Decision ID: ea408eed-ee6f-4c64-8336-f7e2a340fb26
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 17. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Ein Abgleich seiner Finger-Abdrücke mit der europäischen Fingerab-
druck-Datenbank «Eurodac» ergab, dass er am 8. Juni 2022 illegal nach
Italien eingereist ist.
B.
Am 23. Juni 2022 wurden die Personalien des Beschwerdeführers über
das Zentrale Migrationsinformationssystem (ZEMIS) erfasst.
C.
Gestützt auf den «Eurodac»-Abgleich ersuchte die Vorinstanz die italieni-
schen Behörden am 24. Juni 2022 um Übernahme des Beschwerdeführers
gestützt auf Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europä-
ischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO). Dieses Gesuch blieb innert der in Art. 22 Abs.
1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet.
D.
Im Rahmen des Dublingesprächs vom 27. Juni 2022 (SEM-Akten [...]
[A]15) gewährte das SEM dem Beschwerdeführer im Beisein seiner zuge-
wiesenen Rechtsvertretung das rechtliche Gehör zur möglichen Zuständig-
keit Italiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens,
zu einer Überstellung dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. Dabei
machte der Beschwerdeführer geltend, dass er nicht nach Italien zurück-
kehren wolle. Dort seien ihm seine Fingerabdrücke unter Zwang sowie un-
ter der Aufforderung, Italien zu verlassen, abgenommen worden, und er
habe eine Wegweisung erhalten. Die Schweiz sei das Ziel seiner Reise
gewesen. Ausserdem sei Italien, wie Afghanistan, ein Mafia-Land. Hinzu
komme, dass er eine schwierige Reise auf dem Meer gehabt habe. Das
Schiff habe keinen Brennstoff mehr gehabt und die Besatzung habe das
Schiff verlassen wollen. Deshalb sei es zu einer Revolte gekommen und
die Flüchtlinge hätten die Schlauchbote zerstört. Da die Besatzung die
Flüchtlinge auch fotografiert habe, fürchte er in Italien Vergeltungsmass-
nahmen.
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Auf die Frage nach allfälligen gesundheitlichen Beeinträchtigungen erklärte
er gleichenorts, körperlich sei er – abgesehen von Rückenschmerzen be-
ziehungsweise Problemen mit der Wirbelsäule – gesund. Hingegen gehe
es ihm psychisch seit einigen Jahren nicht gut, schon seit Afghanistan, und
auch wegen dem Tod seines Vaters. Er mache sich Sorgen und viele
frühere Erlebnisse seien präsent. Er habe Panikattacken, Schweissausbrü-
che und Schlafstörungen.
Anlässlich des Dublingesprächs gab die Rechtsvertreterin an, sie werde zu
den Ereignissen auf dem Schiff eine separate Eingabe machen, des Wei-
teren beantrage sie eine medizinische Abklärung.
E.
E.a Mit Schreiben an die Vorinstanz vom 7. Juli 2022 machte die Rechts-
vertreterin ergänzende Ausführungen zu den Vorfällen in Italien, machte
geltend, der Beschwerdeführer sei deshalb dort bedroht, weshalb auf sein
Asylgesuch einzutreten sei, und beantragte eine psychologische Abklä-
rung.
E.b Am 11. Juli 2022 legte sie ein medizinisches Datenblatt der ORS vom
30. Juni 2022 und am 24. August 2022 eines vom 16. August 2022 ins
Recht. Zudem monierte sie, dass der Beschwerdeführer bisher keine psy-
chologische Unterstützung erhalten habe, obwohl es ihm schlecht gehe
und er dringend eine psychologische Behandlung benötige.
E.c Am 20. Juli 2022 (Eingangsstempel der Vorinstanz) reichte die Rechts-
vertreterin die Kopie einer Wegweisungsverfügung der italienischen Behör-
den vom 11. Juni 2022 inklusive der entsprechenden Empfangsbestätigung
ins Recht.
E.d Auf Nachfrage seitens des zuständigen SEM-Mitarbeiters zum Ge-
sundheitszustand hin, teilten die Pflegefachkräfte der Bundesasylzentrums
(BAZ) B._ vom 26. September 2022 mit, der Beschwerdeführer sei
zweimal bei Krisengesprächen in der psychiatrischen Klinik gewesen, ein
weiteres sei für den 5. Oktober 2022 vereinbart. Dem Beschwerdeführer
seien Psychopharmaka (Trittico; Mirtazapin) verordnet worden. Am 9. Sep-
tember 2022 erhielt der Beschwerdeführer von den Psychiatrischen Diens-
ten der C._ Spitäler ein Rezept für ein weiteres Medikament
(Cipralex) sowie einen Magenschoner.
F.
Mit Verfügung vom 3. Oktober 2022 (eröffnet am 4. Oktober 2022) trat das
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Seite 4
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Wegwei-
sung nach Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Ferner stellte sie fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
G.
Am 4. Oktober 2022 legte die zugewiesene Rechtsvertretung das Mandat
nieder.
H.
Am 8. Oktober 2022 wurde der Beschwerdeführer nach übermässigem Me-
dikamentenkonsum notfallmässig ins Krankenhaus gebracht.
I.
Gegen den Nichteintretensentscheid der Vorinstanz vom 3. Oktober 2022
gelangte der Beschwerdeführer mit Rechtsmitteleingabe vom 11. Oktober
2022 an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt, die vorinstanzliche
Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, ihre Pflicht oder
ihr Recht zum Selbsteintritt auszuüben und sich für sein Asylverfahren für
zuständig zu erklären. Eventualiter sei der Entscheid der Vorinstanz aufzu-
heben und die Angelegenheit zu weiteren Sachverhaltsabklärungen an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragt er, im
Sinne vorsorglicher Massnahmen sei der Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, von einer
Überstellung nach Italien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht
über die vorliegende Beschwerde befunden habe. Es sei auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses zu verzichten und es sei ihm die unentgeltliche
Prozessführung zu gewähren.
Der Beschwerde lag ein Überweisungschreiben des Notfalls des (...)spitals
C._ vom 8. Oktober 2022 an die Kliniken für (...), Psychiatrische
Dienste, C._, bei, wonach beim Beschwerdeführer gleichentags
eine akute Suizidalität sowie ein dissoziativer Anfall diagnostiziert worden
seien. Nachdem er in den Tagen zuvor einen negativen Asylentscheid er-
halten habe, habe er sich bereits gegenüber einem Psychiater im Heim
suizidal geäussert. Auch auf entsprechende Nachfrage des Dienstarztes
hin habe er sich gleich geäussert, weshalb er noch in der gleichen Nacht
in die Psychiatrie D._ verlegt worden sei.
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Seite 5
J.
Am 12. Oktober 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superproviso-
rischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen die vorinstanzlichen Akten
dem Bundesverwaltungsgericht in elektronischer Form vor.
K.
Mit Eingabe vom 13. Oktober 2022 reichte der Beschwerdeführer einen
Bericht der Psychiatrischen Dienste der C._ Spitäler vom 7. Okto-
ber 2022 zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 i.V.m. mit Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsge-
richt Zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zustän-
dig und entscheidet über diese in der Regel – so auch vorliegend – end-
gültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Be-
schwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Die Kognition und die zulässigen Rügen umfassen die Verletzung von
Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermes-
sens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtser-
heblichen Sachverhalts (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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Seite 6
3.
3.1 Das SEM begründet die angefochtene Verfügung damit, dass Italien
zur Behandlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers zuständig sei,
nachdem er dort illegal eingereist sei. Dieser Staat habe die Verfahrens-
richtlinie, die Qualifikationsrichtlinie und die Aufnahmerichtlinie umgesetzt
und halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein. Der Beschwerdefüh-
rer habe deshalb Zugang zu den entsprechenden Leistungen, insbeson-
dere auch den notwendigen Gesundheitsleistungen. Auch bei allfälligen
Bedrohungen von Drittpersonen nach den Geschehnissen auf dem Schiff
könne er sich an die italienischen Behörden wenden, die für seinen Schutz
zuständig seien.
Für die ausführliche Begründung im Detail wird auf die Akten verwiesen.
3.2 In seiner Beschwerde wendet der Beschwerdeführer ein, die Asylstruk-
turen in Italien seien überlastet, insbesondere befürchte er, keinen Zugang
zu medizinischen Leistungen und Unterkunft zu haben. Die zahlreichen
Flüchtlinge aus der Ukraine hätten das System zusätzlich überlastet. Auch
befürchte er, in Haft zu kommen und in seinen Heimatstaat abgeschoben
zu werden.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2
4.2.1 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23-25 Dublin-III-VO) findet
grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt
(vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Wird auf der Grundlage von Beweismitteln oder Indizien festgestellt, dass
ein Antragsteller aus einem Drittstaat kommend die Land-, See- oder Luft-
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grenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, so ist dieser Mitglied-
staat für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zuständig (Art.
13 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.2.2 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 8. Juni 2022 illegal in Italien ein-
gereist ist. Die Vorinstanz ersuchte deshalb die dortigen Behörden um Auf-
nahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO.
Die italienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert der in
Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie
die Zuständigkeit Italiens implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-
VO). Die Zuständigkeit Italiens ist somit grundsätzlich gegeben. Dass die
Schweiz das Ziel seiner Reise gewesen sei, ändert daran nichts. Die Dub-
lin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag
prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung der betroffe-
nen Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat zu einer Verletzung
völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1). Gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
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Seite 8
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das Asylge-
such «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür ge-
mäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Entschei-
dung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgericht darf
sein eigenes Ermessen nicht an dessen Stelle setzen (vgl. BVGE 2015/9
E. 7.6 und E. 8.1 in fine).
5.
5.1 In der Beschwerde werden unter Bezugnahme auf verschiedene Quel-
len mehrere Mängel im italienischen Asylwesen geltend gemacht. Bei einer
Rückkehr nach Italien laufe der Beschwerdeführer Gefahr, obdachlos zu
werden, nicht genügend zu Essen und zu Trinken zu erhalten oder gar un-
ter unmenschlichen Bedingungen und ohne Grund inhaftiert zu werden. Es
sei auch in keiner Weise gesichert, dass er Zugang zu einem rechtsstaat-
lich korrekten Asylverfahren habe, obwohl ihm in Afghanistan unmenschli-
che Behandlung drohen und seine Ausschaffung dorthin dem Non-Refou-
lement-Gebot widersprechen würde. Es sei allgemein bekannt, dass der
Zugang zur Gesundheitsversorgung in Italien in der Praxis sehr stark ein-
geschränkt sei. Oft würden Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus
nicht richtig über ihre Rechte informiert, der Registrierungsprozess zum Er-
halt einer Gesundheitskarte sei undurchsichtig und kompliziert und man
müsse einen legalen Aufenthaltsstatus nachweisen. Ein weiteres Problem
bei der Gesundheitsversorgung seien die Kosten von Medikamenten und
Behandlungen, da diese de facto von den Asylsuchenden bereits nach we-
nigen Monaten selbst bezahlt werden müssten.
5.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Ausserdem darf auch davon ausgegangen werden, die-
ser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende
aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrens-
richtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Nor-
men für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantra-
gen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
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Seite 9
5.3 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts liegen aktuell, auch
unter Würdigung der kritischen Berichterstattung bezüglich des italieni-
schen Fürsorgesystems für Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus,
keine Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragstellende würden systemische Schwachstellen im
Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen (vgl. statt
vieler Referenzurteile des BVGer D-4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10;
F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9, E-962/2019 vom 17. Dezember
2019 E. 6.3). Die Hinweise auf diverse Berichte vermögen nichts daran zu
ändern, dass in Italien keine systemischen Mängel vorliegen.
6.
6.1 Die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein
kann, insbesondere mit Blick auf Art. 3 EMRK im Einzelfall widerlegt wer-
den (vgl. oben E. 4.4; BVGE 2010/45 E. 7.4 f.). Dies gelingt dem Beschwer-
deführer allerdings nicht.
6.2 Das SEM stellt in der angefochtenen Verfügung zu Recht fest, es stehe
dem Beschwerdeführer frei, nach seiner Überstellung ein Asylgesuch zu
stellen und es obliege den italienischen Behörden, dieses zu prüfen und
anschliessend den Aufenthaltsstatus des Beschwerdeführers zu regeln,
gegebenenfalls die Wegweisung in sein Heimatland anzuordnen. Schliess-
lich sei festzustellen, dass im vorliegenden Fall keine begründeten Anhalts-
punkte dafür vorlägen, dass er nach einer Rückkehr nach Italien in eine
existenzielle Notlage geraten könnte, zumal er Zugang zu allen notwendi-
gen Leistungen habe.
Soweit der Beschwerdeführer befürchtet, er könne in Italien kein Asylge-
such stellen und werde nach seiner Ankunft direkt eine Wegweisungsver-
fügung erhalten und inhaftiert werden, gehen aus den Akten keine diesbe-
züglichen Hinweise hervor. Die eingereichte Wegweisungsverfügung än-
dert daran nichts. Diese hat er erhalten, weil er in Italien gerade kein Asyl-
gesuch einreichen wollte. Seine Befürchtung er habe in Italien ohne Prü-
fung seiner Asylvorbringen eine sogenannte Kettenabschiebung zu be-
fürchten, die gegen das Non-Refoulement-Prinzip verstossen würde, wie
es in Art. 33 FK verankert ist (und sich ausserdem aus Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK ableiten lässt), ist angesichts
dessen, dass Italien seine völkerrechtlichen Verpflichtungen einhält, unbe-
gründet. Auch sind seine Befürchtungen, nach der Rückkehr nach Italien
nicht mit genügend Essen und Trinken versorgt zu werden unbegründet.
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Mit der Einreichung eines Asylgesuches dort wird er Zugang zu den Leis-
tungen gemäss der Aufnahmerichtlinie erhalten. Er kann sich an die italie-
nischen Behörden wenden – nötigenfalls mit Unterstützung einer der zahl-
reichen dort tätigen karitativen oder kirchlichen Organisationen – um eine
Unterkunft und sozialstaatliche Unterstützung zu erhalten. Ergänzend kann
auf die ausführlichen diesbezüglichen Erwägungen in der vorinstanzlichen
Verfügung verwiesen werden. Der Umstand, dass Italien zahlreiche Flücht-
linge aus der Ukraine aufgenommen habe, ändert an der zutreffenden Ein-
schätzung des SEM nichts.
6.3 Auch in Bezug auf befürchtete Vergeltungsmassnahmen durch die Mit-
glieder der Schiffsbesatzung hat das SEM zutreffend festgestellt, dass Ita-
lien als Rechtsstaat mit einem funktionierenden Justizsystem einzustufen
und folglich von der grundsätzlichen Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit
dieses Staates auszugehen sei. Bei allfälligen Behelligungen durch Dritt-
personen hätte sich der Beschwerdeführer deshalb an die dortige Polizei
und allenfalls an die italienischen Justizbehörden zu wenden.
6.4 Hinsichtlich der geltend gemachten gesundheitlichen Probleme des
Beschwerdeführers ist Folgendes festzuhalten:
6.4.1 Auch wenn die Annahme einer Verletzung von Art. 3 EMRK aus ge-
sundheitlichen Gründen nicht mehr ein fortgeschrittenes oder terminales
Krankheitsstadium beziehungsweise eine Todesnähe voraussetzt (vgl.
etwa noch BVGE 2011/9 E. 7 m.w.H.), bleibt die Schwelle hoch. Sie kann
erreicht sein, wenn eine schwer kranke Person durch die Abschiebung –
mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei-
nem realen Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwie-
derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt
zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung
der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili ge-
gen Belgien 13. Dezember 2016, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
6.4.2 Zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ergibt sich im We-
sentlichen Folgendes aus den Akten:
Der Beschwerdeführer leidet nebst Rückenschmerzen insbesondere an
psychischen Beschwerden, berichtet von Schweissausbrüchen, Panik-at-
tacken sowie Einschlaf- und Schlafstörungen. Bereits im Verlaufe des erst-
instanzlichen Verfahrens hat er im B._ deswegen ärztliche Hilfe in
Anspruch genommen und verschiedene Psychopharmaka erhalten sowie
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Seite 11
Gesprächstermine wahrgenommen (A19, A23, A26f.). Sodann geht aus
den Akten hervor, dass der Beschwerdeführer eine Überdosis Medika-
mente eingenommen habe, da er sich nach Erhalt des negativen Asylent-
scheides habe das Leben nehmen wollen. Gemäss dem zusammen mit
der Beschwerde eingereichten ärztlichen Bericht der Notfallstation vom
8. Oktober 2022 wurde der Beschwerdeführer gleichentags in die Psychi-
atrie D._ verlegt, nachdem er zuvor einen Suizidversuch unternom-
men habe. Im dem später nachgereichten Bericht der Psychiatrischen
Dienste der C._ Spitäler vom 7. Oktober 2022 wird dem Beschwer-
deführer eine mittelgradig depressiven Episode (ICD-10 F32.1) diagnosti-
ziert, wegen der er seit dem 26. August 2022 behandelt werde. Nach der
suizidalen Krise vom 8. Oktober 2022 habe er am 9. Oktober 2022 entlas-
sen werden können, nachdem sich sein Zustand stabilisiert und er von su-
izidalen Absichten Abstand genommen habe. Eine weitere ambulante psy-
chiatrisch-psychotherapeutische Behandlung werde als indiziert angese-
hen.
6.4.3 In seiner Beschwerdeschrift erklärt der Beschwerdeführer, er be-
fürchte, dass sich in Italien niemand für ihn zuständig erachten und seine
psychische Verfassung schlechter werden könnte. Für seine instabile ge-
sundheitliche Verfassung würden die langen Wartezeiten, in denen er
mangels einer Unterkunft keinen Zugang zu psychologischer und psychi-
atrischer Unterstützung haben könnte, eine Gefahr darstellen. Doch selbst,
wenn er eine Unterkunft zugewiesen bekäme, sei nicht sicher, dass er auch
die notwendige therapeutische und medikamentöse Behandlung erhalte.
Das SEM habe bezüglich seiner gesundheitlichen Situation den Sachver-
halt zu wenig abgeklärt beziehungsweise berücksichtigt.
Vorab ist festzustellen, dass der Einwand, das SEM habe den Sachverhalt
hinsichtlich des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers nicht voll-
ständig festgestellt oder nicht hinreichend berücksichtigt, fehlgeht. Es geht
aus der angefochtenen Verfügung vielmehr hervor, dass sie die psychi-
schen Leiden des Beschwerdeführers, soweit im Zeitpunkt der Verfügung
bekannt, zur Kenntnis genommen und sich in den Erwägungen auch aus-
führlich damit auseinandergesetzt hat, im Hinblick auf seine Überstellung
nach Italien. Zwar befinden sich auch noch Akten zum Suizidversuch vom
8. Oktober 2022 in den SEM-Akten (A31). Diese sind aber nach Erlass der
angefochtenen Verfügung entstanden. Eine Rückweisung der Angelegen-
heit aufgrund dieses Ereignisses rechtfertigt sich ebenfalls nicht, nachdem
sich das SEM mit dem gesundheitlichen Zustand des Beschwerdeführers
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Seite 12
ausführlich auseinandergesetzt hat und sich aus den Akten zu diesem be-
dauerlichen Ereignis hinsichtlich allfälliger Überstellungshindernisse nichts
wesentlich Anderes ergibt.
Ohne die geltend gemachten psychischen Beeinträchtigungen des Be-
schwerdeführers in Frage stellten oder relativieren zu wollen, handelt es
sich bei ihm offensichtlich nicht um eine schwer kranke Person im Sinne
der oben beschriebenen Rechtsprechung des EGMR. Auch mit seinem
Hinweis auf das Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-4235/2021 und der daran geübten Kritik der Schweizerischen Flücht-
lingshilfe (SFH) vermag er nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. So kam
das Gericht in diesem Urteil gerade auch in Bezug auf schwer erkrankte
Asylsuchende, die sofort nach Ankunft in Italien auf lückenlose medizini-
sche Versorgung angewiesen sind, zum Schluss, dass individuelle Zusi-
cherungen betreffend die Gewährleistung der nötigen medizinischen Ver-
sorgung und Unterbringung bei den italienischen Behörden nur noch dann
einzuholen seien, wenn es sich um sogenannte Wiederaufnahmeverfahren
(take back) handle (vgl. a.a.O. E. 10.4.3.3). Asylsuchende, die noch keinen
Asylantrag in Italien gestellt haben (sog. «take charge»-Fälle, Art. 18
Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO) und daher vor ihrer Ausreise nicht in einem
Erst- oder Zweitaufnahmezentrum in Italien untergebracht worden seien,
hätten grundsätzlich ab ihrer Ankunft in Italien Zugang zu den notwendigen
Dienstleistungen. In einem solchen Fall sei es daher nicht mehr erforder-
lich, vor der Überstellung von Asylsuchenden, die unter schwerwiegenden
medizinischen (physischen oder psychischen) Problemen litten, von den
italienischen Behörden individuelle Zusicherungen einzuholen (vgl. Refe-
renzurteil D-4235/2021 E. 10.4.3.3 und E. 10.4.4). Beim Beschwerdeführer
handelt es sich nicht um eine schwerkranke Person. Sodann hat er in Ita-
lien noch kein Asylgesuch eingereicht. Er befindet sich damit in einer «take
charge»-Konstellation im Sinne der oben dargelegten Rechtsprechung, die
unabhängig von seinem Gesundheitszustand weder die Einholung einer
Zusicherung und noch weniger den Selbsteintritt erfordert. Somit vermag
auch der Hinweis im Arztbericht vom 7. Oktober 2022, wonach der Be-
schwerdeführer seit 26. August 2022 wegen einer mittelgradig depressiven
Episode behandelt werde und auch inskünftig mindestens alle zwei Wo-
chen ambulante Gespräche indiziert seien, zu keiner anderen Einschät-
zung zu führen. Besondere Hinweise darauf, dass Italien gerade dem Be-
schwerdeführer die notwendige medizinische Behandlung verweigern
könnte, sind nicht ersichtlich.
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Seite 13
Aus der geltend gemachten Gefahr einer erneuten Selbstgefährdung kann
der Beschwerdeführer ebenfalls nichts zu seinen Gunsten ableiten. Die
Überstellung verstösst nämlich nicht gegen Art. 3 EMRK, solange der weg-
weisende Staat Massnahmen ergreift, um die Umsetzung einer entspre-
chenden Suiziddrohung zu verhindern (vgl. den Unzulässigkeitsentscheid
des EGMR vom 7. Oktober 2004 i.S. D. und andere gegen Deutschland,
33743/03, angeführt in EMARK 2005 Nr. 23 E. 5.1 [S. 212]). Es obliegt
somit den mit der Überstellung betrauten Behörden, im Rahmen der Vor-
bereitung und in Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten die not-
wendigen Vorkehrungen zu treffen, damit bei der Überstellung den konkre-
ten Bedürfnissen Rechnung getragen wird (vgl. bspw. Urteile des BVGer
F-1518/2022 vom 5. Mai 2022 E. 7.8 m.w.H.). Die Vorinstanz hat denn
auch in der angefochtenen Verfügung bereits darauf hingewiesen, dass die
zuständigen Behörden dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
nötigenfalls bereits bei der Organisation der Überstellung nach Italien
Rechnung tragen würden. Die italienischen Behörden sind über die medi-
zinischen Umstände zu informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
6.5 Nach dem Gesagten konnte der Beschwerdeführer kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, wonach seine Wegweisung nach Italien die Ver-
letzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
7.
Die Schweiz ist somit weder völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylge-
such einzutreten noch liegt hinsichtlich allfälliger humanitärer Gründe eine
Ermessensunterschreitung vor, zumal das SEM alle wesentlichen Um-
stände des Einzelfalles hinreichend berücksichtigt hat. Somit bleibt Italien
der für die Behandlung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers zustän-
dige Mitgliedstaat gemäss der Dublin-III-VO.
8.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein-
getreten und hat zu Recht in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstel-
lung nach Italien angeordnet.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
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10.
Das Beschwerdeverfahren ist mit dem vorliegenden Urteil abgeschlossen,
womit der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung gegen-
standslos wird. Der am 12. Oktober 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt
mit dem vorliegenden Urteil dahin.
11.
Die Behandlung des Gesuchs um Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses erübrigt sich mit dem vorliegenden abschliessenden Urteil in
der Sache. Angesichts des Unterliegens des Beschwerdeführers sind die
Kosten des Verfahrens grundsätzlich ihm aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
ist abzuweisen, weil die Begehren aussichtlos im Sinn von Art. 65 Abs. 1
VwVG waren. Demnach hat der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten
von Fr. 750.– zu tragen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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