Decision ID: 7701572d-510c-5994-8b4c-abe70a404569
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 31. Januar 2017/14. Februar 2017 wegen eines Unfalls am
Arm vom 2. September 2016 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV).
Sie gab an, keinen Beruf erlernt zu haben und ausschliesslich als Hausfrau tätig
gewesen zu sein.
A.a.
Am 21. Februar 2017 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 9), berufliche
Eingliederungsmassnahmen seien nicht angezeigt, da die Versicherte vorwiegend als
Hausfrau tätig sei.
A.b.
Dr. med. B._, Oberarzt Orthopädie am Spital C._, berichtete am 20. April 2017
(IV-act. 21), die Versicherte habe infolge eines Autounfalls vom 2. September 2016 eine
zweitgradig offene proximale Humerusfraktur rechts sowie eine Radiusschaftfraktur
rechts erlitten. Aktuell leide die Versicherte an Belastungsschmerzen und an
Bewegungseinschränkungen im Bereich der rechten Schulter. Die Radiusschaftfraktur
rechts werde folgenlos ausheilen. Im Bereich der rechten Schulter sei mit einem
deutlichen verbleibenden Bewegungsdefizit und wiederkehrenden Beschwerden unter
einer vermehrten Belastung zu rechnen. Er attestierte eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit seit dem 2. September 2016. Der Hausarzt der Versicherten, Dr.
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
med. D._, Allgemeine Innere Medizin FMH, gab am 21. Juli 2017 an (IV-act. 24), der
Gesundheitszustand sei stationär. Die Humerusfraktur rechts sei nur partiell
konsolidiert. Er verwies auf einen Bericht von Dr. B._ vom 20. Juni 2017 und
attestierte eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Dr. B._ hatte am 29. Mai 2017
berichtet (IV-act. 24-6), die Radiusschaftfraktur rechts sei zu 95% konsolidiert. Das
Problem seien nach wie vor die Schmerzen in der rechten Schulter. Er werde ein CT
machen. Am 20. Juni 2017 hatte er über das Ergebnis der CT-Untersuchung berichtet.
Demnach hatte sich medialseits am Übergang zum Schaft ein 8 mm breiter
Frakturspalt ohne Konsolidationszeichen gefunden. Dr. B._ hatte die Diagnose einer
Pseudarthrose bei St. n. Plattenosteosynthese proximaler Humerus bei zweitgradig
offener proximaler Humerusfraktur rechts am 2. September 2016 und St. n.
Plattenosteosynthese Radiusschaft rechts am 4. September 2016 mit sekundärem
Wundverschluss genannt (IV-act. 24-4).
Die Versicherte gab am 25. Juli 2017 im Fragebogen zur Rentenabklärung
betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt an (IV-act. 27), sie sei als Hausfrau tätig und
würde auch ohne eine gesundheitliche Beeinträchtigung keiner Erwerbstätigkeit
nachgehen. Sie wohne in einer fünfeinhalb Zimmer-Wohnung. Im Haushalt lebten
sieben Personen. Sie könne den Haushalt planen und organisieren, könne jedoch
nichts mehr machen bzw. benötige für sämtliche Tätigkeiten die Hilfe ihrer
Schwiegertochter.
A.d.
Dr. B._ teilte am 5. September 2017 mit (IV-act. 28), der Gesundheitszustand
der Versicherten sei stationär. Im Vergleich zum Bericht vom 20. April 2017 bestehe ein
praktisch unveränderter Befund mit einem gleichbleibenden Bewegungsdefizit. Die
Versicherte könne keine mittelschweren bis schweren Lasten heben und es bestehe
eine verminderte Belastbarkeit der rechten Schulter. In einer sitzenden Tätigkeit ohne
eine körperlich schwere Belastung sei die Versicherte zu vier Stunden am Tag
arbeitsfähig. Am 29. Juni 2017 hatte Dr. B._ angegeben (IV-act. 29), die Fraktur im
Bereich des Radiusschafts rechts sei nahezu vollständig verheilt. Im Bereich der
proximalen Humerusfraktur rechts bestehe eine partielle Pseudarthrose. Er hatte eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit vom 4. September 2016 bis 31. Juli 2017 attestiert.
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 7. November 2017 fand eine Abklärung im Haushalt der Versicherten statt. Die
Abklärungsperson hielt fest (IV-act. 35-1 ff.), die Versicherte habe bestätigt, zu 100%
im Haushalt tätig zu sein. Sie habe vier Kinder und sei nie erwerbstätig gewesen. Der
Ehemann erziele ein monatliches Einkommen von Fr. 4'200.--. Die fünfeinhalb Zimmer-
Wohnung sei auf drei Stockwerke verteilt. Im Haushalt lebten nebst der Versicherten
deren Ehemann, der älteste Sohn und dessen Ehefrau mit den zwei Kindern sowie der
jüngste Sohn (Jahrgang G._). Die Versicherte habe angegeben, die Haushaltführung
sei ihr noch selbstständig möglich. In Bezug auf die Ernährung habe sie erzählt, sie
könne noch kleinere Mahlzeiten kochen. Das Kneten von Teig, welcher in der
traditionellen Küche oft verarbeitet werde, sei ihr nicht mehr möglich. Anrichten, den
Tisch decken sowie die kleinen Küchenreinigungen seien ihr mit der linken Hand
möglich. Sachen, welche mit beiden Händen gehalten würden, könne sie nicht tragen.
Mit der rechten Hand sei ihr lediglich eine ganz leichte Unterstützung möglich. Die
gründliche Küchenreinigung könne sie nicht mehr durchführen (geltend gemachte
Einschränkung von 70%). Bei der Wohnungspflege könne sie beim Bettenmachen die
Decken zurechtzupfen, die Decke anzuheben sei ihr jedoch nicht mehr möglich. Seit
dem Unfall könne sie die restlichen Tätigkeiten der Wohnungspflege nicht mehr
ausführen; diese würden von der Tochter übernommen (geltend gemachte
Einschränkung von 70%). Betreffend den Einkauf und weitere Besorgungen könne sie
Klein- bzw. Frischprodukte selbstständig einkaufen und mit der linken Hand
transportieren. Den Grosseinkauf könne sie nicht mehr erledigen; dieser werde durch
die Tochter oder den Ehemann/die Söhne übernommen. Das Tragen von schweren
Taschen sei ihr aufgrund der Schmerzen nicht mehr möglich. Für den Besuch von
Amtsstellen oder für Arztbesuche benötige sie Unterstützung, dies insbesondere
aufgrund der sprachlichen Schwierigkeiten (geltend gemachte Einschränkung von
70%). In Bezug auf die Wäsche und die Kleiderpflege seien ihr das Sortieren der
Wäsche und der Wäschetransport selbstständig möglich. Einen kleinen Teil der
Wäsche könne sie selbst zusammenlegen. Das Aufhängen und Abnehmen der Wäsche
seien ihr nicht mehr möglich. Der Tumbler befinde sich im dritten Stock des Hauses,
weshalb sie die Wäsche nicht zum Tumbler tragen könne. Bügeln könne sie nicht mehr.
Die Tochter übernehme die entsprechenden Tätigkeiten (geltend gemachte
Einschränkung von 80%). Die Pflanzen könne sie mit der linken Hand giessen. Vor dem
Haus habe sie einen Garten, den sie früher bepflanzt habe. Dies sei ihr nicht mehr
A.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
möglich (geltend gemachte Einschränkung von 90%). Die Versicherte unterzeichnete
den Bericht am 30. November 2017 und brachte ergänzend vor, der durchschnittliche
Arbeitsaufwand bei der Wohnungspflege sei angesichts der personellen und
räumlichen Verhältnisse (7-Personenhaushalt, dreistöckiges Haus) deutlich zu tief
angesetzt worden. Die Abklärungsperson notierte am 10. Januar 2018 in ihrer
Würdigung des Abklärungsergebnisses (IV-act. 35-12 ff.), sie sei durch die Versicherte,
deren Rechtsvertreter und die Schwiegertochter freundlich begrüsst worden. Die
Versicherte spreche kein Deutsch und verstehe nur sehr wenig. Die Schwiegertochter
habe das Gespräch übersetzt. Die Versicherte habe ihre Schmerzen geschildert, ohne
zu übertreiben. Der Ehemann arbeite im Schichtbetrieb zu einem vollen Pensum. Im
Haushalt werde die Versicherte durch die Tochter, welche in einem Haus nebenan
wohne, unterstützt. Dem Ehemann und dem jüngsten Sohn könne eine Mithilfe im
Haushalt von total 90 Minuten zugemutet werden (gemäss Rechtsprechung müsse den
Familienmitgliedern eine gewisse Mithilfe im Haushalt zugemutet werden, rund
60-90 Minuten pro Tag). Dem ältesten Sohn und der Schwiegertochter könne keine
Mithilfe angerechnet werden, da diese ihren eigenen Haushalt besorgten. Deren
Haushalt sei separat gewertet worden. Der Zeitaufwand stütze sich auf die Angaben
der Versicherten im Fragebogen Erwerbstätigkeit/Haushalt. In der Haushaltsführung sei
die Versicherte selbstständig. Im Bereich der Ernährung werde der Versicherten eine
hälftige Einschränkung beim Rüsten und Vorbereiten sowie eine Einschränkung von
dreiviertel des Zeitaufwands beim Kochen, Anrichten und Tisch decken anerkannt. Die
gründliche Küchenreinigung und das Backen seien der Versicherten nicht mehr
möglich, weshalb eine volle Einschränkung anerkannt werde. Das Abräumen und die
kleine Küchenreinigung erledige die Versicherte selbstständig. Dem Ehemann und den
zwei Söhnen sei eine Mitwirkung von 30 Minuten anzurechnen. Dies ergebe eine
Einschränkung von 46% (anerkannte Einschränkung von 46%, Behinderung von 20%).
Im Bereich der Wohnungspflege werde beim Bettenmachen eine hälftige
Einschränkung anerkannt, da die Versicherte angegeben habe, lediglich einen Teil des
Bettens erledigen zu können. Das Abstauben sei eine körperlich leichte Tätigkeit,
weshalb ebenfalls eine hälftige Einschränkung anerkannt werde. Beim Staubsaugen,
der Bodenpflege, dem Fensterputzen sowie der Reinigung von Bad, WC und Lavabo
werde eine volle Einschränkung anerkannt, da es sich um körperlich schwerere
Tätigkeiten handle. Aufgrund einer anrechenbaren Mitwirkung des Ehemannes und der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zwei Söhne von 27 Minuten betrage die anerkannte Einschränkung 0%. Beim Einkauf
und den weiteren Besorgungen werde für die Erledigung des Grosseinkaufs eine volle
Einschränkung anerkannt, da die Versicherte keine schweren Taschen mehr tragen
könne. Die Begleitung bei Arztbesuchen und beim Besuchen von Amtsstellen erfolge
aufgrund der fehlenden Deutschkenntnisse der Versicherten und damit aus IV-fremden
Gründen. Bei einer Mitwirkung des Ehemannes und der zwei Söhne von 16 Minuten
resultiere eine Einschränkung von 0%. Bei der Wäsche und Kleiderpflege sei der
Versicherten der Wäschetransport zum Tumbler im dritten Stock nicht mehr zumutbar,
da sie nicht beide Hände benutze könne; es werde eine Einschränkung von einem
Drittel anerkannt. Einen Teil der Wäsche könne die Versicherte noch selbst
zusammenlegen. Die Einschränkung beim Bügeln werde ihr aufgrund der
eingeschränkten Beweglichkeit des rechten Arms und der Schmerzen vollumfänglich
anerkannt. Bei einer Mitwirkung des Ehemannes und der beiden Söhne von 17 Minuten
verbleibe eine Einschränkung von 53% (anerkannte Einschränkung 53%, Behinderung
10%). Die Kinder der Versicherten seien erwachsen, weshalb der Bereich der
Betreuung von Kindern sowie der Krankenpflege von Familienangehörigen und Dritten
entfalle. Für die Gartenarbeiten werde eine vollumfängliche Einschränkung anerkannt.
Der von der Versicherten angegebene Aufwand von 360 Stunden im Jahr sei auf 200
Stunden reduziert worden, da im Winter keine Gartenarbeiten anfallen würden. Die
Pflanzen könne die Versicherte noch selber giessen. Die Einschränkung betrage 90%
(anerkannte Einschränkung 90%, Behinderung 10%). Die Einschränkung im Haushalt
betrage damit 40%; ohne eine Berücksichtigung der Mitwirkungspflicht der
Familienangehörigen betrage sie 69%.
Dr. D._ berichtete am 21. Januar 2018 (IV-act. 37), die Befunde und die
Arbeitsfähigkeit seien unverändert. Dr. B._ hatte am 27. Oktober 2017 betreffend
eine Untersuchung vom 16. Oktober 2017 mitgeteilt (IV-act. 37-4), bei der Versicherten
bestünden immer noch Belastungsschmerzen im Bereich der rechten Schulter.
Insgesamt bestehe ein status quo mit einer gleichbleibenden motorischen Funktion und
einer unveränderten Schmerzsituation. Die Versicherte lehne eine Revision ab. Sie
komme mit dem erreichten Bewegungsumfang gut zurecht und sie könne die
Schmerzen aktuell tolerieren. Dr. med. E._, Oberarzt Orthopädie am Spital C._,
teilte am 29. Januar 2018 mit (IV-act. 38), er sei der Nachfolger von Dr. B._. Gemäss
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Akten habe die Versicherte in der letzten Verlaufskontrolle vom 16. Oktober 2017
nach wie vor deutliche Schmerzen im Bereich des proximalen Humerus verspürt. Die
Abduktion sei aktiv bis 90° und passiv bis 130° möglich gewesen. Die Anteversion sei
aktiv bis 80° beschrieben worden. IRO/ARO seien aktiv und passiv 60-0-0° gewesen.
Der RAD-Arzt Dr. med. F._ notierte am 5. Februar 2018 (IV-act. 46), die
Versicherte habe im Rahmen der Abklärung der Einschränkungen im Haushalt
ausgeprägte Schmerzen und eine ausgeprägte Funktionseinschränkung des rechten
Arms angegeben. Unter Abstützung auf die medizinischen Berichte könnten diese
Angaben nicht hinreichend plausibel nachvollzogen werden. Widersprüchlich sei auch,
dass die Versicherte am 16. Oktober 2017 gegenüber Dr. B._ angegeben habe, sie
komme mit dem erreichten Bewegungsumfang gut zurecht und könne die Schmerzen
aktuell tolerieren. Dies stehe im Gegensatz zu den während der Haushaltsabklärung
gemachten Angaben. Eine Schmerzverarbeitungsstörung sei nicht sicher
auszuschliessen. Um die Diskrepanzen nach Möglichkeit aufzulösen, sei eine
polydisziplinäre Begutachtung angezeigt.
A.h.
Am 13. und 14. Juni 2018 wurde die Versicherte durch die medexperts AG
polydisziplinär (orthopädisch, neurologisch, internistisch und psychiatrisch) abgeklärt.
Im Gutachten vom 12. Juli 2018 gaben die Sachverständigen folgende Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an (IV-act. 53-7): Schmerzhafte
Bewegungseinschränkung der rechten Schulter mit Deltoideusatrophie bei St. n.
Plattenosteosynthese proximaler Humerus bei zweitgradig offener proximaler
Humerusfraktur rechts am 2. September 2016, knöchern nicht vollständig durchbaut,
St. n. Plattenosteosynthese Radiusschaft rechts am 4. September 2016 mit
sekundärem Wundverschluss, knöchern konsolidiert, lumbovertebrales
belastungsabhängiges Schmerzsyndrom bei leichten degenerativen Veränderungen,
Nervus axillaris Schädigung rechts. Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit nannten sie: Chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp,
Medikamenten-Übergebrauchskopfschmerz, atypischer Gesichtsschmerz rechts,
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10
F45.41), Diabetes mellitus. Die orthopädische Gutachterin hielt fest (orthopädisches
Teilgutachten, IV-act. 53-12 ff.), die Versicherte habe sich unter einem vollständigen
Einsatz des rechten Arms etwas verlangsamt entkleidet. Den rechten Arm habe sie bis
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
knapp über die Horizontale gehoben. Gegenüber dem Zustand anlässlich der
Untersuchung im Spital C._ vom 16. Oktober 2017 habe sich eine deutliche
Verbesserung des objektivierbaren Befunds ergeben. Die Versicherte selbst habe über
unveränderte Schmerzen im Bereich der rechten Schulter und des rechten Unterarms
berichtet. Die Beweglichkeit des rechten Arms sei relativ gut gewesen. Es habe eine
aktive Anteversion ohne Schmerzen bis knapp über die Schulterhöhe, passiv bis 160°,
bestanden. IRO/ARO rechtsseitig seien nur endgradig mit Schmerzen eingeschränkt
gewesen. Die Ellenbogengelenksbeweglichkeit, die Unterarmdrehung und die
Handgelenksbeweglichkeit seien beidseits frei gewesen. Bei einer
Bewegungsüberprüfung habe die Versicherte Schmerzen angegeben. Im Bereich der
rechten Schultermuskulatur habe sich eine deutliche muskuläre Atrophie und in der
Unterarmstreckmuskulatur rechts eine leichte Atrophie gezeigt. Eine CT-Aufnahme vom
14. Juni 2018 habe einen an der proximalen Humerusdiaphyse erkennbaren, diagonal
verlaufenden ehemaligen Frakturspalt gezeigt; ein durchgängiger ossärer Durchbau sei
nicht erkennbar gewesen (allenfalls seien kleine ossäre Brücken neben Artefakten
sichtbar gewesen). In der Beurteilung gab die orthopädische Gutachterin an, es
bestünden eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung der rechten Schulter mit einer
Deltoideusatrophie und ein lumbovertebrales belastungsabhängiges Schmerzsyndrom
bei leichten degenerativen Veränderungen. Aufgrund der Armbeschwerden sei die
Versicherte in der Haushaltstätigkeit beeinträchtigt. Sie könne keine schwer hebenden
Tätigkeiten und keine rechtsseitigen Überkopftätigkeiten ausüben. Eine leichte,
wechselbelastende Tätigkeit in Hüft- bis Schulterhöhe mit einem gelegentlichen Heben
bis zehn Kilogramm seien möglich. Das Rendement sei durch eine Verlangsamung
verringert. In der Tätigkeit als Hausfrau sei die Versicherte in der Arbeitsfähigkeit um
20% eingeschränkt. In einer adaptierten Tätigkeit bestehe eine vollständige
Arbeitsfähigkeit. Gegenüber den im Abklärungsbericht vom 10. Januar 2018
aufgeführten Funktionsstörungen habe sich der Befund objektiv verbessert. Es sei von
einer Einschränkung von 20% auszugehen. Der neurologische Sachverständige führte
aus (neurologisches Teilgutachten, IV-act. 53-23 ff.), die von der Versicherten
berichteten Kopfschmerzen, welche sich nach dem Unfallereignis vom 2. September
2016 verstärkt hätten, seien als chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp
einzuordnen. Die Intensitätszunahme sei neurologisch nicht sicher zu erklären. Ursache
für die Zunahme sei überwiegend wahrscheinlich der dauerhafte Analgetikakonsum.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dieser könne die Ausbreitung der Dauerkopfschmerzen auf die rechte Gesichtsseite
verursacht haben. Auch die Ausbildung eines atypischen Gesichtsschmerzes sei
möglich. Die Kopf- und Gesichtsschmerzen seien einer medikamentösen Therapie
zugänglich, sodass keine dauerhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit entstehe. Im
Rahmen der Humerusfraktur sei es zu einer Nervus axillaris Schädigung rechts mit
einem Sensibilitätsdefizit im Autonomgebiet des Nervs am rechten Oberarm und mit
einer atrophischen Parese und einer deutlichen Schwäche des vom Nervus axillaris
versorgten Muskulus deltoideus rechts gekommen. Die Versicherte könne den rechten
Arm nur ansatzweise seitlich vom Körper weg und vor den Körper hochhalten. Eine
relevante Besserung dieses Zustands sei nicht mehr zu erwarten. Die
Schmerzsymptomatik bei einer Bewegung des rechten Arms sei als nozizeptiv
einzuordnen. Hinweise für eine neuropathisch vermittelte Schmerzsymptomatik hätten
sich nicht ergeben. Der Nervus axillaris Schaden sei eine Neudiagnose. Dieser
präsentiere sich jedoch typisch mit einer hochgradigen Atrophie des Muskels und einer
Dissoziation zwischen der aktiv möglichen und der passiv erreichbaren Hebung. Damit
entfielen alle Tätigkeiten, die mit einem Heben des rechten Arms verbunden seien. Die
Handfunktion rechts sei nicht beeinträchtigt. Die Symptome seien nachvollziehbar
dargestellt worden. Die Bewegungseinschränkungen seien allerdings nicht
ausschliesslich muskulär, sondern teilweise auch schmerzreflektorisch bedingt. Trotz
der Defizite könne die Versicherte den Arm (mühsam) hinter den Körper rückführen und
den Nackengriff durchführen. Bei dieser Beweglichkeit erscheine die von der
Versicherten angegebene Leistungseinschränkung im Haushalt, möglicherweise im
Rahmen ängstlicher Vermeidungsstrategien, etwas zu akzentuiert. Aus neurologischer
Sicht bestehe eine neuromuskulär bedingte Hebeschwäche, sodass mit dem rechten
Arm keine Tätigkeiten wesentlich über Hüfthöhe mehr möglich seien. Leichte und nicht
ständig repetierende Tätigkeiten mit aufgelagertem Arm seien möglich. Tätigkeiten mit
dem Überwinden von Höhendifferenzen seien nicht mehr möglich, Treppengehen
jedoch schon. In der Tätigkeit als Hausfrau entfielen alle Arbeiten, die eine
uneingeschränkte Einsatzfähigkeit des rechten Arms erfordern würden. Die
Arbeitsfähigkeit betrage 70% aufgrund einer Minderung der Leistungsfähigkeit bei einer
vollen zeitlichen Präsenz. Diese Einschätzung gelte retrospektiv seit dem Unfall vom
2. September 2016. Die im Abklärungsbericht vom 10. Januar 2018 ohne eine
Berücksichtigung der Schadenminderungspflicht der Familienangehörigen ermittelte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschränkung von 70% (gemeint wohl: 69%) sei aus neurologischer Sicht nicht
nachvollziehbar. Dies würde einer noch weitergehenden motorischen Einschränkung
mit einer Beteiligung der Handfunktion entsprechen, die aber nicht vorliege. Der
internistische Sachverständige erklärte (internistisches Gutachten, IV-act. 53-33 ff.),
aus internistischer Sicht habe nie ein Leiden bestanden. Aktuell sei ein Diabetes
mellitus, der gut eingestellt sei. Dieser beeinträchtige die Arbeitsfähigkeit nicht. Der
psychiatrische Sachverständige führte aus (psychiatrisches Gutachten, IV-
act. 53-41 ff.), die Versicherte habe angegeben, seit dem Unfall zwei- bis dreimal bei
einem Psychiater, an dessen Name sie sich nicht erinnere, gewesen zu sein. Sie habe
damals unter Schlafstörungen gelitten. Aktuell schlafe sie mit Medikamenten gut. Die
Schmerzen im Arm seien von Tag zu Tag unterschiedlich. Im Tagesverlauf würden
diese zunehmen. Auf der Schmerzskala VAS reichten sie von 1-5. Im Weiteren hielt der
psychiatrische Gutachter fest, die Schmerzlokalität sei auf den Oberarm begrenzt
gewesen. In der Untersuchung habe die Versicherte wenig schmerzgeplagt gewirkt. Ein
affektiver Rapport habe gut hergestellt werden können. Die affektive
Schwingungsfähigkeit sei leicht reduziert gewesen. Die Beschwerdeführerin sei
energielos gewesen und habe angegeben, an Durchschlafstörungen zu leiden. Sie
habe die Zukunft nicht negativ gesehen und sie habe nicht an Hoffnungslosigkeit
gelitten. Sie habe mitgeteilt, sich freuen zu können, insbesondere wenn sie mit der
Familie zusammen sei. Aus psychiatrischer Sicht handle es sich um eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41), die ihren
Ursprung einige Monate nach dem Unfall vom 2. September 2016 habe. Unter
durchschnittlichen Umständen sei eine Schmerzsymptomatik durch eine
psychotherapeutische Begleitung und eine psychopharmakologische Unterstützung
deutlich verbesserbar. Eigenen Angaben zufolge sehe sich die Versicherte als
psychisch gesund an. Aus psychiatrischer Sicht bestehe keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit. In der Konsensbeurteilung gaben die Sachverständigen an (IV-
act. 53-5 ff.), im Vordergrund stünden die orthopädisch und neurologisch bedingten
Gesundheitseinschränkungen. Es hätten sich Funktionseinschränkungen des rechten
Arms und der Lendenwirbelsäule ergeben. Gesamthaft bestehe in der Tätigkeit als
Hausfrau eine Arbeitsunfähigkeit von 30% seit dem Unfall vom 2. September 2016. In
einer adaptierten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit 90%, bedingt durch eine
Minderung des Rendements von 10% bei erhaltener zeitlicher Präsenz. Die Versicherte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könne keine Tätigkeiten mehr wesentlich über Hüfthöhe ausüben. Auch Tätigkeiten mit
dem Überwinden von Höhendifferenzen, schwer hebende Tätigkeiten und rechtsseitige
Überkopftätigkeiten seien ihr nicht mehr möglich. Zumutbar seien ihr Tätigkeiten mit
aufgelagertem Arm, wobei diese nur leicht und nicht ständig repetierend sein sollten.
Das Treppengehen sei möglich, ebenso eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit in
Hüft- bis Schulterhöhe mit einem gelegentlichen Heben bis zehn Kilogramm.
Gegenüber den im Bericht vom 10. Januar 2018 betreffend die Abklärung an Ort und
Stelle aufgeführten Funktionsstörungen habe sich der Befund aus orthopädischer Sicht
objektiv verbessert.
Der RAD-Arzt Dr. F._ notierte am 31. Juli 2018 (IV-act. 55), das Gutachten erfülle
die versicherungsmedizinischen Anforderungen, sodass auf dieses abgestellt werden
könne.
A.j.
Mit einem Vorbescheid vom 5. September 2018 stellte die IV-Stelle der
Versicherten die Abweisung des Begehrens um eine Invalidenrente in Aussicht (IV-
act. 62). Zur Begründung hielt sie fest, gemäss dem Bericht vom 10. Januar 2018 über
die Abklärung an Ort und Stelle habe die Versicherte angegeben, bei den
Haushalttätigkeiten zu 69% eingeschränkt zu sein. Die zumutbare anrechenbare
Mithilfe der Familienmitglieder bei den Haushaltsarbeiten betrage rund 30%. Die
polydisziplinäre Begutachtung durch die medexperts habe ergeben, dass gesamthaft
eine 30%ige Einschränkung der Leistungsfähigkeit im Haushalt bestehe. Die anlässlich
der Abklärung an Ort und Stelle geltend gemachten hohen Einschränkungen könnten
aus gutachterlicher Sicht nicht vollständig nachvollzogen werden. Diese hätten im
Zeitpunkt der medizinischen Abklärung nicht mehr im gleichen Ausmass vorgelegen.
Der Befund habe sich objektiv verbessert. Die Einschränkung im Haushalt betrage
maximal 30%. Unter Berücksichtigung der zumutbaren Mithilfe der
Familienangehörigen resultiere keine relevante Funktionseinschränkung, weshalb das
Leistungsbegehren bei einem Invaliditätsgrad von 0% abgewiesen werde. Die
Versicherte erhob am 28. September 2018 einen Einwand (IV-act. 64). Sie beantragte
die Aufhebung des Vorbescheids und die Zusprache der ihr zustehenden
Rentenleistung. Zur Begründung machte sie im Wesentlichen geltend, die ärztlichen
Angaben hätten unter Berücksichtigung der zumutbaren Mithilfe der
Familienangehörigen zu erfolgen. Entsprechend sei davon auszugehen, dass die
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ärztlichen Angaben bereits unter Berücksichtigung der Schadenminderungs-/
Mitwirkungspflicht erfolgt seien. Die von der IV-Stelle berücksichtigte
Schadenminderungspflicht durch den Beizug von Familienangehörigen sei
gesetzeswidrig, denn relevant sei nicht die "Invalidität" der Familie, sondern der
versicherten Person. Sie reichte einen Austrittsbericht des Spitals C._ vom 18. April
2018 (IV-act. 64-6) und eine Stellungnahme von Dr. med. G._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, vom 20. September 2018 ein (IV-act. 64-10). Sie machte geltend,
im Bericht des Spitals C._ sei im Widerspruch zum psychiatrischen Gutachten eine
mittelgradige Depression genannt worden. Der Austrittsbericht des Spitals C._, Klinik
für Innere Medizin, betraf einen stationären Aufenthalt vom 9. bis 13. April 2018
aufgrund einer notfallmässigen Zuweisung durch den Hausarzt bei einem
Gewichtsverlust von zehn Kilogramm in den letzten sechs Wochen, Appetitverlust,
chronischem Durchfall, hypertensiver Entgleisung und einzustellendem Diabetes
mellitus. Unter den Diagnosen war eine mittelgradige Depression aufgeführt worden.
Dr. G._ hatte am 20. September 2018 festgehalten, die von ihm am 3. April 2018
gestellte Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode sei im Gutachten nicht
diskutiert worden. Am 3. April 2018 hatte er berichtet, die Versicherte sei durch ihre
Schwiegertochter notfallmässig wegen schweren Schlafstörungen mit einer
Selbstmedikation mit Xanax und Temesta, Appetitlosigkeit mit starkem
Gewichtsverlust, völliger Freudlosigkeit sowie auffälliger innerer Unruhe vorgestellt
worden. Auslösend sei offenbar eine Situation gewesen, in welcher die Versicherte
ihrem H._-jährigen Sohn von einer geplanten Vermählung mit einer Frau abgeraten
und Schuldgefühle entwickelt habe. Die Versicherte habe sehr eingefallen und leblos
gewirkt. Sie habe mit leiser Stimme und nur wenig gesprochen ("wenig
Sprachproduktion"). Die Schwiegertochter habe als Übersetzerin fungiert.
Der RAD-Arzt Dr. F._ notierte am 2. Oktober 2018 im Wesentlichen (IV-act. 65),
anlässlich der psychiatrischen Begutachtung vom Juni 2018 hätten sich keine
Anhaltspunkte dafür gefunden, dass eine Depression bestanden hätte. Aus dem
Bericht des Spitals C._ vom 18. April 2018 lasse sich keine relevante Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit ableiten. Die von Dr. G._ als objektiv beschriebenen Befunde
könnten in Zusammenhang mit der Medikation von Xanax und Temesta gebracht
werden. Unterlagen, die nachvollziehbar machen würden, dass es seit der
A.l.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Begutachtung zu einer relevanten und andauernden Veränderung des
Gesundheitszustands mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gekommen wäre, lägen nicht
vor. Er könne beim besten Willen nicht erkennen, dass die Sachverständigen der
medexperts AG bei ihrer Einschätzung einer 30%igen Einschränkung im Haushalt eine
Mithilfe der Familienangehörigen berücksichtigt hätten.
Mit einer Verfügung vom 9. November 2018 wies die IV-Stelle das Begehren um
eine Invalidenrente ab (IV-act. 66). Zum Einwand hielt sie fest, gemäss RAD seien mit
den eingereichten Unterlagen keine neuen medizinisch objektivierbaren wesentlichen
Änderungen der Befunde oder Symptome mitgeteilt worden. Auf das Gutachten könne
deshalb weiterhin abgestellt werden. Bei einem Invaliditätsgrad von unter 30% bestehe
kein Anspruch auf eine Invalidenrente.
A.m.
Die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) erhob am 10. Dezember 2018
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 9. November 2018 (act. G 1). Sie
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Ausrichtung der ihr
zustehenden Leistungen aus IVG. Eventualiter sei die Angelegenheit zur weiteren
Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Zur Begründung machte sie
geltend, das Gutachten der medexperts AG sei bezüglich der prozentualen
Einschränkung in der Haushaltsführung nicht schlüssig. Die gutachterlichen
Ausführungen betreffend die Einschränkung in der Haushaltsführung seien pauschal
erfolgt. Diese hätten sich nicht mit den von der Abklärungsperson detailliert evaluierten
Einschränkungen in den einzelnen Aufgaben auseinandergesetzt. Im Weiteren sei
davon auszugehen, dass die Gutachter bei ihrer Einschätzung die laut Bundesgericht
zumutbare anrechenbare Mithilfe der Familienmitglieder berücksichtigt hätten. Dies
ergebe sich insbesondere aus den Angaben der orthopädischen Gutachterin. Die IV-
Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt,
da sie von Dr. G._ keinen IV-Arztbericht eingeholt habe.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 28. Januar 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Sie machte geltend, das Gutachten der medexperts AG habe
vollen Beweiswert. Der RAD habe zu Recht festgehalten, dass sich im Zeitpunkt der
Begutachtung keine Anzeichen für eine Depression gefunden hätten. Die
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 9. November 2018
einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin bei einem Invaliditätsgrad von 0%
verneint. Strittig ist somit, ob die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Invalidenrente
hat.
Beschwerdeführerin habe sich im Gegenteil als psychisch gesund angesehen. Die
Gutachter hätten sich in der Konsensbeurteilung detailliert mit den vor allem durch die
orthopädischen und neurologischen Diagnosen hervorgerufenen Einschränkungen und
deren Auswirkungen auf die einzelnen Tätigkeiten im Haushalt auseinandergesetzt.
Ebenso könne der Rechtsanwender aus dem durch die Orthopädin und den
Neurologen definierten Zumutbarkeitsprofil die Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
bzw. auf die Haushaltstätigkeit abschätzen. Die Einsatzfähigkeit des rechten Arms sei
eingeschränkt, aber nicht vollumfänglich aufgehoben. Es könne davon ausgegangen
werden, dass der linke Arm voll einsatzfähig sei. Mit Blick auf die in Rz 3087 KSIH
definierten Haushaltstätigkeiten lasse sich eruieren, dass mit einer Verlagerung auf den
linken Arm der Haushalt vollumfänglich bewältigt werden könne. Die Handfunktion
rechts sei nicht beeinträchtigt. Die von den Gutachtern veranschlagte Verlangsamung
der Tätigkeit von 30% sei somit nachvollziehbar. Weder in den Ausführungen der
Orthopädin noch des Neurologen sei eine Berücksichtigung der
Schadenminderungspflicht des Ehemannes der Beschwerdeführerin erwähnt worden.
Mit einer Replik vom 4. März 2019 machte die Beschwerdeführerin ergänzend
geltend (act. G 6), die Beschwerdegegnerin versuche, die zu pauschalen
gutachterlichen Ausführungen betreffend die Einschränkung in der Haushaltsführung
eigenhändig "abzuschätzen". Dies gelinge ihr aber nicht, weil sie dabei den
vorrangigen – abweichenden – Abklärungsbericht Haushalt vollständig ausgeblendet
habe.
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 8).B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
3.
Die Beschwerdegegnerin hat angegeben, nie eine Erwerbstätigkeit ausgeübt zu haben.
Auch wenn sie gesund geblieben wäre, wäre sie weiterhin keiner Erwerbstätigkeit
nachgegangen. Sie hat vier Kinder grossgezogen, die mittlerweile alle erwachsen sind,
und ist ausschliesslich im Haushalt tätig gewesen (vgl. auch den IK-Auszug, IV-act. 7).
Ihr Ehemann ist vollerwerbstätig gewesen. Gegenüber den Sachverständigen der
medexperts AG hat die Beschwerdeführerin berichtet, dass sie im Jahr I._ im
Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz gekommen sei; sie sei auch im
Herkunftsland keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen (IV-act. 53-13, 53-25, 53-36,
53-43). Damit ist es überwiegend wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin ohne
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Volljährige, die
vor der Beeinträchtigung ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
nicht erwerbstätig waren und denen eine Erwerbstätigkeit nicht zugemutet werden
kann, gelten als invalid, wenn eine Unmöglichkeit vorliegt, sich im bisherigen
Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 8 Abs. 1 und 3 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1).
2.1.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen,
das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Bei nicht erwerbstätigen
Versicherten, die im Aufgabenbereich tätig sind und denen die Aufnahme einer
Erwerbstätigkeit nicht zugemutet werden kann, wird für die Bemessung der Invalidität
in Abweichung von Art. 16 ATSG darauf abgestellt, in welchem Masse sie unfähig sind,
sich im Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 28a Abs. 2 IVG; sog. Betätigungsvergleich).
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine gesundheitliche Beeinträchtigung weiterhin ausschliesslich im Haushalt tätig
gewesen wäre. Nach der ständigen, aber bis heute nicht überzeugend begründeten
Praxis des Bundesgerichts ist die eindeutige gesetzliche Vorgabe, wonach der
versicherten Person die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht zumutbar ist, nicht
anwendbar (vgl. Ulrich Meyer/Marco Reichmuth, Bundesgesetz über die
Invalidenversicherung, Zürich 2014, N 6 und 160 zu Art. 28a). Ob der
Beschwerdegegnerin die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zumutbar wäre, ist daher
nicht zu prüfen. Die Beschwerdegegnerin hat also zu Recht einen reinen
Betätigungsvergleich vorgenommen.
4.
Zur Ermittlung der Invalidität der Beschwerdeführerin hat die Beschwerdegegnerin
zunächst eine Abklärung im Haushalt der Beschwerdeführerin vorgenommen. Zu einem
späteren Zeitpunkt hat sie die medexperts AG mit der Erstellung eines polydisziplinären
Gutachtens (orthopädisch, neurologisch, internistisch und psychiatrisch) beauftragt.
Die Abklärungsperson hat unter Berücksichtigung einer Mitwirkungspflicht von
Familienangehörigen (des Ehemanns und der zwei Söhne) einen Invaliditätsgrad von
40% ermittelt. Ohne die Berücksichtigung einer Mitwirkungspflicht von
Familienangehörigen hat die Invalidität nach der Auffassung der Abklärungsperson
69% betragen (IV-act. 35-16). Die Sachverständigen der medexperts AG haben eine
Arbeitsunfähigkeit im eigenen Haushalt von lediglich 30% angegeben (IV-act. 53-7).
Der angefochtenen Verfügung vom 9. November 2018 liegt die gutachterliche
Einschätzung zu Grunde. Im Folgenden ist zunächst zu prüfen, ob dem Gutachten
voller Beweiswert zukommt, ob es also die Unfähigkeit der Beschwerdeführerin, sich
im Haushalt zu betätigen, mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
belegt.
4.1.
Ein Gutachten hat vollen Beweiswert, wenn es für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation
einleuchtet und wenn die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE 125 V
352, E. 3a). Notwendig ist zudem, dass der psychiatrische Gutachter die vom
Bundesgericht in Bezug auf anhaltende somatoforme Schmerzstörungen und
vergleichbare psychosomatische Leiden geschaffenen und später als auf alle
psychischen Erkrankungen, insbesondere auf leichte bis mittelschwere depressive
Störungen, anwendbar deklarierten Standardindikatoren berücksichtigt hat (vgl. BGE
141 V 281; 143 V 409 und 143 V 418).
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Alle Sachverständigen der medexperts AG haben umfassende Kenntnis von den
Vorakten gehabt und diese gewürdigt, die Beschwerdeführerin persönlich untersucht
und die subjektiven Klagen aufgenommen und die erhobenen objektiven Befunde im
Gutachten wiedergegeben. Die orthopädische Sachverständige hat nachvollziehbar
dargelegt, dass als Funktionseinschränkungen eine schmerzhafte
Bewegungseinschränkung der rechten Schulter und ein lumbovertebrales
belastungsabhängiges Schmerzsyndrom bestanden haben. Der Zustand der rechten
Schulter hat sich im Vergleich zur Untersuchung im Spital C._ vom 16. Oktober 2017
objektiv verbessert. Der neurologische Sachverständige hat als neue Diagnose eine
Nervus axillaris Schädigung rechts genannt und ausgeführt, diese sei im Rahmen der
Humerusfraktur entstanden. Er hat schlüssig erklärt, dass die Beschwerdeführerin den
rechten Arm nur noch ansatzweise seitlich vom Körper weg und vor den Körper
hochhalten könne. Eine relevante Besserung sei nicht mehr zu erwarten. Die
Handfunktion rechts sei nicht beeinträchtigt. Den von der Beschwerdeführerin
beklagten Kopf- und Gesichtsschmerzen hat er mit der Begründung, diese seien einer
medikamentösen Therapie zugänglich, nachvollziehbar keinen Einfluss auf die
Fähigkeit, im Haushalt tätig zu sein, zuerkannt. Der internistische Sachverständige hat
einzig einen Diabetes mellitus diagnostiziert. Da dieser medikamentös gut eingestellt
gewesen ist, hat er die Diagnose überzeugend als ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
qualifiziert. Der psychiatrische Sachverständige hat die von der Beschwerdeführerin
beklagten Schmerzen als chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) eingestuft. Im Weiteren hat er festgehalten, in
der Untersuchung habe ein affektiver Rapport gut hergestellt werden können. Die
affektive Schwingungsfähigkeit sei leicht reduziert gewesen. Die Beschwerdeführerin
sei energielos gewesen und habe angegeben, an Durchschlafstörungen zu leiden. Sie
habe die Zukunft nicht negativ gesehen und sie habe nicht an Hoffnungslosigkeit
gelitten. Sie habe mitgeteilt, sich freuen zu können, insbesondere wenn sie mit der
Familie zusammen sei. Die Beschwerdeführerin habe sich selbst als psychisch gesund
angesehen. Der psychiatrische Sachverständige hat damit überzeugend aufgezeigt,
dass keine Hinweise auf eine depressive Symptomatik vorgelegen haben. Die von der
Beschwerdeführerin eingereichten Berichte des Spitals C._ vom 18. April 2018 und
von Dr. G._ vom 20. September 2018 und 3. April 2018 (IV-act. 64) vermögen keine
Zweifel an der Beurteilung des psychiatrischen Sachverständigen zu wecken. Dr. G._
hat die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10 F32.1) gestützt auf
ein Gespräch mit der Schwiegertochter der Beschwerdeführerin gestellt. Es ist nicht
ersichtlich, dass er mit der Beschwerdeführerin ausreichend hätte kommunizieren
können. Die Beschwerdeführerin spricht nämlich kaum Deutsch und sie hat denn auch
anlässlich der Konsultation bei Dr. G._ nur wenig gesprochen (was er als "wenig
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sprachproduktion" bezeichnet und offenbar als Symptom qualifiziert hat). Die von
Dr. G._ angegebenen objektiven Befunde können zudem gemäss den Angaben des
RAD-Arztes Dr. F._ mit der Medikation (Xanax und Temesta) in Zusammenhang
gestanden haben. Diese Befunde sind also auch anders als mit der von Dr. G._
gestellten Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode erklärbar. Die im Bericht
des Spitals C._ aufgeführte Diagnose einer mittelgradigen Depression stützt sich nur
auf die Angaben der Beschwerdeführerin (effektiv wohl in weiten Teilen auf die
Angaben der die Beschwerdeführerin begleitenden Familienangehörigen), weshalb
dieser Bericht ebenfalls keine Zweifel an der Diagnosestellung des psychiatrischen
Sachverständigen wecken kann. Die Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, die
Beschwerdegegnerin habe den Untersuchungsgrundsatz (Art. 43 Abs. 1 ATSG) verletzt,
da sie von Dr. G._ keinen IV-Bericht eingeholt habe. Nach dem Gesagten ist in
antizipierender Beweiswürdigung davon auszugehen, dass davon kein
Beweisfortschritt zu erwarten gewesen wäre. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb zu
Recht auf die Einholung eines Berichts von Dr. G._ verzichtet. Die von den
Sachverständigen der medexperts AG erhobenen Befunde und Symptome und die
gestützt darauf gestellten Diagnosen sind somit überzeugend. Ebenso überzeugt das in
der Konsensbeurteilung angegebene Leistungsbild, wonach die Beschwerdeführerin
keine Tätigkeiten mehr wesentlich über Hüfthöhe ausüben kann. Auch sind Tätigkeiten
mit dem Überwinden von Höhendifferenzen, schwer hebende Tätigkeiten und
rechtsseitige Überkopftätigkeiten nicht mehr möglich. Der Beschwerdeführerin
zumutbar sind Tätigkeiten mit aufgelagertem Arm, wobei diese nur leicht und nicht
ständig repetierend sein sollen. Das Treppengehen ist möglich, ebenso eine leichte,
wechselbelastende Tätigkeit in Hüft- bis Schulterhöhe mit einem gelegentlichen Heben
bis zehn Kilogramm. Die von den Gutachtern attestierte 30%ige Arbeitsunfähigkeit im
Haushalt hingegen vermag nicht zu überzeugen. Diese Einschätzung ist nämlich, wie
die Beschwerdeführerin zu Recht geltend gemacht hat, pauschal und ohne Kenntnis
der konkreten Verhältnisse im Haushalt der Beschwerdeführerin erfolgt. Die Gutachter
haben den Abklärungsbericht vom 10. Januar 2018 zwar zur Kenntnis genommen;
Angaben darüber, wie der Haushalt konkret aussieht, wie die einzelnen Arbeiten
auszuführen sind etc., fehlen aber. Damit hat der Abklärungsbericht keine ausreichende
Grundlage für eine medizinische Einschätzung der Einschränkungen in der
Haushaltserledigung bilden können. Die Gutachter haben sich auch nicht mit den
Einschränkungen in den einzelnen Aufgabenbereichen auseinandergesetzt (zu den
Aufgaben zählen in der Regel die Ernährung, die Wohnungs- und Hauspflege, der
Einkauf und weitere Besorgungen, die Wäsche- und Kleiderpflege und die Pflege und
Betreuung von Kindern und/oder Angehörigen; vgl. Rz 3087 des Kreisschreibens über
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung, KSIH, Stand 1. Juli 2020) und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sie haben nicht abgeklärt, welche Haushaltsaufgaben die Beschwerdeführerin vor dem
Unfall vom 2. September 2016 erfüllt hat bzw. welche Haushaltsaufgaben sie, wäre sie
gesund geblieben, erfüllen würde. Selbst unter der Fiktion eines durchschnittlichen
Haushalts wäre die Einschätzung der Gutachter deshalb als nicht überwiegend
wahrscheinlich, sondern höchstens als plausibel einzustufen, womit der erforderliche
Beweisgrad nicht erreicht wäre. Die Auffassung der Beschwerdegegnerin, dass der
Rechtsanwender aus dem durch die orthopädische Sachverständige und den
neurologischen Experten definierten Zumutbarkeitsprofil die Auswirkungen auf die
Haushaltstätigkeit abschätzen könne, vermag nicht zu überzeugen, da der
Abklärungsbericht vom 10. Januar 2018 dafür keine ausreichende Grundlage bildet.
Die Beschwerdeführerin hat vorgebracht, die Gutachter hätten eine Mithilfe der
Familienangehörigen bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung bereits berücksichtigt. Das
trifft nicht zu. Die orthopädische Sachverständige hat nämlich klar eine
Arbeitsunfähigkeit von 20% attestiert; auch als sie sich zum Abklärungsbericht
geäussert hat, hat sie an der 20%igen Arbeitsunfähigkeit festgehalten und diese nicht
nach unten korrigiert (vgl. IV-act. 53-20). Aus den Ausführungen des neurologischen
Sachverständigen ergeben sich ebenfalls keine Hinweise darauf, dass er bei der
Arbeitsfähigkeitsschätzung eine Mitwirkung von Familienangehörigen berücksichtigt
hätte. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die im Gutachten der medexperts AG
aufgeführten Diagnosen und das Leistungsbild überzeugen. Die im Gutachten
angegebene 30%ige Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin bei der Bewältigung
der Aufgaben im eigenen Haushalt überzeugt hingegen nicht.
Der von der Beschwerdegegnerin erstellte Abklärungsbericht vom 10. Januar 2018
kann die gesundheitsbedingte Einbusse an funktionellem Leistungsvermögen der
Beschwerdeführerin bei der Erfüllung der konkreten Haushaltsaufgaben ebenfalls nicht
überzeugend belegen. Die Angaben im Abklärungsbericht beruhen nämlich nicht auf
einer objektiven medizinischen Grundlage (vgl. auch die Stellungnahme des RAD-
Arztes Dr. F._, laut der die von der Beschwerdeführerin während der
Haushaltsabklärung angegebenen Funktionseinschränkungen nicht hinreichend
plausibel nachvollziehbar gewesen seien, IV-act. 46), sondern auf den subjektiven
Angaben der Beschwerdeführerin bzw. der Schwiegertochter, die das Gespräch
"übersetzt" hat. Diese "Übersetzung" durch eine Familienangehörige hat
möglicherweise zur Folge gehabt, dass die protokollierten Angaben Interpretationen
oder Ergänzungen der übersetzenden Schwiegertochter beinhaltet haben, was – nebst
dem Umstand, dass der Abklärungsbericht nicht auf einer objektiven medizinischen
Grundlage beruht – erhebliche Zweifel am Beweiswert des Abklärungsberichts wecken
muss. Die Annahme der Abklärungsperson, dass die Beschwerdeführerin ihre
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzen ohne zu übertreiben geschildert habe, vermag in Anbetracht der vom
psychiatrischen Sachverständigen der medexperts AG gestellten Diagnose einer
chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren nicht zu
überzeugen, da dies zur Annahme zwingt, dass die Beschwerdeführerin weit stärkere
Schmerzen geschildert hat, als objektiv bestanden haben. Relevant ist auch, dass
gemäss der Beurteilung des neurologischen Sachverständigen der medexperts AG die
Handfunktion rechts nicht eingeschränkt gewesen ist. Die Aussage der
Beschwerdeführerin (bzw. der übersetzenden Schwiegertochter), es bestehe eine
weitgehende funktionelle Einarmigkeit, überzeugt daher offensichtlich nicht. Im
Weiteren ist aus dem Abklärungsbericht nicht ersichtlich, welche Haushaltsaufgaben
die Beschwerdeführerin vor dem Unfall vom 2. September 2016 in welchem Umfang
erfüllt hat bzw. welche Haushaltsaufgaben sie, wäre sie gesund geblieben, erfüllen
würde. Die Beschwerdeführerin wohnt mit ihrem Ehemann, dem ältesten Sohn, dessen
Ehefrau und deren beiden Kindern sowie dem jüngsten Sohn in einer fünfeinhalb
Zimmer Wohnung, die auf drei Stockwerke verteilt ist. Die Abklärungsperson hat, ohne
dies näher zu erläutern, angegeben, bei der Berechnung des Zeitaufwands habe sie
den Haushalt des ältesten Sohnes und dessen Ehefrau mit den beiden Kindern separat
gewertet. Aus dem Abklärungsbericht ergibt sich aber nicht, ob es sich tatsächlich um
zwei Haushalte mit je eigenen Küchen und Badezimmern/WC handelt oder ob die
sieben Personen in einem gemeinsamen Haushalt leben. Ob die Beschwerdeführerin
ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung für alle sieben Personen oder nur für drei
Erwachsene u.a. die Mahlzeiten zubereiten, die Wäsche besorgen, die Wohnung
reinigen würde, ist nicht bekannt. Die meisten Angaben bei der Ermittlung des
Zeitaufwands (IV-act. 35-8) stimmen zwar mit den Angaben der Beschwerdeführerin im
Fragebogen Erwerbstätigkeit/Haushalt (IV-act. 27) überein. Ob die Beschwerdeführerin
damit aber den vor dem Unfall tatsächlich geleisteten Zeitaufwand angegeben hat bzw.
ob dieser dem Zeitaufwand entsprochen hat, der ihr im Verfügungszeitpunkt ohne
gesundheitliche Beeinträchtigungen entstanden wäre, ist nicht abgeklärt worden. Die
"Validität" der Beschwerdeführerin im fiktiven "Gesundheitsfall" steht damit nicht fest.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Abklärungsbericht die angegebene
teilweise Unfähigkeit der Beschwerdeführerin, den Haushalt zu besorgen, nicht mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt. Insbesondere hätte die
Abklärung gestützt auf eine objektive medizinische Grundlage erfolgen müssen. Eine
solche Grundlage hat aber erst im Nachhinein, mit dem Gutachten der medexperts AG,
vorgelegen. Die Beschwerdegegnerin hätte deshalb nach dem Erhalt des Gutachtens
eine erneute Abklärung an Ort und Stelle vornehmen müssen. Das ist nicht geschehen.
Der massgebliche Sachverhalt ist also sowohl in Bezug auf die Art und den Umfang der
Haushaltstätigkeiten im fiktiven "Gesundheitsfall" als auch in Bezug auf das nach dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung objektiv verbliebene funktionelle
Leistungsvermögen unzureichend abgeklärt worden. Die Angelegenheit ist deshalb zur
weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird
ausgehend vom Gutachten der medexperts AG erneut eine Haushaltsabklärung
vornehmen. Diese Abklärung wird unter Beizug eines unabhängigen Dolmetschers
erfolgen. Sollten die Angaben der Beschwerdeführerin dann immer noch keine
objektive Beurteilung zulassen, dürfte der Beschwerdegegnerin nichts anderes
übrigbleiben, als die vier erwachsenen Personen im Haushalt (Ehemann, ältester Sohn
und Schwiegertochter und jüngster Sohn) als Zeugen zu befragen. Ausserdem wird die
Beschwerdegegnerin sorgfältig zu prüfen haben, welche Haushaltsaufgaben sich die
Beschwerdeführerin im Rahmen der ihr obliegenden "echten"
Schadenminderungspflicht (i.S. einer behinderungsadaptierten
"Arbeitsplatzgestaltung") erleichtern kann. Es bleibt darauf hinzuweisen, dass die
Berücksichtigung einer Schadenminderungspflicht in der Form eines (echten oder
fiktiven) Einsatzes von Familienangehörigen bei der Haushaltsbesorgung entgegen der
Auffassung des Bundesgerichts offensichtlich gesetzwidrig ist. Die Invalidität gemäss
Art. 8 Abs. 3 ATSG besteht nämlich, genau wie die Invalidität gemäss Art. 8 Abs. 1
ATSG, in der behinderungsbedingten Einbusse an persönlicher Leistungsfähigkeit der
versicherten Person. Versichert ist also offensichtlich nicht die Leistungsfähigkeit eines
Teams bestehend aus der versicherten Person und deren Familienangehörigen.
Andernfalls wäre nämlich selbst jene versicherte Person nicht invalid, die im Spital im
Koma liegen würde, wenn nur genügend Familienangehörige im Haushalt leben
würden, denen es möglich und zumutbar wäre, die gesamte Haushaltsbesorgung unter
sich aufzuteilen. Die Invalidität gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG ist somit unabhängig von
der (in der Praxis der Beschwerdegegnerin immer unterstellten, nie nachgewiesenen
möglichen und zumutbaren) Verfügbarkeit von mithelfenden Familienangehörigen zu
bemessen (vgl. etwa das Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
30. November 2018, IV 2016/362, E. 2.4). Selbst wenn eine Mitwirkung der
Familienangehörigen angerechnet würde, ist nicht nachvollziehbar, weshalb hier exakt
90 Minuten anrechenbar sein sollten. Eine bundesgerichtliche Praxis, laut der es
zulässig wäre, ohne eine Abklärung des effektiven Sachverhalts eine Mitwirkung von
Familienangehörigen in pauschal diesem Umfang anzurechnen, gibt es nicht.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erweist
5.1.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte