Decision ID: a3208eaf-d22a-58f8-a642-ccbfdceec9c5
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden, aserbaidschanische Staatsangehörige mit
letztem Wohnsitz in E._, verliessen ihr Heimatland eigenen Anga-
ben gemäss am 16. März 2018. Nach einem längeren Aufenthalt in
Deutschland, gelangten sie am 5. März 2019 in die Schweiz, wo sie glei-
chentags um Asyl nachsuchten.
A.b Zur Begründung ihrer Asylgesuche machten die Beschwerdeführen-
den im Wesentlichen geltend, sie hätten in ihrer Heimat unter prekären
wirtschaftlichen Bedingungen gelebt. Die dortigen Ärzte seien verantwort-
lich dafür, dass ihr jüngerer Sohn behindert sei, da sie ihn falsch behandelt
hätten. Sie seien in vielen Spitälern gewesen – im Kinderspital sei er er-
krankt. Er sei am Kopf operiert worden und habe eine Pumpe eingesetzt
erhalten, worauf er erblindet sei. Da sie ihn nicht mehr länger stationär hät-
ten behandeln lassen können, sei eine Krankenschwester zu ihnen nach
Hause gekommen. Sie hätten sich an mehrere staatliche Stellen gewandt
und um Unterstützung gebeten. Dem jüngeren Sohn sei eine Rente von
30 Euro gewährt worden, was absolut nicht ausreichend sei. Sie seien von
ihren Angehörigen – zumeist mit Lebensmitteln – etwas unterstützt worden,
ansonsten es „nicht gegangen“ wäre. Die Heimat hätten sie verlassen, weil
der jüngere Sohn Hilfe benötige. Auch die Beschwerdeführerin sei gesund-
heitlich, vor allem psychisch, angeschlagen.
B.
B.a Mit Verfügung vom 10. April 2019 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführenden würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, und lehnte
ihre Asylgesuche ab. Zugleich verfügte es ihre Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
B.b Mit Eingabe ihres vormaligen Rechtsvertreters vom 23. April 2019 lies-
sen die Beschwerdeführenden gegen diesen Entscheid beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde erheben. In dieser wurde beantragt, die Ver-
fügung des SEM sei aufzuheben, die Beschwerdeführenden seien als
Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei
die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Verfügung
aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und von
der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen. Der Eingabe lagen
mehrere, den kranken Sohn der Beschwerdeführenden betreffende ärztli-
che Dokumente aus Deutschland bei.
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B.c Das Bundesverwaltungsgericht hiess die Beschwerde mit Urteil
D-1912/2019 vom 13. Mai 2019 gut, soweit die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung im Wegweisungsvollzugspunkt beantragt wurde, im Übri-
gen wies es sie ab. Es hob die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung
vom 10. April 2019 auf und wies die Sache im Sinne der Erwägungen zur
vollständigen und richtigen Sachverhaltsfeststellung sowie zur erneuten
Beurteilung und Entscheidung an das SEM zurück.
B.d Im Urteil wurde festgestellt, dass das SEM den Sachverhalt unvollstän-
dig festgestellt und die Begründungspflicht verletzt hatte. Damit die Frage
der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zuverlässig beurteilt werden
könne, bedürfe insbesondere die für D._ konkret zu erwartende
medizinische Versorgung und sozialpädiatrische Betreuung in Aserbaid-
schan einer vertieften Abklärung. Es wurde darauf hingewiesen, dass es
für ihn gemäss der „Bescheinigung zur Vorlage bei Gericht“ des Universi-
tätsklinikums M._ keine (mit Deutschland) vergleichbaren Schulen
und medizinischen Versorgungsmöglichkeiten gebe. Allenfalls seien zur
Feststellung der Situation, die D._ bei einer Rückkehr nach Aser-
baidschan erwarten würde, weitere Abklärungen vor Ort angezeigt.
C.
C.a Das SEM forderte die Beschwerdeführenden am 17. Juni 2019 auf,
ihm die Namen der D._ betreuenden Ärzte sowie die Frequenz und
die jeweiligen Daten der ärztlichen Konsultationen in der Schweiz mitzutei-
len.
C.b Mit Schreiben vom 25. Juni 2019 teilten die Beschwerdeführenden mit,
D._ habe bisher nicht die Möglichkeit erhalten, in der Schweiz einen
Arzt zu konsultieren. Demnach sei es nicht möglich, die Anfrage des SEM
zu beantworten. Das SEM werde darum ersucht, zu veranlassen, dass
D._ einen spezialisierten Kinderarzt besuchen könne. Am 2. Juli
2019 teilten die Beschwerdeführenden mit, ihr jüngerer Sohn sei am Vortag
zwecks einer Operation am Kopf in das (...) verlegt worden. Mittlerweile
werde D._ vom Kinderarzt Dr. med. F._ betreut. Ein entspre-
chender Bericht werde beigelegt.
C.c Mit Schreiben vom 4. Juli 2019 forderte das SEM die Beschwerdefüh-
renden auf, aktuelle ärztliche Berichte des D._ behandelnden Kin-
derarztes und des (...) einzureichen. Das SEM stellte konkrete Fragen, die
in den ärztlichen Berichten beantwortet werden sollten.
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C.d Die Beschwerdeführenden liessen dem SEM am 15. Juli 2019 zwei
Kurzberichte von Dr. med. F._ vom 28. Juni und 1. Juli 2019 sowie
einen Bericht des (...) zukommen.
C.e Am 16. August 2019 teilten die Beschwerdeführenden mit, welche
Ärzte mit der Behandlung von D._ betraut worden seien. Sie wiesen
darauf hin, dass er in den Monaten Juli und August 2019 kurzzeitig in der
Abteilung Kinderchirurgie des (...) hospitalisiert worden sei. Beigelegt wur-
den Kopien von Berichten des (...) vom 11. und 17. Juli 2019 sowie vom
5. August 2019, einer Bestätigung der neurochirurgischen Behandlungsin-
dikation des (...) vom 11. Juli 2019 und einer Bescheinigung von Dr. med.
F._ vom 1. Juli 2019. Mit Schreiben vom 26. August 2019 reichten
die Beschwerdeführenden einen Bericht von Dr. med. G._ vom
23. August 2019 nach.
C.f Das SEM gab zur Beurteilung der in Aserbaidschan zu erwartenden
gesundheitlichen Situation D._ am 6. September 2019 ein internes
medizinisches Consulting in Auftrag. Dieses wurde am 20. November 2019
verfasst.
C.g Am 20. Februar 2020 teilte der vormalige Rechtsvertreter mit, er habe
die Vertretung der Beschwerdeführenden im erweiterten Verfahren über-
nommen. Gleichzeitig ersuchte er um nähere Angaben zu den eingeleite-
ten medizinischen Abklärungen. Er legte der Eingabe mehrere Arztbe-
richte, eine ärztliche Verordnung, Arzttermine, eine Information über son-
derpädagogische Massnahmen des Volksschulamts Kanton H._
und einen Antrag auf sonderpädagogische Massnahmen dieses Amtes bei.
D.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 30. März 2020 verfügte das
SEM die Wegweisung der Beschwerdeführenden aus der Schweiz und be-
auftragte den Kanton H._ mit dem Vollzug derselben.
E.
Mit Eingabe ihres neu bestellten Rechtsvertreters vom 29. April 2020 lies-
sen die Beschwerdeführenden gegen diesen Entscheid beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde erheben. In dieser wurde beantragt, die Ver-
fügung des SEM sei vollumfänglich aufzuheben und es seien die Be-
schwerdeführenden in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Eventualiter
sei die Angelegenheit zur erneuten Entscheidung im Sinne der Erwägun-
gen an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
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wurde beantragt, es sei anzuordnen, dass die Beschwerdeführenden den
Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten könnten, und das kan-
tonale Migrationsamt sei anzuweisen, sämtliche Massnahmen zum Vollzug
der Wegweisung sofort einzustellen. Eventualiter sei den Beschwerdefüh-
renden die unentgeltliche Prozessführung und Verbeiständung mit
Dr. Nicolas Roulet als Advokaten zu bewilligen.
Der Eingabe lagen unter anderen ein Bericht des (...) vom 21. April 2020,
eine Länderanalyse vom 24. April 2020 der Schweizerischen Flüchtlings-
hilfe (SFH) und eine Verfügung vom 6. April 2020 über Sonderschulungs-
massnahmen für D._ mit Korrespondenz bei.
F.
Der Instruktionsrichter stellte mit Verfügung vom 12. Mai 2020 fest, die Be-
schwerdeführenden dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und amtliche Rechtsverbeiständung hiess er gut und er gab den Be-
schwerdeführenden in der Person von Advokat Nicolas Roulet einen amt-
lichen Rechtsbeistand bei. Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung
an das SEM.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 20. Mai 2020 beantragte das SEM die Ab-
weisung der Beschwerde.
H.
Die Beschwerdeführenden hielten in ihrer Replik vom 11. Juni 2020 an ih-
ren Anträgen fest. Der Eingabe lagen Berichte des (...) vom 21. Januar
2020 und 28. April 2020, der Kinderphysiotherapie Praxis (...) vom 9. Juni
2020 und Honorarnoten (Parteientschädigung/amtliches Honorar) vom
11. Juni 2020 bei.
I.
Mit Eingabe vom 22. Juni 2020 reichten die Beschwerdeführenden einen
Arztbericht des (...) vom 4. Juni 2020 und einen Praktikumsbericht bezüg-
lich des älteren Sohnes I._ vom 19. Juni 2020 ein.
J.
Am 29. Juni 2020 übermittelten die Beschwerdeführenden eine als «Be-
schwerdeergänzung» bezeichnete Eingabe, der ein Journaleintrag der Po-
lizei Kanton H._ vom 23. Juni 2020 und ein Bericht der Psychiatri-
schen Dienste der (...) vom 24. Juni 2020 beilagen.
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K.
Die Beschwerdeführenden reichten am 30. Juni 2020 einen Entscheid der
Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde K._ vom 19. Juni 2020
ein, mit dem die fürsorgerische Unterbringung der Beschwerdeführerin in
den Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie H._ superproviso-
risch verlängert wurde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Dispositivziffern 1 – 3 der Verfügung des SEM vom 10. April 2019
betreffend Nichtvorliegens der Flüchtlingseigenschaft, Ablehnung des Asyl-
gesuchs und Verfügung der Wegweisung sind in Rechtskraft erwachsen.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den von der Vorinstanz
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mit der Verfügung vom 30. März 2020 erneut angeordneten Vollzug der
Wegweisung.
3.2 Da die mit Verfügung des SEM vom 10. April 2019 verfügte Wegwei-
sung der Beschwerdeführenden in Rechtskraft erwachsen, und die Sache
vom Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil D-1912/2019 vom 13. Mai
2019 lediglich hinsichtlich der Frage des Vollzugs der Wegweisung an das
SEM zurückgewiesen worden war, blieb für die nochmalige Verfügung der
Wegweisung kein Raum. Die Ziffer 1 des Dispositivs der Verfügung vom
30. März 2020 ist demnach nichtig.
4.
4.1 Das SEM begründet seinen Entscheid damit, dass Art. 83 Abs. 4 AIG
nur anzuwenden sei, wenn eine erhebliche, konkrete Gefahr bei lebensbe-
drohlichen beziehungsweise schwerwiegenden Erkrankungen vorliege, die
sich bei einem Wegweisungsvollzug wesentlich akzentuieren würde. Dass
sich die medizinische Situation D._ im Falle einer Rückkehr nach
Aserbaidschan so verschlimmern würde, dass eine konkrete Gefahr für
Leib und Leben bestünde, gehe aus den Medizinalakten nicht hervor. Der
Bescheinigung der Städtischen Kliniken L._ seien folgende Diag-
nosen zu entnehmen: akute Unruhe bei geistiger Behinderung mit Verhal-
tensstörung, dystone Tetraparese, Ernährungsstörung, Inkontinenz, Epi-
lepsie, VP-Shunt, Mikrocephalie, milde Transaminaseerhöhung, anamne-
tisch TBC und Meningitis 2008. Es werde festgestellt, dass eine Besserung
der Gesamtsituation nicht möglich sei und eine weitgehende Reduzierung
der Medikation empfohlen. In einer Bescheinigung des Universitätsklini-
kums M._ vom 17. Dezember 2018 werde konstatiert, dass für
D._ ein passgerechter Rollstuhl und eine Badeliege nötig seien.
Aus kinderneurologischer und sozialpädiatrischer Sicht sei es wünschens-
wert, wenn er in Deutschland weiterbehandelt und beschult werden könnte,
zumal es in Aserbaidschan keine vergleichbaren Schulen und medizini-
sche Versorgungsmöglichkeiten gebe. Der Verdacht auf TBC habe sich
nicht bestätigt.
Aus den Akten gehe hervor, dass eine Explanation und Neuimplantation
sowie eine Neuregulierung des VP-Shunts (Wasserableitungssystem) im
Juli 2019 in N._ vorgenommen und dass D._ bei verminder-
ter Unruhe im August 2019 aus dem Spital entlassen worden sei. Er werde
nunmehr mit verschiedenen Medikamenten behandelt und benötige regel-
mässige klinische und radiologische Verlaufskontrollen bei Spezialisten. In-
diziert sei eine wöchentliche physiotherapeutische Behandlung.
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Dem in Auftrag gegebenen medizinischen Consulting sei zu entnehmen,
dass die mit der Behandlung D._ zu betrauenden Spezialärzte in
Baku zur Verfügung stünden. Es gebe dort diverse Abteilungen für Pädiat-
rie, pädiatrische Chirurgie, Neurologie, Physiotherapie und Neurochirurgie.
Für allfällige Neueinstellungen des VP-Shunts gebe es ein spezialisiertes
öffentliches Spital. Es sei davon auszugehen, dass ophtalmologische Ab-
klärungen und Interventionen in Baku erfolgen könnten. Die gesamte Me-
dikation D._ sei in Baku erhältlich.
Behandlungskosten in öffentlichen Einrichtungen würden in Aserbaidschan
theoretisch vom Staat übernommen, tatsächlich hätten Patienten im Rah-
men von «Out-of-Pocket Payments» (OOP) einen Teil der Kosten selbst zu
tragen. Nach der Instruktion des medizinischen Consultings habe der
Rechtsvertreter weitere Arztberichte aus der zweiten Jahreshälfte 2019
eingereicht, denen die Frequenz und das Ausmass des ärztlichen Konsul-
tationsbedarfs von D._ entnommen werden könnten. Verlaufskon-
trollen bei Spezialisten hätten in grösseren, Physiotherapie habe in kürze-
ren Abständen zu erfolgen. Die im Consulting aufgelisteten Kosten der
OOP erschienen nicht derart, dass sie mit Anstrengung der Eltern und de-
ren Verwandten nicht getragen werden könnten. Eine ambulante pädiatri-
sche oder neurologische Sprechstunde schlage mit etwa 20 – 30 Manat
(Fr. 2 – 18), eine neurochirurgische Sprechstunde mit 30 – 50 Manat (Fr.
18 – 30) zu Buche. Es bestehe die Möglichkeit, bei der kantonalen Rück-
kehrberatungsstelle medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen.
Das Vorhandensein zwingender medizinischer Massnahmen, Medikatio-
nen und Verlaufskontrollen für D._ sei bezüglich Aserbaidschans zu
bejahen. Es sei davon auszugehen, dass ein einzelner Arzt die verschie-
denen Erfordernisse koordinieren könne. Nicht anzunehmen sei, dass sich
der Zustand D._ massiv und mit einer Gefahr für Leib und Leben
verschlechtern werde. Ein Verbleib in der Schweiz erscheine auch unter
Berücksichtigung des Kindeswohls im Sinne von Art. 3 Abs. 1 des Überein-
kommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK;
SR 0.107) als nicht zwingend. Dem Risiko epileptischer Anfälle während
einer Rückkehr könne bei den Modalitäten der Rückkehr Rechnung getra-
gen werden.
Auch hinsichtlich der drei anderen Familienmitglieder seien keine Anzei-
chen ersichtlich, dass ihr Verbleib in der Schweiz aus medizinischer Sicht
zwingend sei. Sie seien weitgehend gesund und verfügten im Heimatland
über ein Eigenheim sowie über ein weitläufiges Familiennetz. Es sei davon
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auszugehen, dass der Unterstützungswille seitens der Familien der Be-
schwerdeführenden weiterhin bestehe. Von den Angehörigen könne erwar-
tet werden, dass sie bei der zeitaufwändigen Pflege und Betreuung
D._ helfen würden. Insgesamt sei nicht anzunehmen, dass die Be-
schwerdeführenden mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in eine ihre Exis-
tenz bedrohende Notlage gerieten.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, es sei entgegen der Auffas-
sung des SEM im Wohle von D._ geboten, dass er in der Schweiz
bleiben und weiterbehandelt werden könne. Die Beschwerdeführenden
hätten sich insbesondere wegen der fehlenden Hilfsmittelversorgung, der
fehlenden Therapiemöglichkeiten und mangels staatlicher Unterstützung
zur Emigration nach Europa entschieden. Sie hätten glaubhaft geschildert,
dass D._ zuvor nicht ausreichend medizinisch versorgt worden sei;
dies gehe auch aus dem Bericht des (...) vom 13. August 2019 hervor. Der
Umstand, dass in Aserbaidschan keine ausreichende und zum Wohle von
D._ gebotene Behandlung stattgefunden habe, gehe auch aus dem
neusten Bericht des (...) hervor, gemäss dem die Hilfsmittelversorgung und
Kontrakturprophylaxe vor Erstkonsultation im Vergleich eines Kindes, das
mit einer ähnlichen Erkrankung in der Schweiz aufgewachsen wäre,
schlechter gewesen sei. In der Schnellrecherche der SFH zu Aserbaid-
schan werde ausgeführt, die Massnahmen der staatlichen Behörden hin-
sichtlich der Behandlungsmöglichkeiten für behinderte Kinder seien unzu-
reichend. Kinder hätten kaum Zugang zu Gesundheitsdiensten. Da die bis-
herige Behandlung von D._ in Aserbaidschan unzureichend gewe-
sen sei, sei davon auszugehen, dass diese nach einer Rückkehr ebenso
wäre. Die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene in Aserbaidschan Gesund-
heitsdienste nutzten, sei gering. Die OOP würden oft hohe Kosten für die
ärmere Bevölkerung bedeuten und deren Zugang zu fortschrittlichen und
spezialisierten Behandlungen sei eingeschränkt. Die OOP führten dazu,
dass finanziell schlechter gestellte Patienten häufig Krankenpflegende statt
ärztliches Fachpersonal konsultierten. Ambulant behandelte Patienten
müssten gemäss dem Länderinformationsblatt Aserbaidschan 2017 des
deutschen Bundesamts für Migration und Flüchtlinge die Kosten für Medi-
kamente mit wenigen Ausnahmen selbst tragen. Medikamente seien in
Aserbaidschan verhältnismässig teuer, da Apotheken generell unter priva-
ter Leitung stünden. Gemäss Länderanalyse sei unklar, ob der Bedarf an
Rollstühlen vom Staat gedeckt werde. Eltern müssten solche oft selbst be-
zahlen und passgerechte Rollstühle für Kinder seien schwer erhältlich. Ge-
mäss den vorhandenen Berichten benötige D._ neben der medika-
mentösen Versorgung regelmässige spezialärztliche Verlaufskontrollen,
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wöchentliche Physiotherapie und eine intensive 24-Stundenbetreuung. In
den Berichten des (...) werde ausserdem Low Vision Förderung genannt,
und auch der Bedarf an Ergotherapie sowie die Notwendigkeit der Prüfung
einer Schienenversorgung im Bereich der linken Hand gehe daraus hervor.
Die Hilfsmittel müssten aufgrund des Wachstums des Kindes regelmässig
angepasst werden. D._ sei auf eine kostenintensive Behandlung
angewiesen.
Die Beschwerdeführenden seien durch die bisherigen Kosten für die Be-
treuung von D._ in Armut geraten und hätten sich verschuldet. Bei
einer Rückkehr seien ihre Verdienstmöglichkeiten durch die 24-Stunden-
betreuung geschmälert, zumal es keine Tagesstrukturen und Heime für
Langzeitaufenthalte gebe. Ihre Verwandten könnten sie nicht finanziell un-
terstützen, sie hätten sie in der Vergangenheit vor allem mit Lebensmitteln
und durch kurzfristige Beherbergung unterstützt. Gehe man davon aus,
dass die Beschwerdeführerin Hausfrau wäre und D._ betreute, läge
es am Beschwerdeführer, das Familieneinkommen zu erwirtschaften. Als
Taglöhner könnte er dabei monatlich Fr. 147.– verdienen. D._
könnte eine Unterstützung von höchstens Fr. 85.95 und die Familie könnte
Sozialhilfe von Fr. 74.85 erhalten. Das Familieneinkommen betrüge somit
Fr. 307.80. Dem stehe ein monatlicher Bedarf einer vierköpfigen Familie
(ohne Miet- und Behandlungskosten) von Fr. 1534.95 gegenüber. Sie
müssten somit deutlich unter dem Existenzminimum leben. Der Zugang zu
teuren privaten Gesundheitseinrichtungen wäre ihnen in Aserbaidschan
verwehrt, ausserdem bliebe ihnen aufgrund ihrer prekären Situation auch
der Zugang zu staatlichen Einrichtungen zur notwendigen Behandlung
D._ versagt. Im Vergleich dazu würde er in der Schweiz weiterhin
bedarfs- und kindgerecht gefördert. Eine Rückkehr nach Aserbaidschan sei
mit dem Kindeswohl nach Art. 3 Abs. 1 KRK nicht vereinbar.
In Bezug auf die sozialpädagogische Situation sei zu berücksichtigen, dass
D._ ab August 2020 die Heilpädagogische Sonderschule
O._ besuchen könnte. Um Bildungserfolge zu erzielen, sei er da-
rauf angewiesen. Es sei davon auszugehen, dass diese Schulform dem
Kindeswohl entspreche; sie berechtige ihn zum Zugang zu den Angeboten
der Invalidenversicherung. In Aserbaidschan stünden keinerlei Tagesstruk-
turen für körperlich und geistig behinderte Kinder zur Verfügung. Eine spe-
zifische Sonderschulung sei ausgeschlossen. Eine Sonderschulung sei für
die Entwicklung und für den Bildungserfolg von D._ unabdingbar
und damit massgebend für das Kindeswohl. Der Verbleib sowie die Be-
handlung und Sonderbeschulung von D._ seien aus medizinischer
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und sozialpädagogischer Sicht unter Berücksichtigung des Kindeswohls
geboten. Es sei darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungsgericht
im Urteil E-2495/2011 vom 12. November 2013, mit dem über einen ver-
gleichbaren Fall entschieden worden sei, den Wegweisungsvollzug als un-
zumutbar erklärt habe.
Hinsichtlich des älteren, noch minderjährigen Sohnes I._ sei fest-
zuhalten, dass er sehr gut Deutsch spreche und ab August 2020 eine Lehre
zum (...) beginnen könnte. Es sei auch in seinem Interesse, in der Schweiz
bleiben zu können.
Gemäss der Praxis des Bundesgerichts hätten Behörden hinsichtlich der
Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im Lichte von Art. 3
EMRK zu prüfen, ob und inwieweit die betroffene Person im Zielstaat Zu-
gang zur notwendigen Behandlung habe. Die bedürftigen Beschwerdefüh-
renden hätten hinsichtlich von D._ keinen wirksamen Zugang zur
Behandlung, weshalb ein Wegweisungsvollzug auch unzulässig im Sinne
von Art. 83 Abs. 3 EMRK (recte: AIG) wäre. Behinderte Kinder würden in
Aserbaidschan diskriminiert, kein Gesetz schreibe den Zugang zu öffentli-
chen oder anderen Gebäuden sowie Informationen oder Kommunikations-
mittel für Menschen mit Behinderungen vor. Die meisten Gebäude seien
für Menschen mit Behinderung nicht zugänglich und behinderte Kinder
seien besonders Gewalt ausgesetzt. Somit würde eine Rückschaffung von
D._ auch das Übereinkommen der UNO über die Rechte von Men-
schen mit Behinderungen (Behindertenrechtskonvention [BRK]; SR 0.109)
verletzen.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, gemäss den aktenkun-
digen Arztberichten hätten für D._ seit der Einreise der Familie in
die Schweiz keine ergotherapeutischen Massnahmen angeordnet werden
müssen. Es sei nicht davon auszugehen, dass sich sein Gesundheitszu-
stand bei einer Rückkehr nach Aserbaidschan wesentlich verschlechtern
würde, sollte er dort weiterhin keine Ergotherapie erhalten. Grundsätzlich
sei in Baku eine ergotherapeutische Behandlung mit Schwerpunkt Zereb-
ral-Parese verfügbar. Eine Notwendigkeit der Prüfung einer Schienenver-
sorgung der linken Hand gehe aus den vorliegenden Arztberichten nicht
hervor. Der in der Beschwerde genannte Arztbericht vom 20. Januar 2020
liege nicht vor, sodass das SEM nicht vertiefter auf dieses Vorbringen ein-
gehen könne. Offensichtlich hätten noch keine diesbezüglichen Massnah-
men ergriffen werden müssen, weshalb davon auszugehen sei, dass aus
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diesem Vorbringen keine zwingende Notwendigkeit zu einem weiteren Ver-
bleib D._ in der Schweiz hervorgehen dürfte. Ein allfälliger Effekt
einer Sonderbeschulung D._ sei gemäss dem Bericht des (...) vom
21. April 2020 unbekannt. Bezüglich der in der SEM-Verfügung nicht be-
nannten Kosten für Physiotherapie könne auf die SFH-Schnellrecherche
verwiesen werden, wobei sich der genannte Preis auf die Durchführung
durch eine Krankenschwester beziehe. Hierzu und auch bezüglich der be-
nötigten Hilfsmittel werde auf das medizinische Consulting und die Mög-
lichkeit der Rückkehrhilfe verwiesen. Gemäss der Einschätzung der Inter-
nationalen Organisation für Migration (IOM) von 2019 betrügen die durch-
schnittlichen Lebenshaltungskosten für eine vierköpfige Familie in Aser-
baidschan zirka 600 – 900 AZN (Fr. 343 – 515). Die stark abweichende
Einschätzung einer Kontaktperson der SFH werde nicht weiter begründet.
Auch angesichts des monatlichen Mindestlohns von 130 AZN im Jahr 2018
und eines durchschnittlichen Nominallohns von 462 AZN im Jahr 2015
müsse die in der Beschwerde vorgebrachte Grössenordnung als massiv
überhöht bezeichnet werden. Zudem verfüge die Familie über ein Eigen-
heim. Auch die Lage von I._ spreche nicht gegen die Zumutbarkeit
des Vollzugs. Er werde zusammen mit seiner Familie nach zweijähriger
Auslandabwesenheit in die gewohnte Umgebung zurückkehren. Ein
Grossteil der Verwandten lebe in Aserbaidschan und eine unwiederbringli-
che Verwurzelung I._ in der Schweiz sei nach einem Jahr nicht zu
erwarten. Vielmehr sei davon auszugehen, dass seine erworbenen
Sprachkenntnisse ihm nach Vollendung seiner Schullaufbahn auch auf
dem heimischen Arbeitsmarkt vielfältige Möglichkeiten eröffnen würden.
4.4 In der Replik wird entgegnet, das SEM habe den kostenintensiven Be-
handlungsbedarf von D._ nicht bestritten. Im neusten Bericht des
(...) werde von einem stabilen Verlauf berichtet. Es werde eine Kontrolle
der Blutwerte in einem bis zwei Monaten empfohlen, was die Häufigkeit der
Behandlung und die Kostenintensität zusätzlich verdeutliche. Es werde
weiter ausgeführt, dass die nicht-medikamentöse Physio- und Ergothera-
pie im Vordergrund stünden. Die D._ behandelnde Physiotherapeu-
tin habe erkannt, dass er dringend Physiotherapie benötige, um den Ist-
Zustand zu erhalten und Operationen vorzubeugen. Durch die Therapie
könnten Schmerzen gelindert und sein Wohlbefinden verbessert werden.
Neben dem Rollstuhl sei er auf ein Korsett angewiesen, um weiteren De-
formitäten und drohenden Operationen sowie Schmerzen vorzubeugen.
Die Hilfsmittel würden regelmässig überprüft und von einem Orthopädiet-
echniker angepasst. Damit sei belegt, dass D._ das Korsett benö-
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tige, was weitere Kosten verursache. Anzumerken sei, dass die Notwen-
digkeit des Korsetts bislang unbekannt gewesen sei und das SEM bislang
keine Abklärungen zur Verfügbarkeit sowie der diesbezüglichen Kosten ge-
tätigt habe. Die Sonderbeschulung sei aus medizinischer und sozialpäda-
gogischer Sicht unter Berücksichtigung des Kindeswohls zwingend gebo-
ten. Gemäss Angaben des Beschwerdeführers habe die Familie ohne Be-
handlungs- und Mietkosten einen monatlichen Bedarf von ungefähr 1200
AZN (Fr. 667) gehabt, was zwischen den bisher genannten Werten liege
und glaubhaft sei. Angesichts des in der Beschwerde berechneten Famili-
eneinkommens von Fr. 307.80 werde deutlich, dass die Beschwerdefüh-
renden die Lebenshaltungskosten nicht decken könnten.
4.5 In der Eingabe vom 29. Juni 2020 wird ausgeführt, die Beschwerdefüh-
rerin sei am 18. Juni 2020 von der Polizei auf einem Brückengeländer sit-
zend angetroffen und aufgrund ihrer schlechten psychischen Verfassung
in ein Spital gebracht worden. Sie sei in die Psychiatrischen Dienste verlegt
worden, wo sie in stationärer Behandlung sei. Es sei eine schwere Depres-
sion diagnostiziert worden. Die Symptomatik bestehe seit etwa einem Jahr,
eine Wegweisung würde zu einer krisenhaften Zuspitzung der Suizidalität
führen. Die Ärzte gingen davon aus, dass wahrscheinlich nur bei einem
Verbleib in der Schweiz eine gesundheitliche Stabilisierung/Genesung
möglich sei. Damit stehe fest, dass eine Wegweisung nach Aserbaidschan
zu einer erheblichen Verschlimmerung des Gesundheitszustandes der Be-
schwerdeführerin und im ungünstigsten Fall zu ihrem Tod führen würde.
Sie hätte dort aufgrund der finanziellen Situation auch keinen Zugang zur
medizinischen Behandlung. Ein Vollzug der Wegweisung verstosse dem-
nach gegen Art. 3 EMRK.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
ländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
5.2 Die in Art. 83 Abs. 2–4 AIG erwähnten drei Bedingungen für einen Ver-
zicht auf den Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit
und Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Sobald eine von ihnen erfüllt
ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und
die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über
die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom
D-2267/2020
Seite 14
28. Oktober 2015 E. 8.4 [als Referenzurteil publiziert]; BVGE 2013/1
E. 6.2; 2009/51 E. 5.4).
5.3 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen.
6.
6.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
6.2 Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bil-
det im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichts-
punkt von vorrangiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer
völkerrechtskonformen Auslegung des Art. 83 Abs. 4 AIG im Licht von
Art. 3 Abs. 1 KRK. Danach sind unter dem Aspekt des Kindeswohls sämt-
liche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf einen
Vollzug der Wegweisung wesentlich erscheinen (vgl. BVGE 2009/28
E. 9.3.2 und 2009/51 E. 5.6; Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1998 Nr. 13 E. 5e/aa, 1998
Nr. 31 E. 8c/ff/ccc S. 260, 2005 Nr. 6 E. 6.2 S. 57 f.). Somit ist der Persön-
lichkeit des Kindes und seinen Lebensumständen umfassend Rechnung
zu tragen. Dabei können bei dieser gesamtheitlichen Beurteilung nament-
lich folgende Kriterien von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkeiten,
Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften
seiner Bezugspersonen (insbesondere Unterstützungsbereitschaft und -fä-
higkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung/Ausbildung, sowie der
Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in der
Schweiz. Gerade letzterer Aspekt, die Dauer des Aufenthaltes in der
Schweiz, ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse einer
Reintegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu wer-
ten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem einmal vertrauten Umfeld
herausgerissen werden sollten. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer
Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. des-
sen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern auch dessen übrige soziale
D-2267/2020
Seite 15
Einbettung. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung
auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs haben, indem
eine starke Assimilierung in der Schweiz mithin eine Entwurzelung im Hei-
matstaat zur Folge haben kann, welche unter Umständen die Rückkehr
dorthin als unzumutbar erscheinen lässt. Im Rahmen der Zumutbarkeits-
prüfung ist alsdann zu berücksichtigten, dass das Kindeswohl nicht erst
dann gefährdet ist, wenn das Kind in eine existenzielle Notlage gerät (vgl.
BVGE 2014/26 E. 7.6 m.w.H).
7.
7.1 Der jüngere Sohn der Beschwerdeführenden erkrankte in seinem Hei-
matland im Kleinkindalter an einer TBC-Meningitis (Hirnhautentzündung),
die eine dystone, linksbetonte Tetraparese (zerebrale Bewegungsstörung)
mit fehlender Gehfähigkeit zur Folge hatte. Heute leidet er unter einer
schweren geistigen Behinderung mit Auto- und Fremdaggression bei feh-
lender verbaler Kommunikation sowie einer schweren Visuseinschränkung
(Sehbehinderung). Angesichts eines obstruktiven Hydrocephalus (Wasser-
kopf) musste eine VP-Shuntversorgung vorgenommen werden. Im Juli
2019 musste D._ deshalb erneut operiert werden (VP-Shunt-De-
konnektion und -Implantation mit Neueinstellung). Des Weiteren wurden
eine strukturelle Epilepsie und Inkontinenz diagnostiziert (vgl. statt vieler
den aktuellsten Bericht des (...) vom 4. Juni 2020).
7.2 Die Leiden von D._ werden gemäss dem Bericht des (...) vom
28. April 2020 derzeit medikamentös (Valproat, Truxal, Buccolam und Re-
serve-Analgetika) behandelt und gelindert. Zukünftig solle aber die nicht-
medikamentöse Therapie mit Physio- und Ergotherapie im Vordergrund
stehen. Die Einschulung von D._ werde begrüsst. Im Bericht der
(...) vom 20. Januar 2020 wird ausgeführt, dass im Rahmen der Therapien
eine Schienenversorgung der linken Hand zu prüfen sei. Dem Bericht des
(...) vom 4. Juni 2020 ist zu entnehmen, dass D._ wegen der relativ
ausgeprägten Wirbelsäulendeformität ein Korsett benötigt. Die Physiothe-
rapeutin von D._ bestätigt in ihrem Bericht vom 9. Juni 2020, dass
er einen nicht auf ihn angepassten Rollstuhl und einen Duschstuhl erhalten
habe. Es sei unbedingt notwendig, dass er mit auf ihn angepassten Hilfs-
mitteln (Korsett, Rollstuhl) versorgt werde. Diese müssten regelmässig
überprüft und vom Techniker angepasst werden. Gemäss den ärztlichen
Berichten benötigt D._ regelmässige klinische Kontrollen und radi-
ologische Verlaufskontrollen bei Spezialisten (Neurochirurgen, Neuropädi-
ater, Orthopäden). Zur Kontrakturprophylaxe (Übungen zur Vermeidung
D-2267/2020
Seite 16
von Bewegungseinschränkungen), Erhaltung der Rumpfmobilität und För-
derung der motorischen Aktivität wird eine wöchentliche physiotherapeuti-
sche Behandlung als notwendig erachtet. Nebst einem passgerechten
Rollstuhl und einer ebensolchen Badehilfe sei D._ auf eine 24-
Stunden-Betreuung angewiesen. Die Eltern benötigten eine Entlastung
durch professionelle Unterstützung bei der Betreuung ihres jüngeren Soh-
nes.
7.3
7.3.1 Im medizinischen Consulting des SEM (Aserbaidschan: Geistige Be-
hinderung mit Verhaltensstörung, Tetraparese, Epilepsie, Mikrozephalie)
vom 20. November 2019 wird ausgeführt, dass die Behandlungen und Ver-
laufskontrollen sowie die Physiotherapie in Baku in verschiedenen Spitä-
lern durchgeführt werden könnten. Die D._ verschriebenen Medi-
kamente seien in einer Apotheke verfügbar. Die Behandlungskosten wür-
den in öffentlichen Einrichtungen theoretisch vom Staat übernommen. In
der Realität müssten die Patienten und ihre Angehörigen einen Teil der
Kosten im Rahmen von OOP selber bezahlen. Tagesstrukturen für körper-
lich und geistig behinderte Kinder seien in Aserbaidschan nicht verfügbar
und Heime für Langzeitaufenthalte gebe es nicht.
7.3.2 Der Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse (Aserbaidschan: Be-
handlung und Pflege eines behinderten Kindes) vom 24. April 2020 ist zu
entnehmen, dass in Aserbaidschan die staatlichen Investitionen im Ge-
sundheitssektor relativ gering seien. Dies sei ein Indikator dafür, dass die
Gesundheitsdienste und das Gesundheitssystem unter Vernachlässigung
und Nichtbeachtung durch die Behörden litten. Der Grossteil der Investiti-
onen sei auf Infrastruktur- und Bauprojekte ausgerichtet. Hinsichtlich eines
effektiven Managements bestünden grosse Probleme. Korruption sei der
Hauptgrund für den schlechten Zustand des Gesundheitswesens, zumal
Bestechungen bei der Erlangung einer medizinischen Qualifikation eine
wesentliche Rolle spielten. Dem Grossteil des Personals mangle es an
ausreichender Ausbildung, um die neueren medizinischen Einrichtungen
richtig nutzen zu können. Die niedrigen Gehälter seien Hauptgrund dafür,
dass medizinisches Personal häufig gegen die medizinische Ethik
verstosse. Viele Menschen misstrauten dem Personal und den Einrichtun-
gen und berichteten von Erfahrungen mit Korruption und Fehlverhalten.
Bestätigt wird, dass die Beanspruchung von Gesundheitsdiensten nur the-
oretisch kostenlos sei, in der Realität müssten sie immer bezahlt werden.
Private Gesundheitsinstitutionen seien teuer und auch für Medikamente
müssten hohe Preise bezahlt werden; nur gewisse Medikamente könnten
D-2267/2020
Seite 17
kostenlos von staatlichen Institutionen bezogen werden. Die von den staat-
lichen Behörden ergriffenen Massnahmen zur Behandlung und Rehabilita-
tion von Kindern seien unzureichend. Mehrere moderne Rehabilitations-
zentren, die es gebe, reichten nicht aus. Da nichtstaatliche Zentren keine
stabile Finanzierung erhielten, seien die in den Regionen durchgeführten
Rehabilitationsprogramme episodischer Natur. Kinder hätten aufgrund der
hohen Kosten durch die zu leistenden informellen Zahlungen kaum Zugang
zu Gesundheitsdiensten. Von den zirka 60 000 Kindern mit Behinderungen
hätten in Aserbaidschan 6000 bis 10 000 Zugang zu spezialisierten Bil-
dungseinrichtungen. Behinderte Kinder seien besonders Gewalt, darunter
auch Körperstrafen, ausgesetzt. In Aserbaidschan seien Körperstrafen in
alternativen Betreuungseinrichtungen, bei der Kleinkind- sowie Tagesbe-
treuung für ältere Kinder, einschliesslich Kinder mit Behinderungen, zuläs-
sig. Das Kinder-Rehabilitationszentrum in Baku könne keine langfristigen
Behandlungen anbieten. Es könnte lange dauern, bis D._ in diesem
Zentrum kostenfrei Leistungen erhalte, und diese Institution wäre höchs-
tens für einen Aufenthalt von zwei bis drei Monaten geeignet. Die Verlaufs-
kontrollen bei ärztlichen Fachpersonen, Physiotherapie und gewisse chi-
rurgische Eingriffe sollten möglich sein. Die von D._ benötigten Me-
dikamente seien in Apotheken erhältlich, die Patienten müssten in der Re-
gel immer dafür bezahlen. Es sei unklar, ob der Bedarf an Rollstühlen durch
staatliche Stellen gedeckt werde, und passgerechte Rollstühle für Kinder
seien nur schwer erhältlich. Es sei nicht davon auszugehen, dass ein Hilfs-
mittel wie eine Badehilfe in Aserbaidschan erhältlich sei. Spitex oder ähnli-
che teilweise 24/7-Pflege-Unterstützung gebe es in Aserbaidschan nicht;
eine solche Pflege müsse von der Familie selber organisiert werden.
7.3.3 Das Volksschulamt des Kantons H._ teilte den Beschwerde-
führenden mit Verfügung vom 6. April 2020 mit, eine Abklärung von
D._ durch den Schulpsychologischen Dienst des Kantons
H._ habe ergeben, dass ein sonderpädagogischer Bedarf bestehe.
Das Amt erachte diesen somit als ausgewiesen und weise D._ der
Tagessonderschule am Heilpädagogischen Schulzentrum J._ zu.
Eine Nachfrage der Rechtsvertretung vom 15. April 2020 beantwortete der
Amtsvorsteher am 27. April 2020 dahingehend, dass D._ in Bezug
auf das kantonale Bildungswesen auf eine separative Schulform angewie-
sen sei. Dafür seien qualifizierte Fachpersonen mit behinderungsspezifi-
schen Kenntnissen notwendig. Es könne davon ausgegangen werden,
dass diese Schulform auch dem Kindeswohl entspreche. Sofern
D._ weiterhin in der Schweiz bleibe, sei der Besuch einer Sonder-
schule unabdingbar für den Bildungserfolg und damit letztlich massgebend
D-2267/2020
Seite 18
für das Kindeswohl. Ob und in welcher Form er im Heimatland gefördert
würde, könne nicht beurteilt werden.
7.3.4 Dem Bericht der psychiatrischen Dienste der (...) vom 24. Juni 2020
ist zu entnehmen, dass sich die Beschwerdeführerin seit dem 18. Juni
2020 in stationärer Behandlung befinde. Die Zuweisung sei im Rahmen
einer suizidalen Krise erfolgt. Sie sei bereits in psychiatrischer Behandlung
gewesen und habe Medikamente eingenommen. Die depressive Sympto-
matik bestehe seit einem Jahr, die Intensität habe zuletzt zugenommen.
Sie berichte von seit längerem bestehenden Suizidgedanken. Aktuell gehe
man von der Diagnose einer suizidalen Krise im Rahmen einer schweren
Depression aus. Es seien der Beschwerdeführerin mehrere Medikamente
verschrieben worden. Es sei davon auszugehen, dass ein Wegweisungs-
vollzug zu einer krisenhaften Zuspitzung der Suizidalität führen würde. Ein
vollendeter beziehungsweise ein erweiterter Suizid könne nicht ausge-
schlossen werden. Eine zunehmende Chronifizierung wirke sich prognos-
tisch ungünstig aus.
7.4 Gemäss den eingereichten medizinischen und therapeutischen Berich-
ten, an deren fachlichen Richtigkeit keinerlei Zweifel angebracht sind, ist
der jüngere Sohn der Beschwerdeführenden auf engmaschige Kontrollen
und Behandlungen (Medikation und Physio- sowie Ergotherapie) sowie im
weiteren Verlauf der Therapien auf Hilfsmittelanpassungen angewiesen.
Es ist erstellt, dass D._ einer intensiven Betreuung sowie engma-
schigen und intensiven medizinischen und therapeutischen Behandlung
bedarf, was insbesondere auch wegen des wachstumsbedingten regel-
mässigen Anpassungsbedarfs der notwendigen Hilfsmittel kostspielig sein
wird. In der Schnellrecherche der SFH wird überzeugend dargelegt, dass
das Gesundheitssystem in Aserbaidschan mangelhaft ist. Zwar wurde die
Infrastruktur in den letzten Jahren modernisiert, das Personal ist jedoch
aufgrund unzureichender Ausbildung oft nicht in der Lage, die modernen
medizinischen Apparate zu nutzen beziehungsweise einzusetzen. Da
D._ vor allem ambulanter Behandlung bedarf, müssten seine Eltern
die benötigten Medikamente selbst bezahlen und für die medizinischen
und therapeutischen Behandlungen regelmässig OOP-Zahlungen entrich-
ten, was angesichts ihrer potenziellen Einkommensaussichten (inkl. Rente
und Sozialhilfe) verhältnismässig teuer wäre. In Aserbaidschan gibt es kein
funktionierendes staatliches Krankenversicherungssystem und die kosten-
lose medizinische Versorgung ist – wie vorstehend mehrfach erwähnt –
theoretischer Natur. Der grösste Teil der Bevölkerung, darunter auch die
Beschwerdeführenden, kann sich weder eine private Krankenversicherung
D-2267/2020
Seite 19
noch medizinische Leistungen der privaten Gesundheitseinrichtungen leis-
ten. Unter Berücksichtigung der konkreten Situation der Beschwerdefüh-
renden ist davon auszugehen, dass angesichts der Erkenntnisse über das
öffentliche aserbaidschanische Gesundheitswesen und in Anbetracht des
Umstands, dass das private Gesundheitswesen für die Beschwerdeführen-
den ohnehin unerschwinglich wäre, D._ zumindest mittel- und län-
gerfristig keinen effektiven Zugang zu der von ihm benötigten medizini-
schen und therapeutischen Versorgung hätte. Hinzu kommt, dass es der
Familie aufgrund des derzeit erheblich angeschlagenen psychischen Ge-
sundheitszustands der Beschwerdeführerin und des Bedarfs des schwer
behinderten D._ nach ständiger Betreuung im Fall einer Rückkehr
nicht gelingen dürfte, sich ein zum Leben notwendiges Existenzminimum
zu verschaffen und darüber hinaus die Medikamente und Behandlungs-
massnahmen für D._ zu finanzieren. Daran vermag auch die vom
SEM erwähnte Möglichkeit der Beantragung von (medizinischer) Rück-
kehrhilfe nichts zu ändern, da diese gemäss Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG nur
zeitlich begrenzt ausgerichtet werden kann. Das SEM geht zwar wohl zu
Recht davon aus, dass die Verwandten der Beschwerdeführenden im Falle
einer Rückkehr derselben ihnen ihre Unterstützung nicht versagen würden.
Dass diese jedoch in der Lage und gewillt wären, über längere Zeit hinweg
erhebliche finanzielle Beiträge an die Behandlungskosten von D._
zu leisten und bei der 24-Stunden-Betreuung in substanzieller Weise mit-
zuhelfen, kann nicht als erstellt erachtet werden und ist demnach rein spe-
kulativer Natur. In diesem Zusammenhang ist nochmals auf den derzeiti-
gen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin hinzuweisen, der sich
gemäss dem eingereichten psychiatrischen Bericht im Falle des Vollzugs
einer Wegweisung nach Aserbaidschan eher verschlechtern dürfte, wes-
halb die Beschwerdeführerin auch in der Heimat zumindest mittelfristig
nicht in der Lage wäre, den Hauptteil der intensiven Betreuung von
D._ zu übernehmen. In Anbetracht dessen und im Lichte der völ-
kerrechtlichen Verpflichtung der Schweiz zur Wahrung des Kindeswohls
gemäss Art. 3 Abs. 1 KRK erweist sich der Vollzug der Wegweisung nach
Abwägung der gesamten vorliegenden Umstände für D._ als unzu-
mutbar (vgl. auch das vom SEM nicht erkennbar in seine Beurteilung des
vorliegenden Falles einbezogene Urteil des BVGer E-2495/2011 vom
12. November 2013 E. 8.3). Gründe für die Anwendung von Art. 83 Abs. 7
AIG sind keine aktenkundig.
8.
Die Beschwerde ist aufgrund der vorstehenden Erwägungen demnach gut-
D-2267/2020
Seite 20
zuheissen, die angefochtene Verfügung (Dispositivziffer 2 und 3) aufzuhe-
ben, soweit sie sich nicht als nichtig (Dispositivziffer 1) erweist, und das
SEM ist gestützt auf Art. 83 Abs. 4 AIG und den Grundsatz der Einheit der
Familie (Art. 44 AsylG) anzuweisen, die Beschwerdeführenden in der
Schweiz vorläufig aufzunehmen.
9.
9.1 Angesichts dieses Ausgangs des Verfahrens sind keine Verfahrenskos-
ten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2
Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei
von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwach-
sene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen (Art. 64
Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Seitens der Rechtsvertretung wurde mit der Replik vom
11. Juni 2020 eine Honorarnote eingereicht, in der ein zeitlicher Aufwand
von 19 Stunden und 45 Minuten (à Fr. 250.–), Spesen von Fr. 157.90 und
die Mehrwertsteuer in der Höhe von Fr. 392.35 geltend gemacht werden.
Der veranschlagte Zeitaufwand scheint namentlich bezüglich des Abfas-
sens der Beschwerde und der Replik als überhöht. Unter Berücksichtigung
der nach dem 11. Juni 2020 gemachten Eingaben und der massgeblichen
Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 7 ff. VGKE) ist die Parteientschädigung auf
Fr. 5'200.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen. Das
SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführenden eine Parteientschädigung
in dieser Höhe auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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