Decision ID: d92ad346-d6f9-5548-bdec-07af6bfe4b90
Year: 2019
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein somalischer Staatsangehöriger mit letztem
Aufenthalt in B._, verliess seine Heimat eigenen Angaben gemäss
Mitte Juli 2015 und gelangte am 6. März 2016 in die Schweiz, wo er glei-
chentags um Asyl nachsuchte.
A.b Bei der Befragung zur Person (BzP) vom 16. März 2016 sagte er, sein
Vater sei im Jahr 2006 verstorben, er wisse nicht woran. Seine Mutter lebe
mit seinen fünf Stiefgeschwistern in B._. Seine Heimat habe er aus
wirtschaftlichen Gründen verlassen. Seine Mutter habe ihm nicht helfen
können.
A.c Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 21. August 2018 zu seinen
Asylgründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, er stehe mit einem in
Somalia lebenden Freund in Kontakt, der ihm gesagt habe, seine Mutter
befinde sich in einem Flüchtlingslager in Äthiopien. In Somalia habe er frü-
her mit seiner Mutter zusammengelebt; da sie mit ihren Angehörigen und
den Leuten, die in ihrem Gebiet gelebt hätten, Probleme gehabt hätten,
seien sie auseinandergegangen. Sein Vater sei Soldat gewesen und nach
B._ verlegt worden. Bei einer medizinischen Untersuchung sei fest-
gestellt worden, dass er an HIV erkrankt sei. Danach seien sie von ihren
Verwandten «gemobbt» und verfolgt worden. Die Stadtbewohner hätten ihr
Haus angezündet und sein Vater sei ums Leben gekommen, als er ihn (den
Beschwerdeführer) und seine Mutter vor den Flammen gerettet habe. Von
2006 bis 2009 habe er bei seiner Grossmutter gelebt; nachdem diese ver-
storben sei, sei er zu seiner Mutter zurückgekehrt, die mittlerweile wieder-
verheiratet gewesen sei. Da sein Stiefvater nicht einverstanden gewesen
sei, dass er bei seiner Mutter gelebt habe, habe er einer Nachbarin als
fliegender Händler geholfen und in Moscheen übernachtet. Aufgrund der
HIV-Erkrankung seines Vaters sei er von der Bevölkerung diskriminiert wor-
den. Diese Diskriminierung sei sein Hauptgrund für das Verlassen der Hei-
mat gewesen, er sei in seiner Heimat rechtlos gewesen. Er habe befürch-
tet, sein Leben wie sein Vater zu verlieren. Angehörige des Subclans seiner
Grossmutter hätten ihm eine Zeit lang erlaubt, in einer Garage zu über-
nachten. Als er im Juli 2015 vom Markt zurückgekehrt sei, hätten ihm zwei
Männer mitgeteilt, er dürfe die Garage nicht mehr betreten und müsse
B._ verlassen. Einer habe ihm gesagt, es werde ihm das Gleiche
wie seinem Vater widerfahren, falls er nicht fortgehe.
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B.
Das SEM stellte mit am 7. März 2019 eröffneter Verfügung vom 4. März
2019 fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
und lehnte sein Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung
aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 2. April 2019 bean-
tragte der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin, die Ziffern 4
und 5 (des Dispositivs) der angefochtenen Verfügung seien aufzuheben.
Es sei die Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen und er sei vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei er in die
vorläufige Aufnahme seiner Ehefrau einzubeziehen. Es sei ihm die unent-
geltliche Rechtspflege zu gewähren und die Unterzeichnete sei als unent-
geltliche Rechtsbeiständin beizuordnen. Der Eingabe lagen mehrere Be-
weismittel bei (vgl. S. 14 derselben).
D.
Der Instruktionsrichter hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege mit Instruktionsverfügung vom 16. April 2019 gut und
ordnete dem Beschwerdeführer lic. iur. Isabelle Müller als unentgeltliche
Rechtsbeiständin bei. Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung an
das SEM.
E.
Mit Schreiben vom 18. April 2019 teilte der Beschwerdeführer mit, es sei
ein Gesuch um Kantonswechsel in Bearbeitung.
F.
Das SEM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 25. April 2019 die Ab-
weisung der Beschwerde.
G.
In der Stellungnahme des Beschwerdeführers vom 15. Mai 2019 wurde an
den Anträgen festgehalten.
H.
Am 8. Juli 2019 übermittelte der Beschwerdeführer die Kopie eines Schrei-
bens an das SEM betreffend das Kantonswechselgesuch vom selben Tag.
Zugleich teilte er mit, dass sein Sohn C._ am (...) geboren worden
sei.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den von der Vorinstanz
angeordneten Vollzug der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1–3 der an-
gefochtenen Verfügung des SEM sind mangels Anfechtung in Rechtskraft
erwachsen und bilden nicht Gegenstand des Beschwerdeverfahrens.
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Seite 5
4.
4.1 Das SEM begründet seinen Entscheid damit, dass der Beschwerdefüh-
rer nicht in der Lage sei, die von ihm behauptete Minderjährigkeit glaubhaft
zu machen. Bei der BzP habe er gesagt, er sei am (...) geboren worden
und (...) alt. Diese Angabe korreliere nicht mit dem Geburtsdatum, gemäss
dem er bei der BzP (...) alt gewesen wäre. Er habe keine Dokumente, die
sein Geburtsdatum belegten. Obschon er ein genaues Geburtsdatum ge-
nannt habe, habe er Fragen, in welchem Alter er zur Schule gegangen sei,
oder in welchem Alter er als Strassenhändler gearbeitet habe, nicht beant-
worten können. Aufgrund des Aussageverhaltens, fehlender Ausweise, sei-
nes Aussehens sowie des Resultats der Handwurzelknochenanalyse vom
9. März 2016 habe ihm das SEM das rechtliche Gehör zum Alter gewährt.
Dabei sei ihm mitgeteilt worden, er werde fortan als volljährige Person er-
achtet. Mit seinen Entgegnungen habe er den Entschluss des SEM nicht
umstossen können. Zudem sei er der Pflicht, rechtsgenügliche Ausweispa-
piere einzureichen, nicht nachgekommen, womit seine Identität nicht fest-
stehe. Fragen nach seinen bisherigen Bemühungen, seine Ausweisepa-
piere nachzureichen, habe er mit Ausflüchten beantwortet. Demzufolge be-
stünden erste Zweifel an der Glaubhaftigkeit seiner Asylvorbringen.
Der Beschwerdeführer habe bei der BzP nicht erwähnt, dass er wegen ei-
ner HIV-Erkrankung seines Vaters Probleme mit seinen Verwandten ge-
habt habe. Auf entsprechenden Vorhalt habe er gesagt, er sei bei der BzP
misstrauisch gewesen und habe befürchtet, in der Schweiz dasselbe wie
in Somalia zu erleben. Diese Erklärung überzeuge nicht, da er in der BzP
keinerlei Andeutungen zum wirklichen Grund seiner Ausreise gemacht
habe. Er habe gesagt, er kenne die Todesumstände seines Vaters nicht,
da er damals nicht in B._ gewesen sei. Es sei zu vermuten, dass er
im Rahmen der Anhörung neue Asylgründe nachgeschoben habe.
Bezüglich seiner Probleme in B._ habe er sehr vage und auswei-
chende Aussagen gemacht. Abgesehen von dem Hausbrand und dem Vor-
fall in der Garage habe er trotz mehrmaliger Nachfragen keine konkreten
Vorfälle schildern können. Knappe und unreflektierte Aussagen, wie er sie
gegeben habe, seien nur von jemandem zu erwarten, der den um ein Viel-
faches komplexeren Prozess der gesellschaftlichen Ausgrenzung und der
damit verbundenen persönlichen Schwierigkeiten nicht habe durchmachen
müssen. Seine Aussagen zum zentralen Punkt seien schematisch und
knapp ausgefallen. Den Darstellungen fehlten die typischen Merkmale wie
Detailreichtum, Beschreibung von Emotionen und Gedankengängen, die
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räumliche und zeitliche Verknüpfung der Ereignisse sowie die Schilderun-
gen von nebensächlichen und ausgefallenen Einzelheiten, die normaler-
weise die Erzählung von tatsächlich erlebten Begebenheiten prägten. Vor-
liegend untermauerten weder persönliche Betroffenheit noch subjektives
Empfinden das von ihm Geschilderte. Seine Vorbringen hielten den Anfor-
derungen an die Glaubhaftigkeit nicht stand.
4.2 In der Beschwerde wird einleitend der Sachverhalt geschildert und gel-
tend gemacht, nebst den Ereignissen im Heimatland sei auch rechtserheb-
lich, dass der Beschwerdeführer sich im Mai 2018 mit der vorläufig aufge-
nommenen D._ religiös habe trauen lassen. Er habe die Heimbe-
treuung informiert, die ihm gesagt habe, eine religiöse Ehe entfalte keine
Rechtswirkungen, weshalb einem Kantonswechselgesuch nicht stattgege-
ben werden dürfte. Deshalb habe er das SEM nicht über die Trauung infor-
miert. Da seine Ehefrau schwanger geworden sei, hätten sie die Verbin-
dung regularisieren wollen und ihre Verbindung auf der somalischen Bot-
schaft in E._ am 15. Februar 2019 im Beisein zweier Zeugen be-
stätigt.
Der Beschwerdeführer habe eine plausible Erklärung dafür abgegeben,
dass er die HIV-Erkrankung seines Vaters nicht bereits bei der BzP erwähnt
habe. Sein Verhalten sei vor dem soziokulturellen Hintergrund nachvoll-
ziehbar. HIV-Infizierte würden in Somalia und in Somaliland stigmatisiert,
sie würden Opfer von Gewaltakten und von Ausgrenzung. Das Misstrauen
des Beschwerdeführers, das auf persönlichen Erfahrungen beruhe, dürfe
ihm nicht zum Nachteil gereichen. Er könne nunmehr die Kopie einer ärzt-
lichen Aktennotiz einreichen. Sein in B._ lebender Freund habe ei-
nen Angehörigen, der im (...) arbeite und Einsicht in die Patientenakte habe
nehmen können. Der Beschwerdeführer sei in der Lage gewesen, seine
persönliche Situation, namentlich die erlittenen Schikanen und Diskriminie-
rungen zu schildern und Beispiele dafür zu benennen. Er sei lediglich wäh-
rend eines Jahres zur Schule gegangen, womit ein Lernansatz, Geschich-
ten und Erlebtes zu erzählen, fehlen dürfte. Zu den wesentlichen Vorbrin-
gen habe er relativ ausführliche und detaillierte Angaben machen können.
Er habe beschreiben können, wieso und vor wem er sich nicht mehr sicher
gefühlt habe. Es sei belegt, dass die Darlegungen des Beschwerdeführers
betreffend Diskriminierung und Gewalt an Personen mit HIV-Erkrankung
sowie deren Angehörigen der Realität entsprächen. Im Lichte dieser Dar-
legungen erfüllten die Vorbringen bei einer Gesamtwürdigung die Anforde-
rungen an die Glaubhaftmachung.
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Aufgrund der Vorgeschichte sei es nicht auszuschliessen, dass der Be-
schwerdeführer im Fall eines Vollzugs der Wegweisung in sein Heimatland
einer unmenschlichen Behandlung im Sinn von Art. 3 EMRK ausgesetzt
würde. Er verfüge in Somaliland nicht über das vom SEM ins Feld geführte,
tragfähige familiäre Beziehungsnetz. Zu seinen Halbgeschwistern habe er
nie Kontakt gehabt, weshalb nicht realistisch sei, dass er bei ihnen und
dem Stiefvater Unterschlupf finden könnte. Onkel und Tanten hätten ihm in
der Vergangenheit jegliche Unterstützung versagt, weshalb ihm nicht zu-
gemutet werden könne, sich an diese zu wenden. Ohne Schutz und Zuge-
hörigkeit durch beziehungsweise zu seinem Stamm sei eine Wegweisung
nicht zu verantworten. Seine Mutter halte sich mittlerweile in einem Flücht-
lingslager in Äthiopien auf und es sei fraglich, wie er aufgrund der fehlen-
den Schulbildung sowie eines Berufs seine Existenz sollte sichern können.
Das Bundesverwaltungsgericht habe schon mehrmals festgestellt, dass
der Grundsatz der Einheit der Familie eine nicht gleichzeitige Wegweisung
von Ehegatten verbiete und die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
koordiniert geprüft werden müsse. Dies dränge sich auch bei einem Vater-
Kind-Verhältnis auf. Für die Koordination einer Wegweisung unter Berück-
sichtigung der Einheit der Familie von Art. 44 AsylG sei der aufenthalts-
rechtliche Status der einzelnen Familienmitglieder unbeachtlich. Der Be-
schwerdeführer und seine Ehefrau erwarteten im Mai 2019 ihr erstes Kind
und Schritte einer vorgeburtlichen Anerkennung seien eingeleitet. Ein Ge-
such um Kantonswechsel sei in Vorbereitung. Das Paar habe aufgrund un-
terschiedlicher Kantonszuweisungen nicht zusammenwohnen können.
Durch den Vollzug der Wegweisung würde das Paar getrennt und somit in
seiner schützenswerten Einheit der Familie verletzt. Insbesondere zu be-
rücksichtigen sei das Wohl des Kindes, da im Fall eines Wegweisungsvoll-
zugs die Vater-Kind-Beziehung verunmöglicht würde.
4.3 Das SEM führt in der Vernehmlassung aus, es bezweifle nicht grund-
sätzlich, dass der Vater des Beschwerdeführers an HIV erkrankt sei. Auf-
grund des Aussageverhaltens des Beschwerdeführers werde hingegen be-
zweifelt, dass dies im Umfeld des Beschwerdeführers überall bekannt ge-
wesen und er ständigen Schikanen ausgesetzt gewesen sei. Es wäre zu
erwarten gewesen, dass er bei der BzP beispielsweise erwähnt hätte, dass
das Haus seiner Familie niedergebrannt worden sei, was er wie weitere
Vorkommnisse auch hätte vorbringen können, ohne auf die Erkrankung
seines Vaters einzugehen. Er sei auf seine Mitwirkungspflicht und die Ver-
schwiegenheitspflicht der befragenden Person hingewiesen und mehrmals
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gefragt worden, ob er alle Gründe für das Verlassen der Heimat genannt
habe.
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung könne sich jemand nur dann
auf den Schutz des Familienlebens gemäss Art. 8 EMRK berufen, wenn
eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung vorliege. We-
sentliche Faktoren bildeten das gemeinsame Wohnen respektive der ge-
meinsame Haushalt, die finanzielle Verflochtenheit, die Länge und Stabili-
tät der Beziehung sowie das Interesse und der Bindung der Partner anei-
nander. Beim in der Schweiz lebenden Familienmitglied müsse es sich um
eine hier gefestigt anwesenheitsberechtigte Person handeln. Die Ehefrau
des Beschwerdeführers habe hier kein gefestigtes Aufenthaltsrecht, da sie
lediglich über eine vorläufige Aufnahme verfüge. Ebenso wenig sei anzu-
nehmen, dass sie während der kurzen Anwesenheit in der Schweiz ein
nach Art. 8 EMRK geschütztes Familienleben hätten aufbauen können, wo-
ran auch das ungeborene Kind nichts zu ändern vermöge, zumal nicht er-
wiesen sei, dass der Beschwerdeführer tatsächlich der Vater sei. Der
Grundsatz der Einheit der Familie werde nicht verletzt und eine Berufung
auf Art. 8 EMRK gehe fehl.
4.4 In der Stellungnahme wird entgegnet, mit der auf Beschwerdeebene
beigebrachten ärztlichen Bescheinigung sei die HIV-Erkrankung des Va-
ters des Beschwerdeführers belegt. Die Stigmatisierung von Betroffenen
und deren Familienangehörigen sei der Grund dafür gewesen, dass er bei
der BzP die HIV-Erkrankung seines Vaters nicht erwähnt habe, was ver-
ständlich sei. Aus dem Kreis seiner in der Schweiz lebenden Schwiegerfa-
milie sei ihm deswegen auch Widerstand entgegengetreten.
Es sei aktenkundig, dass der Beschwerdeführer und seine Frau ihre Ehe
vor einem Jahr bei der heimatlichen Botschaft hätten anerkennen lassen.
Das Ehebekenntnis falle nicht in Zusammenhang mit der Schwanger-
schaft, was beweise, dass sie eine eheliche Beziehung hätten eingehen
wollen. Die Beziehung werde gelebt und sei auf die Zukunft gerichtet. Ein
Gesuch um Kantonswechsel sei beim SEM hängig. Der Beschwerdeführer
werde versuchen, eine Vaterschaftsanerkennung nach der Geburt in die
Wege zu leiten. Es bestünden jedoch Probleme bei der Beschaffung der
vom Zivilstandsamt gewünschten heimatlichen Identitätspapiere. Möglich-
erweise müsse eine gerichtliche Personenstandsfeststellung beantragt
werden. Der Beschwerdeführer sei bereit, sich umgehend nach der Geburt
des Kindes einem DNA-Test zu unterziehen. Vorliegend müsse insbeson-
dere das Wohl des Kindes vorrangig berücksichtigt werden. Das Interesse
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des jungen Paares und ihres Kindes, als Familie aufwachsen zu können,
sei gewichtig und überwiege das öffentliche Interesse an einem Wegwei-
sungsvollzug des Beschwerdeführers klar.
5.
5.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab, so verfügt es in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt da-
bei den Grundsatz der Einheit der Familie. Im Übrigen finden für die Anord-
nung des Vollzugs der Wegweisung die Artikel 83 und 84 des AIG Anwen-
dung (vgl. Art. 44 AsylG).
5.2
5.2.1 Im vorliegenden Verfahren ist somit die Frage zu beantworten, ob
Art. 8 EMRK und/oder der Grundsatz der Einheit der Familie nach Art. 44
Abs. 1 AsylG Anwendung finden. Das SEM verneinte diese Frage und hielt
fest, dass sich der Beschwerdeführer weder auf den Schutz von
Art. 8 EMRK berufen könne noch Art. 44 AsylG einer Wegweisung entge-
genstehe.
5.2.2 Unter dem Begriff der „Einheit der Familie“ ist zu verstehen, dass Fa-
milienmitglieder nicht voneinander getrennt werden, sondern tatsächlich
zusammenleben können, und dass der Familie nach Möglichkeit ein ein-
heitlicher Rechtsstatus eingeräumt wird. In diesem Sinn beinhaltet
Art. 44 AsylG, dass die vorläufige Aufnahme des einen Familienmitglieds
in der Regel zur vorläufigen Aufnahme der ganzen Familie führt (vgl.
EMARK 1995 Nr. 24 m.w.H.). Auf diesen Grundsatz kann sich allerdings
nicht berufen, wer – wie der Beschwerdeführer – eine Beziehung eingeht,
nachdem seinem Familienmitglied die vorläufige Aufnahme erteilt wurde,
ansonsten die gesetzlichen Bestimmungen über den Familiennachzug mit-
tels Asylgesuchstellung in der Schweiz umgangen werden könnten (vgl.
Urteile des BVGer D-2786/2016 vom 2. August 2016 E. 7.2.4.1 und
E-3006/2012 vom 30. August 2012 S. 8 f.). Nachdem die Lebenspartnerin,
D._ (N [...]), mit Verfügung des SEM vom 19. März 2014 in der
Schweiz vorläufig aufgenommen wurde und der Beschwerdeführer mit ihr
damals noch keine Beziehung hatte (er reiste am 6. März 2016 in die
Schweiz ein), verstösst die angefochtene Verfügung nicht gegen den
Grundsatz der Einheit der Familie gemäss Art. 44 AsylG.
5.2.3
5.2.3.1 Gemäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann sich
jemand nur dann auf den Schutz des Familienlebens nach Art. 8 EMRK
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berufen, wenn eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Bezie-
hung vorliegt. Diesbezüglich sind als wesentliche Faktoren das gemein-
same Wohnen respektive der gemeinsame Haushalt, die finanzielle Ver-
flochtenheit, die Länge und Stabilität der Beziehung sowie das Interesse
und die Bindung der Partner aneinander zu berücksichtigen (vgl. CHRIS-
TOPH GRABENWARTER/KATHARINA PABEL, Europäische Menschenrechts-
konvention, 6. Aufl., München/Basel/Wien 2016, S. 204; MARK E. VILLIGER,
Handbuch der Europäischen Menschenrechtskonvention, 2. Aufl., Zürich
1999, S. 365). Weiter muss es sich beim in der Schweiz lebenden Famili-
enmitglied um eine hier gefestigt anwesenheitsberechtigte Person handeln
(vgl. BGE 139 I 330 E. 2.1). Von einem gefestigten Anwesenheitsrecht ist
ohne weiteres bei schweizerischer Staatsangehörigkeit auszugehen,
ebenso bei einer Niederlassungs- oder Aufenthaltsbewilligung, auf deren
Verlängerung ein Anspruch besteht (vgl. statt vieler BGE 135 I 143; 130 II
281, je m.w.H.; BVGE 2017 VII/4 E. 6.2). Auf den Schutz des Privat- und
Familienlebens können sich in Ausnahmesituationen nach der Rechtspre-
chung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR), des
Bundesgerichts und des Bundesverwaltungsgerichts auch Personen beru-
fen, deren Anwesenheit rechtlich nicht geregelt ist beziehungsweise die al-
lenfalls über kein (gefestigtes) Anwesenheitsrecht verfügen, deren Anwe-
senheit aber faktisch als Realität hingenommen wird respektive aus objek-
tiven Gründen hingenommen werden muss (vgl. BGE 138 I 246 E. 3.3.1
und 137 I 113 E. 6.1 m.w.H.; vgl. zur Rechtsprechung des EGMR die Ur-
teile Jeunesse gegen Niederlande vom 3. Oktober 2014, 12738/10, § 103
ff. m.w.H., Agraw gegen Schweiz vom 29. Juli 2010, 3295/06, § 44 ff. und
Mengesha Kimfe gegen Schweiz vom 29. Juli 2010, 24404/05, § 61 ff.).
5.2.3.2 Sodann kommt Art. 8 EMRK – im Sinne einer kumulativen Voraus-
setzung zu den in E. 5.2.3.1 genannten Bedingungen – nur dann zur An-
wendung, wenn die privaten Interessen der betroffenen Person respektive
ihrer Angehörigen an der Erteilung beziehungsweise am Erhalt des Anwe-
senheitsrechts dem öffentlichen Interesse an dessen Verweigerung vorge-
hen (vgl. BGE 139 I 330 E. 2.2 f. m.w.H.).
5.2.3.3 Gemäss Praxis des Bundesgerichts und des Bundesverwaltungs-
gerichts rechtfertigt es sich, beim Nachweis der gelebten Familiengemein-
schaft restriktivere Kriterien vorauszusetzen, als bei einer formellen Ehe-
gemeinschaft, da die Eheähnlichkeit durch eine gewisse Dauerhaftigkeit
und Verflochtenheit noch unter Beweis zu stellen ist. Das Bundesgericht
setzt in seiner Rechtsprechung zum ausländerrechtlichen Bewilligungsan-
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spruch die Messlatte mit dem Erfordernis des Zusammenlebens von meh-
reren Jahren sehr hoch (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_702/2011 vom
23. Februar 2012 m.w.H.). Die partnerschaftliche Beziehung muss seit lan-
gem Bestehen oder es müssen konkrete Hinweise auf eine unmittelbar be-
vorstehende Eheschliessung hindeuten. Wesentlich sind das Zusammen-
leben im gleichen Haushalt; die Natur und die Dauer der Beziehung sowie
das Interesse und die Bindung aneinander.
5.2.3.4 Die Lebenspartnerin des Beschwerdeführers verfügt in der
Schweiz über die vorläufige Aufnahme als Ausländerin (ohne Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft) und damit gemäss bundesgerichtlicher Recht-
sprechung nicht über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz.
Ebenso wenig liegt eine Ausnahmesituation im vorerwähnten Sinn vor, auf-
grund der auf die Voraussetzung des gefestigten Aufenthaltsrechts zu ver-
zichten ist. Angesichts der Aktenlage ist nicht davon auszugehen, dass vor-
liegend bereits von einer dauerhaften eheähnlichen Gemeinschaft bezie-
hungsweise einer nahen, echten und tatsächlich gelebten Beziehung aus-
zugehen ist. Der Beschwerdeführer und seine Lebenspartnerin liessen sich
gemäss einer Bestätigung der somalischen Botschaft in Genf vom 15. Feb-
ruar 2019 am 6. Mai 2018 in F._ zwar religiös trauen (ob diese Art
der Eheschliessung gemäss schweizerischem Recht Gültigkeit beanspru-
chen kann, kann angesichts der nicht erfüllten Bedingungen für die An-
nahme einer gefestigten Beziehung offen gelassen werden), und die Le-
benspartnerin hat mittlerweile einen Sohn geboren, dessen Vater der Be-
schwerdeführer sei (das Ergebnis des DNA-Tests, den er in Auftrag geben
wollte [vgl. sein Schreiben vom 13. Mai 2019], liegt dem Gericht bis heute
nicht vor – es ist indessen ohnehin nicht von entscheidrelevanter Bedeu-
tung), sie lebten indessen bisher nicht zusammen, führten somit keinen
gemeinsamen Haushalt und sind finanziell nicht in enger Weise miteinan-
der verflochten. Die zeitlichen Voraussetzungen, um von einer gelebten
Familiengemeinschaft ausgehen zu können, sind somit nicht erfüllt. Selbst
wenn der Beschwerdeführer der Vater des seiner Lebenspartnerin gebore-
nen Sohnes sein sollte, ändert dies nichts an der vorgenommenen Würdi-
gung der rechtlichen Natur der vorliegend zu beurteilenden Partnerschaft.
Anzufügen bleibt, dass der Beschwerdeführer sich zwar seit dreieinhalb
Jahren in der Schweiz aufhält, wobei seine Anwesenheit lediglich zum
Zweck der Prüfung seines Asylgesuchs erlaubt war. Es muss ihm und sei-
ner Lebenspartnerin daher von Anfang an bewusst gewesen sein, dass ein
allfällig aufgenommenes Familienleben möglicherweise (einstweilen) nur
von vorübergehender Dauer ist. Somit sind der Beschwerdeführer respek-
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tive seine Lebenspartnerin auf das für eine Familienzusammenführung vor-
gesehene Verfahren gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG zu verweisen, sofern die
Voraussetzungen für die Einleitung eines solchen gegeben sind, wobei es
dem Beschwerdeführer auch zugemutet werden kann, den Ausgang eines
solchen Verfahrens im Ausland abzuwarten. Aus den vorhergehend aufge-
zeigten Gründen geht die Berufung des Beschwerdeführers auf Art. 8
EMRK fehl.
6.
6.1 Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche
Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des
Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenste-
hen (Art. 83 Abs. 3 AuG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
6.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden konkretisiert.
Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2010/57 E. 2.3.).
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7.2 Bei der BzP müssen und können die Asylsuchenden ihre Asylgründe
nicht bereits in aller Ausführlichkeit darlegen. Den im ersten Protokoll wie-
dergegebenen Aussagen kommt angesichts des summarischen Charak-
ters der Befragung für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Asylgründe
nur beschränkter Beweiswert zu. Aussagewidersprüche dürfen und müs-
sen bei dieser Prüfung jedoch mitberücksichtigt werden, wenn klare Aus-
sagen in der Erstbefragung in wesentlichen Punkten der Asylbegründung
von den späteren Aussagen diametral abweichen, oder wenn bestimmte
Ereignisse oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe ge-
nannt werden, nicht zumindest ansatzweise in der Erstbefragung erwähnt
werden. Das SEM wies in der angefochtenen Verfügung zu Recht darauf
hin, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der Anhörung Asylgründe an-
führte, die er bei der BzP auch nicht ansatzweise erwähnte. Von Asylsu-
chenden, die trotz Hinweises auf ihre Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht bei
der BzP Asylgründe verschweigen und diese erst zu einem späteren Zeit-
punkt nennen, sind besondere Anstrengungen notwendig, diese nachzu-
weisen oder zumindest glaubhaft zu machen, da die Glaubhaftigkeit von
nachgeschobenen Asylgründen grundsätzlich zu bezweifeln ist (vgl. Urteile
des BVGer D-3222/2016 vom 10. November 2016 E. 5.4.1 und
D-3028/2016 vom 30. September 2016 E. 6.4).
7.3
7.3.1 Bei der BzP gab der Beschwerdeführer an, er habe sein Heimatland
einzig aus wirtschaftlichen Gründen und somit mangels Zukunftsperspek-
tiven verlassen. Im Rahmen der Anhörung brachte er vor, der Hauptgrund
für seine Reise nach Europa seien die Ausgrenzung, Diskriminierung und
Verachtung durch seine Verwandten und die Bevölkerung gewesen, die
ihm aufgrund der HIV-Erkrankung seines im Jahr 2006 verstorbenen Vaters
widerfahren seien. Es seien Drohungen gegen ihn ausgestossen worden
und er habe um sein Leben gefürchtet.
7.3.2 Das SEM weist in der Vernehmlassung zu Recht darauf hin, dass der
Beschwerdeführer bei der BzP nicht ansatzweise darauf hinwies, er könnte
neben den geltend gemachten wirtschaftlichen Gründen noch andere Mo-
tive für das Verlassen seiner Heimat gehabt haben. Er gab dort an, nicht
zu wissen, woran sein Vater verstorben sei, und begründete dies damit,
dass er zum fraglichen Zeitpunkt nicht in B._, sondern in
G._ gewesen sei. Auch den Umstand, dass das Haus seiner Fami-
lie im Jahr 2006 abgebrannt worden sei, deutete er mit keinem Wort an.
Bei der BzP sagte er, er habe von Geburt an bis im Juli 2015 im Quartier
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H._ in B._ gelebt, was mit seinen Aussagen bei der Anhö-
rung, seine Familie habe an den Stadtrand ziehen müssen, nachdem die
Erkrankung seines Vaters bekannt geworden sei, er habe nach dem Tod
seines Vaters drei Jahre lang bei seiner Grossmutter in einem «nomadi-
schen Gebiet» und nach deren Tod bei seiner Mutter sowie in einer Garage
im Quartier I._ gelebt, in erheblichem Kontrast steht. Nach Ver-
wandten gefragt, machte er bei der BzP geltend, er habe Onkel und Tanten
sowie Cousins/Cousinen, die in J._, und somit beinahe 200 km ent-
fernt von B._ lebten. Bei der Anhörung hingegen erwähnte er nur
Verwandte, die in B._ lebten. Aufgefordert, die Ausreise aus der
Heimat zu schildern, sagte er bei der BzP, er habe sich streckenweise im
Auto und streckenweise zu Fuss nach Addis Abeba in Äthiopien begeben.
Im Rahmen der Anhörung sagte er indessen, er sei von einem Chauffeur,
der Eisen nach K._ transportiert habe, mitgenommen worden und
habe diesem bei der Arbeit helfen müssen. Der Beschwerdeführer schil-
derte somit bei der BzP eine in wesentlichen Teilen andere Lebensge-
schichte als bei der Anhörung, was nicht mit der geltend gemachten
Scham, über die HIV-Erkrankung seines Vaters sprechen zu wollen bezie-
hungsweise seiner Angst, deshalb auch in der Schweiz Nachteile erleiden
zu müssen, zu erklären ist. Dies führt zu erheblichen Zweifeln an den erst
bei der Anhörung genannten Schwierigkeiten mit den Verwandten und den
Stadtbewohnern, die ihn zur Ausreise veranlasst hätten.
7.3.3 Der Beschwerdeführer legte der Beschwerde die Kopie eines offizi-
ellen Schreibens des ärztlichen Direktors des (...) vom 10. August 2006
bei, in dem bestätigt wird, dass L._ HIV-positiv sei. Entgegen den
Ausführungen in der Beschwerde kann dieses Schreiben nicht als ärztliche
Aktennotiz bezeichnet werden, denn eine solche würde wohl kaum auf of-
fiziellem Briefpapier mit Stempel angefertigt und vom ärztlichen Direktor
unterzeichnet. Da die Identität des Beschwerdeführers nicht feststeht und
das Dokument kaum einer ärztlichen Aktennotiz entspricht, bestehen auch
diesbezüglich Zweifel an den vom Beschwerdeführer erst bei der Anhörung
geltend gemachten Problemen, die ihn zum Verlassen der Heimat bewo-
gen hätten. Selbst wenn es sich um ein authentisches Dokument handeln
würde, das sich in den Patientenakten des Spitals befindet, und es sich bei
der genannten Person um den Vater des Beschwerdeführers handelte,
könnten damit zwar die Erkrankung des Vaters, nicht aber die für den Be-
schwerdeführer daraus resultierenden Probleme belegt werden.
7.3.4 Während der Anhörung wurde der Beschwerdeführer mehrmals auf-
gefordert, darüber zu berichten, welche konkreten Schwierigkeiten er in
D-1596/2019
Seite 15
B._ hatte. Er erwähnte, dass das Haus seiner Familie im Jahr 2006
niedergebrannt worden sei, dass seine Verwandten hinter den Schwierig-
keiten, unter denen er gelitten habe, steckten, und dass Jugendliche, die
sich zu Banden zusammengeschlossen hätten, ihn ausgeraubt hätten.
Trotz der mehrmaligen Aufforderung, zu schildern, wie sich die Verfolgung
geäussert habe, blieben seine Ausführungen allgemein gehalten und er
schilderte keine konkreten Vorkommnisse, bei denen er schikaniert oder
angegriffen worden wäre. Konkrete Beispiele, wie er seitens seiner Ver-
wandten ausgestossen worden oder von Drittpersonen in deren «Auftrag»
angegriffen worden wäre, vermochte er keine zu geben. Deshalb gelingt
es dem Beschwerdeführer nicht, die erst im Rahmen der Anhörung vorge-
brachten Diskriminierungen und Benachteiligungen, die ihn hätten um sein
Leben fürchten lassen, glaubhaft zu machen.
7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, die erst bei der Anhörung gemachten Vorbringen zu be-
weisen oder glaubhaft zu machen. Es erübrigt sich, auf die weiteren Aus-
führungen in den Beschwerdeeingaben im Einzelnen einzugehen, da sie
an der vorgenommenen Würdigung der Glaubhaftigkeit des vorgetragenen
Sachverhalts nichts zu ändern vermögen.
8.
8.1 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Aus den Aussagen des Beschwerdeführers und
den Akten ergeben sich auch keine Anhaltspunkte dafür, dass der Be-
schwerdeführer für den Fall einer Ausschaffung nach Somalia dort mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK ver-
botenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Eu-
ropäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des
UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete
Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall
einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse
Kammer 37201/06, § 124 ff. m.w.H.). Dies ist ihm unter Hinweis auf die
Erwägungen zur Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen nicht gelungen. Auch
die allgemeine Menschenrechtssituation in Somalia lässt den Wegwei-
sungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
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Seite 16
8.2
8.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner Praxis davon aus, dass
der Vollzug der Wegweisung in den zentralen und südlichen Teil von So-
malia grundsätzlich unzumutbar ist, ein solcher in die nördliche Landesteile
(Somaliland und Puntland) jedoch unter Umständen erfolgen kann (vgl. Ur-
teil des BVGer D-4321/2018 vom 6. September 2018 u.H.a. BVGE 2014/27
E. 6.5; wobei sich die Rechtsprechung von BVGE 2017/14 nur bedingt auf
die vorliegende Konstellation übertragen lässt, zumal es sich vorliegend
nicht um die Zumutbarkeit einer innerstaatlichen Fluchtalternative handelt,
sondern um die Zumutbarkeit einer Rückkehr in die ursprüngliche Her-
kunftsregion).
8.2.2 Der Beschwerdeführer machte bei der BzP und der Anhörung gel-
tend, dass er in seiner Heimat unter wirtschaftlichen Problemen gelitten
habe. So habe er weder regelmässig eine Schule besucht noch einen Beruf
erlernt und sich als fliegender Händler nur das Nötigste verdienen können,
wobei er keine gesicherte Unterkunft gehabt und Hunger gelitten habe.
Angesichts der Tatsache, dass er bei den beiden Befragungen in weiten
Teilen unterschiedliche Angaben zu seiner Lebensgeschichte und zu sei-
nem verwandtschaftlichen Umfeld machte, ist dem Bundesverwaltungsge-
richt eine Prüfung der wirklichen Lebensumstände des Beschwerdeführers
erschwert.
Aufgrund der Aktenlage bestehen keinerlei Zweifel daran, dass der Be-
schwerdeführer seit geraumer Zeit volljährig ist, weshalb es sich erübrigt,
im heutigen Zeitpunkt auf die Frage, ob er zum Zeitpunkt der Einreichung
des Asylgesuchs minderjährig war oder nicht, einzugehen. Das Bundes-
verwaltungsgericht hegt in Anbetracht der ungereimten Aussagen des Be-
schwerdeführers zu seiner Lebensgeschichte überwiegende Zweifel an der
von ihm dargelegten Situation, in der er sich vor seiner Ausreise aus der
Heimat befunden habe. Davon ausgehend, dass er in seiner Heimat über
ein verwandtschaftliches Beziehungsnetz verfügt, das ihn nach einer Rück-
kehr zumindest anfänglich in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht unter-
stützen können wird, erscheint ein Wegweisungsvollzug nicht als unzumut-
bar, zumal der Beschwerdeführer jung und den Akten gemäss bei guter
Gesundheit ist. Schliesslich ist auf die Möglichkeit hinzuweisen, individu-
elle Rückkehrhilfe (vgl. auch Art. 73 ff. AsylG) zu beantragen, was ihm die
wirtschaftliche Wiedereingliederung in Somaliland erleichtern könnte.
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8.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwi-
schenverfügung vom 16. April 2019 die unentgeltliche Rechtspflege ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten
aufzuerlegen.
11.
11.1 Nachdem die Rechtsvertreterin dem Beschwerdeführer als Rechts-
beiständin beigeordnet worden ist (vgl. Art. 110a AsylG), ist ihr ein amtli-
ches Honorar für ihre notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfah-
ren auszurichten.
11.2 Bei amtlicher Vertretung wird in der Regel von einem Stundenansatz
von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter
ausgegangen (Art. 8 Abs. 2, Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
11.3 In der Beschwerde wird ein Aufwand von 6 Stunden (à Fr. 180.–) und
eine Spesenpauschale von Fr. 54.– geltend gemacht, der angemessen er-
scheint (die unter Beschwerdebeilagen angekündigte Liste der bisherigen
Aufwendungen ist bis heute nicht eingetroffen). Nicht berücksichtigt ist der
Aufwand für die Eingaben nach dem 2. April 2019 (Lektüre von Zwischen-
verfügungen und der Vernehmlassung, Einreichung einer Stellungnahme
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und Nachreichung von Beweismitteln), der auf eineinhalb Stunden veran-
schlagt wird. Es ergibt sich demnach ein Gesamtaufwand von 7,5 Stunden.
Der unentgeltlichen Rechtsbeiständin ist demnach zulasten des Bundes-
verwaltungsgerichts ein amtliches Honorar von insgesamt Fr. 1200.– (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art 9 Abs. 1 Bst. c
VGKE) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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