Decision ID: badd4d34-ceb3-5e37-9a38-a05011fa168a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 6. März 2020 von Frankreich her kom-
mend in die Schweiz ein. Bei der Kontrolle durch das Grenzwachtkorps gab
er folgende Personalien an: A.B._, geb. (...) 2004, Algerien. Am
7. März 2020 wurde er von der Kantonspolizei (...) kontrolliert. Dort gab er
folgende Personalien an: A.C._, geb. (...) 2004, X._. Am
8. März 2020 ersuchte er im Bundesasylzentrum Zürich um Asyl und gab
dort folgende Personalien an: A.B._, geb. (...) 2004, X._.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der «Eurodac»-Datenbank ergab,
dass er am 29. Oktober 2019 in Italien aufgegriffen worden ist und seine
Fingerabdrücke registriert worden sind. Die italienischen Behörden gaben
auf Anfrage des SEM am 9. April 2020 bekannt, dass er dort als
A.C._, geb. (...) 1999, Algerien registriert worden sei.
B.
Anlässlich der Erstbefragung von unbegleiteten minderjährigen Asylsu-
chenden (UMA) vom 19. März 2020 gab der Beschwerdeführer sein Ge-
burtsdatum mit (...) 2004 und seine Staatsangehörigkeit mit Algerien an.
Anlässlich dieser Befragung wurde ihm das rechtliche Gehör zu einer even-
tuellen Altersabklärung sowie zur möglichen Zuständigkeit Italiens für die
Durchführung des Asylverfahrens gewährt. Am 17. April 2020 führte das
Institut für Rechtsmedizin (...) eine forensische Altersdiagnostik durch. Der
Beschwerdeführer äusserte sich am 6. Mai 2020 sowohl zum Ergebnis der
Begutachtung als auch zur Auskunft der italienischen Behörden vom 9. Ap-
ril 2020. Er bekräftigte, am (...) 2004 geboren und damit minderjährig zu
sein, weshalb die Schweiz für die Behandlung seines Asylgesuchs zustän-
dig sei.
C.
Am 11. Mai 2020 lehnten die italienischen Behörden das Gesuch des SEM
ab, den Beschwerdeführer gestützt auf Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) zu übernehmen.
Einem zweiten Gesuch (Remonstration) um Übernahme (take charge)
stimmten die italienischen Behörden am 28. Mai 2020 schliesslich zu.
F-2995/2020
Seite 3
D.
Mit Verfügung vom 2. Juni 2020, die gleichentags eröffnet wurde, trat das
SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte des-
sen Überstellung nach Italien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die
Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
E.
Mit Beschwerde vom 9. Juni 2020 beantragte der Beschwerdeführer, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuwei-
sen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Ferner sei die Vorinstanz anzuwei-
sen, sein Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) auf den (...) 2004, eventualiter auf den (...) 2003 zu ändern. In
prozessualer Hinsicht sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu
gewähren und die Vollzugsbehörden seien einstweilig und superproviso-
risch anzuweisen, von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Ferner
ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
F.
Am 10. Juni 2020 ordnete die Instruktionsrichterin antragsgemäss einen
superprovisorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen die vorinstanz-
lichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind erfüllt. Auf die Be-
schwerde ist – unter Vorbehalt von E. 3 – einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
F-2995/2020
Seite 4
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Der Antrag des Beschwerdeführers, die Vorinstanz sei anzuweisen, einen
ZEMIS-Eintrag zu ändern (Rechtsbegehren 3.1 und 3.2), geht über den
Verfahrensgegenstand hinaus. Dieser ergibt sich aus den in der Verfügung
getroffenen Anordnungen. Das Verfahren betreffend Berichtigung des
ZEMIS-Eintrags ist nicht Teil des Asylverfahrens; es folgt den Regeln des
Datenschutzgesetzes (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3.1, E. 4.2.3). Die Vor-
instanz hat daher in der streitigen Verfügung diesbezüglich zu Recht keine
Anordnung getroffen. Der Beschwerdeführer hat grundsätzlich die Möglich-
keit, bei der Vorinstanz die Berichtigung des ZEMIS-Eintrags vom 8. Mai
2020 zu beantragen, worauf diese über das Gesuch zu befinden hätte. Auf
die Rechtsbegehren 3.1 und 3.2 ist nicht einzutreten.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Die Kriterien des
Kapitels III sind nach dem Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskrite-
rien, d.h. in der dort aufgeführten Rangfolge anzuwenden (vgl. Art. 7 Abs. 1
Dublin-III-VO).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, minderjährig zu sein. Im Falle
von unbegleiteten Minderjährigen, die über keine familiären Bindungen zu
F-2995/2020
Seite 5
Personen in einem der Mitgliedstaaten verfügen (vgl. Art. 8 Abs. 1–3 Dub-
lin-III-VO), ist derjenige Mitgliedstaat zuständiger Mitgliedstaat, in dem der
unbegleitete Minderjährige seinen Antrag auf internationalen Schutz ge-
stellt hat (Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO).
5.2 Das Gericht gelangt nach Prüfung der Akten und der vom Beschwer-
deführer vorgebrachten Argumente zum Ergebnis, dass das von ihm ge-
genüber den Schweizer Behörden behauptete Geburtsdatum (...) 2004
nicht glaubhaft ist. Das Gutachten zur Bestimmung des Alters kommt zum
Schluss, dass der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Abklärung am
17. April 2020 mit Sicherheit das 17. Altersjahr vollendet hatte (Akten SEM
23). Somit wäre das Geburtsdatum spätestens am 17. April 2003 anzuneh-
men. Hieraus folgt unter Berücksichtigung des von ihm angegebenen Ge-
burtsdatums ([...] 2004), dass er mindestens ein Jahr und (...) Monate älter
ist, als er gegenüber den Schweizer Behörden geltend macht. Das Ge-
burtsdatum (...) 2004 ist somit eindeutig unzutreffend. Die Angaben des
Beschwerdeführers bezüglich seines Alters sind nicht glaubhaft. Weitere
Indizien dafür ergeben sich aus seinem Verhalten während der Erstbefra-
gung UMA vom 19. März 2020 (Akten SEM 15), wo er bei Fragen, die indi-
rekt im Zusammenhang mit seinem Alter standen – z.B. Schulbesuch, Auf-
enthaltsorte, etc. – auffällig oft Rückfragen stellte oder zunächst auswei-
chende Antworten gab. Zudem räumte der Beschwerdeführer offen ein,
seine Aussagen danach auszurichten, was ihm seiner Meinung nach am
meisten nützt (Akten SEM 29). So gab er gegenüber den italienischen Be-
hörden an, 1999 geboren zu sein, weil er gehört hatte, dass er als Minder-
jähriger in Italien bleiben müsste, was er jedoch nicht wollte (Akten SEM
15 Ziff. 2.06). Aus Angst, nach Algerien zurückgeschickt zu werden, nannte
er gegenüber der Kantonspolizei (...) X._ als Heimatstaat und auch
auf dem Personalienbogen gab er an, Staatsangehöriger von X._
zu sein (Akten SEM 15 Ziff. 1.11; sowie Akten SEM 1 und 24). Es bestehen
keine Anhaltspunkte, von der Einschätzung der Vorinstanz – welche den
Beschwerdeführer persönlich befragt hat – abzuweichen, wonach dieser
im Zeitpunkt der Antragsstellung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
volljährig war. Das Gutachten betreffend Altersabklärung legt nur eine Un-
tergrenze (17. Altersjahr vollendet), nicht jedoch eine Obergrenze fest. Die
Befunde des Gutachtens stehen somit der aufgrund der erwähnten Indizien
getroffenen Annahme der Vorinstanz nicht entgegen. Dem Beschwerde-
führer ist es nicht gelungen, glaubhaft zu machen, dass er im Zeitpunkt der
Antragsstellung minderjährig war.
F-2995/2020
Seite 6
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bringt keine anderen Gründe vor, welche darauf
abzielen, die Zuständigkeit Italiens für die Behandlung seines Asylgesuchs
aufgrund der Kriterien des Kapitels III – hier Art. 13 Abs. 1 – der Dublin-III-
VO in Frage zu stellen. Solche Gründe sind auch aus den Akten nicht er-
sichtlich. Insbesondere hat die Vorinstanz die Fristen für die Antwort auf
den ersten ablehnenden Entscheid der italienischen Behörden (vgl. Art. 5
Abs. 2 der Verordnung [EG] Nr. 1560/2003 der Kommission vom 2. Sep-
tember 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur Verordnung [EG]
Nr. 343/2003 [...], ABl. L 222/3 vom 5.9.2003) gewahrt.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstel-
len – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz
Dublin-III-VO aufweist (vgl. Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember
2019 E. 6.3). Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt. Aus den Vorbringen des Beschwerdeführers geht über-
dies nichts hervor, was eine Ausübung des Selbsteintrittsrechts nach
Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO, welches in Art. 29a Abs. 3 der Asyl-
verordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert ist,
rechtfertigen würde.
7.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
7.1 Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 10. Juni 2020 angeordnete Voll-
zugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung
ist gegenstandslos geworden.
7.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten
sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 - 3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
8.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
F-2995/2020
Seite 7