Decision ID: 95acaf94-3647-4050-8c35-90a31100cdfe
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Gesuchsteller (geb. [...], Staatsangehöriger von Bosnien und Herze-
gowina) erhielt im Oktober 1997 in der Schweiz eine Niederlassungsbewil-
ligung. Im Januar 2016 widerrief das Migrationsamt des Kantons
B._ seine Niederlassungsbewilligung und wies ihn aus der Schweiz
weg. Diese Verfügung wurde von allen Instanzen und schliesslich vom
Bundesgericht bestätigt (Urteil des BGer 2C_41/2019 vom 18. September
2019).
B.
Am 16. November 2020 erliess die Vorinstanz ein dreijähriges Einreisever-
bot (gültig vom 16. November 2020 bis zum 15. November 2024) gegen
den Gesuchsteller. Gleichzeitig ordnete sie die Ausschreibung zur Einrei-
severweigerung im Schengener Informationssystem (SIS II) an und entzog
einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung.
C.
C.a Am 11. Januar 2021 erhob der Gesuchsteller beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde und beantragte, die vorinstanzliche Verfügung
sei aufzuheben und auf die Ausschreibung im SIS II sei zu verzichten.
Eventualiter sei das Einreiseverbot auf zwei Jahre zu befristen und die Frist
ab dem 31. Januar 2020 zu berechnen. Ferner ersuchte er um Wiederher-
stellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde sowie um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege. Für diese Beschwerde wurde das
Verfahren F-135/2021 eröffnet.
C.b Der im Verfahren F-135/2021 zuständige Instruktionsrichter Fulvio
Haefeli ersuchte die Vorinstanz am 25. Januar 2021 um eine Vernehmlas-
sung bezüglich des Antrags auf Wiederherstellung der aufschiebenden
Wirkung. Nachdem die Vorinstanz Stellung genommen und der Gesuch-
steller eine Beschwerdeergänzung und eine Replik eingereicht hatte, wies
Instruktionsrichter Fulvio Haefeli die Gesuche um Wiederherstellung der
aufschiebenden Wirkung der Beschwerde sowie um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege ab und erhob einen Kostenvorschuss von
Fr. 1'500.–, zahlbar bis zum 4. Juni 2021 (Zwischenverfügung vom 4. Mai
2021).
C.c Am 3. Juni 2021 ersuchte der Rechtsvertreter des Gesuchstellers um
Erstreckung der Frist zur Leistung des Kostenvorschusses. Zur Begrün-
F-1844/2022
Seite 3
dung führte er an, die Kommunikation mit dem in Bosnien lebenden Ge-
suchsteller sei nur sporadisch möglich und diesem sei die Organisation der
Zahlung des eingeforderten Betrags bis zum 4. Juni 2021 nicht möglich.
C.d Am 14. Juni 2021 wies Einzelrichter Fulvio Haefeli das Fristerstre-
ckungsgesuch des Gesuchstellers ab und trat mangels Bezahlung des
Kostenvorschusses auf die Beschwerde nicht ein (Urteil des BVGer
F-135/2021 vom 14. Juni 2021).
D.
D.a Mit Eingabe vom 10. Juni 2021 ersuchte der Gesuchsteller um Revi-
sion der Zwischenverfügung vom 4. Mai 2021 (Abweisung der Gesuche
um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde sowie
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Erhebung eines Kosten-
vorschusses; vgl. C.b.). Zudem stellte er einen Antrag auf unentgeltliche
Rechtspflege. Diese Eingabe ging am 14. Juni 2021 beim Bundesverwal-
tungsgericht ein. In der Folge wurde das Verfahren F-2761/2021 eröffnet.
D.b Der im Verfahren F-2761/2021 zuständige Instruktionsrichter Andreas
Trommer stellte mit Zwischenverfügung vom 1. Juli 2021 fest, dass sich
das Revisionsgesuch vom 10. Juni 2021 (vgl. D.a.) und das Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts vom 14. Juni 2021 (vgl. C.d.) zeitlich gekreuzt ha-
ben. In Anbetracht dessen, dass Zwischenverfügungen nicht revisionsfähig
sind, gewährte er dem Gesuchsteller die Möglichkeit, bis zum 12. Juli 2021
eine Erklärung abzugeben, ob er in Bezug auf das Urteil vom 14. Juni 2021
Revisionsgründe geltend mache.
D.c In seiner Eingabe vom 9. Juli 2021 hielt der Gesuchsteller daran fest,
dass sich sein Revisionsgesuch auf die Zwischenverfügung vom 4. Mai
2021 (vgl. C.b) bezog. Eventualiter könne sein Gesuch als gegen das Urteil
vom 14. Juni 2021 gerichtetes Revisionsgesuch behandelt werden.
D.d Am 30. Juli 2021 trat Einzelrichter Andreas Trommer auf das Revisi-
onsgesuch nicht ein und wies das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege
ab (Urteil des BVGer F-2761/2021 vom 30. Juli 2021).
E.
E.a Am 4. Februar 2022 ersuchte der Gesuchsteller die Vorinstanz darum,
das Einreiseverbot für die Zeit vom 10. bis zum 24. März 2022 zu suspen-
dieren.
F-1844/2022
Seite 4
E.b Mit Verfügung vom 1. März 2022 wies die Vorinstanz das Gesuch um
Suspension des Einreiseverbots ab.
E.c Am 4. April 2022 erhob der Gesuchsteller beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde und beantragte, die Verfügung vom 1. März 2022 sei auf-
zuheben und das Gesuch um Suspension des Einreiseverbots für die
Dauer von 14 Tagen sei gutzuheissen. Ferner ersuchte er um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege. Für diese Beschwerde wurde das Ver-
fahren F-1551/2022 eröffnet.
E.d Der im Verfahren F-1551/2022 zuständige Instruktionsrichter Fulvio
Haefeli bestätigte dem Gesuchsteller am 13. April 2022 den Eingang der
Beschwerde.
F.
Am 19. April 2022 reichte der Gesuchsteller beim Bundesverwaltungsge-
richt ein Ausstandsbegehren ein. Er beantragte dem Präsidenten der Ab-
teilung VI, die Fallzuweisung an Richter Fulvio Haefeli zu korrigieren und
die Sache einem anderen Richter oder einer anderen Richterin zuzuteilen.
G.
Am 25. April 2022 setzte der Präsident der Abteilung VI des Bundesver-
waltungsgerichts den Gesuchsteller darüber in Kenntnis, dass betreffend
Ausstandsbegehren das Verfahren F-1844/2022 eröffnet worden war, und
gab die Zusammensetzung des Spruchkörpers bekannt. Zudem führte er
aus, aufgrund der Konnexität der Verfahren F-135/2021 und F-1551/2022
sei für letzteres Verfahren derselbe Spruchkörper eingesetzt worden.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 26. April 2022 lud die Instruktionsrichterin im
Verfahren F-1844/2022 Richter Fulvio Haefeli ein, zum Ausstandsbegeh-
ren Stellung zu nehmen.
I.
Am 19. Mai 2022 teilte Richter Fulvio Haefeli mit, er verzichte auf eine de-
taillierte Stellungnahme, und verwahrte sich gleichzeitig gegen den Vorwurf
der Befangenheit. Die Stellungnahme wurde dem Gesuchsteller zur Kennt-
nisnahme zugestellt.
J.
Am 31. Mai 2022 reichte der Gesuchsteller beim Bundesverwaltungsge-
richt eine weitere Eingabe ein, in der er die Fallzuteilung an Richter Fulvio
F-1844/2022
Seite 5
Haefeli aufgrund Konnexität (vgl. Bst. G. hiervor) kritisierte und das Gericht
aufforderte, «die Fallzuweisung elektronisch bzw. automatisch durchzufüh-
ren; diesfalls dürfte sich auch die Frage der Befangenheit nicht mehr stel-
len». Sollte das Gericht dazu nicht bereit sein, sei «eine anfechtbare Ver-
fügung zu dieser Frage» zu erlassen und zu begründen, «warum derart
wichtige Gründe für eine Abweichung vorliegen sollten».
K.
Am 8. Juni 2022 bestätigte der Präsident der Abteilung VI den Eingang des
Gesuchs. Am 29. Juni 2022 teilte er dem Gesuchsteller mit, die im Rahmen
des Ausstandsverfahrens F-1844/2022 eingereichten Gesuche seien
durch die zuständige Instruktionsrichterin beziehungsweise den Spruch-
körper zu behandeln.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM, die ein Einreiseverbot im Sinne von Art. 67 AIG
(SR 142.20) zum Gegenstand haben, unterliegen der Beschwerde an das
Bundesverwaltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG). Die-
ses entscheidet endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG). Im Rahmen dieses
Hauptverfahrens ist das Bundesverwaltungsgericht ebenfalls zur Beurtei-
lung von Fragen formeller Natur und damit auch zum Entscheid über Aus-
standsbegehren zuständig (BVGE 2007/4 E. 1.1). Das Gleiche gilt für den
Antrag, die Bestimmung des Instruktionsrichters bzw. der Instruktionsrich-
terin im Verfahren F-1551/2022 sei mittels eines automatisierten Zutei-
lungsverfahrens zu wiederholen beziehungsweise es sei eine anfechtbare
Verfügung betreffend Spruchkörperbildung zu erlassen.
1.2 Die Bestimmungen von Art. 34 ff. BGG über den Ausstand sind im Ver-
fahren vor dem Bundesverwaltungsgericht sinngemäss anwendbar
(Art. 38 VGG).
2.
2.1 Eine Partei, die gemäss Art. 36 Abs. 1 BGG den Ausstand einer Ge-
richtsperson verlangt, hat dem Gericht ein schriftliches Begehren einzu-
reichen, sobald sie vom Ausstandsgrund Kenntnis erhalten hat.
F-1844/2022
Seite 6
Der Gesuchsteller hat im Ausstandsbegehren vom 19. April 2022 auf die
von Richter Fulvio Haefeli im Verfahren F-135/2021 erlassene Zwischen-
verfügung vom 4. Mai 2021 Bezug genommen. Der Gesuchsteller ist so-
dann zur Einreichung eines Ausstandsbegehrens legitimiert. Auf das form-
und fristgerecht eingereichte Ausstandsbegehren im Verfahren
F-1551/2022 ist einzutreten.
2.2 Bestreitet die Gerichtsperson, deren Ausstand verlangt wird, oder ein
Richter beziehungsweise eine Richterin der Abteilung den Ausstands-
grund, so entscheidet die Abteilung unter Ausschluss der betroffenen Ge-
richtsperson über den Ausstand (Art. 37 Abs. 1 BGG), wobei der Entscheid
in der Regel in der Besetzung von drei Richtern oder Richterinnen ergeht
(Art. 21 Abs. 1 VGG).
3.
3.1 Der Gesuchsteller begründet sein Ausstandsbegehren gegen Richter
Fulvio Haefeli damit, bereits im Verfahren F-135/2021 betreffend Erlass
des Einreiseverbots sei es zu gravierenden Unregelmässigkeiten im Zu-
sammenhang mit der Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ge-
kommen. Das Revisionsbegehren, das aufgrund der stossenden Vorge-
hensweise von Richter Fulvio Haefeli eingereicht worden sei, sei aus for-
mellen Gründen ohne Erfolg geblieben. Nunmehr gehe es um die Frage
der vorübergehenden Suspension des betreffenden Einreiseverbots. Die
Zuweisung des Verfahrens F-1551/2022 wiederum an Richter Fulvio
Haefeli werfe Fragen auf. Es erscheine extrem unwahrscheinlich, dass die
automatisierte Zuteilung erneut denselben Richter bezeichne. Es sei des-
halb zu prüfen, ob die automatische Zuteilung übersteuert worden sei. Eine
allfällige Übersteuerung sei offen zu legen und zu begründen, zumal keine
wichtigen Gründe erkennbar seien. Sollte hingegen die automatisierte Zu-
teilung wiederum an Richter Fulvio Haefeli erfolgt sein, so seien wichtige
Gründe gegeben, um eine andere Zuweisung vorzunehmen. Aufgrund der
Vorgeschichte und der Kritik am prozessualen Vorgehen bezüglich Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege im Zusammenhang mit dem Erlass
des Einreiseverbots müsse Richter Fulvio Haefeli als befangen gelten und
habe in den Ausstand zu treten.
3.2 In der Eingabe vom 31. Mai 2022 führt der Gesuchsteller zudem aus,
vorliegend gehe es primär um die Unzulässigkeit der Übersteuerung der
automatischen Fallzuweisung. Die Einsetzung desselben Spruchkörpers
sei unzulässig. Es seien keine (ausreichend) wichtigen Gründe erkennbar,
die einen Eingriff in die verfahrensrechtlich vorgeschriebene automatische
F-1844/2022
Seite 7
Fallzuweisung rechtfertigen würden. Die im Artikel des Tagesanzeigers
vom 18. Mai 2022 erhobenen Vorwürfe bezüglich Eingriffe in die Fallzuwei-
sung in Asylverfahren bestätige sich auch für andere Rechtsbereiche. So-
fern dem Gesuch um Wiederholung und automatische Durchführung der
Fallzuweisung nicht entsprochen werde, sei eine anfechtbare Verfügung
zu dieser Frage zu erlassen und zu begründen, warum an der händischen
Zuweisung festgehalten werde. In Bezug auf das Ausstandsbegehren führt
er aus, Richter Fulvio Haefeli habe die unentgeltliche Rechtspflege zumin-
dest teilweise (bezüglich zugestandener Verweigerung der Akteneinsicht)
zu Unrecht als aussichtslos bezeichnet. Zugleich habe er den Rechtsver-
treter des Gesuchstellers zu weiteren Verfahrenshandlungen (Studium der
nachträglich zugestellten vorinstanzlichen Akten und Einreichen einer Stel-
lungnahme) aufgefordert, um anschliessend − im Verfahren F-135/2021 −
die unentgeltliche Rechtspflege zu verweigern. Es seien keine sachlichen
Gründe für die damalige willkürliche einzelrichterliche Beurteilung über die
unentgeltliche Rechtspflege zu erkennen. Aufgrund dieser Vorgehens-
weise würden begründete Zweifel an der Unbefangenheit von Richter
Fulvio Haefeli gegenüber dem Gesuchsteller bestehen. Der Verzicht auf
eine Stellungnahme des betroffenen Richters sei nicht geeignet, diese
Zweifel zu zerstreuen.
4.
4.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildete zunächst die Frage,
ob gegen Richter Fulvio Haefeli im Verfahren F-1551/2022 Ausstands-
gründe vorliegen und er folglich in den Ausstand zu treten hat. Der Antrag
des Gesuchstellers auf Wiederholung der Fallzuweisung mittels elektroni-
scher Durchführung beziehungsweise auf Erlass einer anfechtbaren Ver-
fügung zur Frage der Spruchkörperbildung wurde später (am 31. Mai 2022)
gestellt, worauf der Abteilungspräsident entschied, darüber sei im Rahmen
des vorliegenden Verfahrens zu befinden. Dieser Antrag ist vorab zu be-
handeln.
4.2 Die Fallzuteilung ist ein innerdienstlicher Vorgang, an dem die Recht-
suchenden nicht mitwirken. Wie jede Behörde ist das Gericht verpflichtet
sicherzustellen, dass nicht nur bei externen, sondern auch bei internen
Amtshandlungen die verfassungsmässigen Rechte der Rechtsuchenden
gewahrt werden. Die Umsetzung dieser Pflicht ist indessen der Behörde
überlassen. Dementsprechend haben Rechtsuchende keinen Anspruch
darauf, dass die richterlichen Spruchkörper zufällig zusammengesetzt wer-
den (vgl. Teilurteil des BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai 2018 E. 4.2 und
F-1844/2022
Seite 8
4.3, nicht publiziert in BVGE 2019 VI/6). Verletzt die Fallzuteilung im Er-
gebnis einen Rechtsanspruch, kann die betroffene Person ein Verwal-
tungsverfahren einleiten. Gemäss Art. 30 Abs. 1 erster Satz BV hat jede
Person, deren Sache in einem gerichtlichen Verfahren beurteilt werden
muss, Anspruch auf ein durch Gesetz geschaffenes, zuständiges, unab-
hängiges und unparteiisches Gericht. Den Anspruch auf Unparteilichkeit
hat der Bundesgesetzgeber durch die Ausstandsregeln konkretisiert. Fin-
det eine rechtsuchende Person, die erwähnte Garantie sei verletzt, stellt
sie ein Ausstandsbegehren. Dies gilt auch – aber nicht nur – mit Bezug auf
die Bildung der Spruchkörper. Andere Ansprüche im Bereich der Spruch-
körperbildung enthält das Bundesrecht nicht und lassen sich auch nicht
daraus ableiten. Fallbezogene Kritik an der Spruchkörperbildung kann nur
in ein Ausstandsbegehren münden und erschöpft sich darin. Auf den An-
trag, die Fallzuteilung im Verfahren F-1551/2021 sei mittels elektronischer
Durchführung zu wiederholen beziehungsweise es sei eine anfechtbare
Verfügung zur Frage der Spruchkörperbildung zu erlassen, ist daher nicht
einzutreten.
5.
Zu befinden bleibt über das Ausstandsbegehren gegen Richter Fulvio
Haefeli.
5.1 Von den in Art. 34 BGG aufgezählten Ausstandsgründen kommt einzig
die Auffangbestimmung von Art. 34 Abs. 1 Bst. e BGG in Frage. Gemäss
dieser Bestimmung haben Gerichtspersonen – Richter, Richterinnen, Ge-
richtsschreiber und Gerichtsschreiberinnen – in den Ausstand zu treten,
wenn sie aus anderen Gründen, insbesondere wegen besonderer Freund-
schaft oder persönlicher Feindschaft mit einer Partei oder ihrem Vertreter
beziehungsweise ihrer Vertreterin, befangen sein könnten. Dieser Bestim-
mung kommt die Funktion einer Auffangklausel zu, die – über den Bereich
der namentlich erwähnten besonderen sozialen Beziehungen zwischen ei-
ner Gerichtsperson und einer Partei hinausgehend – sämtliche weiteren
Umstände abdeckt, welche den Anschein der Befangenheit einer Gerichts-
person erwecken und objektiv Zweifel an deren Unvoreingenommenheit zu
begründen vermögen (vgl. ISABELLE HÄNER, in: Basler Kommentar zum
Bundesgerichtsgesetz, 3. Aufl. 2018, Art. 34 BGG, N. 16 f.). Unter den An-
wendungsbereich von Art. 34 Abs. 1 Bst. e BGG fällt unter anderem auch
die mögliche Voreingenommenheit aufgrund der Vorbefassung mit einer
Sache auf Stufe der Verfahrensinstruktion, namentlich die Befassung mit
Gesuchen um Anordnung vorsorglicher Massnahmen und um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege (vgl. HÄNER, a.a.O., Art. 34 BGG, N. 19).
F-1844/2022
Seite 9
5.2 Praxisgemäss gilt ein Richter oder eine Richterin nicht schon deswe-
gen als voreingenommen, weil er oder sie ein Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege wegen Aussichtslosigkeit abweist. Zur Annahme von Befan-
genheit des betreffenden Richters oder der betreffenden Richterin müssen
vielmehr weitere Gründe hinzutreten. Dies ist namentlich dann der Fall,
wenn der zuständige Richter oder die zuständige Richterin sich bei der Be-
urteilung des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
bereits in einer Art festgelegt hat, dass Zweifel darüber bestehen, ob er
oder sie einer anderen Bewertung der Sach- und Rechtslage aufgrund wei-
terer Abklärungen noch zugänglich ist und der Verfahrensausgang noch
offen erscheint (Urteil des BGer 9C_245/2020 vom 12. Juni 2020 E. 5.2;
BGE 131 I 113 E. 3.7.3).
5.3 Für den Ausstand wird nicht verlangt, dass der Richter tatsächlich be-
fangen ist. Es genügt, wenn Umstände vorliegen, die bei objektiver Be-
trachtung den Anschein der Befangenheit und Voreingenommenheit erwe-
cken (BGE 131 I 24 E. 1.1). In diesem Sinn genügt es, wenn Tatsachen
glaubhaft gemacht werden, die den Anschein der Befangenheit und die
Gefahr der Voreingenommenheit zu begründen vermögen (vgl. Art. 36
Abs. 1 BGG). Dabei ist nicht auf das subjektive Empfinden einer Partei ab-
zustellen, sondern das Misstrauen in die Unvoreingenommenheit muss in
objektiver Weise begründet erscheinen (BGE 141 IV 178 E. 3.2.1). Rich-
terliche Verfahrensfehler oder ein falscher Entscheid in der Sache können
die Unabhängigkeit respektive Unparteilichkeit eines Richters oder einer
Richterin nur dann in Frage stellen, wenn objektiv gerechtfertigte Gründe
zur Annahme bestehen, in den Rechtsfehlern manifestiere sich gleichzeitig
eine Haltung, die auf fehlender Distanz und Neutralität beruht. Nach Recht-
sprechung des Bundesgerichts muss es sich dabei um besonders krasse
Fehler oder wiederholte Irrtümer handeln, die eine schwere Verletzung
richterlicher Pflichten darstellen (Urteil des BGer 1B_203/2018 vom
18. Juni 2018 E. 2.1). Ein richterlicher Verfahrensfehler oder ein falscher
Entscheid in der Sache genügt somit noch nicht, um auf eine mögliche Be-
fangenheit des Instruktionsrichters schliessen zu können (Urteil des BVGer
D-2381/2016 vom 21. September 2016 E. 5.2).
5.4 Beim Entscheid über ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege ist für die Beurteilung der Prozesschancen eine summari-
sche Prüfung vorzunehmen, wobei die Verhältnisse zum Zeitpunkt der Ein-
reichung des Gesuchs massgebend sind (BGE 142 III 138 E. 5.1). In der
vom Gesuchsteller beanstandeten Zwischenverfügung vom 4. Mai 2021
(Verfahren F-135/2021) hat sich Instruktionsrichter Fulvio Haefeli mit den
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=%22Anschein+der+Befangenheit%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-I-24%3Ade&number_of_ranks=0#page24
F-1844/2022
Seite 10
Anträgen des Gesuchstellers und den Ausführungen der Vorinstanz ausei-
nandergesetzt und zudem Bezug auf die vorinstanzlichen Akten genom-
men. Unter Hinweis auf die Rechtsprechung in analogen Fällen – wobei
die entsprechenden Urteile nicht angeführt waren – ist er zur Schlussfolge-
rung gelangt, dass das verfügte Einreiseverbot nicht zu beanstanden sei.
Diese Beurteilung ist gerechtfertigt. Angesichts der langjährigen Delin-
quenz des Gesuchstellers und der von ihm ausgehenden Rückfallgefahr
vermochten seine privaten Interessen (Besuch seiner in der Schweiz le-
benden Tochter, Eltern und Geschwister) das öffentliche Interesse an sei-
ner Fernhaltung nicht zu überwiegen. Es gab somit sachliche und nach-
vollziehbare Gründe für den Entscheid von Instruktionsrichter Fulvio
Haefeli. Entgegen der Ansicht des Gesuchstellers kann deshalb nicht von
einer willkürlichen Beurteilung gesprochen werden. Daran ändert auch die
Tatsache nichts, dass der Gesuchsteller anlässlich seiner Beschwerde
vom 11. Januar 2021 im Verfahren F-135/2021 eine Verletzung des recht-
lichen Gehörs durch die Vorinstanz gerügt hat. Der Instruktionsrichter hat
die Vorinstanz unmittelbar nach Beschwerdeeingang angewiesen, dem
Gesuchsteller Einsicht in die vorinstanzlichen Akten zu gewähren. Darüber
hinaus hat er ihm die Möglichkeit eingeräumt, seine Beschwerde zu ergän-
zen (Instruktionsverfügung vom 25. Januar 2021). Dem Gesuchsteller ist
somit kein Rechtsnachteil erwachsen. Eine allfällige Verletzung des recht-
lichen Gehörs wäre durch diese Anordnung und die daraus folgende Ge-
währung der Akteneinsicht geheilt worden. Die Rüge des Gesuchstellers
hinsichtlich Akteneinsicht und die entsprechende Anweisung des Instrukti-
onsrichters an die Vorinstanz hatten somit keinen Einfluss auf die Frage
der Aussichtslosigkeit der Beschwerde beziehungsweise auf die Beurtei-
lung des Gesuchs um unentgeltliche Rechtspflege.
5.5 Insgesamt sind keine objektiven Gründe ersichtlich, welche aufgrund
der Vorgehensweise von Richter Fulvio Haefeli als Instruktionsrichter im
Verfahren F-135/2021 für seine Befangenheit im Verfahren F-1551/2022
sprechen würden. Das Ausstandbegehren ist somit abzuweisen.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Gesuchsteller
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 800.– festzuset-
zen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
F-1844/2022
Seite 11