Decision ID: 73fcac57-c5ca-5842-a51d-56b10f08ec18
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) suchte am 2. April 2012 in
der Schweiz um Asyl nach. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er
habe sich im Heimatland für die kurdische Komala-Partei betätigt. Nach-
dem er telefonisch informiert worden sei, dass bei ihm eine Hausdurchsu-
chung stattgefunden habe und Gegenstände beschlagnahmt worden
seien, sei er ausgereist.
Mit Verfügung vom 15. September 2014 lehnte das damalige BFM (Bun-
desamt für Migration; heute: SEM) sein Asylgesuch ab und verfügte die
Wegweisung sowie den Wegweisungsvollzug. Die gegen diese Verfügung
erhobene Beschwerde wurde vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil
D-6019/2014 vom 4. Juni 2015 abgewiesen.
B.
B.a Am 15. Juni 2015 reiste B._ (nachfolgend: Beschwerdeführe-
rin) mit dem gemeinsamen Sohn C._ in die Schweiz ein, wo sie am
17. Juni 2015 ebenfalls ein Asylgesuch einreichten.
B.b Mit einer als "Wiederaufnahme meines Asylverfahrens / Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung N" betitelten Eingabe wandte sich der Beschwerde-
führer am 5. August 2015 an die Vorinstanz, in welcher er darauf hinwies,
seine Ehefrau und das gemeinsame Kind befänden sich in der Schweiz im
Asylverfahren. Das SEM teilte dem Beschwerdeführer in der Folge mit, der
Vollzug seiner Wegweisung werde bis zum Abschluss des Asylverfahrens
seiner Ehefrau und des Sohnes sistiert.
B.c Mit Verfügung des SEM vom 7. Januar 2016 wurden die Asylgesuche
der Beschwerdeführerin und ihres Sohnes abgelehnt und deren Wegwei-
sung sowie Wegweisungsvollzug angeordnet. Diese Verfügung blieb un-
angefochten.
B.d Das SEM hob daraufhin mit Verfügung vom 13. Juni 2016 die Sistie-
rung des Wegweisungsvollzuges des Beschwerdeführers auf.
Das gegen diese Verfügung gerichtete Beschwerdeverfahren wurde vom
Bundesverwaltungsgericht mit Entscheid D-4174/2016 vom 27. September
2016 als gegenstandslos geworden abgeschrieben.
D-7179/2016
Seite 3
C.
Am 5. Juli 2016 reichten die Beschwerdeführenden durch ihren zwischen-
zeitlich mandatierten Rechtsvertreter beim SEM ein Gesuch nach Art. 111b
AsylG (SR 142.31) ein.
Mit Verfügung vom 20. Oktober 2016 erwog die Vorinstanz, die Eingabe
der Beschwerdeführenden sei als Mehrfachgesuch zu behandeln, und
stellte fest, sie erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asyl-
gesuche ab und ordnete erneut die Wegweisung sowie den Wegweisungs-
vollzug an. Der zuständige Kanton wurde mit dem Vollzug der Wegweisung
beauftragt, es wurde eine Gebühr von Fr. 600.– erhoben und das Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege wurde abgelehnt.
D.
Mit Eingabe vom 21. November 2016 liessen die Beschwerdeführenden
beim Bundesverwaltungsgericht gegen die Verfügung des SEM vom
20. Oktober 2016 Beschwerde erheben. Sie beantragten, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben und ihnen sei Asyl zu erteilen, eventuell sei
der Beschwerdeführer wegen Nachfluchtgründen als Flüchtling anzuerken-
nen, subeventuell sei vom Vollzug der Wegweisung abzusehen und ihnen
die vorläufige Aufnahme zu gewähren, im Sinne eines zweiten Eventualan-
trages sei die Sache zur korrekten Überprüfung der Beweismittel an das
SEM zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung ihres Rechtsver-
treters als unentgeltlichen Rechtsbeistand.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 19. Dezember 2016 wies die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ab und
forderte die Beschwerdeführenden auf, bis zum 3. Januar 2017 einen Kos-
tenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.– zu leisten.
F.
Am 21. Dezember 2016 ging beim Bundesverwaltungsgericht ein Arzt-
zeugnis betreffend die Beschwerdeführerin ein.
G.
Der Kostenvorschuss wurde am 28. Dezember 2016 bezahlt.
D-7179/2016
Seite 4
H.
Ein Gesundheitsbericht betreffend den Beschwerdeführer ging am 3. Ja-
nuar 2017 beim Gericht ein.
I.
Mit Eingabe vom 16. Februar 2017 reichten die Beschwerdeführenden wei-
tere Beweismittel ein.
J.
Mit Verfügung vom 7. März 2017 wurde die Vorinstanz zur Einreichung ei-
ner Vernehmlassung eingeladen. Das SEM teilte in seiner Stellungnahme
vom 14. März 2017 mit, es halte vollumfänglich an seinen Erwägungen
fest.
K.
Am 16. März 2017 teilte die Schweizer Sektion von Amnesty International
mit, es würden hinsichtlich des Beschwerdeführers weitere Abklärungen
getätigt. Überdies wurde die Einreichung einer Stellungnahme zu den exil-
politischen Tätigkeiten des Beschwerdeführers in Aussicht gestellt. Am
29. März 2017 ging die angekündigte Stellungnahme beim Bundesverwal-
tungsgericht ein.
L.
Mit Eingaben vom 11. April 2017, 3. Juli 2017 und 10. August 2017 liessen
die Beschwerdeführenden weitere Beweismittel zu den Akten reichen.
M.
Die Instruktionsrichterin lud das SEM in der Folge zur Einreichung einer
zweiten Vernehmlassung ein. Die Vorinstanz nahm am 12. Oktober 2017
Stellung.
N.
Mit Instruktionsverfügung vom 8. November 2017 wurde den Beschwerde-
führenden Frist eingeräumt, sich zur vorinstanzlichen Stellungnahme vom
12. Oktober 2017 zu äussern.
O.
Die Beschwerdeführenden machten von ihrem Äusserungsrecht mit Ein-
gabe vom 23. November 2017 – unter Einreichung weiterer Beweismittel
sowie einer Honorarnote – Gebrauch.
D-7179/2016
Seite 5
P.
Am 14. August 2018 gingen beim Bundesverwaltungsgericht weitere Be-
weismittel ein.
Q.
Mit Eingabe vom 8. Dezember 2020 reichten die Beschwerdeführenden
zusätzliche Beweismittel – insbesondere zu ihrer (gesundheitlichen) Situa-
tion in der Schweiz – ein und wiesen auf die lange Verfahrensdauer hin.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden bekräftige mit Eingabe vom
9. Dezember 2020 die Anliegen seiner Mandanten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt jedoch das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
D-7179/2016
Seite 6
3.
3.1 Die Beschwerdeführenden begründeten ihr Gesuch vom 5. Juli 2016
im Wesentlichen damit, dass ihnen in Bezug auf die vom Beschwerdefüh-
rer vorgebrachten Asylgründe nunmehr ein neues Beweismittel – eine Er-
klärung ihrer früheren Nachbarn im Iran über die vom Beschwerdeführer in
seinem Asylverfahren erwähnte Hausdurchsuchung – vorliege. Zudem
habe sich der Beschwerdeführer dadurch, dass er am 6. Juni 2016 in
D._ an einer Demonstration teilgenommen und eine Rede gehalten
habe, welche gefilmt worden und auf dem Internet abrufbar sei, exponiert.
Somit liege ein Nachfluchtgrund vor. Schliesslich wurde auf die Bürger-
kriegssituation im Grenzgebiet Iran/Irak sowie auf die gesundheitliche Si-
tuation der Beschwerdeführerin hingewiesen.
3.2 In Bezug auf die vom Beschwerdeführer im ersten Asylverfahren vor-
getragenen Fluchtgründe führte das SEM im angefochtenen Entscheid
aus, dem dazu neu eingereichten, wiedererwägungsrechtlich zu prüfenden
Beweismittel, einem von den Nachbarn im Iran ausgestelltes Bestätigungs-
schreiben, komme keine Beweiskraft zu, es sei als Gefälligkeitsschreiben
zu qualifizieren. Auch die ärztlichen Zeugnisse die Beschwerdeführerin be-
treffend änderten nichts an der festgestellten Unglaubhaftigkeit der Flucht-
gründe. Weiter erwog die Vorinstanz, die im Rahmen des Mehrfachgesu-
ches eingereichten Beweismittel betreffend die exilpolitischen Tätigkeiten
seit Erlass des Urteils D-6019/2014 vom 4. Juni 2015 wiesen nicht auf ein
exponiertes exilpolitisches Profil hin. Der Wegweisungsvollzug sei nach
wie vor zulässig, zumutbar und möglich, zumal der Iran über ein gutes Ge-
sundheitssystem verfüge, welches auch die Behandlung psychischer
Krankheiten gewährleiste.
3.3 Die Beschwerdeführenden bemängeln in ihrer Beschwerdeschrift zu-
nächst, dass die Vorinstanz dem Bestätigungsschreiben der Nachbarn zu
Unrecht einen Beweiswert abgesprochen habe. Vielmehr hätte das SEM
das eingereichte Dokument vor Ort überprüfen lassen müssen, zumal
keine Fälschungsmerkmale festgestellt worden seien. Es sei davon auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer gestützt auf das damals beschlag-
nahmte Material als Mitglied oder Kollaborateur der Komala-Partei identifi-
ziert worden und entsprechend registriert sei. Bei einer Rückkehr sei er
unmittelbar von Verhaftung bedroht und damit mit grosser Wahrscheinlich-
keit auch Folter ausgesetzt. Er sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm
und seiner Familie sei Asyl zu gewähren.
D-7179/2016
Seite 7
In Bezug auf die exilpolitische Betätigung des Beschwerdeführers sei un-
verständlich, dass das SEM zum Schluss komme, die Rede des Beschwer-
deführers in D._ hätte keine ernsthaften Massnahmen zur Folge.
Da er im Iran als Komala-Anhänger registriert und die Rede im Internet
abrufbar sei, erwecke diese grössere Aufmerksamkeit. Die weitere doku-
mentierte Kundgebung in E._ im Spätsommer 2016 habe zwar we-
niger Aufmerksamkeit erregt, diese sei aber vom Beschwerdeführer orga-
nisiert worden. Es sei mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass er
bei einer Rückkehr als kurdischer Kommunist erkannt und verfolgt würde.
Er und seine Familie wären somit jedenfalls als Flüchtling vorläufig aufzu-
nehmen.
Schliesslich sei ein Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführenden weder
zulässig noch zumutbar. Dies vor dem Hintergrund einerseits der aktuellen
Situation im Heimatland, anderseits der gesundheitlichen Beeinträchtigun-
gen der Beschwerdeführenden.
3.4 Im Laufe des Beschwerdeverfahrens reichten die Beschwerdeführen-
den diverse weitere Beweismittel sowohl zu exilpolitischen Aktivitäten des
Beschwerdeführers wie auch zur ihrer gesundheitlichen Verfassung zu den
Akten.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politi-
schen Anschauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder
begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rech-
nung zu tragen (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
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Seite 8
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl.
Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe können zwar die Flüchtlings-
eigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG begründen, führen jedoch nach
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. dazu
BVGE 2009/28 E. 7.1 S. 352, m.w.H.).
4.4 Die von der Vorinstanz vorgenommene rechtliche Qualifikation der Vor-
bringen in der Eingabe vom 5. Juli 2016 (Wiedererwägungs- und Mehrfach-
gesuch) wird von den Beschwerdeführenden zu Recht nicht beanstandet.
Weitere Ausführungen dazu erübrigen sich.
5.
5.1 Die Vorinstanz kam im ersten Asylverfahren des Beschwerdeführers
zum Schluss, die von ihm vorgetragenen Fluchtgründe seien nicht glaub-
haft, da seine Angaben dazu vage, widersprüchlich und unstimmig ausge-
fallen seien. Die Ausführungen zur Komala-Mitgliedschaft und zur angebli-
chen Kontaktperson seien unsubstanziiert geblieben. Die Schilderungen,
wonach er und sein Bruder regelmässig Parteizeitschriften und Flugblätter
verteilt hätten und der Bruder im (...) 2006 dabei verhaftet worden sei,
seien widersprüchlich und hätten Unstimmigkeiten aufgewiesen. Nicht ge-
glaubt werden könne, dass der Beschwerdeführer nach der angeblichen
Festnahme untergetaucht sei, um einer Verhaftung durch die iranischen
Behörden zu entgehen. Dasselbe gelte für die Ausführungen, wonach er
die politischen Aktivitäten nach dem Untertauchen wiederaufgenommen
habe, seine Kontaktperson verhaftet und sein Haus durchsucht worden sei.
Das Bundesverwaltungsgericht teilt diese Auffassung in seinem Urteil
D-6019/2014.
5.2 In der angefochtenen Verfügung hielt das SEM, wie vorstehend bereits
erwähnt, zunächst fest, das neu eingereichte Beweismittel vom 4. Februar
2016 – das Bestätigungsschreiben der Nachbarn im Iran betreffend die
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Hausdurchsuchung – sei im Rahmen einer Wiedererwägung zu prüfen. Da-
bei sei es als Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren und vermöge deshalb
die als unglaubhaft erachtete Verfolgung im Iran nicht in einem anderen
Licht erscheinen zu lassen.
5.3 Die Beschwerdeführenden bemängeln diese Qualifikation durch die
Vorinstanz. Die Behauptung, es handle sich um ein Gefälligkeitsschreiben,
sei durch nichts belegt, und das SEM habe es unterlassen, etwa mit einem
der Unterzeichner oder Unterzeichnerinnen Kontakt aufzunehmen. Es
habe keine sachlichen Gründe genannt, welche Zweifel am Dokument we-
cken könnten, was eine Verletzung des Anspruches auf rechtliches Gehör
darstelle. Bei einer Rückweisung sei das SEM anzuweisen, das Dokument
sorgfältig vor Ort überprüfen zu lassen.
5.4 Der Vorinstanz ist darin zuzustimmen, dass das am 6. Juli 2016 einge-
reichte Bestätigungsschreiben ehemaliger Nachbarn im Iran an der festge-
stellten Unglaubhaftigkeit einer Vorverfolgung nichts zu ändern vermag.
Die Qualifikation als Gefälligkeitsschreiben ist nicht zu beanstanden, auch
wenn es sich bei den fraglichen Personen nicht um Familienmitglieder der
Beschwerdeführenden handelt. Entgegen der Auffassung der Beschwer-
deführenden war die Vorinstanz auch nicht gehalten, vor Ort Nachfor-
schungen zum Bestätigungsschreiben vorzunehmen. Die Vorinstanz hat
nicht bezweifelt, dass es sich bei den Unterzeichnenden tatsächlich um
Nachbarn der Beschwerdeführenden handelt. Indessen würde selbst eine
persönliche Bestätigung nichts am Gefälligkeitscharakter von entsprechen-
den Aussagen ändern, da nach wie vor nicht von unabhängigen Auskunfts-
personen ausgegangen werden könnte (vgl zur antizipierten Beweiswürdi-
gung BVGE 2008/24 E. 7.2).
5.5 Die Schlussfolgerung des SEM, das eingereichte Beweismittel ändere
nichts an der Unglaubhaftigkeit der geschilderten Vorfluchtgründe, ist somit
nicht zu beanstanden.
6.
6.1 Zur Thematik der exilpolitischen Betätigung führte das SEM in seiner
Verfügung vom 15. September 2014 aus, die Aktivitäten des Beschwerde-
führers wie die Mitgliedschaft bei der Komala-Partei und die Teilnahme an
verschiedenen Kundgebungen vermöchten keine Furcht vor flüchtlingsre-
levanter Verfolgung zu begründen, ebenso wenig die Rede an einer Kund-
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Seite 10
gebung. Es sei nicht von einer exponierten exilpolitischen Betätigung aus-
zugehen. Diese Auffassung wurde vom Bundesverwaltungsgericht in sei-
nem Urteil D-6019/2014 vom 4. Juni 2015 bestätigt.
6.2
6.2.1 Im Mehrfachgesuch vom 5. Juli 2016 machten die Beschwerdefüh-
renden – wie bereits vorstehend erwähnt – geltend, der Beschwerdeführer
habe anlässlich einer Kundgebung in D._ am (...) 2016 erneut eine
Rede gehalten, welche auf Youtube veröffentlicht worden sei.
6.2.2 Mit der Beschwerdeschrift sowie im Verlaufe des Beschwerdeverfah-
rens reichten die Beschwerdeführenden weitere Dokumente zur exilpoliti-
schen Betätigung des Beschwerdeführers ein. Darunter befinden sich Fo-
tos und Screenshots von mehreren Kundgebungen, an welchen er sich be-
teiligt hatte, teilweise habe er dabei eine Rede gehalten, welche gefilmt
worden sei. Weiter wurden die Kopien zweier behördlicher Bewilligungen
für je eine Kundgebung in E._ (am ... 2016) und eine solche in
D._ (am ... 2017) zu den Akten gereicht, auf welchen der Be-
schwerdeführer als Organisator bzw. Adressat aufgeführt ist. Sodann be-
legte der Beschwerdeführer seine Aktivitäten auf den sozialen Medien (Fa-
cebook und Twitter) durch die Einreichung einer Vielzahl von Kopien seiner
Posts und Tweets. Inhaltlich richten sich die darin enthaltenen Äusserun-
gen soweit ersichtlich teilweise gegen das iranische Regime, es werden
Texte aus anderen Medien aufgeführt und es wird auf frühere und aktuelle
Ereignisse in Bezug auf die kurdische Bevölkerung in verschiedenen Län-
dern hingewiesen. Weiter wird zur Unterstützung von inhaftierten kurdi-
schen Aktivisten im Iran aufgerufen beziehungsweise auf deren Schicksal
aufmerksam gemacht.
Der Beschwerdeführer reichte weiter Unterlagen über seine Teilnahme an
der "10th session of the Forum on Minority Issues" vom 29. November 2017
bis 1. Dezember 2017 des OHCHR (United Nations High Commissioner for
Human Rights) zu den Akten.
Die Schweizer Sektion von Amnesty International (AI) verfasste am
28. März 2017 eine Stellungnahme zur Situation von exilpolitisch tätigen
Iranerinnen und Iranern in Verbindung mit den exilpolitischen Tätigkeiten
des Beschwerdeführers. Eine weitere Stellungnahme wurde vom Men-
schenrechtsverein augenauf Bern zu Handen des Rechtsvertreters der Be-
schwerdeführenden erstellt und von diesem dem Bundesverwaltungsge-
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Seite 11
richt eingereicht. Schliesslich liegt als zusätzliches Beweismittel ein Schrei-
ben des "Centre Zagros pour les droits de l'homme" vom 14. Juni 2018 bei
den Akten.
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Praxis grundsätzlich
von einer unbefriedigenden Menschenrechtssituation im Iran aus. Auch
nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2013 steht es vor allem um die
Wahrung der politischen Rechte und insbesondere der Meinungsäusse-
rungsfreiheit schlecht. Jegliche Kritik am System der Islamischen Republik
und deren Würdenträgern ist tabu, ebenso die Berichterstattung über poli-
tische Gefangene oder echte Oppositionsbewegungen. Die iranischen Be-
hörden unterdrücken in systematischer Weise die Meinungsäusserungs-
freiheit durch die Inhaftierung von Journalisten und Redakteuren, und die
Medien sind einer strengen Zensur respektive einem Zwang zur Eigenzen-
sur unterworfen. Somit hat sich die Einschätzung des Bundesverwaltungs-
gericht zur Lage im Iran (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.3.1) auch nach den Prä-
sidentschaftswahlen im Juni 2013 nicht geändert und behält nach wie vor
ihre Gültigkeit (vgl. Urteil des BVGer E-353/2019 vom 22. März 2019
E. 7.2.1; Human Rights Council, Report of the Secretary-General on the
Situation of Human Rights in the Islamic Republic of Iran, A/HRC/25/75,
11. März 2014, S. 4, Ziff. 7 ff.).
Es ist sodann seit längerem bekannt, dass die iranischen Behörden die
politischen Aktivitäten ihrer Staatsangehörigen auch im Ausland überwa-
chen und erfassen (vgl. dazu beispielsweise Urteile des BVGer E-
5292/2014 und E-5296/2014 vom 25. Februar 2016 E. 7.4 m.w.H.). Insbe-
sondere haben die iranischen Behörden auch die technischen und organi-
satorischen Möglichkeiten, Personen im Ausland aufgrund ihrer Internetak-
tivitäten zu überwachen und zu identifizieren (vgl. Urteil des BVGer E-
5466/2019 vom 28. Juli 2020 E. 7.2.2 ff.). Es bleibt jedoch im Einzelfall zu
prüfen, ob die konkret geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten bei ei-
ner allfälligen Rückkehr in den Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
ernsthafte Nachteile im asylrechtlichen Sinn nach sich ziehen. Gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist dabei davon auszugehen, dass
sich die iranischen Geheimdienste auf die Erfassung von Personen kon-
zentrieren, die über die massentypischen, niedrigprofilierten Erscheinungs-
formen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen ausgeübt und/oder Akti-
vitäten vorgenommen haben, welche die jeweilige Person aus der Masse
der mit dem Regime Unzufriedenen herausstechen und als ernsthaften
und gefährlichen Regimegegner erscheinen lassen. Dabei darf davon aus-
D-7179/2016
Seite 12
gegangen werden, dass die iranischen Sicherheitsbehörden zu unterschei-
den vermögen zwischen tatsächlich politisch engagierten Regimekritikern
und Exilaktivisten, die mit ihren Aktionen in erster Linie die Chancen auf ein
Aufenthaltsrecht zu erhöhen versuchen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3).
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) geht ebenfalls
davon aus, dass eine möglicherweise drohende Verletzung von Art. 3
EMRK jeweils aufgrund der persönlichen Situation der Beschwerdeführen-
den zu beurteilen ist. Die Berichte über schwerwiegende Menschenrechts-
verletzungen im Iran begründen für sich allein noch keine Gefahr einer un-
menschlichen Behandlung (vgl. Urteil des EGMR S.F. et al. gegen Schwe-
den vom 15. Mai 2012, 52077/10, §§ 63 f.).
6.4 Angesichts der insbesondere im Verlauf des Beschwerdeverfahrens
eingereichten Dokumente ist festzuhalten, dass sich der Beschwerdeführer
ernsthaft exilpolitisch betätigt, sei dies einerseits im Zusammenhang mit
den (fehlenden) Rechten der kurdischen Minderheit sowohl im Iran als
auch in anderen Staaten mit kurdischen Gemeinschaften, anderseits für
die Einhaltung der Menschenrechte im Heimatland. Auch wenn nicht allein
die Masse an Posts auf Facebook und an Twittereinträgen oder die allei-
nige Anzahl an Demonstrationsteilnahmen ausschlaggebend sein kann, so
ist angesichts der eingereichten Beweismittel dennoch davon auszugehen,
dass die Aktivitäten des Beschwerdeführers über die massentypischen Be-
tätigungen vieler anderer Iraner hinausgehen. Er kann nicht (mehr) als rei-
ner Mitläufer bezeichnet werden. Zwar tritt er in den sozialen Medien mit
einem anderen Vornamen, aber mit seinem wirklichen Nachnamen auf,
und er ist auf diversen Profilfotos deutlich zu erkennen. Auch dürften ein-
zelne Einträge wie etwa die Unterstützung prokurdischer, inhaftierter und
zwischenzeitlich hingerichteter Aktivisten oder die Bezugnahme auf Israel
die Aufmerksamkeit der heimatlichen Behörden auf sich gezogen haben.
Schliesslich zeigt ein Blick in das öffentlich zugängliche Facebook-Profil
des Beschwerdeführers, dass er auf dieser Plattform nach wie vor sehr
aktiv ist.
6.5 Insgesamt ist aufgrund der Regelmässigkeit und der Intensität der pro-
kurdischen einerseits sowie der regimkritischen Aktivitäten des Beschwer-
deführers anderseits, welche dem iranischen Regime bekannt geworden
sein dürften, der Schluss zu ziehen, dass er sich durch diese in erheblichen
Mass exponiert hat und sich durch sein Engagement deutlich von der brei-
ten Masse von iranischen Regimegegnern im Ausland abhebt. Demnach
D-7179/2016
Seite 13
besteht Grund zur Annahme, dass er von den iranischen Sicherheitskräften
als ernstzunehmender Regimekritiker eingestuft werden dürfte.
6.6 Vor diesem Hintergrund hat der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr
in den Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit flüchtlingsrechtlich rele-
vante, ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu gewärtigen. Es ist
ihm somit eine begründete Furcht vor Verfolgung zu attestieren und er ist
folglich als Flüchtling im Sinne von Art. 3 AsylG anzuerkennen. Da dies auf
sein Verhalten nach der Ausreise zurückzuführen ist, ist hingegen die Ge-
währung von Asyl ausgeschlossen (Art. 54 AsylG). Im Weiteren bestehen
gemäss Aktenlage keine Ausschlussgründe im Sinne von Art. 1 des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30).
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde betreffend Flüchtlingseigenschaft
sowie Wegweisungsvollzug gutzuheissen; betreffend Asylgewährung ist
sie abzuweisen. Die Dispositivziffern 1, 4 und 5 der angefochtenen Verfü-
gung sind aufzuheben und das Staatssekretariat ist anzuweisen, den Be-
schwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und vorläufig aufzunehmen.
8.
Die Beschwerdeführerin sowie der minderjährige Sohn erfüllen die origi-
näre Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG nicht. Da der Beschwerde-
führer die (originäre) Flüchtlingseigenschaft erfüllt und keine besonderen
Umstände vorliegen, werden seine Ehefrau und der Sohn nach Art. 51
Abs. 1 AsylG in die Flüchtlingseigenschaft des Ehemannes beziehungs-
weise Vaters einbezogen. Indes habe sie keinen Anspruch auf Asyl, wenn
die Person, von der die Flüchtlingseigenschaft abgeleitet wird, vom Asyl
ausgeschlossen wurde. Ein Flüchtling kann nicht mehr Rechte übertragen,
als er oder sie selber besitzt (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK 2006 Nr. 7 E. 5.5. f.
S. 79). Da dem Beschwerdeführer aufgrund von Art. 54 AsylG kein Asyl ge-
währt wird, sind auch seine Ehefrau und der Sohn vorliegend von der Asyl-
gewährung auszuschliessen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist praxisgemäss von einem Obsiegen
der Beschwerdeführenden im Umfang von 2/3 auszugehen. Die reduzier-
ten Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 200.– sind den Beschwerdefüh-
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Seite 14
renden aufzuerlegen. Der in der Höhe von Fr. 600.– geleistete Kostenvor-
schuss ist den Beschwerdeführenden im Umfang von Fr. 400.– zurückzu-
erstatten, der Restbetrag von Fr. 200.– ist zur Deckung der Verfahrenskos-
ten zu verwenden.
10.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres teilweisen Ob-
siegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine reduzierte Entschädi-
gung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden reichte mit der Replik eine
Honorarnote vom 23. November 2017 zu den Akten. Unter Berücksichti-
gung auch des nachträglich entstandenen zeitlichen Aufwandes erscheint
der in der Honorarnote geltend gemachte Aufwand von 11.5 Stunden an-
gemessen, der geltend gemachte Stundenansatz von Fr. 200.– ist nicht zu
beanstanden. Unter Berücksichtigung der Auslagen sowie des Mehrwert-
steueranteils ist die um einen Drittel reduzierte Parteientschädigung auf
gerundet Fr. 1'733.– festzusetzen.
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D-7179/2016
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