Decision ID: 674b30a0-f411-5252-9522-d7fd22e9feb6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine somalische Staatsangehörige – reichte am
20. Juni 2012 in der Schweiz erstmals ein Asylgesuch ein. Dieses lehnte
das vormals zuständige Bundesamt für Migration am 19. November 2014
ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Da die Rückkehr der
Beschwerdeführerin in den Herkunftsstaat nicht zumutbar war, wurde sie
vorläufig aufgenommen. Infolge der unkontrollierten Abreise am 13. Mai
2018 und des Asylgesuchs in Deutschland erlosch die vorläufige Aufnahme
der Beschwerdeführerin und ihrer in der Schweiz am (...) geborenen Toch-
ter mit Verfügung vom 29. Oktober 2018.
B.
Das Migrationsamt des Kantons D._ teilte dem SEM am 6. August
2019 mit, dass sich die Beschwerdeführerin ohne Aufenthaltsregelung in
der Schweiz befinde. Demzufolge prüfte das SEM die Durchführung eines
Dublin-Verfahrens. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Da-
tenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführerin am
23. Mai 2018 in Deutschland um Asyl ersucht hatte. Nachdem die deut-
schen Behörden dem Übernahmeersuchen des SEM am 16. August 2019
zugestimmt hatten, verfügte das SEM gleichentags gestützt auf Art. 64a
Abs. 1 AIG (SR 142.20) die Wegweisung der Beschwerdeführerin nach
Deutschland. Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Bundesverwal-
tungsgericht mit Urteil F-4276/2019 vom 3. September 2019 ab, soweit es
darauf eintrat.
C.
Am 16. Dezember 2019 wurde die Beschwerdeführerin nach Deutschland
überstellt.
D.
Am 8. März 2020 reichte die Beschwerdeführerin in der Schweiz ein zwei-
tes Asylgesuch ein. Ihre Tochter befindet sich in Deutschland in behördli-
cher Obhut (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1063451-25/10, S. 2).
E.
Aufgrund der ausserordentlichen Lage im Zusammenhang mit der Corona-
Pandemie entschied das SEM, auf die Durchführung des Dublin-Ge-
sprächs zu verzichten und gewährte der Beschwerdeführerin am 18. März
2020 auf schriftlichem Weg das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit
Deutschlands für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens
F-3496/2020
Seite 3
beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zum Nichteintretensent-
scheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31). Der Beschwer-
deführerin wurde gleichzeitig Gelegenheit eingeräumt, sich zum Gesund-
heitszustand zu äussern.
F.
Nach gewährter Fristerstreckung verzichtete die Rechtsvertretung mit
Schreiben vom 31. März 2020 auf eine Stellungnahme, weil für die voll-
ständige Erstellung des Sachverhalts wichtige Informationen fehlten. Ins-
besondere seien der Rechtsvertretung die dem SEM bekannten Akten der
früheren Asylgesuche nicht zugänglich, weshalb um Akteneinsicht ersucht
werde. Ausserdem werde beantragt, dass die Beschwerdeführerin medizi-
nisch und psychologisch abgeklärt werde. Hinweise auf eine gesundheitli-
che Beeinträchtigung seien dem SEM bekannt.
G.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführerin am 25. Juni 2012 in der
Schweiz und am 23. Mai 2018 in Deutschland um Asyl nachgesucht hatte.
Gestützt darauf ersuchte die Vorinstanz die deutschen Behörden am
21. April 2020 um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin im Sinne von
Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neu-
fassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin-III-VO).
Die deutschen Behörden hiessen dieses Ersuchen am 27. April 2020 gut.
H.
Eine Anfrage des SEM zum Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
vom 27. April 2020 an die Pflege des zuständigen Bundesasylzentrums
wurde gleichentags beantwortet.
I.
Mit Schreiben vom 28. April 2020 gewährte das SEM der Beschwerdefüh-
rerin erneut das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Deutschlands für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens beziehungsweise
zur Wegweisung dorthin und zum Nichteintretensentscheid gemäss
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG. Es räumte ihr gleichzeitig Gelegenheit ein,
F-3496/2020
Seite 4
zum Gesundheitszustand Stellung zu nehmen. Ausserdem wurde der
Rechtsvertretung Einsicht in die Akten des letzten Verfahrens in der
Schweiz (Rechtskräftige Wegweisung vom 16. August 2019 nach Deutsch-
land aufgrund illegalen Aufenthalts in der Schweiz) gewährt.
J.
Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 nahm die Rechtsvertretung entsprechend
Stellung und führte aus, die Beschwerdeführerin möchte nicht nach
Deutschland zurückkehren. Lieber würde sie sterben. Sie sei in Deutsch-
land wie ein Tier behandelt worden. Sie habe grosse Angst, dass ihr dort
eine Abschiebung nach Somalia drohe und sie somit endgültig von ihrer
Tochter getrennt wäre. Sie wünsche sich, mit ihrer Tochter in der Schweiz
leben zu können und erkläre sich generell dazu bereit, die dafür nötigen
medizinischen Abklärungen zu machen. Aus den Akten, worin Einsicht ge-
währt worden sei, ergäben sich zahlreiche Hinweise auf den schlechten
psychischen und physischen Zustand. So sei mitunter aktenkundig, dass
die Beschwerdeführerin an Diabetes Grad II, Adipositas, einer Posttrauma-
tischen Belastungsstörung (PTBS) und schweren Depression leide. Im Au-
gust 2019 hätten sich auch suizidale Tendenzen bemerkbar gemacht. Be-
reits gestützt darauf müsse das SEM davon ausgehen, dass diese gravie-
renden gesundheitlichen und psychischen Beschwerden noch fortbestün-
den. Es könne sich nicht darauf abstützen, die Beschwerdeführerin habe
sich nicht bei der Pflege gemeldet. Hierfür könne es bekanntlich viele Hür-
den geben. Die Beschwerdeführerin habe geltend gemacht, dass sie ge-
nerell kein Vertrauen mehr in die Ärzte habe. Man hätte sie für verrückt
erklärt und deswegen ihre Tochter weggenommen. Sie hätte sich daher
aus Angst noch nicht bei der Pflege gemeldet. Da der Rechtsvertretung bis
anhin keine medizinischen Berichte vorliegen würden, werde eine umfas-
sende und sorgfältige Abklärung des gesundheitlichen Zustands der Be-
schwerdeführerin durch eine externe Fachperson beantragt. Zurzeit sei der
medizinische Sachverhalt nicht abschliessend abgeklärt. Es sei daher, bei
einer klareren Sachlage, erneut die Gelegenheit einzuräumen, zur Ge-
sundheit der Beschwerdeführerin Stellung zu nehmen.
K.
Eine erneute Anfrage des SEM zum Gesundheitszustand der Beschwer-
deführerin vom 15. Juni 2020 an die Pflege des zuständigen Bundesasyl-
zentrums wurde am 19. Juni 2020 beantwortet.
L.
Mit Verfügung vom 2. Juli 2020 – eröffnet gleichentags (Empfangsbestäti-
gung [SEM-act. 1063451-39/1]) – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a
F-3496/2020
Seite 5
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin vom
8. März 2020 nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Deutschland, for-
derte die Beschwerdeführerin – unter Androhung von Zwangsmitteln im
Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerde-
frist zu verlassen, beauftragte den Kanton D._ mit dem Vollzug der
Wegweisung, händigte der Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Ak-
ten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine allfällige Be-
schwerde gegen die Verfügung habe keine aufschiebende Wirkung.
M.
Mit Eingabe vom 9. Juli 2020 liess die Beschwerdeführerin gegen den vor-
instanzlichen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde er-
heben und beantragen, es sei die Verfügung des SEM vom 2. Juli 2020 zur
rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Es sei der vorliegenden Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen. Im Sinne einer superprovisorischen vor-
sorglichen Massnahme seien die Vollzugsbehörden unverzüglich anzuwei-
sen, von einer Überstellung nach Deutschland abzusehen, bis das Bun-
desverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung ent-
schieden habe. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Ausserdem wurde um Beizug der Verfahrensakten der Vorinstanz ersucht.
Auf die Begründung der Beschwerde wird – soweit entscheidrelevant – in
den Erwägungen eingegangen.
N.
Der zuständige Instruktionsrichter setzte am 10. Juli 2020 gestützt auf
Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
O.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
10. Juli 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
F-3496/2020
Seite 6
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie-
gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche,
weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
3.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführerin am 23. Mai 2018 in
F-3496/2020
Seite 7
Deutschland ein Asylgesuch gestellt hatte. Das SEM ersuchte deshalb die
deutschen Behörden am 21. April 2020 um Wiederaufnahme der Be-
schwerdeführerin im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO. Die deut-
schen Behörden hiessen das Ersuchen am 27. April 2020 gut. Vor diesem
Hintergrund ist die Zuständigkeit Deutschlands zur Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens gegeben.
4.
Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen geltend gemacht, einerseits
habe das SEM seine Untersuchungspflicht verletzt, weil der entscheidrele-
vante Sachverhalt im Hinblick auf die gesundheitliche Verfassung der Be-
schwerdeführerin nicht rechtsgenüglich erstellt worden sei. Andererseits
sei das SEM der Pflicht zur Ermessensausübung nicht nachgekommen be-
ziehungsweise habe nicht in nachvollziehbarer Weise geprüft, weshalb auf
einen Selbsteintritt verzichtet werde.
Die von der Beschwerdeführerin dargelegten gesundheitlichen Probleme
seien in der angefochtenen Verfügung zwar inhaltlich berücksichtigt wor-
den, das SEM habe sich jedoch während des Vorverfahrens darauf be-
schränkt, zum Zwecke der Abklärung des Gesundheitszustands der Be-
schwerdeführerin sich zweimal schriftlich an den Pflegedienst zu wenden.
Das SEM habe weder von Amtes wegen eine – wie mehrfach beantragt
worden sei – medizinische Untersuchung der Beschwerdeführerin hinsicht-
lich der ihm bekannten gesundheitlichen Beschwerden (insbesondere Dia-
betes Grad II, Adipositas, PTBS und schwere Depression) angeordnet
noch diese aufgefordert, eine solche zu veranlassen. Dies habe das SEM
selbst im Wissen unterlassen, dass die Beschwerdeführerin im August
2019 suizidale Tendenzen gezeigt habe.
Es sei fraglich, inwiefern es gerechtfertigt sei, dass sich die Vorinstanz bei
der Beurteilung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin vor-
nehmlich auf die Einschätzung der Pflege des Bundesasylzentrums stütze.
Die Äusserung der Beschwerdeführerin gegenüber Dr. E._ am
18. Juni 2020, sie leide ansonsten unter keinen gesundheitlichen Be-
schwerden, habe nie eine schlimme Erkrankung gehabt und habe keine
Erwartungen an F._, müsse jedenfalls im Zusammenhang mit ihrem
bevorgestandenen Termin im Zahnarztzentrum (...) und damit im Kontext
mit ihren Zahnschmerzen gewürdigt werden.
Die geplante Überstellung der Beschwerdeführerin nach Deutschland sei
aus völkerrechtlicher Sicht mangels Aktualität der Angaben einer medizini-
F-3496/2020
Seite 8
schen Fachperson hinsichtlich der gesundheitlichen Situation der Be-
schwerdeführerin nicht zulässig.
Die Vorinstanz habe die Frage des Selbsteintritts mit der textbausteinarti-
gen gehaltlosen Formulierung "in Würdigung der Akten und der von Ihnen
geäusserten Umstände liegen keine Gründe vor, die die Schweiz veranlas-
sen müssten, die Souveränitätsklausel anzuwenden" verneint. Sie habe
aber nicht dargelegt, welche Kriterien sie zur Beurteilung der humanitären
Gründe dem vorliegenden Fall zugrunde gelegt habe. Dabei sei nochmals
zu erwähnen, dass sie aufgrund der Vorakten Kenntnis von der gesund-
heitlich schwer angeschlagenen Beschwerdeführerin habe haben müssen.
Zudem handle es sich um eine alleinerziehende Mutter und vulnerable Per-
son. Die Vorinstanz habe ihr Ermessen unterschritten, was ebenfalls eine
Rechtsverletzung darstelle.
Aufgrund des Gesagten müsse die angefochtene Verfügung zur Neubeur-
teilung an die Vorinstanz zurückgewiesen werden.
5.
5.1. Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Ausserdem darf davon ausgegangen werden, dieser Staat
anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den
Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
5.2. Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die deutschen Behörden würden sich weigern, sie wieder aufzuneh-
men und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Re-
geln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind auch keine Gründe
für die Annahme zu entnehmen, Deutschland werde in ihrem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen
F-3496/2020
Seite 9
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Vor diesem
Hintergrund erweist sich ihre Befürchtung, von Deutschland nach Somalia
abgeschoben zu werden, als unbegründet. Der Beschwerdeführerin steht
es im Übrigen offen, sich in Deutschland bei allfälligen Schwierigkeiten an
die dafür zuständigen Behörden beziehungsweise karitativen Organisatio-
nen zu wenden, weshalb sie aus ihrer Argumentation, sie sei in Deutsch-
land wie ein Tier behandelt worden und es handle sich bei ihr um eine al-
leinerziehende Mutter und vulnerable Person, nichts zu ihren Gunsten ab-
zuleiten vermag.
5.3.
5.3.1. Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, kann auf die Anga-
ben der Beschwerdeführerin und den detaillierten Beschrieb in der ange-
fochtenen Verfügung (vgl. Beschwerdebeilage 2, S. 5 ff.) verwiesen wer-
den.
Wie sich aus der Antwort des Pflegepersonals im Bundesasylzentrum vom
27. April 2020 (vgl. SEM-act. 1063451-23/2) auf die Fragen des SEM zum
derzeitigen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ergibt, wurde
diese bis am 27. April 2020 nie bei F._ vorstellig. Zum Gesundheits-
zustand sei nichts bekannt. Die Beschwerdeführerin nehme weder Medi-
kamente, welche vom Pflegepersonal abgegeben würden, noch sei sie mo-
mentan in ärztlicher Behandlung.
Mit E-Mail vom 15. Juni 2020 erkundigte sich das SEM, ob die Beschwer-
deführerin seit der letzten Anfrage vom 27. April 2020 bei der Pflege des
Bundesasylzentrums vorstellig gewesen sei und sie sich wegen der von
der Rechtsvertretung erwähnten Beschwerden (Diabetes Mellitus Typ II,
Adipositas, PTBS, schwere Depression, suizidale Tendenzen) bis anhin
gemeldet habe. Der entsprechenden Rückmeldung des Pflegepersonals
vom 19. Juni 2020 (vgl. SEM-act. 1063451-35/2) ist zu entnehmen, dass
es keinen Hinweis auf einen Diabetes Mellitus gibt. Dies habe die Be-
schwerdeführerin beim Pflegepersonal wiederholt bestätigt und auch auf
dem Anmeldeformular für das Zahnarztzentrum unterschriftlich bestätigt.
Zudem gebe es keine Anzeichen einer sonstigen chronischen Erkrankung.
Als starke Raucherin mit Raucherhusten sei die Beschwerdeführerin wäh-
rend der Coronazeit ab und zu auf Symptome überprüft worden. Sie
möchte ausser hinsichtlich der entzündeten Wackelzähne keine Unterstüt-
zung von F._. Weder beim Arzt noch bei der Pflege habe sie je su-
izidale Gedanken geäussert. Sie arbeite regelmässig im gemeinnützigen
Programm (GEP) und wirke aufmerksam und offen im Gespräch.
F-3496/2020
Seite 10
Wie dem Pflegeprotokoll (vgl. SEM-act. 1063451-33/5) entnommen wer-
den kann, erklärte die Beschwerdeführerin am 16. Juni 2020 bei
F._, dass sie sich, abgesehen von der Nase, welche immer stark
ausgetrocknet sei, gut fühle. Auf die Frage nach weiteren Beschwerden
sagte sie, es gehe ihr sehr gut. Am 19. Juni 2020 wies sie darauf hin, dass
die Kopf- und Zahnschmerzen mit Schmerzmitteln schon rückläufig seien.
Ansonsten leide sie unter keinen gesundheitlichen Beschwerden und habe
nie eine schlimme Erkrankung gehabt. Sie sei dankbar, wenn ihre Zahn-
schmerzen weg seien und die Zähne nicht mehr wackelten. Sonst habe sie
keine Erwartungen an F._. Bei dieser Sachlage ist nicht zu bean-
standen, dass sich das SEM auf die Einschätzung des Pflegepersonals im
Bundesasylzentrum beschränkt und auf weitere medizinische Abklärungen
verzichtet hat. Die Rüge des nicht rechtsgenüglich erstellten Sachverhalts
erweist sich damit als unbegründet.
5.3.2. Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
5.3.3. Eine solche Situation ist vorliegend aufgrund der aktenkundigen und
geschilderten gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht gegeben. Die Be-
schwerdeführerin konnte nicht nachweisen, dass eine Überstellung ihre
Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Ihr Gesundheitszustand vermag
eine Unzulässigkeit im Sinne der erwähnten restriktiven Rechtsprechung
nicht zu rechtfertigen. Die medizinischen Probleme sind auch nicht von ei-
ner derartigen Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Über-
stellung abgesehen werden müsste.
Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche
F-3496/2020
Seite 11
medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbe-
dingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi-
schen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnah-
merichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erfor-
derliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer
geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Auf-
nahmerichtlinie). Es ist allgemein bekannt, dass Deutschland über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt, weshalb sich die Be-
schwerdeführerin im Bedarfsfall an das dafür zuständige medizinische
Fachpersonal wenden kann.
Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die mit der Überstellung beauf-
tragten Behörden die besonderen Bedürfnisse der Beschwerdeführerin –
einschliesslich die der notwendigen medizinischen Versorgung, auch in
Bezug auf die Corona-Problematik – berücksichtigen würden, sollte dies
erforderlich sein (vgl. Art. 31 Abs. 2 Dublin-III-VO). So hat die Vorinstanz in
der angefochtenen Verfügung festgehalten, die Reisefähigkeit werde erst
kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt. Ebenso hat die Vorinstanz dem
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin bei der Organisation der
Überstellung nach Deutschland Rechnung zu tragen, indem sie die deut-
schen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig
über den Gesundheitszustand und die notwendige medizinische Behand-
lung zu informieren hat.
5.3.4. Bei der Überstellung von der Schweiz nach Deutschland muss zu-
dem sichergestellt werden, dass allfällige suizidale Tendenzen berücksich-
tigt werden und die allenfalls benötigte Medikation für die Reise wie auch
für die Übergabe an die deutschen Behörden zur Verfügung gestellt wird.
In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass gemäss bundesgerichtli-
cher Rechtsprechung Suizidalität kein Vollzugshindernis darstellt (vgl. Ur-
teil des BGer 2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015 E. 3.2.1), was auch der
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. Urteile des BVGer
F-4514/2018 vom 20. August 2018; F-693/2018 vom 9. Februar 2018).
5.4. Das SEM führte im angefochtenen Entscheid aus, in Würdigung der
Akten und der von der Beschwerdeführerin geäusserten Umstände bestün-
den keine Gründe, die die Schweiz veranlassen würden, die Souveräni-
tätsklausel anzuwenden. Es hat diesen Umständen in der Verfügung Rech-
nung getragen und sich insbesondere auch mit der gesundheitlichen Situ-
ation der Beschwerdeführerin hinreichend auseinandergesetzt. Vor diesem
Hintergrund läuft der Vorhalt, wonach das SEM die Frage des Selbstein-
tritts mit einer textbausteinartigen gehaltlosen Formulierung verneint habe,
F-3496/2020
Seite 12
ins Leere und die Rüge, das SEM sei seiner Pflicht zur gesetzeskonformen
Ermessensausübung nicht nachgekommen und habe somit sein Ermessen
unterschritten, ist als unbegründet zu qualifizieren.
5.5. Auch aus ihrem Wunsch, in der Schweiz zu leben, kann die Beschwer-
deführerin nichts für sich ableiten, zumal die Dublin-III-Verordnung den
Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat
selbst auszuwählen. Es sind ebenso keine Gründe ersichtlich, welche die
Vorinstanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO bezie-
hungsweise Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
(AsylV 1, SR 142.311) hätten verpflichten können.
6.
Die Vorinstanz ist angesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht und
ohne Ermessensfehler auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht
eingetreten und hat ihre Wegweisung verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b
und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
7.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
Der am 10. Juli 2020 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Ur-
teil dahin und die Vorinstanz hat der Beschwerdeführerin eine neue Frist
zur Ausreise anzusetzen.
8.
8.1. Die Begehren waren – wie sich aus den oben stehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG un-
besehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist.
8.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
F-3496/2020
Seite 13