlich. Die Authentizität des Dokuments kann aber offen
bleiben, da gemäss der oben zitierten bundesverwaltungsgerichtlichen
Rechtsprechung allein aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer ei-
nen Marschbefehl erhalten hätte, ohnehin nicht auf eine flüchtlingsrechtlich
relevante Gefährdung geschlossen werden könnte (vgl. statt vieler Urteil
des BVGer E-2556/2017 vom 23. Mai 2017 E.3.2). Da sich beim Beschwer-
deführer – wie nachfolgend aufgezeigt wird – keine zusätzlichen Gefähr-
dungselemente ergeben, die auf eine politisch motivierte Verfolgung
schliessen lassen, kann der Marschbefehl auch bei Wahrunterstellung die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers nicht begründen.
E-86/2019
Seite 15
7.4
7.4.1 In der Beschwerde wird ferner geltend gemacht, dass der Beschwer-
deführer aufgrund der Militärdienstverweigerung seiner Brüder bei einer
Rückkehr nach Syrien einer Reflexverfolgung ausgesetzt wäre (Be-
schwerde E. II, C, Ziff. 3 und Ziff. 4.2).
7.4.2 Unter Reflexverfolgung sind behördliche Belästigungen oder Behelli-
gungen von Angehörigen aufgrund des Umstandes zu verstehen, dass die
Behörden einer gesuchten, politisch unbequemen Person nicht habhaft
werden oder schlechthin von deren politischer Exponiertheit auf eine sol-
che auch bei Angehörigen schliessen (vgl. etwa Urteil des BVGer
E-2257/2019 vom 15. März 2021 E. 7.3; BVGE 2010/57 E. 4.1.3). Die Ver-
folgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer Opposi-
tioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen dokumen-
tiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung erkenn-
bar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Person für
ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um Infor-
mationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine Per-
son zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu er-
zwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um Angehörige für
eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen aufgrund
ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Personen zu-
geschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische Armee
und regierungsfreundliche Milizen) setzen dabei die Strategie der Re-
flexverfolgung gezielt ein. Könne ein Regimegegner nicht gefunden wer-
den, würden Sicherheitskräfte – auch unter Anwendung von Gewalt – Fa-
milienangehörige, auch Kinder, willkürlich verhaften, in Isolationshaft neh-
men, foltern oder anderweitig misshandeln (vgl. Urteil des BVGer
E-734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2.2 m.w.H.).
Um eine mögliche drohende Reflexverfolgung beurteilen zu können, hat
das Gericht antragsgemäss die Akten der in der Schweiz lebenden Brüder
des Beschwerdeführers I._ (N [...]) und H._ (N [...]) sowie
J._ (N [...] und D-5080/2018) und seiner Eltern ([...] und E-92/2019)
beigezogen. Aus den Akten der Brüder geht im Wesentlichen hervor, dass
I._ und H._ allein aufgrund ihrer Wehrdienstverweigerung
von der Vorinstanz Asyl gewährt wurde. J._ machte in seinem Asyl-
verfahren geltend, er sei in Syrien nicht in den Reservedienst eingerückt.
Die Flüchtlingseigenschaft wurde ihm nicht zuerkannt, da davon auszuge-
hen sei, dass er von den syrischen Behörden nicht als Regimegegner iden-
tifiziert worden sei (vgl. Urteil des BVGer
E-86/2019
Seite 16
D-5080/2018 vom 18. Februar 2019 E.6.2). Den Eltern des Beschwerde-
führers wurde vom SEM wiederum kein Asyl gewährt, da diese in Syrien
keine persönlichen Nachteile erlitten hätten. Politische Aktivitäten gehen
aus den Asylakten der Familienangehörigen keine hervor. Im Beschwerde-
verfahren des Bruders J._ kam das Gericht zum Schluss, dass die
Furcht von J._, aufgrund der Militärdienstverweigerung seiner Brü-
der H._ und I._, einer Reflexverfolgung ausgesetzt zu sein,
unbegründet sei. Den beiden Brüdern sei vom SEM allein infolge der gel-
tend gemachten Militärdienstverweigerung Asyl gewährt worden. Den Asyl-
vorbringen der Brüder seien jedoch keinerlei Hinweise auf eine mögliche
politische Verfolgungsgefahr zu entnehmen. Demnach sei auch nicht da-
von auszugehen, dass J._ bei einer Rückkehr nach Syrien auf-
grund seiner beiden Brüder eine Reflexverfolgung drohe (Urteil D-
5080/2018, E.6.4). Das Gericht gelangt nach Durchsicht der Akten vorlie-
gend ebenfalls zum Schluss, dass sich aus den Akten keine Hinweise ent-
nehmen lassen, wonach dem Beschwerdeführer aufgrund seiner Brüder
bei einer Rückkehr nach Syrien eine Reflexverfolgung drohen könnte. Wie
das Gericht bereits im Verfahren des Bruders J._ festhielt, wird aus
den Akten der Familie nicht ersichtlich, dass es sich um eine oppositionell
aktive Familie handeln würde. Es ergeben sich aus den Akten der Fami-
lienangehörigen somit keine konkreten Hinweise dafür, dass Elemente vor-
liegen würden, die – verbunden mit der Wehrdienstverweigerung der Brü-
der I._ und H._ – darauf schliessen lassen würde, der Be-
schwerdeführer würde bei einer Rückkehr als Regimegegner erkannt und
hätte aus diesem Grund mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft
ernsthafte Nachteile zu befürchten.
7.5 Soweit schliesslich subjektive Nachfluchtgründe geltend gemacht wer-
den aufgrund der illegalen Ausreise und des Stellens eines Asylgesuches
im Ausland, ist festzuhalten, dass gemäss Praxis des Bundesverwaltungs-
gerichts diese Umstände nicht zur Annahme einer begründeten Furcht
führt, bei einer Rückkehr ins Heimatland mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit ernsthaften Nachteilen ausgesetzt zu werden. Daran vermag der Um-
stand nichts zu ändern, dass sie aufgrund ihrer längeren Landesabwesen-
heit bei einer Wiedereinreise nach Syrien möglicherweise einer Befragung
durch die heimatlichen Behörden unterzogen würden (vgl. Urteil des
BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.4.3 [als Referenzurteil pu-
bliziert]).
7.6 Zusammenfassend bestehen keine konkreten Anhaltspunkte dafür,
dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ausreise aus Syrien einer
E-86/2019
Seite 17
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung ausgesetzt gewesen ist. Eine be-
gründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung lässt sich – auch unter Be-
rücksichtigung der beigezogenen Akten der Familienangehörigen – zum
heutigen Zeitpunkt ebenfalls nicht feststellen.
Das SEM hat zu Recht festgestellt, der Beschwerdeführer erfülle die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht und hat entsprechend
auch zu Recht ihr Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Gemäss Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
(AsylV 1, SR 142.311) wird die Wegweisung aus der Schweiz nicht verfügt,
wenn die asylsuchende Person im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist. Gemäss Mitteilung des SEM verfügt der Be-
schwerdeführer seit dem (...) 2021 über eine gültige Aufenthaltsbewilligung
(B-Bewilligung). Mit Erteilung der B-Bewilligung ist die früher durch das
SEM verfügte Wegweisung dahingefallen. Damit ist das Beschwerdever-
fahren im Wegweisungspunkt infolge Wegfall des Anfechtungsobjekts (Dis-
positivziffer 3 der angefochtenen Verfügung) gegenstandslos geworden
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 mit Verweis auf Entscheidungen und Mitteilun-
gen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001
Nr. 21 E. 11c).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
rechtmässig ist (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen,
soweit darauf einzutreten ist und sie nicht als gegenstandslos geworden
abzuschreiben ist.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfü-
gung vom 29. Januar 2019 wurde indessen das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen, weshalb trotz Unterlie-
gens keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind.
E-86/2019
Seite 18
10.2 Der Beschwerdeführer ist amtlich verbeiständet. Dem eingesetzten
Rechtsvertreter ist ein amtliches Honorar zu entrichten. Die aktualisierte
Kostennote vom 18. März 2019 weist für das vorliegende Verfahren sowie
für das Verfahren der Eltern des Beschwerdeführers (E-92/2019) einen
Aufwand von 11 Stunden bei einem Stundenansatz von Fr. 300.– sowie
Auslagen von Fr. 48.90 zuzüglich Mehrwertsteuerzuschlag, auf. Für das
vorliegende Verfahren ist somit pauschal die Hälfte des ausgewiesenen
Zeitaufwands sowie der Auslagen zu vergüten. Die übrigen ausgewiese-
nen Kosten sind im Verfahren der Eltern des Beschwerdeführers
(E-92/2019) zu vergüten. Für die nach der eingereichten Kostennote er-
folgten Eingaben vom 21. März 2019, 29. April 2019 und 14. Mai 2019 wird
eine zusätzliche Stunde vergütet.
Hinsichtlich des verlangten Stundenansatzes fällt auf, dass einerseits in
der Beschwerde vorgebracht wird, der Rechtsvertreter werde substituiert
durch MLaw Corinne Reber, und diese sei von Anfang an die für den Be-
schwerdeführer zuständige Rechtsvertreterin, andererseits in der Kosten-
note offensichtlich der Stundenansatz des Rechtsanwalts eingesetzt
wurde. Am 23. Januar 2019 informierte der Rechtsanwalt das Gericht, dass
die Substitutin die Kanzlei verlassen habe und das Verfahren nun von ihm
persönlich geführt werde. Mit Verweis auf die Zwischenverfügung vom
29. Januar 2019 wird demzufolge für die Aufwendungen vor dem 23. Ja-
nuar 2019 ein Stundenansatz von Fr. 100.–, für die folgenden Aufwendun-
gen ein Stundenansatz von Fr. 220.– zu Grunde gelegt.
Dem Rechtsvertreter ist demnach zulasten der Gerichtskasse ein amtli-
ches Honorar von gerundet Fr. 1089.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteu-
erzuschlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-86/2019
Seite 19