Decision ID: 23c262a5-7a63-4c55-87e1-3773f511b1a6
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Peter Sutter, Haus Eden, Paradiesweg 2,
Postfach, 9410 Heiden,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente (Valideneinkommen)
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich 1994 zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung an
(IV-act. 1). Aufgrund einer schubförmig verlaufenden multiplen Sklerose (IV-act. 18)
sprach die IV ihr Rentenleistungen zu (IV-act. 13, 44, 49). Mit Verfügung vom 12. April
2006 wurde die bisherige ganze Rente auf eine Dreiviertelsrente herabgesetzt. Die
Gegenüberstellung des Valideneinkommens (Fr. 47'840.--) und des
Invalideneinkommens (Fr. 18'121.--) hatte einen IV-Grad von 62 % ergeben (IV-act. 78,
81). Auf nach Eintritt der Rechtskraft der Verfügung eingereichte
Wiedererwägungsgesuche vom 2. Februar und 16. März 2007, mit welchen die
Versicherte die Höhe des Valideneinkommens beanstandete, trat die IV-Stelle nicht ein
(IV-act. 87, 92, 93, 94).
A.b Mit Eingabe vom 4. Juli 2008 reichte die Versicherte einen von ihr
mitunterzeichneten Bericht von Dr. B._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, Buchs,
als Rentenrevisionsgesuch ein. Der Arzt bescheinigte einen in den letzten Monaten
deutlich verschlechterten Gesundheitszustand (IV-act. 103). In den Berichten vom 20.
August 2008 und 2. März 2009 begründete Dr. B._ die gesundheitliche
Verschlechterung (IV-act. 106, 119). Beurteilungen von Dr. med. C._, FMH
Neurologie, vom 20. November 2008 und 26. Februar 2009 (IV-act. 110, 111, 117)
sowie von Dr. med. D._, Psychiatrie + Psychotherapie FMH, vom 18. Januar und 27.
Februar 2009 bestätigten den verschlechterten Gesundheitszustand (IV-act. 112, 118).
Die RAD-Ärztin Dr. med. E._, erachtete gestützt hierauf eine Verschlechterung des
Gesundheitszustands seit August 2008 als ausgewiesen (IV-act. 120). Mit Vorbescheid
vom 24. März 2009 stellte die IV-Stelle die Ausrichtung einer ganzen Rente mit Wirkung
ab 1. November 2008 bei einem IV-Grad von 100 % (Valideneinkommen 2008 von
Fr. 49'658.-- und Invalideneinkommen von Fr. 0.--) in Aussicht (IV-act. 125). Im
Einwand vom 27. Mai 2009 legte Rechtsanwalt Dr. iur. P. Sutter, Heiden, für die
Versicherte dar, dass diese ohne Behinderung schon im Jahr 2007 rund Fr. 59'800.--
pro Jahr erzielt hätte. Diesem Umstand sei beim Erlass der Rentenverfügung Rechnung
zu tragen (IV-act. 135). Am 5. August 2009 verfügte die IV-Stelle im Sinn des
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Vorbescheids (IV-act. 136). Auf ein Wiedererwägungsgesuch des Rechtsvertreters trat
sie nicht ein (IV-act. 139, 140).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 5. August 2009 erhob Rechtsanwalt Dr. Sutter für die
Versicherte mit Eingabe vom 22. September 2009 Beschwerde mit den Anträgen, die
Verfügung sei aufzuheben, und es sei die Angelegenheit zum Erlass einer neuen
Verfügung unter Neufestlegung des Valideneinkommens an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Zur Begründung legte der Rechtsvertreter unter anderem dar, der
Invaliditätsgrad von 100 % beruhe auf einem falsch bemessenen Valideneinkommen.
Ohne Behinderung würde die Beschwerdeführerin ein viel höheres Einkommen als
Fr. 49'658.-- pro Jahr erzielen. Die Beschwerdegegnerin habe das Nichteintreten auf
das Wiedererwägungsgesuch damit begründet, dass eine Überprüfung und eine
allfällige Anpassung der Einkommensverhältnisse zu einem Zeitpunkt erfolge, in
welchem eine rententangierende Änderung des Invalideneinkommens resultiere. Die
Frage, ob diese Argumentation richtig sei, könne aber offen bleiben, weil die
Beschwerdegegnerin mit angefochtener Verfügung die Rente aufgrund eines
geänderten Invalideneinkommens ja gerade anpasse.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 3. Dezember 2009 beantragte die
Beschwerdegegnerin, auf die Beschwerde sei nicht einzutreten. Zur Begründung führte
sie unter anderem aus, der Beschwerdeführerin sei bei einem IV-Grad von 100 % eine
ganze Rente zugesprochen worden. Das Dispositiv werde nicht bestritten, nur der
Einkommensvergleich. Eine Veränderung des Leistungsanspruchs werde also durch
die Beschwerde nicht erreicht. Ein Rechtsschutzinteresse könne nicht als
nachgewiesen gelten.
B.c Mit Replik vom 3. Februar 2010 bestätigte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin seinen Standpunkt. Am 19. Februar 2010 teilte die
Beschwerdegegnerin mit, dass sie an ihrem Antrag und ihren Ausführungen festhalte.

Erwägungen:
1.
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Nach Art. 16 ATSG (SR 830.1) wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu
erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst
genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden; sie können aber auch nach
Massgabe der im Einzelfall bekannten Umstände geschätzt werden (AHI 1998 S. 119).
Es kann ferner auch eine Gegenüberstellung blosser Prozentzahlen genügen
(Prozentvergleich; vgl. BGE 114 V 312 Erw. 3a). Die Beschwerdeführerin lässt
vorliegend beantragen, es sei der Rentenberechnung ein höheres Valideneinkommen
als von der Beschwerdegegnerin angenommen zugrunde zu legen.
2.
2.1 Zu prüfen ist vorweg die Beschwerdelegitimation bzw. die Frage, ob die
Beschwerdeführerin ein schutzwürdiges Interesse an der materiellen Prüfung der
Beschwerde hat (Art. 59 ATSG). Nach der Rechtsprechung muss für eine genaue
Überprüfung des Invaliditätsgrads ein unmittelbares und aktuelles Interesse rechtlicher
oder tatsächlicher Natur nachgewiesen sein. Eine "Rechtsanwendung auf Vorrat" für
hypothetische künftige Sachverhalte wird daher regelmässig ausgeschlossen (BGE 125
V 24 Erw. 1b; Urteil des Bundesgerichts vom 18. März 2005 i/S S. [I 791/03] Erw.
2.6.1). Wenn die IV-Stelle lediglich eine grobe Schätzung des Invaliditätsgrads
vornimmt, ist dieser für die andern Sozialversicherungen nicht bindend; demzufolge
lässt sich ein schutzwürdiges Interesse an der Anfechtung der entsprechenden
Verfügung der IV-Stelle mittels Einsprache nicht mit dem Hinweis auf Ansprüche der
versicherten Person gegenüber andern Sozialversicherungen (insbes. BVG-
Invalidenrente) begründen (SVR-IV 2006 Nr. 11, Erw. 2.3 und 2.4). Beispielsweise
vermag der Umstand, dass eine Witwe möglicherweise in der Zukunft wieder heiraten
wird, was zum Verlust der Witwenrente führen würde, kein Rechtsschutzinteresse an
der Überprüfung des durch die IV-Stelle lediglich grob geschätzten Invaliditätsgrades
zu begründen; sollte die Witwe tatsächlich später erneut heiraten, wäre der
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Invaliditätsgrad auf der Grundlage ihres dannzumaligen Gesundheitszustandes zu
bestimmen (SVR-IV 2006 Nr. 11, Erw. 2.6).
2.2 Bei der erstmaligen Rentenzusprechung (halbe Rente ab Mai 1994; IV-act. 13)
wurde der Invaliditätsgrad gestützt auf die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin
bemessen (vgl. IV-act. 11). Die per 1. Januar 2002 zugesprochene ganze Rente
basierte auf einem IV-Grad von 76 %. Dieser ergab sich durch den Vergleich eines
Valideneinkommens (2002) von Fr. 46'000.-- und eines Invalideneinkommens von Fr.
11'000.-- (IV-act. 49). Für die Herabsetzung auf eine Dreiviertelsrente per 1. April 2004
errechnete die Beschwerdegegnerin in der Verfügung vom 12. April 2006 einen
Invaliditätsgrad von 62 % (Valideneinkommen von Fr. 47'840.-- und
Invalideneinkommen von Fr. 18'121.--). Der angefochtenen Verfügung vom 5. August
2009 wurde ein Valideneinkommen 2008 von Fr. 49'658.-- und Invalideneinkommen
von Fr. 0.-- zugrunde gelegt (IV-act. 136).
Die Beschwerdeführerin lässt ihr Rechtsschutzinteresse mit dem Hinweis auf mögliche
künftige Leistungsrückforderungen bei Aufnahme einer Erwerbstätigkeit begründen;
letzteres könne sich negativ auf den Leistungsanspruch auswirken, wenn das Validen
einkommen nicht richtig festgelegt sei (act. G 8 S. 3). Dazu ist festzuhalten, dass das
Valideneinkommen - anders als etwa der Anspruch auf Integritätsentschädigung in der
Unfallversicherung (vgl. etwa RKUV 1998 Nr. U 305 S. 432, Erw. 2d) - nicht ein separat
beurteilbares Rechtsverhältnis (BGE 125 V 413 Erw. 2a), sondern einen Teilaspekt der
streitgegenständlichen Invalidenrente darstellt, wie beispielsweise auch der
Rentenbeginn und die Teuerungszulage (RKUV 1999 Nr. U 323 S. 98, Erw. 1b, 1998 Nr.
U 305 S. 432, Erw. 2d; Urteil des Bundesgerichts [bis 31. Dezember 2006:
Eidgenössisches Versicherungsgericht, EVG] vom 7. Juni 2004 [U 186/03], Erw. 1).
Somit kann das Valideneinkommen als solches nicht ein für alle Mal in Rechtskraft
erwachsen. Vielmehr stünde im Fall der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit mit
rentensenkender Auswirkung bei der Rentenüberprüfung auch das Valideneinkommen
wieder zur Disposition (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 24. August 2007
[9C_237/07] Erw. 4, vom 30. April 2008 [9C_114/08] Erw. 3.1; BGE 125 V 417 Erw. 2d).
Im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung (und auch später) stand
jedoch die Aufnahme bzw. Ausweitung einer Erwerbstätigkeit unbestrittenermassen
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nicht konkret zur Diskussion. Das Valideneinkommen kann unter diesen Umständen für
sich allein nicht Prüfungsgegenstand bilden.
Die Erzielung eines Invalideneinkommens wurde als gesundheitlich nicht mehr
zumutbar erachtet mit dem Hinweis der Beschwerdegegnerin, dass die
Beschwerdeführerin nur noch unter grösster Mühe und unter Inkaufnahme einer
zusätzlichen Gesundheitsbeeinträchtigung ihrer bisherigen Tätigkeit nachzukommen
vermöge. Sie verzeichne auch gehäufte krankheitsbedingte Absenzen und habe über
das Zumutbare hinaus gearbeitet (IV-act. 121-1/2). Unter diesen Gegebenheiten hatte
somit die Beschwerdegegnerin keinen Anlass für eine genaue Festlegung des
Valideneinkommens, zumal auch bei Annahme eines höheren Valideneinkommens es
beim (maximalen) Invaliditätsgrad von 100 % geblieben wäre. Eine Bindungswirkung
der Festlegung des Valideneinkommens im Zusammenhang mit der Festlegung von
Leistungen anderer Versicherer wird weder geltend gemacht noch ist eine solche aus
den Akten ersichtlich. Ein Rechtschutzinteresse an der Überprüfung des von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Sachverhalts ist dementsprechend zu
verneinen.
3.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist auf die Beschwerde nicht einzutreten. Die
vollumfänglich unterliegende Beschwerdeführerin hat die Gerichtskosten zu tragen.
Diese bemessen sich nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP