Decision ID: df613fb8-e1dd-5387-b377-7662d3d9f43c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer, ein afghanischer
Staatsangehöriger der Ethnie der Hazara, aus B._, C._
stammend, Ende 2014 legal sein Heimatland in Richtung Iran, wo er auf
dem Landweg am (...) Oktober 2015 in die Schweiz einreiste und gleichen-
tags ein Asylgesuch stellte.
Am 2. November 2015 wurde er im Empfangs- und Verfahrenszentrum
EVZ in D._ zu seiner Person, seinem Reiseweg und summarisch
zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am 18. Au-
gust 2016 fand die Anhörung zu den Asylgründen statt.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer vor, er
sei im Jahr 2003 nach Kabul gezogen und habe dort nach der Heirat bei
seinem Schwiegervater im Verkauf gearbeitet. Im Jahr 2010 sei er nach
einem Besuch auf dem Land bei seiner Tante mit einem Minibus nach Ka-
bul zurückgefahren und habe dort während eines kurzen Halts einen
Freund, welcher bei der Armee gearbeitet habe, getroffen. Dieser habe ihm
anlässlich dieses unverhofften Treffens Geld für dessen Familie in Kabul
mitgegeben. Kurz vor Kabul sei der Bus erneut angehalten worden, wobei
in Folge zwei von den drei mitfahrenden Paschtunen von der Polizei mit-
genommen worden seien. Einige Tage später, am 10. Juli 2010, habe er
einen Drohbrief in Paschtu erhalten. Darin sei er beschuldigt worden, die
zwei festgenommenen Paschtunen aus dem Bus an die Behörden verraten
zu haben. Er sei aufgefordert worden, (...) Dollar zu zahlen, ansonsten
würde man ihn umbringen. Eine Anzeige bei der Polizei habe keinen Erfolg
gebracht. Deshalb sei er mit seiner Familie innerhalb von Kabul in ein an-
deres Quartier gezogen. Zwei Jahre lang sei er abgesehen von diversen
Drohanrufen von ungekannten Nummern, auf welche er nicht geantwortet
habe, nicht behelligt worden. Am 27. August 2012 seien mitten in der Nacht
drei ihm unbekannte Personen in sein Haus eingedrungen und hätten auf
ihn geschossen. Trotz einer weiteren Anzeige und einer umgehend einge-
leiteten Untersuchung durch die Polizei seien die Täter nicht gefunden wor-
den. Einen Tag nach diesem Überfall habe er erneut einen Anruf erhalten,
er solle das vormals verlangte Geld nun endlich bezahlen. Deshalb sei er
mit seiner Familie ein weiteres Mal umgezogen. Am 12. Oktober 2014 habe
er einen weiteren Brief mit denselben Drohungen erhalten, weshalb er sich
dazu entschlossen habe auszureisen. Auf der Flucht sei er an der Grenze
zur Türkei von seiner Familie getrennt worden. Diese sei danach wieder
D-2285/2019
Seite 3
nach Kabul zurückgekehrt. Er habe nach wie vor telefonischen Kontakt mit
seiner Ehefrau, diese berichte ihm, sie erhalte immer noch Anrufe von un-
bekannten Nummern.
Als Beweismittel legte er seine Tazkera sowie diejenige seiner Ehefrau und
seiner Tochter, zwei Drohbriefe, zwei Strafanzeigen sowie diverse Fotos zu
den Akten.
Mit Eingabe vom 26. Oktober 2016, respektive 15. Dezember 2016 reichte
der Beschwerdeführer ein Schreiben bei der Vorinstanz ein, gemäss wel-
chem sein Bruder entführt worden und für seine Freilassung ein Lösegeld
gefordert worden sei. Drei Tage nach dieser Drohung sei dessen kopflose
Leiche auf der Strasse bei Kabul gefunden worden. Die afghanischen Be-
hörden hätten den Angehörigen des Beschwerdeführers keine Unterstüt-
zung geboten.
B.
Mit Entscheid vom 29. Dezember 2016 lehnte das SEM das Asylgesuch
des Beschwerdeführers ab und verfügte gleichzeitig die Wegweisung so-
wie deren Vollzug.
C.
Dagegen wurde am 29. Januar 2017 Beschwerde vor dem Bundesverwal-
tungsgericht erhoben. Der Beschwerdeführer machte subjektive Nach-
fluchtgründe geltend. Die Ablehnung des Asylgesuchs sowie die Wegwei-
sung wurden jedoch nicht angefochten und erwuchsen in Rechtskraft.
D.
Mit Schreiben vom 25. Januar 2018 wurde die Taufurkunde des Beschwer-
deführers – datiert vom 16. April 2017 – sowie ein Referenzschreiben des
Pfarrers E._ der Freien Evangelischen Gemeinde (...) zu den Akten
gereicht.
E.
Mit Urteil D-626/2017 vom 18. Dezember 2018 wies das Bundesverwal-
tungsgericht die Sache zur Neubeurteilung betreffend subjektive Nach-
fluchtgründe an die Vorinstanz zurück.
F.
Am 5. Februar 2019 fand eine ergänzende Anhörung zu den Asylgründen
statt.
D-2285/2019
Seite 4
In dieser machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, seine
Ehefrau, seine Tochter und ihre Familie seien im (...) 2017 nach Pakistan
geflüchtet, da sein Bruder am 13. Oktober 2016 von den Taliban zuerst
entführt sowie in Folge geköpft worden sei und sie deshalb befürchtet hät-
ten, selber in Gefahr zu geraten, da die Polizei, welche zwar umgehend
verständigt worden sei, nicht geholfen habe. Zudem habe sich die allge-
meine Sicherheitslage in Afghanistan zunehmend verschlechtert. Sie wür-
den nun als illegale Flüchtlinge in Pakistan leben. Auch eine seiner
Schwestern sei wegen der allgemeinen Sicherheitslage im Heimatland in
den Iran ausgereist.
Seit ungefähr Ende 2017 habe er jedoch keinen Kontakt mehr zu seiner
Familie und seiner Ehefrau. Sie hätten den Kontakt zu ihm abgebrochen,
als sie erfahren hätten, dass er konvertiert sei. Er sei von seiner Ehefrau
als Ungläubiger beschimpft und von seiner Mutter sowie einem seiner Brü-
der verflucht worden.
G.
Mit Verfügung vom 17. April 2019 – eröffnet am 18. April 2019 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch erneut ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
H.
Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom
13. Mai 2019 die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an
und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei in den Dispositivpunkten
1 bis 5 aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu
gewähren oder eventualiter sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen.
Subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Weiter beantragte er die Beiordnung rubrizierter Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin gemäss aArt. 110a lit. a und Abs.
3 AsylG (SR 142.31).
I.
Mit Zwischenverfügung vom 29. Mai 2019 wurde das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
D-2285/2019
Seite 5
Abs. 1 VwVG mangels Bedürftigkeit abgewiesen und der Beschwerdefüh-
rer aufgefordert, einen Kostenvorschuss zu leisten. Das Gesuch um amtli-
che Rechtsverbeiständung wurde ebenfalls abgewiesen.
J.
Die Vorinstanz hielt mit ihrer Vernehmlassung vom 20. Juni 2019, vollum-
fänglich an ihren Erwägungen fest.
K.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 9. Juli 2019 zur
Kenntnis gebracht.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 19. März 2021 wurde dem Beschwerdeführer
die Gelegenheit eingeräumt, allfällige Ergänzungen und Beweismittel ein-
zureichen.
M.
Mit den Eingaben vom 31. März 2021 und 6. April 2021 reichte der Be-
schwerdeführer einen Arbeitsvertrag (datiert vom 2. März 2021), einen
Kursnachweis Deutsch, einen Lernfahrausweis, einen Nothelferkurs-Aus-
weis, ein Schreiben von Pfarrer E._ (vom 5. April 2021), eine Mail-
nachricht von F._ (vom 2. April 2021), ein Zwischenzeugnis seines
Arbeitsgebers (vom 5. April 2021), ein weiteres Referenzschreiben von
G._ (vom 5. April 2021) sowie zwei Fotos zu den Akten. Weiter
wurde eine Vollmacht eingereicht und MLaw Rachel Brunnschweiler der
Bündner Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende als neue Rechtsvertre-
tung bezeichnet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
D-2285/2019
Seite 6
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts Anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist nach erfolgter Einzahlung des Kostenvorschusses vom
4. Juni 2019 einzutreten.
1.5 Nachdem die Verfügung der Vorinstanz vom 29. Dezember 2016 be-
treffend Asyl und Wegweisung in Rechtskraft erwachsen ist, bilden vorlie-
gend lediglich die Frage der Flüchtlingseigenschaft und des Vollzugs der
Wegweisung Prozessgegenstand, zumal seit dem letzten Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts vom 18. Dezember 2019 keine neuen Asylgründe
geltend gemacht wurden.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26, E.5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
D-2285/2019
Seite 7
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid im Wesentli-
chen damit, die Vorfluchtgründe des Beschwerdeführers seien nicht glaub-
haft sowie in einigen Punkten widersprüchlich. Ausserdem sei es fraglich,
ob er aufgrund seiner Konversion bei einer Rückkehr ins Heimatland asyl-
rechtlich relevanten Nachteilen ausgesetzt wäre. Schliesslich sei es frag-
lich, ob seine Familie tatsächlich nach Pakistan ausgereist sei.
Sie führte an, die Annahme des Beschwerdeführers, er habe nach der Bus-
fahrt im Jahr 2010 die Aufmerksamkeit der Taliban erregt, vermöge nicht
zu überzeugen. So sei seinen Aussagen zufolge der Bus überfüllt gewesen
und die drei Paschtunen, welche hinter ihm gesessen hätten, hätten sich
nicht mit ihm unterhalten, so dass nicht ersichtlich sei warum gerade er
verdächtigt worden sei, verantwortlich für die beiden Festnahmen gewesen
zu sein. Auch würden seine Vermutungen in keiner Weise erklären, warum
er später während mehreren Jahren von den Taliban bedroht worden sei.
Zudem habe es verschiedene Widersprüche im Zusammenhang mit den
Drohungen und Verfolgungen gegeben, welche nicht aufgelöst hätten wer-
den können. Deshalb seien seine Darlegungen der geltend gemachten
Verfolgungen durch die Taliban als nicht glaubhaft einzustufen.
Wenngleich seine Konversion nicht grundsätzlich bezweifelt werde, da er
sich bereits vor dem Ergehen des Entscheids mit dem Christentum be-
schäftigt habe, sei an seiner persönlichen Motivation zu zweifeln. Auch sei
es fraglich, ob er bei einer Rückkehr in sein Heimatland einer asylrelevan-
ten Verfolgung ausgesetzt wäre. Er habe anlässlich der ergänzenden Be-
fragung zu Protokoll gegeben, er verheimliche bereits in der Schweiz seine
Konversion grösstenteils vor seinen Landsleuten und könne aufgrund sei-
ner Arbeitstätigkeit lediglich sporadisch an Gottesdiensten teilnehmen,
D-2285/2019
Seite 8
weswegen es ihm auch im Heimatland möglich wäre, seinen neuen Glau-
ben im Geheimen zu praktizieren. Ferner sei seine Vorgehensweise, wie
er seiner Ehefrau seine Konversion gestanden habe stereotyp, weltfremd
und unsubstanziiert ausgefallen, so dass ihm in diesem Punkt sowie dem
anschliessend vollständigen Kontaktbruch mit der Ehefrau und seinen Fa-
milienangehörigen nicht geglaubt werden könne. Vielmehr bestünden
Zweifel daran, dass er sich ihnen diesbezüglich überhaupt offenbart habe,
da nicht anzunehmen sei, er habe seine Ehe aufs Spiel setzen wollen, zu-
mal er eine negative Reaktion von seiner Familie bereits erwartet habe.
Auch erscheine es nicht logisch, warum er sich im heutigen Zeitalter der
modernen Technologien nicht darum bemüht habe, den Aufenthalt seiner
Familie ausfindig zu machen, um diese in Pakistan kontaktieren zu können.
Ebenfalls erscheine es unlogisch, dass die Flucht der Familie erst ungefähr
ein halbes Jahr nach der Ermordung des Bruders erfolgt sei. Vielmehr sei
davon auszugehen, dass die Furcht vor den Taliban nicht sehr gross ge-
wesen sei. Ausserdem sei es auch wahrscheinlich, dass sich seine Familie
bereits viel länger als angegeben in Pakistan aufhalte oder aber zwischen-
zeitlich wieder nach Kabul zurückgekehrt sei.
Schliesslich sei eine Wegweisung zumutbar, da er in Kabul übe+r ein fami-
liäres Netz verfüge, jung und gesund sei sowie über Berufserfahrung ver-
füge.
4.2 Dagegen wendete der Beschwerdeführer ein, dass es – entgegen der
Argumentation der Vorinstanz – durchaus nachvollziehbar erscheine, dass
er sich in den Augen von Extremisten als Hazara bei der Entgegennahme
einer grösseren Menge Geld von einem Armeeangehörigen verdächtig ge-
macht habe. Die Vorinstanz verkenne im Zusammenhang mit der an-
schliessenden jahrelangen Verfolgung, dass die Taliban stark vernetzt
seien und es für eine solche Organisation nicht schwierig sei, eine Person
sowie auch deren Handynummer problemlos ausfindig zu machen. Des-
halb sei er trotz reichlicher Vorsichtsmassnahmen während mehrerer Jahre
immer wieder bedroht und verfolgt worden. Auch habe er seine geltend
gemachten Asylvorbringen in beiden Anhörungen konsistent und nachvoll-
ziehbar dargelegt, deshalb müsse von einem insgesamt glaubhaften Sach-
verhalt ausgegangen werden. Die angeblichen Widersprüche seien auf un-
genaue Formulierungen und seine subjektive Erzählweise zurückzuführen.
Zudem könne ihm nicht vorgeworfen werden, er habe gewisse Details in
der BzP nicht erwähnt.
D-2285/2019
Seite 9
Weiter erläuterte er, die Vorinstanz missachte in ihrem Entscheid, dass
seine Familie sehr konservativ und religiös sein, weshalb sie sich nach der
Offenlegung seiner Konversion umgehend von ihm abgewendet und jegli-
chen Kontakt abgebrochen habe. Es sei ihm nicht zuzumuten, unter diesen
Umständen seinen Glauben im täglichen Leben verstecken zu müssen, zu-
mal die Vorinstanz seine Konversion nicht anzweifle. Bei einer Rückkehr
müsste er einen unerträglichen psychischen Druck im Sinne des Asylge-
setzes aushalten. Ausserdem habe er glaubhaft dargelegt, wie er seine
Ehefrau telefonisch mit seinem neuen Glauben konfrontiert und wie diese
anschliessend mit einem vollständigen Kontaktabbruch reagiert habe.
Ferner sei es nicht nachvollziehbar, dass die Vorinstanz einerseits von ihm
verlangt habe, er müsse nachgereichte Beweismittel auf eigene Kosten
übersetzen lassen, sie anderseits diese im Entscheid als leicht käuflich und
somit als nicht verwertbar eingestuft habe.
Schliesslich kritisierte er, dass der Umstand, dass seine Familienangehöri-
gen aufgrund der allgemeinen unsicheren Lage sowie wegen der Ermor-
dung des Bruders aus Afghanistan ausgereist seien, im Zusammenhang
mit den Wegweisungshindernissen nicht berücksichtigt worden sei, da
seine diesbezüglichen Erläuterungen bezweifelt würden. Dies obwohl er
verschiedene Beweismittel eingereicht habe, welche belegen würden,
dass sich seine Ehefrau in Pakistan und seine Schwester im Iran befinden
würden. Er habe kein Sozialnetz mehr in Afghanistan, was gekoppelt mit
seiner Konversion, auch verhindere, sich ein neues Beziehungsnetz auf-
bauen zu können. Auch habe die Vorinstanz nicht berücksichtigt, dass er
als der Hazara zugehörigen Ethnie auch in Kabul besonders exponiert sei
und von den Taliban als solcher gezielt entführt und getötet werden könne.
4.3 In der Stellungnahme vom 31. März 2021 betonte der Beschwerdefüh-
rer seine hervorragende Integration in der Schweiz und legte dar, er würde
täglich beten und sich regelmässig mit dem Lesen der Bibel beschäftigen.
Ausserdem habe er nach wie vor keinen Kontakt mit seinen Familienange-
hörigen.
5.
5.1 Einleitend ist festzuhalten, dass im Urteil D-626/2017 vom 18. Dezem-
ber 2018 (vgl. E.1.5) festgestellt worden war, dass der Beschwerdeführer
in seiner Beschwerde vom 29. Januar 2017 die Asylgewährung nicht expli-
zit beantragte, weshalb der Asylpunkt in Rechtskraft erwuchs. Somit ist es
D-2285/2019
Seite 10
nicht zulässig, dass die Vorinstanz ein zweites Mal in derselben Sache ent-
schied, zumal die Eingabe nicht als Mehrfachgesuch bei ihr eingegangen
ist. Auf den Antrag der Asylgewährung ist deshalb nicht einzutreten, son-
dern nur, die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft aufgrund seiner Konver-
sion im Sinne von subjektiven Nachfluchtgründen zu beurteilen.
5.2 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl.
Art. 54 AsylG). Als subjektive Nachfluchtgründe gelten insbesondere ille-
gales Verlassen des Heimatlandes (sogenannte Republikflucht), Einrei-
chung eines Asylgesuches im Ausland oder aus der Sicht der heimatstaat-
lichen Behörden unerwünschte exilpolitische Betätigung, wenn sie die Ge-
fahr einer zukünftigen Verfolgung begründet. Subjektive Nachfluchtgründe
begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, füh-
ren jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls (Art. 2 AsylG),
unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich ge-
setzt wurden. Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nach-
fluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge
vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1 und E. 7.1; 2009/28,
beide mit weiteren Hinweisen).
5.3 In einem ersten Schritt ist zu prüfen, ob die vom Beschwerdeführer gel-
tend gemachte Konversion zum Christentum als glaubhaft zu erachten ist.
5.3.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im
Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Ent-
scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar-
stellung der Gesuchstellerin sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung
für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen
Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie
und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits-
gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn-
zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere
Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins-
besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach-
geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht
es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg-
lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der
D-2285/2019
Seite 11
Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen die Ge-
suchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn
die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es
demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber
in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um-
stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl.
BVGE 2012/5 E. 2.2).
5.3.2 Die Beurteilung der Glaubhaftigkeit stellt bei einer geltend gemachten
Konversion zu einer neuen Religion oft das zentrale Element einer Prüfung
des Asylgesuches in diesem Bereich dar. Aufgrund des ausgeprägten
inneren Charakters dieses Vorbringens ist diese Prüfung besonders heikel
und schwierig. Die religiöse Zugehörigkeit kann – im Vergleich zu anderen
Asylvorbringen – praktisch nur anhand der eigenen Aussagen der
asylsuchenden Person beurteilt werden. Gegebenenfalls können zwar
gewisse Schlüsse aus externen Anhaltspunkten wie Besuche von
Gottesdiensten, Bescheinigungen und Aussagen privater Dritter gezogen
werden. Solche Urkunden sind im Gesamtkontext zusammen mit den
Aussagen der asylsuchenden Person zu berücksichtigen, vermögen in der
Regel alleine jedoch die Konversion nicht glaubhaft zu machen. Die
asylsuchende Person muss hingegen in jedem Fall mit ihren Aussagen den
Behörden glaubhaft machen können, dass sie sich aufgrund ihrer inneren
Überzeugung zum einen von ihrer früheren Religion ab und –
gegebenenfalls – zum anderen einer neuen Religion zugewandt hat. Eine
lediglich formelle Konversion (z.B. durch die Taufe) ohne Hinweise auf
innere Überzeugung reicht für die Glaubhaftmachung in der Regel nicht
aus. In den Befragungen während des Asylverfahrens können offene
Fragen zum (familiären) Hintergrund der Person, zum Prozess der
Konversion mit Hinblick auf die damit verbundenen Risiken (u.a. Auslöser,
Kritik an der ursprünglichen Religion, Geschwindigkeit, Vorbereitung,
Ablauf der eigentlichen Konversion, Reaktionen des Umfelds) sowie
Kenntnisse der neuen Religion und deren Bedeutung und Ausübung im
Alltag Hinweise auf diese innere Überzeugung geben. Dabei müssen aber
immer die persönlichen Umstände, wie der soziale, wirtschaftliche und
schulische Hintergrund, besonders berücksichtigt werden. Zudem ist in
diesem speziellen Kontext der offenen Fragestellung und der freien
Erzählung über das innere Vorgehen gegenüber Wissensfragen mehr
Gewicht beizumessen. Das nicht sofortige Geltendmachen der Konversion
in den Befragungen muss nicht zwingend gegen die Glaubhaftigkeit des
Vorbringens sprechen, wenn diese Verspätung durch besondere
Umstände erklärt werden kann. (vgl. Referenzurteil des Bundes-
D-2285/2019
Seite 12
verwaltungsgerichts D-4952/2014 vom 23. August 2017, E. 6.2, mit
weiteren Hinweisen).
5.4 Die Glaubhaftigkeit der Konversion des Beschwerdeführers wird von
der Vorinstanz grundsätzlich nicht bezweifelt. Hingegen führte sie an, es
würden Zweifel an seiner persönlichen Motivation bestehen.
Hinsichtlich den Erklärungen in der ergänzenden Anhörung fällt auf, dass
der Beschwerdeführer sich in detaillierter und anschaulicher Weise zu sei-
ner Motivation in Bezug auf seine Konversion äusserte. In reflektierter
Weise legte er zunächst seine einstige Glaubensüberzeugung aus der
Sicht des Islams über das Christentum dar und erklärte, wie er sich seit
seiner Einreise in die Schweiz stetig mehr mit dem Christentum befasst
habe und sich sein aus Afghanistan beeinflusstes Bild von Christen anhand
eigener Erfahrungen zusehend geändert habe, dies obwohl er zuvor, wie
alle anderen Moslems in Afghanistan schlecht von den Christen gedacht
habe (vgl. act. A34/23, F86). Er stellte auch verschiedentlich kritische Ver-
gleiche zwischen der Anschauung beider Religionen an, was durchaus auf
eine Auseinandersetzung mit dem Christentum schliessen lässt. Ausführ-
lich beschrieb er ferner, wie er mit verschiedenen Christen in der Schweiz
in Kontakt getreten sei und auch konvertierte afghanische Freunde gefun-
den habe (vgl. act. A34/23, F87-92, F130). Anzunehmen ist zudem, dass
er sich bereits vor dem Ergehen seines negativen Asylentscheides mit dem
Christentum befasst hat (vgl. act. A34/ 23, F88 und Schreiben von Herrn
E._ vom 18. Januar 2018). Schliesslich schilderte er in nachvoll-
ziehbarer Weise, wie er sich anfänglich lediglich über das Christentum in-
formiert und Fragen gestellt habe, um sich später bewusst dafür zu ent-
scheiden, sich taufen zu lassen und Christ zu werden, da für ihn das Chris-
tentum das Gute in den Menschen betonen und sich die christliche Religion
nicht wie der Islam über alle anderen Glaubensrichtungen hinwegsetzen
würde. Hingegen wirkt es etwas erstaunlich, welch kurze Zeit – nämlich
rund vier Monate – zwischen dem erstmaligen Kontakt mit dem Christen-
tum und seiner Konversion respektive seiner Taufe vergangen ist. Ange-
sichts dieser kurzen Zeitspanne sowie der Tatsache, dass er in einem sehr
konservativen familiären Umfeld aufgewachsen sein soll, überrascht diese
äusserst schnelle Entscheidung, sich kurzerhand vom Islam abzuwenden
respektive zum Christentum zu konvertieren.
5.5 Das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass seine Dar-
legungen in Bezug auf seine Konversion zum Christentum dennoch insge-
samt zu überzeugen vermögen.
D-2285/2019
Seite 13
6.
6.1 In einem weiteren Schritt ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr in sein Heimatland infolge seines Glaubenswechsels Nach-
teile im Sinne einer asylrelevanteren Verfolgung gemäss Art. 3 AsylG zu
befürchten hätte.
6.2 Eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Sinn von Art. 3
Abs. 1 AsylG liegt dann vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme be-
steht, Letztere werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in ab-
sehbarer Zeit verwirklichen (vgl. statt vieler BVGE 2011/51 E. 6.1).
6.3
6.3.1 In seinem Referenzurteil D-4952/2014 vom 23. August 2017 hat das
Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass die afghanische Verfassung
den Islam als offizielle Staatsreligion bezeichne, und andere Religionsan-
schauungen lediglich in den gesetzlichen Grenzen frei ausgeübt werden
könnten, wobei sie den Grundsätzen des Islam nicht zuwiderlaufen dürften.
Apostasie werde zwar im afghanischen Strafgesetzbuch nicht explizit als
Straftat definiert, falle aber nach afghanischer Rechtsauffassung unter die
nicht weiter definierten «ungeheuerlichen Straftaten», welche gemäss dem
Strafgesetzbuch nach der Hanafi-Rechtslehre bestraft würden. Gemäss
dieser Lehre würden Frauen lebenslang respektive bis zum Widerruf der
Konversion in Haft genommen und Männer enthauptet. Auch wenn die To-
desstrafe nicht verhängt werde, seien die rechtlichen sowie gesellschaftli-
chen Konsequenzen äusserst hart. Die Äusserung von nicht-religiösen
Überzeugungen werde verfolgt oder schlicht durch soziale Zwänge verun-
möglicht. Die soziale Kontrolle und der soziale Druck in Afghanistan seien
gross, so dass die diesbezüglichen familiären Konflikte dazu führen könn-
ten, dass die Konversion in einem breiteren Umfeld bekannt wird (vgl.
E. 7.5.2). Es sei daher davon auszugehen, dass Personen, deren Aposta-
sie in Afghanistan öffentlich bekannt werde, eine objektiv begründete
Furcht vor Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten haben (vgl.
D-4952/2014 E. 7.5.5).
6.3.2 Gemäss Rechtsprechung unterliegen konvertierte Christen de-jure in
Afghanistan keiner Kollektivverfolgung, wobei jeweils eine individuelle Prü-
fung der Gefährdung im Einzelfall vorzunehmen ist. In diesem Sinn ist auch
das in der Beschwerde erwähnte Referenzurteil D-4952/2014 vom 23. Au-
gust 2017 zu sehen, gemäss welchem eine Konversion flüchtlingsrechtlich
relevant sein kann, was jedoch einzelfallbezogen zu prüfen ist. Zudem wird
D-2285/2019
Seite 14
im Referenzurteil festgehalten, dass die Frage der Zumutbarkeit des Ge-
heimhaltens einer Apostasie im Heimatstaat insbesondere vor dem jeweils
bestehenden Umfeld zu prüfen sei (vgl. D-4952/2014 E. 7.7.2).
6.3.3 Die Quellenlage zu den zum Christentum konvertierten Personen be-
züglich ihres Alltags in Afghanistan ist eher dünn (vgl. Landinfo-Report-Af-
ghanistan-Christian-Converts-070402021.pdf (ecoi.net), Kapitel 1.1, abge-
rufen am 1. Juni 2021). Unbestritten ist jedoch, dass Konvertiten und Kon-
vertitinnen neben massiven strafrechtlichen Konsequenzen sozialen Sank-
tionen respektive Ausgrenzungen seitens der afghanischen Gesellschaft
ausgesetzt sind. Gemäss Landinfo stelle der Islam einen integralen Be-
standteil der traditionellen afghanischen Familie sowie der gesamten Ge-
sellschaft dar und beherrsche den Alltag sowie das Denken der afghani-
schen Gesellschaft. In den Grossstädten sei es zwar einfacher als in länd-
lichen Gebieten, islamische Rituale zu umgehen, da dort eine weniger
starke soziale Kontrolle und generell ein weniger traditionelles Umfeld herr-
sche, dennoch bedeute Konversion Stigmatisierung in allen Bereichen des
Lebens und führe oftmals zum Bruch mit der Familie, der lokalen Gemein-
schaft und der persönlichen Identität als Afghane oder Afghanin. Der ei-
gentliche Druck, welchem konvertierte Personen ausgesetzt seien, käme
im Regelfall zuerst von den Familienangehörigen, welche mit verschiede-
nen Mitteln versuchten, die konvertierte Person regelmässig unter psychi-
schen Druck zu setzen, sich erneut dem Islam zuzuwenden, um sie danach
vom Familienverband auszuschliessen, oder in extremen Fällen zu bedro-
hen, zu denunzieren oder körperlicher Gewalt gegen sie anzuwenden (vgl.
Landinfo, Kapitel 2.1 und 4). Das Austrian Centre for Country of Origin &
Asylum Research and Documentation (ACCORD) schreibt in seinem Be-
richt, dass ein Leben als Konvertit oder Konvertitin auch in Kabul aufgrund
der gesellschaftlichen Kontrolle und Stigmatisierung schwierig sei. Obwohl
die Wahrscheinlichkeit von gesellschaftlichen Sanktionen in den Gross-
städten geringer als in entlegenen ländlichen Regionen sei, müsse zumin-
dest der sozioökonomische Schutz der erweiterten Familie vorhanden sein
und setze auch die Bereitschaft voraus, das Risiko von Übergriffen in Kauf
zu nehmen. Ansonsten müsse auch in den Städten Kabul, Herat und Ma-
zar-e Sharif mit massiven gesellschaftlichen Konsequenzen und Gefahren
gerechnet werden (vgl. Afghanistan: Apostasie, Konversion, Blasphemie
(ecoi.net), S. 8f., S. 15, abgerufen am 1. Juni 2021).
6.3.4 Afghanische Christen und Christinnen, welche ihren Glauben den-
noch öffentlich oder in sozialen Medien ausüben, würden alle ausnahmslos
im Ausland leben. Obwohl es in der diplomatischen Enklave in Kabul eine
https://www.ecoi.net/en/file/local/2050251/Landinfo-Report-Afghanistan-Christian-Converts-070402021.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2050251/Landinfo-Report-Afghanistan-Christian-Converts-070402021.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2031618/Afghanistan_Apostatsie_Konversion_Blasphemie.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/2031618/Afghanistan_Apostatsie_Konversion_Blasphemie.pdf
D-2285/2019
Seite 15
(einzige) offizielle katholische Kirche gebe, sei der Zugang für afghanische
Staatsangehörige jedoch verboten. Weiter kommt Landinfo in ihrem Bericht
zum Schluss, dass in Grossstädten das Internet regelmässig benutzt und
die Bibel sowie weiteres christliches Material unentgeltlich vom Internet
heruntergeladen werden könne. Auch sei es möglich, Messen zu verfolgen
oder an Foren teilzunehmen. Es seien keine Hinweise darauf zu finden,
dass die afghanische Regierung Internetseiten zensiere oder blockiere.
Zudem hätten vor allem in den grösseren afghanischen Städten viele Leute
eigene Mobiltelefone, welche privat seien und es sei unwahrscheinlich,
dass die Zugriffe von privaten Mobiltelefonen kontrolliert oder überwacht
würden (vgl. Landinfo-Report-Afghanistan-Christian-Converts-07040
2021.pdf ecoi.net, Kapitel 5).
6.4 Vorliegend ist aufgrund der Aktenlage nicht davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer in seinem Heimatstaat Afghanistan zu befürchten
hätte, dass sein Glaubenswechsel öffentlich bekannt geworden ist oder in
absehbarer Zeit bekannt werden würde. Gemäss seinen letzten Kenntnis-
sen seien seine Ehefrau, die Tochter, die Schwiegereltern sowie seine
Schwester im Sommer 2017 ins benachbarte Pakistan ausgewandert. Aus
dem Anhörungsprotokoll geht hervor, dass zu dieser Zeit seine Verwandten
noch nichts von seinem Glaubenswechsel erfahren hatten. Erst ungefähr
sechs Monate später – also erst Ende 2017 – habe er seine Konversion,
welche mit einem vollständigen Kontaktbruch zu seinen Familienangehöri-
gen einherging, seiner Ehefrau gestanden (vgl. act. A34/23, F43, 44, 97).
Entgegen der Argumentation der Vorinstanz, er habe nicht glaubhaft und
beweiskräftig darlegen können, dass seine Familie im Jahr 2017 aus Af-
ghanistan ausgereist sei, erachtet es das Bundesverwaltungsgericht als
durchaus realistisch und nachvollziehbar, dass diese aufgrund der sich ver-
schlechterten allgemeinen Lage in Afghanistan sowie auch der Stadt Kabul
Afghanistan verlassen hat und nach Pakistan geflohen ist, zumal der
Schwiegervater des Beschwerdeführers über genügend Geld verfügt und
es ihm möglich ist, seiner Familie das Leben in Pakistan zu finanzieren
(vgl. act. A34/23, F43, 48, 49, 113, 115). Auch in der aktuellen Eingabe vom
März 2021 bestätigt der Beschwerdeführer, weiterhin keinen Kontakt zu
seinen Familienangehörigen zu haben.
In Anbetracht der genannten Umstände ist deshalb nicht davon auszuge-
hen, dass das Wissen um seine Konversion über die Grenzen von Pakistan
bis nach Kabul und so an die Öffentlichkeit gelangt sein konnte. Auch die
Tatsache, dass seine Mutter, welche auch über seine Konversion informiert
ist, in Kabul wohnhaft ist, lässt den Schluss nicht zu, dass diese über die
D-2285/2019
Seite 16
Glaubensänderung seines Sohnes in der Öffentlichkeit gesprochen hat, zu-
mal davon auszugehen ist, dass sie sich aus seiner bekanntwerdenden
Konversion selber in einen zweifelhaften Ruf zuziehen würde.
6.5 Angesichts der vorhergehenden Erwägungen ist nicht davon auszuge-
hen, dass die Apostasie und anschliessende Konversion zum Christentum
des Beschwerdeführers in der Öffentlichkeit in Afghanistan bekannt wurde.
Es bestehen auch keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine diesbezüg-
liche individuelle asylrelevante Verfolgung, welche sich bei seiner Rück-
kehr in absehbarer Zukunft verwirklichen würden.
6.6 In der Beschwerde machte der Beschwerdeführer weiter geltend, es
könne ihm im Falle seiner Rückkehr nach Afghanistan nicht zugemutet wer-
den, seinen neuen Glauben zu verheimlichen; denn ein solches Verhalten
würde einen unerträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2
AsylG bewirken.
6.7 Im Urteil des EGMR A.A. vs. Suisse kommt der Gerichtshof zum
Schluss, dass es massgebend sei zu wissen, wie eine konvertierte Person
ihren Glauben in Afghanistan auszuüben gedenke, wobei eine Abklärung
der Situation ex nunc im Einzelfall zu erfolgen habe (vgl. Urteil des EGMR
A.A. vs. Suisse vom 5. November 2019, no. 32218/17, Ziff. 58). Im Lichte
dieser Rechtsprechung wurde dem Beschwerdeführer die Gelegenheit ein-
geräumt, sich zu seiner aktuellen Situation, insbesondere in Bezug auf
seine Glaubensausübung, zu äussern. Dabei führte er bereits im Vorfeld
aus, er habe, seitdem er arbeitstätig sei, lediglich zwei Male und nur wäh-
rend seiner Ferien an Gottesdiensten teilgenommen. Auch seien die konti-
nuierlichen Austauschgespräche auf der Internetplattform, welche er zuvor
regelmässig konsultiert habe, kaum mehr möglich, da er abends häufig ar-
beiten müsse, was ihm die Teilnahme an Diskussionen auf der Internet-
plattform verunmögliche (vgl. act. A34/23, F123-129). Seine jetzige Situa-
tion habe sich in beruflicher Hinsicht nicht verändert und da er vollzeitig
arbeitstätig sei, könne er lediglich unregelmässig an Gottesdiensten teil-
nehmen. Dennoch widme er sich täglich dem Gebet und der regelmässigen
Bibellektüre. Zudem würde er sich regelmässig mit seinen christlichen
Freunden zu Diskussionsrunden treffen und Bibelstellen besprechen. Dies
wird auch durch die Schreiben vom 5. April 2021 von E._ und
G._ bestätigt. Andere regelmässige Handlungen zur religiösen Aus-
übung des Christentums werden vom Beschwerdeführer nicht dargelegt.
Zudem sind keine Hinweise vorhanden, dass er sich in der Schweiz missi-
D-2285/2019
Seite 17
onarisch betätigen, sich an öffentlichen Veranstaltungen zu seinem christ-
lichen Glauben oder sich öffentlich in kritischer Weise zum Islam äussern
würde. Hingegen ist festzustellen, dass er seinen neuen Glauben in der
Schweiz mit Zurückhaltung und nicht in strenger Regelmässigkeit ausübt
sowie sich gegenüber seinen nicht-konvertierten Landsleuten unauffällig in
Bezug auf seine Konversion verhält. Daher erscheint es durchaus zumut-
bar, seinen neuen Glauben auch bei einer Rückkehr nach Afghanistan in
ähnlicher Weise auszuleben, ohne dass für ihn deshalb ein unerträglicher
psychischer Druck entstehen würde, zumal es ihm auch möglich ist, aus
allen Ländern an Diskussion auf der Internetplattform respektive an den
religiösen «Teamspeaks» teilzunehmen (vgl. act. A34/23, F124). Daran
vermag auch die Tatsache, dass er seinen Vornamen ändern und
«G._» streichen lassen möchte, da dieser unnötiger- und fälschli-
cherweise auf den islamischen Glauben schliessen lasse, nichts zu än-
dern.
Auf die geltend gemachten Integrationsbemühungen ist nicht weiter einzu-
gehen, da der Grad der Integration als solcher grundsätzlich weder asylre-
levant noch ein Kriterium für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellt (vgl. BVGE
2009/52 E. 10.3 am Ende; EMARK 2006 Nr. 13 E. 3.5 S. 142 f.; Urteile des
BVGer D-2453/2014 vom 12. August 2015 E. 7.3.2.4 sowie E-5563/2018
vom 30. Oktober 2018 E. 8.3).
6.8 Nach einer gründlichen Prüfung kommt das Gericht zum Schluss, dass
der Beschwerdeführer keinem unerträglichen psychischen Druck aufgrund
seiner Familienangehörigen ausgesetzt sein wird, zumal diese sich perma-
nent im Ausland aufhalten (vgl. E. 6.3.3 und E. 6.4). Obwohl sich gemäss
dem Gericht verfügbaren Quellen im Zusammenhang mit Konversion in Af-
ghanistan eine christliche Glaubensausübung als schwierig erweist und
auch in den afghanischen Grossstädten wie Kabul Vorsicht geboten ist,
erscheint es angesichts der persönlichen, äusserst massvollen Ausübung
des christlichen Glaubens sowie der Möglichkeit, islamische Rituale (in Ka-
bul) zu umgehen, dem Beschwerdeführer möglich, seinen Glauben im ähn-
lichen Rahmen wie bisher auszuüben. Es besteht für ihn weiterhin die Mög-
lichkeit, sich auf sozialen Medien auszutauschen, an Foren teilzunehmen
und sich eingehender über den christlichen Glauben zu informieren.
6.9 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten sub-
jektiven Nachfluchtgründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsrelevante
D-2285/2019
Seite 18
Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG beziehungsweise eine entspre-
chende Furcht vor einer Verfolgung glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz
hat deshalb zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
verneint.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.3 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.4 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge-
zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
D-2285/2019
Seite 19
8.5 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.6 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführe-
rinnen noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten die Beschwerdeführerinnen eine konkrete Gefahr ("real risk")
nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschie-
bung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Hei-
matstaat lässt den Wegweisungsvoll-zug zum heutigen Zeitpunkt nicht als
unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegwei-
sung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmun-
gen zulässig.
10. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr-
dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläu-
fige Aufnahme zu gewähren.
10.1 Die Sicherheitslage als auch die humanitäre Situation in Kabul hat
sich im Vergleich zu der in BVGE 2011/7 beschriebenen Situation eindeutig
D-2285/2019
Seite 20
verschlechtert und ist grundsätzlich als existenzbedrohend und somit un-
zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren. Der Vollzug der
Wegweisung kann ausnahmsweise zumutbar sein, wenn im Einzelfall be-
sonders günstige Voraussetzungen vorliegen und die nach Kabul zurück-
kehrende Person nicht in eine existenzbedrohende Lage geraten würde.
Solche günstigen Voraussetzungen können grundsätzlich namentlich dann
gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen, gesunden
Mann handelt. Unabdingbar ist in jedem Fall ein soziales Netz, das sich im
Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrenden
als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkehrenden ins-
besondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe
zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können. Allein auf-
grund von losen Kontakten zu Bekannten, Verwandten oder auch Mitglie-
dern der Kernfamilie, bei welchen insbesondere das wirtschaftliche Fort-
kommen sowie die Unterbringung ungeklärt sind, ist nicht von einem trag-
fähigen sozialen Beziehungsnetz auszugehen. Ebenso ist entscheidrele-
vant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt bezie-
hungsweise inwiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer
bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt
werden kann. Angesichts der festgestellten Verschlechterung der Lage in
Kabul, versteht es sich von selbst, dass das Vorliegen dieser strengen An-
forderungen in jedem Einzelfall sorgfältig geprüft wird und diese erfüllt sein
müssen, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu qua-
lifizieren (vgl. Referenzurteil D 5800/2016 vom 13. Oktober 2017).
10.2 Aus den vorhergehenden Erwägungen (vgl. E. 6.4) ergibt sich, dass
das Bundesverwaltungsgericht davon ausgeht, dass sich die Familienan-
gehörigen des Beschwerdeführers aufgrund der sich allgemeinen ver-
schlechterten Sicherheitslage in Afghanistan seit Sommer 2017 dauerhaft
in Pakistan befinden. Ausgehend von der der Tatsache, dass ihm aus-
schliesslich sein Schwiegervater in Kabul ein existenzsicherndes Einkom-
men ermöglicht hatte, welches nun mit dessen Ausreise nach Pakistan
weggefallen ist und angesichts dessen, dass sich nur noch seine (neu ver-
heiratete) Mutter in Kabul befindet, kann vorliegend nicht mehr von beson-
ders begünstigenden Faktoren, welche eine Rückkehr nach Kabul ermög-
lichen würden, ausgegangen werden.
11.
Nach dem Gesagten erweist sich die Wegweisung und der Vollzug als un-
zumutbar. Die Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführer vorläufig
D-2285/2019
Seite 21
aufzunehmen (Art. 83 Abs. 8 AIG [SR 142.20]). Im Übrigen ist die Be-
schwerde abzuweisen, soweit auf diese einzutreten ist.
12.
12.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen auf-
zuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der Be-
schwerdeführer ist bezüglich seines Antrags auf Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft unterlegen. Bezüglich der Anerkennung der Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs hat er obsiegt. Praxisgemäss bedeutet dies
ein hälftiges Obsiegen, weshalb die Verfahrenskosten grundsätzlich zur
Hälfte dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
Der einbezahlte Kostenvorschuss wird hälftig zur Bezahlung der Verfah-
renskosten verwendet. Der restliche Betrag wird dem Beschwerdeführer
durch das Gericht zurückerstattet.
12.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines hälftigen
Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine um die Hälfte
reduzierte Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Par-
teikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote eingereicht. Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE)
und dem vom Gericht als angemessen erscheinenden Zeitaufwand von
insgesamt sieben Stunden à Fr. 200.–, ist dem Beschwerdeführer eine
hälftige Parteientschädigung von Fr. 700– (inkl. Auslagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-2285/2019
Seite 22