Decision ID: 72c1d3ea-f4fa-5e3d-a074-7c52d257e6f8
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 12. August 2013 erneut bei der Invalidenversicherung (IV)
zum Leistungsbezug an (IV-act. 94). Vorgängige Gesuche vom 17. April 2000 (IV-
act. 1), vom 26. Juni 2002 (IV-act. 26) und vom 4. August 2009 (IV-act. 39) hatte die IV-
Stelle abgewiesen bzw. war darauf nicht eingetreten (Verfügungen vom 13. Juni 2001,
IV-act. 24, vom 10. September 2002, IV-act. 32 und vom 6. April 2011, IV-act. 90). Der
letztgenannten Verfügung vom 6. April 2011 hatte eine bidisziplinäre Begutachtung
(Psychiatrisches Gutachten Dr. med. B._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom
7. Mai 2010, IV-act. 74; Rheumatologisches Gutachten Dr. med. C._, FMH
Rheumatologie und Innere Medizin, vom 30. März 2010, IV-act. 75) zugrunde gelegen.
A.a.
Der Wiederanmeldung vom 12. August 2013 (IV-act. 94) legte der Versicherte
einen Bericht des ihn seit November 2011 behandelnden Dr. med. D._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 29. Juli 2013 bei, wonach er an einer Stelle,
wo er alleine sei und den Rhythmus selber bestimmen könne, zu ca. 20 % arbeitsfähig
sei (IV-act. 95). Gestützt auf eine Stellungnahme von RAD-Arzt Dr. med. E._,
Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, vom 14. Oktober 2013 (IV-
act. 103) trat die IV-Stelle mit Verfügung vom 7. Januar 2014 auf das Gesuch nicht ein
(IV-act. 113). Eine dagegen gerichtete Beschwerde vom 3. Februar 2014 hiess das
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 9. März 2016 gut und wies die Sache zur
materiellen Behandlung an die IV-Stelle zurück (Verfahren IV 2014/102, IV-act. 127).
A.b.
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Die IV-Stelle holte hierauf Arztberichte bei Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie
und Psychotherapie, vom 15. Juni 2016 (IV-act. 132) und bei Dr. med. G._, Facharzt
für Allgemeinmedizin, vom 5. September 2016 (Posteingang; IV-act. 138) ein, wobei der
behandelnde Psychiater als Diagnosen eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit
dissozialen, paranoiden und schizoiden Anteilen, bestehend seit Jugend, sowie
psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide: Abhängigkeitssyndrom,
gegenwärtig Teilnahme an ärztlich überwachtem Ersatzdrogenprogramm (ICD-10:
F11.22), bestehend seit dem 25. Lebensjahr, festhielt und eine 100 %ige
Arbeitsunfähigkeit attestierte.
A.c.
Sodann wurde der Versicherte durch die estimed AG, Zug, polydisziplinär
begutachtet (Gutachten vom 2. August 2017; Dr. med. H._, Allgemeine Innere
Medizin; Prof. Dr. med. I._, Neurologie; lic. phil. J._, Neuropsychologie; Dr. med.
K._, Orthopädie; med. pract. L._, Psychiatrie und Psychotherapie; Untersuchungen
19., 20., 22. und 27. Juni sowie 13. Juli 2017; IV-act. 158). Die Gutachter attestierten
polydisziplinär eine ausschliesslich aus neuropsychologischer Sicht reduzierte
Arbeitsfähigkeit von 80 % in den früher ausgeübten Tätigkeiten im Gewerbe, in der
Bau- und Industriebranche und in Verweistätigkeiten mit vergleichbarem kognitivem
Anforderungsprofil (IV-act. 158-97). Der psychiatrische Gutachter diagnostizierte unter
anderem psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide, Opioide sowie
Alkohol, Abhängigkeits-Syndrom, gegenwärtig Substanzgebrauch (ICD-10: F12.2, 11.2,
10.2). Diese schränkten die Arbeitsfähigkeit nicht ein (IV-act. 158-38). Die Angaben des
Versicherten seien nicht geeignet gewesen, eine Persönlichkeitsstörung zu
diagnostizieren. Das Suchtleiden sei als primäres Grundleiden zu werten (IV-
act. 158-87) und habe nicht zu einer irreversiblen Gesundheitsstörung geführt (IV-
act. 158-36).
A.d.
Nachdem RAD-Arzt Dr. E._ am 30. August 2017 Stellung genommen hatte (IV-
act. 159), gewährte die IV-Stelle dem Versicherten mit Vorbescheid vom 1. September
2017 das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Abweisung des Leistungsbegehrens (IV-
act. 162).
A.e.
Mit Einwand vom 3. November 2017 machte der Versicherte geltend, das
Gutachten sei mangelhaft. Die Ausführungen von Dr. D._ liessen eine ganz
A.f.
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B.
erhebliche psychische Beeinträchtigung bereits in der Jugend als wahrscheinlich
erscheinen. Auch der RAD habe 2013 das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung als
plausibel und wahrscheinlich erachtet (IV-act. 167).
Gestützt auf eine erneute Stellungnahme von RAD-Arzt Dr. E._ vom
7. November 2017 (IV-act. 168) wies die IV-Stelle mit Verfügung vom 9. November
2017 das Leistungsbegehren ab (IV-act. 169).
A.g.
Gegen die Verfügung vom 9. November 2017 lässt A._, vertreten durch
Rechtsanwältin lic. iur. B. Surber, am 12. Dezember 2017 Beschwerde erheben. Er
beantragt, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, seinen Gesundheitszustand
nochmals umfassend abzuklären und danach neu zu verfügen - dies mit Blick auf die
Frage, ob eine Persönlichkeitsstörung effektiv gegeben sei. Eventualiter sei diese Frage
durch ein Gerichtsgutachten zu klären. Ferner ersucht er um unentgeltliche
Rechtspflege. Das psychiatrische Gutachten stehe im Widerspruch zu den
Einschätzungen der behandelnden Ärzte und des RAD. Mit den anderslautenden
Einschätzungen von Dr. D._, Dr. F._ und dem RAD sowie den Schilderungen seiner
Jugendzeit setze es sich nicht ausreichend auseinander (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 2. Februar
2018 die Abweisung der Beschwerde. Es hätten keine psychischen erheblichen
Einschränkungen festgestellt werden können. Die Vorakten seien angemessen
gewürdigt worden, Anamnese und Befunde seien umfassend erhoben worden. Die
Einschätzung der zumutbaren Arbeitsleistung sei unter Berücksichtigung der
erhobenen Befunde erfolgt. Demnach könne auf das Gutachten vom 2. August 2017
abgestellt werden (act. G 6).
B.b.
Mit Replik vom 8. Juni 2018 lässt der Beschwerdeführer vorbringen, Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit seien mit Sicherheit vorhanden. Das Gutachten sei alleine aus
diesem Grund nicht nachvollziehbar. Die Jugendzeit wäre genauer zu beleuchten
gewesen, denn diese sei offensichtlich geprägt gewesen von grossen Schwierigkeiten.
Offensichtlich sei es dem Gutachter nicht möglich gewesen, die Situation
B.c.
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C.
abschliessend zu beurteilen bzw. die möglicherweise zugrundeliegende
Psychodynamik zu erfassen. Dr. D._ habe ihn während zwei Jahren therapeutisch
begleitet. Seine Einschätzung werde vom weiterbehandelnden Psychiater Dr. F._
bestätigt. Die Ausführungen von Dr. D._ seien letztlich überzeugender als das
psychiatrische Teilgutachten. Das Gutachten sei unvollständig (act. G 16).
Die Beschwerdegegnerin verzichtet am 26. Juni 2018 auf eine Duplik (act. G 18).B.d.
Das Versicherungsgericht gewährt den Parteien am 22. November 2019 das
rechtliche Gehör zum Beschluss, über den Beschwerdeführer durch Frau Dr. med.
M._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Neurologie, Chefärztin
Kantonales Kompetenzzentrum Forensik, Wil, ein psychiatrisches Gerichtsgutachten
erstatten zu lassen sowie zu den vorgesehenen Gutachterfragen (act. G 23). Dagegen
wurden keine Einwände erhoben.
C.a.
In ihrem Gutachten vom 24. Oktober 2020 kommt die Gerichtsgutachterin zum
Schluss, beim Beschwerdeführer seien ein Abhängigkeitssyndrom von Alkohol (ICD-10:
F10.2), ein schädlicher Gebrauch von Cannabis (ICD-10: F12.1), eine Abhängigkeit von
Opioiden (ICD-10: F11.22; gegenwärtige Teilnahme an einem ärztlich überwachten
Abgabe- und Ersatzdrogenprogramm), eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit
emotional-instabilen, schizoiden, kränkbar-misstrauischen, vermeidenden und
dissozialen Zügen (ICD-10: F61), eine Dysthymie (ICD-10: F34.1) sowie eine
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.0) zu diagnostizieren. Im angestammten
Beruf als Metzger, Schlosser und Schweisser bestünden Einschränkungen, die den
Beschwerdeführer auch zu einer Zumutung für sein Arbeitsumfeld werden liessen.
Aufgrund derer bestehe im ersten Arbeitsmarkt allenfalls eine Arbeitsfähigkeit von 10 %
bis 15 %. In einer den Beeinträchtigungen angepassten Tätigkeit liege die
Arbeitsfähigkeit unter 30 % (act. G 25).
C.b.
Das Gutachten wird den Parteien am 27. Oktober 2020 zur Stellungnahme
unterbreitet (act. G 26). Die Beschwerdegegnerin nimmt am 4. November 2020
Stellung, das Gutachten habe vollen Beweiswert (act. G 29). Der Beschwerdeführer
äussert sich am 10. November 2020, das Gutachten sei vollständig und überzeugend.
C.c.
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Erwägungen
1.
Bei einer Arbeitsunfähigkeit von über 70 % liege der Invaliditätsgrad über 70 %, womit
er Anspruch auf eine ganze Rente habe (act. G 30).
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60%, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50%, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40% invalid ist. Wurde eine Rente wegen eines zu geringen
Invaliditätsgrades verweigert, so wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn
glaubhaft gemacht wird, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in
einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat (vgl. Art. 87 Abs. 3 i.V.m.
Art. 87 Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201). Ist
eine anspruchserhebliche Änderung des (medizinischen) Sachverhalts glaubhaft
gemacht, ist die Verwaltung verpflichtet, auf das neue Leistungsbegehren einzutreten
und es in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht umfassend materiell zu prüfen (Urteile
des Bundesgerichts vom 3. August 2018, 8C_177/2018, E. 3.3, und vom 22. Februar
2019, 9C_5/2019, E. 2).
1.1.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Die Rechtsprechung hat
es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf
bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die
Beweiswürdigung aufzustellen. So weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nach der
Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen
1.2.
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2.
Experten ab. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise
widersprüchlich ist, wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in
überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt oder wenn
gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig
genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es,
dass es die Überprüfung durch einen Oberexperten für angezeigt hält, sei es, dass es
ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende
Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 f. E. 3 b aa).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
1.3.
Vorliegend wies die IV-Stelle mit Verfügung vom 9. November 2017 (IV-act. 90) ein
(drittes) Leistungsgesuch vom 12. August 2013 (IV-act. 94) ab. Sie stützte sich dabei
auf das polydisziplinäre Gutachten der estimed AG vom 2. August 2017.
2.1.
Der Beschwerdeführer fiel bereits seit seinem Schul- und Jugendalter durch
Unangepasstheit, Kontakt mit Schulpsychologie und Jugendanwaltschaft, Drogen- und
Alkoholkonsum und verschiedene Unfälle auf, arbeitete während Jahren unregelmässig
sporadisch im Stundenlohn und wurde vom Militärdienst dispensiert. Er musste
Verluste enger Bezugspersonen erleben (Bruder, Partnerin, Vater). Seit einem Unfall als
Kind leide er unter Rückenschmerzen (zur Biographie vgl. etwa Schreiben des
Beschwerdeführers vom 30. September 2009, IV-act. 47; Angaben Z._, vom
10. Februar 2010, IV-act. 66; psychiatrisches Gutachten Dr. B._ vom 7. Mai 2010, IV-
act. 74-6 ff.; psychiatrisches Teilgutachten med. pract. L._ vom 27. Juni 2017, IV-
act. 158-77 ff.; psychiatrisches Gerichtsgutachten vom 24. Oktober 2020,
act. G 25-26 ff.).
2.2.
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Der psychiatrische Gutachter med. pract. L._ hielt im Wesentlichen fest, der
Beschwerdeführer habe den Eindruck erweckt, er wolle zur Lebensgeschichte, etwa
zur jugendlichen Delinquenz, dem Substanzmissbrauch, zur Unfähigkeit, im Leben, im
Alltag, im Beruf einen Platz zu finden und den sozialen Anforderungen gerecht zu
werden, keine tiefergehenden Angaben machen, so dass eine möglicherweise
zugrundeliegende Psychodynamik nicht habe erfasst werden können (IV-act. 158-84).
Die Angaben seien nicht geeignet gewesen, eine Persönlichkeitsstörung zu
diagnostizieren (IV-act. 158-87). Der Beschwerdeführer habe nicht über traumatische in
der Kindheit und Jugend bestehende Umstände oder Erlebnisse berichtet, was das
Bestehen einer Persönlichkeitsstörung eher unwahrscheinlich erscheinen lasse. So
habe sich weder biographisch noch über die Exploration, die Untersuchung und den
Psychostatus eine Persönlichkeitsstörung feststellen lassen (IV-act. 158-88). Die
klinische Untersuchung sei weitestgehend unauffällig. Die Mini-ICF-App habe keine
Hinweise auf wesentliche psychosoziale Funktionseinbussen ergeben (IV-act. 158-87).
Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Merkfähigkeit seien nicht merklich
reduziert (IV-act. 158-85). Eine depressive Störung verneinte der Gutachter aufgrund
klinischer und testpsychologischer Befunde (IV-act. 158-85 f.). Da sich keine primäre
versicherungspsychiatrisch relevante Störung habe objektivieren lassen, sei das
Suchtleiden (psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide, Opioide und
Alkohol, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig Substanzgebrauch [ICD-10: F12.2, F11.2,
F10.2], IV-act. 158-88) als primäres zu werten und könne versicherungspsychiatrisch
für die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nicht berücksichtigt werden (IV-act. 158-87 f.).
Der den Beschwerdeführer nach eigenen Angaben ab 2011 behandelnde Dr. D._
führte im Arztbericht vom 29. Juli 2013 mit Bezug auf eine Fremdanamnese des den
Beschwerdeführer als Jugendlichen betreuenden Therapeuten und ein den
Beschwerdeführer betreffendes Urteil des Divisionsgerichts 3 der schweizerischen
Armee vom 1. März 1989 aus, aufgrund der ganzen Lebensgeschichte komme er zum
Schluss, dass der Beschwerdeführer unter einer kombinierten Persönlichkeitsstörung
mit teils dissozialen, teils schizoiden Anteilen und paranoiden Merkmalen leide. Auf
dieser Basis sei das Suchtverhalten entstanden (IV-act. 95). Der später behandelnde
Psychiater Dr. F._ schloss sich dieser Beurteilung an und diagnostizierte nebst
psychischen und Verhaltensstörungen durch Opioide eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, paranoiden und schizoiden Anteilen, bestehend
seit der Jugend. Er führte aus, Konzentration und Merkfähigkeit seien deutlich
reduziert, das formale Denken sei verlangsamt. Psychisch bestehe eine erhebliche
Einschränkung der Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit (IV-act. 132).
2.3.
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3.
Mit BGE 145 V 215 hat das Bundesgericht die Rechtsprechung betreffend
Suchtleiden dahingehend geändert, dass ihre invalidenversicherungsrechtliche
Relevanz nicht mehr nach ihrer Natur als primäre oder sekundäre Sucht, sondern nach
dem strukturierten Beweisverfahren zu beurteilen ist. Das Administrativgutachten vom
2. August 2017 war dieser Praxis noch nicht verpflichtet. Es enthält keine direkte
Aussage, ob, in welcher Form und in welchem Ausmass das Suchtleiden die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers einschränkt. Die behandelnden Psychiater Dr.
D._ und Dr. F._ leiteten die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nachvollziehbar
unter Einbezug der biographischen Anamnese des Beschwerdeführers und des
Therapieverlaufs her. Der psychiatrische Administrativgutachter begründete seine
abweichende Diagnostik lediglich mit dem Hinweis auf die Wortkargheit des
Beschwerdeführers, ohne die biographischen Angaben in den Akten zu würdigen. Es
scheint an einem konstruktiven Rapport zwischen ihm und dem Beschwerdeführer
gefehlt zu haben. Deshalb erschienen die Ausführungen der behandelnden Psychiater
plausibler als diejenigen des Administrativgutachters und das psychiatrische
Teilgutachten unvollständig. Somit war ein Gerichtsgutachten angezeigt.
2.4.
Die Gerichtsgutachterin erhob die Lebensgeschichte des Beschwerdeführers
während zwei Untersuchungsgesprächen umfassend (act. G 25-26 ff.). Es sei von einer
Abhängigkeitserkrankung von Alkohol (ICD-10: F10.2), von schädlichem Gebrauch von
Cannabis (ICD-10: F12.1) und von einer Abhängigkeit von Opioiden (ICD-10: F11.22)
bei langjähriger Substitution durch Methadon seit den 90-er Jahren auszugehen. Die
Suchterkrankung sei in ihrer Gesamtheit schwer ausgeprägt. Die chronifiziert
vorhandene, letztlich aber vergleichsweise leicht niedergedrückte Verstimmung liege
unterhalb der Schwelle für die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung.
Daher werde die Diagnose einer Dysthymie (ICD-10: F34.1) gestellt. Diese stehe in
starkem Zusammenhang mit der Persönlichkeitsstruktur (act. G 25-42). Aufgrund von
gehäuften Beziehungsabbrüchen, geringem Durchhaltevermögen, Vermeidung von
Konfliktsituationen, mangelnder Konfliktlösungs-Fertigkeiten und gesteigerter
Haltlosigkeit sei der Beschwerdeführer beruflich und sozial vermindert leistungsfähig.
Auffällig sei zudem eine lebenslang bestehende innere Unruhe, Angst und
Anspannung, die der Beschwerdeführer mit psychotropen Substanzen "behandelt"
habe (act. G 25-44). Die Gerichtsgutachterin legt nachvollziehbar dar, dass die
Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen,
schizoiden, kränkbar-misstrauischen, vermeidenden und dissozialen Zügen (ICD-10:
F61) zu stellen sei (act. G 25-44 f.). Diese sei deutlich ausgeprägt (act. G 25-47). Der
3.1.
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Beschwerdeführer sei in der Affektwahrnehmung beeinträchtigt (so genannte
Gefühlsblindheit, Alexithymie), habe schwierige Kindheitserfahrungen, habe früh
wichtige Bezugspersonen verloren und sei in seinem Bindungsverhalten unsicher. Die
organisch nicht vollständig erklärbaren langjährigen Schmerzprobleme seien als
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.0) und als unzureichendes Konflikt-
Lösungsmuster einer sehr unflexibel reagierenden und wenig introspektionsfähigen
Persönlichkeit zu bewerten (act. G 25-45). Durch die Persönlichkeitsstörung sei der
Beschwerdeführer vor allem in der Interaktion mit anderen Menschen beeinträchtigt. Er
habe sich seit Jahrzehnten in der Rolle als Gescheiterter eingerichtet. Das negative
Selbstbild habe sich verfestigt und chronifiziert. Das Sterben wichtiger
Bezugspersonen habe ihn zunehmend noch weiter destabilisiert (act. G 25-45). In
Bezug auf das Funktionieren im Alltag und Sozialleben und die dazu notwendigen
Fertigkeiten sei der Beschwerdeführer deutlich beeinträchtigt, ebenso in der
Anpassungsfähigkeit an Regeln und Routinen. Flexibilität und Umstellungsfähigkeit
seien deutlich reduziert. Die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit sei auf dem Boden
falscher Voraussetzungen beeinträchtigt. Schwer beeinträchtigt seien
Durchhaltefähigkeit und Selbstbehauptungsfähigkeit im Sinne einer konstruktiven
Durchsetzung eigener Interessen unter Beibehaltung der Beziehungen zu anderen.
Deutlich beeinträchtigt sei die Kontaktfähigkeit zu Dritten durch das gestörte, oft
misstrauisch angespannte oder auch respektlos wirkende Kontaktverhalten. Deutlich
beeinträchtigt sei die Gruppenfähigkeit. Etwas weniger stark beeinträchtigt seien die
Fähigkeiten zu familiären/intimen Beziehungen, die zwar vorhanden seien, jedoch eher
auf Abstand gelebt würden. Die Fähigkeit zur Selbstpflege sei deutlich beeinträchtigt,
vor allem durch den Umgang mit den eigenen Problemen und dem Suchtmittelkonsum.
Die beschriebenen Einschränkungen zeigten sich nicht nur im Arbeitsleben, sondern in
allen Lebensbereichen (act. G 25-45 f.). Einschränkungen bestünden nicht in der reinen
Ausführung der Tätigkeit als Metzger, Schlosser oder Schweisser. (Jedoch) bestünden
erhebliche Einschränkungen in Bezug auf die Fähigkeit zur Zuverlässigkeit, zu einer
gleichbleibenden Arbeitsqualität, zur jederzeitigen genügenden Abrufbarkeit einer
bestimmten Leistung, zur Einpassung in die Arbeitsroutinen, in das Arbeitsteam und
zum Annehmen und Ausführen von Aufträgen durch Vorgesetzte (act. G 25-47). Diese
liessen den Beschwerdeführer auch zu einer Zumutung für sein Arbeitsumfeld werden.
Im angestammten Beruf bestehe auf dem ersten Arbeitsmarkt allenfalls eine
Arbeitsfähigkeit von 10 % bis 15 %, in einer den Beeinträchtigungen angepassten
Arbeitsfähigkeit von unter 30 % (act. G 25-48). Die Einschätzung gelte seit Anmeldung
bei der IV im Jahr 2013 (act. 25-49).
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/13
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4.
Die Gerichtsgutachterin erörtert nachvollziehbar die Diagnosen und die
Auswirkungen der Beeinträchtigungen auf die Ressourcen und das Funktionsniveau.
Inkonsistenzen werden nicht aufgezeigt, wurden aber auch in den Vorgutachten nicht
festgestellt. Auf das vollständige, nachvollziehbare und schlüssige Gerichtsgutachten
ist daher abzustellen und von einer maximalen 30 %igen Arbeitsfähigkeit des
Versicherten auszugehen.
3.2.
Der Beschwerdeführer erzielte niemals längerfristig ein durchschnittliches
Einkommen (vgl. Auszug aus dem individuellen Konto [IK], IV-act. 139). Der
Invaliditätsgrad ist daher anhand eines Prozentvergleichs zu ermitteln und beträgt
entsprechend der psychiatrisch geschätzten Arbeitsunfähigkeit mindestens 70 %. Der
Beschwerdeführer hat damit Anspruch auf eine ganze Rente. Da ein Rentenanspruch
mit rechtskräftig gewordener Verfügung vom 6. April 2011 abgewiesen worden war (IV-
act. 90), besteht ein Rentenanspruch aufgrund der Wiederanmeldung vom 12. August
2013 (IV-act. 94) frühestens ab dem 1. Februar 2014 (Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG), sofern
zu diesem Zeitpunkt das Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG abgelaufen war
(vgl. BGE 142 V 550 f. E. 3.1 f.; Urteil des Bundesgerichts vom 18. Februar 2016,
9C_942/2015, E. 3.3.3).
4.1.
Die Gerichtsgutachterin führte zum Verlauf aus, bis und mit August 2009 habe der
Beschwerdeführer lediglich marginale Arbeitspensen bzw. -leistungen erbracht. Seither
habe sich weder am Gesundheitszustand noch an der Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit etwas geändert. Somit gelte ihre Einschätzung seit der Anmeldung bei
der IV im Jahr 2013 (act. G 25-49). Daraus ergibt sich, dass die von der Gutachterin
attestierte Arbeitsunfähigkeit von mindestens 70 % nicht erst seit der
Wiederanmeldung vom 12. August 2013 bestand. Auch sieht die Gerichtsgutachterin
den jahrelangen Konsum von psychotropen Substanzen im Zusammenhang mit den
durch die Persönlichkeitsstörung bewirkten Einschränkungen (act. G 25-44). Der
Beschwerdeführer nahm im November 2011 die Behandlung bei Dr. D._ auf, der
bereits eine Persönlichkeitsstörung diagnostizierte und ihm eine lediglich 20%ige
Arbeitsfähigkeit attestierte (Arztbericht IV-act. 95). Sodann bestätigten auch Dr. G._,
Facharzt für Allgemeinmedizin (Bericht vom 5. September 2016; Eingang; IV-act. 138-2,
4), und Dr. F._ (Arztbericht vom 15. Juni 2016, IV-act. 132-4) eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit seit 2007 bzw. seit Jahren. Somit ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer in den bisherigen Tätigkeiten bereits länger als ein Jahr
arbeitsunfähig war, als er sich erneut zum Leistungsbezug anmeldete. Der
Rentenanspruch besteht daher seit 1. Februar 2014.
4.2.
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5.