Decision ID: 634982dd-2ade-56c7-9102-01b7326116e2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 25. Februar 2021 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) ergab, dass er am 26. Oktober 2019 bereits in den Nie-
derlanden ein Asylgesuch gestellt hatte.
B.
Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer am 18. März 2021 das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und zur
Überstellung in die Niederlande. Der Beschwerdeführer wandte gegen eine
solche Überstellung ein, in den Niederlanden herrsche eine offensichtlich
negative Haltung gegenüber Armeniern und die dortigen Behörden seien
nicht in der Lage, den Asylsuchenden Schutz zu gewähren. Aufgrund un-
sachgemässer Behandlung in seinem Heimatland und anderen Staaten
der ehemaligen Sowjetunion leide er an ernsthaften gesundheitlichen Be-
einträchtigungen, die in den Niederlanden nicht adäquat abgeklärt und be-
handelt worden seien. So sei für ihn lediglich ein junger Arzt zuständig ge-
wesen, welcher die in seiner Heimat begangene ärztliche Fehlbehandlung
nicht weiter habe beachten wollen. Auch ein von ihm selbständig hinzuge-
zogener Hausarzt habe sich geweigert, eine vollständige Analyse zu ma-
chen und stattdessen einen chirurgischen Eingriff vorgeschlagen. Darauf-
hin habe er seinen Anwalt darum gebeten, die Überweisung an einen
neuen Arzt zu erwirken. Der Anwalt habe ihm später mitgeteilt, dass sich
seine Reklamationen negativ auf sein Asylverfahren ausgewirkt hätten.
Kurz darauf sei sein Asylgesuch abgelehnt worden. In den Niederlanden
habe er lediglich unvollständige medizinische Analysen erhalten und es sei
nicht viel unternommen worden. Er leide nach wie vor an grossen Schmer-
zen und habe diesbezüglich in der Schweiz bereits einen Arzt aufgesucht.
Gemäss dem Chirurgen müsse er unbedingt operiert werden, wobei er nun
auf einen Termin warte.
C.
Am 18. März 2021 reichte die damalige Rechtsvertreterin mehrere Arztbe-
richte nach, datiert vom 3. März 2021, 11. März 2021 und 17. März 2021.
Mit Schreiben vom 24. März 2021 informierte sie die Vorinstanz über die
für den 29. März 2021 und 1. April 2021 geplanten operativen Eingriffe und
ersuchte darum, mit dem Entscheid bis dahin zuzuwarten.
F-1661/2021
Seite 3
D.
Die niederländischen Behörden hiessen ein von der Vorinstanz gestelltes
Gesuch um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO) am 30. März 2021 gut.
E.
Mit Verfügung vom 1. April 2021 (eröffnet am 6. April 2021) trat die
Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
dessen Wegweisung in die Niederlande an und forderte ihn auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig wies die Vorinstanz auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes
wegen fehlende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton
Zürich mit dem Vollzug der Wegweisung.
F.
Mit Schreiben vom 6. April 2021 zeigte die Rechtsvertreterin der Vorinstanz
die Beendigung des Mandatsverhältnisses an.
G.
Am 13. April 2021 gelangte der Beschwerdeführer mit einer Rechtsmitte-
leingabe an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte darin, die vor-
instanzliche Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf
das Asylgesuch einzutreten und ein nationales Asylverfahren zu eröffnen.
Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 für das vorliegende Asylverfahren als zuständig zu erklären.
Subeventualiter sei die Sache wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner ersuchte der Beschwerdeführer
um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde, Anweisung an
die Vollzugsbehörden, von einer Überstellung abzusehen, bis über die vor-
liegende Beschwerde entschieden worden sei, sowie um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses und Zusprechung einer angemessenen Parteientschädigung.
H.
Am 14. April 2021 setzte der zuständige Instruktionsrichter den Vollzug der
Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus.
F-1661/2021
Seite 4
I.
Der Beschwerdeführer reichte zudem am 14. April 2021 unaufgefordert
eine Beschwerdeverbesserung nach.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die übrigen Sachurteilsvoraus-
setzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG]
und Form [Art. 52 VwVG]) sind erfüllt. Zwar enthält die Rechtsmitteleingabe
vom 13. April 2021 keine Unterschrift des Beschwerdeführers. Weil der Be-
schwerdeführer die entsprechende Verbesserung jedoch am 14. April 2021
nachreichte, bevor ihm das Bundesverwaltungsgericht dazu eine Nachfrist
ansetzen konnte (vgl. Art. 110 Abs. 1 AsylG), ist auf die Beschwerde einzu-
treten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Der Beschwerdeführer stellte subeventualiter Antrag auf Rückweisung der
Angelegenheit an die Vorinstanz wegen Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör. Er unterliess es aber, irgendwelche Ausführungen dazu
anzubringen. Entsprechende Mängel sind in den Akten denn auch nicht zu
F-1661/2021
Seite 5
erkennen. Die verfahrensrechtliche Rüge erweist sich solchermassen als
unbegründet.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt die Vorinstanz in der Regel die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 –15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in den Niederlanden ein Asyl-
gesuch eingereicht zu haben. Nachdem die niederländischen Behörden in-
nert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederauf-
nahmegesuch der Vorinstanz zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit der
Niederlande grundsätzlich gegeben.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer macht im Rechtsmittelverfahren – wie schon
beim Gespräch vor der Vorinstanz (vgl. Sachverhalt unter B) – geltend, er
sei auf eine gesundheitliche Versorgung angewiesen, welche in den Nie-
derlanden nicht gewährleistet sei. Dort sei ihm nur mithilfe eines Anwalts
überhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung gewährt worden. In der
Schweiz sei er operiert worden und bedürfe dringend einer nahtlosen
Nachbehandlung. Er sei auf eine langfristige, intensive und von Spezialis-
ten durchgeführte Behandlung angewiesen, wobei eine Wegweisung im
jetzigen Zeitpunkt für ihn sehr gefährlich wäre.
5.2 Wie die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat, gibt es keine wesentli-
chen Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für asylsuchende Personen in den Niederlanden hätten Schwach-
stellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO, die
F-1661/2021
Seite 6
eine Gefahr einer unmenschlichen Behandlung im Sinne des Artikels 4 der
EU-Grundrechtcharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden.
Auch wenn das Asylgesuch des Beschwerdeführers in den Niederlanden
– wie von ihm behauptet – abgelehnt worden sein sollte, bleibt dieser Dub-
lin-Mitgliedstaat weiterhin für sein Verfahren bis zu einem allfälligen Weg-
weisungsvollzug zuständig. Da die niederländischen Behörden der Wie-
deraufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO zugestimmt haben, ist allerdings davon auszugehen, dass
die Prüfung seines Antrags in den Niederlanden noch nicht abgeschlossen
ist.
6.
6.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in einen
Dublin-Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen
die Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die Vor-
instanz die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der
Schweiz behandeln (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2).
6.2 Ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK kann vorliegen, wenn eine schwer
kranke Person durch die Abschiebung mit einem realen Risiko konfrontiert
würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
6.3 Den vorinstanzlichen Akten ist zu entnehmen, dass beim Beschwerde-
führer zunächst Eisenmangelanämie, Vitamin-D-Mangel sowie diverse
Komplikationen nach operativen Eingriffen diagnostiziert wurden. Er litt ins-
besondere an einem sog. Platzbauch infolge einer acht Jahre zuvor in Ar-
menien durchgeführten Umbilikalhernienoperation (Arztbericht des Ambu-
latoriums X._ vom 3. März 2021). Gestützt auf diese Diagnose
wurde der Beschwerdeführer der Viszeralchirurgie des Spitals Y._
F-1661/2021
Seite 7
überwiesen, welche als mehrstufige Behandlung die Sanierung der Fistel,
eine Resektion von Dünn- und Dickdarm sowie eine Bauchwandrekon-
struktion vorschlug. Gemäss Arztbericht umfasst dieses Prozedere meh-
rere Operationen und einen vier- bis sechswöchigen Spitalaufenthalt (Arzt-
bericht der Viszeralchirurgie des Spitals Y._ vom 11. März 2021).
Mit Eingabe vom 24. März 2021 informierte die damalige Rechtsvertreterin
die Vorinstanz, der Beschwerdeführer werde am 29. März 2021 und am
1. April 2021 operiert, wobei sie gleichzeitig darum ersuchte, mit einem
Entscheid über das Asylgesuch bis nach den Eingriffen zuzuwarten.
6.4 Dass der Beschwerdeführer gesundheitliche Probleme hat und einer
gewissen medizinischen Versorgung bedarf, ist unbestritten. Allerdings ist
mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass ihm sämtliche notwendigen
medizinischen Behandlungen auch in den Niederlanden zur Verfügung ste-
hen. Aus den pauschalen Rügen des Beschwerdeführers kann jedenfalls
nicht schon geschlossen werden, dass ihm die Niederlande eine adäquate
medizinische Betreuung verweigert hätten oder künftig verweigern würden.
Vielmehr gestand der Beschwerdeführer selbst ein, bereits dort durch ver-
schiedene Ärzte behandelt worden zu sein. Dass diese Behandlungen
nicht zu seiner Zufriedenheit ausfielen, in der Schweiz bereits chirurgische
Eingriffe erfolgten und weitere von den hier behandelnden Ärzten als sinn-
voll erachtet werden, vermag an dieser Einschätzung grundsätzlich nichts
zu ändern.
6.5 Was den Akt der Überstellung selbst betrifft, so sind die mit dem Voll-
zug der angefochtenen Verfügung beauftragten schweizerischen Behör-
den gehalten, den festgestellten gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei
der Bestimmung der konkreten Modalitäten Rechnung zu tragen und die
niederländischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über beson-
dere Bedürfnisse zu informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
6.6 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für die Anwendung der Ermes-
senklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO und Art. 29a Abs. 3 AsylV 1.
7.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten und hat – da der Be-
schwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlas-
sungsbewilligung ist – gestützt auf Art. 44 AsylG folgerichtig die Überstel-
lung in die Niederlande angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). Die Be-
schwerde ist abzuweisen. Die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden
F-1661/2021
Seite 8
Wirkung sowie Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses erwei-
sen sich mit der Ausfällung des vorliegenden Urteils als gegenstandslos.
8.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
Die Verfahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
F-1661/2021
Seite 9