Decision ID: 9757fe32-4738-5d32-91a4-a4de99568100
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. X._ besitzt den Führerausweis, lautend auf X.x._, seit Dezember 1992. Am 6. April
2016 überschritt er in Götzis (Österreich) die im Ortsgebiet zulässige
Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h um 65 km/h. Mit Bescheid vom 17. Mai 2016
aberkannte ihm die Bezirkshauptmannschaft Feldkirch während sechs Wochen das
Recht, in Österreich von seiner ausländischen Lenkerberechtigung Gebrauch zu
machen. Gestützt darauf entzog ihm das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des
Kantons St. Gallen (Strassenverkehrsamt) mit Verfügung vom 20. Juli 2016 den
Führerausweis wegen schwerer Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für einen Monat (act. 8/10 Seite 26).
B. Am 31. Mai 2017 um 11.40 Uhr überschritt der Lenker des Personenwagens mit den
Kontrollschildern SG 000000 auf der Inntalautobahn in Ranggen (Österreich) die
erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h um rechtlich relevante 54 km/h
(act. 8/10 Seite 36). Die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck erkundigte sich daraufhin
beim Strassenverkehrsamt nach dem Halter. Dieses bezeichnete die Y._ GmbH als
Halterin (act. 8/3 Beilage 2). Gestützt auf diese Auskunft forderte die
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Bezirkshauptmannschaft Innsbruck die Halterin zur Bekanntgabe des Lenkers auf
(act. 8/3 Beilage 1). Die Halterin gab A._ als Lenker an (act. 8/3 Beilage 3).
A._ wurde von der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck mit Strafverfügung vom
25. Oktober 2017 zu einer Geldstrafe von € 360 verurteilt (act. 8/10 Seite 68). Dieser
teilte der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck am 14. November 2017 mit, am fraglichen
Tag sei nicht er, sondern der Inhaber des Unternehmens – der Eingabe lagen der
italienische Pass und der schweizerische Ausländerausweis von X._ bei – mit dem
fraglichen Fahrzeug gefahren (act. 8/3 Beilage 4). Auf telefonische Rückfrage hin gab
X._ der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck am 17. November 2017 an, dass
"normalerweise immer" A._ mit dem fraglichen Fahrzeug unterwegs sei, an besagtem
Tag aber dieser nicht der Lenker gewesen sei. Dass X._ seinerseits die Täterschaft
bestritten hätte, kann der zum Telefongespräch erstellten Aktennotiz nicht entnommen
werden (act. 8/3 Beilage 6). In der Folge wurde das Strafverfahren gegenüber A._
eingestellt (vgl. 8/10 Seite 73) und am 27. Dezember 2017 X._ zu einer Geldstrafe von
€ 360 verurteilt (act. 10/3 Beilage 8).
Mit Hinweis auf die Strafverfügung vom 25. Oktober 2018 aberkannte die
Bezirkshauptmannschaft Innsbruck A._ am 16. März 2018 das Recht, von seinem
ausländischen Führerschein in Österreich Gebrauch zu machen, für die Dauer von zwei
Wochen (act. 8/10 Seite 62). Sie hob den Bescheid am 5. Mai 2017 (sic, act. 8/10 Seite
30) mit Hinweis auf die Einstellung des Strafverfahrens gegen A._ auf und aberkannte
am 26. März 2018 X._ für die Dauer von zwei Wochen das Recht, von seinem
ausländischen Führerschein in Österreich Gebrauch zu machen (act. 8/10 Seite 32). Die
Strafverfügung vom 27. Dezember 2017 und der Aberkennungsbescheid vom 26. März
2018 wurden unangefochten rechtskräftig.
C. Mit Schreiben vom 18. Mai 2018 stellte das Strassenverkehrsamt X._ wegen der
schweren Verkehrsregelverletzung (Überschreitung der erlaubten
Höchstgeschwindigkeit) vom 31. Mai 2017 einen Führerausweisentzug für mindestens
zwölf Monate in Aussicht und gewährte ihm das rechtliche Gehör (act. 8/10 Seite 39).
Mit Schreiben vom 1. Juni 2018 beantragte X._ Akteneinsicht (act. 8/10 Seite 41). Am
3. August 2018 reichte er eine Stellungnahme ein (act. 8/10 Seite 45). Darin beantragte
er, es sei von einer Administrativmassnahme gänzlich abzusehen; eventualiter sei der
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Führerausweis für die Dauer von vier Monaten, unter Einräumung einer Frist von sechs
Monaten ab Verfügungsdatum, zu entziehen. Er begründete seine Anträge im
Wesentlichen damit, dass die Sachverhaltsdarstellung der Bezirkshauptmannschaft
Innsbruck fragwürdig sei, da diese zuerst einen unbeteiligten Dritten für das Ereignis
habe bestrafen wollen und er überdies auf den Radarbildern – eine Frontaufnahme fehlt
– nicht als Fahrer erkennbar sei. Weiter führte er aus, dass er an jenem Tag mit
weiteren Personen mit insgesamt drei Fahrzeugen unterwegs gewesen sei und dass
unter den Fahrern abgewechselt worden sei, wobei er selbst nie gefahren sei, da er
ständig telefoniert habe. Zudem habe er sich zum Ereigniszeitpunkt im Fahrzeug hinter
dem Personenwagen mit den Kontrollschildern SG 000000 befunden. Zur Begründung,
weshalb er weder die Strafverfügung vom 27. Dezember 2017 noch den
Aberkennungsbescheid vom 26. März 2018 angefochten habe, führte er aus, dass er
sich als Chef und Inhaber der Y._ in der Verantwortung gesehen und die
administrativen Folgen in der Schweiz nicht bedacht habe. Überdies habe er schlicht
auch die Beschwerdefrist verpasst.
Am 7. August 2018 ersuchte das Strassenverkehrsamt die Bezirkshauptmannschaft
Innsbruck um Zustellung der Verfahrensakten (act. 8/10 Seite 54). Nach deren Eingang
wurden sie am 6. September 2018 an X._ weitergeleitet (act. 8/10 Seite 122). Am
2. November 2018 ergänzte X._ seine Stellungnahme vom 3. August 2018 (act. 8/10
Seite 128 ff.). Er brachte vor, es sei unverständlich, dass die Bezirkshauptmannschaft
Innsbruck die Behauptung von A._ vom 14. November 2017 der Strafverfügung vom
27. Dezember 2017 und dem Aberkennungsbescheid vom 26. März 2018 zugrunde
gelegt habe, ohne ihn anzuhören geschweige denn weitere Abklärungen vorzunehmen.
Mit Verfügung vom 19. November 2018 entzog das Strassenverkehrsamt X._ den
Führerausweis für 11 Monate (act. 8/10 Seite 131).
Gegen die Verfügung vom 19. November 2018 erhob X._ mit Eingabe seines
Rechtsvertreters vom 4. Dezember 2018 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission
des Kantons St. Gallen. Er beantragte, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei die
Verfügung des Strassenverkehrsamtes aufzuheben. Das Strassenverkehrsamt
verzichtete auf eine Stellungnahme. Die Verwaltungsrekurskommission wies den
Rekurs mit Entscheid vom 25. April 2019 ab. Sie begründete den Entscheid damit,
dass erstens keine Anhaltspunkte ersichtlich seien, die auf eine unrichtige
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Sachverhaltsfeststellung durch die österreichischen Strafbehörden schliessen liessen.
Zweitens seien beide Entscheide in Österreich unangefochten rechtskräftig geworden,
und es verstosse gegen Treu und Glauben, wenn erst im daran anknüpfenden
Administrativverfahren in der Schweiz Einwände gegen die Sachverhaltsfeststellung
erhoben werden. Drittens habe das Strassenverkehrsamt seinem Entscheid zu Recht
die Tatsachenfeststellungen der österreichischen Behörden zugrunde gelegt. Viertens
sei die Entzugsdauer von 11 Monaten angemessen.
D. X._ (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 29. April 2019 versandten Entscheid
der Verwaltungsrekurskommission mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 14. Mai
2019 (Poststempel) Beschwerde. Er beantragt, unter Kosten- und Entschädigungsfolge
seien der angefochtene Entscheid der Vorinstanz und die Verfügung des
Strassenverkehrsamts – eventualiter unter Rückweisung der Angelegenheit an die
Vorinstanz zur ergänzenden Sachverhaltsabklärung – aufzuheben.
Die Vorinstanz verwies mit Vernehmlassung vom 29. Mai 2019 auf die Erwägungen im
angefochtenen Entscheid und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt (Beschwerdegegner) verzichtete mit Vermerk
vom 3. Juni 2019 auf eine Vernehmlassung.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen des
Beschwerdeführers zur Begründung seiner Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...)
2. Der Beschwerdeführer rügt erstens, Vorinstanz und Beschwerdegegner hätten ihre
Entscheide nicht auf die Sachverhaltsfeststellung der österreichischen Behörden
stützen dürfen. Der Beschwerdegegner hätte mit Blick auf die Radarfotos, welche den
Lenker nicht zeigen, das Bestätigungsschreiben seiner Freundin und das
rechtsstaatlich höchst zweifelhafte Vorgehen der österreichischen Behörden massive
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Zweifel am vorgebrachten Sachverhalt haben müssen und hätte seine Verfügung nie
erlassen dürfen. Die Auswertung der Mobilfunkdaten der Freundin hätten ergeben,
dass sie im damaligen Zeitpunkt am fraglichen Ort war. Das Unterlassen der
Abklärungen verletze Art. 12 VRP und Art. 16c des Strassenverkehrsgesetzes (SR
741.01, SVG).
2.1. Gemäss Art. 16c Abs. 1 SVG wird der Führerausweis nach einer Widerhandlung
im Ausland entzogen, wenn im Ausland ein Fahrverbot verfügt wurde (lit. a) und die
Widerhandlung nach den Art. 16b und 16c als mittelschwer oder schwer zu
qualifizieren ist. Eine schwere Widerhandlung begeht gemäss Art. 16c SVG, wer durch
grobe Verletzung von Verkehrsregeln eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft oder in Kauf nimmt (Abs. 1 lit. a). Aus Gründen der Rechtsgleichheit hat das
Bundesgericht für die Beurteilung von Geschwindigkeitsüberschreitungen präzise
Regeln aufgestellt. Danach stellt die Überschreitung der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit auf einer Autobahn um 35 km/h und mehr auch bei günstigen
objektiven und subjektiven Umständen grundsätzlich eine schwere Widerhandlung im
Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG dar (vgl. BGer 1C_335/2011 vom 26. Oktober 2011
E. 2.2 mit Hinweis auf 1C_83/2008 vom 16. Oktober 2008 E. 2.6).
Die Verwaltungsbehörde darf beim Entscheid über die Massnahme von den
tatsächlichen Feststellungen des Strafrichters nur abweichen, wenn sie Tatsachen
feststellt und ihrem Entscheid zugrunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren,
wenn sie zusätzliche Beweise erhebt oder wenn der Strafrichter bei der
Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht alle Rechtsfragen abgeklärt, namentlich
die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat. In der rechtlichen Würdigung
des Sachverhalts – namentlich auch des Verschuldens – ist die Verwaltungsbehörde
demgegenüber frei, ausser die rechtliche Qualifikation hängt stark von der Würdigung
von Tatsachen ab, die der Strafrichter besser kennt, etwa, weil er den Beschuldigten
persönlich einvernommen hat. Die Verwaltungsbehörde ist grundsätzlich auch an einen
Strafentscheid gebunden, der nicht im ordentlichen Verfahren, sondern im
Strafbefehlsverfahren gefällt wurde, sofern die beschuldigte Person wusste oder
angesichts der Schwere der ihr vorgeworfenen Delikte voraussehen musste, dass
gegen sie ein Führerausweisentzugsverfahren eröffnet würde, und sie es trotzdem
unterlässt oder darauf verzichtet, im Rahmen des (summarischen) Strafverfahrens die
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ihr garantierten Verteidigungsrechte geltend zu machen. Unter diesen Umständen darf
die betroffene Person nicht das Verwaltungsverfahren abwarten, um allfällige Rügen
vorzubringen und Beweisanträge zu stellen, sondern ist nach Treu und Glauben
verpflichtet, dies bereits im Rahmen des (summarischen) Strafverfahrens zu tun, sowie
allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu ergreifen (vgl. BGE 123 II 97 E. 3c/aa, BGer 6A.
32/2002 vom 21. Juni 2002 E. 2.1). Diese Grundsätze gelten auch für ausländische,
insbesondere österreichische Straferkenntnisse, wenn sie in einem förmlichen
Verfahren ergangen sind, das heisst dem Beschuldigten dieselben Verfahrensrechte
wie in der Schweiz zustanden (vgl. BGE 129 II 168, 1C_392/2013 vom 23. Januar 2014
E. 2.3, 6A.78/2002 vom 7. Februar 2003 E. 2.1).
2.2. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers bestehen auch unter
Berücksichtigung seiner Vorbringen im Administrativverfahren vor den schweizerischen
Behörden keine erheblichen Zweifel an der Sachverhaltsfeststellung der
österreichischen Behörden, welche Beschwerdegegner und Vorinstanz zu weiteren
Sachverhaltsabklärungen hätten veranlassen müssen.
Der Beschwerdeführer, der in der Grenzregion zu Österreich und in Österreich arbeitet
sowie, nach eigenen Angaben, persönliche private Kontakte in der Grenzregion pflegt,
musste angesichts des Ausmasses der Geschwindigkeitsüberschreitung von 54 km/h
und seiner einschlägigen automobilistischen Vorgeschichte damit rechnen, dass das
Delikt auch eine Administrativmassnahme in der Schweiz zur Folge haben würde. Der
Beschwerdeführer konkretisiert den Vorwurf, das österreichische Strafverfahren sei
rechtsstaatlich "zweifelhaft" gewesen, nicht weiter. Aus den Akten ergibt sich vielmehr,
dass der Beschwerdeführer sich zum Vorwurf, die Geschwindigkeitsüberschreitung
begangen zu haben, telefonisch äussern konnte. Die Strafverfügung wurde ihm sodann