Decision ID: 6dec6ed4-09bf-5f3c-b826-2189c6431a55
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 6. Juli 2018 gewährte das SEM der Beschwerdeführe-
rin in der Schweiz Asyl.
B.
Mit Eingabe vom 18. September 2018 (Eingang beim SEM am 24. Sep-
tember 2018) stellte die Beschwerdeführerin für ihre Kinder, B._,
geboren am (...), C._, geboren am (...), D._, geboren am
(...), und E._, geboren am (...), ein Gesuch um Familienzusam-
menführung. Dazu reichte sie drei Kurszertifikate, die Geburtsurkunde ih-
res jüngsten Kindes, einen Entlassungsbericht des (...) Hospital das
jüngste Kind betreffend, zwei Formulare mit dem Titel "GOK/UNHCR Proof
of Registration" sowie aktuelle Fotos ihrer vier Kinder zu den Akten.
C.
Mit Schreiben vom 23. Oktober 2018 forderte das SEM die Beschwerde-
führerin auf, verschiedene Fragen zu beantworten und Dokumente einzu-
reichen.
D.
Die Beschwerdeführerin nahm mit Schreiben vom 5. November 2018 Stel-
lung zu den Fragen des SEM. Sie war nicht in der Lage, die eingeforderten
Dokumente einzureichen, da diese nicht vorhanden seien.
E.
Mit Verfügung vom 15. Januar 2019 – eröffnet am 16. Januar 2019 – be-
willigte das SEM die Einreise in die Schweiz nicht und lehnte die Asylgesu-
che ab.
F.
Mit Eingabe vom 14. Februar 2019 erhob die Beschwerdeführerin – han-
delnd durch ihre Rechtsvertreterin – gegen diesen Entscheid beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die Verfügung des
SEM sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, den Kindern die
Einreise in die Schweiz zur Durchführung des Asylverfahrens respektive
zur Gewährung des Familienasyls zu bewilligen. In prozessualer Hinsicht
wurde beantragt, es sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, ins-
besondere sei ihr die rubrizierte Juristin beizuordnen, und es sei von der
Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
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Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung, ein Sendungsverlauf
der Post, eine Vollmacht, eine Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit so-
wie eine Honorarnote bei.
G.
Der Eingang der Beschwerde wurde der Beschwerdeführerin am 22. Feb-
ruar 2019 bestätigt.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 26. Februar 2019 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung unter Vorbehalt der Verände-
rung der finanziellen Lage der Beschwerdeführerin gutgeheissen. Das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung wurde ab-
gewiesen. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, bis zum 13. März 2019
eine Vernehmlassung einzureichen.
I.
Die Vernehmlassung des SEM vom 7. März 2019 wurde der Beschwerde-
führerin am 11. März 2019 zur Kenntnis gebracht.
J.
Mit Schreiben ans SEM vom 11. April 2019 bat F._ das SEM, das
Gesuch um Familiennachzug wohlwollend zu prüfen und die Einreise der
Kinder zu bewilligen. Die Beschwerdeführerin habe sich in der Schweiz
sehr gut integriert, sie sei jedoch psychisch sehr belastet und in grosser
Sorge, weil ihre vier minderjährigen Kinder unbetreut in Uganda leben wür-
den.
K.
Das SEM verwies F._ mit Schreiben vom 18. April 2019 auf das
hängige Beschwerdeverfahren.
L.
Mit Eingabe vom 4. Juni 2019 informierte die Rechtsvertreterin das Gericht
darüber, dass sich die Beschwerdeführerin in ambulanter Psychotherapie
befinde, da insbesondere die unsichere Situation ihrer Kinder sie psychisch
schwer belaste. Gleichzeitig reichte sie einen Bericht von G._,
H._ vom (...) 2019 ein.
M.
Die Rechtsvertreterin teilte dem Gericht mit Schreiben vom 26. Februar
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2020 mit, dass die Beschwerdeführerin stark unter der Ungewissheit in Be-
zug auf ihre Kinder leide. Deren Situation spitze sich in Uganda massiv zu,
zumal der Slum in I._, in welchem sie ein Zimmer hätten, bald ab-
gerissen werde. Ohne erwachsene Schutzperson sei die Suche nach ei-
nem einigermassen bewohnbaren neuen Zimmer äusserst schwierig.
Hinzu komme, dass die zweitälteste Tochter unter Druck gesetzt werde,
einen Mann aus der Nachbarschaft in Somalia zu heiraten. Es werde des-
halb um eine Priorisierung der Beschwerdesache ersucht.
N.
Der Instruktionsrichter antwortete mit Schreiben vom 2. März 2020, dass
das Verfahren in Bearbeitung sei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde
ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl – na-
mentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn keine
besonderen Umstände dagegensprechen. Wurden die anspruchsberech-
tigten Personen nach Absatz 1 durch die Flucht getrennt und befinden sie
sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51
Abs. 4 AsylG). Die Erteilung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 4
AsylG setzt eine vorbestandene Familiengemeinschaft, die Trennung der
Familie durch die Flucht sowie die fest beabsichtigte Familienvereinigung
in der Schweiz voraus (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5, BVGE 2017 VI/4 E. 3.1
und E. 4.4.2, 2012/32 E. 5).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, die Beschwer-
deführerin habe ihren Heimatstaat im Jahr 2008 letztmals verlassen und
sei nach Kenia in ein Flüchtlingslager gelangt. Im Jahr (...) habe die Cou-
sine ihres mittlerweile aus Somalia ausgereisten ersten Ehemanns ihre drei
Kinder aus erster Ehe nach Kenia gebracht. Das vierte Kind sei in Kenia
geboren. In Kenia habe sie gemeinsam mit ihren vier Kindern im Flücht-
lingslager J._ gelebt, bis sie Kenia – weil alle schlecht über sie ge-
redet hätten und ihre Schwester sie aufgefordert habe, auszureisen – im
September 2014 ohne ihre Kinder verlassen habe. Mit der Ausreise aus
Somalia respektive der Wiedervereinigung mit den Kindern im Drittstaat
Kenia sei die Flucht als abgeschlossen zu erachten. Ohne die schwierigen
Lebensumstände im Flüchtlingslager in Kenia in Abrede stellen zu wollen,
sei aufgrund der vorliegenden Akten nicht erkennbar, dass sie während des
Aufenthalts in Kenia asylrechtlich relevanten Nachteilen ausgesetzt gewe-
sen wäre und sich mit ihrer Ausreise aus diesen Gründen unfreiwillig von
ihren Kindern getrennt hätte. So habe sie in Kenia – nachdem das Interview
im Jahre 2009 geführt worden und es infolgedessen zu Gerüchten um ihre
Person gekommen sei – noch bis September 2014 gelebt. Ihre Weiterreise
in die Schweiz stelle demnach keine unfreiwillige Trennung der Familie auf-
grund der Fluchtumstände im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG dar. Sodann
sei das jüngste Kind nach der Flucht aus dem Heimatstaat in Kenia zur
Welt gekommen. Dementsprechend habe in Bezug auf dieses Kind auch
keine Familiengemeinschaft vorbestanden, welche durch die Flucht aus
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Somalia getrennt worden wäre. Aufgrund dieser Erwägungen erübrige es
sich, allenfalls weitere Instruktionsmassnahmen durchzuführen wie bei-
spielsweise (weitergehende) Instruktionen betreffend Familien- und Ab-
stammungsverhältnisse (gegebenenfalls mittels DNA-Analyse) oder be-
treffend Vorbehalte gegen eine Einreise gemäss Art. 53 AsylG oder Art. 5
Abs. 1 Bst. c AIG.
4.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, mit dem angefochte-
nen Entscheid missachte die Vorinstanz das Institut des Familienasyls ge-
mäss Art. 51 AsylG und die damit verbundenen, stark zu gewichtenden In-
teressen der betroffenen Kinder auf eklatante Weise. Die Beschwerdefüh-
rerin habe aufgrund des ihr vorgeworfenen Ehebruchs asylrelevante Ver-
folgung im Heimatland erlitten. Diesen frauenspezifischen Verfolgungs-
gründen sei sie auch in J._ weiterhin ausgesetzt gewesen. Durch
das Interview, welches 2009 im Flüchtlingslager J._ durchgeführt
worden sei, hätten die Probleme respektive die frauenspezifischen Verfol-
gungszustände wieder angefangen. Der somalische Dolmetscher, der ihre
Vergewaltigung in ganz J._ herumerzählt und dabei noch verdreht
habe, habe die Leute dazu gebracht, sie zu meiden und zu verstossen. Sie
sei auch in J._ als "Ehebrecherin" und Schande über ihre Familie
bringende Frau bezeichnet und dementsprechend behandelt worden. Die
Familie des Ehemannes habe so grossen Druck auf diesen ausgeübt, dass
er sie – obwohl er gewusst habe, was ihr zugestossen sei – habe verlassen
müssen. Durch die Scheidung, die Diffamierungen und den schlechten Ruf,
den sie innegehabt habe, sei es ihr nicht möglich gewesen, ein menschen-
würdiges Leben in J._ zu führen. Sie habe sich in diesen Jahren
nur selbst schützen können, indem sie ihre Wohnung nicht verlassen habe.
Für sie sei J._ zu keinem Zeitpunkt ein sicherer Ort gewesen, wo
sie mit ihren Kindern hätte eine Zukunft aufbauen können. Dort sei sie von
somalischen Staatsangehörigen umgeben gewesen. Die Verfolger in ihrem
Heimatland seien nicht nur die islamischen Gerichte, sondern ihre eigene
Familie sowie ihr eigener Clan gewesen. Die Gefahr, Nachteilen ausge-
setzt zu sein aufgrund ihrer Verfolgung in Somalia, habe also auch in Kenia
weiterbestanden. Auch die Kinder hätten die Schikanen zu spüren bekom-
men und seien benachteiligt worden. Niemand habe mit ihnen spielen wol-
len, da sie eine "Schlampe" als Mutter hätten. Ihre älteste Tochter habe
sich zu dieser Zeit mehrmals umbringen wollen, weil die Situation für sie
nicht mehr erträglich gewesen sei. Sie habe deshalb einen sichereren Platz
für sich und ihre Kinder gesucht und die Ausreise möglichst schnell geplant.
Ihre eigene Schwester habe sie zur Ausreise gedrängt, da auch sie unter
der Rufschädigung gelitten habe und ihretwegen Nachteilen ausgesetzt
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gewesen sei. J._ sei für sie wie eine somalische Enklave, in der die
somalischen Sitten und Traditionen gelebt würden. Die kenianischen Be-
hörden würden nicht die gleichen Mittel der Schutzgewährung anbieten wie
im übrigen Teil des Landes. Eigentlich sei die kenianische Polizei für die
Sicherheit verantwortlich, doch diese kassiere vor allem Schutzgelder ein.
Besonders Frauen seien im Flüchtlingscamp massiv gefährdet. Ihre
Schwester habe nicht zugelassen, dass sie mit ihren Kindern bei ihr ge-
wohnt habe, obwohl das für sie einen Gewinn an Sicherheit bedeutet hätte.
Ein grosser Teil der eigenen Familie sowie die des zweiten Ehemannes
befinde sich in J._. Somit sei sie in Kenia denselben frauenspezifi-
schen Asylgründen wie in Somalia ausgesetzt gewesen. Gewaltdelikte
würden in Flüchtlingscamps für Vertriebene nicht geahndet und besonders
Frauen seien Opfer sexueller und körperlicher Gewalt. Durch die Schei-
dung ihres zweiten Ehemannes noch vor der Geburt ihres Sohnes sei die-
ser als uneheliches Kind zur Welt gekommen. Dieser Zustand werde von
der Familie sowie der Gesellschaft als Verrat an der Ehre der Familie be-
trachtet und führe zu Verstoss, Ausschluss und Diskriminierungen. Für eine
alleinstehende Frau, die keinen Rückhalt der Familie geniesse und keine
finanziellen Mittel für eine Weiterflucht besitze, sei es geradezu offensicht-
lich, dass sie nicht sofort habe flüchten können. Sie habe über die Jahre
ein wenig Geld gespart, damit sie sich zuerst alleine auf die gefährliche
Flucht habe machen können. Da das Geld nicht für sie und ihre vier Kinder
ausgereicht habe und sie ihre Kinder auch nicht grossen Gefahren habe
aussetzen wollen, habe sie diese vorerst in J._ zurückgelassen. Sie
sei davon ausgegangen, dass sie ihre Kinder schneller würde nachziehen
können. Dies sei auch die Bedingung gewesen, dass die Schwester die
Kinder kurzfristig aufgenommen habe. Sie habe offensichtlich keine dauer-
hafte Trennung beziehungsweise eine freiwillige und dauerhafte Aufgabe
der Familiengemeinschaft angestrebt. Dies werde auch deutlich durch die
aktenkundige Aussage, dass falls sie auf der Flucht sterben würde, die
Schwester ihre Kinder der Organisation "Safe Children" übergeben solle,
und falls sie überleben würde, dann würde sie sie sofort zu sich holen. Die
beiden Kindsväter hätten bis heute keinen Kontakt mit ihren Kindern. Sie
hätten ihr die volle Verantwortung für die Kinder überlassen. Für sie sei
J._ nie das endgültige Fluchtziel gewesen, da sie auch dort keine
Sicherheit erfahren habe. Die Trennung von ihren vier Kindern habe "auf
der Flucht" beziehungsweise aufgrund der Fluchtumstände und keines-
wegs freiwillig stattgefunden. Klar sei auch, dass das Festhalten an der
Familie und der Wille zur Vereinigung in der Schweiz jederzeit bestanden
habe und auch jetzt bestehe.
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4.3 Das SEM verwies in seiner Vernehmlassung auf seine Erwägungen in
der angefochtenen Verfügung, an denen es vollumfänglich festhielt.
5.
Die Beschwerdeführerin ist in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und
erhielt Asyl. Ihre Kinder, mit welchen die Familienzusammenführung statt-
finden soll, sind minderjährig, womit sie grundsätzlich in den Anwendungs-
bereich für die Familienzusammenführung im Rahmen von Art. 51 AsylG
fallen. Unbelegt ist mangels Vorliegens entsprechender Abklärungen aller-
dings, ob es sich tatsächlich um die leiblichen Kinder der Beschwerdefüh-
rerin handelt. Aufgrund der nachfolgenden Erwägung 7 erübrigen sich je-
doch weitergehende diesbezügliche Untersuchungen.
6.
Dass die Beschwerdeführerin mit ihren Töchtern in Somalia eine vorbe-
standene Familiengemeinschaft bildete, wird vom SEM zu Recht nicht be-
stritten, nachdem die Beschwerdeführerin bis ins Jahr 2005 mit ihren in den
Jahren (...), (...) und (...) geborenen Töchtern zusammenlebte und diese
wegen ihrer – zuerst innerstaatlichen – Flucht zurücklassen musste (vgl.
Akten SEM A17/17 S. 4 f.). Ob auch in Bezug auf das jüngste Kind, das
erst im Drittstaat Kenia geboren wurde, die Voraussetzungen für einen Fa-
miliennachzug erfüllt sind, kann angesichts der nachfolgenden Erwägung
7 offenbleiben.
7.
7.1 Die Erteilung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 4 AsylG be-
zweckt die Wiederherstellung von vorbestandenen Familiengemeinschaf-
ten, die «allein aufgrund der Fluchtumstände» und somit «unfreiwillig» ge-
trennt worden ist (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.4.2 m.w.H.). Die Trennung der
Familiengemeinschaft muss demnach kausal mit jenen Umständen zu-
sammenhängen, welche zur Flucht aus dem Heimatland Anlass gegeben
haben. Ausnahmsweise kann auch dann von einer im Sinne von Art. 51
Abs. 4 AsylG relevanten Trennung ausgegangen werden, wenn nicht die
Flucht eines Familienmitglieds ins Ausland als solche, sondern andere
zwingende Gründe zur Trennung der Familiengemeinschaft geführt haben
(vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5.2).
7.2 Die Beschwerdeführerin, eine aus Mogadischu stammende und dem
Clan der K._ angehörende somalische Staatsangehörige, machte
zur Begründung ihres Asylgesuches geltend, im Jahr 2005 habe sie ein
Angestellter ihres damaligen Ehemannes aus Rache wegen seiner nach
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einem Streit mit ihrem Gemahl erfolgten Entlassung sexuell missbraucht.
Daraufhin habe ihr Ehemann sie des Ehebruchs beschuldigt, sie wegge-
schickt und sich von ihr scheiden lassen. Sie habe ihre drei gemeinsamen
Kinder bei ihm zurücklassen müssen und sei zu ihrem Bruder gegangen,
der mittlerweile gestorben sei. Dieser habe sie nach ein paar Tagen eben-
falls fortgeschickt und gedroht, sie als (vermeintliche) Ehebrecherin an die
„Islamischen Gerichte“ (Anmerkung des Gerichts: Union islamischer Ge-
richte [Islamic Courts Union, ICU]) in Mogadischu auszuliefern, sollte sie
Somalia nicht verlassen. Sie habe sich daraufhin nach L._ bege-
ben, wo sie unter einer falschen Identität bei einer Familie gelebt und in
deren Haushalt gearbeitet habe. Nachdem auch in L._ die islami-
sche Gerichtsbarkeit, wie in ganz Somalia, eingeführt worden sei, sei sie
im Jahr 2007 zusammen mit der Familie, für welche sie gearbeitet habe,
nach Kenia geflohen, da sie Angst davor gehabt habe, dass die Gerüchte
über sie bekannt würden. Nach Vertreibung der „Islamischen Gerichte“ aus
L._ sei sie Ende 2007 dorthin zurückgekehrt. Im Jahr 2008 sei dann
aber Al-Shabaab (und Hisbul Islam) nach L._ gekommen und habe
die Macht ergriffen. Da sie Angst vor dem Bekanntwerden der Gerüchte
um sie und vor einer Steinigung durch die Islamisten gehabt habe, sei sie
2008 nach Kenia ins Flüchtlingslager M._ gegangen. Dort sei sie
als Flüchtling anerkannt worden. Wegen der schwierigen Lebensumstände
sei sie wenig später ins Flüchtlingslager J._ gegangen, wo sie im
November 2008 ihren zweiten Ehemann, welcher dem Clan N._
angehört habe, kennengelernt habe. Nach dem Wechsel ins Flüchtlingsla-
ger J._ sei sie im März 2009 zu ihren Ausreisegründen aus Somalia
befragt worden. Hierbei sei ein somalischer Dolmetscher anwesend gewe-
sen, der nach dem Interview im Flüchtlingslager verbreitet habe, sie habe
ihren Ex-Ehemann betrogen. Ihr zweiter Ehemann, der zwar eigentlich
über die wahren Umstände ihrer ersten Scheidung Bescheid gewusst
habe, habe sich wegen des Drucks durch seine Familie nach Aufkommen
der Gerüchte sofort von ihr getrennt und sich von ihr im Juni 2009 scheiden
lassen. Zu diesem Zeitpunkt sei sie von ihm schwanger gewesen. Im (...)
habe sie ihr viertes Kind geboren. Im Jahr (...) sei sie von der Cousine ihres
mittlerweile aus Somalia ausgereisten ersten Ehemannes aufgefordert
worden, ihre Kinder in Mogadischu abzuholen, nachdem die Mutter ihres
früheren Ehemannes verstorben sei. Da sie wegen der Al-Shabaab-Miliz
Angst davor gehabt habe, nach Mogadischu zu gehen, habe sie die Cou-
sine gebeten, ihr die Kinder nach Kenia zu bringen, was diese (...) gemacht
habe. Da sie es nicht mehr ausgehalten habe, dass im Flüchtlingslager
J._ wegen der verbreiteten Gerüchte alle schlecht über sie geredet
hätten, und ihre Schwester, die dort ebenfalls gelebt habe, sie wegen der
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Gerüchte aufgefordert habe wegzugehen, sei sie schliesslich ausgereist.
Sie habe ihre vier Kinder zu ihrer Schwester gebracht und sei im Septem-
ber 2014 über den Sudan nach Libyen geflohen, wo sie festgehalten und
missbraucht worden und erst gegen Zahlung ihres in O._ lebenden
Bruders freigekommen sei (vgl. Urteil des BVGer D-2743/2016 vom 2. Juli
2018 Bst. A.c).
7.3 Gemäss der "GOK/UNHCR Proof of Registration" wurde die Beschwer-
deführerin am (...) 2008 in J._ registriert (vgl. Akten SEM Z1/13).
Dort erhielt sie eine Wohnung und lernte im November 2008 ihren zweiten
Ehemann kennen, den sie in der Folge heiratete (vgl. Akten SEM A17/17
F48). Das gemeinsame Kind wurde im (...) geboren. Den Akten ist nichts
zu entnehmen, wonach sie bis zu ihrer Anhörung im März 2009 Probleme
in J._ gehabt hätte. Nach dieser Anhörung habe der Dolmetscher
das Gerücht über sie verbreitet, sie habe ihren ersten Ehemann betrogen
(vgl. Akten SEM A17/17 F50). Das Bundesverwaltungsgericht erachtete in
seinem Urteil D-2743/2016 vom 2. Juli 2018 ihre Vorbringen, wonach sie
wegen der Unwahrheiten, die über sie verbreitet worden seien, und des
damit einhergehenden schlechten Rufs aus Kenia ausgereist sei, als nach-
vollziehbar und überwiegend glaubhaft (vgl. a.a.O. E. 6.2).
7.4 Die Beschwerdeführerin blieb nach der Scheidung von ihrem zweiten
Ehemann im Juni 2009 weiterhin in J._. Im (...) sei sie mit ihrem
kleinen Sohn nach P._ gereist, wohin die Cousine ihres ersten Ehe-
mannes ihre drei Töchter gebracht habe. Weil sie zu wenig Geld gehabt
habe, um den Bus zurück nach J._ für alle vier Kinder zu bezahlen,
habe sie zuerst einige Monate in P._ verbringen müssen, bevor sie
im (...) nach J._ habe zurückkehren können (vgl. Akten SEM Z4/6
und Beschwerde S. 5). Die Beschwerdeführerin sparte demnach über ei-
nen längeren Zeitraum Geld, um mit ihren Kindern ins weit entfernte
J._ zurückzukehren. Es ist nicht nachvollziehbar, dass sie dieses
Ziel anvisiert hätte, wenn die Diffamierungen aufgrund ihres schlechten
Rufs respektive eine Gefährdung seitens der somalischen Bewohner ihr in
J._ ein menschwürdiges Leben verunmöglicht hätten. Mit dem ge-
sparten Geld wäre es ihr möglich gewesen, mit den Kindern an einen an-
deren Ort, beispielsweise ins näher gelegene Uganda zu reisen, welches
Land eine progressive Flüchtlingspolitik betreibt (vgl. NZZ, Ein Modell für
die Welt, 25. April 2017: https://www.nzz.ch/international/fluechtlingspoli-
tik-in-uganda-ein-modell-fuer-die-welt-ld.154177, abgerufen am
19.03.2020; www.deutschlandfunkkultur.de, Willkommenskultur in
Uganda, 12.07.2017: https://www.deutschlandfunkkultur.de/afrikas-
http://www.deutschlandfunkkultur.de/ https://www.deutschlandfunkkultur.de/afrikas-fluechtlingspolitik-willkommenskultur-in-uganda.979.de.html?dram:article_id=390784
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fluechtlingspolitik-willkommenskultur-in-uganda.979.de.html?dram:ar-
ticle_id=390784, abgerufen am 19.03.2020) und wo sich im Übrigen heute
ihre Kinder aufhalten. Die Beschwerdeführerin kehrte jedoch mit ihren Kin-
dern in das Flüchtlingslager J._ zurück, wo sie über eine eigene
Wohnung verfügte und wo die Kinder die Schule besuchen konnten. Ob-
wohl durchaus glaubhaft erscheint, dass ihre Kinder ihretwegen schlecht
behandelt wurden, lebte sie nach der Rückkehr noch bis September 2014
– mithin über (...) Jahre – mit ihren Kindern in J._. Sodann lässt
sich – auch wenn sie ein zurückgezogenes Leben geführt haben mag –
den Akten nicht entnehmen, dass die Beschwerdeführerin die ganze Zeit
in ihrer Wohnung geblieben sei und nur die Kinder ab und zu aus dem Haus
gegangen seien, um die Schule zu besuchen (vgl. Beschwerde S. 5). Im
Gegenteil sagte die Beschwerdeführerin in der BzP aus, im Jahr 2012 in
J._ ein Jahr lang die Schule für Erwachsene besucht zu haben (vgl.
Akten SEM A5/12 Ziff. 1.17.04). Bei den Akten befinden sich ein Zertifikat
vom (...) 2012 für die Teilnahme an 12 Sessionen respektive 36 Stunden
eines "(...)" sowie Bestätigungen für den Besuch von zwei je dreimonatigen
(...)kursen in den Jahren 2012 und 2014 (vgl. Akten SEM Z1/13). Das Vor-
bringen in der Beschwerde, die Beschwerdeführerin habe sich diese sechs
Jahre nur selbst schützen können, indem sie ihre Wohnung nicht verlassen
habe, kann demnach in dieser Absolutheit nicht zutreffen (vgl. Beschwerde
S. 8). In diesem Zusammenhang ist ebenfalls zu erwähnen, dass die Be-
schwerdeführerin offensichtlich über ein gewisses soziales Netzwerk in
J._ verfügte. So brachte sie in der Beschwerde vor, sie habe von
der Schweiz aus eine neue Betreuungssituation für ihre Kinder organisie-
ren müssen. Der jüngste Sohn sei von einer Nachbarin in J._ auf-
genommen worden und die älteste Tochter habe übergangsmässig bei ih-
rer Lehrerin leben können. Später erwähnte sie eine weitere Bekannte,
welche sie in J._ kennengelernt habe, welche die Kinder später in
P._ übernommen und mit ihnen im Jahre 2018 nach Uganda ge-
flüchtet sei (vgl. Beschwerde S. 6). Schliesslich erhielt die Beschwerdefüh-
rerin im Jahre 2011 ein "Refugee Certificate" der Republik Kenia, womit sie
über ein legales Aufenthaltsrecht in J._ verfügte.
7.5 Offensichtlich ist vor diesem Hintergrund zunächst, dass die Ausreise
der Beschwerdeführerin aus Kenia und die damit verbundene (erneute)
Trennung von den Kindern im September 2014 nicht unmittelbar kausal mit
denjenigen Umständen in Verbindung stand, aufgrund der sie 2005 in der
Heimat Somalia gezwungen war, die Kinder bei ihrem damaligen Ehemann
zurückzulassen und schliesslich im Jahre 2008 Somalia endgültig zu ver-
lassen, um im Ausland Schutz vor Verfolgung zu suchen. Dass sie sich
https://www.deutschlandfunkkultur.de/afrikas-fluechtlingspolitik-willkommenskultur-in-uganda.979.de.html?dram:article_id=390784 https://www.deutschlandfunkkultur.de/afrikas-fluechtlingspolitik-willkommenskultur-in-uganda.979.de.html?dram:article_id=390784
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alsdann aus zwingenden Gründen im September 2014 erneut von ihren
Kindern hat trennen müssen, ist ebenfalls nicht ersichtlich. Die Situation
der Beschwerdeführerin in J._ war aufgrund ihres schlechten Rufs
zweifellos schwierig und auch ihre Kinder dürften deshalb gewissen Be-
nachteiligungen ausgesetzt gewesen sein. Es ist auch glaubhaft, dass sie
aufgrund der Anfeindungen, der Suizidandrohungen der Tochter und des
Drängens der Schwester aus Kenia ausgereist ist. Auch der Einwand in der
Beschwerde, wonach die Sicherheitslage in J._ besonders für
Frauen generell problematisch ist (vgl. Beschwerde S. 8), ist zweifellos
nicht unberechtigt. Gleichwohl hielt sich die Beschwerdeführerin – abgese-
hen vom mehrmonatigen Aufenthalt in P._ – von (...) 2008 bis Sep-
tember 2014 in J._ auf, wo sie seit 2011 als Flüchtling anerkannt
war und über ein Aufenthaltsrecht verfügte. Sie bewohnte dort mit ihren
Kindern eine Wohnung, konnte Kurse besuchen und soziale Kontakte
knüpfen. Aufgrund der sich aus den Akten ergebenden Umständen ist da-
von auszugehen, dass die Beschwerdeführerin mit ihren Kindern in
J._ ein zwar zurückgezogenes, jedoch insgesamt menschenwürdi-
ges Leben zu führen in der Lage war. Wenngleich sie in J._ von
ihrer Vergangenheit eingeholt wurde, ist nicht ersichtlich, dass sie dort ei-
ner eigentlichen Verfolgung ausgesetzt war und einzig wegen mangelnder
finanzieller Mittel nicht früher weiterreiste (vgl. Beschwerde S. 9), zumal sie
im Jahre (...) trotz möglicher Alternativen von P._ nach J._
zurückkehrte und sich dort noch bis September 2014 aufhielt.
7.6
7.6.1 Zusammenfassend ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen,
dass die Voraussetzungen für die asylrechtliche Familienzusammenfüh-
rung gemäss Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG nicht erfüllt sind, und das SEM die
Einreise in die Schweiz im Ergebnis zu Recht nicht bewilligt und die Asyl-
gesuche abgelehnt hat. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
7.6.2 Der Beschwerdeführerin bleibt es jedoch unbenommen, nach Erfül-
lung der gesetzlichen Voraussetzungen bei den dafür zuständigen kanto-
nalen Migrationsbehörden ein Gesuch um Familiennachzug gestützt auf
Art. 44 AIG (SR 142.20) einzureichen.
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Seite 13
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Aufgrund der Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung sind jedoch keine Kosten auf-
zuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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