Decision ID: 1f816d1a-1251-51bb-b62e-4dac5ddbb89f
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner reichte am 30. Juni 2014 bei der Gemeinde Saanen ein
Baugesuch ein für einen eingeschossigen Ersatzbau für einen abgebrochenen Vorraum,
ergänzt mit einem zweigeschossigen Anbau an der Nordseite des bestehenden Gebäudes
auf Parzelle Saanen Grundbuchblatt Nr. E._ (F._strasse 42). Die Parzelle
liegt in der Dorfkernzone 1. Gegen das Bauvorhaben erhoben die Beschwerdeführenden
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Einsprache. Mit Entscheid vom 12. Mai 2015 wies die Gemeinde Saanen die Einsprache
ab und erteilte die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 15. Juni 2015 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung der Baubewilligung vom 12. Mai 2015 und die Erteilung des Bauabschlags.
Eventuell sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, um weitere Abklärungen zu
treffen. Zur Begründung machen sie geltend, das Bauvorhaben bringe Immissionen und
Beeinträchtigungen für die Belichtung und Entlüftung ihrer Liegenschaft mit sich und habe
einen negativen Einfluss auf deren Nutzung. Das Baugrundstück sei ungenügend
erschlossen. Die Einhaltung der Zweitwohnungsvorschriften sei zu prüfen. Schliesslich
bezweifeln die Beschwerdeführenden, dass die Befreiung von der Parkplatzpflicht unter
Einforderung einer Ersatzabgabe korrekt ist.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Der Beschwerdegegner beantragt
sinngemäss die Abweisung der Beschwerde. Auch die Gemeinde Saanen ersucht in ihrer
Stellungnahme um Abweisung der Beschwerde. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für
den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Nach Angaben des Rechtsvertreters der Beschwerdeführenden führten diese mit dem
Beschwerdegegner Vergleichsverhandlungen. Am 17. September 2015 teilte der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden mit, dass bezüglich des Zutritts zur
Liegenschaft der Beschwerdeführenden ein gerichtliches Verbot erlassen worden sei,
welches der Beschwerdegegner anerkannt habe. Im Übrigen hätten sich die Parteien über
die Bereinigung der Situation nicht einigen können.

II. Erwägungen
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191).
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1. Formelles
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden sind Eigentümer der Parzelle Saanen
Grundbuchblatt Nr. G._ (F._strasse 40), welche unmittelbar an die
Bauparzelle angrenzt. Ihre Einsprache wurde im angefochtenen Entscheid abgewiesen.
Sie sind durch den vor-instanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
b) Die Gemeinde Saanen hat ihre Stellungnahme erst nach Fristablauf eingereicht. Als
Vorinstanz ist die Gemeinde Saanen notwendige Verfahrensbeteiligte und damit aufgrund
ihres Gehörsanspruchs berechtigt, sich auch nach Ablauf der Frist für die
Beschwerdeantwort zum Verfahren zu äussern. Ihre Eingabe ist daher zu beachten.
2. Beeinträchtigung der Nachbarliegenschaft
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, das Bauvorhaben beeinträchtige ihre
Liegenschaft. Insbesondere bringe es Immissionen und Beeinträchtigungen in der
Belichtung und habe einen negativen Einfluss für die Nutzung der Liegenschaft der
Beschwerdeführenden. Dieser Nachteil sei durch die Baubewilligungsbehörde nicht oder
nur unzureichend geprüft worden. Küche und Bad der Beschwerdeführenden grenzten
direkt an den vorgesehenen Neubau. Die Entlüftung dieser beiden Einheiten werde
beeinträchtigt, was zu entsprechenden Schäden führe. Zudem werde das Tageslicht
eingeschränkt.
b) Die Gemeinde erwog im angefochtenen Entscheid, dass das Projekt die
gestalterischen Anforderungen einhalte. In der Dorfkernzone 1 gelte traufseitig die
geschlossene oder annähernd geschlossene Bauweise, die Gebäude könnten ohne
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721).
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Zustimmung der Nachbarn aneinandergebaut werden. Die bestehenden Gebäude seien
bereits traufseitig teilweise zusammengebaut. Mit dem Bauvorhaben werde die maximale
Gebäudehöhe deutlich unterschritten. Die Nachbarn hätten kein Recht auf Aussicht bzw.
Tageslicht.
c) Die Gemeinde hat sich demnach mit den geltend gemachten Beeinträchtigungen der
Nachbarliegenschaft auseinandergesetzt. Die Beschwerdeführenden gehen auf die
Erwägungen im angefochtenen Entscheid nicht ein, sondern beschränken sich darauf, die
fraglichen Nachteile (erneut) anzuführen. Eine Verletzung baurechtlicher Vorschriften wird
nicht substantiiert geltend gemacht. Eine solche ist auch nicht ersichtlich. Die Rüge erweist
sich damit als unbegründet.
3. Erschliessung
a) Nach Ansicht der Beschwerdeführenden ist die Bauliegenschaft nicht genügend
erschlossen. Es bestehe keine direkte Zufahrt. Die Bauarbeiten zur Realisierung des
Projekts seien deshalb nicht möglich. Der Beschwerdegegner habe kein Benützungsrecht
an der Liegenschaft der Beschwerdeführenden.
b) Nach dem angefochtenen Entscheid handelt es sich um ein privatrechtliches
Problem. Trotz fehlendem Durchgangsrecht über die Parzelle der Beschwerdeführenden
sei die Bauparzelle gestützt auf Art. 5 BauV3 genügend erschlossen. Die Gemeinde
ergänzt in ihrer Stellungnahme, dass das Gebäude für die Blaulichtorganisationen gut
erreichbar ist. Für die Bauphase benötige die Bauherrschaft allerdings einen Notweg nach
Art. 694 ZGB4.
c) Auf der Bauparzelle befindet sich ein Gebäude, das mit dem Ersatz- und Anbau
ergänzt, also nicht abgebrochen werden soll. Das bestehende Gebäude wird südseitig von
der F._strasse aus erschlossen. Der Ersatzbau und der Anbau werden gemäss
den Plänen5 vom bestehenden Gebäude aus zugänglich sein. Damit ist die nach den
3 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1). 4 Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907 (ZGB; SR 201). 5 Plan Grundrisse / Schnitte / Fassaden im Massstab 1:100 vom 25. Juni 2014, von der Gemeinde Saanen gestempelt am 12. Mai 2015, in den Vorakten der Gemeinde.
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baurechtlichen Vorschriften notwendige Erschliessung gegeben; die bestehende
Erschliessung genügt gemäss Art. 5 BauV.
d) Im Baubewilligungsverfahren ist die Erschliessung für die Nutzung des
Baugrundstücks – also die Zugänglichkeit für die Bewohner – und die Erreichbarkeit für
Feuerwehr und Sanität (Art. 7 BauG) zu prüfen. Diese sind vorliegend mit der bestehenden
Erschliessungsanlage gegeben. Die Bauparzelle ist demnach genügend erschlossen.
Das Baugesuch umfasst keine nordseitige Zufahrtsanlage. Mit dem angefochtenen
Entscheid wird keine Bewilligung für die nordseitige Zufahrt erteilt. Soweit der Bauherr für
die Bautätigkeit auf eine nordseitige Zufahrt angewiesen ist, wird er diese ausserhalb des
vorliegenden Bauverfahrens sicherstellen müssen. Denkbar ist auch, dass für die
Bauarbeiten ein Helikopter eingesetzt wird. Diesfalls sind die entsprechenden Auflagen der
Gemeinde im angefochtenen Entscheid zu beachten.
4. Zweitwohnungsgesetz
a) Die Gemeinde hat im angefochtenen Entscheid festgehalten, dass die vorbestehende
Wohnung als Zweitwohnung genutzt werde und daher die gemäss Bauvorhaben zu
erstellende zusätzliche Zweizimmerwohnung bzw. die neue Wohnfläche als Erstwohnung
genutzt werden müsse. Sie hat eine entsprechende Anmerkung im Grundbuch verfügt. In
ihrer Stellungnahme bekräftigt sie, dass sie die korrekte Nutzung überwachen wird. Die
Beschwerdeführenden beantragen die Überprüfung, ob damit den gesetzlichen und
verordnungsmässigen Vorgaben Genüge getan werde.
b) Die Gemeinde hat die Anwendbarkeit der Zweitwohnungsgesetzgebung geprüft und
bejaht und als Konsequenz die Erstwohnungsnutzung verfügt. Es ist nicht ersichtlich und
wird auch nicht substantiiert behauptet, dass die Zweitwohnungsgesetzgebung
unvollständig oder fehlerhaft angewendet worden wäre. Der angefochtene Entscheid ist
daher in dieser Hinsicht nicht zu beanstanden.
5. Parkplätze
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a) Die Beschwerdeführenden bezweifeln, dass es korrekt war, im angefochtenen
Entscheid auf die Erstellung von Parkplätzen zu verzichten und lediglich eine
Ersatzabgabe zu verlangen. Sie befürchten, dass ihre Liegenschaft zum Parkieren in
Anspruch genommen wird.
b) Gemäss dem angefochtenen Entscheid sind nach Art. 51 BauV zwei Parkplätze
erforderlich bzw. es müsste für die Wohnraumerweiterung mindestens ein neuer Parkplatz
ausgewiesen werden. Da im Baugesuch keine Parkplätze nachgewiesen werden konnten,
hat die Gemeinde einen Ersatzbeitrag von Fr. 6'000.– verfügt.
c) Da das Grundstück von Süden bzw. von der F._strasse her erschlossen
wird, müsste sich der Parkplatz auf dieser Seite befinden. Dort herrschen beengte
Verhältnisse; zudem sind die gestalterischen Vorschriften zu beachten. Das Gesuch um
Befreiung von der Parkplatzpflicht6 wurde insbesondere auch mit der Lage in der
Dorfkernzone begründet; zudem befinde sich ein Parkhaus in unmittelbarer Nähe.
Die Befreiung von der Parkplatzpflicht ist nach Art. 55 Abs. 1 BauV möglich, wenn der
Bauherr die erforderlichen Parkplätze aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen
(topographische Verhältnisse, Schutz der Landschaft oder des Ortsbildes, unzulässige
Inanspruchnahme von Innenhöfen oder Vorgärten, Notwendigkeit der Verkehrsberuhigung)
weder auf dem Baugrundstück noch im Umkreis von 300 m bereitzustellen vermag. Im
angefochtenen Entscheid wird stillschweigend angenommen, dass diese Voraussetzungen
gegeben sind. Dies ist aufgrund der Gegebenheiten nicht zu beanstanden.
Nach Art. 56 BauV kann die Gemeinde für den Verzicht auf die Parkplatzpflicht in ihrem
Reglement die Erhebung einer Ersatzabgabe vorsehen. Die Gemeinde stützt sich auf ihr
Parkplatzreglement7, welches sie mit Eingabe vom 1. September 2015 zu den Akten
gereicht hat. Dieses sieht in Art. 13 f. vor, dass der Bauherr von der Parkplatzpflicht befreit
werden kann und dafür der Gemeinde eine Ersatzabgabe zu entrichten hat, wenn
rechtliche oder tatsächliche Hindernisse der Erfüllung der Parkplatzpflicht entgegenstehen.
Damit liegt eine gesetzliche Grundlage für den Verzicht auf die Erstellung von Parkplätzen
unter Erhebung einer Ersatzabgabe vor.
6 Vorakten, pag. 11. 7 Parkplatzreglement der Einwohnergemeinde Saanen vom 22. Mai 1992, Änderung vom 1. Juli 1999.
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Die Befreiung von der Parkplatzpflicht berechtigt den Beschwerdegegner nicht, auf der
Liegenschaft der Beschwerdeführenden zu parkieren. Gegen allfälliges unbefugtes
Parkieren stehen den Beschwerdeführenden rechtliche Möglichkeiten offen. Diese können
jedoch nicht Gegenstand eines Baubewilligungsverfahrens sein. Die entsprechende
Befürchtung der Beschwerdeführenden kann im vorliegenden Verfahren daher nicht zum
Streitgegenstand erhoben werden.
6. Kosten
a) Nach dem Gesagten erweisen sich die Rügen als unbegründet und die Beschwerde
ist abzuweisen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die
Beschwerdeführenden. Sie haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Diese werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in
Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV8).
b) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Der
Beschwerdegegner ist im vorliegenden Verfahren nicht gültig vertreten und hat daher
keinen Anspruch auf entsprechenden Parteikostenersatz.