Decision ID: 00d0f020-730c-4e66-aca9-08da7cac0173
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: der Beschwerdeführer), ein türkischer Staatsan-
gehöriger kurdischer Ethnie, ersuchte am 24. August 2022 im Bundes-
asylzentrum (BAZ) der Region B._ um Asyl in der Schweiz.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit «Eurodac») ergab, dass der Beschwerdeführer am 10. Juni 2021 in
Österreich ein Asylgesuch eingereicht hatte und am 26. Februar 2022 ohne
einen Wegweisungsentscheid aus dem Schengenraum ausgereist war.
C.
C.a Am 30. August 2022 fand die Personalienaufnahme (PA) statt.
C.b Gleichentags stellte das SEM gemäss Art. 34 der Verordnung (EU) Nr.
604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013
zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitglied-
staats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen
Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) ein Informationsersuchen
an die österreichischen Behörden.
C.c Am 31. August 2022 bestätigten die österreichischen Behörden die
selbständige Ausreise des Beschwerdeführers Richtung Türkei am
26. Februar 2022 und informierten zudem, dass sein Asylgesuch in erster
Instanz rechtskräftig abgelehnt worden sei.
D.
D.a Am 12. September 2022 fand das persönliche Gespräch (Dublin) ge-
mäss Art. 5 der Dublin-III-VO statt.
D.b Darin machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, in Ös-
terreich im Februar 2022 einen negativen Asylentscheid erhalten zu haben
und zwei oder drei Tage danach nach Serbien ausgereist zu sein. Von dort
sei er am 26. Februar 2022 ohne Reisepass und illegal in die Türkei ge-
langt, wo er einen einmaligen Zahnarzttermin wahrgenommen habe.
Schliesslich habe er am 14. August 2022 die Türkei verlassen, ohne in ei-
nem europäischen Land um Asyl ersucht zu haben.
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Seite 3
D.c Weiter führte er aus, an verschiedenen Krankheiten zu leiden, wobei
es unterstützend wäre, seine in der Schweiz lebende Freundin besuchen
zu können.
Daneben reichte er seinen türkischen Führerausweis zu den Akten.
E.
E.a Am 13. September 2022 übermittelten die österreichischen Behörden
dem SEM einen Auszug der E-Mail-Kommunikation vom 23. Mai 2022 mit
dem Beschwerdeführer, worin der er um Übermittlung seines Führer-
scheins bat.
E.b Gleichentags reichte die damalige Rechtsvertretung des Beschwerde-
führers folgende Beweismittel ein:
- Eine Kopie einer Terminkarte beim Krankenhaus (...) vom 25. Juli 2022;
- Ein Foto eines Patientenarmbandes des Krankenhauses (...) vom 25. Juli
2022;
- Eine Kopie eines Auszugs aus dem E-Nabiz des Beschwerdeführers betref-
fend einen Termin vom 25. Juli 2022 in der allgemeinen Abteilung der Zahn-
medizin im Krankenhaus (...);
- Eine Kopie eines Fotos einer Anzeige mit dem Patientennamen A._
auf dem Krankenhausbildschirm;
- Eine Kopie einer E-Mail-Nachricht an das österreichische Bundesamt für
Fremdenwesen und Asyl (BFA) mit Mitteilung der türkischen Adresse des
Beschwerdeführers vom 23. Mai 2022;
- Eine Kopie eines Briefes an den Beschwerdeführer des österreichischen BFA
mit Anhang seines Führerscheins vom 20. Juni 2022;
- Zwei Kopien weiterer E-Mail-Nachrichten mit dem BFA vom 26. Juni 2022 und
vom 27. Juni 2022.
F.
Am 16. September 2022 ersuchte das SEM bei den österreichischen Be-
hörden gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO um die Wiederaufnahme
des Beschwerdeführers. Diese stimmten dem Gesuch gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO am 19. September 2022 zu.
G.
Mit Verfügung vom 19. September 2022 (eröffnet am 20. September 2022)
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Überstellung nach Österreich
an und hielt fest, dass er die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der
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Beschwerdefrist zu verlassen habe, ansonsten er unter Zwang ausgewie-
sen werden könne. Weiter stellte die Vorinstanz fest, dass einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme
und der Kanton B._ mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt
sei. Die editionspflichtigen Akten wurden gemäss Aktenverzeichnis ausge-
händigt.
H.
Am 20. September 2022 legte die damalige Rechtsvertretung ihr Mandat
nieder.
I.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seinen Rechtsvertreter – mit Eingabe vom 26. September
2022 (Datum Poststempel) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
und beantragte, die Verfügung vom 19. September 2022 sei aufzuheben
und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Weiter
beantragte er die Gewährung der aufschiebenden Wirkung. In prozessua-
ler Hinsicht ersuchte er um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
Der Beschwerde wurden neben der Vollmacht vom 26. September 2022
und dem angefochtenen Entscheid ein Foto eines Formulars «Registration
of place of stay» aus Serbien vom 24. Februar 2022 (Beilage 1), drei
E-Mail-Nachrichten mit den österreichischen Behörden (Beilage 2), ein
postalischer Sendeverlauf aus der Türkei (Beilage 3), ein Foto eines Bild-
schirms (Beilage 4) und eines Rezepts für Medikamente (Beilage 5), ein
Auszug aus dem E-Nabiz (Beilage 6) sowie ein Foto eines Bustickets vom
2. März 2022 (Beilage 7) beigelegt.
J.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 27. September 2022 wurde der
Vollzug der Überstellung des Beschwerdeführers nach Österreich gestützt
auf Art. 56 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwal-
tungsverfahren (VwVG, SR 172.021) per sofort einstweilen ausgesetzt.
K.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
27. September 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG).
D-4292/2022
Seite 5
L.
Mit Verfügung vom 28. September 2022 wurde der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung erteilt und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
verzichtet. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingela-
den.
M.
Mit Eingabe vom 6. Oktober 2022 liess sich die Vorinstanz vernehmen.
N.
Am 14. Oktober 2022 replizierte der Beschwerdeführer.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das
SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vo-
rinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende
Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwal-
tungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so
auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 Bundes-
gesetz vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [BGG, SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
somit einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht, einschliess-
lich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens, sowie die unrichtige
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und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ge-
rügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 In seinem Grundsatzurteil vom 21. Dezember 2017 bejahte das Bun-
desverwaltungsgericht den individualrechtlichen Charakter sämtlicher zur
Feststellung der Prüfungszuständigkeit beitragenden Bestimmungen der
Dublin-III-VO (vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5.3.2). Seither können sich Asylsu-
chende in Beschwerdeverfahren gegen Überstellungsentscheidungen auf
die richtige Anwendung sämtlicher objektiver Zuständigkeitskriterien der
Dublin-III-VO berufen, namentlich auf Art. 3 Abs. 2, Art. 7 i.V.m. Art. 8
Abs. 1-4, Art. 9, Art. 10, Art. 11, Art. 16 Abs. 1 und insbesondere auf Best-
immungen, die einen Zuständigkeitsübergang infolge Fristablaufs vorse-
hen (vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5 m.w.H.). Die Übertragung der Zuständigkeit
nach Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO gehört in diesem Sinne zu den objektiven
Zuständigkeitskriterien (vgl. Urteil des Gerichtshofs der Europäischen
Union [EuGH] C-155/15 vom 7. Juni 2016, George Karim, Rn. 14–27). Der
Beschwerdeführer ist somit legitimiert, sich auf die unrichtige Anwendung
der Erlöschensklauseln der Dublin-III-VO zu berufen (vgl. BVGE 2017 VI/9
E. 5.1; Urteil des BVGer D-4239/2021 vom 19. Oktober 2021 E. 3.3).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt die Vorinstanz in der Regel die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi-
tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
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Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen ei-
nes Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: «take back») findet demgegenüber
grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt
(vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
3.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen,
ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig be-
stimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig be-
stimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zu-
ständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
eine antragstellende Person, die während der Prüfung ihres Antrags in ei-
nem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder die sich im Ho-
heitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach
Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO).
Diese Verpflichtung erlischt, wenn die gesuchstellende Person das Herr-
schaftsgebiet der Mitgliedstaaten während einer Dauer von mindestens
drei Monaten verlassen hat, ausser die Person verfüge über einen durch
den zuständigen Mitgliedstaat ausgestellten Aufenthaltstitel (vgl. Art. 19
Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
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Seite 8
4.
4.1 Den vorliegenden Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer
am 10. Juni 2021 in Österreich ein Asylgesuch gestellt hat. Die Vorinstanz
ersuchte die österreichischen Behörden am 30. August 2022 gestützt auf
Art. 34 Abs. 1 Dublin-III-VO um Informationen betreffend Zeitpunkt sowie
Umstände der Ausreise des Beschwerdeführers respektive um diesbezüg-
liche Belege. Die österreichischen Behörden beantworteten das Informati-
onsersuchen am 31. August 2022 und bestätigten seine mit Datum vom
26. Februar 2022 registrierte, freiwillige sowie selbständige Ausreise aus
Österreich. Gleichzeitig hielten sie fest, dass sein Asylgesuch in erster In-
stanz rechtskräftig abgelehnt worden war. Am 16. September 2022 er-
suchte die Vorinstanz gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO um
die Wiederaufnahme des Beschwerdeführers, welcher die österreichi-
schen Behörden gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO am
19. September 2022 zustimmten, womit sie signalisierten, dass die Prü-
fung des Antrags des Beschwerdeführers noch nicht abgeschlossen ist
(vgl. auch Eintrag in der Zentraleinheit Eurodac, wonach der Beschwerde-
führer den Dublinraum ohne Wegweisungsentscheid verlassen haben soll,
SEM-Akte 9/1).
4.2 Der Beschwerdeführer bestreitet die grundsätzliche Zuständigkeit Ös-
terreichs nicht, beruft sich jedoch darauf, dass die Zuständigkeit im Sinne
von Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO erloschen sei, da er sich während rund fünf
Monaten in seinem Heimatland und somit ausserhalb des Schengenraums
aufgehalten habe.
4.3 Nachfolgend ist deshalb zunächst zu prüfen, ob es dem Beschwerde-
führer anhand seiner eingereichten Dokumente gelungen ist, einen Aufent-
halt von über drei Monaten ausserhalb des Schengenraums und somit das
Erlöschen der Zuständigkeit Österreichs für sein Asyl- und Wegweisungs-
verfahren im Sinne von Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO zu belegen.
5.
5.1
5.1.1 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid zur Zuständigkeit Öster-
reichs im Wesentlichen damit, dass der Beschwerdeführer nicht habe be-
legen können, sich während mehr als drei Monaten ausserhalb des Schen-
genraums aufgehalten zu haben. Ein eindeutiger Beweis für das Verlassen
des Schengenraums würde lediglich dann vorliegen, wenn die österreichi-
schen Behörden ihn nachweislich und kontrolliert in sein Heimatland zu-
rückgeführt hätten, was vorliegend nicht der Fall sei, da er selbständig und
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Seite 9
freiwillig ausgereist sei. Die eingereichten Beweismittel, um einen mehrmo-
natigen Aufenthalt in der Türkei zu belegen, würden den Anforderungen an
die Begrifflichkeit von Beweismitteln im Sinne des Anhangs II Verzeichnis
A, Ziffer II.3 der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 118/2014 der Kommis-
sion vom 30. Januar 2014 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1560/
2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verordnung (EG) Nr. 343/2003
des Rats zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des
Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist (nachfolgend:
Durchführungsverordnung), nicht genügen. Zudem würden die Belege alle
aus dem Zeitraum zwischen dem 23. Mai 2022 und 25. Juli 2022 datieren
und entsprechend lediglich einen Aufenthalt ausserhalb des Schengen-
raums während weniger als drei Monaten belegen. Der eingereichte
E-Mail-Verkehr zwischen dem BFA und dem Beschwerdeführer sowie das
Zusenden seines Führerscheins an eine türkische Adresse seien ungeeig-
net, einen Aufenthalt ausserhalb des Schengenraums zu belegen, da
E-Mail-Nachrichten von jedem Ort versandt werden könnten und auch eine
Zustellsendung seinen dortigen Aufenthalt nicht belegen könne. Ferner
seien seine Schilderungen zum Reiseweg und zum anschliessenden Auf-
enthalt in der Türkei nicht als ausreichend ausführliche und nachprüfbare
Erklärungen im Sinne der Durchführungsverordnung zu qualifizieren.
Schliesslich hätten die österreichischen Behörden mit ihrer expliziten Zu-
stimmung seiner Rückübernahme und somit deren Zuständigkeit zuge-
stimmt.
5.1.2 Des Weiteren gebe es keine wesentlichen Gründe zur Annahme,
dass das österreichische Asylverfahren systematische Schwachstellen
aufweise und die Gefahr der Verletzung von Völkerrecht oder des Non-
Refoulement-Gebots berge. Überdies seien anhand der Ausführungen des
Beschwerdeführers im Dublin-Gespräch keine Hinweise dafür zu entneh-
men, dass es sich bei der geltend gemachten Beziehung zu seiner Freun-
din (R.O.) um eine dauerhafte Beziehung im Sinne von Art. 8 der Konven-
tion vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grund-
freiheiten (EMRK, SR 0.101) handle oder ein besonderes Abhängigkeits-
verhältnis vorliege. Seine hierzu allgemein gehaltene Aussage, er benötige
die Unterstützung seiner Freundin, welche im Übrigen am 22. Oktober
2022 erklärt habe, mit einer anderen Person als mit ihm liiert zu sein, ver-
möge an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Schliesslich würden auch
keine Anzeichen dafür vorliegen, dass die österreichischen Behörden ihm
eine medizinische Behandlung verweigert hätten oder ihm zukünftig ver-
weigern würden.
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Seite 10
5.2
5.2.1 Der Beschwerdeführer rügte, dass die Zuständigkeit Österreichs im
vorliegenden Asyl- und Wegweisungsverfahren, entgegen der Argumenta-
tion der Vorinstanz, erloschen sei. Es sei aktenkundig, dass er im Rahmen
des Dublin-Gesprächs dargelegt habe, im Februar 2022 Österreich verlas-
sen zu haben und nach Serbien ausgereist zu sein. Danach habe er am
26. Februar 2022 in einem Lastwagen versteckt Serbien verlassen und sei
in die Türkei eingereist. Am 14. August 2022 habe er die Türkei erneut auf
illegalem Weg, ebenfalls in einem Lastwagen versteckt, verlassen müssen
und sei in die Schweiz geflohen, wo er am 24. August 2022 ein Asylgesuch
gestellt habe. Die eingereichten Beweismittel, welche seinen über dreimo-
natigen Aufenthalt ausserhalb des Schengenraums bestätigen würden,
seien unverständlicherweise von der Vorinstanz als ungenügend erachtet
worden. Das serbische Formular «Registration of place to stay» belege
seine Ausreise aus Österreich und eine Übernachtung in Serbien. Des Wei-
teren habe er sich nach einem rund dreimonatigen Aufenthalt in der Türkei
per E-Mail-Nachrichten vom 23. Juni 2022, 26. Juni 2022 und 27. Juni
2022 mit der Bitte an die österreichischen Behörden gewandt, dass ihm
der im dortigen Asylverfahren abgegebene Führerschein an seine türki-
sche Adresse übermittelt werde. Aus der Postbestätigung gehe hervor,
dass er den Führerausweis an seiner türkischen Adresse abgeholt habe.
Auf dem betreffenden Sendeverlauf sei sein Name sowie die letzten vier
Ziffern seiner Identitätskarte aufgeführt. Zudem habe er während seines
Aufenthalts in der Türkei einen Zahnarzt konsultiert. Die eingereichten Fo-
tos eines Monitors (des Spitals [...]) würden seine Reihennummer sowie
seinen Namen zeigen. Weitere Beweise für seinen Aufenthalt in der Türkei
würden in Form eines Rezepts für Medikamente und anhand des Ausdruck
des E-Nabiz vorliegen. Bei letzterem handle es sich um das staatliche Por-
tal des Gesundheitsministeriums, in welchem sich alle Personen registrie-
ren müssten, welche einen Arzttermin oder Medikamente benötigten. In
dieses Portal könne sich nur einloggen, wer über eine Identitätskarte und
einen entsprechenden Login-Code verfüge. Sodann belege die Kopie der
Busfahrkarte vom 2. März 2022, auf welcher ebenfalls sein Name und die
Nummer seiner Identitätskarte aufgeführt seien, dass er sich in der Türkei
aufgehalten habe. Anhand der eingereichten Beweismittel könne er somit
belegen, sich über fünf Monate ausserhalb des Schengenraums aufgehal-
ten zu haben. Entsprechend sei die Zuständigkeit Österreichs im Sinne von
Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO erloschen, selbst wenn diese Behörden ihre
Zuständigkeit anerkannt hätten.
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Seite 11
5.2.2 Zudem habe er aus asylrechtlich relevanten Gründen aus der Türkei
flüchten müssen. Es sei jedoch allgemein bekannt, dass die österreichi-
schen Asylbehörden in den vergangenen Jahren mehrere kurdische Asyl-
suchende in die Türkei zurückgeführt hätten. In der Türkei seien zwei Straf-
verfahren wegen Präsidentenbeleidigung und Propaganda für eine Terror-
organisation gegen ihn eingeleitet worden. Bei einer Rückführung würde er
in der Türkei einer langjährigen Haft und einer menschenunwürdigen Be-
handlung ausgesetzt, welche gegen Art. 5 AsylG und Art. 3 EMRK verstos-
sen würden. Vor diesem Hintergrund und infolge der Gefahr von sogenann-
ten Kettenabschiebengen sei die Schweiz verpflichtet, einen Selbsteintritt
zu prüfen.
5.3 Die Vorinstanz kam in ihrer Vernehmlassung hinsichtlich der neu ein-
gereichten Beweismittel (Beilagen 1, 3 und 7 der Beschwerde) zum
Schluss, dass diese keine Beweismittel im Sinne des Anhangs II des Ver-
zeichnisses A Ziffer II.3 der Durchführungsverordnung darstellten. Bei den
Beilagen 1 und 7 handle es sich lediglich um Dokumentenkopien, welche
über einen eingeschränkten Beweiswert verfügten und als Indizien für ei-
nen tatsächlichen Aufenthalt ausserhalb des Schengenraums ungeeignet
seien. Überdies bleibe unklar, weshalb der Beschwerdeführer diese beiden
Kopien nicht bereits im erstinstanzlichen Verfahren eingereicht oder zumin-
dest in Aussicht gestellt habe. Ausserdem weise die Beilage 1 – ein Foto
des Formulars einer serbischen «Registration of place to stay» – keine Si-
cherheitsmerkmale auf, könne leicht gefälscht werden und sei zudem nicht
vollständig ausgefüllt. Ferner sei es nicht nachvollziehbar, weshalb der Be-
schwerdeführer ein Foto dieses Formulars, jedoch keine weiteren Unterla-
gen zu diesem Aufenthalt im Hostel in C._, wie etwa eine Bu-
chungsbestätigung oder eine Quittung, eingereicht habe. Auch die Beilage
7 – ein Busticket mit Namen und Identitätskartennummer des Beschwer-
deführers – verfüge über einen geringen Beweiswert, zumal die darauf auf-
geführten Informationen handschriftlich angebracht werden könnten. Hin-
sichtlich der Beilage 3 – den postalischen Sendeverlauf – sei festzustellen,
dass dieser im Sinne der Durchführungsverordnung als Indiz dafür betrach-
tet werden könne, dass er sich im Juni 2022 in D._ aufgehalten
habe. Zusammen mit den Beilagen 4, 5 und 6 würden Indizien für einen
Aufenthalt in der Türkei zwischen dem 24. Juni 2022 und dem 25. Juli 2022
vorliegen. Ferner sei festzuhalten, dass das in der Datenbank Eurodac re-
gistrierte Ausreisedatum vom 26. Februar 2022 lediglich auf einer E-Mail-
Korrespondenz zwischen ihm und den österreichischen Behörden in Be-
zug auf seinen Führerschein beruhe und nicht auf einer durch die Behör-
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Seite 12
den zweifelsfrei festgestellten Ausreise. Somit habe er nicht belegen kön-
nen, sich mindestens drei Monate ausserhalb des Schengenraums aufge-
halten zu haben. Sodann würden keine Hinweise dafür vorliegen, dass die
österreichischen Behörden das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht
korrekt durchgeführt hätten und das Non-Refoulement-Gebot nicht beach-
ten würden. Deshalb bleibe Österreich für sein Asylverfahren zuständig.
5.4 In der Replik äusserte sich der Beschwerdeführer zur Beilage 1 dahin-
gehend, dass diese eindeutig seine Übernachtung in C._ belege.
Da er weder über einen Reisepass noch über ein Visum verfüge, weil ge-
gen ihn eine Ausreisesperre verhängt worden sei, habe das von der Vor-
instanz als unvollständig ausgefüllt bemängelte Dokument nicht komplett
ausgefüllt werden können. Jedoch sei ersichtlich, dass die Nummer seiner
türkischen Identitätskarte eingetragen sei. Auch das Busticket (Beilage 7)
sei als vollwertiges Beweismittel zu würdigen, da türkische Busfirmen ver-
pflichtet seien, diese Informationen zu den Reisenden auszufüllen. Dass er
die auf Beschwerdeebene neu eingereichten Beweismittel nicht bereits zu-
vor dargebracht habe, sei der Tatsache geschuldet, dass er davon ausge-
gangen sei, die bereits eingereichten Beweismittel würden seinen Aufent-
halt ausserhalb des Schengenraums zulänglich belegen. Schliesslich er-
staune es, dass die Vorinstanz seine Beilage 3 lediglich als Indiz und nicht
als vollwertiges und unwiderlegbares Beweismittel betrachtet habe. Auch
sei es unverständlich, dass die Beilagen 4, 5 und 6 lediglich als Indizien
betrachtet würden. Insbesondere bei der Beilage 6 handle es sich um ein
offizielles staatliches Portal und der erfolgte Zahnarzttermin könne anhand
der in der Replik beigelegten Login-Daten und der Beilage 4 – einem Foto
eines Monitors mit Namen des Beschwerdeführers – überprüft werden.
Schliesslich handle es sich auch bei der Beilage 5 um ein echtes Beweis-
mittel. Auf diesem Beleg, mit welchem Medikamente in Apotheken bezogen
werden könnten, stehe sein Name sowie der Zusatz, dass er Häftling des
Gefängnisses von E._ sei.
6.
6.1 Um die Ausreise (aus dem Schengenraum) nachzuweisen, werden ge-
mäss Art. 22 Abs. 2 Dublin-III-VO Beweismittel und Indizien verwendet,
welche nach Art. 22 Abs. 3 Dublin-III-VO durch die Durchführungsverord-
nung in zwei Verzeichnissen festgelegt werden. Diese beiden Verzeich-
nisse sind in Anhang 2 der Durchführungsverordnung enthalten. Die jewei-
ligen Ziffern 9 der beiden Verzeichnisse legen fest, welche Beweismittel
und Indizien zur Feststellung des Erlöschens gemäss Art. 19 Abs. 2 Dublin-
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Seite 13
III-VO Verwendung finden. Als Beweismittel gelten etwa «Ausreisestem-
pel» aber auch ein «Bericht/Bestätigung seitens des Mitgliedstaats, von
dem aus der Antragsteller das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten verlassen
hat», so dass klar ist, dass es nicht auf den Nachweis des Zeitraums an-
kommt, solange das Verlassen des Hoheitsgebiets feststeht. Bei Fehlen
von förmlichen Beweismitteln gemäss der Verordnung sind die vorgelegten
Indizien zu berücksichtigen. Darunter fallen unter anderem «ausführliche
und nachprüfbare Erklärungen des Antragstellers» sowie etwa «Daten, aus
denen hervorgeht, dass der Antragsteller die Dienste eines Schleppers
oder eines Reisebüros in Anspruch genommen hat» und «sonstige Indizien
gleicher Art», welche im Sinne der Verordnung nicht als Beweismittel gel-
ten (Art. 22 Abs. 2, Abs. 3 Bst. b und Abs. 5 Dublin-III-VO; Anhang 2 der
Durchführungsverordnung). Somit können grundsätzlich auch glaubhafte
Vorbringen einer Person genügen oder sogenannte Indizien gemäss der
Dublin-III-VO, um die Anwendbarkeit von Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO fest-
zustellen (vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer D-4239/2021 vom 19. Okto-
ber 2021 E. 6).
6.2 Der Datenbank Eurodac ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer
am 26. Februar 2022 «ohne Wegweisungsentscheid aus dem Dublinraum»
ausgereist sei. Auf Anfrage der Vorinstanz (vgl. SEM-Akte 16/2) erläuterten
die österreichischen Behörden, dass es sich um eine selbständige, freiwil-
lige Ausreise gehandelt habe, wobei das Ausreisedatum von den österrei-
chischen Behörden offensichtlich aufgrund eines E-Mail-Verkehrs mit dem
Beschwerdeführer vom 23. Mai 2022 ermittelt worden sei (vgl. SEM-Akte
21/2). Dieser Eintrag ist somit als unzureichender Beweis seiner Ausreise
aus dem Territorium der Mitgliedstaaten zu qualifizieren (vgl. demgegen-
über Anhang II, Verzeichnis A, Nummer 9: «Bestätigung seitens des Mit-
gliedstaates, von dem aus der Antragsteller das Hoheitsgebiet der Mitglied-
staaten verlassen hat»). Hinzu kommt, dass sich das Foto des Formulars
der «Registration of place to stay» (Beilage 1) aus Serbien als äusserst
zweifelhaft erweist, seinen dortigen Aufenthalt am 24. Februar 2022 zu be-
legen. Diesbezüglich kann vollumfänglich auf die überzeugenden Ausfüh-
rungen der Vorinstanz zum Beweiswert des eingereichten Fotos des serbi-
schen Formulars «Registration of place to stay» verwiesen werden. Auch
das eingereichte Foto des Bustickets vom 2. März 2022 (Beilage 7) vermag
seinen Aufenthalt ausserhalb des Schengenraums nicht zweifelsfrei bele-
gen, zumal diese sichtbar unbenutzte Fahrkarte weder im Original vorliegt,
noch den Aufnahmeort oder die Aufnahmezeit belegt. Das betreffende Foto
hätte demnach von jeder beliebigen Person gemacht werden können, ins-
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Seite 14
besondere, da der Beschwerdeführer nicht mitfotografiert wurde. Hinsicht-
lich der eingereichten Belege zu seinem angeblichen Zahnarztbesuch res-
pektive Aufenthalt in der Türkei ist festzustellen, dass im E-Nabiz Arzt- res-
pektive Zahnarzttermine zwar online vereinbart werden können, das Portal
jedoch nicht zu belegen vermag, dass die betreffende Person den entspre-
chenden Termin tatsächlich auch wahrgenommen hat. Die Zweifel an der
Präsenz des Beschwerdeführers am betreffenden Zahnarzttermin vom
25. Juli 2022 können durch Fotos des Bildschirms mit seinem Namen (Bei-
lage 4) und des Rezepts (Beilage 5) nicht ausgeräumt werden. Es ist nicht
nachvollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer zwar den Monitor mit sei-
nem Namen (offensichtlich zu Beweiszwecken) fotografiert haben will, es
jedoch unterliess, sich selber abzulichten, weshalb dieser Umstand zur An-
nahme führt, dass diese Bilder nicht von ihm, sondern von einer anderen
Person gemacht wurden und er in diesem Zeitpunkt nicht an dem von ihm
angegeben Ort gewesen ist. Auch der Sendeverlauf von D._ vom
27. Juni 2022 (Beilage 3), welcher übrigens nur in Kopie vorliegt, weist
keine Sicherheitsmerkmale auf und vermag kein persönliches Erscheinen
des Beschwerdeführers zu belegen, zumal der Erhalt der Sendung nicht
mit einer Unterschrift oder mit Stempeln bestätigt wurde, welche seine Prä-
senz vor Ort belegen könnten. Sofern er sich darauf beruft, seinen mehr-
monatigen Aufenthalt in der Türkei anhand der eingereichten Belege zu
beweisen, weil sein Name sowie seine Identitätskartennummer auf den Be-
legen figurieren, ist festzuhalten, dass eine Überprüfung seiner Identität
nicht möglich ist, zumal keine Identitätskarte vorliegt. Somit ist mit der Vor-
instanz einig zu gehen, dass es ihm nicht gelungen ist, anhand von Bewei-
sen, Indizien oder nachvollziehbaren Erklärungen einen Aufenthalt von
über drei Monaten ausserhalb des Schengenraums zu belegen. Hierzu ist
im Übrigen auf die vorinstanzliche Verfügung respektive deren ausführliche
Argumentation zu verweisen.
6.3 Vor diesem Hintergrund geht das Gericht mit der Vorinstanz überein,
dass vorliegend die Zuständigkeit Österreichs gemäss Art. 19 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO nicht erloschen ist.
7.
7.1 Im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist weiter zu prüfen, ob es we-
sentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnah-
mebedingungen für Asylsuchende in Österreich würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
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Seite 15
7.2 Der Beschwerdeführer konnte keine konkreten und ernsthaften Gründe
darlegen, dass die österreichischen Behörden seinen Antrag auf internati-
onalen Schutz nicht unter Einhaltung der Regeln der Richtlinien des Euro-
päischen Parlaments und des Rats 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge-
meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna-
tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) behandelten. Den Akten sind
ferner keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, die österreichischen
Behörden würden den Grundsatz des Non-Refoulements missachten und
ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder
seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder
in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Der Datenbank Eurodac ist zu entnehmen, dass sein Asyl-
antrag geprüft und erstinstanzlich rechtskräftig abgewiesen worden war.
Dem Beschwerdeführer wäre es unbenommen gewesen, eine Beschwerde
dagegen zu erheben. Ausserdem brachte er keine Gründe vor, welche auf
systematische Schwachstellen im österreichischen Asyl- und Wegwei-
sungsverfahren hinwiesen und zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-
Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK; SR 0.105) führen könn-
ten.
7.3 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt und es besteht auch keine Verpflichtung zur An-
wendung des Selbsteintrittsrechts (vgl. zu den Anforderungen etwa BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
8.
Das SEM hat auch zutreffend festgestellt, dass die (angebliche) Freundin
des Beschwerdeführers nicht unter die Definition der Familienangehörigen
im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO fällt. Es bestehen zudem keinerlei
Hinweise darauf, dass zwischen dem Beschwerdeführer und seiner Freun-
din ein Abhängigkeitsverhältnis im Sinne von Art. 16 Dublin-III-VO besteht.
9.
9.1 Der Beschwerdeführer beantragte nur implizit die Anwendung der Er-
messensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive das Selbstein-
trittsrecht, welches in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, gemäss welcher das SEM
das Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln kann,
wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre.
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Seite 16
9.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanz-
lichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf
die Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung nun-
mehr im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich
korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung
getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1
Bst. a und b AsylG).
9.3 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden; insbesondere sind den Akten keine Hinweise auf einen Ermes-
sensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten des Ermessens
zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem Zusammenhang
weiterer Äusserungen.
9.4 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
10.
Somit bleibt Österreich gemäss Dublin-III-VO der für die Behandlung des
Asylgesuchs des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat.
11.
Die Vorinstanz ist zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da der
Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nieder-
lassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Österreich in Anwen-
dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
12.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind all-
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fällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 des Bundesgeset-
zes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und
über die Integration (AIG; SR 142.20) unter diesen Umständen nicht mehr
zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
13.
Nach den vorangehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen
und die Verfügung der Vorinstanz vom 19. September 2022 zu bestätigen.
Die am 28. September 2022 angeordnete, aufschiebende Wirkung fällt mit
dem vorliegenden Urteil dahin.
14.
14.1 Für die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG bedarf es praxisgemäss eines entsprechenden Ge-
suchs. Das Gesuch um Erlass des Kostenvorschusses wird nicht als Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung behandelt, auch
wenn sich der Beschwerdeführer auf die Voraussetzungen von Art. 65
Abs. 1 VwVG beruft (vgl. Beschwerdeschrift vom 26. September 2022,
Punkt 4).
14.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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