Decision ID: 119f07a3-9883-56ed-ba0d-b5833001592f
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 17. April 2013 wegen Schwindel, unregelmässiger
Schwindelattacken und Übelkeit zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Der in der
Klinik für Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen (KSSG) behandelnde PD Dr. med.
B._, Leitender Arzt, berichtete am 26. Februar 2014, die Versicherte leide unter einem
postural tachy-cardia syndrome (POTS). Sie sei deutlich vermindert körperlich
belastbar, dies vor allem in stehender bzw. aufrechter Position. Er denke nicht, dass
die Versicherte in der Lage sei, eine körperlich anstrengende Tätigkeit in stehender
Position in 100%igem Pensum zu bewältigen. Sie könne ihre angestammte Tätigkeit
als Verpackerin mit einem Arbeitspensum von 100% nicht bewältigen. Die Versicherte
sei geistig voll leistungsfähig, verstehe die Natur ihrer Krankheit und sei motiviert. Sie
könne eine sitzende Tätigkeit im Büro, für die sie intellektuell «sicherlich voll in der Lage
sein wird», ausführen (IV-act. 39). Die RAD-Ärztin Dr. med. C._, Fachärztin für
Allgemeine Innere Medizin, vertrat die Auffassung, dass die Versicherte bezogen auf
eine leidensangepasste Tätigkeit über eine 100%ige Arbeitsfähigkeit verfüge (RAD-
Fallübersicht Eingliederung, Eintrag vom 16. September 2014, IV-act. 44-4 f.). Die IV-
Stelle ermittelte gestützt auf diese medizinische Einschätzung einen Invaliditätsgrad
von 0% und stellte der Versicherten mit Vorbescheid vom 22. Oktober 2014 die
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 46). Dagegen erhob die Versicherte
am 27. November 2014 Einwand (IV-act. 50).
A.a.
Auf die Anfrage der IV-Stelle vom 12. Dezember 2014 hin antwortete Dr. B._ am
5. Februar 2015, er denke, es sei glaubhaft, dass die Versicherte aktuell für jegliche
Tätigkeiten arbeitsunfähig sei. Die Vermutung, die Versicherte komme nach einer
entsprechenden Schulung für eine sitzende Tätigkeit in Frage, habe sich leider als
A.b.
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unzutreffend erwiesen, da sie in ihrer aktuellen Verfassung selbst den Arbeitsweg nicht
bewältigen könne. Es erscheine ihm nicht korrekt, dass der Versicherten eine mögliche
Arbeitsfähigkeit zugeschrieben werde, die unrealistisch sei, und dass sie von
Leistungen der Invalidenversicherung ausgeschlossen werde (IV-act. 55). Die RAD-
Ärztin Dr. C._ schloss sich der Einschätzung von Dr. B._ an, dass die Versicherte
für jegliche Art von Tätigkeit zu 100% arbeitsunfähig sei (Stellungnahme vom 19. März
2015, IV-act. 56).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte in der SMAB AG, St. Gallen, von
Dr. med. D._, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, begutachtet. Dieser
nannte als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein posturales
Tachykardiesyndrom. Bei dieser Krankheit handle es sich um eine funktionelle
Kreislaufstörung, die sich vornehmlich durch eine überschiessende Herzfrequenz-
Reaktion im Stehen sowie bei körperlichen Anstrengungen ausdrücke,
vergesellschaftet mit Schwindel und Kollapsgefühlen. Charakteristisch sei, dass keine
organischen krankhaften Veränderungen am Herz-Kreislaufsystem, an den
Hirngefässen oder am Hirn vorliegen würden. Es könne festgehalten werden, dass die
Versicherte von den medizinischen Voraussetzungen und von den
Herzkreislaufbefunden her in der Lage sein sollte, derzeit eine körperlich leichte,
vornehmlich sitzende Tätigkeit auszuüben. Durch entsprechendes Verhalten und wohl
auch durch die eingesetzte Medikation sei es ihr in den letzten rund 2 Jahren ja auch
gelungen, Kollapse zu vermeiden. Vorerst sei eine 50%ige Arbeitsfähigkeit zu
postulieren in Form einer ganztägigen Beschäftigung mit der Möglichkeit, reichlich
Pausen einzulegen und gegebenenfalls auch abzuliegen, um die
Schwindelbeschwerden zu lindern. Die angestammte, vornehmlich stehende Tätigkeit
sei der Versicherten nicht mehr zumutbar (Gutachten vom 10. Juni 2015, IV-act. 72,
insbesondere IV-act. 72-14 ff.).
A.c.
In der Folgezeit wurde die Versicherte im Auftrag der IV-Stelle mehrmals observiert
(Überwachungsbericht vom 31. März 2016 betreffend die Überwachungsphase vom
18. Dezember 2015 bis 9. März 2016, IV-act. 95; Überwachungsbericht vom 26. August
2016 betreffend die Überwachungsphase vom 15. bis 16. August 2016, IV-act. 111;
Überwachungsbericht vom 4. November 2016 betreffend die Überwachungsphase
vom 31. Oktober bis 3. November 2016, IV-act. 118, und Überwachungsbericht vom
A.d.
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18. Februar 2017 betreffend die am 15. Februar 2017 durchgeführte Überwachung, IV-
act. 132; siehe auch die separate Disc in act. G 3.3). Dr. med. E._, Fachärztin für
Neurologie, Mitarbeiterin der IV-Stelle, vertrat in der Aktenbeurteilung vom 14. März
2017 die Auffassung, die Beobachtungen im Februar 2017 würden eine deutlich höhere
körperliche Belastbarkeit und ein deutlich höheres Funktionsniveau, als anamnestisch
von der Versicherten angegeben werde, dokumentieren. Die Versicherte vermittle einen
dynamischen, weder leidenden noch kraftlosen Eindruck, sei in der Lage an einem
Vormittag auch grössere Strecken zu Fuss zurückzulegen ohne Änderung ihres
flüssigen und zügigen Gangbilds oder Eintreten einer Verlangsamung. Hinweise für den
von der Versicherten geklagten, dauernd vorhandenen Schwankschwindel würden sich
nicht erkennen lassen. Das Gangbild sei stets sicher, auch bei Drehungen und
Kopfbewegungen und insbesondere auch beim Tragen von Schuhen mit sehr hohen
Absätzen (IV-act. 143).
Die IV-Stelle forderte die Versicherte unter Hinweis auf die ihr obliegende
Schadenminderungspflicht auf, an einer mindestens vierwöchigen kardialen
Rehabilitation mit gleichzeitiger psychologischer Betreuung teilzunehmen (Schreiben
vom 24. April 2017, IV-act. 147). Vom 28. April bis 25. Mai 2017 befand sich die
Versicherte in der Klinik F._ zur stationären kardiologischen Rehabilitation. Die dort
behandelnden kardiologischen Fachpersonen diagnostizierten ein posturales
Tachykardie-Syndrom mit schwer pathologischem Herzfrequenzverhalten mit
übermässigem Anstieg nach Aufstehen und Beginn einer körperlichen Aktivität,
assoziiert mit Schwindel, Unwohlsein und Leistungsintoleranz. «Unter Procoralan keine
Synkopen mehr, im Alltag aber nach wie vor schwer symptomatische und invalidisierte
Patientin» (Austrittsbericht vom 1. Juni 2017, IV-act. 153).
A.e.
Am 3. Januar 2018 berichte Dr. B._, Synkopen seien nicht mehr aufgetreten. Die
limitierenden und invalidisierenden Symptome seien aber bestehend. Obschon es nicht
klar sei, ob der gesamte Symptomkomplex dem POTS zugeordnet werden könne, sei
dies aufgrund der Beschreibungen in der Literatur zumindest möglich und würde gut
passen. Sicherlich bestehe eine depressive Entwicklung, die er aber sehr gut im
Rahmen der schweren chronischen Erkrankung sehen könne. Aus seiner Sicht sei die
Versicherte glaubhaft limitiert. Sie sei aktuell 100% arbeitsunfähig. Er «halte es nicht für
A.f.
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verständlich, dass die IV der Patientin eine Rente vorenthalten will» (IV-act. 163-3
unten).
Der behandelnde Dr. med. G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
berichtete am 27. März 2019, die Versicherte leide seit Dezember 2016 an einer
mittelschweren bis schweren depressiven Episode (ICD-10: F32.2). Die Versicherte sei
die meiste Zeit bettlägerig. Die meisten therapeutischen Sitzungen habe sie nur liegend
überstanden (IV-act. 186).
A.g.
Am _ 201_ hatte die Versicherte ihr zweites Kind geboren. Im Austrittsbericht der
Frauenklinik am KSSG hielten die dort behandelnden medizinischen Fachpersonen
zum Wochenbettsverlauf fest, es hätte sich keine Symptomatik im Rahmen von POTS
und Depression gezeigt (IV-act. 194). Dr. E._ empfahl zur Abklärung des
Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit der Versicherten eine kardiologische
und psychiatrische Begutachtung (Stellungnahme vom 13. Februar 2020, IV-act. 213).
A.h.
Die IV-Stelle erhielt am 21. Februar 2020 den Bericht des behandelnden Dr. med.
H._, Spezialarzt für Gynäkologie/Geburtshilfe (IV-act. 215), worin er verneinte, dass
während der Schwangerschaft der Versicherten Komplikationen, insbesondere
vonseiten des POTS, aufgetreten seien. Die Versicherte habe keine Beschwerden
gehabt und sei gesund gewesen. Sie solle 100% arbeiten (IV-act. 216). Dr. E._ zog
am 18. März 2020 den Schluss, die empfohlene kardiologische und psychiatrische
Begutachtung mit sorgfältiger Konsistenzprüfung erscheine mit Blick auf die
Ausführungen in den gynäkologischen Berichten zum Gesundheitszustand der
Versicherten «umso dringlicher» (IV-act. 223).
A.i.
Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 28. Mai 2020 die Anordnung einer
bidisziplinären (kardiologischen und psychiatrischen) Begutachtung (IV-act. 227) und
am 18. Juni 2020 deren Durchführung in der SMAB AG, St. Gallen, durch die Dres.
med. I._, Facharzt u.a. für Kardiologie, und J._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, mit (IV-act. 228). Die Versicherte erwiderte im Schreiben vom 13. Juli
2020, sie sehe sich ausserstande, sich erneut einer Begutachtung auszusetzen. Die
Aktenlage zur Beurteilung des Leistungsanspruchs sei mehr als ausreichend (IV-
act. 231). Mit Zwischenverfügung vom 28. August 2020 ordnete die IV-Stelle eine
A.j.
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B.
bidisziplinäre (kardiologische und psychiatrische) Begutachtung in der SMAB AG an
(IV-act. 234).
Gegen die Zwischenverfügung vom 28. August 2020 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 1. Oktober 2020. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter
Kosten- und Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die Anweisung der
Beschwerdegegnerin, über ihren Rentenanspruch ohne weitere Abklärungen,
insbesondere ohne erneute Begutachtung, zu entscheiden. Im Wesentlichen bringt sie
vor, der medizinische Sachverhalt sei spruchreif abgeklärt. Eine weitere Begutachtung
sei unnötig und zudem für sie (die Beschwerdeführerin) unnötig belastend (act. G 1).
Mit der Beschwerde legt die Beschwerdeführerin einen Bericht von Dr. B._ vom
23. September 2020 ins Recht, worin er den Standpunkt vertritt, bei der
Beschwerdeführerin bestehe eine unveränderte «invalidisierende» Symptomatik (act.
G 1.7).
B.a.
In der Beschwerdeantwort vom 4. November 2020 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Sie macht im Wesentlichen
geltend, dass eine gutachterliche Einschätzung fehle, die sich mit den aktenkundigen
Ungereimtheiten auseinandersetze. Eine verlässliche Konsistenzprüfung liege nicht vor.
Ebenso fehle eine gutachterliche Verlaufsbeurteilung (act. G 3).
B.b.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Zulässigkeit der
von der Beschwerdegegnerin mit der Zwischenverfügung angeordneten bidisziplinären
(kardiologischen und psychiatrischen) Begutachtung. Gegen die Gutachterstelle an
sich brachte die Beschwerdeführerin, wie bereits gegen die Erstbegutachtung durch
die SMAB AG (siehe hierzu IV-act. 72), keine Einwände vor. Vielmehr schlug sie eine
allfällige Konfrontation des SMAB-Erstgutachters mit dem Umstand vor, dass die von
ihm empfohlene Therapie leider nicht den erhofften Erfolg gebracht habe (IV-
act. 231-2). Vor diesem Hintergrund erübrigen sich Weiterungen zur beauftragten
Gutachterstelle.
Bei der Anordnung eines Gutachtens handelt es sich um eine Zwischenverfügung
(Art. 55 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1] in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 und Art. 46
des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]). Eine solche
kann unter anderem dann angefochten werden, wenn ein nicht wieder gutzumachender
Nachteil droht (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. April
2010, B 2009/197, E. 2.5; vgl. auch BGE 138 V 275 E. 1.2.1). Für die Beurteilung des
nicht wieder gutzumachenden Nachteils im Kontext des sozialversicherungsrechtlichen
Abklärungsverfahrens mit seinen spezifischen Gegebenheiten ist zu beachten, dass
das medizinische Administrativgutachten in der Regel die wichtigste medizinische
Entscheidgrundlage im Beschwerdeverfahren bildet. Die Mitwirkungsrechte der
versicherten Personen müssen daher bereits vor der Begutachtung durchgesetzt
werden können, bevor präjudizierende Effekte eintreten. Mit Blick auf das begrenzte
Überprüfungsvermögen der rechtsanwendenden Behörden genügt es daher nicht, die
Mitwirkungsrechte erst nachträglich, bei der Beweiswürdigung im Verwaltungs- und
Beschwerdeverfahren, einzuräumen (vgl. BGE 138 V 276 E. 1.2.2). Des Weiteren darf
auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Anordnung medizinischer
Untersuchungen an einer Person «zweifellos» einen Eingriff in das Grundrecht der
persönlichen Freiheit (Art. 10 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft [BV; SR 101]) darstellt (BGE 136 V 126 E. 4.2.2.1 mit Hinweisen).
Als solcher muss die angeordnete Begutachtung die Voraussetzungen von Art. 36 BV
erfüllen, was im Bestreitungsfall gerichtlich überprüfbar sein muss (Art. 29a BV). Auf die
Beschwerde bezüglich der Gutachtensanordnung ist daher einzutreten, was von den
1.1.
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Parteien auch nicht bestritten wird (siehe zum Ganzen den Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 27. Mai 2020, IV 2019/309, E. 1.1).
Art. 43 Abs. 1 ATSG statuiert die Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen, wobei
es im Ermessen des Versicherungsträgers liegt, darüber zu befinden, mit welchen
Mitteln diese zu erfolgen hat. Im Rahmen der Verfahrensleitung kommt ihm ein grosser
Ermessensspielraum bezüglich der Notwendigkeit, des Umfangs und der
Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu beweisen ist, ergibt sich
aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz hat der
Sozialversicherer den Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass er über den
Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit entscheiden kann. Der Untersuchungsgrundsatz wird ergänzt durch
die Mitwirkungspflichten der versicherten Person. Danach hat sich diese den ärztlichen
oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, wenn sie zumutbar sind. Nach dem
Wortlaut von Art. 43 Abs. 1 und Abs. 2 ATSG müssen diese aber auch notwendig und
somit von entscheidender Bedeutung für die Erstellung des rechtserheblichen
Sachverhalts sein (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Mai 2007, U 571/2006, E. 4.1 mit
Hinweisen). Diese Grundsätze ergeben sich auch aus der im Rahmen der Beurteilung
der Rechtmässigkeit eines Grundrechtseingriffs vorzunehmenden
Verhältnismässigkeitsprüfung (Art. 36 Abs. 3 BV).
1.2.
Die für die Beurteilung des Leistungsanspruchs von Amtes wegen
durchzuführenden notwendigen Abklärungen beinhalten nicht das Recht des
Versicherungsträgers, eine «second opinion» zum bereits in einem Gutachten
festgestellten Sachverhalt einzuholen, wenn ihm dieser nicht passt. Der versicherten
Person steht diese Möglichkeit ebenfalls nicht offen. Es geht hier namentlich nicht
darum, die Tunlichkeit einer medizinischen Massnahme mittels Einholung einer
Zweitmeinung zu hinterfragen, sondern darum, in welchem Umfang und in welcher
Tiefe Abklärungen vorzunehmen sind, damit der rechtserhebliche Sachverhalt als mit
dem massgebenden Beweisgrad erstellt gelten kann. Dabei ergibt sich die
Notwendigkeit der Anordnung weiterer Abklärungen aus der Beantwortung der Frage,
ob bereits bei den Akten liegende Gutachten die inhaltlichen und beweismässigen
Anforderungen an eine zu erstattende ärztliche Expertise erfüllen. Dies hängt
entscheidend davon ab, ob sie für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend
sind und in diesem Rahmen auf den erforderlichen allseitigen Abklärungen beruhen; die
geklagten Beschwerden wiedergeben und sich damit auseinandersetzen, was vor
allem bei psychogenen Fehlentwicklungen nötig ist; in Kenntnis der und gegebenenfalls
in Auseinandersetzung mit den Vorakten abgegeben worden sind; in der Darlegung der
1.3.
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St.Galler Gerichte
2.
medizinischen Zustände, Entwicklungen und Zusammenhänge einleuchten; und die
Schlussfolgerungen der medizinischen Experten in einer Weise begründet sind, dass
die Rechtsanwender sie kritisch nachvollziehen können (Urteil des Bundesgerichts vom
29. Mai 2007, U 571/2006, E. 4.2 mit Hinweis auf BGE 125 V 352 E. 3a).
Zunächst ist die Frage zu beurteilen, ob der Sachverhalt in medizinischer Hinsicht
spruchreif abgeklärt erscheint.
2.1.
Gemäss Angaben der Beschwerdeführerin sei sie ihren gesundheitlichen
Störungen «massiv ausgeliefert» und erfahre dadurch «starke Behinderungen». Sie
müsse «grosse Anteile des Tages in liegender Position» verbringen. Aktivitäten ausser
Haus seien ohne Begleitung «undenkbar» (IV-act. 72-10 Mitte; siehe auch IV-act. 135-6
Mitte). Sie wage sich nicht allein aus dem Haus und sah sich zur Bewältigung jeglichen
Arbeitswegs ausser Stande (IV-act. 72-15 unten; siehe auch die von Dr. B._ als
Hauptbegründung für die nachträgliche Abänderung seiner bisherigen
Arbeitsfähigkeitsschätzung herangezogene Aussage der Beschwerdeführerin in IV-
act. 55-1). Sie könne alltägliche Aktivitäten wie das Einkaufen nicht selbstständig
erledigen (IV-act. 55-4 oben; zur im Alltag «nach wie vor schwer symptomatische und
invalidisierte Patientin» siehe auch IV-act. 153-1). Die meiste Zeit sei sie bettlägerig.
Häufig überstehe sie die psychotherapeutische Behandlung nur liegend (IV-act. 186-5
oben). Sie leide an häufigen Gefühlsstörungen und Schwäche in den Beinen. Jede
Bewegung führe sehr schnell zu Überanstrengung und Schwindel (IV-act. 186-4 oben).
Dr. B._ ging trotz nicht mehr aufgetretener Synkopen davon aus, dass die
Beschwerdeführerin im Alltag nach wie vor schwer symptomatisch und invalidisiert sei
(IV-act. 163-1 unten). Der Hausarzt berichtete, bei der Begleitung nach Hause habe
auch die medizinische Praxisassistentin den Eindruck gewonnen, dass die Versicherte
in der Leistungsfähigkeit deutlich reduziert sei (IV-act. 202). Schliesslich sieht sich die
Beschwerdeführerin krankheitsbedingt ausser Stande, an einer Begutachtung
teilzunehmen (IV-act. 231-2 am Schluss; act. G 1, III. Rz 19).
2.2.
Demgegenüber ergeben sich aus den Akten Hinweise, die Zweifel an ihrer
vorstehend beschriebenen Leidensdarstellung begründen. Die vom 25. bis 29. Mai
2018 in der Frauenklinik am KSSG sie behandelnden medizinischen Fachpersonen
stellten - in anamnestischer Kenntnis der von der Beschwerdeführerin gegenüber
Dr. B._ geklagten Zustände (IV-act. 192-1 und IV-act. 193-1) - während der
Hospitalisation «keine Symptomatik im Rahmen von POTS und Depression» fest. Der
Schwangerschaftsverlauf wurde als unauffällig beschrieben (IV-act. 194-1). In damit zu
2.3.
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vereinbarender Weise stellte Dr. H._, der die Beschwerdeführerin im Rahmen von
Schwangerschaftskontrollen betreute, keine Schwierigkeiten fest. Beschwerden
wurden ihm weder berichtet noch wahrgenommen. «Die Patientin war gesund» (IV-
act. 216). Aus den Akten ergibt sich diesbezüglich nicht, dass Dr. H._ die
Beschwerdeführerin im Rahmen einer Anfrage der Beschwerdegegnerin zunächst gar
nicht gekannt hätte (act. G 1, Rz 15). Vielmehr berichtete die Medizinische
Praxisassistentin der Gemeinschaftspraxis, die Beschwerdeführerin sei seit dem
3. März 2019 nicht mehr bei Dr. H._ in Behandlung. Sie habe den Gynäkologen
gewechselt (IV-act. 190). Auch die weiteren in diesem Zusammenhang erfolgten
Angaben (siehe Telefonnotiz vom 2. Juli 2019, IV-act. 191) stammten von der
Medizinischen Praxisassistentin. Entscheidend ist ausserdem, dass aus den
Rechnungen eine tatsächliche Leistungserbringung durch Dr. H._ hervorgeht (IV-
act. 208 ff.), die eine taugliche Grundlage für eigene Wahrnehmungen des damaligen
Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin bildet und sich mit dem Austrittsbericht
der Frauenklinik am KSSG deckt. Auch aus dem Bericht selbst geht deutlich hervor, zu
welchen Fragen sich Dr. H._ in der Lage sah, eine eigene Einschätzung abzugeben
oder sich hierzu ausser Stande sah (etwa «K.A», IV-act. 216).
Aus den Observationsergebnissen, deren Verwertbarkeit die rechtskundig
vertretene Beschwerdeführerin im Rahmen der Begutachtung nicht (mehr) bestreitet,
lassen sich auch aus medizinischer Laiensicht Diskrepanzen zur Leidensdarstellung der
Beschwerdeführerin (siehe hierzu vorstehende E. 2.2) entnehmen. Insbesondere geht
daraus hervor, dass die Beschwerdeführerin alleine und ohne erkennbare
Einschränkungen, insbesondere mit sicherem und flüssigen Gang, u.a. zwei Pakete zur
Post tragen kann (IV-act. 132-10). Zudem vermochte sie ohne erkennbare
Einschränkungen Schuhe mit dünnen, hohen Absätzen zu tragen (IV-act. 131-11 f.),
was mit erhöhter körperlicher Inanspruchnahme sowie erhöhter Anforderung an das
Gleichgewicht verbunden ist und nicht zu den Leidensklagen der Beschwerdeführerin
passt (siehe etwa die Aussage, jede Bewegung führe sehr schnell zu Überanstrengung
und Schwindel, oder die Klage, an Gefühlsstörungen und Schwäche in den Beinen zu
leiden IV-act. 186-4 oben). Ergänzend kann auf die ausführliche plausible Würdigung
des Observationsmaterials von Dr. E._ vom 14. März 2017 hingewiesen werden (IV-
act. 143-3). Auch wenn das gesamte Observationsmaterial nur über einen relativ
kurzen Zeitraum Erkenntnisse liefert und insofern stichprobenartigen Aussagecharakter
hat, begründen die festgehaltenen Beobachtungen abklärungsbedürftige Fragen an der
im invalidenversicherungsrechtlichen Leistungsabklärungsverfahren demonstrierten
Leidenspräsentation der Beschwerdeführerin und an ihrem tatsächlichen
Funktionsniveau, die im Rahmen einer eingehenden Konsistenz- und
2.4.
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Ressourcenprüfung zu beantworten sind. Unabhängig von den
Observationserkenntnissen ist eine - bislang unterbliebene - eingehende Konsistenz-
und Ressourcenprüfung des geklagten syndromalen Leidens auch deshalb erforderlich,
als für das POTS charakteristisch ist, dass - wie bei der Beschwerdeführerin (siehe
etwa IV-act. 14-5 unten oder IV-act. 26-1 unten) - keine organischen krankhaften
Veränderungen am Herz-Kreislaufsystem, an den Hirngefässen oder am Hirn vorliegen
(IV-act. 72-15 oben; Hervorhebung gemäss Original).
Auch dem Bericht von Dr. B._ lässt sich im Übrigen an sich ein guter
Allgemeinzustand entnehmen (IV-act. 163-2). Seiner Arbeitsunfähigkeitsschätzung
liegen denn auch weder kardiologisch objektivierte Beeinträchtigungen noch eine
umfassende Konsistenz- und Ressourcenprüfung zugrunde, sondern vielmehr die
Leidensschilderung der Beschwerdeführerin, die er für «glaubhaft» hält (IV-
act. 163-3 Mitte, siehe zur von ihm ohne nähere Begründung, einzig gestützt auf die
Leidensangaben der Beschwerdeführerin übernommenen Einschätzung, dass ihr ein
Arbeitsweg nicht zumutbar sei und deshalb - entgegen der von ihm früher
bescheinigten Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten [IV-act. 26] - nunmehr
von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszugehen sei IV-act. 55-1). Bezüglich der
von Dr. B._ der bescheinigten vollständigen Arbeitsunfähigkeit im Wesentlichen
zugrunde gelegten Unzumutbarkeit eines Arbeitswegs (siehe etwa IV-act. 55-1) hielt
der kardiologische SMAB-Gutachter schlüssig entgegen, dass es sich bei den
entsprechenden Klagen der Beschwerdeführerin «eher um organisatorische
Hindernisse als um versicherungsrelevante Hemmnisse und Leiden» handle (IV-
act. 72-20 unten). Im Übrigen äusserte sich Dr. B._ in den Anschein von
Voreingenommenheit erweckender Weise wiederholt zum Leistungsanspruch der
Beschwerdeführerin («Ich halte es nicht für verständlich, dass die IV der Patientin eine
Rente vorenthalten will», IV-act. 163-3; bei der nachträglich geänderten
Arbeitsfähigkeitsschätzung berücksichtigte er ausdrücklich: «Es erscheint mir
andererseits auch nicht korrekt, dass der Patientin eine mögliche Arbeitsfähigkeit
zugeschrieben wird, welche unrealistisch ist und dass sie von Leistungen der
Invalidenversicherung ausgeschlossen wird.»; IV-act. 55-2 oben). Ausserdem erfolgte
die von Dr. B._ bescheinigte vollständige Arbeitsunfähigkeit nicht in Kenntnis der
abweichenden Feststellungen aus den gynäkologischen Berichten und den im Rahmen
der Observation festgehaltenen Beobachtungen. Diese Berichte und Beobachtungen
erfolgten sodann nach dem kardiologischen Erstgutachten der SMAB AG, worin der
Beschwerdeführerin in Abweichung zur Einschätzung von Dr. B._ allerdings immerhin
eine 50%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten bei ganztägiger
Präsenz bescheinigt wurde (IV-act. 72-17). Dabei handelte es sich im Übrigen um eine
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
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3.
vorläufige Einschätzung des kardiologischen Erstgutachters, der nach 6 bis
12 Monaten eine erneute Beurteilung der gesundheitlichen Situation empfahl (IV-
act. 72-17 unten).
Ausserdem ergeben sich mehrere Hinweise auf ein allfälliges psychisches Leiden
(siehe etwa den Bericht von Dr. G._ vom 27. März 2019, IV-act. 186-2 ff.) und es ist
unklar, inwiefern das von der Beschwerdeführerin geschilderte und präsentierte
Leidensbild dadurch beeinflusst wird. Bereits im Juli 2016 berichteten die in der
Abteilung Allgemeine Innere Medizin / Hausarztmedizin am KSSG behandelnden Ärzte,
dass die durch das posturale Tachykardiesyndrom bedingten Beschwerden
möglicherweise durch die depressive Angststörung aggraviert würden (IV-act. 112-8).
Auch für Dr. B._ war «nicht klar», ob der gesamte Symptomkomplex dem POTS
zugeordnet werden könne (IV-act. 163-3 Mitte). Wie bereits erwähnt (siehe vorstehende
E. 2.4 am Schluss), ist für das posturale Tachykardiesyndrom charakteristisch, dass
keine organischen Veränderungen nachweisbar sind, weshalb ein psychiatrischer
Abklärungsbedarf bezüglich allfälliger (mitbeeinflussender) psychogener Ursachen im
vorliegenden Fall ausgewiesen erscheint. Vor diesem Hintergrund ist die Anordnung
einer erstmaligen psychiatrischen Begutachtung zumindest vertretbar, zumal auch aus
dieser weitere Erkenntnisse zur Konsistenz der Leidensangaben und -präsentation der
Beschwerdeführerin erwartet werden können.
2.6.
Im Licht der vorgenannten Umstände ist es nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin im Rahmen des ihr zustehenden Ermessens den Sachverhalt als
noch nicht spruchreif abgeklärt hielt und eine bidisziplinäre (kardiologische und
psychiatrische) Begutachtung der Beschwerdeführerin anordnete. Vorliegend ist weder
erkennbar noch von der Beschwerdeführerin substanziiert geltend gemacht worden
(IV-act. 231-2 am Schluss; act. G 1, III. Rz 19), weshalb ihr eine solche
Abklärungsmassnahme aus gesundheitlichen Gründen nicht zugemutet werden könnte.
Dies gilt umso mehr, als die Beschwerdeführerin bereits früh einen Umgang zur
Abwendung sich andeutender Synkopen gelernt hat (zu den immer nach gleichem
Muster verlaufenden Synkopen mit Vorboten siehe IV-act. 14-17 unten und zum
Umgang der Beschwerdeführerin damit act. G 1.7, S. 2). Es soll denn offenbar auch
«seit langer Zeit» nicht mehr zu Synkopen gekommen sein (act. G 1.7, S. 2 Mitte; siehe
auch zum erfolgreichen Vermeiden von Kollapsen IV-act. 72-16 oben).
2.7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
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