Decision ID: cb1717fe-f12b-4bb4-8364-36d12f437d2d
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2014 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, dass er keinen Beruf erlernt habe. Der
Psychiater Dr. med. B._ berichtete im April 2014 (IV-act. 12), der Versicherte leide
seit Herbst 2013 an einer schweren depressiven Episode. Von Ende Januar bis Ende
März 2014 habe er sich in einer stationären psychiatrischen Behandlung befunden.
Anschliessend habe er seine bisherige Tätigkeit wieder im Umfang von 30 Prozent
aufgenommen. Die Arbeitgeberin teilte der IV-Stelle im April 2014 mit (IV-act. 13), der
Versicherte arbeite seit Januar 2000 als Produktionsmitarbeiter für sie. Der aktuelle
Lohn betrage 74’503 Franken. Ein Vorgesetzter hielt gegenüber einer
Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle fest (IV-act. 24–3), der Versicherte sei ein
sehr wertvoller Mitarbeiter. Die Arbeitgeberin sei bereit, ihn an einem Schonarbeitsplatz
zu stabilisieren und wieder für seine angestammte Tätigkeit aufzubauen. Mit einer
Mitteilung vom 6. August 2014 erteilte die IV-Stelle dem Versicherten eine
Kostengutsprache für Integrationsmassnahmen am bisherigen Arbeitsplatz (IV-act. 31).
Am 8. August 2014 erliess sie eine Taggeldverfügung für die Zeit der
Eingliederungsmassnahme (IV-act. 34). Am 1. Dezember 2014 teilte die Arbeitgeberin
der IV-Stelle mit, dass der Versicherte einen „halben Nervenzusammenbruch“ gehabt
habe und dass sie ihn aus Sicherheitsgründen „in diesem Zustand einfach nicht mehr
arbeiten lassen“ wolle (IV-act. 35). Am 8. Dezember 2014 wies die Arbeitgeberin die
zuständige „Case Managerin“ darauf hin (IV-act. 36), dass sie im Teilbereich, in dem
auch der Versicherte arbeite, mehrere Leute entlassen müsse. Sollte dies am nächsten
Standortgespräch ein Thema sein, dürfe die „Case Managerin“ dem Versicherten
„wirklich mitteilen, dass er davon nicht betroffen ist“. Am 9. Dezember 2014 teilte der
Versicherte bei einem Standortgespräch mit, dass er sich am 15. Dezember 2014 für
mindestens sechs Wochen in eine stationäre Behandlung begeben werde (vgl. IV-act.
A.a.
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38–3). Die Eingliederungsmassnahme wurde deshalb am 16. Dezember 2014
abgebrochen (IV-act. 42).
Die Klinik C._ berichtete am 5. März 2015 über die stationäre Behandlung in der
Zeit vom 15. Dezember 2014 bis zum 25. Februar 2015 (IV-act. 46). Sie hielt fest, der
Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig
schweren Episode. Zudem bestehe der Verdacht auf eine posttraumatische
Belastungsstörung. Nach dem Austritt sei eine tagesklinische Weiterbehandlung in die
Wege geleitet worden. Das Psychiatrie-Zentrum D._ berichtete im Juni 2015 (IV-act.
50), der Versicherte befinde sich seit dem 15. März 2015 in einer tagesklinischen
Behandlung. Er habe in seiner Vergangenheit einige Belastungen „wie Todesfälle und
Traumata“ erlebt. Sein bester Freund sei im Jahr 1992 nach einem Unfall in seinen
Armen gestorben. Später sei auch der Bruder bei einem Unfall ums Leben gekommen.
Im Jahr 1997 sei er in den Krieg eingezogen worden. Im Krieg habe er „viele
traumatisierenden Szenen“ erlebt. Zwischenzeitlich habe er seine langjährige
Arbeitsstelle verloren. Der psychische Zustand sei weiterhin schlecht; die Prognose sei
pessimistisch. Aktuell sei der Versicherte nicht arbeitsfähig. Nach einem
Standortgespräch mit dem Versicherten vom 23. März 2016 hielt die
Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle fest (IV-act. 65), an sich sollte nun ein
Belastbarkeitstraining thematisiert werden, aber sie habe „grosse Fragezeichen“, dass
es dem Versicherten gelingen werde, seine Arbeitsfähigkeit innerhalb eines Jahres auf
50 Prozent zu steigern. Die IV-Stelle beschloss deshalb, keine weiteren
Eingliederungsmassnahmen in die Wege zu leiten (IV-act. 66). Mit einer Mitteilung vom
14. April 2016 wies sie das Begehren des Versicherten um berufliche Massnahmen ab
(IV-act. 67).
A.b.
Im August 2016 empfahl Dr. med. E._ vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD) eine psychiatrische Begutachtung des Versicherten (IV-act. 74). Da sich
der Versicherte bis zum 15. Dezember 2016 erneut in einer stationären Behandlung in
der Klinik C._ befunden hatte (IV-act. 81), teilte die IV-Stelle dem bereits beauftragten
psychiatrischen Sachverständigen am 19. Dezember 2016 mit, dass die Untersuchung
auf unbestimmte Zeit verschoben werden müsse (IV-act. 83). Die Klinik C._
berichtete am 15. Februar 2017 (IV-act. 89), der Versicherte sei vom 12. November
2016 bis zum 15. Dezember 2016 stationär behandelt worden. Er leide an einer
A.c.
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rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig schweren Episode sowie an
einer posttraumatischen Belastungsstörung. Im März 2016 habe sich der Versicherte
seinen eigenen Angaben zufolge von einer Brücke stürzen wollen; er sei aber von der
Polizei aufgegriffen worden. Im Rahmen der aktuellen Behandlung habe er sich von
Suizidabsichten distanzieren können. Während der Behandlung habe keine wesentliche
Zustandsverbesserung beobachtet werden können. Der Versicherte sei insgesamt
wenig zugänglich für ein Verständnis seines aktuellen Zustandes gewesen, was auf den
Druck der aktuellen sozialen Situation sowie auch auf die dauerhafte und verzweifelte
Fokussierung auf somatische Beschwerden zurückzuführen sei. Im April 2017 notierte
eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle, im bisherigen Verlauf falle auf, dass sich der
Versicherte immer dann in eine stationäre Behandlung begebe, wenn er sich einer
Massnahme (Integrationsmassnahme, Begutachtung) unterziehen sollte (IV-act. 93). Im
Juli 2017 notierte die RAD-Ärztin Dr. med. F._ (IV-act. 102), die Akten enthielten
verschiedene Ungereimtheiten. Der Versicherte habe angegeben, dass seine
Leidensgeschichte wesentlich durch einen Unfall im Jahr 1992 und durch
Kriegserlebnisse ab dem Jahr 1997 beeinflusst worden sei. Er sei aber im Jahr 1992 in
die Schweiz eingereist, habe im Jahr 1998 geheiratet und sei im Jahr 2000 erstmals
Vater geworden. In den Jahren 2000–2015 habe er für ein und dieselbe Arbeitgeberin
gearbeitet, die ihn als einen sehr guten und gewissenhaften Mitarbeiter geschätzt habe.
Die angeblichen Traumatisierungen hätten also während vielen Jahren nicht zu
Beeinträchtigungen geführt. Die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung
lasse sich deshalb nicht nachvollziehen. Bezüglich der depressiven Störung sei
erstaunlich, dass bislang jeder medikamentöse Behandlungsversuch gescheitert sei,
ohne dass je eine Medikamentenspiegelkontrolle durchgeführt worden sei. Die
stationären Therapien seien jeweils auf Wunsch des Versicherten abgeschlossen
worden. Die zeitliche Korrelation zwischen den stationären Aufenthalten und der
vonseiten der IV-Stelle vorgesehenen Massnahmen sei äusserst auffällig. Im
September 2017 ersuchte die IV-Stelle die Wohngemeinde des Versicherten, Auskünfte
zum hängigen Einbürgerungsgesuch des Versicherten zu erteilen (IV-act. 109). Im
Dezember 2017 ging der IV-Stelle ein von der Wohngemeinde ausgefüllter Fragebogen
betreffend das Verhalten des Versicherten beim Einbürgerungsgespräch zu, laut dem
sich der Versicherte weitestgehend unauffällig verhalten hatte (IV-act. 114). Bereits
Ende November 2017 hatte die IV-Stelle diverse Fotos zu den Akten genommen, die
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der Versicherte in der Zeit ab Ende August 2013 auf „Facebook“ veröffentlicht hatte
und die ihn bei verschiedenen Aktivitäten (Ausflüge, Urlaub etc.) zeigten (IV-act. 117).
Am 14. Dezember 2017 ging der IV-Stelle das Protokoll des Einbürgerungsgesprächs
zu (IV-act. 119). Der Versicherte hatte bei jenem Gespräch über verschiedene
Freizeitaktivitäten berichtet, aber festgehalten, dass er wegen seiner Krankheit weniger
aktiv sei als früher. Im Haushalt helfe er je nach Tagesverfassung mit. Das Psychiatrie-
Zentrum D._ berichtete im Januar 2018 (IV-act. 126), der Zustand des Versicherten
sei unverändert schlecht. Im Mai 2017 sei erstmals eine paranoide Schizophrenie
diagnostiziert worden. Unter Berücksichtigung des bisherigen Verlaufs bestehe der
Verdacht, dass die Schizophrenie bereits seit drei Jahren bestehe.
Am 23. Januar 2018 führte die IV-Stelle ein „Standortgespräch“ mit dem
Versicherten durch (IV-act. 129). Bei diesem Gespräch konfrontierte sie den
Versicherten mit den Fotos aus „Facebook“ und den Angaben, die dieser im
Einbürgerungsgespräch gemacht hatte. Der Versicherte stellte sich auf den
Standpunkt, dass er gegenüber der IV-Stelle keine falschen Angaben gemacht habe
respektive nicht bewusst falsche Angaben habe machen wollen. An jenem Gespräch
nahm auch die RAD-Ärztin Dr. F._ teil. Sie hielt in der Folge fest (IV-act. 130), der
Versicherte habe nur zeitweise ein auffälliges Verhalten gezeigt. Die
Beschwerdepräsentationen hätten demonstrativ gewirkt. Teilweise sei der Eindruck
entstanden, dass der Versicherte gezielt an den Fragen vorbei geantwortet habe.
Obwohl das Gespräch insgesamt vier Stunden gedauert habe, sei der Versicherte fast
durchwegs konzentriert gewesen. Er sei dem Gesprächsverlauf aufmerksam gefolgt
und er habe teilweise sehr präzise Antworten geben können. Insgesamt sei das
Verhalten des Versicherten so inkonsistent gewesen, dass der Verdacht entstanden
sei, er habe bewusst nicht authentische Angaben gemacht. Im März 2018 erstattete die
IV-Stelle eine Strafanzeige gegen den Versicherten wegen versuchten Betruges,
unrechtmässigen Bezuges von Sozialversicherungsleistungen und Widerhandlungen
gegen den Art. 70 IVG (IV-act. 141).
A.d.
Im Oktober 2019 stellte der zuständige Staatsanwalt der IV-Stelle die bis dato
aufgelaufenen Akten im Strafverfahren gegen den Versicherten zu (IV-act. 166). Diesen
liess sich unter anderem entnehmen, dass die Staatsanwaltschaft am 18. September
2019 Dr. med. G._ mit einer psychiatrischen Begutachtung des Versicherten
A.e.
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beauftragt hatte (IV-act. 188). In einem Zwischenbericht vom 12. Juni 2018 hatte der
Staatsanwalt festgehalten (IV-act. 198), die bisherigen Ermittlungen hätten unter
anderem ergeben, dass die Polizei am 29. April 2016 wegen eines angeblichen
Suizidversuchs des Versicherten habe ausrücken müssen. Dieser habe gegenüber dem
Dienstarzt der Klinik C._ erwähnt, dass er sich von einer Brücke stürzen wolle. Die
Polizei habe ihn dann am Wohnort angetroffen, nachdem sie sämtliche Brücken in der
Umgebung kontrolliert habe. Daraufhin habe sich der Versicherte freiwillig in eine
stationäre Behandlung begeben. Anlässlich einer polizeilichen Observation im Zeitraum
zwischen dem 3. und dem 30. Mai 2018 hätten keinerlei gesundheitliche
Einschränkungen und auch kein sozialer Rückzug festgestellt werden können. Eine
Abfrage der automatischen Fahrzeugfahndung und Verkehrsüberwachung habe
ergeben, dass in den Monaten April, Mai und Juni 2018 mehrere Grenzübertritte erfolgt
seien. Die Aufnahmen der Videoüberwachungskameras der nächstgelegenen H._-
Filiale hätten gezeigt, dass der Versicherte in der Zeit vom 25. bis zum 30. April 2018
fünf Einkäufe getätigt und sich dabei völlig normal verhalten habe. Auf den öffentlich
einsehbaren Bildern des Versicherten auf „Facebook“ seien keinerlei gesundheitliche
Einschränkungen ersichtlich. Der Versicherte habe häufig für Familien- und Paarfotos
posiert, Restaurants besucht, Sport- und Kulturveranstaltungen der Kinder besucht,
Ferienreisen unternommen, sich sportlich betätigt (u.a. Wandern und Skifahren), an
diversen Festivitäten und Feiern mit vielen Gästen teilgenommen, einen Fussballmatch
mit seinem Sohn in einem grossen Stadion besucht und mit den Kindern einen Ausflug
in eine Trampolinhalle unternommen. Eine Durchsuchung eines Bankschliessfachs
habe ergeben (vgl. IV-act. 202), dass der Versicherte über unversteuertes Bargeld im
Betrag von 97’600 Franken verfügt habe. Dieser Umstand erwecke grosse Zweifel an
den Schilderungen des Versicherten betreffend den angeblichen Suizidversuch im April
2016, den der Versicherte seinen eigenen Angaben gemäss aufgrund von finanziellen
Nöten unternommen habe. Eine forensisch-toxikologische Auswertung von Blut- und
Urinproben habe ergeben, dass der Versicherte die verordneten Psychopharmaka nicht
oder nicht regelmässig einnehme. Bei der Hausdurchsuchung im Juni 2018 habe der
Versicherte sportlich und athletisch gewirkt, was auf ein regelmässiges Krafttraining
und auf eine gezielte Ernährung hingewiesen habe. In der Küche seien denn auch
mehrere Dosen mit Eiweissaufbau-Präparaten vorgefunden worden. In einem
Kellerraum habe sich ein voll eingerichteter Fitnessraum befunden.
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Am 30. April 2020 erstattete Dr. G._ das von der Staatsanwaltschaft in Auftrag
gegebene psychiatrische Gutachten (IV-act. 222). Er hielt fest, der Versicherte habe bei
der Untersuchung nur minimal kooperiert, weshalb sich der Sachverständige für die
Erhebung der Anamnese weitgehend auf die (umfangreichen) Akten der
Staatsanwaltschaft habe stützen müssen. Während der insgesamt zwei Stunden
dauernden Untersuchung habe der Versicherte durchwegs einen wachen und
bewusstseinsklaren, geistig präsenten sowie fokussierten Eindruck hinterlassen. Nach
zwei Stunden habe er dezidiert den Abbruch der Untersuchung verlangt. Er sei in jeder
Hinsicht präzise orientiert gewesen; ihm sei beispielsweise auch bekannt gewesen,
dass der folgende Tag ein Schalttag (29. Februar) sei. Die Auffassungsgabe sei normal
gewesen. Der Gedankengang sei etwas hektisch und nur mässig geordnet gewesen,
was dem erregten und gespannten Zustand entsprochen habe. Besonders aufgefallen
sei eine übergrosse Vorsicht. Die Gemütslage sei verdriesslich gewesen. Im Zuge des
Gesprächs habe sich der Versicherte immer mehr innerlich verspannt; er habe
zunehmend agitierter gewirkt. Der affektive Rapport sei abweisend, misstrauisch,
defensiv, fast schon fluchtgerichtet gewesen. Die Antriebslage sei schon zu Beginn
recht gespannt gewesen, habe im Lauf der Befragung aber noch zugenommen. Der
Versicherte habe mit einer auffälligen, unnatürlich hohen Stimme gesprochen. Die
psychiatrische Diagnosestellung sei nicht einfach, was sich auch darin zeige, dass die
behandelnden Ärzte im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Diagnosen gestellt
hätten. Bemerkenswert sei sicher, dass sich der Umfang und der Schweregrad der
Symptomatik ausgeweitet hätten, je länger die psychosoziale Belastungssituation mit
ihren sozioökonomischen Implikationen angedauert habe. Das vielgestaltige, volatile
und in keine diagnostische Kategorie passende Störungsbild nähre den Eindruck, dass
„hier ein medizinischer Laie eine Präsentiersymptomatik darbietet, welche seiner naiven
Vorstellung von einer Geisteskrankheit“ entspreche. Die Kontakte zu „echten
Schizophrenen“ während der Klinikaufenthalte dürften „mitunter inspirierend“ gewirkt
haben. Bezeichnend sei auch, dass die Störungsphänomene im Verlauf einen
deutlichen Bezug zur objektiven Lebenssituation aufgewiesen hätten. Das belege die
Psychogenität der Störung und spreche gegen eine endogene Psychose, wie etwa eine
phasisch verlaufende „Major Depression“ oder eine schicksalshaft auftretende
paranoide Schizophrenie. Für letztere fehlten auch jegliche genetischen oder anderen
Risikofaktoren. Das Alter der Erstmanifestation wäre ebenfalls eher zu hoch. Mit einiger
A.f.
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Konstanz seien vom Versicherten Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung,
Verstimmung, diffuse Schmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche und
Vergesslichkeit beklagt worden, was stark an eine allgemeine Befindlichkeitsstörung
erinnere. Gemäss dem ICD-10 sei diese Störung als eine Anpassungsstörung zu
codieren. Die nicht authentische und nicht eindeutig klassifizierbare
Präsentiersymptomatik entspreche am ehesten einer undifferenzierten
Somatisierungsstörung. Angesichts des aktuellen Zustandes wäre man allenfalls
geneigt, das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung zu bejahen. Allerdings sei zu
berücksichtigen, dass der aktuelle Zustand nicht repräsentativ für das gesamte Leben
sei. Das zentrale Merkmal einer Persönlichkeitsstörung sei aber, dass diese
gleichförmig über den gesamten Lebenszyklus – spätestens ab dem Jugendalter –
andauere. Beim Versicherten könnten nur akzentuierte Persönlichkeitszüge mit
paranoiden und dissozialen Anteilen diagnostiziert werden. Angesichts des „nicht
nennenswerten“ Strafregisters sei eine starke Prägung des Lebens durch die
dissozialen Züge zu verneinen. Der Habitualzustand des Versicherten sei
„zweigesichtig“, denn einerseits sei die Beschwerdepräsentation nicht authentisch,
andererseits sei der Versicherte aber effektiv nur eingeschränkt psychisch belastbar.
Der Arbeitsfähigkeitsgrad liege bei 70–80 Prozent; phasenweise sei die Arbeitsfähigkeit
jeweils vorübergehend (nur für wenige Wochen) aufgehoben gewesen. Das gezielte und
ausgiebige Hilfesuchverhalten, das relativ geradlinig in eine De facto-Invalidität geführt
habe, weise auf ein recht zielstrebiges Verhalten des Versicherten hin. Allerdings sei
nicht gesichert, dass er jede Facette seines Beschwerdebildes einfach nur manipulativ
vorgetäuscht habe. Vielmehr habe seine Beschwerdepräsentation bei alltäglichen
Missbefindlichkeiten angeknüpft, wie sie gemäss älteren Untersuchungen wohl über 80
Prozent der Menschen eigen seien. Obwohl der Versicherte in der aktuellen
Untersuchung versuchsweise alles unternommen habe, um den
erkenntnisgewinnenden Prozess zu unterbinden, sei ihm dies mangels
Fachkenntnissen natürlich nicht gelungen. Das gezeigte Verhalten könne nicht durch
eine genuine Psychopathologie erklärt werden. Es handle sich um ein abnormes
Krankheitsverhalten in einem versicherungsrechtlichen Kontext bei einer realiter
bedrängenden Lebenssituation, wo in der Tat vieles auf dem Spiel stehe. Eine
alternative Erklärung für das ungewohnte Verhalten könne nicht angeboten werden.
Das Observationsmaterial dokumentiere den Grad an Fitness und den normalen
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Verhaltensstil des Versicherten, wenn dieser sich nicht veranlasst sehe, irgendwelche
Funktionäre des Medizinal- oder des Rechtssystems in einer bestimmten Weise zu
beeindrucken. Die früheren Beurteilungen durch die behandelnden Ärzte könnten nur
nachvollzogen werden, wenn man davon ausgehe, dass diese die präsentierte
Symptomatik zum absoluten Nennwert genommen und – trotz des
versicherungstechnischen Kontextes – zu keiner Zeit die Hypothese eines nicht-
authentischen Beschwerdebildes aufgestellt hätten. Das entspreche indessen der
professionellen Haltung eines reinen Therapeuten. In Beantwortung der Zusatzfragen
der IV-Stelle hielt Dr. G._ am 5. Juni 2020 ergänzend fest (IV-act. 225), dass für die
angestammte Tätigkeit von einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von maximal 30 Prozent
auszugehen sei. Für eine in jeder Hinsicht ideal leidensadaptierte Tätigkeit sei ein
Arbeitsfähigkeitsgrad von 80 Prozent zu attestieren.
Mit einem Vorbescheid vom 10. Juli 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit
(IV-act. 227), dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens vorsehe. Zur
Begründung führte sie an, sie habe den Invaliditätsgrad anhand eines
Einkommensvergleichs berechnet, bei dem sie den zuletzt erzielten, der
zwischenzeitlichen Nominalentwicklung angepassten Lohn als Valideneinkommen
berücksichtigt habe. Das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen habe sie
ausgehend vom statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne ermittelt. Unter
Berücksichtigung des von Dr. G._ attestierten Arbeitsfähigkeitsgrades von 80
Prozent habe sich ein Betrag ergeben, der 70,5 Prozent des Valideneinkommens
entspreche; der Invaliditätsgrad betrage also 29,5 Prozent. Ein Rentenanspruch
bestehe aber erst bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent. Dagegen liess
der Versicherte am 3. September 2020 einwenden (IV-act. 229), das Gutachten von Dr.
G._ überzeuge nicht. Zudem sei zu berücksichtigen, dass es sich nur auf
strafrechtliche Belange bezogen habe und deshalb keine Antworten auf die für das
Sozialversicherungsverfahren wesentlichen Fragen gebe. Der Versicherte habe dem
Sachverständigen Dr. G._ Ergänzungsfragen gestellt (vgl. IV-act. 226), deren
Beantwortung vor dem Abschluss des IV-Verfahrens zwingend abgewartet werden
müsse. Der Sachverständige Dr. G._ habe eine phasenweise vollständig
aufgehobene Arbeitsfähigkeit attestiert. Für den teilweise schon weit in der
Vergangenheit liegenden Zeitraum müsse auf die fachärztlichen Beurteilungen der
A.g.
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behandelnden Ärzte abgestellt werden. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades sei
ein „Leidensabzug“ von mindestens 15 Prozent zu berücksichtigen. Am 8. September
2020 gingen der IV-Stelle die Antworten von Dr. G._ auf die Ergänzungsfragen des
Versicherten zu (IV-act. 231). Der Sachverständige hatte festgehalten, die
Verweigerungsstrategie des Versicherten bei der Untersuchung sei nicht gesundheitlich
bedingt gewesen. Die Verweigerungshaltung habe von Anfang an bestanden und sei
als ein integraler Bestandteil der Verteidigungsstrategie zu erkennen gewesen. Mit einer
Überlastung habe das nichts zu tun gehabt, zumal der Versicherte keine substantielle
Leistung erbracht habe, obwohl er durchaus in der Lage gewesen wäre, im Rahmen
des schonungsvoll geführten Interviews mitzuwirken. Das gewollte Zurückbleiben
hinter den eigenen Möglichkeiten könne als ein bedeutungsvoller Befund notiert
werden. Am 23. September 2020 liess der Versicherte gegenüber der IV-Stelle geltend
machen, dass Dr. G._ seine Fragen nur ungenügend beantwortet habe, weshalb er
gegenüber der Staatsanwaltschaft auf einer weiteren Ergänzung des Gutachtens
bestanden habe (IV-act. 233). Mit einer Verfügung vom 20. Oktober 2020 wies die
Staatsanwaltschaft das Begehren des Versicherten um eine weitere Ergänzung des
Gutachtens sowie eine Stellungnahme von Dr. G._ zu einem zwischenzeitlich
eingeholten Privatgutachten von Dr. med. I._ mit der Begründung ab, von einer
weiteren Stellungnahme von Dr. G._ sei kein wesentlicher Erkenntnisgewinn zu
erwarten, zumal Dr. I._ seine Schlussfolgerungen nicht überzeugend begründet und
nicht einmal dargelegt habe, welche Tatsachen ihm überhaupt bekannt gewesen seien.
(IV-act. 234). Das Privatgutachten war am 24. September 2019 (recte: 2020) erstellt
worden. Der Psychiater Dr. I._ hatte festgehalten (IV-act. 236), er habe „alle zur
Verfügung gestellten medizinisch-psychiatrischen Befunde, Krankenberichte,
fachärztlichen Atteste und Gutachten“ studiert und den Versicherten am 25. Juni 2020
persönlich untersucht. Aus den Berichten der behandelnden Ärzte gehe im
Längsschnittverlauf eindeutig hervor, dass beim Versicherten seit Anfang des Jahres
2014 ein erheblicher psychischer Leidenszustand vorliege. Die psychopathologische
Störung sei als schwergradig zu qualifizieren. Im Vordergrund habe ein depressives
Syndrom gestanden. Am 13. November 2020 teilte die Staatsanwaltschaft dem
Versicherten mit (IV-act. 239), dass sie vorsehe, eine Anklage gegen den Versicherten
wegen gewerbsmässigen Betruges und Widerhandlung gegen das Waffengesetz zu
erheben; zudem werde sie eine Anklage gegen die Ehefrau des Versicherten wegen
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B.
gewerbsmässigen Betruges, eventualiter wegen Gehilfenschaft zum gewerbsmässigen
Sozialversicherungsbetrug, und wegen Widerhandlung gegen das Waffengesetz
erheben. Die IV-Stelle wies das Rentenbegehren des Versicherten mit einer Verfügung
vom 24. November 2020 ab (IV-act. 240). Bezugnehmend auf das Gutachten von Dr.
I._ hielt sie fest, dieses sei „ausnehmend oberflächlich und schlecht begründet“,
weshalb es keinen Beweiswert habe.
Am 7. Januar 2021 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 24. November 2020 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Zusprache einer Invalidenrente und eventualiter die
Rückweisung der Sache an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur
erneuten Beurteilung. Zusätzlich ersuchte er um die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege. Zur Begründung führte er aus, das Gutachten von Dr. G._ überzeuge
nicht. Zudem äussere es sich nicht zu den massgebenden
sozialversicherungsrechtlichen Fragen, da es im Strafverfahren eingeholt worden sei.
Die Beschwerdegegnerin habe „wesentliche Verfahrensrechte“ des Beschwerdeführers
verletzt, indem sie „nach einigen Jahren des Nichts-Tuns in konspirativer
Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen eine Anzeige
gegen den Beschwerdeführer“ eingereicht und diesem vorgeworfen habe, er simuliere
seine Beschwerden nur und er habe einen Sozialversicherungsbetrug begangen. Das
Gutachten von Dr. I._, bei dem es sich um einen „über die Grenzen hinaus
anerkannten Fachmann auf seinem Gebiet“ handle, habe die verschiedenen Mängel, an
denen das Gutachten von Dr. G._ leide, anschaulich aufgezeigt. Die
Beschwerdegegnerin habe dieses Gutachten aus nicht nachvollziehbaren Gründen
einfach ignoriert.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 9. März 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie an, der Beschwerdeführer habe sich
in keiner Weise mit den Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
auseinandergesetzt. Er habe verkannt, dass der von ihm angeführte Grundsatz der
freien Beweiswürdigung dazu zwinge, das Gutachten von Dr. G._ anhand seiner
innerer Überzeugungskraft zu würdigen, wobei dem Umstand, dass dieses im
B.b.
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Erwägungen
1.
Der Zweck dieses Beschwerdeverfahrens besteht darin, die angefochtene Verfügung
auf deren Rechtmässigkeit zu überprüfen, weshalb der Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens
entsprechen muss. Das Verwaltungsverfahren hat sich (nach dem Abschluss der
beruflichen Eingliederungsmassnahmen am 14. April 2016) auf die Frage beschränkt,
ob der Beschwerdeführer im massgebenden Zeitraum nach der Anmeldung zum
Leistungsbezug im März 2014 respektive – unter Berücksichtigung des Art. 29 Abs. 1
IVG – ab dem 1. September 2014 einen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung gehabt hat. Folglich ist auch in diesem Beschwerdeverfahren
(umfassend) zu prüfen, ob der Beschwerdeführer in der Zeit ab dem 1. September
2014 einen Rentenanspruch gehabt hat.
2.
Strafverfahren eingeholt worden sei, keine Bedeutung zukomme. Die
Abklärungsthemen im Strafverfahren und im IV-Verfahren hätten sich ohnehin
weitgehend gedeckt. Zudem habe die Beschwerdegegnerin dem Sachverständigen Dr.
G._ Ergänzungsfragen gestellt, die dieser beantwortet habe, sodass nun eine
überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung vorliege.
Der Beschwerdeführer liess am 3. Mai 2021 an seinen Anträgen festhalten (act. G
9). Die Beschwerdegegnerin hielt am 7. Juni 2021 ebenfalls an ihrem Antrag fest (act. G
11).
B.c.
Gemäss dem Art. 43 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträger die Begehren zu
prüfen, die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vorzunehmen und die
erforderlichen Auskünfte einzuholen. Diese Untersuchungspflicht muss vollständig
erfüllt sein, bevor die massgebenden Gesetzesbestimmungen auf den konkreten
Einzelfall angewendet werden können, denn bei der Rechtsanwendung wird der
massgebende Sachverhalt unter den gesetzlichen Tatbestand subsumiert, was nur
möglich ist, wenn der gesamte massgebende Sachverhalt mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht. Zum massgebenden
Sachverhalt gehören in einem Verfahren betreffend einen Rentenanspruch gegenüber
der Invalidenversicherung Angaben dazu, welche Tätigkeiten die versicherte Person
2.1.
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aus medizinischer Sicht in welchem Umfang ausüben kann. Die Beschwerdegegnerin
hat grundsätzlich zu Recht darauf hingewiesen, dass die Beantwortung dieser Frage
nicht in jedem Fall die Einholung eines versicherungsexternen Administrativgutachtens
erfordert. An sich ist es deshalb zulässig gewesen, auf das im Strafverfahren eingeholte
psychiatrische Gutachten von Dr. G._ abzustellen. Allerdings leidet jenes Gutachten
an einem gravierenden Mangel: Der Beschwerdeführer hat seine Mitwirkung bei der
Begutachtung fast vollständig verweigert. Der Sachverständige Dr. G._ hat zwar
geltend gemacht, aufgrund seiner Expertise sei es ihm trotzdem möglich gewesen, die
für seine Beurteilung massgebenden Befunde zu erheben, aber aus der Sicht eines
medizinischen Laien ist nicht nachvollziehbar, wie ihm das gelungen sein sollte, wenn
der Beschwerdeführer gar nicht erst bereit gewesen ist, sich an der Untersuchung zu
beteiligen. Augenscheinlich hat sich die Beurteilung von Dr. G._ fast nur auf das von
der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellte Observationsmaterial und auf die
Berichte der behandelnden Ärzte gestützt. In seinem Kern ist das Gutachten von Dr.
G._ also weitgehend eine Aktenwürdigung – mit einer entsprechend geringen
„inneren Überzeugungskraft“ – gewesen. Es kann deshalb nicht mit einem in einem
Sozialversicherungsverfahren eingeholten Administrativgutachten verglichen werden,
bei dem die versicherte Person mitgewirkt hat, was bedeutet, dass es nicht geeignet
ist, den massgebenden medizinischen Sachverhalt mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Damit stellt sich die Frage, ob die
übrigen medizinischen Akten geeignet sind, die erforderlichen Angaben zur
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zu liefern. Bei der Prüfung dieser Frage fällt
auf, dass sich weder in den Berichten der behandelnden Ärzte noch in der
Stellungnahme von Dr. I._ zum Gutachten von Dr. G._ ein Hinweis darauf findet,
dass nebst den medizinischen Vorakten auch das umfangreiche Aktenmaterial aus
dem Strafverfahren zur Kenntnis genommen, geschweige denn gewürdigt worden
wäre. Dieser Mangel wiegt schwer, denn Dr. G._ hat überzeugend aufgezeigt, dass
erst die Zusammenschau der medizinischen Berichte und des Akten- respektive
Observationsmaterials der Staatsanwaltschaft zuverlässige Rückschlüsse bezüglich
der Authentizität der präsentierten Symptomatik respektive des realen
Leistungsniveaus des Beschwerdeführers zulasse. Weder den behandelnden Ärzten
noch Dr. I._ ist bewusst gewesen, wie aktiv der Beschwerdeführer seinen Alltag in all
den Jahren gestaltet hatte. Sie haben fälschlicherweise angenommen, dass dem
Beschwerdeführer lediglich einzelne Fotos entgegen gehalten würden, die ihn bei einer
(seltenen) Freizeitaktivität zeigten, während die systematische und mit grosser Akribie
durchgeführte Observation der Staatsanwaltschaft in Tat und Wahrheit zu Tage
gefördert hat, dass der Beschwerdeführer in den Jahren 2014–2018 durchgehend
sportlich sehr aktiv gewesen ist, zahlreiche Ausflüge unternommen hat, sich
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regelmässig an Anlässen und Festivitäten beteiligt hat, immer wieder ins Ausland
gefahren ist, regelmässig Ferien im Herkunftsland verbracht hat, zumindest einige
typische Haushaltsarbeiten – Einkäufe (mit dem Fahrrad), Pflege und Unterhalt von
Motorwagen und Fahrrädern, Kinderbetreuung – nicht nur zeitweise, sondern
offensichtlich dauerhaft und regelmässig übernommen und ausserdem offenkundig
nicht unter einem Libidoverlust gelitten hat. Im Gegensatz zu Dr. G._ hat Dr. I._
nicht sämtliche Akten gewürdigt; er hat auch keinen objektiven klinischen Befund
erhoben. Zudem hat er sich nicht mit der zentralen Frage der Authentizität des
Verhaltens des Beschwerdeführers gegenüber Ärzten und Behörden befasst, sondern
sich im Grunde lediglich auf die Behauptung beschränkt, die Beurteilung der
behandelnden Ärzte sei über jeden Zweifel erhaben, weil jene Ärzte über eine
Facharztausbildung verfügt und sich jahrelang mit dem Beschwerdeführer beschäftigt
hätten. Dieses Argument überzeugt aber nicht, denn wie Dr. G._ überzeugend
aufgezeigt hat, haben die behandelnden Ärzte keine Kenntnis von den
Freizeitaktivitäten des Beschwerdeführers gehabt. Im Übrigen ist es nicht ihr Auftrag
gewesen, nach Inkonsistenzen zu forschen; der therapeutische Behandlungsauftrag
hat aus den von Dr. G._ sorgfältig dargelegten Gründen eine gewisse Gefahr einer
Täuschbarkeit geradezu impliziert. Mit dieser Problematik hat sich Dr. I._ nicht
auseinandergesetzt. Zusammenfassend vermögen also auch die Stellungnahme von
Dr. I._ und die Berichte der behandelnden Ärzte nicht zu überzeugen. Damit erweist
sich der medizinische Sachverhalt als nicht ausreichend abgeklärt.
Das Bundesgericht hat in seinem Leitentscheid BGE 137 V 210 festgehalten (E.
4.4.1.4, S. 264 f.), dass eine Rückweisung einer Sache zur weiteren medizinischen
Abklärung an die Verwaltung nur zulässig sei, wenn diese der „Erhebung einer bisher
vollständig ungeklärten Frage“ oder aber einer „Präzisierung oder Ergänzung“ von
„gutachtlichen Ausführungen“ diene. Nicht zulässig sei die Rückweisung dagegen,
wenn eine Administrativexpertise „in einem rechtserheblichen Punkt nicht
beweiskräftig“ sei. Hier liegt nicht der typische Fall vor, den das Bundesgericht vor
Augen gehabt hat, dass nämlich ein von der Beschwerdegegnerin eingeholtes
Administrativgutachten als nicht überzeugend zu qualifizieren und deshalb ein
Obergutachten einzuholen wäre. Die Beschwerdegegnerin hat nämlich kein
Administrativgutachten in Auftrag gegeben, sondern sich lediglich auf das im
Strafverfahren eingeholte Gutachten gestützt. Im Strafverfahren ist der
Beschwerdeführer allerdings – anders als im Sozialversicherungsverfahren – nicht zur
Mitwirkung bei der Sachverhaltsermittlung verpflichtet gewesen, was bedeutet, dass
seine Verweigerungshaltung bei der Begutachtung durch Dr. G._ legitim gewesen ist.
Die Strafverfolgungsbehörde hat gar keine andere Wahl gehabt, als trotz der
2.2.
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3.
Mitwirkungsverweigerung des Beschwerdeführers bei der Begutachtung auf das
Gutachten abzustellen, soweit dieses überhaupt zuverlässige Angaben zum
massgebenden Sachverhalt enthalten hat. Das kann in Bezug auf die
Beschwerdegegnerin nicht gesagt werden, denn diese hätte sich nicht auf das „Nicht-
Gutachten“ respektive die blosse Aktenwürdigung von Dr. G._ stützen dürfen.
Vielmehr hätte sie ein eigenes Administrativgutachten in Auftrag geben und den
Beschwerdeführer zur Erfüllung seiner Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung anhalten müssen. Indem sie das nicht getan hat, hat sie es
versäumt, ihre Untersuchungspflicht zu erfüllen. Die Situation stellt sich also gleich dar
wie in einem Fall, in dem eine IV-Stelle bezüglich einer relevanten Frage noch
überhaupt keine eigenen Abklärungen getätigt hat. Das rechtfertigt nach der
bundesgerichtlichen Auffassung eine Rückweisung zur weiteren Sachverhaltsabklärung
an die Beschwerdegegnerin.
Hinzu kommt, dass nach dem bisherigen Verhalten des Beschwerdeführers bei
einer weiteren Begutachtung erneut mit einer Verweigerung der Mitwirkung des
Beschwerdeführers gerechnet werden muss. Der Beschwerdeführer muss folglich mit
einem geeigneten Druckmittel dazu angehalten werden, seine Mitwirkungspflicht bei
der Sachverhaltsabklärung uneingeschränkt zu erfüllen. Ein solches Druckmittel steht
für das Verwaltungsverfahren zur Verfügung: Laut dem Art. 43 Abs. 3 ATSG kann der
Versicherungsträger nämlich seine Erhebungen einstellen, wenn die versicherte Person
ihre Mitwirkungspflicht verletzt hat. Für das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen
Versicherungsgericht existiert keine entsprechende Bestimmung, was bedeutet, dass
das Versicherungsgericht mangels einer gesetzlichen Grundlage im VRP oder im ATSG
nicht auf eine Verweigerung des Beschwerdeführers bei einer weiteren Begutachtung
reagieren könnte. Es müsste immer wieder neue Begutachtungen anordnen und hoffen,
dass der Beschwerdeführer irgendwann einmal doch noch bei einer dieser
Begutachtungen mitwirken werde. Ein solches Vorgehen liesse sich offensichtlich
weder mit dem Beschleunigungsgebot noch mit der Verfahrensökonomie vereinbaren.
Auch vor diesem Hintergrund drängt sich eine Rückweisung ins Verwaltungsverfahren
auf. Die Beschwerdegegnerin wird den Beschwerdeführer (der aktuellsten
bundesgerichtlichen Auffassung folgend; vgl. das Urteil des Bundesgerichtes
9C_383/2021 vom 23. November 2021, E. 4.2) bereits vorgängig zur Erfüllung seiner
Mitwirkungspflicht bei der von ihr in Auftrag zu gebenden psychiatrischen Exploration
mahnen und ihm androhen, dass sie sein Rentenbegehren nicht weiter behandeln
werde, wenn er dem psychiatrischen Sachverständigen nicht alle erforderlichen
Auskünfte erteile oder wenn er sich bei der Untersuchung nicht authentisch verhalte.
2.3.
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Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Sachverhaltsermittlung gilt hinsichtlich der
Kosten- und Entschädigungsfolgen rechtsprechungsgemäss als ein Obsiegen der
beschwerdeführenden Partei. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes praxisgemäss auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten
sind deshalb der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin hat dem
Beschwerdeführer eine Parteientschädigung auszurichten. Der erforderliche
Vertretungsaufwand ist als insgesamt deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren.
Die Akten sind zwar sehr umfangreich gewesen, aber die weit überwiegende Mehrheit
der Dokumente – einschliesslich des Gutachtens von Dr. G._ – stammt aus dem
Strafverfahren, in dem der Beschwerdeführer vom selben Rechtsvertreter vertreten
wird. Der Rechtsvertreter hat sich bereits im Strafverfahren eingehend mit dem
Gutachten von Dr. G._ auseinandergesetzt. Für dieses Beschwerdeverfahren ist
deshalb nur noch ein minimaler Aufwand für das Aktenstudium angefallen. Die
Parteientschädigung ist deshalb auf 2’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzusetzen.