Decision ID: 25582673-61d4-4cb0-ba61-c6a8556ef939
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend grobe Verletzung der Verkehrsregeln
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom 18. September 2018 (GG180039)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 2. Juli 2018
(Urk. 15) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte A._ ist schuldig der groben Verkehrsregelverletzung
im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 34 Abs. 4 SVG und
Art. 12 Abs. 1 VRV.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu
Fr. 30.– sowie mit einer Busse von Fr. 300.–.
3. Bezahlt die Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
4. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
5. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'200.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 1'100.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 5'145.50 Auslagen Gutachter
Fr. 60.– Auslagen Polizei
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
Wird auf eine schriftliche Begründung des Urteils verzichtet, so reduziert
sich die Entscheidgebühr um einen Drittel.
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden der
Beschuldigten auferlegt.
- 3 -
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 31 S. 2)
1. In Abänderung des erstinstanzlichen Urteils des Bezirksgerichtss
Bülach vom 18. September 2018 in Sachen Staatsanwaltschaft Win-
terthur/Unterland gegen A._, sei Ziffer 1 des Dispositivs aufzuhe-
ben.
2. Es seien Ziffer 2 - 6 des erstinstanzlichen Urteils aufzuheben und die
Berufungsklägerin von Schuld und Strafe in allen Teilen frei zu spre-
chen.
3. Die Kosten des Berufungsverfahrens und des Untersuchungsverfah-
rens inklusive der Verteidigung seien auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland:
(Urk. 35, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
- 4 -

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte und Prozessuales
1. Vorinstanzliches Urteil
1.1. Mit Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom 18. September
2018 (Urk. 29) wurde die Beschuldigte der groben Verkehrsregelverletzung im
Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 34 Abs. 4 SVG und Art. 12
Abs. 1 VRV schuldig gesprochen und mit einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu
Fr. 30.– sowie mit einer Busse von Fr. 300.– bestraft. Ferner wurde festgehalten,
dass die Beschuldigte bei schuldhafter Nichtbezahlung der Busse eine Ersatzfrei-
heitsstrafe von 3 Tagen zu vergegenwärtigen hätte. Der Vollzug der Geldstrafe
wurde aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. Demgegenüber
wurde angeordnet, dass die Busse zu bezahlen sei. Die Kosten der Untersuchung
und des gerichtlichen Verfahrens wurden der Beschuldigten auferlegt.
1.2. Gegen dieses Urteil wurde seitens der Beschuldigten bereits im Anschluss
an die Urteilseröffnung vor Vorinstanz (Prot. I S. 21) bzw. seitens der Verteidigung
der Beschuldigten mit Eingabe vom 24. September 2018 rechtzeitig Berufung an-
gemeldet (Urk. 22). Die schriftliche Berufungserklärung der Beschuldigten erging
– ebenfalls fristgerecht – am 31. Dezember 2018 (Urk. 31).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 8. Januar 2019 wurde der Staatsanwaltschaft
Winterthur/Unterland des Kantons Zürich (hernach Staatsanwaltschaft oder An-
klagebehörde) Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder Nichtein-
treten zu beantragen (Urk. 33). Mit Eingabe vom 11. Januar 2019 wurde seitens
der Staatsanwaltschaft die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils beantragt und
damit Verzicht auf Erhebung einer Anschlussberufung mitgeteilt (Urk. 35). Das
Gesuch der Beschuldigten um Bestellung eines amtlichen Verteidigers vom
17. Januar 2019 (Urk. 36) wurde mit Präsidialverfügung vom 23. Januar 2019 ab-
gewiesen (Urk. 38). Am 5. April 2019 ergingen die Vorladungen an die Staatsan-
- 5 -
waltschaft und die Beschuldigte zur heutigen Berufungsverhandlung (vgl.
Urk. 40), zu welcher die Beschuldigte in Begleitung ihres erbetenen Verteidigers
erschienen.
2. Umfang der Berufung
2.1. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). Die nicht von der Berufung erfassten Punkte erwachsen in
Rechtskraft. Das Berufungsgericht überprüft somit das erstinstanzliche Urteil nur
in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.2. Die Verteidigung ficht das erstinstanzliche Urteil vollumfänglich an (Urk. 31
S. 2), weshalb für eine vorab zu beschliessende Rechtskraft eines Teils des vor-
instanzlichen Urteils kein Raum verbleibt.
3. Neue Beweismittel
3.1. Das Rechtsmittelverfahren beruht auf den Beweisen, die im Vorverfahren
und im erstinstanzlichen Hauptverfahren erhoben worden sind (Art. 389 Abs. 1
StPO). Beweisabnahmen des erstinstanzlichen Gerichts werden im Rechtsmittel-
verfahren nur unter den in Art. 389 Abs. 2 StPO genannten Voraussetzungen
wiederholt. Nach Abs. 3 der Vorschrift erhebt die Rechtsmittelinstanz von Amtes
wegen oder auf Antrag einer Partei die erforderlichen zusätzlichen Beweise.
3.2. Seitens der Verteidigung wurden zusammen mit der Berufungserklärung
zwei Urkunden als Beweismittel eingereicht: Ein Foto betreffend Geschwindigkeit
des Polizeifahrzeugs (Urk. 32/4) sowie ein Foto einer Autobahn (Urk. 32/5).
3.3. Die beiden genannten Urkunden sind vorliegend ohne Weiteres als Be-
weismittel zuzulassen.
4. Verwertbarkeit
4.1. Seitens der Verteidigung wird geltend gemacht, dass die polizeiliche Kurz-
einvernahme der Beschuldigten vom 6. November 2016 unverwertbar sei, weil sie
trotz Verweigerung der Aussage zur Beantwortung weiterer Fragen gedrängt wor-
- 6 -
den und die Einvernahme nicht von ihr selber, sondern von einer Polizeibeamtin
unterzeichnet worden sei, welche während der Einvernahme Abseits gestanden
und telefoniert habe und damit das Gespräch nicht habe mitverfolgen können
(Urk. 8/4 S. 3 f.; Prot. I S. 14 und 18; Urk. 31 S. 7 f.; vgl. auch Prot. II S. 13 f.).
4.2. Aus Art. 158 Abs. 1 StPO ergibt sich, dass die beschuldigte Person zu Be-
ginn der ersten Einvernahme durch die Polizei oder die Staatsanwaltschaft darauf
hingewiesen wird, dass gegen sie ein Vorverfahren eingeleitet worden ist und
welche Straftaten Gegenstand des Verfahrens bilden, dass sie die Aussage und
die Mitwirkung verweigern kann, dass sie berechtigt ist, eine Verteidigung zu be-
stellen oder gegebenenfalls eine amtliche Verteidigung zu beantragen sowie dass
sie eine Übersetzerin oder einen Übersetzer verlangen kann. Ohne diese Hinwei-
se sind Einvernahmen gestützt auf Art. 158 Abs. 2 StPO nicht verwertbar. Ge-
mäss Art. 159 Abs. 1 StPO hat die beschuldigte Person das Recht, dass ihre Ver-
teidigung anwesend sein und Fragen stellen kann. Gestützt auf Art. 78 Abs. 5
StPO wird der einvernommenen Person nach Abschluss der Einvernahme das
Protokoll vorgelesen oder ihr zum Lesen vorgelegt. Sie hat das Protokoll nach
Kenntnisnahme zu unterzeichnen und auf jeder Seite zu visieren. Lehnt sie dies
ab, so werden die Weigerung und die dafür angegebenen Gründe im Protokoll
vermerkt. Das Protokoll hat Urkundencharakter, auch wenn die einvernommene
Person es nicht unterzeichnet (vgl. BGE 106 IV 372 E.2.a) und kann auch ohne
Vermerk der Weigerungsgründe als Beweismittel herangezogen werden (BSK
STPO I-NÄPFLI, Art. 78 N 26).
4.3. Einhergehend mit der Auffassung der Vorinstanz (Urk. 29 E. II.3.2.) kann
den Einwänden der Verteidigung hinsichtlich Unverwertbarkeit der polizeilichen
Einvernahme der Beschuldigten nicht gefolgt werden. Die Beschuldigte wurde zu
Beginn ihrer Einvernahme gesetzeskonform auf ihr Aussageverweigerungsrecht
im Sinne von Art. 113 StPO und Art. 158 Abs. 1 lit. b StPO hingewiesen, wobei
sie eigenhändig bestätigte, dies verstanden zu haben. Vorliegend ist die gesetz-
lich vorgesehene Belehrungspflicht anlässlich der ersten polizeilichen Einvernah-
me der Beschuldigten deshalb rechtsgenügend dokumentiert. Für das Vorliegen
eines Drängens der Beschuldigten seitens der einvernehmenden Polizisten zur
- 7 -
Beantwortung der gestellten Fragen im Sinne einer unzulässigen Druckausübung
besteht keinerlei Hinweis. Antworten, welche eine beschuldigte Person in einer
Einvernahme zu Protokoll gibt, in welcher sie sich gleichzeitig auf das Aussage-
verweigerungsrecht beruft, sind zudem so oder anders verwertbar (vgl.
SCHMID/JOSITSCH, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 3. A.,
Zürich/St. Gallen 2018, Art. 158 N 18). An der Verwertbarkeit der polizeilichen
Einvernahme ändert letztlich auch der Umstand nichts, dass die Beschuldigte das
Protokoll nicht unterzeichnete und die entsprechenden Weigerungsgründe nicht
vermerkt wurden. Die polizeiliche Einvernahme der Beschuldigten vom
6. November 2016 ist demnach verwertbar.
II. Sachverhalt
A. Anklagevorwurf
Hinsichtlich des der Beschuldigten vorgeworfenen Anklagesachverhalts kann –
um unnötige Wiederholungen zu vermeiden – vollumfänglich auf die zutreffenden
Ausführungen der Vorinstanz (Urk. 29 E. II.1.) verwiesen werden.
B. Standpunkt der Beschuldigten
Die Beschuldigte und ihre Verteidigung bestreiten die Anklagevorwürfe auch heu-
te (Prot. II S. 11 ff.).
C. Beweisgrundsätze
1. Es ist zu prüfen, ob der angeklagte Sachverhalt – mithin das der Beschuldig-
ten konkret vorgeworfene Verhalten – aufgrund der vorliegenden Beweismittel
rechtsgenügend nachgewiesen werden kann. Dabei gebietet es der Anspruch auf
rechtliches Gehör, dass die Überlegungen genannt werden, von denen sich das
Gericht leiten lässt und auf welche sich sein Entscheid stützt. Das bedeutet in-
dessen nicht, dass es sich ausdrücklich mit jeder tatsächlichen Behauptung und
jedem rechtlichen Einwand der Verteidigung auseinander setzen muss; vielmehr
kann sich das Gericht auf die für die Entscheidfindung wesentlichen Gesichts-
- 8 -
punkte beschränken (vgl. BGer 6P.62/2006 Urteil vom 14.11.2006 E. 4.2.2 unter
Hinweis auf BGE 126 I 97 E. 2b; BGE 125 II 369 E. 2c; BGE 124 V 180 und BGE
112 Ia 107 E. 2b). Dabei ist der Richter an keine festen Beweisregeln gebunden.
Vielmehr gilt der Grundsatz der freien richterlichen Beweiswürdigung (Art. 10
Abs. 2 StPO). Danach hat das Gericht das Beweisergebnis nach der persönlichen
aus dem ganzen Verfahren geschöpften Überzeugung zu bewerten, das heisst,
dem geltenden beschränkten Unmittelbarkeitsprinzip folgend, sowohl gestützt auf
die in den Akten des Vorverfahrens enthaltenen Beweisergebnisse als auch auf
das Ergebnis der vorinstanzlichen Hauptverhandlung sowie der Berufungsver-
handlung. Das Gericht entscheidet nach der persönlichen Überzeugung, ob eine
Tatsache bewiesen ist oder nicht (WOHLERS in DONATSCH/HANSJAKOB/LIEBER,
Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl., Zürich 2014,
Art. 10 N 25 m.w.H.; HOFER in NIGGLI/HEER/WIPRÄCHTIGER, Basler Kommentar
StPO, 2. Aufl., Basel 2014, Art. 10 N 41, 58 ff.).
2. Gemäss dem in Art. 8 und Art. 32 Abs. 1 BV sowie Art. 6 Ziff. 2 EMRK und
Art. 10 Abs. 1 StPO verankerten Grundsatz "in dubio pro reo" (im Zweifel für den
Angeklagten) ist bis zum gesetzlichen Nachweis seiner Schuld zu vermuten, dass
der wegen einer strafbaren Handlung Beschuldigte unschuldig ist. Als Beweislast-
regel bedeutet die Maxime, dass es Sache der Anklagebehörde ist, die Schuld
des Beschuldigten zu beweisen, und dass nicht dieser seine Unschuld nachwei-
sen muss. Der Grundsatz "in dubio pro reo" ist verletzt, wenn der Strafrichter ei-
nen Beschuldigten (einzig) mit der Begründung verurteilt, er habe seine Unschuld
nicht nachgewiesen (zum Ganzen: BGE 127 I 38 E. 2a). Als Beweiswürdigungs-
regel besagt die Maxime, dass sich der Strafrichter nicht von der Existenz eines
für den Beschuldigten ungünstigen Sachverhaltes überzeugt erklären darf, wenn
bei objektiver Betrachtung erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel beste-
hen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat (WOHLERS in DONATSCH/HANS-
JAKOB/LIEBER, Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl., Zü-
rich 2014, Art. 10 N 11 ff.; SCHMID/JOSITSCH, Handbuch StPO, 3. Aufl., Zürich
2017, N 233; BGer 6P.155/2006 und 6S.363/2006 Urteile vom 28. Dezember
2006, E. 4.1). Die Überzeugung des Richters muss auf einem verstandesgemäss
einleuchtenden Schluss beruhen und für den unbefangenen Beobachter nachvoll-
- 9 -
ziehbar sein (HOFER in NIGGLI/HEER/WIPRÄCHTIGER, Basler Kommentar StPO,
2. Aufl., Basel 2014, Art. 10 N 61; SCHMID/JOSITSCH, Handbuch StPO, 3. Aufl., Zü-
rich 2017, N 227 f.; WOHLERS in DONATSCH/HANSJAKOB/LIEBER, Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl., Zürich 2014, Art. 10 N 13).
3. Ein Schuldspruch darf demnach nur dann erfolgen, wenn die Schuld des
Beschuldigten mit hinreichender Sicherheit erwiesen ist, das heisst Beweise dafür
vorliegen, dass der Beschuldigte mit seinem Verhalten objektiv und subjektiv den
ihm zur Last gelegten Straftatbestand verwirklicht hat. Dabei kann nicht verlangt
werden, dass die Tatschuld gleichsam mathematisch sicher und unter allen As-
pekten unwiderlegbar feststehe (TOPHINKE in NIGGLI/HEER/WIPRÄCHTIGER, Basler
Kommentar StPO, 2. Aufl., Basel 2014, Art. 10 N 83; WOHLERS in DO-
NATSCH/HANSJAKOB/LIEBER, Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessord-
nung, 2. Aufl., Zürich 2014, Art. 10 N 13).
4. Muss sich die Beweisführung unter anderem auf die Aussagen von Beteilig-
ten abstützen, so ist anhand sämtlicher Umstände, die aus den Akten ersichtlich
sind, zu untersuchen, ob die beziehungsweise welche Sachdarstellung überzeu-
gend ist. Dabei kommt es vorwiegend auf den inneren Gehalt der Aussagen an,
verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben erfolgen. In erster Linie mass-
gebend ist nicht die prozessuale Stellung der aussagenden Personen, sondern
der materielle Gehalt ihrer Aussagen. Zur Beurteilung der Glaubhaftigkeit ihrer
Aussagen ist zu prüfen, ob diese in den wesentlichen Punkten Widersprüche ent-
halten, ob sie in ihrem Kerngehalt stimmig und im sich aus ihnen ergebenden Ab-
lauf logisch und schlüssig sind sowie ob sie (soweit das objektiv möglich ist) an-
hand erstellter Sachverhalte korrekt verifizierbar sind. Zu achten ist insbesondere
auf Strukturbrüche innerhalb einer Aussage, auf Über- und Untertreibungen, auch
auf Widersprüche, vor allem aber auf das Vorhandensein hinreichender Realitäts-
kriterien und das Fehlen von Lügensignalen (BENDER/NACK/TREUER, Tatsachen-
feststellung vor Gericht, 4. Aufl., München 2014, S. 83 ff.; DONATSCH in DO-
NATSCH/HANSJAKOB/LIEBER, Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessord-
nung, 2. Aufl., Zürich 2014, Art. 162 N 14 f.; BENDER, Die häufigsten Fehler bei
der Beurteilung von Zeugenaussagen, SJZ 81 [1985], S. 53 ff.).
- 10 -
D. Beweismittel
1. Zur Erstellung des Anklagesachverhalts stehen vorliegend der Polizeirapport
vom 9. Dezember 2016 (Urk. 1), die Aussagen der Beschuldigten (Urk. 2; Urk. 3;
Prot. I S. 5 ff.; Prot. II S. 9 ff.), das Gutachten des Eidgenössischen Instituts für
Metrologie (Metas) vom 8. März 2017 (Urk. 5/8) samt Ergänzung vom 28. Februar
2018 (Urk. 5/10), das Gutachten des Forensischen Instituts Zürich vom 23. Mai
2018 (Urk. 6/10; einschliesslich DVD im Anhang), eine Videoaufzeichnung der
Fahrt der Beschuldigten auf DVD (Urk. 4) sowie zwei seitens der Beschuldigten
eingereichte Urkunden, ein Foto betreffend Geschwindigkeit des Polizeifahrzeugs
(Urk. 32/4) sowie ein Foto einer Autobahn (Urk. 32/5), als Beweismittel zur Verfü-
gung.
2. Seitens der Vorinstanz wurde der Inhalt der beiden Gutachten, einschliess-
lich des Ergänzungsgutachtens, zutreffend zusammengefasst (Urk. 29 E. II.5.2.
und 5.3.), weshalb vorab vollumfänglich darauf verwiesen werden kann. Ebenfalls
als zutreffend erweist sich die seitens der Vorinstanz vorgenommene Wiedergabe
des Inhalts der Videoaufzeichnung des inkriminierten Vorfalls (Urk. 4: Film
"NA_207324_161106_022222), weshalb auf diese entsprechenden zutreffenden
Erwägungen verwiesen werden kann (Urk. 29 E. II.5.1.).
E. Glaubwürdigkeit
1. Die Glaubwürdigkeit einer Person ergibt sich aus deren prozessualen Stel-
lung, ihren wirtschaftlichen Interessen am Ausgang des Verfahrens sowie vor al-
lem anhand ihrer persönlichen Beziehungen und Bindungen zu den übrigen Pro-
zessbeteiligten.
2. Die Beschuldigte ist als vom Strafverfahren Betroffene naheliegenderweise
daran interessiert, ihr Verhalten in einem möglichst positiven Licht darzustellen.
Ihre Aussagen sind daher mit einer gewissen Zurückhaltung zu würdigen. So oder
anders steht aber die Beurteilung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen im Vorder-
grund, welche im Rahmen der nachfolgend vorzunehmenden Beweiswürdigung
zu erörtern sind.
- 11 -
F. Würdigung
1.1. Seitens der Vorinstanz wurden die Aussagen der Beschuldigten in zusam-
mengefasster Form zutreffend wiedergegeben (Urk. 29 E. II.4.2.), weshalb vorab
darauf verwiesen werden kann. Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung
bestätigte die Beschuldigte im Wesentlichen ihre bisher gemachten Aussagen. So
führte sie aus, dass sie das Fahrzeug gelenkt habe. Sie sei mit circa 80 km/h ge-
fahren, wobei es vorher geregnet habe. Sie sei ursprünglich auf der rechten Spur
gefahren und als sie das andere Fahrzeug habe näher kommen sehen auf die lin-
ke Spur gewechselt. Für einen Moment habe sie aufgeschlossen und dann ge-
bremst, weil sie nicht zu nahe sein wollte. Sie sei überzeugt, dass sie genug Ab-
stand hatte (Prot. II S. 10 ff.).
1.2. Die Aussagen der Beschuldigten sind einheitlich, konstant und im Wesent-
lichen widerspruchsfrei. So schätzte sie die von ihr gefahrene Geschwindigkeit
einheitlich auf etwa 80 km/h (Urk. 2 S. 2; Prot. I S. 12; Prot. II S. 10), gab zu Pro-
tokoll, dass es leicht bzw. mittelmässig geregnet habe und die Fahrbahn nass
gewesen sei (Urk. 3 S. 4; Prot. I S. 9; Prot. II S. 10). Auffallend zurückhaltend und
unpräzise äusserte sich die Beschuldigte hinsichtlich des zum vorderen Fahrzeug
bestehenden Abstands: So umschrieb sie diesen als genügend bzw. genügend
gross, um reagieren zu können, wobei sie den Abstand – auch auf entsprechende
Frage hin – nicht in Metern zu beschreiben vermochte (Urk. 2 S. 2; Urk. 3 S. 3;
Prot. I S. 7 ff.; Prot. II S. 11). Die von der Beschuldigten der befragenden Person
gestellte Gegenfrage, ob die befragende Person etwa mit 40 Metern Abstand fah-
ren würde, wenn jemand vor einem langsamer fahre (Prot. I S. 10), zeugt letztlich
von einer nicht unerheblichen Unsicherheit, indem die Beschuldigte damit nicht
nur ihren Unmut über den Anklagevorwurf zum Ausdruck bringen wollte, sondern
diesen darüber hinaus etwas krampfhaft ins Lächerliche zu ziehen versucht. Auch
steht ihre Aussage mit dem Referenzwert von 40 Metern letztlich in keinem Ver-
hältnis mit dem sich aus den Videoaufnahmen ergebenden Bild des bestehenden
sehr geringfügigen Abstands zwischen den beiden Fahrzeugen. Die seitens der
Beschuldigten im Zusammenhang mit ihren Aussagen gemachten Schuldzuwei-
sungen zu Lasten des vorderen Fahrzeugs und des Patrouillenfahrzeugs wirken
- 12 -
aufgrund der aus der Videoaufzeichnung hervorgehenden Umstände überdies
unbehilflich und wenig überzeugend: So gab sie anlässlich der staatsanwaltlichen
Einvernahme zu Protokoll, dass sie auch nicht auf die andere Fahrbahn hätte
wechseln können, weil hinter ihr das Patrouillenfahrzeug gefahren sei bzw. des-
halb auch der vordere Wagen nicht in die rechte Spur hätte wechseln können
(Urk. 3 S. 3), was letztlich nichts daran ändert, dass sie den Abstand zum vorde-
ren Fahrzeug ungeachtet dieser Umstände mit einer Reduktion der Geschwindig-
keit vergrössern hätte können. Des Weiteren wirkt die Aussage der Beschuldig-
ten, dass sie auf ihrer Fahrbahn nicht nach links und rechts "geschwankt" sei
(Prot. I S. 10), angesichts des aus dem Video hervorgehenden Bildbeweises, wel-
cher die seitlichen Manövrierbewegungen der Beschuldigten klar aufzeigt, wenig
glaubhaft. Auch wenn die Aussagen der Beschuldigten isoliert betrachtet nicht per
se unglaubhaft erscheinen, vermögen sie im Lichte des übrigen Beweisergebnis-
ses, wie es insbesondere aus der Videoaufnahme und den beiden Gutachten
hervorgeht, indes nicht zu überzeugen.
2. Aus dem Polizeivideo ist denn auch bereits von blossem Auge ohne Weite-
res erkennbar, dass die Beschuldigte auf der massgebenden Strecke im B._-
Tunnel den erforderlichen Abstand zum vor ihr fahrenden Fahrzeug – und zwar
beträchtlich – unterschritt. Nicht entnommen kann dem Video allerdings, welcher
genaue Abstand in der massgebenden Zeit zwischen den beiden Fahrzeugen be-
stand, womit sich aber die beiden Gutachten befassen, auf welche nachstehend
einzugehen ist. Eindrücklich sind überdies die aus dem Videomaterial hervorge-
henden seitlichen Manövrierbewegungen der Beschuldigten nach links und
rechts, wofür es nur die Erklärung geben kann, dass sie äusserst unkonzentriert
war oder – dies einhergehend mit der Vorinstanz (Urk. 29 E. II.6.1.) – dass sie
damit ihren Unmut über das sie aus ihrer Perspektive blockierende Fahrzeug zum
Ausdruck bringen und dieses dadurch zum Spurwechsel bewegen wollte. Letztlich
lassen sich aus diesen seitlichen Manövrierbewegungen indes keine rechtsgenü-
genden Schlüsse ziehen, welche hinsichtlich des inkriminierten Vorfalls relevant
sind. Insofern ist den in diese Richtung zielenden Einwänden der Verteidigung
(Urk. 31 S. 4 f.) beizupflichten. Aus dem Video ist des Weiteren erkennbar, dass
- 13 -
die Strasse auch im B._-Tunnel nass war, was auch seitens der Verteidigung
anerkannt wird (Urk. 31 S. 8).
3. Einhergehend mit der Auffassung der Vorinstanz (Urk. 29 E. II.6.1.) sind vor-
liegend im Weiteren für die Erstellung des Anklagesachverhalts die beiden mittels
wissenschaftlicher Methode schlüssig und überzeugend verfassten Gutachten
entscheidend. Mit der Vorinstanz (Urk. 29 E. II.6.1.) erlaubt die Zuordnung von
Videoframes zu ortsfesten Fixpunkten eine präzise und rechtsgenügende Be-
stimmung der Geschwindigkeit. Im Gutachten des Forensischen Institutes wird
festgehalten, dass gestützt auf die verwertbare Videoaufnahme während der
Fahrt im beleuchteten B._-Tunnel zuverlässige Abstandsauswertungen zwi-
schen den Videolaufzeiten 27 s und 43 s vorgenommen werden konnten
(Urk. 6/10 S. 5). Die seitens der Vorinstanz vorgenommene Beweiswürdigung er-
weist sich als grundsätzlich zutreffend, weshalb vorab umfassend darauf verwie-
sen werden kann (Urk. 29 E. II.6.1.), insofern nachstehend nicht davon abgewi-
chen wird. Daran vermögen die diversen seitens der Verteidigung geltend ge-
machten Einwände nichts zu ändern. Insbesondere verkennt der Verteidiger, dass
vorliegend lediglich die Fahrweise der Beschuldigten im B._-Tunnel ange-
klagt und deshalb auch massgebend ist, weshalb seine Behauptungen, welche
andere Fahrsequenzen betreffen, von Vornherein fehl gehen. Der im Rahmen der
Berufungserklärung vorgebrachte Einwand, dass im METAS-Gutachten von einer
Geschwindigkeit von 75-80 km/h gesprochen werde (Urk. 31 S. 3) trifft denn auch
lediglich für die gefahrene Geschwindigkeit nach Verlassen des Tunnels zu (vgl.
Urk. 5/8 S. 7). Auch der Einwand, dass im ersten Video der Polizei eine Ge-
schwindigkeit von 132 km/h eingeblendet gewesen sei, weshalb eine massive Dif-
ferenz zu den Geschwindigkeitsangaben im Gutachten bestehe (Urk. 31 S. 4 u.
6 f. bzw. Urk. 32/4), überzeugt nicht, wäre doch – unter der Annahme der logi-
schen Konsequenz, dass dann auch die Beschuldigte schneller unterwegs gewe-
sen sein muss – diesfalls der seitens der Beschuldigten theoretisch einzuhaltende
Abstand noch grösser gewesen und wäre dieser damit noch massiver unterschrit-
ten worden, weshalb sich aus diesem Umstand bereits deshalb keine Entlastung
der Beschuldigten zu ergeben vermag. Davon abgesehen ist zu bemerken, dass
die Geschwindigkeit des Patrouillenfahrzeugs im ausgewerteten Video mit Werten
- 14 -
zwischen 77 und 93 km/h angezeigt wird (vgl. auch Urk. 6/10 S. 9). Die Verteidi-
gung macht ferner geltend, dass eine Angabe über die tatsächlich gefahrene Ge-
schwindigkeit im Zeitpunkt der Abstandsmessung fehle und erachtet es als wis-
senschaftlich nicht haltbar, dass die Abstandsveränderungen anhand der Lichtre-
flexe der Beleuchtungskörper und Markierungen der Strasse ermittelt werden
(Urk. 31 S. 4 ff.). Die Verteidigung sieht damit im Zusammenhang stehend einen
Widerspruch darin, dass seitens der Vorinstanz einerseits die Unregelmässigkeit
der Leitlinieneinteilung eingestanden werde, andererseits aber festgestellt werde,
dass sich der räumliche Abstand proportional zum zeitlichen Abstand verhalte,
weshalb ersterer auch ohne Kenntnis der exakten Geschwindigkeit eruiert werden
könne (Urk. 31 S. 6). Seitens der Verteidigung wird verkannt, dass die eine Me-
thode die andere nicht ausschliesst, weshalb die entsprechenden Einwände der
Verteidigung fehl gehen. Aus dem Gutachten des Forensischen Instituts ergibt
sich denn auch klar, dass der zeitliche Abstand zwischen zwei Fahrzeugen durch
Auszählung der Anzahl der Videoframes eruiert wird, die zwischen dem Passieren
eines ortsfesten Fixpunktes des Hecks des vorausfahrenden Fahrzeuges und der
Front des nachfolgenden Fahrzeuges aufgenommen wurden. Der Umstand, dass
sich der räumliche Abstand proportional zum zeitlichen Abstand verhält, weshalb
es aus physikalischer Sicht bei bekanntem zeitlichen Abstand für die Beurteilung
des Gefährdungspotentials nicht erforderlich sei, die präzise Geschwindigkeit und
den genauen räumlichen Abstand zu kennen bzw. zu eruieren (vgl. Urk. 6/10
S. 4), erscheint denn auch nachvollziehbar. Seitens der Verteidigung wurde ab-
gesehen davon auch nicht rechtsgenügend dargetan, inwiefern die in den Gutach-
ten getroffenen Annahmen falsch seien. So ist zu beachten, dass die Anzahl Leit-
linienabschnitte und die Eigengeschwindigkeit des Patrouillenfahrzeuges feste
Werte darstellen, wobei den verbleibenden geringfügigen Unsicherheiten mit zwei
zusätzlichen zu Gunsten der Beschuldigten veranschlagten Metern Rechnung ge-
tragen wurde (Urk. 6/10 S. 5).
4. Aufgrund der gemachten Erwägungen ist demnach erstellt, dass die Be-
schuldigte mit ihrem BMW X5, Kennzeichen GR ..., nachts und bei nasser Fahr-
bahn auf einer Strecke über rund 300 Meter bei einer durchschnittlichen Ge-
schwindigkeit von 85 km/h im B._-Tunnel auf der A1 auf dem Gebiet der
- 15 -
Gemeinde C._ Abstände von zwischen 0.32 bis 0.56 Sekunden, d.h. 8.8 bis
15.5 % bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 85 km/h respektive zwi-
schen 7.5 und 13.2 Metern zu einem vor ihr fahrenden unbekannten Personen-
wagen hielt, nachdem der Abstand bei der Einfahrt in den B._-Tunnel noch
maximal 16.9 bzw. 19.9% des Geschwindigkeitswerts oder 0.72 s betragen hatte.
5. An diesem Beweisergebnis vermag auch die Berücksichtigung des Polizei-
rapports vom 9. Dezember 2016 (Urk. 1) nichts zu Gunsten der Beschuldigten zu
ändern. Die gegen eine Beweiswürdigung des Polizeirapports zu Lasten der Be-
schuldigten zielenden Einwände der Verteidigung (Urk. 31 S. 7 f.) sind angesichts
des Umstands, dass der Polizeirapport für die Erstellung des Anklagesachverhalts
so oder anders nicht erforderlich ist, unbeachtlich.
III. Rechtliche Würdigung
1. Nach Art. 90 Abs. 2 SVG macht sich strafbar, wer durch grobe Verletzung
der Verkehrsregeln eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
oder in Kauf nimmt. Der objektive Tatbestand ist nach der Rechtsprechung erfüllt,
wenn der Täter eine wichtige Verkehrsvorschrift in objektiv schwerer Weise miss-
achtet und die Verkehrssicherheit ernstlich gefährdet. Eine ernstliche Gefahr für
die Sicherheit anderer ist bereits bei einer erhöhten abstrakten Gefährdung gege-
ben. Diese setzt die naheliegende Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder
Verletzung voraus. Subjektiv erfordert der Tatbestand ein rücksichtsloses oder
sonstwie schwerwiegendes regelwidriges Verhalten, d.h. ein schweres Verschul-
den, bei fahrlässigem Handeln mindestens grobe Fahrlässigkeit. Diese ist zu be-
jahen, wenn der Täter sich der allgemeinen Gefährlichkeit seiner Fahrweise be-
wusst ist. Grobe Fahrlässigkeit kommt aber auch in Betracht, wenn der Täter die
Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer pflichtwidrig gar nicht in Betracht zieht.
Die Annahme einer groben Verkehrsregelverletzung setzt in diesem Fall voraus,
dass das Nichtbedenken der Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer auf Rück-
sichtslosigkeit beruht. Rücksichtslos ist unter anderem ein bedenkenloses Verhal-
ten gegenüber fremden Rechtsgütern. Dieses kann auch in einem blossen (mo-
mentanen) Nichtbedenken der Gefährdung fremder Interessen bestehen. Je
- 16 -
schwerer dabei die Verkehrsregelverletzung objektiv wiegt, desto eher wird Rück-
sichtslosigkeit subjektiv zu bejahen sein, sofern keine besonderen Gegenindizien
vorliegen (Urteil des Bundesgerichts 6B_1174/2013 vom 14. Mai 2014 Erw. 2 mit
weiteren Hinweisen).
2. Gemäss Art. 34 Abs. 4 SVG ist gegenüber allen Strassenbenützern ausrei-
chender Abstand zu wahren, namentlich beim Kreuzen und Überholen sowie
beim Neben- und Hintereinanderfahren. Der Fahrzeugführer hat beim Hinterei-
nanderfahren einen ausreichenden Abstand zu wahren, so dass er auch bei über-
raschendem Bremsen des voranfahrenden Fahrzeugs rechtzeitig halten kann
(Art. 12 Abs. 1 VRV). Was unter einem "ausreichenden Abstand" zu verstehen ist,
hängt von den gesamten Umständen ab. Im Sinne von Faustregeln stellt die
Rechtsprechung bei Personenwagen auf die Regel "halber Tacho" und die "Zwei-
Sekunden-Regel" ab (BGE 131 IV 133, Erw. 3.1 mit Hinweisen). Die anhand die-
ser Regeln berechnete Distanz entspricht ungefähr der Anhaltestrecke bei plötzli-
chem ordnungsgemässem Bremsen und Anhalten des vorausfahrenden Perso-
nenwagens (BGE 104 IV 912, Erw. 2b). Gemäss ständiger Rechtsprechung des
Bundesgerichts und in Übereinstimmung mit der schweizerischen Lehre wird für
die Beurteilung, ob eine grobe Verkehrsregelverletzung anzunehmen ist, als
Richtschnur die Regel "1/6 Tacho" bzw. der Abstand von 0,6 Sekunden herange-
zogen (Urteil des Bundesgerichts 6B_593/2013 vom 22. Oktober 2013,
Erw. 2.3.2. mit Verweis auf BGE 131 IV 133 Erw. 3.2.2 und weiteren Hinweisen;
JÜRG BOLL, Grobe Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 57 f.). Weiter ent-
schied das Bundesgericht, dass ein Abstand von 12 bis 18 Metern bei einer Ge-
schwindigkeit von 120 km/h, entsprechend 1/10 bis rund 1/7 Tacho oder einem
zeitlichen Abstand zwischen 0,36 und 0,54 Sekunden, auf dem Überholstreifen
einer Autobahn während des Überholens von anderen Fahrzeugen jedenfalls eine
erhöhte abstrakte Gefahr begründe und objektiv als grobe Verkehrsregelverlet-
zung im Sinne von Art. 90 Ziff. 2 SVG zu qualifizieren sei, unabhängig davon, wie
gross im konkreten Einzelfall das Risiko ist, dass etwa ein Fahrzeug vom rechten
Fahrstreifen auf die linke Fahrbahn gelangen könnte (Urteil des Bundesgerichts
6B_593/2013 vom 22. Oktober 2013, Erw. 2.3.3). Für die Bejahung einer ernstli-
chen Gefahr für die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer durch einen ungenü-
- 17 -
genden Abstand genügt es, dass auf einer verhältnismässig kurzen Strecke zu
nahe aufgefahren wird. Die Dauer des zu nahen Auffahrens ist nämlich nur ein
Kriterium neben anderen (vgl. WEISSENBERGER, SVG-Kommentar, 2. A., Zü-
rich/St. Gallen 2015, Art. 34 N 60). Seitens des Bundesgerichts wurde eine grobe
Verkehrsregelverletzung bei einem Abstand von rund zehn Metern zum voranfah-
renden Fahrzeug bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h über eine Fahrstrecke
von 330 bis 340 Metern jedenfalls bejaht (BGE 1C_356/2009 vom 12. Februar
2010 E. 2).
3.1. Dass im vorliegenden Fall objektiv betrachtet eine erhöhte abstrakte Ge-
fährdung durch die Beschuldigte vorlag, ist aufgrund der konkreten Umstände
zweifellos gegeben. So fuhr die Beschuldigte nachts, bei relativ hoher Geschwin-
digkeit und bei nasser Strasse zu nahe auf den vor ihr fahrenden Wagen auf. Sie
folgte dem vorausfahrenden Fahrzeug, ohne dazu gezwungen zu sein, im
B._-Tunnel auf einer Strecke von 300 Metern mit einem zeitlichen Abstand
von lediglich 0.32 Sekunden bis 0.56 Sekunden bzw. lediglich 7.5 bis 13.2 Metern
bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 85 km/h, mithin von 8.8 % bis
15.5 % des Geschwindigkeitswertes. Der seitens der Beschuldigten eingehaltene
Abstand betrug somit – zum Teil sehr deutlich – weniger als 1/6 Tacho, weshalb
allein gestützt auf die 1/6-Tacho-Regel von einer erhöhten abstrakten Gefährdung
auszugehen ist. Ein Überblicken der Gesamtsituation und eine ständige Bremsbe-
reitschaft allein reichen nicht aus, um eine Gefährdung zu vermeiden. Der Lenker
bzw. die Lenkerin muss lediglich damit nicht rechnen, dass das Fahrzeug vor ihr
wegen höherer Gewalt (z.B. Baum oder Felsblock stürzt auf die Strasse) plötzlich
zum Stehen gebracht wird. Ein/e Lenker/in kann in vielen Fällen erst durch das
Aufleuchten der Bremslichter am vorausfahrenden Fahrzeug erkennen, dass des-
sen Lenker möglicherweise eine Vollbremsung vornimmt. Erst einige Sekunden-
bruchteile nach dem Aufleuchten der Bremslichter kann der/die Nachfolgende be-
urteilen, ob der Lenker vor ihm bloss Bremsbereitschaft erstellt hat oder bremst
und wie stark (BOLL, a.a.O., S. 53 f.). Der/Die nachfolgende Fahrzeuglenker/in
muss jederzeit auch auf Autobahnen damit rechnen, dass er/sie wegen äusserer
Umstände, bspw. verkehrsbedingt durch einen anderen Verkehrsteilnehmer, we-
gen eines plötzlich auf der Fahrbahn auftauchenden Hindernisses, wie ein Wirbel-
- 18 -
tier, durch Verkehrsregelung oder aus fahrzeugtechnischen Gründen sofort brem-
sen muss, denn eine Vollbremsung oder ein brüskes Bremsen ist gemäss Art.12
Abs. 2 VRV im Notfall immer gestattet (BGE 137 IV 326, Erw. 3.3.3). Der Eintritt
einer konkreten Gefahr oder gar einer Verletzung lag aufgrund des deutlich zu
dichten Aufschliessens durch die Beschuldigte auf das voranfahrende Fahrzeug
nahe, selbst wenn (so auch die Verteidigung: Urk. 31 S. 8) keine konkreten An-
haltspunkte für ein etwaiges unverhofftes Bremsen des vor ihr fahrenden Autos
bestand. Es ist damit erstellt, dass die Beschuldigte durch die Verletzung der Ver-
kehrsregel eine erhöhte abstrakte Gefahr für die Sicherheit anderer schuf. Bei ei-
nem brüsken Abbremsen des voranfahrenden Fahrzeugs wäre ein Auffahrunfall
nur schwer bzw. nur durch glückliche Umstände zu vermeiden gewesen und zwar
unabhängig von der Qualität der Sicherheitsmechanismen des Fahrzeugs der Be-
schuldigten. Daran vermag auch die Berufung der Verteidigung auf den Umstand,
dass mit einer Rechtsprechung wie der von der Vorinstanz zitierten im heutigen
Strassenverkehr mehrere tausend Fahrzeugführer verzeigt werden müssten, zu-
mal ein Abstand des halben Tachos nicht mehr der heutigen Verkehrssituation
entspreche (Urk. 31 S. 9; Urk. 32/5; vgl. auch Prot. I S. 18 und Prot. II S. 14),
nichts zu ändern. Auch dass die Nachfahrstrecke mindestens 500 bzw. 800 Meter
betragen müsse, wie seitens der Verteidigung weiter eingewandt wurde (Urk. 31
S. 9; Prot. II S. 14), ist unter Berücksichtigung der erörterten bundesgerichtlichen
Rechtsprechung überdies unzutreffend. Das Verhalten der Beschuldigten ist ent-
sprechend als grobe Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG zu
qualifizieren, so dass nun zu prüfen ist, ob auch der subjektive Tatbestand erfüllt
ist.
3.2. Seitens der Beschuldigten wird vorgebracht, die Faustregel "Halber Tacho"
sei nicht mehr zeitgemäss. Wer hinter einem Fahrzeug fahre, habe im Hinblick auf
einen genügenden Abstand folgende Tatsachen zu berücksichtigen: Ausgangs-
geschwindigkeit, Zustand der Strasse, technische Ausstattung des Fahrzeugs,
Wirkung der Bremse, der beim Bremsen nötige Pedaldruck, Reaktionszeit, Fahr-
zeugmarke und Baujahr. Die Beschuldigte habe aufgrund der Umstände nicht mit
einer verkehrsbedingten Vollbremsung des vor ihr fahrenden Fahrzeugs rechnen
müssen (Prot. I S. 17). Vorliegend ist aufgrund der bereits im Rahmen der Prü-
- 19 -
fung der Voraussetzungen des objektiven Tatbestands geschilderten Umstände
davon auszugehen, dass der Beschuldigten diese Umstände und die besondere
Gefährlichkeit ihrer verkehrsregelwidrigen Fahrweise bewusst waren und sie die-
se in Kauf nahm. Deshalb ist von eventualvorsätzlicher Tatbegehung auszugehen
und vorliegend auch der subjektive Tatbestand der groben Verkehrsregelverlet-
zung im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG erfüllt.
4. Mangels ersichtlicher Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe ist die
Beschuldigte demnach der groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 34 Abs. 4 SVG und Art. 12 Abs. 1 VRV
schuldig zu sprechen.
IV. Strafzumessung
1. Die Vorinstanz hat den Strafrahmen korrekt abgesteckt und die gesetzlichen
Zumessungsregeln wie auch die hier massgeblichen belastenden und entlasten-
den Faktoren zutreffend dargelegt. Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden,
kann vorab auf diese Erwägungen im angefochtenen Entscheid verwiesen wer-
den (Urk. 29 E. IV.1. und 2.). Ergänzend ist anzufügen, dass Ausgangspunkt bei
der Strafzumessung die objektive Tatschwere ist, d.h. die Schwere der Verletzung
oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts bzw. der schuldhaft verursachte Er-
folg. Ebenso massgeblich ist die subjektive Tatschwere, die sich aus der Intensität
des deliktischen Willens sowie den Beweggründen für die Tat ergibt. Mit zu be-
rücksichtigen sind schliesslich das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse
der Täterin.
2.1. Hinsichtlich der objektiven Tatschwere wurde seitens der Vorinstanz zutref-
fend zu Gunsten der Beschuldigten berücksichtigt (Urk. 29 E. IV.2.2.), dass sich
der inkriminierte Vorfall über lediglich 300 Meter erstreckte und ihre Delinquenz im
Rahmen der aller denkbaren Abstandsunterschreitungen geringfügig erscheint.
Die Bezeichnung des objektiven Verschuldens der Beschuldigten als sehr leicht
ist deshalb zutreffend.
- 20 -
2.2. Was die subjektive Tatschwere betrifft, so handelte die Beschuldigte bezüg-
lich der Gefährdung eventualvorsätzlich. Sie hätte dem vorderen Fahrzeug ohne
Weiteres mit korrektem Abstand folgen können. Auch der weiteren Würdigung
durch die Vorinstanz ist grundsätzlich zuzustimmen, wobei das von dieser er-
wähnte anlässlich der Hauptverhandlung an den Tag gelegte Unverständnis der
Beschuldigten nicht die Tat- sondern die Täterkomponente betrifft (Urk. 29
E. IV.2.3.). Auch in subjektiver Hinsicht ist das Verschulden der Beschuldigten im
Rahmen der groben Verkehrsregelverletzung als sehr leicht zu werten.
2.3. Insgesamt erweist sich nach der Beurteilung der Tatkomponente für das
sehr leichte Verschulden der Beschuldigten eine Einsatzstrafe von 15 Tagessät-
zen Geldstrafe als angemessen.
3. Zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen der Beschuldigten kann
vorab vollumfänglich auf die Ausführungen im vorinstanzlichen Urteil verwiesen
werden (Urk. 29 E.IV.2.5.-2.7.). Anlässlich der Berufungsverhandlung ergab sich,
dass sie zwischenzeitlich von ihrem Lebenspartner getrennt ist und zurzeit von ih-
rem Vater unterstützt wird (Prot. II S. 7 f.). Aus der Biographie und den persönli-
chen Verhältnissen der Beschuldigten ergeben sich keine Anhaltspunkte, die für
die Strafzumessung von wesentlicher Bedeutung wären. Sie ist weiterhin nicht
vorbestraft (Urk. 42), was aber keine Strafminderung rechtfertigt (BGE 136 IV 1).
Ebenfalls bietet ihr ansonsten weiterhin einwandfreier automobilistischer Leu-
mund (Urk. 43) vorliegend kein Anlass für eine Strafminderung (vgl. dazu eben-
falls BGE 136 IV 1). Eine zu Gunsten der Beschuldigten zu berücksichtigende
Kooperation, Reue oder Einsicht ist ebenfalls nicht festzustellen.
4. In Würdigung aller massgeblichen Strafzumessungsgründe erweist sich vor-
liegend eine Geldstrafe von 15 Tagessätzen unverändert als angemessen.
5.1. Bei der Geldstrafe richtet sich die Höhe des Tagessatzes nach den persönli-
chen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Täterin im Zeitpunkt des Urteils, na-
mentlich nach Einkommen und - soweit sie davon lebt - Vermögen, ferner nach ih-
rem Lebensaufwand, allfälligen Familien- und Unterstützungspflichten und nach
dem Existenzminimum (Art. 34 Abs. 2 StGB). Ausgangspunkt für die Tagessatz-
- 21 -
berechnung ist das Einkommen, welches der Täterin durchschnittlich an einem
Tag zufliesst. Dabei bleibt belanglos, aus welcher Quelle dieses Einkommen
stammt. Abzuziehen ist, was gesetzlich geschuldet ist oder der Täterin wirtschaft-
lich nicht zufliesst, so etwa die laufenden Steuern und die obligatorischen Versi-
cherungsbeiträge. Ausserdem ist das Nettoeinkommen um die Unterhalts- und
Unterstützungsbeiträge zu reduzieren, soweit die Verurteilte ihnen tatsächlich
nachkommt. Nicht zu berücksichtigen sind Schulden und nach der bundesgericht-
lichen Rechtsprechung in der Regel auch die Wohnkosten (BGE 134 IV 68 ff.).
5.2. Die Vorinstanz hat die finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten einläss-
lich dargelegt und die Tagessatzhöhe von Fr. 30.– korrekt berechnet. Mangels
neuer relevanter finanzieller Umstände (die Beschuldigte wird statt durch ihren
damaligen Lebenspartner neu durch ihren Vater unterstützt, vgl. oben IV.3.) kann
vollumfänglich darauf verwiesen werden (Urk. 29 E. IV.2.7.).
5.3. Wie seitens der Vorinstanz bereits ausführlich und zutreffend erwogen wur-
de (Urk. 29 E. IV.2.8.), rechtfertigt sich vorliegend gestützt auf Art. 42 Abs. 4 StGB
die Aussprechung einer Verbindungsbusse. Die von ihr dafür festgesetzte Höhe
von Fr. 300.– erweist sich – auch wenn etwas tief angesetzt – gerade noch als
angemessen.
5.4. Vorliegend erweist sich deshalb insgesamt eine Geldstrafe von 15 Tages-
sätzen zu Fr. 30.– sowie eine Busse im Betrag von Fr. 300.– dem Verschulden
der Beschuldigten als angemessen.
V. Vollzug
Die Vorinstanz hat den Vollzug der Geldstrafe aufgeschoben. Dieser Entscheid ist
schon aufgrund des Verschlechterungsverbotes im Sinne von Art. 391 Abs. 2
StPO ohne Weiteres zu bestätigen und die Probezeit auf zwei Jahre festzusetzen.
Zur Begründung kann auf die zutreffenden Erwägungen im angefochtenen Ent-
scheid verwiesen werden (Urk. 29 E. IV.3.). Die Busse ist zu bezahlen. Sollte die
Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht bezahlen, tritt eine Ersatzfreiheitsstrafe
von drei Tagen an deren Stelle.
- 22 -
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss ist das erstinstanzliche Kostendispositiv (Ziff. 5 und 6) zu
bestätigen.
2. Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Beschuldigte unterliegt
mit ihrer Berufung vollumfänglich, weshalb ihr die Kosten des Berufungsverfah-
rens aufzuerlegen sind.