Decision ID: 3057724f-5a51-43d8-bbd8-3320aaf89ebd
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste mit seinen beiden Kleinkindern am 24. Mai
2021 illegal in die Schweiz ein und suchte am 25. Mai 2021 um Asyl nach.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab,
dass er am 2. Mai 2021 in D._, Italien, aufgegriffen und am 4. Mai
2021 daktyloskopisch registriert worden war.
B.
Am 27. Mai 2021 richtete das SEM gestützt auf Art. 13 Abs. 1 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) ein Ersuchen
um Übernahme des Beschwerdeführers und seiner Kinder an die italieni-
schen Behörden. Diese nahmen innert der festgelegten Frist zum Über-
nahmeersuchen keine Stellung.
C.
C.a Am 28. Mai 2021 fand die Personalienaufnahme (PA) des Beschwer-
deführers statt und am 3. Juni 2021 erfolgte das persönliche Gespräch ge-
mäss Art. 5 Dublin-III-VO.
Der Beschwerdeführer machte dabei im Wesentlichen geltend, er habe sei-
nen Heimatstaat am (...). April 2021 gemeinsam mit seinen beiden Klein-
kindern per Flugzeug Richtung E._ verlassen. Nach 15 Tagen Auf-
enthalt in der E._ seien sie mit dem Boot weiter nach Italien gereist,
wo sie von der Küstenwache aufgegriffen worden seien. In Italien seien sie
für mehrere Tage in Quarantäne geschickt worden und anschliessend mit
dem Zug in die Schweiz gereist, wo sie am 25. Mai 2021 in F._ ein
Asylgesuch eingereicht hätten.
Zudem teilte er mit, dass er am 27. Mai 2021 seinen damaligen Rechtsver-
treter mit der Wahrung seiner Interessen sowie am 31. Mai 2021 mit der
Wahrung der Interessen seiner Kinder beauftragt habe.
C.b Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer im Rahmen des Dublin-
Gesprächs das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid und der Möglichkeit der Überstellung nach Italien. Er machte dies-
bezüglich geltend, er und seine Kinder seien nach der Quarantäne in einem
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überfüllten Haus untergebracht worden. Sie hätten im Korridor, welcher von
Abwasser geflutet gewesen sei, übernachten müssen. Sie seien von den
Betreuern und sonstigen Verantwortlichen angelogen und insgesamt nicht
gut behandelt worden. Beispielsweise hätten manche Personen telefonie-
ren dürfen, er aber nicht. Weiter habe man ihnen versprochen, sie würden
Papiere erhalten, um damit weiterreisen zu können. Solche Papiere hätten
sie jedoch nie erhalten. Deshalb seien sie nach G._ gereist. Dort
hätten sie Leute getroffen, die ihnen gegen Bezahlung geholfen hätten,
über die Grenze zu gelangen. Er habe sich jedoch geweigert, den gefor-
derten Betrag zu bezahlen, weshalb er und seine Kinder von diesen Leuten
bedroht worden seien. Die Polizei vor Ort habe wohl mit den Leuten, wel-
che ihn und seine Kinder bedroht hätten, zusammengearbeitet, weshalb er
sich trotz weiterer Drohungen nicht an die Polizei habe wenden können.
Aufgrund dessen seien sie über H._ in die Schweiz gereist. In der
Schweiz habe er einen Onkel, der bereits seit 20 Jahren hier lebe. Auf ge-
sundheitliche Probleme angesprochen, führte er aus, dass er seit acht Mo-
naten unter (...) leide. Sein Sohn und seine Tochter hätten momentan eine
Erkältung; beim Sohn kämen noch Probleme mit den (...) hinzu. Sowohl er
selbst als auch sein Sohn hätten Arzttermine in Aussicht. Ansonsten gehe
es ihnen gut.
D.
Mit Schreiben vom 2. Juli 2021 reichte der Rechtsvertreter des Beschwer-
deführers das Medizinische Datenblatt für interne Arztbesuche im BAZ
I._ vom 29. Juni 2021ein. Weiter reichte er am 19. Juli 2021 das bis
zum 15. Juli 2021 ergänzte Medizinische Datenblatt für interne Arztbesu-
che im BAZ I._ des Beschwerdeführers sowie einen Arztbericht
vom 5. Juli 2021 des J._ an das K._ zu den Akten.
E.
E.a Mit Verfügung vom 30. November 2021 trat das SEM in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers und dessen Kinder nicht ein und verfügte deren Über-
stellung nach Italien.
E.b Das Bundesverwaltungsgericht hiess die dagegen erhobene Be-
schwerde vom 8. Dezember 2021 mit Urteil E-5335/2021 vom 2. Februar
2022 – soweit die Aufhebung der Verfügung vom 30. November 2022 be-
antragt wurde – gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sa-
che zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zu-
rück.
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F.
Am 8. Februar 2022 hiessen die italienischen Behörden das Übernahme-
ersuchen der Vorinstanz explizit gut und sicherten eine Unterbringung des
Beschwerdeführers und seiner Kinder im «Reception and Integration Sys-
tem», unter Wahrung der Familieneinheit und des Kindswohls, zu.
G.
Mit E-Mail vom 18. August 2022 erkundigte sich die Vorinstanz bei der zu-
ständigen Stelle nach dem aktuellen Gesundheitszustand des Beschwer-
deführers und dessen Kinder.
H.
Am 23. August 2022 gingen zuhanden der Vorinstanz mehrere ärztliche
Dokumente (...) zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ein.
I.
Mit Verfügung vom 31. August 2022 (eröffnet am 1. September 2022) trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers und dessen Kinder nicht ein, verfügte deren
Überstellung nach Italien, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behand-
lung ihrer Asylgesuche zuständig sei, und forderte sie auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es
die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfäl-
ligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wir-
kung zu.
J.
Mit Eingabe vom 7. September 2022 erhob der Beschwerdeführer für sich
und seine Kinder beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean-
tragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei
anzuweisen, auf ihre Asylgesuche einzutreten, eventualiter sei die Sache
zur vollständigen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen, subeventulaiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusiche-
rungen bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren, adäquater medizini-
scher Versorgung sowie Unterbringung von den italienischen Behörden
einzuholen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Gewährung
der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und der unentgeltlichen Pro-
zessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Zur Untermauerung der Vorbringen wird – nebst sich bereits in den Akten
befindenden ärztlichen Dokumenten – neu ein Beurteilungsschreiben der
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Kinder des Beschwerdeführers vom 5. September 2022 der Kindertage-
stätte L._, zu den Akten gereicht.
K.
Am 9. September 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovi-
sorischen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
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Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu
behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der
betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zuge-
stimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) – wie
vorliegend – sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kri-
terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu-
ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es
ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen
Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take
back) findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeits-
prüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und
8.2.1 m.w.H.).
Die italienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der Frist von zwei Monaten unbeantwortet (vgl. E-5335/2021
E. 3.4), womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit anerkannten (Art. 22
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Abs. 7 Dublin-III-VO). Nachträglich, am 8. Februar 2022, erteilten sie expli-
zit ihre Zustimmung für die Übernahme des Beschwerdeführers und des-
sen Kinder (SEM-Akte 1096950-63/1). Die Zuständigkeit Italiens ist somit
grundsätzlich gegeben, was vom Beschwerdeführer und dessen Kinder
auch nicht bestritten wird.
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Überstellung
der betroffenen Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat zu einer
Verletzung völkerrechtlicher Verpflichtungen der Schweiz führen würde
(BVGE 2015/9 E. 8.2.1). Gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) kann zudem das SEM das
Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn da-
für gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Bei dieser Ent-
scheidung kommt dem SEM Ermessen zu; das Bundesverwaltungsgericht
darf sein eigenes Ermessen nicht an dessen Stelle setzen (BVGE 2015/9
E. 7.6 und E. 8.1 in fine).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe im We-
sentlichen geltend, eine Überstellung seiner Familie nach Italien sei ge-
mäss Art. 3 EMRK und dem Übereinkommen vom 20. November 1989
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über die Rechte des Kindes (KRK; SR 0.107) unzulässig, da er und seine
Kinder als asylsuchende Personen der Gruppe der vulnerablen Personen
angehören würden. Die Aufnahmebedingungen für seine sich im Vorschul-
alter befindenden Kinder müssten so angepasst werden, dass für diese
nicht eine Situation entstehe, welche von Angst und Stress geprägt sei und
traumatische Folgen nach sich ziehe. Genau dies wäre bei einer Rückwei-
sung nach Italien jedoch der Fall. Er und seine Kinder hätten bei ihrem
letzten Aufenthalt in Italien in menschenunwürdigen Verhältnissen gelebt,
namentlich in einem überfluteten Korridor übernachten müssen. Bereits die
damals kurze Aufenthaltsdauer in Italien in Kombination mit der Flucht aus
dem Irak habe bei seinen Kindern zu Anzeichen einer erheblichen Trauma-
tisierung geführt. Dies sei aus dem Beurteilungsschreiben der Kindertages-
stätte ersichtlich. Dem Schreiben sei auch zu entnehmen, dass es seinen
Kindern, seitdem sie in der Schweiz seien, schon viel besser gehe. Eine
erneute Entwurzelung sowie die prekären Verhältnisse in Italien würden
diese Fortschritte zunichtemachen und zu einer weiteren Traumatisierung
der Kinder führen. Sodann spreche auch seine eigene gesundheitliche Ver-
fassung gegen eine Überstellung nach Italien, da er dort seine in der
Schweiz begonnene und dringend benötigte Behandlung nicht erhalten
würde. Des Weiteren würden die italienischen Behörden im Formular vom
8. Februar 2022 nicht explizit bestätigen, dass er und seine Kinder im Falle
der Überstellung in einem Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema
di accoglienza e integrazione) -Zentrum untergebracht seien. Der blosse
Verweis auf das Rundschreiben der italienischen Behörden vom 8. Februar
2021 stelle mitunter keine genügende Garantie für die Unterbringung dar.
Die Schweiz sei aufgrund seiner Schilderungen zum Selbsteintritt verpflich-
tet.
5.2 Vorab ist darauf hinzuweisen, dass Italien Signatarstaat der EMRK, des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom
31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist und seinen entsprechenden völker-
rechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf davon ausgegangen wer-
den, dass dieser Staat die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den
Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
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nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. Das italienische Asylverfah-
ren und Aufnahmesystem weisen demnach keine systemischen Mängel
auf (Urteil des EGMR S.M.H. gegen die Niederlande vom 17. Mai 2016,
Nr. 5868/13, Ziff. 46; Referenzurteil des BVGer E-962/2019 vom 17. De-
zember 2019 E. 6.3; Urteil des BVGer F-4232/2021 vom 29. September
2021 E. 5.3). Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist folglich
nicht gerechtfertigt.
5.3 Im Referenzurteil F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 analysierte das
Bundesverwaltungsgericht im Rahmen einer Dublin-Beschwerde die Un-
terbringungssituation von Asylsuchenden, insbesondere von Familien und
Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern, in Italien. Das Gericht kam
zum Schluss, seit dem Referenzurteil E-962/2019 habe die dortige Rechts-
und Sachlage wesentliche Änderungen erfahren. Mit dem Inkrafttreten des
Gesetzesdekretes Nr. 130/2020 am 20. Dezember 2020 sei das Zweitauf-
nahmesystem, welches neu Aufnahme- und Integrationssystem SAI
(Sistema di accoglienza e integrazione) heisse, wieder allen Asylsuchen-
den zugänglich gemacht worden. Familien und vulnerable Personen, zu
denen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern gehörten, würden bei
der Überstellung in eine SAI-Unterkunft Vorrang geniessen. Das Angebot
der Dienstleistungen für die Asylsuchenden im SAI sei wieder ausgebaut
und auch auf die Bedürfnisse schutzbedürftiger Personen ausgerichtet
worden. Vor diesem Hintergrund seien die mittels des Formulars «nucleo
familiare» abgegebene Anerkennung der Familieneinheit und Zusicherung
einer familiengerechten Unterbringung sowie die Rundschreiben, welche
eine Unterbringung im Zweitaufnahmesystem SAI gewährleisteten, als hin-
reichend konkretisierte und individualisierte Zusicherungen im Sinne der
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts und des EGMR zu wer-
ten. Folglich sei nicht davon auszugehen, dass eine Überstellung der al-
leinerziehenden Mutter mit ihrem minderjährigen Kind im Rahmen des
Dublin-Verfahrens nach Italien eine Verletzung von Art. 3 EMRK nach sich
ziehen würde. Es liege somit kein Anlass für einen Selbsteintritt der
Schweiz nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vor
(Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 E. 10 und 11).
Der EGMR ist im Urteil M.T. gegen die Niederlande vom 21. März 2021 (Nr.
46595/19) zur selben Einschätzung gelangt und hat zusätzlich festgehal-
ten, dass selbst bei einer vorübergehenden Unterbringung in einer Erstauf-
nahmeeinrichtung die nötige Betreuung einer alleinerziehenden Mutter mit
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ihren zwei minderjährigen Kindern gewährleistet sei (Urteil M.T., §§ 58–
62).
5.4 Der Beschwerdeführer gehört als alleinerziehender Vater mit seinen
beiden minderjährigen Kindern zu den schutzbedürftigen Personen. Deren
Überstellung nach Italien ist folglich nur zulässig, wenn von den italieni-
schen Behörden eine ausreichende Garantie für eine kindgerechte und die
Einheit der Familie wahrende Unterbringung vorliegt (vgl. Urteil des EGMR
Tarakhel gegen die Schweiz vom 4. November 2014, Nr. 29217/12, §§ 115
und 120–122.). Die italienischen Behörden führten im Formular «nucleo
familiare» vom 8. Februar 2022 Vor- und Nachnamen, Geburtsdaten und
Nationalität des Beschwerdeführers und seiner Kinder auf. Sie gaben die
Zusicherung ab, dass der Beschwerdeführer und die Kinder als Familie und
unter Berücksichtigung des Alters der Kinder in einer Einrichtung des Auf-
nahme- und Integrationssystems SAI untergebracht würden. Zudem ver-
wiesen sie auf das Rundschreiben vom 8. Februar 2021, in welchem die
italienischen Behörden die Dublin-Staaten über das Inkrafttreten des Ge-
setzesdekrets Nr. 130/2020 und die Schaffung des Aufnahme- und Integ-
rationssystems SAI informierten und garantierten, dass Familien mit min-
derjährigen Kindern, die im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien
überstellt würden, im SAI-System unter Wahrung der Einheit der Familie
und in Übereinstimmung mit dem Tarakhel-Urteil untergebracht würden.
Die von Italien abgegebene Anerkennung der Familieneinheit und Zusiche-
rung einer familiengerechten Unterbringung sind demnach als genügend
individualisierte Zusicherungen im Sinne der Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts und des EGMR zu werten (Referenzurteil des BVGer
F-6330/2020 E. 10 und 11; Urteil M.T., §§ 58–62). Es ist nicht davon aus-
zugehen, dass eine Überstellung des Beschwerdeführers und seiner Kin-
der nach Italien eine Verletzung von Art. 3 EMRK nach sich ziehen würde.
Die diesbezüglichen Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe vermögen
daran nichts zu ändern, zumal sich diese darauf beschränken, die Recht-
sprechung zu kritisieren. Klarzustellen gilt es an dieser Stelle zudem, dass
die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren An-
trag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.5 Hinsichtlich des Kindswohls der beiden Kinder (Jg. [...] und [...]) ist da-
rauf hinzuweisen, dass Italien Signatarstaat der KRK ist und keine Hin-
weise darauf bestehen, dass Italien sich nicht an seine völkerrechtlichen
Pflichten halten würde, zumal die italienischen Behörden eine kindsge-
rechte Unterkunft zugesichert haben. Das Kindswohl steht somit einer
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Überstellung nach Italien nicht entgegen (vgl. Art. 3 KRK). Der beschwer-
deweise neu zu den Akten gereichte Bericht der Kindertagesstätte vermag
daran nichts zu ändern.
5.6 Da die italienischen Behörden eine Unterbringung der Beschwerdefüh-
renden in einem SAI zugesichert haben (SEM-Akte 1096950-63/1;
1096950-70/2), sind die Ausführungen der Beschwerdeführenden betref-
fend Erstaufnahmezentren nicht einschlägig. Selbst eine vorübergehende
Unterbringung in einem Erstaufnahmezentrum würde keine Verletzung von
Art. 3 EMRK nach sich ziehen (vgl. E. 5.3). In Bezug auf die gesundheitli-
che Betreuung des Beschwerdeführers in Italien ist festzuhalten, dass
diese im Rahmen des SAI gewährleistet ist.
Bei den vom Beschwerdeführer angeführten gesundheitlichen Problemen
([...] und ein [...]) handelt es sich nicht um schwerwiegende Erkrankungen
im Sinne des Referenzurteils E-962/2019. Daran ändert auch der Umstand
nichts, dass weitere (...) indiziert scheinen und ihm Medikamente ver-
schrieben worden sind (SEM-Akte 1096950-69/7). Für eine Fortsetzung
dieser Therapien (inkl. Medikamente) des Beschwerdeführers in Italien
sind dementsprechend – wie dies von diesem subeventualiter beantragt
wird – keine zusätzlichen Zusicherungen von den italienischen Behörden
einzuholen. Zudem hat die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung
festgehalten, dass die italienischen Behörden bei der Überstellung über die
notwendige medizinische Behandlung informiert und eine angemessene
Menge der verschriebenen Medikamente dem Beschwerdeführer mitgege-
ben wird.
5.7 Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Weder ist die Schweiz verpflichtet, auf das Asylgesuch einzu-
treten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt na-
helegen würden. Das SEM ist daher zu Recht auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers nicht eingetreten. Da er nicht im Besitz einer gültigen Auf-
enthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach
Italien in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet
(Art. 32 Bst. a AsylV 1). Es besteht nach dem Gesagten weder Veranlas-
sung zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz im Sinne des Eventu-
albegehrens, zumal die gerügte Verletzung des rechtlichen Gehörs nicht
begründet ist und eine solche aus den Akten auch nicht ersichtlich ist, noch
des Subeventualbegehrens (vgl. E. 5.5 und 5.6).
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6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen. Der angeordnete Vollzugsstopp fällt mir vorliegen-
dem Urteil dahin.
7.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – aussichtlos waren, weshalb die Vor-
aussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Das Gesuch um
Befreiung von der Kostenvorschusspflicht wird mit dem vorliegenden Ent-
scheid in der Sache gegenstandslos.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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