Decision ID: 058e6c64-e485-4fbd-b0be-c2a970413838
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1973 geborene X._ hat ein Studium in Sozial
arbeit absolviert und war ab Juli 2011 im Pflegezentrum Y._ in einem 80%-Pensum als Sozialarbeiterin angestellt (Urk. 11/2, 11/8). Nachdem sie am 10. Juni 2014 mit dem Fahrrad gestürzt war (Urk. 11/15/2), meldete sie sich am 22. September 2014 unter Hinweis auf einen unsystematischen
Schwank
schwindel
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 11/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte nebst einem Arbeitgeberfragebogen (Urk. 11/8) einen Auszug aus dem individuellen Konto (Urk. 11/9), die Akten des Unfallversicherers (Urk. 11/15) und der beruflichen Vorsorge (Urk. 11/26) sowie diverse Arztberichte (Urk. 11/20, 11/25/4 ff. und 11/31) ein. Mit Schreiben vom 12. Dezember 2014 (Urk. 11/32) gewährte sie Frühinterventionsmassnahmen in Form eines Job Coachings zwecks Erhalt des Arbeitsplatzes (vgl. auch Urk. 11/33 und 11/38). Nach Eingang weiterer medizi
nischer Unterlagen (Urk. 11/33, 11/41 und 11/44) übernahm die IV-Stelle mit Mitteilung vom 5. Juni 2015 (Urk. 11/46) zudem die Kosten für ein Achtsamkeits
training. Mit Schreiben vom 7. Oktober 2015 (Urk. 11/51) orientierte sie die Ver
sicherte sodann über den Abschluss der beruflichen Massnahmen, da nach wie vor keine Arbeitsfähigkeit bestehe.
Nach Eingang zusätzlicher ärztlicher Berichte (Urk. 11/56, 11/61 f., 11/64/3 ff., 11/73 und 11/79) gab die IV-Stelle bei der Neurologie Z._ AG ein
bidis
ziplinäres
Gutachten in Auftrag (A._-Gutachten vom 10. Januar 2017, Urk. 11/90). Mit Vorbescheid vom 2. März 2017 (Urk. 11/94) stellte sie der Ver
sicherten die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht, wogegen diese am 30. März 2017 Einwand erhob (Urk. 11/101). Am 28. April 2017
verfügte die IV-Stelle indes im angekündigten Sinne (Urk. 11/106 = Urk. 2).
2.
Dagegen erhob X._ am 30. Mai 2017 Beschwerde (Urk. 1) mit den Rechtsbegehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und ihr sei mit Wirkung ab 1. April 2015 eine Invalidenrente zuzusprechen. Ausser
dem ersuchte sie um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung. Am 10. Juli 2017 reichte sie weitere Akten zur Darlegung ihrer finanziellen Verhält
nisse ein (Urk. 8 f.). Mit Beschwerdeantwort vom 10. Juli 2017 (Urk. 10) schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde, worüber die Versicherte mit Verfü
gung vom 13. Juli 2017 (Urk. 12) in Kenntnis gesetzt wurde. Gleichzeitig wurde ihr Gesuch um unentgeltliche Prozessführung abgewiesen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
).
Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
[
IVG
]
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss
ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein seelisches Leiden mit Krankheitswert besteht, welches die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein
rentenausschliessendes
Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG
,
BGE 139 V 547
E. 5
,
131 V 49
E. 1.2
,
130 V 352
E. 2.2.1).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psychiat
rische Diagnose voraus (BGE 130 V 396; 141 V 281 E. 2.1).
Eine fachärztlich festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchti
gung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Mass
stab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (vgl.
BGE 143 V 409 E. 4.2.1 unter Hinweis auf 127 V 294 E. 4b/cc und 139 V 547 E. 5.2
).
Gemäss der für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosoma
tische Leiden entwickelten Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die tatsächliche Arbeits- und Leistungsfähigkeit der versicherten Person grundsätzlich in einem strukturierten, ergebnisoffenen Beweisverfahren anhand von auf den funktio
nellen Schweregrad bezogenen Standardindikatoren zu ermitteln (BGE 141 V 281). Mit
BGE 143 V 418
hat das Bundesgericht erkannt, dass grundsätzlich sämt
liche psychischen
Erkrankungen
einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen seien, wobei es je nach Krankheitsbild allenfalls gewisser Anpassungen hinsichtlich der Wertung einzelner Indikatoren bedürfe. Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (E. 7).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens sind als Standardindikatoren die folgenden Aspekte massgebend (BGE 141 V 281 E. 4.1.3):
Funktioneller Schweregrad
-
Gesundheitsschädigung
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
-
Komorbiditäten
-
Persönlichkeit: Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Ressourcen
-
sozialer Kontext
Konsistenz (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichba
ren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungs
anamnestisch
ausgewiesener Leidens
druck
Diese
Standardindikatoren erlauben - unter Berücksichtigung leistungshindern
der
äusserer
Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotenzialen (Res
sourcen) anderseits - das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschät
zen (BGE 141 V 281 E. 3.4-3.6 und E. 4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_2
60/2017 vom 1. Dezember 2017 E.
4.2.3).
Die Anerkennung eines rentenbe
gründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswir
kungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen der Beweislosigkeit (nach wie vor) die materiell beweisbe
lastete versicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2).
Die Durchführung eines strukturierten Beweisverfahrens nach dem dargelegten Prüfungsraster erübrigt sich
rechtsprechungsgemäss
, wenn Ausschlussgründe vorliegen, etwa wenn die Leistungseinschränkung überwiegend auf Aggravation oder einer ähnlichen Erscheinung beruht, welche die Annahme einer gesundheit
lichen Beeinträchtigung von vornherein
ausschliessen
(BGE 141 V 281 E. 2.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_549/2015 vom 29. Januar 2016 E. 4.1).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin vertrat in der angefochtenen Verfügung vom 28. April 2017 (Urk. 2) im Wesentlichen die Auffassung, bei der Versicherten sei eine dis
soziative Störung diagnostiziert worden. Gemäss bundesgerichtlicher Recht
sprechung müsse geprüft werden, ob es ihr zumutbar sei, die im privaten Leben vorhandenen Ressourcen zu mobilisieren und einer Arbeitstätigkeit nachzugehen. Gemäss Gutachten verfüge die Beschwerdeführerin über viele solcher Ressourcen. So sei sie in ihren Hobbys nicht eingeschränkt, pflege viele Kontakte zu Freun
dinnen und der Familie und werde von ihrem Partner unterstützt. Zudem könne durch eine adäquate Therapie eine wesentliche Verbesserung der gesundheit
lichen Situation erreicht werden. Im Übrigen hätten die im Rahmen der Begut
achtung vorgenommenen Tests durchwegs eine normale Leistungsfähigkeit res
pektive maximal eine leichte Beeinträchtigung ergeben. Die angeführte Ein
schränkung sei der Selbstlimitierung der Beschwerdeführerin zuzurechnen.
2.2
Die Versicherte machte demgegenüber in ihrer Beschwerdeschrift vom 30. Mai 2017 (Urk. 1) zusammengefasst geltend, ihre Ressourcen würden nicht aus
reichen, um die bisherige Kaderstelle wieder auszuüben. Die Anforderungen dies
bezüglich seien sehr hoch. Indem die IV-Stelle den
Invaliditätsgrad nicht mittels Einkommensvergleichs berechnet habe, habe sie eine klare Rechtsverweigerung begangen. Im Weiteren handle es sich in Bezug auf die beschwerdegegnerischen Ausführungen zu Hobbys, sozialen Kontakten und der Unterstützung durch den Partner um reine Parteibehauptungen ohne genügende Grundlage. Die Feststel
lung, dass durch eine adäquate Therapie eine wesentliche Verbesserung der gesundheitlichen Situation erreicht werden könne, sei ferner aktenwidrig. Gemäss psychiatrischem Teilgutachten sei die Therapie leitliniengerecht erfolgt. Der Gut
achter gehe nicht davon aus, dass kurzfristig eine wesentliche Verbesserung des Gesundheitszustandes erreicht werden könne. Die Expertise zeige klar die vor
handenen Defizite auf, weshalb sowohl ein Anspruch auf berufliche Massnahmen als auch auf eine Rente bestehe. Nicht zuletzt habe auch die Deutsche Rentenver
sicherung eine volle Erwerbsminderungsrente zugesprochen, was ein Indiz dafür sei, dass der Entscheid der Beschwerdegegnerin nicht zutreffen könne (Urk. 1 S. 7 f.).
3.
3.1
Der Gesundheitszustand der Versicherten stellt sich anhand der Aktenlage im Wesentlichen wie folgt dar:
Am 10. Juni 2014 zog sich die Beschwerdeführerin bei einem Sturz vom Fahrrad eine Kniekontusion rechts und eine Schulterkontusion links zu (Urk. 11/15/5). In der Folge klagte sie über progrediente Schulter- und Nackenschmerzen, episo
disch auftretende Schwindelattacken sowie
multilokuläre
Kribbelparästhesien (Urk. 11/15/7 ff.). Aus dem Bericht des Universitätsspitals B._, Klinik für Neu
rologie, vom 15. August 2014 geht hervor, dass die Ätiologie des Schwindels und der Kribbelparästhesien trotz diverser Untersuchungen unklar geblieben sei (Urk. 11/15/11).
3.2
Vom 19. August bis 2. Oktober 2014 begab sich die Versicherte in die Rehaklinik C._ AG in stationäre Behandlung. Bei Eintritt in die Klinik habe eine Unsicherheit beim Stehen und Gehen bestanden, weshalb die Beschwerdeführerin einen Rollator benutzt habe. Im Rahmen der intensiven Neurorehabilitation habe sie sehr gute Fortschritte erzielt, und das Gangbild habe sich weitgehend norma
lisiert. Aus neuro- beziehungsweise klinisch-psychologischer Sicht wurden fol
gende Diagnosen gestellt:
-
Anpassungsstörung mit
Somatisierungstendenz
(ICD-10 F43.23),
-
leichte kognitive Störung im Sinne einer Belastbarkeitsminderung
(ICD-10 F06.7).
Diese Belastbarkeitsminderung sowie die damit verbundene ausgeprägte Stressin
toleranz stünden einer erhöhten respektive beruflichen Alltagsbeanspruchung entgegen. Sowohl eine
supervidierte
, stufenweise berufliche Wiedereingliederung als auch eine ambulante psychotherapeutische Weiterbehandlung werde dringend empfohlen. Bei Austritt habe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden (zum Ganzen Urk. 11/25/5 ff., vgl. auch Urk. 11/33/5 ff.).
3.3
Dr. med. D._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, führte in sei
nem Bericht vom 23. März 2015 aus, die Versicherte habe Anfang November 2014 trotz weiterhin episodisch auftretenden Schwindels wieder stundenweise zu arbeiten begonnen. Die grösste Herausforderung sei dabei vor allem der Arbeits
weg gewesen. Inzwischen arbeite sie an drei Tagen pro Woche jeweils für vier Stunden, was sowohl energetisch als auch aufgrund des Schwindels an der Grenze des aktuell Machbaren sei (Urk. 11/44/4). Aus medizinischer Sicht bestehe grund
sätzlich eine positive, wenn auch schwierig abschätzbare Prognose. Empfehlens
wert sei eine
strukturierte monatliche Steigerung der Arbeitsfähigkeit um bei
spielsweise jeweils 10 % (Urk. 11/44/6, 11/44/9).
Dem Verlaufsbericht von Dr. D._ vom 22. September 2015 ist sodann zu entnehmen, dass die Versicherte den Arbeitsversuch im Mai 2015 infolge erneut zunehmender Schwindelsymptome habe abbrechen müssen. Im Juni 2015 habe sie sich sechs Wochen in einem Kurhaus in Behandlung begeben. Anlässlich der Untersuchung habe sie angegeben, dass es ihr aktuell etwas besser gehe; der Schwindel sei weniger ausgeprägt. Dieser trete aber nach wie vor vermehrt bei Müdigkeit und äusserer Reizüberflutung auf. Körperlich fühle sich die Versicherte energielos und sei rasch erschöpft. Objektiv habe sich keine wesentliche Verän
derung zur Voruntersuchung ergeben (Urk. 11/49/3 f.). Es bestehe vorübergehend bis voraussichtlich für die Dauer von mindestens drei Monaten eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Urk. 11/49/8).
Auch mit Bericht vom 16. Januar 2016 hielt Dr. D._ fest, dass im Wesent
lichen ein unveränderter Verlauf vorliege. Die Versicherte klage nach wie vor über plötzlich auftretende Schwindelanfälle sowie eine mangelhafte Regeneration nach körperlichen Belastungen (Urk. 11/56/3). Die Prognose sei unverändert nicht abschätzbar. Ein Arbeitsversuch in einer behinderungsangepassten Tätig
keit - leichte Arbeiten ohne Zeit- und Leistungsdruck sowie mit der Möglichkeit zu vermehrten Pausen - sei voraussichtlich erst in vier bis sechs Monaten möglich (Urk. 11/56/5, 11/56/9).
3.4
Dr. med. E._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, stellte in ihrem Bericht vom 25. März 2016 insbesondere folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (Urk. 11/62/1):
-
Unsystematischer, episodisch auftretender (Schwank-)Schwindel sowie Kribbelparästhesien seit circa 25. Juni 2014 mit/bei:
-
Differentialdiagnose: atypische Neuritis
vestibularis
,
-
Status nach Velosturz am 10. Juni 2014,
-
Anpassungsstörung mit
Somatisierungstendenz
(ICD-10 F43.23) auf dem Boden einer Persönlichkeitsakzentuierung.
Der Krankheitsverlauf sei wechselhaft. Die Energie der Versicherten sei allgemein stark reduziert. Im Weiteren bestünden Muskelschwächen, Gleichgewichtsstörungen und Stresssymptome. Hinzu kämen insbesondere Ein- und Durch
schlafstörungen, Albträume und nächtliches Aufschrecken. Die Beschwerdefüh
rerin könne sich nur auf eine Sache gleichzeitig konzentrieren. Das Lesen von Büchern sei nicht mehr möglich; komplexe Arbeiten wie
F._en
nur beschränkt. Eine Panikstörung bei Ermüdung trete vor allem bei sozialen Kontakten bezie
hungsweise in Menschengruppen auf. Vor diesem Hintergrund sei die Arbeits
fähigkeit als Sozialarbeiterin seit dem 30. September 2015 (Beginn der ambulan
ten Behandlung) bis auf Weiteres zu 100 % eingeschränkt. Eingliederungsmass
nahmen seien zurzeit nicht möglich (Urk. 11/62/2 f.).
3.5
Mit Verlaufsbericht vom 13. Juli 2016 äusserte sich Dr. D._ dahingehend, dass sich die körperliche Situation der Versicherten seit Januar 2016 insgesamt leicht verbessert habe. Es würden jedoch immer noch Phasen von Energielosigkeit und Schwäche wellenförmig und unvorhersehbar auftreten. Die Schwindelsymp
tome seien insgesamt weniger geworden, würden aber vor allem bei Situationen auftreten, in denen die Beschwerdeführerin körperlich am Limit sei. Im Weiteren bestünde eine soziale Überforderung und wiederkehrende Nackenschmerzen. Das Arbeitsverhältnis sei per Ende Februar 2016 aufgelöst worden (Urk. 11/73/3). Die Prognose sei unverändert nicht abschätzbar. Die Rückkehr in den Arbeitsprozess werde aber mit Sicherheit einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen. Idealer
weise werde sobald als möglich mit einer
behinderungsangepassten Tätigkeit in einem niedrigen Pensum im Sinne eines Reintegrations- respektive Arbeitsver
suchs begonnen (Urk. 11/73/5, 11/73/9).
3.6
Dr. E._ wies mit Bericht vom 16. September 2016 erneut darauf hin, dass weder eine Wiedereingliederung, noch ein Arbeitsversuch zumutbar sei. Zwischenzeit
lich sei keine Besserung eingetreten; der Gesundheitszustand der Versicherten habe sich nicht verändert. Eine Intensivierung der ambulanten Therapie oder ein stationärer psychiatrischer Aufenthalt seien nicht erfolgsversprechend, da die Versicherte durch die laufende Psychotherapie bereits an ihre Belastungsgrenze stosse (Urk. 11/79/4 f.).
3.7
Dem
bidisziplinären
A._-Gutachten vom 10. Januar 2017 sind folgende Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zu entnehmen
(Urk. 11/90/11):
-
Kurativ behandeltes
Akustikusneurinom
rechts 1994,
-
Velosturz mit Prellungen am 10. Juni 2014; neurologisch folgenlos,
-
Dysthymia
(ICD-10 F34.1).
Beeinträchtigt werde die Arbeitsfähigkeit allerdings durch eine sonstige dissozi
ative Störung (ICD-10 F44.8).
Gegenüber Dr. med. F._, Facharzt für Neurologie, habe die Beschwerdeführerin angegeben, sie habe das Gefühl, keine ausreichende Energie mehr zu haben. Nach zwei bis drei Stunden körperlicher oder geistiger Betätigung benötige sie eine Pause. Wenn sie an ihre Leistungsgrenzen gerate, entstehe ein
Schwankschwindel
, und sie habe das Gefühl, unsicher zu gehen. Sie müsse sich dann eine Stunde ausruhen; danach gehe es wieder besser. Die Beschwerden bestünden seit dem Sturz vom Fahrrad am 10. Juni 2014. Erste
Schwankschwin
delbeschwerden
habe sie drei bis vier Tage nach dem Unfall bemerkt. Diese wür
den auch heute noch auftreten. Die eingeschränkte Belastbarkeit
beziehungsweise Energielosigkeit bestehe seit Juli/August 2014 anhaltend, wobei sich über die Zeit eine gewisse Besserungstendenz gezeigt habe. Es sei jedoch immer noch nicht so gut, wie vor dem Unfall (Urk. 11/90/6). Im Rahmen der klinisch-neurologischen Untersuchung sei bei der Prüfung der koordinativen Fähigkeiten ein inkonstantes Schwanken mit Becken und Oberkörper ohne
Lateralisation
aufgefallen. Poten
ziell unbeobachtet sei das Gangbild flüssig gewesen mit normaler Schrittlänge, Mitbewegung und unauffälligem Wendemuster. Der Zehen- und Fersenstand sowie das
Einbeinhüpfen
seien beidseits möglich gewesen (Urk. 11/90/10).
Dr. med. G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt in seiner Teilexpertise fest, dass die Versicherte über eine nachlassende Konzent
ration, wenig Energie, wenig Durchhaltefähigkeit, Gangunsicherheit und Gleich
gewichtsstörungen geklagt habe. Grössere Menschenansammlungen seien eben
falls ein Problem. Die Beschwerden würden seit dem Fahrradunfall bestehen (Urk. 11/90/17). Die Verhaltensbeobachtung habe vor der Untersuchung keine Auffälligkeiten hinsichtlich des Gangbilds ergeben. Nach der psychiatrischen Abklärung habe sich die Versicherte demonstrativ an der Wand abgestützt und sei etwas im Zickzack gelaufen. Sie habe sich danach für circa 30 Minuten auf eine Sitzbank gelegt, bis sie von ihrem Partner abgeholt worden sei. Während der gesamten Exploration habe sie sich freundlich und kooperativ verhalten. Bei unkomplizierter Kontaktaufnahme sei sie bemüht gewesen, zu ihren Problemen ausführlich Auskunft zu geben. Die Beschwerdeführerin habe das Gespräch über die gesamte Untersuchungszeit von 90 Minuten aufmerksam verfolgt; die Kon
zentration sei auch bei mehrmaligen Positionswechseln fokussiert geblieben. Es sei eine
„
belle
indifférence
“
aufgefallen, mit anderen Worten eine Diskrepanz zwischen den geschilderten Beschwerden und
schweren Funktionseinschränkun
gen sowie der Gestik und Mimik. Ein guter affektiver Rapport sei problemlos zustande gekommen. Die Versicherte habe ohne Verzögerung klare und überwie
gend präzise Antworten gegeben. Es seien leichte Diskrepanzen zu den dokumen
tierten Daten aufgefallen, welche auf mangelnde Vorbereitung und/oder unbe
wusstes Ausblenden bestimmter Ereignisse in der Vergangenheit zurückzuführen seien. Ihre Lebensgeschichte habe die Beschwerdeführerin im Übrigen fliessend und relativ genau geschildert, was auf unauffällige mnestische Funktionen hin
deute. Im Gespräch hätten sich auch keine Hinweise auf relevante kognitive Schwierigkeiten ergeben. Gegen Ende der Untersuchung habe die Versicherte auf entsprechende Nachfrage mitgeteilt, dass sie das Interview schon sehr angestrengt habe (Urk. 11/90/24 f.). Aus psychiatrischer Sicht könne ein zeitlicher Zusam
menhang zwischen den dissoziativen Symptomen und dem belastenden Fahrrad
unfall gesehen werden, welcher vor dem Hintergrund einer andauernden beruf
lichen Überlastung zu einer Dekompensation und Reaktivierung früherer trauma
tischer Erfahrungen geführt habe. Die vorgebrachten Beschwerden hätten jedoch
appellativ
, demonstrativ, dramatisch und theatralisch gewirkt. Beim Gutachter habe sich kein Gefühl des
Betroffenseins
eingestellt, sondern ein Gefühl des Unechten, des Falschen, der Nichteinfühlbarkeit und Nichtverstehbarkeit. Hinzu komme eine stereotype Symptomdarstellung. Mangelnde Leistungsbereitschaft und Selbstlimitierung seien anzunehmen. Die beobachtete
„
belle
indifférence
“ sei allerdings nur teilweise (< 50 %) als bewusstseinsnaher Aggravationshinweis zu werten; ein sekundärer Krankheitsgewinn sei hier nicht
auszuschliessen
. Zum anderen Teil sei die Wirkung des Vorbringens der Klagen auch krankheitsimma
nent; die Präsentation der Beschwerden geschehe partiell auf einem unbewussten Niveau, wobei die Versicherte einen primären Krankheitsgewinn habe. Die Flexi
bilität/Umstellungsfähigkeit, die Fähigkeit zur
Planung und Strukturierung von Aufgaben sowie die Durchhaltefähigkeit seien jeweils leichtgradig eingeschränkt. Psychosoziale Belastungen wie beispielsweise Stress am Arbeitsplatz seien inva
liditätsfremde Faktoren, die per se nicht zu Krankheit und Arbeitsunfähigkeit füh
ren würden (Urk. 11/90/29 f.).
Im interdisziplinären Konsens gelangten die Gutachter zum Schluss, dass die Arbeitsfähigkeit aus neurologischer Sicht mangels objektivierbarer Befunde nicht eingeschränkt sei. Aus psychiatrischer Sicht sei von Juni 2014 bis Oktober 2014 aufgrund der ausgeprägten dissoziativen Störung für jegliche Tätigkeit eine volle Arbeitsunfähigkeit zu attestieren. Ab November 2014 sei für die angestammte Tätigkeit als Sozialarbeiterin von einer 30%igen und für behinderungsangepasste Tätigkeiten von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (Urk. 11/90/13).
4.
4.1
Zwischen den Parteien ist insbesondere strittig, ob die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung hat (vgl. E. 2.1 f.). Da das
bidisziplinäre
A._-Gutachten vom 10. Januar 2017 (Urk. 11/90) als medizi
nische Grundlage für die angefochtene Verfügung diente, ist vorab auf dessen Beweiswert einzugehen.
Die Expertise basiert auf umfassenden neurologischen und psychiatrischen Abklärungen und wurde in detaillierter Kenntnis der
Vorakten
erstellt (Urk. 11/90/2 ff., 11/90/15 ff.). Die Versicherte konnte gegenüber den einzelnen Gutachtern ihre aktuellen Beschwerden schildern und wurde von diesen jeweils
- soweit fachspezifisch erforderlich - eingehend befragt. Sie konnte sich insbe
sondere auch zu verschiedenen Themenbereichen wie dem beruflichen Werde
gang und dem
gewöhnlichen Tagesablauf äussern (Urk. 11/90/6 ff., 11/90/17 ff.). Die geklagten Leiden fanden sodann im Rahmen der Feststellung der Diagnosen Berücksichtigung, wobei sowohl diese als auch die aus medizinischer Sicht resul
tierenden Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit dargelegt und erläutert wurden (Urk. 11/90/11 ff., 11/90/28 ff.). Soweit möglich erfolgte ausserdem eine Ausei
nandersetzung mit vorangegangenen ärztlichen Beurteilungen (Urk. 11/90/12, 11/90/32 f.). Insgesamt erfüllt das A._-Gutachten somit sämtliche praxisge
mässen Kriterien für eine beweiswerte medizinische Expertise (vgl. E. 1.4). Dies stellen die Parteien grundsätzlich auch nicht in Frage (vgl. E. 2.1 f.).
4.2
Nicht umstritten ist im Weiteren, dass aus rein somatischer - namentlich neuro
logischer - Sicht mangels objektivierbarer Befunde kein Leiden mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vorliegt (vgl. Urk. 11/90/12 f.). Uneinigkeit besteht allerdings bezüglich der Frage, ob auf die psychiatrische Beurteilung der Arbeitsfähigkeit abgestellt werden kann, oder ob aus rechtlicher Sicht von einem nicht invalidi
sierenden Gesundheitsschaden auszugehen ist. In Anbetracht der diagnostizierten dissoziativen Störung, bei welcher es sich um ein sogenanntes pathogenetisch-ätiologisch unklares
syndromales
Beschwerdebild ohne nachweisbare organische Grundlage handelt, hat die Beschwerdegegnerin berechtigterweise geprüft, ob der Versicherten nach einem weitgehend objektivierten Massstab zuzumuten ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (vgl.
Urteil
e
des Bundesgerichts I 9/07 vom 9. Feb
ruar 2007 E. 4 in
fine
, in: SVR 2007 IV Nr. 45 S. 149
und
9C_903/2007 vom 30. April 2008 E. 3.4
). Dies gilt umso mehr, als
gemäss
aktueller bundesgericht
licher Praxis grundsätzlich sämtliche psychische Erkrankungen einem struktu
rierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (vgl. E. 1.3). Auf die einzelnen
Standardindikatoren ist daher nachfolgend im Detail einzu
gehen.
4.3
4.3.1
Zum Komplex
„
Gesundheitsschädigung
“
ist zunächst darauf hinzuweisen, dass
die Gutachter anlässlich ihrer Untersuchungen
deutliche
Hinweise auf eine Aggravation feststellen konnten. So habe das Schwanken und Schaukeln des Oberkörpers sowie des Beckens bei den Stand- und Gangprüfungen ausge
sprochen demonstrativ gewirkt. Das potentiell unbeobachtete spontane Gangbild sei dagegen unauffällig gewesen (
Urk.
11/90/10, 11/90/12 und 11/90/24).
Dr. G._
hielt ausserdem fest, das Vorbringen der Klagen habe
appellativ
, demonstrativ, dramatisch und theatralisch gewirkt. Die Symptome seien stereotyp dargestellt worden. Dieses Verhalten beruhe allerdings zu weniger als 50 % auf bewusstseinsnaher Aggravation, sondern sei auch krankheitsimmanent. Die Prä
sentation der Beschwerden geschehe partiell auf einem unbewussten Niveau (Urk. 11/90/29 f.). Soweit die von der Versicherten geltend gemachten Leistungs
einschränkungen auf Aggravation beruhen, ist die Annahme einer invalidenver
sicherungsrechtlich erheblichen Gesundheitsschädigung ohne Weiteres ausge
schlossen (BGE 141 V 281 E. 2.2). Soweit die nicht glaubwürdig wirkende Schil
derung der Beschwerden als der dissoziativen Störung inhärent einzustufen ist, ist anzumerken, dass in Anbetracht der objektiven Befunde nicht nachvollziehbar ist, weshalb von Seiten des psychiatrischen Gutachters von einer
„
schweren
“
Stö
rung ausgegangen wird (vgl. Urk. 11/90/12). Dem entsprechenden Unter
suchungsbefund ist einzig ein etwas eingeengter formaler Gedankengang, eine psychomotorisch leicht reduzierte Mimik und Gestik sowie eine verminderte Schwingungs- und affektive Modulationsfähigkeit zu entnehmen (Urk. 11/90/25 f.). Mit Blick auf die weiteren Abklärungsergebnisse (Urk. 11/90/26 ff.) und die zusammenfassend festgehaltenen
Funktionseinschränkungen (Urk. 11/90/30) erschliesst sich ebenfalls nicht, weshalb trotz mehrheitlich festgestellter leicht
gradiger oder gar fehlender Einschränkungen eine schwere psychische Erkran
kung vorliegen soll. Hinzu kommt, dass zahlreiche Hinweise für eine durch die Bedingungen am Arbeitsplatz verursachte psychosoziale Belastung vorliegen (vgl. diesbezüglich
BGE 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2
)
. So verfügte die Versicherte beispielsweise über keine Stellvertretung, weshalb
das Tagesgeschäft während ihrer Abwesenheit grund
sätzlich nicht bearbeitet wurde. Dies hatte namentlich im Rahmen des Arbeits
versuches und bei der Wiederaufnahme der Tätigkeit nach den Ferien Stress und Überforderung zur Folge (vgl. Urk. 11/20/4, 11/26/7, 11/45/1, 11/52/3 und 11/61/7 f.). Darüber hinaus geht aus den Akten hervor, dass der Arbeitgeber wenig Verständnis für die gesundheitlichen Probleme gezeigt, und dass sich die Beschwerdeführerin beobachtet und kontrolliert gefühlt habe (Urk. 11/48/5, 11/48/9). Belastend wirkte sich zudem der Arbeitsweg von jeweils einer Stunde aus (Urk. 11/44/4, 11/48/5 und 11/90/20). Diese konkreten Gegebenheiten liess Dr. G._ jedoch - soweit ersichtlich - bei der Einschätzung der Arbeitsfähig
keit der Versicherten weitgehend unberücksichtigt. Er beschränkte sich in diesem Kontext vielmehr auf allgemein gehaltene Formulierungen betreffend Ausschluss psychosozialer Faktoren bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit (vgl. Urk. 11/90/30, 11/90/34).
Im Weiteren ist das definitive Scheitern von zumutbaren Therapien nicht ausge
wiesen, sodass nicht auf eine Behandlungsresistenz geschlossen werden kann. Zwar weist die Beschwerdeführerin grundsätzlich berechtigterweise darauf hin (Urk. 1 S. 8), dass Dr. G._ die bisherige psychiatrische Behandlung als leit
liniengerecht und adäquat beurteilt hat. Die Therapie kann allerdings einerseits
durch eine Fokussierung auf die dissoziative Störung optimiert werden. Anderer
seits ist die ebenfalls diagnostizierte Dysthymie mittels entsprechender Medika
tion - auf welche die Versicherte bis anhin verzichtet hat (Urk. 11/90/19) - güns
tig beeinflussbar (Urk. 11/90/30). Von einer Therapieresistenz ist schliesslich auch mit Blick auf die Berichte der behandelnden Psychiaterin nicht auszugehen (vgl. Urk. 11/62/2, 11/79/5).
Hinsichtlich des Indikators der Komorbiditäten bleibt anzumerken, dass keine somatischen Begleiterkrankungen vorliegen. Anhaltspunkte für eine wesentliche Wechselwirkung zwischen der dissoziativen Störung und der Dysthymie lassen sich dem psychiatrischen Gutachten ebenfalls nicht entnehmen. Gemäss den Aus
führungen von Dr. G._ hätte eine medikamentöse Behandlung der Dys
thymie denn auch gegenwärtig keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (Urk. 11/90/30).
4.2.2
In Bezug auf den Komplex
„
Persönlichkeit
“ ist zu berücksichtigen, dass sich dem A._-Gutachten sowie den übrigen Akten grundsätzlich keine Hinweise auf eine auffällige Persönlichkeitsstruktur entnehmen lassen. Insbesondere wurde keine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Auch die von der behandelnden Psy
chiaterin Dr. E._ festgestellte Persönlichkeitsakzentuierung (vgl. E. 3.4) konnte nicht bestätigt werden (vgl. Urk. 11/90/27, 11/90/33). Eine solche Belastung würde ohnehin nicht unter den Begriff des rechtserheblichen Gesundheitsscha
dens fallen
(Urteil des Bund
esgerichtes 9C_894/2015 vom 25.
April 2016 E.
5.1
mit Hinweis auf 9C_537/2011 vom 28. Juni 2012 E. 3.1
mit
weiteren
Hinweisen).
4.2.3
Zum Komplex
„
Sozialer Kontext
“ geht aus den Akten hervor, dass die Beschwer
deführerin seit 2008 in einer intakten und - soweit ersichtlich – harmonischen Partnerschaft lebt (Urk. 11/48/11, 11/90/7, 11/90/19).
Gemäss
Verlaufsprotokoll des Job Coaches vom 21. September
2015 besteht fer
ner eine gute Beziehung zu den Eltern und ein intensiver Kontakt zur jüngeren Schwester (Urk. 11/48/3, so auch Urk. 11/90/23). Gegenüber den Gutachtern führte die Versicherte allerdings an, dass ein
unregelmässiger
Kontakt zur Ursprungsfamilie bestehe, da nur wenig Verständnis für ihre Erkrankung vorhan
den sei (Urk. 11/90/21). Ein krank
heitsbedingt erheblicher sozialer Rückzug liegt trotzdem nicht nahe, zumal die Beschwerdeführerin laut eigenen Angaben auch mit fünf bis sieben Kolleginnen telefonisch in Kontakt steht oder diese trifft (Urk. 11/90/8, 11/90/22). Insgesamt scheint sie somit über ein intaktes soziales Umfeld zu verfügen und kann in dieser Hinsicht entsprechende Ressourcen mobilisieren.
4.2.4
Zur Kategorie „Konsistenz“ ist festzuhalten, dass angesichts der vielfältigen All
tagstätigkeiten der Versicherten nicht von einer gleichmässigen Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen gesprochen wer
den kann. Die Beschwerdeführerin ist
- wenn auch bei erhöhtem Pausenbedarf -
in der Lage, den Haushalt zu erledigen und verfügt über eine
n
strukturierten Tagesablauf
. So beschäftigt sie sich unter anderem mit Malen und Fotografieren, unternimmt Spaziergänge, versucht sich je nach Befinden online etwas weiterzu
bilden, fährt kurze Strecken mit dem Fahrrad oder liest (
Urk.
11/90/7 f., 11/90/21). Zu sportlichen Betätigungen wie Skifahren und Inlineskaten befragt, äusserte sich die Versicherte gegenüber den Gutachtern dahingehend, dass sie dies heute mangels Energie nicht mehr ausführen könne (
Urk.
11/90/8, 11/90/23). Noch im September und Oktober 2015 wurde allerdings festgehalten, dass sie diesen und anderen Hobbys nachgehe (
Urk.
11/48/3, 11/61/6). In Anbetracht der von der Versicherten selbst berichteten Besserungstendenz (
Urk.
11/90/6) erschliesst sich nicht, weshalb ihr dies zum
jetzigen Zeitpunkt nicht mehr möglich sein sollte.
Unabhängig davon steht die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte vollständige Arbeitsunfähigkeit jedenfalls in keinem ausgeglichenen Verhältnis zum individuellen Aktivitätsniveau.
Ein gewisser Leidensdruck ist namentlich in Anbetracht des Umstands, dass die Beschwerdeführerin wöchentlich eine ambulante psychiatrisch-psychotherapeu
tische Behandlung in Anspruch nimmt (vgl. Urk. 11/62/2), nachvollziehbar. Allerdings hielten die Gutachter ausdrücklich fest, dass kein beziehungsweise nur wenig Leidensdruck spürbar gewesen sei (Urk. 11/90/9, 11/90/12 und 11/90/29).
4.2.5
Gesamthaft ergibt sich aus der detaillierten Prüfung und Würdigung der Standar
dindikatoren, dass die von den Gutachtern sowohl in der angestammten als auch in einer leidensangepassten Tätigkeit zumindest seit November 2014 attestierte Arbeitsunfähigkeit nicht zu überzeugen vermag. Insbesondere in Anbetracht der festgestellten teilweise bewusstseinsnahen Aggravation, der invaliditätsfremden arbeitsplatzbezogenen psychosozialen Belastung, der weitgehend unauffälligen objektiven Befunde, des intakten sozialen Umfelds sowie des nicht in allen ver
gleichbaren Lebensbereichen gleichmässig eingeschränkten Aktivitätsniveaus ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei Ausschöpfung ihrer vorhan
denen Ressourcen in der Lage ist, ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen.
Ein
rechtsgenüglicher
Bezug zwischen den gestellten Diagnosen und deren funktionellen Auswirkungen im Sinne einer eingeschränkten Arbeitsfähig
keit ist insgesamt mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht ausgewiesen, wes
halb die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen zu tragen hat (vgl. E. 1.3).
Ergänzend bleibt anzumerken, dass entgegen der Behauptung der Beschwerde
führerin (Urk. 1 S. 8) auch Dr. G._ von einer innert kurzer Frist möglichen Steigerung der
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Sozialarbeite
rin von 30 auf zumindest 50 % ausging (Urk. 11/90/34), weshalb sich die Annahme eines nicht invalidisierenden Gesundheitsschadens umso mehr recht
fertigt. An dieser Beurteilung vermag schliesslich auch der von der Versicherten eingereichte Rentenbescheid der Deutschen Rentenversicherung vom 18. Mai 2017 (Urk. 3) nichts zu ändern, zumal insbesondere die Ermittlung des Invalidi
tätsgrades trotz Auslandsbezug ausschliesslich nach den schweizerischen Rechts
vorschriften zu erfolgen hat, und insofern keine Bindungswirkung besteht (vgl. Ziff. 3002 des Kreisschreibens über das Verfahren zur Leistungsfestsetzung in der AHV/IV/EL [KSBIL]).
5.
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin den Leistungsanspruch der Ver
sicherten in der angefochtenen Verfügung vom 28. April 2017 (Urk. 2) zu Recht verneint. In Anwendung der einschlägigen bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht von einem rentenbegründenden Invaliditätsgrad von mindestens 40 % (vgl. E. 1.2) auszugehen. Soweit die Ver
sicherte einen Anspruch auf berufliche Massnahmen für gegeben erachtet (Urk. 1 S. 8) bleibt anzufügen, dass dies einen entsprechenden Eingliederungswillen res
pektive eine subjektive Eingliederungsfähigkeit voraussetzt (Urteil des Bundesge
richts 9C_469/2016 vom 22. Dezember 2016 E. 7). Die Beschwerdeführerin hat indes mehrfach klar zum Ausdruck gebracht, dass sie sich als zu 100 % arbeits
unfähig einschätzt (Urk. 11/61/9, 11/90/7 und 11/90/20), weshalb kein Anspruch auf berufliche Massnahmen besteht.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde somit vollumfänglich abzuweisen.
6.
Da die Bewilligung oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung zu prüfen war, ist das Verfahren
kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Prozessaufwand sowie unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen.