Decision ID: 9e024ad0-9002-4415-a13e-bdf1873e4380
Year: 2022
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) meldete sich am 13. Mai 2020 zum Vorbezug der or-
dentlichen Altersrente per 1. Oktober 2020 an. Gleichzeitig stellte er ein Gesuch um Ergän-
zungsleistungen (AK-act. 1 ff.).
B.
Mit Schreiben vom 12. August 2020 teilte die Ausgleichskasse Nidwalden (nachfolgend: Aus-
gleichskasse) dem Beschwerdeführer mit, bei nicht invaliden Ehegatten sei bei der Ergän-
zungsleistungsberechnung ein hypothetisches Einkommen anzurechnen. Der Ehefrau des Be-
schwerdeführers sei eine Erwerbstätigkeit mit einem Einkommen von Fr. 30'625.– im Jahr
möglich und zumutbar, sofern er nicht glaubhafte Gründe darlege, die es seiner Ehefrau er-
schweren oder verhindern würden, ein höheres Einkommen zu erzielen oder wenn erfolglose
Arbeitsbemühungen vorgelegt werden könnten (AK-act. 33). Die vom Beschwerdeführer vor-
gebrachten Gründe (AK-act. 41) erachtete die Ausgleichskasse für nicht ausreichend, weshalb
sie mit Verfügung vom 24. September 2020 die Ergänzungsleistungen des Beschwerdeführers
ab Oktober 2020 unter Einbezug des genannten hypothetischen Einkommens der Ehefrau
berechnete (AK-act. 48 f.). In der Verfügung wurde der Beschwerdeführer darauf hingewiesen,
dass auf die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens verzichtet werden kann, wenn
seine Ehefrau erfolglose Arbeitsbemühungen vorweist, d.h. sich auf sechs bis acht offene Stel-
len im Monat bewirbt und die qualitativ einwandfreien Arbeitsbemühungen (Inserat, Bewer-
bungsschreiben und Entscheid der Firma) unaufgefordert einreicht. Diese Verfügung erwuchs
in Rechtskraft.
C.
Die in der Folge vom Beschwerdeführer eingereichten Bewerbungsunterlagen erachtete die
Ausgleichskasse für ungenügend, weshalb sie ihm mit Schreiben vom 5. November 2020 dies-
bezüglich die detaillierten Voraussetzungen darlegte, die kumulativ erfüllt sein müssten (sechs
bis acht Bewerbungen pro Monat, über den ganzen Monat verteilt, auf offene Stellen, auf die
Ehefrau zugeschnitten und ihrem Profil [Ausbildung, Arbeitsweg] entsprechend, vollständige
Unterlagen [Bewerbungsschreiben, Inserat, Entscheid d. Firma oder Zustellbestätigung]) und
ihm eine Nachfrist zur Vervollständigung seiner Unterlagen setzten (AK-act. 58). Die innert
Nachfrist eingereichten Unterlagen erachtete die Ausgleichskasse für genügend, weshalb sie
3│13
mit Verfügung vom 25. Januar 2021 für die Zeit ab Februar 2021 die Ergänzungsleistungen
ohne Anrechnung eines hypothetischen Einkommens neu berechnete (AK-act. 76 ff.).
D.
Weil die Ausgleichskasse die Bemühungen für Januar bis März 2021 nur noch für knapp ge-
nügend erachtete, erläuterte sie dem Beschwerdeführer die Voraussetzungen mit Schreiben
vom 20. April 2021 nochmals und setzte eine Nachfrist (AK-act. 104). Trotzdem erachtete die
Ausgleichskasse die seit Juni 2021 getätigten Arbeitsbemühungen für unvollständig und un-
genügend, weshalb sie die Ergänzungsleistungen des Beschwerdeführers ab 1. Oktober 2021
wiederum unter Einbezug eines hypothetischen Einkommens der Ehefrau des Beschwerde-
führers neu berechnete (AK-act. 132 f.) und am 30. September 2021 entsprechend verfügte
(AK-act. 134).
E.
Der Beschwerdeführer erhob gegen diese Verfügung am 6. Oktober 2021 Einsprache (AK-
act. 138). Mit Entscheid vom 11. November 2021 (E 77/21 EL) wies die Ausgleichskasse die
Einsprache ab (AK-act. 149). Der Beschwerdeführer erhob gegen den Einspracheentscheid
am 7. Dezember 2021 Beschwerde ans Verwaltungsgericht und stellte die folgenden Anträge
(amtl. Bel. 1):
« 1. Der Einspracheentscheid E77/21 vom 11. November 2021 sei aufzuheben.
2. Es seien dem Beschwerdeführer die gesetzlichen Leistungen gemäss ELG auszurichten; namentlich
sei bei der EL-Berechnung rückwirkend seit 1. Oktober 2021 vom tatsächlichen Verdienst der Ehefrau
des Beschwerdeführers (B._) auszugehen.
3. Eventualiter sei die Sache zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4. Der vorliegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin bzw. zulasten des Staa-
tes.»
F.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 6. Januar 2022 (amtl. Bel. 3) beantragte die Ausgleichskasse
die kostenpflichtige Abweisung der Beschwerde. Gleichzeitig überwies sie das Versicherungs-
dossier (AK-act. 1 ff.).
Damit war der Rechtschriftenwechsel abgeschlossen und der beschwerdeführerische Rechts-
vertreter reichte am 17. Januar 2022 seine Kostennote ein.
4│13
G.
Die Sozialversicherungsabteilung des Verwaltungsgerichts Nidwalden hat die vorliegende Be-
schwerdesache anlässlich ihrer Sitzung vom 4. April 2022 in Abwesenheit der Parteien beraten
und beurteilt. Auf die Ausführungen der Parteien wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.
1.1
Auf den 1. Januar 2021 trat das revidierte Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen (nach-
folgend: EL) zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) in Kraft
(EL-Reform; Änderung vom 22. März 2019, AS 2020 585, BBl 2016 7465). Nach den allge-
meinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachver-
halts sind die Bestimmungen des ELG für den EL-Anspruch bis zum 31. Dezember 2020 in
der bis zu diesem Zeitpunkt geltenden Fassung und für den Anspruch ab dem 1. Januar 2021
in der seither geltenden Fassung anwendbar (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V
354 E. 1; Urteil des Bundesgerichts 9C_161/2022, 9C_162/2022 vom 7. Juli 2022 E. 3.1).
Vorbehalten bleiben die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 22. März 2019, wonach
(unter anderem) für Bezügerinnen und Bezüger von EL, für die die EL-Reform insgesamt einen
tieferen Betrag der jährlichen EL oder einen Verlust des Anspruchs auf eine jährliche EL zur
Folge hat, das bisherige Recht noch während dreier Jahre weitergilt (Abs. 1 der Übergangs-
bestimmungen zur Änderung vom 22. März 2019 [EL-Reform]). Als laufende EL-Fälle, auf wel-
che das Übergangsrecht anwendbar ist, gelten Fälle, in denen der EL-Anspruch vor dem 1. Ja-
nuar 2021 entstanden ist (Kreisschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen BSV
zum Übergangsrecht der EL-Reform [KS-R EL] Rz. 1301 f., Stand: 1. Januar 2021). Um zu
bestimmen, ob das alte oder das neue Recht vorteilhafter ist, sind die EL bei laufenden Fällen
per 1. Januar 2021 einmal nach dem alten und einmal nach dem neuen Recht zu berechnen
(KS-R EL Rz. 2101 ff.). Führt die EL-Berechnung nach dem neuen Recht im Einzelfall zu einem
tieferen Betrag der jährlichen EL oder zum Verlust des Anspruchs auf EL, sind die EL folglich
höchstens bis zum 31. Dezember 2023 nach dem bisherigen Recht zu berechnen (KS-R EL
Rz. 1102 ff.).
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=elg+%FCbergangsbestimmungen&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F144-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=elg+%FCbergangsbestimmungen&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-354%3Ade&number_of_ranks=0#page354 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=elg+%FCbergangsbestimmungen&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-354%3Ade&number_of_ranks=0#page354
5│13
1.2
Vorliegend sind die EL des Beschwerdeführers ab dem 1. Oktober 2021 umstritten, wobei der
Anspruch des Beschwerdeführers auf EL vor dem 1. Januar 2021 entstanden ist (AK-act. 134
und 149). Die Ausgleichskasse hat folglich die EL für die Periode ab dem 1. Oktober 2021
nach den alt- und neurechtlichen Bestimmungen berechnet und ist dabei zum Schluss gekom-
men, dass die altrechtlichen Bestimmungen für den Beschwerdeführer vorteilhafter sind
(AK-act. 132 f.), was der Beschwerdeführer auch nicht bestreitet. Folglich sind vorliegend die
Bestimmungen des ELG (SR 831.30) und der ELV (SR 831.301) in der am 31. Dezember 2020
geltenden Fassung sowie die Wegleitung des BSV über die Ergänzungsleistungen zur AHV
und IV [WEL] mit Stand 1. Januar 2020 (Version 14) anwendbar (vgl. KS-R EL Rz. 2222). Sie
werden nachfolgend ohne zusätzlichen Vermerk in dieser Fassung zitiert.
2.
2.1
Anfechtungsobjekt des vorliegenden Verfahrens bildet der Einspracheentscheid der Aus-
gleichskasse Nidwalden vom 11. November 2021 (AK-act. 149). Gemäss Art. 1 Abs. 1 ELG
i.V.m. Art. 56 Abs. 1 und Art. 58 Abs. 1 ATSG (SR 830.1) kann gegen diesen Entscheid Be-
schwerde beim Versicherungsgericht desjenigen Kantons erhoben werden, in welchem die
versicherte Person oder der Beschwerde führende Dritte zur Zeit der Beschwerdeerhebung
Wohnsitz hat. Der Beschwerdeführer ist in X._ wohnhaft (AK-act. 1), womit die örtliche Zu-
ständigkeit des Verwaltungsgerichts Nidwalden gegeben ist. Sachlich zuständig für die Beur-
teilung ist die Sozialversicherungsabteilung des Verwaltungsgerichts, welche in Dreierbeset-
zung entscheidet (Art. 39 i.V.m. Art. 33 Ziff. 2 GerG [Gerichtsgesetz; NG 261.1]).
2.2
Zur Beschwerde ist berechtigt, wer durch die angefochtene Verfügung oder den Einsprache-
entscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung
hat (Art. 59 ATSG).
Der Beschwerdeführer ist als Adressat des angefochtenen Einspracheentscheids davon be-
rührt und hat – nachdem seine Einsprache abgewiesen worden ist – ein schutzwürdiges Inte-
resse an dessen Aufhebung, womit er zur Beschwerde berechtigt ist.
6│13
2.3
Nachdem auch Frist und Form (Art. 60 und Art. 61 lit. b ATSG) eingehalten sind, ist auf die
Beschwerde vom 7. Dezember 2021 einzutreten.
3.
3.1
Der Beschwerdeführer verlangt mit seinen Anträgen 1 – 3 und der dazugehörigen Begrün-
dung, der Einspracheentscheid sei aufzuheben und seiner Ehefrau sei bei der EL-Berechnung
kein hypothetisches Einkommen anzurechnen, sondern es sei von ihrem tatsächlichen Ein-
kommen auszugehen. Er wendet sich gegen das Vorgehen der Ausgleichskasse, die seiner
Ehefrau ein hypothetisches Einkommen angerechnet hat, weil er die Bewerbungsbemühun-
gen seiner Frau nicht im geforderten Sinne belegt habe (vgl. amtl. Bel. 1 Anträge 1 – 3 und
Rz. 7 – 15).
Der Beschwerdeführer moniert, die Ausgleichskasse fordere, dass die Bewerbungsbemühun-
gen schriftlich zu dokumentieren seien, obwohl seine Deutschkenntnisse und die seiner Ehe-
frau bescheiden seien. Überdies sei es wegen der herrschenden Arbeitslage nicht möglich,
die geforderten 6 bis 8 Bewerbungen vorzulegen. Denn die Ehefrau des Beschwerdeführers
sei aufgrund ihres Alters (Jahrgang 1962), ihrer beschränkten Deutschkenntnisse, ihres bis-
herigen Werdegangs und aufgrund der Tatsache, dass sie über keine eigentliche Berufsaus-
bildung verfüge, nicht in der Lage, eine adäquate Stelle im von der Beschwerdegegnerin ge-
forderten Ausmass zu finden. Es sei notorisch, dass momentan – auch wegen Corona – der
Arbeitsmarkt für die Schwächsten ausgetrocknet sei. Ohne Ausbildung oder Weiterbildung sei
es schwer, im heutigen Job-Umfeld eine Stelle zu finden. Der Arbeitsmarkt für Jobs im Nied-
riglohnsektor sei ausgetrocknet. Der Beschwerdeführer müsse für seine Frau Arbeitsbemü-
hungen nachweisen, die auf ihr Profil zugeschnitten seien, d.h. in denen gerade nicht spezifi-
sche Ausbildungen und/oder explizite Berufserfahrung verlangt werde. Solche Stellenange-
bote seien zurzeit aber schwer zu finden, umso mehr, wenn man bei der Suche sprachlich
eingeschränkt sei.
Die von der Ausgleichskasse verlangten Ansprüche, dass (a) 6 bis 8 Bewerbungen pro Monat
verlangt würden, welche (b) über den ganzen Monat verteilt sein müssen, und (c) zwingend
auf das Profil der Ehefrau zugeschnitten sein müssen, seien für den hier massgebenden Zeit-
raum deshalb nicht umsetzbar und damit überspitzt formalistisch. Dies gelte auch für die Auf-
lage (d), wonach sich die Bewerbungsbemühungen der Ehefrau des Beschwerdeführers einzig
7│13
auf offene Stellen zu beschränken hätten, womit Blindbewerbungen nicht akzeptiert würden.
Denn gerade bei unqualifizierten Arbeitskräften würden angesichts der ausgetrockneten Ar-
beitsmarktlage am ehesten noch Blindbewerbungen Sinn machen.
Ein hypothetisches Einkommen sei nur dann anzurechnen, wenn ein solches hypothetisch
auch tatsächlich erzielt werden könnte. Wegen den fehlenden Deutschkenntnissen und gene-
rell den persönlichen Gegebenheiten der Ehefrau sei während des ganzen hier massgeben-
den Zeitraums aufgrund der herrschenden Wirtschaftslage das Finden einer (zusätzlichen)
Anstellung massiv erschwert. Die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens sei unter
diesen Umständen nicht angebracht. Insgesamt sei davon auszugehen, dass die Ausgleichs-
kasse zu Unrecht die geforderten Nachweise zu den Bewerbungsbemühungen der Ehefrau
verlangt habe. Zumindest hätte sie prüfen müssen, ob die vorliegenden Bewerbungsbemü-
hungen aufgrund der pandemiebedingten Wirtschafts- und Jobsituation für Niedriglohnarbeiter
als ausreichend hätten betrachtet werden müssen.
3.2
Personen mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben
(unter anderem) dann Anspruch auf EL, wenn sie eine Altersrente der AHV beziehen (Art. 4
Abs. 1 lit. a ELG). Die jährliche EL entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben
die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG). Die anerkannten Ausgaben
sowie die anrechenbaren Einnahmen von Ehegatten [...] werden zusammengerechnet (Art. 9
Abs. 2 Satz 1 ELG). Als Einnahmen werden (unter anderem) zwei Drittel der Erwerbseinkünfte,
soweit sie bei Ehepaaren Fr. 1'500.‒ übersteigen, angerechnet (Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG).
Ebenso werden Einkünfte und Vermögenswerte angerechnet, auf die verzichtet worden ist
(Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG).
Unter dem Titel Verzichtseinkommen ist auch ein hypothetisches Einkommen des Ehegatten
eines EL-Ansprechers anzurechnen, sofern auf eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder deren
zumutbare Ausdehnung verzichtet wird. Nicht nur der EL-Bezüger, sondern auch dessen nicht
invalide, im gemeinsamen ehelichen Haushalt lebende Ehegattin hat sämtliche verbleibenden
Einkunftsmöglichkeiten tatsächlich zu realisieren (Urteil des Bundesgerichts 8C_380/2008
vom 17. September 2008 E. 3.2). Bemüht sich der Ehegatte trotz (teilweiser) Arbeitsfähigkeit
nicht oder nur ungenügend um eine Stelle, verletzt er die ihm obliegende Schadenminderungs-
pflicht (Urteile des Bundesgerichts 9C_103/2015 vom 8. April 2015 E. 2.2 und 9C_539/2009
vom 9. Februar 2010 E. 4.1).
8│13
Bei der Ermittlung einer allfälligen zumutbaren Erwerbstätigkeit der Ehefrau oder des Eheman-
nes ist der konkrete Einzelfall unter Anwendung familienrechtlicher Grundsätze
(vgl. Art. 163 ZGB) zu berücksichtigen. Dementsprechend ist auf das Alter, den Gesundheits-
zustand, die Sprachkenntnisse, die Ausbildung, die bisherige Tätigkeit, die konkrete Arbeits-
marktlage sowie gegebenenfalls auf die Dauer der Abwesenheit vom Berufsleben abzustellen
(BGE 142 V 12 E. 3.2 m.w.V.). Bei Hilfsarbeiten sind grundsätzlich weder (gute) Kenntnisse
der deutschen Sprache noch eine Schul- oder andere Ausbildung erforderlich. Daher steht die
Häufung der für die Verwertung einer verbleibenden Arbeitsfähigkeit ungünstigen Faktoren wie
die fehlende Schul- und Ausbildung, mangelnde Deutschkenntnisse und fehlende Berufungs-
erfahrung einer Anrechnung eines hypothetischen Einkommens nicht entgegen. Es ist dem
Ehegatten eines EL-Bezügers zuzumuten, die erforderlichen (geringen) Sprachkenntnisse zu
erwerben (Urteil des Bundesgerichts 9C_717/2010 vom 26. Januar 2011 E. 5.1).
Es muss in jedem Einzelfall geprüft werden, (a) ob vom Ehegatten unter den gegebenen Um-
ständen verlangt werden kann, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, (b) zu wie viel Prozent es
ihm zumutbar ist, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und (c) wie hoch der Lohn wäre, den er
bei gutem Willen erzielen könnte (ERWIN CARIGIET/UWE KOCH, Ergänzungsleistungen zur
AHV/IV, 3. Aufl. 2021, Rz. 554). Die EL-Stelle darf von der Vermutung ausgehen, dass der
Ehegatte grundsätzlich bereit ist, seine Erwerbsfähigkeit zu verwerten. Diese Vermutung kann
der Ehegatte aber umstossen, indem er erfolglose Stellenbemühungen einreicht (CARI-
GIET/KOCH, a.a.O., Rz. 566). Diese Voraussetzung gilt als erfüllt, wenn der Ehegatte beim RAV
zur Arbeitsvermittlung angemeldet ist sowie qualitativ und quantitativ ausreichende Stellenbe-
mühungen nachweist (Urteil des Bundesgerichts 9C_759/2017 vom 29. November 2017
E. 2.2; WEL Rz. 3482.03, Stand: 1. Januar 2020). Von unzureichenden Bemühungen kann
unter anderem ausgegangen werden, wenn der Ehegatte die Stellensuche jeweils auf wenige
Tage im Monat beschränkt und standardisierte, nicht auf das jeweilige Stellenprofil hin zuge-
schnittene Formulierungen verwendet, weil dies die Chancen für eine erfolgreiche Stellensu-
che schmälert (Urteil des Bundesgerichts 9C_759/2017 vom 29. November 2017 E. 3.2). Das
Quantitativ der Arbeitsbemühungen beurteilt sich nach den konkreten Umständen, wobei die
persönlichen Umstände und Möglichkeiten der versicherten Person wie Alter, Schul- und Be-
rufsbildung sowie die Usanzen des für sie in Betracht fallenden Arbeitsmarktes zu beachten
sind. Die Praxis verlangt in der Regel 10 bis 12 Bewerbungen pro Monat, wobei es sich nicht
um eine starre Grenze handelt (Urteil des Bundesgerichts 8C_583/2009 vom 22. Dezember
2009 E. 5.1 m.w.V.).
9│13
3.3
Der Beschwerdeführer erhebt Einwände gegen die Anrechnung eines hypothetischen Einkom-
mens für seine Ehefrau. Er ist der Ansicht, die Ausgleichskasse habe überhöhte Anforderun-
gen an den Nachweis der ausreichenden Stellenbemühung gestellt. Den Argumenten des Be-
schwerdeführers kann allerdings nicht gefolgt werden.
Der Einwand des Beschwerdeführers gegen die Auflage, dass die Bewerbungsbemühungen
– trotz mangelnder Deutschkenntnisse von ihm und seiner Ehefrau – schriftlich zu dokumen-
tieren sind, ist nicht nachvollziehbar. Es ist notorisch, dass ein Bewerbungsprozess – mit Aus-
nahme des Bewerbungsgesprächs – in aller Regel schriftlich durchgeführt wird und dass die
Bewerbungsbemühungen nur schriftlich ausreichend beweisbar sind. Falls die Sprachkennt-
nisse des Beschwerdeführers und seiner Ehefrau dafür nicht ausreichen sollten, wäre es ihnen
oblegen, sich entsprechende Unterstützung aus dem privaten Umfeld oder von einer staatli-
chen oder gemeinnützigen Organisation zu holen.
Soweit der Beschwerdeführer sinngemäss geltend macht, seine Ehefrau habe aufgrund man-
gelhafter Deutschkenntnisse, ihres Alters und ihrer Ausbildungssituation die geforderten Be-
werbungen nicht nachweisen können, kann ihm ebenfalls nicht gefolgt werden. Der Ehegattin
des Beschwerdeführers wird ein hypothetisches Einkommen für Hilfsarbeiten (einfache repe-
titive Tätigkeiten, LSE TA 1 Anforderungsprofil 1) angerechnet (vgl. AK-act. 134 und amtl.
Bel. 3 Ad. 8). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung steht bei Hilfsarbeiten die Häu-
fung der ungünstigen Faktoren für die Verwertung einer verbleibenden Arbeitsfähigkeit wie die
fehlende Schul- und Ausbildung, mangelnde Deutschkenntnisse und fehlende Berufungser-
fahrung der Anrechnung eines hypothetischen Einkommens nicht entgegen (Urteil des Bun-
desgerichts 9C_717/2010 vom 26. Januar 2011 E. 5.1). Es ist der Ehegattin des Beschwerde-
führers zuzumuten, die erforderlichen (geringen) Sprachkenntnisse zu erwerben, sollten diese
noch nicht ausreichend vorhanden sein. Dies muss umso mehr gelten, nachdem die Ehegattin
schon seit rund dreissig Jahren in der Schweiz lebt und hier auch arbeitet (vgl. AK-act. 1),
womit ihr die deutsche Sprache somit nicht völlig fremd sein kann (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 9C_717/2010 vom 26. Januar 2011 E. 5.1). Ebenso ist festzuhalten, dass bei der Be-
rechnung des hypothetischen Einkommens – die vom Beschwerdeführer nicht beanstandet
wird – die geltend gemachten Erschwerungsgründe bei der Festlegung der Ausgangsbasis
und einem zusätzlichen Abzug bereits berücksichtigt worden sind (vgl. AK-act. 134 und amtl.
Bel. 3 Ad. 8).
10│13
Auch der Einwand des Beschwerdeführers, die qualitativen und quantitativen Anforderungen
der Ausgleichskasse an die Suchbemühungen seien überhöht, geht fehl. Die Ausgleichskasse
verlangt mindestens sechs Bewerbungen, während beim RAV mindestens zehn Bewerbungen
üblich sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_583/2009 vom 22. Dezember 2009 E. 5.1 und
www.rav-ownw.ch/arbeitnehmer/, zuletzt besucht am 24. August 2022). Die quantitativen An-
forderungen sind damit tiefer als beim RAV, obwohl die gleichen Anforderungen gestellt wer-
den könnten (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_759/2017 vom 29. November 2017 E. 2.2;
WEL Rz. 3482.03, Stand: 1. Januar 2020). Darin ist ein Entgegenkommen der Ausgleichs-
kasse zu erkennen, mit dem einerseits den persönlichen Voraussetzungen der Ehegattin und
andererseits der Situation auf dem Arbeitsmarkt Rechnung getragen wird. Die quantitativen
Anforderungen der Ausgleichskasse sind somit nicht überhöht. Diesbezüglich ist auch nicht
nachvollziehbar, wenn der Beschwerdeführer sinngemäss geltend macht, es seien nicht sechs
bis acht Stellenangebote vorhanden, für welche seine Ehegattin die Mindestanforderungen
erfüllt. Es ist gerichtsnotorisch, dass auch im massgebenden Zeitraum und bis heute genü-
gend entsprechende Stelleninserate für Hilfsarbeiten vorhanden waren und sind, zumal sich
die Arbeitsmarktlage Anfang bis Mitte 2021 wieder entspannte (vgl. AK-act. 162). Dass die
Ausgleichskasse nur Bewerbungen auf Stelleninserate akzeptiert, bei welchen die Ehegattin
des Beschwerdeführers die Mindestanforderungen erfüllt, ist ebenfalls nicht zu beanstanden,
da andernfalls keine realistische Chance auf einen Bewerbungserfolg besteht. Ebenso ist es
zulässig, von unzureichenden Bemühungen auszugehen, wenn standardisierte, nicht auf das
jeweilige Stellenprofil hin zugeschnittene Formulierungen verwendet werden (z.B. Bewer-
bungsschreiben mit falscher Anrede; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_759/2017 vom 29. No-
vember 2017 E. 3.2). Die Ausgleichskasse stellt somit auch keine qualitativ überhöhten Anfor-
derungen an die Suchbemühungen.
Wenn der Beschwerdeführer schliesslich geltend macht, aufgrund der Wirtschaftslage sei es
seiner Ehefrau massiv erschwert gewesen, eine zusätzliche Anstellung zu finden, verkennt er
Folgendes: Auf die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens ist bereits zu verzichten,
wenn ausreichende Suchbemühungen nachgewiesen werden. Dass seine Ehefrau effektiv
eine Anstellung findet, ist dafür nicht erforderlich. Die Ausgleichskasse hat der Ehefrau ein
hypothetisches Einkommen angerechnet, weil ihre Suchbemühungen qualitativ und quantitativ
nicht ausreichend waren und nicht, weil die Stellensuche erfolglos verlief.
https://www.rav-ownw.ch/arbeitnehmer/
11│13
3.4
Zusammengefasst sind die Rügen des Beschwerdeführers allesamt unbegründet. Die Aus-
gleichskasse durfte zum Schluss kommen, dass die Suchbemühungen seiner Ehefrau unge-
nügend waren und ihr deshalb ein hypothetisches Einkommen anrechnen. Nachdem der Be-
schwerdeführer die eigentliche Berechnung des hypothetischen Einkommens nicht bean-
standet, ist darauf nicht einzugehen. Die Anträge 1 – 3 der Beschwerde sind abzuweisen.
4.
4.1
Der Beschwerdeführer hat in Antrag 4 zudem beantragt, der vorliegenden Beschwerde sei die
aufschiebende Wirkung zu erteilen. Er begründet dies zusammengefasst damit, im angefoch-
tenen Einspracheentscheid sei einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung ent-
zogen worden, was mit keinem Wort begründet worden sei. Werde der vorliegenden Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung erteilt, habe dies zur Folge, dass der Beschwerdeführer
bei den Bewerbungsbemühungen seiner Ehefrau vorläufig den gleichen Standard erreichen
müsse wie bis anhin. Zudem lasse die Ausgleichskasse eine Kontrollfrist von sechs Monaten
verstreichen, bis sie ihre EL-Berechnung wieder zugunsten des Beschwerdeführers dahinge-
hend anpasse, dass kein hypothetisches Einkommen angerechnet werde. Der Entzug der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde führe daher zu einem nicht wiedergutzumachenden
Nachteil des Beschwerdeführers, den es zu verhindern gelte.
4.2
Der Versicherungsträger kann in seiner Verfügung einer Einsprache oder Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung entziehen, auch wenn die Verfügung eine Geldleistung zum Gegenstand
hat. Ausgenommen sind Verfügungen über die Rückerstattung unrechtmässig bezogener
Leistungen (Art. 49 Abs. 5 ATSG). Diese Lösung ist sachgerecht, da andernfalls mit der Ein-
sprache die Durchsetzung der korrekten Rechtsanwendung hinausgezögert werden könnte
und dies in der Regel zu einer späteren Rückforderung führen würde (Carigiet/Koch, a.a.O.,
Rz. 252). Die Frage nach der Zulässigkeit eines Entzugs der aufschiebenden Wirkung muss
anhand einer Interessenabwägung beantwortet werden, bei der die Interessen des Versiche-
rungsträgers jenen der versicherten Person gegenüberzustellen sind. Entscheidend ist, wel-
ches Interesse gesamthaft gewichtiger ist (TOBIAS BOLT, in: Basler Kommentar, Allgemeiner
Teil des Sozialversicherungsrechts, 2019, Rz. 4 zu Art. 49 nAbs. 5 ATSG). Der Versicherungs-
träger will mit dem Entzug der aufschiebenden Wirkung ein Verlustrisiko vermeiden. Wann
12│13
immer er eine – seines Erachtens – nicht mehr im bisherigen Umfang geschuldete Leistung
weiter auszahlen muss, läuft er nämlich Gefahr, dass die versicherte Person in einem späteren
Zeitpunkt nicht mehr über die erforderlichen finanziellen Mittel verfügen wird, um die dann
formell rechtskräftige (und damit verbindliche) Beitragsforderung bzw. die Rückforderung der
während der Dauer des Verfahrens weiter erbrachten, aber nicht mehr geschuldeten Leistun-
gen begleichen zu können (BOLT, a.a.O., Rz. 6 zu Art. 49 nAbs. 5 ATSG). Das Bundesgericht
gewichtet das Interesse des Versicherungsträgers, kein Verlustrisiko eingehen zu müssen, in
aller Regel höher als jenes der versicherten Person, eine Verschuldung oder den Gang zum
Sozialamt vermeiden zu können (BOLT, a.a.O., Rz. 8 zu Art. 49 nAbs. 5 ATSG unter Verweis
auf BGE 105 V 266 E. 3 statt vieler).
4.3
Im Sinne der zuvor dargelegten bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist das Interesse der
Ausgleichskasse, während des Verfahrens ausbezahlte Ergänzungsleistungen später nicht
mehr zurückzufordern zu können, höher zu gewichten als allfällige Interessen des Beschwer-
deführers. Dies muss umso mehr gelten, weil nicht erkennbar ist, inwiefern der Beschwerde-
führer einen nichtwiedergutzumachenden Nachteil erleidet, wenn er die Ergänzungsleistungen
erst in einem späteren Zeitpunkt ausbezahlt erhält. Die aufschiebende Wirkung ist deshalb
nicht zu erteilen und auch Antrag 4 der Beschwerde ist abzuweisen.
5.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. a ATSG). Da die Beschwerde vollumfänglich abzuwei-
sen ist, entfällt die Zusprechung einer Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG e contrario).
https://app.legalis.ch/legalis/document-view.seam?documentId=mjtwkxzrga2v65s7gi3dm
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