Decision ID: 1e48b962-a50d-4e99-9095-3ed9a25c18ed
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 2. April 2018 in der Schweiz um Asyl
nach.
A.a Am 5. April 2018 wurde er zu seiner Person, zum Reiseweg und sum-
marisch zu den Fluchtgründen befragt (BzP) und – nachdem das SEM ihm
mit Schreiben vom 26. Juni 2018 mitgeteilt hatte, dass das Dublin-Verfah-
ren beendet sei und sein Asylgesuch in der Schweiz geprüft werde – am
26. Oktober 2018 vertieft zu seinen Asylgründen angehört. Er gab im We-
sentlichen an, er sei syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie und
stamme aus dem bei B._ gelegenen Dorf C._. Im Jahr (...)
sei er mit seiner Familie aus wirtschaftlichen Gründen nach D._
(E._) gezogen. Er sei während (...) Jahren für den Schulbesuch
registriert gewesen, habe die Schule aber kaum besucht, sondern bis zum
Kriegsausbruch im Jahr 2011 im (...) und als (...) auf dem (...) gearbeitet.
Ab (...) habe er ein Jahr und zehn Monate lang als einfacher Soldat den
regulären Militärdienst absolviert und sei danach aus dem Dienst entlassen
worden. (...) habe er geheiratet. Er sei Vater von (...) Kindern. Seine Eltern
seien (...) in das Heimatdorf C._ zurückgekehrt. Nachdem sein Bru-
der F._, der weiterhin im Haus der Eltern in D._ gelebt habe
und damals im Militärdienst gewesen sei, (...) anlässlich eines Urlaubs de-
sertiert und in den G._ geflohen sei, hätten die syrischen Behörden
nach F._ gesucht. Polizisten hätten etwa im (...) an drei bis vier
aneinander folgenden Tagen vergeblich am Wohnort von F._ in
D._ nach diesem gesucht. Er sei bei einem der Behördenbesuche
in der besagten Wohnung anwesend gewesen und habe gesagt, nicht zu
wissen, wo F._ sei. Als er von Nachbarn erfahren habe, dass die
Behörden in seiner Abwesenheit auch bei seiner eigenen Wohnung in
D._ gewesen seien und dort die Tür aufgebrochen hätten, habe er
sich aus Angst, anstelle von F._ eingezogen zu werden, zur Aus-
reise entschlossen. Er habe D._ gegen Ende 2012 oder anfangs
2013 verlassen und sei nach B._ zurück. Dort habe er sich nur für
kurze Zeit – ein oder zwei Monate respektive nur etwa 15 bis 20 Tage –
aufgehalten und sei dann in den G._ geflüchtet. Er habe seither im
Flüchtlingslager H._ in der Region I._ gelebt und sei nie
mehr nach Syrien zurück. Seine Frau sei ihm etwa zwei Monate später
nach H._ gefolgt. Nach seiner Ausreise aus Syrien sei dem Vater
im (...) für ihn ein Aufgebot für den Reservedienst vom Aushebungsamt in
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B._ ausgehändigt worden. Er habe dem Aufgebot keine Folge ge-
leistet. Seither hätten sich die syrischen Behörden nicht mehr gemeldet.
(...) sei seine Frau mit den Kindern nach B._ zurückgekehrt, nach-
dem er den G._ im (...) 2017 verlassen habe. Er sei über die
J._, K._ und L._ am 1. April 2018 in die Schweiz ge-
langt. Ihm gehe es gesundheitlich gut, aber (...) seiner Kinder würden an
(...) leiden und regelmässige medizinische Behandlung benötigen. Dies sei
der Grund gewesen, weshalb er den G._ verlassen habe. Da es
dort keine Arbeit mehr gegeben habe und er für die Behandlung der Kinder
nicht habe aufkommen können, sei er zwecks Sicherung der Zukunft seiner
Kinder hierhergekommen. Sein Vater sei seit der Übergabe des Reservis-
tenaufgebots im (...) nicht mehr aufgesucht worden und auch seine Frau
habe seit ihrer Rückkehr nach Syrien im Jahr (...) nichts von den syrischen
Behörden gehört. Im G._ sei er (...) der (...) beigetreten. Seine Auf-
gabe sei es gewesen, Veranstaltungsorte einzurichten, beispielsweise
Stühle aufzustellen. Seit der Ausreise aus dem G._ habe er keinen
Kontakt mehr zu der Partei. Bei einer Rückkehr nach Syrien befürchte er,
von den heimatlichen Behörden wegen der Nichtbefolgung des militäri-
schen Aufgebots verfolgt oder gar getötet zu werden.
A.b Bezüglich der weiteren Aussagen beziehungsweise der Einzelheiten
des rechtserheblichen Sachverhalts wird auf die Befragungsprotokolle und
die eingereichten Beweismittel (Militärbüchlein [Reservist seit {...}], militä-
risches Aufgebot vom [...] [Einberufung für Reservedienst], Identitätskarte
[Kopie], Parteikarte) verwiesen (vgl. vorinstanzliche Akten A6, A24 und
A25),
B.
B.a Mit Verfügung vom 2. April 2020 – eröffnet am 4. April 2020 – stellte
das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz an, wobei es den Vollzug der Wegweisung als unzulässig erach-
tete und die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers verfügte.
B.b Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, die Vorbringen des Be-
schwerdeführers vermöchten den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG (SR 142.31) nicht zu genügen. Die heimatli-
chen Behörden hätten den Beschwerdeführer vor der Ausreise aus Syrien
nur in Zusammenhang mit der Suche nach dem Bruder F._, aber
nicht hinsichtlich seiner eigenen Einberufung kontaktiert. Erst nach seiner
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Ausreise aus Syrien sei dem Vater ein militärisches Aufgebot für ihn aus-
gehändigt worden. Weder der Vater noch die Frau des Beschwerdeführers
seien seither von den syrischen Behörden behelligt worden. Die Wehr-
dienstverweigerung vermöge allein die Flüchtlingseigenschaft nicht zu be-
gründen und der Beschwerdeführer weise keine spezifischen Risikofakto-
ren auf, die ein politisches Profil begründen könnten. Eine allfällige Bestra-
fung wegen Wehrdienstverweigerung erfülle daher Art. 3 AsylG nicht. Aus-
geschlossen werden könne aber nicht, dass der Beschwerdeführer deswe-
gen in Syrien einer menschenrechtswidrigen Bestrafung ausgesetzt würde;
dies sei bei der Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs zu be-
achten. Das exilpolitische Engagement des Beschwerdeführers vermöge
nicht zur Annahme einer begründeten Furcht vor flüchtlingsrechtlich rele-
vanter Verfolgung zu führen. Die syrischen Geheimdienste seien zwar auch
im Ausland aktiv und würden Oppositionsparteien überwachen, aber der
Beschwerdeführer weise in dieser Hinsicht kein Risikoprofil auf. Seine Auf-
gaben logistischer Natur bei der Partei «(...)» seien niederschwellig und
seit der Ausreise aus dem G._ habe er keine Aktivitäten mehr aus-
geübt. Des Weiteren habe der Beschwerdeführer nicht geltend gemacht,
wegen des politischen Profils der Brüder F._ und M._ Prob-
leme gehabt zu haben. Auch aus den Dossiers der beiden Brüder würden
sich keine Hinweise auf eine begründete Furcht des Beschwerdeführers
vor Reflexverfolgung ergeben. Der Wunsch nach besserer ärztlicher Ver-
sorgung der Kinder entfalte keine Asylrelevanz. Der Beschwerdeführer er-
fülle daher die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht. Das Asyl-
gesuch sei abzulehnen und die Wegweisung aus der Schweiz anzuordnen.
Da für den Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Syrien aber ein
«real risk» bestehen würde, einer Behandlung oder Bestrafung ausgesetzt
zu werden, die gegen Art. 3 EMRK verstossen würde, sei der Wegwei-
sungsvollzug als unzulässig zu erachten und der Beschwerdeführer daher
vorläufig aufzunehmen.
C.
C.a Mit Eingabe vom 30. April 2020 (Datum Poststempel, Schreiben datiert
vom 29. April 2020; am 28. April 2020 bereits ans SEM verschickt) erhob
der Beschwerdeführer durch den rubrizierten Rechtsvertreter beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Er ersuchte um Aufhebung der vor-
instanzlichen Verfügung und um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
sowie um Gewährung des Asyls. Zudem ersuchte er in verfahrensrechtli-
cher Hinsicht – unter Verweis auf eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung
vom 21. April 2020 – um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Er-
lass der Prozesskosten und Übernahme der Parteikosten).
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C.b Zur Begründung brachte er im Wesentlichen vor, er gelte in den Augen
der syrischen Behörden als Dienstverweigerer, nachdem er der Aufforde-
rung, in den Reservedienst einzutreten, nicht nachgekommen sei. Er ver-
weise auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom
30. Juli 2014, der die Strafen aufzeige, die in Syrien für Wehrdienstverwei-
gerung und Desertion drohen würden. Bei einer Rückkehr nach Syrien
hätte er folglich mit schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen, zumal
er einen zusätzlichen Risikofaktor erfülle, da davon auszugehen sei, dass
die syrischen Behörden seine Dienstverweigerung als Ausdruck feindlicher
Ansichten betrachten und ihn als politischen Oppositionellen einstufen wür-
den. Als Mitglied der Partei «(...)» verfüge er über ein politisches Profil.
Auch wenn er in der Partei keinen hohen Rang gehabt habe, sei er doch
insgesamt (...) Jahre für diese aktiv gewesen, und die Wahrscheinlichkeit
sei hoch, dass er auch im G._ im Visier der syrischen Behörden
gewesen sei. Wie sich aus einem Bericht der SFH vom 20. August 2008
ergebe, würden die Geheimdienste syrische Oppositionelle im Ausland im
Auge behalten. Bereits seine politische Tätigkeit im G._ würde da-
her einen die Flüchtlingseigenschaft begründenden subjektiven Nach-
fluchtgrund darstellen. Zudem habe er seinen Bruder F._ bei des-
sen Desertion unterstützt; die ganze Familie habe damals nach Leuten ge-
sucht, die F._ vor der Flucht ins Ausland kurzzeitig aufgenommen
hätten. Nach der türkischen Invasion in Nordsyrien im Jahr 2019 sei die
Gefahr einer Verhaftung durch die syrische Armee noch gestiegen und er
hätte bei einer Rückkehr nach Syrien wegen seiner Wehrdienstverweige-
rung Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsyIG zu befürchten. Darüber hinaus
habe er wegen der Desertion seines Bruders F._ auch begründete
Furcht vor einer Reflexverfolgung. Er sei von den syrischen Behörden be-
drängt worden, den Aufenthaltsort von F._ preiszugeben.
F._ habe in der Schweiz Asyl erhalten und ein weiterer Bruder
(M._) sei hierzulande unter Zuerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft vorläufig aufgenommen worden. Ein Bericht des finnischen Immig-
ration Service vom 23. August 2016 zeige auf, dass Familienangehörige
damit zu rechnen hätten, anstelle des desertierten Familienmitglieds von
den syrischen Behörden belangt zu werden. Auch eine Schnellrecherche
der SFH vom 25. Januar 2017 weise auf entsprechende Reflexverfol-
gungsgefahr hin.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 1. Mai 2020 den Eingang der
Beschwerde.
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Seite 6
E.
Nachdem die Instruktionsrichterin feststellte, dass der Beschwerdeführer
erwerbstätig ist, forderte sie ihn im Hinblick auf die Prüfung des Gesuchs
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege mit Zwischenverfügung
vom 2. August 2022 – eröffnet am 3. August 2022 – auf, innert sieben Ta-
gen ab Erhalt der Verfügung seine aktuelle finanzielle Situation zu belegen.
Gleichzeitig verzichtete sie einstweilen auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein.
F.
Mit Eingabe vom 8. August 2022 reichte der Beschwerdeführer eine vom
23. Juni 2022 datierende Bestätigung der Unterstützung durch Sozialhilfe
ein und erklärte, dass er am Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege festhalte.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 17. August 2022 beschränkte sich das
SEM darauf, an seinen Ausführungen im angefochtenen Entscheid festzu-
halten und die Abweisung der Beschwerde zu beantragen. Die Vernehm-
lassung ist dem Beschwerdeführer mit dem vorliegenden Urteil zur Kennt-
nisnahme zuzustellen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerde-führende
Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine sol-
che Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, wes-
halb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
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(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von Amtes we-
gen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begeh-
ren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den
geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend ist
grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE
2014/1 E. 2 m.w.H.)
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
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Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2), wobei eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung nicht genügt, sondern viel-
mehr konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realis-
tisch und nachvollziehbar erscheinen lassen müssen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2.5, 2010/44 E. 3.4).
Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus
dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst geschaf-
fen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne
von Art. 54 AsylG geltend. Solche begründen zwar die Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum
Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht
missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, die subjek-
tive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als
Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer wurde laut dem eingereichten Militärdienst-
büchlein nach der Absolvierung des militärischen Grundwehrdiensts am
(...) der Reserve zugeteilt und er machte geltend, er sei am (...) – nach
seiner Ausreise aus Syrien – zum Reservedienst aufgeboten worden. Die
Vorinstanz hat an der Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Rekrutierung
des Beschwerdeführers in den aktiven Reservedienst respektive der dies-
bezüglichen Dienstverweigerung des Beschwerdeführers keine Zweifel ge-
äussert, sprach diesem Vorbringen aber die flüchtlingsrechtliche Relevanz
ab.
5.2 Die Pflicht zur Leistung von Militärdienst ist – ebenso wie eine allfällige
Sanktionierung für den Fall einer Missachtung der Dienstpflicht durch eine
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Wehrdienstverweigerung oder Desertion – praxisgemäss flüchtlingsrecht-
lich nur beachtlich, wenn entsprechende Massnahmen darauf abzielen, ei-
nem Wehrpflichtigen aus einem der in Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG genannten
Gründe ernsthafte Nachteile zuzufügen (vgl. BVGE 2015/3 E. 5; zudem
u. a. Urteil des BVGer D-4482/2018 vom 12. Oktober 2018 E. 5.3). Bezo-
gen auf die spezifische Situation in Syrien erwog das Gericht weiter, die
genannten Voraussetzungen seien im Fall eines syrischen Refraktärs er-
füllt, welcher der kurdischen Ethnie angehöre, einer oppositionell aktiven
Familie entstamme und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit
der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen habe (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.7.3; bestätigt in BVGE 2020 VI/4 E. 5.1.1 und 5.1.2).
Einem syrischen Dienstverweigerer, der sich in der Vergangenheit (poli-
tisch) exponiert hat, droht somit aus politischen Gründen eine unverhält-
nismässig strenge Bestrafung. Diese führt zur Anerkennung als Flüchtling
(vgl. BVGE 2020 VI/4 E. 5.1.1 und 5.1.2). Bestehen keine zusätzlichen ex-
ponierenden Faktoren, droht einem syrischen Dienstverweigerer keine
Strafe, die mit genügender Wahrscheinlichkeit die Schwelle der Asylrele-
vanz erreicht. Diesfalls ist die Dienstverweigerung bei der Frage der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2020
VI/4 E. 6.2.4). Sofern der Betroffene in Syrien wegen seiner glaubhaft ge-
machten Dienstverweigerung mit erheblicher Wahrscheinlichkeit (im Sinne
eines «real risk») eine Behandlung gewärtigen müsste, die der Folter
gleichkommt, ist diese Strafe mit einem Politmalus behaftet. Es liegt dann
eine asylrelevante Verfolgung vor und nicht nur ein völkerrechtliches Voll-
zugshindernis im Sinne von Art. 3 EMRK oder Art. 3 Abs. 1 FoK (vgl. BVGE
2020 VI/4 E. 6).
6.
Der Beschwerdeführer hat Anspruch auf rechtliches Gehör und das SEM
ist von Amtes wegen verpflichtet, diesen Anspruch zu beachten.
6.1 Der Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 26–33
VwVG) beinhaltet als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse, die einer Partei
einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam
zur Geltung bringen kann (vgl. PATRICK SUTTER, in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren,
2. Aufl., 2019, Rz. 1 zu Art. 29, m.w.H., vgl. dazu auch BVGE 2009/35
E. 6.4.1). Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs folgt, dass alle er-
heblichen Parteivorbringen zu prüfen und zu würdigen und Entscheide zu
begründen sind (vgl. Art. 32 Abs. 1 sowie Art. 35 Abs. 1 VwVG). Nach den
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von Lehre und Praxis entwickelten Grundsätzen hat die verfügende Be-
hörde im Rahmen der Entscheidbegründung die Überlegungen zu nennen,
von denen sie sich leiten liess und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die
Begründung des Entscheides muss so abgefasst sein, dass der Betroffene
ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Die Behörde muss sich
jedoch nicht mit jeder tatbeständlichen Behauptung auseinandersetzen,
sondern kann sich auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte
beschränken (vgl. dazu LORENZ KNEUBÜHLER/RAMONA PEDRETTI, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 7 ff. zu Art. 35; ALFRED KÖLZ/ISA-
BELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes; 3. Aufl., 2013, N. 629 ff.; BVGE 2011/37 E. 5.4.1;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1, BGE 136 I 184 E. 2.2.1 und 134 I 83 E. 4.1).
6.2 Vorliegend hielt das SEM in seinen Erwägungen zur Frage der Flücht-
lingseigenschaft fest, dass der Beschwerdeführer wegen seiner Wehr-
dienstverweigerung nicht mit einer flüchtlingsrechtlich relevanten Bestra-
fung rechnen müsse, da bei ihm keine zusätzlichen, risikoerhöhenden Fak-
toren bestehen würden (vgl. Verfügung vom 2. April 2020 S. 5 E. III.1, viert-
letzter Absatz). Gleich im nächsten Absatz hielt es in diesem Zusammen-
hang – unter Verweis auf die nachfolgenden Ausführungen im Wegwei-
sungsvollzugspunkt – aber fest, dass nicht ausgeschlossen werden könne,
dass der Beschwerdeführer in Syrien einer menschenrechtswidrigen Be-
strafung ausgesetzt würde (vgl. Verfügung vom 2. April 2020 S. 5 E. III.1
drittletzter Absatz), und es führte dann bei der Feststellung der Unzulässig-
keit des Wegweisungsvollzugs aus, es bestehe bei einer Rückkehr des Be-
schwerdeführers nach Syrien das reelle Risiko («real risk») einer men-
schenrechtswidrigen Behandlung oder Bestrafung des Beschwerdeführers
und damit einer Verletzung von Art. 3 EMRK (vgl. Verfügung vom 2. April
2020 S. 7 E. IV.1). Wenn aber anerkannt wird, dass ein Betroffener wegen
Dienstverweigerung mit erheblicher Wahrscheinlichkeit eine menschen-
rechtswidrige Behandlung gewärtigen muss, so wird damit implizit ausge-
schlossen, dass es sich bei ihm um einen gewöhnlichen Wehrdienstver-
weigerer handelt, bei welchem keine Anknüpfungspunkte für die Annahme
vorhanden sind, dass der Verfolgung ein Motiv im Sinne des Art. 3 Abs. 1
AsylG zugrunde liegt. Vielmehr wäre gemäss der Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts in einem solchen Fall – wie vorstehend ausge-
führt (vgl. E. 5.2) – davon auszugehen, dass die Strafe mit einem Polit-
malus behaftet ist und somit eine asylrelevante Verfolgung vorliegt (vgl.
BVGE 2020 VI/4 E. 6). Umgekehrt wäre bei einem gewöhnlichen Wehr-
dienstverweigerer ohne weitere einzelfallspezifische Risikofaktoren die
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Dienstverweigerung nur im Rahmen der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs aufgrund der derzeitigen allgemeinen Situation in Syrien zu
berücksichtigen (vgl. BVGE 2020 VI/4 E. 6.2.5 in fine). Die besagten Erwä-
gungen des SEM in der Verfügung vom 2. April 2020 zum Asyl- und Weg-
weisungsvollzugspunkt sind daher nicht nachvollziehbar und widersprüch-
lich (vgl. dazu auch die Urteile des BVGer D-2353/2020 vom 15. Dezember
2021 E. 3.4.3, D-6505/2019 vom 22. März 2021 S. 8 f. und E-1476/2021
vom 25. August 2021 E. 6.2.4). Die Vernehmlassung des SEM vom 17. Au-
gust 2020 trug nicht zur Klärung des besagten Widerspruchs bei, hat sich
das SEM darin doch nicht zur dargelegten Unvereinbarkeit seiner Verfü-
gung mit der Rechtsprechung gemäss BVGE 2020 VI/4 respektive zu sei-
nen widersprüchlichen Erwägungen geäussert, sondern vollumfänglich auf
seine – widersprüchlichen – Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
vom 2. April 2020 verwiesen und an diesen festgehalten.
6.3 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass das SEM die ihm oblie-
gende Pflicht, den Asylentscheid in nachvollziehbarer und widerspruchs-
freier Weise zu begründen, verletzt hat, woraus eine Verletzung des An-
spruchs des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör resultiert.
7.
7.1 Angesichts des formellen Charakters des Gehörsanspruchs führt des-
sen Verletzung grundsätzlich zur Kassation und Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz, unabhängig davon, ob die angefochtene Verfügung bei
korrekter Verfahrensführung im Ergebnis anders ausgefallen wäre. Im Be-
schwerdeverfahren kann die Gehörsverletzung unter Umständen aus pro-
zessökonomischen Gründen geheilt werden, aber nur unter den restrikti-
ven Voraussetzungen, dass die Rechtsmittelinstanz über die volle Kogni-
tion verfügt, das Versäumte nachgeholt wird, die beschwerdeführende Per-
son dazu Stellung nehmen kann und die festgestellte Verletzung nicht
schwerwiegender Natur ist (vgl. dazu BVGE 2015/10 E. 7.1 m.w.H.;
Kölz/Häner/Bertschi, a.a.O., Rz. 548 ff., 645).
7.2 Der vorliegend festgestellte Mangel ist bedeutsam und eine Heilung
der Gehörsverletzung auf Beschwerdestufe fällt in casu nicht in Betracht,
zumal das SEM in seiner Vernehmlassung vom 17. August 2022 vollum-
fänglich an seinen (widersprüchlichen) Erwägungen in der angefochtenen
Verfügung festgehalten hat, ohne sich zu der besagten bundesverwal-
tungsgerichtlichen Rechtsprechung zu äussern. Ausserdem ginge dem Be-
schwerdeführer bei einer Heilung durch das Gericht und einem daraufhin
allenfalls ergehenden abweisenden Entscheid eine Instanz verloren. Die
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angefochtene Verfügung ist folglich aufzuheben und die Sache zur neuen
Beurteilung und Begründung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
8.
Aufgrund des Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Auf-
hebung der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Da der festgestellte
formelle Mangel sowohl den Asyl- als auch den Wegweisungsvollzugs-
punkt beschlägt und die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme – als Er-
satzmassnahme für den als undurchführbar erachteten Wegweisungsvoll-
zug – vom Entscheid im Asylpunkt abhängig ist, ist die vorinstanzliche Ver-
fügung vollständig aufzuheben und die Sache zur Wiederaufnahme des
erstinstanzlichen Asylverfahrens und zur Neubeurteilung im Sinne der Er-
wägungen an das SEM zurückzuweisen. Bei diesem Verfahrensausgang
erübrigt es sich, auf die weiteren Beschwerdevorbringen näher einzuge-
hen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch des Beschwerdeführers um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung ist damit gegenstandslos.
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten auszurichten. Es wurde
keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten auf-
grund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE)
ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädi-
gung von insgesamt Fr. 550.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzu-
schlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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