Decision ID: 3ecec097-f953-5519-a8a8-85403d890cac
Year: 2009
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A. Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im August 2008 und gelangte über den Iran und die Türkei nach Griechenland, von wo aus er über den Seeweg nach Italien einreiste. Mit dem Zug sei er danach nach Rom gelangt, wo er acht Tage in einem Park verbracht habe, bevor er mit dem Schlepper und weiteren Personen per Zug  sei. Bei der versuchten Einreise in die Schweiz wurde der  jedoch von der Schweizerischen Grenzbehörde  und nach Italien zurückgeschoben (vgl. A 6). Zurück in Italien habe ihn der Schlepper danach durch ein Waldstück geschickt und so sei er über die grüne Grenze am 22. September 2008 illegal in die Schweiz gelangt. Am 24. September 2008 stellte er im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen ein Asylgesuch, wo er am 29. September 2008 summarisch zu seinen Asylgründen befragt wurde.
B. Am 14. Oktober 2008 stimmten die italienischen Behörden dem vom BFM am 29. September 2008 gestellten Gesuch um Rückübernahme des Beschwerdeführers zu (vgl. A. 13).
C. Am 22. Oktober 2008 wurde der Beschwerdeführer vom BFM direkt angehört, wobei ihm auch das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Wegweisung nach Italien gewährt wurde.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen Folgendes geltend: Im Jahre 2007 habe er ein  kennengelernt, um dessen Hand er angehalten habe. Ein von seiner Familie gestellter Heiratsantrag sei jedoch von der Familie des Mädchens abgelehnt worden. Als man ihn und das Mädchen kurze Zeit darauf zusammen gesehen habe, sei er in der Folge von der Familie des Mädchens bedroht worden. Im Juli oder August 2008 habe ihn das Mädchen angerufen und ihm zur Flucht geraten, da ihre Brüder  hätten, ihn umzubringen. Er habe sich zuerst zwei Tage im Haus seiner Tante versteckt und habe danach über den beschriebenen Reiseweg sein Heimatland verlassen.
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Bezüglich der drohenden Rückschiebung nach Italien gab der  an, dass er dort auf der Strasse leben müsste und  würde.
D. Mit Verfügung vom 31. Oktober 2008 – gleichentags eröffnet – trat das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. a des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch des  nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
E. Mit Eingabe vom 7. November 2008 reichte der Beschwerdeführer über seine Rechtsvertreterin Beschwerde beim  gegen die Verfügung des BFM ein. Er beantragte dabei die  der vorinstanzlichen Verfügung und eine Rückweisung des Asylgesuchs an die Vorinstanz zwecks materieller Prüfung. In  Hinsicht beantragte er die unentgeltliche Rechtspflege  Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) und den Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses.
F. Mit Verfügung vom 11. November 2008 teilte die zuständige  dem Beschwerdeführer mit, dass er den Entscheid in der Schweiz abwarten könne. Über sein Gesuch um unentgeltliche Prozessführung werde zu einem späteren Zeitpunkt entschieden, jedoch auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet.
G. Mit Verfügung vom 13. November 2008 wurde das BFM zur  einer Vernehmlassung eingeladen.
H. In seiner Vernehmlassung vom 20. November 2008 hielt das BFM an seinem bisherigen Standpunkt fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Diese Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer bisher nicht zur Kenntnis gebracht.
I. Am 16. Dezember 2008 reichte die Rechtsvertreterin  die Kostennote ein.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das  Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine  des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet  Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet in diesem Bereich endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).
1.2 Die Beschwerde ist form- und fristgerecht eingereicht. Der  ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Der Beschwerdeführer ist daher zur Einreichung der  legitimiert (Art. 108 Abs. 2, Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3. 3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu  (Art. 32-35 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der  grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die  zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist. Sofern die Beschwerdeinstanz den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet, enthält sie sich demnach einer selbstständigen materiellen Prüfung, hebt die angefochtene Verfügung auf und weist die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1 S. 240 f.).
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3.2 Gemäss Art. 34 Abs. 2 Bst. a AsylG wird auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen sicheren Drittstaat nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG zurückkehren können, in welchem sie sich vorher aufgehalten haben.
Italien wurde am 14. Dezember 2007 vom Bundesrat als sicherer  bezeichnet.
3.3 Nach Art. 34 Abs. 3 AsylG findet die Bestimmung von Abs. 2 dieses Artikels indessen keine Anwendung, wenn Personen, zu denen die asylsuchende Person enge Beziehungen hat, oder nahe Angehörige in der Schweiz leben (Bst. a), die asylsuchende Person offensichtlich die Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt (Bst. b) oder Hinweise darauf bestehen, dass im Drittstatt kein effektiver Schutz vor  nach Art. 5 Abs. 1 AsylG besteht (Bst. c).
4. 4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres ablehnenden Entscheides im Wesentlichen aus, dass der Bundesrat Italien als sicheren Drittstaat bezeichnet habe, der Beschwerdeführer sich vor seiner Einreise in die Schweiz in Italien aufgehalten habe und die italienischen Behörden einer Rückübernahme zugestimmt hätten. Es würden auch keine Angehörigen oder andere dem Beschwerdeführer nahestehende  in der Schweiz leben. Zudem trete die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers nicht offensichtlich zutage, da die Aussagen des Beschwerdeführers detailarm und widersprüchlich ausgefallen seien. Schliesslich bestünden auch keine Hinweise darauf, dass in Italien kein effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 AsylG bestehe.
4.2 In der Beschwerde wird der Argumentation des BFM Folgendes : Mit Frau B_ lebe eine Schwester des  in der Schweiz, welche hier über eine B-Bewilligung verfüge. Somit lebe eine nahe Angehörige des Beschwerdeführers in der Schweiz, zu welcher der Beschwerdeführer ausserdem einen engen Kontakt pflege; die Schwester sei bereits zu Treffen mit dem Be-
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schwerdeführer nach Kreuzlingen gekommen und beide hätten einen regen Telefonkontakt. Der Beschwerdeführer habe den Umstand, dass er in der Schweiz eine Schwester habe, nicht früher erwähnt, da er sich der Wichtigkeit dieser Angabe nicht bewusst gewesen sei und Angst gehabt habe, seine Schwester könnte Probleme mit den  bekommen, sofern er sie erwähnen würde. Aufgrund der , dass der Beschwerdeführer in der Schweiz über eine nahe Angehörige verfüge, dürfe somit gemäss Art. 34 Abs. 3 Bst. a AsylG kein Nichteintretensentscheid gefällt werden.
4.3 In ihrer Vernehmlassung äusserte sich die Vorinstanz dahingehend, dass die geltend gemachte Tatsache bezüglich der in der Schweiz  Schwester des Beschwerdeführers als nachgeschoben  sei. Zudem sei keine enge Beziehung zwischen dem  und seiner angeblichen Schwester erkennbar. Indem der  die Behörden nicht frühzeitig über seine  Verhältnisse aufgeklärt habe, habe er zudem seine - und Mitwirkungspflicht in grober Weise verletzt.
Diese Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer bis anhin nicht zur Kenntnis gebracht. Nachdem aufgrund der nachfolgenden  seinen Begehren stattzugeben ist, wird gestützt auf Art. 30 Abs. 2 Bst. c VwVG auf eine vorgängige Anhörung in diesem  verzichtet. Die Vernehmlassung wird dem Beschwerdeführer zusammen mit dem vorliegenden Urteil zugestellt.
4.4 Entgegen der in der Vernehmlassung dargelegten Meinung der  ist das Gericht der Ansicht, dass es sich bei der Nennung der Schwester nicht um eine nachgeschobene Tatsache handelt. Die  vermag plausibel darzulegen, weshalb der  bei den Befragungen die Tatsache, dass er in der Schweiz eine Schwester habe, nicht erwähnte. Dass der Beschwerdeführer Angst gehabt habe, seine Schwester in Schwierigkeiten zu bringen, sofern er bei der Erstbefragung ihren Namen erwähnt hätte, erscheint aufgrund der Herkunft und Vorgeschichte des Beschwerdeführers glaubhaft. Zudem kann vom Beschwerdeführer nicht erwartet werden, dass er über das nötige juristische Wissen verfügt, wonach in seinem Fall die Erwähnung seiner Schwester von eminenter Bedeutung  wäre. Bezüglich der geäusserten Zweifel der Vorinstanz, ob es
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sich bei Frau B_ tatsächlich um die Schwester des Beschwerdeführers handle, sei erwähnt, dass sie im Rahmen ihres eigenen Asylverfahrens bei ihrer damaligen Befragung den Beschwerdeführer als ihren Bruder erwähnte (vgl. im Dossier N [...], A 12, S. 1, 4f.). Die Aussage der Schwester des Beschwerdeführers, bereits im Jahr 2000 gemacht, betrifft Namen der Eltern, Wohnort in C_, Alter des Beschwerdeführers; trotz einiger Transkriptionsdifferenzen ist es unzweifelhaft, dass die Schwester den Beschwerdeführer als ihren Bruder genannt hat. Es ist somit erwiesen, dass der Beschwerdeführer mit Frau B_ eine nahe Angehörige in der Schweiz hat, zu der er überdies regen Kontakt pflegt. Auf die als Beweis der Verwandtschaft offerierte DNA-Analyse (vgl. Beschwerde- schrift S. 3) kann verzichtet werden. Es handelt sich somit nicht um eine nachgeschobene Sachverhaltsanpassung, sondern um eine mit Fakten belegte Tatsache, welche gemäss Art. 34 Abs. 3 Bst. a AsylG dazu führt, dass kein Nichteintretensentscheid gemäss Art. 34 Abs. 1 Bst. a AsylG gefällt werden darf.
Unbehelflich sind schliesslich die Hinweise des BFM in seiner Vernehmlassung darauf, dass bei einer Verletzung der Mitwirkungs- pflicht durch Asylgesuchsteller, wodurch deren tatsächliche Herkunft unklar bleibt, es nicht den Asylbehörden obliege, nach allfälligen Wegweisungshindernissen zu forschen. Weder ist im vorliegenden Verfahren von einer Täuschungsabsicht des Beschwerdeführers aus- zugehen, noch steht eine Nachforschung nach Wegweisungs- hindernissen zur Debatte; vielmehr hat der Beschwerdeführer im Beschwerdeverfahren einen Tatbestand glaubhaft dargelegt, der gemäss Art. 34 Abs. 3 Bst. a AsylG zum Eintreten auf sein Asylgesuch führen muss.
Ob die weiteren Ausführungen des BFM, wonach die  des Beschwerdeführers nicht offensichtlich zutage trete und in Italien ein effektiver Schutz vor Rückschiebung nach Art. 5 Abs. 1 AsylG bestehe, den Tatsachen entsprechen, benötigt zum jetzigen Zeitpunkt somit keiner weiteren Überprüfung.
5. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist festzuhalten, dass das BFM demnach zu Unrecht einen Nichteintretensentscheid gestützt auf Art. 34 Abs. 2 Bst. a AsylG erlassen und damit Bundesrecht verletzt hat (vgl. Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, die
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angefochtene Verfügung des BFM vom 31. Oktober 2008 aufzuheben und die Sache zur materiellen Prüfung und Neubeurteilung an die  zurückzuweisen.
6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). Das in der  gestellte Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird somit gegenstandslos.
6.2 Dem Beschwerdeführer ist angesichts des Obsiegens im  in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine  für die ihm erwachsenen Vertretungskosten  (vgl. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin weist in ihrer  vom 16. Dezember 2008 einen Gesamtbetrag von Fr. 1170.50 aus, welcher sich aus einem Aufwand von insgesamt 7,5 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 150 und Auslagen von Fr. 45.50 zusammensetzt. Dieser Betrag erscheint angemessen (Art. 10 Abs. 2 und Art. 14 VGKE). Die Parteientschädigung wird deshalb auf Fr. 1170.50 (inkl. Auslagen) festgesetzt.
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