Decision ID: 4de37ea8-f223-5695-ab1f-658fd83424fb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden reisten gemäss ihren Angaben am 15. Juni
2018 in die Schweiz ein und stellten am folgenden Tag im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) D._ Asylgesuche. Am 22. Juni 2018
fanden die Kurzbefragung des Beschwerdeführers 1 (im Folgenden:
Beschwerdeführer) und der Beschwerdeführerin 2 (im Folgenden: Be-
schwerdeführerin) zur Person (BzP) und am 19. Dezember 2018 respek-
tive 26. Juli 2019 ihre Anhörungen zu den Asylgründen gemäss Art. 29
Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt.
B.
B.a Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, er sei ein Kurde aus E._ (Provinz Dohuk) und
habe ab 2014 eine Liebesbeziehung zu seiner jetzigen Ehefrau gepflegt.
Im Zeitraum zwischen Januar 2017 und 28. Februar 2018 hätten seine Fa-
milienangehörigen viermal bei der Familie seiner Frau um deren Hand an-
gehalten. Ihre Familie habe einer Heirat aber nicht zustimmen wollen, weil
er aus einer armen Familie stamme. Er und seine Ehefrau hätten aber den-
noch weiterhin eine intime Beziehung gepflegt, und sie sei in der Folge
schwanger geworden. Nachdem ihre Mutter davon erfahren habe, habe sie
ihn Ende Februar oder Ende März 2018 telefonisch gewarnt, dass der Va-
ter und die Brüder seiner Frau diese umbringen wollten, und ihn aufgefor-
dert, seine Frau wegzubringen. Bereits zuvor, im Juli 2017 (BzP) oder Ja-
nuar 2018 (Anhörung), sei er von Verwandten seiner Ehefrau geschlagen
und bedroht worden, als diese von ihrer Beziehung erfahren hätte. Am (...)
2018 hätten seine Partnerin und er sich von einem Mullah religiös trauen
lassen. Am gleichen Tag seien sie zusammen mit einem Bruder seiner Frau
und dessen Familie von F._ aus per Flugzeug nach G._ ge-
reist. Der Bruder seiner Partnerin habe die Visa für die Ausreise organisiert.
Von der Türkei aus seien sie via Griechenland und die sogenannte Balkan-
route in die Schweiz weitergereist. Seinen Reisepass habe er dem Schlep-
per als Pfand übergeben müssen und nicht zurückerhalten. Überdies hät-
ten die Angehörigen der Familie seiner Frau seine Familie angegriffen,
weshalb sich seine Verwandten für einige Wochen an einem anderen Ort
aufgehalten hätten. Die Regierung der Autonomen Region Kurdistan (ARK)
habe wegen dieser Sache bei der Familie seiner Ehefrau interveniert. Die
"Asayesh" (Inlandgeheimdienst der ARK) würden seine Familie beschüt-
zen. Er selber könne aber keinen echten Schutz von diesen erwarten, son-
dern müsste ins Gefängnis gehen.
E-1780/2020
Seite 3
B.b Die Beschwerdeführerin bestätigte im Wesentlichen die Vorbringen ih-
res Partners. Zudem brachte sie vor, ebenfalls kurdischer Volkszugehörig-
keit zu sein und aus E._ zu stammen. Ihr Vater habe von ihr ver-
langt, einen wohlhabenden Cousin zu heiraten, was sie aber abgelehnt
habe. Auch ihren Wunsch, ein Universitätsstudium zu absolvieren, habe ihr
Vater ihr verwehrt. Gemäss Stammestradition hätte ihr Bruder H._,
welcher zusammen mit ihr ausgereist sei, sie umbringen müssen, wenn
ihre männlichen Verwandten von ihrer intimen Beziehung zu ihrem Ehe-
mann erfahren hätten. Sie habe die irakischen Behörden nicht um Schutz
ersucht, weil diese die bedrohten Frauen jeweils an einem geschlossenen
Ort einsperren würden und sie dadurch von ihrem Ehemann getrennt wor-
den wäre. Sie befürchte, im Falle einer Rückkehr in den Irak durch ihren
Vater umgebracht zu werden.
C.
Am (...) wurde die Tochter der Beschwerdeführenden
(Beschwerdeführerin 3) geboren.
D.
Mit Verfügung vom 26. Februar 2020 (eröffnet am 28. Februar 2020) stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen, wies ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
E.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 31. März 2020 (Poststempel;
vorab per Telefax vom 30. März 2020) erhoben die Beschwerdeführenden
gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und
beantragten die Aufhebung des Asylentscheids sowie die Anerkennung ih-
rer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung des Asyls; eventualiter
seien die Dispositivziffern 3 bis 5 der Verfügung des SEM aufzuheben und
ihre vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs anzuordnen, subeventualiter sei die Sache zur Sachverhaltsergän-
zung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht beantragten die Beschwerdeführenden die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung unter Beiordnung
ihres Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand (sowie den Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses); zudem sei die Zusammen-
setzung des Spruchkörpers bekanntzugeben
E-1780/2020
Seite 4
F.
Am 2. April 2020 gingen beim Gericht zwei Unterstützungsbedürftigkeits-
erklärungen des kantonalen Sozialdienstes I._ vom 31. März 2020
ein.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 14. April 2020 teilte der Instruktionsrichter den
Beschwerdeführenden das voraussichtliche Spruchgremium mit. Ferner
hiess er die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65
Abs. 1 VwVG sowie um unentgeltliche Verbeiständung gemäss aArt. 110a
AsylG gut, setzte antragsgemäss lic. iur. Roger Kuhn als unentgeltlichen
Rechtsbeistand ein und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Schliesslich wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Ver-
nehmlassung eingeladen.
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 24. April 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
Die Vernehmlassung wurde den Beschwerdeführenden am 27. April 2020
zur Kenntnis gebracht.
I.
Mit Eingabe vom 26. Juli 2021 (Datum des Poststempels) ersuchte lic. iur.
Kuhn einerseits um Entbindung von seinem Amt als unentgeltlicher
Rechtsbeistand der Beschwerdeführenden sowie andererseits darum, die
ebenfalls bei der Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende I._ tätige
– und von den Beschwerdeführenden zu ihrer Vertretung bevollmächtigte –
MLaw Lara Märki sei als neue amtliche Rechtsbeiständin einzusetzen.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 12. August 2021 entband der Instruktionsrich-
ter lic. iur. Kuhn antragsgemäss von seinem Amt und stellte zudem fest, es
werde vorderhand keine neue amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt.
E-1780/2020
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
E-1780/2020
Seite 6
3.
3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung Folgendes aus:
3.1.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts könne davon ausge-
gangen werden, dass die kurdischen Behörden grundsätzlich willens
seien, den Einwohnern der drei nordirakischen Provinzen Schutz vor allfäl-
liger Verfolgung zu gewähren. Es sei zu beachten, dass keine faktischen
Garantien für einen langfristigen absoluten individuellen Schutz verlangt
werden könnten. In der ARK bestehe dank der gut dotierten Sicherheits-
behörden und des Rechts- und Justizsystems eine funktionierende Schutz-
infrastruktur. Personen, die wegen Blutrache aufgrund familiärer Probleme
durch Dritte verfolgt oder bedroht würden, könnten auf staatlichen Schutz
zählen, ausser es würden begründete Hinweise auf einen fehlenden
Schutzwillen vorliegen. Die Beschwerdeführenden hätten nicht versucht,
die heimatlichen Behörden um Schutz wegen der geltend gemachten
Probleme zu ersuchen. Die Aussage der Beschwerdeführerin, sie habe
hierauf wegen der zu erwartenden einschneidenden Massnahmen der
Polizei verzichtet, lasse nicht darauf schliessen, dass die nordirakischen
Behörden schutzunfähig oder nicht schutzwillig gewesen seien, und ver-
möge demnach nicht zu überzeugen. Die Schutzsuche bei den heimatli-
chen Behörden wäre den Beschwerdeführenden zuzumuten gewesen.
Zwar könne nach wie vor nicht von der Bereitschaft der Polizeibeamten
ausgegangen werden, Straftaten, namentlich Ehrenmorde, gegenüber
Frauen zu verhindern oder diesen umfassend nachzugehen. Indessen
wäre es den Beschwerdeführenden möglich gewesen, gemeinsam die Be-
hörden um Hilfe zu ersuchen. Die Beschwerdeführerin geniesse den
Schutz ihres Ehemannes, und es sei anzunehmen, dass die kurdischen
Behörden bei einem Paar entsprechende Massnahmen ergreifen würden.
Es sei auch zu beachten, dass der Beschwerdeführer erklärt habe, die
Behörden hätten zugunsten seiner Angehörigen bei der Familie seiner
Ehefrau interveniert. Insgesamt würden sich die Asylvorbringen der Be-
schwerdeführenden als flüchtlingsrechtlich nicht relevant erweisen.
3.1.2 Im Übrigen sei darauf hinzuweisen, dass die Schilderungen der Be-
schwerdeführenden betreffend die geltend gemachte Bedrohung Wider-
sprüche enthalten würden. So habe der Beschwerdeführer divergierende
Angaben zu seinem Zivilstand und zu den beim letzten Heiratsantrag an-
wesenden Mitgliedern seiner Familie gemacht, ebenso wie in zeitlicher Hin-
sicht dazu, wann er seine Ehefrau kennengelernt, von ihrer Schwanger-
schaft erfahren und von ihren Familienangehörigen angegriffen worden sei.
E-1780/2020
Seite 7
Auch die Beschwerdeführerin habe unterschiedliche Aussagen zum Zeit-
punkt ihres Kennenlernens sowie zum Verbleib der Identitätskarte zu
Protokoll gegeben. Im Weiteren seien die Schilderungen der Beschwerde-
führerin zu der ihr drohenden Zwangsheirat mit einem Cousin widersprüch-
lich, vage und unsubstanziiert ausgefallen.
3.1.3 Nach dem Gesagten sei nicht davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin bei einer Rückkehr in ihr Heimatland mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft einer asylrelevanten Verfol-
gung ausgesetzt wäre. Insgesamt würden die Vorbringen der Beschwerde-
führenden den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG und Art. 7 AsylG nicht standhalten.
3.1.4 Im Weiteren würden sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür
ergeben, dass den aus der ARK stammenden Beschwerdeführenden im
Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe.
Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sei für die ein-
heimische kurdische Bevölkerung in dieser Region nicht von einer konkre-
ten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG (SR 142.20) auszugehen.
Es herrsche in der ARK keine Situation allgemeiner Gewalt. Ferner würden
auch keine individuellen Gründe gegen die Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs sprechen. Die Beschwerdeführenden könnten auf die
Unterstützung der Familie des Beschwerdeführers zählen. Zudem verfüge
dieser über eine gute Schulausbildung sowie berufliche Erfahrung.
Schliesslich lasse auch das Kindeswohl den Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar erscheinen.
3.2
3.2.1 In ihrer Beschwerdeschrift führten die Beschwerdeführenden aus,
das Bundesverwaltungsgericht sei in seinem Grundsatzentscheid BVGE
2008/4 zum Schluss gekommen, dass im Falle privater Verfolgung durch
eine Familie oder einen Clan (wobei vor allem an Ehrenmorde an Frauen
zu denken sei) infolge mangelnder Sensibilität sowie ungenügender
Schutzinfrastruktur nach wie vor nicht von einer Schutzwilligkeit der nord-
irakischen Polizeibeamten ausgegangen werden könne, entsprechende
Straftraten gegenüber Frauen zu verhindern oder diesen umfassend nach-
zugehen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass dies anders sein solle, weil die
Beschwerdeführerin unter dem Schutz ihres Ehemannes stehe. Dass
diese Argumentation nicht verfange, zeige sich schon daran, dass er selber
von ihrer Familie angegriffen worden sei. Es könne durch verschiedene
E-1780/2020
Seite 8
Quellen belegt werden, dass es im Nordirak weiterhin zu Gewalttaten und
Ehrenmorden durch Familien und Clans komme. Dass sie die nordiraki-
schen Behörden nicht um Schutz ersucht hätten, könne ihnen angesichts
der einschneidenden Massnahmen, die von diesen zu erwarten gewesen
wären, nicht entgegengehalten werden. Zudem wäre der gewährte Schutz
nur temporär gewesen. Die Inanspruchnahme eines innerstaatlichen
Schutzsystems müsse den Betroffenen individuell zumutbar sein. Dies sei
vorliegend nicht der Fall, weil sie mit an Sicherheit grenzender Wahrschein-
lichkeit beide auf unbestimmte Zeit weggesperrt worden wären. Im Falle
einer eventuellen Freilassung wäre insbesondere die Beschwerdeführerin
erneut in konkreter Lebensgefahr gewesen. Am mangelnden Schutzwillen
der Behörden ändere auch die Intervention der Asayesh zugunsten der
Familie des Beschwerdeführers nichts. Es habe sich hierbei nur um eine
temporäre, beschwichtigende Massnahme gehandelt, die langfristig kaum
als funktionierender Schutz eingestuft werden könne. Zudem habe diese
Aktion nicht die Beschwerdeführerin betroffen. Im Ergebnis könne im vor-
liegenden Fall demnach nicht davon ausgegangen werden, dass die
Sicherheitskräfte der ARK schutzfähig seien und tatsächlich einen Schutz-
willen hätten. Selbst wenn dies der Fall sein sollte, erweise sich die Inan-
spruchnahme dieses Schutzes als nicht zumutbar. Die Vorinstanz habe
sich nicht mit der Frage der Zumutbarkeit allfälliger Schutzvorkehrungen
der kurdischen Behörden auseinandergesetzt und nicht hinreichend abge-
klärt, ob aktuell immer noch Ehrenmorde im Nordirak stattfinden würden
und wie es sich diesbezüglich mit der Schutzfähigkeit der dortigen Behör-
den verhalte. Damit habe sie den Untersuchungsgrundsatz verletzt, wes-
halb die Sache zur Sachverhaltsergänzung und Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen sei.
3.2.2 Die ihnen vom SEM vorgehaltenen widersprüchlichen Aussagen
seien darauf zurückzuführen, dass sie bei der BzP unter enormem Stress
gestanden hätten. Dass sie sich gleichzeitig als ledig und als religiös ge-
traut bezeichnet täten, stelle keinen Widerspruch dar, da die religiöse Trau-
ung nicht als offizielle Eheschliessung gelte. Der Beschwerdeführer habe
sich in Bezug auf die Dauer ihrer Beziehung unklar ausgedrückt. Sie seien
seit 2014 ein Paar, hätten aber erst seit dem Jahr 2017 eine intime Bezie-
hung gepflegt. In Bezug auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs sei darauf hinzuweisen, dass auf der Website des Eidgenössi-
schen Departements für auswärtige Angelegenheiten von Reisen in die Au-
tonome Region Kurdistan abgeraten werde, da die dortige Lage unüber-
sichtlich und die Sicherheit nicht gewährleistet sei. Das Risiko von Entfüh-
E-1780/2020
Seite 9
rungen (teilweise mit Todesfolge) durch terroristische und kriminelle Grup-
pierungen sei auch für Einheimische hoch. Unter diesen Umständen könne
nicht von einer allgemein zumutbaren Sicherheitslage im Nordirak gespro-
chen werden.
4.
4.1 Im Verwaltungs- und namentlich im Asylverfahren gilt der Untersu-
chungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren be-
deutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung und
zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und
auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsuchen-
den Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht uneinge-
schränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht der Asylsuchen-
den findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9; BVGE 2012/21
E. 5.1). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs-
grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asyl-
suchenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise ab-
zunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre
und Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausge-
hende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der
asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen
Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen,
die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden
können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 23 E. 5a).
4.2 Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführenden gelangt das Ge-
richt zum Schluss, dass die Vorinstanz im vorliegenden Verfahren die ent-
scheidwesentlichen Sachumstände genügend abgeklärt und berücksich-
tigt hat. Namentlich hat sie in der angefochtenen Verfügung dargelegt, aus
welchen Gründen sie von einer funktionierenden Schutzinfrastruktur im
Nordirak sowie der Zumutbarkeit der Inanspruchnahme derselben durch
die Beschwerdeführenden ausgeht. Dass sie hinsichtlich dieser Fragen zu
einem anderen Schluss als die Beschwerdeführenden gelangt ist, stellt je-
denfalls keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes dar.
E-1780/2020
Seite 10
4.3 Die formellen Rügen der Beschwerdeführenden erweisen sich nach
dem Gesagten als unbegründet. Der subeventualiter gestellte Kassations-
antrag ist abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen. Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser
Bestimmung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht,
Letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde
sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in
absehbarer Zukunft verwirklichen. Die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft hängt im Übrigen nicht davon ab, wer Urheber der Verfolgung ist,
sondern davon, ob im Heimatstaat adäquater Schutz vor Verfolgung in An-
spruch genommen werden kann; damit ist nicht nur die unmittelbare oder
E-1780/2020
Seite 11
mittelbare staatliche, sondern auch die private (bzw. nicht-staatliche) Ver-
folgung flüchtlingsrechtlich relevant, sofern im Heimatstaat kein adäquater
Schutz vor Verfolgung besteht (vgl. BVGE 2011/51 E. 7; EMARK 2006
Nr. 18 E. 7.5–7.9. S. 193 ff.).
6.2 Zunächst ist festzustellen, dass für das Gericht aufgrund der Aktenlage
der von den Beschwerdeführenden geltend gemachte Konflikt mit der Fa-
milie der Beschwerdeführerin wegen ihrer Liebesbeziehung grundsätzlich
als glaubhaft zu erachten ist. Ihre Darlegungen zum Ablauf der Ereignisse
vor ihrer Ausreise sind in den wesentlichen Zügen übereinstimmend.
Die ihnen von der Vorinstanz vorgehaltenen Aussagewidersprüche, vorab
hinsichtlich der zeitlichen Einordnung, vermögen diese Ereignisse kaum
grundsätzlich in Frage zu stellen. Auf eine abschliessende und umfas-
sende Beurteilung der Glaubhaftigkeit kann indessen in Anbetracht der fol-
genden Erwägungen verzichtet werden.
6.3 Da die von den Beschwerdeführenden geltend gemachte Verfolgung
nicht von staatlichen Organen, sondern von Dritten ausgeht, ist insbeson-
dere näher zu beleuchten, ob sie in ihrem Heimatland Schutz vor Verfol-
gung finden können. Ein absoluter Schutz vor Verfolgung, welche von
Privatpersonen ausgeht, ist in asylrechtlicher Hinsicht nicht erforderlich;
entscheidend ist vielmehr, dass die Betroffenen faktisch Zugang zu einer
vorhandenen effektiven Schutzinfrastruktur haben und ihnen zugemutet
werden darf, diese in Anspruch zu nehmen.
6.4 Im Urteil BVGE 2008/4 wurde ausführlich dargelegt, dass die Sicher-
heitsbehörden der ARK, bestehend aus den Provinzen Dohuk, Erbil, Sulei-
maniya sowie der von Letzterer abgespaltenen Provinz Halabja, grund-
sätzlich in der Lage und willens sind, ihren Einwohnern Schutz vor Verfol-
gung zu gewähren. Diese Einschätzung wurde mit Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 (als Referenzurteil
publiziert) bestätigt und hat weiterhin Gültigkeit (vgl. etwa auch das Urteil
BVGer D-1927/2019 vom 23. Mai 2019 E. 6.2). Gehen die Übergriffe je-
doch von den Mehrheitsparteien, ihren Organen oder Mitgliedern aus, kann
– aufgrund der engen Verflechtung von Partei- und Behördenstrukturen
– nicht mit einer staatlichen Schutzgewährung durch die Polizei- und
Sicherheitskräfte gerechnet werden. Bei einer drohenden Verfolgung von
privater Seite gilt es insbesondere zu beachten, dass im Allgemeinen ge-
rade bei Ehrenmorden, von denen in erster Linie Frauen betroffen sind,
infolge mangelnder Sensibilität und ungenügender Schutzinfrastruktur
E-1780/2020
Seite 12
nicht von der Bereitschaft der Polizeibeamten auszugehen ist, entspre-
chende Straftaten zu verhindern oder diesen umfassend nachzugehen
(vgl. BVGE 2008/4 E. 6.7, Urteil BVGer D-7100/2018 und D-7102/2008
vom 24. Februar 2020 E. 5.2).
6.5 Die Beschwerdeführenden haben gemäss ihren Aussagen vor ihrer
Ausreise die Behörden ihres Heimatstaats nicht um Schutz vor den be-
fürchteten Übergriffen durch die Familienangehörigen der Beschwerdefüh-
rerin ersucht.
6.5.1 Ihre Argumentation, dies sei angesichts der zu erwartenden Schutz-
massnahmen der Behörden verständlich, vermag das Gericht nicht zu
überzeugen. Da die Beschwerdeführerin nicht alleinstehend ist, sondern
auf die Unterstützung ihres Ehemannes sowie dessen Familie zählen kann,
ist nicht davon auszugehen, dass die nordirakischen Behörden sie zu ih-
rem Schutz zum Umzug in ein Frauenhaus drängen würden, welches sie
nicht verlassen dürfte. Entsprechende geschlossene Einrichtungen für
Männer existieren ohnehin nicht (vgl. hierzu: DANISH IMMIGRATION SERVICE
/ LANDINFO [Norwegian Country of Origin Information Center], Kurdistan
Region of Iraq [KRI]: Women and men in honour-related conflicts, Novem-
ber 2018, S. 18 f. und 23, < https://www.ecoi.net/en/file/local/1450520/12
26_154217 9434_iraq-report-honour-related-conflicts-nov2018.pdf >, ab-
gerufen am 7. September 2021).
6.5.2 Überdies lassen die Ausführungen der Beschwerdeführenden darauf
schliessen, dass die Familie des Beschwerdeführers durchaus Schutz
durch die nordirakische Regierung geniesst:
Der Beschwerdeführer gab zu Protokoll, diese habe nach einem Übergriff
der Familie seiner Ehefrau auf seine Angehörigen interveniert und seine
Familie stehe unter dem Schutz der Asayesh (vgl. Protokoll Anhörung
Akten SEM B18 F119 f.).
Die Beschwerdeführerin sagte aus, ihr Vater habe sich nicht getraut, gegen
die Familie ihres Ehemannes vorzugehen, weil diese mächtig sei und unter
dem Schutz von Barzani stehe (vgl. Protokoll Anhörung Akten SEM A28
F120).
6.5.3 Es besteht kein Grund zur Annahme, dass die Beschwerdeführenden
diesen Schutz nicht auch beanspruchen könnten. Ihre nicht näher begrün-
dete gegenteilige Behauptung vermag nicht zu überzeugen. Auch für die
Richtigkeit ihres Vorbringens, dass ein solcher Schutz nur temporär wäre,
liegen keine stichhaltigen Anhaltspunkte vor.
E-1780/2020
Seite 13
6.6 Nach dem Gesagten kann der Schluss gezogen werden, dass die Be-
schwerdeführenden allfälligen innerfamiliären Übergriffen – namentlich sei-
tens des Vaters der Beschwerdeführerin – nicht schutzlos ausgeliefert wä-
ren. Es steht auch nicht im Widerspruch zu den generellen Feststellungen
in dem von den Beschwerdeführenden zitierten Grundsatzentscheid des
Bundesverwaltungsgerichts (BVGE 2008/4), dass vorliegend aufgrund der
konkreten Umstände in Übereinstimmung mit der Vorinstanz vom Schutz-
willen und der grundsätzlichen Schutzfähigkeit der nordirakischen Behör-
den ausgegangen werden kann. Überdies kann die Inanspruchnahme die-
ses Schutzes auch als zumutbar erachtet werden. Demnach erweisen sich
weitere Abklärungen bezüglich des Vorkommens von Ehrenmorden im
Nordirak und der Schutzfähigkeit der dortigen Behörden als nicht erforder-
lich.
6.7 Im Ergebnis bedürfen die Beschwerdeführenden nicht des internatio-
nalen Schutzes (vgl. BVGE 2011/51 E. 7), weshalb ihre Vorbringen als
nicht relevant im Sinne von Art. 3 AsylG zu qualifizieren sind.
6.8 Den Beschwerdeführenden ist es demnach nicht gelungen, eine Ver-
folgungsgefahr im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft
darzutun. Die Vorinstanz hat zu Recht ihre Flüchtlingseigenschaft verneint
und ihre Asylgesuche abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
E-1780/2020
Seite 14
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den Be-
schwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerde-
führenden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichts-
hofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folteraus-
schusses müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real
E-1780/2020
Seite 15
risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssitu-
ation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt nicht als unzulässig erscheinen.
8.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts herrscht
in den vier kurdischen Provinzen des Iraks, Dohuk, Erbil, Suleimaniya und
Halabja, keine Situation allgemeiner Gewalt und die politische Lage ist
nicht dermassen angespannt, dass eine Rückführung dorthin als generell
unzumutbar betrachtet werden müsste. Die Anordnung des Wegweisungs-
vollzugs in diese Region setzt jedoch voraus, dass die betroffene Person
ursprünglich aus der Region stammt oder längere Zeit dort gelebt hat und
damit über ein soziales Netz (Familie, Verwandtschaft oder Bekannten-
kreis) oder über Beziehungen zu den herrschenden Parteien verfügt
(BVGE 2008/5 E. 7.5.8; bestätigt im Referenzurteil des E-3737/2015,
a.a.O., E. 7.4.5; vgl. auch Urteil BVGer E-5412/2017 vom 30. April 2020
E. 7.3.2 m.w.H.). Unter Beachtung der genannten Grundsätze qualifiziert
das Gericht auch den Vollzug der Wegweisung von Familien mit Kindern in
die ARK nicht als grundsätzlich unzumutbar (vgl. das Urteil BVGer
E-7174/2018 vom 14. Februar 2020 E. 8.3.5 mit Hinweisen auf entspre-
chende Entscheide).
8.3.2 Die Beschwerdeführenden stammen aus E._ (Provinz Do-
huk), wo sie bis zu ihrer Ausreise gelebt haben. Gemäss Aussagen des
Beschwerdeführers sind auch seine Eltern und Geschwister dort wohnhaft.
Es kann demnach davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdefüh-
renden in ihrem Herkunftsort über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfü-
gen, auf dessen Unterstützung sie, sollte es notwendig sein, auch zählen
E-1780/2020
Seite 16
können. Der Beschwerdeführer übte vor seiner Ausreise eine selbststän-
dige Tätigkeit als (...)reparateur aus. Demnach dürfte er in der Lage sein,
auch künftig für sich und seine Familie zu sorgen, nötigenfalls mit Unter-
stützung von im Heimatstaat und im Ausland lebenden Verwandten.
Überdies wurden von den Beschwerdeführenden keine gesundheitlichen
Probleme geltend gemacht, und es besteht − namentlich unter Berücksich-
tigung des Alters des Kindes der Beschwerdeführenden und ihrer Aufent-
haltsdauer in der Schweiz – kein Grund zur Annahme, dass das Kindes-
wohl im Falle einer Rückkehr in den Irak konkret gefährdet sein könnte.
8.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung der
Beschwerdeführenden auch als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit Zwischen-
verfügung vom 14. April 2020 ihr Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde
und den Akten keine Hinweise auf eine massgebende Veränderung ihrer
finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, ist auf eine Kostenauflage zu
verzichten.
E-1780/2020
Seite 17
11.
In der Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 14. April 2020
wurde auch das Gesuch der Beschwerdeführenden um amtliche Ver-
beiständung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und ihr vormaliger
Rechtsvertreter – lic. iur. Roger Kuhn, wie seine Nachfolgerin ein Ange-
stellter der (...)-Rechtsberatungsstelle (...) – als amtlicher Rechtsbeistand
eingesetzt. Aus der Formulierung der Eingabe vom 26. Juli 2021 kann ge-
schlossen werden, dass der Honoraranspruch vom beigeordneten Rechts-
beistand an seine frühere Arbeitgeberin abgetreten worden ist. Demnach
ist das Honorar für die notwendigen Aufwendungen im Rahmen dieser amt-
lichen Verbeiständung der (...)-Rechtsberatungsstelle (...) auszurichten.
Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendi-
gen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in
fine VGKE).
Das Honorar für die amtliche Rechtsverbeiständung wird unter Berücksich-
tigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren und in Anwendung der am
14. April 2020 kommunizierten Stundenansätze demnach von Amtes we-
gen auf insgesamt Fr. 1200.– (inkl. Auslagen) festgelegt.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1780/2020
Seite 18