Decision ID: bf33753b-cdbe-5973-bd3c-5329f9ce07ec
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. M.Z. (geb. 1976) ist der älteste Sohn von I.Z. (geb. 1947) und R.Z. (geb. 1952).
Die Familie stammt aus Mazedonien. Der Vater lebt seit März 1988 in der Schweiz und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist mittlerweile hier niederlassungsberechtigt. Die Mutter R.Z. reiste zusammen mit
M.Z.‘s Brüdern A.Z. (geb. 1985) und B.Z. (geb. 1988) im Oktober 2000 im Rahmen des
Familiennachzugs zum Ehemann bzw. Vater in die Schweiz. Auch sie verfügen über
Niederlassungsbewilligungen. Daneben hat M.Z. vier Schwestern, nämlich S.Z. (geb.
1977), D.Z. (geb. 1979), F.Z. (geb. 1981) und P.Z. (geb. 1982). I.Z. und R.Z. wohnen
zusammen mit ihrem Sohn A.Z. und dessen Ehefrau C.Z. – eine Landsfrau, die nach
der Heirat in Mazedonien im Jahr 2010 ebenfalls in die Schweiz nachzog – gemeinsam
in einer 4-Zimmer-Wohnung in X. Auch B.Z. hat inzwischen geheiratet und lebt mit
seiner Ehefrau in unmittelbarer Nachbarschaft seiner Eltern bzw. der Familie seines
Bruders A.Z.
M.Z. leidet gemäss den vorgelegten ärztlichen Zeugnissen an einer schweren bis
schwersten Intelligenzminderung (ICD F72/73), seit er als Säugling nach einem Sturz
aus mehreren Metern Höhe ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat. Er ist durchgehend
pflegebedürftig, etwa bei der Körperpflege, beim Ankleiden und bei der
Nahrungsaufnahme; zudem ist er inkontinent. Ausser den motorischen und mentalen
Defiziten äussert sich seine geistige Behinderung durch Verhaltensauffälligkeiten
(aggressive Durchbrüche, Beissen auch der eigenen Hand, Schreien, Toben usw.; zum
Ganzen vgl. psychiatrische Stellungnahme Dr. med. K.F. vom 3. Januar 2014 [act. 10]).
B. Am 8. April 2013 stellten I.Z. und R.Z. für ihren Sohn M.Z. ein Gesuch um
Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung im Familiennachzug (act. 18/2 und Akten
Migrationsamt, Dossier M.Z., S. 9). Das Migrationsamt behandelte dieses als Gesuch
um Unterbreitung als schwerwiegender persönlicher Härtefall und wies es mit
Verfügung vom 19. Februar 2014 ab (act. 18/3 und Doss. M.Z., S. 80 ff.). Zur
Begründung führte das Amt an, M.Z. leide zwar an einer schweren bis schwersten
Intelligenzminderung und sei auf die Betreuung von Drittpersonen angewiesen. Ein
Härtefall aus medizinischen Gründen liege aber nur vor, wenn die medizinische
Versorgung im Heimatland nicht zur Verfügung stehe und der dortige Verbleib zu einer
raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes führe.
Dies sei konkret nicht der Fall. Im Heimatland würden weitere Familienangehörige
leben, welche – gegebenenfalls mit finanzieller Unterstützung aus der Schweiz – die
Betreuung des Gesuchstellers übernehmen könnten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C. Den gegen diese Verfügung erhobenen Rekurs wies das Sicherheits- und
Justizdepartement mit Entscheid vom 6. Oktober 2014 ab (act. 2). Die Rekursinstanz
verneinte ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis des Rekurrenten zu seinen in der
Schweiz lebenden Eltern und beschied ihm, er könne deshalb aus der konventions-
und verfassungsrechtlichen Garantie der Achtung von Privat- und Familienleben keine
Ansprüche auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung ableiten. Auch ein Härtefall liege
nicht vor, weil keine objektiven Gründe bestünden, aufgrund derer M.Z. nicht mehr
durch seine Geschwister im Heimatland betreut werden könne.
D.
a. Gegen den Rekursentscheid erhoben Rechtsanwältin lic. iur. Bettina Surber und
Rechtsanwalt lic. iur. Heinz T. Stadelmann mit separaten Eingaben vom 22. Oktober
bzw. 23. Oktober 2014 für M.Z. (Beschwerdeführer) Beschwerden beim
Verwaltungsgericht (act. 1 und 5). In der Folge wurde das Mandat zunächst auf
Rechtsanwalt Stadelmann (act. 8) übertragen. Mit Blick auf die unklaren
Vertretungsverhältnisse des volljährigen Beschwerdeführers liess der Rechtsvertreter
das Verfahren bis 31. März 2015 sistieren, damit für diesen in Mazedonien eine
Beistandschaft errichtet werden könne (act. 9 und 13).
b. Mit Beschluss des Zwischenkommunalen Zentrums für soziale Angelegenheiten in
T., Mazedonien, vom 22. Januar 2015 (act. 18/9) wurde R.Z. auf ihren Antrag hin
gestützt auf die einschlägigen Bestimmungen des mazedonischen Familiengesetzes
als Vormundin des Beschwerdeführers eingesetzt.
c. Mit Eingabe vom 14. April 2015 ergänzte Rechtsanwältin lic. iur. Bigna Heim, St.
Gallen – die nunmehrige Rechtsvertreterin – die Beschwerde vor Verwaltungsgericht.
Sie beantragte, die Verfügung des Migrationsamtes und der Entscheid des Sicherheits-
und Justizdepartements seien aufzuheben und das Migrationsamt sei anzuweisen,
dem Beschwerdeführer die bedingungslose unbefristete Aufenthaltsbewilligung in der
Schweiz zu erteilen; eventuell sei diese Bewilligung unter der Bedingung zu erteilen,
dass sich A.Z. und B.Z. solidarisch mit ihren Eltern verpflichteten, für den Unterhalt des
Beschwerdeführers in der Schweiz aufzukommen; unter Gewährung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unentgeltlichen Rechtspflege und verbeiständung (act. 17). Diese bewilligte der
Präsident mit Verfügung vom 24. April 2015 (act. 19).
d. Mit Vernehmlassung vom 5. Mai 2015 beantragte das Sicherheits- und
Justizdepartement (Vorinstanz) Abweisung der Beschwerde (act. 21). Am 18. Mai 2015
erklärte die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers ihrerseits den Verzicht auf eine
weitere Stellungnahme und reichte die Honorarnote ein (act. 25 und 26).
Auf die Vorbringen des Beschwerdeführers, den angefochtenen Entscheid und die
Akten wird – soweit notwendig – in den nachstehenden Erwägungen weiter
eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP). Der
Beschwerdeführer ist als Adressat des angefochtenen Entscheids zur Erhebung der
Beschwerde legitimiert (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerde
wurde rechtzeitig erhoben und entspricht formal und inhaltlich den gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP).
Soweit sich die Rechtsbegehren des Beschwerdeführers gegen die erstinstanzliche
Verfügung richten, sind sie unzulässig. Diese ist durch den Rekursentscheid ersetzt
worden (Devolutiveffekt), gilt durch die Beschwerde aber immerhin als inhaltlich
mitangefochten (BGer 1C_3/2013 vom 19. November 2013 E. 2 mit Hinweis auf BGE
134 II 142 E. 1.4; vgl. auch Entscheid des Verwaltungsgerichtspräsidenten B 2013/64
vom 29. April 2013 E. 1, www.gerichte.sg.ch). Im Übrigen ist auf die Beschwerde
einzutreten.
2.
2.1. Streitig ist unter anderem, ob dem Beschwerdeführer eine sog. «humanitäre
Aufenthaltsbewilligung» zu erteilen ist. Nach Art. 30 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) kann von den allgemeinen
Zulassungsvoraussetzungen abgewichen werden, um schwerwiegenden persönlichen
Härtefällen oder wichtigen öffentlichen Interessen Rechnung zu tragen. Ein
Rechtsanspruch auf eine solche Bewilligung besteht grundsätzlich nicht; ihre Erteilung
liegt im pflichtgemäss wahrzunehmenden Ermessen der kantonalen Ausländerbehörde.
Diese hat dabei die öffentlichen Interessen (gesamtwirtschaftliche, kulturelle,
wissenschaftliche, soziale, demographische und gesellschaftliche Aspekte inkl.
Einwanderungs- und Ausländerpolitik), die persönlichen Verhältnisse (familiäre
Bindungen, Verwurzelung, Gesundheitszustand usw.) und den Grad der Integration der
ausländischen Person zu berücksichtigen. Der Härtefall nach Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG
verlangt indes nicht, dass sich die ausländische Person je in der Schweiz aufgehalten
hat, sofern sich die Anwesenheit zur Vermeidung einer bedrohlichen Notlage als
unabdingbar erweist (zum Ganzen vgl. Th. Hugi Yar, Von Trennungen, Härtefällen und
Delikten, in: Achermann et al. [Hrsg.], Jahrbuch für Migrationsrecht 2012/13, S. 95 ff.
mit Hinweisen). Die Notlage muss sich darin manifestieren, dass ihre Lebens- und
Existenzbedingungen – gemessen am durchschnittlichen Schicksal im Herkunftsland –
in gesteigertem Mass in Frage gestellt sind bzw. die Verweigerung einer
Aufenthaltsbewilligung für sie mit schweren Nachteilen verbunden wäre (vgl. z.B.
BVGer C-3216/2010 vom 29.1.2014 E. 3.4). Damit ein Härtefallgesuch aufgrund
medizinischer Beschwerden gutgeheissen wird, muss die betreffende Person unter
einer schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigung leiden, die einer über lange
Zeit andauernden, permanenten medizinischen Betreuung oder punktueller
Notfallbehandlungen bedarf, die im Herkunftsland nicht verfügbar sind, so dass eine
Ausreise aus der Schweiz (bzw. die Verweigerung des Aufenthalts) geeignet wäre,
gravierende Konsequenzen für deren Gesundheit zu haben. Die Tatsache allein, dass in
der Schweiz Zugang zu qualitativ besserer medizinischer Versorgung besteht als im
Herkunftsland, reicht hingegen nicht aus, um eine Abweichung von den
Zulassungsbedingungen zu rechtfertigen (vgl. BGE 128 II 200 E. 5.3).
Während die Anwendung der «Härtefallklausel» von Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG
grundsätzlich im Ermessen der Behörden liegt, kann das Recht auf Achtung des
Familienlebens (Art. 8 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und
Grundfreiheiten; EMRK, SR 0.101, bzw. Art. 13 Abs. 1 der Bundesverfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft; BV, SR 101) bei gegebenen Voraussetzungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einen Rechtsanspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsberechtigung vermitteln (vgl. M.
Caroni, in: Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Stämpflis Handkommentar, Bern 2010, N
60 ff. der Vorbemerkungen zu Art. 42-52 AuG). Dies kommt in Betracht, wenn einem
Ausländer, dessen Angehörige hier weilen und über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht
verfügen, die Anwesenheit untersagt und damit das Familienleben vereitelt wird
(BGE 135 1 143 E. 1.3.1). Art. 8 EMRK schützt in erster Linie die Kernfamilie, d.h. die
Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjährigen Kindern (BGE 135 1 143 E. 1.3.2;
BGE 127 II 60 E. 1). Die Beziehung zu einem volljährigen Kind kann nur ausnahmsweise
– und grundsätzlich nur, wenn ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zu einem
anwesenheitsberechtigten Familienmitglied vorliegt – ein Anwesenheitsrecht
verschaffen (BGE 120 Ib 257 E. 1d; J. Meyer-Ladewig, Handkommentar EMRK, 3. Aufl.
2011, N 52 zu Art. 8 mit Hinweisen). Ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis kann aus
Betreuungs- oder Pflegebedürfnissen resultieren, wie sie bei körperlichen oder
geistigen Behinderungen und schwerwiegenden Krankheiten vorkommen. Denkbar ist
dies etwa bei einem Kind, welches aufgrund einer schweren Behinderung über das
Erreichen der Volljährigkeit hinaus auf Betreuung durch seine in der Schweiz
anwesenheitsberechtigten Eltern angewiesen ist (vgl. BGE 115 Ib 1 E. 2d), oder bei
einem schwerwiegend erkrankten Elternteil, bei welchem die Betreuung durch ein hier
lebendes erwachsenes Kind als unabdingbar erscheint (zum Ganzen vgl. BGer
2C_253/2010 vom 18. Juli 2011 E. 1.5). Dies gilt jedenfalls dann ohne Weiteres, wenn
der nachzuziehende Ausländer von der hier fest anwesenheitsberechtigten Person
abhängig ist (zur umgekehrten – nach der jüngeren Rechtsprechung auch möglichen –
Konstellation vgl. BGer 2C_942/2010 vom 27. April 2011 bzw. 2C_817/2010 vom
24. März 2011). Generell keinen Anspruch nach Art. 8 EMRK zu begründen vermag
indes eine alleinige finanzielle Abhängigkeit (BGer 2A.463/2001 vom 18. Oktober 2001
E. 2c).
2.2.
2.2.1. Die Vorinstanz hielt fest, der heutige Beschwerdeführer wohne in Mazedonien
und lebe seit Jahren – seit 1988 bzw. 2000 – von seinen in der Schweiz
niederlassungsberechtigten Eltern bzw. Brüdern getrennt. Diese Trennung sei freiwillig
herbeigeführt worden, und es sei nie um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung für den
geistig behinderten Sohn bzw. Bruder nachgesucht worden. Dieser sei vielmehr von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer Schwester im Heimatland betreut worden, welche nunmehr nach Italien
ausgereist sei. Ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis zu seinen in der Schweiz
lebenden Eltern bzw. Brüdern, welches dem Beschwerdeführer aus Art. 8 EMRK bzw.
Art. 13 Abs. 1 BV ein Anwesenheitsrecht verschaffe, bestehe bei dieser Ausgangslage
nicht. Der Beschwerdeführer habe in einer intakten und gelebten Gemeinschaft mit
seiner Schwester gelebt. Zu ihr und nicht zu seinen Eltern habe allenfalls ein
besonderes Abhängigkeitsverhältnis bestanden (E. 2.c des angefochtenen Entscheids).
Da der Beschwerdeführer mittlerweile von seinen Verwandten in der Schweiz getrennt
lebe, bestehe zu diesen im Übrigen keine grössere Bindung als zu seinen Verwandten
im Heimatland (E. 3.c des angefochtenen Entscheids).
2.2.2. Der Beschwerdeführer bringt vor, seine Eltern hätten sich nicht freiwillig von
ihm getrennt. Im Jahr 2000, als seine Mutter mit den beiden jüngeren Brüdern zum
Vater in die Schweiz gezogen sei, sei er bereits 24 Jahre alt gewesen und habe vom
Familiennachzug nicht mehr profitieren können. Die Mutter sei dannzumal vor der Wahl
gestanden, entweder weiterhin eine Distanzehe zu führen oder ihn in die Obhut seiner
Schwester D.Z. zu geben. Auch wenn sie sich für zweiteres entschieden habe, könne
dies nicht als «freiwillig» gelten. Die Betreuungssituation in Mazedonien habe sich
indessen im Jahr 2011 verändert, als D.Z. geheiratet habe und zu ihrem Ehemann nach
Italien gezogen sei. Seit diesem Wegzug sei der Beschwerdeführer wieder zu 100%
von seiner Mutter betreut worden; dabei hätten sie der Vater und die beiden jüngeren
Brüder bzw. deren Ehefrauen unterstützt. Da er hier kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht
habe, habe seine Mutter alle 90 Tage mit ihm den Schengenraum verlassen müssen.
Die Eltern könnten diese Reise zusammen mit dem Beschwerdeführer aus
gesundheitlichen Gründen nicht mehr alleine bewältigen und würden deshalb bei der
Hin- und Rückreise durch jeweils einen der jüngeren Brüder begleitet. Seit nunmehr
vier Jahren bestehe mithin (erneut) ein tatsächliches besonderes
Abhängigkeitsverhältnis des Beschwerdeführers von seiner Mutter, die ihn hier
zusammen mit der Familie und in Mazedonien teilweise sogar alleine betreue. Der
gegenteilige Entscheid der Vorinstanz beruhe auf falschen Tatsachenfeststellungen. Im
Übrigen könne von seinen Verwandten in Mazedonien nicht verlangt werden, die
Betreuung zu übernehmen. Denn auch nach mazedonischem Familienrecht bestehe
eine Verwandtenunterstützungspflicht nur für die Verwandten in gerader Linie und die
Geschwister, wobei konkret einzig die (allein erbberechtigten) Eltern pflichtig seien. Zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
freiwilliger Unterstützung seien die in Mazedonien lebenden Verwandten nicht bereit,
insbesondere nicht die beiden noch dort lebenden Schwestern F.Z. und P.Z. Diese
würden seit Jahren nicht mehr mit dem Beschwerdeführer zusammenleben, weshalb
hier keine tatsächliche familiäre Beziehung bestehe. Zudem hätten beide kleine Kinder.
Auch komme weder die Unterbringung in einem Tagesheim – die Betreuung in der
Nacht und über das Wochenende lasse sich damit nicht ersetzen – noch in einer
Institution für die Langzeitpflege von Menschen mit psychischen Behinderungen in
Frage. In letzteren seien die Umstände prekär und entwürdigend; es komme
regelmässig zu unmenschlicher und degradierender Behandlung (act. 17).
2.3. Massgebend bei der Beurteilung der Frage, ob zwischen den Eltern und einem
volljährigen Kind ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis vorliegt, welches dem
Beschwerdeführer vorliegend unter Umständen gestützt auf Art. 8 EMRK ein
Anwesenheitsrecht verschaffen könnte, sind gemäss der Rechtsprechung des
Bundesgerichts die konkreten Umstände des Einzelfalls (vgl. Urteil 2C_253/2010 vom
18. Juli 2011 E. 2).
2.3.1. Angesichts der vorgelegten Beweise hat – wie die Vorinstanz mit Recht
angenommen hat – als erstellt zu gelten, dass der heute 39-jährige Beschwerdeführer
an einer schweren bis schwersten geistigen Behinderung (ICD F72 bzw. F73) leidet (vgl.
ärztliche Zeugnisse [act. 10 und Akten des Migrationsamts/Dossier M.Z. S. 32],
Beschluss vom 26. Dezember 2014 des Amtsgerichts T. [act. 18/8], Bestätigung des
Ortsamtes „Bratstvo edinstvo“ der Gemeinde T. [act. 18/10], übereinstimmende
Aussagen der Verwandten des Beschwerdeführers [z.B. act. 18/13]). Daran ändert
nichts, dass auf der Übersetzung des Berichts der mazedonischen Psychiaterin Dr. M.
(Akten des Migrationsamts/Dossier M.Z. S. 32) der ICD-Code F32 (Depression)
(anstelle des wohl gemeinten ICD-Codes F72 [schwere Intelligenzminderung]) vermerkt
wurde, ist doch aufgrund der im Bericht ausformulierten Diagnose („Schwere
Mentalbehinderung“) sowie der übrigen Beweise anzunehmen, dass es sich hierbei um
ein Versehen handelt. Das Intelligenzalter einer Person mit einer geistigen Behinderung
gemäss dem ICD-Code F72 entspricht demjenigen eines 3- bis unter 6-Jährigen;
solche Personen sind auf andauernde Unterstützung angewiesen (vgl. hierzu
Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter
Gesundheitsprobleme, 10. A., Kapitel V, F. 72ICD, abrufbar unter http://www.dimdi.de/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
static/ de/klassi/icd-10gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2014/ block-f70-
f79.htm).
Die Behinderung des Beschwerdeführers und die daraus folgende
Betreuungsbedürftigkeit kann nach dem Gesagten grundsätzlich zu einem besonderen
Abhängigkeitsverhältnis führen, welches dem Beschwerdeführer gestützt auf Art. 8
EMRK ein Anwesenheitsrecht verschaffen kann. Für die Frage, ob vorliegend ein
solches Abhängigkeitsverhältnis besteht, ist entscheidend, welcher Betreuung der
Beschwerdeführer aufgrund seiner Behinderung konkret bedarf und ob eine genügend
nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung zwischen dem Beschwerdeführer und
den in der Schweiz niedergelassenen Eltern bzw. Geschwistern besteht (BGE 135 I 143
E. 3.1). Die bloss gewünschte oder angebahnte Beziehung genügt für sich allein nicht
(Bertschi/Gächter, Der Anwesenheitsanspruch aufgrund der Garantie des Privat- und
Familienlebens, in: ZBl 104/2003 S. 236).
2.3.2. Die Vorinstanz hat sich auf den Standpunkt gestellt, dass kein solches
tatsächlich gelebtes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und den
in der Schweiz niedergelassenen Eltern vorliege, im Wesentlichen weil der
Beschwerdeführer bis ins Jahr 2011 hauptsächlich von seiner bis zu diesem Zeitpunkt
in Mazedonien lebenden Schwester D.Z. betreut worden sei. Die in der Schweiz
niedergelassenen Eltern hätten sich freiwillig vom Beschwerdeführer getrennt, wobei
erst im Jahr 2013 – und nicht bereits früher – ein Gesuch um eine
Aufenthaltsbewilligung für den Beschwerdeführer gestellt worden sei.
Es ist der Vorinstanz nicht grundsätzlich verwehrt, mittelbar auf der Grundlage von
Indizien auf das Nichtvorliegen eines tatsächlichen besonderen
Abhängigkeitsverhältnisses zu schliessen. In der angefochtenen Entscheidung hat sie
allerdings unbeachtet gelassen, dass nicht nur die früheren familiären Verhältnisse
ausschlaggebend sind, sondern auch die aktuellen Umstände. Zu berücksichtigen sind
insbesondere auch durch neue Umstände bedingte und unter Umständen auch sich
künftig abzeichnende Beziehungen (BGE 120 Ib 257 E. 1c). Dementsprechend kann
dem Beschwerdeführer nicht bereits deshalb eine Berufung auf Art. 8 EMRK verwehrt
werden, weil er in den Jahren 2000 bis 2011 hauptsächlich von seiner dannzumal in
Mazedonien lebenden Schwester D.Z. betreut worden ist. Sollte der Beschwerdeführer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
tatsächlich seit rund vier Jahren im Wesentlichen von seiner in der Schweiz
niedergelassenen Mutter betreut worden sein – wie dies bereits im vorinstanzlichen
Verfahren geltend gemacht worden ist –, wäre vielmehr grundsätzlich davon
auszugehen, dass gegenwärtig (erneut) eine hinreichend gefestigte tatsächliche
Beziehung des Beschwerdeführers zu seiner Mutter vorliegt.
Bei Vorliegen einer solchen tatsächlich gelebten Beziehung wäre – was das geltend
gemachte besondere Abhängigkeitsverhältnis anbelangt – im Weiteren zu beurteilen,
ob der Beschwerdeführer auf eine Betreuung durch seine in der Schweiz
niedergelassenen Familienmitglieder angewiesen ist und diese auch in der Lage sind,
diese Betreuung in der Schweiz zu gewährleisten, oder ob für den Beschwerdeführer
angemessene Betreuungsmöglichkeiten in Mazedonien zur Verfügung stehen. Dabei
fällt auch ins Gewicht, wie weit der Beschwerdeführer aufgrund seiner Behinderung
überhaupt in der Lage ist, zu seinen Eltern in Beziehung zu treten. Aus der alleinigen
Tatsache, dass die Mutter des Beschwerdeführers in Mazedonien nunmehr als dessen
Vormundin eingesetzt wurde, ist nicht zwingend zu schliessen, dass zwischen den
beiden ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis im Sinn von Art. 8 EMRK vorliegt.
Allerdings wird die durch die mazedonischen Behörden errichtete Vormundschaft
angemessen zu berücksichtigen sein, zumal diese in der Schweiz grundsätzlich
anzuerkennen ist (vgl. Art. 22 des Übereinkommens über den internationalen Schutz
von Erwachsenen, SR 0.211.232.1, in Verbindung mit Art. 85 Abs. 4 des
Bundesgesetzes über das Internationale Privatrecht vom 18. Dezember 1987, SR 291).
Daran ändert nichts, dass die Mutter erst nach Ergehen des vorinstanzlichen
Entscheids zur Vormundin erklärt wurde, weil die Errichtung der Vormundschaft
vorliegend als „echtes“ Novum zu berücksichtigen ist. Das Bundesgericht hat
ausdrücklich festgehalten, dass das Verwaltungsgericht im Ausländerrecht auf den
Sachverhalt im Zeitpunkt des Entscheides abzustellen hat (BGE 128 II 149; Cavelti/
Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 645).
2.3.3. Dem Beschwerdeführer kann eine Geltendmachung von Art. 8 EMRK auch
nicht schon deshalb versagt werden, weil für ihn erst im Jahr 2013 – und nicht
gleichzeitig mit seiner Mutter im Jahr 2000 – eine Aufenthaltsbewilligung beantragt
wurde. Dies wäre erst dann zulässig, wenn sich herausstellen sollte, dass für die
spätere Geltendmachung des Nachzugsrechts keine sachlichen Gründe bestehen bzw.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass darin ein rechtsmissbräuchliches Verhalten zu erblicken ist. Letzteres wäre dann
der Fall, wenn aus der späteren Geltendmachung des Nachzugsrechts geschlossen
werden könnte, dass es den Beteiligten gar nicht um das durch Art. 8 EMRK
geschützte Familienleben geht, sondern andere Motive im Vordergrund stehen (vgl.
Uebersax, Der Rechtsmissbrauch im Ausländerrecht, unter Berücksichtigung des
Rechtsprechung des Bundesgerichts, in: Jahrbuch für Migrationsrecht 2005/2006,
S. 19). Vorliegend besteht in der vorgebrachten Änderung der Betreuungssituation ab
2011 nach der Ausreise der Schwester des Beschwerdeführers nach Italien zusammen
mit der gesundheitsbedingt eingeschränkten Mobilität der Eltern des
Beschwerdeführers grundsätzlich ein sachlicher Grund für die späte Geltendmachung
des Nachzugsrechts. Anhaltspunkte für Rechtsmissbrauch wurden weder von den
Vorinstanzen namhaft gemacht, noch sind solche angesichts der Aktenlage ersichtlich.
2.3.4. Es ist somit zusammenfassend festzuhalten, dass es an den erforderlichen
tatsächlichen Feststellungen fehlt, um auf das Fehlen oder Vorhandensein eines
besonderen, den anbegehrten Nachzug als notwendig erscheinen lassenden
Abhängigkeitsverhältnisses zwischen dem Beschwerdeführer und seiner in der
Schweiz niedergelassenen Mutter bzw. den weiteren hier lebenden
Familienangehörigen schliessen zu können. Angesichts fehlender Anhaltspunkte,
wonach die diesbezüglichen Darstellungen des Beschwerdeführers nicht zutreffen
sollten, wären die Vorinstanzen gehalten gewesen, unter der gebotenen Mitwirkung des
Beschwerdeführers bzw. seiner Angehörigen (Art. 90 AuG) weitere Abklärungen
vorzunehmen. Entsprechende Abklärungen werden in zweckmässiger Weise wie z.B.
durch Einverlangen von Reisedokumenten (Bescheinigungen der Grenzübertritte in den
Reisepässen, Fahrausweise) bzw. durch Einholen von Auskünften über die
Betreuungsbedürfnisse des Beschwerdeführers und über die Betreuungsmöglichkeiten
in der Schweiz und im Heimatland nachzuholen sein.
2.3.5. Gestützt auf Art. 64 in Verbindung mit Art. 56 Abs. 2 Satz 1 VRP weist das
Verwaltungsgericht die Sache an die Vorinstanz zurück, wenn die Vorinstanz den
Sachverhalt ungenügend abgeklärt hat (vgl. Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit
im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 1029). Dabei ist nach der Praxis des
Verwaltungsgerichts eine Rückweisung auch an die erstverfügende Behörde zulässig,
wenn diese im betreffenden Bereich über spezifische Sachkenntnisse verfügt oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenn dem Rechtsuchenden in der noch zu prüfenden Frage der volle Instanzenzug
offengehalten werden soll (Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 1034). Die Angelegenheit ist
dementsprechend an das Migrationsamt zurückzuweisen.
Dabei wird zu berücksichtigen sein, dass den Eltern des Beschwerdeführers eine
Ausreise nach Mazedonien zur dortigen Pflege des Familienlebens aufgrund ihres
bereits relativ lange andauernden Aufenthalts in der Schweiz sowie ihres
fortgeschrittenen Alters nicht mehr zumutbar wäre. Sollten die ergänzenden
Abklärungen zum Schluss führen, dass zwischen dem Beschwerdeführer und der in
der Schweiz niedergelassenen Mutter bzw. den weiteren hier lebenden
Familienangehörigen tatsächlich ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis besteht und
diese zur angemessenen Betreuung des Beschwerdeführers in der Schweiz auch in der
Lage sind, wäre daher eine Interessenabwägung gemäss Art. 8 Ziff. 2 EMRK
vorzunehmen.
2.3.6. Sofern ein Anspruch auf Familiennachzug aufgrund von Art. 8 EMRK besteht,
würden bloss finanzielle Bedenken für die Abweisung des Gesuchs gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht genügen. Es müsste vielmehr konkret die
Gefahr einer fortgesetzten und erheblichen Fürsorgeabhängigkeit gegeben sein (BGE
125 II 633 E. 3c). Dabei ist von den aktuellen Verhältnissen auszugehen, aber die
wahrscheinliche finanzielle Entwicklung auf längere Sicht abzuwägen (Botschaft zum
AuG, BBl 2002, S. 3792 mit Hinweis auf BGE 119 Ib 1 E. 3b; BGer 2A.788/2006 vom 5.
Februar 2007 E. 2.2.2). Es muss also auf eine Prognose abgestellt werden, geht es
doch vorab darum, eine zusätzliche und künftige Belastung der öffentlichen Hand zu
vermeiden (S. Hunziker, in: Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Stämpflis
Handkommentar zum AuG, Bern 2010, N 49 zu Art. 62), welche vorliegend
beispielsweise bei einer allenfalls notwendigen Unterbringung des Beschwerdeführers
in einer geeigneten externen Einrichtung durch von der Familie nicht gedeckte Kosten
entstehen könnte. Weiter ist – dem Gesetzeszweck der Vereinigung der Gesamtfamilie
entsprechend – auf die finanziellen Möglichkeiten aller Familienmitglieder über eine
längere Sicht abzustellen. Das Einkommen des Angehörigen, der an die
Lebenshaltungskosten der Familie beitragen soll, ist daran zu messen, ob und in
welchem Umfang es tatsächlich realisierbar ist. In diesem Sinn müssen die
Erwerbsmöglichkeiten und das damit verbundene Zusatzeinkommen konkret belegt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und mit gewisser Wahrscheinlichkeit sowie, soweit möglich, auf mehr als nur kurze
Frist erhärtet sein, um Berücksichtigung zu finden (vgl. BGE 122 II 1 E. 3c mit Hinweis;
BGer 2C_716/2007 vom 12. März 2008 E. 2.1 mit Hinweisen; VerwGE B 2012/170 vom
12. März 2013 E. 3.1;VerwGE B 2011/196 vom 12. April 2012 E. 2.1, abrufbar unter
www.gerichte.sg.ch).
Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass ein Nachzug des Beschwerdeführers in die
Schweiz nur dann zu bewilligen wäre, wenn dies den Interessen des
Beschwerdeführers, der aufgrund seiner geistigen Behinderung nicht
eigenverantwortlich über seinen Wohnort entscheiden kann, nicht widerspricht, z.B.
indem er durch einen Nachzug in die Schweiz aus der ihm vertrauten Umgebung
herausgerissen würde. Gegebenenfalls wäre für einen Nachzug zudem die Einwilligung
der zuständigen Vormundschaftsbehörde in Mazedonien einzuholen (vgl. Art. 85 Abs. 4
IPRG).
3. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen, und der
angefochtene Rekursentscheid vom 6. Oktober 2014 ist aufzuheben. Die
Angelegenheit ist zur weiteren Abklärung des Sachverhalts im Sinn der Erwägungen
und zu einer neuen Entscheidung an das Migrationsamt zurückzuweisen.
4.
4.1. Wird in einer Beschwerde gegen die Erteilung einer Bewilligung nicht nur die
Aufhebung des angefochtenen Entscheids, sondern auch die Erteilung der Bewilligung
bzw. die Rückweisung an die Verwaltung zur Erteilung der Bewilligung beantragt, so
obsiegt der Beschwerdeführer nur teilweise, wenn der Entscheid wegen
unvollständiger Sachverhaltsermittlung aufgehoben und die Sache zur Neubeurteilung
zurückgewiesen wird (Cavelti/Vögeli, a.a.O, Rz. 764). Diesem Verfahrensausgang
entsprechend sind die amtlichen Kosten des Rekurs- und des Beschwerdeverfahrens
zur Hälfte vom Beschwerdeführer und zur Hälfte vom Staat zu tragen (Art. 95 Abs. 1
VRP). Die von der Vorinstanz festgesetzte Gebühr für den Rekursentscheid von CHF
1‘000 (Art. 95 Abs. 1 VRP und Nr. 10.01 des Gebührentarifs für die Kantons- und
Gemeindeverwaltung, sGS 821.5) und eine Gebühr für den Beschwerdeentscheid von
CHF 2‘000 sind angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS
http://www.gerichte.sg.ch/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
941.12). Beim Staat ist gemäss Art. 95 Abs. 3 VRP auf die Erhebung der hälftigen
Kosten des Rekurs- und des Beschwerdeverfahrens zu verzichten. Der im
Rekursverfahren geleistete Kostenvorschuss von CHF 1‘000 ist dem Beschwerdeführer
zur Hälfte zurückzuerstatten. Auf die Erhebung der dem Beschwerdeführer auferlegten
Kosten des Beschwerdeverfahrens ist zufolge Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege zu verzichten. Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens vor dem
Migrationsamt verbleiben gemäss Art. 94 Abs. 1 VRP – entgegen dessen Antrag – beim
Beschwerdeführer, weil diese Kosten aufgrund des Verursacherprinzips vom
Beschwerdeführer zu tragen sind.
4.2. Bei diesem Verfahrensausgang sind die ausseramtlichen Kosten
wettzuschlagen (R. Hirt, Die Regelung der Kosten nach st. gallischem
Verwaltungsrechtspflegegesetz, Diss. St. Gallen 2004, S. 183). Die Rechtsvertreterin
des Beschwerdeführers ist durch den Staat aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung
zu entschädigen. Die Rechtsvertreterin hat mit Schreiben vom 18. Mai 2015 (act. 25)
eine Kostennote (act. 26) eingereicht mit der Bitte um Berücksichtigung des
ausserordentlichen Aufwands in der vorliegenden Streitsache. Nach dieser Kostennote
beträgt ihre Entschädigungsforderung CHF 6'009.10 (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
4.2.1. Im Kanton St. Gallen wird das Honorar in der Verwaltungsrechtspflege auf der
Grundlage einer Honorarpauschale festgesetzt. Nach Art. 22 Abs.1 lit. a
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (sGS 963.75, HonO) beträgt
das Honorar vor Verwaltungsbehörden pauschal CHF 500 bis 6'000 und nach Art. 22
Abs.1 lit. b vor Verwaltungsgericht pauschal CHF 1'000 bis CHF 12'000. Innerhalb des
für eine Pauschale gesetzten Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des
Falls und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO;
vgl. dazu BGE 141 I 124 E. 4 und BGer 1C_53/2015 vom 12. Mai 2015 E. 2.5.).
Richtschnur ist dabei das gemäss kantonalem Tarif gerechtfertigte Anwaltshonorar,
welches durch die bei objektiver Würdigung notwendig erscheinende
Inanspruchnahme des Anwalts entstanden ist (A. Urwyler, in: Brunner/Gasser/
Schwander, Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, Zürich/St. Gallen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2011, Art. 105 N 9 und 10). Bei der Festsetzung der Honorarpauschale ist die
eingereichte Kostennote zu berücksichtigen.
Nach der Praxis müssen Gerichte und Verwaltungsbehörden eingehend begründen,
wenn sie die Honorarpauschalen nach Art. 22 Abs. 1 HonO unterschreiten oder wenn
sie sich über die Vorbringen, mit denen ein ausserordentlicher Aufwand geltend
gemacht wird, hinwegsetzen. Ansonsten müssen die Gründe für Kürzungen der
Kostennote nur summarisch dargelegt werden, und der Vertreter braucht nicht
vorgängig angehört zu werden (vgl. Hirt, a.a.O., S. 208). Dies ist namentlich deshalb
gerechtfertigt, weil sich die Pauschalentschädigung nicht nur nach dem Umfang der
Bemühungen richtet.
4.2.2. Die Fragen, die sich im vorliegenden Verfahren stellen, gehen über jene hinaus,
die sich üblicherweise im Zusammenhang mit Ansprüchen auf Familiennachzug zu
beurteilen sind. Das Gericht anerkennt daher, dass das Verfahren einen
überdurchschnittlichen Aufwand verursachte. Zudem fällt ins Gewicht, dass die
Mandatsübernahme durch die unentgeltliche Rechtsvertreterin erst nach Beginn des
Beschwerdeverfahrens erfolgte, weshalb sie einerseits zwar auf bereits vorhandene
Unterlagen der früheren Rechtsvertreter zurückgreifen konnte, sich andererseits aber
auch von Grund auf in den Fall und die umfangreichen Akten einarbeiten musste.
Dieser durch mehrfachen Anwaltswechsel auf Seiten des Beschwerdeführers
verursachte Zusatzaufwand ist zum Vornherein nicht über die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung gedeckt, zumal keinerlei sachlichen Gründe für den
Anwaltswechsel vorgebracht wurden oder ersichtlich sind. Mit Blick auf den
Pauschalrahmen von Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO und die in durchschnittlichen
Familiennachzugsfällen zugesprochene Entschädigung kann deshalb der von der
Rechtsvertreterin in der detaillierten Aufstellung zur pauschalen Honorarnote geltend
gemachte Aufwand nicht vollumfänglich entschädigt werden. Angemessen erscheint
eine – gemäss Art. 31 Abs. 3 AnwG um einen Fünftel gekürzte – Entschädigung von
CHF 4‘000 zuzüglich vier Prozent pauschale Barauslagen und Mehrwertsteuer.