Decision ID: eb0efc63-fb7a-58d2-b134-d88a676091c2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 12. August 2016 um Asyl in der
Schweiz. Anlässlich der Befragung zur Person vom 18. August 2016 sowie
den Anhörungen vom 25. August 2017 und 7. November 2017 führte er im
Wesentlichen aus, er sei im Iran geboren. Etwa im Jahr 2001 (Beginn der
Regierungszeit von Hamid Karzai) sei er mit seinen Eltern und Geschwis-
tern nach Kabul, Afghanistan, zurückgekehrt. Er habe zwei Jahre am (...)
Institut (...) studiert und dort in der Finanzabteilung gearbeitet. Dieses Insti-
tut sei von der USAID finanziert worden. An der Universität (...) in Kabul
habe er circa (...) den Bachelorabschluss als Bauingenieur gemacht. Da-
nach sei er circa (...) bei der Baufirma (...) als Techniker im Labor und vor
Ort auf den Baustellen unter anderem bei einem (...) in Kabul tätig gewe-
sen. Diese Baufirma habe Aufträge der afghanischen Regierung, die von
der amerikanischen Regierung finanziert und überwacht worden seien,
ausgeführt. Danach habe er circa (...) als Bauingenieur bei der Baufirma
(...) an einem Schulbauprojekt gearbeitet. Die Projekte dieser Baufirma
seien von der Regierung unterstützt und von USAID mitfinanziert worden.
Für die Ausführung der jeweiligen Bauprojekte habe er alleine in unsichere
Provinzen reisen müssen. Bei einem von der afghanischen Regierung or-
ganisierten Projekt sei es um eine Wasseraufbewahrung gegangen. Dafür
habe er von Kabul über B._ und die Orte C._ und
D._ in die Stadt E._, Provinz F._, reisen müssen. In
den Orten habe es Checkpoints der Taliban gegeben und eine grosse Un-
sicherheit geherrscht. Wenn ihn die Taliban mit den mitgeführten Projekt-
dokumenten und technischen Geräten erwischt hätten, wäre er in Gefahr
gewesen. Beim letzten Projekt, dem Bau einer Schule in G._, sei er
mehrmals von Kabul via H._ nach G._ gefahren. Unterwegs
habe er die Kleider und die Fahrzeuge wechseln müssen, um nicht von den
Taliban erwischt zu werden. Sie hätten Spione gehabt und er habe Glück
gehabt, nicht von ihnen entführt worden zu sein. Einmal sei in I._
auf das Fahrzeug geschossen worden, in dem er gesessen habe. Zudem
habe er während des Schulbauprojektes eine Liebesbeziehung mit einer
Frau der Volksgruppe der Sayed angefangen. Nach vier Monaten habe er
die Beziehung Ende (...) bei Abschluss des Projektes beendet. Ihr späterer
Ehemann habe bemerkt, dass sie keine Jungfrau mehr sei und von ihrer
früheren Beziehung erfahren. Daraufhin hätten ihr Vater und zwei Onkel
ihn zu Hause gesucht und seinen Vater bedroht. Sein Vater habe zur Be-
stätigung der Drohungen beim Dorfoberhaupt ein Schreiben verfassen las-
sen und dieses dem Sicherheitsamt überreicht. Die Eltern seien deshalb
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von Afghanistan in den Iran gereist. Die Schwestern seien verheiratet und
würden in Kabul leben.
Der Beschwerdeführer reichte seine Tazkira, ein Zeugnis der 14. Klasse
am Institut (...), ein Abiturdiplom, eine Bestätigung des Universitätsab-
schlusses, ein Diplom seines Abschlusses im Bereich Konstruktion, ein Ar-
beitszeugnis der (...), ein Certificate of Performance der (...), ein Certificate
of Appreciation der (...), einen Passierschein im (mit Übersetzung), ein
Schreiben des Dorfoberhauptes vom (...) (afghanischer Kalender; mit
Übersetzung) – alles im Original –, sowie eine Arbeitsbestätigung der (...)
und einen Quellensteuerbeleg – beides in Kopie – ein.
B.
Mit Verfügung vom 9. April 2019 (gleichentags eröffnet) verneinte das SEM
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asylgesuch
ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
Eine dagegen erhobene Beschwerde hiess das Bundesverwaltungsgericht
mit Urteil E-2247/2019 vom 19. Juni 2019 wegen Verletzung des rechtli-
chen Gehörs gut. Es hob die Verfügung auf und wies die Sache zur Neu-
beurteilung an das SEM zurück.
C.
Mit Schreiben vom 25. Juni 2019 gewährte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer die Akteneinsicht.
D.
Mit Verfügung vom 19. Juli 2019 (eröffnet am 29. Juli 2019) verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asyl-
gesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Voll-
zug an.
E.
Mit Eingabe vom 28. August 2019 erhob der Beschwerdeführer am Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben. Es sei festzustellen, dass er die Flüchtlingseigen-
schaft erfülle und es sei ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter
sei die Unzumutbarkeit und Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs fest-
zustellen und der Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzuneh-
men. Ihm sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und es sei
ihm in der Person der unterzeichnenden Rechtsanwältin eine unentgeltli-
che Rechtsbeiständin zu bestellen.
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Der Beschwerde lag die Vollmacht vom 29. April 2019, ein (...) fact sheet
der USAID, ein Certificate of Appreciation der (...) vom November 2011
und vom November 2012 in Kopie, ein Schreiben der (...) betreffend Ad-
ressanfrage der Verwandten seiner ehemaligen Geliebten in Kopie (Datum
unbekannt, mit Übersetzung), zwei Arbeitsbestätigungen der (...) in Kopie
(Datum unbekannt), ein Zertifikat der U.S. army corps of engineers betref-
fend die (...) vom 30. März 2013 in Kopie, ein Memorandum of Record der
U.S. army corps of engineers vom 23. Juli 2014 in Kopie, ein Zertifikat der
U.S. army corps of engineers betreffend die (...) vom 23. September 2014
in Kopie, eine «Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Informationen zur
traditionellen Regierungsführung auf Dorfebene» vom Austrian Centre for
Country of Origin and Asylum Research and Documentation (ACCORD)
vom 15. März 2016, eine «Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Aktuelle
Situation der Volksgruppe der Hazara» vom ACCORD vom 27. Juni 2016,
ein Bericht der BBC betreffend Angriff des IS auf ein Spital in Kabul vom
8. März 2017, Fotos des Beschwerdeführers (...), ein Arztbericht vom
12. Juli 2018 in Kopie, ein Rezept für das Medikament (...) vom 18. Januar
2019 in Kopie, ein psychotherapeutischer Bericht vom 21. Juli 2019 in Ko-
pie, ein Arztbericht vom 23. Juli 2019 in Kopie, ein Mietvertrag der Eltern
über eine Wohnung in Teheran vom (...) in Kopie (mit Übersetzung), eine
Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung und eine Honorarnote vom 28. August
2019 bei.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 2. September 2019 hiess der Instruktionsrich-
ter die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechts-
verbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehm-
lassung.
G.
Am 10. September 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
H.
Am 23. September 2019 reichte der Beschwerdeführer ein Certificate of
Appreciation der (...) in Kopie (Datum unbekannt), ein Laboratory Certifica-
tion für die (...) vom 1. Juni 2019 in Kopie und eine aktualisierte Honorar-
note ein.
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I.
Am 19. Dezember 2019 reichte der Beschwerdeführer Fotos seiner Eltern
im Iran und eine aktualisierte Honorarnote ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, die
vorab zu beurteilen sind, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine Kas-
sation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
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4.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Dazu gehört unter anderem, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzu-
wirken und in der Anhörung die Asylgründe darzulegen (vgl. BVGE 2011/28
E. 3.4).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
4.3 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe erneut nicht festge-
halten, dass seine ehemalige Geliebte der Sayed angehöre und sie nie
einen Mann der Hazara heiraten könne. Es gäbe zwischen den beiden Eth-
nien erhebliche Spannungen. Sie habe sich zudem nicht mit seinen Vor-
bringen in der Beschwerde vom 10. Mai 2019 auseinandergesetzt. Darin
habe er ausführlich zur Frage der Glaubhaftigkeit der von ihm befürchteten
Verfolgungsmassnahmen durch Familienangehörige der ehemaligen Ge-
liebten Stellung genommen. Ebenfalls sei sie der Frage, ob er allfällige Be-
weismittel dafür habe, dass seine Eltern nun im Iran leben würden, nicht
nachgegangen. Sie habe damit die Begründungspflicht verletzt.
Die Vorinstanz erwähnt im Sacherhalt der Verfügung nicht, dass die ehe-
malige Geliebte der Sayed angehöre. Indem sie aber davon ausging, dass
diese Liebesbeziehung vom Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht
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Seite 7
wurde, ist es irrelevant, welcher Ethnie sie angehört. Die vorinstanzliche
Sachverhaltsdarstellung lässt keine wesentlichen, entscheidrelevanten
Sachverhaltselemente ausser Acht. Sie hält fest, weshalb sie die Liebes-
beziehung für nicht glaubhaft gemacht hält und ist damit der Begründungs-
pflicht genügend nachgekommen.
Die Vorinstanz hat sich mit den Einwänden des Beschwerdeführers in der
Beschwerde vom 10. Mai 2019 betreffend die Glaubhaftmachung der Lie-
besbeziehung nicht auseinandergesetzt. Ob damit eine Verletzung der Be-
gründungspflicht vorliegt kann offenbleiben, weil eine Verfolgung der Fami-
lienmitglieder aufgrund der vormaligen Liebesbeziehung nicht asylrelevant
ist (Erwägung 7.3).
Indem die Vorinstanz davon ausging, dass der Beschwerdeführer die Lie-
besbeziehung und die damit zusammenhängende Verfolgung nicht glaub-
haft gemacht habe, sah sie sich nicht dazu veranlasst, weitere Abklärungen
zu tätigen. Der iranische Mietvertrag der Eltern datiert vom (...) und die
Übersetzung vom 29. Mai 2019. Eingereicht wurden die Dokumente mit
der Beschwerde am 28. August 2019. Die Vorinstanz erliess die Verfügung
am 19. Juli 2019. Wären die Dokumente zeitnah nach Erhalt der Überset-
zung bei der Vorinstanz eingereicht worden, wären diese vor Erlass der
Verfügung bei ihr eingegangen. Weil dem Mietvertrag in Kopie zudem nur
ein geringer Beweiswert zugeschrieben werden kann, hat die Vorinstanz
den Sachverhalt genügend erstellt und es liegt keine Verletzung der Be-
gründungspflicht vor.
5.2 Der Beschwerdeführer rügt weiter, es sei nicht weiter beachtlich, dass
er von den Taliban noch nicht als Mitarbeiter einer amerikanisch finanzier-
ten Baufirma identifiziert worden sei. Es sei vielmehr ein Glücksfall, dass
er bisher noch nie direkt in eine Personenkontrolle gekommen und nicht
beim Transport von Arbeitsinstrumenten erwischt worden sei. Dass die Vo-
rinstanz daraus schliesse, dass er – auch in Zukunft – keinerlei Verfolgung
ausgesetzt sei, sei willkürlich. Die Verfügung sei in diesem Punkt unange-
messen.
Gemäss Lehre und Rechtsprechung liegt Willkür nicht schon dann vor,
wenn eine andere Lösung in Betracht zu ziehen oder vorzuziehen wäre,
sondern nur dann, wenn ein Entscheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der
tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen
unumstrittenen Rechtsgrundsatz klar verletzt oder in stossender Weise
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dem Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft (vgl. MÜLLER/SCHEFER, Grund-
rechte in der Schweiz, 4. Aufl. 2008, S.11; HÄFELI/HALLER/KELLER/THURN-
HERR, Allgemeines Verwaltungsrecht, 9. Auflage 2016, N 811 f.; BGE 133 I
149 E. 3.1). Dabei muss die angeblich willkürliche Begründung rechts-
genüglich dargelegt werden (BGE 116 Ia 426 S. 428). Ob die Furcht vor
Verfolgung im konkreten Einzelfall begründet ist, ist nicht bloss eine Ermes-
sens-, sondern eine Rechtsfrage. Die Rüge der Verletzung des Willkürver-
bots ist sodann nicht substanziiert. Unter Berücksichtigung der nachfolgen-
den Ausführungen zum Asylpunkt erscheint das Ergebnis der Vorinstanz
zudem durchaus vertretbar.
5.3 Die Vorinstanz sei der Auffassung, dass nicht nachgewiesen sei, dass
die Unternehmen, für welche der Beschwerdeführer gearbeitet habe, von
der US-amerikanischen Regierung und/oder der afghanischen Regierung
unterstützt würden. Dem könne nicht gefolgt werden.
In der vorinstanzlichen Verfügung wird festgehalten, dass aus den einge-
reichten Bestätigungen nicht hervorgehe, wie stark die Firmen und die dort
ausgeführten Arbeiten von der amerikanischen Regierung unterstützt wor-
den seien. Eine Verletzung der Begründungspflicht oder die unrichtige
Feststellung des Sachverhalts ist nicht ersichtlich.
5.4 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die diesbe-
züglichen Rechtsbegehren sind somit abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Seite 9
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 und Art. 3 AsylG).
7.
7.1 Die Vorinstanz hält in ihrer Verfügung fest, es beständen keine Anhalts-
punkte dafür, dass der Beschwerdeführer von den Taliban als Unterstützer
beziehungsweise Mitarbeiter einer amerikanisch finanzierten Baufirma
identifiziert worden sei. Etwas Gravierendes sei nie vorgefallen. Zum Be-
schuss eines Fahrzeugs, in dem er gesessen habe, sei weder bekannt,
von wem dieser erfolgte noch dürfte dieser gezielt ihm persönlich als In-
sasse des Fahrzeugs gegolten haben. Eine auffallende Exponiertheit sei-
ner Person sei nicht festzustellen. Es sei von keinem erhöhten Verfol-
gungsrisiko aufgrund seiner Arbeitstätigkeit auszugehen. An dieser Ein-
schätzung vermöge auch der vorgebrachte Transport mit Arbeitsinstrumen-
ten nichts zu ändern, da dies seine Visibilität offenbar nicht gesteigert habe.
Auch aus dem beruflichen Werdegang könne nicht erkannt werden, dass
er ein besonders gefährdetes Risikoprofil erlangt habe. Es gehe aus kei-
nem eingereichten Dokument hervor, dass er vom Sommer bis Herbst
2015 wieder für die Firma (...) in der Provinz G._ bei einem Schul-
hausbau tätig gewesen sei. Aus den eingereichten Bestätigungen gehe
nicht hervor wie stark die Firmen und die dort ausgeführten Arbeiten von
der amerikanischen Regierung unterstützt worden seien. Der Umstand,
dass er seiner Arbeit als Bauingenieur jahrelang nachgegangen sei, weise
auch darauf hin, dass er für sich eine Gefährdung nicht als imminent er-
achtet habe. Es sei deshalb zu verneinen, dass er in Afghanistan als An-
gehöriger einer besonders gefährdeten Risikogruppe gelte oder wahrge-
nommen werden könne, weshalb eine begründete Furcht vor Verfolgung
bei der Rückkehr nach Afghanistan zu verneinen sei.
Die geltend gemachte Liebesbeziehung des Beschwerdeführers und die
Furcht vor Verfolgungsmassnahmen seitens der Familie der ehemaligen
Geliebten hält die Vorinstanz für nicht glaubhaft gemacht. In der Öffentlich-
keit sei die Bewegungsfreiheit von Frauen stark eingeschränkt. So bestehe
beispielsweise das Erfordernis, dass Frauen ausserhalb ihres Heims von
einer männlichen verwandten Person begleitet werden müssten (SFH,
Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse Afghanistan: Besondere Ge-
fährdung von Frauen, 24. Mai 2015, S. 7). Indem bereits zu Beginn der
Beziehung Freunde der jungen Frau in der Schule anwesend gewesen
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Seite 10
seien, habe die Beziehung kaum geheim gehalten werden können. Es
könne nicht geglaubt werden, dass angesichts der Bewachung und Be-
obachtung, unter der junge Frauen in Afghanistan stehen würden, sie von
der Familie alleine zu Hause gelassen worden wäre und der Beschwerde-
führer sie so bei ihr zu Hause habe treffen können. Es beständen Vorbe-
halte, dass er sich mehrmals mit einer Frau im heiratsfähigen Alter im länd-
lichen Afghanistan unbemerkt im Geheimen habe treffen können. Es könne
auch nicht geglaubt werden, dass es der jungen Frau möglich gewesen
sein soll, die Tiere vom Bruder, der Hirte sei, übernommen zu haben, um
sich mit ihm an einem abgelegenen Ort zu treffen. Eine gesamthafte Wür-
digung ergebe, dass seine Vorbringen den bekannten Lebensumständen
und Verhaltensweisen von Frauen in Afghanistan widersprechen und ins-
gesamt einen konstruierten Eindruck hinterlassen würden. Es könne nicht
geglaubt werden, dass er einer Gefährdung seitens Drittpersonen ausge-
setzt sei und seine Eltern deswegen Afghanistan hätten verlassen müssen.
Die Bestätigung des Quartiervorstehers sei kein amtliches Schreiben und
nicht tauglich zum Beweis, da solche Bestätigungen leicht selber oder von
einer Drittperson angefertigt werden könnten.
7.2 Der Beschwerdeführer hat seine Tätigkeiten für diverse Baufirmen mit
Bezug zur afghanischen Regierung, internationalen Organisationen oder
der amerikanischen Regierung substantiiert, konkret sowie nachvollzieh-
bar geschildert und mittels Beweismittel seine Tätigkeiten belegt. Ein auf
Beschwerdestufe eingereichtes Schreiben der Baufirma (...) belegt seine
Tätigkeit vom (...) bis (...) bei dieser Baufirma an einem Schulbauprojekt
in G._ und ein weiteres Schreiben des Bildungsministeriums er-
wähnt, das Projekt sei von der (...) unterstützt worden. Den Ausführungen
der Vorinstanz, wonach der Beschwerdeführer aufgrund seines beruflichen
Werdegangs kein besonders gefährdetes Risikoprofil erlangt habe, kann
aufgrund der nachfolgenden Erwägungen nicht gefolgt werden.
7.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat zuletzt im Referenzurteil
D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 eine Lagebeurteilung zu Afghanistan
vorgenommen. Zusammenfassend ergibt sich eine deutliche Verschlech-
terung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Gerichts im
Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der International Security As-
sistance Force (ISAF) über alle Regionen hinweg. Seit dem Übergang der
Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die Afghan National Security
Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr den Charakter eines Bür-
gerkrieges angenommen, wobei grosse Teile des Staatsgebiets direkt von
Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen terroristische Anschläge
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Seite 11
in den von offenen Gefechten weitgehend ausgenommenen urbanen Zen-
tren. Im Visier stehen vor allem die Grossstädte Kabul und Kandahar, aber
auch kleinere Städte wie Dschalalabad und Kunduz (Urteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 E. 7.3 und E. 7.4).
7.2.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich Gruppen von Per-
sonen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, wel-
che der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft in-
klusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer
derselben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der af-
ghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entspre-
chende Personen (United Nations High Commissioner for Refugees [UN-
HCR], Eligibility Guidelines for Assessing the International Protection
Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan, 30. August 2018, S. 40 ff.
sowie die beiden Berichte des European Asylum Office [EASO], Country of
Origin Information Report, Afghanistan, Individuals targeted by armed ac-
tors in the conflict, Dezember 2017, S. 34 und 35 und Country Guidance,
Afghanistan, Guidance note and common analysis, Juni 2018, S. 41-43).
Auch andere Quellen berichten von gezielten Angriffen auf Mitarbeiter der
afghanischen Regierung oder internationaler Organisationen und einem
erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – insbesondere durch
die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Australian Departe-
ment of Foreign Affairs and Trade [DFAT], Country Information Report Af-
ghanistan, 18. September 2017, Ziff. 3.19 und 3.23; ACCORD, Aktuelle Si-
cherheitslage in Afghanistan und Chronologie für Kabul, 11. September
2018, Kapitel 1.2; SFH, Afghanistan, Gefährdungsprofile, 12. September
2019, S. 10 ff.).
7.2.3 Der Beschwerdeführer ist aufgrund seiner Tätigkeit als Bauingenieur
für die (...) und seiner früheren Tätigkeiten den vorstehend umschriebenen
Risikogruppen zuzurechnen. Das Bundesverwaltungsgericht kennt aller-
dings keine Kollektivverfolgung von Bauingenieuren in Afghanistan, welche
für die afghanische und die US-amerikanische Regierung sowie für inter-
nationale Organisationen tätig sind. Auch solche Personen müssen dem-
nach ihre konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft ma-
chen, auch wenn sie unbestrittenermassen einem höheren Risiko von Ver-
geltungsmassnahmen ausgesetzt sind (vgl. Urteil des BVGer E-5049/2017
vom 7. Dezember 2017 E. 5.6).
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7.2.4 Der Beschwerdeführer habe die Strecke zum Schulbauprojekt vier
bis sechs Mal zurückgelegt. Spione beim Abfahrtsort gäben die Informati-
onen über verdächtige Personen den Taliban weiter. Er sei zwar nie kon-
trolliert, aber einmal sei auf das Fahrzeug geschossen worden, in dem er
gesessen habe. Es habe aber nicht angehalten, sondern beschleunigt. Der
Vorinstanz ist zuzustimmen, wonach weder gesichert ist, dass der Angriff
den Taliban zuzuschreiben noch der Grund für den Angriff bekannt war.
Den Aussagen des Beschwerdeführers lässt sich auch nicht entnehmen,
dass die Taliban ihn als Unterstützer identifiziert haben. Es ist vorliegend
nicht von einem gezielten Angriff der Taliban gegen seine Person auszuge-
hen. Hierfür spricht ebenfalls, dass er in der Befragung diesen Angriff noch
nicht erwähnte, sondern auf Nachfrage angab, ihm sei nie etwas Konkretes
zugestossen. Daraus lässt sich schliessen, dass er selber wohl auch nicht
von einem gezielten Angriff gegen seine Person ausgeht. Von einer zielge-
richteten Verfolgung durch die Taliban vor seiner Ausreise aus Afghanistan
ist deshalb nicht auszugehen. Seine Ausführungen in der Beschwerde, wo-
nach der Angriff sehr wohl ihm persönlich gegolten haben könnte und es
realitätsfremd sei, dass jemand anders als die Taliban auf das Auto ge-
schossen hätten, vermögen dem nichts entgegenzuhalten.
Die begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung ist zu bejahen, wenn eine
beachtliche Wahrscheinlichkeit dafürspricht, dass sich die Befürchtungen
in absehbarer Zeit verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger
Verfolgung genügt nicht. Es müssen konkrete Indizien vorliegen, welche
den Eintritt als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als
realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2.5). Der Beschwerdeführer arbeitete viele Monate für Firmen mit Bezug
zur afghanischen und amerikanischen Regierung sowie zu internationalen
Organisationen und war bei zwei Projekten tätig, welche mit Reisen in un-
sichere Gebiete verbunden waren. Trotzdem wurde er von den Taliban nie
identifiziert. Es bestehen deshalb keine konkreten Hinweise darauf, dass
sich eine Verfolgung durch die Taliban bei einer allfälligen Rückkehr nach
Afghanistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft ver-
wirklichen würde. Auch sein Einwand, wonach nicht beachtlich sei, dass er
möglicherweise von den Taliban noch nicht als Mitarbeiter einer amerika-
nisch finanzierten Baufirma identifiziert worden sei und es nur Glück gewe-
sen sei, dass er bisher noch nie bei einer Personenkontrolle identifiziert
worden sei, mag daran nichts ändern. Dass er möglicherweise in Zukunft
durch die Taliban verfolgt würde, reicht für die Annahme einer begründeten
Furcht nicht aus.
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Seite 13
7.2.5 Aufgrund obiger Ausführungen ist trotz seines Risikoprofils nicht von
einer begründeten Furcht vor zukünftiger Verfolgung durch die Taliban bei
einer allfälligen Rückkehr nach Afghanistan auszugehen, weshalb die Vor-
instanz zu Recht davon ausging, dass dieses Vorbringen den Anforderun-
gen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhält.
7.3
7.3.1 Die Vorinstanz hat den vom Beschwerdeführer vorgetragenen Flucht-
grund der Verfolgung durch die Familienangehörigen seiner ehemaligen
Geliebten für nicht glaubhaft befunden.
Die Frau gehöre den Sayed an und lebe in G._. Sayed sind meist
Sunniten. Die schiitischen Sayed leben überwiegend in Bamyan in Zentral-
afghanistan (ACCORD, Anfragebeantwortung zu Afghanistan, Informatio-
nen zur Volksgruppe der Sadat [Sayed, Sayyed, Sadaat, Sayyid, Sayid,
Sayeed], 25. Oktober 2017). Es ist deshalb davon auszugehen, dass sie
schiitischen Glaubens ist. Verschiedenen Berichten lässt sich entnehmen,
dass schiitischen Frauen beispielsweise bei der Schulbildung und bei Frau-
enrechten mehr Freiheiten zugestanden werden. Die Begleitung durch ei-
nen männlichen Verwandten sei zum Schutz der Frauen und der soziale
Druck hierzu vor allem in ländlichen Gegenden und Gebieten unter Kon-
trolle der Taliban am grössten (EASO, COI Query, Situation of Hazaras and
Shias [2018-2020], 29. Juli 2020, S. 2 f.; Ministerie van Buitenlandse Zaken
[Niederlande], Country of Origin Report Afghanistan, März 2019, S. 88 ff.).
Es ist damit nicht auszuschliessen, dass sie mehr Freiheiten geniesst als
sunnitische Frauen in Afghanistan, zumal Bamyan auch nicht unter Kon-
trolle der Taliban ist (EASO, Country of Origin Information Report, Afgha-
nistan, Security Situation, September 2020, S. 102 f.). Es ist davon auszu-
gehen, dass die Vorinstanz von einem zu einseitigen Bild der Frauen in
Afghanistan ausging und die Vorbringen des Beschwerdeführers zumin-
dest im Kern seinen tatsächlichen Erlebnissen entsprechen könnten. An-
gesichts der nachstehenden Erwägungen erübrigt sich aber eine ab-
schliessende Glaubhaftigkeitsprüfung, weshalb auf die entsprechenden
Darlegungen in der Beschwerde nicht weiter einzugehen ist.
7.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist nicht an die Begründung der Vor-
instanz gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch
aus andern Überlegungen als jenen der Vorinstanz beurteilen (sog. Mo-
tivsubstitution; vgl. CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], VwVG,
Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2019,
E-4360/2019
Seite 14
N 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, S. 398, Rz. 1136).
7.3.3 Eine aussereheliche Liebesbeziehung wird gemäss afghanischem
Strafgesetz als moralisches Verbrechen («zina») bestraft. Die Betroffenen
sind jedoch auch ernsthaften Nachteilen durch nichtstaatliche Akteure wie
Familienmitglieder ausgesetzt. Die Ursache liegt in der verletzten Ehre, die
es zu sühnen gilt. Eine derartige Verfolgung knüpft in der Regel nicht an
ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv an, geht es den Tätern doch darum
ihre Ehre wieder herzustellen. Im Gegensatz zu Frauen können Männer
bei privater Gewalt in Afghanistan im Allgemeinen mit staatlichem Schutz
rechnen. Bei ihnen fehlt es demnach an einer diskriminierenden Absicht
des Staates, keinen Schutz zu gewähren. Die geltend gemachte Verfol-
gung durch Familienmitglieder seiner ehemaligen Geliebten gründet haupt-
sächlich in gesellschaftlichen und kulturellen Auffassungen, treffen den Be-
schwerdeführer aber in keiner Eigenschaft, die asylrelevant im Sinne von
Art. 3 AsylG sein könnte (politische Haltung, religiöser Glaube, Angehöriger
einer sozialen Gruppe oder Ethnie, vgl. BVGE 2014/28 E. 8.4 f.). Den Dro-
hungen ihm und seiner Familie gegenüber liegt demnach keines der in
Art. 3 AsylG genannten Motive zugrunde. Es ist vorliegend nicht, wie von
ihm geltend gemacht, davon auszugehen, dass die Verfolgung auf seine
Ethnie (Hazara) zurückzuführen ist, weil er dies weder in der Befragung
noch in den Anhörungen erwähnte und auch keine weiteren Hinweise hier-
für sprechen (Urteil des BVGer E-2742/2019 vom 14. Juni 2019 E. 6.2, E-
1457/2017 vom 26. Juni 2018 E. 7.1 f.).
7.3.4 Auch der Umstand, dass ausserehelicher Geschlechtsverkehr in Af-
ghanistan hart bestraft werden kann, begründet die Flüchtlingseigenschaft
nicht. Selbst wenn er aufgrund der Liebesbeziehung angezeigt worden
wäre – wofür sich allerdings weder aus seinen Aussagen noch aus den
Unterlagen Hinweise ergeben –, läge keine illegitime Strafverfolgung vor,
die auf ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv zurückzuführen wäre (vgl.
BVGE 2014/28 E. 8.3.1).
7.3.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass sowohl die geltend ge-
machte Verfolgung durch Familienangehörige der ehemaligen Geliebten
als auch eine allfällige strafrechtliche Verfolgung nicht auf ein asylrelevan-
tes Motiv gemäss Art. 3 AsylG zurückzuführen sind, weshalb dieses Vor-
bringen den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht standhält.
An dieser Einschätzung ändern auch die eingereichten Beweismittel
nichts.
E-4360/2019
Seite 15
7.4 Der Beschwerdeführer weist in der Beschwerdeschrift auf Schwierig-
keiten von ethnischen Hazara in Afghanistan hin. Die Diskriminierung
würde sich in Zwangsrekrutierung, Zwangsarbeit, Festnahmen, psychi-
schem Missbrauch oder illegaler Besteuerung äusseren. Hazara seien
überdurchschnittlich oft zu Opfern von gezielten Ermordungen geworden
und einem stärkeren Risiko ausgesetzt, in unsicheren Gebieten eingesetzt
zu werden als nicht Hazara-Beamte. Die Zugehörigkeit zu den Hazara stellt
für sich allein keinen Asylgrund im Sinne von Art. 3 AsylG dar (BVGer
D-1181/2017 vom 8. Januar 2019 E. 5.4 und D-4572/2016 vom 6. Dezem-
ber 2017 E. 5.4). Die für die Annahme einer Kollektivverfolgung gestellten
hohen Anforderungen (vgl. dazu ausführlich BVGE 2013/12 E. 6; BVGE
2013/11 E. 5.3.2) sind im Falle der Hazara in Afghanistan nicht erfüllt.
7.5 Eine begründete Furcht vor allfälliger Verfolgungen seitens der Taliban
besteht nicht und die Verfolgung durch Familienmitglieder der ehemaligen
Geliebten ist nicht auf ein asylrelevantes Motiv zurückzuführen. Die Vor-
instanz hat die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers damit zu
Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
9.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2).
9.3 Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Wegwei-
sungsvollzug (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind al-
ternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der Vollzug
E-4360/2019
Seite 16
als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit der be-
troffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die vorläu-
fige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4.).
10.
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
10.1 Die Vorinstanz begründet die Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs damit, dass der Beschwerdeführer die letzten 12 Jahre vor seiner
Ausreise in Kabul gelebt habe, wo er die Universität besucht, sein Studium
abgeschlossen und anschliessend gearbeitet habe. Angesichts dessen sei
davon auszugehen, dass er dort über ein Beziehungsnetz verfügen und mit
seinem universitären Abschluss eine Arbeitsstelle finden würde. Sein ho-
hes Bildungsniveau lasse auch darauf schliessen, dass er aus relativ guten
wirtschaftlichen Verhältnissen stamme. Er habe zudem in Kabul seine El-
tern und zwei Schwestern und sei somit bei der Rückkehr nicht auf sich
allein gestellt. Er habe die geltend gemachte Verfolgung durch Familienan-
gehörige der ehemaligen Geliebten nicht glaubhaft machen können, wes-
halb es auch nicht glaubhaft sei, dass seine Eltern in den Iran gezogen
seien. In der Beschwerde vom 10. Mai 2019 werde zwar bezüglich seines
Gesundheitszustandes angeführt, er leide an psychischen Problemen und
würde einen detaillierten Arztbericht nachreichen. Dem Urteil des Bundes-
verwaltungsgerichts (Urteil E-2247/2019 vom 19. Juni 2019) könne jedoch
nicht entnommen werden, dass ein solcher eingereicht worden sei, so dass
die Vorinstanz davon ausgehen könne, dass sein Gesundheitszustand ei-
nem Wegweisungsvollzug nicht entgegenstehe. Insgesamt seien damit die
Voraussetzungen gegeben, dass er sich in Kabul eine wirtschaftliche Exis-
tenz aufbauen könne. Es beständen damit besonders begünstigende Um-
stände, so dass gemäss Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 ausnahmsweise von der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs nach Kabul ausgegangen werden könne, wes-
halb sich der Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan als zulässig, zu-
mutbar und möglich erweise.
E-4360/2019
Seite 17
10.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Referenzurteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 eine aktuelle Lageeinschätzung zu Afghanistan, ins-
besondere zu Kabul, vorgenommen. Das Gericht stellte eine deutliche Ver-
schlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bun-
desverwaltungsgerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) über alle Regionen
hinweg fest. Es kam zum Schluss, dass in weiten Teilen von Afghanistan
unverändert eine derart schlechte Sicherheitslage und derart schwierige
humanitäre Bedingungen bestehen würden, dass die Situation als exis-
tenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren und somit
der Wegweisungsvollzug nach wie vor als unzumutbar zu beurteilen sei.
Die Sicherheitslage und die allgemeine humanitäre Situation in Kabul seien
aus verschiedenen Gründen differenziert und gesondert zu analysieren. Im
heutigen Zeitpunkt würden sich sowohl die Sicherheitslage, welche als
volatil und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen sei, als
auch die humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7
beschriebenen Situation klar verschlechtert darstellen. Die Lage in Kabul
sei daher grundsätzlich als existenzbedrohend und demnach unzumutbar
gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG zu beurteilen. Von dieser Regel könne abgewi-
chen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen würden,
aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausge-
gangen werden könne (vgl. Referenzurteil D-5800/2016 E. 8.2 ff.). Solche
günstigen Voraussetzungen könnten namentlich dann gegeben sein, wenn
es sich bei der rückkehrenden Person um einen jungen, gesunden Mann
handle. Unabdingbar sei in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im Hin-
blick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden als
tragfähig erweise. Dieses soziale Netz müsse dem Rückkehrenden insbe-
sondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur
sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Allein aufgrund
von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitgliedern der
Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fortkommen so-
wie die Unterbringung ungeklärt seien, sei nicht von einem tragfähigen so-
zialen Beziehungsnetz auszugehen. Es liege in der Natur der Sache, dass
bei Personen, bei welchen Kabul lediglich eine Aufenthaltsalternative dar-
stelle und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt haben, eine Bejahung
eines solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grösserer Zurückhaltung
bedürfe. Ebenso sei entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die
rückkehrende Person verfüge beziehungsweise inwiefern eine wirtschaftli-
che Wiedereingliederung mit einer bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit
dem Beziehungsnetz begünstigt werden könne. Angesichts der festgestell-
ten Verschlechterung der Lage in Kabul verstehe es sich von selbst, dass
das Vorliegen dieser strengen Anforderungen in jedem Einzelfall sorgfältig
E-4360/2019
Seite 18
geprüft werde und diese erfüllt sein müssen, um einen Wegweisungsvoll-
zug nach Kabul als zumutbar zu betrachten (vgl. Referenzurteil
D-5800/2016 E. 8.4.1).
10.3 Wie in Erwägung 7.3.1 erwähnt, könnte die geltend gemachte Liebes-
beziehung und die daraus folgende Verfolgung durch die Angehörigen der
ehemaligen Geliebten zumindest im Kern tatsächlichen Erlebnissen ent-
sprechen. Entgegen der vorinstanzlichen Auffassung ist deshalb fraglich,
ob der Wegzug der Eltern des Beschwerdeführers in den Iran unglaubhaft
ist. Auf Beschwerdestufe reichte er einen Mietvertrag in Kopie für eine
Wohnung im Iran und Fotos von seinen Eltern im Iran als Beweismittel ein,
zu welchen sich die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung nicht äusserte. Ein
Mietvertrag in Kopie ist zwar nicht fälschungssicher und auch ist nicht ge-
sichert, dass es sich auf den Fotos tatsächlich um seine Eltern handelt.
Anhand der Akten kann aber nicht abschliessend beurteilt werden, ob die
Eltern tatsächlich aus Kabul weggezogen sind oder nicht. Jedoch unter-
mauern die eingereichten Beweismittel zu einem gewissen Grad seine
Aussagen. Auch der Umstand, dass die Eltern schon früher lange im Iran
gelebt haben, lässt die Rückkehr in den Iran zumindest nicht abwegig er-
scheinen. Ob seine zwei Schwestern, die verheiratet sind und bei deren
Ehemännern leben sowie das weitere Beziehungsnetz, welches er gemäss
Vorinstanz wohl aufweise, ein genügend tragfähiges soziales Beziehungs-
netz im Sinne des Referenzurteils darstellen, ist fraglich. Weder sind seine
früheren Wohnverhältnisse und die seiner Eltern vor seiner Ausreise aus
Afghanistan bekannt noch die seiner Schwestern. Auch ist nicht geklärt,
wie sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familien der Schwestern dar-
stellen. Diese Abklärungen wären jedoch gemäss Referenzurteil für die Be-
jahung eines tragfähigen sozialen Beziehungsnetzes unabdingbar. Indem
weder in der Befragung vom 18. August 2016 noch in den Anhörungen vom
25. August 2017 und vom 7. November 2017 abgeklärt wurde, ob weitere
Verwandte und Bekannte in Kabul leben würden, kann das weitere Bezie-
hungsnetz nicht beurteilt werden. Ein mutmasslich vor der Ausreise be-
standenes soziales Netz von Freunden und Bekannten genügt für das Vor-
liegen besonders begünstigender Faktoren jedenfalls nicht. Es erscheint
deshalb fraglich, ob er gegenwärtig über ein Beziehungsnetz in Kabul ver-
fügt, welches ihn sowohl im Hinblick auf eine gesicherte Wohnsituation und
die Grundversorgung als auch in seinem wirtschaftlichen Fortkommen un-
terstützen könnte (Referenzurteil D-5800/2016 E. 8.4.1).
E-4360/2019
Seite 19
Hinzu kommt, dass beim Beschwerdeführer gemäss auf Beschwerdestufe
eingereichten psychotherapeutischen Berichts vom 21. Juli 2019 eine post-
traumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde und er sowohl medi-
kamentös als auch therapeutisch behandelt werde. Er befinde sich nach
wie vor in einer instabilen Phase. Schutz aufbauen und Abstand zu den
schweren traumatisierenden Belastungen zu bekommen sowie Bewälti-
gungsstrategien zu gewinnen seien notwendige Massnahmen, um eine
Stabilisierung seines Zustandes zu erreichen. Ein Ende der psychothera-
peutischen Begleitung sei nicht absehbar. Eine Rückführung nach Afgha-
nistan sei aufgrund seines psychischen Zustandsbildes auf keinen Fall zu-
mutbar. Sein psychischer Zustand würde sich verschlechtern und seine
Beschwerden würden sich verschlimmern. Auch diesbezüglich sah sich die
Vorinstanz nicht dazu veranlasst, sich auf Vernehmlassungsstufe zu äus-
sern.
Eine psychiatrische Behandlung ist in Kabul nicht völlig unmöglich, jedoch
sind dem Bundesverwaltungsgericht Quellen bekannt, wonach die medizi-
nische Versorgung in allen Bereichen und vor allem der Zugang zu psychi-
atrischen Behandlungen und zu Psychotherapie in ganz Afghanistan, na-
mentlich auch in Kabul, nur in äusserst unzureichendem Masse möglich
sei. Es gebe in Afghanistan nur eine einzige öffentliche psychiatrische Kli-
nik in Kabul und drei ausgebildete Psychiater und zehn Psychologen hät-
ten mehr als 30 Millionen Menschen zu betreuen (vgl. Referenzurteil
D-5800/2016 E. 7.5.3 und 8.3.2; vgl. EASO, Afghanistan, Sozioökonomi-
sche Schlüsselindikatoren, Mit Schwerpunkt auf den Städten Kabul, Ma-
zar-e Sharif und Herat, August 2020, S. 64 ff.). In einem Bericht der SFH
wird zwar festgehalten, dass private Einrichtungen in Kabul ebenfalls psy-
chiatrische und psychotherapeutische Behandlungen anbieten würden, die
Kosten müssten aber vollständig von den Patienten übernommen werden
(vgl. SFH, Afghanistan: Psychiatrische und psychotherapeutische Behand-
lung, 5. April 2017, S. 8 f.). Für die Annahme der Vorinstanz, wonach das
hohe Bildungsniveau des Beschwerdeführers dafürspreche, dass er aus
relativ guten wirtschaftlichen Verhältnissen stammen würde, gibt es in den
Akten keine Hinweise. Er erwähnte, sein Vater sei in Afghanistan als Tage-
löhner Gelegenheitsarbeiten nachgegangen und er habe sich das Studium
mit Nebenjobs sowie seine Ausreise selber finanziert. Die weiteren Le-
bensumstände der Eltern in Kabul lassen sich den Akten nicht entnehmen.
Die Arbeitslosenquote in Kabul ist hoch. Seine gesundheitlichen Probleme
dürften seine soziale und wirtschaftliche Wiedereingliederung zweifellos
erheblich erschweren. Hinzu kommt, dass er sein Land vor mehr als vier-
E-4360/2019
Seite 20
einhalb Jahren verliess, was zu einer Lücke in seinem sozialen und wirt-
schaftlichen Entwicklungsprozess in Afghanistan geführt haben dürfte. Hie-
ran ändern auch seine gute Ausbildung und seine Arbeitserfahrung nichts.
Dass er der Minderheit der Hazara angehört, dürfte sich ebenfalls nicht als
begünstigend erweisen. Vor diesem Hintergrund ist völlig ungewiss, ob er
bei einer Rückkehr nach Afghanistan Zugang zu medizinischer Behand-
lung erhalten und ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz auffinden
würde.
10.4 Das Gericht ist mit dem Beschwerdeführer einig, dass in Anbetracht
der strengen Anforderungen keine besonders begünstigenden Faktoren
vorliegen, die es erlauben würden, von der Regel der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs nach Kabul abzuweichen. Dem Beschwerdeführer
wäre der Aufbau einer menschenwürdigen Existenz in seinem Heimatstaat
wahrscheinlich nicht möglich und eine erzwungene Rückkehr würde ihn
somit im jetzigen Zeitpunkt in eine Situation bringen, die ihn mit erheblicher
Wahrscheinlichkeit einer konkreten Gefährdung im Sinne des Gesetzes
(Art. 83 ABs. 4 AIG) aussetzen würde. Der Vollzug der Wegweisung erweist
sich deshalb als unzumutbar und die angefochtene Verfügung in diesem
Punkt als bundesrechtswidrig.
10.5 Ferner liegen gemäss Akten keine Umstände im Sinne von Art. 83
Abs. 7 AIG vor, welche einer vorläufigen Aufnahme entgegenstehen wür-
den. Somit sind die Voraussetzungen für die Gewährung der vorläufigen
Aufnahme erfüllt.
11.
Die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen. Betreffend die Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl gestützt auf Art. 3
AsylG ist die Beschwerde abzuweisen. Der Eventualantrag auf Erteilung
der vorläufigen Aufnahme in der Schweiz ist gutzuheissen. Die Dispositiv-
ziffern 4 und 5 (Anordnung des Wegweisungsvollzugs) der Verfügung vom
19. Juli 2019 sind aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, den Be-
schwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der
Schweiz vorläufig aufzunehmen.
Aufgrund der alternativen Natur der Vollzugshindernisse erübrigt es sich
bei dieser Sachlage, auf den in der Beschwerde erhobenen weiteren Even-
tualantrag, es sei die Unzulässigkeit des Vollzuges der Wegweisung fest-
zustellen, einzugehen.
E-4360/2019
Seite 21
12.
12.1 Bei diesem Verfahrensausgang ist von einem Obsiegen des Be-
schwerdeführers zur Hälfte auszugehen, womit der Beschwerdeführer die
Verfahrenskosten zur Hälfte zu tragen hätte (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit
Zwischenverfügung vom 2. September 2019 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen. Es sind somit
keine Verfahrenskosten zu erheben, zumal den Akten nicht zu entnehmen
ist, dass der Beschwerdeführer nicht mehr bedürftig wäre.
12.2 Obsiegende oder teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf
eine Parteientschädigung für die notwendigerweise erwachsenen Partei-
kosten (Art. 64 VwVG; und Art. 7–13 VGKE). Dem Beschwerdeführer ist im
Rahmen seines Obsiegens zur Hälfte eine Parteientschädigung zuzuspre-
chen. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat eine Honorarnote
in der Höhe von (gerundet) Fr. 3'475. eingereicht. Es ist ein Aufwand von
insgesamt 12 Stunden und 20 Minuten zu einem Stundenansatz von
Fr. 250. sowie Auslagen von Fr. 142.40. ausgewiesen. Der geltend ge-
machte Aufwand sowie die Auslagen erscheinen angemessen. Der ausge-
wiesene Stundenansatz bewegt sich zudem im Rahmen von Art. 10 Abs. 2
VGKE. Dem Beschwerdeführer ist demnach zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung von (gerundet) Fr. 1'738.– (inkl. hälftige Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen.
12.3 Mit Zwischenverfügung vom 2. September 2019 wurde das Gesuch
um Gewährung der amtlichen Verbeiständung (aArt. 110a Abs. 1 AsylG)
gutgeheissen und seine Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin
eingesetzt. Diese hat, soweit der Beschwerdeführer im Verfahren unterle-
gen ist, Anspruch auf Übernahme der notwendigerweise erwachsenen Ver-
tretungskosten durch das Bundesverwaltungsgericht (vgl. Art. 8–14
VGKE). Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung in
der Regel von einem Stundenansatz zwischen Fr. 200.– bis Fr. 220.– für
Anwältinnen und Anwälte aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wes-
halb das Stundenhonorar vorliegend auf Fr. 220.– zu reduzieren ist. Dem-
zufolge ist der amtlichen Rechtsbeiständin der weitere Aufwand zulasten
der Gerichtskasse als amtliches Honorar in der Höhe von (gerundet)
Fr. 1’538.–. (inkl. hälftige Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) auszu-
richten.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 22