Decision ID: 6a2a2bf3-cee1-46c3-a938-9cf7c6493c66
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Gefährdung des Lebens
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Meilen vom 22. Oktober 2019 (DG190006)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 11. März
2019 (Urk. 24) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 88 S. 19)
1. Der Beschuldigte A._ ist nicht schuldig und wird vom Vorwurf der  des Lebens nach Art. 129 StGB freigesprochen.
2. Die mit Verfügung des Zwangsmassnahmengerichts des Bezirksgerichts Zü-
rich vom 27. Oktober 2018 angeordneten und mit Verfügung des Zwangs-
massnahmengerichts des Bezirksgerichts Meilen vom 18. September 2019
letztmals verlängerten Ersatzmassnahmen (Rayon- und Kontaktverbot sowie
Monitoring bezüglich Konfliktpotential im Verhältnis zur Geschädigten) wer-
den aufgehoben.
3. Es werden keine Genugtuungen zugesprochen.
4. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
CHF 4'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
CHF 980.– Kosten Kantonspolizei CHF 3'000.– Gebühr Anklagebehörde CHF 1'801.85 Gutachten CHF 1'260.– Auslagen Untersuchung CHF 12'556.70 amtliche Verteidigung CHF 6'876.– Vertretung Privatklägerin CHF 30'474.55 Total Kosten
5. Die Kosten gemäss vorstehender Ziffer werden im Umfang von CHF 3‘000.–
dem Beschuldigten auferlegt und im Übrigen auf die Gerichtskasse genom-
men.
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6. [Mitteilungen]
7. [Rechtsmittel]
Berufungsanträge:
a) Der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten:
(Prot. II S. 21; sinngemäss)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
b) Des Vertreters der Privatklägerschaft:
(Urk. 102 S. 1)
1. Der Beschuldigte sei in Aufhebung von Disp.-Ziff. 1 des vorinstanzli-
chen Urteils der Gefährdung des Lebens i.S.v. Art. 129 StGB schuldig
zu sprechen und angemessen zu bestrafen.
2. Der Beschuldigte sei in Aufhebung von Disp.-Ziff. 3 des vorinstanzli-
chen Urteils zu verpflichten, der Privatklägerin als Genugtuung
Fr. 8'000.– zuzüglich Zins von 5% seit 21. September 2018 zu entrich-
ten.
3. Die Kosten des Verfahrens seien dem Beschuldigten aufzuerlegen.
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Erwägungen:
I.
a) Dem Beschuldigten wird zur Last gelegt, die Privatklägerin am 21. Sep-
tember 2018 um ca. 13.40 Uhr in deren Wohnung an der C._-strasse ... in
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D._ im Zuge einer gegenseitigen tätlichen Auseinandersetzung mit der (ver-
mutlich rechten) Hand gewürgt zu haben. Er habe seine Finger rechts und links
am Hals über dem Kehlkopf angelegt und kräftig zugedrückt. Die Privatklägerin
habe demzufolge nicht mehr atmen können, nur noch verschwommen gesehen
und das Gefühl in den Armen und Beinen verloren. Nach dem Vorfall habe sie
noch mindestens eine Stunde Atembeschwerden und während ca. zwei Wochen
starke Hals- und Schluckschmerzen sowie Hustenanfälle gehabt. Das starke Zu-
drücken am Hals habe zu einer sauerstoffmangelbedingten Hirnfunktionsstörung
und damit zu einer unmittelbaren Lebensgefahr geführt. Der Beschuldigte habe
dies gewollt, um die Privatklägerin für deren vorgängiges Verhalten zu bestrafen.
Er habe sich somit der Gefährdung des Lebens (Art. 129 StGB) schuldig gemacht
(Urk. 24 S. 2).
b) Das Bezirksgericht Meilen sprach den Beschuldigten am 22. Oktober
2019 von dieser Anklage frei. Es hob die bis dahin in Geltung gewesenen Er-
satzmassnahmen auf, sprach keine Genugtuungen zu und auferlegte die Kosten
im Umfang von Fr. 3'000.– dem Beschuldigten, weil er zweimal unentschuldigt
nicht vor Gericht erschienen war. Die übrigen Kosten wurden auf die Gerichtskas-
se genommen (Urk. 88 S. 18/20).
c) Gegen dieses Urteil meldeten die Staatsanwaltschaft (Urk. 80) und der
Vertreter der Privatklägerin (Urk. 81) rechtzeitig die Berufung an (Art. 399 Abs. 1
StPO; vgl. Urk. 79/2 und 79/4). Die Privatklägerin liess in der Folge auch fristge-
recht (vgl. Urk. 87/3) die Berufungserklärung einreichen (Urk. 92; Art. 399 Abs. 3
StPO). Sie strebt mit ihrer Appellation einen anklagegemässen Schuldspruch und
die Verpflichtung des Beschuldigten zur Bezahlung einer Genugtuungssumme
von Fr. 8'000.– (zzgl. Zins) an. Die Staatsanwaltschaft liess die Frist zur Einrei-
chung der Berufungserklärung unbenützt ablaufen. Auf ihre Berufung ist demzu-
folge nicht einzutreten (Art. 403 Abs. 1 lit. a und Abs. 3 StPO).
d) Nach entsprechender Fristansetzung (Urk. 93) wurden keine Anschluss-
berufungen erklärt. Ebenso wenig wurden im Laufe des Berufungsverfahrens Be-
weisanträge gestellt. Nach der heutigen Berufungsverhandlung erweist sich der
Prozess als spruchreif.
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II.
Das vorinstanzliche Urteil blieb hinsichtlich der Dispositivziffern 2 (Aufhe-
bung von Ersatzmassnahmen), 3 teilweise (keine Genugtuung für den Beschul-
digten), 4 (Kostenfestsetzung) und 5 teilweise (Kostenauflage im Umfang von
Fr. 3'000.–) unangefochten. Es ist insoweit in Rechtskraft erwachsen (Art. 402
StPO), was vorab in einem Beschluss festzustellen ist.
III.
1. a) Am 21. September 2018 kam es in der Wohnung der Privatklägerin an
der C._-strasse ... in D._ zu einer zunächst verbalen und dann auch tät-
lichen Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin.
In der Anklageschrift wird deren Verlauf, basierend auf den Aussagen der Privat-
klägerin, in groben Zügen beschrieben. Prozessgegenstand ist einzig der Vorwurf,
dass der Beschuldigte die Privatklägerin im Verlauf des Streits so heftig gewürgt
habe, dass es bei ihr zu einer sauerstoffmangelbedingten Hirnfunktionsstörung
und damit zu einer unmittelbaren Lebensgefahr gekommen sei (Urk. 24 S. 2).
b) Zur Erstellung dieses Teilsachverhalts stehen als Beweismittel die Aus-
sagen der beiden Streitbeteiligten (Urk. 4/1-2, Urk. 5/1-2 und 5/4-5) und des Zeu-
gen E._ (Urk. 6/1) sowie Fotos von Hals, Lippen und Augenbindehäuten der
Privatklägerin (Urk. 3/4 S. 9-20) und ein rechtsmedizinisches Gutachten (Urk. 8/3)
zur Verfügung.
c) Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der vom Beschuldigten und der
Privatklägerin deponierten Aussagen hat die Vorinstanz richtigerweise nicht nur
das eingeklagte Würgen, sondern den gesamten Verlauf der Auseinandersetzung
einbezogen. Sie ist dabei zum Schluss gelangt, der Beschuldigte habe die Privat-
klägerin tatsächlich gewürgt. Die Privatklägerin schildere auch Symptome, welche
auf eine lebensgefährliche Störung der Sauerstoffzufuhr zum Hirn schliessen lies-
sen. Objektive Zeichen eines solchen Sauerstoffmangels, namentlich Stauungs-
blutungen in den Augenbindehäuten oder auf der Innenseite der Lippen (sog. Pe-
techien) seien aber nicht feststellbar gewesen, obwohl die Privatklägerin wenige
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Stunden nach dem Vorfall medizinisch untersucht worden sei. Der rechtsgenü-
gende Nachweis einer unmittelbaren Lebensgefahr lasse sich daher nicht erbrin-
gen (Urk. 88 S. 14-17). Die diesbezüglichen Erwägungen der Vorinstanz sind
überzeugend, weshalb vorab darauf verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4
StPO). Die nachstehenden Ausführungen sind zusammenfassender und präzi-
sierender Natur.
2. a) Die Privatklägerin machte vor allem in der polizeilichen Befragung, die
wenige Stunden nach dem inkriminierten Vorfall erfolgte, detaillierte Angaben zum
Verlauf der Auseinandersetzung mit dem Beschuldigten (Urk. 4/1). Anlässlich der
fünf Wochen später durchgeführten staatsanwaltlichen Einvernahme (Urk. 4/2)
vermochte sie sich an verschiedene Einzelheiten nicht mehr zu erinnern. So
wusste sie beispielsweise nicht mehr, ob es nur wegen ihres Mobiltelefons oder
noch wegen anderen Gegenständen (T-Shirt) zum Streit gekommen war (Urk. 4/2
S. 6). Auch wich sie vereinzelt von ihren früheren Aussagen ab, so etwa bezüglich
der Frage, ob der Beschuldigte sie einmal oder zweimal auf das Bett gestossen
habe (Urk. 4/2 S. 8, vgl. Urk. 4/1 S. 3). Im Übrigen blieb ihre Schilderung aber
konstant, auch vor Bezirksgericht (Prot. I S. 15-27). Zusammengefasst gab sie an,
dass der Beschuldigte an ihren Wohnort gekommen sei, um seine Schulsachen
abzuholen (Urk. 4/1 S. 2, Urk. 4/2 S. 5, Prot. I S. 19). Der Streit habe wegen eines
T-Shirts begonnen, welches er hätte mitnehmen sollen, und sei eskaliert, nach-
dem sie den Beschuldigten mehrmals aufgefordert habe, ihr das Mobiltelefon zu-
rückzugeben, das sich seit ca. einem Monat bei ihm befunden habe. Der Be-
schuldigte habe mehrmals die Hand gegen sie erhoben und sie auch mit der rech-
ten Hand am Kiefer gepackt, aber zunächst nicht zugeschlagen (Urk. 4/1 S. 2,
Urk. 4/2 S. 5, Prot. I S. 19/20). Sie selbst sei wütend geworden und habe ihn
weggestossen, so dass er rückwärts gegen die Wand "geflogen" sei. Er habe da-
rauf mit Schlägen ins Gesicht reagiert (Urk. 4/1 S. 2/3). Dann habe er sie ins
Schlafzimmer gezerrt, dabei auch an ihren Haaren gerissen und sie aufs Bett ge-
worfen (Urk. 4/1 S. 3, Urk. 4/2 S. 5, Prot. I S. 20). Sie habe an Vergewaltigung
und Ähnliches gedacht und sich mit Beinen und Armen gewehrt (Urk. 4/2 S. 5/9).
Dann habe der Beschuldigte sie plötzlich am Hals gepackt und ihr die Kehle so
fest zugedrückt, dass sie nicht mehr habe atmen können (Urk. 4/1 S. 3, Urk. 4/2
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S. 5/8, Prot. I S. 21). Ihre Beine und Arme seien gefühllos geworden, sie habe
weder sprechen noch schreien und nur noch verschwommen sehen können
(Urk. 4/1 S. 3, Urk. 4/2 S. 6/11 und Prot. I S. 23 ). Sie sei kurz vor der Bewusstlo-
sigkeit gewesen (Urk. 4/1 S. 3), habe aber keinen Stuhl- oder Urinabgang gehabt
(Urk. 4/2 S. 12). Der Sohn habe sie unschuldig angeschaut und sie habe gemerkt,
dass ihr langsam schwarz vor den Augen werde und sie ihn nicht mehr lange an-
sehen könne (Prot. I S. 21). Sie habe bemerkt, dass er sehr kaltblütig geschaut
habe, und gedacht, jetzt müsse sie sterben (Urk. 4/2 S. 6). Irgendwann habe der
Beschuldigte bemerkt, dass es ihr nicht mehr gut gegangen sei, und daraufhin
von ihr abgelassen (Urk. 4/1 S. 3, Urk. 4/2 S. 6). Plötzlich habe sie wieder atmen
können (Prot. I S. 21 f.)
b) Die Aussagen der Privatklägerin sind detailreich und beschreiben einen
folgerichtigen, nachvollziehbaren Ablauf der Ereignisse. Sie zeigte keine Neigung
zur übermässigen Belastung des Beschuldigten und stellte sich selbst keines-
wegs nur in ein günstiges Licht. So erwähnte sie bezüglich einer ersten Phase
des Streits, dass der Beschuldigte zwar die Hand gegen sie erhoben, sie aber
(noch) nicht geschlagen habe (Urk. 4/1 S. 2, Urk. 4/2 S.5). Sie räumte auch ein,
ihn, noch bevor er sie tätlich angegriffen habe, ihrerseits gegen eine Wand ges-
tossen zu haben (Urk. 4/1 S. 2/3). Sie schilderte Gefühle, die sie während der
Auseinandersetzung hatte (Urk. 4/2 S. 6: "Meine Beine und Arme waren erstarrt"),
und Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen (Urk. 4/2 S. 6: "Ich dachte, ich
müsse jetzt sterben ..."; Urk. 4/2 S. 5: "Ich dachte an Vergewaltigung und Ähnli-
ches ..."). Dass die Privatklägerin sich beim Staatsanwalt und vor Bezirksgericht
nicht mehr an alle Einzelheiten zu erinnern vermochte, lässt sich mit dem Zeitab-
lauf erklären und schmälert die Überzeugungskraft ihrer Aussagen nicht. Diese
erweisen sich vielmehr als sehr glaubhaft, zumal der Zeuge E._ zu berichten
wusste, dass die Privatklägerin unmittelbar nach dem Vorfall nach Luft ge-
schnappt, sich immer wieder an den Hals gefasst und über Schmerzen geklagt
habe. Er habe sie deshalb gefragt, ob der Beschuldigte sie gewürgt habe, doch
sie habe den Ausdruck "gewürgt" nicht verstanden. Er habe sich deshalb mit der
Hand an den Hals gegriffen und gefragt, ob der Beschuldigte es so gemacht ha-
be. Die Privatklägerin habe genickt und ja gesagt (Urk. 6/1 S. 4).
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3. a) Der Beschuldigte bestätigte, dass er zur Privatklägerin gegangen war,
um seine Tasche (mit den Schulsachen) abzuholen (Urk. 5/1 S. 1). Er bestritt
zwar, sie beim anfänglichen Streit wegen des T-Shirts am Kiefer gepackt zu ha-
ben. Zutreffend sei aber, dass er gesagt habe, sie solle ihm gegenüber respekt-
voller sein (a.a.O., S. 3), und dass sie ihr Mobiltelefon zurückverlangt habe. Er
habe es ihr aber nicht geben wollen (Urk. 5/1 S. 1/2). Geschlagen habe er die Pri-
vatklägerin nicht (Urk. 5/1 S. 3, Urk. 5/2 S. 2/3), an den Haaren gerissen aber
schon (Urk. 5/1 S. 2), und er habe sie zurückgestossen, so dass sie aufs Bett ge-
fallen sei (Urk. 5/2 S. 2/4). Daraufhin habe er sich befreien und weggehen können
(Urk. 5/1 S. 2). Über die Behauptung der Privatklägerin, dass er sie am Hals ge-
würgt habe, sei er sehr erstaunt. Es lohne sich nicht, wegen des Streits um ein
Telefon so etwas zu machen, und er sei auch nicht so respektlos, dass er eine
Frau würgen würde (Urk. 5/1 S. 2/3). Er habe dies auch nicht getan (Urk. 5/2 S. 2,
Urk. 5/2 S. 4). Vielleicht sei seine Hand auf ihren Hals gekommen, aber nicht mit
dem Ziel, sie zu würgen. Er habe sich befreien wollen, damit er weggehen könne
(a.a.O., S. 4).
b) Bei den vergleichsweise kargen Aussagen des Beschuldigten fällt auf,
dass sie in weiten Teilen mit denjenigen der Privatklägerin übereinstimmen. So
bestätigte er, dass es wegen eines T-Shirts und vor allem eines Mobiltelefons
zum Streit gekommen war (Urk. 5/2 S. 3), wobei er letzteres nicht habe heraus-
geben wollen (Urk. 5/1 S. 2). Er gab sogar zu, dass er die Privatklägerin an den
Haaren gerissen und aufs Bett gestossen habe (Urk. 5/1 S. 2, Urk. 5/2 S. 2/4).
Seine Sachverhaltsversion weicht nur dort grundlegend von derjenigen der Pri-
vatklägerin ab, wo sie ihm ein strafrechtlich relevantes Verhalten (Schläge und
v.a. Würgen) anlastet. Als Lügensignal zu werten ist dabei, dass er Begründun-
gen lieferte, weshalb er die Privatklägerin gar nicht geschlagen bzw. gewürgt ha-
ben konnte (Urk. 5/1 S. 3: "Wenn ich sie geschlagen hätte, dann wäre sie verletzt
..." bzw. "Es lohnt sich nicht, wegen eines Streits um ein Telefon so etwas zu ma-
chen"). Gleiches gilt für seine Aussage, dass vielleicht seine Hand "auf ihren Hals
gekommen" sei, aber nicht zum Würgen, sondern nur damit er sich habe befreien
und weggehen können (Urk. 5/2 S. 4). Die Aussagen des Beschuldigten vermö-
gen nicht zu überzeugen.
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4. Hinzu kommt, dass auf Fotos der Privatklägerin, die von der Polizei nach
dem Vorfall aufgenommen wurden, unter dem Kinn und an beiden Seiten des
Halses Hautverfärbungen sichtbar sind (Urk. 3/4 S. 9-14). Die rechtsmedizinische
Gutachterin hielt aufgrund ihrer eigenen Untersuchung der Privatklägerin fest,
dass es sich dabei um frische Blutergüsse und Hautrötungen handle, die als Wür-
gemale interpretiert werden könnten (Urk. 8/3 S. 5). Unter Einbezug dieses Be-
fundes lässt sich nicht ernsthaft bezweifeln, dass der Beschuldigte die Privatklä-
gerin würgte.
5. Der Straftatbestand der Gefährdung des Lebens (Art. 129 StGB) setzt ei-
ne mit direktem Vorsatz herbeigeführte unmittelbare Lebensgefahr voraus (Trech-
sel / Pieth, StGB-Praxiskommentar, 3.A., Zürich / St. Gallen 2018, N 4 zu Art. 129
mit Hinweisen auf die Rechtsprechung). Die Privatklägerin sagte aus, dass sie
während des Würgens nicht mehr richtig habe atmen können und ihre Extremitä-
ten gefühllos geworden seien. Auch habe sie während einer kurzen Zeit alles ver-
schwommen gesehen (Urk. 4/1 S. 3, Urk. 4/2 S. 11, Prot. I S. 23). Die medizini-
sche Gutachterin schrieb dazu, dass die Privatklägerin mit den Sehstörungen zu-
mindest subjektiv Symptome einer sauerstoffmangelbedingten Hirnfunktionsstö-
rung beschrieben habe, die auf eine (unmittelbare) Lebensgefahr schliessen lies-
sen. Objektive Zeichen, d.h. Stauungsblutungen, welche eine Lebensgefahr bele-
gen würden, seien indessen nicht festzustellen gewesen (Urk. 8/3 S. 6, vgl. auch
Urk. 3/4 S. 15-20). Vorliegend ist zum einen die Dauer des Würgeereignisses
nicht erstellt. Zum anderen bestehen keine hinreichenden medizinischen Anhalts-
punkte dafür, dass die von der Privatklägerin beschriebenen Sehstörungen auf
das Würgen durch den Beschuldigten zurückzuführen sind. Nicht ausgeschlossen
werden kann, dass die von der Privatklägerin geschilderten Sehstörungen und die
Gefühlslosigkeit in ihren Extremitäten in unmittelbarem Zusammenhang mit den
durchlebten Todesängsten standen (Urk. 4/1 S. 3; Urk. 4/2 S. 5). So gab die Pri-
vatklägerin bei der Staatsanwaltschaft an, nicht zu wissen, ob das gefühlte Erstar-
ren ihrer Arme und Beine auf ihre Angst zurückzuführen sei oder darauf, dass sie
nicht habe atmen können (Urk. 4/2 S. 6). Die Sehstörung, namentlich das be-
schriebene verschwommene Sehen, könnten zudem auf Tränenfluss zurückzu-
führen sein. Es ist somit nicht rechtsgenügend erwiesen, dass sich die Privatklä-
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gerin infolge des Würgens in unmittelbarer Lebensgefahr befand, auch wenn an
der Heftigkeit der körperlichen Einwirkung durch den Beschuldigten keine Zweifel
bestehen. Eine hinreichende medizinische Umschreibung des Kausalverlaufs
zwischen dem Würgeereignis und den eingetretenen Sehstörungen lässt sich
dem Gutachten ebenfalls nicht entnehmen. Die Schlussfolgerung der Vorinstanz,
dass demzufolge der rechtsgenügende Beweis für eine unmittelbare Lebensge-
fahr nicht erbracht werden könne (Urk. 88 S. 16), ist nicht zu beanstanden. Der
Beschuldigte ist freizusprechen.
IV.
Der Freispruch hat zur Folge, dass die Privatklägerin mit ihrer Genugtuungs-
forderung auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen ist (Art. 126 Abs. 2 lit. d
StPO).
V.
Bei diesem Verfahrensausgang ist das erstinstanzliche Kostendispositiv zu
bestätigen, soweit es nicht bereits in Rechtskraft erwachsen ist (vgl. Erw. II,
Art. 423 StPO und Art. 426 Abs. 2 StPO e contrario). Da die Privatklägerin mit ih-
ren Anträgen im Berufungsverfahren vollumfänglich unterliegt, wären ihr die Kos-
ten für dieses Verfahren aufzuerlegen. Infolge Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege fällt dies indessen ausser Betracht. Somit gehen die Kosten für das
Berufungsverfahren zu Lasten des Staates (Art. 428 Abs. 1 StPO).