Decision ID: cb09f58b-e512-56dd-b5a1-bbfe35471f03
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Andrea Perrot, Graf Hochreutener Niedermann,
St. Leonhard-Strasse 20, Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Erlass Rückerstattung von IV-Taggeldern
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 13. August 2002 aufgrund einer Glomerulonephritis mit
Notwendigkeit einer kontinuierlichen Dialyse (CAPD) und geplanter
Nierentransplantation zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung bei der IV-
Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 3).
A.b Mit Verfügung vom 8. Oktober 2004 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für eine
Umschulung zur Sozialarbeiterin in Form eines dreijährigen Fachhochschulstudiums,
das vom 18. Oktober 2004 bis zum 15. Juli 2007 dauern sollte (IV-act. 60).
A.c Da der Versicherten kurz nach Aufnahme des Fachhochschulstudiums eine neue
Niere implantiert wurde, verzögerte sich die Umschulung insgesamt um zwei Semester.
Abgesehen davon absolvierte die Versicherte diverse Module mit Erfolg und innerhalb
der geplanten Zeit. Auch ein erstes halbjähriges Praktikum verlief erfolgreich. Auf An
raten des Berufsberaters wurde die Umschulung daher mit Verfügung vom 10. Mai
2007 um zwei Semester bzw. bis zum 26. September 2008 verlängert (IV-act. 109 und
111).
A.d Krankheitsbedingt musste die Versicherte Ende des Jahres 2007 ein zweites Prak
tikum vorzeitig abbrechen, was eine weitere Verlängerung der Umschulung bis zum
23. Januar 2009 nach sich zog (IV-act. 136). Am 12. August 2008 verfügte die IV-Stelle
eine entsprechende Verlängerung der Kostengutsprache (IV-act. 139).
B.
B.a Auf Anfrage des Berufsberaters hin (vgl. IV-act. 150) teilte die Versicherte im April
2009 mit, sie habe im März 2009 ihre Umschulung wiederum unterbrechen müssen.
Alle Praktika und Module habe sie aber zwischenzeitlich erfolgreich beendet. Es fehle
ihr nur noch die Bachelorarbeit, die sie nach Möglichkeit bis Ende Oktober 2009
abgeben werde. Im Januar 2010 folge dann noch der Diplomkurs. Um im Anschluss
Fuss fassen zu können, habe sie sich auf eine befristete Stelle bei der B._ beworben
(IV-act. 151). Ihrem Schreiben legte sie unter anderem den Arbeitsvertrag mit der B._
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bei, der eine Anstellung als Sozialarbeiterin in einem Pensum von 60 Prozent für die
Monate März bis und mit Mai 2009 vorsah (IV-act. 153–2 ff.).
B.b Am 1. Mai 2009 bescheinigte die Klinik für Nephrologie des Kantonsspitals
St. Gallen eine Arbeitsunfähigkeit für den Zeitraum vom 21. April bis zum 10. Mai 2009
(IV-act. 156).
B.c Am 29. Juni 2009 nahm der Berufsberater Stellung zum bisherigen Verlauf und ge
planten Fortgang und Abschluss der Umschulung. Die Versicherte plane, ihre Bachelor
arbeit in den Monaten Februar bis und mit Oktober 2009 fertigzustellen, nachdem sie
davor krankheitsbedingt dazu nicht in der Lage gewesen sei. Während dieser Zeit
könnte sie einer Erwerbstätigkeit mindestens im Umfang von 60 Prozent nachgehen,
weshalb für die Taggeldleistungen ein entsprechendes Einkommen zu berücksichtigen
sei. Anschliessend müsse die Versicherte bloss noch im Januar 2010 eine Woche
an der Fachhochschule anwesend sein (so genannte Diplomwoche), was keine Ein
schränkung der Erwerbsfähigkeit mit sich bringe. Ab Oktober 2009 bis und mit Januar
2010 sei daher ein Einkommen entsprechend einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit anzu
rechnen. Die Kostengutsprache für die Umschulung sei bis zum 23. Januar 2010 zu
verlängern. Die ermittelte Erwerbsfähigkeit werde allerdings aufgrund einer Meldung
der Versicherten vom 29. Juni 2009, wonach sie für längere Zeit nur zu 50 Prozent
arbeitsfähig sei, in Frage gestellt (IV-act. 163).
B.d Mit Vorbescheid vom 9. Juli 2009 teilte die IV-Stelle mit, dass Kostengutsprache
für die Umschulung für den Zeitraum vom 1. Februar 2009 bis zum 23. Januar 2010
erteilt werde. Der Versicherten werde für den Zeitraum vom 1. Februar bis zum
30. September 2009 ein Erwerbseinkommen von Fr. 3’445.-- angerechnet. Für den
Zeitraum vom 1. Oktober 2009 bis zum 23. Januar 2010 werde ein Einkommen von
Fr. 5’712.-- angerechnet (IV-act. 169).
B.e Am 2. September 2009 teilte die Versicherte dem Berufsberater mit, dass sie per
1. September 2009 eine Arbeitsstelle in der Z._ mit einem Pensum von 40 Prozent
gefunden habe. Die Arbeitgeberin wisse von ihrer Behinderung, gebe ihr aber die
Chance, ihre Leistungsfähigkeit während einer dreimonatigen Probezeit unter Beweis
zu stellen (IV-act. 174).
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B.f Gegen den Vorbescheid vom 9. Juli 2009 liess die Versicherte am 9. September
2009 Einwand erheben und die Anrechnung eines Erwerbseinkommens entsprechend
einer Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent beantragen (IV-act. 175). Sie liess der IV-Stelle ein
ärztliches Attest von Dr. med. C._, Facharzt FMH für Innere Medizin und
Nephrologie, vom 21. Juli 2009 zugehen, in welchem eine seit dem 10. Dezember 2008
bestehende Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent bescheinigt wurde (IV-act. 177).
B.g Am 2. Oktober 2009 verfügte die IV-Stelle die Verlängerung der Kostengutsprache
für die Umschulung für den Zeitraum vom 1. Februar 2009 bis zum 23. Januar 2010.
Der Versicherten werde für den Zeitraum vom Februar bis Ende August 2009 ein Er
werbseinkommen von Fr. 630.-- (entsprechend einem Pensum von zehn Prozent) und
für den Zeitraum vom September 2009 bis zum 23. Januar 2009 ein solches von
Fr. 3’150.-- (entsprechend einem Pensum von 50 Prozent) angerechnet (IV-act. 182).
B.h Am 28. Dezember 2009 erkundigte sich der Berufsberater bei der Versicherten
schriftlich nach dem Stand der Dinge. Er hielt fest, dass die Bachelorarbeit gemäss
Auskunft der Fachhochschule bis spätestens am 24. März 2010 abgegeben werden
müsse; eine weitere Verlängerung sei von Seiten der Schule nicht mehr möglich. Die
Diplomwoche würde dann in der Woche vom 21. bis zum 25. Juni 2010 durchgeführt
(IV-act. 191).
B.i Am 4. Januar 2010 teilte die Versicherte mit, dass sie notfallmässig ins Kantons
spital St. Gallen habe eingewiesen werden müssen, weil ihre Transplantatniere ihre
Funktion aufgegeben habe (IV-act. 192).
B.j Am 2. März 2010 forderte der Berufsberater die Versicherte auf, ihm diverse
Unterlagen einzureichen, nachdem sie ihm telefonisch mitgeteilt hatte, die Frist zur Ab
gabe der Bachelorarbeit sei nochmals verlängert worden (IV-act. 194).
B.k Am 18. März 2010 beantragte der Berufsberater, das Verlängerungsgesuch für die
Umschulung abzuweisen. Faktisch habe die Versicherte die Umschulung mit der Auf
nahme einer Erwerbstätigkeit bei der B._ bzw. der Z._ unterbrochen, da das
Arbeitspensum bei beiden Stellen angesichts der Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent keine
Ressourcen für die Weiterführung der Umschulung übrig gelassen habe. Da die
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Versicherte klar zum Ausdruck gebracht habe, ihrer aktuellen Tätigkeit höhere Priorität
einzuräumen als dem Abschluss der Umschulung und da sich das Pensum nach wie
vor im Rahmen dessen bewege, was der Versicherten medizinisch zumutbar sei, habe
sie faktisch die Umschulung abgebrochen. Eine Verlängerung der Umschulung
rechtfertige sich vor diesem Hintergrund nicht (IV-act. 196).
B.l Mit Vorbescheid vom 9. April 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass keine weitere
Kostengutsprache für die Umschulung erteilt werde. Für die Zeit vom 1. März bis zum
31. Mai 2009 werde das ausgerichtete Taggeld anteilsmässig und für die Zeit ab dem
1. September 2009 gesamthaft zurückgefordert. Eine entsprechende Rückforderungs
verfügung werde separat eröffnet (IV-act. 202). Am 25. Mai 2010 verfügte die IV-Stelle
entsprechend (IV-act. 211).
C.
C.a Mit Verfügung vom 21. Juli 2010 forderte die IV-Stelle zu viel bezogene Taggeld
leistungen von gesamthaft Fr. 26’476.-- für die Monate März bis und mit Mai 2009 und
September 2009 bis und mit Januar 2010 zurück (IV-act. 217).
C.b Am 11. Oktober 2010 liess die Versicherte um Erlass der Rückforderung ersuchen.
Sie habe ihre Meldepflichten stets erfüllt und darauf vertrauen dürfen, die Taggelder
rechtmässig zu beziehen. Erst mit der Verfügung vom 25. Mai 2010 sei ihr mitgeteilt
worden, dass Taggelder zurückgefordert würden. Die Rückforderung bedeute auch
eine grosse Härte (IV-act. 227).
C.c Mit Verfügung vom 21. Februar 2011 wies die IV-Stelle das Erlassgesuch ab. Als
angehende Sozialarbeiterin habe die Versicherte damit rechnen müssen, dass die Auf
nahme einer entlöhnten Erwerbstätigkeit zu einer Reduktion der Taggeldleistungen
führe; der gute Glaube sei daher zu verneinen (IV-act. 240).
D.
D.a Dagegen richtet sich die am 25. März 2011 erhobene Beschwerde, mit welcher der
Erlass der Rückforderung beantragt und zur Begründung im Wesentlichen ausgeführt
wird, die Beschwerdeführerin sei ihren Meldepflichten stets nachgekommen. Die Tag
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geldabrechnungen enthielten denn auch einen Passus „Kürzung wegen Lohn“, weshalb
sie davon habe ausgehen können, ihrer Erwerbstätigkeit sei hinreichend Rechnung ge
tragen worden. Der für die Rückforderung entscheidende Schluss der Beschwerde
gegnerin, die Beschwerdeführerin habe ihre Umschulung faktisch abgebrochen, könne
schliesslich keinen Einfluss auf den guten Glauben haben (act. G 1).
D.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer Be
schwerdeantwort vom 12. Mai 2011 führte sie zur Begründung im Wesentlichen aus, im
fraglichen Zeitraum seien die Taggelder einzig ausgerichtet worden, damit die Be
schwerdeführerin ihre Ausbildung abschliesse. Dies habe sie jedoch selbstverschuldet
nicht getan, indem sie ihrer Erwerbstätigkeit mehr Gewicht beigemessen habe. Bei der
aktuellen Sachlage hätte eine Umschulung nicht zugesprochen werden dürfen, da ihr
von Anfang an keine Aussicht auf Erfolg beschieden gewesen wäre. Entsprechend
hätten auch geringere Taggelder ausgerichtet werden müssen bzw. gar nicht aus
gerichtet werden dürfen. Da die Beschwerdeführerin nicht in der Lage gewesen sei,
ihre Pflichten für eine erfolgreiche Umschulung wahrzunehmen, habe sie sich nicht in
gutem Glauben befunden, als sie Taggelder ausgerichtet erhalten habe (act. G 4).
D.c Mit Replik vom 6. Juni 2011 liess die Beschwerdeführerin an ihrem Antrag fest
halten (act. G 6).
D.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete sinngemäss auf eine Duplik (act. G 8).
D.e Am 13. Oktober 2011 liess die Beschwerdegegnerin dem Gericht ein Schreiben der
Beschwerdeführerin vom 12. Oktober 2011 betreffend Abgabe der Bachelorarbeit zu
gehen (act. G 10).
D.f Am 27. März 2012 liess die Beschwerdegegnerin dem Gericht ein Schreiben der
Beschwerdeführerin vom 23. März 2012 betreffend den erfolgreichen Abschluss der
Ausbildung zugehen (act. G 12).

Erwägungen:
1.
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Anfechtungsgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet die Verfügung vom
21. Februar 2011, mit der ein Erlassgesuch der Beschwerdeführerin abgewiesen
worden ist. Streitgegenstand bildet demnach die Frage, ob das Erlassgesuch zu Recht
abgewiesen wurde. Die Frage der Rechtmässigkeit der entsprechenden Rückforderung
bildet dagegen nicht Gegenstand dieses Verfahrens. Grundsätzlich ist daher auch nicht
entscheidend, ob die Beschwerdeführerin ihre Ausbildung zwischenzeitlich erfolgreich
abgeschlossen hat, betrifft dies doch in erster Linie die Frage, ob die Beschwerde
gegnerin zu Recht angenommen hat, die Beschwerdeführerin habe die Umschulung
faktisch abgebrochen, was für die Beurteilung der Rechtmässigkeit der Rückforderung
relevant wäre.
2.
2.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer die unrecht
mässigen Leistungen aber in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht zurück
erstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 ATSG; Art. 4 f. der Ver
ordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR 830.11]).
Die Rückerstattung kann nur erlassen werden, wenn die beiden Voraussetzungen des
gutgläubigen Empfangs und der grossen Härte der Rückerstattung kumulativ erfüllt
sind (vgl. etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Auflage, Zürich 2009, Art. 25 N 19).
Diese Kriterien sind in einer reichhaltigen Rechtsprechung konkretisiert worden.
Hinsichtlich des guten Glaubens sind die Voraussetzungen nicht schon mit der
Unkenntnis des Rechtsmangels gegeben. Die Rechtsprechung unterscheidet zwischen
dem guten Glauben als fehlendem Unrechtsbewusstsein und der Frage, ob sich
jemand unter den gegebenen Umständen auf den guten Glauben berufen kann,
beziehungsweise ob er bei zumutbarer Aufmerksamkeit den bestehenden
Rechtsmangel hätte erkennen sollen (vgl. AHI 1994, 122; BGE 102 V 245 mit
Hinweisen). Der Bezüger unrechtmässiger Leistungen darf sich nicht nur keiner
böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit schuldig gemacht
haben. Der Erlass der Rückforderung ist daher zu verweigern, wenn der
Leistungsbezüger die nach den Umständen gebotene zumutbare Aufmerksamkeit nicht
beachtet oder seine Meldepflicht hinsichtlich Änderungen in den massgebenden
Verhältnissen in grober Weise verletzt hat (BGE 102 V 245 mit Hinweisen). Der
Versicherte, der sich auf den guten Glauben beruft, darf seine Melde- und
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Auskunftspflicht somit nicht in grober Weise verletzt haben; eine bloss leichte Ver
letzung der Sorgfalts- und Aufmerksamkeitspflicht schliesst hingegen den Begriff des
guten Glaubens nicht aus (BGE 110 V 176; ZAK 1985, 63; I 622/05 vom 14. August
2006, Erw. 3.1). Grobe Fahrlässigkeit liegt vor, wenn jemand das ausser Acht lässt, was
jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als be
achtlich hätte einleuchten müssen (BGE 110 V 176).
2.2 Die Verletzung der Melde- oder Auskunftspflicht ist eine zwar häufige, aber nicht
die einzige Form eines schuldhaften Verhaltens, das die Berufung auf den guten
Glauben ausschliesst. In Betracht fällt z.B. auch die Unterlassung, sich bei der
Verwaltung (nach der Rechtmässigkeit der Auszahlung) zu erkundigen (vgl. ARV 1998
Nr. 41, 234).
3.
3.1 Dass die Rückforderung eine grosse Härte für die Beschwerdeführerin darstellt, ist
unbestritten und in den Akten ausgewiesen. Es kann diesbezüglich insbesondere auf
die Berechnung der Beschwerdegegnerin vom 19. November 2010 (IV-act. 229–7) ver
wiesen werden.
3.2 Für die Beantwortung der Frage, ob die Beschwerdeführerin die zurückgeforderten
Leistungen gutgläubig bezogen hat, ist vorliegend der Grund für die Rückforderung von
wesentlicher Bedeutung. Die Beschwerdeführerin war in den fraglichen Zeiträumen zu
50 Prozent arbeitsfähig (vgl. IV-act. 177) und musste, um ihre Ausbildung abschliessen
zu können, eine Bachelorarbeit verfassen. Sie nahm in der Folge allerdings zuerst eine
befristete Arbeitsstelle mit einem Pensum von 60 Prozent und anschliessend eine un
befristete Arbeitsstelle mit einem Pensum von 40 Prozent an. Gleichzeitig war es ihr
nicht möglich, ihre Bachelorarbeit rechtzeitig abzugeben. Gegenüber dem
Berufsberater der Beschwerdegegnerin führte sie später angeblich – entsprechende
Aussagen sind weder im Wortlaut protokolliert noch von der Beschwerdeführerin
unterzeichnet worden – aus, die Erwerbstätigkeit habe eine höhere Priorität als die
Ausbildung (vgl. IV-act. 196). Die Beschwerdegegnerin zog vor diesem Hintergrund den
Schluss, die Beschwerdeführerin habe ihre Ausbildung unter- und schliesslich
abgebrochen. Dieser Schluss lag nahe, weil sich die Pensen der Arbeitsstellen im
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Rahmen dessen bewegten, was der Beschwerdeführerin damals medizinisch noch
zugemutet werden konnte, was bedeutet, dass für die Ausbildung keine Ressourcen
mehr vorhanden waren. Wenn davon ausgegangen würde, der Schluss, die
Beschwerdeführerin habe faktisch ihre Ausbildung im März 2009 erstmals
unterbrochen, sei zutreffend gewesen, bedeutet dies aber nicht ohne Weiteres auch,
dass sie die Taggelder in den fraglichen Zeiträumen bösgläubig bezogen hat.
Entscheidend ist nämlich nicht, ob die Beschwerdeführerin faktisch ihre Ausbildung
unterbrochen hat, sondern vielmehr, ob ihr dies hätte bewusst sein müssen. Der gute
Glaube ist nämlich nur dann zu verneinen, wenn mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
davon auszugehen ist, der Beschwerdeführerin sei bewusst gewesen oder hätte
bewusst sein müssen, dass sie Taggelder bezog, obwohl die Umschulung faktisch
unterbrochen war. Den Akten lassen sich nicht genügend Anhaltspunkte dafür
entnehmen. Es ist vielmehr wesentlich wahrscheinlicher, dass sich die aufgrund der
Akten äusserst ambitioniert scheinende, vom Berufsberater der Beschwerdegegnerin
als engagiert beschriebene Beschwerdeführerin mit dem Antritt einer Teilzeitstelle
übernommen bzw. ihre Kräfte überschätzt hat. Sie hat durchwegs den Willen gezeigt,
ihre Ausbildung abzuschliessen, und unterdessen durch den effektiven Abschluss unter
Beweis gestellt, dass es ihr ernst damit gewesen ist. Dass sie ihre Arbeitsstelle, die
aufgrund der gesamten Umstände durchaus als Glücksfall bezeichnet werden darf,
nicht allein deshalb aufgeben wollte, um die Bachelorarbeit früher fertigstellen zu
können, gereicht ihr nicht zum Vorwurf. Ihr musste höchstens bewusst sein, dass sie
damit den Abschluss ihrer Ausbildung hinauszögerte. Eine Verzögerung der Ausbildung
durch die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit führt nicht zwingend zu einem Taggeld
unterbruch, sondern kann auch nur zu einer Reduktion des Taggeldes entsprechend
dem erzielten Einkommen führen. Jedenfalls kann der Beschwerdeführerin nicht ent
gegen gehalten werden, ihr hätte bewusst sein müssen, dass die Ausbildungsver
zögerung zu einem Unterbruch des Taggeldanspruchs führe. Der Beschwerdeführerin
musste denn auch nicht bewusst sein, dass die Verzögerung der Ausbildung aus
gesundheitlichen Gründen bei Ausübung einer Erwerbstätigkeit grundsätzlich anders
qualifiziert würde als eine Verzögerung der Ausbildung aus gesundheitlichen Gründen
während des Vollzeitstudiums. Sie wurde schliesslich von der Beschwerdegegnerin
auch nicht darauf hingewiesen, dass von einem Unterbruch der Ausbildung ausge
gangen würde. Die Pflicht zur Aufgabe oder Reduktion der Teilzeitstelle hätte von der
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Beschwerdegegnerin erst nach Durchführung des so genannten Mahn- und Bedenk
zeitverfahrens (Art. 21 Abs. 4 ATSG) in Anspruch genommen werden dürfen. Da keine
entsprechende Abmahnung oder vorgängige Aufforderung erfolgt ist, musste die Be
schwerdeführerin nicht mit entsprechenden Konsequenzen rechnen. Die Beschwerde
führerin durfte daher durchaus davon ausgehen, sie habe weiterhin Anspruch auf ein
Taggeld. Der gute Glaube ist mit anderen Worten zu bejahen.
3.3 Daran ändern die Ausführungen der Beschwerdegegnerin nichts. Ihr Schluss, die
Umschulung hätte bei heutigem Kenntnisstand von Beginn weg nicht bewilligt werden
dürfen, ist aktenwidrig, zeigte die Beschwerdeführerin doch durchwegs gute bis sehr
gute Leistungen und hinderten sie selbst die Nierentransplantation und das Versagen
der Spenderniere nicht daran, ihr Studium mit ebendiesen guten Leistungen fortzu
setzen. Die Beschwerdeführerin hat ihre Ausbildung nicht selbstverschuldet verzögert,
sondern offenbar versucht, trotz erheblicher Komplikationen nicht nur ihre Ausbildung
innert nützlicher Frist abzuschliessen, sondern sich auch um die anschliessende Ein
gliederung ins Erwerbsleben zu kümmern. Diese überdurchschnittliche Eigeninitiative
kann der Beschwerdeführerin freilich nicht zum Vorwurf gemacht werden. Abgesehen
davon stellt sich die Frage nach der Relevanz der entsprechenden Ausführungen der
Beschwerdegegnerin, da anhand derselben kein Schluss bezüglich des guten
Glaubens gezogen werden kann.
4.
Zusammenfassend ist die Rückforderung in Gutheissung der Beschwerde zu erlassen.
Die angesichts des durchschnittlichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden Ge
richtskosten hat ausgangsgemäss die Beschwerdegegnerin zu bezahlen. Der Be
schwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss zurückerstattet. Die
Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin sodann mit einer praxisgemässen
Pauschale von Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu ent
schädigen
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP entschieden:
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1. In Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung vom 21. Februar 2011 aufge
hoben und die Rückforderung von Fr. 26’476.-- gemäss Verfügung vom 21. Juli 2010
erlassen.
2. Die Beschwerdegegnerin hat die Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der
Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.--
zurückerstattet.
3. Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin mit Fr. 3’500.-- (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 02.07.2013 Art. 25 Abs. 1 ATSG. Erlass. Guter Glaube. Taggeldrückforderung wegen faktischem Unterbruch der Ausbildung. Guter Glaube und grosse Härte bejaht, Erlassgesuch gutgeheissen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St.Gallen vom 2. Juli 2013, IV 2011/127).
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