Decision ID: 03ea9cfa-c819-43af-b1bb-016c16c5f5f6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 9. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Auf dem Personalienblatt – mit dem Vermerk «Nicht selbstständig
ausgefüllt» versehen – wurde als Geburtstag und -monat «(...)» eingetra-
gen; die nur schwer leserliche Jahreszahl gemäss afghanischem Kalender
«(...)» wurde in Klammern mit der Jahreszahl (...) gemäss gregoriani-
schem Kalender ergänzt.
B.
Ein Vergleich der Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass
der Beschwerdeführer am 26. Mai 2022 in Italien aufgegriffen und daktylo-
skopisch erfasst worden war.
C.
Am 14. Juni 2022 mandatierte der Beschwerdeführer die ihm zugewiesene
Rechtsvertretung.
D.
Anlässlich der Erstbefragung als unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchen-
der (EB UMA) vom 30. Juni 2022 gab der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen zu Protokoll, er sei afghanischer Staatsangehöriger (...) Ethnie und
stamme aus dem Dorf B._ in der Provinz C._. Er habe das
Personalienblatt selbst ausfüllen wollen, aber die Securitas habe gemeint,
dass er dies nicht gut könne und einen anderen Jungen gerufen, welcher
das Formular dann ausgefüllt habe. Sein Alter könne er nicht nennen, aber
er wisse, dass er am (...) ([...]) geboren sei. Er kenne das Datum von sei-
nem Impfausweis her. Sein Vater habe ihm dieses Dokument gezeigt, als
er am (...) ([...] Mai 2022) vom D._ aus habe weiterreisen wollen.
Sein Vater habe ihm gesagt, dass er für die Weiterreise eigentlich zu jung
sei, ihn dann aber doch gehen lassen. Der Vater habe damals ausgerech-
net, wie alt er sei, und ihm gesagt, dass er ungefähr (...) Jahre und ein paar
Monate alt sei. Vielleicht sei diese Angabe aber auch falsch gewesen. Als
er 5-jährig gewesen sei, sei ihm im Hinblick auf die Schulanmeldung eine
Tazkira ausgestellt worden. Ihm sei damals ein Abdruck vom Daumen ge-
nommen worden. Weil seine Mutter kurz darauf schwer an (...) erkrankt sei
und einen (...) erlitten habe, und die Ärzte gesagt hätten, dass sie nicht
allein sein dürfe, sei er dann aber nicht zur Schule gegangen, sondern zu-
hause geblieben. Die Mutter sei drei bis vier Jahre lang krank gewesen und
er habe sie gepflegt. Sein Vater habe ihm in dieser Zeit Lesen und Schrei-
ben beigebracht, er könne es aber nicht gut. Als die Mutter schliesslich ein
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(...) bekommen habe, sei es ihr etwas bessergegangen, und er hätte end-
lich zur Schule gehen können. Er sei damals etwa 8 bis 10 Jahre alt gewe-
sen. Die Schule sei der Bitte seines Vaters, ihn nicht in die erste, sondern
direkt in die vierte oder fünfte Klasse aufzunehmen, aber nicht nachgekom-
men, sondern habe auf einer Zuteilung in die erste Klasse bestanden. Dies
habe er nicht gewollt und er sei deshalb weiterhin nicht zur Schule gegan-
gen. Sein Vater habe für die (...) gearbeitet und sei deswegen von den
Taliban bedroht worden. Ein (Verwandter) sei bei der (...) gewesen und ein
anderer (Verwandter) habe für die (...) gearbeitet. Als die Taliban das Land
am 24.5.1400 (15. August 2021) eingenommen hätten, sei er mit seiner
Familie noch in derselben Nacht illegal in den D._ ausgereist. Dort
habe er sechs bis sieben Monate lang auf dem (...) gearbeitet. Am (...)
([...] Mai 2022) habe er den D._ verlassen und sei über die
E._ und Italien in die Schweiz gelangt. In Italien seien ihm die Fin-
gerabdrücke genommen worden Er habe den italienischen Behörden ge-
genüber gesagt, dass er am (...) geboren sei. Er habe fünf Tage in einem
Camp verbracht und, nachdem er gesagt habe, dass er weiterreisen wolle,
einen Zettel erhalten, wonach er das Land innerhalb von sieben bis acht
Tagen verlassen müsse, ansonsten er inhaftiert würde. Nach mehreren er-
folglosen Versuchen sei ihm schliesslich am 9. Juni 2022 die Einreise in
die Schweiz gelungen. Seine Eltern und seine (...) jüngeren Geschwister
seien nach wie vor im D._.
Der Beschwerdeführer reichte Kopien der Tazkira und des Impfausweises
zu den Akten.
Am Ende der Befragung wurde ihm mitgeteilt, dass Zweifel an der von ihm
geltend gemachten Minderjährigkeit bestehen würden, und er zu einer me-
dizinischen Altersabklärung geschickt werde.
E.
Am (...) Juli 2022 wurde im F._ eine rechtsmedizinische Untersu-
chung des Beschwerdeführers durchgeführt und am (...) Juli 2022 ein ent-
sprechendes Gutachten erstellt. Demzufolge konnten die Schlüsselbeine
wegen einer anatomischen Gegebenheit nicht für die Altersdiagnostik her-
angezogen werden. Basierend auf der Untersuchung der Hand wurde ein
Mindestalter des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Untersuchung von
(...) Jahren angegeben. In einer Gesamtschau wurde gestützt auf die Un-
tersuchungen von Hand und Weisheitszähnen ein Mindestalter von
(...) Jahren und ein durchschnittliches Lebensalter von (...) bis (...) Jahren
festgestellt.
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F.
F.a Mit Schreiben vom 3. August 2022 stellte das SEM dem Beschwerde-
führer das Altersgutachten in anonymisierter Form zu und es teilte ihm mit,
dass es die geltend gemachte Minderjährigkeit als nicht glaubhaft erachte
und davon ausgehe, dass er bereits volljährig sei. Es gewährte ihm das
rechtliche Gehör zum medizinischen Abklärungsergebnis und zur beab-
sichtigten Volljährigkeitserklärung sowie zur allfälligen Zuständigkeit Itali-
ens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens und zur
möglichen Wegweisung dorthin.
F.b Der Beschwerdeführer nahm mit Eingabe vom 8. August 2022 Stel-
lung.
F.c Am 9. August 2022 änderte das SEM das Geburtsdatum des Be-
schwerdeführers mittels Mutationsformular für Personendaten im Zentra-
len Migrationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (...). Es versah den
Eintrag mit einem Bestreitungsvermerk. Gleichentags übermittelte es der
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers das besagte Mutationsformular
per E-Mail.
F.d Mit Schreiben vom 18. August 2022 stellte das SEM dem Beschwer-
deführer in Aussicht, die Altersanpassung im ZEMIS – je nach Verlauf des
Verfahrens – im Rahmen eines Dublin-Entscheids oder eines Entscheids
im beschleunigten nationalen Verfahren oder anlässlich der Zuteilung ins
erweiterte Verfahren oder im Rahmen eines separaten ZEMIS-Berichti-
gungsverfahrens zu verfügen.
G.
Mit Eingabe vom 18. August 2022 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde betreffend Datenänderung im ZEMIS.
Er beantragte, dass die «Verfügung des SEM vom 9. August 2022» aufzu-
heben und der (...), eventualiter (...) als Geburtsdatum zu erfassen sei.
Eventualiter ersuchte er um Rückweisung der Sache an das SEM zwecks
rechtsgenüglicher Begründung sowie richtiger und vollständiger Sachver-
haltsfeststellung, subeventualiter um Feststellung, dass betreffend Daten-
änderung im ZEMIS eine Rechtsverzögerung vorliege, sowie um Anwei-
sung des SEM, eine beschwerdefähige Verfügung betreffend der Datenän-
derung zu erlassen, subsubeventualiter um Aufhebung der «Zwischenver-
fügung des SEM vom 18. August 2022» und um Anweisung des SEM, den
(...) beziehungsweise (...) als Geburtsdatum im ZEMIS zu erfassen.
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Dieses Beschwerdeverfahren (D-3565/2022) ist hängig.
H.
Am 11. August 2022 ersuchte das SEM die italienischen Behörden – unter
Beilage des rechtsmedizinischen Gutachtens vom (...) Juli 2022 und der
vom Beschwerdeführer eingereichten Kopie der Tazkira – um Übernahme
des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO).
Die italienischen Behörden nahmen innerhalb der vorgesehenen Frist
keine Stellung zum Übernahmeersuchen.
I.
Mit Eingabe vom 9. September 2022 reichte der Beschwerdeführer die Ori-
ginale der Tazkira und des Impfausweises bei der Vorinstanz ein.
J.
Mit Verfügung vom 17. November 2022, eröffnet am 21. November 2022,
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch nicht ein. Es ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
in den zuständigen Dublin-Staat (Italien) an, forderte den Beschwerdefüh-
rer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen,
und beauftragte den Kanton G._ mit dem Vollzug der Wegweisung.
Des Weiteren händigte es dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis aus, hielt fest, dass das Geburtsdatum
des Beschwerdeführers im ZEMIS auf den (...) laute, und stellte fest, dass
einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende
Wirkung zukomme.
Für die Begründung wird auf die Ausführungen der Vorinstanz in der Ver-
fügung verwiesen.
K.
Mit Eingabe vom 28. November 2022 erhob der Beschwerdeführer durch
den rubrizierten Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde. Er ersuchte um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung vom
17. November 2022 und um Anweisung an das SEM, auf das Asylgesuch
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einzutreten, eventualiter um Rückweisung der Sache zwecks Neubeurtei-
lung. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Zudem beantragte er die Aussetzung des Vollzugs der
Wegweisung und die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde.
Betreffend die ZEMIS-Eintragung ersuchte er um Anweisung an das SEM,
das Geburtsdatum auf den (...) eventualiter (...) anzupassen.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren wird – soweit für den Entscheid
wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
L.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
30. November 2022 in elektronischer Form vor. Gleichentags setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Überstellung im Sinne einer vorsorgli-
chen Massnahme einstweilen aus.
M.
Betreffend das Beschwerdebegehren um Datenänderung im ZEMIS (Be-
schwerdeantrag um Anpassung des Geburtsdatums des Beschwerdefüh-
rers im ZEMIS auf den [...] eventualiter [...]) wurde ein separates Be-
schwerdeverfahren (D-5567/2022) eröffnet.
N.
Im vorliegenden Verfahren erteilte die Instruktionsrichterin der Beschwerde
mit Zwischenverfügung vom 5. Dezember 2022 die aufschiebende Wir-
kung und stellte fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfah-
rens in der Schweiz abwarten dürfe. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
– in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen
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Verfügungen (Art. 5 AsylG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1,
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines so-
genannten Aufnahmeverfahrens nach Art. 21 und 22 Dublin-III-VO (engl.:
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take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kri-
terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu-
ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es
ist dabei von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen, in dem
der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat
(Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3 Im Fall einer unbegleiteten minderjährigen Person ohne familiäre An-
knüpfungspunkte zu einem anderen Mitgliedstaat ist gemäss Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO stets derjenige Mitgliedstaat zuständig, in welchem die be-
treffende Person ihren (aktuellen) Antrag auf internationalen Schutz ge-
stellt hat. Als minderjährig gilt ein Drittstaatsangehöriger unter 18 Jahren
(Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO; Art. 1a Bst. d der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 [AsylV 1, SR 142.311]).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer vertritt die Auffassung, die Schweiz sei gemäss
Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO für die Prüfung seines Asylgesuchs zuständig,
weil er minderjährig sei.
4.2 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Per-
son zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine
Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, welche für oder gegen die Richtigkeit
der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen. Dabei ist insbe-
sondere an für echt befundene Identitätspapiere oder an eigene Angaben
zu denken (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3; Urteil des
BVGer E-891/2017 vom 8. August 2018 E. 4.2.3 m.w.H.). Es gilt der Grund-
satz der freien Beweiswürdigung (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1). Das Resultat
eines Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der Beurteilung der Frage
der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Minderjährigkeit dar (vgl.
BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.).
4.3 Das SEM erachtete die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Min-
derjährigkeit in der angefochtenen Verfügung als nicht glaubhaft. Es führte
dazu im Wesentlichen an, der Beschwerdeführer habe sein Alter nicht mit
rechtsgenüglichen Identitätsdokumenten belegt. Dem rechtsmedizinischen
Gutachten vom (...) Juli 2022 würde sich angesichts fehlender Schlüssel-
bein- respektive Skelettanalyse keine relevante Aussage darüber entneh-
men lassen, ob beim Beschwerdeführer eine Voll- oder Minderjährigkeit
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wahrscheinlicher sei. Der Tazkira und dem Impfausweis komme nur ge-
ringe Beweiskraft zu. Eine Tazkira sei leicht käuflich erwerbbar und die Be-
hörden würden solche Dokumente auch einfach aufgrund geltend gemach-
ter Angaben ausstellen, ohne solche näher zu überprüfen. Insbesondere
das Geburtsdatum oder das Alter werde in der Regel nur durch Personen
bezeugt und nicht durch Geburtsdokumente belegt. Die eingereichte
Tazkira enthalte keine Sicherheitsmerkmale und es sei aufgrund des Kin-
derfotos auch nicht feststellbar, ob es sich dabei um den Beschwerdeführer
handle. Eine Impfkarte werde nicht zum Nachweis der Identität einer Per-
son ausgestellt. Das vorliegende Dokument verfüge auch über keine Si-
cherheitsmerkmale oder eine Fotografie des Inhabers. Mit seinen Aussa-
gen vermöge der Beschwerdeführer die Minderjährigkeit nicht glaubhaft
darzulegen. Die Angaben zu seinem Alter seien widersprüchlich und es
vermöge nicht zu überzeugen, dass sich der Vater verrechnet beziehungs-
weise um ein Jahr geirrt haben könnte, als er das Alter des Beschwerde-
führers bei dessen Ausreise aus dem D._ berechnet habe. Es sei
anzunehmen, dass der Impfausweis, der ein genaues Geburtsdatum
nenne, dem Vater bekannt gewesen sein dürfte. Im Übrigen mute es be-
fremdlich an, dass die afghanischen Behörden auf der Tazkira nicht das
exakte Geburtsdatum, sondern nur das ungefähre Alter des Beschwerde-
führers eingetragen hätten ([...]-jährig im Jahr [...]), obwohl der Impfaus-
weis das Geburtsdatum nenne. Die Angaben des Beschwerdeführers zu
seinem Alter, als er schliesslich hätte eingeschult werden sollen (8 bis 10-
jährig), und zum Alter seiner Geschwister (jünger als er) seien vage. Ge-
rade für junge Leute sei aber das eigene Alter in der Regel sehr wichtig.
Schliesslich sehe der Beschwerdeführer reif aus und lege ein reifes Ver-
halten an den Tag. Er sei deshalb als volljährig zu betrachten.
4.4 Der Beschwerdeführer entgegnete in Bezug auf sein Alter in der
Rechtsmitteleingabe im Wesentlichen, es sei im afghanischen Kontext für
im ländlichen Gebiet aufgewachsene Jugendliche wie ihn, der in einem
Dorf gelebt habe und nie zur Schule gegangen sei, durchaus üblich, das
Alter nicht mit Sicherheit angeben zu können und dieses im Verlauf des
Lebens von Drittpersonen zu erfahren. Sein Impfausweis belege das Ge-
burtsjahr (...) und auch seine Tazkira sei aufgrund des Eintrags, wonach er
im Jahr (...) (...)-jährig gewesen sei, ein Indiz dafür, dass er im Jahr (...)
geboren sei. Diese beiden Dokumente würden mit seinen Angaben über-
einstimmen und seien als starke Indizien für das genannte Geburtsdatum
vom (...) zu werten. Es entspreche nicht der gängigen Praxis der afghani-
schen Behörden, auf der Tazkira ein exaktes Geburtsdatum einzutragen.
Das Altersgutachten sei nicht schlüssig. Das erhobene Mindestalter von
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(...) Jahren stehe jedenfalls nicht in Widerspruch zu seinen Altersangaben.
Das Gutachten sei daher kein Indiz dafür, dass er bereits volljährig sei,
sondern spreche vielmehr ebenfalls für das von ihm angegebene Geburts-
jahr (...). Schliesslich sei er auch in Italien als minderjährig erfasst worden.
Die Beurteilung seines Aussehens sei subjektiver Natur. Sollten trotz der
genannten Indizien Zweifel an seiner Minderjährigkeit bestehen, beantrage
er die Durchführung weiterer Abklärungen (beispielsweise Informationser-
suchen an Italien bezüglich des dort erfassten Geburtsdatums oder Einho-
lung einer sozialpädagogischen Einschätzung).
4.5 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass der vorinstanzlichen Einschätzung, wonach die vom Be-
schwerdeführer geltend gemachte Minderjährigkeit nicht glaubhaft und er
als volljährig zu erachten sei, nicht gefolgt werden kann.
4.5.1 Der Beschwerdeführer hat als Beweismittel die Tazkira und den Impf-
ausweis (jeweils im Original) eingereicht. Diesbezüglich ist festzustellen,
dass ein Impfausweis kein rechtsgenügliches Identitätspapier darstellt und
eine afghanische Tazkira nicht als fälschungssicher gilt, weshalb ihnen ge-
mäss geltender Rechtsprechung auch bei Vorlage im Original nur ein ver-
minderter Beweiswert zukommt. Die vorliegenden Dokumente vermögen
folglich das effektive Geburtsdatum respektive das Alter des Beschwerde-
führers nicht zweifelsfrei zu beweisen. Nachdem aber beide Dokumente
inhaltlich mit der Angabe des Beschwerdeführers, im Jahr (...) geboren zu
sein, in Einklang stehen (vgl. im Impfausweis eingetragenes Geburtsdatum
vom (...) [(...)]; in der Tazkira vermerkte Altersangabe: (...)-jährig im Lauf
des Jahres (...) [gemäss gregorianischem Kalender die Zeitspanne vom
(...) bis (...) umfassend]), sprechen sie nicht gegen die Glaubwürdigkeit
des Beschwerdeführers und sind durchaus zumindest als Indizien für die
geltend gemachte Minderjährigkeit im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in
der Schweiz zu erachten.
4.5.2 Liegen keine schlüssigen Identitätsdokumente vor, fallen mit Blick auf
die Altersfeststellung als Beweismittel sodann wissenschaftliche Abklä-
rungsergebnisse in Betracht (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.1). Bei medizi-
nischen Altersabklärungen sind gemäss dem Grundsatzurteil des Bundes-
verwaltungsgerichts BVGE 2018 VI/3 von den in der Schweiz angewand-
ten Methoden nur die Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse und
die zahnärztliche Untersuchung – nicht jedoch die Handknochenaltersana-
lyse und die ärztliche körperliche Untersuchung – zum Beweis der Minder-
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beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet, und anhand der me-
dizinischen Altersabklärung lässt sich keine verlässliche Aussage zur Min-
der- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Min-
destalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein- res-
pektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebenda E. 4.2.1 f.).
Vorliegend ergibt sich aus dem am (...) Juli 2022 erstellten rechtsmedizini-
schen Gutachten, dass beim Beschwerdeführer aufgrund einer anatomi-
schen Gegebenheit keine Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse
durchgeführt werden konnte. Das in der Gesamtschau festgehaltene Min-
destalter des Beschwerdeführers von (...) Jahren gründet auf der Hand-
knochenaltersanalyse, die ein Mindestalter von (...) Jahren ergab, und der
zahnärztlichen Untersuchung. Das SEM hat in seiner Verfügung vom
17. November 2022 denn auch selbst festgestellt, dass das Gutachten vom
(...) Juli 2022 keine relevanten Aussagen zur Minder- beziehungsweise
Volljährigkeit des Beschwerdeführers enthält. Es erübrigt sich damit vorlie-
gend, auf die in der Rechtsmitteleingabe im Zusammenhang mit dem be-
sagten Gutachten gemachten Ausführungen näher einzugehen. Gestützt
auf das Gutachten lässt sich nicht auf die Volljährigkeit des Beschwerde-
führers schliessen. Das Altersgutachten vermag mithin kein Indiz für die
Volljährigkeit darzustellen.
4.5.3 Anderweitige Anhaltspunkte, die aufgrund ihrer Beweiskraft geeignet
wären, gegen die geltend gemachte Minderjährigkeit des Beschwerdefüh-
rers im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung zu sprechen, sind den Akten nicht
zu entnehmen. Zwar ist der Vorinstanz zuzustimmen, dass sich der Be-
schwerdeführer in Bezug auf die Angaben zu seinem Alter bei der EB UMA
vom 30. Juni 2022 eine Ungereimtheit vorwerfen lassen muss, nachdem
das von ihm genannte Geburtsdatum vom (...) ([...]) nicht in Einklang mit
dem Alter steht, in dem er laut seinem Vater im Zeitpunkt der Ausreise aus
dem D._ Mitte Mai 2022 gewesen sei (ungefähr [...] Jahre und ei-
nige Monate), sondern um etwa ein Jahr divergiert. Demgegenüber weisen
die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Lebenslauf aber keine
wesentlichen Widersprüche auf und erscheinen grundsätzlich plausibel. Er
vermag den Zweck der Tazkira-Ausstellung (geplante Schulanmeldung)
und den Grund für den nicht erfolgten Schulbesuch grundsätzlich nachvoll-
ziehbar darzulegen und den Anlass für die Ausreise aus Afghanistan
(Machtübernahme der Taliban) zeitlich korrekt einzuordnen. Auch wenn die
Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter bei der EB UMA somit
zwar nicht völlig schlüssig sind, kann aus diesen aus Sicht des Gerichts
nicht auf die Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Minderjährigkeit ge-
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Seite 12
schlossen werden. Zu seinem Geburtsdatum liegen seitens des Beschwer-
deführers keine unterschiedlichen Angaben vor. Im Übrigen steht vorlie-
gend nicht die Frage des effektiven Geburtsdatums des Beschwerdefüh-
rers im Zentrum, sondern die Frage, ob dessen Minderjährigkeit als glaub-
haft zu erachten ist. Unter Berücksichtigung, dass im vorliegenden Länder-
kontext fehlendes (exaktes) Wissen betreffend das eigene Alter grundsätz-
lich nicht unüblich ist, erscheinen die Aussagen des Beschwerdeführers zu
seinem Alter insgesamt doch relativ stimmig ([...]- bis ]...]-jährig im Zeit-
punkt der Asylgesuchstellung). Inwiefern der Umstand, dass der Be-
schwerdeführer das Alter der jüngeren Geschwister nicht exakt genannt
habe, ein Indiz sein soll, das gegen seine Minderjährigkeit respektive für
seine Volljährigkeit sprechen würde, erschliesst sich dem Gericht nicht.
4.5.4 In einer Gesamtschau gelangt das Bundesverwaltungsgericht dem-
nach zum Schluss, dass der Beschwerdeführer die Minderjährigkeit im
Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in einem für die Glaubhaftmachung ge-
nügenden Mass darzulegen vermag. Die Vorinstanz ist damit zu Unrecht
von der Volljährigkeit im betreffenden Zeitpunkt ausgegangen. Der Be-
schwerdeführer kann sich folglich auf die spezifischen Schutzbestimmun-
gen der Dublin-III-VO für unbegleitete Minderjährige (Art. 8 Abs. 4 Dublin-
III-VO) berufen.
4.6 Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass die Schweiz aufgrund
der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dub-
lin-III-VO zur Durchführung eines nationalen Asylverfahrens zuständig ist.
5.
Aufgrund des Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Der Nichteintre-
tensentscheid vom 17. November 2022 ist aufzuheben und die Vorinstanz
anzuweisen, auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutreten.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 VwVG).
7.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist für das Beschwerdeverfahren keine
Parteientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewie-
sene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG han-
delt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG ent-
schädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG).
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(Dispositiv nächste Seite)
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