Decision ID: 49c96b9e-2fe6-4e4c-87f2-e4e33b6fdd69
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
a. Die Eheleute A.Y. und B.Y. wohnen in X. Der Ehemann bezieht eine IV-Rente sowie
Ergänzungsleistungen (act. G 5/2/5); die Ehefrau ist arbeitsunfähig und bezog bis Mitte
März 2016 Leistungen einer Krankentaggeldversicherung (act. G 5/2/2). Die Eheleute
A.Y. und B.Y. ersuchten am 26. Februar 2016 um Erlass ausstehender Kantons- und
Gemeindesteuern für 2014 im Betrag von CHF 1'455.90 (act. G 5/6 Id). Das Steueramt
der Stadt X. wies das Erlassgesuch am 1. März 2016 ab mit der Begründung, bei einer
Gegenüberstellung der Einkünfte und Ausgaben ergebe sich eine freie Quote von
CHF 791.85, die es den Gesuchstellern ermögliche, die offenen Steuern zu bezahlen.
Zudem sei festzustellen, dass Verlustscheine, Betreibungen und andere Schulden
vorhanden seien (act. G 5/6 Ib).
b. Gegen die Verfügung des Steueramtes vom 1. März 2016 erhoben die Eheleute A.Y.
und B.Y. mit Eingabe vom 30. März 2016 Rekurs (act. G 5/1). Die
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Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen hiess den Rekurs mit Entscheid
vom 25. August 2016 gut. Begründet wurde die Gutheissung im Wesentlichen damit,
dass der Wegfall der Taggelder für die Gesuchsteller eine Notlage bzw. grosse Härte
bedeute und die übrigen laufenden Schulden eine Verweigerung des Erlasses nicht
rechtfertigen würden (act. G 2).
B.
a. Gegen diesen Entscheid erhob das kantonale Steueramt am 30. September 2016
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Rechtsbegehren, der Entscheid sei
aufzuheben und der Erlassentscheid vom 1. März 2016 zu bestätigen (act. G 1).
b. In der Vernehmlassung vom 11. Oktober 2016 beantragte die Vorinstanz Abweisung
der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die Darlegungen im angefochtenen
Entscheid und äusserte sich ergänzend zur Beschwerde (act. G 4). Die
Beschwerdegegner verzichteten auf eine Vernehmlassung (vgl. act. G 7 f.).
c. Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und

die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2.
2.1. Gemäss Art. 224 Abs. 1 StG bedingt der Erlass der Staats- und Gemeindesteuern,
dass der Steuerpflichtige in Not geraten ist (Notlage) oder die Bezahlung der Steuern
für ihn eine grosse Härte bedeuten würde. Eine inhaltlich im Wesentlichen
übereinstimmende Regelung findet sich in Art. 167 Abs. 1 des Gesetzes über die
direkte Bundessteuer (DBG; SR 642.11). Der Erlass schafft eine Möglichkeit, einer
wesentlichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse der steuerpflichtigen
Person seit der Steuerperiode, auf die sich das Erlassbegehren bezieht, in besonders
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schweren Fällen Rechnung zu tragen (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Kommentar zum
Zürcher Steuergesetz, 3. Aufl., Zürich 2013, N 4 zu § 183). Der geschuldete
Steuerbetrag muss in einem Missverhältnis zur finanziellen Leistungsfähigkeit des
Steuerpflichtigen stehen. Dies ist insbesondere dann gegeben, wenn die Steuerschuld
trotz Einschränkung der Lebenshaltungskosten auf das Existenzminimum in
absehbarer Zeit nicht vollumfänglich beglichen werden kann. In jedem Fall liegt eine
Notlage vor bei Einkommens- und Vermögenslosigkeit oder wenn die öffentliche Hand
für die Lebenshaltungskosten der steuerpflichtigen Person aufkommen muss. Bei der
Prüfung der Frage, ob eine Notlage vorliegt, ist auf die gesamten wirtschaftlichen
Verhältnisse der steuerpflichtigen Person abzustellen (Zigerlig/Oertli/Hofmann, Das st.
gallische Steuerrecht, 7. A., St. Gallen 2014, VII. N. 148 mit Hinweisen). Massgebend
ist das betreibungsrechtliche Existenzminimum nach Art. 93 des Bundesgesetzes über
Schuldbetreibung und Konkurs (SR 281.1, SchKG). Unter der Voraussetzung der
grossen Härte werden neben der wirtschaftlichen Notlage besondere
Lebenssituationen verstanden, wie der Unterhalt einer Familie, dauernde
Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unglücksfälle usw. (Zigerlig/Oer-tli/Hofmann, VII. N. 149f.;
SGE 2011 Nr. 20 und 25).
2.2. Ziel und Zweck des Erlassverfahrens ist eine langfristige und dauernde Sanierung
der wirtschaftlichen Lage der steuerpflichtigen Person. Der Erlass soll dabei dem
Gesuchsteller selbst und nicht seinen Gläubigern zu Gute kommen. Er kommt nur in
Frage, wenn neben dem Gemeinwesen auch die übrigen Gläubiger ein Opfer erbringen
(Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar zum DBG, N. 2 und 29 zu Art. 167
DBG). Während im Kanton St. Gallen keine näheren Vollzugsvorschriften auf Gesetzes-
oder Verordnungsstufe existieren, wird die Behandlung der Erlassgesuche auf
Bundesebene in der Verordnung des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD) über
die Behandlung von Erlassgesuchen für die direkte Bundessteuer (SR 642.121,
Steuererlassverordnung) geregelt. Diese findet sachgemäss Anwendung (Zigerlig/
Oertli/Hofmann, VII. N. 146 und 148). Im Kanton St. Gallen sind weitere Erläuterungen
dem St. Galler Steuerbuch zu entnehmen (StB 224 Nr. 1).
2.3. Der Beschwerdeführer beruft sich auf den per 1. Januar 2016 in Kraft getretenen
Art. 167a lit. b DBG (act. G 1 S. 3), weshalb vorweg zu klären ist, inwiefern eine analoge
Anwendbarkeit der Bestimmung auf die vorliegenden Verhältnisse, d.h. den Erlass
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kantonaler und kommunaler Steuern für das Jahr 2014, in Betracht fällt. Das strittige
Erlassgesuch reichten die Beschwerdegegner am 26. Februar 2016 und damit nach
dem Inkrafttreten Bundesgesetzes über eine Neuregelung des Steuererlasses (AS 2015
9) und der Steuererlassverordnung (AS 2015 1895) am 1. Januar 2016 ein. Was die
materiellen Voraussetzungen für die Gewährung des Steuererlasses betrifft, enthält Art.
205e DBG keine Regelung des anwendbaren Rechts. In materieller Hinsicht sind daher
diejenigen Rechtssätze analog anzuwenden, welche bei Erfüllung des rechtlich zu
ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung hatten (vgl.
BVerwGE A-6903/2015 vom 24. April 2016, E. 3.3). Vorliegend führten die in den
Jahren ab 2014 bei den Beschwerdeführern gegebenen wirtschaftlichen Verhältnisse -
mit zeitlich zum Voraus auf 730 Tage begrenztem Krankentaggeldanspruch der
Beschwerdegegnerin (vgl. act. G 5/6 1g) - zum Erlassgesuch im Februar 2016. Dies
bedeutet, dass eine rückwirkende analoge Anwendung der nunmehr (namentlich) in
Art. 167a DBG geregelten Erlassvoraussetzungen auf den vorliegenden Sachverhalt -
und damit insbesondere die rückwirkende Einführung einer Pflicht zur Bildung von
Rücklagen in den Steuerperioden 2014 und 2015 (Art. 167a lit. b DBG) - ausser
Betracht fällt.
3.
3.1. Zu prüfen ist, ob die Steuerschuld von CHF 1'455.90 zu erlassen ist. Im
angefochtenen Entscheid hielt die Vorinstanz unter anderem fest, der
Beschwerdeführer habe in der Lebensaufwandberechnung einen Betrag von
CHF 1428.85 berücksichtigt, obwohl die Gesuchsteller ihrem Antrag das Schreiben der
Krankenkasse vom 8. Februar 2016 beigelegt hätten, wonach die Taggeldleistungen
per 12. März 2016 eingestellt würden. Zudem finde sich in den Gesuchsakten ein
Betreibungsauszug, der vom 27. April 2016 datiere und somit erst nach Erlass des
Einspracheentscheids erstellt worden sei. In der Rekursvernehmlassung habe der
Beschwerdeführer eine geänderte Begründung vorgebracht und nicht mehr die freie
Quote, sondern die Überschuldung als Grund für die Verweigerung des Erlasses
angeführt. Die Verlustscheine, Betreibungen und andere Schulden habe die Vorinstanz
zwar bereits in der Verfügung erwähnt, jedoch ohne auszuführen, inwiefern sie für die
Abweisung des Erlassgesuchs ausschlaggebend gewesen seien. Diese Begründung
sei nicht ausreichend gewesen und habe zudem eine Verletzung des rechtlichen
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Gehörs dargestellt. Das Argument des Beschwerdeführers, die Beschwerdegegners
müssten (nach Wegfall des Taggeldes) eine Erhöhung der Ergänzungsleistung (EL)
beantragen, sei unbehelflich. Dieses Vorgehen nehme zum einen eine gewisse Zeit in
Anspruch, und anderseits könne aufgrund der Akten nicht beurteilt werden, wie hoch
künftige EL ausfallen würden. Aus dem Gesuchsformular ergebe sich, dass die
Beschwerdegegner bestrebt seien, die laufenden Schulden, insbesondere jene beim
Gemeinwesen, zumindest teilweise in Raten zurückzuzahlen. Auch an die offenen
Steuern hätten sie bislang CHF 720 geleistet. Es könne ihnen daher nicht vorgehalten
werden, ein Erlass käme vorwiegend Drittgläubigern zugute. Die Bezahlung der
ausstehenden Steuern von CHF 1455.90 bedeute für die Beschwerdegegner aufgrund
des Wegfalls der Taggelder eine Notlage bzw. grosse Härte (act. G 5/6 Ig).
3.2. Der Beschwerdeführer führt aus, die Beschwerdegegner hätten im Jahr 2015
Taggelder in der Höhe von CHF 28‘397 erhalten und trotzdem die erforderlichen
Rücklagen für die Steuern nicht vorgenommen. Im Übrigen hätten sie erwähnt, dass
die EL nach Wegfall der Taggeldleistungen noch angepasst werden müsse (act. G 5/6
Ie). Im Weiteren liege keine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor. Im Erlassentscheid
vom 1. März 2016 sei eine Doppelbegründung angeführt worden. Wenn diese auch
bezüglich der vorhandenen Verlustscheine, Betreibungen und anderer Schulden eher
knapp ausgefallen sei, sei doch erkennbar gewesen, aus welchen Gründen das
Erlassgesuch abgewiesen worden sei. Auch sei es möglich gewesen, mit der
Rekursvernehmlassung (act. G 5/5) einen aktuellen Betreibungsregisterauszug
einzureichen, da der Vorinstanz volle Kognition zukomme (Art. 46 VRP). Im
steuerrechtlichen Beschwerdeverfahren seien aufgrund von Art. 196 Abs. 2 StG neue
tatsächliche Ausführungen und Aktenstücke selbst dann zu berücksichtigen, wenn sie
bereits vor der Vorinstanz hätten vorgebracht werden können (VerwGE B 2011/202
vom 20. März 2012). Im Weiteren käme ein Erlass infolge der massiven
Überschuldungssituation der Beschwerdegegner nicht ihnen selbst, sondern ihren
Gläubigern zu Gute (act. G 1).
4.
4.1. Die Vorinstanz beanstandete im angefochtenen Entscheid, dass der
Beschwerdeführer einen erst nach Erlass des Einspracheentscheids erstellten
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Betreibungsregisterauszug vom 27. April 2016 der Rekursvernehmlassung beigelegt
habe (act. G 2 S. 4 f.). Wie der Beschwerdeführer indes mit Verweis auf die
einschlägige Rechtsprechung (VerwGE B 2011/202) zutreffend darlegt, sind im
steuerlichen Beschwerdeverfahren aufgrund von Art. 196 Abs. 2 StG neue tatsächliche
Ausführungen und Aktenstücke selbst dann zu berücksichtigen, wenn sie bereits vor
der Vorinstanz hätten vorgebracht werden können. Der nachgereichte
Betreibungsregisterauszug war damit im Rekursverfahren in die Beweiswürdigung
einzubeziehen.
Im Weiteren beanstandete die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid, dass die
Begründung betreffend das Vorhandensein von Schulden, Betreibungen und
Verlustscheinen in der Abweisung des Erlassgesuches nicht ausreichend gewesen sei
und der Beschwerdeführer diesbezüglich das rechtliche Gehör verletzt habe (act. G 2
S. 4 f.). Ihr kann nicht gefolgt werden. Auch wenn die ergänzende Begründung der
Erlassabweisung durch den Beschwerdeführer knapp ausfiel, konnten die
Beschwerdegegner, die im Fragebogen für Erlassgesuch (act. G 5/6 Id und G 5/2/5)
den Konkurs des Beschwerdegegners angeführt hatten, daraus schliessen, dass der
Beschwerdeführer jenen (zeitlich lange zurückliegenden) Konkurs meinte. Eine
Verletzung der Begründungspflicht ist damit nicht ersichtlich. Die weitere (materielle)
Frage, ob ein über 10 Jahre zurückliegender Konkurs als Grund für eine
Erlassablehnung herangezogen werden kann, braucht - wie sich nachstehend ergeben
wird - nicht geklärt zu werden.
4.2. Unbestrittenermassen war im Zeitpunkt des Erlassgesuchs der Beschwerdegegner
(26. Februar 2016) bekannt, dass die Krankentaggeldleistungen zufolge Erreichens der
maximal möglichen Leistungsdauer ab dem 12. März 2016 eingestellt würden. Die
entsprechende Mitteilung des Krankenversicherers vom 8. Februar 2016 (act. G 5/6 Ig)
reichten sie mit dem Erlassgesuch ein. Die Beschwerdegegner verfügten somit ab dem
12. März 2016 nicht mehr über Einnahmen, welche das betreibungsrechtliche
Existenzminimum sichern konnten. Selbst mit einer nachträglichen Erhöhung der EL
hätten sie kaum mehr als das betreibungsrechtliche Existenzminimum erreichen
können. Somit wäre im massgebenden Zeitpunkt der Prüfung des Erlassgesuchs (vgl.
VerwGE B 2013/189 vom 19. August 2014, E. 2.1) bei Bezahlung der Steuerschuld das
betreibungsrechtliche Existenzminimum unterschritten worden. Auch war im Zeitpunkt
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der Gesuchsprüfung ihre zukünftige finanzielle Perspektive, der Ehemann IV-Bezüger
und die Ehefrau arbeitslos, nicht erfolgsversprechend in dem Sinn, dass dies eine
Erlassverweigerung zureichend hätte begründen können. Unter diesen Umständen ist
von einer Notlage der Beschwerdegegner im Sinn von Art. 224 Abs. 1 StG auszugehen.
Da die Beschwerdegegner im Zeitpunkt ihres Erlassgesuches höchstens Einnahmen in
der Höhe des betreibungsrechtlichen Existenzminimum hatten, konnten sie auch keine
Schulden an die Gläubiger aus dem vor über 10 Jahren erfolgten Konkurs des
Ehemannes bezahlen. Daher hat ein Steuererlass auch keine Bevorzugung anderer
Gläubiger zur Folge.
Die weitere Erlassvoraussetzung der grossen Härte gemäss Art. 224 Abs. 1 StG lässt
sich von der Notlage nicht scharf abgrenzen. Nebst der wirtschaftlichen Notlage
werden darunter wie erwähnt (vorstehende E. 2.1) besondere Lebenssituationen
(dauernde Arbeitslosigkeit, Krankheit usw.) verstanden. Wie dargelegt waren beide
Ehegatten im Zeitpunkt der Gesuchsprüfung schon länger nicht mehr erwerbstätig und
lebten von Sozialversicherungsleistungen. Eine (Wieder-) Eingliederung in den
Arbeitsmarkt war nicht absehbar. Unter diesen Umständen lag auch eine grosse Härte
vor. Die Vorinstanz bejahte daher zu Recht die Voraussetzungen für einen Steuererlass.
4.3. Retrospektiv betrachtet bleibt anzumerken, dass die Beschwerdegegner in den
Jahren 2014 und 2015 infolge des Krankentaggeldbezugs der Beschwerdegegnerin die
Steuerschuld soweit ersichtlich hätten begleichen können. Das haben sie nicht getan.
Nach dem ab dem 1. Januar 2016 geltenden - wie dargelegt hier jedoch nicht (analog)
anwendbaren - DBG-Recht vermöchte dieses Verhalten der Beschwerdegegner künftig
unter Umständen eine Erlassverweigerung zu begründen.
5.
5.1. (...).
5.2. Die Beschwerdegegner stellten keinen Antrag auf Entschädigung von
ausseramtlichen Kosten (Art. 98bis VRP).