Decision ID: f1b04c1e-a098-5a0d-9070-076695e89616
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Mit Verfügung vom 11. September 2017 stellte das SEM fest, die Be-
schwerdeführerin 1 und ihre Tochter (Beschwerdeführerin 2) erfüllten die
Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch vom 26. August 2015
ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug.
A.b Die am 12. Oktober 2017 dagegen erhobene Beschwerde wies das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-5814/2017 vom 16. November 2017
ab. Das Gericht befand mitunter, es sei mit der Vorinstanz davon auszuge-
hen, die Beschwerdeführerinnen stammten nicht aus Somalia und mangels
genügender Identitätspapiere hätten ihre Staatsangehörigkeit und Herkunft
als unbekannt zu gelten. Nebst der mangelnden Glaubhaftigkeit ihrer Vor-
bringen fehle es zudem an einem zeitlichen Kausalzusammenhang zwi-
schen den angeblichen Ereignissen und ihrer Flucht. Da die Beschwerde-
führerinnen der ihr obliegenden und zumutbaren Mitwirkungspflicht hin-
sichtlich Herkunft, Staatsangehörigkeit und Identität nicht nachzukommen
gewillt seien, seien weder eine in ihrem Heimatstaat allfällige (erneut) dro-
hende Genitalverstümmelung noch weitere Wegweisungsvollzugshinder-
nisse überprüfbar. Zudem seien aus der vorläufigen Aufnahme des angeb-
lichen Kindsvaters keine Rechte abzuleiten (siehe a.a.O. E. 7.3), zumal
seine Vaterschaft zur Beschwerdeführerin 2 weder zivilrechtlich noch bio-
logisch nachgewiesen sei. Der Wegweisungsvollzug sei demnach zuläs-
sig, zumutbar und möglich.
B.
B.a Mit als «zweites Asylgesuch/qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch»
betitelter Eingabe vom 9. Februar 2018 gelangten die Beschwerdeführe-
rinnen 1 und 2 – handelnd durch ihren neu mandatierten Rechtsvertreter –
ans SEM und beantragten, es sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen
und ihnen Asyl zu gewähren, eventualiter sei die vorläufige Aufnahme in-
folge Unzulässigkeit sowie subeventualiter infolge Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs anzuordnen.
Dem Gesuch lagen Fotos der religiösen Heirat der Beschwerdeführerin 1
mit dem angeblichen Kindsvater (...), eine Termin-Bestätigung für densel-
ben beim Zivilstandkreis D._ betreffend Vaterschaftsanerkennung,
zahlreiche Fotos, auf denen der angebliche Kindsvater mit den Beschwer-
deführerinnen abgebildet ist, sowie eine Attestation de Passeport, ein Cer-
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tificat de Naissance, ein Certificat de Mariage vom (...) 2017, alle im Origi-
nal und alle ausgestellt von der somalischen Botschaft in E._, und
ein handgeschriebenes Schreiben (undatiert und ohne Unterschrift) bei.
Zudem reichten die Beschwerdeführerinnen folgende bereits im ersten
Asylverfahren ausgehändigte Unterlagen ins Recht: Bestätigungsschrei-
ben von somalischen Staatsangehörigen bezüglich der somalischen
Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin 1, sie betreffende Arztbe-
richte vom (...) 2017 und (...) 2017 und ein Foto ihrer [Verletzungen].
B.b Mit ergänzender Eingabe vom 13. Februar 2018 reichten die Be-
schwerdeführerinnen einen Entscheid des UNO-Ausschusses für die
Rechte der Kinder (CRC) vom 25. Januar 2018 zu den Akten.
B.c Am (...) 2018 kam das zweite Kind der Beschwerdeführerin 1 zur Welt
(Beschwerdeführerin 3). Am 13. August 2018 anerkannte der angebliche
Kindsvater (fortan betreffend Beschwerdeführerin 3: Kindsvater) die Vater-
schaft betreffend Beschwerdeführerin 3.
B.d Am 8. November 2018 führte das SEM mit der Beschwerdeführerin 1
eine LINGUA-Analyse durch. Am 6. März 2019 wurde ihr zum dazu erstell-
ten Gutachten das rechtliche Gehör gewährt. Die entsprechende schriftli-
che Stellungnahme der Beschwerdeführerin 1 erfolgte am 18. März 2019.
B.e Mit Verfügung vom 15. Mai 2019 forderte das SEM die Beschwerde-
führerin 1 auf, betreffend ihre beiden Töchter zu bestätigen, dass bei ihnen
keine Genitalverstümmelung vorliege. Die entsprechenden ärztlichen At-
teste vom (...) 2019 gingen bei SEM am (...) Mai 2019 ein (vgl. B21/3).
C.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2019 – am Folgetag eröffnet – änderte das SEM
die Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerinnen auf Somalia, ver-
neinte die Flüchtlingseigenschaft, lehnte ihre Asylgesuche ab, verfügte die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 16. Juli 2019 fochten die Beschwerdeführerinnen diesen
Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragten, die
vorinstanzliche Verfügung sei in den Ziffern 2 bis 6 aufzuheben, es sei ihre
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und die Vorinstanz anzuweisen, ihnen
Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, subeventualiter die
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Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und die Vo-
rinstanz anzuweisen, die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerinnen
anzuordnen. Subventualiter sei die Sache zur genügend materiellen Prü-
fung der Asylgründe unter der Annahme der Herkunft Südsomalia an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In formeller Hinsicht wurde um unentgeltliche
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und um Bestellung des unterzeichnenden Rechtsvertreters als unentgeltli-
chen Rechtsbeistand ersucht.
Als Beweismittel legten die Beschwerdeführerinnen mehrere ausgedruckte
Berichte und Zeitungsartikel betreffend weibliche Genitalverstümmelung in
Somalia und eine Nothilfebestätigung bei.
E.
Am 18. Juli 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
F.
Mit Verfügung vom 23. Juli 2019 hiess die zuständige Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, wies das Gesuch um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung ab und lud die Vorinstanz zur Ver-
nehmlassung ein.
G.
Das ans Bundesverwaltungsgericht gerichtete Gesuch um Wiedererwä-
gung der Zwischenverfügung bezüglich unentgeltliche Rechtsbeistand-
schaft vom 30. Juli 2019 wurde mit Zwischenverfügung vom 15. August
2019 abgewiesen.
H.
Am 5. August 2019 reichte das SEM eine Vernehmlassung ein und hielt
vollumfänglich an den Erwägungen in der Verfügung vom 8. Juli 2019 fest.
I.
Mit Eingabe vom 19. August 2019 machten die Beschwerdeführerinnen
von dem ihnen (mit Instruktionsverfügung vom 8. August 2019) eingeräum-
ten Recht zur Replik Gebrauch.
J.
Mit Eingabe vom 21. Januar 2020 reichten die Beschwerdeführerinnen
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dem Gericht eine die Beschwerdeführerin 1 betreffende Schwanger-
schaftsbestätigung, datierend vom (...) 2019, und eine Kopie des Schwei-
zerischen Aufenthaltstitels B betreffend den Vater der Beschwerdeführerin
3 (und angeblicher Kindsvater der Beschwerdeführerin 2 und des ungebo-
renen Kindes) ein.
K.
Auf die Begründung der Verfügung, der Rechtsmittelschrift, der Vernehm-
lassung und der Replikeingabe wird – soweit für den Entscheid wesentlich
– in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(SR 142.31; AS 2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1 - 4) sind unverändert vom AuG ins AIG über-
nommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbe-
zeichnung verwendet.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und
auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
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und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.5 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.6 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.
2.1 Die Vorinstanz stellte sich im angefochtenen Entscheid auf den Stand-
punkt, die von den somalischen Behörden in E._ ausgestellten Do-
kumente hätten keinen Beweiswert, da diese mithin leicht gefälscht werden
könnten. Zudem erstaune sehr, dass diese Dokumente erst mit dem zwei-
ten Asylgesuch eingereicht worden seien. Gemäss landeskundlich-kultu-
rellen und insbesondere linguistischen Analysen sei der Länderexperte
zum Schluss gekommen, die Beschwerdeführerin 1 sei in F._, Süd-
somalia, sozialisiert worden, weshalb ihre Nationalität auf Somalia geän-
dert werde. Aufgrund dieser LINGUA-Analyse, gemäss welcher sie den Sü-
den weit früher als behauptet verlassen und somit einige Jahre in Nordso-
malia verbracht habe, sei ihren Asylvorbringen nach wie vor die Grundlage
entzogen. Dabei werde auf die entsprechenden Erwägungen in der ersten
Verfügung und im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts verwiesen. Da sie
die geltend gemachte drohende (erneute) Genitalverstümmelung betref-
fend ihre Töchter und sich selbst im ersten Asylverfahren trotz wiederhol-
tem Nachfragen nach weiteren Gründen, die gegen die Rückkehr sprechen
könnten, mit keinem Wort erwähnt habe, sei dieses Vorbringen als nach-
geschoben und somit als unglaubhaft zu qualifizieren. Indem die Be-
schwerdeführerin 1 dem SEM verschwiegen habe, die letzten Jahre vor
ihrer Ausreise im Norden Somalias gelebt zu haben, habe sie ihre Mitwir-
kungspflicht in grober Weise verletzt. Da nicht davon auszugehen sei, dass
sie dort alleine gelebt habe, seien auch ihre sonstigen Angaben während
des Verfahrens zu ihren Lebensumständen, wie beispielsweise die Aufent-
haltsorte ihrer Angehörigen oder weiterer Verwandten, die wirtschaftliche
Situation sowie die Clanzugehörigkeit in Zweifel zu ziehen. Vor diesem Hin-
tergrund könnten die Asylvorbringen hinsichtlich einer begründeten Furcht
schlicht nicht beurteilt werden. Auch vermöchten die eingereichten Doku-
mente das geltend Gemachte nicht zu belegen und somit angesichts ihrer
widersprüchlichen, unsubstanziierten und unplausiblen Aussagen im Ver-
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lauf des Verfahrens an der bisherigen Einschätzung nichts zu ändern. Auf-
grund fehlender Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen müsse deren Asylrele-
vanz auch nicht mehr überprüft werden. Demzufolge erfülle sie die Flücht-
lingseigenschaft nicht.
2.2 Im Wegweisungsvollzugspunkt hielt die Vorinstanz fest, Vollzugshin-
dernisse seien grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen, wobei diese Un-
tersuchungspflicht ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht der asylsuchen-
den Person finde. Durch ihr Verhalten habe die Beschwerdeführerin 1
diese Pflicht in grober Weise verletzt und dadurch eine sinnvolle Prüfung
der Wegweisungsvollzugshindernisse verhindert. Sie habe somit die Fol-
gen ihrer unglaubhaften Identitätsangaben und der Unglaubhaftigkeit ihres
Sachverhaltsvortrags zu tragen, indem vermutungsweise davon auszuge-
hen sei, es stünden einer Wegweisung in ihrem bisherigen Aufenthaltsort
keine Vollzugshindernisse entgegen. Trotz andauernder Gewaltsituation in
manchen Teilen Somalias gehe das Bundesverwaltungsgericht in seiner
Rechtsprechung davon aus, der Wegweisungsvollzug könne unter Um-
ständen in die nördlichen Landesteile (Somaliland und Puntland) erfolgen,
wo keine Gewalt herrsche. Aufgrund ihrer unglaubhaften Angaben könne
sie sich daher nicht mehr auf die schlechte allgemeine Sicherheitslage in
Mittel- und Südsomalia berufen; vielmehr sei davon auszugehen, dass sie
in einen Landesteil Somalias zurückkehren könne, in welchem keine Situ-
ation allgemeiner Gewalt herrsche. Dies insbesondere, da sie gemäss LIN-
GUA-Analyse einige Jahre im Norden Somalias gelebt habe. Bezüglich der
familiären und gesundheitlichen Situation werde auf die Verfügung vom
11. September 2017, welche vom Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
E-5814/2017 vom 16. November 2017 vollumfänglich gestützt werde, ver-
wiesen, wonach sie zusammen mit dem Kindsvater zurückkehren könne
und zudem unklar sei, ob eine psychiatrische Behandlung immer noch von-
nöten sei. Deshalb werde der Wegweisungsvollzug in den Norden Soma-
lias (Somaliland und Puntland) als zumutbar erachtet.
2.3
2.3.1 Vor Bundesverwaltungsgericht machen die Beschwerdeführerinnen
insbesondere geltend, die Schlussfolgerungen des SEM seien teilweise
aktenwidrig, widersprächen der eigenen Feststellung (venire contra factum
proprium) und seien willkürlich. Den negativen Entscheiden der Vorinstanz
und des Bundesverwaltungsgerichts sei stets die Beurteilung zugrunde ge-
legen, sie stammten nicht aus Somalia. Das SEM sei von der Verschleie-
rung der wahren Nationalität ausgegangen, habe diese als grobe Verlet-
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zung der Mitwirkungspflicht bezeichnet und in der Folge keine Wegwei-
sungsvollzugshindernisse geprüft. Diese Unklarheiten seien allerdings be-
reits aufgelöst und weitere ärztliche Unterlagen und Beweise eingereicht
worden. Dennoch gehe die Vorinstanz, – nun unter Annahme, die Be-
schwerdeführerinnen seien tatsächlich aus Somalia – immer noch davon
aus, dass sie die wahre Herkunft verschleierten, dadurch die Mitwirkungs-
pflicht grob verletzten und daher weiterhin keine Wegweisungsvollzugshin-
dernisse geprüft werden müssten. Das Ergebnis der lange vergeblich ver-
langten und nun endlich durchgeführten LINGUA-Analyse werte die Vo-
rinstanz so, dass diesen Beweisen nicht zu entnehmen sei, wie lange ge-
nau die Beschwerdeführerin 1 sich bereits im Norden Somalias aufgehal-
ten habe. Es werde die Vermutung aufgestellt, alleine wegen einiger
sprachlicher Anpassungen an den Dialekt im Norden habe sie sich länger
als von ihr behauptet dort aufgehalten, nämlich «einige Jahre». Dabei ver-
kenne die Vorinstanz, dass sich eine LINGUA-Analyse niemals dazu eigne,
den Zeitpunkt einer Binnenmigration zu beweisen. Von einer groben Mit-
wirkungspflichtverletzung könne daher keine Rede mehr sein.
2.3.2 Darüber hinaus habe die Vorinstanz selbst die Untersuchung der Be-
schwerdeführerinnen 2 und 3 im Genitalbereich anordnen lassen, offen-
sichtlich um dem Argument einer drohenden Genitalverstümmelung be-
gegnen zu können. Besonders stossend sei dann im Entscheid auszufüh-
ren, es könnten auch keine Wegweisungsvollzugshindernisse geprüft wer-
den, da ihre Herkunft unklar sei. Dass die Beschwerdeführerin ihre Angst
vor einer Genitalverstümmelung ihrer Töchter nicht bereits zu Beginn des
ersten Asylverfahrens genannt habe, als diese noch nicht geboren worden
seien, könne ihr mit Sicherheit nicht als Verletzung der Mitwirkungspflicht
angelastet werden. Die Vorinstanz setze sich weder mit der drohenden Ge-
nitalverstümmelung noch mit den neuen Beweismitteln und Argumenten im
zweiten Asylgesuch, die für die erlittenen schweren Verfolgungen sprä-
chen, auseinander, weil sie davon ausgehe, den Zeitpunkt der Flucht in-
nerhalb Somalias anhand eines LINGUA-Gutachtens beweisen zu können,
was nicht haltbar sei.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerinnen machen mitunter Verfahrensmängel gel-
ten. Sie monieren in formeller Hinsicht im Wesentlichen eine Verletzung
der Begründungspflicht. Namentlich sei die Schlussfolgerung des SEM,
wonach die Beschwerdeführerin 1 ihre Mitwirkungspflicht in grober Weise
verletze, weil sie gemäss LINGUA-Analyse Nordsomalia einige Jahre frü-
her als behauptet verlassen habe, und gestützt auf dieses Argument weder
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Asylgründe noch Wegweisungsvollzugshindernisse geprüft worden seien,
willkürlich.
3.2 Formelle Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls dazu geeignet
sein könnten, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff.
m.w.H.).
3.3 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Ab-
fassung der Begründung soll es der betroffenen Person ermöglichen, den
Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl
die betroffene Person als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite
des Entscheides ein Bild machen können; diesem Gedanken trägt die be-
hördliche Begründungspflicht Rechnung. Die Begründungsdichte als sol-
che richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrens-
umständen und den Interessen der betroffenen Person, wobei bei schwer-
wiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffe-
nen eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1
und D-3159/2015 vom 29. August 2016 E.3.1).
4.
4.1 Wie nachfolgend dargelegt, ist das Vorgehen der Vorinstanz nicht mit
Bundesrecht vereinbar.
4.2
4.2.1 Zunächst ist festzuhalten, dass es – wie von den Beschwerdeführe-
rinnen zu Recht moniert – kaum möglich scheint, anhand einer LINGUA-
Analyse den genauen Zeitpunkt eines Wohnortes beziehungsweise die
exakte Dauer des Aufenthalts innerhalb eines Staates zu bestimmen. Das
Argument der Beschwerdeführerinnen, wonach sich die sprachlichen An-
passungsfähigkeiten eines Menschen individuell gestalteten und die Aus-
sprache oft auch durch den jeweiligen Gesprächspartner beeinflusst
werde, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Ausführungen des SEM zur
Mitwirkungspflichtverletzung wirken in der Tat so, als würde versucht, die
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bisherige Argumentationslinie aufrechtzuerhalten, ohne den entscheiden-
den neuen Faktor, namentlich die nun feststehende somalische Staatsan-
gehörigkeit der Beschwerdeführerinnen, angemessen zu berücksichtigen.
Diese rügen daher zu Recht, die Vorinstanz habe die Ablehnung des Asyl-
gesuchs im Wesentlichen damit begründet, die Beschwerdeführerinnen
seien eben nicht aus Somalia, liesse den Umkehrschluss auf die Glaub-
haftmachung indessen nicht gelten. Die Vorinstanz hätte im vorliegenden
Verfahren vielmehr eine erneute Glaubhaftigkeitsprüfung durchführen
müssen. Basieren die Entscheide des ersten Asylverfahrens auf der Un-
glaubhaftigkeit der Herkunft, ist – da nun die somalische Herkunft feststeht
– dieser Argumentation das Fundament entzogen. Im gleichen Zug wurde
durch die nun feststehende somalische Nationalität die im ersten Asylver-
fahren festgestellte grobe Mitwirkungspflichtverletzung – entgegen der vo-
rinstanzlichen Ansicht – relativiert. Diese Erwägungen verletzen somit die
behördliche Begründungspflicht.
4.2.2 Sodann ist auch die Prüfung des Wegweisungsvollzuges nicht
rechtsgenüglich erfolgt. Zunächst ist die vorinstanzliche Erwägung, wo-
nach keine Wegweisungsvollzugshindernisse bei Personen zu prüfen
seien, die ihre Mitwirkungspflicht verletzten, weil sie nicht besser gestellt
werden dürften als Personen, die betreffend ihrer Herkunft wahre Angaben
machen würden, unbehelflich: Die vom SEM ins Feld geführte Praxis recht-
fertigt sich nur dann, wenn der Herkunfts- beziehungsweise der Heimat-
staat der asylsuchenden Person aufgrund von unglaubhaften Aussagen o-
der Nichteinreichen von Identitätsdokumenten, folglich einer Mitwirkungs-
pflichtverletzung seitens der asylsuchenden Person, nicht feststeht. Ange-
zweifelt wurde vom SEM im angefochtenen Entscheid lediglich noch die
exakte Chronologie der Aufenthaltsorte der Beschwerdeführerin 1 inner-
halb Somalias, indessen nicht ihre somalische Herkunft. Entgegen der Ein-
schätzung des SEM kann somit nicht davon ausgegangen werden, dass
überhaupt keine verwertbaren Angaben zur Herkunft der Beschwerdefüh-
rerinnen vorhanden sind. Das SEM hält somit zunächst fest, dass es kei-
nerlei Hindernisse prüfen könne, führt jedoch dann in hypothetischer Weise
aus, dass ein tragfähiges Beziehungsnetz im Norden Somalias bestehen
müsse; die Mitwirkungspflichtverletzung dient wiederum als Begründung
dafür, dass dieses Beziehungsnetz an einem anderen Ort als dem von der
Beschwerdeführerin 1 geltend gemachten Herkunftsort anzunehmen sei.
Diese Ausführungen werden der behördlichen Begründungspflicht eben-
falls nicht gerecht.
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4.2.3 Der pauschale Verweis auf die Verletzung der Mitwirkungspflicht wirkt
insbesondere dahingehend stossend, als dass das SEM die Prüfung des
Kindeswohls, zu der es kraft Art. 3 Abs. 1 KRK in jedem Fall verpflichtet ist,
sobald Kinder vom Entscheid betroffen sind, vollständig ausgeklammert
hat (vgl. Urteile des BVGer E-1046/2019 vom 9. April 2019 E. 5.3.3 und E-
4866/2019 vom 2. Oktober 2019 E. 11.2 jeweils m. w. H.). In diesem Zu-
sammenhang ist – in Übereinstimmung mit der Ansicht der Beschwerde-
führerinnen – hervorzuheben, dass die vorinstanzliche Vorgehensweise,
die geltend gemachte Genitalverstümmelung alleine deswegen als nach-
geschoben und daher unglaubhaft zu qualifizieren, weil im ersten Asylver-
fahren nicht geltend gemacht, in casu in der Tat nicht nachvollziehbar ist.
So leuchtet ein, dass die Beschwerdeführerin 1 die Angst vor einer Geni-
talverstümmelung (zumindest betreffend ihre Töchter) erst nach deren Ge-
burt äusserte. Zum Zeitpunkt ihres Asylgesuches und der Anhörung war
noch keines ihrer Kinder geboren. Zudem hatte das SEM selbst die ärztli-
che Untersuchung der beiden Mädchen im Genitalbereich verlangt
(vgl. B20/2) und damit signalisiert, dass diese Frage einer genaueren Ab-
klärung bedarf. In der Folge wurde dieselbe indessen auch mit dem Argu-
ment der Mitwirkungspflichtverletzung nicht weiter geprüft.
4.3 Als Fazit ist festzuhalten, dass die Begründung in der angefochtenen
Verfügung keine Hinweise darauf enthält, dass die sich nun präsentierende
Situation unter dem Blickwinkel der neu bestätigten somalischen Herkunft
der Beschwerdeführerinnen geprüft worden wäre. Somit wäre eine erneute
inhaltliche Prüfung der Asylgründe angezeigt und hierbei insbesondere vor
dem Hintergrund der Rechtsprechung (BVGE 2014/27; vgl. auch Urteil des
BVGer D-1096/2019 vom 12. August 2019 E. 6.4 ff.) die Frage der gege-
benenfalls drohenden Genitalverstümmelung zu beleuchten gewesen.
Ebenso hätte eine angemessene Prüfung der Wegweisungsvollzugshin-
dernisse nach Somalia erfolgen müssen.
4.4 Anhand der aufgezeigten Unterlassungen steht fest, dass das SEM die
behördliche Begründungspflicht und somit den Anspruch der Beschwerde-
führerinnen auf rechtliches Gehör verletzt hat. Dies umso mehr, als der
dem SEM aus der Kinderrechtskonvention erwachsenden Pflicht zur vor-
rangigen Berücksichtigung des Kindeswohls keine Rechnung getragen
wurde. Aufgrund des als schwerwiegend zu qualifizierenden Verfahrens-
mangels bleibt kein Raum für eine Heilung auf Beschwerdeebene.
5.
Die formelle Rüge der Begründungspflichtverletzung erweist sich nach
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dem Gesagten als begründet, so dass die Sache aus formellen Gründen
aufzuheben und zwecks Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen
ist. Die Beschwerde ist in diesem Punkt gutzuheissen.
Da die Verfügung aus formellen Gründen aufgehoben wird, erübrigt sich
eine Auseinandersetzung mit den materiellen Argumenten der Vorinstanz
und der Beschwerdeführerinnen. Vor diesem Hintergrund erweist sich auch
eine weitergehende Würdigung der eingereichten Beweismittel (siehe
oben Bst. B und D) als obsolet.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
6.1 Den vertretenen Beschwerdeführerinnen ist angesichts ihres Obsie-
gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Mit der
sich bei den Akten befindenden Kostenaufstellung vom 19. August 2019
wird ein Aufwand von insgesamt 10.55 Stunden veranschlagt, was ange-
sichts der Verfahrensumstände als angemessen erscheint. Daraus ergibt
sich bei einem geltend gemachten Stundenansatz von Fr. 300.– ein Betrag
von Fr. 3'535.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von
Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE). Den Beschwerdeführerinnen ist somit – unter
der Berücksichtigung der Bemessungsgrundsätze nach Art. 7 ff. VGKE –
eine Parteientschädigung von Fr. 3’535.– zu Lasten des SEM zuzuspre-
chen.
(Dispositiv nächste Seite)
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