Decision ID: 4d54560f-3f2f-5175-941d-82ad11fb67af
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin 1 und der Beschwerdegegner 2 (nachfolgend:
Beschwerdegegnerschaft) entfernten anfangs 2018 die auf der West-Ost-Grenze der
Parzellen Meikirch Grundbuchblatt Nrn. F._ und G._ bestehende
Buchenhecke und ersetzten sie durch einen rund 9 m (9,07 m) langen Holzlattenzaun.
Gemäss Baugesuch1 weist der Zaun, der auch als «Absturzsicherung» bezeichnet wird, ab
dem Terrassenboden der Beschwerdegegnerschaft eine Höhe von 1,20 m auf. Die
1 Vorakten, Verfahren 18/08, Formular 1.0, pag. 62
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Parzellen liegen in der Wohnzone W2. Mit Anzeige vom 21. Februar 2018 informierte der
Beschwerdeführer die Gemeinde Meikirch über das von der Beschwerdegegnerschaft
ausgeführte Bauvorhaben. Die Gemeinde klärte daraufhin die Situation vor Ort ab und sah
im ausgeführten Bauvorhaben einen baubewilligungspflichtigen Tatbestand. Nach
Gewährung des rechtlichen Gehörs verfügte die Gemeinde am 19. März 2018 die
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands und wies die Beschwerdegegnerschaft
gleichzeitig auf die Möglichkeit eines nachträglichen Baugesuchs hin.2 Daraufhin reichte
die Beschwerdegegnerschaft am 28. März 2018 ein nachträgliches Bau- und
Ausnahmegesuch ein, wogegen der Beschwerdeführer am 4. Juni 2018 Einsprache
erhob.3 Mit Bauentscheid vom 29. Oktober 2018 erteilte die Gemeinde Meikirch dem
Vorhaben die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 29. November 2018 (Postaufgabe
30. November 2018) Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des
Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die Aufhebung des Bauentscheids vom 29. Oktober
2018 und die Anordnung der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands. Der erstellte
Sichtschutzzaun verstosse in krasser Weise gegen die Gestaltungsvorschriften gemäss
Gemeindebaureglement. Zudem könne dem Zaun keine Ausnahmebewilligung erteilt
werden und die Gemeinde sei zur Erteilung der nötigen Ausnahmebewilligung(en) nicht
zuständig.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet4, holte bei der
Gemeinde Meikirch die Vorakten ein. Die Gemeinde beantragt mit Stellungnahme vom
13. Dezember 2018 die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung ihres Entscheids.
Auch die Beschwerdegegnerschaft beantragt mit Eingabe vom 3. Januar 2019 die
Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei.
Das Rechtsamt nahm mit Verfügung vom 14. Februar 2019 eine summarische
Einschätzung vor und wies darauf hin, dass die Gemeinde die Erteilung der
Ausnahmebewilligung (Art. 26 BauG5) mit der Notwendigkeit einer Absturzsicherung
2 Vorakten, pag. 72 3 Vorakten, pag. 38 4 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 5 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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begründet habe. So verlangten die SIA Norm 358 «Geländer und Brüstungen» sowie die
Fachbroschüre «Geländer und Brüstungen» der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu),
dass jede begehbare, d.h, für Personen zugängliche Fläche, bei der eine Gefährdung
durch Absturz anzunehmen sei, durch ein Schutzelement – Geländer oder Brüstung –
gesichert sein müsse. Es sei jedoch fraglich, ob ein Ausnahmegrund vorliege, soweit der
Zaun die Höhe von 1,0 m übersteige. Zudem sei der Zaun gemäss einer summarischen
Einschätzung nicht so gestaltet, dass er nicht be- oder überklettert werden könne. Die
Verfahrensbeteiligten erhielten Gelegenheit, sich dazu zu äussern.
Der Beschwerdeführer weist mit Eingabe vom 5. März 2019 darauf hin dass er zu der
Einschätzung des Rechtsamtes nichts zu ergänzen oder anzufügen habe. Sämtliche
Ausführungen der Gemeinde und der Beschwerdegegnerschaft würden bestritten.
Schliesslich halte er an seiner Beschwerde fest. Die Gemeinde verweist in ihrer
Stellungnahme vom 5. März 2019 auf ihren Entscheid, worin sie verfügt habe, dass der
Zaun so zu gestalten sei, dass ein Beklettern nicht mehr möglich sei. Dies könne durch die
Montage einer Plexiglasplatte auf der Parzelleninnenseite "problemlos erreicht werden". Im
Übrigen weise der Zaun eine Höhe von 1,20 m auf. Die Bauherrschaft habe sich bereit
erklärt, zwei Zaunlatten zu entfernen, so dass der fertige Zaun 1,0 m über dem fertigen
Gartenterrain zu liegen komme. In diesem Sinne mache die Bauherrschaft von einer
Projektänderung Gebrauch.
4. Die Beschwerdegegnerschaft reichte mit Eingabe vom 7. März 2019 eine
Projektänderung ein. Diese umfasst gemäss den beiden Plänen "H._weg 12
Bauprojekt «Absturzsicherung»", Frontansicht, Mst. 1:50 sowie Seitenansicht, Mst. 1:10
vom 25. Februar 2019 und der Beschreibung der Beschwerdegegnerschaft die Reduktion
der Höhe des Zaunes und die Befestigung einer Plexiglasplatte auf der dem Wohnhaus
zugewandten Seite. Mit diesen Änderungen würden die Vorgaben der Fachbroschüre der
bfu eingehalten. Zudem stellt die Beschwerdegegnerschaft "vorsorglich" ein
Ausnahmegesuch für die Überschreitung der Höhe. Aus prozessökonomischer Sicht sei
eine Rückweisung nicht angezeigt.
Die Verfahrensbeteiligten erhielten mit Verfügung vom 15. März 2019 Gelegenheit, zur
eingereichten Projektänderung Stellung zu nehmen. Die Gemeinde stellt mit Eingabe vom
18. März 2019 fest, dass mit der Reduktion der Zaunhöhe auf das für eine
Absturzsicherung geforderte Mass von 1,0 m und das Anbringen einer Plexiglasscheibe
sowohl den Anliegen des Einsprechers als auch des Rechtsamtes Rechnung getragen
RA Nr. 110/2018/158 4
werde. Der Beschwerdeführer legt in seiner Stellungnahme vom 4. April 2019 dar, dass
sich durch die Projektänderung seine Situation massiv verschlechtere, da die Auflage
betreffend Begrünung wegfalle. Im Übrigen werde die relevante Höhe des
Zaunes/Absturzsicherung gemäss seinen Berechnungen immer noch überschritten. Zudem
entspreche die Verkleidung aus "Plastikplatten" nicht den Intentionen der damaligen
Planungskommission "bei der Beschreibung der Abstufung einer Stützmauer". Schliesslicht
reicht er Vorschläge zu einer Ausgestaltung der Absturzsicherung als Buchenhecke bzw.
als vertikales Staketengeländer ein. Die Beschwerdegegnerschaft und die Gemeinde
liessen sich dazu nicht vernehmen.
5. Auf die Rechtsschriften und die Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich,
in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Die Beschwerdeschrift erfüllt die Formerfordernisse gemäss
Art. 32 Abs. 2 VRPG6 und wurde innert 30 Tagen seit Eröffnung des Bauentscheids am
6. November 2018 eingereicht (Art. 40 Abs. 1 BauG). Auf die Beschwerde kann daher
grundsätzlich eingetreten werden.
2. Einsprache- und Beschwerdelegitimation
a) Nach Auffassung der Beschwerdegegnerschaft fehlt es dem Beschwerdeführer
mangels schutzwürdigen Interesses sowohl an der Einsprache- als auch an der
Beschwerdebefugnis.
6 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2
BauG). Der Beschwerdeführer hat sich als Einsprecher am vorinstanzlichen Verfahren
beteiligt und ist damit formell zur Beschwerdeführung legitimiert.7
c) Neben der formellen Beschwer bedarf es auch der materiellen Beschwer: Nach
Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG sind nur Personen zur Einsprache befugt, welche durch das
Vorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind. Nach Lehre
und Rechtsprechung ist eine Person in schutzwürdigen Interessen berührt, wenn sie durch
ein Bauvorhaben in höherem Mass als die Allgemeinheit betroffen ist und zum
Streitgegenstand eine besondere Beziehungsnähe hat.8 Nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts muss die besondere bzw. spezifische Beziehungsnähe zum
Streitgegenstand bei Bauprojekten insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben sein.9 In
einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache stehen naturgemäss die Nachbarn des
Baugrundstücks. Unter Nachbarn versteht die Verwaltungs- und Gerichtspraxis vorab die
Eigentümerinnen und Eigentümer von Nachbargrundstücken. Der Kreis der betroffenen
Nachbarschaft kann nicht allgemein festgelegt werden, sondern muss im Einzelfall nach
den konkreten Verhältnissen bestimmt werden. Die Einsprachebefugnis des Nachbarn ist
in der Regel zu bejahen, wenn dessen Liegenschaft unmittelbar an das Baugrundstück
angrenzt oder allenfalls nur durch einen Verkehrsträger davon getrennt wird. Es wird
darauf verzichtet, auf bestimmte feste Werte abzustellen. Nach der bundesgerichtlichen
Praxis sind Nachbarn aber bis im Abstand von etwa 100 m in der Regel zu
Verwaltungsgerichtsbeschwerden gegen Bauvorhaben legitimiert. Allerdings ergibt sich die
Legitimation nicht schon allein aus der räumlichen Nähe, sondern erst aus einer daraus
herrührenden besonderen Betroffenheit. Ein schutzwürdiges Interesse liegt vor, wenn die
tatsächliche oder rechtliche Situation des Nachbarn durch den Ausgang des Verfahrens
beeinflusst werden kann.10
d) Der Beschwerdeführer ist Alleineigentümer der Parzellen Meikirch Grundbuchblatt
Nrn. I._; in letzterer wohnt er. Die Distanz zum umstrittenen Vorhaben beträgt 20
bis 30 m (je nach Winkel) und liegt damit unter dem gemäss bundesgerichtlicher
7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 4/4b 8 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 35-35c N. 16 9 Vgl. BGer 1C_668/2017 vom 31.10.2018, E. 2.2 ff. mit Verweisen auf BGE 141 II 50 E. 2.1 sowie BGE 140 II 214 E. 2.3 10 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N. 4, mit weiteren Hinweisen
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Rechtsprechung geforderten Abstand von 100 m. Es besteht jedoch kein unmittelbarer
Sichtkontakt, da sich sein Garten auf der dem Vorhaben abgewandten Seite, d.h. auf der
Ost- bzw. Südseite seines Grundstücks befindet. Soweit er sich (nur) auf ästhetische
Rügen beruft, ist die besondere Betroffenheit zumindest fraglich. Der Beschwerdeführer ist
jedoch auch Eigentümer der direkt an das Vorhaben angrenzenden Strassenparzellen
Meikirch Grundbuchblatt Nrn. J._, weshalb die Legitimation des
Beschwerdeführers zweifelsohne gegeben ist. Entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerschaft ist die Legitimation des Beschwerdeführers somit zu bejahen und
auf die Beschwerde einzutreten.
3. Projektänderung
a) Die Beschwerdegegnerschaft reichte mit ihrer Eingabe vom 7. März 2019 eine
Projektänderung ein. Diese umfasst gemäss den eingereichten Plänen und der
Beschreibung der Beschwerdegegnerschaft die Entfernung zweier Holzlatten, was die
Reduktion der Höhe des umstrittenen Zauns von 1,20 m auf 1,00 m bewirkt. Um das Be-
oder Überklettern zu unterbinden, enthält die Projektänderung die Befestigung einer
"passgenauen und sich über die Höhe des Zauns erstreckenden Platte aus Plexiglas auf
der dem Wohnhaus zugewandten Seite".
b) Laut Art. 43 BewD11 kann die Baugesuchstellerin oder der Baugesuchsteller während
eines Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der
BVE eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues Baubewilligungsverfahren eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn
das Bauvorhaben in seinen Grundzügen gleich bleibt. Erfolgt die Projektänderung im
Beschwerdeverfahren, sind die Gemeinde, die Gegenpartei und die von der
Projektänderung zusätzlich berührten Dritten anzuhören. Die Beschwerdeinstanz ist befugt,
die Sache zur Weiterbehandlung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Art. 43 Abs. 3 BewD),
kann aber auch selbst über die Projektänderung entscheiden. Das geänderte Projekt tritt
an die Stelle des ursprünglichen Bauvorhabens.12
c) Vorliegend bleibt das Bauvorhaben durch die eingereichte Projektänderung in den
Grundzügen gleich. Deshalb können die Anpassungen als Projektänderung behandelt
11 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 12 Vgl. BVR 2012 S. 463 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen
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werden. Die Projektänderung berührt keine öffentlichen oder wesentlichen nachbarlichen
Interessen zusätzlich und die Verfahrensbeteiligten wurden angehört. Auf eine Publikation
oder eine Anhörung Dritter konnte daher verzichtet werden. Gegenstand des Verfahrens ist
somit nur noch das Projekt gemäss den mit Projektänderung vom 7. März 2019
eingereichten beiden Plänen (gestempelt von der BVE am 8. März 2019).
4. Höhe der Mauer / Messweise Terrain
a) Die Beschwerdegegnerschaft hat auf der westlichen Grenze ihrer Parzelle
Nr. F._ den als Absturzsicherung bezeichneten Zaun erstellt. Die westliche
Grenze des Grundstücks liegt über der Rampe der Einstellhallenzufahrt (Parzelle
Nr. G._). Die Stützmauer entlang der Zufahrt weist anfangs unbestrittenermassen
eine Höhe von 0,99 m auf und erreicht bei der Einfahrt zur unterirdischen Einstellhalle eine
Höhe von 1,97 m. Das hinter der Mauerkrone liegende, aufgeschüttete Terrain, auf dem
sich der Terrassenboden bzw. Garten der Beschwerdegegnerschaft befindet, weist ab der
H._ eine Höhe von 0,75 m auf. Dies wird auch vom Beschwerdeführer nicht
bestritten.
b) Der Beschwerdeführer vertritt bezüglich der Projektänderung die Auffassung, dass
die "Gesamthöhe der Ausnahme" nach wie vor "falsch" sei, da von einer falschen
Annahme ausgegangen und gemessen werde. Vorliegend müsse die Höhe ab dem
abgegrabenen Terrain gemessen werden.13
c) Die Gemeinde hat in ihrer Stellungnahme zur Beschwerde darauf hingewiesen, dass
das gewachsene Terrain dem Verlauf der H._wegstrasse entspreche. Die
Messweise richte sich nach Art. 1 BMBV. Die Gesamthöhe des vor der Projektänderung zu
beurteilenden Holzzauns betrage 120 cm. Er stehe auf dem aufgeschütteten Terrain der
Baugesuchsteller. Das aufgeschüttete Terrain liege 75 cm über dem gewachsenen Terrain,
so dass die Gesamthöhe über dem gewachsenen Terrain 195 cm betrage.14
Auch nach Auffassung der Beschwerdegegnerschaft entspricht die Messweise vorliegend
der BMBV. Vorliegend sei trotz der Abgrabung für die Einfahrt der Einstellhalle nach wie
vor ersichtlich, auf welcher Höhe das natürlich gewachsene Gelände verlaufe. Die
13 Vgl. Stellungnahme vom 4. April 2019, S. 1 bzw. 2 bzw. Beschwerdeschrift, S. 3, Bst. f 14 Stellungnahme der Gemeinde Meikirch vom 13. Dezember 2018, Ziff. 2.3
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Gesamthöhe des Holzzaunes betrage ab gewachsenem Terrain 1,95 m15 (bzw. nach der
Projektänderung 1,75 m).
d) Gemäss Art. 20 Abs. 1 GBR16 wird die Gebäudehöhe vom gewachsenen Boden
respektive vom tiefer liegenden neuen Terrain gemessen. Am 1. August 2011 ist die BMBV
in Kraft getreten, welche u.a. die Messweise der Gebäudehöhe vereinheitlicht (Art. 14 f.
BMBV) und das massgebende Terrain neu regelt (Art. 1 BMBV). Danach bildet der
natürliche Geländeverlauf das massgebende Terrain zur Messung der Gebäudehöhe.
Kann dieser infolge früherer Abgrabungen und Aufschüttungen nicht mehr festgestellt
werden, ist vom natürlichen Geländeverlauf der Umgebung auszugehen (Art. 1 Abs. 1
BMBV). Im Falle von Abgrabungen im Hinblick auf das Bauvorhaben ist jedoch vom
abgegrabenen Terrain aus zu messen (Art. 1 Abs. 3 BMBV). Art. 97 aBauV findet jedoch
weiterhin Anwendung, bis die baurechtliche Grundordnung der Gemeinden an die
Bestimmungen der BMBV angepasst wurde, was gemäss der bis zum 30. Juni 2019
geltenden Fassung der BMBV bis zum 31. Dezember 2020 zu geschehen hat.17 Die
Gemeinde Meikirch hat diese Anpassung noch nicht vorgenommen. Die Gebäudehöhe
bemisst sich daher nach Art. 97 aBauV. Zu messen ist demnach vom Terrain, wie es vor
Baubeginn besteht (Abs. 1). Wird das Terrain abgegraben, so wird vom fertigen Terrain
aus gemessen, wenn es tiefer liegt als das ursprüngliche Terrain (Abs. 3).
e) Das gewachsene Terrain entspricht dem Verlauf der H._wegstrasse und gilt
gemäss Art. 97 Abs. 2 Bst. c BauV bzw. Art. 1 Abs. 1 BMBV als massgebendes Terrain.
Das aufgeschüttete Terrain (Höhe Terrasse BG) liegt unbestrittenermassen 0,75 m über
dem gewachsenen Terrain. Darauf steht der Holzzaun mit einer Höhe von neu 1,00 m.18
Die Höhe der Mauer einschliesslich des Holzzauns als Absturzsicherung beträgt ab
gewachsenem Terrain nach der Projektänderung bei der Zufahrt zur Einstellhalle 1,75 m.
Diese Messweise ist nicht zu beanstanden. Derjenige Teil der Stützmauer, der zur
unterirdischen Einstellhalle führt und bei der Einfahrt 1,97 m erreicht, liegt unter dem
gewachsenen Terrain.19 In Anwendung von Art. 97 Abs. 3 BauV bzw. Art. 1 Abs. 3 BMBV
ist die Höhe der Stützmauer mit Absturzsicherung ab dem abgegrabenen Terrain zu
15 Vgl. Beschwerdeantwort vom 3. Januar 2019 16 Baureglement der Gemeinde Meikirch vom 15. März 1995, genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) am 28. November 1995; mit Änderungen bis 1. März 2014 17 Vgl. Art. 34 Abs. 1 und 2 bzw. Art. 35 BMBV. Am 1. Juli 2019 tritt eine Änderung der BMBV in Kraft, die die Übergangsfrist neu auf den 31.12.2022 vorsieht. 18 Vgl. Plan Seitenansicht, Mst. 1:10 vom 25. Februar 2019 (gestempelt von der BVE am 8. März 2019) 19 Vgl. Plan Seitenansicht, Mst. 1:10 vom 25. Februar 2019 (gestempelt von der BVE am 8. März 2019)
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ermitteln und erreicht an der tiefsten Stelle somit 2,82 m. Da die Stützmauer einschliesslich
des Zauns als Absturzsicherung eine Gesamthöhe von 1,75 m bis 2,82 m erreicht, ist
vorliegend letztlich nicht ausschlaggebend, ob die Messung ab der H._wegstrasse
oder bei der unterirdischen Einfahrt zur Anwendung gelangt, da die Stützmauer
einschliesslich der umstrittenen Absturzsicherung in jedem Fall einer Ausnahmebewilligung
bedarf (vgl. die nachfolgende E. 4).
5. Ausnahmebewilligung nach Art. 26 BauG
a) Die Gesamthöhe der Stützmauer einschliesslich der Absturzsicherung liegt wie
ausgeführt zwischen 1,75 m bis 2,82 m. Ab dem aufgeschütteten Terrain auf der Parzelle
der Beschwerdegegnerschaft erreicht die rund 9,0 m langen Absturzsicherung eine Höhe
von 1,0 m. Die dem Haus der Beschwerdegegnerschaft vorgelagerte Fläche über der
Einstellhallenzufahrt dient als Terrasse bzw. Garten.
b) Gemäss Art. 6 Abs. 1 Bst. i BewD bedürfen bis zu 1,20 m hohe Einfriedungen,
Stützmauern und Schrägrampen grundsätzlich keiner Baubewilligung. Werden wie
vorliegend eine Stützmauer und eine Einfriedung kombiniert, ist die Höhe zusammen zu
zählen, wenn die übereinander liegenden Anlagen einen funktionellen Zusammenhang
haben.20 Laut Art. 16 Abs. 2 GBR21 gelten für Einfriedungen, Stützmauern und ähnliches
zudem die Bestimmungen des EG ZGB22 als öffentlich-rechtliche Bestimmungen der
Gemeinde. Art. 79 bis 79o des bernischen EG zum ZGB regeln unter anderem die
Grenzabstände für Bauten und vorspringende Bauteile, für Brandmauern, Stützmauern und
Einfriedungen. Gemäss Art. 79k EG ZGB dürfen Einfriedungen wie Holzwände, Mauern
und Zäune bis zu 1,20 m Höhe vom gewachsenen Boden an die Grenze gestellt werden
(Art. 79k Abs. 1 EG ZGB). Höhere Einfriedungen sind um das Mass der Mehrhöhe von der
Grenze zurückzunehmen, jedoch höchstens auf 3,0 m. Die Gesamthöhe von Mauer und
Einfriedung beträgt wie ausgeführt mindestens 1,75 m und überschreitet die zulässige
Höhe um mindestens 0,55 m. Soweit der ausgeführte Zaun direkt an die Grenze gestellt
worden ist und wegen fehlender nachbarlicher Zustimmung des Beschwerdeführers nicht
20 Bernische Systematische Information Gemeinden (BSIG) Nr. 7/725.1/1.1, Weisung vom 15. Januar 2013 betreffend baubewilligungsfreie Bauten und Anlagen nach Art. 1b BauG, S. 8, Bst. i einsehbar unter www.jgk.be.ch 21 Baureglement der Gemeinde Meikirch vom 15. März 1995, genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) am 28. November 1995; mit Änderungen bis 1. März 2014 22 Gesetz vom 28. Mai 1911 betreffend die Einführung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (EG ZGB; BSG 211.1)
http://www.jgk.be.ch
RA Nr. 110/2018/158 10
über ein Näherbaurecht verfügt (Art. 15 Abs. 1 GBR i.V. mit Art. 27 Abs. 4 BewD), ist somit
eine Ausnahmebewilligung gemäss Art. 26 BauG erforderlich (vgl. auch E. 4e).
c) Der Beschwerdeführer rügt, der Ausnahmegrund für die Überschreitung der
Einfriedungshöhe sei nicht gegeben.
d) Nach Auffassung der Beschwerdegegnerschaft ist bezüglich der ursprünglich
bewilligten Absturzsicherung nicht zu beanstanden, dass die Ausnahmebewilligung für die
Überschreitung der Zaunhöhe erteilt worden ist. Es seien besondere Verhältnisse
gegeben. Diese bestünden einerseits darin, dass die vorbestehende Buchenhecke noch
40 cm höher als die Absturzsicherung gewesen sei. Eine Absturzsicherung von einem
Meter sei "ohnehin" vorgeschrieben. Zum andern sei ein zu grosser Höhenunterschied zur
bestehenden Buchenhecke nicht ästhetisch und schliesslich sei eine sinnvolle
Gartengestaltung bei Verlegen der Absturzsicherung in das Grundstück hinein nicht mehr
möglich.23 Die Überschreitung der bewilligungsfreien Höhe für Einfriedungen sei als
geringfügig zu bezeichnen. Der Zaun wirke dezenter als die Buchenhecke und erfülle die
Funktion als Absturzsicherung ganzjährig. Öffentliche Interessen seien keine verletzt. Die
Rügen des Beschwerdeführers seien rein subjektiver Natur.
e) Auch nach Darlegung der Gemeinde sind hier die Voraussetzungen zur Erteilung
einer Ausnahmebewilligung gegeben.24 Vorliegend wäre eine Mehrhöhe von 75 cm über
dem gewachsenen Terrain notwendig. Die Ausnahme wäre – so die Gemeinde – nicht
notwendig, wenn der Holzzaun über die Mehrhöhe von 75 cm zurückversetzt würde.
Dadurch würde die optische Gesamtwirkung nicht oder nur unwesentlich verändert.
Dagegen entstünde ein schmaler Streifen "Niemandsland", der wiederum mit einer
Absturzsicherung von 100 cm versehen werden müsste, der zudem nicht nutzbar und
kaum zu unterhalten wäre. Daher sei die Erteilung der Ausnahmebewilligung "unter
Berücksichtigung aller Fakten", gestützt auf die geschilderten "sehr besonderen
Verhältnisse" gerechtfertigt.25
f) Ausnahmen von Bauvorschriften können erteilt werden, wenn besondere
Verhältnisse es rechtfertigen und keine öffentlichen Interessen beeinträchtigt werden
(Art. 26 Abs. 1 BauG). Ausnahmen dürfen überdies keine wesentlichen nachbarlichen
23 Beschwerdeantwort, S. 9 24 Stellungnahme der Gemeinde Meikirch vom 13. Dezember 2018, Ziff. 2.5 25 Stellungnahme der Gemeinde Meikirch, a.a.O.
RA Nr. 110/2018/158 11
Interessen verletzen, es sei denn die Beeinträchtigung könne durch Entschädigung
vollwertig ausgeglichen werden (Art. 26 Abs. 2 BauG).
Eine Ausnahmebewilligung soll die gesetzliche Regelung, die im Interesse der
Rechtssicherheit sowie der Rechtsgleichheit die tatsächlichen Verhältnisse generalisierend
erfasst, einzelfallgerecht verfeinern. Ausnahmegründe beziehen sich deshalb auf den
Zweck, den Umfang oder die Gestaltung eines Bauvorhabens, wenn diese in den
geltenden Vorschriften nicht genügend berücksichtigt sind. Sie müssen mit den
Besonderheiten des Baugrundstücks oder des Bauvorhabens zusammenhängen. Rein
finanzielle Interessen, der Wunsch nach einer Ideallösung oder intensives
Ausnützungsstreben rechtfertigen aber keine Ausnahmebewilligung. Es geht vielmehr
darum, ausgesprochene Unbilligkeiten und Unzweckmässigkeiten zu vermeiden, welche
die strikte Anwendung der Vorschrift für die Bauwilligen zur Folge hätte.
Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass der Ausnahmegrund keine absolute Grösse ist.
Ob ein Sachverhalt als Ausnahmegrund genügen kann, hängt von drei Komponenten ab:
Vom Interesse des Bauherrn an der Ausnahme, von der Bedeutung der Vorschrift, von der
abgewichen werden soll, und von Art und Mass der verlangten Abweichung.26
g) Die Ausnahmebewilligung der Gemeinde wird damit begründet, dass wegen der
Zufahrt zur Einstellhalle eine Absturzsicherung notwendig sei. Dies auch dann, wenn der
Zaun auf Grund von Art. 79 EG ZGB zurückversetzt werden müsste.
h) Nach Art. 21 Abs. 1 BauG sind Bauten und Anlagen so zu erstellen, zu betreiben und
zu unterhalten, dass weder Personen noch Sachen gefährdet werden. Gemäss Art. 57
Abs. 1 BauV27 dürfen Personen und Sachen weder durch den Bauvorgang noch durch den
Bestand oder Betrieb von Bauten und Anlagen gefährdet werden. Im Einzelnen gelten die
Bestimmungen dieser Verordnung, die Vorschriften der Spezialgesetzgebung sowie die
Vorschriften und Richtlinien der Schweizerischen Unfallversicherung (SUVA). Die Normen
und Empfehlungen der Fachverbände sind ergänzend zu beachten (Art. 57 Abs. 2 BauV).28
Treppen, Galerien, Balkone, Brüstungen und andere begehbare Flächen sind, soweit
Absturzgefahr für Personen besteht, mit ausreichenden Geländern oder anderen
genügenden Schutzvorrichtungen zu versehen (Art. 58 Abs. 1 BauV). In diesem
26 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 26–27 N. 4 f. mit Hinweisen. 27 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 28 Vgl. VGE 2014/129 vom 23. April 2015, E. 4.1, mit Hinweis auf Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Art. 21 N. 2
RA Nr. 110/2018/158 12
Zusammenhang bestimmen die SIA Norm 358 «Geländer und Brüstungen» vom März
2010 sowie die Fachbroschüre «Geländer und Brüstungen» der Beratungsstelle für
Unfallverhütung (bfu)29, dass jede begehbare, d.h. für Personen zugängliche Fläche, bei
der eine Gefährdung durch Absturz anzunehmen ist, durch ein Schutzelement – Geländer
oder Brüstung – gesichert sein muss. Bei Wohnbauten ist das Gefährdungsbild 1
«Fehlverhalten von unbeaufsichtigten Kindern» anwendbar. Dieses schreibt ein
mindestens 1,0 m hohes Schutzelement vor, wenn die Absturzhöhe mehr als 1,0 m
beträgt.30 Bei Absturzhöhen bis 1,50 m kann der Schutz auch darin bestehen, dass die
Zugänglichkeit des Randes begehbarer Flächen durch geeignete Massnahmen wie
Bepflanzung oder dergleichen erschwert wird.31
i) Wie ausgeführt, weist die Stützmauer entlang der Einstellhallenzufahrt eine Höhe
zwischen 0,99 m und 1,97 m auf. Der vor dem Wohnhaus liegende Garten der Parzelle
Nr. F._ befindet sich über der Stützmauer und stellt eine begehbare, d.h. für
Personen zugängliche Fläche im Sinne der SIA Norm 358 dar. Aufgrund der Höhe der
Mauer zur Einstellhalle ist gemäss SIA Norm 358 und Fachbroschüre bfu eine
Absturzsicherung von 1,0 m unabdingbar. Mit der Projektänderung weist der als
Absturzsicherung dienende Holzzaun eine Höhe von 1,0 m auf. Diese Absturzsicherung ist
wegen der Begehbarkeit des Gartens und dessen Lage über der Einstellhallenzufahrt aus
Sicherheitsgründen erforderlich. Da die Stützmauer an der tiefsten Stelle 1,97 m hoch ist,
kann die Absturzsicherung entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers auch nicht
durch eine Bepflanzung bzw. Buchenhecke alleine gewährleistet werden.
j) Gemäss SIA Norm 358 und Fachbroschüre bfu müssen die Schutzelemente zudem
vor dem Hindurchfallen schützen. Bis auf eine Höhe von 0,75 m darf ein Geländer keine
Öffnungen aufweisen, deren Durchmesser grösser als 12 cm ist. Ein Beklettern der Schutz-
elemente ist durch geeignete Massnahmen zu verhindern bzw. zu erschweren. Geländer
sollen Kindern eine freie Sicht ermöglichen, um weniger zum Beklettern zu verleiten.32 Bei
horizontalen Verkleidungen sollen gemäss Fachbroschüre bfu maximal Spalten von 2 cm
eingeplant werden, damit das Schutzelement schwer beklettert werden kann. Der als
Absturzsicherung dienende Holzzaun weist ohne die Plexiglasscheibe horizontale Spalten
auf, die grösser als 2 cm sind. Mit der Plexiglasscheibe kann ein Be- oder Überklettern
29 https://www.bfu.ch/sites/assets/Shop/bfu_2.003.01_Geländer%20und%20Brüstungen.pdf 30 SIA Norm 358 (2010), Ziff. 2.1.2 und 3.1.3 31 SIA Norm 358 (2010), Ziff. 2.1.2 sowie 2.1.4 bzw. Fachbroschüre bfu «Geländer und Brüstungen» (2016), S. 4 32 SIA Norm 358 (2010), Ziff. 3.2.2 sowie Fachbroschüre bfu «Geländer und Brüstungen», S. 5
https://www.bfu.ch/sites/assets/Shop/bfu_2.003.01_Gel%C3%A4nder%20und%20Br%C3%BCstungen.pdf
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verhindert werden. Somit wird mit der Projektänderung den Vorgaben zum Schutz für
Kinder gemäss SIA Norm 358 und Fachbroschüre bfu vollumfänglich Rechnung getragen.33
Eine ausreichende Absturzsicherung ist für die Bewohner und Bewohnerinnen jeden Alters
und deren Besucher nötig, um sie vor den typischen Gefahren zu schützen. Dabei geht die
gemäss Projektänderung vorgenommene Reduktion der Absturzsicherung auf 1,0 m nicht
über das geforderte Minimum hinaus.
Schliesslich hätte ein Zurückversetzen des Zauns auf den gemäss EG ZGB erforderlichen
Grenzabstand hier ein beträchtliches Gefahrenpotential insbesondere für Kinder und
weitere Personen zur Folge. Der entstehende Raum über der Stützmauer der Einstellhalle
müsste wegen der Absturzgefahr wiederum gemäss den Vorgaben der SIA Norm 358 und
der Fachbroschüre bfu durch ein weiteres Schutzelement von mindestens 1,0 m
abgesichert werden. Dem Vorhaben stehen auch keine privaten Interessen der
Nachbarinnen und Nachbarn entgegen; insbesondere sind keine wohnhygienischen
Interessen der Nachbarinnen und Nachbarn betroffen.34 Dies umsomehr als sich die
Absturzsicherung am gleichen Ort wie die entfernte Buchenhecke befindet und den
(ästhetischen) Anschluss an die bestehende Hecke ab Parzelle Nr. K._ schafft
(vgl. E. 7). Folglich liegen besondere Verhältnisse vor, die eine Ausnahme vom
massgebenden Grenzabstand rechtfertigen. Da somit besondere Verhältnisse vorliegen
und durch die beabsichtigte Unterschreitung des Grenzabstands weder öffentliche noch
wesentliche nachbarliche Interessen beeinträchtigt werden, hat die Vorinstanz den
Beschwerdegegnern zu Recht eine entsprechende Ausnahmebewilligung erteilt. Zudem ist
die Absturzsicherung zur Einhaltung der Sicherheitsvorgaben gemäss Art. 21 BauG und
Art. 58 BauV erforderlich. Die Beschwerde erweist sich somit auch in diesem Punkt als
unbegründet.
6. Zuständigkeit für die Erteilung der Ausnahmebewilligung
a) Der Beschwerdeführer rügt, es sei kein Amtsbericht des Regierungsstatthalters
gemäss Art. 9 Abs. 4 BewD eingeholt worden.
b) Die Gemeinde legt dar, dass Art. 16 Abs. 2 GBR die privatrechtlichen Bestimmungen
des EG ZGB verbindlich als öffentlich-rechtliche Vorschriften der Gemeinde bezeichne. Der
33 Foto vom 18. März 2018; Vorakten, pag. 61 34 Vgl. VGE 2017/352 vom 3. Oktober 2018, E. 6.3 (angefochten vor Bundesgericht)
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Gemeinderat sei die nach kommunalem Recht zuständige Behörde für die Erteilung von
Ausnahmebewilligungen im Zuständigkeitsbereich der Gemeinde und habe vorliegend die
Ausnahmebewilligung erteilt.35
c) Nach Auffassung der Beschwerdegegnerschaft hat die Gemeinde die Bestimmungen
des EG ZGB zu öffentlich-rechtlichen Vorschriften erklärt. Aus Art. 60 Abs. 1 Bst. b GBR
folge die Zuständigkeit des Gemeinderates zur Beurteilung des Ausnahmegesuchs. Ein
Amtsbericht sei somit nicht nötig.36
d) Nicht jeder Verweis auf das EG ZGB bedeutet, dass diese Bestimmungen damit zu
öffentlich-rechtlichen Bauvorschriften werden. Dies gilt nur, soweit die Gemeinde die
zivilrechtlichen Vorschriften explizit als öffentlich-rechtliche Vorschriften verstanden haben
will.37 Dies ist bei den Bestimmungen der Gemeinde Meikirch der Fall. In Art. 16 Abs. 2
GBR werden die Bestimmungen des EG ZGB über Einfriedungen und Stützmauern
ausdrücklich als öffentlich-rechtliche Vorschriften der Gemeinde ausgewiesen. Selbst im
Falle einer Lücke im kommunalen Recht sieht Art. 3 Abs. 1 NBRD38 vor, dass die
nachbarrechtlichen Bestimmungen des EG ZGB über Stützmauern und Einfriedungen als
öffentlich-rechtliche Vorschriften der Gemeinde gelten. Bei den Vorschriften der Gemeinde
Meikirch handelt es sich um kommunale Vorschriften, wovon die Baubewilligungsbehörde,
d.h. die Gemeinde Meikirch, Ausnahmen erteilen kann (Art. 27 Abs. 1 BauG). Das Einholen
eines Amtsberichts des Regierungsstatthalters gemäss Art. 9 Abs. 4 BewD war daher
vorliegend nicht erforderlich.
7. Ästhetik
a) Der Beschwerdeführer rügte bezüglich dem ursprünglichen Zaun eine Verletzung von
Art. 18 Abs. 1 GBR, der eine gute Einordnung von Bauten und Anlagen in das
Landschaftsbild verlange. Dazu seien Proportionen, Gestaltung, Farb- und Materialwahl zu
beachten. Der Holzzaun hebe sich deutlich erkennbar von der natürlichen Struktur der
bestehenden, lebendigen Buchenhecke ab. Zudem vermöge die bestehende Buchenhecke
35 Stellungnahme der Gemeinde Meikirch vom 13. Dezember 2018, mit Beilage 36 Vgl. Beschwerdeantwort vom 3. Januar 2019, S. 8 37 Vgl. VGE 21990 vom 15.3.2005, E. 9.1.1 38 Dekret vom 10. Februar 1970 über das Normalbaureglement (NBRD; BSG 723.13)
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eine verbesserte ästhetische Gesamtwirkung zu erzielen.39 Bezüglich der Projektänderung
weist der Beschwerdeführer darauf hin, dass dadurch die Situation ästhetisch nicht
verbessert werde, da die Auflage hinsichtlich Begrünung wegfallen werde und die
"Holzladewand" durch die Verwitterung "grau in grau" übergehen werde.40
b) Nach Auffassung der Beschwerdegegnerschaft kommt es bei der Beurteilung, ob
sich eine Baute oder Anlage gut in das Orts- und Landschaftsbild einordne, nicht auf das
Empfinden einzelner Personen an. Zudem sei der Zaun unmittelbar an die von Beton
umgebene Einfahrt in die Einstellhalle aufgestellt worden. Der Holzzaun könne vor diesem
Hintergrund gar als "ästhetische Aufwertung" betrachtet werden, da die Erscheinung der
Betonwand abgemildert werde, zumal das Holz des Zaunes im Laufe der Zeit auf Grund
von Witterungseinflüssen laufend "grauer" bzw. unauffälliger werde.41
c) Gemäss vorinstanzlichem Entscheid ist der Holzzaun mit Pflanzen zu begrünen. Mit
dieser Massnahme solle eine Annäherung des Holzzauns zur angrenzenden Buchenhecke
geschaffen werden. Im Übrigen befinde sich das Bauvorhaben weder in einem
Ortsbildschutzgebiet noch in einem Landschaftsschongebiet nach Art. 42 ff. GBR. Auch sei
kein erhaltens- oder schützenswertes Objekt in unmittelbarer Nähe.
d) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die «ästhetische Generalklausel» im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots
dar. Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur
bestehenden Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene
Ästhetikvorschriften erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können.
Derartige Vorschriften müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst
sein als die Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein
anders formulieren.42
Das GBR der Gemeinde Meikirch enthält insbesondere folgende Bestimmung zur
Gestaltung von Bauten und Anlagen: "Bauten und Anlagen sind hinsichtlich
Gesamterscheinung, Lage, Proportionen, Dach- und Fassadengestaltung, Material- und
39 Beschwerdeschrift, S. 1 40 Stellungnahme vom 4. April 2019, S. 1 41 Beschwerdeantwort vom 3. Januar 2019, Ziff. B, S. 6 f 42 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen
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Farbwahl so auszubilden, dass sie sich gut ins Orts- und Landschaftsbild einordnen"
(Art. 18 Abs. 1 GBR). Diese Bestimmung geht weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihr kommt
daher selbständige Bedeutung zu.
e) Der Begriff «gute Einordnung» stellt einen unbestimmten kommunalen
Gesetzesbegriff dar, bei dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen
Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten
Einordnung bzw. Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt
werden. Die gute Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen
architektonischen Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen
Gegebenheiten, dass das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich
eine neue Baute oder Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der
Umgebung zu orientieren hat.43
Der als Absturzsicherung dienende Holzzaun liegt über der Einfahrt zur unterirdischen
Einstellhalle der Überbauung «L._». Die Siedlung liegt in der Wohnzone W2 und
befindet sich nicht in einem Ortsbildschutzgebiet. Zwar mag der Holzzaun zu Beginn einen
Kontrast zur anschliessenden Buchenhecke abgeben. Die allmähliche Verwitterung des
Holzes kann aber zu einer besseren Integration der Absturzsicherung in das Siedlungsbild
beitragen. Mit der Auflage der Gemeinde, den Zaun auf der Aussenseite begrünen zu
lassen, vermag sich dieser gut in die bestehende Umgebung zu integrieren und so auch
den gewünschten Anschluss an die vorhandene Buchenhecke zu schaffen. Insgesamt
handelt es sich bei der umstrittenen Absturzsicherung um ein relativ geringfügiges und
unauffälliges Bauvorhaben. Hinzu kommt, dass bei einer Absturzsicherung nur geringe
Gestaltungsmöglichkeiten bestehen. Die Gemeinde, der bei der Auslegung der
Ästhetikvorschriften ihres Baureglements eine gewisse Autonomie zukommt, hat denn
auch keine Vorbehalte gegen dieses Vorhaben geäussert. Auch diese Rüge erweist sich
daher als unbegründet.
f) Ausnahme- und Baubewilligungen können mit Bedingungen oder Auflagen verknüpft
werden (Art. 29 Abs. 2 und Art. 38 Abs. 3 BauG). Auflagen sind Pflichten, die mit einer
Baubewilligung verbunden sind. Die Nichterfüllung einer Auflage berührt die Geltung der
Baubewilligung nicht, kann aber baupolizeiliche Massnahmen – insbesondere die
Ersatzvornahme – und Bestrafung nach sich ziehen.44 Die Bedingungen und Auflagen
43 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1 44 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 29 N. 1
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müssen in einem engen sachlichen Zusammenhang zur erteilten Bau- oder
Ausnahmebewilligung stehen und verhältnismässig sein. Verhältnismässig ist eine
Nebenbestimmung nur dann, wenn sie zum Erreichen des angestrebten Ziels erforderlich,
geeignet und für den Bauherrn zumutbar ist. Bezüglich der ursprünglich bewilligten
Absturzsicherung hat die Gemeinde gemäss dem Vorschlag der Beschwerdegegnerschaft
eine Auflage zur Begrünung der Aussenseite aufgenommen. Die Auflage dient vor allem
dazu, einen Anschluss zu der ab Parzelle Nr. K._ weiterhin bestehenden
Buchenhecke zu schaffen und dient wie ausgeführt der Verbesserung der ästhetischen
Wirkung der Absturzsicherung. Die Massnahme ist auch bezüglich der Projektänderung
geeignet, das angestrebte Ziel zu erreichen und ist erforderlich, geeignet und für die
Beschwerdegegnerschaft zumutbar. An der Auflage bezüglich Begrünung ist daher
festzuhalten. Da der Bauentscheid der Gemeinde bestätigt wird, ist keine Wiederholung
der Auflage notwendig.45
8. Fazit und Kosten
a) Zusammenfassend ergibt sich, dass das Vorhaben den anwendbaren Vorschriften
entspricht. Die Beschwerde ist somit abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden kann
und die Projektänderung vom 7. März 2019 ist zu bewilligen. Im Übrigen ist der Entscheid
der Gemeinde vom 29. Oktober 2018 zu bestätigen.
b) Die Grundsätze der Kostenverlegung sind in Art. 108 VRPG46 geregelt. Demnach
werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.– bis Fr. 4'000.– erhoben (Art. 19 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 Abs. 2
GebV47). In Anwendung dieser Bestimmung wird die Pauschale auf Fr. 1'500.– festgelegt.
Die Beschwerdegegnerschaft hat mit der Projektänderung den Rügen des
Beschwerdeführers hinsichtlich der Höhe des Zaunes/Absturzsicherung teilweise
45 Vgl. angefochtener Entscheid, Ziff. 5.1 46 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 47 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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Rechnung getragen. Insoweit gilt sie als unterliegend. Der Beschwerdeführer hat auch
nach der Projektänderung an sämtlichen Rügen festgehalten. Daher gilt er hinsichtlich der
übrigen Rügen als unterliegend. Es rechtfertigt sich somit, die Verfahrenskosten zu einem
Drittel der Beschwerdegegnerschaft und zu zwei Dritteln dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Im Ergebnis hat der Beschwerdeführer daher
Fr. 1'000.– und die Beschwerdegegnerschaft Fr. 500.– an Verfahrenskosten zu tragen. Die
Beschwerdegegnerschaft haftet solidarisch für den gesamten ihnen auferlegten Betrag.
c) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Der Beschwerdeführer hat der
Beschwerdegegnerschaft bei diesem Verfahrensausgang zwei Drittel ihrer Parteikosten zu
ersetzen. Der Beschwerdeführer war nicht anwaltlich vertreten, weshalb ihm keine
Parteikosten im Sinne des Gesetzes entstanden sind (Art. 104 Abs. 1 und 2 VRPG). Für
ihn sind somit keine Parteikosten zu sprechen.
Die Kostennote des Anwaltes der Beschwerdegegnerschaft gibt zu keinen Bemerkungen
Anlass. Von den Parteikosten von Fr. 3'666.75 (Honorar einschliesslich Minimalgebühr
Fr. 3'375.–, Auslagen Fr. 80.–, zuzüglich Mehrwertsteuer) hat der Beschwerdeführer der
Beschwerdegegnerschaft zwei Drittel, ausmachend Fr. 2'444.50.–, zu ersetzen.