Decision ID: f475208c-27fa-49fd-93a9-fd5059d76d99
Year: 2022
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Staatsanwaltschaft Nidwalden (Staatsanwaltschaft) führt gegen A._ (Beschwerdeführer)
mehrere Strafuntersuchungen wegen Verdachts auf verschiedene Delikte (mehrfacher ver-
suchter Raub, schwere Körperverletzung bzw. eventualiter versuchte schwere Körperverlet-
zung, einfache Körperverletzung, Tätlichkeiten, mehrfacher Diebstahl, Gehilfenschaft zum ver-
suchten Raub, mehrfache versuchte Erpressung, mehrfache Beschimpfung, mehrfache Dro-
hung, Nötigung, Freiheitsberaubung und Entführung, mehrfacher Hausfriedensbruch, Gewalt
und Drohung gegen Behörden und Beamte, Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelge-
setz, Widerhandlung gegen das Heilmittelgesetz, Widerhandlung gegen die Strassenverkehrs-
gesetzgebung sowie Widerhandlungen gegen das Waffengesetz). Die Strafuntersuchungen
dauern an. Der Beschwerdeführer wurde am 2. Dezember 2020 um 10.00 Uhr aus mehrmo-
natiger Untersuchungshaft entlassen. Seither untersteht er dem Regime diverser Ersatzmas-
snahmen.
Mit Verfügung vom 7. November 2018 wurde Rechtsanwältin B._ rückwirkend per 30. Okto-
ber 2018 als (notwendige) amtliche Verteidigerin des Beschwerdeführers eingesetzt. Mit Ver-
fügung vom 26. August 2019 wurde sie überdies betreffend weiterer gegen den Beschwerde-
führer erhobener Vorwürfe als (notwendige) amtliche Verteidigerin eingesetzt. Beide Verfü-
gungen erwuchsen unangefochten in Rechtskraft.
B.
Am 14. April 2020 liess der Beschwerdeführer durch seine am 9. April 2020 mandatierte Wahl-
verteidigerin Mauerhofer um Widerruf der amtlichen Verteidigung durch Rechtsanwältin B._
und Einsetzung von Rechtsanwältin Mauerhofer als seine amtliche Verteidigerin ersuchen. Die
Staatsanwaltschaft wies das Gesuch mit Verfügung vom 10. Juni 2020 ab.
C.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 29. Juni 2020 Beschwerde beim
Obergericht des Kantons Nidwalden mit den Rechtsbegehren:
3 │ 64
«I. Verfahrensantrag:
Die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 10. Juni 2020 mit der Bezeichnung ‹Amtliche Verteidigung
(Art. 132 StPO)› sei aufzuheben und Frau Rechtsanwältin lic. iur. Kim Mauerhofer sei anstelle von Frau
Rechtsanwältin Dr. iur. B._ rückwirkend ab 14. April 2020 als amtliche Verteidigerin von Herrn A._ ein-
zusetzen.
– Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Staatskasse –»
Insofern das Obergericht Nidwalden die Vertretung der eingesetzten notwendigen Verteidige-
rin an Einvernahmen der Strafuntersuchungsbehörden durch deren ausserkantonalen bzw.
Luzerner Rechtspraktikantinnen MLaw E._ und MLaw F._ als zulässig erachte, beantrage
er die folgenden:
«II. Beweisanträge:
1. Das Bezirksgericht Willisau des Kantons Luzern sei anzuweisen, dem Obergericht folgende Fragen
zu beantworten:
a. Von wann bis wann (genaue Daten) befand sich Frau MLaw E._ beim Bezirksgericht Willisau
im Praktikum?
b. Welcher Abteilung bzw. welchen Richterinnen und / oder Richtern (Strafrichtern oder Zivilrich-
terinnen) war Frau MLaw E._ während ihres Praktikums unterstellt?
c. Hatte Frau MLaw E._ während ihres Praktikums mit strafrechtlichen Angelegenheiten juristisch
zu tun?
d. Falls c. bejaht wird:
– inwiefern,
– wie häufig und
– in welcher Vertiefung hatte Frau MLaw E._ während ihres Praktikums mit strafrechtlichen
Angelegenheiten juristisch zu tun?
2. Die vormaligen Anwaltspraktikumsa[r]beitgeber von Frau MLaw F._, namentlich das Bezirksgericht
Luzern und die Staatsanwaltschaft 1 Luzern, seien anzuweisen, dem Obergericht folgende Fragen
zu beantworten:
a. Von wann bis wann (genaue Daten) befand sich Frau MLaw F._ im Praktikum?
b. Nur an das Bezirksgericht Luzern: Welcher Abteilung bzw. welchen Richterinnen und / oder
Richtern (Strafrichtern oder Zivilrichterinnen) war Frau F._ während ihres Praktikums unter-
stellt?
c. Nur an das Bezirksgericht Luzern: Hatte Frau MLaw F._ während ihres Praktikums mit straf-
rechtlichen Angelegenheiten juristisch zu tun?
d. Falls c. bejaht wird:
– Inwiefern,
– (nur an das Bezirksgericht Luzern:) wie häufig und
– in welcher Vertiefung hatte Frau MLaw F._ während ihres Praktikums mit strafrechtlichen Ange-
legenheiten juristisch zu tun?
4 │ 64
Schliesslich ersuchte er um die Gewährung des rechtlichen Gehörs im zweiten Schriftenwech-
sel (Rechtsbegehren Ziff. III).
D.
Mit Urteil vom 14. Juli 2020 («Urteil BAS 20 11») wies das Obergericht Nidwalden, Beschwer-
deabteilung in Strafsachen, die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Das in der
Folge angerufene Bundesgericht hiess die Beschwerde mit Urteil 1B_470/2020 vom 22. De-
zember 2020 gut, hob das angefochtene Urteil auf und wies die Sache zu neuem Entscheid
im Sinne der Erwägungen an das Obergericht zurück.
E.
Mit Eingabe vom 31. Januar 2021 ersuchte der Beschwerdeführer um Bekanntgabe der Zu-
sammensetzung des Gerichts und stellte ein Ausstandsgesuch in Aussicht. Mit Schreiben vom
4. Februar 2021 wurden die Parteien über die voraussichtliche Zusammensetzung (Vizepräsi-
dentin Barbara Brodmann, Vorsitz; Oberrichter Rolf Gabriel; Oberrichter Armin Murer; Ge-
richtsschreiberin Carmen Meier) orientiert.
F.
Mit prozessleitenden Schreiben vom 4. und 10. Februar 2021 wurde den Beschwerdegegnern
die Beschwerdeschrift vom 29. Juni 2020 (vorstehende lit. C) sowie die Eingabe des Be-
schwerdeführers vom 31. Januar 2021 zur Kenntnis gebracht und Gelegenheit zur Stellung-
nahme eingeräumt.
G.
Die Staatsanwaltschaft schloss in ihrer Eingabe vom 22. Februar 2021 auf Abweisung der
Beschwerde, unter Kostenfolge zulasten des Beschwerdeführers.
H.
Am 24. April 2021 gelangte der Beschwerdeführer mit einem Ausstandsbegehren an die Be-
schwerdeabteilung in Strafsachen des Obergerichts Nidwalden und verlangte den Ausstand
der Richterpersonen gemäss der voraussichtlichen Zusammensetzung. Die Beschwerdeab-
teilung überwies das Ausstandsbegehren am 30. April 2021 zuständigkeitshalber der Strafab-
teilung des Obergerichts, wobei die betroffenen Gremiumsmitglieder zugleich Stellung nah-
men und die kostenfällige Abweisung des Ausstandgesuchs beantragten. Mit Beschluss
5 │ 64
SA 21 9 vom 2. Juni 2021 wies das Obergericht Nidwalden, Strafabteilung, das Ausstandsbe-
gehren ab, soweit es darauf eintrat.
I.
Nach mehrmals erstreckter Frist und abschlägigem Entscheid der Aufsichtsbehörde über die
Anwältinnen und Anwälte des Kantons ZY._ betreffend die von Rechtsanwältin B._ ersuchte
Entbindung vom Berufsgeheimnis ging am 17. November 2021 deren Stellungnahme ein.
J.
Mit unaufgeforderter Replik vom 17. Dezember 2021 modifizierte der Beschwerdeführer sei-
nen Verfahrensantrag wie folgt:
«Die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 10. Juni 2020 mit der Bezeichnung ‹Amtliche Verteidigung
(Art. 132 StPO)› sei aufzuheben und Rechtsanwältin lic. iur. Kim Mauerhofer sei anstelle von Rechtsanwältin
Dr. iur. B._ rückwirkend ab 14. April 2020 bis und mit 4. August 2021 als amtliche Verteidigerin von A._
einzusetzen.
– Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Staatskasse –»
K.
Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Rechtsanwältin B._ verzichteten auf eine weitere
Eingabe.
L.
Das Obergericht Nidwalden, Beschwerdeabteilung in Strafsachen, beurteilte die Sache in
Nachachtung der bundesgerichtlichen Erwägungen neu und auf dem Zirkularweg (Art. 390
Abs. 4 StPO). Zufolge Kündigung kam es zu einem Gerichtsschreiberwechsel.
6 │ 64

Erwägungen:
1.
1.1
Hebt das Bundesgericht einen Entscheid auf und weist es die Sache zu neuer Beurteilung an
die kantonale Instanz zurück, so wird der Streit in jenes Stadium vor der kantonalen Instanz
zurückversetzt, in dem er sich vor Erlass des angefochtenen Entscheids befunden hat. Im
Falle eines bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheids hat die mit der neuen Entscheidung
befasste kantonale Instanz ihrem Urteil die rechtliche Beurteilung, mit der die Rückweisung
begründet wird, zugrunde zu legen. Jene bindet auch das Bundesgericht, falls ihm die Sache
erneut unterbreitet wird. Aufgrund dieser Bindungswirkung ist es den erneut mit der Sache
befassten Gerichten wie auch den Parteien, abgesehen von allenfalls zulässigen Noven, ver-
wehrt, der Überprüfung einen anderen als den bisherigen Sachverhalt zu unterstellen oder die
Sache unter rechtlichen Gesichtspunkten zu prüfen, die im Rückweisungsentscheid ausdrück-
lich abgelehnt oder überhaupt nicht in Erwägung gezogen worden sind. Die neue Entschei-
dung der kantonalen Instanz ist somit auf diejenige Thematik beschränkt, die sich aus den
bundesgerichtlichen Erwägungen als Gegenstand der neuen Beurteilung ergibt. Das Verfah-
ren wird nur insoweit neu in Gang gesetzt, als dies notwendig ist, um den verbindlichen Erwä-
gungen des Bundesgerichts Rechnung zu tragen (BGE 143 IV 214 E. 5.2.1 S. 220 und
135 III 334 E. 2, je mit Hinweisen; Urteile BGer 6B_613/2018 vom 7. Januar 2019 E. 1.3 und
6B_54/2018 vom 28. November 2018 E. 1.2). Dabei kann sich die neue Entscheidung in den
Grenzen des Verbots der reformatio in peius auch auf Punkte beziehen, die vor Bundesgericht
nicht angefochten waren, sofern dies der Sachzusammenhang erfordert (BGE 123 IV 1 E. 1;
Urteile BGer 6B_980/2017 vom 20. Dezember 2018 E. 2.2. und 6B_1438/2017 vom 12. Okto-
ber 2018 E. 2.3.1 je mit Hinweisen).
1.2
Da das Bundesgerichtsgesetz das Institut der Teilrechtskraft nicht kennt, ist im aktuellen Be-
rufungsverfahren grundsätzlich nochmals über alle Punkte zu entscheiden, wobei die urtei-
lende Kammer in ihrem neuen Entscheid nur in jenen Punkten auf ihr früheres Urteil zurück-
kommen darf, die zu dessen Aufhebung geführt haben, selbst wenn aus formellen Gründen
das ganze Urteil aufgehoben wurde (BGE 123 IV 1 E. 1). Die anderen Teile des Urteils haben
Bestand und werden in das neue Urteil übernommen (NIKLAUS SCHMID/DANIEL JOSITSCH,
Handbuch des Schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2017, Rz. 1713).
7 │ 64
1.3
Das Bundesgericht bestätigte die Auffassung des Obergerichts, wonach zur Vertretung vor
Gericht befugte Rechtspraktikanten auch zur Vertretung vor den Strafverfolgungsbehörden
berechtigt sind. Im Übrigen erwog das Bundesgericht, es fehle dem Beschwerdeentscheid
vom 14. Juli 2020 hinsichtlich bestimmter Rügen des Beschwerdeführers am rechtserhebli-
chen Sachverhalt. Im Rahmen der Neubeurteilung sind demnach die Vorbringen des Be-
schwerdeführers unter Berücksichtigung der massgeblichen tatsächlichen Umstände erneut
zu beurteilen.
1.4
Vorliegend haben sich im Verlaufe des Rechtsmittelverfahrens folgende neue Tatsachen er-
geben: Gemäss den Verfügungen vom 13. Juli 2021 und 5. August 2021 sistierte die Staats-
anwaltschaft am 23. Oktober 2020 auf Ersuchen von Rechtsanwältin Mauerhofer die amtliche
Verteidigung durch Rechtsanwältin B._ mit Wirkung ab dem 1. November 2020 bis zum
Vorliegen eines rechtskräftigen Entscheides im Rechtsmittelverfahren gegen die Verfügung
der Staatsanwaltschaft Nidwalden vom 10. Juni 2020 (amtl. Bel. 17, 19, 20). Die
Strafuntersuchung war in der Folge mit Rechtsanwältin Mauerhofer als Wahlverteidigerin von
A._ weitergeführt worden. Da die wirksame Verteidigung durch Rechtsanwältin Mauerhofer
aus finanziellen Gründen nicht mehr gewährleistet gewesen war und deshalb die sistierte amt-
liche Verteidigung durch Rechtsanwältin B._ hätte aufgehoben werden müssen, hat die
Staatsanwaltschaft nach Rücksprache mit Rechtsanwältin B._ deren amtliches Mandat mit
Verfügung vom 5. August 2021 per sofort widerrufen (amtl. Bel. 19, 20 Ziff. 3.4) und Rechts-
anwältin Mauerhofer per 5. August 2021 als amtliche Verteidigerin des Beschwerdeführers
eingesetzt (amtl. Bel. 20).
Vor diesem Hintergrund ist nun über das leicht modifizierte, aber zulässige Rechtsbegehren
des Beschwerdeführers in seiner Eingabe vom 17. Dezember 2021 zu befinden. Der Be-
schwerdeführer macht zusammengefasst geltend, Rechtsanwältin B._ habe mehrere Pflicht-
verletzungen begangen. Zudem sei das Vertrauensverhältnis erheblich gestört. Damit hätten
zum Zeitpunkt der Gesuchseinreichung vom 14. April 2020 wichtige Gründe für einen Wechsel
der amtlichen Verteidigung vorgelegen. Soweit Rechtsanwältin Mauerhofer ihre Rügen im
Rechtsmittelverfahren erweiterte, weil ihr nicht in sämtliche Akten der Staatsanwaltschaft Ein-
sicht gewährt wurde, handelt es sich um zulässige Noven, die zu berücksichtigen sind.
8 │ 64
2.
2.1
Verlangt die beschuldigte Person einen Wechsel der amtlichen Verteidigung, so hat sie die
Gründe dafür nicht zu beweisen, aber glaubhaft zu machen (NIKLAUS RUCKSTUHL, Basler Kom-
mentar Strafprozessordnung/Jugendstrafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 9 zu Art. 134
StPO; vgl. auch Urteile BGer 1B_397/2018 vom 16. Oktober 2018 E. 2.3; 1B_507/2019 vom
24. Juni 2020 E. 2.2).
Anwendungsfall einer nicht wirksamen Verteidigung und damit Grund für einen Verteidiger-
wechsel sind u.a. schwere Pflichtverletzungen der amtlichen Verteidigung. Der amtlich vertei-
digte Beschuldigte hat einen grundrechtlichen Anspruch auf sachkundige, engagierte und ef-
fektive Wahrnehmung seiner Parteiinteressen. Ein Begehren um Auswechslung des amtlichen
Verteidigers ist zu bewilligen, wenn aus objektiven Gründen eine sachgemässe Vertretung der
Interessen des Beschuldigten durch den bisherigen Rechtsanwalt nicht mehr gewährleistet ist
(BGE 138 IV 161 E. 2.4). Weist der Verteidiger offensichtliche Mängel auf, muss die Strafbe-
hörde – grundsätzlich als ultima ratio und nachdem sie den Betroffenen auf seine Pflichten
hingewiesen hat – einen Wechsel des Pflichtverteidigers vornehmen (Urteil BGer
1B_166/2020 vom 25. Juni 2020 E. 3.1.2). Der Anspruch auf eine wirksame Verteidigung ist
verletzt, wenn die Verteidigung ihre anwaltlichen Berufs- und Standespflichten zum Nachteil
des Beschuldigten in schwerwiegender Weise vernachlässigt. Als schwere Pflichtverletzung
fällt aber nur sachlich nicht vertretbares bzw. offensichtlich fehlerhaftes Prozessverhalten der
Verteidigung in Betracht, sofern der Beschuldigte dadurch in seinen Verteidigungsrechten sub-
stanziell eingeschränkt wird. Ein solch eklatanter Verstoss gegen allgemein anerkannte Ver-
teidigerpflichten liegt etwa in folgenden Fällen vor (vgl. Urteile BGer 1B_166/2020 vom 25. Juni
2020 E. 3.1.2; 6B_909/2018 vom 23. Januar 2019 E. 1.2; 6B_28/2018 vom 7. August 2018
E. 8.3; 6B_307/2016 vom 17. Juni 2016 E. 2.2; BGE 126 I 194 E. 3d; 120 Ia 48 E. 2c/d):
− wenn die Verteidigung eines nicht geständigen Beschuldigten andeutet, sie halte ihren
Mandanten für schuldig;
− bei krassen Frist- und Terminversäumnissen;
− bei Fehlen des Verteidigers an der Hauptverhandlung (Art. 336 Abs. 2 StPO) oder bei
wichtigen Zeugeneinvernahmen;
− bei mangelnder Sorgfalt bei der Vorbereitung von Einvernahmen und anderen Prozess-
handlungen oder fehlender Vorsorge für Stellvertretungen;
− wenn der Verteidiger keine eigene Leistung erbringt und sich lediglich als unkritischer
Sprecher des Beschuldigten betätigt.
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Bei umfangreichen oder komplexen Straffällen und nach längerer Ausübung des Mandats ist
ein Wechsel der amtlichen Verteidigung nur mit Zurückhaltung zu bewilligen (VIKTOR LIEBER,
in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessord-
nung, 3. Aufl. 2020, N. 19a zu Art. 134 StPO mit Verweis auf die Urteile BGer 6B_448/2011
vom 27. Juli 2012 E. 2.4; 1B_398/2013 vom 22. Januar 2014 E. 2.3; BGE 126 I 26 E. 4b/aa).
2.2
2.2.1
Der Beschwerdeführer macht zunächst geltend, es sei an den zwei ersten polizeilichen Ein-
vernahmen nach den Verhaftungen vom 21. August 2019 (STA-Nr. A1 19 4619) und 13. März
2020 (STA-Nr. A1 20 781) keine notwendige Verteidigung erfolgt. Indem Rechtsanwältin B._
zu diesen beiden Einvernahmen nicht erschienen sei, habe sie beide Male eine schwere
Pflichtverletzung begangen.
2.2.2
Was die polizeiliche Hafteinvernahme vom 21. August 2019 angeht, ist den Akten zu entneh-
men, dass die Staatsanwaltschaft die diesbezügliche Strafuntersuchung erst am Folgetag
(22. August 2019) eröffnete und Rechtsanwältin B._ informierte (STA-Nr. A1 19 4619,
act. 12.1). Rechtsanwältin B._ hatte demnach keine Kenntnis von der erwähnten polizeilichen
Hafteinvernahme zur Prüfung der Hafterstehungsfähigkeit und Klärung der Haftvollzugsmoda-
litäten. Der Beschwerdeführer anerkennt deshalb in seiner Eingabe vom 17. Dezember 2021
(S. 4 Ziff. 26 f.) zu Recht, dass diesbezüglich keine Pflichtverletzung seitens Rechtsanwältin
B._ vorliegt. Es ist folglich nicht weiter darauf einzugehen.
2.2.3
Mit Verfügung vom 13. März 2020 wurde gegen den Beschwerdeführer die Strafuntersuchung
STA-Nr. A1 20 781 wegen Erpressung etc. eröffnet (act. 6.1). Dem Beschwerdeführer wird
vorgeworfen, G._ am Donnerstag, 12. März 2020, über das Mobiltelefon angerufen und dabei
verlangt zu haben, dass er ihm [dem Beschwerdeführer] am nächsten Tag Geld bringt, an-
sonsten ihm erhebliche Nachteile drohen würden. Bei der gleichentags durchgeführten Ein-
vernahme handelte es sich um eine von der Staatsanwaltschaft delegierte polizeiliche von
14.21 Uhr bis 14.55 Uhr dauernde Hafteinvernahme. Der Beschwerdeführer erschien aus der
gleichentags um 12.10 Uhr erfolgten vorläufigen Festnahme zur Einvernahme (STA-Nr. A1 20
781, act. 4.1.2).
10 │ 64
Laut Staatsanwaltschaft ist Rechtsanwältin B._ vorgängig über die geplanten Einvernahmen
informiert worden. Rechtsanwältin B._ gibt an, sie sei zumindest im Zeitpunkt der telefoni-
schen Orientierung über die Festnahme des Beschuldigten nicht über die gleichentags ge-
plante Einvernahme informiert worden. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers liegt da-
rin kein Widerspruch. Selbst wenn dem so wäre, kann es sich hinsichtlich solcher Einzelheiten
im Kontext von rund 106 Einvernahmen verteilt über rund 2 Jahre im Rahmen von rund 10
unterschiedlichen, den Beschwerdeführer betreffenden Strafuntersuchungen nur um ein Miss-
verständnis handeln. So oder anders ist einzig von Relevanz, dass der Beschwerdeführer sich
vor Beginn der polizeilichen Hafteinvernahme vom 13. März 2020 von Rechtsanwältin B._
telefonisch beraten lassen konnte. Nichts Anderes lässt sich aus der Aussage des Beschwer-
deführers zu Beginn der Einvernahme ableiten, als er auf Vorhalt der Möglichkeiten einer Ver-
teidigung angab, seine Anwältin sei bereits informiert (STA-Nr. A1 20 781, act. 5.1.1 ff. dep. 4).
Sodann wurde der Beschwerdeführer auf seine Rechte hingewiesen, insbesondere sein Aus-
sageverweigerungsrecht; er hätte somit schweigen können. Schliesslich diente die Einver-
nahme vom 13. März 2020 primär der Klärung der Haftvollzugsmodalitäten, weshalb sie bei
weitem nicht als derart wichtig einzustufen ist, als dass die Absenz der Verteidigung als
schwerwiegende Pflichtverletzung zu qualifizieren wäre. Viel entscheidender war die staats-
anwaltschaftliche Einvernahme zur Sache vom 14. März 2020 (8.35 Uhr bis 10.45 Uhr), bei
der Rechtsanwältin B._ persönlich zugegen war (STA-Nr. A1 20 781, act. 5.1.7 ff.). Ein
schwerer Verstoss gegen allgemein anerkannte Verteidigerpflichten ist nicht ersichtlich. Der
Beschwerdeführer scheint zu übersehen, dass es vorliegend um eine pflichtwidrige «Schlecht-
bzw. Nichtverteidigung» geht und nicht um die Frage der Verwertbarkeit seiner Aussagen vom
13. März 2020. Seine diesbezüglichen Rügen sind jedenfalls unbegründet.
2.3
2.3.1
Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, Rechtsanwältin B._ habe pflichtwidrig auf die
Teilnahme an zwei haftrelevanten Einvernahmen von Mitbeschuldigten zu Beginn des Straf-
verfahrens verzichtet. Für einen strafprozessrechtskundigen Rechtsanwalt sei offensichtlich,
dass die notwendige Verteidigung nicht auf die Teilnahme an Einvernahmen von Mitbeschul-
digten verzichten dürfe, wie es vorliegend «fatalerweise» geschehen sei. Diese beiden «offen-
sichtlichen schweren Pflichtverletzungen» habe die beschwerdeführerische Rechtsvertreterin
bereits vor Erlass der angefochtenen Verfügung bewusst kurz und diplomatisch geltend
11 │ 64
gemacht, seien aber von der Staatsanwaltschaft «wider Erwarten und bedauerlicherweise»
nicht als solche erkannt worden.
Der Beschwerdeführer bezieht sich auf die delegierten polizeilichen Einvernahmen der Mitbe-
schuldigten H._ vom 24. August 2019 (Dauer: 10.08 Uhr bis 14.50 Uhr) und I._ vom 25.
August 2019 (Dauer: 10.10 Uhr bis 12.55 Uhr). H._ und I._ werden verdächtigt, zusammen
mit dem Beschwerdeführer und J._ am 21. August 2019, um ca. 18.10 Uhr, beim Schulhaus
ZW._ in ZZ._ K._ abgepasst zu haben. Der Beschwerdeführer soll K._ von seinem Mofa
gerissen und ihn ins angrenzende Wiesland geworfen haben. Anschliessend soll er K._ ge-
waltsam zum geparkten Fahrzeug gezerrt haben. Als sich K._ habe wehren wollen, soll der
Beschwerdeführer ihm gedroht haben. Zudem soll der Beschwerdeführer K._ mehrere harte
Kopfnüsse gegeben haben. Hernach soll der Beschwerdeführer K._ gegen dessen Willen auf
den Rücksitz des Personenwagens gestossen und ihm befohlen haben, sich in die Mitte zu
setzen. Die Beschuldigten seien anschliessend mit K._ gegen dessen Willen nach ZV._
gefahren. J._ habe das Fahrzeug gelenkt. Während der Fahrt habe der Beschwerdeführer
von K._ Geld gefordert, ihn dabei bedroht und Gewalt gegen ihn ausgeübt. In ZV._ habe
I._ K._ aufgefordert, ihm seinen Schlüsselbund als Pfand auszuhändigen, was dieser auch
getan habe. Anschliessend seien alle gemeinsam zurück nach ZZ._ gefahren.
Als Folge dessen wurde mit Verfügung vom 22. August 2019 gegen den Beschwerdeführer
eine Strafuntersuchung wegen versuchten Raubs, versuchter Erpressung, Freiheitsberaubung
bzw. Entführung, Tätlichkeit, Drohung und Körperverletzung eröffnet (STA-Nr. A1 19 4619 etc.,
act. 12.1). Die Eröffnung der Strafuntersuchung gegenüber dem Mitbeschuldigten H._ er-
folgte am 23. August 2019 (STA-Nr. A1 19 4619 etc., act. 12.3), jene gegenüber dem Mitbe-
schuldigten I._ am 24. August 2019 (STA-Nr. A1 19 4619 etc., act. 12.9).
Die Staatsanwaltschaft hat bereits am Abend des 23. August 2019, 18.45 Uhr, und damit noch
vor den fraglichen Einvernahmen der beiden Mitbeschuldigten H._ und I._, einen Antrag auf
Anordnung der Untersuchungshaft gegen den Beschwerdeführer gestellt (STA-Nr. A1 19 4619
etc., act. 7.1.1.11 ff.). Die beiden Einvernahmen der Mitbeschuldigten H._ und I._ waren
demnach für den Haftantrag nicht relevant. Auch für die Anordnung der Untersuchungshaft
waren die Einvernahmen irrelevant; das Kantonsgericht Nidwalden, Einzelgericht in Strafsa-
chen als Zwangsmassnahmengericht (fortan: Zwangsmassnahmengericht), stützte sich in sei-
ner Verfügung vom 25. August 2019 betreffend Anordnung der Untersuchungshaft (ZM 19 11)
nicht auf Aussagen in den beiden strittigen Einvernahmen, sondern nur auf Aussagen von
Opfer und Zeugen (STA-Nr. A1 19 4619 etc., act. 7.1.1.24 ff. E. 3.4.). Die Untersuchungshaft
ist zudem nicht allein aufgrund des Tatverdachts betreffend des eben erwähnten Vorfalls vom
12 │ 64
21. August 2019 beantragt worden. Es waren eine Reihe weiterer Tatvorwürfe mitverantwort-
lich (vgl. STA-Nr. A1 4619 etc., 7.1.1.11 ff.).
Insgesamt sind keine Hinweise aktenkundig, die für eine besondere Wichtigkeit der beiden
Einvernahmen sprechen. Der Beschwerdeführer hat den vorgeworfenen Sachverhalt nicht von
vornherein abgestritten und neben H._ und I._ haben auch weitere Beteiligte das Gesche-
hene ähnlich geschildert (STA-Nr. A1 19 4619 etc., act. 8.1.1 ff.). Dass das mit der Hauptsache
befasste Gericht in seinem Strafurteil belastend auf die Aussagen in den beiden Einvernahmen
abstellen wird, darf damit stark bezweifelt werden. Überdies kann der Beschwerdeführer je-
derzeit die Wiederholung der beiden Einvernahmen beantragen (vgl. Art. 147 Abs. 2 und 3
StPO). Jedoch war bereits zu diesem Zeitpunkt absehbar, dass auch die Staatsanwaltschaft
die beiden Mitbeschuldigten befragen würde. Dementsprechend wurden I._ am 16. Oktober
2020 und H._ am 23. Oktober 2020 unter Wahrung der Teilnahmerechte nochmals ausführ-
lich von der Staatsanwaltschaft zur Sache befragt (STA-Nr. A1 19 4619 etc., act. 8.1.2.23 ff.).
Nachdem der Beschwerdeführer nicht mehr von Rechtsanwältin B._ verteidigt werden wollte,
hat Rechtsanwältin Mauerhofer den Beschwerdeführer in Absprache mit Rechtsanwältin B._
zu dieser Einvernahme begleitet (STA-Nr. A1 19 4619 etc., act. 4.1.93 f.). Damit wurden die
Konfrontationsrechte des Beschwerdeführers gewahrt und er hatte die Möglichkeit, seine Fra-
gerechte auszuüben. Es sind ihm keine rechtlichen Nachteile entstanden. Seine Behauptung,
dass die Nichtteilnahme der amtlichen Verteidigung sich «erheblich nachteilig auf das Verfah-
ren ausgewirkt» sowie «haftrelevant und retrospektiv haftmitbegründend» gewesen sei, er-
scheint spekulativ und ist aktenwidrig. Der Beschwerdeführer wurde nicht einzig aufgrund der
Aussagen der beiden Mitbeschuldigten in Haft versetzt. Es bleibt folglich unklar, inwiefern die
amtliche Verteidigung ihre anwaltlichen Berufs- und Standespflichten zum Nachteil des Be-
schuldigten in schwerwiegender Weise vernachlässigt hätte, oder inwiefern sachlich nicht ver-
tretbares bzw. offensichtlich fehlerhaftes Prozessverhalten der Verteidigung vorläge. Die dies-
bezüglichen Rügen sind unbegründet.
Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, Rechtsanwältin B._ habe ihn pflichtwidrig nicht auf
sein Anwesenheitsrecht bei den beiden Einvernahmen hingewiesen, handelt es sich um eine
blosse Parteibehauptung; objektive Anhaltspunkte fehlen gänzlich. Aus den Akten ergibt sich
vielmehr, dass der Beschwerdeführer bis auf wenige Ausnahmen gemeinsam mit Rechtsan-
wältin B._ an Einvernahmen (insbesondere von Auskunftspersonen) teilnahm, was ohne ent-
sprechende Information nicht möglich gewesen wäre (vgl. STA-Nr. A1 19 4618 5.2.53 ff.;
5.2.79 ff.; 5.2.92 ff.; 5.2.101 ff.; STA-Nr. A1 19 4619 8.1.4.8; 8.2.1.22 ff.; 8.2.2.4 ff.; 8.2.2.18
ff.; STA-Nr. A1 19 4759 5.2.24 ff.; 5.2.36 ff.; STA-Nr. A1 19 4761 4.2.29 ff.; 4.2.51 ff.; STA-Nr.
13 │ 64
A1 19 4762 5.2.37 ff.; 5.2.48 ff.; STA-Nr. A1 19 4797 4.2.17 ff.; STA-Nr. A1 20 781 5.2.1 ff.;
5.2.8 ff.; 5.2.21 ff.). Der Beschwerdeführer vermag auch damit keine pflichtwidrige Verletzung
der Verteidigungsrechte glaubhaft zu machen.
2.3.2
Mit Beschwerde ans Bundesgericht wurde vom Beschwerdeführer erstmals vorgebracht, auch
der Teilnahmeverzicht von Rechtsanwältin B._ an der haftrelevanten Einvernahme des Mit-
beschuldigten J._ vom 22. August 2019 und jener von L._ vom 5. November 2018 würden
eine Pflichtverletzung darstellen. Rechtsanwältin B._ habe ihn sodann pflichtwidrig nicht auf
sein Anwesenheitsrecht bei den beiden Einvernahmen hingewiesen. Diese Tatsachen hätten
sich erst nach Einsicht in die nicht rechtzeitig zugestellten vollständigen Akten erschlossen.
Die im Rahmen der unter E. 2.3.1 geschilderten Strafuntersuchung erfolgte delegierte polizei-
liche Einvernahme von J._ vom 22. August 2019, dauerte von 14.13 Uhr bis 15.15 Uhr und
fand demnach parallel zur delegierten polizeilichen Einvernahme des Beschwerdeführers
(13.00 Uhr bis 14.28 Uhr) statt, an welcher Rechtsanwältin B._ anwesend war (STA-Nr. A1
19 4619 etc., act. 8.1.1.4 ff.; 8.1.4.1 ff.). Angesichts dessen ist nicht zu beanstanden, dass die
Verteidigerin die Teilnahme an der Einvernahme ihres Mandanten präferierte. Abgesehen da-
von ist weder ein Grund ersichtlich noch dargetan, weshalb eine Teilnahme von Rechtsanwäl-
tin B._ an besagter Einvernahme des J._ zwingend gewesen wäre, da dessen Einvernahme
für die Anordnung der Untersuchungshaft des Beschuldigten nicht relevant war (vgl. dazu die
Ausführungen in E. 2.3.1). Zudem kann er jederzeit eine Wiederholung derselben verlangen
(vgl. Art. 147 Abs. 2 und 3 StPO). Bereits zu diesem Zeitpunkt war jedoch absehbar, dass eine
Einvernahme des Mitbeschuldigten J._ durch die Staatsanwaltschaft folgen würde. So wurde
J._ bereits am Folgetag, am 23. August 2019 (Dauer: 15.36 Uhr bis 16.11 Uhr), anlässlich
einer delegierten polizeilichen Einvernahme erneut zur Sache befragt. An dieser Einvernahme
nahmen sowohl die Rechtspraktikantin MLaw E._ als auch der Beschwerdeführer selbst teil
(STA-Nr. A1 19 4619 etc., act. 8.1.4.8 ff., act. 4.1.93 f.). Am 29. Juli 2020 (Dauer: 8.30 Uhr bis
10.06 Uhr) hat die Staatsanwaltschaft J._ nochmals zur Sache einvernommen. Daran nahm
seine Wahlverteidigerin, Rechtsanwältin Mauerhofer, nach Absprache mit Rechtsanwältin
B._ teil (STA-Nr. A1 19 4619 etc., act. 8.1.4.14 ff.). Insgesamt lässt sich auch in diesem Punkt
keine rechtlich relevante Pflichtverletzung durch Rechtsanwältin B._ begründen.
Die delegierte polizeiliche Einvernahme von L._ vom 5. November 2018 betrifft einen straf-
rechtlich relevanten Vorfall vom 20. Oktober 2018, bei dem gestützt auf die bisherigen Unter-
suchungserkenntnisse der Verdacht besteht, dass nebst L._ auch der Beschwerdeführer,
14 │ 64
J._, M._, N._ und O._ beteiligt waren. Konkret werden sie verdächtigt, am Samstag, 20.
Oktober 2018, um 18.45 Uhr, gemeinschaftlich mittels Gewalt bzw. Androhung von körperli-
cher Gewalt versucht zu haben, P._, Q._ und R._ dazu zu bringen, ihnen Geld auszuhän-
digen.
Die Strafuntersuchungen gegen L._ und den Beschwerdeführer wegen versuchten Raubs
wurden am 24. Oktober 2018 eröffnet (STA-Nr. A1 18 5398, act. 12.6 f.). Zum Zeitpunkt der
delegierten polizeilichen Einvernahme von L._ vom 5. November 2018 (Dauer: 14.59 Uhr bis
18.29 Uhr) war Rechtsanwältin B._ noch nicht im Amt. Sie wurde erst auf Antrag vom 6. No-
vember 2018 (STA-Nr. 18 5398, act. 12.34) und mit Verfügung vom 7. November 2018 rück-
wirkend per 30. Oktober 2018 als amtliche Verteidigerin des Beschwerdeführers eingesetzt.
Insofern fällt ein pflichtwidriger Teilnahmeverzicht von Rechtsanwältin B._ ausser Betracht.
Soweit der Beschwerdeführer wiederum behauptet, Rechtsanwältin B._ habe ihn pflichtwidrig
nicht auf sein Anwesenheitsrecht aufmerksam gemacht, wird auf die Ausführungen in E. 2.3.1
verwiesen. Der Beschwerdeführer vermag damit keine Pflichtverletzung glaubhaft zu machen.
2.4
Der Beschwerdeführer rügt weiter, die Staatsanwaltschaft stelle sich auf den Standpunkt, sie
habe ihn und die amtliche Verteidigung in neun von ihr durchgeführten Einvernahmen von der
Teilnahme ausschliessen dürfen. Weshalb der staatsanwaltschaftliche Teilnahmeausschluss
einen Wechsel der amtlichen Verteidigung begründet, lässt der Beschwerdeführer jedoch of-
fen. Rechtsanwältin B._ kann jedenfalls keine Pflichtverletzung vorgeworfen werden, wenn
sie von der Staatsanwaltschaft nicht aufgeboten wird. Ob diese Teilnahmeausschlüsse rech-
tens und die Aussagen verwertbar sind oder nicht, ist nicht im Rahmen dieses Verfahrens zu
überprüfen. Weiterungen erübrigen sich.
2.5
Zusammenfassend steht fest, dass betreffend die erwähnten Einvernahmen keine pflichtwid-
rige Verletzung der Verteidigungsrechte durch Rechtsanwältin B._ vorliegt. Die diesbezügli-
chen Rügen sind unbegründet.
15 │ 64
3.
3.1
Rechtsanwältin Mauerhofer stellt sich auf den Standpunkt, die Verteidigung durch Rechtsprak-
tikanten sei per se unzulässig und bundesrechtswidrig (Beschwerde Ziff. 89 – 92; Beschwerde
in Strafsachen Ziff. 159 ff.). Das Bundesgericht hat die entsprechenden Vorbringen im Rück-
weisungsentscheid abschliessend beurteilt. Die Richter kamen zum Schluss, es sei weder per
se unzulässig noch bundesrechtswidrig, wenn die eingesetzte amtliche Verteidigung eine
Rechtspraktikantin oder einen Rechtspraktikanten einsetzte (dortige E. 3.1.2).
Auf entsprechende Kritik des Beschwerdeführers erwog das Bundesgericht, dass einem Ein-
satz von Luzerner Rechtspraktikantinnen und Rechtspraktikanten im Kanton Nidwalden inhalt-
lich nichts entgegenstehe. Zudem sei eine zur Vertretung vor Gericht befugte Person in majore
minus auch zur Vertretung vor den Strafverfolgungsbehörden berechtigt. Hinsichtlich der für
die Erteilung der Praktikantenbewilligung vorausgesetzten Praxiserfahrung setze das Kanto-
nale Anwaltsgesetz in Art. 5 Abs. 2 Ziff. 2 voraus, dass die Gesuchstellerin oder der Gesuch-
steller zwei Monate bei der verantwortlichen Anwältin bzw. dem Anwalt oder in der Rechts-
pflege tätig gewesen sein müsse, was der Vereinbarung für die gegenseitige Anerkennung der
kantonalen Rechtspraktikantenbewilligungen der Kantone Luzern, Nidwalden, Obwalden und
Uri entgegen den Vorbringen des Beschwerdeführers nicht widerspreche. Darin sei die Rege-
lung getroffen worden, dass Rechtspraktikantinnen und Rechtspraktikanten im Kanton Nidwal-
den erst ab dem dritten Praktikumsmonat zur Prozessführung zugelassen seien. Dass diese
Praktikumszeit zwingend bei einer Anwältin oder einem Anwalt absolviert worden sein müsse,
lasse sich daraus nicht ableiten und vermöge der Beschwerdeführer mit seinem Verweis auf
ein Telefonat mit der kantonalen Anwaltskommission auch nicht (rechtsgenüglich) darzutun.
Die Zulassung Luzerner Rechtspraktikanten im Kanton Nidwalden sei statthaft. Der Argumen-
tation des Beschwerdeführers, wonach die Formulierung in Art. 5 Abs. 2 Ziff. 2 AnwG/NW «[...]
oder in der Rechtspflege tätig war» so zu verstehen sei, dass die Gesuchstellerin oder der
Gesuchsteller zuvor über längere Zeit bei einem Rechtspflegeorgan als fest angestellte Juristin
oder fest angestellter Jurist und nicht als Praktikantin oder Praktikant tätig gewesen sein
müsse, könne nicht gefolgt werden (dortige E. 3.2.4). Daran ist sowohl das Obergericht Nidwal-
den als auch das Bundesgericht selbst gebunden, weshalb sich Weiterungen erübrigen.
16 │ 64
3.2
3.2.1
Der Beschwerdeführer wirft Rechtsanwältin B._ eine Schlechtverteidigung vor, weil sie sich
an insgesamt 19 Einvernahmen durch vier verschiedene Luzerner Rechtspraktikantinnen und
Rechtspraktikanten hat vertreten lassen. Die Vertretung der notwendigen Verteidigerin durch
die vier Rechtspraktikanten MLaw E._, MLaw F._, MLaw S._ und MLaw T._ sei nicht
zulässig gewesen; es handle sich dabei um ungenügende Verteidigungen (Beschwerde in
Strafsachen, Ziff. 129 - 159).
Die beschwerdeführerische Rechtsvertreterin führt aus, «bereits aufgrund des gesunden Men-
schenverstands» habe MLaw E._ ihrer Aufgabe «nicht gewachsen gewesen sein» können
(Beschwerde, Ziff. 86 S. 13). Sie bezeichnet MLaw E._ als eine «total unerfahrene
Rechtspraktikantin» (ebd.) bzw. als «massiv unterqualifizierte MLaw E._» (ebd., Ziff. 120
S. 17). «Das zuvor Gesagte gilt ebenso für die Stellvertretung durch MLaw F._» (ebd.,
Ziff. 121 S. 17). Beiden Juristinnen wirft die beschwerdeführerische Rechtsvertreterin überdies
«Unerfahrenheit und mangelnde Fachkenntnis» vor (ebd., Ziff. 131 S. 18), was sich darin ge-
zeigt habe, dass sie an 11 Einvernahmen keine bzw. kaum Ergänzungsfragen gestellt hätten.
Das Stellen vieler Ergänzungsfragen ist kein Qualitätsmerkmal (dazu sinngemäss: Urteil BGer
6B_89/2014 vom 1. Mai 2014 E. 1.5.1). Dem stimmt auch der Beschwerdeführer ausdrücklich
zu (Beschwerde, Ziff. 133 S. 18). Wenn Ergänzungsfragen nicht sinnvoll erscheinen, kann auf
sie verzichtet werden, ohne dabei pflichtwidrig zu werden. Es gibt vorliegend keinerlei Anzei-
chen dafür, dass MLaw E._ oder MLaw F._ aus mangelnder Fachkenntnis oder Erfahrung
und nicht etwa aus verteidigungstaktischen Gründen auf Ergänzungsfragen verzichtet haben.
Entsprechendes vermag der Beschwerdeführer mit seiner pauschalen Behauptung, Ergän-
zungsfragen seien «in Anbetracht der Einzelheiten mehr als geboten gewesen» (ebd., Ziff.
131), auch nicht darzutun. Am Rande sei dennoch erwähnt, dass entgegen den Behauptungen
des Beschwerdeführers durch die Rechtspraktikanten mehrmals Ergänzungsfragen gestellt
wurden, so etwa durch MLaw E._ anlässlich der delegierten polizeilichen Einvernahmen vom
23. August 2019 (STA-Nr. A1 19 4619, act. 8.1.4.8 ff.), jener vom 10. Oktober 2019 (STA-Nr.
A1 19 4760, act. 5.1.1 ff.) und der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 18. November
2019 (STA-Nr. A1 19 4759, act. 5.2.24 ff.) sowie durch S._ anlässlich der staatsanwaltschaft-
lichen Einvernahme vom 14. November 2018 (STA-Nr. A1 18 5398, act. 8.4.1 ff.).
17 │ 64
3.2.2
Zur weiteren Begründung der geltend gemachten «offensichtlichen Unerfahrenheit» von MLaw
E._ und MLaw F._ bringt die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers vor, die Rechtsprak-
tikanten seien am Beginn ihres jeweiligen Praktikums bei Rechtsanwältin B._ bzw. in den
ersten Praktikumsmonaten gewesen (Beschwerde, Ziff. 96 – 124; Beschwerde in Strafsachen,
Ziff. 177). Sie hätten die Voraussetzungen gemäss Art. 5 Ziff. 2. des Anwaltsgesetzes des
Kantons Nidwalden unter Mitberücksichtigung von Art. 127 Abs. 5 i.V.m. Art. 131 Abs. 1 StPO
und der interkantonalen Vereinbarung offensichtlich nicht erfüllt. «MLaw E._ (Bezirksgericht
Willisau) und MLaw F._ (Bezirksgericht Luzern)» hätten vor deren Anwaltspraktika angeblich
je «ein lediglich dreimonatiges Gerichtspraktikum absolviert». Gemäss eingeholter Auskunft
einer ehemaligen Gerichtspraktikantin, welche wie MLaw E._ auch im Jahr 2019 beim Be-
zirksgericht Willisau im Praktikum gewesen sei, gäbe es an diesem Gericht gar keine Strafab-
teilung. Gemäss Auskunft würden selten und lediglich kleinere SVG-Delikte und noch seltener
Widerhandlungen gegen das Tierschutzgesetz behandelt. Die Gerichtspraktikanten seien vor
allem mit privat- und familienrechtlichen Fällen beschäftigt. Die Beurteilung von Verbrechen
und zahlreichen Vergehen und damit der massgeblichen Vorwürfe gegenüber dem Beschwer-
deführer sei im Kanton Luzern dem Kriminalgericht vorbehalten. Folglich hätten weder MLaw
E._ noch MLaw F._ während ihrer ohnehin nur kurzen Gerichtspraktika mit notwendigen
Verteidigungen zu tun gehabt (Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 163 l.). Mangelnde berufliche
Erfahrung wirft der Beschwerdeführer den Rechtspraktikanten schliesslich im Strafrecht und
mit Klienten wie dem Beschwerdeführer vor, welcher aufgrund der beiden Inhaftierungen psy-
chisch schwer angeschlagen und sogar suizidal gewesen sei (ebd., Ziff. 163 w. und 177).
Nach den glaubhaften Angaben von Rechtsanwältin B._ war MLaw E._ vor dem Praktikum
in der Anwaltskanzlei U._ AG drei Monate (...) am Bezirksgericht Willisau als Rechtsprakti-
kantin tätig, was die eigens betriebenen Nachforschungen von Rechtsanwältin Mauerhofer
bestätigt hat (vgl. Beschwerde, Rechtsbegehren Ziff. II./1.). Gemäss Recherche von Rechts-
anwältin Mauerhofer auf der Webseite der U._ AG absolvierte MLaw F._ zum Zeitpunkt ihrer
einzigen Teilnahme an einer Einvernahme betreffend den Beschwerdeführer – konkret der
Einvernahme von V._ (Vater des Beschwerdeführers) als Auskunftsperson vom 21. Novem-
ber 2019 – den zweiten Praktikumsmonat bei Rechtsanwältin B._ (ebd., Ziff. 123). Ihren wei-
teren Abklärungen zufolge war MLaw F._ zuvor beim Bezirksgericht Luzern und der Staats-
anwaltschaft 1 Luzern im Anwaltspraktikum gewesen (vgl. ebd., Rechtsbegehren Ziff. II). Dem
Linkedin-Profil von F._ kann in Übereinstimmung dazu entnommen werden, dass sie von (...)
bis (...) am Bezirksgericht Luzern, von (...) bis (...) bei der Staatsanwaltschaft Luzern und von
18 │ 64
(...) bis (...) bei U._ Anwaltspraktika absolvierte (https://ch.linkedin.com/[...], besucht am 13.
Mai 2022 [vollständiges Profil nur für angemeldete Nutzer ersichtlich]). Selbst wenn in den
Akten nicht schriftlich vorliegend, verfügten MLaw E._ und MLaw F._ folglich zweifellos über
gültige Luzerner Praktikantenbewilligungen, ansonsten ihr Einsatz als Anwaltspraktikantinnen
an den Gerichten des Kantons Luzern gar nicht möglich gewesen wäre. Es ist zudem gerichts-
notorisch, dass die Staatsanwaltschaft Nidwalden Vertretungsbefugnisse von Rechtsprakti-
kanten überprüft. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers argumentiert widersprüchlich,
wenn sie dies, entgegen ihren ursprünglichen Rechtsbegehren in der Beschwerde, erstmalig
vor Bundesgericht unter dem Vorwand bestreitet, ihr sei nicht rechtzeitig Akteneinsicht gewährt
worden.
Soweit der Beschwerdeführer rügt, MLaw E._ habe «sich sogar noch im ersten (!) Prakti-
kumsmonat bei RAin B._» befunden (Beschwerde, Ziff. 86 S. 13), ist dies insoweit irrefüh-
rend, als es möglicherweise der erste Praktikumsmonat bei Rechtsanwältin B._ war, sie aber
bereits eine mehrmonatige praktische Berufserfahrung vorweisen konnte. Analoges gilt für
MLaw F._. Damit ist der Hinweis gemäss Vereinbarung betreffend Rechtspraktikantenbewil-
ligungen erfüllt, wonach Rechtspraktikanten in Nidwalden erst ab dem dritten Praktikumsmo-
nat – bezogen auf sämtliche Praktika, die bereits absolviert sind – zur Prozessführung zuge-
lassen sind. Hierfür genügt analog Art. 6 AnwG, dass sich der betreffende Rechtspraktikant
mittels Praktikantenbewilligung ausweist. Entgegen den beschwerdeführerischen Vorbringen
(Ziff. 116 S. 14) sind sie nicht verpflichtet, der Staatsanwaltschaft einen Lebenslauf einzu-
reichen.
3.3
3.3.1
Der Beschwerdeführer listet insgesamt 19 Einvernahmen auf (in der nachfolgenden Tabelle
fett markiert), an denen Rechtsanwältin B._ sich pflichtwidrig durch die vier Rechtspraktikan-
ten und Rechtspraktikantinnen MLaw E._, MLaw F._, MLaw S._ und MLaw T._ habe ver-
treten lassen. Es handle sich um Einvernahmen von besonderer Bedeutung, so etwa «um
Einvernahmen des Beschwerdeführers selbst als beschuldigte Person, dem eine mehrjährige
Haftstrafe und die Landesverweisung» drohten. Einige Einvernahmen des Beschwerdeführers
seien sogar «für das weitere Verfahren besonders wegweisende und haftrelevante
Einvernahmen ganz zu Beginn der Strafuntersuchung, darunter nota bene die
Hafteinvernahme selbst». Bei den übrigen Einvernahmen handle es sich um Einvernahmen
von Mitbeschuldigten, Auskunftspersonen und Zeugen. Bei den Mitbeschuldigten handle es
19 │ 64
sich «klarerweise nicht um unbedeutende Drittpersonen, sondern um ins Tatgeschehen
involvierte Personen, bei welchen die Gefahr von belastenden Aussagen naturgemäss
besonders hoch» sei (Beschwerde, Ziff. 85; Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 163). Aufgrund
der «wichtigen Rolle» der genannten Beteiligten müsse «naturgemäss mit belastenden Aus-
sagen gerechnet werden», welchen anhand des Frage- bzw. Konfrontationsrechts durch den
Strafverteidiger begegnet werden müsse. Es gehe hinsichtlich der Einsätze aller vier
Rechtspraktikanten jeweils um die «heikle Anfangsphase» in den betreffenden Strafverfahren.
Es gehe um zahlreiche, insgesamt 14 Strafverfahren, welche teilweise miteinander verwoben
seien (Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 163). Die «zahlreichen unzulässigen Einsätze durch
weitere Rechtspraktikanten und zwar in absolut unverhältnismässigem Masse» hätten sich der
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers erst nach Einreichung der Beschwerde bei der Vo-
rinstanz erschlossen, namentlich anhand der Einsicht in die Zwischenrechnung vom 13. Ja-
nuar 2020. Diese im Verfahren A1 18 5492 etc. durchgeführten Einvernahmen fänden sich
«im Unterschied zu allen anderen 13 Verfahren nicht in einem Dateiordner mit dem Titel:
„Einvernahmen", sondern in den Dateiordnern mit den Titeln: „8.1 Beschuldigte Personen",
„8.2 anderweitig beschuldigte Personen", „8.3 Auskunftspersonen" sowie „8.4 Zeuginnen,
Zeugen"», was bisher mangels Einsicht in die Zwischenrechnung und aufgrund der Vielzahl
der auf einmal und innert kurzer Fristen zu studierenden Akten «entgangen» sei. Es handle
sich hierbei um «massgebliche Sachverhalte, welche von der Vorinstanz anhand der ihr
zustehenden vollen Akteneinsicht von Amtes wegen hätten festgestellt werden können und
müssen, wenn sie die gebotene eigenständige Beweiserhebung anhand des beantragten
Aktenbeizugs vorgenommen hätte» (Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 182). Der Beschwerde-
führer sei «sehr darüber irritiert» gewesen, dass Rechtsanwältin B._ «derart häufig ihre Prak-
tikantinnen an Einvernahmen von ihm und anderen Personen geschickt habe, anstatt persön-
lich teilzunehmen». Er habe deswegen «an ihrer Motivation gezweifelt». Diese Stellvertretun-
gen seien allesamt unzulässig gewesen (Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 194).
Der Beschwerdeführer lässt insgesamt offen, auf welche «wegweisenden und haftrelevanten»
Einvernahmen er sich genau bezieht und welche Mitbeschuldigten er anspricht. Zudem bleibt
spekulativ und ohne konkreten Vorhalt, bei welchen Einvernahmen belastende Aussagen ge-
gen den Beschwerdeführer geäussert worden sein sollen. Aus den weitschweifigen aber pau-
schalen Ausführungen erhellt nicht, inwiefern im Einsatz der Rechtspraktikanten und
Rechtspraktikantinnen ein fehlerhaftes Verhalten von Rechtsanwältin B._ vorliegt. Verlangt
die beschuldigte Person einen Wechsel der amtlichen Verteidigung, so hat sie die Gründe
dafür zwar nicht zu beweisen, aber zumindest glaubhaft zu machen (NIKLAUS RUCKSTUHL,
20 │ 64
Basler Kommentar Strafprozessordnung/Jugendstrafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 9 zu
Art. 134 StPO; vgl. auch Urteile BGer 1B_397/2018 vom 16. Oktober 2018 E. 2.3;
1B_507/2019 vom 24. Juni 2020 E. 2.2). Es obliegt in erster Linie der beschuldigten Person,
eine Verletzung der Verteidigungsrechte zu melden (BGE 126 I 194 S. 199 E. 3d). Entgegen
den Ausführungen des Beschwerdeführers kann es somit nicht Aufgabe des Gerichts sein, die
Akten auf allfällige Verfehlungen der amtlichen Verteidigung «abzusuchen», zumal diesfalls
die Staatsanwaltschaft hätte einschreiten müssen. Wenn sich die Rechtsvertreterin des Be-
schwerdeführers «aufgrund der Vielzahl der auf einmal und innert kurzer Fristen zu
studierenden Akten» Versäumnisse vorwerfen muss, sind solche nicht vom Gericht zu korri-
gieren.
3.3.2
Zur sorgfältigen Umsetzung der Vorgaben im Rückweisungsentscheid und um einen Überblick
zu erhalten, an welchen Einvernahmen Rechtsanwältin B._ zugegen war und an welchen
Einvernahmen sie sich durch ihre Rechtspraktikanten vertreten liess, hat das Gericht sämtliche
Einvernahmen (exkl. handschriftliche) bis zum Gesuch um Wechsel der amtlichen Verteidi-
gung vom 14. April 2020 tabellarisch zusammengetragen. Sie betreffen die folgenden Unter-
suchungsverfahren gegen den Beschwerdeführer:
GERICHTE OBERGERICHT Marktgasse 4, 6371 Stans, 041 618 79 70, www.nw.ch
Dossier Strafverfahren wegen Vorfall
A1 18 5398 Nötigung und versuchten Raubs vom 20. Oktober 2018
Betrifft einen strafrechtlich relevanten Vorfall vom 20. Oktober 2018, bei dem gestützt auf die bisherigen  nebst L._ auch der Beschwerdeführer, J._, M._, N._ und O._ beteiligt gewesen seien. Die Beteiligten werden verdächtigt, R._ und Q._ am 20. Oktober 2018 bedroht und genötigt zu haben, sich zum Vorplatz des Berufsschulhauses zu begeben. P._ sei dort bedroht, gewürgt und dazu aufgefordert worden, ihnen Geld zu geben.
A1 19 4797 versuchten Raubs  3. April 2019 bis 17. April 2019
Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, im Zeitraum vom 3. April 2019 bis 17. April 2019 in ZZ._ am ZU._ versucht zu haben, W._ auszurauben.
A1 19 6580 Gewalt und Drohung gegen Beamte am 21. Juni 2019
Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, am 21. Juni 2019 um ca. 23.40 Uhr im Bahnhof in ZY._, Polizisten tätlich angegriffen zu haben. Dabei soll er im Zug eine Flasche behändigt haben und den Aufforderungen der handelnden Polizisten, den Zug zu verlassen, nicht nachgekommen sein. Den Zug soll er erst nach Androhung des Tasers verlassen haben. Ausserhalb des Zuges sei er auf eine Treppe gesessen und soll sich aufbrausend,  und sich selber mit den Händen auf den Kopf schlagend, verhalten haben. Kurz darauf soll er  sein und einen Polizisten am Reverse gepackt und die handelnden Polizisten bedroht haben. Weiter soll er die Polizisten weggestossen, eine Flasche behändigt haben und diese zerschlagen haben, um sie gegen die handelnden Polizisten einzusetzen. Weiter habe er den handelnden Polizisten mehrfach mit folgenden Wortlauten gedroht: "lch werde euch alle umbringen", "lch werde euch aufschlitzen", "lch werde meine Kollegen bei euch vorbei schicken", "Meine Freundin wird einer Polizistin in dessen Fotze ficken, bis diese verblutet", "Ihr seid alles Opfer, welche früher keine Freunde hatten", "Ihr seid keine Polizisten, sondern Hampelmänner in Blau" und "Alles was ihr heute getan habt, kommt auf euch zurück".
22 │ 64
A1 19 4759, 19 4760, 19 4761, 19 4762, 19 3894
mehrfacher Drohung, , gegenseitigen Tätlichkeiten und einfacher Körperverletzung am 26. Juni 2019 12.00 Uhr und 23.00 Uhr, 27. Juni 2019 ca. 00.30 und 28. Juni 2019
Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, am 26. Juni 2019 zwischen 12.00 Uhr und 23.00 Uhr, W._ mittels WhatsApp-Nachrichten bedroht und beschimpft zu haben.
Dem Beschwerdeführer wird weiter vorgeworfen, am Mittwoch 26. Juni 2019 zwischen ca. 23.00 Uhr und 23.35 Uhr vor der ZT._-Bar an der ZS._ in ZZ._ Y._ beschimpft, ihn und seine Brüder mit dem Tod bedroht und ihn schliesslich tätlich angegangen zu haben.
Dem Beschwerdeführer wird sodann vorgeworfen, am 28. Juni 2019 zwischen 18.00 Uhr und 19.00 Uhr in ZZ._, ZR._, X._ verbal beschimpft und bedroht sowie ein Springmesser nach ihm geworfen zu haben.
Strafverfahren gegen A._ (hellorange)
Strafverfahren gegen X._ (dunkelorange)
A1 19 6581 mehrfacher  zwischen 19. Juli 2019 und 20. Juli 2019
Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, zwischen dem 19. Juli 2019, 10.50 Uhr, und 20. Juli 2019, 18.00 Uhr, in ZQ._, ZP._, mehrfach Einschleichdiebstähle begangen zu haben bzw. daran beteiligt gewesen zu sein. Weiter wird dem Beschwerdeführer vorgeworfen, zwischen dem 19. Juli 2019, 10.50 Uhr, bis am 20. Juli 2019, 18.00 Uhr, als Begleitperson während Lernfahrten mit dem Personenwagen NW_, an mehrere teils unbekannte Orte,  zu sein. Dabei habe der Beschwerdeführer eine Lernfahrt als Begleitperson unternommen, ohne den  Anforderungen zu genügen.
A1 20 674 wegen Widerhandlung  das Heilmittelgesetz im Sommer 2019
Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, das in der Schweiz nicht zugelassene Arzneimittel "Kamagra" im  2019 an verschiedene Drittpersonen im Kanton Nidwalden verkauft zu haben sowie versucht zu haben, es in Verkehr zu bringen.
A1 19 4618 schwerer Körperverletzung, ev. versuchter schwerer Körperverletzung vom 1. August 2019
Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, Z._ am 1. August 2019 um ca. 20.30 Uhr vor dem ZO._ in ZZ._ eine gefüllte Glasflasche auf den Kopf und ihn anschliessend mit den Fäusten sowie seinem Knie ins Gesicht und in die Bauchgegend geschlagen und ihn so schwer verletzt zu haben.Dem Beschwerdeführer wird weiter vorgeworfen, am 1. August 2019 in ZZ._ versucht zu haben, ein Kilogramm Marihuana (Drogenhanf) zu verkaufen.
A1 19 4618 Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz am 1. August 2019
Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, am 1. August 2019 in ZZ._ versucht zu haben, ein Kilogramm  (Drogenhanf) zu verkaufen.
23 │ 64
A1 19 4619 versuchten Raubs, ver-
suchter Erpressung,  bzw. , Tätlichkeit,  und Körperverletzung vom 21. August 2019
Der Beschwerdeführer wird verdächtigt, mit H._, I._ und J._ am 21. August 2019 um ca. 18.10 Uhr beim  ZW._ in ZZ._ K._ abgepasst zu haben. Der Beschwerdeführer soll ihn ab seinem Mofa gerissen und ihn ins angrenzende Wiesland geworfen haben. Anschliessend soll er K._ gewaltsam zum geparkten Fahrzeug  haben. Als sich K._ habe wehren wollen, soll der Beschwerdeführer ihm gedroht haben. Zudem soll der Beschwerdeführer K._ mehrere harte Kopfnüsse gegeben haben. Hernach soll der Beschwerdeführer K._ gegen dessen Willen auf den Rücksitz des Personenwagens gestossen und ihm befohlen haben, sich in die Mitte zu setzen. Die Beschuldigten seien anschliessend mit K._ gegen dessen Willen nach ZV._ gefahren. J._ habe das Fahrzeug gelenkt. Während der Fahrt habe der Beschwerdeführer von K._ Geld gefordert, ihn dabei bedroht und Gewalt gegen ihn ausgeübt. In ZV._ habe I._ K._ aufgefordert, ihm seinen Schlüsselbund als Pfand , was dieser auch getan habe. Anschliessend seien alle gemeinsam zurück nach ZZ._ gefahren.
A1 20 781 wegen Erpressung vom 12. März 2020
Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, G._ am Donnerstag 12. März 2020 über das Mobiltelefon angerufen und dabei verlangt zu haben, dass er ihm [dem Beschwerdeführer] am nächsten Tag Geld bringen soll, ansonsten ihm erhebliche Nachteile drohen würden.
GERICHTE OBERGERICHT Marktgasse 4, 6371 Stans, 041 618 79 70, www.nw.ch
Einvernahmen A._ als Beschuldigter
Datum Beginn Ende Art der Einvernahme Vorladung Dossier act. anwesend
06.11.2018 09:56 10:22 delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 18 5398 8.1.148 ff. RA B._
04.02.2019 08:40 10:32 staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.1.152 ff. RA B._
23.06.2019 10:42 13:35 polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 19 6580 5.1.1 ff. -
21.08.2019 22:58 23:15 polizeiliche Einvernahme (nach Festnahme) aus vorläufiger Festnahme A1 19 4619 8.1.1.1 ff. -
22.08.2019 13:00 14:28 delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 19 4619 8.1.1.4 ff. RA B._
23.08.2019 08:44 09:44 delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 19 4618 5.1.1 ff. E._*
23.08.2019 13:00 15:05 staatsanwaltschaftliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 19 4619 8.1.1.12 ff. E._
18.09.2019 09:03 11:02 delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 4618 5.1.6 ff. RA B._
18.09.2019 13:37 14:09 delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 4619 8.1.1.28 ff. E._
04.10.2019 09:00 11:04 polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 6581 8.1.1.1 ff. E._
10.10.2019 08:39 09:46 delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 4760 4.1.1 ff. E._
10.10.2019 09:56 10:53 delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 4760 5.1.1 ff. E._
19.11.2019 15:07 15:49 delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 4618 5.1.17 ff. RA B._
13.03.2020 14:21 14:55 delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 20 781 5.1.1 ff. -
14.03.2020 08:35 10:20 staatsanwaltschaftliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 20 781 5.1.7 ff. RA B._
14.03.2020 10:27 10:45 staatsanwaltschaftliche Hafteinvernahme aus Untersuchungshaft A1 20 781 5.1.18 ff. RA B._
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Einvernahmen von Auskunftspersonen
Datum Beginn Ende Auskunftsperson Art der Einvernahme Vorladung Dossier act. anwesend
20.10.2018 19:57 21:12 P._ polizeiliche Einvernahme als Opfer auf mündliche Vorladung A1 18 5398 8.3.1 ff. -
20.10.2018 19:58 22:04 R._ polizeiliche Einvernahme als Opfer auf mündliche Vorladung A1 18 5398 8.3.7 ff. -
22.10.2018 15:03 16:15 AA._ delegierte Polizeiliche Einvernahm auf mündliche Vorladung A1 18 5398 8.3.16 ff. -
12.11.2018 08:00 10:50 R._ staatsanw. Einvernahme als Opfer auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.3.23 ff. S._*
12.11.2018 13:00 Q._ staatsanw. Einvernahme als Opfer auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.3.38 ff. S._
27.06.2019 14:02 16:14 Y._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4759 5.4.20 ff. -
27.06.2019 14:13 16:23 W._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4759 5.4.31 ff. -
04.07.2019 10:00 12:30 Y._ polizeiliche Einvernahme als Opfer auf mündliche Vorladung A1 19 4759 5.2.1 ff. -
04.07.2019 10:06 12:17 X._ polizeiliche Einvernahme als Opfer auf mündliche Vorladung A1 19 4759 5.2.10 ff. -
04.07.2019 10:00 12:51 W._ polizeiliche Einvernahme als Opfer auf mündliche Vorladung A1 19 4760 4.2.1 ff. -
22.07.2019 08:20 09:30 AB._ polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4759 5.2.17 ff. -
29.07.2019 15:37 17:10 AC._ polizeiliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 6581 8.2.1 ff -
19.08.2019 08:30 09:25 AD._ polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4618 5.2.1 ff. -
22.08.2019 13:11 17:15 Z._ polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4618 5.2.6 ff. -
22.08.2019 17:25 17:46 AD._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4618 5.2.37 ff. -
29.08.2019 10:03 11:18 AE._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4619 8.2.2.4 ff. E._*
03.09.2019 08:11 10:05 X._ polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4759 5.4.39 ff. -
03.09.2019 19:08 20:30 W._ polizeiliche Einvernahme als Opfer auf mündliche Vorladung A1 19 4760 4.2.7 ff. -
13.09.2019 08:39 0.42 K._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4619 8.2.1.22 ff. RA B._
16.09.2019 08:15 11:30 Z._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4618 5.2.53 ff. RA B._
02.10.2019 07:56 09:00 J._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf Zuführung A1 19 6581 8.2.24 ff. -
05.10.2019 10:04 12:32 W._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 4797 4.2.7 ff. -
26 │ 64
11.10.2019 09:03 10:38 O._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4618 5.2.68 ff. E._
18.11.2019 14:40 16:25 AF._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4759 5.2.24 ff. E._
19.11.2019 14:12 14:48 O._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 4797 4.2.17 ff. RA B._
21.11.2019 13:35 16:10 V._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 47 61 4.2.51 ff. F._*
25.11.2019 14:30 16:10 AG._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4618 5.2.79 ff. RA B._
25.11.2019 13:30 14:25 AG._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4619 8.2.2.18 ff. RA B._
25.11.2019 08:05 08:55 AG._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4759 5.2.36 ff. RA B._
25.11.2019 09:00 10:10 AG._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4762 5.2.37 ff. RA B._
25.11.2019 10:20 11:20 AG._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 47 61 4.2.29 ff. RA B._
02.12.2019 09:35 10:25 AF._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4618 5.2.92 ff. RA B._
03.02.2020 13:40 15:00 AF._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4762 5.2.48 ff. RA B._
12.03.2020 21:06 22:45 G._ polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 20 781 5.2.1 ff. -
23.03.2020 15:05 16:40 AF._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4618 5.2.101 ff. RA B._
31.03.2020 13:00 14:25 AH._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 20 781 5.2.8 ff. RA B._
31.03.2020 14:40 16:35 G._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 20 781 5.2.21 ff. RA B._
Das Teilnahmerecht des Beschuldigten bei diesen Einvernahmen war ausgeschlossen (A1 18 5398 act. 4.2.89).
Diese Einvernahmen haben gleichzeitig mit anderen Einvernahmen stattgefunden.
Einvernahmen von Zeugen
Datum Beginn Ende Zeuge/Zeugin Art der Einvernahme Vorladung Dossier act. anwesend
14.11.2018 14:00 17:30 P._ staatsanwalt. Einvernahme als Opfer auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.4.1 ff. RA B._ S._*
23.03.2020 17:12 18:36 AD._ staatsanwaltschaftliche Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 19 4618 5.3.1 ff. RA B._
27 │ 64
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Einvernahmen von Mitbeschuldigten
Datum Beginn Ende Mitbeschuldigter Art der Einvernahme Vorladung Dossier act. anwesend
20.10.2018 00:02 00:20 N._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 18 5398 7.1.3 ff. -
21.10.2018 15:28 17:41 N._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 18 5398 8.1.1 ff. -
22.10.2018 11:01 12:21 N._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 18 5398 8.1.17 ff. -
24.10.2018 14:38 15:18 N._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 18 5398 8.1.30 ff. -
25.10.2018 13:50 15:38 J._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf polizeiliche Vorführung A1 18 5398 8.2.1 ff. -
26.10.2018 09:18 12:33 M._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf polizeiliche Vorführung A1 18 5398 8.2.25 ff. -
27.10.2018 10:13 13:27 O._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 18 5398 8.1.64 ff. -
27.10.2018 12:58 13:19 M._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf polizeiliche Vorführung A1 18 5398 8.2.42 ff. -
05.11.2018 14:59 18:29 L._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 18 5398 8.1.105 ff. -
16.01.2019 08:30 12:13 N._ staatsanw. Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.1.40 ff. T._*
22.01.2019 08:05 11:15 J._ staatsanw. Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.2.47 ff. S._*
22.01.2019 14:00 M._ staatsanw. Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.2.67 ff. S._
28.01.2019 13:30 15:24 O._ staatsanw. Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.1.90 ff. T._
30.01.2019 08:30 10:50 L._ staatsanw. Einvernahme auf schriftliche Vorladung A1 18 5398 8.1.135 ff. T._
22.06.2019 16:12 17:15 AG._ pol. Einvernahme (nach Festnahme) aus vorläufiger Festnahme A1 19 6580 5.4.4 ff. -
30.07.2019 14:38 16:55 AI._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 6581 8.1.4.1 ff. -
21.08.2019 16:30 17:15 O._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 6581 8.1.3.1 ff. -
22.08.2019 14:13 15:15 J._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 19 4619 8.1.4.1 ff. -
22.08.2019 11:30 13:15 AG._ pol. Einvernahme (nach Festnahme) aus vorläufiger Festnahme A1 19 6581 8.1.2.15 ff. -
23.08.2019 16:20 17:00 H._ pol. Einvernahme (nach Festnahme) aus vorläufiger Festnahme A1 19 4619 8.1.2.1 ff. -
23.08.2019 15:36 16:11 J._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 4619 8.1.4.8 E._*
29 │ 64
23.08.2019 10:50 11:25 AG._ polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 19 6581 8.1.2.36 ff. -
23.08.2019 08:12 10:22 AI._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 6581 8.1.4.12 ff. -
24.08.2019 10:08 14:50 H._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 19 4619 8.1.2.4 ff. -
24.08.2019 19:48 19:58 I._ pol. Einvernahme (nach Festnahme) auf mündliche Vorladung A1 19 4619 8.1.3.1 ff. -
25.08.2019 10:10 12:55 I._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus vorläufiger Festnahme A1 19 4619 8.1.3.4 ff. -
08.09.2019 09:15 10:40 O._ delegierte polizeiliche Einvernahme aus Untersuchungshaft A1 19 6581 8.1.3.6 ff. -
08.09.2019 13:32 15:08 AI._ delegierte polizeiliche Einvernahme auf mündliche Vorladung A1 19 6581 8.1.4.25 ff. -
Anderweitige Einvernahmen
Datum Beginn Ende Betroffener Art der Einvernahme Vorladung Dossier act. anwesend
27.06.2019 04:02 05:46 A._ pol. Einvernahme als Opfer auf mündliche Vorladung A1 19 4759 5.4.1 ff. -
27.06.2019 13:56 17:32 X._ del. pol. Einv. als Beschuldigter auf mündliche Vorladung A1 19 4759 5.4.10 ff. -
* Rechtspraktikant / Rechtspraktikantin von Rechtsanwältin B._
Das Teilnahmerecht des Beschuldigten war bei diesen Einvernahmen ausgeschlossen (A1 18 5398 act. 4.2.89).
30│64
3.3.3
Genauer zu erläutern sind die Einvernahmen, an denen weder Rechtsanwältin B._ persönlich
noch eine Stellvertretung anwesend war.
3.3.3.1 Einvernahmen des Beschwerdeführers als Beschuldigter:
Was die erste polizeiliche Einvernahme vom 23. Juni 2019 aus vorläufiger Festnahme im Ver-
fahren A1 19 6580 betrifft, ist zu bezweifeln, dass bereits eine Strafuntersuchung eröffnet und
Rechtsanwältin B._ über die Einvernahme informiert war, denn eine Eröffnungsverfügung
befindet sich nicht in den Akten. Der entsprechende Polizeirapport datiert erst vom 20. Au-
gust 2019 und ging am 26. August 2019 bei der Staatsanwaltschaft 1 Luzern ein. Ein Hinweis
auf Rechtsanwältin B._ als amtliche Verteidigung findet sich darin nicht (STA-Nr. A1 19 6580,
act. 2.1 ff.). Im Einvernahmeprotokoll ist zudem «keine Verteidigung gewünscht» vermerkt
(STA-Nr. A1 19 6580, act. 5.1.1 ff.).
Ähnliches gilt für die erste polizeiliche Einvernahme des Beschwerdeführers aus vorläufiger
Festnahme im Verfahren STA-Nr. A1 19 4619. Die entsprechende Strafuntersuchung gegen
den Beschwerdeführer wurde erst am Folgetag, dem 22. August 2019, 10.50 Uhr, eröffnet
(STA-Nr. A1 19 4619, act. 12.1). Zudem gab der Beschwerdeführer zu Protokoll: «lch möchte
aktuell keine Verteidigung und habe keine Fragen in Sachen einem Rechtsanwalt.» (STA-Nr.
A1 19 4619, act. 7.1.1 ff.). Die Umstände der delegierten polizeilichen Einvernahme des Be-
schwerdeführers vom 13. März 2020 aus vorläufiger Festnahme wurden bereits vorstehend
erläutert (vgl. E. 2.2.3).
3.3.3.2 Einvernahmen von Auskunftspersonen:
Die Strafuntersuchung STA-Nr. A1 18 5398 gegen den Beschwerdeführer wurde erst am
24. Oktober 2018 eröffnet. Erst auf Antrag vom 6. November 2018 (STA-Nr. A1 18 5398,
act. 12.34) und mit Verfügung vom 7. November 2018 wurde Rechtsanwältin B._ rückwirkend
per 30. Oktober 2018 als amtliche Verteidigerin des Beschwerdeführers eingesetzt. Sie konnte
deshalb von den polizeilichen Einvernahmen von P._ und R._ vom 20. Oktober 2018 (auf
mündliche Vorladungen) sowie der delegierten polizeilichen Einvernahme des AA._ am 22.
Oktober 2018 (auf mündliche Vorladung) keine Kenntnis haben.
Die delegierten polizeilichen Einvernahmen (auf mündliche Vorladung) des Y._ und des W._
vom 27. Juni 2019 betrafen eine Strafuntersuchung gegen
X._ (STA-Nr. A1 19 4759, act. 5.4.20 ff.; 5.4.31 ff.). Die Strafuntersuchung
STA-Nr. A1 19 4759 gegen den Beschwerdeführer wurde erst am 5. September 2019 eröffnet,
31│64
sodass Rechtsanwältin B._ über die (auf mündliche Vorladung) erfolgten Einvernahmen von
Y._, X._, W._ und AB._ vom 4. Juli 2019, 22. Juli 2019 und 3. September 2019 nicht
informiert sein konnte (STA-Nr. A1 19 4759, act. 6.1 ff.).
Zu bezweifeln ist auch, dass die Strafuntersuchung gegen den Beschwerdeführer im Verfah-
ren STA-Nr. A1 19 6581 eröffnet war, als die polizeiliche Einvernahme von AC._ vom 29. Juli
2019 (auf schriftliche Vorladung) und die delegierte polizeiliche Einvernahme von J._ am
2. Oktober 2019 (auf Zuführung) stattfanden. In den Akten findet sich keine formelle Eröffnung.
Zudem wurde der Beschwerdeführer in diesem Verfahren erst am 4. Oktober 2019 polizeilich
einvernommen (STA-Nr. A1 19 6581, act. 8.1.1.1 ff.) und der entsprechende Polizeirapport
vom 20. November 2019 ging erst am 26. November 2019 bei der Staatsanwaltschaft 2 Luzern
ein (STA-Nr. A1 19 6581, act. 2.1.1).
Nicht anders verhält es sich im Verfahren STA-Nr. A1 19 4618. Nachdem die Strafuntersu-
chung gegen den Beschwerdeführer erst am 22. August 2019, 16.15 Uhr, eröffnet wurde,
konnte Rechtsanwältin B._ über die auf mündliche Vorladung hin erfolgten Einvernahmen
der AD._ und des Z._ vom 19. August 2019 und 22. August 2019 nicht rechtzeitig im Bilde
sein (STA-Nr. A1 19 4618, act. 6.1 ff.).
Auch über die delegierte polizeiliche, auf mündliche Vorladung hin, erfolgte Einvernahme von
W._ vom 5. Oktober 2019 konnte Rechtsanwältin B._ nicht informiert sein, nachdem die
entsprechende Strafuntersuchung gegen den Beschwerdeführer erst am 10. September 2019
eröffnet wurde (STA-A1 19 4797, act. 5.1 ff.).
Gleiches gilt für die auf mündliche Vorladung hin erfolgte polizeiliche Einvernahme von G._
vom 12. März 2020. Erst mit Verfügung vom 13. März 2020 wurde diesbezüglich die Strafun-
tersuchung gegen den Beschwerdeführer eröffnet (STA-Nr. A1 20 781, act. 6.1).
3.3.3.3 Einvernahmen von Mitbeschuldigten:
Wie soeben zur Strafuntersuchung A1 18 5398 ausgeführt, wurde Rechtsanwältin B._ erst
per 7. November 2018 mandatiert. Sie konnte somit von den zwischen dem 20. Oktober 2018
und 5. November 2018 durchgeführten Einvernahmen der Mitbeschuldigten N._, J._, M._,
O._ und L._ keine Kenntnis haben.
Gemäss den bereits gemachten Ausführungen zum Verfahren STA-Nr. A1 19 6580
(E. 3.3.3.1) ist auch zu bezweifeln, dass zum Zeitpunkt der polizeilichen Einvernahmen von
AG._ vom 22. Juni 2019 aus vorläufiger Festnahme, die entsprechende Strafuntersuchung
gegen den Beschwerdeführer bereits eröffnet war. Selbiges gilt für die delegierten polizeilichen
32│64
Einvernahmen von AI._ am 30. Juli 2019 (auf mündliche Vorladung) und O._ am 21. August
2019 aus Untersuchungshaft, die polizeiliche Einvernahme von AG._ vom 22. August 2019
nach Festnahme am selben Tag, die polizeiliche Einvernahme von AG._ am 23. August 2019
aus vorläufiger Festnahme, die delegierten polizeilichen Einvernahmen von AI._ am 23. Au-
gust 2019 und 8. September 2019 (auf mündliche Vorladung) und die delegierte polizeiliche
Einvernahme von O._ am 8. September 2019 aus Untersuchungshaft im Verfahren STA-Nr.
A1 19 6581.
Zur Einvernahme von J._ vom 22. August 2019 wird auf E. 2.3.2 verwiesen. Die polizeiliche
Einvernahme von H._ am 23. August 2019 fand unmittelbar nach dessen Festnahme statt
(Festnahme: 15.03 Uhr, Einvernahmebeginn: 16.20 Uhr [STA-Nr. A1 19 4619, act. 7.1.3;
8.1.2.1 ff.]), sodass Rechtsanwältin B._ zufolge Kurzfristigkeit offenkundig teilnehmen konnte.
Was die delegierte polizeiliche Einvernahme von H._ vom 24. August 2019 aus vorläufiger
Festnahme und die polizeiliche Einvernahme von I._ vom 24. August 2019 unmittelbar nach
Festnahme (Einvernahmebeginn: 19.48 Uhr, Festnahme: 19.35 Uhr) und dessen delegierte
polizeiliche Einvernahme vom 25. August 2019 aus vorläufiger Festnahme betrifft, ist auf die
Ausführungen in E. 2.3.1 zu verweisen.
Rechtsanwältin B._ hat – mit einer Ausnahme – an sämtlichen Einvernahmen des Beschwer-
deführers teilgenommen oder sich vertreten lassen. An den Opfer- sowie Zeugeneinvernah-
men war sie meist selber anwesend. Auch bei den Einvernahmen des Beschuldigten war die
Anwältin grösstenteils persönlich anwesend. An den Einvernahmen von Mitbeschuldigten hat
Rechtsanwältin B._ nicht persönlich teilgenommen. Zu beachten ist dabei allerdings, dass
der Beschwerdeführer die vorgeworfenen Sachverhalte im Grundsatz nicht abstreitet (vgl.
STA-Nr. A1 18 5398, act. 8.1.153 ff.; STA-Nr. A1 19 4618, act. 5.1.6 ff.; STA-Nr. A1 19 4619,
8.1.1.31 ff.) und die Mitbeschuldigten das Geschehene ähnlich schildern. Für die gerichtliche
Beurteilung werden die Aussagen der Mitbeschuldigten somit nicht ausschlaggebend sein. Im
Übrigen ist die Rechtsprechung des Bundesgerichts nicht dahingehend zu verstehen, dass
eine Nachlässigkeit bereits vorliegt, wenn der amtliche Verteidiger nicht an sämtlichen Einver-
nahmen persönlich teilnimmt oder eine Stellvertretung organisiert. Rechtsprechung und Ge-
setz (Art. 336 Abs. 2 StPO) beziehen sich in erster Linie auf dessen Anwesenheit an der
Hauptverhandlung, wichtigen Zeugeneinvernahmen (Urteil BGer 1B_166/2020 vom 25. Juni
2020 E. 3.1.2) und wesentlichen Konfrontationseinvernahmen (BGE 120 la 48 E. 2c). Solche
sind vorliegend, soweit bereits erkennbar, nicht betroffen. Laut Bundesgericht ist der Verzicht
des Offizialverteidigers auf persönliche Teilnahme an Konfrontationseinvernahmen nicht in je-
dem Fall und eo ipso eine Verletzung der Verteidigungsrechte. Stellt sich für den
33│64
Angeschuldigten oder seinen Anwalt in der Folge heraus, dass die Interessen des Angeschul-
digten das Beisein des Verteidigers aus erheblichen Gründen verlangt hätten, kann es not-
wendig erscheinen, die Konfrontationseinvernahmen auf Antrag des Angeschuldigten oder
seines Verteidigers wiederholen zu lassen (BGE 120 Ia 48 E. 2e/cc). Im vorliegenden Fall
wurden sämtliche Mitbeschuldigten, nachdem sie polizeilich einvernommen wurden, erneut
von der Staatsanwaltschaft befragt. An diesen Einvernahmen war der Beschwerdeführer stets
durch Rechtspraktikanten verteidigt.
3.3.4
Im strittigen Zeitraum haben stellvertretend für Rechtsanwältin B._ vier verschiedene
Rechtspraktikanten an mehreren Einvernahmen, hauptsächlich Einvernahmen von Mitbe-
schuldigten, teilgenommen. Zur Begründung werden von Rechtsanwältin B._ sinngemäss ihr
Ausbildungsauftrag sowie Terminkollisionen bzw. andere berufliche und familiäre Verpflichtun-
gen erwähnt. Daraus kann Rechtsanwältin B._ im Grunde kein Vorwurf gemacht werden,
selbst wenn die Verteidigung mit der Annahme eines amtlichen Mandats eine gewisse Ab-
kömmlichkeit aufweisen sollte. Sodann ist die Anzahl der eingesetzten Rechtspraktikanten mit
Blick auf die Strafuntersuchungsdauer zu sehen. Rechtsanwältin B._ ist anfangs November
2018 als amtliche Verteidigerin eingesetzt worden. Im April 2020 stellte der Beschwerdeführer
das Gesuch um Wechsel. Angesichts dieser Zeitspanne ist die Anzahl eingesetzter
Rechtspraktikanten und Rechtspraktikantinnen an Einvernahmen nicht zu beanstanden.
Ganz allgemein kann gesagt werden, dass die Teilnahme von Rechtspraktikanten an Einver-
nahmen in Vertretung der amtlichen Verteidigung sowohl im Kanton Luzern als auch im Kanton
Nidwalden gängige Praxis ist. Erst recht bei derart umfangreichen Mandaten wie dem vorlie-
genden mit zahlreichen Vorfällen und Mitbeschuldigten. Zu Recht hat die Staatsanwaltschaft
Nidwalden auch im vorliegenden Fall die vier Rechtspraktikanten zugelassen. Die persönliche
Teilnahme der amtlichen Verteidigung an Einvernahmen kann nicht generell verlangt werden,
wie es die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers geltend macht. Vielmehr ist im Einzelfall
und aufgrund der gesamten Umstände zu prüfen, wann und ob eine persönliche Teilnahme
geboten erscheint. Inwiefern die Interessen des Beschwerdeführers im vorliegenden Fall hin-
sichtlich der von den Rechtspraktikanten begleiteten Einvernahmen das persönliche Beisein
von Rechtsanwältin B._ verlangt hätten, ist nicht erkennbar. Gegenteiliges vermag auch der
Beschwerdeführer mit seinen bloss pauschalen Vorwürfen nicht darzutun. Schliesslich kann
für die Beurteilung einer sachkundigen, engagierten und effektiven Wahrnehmung von
34│64
Parteiinteressen nicht allein ausschlaggebend sein, wie oft die amtliche Verteidigung persön-
lich an Einvernahmen teilgenommen hat.
3.4
Der Beschwerdeführer rügt, bei 19 (in der Tabelle fett markierten) Einvernahmen hätten die
Rechtspraktikantinnen praktisch keine oder allenfalls «nur sehr kurze und keinesfalls
strategische Vorbesprechungen» mit dem Beschwerdeführer abgehalten. Es sei ihm
überlassen worden, welche Aussagen er machen wolle. Er sei auf sich allein gestellt gewesen
(Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 163 n. und o.).
Zur Instruktionen des Beschwerdeführers durch die Rechtspraktikanten und Rechtspraktikan-
tinnen (und Rechtsanwältin B._) hielt die Staatsanwaltschaft glaubhaft fest, dass die zur Ver-
fügung gestellten Zeitfenster vor und während den Einvernahmen jeweils zur Besprechung mit
dem Beschwerdeführer genutzt worden seien. Es sei deshalb davon auszugehen, dass In-
struktionsgespräche stattgefunden hätten. Damit übereinstimmend sind den Akten mehrere
Vor- und Nachbesprechungen mit dem Beschwerdeführer zu entnehmen. Beispielsweise
wünschte MLaw E._ anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Hafteinvernahme des Beschul-
digten vom 23. August 2019 vorgängig eine Besprechung mit dem Beschwerdeführer (STA
Nr. A1 19 4619, act. 8.1.1.12 ff.). Auch Rechtsanwältin B._ verlangte mehrmals einen Unter-
bruch der Einvernahme zwecks Besprechung mit dem Beschwerdeführer (vgl. etwa delegierte
polizeiliche Einvernahme vom 19. November 2019 [STA-Nr. A1 19 4797, act. 4.2.17 ff.; staats-
anwaltschaftliche Einvernahmen vom 13.09.2019 [STA-Nr. A1 19 4619, act. 8.2.1.22 ff.], 25.
November 2019 [STA-Nr. A1 19 4762, act. 5.2.37 ff.] und 31. März 2020 [STA-Nr. A1 20 781,
act. 5.2.21 ff.]). Den Zwischenrechnungen von Rechtsanwältin B._ vom 13. Januar 2019 kön-
nen sodann mehrere Aufwandpositionen mit dem Hinweis auf Vor- und Nachbesprechungen
mit dem Beschwerdeführer entnommen werden (vgl. dazu detailliert im Folgenden; STA-Nr.
A1 19 4619, act. 4.1.4 ff.; STA-Nr. A1 18 5398, act. 4.2.13 ff.).
Nachdem sich den Rechtsschriften des Beschwerdeführers keine konkreten Beanstandungen
entnehmen lassen und sich aus den Akten keine Hinweise ergeben, dass insbesondere die
Rechtspraktikanten und Rechtspraktikantinnen generell auf Vorbesprechungen mit dem Be-
schwerdeführer verzichtet hätten, erweist sich der Vorwurf als unbegründet. Ob und in welcher
Ausführlichkeit eine Vorbesprechung überhaupt sachgerecht ist, liegt im Zweifelsfall im pflicht-
gemässen Ermessen der Verteidigung. Strategische Entscheide, wie sie vom Beschwerdefüh-
rer vermisst werden, sind in diesem Rahmen hauptsächlich bezogen auf das Aussagen- und
Mitwirkungsverweigerungsrecht denkbar. Solche erfordern jedoch sicherlich keine
35│64
zeitaufwändigen Besprechungen, zumal vor einer Einvernahme als beschuldigte Person oh-
nehin eine entsprechende Rechtsbelehrung erfolgt.
3.5
3.5.1
Der Beschwerdeführer wirft Rechtsanwältin B._ vor, mehrfach die Aufsichtspflicht der
Rechtspraktikanten und Rechtspraktikantinnen verletzt zu haben. Praktikanten seien umfas-
send zu beaufsichtigen, in die Praxis einzuführen und zu instruieren. Rechtsanwältin B._
habe die Rechtspraktikanten und Rechtspraktikantinnen nicht mit den relevanten Akten zur
Vorbereitung der Einvernahmen versorgt. Zudem sei sie, als ein aktives Einwirken anlässlich
der Befragungen geboten gewesen wäre, nicht selbst vor Ort gewesen. Ihre Instruktion der
Rechtspraktikanten, im Zweifelsfall auf Ergänzungsfragen zu verzichten, sei höchst zweifel-
haft. Derartige Instruktionen seien «insbesondere in der vorliegenden komplexen
Angelegenheit absolut verfehlt und pflichtwidrig». Es gäbe in den Akten sodann keinerlei
Hinweise darauf, dass Rechtsanwältin B._ die vier Rechtspraktikanten jemals an eine
Einvernahme mitgenommen habe (Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 163 n., o. und u.).
3.5.2
Rechtsanwältin B._ hält entgegen, ihre Rechtspraktikanten seien vorgängig umfassend ori-
entiert und instruiert worden. In der Anwaltskanzlei U._ AG seien 18 Rechtsanwälte und je-
weils 3-4 Rechtspraktikanten tätig. Während der jeweils 9-monatigen Praktikumszeit werde in
einem Fall, soweit nicht Terminkollisionen dazwischenkämen, immer der gleiche Rechtsprak-
tikant eingesetzt. Die Rechtspraktikanten würden zu Beginn des Praktikums allgemein zu Ein-
vernahmen in Strafverfahren instruiert, bevor sie an eine erste Einvernahme delegiert würden.
Es werde ihnen anhand von Beispielen aufgezeigt, wie sie sich verhalten sollen und auf was
sie zu achten hätten. Häufig würden sie anfänglich einen der Rechtsanwälte an eine Einver-
nahme begleiten (vgl. Stellungnahme von Rechtsanwältin B._ vom 15. November 2021, Ziff.
15 f.). Damit übereinstimmend ist den Akten, anders als vom Beschwerdeführer behauptet, zu
entnehmen, dass Rechtsanwältin B._ den Praktikanten MLaw S._ im Rahmen seines ersten
Einsatzes zur staatsanwaltschaftlichen Einvernahme des Opfers P._ vom 14. November
2018 begleitete (STA Nr. A1 18 5398, act. 8.4.1 ff.).
Die Rechtspraktikanten wüssten, so Rechtsanwältin B._, dass sie eine Einvernahme unter-
brechen und bei allfälligen Unsicherheiten sie selbst oder einen strafrechtsversierten Anwalt
der Kanzlei telefonisch kontaktieren könnten. Sodann seien die Rechtspraktikanten in der
36│64
vorliegenden Angelegenheit über die Fallumstände und Mitbeteiligten orientiert worden. Dies
sei einerseits mündlich geschehen, andererseits würden bürointern laufend fortgeführte Fall-
dokumentationen bestehen, in denen die Vorwürfe und Hauptaussagen von Beteiligten notiert
seien. Die Rechtspraktikanten hätten vor der ersten Teilnahme an Einvernahmen die wesent-
lichen Akten (u.a. Einvernahmeprotokolle oder Haftakten) erhalten und die Anweisung, diese
zu lesen. Bei Belastungszeugen seien die Rechtspraktikanten auf die wichtigsten Aussage-
punkte hingewiesen worden und man habe mögliche Ergänzungsfragen vorbesprochen (vgl.
Stellungnahme von Rechtsanwältin B._ vom 15. November 2021, Ziff. 15 f.).
Den Zwischenrechnungen von Rechtsanwältin B._ vom 13. Januar 2019 lassen sich folgende
Positionen betreffend die Rechtspraktikanten und Rechtspraktikantinnen entnehmen, welche
deren Ausführungen bestätigen: Am 21.11.2018 «Aktenstudium sowie Aktennotiz (Zusam-
menstellung der Aussagen)»; am 23.01.2019 «Zusammenfassung Protokoll J._ 22.01.2019»;
am 16.01.2019, 25.01.2019, 29.01.2019 und 30.01.2019 «Aktennotiz ergänzen»; am
30.09.2019: Aktenstudium, Abklärung der Rechtslage; am 20.11.2019 Ergänzung Deliktsüber-
sicht (STA-Nr. A1 19 4619, act. 4.1.4 ff.; STA-Nr. A1 18 5398, act. 4.2.13 ff.).
Insgesamt sind die Rechtspraktikanten gemäss den glaubhaften Aussagen von Rechtsanwäl-
tin B._ und den aktenkundigen Indizien hinsichtlich der Teilnahme an Einvernahmen über die
wichtigsten Punkte umfassend instruiert und orientiert worden. Die Instruktion hinsichtlich Er-
gänzungsfragen entspricht der Usanz und ist nicht zu beanstanden. Des Weiteren ist weder
dargetan noch ersichtlich, inwiefern eine aktive Intervention anlässlich einer bestimmten Ein-
vernahme geboten gewesen aber nicht erfolgt wäre. Ein offensichtlich fehlerhaftes Verhalten
von Rechtsanwältin B._ ist in diesem Zusammenhang nicht erkennbar.
3.6
Der Beschwerdeführer stellt sich weiter auf den Standpunkt, dass das Ausmass der Vertretun-
gen durch die vier Rechtspraktikanten absolut unverhältnismässig und unvertretbar sei (Be-
schwerde in Strafsachen, Ziff. 59 q). Die von Rechtsanwältin B._ in den Zwischenrechnungen
vom 13. Januar 2020 geltend gemachten Arbeitsstunden zeigten, dass die Praktikantinnen
MLaw E._ und MLaw F._ in den Verfahren A1 19 4619 etc. sowie
A1 19 4761 insgesamt 40% und MLaw S._ und MLaw T._ im Verfahren
A1 18 5492 etc. fast 60% der gesamten Verteidigungsarbeit geleistet hätten (vgl. Replik vom
17. Dezember 2021, Ziff. 49; Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 59 q). Er sei «sehr darüber
irritiert» gewesen, dass Rechtsanwältin B._ «derart häufig ihre Praktikantinnen an Einvernah-
men von ihm und anderen Personen geschickt habe, anstatt persönlich teilzunehmen» und
37│64
habe deswegen «an ihrer Motivation gezweifelt». Diese Stellvertretungen seien allesamt un-
zulässig gewesen (Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 194).
In der Zwischenrechnung vom 13. Januar 2020 betreffend «Akten-Nr. A1 18 5490, 5398; Straf-
verfahren gegen Herrn A._ (Raub)» macht Rechtsanwältin B._ über den Zeitraum vom 30.
Oktober 2018 bis zum 17. September 2019 einen Aufwand von insgesamt 46.74 Stunden gel-
tend (STA-Nr. A1 18 5398, act. 4.2.13 ff.). Demnach leistete Rechtsanwältin B._ 19.25 Stun-
den, MLaw S._ rund 16.08 Stunden und MLaw T._ 11.41 Stunden. Die von MLaw S._
erbrachten Leistungen werden inhaltlich folgendermassen umschrieben:
12.11.2018: Teilnahme Einvernahme R._ (03h 00m)
12.11.2018: Teilnahme Einvernahme Q._ inklusive An- und Rückreise mit ÖV (03h 45m)
14.11.2018: Teilnahme Einvernahme P._ (nach 45 Minuten durch B._) (00h 45m)
21.11.2018: Aktenstudium sowie Aktennotiz (Zusammenstellung der Aussagen) (02h 00m)
22.01.2019: Teilnahme Einvernahme J._ (02h 00m)
22.01.2019: An- und Rückreise (ZY._-ZZ._-ZY._) mit ÖV (01h 15m)
22.01.2019: Teilnahme Einvernahme M._ (01h 45m)
22.01.2019: An- und Rückreise (ZY._-ZZ._-ZY._) mit ÖV (01h 15m)
23.01.2019: Zusammenfassung Protokoll J._ 22.01.2019 (00h 15m)
23.01.2019: Schreiben an Klient (00h 05m)
Die von MLaw T._ erbrachten Leistungen werden folgendermassen umschrieben:
14.01.2019 Vorbereitung Einvernahme (00h 20m)
16.01.2019 Hin- und Rückreise mit ÖV (01h 15m)
16.01.2019 Teilnahme Einvernahme N._ (02h 00m)
16.01.2019 Aktennotiz ergänzen (00h 30m)
24.01.2019 Emails an Staatsanwaltschaft (00h 10m)
25.01.2019 Aktennotiz ergänzen (00h 20m)
28.01.2019 Teilnahme Einvernahme O._ (01h 30m)
28.01.2019 An- und Rückreise (ZY._-ZZ._-ZY._) mit ÖV (01h 15m)
29.01.2019 Aktennotiz ergänzt (00h 20m)
29.01.2019 Vorbereitung Einvernahme L._ (00h 20m)
30.01.2019 Teilnahme Einvernahme L._ (01h 45m)
30.01.2019 An- und Rückreise (ZY._-ZZ._-ZY._) (01h 15m)
30.01.2019 Ergänzen Aktennotiz (00h 25m)
Gemäss der Zwischenrechnung vom 13. Januar 2020 betreffend «Akten-Nr. A1 19 46 19 +
4618; Strafverfahren gegen Herrn A._» wird über den Zeitraum vom 22. August 2019 bis zum
7. Januar 2020 ein Aufwand von insgesamt 104.47 Stunden geltend gemacht (STA-Nr. A1
1946, act. 4.1.4 ff.). Danach hat Rechtsanwältin B._ rund 63.74 Stunden, MLaw E._ 36.90
38│64
Stunden und F._ rund 3.83 Stunden geleistet. Die von MLaw E._ erbrachten Leistungen
werden inhaltlich folgendermassen umschrieben:
22.08.2019 Abklärung Festnahme Klient (Telefon an Staatsanwaltschaft LU, Polizei LU, Staatsan-
waltschaft NW, Telefon von Polizei NW betreffend Terminkoordination für Einver-
nahme) (00h 30m)
23.08.2019 Einvernahme Klient inklusive Wartezeit (01h 45m)
23.08.2019 Hafteinvernahme Klient und Einvernahme Mitbeschuldigter inklusive Wartezeit (03h
30m)
23.08.2019 An- und Rückreise mit ÖV für Einvernahme am Morgen (01h 15m)
23.08.2019 An- und Rückreise mit ÖV für Einvernahmen am Nachmittag (01h 15m)
29.08.2019 Einvernahme Auskunftsperson (01h 15m)
29.08.2019 Besprechung mit Klient (00h 15m)
29.08.2019 An- und Rückreise Einvernahme ZN._-ZZ._-ZN._ mit ÖV (01h 15m)
29.08.2019 Telefon mit Klient (00h 10m)
18.09.2019 Teilnahme an Einvernahme in ZZ._ AO._ (Nachmittag), kurze Nachbesprechung mit
Klient inklusive An- und Rückreise (03h 20m)
18.09.2019 Vorbereitung Einvernahme (00h 20m)
30.09.2019 Aktenstudium, Abklärung der Rechtslage, Redaktion Stellungnahme an Obergericht
Nidwalden (03h 45m)
02.10.2019 Telefon mit Klient (00h 15m)
02.10.2019 Schreiben an Klient (00h 10m)
03.10.2019 Telefon mit Klient (00h 15m)
04.10.2019 Teilnahme an Einvernahme Klient, inklusive Wartezeit, inklusive An- und Rückreise
(03h 55m)
04.10.2019 Schreiben an Klient (00h 10m)
09.10.2019 Telefon mit Klient (00h 17m)
09.10.2019 Telefon mit Herr AJ._ (Polizei) betr. Einvernahme Herr O._ (00h 05m)
10.10.2019 Teilnahme an Einvernahme Klient (W._-Fälle), kurze Nachbesprechung mit Klient in-
klusive An- und Rückreise (04h 00m)
11.10.2019 Teilnahme an Einvernahme von Herr O._ (01h 50m)
11.10.2019 An- und Rückreise ZN._-ZZ._-ZN._ mit ÖV (01h 15m)
24.10.2019 Telefon von Klient (00h 12m)
18.11.2019 Durchsicht und Korrektur Stellungnahme an ZMG (01h 15m)
18.11.2019 Teilnahme an Einvernahme von AF._ (inklusive Wartezeit, Herr AF._ hatte 1h Ver-
spätung), inklusive Vorbesprechung mit Klient (02h 40m)
18.11.2019 An- und Rückreise Einvernahme (01h 15m)
20.11.2019 Ergänzung Deliktsübersicht (00h 45m)
Die von MLaw F._ erbrachten Leistungen werden wie folgt umschrieben:
21.11.2019 An- und Rückreise (01h 15m)
21.11.2019 Teilnahme an Einvernahme V._ (02h 35m)
39│64
Insgesamt geht aus den betreffenden Zwischenrechnungen hervor, dass die von den vier
Rechtspraktikanten erbrachten Leistungen praktisch nur in der Teilnahme an Einvernahmen,
deren Vor- und Nachbereitung, deren An- und Rückreise sowie der Vor- und Nachbespre-
chung mit dem Klienten bestanden.
Die genannten Zwischenrechnungen zeigen sodann, dass Rechtsanwältin B._ beinahe sämt-
liche Telefonate und Korrespondenzen mit dem Beschwerdeführer, dessen Vater und den Ver-
folgungs-, Untersuchungs- und Gerichtsbehörden führte. Zudem sind diverse zeitintensive
Aufwendungen von Rechtsanwältin B._ aufgelistet, die das Aktenstudium inkl. Studium von
Einvernahmeprotokollen, Entscheiden, Verfügungen und Gutachten betreffen. Rechtsanwältin
B._ hat mit Ausnahme einer Replik im Beschwerdeverfahren gegen den Haftentscheid des
Zwangsmassnahmengerichts vom 25. August 2019 alle Rechtsschriften, d.h. sämtliche Stel-
lungnahmen zu den Haftanträgen der Staatsanwaltschaft und die Beschwerden gegen die
Haftentscheide des Zwangsmassnahmengerichts persönlich verfasst (STA-Nr. A1 19 4619,
act. 4.1.31 ff.; 4.1.43 ff.; STA-Nr. A1 19 4619, act. 7.1.1.45 ff.; 7.1.1.75 ff.; 7.1.1.116 ff.;
7.1.1.202; 7.1.1.274 ff.). Darüber hinaus hat sie an der Mehrzahl von Einvernahmen des Be-
schwerdeführers teilgenommen und diese vorbereitet.
Schliesslich ist daran zu erinnern, dass eine wirksame Strafverteidigung nicht bloss die Teil-
nahme an Beweisabnahmen umfasst. Nebst Redaktion von Eingaben, dem Plädieren vor
Schranken und der persönlichen Beratung ist die Grundlage der Verteidigungsarbeit das Fest-
legen der Verteidigungsstrategie. Mit Rücksicht darauf erscheint es verfehlt, die Verteidigungs-
arbeit von Rechtsanwältin B._ allein am zeitlichen Aufwand zu messen und daraus eine pro-
zentuale Aufteilung der Leistungen zwischen ihr und den Rechtspraktikanten ableiten zu wol-
len. Eine derart formelle und einseitige Betrachtungsweise wird der vielschichtigen Aufgabe
eines Strafverteidigers nicht gerecht. Entscheidend ist vielmehr, welche konkreten Arbeiten
Rechtsanwältin B._ persönlich erledigte. So gesehen hat sie die Kerntätigkeit der Strafvertei-
digung bzw. strategisch richtungsweisende Verteidigungsarbeiten selbst erledigt und nicht an
ihre Rechtspraktikanten delegiert. Das Verhältnis der Verteidigungsleistung von Rechtsprakti-
kanten und Rechtsanwältin B._ ist damit nicht zu beanstanden. Rechtsanwältin B._ waren
die Akten bestens bekannt und sie hat die Interessen des Beschwerdeführers sachkundig ver-
treten. Gegen den Einsatz der vier Rechtspraktikanten und Rechtspraktikantinnen ist nichts
einzuwenden, zumal dadurch die Verteidigungsrechte des Beschwerdeführers nicht beein-
trächtigt wurden. Eine Vernachlässigung der Pflichten durch Rechtsanwältin B._, wie sie vom
Beschwerdeführer behauptet wird, ist nicht erwiesen.
40│64
3.7
Der Beschwerdeführer stellt für den Fall, dass das Obergericht die Substituierung für zulässig
erachtet, diverse Beweisanträge (Rechtsbegehren Ziff. II). Das Obergericht Nidwalden habe
die Bezirksgerichte Willisau und Luzern sowie die Staatsanwaltschaft 1 Luzern anzuweisen,
diverse Fragen über die Praktika der beiden Rechtspraktikantinnen MLaw E._ und MLaw
F._ auf das Genaueste zu beantworten (Dauer der Praktika unter Angabe der exakten Daten
des Ein- und Austritts, für welche Abteilungen bzw. welche Richter MLaw E._ und MLaw F._
welche Fälle aus welchen Rechtsgebieten bearbeiteten etc.).
MLaw E._ und MLaw F._ verfüg(t)en offensichtlich über eine Praktikantenbewilligung ge-
mäss Art. 5 Abs. 1 AnwG und handel(te)n unter Verantwortung von Rechtsanwältin B._.
Selbst wenn keinerlei datenschutzrechtliche Bedenken bestünden, wäre es den Bezirksgerich-
ten Willisau und Luzern sowie der Staatsanwaltschaft 1 Luzern kaum zuzumuten, den dama-
ligen Verrichtungen von MLaw E._ und MLaw F._ bis in das letzte Detail nachzuforschen,
insbesondere, weil diese umfangreichen wie zeitraubenden Nachforschungen kaum nennens-
werte Erkenntnisse brächten. Über Tatsachen, die unerheblich, offenkundig, der Strafbehörde
bekannt oder bereits rechtsgenügend erwiesen sind, wird nicht Beweis geführt (Art. 139 Abs.
2 StPO). Der Beweisantrag wird somit abgewiesen.
4.
4.1
Der Beschwerdeführer erblickt im Rückzug der Haftbeschwerde vom 6. April 2020 eine Ver-
letzung der Verteidigungspflichten. Rechtsanwältin B._ habe ihn hinsichtlich der rechtlichen
und praktischen Korrelation zwischen der Untersuchungshaft und dem vorzeitigen Strafvollzug
juristisch falsch beraten. Diese Fehlberatung habe ihn zum Rückzug der Haftbeschwerde be-
wegt und bedeute eine «unwirksame und sogar massiv schädliche Verteidigung».
4.2
Den Erwägungen des Bundesgerichts entsprechend ist vorab der massgebliche Sachverhalt
in Bezug auf die Haftbeschwerde vom 6. April 2020 festzuhalten. Demnach wurde der Be-
schwerdeführer am 21. August 2019 von der Kantonspolizei Nidwalden festgenommen. Mit
Verfügung vom 25. August 2019 (ZM 19 11) versetzte das Zwangsmassnahmengericht den
Beschwerdeführer bis Donnerstag, 21. November 2019, in Untersuchungshaft. Mit Verfügun-
gen vom 19. November 2019 (ZM 19 17) und vom 24. Februar 2020 (ZM 20 9) wurde die
Untersuchungshaft schliesslich bis zum 13. März 2020 verlängert. Mit der zuletzt genannten
41│64
Verfügung wurden Ersatzmassnahmen für die Dauer von sechs Monaten, d.h. bis Freitag,
21. August 2020, angeordnet. In der Folge wurde der Beschwerdeführer am 6. März 2020 aus
der Untersuchungshaft entlassen. Am 12. März 2020 ist gegen den Beschwerdeführer bei der
Kantonspolizei Nidwalden eine Anzeige wegen Erpressung gestellt worden. Daraufhin erliess
die Staatsanwaltschaft Nidwalden einen Haftbefehl und der Beschwerdeführer wurde am
13. März 2020 um 12.10 Uhr von der Kantonspolizei Nidwalden erneut festgenommen und der
Staatsanwaltschaft Nidwalden zugeführt (STA-Nr. A1 20 781, act. 4.1.1 ff.). Mit Verfügung vom
16. März 2020 (ZM 20 17) versetzte das Zwangsmassnahmengericht den Beschwerdeführer
für die Dauer von sechs Monaten, d.h. bis Sonntag, 13. September 2020, in Untersuchungs-
haft (ebd., act. 4.1.22 ff.). Mit Beschwerde vom 17. März 2020 an das Obergericht Nidwalden,
Beschwerdeabteilung in Strafsachen, beantragte Rechtsanwältin namens und im Auftrag des
Beschwerdeführers was folgt (ebd., act. 4.1.43 ff.; damaliges Verfahren BAS 20 2):
« 1. Der Beschwerdeführer sei umgehend aus der Untersuchungshaft zu entlassen.
2. Eventualiter sei die Untersuchungshaft bis 31. März 2020 zu beschränken.
3. Es sei sodann zu prüfen, ob Ersatzmassnahmen ausreichend sind, um den bestehenden Haftgründen
Rechnung zu tragen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MwSt.) im Rahmen der amtlichen Verteidigung zu Lasten
des Staates.»
Gleichentags gelangte der Beschwerdeführer schriftlich an den fallführenden Staatsanwalt.
Sinngemäss verlangte er aufgrund der «unmenschlichen» Einzelhaft die Versetzung in sein
altes Abteil. Er schreibt, «bitte helfen Sie mir, [...] dass ich in mein altes Abteil kann», «ich
habe paranoia, kann nicht schlafen, essen, trinken und drehe durch alleine», «ich kann nicht
mehr!! », «Helfen Sie mir!» (ebd., act. 4.1.39; 4.1.76). Mit einem weiteren Brief (eingegangen
bei der Staatsanwaltschaft Nidwalden am 3. April 2020) bat der Beschwerdeführer explizit da-
rum, so schnell wie möglich in den vorzeitigen Vollzug versetzt zu werden. Er habe es mit
Herrn AK._ besprochen. Aufgrund seiner Einsamkeit und psychischen Verfassung halte er
es alleine in der Haft nicht mehr aus. Er brauche soziale Kontakte, freies Telefonieren mit
seiner Familie und wolle die Therapie mit Frau AL._ weiterführen (ebd., act. 4.1.96).
Mit Eingabe vom 6. April 2020 – welche nun im Streite liegt – zog Rechtsanwältin B._ die
beim Obergericht Nidwalden eingereichte Haftbeschwerde vom 17. März 2020 zurück, da ihr
Mandant so rasch als möglich in den vorzeitigen Vollzug wechseln wolle (ebd., act. 4.1.68).
42│64
4.3
Rechtsanwältin Mauerhofer stellt sich zusammengefasst hauptsächlich auf den Standpunkt,
ein Wechsel in den vorzeitigen Strafvollzug wäre auch während des hängigen Beschwerde-
verfahrens vor Obergericht möglich gewesen, ohne dass ein Rückzug der Haftbeschwerde
notwendig gewesen wäre, womit Rechtsanwältin B._ eine falsche Rechtsauffassung vertrete.
Ihre Fehlberatung habe den Beschwerdeführer zum Rückzug der Haftbeschwerde bewogen.
Gemäss einer internen Aktennotiz vom 6. April 2020 hat Rechtsanwältin B._ bereits Tage
zuvor mit dem Beschwerdeführer diskutiert, ob der Rückzug der Haftbeschwerde und der vor-
zeitige Vollzug Sinn macht. Sie habe ihm jedoch gesagt, es sei sinnvoller, noch die ein, zwei
Wochen bis zum Entscheid [des Obergerichts] abzuwarten (Beilage 2 zum amtl. Beleg 25).
Rechtsanwältin B._ vertritt demnach die von Rechtsanwältin lic. iur. Kim Mauerhofer abwei-
chende Auffassung, wonach sich die Haftbeschwerde und ein Gesuch um vorzeitigen Straf-
vollzug widersprechen. In der Tat ist damit ein Widerspruch verbunden. Mit der fraglichen Haft-
beschwerde wurde das Vorliegen von Haftgründen und damit die Legitimation des Freiheits-
entzugs als solcher bestritten. Die Haftvoraussetzungen müssen allerdings im vorzeitigen
Strafvollzug ebenso wie in der Untersuchungshaft gegeben sein (BGE 143 IV 160 E. 2.3),
denn im Vergleich zur Untersuchungshaft handelt es sich beim vorzeitigen Strafvollzug bloss
um eine andere Vollzugsform der Haft (vgl. BGE 117 Ia 72 E. 1d). Insoweit wäre ein gleichzei-
tiges Gesuch um vorzeitigen Strafvollzug während der hängigen Haftbeschwerde geradezu
paradox gewesen, da über den eigentlichen Haftantrag und damit das Vorliegen der Haftvo-
raussetzungen noch gar nicht rechtskräftig entschieden wurde und der Beschwerdeführer
noch gar nicht rechtskräftig in Untersuchungshaft versetzt worden war.
Von einer Fehlberatung von Rechtsanwältin B._ kann somit nicht die Rede sein. Selbst wenn
eine Fehlberatung vorläge, wäre sie nicht, wie von der Rechtsprechung verlangt, «offensicht-
lich» falsch, zumal die Staatsanwaltschaft in ihrer Stellungnahme ausdrücklich vortrug, dass
sie ein Gesuch um Wechsel in den vorzeitigen Strafvollzug während hängiger Haftbeschwerde
nicht bewilligt hätte. Zudem ist nicht glaubhaft, dass der Beschwerdeführer durch die Beratung
von Rechtsanwältin B._ zum Rückzug der fraglichen Haftbeschwerde bewogen wurde. Viel-
mehr ergibt sich anhand der genannten Briefe des Beschwerdeführers an die Staatsanwalt-
schaft, wie von Rechtsanwältin B._ in der Rückzugserklärung dargetan, dass der Beschwer-
deführer auf Biegen und Brechen von der Untersuchungshaft in den vorzeitigen Vollzug wech-
seln wollte.
Zusammenfassend ist weder dargetan noch ersichtlich, inwiefern dem Beschwerdeführer
durch seinen Rückzug der Haftbeschwerde vom 6. April 2020 ein Nachteil entstanden sein
43│64
soll. Vielmehr hat selbst Rechtsanwältin Mauerhofer erkannt, dass eine Haftüberprüfung bzw.
ein Haftentlassungsgesuch in «vernünftigen Abständen» bzw. in den Grenzen des Rechts-
missbrauchsverbotes jederzeit möglich ist (Art. 228 Abs. 1 i.V.m. Abs. 5 StPO).
5.
5.1
Der Beschwerdeführer wirft seiner vormaligen Verteidigerin ferner eine Schlechtverteidigung
vor, weil sie sowohl gegenüber ihm als auch der aktuellen Verteidigerin «dezidiert» die Mei-
nung vertrete, dass in seinem Fall eine Landesverweisung klar gegeben sei. Rechtsanwältin
Mauerhofer verweist dazu einerseits auf einen handschriftlichen Brief, den der Beschwerde-
führer an das Obergericht richtete (bf-Bel. 7) und andererseits auf einen Mailwechsel zwischen
Rechtsanwältin B._ und dem Vater des Beschwerdeführers vom 2. April 2020 (bf-Bel. 13).
Damit habe Rechtsanwältin B._ dem Beschwerdeführer gesagt, «er werde sowieso ausge-
wiesen».
5.2
Im erwähnten handschriftlichen Brief des Beschwerdeführers vom 22. Juni 2020 legte dieser
seine Sicht zur Ablehnung des ersuchten Wechsels der amtlichen Verteidigung dar. Bezogen
auf Rechtsanwältin B._ führte er darin u.a. aus: «Bei der letzten Einvernahme sagte sie, ich
werde sowieso ausgewiesen anstatt mich zu motivieren, ich musste weinen und hatte Selbst-
mordgedanken.» (bf-Bel. 7).
Am 2. April 2020 gelangte V._ (Vater des Beschwerdeführers) per E-Mail an Rechtsanwältin
B._. Staatsanwalt D._, so V._, habe angekündigt, dass dem Beschwerdeführer «3 Jahre
unbedingt plus Abschaffung» drohten. Der Beschwerdeführer habe nach dieser Ankündigung
einen Zusammenbruch erlitten, weshalb er [V._] wissen wolle, ob Staatsanwalt D._ damit
richtig liege. Rechtsanwältin B._ antwortete darauf gleichentags, sie sei an der Besprechung
dabei gewesen und teile die Einschätzung des Staatsanwaltes. Drei Jahre sei wohl eher tief
geschätzt, es könne durchaus auch mehr sein (bf-Bel. 13).
Demnach vertrat Rechtsanwältin B._ offenbar die Auffassung, dem Beschwerdeführer drohe
eine Landesverweisung, zur Dauer derselben äusserte sie sich jedoch nicht. Rechtsanwältin
Mauerhofer erachtet diese «voreilige Rechtsauffassung» von Rechtsanwältin B._ als «juris-
tisch verfehlt». In diesem Verfahrensstadium könne noch gar nicht beurteilt werden, ob eine
Landesverweisung drohe, die Beweislage sei derart unklar (Beschwerde in Strafsachen, Ziff.
44│64
221 ff.). Der Beschwerdeführer sei zudem FZA-Bürger und es liege ein Härtefall vor. Gerade
bei Anwendbarkeit des FZA bestünden erhebliche Rechtsunsicherheiten und es gäbe noch
keine gesicherte bundesgerichtliche Praxis. Gemäss der ihr bekannten Experten auf dem Ge-
biet des Migrationsstrafrechts müsse ein derart unklarer Fall wie der vorliegende notfalls bis
ans Bundesgericht weitergezogen werden, um aktiv auf die sich erst entwickelnde Bundesge-
richtspraxis einwirken zu können (Beschwerde, Ziff. 160 ff.; Replik vom 17. Dezember 2021,
Ziff. 65 ff.).
5.3
Art. 66a StGB sieht vor, dass von der Anordnung einer obligatorischen Landesverweisung nur
«ausnahmsweise» und unter folgenden kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden
kann: wenn sie (1.) einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und (2.) die öffent-
lichen Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen des Auslän-
ders am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen. Dabei ist der besonderen Situation von
Ausländern Rechnung zu tragen, die in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind
(sog. Härtefallklausel). Die Härtefallklausel dient der Umsetzung des Verhältnismässigkeits-
prinzips und ist restriktiv anzuwenden (BGE 144 IV 332 E. 3.3.1). Das Bundesgericht hat zu
Landesverweisungen unter Berücksichtigung des Abkommens zwischen der Schweiz und der
Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten über die Freizügigkeit (FZA [SR
0.142.112.681]) festgehalten, das FZA enthalte keine strafrechtlichen Bestimmungen und sei
kein strafrechtliches Abkommen (BGE 145 IV 55 E. 3.3). Die Schweiz sei in der Legiferierung
des Strafrechts auf ihrem Territorium durch das FZA nicht gebunden. Jedoch habe sie die
völkervertraglich vereinbarten Bestimmungen des FZA zu beachten (BGE 145 IV 364 E. 3.4.1).
Das FZA berechtige lediglich zu einem doppelt bedingten Aufenthalt in der Schweiz, nämlich
einerseits nach Massgabe der spezifischen Vertragsvereinbarungen als Voraussetzung eines
rechtmässigen Aufenthalts und andererseits nach Massgabe des rechtskonformen Verhaltens
im Sinne von Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA (ebd., E. 3.4.4). Die aufgrund des FZA eingeräumten
Rechte dürfen nach Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA durch Massnahmen, die aus Gründen der
öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Gesundheit gerechtfertigt sind, eingeschränkt werden
(ebd., E. 3.5). Bei der strafrechtlichen Landesverweisung sei deshalb, soweit Staatsangehö-
rige der Mitgliedstaaten der EU betroffen seien, im konkreten Einzelfall zu prüfen, ob die
Massnahme zum Schutze der öffentlichen Ordnung und Sicherheit verhältnismässig sei (ebd.,
E. 3.9). Diesbezüglich hielt das Bundesgericht im Urteil 6B_235/2018 vom 1. November 2018
fest, der schuldig gesprochene Straftäter habe sich offensichtlich nicht an diese Konformitäts-
bedingungen gehalten. Mit dem FZA habe die Schweiz – pointiert formuliert – keine
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F144-IV-332%3Ade&number_of_ranks=0#page332 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2022&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F145-IV-55%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page55
45│64
Freizügigkeit für kriminelle Ausländer vereinbart (E. 3.3). Die Auslegungskriterien zum FZA
sind nur ein Abwägungsaspekt innerhalb von Art. 66a Abs. 2 StGB (STEPHAN SCHLEGEL, in:
Wolfgang Wohlers/Gunhild Godenzi/Stephan Schlegel [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetz-
buch, Handkommentar, 4. Aufl. 2020, N. 16 zu Art. 66a StGB).
5.4
Der Beschwerdeführer wird u.a. der schweren Körperverletzung (Art. 122 StGB) und des Ein-
bruchdiebstahls (Art. 139 i.V.m. Art. 186 StGB) verdächtigt. Dabei handelt es sich um Kata-
logtaten der obligatorischen Landesverweisung. Darüber hinaus besteht beim Beschwerde-
führer der Verdacht auf Begehung anderer Verbrechen und Vergehen, für welche eine nicht
obligatorische Landesverweisung nach Art. 66abis StGB in Frage käme. Vor diesem Hinter-
grund ist die von Rechtsanwältin B._ geäusserte rechtliche Einschätzung zur Landesverwei-
sung nicht zu beanstanden. Selbst die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers macht wie-
derholt geltend, dem Beschwerdeführer drohe eine mehrjährige Haftstrafe und eine Landes-
verweisung, womit ihre Haltung ausgesprochen widersprüchlich erscheint. Hinzu kommt, dass
es sich offensichtlich um eine interne und persönliche rechtliche Einschätzung von Rechtsan-
wältin B._ handelte, die sie im vertraulichen Rahmen gegenüber dem Beschwerdeführer und
(nach Entbindung vom Berufsgeheimnis) dessen Vater kundtat. Die im Regelfall sehr umfas-
sende, objektive und realistische interne Aufklärung unterscheidet sich meist deutlich von der
strategisch geführten Kommunikation nach aussen. Eine Pflichtverletzung liegt damit nicht vor.
Eine solche wäre eher gegeben, wenn Rechtsanwältin B._ den Beschwerdeführer durch un-
realistische und beschönigte Prognosen getäuscht oder belogen hätte. Schliesslich argumen-
tiert Rechtsanwältin Mauerhofer widersprüchlich, wenn sie Rechtsanwältin B._ eine «juris-
tisch verfehlte voreilige Rechtsauffassung» betreffend Landesverweisung vorwirft und gleich-
zeitig den Einsatz von Rechtspraktikanten bei bestimmten Einvernahmen beanstandet, weil
dem Beschwerdeführer «eine mehrjährige Haftstrafe und die Landesverweisung» drohten (vgl.
E. 3.3.1).
5.5
Rechtsanwältin Mauerhofer wirft Rechtsanwältin B._ vor, sie habe «eigenmächtig» und «wi-
der die Interessen des Beschwerdeführers» einen Deal mit der Staatsanwaltschaft angestrebt
und verhandelt (Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 22 f. und Ziff. 214 ff.). Sie habe ihm damit
«eine falsche Strategie» aufdrängen wollen. Es sei pflichtwidrig, «hinter dem Rücken des Be-
schuldigten auf einen behördenfreundlichen Deal hinwirken zu wollen», der nicht in dessen
46│64
Sinne sei, um das Verfahren im eigenen Interesse und im Interesse der Staatsanwaltschaft
möglichst bald abzuschliessen (ebd., Ziff. 228 ff.). Der konkrete Dealvorschlag sei zwischen
Rechtsanwältin B._ und der Staatsanwaltschaft erst kurzfristig besprochen worden, nachdem
sie [Rechtsanwältin Mauerhofer] sich am 8. April 2020 bei der Staatsanwaltschaft und (kolle-
gialiter) bei Rechtsanwältin B._ gemeldet habe (Eingabe vom 31. Januar 2021, Ziff. 3). Dass
Letztere durch die vorliegende Angelegenheit an den Rand ihrer Kapazitäten gebracht worden
sei, ergebe sich aus dem ausufernden Ausmass, in welchem sie Rechtspraktikanten einge-
setzt habe (Beschwerde in Strafsachen, Ziff. 228 ff.). Der Beschwerdeführer habe mit aller
Klarheit gesagt, dass eine Landesverweisung für ihn nicht in Frage komme und nicht verkraft-
bar sei (ebd., Ziff. 223). Die von Rechtsanwältin B._ empfohlene Einwilligung in den Landes-
verweis im Rahmen eines abgekürzten Verfahrens sei unhaltbar. Von der Verhängung eines
Landesverweises durch das Sachgericht könne im vorliegenden Verfahrensstadium klarer-
weise nicht a priori ausgegangen werden (ebd., Ziff. 32).
Der Beschwerdeführer liefert keine objektiven Anhaltspunkte für seine Sachverhaltsdarstel-
lung, die im Übrigen sowohl von der Staatsanwaltschaft als auch Rechtsanwältin B._ bestrit-
ten wird. Laut Staatsanwaltschaft ist die aktuelle Interpretation der damaligen Vorgänge reine
Mutmassung und tatsachenwidrig. Der Austausch zu den Möglichkeiten eines abgekürzten
Verfahrens zwischen dem Beschwerdeführer, der vormaligen Verteidigerin B._ und der
Staatsanwaltschaft habe seinen Anfang nach der erneuten Inhaftierung des Beschwerdefüh-
rers am 13. März 2020 genommen und insbesondere auf dem Wunsch des Beschwerdefüh-
rers nach einem baldigen Verfahrensabschluss und einem Wechsel in den weniger einschnei-
denden vorzeitigen Vollzug beruht. Es habe keinen Zusammenhang mit der Mandatierung von
Rechtsanwältin Mauerhofer bestanden. Die Staatsanwaltschaft habe am 9. April 2020 direkten
Kontakt mit dem damals inhaftierten Beschwerdeführer aufgenommen, um sich dessen Man-
datierung von Rechtsanwältin Mauerhofer bestätigen zu lassen. Im Rahmen dieses Telefon-
gesprächs habe der Beschwerdeführer von sich aus nach den Rahmenbedingungen eines
möglichen abgekürzten Verfahrens gefragt (z.B. Welche Straftaten werden für den Schuld-
spruch berücksichtigt? In welcher Haftanstalt wird die Strafe vollzogen? Wie wird die Landes-
verweisung umgesetzt? Hat er im Strafvollzug die Möglichkeit, seine Abstinenz zur Wiederer-
langung des Führerausweises zu belegen?). Nachdem der Beschwerdeführer vorab bereits
von Rechtsanwältin B._ über die Eckpunkte eines möglichen abgekürzten Verfahrens infor-
miert worden sei, habe man die Fragen beantwortet. Zu den konkreten Fragen des Vollzugs
der Strafe und der Massnahme sei er an den Vollzugs- und Bewährungsdienst Nidwalden
verwiesen worden.
47│64
Rechtsanwältin B._ wehrt sich gegen die Vorwürfe des Beschwerdeführers, indem sie glaub-
haft angibt, den Beschwerdeführer bezüglich des von der Staatsanwaltschaft unterbreiteten
Dealvorschlags mit all seinen Bestandteilen ausdrücklich auf die Vorteile und Nachteile hinge-
wiesen zu haben. Sie habe ihn einerseits über die möglichen Vorteile eines solchen Deals
informiert, namentlich die Tatsache, dass die Dauer der Landesverweisung tiefer angesetzt
werde und er nach Ablauf der Frist als FZA-Bürger wieder in die Schweiz einreisen könne oder
mit seiner Freundin an die deutschschweizerische Grenze ziehen könne. Sie habe sodann als
weiteren Vorteil die Dauer der Strafe angeführt, zumal die Staatsanwaltschaft deutlich ge-
macht habe, welche Strafe sie anklagen wolle, wenn es zu keinem Deal komme. Zudem wäre
dann das Verfahren deutlich kürzer gewesen und der Beschwerdeführer hätte bald Klarheit
gehabt, zumal er sich zu diesem Zeitpunkt wiederum in Haft befunden habe und damit nur
sehr schwer zurechtgekommen sei. Sie habe dem Beschwerdeführer auch die Nachteile eines
Deals aufgezeigt, so dass damit eine Landesverweisung akzeptiert wird, ohne sicher zu wis-
sen, ob auch ein Gericht eine solche ausgesprochen hätte. Es entspreche ihrem üblichen (und
somit auch dem gegenüber dem Beschwerdeführer angewandten) Vorgehen, bei einem mög-
lichen Deal pflichtgemäss immer beide Varianten darzulegen sowie auch auf die Unsicherhei-
ten im ordentlichen Verfahren sowie im abgekürzten Verfahren hinzuweisen. Dabei mache sie
auch stets deutlich, dass es alleine die Entscheidung des Beschuldigten sei, ob er den Deal
akzeptieren wolle oder nicht.
Aus den pauschalen, ungebührlichen Anschuldigungen und Behauptungen des Beschwerde-
führers ergeben sich keine objektiven Anhaltspunkte für eine unzureichende amtliche Vertei-
digung. Insbesondere reicht es nicht, dass die amtliche Verteidigung dem Beschuldigten im
Hinblick auf die Durchführung des abgekürzten Verfahrens mögliche Szenarien darlegt.
6.
6.1
Der Beschwerdeführer bringt verschiedene Umstände vor, die aus seiner Sicht eine irrepa-
rable Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses zwischen ihm und der vormaligen Verteidigung
aufzeigen.
6.2
Nach Art. 134 Abs. 2 StPO, überträgt die Verfahrensleitung die amtliche Verteidigung einer
anderen Person, wenn das Vertrauensverhältnis zwischen der beschuldigten Person und ihrer
amtlichen Verteidigung erheblich gestört ist. Dahinter steht die Idee, dass eine amtliche
48│64
Verteidigung in jenen Fällen auszuwechseln ist, «in denen auch eine privat verteidigte be-
schuldigte Person einen Wechsel der Verteidigung vornehmen würde». Wird die subjektive
Sichtweise des Beschuldigten in den Vordergrund gestellt, bedeutet dies aber nicht, dass allein
dessen Empfinden für einen Wechsel der Verteidigung ausreicht. Vielmehr muss diese Stö-
rung mit konkreten Hinweisen, die in nachvollziehbarer Weise für ein fehlendes Vertrauens-
verhältnis sprechen, belegt und objektiviert werden. Der blosse Wunsch des Beschuldigten,
nicht mehr durch den ihm beigegebenen Verteidiger vertreten zu werden, reicht für einen
Wechsel nicht aus (BGE 138 IV 161 E. 2.4). Ebenso genügt nicht, wenn der Beschuldigte
seinem Verteidiger aus subjektiven Motiven das Vertrauen abspricht und es nicht offensichtlich
ist, dass das Verhalten des Pflichtverteidigers den Interessen der Partei ernsthaft schadet
(BGE 138 IV 161 E. 2.4; BGE 114 Ia 101 E. 3; Urteil BGer 1B_166/2020 vom 25. Juni 2020
E. 3.1.2).
6.3
Soweit der Beschwerdeführer zunächst ausführt, Rechtsanwältin B._ bestreite das Vorliegen
eines zerrütteten Vertrauensverhältnisses nach wie vor nicht (Beschwerde Ziff. 170 S. 22), er-
weist sich dies, laut der angefochtenen Verfügung (dortige S. 3 f.), als offensichtlich aktenwid-
rig.
Sodann führt der Beschwerdeführer aus, Rechtsanwältin B._ habe ihn seit seiner Verhaftung
am 21. August 2019 nur zweimal persönlich im Gefängnis besucht. Vom Beschwerdeführer
wird jedoch nicht nachvollziehbar und objektiviert dargelegt, warum weitere Gefängnisbesuche
in dieser Zeit wirklich angezeigt gewesen wären. Soweit er klagt, Rechtsanwältin B._ habe
ihn nur zu Verteidigungszwecken bzw. aus «eigenen Interessen» besucht, scheint er zu über-
sehen, dass zwischen der amtlichen Verteidigung und einem Beschuldigten kein Freund-
schafts-, sondern ein Mandatsverhältnis besteht. Mit Blick auf das Gebot der Kosteneffizienz
bzw. unnötige Verfahrenshandlungen zu vermeiden, können von der amtlichen Verteidigung
keine grundlosen und unnötigen Besuche erwartet werden. So sieht etwa der Leitfaden für
amtliche Mandate im Strafverfahren der Oberstaatsanwaltschaft und Oberjugendanwaltschaft
des Kantons Zürich vor, dass in Untersuchungsphasen ohne wichtige Untersuchungshandlun-
gen die in Haft befindliche beschuldigte Personen soweit wie möglich schriftlich über den
Stand des Verfahrens zu informieren ist. In den übrigen Fällen seien periodische, kurze Besu-
che geboten und daher zu entschädigen (Stefan Heimgartner/Beda Harb, Amtliche Mandate,
Leitfaden, 3. Aufl. 2016, S. 56, abrufbar unter: https://www.zh.ch/content/dam/zhweb/bilder-
dokumente/themen/sicherheit-justiz/strafverfahren/LeitfadenAM_Stand%20Februar%202022
49│64
.pdf; vgl. auch Urteil BGer 1B_397/2018 vom 16. Oktober 2018 E. 2.3 f.). Rechtsanwältin B._
hielt sowohl mit dem Beschwerdeführer (Brief, Telefon) als auch mit dessen Vater (Mail, Tele-
fon) jederzeit Kontakt (vgl. Zwischenrechnungen STA-Nr. A1 19 4619, act. 4.1.4 ff. und 4.1.245
ff.; STA-Nr. A1 18 5398, act. 4.2.13 ff.). Aus den vom Beschwerdeführer eingereichten Belegen
ergibt sich sodann, dass sie seinem Vater jeweils umgehend auf Anfragen antwortete. Am
13. März 2020 teilte der Vater der Verteidigerin um 12.15 Uhr die Verhaftung mit und sie ant-
wortete trotz Mittagszeit, bloss zwei Minuten später, um 12.17 Uhr (bf-Bel. 6). Am 2. April 2020
schrieb der Vater der Verteidigerin um 10.00 Uhr eine E-Mail, die von der Verteidigerin um
11.32 Uhr beantwortet wurde (bf-Bel. 13). Daneben erfolgte jeweils vor und nach den Einver-
nahmen ein Informationsaustausch unter Wahrung des Berufsgeheimnisses. Vor diesem Hin-
tergrund ist nicht erkennbar, inwiefern weitere Gefängnisbesuche für eine wirksame Verteidi-
gung tatsächlich notwendig gewesen wären. Ebensowenig erhellt objektiv betrachtet, inwie-
fern daraus eine Vertrauensstörung hervorgegangen sein soll. Selbiges gilt für die Vorwürfe
des Beschwerdeführers, es habe «nur eine rudimentäre und kurze Vorbereitung der Einver-
nahmen» gegeben, Rechtsanwältin B._ habe keine Strategie mit ihm erarbeitet, ihn schlecht
oder gar nicht informiert. Aus den Akten ergeben sich keinerlei objektive Anhaltspunkte hierfür,
was bereits in der vorstehenden Erwägung 3.5 festgehalten wurde. Dass der Beschwerdefüh-
rer abweichende Vorstellungen über die Verteidigungsstrategie oder über das Mandatsver-
hältnis hat, reicht für eine Störung des Vertrauensverhältnisses und somit einen Wechsel der
amtlichen Verteidigung jedenfalls nicht aus.
6.4
Weiter verweist der Beschwerdeführer auf sein handschriftliches Schreiben an das Oberge-
richt vom 22. Juni 2020 (bf-Bel. 7) und auf mehrere Briefe an Familie und Partnerin (bf-Bel.
4-11 zur Replik vom 17. Dezember 2021), aus denen hervorgehen soll, dass das Verhältnis
zur vormaligen Verteidigung längst zerrüttet gewesen sein soll.
In den genannten Briefen an Familie und Partnerin wird Rechtsanwältin B._ mehrmals er-
wähnt. Im Brief an seine Freundin (AG._), von der Staatsanwaltschaft gestempelt am 23.
Oktober 2019 (bf-Bel. 4 zur Replik vom 17. Dezember 2021), schreibt der Beschwerdeführer:
[...] «Da ish alles ungerecht s ganze System die schicket Psychater wo für de Staat schafet,
und Pro Guedachte 1000 Fr verdienet und extra schlecht Guedachte erstellet bi verschiedene
Häftlinge! Den glaubets aschuldigunge wo ned stimmet. Mi Vater söll mit de Frau B._ mal
Klartext mache! die soll ihre Arsch Bewege verdamt! Und gege das vorgah!» [...]. Im Brief an
seinen Vater, von der Staatsanwaltschaft gestempelt am 25. Oktober 2019 (bf-Bel. 5 zur Replik
50│64
vom 17. Dezember 2021) schreibt der Beschwerdeführer: [...] «Die haben scheisse in die Zei-
tung gestellt am Sonntag 20.10.19. Schreiben öffentlich über Haftgrunde Flucht und wieder-
holung gefahr wenn ich was darüber schreibe Bolocken Sie alle Briefen schon 8 stk! Plus ist
alles voll übertrieben! Aus einer Mücke Machen die ein Elefant! Die wollen mich einfach nur
Fertig machen! Frau B._ macht nix und lasst sich alles gefallen was die schreiben! Die soll
sich mal anstrengen!! Sie ist auch nur eine Pflichtverteidigerin und Kassiert Geld vom Staat
und arbeitet für den Staat!» [...] «B._ kriegt es nicht auf die Reihe mach ein Thermin bei Ihr
kann alles nicht wahr sein!» [...].
In den Briefen an seinen Vater, von der Staatsanwaltschaft gestempelt am 25. März 2020 (bf-
Bel. 6, 7 und 10 zur Replik vom 17. Dezember 2021) schreibt der Beschwerdeführer: [...] «Bitte
nimm ein Neuer Anwalt zahle Dir das zurück von meiner Säule» [...] «Papa Ich weiss nicht
mehr weiter wir müssen bitte ein anderen Anwalt nehmen sonst sehe Ich schwarz Ich habe
wirklich keine Kraft mehr nochmal so lange durch zu halten» [...] «Wegen nichts sitze Ich jetzt
schon wieder da  Ich bezahle Dir das Geld für einen anderen Anwalt von meiner Säule» [...].
Im Brief des Beschwerdeführers an seine Freundin, von der Staatsanwaltschaft gestempelt
am 25. März 2020 (bf-Bel. 8 und 9 zur Replik vom 17. Dezember 2021) schreibt der Beschwer-
deführer: [...] «Ich ha die letzte 3 Täg Fritig – hüt Mäntig ned chönne schlafe nüd esse & bin
allei  Ich ha kei Kraft meh Schatz es tut mir so weh & Leid das mir wieder trennt sind Ich
glaub das ned. Mi Vater soll etz en bessere Awalt nä Landmann vo Züri Ich zahle im das zrug
vo minere Süle 3a» [...] «Ich wot nöm da inne Sie!» [...] «Mi Vater söll de Bosone als Awalt
näh Ich zahle im das vo minere Süle 3a. zrugg!» [...] «Du kannst auch Eine Vollmacht von
meiner Bank haben & das Geld von der Säule Holen das Papier dazu wird vom Handelsregis-
ter geschickt! Von dem Geld kannst du den Anwalt zahlen brauch ein besseren! Ich fühle mich
so schlecht hab langsam keine Kraft mehr» [...]. Am 29. März 2020 schreibt der Beschwerde-
führer an seinen Vater: «B._ schaff das nicht! Sie schaft nichtmal mich jetzt raus zuhohlen
obwohl ich unschuldig bin... Ich möchte mit AG._ eine gute Zukunft was Ich Ihr & Euch ange-
tan habe, bereue Ich» [...] (bf-Bel. 11 zur Replik vom 17. Dezember 2021).
In seinem an das Obergericht gerichteten Brief vom 22. Juni 2020 schreibt der Beschwerde-
führer, er habe im Februar 2020 im Gefängnis die Strafprozessordnung gelesen. Nach langem
Recherchieren sei er auf Fehler von Rechtsanwältin B._ gestossen. Aus diesem und anderen
Gründen habe er ihr nicht mehr vertraut. Er habe den Eindruck gehabt, er müsse die ganze
Arbeit selber tun und sich selber verteidigen. Rechtsanwältin B._ habe von Anfang an keine
Motivation gehabt. Als er sie auf ihre Fehler hingewiesen habe, sei er immer abgewiesen wor-
den. Sie habe ihn zum Beispiel nicht über seine Teilnahmerechte informiert. Es wäre auch ihre
51│64
Aufgabe gewesen, an den Einvernahmen mit I._ und H._ teilzunehmen, diese zu planen
und zu organisieren. Er habe sich bei ihr über das psychologische Gutachten von Herrn AM._
beklagt. Dieser habe das Gutachten nicht innert der gesetzlichen Frist erstattet. Rechtsanwäl-
tin B._ habe ihn immer abgewiesen und «wie ein Staatsanwalt» geredet. Das habe ihn scho-
ckiert und er habe ihr nicht mehr richtig vertrauen können. Schliesslich habe sie zur verpassten
Frist des Gutachters keine Stellung nehmen wollen, was ihn dazu bewogen habe, gemeinsam
mit seinem Vater nach einer neuen Verteidigerin zu suchen. Sie habe auch nie richtig mit
seiner Familie kommuniziert. An den Briefen an seinen Vater und seine Freundin sehe man,
dass er bereits damals unsicher gewesen sei. Nun habe sich «sein schlechtes Gefühl» bestä-
tigt.
In den erwähnten Briefen des Beschwerdeführers vom Oktober 2019 beklagt er sich ganz
allgemein über Gutachten zu Häftlingen und einen offenbar veröffentlichten Zeitungsbericht.
Aus den diesbezüglich pauschal gehaltenen Anweisungen und Anschuldigungen des Be-
schwerdeführers an/gegen seine vormalige Verteidigung erhellt nicht, welche konkreten und
unerlässlichen Prozesshandlungen sie gestützt darauf hätte vornehmen sollen. Eine objekti-
viert belegte Störung des Vertrauensverhältnisses ist nicht erkennbar. Das Gutachten von
Dr. med. AM._ lag, soweit der Beschwerdeführer sich überhaupt darauf bezieht, zu diesem
Zeitpunkt noch nicht vor. Der entsprechende Auftrag zur Erstellung eines forensisch-psychiat-
rischen Gutachtens und eine Erweiterung desselben wurden von der Staatsanwaltschaft erst
am 9. September bzw. 26. September 2019 angeordnet (STA-Nr. A1 18 5398, act. 9.3.1 ff.).
Zum Gutachtensauftragsentwurf machte Rechtsanwältin B._ schriftlich mehrere Einwände
geltend. So etwa in Bezug auf die darin vorgenommene Schilderung des Sachverhalts und
Formulierung verschiedener Fragen (ebd., act. 9.3.13 f.). Insofern kann ihr jedenfalls keine
Untätigkeit vorgeworfen werden.
Gemäss den genannten Briefen äusserte der Beschwerdeführer erstmals Ende März 2019
den Wunsch auf Wechsel der amtlichen Verteidigung. Offensichtlich spielte dabei jedoch die
Frustration des Beschwerdeführers über seine erneute Inhaftierung eine tragende Rolle. Der
Beschwerdeführer geriet nur kurz nach seiner Entlassung erneut ins Visier der Strafverfol-
gungsbehörden, indem er dringend verdächtigt wurde, einen Erpressungsversuch begangen
zu haben. Zum entsprechenden Haftantrag der Staatsanwaltschaft hat Rechtsanwältin B._
am 15. März 2020 ausführlich Stellung genommen und damit die Interessen des Beschwerde-
führers sachkundig und engagiert vertreten (STA-Nr. A1 20 781, act. 4.1.31). Objektiv betrach-
tet lässt sich auch in diesem Zusammenhang kein Vertrauensbruch begründen, zumal die er-
neute Inhaftierung des Beschwerdeführers sicherlich nicht von Rechtsanwältin B._ zu
52│64
verantworten ist. Gegen den Beschwerdeführer laufen immerhin rund 10 verschiedene Straf-
untersuchungen mit teilweise gravierenden Vorwürfen. Die diesbezüglichen subjektiven Vor-
stellungen des Beschwerdeführers zur Führung eines amtlichen Mandats stimmen nicht mit
der Realität überein. Für die Annahme, dass das Vertrauensverhältnis zwischen dem Be-
schwerdeführer und Rechtsanwältin B._ gestört ist, reicht das persönliche Empfinden des
Beschwerdeführers allein nicht aus. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist der
amtliche Verteidiger denn auch nicht bloss das unkritische Sprachrohr seines Mandanten
(BGE 126 I 194 E. 3d S. 199; Urteil BGer 1B_645/2011 vom 14. März 2012 E. 2.3 je mit
Hinweisen). Für einen Verteidigerwechsel genügt deshalb nicht, wenn die Verteidigung eine
problematische, aber von der beschuldigten Person gewünschte und verlangte Verteidigungs-
strategie nicht übernimmt, oder wenn sie nicht bedingungslos glaubt, was die beschuldigte
Person zum Delikt sagt, und das nicht ungefiltert gegenüber den Behörden vertritt (BGE 138
IV 161 E. 2.4). Vor diesem Hintergrund lässt sich eine erhebliche Störung des Vertrauensver-
hältnisses auch nicht darin erblicken, dass sich Rechtsanwältin B._ weigerte, das vom Be-
schwerdeführer monierte Fristversäumnis betreffend Gutachten von Dr. med. AM._ geltend
zu machen. Es liegt im Ermessen der Verteidigung, welche rechtlichen Einwände sinnvoll sind.
Davon abgesehen existiert in diesem Zusammenhang gar keine gesetzliche Frist (vgl. Art. 182
ff. StPO). Damit zeigt sich, wie schwer die wirren Äusserungen des Beschwerdeführers über-
haupt in einen juristischen Kontext zu setzen sind.
Zu keinem anderen Schluss führt die Rüge des Beschwerdeführers, er habe anlässlich seiner
Einvernahme bei der Polizei Beweisvorschläge gemacht, worauf ihn Rechtsanwältin B._ «so-
gar zurechtwies». Es scheint fraglich, ob es dem Beschwerdeführer als Laie überhaupt mög-
lich ist realistisch zu beurteilen, ob ein Beweisantrag im Rahmen der Verteidigungsstrategie
tatsächlich zielführend ist. Insofern empfiehlt es sich zumindest, Beweisanträge vorgängig von
der Verteidigung prüfen zu lassen. Für einen Verteidigerwechsel genügt nicht, wenn die Ver-
teidigung nicht unbesehen eine problematische, aber vom Beschuldigten gewünschte Vertei-
digungsstrategie nicht übernimmt. Es liegt im Zweifelsfall im Ermessen des Verteidigers, zu
entscheiden, welche Beweisanträge und juristische Argumentation sachgerecht ist.
6.5
Rechtsanwältin Mauerhofer rügt weiter, die vormalige Verteidigung habe die Verlobte des Be-
schwerdeführers angeschwärzt. Dabei bezieht sie sich auf eine Aktennotiz der Staatsanwalt-
schaft vom 17. September 2019. Daraus geht hervor, dass Rechtsanwältin B._ der Staats-
anwaltschaft telefonisch mitteilte, AG._ habe mehrfach versucht, mit ihr in Kontakt zu treten,
53│64
um Einfluss auf die Verfahren des Beschwerdeführers zu nehmen. Sie werde diese Kontakt-
aufnahmen ablehnen und weitere Versuche der Staatsanwaltschaft melden (STA-Nr. A1 19
4619, act. 7.1.1.155). Soweit die Rechtsvertreterin diesbezüglich geltend macht, Rechtsan-
wältin B._ schade damit der Glaubwürdigkeit von Frau AG._ und der Glaubwürdigkeit des
Beschwerdeführers, kann ihr nicht gefolgt werden. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Indem
AG._ Rechtsanwätlin B._ kontaktierte, riskierte sie aufgrund von Kollusionsgefahr, bei ihrer
Befragung als Zeugin an Glaubwürdigkeit zu verlieren. In Kenntnis dieses Risikos stellte
Rechtsanwältin B._ gegenüber der Staatsanwaltschaft richtigerweise klar, dass sie sich auf
keine Diskussionen zum vorliegenden Fall mit AG._ eingelassen hatte. Aus wertfreier Sicht
vermochte das Vertrauensverhältnis dadurch keinen erheblichen Schaden nehmen.
6.6
Nicht mit objektiven Hinweisen untermauert und von Rechtsanwältin B._ bestritten ist
schliesslich die Behauptung des Beschwerdeführers, diese habe ihm gegenüber mehrmals
gesagt: „De mues i scho widr uf Stans??". Gleiches gilt für den Vorwurf des Beschwerdefüh-
rers, er sei deswegen entgegen seines Wunsches veranlasst worden, auf die persönlichen
Anhörungen vor dem Zwangsmassnahmengericht zu verzichten. Auch unter diesem Blickwin-
kel rechtfertigt sich deshalb kein Wechsel der amtlichen Verteidigung.
6.7
Der Beschwerdeführer sieht eine Pflichtverletzung der vormaligen Verteidigung und ein Ver-
trauensverlust, indem diese auf dessen expliziten Wunsch vom 13. März 2020 darauf verzich-
tet habe, die Einvernahme von AN._ zu beantragen. Auch damit zielt er aber ins Leere. Sollte
der Beschwerdeführer diesen Wunsch tatsächlich geäussert haben, liegt es, wie bereits mehr-
fach erwähnt, im Ermessen der Verteidigung zu beurteilen, welche Beweisanträge zu welchem
Zeitpunkt sinnvoll sind. Darüber hinaus wurden mit dem vorläufigen Verzicht keine Rechte
verwirkt. Beweisanträge können im Untersuchungsverfahren jederzeit gestellt werden (vgl. Art.
318 StPO). Ein Wechsel der amtlichen Verteidigung rechtfertigt sich durch diese (angebliche)
Meinungsverschiedenheit jedenfalls nicht.
6.8
Schliesslich mutmasste der Beschwerdeführer in der Eingabe ans Bundesgericht vom 2. Ja-
nuar 2021 über ein Treffen zwischen Rechtsanwältin B._ und Staatsanwalt D._, bei wel-
chem die Verhinderung des Wechsels der amtlichen Verteidigung besprochen worden sein
54│64
soll. Diese Zusammenkunft soll nach dem Gefängnisbesuch am 17. April 2020 stattgefunden
haben; er [der Beschwerdeführer] habe dies zufällig mitbekommen. Auch mit dieser Argumen-
tation vermag der Beschwerdeführer weder eine Vertrauensstörung noch eine Pflichtverlet-
zung zu begründen, zumal es sich um eine durch nichts belegte Parteibehauptung handelt.
6.9
Der Beschwerdeführer macht insgesamt keine konkreten, objektiven Anhaltspunkte geltend,
die eine erhebliche Störung des Vertrauensverhältnisses glaubhaft machen. Sein subjektives
Empfinden allein reicht für einen Wechsel der amtlichen Verteidigung nicht aus. Ergänzend zu
bemerken ist, dass der Beschwerdeführer anlässlich diverser Einvernahmen darauf hingewie-
sen wurde, dass er jederzeit eine Verteidigung nach freier Wahl und auf seine Kosten beizie-
hen kann. Dabei wurde ihm zudem die Gelegenheit geboten, Fragen oder Bemerkungen zu
äussern. Bis zum Einsatz seiner Wahlverteidigerin hat er jedoch Rechtsanwältin B._ zu kei-
nem Zeitpunkt kritisiert oder sich über den Einsatz der Rechtspraktikanten beschwert. Indem
zum Zeitpunkt des Gesuchs um Wechsel der amtlichen Verteidigung vom 14. April 2020 weder
das Vertrauensverhältnis zwischen dem Beschwerdeführer und der vormaligen Verteidigung
erheblich gestört noch eine wirksame Verteidigung aus anderen Gründen nicht mehr gewähr-
leistet war, gab es keinen Grund, die amtliche Verteidigung einer anderen Person im Sinne
von Art. 134 Abs. 2 StPO zu übertragen.
7.
7.1
Zu prüfen ist schliesslich, ob Rechtsanwältin Mauerhofer rückwirkend ab 14. April 2020 bis
und mit 4. August 2021 als amtliche Verteidigerin von A._ einzusetzen ist.
7.2
Liegt ein Fall notwendiger Verteidigung vor, so achtet die Verfahrensleitung darauf, dass un-
verzüglich eine Verteidigung bestellt wird (Art. 131 Abs. 1 StPO). Gemäss Art. 132 Abs. 1 lit. a
Ziff. 1 und 2 StPO ordnet die Verfahrensleitung eine amtliche Verteidigung an, wenn im Falle
notwendiger Verteidigung die beschuldigte Person trotz Aufforderung der Verfahrensleitung
keine Wahlverteidigung bestimmt oder der Wahlverteidigung das Mandat entzogen wurde oder
sie es niedergelegt hat und die beschuldigte Person nicht innert Frist eine neue Wahlverteidi-
gung bestimmt. Sind die Voraussetzungen für eine amtliche Verteidigung gegeben, so gilt die
bewilligte amtliche Verteidigung grundsätzlich für das gesamte Verfahren, solange die
55│64
Voraussetzungen für die amtliche Verteidigung gegeben sind. Fallen diese weg, entfällt auch
die amtliche Verteidigung (NIKLAUS RUCKSTUHL, a.a.O., N. 5 zu Art. 132 StPO). Eine Überprü-
fung bzw. Bestätigung durch das Gericht ist – abgesehen von Art. 134 StPO – nicht erforderlich
(NIKLAUS SCHMID/DANIEL JOSITSCH, a.a.O., Rz. 750). Nach Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO ordnet
die Verfahrensleitung über die genannten Fälle der notwendigen Verteidigung hinaus eine
amtliche Verteidigung an, wenn die beschuldigte Person nicht über die erforderlichen Mittel
verfügt und die Verteidigung zur Wahrung ihrer Interessen geboten ist (Urteil BGer
6B_800/2016 vom 25. Oktober 2017 E. 7.3 mit Verweis auf BGE 139 IV 113 E. 4).
7.3
Noch als Wahlverteidigerin des Beschwerdeführers ersuchte Rechtsanwältin Mauerhofer die
Staatsanwaltschaft mit Eingabe vom 7. Oktober 2020 die amtliche Verteidigung durch Rechts-
anwältin B._ bis zum Entscheid des Bundesgerichts über den Wechsel der amtlichen Vertei-
digung zu sistieren (STA-Nr. A1 19 4619, act. 4.1.217 ff.). Bis zum Entscheid des Bundesge-
richts über den (rückwirkenden) Wechsel der amtlichen Verteidigung sei sie die Wahlverteidi-
gerin des Beschwerdeführers und werde dementsprechend auch privat von der Familie des
Beschwerdeführers bezahlt. Ihr Gesuch um Wechsel der amtlichen Verteidigung vom 14. Ap-
ril 2020 bedeute keineswegs den Verzicht darauf, in der Zwischenzeit als Wahlverteidigerin
am Verfahren beteiligt zu sein. Amtliche Verteidigung sei formell nach wie vor Rechtsanwältin
B._. Das Gesuch vom 14. April 2020 habe sie in der Rolle der Wahlverteidigerin gestellt, sie
sei ja offensichtlich (noch) nicht als amtliche Verteidigerin eingesetzt, sondern auf Wunsch und
auf Kosten des Beschwerdeführers bzw. dessen Familie tätig. Sie habe weder mit Gesuch
vom 14. April 2020 noch zu einem späteren Zeitpunkt darum ersucht, gleichzeitig Wahlvertei-
digerin und amtliche Verteidigerin zu sein. Vielmehr sei sie von Anfang an bis auf Weiteres per
se Wahlverteidigerin und sie sei als solche im expliziten Auftrag ihres Mandanten bestrebt,
den Wechsel der amtlichen Verteidigung (rückwirkend) zu erwirken bzw. (rückwirkend) als
amtliche Verteidigerin eingesetzt und entschädigt zu werden. Die Einreichung ihrer Vollmacht
als Wahlverteidigerin bedeute längst ein Widerrufsgrund nach Art. 134 StPO. In Konstellatio-
nen wie der vorliegenden, in der bei Bestehen einer Wahlverteidigung kein Widerruf der amt-
lichen Verteidigung erfolgen solle, sei mit Verweis auf das Urteil BGer 1B_507/2019 vom
24. Juni 2020 mindestens die Sistierung der amtlichen Verteidigung zu verfügen. Sollte das
Bundesgericht die Beschwerde abweisen, laufe die Wahlverteidigung durch die Unterzeich-
nete weiter wie bisher. Werde die Beschwerde gutgeheissen, werde die Unterzeichnete rück-
wirkend als amtliche Verteidigerin eingesetzt. Die notwendige Verteidigung des Beschwerde-
führers sei durch ihre Mandatierung, welche bis auf Weiteres einer Wahlverteidigung
56│64
gleichkomme, gesichert. Es sei weder im Interesse des Staates noch im Interesse ihres Man-
danten, dass diesem eine (erst noch absolut nicht erwünschte) amtliche Verteidigung auf
Staatskosten zur Seite gestellt und (vor-)finanziert werde, wenn offensichtlich (bis auf Weite-
res) eine Wahlverteidigung voll im Einsatz und privat bezahlt sei. Die zusätzliche aktive Ver-
teidigung durch die amtliche Verteidigung sei schlicht nicht erforderlich. Hinzu komme, dass
die aktive amtliche Verteidigung durch Rechtsanwältin B._ unwirksam sei, da sie nicht über
die aktuellen Entwicklungen informiert sei und keine Besprechungen von Rechtsanwältin B._
mit ihrem Mandanten stattfänden, da diese ja seinem expliziten Wunsch entsprechend allein
durch sie erfolgen würden. Wie bereits mehrfach geltend gemacht, ersuche ihr Mandant expli-
zit darum, allein durch sie aktiv verteidigt zu werden bzw. wünsche er explizit keine aktive
Verteidigung durch Rechtsanwältin B._ und deren Praktikanten. Mit der Sistierung der amtli-
chen Verteidigung könne diesen Umständen sachgerecht Rechnung getragen werden. Im In-
teresse der Staatsanwaltschaft wäre die notwendige Verteidigung selbst dann gesichert, wenn
die Wahlverteidigung wider Erwarten nicht mehr gewährleistet werden könnte, wovon nicht
auszugehen sei. Wie bereits zuvor mit Rechtsanwältin B._ vereinbart, könne die sistierte amt-
liche Verteidigung jeweils im Nachgang über die wesentlichen Verfahrensschritte orientiert
werden (Zustellung der Einvernahmeprotokolle und Rechtsschriften sowie Verfügungen etc.).
Wenn der Beschwerdeführer bzw. seine Familie es ihren Rechten entsprechend aufgrund der
bestens bekannten geltend gemachten Umstände (mehrfache schwere Pflichtverletzungen
durch die amtliche Verteidigung) auf sich nähmen, eine Wahlverteidigung (bis auf Weiteres)
privat zu finanzieren, sei es fehl am Platz, ihnen grundlos zusätzlich das Risiko aufzubürden,
nach Abschluss des Verfahrens für die Kosten der amtlichen (unwirksamen) Verteidigung seit
Mandatierung der Wahlverteidigung aufkommen zu müssen.
7.4
Mit Verfügung vom 23. Oktober 2020 sistierte die Staatsanwaltschaft die amtliche Verteidigung
von Dr. iur. B._ mit Wirkung ab dem 1. November 2020 bis zum Vorliegen eines rechtskräfti-
gen Entscheides im Rechtsmittelverfahren gegen die Verfügung der Staatsanwaltschaft
Nidwalden vom 10. Juni 2020 betreffend Widerruf der amtlichen Verteidigung. Die Staatsan-
waltschaft hielt fest, über die Weiterführung der amtlichen Verteidigung sei nach Vorliegen
eines rechtskräftigen Entscheides im erwähnten Rechtsmittelverfahren neu zu befinden. Sollte
bis dahin die Verteidigung des Beschuldigten nicht mehr gewährleistet sein, werde die Sistie-
rung aufgehoben und die amtliche Verteidigung durch Dr. iur. B._ weitergeführt (STA-Nr. A1
19 4619, act. 4.1.231 ff.).
57│64
7.5
Gemäss Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 13. Juli 2021 (Eingang beim Obergericht:
6. August 2021) hat Rechtsanwältin Mauerhofer schliesslich am 9. Juni 2021 die Sistierung
der Strafuntersuchungen gegenüber dem Beschwerdeführer verlangt (amtl. Bel. 17). Zur Be-
gründung hatte sie hauptsächlich angeführt, dass die teils sehr zeitintensive Wahlverteidigung
beim Beschwerdeführer gezwungenermassen enorme Anwaltskosten verursacht habe, wel-
che er bzw. seine Familie auf sich genommen hätten und die sie sich nicht mehr leisten könn-
ten. Die Staatsanwaltschaft lehnte das Sistierungsgesuch mit vorgenannter Verfügung ab.
Rechtsanwältin Mauerhofer wahrte auch nach der Sistierung des Mandats von Rechtsanwältin
B._ die Interessen des Beschwerdeführers. Da die wirksame Verteidigung durch Rechtsan-
wältin Mauerhofer aus finanziellen Gründen nicht mehr gewährleistet gewesen war und des-
halb die sistierte amtliche Verteidigung durch Rechtsanwältin B._ hätte aufgehoben werden
müssen, hat die Staatsanwaltschaft nach Rücksprache mit Rechtsanwältin B._ deren amtli-
ches Mandat mit Verfügung vom 5. August 2021 per sofort widerrufen (Ziff. 3.4) und Rechts-
anwältin Mauerhofer per 5. August 2021 als amtliche Verteidigerin des Beschwerdeführers
eingesetzt (amtl. Bel. 19 und 20).
7.6
Diese Vorbringen der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers in ihrer Eingabe vom 7. Okto-
ber 2020 erhellen, dass sie einzig aufgrund eines Widerrufs der amtlichen Verteidigung durch
Rechtsanwältin B._ ab 14. April 2020 (an ihrer Stelle) als amtliche Verteidigung eingesetzt
werden will. Andere Gründe für einen Einsatz als amtliche Verteidigung des Beschwerdefüh-
rers ab 14. April 2020 werden nicht geltend gemacht und sind auch nicht erkennbar. Wie be-
reits ausgeführt, gab es zum Zeitpunkt des Gesuchs um Wechsel der amtlichen Verteidigung
vom 14. April 2020 keinen Grund, die amtliche Verteidigung einer anderen Person im Sinne
von Art. 134 Abs. 2 StPO zu übertragen. Die Voraussetzungen für die amtliche Verteidigung
durch Rechtsanwältin B._ waren gegeben. Auch dass der Beschwerdeführer ab diesem Zeit-
punkt nicht mehr durch Rechtsanwältin B._ verteidigt werden wollte und jegliche Zusammen-
arbeit mit ihr verweigerte, hat er sich selbst zuzuschreiben und begründet keinen Wechsel der
amtlichen Verteidigung im Sinne von Art. 134 Abs. 2 StPO.
Damit ist letztlich noch zu prüfen, ob Rechtsanwältin Mauerhofer gestützt auf Art. 132 Abs. 1
lit. b StPO zufolge Mittellosigkeit und Gebotenheit ab dem 9. Juni 2021 als amtliche Verteidi-
gerin des Beschwerdeführers einzusetzen ist.
58│64
Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO sieht vor, dass die Verfahrensleitung eine amtliche Verteidigung
anordnet, wenn die beschuldigte Person nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und die
Verteidigung zur Wahrung ihrer Interessen geboten ist. Die Mittellosigkeit ist zusammen mit
dem Gesuch um amtliche Verteidigung glaubhaft und umfassend darzutun. Dabei trifft die ge-
suchstellende Partei eine Mitwirkungspflicht, der sie sich nicht unter Hinweis auf die Offizialma-
xime entziehen kann (NIKLAUS RUCKSTUHL, a.a.O., N. 30 zu Art. 132 StPO mit Verweis auf das
Urteil [des Bundesgerichts] 1B_107/2018 vom 30. April 2018). Nach Art. 277 Abs. 2 ZGB ha-
ben die Eltern auch für die Prozesskosten des mündigen Kindes aufzukommen, soweit es
ihnen «nach den gesamten Umständen zugemutet werden darf». Dabei kommt den persönli-
chen Beziehungen zwischen dem Kind und den Eltern und deren wirtschaftlichen Verhältnis-
sen eine entscheidende Bedeutung zu (BGE 127 I 202 E. 3f).
Eine entsprechende Mittellosigkeit des Beschwerdeführers bzw. seiner Eltern, die eine Einset-
zung von Rechtsanwältin Mauerhofer als amtliche Verteidigerin ab 9. Juni 2021 rechtfertigen
könnte, ist nicht dargetan und entsprechend nicht glaubhaft gemacht worden.
8.
Insgesamt erweist sich die Beschwerde als unbegründet und ist abzuweisen.
9.
9.1
9.1.1
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens
oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1, erster Satz StPO). Der Beschwerdeführer unterliegt voll-
umfänglich, womit er kostenpflichtig wird.
Die Entscheidgebühr des Obergerichts als Beschwerdeinstanz in Strafsachen beträgt
Fr. 200.‒ bis Fr. 3'000.‒ (Art. 11 Ziff. 2 PKoG [NG 261.2]) und wird ermessenweise (Art. 2
Abs. 1 PKoG) auf Fr. 2'000.‒ festgesetzt und ausgangsgemäss dem Beschwerdeführer aufer-
legt. Der Beschwerdeführer wird verpflichtet, den Betrag von Fr. 2'000.‒ mit beiliegendem Ein-
zahlungsschein der Gerichtskasse zu überweisen.
9.1.2
Die Kosten der amtlichen Verteidigung gehören ebenfalls zu den Verfahrenskosten und gelten
als Auslagen i.S.v. Art. 422 Abs. 2 lit. a StPO. Der amtliche Anwalt erfüllt eine staatliche
59│64
Aufgabe, welche durch das kantonale öffentliche Recht geregelt wird. Mit seiner Einsetzung
entsteht zwischen ihm und dem Staat ein besonderes Rechtsverhältnis. Gestützt darauf hat
der Anwalt eine öffentlich-rechtliche Forderung gegen den Staat auf Entschädigung im Rah-
men der anwendbaren kantonalen Bestimmungen. Der amtliche Anwalt kann aus Art. 29
Abs. 3 BV einen Anspruch auf Entschädigung und Rückerstattung seiner Auslagen herleiten.
Dieser umfasst aber nicht alles, was für die Wahrnehmung der Interessen des Mandanten von
Bedeutung ist. Ein verfassungsrechtlicher Anspruch besteht nur, «soweit es zur Wahrung der
Rechte notwendig ist». Nach diesem Massstab bestimmt sich der Anspruch sowohl in qualita-
tiver als auch in quantitativer Hinsicht, d.h. in Bezug auf den Umfang der Aufwendungen. Ent-
schädigungspflichtig sind danach nur jene Bemühungen, die in einem kausalen Zusammen-
hang mit der Wahrung der Rechte im Strafverfahren stehen, und die notwendig und verhält-
nismässig sind. Das Honorar muss allerdings so festgesetzt werden, dass der unentgeltlichen
Rechtsvertretung ein Handlungsspielraum verbleibt und sie das Mandat wirksam ausüben
kann (BGE 141 I 124 E. 3.1; VIKTOR LIEBER, a.a.O., N. 6 zu Art. 135 StPO). In jedem Fall ist
zu prüfen, ob der in der Kostennote verrechnete Verteidigungsaufwand notwendig und ver-
hältnismässig war, wobei der zulässige Zeitaufwand namentlich auch in Abhängigkeit zur
Komplexität des Falles steht (VIKTOR LIEBER, a.a.O., N. 4b und 6 zu Art. 135 StPO). Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist es zulässig, für das Anwaltshonorar Pauschalen vor-
zusehen. Bei einer Honorarbemessung nach Pauschalbeträgen werden alle prozessualen Be-
mühungen zusammen als einheitliches Ganzes aufgefasst und der effektive Zeitaufwand le-
diglich im Rahmen des Tarifansatzes berücksichtigt. Pauschalen nach Rahmentarifen erwei-
sen sich aber als verfassungswidrig, wenn sie auf die konkreten Verhältnisse in keiner Weise
Rücksicht nehmen und im Einzelfall ausserhalb jedes vernünftigen Verhältnisses zu den vom
Rechtsanwalt geleisteten Diensten stehen. Die in den Honorarnoten ausgewiesenen Auf-
wände können ausserdem Anhaltspunkte für eine Pauschalberechnung liefern, ohne dass
eine eigentliche «Kontrollrechnung» resp. eine Beurteilung einzelner Positionen erforderlich
wäre (BGE 143 V 453 E. 2.5.1; auch: VIKTOR LIEBER, a.a.O., N. 8c f. zu Art. 135 StPO). So ist
es insbesondere auch verfassungskonform, das Honorar lediglich in aussergewöhnlich auf-
wendigen Fällen nach Zeitaufwand zu bemessen, wobei ein ausserordentlich aufwendiger,
d.h. komplizierter oder umfangreicher Fall nicht schon dann vorliegt, wenn das Pauschalhono-
rar den vom amtlichen Anwalt betriebenen Zeitaufwand nicht vollumfänglich deckt (VIKTOR
LIEBER, a.a.O., N. 8c zu Art. 135 StPO mit Verweis auf BGE 141 I 124 E. 4.4). Die amtliche
Verteidigung wird nach dem Anwaltstarif des Bundes oder desjenigen Kantons entschädigt, in
dem das Strafverfahren geführt wurde (Art. 135 Abs. 1 StPO), hier das Prozesskostengesetz
des Kantons Nidwalden.
60│64
Das Honorar des amtlichen Verteidigers beträgt je Stunde Fr. 220.‒ (Art. 39 Abs. 2 PKoG).
Das Honorar entschädigt die Anwältin oder den Anwalt für die Verrichtungen, die unmittelbar
mit der berufsmässigen Vertretung oder Verbeiständung der Parteien im gerichtlichen Verfah-
ren zusammenhängen, namentlich für die Instruktion, das Studium der Akten, die Abklärung
von Rechtsfragen, die Vergleichsverhandlungen, die ordentlichen Rechtsschriften und die
Teilnahme an den Gerichtsverhandlungen (Art. 32 Abs. 1 PKoG). Massgebend für die Fest-
setzung des Honorars innerhalb der im Prozesskostengesetz vorgesehenen Mindest- und
Höchstansätze sind die Bedeutung der Sache für die Partei in persönlicher und wirtschaftlicher
Hinsicht, die Schwierigkeit der Sache, der Umfang und die Art der Arbeit sowie der Zeitauf-
wand (Art. 33 PKoG). Das Honorar ist nur dann nach dem tatsächlichen Zeitaufwand zu be-
messen, wenn zwischen dem Arbeitsaufwand und dem vorgegebenen Rahmen ein Missver-
hältnis besteht (Art. 34 Abs. 1 PKoG). Im Verfahren vor der Beschwerdeinstanz beläuft sich
das Honorar auf Fr. 500.‒ bis Fr. 3'000.‒ (Art. 45 Ziff. 4 PKoG). In Strafsachen wird das or-
dentliche Honorar bei einem Verfahren von aussergewöhnlichem Umfang oder mit einer Viel-
zahl von Tatbeständen oder einer Mehrzahl von Angeklagten angemessen erhöht (Art. 51
Abs. 1 PKoG). Hinzu kommen die Auslagen (Art. 52 ff. PKoG).
8.1.3
Ausgangsgemäss werden dem Beschwerdeführer die Kosten der amtlichen Verteidigung auf-
erlegt. Sie werden vorerst vom Kanton bezahlt (Art. 135 StPO i.V.m. Art. 39 PKoG). Vorbehal-
ten bleibt Art. 135 Abs. 4 StPO, wonach der Beschwerdeführer verpflichtet ist, sobald es seine
wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben, dem Kanton die Entschädigung zurückzuzahlen und
der Verteidigerin die Differenz zwischen der amtlichen Entschädigung und dem vollen Honorar
zu erstatten (Art. 135 Abs. 4 StPO).
Gemäss Verfügung betreffend Widerruf der amtlichen Verteidigung vom 5. August 2021
(amtl. Bel. 19) konnte Rechtsanwältin B._ ihre Aufwendungen als amtliche Verteidigerin be-
reits vor der Staatsanwaltschaft geltend machen.
Rechtsanwältin Mauerhofer macht für ihre Aufwendungen als amtliche Verteidigerin (einge-
setzt per 5. August 2021) im Beschwerdeverfahren mit Honorarnote vom 10. Februar 2022
eine Entschädigung von (gerundet) Fr. 5'850.‒ (Honorar Fr. 5'426.65 [24.66 Std. à Fr. 220.00];
Spesen Fr. 48.60, 7.7% MwSt. Fr. 421.60) geltend.
Das geforderte Honorar liegt klar über dem gesetzlich vorgesehenen Honorarrahmen von
Fr. 3'000.‒, ohne dass ein Erhöhungsgrund gemäss Art. 51 PKoG vorliegen würde. Ein Miss-
verhältnis zwischen dem (für einen solchen Fall objektiv erforderlichen) Arbeitsaufwand und
61│64
dem Honorarrahmen besteht ebenfalls nicht, womit eine Festsetzung nach tatsächlichem Auf-
wand entfällt.
Die vorliegende Angelegenheit ist in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht nicht überdurch-
schnittlich komplex. Die Akten sind zwar umfangreich, aber die Rechtsvertreterin konnte von
Synergien mit dem parallel geführten Vorverfahren profitieren. Zudem ist Rechtsanwältin Mau-
erhofer die Sach- und Aktenlage beim Antritt der amtlichen Verteidigung am 5. August 2021
hinlänglich bekannt gewesen, nachdem sie das vorliegende Beschwerdeverfahren ab dem
14. April 2020 bereits als Wahlverteidigerin des Beschwerdeführers führte und als solche auch
die Beschwerdeschrift einreichte. In der Replik wurde grossmehrheitlich der bisherige Stand-
punkt wiederholt, ohne dass zu Noven Stellung zu nehmen gewesen wäre. Die Anzahl Tatbe-
stände und Mitbeschuldigte sind, anders als von der aktuellen Verteidigung behauptet, für die
hier zu beurteilende Streitigkeit höchstens am Rande von Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund erscheint der geltend gemachte Zeitaufwand von insgesamt
24.66 Stunden innert 6 Monaten überhöht. Das Honorar für das Beschwerdeverfahren wird in
Berücksichtigung dieser massgebenden Gesichtspunkte ermessenweise im mittleren Bereich
des anwendbaren Honorarrahmens auf Fr. 2'421.75 (Honorar Fr. 2'200.‒ [10 Std. à
Fr. 220.‒], Spesen Fr. 48.60, 7.7% MwSt. Fr. 173.15) festgesetzt. Damit wird der zum Be-
schwerdeverfahren kausale, notwendige und verhältnismässige Aufwand abgeglichen, mit
welchem eine wirksame (amtliche) Verteidigung hat sichergestellt werden können.
9.2
Ansprüche auf Entschädigung und Genugtuung im Rechtsmittelverfahren richten sich nach
den Artikeln 429 – 434 und dem Grundsatz des Obsiegens bzw. Unterliegens (Art. 436 Abs. 1
StPO; Stefan Wehrenberg/Friedrich Frank, in: Basler Kommentar Strafprozessordnung/Ju-
gendstrafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 6 zu Art. 436 StPO). Der Beschwerdeführer als
unterliegende Partei wird damit grundsätzlich entschädigungspflichtig.
Rechtsanwältin B._ macht Aufwendungen geltend, welche nach dem Widerruf des amtlichen
Mandats am 5. August 2021 entstanden seien. Konkret beantragt sie, es sei ihr eine ange-
messene Umtriebsentschädigung zuzusprechen für die Aufwendungen der vorliegenden Stel-
lungnahme durch ihre Bürokollegin.
Als «Dritte» gelten Privatpersonen, die namentlich weder als Beschuldigte noch als Privatklä-
ger am Verfahren beteiligt sind (Art. 105 Abs. 1 lit. f StPO; NIKLAUS SCHMID/DANIEL JOSITSCH,
Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, N. 1 zu Art. 434 StPO).
62│64
Nach Art. 434 Abs. 1 StPO haben «Dritte» Anspruch auf angemessenen Ersatz ihres nicht auf
andere Weise gedeckten Schadens sowie auf Genugtuung, wenn sie durch Verfahrenshand-
lungen oder bei der Unterstützung von Strafbehörden Schaden erlitten haben. Der Anspruch
besteht gegenüber dem Staat, nicht gegenüber der beschuldigten Person oder der Privatklä-
gerschaft. Dabei ist Art. 433 Abs. 2 StPO sinngemäss anwendbar. Demnach hat der Dritte
seine Entschädigungsforderung bei der Strafbehörde zu beantragen, zu beziffern und zu be-
legen. Kommt er dieser Pflicht nicht nach, so tritt die Strafbehörde auf den Antrag nicht ein.
Der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 StPO) gilt hier nicht, d.h. der Dritte muss sich aktiv um
seinen Anspruch bemühen (Urteil BGer 6B_1331/2018 vom 28. November 2019 E. 3.1).
Die Entschädigungsforderung von Rechtsanwältin B._ ist nicht beziffert und hinreichend be-
legt. Zwar gehen aus der Honorarnote vom 21. Januar 2022 verschiedene Aufwendungen mit
der Bezeichnung «Stellungnahme» hervor, diese lassen sich jedoch nicht zweifelsfrei zuord-
nen. So finden sich Kostenpositionen zu «Stellungnahmen» im Zeitraum zwischen dem
22. Februar 2021 und 12. November 2021, darunter solche mit dem expliziten Hinweis «an
Aufsichtsbehörde». Ob sämtliche übrigen Positionen die Stellungnahme vom 15. November
2021 (amtl. Bel. 25) betreffen, bleibt unklar. Abgesehen davon ist fraglich, ob die von Rechts-
anwältin B._ geltend gemachten Aufwendungen unmittelbare Folge einer Verfahrenshand-
lung im Sinne von Art. 434 Abs. 1 StPO und damit zwingend erforderlich waren.
Zufolge Unterliegens des Beschwerdeführers wird Rechtsanwältin Mauerhofer für ihre Auf-
wendungen als Wahlverteidigerin ebenfalls nicht entschädigt.
63│64