Decision ID: 225ec7f7-2816-48c7-9002-fe96039dc717
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._, geboren 1970, war von April 2003 bis Ende Januar 2013 als Teamleiterin bei der Z._ AG tätig (Urk. 9/38) und erbrachte von Juni bis Dezember 2014 Büroservice-Dienstleistungen für die A._ GmbH (Urk. 9/39). Unter Hinweis auf einen Bandscheibenschaden an der Hals- und Len
denwirbelsäule meldete sich
die Versicherte
am 24. September 2015 bei der In
validenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 9/3). Die Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab.
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Urk. 9/51-64) sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Verfügung vom 9. November 2017 bei einem Invaliditäts
grad von 100 % eine ganze Rente von Mai bis September 2016
zu (Urk.
9
/
73
, Urk.
9
/
65
= Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am 11. Dezember 2017
Beschwerde (
Urk.
1)
gegen die Ver
fügung vom 9. November 2017 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihr eine Invalidenrente auszurichten (S. 2 Ziff. 1 und 2), eventuell sei der medizinische Sachverhalt im Sinne einer Begutachtung weiter abzuklären und hernach ein Leistungsanspruch zu prüfen, subeventuell sei sie im Eingliederungs
prozess zu unterstützen (S. 2 Ziff. 4 und 5).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 30. Januar 2018 (Urk. 8) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin am 9. Feb
ruar 2018 zur Kenntnis gebracht (Urk. 10).
Mit Schreiben vom 23. Februar 2018 verzichtete die Beschwerdeführerin auf das Einreichen einer Replik (Urk. 11). Dies wurde der Beschwerdegegnerin am 13. Ap
ril 2018 zur Kenntnis gebracht (Urk. 12).

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundes
gesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geis
tigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behand
lung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbs
möglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähig
keit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus ob
jektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
An
spruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unt
erbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 %
besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertels
rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Beeinträchtigungen der psychischen Ge
sundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine In
validität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewir
ken.
Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein seelisches Leiden mit Krankheitswert besteht, welches die versicherte Per
son auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein renten
ausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG;
BGE 139 V 547
E. 5;
131 V 49
E. 1.2;
130 V 352
E. 2.2.1).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psychiatri
sche Diagnose voraus (BGE 130 V 396; 141 V 281 E. 2.1). Eine fach
ärztlich fest
gestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleich
bedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätz
lich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend
objekti
vierten Massstab zu beurtei
lende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (vgl. BGE 127 V 294 E. 4c; 139 V 547 E. 5.2; 143 V 409 E. 4.2.1).
Gemäss der für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosoma
tische Leiden entwickelten Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die tatsächli
-
che Arbeits- und Leistungsfähigkeit der versicherten Person grundsätzlich in einem strukturierten, ergebnisoffenen Beweisverfahren anhand von auf den
funktionel
len Schweregrad bezogenen Standardindikatoren zu ermitteln
(BGE 141 V 281). Mit BGE 143 V 418 hat das Bundesgericht erkannt, dass grund
sätz
lich sämtliche psychischen Leiden einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehe
n seien, wobei es je nach Krank
heitsbild allenfalls gewisser Anpassungen hinsichtlich der Wertung einzelner Indikatoren bedürfe. Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der
Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (E. 7).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens sind als Standardindikatoren die folgenden Aspekte massgebend (BGE 141 V 281 E. 4.1.3):
Funktioneller Schweregrad
-
Gesundheitsschädigung
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
-
Komorbiditäten
-
Persönlichkeit: Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Ressourcen
-
sozialer Kontext
Konsistenz (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleich
ba
ren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungsamamnestisch ausgewiesener Leidens
druck
Diese
Standardindikatoren erlauben - unter Berücksichtigung leistungs
hindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensations
potenzialen (Ressour
cen) anderseits - das tatsächlich erreichbare Leistungs
vermögen ei
n
zuschätzen
(BGE 141 V 281 E. 3.4-3.6 und E. 4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_2
60/2017 vom 1. Dezember 2017 E.
4.2.3).
Die Anerkennung eines rentenbe
gründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funk
tionellen Auswir
kungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewie
sen sind. Fehlt es da
ran, hat die Folgen der Beweislosigkeit (nach wie vor) die materiell beweisbelas
tete versicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allsei
tigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.5
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funkti
onelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49 IVV beurteilen die RAD die medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fach
kompetenz und der allgemeinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersu
chen. Sie halten die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hi
nweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jenem exter
ner medizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den pra
xisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Allerdings kann auf das Ergebnis versiche
rungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom 3. Ok
tober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf
BGE 139 V 225
E. 5.2;
135 V 465
E. 4.4 und E. 4.7).
1.6
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Ent
scheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festge
stellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rück
weisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versiche
rungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne ma
terielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der entscheidrelevante Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin hielt in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) fest, dass der
Beschwerdeführerin die angestammte Tätigkeit als Verkäuferin seit Januar 2015 aufgrund ihrer gesundheitliche
n
Einschränkungen nicht mehr zumutbar
sei
.
In einer angepassten Tätigkeit sei die Beschwerdeführerin aus orthopädischer Sicht jedoc
h vollständig arbeitsfähig, dies
unter Berücksichtigung eines vermehr
ten Pausenbedarfs von 20
%
. Aufgrund einer operativen Versorgung und post
operative
n
Nachsorge sei die Beschwerdeführerin zwischen Mai 2016 und Sep
tember 2016 vollständig arbeitsunfähig gewesen.
Aus psychiatrischer Sicht sei die Beschwerdeführerin in einer angepassten Tätig
keit spätestens seit Untersuchungszeitpunkt im Pensum von 60
%
arbeitsfähig. Danach werde unter adäquater Therapie eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 80-100
%
prognostiziert.
Die psychischen Einschränkungen seien auf diverse be
lastende aussenstehende Umstände zurückzuführen. Aus versicherungsmedizini
scher Sicht sei überwiegend wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin bei Wegfall dieser Faktoren voll arbeitsfähig wäre.
Aus versicherungspsychiatrischer Sicht sei
deshalb
kein IV-relevanter Gesundheitsschaden ausgewiesen.
Zusammenfassend bestehe b
is September 2016 ein IV-Grad von 100
% (Verfü
gungsteil 2, S. 1)
. Danach entspreche die bisherige Tätigkeit als Büroangestellte in teamleitender Position aus orthopädischer Sicht dem Anforderungsprofil. Die Leistungsreduktion sei hinsichtlich des vermehrten Pausenbedarfs bereits berück
sichtigt worden, weshalb der IV-Grad - bei Vornahme eines Prozentvergleichs
–
20
%
betrage
(Verfügungsteil 2, S. 2 Mitte)
.
2.2
Demgegenüber stellte sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt (Urk. 1), dass
die Kundenberaterin der IV-Stelle
g
estützt auf je zwei Bemerkungen des Psychologen
E._
s sowie des RAD-Arztes zum Schluss gekommen
sei
, es
handle
sich bei den psychiatrischen Einschränkungen um keinen IV-relevanten Gesundheitsschaden
.
Es sei seitens der genannten Ärzte hingegen nirgends fest
gehalten worden, dass die attestierte Arbeitsunfähigkeit einzig auf psychosoziale Belastungsfaktoren zurück
zu
führen sei. Diesbezüglich seien weitere medizinische Abklärungen angezeigt
(S. 6)
.
Sie sei
zudem
nicht im Verkauf tätig gewesen, sondern im leitenden Bereich im Sekretariat
(S. 7 f.)
. Es sei davon auszugehen, dass sie ihre Restarbeitsfähigkeit - bei Einschränkungen aus somatischen und aus psychiatrischen Gründen - auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr verwerten könne
(S. 10)
. Bei Anwendung der korrekten Validen- und Invalideneinkommen resultiere ein Anspruch auf eine ganze Rente
(S. 12 f.)
.
2.3
Strittig und zu prüfen ist der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin. Dabei um
stritten ist insbeson
dere das Vorliegen eines invalidisierenden psychischen Ge
sundheitsschadens.
3.
3.1
Dr.
med.
B._
, praktische Ärztin,
berichtete am 9. Oktober
2015 (
Urk.
9/13/1-6)
und nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit (S. 1 Ziff. 1.1):
-
Nacken-Schulter-Syndrom, zervikale Myelopathie bei Spinalstenose C3-C7
-
Lumboischialgien rechtsbetont
-
myofasziales Schmerzsyndrom
-
depressive Episoden
Sie führte aus, dass die Beschwerdeführerin seit mehreren Jahren unter rezidivie
renden Beschwerden der Hals- (HWS) und Lendenwirbelsäule (LWS) leide. Zudem bestünden rezidivierende depressive Episoden (S. 2 Ziff. 1.4). Aktuell bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (S. 6).
3.2
Dr.
med.
C._
,
Facharzt für
Neurochirurgie,
berichtete am
4. November
2015 (
Urk.
9/16/1-6
) und nannte folgende
Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (S.
1 Ziff. 1.1
)
:
-
Nacken-Schulter-Syndrom und Cervikocephalgien
-
c
ervikale Myelopathie bei Spinalstenose C3-7
-
Lumboischialgie beidseits,
etwas rechtsbetont
Als
Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
nannte er die Fol
genden
(S.
1 Ziff. 1.1
)
:
-
arterieller Hypertonus
-
Diabetes mellitus Typ II
-
Adipositas
-
myofasziales Schmerzsyndrom
-
depressive Episoden
-
Verdacht auf Hashimoto-Thyreoiditis
Er führte aus, dass seinerseits keine
Arbeits
un
fähigkeit
b
escheinigt
worden sei
(S.
2 Ziff. 1.6).
3.3
Die Ärzte des Spitals D._ berichteten mit Austrittsbericht vom
2
5. Mai
2016 (
Urk.
9/29/4-6)
über die
Hospitalisation
der Beschwerdeführerin
vom 2
0. bis 25. Mai
2016
und nannten folgende Diagnosen (S. 1):
-
Cervikobrachialgie beidseits, rechtsbetont
-
c
ervikale Myelopathie
C5/6 bei Spondylose C3/4 bis C6/7 mit
Spinals
tenose
-
aktuell Laminektomie von dorsal C3-7
-
Asthma bronchiale
-
metabolisches Syndrom
-
arterielle Hypertonie
-
Dyslipidämie
-
Diabetes mellitus Typ 2
-
Adipositas
-
Hypothyreose
-
hormonell substituiert
-
Depression
-
Persistierender Nikotinabusus
Sie führten aus, als Therapie sei eine
Laminektomie C4-6, subtotal C3, C7 mit Myelondekompression und Neurolyse C5 und C6 rechts
durchgeführt worden. D
er intra- und postoperative Verlauf
habe
sich komplikationslos
gestaltet. D
ie
Be
schwerdeführerin habe
bei
m
Austritt ein Rezept zur Bedarfsanalgesie
erhalten, zudem sei ihr eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit
attestiert worden (S. 2).
3.4
Lic. phil. E._
, Psychologe FSP,
berichtete am 5. Januar
2017 (
Urk.
9/33)
und nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfä
higkeit (S. 1 Ziff. 1.1):
-
generalisierte Angststörung (
ICD-10
F41.1)
-
undifferenzierte Somatisierungsstörung (
ICD-10
F45.1)
Er führte aus, die
Arbeitsfähigkeit in bisheriger Tätigkeit
sei unklar. Diese sei zu zirka
30-40
% zumutbar, wobei dies e
xploriert werden
müsste (S. 3 Ziff. 1.7). Eine angepasste
Tätigkeit
sei der Beschwerdeführerin
theoretisch
zirka 3-4 Stunden
pro Tag
mit Pausen zumutbar. Eventuell wäre ein
Job-Coaching
angebracht (S. 3 Ziff. 1.7).
3.5
Dr.
med.
F._
,
Facharzt für
orthopädische Chirurgie und Traumatolo
gie,
Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) der Beschwerdegegnerin, berichtete am 5. Mai
2017 (
Urk.
9/43)
über die Untersuchung der Beschwerdeführerin vom 20. April 2017. Er nannte folgende
Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeits
fähigkeit
(S. 7 Ziff. 8):
-
Cervico-Brachialgie beidseits
, rechtsbetont bei cervicaler Myelopathie C5/6 und Spondylose C3/4 bis C6/7 mit Spinalstenose
-
Status nach Laminektomie C3-7 mit
Myelondekompression und Neu
rolyse C5 und C6 rechts
am 20. Mai 2016
-
Lumboischialgie beidseits
Als
Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
nannte er die Fol
genden (S. 7 Ziff. 8):
-
Asthma bronchiale
-
m
etabolisches Syndrom
mit arterieller Hypertonie, Dyslipidämie sowie Di
abetes mellitus und Adipositas
-
Hashimoto-Thyreoiditis
Er führte aus, dass im orthopädischen Bereich Einschränkungen der Belastbarkeit bestünden, welche sich auch nach der operativen Versorgung der Wirbelsäule nicht verändert hätten. Es liege eine verminderte Belastbarkeit für regelmässiges mittelschweres und schweres Heben, Tragen und Transportieren von Lasten, für Arbeiten über Kopf- und Schulterhöhe, für Verharren in Zwangshaltungen, für dauerhafte Armvorhaltebelastungen und Überkopfarbeiten, für Arbeiten auf Lei
tern und Gerüsten, für Arbeiten mit Schlag- und Vibrationswerkzeugen sowie für häufiges Bücken vor (S. 7 f. Ziff. 9).
Bei der Beschwerdeführerin sei ein somatischer Gesundheitsschaden ausgewiesen, der die Arbeitsfähigkeit beeinträchtige. In ihrer Tätigkeit als Verkäuferin sei sie seit Januar 2015 100 % arbeitsunfähig. In angepasster Tätigkeit sei eine 100%ige Arbeitsfähigkeit unter Gewährung von zusätzlichen Pausen von 20 % gegeben. Diese Einschätzung gelte zwischen Januar 2015 und Mai 2016 sowie seit dem 1. Oktober 2016 auf Dauer (S. 8 Ziff. 10).
Der Gesundheitszustand ha
be sich verbessert hinsichtlich der
während
der
RAD-Untersuchung vom 2
0. April
2017
erhobenen Befunde
im Vergleich zum Aus
trittsbericht des Spitals
D._
vom 2
5. Mai
2016
(S. 8 unten).
3.6
M
ed. pract.
G._
,
Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie,
RAD der Beschwerdegegnerin, berichtete am 5. Mai 2017 (Urk. 9/44
)
über die Unter
suchung der Beschwerdeführerin vom 20. April 2017. Er nannte folgende Diag
nose
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
(S. 3):
-
rezidi
vierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode seit 2015 (
ICD-10
F33.1)
Er führte aus, dass die Beschwerdeführerin niedergeschlagen, die emotionale Schwingungsfähigkeit jedoch erhalten sei. Es bestehe eine leichtgradige Ungeduld und Reizbarkeit sowie eine deutliche Affektlabilität. Bei belastender Thematik sei die Beschwerdeführerin weinerlich (S. 3).
Die bisherige Tätigkeit sei der Beschwerdeführerin nicht mehr zumutbar. Eine angepasste Tätigkeit mit einem Pensum von zunächst 60 % mit angegebenem Profil sei der Beschwerdeführerin zumutbar. Es bestehe eine Antriebsstörung und eine psychophysische Belastbarkeitsminderung mit vorzeitiger Erschöpfung und Minderung der konzentrativen Ausdauerbelastbarkeit. Der Beschwerdeführerin seien zeitlich flexible Tätigkeiten ohne permanenten Zeit- und Termindruck, bei nur geringem Publikumsverkehr, ohne besondere Anforderungen an das Umstel
lungs- und Anpassungsvermögen in einer wohlwollenden und konfliktarmen Ar
beitsatmosphäre zumutbar. Bei weiterhin positivem Krankheitsverlauf und zu
nehmender Adaptierung am Arbeitsplatz sei ein Vollpensum erreichbar (S. 4 Mitte).
Bei einer leitliniengerechten fachpsychiatrischen Behandlung sowie labordiag
nostischen Evaluation einer antidepressiven Medikation werde eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit im angepassten Bereich auf 80-100 % innerhalb der nächs
ten zwölf Monate prognostiziert (S. 4 unten).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte vorliegend entgegen den medizinischen Ein
schätzungen (auch ihres RAD-Psychiaters) eine relevante gesundheitli
che Ein
schränkung mit dem Hinweis darauf, dass die psychischen Einschränkungen auf diverse belastende aussenstehende Umstände zurückzuführen seien. Aus versi
cherungsmedizinischer Sicht sei überwiegend wahrscheinlich, dass die Beschwer
deführerin bei Wegfall dieser Faktoren voll arbeitsfähig wäre, weshalb
kein IV-relevanter Gesundheitsschaden ausgewiesen
sei (Urk. 2 Verfügungsteil 2, S. 1)
.
Dem kann so nicht gefolgt werden.
4.2
Gemäss Urteil des Bundesgerichts
8C_582/2017
E. 5.1
vom 2
2. März 2018 (mit Hinweis auf: BGE 127 V 294 E. 5a)
b
raucht
es
in jedem Fall zur Annahme einer Invalidität ein medizinisches Substrat, das (fach)ärztlicherseits schlüssig festge
stellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesent
lich beein
trächtigt. Je stärker psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren im Ein
zelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgepräg
ter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krank
heitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Fak
toren her
rühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unter
scheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszu
ständen klar unterscheidbare andauernde Depression im fach
medizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen Leidens
zustand. Solche von der so
ziokultu
rellen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne ver
selbststän
digte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Er
werbsfä
higkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo der Gutachter dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychi
scher Gesundheitsschaden gegeben (vgl. AHI 2000 S. 153 E. 3). Ist anderseits eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der Frage zent
rale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann zu arbeiten (eventuell in einem geschützten Rahmen; vgl. Praxis 1997 Nr. 49 S. 255 E. 4b) und e
inem Erwerb nachzugehen.
Gemäss dem
Urteil des Bundesgerichts 9C_537/2011 vom 2
8.
Juni 2012 E. 3.2
(
mit Hinweisen
) können, we
nn und soweit psychosoziale und soziokulturelle Fak
toren zu einer eigentlichen Beeinträchtigung der psychischen Integrität führen, indem sie einen verselbständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner – unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen be
stehenden – Folgen verschlimmern, sie sich mittelbar i
nvaliditäts
begründend auswirken.
4.3
Zwar ist der Beschwerdegegnerin zuzustimmen, dass sowohl der Psychologe E._ (vgl. vorstehend E. 3.4) als auch der RAD-Psychiater (vgl. vorstehend E. 3.6) in ihren Berichten psychosoziale Faktoren erwähnten.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich der beschriebene Gesundheitszustand und die attestierte Arbeits
unfä
higkeit der Beschwerdeführerin vollstän
dig oder teilweise in ebendiesen invalidi
tätsfremden Faktoren erschöpfen. Im Übrigen hielt das Bundesgericht im Urteil
9C_116/2018 vom 1
7. April 20
18 E. 3.2.2 letzter Satz
fest, dass die psychi
sche Erkrankung nicht jegliche Relevanz im Sinne eines rein invaliditätsfremden Ge
schehens verliert, nur weil sie auch auf psychosoziale Faktoren zurückgeführt werden kann.
Vorliegend wäre in einem ersten Schritt zu unterscheiden, ob das diagno
sti
zierte Störungsbild
einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden sozio
kulturellen Faktoren herrühren, besteh
t
,
oder ob es da
von psychiatrisch zu unter
scheidende Befunde
umfasst. In einem zweiten Schritt wäre darauf einzugehen, wie die psychosozialen Belastungsfaktoren vorliegend einzuordnen sind. Dies wurde vorliegend unterlassen, weshalb a
us den aufliegenden Akten erhellt, dass sich der aktuelle Gesund
heits
zustand der Beschwerdeführerin sowie die verblie
bene Arbeitsfähigkeit nur ungenügend feststellen lassen und eine abschliessende Beurteilung der stritti
gen Rentenfrage mithin nicht möglich ist.
4.4
Zudem hatte im Zeitpunkt der Leistungsprüfung durch die Beschwerdegegnerin bei der aus psychiatrischer Sicht gestellten Diagnose noch keine Prüfung der Standardindikatoren zu erfolgen, fiel doch diese nicht unter die damals gel
tende Rechtsprechung zu den somatoformen Schmerzstörungen und vergleich
baren psychosomatischen Leiden (vgl. hierzu BGE 141 V 281).
Die Rechtsprechung hat sich zwischenzeitlich geändert und die Standard
indika
toren sind nun bei sämtlichen psychischen Leiden zu berücksichtigen (vorstehend E. 1.3). Das Leistungsvermögen der versicherten Per
son ist unter Berücksichti
gung der einschlägigen Indikatoren durch die sachver
ständige Person einzuschät
zen und nicht einzig auf der Stufe der Sachbearbei
tung der Beschwerdegegnerin. Die Rechtsanwendung prüft danach lediglich die betreffenden Angaben des Sach
verständigen. Es gibt keine unterschiedlichen Regeln gehorchende, getrennte Prü
fung einer medizinischen und einer rechtli
chen Arbeitsfähigkeit (BGE 141 V 281 E. 5.2.2-5.2.3).
Da im Zeitpunkt der Leistungsprüfung durch die Beschwerdegegnerin die nun
mehr geltende Praxis betreffend psychische Leiden noch nicht bestanden hat und sich der RAD-Untersuchungsbericht auch vor dem Hintergrund der geänderten Rechtsprechung als zu wenig aussagekräftig erweist, um die Auswirkungen des diagnostizierten Leidens auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin anhand der Standardindikatoren festlegen zu können, fehlt es vorliegend an einer ver
lässlichen medizinischen Grundlage. Eine gerichtliche Überprüfung der an
wend
baren Standardindikatoren ist nicht möglich. Auch insoweit hat die Beschwerde
gegnerin ergänzende Abklärungen vorzunehmen.
4.5
Auch auf den orthopädischen RAD-Untersuchungsbericht (vgl. vorstehend E. 3.5) kann bezüglich Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht ohne weiteres abgestellt werden. So
legte der RAD-Arzt zwar neben den genannten Diagnosen auch die erhobenen Befunde dar und nahm eine nach
vollziehbar begründete und durch Befunde untermauerte medizinisch-theoreti
sche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit und des Zustandekommens eines Belas
tungsprofils vor, ging jedoch von einer offensichtlich unzutreffenden angestammten Tätigkeit der Beschwerdeführerin als Verkäuferin aus. Diesen inhaltlichen Bedenken ist bei der Würdigung entspre
chend Rechnung zu tragen.
Zusammenfassend sind zur Beurteilung des Gesundheitszustandes und der Ar
beitsfähigkeit der Beschwer
deführerin
in der zutreffenden angestammten wie auch einer angepassten Tätigkeit
die vorliegenden ärztlichen Berichte nicht ge
nügend aussagekräftig. Vielmehr besteht weiterer Abklärungs
be
darf.
Die Sache ist deshalb an die Beschwerdegegnerin zurück
zu
wei
sen, damit diese entsprechende Abklärungen zum Gesundheitszustand und zur Arbeitsfä
higkeit sowohl in der angestammten als auch insbesondere in einer angepassten Tätig
keit vornehme. Anschliessend wird die Beschwerdegegnerin über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf Leistungen der Invalidenversi
cherung neu zu verfügen haben. In diesem Sinne ist die Beschwer
de gutzuheissen.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 700.-- anzusetzen. Entsprechend dem Aus
gang des Ver
fahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
Damit erweist sich das von der Beschwerdeführerin gestellte Gesuch um unent
geltliche Prozessführung (Urk. 1 S. 2 Ziff. 6) als gegenstandslos.