Decision ID: 27ef97e7-9576-5fd9-8d5e-fbac9e4431b4
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 5. September 2019 im (...) um Asyl nach-
suchte,
dass ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zent-
raleinheit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am (...) in Italien ein
Asylgesuch gestellt hatte,
dass das SEM die italienischen Behörden am 11. September 2019 um
Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
ersuchte,
dass am 13. September 2019 die Personalienaufnahme (PA) des Be-
schwerdeführers und am 17. September 2019 das persönliche Gespräch
gemäss Art. 5 Dublin-III-VO stattfand, wobei dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und einer
möglichen Überstellung nach Italien sowie zum medizinischen Sachverhalt
gewährt wurde,
dass der Beschwerdeführer geltend machte, dass er nach der Einreichung
seines Asylgesuches in Italien von der «commissione territoriale» angehört
worden sei und sechs Monate in einem Camp in Mailand verbracht habe,
dass er in der Folge das Camp habe verlassen müssen, wobei ihm ein
Schriftstück unbekannten Inhalts ausgehändigt worden sei, das er nicht
mehr besitze,
dass er nicht nach Italien zurückkehren wolle, wo er ein Jahr lang auf der
Strasse gelebt habe,
dass er als Folge eines Autounfalls in Libyen an Hals- und Rippenschmer-
zen leide,
dass die italienischen Behörden dem SEM mit Schreiben vom 17. Septem-
ber 2019 mitteilten, dem Beschwerdeführer sei in Italien subsidiärer Schutz
zuerkannt und eine bis am 11. Januar 2023 gültige Aufenthaltsbewilligung
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erteilt worden, weshalb seine Rückübernahme gestützt auf das Dublin-
Übereinkommen nicht möglich sei,
dass das SEM gleichentags dem Beschwerdeführer hierzu und zu einer
allfälligen Wegweisung nach Italien das rechtliche Gehör gewährte und mit
Schreiben per Mail vom 20. September 2019 die italienischen Behörden
gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal anwesender Dritt-
staatsangehöriger (nachfolgend: Rückführungs-Richtlinie) um Rücküber-
nahme des Beschwerdeführers ersuchte,
dass die Rechtsvertretung in ihrer Stellungnahme vom 23. September
2019 um Einsicht in die Akten bezüglich des gewährten Schutzstatus in
Italien ersuchte,
dass das SEM dieses Gesuch mit Schreiben vom 1. Oktober 2019 mit dem
Hinweis auf das noch nicht abgeschlossene Instruktionsverfahren abwies,
dass sich aus den ärztlichen Berichten vom 20. September 2019, 21. Sep-
tember 2019, 26. September 2019 und 9. Oktober 2019 ergibt, dass der
Beschwerdeführer an Ohrenproblemen sowie an Nacken- und Rückenbe-
schwerden, letztere gemäss eigenen Angaben aufgrund eines Autounfalls,
leide,
dass das SEM am 9. Oktober 2019 dem Beschwerdeführer den Entschei-
dentwurf (vgl. Art. 20c Bst. f AsylV 1 [SR 142.311]) zur Stellungnahme zu-
stellte,
dass die Rechtsvertretung in ihrer Stellungnahme vom 10. Oktober 2019
insbesondere auf die gesundheitlichen Schwierigkeiten des Beschwerde-
führers hinwies,
dass das SEM mit Verfügung vom 10. Oktober 2019 (Eröffnung am 11. Ok-
tober 2019) in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht eintrat und seine Wegweisung nach
Italien sowie den Vollzug anordnete,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom
18. Oktober 2019 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob,
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dass das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-5453/2019 vom 4. No-
vember 2019 die Beschwerde vom 18. Oktober 2019 guthiess, die Verfü-
gung des SEM vom 10. Oktober 2019 aufhob und die Sache zur vollstän-
digen Sachverhaltsfeststellung (Einholung der erforderlichen Zusicherung
der Rückübernahme des Beschwerdeführers durch die zuständigen italie-
nischen Behörden) und zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück-
wies,
dass das SEM am 13. November 2019 die italienischen Behörden erneut
um Rückübernahme des Beschwerdeführers ersuchte und diese in der
Folge mit auf den 11. November 2019 datierten Antwortschreiben durch die
Auflistung der konkreten Überstellungsmodalitäten der Rückübernahme
des Beschwerdeführers implizit zustimmten,
dass in den ärztlichen Berichten vom 18. Oktober 2019 und 4. Dezember
2019 eine Myringitis (Entzündung des Trommelfells) links und Nacken-
schmerzen diagnostiziert wurden,
dass das SEM am 11. Dezember 2019 dem Beschwerdeführer den Ent-
scheidentwurf zur Stellungnahme zustellte,
dass die Rechtsvertretung in ihrer Stellungnahme vom 12. Dezember 2019
in Frage stellte, ob eine rechtsgenügliche Rückübernahmezusicherung der
italienischen Behörden vorliege, und erneut auf die gesundheitlichen
Schwierigkeiten des Beschwerdeführers hinwies,
dass das SEM mit Verfügung vom 13. Dezember 2019 (Eröffnung am
18. Dezember 2019) in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erneut
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eintrat und seine Weg-
weisung nach Italien sowie den Vollzug anordnete,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom
23. Dezember 2019 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob
und beantragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und das
SEM zu verpflichten, auf das Asylgesuch einzutreten,
dass eventualiter das Verfahren zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen sei,
dass die Vollzugsbehörden anzuweisen seien, bis zum Entscheid über die
Erteilung der aufschiebenden Wirkung von Vollzugshandlungen abzuse-
hen, und dem Beschwerdeführer unter Verzicht auf das Erheben eines
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Kostenvorschusses die unentgeltliche Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1
VwVG zu gewähren sei,
dass die Akten der Vorinstanz dem Bundesverwaltungsgericht am 24. De-
zember in elektronischer Form vorlagen (Art. 109 Abs. 3 AsylG),

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls über Be-
schwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM in der Regel – so
auch vorliegend – endgültig entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde – mit
nachfolgendem Vorbehalt – einzutreten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und
Art. 52 VwVG),
dass die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung einer allfälligen Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung nicht entzogen hat und der Be-
schwerde somit aufschiebende Wirkung zukommt (vgl. Art. 55 VwVG),
weshalb auf den Antrag, die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, bis zum
Entscheid über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung von Vollzugs-
handlungen abzusehen, mangels Rechtschutzinteresses nicht einzutreten
ist,
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich
vorliegend, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb
der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG vorliegend auf einen Schriften-
wechsel verzichtet wurde,
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dass das SEM gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf ein Asylgesuch
nicht eintritt, wenn die asylsuchende Person in einen sicheren Drittstaat
nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG zurückkehren kann, in welchem sie sich
vorher aufgehalten hat,
dass der Bundesrat Italien als sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet hat, sich der Beschwerdeführer vor seiner
Einreise in die Schweiz unbestrittenermassen in Italien aufgehalten hat, wo
er gemäss Schreiben der italienischen Behörden vom 11. November 2019
subsidiären Schutz erhalten hat und über eine gültige Aufenthaltsbewilli-
gung verfügt,
dass das SEM nach Ergehen des kassatorischen Urteils D-5453/2019 des
Bundesverwaltungsgerichts vom 4. November 2019 die italienischen Be-
hörden am 13. November 2019 erneut um Rückübernahme des Beschwer-
deführers ersuchte und diese in der Folge mit auf den 11. November 2019
datierten Antwortschreiben durch die Auflistung der konkreten Überstel-
lungsmodalitäten der Rückübernahme des Beschwerdeführers implizit zu-
stimmten,
dass somit nun – entgegen der Auffassung in der Beschwerde – eine hin-
reichende Rückübernahmezusicherung der italienischen Behörden vor-
liegt,
dass bei dieser Sachlage die Möglichkeit einer legalen Rückkehr des Be-
schwerdeführers in den sicheren Drittstaat Italien zu bejahen und somit der
Antrag in der Beschwerde um Aufhebung des angefochtenen Entscheides
und Einholung einer entsprechenden Rückübernahmezusicherung bei den
italienischen Behörden mangels Notwendigkeit abzuweisen ist,
dass das SEM somit zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 5. September 2019 nicht ein-
getreten ist,
dass das Nichteintreten auf ein Asylgesuch in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz zur Folge hat (Art. 44 AsylG), vorliegend der Kanton keine
Aufenthaltsbewilligung erteilt hat und zudem kein Anspruch auf Erteilung
einer solchen besteht (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 m.w.H.), weshalb die ver-
fügte Wegweisung im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen steht
und vom SEM ebenfalls zu Recht angeordnet wurde,
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dass das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestim-
mungen über die vorläufige Aufnahme regelt, wenn der Vollzug der Weg-
weisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 Bundesgesetz vom 16. Dezember 2005 über die Aus-
länderinnen und Ausländer und über die Integration [Ausländer- und Integ-
rationsgesetz, AIG, SR 142.20]),
dass der Beschwerdeführer in Italien über subsidiären Schutz und eine gül-
tige Aufenthaltsbewilligung verfügt, weshalb keine Hinweise bestehen,
dass ihm Italien keinen effektiven Schutz vor Rückschiebung in den Hei-
matstaat zukommen liesse,
dass Italien die Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 13. Dezember 2011 (sogenannte Qualifikationsrichtlinie)
umgesetzt hat, welche unter anderem die Ansprüche von anerkannten
Flüchtlingen und Personen mit Schutzstatus hinsichtlich des Zugangs zu
Sozialleistungen, Wohnraum und medizinischer Versorgung regelt, und es
dem Beschwerdeführer zuzumuten ist, seine Ansprüche bei den italieni-
schen Behörden einzufordern,
dass nicht davon auszugehen ist, dass sich das neue Einwanderungsge-
setz unter Innenminister Matteo Salvini ("Salvini-Dekret") und die damit
verbundenen drohenden Verschlechterungen bei der Unterbringungssitua-
tion von Asylsuchenden gleichermassen auf Personen mit Schutzstatus
auswirken,
dass auch keine konkreten Hinweise vorliegen, dass der Beschwerdefüh-
rer im Falle seiner Rückkehr nach Italien aus gesundheitlichen Gründen
einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art.
3 EMRK ausgesetzt wäre,
dass in diesem Zusammenhang auf die zu bestätigenden Erwägungen der
Vorinstanz verwiesen werden kann (vgl. S. 7–9), wobei festzuhalten ist,
dass entgegen der Auffassung in der Beschwerde der diesbezügliche
Sachverhalt hinreichend erstellt ist,
dass der Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers auch unter Berück-
sichtigung der gesundheitlichen Schwierigkeiten (Ohrenprobleme sowie
Nacken- und Rückenbeschwerden) als zumutbar zu erachten ist,
dass insgesamt kein Anlass zur Annahme besteht, der Beschwerdeführer
würde im Falle einer Rückführung nach Italien in eine existenzielle Notlage
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geraten (vgl. etwa Urteil des BVGer D-4635/2019 vom 19. September 2019
E. 9.3),
dass angesichts der erfolgten Zusicherung der italienischen Behörden die
Rückübernahme des Beschwerdeführers auch möglich ist,
dass der vom SEM verfügte Vollzug der Wegweisung somit zu bestätigen
ist,
dass die angefochtene Verfügung nach dem Gesagten Bundesrecht nicht
verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig fest-
stellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit überprüfbar – angemessen ist,
weshalb die Beschwerde abzuweisen ist, soweit darauf einzutreten ist,
dass der Antrag auf Befreiung von der Kostenvorschusspflicht mit dem vor-
liegenden Entscheid in der Sache gegenstandslos wird,
dass das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege dem-
nach abzuweisen ist, da die Begehren, wie sich aus den vorstehenden Er-
wägungen ergibt, als aussichtslos zu bezeichnen waren, weshalb die ku-
mulativen Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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