Decision ID: fb0e898f-096b-4a96-aa95-0cceeb086236
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
N._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Stéphanie Schwarz, Rechtsdienst Integration
Handicap, Bürglistrasse 11, 8002 Zürich,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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und
P._,
Beigeladene,
betreffend
Rente (Eröffnung Wartezeit)
Sachverhalt:
A.
A.a N._, geboren 1958, meldete sich am 14. März 2006 zum Bezug von IV-
Leistungen an. In der Anmeldung führte sie aus, sie leide u.a. an chronischen
Rückenschmerzen, an akuten Nackenschmerzen, an chronischen Migräneanfällen, an
chronischer Erschöpfung, an akuten Armschmerzen rechts und an Depressionen. Diese
Leiden bestünden akut seit zwei bis sechs Jahren und seien vermutlich durch die im
frühen Kindesalter erlittene Kinderlähmung verursacht. Wegen gesundheitlicher
Beschwerden habe sie ihr Arbeitspensum seit 1992 auf 60% reduziert (act. G 6.1/1.6
f.). Dr. med. A._, behandelnder Arzt vom Mai 1992 bis März 2006, diagnostizierte im
Arztbericht vom 27. März 2006 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit einen Status
nach Poliomyelitis im Säuglingsalter, eine Verkürzung des rechten Beins, einen Status
nach Callusdistraktion und postoperativer Peroneus communis Läsion sowie
therapieresistente Rückenbeschwerden. Er attestierte keine bleibende
Arbeitsunfähigkeit (act. G 6.1/18.1).
A.b Am 31. März 2006 begab sich die Versicherte in Behandlung von Dr. med. B._,
Poliostützpunkt Y._. Im Arztbericht vom 1. Mai 2006 hielt Dr. med. B._ die
bisherige Tätigkeit als Datatypistin während zwölf Stunden wöchentlich für zumutbar.
Bei diesem Pensum bestehe eine reduzierte Leistungsfähigkeit von 70%. Eine
leidensadaptierte Tätigkeit sei zu zwei Stunden täglich zumutbar. Seit ungefähr 1992
bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 40%. Seit Ende der 90er Jahre betrage die
Arbeitsunfähigkeit mehr als 40% und seit 31. März 2006 80% (act. G 6.1/29.2 ff.).
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A.c Vom 29. bis 31. Mai 2006 wurde die Versicherte durch die MEDAS Ostschweiz
interdisziplinär begutachtet. Die MEDAS-Gutachter diagnostizierten mit Einschränkung
der zumutbaren Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
leichte Episode ohne somatisches Syndrom, einen Verdacht auf eine
Konversionsstörung bei einer neurotischen Persönlichkeit, einen Verdacht auf
Postpoliomyelitis Syndrom mit zahlreichen Beschwerden und ein chronisch
rezidivierendes lumbospondylogenes Syndrom rechts (act. G 6.1/34.13 f.). In der
bisherigen Tätigkeit attestierten die MEDAS-Gutachter der Versicherten eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit ab März 2006. Körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten
seien "im Rahmen von 50% der bisherigen 60%igen Tätigkeit zumutbar". Infolge der
überwiegend somatischen Restbeschwerden nach der Poliomyelitis acuta wäre ein
Anstellungspensum von über 60 bis 65% in der bisherigen Tätigkeit als Datatypistin
seit 1992 kaum realisierbar gewesen (act. G 6.1/34.16 f.).
A.d In den Vorbescheiden vom 5. Januar 2007 stellte die IV-Stelle die Ausrichtung einer
Viertelsrente ab 1. März 2005 und ab 1. Juni 2006 die Ausrichtung einer ganzen Rente
in Aussicht. Nach Auffassung der IV-Stelle hat seit 1992 eine 40%ige
Arbeitsunfähigkeit bestanden (act. G 6.1/56.1 ff.). Einen Anspruch auf berufliche
Massnahmen lehnte sie ab (act. G 6.1/59.1 f.).
B.
B.a Am 22. Februar und am 10. Mai 2007 verfügte die IV-Stelle im Sinne der
Vorbescheide vom 5. Januar 2007 (act. G 6.1/62 und 69 f.).
B.b Gegen die Verfügung vom 10. Mai 2007 betreffend den Anspruch auf
Rentenleistungen richtet sich die am 8. Juni 2007 erhobene Beschwerde. Die
Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolgen die
Ausrichtung einer ganzen Rente ab 1. März 2005 sowie unter Berücksichtigung einer
längeren Beitragsdauer die Ausrichtung einer betraglich höheren Rente. Sie macht
geltend, die Annahme der Beschwerdegegnerin, wonach die Arbeitsfähigkeit bereits
seit 1992 um 40% eingeschränkt gewesen sei, treffe nicht zu. Sie habe nach dem
Wohnortswechsel in den Kanton St. Gallen in den Jahren 1991 und 1992 eine
Vollzeitstelle gesucht. Obwohl sie eine Vollzeitstelle bevorzugt hätte, habe sie 1992 die
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Arbeitsstelle bei der P._ mit einem 50%-Pensum angenommen. Ab 1. Oktober 1994
habe sie während drei Jahren ein Arbeitspensum von 75% bewältigt. Ihr
Gesundheitszustand habe sich erst im Jahre 2000 verschlechtert. Im Jahr 2003 sei eine
weitere deutliche Verschlechterung eingetreten (act. G 1). In der Beschwerdeergänzung
vom 9. Juli 2007 bringt die Beschwerdeführerin vor, dass die Reduktion des 75%igen
Pensums im Jahr 1998 aus betrieblichen Gründen (Aufhebung einer Abteilung) erfolgt
sei. Ihre rückwirkend getätigte Bemerkung in der Anmeldung, sie habe das
Arbeitspensum ab 1992 aus gesundheitlichen Gründen reduziert, sei unzutreffend und
stimme nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen überein (act. G 3).
B.c In der Beschwerdeantwort vom 19. September 2007 beantragt die
Beschwerdegegnerin sinngemäss die Abweisung der Beschwerde und bringt vor, die
Beschwerdeführerin habe bereits in ihrer Anmeldung angegeben, dass sie 1992 aus
gesundheitlichen Gründen das Arbeitspensum auf 60% habe reduzieren müssen. Diese
Aussage habe sie anlässlich der Haushaltsabklärung vom 7. November 2006 und
gegenüber den untersuchenden Ärzten wiederholt. Damit sei überwiegend
wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin in der damaligen Tätigkeit bereits 1992
zu 40% arbeitsunfähig gewesen sei (act. G 6).
B.d Replicando macht die Beschwerdeführerin geltend, aus der Mitarbeiterbeurteilung
betreffend das Betriebsjahr 1996 gehe hervor, dass die P._ sehr zufrieden mit ihrer
Leistung gewesen sei. Es werde darin sogar darauf hingewiesen, dass sie innerhalb
ihres 75%igen Pensums in der Operating-Stellvertretung gearbeitet habe; bei Bedarf
bis zu 100%. Vor diesem Hintergrund könne nicht davon ausgegangen werden, dass
ihre Leistungsfähigkeit damals erheblich eingeschränkt gewesen sei. Angesichts dieser
Verhältnisse dürfe nicht auf ihre anderslautenden retrospektiven Bemerkungen und die
anderslautenden retrospektiven ärztlichen Einschätzungen abgestellt werden (act.
G 10).
B.eDie Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (act. G 12).
B.f Mit Schreiben vom 14. August 2008 hat die Verfahrensleitung die Pensionskasse
der Angestellten der P._ dem Verfahren beigeladen und ihr Gelegenheit zur
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Stellungnahme eingeräumt (act. G 14). Die Beigeladene hat auf eine Vernehmlassung
verzichtet (act. G 15).
B.g Die Verfahrensleitung hat den Parteien am 9. Oktober 2008 mitgeteilt, das Gericht

ziehe u.a. in Erwägung, vorliegend auf die durch echtzeitliche medizinische
Bescheinigungen ausgewiesene Arbeitsunfähigkeit abzustellen und demnach das
Wartezeitjahr im Februar 2006 als eröffnet anzusehen. Den Parteien hat sie Gelegenheit
für eine Stellungnahme eingeräumt (act. G 15).
B.h Die Beschwerdegegnerin bringt in der Vernehmlassung vom 24. Oktober 2008 vor,
es könne angesichts des Grundsatzes der freien Beweiswürdigung nicht angenommen
werden, "echtzeitliche" Schätzungen hätten den Vorrang vor der Beurteilung durch
eine MEDAS. Die Beschwerdeführerin mache einen späteren Eintritt des
Versicherungsfalles geltend, weil sie daraus einen Anspruch auf höhere
Versicherungsleistungen ableiten wolle. Damit treffe sie die Beweislast für eine allfällig
erst viel später eingetretene Arbeitsunfähigkeit. Der Einschätzung von Dr. A._ vom
27. März 2006, es sei keine bleibende Arbeitsunfähigkeit attestiert worden, stünden die
Berichte von Dr. B._ und das MEDAS-Gutachten entgegen. Es gebe gute Gründe
anzunehmen, dass divergierende Beurteilungen des gleichen Sachverhalts vorlägen.
Das MEDAS-Gutachten habe sich mit hinreichender Deutlichkeit für einen Eintritt einer
erheblichen Arbeitsunfähigkeit bereits im Jahr 1992 ausgesprochen. Dies sei aufgrund
des langjährigen Leidens der Beschwerdeführerin auch plausibel. Im Lichte dieser
Umstände könne nicht gesagt werden, es sei der Beschwerdeführerin gelungen, den
späteren Eintritt der Arbeitsunfähigkeit zu beweisen (act. G 16).
B.i Die Beschwerdeführerin teilte innert erstreckter Frist am 16. Januar 2009 mit, dass
sie die im Schreiben vom 9. Oktober 2008 in Aussicht gestellte Beurteilung des
Sachverhalts zur Kenntnis genommen habe und keine Einwände dagegen vorbringe
(act. G 21).
Erwägungen:
1.
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Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet ausschliesslich die Verfügung vom
10. Mai 2007 betreffend Rentenleistungen (act. G 6.1/69 f.). Unangefochten geblieben
ist die Verfügung vom 22. Februar 2007 betreffend berufliche Massnahmen (act. G
6.1/62.1).
2.
2.1 Gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20, in der bis 31. Dezember 2007 gültigen Fassung) haben Versicherte, die zu
mindestens 40 Prozent invalid sind, Anspruch auf eine Rente. Diese wird wie folgt nach
dem Grad der Invalidität abgestuft: Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40
Prozent besteht Anspruch auf einen Viertel einer ganzen Rente, bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent auf einen Zweitel einer ganzen Rente, bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 Prozent auf drei Viertel einer ganzen Rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent auf eine ganze Rente (Art. 28
Abs. 2 aIVG).
2.2 Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 28 aIVG
aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen (Art. 16 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Dazu wird
das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und
nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sogenanntes Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (sogenanntes Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der
Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen
ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden,
worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt
(allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; vgl. BGE 128 V 30 E. 1).
2.3 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
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Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und
demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung
des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Diese Untersuchungspflicht dauert so
lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen
Tatsachen hinreichende Klarheit besteht. Führen die im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärungen den
Versicherungsträger oder das Gericht bei umfassender, sorgfältiger, objektiver und
inhaltsbezogener Beweiswürdigung (BGE 132 V 400 E. 4.1) zur Überzeugung, ein
bestimmter Sachverhalt sei überwiegend wahrscheinlich (BGE 126 V 360 E. 5b mit
Hinweisen) und es könnten weitere Beweismassnahmen an diesem feststehenden
Ergebnis nichts mehr ändern, so ist eine solche antizipierte Beweiswürdigung zulässig,
und es liegt insoweit weder eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes noch des
Anspruchs auf rechtliches Gehör vor (SVR 2001 IV Nr. 10 S. 28 E. 4b mit Hinweisen).
2.4 Gemäss Art. 29 Abs. 1 aIVG entsteht der Rentenanspruch frühestens in dem
Zeitpunkt, in dem die versicherte Person mindestens zu 40 Prozent bleibend
erwerbsunfähig (Art. 7 ATSG) geworden ist (lit. a) oder während eines Jahres ohne
wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 Prozent arbeitsunfähig
(Art. 6 ATSG) gewesen war (lit. b). Die Rente wird vom Beginn des Monats an
ausgerichtet, in dem der Anspruch entsteht (Art. 29 Abs. 2 aIVG).
2.4.1 Obwohl das Gesetz dies nicht ausdrücklich bestimmt, kann ein Rentenanspruch
nach Art. 29 Abs. 1 lit. b aIVG nur entstehen, wenn nach Ablauf der Wartezeit eine
Erwerbsunfähigkeit gegeben ist. Nicht erforderlich ist dagegen, dass während der
einjährigen Wartezeit auch bereits die für den Rentenanspruch vorausgesetzte
Erwerbsunfähigkeit vorliegt. Damit eine Rente zugesprochen werden kann, müssen
sowohl die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit während eines Jahres als auch die
nach Ablauf der Wartezeit bestehende Erwerbsunfähigkeit die für die betreffende
Rentenabstufung erforderliche Mindesthöhe erreichen (BGE 121 V 274 E. 6b/cc; AHI
2001 S. 279 E. 2).
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2.4.2 Art. 29 Abs. 1 lit. a aIVG gelangt nur dort zur Anwendung, wo ein weitgehend
stabilisierter, im Wesentlichen irreversibler Gesundheitsschaden vorliegt (vgl. BGE 119
V 102 E. 4a mit Hinweisen) und sich der Gesundheitszustand der versicherten Person
künftig weder verbessern noch verschlechtern wird (Art. 29 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201] in der bis 31. Dezember 2007 gültigen
Fassung). In den anderen Fällen entsteht der Rentenanspruch erst nach Ablauf der
Wartezeit gemäss Art. 29 Abs. 1 lit. b aIVG. Diese gilt in jenem Zeitpunkt als eröffnet, in
welchem eine deutliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit eingetreten ist, was nach
der Rechtsprechung bei einer Beeinträchtigung im Umfang von 20% der Fall ist (AHI
1998 S. 124 E. 3c). Ein wesentlicher Unterbruch der Arbeitsunfähigkeit im Sinne von
Art. 29 Abs. 1 lit. b aIVG liegt vor, wenn die versicherte Person an mindestens 30
aufeinanderfolgenden Tagen voll arbeitsfähig war (Art. 29 aIVV).
2.4.3 Während bei der Ermittlung des Invaliditätsgrades die Erwerbseinbusse und
damit die Höhe des Einkommens, das auf dem gesamten in Frage kommenden
Arbeitsmarkt mit einer dem Gesundheitsschaden angepassten zumutbaren Tätigkeit
erzielbar ist (vgl. Art. 7 ATSG), eine entscheidende Rolle spielt, beurteilt sich die
Arbeitsunfähigkeit (vgl. Art. 6 ATSG) im Sinne von Art. 29 Abs. 1 lit. b aIVG nach der
durch einen Gesundheitsschaden bedingten Einbusse an funktionellem
Leistungsvermögen, und es kommt dabei in der Regel einzig auf die Einschränkungen
im bisherigen Beruf an (vgl. BGE 105 V 159 E. 2a). Zwischen der durchschnittlichen
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit während eines Jahres und der nach Ablauf der
Wartezeit bestehenden Erwerbsunfähigkeit besteht aber insofern ein Zusammenhang,
als beides kumulativ und in der für die einzelnen Rentenabstufungen erforderlichen
Mindesthöhe gegeben sein muss, damit eine Rente im entsprechenden Umfang
zugesprochen werden kann (vgl. BGE 121 V 274 E. 6b/cc).
2.5 Ob eine versicherte Person trotz Lohnzahlung tatsächlich erheblich arbeitsunfähig
ist, ob sie also im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses ihre übliche oder aber eine
gesundheitsbedingt eingeschränkte Leistung erbringt, ist mit aller Sorgfalt zu prüfen.
Nach der Rechtsprechung muss eine Einbusse an Leistungsvermögen arbeitsrechtlich
in Erscheinung treten, so etwa durch einen Abfall der Leistungen mit entsprechender
Feststellung oder gar Ermahnung des Arbeitgebers oder durch gehäufte, aus dem
Rahmen fallende gesundheitlich bedingte Arbeitsausfälle. Eine erst nach Jahren
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rückwirkend festgelegte medizinisch-theoretische Arbeitsunfähigkeit, ohne dass der
(frühere) Arbeitgeber die Leistungseinbusse bemerkt hätte, genügt nicht. Nur beim
Vorliegen besonderer Umstände darf die Möglichkeit einer von der arbeitsrechtlich zu
Tage tretenden, in Wirklichkeit aber abweichenden Situation – etwa in dem Sinne, dass
eine arbeitnehmende Person zwar zur Erbringung einer vollen Arbeitsleistung
verpflichtet war und auch entsprechend entlöhnt wurde, tatsächlich aber eben doch
keine volle Arbeitsleistung hat erbringen können – in Betracht gezogen werden. Dabei
ist gegebenenfalls äusserste Zurückhaltung geboten, da ansonsten die Gefahr
bestünde, den Versicherungsschutz zu vereiteln. Indessen gilt hier ebenfalls, dass die
Leistungseinbusse auch und vor allem dem Arbeitgeber aufgefallen sein muss (Urteile
des Bundesgerichts vom 24. April 2007 i.S. Pensionskasse B., I 687/06, E. 5.1 und vom
7. Dezember 2007 i.S. J., 9C_182/07, E. 4.1.3, je mit Hinweisen).
2.6 Für die Berechnung der ordentlichen Renten sind nach Art. 36 Abs. 2 Satz 1 aIVG
vorbehältlich der Vorschrift in Art. 36 Abs. 3 aIVG über die Erhöhung des
durchschnittlichen Erwerbseinkommens bei jüngeren Versicherten die Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR
831.10) sinngemäss anwendbar. Nach Art. 29 Abs. 1 AHVG werden für die
Rentenberechnung Beitragsjahre, Erwerbseinkommen sowie Erziehungs- oder
Betreuungsgutschriften der rentenberechtigten Personen zwischen dem 1. Januar nach
Vollendung des 20. Altersjahres und dem 31. Dezember vor Eintritt des
Versicherungsfalles berücksichtigt.
2.7 Der Anspruch auf Nachzahlung von Leistungen richtet sich gemäss Art. 48 Abs. 1
aIVG grundsätzlich nach Art. 24 Abs. 1 ATSG. Nach dieser Bestimmung erlischt der
Anspruch fünf Jahre nach dem Ende des Monats, für welchen die Leistung geschuldet
war. Meldet sich eine versicherte Person mehr als zwölf Monate nach Entstehen des
Anspruchs bei der Invalidenversicherung an, so werden die Leistungen gemäss Art. 48
Abs. 2 Satz 1 aIVG in Abweichung von Art. 24 Abs. 1 ATSG lediglich für die zwölf der
Anmeldung vorangehenden Monate ausgerichtet. Weitergehende Nachzahlungen
werden gemäss Art. 48 Abs. 2 Satz 2 aIVG nur dann erbracht, wenn die versicherte
Person den anspruchsbegründenden Sachverhalt nicht kennen konnte und die
Anmeldung innert zwölf Monaten nach Kenntnisnahme vornimmt.
3.
bis
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Im vorliegend zu beurteilenden Fall sind der Zeitpunkt des Eintritts des
Versicherungsfalles, die Frage, ab wann eine ganze Rente geschuldet ist, und die
betragliche Rentenhöhe streitig. Währenddem die Beschwerdegegnerin als Beginn der
Arbeitsunfähigkeit das Jahr 1992 ermittelte, geht die Beschwerdeführerin davon aus,
dass eine massgebliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit nicht vor dem Jahr 2000
eingetreten sei.
3.1 Die Beschwerdegegnerin setzte gestützt auf die Angaben der Beschwerdeführerin
in der Anmeldung (act. G 6.1/1.7), im MEDAS-Gutachten (act. G 6.1/34.14) und im
Abklärungsbericht Haushalt (act. G 6.1/50.11) sowie gestützt auf die medizinischen
Einschätzungen der MEDAS-Gutachter (act. G 6.1/34.17) und von Dr. B._ (act.
G 6.1/29.6) als Beginn der Arbeitsunfähigkeit und der einjährigen Wartezeit das Jahr
1992 fest (act. G 6.1/63.1). Die Einschätzung der MEDAS-Gutachter und von Dr. B._
stützten sich zum einen auf die Aussagen der Beschwerdeführerin. Zum anderen
begründeten die MEDAS-Gutachter den Beginn der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
ab diesem Zeitpunkt damit, ein über 65% liegendes Pensum dürfte infolge der
überwiegend somatischen Restbeschwerden nach Poliomyelitis acuta kaum
realisierbar gewesen sein (act. G 6.1/34.17; vgl. auch die Angaben von Dr. B._ [act.
G 6.1/29.6]).
3.2 Vorab ist festzustellen, dass sich der Beginn der Arbeitsunfähigkeit im Jahr 1992
nicht auf echtzeitliche medizinische Bescheinigungen stützt. Die diesbezüglich äusserst
knapp begründete Einschätzung der MEDAS-Gutachter und von Dr. B._ erfolgten
rein retrospektiv über einen mehr als 14 Jahre zurückliegenden Zeitraum und sind
daher erheblich weniger aussagekräftig und zuverlässig als echtzeitliche
Einschätzungen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 14. April 2008 i.S. M.,
8C_615/2007, E. 2.2.1). Dies gilt umso mehr, als sich die MEDAS-Einschätzung – und
wohl auch diejenige von Dr. B._ – zu einem grossen Teil auf die Patientinnenangaben
stützt. Trotzdem die Beschwerdeführerin seit 1991 bzw. seit Mai 1992 in Behandlung
bei Dr. A._ stand (act. G 6.1/1.6 und 6.1/18.2), fehlen in den Akten entsprechende
echtzeitliche medizinische Berichte. Lediglich für den Zeitraum vom 22. April 1996 bis
7. April 1997 sind im Zusammenhang mit der operativen Behandlung der
Beinlängendifferenz des rechten Beins echtzeitliche Aussagen über die Arbeitsfähigkeit
vorhanden. Die entsprechenden Perioden, wo eine (vorwiegend teilweise)
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Arbeitsunfähigkeit vorlag, waren jedoch vorübergehend. Ab 8. April 1997 wurde die
Beschwerdeführerin wieder als 100%ig arbeitsfähig betrachtet (act. G 6.1/34.7). Eine
durchgehend relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ab 1992 ist auch aufgrund
der übrigen Aktenlage nicht echtzeitlich ausgewiesen. Das Gesagte bildet ein
erhebliches Indiz gegen den von der Beschwerdegegnerin festgelegten Zeitpunkt des
Arbeitsunfähigkeitsbeginns.
3.3 Der Beginn der Arbeitsunfähigkeit im Jahr 1992 und die Aussagen von Dr. B._
sowie der MEDAS-Gutachter, dass ab 1992 ein über 60 bis 65% liegendes
Arbeitspensum kaum realisierbar gewesen sein dürfte (act. G 6.1/34.17), werden auch
durch das von der Beschwerdeführerin vom 1. Oktober 1994 (act. G 1.6) bis 1. Februar
1998 (act. G 1.7) geleistete 75%ige Arbeitspensum erheblich in Zweifel gezogen (vgl.
vorstehende E. 2.5). Die Reduktion im Februar 1998 erfolgte aus betrieblichen Gründen
(act. G 1.7). Dabei scheint die Beschwerdeführerin im Jahr 1996 überzeugende
Leistungen erbracht zu haben, hat doch die damalige Arbeitgeberin offenbar eine
Aufstockung auf ein 100%iges Pensum erwogen (act. G 10.1 Blatt 1).
3.4 Des Weiteren ist zugunsten der Beschwerdeführerin zu berücksichtigen, dass sie in
der Anmeldung vom 14. März 2006 angab, ihre gesundheitlichen Beschwerden
bestünden akut erst seit 2 bis 6 Jahren (act. G 6.1/1.6).
3.5 Gemäss unbestritten gebliebener Aussage der Beschwerdeführerin hat diese nach
Aufgabe ihrer Vollzeitstelle in Volketswil per Ende 1990 am neuen Wohnort im Kanton
St. Gallen eineinhalb Jahre lang eine neue Vollzeitstelle gesucht. Sie bezog im Jahr
1991 Arbeitslosenentschädigung, wie dem individuellen Konto zu entnehmen ist (act. G
6.1/16), bildete sich im EDV-Bereich weiter (act. G 1.4) und fand schliesslich per 1. Mai
1992 eine 50%-Stelle als Datatypistin (act. G 1.5). Es fehlen konkrete Anhaltspunkte für
die Annahme, die Beschwerdeführerin habe damals aus gesundheitlichen Gründen
lediglich eine Teilzeitstelle angenommen. Für arbeitsmarktliche bzw. betriebliche
Gründe spricht insbesondere der Umstand, dass die Beschwerdeführerin dieses
Pensum per 1. Oktober 1994 auf 75% aufstocken konnte (act. G 1.7).
3.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die – wenn auch äusserst knapp
begründeten – retrospektiven ärztlichen Einschätzungen und die von der
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Beschwerdeführerin vor Erlass der angefochtenen Verfügung gemachten – wenn auch
teilweise widersprüchlichen – Angaben Anhaltspunkte für die Auffassung der
Beschwerdegegnerin liefern können. Gegen die Richtigkeit dieser Auffassung sprechen
jedoch verschiedene Tatsachen. So fällt auf, dass die Beschwerdeführerin im Jahr
1992 selber eine Vollzeitstelle suchte und auch in der Anmeldung vermerkte,
Behinderung bestehe "akut" (erst) seit zwei bis sechs Jahren. Entscheidend ins
Gewicht fällt aber das tatsächlich von der Beschwerdeführerin über mehrere Jahre
geleistete Arbeitspensum von 75%, ohne dass aktenkundig eine gesundheitliche
Leistungseinbusse bemerkt worden wäre (vgl. vorstehende E.2.5 und 3.3). Ebenfalls
von entscheidender Bedeutung ist der Umstand, dass die damals behandelnden Ärzte
keine länger dauernde, rentenrelevante Arbeitsunfähigkeit attestierten. In Würdigung
der gesamten Umstände ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, dass der
Versicherungsfall mangels relevanter durchgehender Arbeitsunfähigkeit nicht im Jahr
1992 eintrat. Gestützt auf die echtzeitliche Attestierung einer 70%igen
Arbeitsunfähigkeit mit Beginn am 8. Februar 2006 durch die behandelnden Ärzte der
Fachstelle für Sozialpsychiatrie und Psychotherapie Heerbrugg (act. G 6.1/24.1 ff.) ist
vielmehr davon auszugehen, dass ab diesem Zeitpunkt der Versicherungsfall eintrat
und die einjährige Wartezeit erst im Februar 2006 zu laufen begann. Die
Leistungszusprache bereits für den Zeitraum vom 1. März 2005 bis 1. Juni 2006
erweist sich demnach als unzulässig. Ein Rentenanspruch vermag vorliegend erst ab
Februar 2007 (Ablauf der einjährigen Wartefrist gemäss Art. 29 Abs. 1 aIVG) zu
entstehen.
4.
4.1 Zu prüfen bleibt der Umfang des am 1. Februar 2007 beginnenden
Rentenanspruchs. Gestützt auf die Beurteilung im MEDAS-Gutachten vom 19. Juni
2006 (act. G 6.1/34.16 f.) ging die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung vom 10. Mai 2007 zu Recht davon aus, dass die Beschwerdeführerin ab
März 2006 als Datatypistin zu 100% arbeitsunfähig bzw. in einer leidensadaptierten
Tätigkeit nur noch über eine Arbeitsfähigkeit von 30% ("50% der bisherigen 60%igen
Tätigkeit", act. G 6.1/34.16) verfügt hat, mithin ab März 2006 ein Invaliditätsgrad von
70% vorliegt (act. G 6.1/63 und 70). Die Beschwerdeführerin hat somit ab 1. Februar
2007 einen Anspruch auf eine ganze Rente.
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5.
5.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 10. Mai 2007
betreffend den Rentenanspruch aufzuheben und der Beschwerdeführerin ab 1. Februar
2007 eine ganze Rente auszurichten. Die Sache ist zur Festsetzung der betraglichen
Rentenhöhe an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Übrigen wird die
Beschwerde abgewiesen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Beschwerdeführerin erhält aufgrund einer zusätzlich zu
berücksichtigenden Beitragsdauer bis 2006 und den in dieser Zeit im individuellen
Konto verbuchten Einkommen eine erheblich höhere Rente. Entgegen ihrem Antrag
steht ihr anderseits die Rente nicht bereits ab März 2005, sondern erst ab Februar
2007 zu. Bei diesem Ergebnis erscheint es gerechtfertigt, die Gerichtskosten zu drei
Vierteln der Beschwerdegegnerin und zu einem Viertel der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin hat demnach Fr. 450.-- zu bezahlen, während
der Beschwerdeführerin vom geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.-- der Betrag
von Fr. 450.-- zurück zu erstatten ist.
5.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin verzichtete auf das
Einreichen einer Kostennote. Da die Beschwerdeführerin teilweise obsiegt, hat sie
einen reduzierten Anspruch auf eine Parteientschädigung. Bei vollständigem Obsiegen
wäre eine Parteientschädigung von Fr. 3'600.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen. Entsprechend dem Ausmass des Obsiegens zu etwa
drei Vierteln erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 2'700.-- (inklusive Barauslagen
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
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St.Galler Gerichte
und Mehrwertsteuer) als gerechtfertigt. Die Beschwerdegegnerin hat die
Rechtsanwältin der Beschwerdeführerin somit mit Fr. 2'700.-- zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG