Decision ID: 71b44744-f8af-41ce-9f7c-9d70f82a4cb3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit dem Schreiben vom 8. Juni 2021 stellte die französische Steuerbe-
hörde, die Direction spécialisée de contrôle fiscal Est (nachfolgend: DSCF
oder ersuchende Behörde), gestützt auf Art. 28 des Abkommens vom
9. September 1966 zwischen der Schweiz und Frankreich zur Vermeidung
der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen und
vom Vermögen und zur Vermeidung von Steuerbetrug und Steuerflucht
(DBA CH-FR, SR 0.672.934.91) ein Amtshilfeersuchen an die Eidgenössi-
sche Steuerverwaltung (nachfolgend: ESTV oder Vorinstanz).
B.
Als vom Ersuchen betroffene Person nannte die ersuchende Behörde
A._ (nachfolgend: betroffene Person). Als Informations-
inhaberin in der Schweiz wurde die B._ AG (heute: [...]; nachfol-
gend: Bank) genannt. Die Informationen würden für die Erhebung der fran-
zösischen Einkommenssteuer («contrôle et recouvrement des impôts») für
die Steuerjahre 2011 bis 2020 benötigt.
C.
Die DSCF ersuchte die ESTV für das im Ersuchen aufgeführte Konto im
Wesentlichen um die Übermittlung der folgenden Informationen für den
Zeitraum vom 1. Januar 2011 bis 31. Dezember 2020:
a)
- Les états de fortune au 1er janvier des années 2011 à 2020;
- Les relevés sur la période du 01/01/2011 au 31/12/2020, précisant les
apports et les prélèvements enregistrés sur cette période ainsi que les
gains financiers générés;
- La copie du formulaire A, I, S, T ou tout document analogue;
- En cas de clôture du compte, veuillez indiquer Ia date du transfert des
avoirs ainsi que la banque, Ie compte de destination et le territoire con-
cerné;
Le service souhaiterait obtenir les relevés du compte mentionné ouvert
dans les livres de la banque sur la période du 01/01/2011 au 31/12/2020.
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b) Les références des autres comptes bancaires dont le contribuable
serait directement ou indirectement titulaire, quelles que soient les struc-
tures interposées, ou ayant-droit économique au sein de cette banque,
ainsi que ceux pour lesquels il disposerait d'une procuration;
c) Le cas échéant, les éléments demandés au point a) pour les comptes
visés au point b).
D.
Mit der Editionsverfügung vom 25. Juni 2021 forderte die ESTV die Bank
auf, die ersuchten Informationen einzureichen sowie allfällige im Ausland
ansässige Personen über das laufende Amtshilfeverfahren zu informieren
und aufzufordern, eine zur Zustellung bevollmächtigte Person in der
Schweiz zu bezeichnen.
E.
Die Bank kam der Aufforderung der ESTV in Bezug auf die Zustellung der
ersuchten Informationen mit dem Schreiben vom 14. Juli 2021 nur unvoll-
ständig nach, weshalb die ESTV am 15. Juli 2021 die Bank ersuchte, ihr
die noch ausstehenden Informationen zukommen zu lassen.
F.
Die Bank stellte der ESTV die noch ausstehenden Informationen am
16. Juli 2021 zu.
G.
Die ESTV gewährte C._ (nachfolgend: beschwerdeberechtigte Per-
son) mit dem Schreiben vom 11. August 2021 Akteneinsicht und setzte eine
Frist zur Einreichung einer Stellungnahme an.
H.
Die beschwerdeberechtigte Person reichte am 31. August 2021 eine Stel-
lungnahme ein.
I.
Mit der Schlussverfügung vom 23. September 2021 kam die ESTV zusam-
menfassend zum Schluss, dass die Voraussetzungen zur Leistung der
Amtshilfe in Bezug auf die von der DSCF erfragten Bankinformationen er-
füllt sind.
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Seite 4
J.
Am 25. Oktober 2021 erhob die beschwerdeberechtigte Person (nachfol-
gend: Beschwerdeführerin) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
Sie beantragt, die Schlussverfügung der ESTV vom 23. September 2021
sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Staatskasse voll-
umfänglich aufzuheben.
In prozessualer Hinsicht ersucht die Beschwerdeführerin für das Verfahren
vor Bundesverwaltungsgericht um Wahrung ihrer Anonymität sowie um
Anonymisierung des Urteils vor einer allfälligen Publikation.
K.
Am 23. Dezember 2021 reicht die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
Auf die Parteivorbringen und die eingereichten Akten wird nachfolgend in-
soweit eingegangen, als sie für das vorliegende Urteil entscheidwesentlich
sind.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Beurteilung von Beschwerden
gegen Schlussverfügungen der ESTV im Bereich der internationalen Amts-
hilfe in Steuersachen zuständig (Art. 19 Abs. 1 und 5 des Bundesgesetzes
vom 28. September 2012 über die internationale Amtshilfe in Steuersachen
[StAhiG, SR 651.1] i.V.m. Art. 31 ff. des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005
über das Bundesverwaltungsgericht [VGG, SR 173.32]).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem Bundesgesetz vom 20. Dezember 1968 über das Verwal-
tungsverfahren (VwVG, SR 172.021), soweit das VGG nichts anderes be-
stimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung der Beschwerde legitimiert
(Art. 19 Abs. 2 StAhiG, Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 Abs. 1 VwVG, Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen.
3.
3.1 Landesrechtlich ist die internationale Amtshilfe in Steuersachen im
Steueramtshilfegesetz geregelt, welches am 1. Februar 2013 in Kraft ge-
treten ist. Abweichende Bestimmungen des im Einzelfall anwendbaren Ab-
kommens bleiben vorbehalten (Art. 1 Abs. 2 StAhiG).
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3.2 Das Amtshilfeersuchen der DSCF stützt sich auf Art. 28 DBA CH-FR
(in der hier anwendbaren Fassung gemäss Art. 7 des Zusatzabkommens
vom 27. August 2009 [AS 2010 5683; nachfolgend: Zusatzabkommen
2009]; Art. 11 Abs. 3 des Zusatzabkommens 2009) und auf Ziff. XI des im
DBA CH-FR integrierten Zusatzprotokolls in der Fassung gemäss Art. 1 der
Vereinbarung vom 25. Juni 2014 über die Änderung des Zusatzprotokolls
zum revidierten Abkommen zwischen der Schweiz und Frankreich vom
9. September 1966 zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Ge-
biet der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen und zur Vermeidung
von Steuerbetrug und Steuerflucht (AS 2016 1195; nachfolgend: Vereinba-
rung 2014).
3.3 In den Übergangsbestimmungen sieht die Vereinbarung 2014 ihre An-
wendung auf Informationsbegehren betreffend Kalender- oder Geschäfts-
jahre, die ab dem 1. Januar 2010 beginnen, vor (Art. 2 Abs. 2 der Verein-
barung 2014). Im Sinne einer Ausnahme findet Art. 1 Abs. 1 der Vereinba-
rung 2014 Anwendung auf Informationsbegehren über Sachverhalte, wel-
che Zeiträume ab dem 1. Februar 2013 betreffen (Art. 2 Abs. 3 der Verein-
barung 2014). Gemäss dem Bundesgericht beschränkt Art. 2 Abs. 3 der
Vereinbarung 2014 jedoch die Anwendung von Ziff. XI Abs. 3 Bst. a des
Zusatzprotokolls ausschliesslich für Gruppenersuchen auf Informationen
betreffend Zeiträume ab dem 1. Februar 2013 (BGE 146 II 150 E. 5.5.2 ff.).
3.4
3.4.1 Gemäss Ziff. XI Abs. 3 des Zusatzprotokolls muss das Amtshilfege-
such folgende Informationen enthalten: die Identität der in eine Prüfung
oder Untersuchung einbezogenen Person, wobei diese Information mittels
Angabe des Namens der betreffenden Person oder weiterer Informationen,
welche ihre Identifikation ermöglichen, geliefert werden kann (Bst. a), die
Zeitperiode, für welche die Informationen verlangt werden (Bst. b), die Be-
schreibung der verlangten Informationen sowie Angaben hinsichtlich der
Form, in der der ersuchende Staat diese Informationen vom ersuchten
Staat zu erhalten wünscht (Bst. c), den Steuerzweck, für den die Informa-
tionen verlangt werden (Bst. d) und soweit bekannt, den Namen und die
Adresse des mutmasslichen Inhabers der verlangten Informationen
(Bst. e). Die Buchstaben a) – e) sind so auszulegen, dass sie einen wirk-
samen Informationsaustausch für die Anwendung von Artikel 28 DBA CH-
FR nicht behindern.
3.4.2 Nach Ziff. XI Abs. 1 des Zusatzprotokolls zum DBA CH-FR stellt die
zuständige Behörde des ersuchenden Staates ein Amtshilfebegehren im
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Seite 7
Sinne von Art. 28 DBA CH-FR «erst dann, wenn alle in seinem innerstaat-
lichen Steuerverfahren vorgesehenen üblichen Mittel zur Beschaffung der
Information ausgeschöpft sind» (sog. Subsidiaritätsprinzip; vgl. Art. 6
Abs. 2 Bst. g StAhiG).
3.5 Gemäss Art. 28 Abs. 1 erster Satz DBA CH-FR tauschen die zuständi-
gen Behörden der Vertragsstaaten die Informationen aus, die zur Durch-
führung dieses Abkommens oder zur Anwendung oder Durchsetzung des
innerstaatlichen Rechts betreffend Steuern jeder Art und Bezeichnung, die
für Rechnung der Vertragsstaaten oder ihrer politischen Unterabteilungen
oder lokalen Körperschaften erhoben werden, voraussichtlich erheblich
sind, soweit die diesem Recht entsprechende Besteuerung nicht dem Ab-
kommen widerspricht.
3.6 Der Verweis auf «voraussichtlich erhebliche» Informationen in Art. 28
Abs. 1 DBA CH-FR soll einen möglichst breiten Informationsaustausch in
Steuersachen gewährleisten, ohne dass die Vertragsstaaten eine «fishing
expedition» durchführen oder Informationen verlangen können, deren Er-
heblichkeit für die Aufklärung der Steuerangelegenheiten bestimmter Steu-
erpflichtiger wenig wahrscheinlich ist (Ziff. XI 2. Abs. des Zusatzprotokolls).
Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit der beantragten In-
formationen gilt als erfüllt, wenn zum Zeitpunkt der Einreichung des Amts-
hilfegesuchs bei vernünftiger Betrachtung die Möglichkeit besteht, dass
sich die Informationen als erheblich erweisen. Keine Rolle spielt, ob sich
die Informationen nach ihrer Übermittelung als unerheblich herausstellen.
Die Beurteilung der voraussichtlichen Erheblichkeit obliegt in erster Linie
dem ersuchenden Staat. Der ersuchte Staat beschränkt sich auf die Prü-
fung, ob die verlangten Informationen mit dem im Ersuchen dargelegten
Sachverhalt zusammenhängen und sich möglicherweise für die Verwen-
dung im ausländischen Verfahren eignen (sog. Plausibilitätsprüfung) und
er kann die Übermittlung von Informationen nur verweigern, wenn er sicher
ist, dass sie für den ersuchenden Staat nicht sachdienlich sind (BGE 144
II 206 E. 4.3, 142 II 161 E. 2.1.1). Einem Amtshilfeersuchen fehlt es dem-
nach an der voraussichtlichen Erheblichkeit, wenn es zur Beschaffung von
Beweismitteln aufs Geratewohl und ohne konkreten Zusammenhang zum
laufenden Steuerverfahren gestellt wird («fishing expedition»; BGE 146 II
150 E. 6.1.2). Das Verbot der «fishing expedition» entspricht dem Grund-
satz der Verhältnismässigkeit (Art. 5 Abs. 2 BV), der zwingend einzuhalten
ist (Urteil des BVGer A-1562/2018 vom 3. August 2020 E. 2.4.2).
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Selbst ein nachgewiesener Wohnsitz ausserhalb des ersuchenden Staates
würde nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts grundsätzlich nicht
ausreichen, um die voraussichtliche Erheblichkeit der zu übermittelnden
Informationen zu verneinen, da der ersuchte Staat die Frage des steuer-
rechtlichen Wohnsitzes im Amtshilfeverfahren grundsätzlich nicht zu unter-
suchen hat (s. Urteil des BGer 2C_953/2020 vom 24. November 2021
E. 3.5 mit Hinweisen auf BGE 142 II 161 und 142 II 218).
3.7 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind sämtliche von den
Informationsinhaberinnen erhaltenen Bankunterlagen grundsätzlich zu den
erbetenen Informationen zu zählen. Die Verwendung des Ausdrucks "held
by" in einem Amtshilfeersuchen impliziert nicht, dass das Ersuchen sich auf
die direkt gehaltenen Bankkonten beschränken würde. Insbesondere nicht,
wenn die ersuchende Behörde ausdrücklich betont, dass sie Informationen
über die von ihr identifizierten Bankkonten anfordere und ausdrücklich da-
rauf hinweist, dass ihr Ersuchen nicht auf diese Konten beschränkt ist
(BGE 147 II 116 E. 5.3.1 ff. sowie Urteil des BVGer A-4426/2019 vom
28. Oktober 2020 E. 4.6.3). Selbst die Details zu den Konten, an welchen
die betroffene Person gemäss den edierten Unterlagen (nur) wirtschaftlich
berechtigt ist, die sie selber aber nicht direkt hält, sind nach der bundesge-
richtlichen Rechtsprechung als erfragt zu betrachten (BGE 147 II 116
E. 5.3.1 ff.).
3.8 Nach Art. 28 Abs. 2 DBA CH-FR sind alle Informationen, die ein Ver-
tragsstaat nach Absatz 1 erhalten hat, ebenso geheim zu halten wie die
aufgrund des innerstaatlichen Rechts dieses Staates beschafften Informa-
tionen und dürfen nur den Personen oder Behörden (einschliesslich der
Gerichte und der Verwaltungsbehörden) zugänglich gemacht werden, die
mit der Veranlagung oder der Erhebung, mit der Vollstreckung oder der
Strafverfolgung oder mit der Entscheidung von Rechtsmitteln hinsichtlich
der in Absatz 1 genannten Steuern oder mit der Aufsicht darüber befasst
sind. Diese Personen oder Behörden dürfen die Informationen nur für diese
Zwecke verwenden (sog. Spezialitätsprinzip, vgl. BGE 147 II 13 E. 3.4).
Sie dürfen die Informationen in einem öffentlichen Gerichtsverfahren oder
in einer Gerichtsentscheidung offenlegen. Ungeachtet der vorstehenden
Bestimmungen kann ein Vertragsstaat die erhaltenen Informationen für an-
dere Zwecke verwenden, wenn solche Informationen nach dem Recht bei-
der Staaten für solche andere Zwecke verwendet werden dürfen und die
zuständige Behörde des ersuchten Staates dieser anderen Verwendung
zustimmt.
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Seite 9
3.9 Der Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 26 des Wiener Übereinkom-
mens vom 23. Mai 1969 über das Recht der Verträge [VRK, SR 0.111])
führt im Rahmen der Amtshilfe in Steuersachen dazu, dass der ersuchte
Staat grundsätzlich an die Angaben des ersuchenden Staates gebunden
ist, soweit diese nicht aufgrund von Fehlern, Lücken oder offensichtlichen
Widersprüchen sofort entkräftet werden können (BGE 144 II 206 E. 4.4,
142 II 218 E. 3.3; Urteil des BVGer A-1562/2018 vom 3. August 2020
E. 2.5). Auf diesem Vertrauen gründet letztlich das ganze Amtshilfeverfah-
ren (vgl. statt vieler Urteil des BVGer A-4192/2020, A-4194/2020,
A-4196/2020 vom 25. März 2021 E. 2.5.1).
Das völkerrechtliche Vertrauensprinzip spielt auch eine Rolle in Bezug auf
das Spezialitätsprinzip. Gestützt auf das Vertrauensprinzip kann grund-
sätzlich als selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass der Speziali-
tätsgrundsatz durch Staaten eingehalten wird, die mit der Schweiz durch
einen Amts- oder Rechtshilfevertrag verbunden sind, ohne dass die Einho-
lung einer ausdrücklichen Zusicherung notwendig wäre (vgl. BGE 128 II
407 E. 3.2 und 4.3.1, 115 Ib 373 E. 8, 107 Ib 264 E. 4b). Folglich ist die
Wahrung des Grundsatzes erst bei konkreten Anhaltspunkten auf eine
zweckwidrige Verwendung im ersuchenden Staat zu überprüfen bzw. eine
entsprechende Zusicherung einzuholen (vgl. BGE 146 II 150 E. 7.3, 128 II
407 E. 3.2; BVGE 2018 III/1 E. 2.9.1).
3.10 Die Anonymisierung von Urteilen im Bereich der internationalen Amts-
hilfe in Steuersachen entspricht der geltenden Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts (siehe Art. 8 Abs. 1 des Informationsreglements für das Bun-
desverwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [SR 173.320.4]).
4.
4.1 Im vorliegenden Fall ist vorwegzunehmen, dass das Ersuchen der
DSCF konkrete Fragen beinhaltet, die sich auf eine identifizierte (be-
troffene) Person im Rahmen einer im ersuchenden Staat laufenden Unter-
suchung beziehen, weshalb das zu beurteilenden Amtshilfeersuchen der
DSCF die formellen Voraussetzungen gemäss Ziff. XI Abs. 3 des Zusatz-
protokolls erfüllt (E. 3.4.1). Ziff. XI Abs. 3 des Zusatzprotokolls setzt gerade
nicht voraus, dass das Amtshilfeersuchen über die Herkunft der Daten An-
gaben beinhalten müsste (vgl. E. 3.4.1).
Das Ersuchen erweist sich damit als hinreichend konkret.
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Seite 10
4.2
4.2.1 Es ist grundsätzlich Sache des ersuchenden Staats zu bestimmen,
welche Informationen für die Besteuerung voraussichtlich erheblich sind
(vgl. E. 3.6). Die DSCF möchte mit den Ersuchen überprüfen, ob die be-
troffene Person den steuerlichen Deklarationspflichten nachgekommen ist
(«l'administration fiscale française procède à la vérification des obligations
déclaratives»). Denn die DSCF hegt die Vermutung, dass die betroffene
Person das ausländische Konto nicht deklariert hat («l'examen des décla-
rations de revenus souscrites par [...] au titre des années 2011 à 2020
démontre qu'ils n'ont pas coché la case afférente à la détention d'un
compte à l'étranger»). Die DSCF hat umfassende Auskünfte über sämtliche
Bankverbindungen erbeten, zu welchen die betroffene Person in Verbin-
dung steht («Les références des autres comptes bancaires dont le contri-
buable serait directement ou indirectement titulaire»). Damit gehören in
casu in Übereinstimmung mit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
grundsätzlich sämtliche von der Informationsinhaberin erhaltenen Bankun-
terlagen zu den erbetenen Informationen (vgl. E. 3.7; s. auch das Urteil des
BVGer A-4426/2019 vom 28. Oktober 2020 E. 4.6.3). Dies gilt auch für das
von der Beschwerdeführerin als Inhaberin gehaltene Konto, an welchem
die betroffene Person bevollmächtigt ist.
4.2.2 Sämtliche von der DSCF im Zusammenhang mit der Besteuerung
der betroffenen Person ersuchten Informationen erscheinen vorliegend
auch grundsätzlich als geeignet, die Einkommensbesteuerung und damit
die Steuersituation der betroffenen Person in Frankreich zu beeinflussen.
Der in dem Ersuchen genannte Sachverhalt hängt überdies mit den ver-
langten Informationen sowie den ersuchten Dokumenten rechtsgenügend
zusammen. Die ersuchten Informationen sind demnach dazu geeignet, im
ausländischen Steuerverfahren gegen die betroffene Person verwendet zu
werden. Dies gilt selbstredend auch für ein bereits im Jahr 2014 saldiertes
Konto.
4.2.3 Der blosse Umstand, dass die Beschwerdeführerin nicht weiss, wo-
her die französische Steuerbehörde Kenntnis über das Konto der betroffe-
nen Person bei der Bank erlangt hat, lässt keinen Schluss auf ein rechts-
widriges oder gegen Treu und Glauben verstossendes Verhalten der ersu-
chenden Behörde zu. Die unsubstantiierten Behauptungen der Beschwer-
deführerin zur unklaren Herkunft der Daten vermögen keine ernsthaften
Zweifel zu wecken. Eine Rückfrage an die ersuchende Behörde oder gar
ein Abweichen vom völkerrechtlichen Vertrauensprinzips ist nicht ange-
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bracht (vgl. E. 3.9). Damit ist in casu – in Übereinstimmung mit den Erwä-
gungen in der Schlussverfügung der Vorinstanz – die voraussichtliche Er-
heblichkeit von grundsätzlich sämtlichen zur Übermittlung vorgesehenen
Informationen gegeben.
4.2.4 Wie die Beschwerdeführerin richtigerweise festhält, ist sie nicht die
formell betroffene Person des Amtshilfeverfahrens. Bei ihr handelt es sich
aber um eine Drittperson, deren Namen nicht rein zufällig in den verlangten
Dokumenten auftaucht (vgl. zu «fruit d’un pur hasard»: Urteil des BGer
2C_287/2019 vom 13. Juli 2020 E. 5). Denn sie ist Inhaberin des fraglichen
Kontos, an dem die betroffene Person, ihr Ehemann, eine Vollmacht hat.
Es findet damit auch keine «Ausweitung» des Ersuchens statt, wie die Be-
schwerdeführerin fälschlicherweise vorbringt.
4.3 Sodann besteht mit Blick auf das völkerrechtliche Vertrauensprinzip
(vgl. E. 3.9) hier kein Anlass, an der in dem Ersuchen enthaltenen Erklä-
rung, dass grundsätzlich alle in Frankreich verfügbaren Mittel zur Informa-
tionsbeschaffung genutzt wurden («elle a utilisé tous les moyens disponib-
les sur son propre territoire pour obtenir les renseignements, excepté ceux
qui donneraient lieu à des difficultés disproportionnées»), zu zweifeln. Die
Beschwerdeführerin hat nämlich keine konkreten Anhaltspunkte für eine
fehlende Ausschöpfung aller üblichen, in Frankreich den Steuerbehörden
zur Verfügung stehenden Mittel der Informationsbeschaffung dargetan und
vermag keine ernsthaften Zweifel an der Richtigkeit der erwähnten, im Er-
suchen abgegebenen Erklärung der DSCF zu wecken. Zumal das Subsi-
diaritätsprinzip nicht verlangt, dass alle verfügbaren, sondern bloss die üb-
lichen Mittel ausgeschöpft werden (E. 3.4.2). Dem Amtshilfeersuchen ist zu
entnehmen, dass die betroffene Person entgegen ihrer Verpflichtung aus-
ländische Bankkonten nicht deklariert hat. Geht wie im vorliegenden Fall
die ersuchende Behörde davon aus, dass die betroffene Person über sol-
che Konten verfügt, muss es ihr möglich sein, ein entsprechendes Amtshil-
feersuchen an jenen Staat zu richten, in welchem das nicht deklarierte Ver-
mögen vermutet wird. Der Umstand, dass die betroffene Person bereits
über ein sehr fortgeschrittenes Alter verfügt, kann daran grundsätzlich
nichts ändern.
Von der Vermutung, dass der ersuchende Staat seinen vertraglichen Ver-
pflichtungen nachkam und die üblichen der Steuerbehörden zur Verfügung
stehenden Mittel – wie zugesichert – ausgeschöpft hat, ist in casu ange-
sichts der von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Argumente sowie
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Behauptungen (es liege eine «Unzulässigkeit des französischen Amtshil-
feersuchens aufgrund nicht ausgeschöpfter Mittel» vor) nicht abzurücken.
In den Vorbringen der Beschwerdeführerin kann kein rechtsgenügender
Grund erblickt werden, wonach die im Zusammenhang mit dem Ersuchen
von der ESTV beabsichtigte Amtshilfe gestützt auf das Subsidiaritätsprin-
zip zu verweigern wäre.
4.4 Schliesslich entspricht die Anonymisierung von Urteilen im Bereich der
internationalen Amtshilfe in Steuersachen der Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts, weshalb das vorliegende Urteil entsprechend in anonymi-
sierter Form aufzulegen und auf der Internetseite des Bundesverwaltungs-
gerichts zu publizieren sein wird (E. 3.10). Die diesbezüglichen Ausführun-
gen der Beschwerdeführerin erweisen sich insoweit als gegenstandslos.
4.5 Weitere Gründe, welche der Gewährung der Amtshilfe entgegenstehen
könnten, sind nicht ersichtlich.
5.
Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen für die in der Schlussver-
fügung vom 23. September 2021 vorgesehene Amtshilfeleistung erfüllt. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin die
auf Fr. 5'000.- festzusetzenden Verfahrenskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1
VwVG und Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 4 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe einbe-
zahlte Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu ver-
wenden.
6.2 Der unterliegenden Beschwerdeführerin ist keine Parteientschädigung
zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario und Art. 7 Abs. 1 VGKE
e contrario).
Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.
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