Decision ID: 2fa6ee2d-3992-4314-85cf-333aa7d1f80b
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Mord und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 28. August
2013 (DG120015)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 8. Februar
2012 (Urk. 55) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig des Mordes im Sinne von Art. 112
StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 18 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bereits
3 Jahre und 90 Tage durch Haft erstanden sind (gerechnet bis 27. Mai
2013).
Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte sich seit 27. Mai
2013 im vorzeitigen Strafvollzug befindet.
3. Der mit Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 16. September
2008 gewährte bedingte Vollzug der Geldstrafe von 300 Tagessätzen zu
Fr. 30.– wird widerrufen. Die Strafe wird vollzogen.
4. Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte seine grundsätz-
liche Schadenersatzpflicht gegenüber der Privatklägerin anerkennt. Es wird
davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte folgende Schadensposi-
tionen der Privatklägerin anerkennt: Kosten des Grabsteins (Fr. 3'220.–) und
Kosten der Bestattung (Fr. 196.20).
Im Mehrbetrag wird die Schadenersatzklage auf den Weg des Zivilprozes-
ses verwiesen.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin Fr. 70'000.– zuzüglich
5 % Zins seit 26. Februar 2010 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag
wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
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6. Es wird gegenüber dem Beschuldigten die Abnahme einer DNA-Probe und
die Erstellung eines DNA-Profiles im Sinne von Art. 5 des DNA-Profil-
Gesetzes angeordnet und die Kantonspolizei Zürich mit dem Vollzug beauf-
tragt.
7. Folgende mit Verfügungen der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 4. Mai 2011 und 8. November 2011 beschlagnahmten Gegenstände
werden eingezogen und der Kantonspolizei Zürich zur gutscheinenden Ver-
wendung oder Vernichtung überlassen:
− 1 Medikament Beipackzettel, verrissen, nass, ... / ..., (A...)
− 1 Hotelinformations-Mappe, ... / ..., (A...)
− 1 Praline-Schachtel, 1 Begrüssungskarte Hotel, 1 Post-It-Block, türkis, mit der Aufschrift „23.2.10 HEUTE-24.2.10 MORGEN-25.2.10 über MORGEN“, ... / ..., (A...)
− 3-seitiger „Abschiedsbrief“ auf Hotelpapier, Format A4, inkl. Kugelschreiber, ... / ..., (A...)
− 1 Medikamentenschachtel des Schlafmittels „Benocten“ für 20 Tabletten (leer), gekauft gemäss Preisschild in der „... Apotheke“ in , ... / ..., (A...)
− 1 Handfeuerlöscher, „Primus“, Füllmenge 2 kg, App. No ... (stark mit Löschstaub ), A..., Aufbewahrungsort FOR
− Schliessvorrichtung, Plombe und Abzugsvorrichtung (Sicherung) für Feuerlöscher, A..., Aufbewahrungsort FOR
− 2 Kassenbelege für Spielzeug: C._ und D._, ... / ..., (A...)
− 1 Medikationszettel, Format A4, datiert vom 15.06.09, ... / ..., (A...)
− 1 Lego Hubschrauber inkl. Verpackung und div. Filzstifte und 1 Speisemesser aus Kunststoff, ... / ..., (A...)
− 1 Spielzeugverpackung „Constructor“ (Seilbagger), ... / ..., (A...)
− Div. Bauteile „Seilbagger“ (mit Löschstaub verschmutzt), ... / ..., (A...)
8. Folgende mit Verfügungen der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 5. August 2010 und 4. Mai 2011 beschlagnahmten Gegenstände wer-
den dem Beschuldigten auf ausdrückliches Begehren nach Rechtskraft des
Urteils ausgehändigt:
− 1 Schreiben (2-seitig) vom 29.03.2010, beginnend mit: „Vielen dank an die Menschen, die mit mir seit 1990 vertrauen schenkten: ...“
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− 1 Schreiben (2-seitig) vom 29.03.2010, beginnend mit: „Ich komme aus einer Familie mit noch 7 Geschwistern; ...“
− 1 Schreiben (2-seitig) ohne Datum, beginnend mit: „Beistandschaften / Vormundschaft / JSA...“
− 1 Schreiben (2-seitig) vom März 2010, beginnend mit: „Familienbegleitung Frau E._: Sie war die einzige, die aus aktuellen...“
− 1 Schreiben (2-seitig) vom März 2010, beginnend mit: „Inselspital: Ich lag auf der Bahre. übel vom Transport; als erster sprach mich ein...“
− 1 Schreiben (2-seitig) vom März 2010, beginnend mit: „F._ Trauung; G._ nahm die Kinder und zog...“
− 1 Schreiben (2-seitig) ohne Datum, beginnend mit: „H._: Exakt ein Jahr nach I._ wohnte ich in J._...“
− 1 Schreiben (2-seitig) vom März 2010, beginnend mit: „K._: Weihnacht 1990 fuhr ich weg...“
− 1 Schreiben (2-seitig) vom März 2010, beginnend mit: „L._: Ca. im 2000 hatte ich Kapazitäten, nachdem das Mandat...“
− 1 Schreiben (2-seitig) vom März 2010, beginnend mit: „AN._: Er hat ca. 2000 mit mir Verbindung aufgenommen...“
− 1 Schreiben (2-seitig) vom März 2010, beginnend mit: „N._: hatte ich ca. 1999 im Internet kennengelernt...“
− 1 Schreiben (2-seitig) ohne Datum, beginnend mit: „Spanien: Eben, in ..., konnte ich aussteigen aus dem ..., ...“
− 1 Schreiben (2-seitig) vom März 2010, beginnend mit: „O._ + Co.: Sicher hat sie den Mund aufgetan über mich...“
− 1 Schreiben (1-seitig) vom 17.03.2010 beginnend mit: „10 vor 10 tt.mm.jj / P._“
− 1 Schreiben vom 03.03.2010 von RA lic. iur. X._ an den Angeschuldigten, 2-seitig vollgeschrieben
− 1 Internetausdruck vom 08.03.2010 aus www.Q._.ch, Artikel: Brief beweist:  waren vor ... gewarnt. 3-seitig, 1-Seite auf der Rückseite beschreiben
− 1 Schreiben (1-seitig) ohne Datum, beginnend mit: „3) ich war ein gutes Arbeitstier...“
− 1 Kinderzeichnung auf Papierblatt A4; auf der Rückseite einer Kontoaufstellung „R._ AG“, ... / ..., (A...)
− 1 Reisekoffer „Stratic, olive, mit div. Kinderkleidern / Kinderschuhen / Malstiften; 1 kleine Reiseapotheke und 1 Flasche Hustensirup „Sanabronch“ 100 ml, (beinahe voll), ... / ..., (A...)
− 1 blauer Ordner (Fischmotiv)
− 1 blauer Ordner (U._)
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− 1 blauer Ordner (A._/S._)
− 1 grauer Ordner
− 1 blauer Ordner (BG)
− Inhalt aus brauner Ledermappe (1 Bericht i/S S._, 11. Februar 2010, 1 Schreiben T._ an Herr A._, 1 Schreiben T._ an S._, 1 Auszug aus dem  über die polizeilichen Informationssysteme des Bundes, 4 Kopien der  von U._, 1 Check über 1'000'000 Dollars)
− 1 blaues Sichtmäppchen, Inhalt: Post (2 Couverts)
− 1 weisses Sichtmäppchen, Inhalt: div. Kontoauszügen der UBS
− 1 rotes Sichtmäppchen, Inhalt: div. E-Mails
− 1 rotes Sichtmäppchen, Inhalt: Vereinbarung über die Scheidungsfolgen
− 1 weisses Sichtmäppchen, Inhalt: div. Kontoauszügen, Migrosbank und Sunrise usw.
− Diverse Notizen, Inhalt: 2 A4 Blätter mit Bleistift beschrieben, 1 Schreiben von V._ an A._ vom 06.12.2008, 1 Schreiben von V._ an A._ vom 12.12.2008, 1 Kontoauszug UBS AG, Visa vom 21.10.2007, 1 sunrise Rechnung vom 10.12.2006, 1 Zwischenzeugnis vom 08.03.1990, 1 Aufstellung betreffend Zahlung für S._ via , 2 Aufstellungen Telefonkosten S._, 1 E-Mail A._ an M._ vom 02.10.2007
− 1 gelbes Einlegemäppchen mit div. Unterlagen
Wird innert 3 Monaten ab Rechtskraft des Urteils kein entsprechendes Be-
gehren gestellt, werden die Gegenstände der Kantonspolizei Zürich zur Ver-
nichtung übergeben.
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9. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 15'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 65'283.00 Auslagen Untersuchung
Fr. 15'333.00 zusätzliche Gutachterkosten
Fr. 4'408.40 Kosten KAPO
Fr. 10'000.00 Gebühr Führung Strafuntersuchung
Fr. 78'362.25 amtl. Verteidigungskosten (inkl. Auslagen und MwSt)
Fr. 14'979.75 Vertretung Privatklägerin (inkl. Auslagen und MwSt)
Fr. 203'366.40
10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliess-
lich derjenigen der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertre-
tung der Privatklägerin, werden dem Beschuldigten auferlegt. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung werden einstweilen auf die Gerichtskasse genom-
men; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
Berufungsanträge:
a) Der amtlichen Verteidigung:
(Urk. 135 S. 5)
1. Ziff. 1 des Dispositivs sei aufzuheben und der Beschuldigte sei nicht
wegen Mordes im Sinne von Art. 112 StGB, sondern wegen vorsätzli-
cher Tötung im Sinne von Art. 111 StGB zu verurteilen.
2. Die Bestrafung mit 18 Jahren Freiheitsstrafe (Strafzumessung) wird
angefochten. Anstelle einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren sei der Be-
schuldigte mit sieben Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen.
Die Anrechnung der erstandenen Haft (aufdatiert auf die Rechtskraft
des Urteils) und die Vormerknahme des vorzeitigen Strafvollzuges seit
27. Mai 2013 werden nicht angefochten.
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3. Der Widerruf der mit Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom
16. September 2008 gewährten bedingten Vollzuges der Geldstrafe
von 300 Tagessätzen zu Fr. 30.– wird nicht angefochten.
4. Ziff. 4 des Dispositivs wird nicht angefochten.
5. Ziff. 5 des Dispositivs wird nicht angefochten.
6. Ziff. 6 des Dispositivs wird nicht angefochten.
7. Ziff. 7 des Dispositivs wird angefochten.
8. Ziff. 8 des Dispositivs wird nicht angefochten.
9. Ziff. 9 des Dispositivs wird nicht angefochten.
10. Ziff. 10 des Dispositivs wird nicht angefochten.
b) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 136 S. 1)
1. Dispositiv 2 des Urteils der Vorinstanz vom 28. August 2013 sei aufzu-
heben und der Beschuldigte sei mit einer lebenslänglichen Freiheits-
strafe zu bestrafen, wobei die bisher erstandene Haft auf die ausgefäll-
te Freiheitsstrafe anzurechnen und vom vorzeitigen Strafvollzug seit
27. Mai 2013 Vormerk zu nehmen sei.
2. Der Beschuldigte sei im Sinne von Art. 64 Abs. 1 StGB zu verwahren.
3. Die Berufung des Beschuldigten sei vollumfänglich abzuweisen.
4. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien dem Beschuldigten aufzu-
erlegen.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Prozessuales
1. Zum Gang des Verfahrens bis zur erstinstanzlichen Urteilsfällung ver-
schafft die vorinstanzliche Urteilbegründung einen Überblick (Urk. 117 S. 5 f.;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksge-
richts Winterthur vom 28. August 2013 meldeten der amtliche Verteidiger und die
Staatsanwaltschaft je mit Eingabe vom 29. August 2013 rechtzeitig Berufung an
(Urk. 110; Urk. 111; Art. 399 Abs. 1 StPO). Nach gleichzeitigem Erhalt des be-
gründeten Urteils am 17. Februar 2014 reichten die Staatsanwaltschaft mit Einga-
be vom 3. März 2014 und die Verteidigung mit Eingabe vom 10. März 2014 ihre
Berufungserklärung im Sinne von Art. 399 Abs. 3 StPO beide rechtzeitig ein
(Urk. 114; Urk. 118; Urk 120). Mit Präsidialverfügung vom 17. März 2014 wurde
dem Beschuldigten und der Privatklägerin eine Kopie der Berufungserklärung der
Staatsanwaltschaft sowie der Staatsanwaltschaft und der Privatklägerin eine
Kopie der Berufungserklärung des Beschuldigten zugestellt und Frist für An-
schlussberufung oder einen Nichteintretensantrag angesetzt (Urk. 124). Die amt-
liche Verteidigung und die Staatsanwaltschaft liessen sich dazu nicht vernehmen.
Die Privatklägerin liess mit Eingabe vom 7. April 2014 mitteilen, dass sie sich am
weiteren Verfahren nicht mehr beteiligen wolle. Einzig bei Abschluss des Verfah-
rens wolle sie mittels Zustellung des Urteilsdispositivs direkt an ihre Adresse in-
formiert werden (Urk. 126). Mit Präsidialverfügung vom 3. November 2014 wurden
die Beweisanträge der Verteidigung (Einholen eines neuen Gutachtens und von
Ergänzungen zum bereits vorliegenden Gutachten) einstweilen abgewiesen
(Urk. 127; zu den Beweisanträgen vgl. nachfolgend, Erw. 3.). Am 11. November
2014 wurde zur Berufungsverhandlung auf den 24. März 2015 vorgeladen
(Urk. 130).
3. Mit Eingabe vom 10. März 2015 reichte die Verteidigung ein von ihr am
4. September 2013 in Auftrag gegebenes psychiatrisches Privatgutachten über
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den Beschuldigten von Prof. Dr. W._, Universitätsklinikum Freiburg, Deutsch-
land, vom 9. Februar 2015 ein (Urk. 131 f.). Anlässlich der Berufungsverhandlung
vom 24. März 2015 stellte die Verteidigung im Rahmen der Vorfragen gemäss
Art. 339 Abs. 2 StPO diverse Beweisanträge (Prot. II S. 4 ff.; Urk. 135 S 1 f.).
3.1. In der Folge wurde der amtliche Gutachter, Prof. Dr. med. AA._, ...
Klinik für Forensische Psychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, mit
Beschluss vom 24. März 2015 unter Hinweis auf Art. 307 StGB und Art. 320 StGB
darum ersucht, bis Ende Mai 2015 zum Privatgutachten vom 9. Februar 2015
gemäss separatem Fragekatalog schriftlich Stellung zu nehmen, um ihn mit den
substantiierten Erkenntnissen des Privatgutachtens zu konfrontieren (vgl. HEER,
BASLER KOMMENTAR STPO, 2. Auflage, Basel 2014, N 19 zu Art. 189 StPO;
Urk. 138 f.). Der schriftliche Auftrag zur Ergänzung des amtlichen Gutachtens er-
folgte am 31. März 2015 (Urk. 140). Das ergänzende forensisch-psychiatrische
Gutachten von Prof. Dr. med. AA._ datiert vom 28. Mai 2015 (Urk. 142). Mit
Präsidialverfügung vom 3. Juni 2015 wurde dieses den Parteien zur freigestellten
Stellungnahme zugestellt (Urk. 143). Zusammen mit der nach zweimalig erstreck-
ter Frist eingegangenen Stellungnahme der Verteidigung vom 4. August 2015
(Urk. 146 ff.) liess der Beschuldigte eine ergänzende privatgutachterliche Stel-
lungnahme von Prof. W._ vom 20. Juli 2015 (Urk. 149) zur ergänzenden
amtlichen Begutachtung vom 28. Mai 2015 einreichen. Mit Eingabe vom 10. Au-
gust 2015 reichte die Verteidigung eine Korrektur zu ihrer Stellungnahme vom 4.
August 2015 ein (Urk. 150). Die Anklagebehörde liess sich nicht mehr verneh-
men.
3.2. Auf das Ergebnis dieser Beweisabnahme und auf die übrigen Beweis-
anträge ist im Rahmen der nachfolgenden Beweiswürdigung näher einzugehen.
Vorab kann festgehalten werden, dass weitere Beweisabnahmen aus den nach-
folgend aufzuzeigenden Gründen nicht notwendig sind. Den übrigen Beweisan-
trägen der Verteidigung ist daher nicht stattzugeben.
4. Nachdem die mündliche Urteilseröffnung auf den 11. Dezember 2015 an-
beraumt wurde, teilte die Verteidigung mit Eingabe vom 24. November 2015 mit,
dass der Beschuldigte an der mündlichen Urteilseröffnung nicht teilnehmen wolle
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und er sich mit einer schriftlichen Urteilseröffnung einverstanden erkläre (Urk.
152). Auf anschliessende Nachfrage bei der Anklagebehörde verzichtete auch
diese auf eine mündliche Eröffnung des Urteils (Urk. 153). In der Folge wurde die
Ladung für die mündliche Urteilseröffnung abgenommen. Einem entsprechenden
Ersuchen zweier Medienvertreter (Urk. 154/1-2) entsprechend wurde der Ent-
scheid, das Urteil schriftlich zu eröffnen, in Wiedererwägung gezogen und erneut
zu einer mündlichen Urteilseröffnung auf den 20. Januar 2016 vorgeladen, den
Parteien aber das Erscheinen freigestellt.
5. Die Berufung der Staatsanwaltschaft wurde auf die Bemessung der Strafe
und die Anordnung der Massnahme beschränkt (Art. 399 Abs. 4 lit. b und c). Sie
verlangt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe sowie die Verwahrung des Beschul-
digten gestützt auf Art. 64 Abs. 1 StGB. Beweisanträge hat sie keine gestellt
(Urk. 118; Urk. 136).
5.1. Die amtliche Verteidigung beantragt, der Beschuldigte sei nicht wegen
Mordes im Sinne von Art. 112 StGB, sondern wegen vorsätzlicher Tötung im Sin-
ne von Art. 111 StGB schuldig zu sprechen und mit einer Freiheitstrafe von 7 Jah-
ren zu bestrafen. Sodann wird die Einziehung und Verwendung resp. Vernichtung
der mit den Verfügungen der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
4. Mai 2011 und vom 8. November 2011 beschlagnahmten Gegenstände ange-
fochten, da sich darunter relevante Beweismittel befänden, welche bis zum Ab-
schluss des Verfahrens vorhanden bleiben sollten (Urk. 120 S. 2, S. 4; Urk. 135
S. 5). Auf die Beweisanträge der Verteidigung ist im Rahmen der nachstehenden
Erwägungen näher einzugehen.
5.2. Da sich die Privatklägerin nicht weiter vernehmen liess, blieb die Abwei-
sung des Fr. 70'000.-- übersteigenden Mehrbetrages des Genugtuungsbegehrens
auf den Weg des Zivilprozesses unangefochten.
5.3. Gemäss Art. 402 StPO in Verbindung mit Art. 437 StPO wird die
Rechtskraft des angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt.
Nachdem die Urteilsdispositivziffern 4 und 5 (Schadenersatz und Genugtuung), 6
(Erstellung eines DNA-Profils), 8 (Herausgabe von Gegenständen) und 9 – 10
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(Kostendispositiv) unangefochten blieben, ist mittels Beschluss festzustellen, dass
das vorinstanzliche Urteil in diesem Umfang in Rechtskraft erwachsen ist.
II. Schuldpunkt
A. Sachverhalt
1. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen (Urk. 55 S. 3 f.), er habe in den Ta-
gen vor dem 26. Februar 2010 an der ...strasse ... in ... aus dem Besitz von
AC._ den Feuerlöscher „Primus“, Füllmenge 2 kg, App. No 267215, behän-
digt, weil er sich damit habe suizidieren wollen. Am 26. Februar 2010 habe er mit
seinem Sohn †U._, geboren am tt.mm.2005, um 08.44 Uhr in A die S-Bahn
Nr. ... in Richtung Zürich Hauptbahnhof bestiegen. Wegen einer Stellwerkstörung
sei die S ... jedoch nicht in den Hauptbahnhof gefahren, sondern nach Oerlikon
umgeleitet worden, wo er um ca. 09.07 Uhr zusammen mit †U._ ausgestie-
gen und den ursprünglichen Plan, nach Zürich zu fahren, aufgegeben und statt-
dessen einen Zug nach ... genommen habe, wobei er den erwähnten Feuerlö-
scher dabeigehabt habe.
1.1. In ... habe er um 10.03 Uhr an der ...gasse ... im Verkaufs-geschäft
„C._“ einen Lego-Feuerwehrhelikopter für Fr. 49.95 gekauft und um 10.24
Uhr in der ...-Apotheke an der ...gasse ... eine Packung Benocten à 20 Tabletten
zum Preis von Fr. 15.90. Dies habe der Beschuldigte in der Absicht getan,
†U._ von den Tabletten zu verabreichen und selber davon einzunehmen.
1.2. In der Folge habe er sich zusammen mit †U._ ins Hotel AD._
an der ...gasse ... begeben und dort das Zimmer ... im ersten Stock gebucht. Die
Reservation über den Betrag von Fr. 200.– habe er um 10.38 Uhr mit seiner Kre-
ditkarte Mastercard Nr. ... vornehmen lassen. Um 11.24 Uhr habe er im Verkaufs-
geschäft „D._“ an der ...gasse ... weiteres Kinderspielzeug für Fr. 129.– ge-
kauft und um 13.05 Uhr mit †U._ zusammen das gebuchte Hotelzimmer ...
aufgesucht, wo dann beide verblieben seien. Als um 13.40 Uhr die Hotelangestell-
te AE._ das Zimmer ... aus Versehen betreten habe, sei der Fernseher ein-
geschaltet gewesen, und als AF._, Portier des Hotels, im Verlaufe des
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Nachmittags Frotteewäsche und Kinder-Slipper auf ihr Zimmer gebracht habe,
habe †U._ am Boden neben dem Bett gespielt.
1.3. Im Verlaufe des Nachmittages habe der Beschuldigte auf Hotelpapier
ein Schreiben verfasst, in welchem er seine Situation mit †U._ und S._
beklagt habe. So habe er der Privatklägerin vorgeworfen, sie akzeptiere nicht,
dass das Kind in seiner Obhut sei, und dass sie nicht teilen wolle. Dabei habe er
festgehalten, dass es brutal sei, aber das Kind werde nicht mehr entführt. Er habe
den besseren Weg als mit einer Hure auf der Flucht, und sie wollten in A auf's
Grab.
1.4. Ebenfalls im Verlaufe des Nachmittags habe er mehrere Tabletten
Benocten in einem Süssgetränk aufgelöst und willentlich dem Kind verabreicht, so
dass †U._ schliesslich eine hochwirksame Diphenhydramin-Konzentration
von 410μg/L im Blut aufgewiesen habe. Dabei sei dem Beschuldigten bewusst
gewesen, dass er mit dieser Menge Benocten sein Kind betäuben könne.
Dadurch habe er sein Kind willentlich in einen Tiefschlaf bzw. in eine Bewusstlo-
sigkeit versetzt, in welcher dieses nicht mehr handlungsfähig gewesen sei. Dies
habe er getan, um †U._ umbringen zu können. Mit dieser Absicht und im
Wissen darum, dass seine Handlungsweise den Tod des Kindes zur Folge haben
würde, habe er diesem zudem die Atemwege versperrt, wodurch er sein Kind
schliesslich mit Wissen und Willen getötet habe.
1.5. Auch er selber habe mehrere, in einem Zahnputzglas aufgelöste Tablet-
ten Benocten eingenommen und kurz vor 17.33 Uhr im Hotelzimmer auf dem Bett
liegend in suizidaler Absicht den mitgebrachten Feuerlöscher ausgelöst, dessen
Staub die Brandmeldeanlage aktiviert und im Hotel Feueralarm ausgelöst habe,
worauf Angestellte des Hotels ihn und †U._ auf dem Bett liegend vorgefun-
den hätten. Trotz anfänglicher Wiederbelebungsversuche durch die Beamten der
Stadtpolizei Zürich (recte: ...) und die Rettungssanitäter sei †U._ nach der
Einlieferung ins Kantonsspital ... und dem Abbruch der Reanimationsbemühun-
gen durch die Ärzte dieses Spitals um 19.01 Uhr schliesslich um 19.15 Uhr als tot
erklärt worden.
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1.6. Die Tötung von †U._ sei im Gesamtzusammenhang betrachtet ins-
besondere deshalb besonders skrupellos gewesen, weil †U._ dem Beschul-
digten überhaupt nichts angetan und auch keine Verantwortung dafür getragen
habe, dass der Beschuldigte mit der Mutter eine Auseinandersetzung gehabt ha-
be. Ausserdem habe †U._ überhaupt nichts gegen den Beschuldigten aus-
richten können und sei ihm wehrlos ausgeliefert gewesen. Mit der Tötung habe er
verunmöglichen wollen, dass die Mutter †U._ ins Ausland verbringe. Ausser-
dem habe er ihr das Kind definitiv für alle Zeiten entziehen und sie zeitlebens be-
strafen wollen, wodurch er sich des Mordes schuldig gemacht habe.
2. Der Beschuldigte machte sowohl anlässlich seiner staatsanwaltschaft-
lichen Befragungen vom 11. März 2010, vom 5. Juli 2010, vom 12. Januar 2011
und vom 19. April 2011 sowie in seiner polizeilichen Befragung vom 4. Mai 2010
jeweils im Beisein seiner Verteidigung wie auch vor Vorinstanz und im Berufungs-
verfahren, stets ausweichende Aussagen zum eigentlichen Tötungsvorwurf mit
der Begründung, er könne nicht darüber sprechen. Er wisse ab einem gewissen
Zeitpunkt am Tag der Tat nicht mehr, was passiert sei. So machte der Beschul-
digte keine Aussagen bei Fragen zum eigentlichen Tatvorgehen und -ablauf und
bei Fragen zum Tatmotiv. Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Schlusseinver-
nahme vom 8. November 2011 machte er gar keine Aussagen und verweigerte
die Unterzeichnung des Befragungsprotokolls. Vor Vorinstanz war sein Erinne-
rungsvermögen weniger stark eingeschränkt und er bestritt insbesondere nicht
mehr, den Handfeuerlöscher am Tag der Tat im Koffer – wenn auch versehentlich
– mitgeführt und ins Hotelzimmer mitgebracht, †U._ in Flüssigkeit aufgelös-
tes Benocten zum Trinken gegeben und diesen getötet zu haben. Er blieb aber
dabei, insbesondere keine Angaben zum Tatentschluss, zum eigentlichen Tatvor-
gehen und -ablauf sowie zu Fragen zum Tatmotiv zu machen (Urk. 13/2 S. 6 ff.;
Urk. 13/22 S. 8 ff., 21; Urk. 13/24 S. 14 f; insbes. Urk. 13/33 S. 2 ff.; Urk. 13/35
S. 8 ff.; Urk. 13/37; Urk. 13/39 S. 4; Urk. 79/1 S. 50 ff., insbes. S. 61 ff., 73).
2.1. Bei dieser Darstellung und diesem Teilgeständnis blieb der Beschuldig-
te auch anlässlich der Berufungsverhandlung und bestritt weiterhin, einen Tö-
tungsvorsatz gehabt zu haben, gab er doch nur an, sich schuldig zu fühlen, dass
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†U._ gestorben sei. Dass er der Mutter habe schaden wollen, stimme aber
nicht (Prot. II S. 37, 40 ff., insbes. auch S. 53).
2.2. Durch seine Verteidigung liess er zusammengefasst bestreiten, die Tö-
tung geplant zu haben und dabei besonders skrupellos vorgegangen zu sein, ab-
gesehen von diesen Einschränkungen sei er mit dem Anklagesachverhalt einver-
standen (Urk. 79/6 S. 2). Im Unterschied zum Beschuldigten ging die Verteidigung
davon aus, dass der Vorsatz nicht bestritten sei, da der Beschuldigte die Verant-
wortung für die Tat übernehme (Prot. II S. 57).
3. Die vom Beschuldigten selber bestrittenen Elemente des der Anklage zu-
grunde liegenden Sachverhalts – somit auch der Tötungsvorsatz – sind daher
aufgrund der Untersuchungsakten und der vor Gericht vorgebrachten Argumente
nach den allgemein gültigen Beweisregeln zu würdigen.
3.1. Am 26. Februar 2010, 19.01 Uhr, wurden die Reanimationsbemühun-
gen im Kantonsspital ... abgebrochen und der einen Tag vor seinem fünften Ge-
burtstag stehende †U._ um 19.15 Uhr für tot erklärt (Urk. 34/12 S. 2).
3.2. Laut Obduktionsgutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universi-
tät Zürich vom 29. Dezember 2010 wurde als Todesursache ein "Ersticken durch
weiche Bedeckung in bewusstseinsgetrübtem Zustand" festgestellt. Eine auffällig
gerötete Nasenspitze sowie eine kleine Kratzspur mit daneben gelegener Hautrö-
tung am rechten Nasenflügel sowie disseminierte punktförmige Hauteinblutungen
in sämtlichen Lidhäuten und in der Haut an Nacken und oberem Rücken sowie
Schleimhauteinblutungen in allen Augenbindehäuten und in der Mundschleimhaut
etc. waren untrügliche Spuren dafür. Anhaltspunkte für eine konkurrierende To-
desursache ergaben sich nicht. Aufgrund der vom Beschuldigten anerkannten
Einnahme des Schlafmittels durch das Kind befand sich †U._ zum Ereignis-
zeitpunkt wegen der Medikamenteneinwirkung von Benocten (Diphenhydramin) in
einem Tiefschlaf (Urk. 34/12 S. 6 f., S. 10). Im Blut des Kindes befand sich eine
Konzentration von 410 μg/L Diphenhydramin, was als hochwirksam, jedoch nicht
letal eingestuft wurde (Urk. 34/11 S. 3). Die genaue Anzahl eingenommener Tab-
letten Benocten, welche dieser Konzentration entsprochen hätte, konnte die Gut-
- 15 -
achterin nicht beantworten. Die medizinisch empfohlene Menge für Kinder im Al-
ter des fünfjährigen †U._ war jedenfalls deutlich überschritten (Urk. 34/12
S. 8). Weder in den Atemwegen noch in den Lungen oder anderen Körperteilen
konnten Inhaltsstoffe des sichergestellten Feuerlöschers gefunden werden. Es
ergaben sich keinerlei Anhaltspunkte für eine orale oder nasale Aufnahme des
Feuerlöscherpulvers in die Atemwege oder den Verdauungstrakt (Urk. 34/12
S. 7), was klar dafür spricht, dass †U._ nicht mehr geatmet hat, als der Be-
schuldigte den Feuerlöscher auslöste.
3.3. Das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich
vom 20. Juli 2011 über die Auswertung der DNA-Spuren kam sodann zum
Schluss, dass auf der einen Seite in der Mitte eines überprüften Kissens ein DNA-
Mischprofil nachgewiesen werden konnte, innerhalb dessen bestimmte Merkmale
sehr viel stärker hervortraten als die übrigen. Diese stark hervortretenden Merk-
male liessen sich zu einem DNA-Hauptprofil zusammenfassen, welches vollstän-
dig mit dem DNA-Profil von †U._ übereinstimmte (Urk. 30/5 S. 3).
3.4. Nachdem der Beschuldigte um 10.24 Uhr in der Apotheke nachweislich
und eingestandenermassen Benocten gekauft (Urk. 1 S. 10) und um 13.05 Uhr
zusammen mit †U._ das Hotelzimmer betreten und in der Folge nicht mehr
verlassen hatte und dieses mit Ausnahme von zwei Hotelangestellten im frag-
lichen Zeitraum von niemand anderem mehr betreten wurde (Urk. 2), ist ange-
sichts der aufgeführten gutachterlichen Erkenntnisse erstellt, dass der Beschul-
digte †U._, seinen leiblichen Sohn (Urk. 27/2), nach Verabreichung von
Benocten mit einem Kissen die Atemwege versperrt und dadurch eigenhändig ge-
tötet hat. Der objektive Anklagesachverhalt ist damit erstellt.
3.5. Vorsätzlich begeht jemand eine Tat, wenn er sie mit Wissen und Willen
ausführt bzw. die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt. Was
der Täter wusste, wollte und in Kauf nahm, betrifft sog. innere Tatsachen und ist
damit zwar eine Tatfrage. Da sich diese inneren Tatsachen bei ungeständigen Tä-
tern regelmässig nur gestützt auf äusserlich feststellbare Indizien und Erfahrungs-
regeln ermitteln lassen, die Rückschlüsse von den äusseren Umständen auf die
innere Einstellung des Täters erlauben (Urteil des Bundesgerichts 6S.133/2007
- 16 -
vom 11. August 2008 E. 2.4, m.H.), und die Beurteilung, ob im Lichte dieser
äusseren Umstände der Schluss auf Vorsatz bzw. Eventualvorsatz begründet ist,
eine Rechtsfrage darstellt, ist das Bestehen eines Vorsatzes bzw. Eventualvor-
satzes nachfolgend im Rahmen der rechtlichen Würdigung zu beurteilen (vgl.
BGE 133 IV 1 E. 4.1; BGE 130 IV 58 E. 8.5; BGE 125 IV 242 E. 3c, je m.H.). Glei-
ches gilt analog auch für das Merkmal der Skrupellosigkeit, soweit es sich aus
subjektiven Komponenten ergibt.
B. Rechtliche Würdigung
4. Die Staatsanwaltschaft und die Vorinstanz würdigen diese Tat als Mord
im Sinne von Art. 112 StGB (Urk. 79/3 S. 17 ff.; Urk. 117 S. 46 ff.). Die Verteidi-
gung hat mit ihrer Berufungserklärung eine Schuldigsprechung wegen vorsätzli-
cher Tötung im Sinne von Art. 111 StGB beantragt (Urk. 120 S. 2) und anlässlich
der Berufungsverhandlung geltend gemacht (Urk. 135 S. 6 f.), der Beschuldigte
habe die Vertrauensstellung zwischen ihm und †U._ entgegen den erstin-
stanzlichen Erwägungen nicht aktiv ausgenützt und ihm auch nicht etwas vorge-
täuscht, um ihn zu töten. Seine Handlungen seien als Verzweiflungstat zu verste-
hen, um †U._ aus seiner Sichtweise ein schlechtes Leben zu ersparen. Inso-
fern sei auch das Element des krassen Egoismus nicht gegeben. Es handle sich
um die Spezialsituation des Mitnahmesuizides, was das Element der krassen
Missachtung des Lebens relativiere. Da die Psychiater (Prot. I S. 19) und die Vor-
instanz (Urk. 117 S. 55) eingestanden hätten, das Tatmotiv sei nicht bekannt,
bzw. dieses offenbleiben müsse, dürfe nicht einfach der Mordtatbestand ange-
nommen werden (Prot. II S. 57).
4.1. Unstrittig ist somit, dass die Tat des Beschuldigten den objektiven Tat-
bestand der vorsätzlichen Tötung (Art. 111 StGB) erfüllt.
4.2. Die Erfüllung des privilegierten Tatbestandes des Totschlags im Sinne
von Art. 113 StGB hat die Vorinstanz mit zutreffender Begründung unter Hinweis
auf die fehlende Entschuldbarkeit ausgeschlossen (Urk. 117 S. 46 f.; Art. 82
Abs. 4 StPO). Auch dies ist unbestritten (Urk. 79/6; Urk. 120 S. 2 ff.; Urk. 135
S. 6 f.).
- 17 -
4.3. Des Mordes im Sinne von Art. 112 StGB macht sich der Täter strafbar,
der besonders skrupellos handelt, namentlich wenn sein Beweggrund, der Zweck
der Tat oder die Art der Ausführung besonders verwerflich sind.
Mord zeichnet sich nach der Rechtsprechung durch eine aussergewöhnlich
krasse Missachtung fremden Lebens bei der Durchsetzung eigener Absichten
aus. Dabei hat das Gesetz jenen Täter im Fokus, der sich besonders skrupellos,
d.h. gemütskalt, krass und primitiv egoistisch, ohne soziale Regungen zur Verfol-
gung seiner eigenen Interessen rücksichtslos über das Leben anderer Menschen
hinwegsetzt. Es geht um die besonders verwerfliche Auslöschung eines Men-
schenlebens. Für die Qualifikation verweist das Gesetz in nicht abschliessender
Aufzählung auf äussere (Ausführung) und innere Merkmale (Beweggrund,
Zweck). Diese müssen nicht alle gegeben sein, um den Tatbestand zu erfüllen.
Entscheidend ist eine Gesamtwürdigung der äusseren und inneren Umstände der
Tat. Eine besondere Skrupellosigkeit kann beispielsweise entfallen, wenn das
Tatmotiv einfühlbar und nicht krass egoistisch war, so etwa, wenn die Tat durch
eine schwere Konfliktsituation ausgelöst wurde. Für Mord typische Konstellatio-
nen sind die Tötung eines Menschen zum Zwecke des Raubes, Tötungen aus re-
ligiösem oder politischem Fanatismus oder aus Geringschätzung (STRATEN-
WERTH/JENNY, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil I, 7. Auflage, Bern
2010, § 1 N 16 ff. und N 23 ff.; DONATSCH, Strafrecht III, 10. Auflage, Zürich 2013,
S. 10 ff.; BGE 127 IV 10 E. 1a; Urteil des Bundesgerichts 6B_592/2014 vom
25. September 2014 E.1.3).
5. Wie bereits die Vorderrichter zutreffend erwogen, ergibt sich aus den im
zeitlichen Ablauf aufgeführten Geschehnissen in den Tagen vor der Tat, dass der
Beschuldigte akut befürchtete, die Privatklägerin könnte mit †U._ bei nächs-
ter Gelegenheit die Schweiz in Richtung Brasilien verlassen, weshalb er das Kind
nicht mehr von seiner Seite lassen wollte (Urk. 117 S. 17 ff., insbes. S. 29 f.;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Diese Befürchtung hatte sich beim Beschuldigten nachge-
rade zur vermeintlich sicheren Gewissheit verstärkt. Die Gefahr, †U._ für
immer an dessen Mutter zu verlieren, wollte der Beschuldigte abwenden, weshalb
er im Vorfeld der Tat, bis zuletzt am Morgen des Tattages, alles Mögliche – aus
- 18 -
seiner Sicht erfolglos (vgl. nachstehend, Erw. II.5.5., insbes. 5.5.2.2.) – unter-
nommen hatte, dies mit behördlicher Hilfe zu erreichen. Dies bestätigte er noch-
mals anlässlich der Berufungsverhandlung (Prot. II S. 42 ff.).
5.1. Der Beschuldigte wollte †U._ am 26. Februar 2010 entgegen der
ursprünglichen Abmachung mit AC._ offensichtlich nicht bei diesem zur Be-
treuung zurücklassen, da er befürchtete, die Privatklägerin könnte dort während
seiner Abwesenheit, in der Zeit, in der er den Kurs im Hotel ... in Zürich beendet
hätte, erscheinen und das Kind für immer mitnehmen, wie er anlässlich der Beru-
fungsverhandlung eingestand (Prot. II S. 43 f.). AC._ gegenüber gab er des-
wegen an, dass er angeblich seinem Anwalt einen Besuch abstatten wolle. Vieles
deutet aber darauf hin, dass dieser angeblich geplante Besuch beim Anwalt am
Morgen des Tattages nur ein Vorwand gegenüber AC._ war.
5.1.1. Die Mitnahme eines mit Kleidern von †U._ und einem Feuerlö-
scher gepackten Koffers lässt untrüglich erkennen, dass der Beschuldigte bereits
beim Verlassen des Hauses damit rechnete und plante, mit †U._ nicht nur
kurz zum Anwalt nach Zürich zu gehen, sondern gemeinsam sogar für längere
Zeit ausser Haus zu bleiben. Seine Beteuerung anlässlich der Berufungsverhand-
lung, davon ausgegangen zu sein, der Koffer enthalte den Laptop und das Kurs-
material (Prot. II S. 45, 47), sich mithin darüber geirrt zu haben, erweist sich an-
gesichts seiner weiteren Aussagen zum Feuerlöscher als widersprüchlich und
somit als unglaubhafte Schutzbehauptung. So hatte er zunächst und auch noch
gegenüber dem Privatgutachter (Urk. 131 S. 69 f.) geltend gemacht, den Feuerlö-
scher aus Furcht vor einer Brandstiftung durch die Privatklägerin behändigt und
bereitgehalten zu haben. Der Feuerlöscher hätte gar nicht auf die Fahrt am Tö-
tungstag mitkommen sollen. Der Privatgutachter ging in der Folge von dieser un-
zutreffenden Prämisse aus.
5.1.2. Als unauflösbarer Widerspruch bleibt daher der Umstand, dass der
Beschuldigte den Feuerlöscher in den Koffer mit den Kleidern für †U._ ge-
packt hatte, nachdem er das Kind am Vorabend der Tat mit diesem Koffer vom
zweitägigen Aufenthalt bei der Familie AG._ (Urk. 13/24 S. 12; Urk. 13/32
S. 6; Urk. 19/35 S. 3; Urk. 79/1 S. 48) abgeholt hatte (vgl. Prot. II S. 46 f., 55 f.).
- 19 -
Nicht einleuchtender ist die Angabe des Beschuldigten in der Berufungsverhand-
lung, aufgrund des Gewichtes angenommen zu haben, sein Laptop befinde sich
im Koffer (Prot. II S. 47). Weshalb bloss hätte sich dieser im Koffer mit den Klei-
dern von †U._ befinden sollen.
5.1.3. Aufgrund der Mitnahme der Kleider des Kindes ist es daher äusserst
unwahrscheinlich, dass der Beschuldigte noch vorhatte, †U._ später an die-
sem Tag durch AC._ betreuen zu lassen (vgl. dazu Urk. 101 S. 9 u). Diesem
gegenüber konnte die bei den Kursteilnehmern verwendete Lüge eines Arztbesu-
ches (vgl. Prot. II S. 48) als angeblicher Grund für die Mitnahme von †U._
nicht verfangen. Ein möglicher Anwaltsbesuch als Vorwand war dazu besser ge-
eignet und für AC._ vermeintlich plausibler. Der Beschuldigte hatte auch ein-
geräumt, am Tattag gar keinen Termin mit seinem damaligen Anwalt
oder dessen Bürokollegen vereinbart gehabt zu haben (Urk. 13/24 S. 4; Urk. 79/1
S. 54 f.; Prot. II S. 43). Als AC._ am selben Vormittag in der Anwaltskanzlei
sich erkundigt hatte, erhielt er offenbar die Auskunft, dass beide Anwälte ausser
Haus waren (Urk. 19/22 S. 4). Gegen die Absicht, an diesem Morgen noch die
Anwaltskanzlei aufzusuchen, spricht überdies das zuvor noch verfasste und ver-
sandte, resp. abgegebene Schreiben an die Vormundschaftsbehörde, in welchem
der Beschuldigte seine Anträge bereits selber schriftlich gestellt hatte.
5.2. Auch wenn die Frage, ob sich der Tatort in ... zufällig ergab oder be-
wusst gewählt wurde, an sich offenbleiben kann, ist darauf hinzuweisen, dass es
einige Hinweise dafür gibt, dass auch die Umleitung des Zuges gar nicht kausal
dafür war, dass der Beschuldigte in ... ein Hotelzimmer bezog. Die Umleitung
schliesst nicht aus, dass er von Beginn weg nach ... wollte. So hatte er auf die
Frage, weshalb er die Spielzeuge in ... und nicht in Zürich einkaufte, ausgesagt,
da die Privatklägerin mit †U._ jeweils in Zürich eingekauft habe und es in ein
besseres Angebot an handwerklichen Spielzeugen für †U._ gebe (Urk. 13/2
S. 4). Ausserdem fällt die zeitliche und örtliche Zielstrebigkeit auf, mit welcher er
zusammen mit †U._ die Spielwarengeschäfte in ... umgehend nach ihrer An-
kunft aufsuchte (†U._ hätte am tt. Februar 2010 seinen fünften Geburtstag
gehabt). Dies sind deutliche Hinweise dafür, dass er von Anfang an nach ... woll-
- 20 -
te, zumal er sich aus seiner Zeit, als er dort mit seiner damaligen Partnerin,
"AH._", Wohnsitz hatte, gut auskannte (Urk. 79/1 S. 68 f.; Prot. II S. 39 f.).
5.3. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte im Koffer den Feuerlöscher mitge-
führt hatte. Bereits die Vorderrichter taxierten die Angabe des Beschuldigten,
dass dies ein Versehen gewesen sei, als höchst unglaubhaft (Urk. 117 S. 32;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Dass das angebliche Versehen eine nachgeschobene
Schutzbehauptung sein dürfte, ergibt sich aus dem bereits Dargelegten (vorste-
hend, Erw. II.5.1., 5.1.1. und 5.1.2.) und überdies aus seinen wenig lebensnahen
Angaben und ursprünglichen Bestreitungen im Zusammenhang mit dem Feuerlö-
scher.
5.3.1. Der Beschuldigte hatte eingeräumt, den Feuerlöscher bereits ca.
10 Tage vorher aus der Garage seines Vermieters AC._ behändigt zu haben.
Als Grund gab er stets an, befürchtet zu haben, die Privatklägerin könnte kommen
und etwas "abfackeln" (Urk. 13/24 S. 6 ff.; Prot. II S. 46), was aber selbstredend
nicht zu erklären vermag, weshalb er den Feuerlöscher am Tattag im Koffer mit-
führte.
5.3.2. Aufgrund des erwiesenen zeitlichen Ablaufs musste der Beschuldigte
den Feuerlöscher in der Zeit zwischen dem Abend des 25. und dem Morgen des
26. Februar 2010 in den Koffer von †U._ gepackt haben. Anders liesse sich
nicht erklären, weshalb der Feuerlöscher schliesslich im Hotelzimmer sicherge-
stellt wurde, zumal der Beschuldigte glaubhaft ausgesagt hatte, der Feuerlöscher
könne sicher nicht im Koffer gewesen sein, als †U._ bis am Vorabend bei der
Familie AG._ gewesen war (Urk. 13/22 S. 14; Urk. 79/1 S. 70 f.). Angesichts
des Gewichtes des Feuerlöscher ist überdies auszuschliessen, dass der Beschul-
digte diesen unbemerkt und versehentlich mitgeführt haben könnte. Dass eine
Drittperson den Feuerlöscher in den Koffer gepackt haben könnte, kann aufgrund
der dargelegten Umstände ebenfalls ausgeschlossen werden.
5.3.3. Damit bleibt im vorliegenden Zusammenhang als einzige plausible
Möglichkeit, dass der Beschuldigte den Feuerlöscher am Morgen beim Weggehen
aus dem Haus in der vollen Absicht mitgenommen hatte, sich im Verlaufe des Ta-
- 21 -
ges gegebenenfalls damit zu suizidieren, nachdem ihm aus seiner Zeit, als er in
der Psychiatrischen Klinik ... gearbeitet hatte, nachweislich bekannt war, dass
sich damals ein Suizid unter Verwendung des Löschpulvers eines Feuerlöschers
ereignet hatte (Urk. 13/2 S. 17 ff.; Urk. 13/22 S. 16; Urk. 79/1 S. 6; Prot. II
S. 41, 47 f.). Auch unter diesem Blickwinkel erscheint seine Darstellung, am Mor-
gen zunächst noch den Anwalt zu konsultieren beabsichtigt zu haben, als wenig
wahrscheinlich (vgl. vorstehend, Erw. II.5.1. f.). Der Feuerlöscher lässt vielmehr
Rückschlüsse auf ein seit längerem geplantes Vorgehen im Hinblick auf die Tat
zu, was mithin auch eine Erklärung dafür bietet, weshalb der Beschuldigte zu-
nächst äusserst ausweichende und widersprüchliche Aussagen im Zusammen-
hang mit diesem Gerät gemacht hatte.
5.4. Auch seine regelmässig wiederholte Angabe, er habe mit Hilfe des
Schlafmittels im Hotelzimmer Zeit vergehen lassen und den nächsten Morgen er-
reichen wollen (Urk. 13/2 S. 7; Urk. 13/33 S. 3, 5; Urk. 79/1 S. 59, 74; Prot. II
S. 40 f., 49, 52, 56), erweist sich angesichts seines gesamten Vorgehens als un-
glaubhafte, nachgeschobene Schutzbehauptung.
5.4.1. Allem voran spricht das Mitführen des Feuerlöschers gegen ein Be-
streben, einfach Zeit vergehen und lediglich den nächsten Morgen erreichen zu
wollen.
5.4.2. Von der Bildfläche zu verschwinden und mit †U._ unterzutau-
chen, indem er bereits nach dem Anruf der Kursteilnehmerin AI._ um 08.48
Uhr (Urk. 15/1 S. 2 f.) sein Telefon abgestellt hatte und damit für niemanden mehr
erreichbar war (Prot. II S. 48), ist ein weiterer Hinweis auf seine bereits in diesem
Zeitpunkt vorhandene Tatbereitschaft und seinen Tatentschluss, musste er doch
damit rechnen, dass †U._ und er an diesem Tag bald einmal vermisst und
gesucht würden.
5.4.3. Eindeutig gegen ein beabsichtigtes Erreichen des nächsten Morgens
spricht aber der zielstrebige Kauf des Schlafmittels Benocten um 10.24 Uhr, mit-
hin nach nicht allzu langer Zeit nach der Ankunft in ... und insbesondere dessen
spätere, konkrete Anwendung und Dosierung. Zutreffend haben die Vorderrichter
- 22 -
diesen Kauf und das Abschalten des Telefons als erste konkrete Schritte in Rich-
tung der Tat bezeichnet (Urk. 117 S. 35).
5.4.3.1. Nachdem der Beschuldigte gemäss eigener Angabe die halbe Nacht
durchgearbeitet, nicht geschlafen und Lohnauszahlungen vorbereitet hatte
(Prot. II S. 42), dürfte fehlende Müdigkeit am Tattag kaum ein Problem für ihn ge-
wesen sein. Auch bei †U._ hatte keinerlei Anlass für eine Verabreichung von
Schlafmittel bestanden. Laut glaubhafter Darstellung des Beschuldigten hatte
†U._ das Mittagessen eingenommen und sich danach mit den neuen Spiel-
sachen beschäftigt, was auch durch einen Hotelangestellten bestätigt wurde, wel-
cher das Hotelzimmer am Nachmittag noch betreten hatte (Urk. 17/5 S. 5;
Urk. 17/6 S. 4 f.).
5.4.3.2. Dennoch überschritt der Beschuldigte bei der Abgabe des Schlafmit-
tels an sein fünfjähriges Kind die für dieses Alter empfohlene Dosierung deutlich.
†U._ wies zum Todeszeitpunkt sogar eine Diphenhydraminkonzentration von
ca. 410 μg/L auf (Urk. 34/11 S. 3; Urk. 34/12 S. 8), weshalb nachgewiesen ist,
dass der Beschuldigte †U._ nicht nur mehr als die für ein Kind empfohlene
Dosierung, sondern noch viel mehr Benocten verabreichte, als er mit 2–3 Tablet-
ten bisweilen selber eingeräumt hatte (Prot. II S. 50 f.). Auch die von ihm selber
eingenommene Menge Benocten überschritt die empfohlene Dosierung dieses
Schlafmittels um ein Vielfaches (vgl. vorstehend, Erw. II.3.2.).
5.4.3.3. Diese Dosierungen lassen sich demnach keinesfalls und entgegen
der Auffassung der Verteidigung (Urk. 120 S. 14) mit der vom Beschuldigten stets
beteuerten Absicht in Einklang bringen, er habe damit nur den nächsten Morgen
erreichen wollen. Dafür wäre – wenn überhaupt – eine weit geringere Dosis mehr
als ausreichend gewesen. Demzufolge wird auch deutlich, dass der Beschuldigte
nicht bloss beabsichtigt haben konnte, dass †U._ einschläft. Die Verabrei-
chung einer derart hohen Dosis Benocten führt zur eindeutigen Folgerung, dass
der Beschuldigte vorgehabt haben musste, sein Kind mit einer solchen Überdosis
zumindest in einen Zustand der Bewusstlosigkeit resp. einen Tiefschlaf zu verset-
zen, in welchem er †U._ in der Folge ohne Gegenwehr ersticken konnte. Da-
raus wird überdies deutlich, dass der Beschuldigte allerspätestens nach dem Mit-
- 23 -
tagessen und mit der Verabreichung des Schlafmittels den Entschluss gefasst
hatte, die vorbereitete Tat nun auszuführen und †U._ zu töten, wie bereits
die Vorinstanz zutreffend erkannte (Urk. 117 S. 45).
5.4.3.4. In diesem Zusammenhang ist auch kurz auf den Einwand der Verteidi-
gung einzugehen, dass die Einnahme des genannten Schlafmittels die Steue-
rungsfähigkeit des Beschuldigten zum Tatzeitpunkt zusätzlich eingeschränkt habe
und sich deshalb auch der Beizug eines Pharmakologen zur Frage aufdränge, ob
die Einnahme von Benocten die Schuldfähigkeit des Beschuldigten reduziert ha-
ben könnte (Urk. 97/6 S. 9; Urk. Urk. 120 S. 3; Urk. 135 S. 1). Aus dem erstellten
zeitlichen Ablauf der Geschehnisse vor dem und insbesondere am 26. Februar
2010 vor der Tat geht u.a. nachweislich hervor, dass der Beschuldigte um 10.24
Uhr in der ...apotheke in der ...gasse in ... eine Packung Benocten mit 20 Tablet-
ten gekauft hatte (Urk. 16/2 S. 1 f.; Urk. 16/3; Urk. 13/2 S. 6; Urk. 22/4) und diese
frühestmöglich um, resp. nach 13.05 Uhr, nach dem gemeinsamen Betreten des
Hotelzimmers mit †U._ und der Einnahme des zuvor gekauften Mittagessens
getrunken und auch †U._ verabreicht hatte (Urk. 2; Urk. 13/2 S. 6; Urk. 79/1
S. 60 f.; Urk. 22/2 S. 47; Urk. 13/33 S. 6; Urk. 117 S. 35 ff.). Aufgrund des zeitli-
chen Ablaufes ist zudem erstellt, dass der Beschuldigte bereits seit einiger Zeit
Vorbereitungshandlungen getroffen hatte (z.B. Behändigen des Feuerlöschers)
und er auch den eigentlichen Tatentschluss bereits einige Zeit vor der eigenen
Einnahme des Benocten, gefasst hatte (vgl. z.B. Inhalt eines der am Morgen des
Tattages zuhause im Drucker zurückgelassenen 3 Blätter, Urk. 19/32; Abschalten
des Telefons). Damit kann ausgeschlossen werden, dass der Beschuldigte zum
Zeitpunkt des Tatentschlusses aus pharmakologischen Gründen in seiner Schuld-
fähigkeit eingeschränkt war. Daraus folgt, dass eine allfällige Bewirkung der ver-
minderten Schuldfähigkeit durch Einnahme von Medikamenten kurz vor Ausfüh-
rung der eigentlichen Tötungshandlung als ein klassischer Fall von vorsätzlicher
actio libera in causa im Sinne von Art. 19 Abs. 4 StGB qualifiziert werden müsste.
In der Folge wäre die so bewirkte Verminderung oder Aufhebung der Schuldfä-
higkeit unbeachtlich (vgl. hierzu auch das vorinstanzliche Urteil: Urk. 117 S. 62 f.).
- 24 -
Damit erübrigt sich der von der Verteidigung beantragte Beizug eines Pharmako-
logen.
5.4.4. Auch der vom Beschuldigten auf Briefpapier des Hotels spätestens
vor dem Auslösen des Feuerlöschers verfasste Abschiedsbrief (Urk. 40/3;
Urk. 22/2 S. 46) führt zu keinem anderen Schluss.
5.5. Wie bereits erwogen, war der Ausgangspunkt für sein Motiv die akute
Befürchtung des Beschuldigten, respektive die bei ihm subjektiv zur Gewissheit
gewordene Angst, die Privatklägerin werde mit †U._ die Schweiz demnächst
in Richtung Brasilien verlassen und ihm sein Kind für immer entziehen (vgl. z.B.
Prot. II S. 32 ff.). Insofern muss das genaue Tatmotiv entgegen den vorinstanz-
lichen Erwägungen nicht offenbleiben (Urk. 117 S. 55; vgl. nachstehend,
Erw. II. 5.5.2.), auch wenn der Beschuldigte nicht gelten lassen will, dass er mit
der Tat der Mutter von †U._ habe schaden wollen (Prot. II S. 37).
5.5.1. Die Vorinstanz hat zum Tatmotiv zutreffend einschlägige Präjudizien
des Bundesgerichts aufgeführt und mit überzeugender Begründung erwogen,
dass das gesamte Vorgehen des Beschuldigten am Tag der Tat grundsätzlich
unnötig war. So hatte zumindest am 26. Februar 2010 gar keine akute, unmittel-
bar bevorstehende Entführungsgefahr bestanden, zumal †U._ sich nach wie
vor in der Obhut des Beschuldigten befunden und er noch am Tatmorgen der
Vormundschaftsbehörde gut begründete Anträge gestellt hatte, bezüglich welcher
er sich angeblich gute Chancen ausrechnete (Urk. 79/1 S. 64; Prot. II S. 43). Wei-
ter hielten die Vorderrichter zu Recht dafür, dass das Kind selber dem Beschul-
digten nicht den geringsten Anlass für eine Auseinandersetzung oder einen Kon-
flikt im Hinblick auf seine Tötung gegeben hatte, weshalb der Beschuldigte mit der
Tat eine krasse Geringschätzung menschlichen Lebens manifestierte, welche weit
über die bei jeder Tötung vorliegende Geringschätzung hinausgeht; es kann da-
rauf verwiesen werden (Urk. 117 S. 49 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO; vgl. auch unten
Erw. II.5.5.3.).
5.5.2. Soweit die Vorderrichter indessen das Motiv verneinen, wonach der
Beschuldigte †U._ getötet habe, um zu verunmöglichen, dass dessen Mutter
- 25 -
†U._ ins Ausland verbringe, um ihr das Kind definitiv für alle Zeiten zu ent-
ziehen und sie zeitlebens zu bestrafen, kann den Erwägungen im angefochtenen
Urteil nicht gefolgt werden (Urk. 117 S. 51, Ziff. 3.3.4. und insbes. S. 54).
5.5.2.1. Zwar ist zutreffend, dass die vom Beschuldigten im Verlaufe des
Tattages niedergeschriebenen Gedanken keine eigentlichen Rachegefühle ge-
genüber der Mutter von †U._ enthielten, dafür aber immerhin üble Beschimp-
fungen, welche von einem gewissen Groll und Aggressionen gegen diese zeugen
("zutiefst verlogene und kriminelle Prostituierte"; Urk. 19/33 S. 1).
5.5.2.2. Die Gedanken, welche der Beschuldigte auf den am Morgen des
Tattages zuhause im Drucker zurückgelassenen Papieren hinterliess, strafen sei-
ne späteren Aussagen, wonach er seinen am 26. Februar 2010 ca. um 06.30 Uhr
gegenüber der Vormundschaftsbehörde gestellten Anträge (Urk. 37/2) gute
Chancen gegeben habe (Urk. 79/1 S. 64; Prot. II S. 43), Lügen. Aus seinem Fazit,
"hoffnungslos auf verlorenem Posten" (Urk. 19/33 S. 1 u.) oder der Äusserung:
"Nun haben wir das tiefst mögliche Niveau erreicht und es besteht keine Chance,
da rauszukommen." (Urk. 19/32), geht hervor, dass er verzweifelt war und subjek-
tiv keinen Ausweg aus der aus seiner Sicht ausweglosen Situation mit dem dro-
henden Ferienbesuchsrecht der Mutter des Kindes mehr sah. Andererseits war
für ihn offenbar bereits klar: "Sie wird Zeit haben, über alles nachzudenken."
(Urk. 19/32). Insbesondere der zuletzt zitierte Satz lässt keinen anderen Schluss
zu, als dass der Beschuldigte zum einen am Tatmorgen den Tatentschluss bereits
gefasst hatte und zum anderen, dass er diesen Entschluss insbesondere deshalb
fasste, weil er der Mutter das Kind definitiv für alle Zeiten entziehen und sie zeit-
lebens bestrafen wollte.
5.5.2.3. In die gleiche Richtung zielen die im Abschiedsbrief kurze Zeit vor
der Tatausführung niedergeschriebenen Gedanken, so zum Beispiel: "U._
braucht keine Hure als Mutter, die lügt und für die Sozialmissbrauch Programm
ist." (Urk. 40/3 S. 1). Oder: "S._ will mit mir nicht ins Reine kommen. Nun
muss sie es mit sich selber machen." "Hilfe gibt es keine. Wenn das Recht auf der
Seite von S._ ist, spielen Seelen keine Rolle." (Urk. 40/3 S. 2).
- 26 -
5.5.2.4. Gegen Ende des Abschiedsbriefes vom 26. Februar 2010 hielt der
Beschuldigte überdies fest: "Ich könnte U._ weggeben, wenn er in guten
Händen ist und mich sehen darf. Aber wenn die Behörden zulassen, dass er mit
einer Hure ins Ausland darf, die dann nur noch ihr Ego kennt und keine Koopera-
tion kennt, dann kann ich das nicht zu schaffen." (Urk. 22/2 S. 46; Urk. 40/3 S. 3).
In den vorinstanzlichen Erwägungen wurde an dieser Zitatstelle das "nicht" ver-
gessen (Urk. 22/2 S. 46; Urk. 40/3 S. 3), weshalb die darauf basierende vo-
rinstanzliche Schlussfolgerung auf diesem Versehen beruht (Urk. 117 S. 54, 2.
Absatz). Der Beschuldigte hat diese Situation demzufolge negativ dargestellt und
als für ihn nicht zu schaffen bezeichnet.
5.5.2.5. Noch deutlicher wurde der Beschuldigte am Ende des Abschieds-
briefes, indem er u.a. festhielt: "Es ist brutal, aber U._ wird nicht mehr ent-
führt." und "Er hat den besseren Weg als mit einer Hure auf der Flucht" Dann
schrieb er abschliessend: "Wir wollen in A aufs Grab" (Urk. 40/3 S. 3; Urk. 22/2
S. 46).
5.5.2.6. Zu Gunsten des Beschuldigten ist aber zu berücksichtigen, dass er
bei seinem Vorgehen hintergründig auch von einem weiteren – aber lediglich se-
kundären – Motiv geleitet wurde, nämlich †U._ durch dessen Tötung vor ei-
nem schlechteren Leben mit dessen Mutter im Ausland zu bewahren. So schrieb
er an einer Stelle im Abschiedsbrief auch Folgendes: "U._ hat sich sehr wohl
gefühlt zuhause. Wer ihn kannte, wusste, dass er kaputt geht, wenn er ins Aus-
land gebracht wird." (Urk. 40/3 S. 1).
5.5.3. Mögliche altruistische Motive des Beschuldigten, wie sie von der Ver-
teidigung angetönt werden (Urk. 135 S. 6), sind aus diesen Zitaten und seinen
weiteren Zeilen mit Ausnahme der einen unter Erw. 5.5.2.6. aufgeführten Passa-
ge nicht zu entnehmen. Solche stehen aber ohnehin in keinem ins Gewicht fallen-
den Verhältnis zum Auslöschen des Kinderlebens. Auch eine schwere Konfliktsi-
tuation zwischen dem Beschuldigten und dem Opfer †U._, welche die Tat
ausgelöst haben und die besondere Skrupellosigkeit entfallen lassen könnte, war
nicht gegeben (vgl. vorstehend Erw. II.4.3.). Aus den aufgeführten Zitaten ist da-
- 27 -
gegen durchaus erkennbar, dass der Beschuldigte verhindern wollte, dass
†U._ von dessen Mutter entführt werden könnte. Rückblickend lässt dies
einzig den Schluss zu, dass er es vorzog, das Kind zu töten, anstatt es alternativ
dazu der aus seiner Sicht bestehenden Gefahr einer Entführung und "Flucht mit
einer Hure" auszusetzen, was als Ausdruck eines äusserst egoistischen Motives
und einer extremen Geringschätzung des Lebens des Kindes zu bezeichnen ist.
5.6. Bei der Ausführung der Tat ging der Beschuldigte nicht grausam vor.
Das Kind hatte er mit Hilfe des verabreichten Schlafmittels Benocten in einen der
Bewusstlosigkeit ähnlichen Tiefschlaf versetzt, so dass es vom Versperren der
Atemwege und dem Ersticken nichts spürte, mithin weder Schmerzen, Leiden
noch Qualen erlitt (Urk. 34/12 S. 9 f.). Der Kauf von schönen Spielsachen zeugen
vielmehr davon, dass der Beschuldigte für †U._ eine vertrauensvolle Umge-
bung schaffen wollte und um eine positive Gefühlslage des Kindes bemüht war.
5.7. Sein Tatvorgehen ist indessen mit der Vorinstanz als heimtückisch zu
qualifizieren (Urk. 117 S. 48 f.). Das Kind war völlig arglos und dem Beschuldigten
völlig ausgeliefert. Der Beschuldigte war bemüht, seine Vertrauensstellung, wel-
che er als Vater von †U._ ohnehin hatte, durch den Kauf von Spielzeug vor
der Tat noch zusätzlich durch diese Geschenke positiv zu gestalten und zu ver-
festigen, was angesichts der anschliessenden Tatausführung besonders perfid
anmutet. Die auf diese Weise besonders vertrauensvoll gestaltete Situation beim
Spielen im Hotelzimmer nutzte der Beschuldigte in der Folge schamlos kalkulie-
rend und gezielt aus, um seinem fünfjährigen Kind die Überdosis Schlafmittel in
einem Süssgetränk zu verabreichen. Dadurch versetzte der Beschuldigte seinen
Sohn in einen Zustand der Bewusstlosigkeit, um ihn in diesem Zustand durch eine
weiche Bedeckung zu ersticken. Das sich über eine längere Dauer von mehreren
Stunden erstreckende vorbereitende und ausführende Tatvorgehen ist als ge-
mütskalt, krass egoistisch, äusserst überlegt und zielgerichtet zu bezeichnen. Es
ist insgesamt fraglos als skrupellos zu qualifizieren.
6. Demzufolge ist der Tatbestand des Mordes im Sinne von Art. 112 StGB
erfüllt. Der vorinstanzliche Schuldspruch ist zu bestätigen.
- 28 -
III. Strafzumessung
1. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten mit 18 Jahren Freiheitsstrafe.
Die Anklagebehörde beantragte im vorinstanzlichen Verfahren eine Bestrafung
mit einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und die Verwahrung des Beschuldigten
im Sinne von Art. 64 Abs. 1 StGB (Urk. 79/3 S. 1; Urk. 107 S. 1). An diesem An-
trag hielt die Staatsanwaltschaft auch im Berufungsverfahren fest (Urk. 118
S. 2 ff.; Urk. 136). Die Verteidigung blieb im Berufungsverfahren ebenfalls bei ih-
rem Antrag, der Beschuldigte sei mit 7 Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen
(Urk 79/6 S. 1; Urk. 107/2 S. 1; Urk. 120 S. 2; Urk. 135).
2. Die allgemeinen Regeln der Strafzumessung wurden im vorinstanzlichen
Urteil korrekt wiedergegeben und zutreffend darauf hingewiesen, dass beim
Mordtatbestand die Beweggründe, Ziele oder die Verwerflichkeit des Handelns,
welche im Rahmen von Art. 112 StGB zur Bejahung der Generalklausel führen,
bei der Strafzumessung nicht erneut berücksichtigt werden dürfen (Doppelverwer-
tungsverbot). Auch der beim Tatbestand des Mordes zur Verfügung stehende
Strafrahmen von lebenslänglicher Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe von nicht
unter 10 Jahren wurde korrekt abgesteckt (Urk. 117 S. 57 f.; Art. 112 StGB), zu-
mal keine Strafschärfungsgründe gegeben sind und insbesondere der Strafmilde-
rungsgrund der in leichtem Grad verminderten Schuldfähigkeit des Beschuldigten
innerhalb des zur Verfügung stehenden Strafrahmens zu berücksichtigen ist
(BGE 136 IV 55 E. 5.8 m.w.H.; BGE 116 IV 300 E. 2.a; vgl. nachstehend,
Erw. III.2.3. ff.).
2.1. Bei der objektiven Tatschwere fällt nicht nur ins Gewicht, dass der Be-
schuldigte sein eigenes fünfjähriges Kind eigenhändig mit einer weichen Bede-
ckung erstickt und getötet hat, sondern auch, dass er das Kind damit bewusst und
gewollt auch für immer der Kindsmutter entzogen und ihr damit grosses Leid zu-
gefügt hat. Etwas relativiert wird seine völlig sinnlose Tat dadurch, dass er dem
Kind keine spürbaren Leiden zufügte, mithin nicht grausam vorging. Er legte kein
grosses Aggressionspotential an den Tag. Die Tat beging der Beschuldigte weder
spontan noch impulsiv. Der Tat ging vielmehr eine längere mehrstufige Vorberei-
- 29 -
tung voraus. So begann die Planung seines an die Tötung des Kindes anschlies-
senden Suizidversuches allerspätestens am Morgen der Tat vor dem Verlassen
des Hauses, als er den bereits ca. 10 Tage vorher behändigten Feuerlöscher in
den ebenfalls zur Mitnahme vorgesehenen Koffer mit den Sachen von †U._
einpackte. Im Zug schaltete der Beschuldigte sein Telefon aus, um nicht mehr
kontaktiert und aufgefunden werden zu können. Nach der Ankunft in ... kaufte er
zielgerichtet das für das spätere Tatvorgehen benötigte Schlafmittel und mietete
das Hotelzimmer als geschützte Tatörtlichkeit (vgl. auch Urk. 45/25 S. 191, letzter
Absatz ff.; Urk. 79/2 S. 36 ff.). Insofern entwickelte der Beschuldigte auch eine be-
trächtliche kriminelle Energie und ging äusserst zielgerichtet vor. Die objektive
Schwere seiner Tat ist daher auch innerhalb des beim Mordtatbestand zur Verfü-
gung stehenden Strafrahmens als beträchtlich einzustufen und lässt eine hypo-
thetische Einsatzstrafe von 16 Jahren Freiheitsstrafe als angezeigt erscheinen.
2.2. Was die subjektive Schwere der Tat anbelangt, ist zu gewichten, dass
der Beschuldigte mit direktem Vorsatz handelte. Sein ausschliesslich egoistisches
Motiv ist bereits dem Tatbestand als solchem immanent und daher nicht noch-
mals verschuldenserschwerend zu veranschlagen. Zu Recht haben die Vorder-
richter dagegen verschuldenserhöhend taxiert, dass †U._ als Objekt der Tat
dem Beschuldigten nicht den geringsten Anlass zur Tat gegeben hatte (Urk. 117
S. 59). Eigentliches Ziel und Absicht des Beschuldigten war mithin gar nicht in
erster Linie, seinen eigenen Sohn umzubringen, sondern das von ihm eigentlich
geliebte Kind auch aus Groll gegenüber der Kindsmutter aus der Welt zu schaf-
fen, um dieses ein für alle Mal und unwiederbringlich der Mutter zu entziehen und
sie damit zu bestrafen, dafür, dass sie ihm in der Vergangenheit einen erbitterten
Obhutsstreit geliefert hatte und er ausserdem nicht wollte, dass die Kindsmutter
†U._ in eine aus seiner Sicht dem Kind abträgliche Welt mitnehmen und nur
noch für sich haben könnte. Als weiterer Teil der Zielsetzung des Beschuldigten
und nur in zweiter Linie kommt die Bewahrung von †U._ vor einem schlech-
ten Leben im Ausland und die Fokussierung sowie gedankliche Einengung auf
den Suizid in Betracht. Der Umstand, dass er sein fünfjähriges, an diesem Streit
unbeteiligtes Kind auf diese Weise zum blossen Objekt seiner eigenen Interessen
machte, führt zu einer ausserordentlich grossen Missachtung menschlichen Le-
- 30 -
bens, zumal ein Weiterbeschreiten des legalen behördlichen Weges keineswegs
aussichtslos erschien. So hätte der Beschuldigte beispielsweise die Beantwortung
der noch am Tatmorgen der Vormundschaftsbehörde gestellten Anträge abwarten
und weiterverfolgen können. Diese Elemente der subjektiven Tatschwere führen
zu keiner Minderung des objektiven Tatverschuldens, sondern tendenziell eher
noch zu einer Erhöhung.
2.3. Zur Frage der Schuldfähigkeit liegt das psychiatrische Gutachten von
Prof. Dr. med. AA._, ... des Zentrums für forensische Psychiatrie, Psychiatri-
sche Universitätsklinik Zürich, vom 31. August 2011 vor (Urk. 45/25; Urk. 79/2
S. 15 ff.). Das Gutachten hält dem Beschuldigten zugute, dass die vor der Tat er-
haltenen Informationen, das Mail des Gegenanwaltes bezüglich Ferienverbot, die
Aussage von Herrn AC._ am Vorabend der Tat über ein mögliches Leben
von †U._ in Brasilien beim Beschuldigten Verzweiflung, Angst (Verlust- und
Versagensangst), Anspannung sowie ein Gefühl der Ausweglosigkeit und Ohn-
macht ausgelöst haben (Urk 45/25 S. 194 f.). Da kein Wahn vorlag, sondern allen-
falls eine durch abnorme Persönlichkeitszüge begünstigte verzerrte Wahrneh-
mung des Konfliktes, wurde die Einsichtsfähigkeit, d.h. das prinzipielle Vermögen,
das Verbotene einer Tötungshandlung zum Nachteil seines Sohnes zu erkennen,
als gegeben erachtet (Urk. 45/25 S. 199; Urk. 79/2 S. 40). Trotz Verzweiflung als
für eine erhaltene Steuerungsfähigkeit sprechend, erkannte das Gutachten über-
zeugend das zielgerichtete Vorgehen des Beschuldigten am Tattag mit den lang
hingezogenen schrittweisen Vorbereitungshandlungen (Urk. 45/25 S. 192,
Urk. 19/2 S. 40 ff.). Prof. AA._ hat dies auch vor Vorinstanz als Sachverstän-
diger noch einmal nachvollziehbar mündlich erläutert und bestätigt (Urk. 79/2
S. 36 ff., S. 39 f.).
2.3.1. Gegen eine vollständig erhaltene Steuerungsfähigkeit sprechend führ-
te der amtliche Gutachter das Zusammenspiel von den paranoid-narzisstischen
Persönlichkeitszügen des Beschuldigten und einer durch die Zuspitzung des Kon-
flikts um †U._ akut hervorgerufenen Belastungssituation mit einer gedankli-
chen Einengung des Beschuldigten auf den drohenden Verlust des Sohnes und
auf das Thema Suizid, wovon der Beschuldigte sich nicht mehr lösen konnte
- 31 -
(Urk. 45/25 S. 192 f., 199; Urk. 79/2 S. 23 f.). Insofern erweist sich die Einschät-
zung des Privatgutachters in seiner ergänzenden Stellungnahme, wonach unab-
hängig von jedem denkbaren Ausgang der initiierten Handlungssequenzen für
den Beschuldigten in beiden Konstellationen (gemeint: bei der früheren und der
aktuellen Tat) kein übergeordneter Gewinn erkennbar gewesen sei (Urk. 149
S. 20), in tatsächlicher Hinsicht als unzutreffende Prämisse.
2.3.2. Für den erstellten Beweggrund des Beschuldigten – mit der Tötung
von †U._ auch beabsichtigt zu haben, dessen Mutter zu schaden und sie zu
bestrafen (vgl. vorstehend Erw. II.5.5.2. ff.) – erkannte der Gutachter demgegen-
über auf eine weit aktivere Rolle des Beschuldigten, weshalb dieser auch als in
der Lage erachtet wurde, sein Handeln gemäss seiner Einsicht zu steuern, bei
dieser Konstellation liegt laut Gutachter mithin eine voll erhaltene Steuerungsfä-
higkeit vor (Urk. 45/25 S. 199 f.; Urk. 79/2 S. 23).
2.3.3. Die unter der Leitung von Chefarzt Prof. Dr. med. AA._ unter Mit-
arbeit von Oberarzt Dr. med. AJ._ gestellte Diagnose einer paranoiden Per-
sönlichkeitsstörung mit begleitenden narzisstischen Persönlichkeitszügen gemäss
Gutachten vom 31. August 2011 steht im Einklang mit der von Dr. med. AK._
im forensisch-psychiatrischen Gutachten vom 18. Dezember 1990 gestellten Di-
agnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (Urk. 45/25 S. 182; Urk. 79/2
S. 35 ff.). Nachdem dies vom Privatgutachter des Beschuldigten, Prof. Dr.
W._, Universitätsklinikum Freiburg, in dessen Privatgutachten vom 9. Febru-
ar 2015 bestätigt wurde (Urk. 131 S. 93 ff., 108), bestehen an dieser Diagnose
keine vernünftigen Zweifel mehr.
2.3.4. Im vom Beschuldigten am 11. März 2015 eingereichten Privatgutach-
ten kommt auch der Privatgutachter Prof. Dr. W._ nach einlässlichen Abklä-
rungen zum Schluss, dass für den Beschuldigten in Übereinstimmung mit den
Gutachtern Dres. AA._ und AJ._ (Urk. 79/2 S. 17 ff., 43 ff.) die Diagnose
eines Asperger Syndroms nicht gestellt werden kann (Urk. 131 S. 87 f., 90 f.,
101). Beim Beschuldigten liege indessen eine autistische Persönlichkeitsstruktur
im Sinne einer nicht näher bezeichneten Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.9)
vor (Urk. 131 S. 85 f.). Die in den Vorgutachten herausgearbeiteten Diagnosen
- 32 -
einer paranoiden bzw. narzisstischen Persönlichkeitsstörung könnten nach Auf-
fassung des Privatgutachters gut als psychoreaktive Sekundärproblematik vor
dem Hintergrund der autistischen Grundstruktur des Beschuldigten verstanden
werden. Letztere werde im kausalen Sinne als "frühere Gegebenheit" verstanden,
wobei dies mit hoher Wahrscheinlichkeit Quelle für sich daraus entwickelnde nar-
zisstische und paranoide Eigenschaften gewesen sei (Urk. 131 S. 92 ff.). Auf die
Diagnose einer autistischen Persönlichkeitsstruktur als Basisstörung wies der Pri-
vatgutachter auch in seiner Ergänzung vom 20. Juli 2015 nochmals hin (Urk. 149
S. 15).
2.3.5. Wie Prof. Dr. W._ im Privatgutachten ausserdem aus führte,
spielt die genaue diagnostische Einordnung der Persönlichkeitsstörung im Hin-
blick auf die Frage der Schuldfähigkeit eine nachgeordnete Rolle (Urk. 131 S. 97),
worauf auch der amtliche Gutachter in seiner Ergänzung vom 28. Mai 2015
nochmals hinweist (Urk. 142 S. 19 ff.), ist aber bei der Frage der Therapierbarkeit
bedeutungsvoller (dazu nachstehend, Erw. IV.3.4.8. ff.).
2.3.6. Den "insgesamt differenzierten und überzeugenden Darlegungen der
Vorgutachter zur Schuldfähigkeit" hatte Prof. W._ in seinem Privatgutachten
vom 9. Februar 2015 nicht viel hinzuzufügen. Auch er geht aufgrund der phäno-
menologischen Analyse aller berichteten und dokumentierten Abläufe nicht von
einer mehr als leicht verminderten Schuldfähigkeit aus (Urk. 131 S. 105).
2.3.6.1. Im Sinne einer Hypothese fügte der Privatgutachter dieser Einschät-
zung an, dass eine Abweichung dann möglich sei, wenn im Rahmen einer "MRT-
Untersuchung oder insbesondere im Rahmen der EEG-Untersuchungen relevante
Befunde erhoben würden" (frontale oder temporale Auffälligkeiten; Urk. 131
S. 105). Weiter vorne im Privatgutachten, wo diese Thematik einlässlicher disku-
tiert wurde, hatte Prof. W._ indessen selber angemerkt, dass die Wahr-
scheinlichkeit, dass entsprechende Untersuchungen zu einem relevanten Befund
führen würden, auch von ihm als gering und wahrscheinlich unter 5 Prozent ein-
geschätzt würden (Urk. 131 S. 100, 2. Absatz). Trotz dieser eigenen Einschät-
zung hielt der Privatgutachter auch in seiner ergänzenden Stellungnahme vom
20. Juli 2015 unter Hinweis auf die Einzigartigkeit und "Bizzarheit" des vorliegen-
- 33 -
den Falles wenig überzeugend daran fest, dass auf solche Untersuchungen nicht
verzichtet werden könne, auch wenn er die Wahrscheinlichkeit relevanter Befunde
selber für gering erachtet (Urk. 149 S. 18 ff., insbes. S. 20).
2.3.6.2. Bereits in seiner Ergänzung vom 28. Mai 2015 legte der amtliche
Gutachter Prof. AA._ demgegenüber überzeugend dar, dass auch die der
amtlichen Begutachtung zugrundeliegende neuropsychologische Abklärung keine
Hinweise auf Beeinträchtigungen der hirnschadensensiblen kognitiven Funktionen
geliefert habe. Er schloss daher eine gravierende Frontalhirnschädigung aus. Es
bedürfe bei einem über 60-jährigen Menschen (dem Beschuldigten) keiner neuro-
logischen Abklärung und Bildgebung, da das folgenlose Abklingen der Sympto-
matik auf die für die Enuresis nocturna typische Reifungsstörung des Zentralner-
vensystems hinweise. Selbst wenn die bis zum 19. Lebensjahr bestehende Enur-
esis als Folge einer fortbestehenden Frontalhirnstörung angesehen würde, bliebe
festzuhalten, dass sich diese Frontalhirnstörung in den folgenden Lebensjahren
bzw. Jahrzehnten nicht negativ auf die psychosoziale Leistungsfähigkeit des Be-
schuldigten ausgewirkt habe. Dieser habe zeitlebens keine generalisierten (d.h. in
unterschiedlichen Kontexten auftretenden) Auffälligkeiten im Sinne einer gestör-
ten Impulskontrolle und überschiessender Affekte gezeigt. Somit würde auch ein
Nachweis einer organischen Läsion mittels MRT– oder EEG-Auffälligkeiten nicht
geeignet sein, die (amts-)gutacherlichen Schlüsse in Frage zu stellen (Urk. 142
S. 22). Auch der Verdacht auf ein Krampfereignis habe sich aus den Akten nicht
ergeben, und über den gesamten Lebensgang des inzwischen 66-jährigen Be-
schuldigten sei nichts über epilepsieähnliche bzw. gar epileptische Phänomene
bekanntgeworden. So wies der amtliche Gutachter dann auch darauf hin, dass er
sich bei der Begutachtung in der Pflicht sehe, wahrscheinliche Ursachen be-
stimmter Verhaltensweisen zu überprüfen, nicht jedoch unwahrscheinliche Ereig-
nisse auszuschliessen (ebenda, S. 24).
2.3.6.3. Demzufolge hat der amtliche Gutachter die vom Privatgutachter
empfohlenen und von der Verteidigung im Berufungsverfahren gestützt auf das
Privatgutachten vom 9. Februar 2015 und dessen Ergänzung vom 20. Juli 2015
(Urk. 131; Urk. 149) beantragten weiteren körperlichen Untersuchungen beim Be-
- 34 -
schuldigten (EEG, Schlaf-EEG und MRT des Neurokraniums; Urk. 135 S. 2;
Urk. 148 S. 2, Ziff. 2) mit überzeugender Begründung als unnötig bezeichnet.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Dem Beweisantrag ist keine Folge zu leisten.
2.3.7. Die Einschätzungen der Gutachter zur Frage der Schuldfähigkeit sind
schlüssig und überzeugen insgesamt, weshalb die beantragte erneute Begutach-
tung des Beschuldigten durch einen bisher nicht mit der Angelegenheit befassten
Psychiater nicht notwendig ist (vgl. Urk. 135 S. 1 f.). Auch wenn für den Beschul-
digten am Morgen des Tattages durchaus noch andere Handlungsalternativen in
Betracht gekommen wären, und wesentlicher Bestandteil seines Motivs war, mit
der Tötung aus Groll auch der Kindsmutter zu schaden und diese zu bestrafen,
womit von einer voll erhaltenen Steuerungsfähigkeit ausgegangen werde könnte
(vgl. vorstehend, Erw. III.2.3.2.), bleibt durch das Mitführen des Feuerlöschers
beim Verlassens des Hauses der klare Hinweis auf eine bereits am Morgen des
Tattages vorhandene Suizidabsicht und eine im Zusammenspiel mit den parano-
id-narzisstischen Persönlichkeitszügen des Beschuldigten mindestens teilweise
auf dieses Thema eingeengte Sichtweise (vgl. vorstehend, Erw. III.2.3.1.).
2.3.8. Es rechtfertigt sich daher, im Ergebnis wie die Vorinstanz (Urk. 117
S. 62), zu Gunsten des Beschuldigten eine in nur sehr leichtem Grade verminder-
te Schuldfähigkeit zu berücksichtigen. Dass sich die Wirkung des vom Beschul-
digten im Verlaufe des Tatnachmittags eingenommenen Schlafmittels Benocten
angesichts des sich über einen Zeitraum von mindestens mehreren Stunden hin-
ziehenden Tatablaufs in Übereinstimmung mit der vorinstanzlichen Sichtweise
(Urk. 117 S. 62 f.) nicht weiter verschuldensmindernd auswirken konnte, wurde
bereits dargelegt (vorstehend, Erw. II.5.4.3.3).
Dementsprechend ist die hypothetische Einsatzstrafe auf 14 1⁄2 Jahre Frei-
heitsstrafe zu reduzieren.
2.4. Bei der Würdigung der Täterkomponente kann die verschuldensange-
messene Strafe aufgrund von Umständen, die mit der Tat grundsätzlich nichts zu
tun haben, erhöht oder herabgesetzt werden. Massgebend hierfür sind im We-
sentlichen täterbezogene Komponenten wie die persönlichen Verhältnisse, Vor-
- 35 -
strafen, Leumund, Strafempfindlichkeit und Nachtatverhalten, wie Geständnis,
Einsicht, Reue etc. (HUG, in: DONATSCH/FLACHSMANN/HUG/WEDER, Kommentar
Schweizerisches Strafgesetzbuch, 19. Auflage, Zürich 2013, N 14 ff. zu Art. 47
StGB).
2.4.1. Die Vorinstanz hat die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse
des Beschuldigten nicht in ihre Begründung miteinbezogen (Urk. 117 S. 73), ob-
schon eine einlässliche Betrachtung der Biographie des Beschuldigten unerläss-
lich ist.
2.4.1.1. Der Beschuldigte ist am tt. September 1949 geboren und in einer
kinderreichen Bauernfamilie auf einem abgelegenen Hof in ... UR in ärmlichen
Verhältnisses aufgewachsen. Nach den ersten sechs Schulklassen absolvierte er
zwar erfolgreich die Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule, schloss die Schule
dann aber trotzdem bloss mit einem Jahr Abschlussklasse ab und arbeitete in der
Folge bereits als 14-jähriger auf dem Bau, um die Familie zu unterstützen. Wäh-
rend der Schulzeit war er Ministrant. Bis zum 19. Altersjahr litt der Beschuldigte
unter Bettnässe (Enuresis nocturna). Mit 19 Jahren absolvierte er in ... die Rekru-
tenschule und leistete weiter Militärdienst bis zum Erwerb des Grades eines
Feldweibels, worauf er während 10 Jahren Kompaniefeldweibel in einer Fes-
tungseinheit war. Beruflich absolvierte er während zwei Wintern die landwirt-
schaftliche Schule. Seine erste Ehefrau G._ lernte der Beschuldigte im Alter
von 20 Jahren bei einem Abschlussfest der Landwirtschaftsschule kennen. An-
schliessend fand er eine Stelle im Landwirtschaftsbetrieb der Psychiatrischen Kli-
nik ... und heiratete am tt. August 1972. In ... wurden drei eheliche Kinder gebo-
ren: AL._, geb. tt.mm.1973, AM._, geb. tt.mm.1975, und AN._,
geb. tt.mm.1977. Mit 14 Jahren hatte der Beschuldigte mit Akkordeonspielen be-
gonnen. Sein Wunschziel war es, Akkordeonlehrer zu werden, weshalb er in ...
SG entsprechende Kurse besuchte. Ebenfalls in ... SG absolvierte er berufsgelei-
tend das Abend-KV, welches er im Jahre 1984 abschloss. In der Folge wurde ihm
in der Klinik in ... eine Stelle in der Spitalverwaltung angeboten. Schliesslich wur-
de der Beschuldigte kaufmännischer Leiter. Eines Morgens rief ihn der Klinikdirek-
tor an und teilte ihm mit, dass sich der dortige Chefarzt mit dem Pulver eines
- 36 -
Feuerlöschers umgebracht habe. Der Beschuldigte wurde auch Präsident des be-
triebseigenen Fussballclubs und absolvierte mangels eines klubeigenen Schieds-
richters einen entsprechenden Kurs. Als die ältere Tochter, AL._, eingeschult
werden sollte, wollte er etwas am Leben ändern. Per Zufall fand er Ende 1979 ei-
ne Stelle in einem Treuhandbüro in ..., wohin er mit seiner Familie alsdann zog.
Berufsbegleitend absolvierte er eine Weiterbildung als diplomierter Betriebsbera-
ter, die er mit dem Bestergebnis des Jahrgangs von 5.4 abschloss, was seine
damalige Ehefrau jedoch nicht freute. Betriebsintern wurde er zum Prokuristen mit
Einzelunterschrift befördert und führte selbständig Steuerverhandlungen. Privat
hatte der Beschuldigte viel Zeit in die Musik investiert und das Akkordeon-Duett
"A._-AP._" gegründet. In der Folge wurde er im Verband für ...musik
zum Technischen Leiter gewählt. Die Differenzen zu Hause wurden derweil immer
grösser und die Konflikte häuften sich. Der Beschuldigte suchte Hilfe in Kommu-
nikationskursen bei Scientology. Inzwischen hatte er ein eigenes Treuhandge-
schäft gegründet. Wegen Scientology gab es ernsthafte Probleme mit der Familie.
1988/89 unternahm der Beschuldigte einen ersten Suizidversuch, indem er im
...tunnel mit dem Auto in eine Nische fuhr und an einem Donnerstag ins Spital
eingeliefert, am Wochenende dort aber wieder entlassen wurde. In der Folge kam
es zur Trennung von der Familie.
2.4.1.2. Im Kontext dieser Trennung kam es zum ersten Delikt, als der Be-
schuldigte am 9. September 1990 seinen damals 13-jährigen Sohn AN._
umzubringen versucht hatte und mit Urteil des Kantonsgerichts Schwyz vom 27.
Juli 1993 wegen versuchten Mordes mit 8 Jahren Zuchthaus bestraft wurde
(Urk. 134). Den Strafvollzug musste der Beschuldigte im Jahre 1994 antreten. Am
9. Dezember 1999 wurde er bedingt aus dem Vollzug im Wauwilermoos entlas-
sen, wobei eine zweijährige Probezeit angesetzt und eine Bewährungshilfe einge-
setzt wurde.
2.4.1.3. Zwei Jahre vor dem Strafantritt hatte der Beschuldigte eine Frau
namens AH._ kennengelernt und mit dieser während zwei Jahren in ... zu-
sammengelebt (Prot. II S. 40). Er war mit dieser die ganze Haftzeit hindurch zu-
sammen. Dann habe er die Beziehung beendet. Vor dem Strafantritt beging der
- 37 -
Beschuldigte einen weiteren Suizidversuch mit Medikamenten. Die Haftzeit verlief
gemäss seinem Dafürhalten relativ gut. Er etablierte sich gut, spielte Akkordeon
und Tennis und erlebte eine gute Zeit, hatte eine gute Arbeit und fühlte sich mit
Respekt behandelt. Ende 1990, anfangs 1991, hatte er auch seinen Sohn
AN._ einmal besuchen können, als dieser im Kinderspital Luzern war. Dieser
Kontakt sei aber von der Psychologin und der Mutter nicht erwünscht gewesen.
2.4.1.4. Im Jahre 2000 lernte der Beschuldigte über eine Internetvermittlung
N._, eine Russin, kennen, welche er im Jahre 2001 heiratete. Diese Ehe sei
entgegen deren Angaben gewaltfrei verlaufen. Mit ihr hatte der Beschuldigte die
Einzelfirma AQ._ gegründet und eine gleichnamige Zeitschrift für Russisch-
sprachige herausgegeben. Im Jahre 2003 trennten sie sich. Sohn AN._ habe
ihr von seiner Vorstrafe erzählt. Im Jahre 2007 erfolgte die Scheidung dieser Ehe.
Um die Weihnachtszeit 2003 lernte der Beschuldigte im Prostituiertenmilieu in Zü-
rich S._, die Mutter von †U._, kennen, und es entwickelte sich eine
freundschaftliche, intime Beziehung. Als im März 2004 ihre Aufenthaltsbewilligung
abgelaufen war, wurde sie nach Brasilien ausgeschafft. Der Beschuldigte half ihr,
nach Spanien zu kommen. Er besuchte sie dort und zog zwischenzeitlich auch
dorthin, wo sie zunächst im Norden, in ..., und später in ..., lebten. Aus dieser
Beziehung ging der gemeinsame Sohn †U._, geboren am tt.mm.2005, her-
vor. Alle zwei Wochen reiste der Beschuldigte in die Schweiz, um Mandate zu er-
ledigen. Im April 2006 erfolgte die Rückreise in die Schweiz, wo der Beschuldigte
nach A ZH zog und als Untermieter beim Paar AG._/AC._ wohnte. Er
war damals noch nicht geschieden, weshalb eine Ehe mit S._ für ihn kein
Thema war. Ende 2006 suchte er die Vormundschaftsbehörde in A auf und er-
kundigte sich über das Sorgerecht von †U._, da es Schwierigkeiten mit des-
sen Betreuung gab. Er habe Geld für die junge Familie verdienen müssen, wäh-
rend S._ stets weg gewesen sei und †U._ alleine bei ihm war.
2.4.1.5. In der Folge entwickelte sich ein sehr intensiver Streit um das Sor-
gerecht von †U._. Am 25. Juni 2007 wurde beiden Eltern das gemeinsame
Sorgerecht erteilt. S._ hatte derweil einen selbständigen Wohnsitz in
AR._ begründet. Wegen Streitereien wurde die Obhut der Eltern am 12. Feb-
- 38 -
ruar 2008 aufgehoben und †U._ bei einer Pflegefamilie untergebracht. Bei
dieser Gelegenheit hatte die Vormundschaftsbehörde Kenntnis über die Vorstrafe
des Beschuldigten erlangt. Im November 2008 wurde das Pflegeverhältnis wegen
Problemen mit †U._ und der Mutter aufgelöst. Gestützt auf ein von der Vor-
mundschaftsbehörde in Auftrag gegebenes psychologisches Gutachten beim Ma-
rie-Meierhofer-Institut wurde †U._ unter die Obhut des Beschuldigten ge-
stellt, wobei er von zuhause aus arbeitete. Im Jahre 2009 ging der Beschuldigte
mit Frau AS._ für ein paar Monate eine Beziehung ein. Am 15. Dezember
2009 beschloss die Vormundschaftsbehörde gestützt auf ein Gutachten, dass die
Obhut beim Beschuldigten verbleibe und die gemeinsame elterliche Sorge beizu-
behalten sei. Dieser Entscheid wurde vom Anwalt der Kindsmutter angefochten.
In der Folge befürchtete der Beschuldigte aufgrund von entsprechenden Äusse-
rungen von †U._ und seiner Mutter, dass dieser von der Kindsmutter entführt
werden könnte, weshalb es schliesslich zum vorliegenden Delikt kam (Urk. 45/25
S. 87 ff.; Urk. 79/1; Prot. II S. 7 ff.). Seit der Tat befindet sich der Beschuldigte in
Haft.
2.4.2. Die einschlägige Delinquenz wirkt sich aufgrund der auffallenden Pa-
rallelität zur aktuellen Tat massiv straferhöhend aus, auch wenn rund 20 Jahre
zwischen den beiden Taten liegen. Mit Urteil des Obergerichts des Kantons Zü-
rich vom 16. September 2008 wurde der Beschuldigte ausserdem wegen Verun-
treuung und Urkundenfälschung zu einer bedingten Geldstrafe von 300 Tagessät-
zen zu Fr. 30.– verurteilt. Das vorliegend zu beurteilende Delikt fällt in die laufen-
de Probezeit dieser Vorstrafe, was ebenfalls straferhöhend zu Buche schlägt
(Urk. 46/3).
2.4.3. Beim Nachtatverhalten ist dem Verhalten des Täters nach der Tat und
im Strafverfahren Rechnung zu tragen. Ein Geständnis, das kooperative Verhal-
ten eines Täters bei der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und Reue
wirken strafmindernd. Dabei können umfangreiche und prozessentscheidende
Geständnisse eine Strafreduktion von bis zu einem Drittel bewirken
(BGE 121 IV 202 E. 2d/cc). Der Grad der Strafminderung hängt aber insbesonde-
re davon ab, in welchem Stadium des Verfahrens das Geständnis erfolgte. Ein
- 39 -
Verzicht auf Strafminderung ist zulässig, wenn das Geständnis die Strafverfol-
gung nicht erleichtert hat, namentlich weil der Täter nur aufgrund einer erdrü-
ckenden Beweislage oder gar erst nach Ausfällung des erstinstanzlichen Urteils
geständig geworden ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_558/2011 vom 21. Novem-
ber 2011 E. 2.3). Die bundesgerichtliche Praxis zeigt, dass nur ein ausgespro-
chen positives Nachtatverhalten zu einer maximalen Strafreduktion von einem
Drittel führen kann. Zu einem solchen gehört ein umfassendes Geständnis von al-
lem Anfang an und aus eigenem Antrieb, also nicht erst auf konkrete Vorwürfe hin
oder nach Vorlage entsprechender Beweise. Ferner gehört kooperatives Verhal-
ten in der Untersuchung dazu, wozu gehört, dass beispielsweise aufgrund des
Verhaltens eines Beschuldigten weitere Delikte aufgeklärt oder Mittäter zur Re-
chenschaft gezogen werden können, was ohne sein kooperatives Mitwirken nicht
möglich gewesen wäre. Schliesslich gehört Einsicht ins Unrecht der Tat und Reue
dazu. Nur wenn all diese Faktoren erfüllt sind, kann eine Strafreduktion von einem
Drittel erfolgen. Fehlen einzelne Elemente, ist die Strafe entsprechend weniger
stark zu mindern (WIPRÄCHTIGER/KELLER, in: Basler Kommentar zum Strafrecht I,
3. Auflage 2013, N 169 ff. zu Art. 47 StGB; TRECHSEL/AFFOLTER-EIJSTEN, in:
Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 2. Auflage, Zürich/St.Gallen
2013, N 22 und N 24 zu Art. 47 StGB).
Das Nachtatverhalten des Beschuldigten lässt keine Strafreduktion zu. Wie
seine Angaben gegenüber dem Privatgutachter zeigen, wird die eigentliche Tat,
das Ersticken seines Sohnes mit einem Kissen, und der subjektive Sachverhalt
von ihm nach wie vor nicht anerkannt (Urk. 131 S. 53, aber auch S. 52 und 65;
Prot. II S. 41, 53). Angesichts der erdrückenden Beweislage blieb dem Beschul-
digten nichts anderes übrig, als den äusseren Anklagesachverhalt zu anerkennen.
Auch von Einsicht und aufrichtiger Reue kann unter diesen Umständen nicht die
Rede sein.
2.4.4. Nach dem Dargelegten ergeben sich bei der Würdigung der Täter-
komponente massiv straferhöhende Faktoren. Somit erscheint die Bestrafung des
Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren als angemessen, weshalb
die durch die Vorinstanz festgesetzte Strafe zu bestätigen ist.
- 40 -
2.4.5. Einer Anrechnung der vom Beschuldigten erstandenen Untersu-
chungs- und Sicherheitshaft sowie vorzeitigen Strafvollzug von 2141 Tagen steht
nichts entgegen (Art. 51 StGB).
IV. Therapeutische Massnahme / Verwahrung
1. Im angefochtenen Urteil wurden die rechtlichen Grundlagen für die An-
ordnung einer Verwahrung im Sinne von Art. 64 StGB korrekt wiedergegeben
(Urk. 117 S. 66). Sie brauchen nicht wiederholt zu werden.
2. Nachdem der Beschuldigte des Mordes im Sinne von Art. 112 StGB
schuldig zu sprechen ist, liegt eine Anlasstat im Sinne von Art. 64 Abs. 1 StGB
vor. Beim Beschuldigten wurde durch mehrere Gutachter eine anhaltende oder
langandauernde psychische Störung von erheblicher Schwere im Sinne von
Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB festgestellt (vgl. vorstehend, Erw. III.2.3.3.), mit welcher
die Tat überdies im Zusammenhang steht (Urk. 45/25 S. 201).
3. Das Gericht kann gegenüber einem psychisch schwer gestörten Täter ei-
ne therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB anordnen, wenn im
Zeitpunkt des Entscheids die hinreichende Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich
durch eine solche Behandlung über die Dauer von fünf Jahren die Gefahr von
weiteren, mit der psychischen Störung in Zusammenhang stehenden Taten deut-
lich verringern lässt. Es muss jedoch im Zeitpunkt des Entscheids nicht hinrei-
chend wahrscheinlich sein, dass schon nach einer stationären Behandlung von
fünf Jahren ein Zustand erreicht werden kann, der es rechtfertigt, dem Täter die
Gelegenheit zu geben, sich in der Freiheit zu bewähren, und ihn daher aus der
stationären Massnahme bedingt zu entlassen (BGE 134 IV 321 E.3.4.1).
3.1. Die dargestellten Grundsätze finden auch Anwendung, wenn zu ent-
scheiden ist, ob gegenüber einem psychisch schwer gestörten Täter eine statio-
näre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB oder eine Verwah-
rung im Sinne von Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB anzuordnen ist. Die Verwahrung ist
gemäss Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB unzulässig, wenn eine Massnahme nach Artikel
- 41 -
59 StGB einen Erfolg verspricht, auch wenn die übrigen Voraussetzungen im Sin-
ne dieser Bestimmung erfüllt sind.
3.2. Diese Voraussetzungen sind erfüllt, wenn im Sinne von Art. 59 Abs. 1
lit. b StGB zu erwarten ist, durch die stationäre therapeutische Massnahme lasse
sich der Gefahr weiterer Straftaten begegnen, wenn mithin im Sinne der vorste-
henden Erwägungen die hinreichende Wahrscheinlichkeit einer deutlichen Verrin-
gerung der Gefahr weiterer Straftaten besteht, und zwar von Straftaten der in
Art. 64 Abs. 1 StGB umschriebenen Art. Das in Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB voraus-
gesetzte Erfolgsversprechen entspricht mithin der in Art. 59 Abs. 1 lit. b StGB vor-
ausgesetzten Erwartung (BGE 134 IV 322 E. 3.4.2).
3.3. Die bisher mit dem Beschuldigten befassten gerichtlichen Gutachter
kamen zusammengefasst zum Schluss, dass der Beschuldigte trotz der seit Jah-
ren bestehenden Problematik kein tragfähiges Krankheitskonzept entwickelte und
sein Umgang mit problematischen Persönlichkeitsanteilen durch Verdrängungs-
und Verleugnungsprozesse geprägt ist, indem er die Verantwortung für die be-
gangene Tat und vergangenes Fehlverhalten externalisiert. Dies führt zum weite-
ren Schluss, dass die vom Beschuldigten mehrfach vordergründig erklärte Thera-
piebereitschaft keiner intrinsischen Behandlungsmotivation entspricht, weshalb
Zweifel an seiner tatsächlichen Therapiebereitschaft angebracht sind und die de-
liktpräventiven Möglichkeiten einer Psychotherapie daher als ausgesprochen ge-
ring taxiert werden (Urk. 45/25 S. 202; Urk. 101 S. 13, 26; Urk. 79/2 S. 50).
3.4. Im Ergänzungsgutachten zur Frage der Verwahrung vom 4. Juli 2013
wird von PD Dr. AA._ hervorgehoben, dass für den Beschuldigten statt der
eigentlichen Tat nach wie vor die von ihm deutlich erlebte Versagensangst das
hauptsächliche Thema ausmacht und es ihm innerhalb der Therapie vorwiegend
darum geht, diese Angst überwinden zu können. Auf eine Auseinandersetzung
über die persönlichkeitsbedungenen Hintergründe dieser Angst, z.B. auch hin-
sichtlich der Frage, ob diese Versagensängste nicht auch Ausdruck der narzissti-
schen Persönlichkeitsmerkmale sein könnten, habe sich der Beschuldigte nicht
einlassen können (Urk. 101 S. 14 ff.).
- 42 -
3.4.1. Die vom Gerichtsgutachter wiederholt geäusserte Einschätzung, wo-
nach zum Beschuldigten kein therapeutischer Zugang gefunden werden könne
bzw. eine Therapie keinen Erfolg verspricht, wurde ausführlich, nachvollziehbar
und überzeugend begründet.
3.4.2. Bei der Frage der Therapierbarkeit ist auch auf die ergänzenden As-
pekte der Diagnose des Privatgutachters einzugehen. Im vom Beschuldigten am
11. März 2015 eingereichten Privatgutachten wurden durch Privatgutachter Prof.
Dr. W._, Universitätsklinikum Freiburg, weitere Diagnosen neben die Haupt-
diagnose der paranoiden Persönlichkeitsstörung mit begleitenden narzisstischen
Persönlichkeitszügen gestellt. Nach dem Verneinen des Asperger Syndroms wer-
den eine autistische Persönlichkeitsstruktur im Sinne einer nicht näher bezeichne-
ten Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.9), der Zustand nach wiederholten de-
pressiven Dekompensationen im Sinne einer depressiven Anpassungsstörung
(ICD-10: F43.2), sowie der Zustand nach ätiologisch unklarer Enuresis nocturna
(nächtliches Bettnässen), möglicherweise organischer Ursache, vom Privatgut-
achter angeführt (Urk. 101 S. 85), wobei das Schwergewicht dieser weiteren Di-
agnosen auf autistischen Persönlichkeitszügen des Beschuldigten (Autismus-
Spektrum-Störung, ASS) liegt (Urk. 131 S. 86 ff.).
3.4.3. Zur Begründung dieser Diagnose weist der Privatgutachter auf die aus
der Entwicklung des Beschuldigten erkennbaren Auffälligkeiten aus frühester
Kindheit und aus der Schulzeit, wo sich der Beschuldigte immer als Aussenseiter
geschildert habe, welcher auf dem Schulhof immer am selben Platz gestanden
und den Blick auf den Boden gerichtet habe. Solche Verhaltensweisen seien ty-
pisch für Menschen mit hochfunktionalem Asperger-Syndrom. Auch Auffälligkei-
ten der Wahrnehmung, wie eine entsprechende Reizempfindlichkeit seien vom
Beschuldigten geschildert worden und seien regelhaft beim Asperger-Syndrom
anzutreffen. Der Blickkontakt werde schon in der frühen Kindheit als auffällig be-
schrieben. Auch die nonverbale Kommunikation in Form von Gestik, Mimik und
Prosodie werde als auffällig dargestellt. Nach Angaben des Beschuldigten sei
nonverbale Kommunikation erst in der Pubertät viel vor dem Spiegel geübt wor-
den, nachdem Mädchen ihn darauf aufmerksam gemacht hätten, dass er immer
- 43 -
auf den Boden schaue und vornübergebeugt gehe. Der Beschuldigte habe nie
Freunde gehabt, sei nie in Cliquen unterwegs gewesen und habe sich in Grup-
penkonstellationen nie richtig bewegen können. Auch die für autistische Men-
schen häufigen Wutattacken seien vom Beschuldigten angegeben worden. Seine
Mutter habe ihn als ausgesprochen jähzorniges Kind beschrieben (Urk. 131
S. 88 ff.).
3.4.4. Zwar finden die vom Privatgutachter aufgeführten, auf eine autistische
Persönlichkeitsstruktur hindeutenden Auffälligkeiten teilweise ihren Ursprung in
der Biographie des Beschuldigten. Es fällt indessen auf, dass der Privatgutachter
auch auf Auffälligkeiten Bezug nimmt, welche der Beschuldigte erstmals dem Pri-
vatgutachter gegenüber neu geäussert hat. So waren Reiz- und Geräuschemp-
findlichkeit und ein metallischer Geschmack (starker Aluminiumgeschmack) im
Mund in den Stunden vor der Tat (Urk. 131 S. 70, 100) bislang kein Thema in den
Aussagen des Beschuldigten, insbesondere auch nicht gegenüber den Gutach-
tern AK._ (1990) und den Dres. AA._ und AJ._ (2013), wie Prof.
AA._ in seiner Gutachtensergänzung vom 28. Mai 2015 ausdrücklich bestä-
tigte (Urk. 142 S. 16 f.) und auch der Privatgutachter in seiner ergänzenden Stel-
lungnahme vom 20. Juli 2015 anerkannte (Urk. 149 S. 19.).
3.4.5. Auch vom Privatgutachter diskutierte Defizite des Beschuldigten im
Bereich der Wahrnehmung von Befindlichkeiten und Gefühlen bei anderen Men-
schen, was zu Missverständnissen und interpersonellen Konflikten führen könne
(Urk. 131 S. 89 f., 92), finden sich nicht so klar in den zahlreichen Befragungen
von Bezugspersonen des Beschuldigten als Zeugen im vorliegenden Verfahren.
Diese wurden vom Gerichtsgutachter Prof. AA._ stattdessen vielmehr als
Gegenbeispiele und für die Verneinung eines Asperger Syndroms im Autis-
musspektrum hervorgehoben (Urk. 79/2 S. 18 f.). Als nicht abschliessende Bei-
spiele nannte Dr. AA._ überzeugend die mehreren festen Beziehungen des
Beschuldigten, sein Engagement in Vereinen (...) und die von mehreren Zeugen
beschriebene Eigenschaft als fürsorglicher Vater (Urk. 79/2 S. 17; vgl. auch
Urk. 45/25 S. 104 ff.). Weiteres Beispiel sind die Aktivitäten des Beschuldigten im
Bereich der Volksmusik, wo er mit seinem Akkordeon-Duett Radio- und Fernseh-
- 44 -
auftritte hatte, das jährliche Ländlerkonzert in ... organisierte und im Verband der
...musiker zum Technischen Leiter gewählt wurde (Prot. II S. 16; Urk. 45/25
S. 112 f.).
3.4.6. Aus dem Privatgutachten geht denn auch nicht hervor, ob diese Pro-
tokolle der zahlreichen, aus dem Umfeld des Beschuldigten befragten Zeugen
Prof. Dr. W._ vorgelegen haben. Er hat sich mit solchen Aussagen im Privat-
gutachten jedenfalls nicht auseinandergesetzt. Auch hinsichtlich der Blickkontakte
des Beschuldigten in Gesprächen machten die Gerichtsgutachter andere Wahr-
nehmungen (Urk. 79/2 S. 18) als der Privatgutachter wenige Jahre später
(Urk. 131 S. 48), und auch anlässlich der Berufungsverhandlung richteten sich die
Blicke des Beschuldigten unauffällig und ganz normal an die ihn Befragenden.
3.4.7. So dürfte es auch kein Zufall sein, dass der Privatgutachter selber da-
rauf hinweist, dass auch die für die Diagnose eines Asperger Syndroms kritischen
Informationen aus der ersten Dekade des Lebens des Beschuldigten nur sehr
spärlich vorhanden sind, da dessen Eltern diesbezüglich nicht mehr befragt wer-
den können. Ferner müsse bei der Begründung der gestellten Diagnose auch be-
dacht werden, dass der Beschuldigte ein klares Interesse an der Stellung dieser
Diagnose bekundet habe und eine entsprechende Diagnosestellung zentrales
Motiv der Beauftragung zum Privatgutachten gewesen sei (Urk. 131 S. 88). Nach-
dem sich der Beschuldigte sehr stark mit der eigenen Diagnose auseinanderzu-
setzen scheint, dürfen diese Vorbehalte auch im Zusammenhang mit der Diagno-
se des Privatgutachters im weiteren Autismus-Spektrum nicht ausser Acht gelas-
sen werden. Wenn der Privatgutachter aus leidenschaftlichem Akkordeonspielen
eingeengte Interessen ableitet (Urk. 131 S. 91; Urk. 149 S. 16 f.), überzeugt dies
nach dem Dargelegten nicht.
3.4.8. Der Privatgutachter scheint bei seiner weit positiveren Beurteilung der
Therapierbarkeit des Beschuldigten den Fokus denn auch darauf zu legen, dass
der Beschuldigte sich intensiv mit der psychiatrischen Diagnose auseinandersetzt,
während die eigentliche Tat nicht im Zentrum zu stehen scheint (vgl. Urk. 131
S. 72, insbes. S. 106 ff.), zumal der Beschuldigte die eigentliche Tat gegenüber
dem Privatgutachter offensichtlich wieder bestritt: "Er habe nach seinem Wissen
- 45 -
U._ nicht aktiv mit einem Kissen erstickt. Er sei vielleicht in eine schlechte
Lage im Bett gekommen. Später sei er dann aufgewacht, und U._ habe nicht
mehr geatmet. Er sei geschockt gewesen." (Urk. 131 S. 53, aber auch S. 52 und
S. 65). Bei der Verdrängung und Leugnung der konkreten Tathandlungen und der
eigentlichen Tat blieb der Beschuldigte entgegen der Auffassung der Verteidigung
(Urk. 148 S. 9) abermals in der Berufungsverhandlung (Prot. II S. 41, 53). Eine
deliktsorientierte therapeutische Auseinandersetzung mit der Tat erweist sich un-
ter solchen Vorzeichen trotz des mehrmals vom Beschuldigten geäusserten The-
rapiewunsches nach wie vor äusserst schwer vorstellbar. Was die Erfolgsaussich-
ten einer Therapie in diesem besonderen und sicher sehr ungewöhnlichen Einzel-
fall anbelangt, kommt indessen auch Prof. Dr. W._ zur Einschätzung, dass
diese nicht mit Sicherheit prognostiziert werden können, von ihm "aber für realis-
tisch eingeschätzt" werden (Urk. 131 S. 113).
3.4.8.1. Im Strafprozess ist zu beurteilen, wie sich die gutachterlich festge-
stellten Symptome der psychischen Erkrankung auf die Schuldfähigkeit des Be-
schuldigten im Zeitpunkt der Tat ausgewirkt haben und ob dieser bereit und in der
Lage ist, sich einer forensisch zu beurteilenden, deliktsorientierten Therapie zu
unterziehen. Letztere setzt zwingend voraus, dass der Beschuldigte dazu bereit
ist, sich mit seiner Tat als solcher und seinem konkreten Tatvorgehen auseinan-
derzusetzen, was weiter unabdingbar voraussetzt, dass er die Tat mit seiner kon-
kreten Vorgehensweise vorbehaltlos vollumfänglich anerkennt. Nicht genügend
für die Annahme einer erfolgsversprechenden deliktsorientierten Therapierbarkeit
ist die Bereitschaft des Beschuldigten, die Diagnose einer autistischen Persön-
lichkeitsstruktur zu anerkennen und diese Erkrankung therapeutisch angehen zu
wollen. Dieser medizinische Ansatz genügt den forensischen Anforderungen an
eine deliktsorientierte Therapie und für die forensisch definierte Therapiefähigkeit
nicht (vgl. dazu auch Urk. 142 S. 28).
3.4.8.2. Es ist daher von wesentlicher Bedeutung, dass der Beschuldigte
nach wie vor Erinnerungen an die eigentliche Tat und sein Vorgehen selektiv ver-
drängt und die eigentliche Tat nicht anerkennt, sondern lediglich in genereller
Weise die Verantwortung für den Tod seines Kindes übernimmt und sich gemäss
- 46 -
seinem Bekunden für dessen Tod schuldig hält (Prot. II S. 51 ff., insbes. S. 53).
Dass es sich dabei nicht um bloss medizinisch bedingte Erinnerungslücken han-
delt, sondern diese teilweise durch den Beschuldigten gewillkürt an den Tag tre-
ten, ist darin zu erkennen, dass sich aus einigen offenkundigen Widersprüchen in
seinen Aussagen ergibt, dass er sich selektiv durchaus an das eigentliche Tatge-
schehen zu erinnern scheint.
3.4.8.2.1. Dies tritt beispielsweise daraus hervor, dass der Beschuldigte sich
anlässlich seiner Befragung in der Berufungsverhandlung plötzlich und scheinbar
erstmals daran zu erinnern vermochte, sich beim Auslösen des Feuerlöschers
denselben an den Mund gehalten zu haben (Prot. II S. 54 f.), während er bei an-
deren Gelegenheiten konfrontiert mit Fragen zum eigentlichen Tatgeschehen oder
mit ihn belastenden Tatsachen und Indizien stets darauf verwies, sich (ab einem
gewissen Zeitpunkt am Tattag) nicht daran erinnern zu können; so beispielsweise
bei der Frage, ob er die Atemwege des Kindes versperrt habe oder wann er dem
Kind wie viele Tabletten Benocten verabreicht hatte, etc. (so z.B. Prot. II S. 41,
44, 50 ff., insbes. S. 53 f.).
3.4.8.2.2. Das beharrliche Bestreiten des eigentlichen Tötungsvorsatzes und
das Verdrängen des eigentlichen Tatvorgehens zeigt, dass der Beschuldigte nach
wie vor bestrebt ist, die Tat zu externalisieren und irgendwie abzuschieben, wie
dies bereits das amtliche psychiatrische Gutachten von Prof. Dr. AA._ vom
31. August 2011 festhielt (Urk. 45/25 S. 197). Insofern hat der Beschuldigte die
damaligen gutachterlichen Feststellungen, wonach nicht zu erwarten sei, dass er
diese Haltung ablegen werde und damit therapeutisch erreichbar werde, was
letztlich dazu führe, dass eine psychotherapeutische Bearbeitung des Deliktes er-
schwert bzw. unmöglich werde und keine effektive deliktspräventive Intervention
geleistet werden könne (ebenda, S. 197), in der seither verstrichenen Zeit weiter-
hin bestätigt. Dies hat auch der amtliche Gutachter in der Ergänzung vom 28. Mai
2015 nochmals ausdrücklich festgehalten (Urk. 142 S. 28 f.).
3.4.8.2.3. Ausserdem hat Prof. AA._ zum Schluss seiner Ergänzungen
vom 28. Mai 2015 zu Recht darauf hingewiesen, dass an mehreren Stellen des
Privatgutachtens deutlich wird, dass der Beschuldigte grosses Interesse an einer
- 47 -
Diagnose aus dem Autismusspektrum zeigte und der Privatgutachter mehrfach
ausführte, dass seine Schlussfolgerungen auf aus seiner Sicht überzeugenden
bzw. authentischen Angaben des Beschuldigten beruhten. Dabei habe der Privat-
gutachter Widersprüche zwischen den aktuellen und früheren Angaben des Be-
schuldigten sowie zu diversen Zeugenaussagen (z.B. von seiner Exfrau N._
oder seiner Ex-Partnerin Frau AS._) weder dargelegt noch diskutiert. Ange-
sichts der Resultate der (amtlichen) Begutachtung sei es nicht sinnvoll, sich bei
den diagnostischen und therapeutischen Überlegungen vorwiegend auf die Anga-
ben des Beschuldigten zu verlassen und gegenläufige Darstellungen unberück-
sichtigt zu lassen (Urk. 142 S. 30).
3.4.9. Die positivere Einschätzung des Privatgutachters zur Therapierbarkeit
des Beschuldigten und zu möglichen Erfolgsaussichten überzeugt nach dem Dar-
gelegten nicht in der Weise, dass sie die negative Einschätzung des gerichtlichen
Gutachters Prof. Dr. med. AA._ in dieser Frage umzustossen vermöchte (vgl.
Urk. 45/25 S. 200 ff., 202.; Urk. 79 S. 50).
3.5. Den Vorderrichtern ist somit beizupflichten, dass es an der Therapier-
barkeit des Beschuldigten nach wie vor mangelt, weshalb die Anordnung einer
Massnahme nach Art. 59 StGB keinen Erfolg verspricht.
4. Nach Art. 64 Abs. 1 lit. a und b StGB ist zur Anordnung einer Verwahrung
die ernsthafte Erwartung weiterer Delinquenz erforderlich. Dabei hat sich die
Rückfallgefahr auf Taten der gleichen Art wie das Anlassdelikt zu beziehen. Es
muss mithin damit zu rechnen sein, dass der Täter in gleicher oder ähnlicher
Form erneut delinquiert. Erforderlich ist zudem eine qualifizierte Gefährlichkeit. Es
muss eine hohe Wahrscheinlichkeit weiterer schwerwiegender Straftaten beste-
hen. Eine blosse Vermutung oder vage Wahrscheinlichkeit genügt nicht (HEER, in:
Basler Kommentar Strafrecht I, 3. Auflage 2013, N 47 zu Art. 64 StGB).
4.1. Bei der Beurteilung der qualifizierten Gefährlichkeit steht den Gerichten
ein grosses Ermessen zu, und mit Blick auf den Grundsatz der Verhältnismässig-
keit sind ausserordentlich hohe Anforderungen an die Ernsthaftigkeit der Rück-
fallgefahr zu stellen (HEER, a.a.O., N 51 zu Art. 64 StGB; SCHWARZENEG-
- 48 -
GER/HUG/JOSITSCH, Strafrecht II, 8. Auflage Zürich 2007, S. 188 ff.). Bei der Risi-
koanalyse ist grundsätzlich eine Gesamtwürdigung von Tat und Täter vorzuneh-
men. Massgebliche Faktoren der Risikoanalyse sind die Anlasstat, aber auch die
Vorgeschichte und spätere Entwicklung sowie Hintergründe und Beziehung zum
Opfer (HEER/ HABERMEYER, in: Basler Kommentar Strafrecht I, 3. Auflage 2013,
N 67 zu Art. 64 StGB).
4.2. Im Ergänzungsgutachten zur Frage der Verwahrung vom 4. Juli 2013
hob Prof. Dr. AA._ betreffend die Tathintergründe nachvollziehbar hervor,
dass der Beschuldigte entweder aus einer depressiv-suizidalen und/oder einer
narzisstisch gekränkt-aggressiven Verfassung heraus zweimal schwerwiegende
Gewalt gegen leibliche Kinder im Kontext von Trennungssituationen ausübte und
eine Einsicht in die Problematik des eigenen Verhaltens beim Beschuldigten nach
wie vor fehlt, da er weiterhin zur Externalisierung der Verantwortung für seine Tat
neigt. Vor diesem Hintergrund erachtet es der Gerichtsgutachter unabhängig von
der Tatmotivation als wenig wahrscheinlich, dass mittlerweile eine Entwicklung in
Gang gekommen sein könnte, welche es dem Beschuldigten ermöglichen würde,
in einer ähnlich gelagerten Ausgangssituation anders zu reagieren. Er rechnet in
ähnlich gelagerten Ausgangssituationen vielmehr weiterhin mit aggressiv ausge-
stalteten suizidalen bzw. parasuizidalen Handlungen. Insofern attestiert er dem
Beschuldigten bei ähnlichen Voraussetzungen das Risiko einer weiteren schwe-
ren Straftat (Urk. 101 S. 20). An dieser Beurteilung hat sich seither nichts geän-
dert.
4.3. Die Tendenz, seine Tatverantwortung zu externalisieren, zeigt sich in-
zwischen erneut in den Angaben des Beschuldigten gegenüber dem Privatgut-
achter und in seiner ausweichenden Auseinandersetzung mit der psychiatrischen
Diagnose, anstelle der Anlasstat (vgl. vorstehend, Erw. IV.3.4.8. ff.).
4.4. Zum Risiko einer weiteren schweren Straftat streicht Prof. AA._
weiter heraus, dass dieses an konkrete Auslösebedingungen, wie eine erneute
angespannte familiäre Konstellation, gebunden ist, weshalb es ausgesprochen
fraglich sei, ob solche Auslösebedingungen beim mittlerweile im Pensionsalter
angekommenen Beschuldigten nach wie vor realistisch erwartet werden können
- 49 -
oder sogar müssen, da es beim Beschuldigten nicht um eine generelle, sich
schon im Kontext von alltäglichen Konflikten manifestierende Gewaltbereitschaft
handelt und Gewalthandlungen des Beschuldigten bisher stets in familiären, resp.
partnerschaftlichen Konstellationen eingebettet waren. Hier erachtet es der Ge-
richtsgutachter nachvollziehbar und überzeugend altersbedingt als wenig wahr-
scheinlich, dass solche Konflikte für den Zeitraum nach der möglichen Entlassung
des Beschuldigten aus dem Strafvollzug noch auftreten. Bei einer Haftentlassung
in einem Altersbereich von über 70 Jahren fällt das Risiko eines weiteren Tö-
tungsdeliktes laut Prof. AA._ statistisch gesehen daher gering aus, da das
Risiko von Gewaltstraftaten in diesem Altersbereich so gering ist, dass das Alter
als der massgebliche prognostische Faktor angesehen werden kann und auch
gegenüber diagnostischen Überlegungen bzw. den Persönlichkeitsmerkmalen an
Bedeutung gewinnt. So rechnet der Gutachter beim Beschuldigten mit schwer-
wiegenden Gewalttaten erst dann, wenn sich dieser wieder mit einer seinen oh-
nehin fraglichen Selbstwert massiv gefährdenden Situation konfrontiert sehen
würde, insbesondere einer solchen, in der er sich massiv gekränkt und übervor-
teilt fühlen würde. Er gelangt daher nachvollziehbar und überzeugend zum
Schluss, dass beim Beschuldigten ein eher niedriges individuelles Rückfallrisiko
besteht, zumal eine erneute ähnlich belastende partnerschaftliche Situation mit
gleichzeitig vorhandenen leiblichen Kindern altersbedingt als wenig wahrschein-
lich erscheint. In der Gesamtschau betrachtet ist somit nicht mit hoher Wahr-
scheinlichkeit zu erwarten, dass der Beschuldigte – auch unter Berücksichtigung
der diagnostizierten paranoid-narzisstischen Persönlichkeitsproblematik – eine
weitere ähnlich gelagerte schwere Straftat begehen könnte (Urk. 101 S. 20 f., 25).
4.5. Der Privatgutachter Prof. Dr. W._ wurde zum Thema Rückfallge-
fahr nicht angerufen und hat sich dazu auch nicht geäussert.
4.6. Die von Prof. AA._ angestellten Überlegungen und die daraus im
Ergänzungsgutachten zur Frage der Verwahrung vom 4. Juli 2013 abgeleiteten
Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar und vermögen zu überzeugen. Es ist
daher in Übereinstimmung mit der Einschätzung der Vorderrichter (Urk. 117
S. 73 f.) nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass der Beschuldigte in
- 50 -
der Zeit nach seiner Entlassung aus dem Strafvollzug weitere Gewaltstraftaten
begehen wird.
4.6.1. Hinzu kommt die bereits vom Gerichtsgutachter angeführte weitere
Überlegung, dass zusätzlich zur dargelegten Einschätzung des Rückfallrisikos die
Möglichkeit besteht, nach der Entlassung des Beschuldigten aus dem Strafvollzug
über das Institut der Bewährungshilfe, allenfalls verbunden mit geeigneten Wei-
sungen (Art. 87 Abs. 2 StGB), die spezifischen Ausgangsbedingungen vergleich-
barer Entwicklungen mit Bezugspersonen im familiären Umfeld, resp. entspre-
chenden partnerschaftlichen Konstellationen, frühzeitig zu identifizieren und mit
geeigneten Massnahmen auf diese zu reagieren (Urk. 101 S. 21), was als durch-
aus geeignet erscheint und einen massiv weniger starken Eingriff als die Anord-
nung der Verwahrung zur Folge hat.
4.6.2. Nach dem Dargelegten ist sowohl von der Anordnung einer Verwah-
rung nach Art. 64 Abs. 1 StGB als auch von einer therapeutischen Massnahme im
Sinne von Art. 59 StGB abzusehen.
V. Widerruf
1. Im vorinstanzlichen Urteil wurde der mit Urteil des Obergerichts des Kan-
tons Zürich vom 16. September 2008 gewährte bedingte Vollzug der Geldstrafe
von 300 Tagessätzen zu Fr. 30.– widerrufen und der Vollzug der Strafe angeord-
net (Urk. 117 S. 75, 83). Dieser Widerruf wurde mit der Berufungserklärung der
Verteidigung ausdrücklich nicht angefochten (Urk. 120 S. 2; Art. 399 Abs. 3
StPO). Nachdem die Bemessung der Strafe als solche angefochten wurde, ist der
Widerruf als Bestandteil der Strafe als mitangefochten zu betrachten (Art. 399
Abs. 4 lit. b StPO; SCHMID, Praxiskommentar, Schweizerische Strafprozessord-
nung, 2. Auflage 2013, N 20 zu Art. 399 StPO).
2. Begeht ein Verurteilter während der Probezeit ein Verbrechen oder Ver-
gehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben wird, so
widerruft das Gericht die bedingte Strafe oder den bedingten Teil der Strafe
(Art. 46 Abs. 1 StGB).
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3. Mit Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 16. September 2008
wurde der Beschuldigte wegen mehrfacher Veruntreuung und Urkundenfälschung
mit einer Geldstrafe von 300 Tagessätzen zu Fr. 30.– bestraft. Der Vollzug der
Geldstrafe wurde aufgeschoben und die Probezeit auf 5 Jahre festgesetzt
(Urk. 46/3). Nachdem der Beschuldigte innerhalb dieser Probezeit mit der vorlie-
gend beurteilten Tat erneut straffällig wurde und gemäss dem psychiatrischen
Gutachten vom 31. August 2011 überdies (grundsätzlich) rückfallgefährdet ist
(Urk. 45/25 S. 196, 200), ist der bedingte Aufschub der Geldstrafe zu widerrufen
und deren Vollzug anzuordnen.
VI. Einziehungen
1. Im angefochtenen Urteil wurden die mit Verfügungen der Staatsanwalt-
schaft IV des Kantons Zürich vom 4. Mai 2011 und 8. November 2011 beschlag-
nahmten Gegenstände eingezogen und der Kantonspolizei Zürich zur gutschei-
nenden Verwendung oder Vernichtung überlassen (Urk. 117 S. 83, Ziff. 7).
2. Die Verteidigung hat diese Anordnung angefochten, da sich unter den be-
troffenen Gegenständen relevante Beweismittel befänden, welche bis zum Ab-
schluss des Verfahrens vorhanden bleiben sollten (Urk. 120 S. 2, S. 4).
3. Unter den betroffenen Gegenständen befinden sich unter anderem der
Feuerlöscher, der Beipackzettel zum Medikament Benocten, der dreiseitige Ab-
schiedsbrief vom 26. Februar 2010, Quittungen und Spielzeuge. Diese Gegen-
stände stellen demnach teilweise Tatwerkzeuge und wichtige Beweismittel dar.
Da die Voraussetzungen von Art. 69 StGB erfüllt sind, steht dem vorinstanzlichen
Vorgehen grundsätzlich nichts entgegen. In Ergänzung zur vorinstanzlichen An-
ordnung ist für deren Vollstreckung indessen der Zeitpunkt des Eintritts der
Rechtskraft des Urteils in der Sache abzuwarten, da es sich bei den betroffenen
Gegenständen teilweise um relevante Beweismittel handelt, wie die Verteidigung
zu Recht geltend macht.
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VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massga-
be ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Nachdem der Be-
schuldigte mit seinen Anträgen zum überwiegenden Teil unterliegt, auf der ande-
ren Seite aber auch die Staatsanwaltschaft mit ihren Berufungsanträgen der Aus-
fällung einer lebenslänglichen Strafe und der Anordnung der Verwahrung nicht
durchdringt, rechtfertigt es sich, dem Beschuldigten drei Viertel der Kosten des
Berufungsverfahrens aufzuerlegen und einen Viertel auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
2. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind auf die Gerichtskasse zu-
nehmen, wobei die Rückzahlungspflicht im Umfang von drei Vierteln vorbehalten
bleibt.
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