Decision ID: a33d6f15-561b-5a28-90dd-049a594d848a
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Entscheid Verwaltungsgericht, 23.01.2015 Ausländerrecht. Art. 62 lit. c AuG (SR 142.20), Art. 8 EMRK (SR 0.101). Die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung eines seit 1988 in der Schweiz lebenden Bosniers erweist sich angesichts seiner Verschuldung und der wiederholten Straffälligkeit als rechts- und verhältnismässig (Verwaltungsgericht, B 2013/255).Entscheid vom 23. Januar 2015 BesetzungPräsident Eugster; Verwaltungsrichter Linder, Heer, Rufener, Bietenharder; Gerichtsschreiber SchmidVerfahrensbeteiligteX.Y., Beschwerdeführer,gegenSicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen, Oberer Graben 32, 9001 St. Gallen,Vorinstanz,GegenstandNichtverlängerung der AufenthaltsbewilligungDas Verwaltungsgericht stellt fest:A.
a. X.Y., geb. 1964, von Bosnien und Herzegowina, reiste 1988 im Rahmen des
Familiennachzugs zu seiner damaligen Ehefrau A.Y. in die Schweiz ein und erhielt eine
Aufenthaltsbewilligung (act. G 9/4/38). Am 26. April 1989 kam die gemeinsame Tochter
B.Y. zur Welt. Sie erhielt später das schweizerische Staatsbürgerrecht. Im November
1994 wurde die Ehe von A.Y. und X.Y. geschieden. Das Migrationsamt des Kantons
St. Gallen verlängerte in den Folgejahren die Aufenthaltsbewilligung von X.Y. teilweise
unter Bedingungen (act. G 9/4/88, 95, 147, 184, 223, 253). Im Juli 1998 verweigerte es
die Erteilung der Niederlassungsbewilligung (act. G 9/4/108) und verwarnte X.Y. mit
Verfügungen vom 10. Dezember 2001 (act. G 9/4/163-165) und 22. Juli 2009 (act. G
9/4/336).
b. Nachdem das Migrationsamt im Oktober 2011 die Aufenthaltsbewilligung erneut
unter Bedingungen (Loslösung von der Sozialhilfe, Schuldensanierung im Rahmen des
Möglichen, Aufnahme einer Erwerbstätigkeit; act. G 9/4/417 f.) verlängert hatte,
verweigerte es mit Verfügung vom 7. September 2012 eine weitere Verlängerung. X.Y.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe zu schweren Klagen Anlass gegeben, sei mehrfach verurteilt worden, komme
seinen finanziellen Verpflichtungen nicht ordnungsgemäss nach, gehe keiner
geregelten Erwerbstätigkeit nach und müsse immer wieder durch das Sozialamt
unterstützt werden. Das öffentliche Interesse an der Fernhaltung überwiege sein
privates Interesse, in der Schweiz bleiben zu dürfen (act. G 9/4/507-513). Den gegen
diese Verfügung erhobenen Rekurs (act. G 9/4/523-525) wies das Sicherheits- und
Justizdepartement des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 22. November 2013 ab
(act. G 2).
B.
a. Gegen diesen Entscheid erhob X.Y. mit Eingabe vom 9. Dezember 2013
Beschwerde (act. G 1). Diese ergänzte er mit Schreiben vom 6. Januar 2014 (act. G 5).
b. In der Vernehmlassung vom 14. Januar 2014 beantragte die Vorinstanz Abweisung
der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen des angefochtenen
Entscheides (act. G 8).
c. Auf die Darlegungen des Beschwerdeführers in den Eingaben des vorliegenden
Verfahrens wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...)
2.
2.1. Der Beschwerdeführer verfügte über eine bis 1. Juli 2012 gültig gewesene
Aufenthaltsbewilligung (act. G 9/4/419), für welche er am 26. Juni 2012 die
Verlängerung beantragt hatte. Streitig ist, ob die Vorinstanz die vom Migrationsamt
verfügte Nichtgewährung dieser Verlängerung zu Recht bestätigte. Der
Beschwerdeführer macht sinngemäss geltend, der ablehnende Entscheid basiere auf
"Gründen der Rasse" und auf Lügen. Er sei weder ein Sozialfall noch ein Mörder oder
Dieb (act. G 1). In den letzten 18 Monaten (vor Abfassung der Eingabe vom 6. Januar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2014) habe er in drei Firmen gearbeitet. Jetzt sei er leider arbeitslos. Ohne
Ausländerausweis könne er nicht arbeiten. Dies sei ein "Dolchstoss in den Rücken".
Man wolle ihn einfach nur wegweisen aus der Schweiz. Er hoffe auf einen positiven
Bescheid, denn er wolle weiterhin zur Arbeit gehen (act. G 5).
2.2. Nach Art. 33 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und
Ausländer (SR 142.20; AuG) kann eine Aufenthaltsbewilligung verlängert werden, wenn
keine Widerrufsgründe nach Art. 62 AuG bestehen. Widerrufsgründe bilden unter
anderem erhebliche und wiederholte Verstösse gegen die öffentliche Sicherheit und
Ordnung (Art. 62 lit. c AuG) und die Nichteinhaltung der mit der ausländerrechtlichen
Verfügung verbundenen Bedingungen (Art. 62 lit. d AuG). Gegen die öffentliche
Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 62 lit. c AuG wird gemäss Art. 80 Abs. 1 der
Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (SR 142.201; VZAE) unter
anderem dann verstossen, wenn gesetzliche Vorschriften und behördliche Verfügungen
missachtet (lit. a) oder öffentlich- oder privatrechtliche Verpflichtungen mutwillig nicht
erfüllt werden (lit. b). Von einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im
Sinne von Art. 62 lit. c AuG ist auszugehen, wenn konkrete Anhaltspunkte dafür
bestehen, dass der Aufenthalt des Ausländers in der Schweiz mit erheblicher
Wahrscheinlichkeit zu einem Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung
führt (Art. 80 Abs. 2 VZAE). Mutwilligkeit im erwähnten Sinn setzt ein absichtliches,
böswilliges oder zumindest leichtfertiges Handeln voraus (Hunziker, in: Caroni/Gächter/
Thurnherr [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und
Ausländer, Bern 2010, N 37 zu Art. 62 AuG). Von Mutwilligkeit ist nicht leichthin
auszugehen, zumal ein Widerruf der Aufenthaltsbewilligung kein taugliches
schuldbetreibungsrechtliches Instrument zur Eintreibung bestehender Schulden ist.
Eine Wegweisung aus der Schweiz führt einerseits regelmässig dazu, dass die
Gläubiger faktisch keine reellen Aussichten auf Befriedigung ihrer Forderungen mehr
haben. Andererseits bringt ein weiterer Aufenthalt aber auch die Gefahr mit sich, dass
weitere uneinbringliche Schulden geäufnet werden (BGer 2C_273/2010 vom 6. Oktober
2010, E. 3.3; BGer 2C_329/2009 vom 14. September 2009, E. 4.2.5). Ist der Ausländer
hinsichtlich seiner Schulden bereits verwarnt worden, ist ein Widerruf nur angebracht,
wenn keine wesentliche Verbesserung eingetreten ist und das vom Gesetz als
unerwünscht bezeichnete Verhalten fortgesetzt wurde. Die betreffende Person muss
also trotz Androhung ausländerrechtlicher Nachteile weiterhin mutwillig Schulden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gemacht haben. Allein aus einem Anstieg der Betreibungen kann hingegen nicht ohne
weiteres auf Mutwilligkeit geschlossen werden. Es kommt vielmehr darauf an, welche
Anstrengungen zur Sanierung zwischenzeitlich unternommen worden sind (vgl.
BGer 2C_273/2010 vom 6. Oktober 2010, E. 3.4).
3.
3.1. Das Migrationsamt verlängerte die Aufenthaltsbewilligung des
Beschwerdeführers im Jahr 1997 mit Hinweis auf bestehende Verlustscheine und
Betreibungsbegehren unter der Bedingung, Schulden zu sanieren und keine neuen
Ausstände mehr zu verursachen (act. G 9/4/95). Unter gleichlautenden Bedingungen
wurden, jeweils mit Hinweis auf zwischenzeitliche Verschlechterung der Betreibungs-
und Verschuldungssituation, auch die Aufenthaltsbewilligungen in den Jahren 2000
sowie 2002 bis 2005 verlängert (act. G 9/4/147, 184, 204, 223 und 253). Bereits im Juli
1998 war dem Beschwerdeführer - wiederum mit der Begründung des Bestehens von
Betreibungen und Verlustscheinen - von Seiten des Migrationsamtes die
Niederlassungsbewilligung verweigert worden (act. G 9/4/108). Aus denselben Gründen
war er auch mit Verfügungen vom 10. Dezember 2001 und 22. Juli 2009 (act. G
9/4/163-165 und 336) verwarnt und für den Fall des Nichteinhaltens der Bedingungen
(Schuldensanierung, keine Neuverschuldung, geregelte Erwerbstätigkeit) eine künftige
Nichtverlängerung der Bewilligung in Aussicht gestellt worden. Mit Bussenverfügung
vom 23. März 2007 war der Beschwerdeführer wegen Drohung gegen einen Suva-
Sachbearbeiter (telefonische Ankündigung des Beschwerdeführers, mit dem Messer
"vorbeizukommen") zu einer Geldstrafe verurteilt worden (act. G 9/4/304 f.). Nachdem
er im November 2007 von einem Auto angefahren und verletzt worden war, löste die
damalige Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis per Ende November 2008 auf. Von Seiten
der Suva und der IV wurde danach soweit ersichtlich eine volle Arbeitsfähigkeit in einer
leichteren Tätigkeit bescheinigt, und der Beschwerdeführer suchte auch eine
entsprechende Tätigkeit (vgl. Darlegungen in act. G 9/4/416). Gemäss
Betreibungsregisterauszug vom 13. Juli 2009 lagen gegen ihn Verlustscheine im
Gesamtbetrag von Fr. 84'187.45 vor (act. G 9/4/322); im Oktober 2011 betrug die
Verlustschein-Summe Fr. 86'891.25, wobei weitere Betreibungsverfahren liefen (act. G
9/4/418). Vor diesem Hintergrund verlängerte das Migrationsamt im Oktober 2011 die
Aufenthaltsbewilligung erneut nur unter Vorbehalt, wobei es den Beschwerdeführer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anhielt, einer geregelten Erwerbstätigkeit nachzugehen und unter Umständen auch eine
Arbeit anzunehmen, die unter seiner Qualifikation sei. Zudem habe er sich von der
Sozialhilfe zu lösen und im Rahmen des Möglichen eine Schuldensanierung in Angriff
zu nehmen. Bei Nichterfüllung dieser Bedingungen könne er nicht mehr mit einer
Bewilligungsverlängerung rechnen (act. G 9/4/417 f.).
3.2. Aufgrund der vorstehend geschilderten Aktenlage ist davon auszugehen, dass
sich die Verschuldungssituation des Beschwerdeführers im Verlauf der Jahre bis 2011
trotz entsprechender Bedingungen und Verwarnungen in den
Aufenthaltsbewilligungsverlängerungen nicht verbesserte und immer neue
Betreibungen erfolgten. Im Zeitpunkt des Erlasses des angefochtenen Entscheides
waren die finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers bzw. deren Sanierung
insgesamt nicht geregelt. Nachdem wie dargelegt in den Verwarnungsverfügungen
vom 10. Dezember 2001 und 22. Juli 2009 als Bedingung für eine künftige
Bewilligungsverlängerung unter anderem die Ausübung einer geregelten
Erwerbstätigkeit vorausgesetzt (act. G 9/4/163-165 und 336) und der
Beschwerdeführer im Oktober 2011 angesichts der bislang erfolglosen Stellensuche
zur Annahme einer unter Umständen unter seiner Qualifikation liegenden Arbeit
verpflichtet worden war (act. G 9/4/417 f.), gab das Sozialamt der Stadt Wil dem
Migrationsamt am 15. Dezember 2011 bekannt, dass der Beschwerdeführer seit 20.
Januar 2011 unterstützt werde. Aufgrund seines unkooperativen Verhaltens erfolgte ab
Januar 2012 eine Kürzung der Leistungen (act. G 9/4/420). Gemäss Beschluss vom
13. Dezember 2011 hatte die Sozialhilfebehörde den Grundbedarf ab 1. Januar 2012
um 15% vorerst für sechs Monate gekürzt und dem Beschwerdeführer die Auflage
erteilt, einen Arbeitseinsatz in der Brocki zu leisten. Bei Nichteinhaltung der Auflage
werde die Kürzung verlängert und die Leistungseinstellung geprüft. Zur Begründung
wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer habe ein Vorstellungsgespräch
(Integrationsprogramm) vom 17. November 2011 abgebrochen und den Raum
verlassen mit der Feststellung, er arbeite nicht gratis und werde den Einsatz nicht
antreten. Am 21. November 2011 sei er deshalb schriftlich verwarnt und aufgefordert
worden, sich um einen weiteren Termin für ein Vorstellungsgespräch zu bemühen. Er
sei darauf hingewiesen worden, dass bei Nichteinhaltung der Aufforderung die
Einstellung oder Kürzung von Leistungen verfügt werden könnten. Im Rahmen des
rechtlichen Gehörs habe der Beschwerdeführer am 25. November 2011 dargelegt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht Möbel tragen könne und die Aufforderung,
am Arbeitsintegrationsprogramm teilzunehmen, rassistisch sei. Die Teilnahme am
Arbeitsintegrationsprogramm sei jedoch nicht mit dem Tragen von Möbeln verbunden;
vielmehr gehe es darum, die Arbeitsintegrationschancen abzuklären. Sodann liege kein
Arztzeugnis vor, welches die geltend gemachten gesundheitlichen Einschränkungen
belegen würde (act. G 9/4/425 f.). Bei diesem Sachverhalt ist festzuhalten, dass der
Beschwerdeführer mit seiner Weigerung, bei seiner Arbeitsintegration mitzuwirken, die
vom Migrationsamt verfügte Auflage verletzte, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und
unter Umständen auch eine unter seiner Qualifikation liegende Arbeit anzunehmen
bzw. den Antritt einer solchen zu ermöglichen. Von daher erfüllt er den Widerrufsgrund
nach Art. 62 lit. d AuG.
3.3.
3.3.1. Der aktenmässig dokumentierte Umstand, dass es dem Beschwerdeführer
bislang nicht gelungen ist, trotz entsprechender Auflagen und Verwarnungen des
Migrationsamtes aus der seit ca. 1997 bestehenden und seither fortlaufend
verschlimmerten Schuldenlage (vgl. vorstehende E. 3.1) herauszukommen, reicht für
sich allein zur Annahme der in Art. 80 Abs. 1 VZAE vorausgesetzten Mutwilligkeit des
Schuldenmachens nicht aus (vgl. BGE 2C_273/2010 vom 6. Oktober 2010, E. 3.3, 3.4.
und 4.3). Wurde eine Verwarnung nach Art. 96 Abs. 2 AuG - wie vorliegend bereits
wiederholt - ausgesprochen, kann dies bei einer Fortsetzung des fraglichen
Fehlverhaltens zu einer definitiven Massnahme führen. Erforderlich ist dafür aber, dass
keine wesentliche Besserung eintritt bzw. dass eben das vom Gesetz als unerwünscht
erachtete Verhalten auch nach der Verwarnung fortgesetzt wird. Dabei muss ein
Vergleich zwischen der Ausgangslage im Zeitpunkt der Androhung der Massnahme mit
der aktuellen Situation, in der diese endgültig ergriffen werden soll, gezogen werden.
Das frühere Verhalten ist zwar nicht unbedeutend; es vermag aber nicht für sich allein -
abgesehen von den rechtlichen Voraussetzungen der Zulässigkeit eines Rückkommens
auf eine Verfügung - die definitive Massnahme zu begründen. Das Fehlverhalten muss
vielmehr angedauert haben oder wiederholt worden sein. Erforderlich ist mithin eine
Gesamtbetrachtung unter Einschluss des früheren Fehlverhaltens; für einen Widerruf
müssen nach einer allfälligen Verwarnung neue Verfehlungen dazu gekommen sein,
welche die Wirkungslosigkeit der Androhung des Widerrufs belegen. Für den Fall der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schuldenwirtschaft als Widerrufsgrund bedeutet dies, dass die ausländische Person
auch nach der Androhung ausländerrechtlicher Folgen weiterhin mutwillig Schulden
gemacht haben muss. Sind seit der Verwarnung keine Straftaten hinzu gekommen, ist
der Gesichtspunkt der Mutwilligkeit einer allfälligen Neuverschuldung entscheidend.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass, wer einem betreibungsrechtlichen
Verwertungsverfahren unterliegt, zum vornherein keine Möglichkeit hat, ausserhalb des
Betreibungsverfahrens Schulden zu tilgen. Das führt in solchen Fällen dazu, dass im
Vergleich zu früher weitere Betreibungen hinzukommen können oder der betriebene
Gesamtbetrag angewachsen sein kann, ohne dass allein deswegen Mutwilligkeit
vorliegt. Es kommt vielmehr darauf an, welche Anstrengungen zur Sanierung
unternommen worden sind. Positiv wäre etwa der Abbau vorbestandener Schulden zu
würdigen; ein Widerruf wäre demgegenüber zulässig, wenn in vorwerfbarer Weise
weitere Schulden geäufnet worden wären (vgl. BGE 2C_273/2010 a.a.O., E. 4.3).
3.3.2. In der Zeit vom 28. Januar 2011 bis 31. Januar 2012 war der Beschwerdeführer
vom Sozialamt mit Fr. 12'344.75 unterstützt worden (act. G 9/4/464). Mit Strafbefehl
vom 22. März 2012 auferlegte das Untersuchungsamt Gossau dem Beschwerdeführer
wegen einer erneuten Drohung gegen eine Versicherungssachbearbeiterin (telefonische
Ankündigung, sie bzw. alle Mitarbeiter zu erschiessen) und wegen Sozialhilfebetruges
(Verschweigen von Erwerbseinkommen; vgl. dazu BGer 2C_375/2008 vom 5.
November 2008 E. 3.2 und 3.3) eine Geldstrafe (act. G 9/4/465-467). Ab 1. Mai 2012
wurde der Beschwerdeführer vom Sozialamt mit monatlich Fr. 1'217.-- unterstützt (act.
9/4/472-474, 477 und 486). Am 16. August 2012 lagen Verlustscheine im
Gesamtbetrag von Fr. 86'891.-- gegen ihn vor (act. G 9/4/488). Sodann liefen im Jahr
2012 verschiedene Betreibungen (act. G 9/4/475 f.). Die Frage, ob der
Beschwerdeführer seine Verschuldung mutwillig herbeiführte, lässt sich unter den
dargelegten Umständen nicht abschliessend beantworten. Eine Aussicht auf künftige
Besserung erscheint diesbezüglich fraglich, zumal Bemühungen des
Beschwerdeführers, sich aus der Schuldenfalle z.B. im Rahmen von Abzahlungs- und
Nachlassvereinbarungen mit Gläubigern zu befreien, weder behauptet noch
dokumentiert sind. Vom Beschwerdeführer eingereicht wurde einzig ein Beleg einer am
6. Januar 2014 erfolgten Zahlung von Fr. 1'395.25 gegenüber dem Betreibungsamt
sowie betreffend die Begleichung der Geldstrafe von Fr. 2'180.-- (act. G 6/1 und 6/2).
Sodann steht fest, dass die im Verlauf der Jahre 2009 bis 2012 erfolgten mehrfachen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufforderungen von Seiten des Migrationsamtes hinsichtlich Integration ins
Erwerbsleben beim Beschwerdeführer keine nachhaltige Verhaltensänderung
bewirkten. Dessen Arbeitsfähigkeit ist nach Lage der Akten nicht eingeschränkt.
Vielmehr zeigen die Umstände, die dem Sozialhilfebetrug zugrunde lagen (act. G
9/4/466 f.), auf, dass dem Beschwerdeführer die Ausübung einer Tätigkeit möglich war.
Mit anderen Worten spricht die Erwerbstätigkeit in der Zeit von April 2011 bis Januar
2012 (act. G 9/4/467) gegen das Bestehen einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit;
eine solche wird vom Beschwerdeführer auch nicht (mehr) behauptet. Die nach der
Verwarnung von 2011 ausgesprochene erneute Drohung gegen eine
Versicherungssachbearbeiterin dürfte im Ergebnis einen untauglichen Versuch
dargestellt haben, Versicherungsleistungen trotz nicht erfüllter
Leistungsvoraussetzungen zu erhalten. In diesem Kontext bildet die damalige
Weigerung, sich ins Erwerbsleben zu integrieren, und die daraus resultierenden
Zahlungsausstände einen Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung durch
Nichterfüllen der öffentlich- und privatrechtlichen Verpflichtungen gemäss Art. 62 lit. c
AuG in Verbindung mit Art. 80 Abs. 1 lit. b resp. Abs. 2 VZAE. Die Verschuldung ist
damit zumindest teilweise als vom Beschwerdeführer selber (mutwillig) verursacht
einzustufen.
3.3.3. Hinzu kommen Verstösse gegen gesetzliche Vorschriften (Art. 62 lit. c AuG in
Verbindung mit Art. 80 Abs. 1 lit. a VZAE; Spescha, in: Spescha/Thür/Zünd/Bolzli,
Kommentar Migrationsrecht, 3. Aufl., Zürich 2012, N 7 zu Art. 62 AuG). Die wiederholte
Straffälligkeit in den Jahren 2009 bis 2012 (Drohung, Sozialhilfebetrug) weist dabei
darauf hin, dass beim Beschwerdeführer keine Bereitschaft besteht, sich in die
geltende Rechtsordnung einzufügen (vgl. BGE 137 II 303 f., E. 3.3; Hunziker, a.a.O.,
N 37 zu Art. 62 AuG, mit Hinweisen; Zünd/Arquint/Hill, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/
Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 8.29). Angesichts dieser
Sachlage lässt es sich nicht beanstanden, dass die Vorinstanz das Vorliegen der
Widerrufsgründe nach Art. 62 lit. c und lit. d AuG bejahte (vgl. act. G 2 S. 9). Im
Übrigen ist zum sinngemässen Einwand des Beschwerdeführers im vorliegenden
Verfahren, wonach er ohne gültige Aufenthaltsbewilligung nicht arbeiten könne (act. G
5), festzuhalten, dass während des laufenden Verfahrens die Arbeitserlaubnis nicht
eingeschränkt ist (vgl. auch act. G 9/5/506). Effektiv übte er denn auch nach Erlass der
Verfügung vom 7. September 2012 temporäre Beschäftigungen aus (act. G 6). Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umstand, dass er im Zeitpunkt der Einreichung der Beschwerde wieder arbeitslos war,
konnte die Ursache somit entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers (vgl. act. G
5) nicht im hängigen Bewilligungsverfahren haben, sondern dürfte in der Beendigung
der befristeten Temporäreinsätze (vgl. Belege in act. G 6/3, 6/6) begründet sein.
4.
4.1. Rechtmässig ist die Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbewilligung nur, wenn
sie sich nach der im Einzelfall vorzunehmenden Interessenabwägung als
verhältnismässig erweist (BGE 135 II 381 E. 4.3). Zu berücksichtigen sind dabei
zunächst die öffentlichen Interessen, die persönlichen Verhältnisse sowie der Grad der
Integration des Betroffenen (Art. 96 Abs. 1 AuG), wobei namentlich die Schwere des
Verschuldens, die Dauer der bisherigen Anwesenheit sowie die dem Betroffenen und
seiner Familie drohenden Nachteile ins Gewicht fallen (BGE 135 II 381 E. 4.3; VerwGE
B 2010/126 vom 24. August 2010, E. 2.4, B 2011/118 vom 11. August 2011, E. 2.3.1,
sowie B 2012/95 vom 15. Oktober 2012, E. 5, www.gerichte.sg.ch). Wenn die
Vorinstanz feststellte, dass in Anbetracht der wiederholten Verletzung von gesetzlichen
Vorschriften und behördlichen Verfügungen sowie der Nichterfüllung von öffentlich-
und privatrechtlichen Verpflichtungen ein erhebliches öffentliches Interesse an der
Wegweisung des Beschwerdeführers bestehe (act. G 2 S. 9), so lässt sich dies
angesichts der vorstehend (E. 2 und 3) geschilderten Verhältnisse nicht beanstanden.
4.2. Der Beschwerdeführer wuchs in Bosnien auf und verbrachte dort die ersten
24 Jahre seines Lebens. Seit 1988 hält er sich in der Schweiz auf. Trotz der langen
Aufenthaltsdauer hat er sich im schweizerischen Wirtschaftsleben nicht durchwegs
zurechtfinden können. Angesichts der in E. 3 geschilderten Umstände geht die
Vorinstanz (act. G 2 S. 10) zu Recht von einer nicht gelungenen beruflichen Integration
aus. Mit den Sitten und Gebräuchen sowie der Sprache des Ursprungslandes dürfte
der Beschwerdeführer anderseits nach wie vor vertraut sein, und allenfalls
zwischenzeitlich abgebrochene soziale Kontakte können wiederbelebt werden. An der
Zumutbarkeit einer Rückkehr ins Ursprungsland ändert auch der Umstand nichts, dass
die Lebens- und Arbeitsbedingungen dort gegenüber der Schweiz weniger günstig
sind. Nachdem der Beschwerdeführer keine in der Schweiz gelebte partnerschaftliche
Beziehung anführt und die erwachsene Tochter nicht mit ihm zusammenwohnt, stellt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Verweigerung der Bewilligungsverlängerung auch keinen staatlichen Eingriff in das
Recht auf Familienleben bzw. keine Verletzung von Art. 8 EMRK dar (Hunziker a.a.O.,
Rz. 10 zu Art. 62 AuG mit Hinweisen). Soweit der Beschwerdeführer
Unterhaltszahlungen an die 24jährige Tochter erwähnt (vgl. act. G 9/4/502), ist
festzuhalten, dass diese einer Wegweisung nicht entgegenstehen, zumal eine
Unterhaltspflicht offenbar nicht mehr besteht (vgl. act. G 9/4/506: abgeschlossene
Erstausbildung der Tochter und Unterstützung durch deren Mutter). Den Kontakt zu
seiner Tochter wird der Beschwerdeführer zumindest mit den gängigen
Kommunikationsmitteln und mit gegenseitigen Besuchen weiterhin aufrecht erhalten
können. Dabei werden durch eine Wegweisung Reisen in die Schweiz zu
Besuchszwecken bei Erfüllung der gesetzlichen Einreisevoraussetzungen nicht
verunmöglicht (VerwGE B 2011/16 vom 31. Mai 2011 E. 4.9.3., abrufbar unter
www.gerichte.sg.ch).
5.
5.1. Zusammenfassend ergibt sich, dass der Vorinstanz keine
Ermessensverletzung bzw. willkürliche Ermessensausübung vorgeworfen werden kann,
wenn sie vorliegend das öffentliche Interesse am Widerruf der Aufenthaltsbewilligung
schwerer gewichtete als das private Interesse des Beschwerdeführers an der
Verlängerung der Bewilligung. Weitere Gründe dafür, dass die Vorinstanz die
Wegweisung zu Unrecht als verhältnismässig erachtet hat, lassen sich den Akten und
den Eingaben des Beschwerdeführers nicht entnehmen. Der Umstand, dass der
Beschwerdeführer nach Erlass der ablehnenden Verfügung wieder temporär arbeitete
(act. G 5 und vorangehende E. 3.3.3), vermag an der Rechtmässigkeit der
Nichtverlängerung der Bewilligung nichts zu ändern. Bei fehlendem Nachweis einer
Ermessensüberschreitung bzw. eines Ermessensmissbrauchs und einer Verletzung des
Verhältnismässigkeitsgrundsatzes lässt sich der angefochtene Entscheid nicht
beanstanden. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
5.2. (...).