Decision ID: d262ce63-7ca4-5e02-8bca-09352485bb46
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ M., geboren am 15. Februar 1974, ist Staatsangehöriger der Türkei. Am
4. Dezember 1991 heiratete er in seinem Heimatland die seit dem Jahr 1986 in der
Schweiz niedergelassene Türkin B., geboren am 6. August 1974. Am 7. März 1992 zog
M. im Rahmen des Familiennachzugs zu seiner Ehefrau in die Schweiz, wo ihm der
Kanton Thurgau eine Aufenthaltsbewilligung erteilte. Aus der Ehe gingen die beiden
Söhne M., geboren am 12. September 1993, und M., geboren am 16. April 1997,
hervor. Die Kinder verfügen wie ihre Mutter über eine Niederlassungsbewilligung.
Nach seiner Einreise in die Schweiz arbeitete M. während dreieinhalb Jahren für die
Kammgarnspinnerei B. Dieser Anstellung folgten zahlreiche Stellenwechsel,
Arbeitslosigkeit bis zum Ablauf der Rahmenfrist zum Bezug von Arbeitslosengeldern
und weitere kürzere Arbeitseinsätze als Hilfskraft. Im November 1997 verurteilte ihn das
Bezirksgericht Bischofszell wegen grober Verletzung von Verkehrsregeln zu einer
Busse. Im Jahr 1998 folgten zwei weitere Verurteilungen wegen Drogendelikten. Im
Februar 2000 verurteilte ihn das Bezirksgericht Bischofszell unter anderem wegen
mehrfacher schwerer Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer
bedingten Freiheitsstrafe von sieben Monaten mit einer Probezeit auf drei Jahre. Am
14. Juli 2002 kollidierte M. mit zwei parkierten Fahrzeugen und entfernte sich von der
Unfallstelle, ohne sich um den Schaden zu kümmern. Gleichzeitig wurde ihm zur Last
gelegt, eine Auffahrkollision verursacht und ein Rotlicht missachtet zu haben. Er gab
zu, dabei alkoholisiert gefahren zu sein (Ausländeramt act. 65 bis 97).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 13. Februar 2001 verweigerte das Ausländeramt des Kantons Thurgau die erneute
Verlängerung der am 6. März 1998 abgelaufenen Aufenthaltsbewilligung. Gleichzeitig
verwies es M. für fünf Jahre des Landes. Das Departement für Justiz und Sicherheit,
das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau und das Bundesgericht bestätigten
diesen Beschluss am 26. September 2001, 28. Mai 2002 bzw. 29. November 2002. Das
Bundesgericht bemerkte dabei, dass die Bestrafung für die mehrfach begangene,
schwere Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz sehr mild ausgefallen sei,
zumal der Beschwerdeführer Teil eines bedeutenden Drogenhändlerrings gewesen sei.
Das Bundesgericht selbst verfolge im Zusammenhang mit solchen Straftaten im
Hinblick auf den Kampf gegen den Drogenhandel und die mit diesen Delikten
zusammenhängende Gefährdung eine strenge Praxis. Die Menge harter Drogen, die
dabei im Spiel gewesen sei, sei geeignet gewesen, eine Vielzahl von Menschen zu
gefährden. Nebstdem wertete das Bundesgericht die massive
Geschwindigkeitsüberschreitung innerorts von 92 km/h statt der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h als gravierend und wies zudem auf den
vorsätzlich begangenen Verstoss gegen grenzpolizeiliche Vorschriften hin. Dabei
handelte es sich um einen Vorfall im April 1997, wobei M. die Grenzzone gesetzwidrig
verlassen hatte, um einen islamischen Geistlichen zum Flughafen Stuttgart zu fahren.
Die dabei von deutschen Grenzbeamten abgenommene Grenzkarte versuchte er durch
die Lüge wieder zu erhalten, dass er die Karte verloren habe. Im November 1999
bedrohte er überdies die Fürsorgebehörde. Negativ wertete das höchste Gericht auch,
dass es M. in den vorangegangenen zehn Jahren kaum gelungen war, sich beruflich
und sprachlich zu integrieren und er sich trotz vorausgegangener Verurteilung nicht
davon abhalten liess, weiter zu delinquieren. Nachteilig wirke sich auch aus, dass er
trotz seiner Verantwortung für seine Ehefrau und Kinder weiterhin Kontakt zum
Drogenmilieu pflegte. Es spreche nichts dafür, dass der Beschwerdeführer sich fortan
an die hiesigen Gesetze halten werde, weshalb ein erhebliches öffentliches Interesse
daran bestehe, ihn von der Schweiz fernzuhalten.
Das Ausländeramt verlängerte am 18. Februar 2003 die zwischenzeitlich abgelaufene
Ausreisefrist bis 31. März bzw. 30. Juni 2003. M. verliess die Schweiz am 9. Juli 2003.
Mit Urteil des Bezirksgerichtes C., Türkei, vom 23. Mai 2003 wurde die Ehe K.-B.
geschieden. Die elterliche Sorge über die beiden Kinder M. und M. wurde der Mutter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zugesprochen. Rund drei Monate später heiratete M. in C. die Schweizerin E., geboren
am 21. März 1963. Das Ausländeramt des Kantons St. Gallen lehnte mit Verfügung
vom 26. März 2004 ein Gesuch um Familiennachzug mit Blick auf die rechtskräftige
Ausweisung ab. Am 27. August 2004 brachte E. in der Schweiz eine Tochter zur Welt.
B. Am 1. März 2008 suchte E. erneut um Familiennachzug für ihren Ehemann nach. Per
9. Juli 2008 erteilte das Ausländeramt des Kantons St. Gallen M. die Ermächtigung zur
Visumerteilung (Einreiseerlaubnis). Dieser reiste am 27. Juli 2008 in die Schweiz ein und
meldete sich am 30. Juli 2008 beim Einwohneramt W.an. Am 6. August 2008 stellte ihm
das Ausländeramt eine Aufenthaltsbewilligung bis 26. Juli 2009 aus. Bereits einen Tag
vorher hatte E. am Schalter des Einwohneramtes W. erklärt, dass ihr Ehemann nicht
mehr bei ihr wohne. Nach nur zwei Tagen habe sie ihm seine Krankenkassen-Police
ausgehändigt, die Wohnungsschlüssel abgenommen und sich von ihm verabschiedet.
Sie werde sich nun scheiden lassen. M. bestätigte am 7. August 2008 gegenüber der
Stadt W., Sozialhilfe, dass er nur zwei Nächte bei seiner Ehefrau übernachtet habe.
Sein Zivilstand sei neu als getrennt zu registrieren. Bei seiner ersten geschiedenen Frau
in F. könne er nicht wohnen, weil diese wieder einen Mann habe. Er werde dem
Einwohneramt baldmöglichst eine neue Adresse mitteilen. In die Türkei wolle er nicht
zurückkehren.
Nachdem das Ausländeramt des Kantons St. Gallen M. am 12. August 2008 in
Aussicht gestellt hatte, die Aufenthaltsbewilligung zu widerrufen, versicherte E. am
25. August 2008, ihr Ehemann wohne ab sofort wieder bei ihr. Vom Widerruf sei
abzusehen. Anlässlich einer polizeilichen Vorsprache am 11. April 2009 musste sie aber
einräumen, dass ihr Mann doch nicht bei ihr lebe, sondern bloss ein Mal pro Woche die
gemeinsame Tochter besuchen komme. Sie werde sich nun endgültig scheiden lassen.
Am 19. Mai 2009 stellte das Ausländeramt erneut in Aussicht, die
Aufenthaltsbewilligung zu widerrufen. Am 15. Juni 2009 beantragte M. durch seine
Rechtsvertreterin, vom Widerruf abzusehen. Seine drei Kinder seien im höchsten Mass
auf den engen Kontakt zum Vater angewiesen und stark auf ihn fixiert. Das
Ausländeramt widerrief am 26. Juni 2009 die bis am 26. Juli 2009 gültige
Aufenthaltsbewilligung und forderte ihn auf, die Schweiz bis spätestens 4. September
2009 zu verlassen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C./ Gegen diese Verfügung erhob M. mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 15. Juli
2009 beim Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen Rekurs mit den
Anträgen:
"1. Die Verfügung der Vorinstanz vom 26. Juni 2009 sei vollumfänglich aufzuheben;
2. M. sei die Aufenthaltsbewilligung nach deren Ablauf am 26. Juli 2009 entsprechend
zu verlängern.
3. Eventualiter sei dem Rekurrenten der vorläufige Aufenthalt bzw. die vorläufige
Aufnahme in der Schweiz zu gewähren.
4. Dem vorliegenden Rekurs sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen, so dass Ziffer 2
des Dispositivs der angefochtenen Verfügung für die Dauer des Rekursverfahrens nicht
vollstreckt werden kann;
5. Es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten;
unter Kosten- und Entschädigungsfolge."
Das Sicherheits- und Justizdepartement wies den Rekurs ab und lud das Ausländeramt
ein, eine neue Ausreisefrist anzusetzen. Zur Begründung erwog es im wesentlichen, die
eheliche Gemeinschaft, weswegen er in die Schweiz habe einreisen dürfen, bestehe
nicht. Mit Blick auf seine zahlreichen Verurteilungen und die Ausweisung aus der
Schweiz habe er sich auch sonst nicht erfolgreich integriert. Ein besonders enges
Verhältnis zu seinen drei Kindern bestehe ebenfalls nicht. Eine altersgerechte
Beziehung zu den Kindern könne er auch im Rahmen von bewilligungsfreien Besuchs-
und Ferienaufenthalten von der Türkei aus pflegen. Die Verfügung des Ausländeramtes
sei daher recht- und verhältnismässig. Die Voraussetzungen der vorläufigen Aufnahme
seien offensichtlich nicht erfüllt.
D./ Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 16. Oktober 2009 erhob M. beim
Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen mit folgenden Anträgen Beschwerde:
"1. Der angefochtene Entscheid des Sicherheits- und Justizdepartementes vom
30. September 2009 sei vollumfänglich aufzuheben;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2. Vom Widerruf bzw. von der Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung des
Beschwerdeführers sei abzusehen und die Fremdenpolizeibehörde sei anzuhalten, dem
Beschwerdeführer die Aufenthaltsbewilligung zu verlängern, bzw. den weiteren
Aufenthalt in der Schweiz zu bewilligen;
3. Eventualiter sei dem Beschwerdeführer der vorläufige Aufenthalt bzw. die vorläufige
Aufnahme in der Schweiz zu gewähren;
4. Eventualiter sei der angefochtene Entscheid der Vorinstanz vom 30. September 2009
aufzuheben und die Angelegenheit an die Vorinstanz oder das Ausländeramt des
Kantons St. Gallen zur Ergänzung der Entscheidungsgrundlagen und zur
Neubeurteilung zurückzuweisen;
5. Der vorliegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen, so dass
Ziff. 1b des Dispositivs des angefochtenen Entscheids für die Dauer des
Beschwerdeverfahrens gegebenenfalls nicht vollstreckt werden kann;
6. Es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten;
unter Kosten- und Entschädigungsfolge."
Zur Begründung führt er im wesentlichen an, während seiner fünfjährigen Abwesenheit
habe sich seine Schweizer Ehefrau völlig verändert. Obwohl sie die Scheidung verlangt
habe, habe er sich immer um einen Kontakt mit seiner Tochter bemüht. Die enge
Beziehung zum Vater zeige sich darin, dass sich die Tochter anlässlich der Befragung
durch die Familienrichterin im Scheidungsverfahren an den Vater geklammert habe und
ihn nicht mehr habe loslassen wollen. Auch das Verhältnis zu seinen beiden Söhnen sei
ausserordentlich eng. Diese seien auf einen regelmässigen Kontakt zum Vater
angewiesen, was sich insbesondere in einer enormen Steigerung ihrer schulischen
Leistungen und ihres sozialen Verhaltens zeige. Die Kinder seien unzertrennlich mit ihm
verbunden. Seinen Verpflichtungen könne er von der Türkei aus weder finanziell noch
affektiv nachkommen.
In der Zwischenzeit lebe er seit langem drogenfrei. In der Türkei habe er die
Reifeprüfung nachgeholt, so dass er nun auch in der Schweiz studieren könnte. Zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abgeltung seiner Unterhaltsschulden habe er seiner geschiedenen Frau in der Türkei
ein Stück Land überschrieben. Um seinen weiteren Verpflichtungen nachkommen zu
können, habe er zudem die Eigentumswohnung seiner Eltern verkauft. Seit 1. Februar
2009 arbeite er beim L. in W., vorerst mit einem Arbeitspensum von 80 Prozent, ab
1. Januar 2010 mit einem vollen Pensum. Seit 1. August 2009 nehme er zusätzlich ein
Arbeitspensum von 20 Prozent bei der B. GmbH in Weinfelden wahr. Er wohne bei
einem Freund in W. Dem Sozial- und Steueramt bezahle er seine Schulden in Raten
zurück. Strafrechtlich habe er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 21. Oktober 2009 unter
Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid die kostenpflichtige
Abweisung der Beschwerde. Das Ausländeramt teilte am 24. November 2009 mit, dass
das Bezirksamt Weinfelden M. mit Strafverfügung vom 14. Oktober 2009 wegen
Führens eines Motorfahrzeugs in angetrunkenem Zustand zu einer bedingten
Geldstrafe und einer Busse verurteilt habe. Gemäss Mitteilung des Ausländeramtes
vom 9. Dezember 2009 wurde die Ehe K.-R. am 26. November 2009 geschieden. Am
22. Januar 2010 heiratete der Beschwerdeführer in F. seine geschiedene Ehefrau B.
E./ Auf die weiteren von den Verfahrensbeteiligten vorgebrachten Ausführungen wird,
soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die Sachurteilsvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen.
1.1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichtes ist gegeben (Art. 59bis
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP).
Der Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 16. Oktober 2009
entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2. Zur örtlichen Zuständigkeit des Gerichtes ist zu sagen, dass der Beschwerdeführer
sich am 13. Juli 2009 beim Einwohneramt W.nach F. abgemeldet hat. Nachdem die
Kantonspolizei Thurgau ihn am 27. August 2009 dazu aufgefordert hatte, den Kanton
Thurgau bis Ende Monat zu verlassen, meldete er sich per 1. September 2009 wieder
in W.an.
1.2.1. Nach Art. 36 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer (SR
142.20, abgekürzt AuG) können Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung ihren
Wohnort innerhalb des Kantons, der die Bewilligung erteilt hat, frei wählen.
Anwesenheitsbewilligungen gelten ausschliesslich für das Gebiet des Kantons, der sie
ausgestellt hat. Der örtliche Geltungsbereich ist dem föderalistischen Prinzip folgend
auf das Kantonsgebiet beschränkt (P. Bolzli, in: Spescha/Thür/Zünd/Bolzli, Kommentar
Migrationsrecht, Zürich 2008, Rz. 1 zu Art. 36 AuG). Art. 66 der Verordnung über
Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (SR 142.201, abgekürzt VZAE) stellt zudem
sicher, dass Aufenthaltsbewilligungen nicht kumuliert werden können bzw. dass eine
ausländische Person in jeweils nur einem Kanton über eine Aufenthaltsbewilligung
verfügen kann (vgl. dazu auch Bolzli, a.a.O., N 3 zu Art. 36 AuG und VerwGE B 2009/78
vom 22. September 2009, in: www.gerichte.sg.ch).
1.2.2. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers teilte am 9. März 2010 auf
telefonische Rückfrage betreffend seine Wiederverheiratung mit seiner ersten
geschiedenen Ehefrau in F. mit, dass seit kurzem auch im Kanton Thurgau ein Gesuch
um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung bzw. Familiennachzug hängig sei. Das
Verfahren betreffend Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung im Kanton
St. Gallen halte der Beschwerdeführer aber ausdrücklich aufrecht.
1.2.3. Nachdem das vorliegende Verfahren schon länger hängig ist, ist mit Blick auf
Art. 66 VZAE fraglich, ob im Kanton Thurgau auf das zweite Gesuch überhaupt
eingetreten wird, solange im Kanton St. Gallen ebenfalls ein Gesuch um
Aufenthaltsbewilligung anhängig ist. Offiziell ist der Beschwerdeführer im Kanton
St. Gallen angemeldet. Zudem behauptet er, tatsächlich bei einem Freund in W.zu
wohnen. Dass er seinen Lebensmittelpunkt in den Kanton Thurgau zu seiner
wiedergeheirateten Ehefrau und seinen beiden Kindern aus erster Ehe verlegt habe, ist
nicht rechtsgenüglich nachgewiesen, auch wenn sich bei Ehegatten der Wohnsitz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
üblicherweise am Ort der ehelichen Wohnung befindet. Mit Blick auf die örtliche
Zuständigkeit des Verwaltungsgerichtes des Kantons St. Gallen ist das Gesuch einzig
darauf zu überprüfen, ob dem Beschwerdeführer ein eigenständiges Aufenthaltsrecht
im Kanton St. Gallen zustehe und nicht etwa darauf, ob dem Beschwerdeführer das
Nachzugsrecht zu seiner wieder geheirateten ersten Ehefrau in den Kanton Thurgau
zukomme.
1.2.4. Aus dem Gesagten folgt, dass auf die Beschwerde von M. einzutreten ist.
2. Der Beschwerdeführer ersucht um Erteilung der aufschiebenden Wirkung des
Rechtsmittels.
Der Beschwerde kommt von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zu (Art. 64 VRP
in Verbindung mit 51 Abs. 1 VRP). Die dem Verfahren zugrunde liegende, bis 26. Juli
2009 befristete Aufenthaltsbewilligung ist in der Zwischenzeit abgelaufen.
Streitgegenstand bildet somit die Verweigerung der Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung. Für diesen Fall räumt Art. 59 Abs. 2 VZAE dem
Beschwerdeführer das Recht ein, sich bis zum rechtskräftigen Entscheid über das
Verlängerungsgesuch in der Schweiz aufzuhalten. Das Gesuch um aufschiebende
Wirkung ist somit unnötig und deshalb abzuweisen, bzw. es wird mit dem Entscheid in
der Hauptsache gegenstandslos.
3. Der Beschwerdeführer verlangt, dass das Gericht seine wiedergeheiratete erste
Ehefrau, seine geschiedene zweite Ehefrau und seine Kinder zu seiner Beziehung zu
seinen Kindern befrage.
3.1. Das rechtliche Gehör nach Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung (SR 101,
abgekürzt BV) umfasst unter anderem das Recht der Betroffenen, mit erheblichen
Beweisanträgen gehört zu werden (BGE 135 II 286 E. 5.1). Einen Anspruch auf eine
mündliche Anhörung räumt es aber nicht ein (BGE 134 I 140 E. 5.3). Auch steht die
Verfassungsgarantie einer vorweggenommenen (antizipierten) Beweiswürdigung nicht
entgegen. Das Gericht kann demnach auf die Abnahme von Beweisen verzichten,
wenn es - wie vorliegend - auf Grund bereits abgenommener Beweise seine
Überzeugung gebildet hat und ohne Willkür annehmen kann, seine Überzeugung werde
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
durch zusätzliche Beweiserhebungen nicht geändert (BGE 131 I 153 neues Fenster E.
3).
3.2. Weiter stellt sich die Frage, ob der spezielle konventionsrechtliche
Gehörsanspruch von Art. 12 der Kinderrechtskonvention (SR 0.107, abgekürzt KRK) zur
Anwendung gelange. Dieser kommt im Ausländerrecht zum Zug, wenn das
Aufenthaltsrecht eines Kindes oder einer für es sorgenden Betreuungsperson in Frage
steht. Wenn es sich um eine lebendige und wichtige persönliche Beziehung handelt,
kann die drohende Unterbrechung oder Erschwerung der Kontaktmöglichkeit mit
einem nicht betreuungsberechtigten Elternteil oder sonstigen Familienmitglied
möglicherweise die Interessen des Kindes derart berühren, dass diesem auf Grund von
Art. 12 KRK eine Äusserungsmöglichkeit eingeräumt werden muss. In Konstellationen
wie der vorliegenden kann dabei die genannte Garantie auch vom nicht
sorgeberechtigten Elternteil - wiewohl nicht selber Rechtsträger - angerufen werden
(vgl. BGE 2A.423/2005 vom 25. Oktober 2005 E. 5, BGE 2A.348/2005 vom 21. Oktober
2005 E. 4).
3.3. Vorliegend wird nicht bestritten, dass zwischen dem Beschwerdeführer und seinen
Kindern seit seiner Wiedereinreise in die Schweiz vor knapp zwei Jahren wieder eine
engere Beziehung entstanden ist, dass die Kontaktmöglichkeiten im Fall seiner
erneuten Ausreise wiederum erschwert würden und dass damit
persönlichkeitsrelevante Interessen im Sinne von Art. 12 KRK betroffen werden
könnten. Trotzdem bleibt der konventionsrechtliche Gehörsanspruch im Ergebnis
gewahrt, indem das Kindsinteresse durch die Vorbringen des Beschwerdeführers, der
durch das ganze Verfahren hindurch anwaltlich vertreten war, hinreichend in das
Verfahren einfliessen konnte (BGE 2A.473/2006 vom 24. Januar 2007 E. 3.4, BGE 2A.
423/2005 vom 25. Oktober 2005 E. 5.3). Dazu kommt, dass sich die beiden älteren
Kinder aus erster Ehe wie auch die beiden Ehefrauen bzw. Mütter mit ihren
verschiedenen Schreiben vom 2. Juni 2009 und 15. Oktober 2009 ausführlich zur
streitigen Massnahme äussern konnten. Namentlich die beiden Söhne machen
anschaulich geltend, dass sie seit der Anwesenheit ihres Vaters in der Schweiz
glücklicher, motivierter und weniger aggressiv seien, dank ihm ihre Halbschwester
kennen und lieben gelernt hätten und von ihrem Vater lernen würden, sich für andere
Menschen einzusetzen, niemanden zu verurteilen, alle Menschen gleich zu behandeln
http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2010&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-I-153%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page153
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und auch die zu lieben, die man nicht möge. Weiter bestätigen sie unter anderem, dass
ihr Vater viel Zeit mit ihnen beim Sport, im Schwimmbad und beim Grillieren verbringe
und immer ein offenes Ohr für sie habe. Eine Gehörsverletzung liegt damit nicht vor,
wenn darauf verzichtet wird, den Beschwerdeführer selbst, seine Ex-Frau, seine wieder
geheiratete erste Ehefrau und seine Kinder persönlich zu befragen.
4. Streitgegenstand ist die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung im Kanton
St. Gallen.
4.1. Die Aufenthaltsbewilligung wird befristet erteilt und kann verlängert werden, wenn
keine Widerrufsgründe nach Art. 62 AuG vorliegen (Art. 33 Abs. 3 AuG). Auf
Bewilligungen des nationalen Ausländerrechts besteht grundsätzlich kein Anspruch (P.
Uebersax, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser, Ausländerrecht, Basel 2009, Rz. 7.227).
Ausnahmen gelten in besonderen Kontexten, namentlich im Rahmen des
Familiennachzugs (Art. 42 ff. AuG, Uebersax, a.a.O., Rz. 7.247). So haben
insbesondere ausländische Ehegatten von Schweizer Bürgern einen Anspruch auf
Erteilung und Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung, wenn sie mit diesem
zusammenwohnen. Nach Auflösung der Ehe oder Familiengemeinschaft besteht der
Anspruch des Ehegatten auf Verlängerung der Bewilligung, wenn die Ehegemeinschaft
mindestens drei Jahre gedauert hat und eine erfolgreiche Integration besteht, oder
sonst wichtige persönliche Gründe einen weiteren Aufenthalt in der Schweiz
erforderlich machen. Wichtige persönliche Gründe liegen namentlich dann vor, wenn
der Ehegatte Opfer ehelicher Gewalt wurde und die soziale Wiedereingliederung im
Herkunftsland stark gefährdet erscheint (Art. 50 AuG). Anspruchsbegründend sind auch
gemeinsame Kinder, zu denen eine enge Beziehung besteht und die in der Schweiz gut
integriert sind (Spescha, a.a.O., Rz. 7 zu Art. 50 AuG, BBl 2002 S. 3709 ff.). Ansonsten
besteht ein erhebliches öffentliches Interesse, dass Ausländer, bei denen nach kurzem
Aufenthalt in der Schweiz die familiären Voraussetzungen für die Erteilung der
Aufenthaltsbewilligung wegfallen, die Schweiz wieder verlassen (VerwGE B 2004/163
vom 25. Januar 2005 und VerwGE B 2006/52 vom 8. Juni 2006 in:
www.gerichte.sg.ch). Als zulässiges öffentliches Interesse fällt auch das Durchsetzen
einer restriktiven Einwanderungspolitik in Betracht (BGE 2C_353/2008 vom 27. März
2009 mit Hinweisen, und VerwGE B 2006/165 vom 30. November 2006 in:
www.gerichte.sg.ch).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2. Die Ehegemeinschaft mit der Schweizerin E., für die dem Beschwerdeführer im
Jahr 2008 nach Ablauf der Einreisesperre erneut eine Aufenthaltsbewilligung erteilt
wurde, hat nur wenige Tage gedauert. Der Beschwerdeführer sieht seinen
Aufenthaltsanspruch denn auch nicht im Zusammenleben mit seiner mittlerweile
geschiedenen zweiten Ehefrau begründet, sondern einzig in der Notwendigkeit, den
Kontakt mit seinen Söhnen aus erster und seiner Tochter aus zweiter Ehe aufrecht
erhalten zu können.
4.3. Die Kinder des Beschwerdeführers wurden in den letzten Jahren, als sich dieser
wegen seiner selbstverschuldeten Ausweisung ausser Landes aufhalten musste, von
ihren jeweiligen Müttern betreut. Dafür, dass die alleinerziehenden Mütter dazu nicht
bzw. nicht mehr in der Lage sein sollen, gibt es keinerlei Indizien. Auch waren die
Kinder während der Zeit, als sie ihren Vater nur selten anlässlich weniger Besuche in
der Türkei sehen konnten, nicht verhaltensauffällig oder sonst ihn ihrem Wohl
beeinträchtigt. Obwohl der Beschwerdeführer sich nun wieder in der Schweiz bzw. im
Kanton St. Gallen aufhält, leben die Kinder weiterhin bei ihren Müttern in den Kantonen
Zürich und Thurgau. Dass die Kinder bzw. die wiedergeheiratete erste Ehefrau zum
Beschwerdeführer in den Kanton St. Gallen ziehen würden, ist kein Thema. Damit fehlt
es an einer eigentlichen Familiengemeinschaft, auch wenn der Beschwerdeführer seine
Kinder häufig besucht und seine Freizeit oft mit ihnen verbringt. Dazu kommt, dass die
mittlerweile knapp sechsjährige Tochter gezeugt wurde, als der Beschwerdeführer
bereits rechtskräftig des Landes verwiesen worden war. Den Eltern musste folglich von
Anfang an klar sein, dass sie möglicherweise in der Schweiz nicht gemeinsam als
Familie leben können. Auch hinsichtlich seiner Söhne hat der Beschwerdeführer in Kauf
genommen, dass sie ohne ihn aufwachsen würden, als er selbst nach ihrer Geburt
weiterhin im Drogengeschäft tätig blieb. Damit hat er in Kauf genommen, wegen seiner
Straftaten zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und des Landes verwiesen zu werden.
Gegen eine besonders intensive Beziehung zu seinen Kindern spricht sodann, dass
sich der Beschwerdeführer und seine erste Ehefrau bei seiner ersten Ausweisung dazu
entschlossen hatten, dass ihre Söhne ohne ihren Vater in der Schweiz aufwachsen
sollten, obwohl das Bundesgericht mit Urteil vom 29. November 2002 die Ansicht
vertreten hatte, dass es seiner Ehefrau und seinen damals noch jungen Söhnen
zumutbar sei, dem Beschwerdeführer in die Türkei zu folgen (Ausländeramt act. 99).
Den mittlerweile siebzehn und dreizehn Jährigen kann zwischenzeitlich zwar nicht mehr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zugemutet werden, die Schweiz zusammen mit ihrem Vater zu verlassen.
Demgegenüber ist es aber vertretbar, dass sie den Rest ihrer Jugend bei ihrer
alleinerziehenden Mutter bleiben und bis zur Selbständigkeit ohne ihren Vater
aufwachsen bzw. den Kontakt mit ihm weiterhin telefonisch und mittels gegenseitigen
Besuchen aufrechterhalten.
4.4. Hinsichtlich der Tochter ist der Beschwerdeführer nicht sorgeberechtigt, womit die
umstrittene fremdenpolizeiliche Massnahme von vornherein nur das wahrgenommene
Besuchsrecht betrifft. Für die Ausübung des Besuchsrechts ist es nicht unabdingbar,
dass der Beschwerdeführer dauernd im gleichen Land wie das Kind lebt und dort über
eine Aufenthaltsbewilligung verfügt. Ein solches Besuchsrecht gegenüber einem in der
Schweiz fest anwesenheitsberechtigten Kind verschafft dem ausländischen Elternteil
daher im Allgemeinen noch keinen Anspruch auf dauernde Anwesenheit (BGE 2A.
450/2006 vom 21. Dezember 2006 E. 3.1). Bezüglich der beiden Söhne ist das alleinige
Sorgerecht der Mutter mit der Wiederverheiratung der Eltern ohne weiteres entfallen (P.
Breitschmid, Basler Kommentar, a.a.O., Rz. 2 zu Art. 134 ZGB). Davon abgesehen,
dass der ältere kurz vor seiner Mündigkeit steht, leben aber beide Söhne schon seit
sieben Jahren unter der alleinigen Obhut ihrer Mutter. Damit kann der
Beschwerdeführer seine familiäre Beziehung auch hinsichtlich seiner Kinder aus erster
Ehe nur im beschränkten Rahmen von Besuchen wahrnehmen, die auch von seinem
Heimatland aus möglich sind. Dass Kinder ihren Vater ständig in ihrer Nähe haben
wollen, ist verständlich. Konkret haben sich in den letzten knapp zwei Jahren, in denen
sich der Beschwerdeführer wieder in der Schweiz aufhält, aber keine derart tiefen
emotionalen Bindungen gebildet, dass die Söhne bzw. die Tochter geradezu
traumatisiert würden, wenn ihr Vater wieder in die Türkei zurückkehren müsste. Auch
wenn sich der Beschwerdeführer nebst seiner Erwerbstätigkeit im Rahmen seiner
Möglichkeiten um seine Kinder kümmert, sind es doch die jeweiligen Mütter, die ihnen
in all den Jahren eine stabile und adäquate Betreuung geboten haben. Zudem müssen
ungezählte Familien und Kinder ebenfalls mit einem Besuchsrecht eines Elternteils
vorlieb nehmen, der sich im Ausland aufhält, ohne dass bleibende Schädigungen damit
verbunden wären. Den Anforderungen von Art. 8 der Konvention vom 4. November
1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, abgekürzt
EMRK) bzw. Art. 13 Abs. 1 BV ist Genüge getan, wenn das Besuchsrecht im Rahmen
von Kurzaufenthalten vom Ausland her, über Telefonate und Ferienbesuche in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Türkei ausgeübt wird, wie es das Verwaltungsgericht auch als zulässig erachtet, dass
ein Vater aus Nigeria bzw. Mütter aus Brasilien den Kontakt mit ihren in der Schweiz
lebenden Kindern mittels Besuchen, schriftlicher und telefonischer Kontakte oder
anlässlich von Ferienaufenthalten ausüben. Dies gilt selbst unter dem Gesichtspunkt,
dass die Wahrnehmung des Besuchsrechts vom Ausland her mit Kosten verbunden ist.
4.5. Ein weitergehender Anspruch würde nur bestehen, wenn in wirtschaftlicher und
affektiver Hinsicht eine besonders enge Beziehung zu den Kindern bestünde, diese
wegen der Distanz zum Heimatland des Ausländers praktisch nicht aufrecht erhalten
werden könnte und das bisherige Verhalten des Ausländers in der Schweiz zu keinerlei
Klagen Anlass gegeben hätte (tadelloses Verhalten, BGE 2A.423/2005 vom 25. Oktober
2005 E. 4.3, 2A.473/2006 vom 24. Januar 2007 E. 3.1).
4.5.1. Der Beschwerdeführer musste die Schweiz vor sieben Jahren verlassen, weil er
in schwerer Weise und wiederholt gegen die hiesige Rechtsordnung verstossen und
eine Vielzahl von Menschen gefährdet hat (Ausländeramt act. 102). In diesem
Zusammenhang macht er geltend, dass diese Straftaten abgegolten seien, weil sie
bereits der vollzogenen fünfjährigen Ausweisung zu Grunde gelegen hätten. Dabei
verkennt der Beschwerdeführer aber, dass es sich bei der Ausweisung um keine Strafe
handelt, die mit ihrer Verbüssung abgegolten wäre, sondern um eine
ordnungsrechtliche Massnahme, die an einem polizeirechtlichen Gefahrentatbestand
ausgerichtet ist. Ins Gewicht fällt zudem, dass der Beschwerdeführer am 14. Juli 2002,
also während des laufenden Ausweisungsverfahrens, alkoholisiert gefahren ist und
damit erneut Menschen gefährdet sowie Sachschäden verursacht hat (Ausländeramt
act. 80). Ausserdem hat sich der Beschwerdeführer seither nicht etwa einwandfrei
verhalten, wie er in seiner Beschwerdeschrift vom 16. Oktober 2009 vorbringen lässt.
Vielmehr hat er im Juli 2009, also nur gerade ein Jahr nach seiner erneuten Einreise,
abermals ein Fahrzeug alkoholisiert gelenkt, weswegen er wiederum verurteilt werden
musste. Von einem klaglosen und untadeligen Verhalten kann somit keine Rede sein.
4.5.2. In wirtschaftlicher Hinsicht haben seine beiden Familien ihr Einkommen schon
vor seiner Wiedereinreise in die Schweiz allein bestreiten müssen. Zwar macht der
Beschwerdeführer geltend, er habe seiner ersten Ehefrau zur Abgeltung der
ausstehenden Unterhaltszahlungen ein Landstück in der Türkei im Wert von ungefähr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 20'000.-- überschrieben. Ob dieses Grundstück aber tatsächlich für die
Verwendung des Unterhalts seiner Kinder eingesetzt wurde, steht nicht fest. Dies spielt
aber auch gar keine Rolle, weil der entsprechende Erlös für die Zeit zwischen der
Scheidung im Mai 2003 bis zur angeblichen ersten Unterhaltszahlung im Juni 2009 nur
gerade einen monatlichen Beitrag von insgesamt Fr. 300.-- bzw. Fr. 150.-- pro Kind
ergeben hätte, während der Barbedarf (ohne Erziehungs- und Pflegekosten) für eines
von zwei Kindern je nach Alter zwischen Fr. 500.-- bis Fr. 1'000.-- beträgt. Gemäss
Auskunft seiner zweiten geschiedenen Frau bezahlte er für seine beiden Söhne aus
erster Ehe gar keinen Unterhalt. Die erste geschiedene Ehefrau arbeitete ihren
Aussagen zufolge zu 100 Prozent bei der Post und kam damit für die ganze Familie auf
(Ausländeramt act. 147). Zu den Unterhaltszahlungen für beide Familien von
Fr. 2'500.--, der ratenweisen Rückerstattung der Sozialhilfeleistungen und der
Bezahlung der offenen Steuerschulden hat sich der Beschwerdeführer zudem erst
verpflichtet, als ihm seine erneute Wegweisung in Aussicht gestellt wurde. Damit ist
von vornherein nicht überprüfbar, ob der Beschwerdeführer seinen zahlreichen
finanziellen Verpflichtungen tatsächlich regelmässig und längerfristig nachkommen
wird. Seine Versprechungen sind insofern wenig glaubwürdig, als nach seiner eigenen
Aufstellung seinem Bruttomonatslohn von gut Fr. 4'500.-- (Fr. 3'700.-- plus Fr. 800.--
plus eine nicht belegte Schichtzulage) monatliche Ausgaben von über Fr. 5'400.--
gegenüberstehen.
4.5.3. Aus dem Gesagten folgt, dass zwischen dem Beschwerdeführer und seinen
Kindern, die nach wie vor bei ihren alleinerziehenden Müttern leben, weder in
wirtschaftlicher noch in emotionaler Hinsicht eine speziell enge Beziehung besteht.
Dass namentlich die Söhne dank seiner Anwesenheit bessere Menschen und Schüler
geworden sein sollen, wie der Beschwerdeführer seine Kinder geltend machen lässt
(Ausländeramt act. 244 f.), kann nicht nachvollzogen werden. Insbesondere die
Verbesserung der Noten des ältesten Sohnes in den Fächern Arithmetik und
Geographie ist in erster Linie in der Rückstufung in eine tiefere Niveaugruppe zu
erklären, wie die Vorinstanz zu Recht geltend macht. Ohnehin lässt sich eine
Steigerung der schulischen Leistungen allein nicht zwangsläufig auf die häufigere
Anwesenheit des Vaters zurückführen, zumal die Mutter ihre Erziehungs- und
Betreuungsaufgaben unbestrittenermassen gut macht und nicht ersichtlich ist,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
inwiefern sie damit mehr überfordert sein soll, als es andere (alleinerziehende) Mütter
sind.
4.6. Aus dem Gesagten folgt, dass die Voraussetzungen für einen Aufenthalt in der
Schweiz wegen den hier anwesenden Kindern, die nicht bei ihm leben, nicht erfüllt
sind.
5. Ein Widerruf bzw. die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung rechtfertigt sich
nur, wenn die jeweils im Einzelfall vorzunehmende Interessenabwägung die
entsprechende Massnahme als verhältnismässig erscheinen lässt. Die zuständigen
Behörden berücksichtigen bei der Ermessensausübung die öffentlichen Interessen und
die persönlichen Verhältnisse sowie den Grad der Integration des Ausländers (Art. 96
Abs. 1 AuG).
5.1. Der Beschwerdeführer ist vor knapp zwei Jahren in die Schweiz zurückgekehrt,
nachdem das Bundesgericht Ende des Jahres 2002 seine Ausweisung bestätigt hatte.
Das Gericht erachtete damals die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung als
verhältnismässig, weil der Beschwerdeführer die meisten und prägenden Lebensjahre
in seinem Heimatland verbracht, sich hier kaum integriert und während seiner
zehnjährigen Anwesenheit in der Schweiz den Kontakt zur Türkei stets aufrecht
erhalten hatte (Ausländeramt act. 99 f.).
5.2. Wieder in der Schweiz hielten ihn selbst zahlreiche Vorstrafen und eine fünfjährige
Einreisesperre nicht davon ab, nach bloss einem Jahr wieder straffällig zu werden.
Zwar übt er mittlerweile eine Erwerbstätigkeit aus. Dabei handelt es sich aber um keine
besonders qualifizierte Arbeit, die aus wirtschaftlicher oder arbeitsmarktlicher Sicht
eine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung gebieten würden. Die Ehegemeinschaft
mit E., weshalb der Beschwerdeführer erneut in die Schweiz einreisen durfte, dauerte
nur wenige Tage. Kurz nach der Scheidung heiratete er seine erste geschiedene
Ehefrau, ohne jedoch mit ihr zusammenzuziehen. Diese lebt weiterhin im Kanton
Thurgau. Der Familiennachzug zu seiner wiedergeheirateten Ehefrau in den Kanton
Thurgau ist nicht Gegenstand dieses Verfahrens. Es ist somit tragbar, dass der
Beschwerdeführer seine Beziehung zu seinen Söhnen wiederum von der Türkei aus
pflegt. Diese hat er schon einmal für mehrere Jahre bei seiner Ehefrau in der Schweiz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zurückgelassen. Mit seiner mittlerweile sechsjährigen Tochter hat er von wenigen
Tagen abgesehen nicht zusammengelebt, womit es ihm auch bezüglich seines
jüngsten Kindes zuzumuten ist, den Kontakt weiterhin von der Türkei aus zu pflegen.
5.3. Aus dem Gesagten folgt, dass dem Beschwerdeführer ohne weiteres zugemutet
werden kann, in sein Heimatland zurückzukehren, auch wenn dies für ihn mit
beruflichen, wirtschaftlichen und familiären Nachteilen verbunden ist.
6. Der Beschwerdeführer verlangt wie bereits im Rekursverfahren, ihm sei der
vorläufige Aufenthalt bzw. die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren.
Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme ist in Art. 83 ff. AuG geregelt. Sie wird vom
Bundesamt für Migration verfügt und kann von den kantonalen Behörden beantragt
werden, nicht aber von den Betroffenen selbst (Zünd/Arquint Hill, in: Uebersax/Rudin/
Hugi Yar/Geiser, a.a.O., Rz. 8.103). Die vorläufige Aufnahme setzt zudem eine
rechtskräftige Wegweisung voraus (Bolzli, a.a.O., Rz. 3 zu Art. 83 AuG). Daraus folgt,
dass zum einen der Beschwerdeführer nicht berechtigt ist, Antrag auf vorläufige
Aufnahme zu stellen, und zum anderen die kantonalen Behörden nicht dafür zuständig
sind, darüber zu befinden. Im Übrigen würde der Entscheid über ein solches Begehren
voraussetzen, dass die vorliegend umstrittene Wegweisung rechtskräftig wäre. Der
Antrag des Beschwerdeführers kann folglich im vorliegenden Verfahren nicht behandelt
und dem Begehren somit nicht stattgegeben werden.
7. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die Aufenthaltsbewilligung
zu Recht nicht verlängert hat. Durch die Wegweisung wird die Kontaktpflege zu seinen
Kindern zwar erneut erschwert, eine enge Familiengemeinschaft bzw. -beziehung wird
damit aber nicht aufgelöst. Die Ausreise des Beschwerdeführers liegt unter den
gegebenen Umständen im öffentlichen Interesse, sie ist verhältnismässig und
zumutbar. Über seinen Antrag betreffend vorläufige Aufnahme ist im vorliegenden
Verfahren nicht zu entscheiden. Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
8. Nach Art. 29 Abs. 3 BV hat jedermann, der nicht über die erforderlichen Mittel
verfügt, Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege und, soweit dies zur Wahrung seiner
Rechte notwendig ist, auf einen unentgeltlichen Rechtsbeistand, wenn sein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsbegehren nicht aussichtslos ist. Gemäss Art. 99 VRP in Verbindung mit Art. 281
Abs. 2 lit. a des Zivilprozessgesetzes (sGS 961.2; abgekürzt ZPG) wird die
unentgeltliche Rechtspflege gewährt, wenn der Gesuchsteller bedürftig ist, wenn das
von ihm angestrebte Verfahren nicht aussichtslos und der Entscheid von erheblicher
Tragweite ist. Die Berufung auf die unentgeltliche Rechtspflege setzt ein
entsprechendes Gesuch voraus (Häfelin/Haller/Keller, Schweizerisches
Bundesstaatsrecht, Zürich 2008, 7. Auflage, Rz. 840b).
Der Beschwerdeführer verlangt, dass auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
verzichtet werde. Sinngemäss ersucht er damit um Befreiung von den
Verfahrenskosten bzw. um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im engeren
Sinn. Demgegenüber begehrt er keinen unentgeltlichen Rechtsbeistand (Häfelin/Haller/
Keller, a.a.O., Rz. 841 f.).
8.1. Die Mittellosigkeit des Gesuchstellers liegt mit Blick auf seine eigene
Notbedarfsberechnung auf der Hand, selbst wenn nicht restlos belegt ist, dass er
tatsächlich all seinen (familiären) Verpflichtungen nachkommt. Auch konnte die
Beschwerde nicht von vornherein als offensichtlich unbegründet betrachtet werden.
Zwar hat die Ehegemeinschaft, weshalb der Beschwerdeführer erneut in die Schweiz
einreisen durfte, nur kurze Zeit gedauert und seine Kinder leben nicht mit ihm, sondern
bei ihren alleinerziehenden Müttern in den Kantonen Zürich und Thurgau. Gleichwohl
konnte auf Grund der Eingaben seiner Kinder und ihrer Mütter nicht von Anfang an
ausgeschlossen werden, dass zwischen dem Beschwerdeführer und seinen Kindern
seit seiner Rückkehr in die Schweiz eine besonders enge Beziehung entstanden ist, die
seinen Verbleib in der Schweiz zwingend erfordert, wie der Beschwerdeführer
behauptet. Dem Gesuch um Übernahme der Gerichtskosten ist daher zu entsprechen.
8.2. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom
Beschwerdeführer zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Zufolge Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung werden diese vom Staat übernommen. Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Art. 13 Ziff. 622 Gerichtskostentarif,
sGS 941.12). Auf die Erhebung dieser Kosten ist zu verzichten (Art. 99 Abs. 2 VRP in
Verbindung mit Art. 288 ZPG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.3. Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1 in Verbindung
mit Art. 98bis VRP).
Demnach hat das Verwaltungsgericht