Decision ID: 68a1b7d3-4b3a-5124-8b5c-6d53cddc5b31
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 2. November 2015 in der Schweiz um
Asyl. Zu seiner Person und zur Begründung seines Gesuchs machte er im
Wesentlichen geltend, er habe seit seinem zweiten Lebensjahr mit der Fa-
milie in Kabul gelebt, wo er geheiratet und ein Abendstudium abgeschlos-
sen habe. Er habe für eine westliche Firma als B._ gearbeitet. Dies
habe den Taliban nicht gepasst und er sei wiederholt telefonisch anonym
mit dem Tode bedroht worden. Aus Sorge um seine Sicherheit habe er zum
(...) seine Arbeit vorzeitig gekündigt. Am (...) habe er einen Drohbrief der
Taliban erhalten und sich in der Folge zum Verlassen seines Heimatlandes
entschieden. Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er diverse Beweismit-
tel zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 28. September 2018 verneinte das SEM die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte dessen Asylgesuch ab und
ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
Zum im vorliegenden Verfahren interessierenden Thema führte das SEM
aus, der Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers sei zumutbar, da die
im Referenzurteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 geforderten beson-
ders begünstigenden Faktoren im Fall des Beschwerdeführers gegeben
seien.
C.
Das Bundesverwaltungsgericht wies die gegen diese Verfügung erhobene
Beschwerde mit Urteil D-6264/2018 vom 5. August 2020 ab.
D.
Mit Eingabe vom 11. November 2020 reichte der Gesuchsteller beim Bun-
desverwaltungsgericht ein gegen das Beschwerdeurteil vom 5. August
2020 gerichtetes Revisionsgesuch ein, wobei er die Feststellung der Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sowie die Anordnung der vorläufi-
gen Aufnahme beantragte. Sodann sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege
zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten
und die Rechtsvertreterin sei ihm als amtliche Rechtsbeiständin beizuord-
nen.
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Zur Begründung machte er geltend, die besonders begünstigenden Fakto-
ren, unter welchen gemäss geltender Rechtsprechung der Wegweisungs-
vollzug nach Kabul zumutbar sei, seien mittlerweile (beziehungsweise
sinngemäss im Zeitpunkt des Beschwerdeurteils) nicht mehr gegeben ge-
wesen. Seine nahen Familienangehörigen seien bereits im Mai 2020 aus
Afghanistan ausgereist und lebten seither – wie aus dem eingereichten,
vor dem Urteil D-6264/2018 vom 5. August 2020 entstandenen, Mietvertrag
hervorgehe – im Iran. Damit verfüge er über kein tragfähiges Beziehungs-
netz mehr in Kabul.
E.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 12. November 2020 setzte die
Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung gestützt auf
Art. 126 BGG per sofort einstweilen aus.
F.
Am 27. November 2020 gingen beim Bundesverwaltungsgericht weitere
Beweismittel ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet gemäss Art. 105 AsylG
(SR 142.31) auf dem Gebiet des Asyls in der Regel endgültig über Be-
schwerden gegen Verfügungen des SEM (vgl. zur Ausnahme Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG). Es ist ausserdem zuständig für die Revision von Urteilen, die
es in seiner Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE
2007/21 E. 2.1).
1.2 Gemäss Art. 45 VGG gelten für die Revision von Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts die Art. 121–128 BGG sinngemäss. Nach Art. 47 VGG
findet auf Inhalt, Form und Ergänzung des Revisionsgesuches Art. 67
Abs. 3 VwVG Anwendung.
1.3 Der Gesuchsteller versucht mit der Nachreichung von Beweismitteln
(sinngemäss) zu belegen, dass seine Familienmitglieder im Frühjahr 2020
aus Afghanistan ausgereist seien, weshalb die im Beschwerdeentscheid
bejahten besonders begünstigenden Faktoren bereits im Zeitpunkt seiner
Fällung nicht (mehr) vorgelegen hätten.
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1.4 Der Gesuchsteller ist durch das betreffende Beschwerdeurteil vom
5. August 2020 besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse
an dessen Aufhebung oder Änderung. Er ist daher zur Einreichung des Re-
visionsgesuchs legitimiert (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG in analogiam).
2.
2.1 Das Revisionsgesuch ist ein ausserordentliches Rechtsmittel, das sich
gegen einen rechtskräftigen Beschwerdeentscheid richtet. Wird das Ge-
such gutgeheissen, beseitigt dies die Rechtkraft des angefochtenen Ur-
teils, und die bereits entschiedene Streitsache ist neu zu beurteilen (vgl.
MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs-
gericht, 2. Aufl. 2013, S. 303 Rz. 5.36).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht zieht auf Gesuch hin seine Urteile aus
den in Art. 121–123 BGG aufgeführten Gründen in Revision (Art. 45 VGG).
Nicht als Revisionsgründe gelten Gründe, welche die Partei, die um Revi-
sion nachsucht, bereits im ordentlichen Beschwerdeverfahren hätte gel-
tend machen können (sinngemäss Art. 46 VGG).
2.3 An die Begründung ausserordentlicher Rechtsmittel werden erhöhte
Anforderungen gestellt. Reine Urteilskritik genügt den gesetzlichen Anfor-
derungen an die Begründung eines Revisionsgesuchs nicht. Das Gesetz
umschreibt die Revisionsgründe eng, die Rechtsprechung handhabt sie
restriktiv (vgl. ELISABETH ESCHER, in: Niggli/Uebersax/Wiprächtiger [Hrsg.],
Basler Kommentar zum Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2011, Art. 121 N 1;
NICOLAS VON WERDT in: Seiler/von Werdt/Güngerich/Oberholzer, Stämpflis
Handkommentar SHK, Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2015, Art. 121 N 9).
Im Revisionsgesuch ist darzulegen, welcher gesetzliche Revisionsgrund
angerufen und welche Änderung des früheren Entscheids beantragt wird.
Die in Art. 121–123 BGG enthaltene Aufzählung der Revisionsgründe ist
abschliessend (Verletzung von Ausstandspflichten; Nichtbeurteilung von
Anträgen; versehentliche Nichtberücksichtigung von in den Akten liegen-
den Tatsachen; Verletzung der EMRK nach Vorliegen eines Entscheids des
Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte; nachträgliches Erfahren
von erheblichen Tatsachen oder Auffinden von entscheidenden Beweismit-
teln, unter Ausschluss von Tatsachen oder Beweismitteln, die erst nach
dem Entscheid entstanden sind). Für die Zulässigkeit eines Revisionsbe-
gehrens ist es nicht erforderlich, dass der angerufene Revisionsgrund tat-
sächlich besteht, sondern es genügt, wenn der Gesuchsteller dessen Be-
stehen behauptet und hinreichend begründet.
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2.4 Der Gesuchsteller ruft in seiner Eingabe vom 11. November 2020 den
gesetzlichen Revisionsgrund von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG (Nachrei-
chung von Beweismitteln) an. Das Revisionsgesuch ist damit grundsätzlich
hinreichend begründet (vgl. E. 2.3).
2.5 Gemäss Art. 124 Abs. 1 Bst. d BGG ist das Revisionsgesuch innert
90 Tagen seit Kenntnis des nachträglich aufgefundenen Beweismittels ein-
zureichen. Der Gesuchsteller macht geltend, er habe das neue Beweismit-
tel am 21. September 2020 von seiner Familie via WhatsApp erhalten. In-
sofern kann die Frist von Art. 124 Abs. 1 Bst. d BGG als gewahrt erachtet
werden.
3.
3.1 Gemäss Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG kann in öffentlich-rechtlichen An-
gelegenheiten die Revision eines Urteils verlangt werden, wenn die ersu-
chende Partei nachträglich erhebliche Tatsachen erfährt oder entschei-
dende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Verfahren nicht beibrin-
gen konnte, unter Ausschluss der Tatsachen und Beweismittel, die erst
nach dem Entscheid entstanden sind.
3.1.1 Der Revisionsgrund der nachträglich erfahrenen Tatsache beinhaltet
zum einen, dass sich diese bereits vor Abschluss des Beschwerdeverfah-
rens verwirklicht haben muss; als Revisionsgrund sind somit lediglich so-
genannte unechte Noven zugelassen. Zum anderen verlangt Art. 123
Abs. 2 Bst. a BGG, dass die gesuchstellende Partei die fragliche Tatsache
respektive das entsprechende Beweismittel während des vorangegange-
nen Verfahrens, das heisst bis zur Urteilsfällung, nicht gekannt hat und
deshalb nicht geltend machen konnte. Ausgeschlossen sind damit auch
Umstände und Beweismittel, welche die gesuchstellende Partei bei pflicht-
gemässer Sorgfalt hätte kennen können, ebenso, wenn die Entdeckung
der erheblichen Tatsachen oder Beweismittel auf Nachforschungen beruht,
die bereits im früheren Verfahren hätten angestellt werden können, denn
darin ist eine unsorgfältige Prozessführung der gesuchstellenden Partei zu
erblicken (vgl. zum Ganzen ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEU-
BÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013,
S. 306 Rz. 5.47). Dass es einer gemäss Art. 123 BGG um Revision ersu-
chenden Partei nicht möglich war, Tatsachen und Beweise bereits im frühe-
ren Verfahren vor- beziehungsweise beizubringen, ist nur mit Zurückhal-
tung anzunehmen. Der Revisionsgrund der unechten Noven dient nicht
dazu, bisherige Unterlassungen in der Beweisführung wiedergutzumachen
(vgl. ELISABETH ESCHER, a.a.O., Art. 123 N 8). Revisionsweise eingereichte
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Beweismittel sind nur dann als neu zu qualifizieren und beachtlich, wenn
sie entweder neue erhebliche Tatsachen erhärten oder geeignet sind, dem
Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt
gewesen, aber zum Nachteil der gesuchstellenden Partei unbewiesen ge-
blieben sind, respektive wenn sie bei Vorliegen im ordentlichen Verfahren
vermutlich zu einem anderen Entscheid geführt hätten. Es genügt nicht,
wenn sie zu einer neuen Würdigung bereits bekannter Tatsachen führen
sollen; für eine andere Würdigung des Sachverhalts besteht im Rahmen
eines Revisionsverfahrens kein Raum.
3.1.2 Auf Revisionsgesuche, die auf erst nach Abschluss des Beschwer-
deverfahrens entstandenen Tatsachen oder Beweismitteln gründen, ist –
unabhängig von der Frage der Erheblichkeit der neuen Tatsachen oder Be-
weismittel – nicht einzutreten (vgl. BVGE 2013/22 E. 13).
3.2 Vorliegend ist somit zu prüfen, ob der Gesuchsteller nach Erlass des
Beschwerdeurteils vom 5. August 2020 erhebliche Beweismittel aufgefun-
den hat, die vor dem Entscheid entstanden sind. Weiter ist zu prüfen, ob
die neuen Vorbringen beziehungsweise Dokumente für die Tatbestandser-
mittlung entscheidend sind, das heisst, ob sie geeignet sind, die tatbe-
ständliche Grundlage des Beschwerdeurteils vom 5. August 2020 zu än-
dern und zu einem anderen Ergebnis zu führen.
3.3
3.3.1 Im Beschwerdeurteil vom 5. August 2020 wurde hinsichtlich der
Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges und soweit vorliegend
von Relevanz festgehalten, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers, sein
Sohn, mehrere Geschwister und seine Eltern sowie weitere Onkel und eine
Tante weiterhin in Kabul lebten, womit er über eine gesicherte Wohnsitua-
tion und ein tragfähiges Beziehungsnetz verfüge.
3.3.2 Unabhängig von der Frage, ob der Gesuchsteller das offenbar vom
10. Mai 2020 datierende Beweismittel bereits im Beschwerdeverfahren
hätte einreichen können und müssen, ist dem mit dem Revisionsgesuch
einreichten Beweismittel die Erheblichkeit abzusprechen. Zum Einen ist
festzuhalten, dass einem via WhatsApp übermittelten, fotografierten Doku-
ment aufgrund der Mehrfachoption zu Fälschung und Manipulation grund-
sätzlich nur eine geringe Beweiskraft zukommt. Zum Anderen ist das Be-
weismittel, unbesehen seines geringen Beweiswerts, nicht geeignet, das
fehlende Beziehungsnetz in Kabul und damit die Unzumutbarkeit des Weg-
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weisungsvollzugs dorthin zu belegen. So geht aus dem Dokument zu-
nächst nicht hervor, wo sich das Mietobjekt befindet. Sodann vermag allein
ein Mietvertrag nicht zu belegen, dass und welches Familienmitglied tat-
sächlich im Mietobjekt wohnt. Als Mieterschaft ist lediglich eine Person auf-
geführt. Daraus lässt sich nicht schliessen, dass im Beschwerdeurteil
fälscherweise davon ausgegangen worden ist, der Beschwerdeführer ver-
füge über ein tragfähiges Beziehungsnetz in Kabul. Das Dokument ist so-
mit nicht geeignet, die Fehlerhaftigkeit des Beschwerdeurteils
D-6264/2018 vom 5. August 2020 zu belegen. Es ist somit nicht als erheb-
lich im Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG zu erachten. Mangels revisi-
onsrechtlicher Erheblichkeit vermag es auch kein Wegweisungsvollzugs-
hindernis zu begründen.
3.4 Soweit im Revisionsgesuch die Einreichung einer "besseren Kopie"
des Mietvertrags in Aussicht gestellt wird, besteht kein Anlass, die Einrei-
chung dieses Dokumentes abzuwarten, da es aus den vorstehend aufge-
führten Gründen an der fehlenden Erheblichkeit nichts ändern würde (vgl.
BVGE 2013/22).
3.5 Mit Eingabe vom 26. November 2020 reichte der Gesuchsteller meh-
rere Fotos ein, welche die Eltern, die Geschwister, die Ehefrau und den
Sohn des Gesuchstellers zeigten. Diese Fotos seien am 21. November
2020 am Platz Meydan-e-Azadi in Teheran aufgenommen worden. Da
diese Beweismittel somit nach dem Beschwerdeurteil vom 5. August 2020
entstanden sind, sind sie für das vorliegende Revisionsverfahren unbe-
achtlich (vgl. E. 3.1.2). Weitere Ausführungen dazu erübrigen sich.
4.
Dem Gesuchsteller ist es damit nicht gelungen, Gründe darzulegen res-
pektive relevante Beweismittel vorzulegen, die eine Revision des Be-
schwerdeurteils D-6264/2018 vom 5. August 2020 rechtfertigen würden.
Das Revisionsgesuch ist demzufolge abzuweisen.
5.
Mit dem vorliegenden Entscheid ist das Revisionsverfahren abgeschlos-
sen, womit der Antrag um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht ge-
genstandslos geworden ist.
6.
Der am 12. November 2020 einstweilig verfügte Vollzugsstopp wird mit
dem vorliegenden Entscheid in der Sache selbst hinfällig.
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7.
7.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren als aussichtslos zu bezeichnen und die ku-
mulativen Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG daher nicht erfüllt
sind. Daran vermögen die mit der Eingabe vom 26. November 2020 einge-
reichten Unterlagen (Kopien eines Arbeitszeugnisses, eines Mietvertrages
sowie eines Versicherungsnachweises) nichts zu ändern. Demzufolge
kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung nicht
stattgegeben werden.
7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 1500.–
dem Gesuchsteller aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 68 und Art. 63
Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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