Decision ID: ecca75a6-93c6-420f-b487-1023b17033d0
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1969 g
eborene X._
,
von Beruf Primarl
ehrerin
und Mutter zweier 1992 und 1997 geborener Kinder,
reiste
am 1
4.
Mai
2013
in die Schweiz ein und
besitzt seit dem 2
6.
Juni 2014
einen Ausweis F für vorläufig aufgenommene Au
s
länder
(
Urk.
8/1 f.)
.
S
eit ihrer Einreise
ging sie keiner ausserhäuslichen Erwerbs
tätigkeit nach
(vgl.
Urk.
8/7,
Urk.
8/12/1)
. Am
7.
September 2020 (Ein
gangs
datum
) meldete sich
X._
unter Hinweis auf eine seit 2005 resp. 2016 beste
hende HWS/LWS-Symptomatik sowie Fibromyalgie
bei der Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
,
zum Leistungsbezug an (
Urk.
8/1). Nach
medizinischen Abklärungen und durchgefüh
rtem
Vorbescheidverfahren
(Urk.
8/13
,
Urk.
8/15) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren mit Verfügung vom
8.
März 2021 ab (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob X._
am 2
2.
April 2021 (Datum Poststempel) Beschwerde und beantragte, es seien ihr in Aufhebung des angefochtenen E
ntscheids vom 8.
März 2021 IV-Leistungen zuzusprechen
. In prozessualer Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
(
Urk.
1).
Mit Beschwerdeantwort vom
4.
Juni 2021 schloss die Beschwerdegegnerin auf
Abweisung der Beschwerde (
Urk.
7), was der Beschwerdeführerin am 1
0.
Juni 202
1 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
9).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1
.1
Laut Art. 24 Ziff. 1
lit
. b/ii des Abkommens über die Rechtsstellung der Flücht
linge (Flüchtlingskonvention) gewähren die
vertragsschliessenden
Staaten den sic
h
rechtmässig
auf ihrem Gebiet aufhaltenden Flüchtlingen die gleiche Behand
lung wie Einheimischen mit Bezug auf die soziale Sicherheit (unter anderem die ge
set
zlichen Bestimmungen über die Invalidität), vorbehältlich der besonderen durch die Landesgesetzgebung des Aufenthaltslandes vorgeschriebenen Bestim
mun
gen, die Leistungen oder Teilleistungen
ausschliesslich
aus öffentlichen Mit
teln vorsehen, sowie Zuwendungen an Personen, die die Bedingungen für die Aus
zahlung einer normalen Rente nicht erfüllen. Mit Blick auf diese Flücht
lings
konvention hat der Gesetzgeber den Bundesbeschluss über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und Staatenlosen in der Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenver
sicherung erlassen (
FlüB
). Nach alter Rechtsprechung war die Anwendung des
FlüB
auf diejenigen Flüchtlinge beschränkt, die in der Schweiz Asyl erhalten hatten (BGE 115 V 4 E. 2a). Mit BGE 139 II 1 E. 4.3 hat das Bundesgericht jedoch entschieden, dass sich
gemäss
Art. 59 des Asylgesetzes auch ein vorläufig aufge
nommener Flüchtling auf den
FlüB
berufen kann. Dabei ist zu beachten, dass es zwei Formen der vorläufigen Aufnahme gibt, nämlich einerseits die vorläufige Aufnahme von Ausländern
ausserhalb
eines Asylverfahrens und von abgewie
se
nen Asylbewerbern ohne Flüchtlingseigenschaft sowie andererseits die vorläu
fige Aufnahme als Flüchtling (vgl. BGE 121 V 251 E 3b). Die Bestimmungen des
FlüB
sind aber nur anwendbar, wenn eine Person als Flüchtling anerkannt worden ist (Flüchtlingsstatus; Bewilligung F mit Hinweis „Flüchtling“, vgl. Mitteilungen des Bundesamtes für Sozialversicherungen an die AHV-Ausgleichskassen und EL-Durchführungsstellen Nr. 327 vom 28. März 2013).
X._
ist
gemäss
ihrer
Bewilligung F als Ausländer
in
und nicht als Flüchtling vorläu
fig aufgenommen worden (Urk. 8/2
), weshalb der
FlüB
nicht zur Anwendung gelangt.
1.2
Ein Sozialversicherungsabkommen zwischen
Syrien
, dem Heimatstaat
von X._
, und der Schweiz besteht nicht (vergleiche zu den bestehenden Staats
ver
trägen im Bereich der Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung SR 0.831.1 und SR 0.831.2). Damit richtet sich der
vorliegend umstrittene
Leis
tungs
anspruch
ausschliesslich
nach schweizerischem Recht.
1.3
1.3
.1
Art. 6 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) bestimmt, dass ausländische Staatsangehörige in Bezug auf Leistungen der Invaliden
ver
sicherung nur anspruchsberechtigt sind, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhn
lichen Aufenthalt in der Schweiz haben und sofern sie bei Eintritt der Invalidität
(
vgl.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialver
sicherungsrechts [ATSG])
während mindestens eines vollen Jahres Beiträge ge
leistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben. In Bezug auf den Rentenanspruch enthält Art. 36 Abs. 1 IVG weitere An
spruchsvoraussetzungen. Danach haben Versicherte, die bei Eintritt der Invalidi
tät während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet haben, Anspruch auf eine ordentliche Rente der Invalidenversicherung.
1.3
.2
Nach Art. 4 Abs. 2
IVG
gilt die Invalidität als eingetreten, sobald sie die für die
Begründung des Anspruches auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und Schwere
erreicht hat. Dabei sind die rechtlichen Vorgaben zu berücksichtigen, die sich aus Art. 4 Abs. 1 IVG (in Verbindung mit Art. 8 ATSG) ergeben. Im Falle
einer Rente gilt die Invalidität in dem Zeitpunkt als eingetreten, in dem der An
spruch nach Art. 28 Abs. 1 IVG entsteht. Demnach setzt der Rentenanspruch vor
aus, dass der Versicherte seine Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Ein
gliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern kann (
lit
. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig im Sinne von Art. 6 ATSG gewesen ist (
lit
. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid im Sinne von Art. 8 ATSG ist (
lit
. c).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid
verneinte
die Beschwerdegegnerin
einen Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen, weil die Beschwerdeführerin seit
ihrer Einreise in die Schweiz keiner ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit nachgegangen
sei
.
Sodann ergäbe sich a
ufgrund der medizinischen Akten kein invalidisieren
der Gesundheitsschaden und
seien die
geklagten
Beschwerden auf psychosoziale und finanzielle Gründe zurückzuführen (
Urk.
2).
2.2
Die Beschwerdeführerin
wandte dagegen ein
, die Beschwerdegegnerin habe den Sachverhalt nur rudimentär und damit ungenügend abgeklärt.
Aufgrund der Be
richte der behandelnden Ärzte bestünden
seit vielen Jahren
– näher bezeichnete - somatische und psychiatrische Leiden. Mithin sei eine
dauerhafte Arbeitsun
fähigkeit
sowie ein von psychosozialen Umständen unabhängiger Gesundheits
schaden ausgewiesen und
hätte die Beschwerdegegnerin die gesundheitliche Be
einträchtigung im Rahmen eines strukturierten Beweisverfahrens abklären müsse
n
. Darüber hinaus hätte die Beschwerdegegnerin die Qualifikation der Beschwerde
führerin sowie berufliche Eingliederungsmassnahmen prüfen müssen
. Bei alle dem
habe die Beschwerdegegnerin ihre Untersuchungspflicht verletzt (
Urk.
1).
3
.
Aufgrund der Akten steht fest
und ist im Übrigen auch unbestritten
,
dass die
Beschwerdeführer
in
am
1
4.
Mai 2013
in die
Schweiz einreiste,
hier ihr
en Wohn
sitz begründete
und
seit dem 2
6.
Juni 2014
einen Ausweis F für vorläufig auf
genommene Ausländer
besitzt
(vgl.
Urk.
8/1,
Urk.
8/2
,
Urk.
1
S. 3
). Unbestritten und
aktenkundig
ist des Weiteren
, dass
weder die
Beschwerdeführer
in
selbst noch
ihr Ehemann
in der Zeit seit ihr
e
r
Wohnsitznahme
in der Schweiz
einer Erwerb
s
tätigkeit nachging
en
resp.
Versicherungsbeitr
äge
leisteten
(vgl.
Urk.
8/7
,
Urk.
8/12/1
f.
).
Mangels
Sozialversicherungsabkommen
zwischen Syrien
und der Schweiz richten sich die
versicherungsmässigen
Voraussetzungen nach
Art.
6
Abs.
2
IVG
(vgl. E. 1.1 f.)
, das
heisst
, die
Beschwerdeführer
in
müsste bei Eintritt
des Versicherungsfalles während eines vollen Jahres Beiträge entrichtet oder sich während zehn Jahren in der S
chweiz aufgehalten haben.
Wie sich der Aktenlage entnehmen lässt, besteht bei der Beschwerdeführerin seit vielen Jahre ein kom
plexes multifokales Schmerzsyndrom, beginnend bei der Halswirbelsäule (HWS) mit ausgeprägter
myofaszialer
Komponente seit 2005, an der Lendenwirbelsäule (LWS) seit 2014 (Urk. 8/10/19), weswegen sie bereits im August 2014 in statio
närer Behandlung stand (Urk. 8/10/21). Ferner berichtete sie über permanente Beschwerden im rechten Knie seit einem Unfall 2007 (Urk. 8/10/9). Da die Be
schwerdeführerin sich erst seit Mai 2013 in der Schweiz aufhält, mithin noch keine zehn Jahre, und davon auszugehen ist, dass ihre bis heute geklagten Schmerzen in der HWS und LWS sowie in den Knien und Füssen seit 2005 und jedenfalls seit 2014 bestanden, kann ausgeschlossen werden, dass die Beschwer
deführerin bei Eintritt des (möglichen) Invaliditätsfalles Rente die notwendige Beitragszeit von drei Jahren aufweist, selbst wenn sie die bisher nicht geleisteten Beitragszahlungen als Nichterwerbstätige nachträglich ab Mai 2013 leisten könnte. Es ist auch mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass Eingliederungsmassnahmen seit ihrer Einreise notwendig gewesen wären. Damit sind die versicherungsmässigen Voraussetzungen für einen Leis
tungs
anspruch nicht erfüllt.
Bei dieser Sachlage
erübrigen sich
a priori
(
medizi
nische
)
Weiterungen
; die beschwerdeweisen Vorbringen gehen ins Leere.
Damit
ist im Ergebnis nicht zu beanstanden, wenn die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung einen Leistungsanspruch verneint hat. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
4
.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfah
rens
aufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen der gesetzl
ichen Vorgabe (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) auf Fr. 5
00.-- anzusetzen.
Ausgangsgemäss
sind sie der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
5.
5.1
Die
Beschwerdeführerin
beantragte die
unentgeltliche Prozessführu
ng und Be
stellung von Rechtsanwä
lt
in
L
otti
Sigg
als unentgeltliche
Rechtsvertreter
in
(vgl. Urk. 1 S. 2 und S. 5
).
5
.2
Gemäss
§ 16 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) wird einer Partei auf Gesuch hin in kostenpflichtigen Verfahren die Bezahlung der Verfahrenskosten erlassen, wenn ihr die dazu nötigen Mittel fehlen und der Prozess nicht als offensichtlich
aussichts
los erscheint.
Als aussichtslos sind nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung Prozessbegehren anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten (ex ante betrachtet) beträchtlich geringer sind als die Ver
lustgefahren und die deshalb kaum als ernsthaft bezeichnet werden können. Da
gegen gilt ein Begehren nicht als aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese. Massgebend ist, ob eine Partei, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger Überlegung zu einem Prozess entschliessen würde; eine Partei soll einen Prozess, den sie auf eigene Rechnung und Gefahr nicht führen würde, nicht deshalb anstrengen können, weil er sie nichts kostet (BGE 133 III 614 E. 5 mit Hinweisen).
5
.3
Bei der vorliegenden Aktenlage hätte die
anwaltlich vertretene Beschwerde
füh
rer
in erkennen müssen, dass sie
die in 6 Abs. 2
und
Art.
36 Abs. 1
IVG
ver
ankerten
versicherungsmässigen
Voraussetzungen
offensichtlich nicht erfüllt
. An diesem Umstand vermöchten
auch
weitere Abklärungen
nichts zu
ändern.
Folglich können die Erfolgsaussichten der Beschwerde nicht als ernsthaft be
trachtet werden, weshalb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechts
pflege abzuweisen ist.
Das Gericht beschliesst,
Das Gesuch der Beschwerdeführerin vom
2
2.
April 2021
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und um Bestellung von Rechtsanwä
lt
in
Lotti
Sigg
als unentgeltliche
Rechtsvertreter
in
wird abgewiesen,
und erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
500
.-- werden
der Beschwerdeführerin
auferlegt.
Rechnung
und Einzahlungsschein werden der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zu
gestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwältin Lotti Sigg
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.