Decision ID: 1310abfd-080c-495e-9886-ae4c926ef39d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Prozessgeschichte:
A. Am 12. Dezember 2019 erhielt die Notrufzentrale des Kantons St. Gallen die
Meldung, dass an der G. Strasse 37 in Z. ein Bankomat aufgesprengt wurde,
woraufhin die Kantonspolizei St. Gallen an den Tatort ausrückte (BA 10.01-
0003).
B. Gemäss Zwischenbericht der Kantonspolizei St. Gallen vom 13. Januar 2020
konnten an zwei in Tatortnähe sichergestellten Nageleisen (nachfolgend: Geiss-
füssen) DNA-Spuren gesichert werden, die mit den DNA-Profilen von A. (nach-
folgend: Beschuldigter) und F. übereinstimmen (BA 10.01-0023).
C. Am 21. Januar 2020 stellte die Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen,
Untersuchungsamt Altstätten, eine Gerichtsstandsanfrage zu Handen der Bun-
desanwaltschaft (BA 02.02-0001), worauf Letztere am 3. März 2020 bestätigte,
das Verfahren in Bundeskompetenz weiterzuführen (BA 02.02-0005) und am
29. Mai 2020 ein Verfahren gegen den Beschuldigten, F. und unbekannte Täter-
schaft wegen Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecheri-
scher Absicht (Art. 224 Abs. 1 StGB), Diebstahl (Art. 139 StGB), Sachbeschädi-
gung (Art. 144 Abs. 1 und 3 StGB) und Hausfriedensbruch (Art. 186 StGB) eröff-
nete und in der Hand der Bundesbehörden vereinigte (BA 01.01-0003; 02.01-
0004 f.).
D. Am 15. Juni 2020 liess die Bundesanwaltschaft den Beschuldigten zur Anhaltung
und Vorführung international ausschreiben (BA 06.03-0001 ff.).
E. Der Beschuldigte wurde am 19. Juni 2020 um ca. 15.50 Uhr in Dornbirn/AUT ei-
ner Verkehrskontrolle unterzogen. Aufgrund des gleichentags durch die Bundes-
anwaltschaft erlassenen internationalen Haftbefehls (BA 06.03-0005) wurde er
durch die österreichischen Behörden um 17.45 Uhr festgenommen (BA 18.01-
0013). Anschliessend befand er sich bis zum Urteilszeitpunkt in Haft (Ausliefe-
rungs-, Untersuchungshaft) bzw. ab dem 21. Juni 2021 im vorzeitigen Strafvoll-
zug (BA Rubrik 06.03).
F. Die B. Bank (mit Eingabe vom 27. August 2020 [BA 15.03-0005 ff.]), die Stock-
werkeigentümer des Grundstücks an der G. Strasse 37 in Z. (mit Eingabe des
Verwalters der Stockwerkeigentümerschaft vom 22. September 2020
[BA 15.03.2-0005 ff.]) und die C. AG (mit Eingabe vom 3. November 2020
[BA 15.03.3-0006 ff.]) erklärten im Vorverfahren, sich als Privatklägerschaft zu
konstituieren.
G. Mit Verfügung vom 17. Juni 2021 trennte die Bundesanwaltschaft das Verfahren
gegen den Beschuldigten vom Strafverfahren gegen F. und unbekannte Täter-
schaft ab, da F. aufgrund eines gegen ihn in Dänemark hängigen Strafverfahrens
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derzeit nicht an die Schweiz ausgeliefert und das gegen ihn und unbekannte Tä-
terschaft in der Schweiz hängige Verfahren – im Gegensatz zum Strafverfahren
gegen den Beschuldigten – nicht abgeschlossen werden konnte (BA 03.01-
0014 ff.).
H. Am 6. Oktober 2021 erhob die Bundesanwaltschaft bei der Strafkammer des
Bundesstrafgerichts Anklage (TPF 9.100.001 ff.) gegen den Beschuldigten we-
gen Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht
(Art. 224 Abs. 1 StGB), qualifizierten Diebstahls (Art. 139 Ziff. 1 und Ziff. 3 StGB)
und qualifizierter Sachbeschädigung (Art. 144 Abs. 1 und Abs. 3 StGB).
I. Mit Schreiben vom 21. Oktober 2021 wies das Gericht die Stockwerkeigentümer
des Grundstücks an der G. Strasse 37 in Z., welche sich gemäss Anklageschrift
mit der Erklärung ihres Verwalters als Privatklägerschaft konstituiert haben sollen
(TPF 9.100.003; vgl. Lit. F), auf die Möglichkeit der Privatklägerschaft hin. Gleich-
zeitig setzte es ihnen zur Konstituierung als solche sowie gegebenenfalls zur
Einreichung eines (bisher sich nicht in den Akten befindenden) schriftlichen
Nachweises der Vertretungsmacht ihres Verwalters eine Frist bis zum 3. Novem-
ber 2021 (TPF 9.400.001 ff.). Die einzelnen Stockwerkeigentümer liessen diese
Frist ungenutzt verstreichen und haben sich demnach nicht als Privatklägerschaft
konstituiert (TPF 9.400.006; 9.553.002).
J. Gestützt auf die Auskunft des Verwalters der Stockwerkeigentümerschaft, dass
die D. Versicherung den am Gebäude entstandenen Schaden beglichen habe
(TPF 9.553.001), machte das Gericht diese mit Schreiben vom 11. Novem-
ber 2021 auf die Möglichkeit, sich als Privatklägerschaft zu konstituieren, auf-
merksam (TPF 9.400.007 ff.). Mit Schreiben vom 22. November 2021 machte sie
zivilrechtliche Ansprüche gegen den Beschuldigten geltend (TPF 9.554.001 ff.).
K. Mit Verfügung vom 11. November 2021 wies das Gericht die Parteien im Sinne
von Art. 344 StPO darauf hin, dass es sich vorbehalte, die unter dem Titel «Qua-
lifizierter Diebstahl (Art. 139 Ziff. 3 StGB)» umschriebenen Handlungen des Be-
schuldigten auch als qualifizierten Diebstahl im Sinne von Art. 139 Ziff. 3
Abs. 4 StGB zu prüfen, und lud die Parteien ein, hierzu in der Hauptverhandlung
in den Parteivorträgen Stellung zu nehmen (TPF 9.400.010 f.).
L. Mit Verfügungen vom 11. bzw. 25. November 2021 lud der Vorsitzende die Par-
teien zudem ein, Beweisanträge zu stellen und zu begründen (TPF 9.400.010 f.;
9.400.012 f.). Die Parteien verzichteten auf die Stellung von Beweisanträgen
(TPF 9.510.006 f.; 9.521.001; 9.551.001; 9.554.035). Im Rahmen der Prozess-
vorbereitung holte der Vorsitzende von Amtes wegen zudem einen Strafregister-
auszug über den Beschuldigten sowie Führungsberichte der Regionalgefäng-
nisse Y. und X. sowie der Justizvollzugsanstalt H. ein (TPF 9.231.1.002;
9.231.7.007 ff.).
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M. Am 22. Dezember 2021 fand die Hauptverhandlung in Anwesenheit der Bundes-
anwaltschaft sowie des Beschuldigten und seines Verteidigers am Sitz des Bun-
desstrafgerichts statt; die Privatklägerschaft verzichtete auf eine Teilnahme. Das
Urteil wurde gleichentags mündlich eröffnet.
N. In der Folge meldete der Beschuldigte (mit Schreiben seines Verteidigers vom
27. Dezember 2021 [TPF 9.940.001 f.]) sowie die Bundesanwaltschaft (mit
Schreiben vom 30. Dezember 2021 [TPF 9.940.003 f.]) fristgerecht Berufung ge-
gen das Urteil an.
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Die Strafkammer erwägt:
1. Prozessuales
1.1 Die Bundesgerichtsbarkeit ist vorliegend gestützt auf Art. 23 Abs. 1 lit. d und
Art. 26 Abs. 2 StPO gegeben.
Die Kompetenz des Kollegialgerichts der Strafkammer des Bundesstrafgerichts
ergibt sich aus Art. 19 Abs. 2 StPO e contrario i.V.m. Art. 36 Abs. 1 des Bundes-
gesetzes über die Organisation der Strafbehörden des Bundes vom
19. März 2010 (StBOG; SR 173.71).
1.2 Weitere zu klärende prozessuale Fragen stellen sich nicht und wurden von den
Parteien auch nicht vorgebracht.
2. Materielles
2.1 Anklagevorwurf
Die Bundesanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, am 12. Dezember 2019
um ca. 01.33 Uhr – nach vorgängiger gemeinsamer Planung und in gemeinsamer
Ausführung mit F. – den sich an der G. Strasse 37 in Z. befindenden und in die
Fassade des mehrstöckigen Wohn- und Geschäftshauses eingebauten Banko-
maten mithilfe zweier Geissfüsse sowie einem zur Explosion gebrachten Selbst-
laborat mit Triacetontriperoxid (nachfolgend: TATP) aufgebrochen zu haben. An-
schliessend habe er – zusammen mit F. – aus der obersten Geldkassette des
Bankomaten 633 Banknoten à Fr. 200.–, ausmachend Fr. 126'600.–, behändigt
und sich mit dem Geld vom Tatort entfernt.
Durch die Explosion seien die Bedienkonsole des Bankomaten und Teile der an-
liegenden Wandplatten des Gebäudes auf die Strasse geschleudert sowie das
Gebäude – namentlich an der Aussenfassade, den Fenstern, Briefkästen und
Deckenverkleidungen – beschädigt worden. Dadurch sei ein Sachschaden am
Bankomaten von ca. Fr. 60'000.– sowie am Gebäude von ca. Fr. 40'000.– ent-
standen. Überdies seien die Anwohner der betroffenen Liegenschaft sowie zu-
fällig auf der G. Strasse anwesende Passanten und Strassenbenutzer aufgrund
ihrer örtlichen Nähe zum Detonationspunkt an Leib und Leben konkret gefährdet
worden. Es sei Zufall gewesen, dass niemand gestürzt oder von Gebäudeteilen
oder Gegenständen getroffen worden sei.
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2.2 Rechtliches
2.2.1 Mittäterschaft
Mittäter ist, wer bei der Entschliessung, Planung oder Ausführung eines Delikts
vorsätzlich und in massgebender Weise mit anderen Tätern zusammenwirkt, so
dass er als Hauptbeteiligter dasteht. Mittäterschaft kann durch tatsächliches Mit-
wirken bei der Ausführung begründet werden. Tatbestandsmässige Ausfüh-
rungshandlungen sind indes keine notwendige Voraussetzung. Nicht erforderlich
ist ferner, dass der Mittäter bei der Fassung des gemeinsamen Tatentschlusses
mitwirkt. Es reicht, dass er sich später den Vorsatz seiner Mittäter zu eigen
macht, wobei konkludentes Handeln genügt (BGE 135 IV 152 E. 2.3.1; Urteil des
Bundesgerichts 6B_127/2021 vom 27. September 2021 E. 4.1). Bei der Mittäter-
schaft hat jeder Mittäter innerhalb der durch den Tatplan gesteckten Grenzen für
die Tat als Ganzes einzustehen und muss sich die Taten seiner Mittäter grund-
sätzlich zurechnen lassen. Das Konzept der Mittäterschaft bewirkt mithin eine
materiell-rechtlich begründete Beweiserleichterung bei der Zurechnung von Teil-
aspekten einer Tat an die Mittäter. Führen verschiedene Personen gemeinsam
strafbare Handlungen insbesondere in örtlich, zeitlich oder funktionell unter-
schiedlichen Zusammenhängen arbeitsteilig aus, verwehrt das Institut der Mittä-
terschaft dem einzelnen Mittäter den Einwand, ein anderer habe die fragliche
Teilhandlung ausgeführt. Es muss somit nicht jedem Beteiligten jede Teilhand-
lung eines komplexen Tatgeschehens im Detail nachgewiesen und zugeordnet
werden (Urteile des Bundesgerichts 6B_81/2013 vom 5. September 2013 E. 2.5;
6B_557/2012 vom 7. Mai 2013 E. 2.7).
2.2.2 Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer
Absicht
2.2.2.1 Nach Art. 224 Abs. 1 StGB macht sich strafbar, wer vorsätzlich und in verbreche-
rischer Absicht durch Sprengstoffe oder giftige Gase Leib und Leben von Men-
schen oder fremdes Eigentum in Gefahr bringt.
2.2.2.2 Der Sprengstoffbegriff gemäss Art. 224 Abs. 1 StGB deckt sich im Wesentlichen
mit dem Begriff im Bundesgesetz über explosionsgefährliche Stoffe vom
25. März 1977 (Sprengstoffgesetz [SprstG; SR 941.41]; Urteile des Bundesge-
richts 6B_1248/2017 vom 21. Februar 2019 E. 4.2.5; 6B_299/2012 vom 20. Sep-
tember 2012 E. 2.2). Danach gelten als Sprengstoffe «einheitliche chemische
Verbindungen oder Gemische solcher Verbindungen, die durch Zündung, me-
chanische Einwirkung oder auf andere Weise zur Explosion gebracht werden
können und die wegen ihrer zerstörenden Kraft, sei es in freier oder verdämmter
Ladung, schon in verhältnismässig geringer Menge gefährlich sind» (Art. 5
Abs. 1 SprstG). Explosionsfähige Erzeugnisse und Präparate, die nicht zu
Sprengzwecken hergestellt und in den Handel gebracht werden, gelten demge-
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genüber nicht als Sprengstoffe (Art. 5 Abs. 2 lit. c SprstG). Der Anwendungsbe-
reich des Sprengstoffgesetzes ist demnach auf professionell (gewerblich) herge-
stellte Sprengstoffe beschränkt und erfasst explosionsfähige Stoffe, die privat
hergestellt werden, nicht. Vom Anwendungsbereich ausgeschlossen sind na-
mentlich Vorläuferstoffe (wie z.B. Wasserstoffperoxid, Nitrate und Aceton) für ex-
plosionsfähige Stoffe sowie die aus solchen Vorläuferstoffen ausserhalb der in-
dustriellen Produktion hergestellte explosionsfähige Stoffe (sog. home-made ex-
plosives); der Umgang mit solchen soll vielmehr durch das (noch nicht in Kraft
getretene) Bundesgesetz über Vorläuferstoffe für explosionsfähige Stoffe gere-
gelt werden (Vorläuferstoffgesetz [VSG; BBl 2020 7773]; vgl. zum Ganzen Bot-
schaft zum Bundesgesetz über Vorläuferstoffe für explosionsfähige Stoffe vom
20. November 2019, BBl 2020 161, S. 166 und 168). Für die strafrechtliche Qua-
lifikation als Sprengstoff sind indes letztlich nicht die Bestimmungen des Spreng-
stoffgesetzes, sondern die Art. 224 ff. StGB massgeblich; entscheidend ist, ob
die Stoffe oder Erzeugnisse besonders grosse Zerstörungen bewirken oder zum
Zwecke der Zerstörung eingesetzt werden (ROELLI, Basler Kommentar,
4. Aufl. 2019, Art. 224 StGB N. 4; vgl. für pyrotechnische Gegenstände BGE 104
IV 232 E. 1a; Urteile des Bundesgerichts 6B_1248/2017 vom 21. Februar 2019
E. 4.2.5; 6B_299/2012 vom 20. September 2012 E. 2.2). Art. 224 StGB stellt ein
konkretes Gefährdungsdelikt dar und setzt objektiv voraus, dass der Täter durch
Sprengstoffe oder giftige Gase Leib und Leben von Menschen oder fremdes Ei-
gentum konkret in Gefahr bringt. Die konkrete Gefährdung ist gegeben, wenn
eine Verletzung nicht nur möglich, sondern nach dem gewöhnlichen Lauf der
Dinge wahrscheinlich ist. Wie die Gefährdung zu erfolgen hat, umschreibt das
Gesetz nicht. Für die Erfüllung des Tatbestandes genügt jeder wie auch immer
geartete Umgang mit Sprengstoff oder giftigen Gasen, sofern nur der Gefähr-
dungserfolg eintritt (Urteile des Bundesgerichts 6B_79/2019 vom 5. August 2019
E. 1.2.2; 6B_1248/2017 vom 21. Februar 2019 E. 4.2.5, 4.4.2).
2.2.2.3 In subjektiver Hinsicht erfordert Art. 224 Abs. 1 StGB zunächst Gefährdungsvor-
satz. Dieser liegt vor, sobald der Täter die Gefahr kennt und trotzdem handelt.
Nicht erforderlich ist, dass der Täter die Verwirklichung der Gefahr, sei es auch
nur eventuell, gewollt hat. Sodann ist eine verbrecherische Absicht verlangt.
Diese besteht darin, dass der Täter den Sprengstoff einsetzt, um vorsätzlich ein
darüber hinausgehendes Verbrechen oder Vergehen zu verüben (Urteile des
Bundesgerichts 6B_79/2019 vom 5. August 2019 E. 1.2.3; 6B_1248/2017 vom
21. Februar 2019 E. 4.2.5).
2.2.3 Qualifizierter Diebstahl
2.2.3.1 Gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB macht sich des Diebstahls strafbar, wer jemandem
eine fremde bewegliche Sache zur Aneignung wegnimmt, um sich oder einen
andern damit unrechtmässig zu bereichern.
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2.2.3.2 Tatobjekt ist eine fremde Sache. Eine Sache ist fremd, wenn sie im Eigentum
einer anderen Person als des Täters steht. Die Tathandlung der Wegnahme liegt
im Bruch fremden und der Begründung neuen Gewahrsams (BGE 132 IV 108
E. 2.1; Urteil des Bundesgerichts 6B_1360/2019 vom 20. November 2020
E. 2.3.1). Der Begriff des Gewahrsams bezeichnet ein tatsächliches Verhältnis,
nämlich die real bestehende faktische Herrschaftsmöglichkeit eines Menschen
über eine Sache, die von einem Herrschaftswillen getragen ist. Er umfasst aber
mit der Beziehung zwischen der Person und der Sache, welche die Sache dem
Herrschaftsbereich der Person zuordnet, auch eine normative Komponente. Ob
Gewahrsam besteht, bestimmt sich nach den allgemeinen Anschauungen und
den Regeln des sozialen Lebens (BGE 132 IV 108 E. 2.1; NIGGLI/RIEDO, Basler
Kommentar, 4. Aufl. 2019, Art. 139 StGB N. 18). Bruch des Gewahrsams ist die
Aufhebung des fremden Gewahrsams gegen den Willen des bisherigen Inha-
bers. Ein solcher erfolgt in der Regel dadurch, dass die Sache aus dem Macht-
bereich des Berechtigten entfernt wird (Urteil des Bundesgerichts 6B_1360/2019
vom 20. November 2020 E. 2.3.1; NIGGLI/RIEDO, a.a.O., Art. 139 StGB N. 24 f.).
Der subjektive Tatbestand erfordert Vorsatz (Art. 12 Abs. 1 und Abs. 2 StGB) so-
wie eine Aneignungs- und unrechtmässige Bereicherungsabsicht.
2.2.3.3 Ein qualifizierter Diebstahl im Sinne von Art. 139 Ziff. 3 Abs. 3 StGB liegt vor,
wenn der Täter zum Zweck des Diebstahls eine Schusswaffe oder eine andere
gefährliche Waffe mit sich führt. Waffen sind nach der Rechtsprechung Gegen-
stände, die nach ihrer Bestimmung dem Angriff oder der Verteidigung dienen. Ob
eine Waffe gefährlich und deshalb einer Schusswaffe gleichzustellen ist, hängt
von objektiven Gegebenheiten ab und nicht vom subjektiven Eindruck, den das
Opfer oder ein Dritter von ihr haben kann. Entscheidend ist, ob sie geeignet ist,
gefährliche Verletzungen zu bewirken (vgl. BGE 118 IV 142 E. 3d; NIGGLI/RIEDO,
a.a.O., Art. 139 StGB N. 139 ff.). Subjektiv ist zusätzlich verlangt, dass der Täter
die Waffe zum Zwecke des Diebstahls mit sich führt. Die Absicht, die Waffe al-
lenfalls auch einzusetzen, ist indes nicht vorausgesetzt; es genügt der eventuelle
Vorsatz, sie gegen einen Menschen zu gebrauchen (NIGGLI/RIEDO, a.a.O.,
Art. 139 StGB N. 165).
2.2.3.4 Nach dem Auffangtatbestand von Art. 139 Ziff. 3 Abs. 4 StGB liegt ein qualifizier-
ter Diebstahl überdies vor, wenn der Täter sonst wie durch die Art, wie er den
Diebstahl begeht, seine besondere Gefährlichkeit offenbart. Dies ist zu bejahen,
wenn die konkrete Tat nach ihrem Unrechts- und Schuldgehalt besonders schwer
wiegt, was sich aus den konkreten Tatumständen ergibt. Die Anwendung des
qualifizierten Tatbestandes gemäss Art. 139 Ziff. 3 Abs. 4 StGB lässt sich na-
mentlich begründen mit der professionellen Vorbereitung der Tat und der ausge-
prägt kühnen, verwegenen, heimtückischen, hinterlistigen oder skrupellosen Art
ihrer Begehung (vgl. BGE 117 IV 135 E. 1a; Urteil des Bundesgerichts
6B_55/2013 vom 11. April 2013 E. 1.2; NIGGLI/RIEDO, a.a.O., Art. 139 StGB
N. 178). Die besondere Gefährlichkeit liegt jedenfalls dann vor, wenn der Täter
in einer Weise vorgeht, die zu einer Gefährdung von Leib und Leben führen
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könnte, die mit jener nach Art. 139 Ziff. 3 Abs. 3 StGB vergleichbar ist. Dies ist
der Fall, wenn der Täter einen mit einer gefährlichen Waffe vergleichbaren Ge-
genstand mit sich führt, der es ihm ermöglicht einen Menschen ohne grösseren
Kraftaufwand und auf eine gewisse Distanz zu töten oder schwer zu verletzten.
Darunter fallen etwa Werkzeuge, die wie eine gefährliche Waffe eingesetzt wer-
den können wie etwa ein schweres Brecheisen, oder Sprengstoff, wenn er eine
Sprengkraft aufweist, die geeignet ist, einen Menschen zu töten oder schwer zu
verletzen (vgl. NIGGLI/RIEDO, a.a.O., Art. 139 StGB N. 188-193).
2.2.4 Qualifizierte Sachbeschädigung
2.2.4.1 Gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB macht sich der Sachbeschädigung strafbar, wer
eine Sache, an der ein fremdes Eigentums-, Gebrauchs- oder Nutzniessungs-
recht besteht, beschädigt, zerstört oder unbrauchbar macht. In subjektiver Hin-
sicht verlangt der Tatbestand Vorsatz (Art. 12 Abs. 1 und Abs. 2 StGB).
2.2.4.2 Eine qualifizierte Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 3 StGB liegt vor,
wenn der Täter einen grossen Schaden verursacht hat. Nach der Rechtspre-
chung ist ein grosser Schaden anzunehmen, wenn er mindestens Fr. 10'000.–
beträgt (BGE 136 IV 119 E. 4.3.1; Urteil des Bundesgerichts 6B_699/2018 vom
7. Februar 2019 E. 3.3.1).
2.3 Tatsächliches
2.3.1 Erstellt und unbestritten ist, dass am 12. Dezember 2019 um ca. 01.30 Uhr der
im mehrstöckigen Wohn- und Geschäftshaus an der G. Strasse 37 in Z. einge-
baute Bankomat der B. Bank beschädigt, deformiert und daraus Bargeld im Um-
fang von Fr. 126'600.– entwendet worden ist. Gestützt auf die forensische Unter-
suchung der am Tatort gesicherten Spuren bestehen überdies keine Zweifel,
dass hierfür u.a. TATP eingesetzt worden ist, welcher indes nicht vollumfänglich
detonierte (BA 10.01-0036; 11.02-0027). Bei TATP handelt es sich um ein aus
Aceton und Wasserstoffperoxid hergestelltes, nicht handhabungssicheres und
hochexplosives Selbstlaborat, welches schon durch geringe Einwirkungen von
Schlag, Reibung, Hitze oder Funken zur Explosion gebracht werden kann
(BA 11.02-0034). Die Wucht der Explosion führte dazu, dass die Bedienkonsole
des Bankomaten sowie Teile der anliegenden Wandplatten des Gebäudes auf
das Trottoir und die Strasse geschleudert wurden, Gebäudefenster zerborsten
und Deckenelemente herunterfielen (BA 11.02-0027; 10.01-0007 ff.). Aufgrund
dieses Vorfalls entstand Sachschaden am Bankomaten im Umfang von
ca. Fr. 36'000.– zum Nachteil der B. Bank (BA 15.03-0011 ff.) sowie am Wohn-
und Geschäftshaus im Umfang von Fr. 71'274.65 zum Nachteil der Stockwerkei-
gentümer der Liegenschaft an der G. Strasse 37 in Z. (TPF 9.554.013 f.).
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2.3.2 Der Beschuldigte bestritt jedoch, am Vorfall beteiligt gewesen zu sein, und zog
in diesem Zusammenhang überdies in Zweifel, dass der in Tatortnähe sicherge-
stellte und mit seinen DNA-Spuren versehene Geissfuss für den Vorfall verwen-
det worden sei (BA 13.02-0003 Z. 4 ff.; -0140 Z. 21 ff.; TPF 9.731.007;
9.721.074 ff.). In tatsächlicher Hinsicht ist demnach strittig und nachfolgend an-
hand der vorhandenen Personal- und Sachbeweise zu prüfen, ob die sicherge-
stellten Geissfüsse für die Tat verwendet worden sind (vgl. E. 2.3.5.1) und ob der
Beschuldigte an der Tat beteiligt gewesen ist (vgl. E. 2.3.5.2).
2.3.3
2.3.3.1 Gemäss Art. 10 Abs. 3 StPO geht das Gericht von der für die beschuldigte Per-
son günstigeren Sachlage aus, wenn unüberwindliche Zweifel daran bestehen,
dass die tatsächlichen Voraussetzungen der angeklagten Tat erfüllt sind. Diese
Bestimmung operationalisiert den verfassungsmässigen Grundsatz der Un-
schuldsvermutung (in dubio pro reo; Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 2 EMRK).
Sie verbietet es, bei der rechtlichen Würdigung eines Straftatbestands von einem
belastenden Sachverhalt auszugehen, wenn nach objektiver Würdigung der ge-
samten Beweise ernsthafte Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt tatsächlich
so verwirklicht hat, oder wenn eine für die beschuldigte Person günstigere Tat-
version vernünftigerweise nicht ausgeschlossen werden kann. Auf der anderen
Seite kann keine absolute Gewissheit verlangt werden; abstrakte und theoreti-
sche Zweifel sind kaum je ganz auszuräumen (BGE 144 IV 345 E. 2.2.1).
2.3.3.2 Keine Anwendung findet der Grundsatz in dubio pro reo auf die Frage, welche
Beweismittel zu berücksichtigen und wie sie gegebenenfalls zu würdigen sind.
So stellt das Gericht bei sich widersprechenden Beweismitteln nicht unbesehen
auf den für den Angeklagten günstigeren Beweis ab. Mit andern Worten enthält
der Grundsatz keine Anweisung, welche Schlüsse aus den vorhandenen Beweis-
mitteln zu ziehen sind. Die Beweiswürdigung als solche wird vom Grundsatz der
freien und umfassenden Beweiswürdigung beherrscht: Nach Art. 10 Abs. 2 StPO
würdigt das Gericht die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Verfahren
gewonnenen Überzeugung (BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.1). Der Grundsatz in dubio
pro reo wird erst anwendbar, nachdem alle aus Sicht des urteilenden Gerichts
notwendigen Beweise erhoben und ausgewertet worden sind. Im Falle einer un-
einheitlichen, widersprüchlichen Beweislage muss das Gericht die einzelnen Ge-
sichtspunkte gegeneinander abwägen und als Resultat dieses Vorgangs das Be-
weisergebnis feststellen. Zum Tragen kommt der Grundsatz in dubio pro reo jetzt
erst bei der Beurteilung des Resultats der Beweisauswertung, das heisst beim
auf die freie Würdigung der Beweismittel folgenden Schritt vom Beweisergebnis
zur Feststellung derjenigen Tatsachen, aus denen sich das Tatsachenfundament
eines Schuldspruchs zusammensetzt (BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.2, WOHLERS,
Zürcher Kommentar, 3. Aufl. 2020, Art. 10 StPO N. 12 ff.). Eine tatbestandsmäs-
sige, zum Schuldspruch beitragende Tatsache ist rechtserheblich festgestellt, so-
bald das Gericht erkennt, dass die Zuverlässigkeit des Beweisergebnisses nicht
ernsthaft zu bezweifeln ist (BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.3).
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2.3.3.3 Liegen keine direkten Beweise vor, ist nach der Rechtsprechung auch ein indi-
rekter Beweis zulässig. Indizien (Anzeichen) sind Hilfstatsachen, die, wenn sel-
ber bewiesen, auf eine andere, unmittelbar rechtserhebliche Tatsache schliessen
lassen. Es gilt, die Indizien daraufhin zu überprüfen, ob sie ausschliesslich für
eine Hypothese sprechen oder ob sie ambivalent sind, weil sie je nach Kontext
unterschiedlich verstanden werden können. Die In-dubio-Regel weist den
Rechtsanwender an, ernsthaften Anhaltspunkten für alternative Sachverhalte
nachzugehen und zu prüfen, ob sich daraus allenfalls ein unüberwindlicher Zwei-
fel ergibt, der es verbietet, den tatbestandsmässigen Sachverhalt anzunehmen.
Der erfolgreiche Indizienbeweis begründet eine der Lebenserfahrung entspre-
chende Vermutung, dass die nicht bewiesene Tatsache gegeben ist. Für sich
allein betrachtet deuten Indizien jeweils nur mit einer gewissen Wahrscheinlich-
keit auf eine bestimmte Tatsache hin. Auf das einzelne Indiz ist der In-dubio-
Grundsatz denn auch nicht anwendbar. Gemeinsam – einander ergänzend und
verstärkend – können Indizien aber zum Schluss führen, dass die rechtserhebli-
che Tatsache nach der allgemeinen Lebenserfahrung gegeben sein muss. Der
Indizienbeweis ist dem direkten Beweis gleichgestellt (BGE 144 IV 345
E. 2.2.3.4, 2.2.3.6; Urteil des Bundesgerichts 6B_1427/2016 vom 27. Ap-
ril 2017 E. 3).
2.3.4 Beweismittel
2.3.4.1 In Tatortnähe sichergestellte Gegenstände und gesicherte Spuren
a) Die Kantonspolizei St. Gallen konnte an der I. Strasse 30 in Z. einen blauen
und schwarzen Geissfuss sowie zwei Schraubenzieher sicherstellen (BA 10.01-
0023; 11.01-0002; -0023 f.). Diese seien neuwertig und höchstwahrscheinlich
noch nie benutzt worden (BA 10.01-0010). Gemäss Bericht des Kriminaltechni-
schen Dienstes der Kantonspolizei St. Gallen vom 9. Januar 2020 konnte auf-
grund der am vorgenannten blauen Geissfuss gesicherten DNA-Spuren ein
Mischprofil erstellt werden. Dessen Hauptprofil stimmt in den 15 vergleichbaren
DNA-Systemen mit dem DNA-Profil des Beschuldigten überein; das Nebenprofil
konnte nicht interpretiert werden (BA 11.01-0002 f.; -0012). Gestützt auf die am
schwarzen Geissfuss gesicherten Spuren konnte überdies ein Mischprofil erstellt
werden, dessen Hauptprofil mit dem DNA-Profil von F. übereinstimmt (BA 11.01-
0002 f.; -0014 f.).
b) Gemäss Forensischem Untersuchungsbericht der Kantonspolizei St. Gallen
vom 22. Januar 2020 kann das Eigenmaterial der zwei vorgenannten Geissfüsse
weder mikroskopisch noch anhand Infrarotspektren von am Bankomaten gesi-
cherten schwarzen bzw. blauen Lackabrieb unterschieden werden; dies spreche
in hohem Mass dafür, dass die zwei Geissfüsse in Kontakt mit dem Bankomaten
gekommen seien (BA 11.01-0023 f.).
- 14 -
SK.2021.45
2.3.4.2 Auswertung Mobiltelefondaten
a) Aus der Auswertung des sichergestellten Mobiltelefons des Beschuldigten
ergibt sich namentlich, dass sich das Mobiltelefon am 13. Dezember 2019 um
11.07 Uhr mit dem WLAN «J.» verbunden hat (BA 10.02-0121 f.; siehe Datenträ-
ger, Rubrik «Wireless Networks»); dieses konnte der sich in W./AUT befindenden
K. GesmbH zugeordnet werden (BA 10.02-0042).
b) Auf dem Mobiltelefon befanden sich überdies u.a. zwei durch den Beschuldig-
ten ausgestellte Rechnungen: Mit der Rechnung Nr. 2 vom 21. Dezember 2019
wurde der L. OG für in der Kalenderwoche 49/2019 (2. bis 8. Dezember 2019) in
V./AUT getätigte Trockenbauarbeiten insgesamt ein Betrag von EUR 4'579.19 in
Rechnung gestellt (BA 10.02-0114). Sodann wurde der M. GmbH mit Rechnung
Nr. 3 vom 21. Dezember 2019 für in der Kalenderwoche 50/2019 (9. bis 15. De-
zember 2019) in W./AUT getätigte Trockenbauarbeiten ein Betrag von
EUR 1'392.72 in Rechnung gestellt (BA 10.02-0113).
2.3.4.3 Auswertung Bankunterlagen des Beschuldigten
Im Vorverfahren wurden Bankunterlagen des Beschuldigten rechtshilfeweise ein-
geholt. Daraus ergibt sich namentlich, dass der Beschuldigte am 4. Septem-
ber 2019 das auf ihn lautende AA. Bank Business Girokonto Nr. 4 eröffnete und
hiervon einziger Verfügungsberechtigter war (BA 18.09-0011 f.; -0034 ff.). Aus
den entsprechenden Kontoauszügen (BA 18.09-0048 f.) sind keine Kontobewe-
gungen für den Zeitraum vom 4. bis 12. Dezember 2019 ersichtlich. Gemäss
Auszug vom 20. Januar 2020 wurde mit der zum Konto zugehörigen Karte am
13. Dezember 2019, 13.01 Uhr, in U./AUT ein Bargeldbezug von EUR 200.– ge-
tätigt (siehe S. 1 des genannten Auszuges).
2.3.4.4 Aussagen Beschuldigter
a) Der Beschuldigte stritt während des Vor- und Hauptverfahrens eine Tatbetei-
ligung konstant ab (BA 13.02-0003 Z. 4 ff.; -0140 Z. 21 ff.; TPF 9.731.007). Hin-
sichtlich seines Aufenthaltsortes zum Tatzeitpunkt, gab der Beschuldigte anläss-
lich seiner ersten – im Rahmen des schweizerischen Auslieferungsersuchens
durch die österreichischen Behörden durchgeführten – Einvernahme vom
19. Juni 2020 zu Protokoll, zum Tatzeitpunkt in Rumänien gewesen zu sein. Er
sei im November 2019 dorthin gereist, da sein Vater schwer krank gewesen sei,
und bei diesem bis zu dessen Tod im Januar 2020 geblieben. Die Ortschaft Z.
kenne er nicht (BA 18.01-0033). Bei der Einvernahme durch die Bundesanwalt-
schaft vom 10. August 2020 erklärte er, sich im Dezember 2019 nicht in der
Schweiz aufgehalten zu haben, sondern entweder in Österreich oder in Rumä-
nien gewesen zu sein (BA 13.02-0004 Z. 8 ff.). Zum Tatzeitpunkt sei er wahr-
scheinlich in Rumänien gewesen, um seinen Vater ins Spital zu bringen; er wisse
es aber nicht mehr genau. Jedenfalls habe er sich nicht in der Nähe des Tatorts
- 15 -
SK.2021.45
aufgehalten (BA 13.02-0006 Z. 4 ff.). In der am 11. August 2020 durchgeführten
Einvernahme präzisierte er, dass er von November 2019 bis Januar 2020 in Ru-
mänien gewesen sei. Im Dezember 2019 hätte er aber kurz nach Österreich zu-
rückreisen müssen, um einen Vertrag zu unterschreiben, wobei er sich an die
genauen Daten nicht erinnern könne (BA 13.02-0012). In der Einvernahme vom
20. Oktober 2020 gab er zuerst an, sich am 12. Dezember 2019 in Rumänien
aufgehalten zu haben (BA 13.02-0031 Z. 33 ff.). Auf erneute Frage nach seinem
Aufenthaltsort zum Tatzeitpunkt gab er – nach Vorhalt von ausgewerteten Mobil-
telefondaten (vgl. E. 2.3.4.2a) – zu Protokoll, im Dezember 2019 nach Österreich
zurückgereist zu sein, um Arbeit zu verrichten (BA 13.02-0032 Z. 11 f.). Anläss-
lich seiner Einvernahme an der Hauptverhandlung gab er an, im November 2019
nach Rumänien gereist zu sein. Er sei dann im Dezember – entweder zwischen
dem 5. bis 10. Dezember oder dem 10. bis 15. Dezember – für eine Woche nach
Österreich zurückgekommen, um Verträge für Januar oder Februar 2020 zu un-
terschreiben. Anschliessend sei er wieder nach Rumänien gereist
(TPF 9.731.007).
b) Auf Vorhalt, dass auf einem in Tatortnähe sichergestellten Geissfuss ein DNA-
Profil gesichert werden konnte, welches mit seiner DNA übereinstimme, gab er
zu Protokoll, dass in seinem Unternehmen – einer Trockenbaufirma mit Hauptsitz
in T./D (BA 13.02-0003 Z. 11 ff.; 0015 Z. 1 ff.) – 5 bis 10 Angestellte arbeiten und
diese über verschiedene Werkzeuge verfügen würde. Über den Gebrauch der
verschiedenen Werkzeuge sei nicht Buch geführt worden. Er wisse nicht, wie
seine DNA auf den Geissfuss gekommen sei. Wenn er den Bankomaten aufge-
brochen hätte, hätte er den Geissfuss nicht neben dem Bankomaten zurückge-
lassen (BA 13.02-0006 Z. 11 ff.; -0013 Z. 1 ff.; -0055 Z. 25 f.; -0143 Z. 23). Dabei
betonte er, dass er nie gesagt habe, dass einer seiner Mitarbeiter den Geissfuss
in die Schweiz verbracht haben soll (BA 13.02-0014 Z. 20). Die Frage, ob er für
seine Arbeit Geissfüsse benötige, bejahte er und führte ergänzend aus, diese
zum Entfernen von Metallschienen und Gipsplatten einzusetzen (BA 13.02-0015
Z. 23 ff.). Allenfalls habe er mit diesem Geissfuss gearbeitet (BA 13.02-0148
Z. 31 f.). Diese Aussagen wiederholte er im Wesentlichen anlässlich der Haupt-
verhandlung und präzisierte, dass die meiste Zeit lediglich 4-5 Mitarbeiter für ihn
gearbeitet hätten und sich die Werkzeuge seines Unternehmens an seinem
Wohnsitz in Österreich in einem nicht abschliessbaren Raum befunden hätten
und von jedem hätten behändigt werden können (TPF 9.731.008 ff.).
c) Betreffend das Verhältnis mit dem Mitbeschuldigten F. gab der Beschuldigte
bei seiner ersten in Österreich durchgeführten Einvernahme (vgl. E. 2.3.4.4a) an,
diesen schon seit 2007/2008 aus Rumänien zu kennen. F. hätte eigentlich für ihn
arbeiten sollen, weshalb er ihn an seiner Adresse angemeldet habe; ein Arbeits-
vertrag sei aber nicht zustande gekommen, weil sie sich nicht über den Lohn
hätten einigen können (BA 18.02-0036 f.). Auch bei seiner Einvernahme bei der
Bundeskriminalpolizei vom 10. August 2021 gab er an, F. «seit Langem» zu ken-
nen; sie seien Freunde (BA 13.02-0005 Z. 25 ff.). Anlässlich der gleichentags
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SK.2021.45
durchgeführten Einvernahme als Auskunftsperson präzisierte er, dass es vorge-
sehen gewesen sei, dass F. für ihn hätte arbeiten sollen. Der entsprechende Ar-
beitsvertrag sei zwischen dem Unternehmen des Beschuldigten in Rumänien
und F. abgeschlossen worden. Wegen der Covid-19-Pandemie habe es schluss-
endlich aber nicht geklappt; jedenfalls habe dieser im Dezember 2019 nicht für
ihn gearbeitet (BA 12.05-0003 Z. 25 ff.; -0004 Z. 1). Bei der am Folgetag durch-
geführten Hafteinvernahme relativierte er und gab an, F. seit einigen Jahren über
einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt zu haben; sie seien Kollegen, die
sich gelegentlich treffen würden (BA 13.02-0019 Z. 17 ff.). Dieser hätte für seine
Trockenbaufirma arbeiten sollen, weshalb er einen Arbeitsvertrag mit ihm aufge-
setzt habe (BA 13.02-0020 Z. 1 ff./Z. 7 ff.). Bei der am 17. Februar 2021 durch-
geführten Einvernahme gab er zu Protokoll, F. hätte für ihn gearbeitet und einen
Vertrag gehabt; mehr könne er nicht sagen (BA 13.02-0058 Z. 9 ff./32 f.). Auf
Vorhalt seiner bisherigen Aussagen präzisierte der Beschuldigte in der
Schlusseinvernahme, dass es keinen Vertrag mit F. gegeben habe und der Ver-
trag für das Unternehmen in Rumänien und nicht für das in Deutschland aufge-
setzt worden sei (BA 13.02-0137 Z. 15 ff.). Wieso sich auch die DNA von F. auf
einem der sichergestellten Geissfüsse befunden habe, wisse er nicht bzw. er
könne hierzu nichts sagen (BA 13.02-0021 Z. 5 ff.; -0143 Z. 30 ff.; -0144
Z. 22 ff.). Anlässlich der Hauptverhandlung gab der Beschuldigte schliesslich zu
Protokoll, dass F. das erste Mal Ende 2019 für ca. 2 Wochen nach U./AUT ge-
kommen sei. Da er selbst die ganze Zeit zwischen Rumänien und Österreich hin
und her gefahren sei, habe sich N. – mit welchem er das Unternehmen in T./D
gegründet habe – um F. gekümmert. In dieser Zeit habe F. nur auf Probe gear-
beitet. Erst im Jahr 2020 habe F. einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Wie des-
sen DNA an den in Tatortnähe sichergestellten Geissfuss gekommen sei, wisse
er nicht (TPF 9.731.006; -008 f.).
2.3.4.5 Aussagen F.
F. wurde am 26. März 2021 rechtshilfeweise durch die dänischen Behörden als
beschuldigte Person einvernommen. Er machte von seinem Aussageverweige-
rungsrecht Gebrauch (BA 18.06-0078 ff.; -0082 ff.).
2.3.4.6 Aussagen Auskunftsperson O.
O. wohnte zum Tatzeitpunkt an der G. Strasse [...] in Z. und gab im Vorverfahren
zusammengefasst zu Protokoll, aufgrund eines Knalls in der Nacht vom 12. De-
zember 2019 erwacht zu sein. Aus dem Fenster ihrer Wohnung habe sie zwei
Personen beim Bankomaten feststellen können. Eine Person sei ca. 1.80-1.90 m
gross, die andere ca. 1.65-1.70 m gross gewesen. Aufgrund der Figur und der
Bewegungen letzterer Person gehe sie davon aus, dass es sich bei dieser um
eine Frau gehandelt habe. Werkzeuge habe sie bei den Personen nicht feststel-
len können. Sie habe noch gesehen, wie die Personen vom Bankomaten zu Fuss
in die P. Strasse gerannt seien (BA 12.01-0002 ff.).
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SK.2021.45
2.3.4.7 Aussagen Auskunftsperson Q.
Q. wohnte zum Tatzeitpunkt an der G. Strasse [...] in Z. und gab im Vorverfahren
zu Protokoll, zum Tatzeitpunkt durch die Explosion geweckt worden zu sein. Von
seiner Wohnung aus, habe er zwei Personen gesehen, die zur Seite des Wohn-
blocks gegangen seien; einer davon habe etwas auf der Strasse eingesammelt
und in eine Umhängetasche gesteckt. Anschliessend habe er zwei Lichter bei
der P. Strasse bemerkt. Aufgrund der Bewegungen der Personen glaube er, dass
es sich um jüngere Personen gehandelt habe. Wie gross die Personen gewesen
seien und ob es sich um Männer oder Frauen gehandelt habe, wisse er nicht
(BA 12.04-0002 f.).
2.3.4.8 Aussagen Auskunftsperson R.
R. wohnte zum Tatzeitpunkt an der P. Strasse [...] in Z. und äusserte sich im
Vorverfahren zusammengefasst wie folgt: Am 12. Dezember 2019 habe er in sei-
ner Wohnung um ca. 01.30 Uhr einen Knall gehört. Kurze Zeit später sei er auf
die P. Strasse gegangen. Er habe zwei Personen gesehen, welche zu Fuss die
G. Strasse überquert hätten und in die P. Strasse eingebogen seien. Als diese
auf ihn zugerannt seien, habe er feststellen können, dass eine der beiden Per-
sonen einen Gegenstand in der rechten Hand gehalten und mit einer Geste an-
gedroht habe, ihn damit zu schlagen. Daraufhin sei er erschrocken und zu Boden
gefallen. Anschliessend habe er gesehen, dass die beiden Personen in die
I. Strasse abgebogen seien. Die eine Person sei gross (ca. 1.80-1.85 m), mus-
kulös und sicherlich ein Mann gewesen. Die kleinere Person (ca. 1.70 m) könne
er nicht genau beschreiben (BA 12.02-0002 ff.).
2.3.5 Beweiswürdigung und Beweisergebnis
2.3.5.1 In Bezug auf die Anzahl Täter und deren modus operandi
a) Die Anklage macht geltend, die Tat sei von zwei Personen unter Verwendung
von TATP und zweier Geissfüsse begangen worden. Der Einsatz von TATP ist
erstellt und unbestritten (vgl. E. 2.3.1). Gestützt auf die übereinstimmenden Aus-
sagen der Auskunftspersonen (vgl. E. 2.3.4.6 ff.) gilt überdies als erstellt, dass
die Tat von zwei Tätern begangen worden ist.
b) Umstritten ist hingegen, ob die an der I. Strasse 30 in Z. sichergestellten Werk-
zeuge – namentlich der blaue und schwarze Geissfuss – für die Tat verwendet
worden sind. Diesbezüglich ist relevant, dass gemäss Bericht der Kantonspolizei
St. Gallen vom 22. Januar 2020 das Eigenmaterial der zwei Geissfüsse weder
mikroskopisch noch anhand Infrarotspektren von am Bankomat gesicherten
schwarzen bzw. blauen Lackabrieb unterschieden werden könne, was in hohem
Mass dafür spreche, dass die zwei Geissfüsse in Kontakt mit dem Bankomaten
gekommen seien (vgl. E. 2.3.4.1). Der Bericht, die ihm zugrundeliegende Unter-
suchung und die daraus gezogene Schlussfolgerung erscheinen für das Gericht
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SK.2021.45
nachvollziehbar und in sich stimmig. Die Übereinstimmung bzw. Nichtunter-
scheidbarkeit des Lacks der Geissfüsse mit dem am Bankomaten gesicherten
Lackabrieb stellt ein gewichtiges Indiz dar, dass die beiden Geissfüsse für die
Tat verwendet worden sind. Wie der Verteidiger im Grundsatz zu Recht vorbringt,
kann jedoch lediglich gestützt auf diese Nichtunterscheidbarkeit nicht rechtsge-
nügend bewiesen werden, dass die Geissfüsse mit dem Bankomaten in Kontakt
gekommen sind (TPF 9.721.084 ff.). Vorliegend spricht aber auch der Fundort in
doppelter Hinsicht dafür, dass die Geissfüsse zur Tatausführung verwendet wor-
den sind. So wurden diese nicht nur in unmittelbarer Nähe zum Tatort in einem
Gebüsch sichergestellt, sondern deren Fundort korrespondiert darüber hinaus
auch mit dem Fluchtweg der Täterschaft, welcher gemäss den Aussagen der
Auskunftspersonen von der G. Strasse über die P. Strasse und schliesslich in die
I. Strasse in Richtung des Fundortes der Geissfüsse führte (vgl. E. 2.3.4.6 ff.).
Nach dem Gesagten hat das Gericht keine Zweifel, dass die beiden sicherge-
stellten Geissfüsse zur Ausführung der Tat mitgeführt und verwendet worden
sind.
2.3.5.2 In Bezug auf die Tatbeteiligung des Beschuldigten
Direkte Sach- oder Personalbeweise, dass der Beschuldigte an der Tat beteiligt
war, liegen nicht vor. Mangels direkter Beweise bedarf es somit zum Nachweis
der Täterschaft einer Indizienkette bzw. eines Indizienrings (BEN-
DER/HÄCKER/SCHWARZ, Tatsachenfeststellung vor Gericht, 5. Aufl. 2021,
Rz. 667 ff.), die bzw. der in ihrer bzw. seiner Gesamtheit ein Bild erzeugt, das
Zweifel ausschliesst, dass der Beschuldigte einer der beiden Täter war. Relevant
ist diesbezüglich das Folgende:
a) Der Beschuldigte stritt seine Beteiligung an der Tat im Vorverfahren und in der
Hauptverhandlung konstant ab. Hinsichtlich seines Aussageverhaltens (vgl.
E. 2.3.4.4) gilt zu beachten, dass dieses bereits in Bezug auf seinen Aufenthalts-
ort zum Tatzeitpunkt nicht frei von Widersprüchen ist: Seine in der ersten Einver-
nahme gemachte Aussage, im November 2019 nach Rumänien zu seinem kran-
ken Vater gegangen und bei diesem geblieben zu sein, bis dieser im Januar 2020
verstorben sei, impliziert, dass er sich während des gesamten Zeitraums von No-
vember 2019 bis Januar 2020 in Rumänien aufgehalten hat. Diese Erst-Aussage
steht nicht nur nicht im Einklang mit der Auswertung der erhobenen Sachbeweise
(vgl. nachstehend lit. e), sondern auch nicht mit seinen diesbezüglichen Aussa-
gen in nachfolgenden Einvernahmen, in denen er mit anderer Begründung je-
weils einräumte, im Dezember 2019 nach Österreich zurückgekehrt zu sein (vgl.
E. 2.3.4.4a). Seine Aussagen sind demnach nicht nur nicht widerspruchsfrei,
sondern wirken auch an den Verfahrensstand bzw. an die ihm vorgehaltenen
Beweise angepasst. Letzteres wird durch dessen Aussagen anlässlich der am
20. Oktober 2020 durchgeführten Einvernahme besonders deutlich, hat er seine
damalige Aussage, sich am 12. Dezember 2019 in Rumänien befunden zu ha-
- 19 -
SK.2021.45
ben, erst entsprechend korrigiert bzw. ergänzt, nachdem ihm ausgewertete Mo-
biltelefondaten vorgehalten wurden, welche für den 13. Dezember 2019 eine
Verbindung seines Mobiltelefons mit einem WLAN-Netzwerk in Österreich nach-
weisen (vgl. E. 2.3.4.2a, 2.3.4.4a).
b) Betreffend die Aussagen des Beschuldigten zum Mitbeschuldigten F. (vgl.
E. 2.3.4.4c) fallen erneut die sich darin häufenden Widersprüche auf: Während
er bei seinen ersten Einvernahmen noch angab, diesen seit den Jahren
«2007/2008» bzw. «seit Langem» zu kennen und dieser ein Freund sei, relati-
vierte er bei einer darauffolgenden Einvernahme, dass er diesen erst «seit ein
paar Jahren» kenne und sie Kollegen seien, die sich gelegentlich treffen würden.
Die Aussagen zu dessen (allfälligem) Arbeitsverhältnis mit dem Beschuldigten
weichen sodann erheblich voneinander ab: Bei seiner ersten Einvernahme und
der Schlusseinvernahme gab er zwar noch im Wesentlichen übereinstimmend zu
Protokoll, dass F. – obwohl vorgesehen – nicht für ihn gearbeitet habe und kein
Arbeitsvertrag existiere (BA 18.02-0036 f.; BA 13.02-0137 Z. 15 ff.). Abweichend
hiervon gab er in anderen Einvernahmen an, es habe einen Arbeitsvertrag mit F.
gegeben (BA 12.05-0003 Z. 25 ff.; 13.02-0020 Z. 1 ff.; BA 13.02-0058 Z. 32 f.;
TPF 9.731.009) und dieser habe für ihn gearbeitet (BA 13.02-0058 Z. 32 f.;
TPF 9.731.009). Seine Aussagen sind aber nicht bloss widersprüchlich. Vielmehr
überraschen sie auch deshalb, weil unklar bleibt und vom Beschuldigten nicht
ansatzweise ausgeführt wird, weshalb sich der Beschuldigte nicht daran erinnern
kann oder will, ob – und wenn ja – zu welchem Zeitpunkt eine von ihm als
«Freund» bezeichnete Person für ihn gearbeitet haben soll; dies umso mehr als
es sich beim Unternehmen des Beschuldigten um einen kleinen Betrieb mit we-
nigen Mitarbeitern handelt (vgl. E. 2.3.4.4b). Schliesslich fällt auf, dass der Be-
schuldigte das zu seiner Verteidigung aufgebrachte Alternativszenario, er hätte
allenfalls mit dem Geissfuss gearbeitet und seine DNA sei deshalb darauf zu
finden, nicht näher begründet. Hierzu machte er lediglich geltend, er habe meh-
rere Mitarbeiter gehabt, ohne näher zu begründen, wer aufgrund der konkreten
örtlichen und zeitlichen Umstände die Möglichkeit zur allfälligen Wegnahme des
Geissfusses gehabt hätte. Darüber hinaus will er auch nichts davon wissen, dass
einer seiner Mitarbeiter den Geissfuss in die Schweiz verbracht haben soll (vgl.
E. 2.3.4.4b). Seine entsprechenden Aussagen wirken demnach pauschal und er
erklärt Umstände, die zu seiner Entlastung führen könnten und folglich vernünf-
tigerweise erwartet werden dürfen, ohne näheren Grund nicht. Dies kann im Rah-
men der Würdigung des gesamten Aussageverhaltens des Beschuldigten zu
dessen Lasten gewürdigt werden (Urteile des Bundesgerichts 6B_1009/2017
vom 26. April 2018 E. 1.4.2; 6B_1064/2015 vom 6. September 2016 E. 2.4.1 f.).
c) Die übrigen Personalbeweise sind hinsichtlich der Frage, ob der Beschuldigte
an der Tat beteiligt war oder nicht, weder belastend noch entlastend. Dies gilt –
entgegen dem Vorbringen des Verteidigers (TPF 9.721.058 ff.) – namentlich
auch für die Aussagen der Auskunftsperson O., welche ausführte, dass es sich
bei einer an der Tat beteiligten Person um eine Frau gehandelt habe (vgl.
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SK.2021.45
E. 2.3.4.6). O. sowie die übrigen Auskunftspersonen konnten das Geschehen le-
diglich während eines kurzen Zeitraums aus einer gewissen Entfernung und
überdies nachts, nachdem sie aus dem Schlaf gerissen wurden, beobachten.
Aufgrund dieser äusseren Bedingungen kann nicht ohne Weiteres auf deren Aus-
sagen zu wahrgenommenen Details – namentlich zum Signalement der Täter-
schaft – abgestellt werden. Dass Aussagen zu unter solchen Bedingungen wahr-
genommenen Details ungenau sein können, wird vorliegend durch die unter-
schiedlichen Aussagen der Auskunftspersonen verdeutlicht. Im Übrigen ist die
Präsenz einer Frau als Täterin vorliegend auch deshalb sehr unwahrscheinlich,
weil an den Tatwerkzeugen und am Tatort ausschliesslich männliche DNA gesi-
chert werden konnte (vgl. BA 11.01-0012; -0014; -0018 f.).
d) Als ein sehr gewichtiges Indiz für die Tatbeteiligung des Beschuldigten ist zu
werten, dass gestützt auf die am Geissfuss gesicherten DNA-Spuren ein DNA-
Profil erstellt werden konnte, dessen Hauptprofil mit dem DNA-Profil des Be-
schuldigten übereinstimmt (vgl. E. 2.3.4.1a). Dies beweist für sich allein zwar
nicht, dass der Beschuldigte die Tat ausgeführt oder sich am Tatort befunden
hat. Angesichts des Charakters als Hauptprofil kann und muss hiervon jedoch
abgeleitet werden, dass er im Vergleich zum (nicht interpretierbaren) Nebenpro-
filgeber länger bzw. intensiver und jedenfalls zeitlich später mit dem Gegenstand
Kontakt hatte; eine Sekundärübertragung ist – entgegen dem Vorbringen des
Verteidigers (TPF 9.721.080 ff.) – demnach nicht realistisch (vgl. allgemein zum
Beweiswert von DNA-Hauptprofilen die Urteile des Bundesgerichts 6B_440/2018
vom 4. Juli 2018 E. 1.3 und 6B_496/2010 vom 23. August 2010 E. 3.3.1; aus-
führlich Urteil des Appellationsgericht des Kantons Basel-Stadt SB.2017.51 vom
15. September 2020 E. 5.2.1 mit Hinweisen); dies umso weniger, als sich der
Beschuldigte – im Gegensatz zu der vom Verteidiger zitierten Rechtsprechung
(TPF 9.721.080 f.) – gemäss eigenen Aussagen nicht am Fundort des Geissfus-
ses aufgehalten haben soll sowie weder aktenkundig ist noch behauptet wird,
dass er an Schuppenflechten oder einem ähnlichen Krankheitsbild leidet, wel-
ches einen DNA-Transfer begünstigen würde.
e) Zu beachten ist ferner, dass sich der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt in Öster-
reich im grenznahen Gebiet zur Schweiz aufgehalten hat. Dies wird vom Beschul-
digten und seinem Verteidiger nicht nur selbst eingeräumt (TPF 9.721.065), son-
dern ergibt sich aus den übrigen Akten: So ist erstellt, dass sich das Mobiltelefon
des Beschuldigten am 13. Dezember 2019 um 11.07 Uhr mit dem WLAN «J.»,
welches der sich in W./AUT befindenden – und somit rund 40 km vom Tatort
entfernten – K. GesmbH zugeordnet werden kann, verbunden hat (E. 2.3.4.2a).
Gleichentags um 13.01 Uhr wurde in U./AUT – und somit rund 35 km vom Tatort
entfernt – mit der auf den Beschuldigten lautenden AA. Bank-Karte ein Bargeld-
bezug getätigt (vgl. E. 2.3.4.3). Unter Berücksichtigung, dass das Mobiltelefon
gemäss Aussagen des Beschuldigten nicht von anderen Personen als ihm be-
nutzt worden sei (BA 13.02-0031 Z. 29 f.) und der Beschuldigte einziger Verfü-
gungsberechtigter des zur AA. Bank-Karte zugehörigen Kontos war (vgl.
- 21 -
SK.2021.45
E. 2.3.4.3), lässt sich aus dem Gesagten schliessen, dass sich der Beschuldigte
am 13. Dezember 2019 – und somit einen Tag nach der Tat – in örtlicher Nähe
zum Tatort aufgehalten hat. Aufgrund der sich in den Akten befindenden und vom
Beschuldigten ausgestellten Rechnung (vgl. E. 2.3.4.2b) für im Zeitraum vom
9. bis 15. Dezember 2019 in W./AUT ausgeführte Trockenbauarbeiten, an wel-
chen auch der Beschuldigte persönlich beteiligt war (TPF 9.731.008), ergibt sich,
dass er sich bereits zuvor – namentlich zum Tatzeitpunkt am 12. Dezember 2019
– im grenznahen Gebiet zur Schweiz aufgehalten hat. Diese Nähe zum Tatort
kann zwar – wie der Verteidiger zu Recht vorbringt (TPF 9.721.065) – aufgrund
des Wohnsitzes des Beschuldigten in diesem Gebiet nicht direkt zu dessen Las-
ten gewertet werden. Sie zeigt aber, dass es für ihn aus rein zeitlich-örtlicher
Sicht zumindest möglich gewesen wäre, die Tat zu begehen. Gleichzeitig kann
er aus seinem Aufenthaltsort zum Tatzeitpunkt auch nichts zu seinen Gunsten
ableiten.
f) Der Beschuldigte ist weiter in verschiedenen Staaten Europas (Frankreich, Dä-
nemark, Schweiz, Luxemburg, Belgien) wegen zahlreicher Vermögensdelikte
(Betrug, [Einbruchs-]Diebstahl, Sachbeschädigung) und weiterer Delikte (na-
mentlich Beteiligung an einer kriminellen Organisation, Hausfriedensbruch, Wi-
derhandlung gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz) vorbestraft (näher
E. 3.6.2). In Bezug auf die vorliegend zu beurteilende Tat kann hieraus – wie der
Verteidiger zu Recht vorbringt (TPF 9.721.072) – zwar nichts Konkretes zulasten
des Beschuldigten abgeleitet werden. Die Vorstrafen und das Bewegungsbild
zeichnen jedoch das Bild eines transnational agierenden Straftäters, welcher –
jedenfalls in der Vergangenheit – grosse Mühe bekundet hat, sich an die Rechts-
ordnung zu halten und durch seine Handlungen fremdes Eigentum nicht zu be-
einträchtigen.
g) Schliesslich ist zu erwähnen, dass der Beschuldigte einen engen Kontakt zu
F. und S. pflegte, welche selbst im Verdacht stehen, an mehreren Bankomaten-
sprengungen beteiligt gewesen zu sein. Neben dem bei der Bundesanwaltschaft
hängigen Verfahren gegen F. stehen die beiden auch im Verdacht, einen Banko-
maten in Dänemark gesprengt zu haben. Diesbezüglich ist relevant, dass der
Beschuldigte gemäss eigenen Aussagen F. und S. sein Fahrzeug geliehen habe,
damit diese nach Dänemark haben reisen können (BA 13.02-0038 Z. 21 f.). Dort
wurden sie am 16. Juni 2020 – zusammen mit weiteren Personen – aufgrund des
Verdachts, an der gleichentags in Alsgarde/DNK erfolgten Bankomatenspren-
gung beteiligt gewesen zu sein, von der dänischen Polizei verhaftet (BA 10.02-
0035 f.; 18.05-0025 f.). Aus den Akten ergibt sich, dass zumindest F. deswegen
in Dänemark erstinstanzlich verurteilt worden ist (BA 18.06-0089 ff.). Aktuell ist
zudem bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck/AUT ein Verfahren gegen den Be-
schuldigten, F. und S. hängig. Ihnen wird zur Last gelegt im Rahmen einer krimi-
nellen Vereinigung im Zeitraum von 13. Mai 2020 bis 3. Juni 2020 an mehreren
Orten in Österreich insgesamt vier Bankomaten gesprengt zu haben (BA 18.05-
0001 f.).
- 22 -
SK.2021.45
h) Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die vorgenannten Indizien für das Gericht in
ihrer Gesamtheit ein Bild erzeugen, dass bei objektiver Betrachtung keine Zweifel
bestehen lässt, dass der Beschuldigte eine der beiden an der Tat beteiligten Per-
sonen war. Ausgangspunkt für dieses Beweisergebnis ist das am Tatwerkzeug
gesicherte DNA-Hauptprofil des Beschuldigten, welches bereits einen dringen-
den Tatverdacht begründet. Dieser wird durch das nicht widerspruchsfreie, an-
passende und in relevanten Punkten pauschale Aussageverhalten des Beschul-
digten verstärkt. Unter Berücksichtigung seines Vorlebens und des Umstandes,
dass er sowohl in örtlicher als auch zeitlicher Hinsicht die Möglichkeit zur Tataus-
führung hatte, führen die Indizien in ihrer Gesamtheit für das Gericht letztlich zum
Schluss, dass er an der Tat beteiligt war. Dieses Gesamtbild wird auch dadurch
bestärkt, dass er einen engen Kontakt zu F. und S. pflegte, welche selbst im
Verdacht stehen, an Bankomatensprengungen beteiligt gewesen zu sein. Dass
die übrigen durchgeführten Ermittlungen (namentlich die übrigen Personalbe-
weise [vgl. vorstehend lit. c], der Antennensuchlauf [BA 10.01-0044 f.]; die poli-
zeilichen Verkaufswegabklärungen zu den sichergestellten Geissfüssen
[BA 10.01-0046 ff.]; die Ermittlungen betreffend die am Wohnort des Beschuldig-
ten sichergestellten Gegenstände [BA 10.02-0038; 18.05-0111 ff.; -0134 ff.])
keine belasteten und entlastenden Beweismittel hervorbrachten, ändert daran
nichts.
Das Beweisergebnis wird überdies durch den Umstand gestützt, dass kein Alter-
nativszenario denkbar ist, welches es erlauben würde, am vorliegenden Beweis-
ergebnis ernsthaft zu zweifeln. Angesichts der Neuwertigkeit des zur Tat verwen-
deten blauen Geissfusses und des sich darauf befindenden DNA-Hauptprofils
des Beschuldigten erscheint es – entgegen dem Vorbringen des Verteidigers
(TPF 9.721.074 ff.) – unwahrscheinlich, dass der Beschuldigte im Rahmen seiner
beruflichen Tätigkeit im Trockenbau mit dem zur Tat verwendeten Geissfuss in
Kontakt gekommen ist. Aber selbst wenn dies zutreffen würde, könnte hieraus
nur etwas zu Gunsten des Beschuldigten abgeleitet werden, wenn einer seiner
Mitarbeiter oder eine Drittperson diesen konkreten Geissfuss – in Verletzung der
Eigentums- und Vermögensrechte des Beschuldigten – behändigt und in der
Folge zur Tat verwendet hätte. Diesbezüglich bringt der Verteidiger vor, der
Geissfuss hätte von F. entwendet und zur Tatausführung verwendet werden kön-
nen (TPF 9.721.077 f.). Dies überzeugt nicht, hätte dieser – wie der Beschuldigte
zumindest teilweise geltend macht (vgl. E. 2.3.4.4) – doch das Arbeiten für den
Beschuldigten erst noch aufnehmen sollen, woraus das Gericht folgert, dass die
Geissfüsse nicht aus dem Werkzeugbestand des Unternehmens des Beschul-
digten herrühren. Entgegen den Vorbringen des Verteidigers (TPF 9.721.078 f.)
liegen zum Urteilszeitpunkt sodann auch keinerlei Anhaltspunkte vor, dass die in
Dänemark mit F. angehaltenen Personen – S., BB. oder CC. – die Tat zusammen
mit F. begangen haben sollen. Als mögliche Tatverdächtige verbleiben somit le-
diglich die Mitarbeiter des Beschuldigten. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass
auch in Bezug auf diese Personen keinerlei Anhaltspunkte für eine Tatbeteiligung
- 23 -
SK.2021.45
bestehen. Zudem ist zu beachten, dass der Beschuldigte und seine Mitarbeiter
nicht bloss in einem kleinen Team zusammen arbeiteten, sondern auch gemein-
sam wohnten (BA 13.02-0018 Z. 7/14 ff.), sodass zwischen ihnen nicht nur ein
enges berufliches, sondern auch privates Verhältnis bestand. Dass diese sich im
engsten Umfeld des Beschuldigten befindenden Personen dessen Werkzeuge
behändigten und damit die Tat ausführten, erscheint daher unwahrscheinlich.
Der Beschuldigte will schliesslich auch nichts davon wissen, dass einer seiner
Mitarbeiter den Geissfuss in die Schweiz mitgeführt haben soll (vgl. E. 2.3.4.4b).
2.3.6 Zusammenfassend bestehen für das Gericht keine ernsthaften Zweifel, dass der
Beschuldigte zusammen mit einer weiteren Person bei der Ausführung des an-
geklagten Sachverhalts als Mittäter beteiligt gewesen ist (vgl. E. 2.4.1). Hinsicht-
lich seiner Beteiligung ist in tatsächlicher Hinsicht erstellt, dass er sich zusammen
mit einer anderen Person unter Mitführung zweier Geissfüsse und TATP an den
Tatort begeben und mit dem Tatwerkzeug sowie dem zur Explosion gebrachten
TATP den Bankomaten sowie die Liegenschaft an der G. Strasse 37 in Z. be-
schädigt hat. Anschliessend haben die beiden Personen aus dem Bankomaten
Bargeld im Umfang von Fr. 126'600.– behändigt und damit den Tatort verlassen.
Bei diesem Ergebnis kann offenbleiben, ob der Beschuldigte oder sein Mittäter
die einzelnen Tathandlungen vorgenommen hat, sind ihnen diese doch gegen-
seitig zuzurechnen (vgl. E. 2.2.1).
2.3.7 Hingegen kann dem Beschuldigten gestützt auf die vorliegende Akten- und Be-
weislage nicht nachgewiesen werden, dass er auch an der Planung der Tat be-
teiligt war.
2.4 Rechtliche Würdigung
2.4.1 Mittäterschaft
Der Beschuldigte hat den angeklagten und in tatsächlicher Hinsicht erstellten
Sachverhalt nicht alleine, sondern zusammen mit einer weiteren Person began-
gen. Durch den ihm nachweisbaren und unter E. 2.3.6 umschriebenen Tatbeitrag
wirkte er bewusst und in massgebender Weise mit dem anderen Mittäter zusam-
men. Dies ergibt sich nicht nur daraus, dass er jedenfalls eines der Tatwerkzeuge
mitführte oder verwendete, sondern er mit seiner Anwesenheit am Tatort – un-
abhängig davon, ob er oder die andere Person die tatbestandsmässigen Ausfüh-
rungshandlungen begangen hat – einzig bezweckte, zusammen mit seinem Mit-
täter den Bankomaten zu sprengen und das sich darin befindende Bargeld zu
behändigen. Damit kommt dem Beschuldigten Tatherrschaft zu und er ist als Mit-
täter zu qualifizieren.
- 24 -
SK.2021.45
2.4.2 Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer
Absicht
2.4.2.1 In objektiver Hinsicht ist vorab zu prüfen, ob das vom Beschuldigten in Mittäter-
schaft verwendete TATP als Sprengstoff im Sinne von Art. 224 StGB qualifiziert
werden kann. Angesichts seines Charakters als Selbstlaborat, welches definiti-
onsgemäss nicht gewerblich, sondern privat hergestellt wird, ist TATP vom Aus-
nahmetatbestand von Art. 5 Abs. 2 lit. c SprstG erfasst und gilt demnach nicht
als Sprengstoff im Sinne von Art. 5 Abs. 1 SprstG. Gestützt auf die im Bericht
des Forensischen Institutes Zürich vom 6. März 2020 gemachten Feststellungen
(vgl. E. 2.3.1) ist indes erstellt, dass es sich bei TATP um einen explosionsfähi-
gen Stoff im Sinne des (noch nicht in Kraft getretenen) Vorläuferstoffgesetzes
handelt, d.h. um einen Stoff, der ohne Zufuhr von Luft durch Zündung zur Explo-
sion gebracht werden kann und geeignet ist, dadurch Leib und Leben von Per-
sonen zu gefährden oder Sachen zu zerstören (Art. 2 lit. a [des noch nicht in Kraft
getretenen] VSG; vgl. Votum der Bundesrätin Karin Keller-Sutter im Nationalrat
am 22. September 2020 zum Vorläuferstoffgesetz, AB 2020 N 1749 f.). Wird
TATP als explosionsfähiger Stoff – wie vorliegend – zum Zwecke der Zerstörung
eingesetzt, ist er als Sprengstoff im Sinne von Art. 224 StGB zu qualifizieren. In-
dem der Beschuldigte bzw. sein Mittäter diesen beim in das Wohn- und Ge-
schäftshaus an der G. Strasse in Z. eingebauten Bankomaten zur Explosion
brachte, hat er nicht nur tatsächlich Sachschaden verursacht (vgl. E. 2.3.1). Viel-
mehr wurden – entgegen dem Vorbringen des Verteidigers (TPF 9.721.039 ff.) –
auch Personen in ihrer körperlichen Integrität konkret gefährdet: Aufgrund der
Folgen der durch das zur Explosion gebrachte TATP verursachten Detonations-
welle (vgl. E. 2.3.1) war es wahrscheinlich, dass die sich in unmittelbarer Nähe
zum Detonationspunkt befindenden Anwohner der G. Strasse oder die sich po-
tentiell auf dieser Hauptstrasse bewegenden Strassenbenutzer hätten verletzt
werden können; dies gilt umso mehr, als das TATP nicht vollumfänglich deto-
nierte (BA 10.01-0036). Der objektive Tatbestand von Art. 224 Abs. 1 StGB ist
damit erfüllt.
2.4.2.2 In subjektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschuldigte die mit dem Einsatz
von TATP einhergehende Gefahr gekannt haben muss. Nichtsdestotrotz hat er
zusammen mit seinem Mittäter den Sprengstoff im Sinne von Art. 224 StGB am
Bankomaten, welcher in die Fassade eines Wohnhauses eingebaut war, zur Ex-
plosion gebracht und damit in Kenntnis der Gefahr gehandelt. Damit hat er vor-
sätzlich gehandelt. Überdies hat er in verbrecherischer Absicht gehandelt, indem
er das TATP einzig zur Begehung eines Diebstahls und einer Sachbeschädigung
einsetzte (vgl. E. 2.4.3 f.). Der subjektive Tatbestand ist erfüllt.
2.4.2.3 Im Ergebnis ist der Beschuldigte der Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige
Gase in verbrecherischer Absicht gemäss Art. 224 Abs. 1 StGB schuldig zu spre-
chen.
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SK.2021.45
2.4.3 Qualifizierter Diebstahl
2.4.3.1 Indem der Beschuldigte zusammen mit seinem Mittäter aus dem Bankomaten
Bargeld im Betrag von Fr. 126'600.– behändigte, hat er diese für ihn fremde Sa-
che gegen den Willen der Berechtigten, B. Bank, aus deren Machtbereich ent-
fernt und eigenen Gewahrsam daran begründet. Der objektive Tatbestand von
Art. 139 Ziff. 1 StGB ist damit erfüllt. Einziges Ziel der Handlungen des Beschul-
digten und seines Mittäters war es, das genannte Bargeld zu behändigen und
sich oder einen anderen in diesem Umfang unrechtmässig zu bereichern. Der
Beschuldigte handelte demnach direkt vorsätzlich sowie in Aneignungs- und un-
rechtmässiger Bereicherungsabsicht. Nach dem Gesagten ist auch der subjek-
tive Tatbestand erfüllt.
2.4.3.2 Zu prüfen bleibt, ob der Beschuldigte durch seine bzw. die ihm zurechenbare
Handlungen seines Mittäters eine Qualifikation nach Art. 139 Ziff. 3 StGB erfüllt
hat, namentlich ob er zum Zweck des Diebstahls eine Schusswaffe oder eine
andere gefährliche Waffe mit sich geführt (Art. 139 Ziff. 3 Abs. 3 StGB) oder ob
er sonst wie durch die Art, wie er den Diebstahl begangen hat, seine besondere
Gefährlichkeit offenbart hat (Art. 139 Ziff. 3 Abs. 4 StGB). In tatsächlicher Hin-
sicht ist diesbezüglich relevant, dass der Beschuldigte zusammen mit seinem
Mittäter den Bankomaten mittels mitgeführtem und zur Explosion gebrachtem
TATP und zweier mitgeführten Geissfüssen beschädigt und deformiert hat, um
daraus das vorgenannte Bargeld wegzunehmen (vgl. E. 2.3).
a) Betreffend die Qualifikation gemäss Art. 139 Ziff. 3 Abs. 3 StGB ist vorab fest-
zuhalten, dass die mitgeführten Geissfüsse mangels Bestimmung zum Angriff
und aktiver Verteidigung nicht als andere gefährliche Waffe qualifiziert werden
können (vgl. E. 2.2.3.3; vgl. NIGGLI/RIEDO, a.a.O., Art. 139 StGB N. 149). Das
Mitführen der Geissfüsse führt demnach nicht zur Erfüllung der Qualifikation ge-
mäss Art. 139 Ziff. 3 Abs. 3 StGB. Demgegenüber können Sprengstoff und ex-
plosionsfähige Stoffe in objektiver Hinsicht grundsätzlich als andere gefährliche
Waffen gelten. Ob dies angesichts seiner Eigenschaften auch für TATP gilt, kann
vorliegend mangels Erfüllung des subjektiven Tatbestandes der Qualifikation
offenbleiben. In subjektiver Hinsicht verlangt Art. 139 Ziff. 3 Abs. 3 StGB, dass
der Sprengstoff oder explosive Stoff mit dem eventuellen Vorsatz mitgeführt wird,
ihn gegen einen Menschen zu gebrauchen (vgl. E. 2.2.3.3). Dies kann dem Be-
schuldigten nicht nachgewiesen werden bzw. wird durch den modus operandi
gerade ausgeschlossen: Gestützt auf die vorliegende Akten- und Beweislage
ergibt sich, dass das TATP einzig zur Sprengung und Beschädigung des Banko-
maten mitgeführt wurde; der Einsatz gegen einen Menschen hätte die Tat – nach
dem Plan des Beschuldigten bzw. seines Mittäters – vielmehr erschwert, wenn
nicht sogar verunmöglicht. Mangels des entsprechenden Vorsatzes hat der Be-
schuldigte die Qualifikation gemäss Art. 139 Ziff. 3 Abs. 3 StGB durch das Mit-
führen und den Einsatz von TATP nicht erfüllt.
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SK.2021.45
b) Hinsichtlich der Qualifikation gemäss Art. 139 Ziff. 3 Abs. 4 StGB gilt Folgen-
des: Das Mitführen zweier Geissfüsse, welche zwar objektiv und subjektiv als
(Tat-)Werkzeuge verwendet worden sind, ermöglichte es dem Beschuldigten und
seinem Mittäter, allfällig anzutreffende Menschen ohne grösseren Kraftaufwand
und auf eine gewisse Distanz hin schwer zu verletzen. Bereits dadurch hat er
seine besondere Gefährlichkeit offenbart (vgl. E. 2.2.3.4). Darüber hinaus hat der
Beschuldigte zur Tat auch TATP und folglich einen explosiven Stoff verwendet,
der geeignet ist, einen Menschen schwer zu verletzen. Indem er diesen in unmit-
telbarer Nähe zu einem Wohnhaus mit schlafenden Bewohnern verwendete,
handelte er überdies besonders skrupellos, indem er als Ergebnis seiner Hand-
lungen deren Verletzung in Kauf nahm. Unter Berücksichtigung der gesamten
Tatumstände erfüllt das Handeln des Beschuldigten bzw. die ihm zurechenbaren
Handlungen seines Mittäters die Qualifikation nach Art. 139 Ziff. 3 Abs. 4 StGB.
2.4.3.3 Im Ergebnis ist der Beschuldigte des qualifizierten Diebstahls gemäss Art. 139
Ziff. 1 i.V.m. Ziff. 3 Abs. 4 StGB schuldig zu sprechen.
2.4.4 Qualifizierte Sachbeschädigung
2.4.4.1 Indem der Beschuldigte zusammen mit seinem Mittäter das am Bankomaten an-
gebrachte TATP zur Explosion brachte, hat er den Bankomaten sowie die Lie-
genschaft an der G. Strasse 37 in Z. beschädigt. Mit seinem Handeln verursachte
er Sachschaden am Bankomaten im Umfang von ca. Fr. 36'000.– zum Nachteil
der B. Bank sowie von Fr. 71'274.65 zum Nachteil der Stockwerkeigentümer der
Liegenschaft an der G. Strasse 37 in Z. (vgl. E. 2.3.1). Damit ist ein grosser Scha-
den gemäss Art. 144 Abs. 3 StGB eingetreten. Der objektive Tatbestand ist nach
dem Gesagten erfüllt. Der Beschuldigte handelte überdies vorsätzlich, indem er
den Bankomaten bewusst mittels TATP beschädigte, um an das sich darin be-
findende Bargeld zu gelangen. Dass dabei nicht nur der Bankomat, sondern auch
die Liegenschaft beschädigt wird, hat er als notwendige Folge in seinen Ent-
schluss miteinbezogen. Demnach ist auch der subjektive Tatbestand erfüllt.
2.4.4.2 Im Ergebnis ist der Beschuldigte der qualifizierten Sachbeschädigung gemäss
Art. 144 Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 StGB schuldig zu sprechen.
2.5 Konkurrenz
2.5.1 Die Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht
(Art. 224 Abs. 1 StGB) sowie die qualifizierte Sachbeschädigung (Art. 144 Abs. 1
i.V.m. Abs. 3 StGB) einerseits sowie der qualifizierte Diebstahl (Art. 139 Ziff. 1
i.V.m. Ziff. 3 Abs. 4 StGB) und die qualifizierte Sachbeschädigung (Art. 144
Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 StGB) andererseits stehen vorliegend unbestrittenermassen
in echter Konkurrenz (vgl. ROELLI, a.a.O., Art. 224 StGB N. 12 [zum Verhältnis
zwischen Art. 224 und Art. 144 StGB]; NIGGLI/RIEDO, a.a.O., Art. 139 StGB
N. 228 [zum Verhältnis zwischen Art. 139 und Art. 144 StGB]).
- 27 -
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2.5.2 Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen der Gefährdung durch Sprengstoffe und
giftige Gase in verbrecherischer Absicht (Art. 224 Abs. 1 StGB) und des qualifi-
zierten Diebstahls (Art. 139 Ziff. 1 i.V.m. Ziff. 3 Abs. 4 StGB) machte der Vertei-
diger geltend, dass die im Rahmen von Art. 139 Ziff. 3 Abs. 4 StGB durch die
Verwendung von Sprengstoff offenbarte Gefährlichkeit bereits im Erfolgsunwert
von Art. 224 Abs. 1 StGB enthalten sei, weshalb neben Art. 224 Abs. 1 StGB
ausschliesslich ein Schuldspruch wegen einfachen Diebstahls gemäss Art. 139
Ziff. 1 StGB erfolgen könne (TPF 9.721.093). Die Frage nach dem Verhältnis
zwischen den beiden Delikten muss vorliegend nicht abschliessend geklärt wer-
den. Zwar trifft es zu, dass die Qualifikation von Art. 139 Ziff. 3 Abs. 4 StGB be-
zweckt, besonders gefährliche deliktische Vorgehensweisen, namentlich solche,
die zu einer Gefährdung von Leib und Leben führen, stärker zu bestrafen (NIG-
GLI/RIEDO, a.a.O., Art. 139 StGB N. 175/188) und damit in dieser Hinsicht mit
dem Rechtsgutschutz von Art. 224 Abs. 1 StGB im Kern übereinstimmt. Der Be-
schuldigte hat seine besondere Gefährlichkeit vorliegend jedoch nicht aus-
schliesslich durch den Einsatz des explosiven Stoffs TATP offenbart, sondern
darüber hinaus auch und insbesondere durch das Mitführen zweier Geissfüsse
(vgl. E. 2.4.3.2 b). Jedenfalls die durch das Mitführen der Geissfüsse für Leib und
Leben zusätzlich geschaffene Gefährdung ist vom Unrechtsgehalt von Art. 224
Abs. 1 StGB nicht umfasst, sodass die beiden Delikte vorliegend zueinander in
echter Konkurrenz stehen.
2.5.3 Im Ergebnis stehen sämtliche durch den Beschuldigten erfüllten Delikte in echter
Konkurrenz, weshalb Schuldsprüche wegen Art. 224 Abs. 1, Art. 139 Ziff. 1
i.V.m. Ziff. 3 Abs. 4 und Art. 144 Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 StGB zu erfolgen haben.
3. Strafzumessung
3.1
3.1.1 Das Gericht misst die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu. Es berück-
sichtigt das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der
Strafe auf das Leben des Täters (Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Verschulden wird
nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts,
nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen des Tä-
ters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren
Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden
(Art. 47 Abs. 2 StGB). Das Gesetz führt weder alle in Betracht zu ziehenden Ele-
mente detailliert und abschliessend auf noch regelt es deren exakte Auswirkun-
gen bei der Bemessung der Strafe. Es liegt im Ermessen des Gerichts, in wel-
chem Umfang es die verschiedenen Strafzumessungsfaktoren berücksichtigt
(BGE 134 IV 17 E. 2.1 mit Hinweisen).
- 28 -
SK.2021.45
3.1.2 Die Täterkomponenten (Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB) – die mit der konkreten Straf-
tat nicht im unmittelbaren Tatzusammenhang stehen – sind dabei erst (und nur
einmal) nach der Festlegung der (hypothetischen) Gesamtstrafe für sämtliche
Delikte zu berücksichtigen (Urteile des Bundesgerichts 6B_105/2015 vom 13. Ja-
nuar 2016 E. 1.4.2; 6B_375/2014 vom 28. August 2014 E. 2.6).
3.1.3 Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für
mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der Strafe der
schwersten Straftat, d.h. derjenigen Tat, die mit der schwersten Strafe bedroht
ist, und erhöht sie angemessen (Asperationsprinzip). Es darf jedoch das Höchst-
mass der angedrohten Strafe nicht um mehr als die Hälfte erhöhen. Dabei ist es
an das gesetzliche Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB).
3.2 Der Beschuldigte hat vorliegend mehrere Straftatbestände verwirklicht. Abstrakt
schwerste Tat ist die Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbre-
cherischer Absicht gemäss Art. 224 Abs. 1 StGB; die Strafandrohung für dieses
Delikt lautet Freiheitsstrafe von 1 bis 20 Jahren (Art. 224 Abs. 1 i.V.m. Art. 40
Abs. 2 StGB). Der qualifizierte Diebstahl wird mit Freiheitsstrafe von 6 Monaten
bis zu 10 Jahren (Art. 139 Ziff. 1 i.V.m. Ziff. 3 StGB) und die qualifizierte Sachbe-
schädigung mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe bestraft, wobei
bei Letzterer auf Freiheitsstrafe von 1 bis 5 Jahren erkannt werden kann (Art. 144
Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 StGB). Wie zu zeigen sein wird, kann dem vom Beschuldig-
ten in Bezug auf die qualifizierte Sachbeschädigung begangenen Unrecht nur mit
einer Freiheitsstrafe begegnet werden (vgl. E. 3.4.2), sodass für sämtliche De-
likte eine Freiheitsstrafe auszufällen ist. Die Anwendung des Asperationsprinzips
führt vorliegend innerhalb des abstrakten Strafrahmens von Art. 224 Abs. 1 StGB
zu einer Strafschärfung. Infolge Bindung an das gesetzliche Höchstmass der
Freiheitsstrafe von 20 Jahren (Art. 40 Abs. 2 StGB) darf dieser nicht überschrit-
ten werden.
3.3
3.3.1 Der Ausgangspunkt der Strafzumessung bildet demnach die Gefährdung durch
Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht gemäss Art. 224
Abs. 1 StGB.
3.3.2 Hinsichtlich der objektiven Tatkomponente ist festzuhalten, dass der Beschul-
digte zusammen mit seinem Mittäter um ca. 1.30 Uhr nachts an einem Banko-
maten, welcher in die Fassade eines mehrstöckigen Geschäfts- und Wohnhau-
ses mit ca. 30 Bewohnern (BA 15.03.02-0009) eingebaut war, ein Selbstlaborat
mit TATP zur Explosion brachte. Durch die Explosion entstand ein Sachschaden
von ca. Fr. 107'000.–, was einen sehr grossen Schaden darstellt. Darüber hinaus
hat er die körperliche Integrität der sich im Wohnhaus befindenden Personen
konkret gefährdet. Die Gefährdung war erheblich: Das Selbstlaborat TATP gilt
als nicht handhabungssicher und hochexplosiv und birgt damit angesichts seiner
Instabilität, verminderten Kontrollierbarkeit und hohen Sprengkraft eine grosse
- 29 -
SK.2021.45
Gefahr für Leib und Leben von Personen. Erschwerend kommt hinzu, dass der
Beschuldigte und sein Mittäter die Explosion in unmittelbarer Nähe zu einer Viel-
zahl von schlafenden und damit schutzlosen Personen zur Explosion brachten.
Schliesslich ist festzuhalten, dass der Umgang mit einem Selbstlaborat wie TATP
bzw. den hierfür notwendigen Vorläuferstoffen – anders als mit kommerziellen
Sprengstoffen – weniger intensiv überwacht wird, weshalb diese erst seit relativ
kurzer Zeit vermehrt zur Begehung von Straftaten verwendet werden (vgl. Bot-
schaft zum Bundesgesetz über Vorläuferstoffe für explosionsfähige Stoffe vom
20. November 2019, BBl 2020 161, S. 166 f.). Indem der Beschuldigte und sein
Mittäter für ihre Tat TATP verwendeten, zeigten sie folglich eine gewisse Profes-
sionalität und Dreistigkeit in ihrer Tatausführung, was strafschärfend zu werten
ist. Nach dem Gesagten ist das objektive Tatverschulden als erheblich zu ge-
wichten.
3.3.3 In subjektiver Hinsicht ist zu beachten, dass der Beschuldigte die Tat beging, um
den Bankomaten zu beschädigen und anschliessend an das sich darin befin-
dende Bargeld zu gelangen. Die mit der Verwendung von TATP darüber hinaus
einhergehende Gefahr für fremdes Eigentum sowie für die körperliche Integrität
von Personen hat er zwar als notwendige Folge zur Erreichung seines Ziels in
seinen Entschluss miteinbezogen. Allerdings muss ihm zugutegehalten werden,
dass die Beschädigung der Liegenschaft und die Gefährdung der sich darin be-
findenden Personen nicht das von ihm erstrebte Ziel war. Dies ändert jedoch
nichts daran, dass der Beschuldigte rein egoistisch handelte und zur Erreichung
des von ihm verfolgten Ziels in einer gewissen Skrupellosigkeit die Verletzung
und Gefährdung fremder Rechtsgüter als notwendige Folge seiner Handlungen
akzeptierte. Das subjektive Tatverschulden ist nach dem Gesagten als erheblich
zu werten.
3.3.4 Im Ergebnis ist das Tatverschulden als erheblich zu gewichten. Die gedankliche
Einsatzstrafe ist auf 48 Monate Freiheitsstrafe festzusetzen.
3.4 Diese Strafe ist in Anwendung des Asperationsprinzips – soweit gleichartige Stra-
fen gemäss Art. 49 Abs.1 StGB auszusprechen sind – angemessen zu erhöhen.
Dabei ist in Ergänzung zum vorgenannten Delikt der qualifizierte Diebstahl und
die qualifizierte Sachbeschädigung zu bewerten.
3.4.1 In Bezug auf den qualifizierten Diebstahl ist in objektiver Hinsicht festzuhalten,
dass der Beschuldigte dadurch die B. Bank im Umfang von Fr. 126'600.– ge-
schädigt hat, was ein nicht unerheblicher Deliktsbetrag darstellt. Zur Art und
Weise der Tatausführung kann im Wesentlichen auf das bei der Gefährdung
durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht verwiesen wer-
den (vgl. E. 3.3.2). In Ergänzung hierzu ist zu erwähnen, dass der Beschuldigte
und sein Mittäter nicht nur TATP einsetzten, sondern überdies auch zwei Geiss-
füsse mitführten mit welchen sie allfällig anzutreffende Menschen, namentlich auf
dem Fluchtweg, schwer hätten verletzen können. Zugunsten des Beschuldigten
- 30 -
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ist allerdings zu beachten, dass er diese nicht gegen den ihm auf seinem Flucht-
weg begegneten R. einsetzte (vgl. E. 2.3.4.8). In subjektiver Hinsicht handelte
der Beschuldigte direkt vorsätzlich, war es doch sein Ziel das sich im Geldauto-
maten befindende Geld zu stehlen. Die Tat wäre für ihn – als Inhaber eines Klein-
unternehmens mit regelmässigem Einkommen (vgl. E. 3.6.1) – durchaus ver-
meidbar gewesen. Insgesamt ist das Tatverschulden als nicht mehr leicht bis er-
heblich zu werten. Infolgedessen erscheint eine Asperation um 9 Monate Frei-
heitsstrafe als angemessen.
3.4.2 Hinsichtlich der qualifizierten Sachbeschädigung kann in objektiver Hinsicht auf
das bei der Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherische
Hinsicht Erwähnte verwiesen werden: Danach hat der Beschuldigte zusammen
mit seinem Mittäter einen Sachschaden von ca. Fr. 107'000.– verursacht, was
einen sehr grosser Schaden darstellt (vgl. E. 3.3.2). In subjektiver Hinsicht ist
zwischen dem Schaden am Bankomaten und dem Schaden am Wohn- bzw. Ge-
schäftshaus zu differenzieren: Die Beschädigung des Bankomaten erfolgte direkt
vorsätzlich, um an das sich darin befindende Bargeld zu gelangen. Dass zur Er-
reichung dieses Ziels auch das Gebäude an der G. Strasse 37 in Z. beschädigt
wird, wusste er und hat dies in seinen Tatentschluss miteinbezogen. Das Tatver-
schulden ist insgesamt als nicht mehr leicht bis erheblich zu gewichten. Deshalb
und unter Berücksichtigung, dass die Sachbeschädigung in einem engen Zusam-
menhang zu den vorgenannten Delikten steht, kann dem dadurch begangenen
Unrecht nur mit einer Freiheitsstrafe begegnet werden. Hierbei ist zu beachten,
dass das Tatverschulden teilweise durch die für die Gefährdung durch Spreng-
stoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht auszusprechende Strafe ab-
gegolten ist. Nach dem Gesagten erscheint demnach eine Erhöhung der Frei-
heitsstrafe um weitere 9 Monate angemessen.
3.5 Die hypothetische Gesamtstrafe beträgt somit 66 Monate Freiheitsstrafe.
3.6 Täterkomponente
3.6.1 Der heute 31-jährige Beschuldigte ist rumänischer Staatsangehöriger und in Ru-
mänien aufgewachsen. Gemäss eigenen Angaben wohnte er in den Jahren 2004
bis 2010 in der Nähe von Paris/F. Dort habe er die Schule besucht sowie das
Gymnasium und eine Ausbildung als Pfleger abgeschlossen. Er habe anschlies-
send u.a. als Schweisser gearbeitet und schliesslich in die Trockenbau-Branche
gewechselt (BA 13.02-0016; TPF 9.731.002 ff.). Vor seiner Verhaftung war er In-
haber eines in dieser Branche tätigen Unternehmens mit Sitz in T./D, welches
verschiedene Aufträge in Deutschland, Österreich und Rumänien ausführte
(TPF 9.731.004). Dadurch habe er für sich ein monatliches Einkommen von
ca. EUR 2'000.– bis 3'000.– generiert (BA 13.02-0017). Er habe Steuerschulden
im Umfang von ca. EUR 3'000.– bis 4'000.–; Vermögen habe er – mit Ausnahme
seiner zwei Fahrzeuge – keines (BA 13.02-0017; TPF 9.731.004). Der Beschul-
digte ist ledig und kinderlos. Er ist nicht unterhalts- oder unterstützungspflichtig,
- 31 -
SK.2021.45
unterstützt gemäss eigenen Angaben aber seine in Rumänien lebende Gross-
mutter finanziell (BA 13.02-0001; -0017; TPF 9.731.004).
3.6.2 Der Beschuldigte ist mehrfach vorbestraft: In Frankreich wurde er mit Urteil vom
23. April 2009 wegen im April 2009 begangener Beteiligung an einer kriminellen
Organisation sowie Widerhandlung gegen das französische Waffen- und Betäu-
bungsmittelgesetz zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 8 Monaten verurteilt.
Anschliessend wurde er am 19. Januar 2010 wegen im Oktober 2009 begange-
nem Betrug zu einer Freiheitsstrafe von 2 Monaten, am 7. Juni 2010 wegen im
Jahr 2010 begangener Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zu ei-
ner Freiheitsstrafe von 8 Monaten und am 20. Januar 2012 wegen im Novem-
ber 2009 begangenem Betrug zu einer Freiheitsstrafe von 4 Monaten verurteilt
(BA 17.02-0011 f.). Sodann wurde er in Dänemark mit Urteil vom 24. Mai 2013
wegen Diebstahls zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 3 Monaten verurteilt
(BA 17.02-0022; -0037). Anschliessend wurde er in der Schweiz mit Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft Sursee vom 3. Dezember 2013 wegen im Oktober 2013
begangener rechtswidriger Einreise sowie Diebstahls, Sachbeschädigung und
Hausfriedensbruchs zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je
Fr. 30.– verurteilt (TPF 9.231.1.002). Überdies hat er Vorstrafen in Luxemburg:
Mit Urteil vom 21. Januar 2016 wurde er wegen in der Zeit von Dezember 2013
bis Januar 2014 begangenen 11-fachen vollendeten sowie 5-fachen versuchten
Einbruchsdiebstahls sowie wegen Geldwäscherei zu einer Freiheitsstrafe von
30 Monaten verurteilt (BA 17.02-0040). Schliesslich wurde er in Belgien mit Urteil
vom 25. Juni 2015 wegen versuchten Diebstahls zu einer bedingten Freiheits-
strafe von 1 Monat, mit Urteil vom 30. April 2019 (bzw. erstinstanzlich mit Urteil
vom 8. März 2017) wegen Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz zu
einer Busse und mit Urteil vom 4. Oktober 2019 wegen vollendeten und versuch-
ten Diebstahls zu einer Freiheitsstrafe von 10 Monaten und einer Busse verurteilt
(BA 18.07-0010 f.).
3.6.3 Diese Vorstrafen sind stark straferhöhend zu berücksichtigen. Sie zeigen, dass
der Beschuldigte mehrfach einschlägig in mehreren Staaten Europas vorbestraft
ist. Auch wenn der Beschuldigte sich überdies durch die mehrfache Verurteilung
zu teilweisen hohen Freiheitsstrafen nachweislich nicht hat beeindrucken lassen,
darf nicht übersehen werden, dass er seine diesbezügliche Schuld durch den
Vollzug der Strafen gesühnt und die Delikte heute bis zu 12 Jahre zurückliegen.
Im Übrigen sind die persönlichen Verhältnisse und das Vorleben neutral zu ge-
wichten.
3.6.4 Der Beschuldigte zeigte sich im Strafverfahren weder geständig noch liess er
Einsicht und Reue erkennen (vgl. E. 2.3.4.4), was neutral zu werten ist.
3.6.5 Die Täterkomponente gibt nach dem Gesagten Anlass zu einer Erhöhung der
Freiheitsstrafe um insgesamt 8 Monate. Strafmilderungsgründe liegen nicht vor.
- 32 -
SK.2021.45
3.7 Unter Würdigung aller Umstände und Strafzumessungsfaktoren ist für die vorge-
nannten Delikte eine Gesamtfreiheitsstrafe von 74 Monaten verschuldens- und
täterangemessen. Die Strafe ist zu vollziehen (Art. 42 ff. StGB e contrario).
3.8 Der Beschuldigte befand sich seit dem 19. Juni 2020 bis zum Urteilsdatum in Haft
(BA Rubrik 06.003). Die ausgestandene Haft von 552 Tagen (19. Juni 2020 bis
22. Dezember 2021) ist auf den Vollzug der Freiheitsstrafe anzurechnen
(Art. 51 StGB).
3.9 Für den Vollzug der Freiheitsstrafe ist der Kanton St. Gallen zuständig (Art. 74
Abs. 1 lit. b und Abs. 2 StBOG i.V.m. Art. 31 Abs. 1 StPO).
4. Landesverweisung
4.1 Der Beschuldigte ist rumänischer Staatsangehöriger und verfügt nicht über eine
schweizerische Staatsbürgerschaft. Es ist folglich die Anordnung einer Landes-
verweisung gemäss Art. 66a ff. StGB zu prüfen.
4.2
4.2.1 Gemäss Art. 66a Abs. 1 StGB verweist das Gericht den Ausländer, der wegen
einer im Gesetz aufgezählten Katalogtat verurteilt wird, unabhängig von der Höhe
der Strafe für 5 bis 15 Jahre des Landes. Art. 139 Ziff. 3 StGB und Art. 224
Abs. 1 StGB bilden solche Katalogtaten (Art. 66a Abs. 1 lit. c und i StGB), für die
das Gesetz die obligatorische Landesverweisung vorsieht.
4.2.2 Gemäss Art. 66a Abs. 2 StGB kann das Gericht ausnahmsweise von einer Lan-
desverweisung absehen, wenn diese für den Ausländer einen schweren persön-
lichen Härtefall bewirken würde und die öffentlichen Interessen an der Landes-
verweisung gegenüber den privaten Interessen des Ausländers am Verbleib in
der Schweiz nicht überwiegen. Dabei ist der besonderen Situation von Auslän-
dern Rechnung zu tragen, die in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind.
Die Härtefallklausel dient der Umsetzung des verfassungsmässigen Verhältnis-
mässigkeitsprinzips gemäss Art. 5 Abs. 2 BV (BGE 145 IV 364 E. 3.2; 144 IV 332
E. 3.1.2). Sie ist restriktiv anzuwenden (BGE 146 IV 105 E. 3.4.2; 144 IV 332
E. 3.3.1). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung lässt sich zur Prüfung
des Härtefalls im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB der Kriterienkatalog der Be-
stimmung über den «schwerwiegenden persönlichen Härtefall» in Art. 31 Abs. 1
der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit vom 24. Okto-
ber 2007 (VZAE; SR 142.201) heranziehen. Zu berücksichtigen sind namentlich
der Grad der (persönlichen und wirtschaftlichen) Integration, die Beachtung der
öffentlichen Sicherheit und Ordnung, die Respektierung der Werte der Bundes-
verfassung, die Sprachkompetenzen, die Teilnahme am Wirtschaftsleben oder
am Erwerb von Bildung und die familiären Bindungen des Ausländers in der
Schweiz beziehungsweise in der Heimat (BGE 146 IV 105 E. 3.4.1; Urteil des
- 33 -
SK.2021.45
Bundesgerichts 6B_780/2020 vom 2. Juni 2021 E. 1.3.1). Da die Landesverwei-
sung strafrechtlicher Natur ist, sind auch strafrechtliche Elemente wie die Aus-
sichten auf soziale Wiedereingliederung des Täters in die Interessenabwägung
miteinzubeziehen (BGE 144 IV 332 E. 3.3.2; Urteil des Bundesgerichts
6B_780/2020 vom 2. Juni 2021 E. 1.3.1). Die aufgrund des Freizügigkeitsabkom-
mens (FZA; SR 0.142.112.681) eingeräumten Rechte dürfen nach Art. 5 Abs. 1
Anhang I FZA nur durch Massnahmen, die aus Gründen der öffentlichen Ord-
nung, Sicherheit und Gesundheit gerechtfertigt sind, eingeschränkt werden. Bei
der strafrechtlichen Landesverweisung ist deshalb – soweit Staatsangehörige
der Mitgliedstaaten der Europäischen Union betroffen sind – im konkreten Ein-
zelfall zu prüfen, ob die Massnahme zum Schutze der öffentlichen Ordnung und
Sicherheit verhältnismässig ist (BGE 145 IV 364 E. 3.5, 3.9; Urteil des Bundes-
gerichts 6B_445/2021 vom 6. September 2021 E. 2).
4.3 Beim Beschuldigten liegt kein Härtefall vor: Er ist weder in der Schweiz geboren
noch aufgewachsen. Er hat nie in der Schweiz gewohnt und verfügt hier über
keine Verwandte und Freunde (TPF 9.731.003). Darüber hinaus ging er nie einer
Erwerbstätigkeit in der Schweiz nach (vgl. TPF 9.731.004). Auch sonst verfügt er
über keinerlei Bezug zur Schweiz. Nach dem Gesagten sind keine Gründe per-
sönlicher Natur, die gegen die Anordnung der Landesverweisung sprechen könn-
ten, ersichtlich und solche werden seitens des Beschuldigten auch nicht vorge-
bracht; eine Landesverweisung ist überdies verhältnismässig.
4.4 Der Beschuldigte ist demnach des Landes zu verweisen. Angesichts des Vorlie-
gens zweier Katalogtaten (vgl. E. 2.4.2 f.), der Schwere des Verschuldens (vgl.
E. 3.3 f.) sowie der mehrfachen Vorbestrafung des Beschuldigten (vgl. E. 3.6.2)
ist die Landesverweisung auf die Dauer von 10 Jahren festzulegen.
4.5 Der Antrag der Bundesanwaltschaft, die Landesverweisung im Schengener In-
formationssystem anzuordnen (vgl. TPF 9.721.005), ist abzuweisen. Eine solche
ist für Bürger der Europäischen Union – wie vorliegend dem Beschuldigten als
rumänischer Staatsangehöriger – nicht zulässig (siehe Art. 2 i.V.m. Art. 3 lit. d
der Verordnung [EG] Nr. 1987/2006 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung, den Betrieb und die Nutzung
des Schengener Informationssystems der zweiten Generation [SIS-II-Verord-
nung; ABl. L 381 vom 28. Dezember 2006, S. 4]; vgl. zur Verbindlichkeit dieser
Verordnung für die Schweiz das Urteil des Bundesgerichts vom 6B_572/2019
vom 8. April 2020 E. 3.2.1).
4.6 Für den Vollzug der Landesverweisung ist der Kanton St. Gallen zuständig
(Art. 74 Abs. 1 lit. gbis und Abs. 2 StBOG i.V.m. Art. 31 Abs. 1 StPO).
- 34 -
SK.2021.45
5. Zivilklagen
5.1 Rechtliches
5.1.1 Die geschädigte Person kann zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat als Pri-
vatklägerschaft adhäsionsweise im Strafverfahren geltend machen (Art. 122
Abs. 1 StPO). Wer von Gesetzes wegen in die Ansprüche der geschädigten Per-
son eingetreten ist, ist nur zur Zivilklage berechtigt und hat nur jene Verfahrens-
rechte, die sich unmittelbar auf die Durchsetzung der Zivilklage beziehen
(Art. 121 Abs. 2 StPO). Art. 121 Abs. 2 StPO ist auf kantonale Gebäudeversiche-
rungen anwendbar, wenn die Subrogation in die Rechte der versicherten Person
ausdrücklich vorgesehen ist (MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, Basler Kommentar,
2. Aufl. 2014, Art. 121 StPO N. 13). Die in der Zivilklage geltend gemachte For-
derung ist zu beziffern und, unter Angabe der angerufenen Beweismittel, kurz
schriftlich zu begründen; Bezifferung und Begründung haben spätestens im Par-
teivortrag zu erfolgen (Art. 123 StPO). Das Gericht entscheidet über die anhängig
gemachte Zivilklage, wenn es die beschuldigte Person schuldig spricht oder frei-
spricht und der Sachverhalt spruchreif ist (Art. 126 Abs. 1 StPO). Die Zivilklage
wird u.a. auf den Zivilweg verwiesen, wenn die Privatklägerschaft ihre Klage nicht
hinreichend begründet oder beziffert hat (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO).
5.1.2 Nach allgemeinen zivilprozessualen Grundsätzen hat die Schadenersatz bean-
spruchende Partei den Schaden zu beweisen (Art. 8 ZGB). Inwieweit Tatsachen
zu behaupten und zu substantiieren sind, ergibt sich einerseits aus den Tatbe-
standsmerkmalen der angerufenen Norm und anderseits aus dem prozessualen
Verhalten der Gegenpartei (BGE 127 III 365 E. 2b; Urteil des Bundesgerichts
4A_443/2017 vom 30. April 2018 E. 2). Eine Tatsachenbehauptung braucht nicht
alle Einzelheiten zu enthalten; es genügt, wenn die Tatsache in einer den Ge-
wohnheiten des Lebens entsprechenden Weise in ihren wesentlichen Zügen
oder Umrissen behauptet worden ist. Immerhin muss die Tatsachenbehauptung
so konkret formuliert sein, dass ein substantiiertes Bestreiten möglich ist oder der
Gegenbeweis angetreten werden kann (BGE 136 II 322 E. 3.4.2; 127 III 365
E. 2b). Bestreitet der Prozessgegner das an sich schlüssige Vorbringen der be-
hauptungsbelasteten Partei, kann diese gezwungen sein, die rechtserheblichen
Tatsachen nicht nur in den Grundzügen, sondern so umfassend und klar darzu-
legen, dass darüber Beweis abgenommen werden kann (BGE 127 III 365 E. 2b;
Urteil des Bundesgerichts 4A_588/2011 vom 3. Mai 2012 E. 2.2.1). Auch im Ad-
häsionsprozess bleibt es der geschädigten Person überlassen, ob und in wel-
chem Umfang sie einen Anspruch geltend machen will. Sie muss ihre Ansprüche
selbst geltend machen und trägt dafür die Beweislast. Ihre Behauptungs-, Sub-
stantiierungs- und Beweisführungslast ist aber dadurch gemindert, dass sie von
den Ergebnissen der Strafuntersuchung profitieren und darauf verweisen kann.
Das Strafgericht hat sich im Zivilpunkt auch auf die im Strafverfahren getroffenen
tatsächlichen Feststellungen zu stützen. Sachverhalte, welche für die Straftat
nicht wesentlich sind und deshalb nicht durch die Strafbehörden ermittelt wurden,
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SK.2021.45
hat die Privatklägerschaft hingegen zu substantiieren, d.h. detailliert darzulegen,
und zu beweisen. Ungenügende Begründung führt dazu, dass die Zivilklage auf
den Zivilweg verwiesen wird (DOLGE, Basler Kommentar, 2. Aufl., 2014,
Art. 122 StPO N. 22; LIEBER, Zürcher Kommentar, 3. Aufl., 2020, Art. 122 StPO
N. 4 ff.).
5.2 Zivilklage der C. AG
5.2.1 Die C. AG machte mittels am 3. November 2020 ausgefüllten Formular «Erklä-
rung betreffend Privatklage» eine Zivilforderung in der Höhe von Fr. 12'721.– gel-
tend (BA 15.03.3-0008). Eine Begründung für ihre Zivilforderung reichte sie nicht
ein (vgl. BA 15.03.3-0001 ff.). Aus den Akten ergibt sich lediglich, dass die C. AG
der B. Bank aufgrund des Vorfalls am 12. Dezember 2019 in Z. eine Entschädi-
gung von Fr.11'961.60 bezahlt hat (BA 15.03-0012). Der Beschuldigte anerkennt
die Zivilklage nicht (TPF 9.731.010). Der amtliche Verteidiger beantragte die Ab-
weisung der Zivilklage (TPF 9.721.096).
5.2.2 Die in der Zivilklage geltend gemachte Forderung wurde nach dem Gesagten
zwar beziffert, jedoch nicht begründet. Unklar bleibt insbesondere, ob die C. AG
neben dem Beschuldigten auch F. in Anspruch nehmen will, ist doch auch Letz-
terer auf dem Formular «Erklärung betreffend Privatklage» erwähnt. Im Übrigen
legt sie weder genügend substantiiert dar, dass sie in die Ansprüche der geschä-
digten Partei eingetreten ist, noch auf welche zivilrechtliche Anspruchsgrundlage
sich ihre Klage stützen soll. Namentlich wird das Vorliegen der Haftungsvoraus-
setzungen von Art. 41 Abs. 1 OR weder behauptet noch begründet. Die Zivilklage
der C. AG ist demnach mangels hinreichender Begründung auf den Zivilweg zu
verweisen (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO).
5.3 Zivilklage der D. Versicherung
5.3.1
5.3.1.1 Die D. Versicherung begründet die in ihrem Namen geltend gemachte Forderung
mit einem Anspruch aus Art. 41 OR, welcher gemäss Art. 51 des Gesetzes über
die Gebäudeversicherung des Kantons St. Gallen vom 26. Dezember 1960
(GVG; sGS 873.1) im Umfang der von ihr geleisteten Entschädigung auf sie über-
gegangen sei. Die Forderung beziffert sie mit Fr. 57'641.55, zuzüglich 5 % Zins
seit 10. Dezember 2020, und macht geltend, es handle sich hierbei um den Scha-
den, welcher durch den Beschuldigten am 12. Dezember 2019 am Grundstück
an der G. Strasse 37 in Z. infolge Verwendung von Sprengstoff verursacht wor-
den und mittels Schlusszahlung vom 10. Dezember 2020 den Eigentümern
durch die D. Versicherung ersetzt worden sei (TPF 9.554.001 f.). Der Beschul-
digte anerkennt die Zivilklage nicht (TPF 9.731.010). Der amtliche Verteidiger
beantragte die Abweisung der Zivilklage (TPF 9.721.096).
- 36 -
SK.2021.45
5.3.1.2 Aus den Akten ergibt sich, dass die D. Versicherung den Eigentümern des vor-
genannten Grundstücks mittels Schlusszahlung vom 10. Dezember 2020 für den
eingetretenen und ausgewiesenen Sachschaden eine Entschädigung im Betrag
von Fr. 57'641.55 geleistet hat (TPF 9.554.013 f.). In diesem Umfang zuzüglich
des beantragten Zinses von 5 % seit 10. Dezember 2020 (JAUN, 6. Kapitel: Scha-
densfall, Abschnitt 6: Regress, in: Glaus/Honsell [Hrsg.], Gebäudeversicherung,
Systematischer Kommentar, Basel, S. 339 f. N. 108) ist sie zur adhäsionsweisen
Geltendmachung privatrechtlicher Ansprüche legitimiert (Art. 121 Abs. 1 StPO
i.V.m. Art. 51 OR und Art. 51 GVG). Die übrigen Haftungsvoraussetzungen von
Art. 41 Abs. 1 OR ergeben sich ohne Weiteres gestützt auf die im Strafverfahren
gemachten tatsächlichen Feststellungen: Danach war es der Beschuldigte, wel-
cher am 12. Dezember 2019, den Schaden verursacht hat bzw. daran beteiligt
war und somit passivlegitimiert ist (vgl. E. 2.3.5 f.). Der Beschuldigte wurde we-
gen den zum Sachschaden führenden Handlungen u.a. der qualifizierten Sach-
beschädigung (Art. 144 Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 StGB) schuldig gesprochen (vgl.
E. 2.4.4); die Widerrechtlichkeit und Kausalität sind demnach gegeben. Da er
zum Zeitpunkt der schädigenden Handlung urteilsfähig (Art. 16 ZGB) war und die
Handlung überdies vorsätzlich beging (vgl. E. 2.4.4.1), liegt auch Verschulden
vor. Der Beschuldigte ist demnach zu verpflichten, der D. Versicherung Scha-
denersatz von Fr. 57'641.55, zuzüglich 5 % Zins seit 10. Dezember 2020, zu be-
zahlen.
5.3.2
5.3.2.1 Darüber hinaus macht die D. Versicherung geltend, der Beschuldigte sei zu ver-
pflichten, der Feuerwehr E. Schadenersatz im Umfang von Fr. 1'305.– zu bezah-
len. In Ergänzung zum Vorgenannten verweist sie zur Begründung dieses An-
spruchs auf Art. 41 Abs. 1 des Gesetzes über den Feuerschutz des Kantons
St. Gallen vom 28. Januar 2020 (FSG, sGS 871.1) und macht geltend, die Feu-
erwehr könne für ihre Auslagen Regress nehmen, wenn der Feuerwehreinsatz
vorsätzlich oder grobfahrlässig verursacht worden sei (TPF 9.554.001 f.). Der
Beschuldigte anerkennt die Zivilklage nicht (TPF 9.731.010). Der amtliche Ver-
teidiger beantragte die Abweisung der Zivilklage (TPF 9.721.096).
5.3.2.2 Unabhängig der Frage, ob die Regressforderung nach Art. 41 Abs. 1 FSG über-
haupt adhäsionsweise durch die D. Versicherung im Strafverfahren geltend ge-
macht werden kann, ist die Zivilklage in diesem Punkt mangels substantiierter
Begründung auf den Zivilweg zu verweisen: Die Begründung der Privatkläger-
schaft beschränkt sich auf eine Paraphrasierung des (zum Tatzeitpunkt noch
nicht in Kraft gewesenen) Art. 41 Abs. 1 FSG. Ob der Beschuldigte durch seine
Handlungen einen Feuerwehreinsatz verursacht hat, war indes nicht Gegenstand
des vorliegenden Strafverfahrens. Folglich wäre es an der Privatklägerschaft ge-
wesen, sämtliche anspruchsbegründenden Tatsachen zu substantiieren und zu
beweisen. Mangels eines solchen Vorbringens ist die Zivilklage in diesem Punkt
auf den Zivilweg zu verweisen (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO).
- 37 -
SK.2021.45
6. Verfahrenskosten
6.1 Die Verfahrenskosten setzen sich zusammen aus den Gebühren zur Deckung
des Aufwands und den Auslagen im konkreten Straffall (Art. 422 Abs. 1 StPO;
Art. 1 Abs. 1 des Reglements des Bundesstrafgerichts vom 31. August 2010 über
die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in Bundesstrafverfahren [BStKR;
SR 173.713.162]). Die Gebühren sind für die Verfahrenshandlungen geschuldet,
die im Vorverfahren von der Bundeskriminalpolizei und von der Bundesanwalt-
schaft sowie im erstinstanzlichen Hauptverfahren von der Strafkammer des Bun-
desstrafgerichts durchgeführt oder angeordnet worden sind (Art. 1 Abs. 2
BStKR). Die Höhe der Gebühr richtet sich nach Bedeutung und Schwierigkeit der
Sache, der Vorgehensweise der Parteien, ihrer finanziellen Situation und dem
Kanzleiaufwand (Art. 5 BStKR); sie bemisst sich nach Art. 6 und Art. 7 BStKR.
Die Auslagen umfassen die vom Bund vorausbezahlten Beträge, namentlich die
Kosten für die amtliche Verteidigung, Übersetzungen, Gutachten, Mitwirkung an-
derer Behörden, Porti, Telefonspesen und andere entsprechende Kosten
(Art. 422 Abs. 2 StPO; Art. 1 Abs. 3 BStKR).
6.2
6.2.1 Die Bundesanwaltschaft macht für das Vorverfahren eine Gebühr von
Fr. 20'000.– geltend. Die Gebühr liegt innerhalb des gesetzlichen Gebührenrah-
mens von Art. 6 Abs. 3 lit. b und Abs. 4 lit. c BStKR und ist angemessen.
6.2.2 Die Bundesanwaltschaft bezifferte die auferlegbaren Auslagen mit Fr. 15'345.55.
Die Auslagen sind ausgewiesen (BA 24.01-0001 ff.; -0083 f.) und stehen im Zu-
sammenhang mit den Untersuchungshandlungen (Art. 422 Abs. 2 StPO). Die üb-
rigen Auslagen in der Höhe von Fr. 75'048.35 (Haft-, Transport-, Gesundheits-
und Übersetzungskosten) sind nicht auferlegbar und werden von der Bundesan-
waltschaft zu Recht nicht in Rechnung gestellt.
6.2.3 Im Hauptverfahren vor dem Kollegialgericht beträgt die Gebühr Fr. 1'000.– bis
Fr. 100'000.– (Art. 7 lit. b BStKR). Unter Berücksichtigung der in E. 6.1 erwähnten
Kriterien wird die Gerichtsgebühr auf Fr. 4'000.– festgesetzt.
6.2.4 Die Dolmetscherkosten des Gerichts von insgesamt Fr. 2'109.–
(TPF 9.891.001 ff.) können dem Beschuldigten nicht auferlegt werden (Art. 426
Abs. 3 lit. b StPO).
6.2.5 Nach dem Gesagten betragen die Verfahrenskosten (ohne Kosten der amtlichen
Verteidigung; hierzu E. 8) insgesamt Fr. 39'345.55.
6.3 Die Verfahrenskosten werden dem Beschuldigten angesichts des Verfahrens-
ausgangs vollumfänglich auferlegt (Art. 426 Abs. 1 Satz 1 StPO).
- 38 -
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7. Entschädigung der beschuldigten Person
Angesichts des Verfahrensausgangs hat der Beschuldigte weder einen Anspruch
auf Entschädigung noch Genugtuung (Art. 429 Abs. 1 StPO e contrario).
8. Entschädigung der amtlichen Verteidigung
8.1 Die Entschädigung der amtlichen Verteidigung wird in Bundesstrafverfahren
nach dem Anwaltstarif des Bundes festgesetzt (Art. 135 Abs. 1 StPO). Die An-
waltskosten umfassen das Honorar und die notwendigen Auslagen, namentlich
für Reise, Verpflegung und Unterkunft sowie Porti und Telefonspesen (Art. 11
Abs. 1 BStKR). Das Honorar wird nach dem notwendigen und ausgewiesenen
Zeitaufwand bemessen. Der Stundenansatz beträgt mindestens 200 und höchs-
tens 300 Franken (Art. 12 Abs. 1 BStKR). Die Auslagen werden im Rahmen der
Höchstansätze aufgrund der tatsächlichen Kosten vergütet (Art. 13 BStKR).
Nach Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO hat die beschuldigte Person, welche zu den
Verfahrenskosten verurteilt wird, dem Bund die Entschädigung der amtlichen
Verteidigung zurückzuzahlen, sobald es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse erlau-
ben.
8.2 Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, Fürsprecher André Vogelsang,
macht in seiner Kostennote einen Aufwand von 103.19 Stunden zu einem Stun-
denansatz von Fr. 230.– (Arbeitszeit) sowie einen Aufwand von 16.5 Stunden zu
einem Stundenansatz von Fr. 200.– (Reise- und Wartezeit), insgesamt
Fr. 27'033.70 (exkl. MWST), und Auslagen von Fr. 974.– (exkl. MWST), ausma-
chend total Fr. 30'164.30 (inkl. 7.7 % MWST), geltend (TPF 9.821.004 ff.).
8.3 Das beantragte Honorar erscheint angemessen, mit folgender Korrektur: Für die
Teilnahme an der Hauptverhandlung inkl. Nachbesprechung machte der Vertei-
diger einen (geschätzten) Aufwand von insgesamt 10 Stunden geltend. Tatsäch-
lich hat die Hauptverhandlung, inkl. dem für die Nachbesprechung praxisgemäss
auf 1 Stunde festzusetzenden Aufwand, 11 Stunden gedauert. Die Entschädi-
gung ist folglich um 1 Stunde zu einem Stundenansatz von Fr. 230.– sowie der
entsprechenden MWST zu erhöhen.
8.4 Im Ergebnis wird die von der Eidgenossenschaft an Fürsprecher André Vogel-
sang auf Fr. 30'412.– (inkl. MWST) festgesetzt.
Der Beschuldigte hat der Eidgenossenschaft hierfür Ersatz zu leisten, sobald es
seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben.
- 39 -
SK.2021.45
9. Entschädigung der Privatklägerschaft
Die Privatklägerschaft hat keine Entschädigung beantragt; eine solche ist ihr so-
mit nicht zuzusprechen (Art. 433 Abs. 2 StPO).
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