Decision ID: 7d87c87f-9026-533a-9198-a1b9d61f520f
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Am 26. September 2020 erteilte die Politische Gemeinde X._ als Bewilligungsbehörde
der Politischen Gemeinde X._ sowie der Konsumgenossenschaft X._ die Bau- und
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Kanalisationsbewilligung («Baubewilligung») und erliess am selben Tag den
koordinierten Entscheid «Teilstrassenplan und Strassenprojekt ‘Verlegung Einlenker
R._-strasse – Änderung S._-weg’, GS-Nrn. 001_, 002_, 003_,
004_» («koordinierter Entscheid») sowie die Sichtzonenverfügung «Erlass einer
Sichtzone R._-strasse 000_, GS-Nr. 005_ und T._-strasse, GS-Nr.
004_» («Sichtzonenverfügung»). Am 13. Oktober 2020 legten A._ und B._
(Rekurrenten 1) gegen die Baubewilligung (Rekurs-Nummer 20-8053) und den
koordinierten Entscheid (Rekurs-Nummer 20-8056) Rekurse ein. Am selben Datum
legte C._ (Rekurrentin 2) ebenfalls sowohl gegen die Baubewilligung (Rekurs-Nummer
20-8058) und den koordinierten Entscheid (Rekurs-Nummer 20-8054) als auch gegen
die Sichtzonenverfügung (Rekurs-Nummer 20-8060) Rekurse ein. Mit Beschluss vom
30. Juni 2021 widerrief der Gemeinderat X._ die obgenannte Baubewilligung, den
koordinierten Entscheid sowie die Sichtzonenverfügung (act. 6 D). Daraufhin schrieb
die Vorinstanz die bei ihr anhängig gemachten, obgenannten fünf Rekursverfahren
zufolge Gegenstandslosigkeit mit Verfügung vom 29. Juli 2021 ab (act. 6 E). Die
Begehren der Rekurrenten 1 und 2 um Ersatz ihrer ausseramtlichen Kosten in den
jeweiligen Rekursverfahren hiess es gut und verpflichtete die Politische Gemeinde X._
zur Leistung von Entschädigungen in der Höhe von insgesamt CHF 3'500 an die
Rekurrenten 1 (Ziffer 3a der Verfügung) bzw. von insgesamt CHF 4'500 an die
Rekurrentin 2 (Ziffer 3b der Verfügung).
B.
Die Politische Gemeinde X._ (Beschwerdeführerin) erhob gegen die Ziffern 3a und 3b
der Verfügung des Baudepartements des Kantons St. Gallen (Vorinstanz) vom 29. Juli
2021 mit Eingabe vom 13. August 2021 und Ergänzung vom 20. September 2021
Beschwerden beim Verwaltungsgericht. Sie beantragt, unter Kostenfolge seien die
Ziffern 3a und 3b der Verfügung der Vorinstanz vom 29. Juli 2021 aufzuheben, und die
Bezahlung der Parteikostenentschädigungen an die Rekurrenten 1 und 2 seien dem
Kanton St. Gallen (Baudepartement) aufzuerlegen. Den Beschwerden wurden –
ausgehend von den fünf vorinstanzlichen Rekursverfahren – die Verfahrensnummern B
2021/176-180 zugeteilt.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer sämtliche Beschwerdeverfahren beschlagenden
Vernehmlassung vom 27. September 2021, die Abweisung der Beschwerden. Die
Beschwerdegegner 1 und 2 (vormals Rekurrenten 1 und 2, nachstehend
Beschwerdegegner) beantragten mit gemeinsamer Eingabe ihres Rechtsvertreters vom
1. Oktober 2021, die Beschwerden seien unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
(zzgl MWST) abzuweisen. Die Beschwerdeführerin nahm am 12. Oktober 2021 zu den
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Vernehmlassungen Stellung. Vorinstanz und Beschwerdegegner verzichteten in der
Folge stillschweigend auf eine weitere Äusserung.
C.
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Da sich die vor dem Verwaltungsgericht anhängig gemachten Beschwerden (B
2021/176, B 2021/177, B 2021/178, B 2021/179 und B 2021/180) auf denselben
Streitgegenstand beziehen und die nämlichen Tatbestands- und Rechtsfragen
aufwerfen, können sie gemäss der verwaltungsrechtlichen Rechtsprechung
verfahrensrechtlich vereinigt und durch einen einzigen Entscheid erledigt werden (vgl.
GVP 1972 Nr. 30).
2.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die Beschwerdeführerin,
welche Adressatin der angefochtenen Verfügung vom 29. Juli 2021 und zur Zahlung
der ausseramtlichen Kosten verpflichtet worden ist, ist zur Beschwerdeerhebung
befugt, da sie (als Gemeinwesen) wie eine Privatperson vom Entscheid betroffen ist
(Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerden wurden mit Eingabe
vom 13. August 2021 rechtzeitig erhoben, und sie erfüllen zusammen mit der
Ergänzung vom 20. September 2021 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 VRP und Art. 48
Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerden ist einzutreten.
3.
Angefochten wurde der vorinstanzliche Entscheid einzig bezüglich der Dispositiv-
Ziffern 3a und 3b, mit welchen die Beschwerdeführerin zur Leistung einer
ausseramtlichen Entschädigung an die Beschwerdegegner verpflichtet wird. Die
Beschwerdeführerin beantragte, die ausseramtlichen Kosten in den Rekursverfahren
seien dem Kanton St. Gallen (Baudepartement) aufzuerlegen. Gegenstand der
Beschwerden sind somit weder der Abschreibungsbeschluss an sich, noch der
Entscheid, dass ausseramtliche Kosten zugesprochen werden, noch deren Höhe. Zu
prüfen ist einzig, ob die Vorinstanz die ausseramtlichen Kosten der Beschwerdeführerin
zu Recht auferlegte.
bis
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4.
Gemäss Art. 98 VRP wird die ausseramtliche Entschädigung den am Verfahren
Beteiligten nach Obsiegen und Unterliegen auferlegt (vgl. auch Art. 98 VRP in
Verbindung mit Art. 95 Abs. 1 lit. b und Art. 106 Abs. 1 Satz 1 Schweizerische
Zivilprozessordnung, SR 272, ZPO). Inwiefern ein Beteiligter obsiegt, ist aufgrund der
gestellten Anträge zu beurteilen (vgl. VerwGE B 2011/88 vom 18. Oktober 2011 E.
2.2.2). Hat keine Partei vollständig obsiegt, so werden die ausseramtlichen Kosten
nach dem Ausgang des Verfahrens verteilt (Art. 98 VRP in Verbindung mit Art. 106
Abs. 2 ZPO). Bei einer Abschreibung infolge Gegenstandslosigkeit gilt die Grundregel,
dass derjenige als unterlegener Beteiligter zu betrachten ist, der die
Gegenstandslosigkeit verursacht hat, falls der Grund für das Gegenstandsloswerden
des Prozesses dem Verhalten einer Partei zuzuschreiben ist. Ansonsten ist auf den
mutmasslichen Prozessausgang abzustellen (vgl. Art. 98 VRP in Verbindung mit
Art. 107 Abs. 1 lit. e ZPO, VerwGE B 2018/75 vom 21. März 2019 E. 4.1, M. H. Sterchi,
in: Hausheer/Walter [Hrsg.], Kommentar zum schweizerischen Privatrecht,
Schweizerische Zivilprozessordnung, Band I, Bern 2012, Art. 107 N 18, Cavelti/ Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 773, und R. Hirt,
Die Regelung der Kosten nach st. gallischem Verwaltungsrechtspflegegesetz,
St. Gallen 2004, S. 182 ff.).
4.1. bis
ter
ter
ter
Den Behörden kommt bei der Verlegung von amtlichen und ausseramtlichen Kosten
ein erheblicher Ermessensspielraum zu. Die Ermessenskontrolle ist dem
Verwaltungsgericht im Beschwerdeverfahren verwehrt (Art. 61 Abs. 1 und 2 VRP, vgl.
VerwGE B 2018/75 vom 21. März 2019 E. 4.3 und VerwGE B 2013/178 vom 12.
Februar 2014 E. 2.2, siehe auch VerwGE B 2014/70 vom 27. November 2015 E. 2.4).
Das Verwaltungsgericht ist daher nur zur Rechtskontrolle befugt und kann einen
Kostenspruch der Vorinstanz aufheben, wenn er auf einer Über- oder Unterschreitung
bzw. einem Missbrauch des Ermessens beruht (vgl. auch Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz.
848).
4.2.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass im vorliegenden Fall der schwere
Verfahrensfehler, aufgrund dessen ihr ausseramtliche Kosten auferlegt worden seien,
nicht durch sie verursacht worden sei, «sondern durch das Tiefbauamt des Kantons,
indem es seine notwendige Teilverfügung» unterlassen und damit die Unvollständigkeit
der Gesamtverfügung bewirkt hätte. Dieser unheilbare formelle Mangel habe zur
4.3.
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Aufhebung der koordinierten Verfügungen des Gemeinderates geführt, wobei nicht von
Belang sei, ob diese Aufhebung durch den Gemeinderat selbst oder einen
Rekursentscheid des Baudepartements erfolgt sei (act. 5, S. 4).
Mit ihrer Argumentation verkennt die Beschwerdeführerin, dass für den
ausseramtlichen Kostenentscheid die formellen Verfahrenshandlungen der
Verfahrensbeteiligten massgebend sind, weil sie den Ausgang eines Verfahrens
entscheidend beeinflussen (siehe E. 4.1). Vorliegend hat die Beschwerdeführerin die
Baubewilligung, den koordinierten Entscheid und die Sichtzonenverfügung widerrufen
und entsprechend die Gegenstandslosigkeit der angehobenen Rekursverfahren
bewirkt. Ohne Widerruf wären die Rekursverfahren vor der Vorinstanz nicht
gegenstandslos geworden und hätten nicht zufolge Gegenstandslosigkeit
abgeschrieben werden können. Hingegen wären dann die Verfahren weitergeführt und
Entscheide in der Sache gefällt worden, wobei dann den Kostenentscheiden andere
Tatsachen zugrunde gelegen hätten und die Kostenüberbindungen möglicherweise
anders hätten begründet werden müssen. Offenbleiben kann, ob jene
Kostenentscheide anders bzw. ganz oder zumindest teilweise im Sinne der
Beschwerdeführerin ausgefallen wären. Bei der vorliegend zu beurteilenden
Konstellation und der Verlegung der ausseramtlichen Kosten ist einzig zu beachten, auf
wessen prozessuale Handlungen die Abschreibung der Rekursverfahren zurückgeht. In
den vorinstanzlichen Rekursverfahren waren dies die von der Beschwerdeführerin
vorgenommenen Widerrufe vom 30. Juni 2021 der Baubewilligung, des koordinierten
Entscheids und der Sichtzonenverfügung. Die Beschwerdeführerin nahm die Widerrufe
der Bewilligungen sodann in Kenntnis der Kostenfolgen vor, da sie diesbezüglich in der
vorläufigen Beurteilung des Baudepartements unterrichtet worden war (act. 6C, S. 3).
Ob sie angesichts dieser Kenntnis dennoch zur Erhebung der vorliegenden
Beschwerden legitimiert war, kann an dieser Stelle ebenfalls offenbleiben.
4.4.
Das Vorbringen der Beschwerdeführerin, die ausseramtlichen Kosten, welche ihr von
der Vorinstanz auferlegt wurden, seien nicht durch sie verursacht worden, sondern
durch das Tiefbauamt des Kantons, weil es seine notwendige Teilverfügung
unterlassen und damit die Unvollständigkeit der Gesamtverfügung bewirkt habe (act. 5,
S. 4), ist für die zu beurteilende Frage der Überbindung der ausseramtlichen
Entschädigungen für die Rekursverfahren an die Vorinstanz so oder anders ohne
Belang, zumal nicht nur die fehlende notwendige Teilverfügung des Kantons, sondern
sieben weitere Punkte die Erschliessung als kritisch erscheinen liessen (act. 6B).
4.5.
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Entsprechend hat die Beschwerdeführerin denn auch zu Recht von Anträgen nach
Kostenauferlegungen an das kantonale Tiefbauamt abgesehen. Dies wohl im Wissen,
dass solche Anträge zum Scheitern verurteilt gewesen wären, weil es als kantonales
Amt nicht zur Beschwerde im Sinne von Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 VRP
legitimiert ist und somit nicht zum Kreis der Verfahrensbeteiligten (vgl. U. Cavelti, in:
Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege,
Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2020, N 5 zu Art. 8 VRP) gehört.
Demgegenüber wäre es im Grundsatz zwar möglich, antragsgemäss der Vorinstanz als
Verfahrensbeteiligte die ausseramtlichen Kosten in den Rekursverfahren zu
überbinden. Eine derartige Kostenverlegung wäre in den Rekursverfahren etwa dann
gerechtfertigt, wenn ausser den ganz oder teilweise obsiegenden Rekurrenten nur noch
die Vorinstanz bzw. für sie der Staat als Verfahrensgegner am Prozess beteiligt
gewesen wäre (vgl. etwa Cavelti / Vögeli, a.a.O., Rz. 822). An den vorinstanzlichen
Rekursverfahren war nun aber nebst den (in jenen Verfahren obsiegenden, heutigen)
Beschwerdegegnern und der Vorinstanz auch die Beschwerdeführerin, welche die in
jenen Verfahren zu beurteilenden Entscheide widerrief, Verfahrensbeteiligte. Fest steht,
dass der Vorinstanz in den Rekursverfahren kein Verfahrensfehler angelastet werden
kann. Für Kostenauferlegungen an sie besteht aus den oben ausgeführten
Überlegungen folglich auch keine Veranlassung. Weshalb in der zusammenfassenden
Übersicht der Beurteilung des Baugesuchs durch die kantonalen Ämter festgehalten
wurde, eine Verfügung/Stellungnahme des Tiefbauamtes sei nicht erforderlich, lässt
sich nachträglich zwar nicht mehr ermitteln. Doch erwies sich die materielle Beurteilung
des Baugesuchs hinsichtlich der Zufahrt nachträglich als inhaltlich fehlerhaft (vgl. dazu
VerwGE B 171/1996 vom 12. Juni 1997 E. 2c). Dies hatte zur Folge, dass es zum
Widerruf der erwähnten Entscheide kam, was wiederum Grundlage für die streitige
Kostenüberbindung an die Beschwerdeführerin bildet und einer Aufhebung der
angefochtenen Dispositivziffern sowie einer Verlegung der Kosten auf die Vorinstanz
entgegensteht.
4.6.
Zusammenfassend ergibt sich, dass dem Begehren der Beschwerdeführerin, es seien
die Ziffern 3a und 3b des Abschreibungsentscheids aufzuheben und die
ausseramtliche Entschädigung der Vorinstanz (Baudepartement) aufzuerlegen, nicht
stattgegeben werden kann. Folglich sind die Beschwerden abzuweisen.
4.7.
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