Decision ID: fb1a5666-b90f-461f-aaf3-e2757810d9a4
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 27.08.2020 Art. 43quater AHVG. Ziff. 5.07 HVA. Art. 17 Abs. 2 ATSG. Hörgeräteversorgung. „Besitzstand“. Technischer Fortschritt als revisionsrelevante Sachverhaltsveränderung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. August 2020, AHV-H 2020/1).
Entscheid vom 27. August 2020
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
AHV-H 2020/1
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse,
Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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Gegenstand
Hilfsmittel (Hörgerät)
Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2009 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum
Bezug von Hörgeräten an (AHV-act. 1). In einer „ärztlichen Erstexpertise“ hielt Dr. med.
B._ im April 2009 fest (AHV-act. 5), der Versicherte leide unter einer zunehmenden
Schwerhörigkeit. Die audiologischen Kriterien und das sozial-emotionale Handicap
rechtfertigten eine einfache Hörgeräteversorgung. Im Auftrag der IV-Stelle wurden dem
Versicherten im Juli 2009 zwei an seine Bedürfnisse angepasste Hörgeräte abgegeben
(AHV-act. 7). Im September 2009 bestätigte Dr. B._, dass die abgegebenen
Hörgeräte ihren vorgesehenen Zweck erfüllten (AHV-act. 9). Mit einer Mitteilung vom 7.
Oktober 2009 sprach die IV-Stelle dem Versicherten einen Kostenbeitrag an die
Hörgeräte im Betrag von 2’824.50 Franken zu (AHV-act. 10).
A.a.
Am 30. Juli 2016 meldete sich der mittlerweile eine Altersrente der AHV
beziehende Versicherte erneut zum Bezug von Hörgeräten an (AHV-act. 11). Am 16.
September 2016 berichtete Dr. B._ (AHV-act. 18), das Reintonaudiogramm habe
einen Hörverlust von 43,5 Prozent rechts und von 48,6 Prozent links gezeigt. Das
Sprachaudiogramm habe einen Hörverlust von 56,7 Prozent rechts und von 65 Prozent
links ergeben; der Gesamt-Hörverlust habe einen Wert von 53,4 Prozent erreicht. Die
Kriterien eines relevanten Hochtonabfalls seien erfüllt. Noch am selben Tag erliess die
Ausgleichskasse eine Mitteilung, mit der sie dem Versicherten eine Hörgerätepauschale
von 1’650 Franken zusprach (AHV-act. 19).
A.b.
Im November 2019 reichte der Versicherte kommentarlos eine Rechnung für
Hörgeräte im Betrag von 7’013 Franken ein (AHV-act. 20). In einem Telefonat mit einer
Sachbearbeiterin der Ausgleichskasse gab der Versicherte an (AHV-act. 23), er könne
nicht einschätzen, wir stark sich sein Gehör verschlechtert habe. Er wisse nur, dass er
nun die besten Hörgeräte habe, die er je besessen habe. Deshalb ersuche er um eine
vorzeitige Wiederversorgung. Er werde sich für die Expertise wieder an Dr. B._
A.c.
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B.
wenden. Am 18. Dezember 2019 berichtete Dr. B._ (AHV-act. 25), der Hörverlust
betrage gemäss dem Reintonaudiogramm 55,5 Prozent rechts und 61,3 Prozent links.
Das Sprachaudiogramm habe einen Hörverlust von 68,3 Prozent rechts und 75 Prozent
links gezeigt. Die Zunahme des prozentualen Gesamt-Hörverlustes betrage 11,28
Prozent. Mit einer Verfügung vom 8. Januar 2020 wies die Ausgleichskasse das
Begehren des Versicherten um eine vorzeitige Wiederversorgung mit neuen Hörgeräten
ab (AHV-act. 28). Zur Begründung führte sie an, ein Beitrag an neue Hörgeräte könne
frühestens sechs Jahre nach der Abgabe der früheren Hörgeräte erfolgen. Ein
vorzeitiger Beitrag könne nur gewährt werden, wenn der medizinische Experte bestätigt
habe, dass der Gesamt-Hörverlust um mehr als 15 Prozentpunkte zugenommen habe.
Für Versicherte, denen in der letzten ärztlichen Expertise bereits ein Gesamt-Hörverlust
von mindestens 60 Prozent attestiert worden sei, reiche eine Verschlechterung um
zehn Prozent für eine vorzeitige Wiederversorgung. Diese Kriterien seien vorliegend
gemäss dem Bericht von Dr. B._ nicht erfüllt.
Am 16. Januar 2020 erhob der Versicherte eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 8. Januar 2020 (AHV-act. 29). Er beantragte die Vergütung der „ihm zustehenden
Anteile“. Zur Begründung führte er aus, die Leistungen der Ausgleichskasse hielten
nicht Schritt mit den technischen Verbesserungen der Hörgeräte. Da er unter anderem
in einem Chor singe, sei er auf gute Hörgeräte angewiesen. Mit einem Entscheid vom
25. Februar 2020 wies die Ausgleichskasse die Einsprache ab (AHV-act. 33). Zur
Begründung führte sie an, das Kreisschreiben über die Abgabe von Hilfsmitteln durch
die Invalidenversicherung erlaube eine vorzeitige Neuversorgung mit Hörgeräten nur
bei einem Gesamt-Hörverlust um 15 Prozentpunkte respektive um zehn Prozentpunkte,
wenn der Gesamt-Hörverlust davor bereits mindestens 60 Prozent betragen habe.
Diese Voraussetzungen seien hier nicht erfüllt, weshalb kein Anspruch des Versicherten
auf eine vorzeitige Wiederversorgung bestehe.
A.d.
Am 6. März 2020 erhob der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 25. Februar 2020 (act. G 1). Er
beantragte sinngemäss zumindest einen Kostenbeitrag an die im November 2019
bezogenen Hörgeräte. Zur Begründung führte er aus, die mittlerweile zehn Jahre alten
B.a.
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Erwägungen
1.
Geräte seien absolut ungenügend gewesen. Die Ausgleichskasse (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) wende nicht mehr zeitgemässe Kriterien an und verschanze sich
hinter alten Werten. Die Angaben des Experten Dr. B._ würden deutlich von jenen
des Lieferanten abweichen. Gutes Hören sei für den Beschwerdeführer sehr wichtig, da
er in einem Chor singe, aber auch das Telefon und den Fernseher möglichst
uneingeschränkt nutzen wolle.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 23. April 2020 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 3).
B.b.
Der Anspruch auf ein Hilfsmittel der AHV setzt gemäss dem Art. 43 Abs. 1
AHVG voraus, dass ein solches für die Fortbewegung, für die Herstellung des
Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge benötigt wird. Diese Umschreibung
der Anspruchsvoraussetzungen ist unvollständig, denn ihr lässt sich weder entnehmen,
was das „versicherte Gut“ ist, noch, welcher „Schaden“ an diesem „versicherten Gut“
durch die Abgabe eines Hilfsmittels kompensiert werden soll. Hier hilft ein
systematischer Blick auf den Art. 11 Abs. 1 UVG, laut dem eine obligatorisch
unfallversicherte Person einen Anspruch auf jene Hilfsmittel hat, die körperliche
Schädigungen oder Funktionsausfälle ausgleichen. Nichts anderes kann im
Anwendungsbereich des Art. 43 Abs. 1 AHVG gelten: Das versicherte „Gut“ ist die
körperliche Unversehrtheit respektive die uneingeschränkte körperliche
Funktionsfähigkeit der versicherten Person; ein relevanter versicherter „Schaden“
besteht in einer körperlichen Schädigung oder in einem Funktionsausfall infolge einer
Gesundheitsbeeinträchtigung. Der Art. 43 Abs. 1 AHVG will aber offenkundig nicht
alle körperlichen Schädigungen oder Funktionsausfälle durch ein entsprechendes
Hilfsmittel kompensieren, sondern nur jene, die sich massgeblich auf die
Fortbewegung, auf die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder auf die
Selbstsorge auswirken. Der eigentliche einen Anspruch auf Hörgeräte auslösende
versicherte „Schaden“ besteht also in einem krankheits- oder unfallbedingten
(teilweisen) Verlust der Hörfähigkeit. Allfällig abgegebene Hörgeräte sollen diesen
Funktionsausfall (den Verlust der Hörfähigkeit) kompensieren, das heisst die
Hörfähigkeit so gut als möglich wieder herstellen. Selbstverständlich erfordert es der
1.1. quater
quater
quater
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Sinn und Zweck der Hörgeräteversorgung, dass die Hörfähigkeit anhaltend respektive
langdauernd verbessert wird. Der eigentliche „Schadensausgleich“ erfolgt deshalb
nicht durch die Abgabe der Hörgeräte, sondern erst durch den (anhaltenden bzw.
langdauernden) Gebrauch dieser Hörgeräte. Dieser Grundsatz zeigt sich im
Anwendungsbereich des Art. 21 IVG (der mit Blick auf eine Verbesserung der
Erwerbsfähigkeit auch die Abgabe von sehr teuren Hilfsmitteln vorsieht) unter anderem
darin, dass die Invalidenversicherung kostspielige Hilfsmittel in der Regel nur leihweise
abgibt. Ein solches Hilfsmittel erfüllt seinen Zweck offensichtlich nicht bei seiner
Abgabe, sondern erst während der Dauer der Leihe. Die Abgabe des Hilfsmittels ist nur
ein notwendiger Schritt zur eigentlichen Zweckerfüllung, nämlich dem Gebrauch des
(leihweise oder zu Eigentum abgegebenen) Hilfsmittels. Entgegen einem allfälligen
falschen Eindruck, den die gesetzlichen Bestimmungen vermitteln könnten, handelt es
sich bei Hilfsmitteln also um Dauerleistungen der Invaliden- respektive der Alters- und
Hinterlassenenversicherung.
Dem Beschwerdeführer sind erstmals im Oktober 2009 Hörgeräte abgegeben
worden. Mit der im September 2016 erfolgten Kostengutsprache für neue Hörgeräte
hat die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer folglich keine „neue“ Leistung
zugesprochen, sondern sie hat die seit Oktober 2009 bestehende Hörgeräteversorgung
an die zwischenzeitliche Veränderung des relevanten Sachverhaltes angepasst, das
heisst im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG revidiert. Das im November 2019 sinngemäss
gestellte Begehren des Beschwerdeführers um eine Beteiligung an den Kosten der
damals neu angeschafften Hörgeräte ist nichts anderes als ein Revisionsbegehren im
Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gewesen. Dieses Begehren ist vom Beschwerdeführer
mit der weiteren Verschlechterung seines Hörvermögens und mit der
zwischenzeitlichen technischen Entwicklung begründet worden. Das im Anschluss
eröffnete Verwaltungsverfahren hat sich folglich nur um die Frage gedreht, ob seit
September 2016 eine relevante Sachverhaltsveränderung – Gehörsverschlechterung
oder technische Entwicklung – eingetreten sei, die eine revisionsweise Anpassung der
bestehenden Hörgeräteversorgung erfordere. Da das mit dem angefochtenen
Entscheid abgeschlossene Einspracheverfahren die Überprüfung der das
vorangegangene Verwaltungsverfahren abschliessenden Verfügung vom 8. Januar
2020 bezweckt hat, hat sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen und sich folglich ebenfalls auf die Frage nach einer
revisionsrechtlich relevanten Sachverhaltsveränderung beschränken müssen. Weil
dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit bezweckt, muss sich auch sein
1.2.
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2.
Gegenstand auf die Frage nach einer revisionsrechtlich relevanten
Sachverhaltsveränderung nach September 2016 beschränken.
Gemäss dem Art. 43 Abs. 1 AHVG haben Bezüger einer Altersrente unter den
in der AHVV genannten Voraussetzungen einen Anspruch auf Hilfsmittel der AHV, die
sie für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die
Selbstsorge benötigen. Der Art. 66 Abs. 1 AHVV verweist auf die Verordnung über die
Abgabe von Hilfsmitteln durch die Altersversicherung (HVA). Diese sieht vor, dass für in
der Schweiz wohnhafte Bezüger einer Altersrente, die bis zum Entstehen des
Altersrentenanspruchs Hilfsmittel der Invalidenversicherung bezogen haben, der
Anspruch auf diese Leistungen seiner Art und seinem Umfang nach bestehen bleibt,
solange die massgebenden Voraussetzungen weiterhin erfüllt sind (Art. 4 HVA). Die
Aufrechterhaltung der Hörgeräteversorgung eines Altersrentners richtet sich folglich
nicht nach der Ziff. 5.57 der HVA, sondern nach der Ziff. 5.07 der Verordnung über die
Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI), wenn der Altersrentner
vor dem Erreichen des ordentlichen Rentenalters von der Invalidenversicherung mit
Hörgeräten versorgt worden ist. Laut der Ziff. 5.07 HVI besteht bei einer formell
rechtskräftig zugesprochenen Hörgeräteversorgung höchstens alle sechs Jahre ein
Anspruch auf eine (erneute) Pauschalvergütung, es sei denn, eine wesentliche
Veränderung der Hörfähigkeit erfordere einen Ersatz der Hörgeräte vor dem Ablauf
dieser Frist.
2.1. quater
ter
Die Regelung in der Ziff. 5.07 HVI erlaubt eine „vorzeitige“ (revisionsweise) Abgabe
von neuen Hörgeräten nur bei einer wesentlichen Verschlechterung des Hörvermögens.
Die Ziff. 5.07 HVI enthält keine Kriterien dafür, was als eine wesentliche
Verschlechterung zu qualifizieren ist. Das Kreisschreiben über die Abgabe von
Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (KHMI) enthält ebenfalls keine Kriterien,
sondern verweist auf die Expertenrichtlinie für ORL-Fachärzte (Rz. 2046 KHMI). Diese
Richtlinie sieht vor, dass eine „vorzeitige“ Neuversorgung erfolgt, wenn der Gesamt-
Hörverlust um mehr als 15 Prozentpunkte oder – bei einem Gesamt-Hörverlust von
mindestens 60 Prozent in der letzten Expertise – um mehr als zehn Prozentpunkte
zugenommen hat (vgl. Richtlinien für ORL-Expertenärzte zum Abklärungsauftrag zur
Vergütung von Hörgeräten durch die Sozialversicherungen IV und AHV, S. 9). Diese
Kriterien sind zusammen mit der Kommission für Audiologie und Expertenwesen der
Schweizerischen Gesellschaft für Oto-Rhino-Laryngologie erarbeitet worden, was
bedeutet, dass es sich bei diesen Kriterien um bei den Fachärzten für Oto-Rhino-
Laryngologie anerkannte Schwellenwerte handelt, die es aus fachärztlicher Sicht
2.2.
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rechtfertigen, eine bestehende Hörgeräteversorgung zu verbessern. Aus rechtlicher
Sicht erscheint die Absolutheit dieses Abgrenzungskriteriums allerdings als
problematisch, denn es ist kaum vorstellbar, dass es keine Fälle geben soll, in denen
eine verbesserte Hörgeräteversorgung notwendig ist, obwohl der Schwellenwert nicht
erreicht worden ist. Würde ein ORL-Experte in einem konkreten Einzelfall mit einer
überzeugenden Begründung darlegen, dass trotz des Nichterreichens der
Schwellenwerte eine verbesserte Hörgeräteversorgung notwendig sei, könnte ein
entsprechender Leistungsanspruch wohl kaum gestützt auf die ORL-Expertenrichtlinien
verweigert werden. Das spielt für den vorliegenden Fall aber keine Rolle, weil der
Sachverständige Dr. B._ nach einer eingehenden Untersuchung des
Beschwerdeführers nicht für eine verbesserte Hörgeräteversorgung plädiert hat. Das
hätte er aber getan, wenn er eine entsprechende Leistung trotz des Nichterreichens der
erwähnten Schwellenwerte als indiziert erachtet hätte. Hier liegt deshalb kein
Ausnahmefall vor, der zu einem Abweichen von der Schwellenwerte-Regelung zwingen
würde. Da der Beschwerdeführer die Schwellenwerte nicht erreicht hat, ist die in der
Ziff. 5.07 HVI verlangte Voraussetzung für eine „vorzeitige“ (vor Ablauf der
Sechsjahresfrist) notwendige Verbesserung der Hörgeräteversorgung nicht erfüllt
gewesen.
Der Wortlaut der Ziff. 5.07 HVI, der eine „vorzeitige“ (revisionsweise) Abgabe von
neuen Hörgeräten nur bei einer Veränderung des Gesundheitszustandes respektive des
Hörvermögens erlaubt, ist zu eng gefasst. Diese Voraussetzung kann nämlich nichts
anderes als eine Interpretation respektive Konkretisierung des im Art. 17 Abs. 2 ATSG
enthaltenen unbestimmten Rechtsbegriffs der wesentlichen Sachverhaltsveränderung
sein. Die in der Ziff. 5.07 HVI enthaltene Interpretation dürfte zwar den häufigsten Fall
einer solchen Sachverhaltsveränderung abdecken, aber sie kann nicht für sich in
Anspruch nehmen, allen in Frage kommenden wesentlichen
Sachverhaltsveränderungen Rechnung zu tragen. Der Zweck der Hörgeräteversorgung
besteht nämlich darin, den Verlust an Hörvermögen auszugleichen. Dieser Zweck ist
erst dann vollumfänglich erreicht, wenn ein Hörverlust komplett ausgeglichen ist. Das
ist in der Praxis oft nicht möglich, weil technische Beschränkungen den vollständigen
Ausgleich eines Hörverlustes verhindern. Faktisch kompensieren Hörgeräte deshalb
regelmässig einen Hörverlust nicht vollständig, sondern nur soweit, als dies technisch
möglich ist. So gesehen ist eigentlich jede bestehende Hörgeräteversorgung
ungenügend, weil sie den gesetzlichen Zweck aus technischen Gründen gar nicht
vollumfänglich erfüllen kann. Aus technischen Zwängen müssen sich die Versicherten
mit einer an sich ungenügenden Hörgeräteversorgung begnügen. Bei einer Versorgung
mit Hörgeräten der zu diesem Zeitpunkt aktuellen Generation wird der „Schaden“ also
2.3.
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nicht genügend (den gesetzlichen Zweck vollumfänglich erfüllend), sondern nur soweit
als technisch möglich, aber immer noch ungenügend ausgeglichen. Ein Fortschritt in
der Hörgerätetechnik führt im Normalfall zu einer Verbesserung bezüglich der
Möglichkeiten zum Ausgleich eines Hörverlustes. Also muss davon ausgegangen
werden, dass eine neue Generation von Hörgeräten den von der Hilfsmittelversorgung
angestrebten Zweck – die vollständige Kompensation eines Verlustes an Hörvermögen
– besser als die bei der Abgabe aktuelle Hörgerätegeneration erfüllt. Selbst wenn der
Idealfall (noch) nicht erreicht werden kann, sodass auch ein Hörgerät der neusten
Generation (noch) als an sich „ungenügend“ qualifiziert werden muss, kann ein solches
Hörgerät immerhin einen höheren Versorgungserfolg erzielen. Grundsätzlich muss bei
einem wesentlichen technischen Fortschritt also ein Anspruch der Versicherten auf eine
Aktualisierung der Hörgeräteversorgung bestehen, denn es gibt keine gesetzliche
Bestimmung, die es erlauben würde, die Versicherten zu zwingen, sich bis zum Ablauf
der ohne jede Begründung auf sechs Jahre festgesetzten Frist gemäss der Ziff. 5.07
HVI mit einem technisch überholten Hörgerät zu begnügen. Der in diesem
Zusammenhang oft ins Feld geführte Grundsatz, wonach nur ein Anspruch auf eine
einfache und zweckmässige Hilfsmittelversorgung bestehe, kann die Verweigerung der
Abgabe eines Hörgerätes der neustenGeneration nicht begründen, denn die
Abgrenzung zwischen „einfach und zweckmässig“ und „luxuriös“ hat nichts mit dem
Stand der Technik zu tun. Mit der Beschränkung des Hilfsmittelanspruchs auf eine
einfache und zweckmässige Versorgung soll sichergestellt werden, dass nur die
Kosten jener Hilfsmittel vergütet werden, deren Funktionsumfang genügt, um den
gesetzlichen Zweck des Hilfsmittels zu erfüllen. Eine unzulässige „Luxusversorgung“
liegt also vor, wenn ein kostspieligeres Hilfsmittel im Hinblick auf den
Versorgungserfolg nicht mehr leistet als ein günstigeres Hilfsmittel, seine Funktion aber
viel angenehmer, bequemer oder sonstwie „luxuriöser“ erfüllt oder über zusätzliche
Funktionen verfügt, die für den Versorgungserfolg aber irrelevant sind. Nur wenn man
davon ausgehen müsste, dass sich ein technischer Fortschritt bezüglich eines
Hilfsmittels generell nicht auf den gesetzlichen Versorgungszweck, sondern auf
Zusatzfunktionen oder sonstige „luxuriöse“ Annehmlichkeiten auswirken würde, könnte
eine Verknüpfung zwischen dem Stand der Technik und der Abgrenzung zwischen
„einfach und zweckmässig“ und „luxuriös“ hergestellt werden. Eine solche generelle
Annahme ist aber offensichtlich unhaltbar, denn in den meisten Fällen zielt ein
technischer Fortschritt bezüglich eines Hilfsmittels auf einen besseren
Versorgungserfolg ab. Wenn man überhaupt eine generelle Regel aufstellen könnte,
dann müsste diese also nicht „aktueller Stand der Technik = Luxusversorgung“,
sondern „aktueller Stand der Technik = am zweckmässigsten“ lauten. Jedenfalls kann
die gesetzliche Beschränkung auf einfache und zweckmässige Hilfsmittel der Abgabe
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3.
Dieses Beschwerdeverfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. a ATSG). Der nicht anwaltlich
vertretene Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.