Decision ID: 22e9b53e-00a0-581b-8ddb-10b4740283f8
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X. besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit dem 7. Februar 1979. Im
Informationssystem über die Verkehrszulassung (IVZ; früher:
Administrativmassnahmen-Register) ist er nicht verzeichnet. Am Sonntagmorgen,
3. Februar 2019, war er mit seinem Pick-up, an dessen Front ein Schneepflug montiert
war, für die Stadt St. Gallen im Winterdiensteinsatz. Um 9.15 Uhr lenkte er das
Fahrzeug auf der Helvetiastrasse bis zur Einmündung in die Rorschacher Strasse. Zur
gleichen Zeit fuhr Z. mit seinem Personenwagen auf der Rorschacher Strasse
stadtauswärts. X. bog nach links in die Rorschacher Strasse ein, wobei sich der von
links kommende Z. veranlasst sah, nach rechts auszuweichen und dabei mit seiner
vorderen rechten Fahrzeughälfte in einen Verkehrsteiler prallte. Am Personenwagen
von Z. entstand Sachschaden (Stossstange und Kotflügel vorne rechts eingedrückt).
Beide Lenker blieben unverletzt.
B.- Mit Strafbefehl vom 25. Februar 2019 wurde X. der einfachen Verletzung der
Verkehrsregeln schuldig gesprochen und zu einer Busse von Fr. 400.- verurteilt. Der
Strafbefehl wurde nach Ablauf der unbenutzten Einsprachefrist rechtskräftig.
C.- Mit Schreiben vom 1. März 2019 leitete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
des Kantons St. Gallen (nachfolgend Strassenverkehrsamt) ein
Administrativmassnahmeverfahren ein. Nachdem es den rechtskräftigen Abschluss des
Strafverfahrens abgewartet hatte, teilte es X. mit Schreiben vom 26. März 2019 mit, die
Missachtung des Vortrittsignals sei als mittelschwere Verkehrsregelverletzung zu
qualifizieren. Gleichzeitig stellte es ihm den Entzug des Führerausweises für die Dauer
mindestens eines Monats in Aussicht. Dazu nahm X. durch seinen Rechtsvertreter am
1. Mai 2019 Stellung. Er brachte im Wesentlichen vor, im Strafbefehl sei von einer
blossen Behinderung des entgegenkommenden Fahrzeugs die Rede und er sei auch
nur wegen einfacher Verkehrsregelverletzung verurteilt worden. Vom Abbiegemanöver
sei nur eine sehr geringe Gefahr ausgegangen und ihn treffe nur ein leichtes
Verschulden, weshalb von einer besonders leichten Widerhandlung auszugehen und
als Sanktion deshalb maximal eine Verwarnung zu verfügen sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.- Am 2. Mai 2019 entzog das Strassenverkehrsamt X. den Führerschein für die Dauer
eines Monats wegen mittelschwerer Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften. Zur Begründung führte es an, X. habe durch die
Missachtung des Vortrittsrechts schuldhaft einen Verkehrsunfall verursacht und dabei
die Verkehrsteilnehmer konkret gefährdet. Unter Berücksichtigung der Wettersituation
und der Distanz zwischen den Fahrzeugen, als er das Abbiegemanöver startete, wiege
das Verschulden nicht mehr leicht. Es liege deshalb ein mittelschwerer Fall vor,
weshalb der Führerausweis zwingend für einen Monat zu entziehen sei.
E.- Gegen diese Verfügung erhob X. durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom
17. Mai 2019 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen
(VRK) mit dem Antrag, die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 2. Mai 2019 sei
aufzuheben und stattdessen von einer Massnahme abzusehen, eventualiter sei der
Rekurrent zu verwarnen. Die Vorinstanz verzichtete am 7. Juni 2019 auf eine
Vernehmlassung. Mit Verfügung vom 6. August 2019 widerrief sie Ziffer 2 der
angefochtenen Verfügung (Zeitpunkt der Abgabe des Führerausweises).
Auf die Ausführungen im Rekurs wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-
entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom
17. Mai 2019 ist rechtzeitig erhoben worden und erfüllt in formeller und materieller
Hinsicht die Anforderungen von Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz dem Rekurrenten zu Recht eine
mittelschwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften vorwarf und
einen Führerausweisentzug für die Dauer eines Monats aussprach.
3.- a) Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung vermag ein Strafurteil die
Verwaltungsbehörde grundsätzlich nicht zu binden. Allerdings gebietet der Grundsatz
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Einheit der Rechtsordnung, widersprüchliche Entscheide im Rahmen des
Möglichen zu vermeiden. Die Verwaltungsbehörde darf deshalb bei der Verfügung über
die Massnahme von den tatsächlichen Feststellungen des Strafrichters nur abweichen,
wenn sie Tatsachen feststellt und ihrer Verfügung zugrunde legt, die dem Strafrichter
unbekannt waren, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt oder wenn der Strafrichter bei
der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht alle Rechtsfragen abgeklärt,
namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103
E. 1c/aa).
Die Voraussetzungen für ein Abweichen von den tatsächlichen Feststellungen im
Strafbefehl sind nicht erfüllt. Der darin festgehaltene Sachverhalt wird vom Rekurrenten
auch nicht bestritten. Es ist somit erstellt, dass der Rekurrent am 3. Februar 2019 in
St. Gallen von der Helvetiastrasse nach links in die Rorschacher Strasse einbog, wobei
der von links kommende Personenwagen nach rechts auswich und dabei mit seiner
vorderen rechten Fahrzeughälfte in einen Verkehrsteiler prallte.
b) Strafrechtlich wurde der Rekurrent wegen einfacher Verletzung von Verkehrsregeln
im Sinn von Art. 90 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
verurteilt. Vom Strafurteil geht hinsichtlich der Rechtsanwendung jedoch keine
Bindungswirkung aus, auch wenn die Behörden vom gleichen Sachverhalt ausgehen.
Insbesondere sind die Würdigung der Gefährdung und des Verschuldens für die
verwaltungsrechtliche Beurteilung des Falls nicht verbindlich. In der rechtlichen
Würdigung des Sachverhalts ist die Verwaltungsbehörde somit frei, ausser die
rechtliche Qualifikation hängt stark von der Würdigung von Tatsachen ab, die der
Strafrichter besser kennt, etwa weil er den Beschuldigten persönlich einvernommen hat
(Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Vorbemerkungen zu
Art. 16 ff. N 10; Urteile des Bundesgerichts [BGer] 1C_169/2014 vom 18. Februar 2015
E. 2.2, 1C_71/2008 vom 31. März 2008 E. 2.1 und 1C_585/2008 vom 14. Mai 2009
E. 3.1). Aufgrund der Akten ergibt sich nicht, dass der Rekurrent im Strafverfahren
persönlich einvernommen wurde. Der Sachbearbeiter, welcher den Strafbefehl erliess,
stützte sich somit auf dieselben Akten, wie sie auch der Administrativbehörde zur
Verfügung standen (polizeiliche Einvernahmen des Rekurrenten und des
Personenwagenführers vom 3. Februar 2019; Rapport der Kantonspolizei vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8. Februar 2019). Die Administrativbehörde ist somit an die rechtliche Qualifikation des
Verhaltens des Rekurrenten im Strafverfahren nicht gebunden.
4.- Strittig und zu prüfen ist, ob eine Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften gegeben ist.
a) Gemäss Art. 36 Abs. 2 Satz 2 SVG haben Fahrzeuge auf gekennzeichneten
Hauptstrassen den Vortritt, auch wenn sie von links kommen. Wer zur Gewährung des
Vortritts verpflichtet ist, darf den Vortrittsberechtigten in seiner Fahrt nicht behindern.
Er hat seine Geschwindigkeit frühzeitig zu mässigen und, wenn er warten muss, vor
Beginn der Verzweigung zu halten (Art. 14 Abs. 1 Verkehrsregelnverordnung
[SR 741.11], abgekürzt: VRV). Die Wartelinie (eine Reihe weisser Dreiecke quer zur
Fahrbahn) zeigt an, wo die Fahrzeuge beim Signal „Kein Vortritt“ gegebenenfalls halten
müssen, um den Vortritt zu gewähren (Art. 75 Abs. 3 Signalisationsverordnung
[SR 741.21], abgekürzt: SSV). Der Vortrittsberechtigte wird im Sinn von Art. 14 Abs. 1
VRV behindert, wenn er zu einem Verhalten veranlasst wird, zu dem er nicht verpflichtet
ist und das er nicht will, ihm also die Möglichkeit genommen wird, sich im Rahmen
seiner Vortrittsberechtigung frei im Verkehr zu bewegen, namentlich wenn er
gezwungen wird, seine Fahrtrichtung oder seine Geschwindigkeit brüsk zu ändern, d.h.
vor, auf oder kurz nach einer Verzweigung brüsk bremsen, beschleunigen oder
ausweichen muss. Dabei ist es gleichgültig, ob es zu einem Zusammenstoss kommt
oder nicht (Weissenberger, a.a.O., Art. 36 N 36 m.w.H.). Die Bedeutung der
Behinderung des Vortrittsberechtigten hängt jedenfalls nicht davon ab, ob dieser sie
voraussah und entsprechend reagierte (BGE 114 IV 146 S. 148).
b) Bei der polizeilichen Einvernahme vom 3. Februar 2019 gab der Rekurrent an, dass
er mit seinem Fahrzeug vor der Einmündung in die Rorschacher Strasse angehalten
habe. Er habe den Personenwagen linksseitig auf der Rorschacher Strasse heranfahren
gesehen und gedacht, dass es reiche, um abzubiegen. Der Personenwagen sei beim
Abbiegen 15 Meter von seinem Fahrzeug entfernt gewesen. Dass er mit genügend
Abstand vor dem Personenwagen die Fahrbahn überquert habe, sei dadurch bewiesen,
dass dieses nicht mit seinem Fahrzeug kollidiert sei. Deshalb habe er den Unfall auch
nicht verhindern können. Der einvernehmende Polizist hielt ihm sodann vor, dass
Fahrzeuge auf gekennzeichneten Hauptstrassen Vortritt haben, auch wenn sie von links
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kommen. Dazu erwiderte der Rekurrent, wenn die Strasse schneefrei gewesen wäre,
hätte der andere Fahrzeuglenker ohne Probleme anhalten können. Der Rechtsvertreter
des Rekurrenten führte zusätzlich aus, der Fahrer des Personenwagens habe sich zu
Unrecht als behindert erachtet und – statt Bremsbereitschaft zu erstellen oder
abzubremsen – ein unnötiges Ausweichmanöver vorgenommen, weshalb er
schliesslich in den Verkehrsteiler geprallt sei.
Der Fahrer des Personenwagens gab anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom
3. Februar 2019 zur Auskunft, er habe den Lieferwagen (Pick-up) auf der
Helvetiastrasse auf die Einmündung in die Rorschacher Strasse zufahren sehen. Er sei
davon ausgegangen, dass der Lieferwagen anhalten würde, da dieser nicht
vortrittsberechtigt gewesen sei. Der Lieferwagen habe praktisch angehalten, sei dann
aber bei einer Distanz von 5 Metern plötzlich losgefahren. Er habe deshalb keine
Chance mehr gehabt anzuhalten, sondern habe zwischen einer Kollision mit dem
Lieferwagen und dem Ausweichen nach rechts auswählen können. Dabei sei er mit
dem Inselschutzpfosten kollidiert. Der Fahrer des Lieferwagens habe nach dem Unfall
gesagt, er habe ihn weiter hinten gesehen und zu lange nach rechts geschaut.
Aus dem Polizeirapport der Stadtpolizei St. Gallen vom 8. Februar 2019 geht hervor,
dass die Unfallendsituation beim Eintreffen der Polizei nicht mehr bestand, da die
Fahrzeuge bereits umgestellt worden waren. Zudem konnten aufgrund des starken
Schneefalls keine Spuren gesichert werden.
c) Einerseits behauptete der Rekurrent, er habe sein Abbiegemanöver mit genügend
Abstand abschliessen können, andererseits ist er der Ansicht, der Fahrer des
Personenwagens hätte zumindest Bremsbereitschaft erstellen müssen und rechtzeitig
anhalten können, wenn die Strasse schneefrei gewesen wäre. Daraus wird ersichtlich,
dass sich der Rekurrent so verhielt, dass sich der Fahrer des Personenwagens dazu
veranlasst sah, auf der geraden Fahrbahn auszuweichen, um eine Kollision zu
verhindern. Denn hätte der Rekurrent – wie er behauptet – sein Abbiegemanöver
tatsächlich rechtzeitig abschliessen können, wäre der Fahrer des Personenwagens
weder dazu gezwungen gewesen, Bremsbereitschaft zu erstellen, noch seine
Geschwindigkeit oder seine Fahrtrichtung unvermittelt zu ändern. Zusammenfassend
kann deshalb festgehalten werden, dass der Rekurrent den Fahrer des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Personenwagens in seiner Fahrt behinderte und damit dessen Vortrittsrecht
missachtete. Damit liegt – wie die Vorinstanz zurecht festhielt – eine Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften vor.
5.- Es stellt sich nun die Frage, ob eine leichte Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1
lit. a SVG oder eine mittelschwere Widerhandlung gemäss Art.16b Abs. 1 lit. a SVG
gegeben ist.
a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz (SR 741.03, abgekürzt: OBG) ausgeschlossen ist, der Lernfahr-
oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz
unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und
schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Nach der Rechtsprechung müssen beide Voraussetzungen kumulativ gegeben sein
(BGE 135 II 138 E. 2.2.3). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch
eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf
genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine
mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a
SVG). Sie stellt einen Auffangtatbestand dar und liegt vor, wenn nicht alle
privilegierenden Elemente einer leichten Widerhandlung und nicht alle qualifizierenden
Elemente einer schweren Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 III 138 E. 2.2.2).
Weiter ist zu berücksichtigen, dass die einfache Verkehrsregelverletzung nach Art. 90
Abs. 1 SVG administrativrechtlich die leichte und die mittelschwere Widerhandlung
gemäss Art. 16a und 16b SVG umfasst. Das straf- und das administrativrechtliche
Sanktionssystem sind insoweit nicht deckungsgleich. Von der strafrechtlichen Sanktion
kann deshalb nicht immer und ohne Weiteres auf die anzuordnende
Verwaltungsmassnahme geschlossen werden (vgl. Entscheid der VRK [VRKE]
IV-2013/48 vom 29. August 2013 E. 2c, im Internet abrufbar unter: www.gerichte.sg.ch;
BGer 1C_259/2011 vom 27. September 2011 E. 3.4 und 1C_282/2011 vom
27. September 2011 E. 2.4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nach einer leichten Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1 SVG wird die fehlbare
Person verwarnt, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis nicht
entzogen war und keine andere Administrativmassnahme verfügt wurde (Abs. 3). Nach
einer mittelschweren Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 SVG wird der Lernfahr-
oder Führerausweis für mindestens einen Monat entzogen (Abs. 2).
Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird zwischen der einfachen und der erhöhten abstrakten
Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen nach sich
(vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann auszugehen,
wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten betroffen werden
können. Führte hingegen die Missachtung einer Verkehrsregel zur Verletzung eines
Rechtsguts oder einer konkreten beziehungsweise einer erhöhten abstrakten
Gefährdung der körperlichen Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur
Folge (R. Schaffhauser, Die neuen Administrativmassnahmen des
Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen
2003, S. 181, Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe
der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je näher die Möglichkeit einer konkreten
Gefährdung oder Verletzung liegt, umso schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr
(vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten,
tatsächlich daherkommenden Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die
Gefahr einer Körperverletzung oder gar Tötung bestand (J. Boll, Grobe
Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12). Zudem ist das Ausmass der
üblicherweise entstehenden Schädigung bei Eintritt der Rechtsgutverletzung zu
berücksichtigen (vgl. VRKE IV-2011/113 vom 24. November 2011 E. 3b).
b) Der Rechtsvertreter des Rekurrenten machte zusammengefasst geltend, der
Rekurrent sei für die Schneeräumung im Auftrag der Stadt St. Gallen unterwegs
gewesen, weshalb er vorsichtig und mit geringer Geschwindigkeit in die
Rorschacher Strasse abgebogen sei. Sodann seien keine Verkehrsteilnehmer verletzt
worden und es sei nur ein geringer Sachschaden entstanden, weshalb vom
Abbiegemanöver lediglich eine geringe Gefahr ausgegangen sei. Sollte im Verhalten
des Rekurrenten dennoch eine Vorschriftswidrigkeit erblickt werden, so sei ihm nur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine besonders leichte, maximal eine leichte Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften vorzuwerfen. Auf einen Führerausweisentzug sei daher zu
verzichten und höchstens eine Verwarnung auszusprechen.
c) Die Vorinstanz erwog, die Verurteilung wegen einfacher Verletzung der
Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG bedeute nicht zwangsläufig, dass es sich
um einen leichten Fall im Sinn von Art. 16a Abs. 1 SVG handeln müsse. Es könne
durchaus auch ein mittelschwerer Fall vorliegen. In Übereinstimmung mit der
Strafbehörde sei der Rekurrent den Vorschriften zur Vortrittsgewährung nicht wie
gefordert nachgekommen. Bei den Bestimmungen über den Vortritt handle es sich um
Grundregeln des Strassenverkehrs, deren strikte Beachtung eine unabdingbare
Voraussetzung für einen geordneten Verkehrsablauf sei. Das Nichtbeachten des
Vortrittsrechts anderer führe regelmässig zu einer erhöht abstrakten Gefährdung und
habe hier einen Unfall mit Sachschaden zur Folge gehabt. Ausgehend von einer
Geschwindigkeit von 30 km/h ergebe sich bei nasser Fahrbahn ein Anhalteweg von
15 Metern. Vorliegend habe der Rekurrent trotz eines geschätzten Abstands von nur 15
Metern zu einem vortrittsberechtigten Personenwagen auf "pflotschiger" Strasse ein
Linksabbiegemanöver begonnen. Aus diesem Grund wiege sein Verschulden nicht
mehr leicht und es liege eine mittelschwere Widerhandlung nach Art. 16b Abs. 1 lit. a
SVG vor, weshalb ein Führerausweisentzug zu erfolgen habe.
d) Durch sein unvorsichtiges Überqueren der Rorschacher Strasse unter Missachtung
des signalisierten Vortrittsrechtes bei Schneefall und mit Schneematsch bedeckter
Fahrbahn hat der Rekurrent die übrigen Verkehrsteilnehmer und insbesondere den
Lenker und die Beifahrerin des vortrittsberechtigten Personenwagens der Gefahr einer
Körperverletzung ausgesetzt (vgl. VRKE IV-2011/113, a.a.O., E. 3c). Die konkrete und
erhebliche Gefährdung hat sich vorliegend auch in einem Verkehrsunfall mit mässigem
Sachschaden realisiert. Das Verhalten des Rekurrenten hätte bei Beteiligung eines
schwächeren Verkehrsteilnehmers, beispielsweise eines Motorradfahrers, erhebliche
Körperverletzungen des Betroffenen verursacht. Die Gefahr war dementsprechend
nicht mehr gering (vgl. BGer 1C_218/2009 vom 26. November 2009 E. 7). Eine leichte
Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG liegt somit nicht vor, da diese eine
geringe Gefahr und ein leichtes Verschulden kumulativ voraussetzt. Der Grad des
Verschuldens kann unter diesen Umständen offen bleiben. Es liegt folglich eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG vor. Eine Veranlassung
dafür, von der rechtlichen Würdigung der Vorinstanz im Resultat abzuweichen, ergibt
sich nicht. Sodann verfangen die Ausführungen des Rekurrenten, dass der Fahrer des
Personenwagens gehalten gewesen wäre, lediglich abzubremsen, womit eine Kollision
vermeidbar gewesen wäre, nicht. Insbesondere würde dies das eigene Fehlverhalten
nicht in einem anderen Licht erscheinen lassen.
6.- Schliesslich ist die Dauer des Führerausweisentzugs zu überprüfen. Die Vorinstanz
hat die Mindestentzugsdauer von einem Monat gemäss Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG
verfügt. Diese Mindestentzugsdauer darf nicht unterschritten werden (Art. 16 Abs. 3
SVG). Allfällige massnahmemindernde Umstände, wie der ungetrübte automobilistische
Leumund oder die berufliche Angewiesenheit des Rekurrenten auf das Führen eines
Motorfahrzeugs (vgl. BGE 132 II 234 E. 2.3 für einen selbständig erwerbenden
Taxichauffeur), sind deshalb nicht weiter zu prüfen. Angesichts der zwingenden Natur
der gesetzlichen Entzugsdauer bleibt der Behörde auch kein Ermessensspielraum,
innerhalb dessen sie die Überlegungen zur Verhältnismässigkeit der Massnahme im
Sinn der Erforderlichkeit zur Besserung des Betroffenen anstellen könnte.
7.- Die Vorinstanz ordnete in Ziffer 2 der Verfügung vom 2. Mai 2019 an, dass der
Rekurrent den Führerausweis und allfällig vorhandene weitere Ausweise bis spätestens
am 2. August 2019 abzugeben habe. Hierbei handelt es sich um eine
vollstreckungsrechtliche Anordnung, die separat verfügt werden müsste. Auch wenn
der Abgabetermin (2. August 2019) bereits vorüber ist, müsste Ziff. 2 der
angefochtenen Verfügung aufgehoben werden, was bei der Kostenverlegung zu
berücksichtigen ist. Daran ändert auch nichts, dass die Vorinstanz mit Schreiben vom
6. August 2019 diese Ziffer zufolge Gegenstandslosigkeit aufhob.
8.- Zusammenfassend ist der Rekurs teilweise gutzuheissen. Die Kosten des
Rekursverfahrens haben die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens und
Unterliegens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Sie sind dem Rekurrenten zu vier Fünfteln
und dem Staat zu einem Fünftel aufzuerlegen. Denn einerseits unterliegt der Rekurrent
in der Hauptsache und andererseits hat die Vorinstanz die materielle Verfügung
(Führerausweisentzug) in unzulässiger Weise mit einer Vollzugsanordnung
(Abgabetermin des Ausweises) kombiniert. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12);
davon entfallen Fr. 960.- auf den Rekurrenten und Fr. 240.- auf den Staat. Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.- ist mit dem Kostenanteil des Rekurrenten zu
verrechnen und im Restbetrag von Fr. 240.- zurückzuerstatten.
Bei diesem Verfahrensausgang besteht kein Anspruch auf eine ausseramtliche
Entschädigung (Art. 98 VRP).