Decision ID: 9425b71e-eb70-5c1a-b97c-43d8636a37d3
Year: 2014
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin beabsichtigt, auf der Parzelle Utzenstorf Grundbuchblatt
Nr. F._ drei Mehrfamilienhäuser (Haus Nrn. 4, 6 und 8) und eine Einstellhalle zu
erstellen und reichte dafür am 8. Dezember 2011 bei der Gemeinde Utzenstorf ein
Baugesuch ein. Die Parzelle liegt in der Wohnzone W2 und im Gewässerschutzbereich Au.
Am 10. April 2012 bewilligte das Regierungsstatthalteramt Emmental das Bauvorhaben.
Die BVE hiess die dagegen erhobenen Beschwerden mit Entscheid vom 28. August 2012
gut und wies die Sache zur Fortsetzung des Verfahrens an die Vorinstanz zurück. Die BVE
erwog, das Bauvorhaben sei bezüglich Grundwasser, Erschliessung, Verkehrssicherheit
und Ästhetik unzureichend abgeklärt worden und es fehlten die allenfalls erforderlichen
gewässerschutzrechtlichen Bewilligungen sowie die Bewilligung für die
Strassenanschlüsse.
2. Nach der Wiederaufnahme des Verfahrens durch das Regierungsstatthalteramt
reichte die Beschwerdegegnerin im November 2012 das Formular BiG (Bauten im
Grundwasser und Grundwasserabsenkungen) sowie eine hydrogeologische Beurteilung
ein und beantragte eine Ausnahmebewilligung für Bauten unter dem mittleren
Grundwasserspiegel. Das Regierungsstatthalteramt holte in der Folge einen Amtsbericht
des Amts für Wasser und Abfall (AWA) zur Frage der temporären Grundwasserabsenkung
und des Bauens im Grundwasserbereich sowie einen Fachbericht der Kantonalen
Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder OLK ein. Im Januar 2013 reichte
die Beschwerdegegnerin eine Projektänderung sowie ein Konzessionsgesuch für den
Betrieb einer Wärmepumpe ein und stellte ein Ausnahmegesuch nach Art. 80 Abs. 1 SG1
zur Unterschreitung des Strassenabstandes. Die Projektänderung wurde am 31. Januar
2013 und am 7. Februar 2013 publiziert. Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden
Einsprache und machten Rechtsverwahrung. Am 14. und 21. März erfolgte eine
Nachpublikation für die temporäre Grundwasserabsenkung und die Versickerung des
1 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
3
Regenabwassers. Die Beschwerdeführenden reichten wiederum Einsprachen ein und
machten Rechtsverwahrungen geltend.
Im Mai 2013 reichte die Beschwerdegegnerin beim Regierungsstatthalteramt eine weitere
Projektänderung ein (Pläne vom 2. Mai 2013). Das Regierungsstatthalteramt holte Berichte
des AWA, des Strasseninspektorates Burgdorf (Oberingenieurkreis IV, Tiefbauamt des
Kantons Bern, TBA OIK IV) und der Gemeinde ein und gab den Verfahrensbeteiligten
Gelegenheit zu Schlussbemerkungen. Mit Gesamtentscheid vom 12. September 2013
erteilte es die Baubewilligung.
3. Dagegen reichten die Beschwerdeführer 1 und 2 am 10. Oktober 2013 und die
Beschwerdeführenden 3 bis 38 am 11. Oktober 2013 Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs-
und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2 beantragen die Aufhebung des Gesamtentscheides
vom 12. September 2013 und die Erteilung des Bauabschlags. Sie machen geltend, die
Vorinstanz habe ihnen eine Frist zur Einreichung von Schlussbemerkungen angesetzt bis
19. Juli 2013. Die Beschwerdegegnerin dagegen habe ihre Schlussbemerkungen erst am
22. August 2013 einreichen müssen. Die Bauherrschaft werde mit diesem Vorgehen
bevorzugt. Weiter bestünden Unklarheiten hinsichtlich der Bauteile unterhalb des mittleren
Grundwasserspiegels; es sei unklar, was gelte, da die Amtsberichte des AWA
unterschiedliche Angaben enthielten und eine Projektänderung vorgenommen worden sei.
Zudem habe die Vorinstanz nicht geprüft, ob die G._strasse für eine genügende
Erschliessung ausreiche und es sei fraglich, ob die Ausnahme für die Unterschreitung des
Strassenabstandes zu Recht erteilt worden sei. Schliesslich reiche die geringe Reduktion
der Balkontiefen nicht aus um die gestalterischen Anforderungen der OLK zu erfüllen.
Die Beschwerdeführenden 3 bis 38 beantragen, der angefochtene Entscheid sei
aufzuheben und dem Bauvorhaben sei der Bauabschlag zu erteilen, eventuell sei die
Sache an die Vorinstanz zurück zu weisen. Eventualiter sei die Baubewilligung mit der
Auflage zu ergänzen, den Eigentümern der zwei Zweieinhalbzimmer-Wohnungen sei ein
Ausbau auf mehr als zweieinhalb Zimmer untersagt. Die Beschwerdeführenden 3 bis 38
machen insbesondere geltend, die Vorinstanz habe ihr rechtliches Gehör verletzt, da ihnen
die Stellungnahmen und Schlussbemerkungen der Beschwerdegegnerin sowie ein Teil der
4
relevanten Unterlagen nicht zugestellt worden und die aufgelegten Akten unvollständig
gewesen seien. Zudem seien ihre Rechtsverwahrungen nicht korrekt vorgemerkt worden.
Weiter rügen sie, der Bericht der OLK sei nicht schlüssig; die geplanten Bauten seien
Fremdkörper im bestehenden Einfamilienhausquartier. Es sei zudem zu Unrecht ein
zweiter Strassenanschluss gegen die G._ strasse sowie eine
Ausnahmebewilligung für das Erstellen der Zufahrt innerhalb des Strassenabstandes erteilt
und die Verkehrssicherheit sei ungenügend abgeklärt worden. Weiter machen die
Beschwerdeführenden geltend, die geplanten Versickerungsmulden hielten den
Strassenabstand nicht ein, die zulässige Gebäudehöhe sei überschritten, die
Mindestflächen und Anforderungen für Kinderspielplätze und Aufenthaltsbereiche seien
nach wie vor nicht erfüllt und die Grundwassersituation sei nicht genügend abgeklärt
worden.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, vereinigte die
Beschwerdeverfahren, führte den Schriftenwechsel durch und edierte die Vorakten.
Die Beschwerdegegnerin reichte mit ihrer Beschwerdeantwort eine weitere
Projektänderung ein, welche die Verlegung der Versickerungsmulden und die
Vergrösserung des Kinderspielplatzes umfasst, und beantragte im Übrigen die Abweisung
der Beschwerden. Das Rechtsamt gab den Verfahrensbeteiligten Gelegenheit zur
Stellungnahme zur Projektänderung und holte einen Bericht des AWA ein.
Nachdem das AWA in seinem Bericht vom 16. Januar 2014 festhielt, die
Versickerungsanlagen gemäss Projektänderung seien aus Sicht des Gewässerschutzes
nicht genehmigungsfähig, reichte die Beschwerdegegnerin am 13. März 2014 eine
Projektänderung betreffend Regenwasserversickerung ein (revidierte Pläne vom 10. März
2014, gestempelt von der BVE am 14. März 2014). Das Rechtsamt holte dazu erneut einen
Bericht des AWA ein und gab anschliessend den Verfahrensbeteiligten Gelegenheit zur
Stellungnahme zur Projektänderung und zu Schlussbemerkungen. Das AWA führt in
seinem Bericht vom 21. März 2014 aus, der neusten Projektänderung könne aus Sicht des
Grundwasserschutzes zugestimmt werden.
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
5
5. Auf die Rechtsschriften und den Bericht des AWA wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG3. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG4 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung mit
Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden haben sich als Einsprecher im
Baubewilligungsverfahren beteiligt und sind durch den vorinstanzlichen Entscheid
beschwert. Die meisten von ihnen sind Eigentümer und Eigentümerinnen oder Bewohner
und Bewohnerinnen von Nachbarparzellen und daher zur Beschwerdeführung legitimiert.
Daher kann darauf verzichtet werden, die Legitimation jedes einzelnen Beschwerdeführers
und jeder einzelnen Beschwerdeführerin eingehend zu überprüfen. Im Falle eines
Weiterzugs ans Verwaltungsgericht ist sie von den Beschwerdeführenden jedoch
nachzuweisen. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Projektänderung
a) Die Beschwerdegegnerin hat im Beschwerdeverfahren im November 2013 sowie im
März 2014 Projektänderungen eingereicht. Die Projektänderungen umfassen eine
3 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 4 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
6
Vergrösserung der Spielfläche sowie die Verschiebung und Neugestaltung der
Versickerungsanlagen.
b) Laut Art. 43 BewD5 kann der Baugesuchsteller während der Hängigkeit eines
Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der BVE
eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues Baubewilligungsverfahren eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn das Bauvorhaben in seinen
Grundzügen gleich bleibt. Die Baubewilligungsbehörde kann nach Anhörung der
Beteiligten und den von der Projektänderung berührten Dritten das Verfahren ohne erneute
Veröffentlichung fortsetzen bzw. die Änderungen des bewilligten Projekts ohne neues
Baugesuchsverfahren gestatten, wenn öffentliche oder wesentliche nachbarliche
Interessen nicht zusätzlich betroffen sind. Diese Grundsätze gelten auch im
Beschwerdeverfahren. Die Beschwerdeinstanz ist befugt, die Sache zur Weiterbehandlung
an die Vorinstanz zurückzuweisen (Art. 43 Abs. 3 BewD), kann aber auch selbst über die
Projektänderung entscheiden.
c) Das umstrittene Bauvorhaben bleibt auch nach den geplanten Änderungen in den
Grundzügen gleich. Die Anpassungen können deshalb als Projektänderung behandelt
werden. Die Projektänderung berührt keine öffentlichen oder wesentlichen nachbarlichen
Interessen zusätzlich: Die Verschiebung der Versickerungsanlage auf die Südseite der
Bauparzelle betrifft keine Dritten, sondern nur Nachbarparzellen (Parzellen Nrn.
H._ und I._ bis J._), deren Eigentümer als Beschwerdeführende
am Verfahren beteiligt sind. Auf eine Publikation oder eine Anhörung Dritter kann daher
verzichtet werden. Die Verfahrensbeteiligten wurden angehört und zusätzliche Berichte des
AWA eingeholt. Damit sind die Anforderungen von Art. 43 Abs. 3 BewD eingehalten. Eine
Rückweisung an die Vorinstanz ist aus prozessökonomischen Gründen nicht sinnvoll.
d) Das Projektänderungsgesuch ersetzt das ursprüngliche Baugesuch.6 Gegenstand
des Verfahrens ist somit nur das geänderte Projekt gemäss der Projektänderung vom März
2014. Es bleibt zu prüfen, ob die Projektänderung bewilligt werden kann.
3. Rechtliches Gehör
5 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 6 BVR 1989, S. 400 ff., BVR 2012 S. 463 ff. E. 2.2
7
a) Die Beschwerdeführenden rügen, es seien ihr rechtliches Gehör sowie die
Anforderungen an ein faires Verfahrens und an die Gleichbehandlung der Parteien verletzt
worden. Nach der Rückweisung der Sache an das Regierungsstatthalteramt seien sie bis
zur Publikation der Projektänderung nicht mehr in das Verfahren einbezogen worden,
obwohl das Regierungsstatthalteramt in dieser Zeit diverse Berichte eingeholt habe. Diese
Amtsberichte und die Stellungnahmen der Bauherrschaft seien ihnen zudem nicht
zugestellt worden. Sie hätten auch nur unzureichend Zugang zu den relevanten Akten
erhalten, da die Auflageakten unvollständig gewesen seien. So seien das Formular BiG mit
Beilagen und die im Amtsbericht des AWA vom 24. Mai 2013 erwähnte und offenbar
entscheidrelevante hydrogeologische Beurteilung der Werner + Partner AG vom 18. April
2013 nicht bei den Auflageakten gewesen. Obwohl sie dies in ihren Schlussbemerkungen
gerügt hätten, sei die Vorinstanz weder anschliessend an ihre Eingabe noch im
Gesamtbauentscheid darauf eingegangen. Weiter rügen die Beschwerdeführenden eine
Ungleichbehandlung bei den Schlussbemerkungen: Der Beschwerdegegnerin sei eine
Fristverlängerung für die Einreichung von Schlussbemerkungen eingeräumt und es seien
ihr die Schlussbemerkungen der Einsprecher zugestellt worden, ohne dass die Einsprecher
darüber informiert worden seien. Zudem hätten sie die Schlussbemerkungen der
Beschwerdegegnerin erst mit dem Entscheid erhalten.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst insbesondere auch das Recht der
Parteien, von jedem eingereichten Aktenstück bzw. jeder Stellungnahme von Parteien und
Behörden Kenntnis zu nehmen und sich dazu äussern zu können.7 Dies bedeutet, dass
den Beteiligten jede eingereichte Stellungnahme und die Amts- und Fachberichte zur
Kenntnis zu bringen sind.8 Nach der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung gilt dies
unabhängig davon, ob die Stellungnahmen neue Tatsachen oder Argumente enthalten und
ob sie das Gericht tatsächlich zu beeinflussen vermögen.9 Das Bundesgericht hat zwar
offen gelassen, ob Art. 29 Abs. 2 BV10 auch im Verwaltungsverfahren ein Replikrecht
einräumt.11 Die Art. 21 ff. VRPG unterscheiden aber bezüglich des Anspruchs auf
rechtliches Gehör und insbesondere des Rechts, zum Ergebnis des Beweisverfahrens
7 BGE 137 I 195 E. 2.3.1 mit Hinweisen; BGer 5P.385/2005 E. 2.1 f. vom 17. Januar 2006 8 BGer 5A_151/2007 E. 3.2 vom 22. Januar 2008 9 BGE 133 I 98 E. 4.3 ff. 10 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 11 BGE 133 I 98 E. 2.1
8
Stellung zu nehmen, nicht zwischen Verwaltungs- und Verwaltungsjustizverfahren. Die
bundesgerichtlichen Vorgaben gelten daher auch im Verwaltungsverfahren vor kantonalen
und kommunalen Behörden. Demnach sind den Parteien im Baubewilligungsverfahren die
Amts- und Fachberichte sowie die Stellungnahmen der Gegenpartei zuzustellen, so dass
diese Gelegenheit haben, sich dazu zu äussern, sofern sie dies als erforderlich erachten.12
c) Die Vorinstanz hat den Beschwerdeführenden die eingeholten Amts- und
Fachberichte sowie die am 23. April 2013 und 16. Mai 2013 von der Bauherrschaft
eingereichte Projektänderung und die am 15. Mai 2013 eingereichten neuen Unterlagen zu
Kanalisation und Versickerung nicht zugestellt. Sie hat sie allerdings mit Schreiben vom 14.
Juni 2013 über die geänderten Pläne und die Einholung von Amts- und Fachberichten
informiert und ihnen Gelegenheit gegeben, diese Unterlagen während 30 Tagen bei der
Bauverwaltung der Gemeinde einzusehen und dazu im Rahmen von Schlussbemerkungen
Stellung zu nehmen. Gleichzeitig hat sie in einer als „Chronik des
Baubewilligungsverfahrens“ bezeichneten und den Beschwerdeführenden zugestellten
Beilage festgehalten, welche Berichte, Stellungnahmen und weitere Unterlagen eingereicht
wurden. Die Beschwerdeführenden hatten daher ausreichend Kenntnis von den
eingereichten Stellungnahmen und Berichten und konnten sich durch Akteneinsicht über
deren Inhalt informieren. Das Regierungsstatthalteramt hat mit dem geschilderten
Vorgehen dem Recht der Einsprecher auf rechtliches Gehör grundsätzlich genügend
Rechnung getragen.
Allerdings sind in der „Chronik des Baubewilligungsverfahrens“ die im 2. Amtsbericht des
AWA vom 24. Mai 201313 erwähnten Unterlagen vom 18. April 2013 (Hydrogeologische
Beurteilung, Wasserhaltungskonzept, Überwachungskonzept und Formular BiG)14 nicht
enthalten. Soweit ersichtlich, waren diese Unterlagen während der Dauer der Frist zu
Einreichung von Schlussbemerkungen auch nicht in den einzusehenden Akten enthalten.
Den Beschwerdeführenden 1 und 2 stellte das Regierungsstatthalteramt die genannten
Unterlagen auf Anfrage hin per E-Mail vom 28. Juni 2013 zu.15 Die Beschwerdeführenden 3
bis 38 dagegen erhielten diese Unterlagen nicht, obwohl sie deren Fehlen in ihren
12 BVR 2009 S. 328 ff. E. 2.4; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, Band I, 4. Aufl., Bern 2013, Art. 38-39 N. 9b; Urs Eymann, Das rechtliche Gehör im erstinstanzlichen Baubewilligungsverfahren, KPG-Bulletin 2006 S. 47 ff. 13 Vorakten, p. 194 ff. 14 Vorakten, p. 177 ff. 15 Beschwerdebeilage 8
9
Schlussbemerkungen rügten.16 Die Vorinstanz hat durch die Nichtzustellung der genannten
Dokumente das rechtliche Gehör der Beschwerdeführenden 3 bis 38 verletzt.
d) Die Vorinstanz hat die Verfahrensrechte der Beschwerdeführenden auch insoweit
verletzt, als dass sie einseitig nur der Bauherrschaft die Frist zur Einreichung von
Schlussbemerkungen verlängerte und ihr gleichzeitig die Schlussbemerkungen der
Gegenseite zustellte.17 Die Einsprecher dagegen erhielten die Schlussbemerkungen der
Bauherrschaft erst zusammen mit dem angefochtenen Entscheid, so dass sie dazu nicht
mehr Stellung nehmen konnten.18 Ein solches Vorgehen verstösst gegen den Anspruch der
Einsprecher auf rechtliches Gehör und die darin verkörperten Mitwirkungsrechte (Art. 29
Abs. 2 BV) sowie den Anspruch auf Gleichbehandlung und „Waffengleichheit“ im Verfahren
(Art. 29 Abs. 1 BV).
Keine Auswirkungen hatte dagegen der Umstand, dass die Einsprecher nach der
Rückweisung der Sache an das Regierungsstatthalteramt nicht sofort ins Verfahren
einbezogen wurden. Sie haben durch die Publikation im Anzeiger vom 31. Januar und 7.
Februar 2013 Kenntnis von der Projektänderung erhalten und hatten Gelegenheit, während
der Einsprachefrist die eingereichten Unterlagen einzusehen.
e) Der Anspruch der Parteien auf rechtliches Gehör ist eine grundlegende
Verfahrensgarantie, die als verfassungsmässiges Recht19 auch im
Baubewilligungsverfahren gilt (vgl. Art. 1 Abs. 2 BewD i.V.m. Art. 21 ff. VRPG20).21 Das
Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Seine Verletzung führt grundsätzlich zur
Aufhebung des angefochtenen Entscheides, ungeachtet der Erfolgsaussichten in der
Sache selbst. Nach der Praxis des Bundesgerichts kann allerdings eine Gehörsverletzung
im Rechtsmittelverfahren „geheilt“ werden, sofern die obere Instanz dieselbe
Überprüfungsbefugnis hat wie die verfügende Behörde, den Beschwerdeführenden daraus
kein Nachteil erwächst und es sich nicht um eine besonders schwere Verletzung der
16 Vorakten, p. 222 17 Vorakten, p. 220 und p. 240 18 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 38-39 N. 9b 19 Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 26 Abs. 2 der Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1) 20 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 21 Vgl. Urs Eymann, a.a.O., S. 47 ff.
10
Parteirechte handelt.22 Auch bei einer schwer wiegenden Verletzung des rechtlichen
Gehörs kann von einer Rückweisung der Sache an die Vorinstanz abgesehen werden,
wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu
unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten)
Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu
vereinbaren wäre.23
f) Die Gehörsverletzung wurde im Verfahren vor der BVE, der gemäss Art. 40 Abs. 3
BauG als Beschwerdeinstanz die volle Überprüfungsbefugnis zukommt, geheilt. Das
Rechtsamt hat nämlich den Beschwerdeführenden 3 bis 38 mit Verfügung vom 7. Januar
2014 Kopien des Schreibens der Werner + Partner AG und des Formulars BiG samt
Beilagen zugestellt. Die Beschwerdeführenden konnten zudem während der
Beschwerdefrist und im Verfahren vor der BVE in die Akten Einsicht nehmen und hatten
bereits während der Rechtsmittelfrist Gelegenheit, Kenntnis von den Schlussbemerkungen
der Bauherrschaft zu nehmen. Es ist daher nicht ersichtlich, dass ihnen durch die Heilung
der Gehörsverletzung ein Nachteil erwachsen würde. Sie haben ihre Rechte im
Beschwerdeverfahren vollumfänglich wahrnehmen können und ihnen ist durch den
Verfahrensmangel kein materieller Nachteil entstanden. Eine Rückweisung wäre
unverhältnismässig und überspitzt formalistisch, da sie nicht erforderlich ist, um die
Gehörsverletzung zu beheben. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Verletzung des
rechtlichen Gehörs einen Einfluss auf den Ausgang des erstinstanzlichen Verfahrens hatte,
weshalb eine Aufhebung des Entscheids mit Rückweisung an die Vorinstanz zu einer
unnötigen Verfahrensverlängerung führen würde. Die Gehörsverletzung ist allerdings bei
der Kostenverlegung zu berücksichtigen
4. Bauten im Grundwasser und temporäre Grundwasserabsenkung
a) Die Beschwerdeführenden rügen, die Vorinstanz habe nicht ausreichend abgeklärt,
wie sich das Bauvorhaben, das sich im Gewässerschutzbereich Au befindet, auf das
Grundwasser auswirke.
22 BGE 129 I 129 E. 2.2.3, 126 I 68 E. 2; Merkli/Aeschlimann/Herzog Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 21 N. 16 23 BGE 132 V 387 E. 5.1
11
b) Die Kantone teilen ihr Gebiet nach der Gefährdung der ober- und der unterirdischen
Gewässer in Gewässerschutzbereiche ein. In den besonders gefährdeten Bereichen
bedürfen die Erstellung und die Änderung von Bauten und Anlagen sowie Grabungen,
Erdbewegungen und ähnliche Arbeiten einer kantonalen Gewässerschutzbewilligung,
wenn sie die Gewässer gefährden können (Art. 19 GschG24 und Art. 11 KGSchG25). Das
Bauvorhaben liegt im Gewässerschutzbereich Au, der zum Schutz nutzbarer unterirdischer
Gewässer erlassen wird, und der zu den besonders gefährdeten Bereichen gehört (Art. 29
Abs. 1 Bst. a GSchV26). Im Gewässerschutzbereich Au dürfen keine Anlagen erstellt
werden, die unter dem mittleren Grundwasserspiegel liegen. Das Amt für Wasser und
Abfall (AWA) kann aber Ausnahmen bewilligen, soweit die Durchflusskapazität des
Grundwassers gegenüber dem unbeeinflussten Zustand um höchstens 10 Prozent
vermindert wird (Anhang 4 Ziffer 211 Abs. 2 GschV i.V.m. Art. 26 Abs. 2 Bst. g und Art. 27
KGV27). Auch für das Freilegen des Grundwassers, Grundwasserabsenkungen sowie das
Ab- und Umleiten von Gewässern ist eine kantonale Gewässerschutzbewilligung
erforderlich (Art. 26 Abs. 2 Bst. d KGV).
c) Die Bodenplatte des Untergeschosses des Bauvorhabens wird teilweise unter dem
mittleren Grundwasserspiegel erstellt, was während der Bauphase eine temporäre
Grundwasserabsenkung notwendig macht. Das Bauvorhaben erfordert daher einerseits
eine Gewässerschutzbewilligung für die temporäre Grundwasserabsenkung und
andererseits eine Ausnahmebewilligung für eine Baute unter dem mittleren
Grundwasserspiegel. Die Beschwerdegegnerin hat die erforderlichen Gesuche gestellt und
hydrogeologische Beurteilungen sowie Wasserhaltungs- und Überwachungskonzepte des
Ingenieurbüros Werner + Partner AG eingereicht.28 Das Regierungsstatthalteramt hat dazu
Amtsberichte des AWA29 eingeholt und gestützt auf die positive Beurteilung des AWA die
Gewässerschutzbewilligung erteilt. Die Vorinstanz hat somit die erforderlichen Abklärungen
zum Grundwasser bzw. Gewässerschutz vorgenommen, indem sie die Gesuchsunterlagen
durch die zuständige kantonale Stelle überprüfen liess.
24 Bundesgesetz vom 24. Januar 1991 über den Schutz der Gewässer (Gewässerschutzgesetz, GSchG; SR 814.20) 25 Kantonales Gewässerschutzgesetz vom 11. November 1996 (KGSchG; BSG 821.0) 26 Gewässerschutzverordnung vom 28. Oktober 1998 (GSchV; SR 814.201) 27 Kantonale Gewässerschutzverordnung vom 24. März 1999 (KGV; BSG 821.1) 28 Vorakten, p. 10 - 17 und p. 177 - 185 29 Vorakten p. 18 - 21 und 173 - 176 sowie p. 194 - 204
12
d) Die Beschwerdeführenden stellen nun aber die Beurteilungen der Werner + Partner
AG und des AWA bzw. die Richtigkeit der verwendeten Daten in Frage. So bemängeln die
Beschwerdeführenden 1 und 2, die hydrogeologischen Beurteilungen und die Amtsberichte
des AWA enthielten unterschiedliche Angaben dazu, um wie viel die Bodenplatte des
Untergeschosses unterhalb des mittleren Grundwasserspiegels liege. Es sei unklar, was
nun gelte und ob die Beurteilung richtig sei. Die Beschwerdeführenden 3 bis 38 bringen
zusätzlich vor, es sei zweifelhaft, ob die in den hydrogeologischen Beurteilungen
genannten Isohypsen richtig seien. Sie stünden im Widerspruch zu den Isohypsen der
Grundwasserkarte des Kantons Bern. Zudem seien die von der Werner + Partner AG
verwendeten Daten intransparent und nicht überprüfbar, da Messstellen, Messungen und
Messdaten nicht genannt seien. Die Beschwerdeführenden beantragen, ihnen seien alle
Messdaten und Berechnungen vollständig zur Verfügung zu stellen. Weiter stellen sie
teilweise die Angaben der Werner + Partner AG in Frage: Es treffe nicht zu, dass der
angegebene Hochwasserstand von 473.2 m ü. M. beim Standort RP2 nur etwa alle 20
Jahre erreicht werde. Eigene Messungen im Dezember 2012 hätten an diesem Punkt
einen Grundwasserstand von 472.72 m ü. M. ergeben. Die Messstationen in der
Umgebung zeigten, dass es durchschnittlich alle drei bis fünf Jahre Höchststände gebe. Im
Übrigen sei es nicht nachvollziehbar, weshalb Messdaten der Grundwasserstände von
verschiedenen Messstellen korreliert würden, obwohl es auf dem Baugrundstück seit
September 2012 drei Piezometer gebe, bei denen konkrete Messungen vorgenommen
werden könnten. Es seien deshalb entsprechende Messungen auf der Bauparzelle selbst
vorzunehmen.
e) Die von den Beschwerdeführenden genannten Differenzen in den Berichten des
AWA und der Werner + Partner AG beruhen auf folgenden Umständen: Die
Beschwerdegegnerin reicht nach der Wiederaufnahme des Verfahrens durch das
Regierungsstatthalteramt im November 2012 das Gesuchsformular BiG für Bauten im
Grundwasser und Grundwasserabsenkungen sowie eine hydrogeologische Beurteilung der
Werner + Partner AG ein. Gemäss der damaligen hydrogeologischen Beurteilung sollte die
Bodenplatte des Untergeschosses beim Haus Nr. 8 etwa 0.3 m unter dem mittleren
Grundwasserspiegel erstellt werden, jene der Häuser 4 und 6 praktisch auf dessen Höhe.
Später liess die Beschwerdegegnerin das Bauareal neu vermessen und es ergab sich eine
Differenz von minus 0.1 m gegenüber einer früheren Messung. Die Beschwerdegegnerin
korrigierte daraufhin die Höhenkoten in den Bauplänen und reichte im Mai 2013 eine
Projektänderung ein, gemäss der das Bauvorhaben 0.1 m tiefer liegt. Aus diesem Grund
13
reichte die Beschwerdegegnerin der Vorinstanz im Mai 2013 auch eine neue
hydrogeologische Beurteilung der Werner + Partner AG ein. Diese hält fest, dass die
Bodenplatte des Untergeschosses beim Haus Nr. 8 im Bereich der Südfassade etwa 0.4
m, bei den Häuser 4 und 6 im Bereich der Südfassade 0.25 m und bei der Nordfassade
des Hauses Nr. 6 etwa 0.1 m unter dem mittleren Grundwasserspiegel liege. Die
unterschiedlichen Angaben in den hydrogeologischen Beurteilungen, wie tief die Bauteile
unter dem mittleren Grundwasserspiegel liegen, sind daher auf die Projektänderung vom
Mai 2013 zurück zu führen. Massgebend ist nur die zweite hydrogeologische Beurteilung
vom Mai 2013.
Was die Beurteilungen des AWA betrifft, hielt dieses in seinem ersten Amtsbericht fest, die
Einbauten lägen 0.3 bis 0.5 m unter dem mittleren Grundwasserspiegel. Im zweiten
Amtsbericht vom 24. Mai 2013 führte das AWA aus, die Einbauten lägen aufgrund der
Projektänderung nun 0.4 bis 0.6 m unter dem mittleren Grundwasserspiegel. Ein Vergleich
mit den hydrogeologischen Beurteilungen zeigt, dass das AWA irrtümlicherweise in seinen
Berichten nicht die Angaben zur Lage der Bodenplatte übernahm, sondern den Umfang der
für die Erstellung der Bodenplatte notwendigen Grundwasserabsenkung.30 Das AWA hat
denn auch später bestätigt, dass die Angaben der Werner + Partner AG richtig sind31 und
die Projektänderungspläne bestätigen dies: Der Fixpunkt liegt auf 474.60 m ü. M. und
gemäss Schnittplan liegt die Unterkante der Bodenplatte 3.03 tiefer als der Fixpunkt, also
auf 471.57 m ü. M. Im Bereich der Südfassade des Gebäudes Nr. 8 befindet sich der
mittlere Grundwasserspiegel gemäss hydrogeologischer Beurteilung auf 472.0 m ü. M.32
Die Unterkante der Bodenplatte liegt in diesem Bereich somit 0.43 m unter dem mittleren
Grundwasserspiegel. Die Südfassade der Gebäude Nr. 4 und 6 liegt gemäss
hydrogeologischer Beurteilung etwa in der Mitte der Isohypsen 471.8 m ü. M. und 471.9 m
ü. M., also etwa bei 471.85 m ü. M. An dieser Stelle befindet sich die Unterkante der
Bodenplatte somit etwa 0.28 m unter dem mittleren Grundwasserspiegel. Die Angaben der
Werner + Partner AG "etwa 40 cm" und "etwa 25 cm" sind daher zutreffend. Das Gleiche
gilt für die Situation auf der Nordseite der Gebäude; hier liegt der mittlere
Grundwasserspiegel auf rund 471.7 m ü. M. und die Bodenplatte liegt, wie die Werner +
Partner AG angibt, rund 0.1 m tiefer. Die Angaben sind daher nicht widersprüchlich und es
30 Vgl. Bericht des AWA vom 16. Januar 2014 und jeweils Seite 1 der hydrogeologischen Beurteilungen vom 15. November 2012 und 2. Mai 2013, p. 11 und p. 177 31 Stellungnahme des AWA vom 16. Januar 2014 32 Vgl. p. 182 der Vorakten
14
ist eindeutig, welche Daten massgebend sind, nämlich jene gemäss der hydrogeologischen
Beurteilung vom Mai 2013 zur Projektänderung. Der Verschrieb im Bericht des AWA hatte
keine Auswirkungen auf die korrekte Prüfung der Einhaltung der 10-Prozent-Regel.
f) Es besteht zudem kein Anlass, die Angaben des fachlich ausgewiesenen und
erfahrenen Ingenieurbüros Werner + Partner AG und die Beurteilung der kantonalen
Fachstelle AWA in Frage zu stellen. Die von den Beschwerdeführenden erwähnten
Abweichungen zwischen den Isohypsen des mittleren Grundwasserspiegels, die in der
Geoportal-Grund-wasserkarte dargestellt sind, und jenen, die der hydrogeologischen
Beurteilung zu Grunde liegen, sind zwar tatsächlich vorhanden, aber plausibel erklärbar:
Gemäss Geoportal-Grundwasserkarte liegt der mittlere Grundwasserspiegel im Bereich der
nördlich an die Bauparzelle grenzende G._ strasse auf 472.0 m ü. M. Bei den
weiter südlich der Strasse gelegenen Nordfassaden der Gebäude Nr. 4 und Nr. 6 liegt der
Spiegel leicht höher bei etwa 472.2 m ü. M. – Die hydrogeologische Beurteilung geht an
dieser Stelle dagegen von einem mittleren Spiegel auf der Kote von 471.7 m ü. M. aus. Bei
der Südfassade des Hauses Nr. 8 liegt der mittlere Grundwasserspiegel gemäss
Geoportal-Grund-Wasserkarte auf etwa 472.5 m ü. M. – Die hydrogeologische Beurteilung
geht hier von 472 m ü. M. aus. Die der hydrogeologischen Beurteilung zu Grunde
liegenden Werte sind somit etwas tiefer als die Isohypsen im Geoportal. Die Angaben im
Geoportal stellen allerdings nur ein Grobraster mit Meterabständen zwischen den
Isohypsen dar und basieren auf generellen, grossräumigen Werten. Sie sind nicht
verbindlich und können von den lokalen Werten abweichen. Die in der hydrogeologischen
Beurteilung angegebenen Isohypsen dagegen sind genauer, das heisst auf 0.1 m genau
angegeben. Das Ingenieurbüro Werner + Partner AG hat sie gemäss seinem Bericht
aufgrund von periodischen Messungen, Schreibpegelaufzeichnungen und
Einzelmessungen von vier verschiedenen Beobachtungsstellen in der näheren Umgebung
der Bauparzelle ermittelt.33 Diese Beobachtungsstellen liegen näher bei der Bauparzelle als
die Grundwassermessstationen, deren Daten für die Geoportal-Grundwasserkarte
verwendet wurden (G 131, G 153, G 170, G 186). Die Werner + Partner AG ist somit von
ortsspezifischeren Daten ausgegangen. Laut AWA kontrolliere dieses Ingenieurbüro seit
Jahren in Utzenstorf die lokalen Grundwasserverhältnisse und verfüge über ausreichende
Grundlagen für die Ermittlung des mittleren Grundwasserspiegels. Es hat beispielsweise
bei kürzlich in der Nähe des Bauvorhabens durchgeführten Bautätigkeiten die
33 Bericht der Werner + Partner AG vom 2. Mai 2013, Beilagen 1 und 4, Vorakten p. 181 und p. 184
15
Grundwassersituation während der Bauphase überprüft. Aus den dabei erstellten
Dokumentationen ergibt sich, dass bei einem Messpunkt (UTP 11), der rund 15 m nördlich
der Nordfassade des hier umstrittenen Gebäudes Nr. 4 liegt, der Grundwasserspiegel nie
über 471.50 m ü. M. lag und bei einer Messstelle (UTP 22), die 280 m südwestlich der
Bauparzelle liegt, der Spiegel nur im Mai 2012 über die Kote von 472.50 m ü. M. stieg,
sonst aber deutlich darunter lag. In beiden Fällen liegt der gemessene Pegel 0.5 m oder
mehr unter dem im Geoportal verzeichneten mittleren Pegel. Dies zeigt, dass die
Abweichungen der von der Werner + Partner AG verwendeten lokalen Daten von den
Angaben der Geoportal-Grundwasserkarte plausibel sind.34 Daran ändert auch die von den
Beschwerdeführenden im Dezember 2012 durchgeführte Einzelmessung nichts. Wie die
Beschwerdeführenden selbst festhalten, erfolgte sie nach einer Regenperiode. Sie ist
daher nicht aussagekräftig.35 Zudem können aufgrund einer einzelnen Messung keine
Rückschlüsse gezogen werden auf den langjährigen mittleren Grundwasserspiegel. Auch
die von den Beschwerdeführenden erwähnten Höchststände bzw. die Häufigkeit ihres
Auftretens sind irrelevant, da im Zusammenhang mit Ausnahmebewilligungen für Bauten
im Grundwasser nur die langjährigen mittleren Grundwasserstände relevant sind.
Zusammenfassend ergibt sich, dass es keine Gründe gibt, an den Angaben des fachlich
ausgewiesenen Ingenieurbüros und der Beurteilung des AWA zu zweifeln. Es ist daher
auch nicht notwendig, alle detaillierten Messdaten und Berechnungen bei der Werner +
Partner AG zu edieren oder Messungen bei den Piezometer auf der Bauparzelle
vorzunehmen. Der Nachweis der Durchflusskapazität bzw. der 10 % - Regel durch die
Werner + Partner AG36 erfolgte im Übrigen korrekt gemäss dem Merkblatt "Bauten im
Grundwasser und Grundwasserabsenkungen" des AWA vom April 2012. Der Nachweis
zeigt auch, dass selbst wenn der mittlere Grundwasserspiegel 0.4 m höher wäre als der
von der Werner + Partner AG zu Grunde gelegte Pegel, die natürliche Durchflusskapazität
des Grundwasser immer noch um weniger als 10 Prozent vermindert würde. Die
Ausnahmebewilligung für Bauten unter dem mittleren Grundwasserspiegel sowie die
Bewilligung für eine temporäre Grundwasserabsenkung wurden daher zu Recht erteilt.
g) Soweit die Beschwerdeführenden befürchten, die temporäre Absenkung des
Grundwasserspiegels oder die Einbaute im Grundwasser könnten ihre Liegenschaften oder
34 Beilagen 1 und 2 zum Bericht des AWA vom 16. Januar 2014 35 Bericht des AWA vom 16. Januar 2014 36 Vorakten, p. 178 + 179
16
Wärmepumpen beeinträchtigen, ist festzuhalten, dass die 10 % - Regel eingehalten wird,
die temporäre Absenkung geringfügig ist und sie im natürlichen Schwankungsbereich des
Grundwassers liegt. Der Eingriff in den Wasserhaushalt ist daher relativ gering und sollte
bei korrekt geplanten und erstellten Wärmepumpen in der Umgebung keine nachteiligen
Auswirkungen haben.37 Mittels Auflagen wurde zudem verfügt, dass während der
Bauphase die Grundwasserstände permanent zu überwachen und Wasserfassungen in
der näheren Umgebung in die hydrogeologischen Überwachungsarbeiten einzubeziehen
sind sowie der Gemeinde nach Abschluss der temporären Grundwasserabsenkung ein
Schlussbericht einzureichen ist. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass bei der Erteilung
von Gewässerschutzbewilligungen geprüft wird, ob ein Vorhaben mit den
Gewässerschutzvorschriften vereinbar ist. Nicht zu prüfen sind die Auswirkungen auf
benachbarte Liegenschaften. Allerdings ist die Bauherrschaft nach Art. 21 BauG
verpflichtet, Bauten und Anlagen so zu erstellen, dass weder Personen noch Sachen
gefährdet werden. Sie ist dabei verpflichtet, die anerkannten Regeln der Baukunde
einzuhalten. Art. 57 BauV als Ausführungsbestimmung zu Art. 21 BauG verweist deshalb
auf die einschlägigen Normen der Fachverbände. Mehr wird mit wenigen Ausnahmen im
Baurecht nicht verlangt, da es nicht möglich ist, in einem gesetzlichen Erlass die Vielfalt
der sicherheitstechnischen Fragen, die sich bei der Ausführung und Konstruktion von
Bauten stellen, zu erfassen. Ob später in allen Punkten nach den Regeln der Baukunde
gebaut wird oder nicht, kann wegen der Vielfältigkeit der sicherheitstechnischen Fragen im
Laufe der Bauausführung zwangsläufig nicht Gegenstand des vorgängig stattfindenden
Baubewilligungsverfahrens bilden. Das Projektierungsverfahren ist im Zeitpunkt der
Baueingabe bzw. des Bauentscheids noch nicht derart weit fortgeschritten, dass alle
Details der Bauausführung bereits bekannt sind. Es wäre wegen des damit verbundenen
Aufwandes auch nicht verhältnismässig, wenn alle sich aus den Regeln der Baukunde
ergebenden Detailfragen von der Bauherrschaft bereits im Baubewilligungsverfahren
geklärt und die Lösungen dafür dargelegt werden müssten, wenn noch gar nicht klar ist, ob
überhaupt gebaut werden darf. Das Baurecht beschränkt sich deshalb darauf, die
Bauherrschaft auf die – bereits gestützt auf das Privatrecht und das Strafrecht geltenden –
Regeln der Baukunde zu verweisen.
5. Versickerungsanlagen
37 Stellungnahme des AWA vom 26. April 2013, Ziff. 6.1 (Vorakten, p. 173 ff.
17
a) Die Beschwerdegegnerin hat im Beschwerdeverfahren im März 2014 eine
Projektänderung betreffend Regenwasserversickerung eingereicht. Die Versickerung soll
neu über eine südlich des Hauses Nr. 8 gelegene Versickerungsmulde erfolgen.
b) Nach Art. 7 Abs. 2 GSchG ist nicht verschmutztes Abwasser versickern zu lassen,
sofern die örtlichen Verhältnisse dies erlauben. Da die "Entsorgung" von Regenabwasser
das Grundwasser nicht beeinträchtigen darf und falsch konzipierte Anlagen zu
Schadstoffeinträgen ins Grundwasser führen können, benötigt das Erstellen privater
Versickerungsanlagen eine – je nachdem kantonale oder kommunale –
Gewässerschutzbewilligung (Art. 26 Abs. 1 Bst. c KGV). Für die vorliegende geplante
Anlage genügt eine Gewässerschutzbewilligung der Gemeinde.38 Diese hat der geänderten
Anlage zugestimmt.
c) Eine Versickerung ist aus Sicht des Grundwasserschutzes dann zulässig, wenn von
der Unterkante der Versickerungsanlage (Aushubkote) bis zum zehnjährigen
Höchstgrundwasserspiegel ein bestimmter Abstand besteht ("trockener Minimalabstand").
Gemäss kantonalen Richtlinien sollte dieser Abstand 1 m betragen.39 Laut der Richtlinie
"Regenwasserentsorgung" des Verbandes Schweizer Abwasser- und
Gewässerschutzfachleute (VSA 2002, Update 2008) sind bei Versickerungsanlagen über
die bewachsene Humusschicht auch trockene Minimalabstände von 0.5 m zulässig. Das
AWA toleriert solche Minimalabstände von 0.5 m, wenn die Dimensionierung der
Versickerungsanlagen und die Bestimmung der zehnjährigen Höchstgrundwasserspiegel
durch eine hydrogeologisch kompetente Fachperson erstellt werden.
d) Gemäss den Projektänderungsplänen befindet sich die Muldensohle auf 473.60 m ü.
M. und darunter eine Humusschicht von 0.3 m. Die Aushubkote liegt somit auf 473.30 m ü.
M. Gemäss Angaben der Werner + Partner AG ist der 10-jährige Grundwasserhöchststand
in diesem Bereich 472.75 m.ü.M. Der trockene Minimalabstand beträgt somit 0.55 m. Wie
das AWA als kantonale Fachstelle in seinem Fachbericht vom 21. März 2014 zu Recht
festhielt, ist die geänderte Anlage, deren Dimensionierung durch hydrogeologisch
kompetente Fachpersonen erstellt wurde, daher bewilligungsfähig.
38 Merkblatt des AWA für das Versickern von Regen- und Reinabwasser sowie Merkblatt des AWA "Zuständigkeit für die Erteilung von Gewässerschutzbewilligungen" 39 Richtlinie des Gewässerschutzamtes von 1999 "Versickerung und Retention von Regen- und Reinabwasser"
18
e) Die Beschwerdeführenden bringen aber nun vor, die Tiefe der Mulde betrage nur
0.67 m, und nicht 0.77 m wie von der Werner + Partner AG angegeben, und das Freibord
sei nur 0.37 m, nicht 0.44 m. Daher betrage auch der trockene Minimalabstand weniger als
0.5 m. Weiter rügen sie, es müsse um die Versickerungsmulde aus Sicherheitsgründen ein
Geländer erstellt werden, das aber in den Plänen nicht ersichtlich sei, und der
Grenzabstand werde durch die Versickerungsanlage verletzt. Schliesslich hätten die
Leitungen zur Ableitung des Dachwassers nicht überall das vorgeschriebene
Mindestgefälle von 1 %. Diese Rügen sind unbegründet:
- Aus den Projektänderungsplänen ergibt sich, dass das Terrain leicht abfällt und das
gewachsene Terrain nicht auf beiden Seiten der Versickerungsmulde die gleiche
Höhe hat. Geht man vom Terrain auf der Südseite der Mulde aus, beträgt ihre Tiefe
um die 0.77 m, wie die Werner + Partner AG angibt. Geht man vom gewachsenen
Terrain auf der Nordseite aus, beträgt die Tiefe wie von den Beschwerdeführenden
angegeben 0.67 m. Diese Abstände zwischen gewachsenem Terrain und
Muldensohle sind aber für die die Messung des trockenen Minimalabstandes
irrelevant; der trockene Minimalabstand umfasst einen anderen Bereich, nämlich
jenen zwischen der Unterkante der Versickerungsanlage und dem darunter liegenden
10-jährigen Höchststand des Grundwassers.
- Das Freibord, das heisst der Abstand zwischen maximalem Einstau in der
Versickerungsmulde und der Oberkante der Mulde, ist für die
gewässerschutzrechtliche Beurteilung irrelevant. Im Übrigen beträgt das Freibord auf
der Südseite der Mulde gegen die Nachbarliegenschaften hin bei einem maximalen
Einstau von 0.3 m wie von der Werner + Partner AG korrekt angegeben 0.47 m.
- Die Versickerungsmulde überragt den fertigen Boden nicht. Es handelt sich deshalb
gemäss Art. 26 Abs. 1 des Baureglementes der Gemeinde Utzenstorf vom 28. Juni
2004 (GBR) um eine Tiefbaute, die einen Grenzabstand von nur 0.5 m einzuhalten
hat. Die geplante Versickerungsmulde hält diesen Abstand ein. Wird zur Sicherung
ein Zaun um die Mulde erstellt – was von der bfu empfohlen wird, aber nicht
zwingend vorgeschrieben ist – gelten gemäss Art. 26 Abs. 3 GBR40 die
40 Baureglement der Gemeinde Utzenstorf vom 28. Juni 2004, genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung am 11. März 2005
19
Abstandsvorschriften des EG ZGB41 auch als öffentlich-rechtliche Bestimmungen.
Laut Art. 79k Abs. 1 EG ZGB dürfen Zäune bis zu einer Höhe von 1.20 m an die
Grenze gestellt werden, höhere Einfriedungen sind um das Mass ihrer Mehrhöhe von
der Grenze zurück zu nehmen. Die Versickerungsmulde kann daher mit einem Zaun
gesichert werden, ohne die Grenzabstandsvorschriften zu verletzen.
- Der angefochtene Entscheid verlangt mittels einer Auflage, dass die
Regenwasserleitungen ein Mindestgefälle von 1 % aufweisen müssen.42
6. Aussenparkplätze und Strassenabstand
a) Auf der Nordseite der Bauparzelle sollen acht ungedeckte Aussenparkplätze erstellt
werden. Die Fahrgasse bzw. der Manövrierraum dieser Parkierungsanlage befindet sich
teilweise im Strassenabstand zur G._ strasse (Gemeindestrasse). Der
Regierungsstatthalter hat gestützt auf die Zustimmung der Strassenbaupolizei der
Gemeinde und eine positive Beurteilung des OIK IV eine Ausnahmebewilligung für die
Unterschreitung des Strassenabstandes erteilt. Die Beschwerdeführenden rügen nun, es
fehlten Gründe für eine Ausnahmebewilligung und die Anordnung der offenen Parkierung
fördere das "wilde" Parkieren entlang des Strassenrandes, was die Sichtverhältnisse
behindere.
b) Gemäss Art. 81 SG43 kann das zuständige Gemeinwesen Ausnahmen von den
gesetzlichen Strassenabständen bewilligen, wenn besondere Verhältnisse, insbesondere
des Ortsbildes, es rechtfertigen und wenn dadurch weder öffentliche Interessen noch
wesentliche nachbarliche Interessen beeinträchtigt werden. Dabei ist zu berücksichtigen,
dass der Strassenabstand insbesondere der Verkehrssicherheit und einem zukünftigen
Ausbau der Strasse dient (vgl. Art. 80 Abs. 2 SG). Ob ein Sachverhalt als Ausnahmegrund
zu genügen vermag, hängt grundsätzlich ab vom Interesse der Bauherrschaft an der
Ausnahme, von der Bedeutung der Vorschrift, von der abgewichen werden soll, und von
Art und Mass der verlangten Abweichung. Besondere Verhältnisse liegen umso eher vor, je
weniger die Ziele der betroffenen Bauvorschrift gefährdet werden.44 Bei der Auslegung von
41 Gesetz vom 28. Mai 1911 betreffend die Einführung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (EG ZGB; BSG 211.1) 42 Anhang Seite 4 des angefochtenen Entscheides, Ziff. 4.4 43 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11) 44 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 26-27 N. 4c
20
Art. 81 Abs. 1 SG gilt es zudem zu berücksichtigen, dass dieser nicht nur den früheren
Ausnahmetatbestand nach Art. 66 Abs. 1 und 2 SBG45, sondern auch die Bestimmungen
über Bauten im Vorland (Art. 65 SBG) ersetzt hat. Art. 65 SBG erlaubte das Erstellen von
Bauten im Vorland relativ grosszügig. Ziel des Gesetzgebers bei der Revision des SBG
war nicht eine Verschärfung des Rechts, sondern eine Vereinfachung und
Zusammenfassung der Bestimmungen zu den Strassenabständen in wenigen Artikeln.46 Es
ist deshalb angebracht, für die in Art. 65 SBG genannten und vergleichbare Bauten im
Vorland die Erteilung einer Ausnahmebewilligung nach einem weniger strengen Massstab
zu beurteilen als für die allgemeine Ausnahme in Art. 26 BauG.
c) Die Vorinstanz erteilte die Ausnahmebewilligung mit der Begründung, die Gemeinde
wünsche aus Gründen des Ortsbildschutzes eine optische Aufweitung zwischen der
G._ strasse und den geplanten Gebäuden. Aufgrund dieser Vorgabe der
Gemeinde und der rechteckigen Parzellenform dränge sich die gewählte Platzierung der
Parkplätze auf, damit eine ansprechende Bebauung der Parzelle erreicht werden könne.
Die von der Gemeinde geltend gemachten Anliegen des Ortsbildschutzes stellen
besondere Verhältnisse im Sinne von Art. 81 SG dar, die eine Ausnahmebewilligung zur
Unterschreitung des Strassenabstands zu rechtfertigen vermögen. Vorliegend ist zudem
wesentlich, dass die teilweise Erstellung der Fahrgasse im Strassenabstand einen
allfälligen Ausbau der G._ strasse nicht verhindert: Die Strassenparzelle der
G._ strasse weist eine Breite von 6 m auf, was gemäss Art. 7 Abs. 3 BauV47 der
zulässigen Maximalbreite von Quartiersammelstrassen entspricht. Die Strasse ist heute
jedoch in jenem Bereich, der an die Bauparzelle angrenzt, nur auf 4.50 bis 5 m ausgebaut.
Der Strassenraum könnte daher bis zur zulässigen Maximalbreite von 6 m verbreitert
werden, ohne dass Teile der Bauparzelle beansprucht werden müssen. Auch nach einem
allfälligen Ausbau der Strasse wäre zudem noch ein Grünstreifen zwischen Strassenraum
und Parkierungsanlage vorhanden. Auch die Verkehrssicherheit bzw. die Sichtverhältnisse
werden nicht beeinträchtigt, da sich im Strassenabstand keine Abstellplätze, sondern nur
Teile der Fahrgasse befinden. Auf dieser dürfen keine Fahrzeuge abgestellt werden. Die
Unterschreitung des Strassenabstandes beeinträchtigt daher keine öffentlichen Interessen.
Entgegenstehende nachbarliche Interessen werden von den Beschwerdeführenden nicht
gelten gemacht. Inwiefern die Anordnung der Parkplätze "wildes" Parkieren an der
45 Gesetz vom 2. Februar 1964 über Bau und Unterhalt der Strassen (Strassenbaugesetz, SBG) 46 Vortrag zum Strassengesetz vom 4. Juni 2008, S. 24, im Internet zu finden unter <http://www.bve.be.ch>, Rubriken "Rechtsamt/rechtliche Grundlagen/Vorträge" 47 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
http://www.bve.be.ch
21
G._ strasse fördern soll, wird von den Beschwerdeführenden nicht näher
begründet und ist auch nicht ersichtlich. Die Vorinstanz hat daher zu Recht eine
Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des Strassenabstandes erteilt.
7. Erschliessung / Strassenanschlüsse
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, das Bauvorhaben mit 21 Wohnungen
werde auf dem K._-Weg und der G._ strasse zu erheblichem
Mehrverkehr führen, und rügen, die entsprechende Beeinträchtigung der
Verkehrssicherheit sei ungenügend abgeklärt worden. Es sei zudem unverständlich, dass
für das Bauvorhaben zwei Strassenanschlüsse bewilligt worden seien.
b) Die Erschliessung des Baugrundstücks soll über zwei bereits bestehende Strassen
erfolgen: Die Zufahrt zur unterirdischen Einstellhalle mündet in den K._-Weg und
die Zufahrt zu den oberirdischen Besucherparkplätze erfolgt via G._. Strasse
Gemäss Art. 5 BauV genügen bestehende Erschliessungsanlagen für Bauvorhaben in
einem weitgehend überbauten Gebiet, wenn die insgesamt zu erwartende Mehrbelastung
verhältnismässig gering ist und Verkehrssicherheit sowie Brandbekämpfung gewährleistet
sind.
Die Vorinstanz hat nicht nur einen Bericht der Strassenbaupolizei der Gemeinde, sondern
auch zusätzlich eine Beurteilung durch das Strasseninspektorat Burgdorf (OIK IV)
eingeholt. Damit hat sie die Erschliessungsfrage und die Verkehrssicherheit hinreichend
abgeklärt. Sie hat auch zu Recht das Bestehen einer genügenden Erschliessung bejaht:
Das Strasseninspektorat Burgdorf kam nämlich zum Schluss, die G._ strasse sei
genügend breit und könne den Mehrverkehr des Bauvorhabens aufnehmen. Das Gleiche
gilt für den K._-Weg, er ist wie die G._ strasse im Bereich des
Bauvorhabens breiter als die von Art. 7 Abs. 2 BauV vorgeschriebenen minimal 4.2 m. Es
gibt zudem keine Anhaltspunkte, dass das Vorhaben die Verkehrssicherheit beeinträchtigt.
Bei den Einmündungen in die G._ strasse und den K._-Weg sind die
erforderlichen Sichtweiten eingehalten und der angefochtene Entscheid hält mittels Auflage
fest, dass die im Plan "Situation Umgebung" festgehaltenen Sichtfelder auch künftig in
einer Höhe zwischen 0.6 und 3 m stets von allen Hindernissen frei zu halten sind.
22
c) Was die Strassenanschlüsse betrifft, ist es richtig, dass gemäss Art. 85 SG in der Regel pro Grundstück nur ein Strassenanschluss bewilligt wird. Aus der Umschreibung "in der Regel" folgt aber nicht, dass für einen zweiten Anschluss eine Ausnahmebewilligung nach Art. 26 BauG erforderlich ist oder ein zweiter Strassenanschluss nie zulässig wäre. Es ist vielmehr so, dass aus den konkreten Umständen des Einzelfalles ersichtlich sein muss, weshalb ein Bedürfnis für einen weiteren Strassenanschluss besteht. Dies ist vorliegend der Fall: Beim Bauvorhaben handelt es sich nicht um ein einzelnes Gebäude auf einer kleinen Parzelle, sondern um eine Überbauung mit drei Häusern sowie einer Einstellhalle und oberirdischen Besucherparkplätzen. Da Einstellhallen von Wohnüberbauungen in der Regel nicht frei zugänglich, sondern abgeschlossen sind, ist es üblich, dass Besucherparkplätze nicht in der Einstellhalle, sondern separat oberirdisch angeordnet werden. Dies erfordert häufig zwei Strassenanschlüsse. Vorliegend wurde zudem die Anordnung der oberirdischen Parkierungsanlage auf der Nordseite der Bauparzelle von der Gemeinde aus Gründen des Ortsbildes gewünscht. Die zwei separaten Strassenanschlüsse wurden daher zu Recht bewilligt.
8. Gebäudehöhe
a) Die Beschwerdeführenden 3 bis 38 sind weiter der Auffassung, die geplanten
Mehrfamilienhäuser würden die maximal zulässige Gebäudehöhe um 0.1 m überschreiten.
Sie verweisen zur Begründung auf eine Höhenaufnahme der ristag Ingenieure AG.
Gemäss deren Messungen sei der tiefste Punkt der massgebenden Terrainhöhe am
Messpunkt 6.1 auf 474.001 m ü. M. Messe man von diesem Punkt, ergebe sich eine
Gebäudehöhe von 7.099 m, zulässig seien aber maximal 7 m.
b) Die Beschwerdeführenden stützen sich auf einen Messpunkt, der sich bei einer der
nördlichen Hausecken des Gebäudes Nr. 6 befindet.48 Laut Art. 30 GBR wird aber die
Gebäudehöhe nicht bei den Hausecken, sondern in den Fassadenmitten gemessen, wobei
bei Flachdachbauten vom gewachsenen Boden bis oberkant der offenen oder
geschlossenen Brüstung gemessen wird.
c) Das gewachsene Terrain ist gemäss den Höhenaufnahmen der ristag Ingenieure AG
in den Projektänderungsplänen korrekt eingetragen und die gemäss Art. 50 GBR in der
48 Vgl. Höhenaufnahmen der ristag Ingenieure AG vom 28. März 3013, Vorakten, p. 166 f.
23
Wohnzone W2 zulässige Gebäudehöhe von 7 m ist bei allen Fassaden eingehalten. Die
Rüge der Beschwerdeführenden ist unbegründet.
9. Spielflächen
a) Das Bauvorhaben umfasst drei Gebäude mit insgesamt 21 Wohnungen. Zwei davon
sind Zweieinhalbzimmerwohnungen, die restlichen Wohnungen haben drei bis fünf
Zimmer. Die Beschwerdeführenden machen nun geltend, die Beschwerdegegnerin habe
ursprünglich 21 Familienwohnungen geplant, dann aber bei zwei Wohnungen die
Zimmerzahl reduziert. Es sei offensichtlich, dass damit die Verpflichtung zur Erstellung
einer grösseren Spielfläche umgangen werde. Daher sei die Beschwerdegegnerin
entweder zur Erstellung einer grösseren Spielfläche zu verpflichten oder es sei mittels
Auflage zu verfügen, dass die Zweieinhalbzimmerwohnungen nicht zu Wohnungen mit
mehr Zimmern umgewandelt werden dürfen. Zudem seien die Mindestanforderungen an
Kinderspielplätze und Aufenthaltsbereiche selbst dann nicht erfüllt, wenn keine grössere
Spielfläche notwendig wäre. Die Beschwerdegegnerin habe zwar die erforderliche Fläche
von 464.79 m2 richtig berechnet. Die in den Plänen bezeichnete Fläche dürfe aber nicht
vollständig angerechnet werden. Die Bauherrschaft habe nämlich Wege und Zugänge
einbezogen, die nicht zu einem Spielplatz gehören dürften. Ohne den Einbezug dieser
Wege habe die Spielfläche nicht die erforderliche Mindestbreite von 5 m.
b) Beim Bau von Mehrfamilienhäusern sind im Freien Aufenthaltsbereiche für die
Bewohner, insbesondere Kinderspielplätze, zu schaffen (Art. 15 BauG). Deren
Mindestfläche wird in Art. 45 BauV definiert. Bei einer Überbauung mit mehreren
Mehrfamilienhäusern sind die bereitzustellenden Mindestflächen für die
Aufenthaltsbereiche zu addieren und zur Spielplatzfläche hinzuzurechnen.49 In
Überbauungen mit Mehrfamilienhäusern, die zusammen mehr als 20 Familienwohnungen,
das heisst Wohnungen mit wenigstens drei Zimmern enthalten, ist zudem eine
angemessene grössere Spielfläche vorzusehen (Art. 15 Abs. 2 BauG i.V.m. Art. 43 Abs. 3
und Abs. 4 BauV). Zur Ausgestaltung der Kinderspielplätze hat das Raumplanungsamt des
Kantons Bern (heute: Amt für Gemeinden und Raumordnung, AGR) im Juni 1992 die
Arbeitshilfe für die Ortsplanung (AHOP) Nr. 92.2 „Empfehlungen für die Projektierung und
49 VGE 100.2011.256 vom 2. Mai 2012, E. 4.1
24
Gestaltung von benutzerfreundlichen Aussenräumen von Wohnüberbauungen“
herausgegeben.50 Ein Spielplatz soll, damit er den Bedürfnissen nach Bewegung und
spielerischer Betätigung gerecht wird, einen gewissen Freiraum und eine attraktive
Spielumgebung bieten. In Ziffer 3.4 „Dimensionierung/Berechnung" wird ausgeführt, dass
Spiel- und Aufenthaltsbereiche in der Regel eine minimale nutzbare Breite von 5 m
aufweisen müssen. Schmalere Bereiche können aus funktionellen Gründen in der Regel
nicht angerechnet werden.
c) Die Projektänderungspläne weisen eine Fläche von rund 615 m2 als Spielfläche aus.
Dies ist deutlich mehr als die gemäss der unbestritten gebliebenen Berechnung51 der
Beschwerdegegnerin erforderliche Mindestfläche von 464.79 m2. Die ausgewiesene Fläche
umfasst unter anderem auch Wege innerhalb der Überbauung, die Fussgängern und
teilweise Fahrradfahrern dienen. Dies schliesst aber eine Anrechnung an die Spielflächen
nicht aus. Laut der erwähnten Arbeitshilfe können auch Fussgängererschliessungsbereiche
attraktive Spielbereiche darstellen, beispielsweise zum Befahren mit Kindervelos, und
können daher angerechnet werden.52 Die Spielfläche gemäss Projektänderungsplänen
genügt daher den gesetzlichen Anforderungen.
d) Da das Bauvorhaben nur 19 Familienwohnungen umfasst, ist eine zusätzliche
grössere Spielfläche gemäss Art. 15 Abs. 2 BauG nicht erforderlich. Auch eine Auflage
betreffend der Nichtumwandlung der beiden Zweieinhalbzimmerwohnungen ist nicht
notwendig: Die zu bewilligenden Pläne sehen den Bau von zwei
Zweieinhalbzimmerwohnungen vor; es dürfen an ihrer Stelle keine Wohnungen mit mehr
Zimmern erstellt werden. Der bewilligte Zustand ist auch für künftige Eigentümer der
Gebäude bzw. Wohnungen verbindlich (Art. 42 BauG). Eine spätere Änderung der
Wohnungen wäre im Übrigen baubewilligungspflichtig, da sie Auswirkungen auf die
Spielfläche hätte und somit einen baurechtlich relevanten Tatbestand beträfe (Art. 6 Abs. 1
Bst. c BewD).
10. Ortsbild
50 Im Internet zu finden unter <http://www.jgk.be.ch>, Rubriken "Raumplanung/Arbeitshilfen (AHOP)/ und Kinderspielplätze 51 Vorakten, p. 7 52 AHOP Nr. 92.2 „Empfehlungen für die Projektierung und Gestaltung von benutzerfreundlichen Aussenräumen von Wohnüberbauungen“, S. 19
http://www.jgk.be.ch
25
a) Die Beschwerdeführenden rügen weiter der geplante Bau sei quartierfremd und ein
Fremdkörper im bestehenden Einfamilienhausquartier. Die Bauherrschaft sei zudem dem
Wunsch der OLK, die Balkontiefe zu reduzieren und diese nicht über Eck zu führen, nur
marginal nachgekommen.
b) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften
müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die
Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders
formulieren.53 Das Baureglement der Gemeinde Utzenstorf enthält in Art. 28 Abs. 1 GBR
insbesondere folgende Bestimmung zur Gestaltung von Bauten und Anlagen:
"Bauten und Anlagen sind hinsichtlich ihrer Gesamterscheinung, Lage, Proportionen, Dach- und Fassadengestaltung, Material und Farbwahl so auszubilden, dass zusammen mit den bestehenden und vorauszusehenden Bauten eine gute Gesamtwirkung entsteht."
Diese Bestimmung geht weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihr kommt daher selbständige
Bedeutung zu. Der Begriff „gute Gesamtwirkung“ stellt einen unbestimmten kommunalen
Gesetzesbegriff dar, bei dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen
Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten
Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die gute
Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen architektonischen
Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass
das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder
Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren
hat.54
c) Das Bauvorhaben umfasst drei Mehrfamilienhäuser von je 30 m Länge und 13 m
Breite. Es handelt sich um zweigeschossige Flachdachbauten mit Attika und verputzter
53 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Auflage, Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 4 und N. 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen 54 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 5; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1
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Aussenwärmedämmung in gebrochenem Weiss. Die Bauparzelle wird nördlich, östlich und
südlich von jüngeren Einfamilienhausquartieren umrahmt. Westlich der Parzelle liegt die
Dorfzone und ein Ortsbildschutzgebiet. Nordwestlich des Bauareals, durch eine Strasse
getrennt, stehen zwei ehemalige Bauernhäuser, die heute als Wohn- und /oder
Gewerbebauten dienen. Es handelt sich dabei um Objekte, die im Bauinventar der
Gemeinde Utzenstorf verzeichnet sind.
d) Die Vorinstanz hat einen Bericht der Kantonalen Kommission zur Pflege der Orts-
und Landschaftsbilder (OLK) eingeholt. Diese beurteilt das Vorhaben zusammengefasst
wie folgt: Das Projekt habe weder aus ortsbildpflegerischer noch aus gestalterischer oder
räumlicher Sicht eine negative Auswirkung auf die umgebende Bebauung bzw. auf das
bestehende Quartier. Es tangiere keine relevanten Ortsbild-Qualitäten und die
charakteristischen Elemente der beiden benachbarten Denkmäler würden nicht
beeinträchtigt. Die Bedeutung dieser Objekte liege schwergewichtig auf den dem
Projektstandort abgewandten Wohnteilen und auf den charakteristischen Baukörpern. Die
der Bauparzelle zugewandten Rückseite seien mehrfach an- und umgebaut und von
unterdurchschnittlichem gestalterischem Ausdruck. Das Bauvorhaben nehme zwischen
den beiden angrenzenden unterschiedlichen Siedlungsmustern eine vermittelnde Stellung
ein. Von der Körnung her gehöre es eher zur Dorfzone mit den grossvolumigen
bäuerlichen und gewerblichen Gebäuden. Bezüglich Stellung, Erschliessung, Funktion,
Gestaltung und Gebäudehöhe seien die geplanten Bauten aber durchaus vergleichbar mit
der jüngeren Bebauung. Grossvolumigen Bauten, die als Bindeglied zwischen der
Dorfzone und den Einfamilienhausquartieren fungierten, entsprächen einem häufig
angewandten planerischen Verhalten und seien auch in Utzenstorf mehrfach anzutreffen.
Die Bauten seien weder quartier- noch ortsfremd. Schliesslich hielt die OLK als
Empfehlung fest, die Balkone seien zu Gunsten eines ruhigeren Erscheinungsbildes in der
Tiefe zu reduzieren und nicht übereck zu führen.
e) Die Beschwerdeführenden stören sich in erster Linie an der Grösse des
Bauvorhabens bzw. am Umstand, dass neben ihren Einfamilienhäusern drei
Mehrfamilienhäuser erstellt werden. Gemäss ständiger bundes- und
verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung darf aber die Anwendung ästhetischer
Generalklauseln nur ausnahmsweise dazu führen, dass eine nach der geltenden
Zonenordnung zulässige Ausnutzung nicht bewilligt wird. Dies gilt auch für eigenständige
kommunale Ästhetikvorschriften, die über Art. 9 Abs. 1 BauG hinausgehen, namentlich für
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solche, die eine gute Einordnung in das Orts- und Landschaftsbild oder eine gute
Gesamtwirkung verlangen.55 Werden gestützt auf Art. 9 Abs. 1 BauG oder eine
Generalklausel des kommunalen Rechts Anpassungen eines Vorhabens verlangt, müssen
sich diese auf die äussere Bau- und Anlagengestaltung beziehen. Sie können namentlich
die Materialwahl, die Farbgebung, die Fassadengliederung, die Dach- und die
Umgebungsgestaltung betreffen. Unzulässig sind dagegen Beschränkungen der erlaubten
Gebäudedimensionen, die eine ins Gewicht fallende Mindernutzung zur Folge hätten.56
Eine Volumen- bzw. Nutzungseinbusse ist der Bauherrschaft nur im Bereich des
besonderen Landschaftsschutzes (Art. 10 BauG) und des Denkmalschutzes zumutbar. Das
Bauvorhaben hält sowohl die Gebäudehöhe, die Gebäudelänge, die Geschosszahl als
auch die Grenzabstände ein. Eine maximale Ausnützungsziffer oder eine maximale Breite
der Gebäude sind nicht vorgeschrieben. Da das Bauvorhaben die baupolizeilichen Masse
einhält, ist seine Volumetrie grundsätzlich nicht zu beanstanden. Dass sich das
Bauvorhaben an kleineren Gebäuden in der Umgebung orientiert, kann gestützt auf die
Ästhetikvorschriften nicht verlangt werden. Die OLK weist zudem in überzeugender Weise
darauf hin, dass sich das Vorhaben in einer Übergangssituation zwischen der Dorfzone
und den neueren Quartieren befindet und Elemente beider Siedlungsmuster aufnimmt, was
zu einer vermittelnden Funktion führt.
Die Bauparzelle befindet sich im Übrigen in einer heterogenen Umgebung ohne besondere
Qualitäten; sie liegt weder in einem Ortsbildschutzgebiet noch in einer Baugruppe. Die OLK
hat überzeugend dargestellt, dass das Vorhaben keine negativen Auswirkungen auf das
Ortsbild oder die benachbarten Baudenkmäler hat. Zudem ist die Beschwerdegegnerin der
Empfehlung der OLK, die Balkontiefe zu reduzieren und sie nicht übereck zu führen,
nachgekommen. Die Balkone sind nach einer Projektänderung im vorinstanzlichen
Verfahren weniger tief als ursprünglich vorgesehen und überragen zwar seitlich noch die
Fassade, führen aber nicht mehr über die Gebäudeecke. Die Vorinstanz kam daher zu
Recht zum Schluss, dass das Bauvorhaben die Anforderungen der Ästhetikvorschriften
erfüllt.
11. Rechtsverwahrungen
55 BVR 2006 S. 491 E. 6.3.3 56 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 15 mit Hinweisen; VGE 2011/206 vom 4.5.2012, E. 8.2
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a) Die Beschwerdeführenden 3 bis 38 machen schliesslich geltend, ihre
Rechtsverwahrungen seien nicht korrekt vorgemerkt worden. Die Kollektiveinsprecher
hätten bezüglich jedes einzelnen Einsprechers namentlich und begründet eine
Rechtsverwahrung deponiert. Der angefochtene Entscheid enthalte aber nur die Aussage,
der Bauherrschaft sei von den Rechtsverwahrungen der „eingangs aufgeführten Personen
Kenntnis gegeben worden“; die Namen der einzelnen Einsprecher fehlten aber.
b) Rechtsverwahrungen bezwecken die Orientierung der Baugesuchstellenden und der
Behörden über Privatrechte, die durch das Bauvorhaben berührt werden, und über
Entschädigungsansprüche, die daraus abgeleitet werden könnten (vgl. Art. 32 BewD). Sie
dienen lediglich der Information der Bauherrschaft über mögliche zivilrechtliche
Forderungen. Für die Durchsetzung sind die Parteien aber auf den zivilrechtlichen Weg
verwiesen. Es genügt daher, wenn die Baubewilligungsbehörde die Rechtsverwahrungen
den Baugesuchstellern zur Kenntnis bringt und im Entscheid darauf hinweist (Art. 36
BewD).
c) Der angefochtene Entscheid weist sowohl auf Seite 2 als auch in Ziff. 4.3 des
Dispositivs auf die angemeldeten Rechtsverwahrungen hin. Die Beschwerdeführenden 3
bis 38 werden dabei nicht alle namentlich aufgeführt; der Entscheid erwähnt nur die
Rechtsverwahrungen der Kollektiveinsprechenden "C._ und Mitunterzeichner". Da
aber die Vorinstanz der Bauherrschaft die Einsprachen und Rechtsverwahrungen der
Kollektiveinsprechenden (Beschwerdeführende 3 bis 38) zur Stellungnahme zugestellt
hatte57, war die Bauherrschaft genügend darüber orientiert, wer welche
Rechtsverwahrungen geltend gemacht hat. Es war daher nicht notwendig, alle
Kollektiveinsprechenden namentlich im Entscheid aufzuführen. Die Rüge der
Beschwerdeführenden 3 bis 38 ist daher unbegründet.
12. Zusammenfassung und Kosten
a) Zusammenfassend ergibt sich, dass die Projektänderung vom 2014 bewilligt und der
angefochtene Entscheid im Übrigen bestätigt werden kann und die Beschwerden
abzuweisen sind.
57 Vorakten, p. 98 und p. 162
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b) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr.
Für besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren
erhoben werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Die Pauschalgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 3'000.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV58). Nach
Art. 108 Abs. 1 VRPG werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei auferlegt, es
sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die
besonderen Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben. Behörden des
Kantons werden keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 108 Abs. 2 VRPG). Im
vorliegenden Verfahren hat die Beschwerdegegnerin den Einwänden der
Beschwerdeführenden betreffend Spielflächen und Versickerungsanlagen durch eine
Projektänderung Rechnung getragen. Im Übrigen sind die Beschwerdeführenden mit ihren
Rügen nicht durchgedrungen und ihre Beschwerden sind abzuweisen. Die
Beschwerdeführenden und die Beschwerdegegnerin unterliegen somit je zur Hälfte und
haben grundsätzlich je die Hälfte der Kosten zu tragen. Es ist allerdings zu
berücksichtigen, dass ein Verfahrensmangel (Verletzung des rechtlichen Gehörs) im
vorliegenden Verfahren geheilt werden musste. Dieser Verfahrensfehler ist ein besonderer
Umstand im Sinne von Art. 108 Abs. 1 VRPG, weshalb auf die Erhebung eines Teils der
Verfahrenskosten zu verzichten ist.59 Es rechtfertigt sich, auf einen Fünftel zu verzichten
und den verbleibenden Betrag von Fr. 2'400.000 den Beschwerdeführenden und der
Beschwerdegegnerin je zur Hälfte aufzuerlegen.
c) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die zur Hälfte unterliegenden
Beschwerdeführenden haben daher der Beschwerdegegnerin die Hälfte an deren
Parteikosten zu bezahlen. Sie selbst sind nicht anwaltlich vertreten und haben daher
keinen Anspruch auf Kostenersatz (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die Kostennote des Anwaltes
der Beschwerdegegnerin, der Parteikosten von Fr. 7'560.00 (Honorar Fr. 6'925.00,
Auslagen Fr. 75.00, Mehrwertsteuer Fr. 560.00) geltend macht, gibt zu keinen
Bemerkungen Anlass. Zu beachten ist aber, dass die Beschwerdegegnerin
58 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 59 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 108 N. 7 und N. 9; BVR 2004 S. 133 E. 3.1
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mehrwertsteuerpflichtig ist60 und somit die von ihrem Rechtsvertreter auf sie überwälzte
Mehrwertsteuer in ihrer eigenen Mehrwertsteuerabrechnung als Vorsteuer abziehen kann.
Ihr fällt daher betreffend Mehrwertsteuer kein Aufwand an und eine Abgeltung der
Mehrwertsteuer käme einer mit Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG unvereinbaren
Überentschädigung gleich. Nach neuer Praxis des Verwaltungsgerichts61 ist deshalb die in
der Kostennote des Anwalts der Beschwerdegegnerin aufgeführte Mehrwertsteuer bei der
Bestimmung des Parteikostenersatzes nicht zu berücksichtigen. Die Beschwerdeführenden
haben somit der Beschwerdegegnerin einen Parteikostenanteil von Fr. 3'500.00 zu
ersetzen, wobei die Hälfte davon auf die Beschwerdeführenden 1 und 2 und die andere
Hälfte auf die Beschwerdeführenden 3 bis 38 entfällt.