Decision ID: 61bdb142-cbeb-44c8-9b98-5457b64605d4
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
J._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Paul Rechsteiner, Oberer Graben 44,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
IV-Leistungen
Sachverhalt:
A.
A.a J._, Jahrgang 1954, meldete sich im November 2003 zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung (IV) an und beantragte die Ausrichtung einer Rente. Er leide
an einer Bewegungseinschränkung und Arthrosen des linken Kniegelenks (IV-act. 1).
Dr. med. A._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, diagnostizierte am 28. Februar
2004 eine Gonarthrose links nach Kniepolytrauma, bestehend seit einem Autounfall
1974. Die Arbeit als medizinischer Masseur habe der Versicherte 2003 aufgegeben.
Zurzeit sei er Hausmann (IV-act. 15). Im Verlaufsbericht vom 3. November 2004
berichtete Dr. A._, der Gesundheitszustand des Versicherten habe sich
verschlechtert (IV-act. 25). Am 31. August 2004 führte die IV beim Versicherten eine
Haushaltabklärung durch. Sie qualifizierte ihn zu 30% als Hausmann und zu 70% als
Masseur. Bei einer Einschränkung im Haushalt von 11.5% betrage der
Behinderungsgrad 3,5% (IV-act. 26-13/17).
A.b Mit Verfügung vom 6. Januar 2005 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren bei
einem Invaliditätsgrad von 4% ab (IV-act. 30). Dagegen erhob Rechtsanwältin lic. iur.
Helena Falk in Vertretung des Versicherten am 21. Januar 2005 Einsprache, die sie am
28. Februar 2005 begründete (IV-act. 35, 38). Die IV-Stelle kam daraufhin zum Schluss,
der Sachverhalt sei medizinisch ungenügend abgeklärt und widerrief ihre Verfügung am
1. Juni 2005 (IV-act. 44). In ihrem Auftrag erstellte Dr. med. B._, Facharzt FMH für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, am
20. Dezember 2005 ein Gutachten. Mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
diagnostizierte er eine ausgeprägte Gonarthrose links und eine mittelschwere
Coxarthrose links. Als medizinischer Masseur sei er zu 37.5% arbeitsfähig. Die
Einschränkung als Hausmann schätzte Dr. B._ auf mindestens 50%. Andere
berufliche Tätigkeiten seien dem Versicherten nicht zumutbar (IV-act. 53).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Die IV-Stelle gab daraufhin eine arbeitsmedizinische Begutachtung durch ihren
Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) in Auftrag. Die RAD-Ärzte Dr. med. C._ und
Dr. med. D._ erstatteten ihr interdisziplinäres Gutachten am 29. März 2006. Dieses
nennt mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit die Diagnosen einseitige posttraumatische
medial betonte schwere Gonarthrose links, leichte bis mittelschwere Coxarthrose links,
Hypotropie musculus quadriceps/musculus rectus femoris lat. links, leichte nervus
peronäus-Läsion links, Morbus Dupuytren rechts, chronisch venöse Insuffizienz II° und
Psoriasis. Ohne Gesundheitsschaden wäre er aktuell mit einem Pensum von 100%
ausserhäuslich tätig. Als angestellter Masseur sei er seit ca. 1999 voll arbeitsunfähig,
da einem Arbeitgeber nicht zumutbar. Als selbstständiger Masseur sei er seit
November 2004 zu 50%, seit September 2005 zu 62.5% und seit März 2006 zu 75%
arbeitsunfähig. In einer leidensadaptierten unqualifizierten Tätigkeit und als Hausmann
betrage die Arbeitsfähigkeit 80% (IV-act. 61).
A.d Die IV-Stelle qualifizierte den Versicherten als zu 70% erwerbstätig und zu 30% als
Hausmann. Im Erwerb berechnete sie bei einer Einschränkung von 31.5% einen
Teilinvaliditätsgrad von 22.05% und im Haushalt bei einer Einschränkung von 12%
einen Teilinvaliditätsgrad von 3.6%. Mit Verfügung vom 26. April 2006 wies sie sein
Rentengesuch bei einem Invaliditätsgrad von insgesamt 26% ab (IV-act. 66). Dagegen
erhob Rechtsanwalt lic. iur. Paul Rechsteiner am 19. Mai 2006 in Vertretung des
Versicherten Einsprache, die er am 30. Juni 2006 begründete (IV-act. 69, 72). Der
Rechtsdienst der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen wies die
Einsprache in Vertretung der IV-Stelle mit Entscheid vom 25. Oktober 2006 ab. Dem
Grundsatz "Eingliederung vor Rente" folgend wurde vorab geprüft, ob der Versicherte
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen habe, was verneint wurde. Der Versicherte
habe nur während dreieinhalb Jahren als selbstständiger Masseur gearbeitet. Ein
Wechsel bzw. die Wiederaufnahme einer adaptierten unselbstständigen Tätigkeit sei
ihm ohne weiteres zumutbar. Auch eine Hilfsarbeit sei zumutbar, zumal der Versicherte
als Masseur nicht in einer derart gehobenen Stellung gewesen sei, die von Vornherein
die Ausübung einer Hilfstätigkeit als unzumutbar erscheinen lassen würde. Betreffend
Invalideneinkommen sei somit auf die Tabellenlöhne der Schweizerischen
Lohnstrukturerhebung abzustellen, wobei ein Abzug von 15% anzuerkennen sei. Für
das Valideneinkommen sei auf das 1995 während neun Monaten erzielte Einkommen
abzustellen; dieses sei der Nominallohnentwicklung anzupassen. Bei einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invaliditätsgrad von neu 21% wurde die Rentenabweisung im Ergebnis bestätigt
(act. G 1.1).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die Beschwerde des Rechtsvertreters des
Versicherten vom 27. November 2006. Er beantragt die Aufhebung des Entscheids und
die Zusprache einer halben Invalidenrente, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
Zum Valideneinkommen lässt der Beschwerdeführer darauf hinweisen, dass er als
Gesunder monatlich Fr. 6'000.- bzw. jährlich Fr. 78'000.- erzielen könnte. Gemäss
Lohnstrukturerhebung wäre sogar von einem Valideneinkommen von Fr. 85'000.-
auszugehen. Ohne die gesundheitlichen Schwierigkeiten wäre davon auszugehen, dass
er als unselbstständig erwerbender medizinischer Masseur tätig wäre. Er hätte weder in
eine selbstständige Erwerbstätigkeit gewechselt noch sein Pensum reduziert. Gemäss
RAD-Gutachten sei der Beschwerdeführer "rein medizinisch-theoretisch" in
leidensadaptierter Tätigkeit in einer unqualifizierten Berufsausübung 80% arbeitsfähig.
Bei dieser Formulierung sei davon auszugehen, dass selbst der RAD-Gutachter eine
konkrete Verwertung der Restarbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht
für möglich halte. Darüber hinaus verbiete es das Kriterium der Zumutbarkeit, bei der
Bemessung des Invalideneinkommens einem Invaliden ohne Rücksicht auf die
Ausbildung, die soziale Stellung, den bisherigen Beruf und das Alter jede beliebige
Tätigkeit zuzumuten. Wo zudem eine zumutbare Tätigkeit nicht mehr Gegenstand von
Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt oder nur in so eingeschränkter Form
möglich sei, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt faktisch nicht kenne oder dass sie
nur unter nicht realistischem Entgegenkommen des Arbeitgebers möglich wäre, falle
sie mangels Zumutbarkeit für die Bemessung des hypothetischen
Invalideneinkommens ebenfalls ausser Betracht. Es sei nicht ersichtlich, welchem
Arbeitgeber der Beschwerdeführer für welche Tätigkeit zugemutet werden könnte. Da
er zudem über zwei qualifizierte Berufsausbildungen verfüge, sei es ihm nicht
zumutbar, in seinem Alter auf eine unqualifizierte Hilfstätigkeit zu wechseln. Sollte in
medizinischer Hinsicht nicht ohne weiteres von den dargestellten Überlegungen
ausgegangen werden, müsste der Beweisantrag gestellt werden, beim RAD-Gutachter
eine Ergänzungsfrage nach den konkret zumutbaren leidensadaptierten Tätigkeiten zu
stellen. Weiter wird argumentiert, die Tatsache, dass eine allfällige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Resterwerbsfähigkeit nur noch theoretisch sei und praktisch kaum mehr verwertet
werden könne, führe nach der Rechtsprechung zu einem Maximalabzug auf dem
Invalideneinkommen von 25%. Entgegen der Annahme der Beschwerdegegnerin
müsse daran festgehalten werden, dass der Beschwerdeführer auch zu
Eingliederungsmassnahmen bereit wäre. Eine erneute Umschulung wäre jedoch
angesichts des Alters höchst fraglich, zumal auch der sich weiter verschlechternde
Gesundheitszustand zu beachten sei (act. G 1).
B.b In der Beschwerdeantwort vom 11. Dezember 2006 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Das vom Beschwerdeführer
geltend gemachte Valideneinkommen von Fr. 78'000.- bzw. Fr. 85'000.- sei
aktenmässig nicht ausgewiesen, während sich die Annahme von Fr. 61'468.- auf das IK
unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung stütze. Entgegen der Ansicht des
Beschwerdeführers sei davon auszugehen, dass seine Arbeitsfähigkeit auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt in einer leidensadaptierten Tätigkeit verwertet werden
könne (act. G 3).
B.c Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers verzichtet mit Schreiben vom
4. Januar 2007 auf eine weitere Stellungnahme (act. G 5).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
467 Erw. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
des angefochtenen Einspracheentscheids eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist
(BGE 121 V 366 Erw. 1b), sind auf den angefochtenen Einspracheentscheid die bis zum
31. Dezember 2007 geltenden materiellen Bestimmungen anzuwenden.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitig und im vorliegenden Verfahren zu entscheiden ist, ob die Beschwerdegegnerin
einen Rentenanspruch des Beschwerdeführers zu Recht verneint hat. Vorab ist zu
prüfen, ob er Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen hat bzw. zur Durchführung
solcher verpflichtet ist. Betreffend Invaliditätsbemessung stellt sich die Frage der
Methodenwahl. Ist der Beschwerdeführer als (teil-) erwerbstätig zu qualifizieren, muss
geklärt werden, ob ihm die Aufnahme einer unqualifizierten Hilfsarbeit zumutbar ist.
3.
3.1 Dem Grundsatz "Eingliederung vor Rente" folgend, ist vorab der Anspruch des
Beschwerdeführers auf berufliche Massnahmen zu prüfen. Nach aArt. 8 Abs. 1 IVG
(Fassung bis 31. Dezember 2007) haben Invalide oder von einer Invalidität unmittelbar
bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern.
Dabei ist die gesamte noch zu erwartende Arbeitsdauer zu berücksichtigen. Die
Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in Massnahmen beruflicher Art
(Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung und
Arbeitsvermittlung; Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG). Gemäss aArt. 17 Abs. 1 IVG besteht ein
Anspruch auf eine Umschulung in eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung
invaliditätsbedingt notwendig ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich
erhalten oder wesentlich verbessert werden kann. Nach Art. 6 Abs. 1 der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) gelten als Umschulung unter anderem
Ausbildungsmassnahmen, die Versicherte nach Abschluss einer erstmaligen
beruflichen Ausbildung wegen ihrer Invalidität zur Erhaltung oder Verbesserung der
Erwerbsfähigkeit benötigen. Eine Invalidität im Sinne des aArt. 17 Abs. 1 IVG liegt vor,
wenn eine versicherte Person in der bisher ausgeübten Arbeit oder in den ihr ohne
zusätzliche berufliche Ausbildung offen stehenden, zumutbaren Erwerbstätigkeiten eine
Erwerbseinbusse von mindestens 20% erleidet (vgl. Meyer-Blaser, Rechtsprechung
des Bundesgerichts zum IVG, Zürich 1997, S. 124 f.).
3.2 Der Beschwerdeführer ist unbestrittenermassen ein Berufsmann. Im Zeitpunkt des
Einspracheentscheids war er noch nicht 53 Jahre alt. Bis zum Eintritt ins Pensionsalter
blieben ihm also noch über ein Dutzend Jahre. In seiner angestammten Tätigkeit als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinischer Masseur ist er dauerhaft wesentlich eingeschränkt; in angestellter
Funktion ist er vollständig arbeitsunfähig, in selbstständiger Position beträgt die
Arbeitsfähigkeit lediglich 25%. In leidensadaptierter unqualifizierter Tätigkeit ist er
gemäss der Beurteilung des RAD-Gutachters zu 20% eingeschränkt. Bei dieser
Sachlage hat er Anspruch auf eine Umschulung; ja, er ist grundsätzlich im Rahmen der
Schadenminderungspflicht sogar zu einer solchen verpflichtet. Das Alter des
Beschwerdeführers spricht nicht gegen eine Umschulung; eine solche könnte
insbesondere nicht als unverhältnismässig betrachtet werden. Grundsätzlich wäre ein
Umschulungsanspruch also zu bejahen.
3.3 Der Beschwerdeführer lässt zwar geltend machen, es fehle ihm nicht an der
Bereitschaft zur Umschulung. Dennoch lässt er keine Zweifel daran offen, dass er von
der
Idee alles andere als begeistert ist. In einem Schreiben vom 27. Oktober 2004 legte er
die Gründe dafür ausführlich dar. Seine Ehefrau und er hätten sich aufgrund seiner
gesundheitlichen Situation und aus finanziellen Gründen entschlossen, dass er sich um
Haushalt und Kinder kümmere und sie weiterhin einer vollen Erwerbstätigkeit nachgehe
(IV-act. 26-15). Die Familie besteht neben dem Beschwerdeführer und seiner Ehefrau
aus drei Kindern aus der ersten Ehe der Frau mit den Jahrgängen 1992, 1995 und 1996
sowie zwei gemeinsamen Kindern, die 2003 und 2006 zur Welt kamen. Die Arbeit, die
dieser grosse Haushalt mit sich bringt, ist zweifellos beträchtlich. In seinem Schreiben
vom 27. Oktober 2004 schilderte der Beschwerdeführer die Variante Umschulung in
düstersten Farben. Demnach sei er auch nach einer Umschulung aufgrund
gesundheitsbedingter Absenzen für einen Arbeitgeber – sollte er denn einen solchen
finden – untragbar, weshalb er entlassen würde. Ihm bliebe nur der Gang zum
Sozialamt. Während der ganzen Zeit müsste ein Kindermädchen bezahlt werden oder
seine Ehefrau müsste ihr Pensum reduzieren, was bedeute, dass das Geld an allen
Ecken und Enden fehlen würde. Es gäbe keine wirkliche Zukunftsperspektive, die
Kinder würden ihre "Gspänli" verlieren, weil sie in eine günstigere Behausung ziehen
müssten, die an einem anderen Ort wäre. Danach würden sie schnell den Boden unter
den Füssen verlieren, weil sie als Kinder von Sozialhilfeempfängern verspottet würden.
Der Versuch der Eingliederung brächte keinen Erfolg, sondern nur unnötige finanzielle
Auslagen der IV und des Sozialamts, eine Verschlechterung der finanziellen Lage der
Familie, weil er nie mehr dasselbe Einkommen erzielen könnte wie früher, sowie eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unsichere Zukunft, die für alle Familienmitglieder enormen psychischen Stress
bedeuten würde und nicht zumutbar sei (IV-act. 36-17). Bei einer derartigen Ablehnung
gegenüber einer Umschulung ist der Beschwerdegegnerin zuzustimmen, dass nicht
von einer ernsthaften Eingliederungsbereitschaft ausgegangen werden kann. Der
Beschwerdeführer wies darauf hin, Kinder benötigten einen geregelten Tagesablauf mit
fester Struktur und nicht immer wechselnden Aufsichtspersonen. Sein Schritt von der
Erwerbsaufgabe weg und hin zum Hausmann wurde als die für die Familie
bestmögliche Lösung betrachtet (IV-act. 36-15). Die persönliche Situation des
Beschwerdeführers ist durchaus nachvollziehbar. Freilich ist es nicht sinnvoll, den
Beschwerdeführer gegen seinen erklärten Willen zur Umschulung zu zwingen. Durch
seine Ablehnung gegenüber einer Umschulung verletzt er seine
Schadenminderungspflicht nicht derart schwer, dass auch ein Rentenanspruch zum
Vornherein entfiele. Wie noch zu zeigen ist, hat sein Verhalten betreffend Umschulung
aber bei der Rentenprüfung Auswirkungen auf die Frage, ob ihm die Aufnahme einer
Hilfsarbeit zumutbar wäre.
4.
4.1 Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit, es sei denn, eine versicherte Person sei vor dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht erwerbstätig gewesen und es habe ihr auch nicht
zugemutet werden können, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In diesem Fall gilt
gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG die Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
als Invalidität. Die Invalidität gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG wird durch einen
Einkommensvergleich ermittelt (Art. 16 ATSG). Die Methode zur Bemessung der
konkreten Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wird vom ATSG nicht
geregelt. Diese Lücke füllt aArt. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20; Fassung bis 31. Dezember 2007): Es ist darauf
abzustellen, in welchem Mass die betreffende Person behindert ist, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen. Als Aufgabenbereich der im Haushalt tätigen Person
gelten insbesondere die übliche Tätigkeit im Haushalt, die Erziehung der Kinder sowie
gemeinnützige und künstlerische Tätigkeiten (Art. 27 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). aArt. 28 Abs. 2 IVG regelt die so genannte
bis
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gemischte Methode der Invaliditätsbemessung bei Personen, die zum Teil erwerbstätig
und zum Teil im Aufgabenbereich tätig sind. In einem solchen "gemischten" Fall sind
der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich
festzulegen und der Invaliditätsgrad ist entsprechend der Behinderung in beiden
Bereichen zu bemessen. Ist bei einer Person, die nur zum Teil erwerbstätig ist,
anzunehmen, dass sie im Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs ohne den
Gesundheitsschaden vollzeitlich erwerbstätig wäre, so ist die Invaliditätsbemessung
ausschliesslich nach den Grundsätzen für Erwerbstätige zu bemessen (Art. 27 IVV).
Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40% auf eine Viertelsrente (aArt. 28 Abs. 1 IVG).
4.2 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers macht geltend, die Aufnahme einer
unqualifizierten Hilfsarbeit sei dem Beschwerdeführer einerseits nicht zumutbar.
Andererseits wäre seine Restarbeitsfähigkeit gar nicht verwertbar.
4.2.1 Zum ersten Punkt ist auszuführen, dass dem Beschwerdeführer als Berufsmann
grundsätzlich tatsächlich nicht unbesehen Hilfsarbeit zugemutet werden kann.
Deswegen wurde in der obigen Erwägung 3 ein Umschulungsanspruch grundsätzlich
bejaht. Aus persönlichen Gründen möchte der Beschwerdeführer keine Umschulung
vornehmen. Auch wenn seine Beweggründe nachvollziehbar sind, wäre ihm eine
Umschulung doch nicht unzumutbar. Verzichtet er also mehr oder weniger aus freien
Stücken auf die Umschulung, so hat er konsequenterweise in Kauf zu nehmen, dass er
nur noch Hilfsarbeiten ausführen kann. Er kann nicht davon ausgehen, dass nach
seinem Unwillen zur Umschulung eine Hilfsarbeit als unzumutbar zu betrachten ist und
beim Einkommensvergleich deshalb bei der Bemessung des Invalideneinkommens von
einer Arbeitsfähigkeit von 25% bzw. gar 0% in der angestammten Tätigkeit
auszugehen wäre. Zudem weist die Beschwerdegegnerin zutreffend darauf hin, dass
die Tätigkeit als medizinischer Masseur zwar durchaus anspruchsvoll war, es sich
dabei aber nicht um eine derart gehobene Tätigkeit handelte, dass die Aufnahme einer
Hilfsarbeit von Vornherein als unzumutbar zu betrachten wäre. Obwohl gelernter
Berufsmann, muss der Beschwerdeführer, da eine berufliche Neuausbildung auf seinen
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wunsch entfällt, auch eine Hilfsarbeit annehmen oder sich im Verweigerungsfall
anrechnen lassen (vgl. dazu Ueli Kieser, Der praktische Nachweis des
rechtserheblichen Invalideneinkommens, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri,
Rechtsfragen der Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, 54 f.; zum
zumutbaren Berufswechsel vgl. auch das Urteil I 11/00 des Bundesgerichts vom
22. August 2001 sowie das Urteil IV 2006/208 des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 27. Februar 2008, Erw. 4).
4.2.2 In einer optimal dem Leiden angepassten Tätigkeit ist der Beschwerdeführer
gemäss RAD-Gutachten vom 8. März 2006 zu 80% arbeitsfähig. Der Beschwerdeführer
kann nur etwa 100 Meter weit gehen und hat beim Stehen über 15 Minuten Probleme.
Der RAD-Arzt Dr. C._ hielt im Gutachten fest, auch beim Sitzen über ca. eine
Dreiviertelstunde bestehe unzweifelhaft eine Einschränkung. Er erachtete den
Beschwerdeführer als Hausmann als optimal eingegliedert und wies darauf hin,
medizinisch-theoretisch wäre in einer leidensadaptierten, leichten, wechselbelastenden
Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 80% anzunehmen. Die Einschränkung von 20% läge
am vermehrten Pausenbedarf (IV-act. 61-8). Der RAD-Teilgutachter Dr. D._ hielt in
seiner Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit fest, der
Beschwerdeführer müsste zwischen Sitzen, Stehen und Gehen wechseln können.
Heben und Tragen von Lasten über 10 kg seien nicht möglich. Kein Überwinden von
Höhendifferenzen (Treppen, Leitern). Die Arbeit sollte vorwiegend in geheizten Räumen
verrichtet werden. Auch Dr. D._ hielt eine Arbeitsfähigkeit von 80% für gegeben (IV-
act. 61-11). Mit dieser Einschätzung widersprachen die RAD-Gutachter dem
orthopädischen Gutachter Dr. B._. Dieser hatte in seinem Gutachten vom
20. Dezember 2005 festgehalten, der Beschwerdeführer sei als Masseur noch zu
37.5% arbeitsfähig. Andere Tätigkeiten seien ihm nicht zumutbar. Er habe eine
Ausbildung zum medizinischen Masseur gemacht. Dies sei eine Tätigkeit, bei der der
Beschwerdeführer stehend arbeiten müsse. Eine sitzende Tätigkeit sei ebenfalls nicht
ganztägig zumutbar, da der Beschwerdeführer eine eingeschränkte Knie- und
Hüftflexion habe (IV-act. 53-8). Diese Einschätzung ist in sich nicht konsistent. Dass der
Beschwerdeführer gar keine Tätigkeit mehr ganztägig zu 100% ausführen kann, ist
nachvollziehbar und wird auch allseitig anerkannt. Die pauschale Aussage, andere
Tätigkeiten seien ihm nicht zumutbar, vermag jedoch nicht zu überzeugen.
Offensichtlich liess sich Dr. B._ vom Gedanken leiten, der Beschwerdeführer müsse
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
als Berufsmann keine Hilfstätigkeit ausüben. Medizinisch begründet ist die von ihm
attestierte volle Arbeitsunfähigkeit in adaptierter Tätigkeit jedoch nicht. Wenn der
Beschwerdeführer nach Ansicht von Dr. B._ sogar als Masseur noch 37.5%
arbeitsfähig war, so hätte dies wohl erst recht für eine körperlich besser dem Leiden
angepasste Tätigkeit zu gelten. Demgegenüber ist die Einschätzung der RAD-
Gutachter in sich stimmig und nachvollziehbar. Zweifellos muss der Beschwerdeführer
seine Arbeitsposition flexibel verändern können und ist darauf angewiesen, vermehrt
Pausen machen zu können. Wird darauf Rücksicht genommen und ausserdem auf eine
optimale medikamentöse Schmerzbekämpfung geachtet, so kann jedenfalls davon
ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer in optimal adaptierter Tätigkeit mit
Wechselbelastung zu 80% arbeitsfähig ist.
4.2.3 Zu prüfen bleibt die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit. Dr. C._ wies darauf
hin, adaptiert könne der Beschwerdeführer "medizinisch-theoretisch" zu 80% arbeiten.
Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers ist nicht davon auszugehen, dass
Dr. C._ mit seiner Formulierung auf eine Unverwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit hätte
hinweisen wollen. Vielmehr erklärte er, er erachte den Beschwerdeführer als Hausmann
als optimal eingegliedert, zumal er ihn für berufliche Massnahmen für zu alt halte.
Hierzu hielt er immerhin explizit fest, der IV nicht vorgreifen zu wollen. Es ist denn auch
nicht seine Aufgabe, Anspruch und Zumutbarkeit von beruflichen Massnahmen zu
beurteilen. Wie erläutert, ist ein Umschulungsanspruch grundsätzlich zu bejahen.
Grundsätzlich ist es auch nicht Aufgabe des Mediziners, sich zur Verwertbarkeit einer
Restarbeitsfähigkeit zu äussern. Im Kontext betrachtet soll der Hinweis von Dr. C._,
medizinisch-theoretisch sei der Beschwerdeführer adaptiert zu 80% arbeitsfähig, also
nicht auf Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit hinweisen, sondern darauf, dass
der Gutachter den Beschwerdeführer als Hausmann für optimal eingegliedert hält. Die
Schlussfolgerung beider Gutachter, "in einer leidensadaptierten Tätigkeit (körperlich
leicht, wechselbelastend), wie auch als Hausmann können wir eine 80%-ige
Arbeitsfähigkeit bescheinigen", ist unmissverständlich (IV-act. 61-12). Nach dem
Gesagten liefert weder das RAD-Gutachten Anhaltspunkte dafür, dass der
Beschwerdeführer seine Arbeitsfähigkeit von 80% in adaptierter Tätigkeit nicht sollte
verwerten können, noch sind solche sonst ersichtlich. Sofern der Beschwerdeführer
genügend Pausen machen kann, ist er in der Lage, leichte Tätigkeiten in
Wechselbelastung auszuführen. Solche Tätigkeiten sind auf dem massgebenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgeglichenen Arbeitsmarkt vorhanden. Zu denken ist etwa an leichte Kontroll- und
Überwachungsarbeiten, an Feinmontagen in der Elektro- oder Kunststoffbranche oder
an Hilfstätigkeiten im Bürobereich.
4.3 Die Beschwerdegegnerin hat zur Bemessung des Invalideneinkommens zu Recht
auf die Tabellenlöhne der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung abgestellt. Zudem gewährte sie einen Abzug
von 15%. Der oftmals als "Leidensabzug" bezeichnete Abzug hat nichts mit dem
Leiden zu tun. Vielmehr sollen damit jene Nachteile ausgeglichen werden, die der
versicherten Person
– neben der Arbeitsunfähigkeit – auf dem Arbeitsmarkt aufgrund ihrer
Behinderteneigenschaft eine zusätzliche Lohneinbusse verursachen. In BGE 126 V 75
neues Fenster ff. hat das Bundesgericht festgestellt, dass die Frage, ob und in
welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen
und beruflichen Umständen des konkreten Einzelfalls (leidensbedingte Einschränkung,
Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad) abhängig
ist. Der Einfluss sämtlicher Merkmale auf das Invalideneinkommen ist nach
pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen, d.h. dass nicht für jedes Merkmal
der entsprechende Abzug zu quantifizieren ist und die einzelnen Abzüge
zusammenzuzählen sind. Schliesslich ist der Abzug auf höchstens 25% zu begrenzen.
Bei der Überprüfung des gesamthaft vorzunehmenden Abzugs darf das
Sozialversicherungsgericht sein Ermessen nicht ohne triftigen Grund an die Stelle
desjenigen der Verwaltung setzen; es muss sich somit auf Gegebenheiten abstützen
können, die seine abweichende Ermessensausübung als nahe liegender erscheinen
lassen. Vorliegend fällt ins Gewicht, dass der Beschwerdeführer gegenüber einem
gesunden Konkurrenten für einen bestimmten Arbeitsplatz ein höheres Krankheitsrisiko
hat. Aus der Sicht eines ökonomisch denkenden Arbeitgebers senkt dieses Risiko,
dessen Verwirklichung die Gesamtlohnkosten des Betriebes erhöhen würde, den
"Wert" des Beschwerdeführers als Arbeitnehmer. Um dies zu kompensieren und
konkurrenzfähig zu bleiben, müsste der Beschwerdeführer mit einem entsprechend
tieferen Lohn rechnen. Weiter ist er wegen der Pausenbedürftigkeit auf mehr Toleranz
angewiesen als ein gesunder Arbeitnehmer. Er arbeitet durch die vermehrten Pausen
zwar verlangsamt, ist aber ansonsten nicht bedeutend eingeschränkt. Unter diesen
Umständen ist es nicht gerechtfertigt, in das Ermessen der Beschwerdegegnerin
https://swisslex.westlaw.com/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=BGEx126xVx75_82&AnchorTarget=BGEx126xVx75 https://swisslex.westlaw.com/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=BGEx126xVx75_82&AnchorTarget=BGEx126xVx75
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einzugreifen. Der von ihr zuerkannte Leidensabzug von 15% erscheint als
gerechtfertigt. Ausgehend vom statistischen durchschnittlichen Einkommen eines
Hilfsarbeiters von Fr. 57'258.- ergibt sich bei einem Pensum von 80% demnach ein
Invalideneinkommen von Fr. 38'935.- (Fr. 57'258.- x 0.8 x 0.85) für das Jahr 2004.
4.4 Umstritten ist weiter, auf welche Höhe sich das Valideneinkommen des
Beschwerdeführers beläuft. Gestützt auf eine offenbar 2004 erhaltene telefonische
Auskunft der Staatspersonalverwaltung, wonach ein medizinischer Masseur zwischen
Fr. 50'362.- und Fr. 77'889.- verdiene (vgl. IV-act. 26-12), ging die Beschwerdegegnerin
ursprünglich von einem Valideneinkommen von Fr. 78'000.- aus (IV-act. 64-2; 66-2). Im
Einspracheverfahren wurde dieser Betrag auf Fr. 61'468.- reduziert. Abgestellt wurde
damit auf das (hochgerechnete) Einkommen, das der Beschwerdeführer gemäss IK-
Auszug 1995 während neun Monaten erzielt hatte (act. G 1.1, S. 9 Ziff. 5d). Der IK-
Auszug weist ein während Jahren äusserst stark schwankendes Einkommen auf. Der
Beschwerdeführer war offenbar kaum je während des ganzen Jahres in der Schweiz
tätig (IV-act. 7). Das Einkommen, das der Beschwerdeführer 1995 während neun
Monaten erzielte, ist jedenfalls nicht repräsentativ zur Bemessung des Validenlohnes.
Da das Valideneinkommen anhand der konkreten Verhältnisse nicht zuverlässig
ermittelt werden kann, sind auch hier die Tabellenlöhne der LSE beizuziehen. Im Jahr
2004 verdienten Männer im Anforderungsniveau 3 (Berufs- und Fachkenntnisse
vorausgesetzt) im Sektor Gesundheits- und Sozialwesen Fr. 5'979.- (40h/Woche;
Tabelle TA1 der LSE 2004). Aufgerechnet auf die durchschnittliche betriebliche
Arbeitszeit von 41.6 Stunden pro Woche ergibt sich ein Jahreseinkommen von
Fr. 74'618.-. Dies erscheint als plausibel, verfügt der Beschwerdeführer doch über die
Anerkennung des Schweizerischen Roten Kreuzes als medizinischer Masseur (IV-
act. 26-14) sowie über langjährige Berufserfahrung in diesem Gebiet, die ohne
gesundheitliche Beeinträchtigung überwiegend wahrscheinlich noch länger wäre. Somit
ist auf ein Valideneinkommen von Fr. 74'618.- für das Jahr 2004 abzustellen.
4.5 Im Bereich Haushalt ermittelte die IV-Abklärungsperson bei der Abklärung vom
31. August 2004 eine Einschränkung von rund 12% (IV-act. 26-12), was bei einer
Gewichtung dieses Bereichs mit 30% einer Behinderung von 3.6% entspräche. Die
Begutachtung durch den RAD fand über anderthalb Jahre später statt. Die Gutachter
gingen von einer Einschränkung im Haushalt von 20% aus (IV-act. 61-12). Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin gab dieser Einschätzung im Einspracheentscheid zu Recht den
Vorrang vor der Haushaltabklärung, die älter ist als das Gutachten und somit die
medizinisch belegte Verschlechterung nicht berücksichtigen konnte. Und zusätzlich
sind gewisse Einschätzungen im Abklärungsbericht zumindest fraglich. So bekundet
der Beschwerdeführer nachvollziehbarerweise etwa grosse Mühe mit Staubsaugen
allgemein und dem Treppensaugen im Besonderen. Strengere Arbeiten besorge er in
Etappen, benötige mehr Zeit. Vor dem Hintergrund, dass der Beschwerdeführer aus
medizinischer Sicht nur leichte Arbeiten verrichten kann, nicht Treppensteigen soll und
zwischen sitzender, stehender und gehender Tätigkeit wechseln muss, ist zweifelhaft,
ob die im Abklärungsbericht Haushalt attestierte Einschränkung von lediglich 30% bei
der Wohnungspflege angemessen ist. Ebenfalls Bedenken löst die geschätzte
Einschränkung von 10% im Bereich Wäsche und Kleiderpflege aus, zumal Wäsche für
einen unterdessen siebenköpfigen Haushalt zu erledigen ist, sich das bewohnte
Einfamilienhaus auf drei Etagen erstreckt und sich die Waschmaschine im Keller
befindet (IV-act. 26-4, 26-7). Im Bereich Ernährung wurde im Übrigen keine
Einschränkung ermittelt, obwohl der Beschwerdeführer aufgrund seiner Behinderung
wohl zumindest bei der Erledigung der Reinigungsarbeiten in der Küche eingeschränkt
bzw. zumindest verlangsamt sein dürfte. Insgesamt erscheint es jedenfalls
gerechtfertigt, auf die medizinisch attestierte Einschränkung von 20% im Haushalt
abzustellen.
5.
5.1 Gemäss RAD-Gutachten würde der Beschwerdeführer als Gesunder heute voll
erwerbstätig sein. Die Kinder würden durch eine Tagesmutter und entsprechende
Einrichtungen betreut. Der Beschwerdeführer hätte sich beruflich gerne in seiner
geliebten Tätigkeit als Masseur verwirklicht (IV-act. 61-3). Diese Darstellung ist
glaubhaft. Bei der Haushaltabklärung hatte der Beschwerdeführer bereits angegeben,
dass er als Gesunder die Erwerbstätigkeit nicht aufgegeben hätte. Zwar hatte er
ergänzt, dass vermutlich sowohl er als auch seine Frau ihre Erwerbstätigkeit bei der
Geburt des vierten Kindes reduziert und sie sich in gewissem Umfang ein
Kindermädchen oder eine Hausangestellte geleistet hätten. Diese Aussage rechtfertigt
die Qualifikation als Teilerwerbstätiger mit einem Anteil von 30% für den Haushalt aber
nicht. Bei der im Rahmen einer Haushaltabklärung gestellten Frage nach dem Status im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsfall ist stets dem Umstand Rechnung zu tragen, dass es für bereits seit
längerem gesundheitlich beeinträchtigte Personen schwierig ist, die hypothetischen
Verhältnisse realistisch einschätzen zu können (Entscheid IV 2006/114 des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 28. Juni 2007, Erw. 2d). Zu
beachten ist, dass die Antwort auf die Frage, ob und gegebenenfalls in welchem
Ausmass eine versicherte Person ohne ihren Gesundheitsschaden einer
Erwerbstätigkeit nachginge, meist eine hohe Abstraktions- und Analyseleistung
voraussetzt. Zur zuverlässigen Erbringung dieser Leistung muss die versicherte Person
von der IV-Abklärungsperson durch entsprechende Fragen und Erläuterungen intensiv
unterstützt werden. Begnügt sich die Abklärungsperson aber damit, einzig die Frage zu
stellen, in welchem Umfang die versicherte Person einer Erwerbstätigkeit nachginge,
wenn sie gesund wäre, so vermag die Antwort kaum je so weit zu überzeugen, dass sie
eine verlässliche Sachverhaltsgrundlage für den Entscheid über die Methode der
Invaliditätsbemessung bildet (vgl. den Entscheid IV 2006/175 des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 30. November 2007, Erw. 1d). Die
Abklärung dieses äusserst relevanten Punktes hat mit einer sorgfältigen, der
Verständnismöglichkeit der versicherten Person angepassten Fragestellung zu
erfolgen, bei der sie auch in die Lage versetzt wird, ihre Situation im fiktiven
Gesundheitsfall umfassend zu analysieren, die verschiedenen Varianten
durchzudenken und entsprechend ihrer Wahrscheinlichkeit zu werten. Die grossen
gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers gehen auf einen Unfall im Jahr
1974 zurück. Nach so langer Zeit ist es für den Beschwerdeführer wohl praktisch nicht
mehr möglich, sich sein Leben als Gesunder vorzustellen. Seine Ehefrau nahm nach
dem Mutterschaftsurlaub nach der Geburt ihres vierten Kindes offenbar deshalb ihre
Erwerbstätigkeit wieder voll auf, um die Existenz der Familie zu sichern (vgl. IV-
act. 26-16). Wäre der Beschwerdeführer zu jener Zeit gesundheitlich nicht
beeinträchtigt gewesen, wäre also durchaus möglich gewesen, dass er weiterhin voll
erwerbstätig geblieben wäre. Dass er als Gesunder zu 30% als Hausmann tätig wäre,
ist nicht überwiegend wahrscheinlich. Es wäre wohl eher davon auszugehen, dass er
weiterhin einer vollen Erwerbstätigkeit nachgehen würde. Diese Frage kann jedoch
letztlich offen gelassen werden, wie noch zu zeigen ist.
5.2 Würde man den Beschwerdeführer als Vollerwerbstätigen qualifizieren, so ergäbe
sich bei einem Valideneinkommen von 74'618.- und einem Invalideneinkommen von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
38'935.- ein Invaliditätsgrad von 47.8% bzw. gerundet 48%. Damit hätte der
Beschwerdeführer Anspruch auf eine Viertelsrente. Qualifiziert man den
Beschwerdeführer nun mit der Beschwerdegegnerin als zu 70% erwerbs- und zu 30%
im Haushalt tätig, ergibt sich für den Erwerbsbereich folgender Teilinvaliditätsgrad: Das
Valideneinkommen betrüge bei 70% Fr. 52'233.-, das Invalideneinkommen beliefe sich
auf Fr. 34'068.- (Fr. 57'258.- x 0.7 x 0.85), was einer Teilinvalidität von 34.78%
entspräche. Bei einer Gewichtung des Haushalts mit 30% und der in diesem Bereich
ausgewiesenen Einschränkung von 20% betrüge die Teilinvalidität hier 6%. Der
Gesamtinvaliditätsgrad beliefe sich demnach auf 40.78% bzw. gerundet 41%. Auch bei
dieser Berechnung hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Viertelsrente.
6.
6.1 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
Einspracheentscheids teilweise gutzuheissen. Der Beschwerdeführer hat Anspruch auf
einer Viertelsrente. Die Sache ist zur Festsetzung von Rentenbeginn und Rentenhöhe
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass
der Beschwerdeführer sich wieder an die Beschwerdegegnerin wenden kann, wenn er
ernsthaft zur Umschulung bereit ist.
6.2 Da sich die angefochtene Verfügung als rechtswidrig erwiesen hat und da der
Beschwerdeführer auf jeden Fall gezwungen gewesen ist, Beschwerde zu führen, um
nicht rechtswidrig behandelt zu werden, muss in Bezug auf die Kostentragungspflicht
unabhängig vom konkreten Beschwerdebegehren (in Analogie zur entsprechenden
Regelung bei einer Rückweisung zur weiteren Abklärung, vgl. ZAK 1987 S. 266 Erw. 5a)
von einem vollumfänglichen Obsiegen des Beschwerdeführers ausgegangen werden.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (vgl. lit. b der Schlussbestimmungen des IVG zur
Änderung vom 16. Dezember 2005, in Kraft seit 1. Juli 2006). Bei diesem
Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer aber Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Bedeutung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Streitsache und dem Aufwand angemessen erscheint eine Parteientschädigung von
Fr. 3'000.- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG