Decision ID: 03aa57b1-9cb1-49b7-a27f-ce81291a7064
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1963 geborene
X._
war im Haupterwerb ab 1. November 1997 bei
der
Y._
AG als Schichtleiter tätig. Die Kündigung per Ende April 2006 erfolgte aus wirtschaftlichen Gründen, wobei sich die Kündigungsfrist in
folge
Krank
heit des Versicherten um einen Monat verlängerte. Im Nebenerwerb war der
Versicherte von Januar 1995 bis September 2007 für die
Z._
AG und seither für die
A._
AG als Hauswart tätig. Im Novem
ber 2007 meldete er sich unter Hinweis auf eine seit circa 20 Jahren bestehende
Angst
er
krankung
zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an. Die Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte in der Folge die be
ruf
lichen und medizinischen Verhältnisse ab; insbesondere holte sie bei Dr.
med.
B._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, ein psychi
atri
sches Gut
achten ein
(Gutachten vom 1
0.
März 2010,
Urk.
11/41)
. Gestützt darauf ver
neinte sie mit Verfügung vom 23. Juli 2010 einen Leistungsanspruch des Ver
si
cherten. Die dagegen erhobene Beschwerde wies das hiesige Gericht mit Urteil vom 2
0.
Dezember 2011 ab, unter Hinweis darauf, dass die zuletzt
erwähnten
ge
sundheitlichen Probleme (Diskushernie, neuste Entwicklung der HIV-Erkran
kung
)
im Rahmen eines Neuanmeldeverfahrens geltend zu machen seien (
Urk.
11/60).
Am
9.
August 2013 meldete sich der Versicherte bei der IV-Stelle erneut zum Leistungsbezug an (
Urk.
11/62).
Diese holte bei den behandelnden Fachärzten
Verlaufsberichte ein, stellte mit Vorbescheid vom 2
4.
April 2014 die Abweisung de
s Leistungsbegehrens in Aussicht (
Urk.
11/73) und hielt an diesem Entscheid mit Verfügung vom 1
2.
Juni 2014 fest (
Urk.
11/77 =
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 2
0.
Juli 2014 Beschwerde und beantragte, es sei ihm gestützt auf eine bessere medizinische Abklärung eine ganze Rente zu
zusprechen (
Urk.
1). Mit Schreiben vom 3
1.
Juli 2014 reichte der Beschwerde
führer ergänzende medizinische Unterlagen ein, wovon die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom
5.
August 2014 in Kenntnis gesetzt wurde (
Urk.
8).
Mit Beschwerdeantwort vom 1
2.
August 2014 beantragte die
Beschwerdegegne
rin
, es sei die Sache zu weiteren Abklärungen an sie zurückzuweisen (
Urk.
10).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3
der
Ver
ordnung über die Invalidenversicherung;
IVV), so ist im
Beschwerdeverfah
ren
zu prüfen, ob im Sinne von
Art.
17
des Bundesgesetzes über den Allgemei
nen
Teil des Sozialversicherungsrechts (
ATSG
)
eine für den Rentenanspruch re
levan
te
Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E.
3a mit Hin
weis).
1.2
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezü
gers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zu
kunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG)
. Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tat
sächlichen
Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenan
spruch
zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente nicht nur bei einer wesent
lichen Änderung des Gesundheitszustandes, sondern auch dann
revidier
bar
, wenn
sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen Gesund
heits
zu
standes erheblich verändert haben (BGE 130 V 343 E.
3.5 mit Hinweisen).
Eine Veränderung der gesundheitlichen Verhältnisse liegt auch bei gleich ge
blie
bener Diagnose vor, wenn sich ein Leiden in seiner Intensität und in seinen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit verändert hat (Urteile des Bun
desgerichts
9C_261/2009 vom 1
1.
Mai 2009 E.
1.2 und I 212/03 vom 28. August 2003 E. 2.2.3)
.
Dagegen stellt die bloss unterschiedliche Beurteilung der Auswir
kung
en eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesund
heitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein genommen keinen
Revisi
onsgrund
im Sinne von
Art.
17
Abs.
1 ATSG dar. Zeitliche Vergleichsbasis für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung des Invaliditätsgrades bilden die letzte rechts
kräftige Verfügung oder der letzte rechtskräftige
Ein
spracheentscheid
, welche oder welcher auf einer materiellen Prüfung des Ren
tenanspruchs mit
rechts
kon
former
Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Invaliditätsbemessung be
ruht (BGE 133 V 108; vgl. auch BGE 130 V 71 E.
3.2.3; Urteil des Bundes
ge
richts
9C_438/2009 vom 26. März 2010 E.
1 mit Hin
weisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung damit, dass beim Beschwerdeführer kein Gesundheitsschaden im Sinne der Invalidenversi
che
rung vorliege, so dass ihm die bisherige sowie jegliche andere Tätigkeit weiter
hin zuzumuten sei (
Urk.
2).
Im Rahmen der Beschwerdeantwort führte die Beschwerdegegnerin demgegen
über aus, dass eine morphologische Verschlechterung der Wirbelsäule zu über
prüfen sei. Aufgrund der fehlenden MRI-Befunde könne eine solche nicht aus
ge
schlossen werden, weshalb weitere Abklärungen angezeigt seien (
Urk.
10).
2.2
Der Beschwerdeführer machte im Rahmen der Beschwerde im Wesentlichen gel
tend, dass
sich die Angstzustände sowie die Depressionen verschlimmert hätten, was sich au
s
den Berichten von
Dr.
med.
C._
, Facharzt FMH für Innere Me
dizin, sowie
von
Dr.
med.
D._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psy
cho
thera
pie, ergebe.
Stark verschlechtert hätte
n
sich zudem die chronischen
cervico
ce
phalen
Beschwerden (
Urk.
1).
2.3
Vergleichsbasis im vorliegenden Neuanmeldeverfahren bildet die Verfügung vom 2
3.
Juli 2010 (
Urk.
11/49), welche mit Urteil des hiesigen Gerichts vom
2
0.
Dezember 2011 bestätigt wurde (
Urk.
11/60). In medizinischer Hinsicht stützte
sich die genannte Verfügung im Wesentlichen auf das psychiatrische Gutachten von
Dr.
B._
vom 1
0.
März 2010, welcher von der Diagnose
„
Angst
und de
pressi
ve Störung, gemischt“ ausging (ICD-10 F41.2).
Gestützt darauf sei im kon
kreten Fall keine relevante längerfristige Arbeitsunfähigkeit begründbar (
Urk.
11/41
S.
18).
3.
3.1
Bereits am 3
1.
August 2010 wurde bei bekannter Diskushernie C5/6 ein MRI der HWS erstellt. Dabei konnte eine Segmentdegeneration C5/6 mit
Osteochondrose
und
breitbasiger
mediolateraler
rechtsbetonter Diskushernie mit leichter Im
pression des Duralsackes und Einengung der
Neuroforamina
rechtsbetont fest
gestellt werden. Zusätzlich bestehe auf dem Niveau C6/7 bei leichter
Segement
degeneration
eine
mediolaterale
linksseitige Diskushernie mit leichter Einen
gung des linksseitigen
Neuroforamen
; weiter eine kleine flachbogige mediane Diskushernie C3/4 sowie eine leichte rechtsbetonte Bandscheibenvorwölbung C4/5 (
Urk.
11/50).
3.2
Dr.
C._
diagnostizierte in seinem Bericht vom 2
4.
Juli 2014 ein progredientes chronisches
cervicospondylogenes
Schmerzsyndrom links
mehr als rechts bei Diskushernie C4/5 sowie
Diskusprotrusion
C5/6 und C6/7, eine Infektion mit HIV (ED 5/2008), Neurodermitis, eine
chronifizierte
Angststörung, eine Depres
sion mit latenter Suizidalität sowie eine symptomatische Prostatahyperplasie. Im Dezember 2013 sei es zu einer starken Exazerbation der Nackenschmerzen ge
kommen mit Ausstrahlungen in beide Arme. Die MRI-Befunde über die Jahre würden eine langsame Progredienz zeigen, welche die Beschwerden erklären könnten. Aufgrund der HIV-Infektion führe der Beschwerdeführer eine entspre
chende antivirale Therapie durch (HAART;
Urk.
7/1).
3.3
Dr.
D._
diagnostizierte in seinem Bericht vom 3
0.
Juli 2014 eine schwere depressive Episode mit somatischem Syndrom und Suizidalität sowie eine Angststörung. Der Beschwerdeführer leide seit vielen Jahren an einer invalidi
sie
renden Angststörung. Er sei nicht arbeitsfähig und kämpfe seit vielen Jahren um die Anerkennung seiner psychischen Störung. Der Patient sei bereit, seine psy
chische Lage stationär in der
E._
beurteilen zu lassen (
Urk.
7/2).
4
.
Wie bereits im Urteil des hiesigen Gerichts vom 2
0.
Dezember 2011 festgehal
ten, wurden im Rahmen der erstmaligen Beurteilung des Leistungsanspruchs die
cervicalen
Beschwerden sowie die neuste Entwicklung der HIV-Infektion nicht berücksichtigt. Dabei konnten die geltend gemachten
cervicalen
Beschwerden bereits mittels MRI-Abklärung vom 3
0.
August 2010
objektiviert werden, wobei die Befunde
wohl
zumindest die Arbeitsfähigkeit in einer mittelschweren oder
schweren Tätigkeit beeinträchtigen dürften. Entsprechend den Ausführungen der
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort erscheint vor diesem Hinter
grund
eine weitere Abklärung des Sachverhalts unumgänglich, insbesondere was die Ein
holung eines aktuellen MRI-Befundes sowie die Einschätzung der Arbeits
fähig
keit aus
cervicaler
Sicht betrifft. Weiter ist zu berücksichtigen, dass der Be
schwerdeführer im Rahmen der Behandlung der HIV-Infektion eine
h
och
aktive
antiretrovirale Therapie
(HAART) durchführt, welche mit Nebenwirkun
gen
verbunden sein kann, was
allenfalls
zur Schwächung der Leistungsfähigkeit füh
ren könnte. Auch in dieser Hinsicht ist der Sachverhalt weiter abzuklären.
Schliesslich
ist anzumerken, dass das im Rahmen der erstmaligen
Leistungs
be
urteilung
massgebliche Gutachten von
Dr.
B._
bereits
rund 4.5 Jahre zurück
liegt, so dass für die relevante Gesamteinschätzung der Restleistungsfähigkeit auch eine aktuelle psychiatrische Beurteilung einzuholen ist.
Zusammenfassend führt dies in Gutheissung der Beschwerde zur Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 1
2.
Juni 2014 und zur Rückweisung der Sache an
die Beschwerdegegnerin im erwähnten Sinn.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen
(Art. 69
Abs. 1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung; IVG) und auf Fr. 500.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.