Decision ID: 47616ab0-de57-4cb1-9aba-4d5e900fbc2a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden suchten am 20. Juni 2022 in der Schweiz
um Asyl nach. Ein Abgleich ihrer Fingerabdrücke mit der europäischen Fin-
gerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am
(...) 2022 in Kroatien in das Hoheitsgebiet der Dublin-Mitgliedstaaten ein-
gereist war und um Asyl nachgesucht hatte. Die Datenbankabfrage hin-
sichtlich der Beschwerdeführerin war ergebnislos (vgl. Akten der Vor-
instanz 1176860 [nachfolgend: SEM-act.] 1 ff. und 8 ff.).
A.b Am 24. Juni 2022 fanden die Personalienaufnahmen (PA) statt, an-
lässlich welcher die Beschwerdeführenden vom SEM zu ihrer Person, ih-
ren Reise- und Identitätspapieren sowie ihrem Reiseweg befragt wurden
(vgl. SEM-act. 23 und 24).
A.c Das SEM gewährte anlässlich des persönlichen Gesprächs gemäss
Art. 5 Verordnung (EU) Nr. 604/2013 (nachfolgend: Dublin-Gespräch) den
Beschwerdeführenden am 14. Juli 2022 das rechtliche Gehör zu einem all-
fälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit der Überstellung
nach Kroatien, dessen Zuständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs
grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdeführer gestand ein, am
(...) 2022 illegal in Kroatien eingereist und gezwungen worden zu sein, ein
Asylgesuch einzureichen. Er sei in Kroatien sehr schlecht behandelt und
sogar misshandelt worden. Als er Nahrungsmittel für sein ältestes Kind ver-
langt habe, sei ihm dies verwehrt worden. Anschliessend sei er, versteckt
in einem LKW, in die Schweiz eingereist. Er würde nicht nach Kroatien zu-
rückkehren wollen, die Schweiz sei ihr Ziel gewesen. Von den kroatischen
Beamten habe sich keiner um ihn und seine Familie gekümmert. Eine
Rückkehr nach Kroatien sei auch für seine Kinder nicht gut. Die Beschwer-
deführerin führte aus, es sei auch bei ihr versucht worden, die Fingerab-
drücke abzunehmen, dies sei aber nicht gelungen. Sie würde auf keinen
Fall nach Kroatien zurückkehren, denn dort seien sie sehr schlecht behan-
delt worden. Auch wolle sie nicht, dass ihre Kinder in Kroatien aufwachsen
würden, denn sie habe gesehen, dass sie dort sehr schlecht behandelt be-
ziehungsweise man sich gar nicht um die Kinder gekümmert habe.
Zum medizinischen Sachverhalt befragt, gaben die Beschwerdeführenden
an, dem Beschwerdeführer und C._ gehe es gut. D._ habe
Probleme im Nasen- beziehungsweise Mundbereich und Probleme mit sei-
nen Nägeln. E._ entwickle sich nicht kindsgerecht (vgl. SEM-act.
26 und 28).
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A.d Am 8. August 2022 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden je-
weils um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers und der Beschwerde-
führerin mit den Kindern gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013
(nachfolgend: Dublin-III-VO; vgl. SEM-act. 33 und 35). Die kroatischen Be-
hörden stimmten diesen Ersuchen am 22. August 2022 zu (vgl. SEM-
act. 38 f.).
B.
Mit Verfügung vom 4. Oktober 2022 (eröffnet am 5. Oktober 2022) trat die
Vorinstanz auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht ein, ord-
nete deren Wegweisung aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Mit-
gliedstaat (Kroatien) an und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ab-
lauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Der zuständige Kanton wurde mit
dem Vollzug der Wegweisung beauftragt. Im Weiteren händigte sie den
Beschwerdeführenden die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis aus und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen die
Verfügung keine aufschiebende Wirkung zukomme (vgl. SEM-act. 47).
C.
Gegen den Nichteintretensentscheid gelangten die Beschwerdeführenden
mit Beschwerde vom 12. Oktober 2022 an das Bundesverwaltungsgericht.
Sie beantragten, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und das
SEM anzuweisen, auf ihre Asylgesuche einzutreten und die Asylverfahren
in der Schweiz durchzuführen. Eventualiter sei die angefochtene Verfü-
gung aufzuheben und die Sache zur vollständigen Feststellung des Sach-
verhaltes und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Subeven-
tualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen bezüg-
lich des Zugangs zum Asylverfahren, adäquater medizinischer Versorgung
sowie Unterbringung von den kroatischen Behörden einzuholen. Der vor-
liegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren und
das SEM und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen von vorsorglichen
Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Entscheid über diese Be-
schwerde von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen.
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In prozessualer Hinsicht sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen, die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses zu verzichten.
Der Beschwerde legten sie die angefochtene Verfügung, zwei Vollmachten
vom 23. Juni 2022, einen Beistandsbericht vom (...) 2022, eine Kopie ei-
nes fremdsprachigen Briefes vom (...) 2022, diverse ärztliche Berichte und
ein Dokument betreffend postalische Sendungsverfolgung bei.
D.
Mit Eingabe vom 14. Oktober 2022 reichten die Beschwerdeführenden ei-
nen Arztbericht von F._ vom (...) 2022 nach.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
17. Oktober 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG
[SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde einzutreten.
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2.
2.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, wes-
halb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 2 AsylG).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.
Die Beschwerdeführenden rügen in formeller Hinsicht eine Verletzung des
rechtlichen Gehörs, welche sie darin erblicken, dass die Vorinstanz ihnen
keine Akteneinsicht insbesondere betreffend die Abklärungen der Schwei-
zer Botschaft in Kroatien gegeben habe. Die Vorinstanz führte dazu in der
angefochtenen Verfügung aus, gemäss der Rechtsprechung des BVGer
liege diesbezüglich keine Verletzung des rechtlichen Gehörs vor (unter Ver-
weis auf das Urteil des BVGer E-2381/2022 vom 9. Juni 2022 E. 2.6). Das
Gericht schliesst sich unter Verweis auf die angefochtene Verfügung und
das genannte Urteil der Vorinstanz an, weshalb sich weitere Ausführungen
dazu erübrigen. Das entsprechende Kassationsbegehren ist abzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
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ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (nach Art. 23–25 Dublin-III-VO) – und damit in
der Konstellation wie vorliegend – findet grundsätzlich keine (neue) Zu-
ständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Gan-
zen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1)
5.3 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 konkretisiert. Ge-
mäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären
Gründen auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein an-
derer Staat zuständig wäre. Nach der Konzeption des Gesetzes kommt
dem SEM bei der Frage der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 ein
Ermessensspielraum zu (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.2). Liegen hingegen in-
dividuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbstein-
tritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1 und 2011/9 E. 4.1 m.w.H.).
6.
Aufgrund der Akten ist erstellt, dass die Beschwerdeführenden in Kroatien
Asylgesuche eingereicht haben. Dies wird einerseits von den kroatischen
Behörden, andererseits auch in der Beschwerde bestätigt (vgl. SEM-act.
38 und 39, Beschwerde Seite 4). Kroatien hat sich sodann auf das frist-
und formgerechte Ersuchen des SEM (vgl. dazu Art. 23 Abs. 1–4 Dublin-
III-VO) zur Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO bereit erklärt. Damit ist die Zuständigkeit Kroati-
ens und die Grundlage für einen Nichteintretensentscheid in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG grundsätzlich gegeben.
7.
7.1 Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie seien mit ihrem min-
derjährigen Neffen, F._ (N [...]; F._.), in die Schweiz gekom-
men, wo dieser als Flüchtling anerkannt worden sei und Asyl erhalten habe.
Die Schweiz müsse zwingend das Selbsteintrittsrecht ausüben, da eine
Verletzung von Art. 8 EMRK vorlege, weil zwischen den Beschwerdefüh-
renden und dem in der Schweiz lebenden Verwandten ein Abhängigkeits-
verhältnis bestehe, das in den Schutzbereich dieser Bestimmung falle. Die-
ser Verwandte sei von seinem Vater vor der Abreise dem Beschwerdefüh-
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rer anvertraut und daraufhin Teil der Familie geworden. Auf der Flucht hät-
ten sie es immer geschafft, zusammenzubleiben und gemeinsam an ihrem
Ziel – der Schweiz – anzukommen. Im Bundesasylzentrum G._ hät-
ten sie stets ein gemeinsames Familienzimmer geteilt. Im Flüchtlingscamp
in H._ hätten sie nebeneinander gewohnt. Die Vorinstanz kommt
hingegen zum Schluss, dass die Voraussetzungen gemäss Art. 8 EMRK
vorliegend nicht erfüllt seien, da die Beschwerdeführenden und F._.
im Flüchtlingscamp in H._ keinen gemeinsamen Haushalt geführt
hätten und, auch wenn sie vor ihrer Flucht als Nachbarn nebeneinander
gelebt hätten, nicht davon auszugehen sei, dass sie damals eine beson-
ders nahe Beziehung geführt oder sie sogar elternähnliche Funktionen ge-
genüber ihrem Neffen eingenommen hätten, zumal dieser damals noch bei
seinen Eltern gewohnt habe. Es sei im Rahmen der Erstbefragung UMA
von F._. zu entnehmen, dass er bei einem Verbleib in der Schweiz
in der Nähe eines Freundes zu leben wünsche, und damals an keiner Stelle
geltend gemacht habe, nicht von den Beschwerdeführenden getrennt wer-
den zu wollen. Zudem sei den Ausführungen von F._. zu entneh-
men, dass er sich zwar ein Zusammenbleiben wünsche, alleine in der
Schweiz zu bleiben aber einer Rückkehr mit ihnen nach Kroatien vorziehe.
7.2 Gemäss Art. 8 Abs. 1 EMRK hat jede Person das Recht auf Achtung
ihres Privat- und Familienlebens. Der Schutzbereich dieser Bestimmung
umfasst dabei neben der Kernfamilie auch weitere verwandtschaftliche
Bande. So kann die Beziehung zwischen Onkel/Tante und Neffe/Nichte
ebenfalls darunterfallen, sofern eine nahe, echte und tatsächlich gelebte
Beziehung vorliegt. Nach der Rechtsprechung setzt dies indessen zusätz-
lich voraus, dass zwischen diesen Personen ein eigentliches Abhängig-
keitsverhältnis besteht (vgl. zum Ganzen BVGE 2008/47 E. 4.1.1).
Da die Beziehung zwischen dem Neffen und den Beschwerdeführenden
nicht unter den Begriff der Kernfamilie fällt, ist zu prüfen, ob von einer na-
hen, echten und tatsächlich gelebten Beziehung sowie vom Bestehen ei-
nes Abhängigkeitsverhältnisses auszugehen ist. Vorab ist festzuhalten,
dass die Ausführungen des SEM, F._. wünsche sich zwar ein Zu-
sammenbleiben mit den Beschwerdeführenden, er ziehe es aber vor, al-
leine in der Schweiz zu bleiben, als mit ihnen nach Kroatien zurückzukeh-
ren, aus dem Protokoll der Erstbefragung UMA (vgl. Akten der Vorinstanz
betr. F._. [N [...]; 1176861; nachfolgend: SEM-act. F._.] 15)
nicht hervorgeht. Aus dem genannten Protokoll geht jedoch hervor, dass
F._. zu Fragen zur Schule-/Ausbildung und Beruf sowie zu seiner
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letzten Tätigkeit jeweils nur seinen Vater, nicht aber die Beschwerdefüh-
renden erwähnt (vgl. SEM-act. F._. 15 Ziffer 1.17.04 f.). Auf die
Frage zu seiner letzten offiziellen Adresse im Heimatstaat führte er aus,
gemeinsam mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in einem Haushalt
gewohnt zu haben. Zudem führte er aus, «Als mein Onkel ausreisen wollte,
wollte ich das auch. [...] So kam es, dass ich mit meinem Onkel gemeinsam
ausreiste.» (vgl. SEM-act. F._. 15 Ziffer 2.02). Die Beschwerdefüh-
renden erwähnte er lediglich zur Frage betreffend weitere Bezugspersonen
(vgl. SEM-act. F._. 15 Ziffer 3.02) und betreffend seinen Wunsch,
gerne in der Nähe seines Onkels zu sein (vgl. SEM-act. F._. 15 Zif-
fer 9.01). Diese Ausführungen lassen nicht auf eine nahe Beziehung
schliessen, sondern lediglich auf eine solche, welche in der Bewältigung
der gemeinsamen Ausreise begründet ist. Ein derzeitiges Abhängigkeits-
verhältnis ist aus den Ausführungen von F._. ebenfalls nicht zu er-
kennen. Der Beschwerdeführer verneinte anlässlich seines Dublin-Ge-
sprächs die Frage, ob sich in der Schweiz zurzeit Verwandte von ihm auf-
hielten oder im Asylverfahren befänden (vgl. SEM-act. 26). Auch die Be-
schwerdeführerin verneinte zunächst die Frage, erst auf spezifische Nach-
frage zu F._. führte sie aus, dieser sei der Sohn des Bruders ihres
Ehemannes. Er sei mit ihnen mitgereist. F._. sei mit den Beschwer-
deführenden ausgereist, da die Verhältnisse im Camp H._ sehr
schlecht seien und seine Eltern ihm gesagt hätten, er solle mit ihnen aus-
reisen. Auf das Verhältnis zu F._. angesprochen, führte die Be-
schwerdeführerin aus, es handle sich um ein normales Verhältnis zu ihm.
Seit ihrer Ausreise habe sie sich um ihn gekümmert (vgl. SEM-act. 28).
Auch die Ausführungen der Beschwerdeführenden lassen nicht auf eine
nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung schliessen. Diesbezüglich
wäre zu erwarten, dass sie sich anlässlich der Dublin-Gespräche intensiver
mit F._. auseinandergesetzt hätten, da sie in ihrer Beschwerde vor-
bringen, dieser sei Teil der Familie geworden und sie, die Beschwerdefüh-
renden, hätten ihn wie einen Sohn behandelt. Zudem sehe F._. in
den drei kleinen Kindern seine Geschwister (vgl. Beschwerde Seite 7). We-
der deuten die Erstbefragung UMA von F._. noch die Dublin-Ge-
spräche der Beschwerdeführenden auf eine solch enge Beziehung hin.
Wahrscheinlicher ist, dass die Beschwerdeführenden mit F._. aus
Praktikabilitätsgründen gemeinsam ausreisten respektive gemeinsam aus-
reisten, um sich gegenseitig auf der Reise zu unterstützen. Dies begründet
aber offensichtlich eine nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung be-
ziehungsweise ein eigentliches Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der
Rechtsprechung zu Art. 8 EMRK nicht.
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Seite 9
Daran ändert auch der Umstand nichts, dass die Beistandsperson im Bei-
standsbericht vom (...) 2022 empfiehlt, das Asylverfahren für den Onkel
und dessen Familie hier aufzunehmen. Bei dieser Einschätzung handelt es
sich nicht um eine rechtliche Beurteilung und es obliegt dem Gericht, zu
prüfen, ob eine Beziehung aus juristischer Sicht in den Schutzbereich von
Art. 8 EMRK fällt respektive als Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der mas-
sgeblichen Rechtsprechung einzustufen ist. Auch die eingereichte Kopie
eines Briefes von F._. vom (...) 2022 ändert an der gerichtlichen
Erkenntnis nichts, da dieser als Gefälligkeitsschreiben zu qualifiziert ist.
Eine Übersetzung von Amtes wegen erübrigt sich daher.
8.
8.1 Die Beschwerdeführenden bringen weiter vor, die aktuelle Situation in
Kroatien werfe Fragen auf, ob ihnen dort tatsächlich ein faires Asylverfah-
ren zuteilwerden würde und ob Verstösse gegen Art. 3 EMRK und Art. 4
der EU-Grundrechtecharte ausgeschlossen werden könnten. Zur Stützung
dieser Vorbringen verweisen sie zur Hauptsache auf ihre bisher in Kroatien
gemachten Erfahrungen.
8.2 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK (SR 0.101), des Übereinkommens
vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschli-
che oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301), wobei Kroatien nach Auffassung der Schweiz seinen dies-
bezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen grundsätzlich nachkommt.
Die Schweiz geht gleichzeitig davon aus, Kroatien anerkenne und schütze
grundsätzlich die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) und 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie), er-
geben. Diesbezüglich ist auf die ausführlichen Erwägungen zur Sache in
der angefochtenen Verfügung zu verweisen.
8.3 In dieser Hinsicht sind vorliegend auch bezogen auf den Einzelfall
keine Sachverhaltsumstände ersichtlich gemacht, welche die vorinstanzli-
chen Feststellungen und Schlüsse betreffend das Vorhandensein von ge-
nügenden Aufenthaltsstrukturen massgeblich erschüttern könnten
(vgl. Referenzurteil des BVGer E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 E. 5.5–5.8).
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Seite 10
Es darf im Falle der Beschwerdeführenden davon ausgegangen werden,
dass auch sie Zugang zu diesen Strukturen finden. Die Beschwerdefüh-
renden sind jedoch gehalten, sich anlässlich ihrer Rückkehr auch an die in
Kroatien zuständigen Behörden zu wenden, um ihre Rechte wahrzuneh-
men. Dies ist ihnen durchaus zuzumuten.
8.4 Das SEM hat schliesslich die Vorbringen der Beschwerdeführenden
auch unter dem Aspekt der humanitären Gründe nach Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 hinreichend gewürdigt. Zwar ist einzuräumen, dass es sich bei der
Familie mit kleinen Kindern um vulnerable Personen handelt. Es gibt je-
doch keine konkreten Hinweise darauf, dass diesem Umstand bei der Un-
terbringung in Kroatien nicht genügend Rechnung getragen würde. Auch
die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführenden lässt dies nicht in
einem anderen Licht erscheinen, ergeben sich doch aus den Akten keine
ernsthaften gesundheitlichen Probleme. Insbesondere stellen die diagnos-
tizierten (...) und der (...)ärztliche Behandlungsbedarf von D._
keine ernsthaften gesundheitlichen Probleme im Sinne der Rechtspre-
chung dar. Diesbezüglich hat die Vorinstanz zu Recht festgestellt, dass
Kroatien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die
Mitgliedstaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizi-
nische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt
erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Stö-
rungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie).
In dieser Situation kann der Vorinstanz auch nicht vorgehalten werden,
dass sie den medizinischen Sachverhalt nicht abgeklärt und bei den kroa-
tischen Behörden keine individuellen Zusicherungen bezüglich des Zu-
gangs zu adäquater medizinischer Versorgung eingeholt hatte. Schliess-
lich zielen auch die Ausführungen auf Beschwerdeebene bezüglich des
Kindeswohls ins Leere, zumal sich die Familie erst seit wenigen Monaten
in der Schweiz aufhält und im Familienverband nach Kroatien reisen wird.
Da die diesbezügliche Auseinandersetzung der Vorinstanz insgesamt nicht
zu bemängeln ist, hält die angefochtene Verfügung auch unter dieser Optik
einer Prüfung stand (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/9). Das Vorbringen der
Beschwerdeführenden über das Vorliegen einer angeblich rechtserhebli-
chen Ermessensunterschreitung (gemäss Beschwerde Ziffer 4.1), da sich
das SEM nicht hinreichend mit dieser Frage auseinandergesetzt habe, ver-
mag nach dem Gesagten nicht zu überzeugen.
9.
Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermessens-
klausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1
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Seite 11
vor. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch
einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbstein-
tritt nahelegen würden. Das SEM ist daher zu Recht auf das Asylgesuch
der Beschwerdeführenden nicht eingetreten und hat die Überstellung nach
Kroatien angeordnet.
10.
Nach dem Gesagten ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bun-
desrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
11.
Mit dem vorliegenden Urteil sind die Anträge auf Erteilung der aufschieben-
den Wirkung und auf Anordnung des Vollzugsstopps gegenstandslos ge-
worden.
12.
Angesichts des vorliegenden, direkten Entscheids in der Sache erweist
sich der Antrag, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu ver-
zichten, als gegenstandslos.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerdefüh-
renden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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