Decision ID: 9daa340d-e3c5-4392-bd6e-25c993563802
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden (Mutter und deren drei minderjährige Kinder;
syrische Staatsangehörige) ersuchten am 11. Mai 2022 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) ergab keinen Treffer. Aus Unterlagen, die der Ehemann
der Beschwerdeführerin der Vorinstanz am 17. Mai 2022 per E-Mail zuge-
stellt hatte, ergab sich, dass die Beschwerdeführenden für den Zeitraum
vom 6. April 2022 bis zum 4. Juli 2022 ein Visum von Deutschland erhalten
hatten.
B.
Die Vorinstanz gewährte der Beschwerdeführerin (Mutter) am 24. Mai 2022
das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit einer Überstellung nach Deutschland. Diese erklärte, sie habe
mit ihren Kindern den Irak (...) verlassen. Sie hätten in Istanbul einen LKW
bestiegen, der sie durch unbekannte Länder in die Schweiz gebracht habe.
Den durch den Ehemann für die Familie gebuchten Flug nach Deutschland
hätten sie nicht genutzt. Ihr Leben sei in Deutschland in Gefahr. Sie – die
Beschwerdeführerin – sei von den Verwandten unter Todesdrohungen ge-
zwungen worden, nach Deutschland zu ihrem Ehemann zu reisen. Der
Ehemann sei psychisch krank, habe neurologische Probleme, Wahnvor-
stellungen und Halluzinationen, aufgrund derer er sie und die Kinder
schlage. Sie habe deshalb sehr grosse Angst vor einem Zusammenleben
mit ihm und sei aus diesem Grund in die Schweiz zu ihrer Schwester an-
statt nach Deutschland gereist. Ihr Ehemann sei gleichzeitig ihr Cousin. Sie
sei seine zweite Frau und zwangsverheiratet worden, ohne etwas über
seine Krankheiten zu wissen. Der Ehemann kümmere sich auch nicht um
die Kinder.
In Bezug auf ihren Gesundheitszustand gab die Beschwerdeführerin an,
sie sei grundsätzlich gesund, aber habe Blutarmut und Eisenmangel. Ihr
jüngster Sohn D._ sei unterentwickelt hinsichtlich Bewegung und
Motorik und er habe Augenprobleme. Diese gesundheitlichen Probleme
würden mit dem Alter voraussichtlich zunehmen. Die anderen beiden Kin-
der seien gesund. Die Pflege sei informiert.
C.
Die deutschen Behörden hiessen das Gesuch der Vorinstanz um Über-
nahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 12 Abs. 2 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
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26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), am 15. Juni
2022 gut.
D.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2022 (eröffnet tags darauf) trat die Vorinstanz
auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, ordnete deren
Wegweisung nach Deutschland an und forderte sie auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte
sie die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer
allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu.
E.
Am 4. August 2022 gelangten die Beschwerdeführenden an das Bundes-
verwaltungsgericht mit den Anträgen, die angefochtene Verfügung sei auf-
zuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf die Asylgesuche einzutre-
ten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzuführen. Even-
tualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner ersuchten sie
um Erteilung der aufschiebenden Wirkung, Anweisung an die Vorinstanz,
von einer Überstellung abzusehen, bis über die Erteilung der aufschieben-
den Wirkung entschieden worden sei, sowie um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung.
F.
Am 5. August 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführenden sind
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zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Die Beschwerdeführenden bringen zunächst vor, der vorinstanzliche
Entscheid sei in wesentlichen Teilen nicht genügend nachvollziehbar und
gleichzeitig zu oberflächlich begründet. Die Vorinstanz habe zudem keine
vertiefte Ermessensabwägung vorgenommen und eine individuell-kon-
krete Begründung unterlassen, die aufzeigen würde, wie die Ermessens-
prüfung im konkreten Fall vorgenommen worden sei. Zudem seien die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin betreffend die Drohungen seitens des
Ehemanns und der tatsächlichen und seelischen Unterstützung durch die
in der Schweiz lebende Schwester nicht genügend gewürdigt worden. Da-
mit machen die Beschwerdeführenden eine Verletzung der Begründungs-
pflicht geltend.
3.2. Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt von der Behörde, dass
sie die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, ernsthaft prüft und in
ihrer Entscheidfindung angemessen berücksichtigt (Art. 32 Abs. 1 VwVG).
Die Begründung (Art. 35 Abs. 1 VwVG) muss so abgefasst sein, dass die
betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten
kann. Sie muss wenigstens kurz die Überlegungen darstellen, von denen
sich die Behörde leiten liess und auf welche sie ihren Entscheid stützt. Die
Anforderungen an die Begründung sind umso höher, je grösser der Ent-
scheidungsspielraum der Behörde ist (BGE 142 II 324 E. 3.6).
3.3. Die Vorinstanz hat sich in der angefochtenen Verfügung eingehend mit
den individuellen Vorbringen der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt
und hat insbesondere zur geltend gemachten häuslichen Gewalt und dem
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allfälligen Abhängigkeitsverhältnis zur Schwester eingehend Stellung ge-
nommen. Die Rüge betreffend Verletzung der Begründungspflicht erweist
sich angesichts dieser Sachlage als unbegründet. Die Vorinstanz hat das
rechtliche Gehör der Beschwerdeführenden nicht verletzt.
4.
4.1. Im Weiteren monieren die Beschwerdeführenden, der medizinische
Sachverhalt sei nicht rechtsgenüglich erstellt, weshalb die Sache an die
Vorinstanz zurückzuweisen sei. Die Rechtsvertretung habe im Anschluss
an das Dublin-Gespräch schriftlich um eine medizinische Abklärung sowie
um eine psychologische Untersuchung ersucht. Die Vorinstanz hätte in me-
dizinischer Hinsicht insbesondere das von der Beschwerdeführerin er-
wähnte ständige Schwindelgefühl und die starken Kopfschmerzen indivi-
duell prüfen müssen. Aufgrund der mehrmaligen Verlegungen zwischen
den Bundesasylzentren und den Frauenhäusern habe es für die Beschwer-
deführerin keine Gelegenheit gegeben, sich untersuchen zu lassen.
4.2. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
Die Vorinstanz hat sich mit sämtlichen verfügbaren ärztlichen Unterlagen
und Angaben der Beschwerdeführenden bezüglich der gesundheitlichen
Situation auseinandergesetzt und durfte aufgrund dieser davon ausgehen,
dass keine weiteren Abklärungen mehr notwendig sind. Vielmehr hätte es
an den Beschwerdeführenden gelegen, die vorgesehenen Arzttermine
wahrzunehmen beziehungsweise weitere Unterlagen einzureichen. Be-
züglich der mehrmaligen Verlegungen ist anzumerken, dass diese weder
von der Vorinstanz angeordnet noch bewilligt wurden. Eine Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz ist angesichts dieser Sachlage nicht ange-
zeigt.
5.
5.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
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Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
5.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.4. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
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Seite 7
6.
6.1. Die Beschwerdeführenden führen aus, sie hätten das Visum für die
Einreise nach Deutschland nicht selbst beantragt, sondern dieses sei ihnen
aufgezwungen worden. Der in Deutschland lebende Ehemann habe die
Visa durch seine im Irak lebende Schwester organisiert und habe somit
über die Beschwerdeführerin und die Kinder entschieden. Die Beschwer-
deführerin habe erst nach der Bewilligung der Visa davon erfahren. Als
man sie im Irak aufgefordert habe, bei der Behörde eine Unterschrift abzu-
geben, sei ihr nicht bewusst gewesen, um was es sich hierbei handle. Sie
habe die Visa für sich und ihre Kinder unwissentlich und auf Druck der Fa-
milie beantragt. Darüber hinaus hätten sie und die Kinder weder das vom
Ehemann organisierte Flugticket nach Deutschland noch die Visa in An-
spruch genommen. Vielmehr seien sie auf illegalem Weg in die Schweiz
eingereist, ohne von den Visa Gebrauch zu machen. Es könne nicht sein,
dass ein Visum eine Zuständigkeit begründe, obwohl der betreffende Dub-
lin-Staat zu keinem Zeitpunkt betreten worden sei.
6.2. Besitzt der Antragsteller ein gültiges Visum, so ist der Mitgliedstaat,
der das Visum erteilt hat, für die Prüfung des Antrags auf internationalen
Schutz zuständig, es sei denn, dass das Visum im Auftrag eines anderen
Mitgliedstaats im Rahmen einer Vertretungsvereinbarung gemäß Artikel 8
der Verordnung (EG) Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft erteilt
wurde. In diesem Fall ist der vertretene Mitgliedstaat für die Prüfung des
Antrags auf internationalen Schutz zuständig (Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Der Umstand, dass das Visum aufgrund einer falschen oder missbräuch-
lich verwendeten Identität oder nach Vorlage von gefälschten, falschen o-
der ungültigen Dokumenten erteilt wurde, hindert nicht daran, dem Mit-
gliedstaat, der das Visum erteilt hat, die Zuständigkeit zuzuweisen (Art. 12
Abs. 5 erster Satz Dublin-III-VO).
6.3. Gemäss den vorinstanzlichen Unterlagen hat die deutsche Vertretung
in E._ den Beschwerdeführenden am 31. März 2022 Visa zwecks
Zusammenführung ausgestellt, welche vom 6. April bis 4. Juli 2022 gültig
waren. Die deutschen Behörden hiessen das Übernahmegesuch des SEM
am 15. Juni 2022 gestützt auf Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO gut. Unbeachtlich
ist, dass die Beschwerdeführenden geltend machen, nichts von einem Vi-
sum gewusst und dieses auch nicht benutzt zu haben (Urteil des BVGer F-
3082/2022 vom 22. Juli 2022 E. 4.2). Das Visum konnte klar den Be-
schwerdeführenden zugeordnet werden. Die grundsätzliche Zuständigkeit
Deutschlands ist somit gegeben.
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Seite 8
6.4. In Bezug auf die in der Schweiz lebende Schwester der Beschwerde-
führerin ergibt sich auch keine Zuständigkeit der Schweiz gestützt auf
Art. 16 Dublin-III-VO, da kein Abhängigkeitsverhältnis besteht.
7.
7.1. Die Beschwerdeführenden machen zu Recht nicht geltend, das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen in Deutschland würden systemi-
sche Schwachstellen im Sinn der zitierten Rechtsgrundlagen (vgl. E. 5.3)
aufweisen (vgl. statt vieler Urteil des BVGer F-1729/2022 vom 19. April
2022 E. 6.1).
7.2. In ihrer Rechtsmitteleingabe bringen die Beschwerdeführenden vor, in
Deutschland bestehe die reale und konkrete Gefahr, dass der in Deutsch-
land lebende Ehemann sie ausfindig machen werde. Viele gemeinsame
Cousins und Cousinen würden in Deutschland leben und es sei eine Frage
der Zeit, bis sie – die Beschwerdeführenden – ausfindig gemacht würden.
Vonseiten der Familie werde Druck ausgeübt, zum Ehemann und Vater der
Kinder zu gehen. Der Ehemann sei bereits in die Schweiz gereist und
werde in Deutschland ebenso keine Mühe haben, sie zu finden. Aufgrund
der zu erwartenden Gefahr seitens des Vaters der Kinder und damit ein-
hergehend der körperlichen Gewalt sei zudem von einer Gefährdung des
Kindeswohls auszugehen. Die beiden jüngeren Kinder hätten kaum einen
Bezug zum Vater und die Tochter habe grosse Angst vor ihm. In Sprachno-
tizen des Vaters habe dieser ausserdem deutlich zu erkennen gegeben,
dass er kein Interesse an den Kindern habe. Darüber hinaus seien auch
die Auswirkungen des psychischen Zustands der Mutter auf die Kinder zu
beachten. Eine Wegweisung nach Deutschland ohne vorgängige umfas-
sende Abklärung des Kindeswohls verstosse gegen Art. 3 und 19 KRK. Zu-
dem verstosse die Schweiz damit gegen die Verpflichtungen, die sich aus
der UN-Frauenrechtskonvention ergeben, da davon auszugehen sei, dass
die Beschwerdeführerin weiterhin von ihrem Mann bedroht werden würde
und in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt wäre, zumal sie jeder-
zeit von ihm entdeckt werden könnte.
7.3. Zunächst ist anzumerken, dass die Ausführungen der Beschwerdefüh-
renden in Bezug auf die behauptete häusliche Gewalt und die vom Ehe-
mann und Vater ausgehende Bedrohung für das vorliegende Verfahren
nicht von Belang sind. Eine allfällige Wegweisung nach Deutschland
kommt keiner automatischen Wiedervereinigung mit dem Ehemann und
Vater gleich. Sollten die Beschwerdeführenden tatsächlich Grund zur Be-
fürchtung haben, in Deutschland vom Ehemann und Vater oder von ande-
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Seite 9
ren Verwandten behelligt zu werden, könnten sie die Hilfe staatlicher Or-
gane in Anspruch nehmen. Die Beschwerdeführenden haben kein konkre-
tes und ernsthaftes Risiko dargetan, dass die deutschen Behörden ihren
völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachkommen würden. Im Übrigen
hat die Vorinstanz die deutschen Behörden darüber informiert, dass es vor-
liegend um einen Fall häuslicher Gewalt gehen könnte, woraufhin die deut-
schen Behörden bekannt gegeben haben, das weitere Vorgehen mit den
zuständigen Behörden und der Polizei abzuklären.
7.4. Vor dem Hintergrund, dass Deutschland das Übereinkommen vom
20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) ratifiziert
hat, ist auch nicht ersichtlich, inwiefern durch die Überstellung der Be-
schwerdeführenden dorthin das Kindeswohl tangiert beziehungsweise
Art. 3 und 19 KRK verletzt sein sollten. Aus dem in der Rechtsmitteleingabe
geäusserten Wunsch, zum Wohle der Kinder sei von einer Wegweisung
abzusehen und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen, vermö-
gen die Beschwerdeführenden somit nichts für sich abzuleiten. Dasselbe
gilt für den Verweis auf das Übereinkommen vom 18. Dezember 1979 zur
Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (SR 0.108), das
Deutschland ebenfalls ratifiziert hat. Aus den darin festgehaltenen Ver-
pflichtungen zulasten der Vertragsstaaten kann nichts in Bezug auf den
konkreten Fall gefolgt werden.
7.5. Die von den Beschwerdeführenden angeführten gesundheitlichen
Probleme (betreffend die Beschwerdeführerin: Blutarmut, Eisenmangel,
Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, psychische Probleme; betreffend den
jüngsten Sohn: Unterentwicklung und Augenprobleme) stellen ebenso we-
nig ein Hindernis für eine Überstellung nach Deutschland dar. Es gibt kei-
nen Grund zur Annahme, dass den Beschwerdeführenden in Deutschland
eine allfällig notwendige medizinische Behandlung verweigert werden
würde.
7.6. Zusammenfassend ist die Schweiz weder völkerrechtlich verpflichtet,
auf die Asylgesuche einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, wel-
che einen Selbsteintritt nahelegen würden.
8.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht einge-
treten und hat die Wegweisung nach Deutschland angeordnet.
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9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 5. August 2022 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos
geworden.
10.
10.1. Die gestellten Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet ei-
ner allfälligen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1
VwVG).
10.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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