Decision ID: 7fc5d26e-30d9-58d8-be88-0ea1c5b8e15a
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 13. Januar 2017 bei der Stadt Bern ein
Baugesuch ein für den Abbruch der kinospezifischen Bauteile, insbesondere des Bodens
im Kinosaal, des Operateurgeschosses und des WC-Zwischengeschosses auf Parzelle
Bern Grundbuchblatt Nr. E._. Das Projekt umfasst auch den Einbau von
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Betonscheiben zwecks Erdbebenertüchtigung im Erd- und Untergeschoss und eine neue
Erschliessung von Seite F._gässli. Die Parzelle liegt in der Dienstleistungszone
(D) im Bereich der Überbauungsordnung (ÜO) G._strasse/H._strasse, mit
Bauklasse 5 (5 Vollgeschosse) und Empfindlichkeitsstufe ES III. Das Gebäude ist im
Bauinventar des Kantons Bern zusammen mit den westlich gelegenen Gebäuden auf
Parzellen Nrn. I._ und J._ als schützenswertes K-Objekt verzeichnet. Das
östlich/nordöstlich gelegene Gebäude auf Parzelle Nr. K._, die der
Beschwerdeführerin gehört, ist im kantonalen Bauinventar als erhaltenswert eingetragen.
Im Baugesuch erklärte die Bauherrschaft, für neue Einbauten und bauliche Massnahmen
u.a. an den Fassaden sowie für die neue Nutzung seien separate Baugesuche geplant.
Gegen das Bauvorhaben erhob die Beschwerdeführerin Einsprache.
Mit Bauentscheid vom 6. April 2017 erteilte die Stadt Bern die Abbruchbewilligung. Die
Einsprache wies sie ab.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 8. Mai 2017 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die Aufhebung
des Bauentscheids vom 6. April 2017 und die Erteilung des Bauabschlags.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Stadt Bern verzichtete mit
Eingabe vom 7. Juni 2017 auf eine formelle Stellungnahme und verwies auf den
angefochtenen Entscheid. Die Beschwerdegegnerin beantragte die Abweisung der
Beschwerde. In der Folge informierten die Parteien das Rechtsamt, dass
Vergleichsgespräche geführt würden.
Am 27. Juni 2017 bewilligte die Stadt Bern der Beschwerdegegnerin weitere
Umbauarbeiten im Erdgeschoss ihrer Liegenschaft. Die zukünftige Nutzung dieser
Räumlichkeiten wurde von diesem Bauvorhaben nicht umfasst. Die Baubewilligung vom
27. Juni 2017 erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Am 20. Oktober 2017 teilte die Beschwerdegegnerin dem Rechtsamt mit, dass im
vorliegenden Beschwerdeverfahren keine Einigung zwischen den Parteien habe gefunden
werden können.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die
Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin, deren Einsprache
abgewiesen wurde, ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid formell beschwert.
b) Die Beschwerdelegitimation Einsprechender setzt voraus, dass sie die Einsprache
befugtermassen eingelegt haben, also auch materiell beschwert sind.3 Dies ist der Fall,
wenn der oder die Einsprechende durch das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen
schutzwürdigen Interessen betroffen ist.4 Die Beschwerdegegnerin zieht in Zweifel, dass
dies vorliegend zutrifft. Das Bauvorhaben betreffe ausschliesslich das Gebäudeinnere, zu
welchem die Beschwerdeführerin ohne Zustimmung der Eigentümer keinen Zutritt habe.
Sie sei daher von der Abbruchbewilligung nicht mehr als jedermann betroffen. Die künftige
Nutzung, von der die Beschwerdeführerin in schutzwürdigen Interessen betroffen sein
könnte, bilde nicht Gegenstand des streitigen Bauentscheids.
Die Beschwerdeführerin macht im Wesentlichen geltend, über den Abbruch der
Kinoeinbauten dürfe nicht unabhängig vom Umbau und der neuen Nutzung entschieden
werden. Insbesondere müsse die in Aussicht genommene Rekonstruktion der südseitigen
Fassade sichergestellt werden. Ihre Beschwerde wendet sich also dagegen, dass die
künftige Nutzung und der entsprechende Umbau bei der Beurteilung der
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 3 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 40-41 N. 4b 4 Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG
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Abbruchbewilligung nicht einbezogen worden sind. Bezüglich der Fassadengestaltung
wäre sie als Nachbarin in schutzwürdigen Interessen unmittelbar betroffen. Dasselbe gilt
hinsichtlich der neuen Nutzung, soweit diese spürbare Wirkungen auf die Nachbarschaft
hat. Sie hat daher auch ein schutzwürdiges Interesse an der Entscheidung, ob der Abbruch
getrennt von der künftigen Nutzung und den entsprechenden Umbauarbeiten bewilligt
werden durfte. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Denkmalschutz
a) Nach Ansicht der Beschwerdeführerin hätte die Abbruchbewilligung verweigert
werden müssen. Der Abbruch könne nur im Rahmen eines umfassenden Baugesuches
bewilligt werden, aus dem auch der nachfolgende Umbau und die neue Nutzung
hervorgingen. Die bei geschützten Objekten erforderliche Interessenabwägung setze die
Kenntnis des gesamten Bauvorhabens voraus.
b) Gemäss Art. 10b Abs. 1 BauG können Baudenkmäler nach den Bedürfnissen des
heutigen Lebens und Wohnens für bisherige oder passende neue Zwecke genutzt und
unter Berücksichtigung ihres Wertes verändert werden. Schützenswerte Baudenkmäler
dürfen grundsätzlich nicht abgebrochen werden. Innere Bauteile, Raumstrukturen und feste
Ausstattungen sind ihrer Bedeutung entsprechend zu erhalten, sofern dies für den
Schutzzweck erforderlich und für die Eigentümerin oder den Eigentümer zumutbar ist (Art.
10b Abs. 2 BauG). Der Grosse Rat hat die geltende Fassung von Art. 10b Abs. 2 BauG am
9. Juni 2017 (also vor Einreichung des hier streitigen Baugesuches) beschlossen; die
Bestimmung ist am 1. April 2017 in Kraft getreten. Mit dieser Revision wurde Art. 10 Abs. 2
BauG gegenüber dem alten Recht gelockert. Für die Beurteilung des Bauvorhabens ist das
neue Recht massgebend (Art. 36 Abs. 3 BauG).5
c) Ein Abbruchverbot stellt einen Eingriff in die verfassungsmässig gewährleistete
Eigentumsgarantie (Art. 26 BV6 und Art. 24 KV7) dar und ist nur zulässig, wenn dafür eine
gesetzliche Grundlage und ein öffentliches Interesse bestehen und der
Verhältnismässigkeitsgrundsatzes gewahrt wird. Art. 10b BauG bildet die gesetzliche
5 Vgl. auch Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 36 N. 1 und N. 2a Bst. d 6 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 7 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1)
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Grundlage für das grundsätzliche Abbruchverbot schützens- und erhaltenswerter
Baudenkmäler. Diese Vorschrift konkretisiert auch die Voraussetzungen (öffentliches
Interesse, Verhältnismässigkeit), unter denen Abbruch- oder Veränderungsgesuche für
Baudenkmäler bewilligt werden können. Der Abbruch innerer Bauteile, Raumstrukturen
und festen Ausstattungen wird explizit geregelt. Sind die entsprechenden Voraussetzungen
erfüllt, so hat die Bauherrschaft Anspruch auf Erteilung einer bedingungslosen und
unbelasteten Bewilligung.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass die Rechtsprechung reinen
Abbruchgesuchen bei geschützten Objekten ablehnend gegenüber stehe. Den von ihr
angeführten Entscheiden des Verwaltungs- und des Bundesgerichts lässt sich dies jedoch
nicht entnehmen. Sie befassen sich mit der korrekten Auslegung der Voraussetzungen für
die Erteilung von Abbruchbewilligungen. Sie betreffen nicht – wie der vorliegende Fall –
den Abbruch innerer Bauteile geschützter Gebäude (Art. 10b Abs. 2 Satz 2 BauG) oder
Veränderungen im Sinne von Art. 10b Abs. 1 BauG, sondern den Totalabbruch schützens-
oder erhaltenswerter Baudenkmäler und die Frage, ob die dafür geltenden
Voraussetzungen in jenen Fällen erfüllt waren. Aus den zitierten Entscheiden lässt sich
nicht ableiten, dass in Fällen wie dem vorliegenden die künftige Nutzung und dafür allfällig
erforderliche weitere Baumassnahmen bekannt sein und Gegenstand des selben
Baubewilligungsverfahrens bilden müssten.
d) Die Beschwerdegegnerin hat zu ihrem Baugesuch eine "Bestandesdokumentation
und denkmalpflegerische Beurteilung" der städtischen Denkmalpflege Bern vom Dezember
2016 eingereicht.8 Nach dieser wurde das denkmalgeschützte Gebäude auf Parzelle
Nr. E._ um 1911 erstellt. Der mit dem Kinoeinbau in den 1950er Jahren
vorgenommene Eingriff mit Auskernung des Erd- und des Untergeschosses sei aus
heutiger Sicht als "denkmalpflegerisch schwierig" zu beurteilen. Der Eingangsbereich sei
dabei in einer Architektursprache von funktioneller Sachlichkeit umgestaltet worden, die
aus heutiger Sicht wenig angepasst und im Gesamtbild der Häuserzeile eher befremdend
erscheine. Den Kinoeinbauten komme insoweit ein denkmalpflegerischer Wert zu, als die
Innenarchitektur des Zuschauerraums hohe Individualität und Innovationskraft aufweise
und dieser daher grundsätzlich als qualitätvoller Zeuge der Kinoarchitektur der 1950er
Jahre zu betrachten sei. Eine denkmalpflegerische Relevanz würde sich daraus im
8 Vorakten, pag. 9 ff.
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Zusammenspiel mit passender baugebundener Ausstattung (insb. festmontierte
Bestuhlung) und Oberflächen ergeben, doch sei hier beides nicht erhalten. Eine
Rekonstruktion wäre möglich, jedoch schwierig, und durch den Zeugniswert der
Innenarchitektur kaum gerechtfertigt. Das Foyer sei architektonisch nicht herausragend
und eine Rekonstruktion der Oberflächen sei mangels Kenntnis des ursprünglichen
Bestandes nicht möglich. Eine erneute architektonische Intervention könnte eine Chance
sein, die "Bausünden" der 1950er Jahre an den Fassaden abzuschwächen und sich dem
Gestaltungswillen der Architekten von 1911 wieder anzunähern. Die inneren
Raumstrukturen im Erd- und Untergeschoss gingen aber definitiv verloren; eine
Rekonstruktion des bauzeitlichen Zustands von 1911 wäre unverhältnismässig und
unzumutbar.9
Die Stadt Bern hat gestützt darauf zu Recht angenommen, dass die Voraussetzungen
eines Abbruchverbots für innere Bauteile, Raumstrukturen und feste Ausstattungen
gemäss Art. 10b Abs. 2 Satz 2 BauG nicht erfüllt sind. Ein solches würde bedingen, dass
diesen Bauteilen, Strukturen bzw. Ausstattungen eine denkmalpflegerische Bedeutung
zukommt, welche ihre Erhaltung erheischt. Das ist hier zu verneinen, weil die
baugebundene Ausstattung (insb. festmontierte Bestuhlung) und die Oberflächen im
Zuschauerraums verloren sind, so dass sich eine Erhaltung des Zuschauerraums nicht
rechtfertigt, und das Foyer keine relevanten innenarchitektonischen Qualitäten aufweist.
Entsprechend ist die Erhaltung der Eigentümerin nicht zuzumuten. Auch ist nicht
ersichtlich, dass der Wert des Baudenkmals durch die geplanten Veränderungen
(Erdbebenertüchtigung, neue Erschliessung) beeinträchtigt werden könnte.
Die Beschwerdeführerin führt dagegen keine Argumente ins Feld. Sie vertritt sinngemäss
die Ansicht, der Abbruch der Kinoeinbauten sei denkmalpflegerisch nur vertretbar, wenn
die daraus resultierende Chance, die Südfassade zu rekonstruieren (d.h. den Kinoeingang
aus den 1950er Jahren zu beseitigen und so zu ersetzen, dass das Ergebnis dem Original
von 1911 wieder näher kommt), auch wirklich wahrgenommen wird. Nach dem Gesagten
sind jedoch die Voraussetzungen eines Abbruchs der vom Vorhaben betroffenen Bauteile
und Einrichtungen erfüllt. Es besteht keine gesetzliche Grundlage dafür, die
Abbruchbewilligung zwingend mit der Beurteilung der Neunutzung und dafür erforderlicher
weiterer Umbauten (bspw. an der Fassade) zu verknüpfen.
9 Vorakten, pag. 41
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Dass die Stadt Bern zwischenzeitlich weitere Baumassnahmen am Baugrundstück bewilligt
hat, ändert nichts daran, dass die Voraussetzungen einer Abbruchbewilligung für das
Baugesuch vom 13. Januar 2017 erfüllt sind.
3. Ergebnis und Kosten
a) Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und der angefochtene
Bauentscheid der Stadt Bern zu bestätigen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt
die Beschwerdeführerin. Sie hat die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Diese werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'400.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG
i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV10).
b) Die Beschwerdeführerin hat zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Der Rechtsvertreter der Beschwerdegegnerin macht
Parteikosten im Umfang von Fr. 3'204.35 geltend (Honorar Fr. 2'800.–, Auslagen Fr. 167.–,
Mehrwertsteuer Fr. 237.35). Die Höhe des Honorars und der Auslagen gibt zu keinen
Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdegegnerin ist mehrwertsteuerpflichtig11 und kann
somit die von ihrem Rechtsvertreter auf sie überwälzte Mehrwertsteuer in ihrer eigenen
Mehrwertsteuerabrechnung als Vorsteuer abziehen. Ihr fällt daher betreffend
Mehrwertsteuer kein Aufwand an und eine Abgeltung der Mehrwertsteuer käme einer mit
Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG unvereinbaren Überentschädigung gleich. Die
in der Kostennote des Rechtsvertreters der Beschwerdegegnerin aufgeführte
Mehrwertsteuer ist daher bei der Bestimmung des Parteikostenersatzes nicht zu
berücksichtigen.12 Demnach hat die Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin
Parteikosten im Umfang von Fr. 2'967.– zu ersetzen.
10 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 11 Siehe Unternehmens-Identifikationsnummer-Register, einsehbar unter: <https://www.uid.admin.ch> 12 BVR 2014 S. 484 E. 6
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