Decision ID: 9820431a-4fcf-4de7-a707-8776816114a7
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
,
geboren 1969,
meldete sich am 27. September 20
10
wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie einer chronischen
Schmerz
störung
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
7/4).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte medizinische Berichte (Urk. 7/12-13, Urk. 7/19), einen Auszug aus dem individuellen Konto der Versicherten (IK-Auszug; Urk. 7/8) sowie einen Arbeitgeberbericht (Urk. 7/9) ein.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 7/21-44) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 23. April 2012 (Urk. 7/45 = Urk. 2) einen Anspruch der Versicherten auf eine Invalidenrente.
2.
Gegen die Verfügung vom 23. April 2012 (Urk. 2)
erhob die Versicherte am
15. Mai 2012 Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, diese sei aufzuheben, und es sei ihr eine Rente zuzusprechen.
Mit Beschwerdeantwort vom 14. Juni 2012 (Urk. 6) beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am 29.
Juni 2012 zur Kenntnis gebracht wurde. G
leichzeitig wurde ihr Gesuch um Gewährung der
unentgeltliche
n
Prozessführung
(Urk. 1 S.
1 Ziff. 4)
bewilligt
(Urk. 12)
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (
Art.
4 Abs. 1
des Bun
desgesetzes über die Invalidenversicherung;
IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7 Abs. 1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von
Art.
4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit
Art.
8 ATSG bewirken. Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als rele
vant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Per
son bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des
Forderbaren
wird dabei weitgehend objektiv bestimmt. Festzustellen ist, ob und in welchem Umfang die Ausübung einer Erwerbstätigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit der psychi
schen Beeinträchtigung vereinbar ist. Ein psychischer Gesundheitsschaden führt also nur soweit zu einer Erwerbsunfähigkeit (
Art.
7 ATSG), als angenommen werden kann, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit (
Art.
6 ATSG) sei der versi
cherten Person sozial-praktisch nicht mehr zumutbar (BGE 131 V 49 E. 1.2 mit Hinweisen).
1.
3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
destens 40 Prozent arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Die seit dem 1. Januar 2004 massgeblichen Rentenabstufungen geben bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent Anspruch auf eine
Viertelsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent Anspruch auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 Prozent Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent Anspruch auf eine ganze Rente (
Art.
28 Abs. 2 IVG).
1.4
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss
Art.
16 ATSG in Verbindung mit
Art.
28a
Abs.
1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog.
Invalideneinkom
men
), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der
Einkom
mensvergleich
hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypo
thetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und ei
nander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (allgemeine Methode des
Einkommensver
gleichs
; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Be
schwerdefall
das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden kön
nen (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.6
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung gestützt auf die medizinischen Abklärungen davon aus, dass
die bei der Beschwerdeführerin vorliegenden medizinisch bestätigten Diagnosen keinen Einfluss auf die
Ar
beitsfähigkeit hätten, welche
IV-relevant sei. Die vorhan
dene Einschränkung lasse sich a
uf die allgemeinen Lebensumstände zurü
ckführen, welche
invalidi
t
ätsfremd
sei
en
.
Es liege somit kein invalidisierender Gesundheitsschaden vor (Urk. 2 S. 1).
2.2
Demgegenüber stellte sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, sie leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer mittelgradigen depressiven Episode und einer sonstigen
somatoformen
Schmerzstörung und sei deshalb in ihrer Arbeitsfähigkeit zurzeit 100
%
eingeschränkt. Allenfalls könne sie mittel
fristig, nach einer Eingewöhnungs- und Aufbauphase
in der angestammten Tä
tigkeit ein Pensum von 30
%
und
unter geschützten Bedingungen ein Pensum von 40
%
erreichen (Urk. 1).
2.3
Strittig und zu prüfen ist somit,
wie es sich mit der Arbeitsfähigkeit der Beschwer
deführerin verhält und auf welche medizinischen Berichte diesbezüg
lich abzustellen ist.
3.
3.1
Die Ärzte
des
Z._
, Klinik
für Psychiatrie und Psycho
therapie,
berichteten am 24. Januar 2011 (Urk. 7/13) und
nannten fol
gende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 2
Ziff.
1.1):
posttraumatische Belastungsstörung ICD-10 F43.1, diagnostiziert seit 15. Dezember 2009
mittelgradige depressive Episode ICD-10 F32.1 bei anhaltender psycho
-
sozi
alen Belastungssituation, diagnostiziert seit 4. November 2004
anhaltende
somatoforme
Schmerzstörung ICD-10 F45.4, diagnostiziert seit 4. November 2004
Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie ei
nen Zu
stand nach Thyreoiditis (H
ashimoto), aktuell nicht substitutionspflichtig (S. 2
Ziff.
1.1).
Als
somatische Diagnosen
nannten sie ein
Karpaltunnelsyndrom beidseitig
, ein
lumbospondylogenes
und
zervikocephales
Syndrom
sowie ein
thorakospondylogenes
Syndrom bei
kostovertebraler
Disfunktion
und führten aus,
diesbezüglich
könnten sie
de
n
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit n
icht beur
teilen.
Sie führ
ten aus, die Beschwerdeführerin sei kurdische Türkin. Sie sei aufgrund der politischen Tätigkeit ihres Mannes zweimal verhaftet und gefoltert worden. Sie sei mehrfach traumatisiert durch ein schweres Erdbeben in Istanbul, durch Gefangenschaft, Folter, sexuelle Übergriffe und häusliche Gewalt durch ihren zweiten Ehemann. Im letzten Jahr seien die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung wie Intrusionen, Vermeidungsverhalten, Über
er
regung und dissoziatives Verhalten
immer deutlicher und auch zu erlebten Traumatisierun
gen zuord
en
bar geworden
. Die Beschwerdeführerin zeige alle Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie leide unter verschiedenen intrusiven Erinnerungen wie dem Gefühl zu fallen, Blitze in den Augen oder dem Hören von Schreien der Gefolterten im Gefängnis. Sie zeige zudem ein generalisiertes Vermeidungsverhalten. Die depressive Symptomatik erscheine sekundär, als Folge dauernder und anhaltender negativer Erfahrungen und Belastungen
(S. 3
Ziff.
1.4)
.
Somatisch leide die Beschwerdeführerin unter verschiedenen chronischen Schmer
zen. Diese seien zum Teil spannungsbedingt, zum Teil di
e Folge von
vorliegenden akuten
und chronischen somatischen Erkrankungen. Einen weite
ren Einfluss auf die Gesamtsituation habe die anhalten
d
belastende soziale Situ
ation
(S. 4
Ziff.
1.4).
Die Beschwerdeführerin sei im letzten Jahr aufgrund verschiedenster sich kumu
lierender und gegenseitig verstärkender psychischer, somatischer und so
zialer Belastungen nicht arbeitsfähig gewesen. Eine Einschätzung auf längere Sicht sei zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich. Wenn die Psychotherapie weitergeführt werden könne und sich die soziale Situation beruhigt habe, sollte eine Arbeitsfähigkeit in einem reduzierten Pensum von 20–40
%
erreichbar sein (S. 2 oben).
3.2
Dr.
med.
A._
, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, erstattete sein psychiatrisches Gutachten am 5. Juli 2011 (Urk. 7/19) gestützt auf
eine
persönliche Untersuchung der Beschwerdeführerin am 21. März 2011 sowie die Akten
. Er nannte folgende Diagnose ohne Auswirkung auf die Ar
beitsfähigkeit (S. 10
Ziff.
5.2):
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion bei psychosozialer Belastungssituation und Problemen am Arbeitsplatz (ICD-10 F43.21, ICD-10 Z56)
Er führte aus, die Beschwerdeführerin wirke psychisch nicht auffällig. Sie sei kohärent im formalen Denken und
es
fänden sich keine Hinweise auf ein wahn
haftes Erleben, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen. Im Affekt wirke sie et
was herabgestimmt, sei aber gut spürbar und schwingungsfähig.
Weiter fänden sich keine Hinweise auf akute Suizidalität oder Fremdgefährdung (S. 10
Ziff.
4). A
us
rein psychiatrischer Sicht bestehe zur Zeit der Untersuchung keine Arbeits
unfähigkeit (S. 11 oben).
Gemäss ICD-10-Definition der posttraumatischen Belastungsstörung folge der Beginn der Symptomatik dem Trauma mit einer Latenz, die wenige Wochen bis Monate dauern könne. Dies treffe im vorliegenden Fall nicht zu. Demzufolge könne hier keine posttraumatische Belastungsstörung nach ICD-10 diagnosti
ziert werden. Die beschriebenen unspezifischen psychischen und körperlichen Beschwerden seien im Rahmen einer langjährigen, schweren, aber IV-fremden psychosozialen Belastungssituation aufgetreten. Es gebe keine klaren, nachvoll
ziehbaren Hinweise auf eine relevante psychische Störung, die eine langfristige Arbeitsunfähigkeit aus versicherungsmedizinischer Sicht rechtfertige (S. 11 f.).
Die übrigen Diagnosen aus dem Bericht
des
Z._
seien nicht ausreichend begrün
det und deshalb nicht nachvollziehbar. Insbesondere fehle die Abgren
zung zwischen psychischer Erkrankung und psychosozialer Belastung. Zudem seien die Angaben bezüglich der Arbeitsfähigkeit im B
ericht des
Z._
recht un
klar, wobei allerdings von einer günstigen Prognose ausgegangen werde (S. 12 oben).
In Bezug auf die aktuelle psychiatrische Behandlung falle au
f
, dass die Beschwer
deführerin nur eine sehr kleine Dosis antidepressiver Medikamente einnehme (
Cipralex
5 mg/d), was sie mit
einer
Magenunverträglichkeit be
gründe. Für die adäquate Behandlung der geschilderten Symptome sei diese Dosis jedoch nicht ausreichend.
Zusammenfassend fänden sich aus psychiatri
scher Sicht weder in den
Vorakten
noch in der aktuellen gutachterlichen Un
tersuchung klare, nachvollziehbare Hinweise auf einen schweren psychischen Gesundheitsschaden, der eine längerfristige Arbeitsunfähigkeit rechtfertige
(S. 12 Mitte).
3.3
Die Ärzte
des
Z._
, Klinik
für Psychiatrie und Psychotherapie,
nahmen
am 2
2.
September 2011
Stellung
(Urk. 7/34)
, bestätigten die früher genannten Di
agnosen und führten aus
, neben dem Ereigniskriterium sei die posttraumatische Belastungsstörung durch die Symptomcluster Wiedererleben, Vermeidung und vegetative Über
erreg
barkeit definiert
, welche bei der Beschwerdeführerin alle erfüllt seien
(S. 1
f.
).
Damit sei die Diagnose einer posttraumatischen
Belas
tungsstörung
gemäss Diagnosekriterien der ICD-10 per
d
efinitionem zu stellen. IV-fremde Faktoren wirkten hier begünstigend, jedoch keinesfalls kausal.
Die Latenz zwischen Trauma und Auftreten der Symptome sei nicht entscheidend (S. 2 unten).
Die bei der Beschwerdeführerin ausserdem vorhandenen ausge
prägten dissoziativen Symptome würden diagnostisch nicht als eigene Störung konzeptualisiert, sondern als pathognomonische Folge der posttraumatischen Belastungsstörung gewertet (S. 3 oben).
Mit dem Vorl
ie
gen von fünf Neben- und drei Hauptkriterien sei eigentlich gemäss Definitionskriterien des ICD-10 eine schwere depressive Episode zu diagnostizieren. Die Quantifizierung der
De
pressionssymptome
mittels Hopkins Symptoms Checklist habe jedoch eine mit
telschwere Symptomatik ergeben, was auch dem aktuellen klinischen Eindruck entspreche (S. 3 unten).
Die posttraumatische Belastungsstörung inklusive dis
soziativer Symptome sei ursächlich anzusehen für Schlafstörungen, Alpträume, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, psychische Absenzen und interaktionelle Auffälligkeiten. Auch die Schmerzstörung sei zu
mindest teilweise in Zusammenhang mit den traumatischen Ereignissen zu se
hen. Die depressive Symptomatik überlappe sich teilweise mit derjenigen der posttraumatischen Belastungsstörung, was zu einer kumulativen Verstärkung führe.
Alle drei Faktoren hätten in ihrer Summe erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Generell sei von einer stark eingeschränkten Belastbarkeit und schneller Überforderung auszugehen. Die genan
nte Restarbeitsfähigkeit von 20–
40
%
in der angestammten Tätigkeit müsse leider weiter eingeschränkt wer
den. Ein Arbeitsversuch in einem Arbeitsintegrationsprogramm mit einer Ar
beitsbelastung von 2-3 Stunden an zwei Tagen pro Woche sei gescheitert. Die Beschwerdeführerin müsse unter diesen Bedingungen in den letzten Monaten immer noch zu 100
%
krankgeschrieben werden.
Nach einer Eingewöhnungs- und Aufbauphase könne sie mittelfristig wieder zu 30
%
arbeiten
(S. 4)
.
3.4
Dr.
A._
nahm am 2
9.
Februar 2012 zu den neu eingereichten medizinischen Unterlagen Stellung (Urk. 7/41) und führte aus,
für die Schweizer
Versiche
rungsmedizin
sei in erster Linie das Diagnosemanual ICD-10 massgebend. Die Latenz zwischen den beschriebenen traumatischen Erlebnissen im Heimatland und dem Beginn der psychischen Beschwerden sei in den
Vorakten
gut doku
mentiert und könne weder ignoriert noch in Abrede gestellt werden. So gehe aus dem IV-Arztbericht des
Z._
vom 2
4.
Januar 2011 hervor,
dass die Be
schwerdeführerin im Jahre 2001 in die Schweiz einreiste. Erst im Jahre 2009 s
ei
bei ihr die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung gestellt worden, obwohl sie seit dem Jahre 2004 auf Grund von
somatoformen
Schmerzstörun
gen
in ambulanter Behandlung gewesen sei.
Im Widerspruch zum eigenen
Arzt
bericht
vom 2
4.
Januar 2011 attestierten die Ärzte
des
Z._
nun neu eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in den letzten Monaten. Es bestehe aber die Aus
sicht
auf eine 30%ige Arbeitsfähigkeit. Diese Angaben seien unklar und würden nicht nachvollziehbar begründet. Zusammenfassend beschränke sich das
Z._
im Bericht vom 2
2.
September 2011 darauf, die aus den
Vorakten
bekannte ei
gene Beurteilung vom 2
4.
Januar 2011
zu bekräftigen. Es würden keine
neuen Informationen geliefert. Abschliessend sei an seiner Beurteilung im erwähnten Gutachten vom
5.
Juli 2011 vollumfänglich festzuhalten, sowohl diagnostisch als auch bezüglich der Arbeitsfähigkeit
(S. 2)
.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin stützte ihre Annahme einer 100%igen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sowohl in der angestammten al
s auch in jeder ange
passten Tätigkeit auf die Beurteilung von
Dr.
A._
, welcher im Juli 2011 feststellte, dass keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit be
stünden (vgl. vorstehend E. 3.2 und E. 3.4). Demgegenüber erachteten die Ärzte des
Z._
die Beschwerdeführerin im Wesentlichen aufgrund einer posttraumati
schen Belastungsstörung
momentan für
vollständig
arbeitsunfähig und nach ei
ner Einarbeitungsphase
nur noch im geschützten Rahmen für 30
%
arbeitsfähig und befanden das von
Dr.
A._
erstellte
Gutachten für unverwertbar
(vgl. vorstehend E. 3.1 und E. 3.3)
.
4.2
Das von
Dr.
A._
erstellte Gutachten beruht
auf den erforderlichen Untersu
chungen, berücksichtigt
die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden und setzt sich mit diesen sowie dem Verhalten der Beschwerdeführerin umfas
send auseinander. Es wurde sodann in Kenntnis der wesentlichen
Vorakten
ab
gegeben, leuchtet in der Darlegung der medizinischen Situation ein, und die Schlussfolgerung ist in nachvollziehbarer Weise begründet.
Dr.
A._
setzte sich mit den anders lautenden Auffassungen der Ärzte des
Z._
in genügender Weise auseinander, konnte jedoch zum Zeitpunkt seiner Untersuchung
eine posttraumatische Belastungsstörung nicht bestätigen, was er auch, insbesondere gestützt auf die Latenz zwischen den beschriebenen traumatischen Erlebnissen im Heimatland und dem Beginn der psychischen Beschwerden, begründete
(vgl. vorstehend E. 3.4).
Das Gutachten von
Dr.
A._
erfüllt die Anforderungen an den Beweiswert eines medizinischen Gutachtens (vgl. vorstehend E. 1.6) voll
umfänglich, so dass für die
Entscheidfindung
darauf abgestellt werden kann.
4.3
Die Be
schwerdeführerin w
a
ndte ein,
Dr.
A._
habe die Diagnose einer post
traumatischen Belastungsstörung zu Un
recht verneint und es sei auf die Be
richte des
Z._
abzustellen (
Urk.
1).
Dem ist zu entgegnen, dass
nicht die korrekte diagnostische Einordnung eines Gesundheitsschadens entscheidend ist, sondern dessen konkrete Auswirkungen auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit (
BGE 136 V 279
E. 3.2.1 mit Hinweis)
. Darüber hinaus gilt
eine posttraumatische Belastungsstörung
nicht
an sich ge
nerell als invalidisierend. Vielmehr hat der Psychiater darzulegen, inwiefern
ihre Auswirkungen
nicht durch zumutbare W
illensanstrengung überwindbar sind
.
Da
bei gelten die für die Überwindbarkeit von
pathogenetisch
-ätiologisch un
klaren
syndromalen
Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische Grund
lage auf
gestellten Kriterien (Bundesgerichtsurteile 8C_483/2012 vom 4. De
-
zember
2012 E. 4.2 sowie 9C_671/2012 vom 15. November 2012 E. 4.3;
vgl. ferner BGE 136 V 279 und
130 V 352
).
Gemäss
den von
Dr.
A._
angewendeten
Kriterien
gemäss
ICD
10 F43.1
wird eine posttraumatische
Belastungsstö
rung
nur anerkannt, wenn sie
als eine ver
zögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situa
tion ausserge
wöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmasses ent
steht, die in fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Hierzu ge
hören eine durch Naturereignisse oder von Menschen verursachte Katastrophe, eine Kampfhand
lung, ein schwerer Unfall oder der Umstand, Zeuge des ge
waltsamen Todes anderer oder selbst Opfer von Folterung, Terrorismus, Verge
waltigung oder an
derer Verbrechen zu sein. Typische und zur Klassifizierung
notwendige Merk
male sind das wiederholte Erleben des Traumas in sich auf
drängenden Erinne
rungen oder in Träumen vor dem Hintergrund eines andau
ernden Gefühls von
Betäubtsein
und emotionaler Stumpfheit, Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber,
Anhedonie
sowie Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerun
gen an das Trauma wachrufen könnten. Üblicherweise findet sich Furcht vor und Vermeidung von Stichworten, die den Leidenden an das ursprüngliche Trauma erinnern könnten. Gewöhnlich tritt ein Zustand vegetativer
Üb
er
erregt
heit
mit
Vigilanzsteigerung
, einer übermässigen Schreckhaftigkeit und Schlaf
losigkeit auf. Angst und De
pression sind häufig mit den genannten Symptomen und Merkmalen assoziiert und Suizidgedan
ken sind nicht selten (ICD-10 F
62.0; Weltgesundheitsorganisa
tion,
Internationale
Klassifikation psychischer Störun
gen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch-diagnostische Leitlinien, 7. Auflage, Bern 2010, S. 183 f.).
Ausserdem kann die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung g
e
mäss
der Praxis des Bundesgerichtes
nur gestellt werden, wenn die Symptomatik innerhalb von sechs Monaten nach einem belastenden Ereignis aufgetreten ist (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 20. Februar 2008 8C_242/2007 E.
2.3.3 so
wie vom 22.
August
2007 I 750/2006 E. 3.2.1
).
4.4
Aus den Akten, insbesondere
aus
der
Anamneseerhebung in den Berichten des
Z._
und auch aus den eigenen Angaben der Beschwerdeführerin ergibt sich, dass sie sich nach ihrer Einreise in die Schweiz im Jahre 2001 erstmals im Jahre 2004 in
ambulante
psychiatrische Behandlung begab
,
und
dass
die Diagnose ei
ner posttraumatischen Belastungsstörung
sodann
erst im Jahre 2009 gestellt wurde
. Allfällige innerhalb eines halbe
n
Jahres seit der Einreise aufgetretene Probleme im Zusammenhang mit einer posttraumatischen Belastungsstörung sind aus den Akten
somit
keine
ersichtlich.
Dr.
A._
verneinte
gestützt auf eine
eingehende und nachvollziehbare Auseinandersetzung mit den
Kodie
rungskriterien
das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Dem
gegenüber vermochten die behandelnden Ärzte
des
Z._
keine
nicht lediglich auf der subjektiven Schilderung der Beschwerdeführerin beruhenden
, sondern auch auf in der Behandlungssituation konkret beobachteten Auffälligkeiten zu nennen, welche auf eine – trotz zumutbarer Willensanstrengung nicht über
windbare – posttraumatische Belastungsstörung hinweisen würden.
Dieser Um
stand weist
auf die in stän
diger Rechtsprechung anerkannte Verschiedenheit von Behandlungs- und Begutachtungsauftrag hin (vgl. BGE 137 V 210 E. 1.2.4 mit
Hin
weisen).
So beruht das Gutachten von
Dr
.
A._
auf einer Moment
aufnahme, während die Ärzte des
Z._
die Beschwerdeführerin seit Jahren be
handeln.
Es ist Wesensmerkmal einer jeden Begutachtung, dass
sie nicht auf ei
nem derart langen Beobachtungszeitraum beruhen kann wie die Berichte be
handelnder Ärzte, ohne dass dies allein ihrem Beweiswert abträglich wäre
(Bun
desgerichtsurteil 9C_866/2012 vom 21. November 2
012 E. 3.2.1). Ausserdem verfolgen
die Berichte der behandelnd
en Ärzte r
echtsprechungsgemäs
s
nicht den Zweck einer den abschliessenden Entscheid über die Versicherungs
ansprü
che erlaubenden objektiven Beurteilung des Gesundheitszustandes und erfüllen deshalb kaum je die von der Rechtsprechung aufgestellten materiellen Anfor
derungen an ein Gutachten. Sodann ist
auch
der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass die behandelnden Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre
auftrags
rechtliche
Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5).
Die Schilderungen in den Berichten
des
Z._
bezüglich der Diagnose einer post
traumatischen Belastungsstörung blieben zudem insgesamt
eher unbestimmt
. So bleibt insbesondere in Bezug auf die Angaben zu den für eine posttraumatische Belastungsstörung zentralen Nachhall-Erinnerungen ungewiss, was für Erinne
rungen dieser Art die Beschwerdeführerin verfolgen. Auch die traumatisieren
den Ereignisse blieben letztlich weitg
ehend im Dunkeln. Nach ICD-10 ist für die posttraumatische Belastungsstörung wie bereits erwähnt ein Ereignis
von aus
serordentlicher Schwere erforderlich. Diesbezüglich berichteten die Ärzte des
Z._
von Folter, auch sexueller, in Haft und von einem erlebten Erdbeben
in der Türkei. Aufgrund der Schilderungen der Beschwerdeführerin bei
Dr.
A._
ist
von e
iner wohl politisch motivierten
Inhaftierung während mehreren Tagen und einem erlebten Erdbeben auszugehen.
Sie berichtete ausserdem von einer unan
genehmen Verhörsituation verbunden mit Beleidigungen und Schlägen, von ei
gentlicher Folter oder sexuellen Misshandlungen erwähnte sie jedoch nichts. Dass sie oder ihre Familie bei dem erlebten Er
dbeben verletzt worden
oder gar jemand umgekommen sei oder sie andere Mensche
n
habe sterben sehen, er
wähnte sie ebenfalls nicht. Sie berichtete lediglich von Rissen in Gebäuden und eingestürzten Häusern (vgl.
Urk.
7/19 S. 7 f.).
Es ist demnach
fraglich, ob
von einem ausserordentlich schweren Ereignis im Sinne der Rechtsprechung auszu
gehen
ist
. Hingegen wird aufgrund der präzisen Angaben und Schilderungen der Beschwerdeführerin deutlich, dass sie nicht nur in der Schweiz, sondern
auch in ihrer Heimat
Türkei
in schwierigen psy
chosozialen Verhältnissen lebte, was jedoch
als
IV
-fremd
zu qualifizieren
und somit nicht massgebend
ist.
Insgesamt
vermögen die von Seiten
der Ärzte
des
Z._
vorgebrach
ten
Kritik
punkte
die Verwertbarkeit des Gutachtens von
Dr.
A._
nicht in Frage zu stel
len.
Die Beurteilung und Diagnose von
Dr.
A._
erweist si
ch als überzeugend und es
ist darauf abzustellen, w
omit
sich die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht aufrechterhal
ten
lässt
.
4
.5
Aufgrund des G
esagten ist der Einschätzung des
begutachtenden
Dr.
A._
zu folgen, dass keine Diagnose mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähig
keit be
steht
und
kein invalidisierender Gesundheitsschaden vorliegt.
Damit besteht kein Rentenanspruch, die angefochtene Verfügung erweist sich als
rechtens und die dagegen erhobene Beschwerde ist abzuweisen.
5
.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Ver
sicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts
kosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert fest
zulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
I
VG) und ermessensweise auf Fr.
7
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang dieses Verfahrens sind s
ie der
Beschwerdeführer
in aufzuerlegen
,
zufolge G
ewährung der unentgeltlichen
Prozessführung
jedoch
einstweilen auf die Gerichtskasse
zu nehmen
.