Decision ID: 36f61112-5e97-4e27-b734-6805bf282def
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Corinne Willimann, Brack & Partner AG, Werfte-
strasse 2, 6005 Luzern,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._, geboren 19_, stürzte am 31. Juli 2006 von einer Leiter 5 m in die Tiefe und
verletzte sich am Rücken (Schadenmeldung UVG vom 7. August 2006, act. G 6.2).
Dabei zog er sich eine instabile Berstungsfraktur L2, eine Fraktur Interarticularportion
L1 und Processus spinosus, eine grosse traumatische RM-Ruptur der rechten Schulter,
eine Thoraxkontusion sowie eine passagere massive Rechtsherzbelastung mit
pulmonal arterieller Hypertonie zu (Austrittsbericht der Klinik für Orthopädische
Chirurgie am Kantonsspital St. Gallen [KSSG] vom 6. September 2006, wo der
Versicherte vom 1. August bis 4. September 2006 hospitalisiert war, act. G 6.2). Am
25. April 2007 meldete sich der Versicherte zum Bezug von Rentenleistungen bei der IV
an. In der Anmeldung gab er an, er sei selbstständiger Landwirt und übe eine
Nebenbeschäftigung als Belader bei der Kehrichtabfuhr aus. Er leide an Schmerzen im
Rücken und in den Beinen, an Herzklopfen/Herzrasen sowie Einschränkungen im
rechten Arm (act. G 6.1.1). Der behandelnde Dr. med. B._ bescheinigte dem
Versicherten seit Unfalldatum eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die Haupt- und
Nebenbeschäftigung (Bericht vom 22. Juni 2007, act. G 6.1.16).
A.b Im Auftrag der IV-Stelle (act. G 6.1.25) führte das Landwirtschaftliche Zentrum SG
am 4. Februar 2008 eine Abklärung im Landwirtschaftsbetrieb des Versicherten durch.
Die Abklärungsperson führte im Bericht vom 21. Februar 2008 aus, den Nebenerwerb
als Kehrichtwagenbelader übe der Versicherte im Rahmen eines 50%igen Pensums
aus. Für die im Rahmen eines 50%igen Pensums ausgeübte Tätigkeit als Landwirt
ermittelte sie eine 55%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 6.1.38).
A.c Der RAD hielt den Versicherten für leidensangepasste Tätigkeiten zu 100%
arbeitsfähig (Stellungnahme vom 15. Oktober 2008, act. G 6.1.52-2; vgl. auch
Stellungnahme vom 29. April 2009, act. G 6.1.58). Am 25. September 2009 teilte die IV-
Stelle dem Versicherten mit, sie gewähre Beratung und Unterstützung bei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stellensuche (act. G 6.1.67). In der Mitteilung vom 25. März 2010 verneinte die IV-Stelle
einen Anspruch des Versicherten auf berufliche Massnahmen, da er gemäss ihrer
Abklärung (act. G 6.1.76) keine Unterstützung in der Stellenvermittlung wünsche und
weiterhin selbstständig erwerbstätig sein wolle (act. G 6.1.79).
A.d Mit Vorbescheid vom 25. März 2010 stellte die IV-Stelle dem Versicherten in
Aussicht, dessen Rentenbegehren abzuweisen. Es sei ihm möglich, in einer
leidensangepassten Tätigkeit ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen (act.
G 6.1.81). Dagegen erhob der Versicherte am 20. Mai 2010 Einwand und wies darauf
hin, dass die Suva als leistungspflichtiger Unfallversicherer ein polydisziplinäres
Gutachten in Auftrag gebe. Des Weiteren sei die geforderte Aufgabe des
Landwirtschaftsbetriebs nicht zumutbar (act. G 6.1.88). Die IV-Stelle ersuchte die Suva
am 12. August 2010, die zusätzliche Frage "Wie hoch ist die Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit, seit wann und gegebenenfalls mit Schwankungen im zeitlichen
Verlauf" von den Gutachtern beantworten zu lassen (act. G 6.1.93). Am 2., 3., 8.,
11. und 22. November 2010 wurde der Versicherte in der MEDAS Zentralschweiz
polydisziplinär (rheumatologisch, psychiatrisch, pneumologisch, neurologisch,
kardiologisch, otorhinolaryngologisch und internistisch) untersucht. Im
Gesamtgutachten vom 2. Februar 2011 diagnostizierten die Experten mit wesentlicher
Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit ein chronisches, residuelles
lumbovertebragenes Schmerzsyndrom; eine residuelle subakromiale Impingement-
Symptomatik vom Supraspinatustyp rechts; eine residuelle Funktionseinschränkung
der linken Hand und eine pulmonal arterielle Hypertonie. Für die angestammte Tätigkeit
als Landwirt bescheinigten die Gutachter dem Versicherten eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit. Die Tätigkeit als Belader bei der Kehrrichtabfuhr sei ihm nicht mehr
zumutbar. Für leidensangepasste Tätigkeiten verfüge der Versicherte über eine 80%ige
Arbeitsfähigkeit (act. G 6.1.96). Der RAD bestätigte die gutachterliche Einschätzung
und ging davon aus, dass der Versicherte spätestens ab 1. Januar 2007 über eine
50%ige Arbeitsfähigkeit für die angestammte Tätigkeit als Landwirt und eine 80%ige
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten verfügt habe; eine Begründung für
die zeitliche Einschätzung fehlt (Stellungnahme vom 14. März 2011, act. G 6.1.97).
A.e Im neuerlichen Vorbescheid vom 23. März 2011 hielt die IV-Stelle an der Absicht
fest, das Rentenbegehren abzuweisen, wobei sie den Invaliditätsgrad mit einer Art
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gemischten Methode ermittelte (act. G 6.1.100). Dagegen erhob der Versicherte am
9. Mai 2011 Einwand (act. G 6.1.101). Am 28. Oktober 2011 forderte die IV-Stelle die
MEDAS-Gutachter auf, zur Kritik des Versicherten am Gutachten Stellung zu nehmen
(act. G 6.1.115). Die MEDAS Zentralschweiz antwortete am 7. November 2011, die vom
Versicherten vorgebrachten Einwände seien unberechtigt (act. G 6.1.117). Am
3. Januar 2012 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des Rentengesuchs, wobei sie den
Invaliditätsgrad anhand eines Einkommensvergleichs ermittelte (act. G 6.1.119). Diese
Verfügung widerrief sie (Widerrufsverfügung vom 27. Januar 2012, act. G 6.1.126) und
gewährte dem Versicherten das rechtliche Gehör ("Zweite Anhörung"; Schreiben vom
27. Januar 2012, act. G 6.1.127). Dieser nahm in den Eingaben vom 28. Februar 2012
(act. G 6.1.134), vom 6. März 2012 (act. G 6.1.136) und vom 8. Mai 2012 (act.
G 6.1.139 mit kardiologischem Bericht des Departements Innere Medizin am KSSG
vom 24. April 2012, act. G 6.1.140) Stellung zur beabsichtigten Rentenabweisung. Der
RAD verneinte eine Verschlechterung des kardialen Gesundheitszustands und
bestätigte die bisherige Einschätzung (Stellungnahme vom 7. Juni 2012, act.
G 6.1.141). Am 26. Juni 2012 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des Rentengesuchs
(act. G 6.1.143). Der Versicherte reichte am 13. Juli 2012 einen Bericht von Dr. med.
C._, Rheumatologie FMH, vom 15. Juli 2010 (act. G 6.1.147) ein, von dem weder die
IV-Stelle noch die MEDAS-Gutachter Kenntnis gehabt hätten (act. G 6.1.146).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 26. Juni 2012 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 29. August 2012. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen deren Aufhebung und: es seien ihm die gesetzlichen Leistungen
zuzusprechen; es sei festzustellen, dass ihm die Aufgabe seines landwirtschaftlichen
Betriebs nicht zumutbar sei; es sei ihm mit Wirkung ab 31. Juli 2007 bis 30. Oktober
2008 eine "volle" IV-Rente zuzusprechen; für die Zeit danach seien "im Sinne der
Begründung" weitere Abklärungen bezüglich des Gesundheitszustands, dessen
Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit, zur Unzumutbarkeit der
Betriebsaufgabe, zum Einkommen aus landwirtschaftlicher Tätigkeit und zum Validen-
sowie Invalideneinkommen "im Allgemeinen etc." vorzunehmen. Eventualiter sei ihm
vom 1. November 2008 bis 28. Februar 2011 und ab 1. März 2011 bis auf Weiteres eine
IV-Rente "im Sinne der Begründung" zuzusprechen. Sofern mit der vorliegenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügung implizit ebenfalls darüber verfügt worden sei, seien ihm die von ihm
finanzierten Hilfsmittel gemäss eingereichten Belegen sowie eine Rohrmelkanlage bzw.
ein selbstamortisierendes Darlehen "im Umfang dieser Investitionen zur Verfügung zu
stellen". Eventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren Abklärung und mit
gerichtlichen Anweisungen "im Sinne der Begründung" an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Vorab rügt der Beschwerdeführer die unübersichtliche und
unvollständige Aktenführung der Beschwerdegegnerin. In der (weitschweifigen)
Begründung weist er darauf hin, dass die Suva für die unfallversicherte Tätigkeit als
Kehrrichtwagenbelader eine 34.34%ige Rente ausrichte, und er macht im wesentlichen
geltend, für die Dauer von 31. Juli 2006 bis 31. Dezember 2007 habe eine 100%ige und
ab 1. Januar bis 31. Juli 2008 eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden, weshalb bis
30. Oktober 2008 ein Anspruch auf eine ganze Rente bestehe (act. G 1, Rz 21 f.). Des
Weiteren sei ihm die Aufgabe des Landwirtschaftsbetriebs nicht zumutbar (act. G 1,
Rz 23 ff.). In diesem Zusammenhang rügt er eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
und des Untersuchungsgrundsatzes (act. G 1, Rz 33), da sich die Beschwerdegegnerin
in der angefochtenen Verfügung nicht genügend mit seiner Argumentation
auseinandergesetzt habe und erforderliche Abklärungen unterblieben seien.
Schliesslich beanstandet er die von der Beschwerdegegnerin herangezogenen
Vergleichseinkommen (act. G 1, Rz 36 ff.) und rügt auch in diesem Kontext eine
Gehörsverletzung (act. G 1, Rz 36 am Schluss).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 13. Dezember
2012 die Abweisung der Beschwerde. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass dem
Beschwerdeführer die Aufgabe des Landwirtschaftsbetriebs zugemutet werden könne
(act. G 6).
B.c In der Replik vom 22. März 2013 hält der Beschwerdeführer unverändert an der
Beschwerde fest (act. G 13).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 18).
B.e Am 31. Mai 2013 reicht der Beschwerdeführer den Bericht der Klinik D._ vom
26. Mai 2013 ein, wo er vom 4. April bis 14. Mai 2013 stationär behandelt wurde (act.
G 20). Vom 8. Juni bis 17. Juli 2013 befand sich der Beschwerdeführer erneut zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stationären Behandlung in der Klinik D._ (Bericht vom 6. August 2013, act. G 24.1;
vgl. auch Schreiben des Beschwerdeführers vom 9. August 2013, act. G 24).

Erwägungen:
1.
1.1 Was den Antrag des Beschwerdeführers anbelangt, es sei festzustellen, dass ihm
die Aufgabe seines landwirtschaftlichen Betriebs nicht zumutbar sei (Ziff. 3 der
Beschwerdeanträge, act. G 1, S. 2), so kann darauf nicht eingetreten werden. Dem
Begehren um Erlass einer Feststellungsverfügung ist zu entsprechen, wenn die
gesuchstellende Person ein schützenswertes Interesse glaubhaft macht (Art. 49 Abs. 2
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.]). Erforderlich ist ein rechtliches oder tatsächliches und aktuelles Interesse an
der sofortigen Feststellung des Bestehens oder Nichtbestehens eines
Rechtsverhältnisses, dem keine erheblichen öffentlichen oder privaten Interessen
entgegenstehen, und das nicht durch eine rechtsgestaltende Verfügung gewahrt
werden kann (BGE 132 V 259 E. 1 mit Hinweisen). Vorliegend stellt die Frage nach der
Zumutbarkeit der Aufgabe des landwirtschaftlichen Betriebs lediglich ein
Begründungselement für die Zusprechung einer Rente oder die Verneinung eines
Rentenanspruchs dar, weshalb mit Blick auf die vorliegend angefochtene
Rentenverfügung kein (selbstständiges) Feststellungsinteresse erkennbar ist.
1.2 Auch auf den Antrag, es seien dem Beschwerdeführer die von ihm finanzierten
Hilfsmittel sowie eine Rohrmelkanlage bzw. ein selbstamortisierendes Darlehen im
Umfang dieser Investitionen "zur Verfügung zu stellen" (Ziff. 8, act. G 1, S. 2), ist nicht
einzutreten, da diese anbegehrte Leistung nicht Gegenstand der einzig den Renten
anspruch betreffenden Verfügung vom 26. Juni 2012 ist.
1.3 Schliesslich bleibt in formeller Hinsicht noch die Gehörsrüge des
Beschwerdeführers (act. G 1, Rz 33) zu beurteilen.
1.3.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Beschwerdegegnerin habe die
detaillierten Vorbringen, weshalb eine Betriebsaufgabe unzumutbar sei, ignoriert und
sich in keiner Art und Weise mit diesen Problemkreisen auseinandergesetzt. Es müsse
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bei der Zumutbarkeitsprüfung eine Gesamtschau und eine detaillierte Einzelfallprüfung
vorgenommen werden. Diese sei bislang vollständig unterblieben. Die
Beschwerdegegnerin verweise lediglich auf die Rechtsprechung. Die gemäss
Untersuchungsgrundsatz geforderten Abklärungen seien unterblieben (act. G 1 Rz 33;
vgl. auch act. G 1, Rz 22 am Schluss; act. G 13, S. 3). Auch hinsichtlich der
Bestimmung der Vergleichseinkommen rügt der Beschwerdeführer eine
Gehörsverletzung (act. G 1, Rz 36 am Schluss).
1.3.2 Verfügungen sind zu begründen, wenn sie den Begehren der Parteien nicht voll
entsprechen (Art. 49 Abs. 3 ATSG). Die grundsätzliche Pflicht einer Behörde, ihren
Entscheid zu begründen, folgt aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör. Dabei darf
sich die Verwaltung nicht damit begnügen, die von der betroffenen Person
vorgebrachten Einwendungen zur Kenntnis zu nehmen und zu prüfen. Die Verwaltung
hat vielmehr ihre Überlegungen auch namhaft zu machen und sich dabei ausdrücklich
mit den Einwendungen auseinander zu setzen oder zumindest die Gründe anzugeben,
weshalb sie gewisse Gesichtspunkte nicht berücksichtigen kann (BGE 124 V 183
E. 2b). Mit Erlass von Art. 57a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20), worin in der Invalidenversicherung das Vorbescheidverfahren wieder
eingeführt wurde, sind an die Begründungsdichte von Verfügungen, die nach
Durchführung eines Vorbescheidverfahrens gemäss Art. 57a IVG ergehen, erhöhte
Anforderungen zu stellen (vgl. hierzu eingehend Urteil des Sozialversicherungsgerichts
des Kantons Zürich vom 30. Mai 2007, IV.2007.00436, E. 1.8 ff.). Eine – nicht
besonders schwerwiegende – Verletzung des rechtlichen Gehörs kann dann als geheilt
gelten, wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer
Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechtslage frei
überprüfen kann. Diese Voraussetzung ist im Fall des Versicherungsgerichts erfüllt (vgl.
Art. 61 lit. c ATSG i.V.m. Art. 46 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP;
sGS 951.1]).
1.3.3 Der Beschwerdeführer äusserte sich im Einwand vom 9. Mai 2011 ausführlich zur
Zumutbarkeitsfrage (act. G 6.1.101-9 ff.). In der im Rahmen der 2. Anhörung
ergangenen Stellungnahme vom 28. Februar 2012 wies der Beschwerdeführer bereits
auf eine Gehörsverletzung hin (act. G 6.1.134-2) und äusserte sich nochmals
eingehend zur Zumutbarkeitsfrage (act. G 6.1.134-4 ff.; vgl. auch die Eingabe vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. März 2012, act. G 6.1.135). In der angefochtenen, in Zusammenarbeit mit dem
Rechtsdienst (act. G 6.1.144) redigierten Verfügung führte die Beschwerdegegnerin
diesbezüglich einzig aus, "es sei Ihnen zumutbar den Hof aufzugeben und eine
leidensadaptierte Tätigkeit auszuführen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 18. Mai
2006, I 640/05, E. 3.1)" (act. G 6.1.143-2). Zwar hat die Beschwerdegegnerin mit ihrem
Hinweis auf die Rechtsprechung und die darin enthaltenen allgemeinen Ausführungen
immerhin auf die anwendbaren rechtlichen Grundsätze hingewiesen. Hingegen fehlt es
an einer eigentlichen Würdigung und Subsumption. Eine Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör ist vor diesem Hintergrund zu bejahen. Angesichts dessen, dass der
Beschwerdeführer keine Rückweisung zur Gewährung des rechtlichen Gehörs
beantragt und der materiellen Beurteilung den Vorzug gibt, ist die Gehörsverletzung
ausnahmsweise zu heilen, zumal die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort
vom 13. Dezember 2012 eine Begründung für den abweisenden Rentenentscheid
nachgeliefert hat (act. G 6) und es dem Beschwerdeführer möglich war, ausführlich zu
begründen, weshalb er die angefochtene Verfügung materiell für unzutreffend hält (act.
G 1).
2.
ln materieller Hinsicht ist der Rentenanspruch des Beschwerdeführers umstritten.
2.1 Am 1. Januar 2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen
des IVG, der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des
ATSG in Kraft getreten. In materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine
übergangsrechtliche Grundsatz, dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu
legen sind, die bei Erlass des angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt
gegolten haben, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt
verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V 467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die
angefochtene Verfügung ist am 26. Juni 2012 ergangen, wobei ein Sachverhalt zu
beurteilen ist, der vor dem Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 5. IV-
Revision am 1. Januar 2008 begonnen hat (Unfall vom 31. Juli 2006, act. G 6.2) und
angemeldet wurde (IV-Anmeldung vom 25. April 2007, act. G 6.1.1). Daher und
aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung betrifft, über die noch nicht
rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den allgemeinen intertemporalrechtlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007 auf die damals geltenden Bestimmungen
und ab diesem Zeitpunkt auf die neuen Normen der 5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur
4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des Bundesgerichts vom 7. Juni 2006,
I 428/04, E. 1). Diese übergangsrechtliche Lage zeitigt indessen keine
materiellrechtlichen Folgen, da die 5. IV-Revision hinsichtlich des Begriffs und der
Bemessung der Invalidität keine substantiellen Änderungen gegenüber der bis Ende
2007 gültig gewesenen Rechtslage gebracht hat. Nachfolgend werden - soweit nicht
anders vermerkt - die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG
wiedergegeben.
2.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50%
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen).
2.4 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird nach Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu
erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst
genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt. Insoweit die fraglichen
Erwerbseinkommen ziffernmässig nicht genau ermittelt werden können, sind sie nach
Massgabe der im Einzelfall bekannten Umstände zu schätzen und die so gewonnenen
Annäherungswerte miteinander zu vergleichen. Lassen sich die beiden hypothetischen
Erwerbseinkommen nicht zuverlässig ermitteln oder schätzen, so ist in Anlehnung an
die spezifische Methode für Nichterwerbstätige (Art. 27 IVV) ein Betätigungsvergleich
anzustellen und der Invaliditätsgrad nach Massgabe der erwerblichen Auswirkungen
der verminderten Leistungsfähigkeit in der konkreten erwerblichen Situation zu
bestimmen. Der grundsätzliche Unterschied des ausserordentlichen
Bemessungsverfahrens zur spezifischen Methode besteht darin, dass die Invalidität
nicht unmittelbar nach Massgabe des Betätigungsvergleichs als solchem bemessen
wird. Vielmehr ist zunächst anhand des Betätigungsvergleichs die leidensbedingte
Behinderung festzustellen; sodann ist diese im Hinblick auf ihre erwerbliche
Auswirkung zu gewichten. Eine bestimmte Einschränkung im funktionellen
Leistungsvermögen eines Erwerbstätigen kann zwar, braucht aber nicht
notwendigerweise eine Erwerbseinbusse gleichen Umfanges zur Folge zu haben (vgl.
Art. 4 Abs. 1 IVG; BGE 104 V 135 und 128 V 29).
3.
Im Mittelpunkt der vorliegenden Streitsache steht die Frage, ob dem Beschwerdeführer
die Aufgabe seiner selbstständigen (Teil-)Erwerbstätigkeit als Landwirt hinsichtlich der
Invaliditätsgradbestimmung zugemutet werden kann. Unbestritten und ausgewiesen
ist, dass der Beschwerdeführer im Gesundheitsfall zu 50% auf seinem Betrieb tätig ge
wesen wäre und zu 50% eine Nebenerwerbstätigkeit ausgeübt hätte (act. G 6.1.38-3;
act. G 1, Rz 39, und G 6.1.141-1).
3.1 Bevor eine versicherte Person Leistungen verlangt, hat sie aufgrund der
Schadenminderungspflicht alles ihr Zumutbare selber vorzukehren, um die Folgen der
Invalidität bestmöglich zu mindern. Ein Rentenanspruch ist zu verneinen, wenn sie
selbst ohne Eingliederungsmassnahmen, nötigenfalls mit einem Berufswechsel,
zumutbarerweise in der Lage ist, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu
erzielen. Für die Auslegung des unbestimmten Rechtsbegriffs der zumutbaren Tätigkeit
im Allgemeinen, wie bei der Aufgabe der selbstständigen Erwerbstätigkeit im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Besonderen, sind die gesamten subjektiven und objektiven Gegebenheiten des
Einzelfalles zu berücksichtigen. Im Vordergrund stehen bei den subjektiven Umständen
die verbliebene Leistungsfähigkeit sowie die weiteren persönlichen Verhältnisse, wie
Alter, berufliche Stellung, Verwurzelung am Wohnort usw. Bei den objektiven
Umständen sind insbesondere der ausgeglichene Arbeitsmarkt und die noch zu
erwartende Aktivitätsdauer massgeblich. Eine Betriebsaufgabe ist nur unter strengen
Voraussetzungen unzumutbar, und es kann ein Betrieb selbst dann nicht auf Kosten
der Invalidenversicherung aufrecht erhalten werden, wenn die versicherte Person darin
Arbeit von einer gewissen erwerblichen Bedeutung leistet (Urteil des Bundesgerichts
vom 11. Dezember 2013, 9C_624/2013, E. 3.1.1 mit Hinweisen).
3.2 Der Beschwerdeführer arbeitet seit der Beendigung der obligatorischen Schulzeit
und ohne die Absolvierung einer Berufslehre auf dem Landwirtschaftsbetrieb seines
Vaters, den er von diesem in der Mitte der 80er-Jahre abgekauft hatte. Der Betrieb liegt
auf 1250 m Höhe in der Bergzone III (act. G 6.1.38-1). Gerade in dieser Region sind die
Produktionsbedingungen "am härtesten". In den Bergzonen III und IV gehören mehr als
die Hälfte der Betriebe zu den sogenannten Nebenerwerbsbetrieben, d.h. Betrieben,
die den grösseren Teil ihres Einkommens ausserhalb der Landwirtschaft erwirtschaften.
Die Diversifikation finde "zwangsläufig im Zu- oder Nebenerwerb statt" (siehe Bericht
"Landwirtschaft am Berg" des Landwirtschaftlichen Informationsdiensts, Dossier
Nr. 451, vom 23. April 2012, Download unter: < http://www.lid.ch/de/medien/dossier/
artikel/ infoarticle/23842/>, abgerufen am 14. März 2014). Die meisten
Bergbauerfamilien sind - wie der Beschwerdeführer - damit zwangsläufig auf ein
zusätzliches Einkommen angewiesen und eine Nebenerwerbstätigkeit kann als
charakteristisches Merkmal der Bergbauertätigkeit - zumindest in den Bergzonen III
und IV - angenommen werden. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin
(act. G 6, Rz 4) spielt daher die langjährig ausgeübte Nebenerwerbstätigkeit keine
entscheidende Rolle bei der Frage der Zumutbarkeit der Aufgabe eines
Bergbauerbetriebs, wurde diese doch gerade im vorliegenden Fall deshalb ausgeübt,
um den Bergbauernhof überhaupt betreiben zu können (act. G 6.1.38-3 f.; zur kaum
realisierbaren Betriebsvergrösserungsmöglichkeit siehe act. G 6.1.38-2).
3.3 Entscheidend ist, dass der Beschwerdeführer als Bergbauer in der Bergzone III mit
harten Produktionsbedingungen konfrontiert ist (vgl. vorstehende E. 3.2; das Land ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
steil, act. G 6.1.38-2). Der Beschwerdeführer war daher mehr als ein Tallandwirt
gefordert, zur Bestellung des Betriebs physische und psychische Ressourcen
einzusetzen und dabei nur vergleichsweise bescheidene Erträge zu erzielen. Diesen
speziellen Herausforderungen stellte er sich bereits seit Jahrzehnten und unmittelbar
nach der obligatorischen Schulzeit. Vor diesem Hintergrund ist nicht bloss von einem
Beruf als Bergbauer, sondern - mit den Worten des Beschwerdeführers - von einer
eigentlichen "Berufung" (act. G 6.1.76-2) auszugehen. Es ist daher verständlich, dass
der Beschwerdeführer psychisch sehr verwachsen ist mit seinem vom Vater
übernommenen Landwirtschaftsbetrieb. Die tiefgreifende psychische Verwurzelung
wird durch die nachgereichten Berichte der Psychiatrie-Dienste Süd vom 26. Mai 2013
und vom 6. August 2013 bestätigt (act. G 20.1 und G 24.1; "mit Leib und Seele
Landwirt"; "undenkbar, dass der Patient seinen ererbten Hof, den er als Grundlage
seiner Existenz begreift, aufgeben kann"). Die Zumutbarkeit einer Betriebsaufgabe
sowie der damit einhergehenden psychischen Entwurzelung ist vor diesem Hintergrund
zu verneinen.
3.4 Hinzu kommt, dass dem Beschwerdeführer für die angestammte Bergbauertätigkeit
eine 50%ige und für eine leidensangepasste Tätigkeit keine vollständige, sondern bloss
eine Teilarbeitsfähigkeit von 80% bescheinigt wird (act. G 6.1.96-34 f.). Die
gesundheitlichen Beschwerden wirken sich damit nicht bloss in der angestammten
landwirtschaftlichen Tätigkeit, sondern auch in einer leidensangepassten Arbeit aus.
Der Beschwerdeführer könnte damit selbst bei Betriebsaufgabe keine vollständige
Arbeitsfähigkeit mehr verwerten, sondern lediglich die Teilarbeitsfähigkeit um zusätzlich
30% Arbeitsfähigkeit steigern.
3.5 Des Weiteren fallen das bereits fortgeschrittene Alter des Beschwerdeführers
(geboren 1956; act. G 6.1.1) und der Gesichtspunkt der erschwerten Vermittelbarkeit
ins Gewicht. Der Beschwerdeführer verfügt über keine ordentliche Berufsausbildung
und aus seiner Nebenerwerbstätigkeit als Belader von Kehrrichtlastwagen (act.
G 6.1.66) ergeben sich keine Anhaltspunkte dafür, die sich günstig auf seine
Vermittelbarkeit für eine lukrativere Arbeit auswirken würden. Auch bei der langjährig
ausgeübten Tätigkeit als Landwirt (Milch abliefern, Stall reinigen, Kühe füttern,
Milchgeschirr reinigen, auf die Alp heuen gehen und Schneeräumung um den Hof, act.
G 6.1.76-2) sind keine Kenntnisse erworben worden, die in einer leidensangepassten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeit die Vermittelbarkeit erleichtern würden. Diese Sichtweise wird dadurch
bestätigt, dass der Unfallversicherer bei der Bestimmung des Invalideneinkommens
einen relativ hohen Tabellenlohnabzug von 20% gewährte, mithin mit erheblichen
lohnwirksamen Lohnnachteilen bei einer leidensangepassten Tätigkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt rechnete (siehe Verfügung vom 15. Juli 2011, act. G 6.2).
Damit gehen die Ausführungen der Abklärungsperson des Landwirtschaftlichen
Zentrums SG einher, wonach das Finden einer Anstellung für eine leidensangepasste
Tätigkeit in Anbetracht des Alters des Beschwerdeführers, dessen Bildung und der
angeschlagenen Gesundheit "nicht einfach" sei (act. G 6.1.38-4). Dem
Beschwerdeführer steht des Weiteren im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung keine
lange Aktivitätsdauer mehr zur Verfügung, was sich aus der Sicht eines potenziellen
Arbeitgebers auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt als ungünstig erweist, zumal nach dem
Gesagten mit einer längeren umstellungsbedingten Einführungsphase zu rechnen ist.
3.6 Schliesslich wäre eine Betriebsaufgabe gemäss den - von der Beschwerdegegnerin
unbestritten gebliebenen (act. G 6, Rz 4) - Ausführungen des Beschwerdeführers mit
schwerwiegenden finanziellen Folgen (act. G 1, Rz 25.1 ff.) sowie höheren
Lebenshaltungs- und Wohnkosten verbunden (act. G 1, Rz 26 und 28), was bei der
Beurteilung der Zumutbarkeit nicht ausser Acht gelassen werden darf. Daran vermag
der Rechtsprechungshinweis der Beschwerdegegnerin (Urteil des Bundesgerichts vom
2. April 2012, 9C_834/2011, E. 4) nichts zu ändern, war doch in dem dort beurteilten -
im Gegensatz zum vorliegenden - Fall nicht substantiiert dargelegt worden, inwiefern
sich die Aufgabe und die Liquidation des Betriebs nachteilig auswirkten.
3.7 Da dem Beschwerdeführer eine Betriebsaufgabe nicht zugemutet werden kann, ist
für die im Rahmen eines 50%igen Pensums ausgeübte Bergbauerntätigkeit gestützt
auf den schlüssigen und unbestrittenen Betätigungsvergleich im Abklärungsbericht
vom 21. Februar 2008 (55%ige Invalidität, act. G 6.1.38-6) von einem unter
Berücksichtigung des Pensums gewichteten (aufgerundeten) 28%igen
Teilinvaliditätsgrad (55% x 0.5) auszugehen (zur zuvor vom 31. Juli 2006 bis 20. August
2007 bestehenden vollständigen Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten, die einen
Invaliditätsgrad von 100% begründet, siehe act. G 6.1.96-35 und nachstehende E. 4.1).
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zu prüfen ist ferner die Erwerbseinbusse, die der Beschwerdeführer in der im Rahmen
eines 50%igen Beschäftigungsgrads ausgeübten Nebenerwerbstätigkeit erleidet.
4.1 Im MEDAS-Gutachten vom 2. Februar 2011 bescheinigten die Experten dem
Beschwerdeführer ab dem Unfallereignis vom 31. Juli 2006 bis zur kreisärztlichen
Abschlussuntersuchung vom 20. August 2007 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit für
sämtliche Tätigkeiten. Für die Zeit danach hielten sie den Beschwerdeführer für
leidensangepasste Tätigkeiten zu 80% arbeitsfähig (act. G 6.1.96-35).
4.2 Bei der Würdigung der medizinischen Situation fällt ins Gewicht, dass das MEDAS-
Gutachten vom 2. Februar 2011 (act. G 6.1.96) auf umfassender Aktenkenntnis sowie
interdisziplinären eigenen Untersuchungen beruht, das gesamte Leidensbild des
Beschwerdeführers berücksichtigt und die auf dieser Grundlage gezogenen Schlüsse
nachvollziehbar sind. Im Ergänzungsschreiben vom 7. November 2011 setzten sich die
Gutachter mit den Vorbringen des Beschwerdeführers auseinander und begründeten
schlüssig ihre davon abweichende Einschätzung (act. G 6.1.117).
4.3 Der Beschwerdeführer bringt im Beschwerdeverfahren keine Mängel vor, die
Zweifel an der gutachterlichen Beurteilung zu begründen vermögen. Sein Vorbringen,
die Gutachter hätten nicht über den Bericht von Dr. C._ vom 15. Juli 2010 (act.
G 6.1.147) verfügt (act. G 6.1.146), beruht auf einer ungenauen Lektüre des
Gutachtens, worin der betroffene Arztbericht nicht bloss aufgeführt, sondern dessen
wesentlicher Inhalt sogar wiedergegeben wird (act. G 6.1.96-16).
4.4 Im Licht dieser Umstände besteht kein Anlass, von der von den Gutachtern für eine
leidensangepasste Tätigkeit vorgenommenen Beurteilung abzuweichen. Zwar hat der
RAD in der Stellungnahme vom 14. März 2011 den Zeitraum, während dessen eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit bestanden hat, vom Gutachten abweichend definiert
("Spätestens ab 1. Januar 2007 (also noch innerhalb Jahresfrist) kann von" einer
80%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten ausgegangen werden, act.
G 6.1.97-2). Allerdings begründet er die abweichende Einschätzung nicht. Es ergeben
sich aus den Akten keine Gesichtspunkte, welche die gutachterliche Festsetzung in
Frage stellen, weshalb auch in diesem Punkt auf das Gutachten abzustellen ist. Aus
den rund ein Jahr nach der angefochtenen Verfügung erstellten psychiatrischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Berichten der Klinik D._ vom 26. Mai 2013 (act. G 20.1) und vom 6. August 2013 (act.
G 24.1) ergeben sich keine Anhaltspunkte für eine vor Verfügungserlass eingetretene
Verschlechterung. Damit geht einher, dass sich in der Beschwerde vom 29. August
2012 (act. G 1) keine Hinweise für ein relevantes psychisches Leiden finden (gleiches
gilt für die Replikeingabe vom 22. März 2013, act. G 13), weshalb sich Weiterungen
erübrigen. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers ist nicht davon
auszugehen, eine Verwertung seiner Restarbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten
Tätigkeit sei nicht realistisch (act. G 1, Rz 30), zumal er im Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung immerhin noch eine Aktivitätsdauer von knapp 9 Jahren vor sich hatte und
die qualitativen Anforderungen an eine Stelle (act. G 6.1.96-35) nicht bloss noch einen
Nischenarbeitsplatz zulassen. Sofern der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang
auf seine auf dem konkreten Arbeitsmarkt gemachten Erfahrungen hinweist (act. G 1,
Rz 30), übersieht er, dass sich die Antwort auf die Frage nach der Verwertbarkeit der
Restleistungsfähigkeit gemessen am allgemeinen ausgeglichenen Arbeitsmarkt (vgl.
hierzu BGE 134 V 70 f. E. 4.2.1) bestimmt. Es ist deshalb dem Beschwerdeführer
weiterhin zuzumuten, dass er seine für den Nebenerwerbsbereich bestehende
Restarbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit verwertet.
5.
Zu bestimmen bleibt damit der Gesamtinvaliditätsgrad und hierfür namentlich die für
den Nebenerwerbsbereich zu bestimmenden Vergleichseinkommen.
5.1 Mit Blick darauf, dass der Beschwerdeführer in der Nebenerwerbstätigkeit als Be
lader bei der Kehrrichtabfuhr schwankende Einkommen erzielte (etwa Jahr 2000:
Fr. 35'479.--, Jahr 2005: Fr. 24'325.--, act. G 6.1.7) und damit für die Bestimmung des
Valideneinkommens keine repräsentative Grundlage besteht, rechtfertigt sich die
Vornahme eines Prozentvergleichs zur Bestimmung des Invaliditätsgrads im
Nebenerwerbsbereich (vgl. Urteil des Versicherungsgerichts vom 1. Juli 2011, IV
2009/339, E. 4.1). Zu klären ist damit lediglich noch die Frage der Höhe des
Tabellenlohnabzugs bei der Bestimmung des Invalideneinkommens.
5.2 Mit dem Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich
beeinträchtigte Personen, die selbst bei leichten Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Vergleich zu voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren arbeitnehmenden
Personen lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit unterdurchschnittlichen
Lohnansätzen rechnen müssen. Sodann wird dem Umstand Rechnung getragen, dass
weitere persönliche und berufliche Merkmale einer versicherten Person, wie Alter,
Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie
Beschäftigungsgrad, Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können (BGE 129 V 481
E. 4.2.3, vgl. auch BGE 134 V 327 E. 5.2).
5.3 Aufgrund dessen, dass der Beschwerdeführer selbst bei körperlich leichten
Tätigkeiten eingeschränkt ist und dabei weitere qualitative Anforderungen zu beachten
sind (act. G 6.1.96-34 f.) sowie mit Blick auf das fortgeschrittene Alter, die lange
Betriebszugehörigkeit (Urteil des Bundesgerichts vom 29. November 2012,
9C_655/2012, E. 3) und die zu erwartenden Schwierigkeiten beim Wechsel in ein
anderes Tätigkeitsgebiet (Urteil des Bundesgerichts vom 4. August 2008,
8C_404/2007, E. 4.2.2) rechtfertigt es sich, mit dem Unfallversicherer den Abzug auf
20% festzusetzen (Verfügung vom 15. Juli 2011, S. 2, act. G 6.2). Bei einer
Arbeitsunfähigkeit von 20% und einem 20%igen Abzug ergibt sich für den
Nebenerwerbsbereich ein Invaliditätsgrad von 36% (20% + [80% x 0.20]) bzw. von
18% bei Gewichtung an das Pensum von 50%.
5.4 Unter Berücksichtigung der an das Pensum (je 50%) gewichteten
Teilinvaliditätsgrade (28% für den Bergbauerbereich; 18% für den
Nebenerwerbsbereich) resultieren ein Gesamtinvaliditätsgrad von 46% und damit ein
Anspruch auf eine Viertelsrente. Angesichts dessen, dass nach dem Ablauf des
Wartejahres von Art. 29 Abs. 1 lit. b aIVG (in der vorliegend anwendbaren, bis
31. Dezember 2007 in Kraft gestandenen Fassung) am 30. Juli 2007 (Datum
Unfallereignis: 31. Juli 2006; Schadenmeldung vom 7. August 2006, act. G 6.2) noch
bis zur kreisärztlichen Abschlussuntersuchung vom 20. August 2007 eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit für beide Tätigkeitsbereiche, mithin eine 100%ige Invalidität bestand
(siehe vorstehende E. 4.1), hat der Beschwerdeführer in Nachachtung von Art. 88a
Abs. 1 IVV für die Dauer vom 1. Juli 2007 bis 30. November 2007 zunächst einen
Anspruch auf eine ganze Rente. Für die Zeit danach hat er Anspruch auf eine
Viertelsrente.
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten ist, ist die
angefochtene Verfügung vom 26. Juni 2012 aufzuheben und dem Beschwerdeführer
für die Dauer vom 1. Juli bis 30. November 2007 eine ganze sowie ab 1. Dezember
2007 eine Viertelsrente zuzusprechen. Zur Festsetzung und Ausrichtung der Leistungen
ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Mit Blick auf den erhöhten Aufwand
erscheint eine Gerichtsgebühr von Fr. 800.-- als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen (vgl. betreffend Überklagung Urteil des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 19. Dezember 2011, IV 2009/459, E. 5.2 f.). Der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
6.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei ins
besondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen ist
(Art. 61 lit. g ATSG). Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat auf die
Einreichung einer Honorarnote verzichtet. Der Bedeutung und Komplexität der
Streitsache sowie des Mehraufwands aufgrund unsystematischer Aktenführung durch
die Beschwerdegegnerin (vgl. zur entsprechenden Rüge act. G 1, S. 3) angemessen
erscheint eine Parteientschädigung von pauschal Fr. 4'800.-- (inklusive Barauslagen
und Mehrwertsteuer). Die von der Rechtsvertreterin geltend gemachten Mehraufwände
im Verwaltungsverfahren (act. G 13) können nicht im Rahmen des
Beschwerdeverfahrens, wo einzig die dort anfallenden Aufwände berücksichtigt
werden, entschädigt werden.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht