Decision ID: 75c4e07e-0729-4a96-bf4a-67eeb5218d0f
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhob am 4. Juni 2020 gegen den
Beschuldigten Anklage wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit einem
Kind, mehrfacher Schändung, mehrfacher sexueller Belästigung, Porno-
grafie, mehrfacher Nötigung, mehrfacher versuchter Drohung, wiederholter
Tätlichkeiten sowie mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungs-
mittelgesetz.
2.
Das Bezirksgericht Aarau erkannte mit Urteil vom 26. August 2020:
1. Der Beschuldigte wird freigesprochen vom Vorwurf - der mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 2 lit. b StGB, - der mehrfach versuchten Drohung gemäss Art. 180 Abs. 1 i.V.m. Abs. 2 lit. a StGB
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, - der mehrfachen Nötigung gemäss Art. 181 StGB.
2. Der Beschuldigte ist schuldig - der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB, - der mehrfachen Schändung gemäss Art. 191 StGB, - der Pornografie gemäss Art. 197 Abs. 1 StGB, - der mehrfachen sexuellen Belästigung gemäss Art. 198 Abs. 2 StGB, - der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Übertretung) nach Art. 19a Ziff. 1 BetmG, teilweise i.V.m. Art. 19 Abs. 1 lit. a und d BetmG.
3. 3.1. Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 2 al. 1-3 erwähnten Bestimmungen und gestützt auf Art. 40, Art. 47 und Art. 49 Abs. 1 StGB zu 3 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
3.2. Die Untersuchungshaft von 71 Tagen (1. November 2018 – 10. Januar 2019) wird gestützt auf Art. 51 StGB auf die unbedingte Freiheitsstrafe angerechnet.
4. 4.1. Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 2 al. 4 und 5 erwähnten Bestimmungen und gestützt auf Art. 106 StGB zu einer Busse von Fr. 2'000.00 verurteilt.
4.2 Wird die Busse schuldhaft nicht bezahlt, so wird eine Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen vollzogen.
5. 5.1. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom 23. November 2015 für 180 Tagessätze Geldstrafe zu einem Tagessatz von je Fr. 100.00 gewährte bedingte Vollzug wird gestützt auf Art. 46 Abs. 1 Satz 1 StGB widerrufen.
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5.2. Die widerrufene Geldstrafe von total Fr. 18'000.00 ist zu bezahlen. Wird die Geldstrafe nicht bezahlt, so wird eine Ersatzfreiheitsstrafe von 180 Tagen vollzogen.
6. Auf die Anordnung einer strafvollzugsbegleitenden, ambulanten therapeutischen  gemäss Art. 63 StGB wird verzichtet.
7. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a StGB für 8 Jahre des Landes verwiesen.
Es wird die Ausschreibung der Landesverweisung (Einreise- und Aufenthaltsverweigerung) im Schengener Informationssystem angeordnet.
8. 8.1. Dem Beschuldigten wird gestützt auf aArt. 67 Abs. 3 lit. a und b StGB für die Dauer von 10 Jahren ein Tätigkeitsverbot für jede berufliche und jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die einen regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen umfasst, auferlegt.
8.2. Der Anteil der Strafe, die das Tätigkeitsverbot nach sich zieht, beträgt 3 Jahre .
8.3. Gestützt auf aArt. 67 Abs. 7 und Art. 93 StGB wird die Bewährungshilfe angeordnet.
9. Von einem Kontakt- und Rayonverbot gegenüber der Zivil- und Strafklägerin 1 wird .
10. 10.1. Gestützt auf Art. 69 Abs. 1 und 2 StGB werden folgende Gegenstände eingezogen und vernichtet:
- 50.1 Gramm Marihuana (beim Polizeikommando Aargau, Betäubungsmittelgruppe) - 1 Hanfmühle - 1 BM-Waage - 1 Mobiltelefon Samsung Galaxy A5 - 1 Mobiltelefon Samsung Galaxy S8+
10.2. Das beschlagnahmte Mobiltelefon Apple iPhone wird der Zivil- und Strafklägerin 1 zurückgegeben.
Das Mobiltelefon Apple iPhone kann von der Zivil- und Strafklägerin 1 innert 30 Tagen nach Rechtskraft des Urteils auf Voranmeldung auf der Gerichtskanzlei abgeholt werden. Bei unbenutztem Ablauf dieser Frist wird der Gegenstand vernichtet.
10.3. Der Antrag der Zivil- und Strafklägerin 1 auf Herausgabe ihres Laptops wird zufolge fehlender Beschlagnahmung dieses Gegenstandes abgewiesen.
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11. 11.1. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 1 Fr. 2'306.85 als Schadenersatz zu bezahlen.
11.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 1 Fr. 8'000.00, zzgl. Verzugszins zu 5 % seit 1. Mai 2016, als Genugtuung zu bezahlen.
12. 12.1. Die Schadenersatzansprüche der Zivil- und Strafklägerin 2 werden abgewiesen.
12.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin 2 Fr. 1'000.00, zzgl. Verzugszins zu 5 % seit dem 1. Mai 2016, als Genugtuung zu bezahlen.
12.3. Der Beschuldigte hat der Zivil- und Strafklägerin 2 40 % der gerichtlich auf Fr. 4'819.60 (inkl. Fr. 344.60 MwSt.), d.h. Fr. 1'927.85 (inkl. Fr. 133.85 MwSt.) festgesetzten Parteikosten zu ersetzen (Art. 433 StPO).
13. Die Verfahrenskosten bestehen aus: a) der Gerichtsgebühr von Fr. 4'000.00 b) der Anklagegebühr von Fr. 2'400.00 c) den Kosten für die amtliche Verteidigung ohne Übersetzungskosten von Fr. 22'784.25 d) den Kosten für die unentgeltl. Verbeiständung von Fr. 13'181.70 e) den Kosten für Übersetzungen von Fr. 2'230.20 f) den Kosten für Gutachten von Fr. 11'925.00 g) andere Auslagen Fr. 1'906.00 Total Fr. 58'427.15
Dem Beschuldigten werden die Gerichtsgebühr und die Anklagegebühr sowie die Kosten gemäss lit. f) und g) von Total Fr. 20'231.00 zu 80 %, d.h. im Umfang von Fr. 16'184.80 auferlegt.
14. Die Kosten für die amtliche Verteidigung von Fr. 23'775.65 (inkl. Fr. 1'699.85 MwSt. und Kosten für die Übersetzung von Fr. 991.40) werden einstweilen von der Gerichtskasse bezahlt. Der Beschuldigte ist verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die amtliche Verteidigung von Fr. 22'784.25 zurückzuzahlen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
15. Die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Zivil- und Strafklägerin 1 im Gesamtbetrag von Fr. 13'181.70 (inkl. gesamthaft Fr. 925.40 MwSt.), bestehend aus der Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsvertreterin lic. iur. Eva Wirth im Umfang von Fr. 7'085.25 (inkl. Fr. 506.51 MwSt.) und aus der Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsvertreterin Carmen Emmenegger im Umfang von Fr. 6'069.45 (inkl. Fr. 418.90 MwSt.), werden von der Gerichtskasse bezahlt.
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16. 16.1. Dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten wird eine Entschädigung von Fr. 23'775.65 (inkl. Fr. 1'699.85 MwSt.) abzüglich Teilzahlung inkl. MwSt. von Fr. 14'876.81, somit Fr. 8'898.84 zu Lasten der Staatskasse zugesprochen.
16.2. Der bis am 1. Juni 2020 als unentgeltliche Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 1 tätig gewesenen lic. iur. Eva Wirth, Rechtsanwältin, wird eine Entschädigung von Fr. 7'085.25 (inkl. Fr. 506.51 MwSt.) zu Lasten der Staatskasse zugesprochen.
16.3. Der ab dem 1. Juni 2020 als unentgeltliche Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin 1 tätig gewesenen lic. iur. Carmen Emmenegger, Rechtsanwältin, wird eine Entschädigung von Fr. 6'069.45 (inkl. Fr. 418.90 MwSt.) zu Lasten der Staatskasse zugesprochen.
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 19. April 2021 beantragte der Beschuldigte:
1. Dispositivziff. 2, mit Ausnahme des letzten Alineas der Dispositivziff. 2, Dispositivziff. 3.1, 3.2, 4.1, 4.2, 5.1, 5.2, 7, 8.1, 8.2, 8.3 sowie 11.1, 11.2 und schliesslich 12.2, 13 und 14 des Urteils vom 26. August 2020 des Bezirksgerichts Aarau seien aufzuheben;
2. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB, der mehrfachen Schändung im Sinne von Art. 191 StGB, der Pornografie gemäss Art. 197 Abs. 1 StGB und der mehrfachen sexuellen Belästigung gemäss Art. 198 Abs. 2 StGB freizusprechen;
3. Der Beschuldigte sei für den Anbau, Herstellung und Besitz von Marihuana für den Eigenkonsum zu einer Busse von CHF 300 zu verurteilen;
4. Es sei dem Beschuldigten im Sinne von Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO eine angemessene Genugtuung in der Höhe von CHF 14'200.00 zzgl. 5% Verzugszins ab 01. November 2018 für die Dauer der Untersuchungshaft von 71 Tagen auszurichten;
5. Die Zivilforderungen der Privatklägerin 1 und 2 seien abzuweisen;
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens seien durch die Staatskasse zu tragen;
7. Im Übrigen sei das Urteil der Vorinstanz zu bestätigen.
3.2.
Die Berufungsverhandlung fand am 13. Januar 2022 statt.
- 6 -

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Das vorinstanzliche Urteil wurde nur teilweise angefochten. In den nicht
angefochtenen Punkten erfolgt keine Überprüfung (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung, er sei von den Vorwürfen der
Schändung, der sexuellen Handlungen mit einem Kind und der sexuellen
Belästigung freizusprechen.
2.1.
Wer mit einem Kind unter 16 Jahren eine sexuelle Handlung vornimmt, es
zu einer solchen Handlung verleitet oder es in eine sexuelle Handlung
einbezieht, ist nach Art. 187 Ziff. 1 StGB strafbar. Derweil macht sich nach
Art. 191 StGB der Schändung schuldig, wer eine urteilsunfähige oder eine
zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres Zustandes zum
Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen
Handlung missbraucht. Wer jemanden tätlich oder in grober Weise durch
Worte sexuell belästigt, wird, auf Antrag, mit Busse bestraft (Art. 198 Abs. 2
StGB).
2.2.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraus-
setzungen der angeklagten Tat, d.h. solche, die sich nach der objektiven
Sachlage aufdrängen, so geht das Gericht von der für den Beschuldigten
günstigeren Sachlage aus (vgl. Art. 10 Abs. 3 StPO; «in dubio pro reo»).
Bloss abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht massgebend, weil
solche immer möglich sind. Der Grundsatz «in dubio pro reo» verlangt
indes nicht, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln unbesehen auf
den für den Beschuldigten günstigeren Beweis abzustellen wäre. Die
Entscheidregel «in dubio pro reo» ist erst anwendbar, nachdem alle aus
Sicht des urteilenden Gerichts notwendigen Beweise erhoben und aus-
gewertet worden sind und nach erfolgter Beweiswürdigung als Ganzem
relevante Zweifel bestehen, wobei nur das Übergehen offensichtlich
erheblicher Zweifel eine Verletzung des Grundsatzes «in dubio pro reo» zu
begründen vermag (BGE 144 IV 345; Urteil des Bundesgerichts
6B_1395/2019 vom 3. Juni 2020 E. 1.1).
Bei Sexualdelikten sind die Aussagen von Opfer und Täter für das
Beweisergebnis von entscheidender Bedeutung. Bei der Würdigung ihrer
Aussagen sind zwei Aspekte der Glaubwürdigkeit zu unterscheiden: Die
personenbezogene Glaubwürdigkeit und die aussagebezogene Glaub-
haftigkeit. Die allgemeine Glaubwürdigkeit einer Person lässt sich an ihrer
- 7 -
Persönlichkeit, ihren möglichen Motiven und der Aussagesituation ab-
schätzen. Sie bildet aber lediglich den Randbereich der Aussagenanalyse
und darf deshalb nie alleiniges oder überwiegendes Kriterium für die Über-
prüfung des Realitätsgehalts einer Aussage sein. Im Vordergrund steht
deshalb die Glaubhaftigkeit einer konkreten Aussage, die sich nach ihrem
Inhalt bestimmt (BGE 129 I 49 E. 5; BGE 128 I 81 E. 2).
2.3.
2.3.1.
Die dem Beschuldigten vorgeworfenen sexuellen Handlungen zum
Nachteil von A. sollen sich im Zeitraum vom 1. Mai 2016 bis 30. Oktober
2018 zugetragen haben. A., geboren am tt.mm.jjjj, war damals zwischen 11
und 13 Jahre alt.
2.3.2.
A. schilderte im Vorverfahren und vor Vorinstanz, der Beschuldigte habe
sich mehrfach neben sie aufs Bett hingelegt. Mindestens zwei Mal habe er
sie dabei angefasst (Untersuchungsakten [UA] act. 512 f.; 691). Er habe
sie mit seiner Hand in ihrem Intimbereich (über den Kleidern) berührt und
damit gespielt. Durch Reibbewegungen sei es warm (UA act. 514, 691)
bzw. heiss (UA act. 517) geworden. Sie sei dann jeweils aufgestanden bzw.
habe ihn angeschrien, woraufhin er erschrocken sei und das Zimmer
verlassen habe (UA act. 514, 691). Sodann schilderte sie, es sei einmal
vorgekommen, dass sie aufgewacht sei und bemerkt habe, dass der
Beschuldigte hinter ihr auf ihrem Bett gelegen sei. Als sie ihn gefragt habe,
was er hier mache und ihn weggestossen habe, habe sie bemerkt, dass
dessen Hosen «nass» gewesen seien (UA act. 515).
A. hat sodann ausgeführt, dass der Beschuldigte sie mehrfach auf den
Mund und zwischendurch auf den Nacken geküsst habe. Sie habe jeweils
gesagt, dass sie das nicht möchte. Er habe jedoch trotzdem weiter-
gemacht. Ebenfalls habe er sie wiederholt auf den Hintern geschlagen (UA
act. 516) und sie im Schlaf fotografiert (UA act. 514). Er habe ihr zudem
diverse Kleider wie Unterwäsche und Nachthemden gekauft, die unter
anderem die Aufschriften «touch me» getragen hätten (UA act. 516; 694).
Ferner habe er ihr Chatnachrichten wie «ich chan mich ned i der inne
entleere», sie sei in seinen Träumen und er würde sie schlecken, gesendet
(UA act. 513, 515, 517).
2.3.3.
Die Einvernahme von A. im Vorverfahren wurde auf Video aufgezeichnet
und ermöglicht dem Gericht nicht nur eine inhaltliche Würdigung ihrer
Aussagen, sondern zeigt auch optisch und im Originalton (damals noch
Türkisch), wie sie die Aussagen gemacht hat. Anlässlich der
Berufungsverhandlung hat das Obergericht A. erneut einvernommen und
konnte dadurch zusätzlich einen persönlichen Eindruck von deren
- 8 -
Aussagen (nunmehr in Deutsch und ohne Dolmetscher) und
Aussageverhalten gewinnen. Sodann konnten auch Unklarheiten geklärt
werden.
Die Aussagen von A. sind konstant, detailliert geschildert und weisen keine
nennenswerten Widersprüche auf. Sie zeigte im Rahmen der
Videoeinvernahme im Untersuchungsverfahren (vgl. UA act. 517), indem
sie die Reibbewegungen mit Fingern und Händen zeigte, wie der Beschul-
digte sie berührt haben soll. Ferner schilderte sie, sie habe jeweils eine Zeit
benötigt, um realisieren zu können, was geschehen war (UA act. 515) und
sie sei in einem solchen Stress gewesen, dass sie gezittert habe (UA
act. 691). Sie habe sodann manchmal einen Stuhl an ihre Zimmertür
gelehnt, damit der Beschuldigte ihr Zimmer nicht habe betreten können (UA
act. 513). Diese Schilderungen deuten auf tatsächlich erlebte Situationen
hin. Übertreibungen oder Überzeichnungen, wie sie bei bewussten Falsch-
aussagen eher zu erwarten sind, sind dabei nicht ersichtlich. Im Gegenteil
hat A. beispielsweise ausgesagt, dass der Beschuldigte sie über der
Kleidung berührt habe (UA act. 516), womit sie ihn nicht stärker als nötig
belastete. Ihre Schilderungen waren sodann altersadäquat. So zögerte sie,
ihren Intimbereich genau zu benennen und verwendete stattdessen
Bezeichnungen wie «Das esch mis Ding» oder «Min bsondere Ort» (UA
act. 514). Auch die Schilderung, die Hosen des Beschuldigten seien
«nass» gewesen, entspricht einem damals altersangemessenen Sprach-
gebrauch. Es sind sodann keine Hinweise vorhanden, wonach A. von einer
Drittperson instruiert oder zu den Aussagen bewogen worden wäre.
Die Aussagen decken sich auch mit der übrigen Beweislage. So sind Chat-
verläufe aktenkundig, in welchen A. dem Beschuldigten beispielsweise
schrieb, es sei pervers, dass er ihr Ding berührt habe, als sie am Schlafen
gewesen sei. Daraufhin antwortete der Beschuldigte, es sei ungewollt
passiert (UA act. 321). Im Weiteren schrieb sie ihm per WhatsApp, er habe
seine Hand auf ihr «Ding» gelegt, worauf hin er entgegnete: «Du verstehst
mich nicht» oder «Du willst mich nicht verstehen». Sodann schrieb er «ich
entschuldige mich». Ferner schrieb sie ihm: «Erzähle mir nur, warum Du
während ich schlief zu mir gekommen und mein Ding berührt hast». Der
Beschuldigte entgegnete daraufhin «Ich entschuldige mich für alles».
Nachdem A. fragte: «Wie soll ich Dir vertrauen, nachdem du solche
perverse Sachen gesagt hast», antwortete er: «Ich dachte Du willst» (UA
act. 322). In den Akten finden sich sodann Fotos von Unterwäsche mit den
Aufschriften «FUCK ME» und «TOUCH ME» (UA act. 531 f.). Nachdem A.
den Beschuldigten per WhatsApp die Nachricht «Du hast mir Unterhosen
gekauft» sandte, antwortete dieser mit: «Suç», was von der Dolmetscherin
mit «Schuld/Fehler» übersetzt wurde (UA act. 324). In der Auswertung der
Chatverläufe finden sich im Weiteren Nachrichten wie «ich würde nicht in
Dich hinein ejakulieren Es ist Haram in unserer Religion» (UA act. 304),
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«es war für Dich», «Du hättest nicht aufwachen sollen» und «Du hättest
einen schönen Traum gesehen» (UA act. 302).
Der Beschuldigte hat die Vorwürfe, die A. per WhatsApp an ihn richtete,
während der WhatsApp-Konversation nicht explizit bestritten, sondern
entschuldigte sich teilweise oder gab diffuse, mehrdeutige Antworten. Vor
Vorinstanz hat er zugegeben, dass er sich ein oder zweimal dicht hinter A.
gelegt habe (UA act. 711). Ebenfalls bestreitet er nicht, dass er A. ein bis
zweimal auf den Mund (UA act. 478) und zudem auf den Nacken geküsst
hatte (UA act. 479). Er konnte jedoch insbesondere keine nachvoll-
ziehbaren Gründe nennen, weshalb er A. dazu aufforderte, gewisse Chat-
nachrichten zu löschen bzw. ihre Zimmertüre nicht abzuschliessen (vgl. UA
act. 305). Wenig glaubhaft ist sodann, dass er lediglich aus Vaterliebe und
aus Mitleid zu ihr ins Zimmer gegangen sein soll und dann geweint habe
(UA act. 376) bzw. die Aussage, die Fotos, die er von der schlafenden A.
gemacht habe, habe er als Erinnerung für sich selbst gemacht (UA act.
486). Diese Aussagen sind als blosse Schutzbehauptungen zu werten.
Das Obergericht erachtet die Aussagen von A. bei einer Gesamtwürdigung
als glaubhaft. Auch der persönliche Eindruck, welcher im Rahmen der
Berufungsverhandlung gewonnen werden konnte, spricht dafür, dass ihre
Schilderungen erlebnisbasiert sind. Nach dem Gesagten bestehen für das
Obergericht keine unüberwindbaren Zweifel daran, dass sich der
Sachverhalt so abgespielt hat, wie er von A. geschildert worden ist und der
Anklage zugrunde liegt.
2.3.4.
2.3.4.1.
Das an zwei verschiedenen Tagen erfolgte Berühren der schlafenden und
somit zum Widerstand unfähigen A. in deren Intimbereich stellt eine
eindeutig sexualbezogene Handlung dar, auch wenn die Berührungen
ausschliesslich über den Kleidern erfolgt sind, und erfüllt somit den
objektiven Tatbestand der Schändung gemäss Art. 191 StGB. Subjektiv hat
der Beschuldigte im Bewusstsein darum gehandelt, dass A. am Schlafen
war (siehe UA act. 472, 710) und sich somit in einem Zustand befand, der
eine Widerstandsunfähigkeit mit sich bringt. Sodann hat er mit dem Willen
gehandelt, diesen Zustand von A. auszunutzen, um sie im Intimbereich zu
berühren bzw. eine sexuelle Handlung vorzunehmen, womit er auch den
subjektiven Tatbestand erfüllt hat. Der Beschuldigte hat sich somit der
mehrfachen Schändung schuldig gemacht.
2.3.4.2.
A. war im Tatzeitraum (1. Mai 2016 bis 30. Oktober 2018) zwischen elf und
dreizehn Jahre alt und somit ein Kind im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB.
Der Beschuldigte hat sich mehrfach dicht hinter die in seitlicher Lage
liegende A. gelegt und dabei auch deren Intimbereich berührt. Wie bereits
- 10 -
oben ausgeführt, handelt es sich beim Berühren des Intimbereichs über
den Kleidern von A. durch den Beschuldigten um eine sexuelle Handlung.
Er hat im Wissen um das Alter von A. und im Bewusstsein gehandelt, dass
den Berührungen im Intimbereich eine sexuelle Bedeutung zukommt, was
er denn auch wollte. Damit hat der Beschuldigte sowohl den objektiven als
auch subjektiven Tatbestand der sexuellen Handlung mit einem Kind
gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB mehrfach erfüllt.
Das Obergericht geht gestützt auf die Aussagen von A., dass sie bemerkt
habe, dass die Hose des Beschuldigten «nass» gewesen sei (UA act. 515)
und ihren diesbezüglich klaren Aussagen, dass es sich um Sperma
gehandelt habe bzw. er gekommen sein müsse (siehe Protokoll der
Berufungsverhandlung), davon aus, dass der Beschuldigte zu einem
anderen Zeitpunkt als den Berührungen im Intimbereich mindestens einmal
zum Samenerguss gekommen ist, als er neben A. lag. Als
Tatbestandsvariante von Art. 187 Ziff. 1 StGB kommt diesbezüglich einzig
ein «Einbeziehen» in Frage. Erforderlich ist hierzu indes, dass der Täter ein
Kind gezielt zum Zuschauer seiner sexuellen Handlungen und dadurch
zum Sexualobjekt macht. Ferner muss das Kind den äusseren Vorgang der
sexuellen Handlung als Ganzes unmittelbar sinnlich wahrnehmen (BGE
129 IV 168 E. 3.1 f.). Gemäss Aussage von A. nahm sie die nassen Hosen
des Beschuldigten jedoch erst wahr, als sie sich (nachdem sie wach
geworden ist) umgedreht hatte. Somit kann nicht davon ausgegangen
werden, dass sie hinsichtlich des Samenergusses zur Zuschauerin
gemacht worden wäre und den äusseren Vorgang der sexuellen Handlung
als Ganzes unmittelbar wahrgenommen hat. Vielmehr hat sie nur das
Resultat im Sinne eines Spermaflecks wahrgenommen. Unter diesen
Umständen ist der objektive Tatbestand von Art. 187 Ziff. 1 StGB
hinsichtlich der «nassen Hose» nicht erfüllt.
Die übrigen Vorfälle, in welchen sich der Beschuldigte in seitlicher Lage
hinter A. gelegt hat, ohne sie dabei in ihrem Intimbereich zu berühren,
können nicht zweifelsfrei als sexuell motiviert betrachtet werden. Was
schliesslich die gegen den Willen von A. erfolgten Küsse auf deren Mund,
Nacken und Wangen bzw. das Schlagen auf deren Gesäss betrifft, ist mit
der Vorinstanz davon auszugehen, dass diese Handlungen die für die
Annahme einer sexuellen Handlung notwendige Intensität nicht erreicht
haben (vgl. BGE 125 IV 58 E. 3b S. 62).
2.3.4.3.
Zwischen den Tatbeständen der sexuellen Handlungen mit einem Kind
(Art. 187 StGB) und der Schändung (Art. 191 StGB) besteht in der vor-
liegenden Konstellation echte Konkurrenz, denn die beiden Strafnormen
schützen unterschiedliche Rechtsgüter: Art. 187 StGB will die «Gefährdung
der Entwicklung von Minderjährigen» (1. Untertitel zum Fünften Titel des
Strafgesetzbuches) verhindern, das heisst die ungestörte Entwicklung des
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Kindes schützen, bis es die notwendige Reife erreicht hat, die es zur
verantwortlichen Einwilligung in sexuelle Handlungen befähigt. Nach dem
Gesetz ist diese Reife vor dem 16. Altersjahr immer zu verneinen. Art. 191
StGB wiederum soll Personen schützen, die seelisch oder körperlich nicht
in der Lage sind, sich gegen sexuelle Zumutungen zu wehren. Gegen ein
alternatives Verhältnis von Art. 187 und Art. 191 StGB spricht, dass durch
die Anwendung bloss einer dieser Strafnormen das deliktische Verhalten
nicht vollständig erfasst und abgegolten wäre. In der Ausnützung der
Hilflosigkeit des urteilsunfähigen Kindes liegt eine Rechtsgutverletzung, die
mit der Bestrafung wegen sexueller Handlungen mit einem Kind nicht
berücksichtigt ist. Umgekehrt umfasst der Tatbestand der Schändung nicht
den Schaden, welcher der Entwicklung des Kindes zugefügt wird (statt
vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_518/2020 vom 15. September 2021
E. 1.3 mit Hinweisen; BGE 120 IV 194 E. 2)
2.3.4.4.
Der Beschuldigte hat sodann den Tatbestand der sexuellen Belästigung
gemäss Art. 198 StGB mehrfach erfüllt: Als klar sexuell motiviert zu werten
sind die WhatsApp-Chatnachrichten des Beschuldigten an A., sie hätte
schöne Träume gesehen, wenn sie nicht aufgewacht wäre, und er hätte
nicht in sie rein ejakuliert, dies würde er nur mit seiner Mutter machen.
Selbiges gilt für den Vorwurf, der Beschuldigte habe A. über die App
«Signal» geschrieben, dass sie in seinen Träumen sei und er sie schlecken
würde (vgl. UA act. 517) bzw. betreffend die Unterwäsche mit den
Aufschriften «Touch me» und «Fuck me», welche der Beschuldigte A.
geschenkt hatte. Der Beschuldigte hat dabei zweifellos im Wissen darum
gehandelt, dass seine Äusserungen bzw. die Aufschriften auf der
Unterwäsche sexuellen Charakter haben und zudem bei A. mindestens
möglicherweise zu einem Ärgernis bzw. Ablehnung führen würden.
2.3.5.
Zusammengefasst hat sich der Beschuldigte der mehrfachen Schändung
gemäss Art. 191 StGB, der mehrfachen sexuellen Handlung mit einem Kind
gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB und der mehrfachen sexuellen Belästigung
gemäss Art. 198 StGB schuldig gemacht. Die Berufung des Beschuldigten
erweist sich in diesem Punkt als unbegründet.
2.4.
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung, er sei vom Vorwurf der Porno-
grafie freizusprechen.
2.4.1.
Wer pornografische Schriften, Ton-, Bildaufnahmen, Abbildungen, andere
Gegenstände solcher Art oder pornografische Vorführungen einer Person
unter 16 Jahren anbietet, zeigt, überlässt, zugänglich macht oder durch
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Radio oder Fernsehen verbreitet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren
oder Geldstrafe bestraft (Art. 197 Abs. 1 StGB).
2.4.2.
A. führte aus, der Beschuldigte habe ihr an einem nicht mehr exakt
feststellbaren Zeitpunkt im Zeitraum zwischen dem 1. Mai 2016 und dem
4. März 2018 ein Pornovideo gezeigt. Auch dieses Geschehen schildert A.
detailreich. So sagte sie bei der Einvernahme im Untersuchungsverfahren
aus, er habe ihr das Video in Q. gezeigt. Auf dem Video sei ein nackter
Mann und eine nackte Frau sichtbar gewesen. Die Frau habe
anschliessend das «Ding» des Mannes in den Mund genommen. Der
Beschuldigte habe nur ein Video geöffnet und danach sofort wieder
geschlossen, als sie gesagt habe, er solle es schliessen (UA act. 519).
Anlässlich der vorinstanzlichen Verhandlung wiederholte sie, dass sich das
Ganze in Q. abgespielt habe (UA act. 696). Auch in diesem
Zusammenhang sind die Aussagen von A. konstant, schlüssig und
nachvollziehbar. Hinweise darauf, dass sie den Vorfall nur erfunden hätte
oder instruiert worden wäre, wahrheitswidrig auszusagen, liegen keine vor.
2.4.3.
Indem der Beschuldigte der im Tatzeitpunkt unter 16 Jahre alten A., deren
Alter er kannte, wissentlich und willentlich ein Video zeigte, in welchem eine
Frau den Penis eines Mannes in den Mund nahm, hat er den Tatbestand
der Pornografie gemäss Art. 197 Abs. 1 StGB erfüllt. Die Berufung des
Beschuldigten erweist sich auch in diesem Punkt als unbegründet.
3.
3.1.
Der Beschuldigte ist der mehrfachen Schändung gemäss Art. 191 StGB,
der mehrfachen sexuellen Handlung mit einem Kind gemäss Art. 187 Ziff. 1
StGB, der Pornografie gemäss Art. 197 Abs. 1 StGB und der mehrfachen
sexuellen Belästigung gemäss Art. 198 Abs. 2 StGB schuldig zu sprechen
und dafür angemessen zu bestrafen.
Die Vorinstanz hat eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren und eine Busse von
Fr. 2'000.00 ausgesprochen. Der Beschuldigte hat für den Fall, dass seine
Berufung im Schuldpunkt ganz oder teilweise abgewiesen wird, keinen
Antrag zum Strafmass gestellt.
3.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE
144 IV 217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit
Hinweisen). Darauf kann verwiesen werden.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1233%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-61%3Ade&number_of_ranks=0#page61 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1233%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-IV-55%3Ade&number_of_ranks=0#page55
- 13 -
3.3.
Die Tatbestände der Schändung (Art. 191 StGB), der sexuellen Handlung
mit einem Kind (Art. 187 Ziff. 1 StGB) und der Pornografie (Art. 197 Abs. 1
StGB) sehen als Strafe alternativ eine Freiheitsstrafe oder Geldstrafe vor.
Bei der Wahl der Sanktionsart ist als wichtigstes Kriterium die Zweck-
mässigkeit einer bestimmten Sanktion, ihre Auswirkung auf den Täter und
sein soziales Umfeld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen
(Urteil des Bundesgerichts 6B_1027/2019 vom 11. Mai 2020 E. 1.1 mit
Verweis auf BGE 134 IV 97 E. 4.2). Erkennt das Gericht an Stelle einer
Geldstrafe auf eine Freiheitsstrafe, hat es diese Wahl näher zu begründen
(BGE 144 IV 313 E. 1; Urteil des Bundesgerichts 6B_986/2020 vom
6. Januar 2021 E. 4.3).
Vorliegend erweist sich eine Geldstrafe, insoweit eine solche bei einer
isolierten Einzelbetrachtung der jeweiligen Straftaten aufgrund der
Schwere des Verschuldens infrage kommen würde, nicht als angemessene
und zweckmässige Sanktion: Der Beschuldigte weist zwei teilweise
einschlägige Vorstrafen auf. Mit Strafbefehl vom 27. Juni 2012 wurde er
von der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten wegen Fahrens in fahrun-
fähigem Zustand sowie Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
gemäss Art. 19a BetmG zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen
à Fr. 100.00, d.h. Fr. 2'000.00, sowie zu einer Busse von Fr. 800.00
verurteilt. Von der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm wurde er sodann mit
Strafbefehl vom 23. November 2015 wegen sexueller Handlungen mit
Kindern zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à Fr. 100.00,
d.h. Fr. 18'000.00, Probezeit 3 Jahre, und einer Verbindungsbusse von Fr.
3'600.00 verurteilt. Diese für den Beschuldigten erheblichen Strafen hielten
ihn nicht davon ab, bereits in der Probezeit erneut einschlägig zu
delinquieren. Es ist damit offensichtlich, dass er sich durch die Ausfällung
einer weiteren Geldstrafe nicht beeindrucken lassen würde. Angesichts
dieser Ungerührtheit des Beschuldigten gegenüber dem hiesigen Straf-
und Vollzugssystem kommt als angemessene und zweckmässige Sanktion
nicht eine Geldstrafe, sondern nur eine Freiheitsstrafe in Frage (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 6B_782/2011 vom 3. April 2012 E. 4.1).
Für die Übertretungen (sexuelle Belästigungen gemäss Art. 198 StGB und
die Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a
BetmG) ist seine separate Busse auszusprechen.
3.4.
Die Einsatzstrafe ist für die konkret schwerste der begangenen Schändun-
gen festzusetzen.
Der Tatbestand der Schändung gemäss Art. 191 StGB sieht eine
Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren oder eine – hier nicht zweckmässige
- 14 -
(siehe oben) – Geldstrafe vor. Das Gericht misst die Strafe innerhalb des
ordentlichen Strafrahmens nach dem Verschulden zu (Art. 47 Abs. 1 StGB).
Ausgangspunkt für die Bestimmung des Verschuldens ist die Schwere der
Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2
StGB). Art. 191 StGB schützt die sexuelle Selbstbestimmung von Perso-
nen, die nicht in der Lage sind, sich gegen sexuelle Zumutungen zu wehren
(Urteil des Bundesgerichts 6B_518/2020 vom 15. September 2021 E. 1.3;
BGE 133 IV 49 E. 7.2).
Der Beschuldigte setzte sich an einem nicht mehr genau bestimmbaren
Datum zwischen März und Oktober 2018 neben die in seitlicher Lage
schlafende A. und berührte sie über den Kleidern in ihrem Intimbereich. Zu
berücksichtigten ist zunächst, dass A., die durch die Berührungen wach
wurde, betreffend den Geschehensablauf schilderte, es sei warm (UA act.
514) bzw. heiss (UA act. 517) geworden, als der Beschuldigte mit ihrem
Intimbereich gespielt (UA act. 515) bzw. daran gerieben (UA act. 517)
habe. Die Berührungen waren somit nicht bloss sehr oberflächlich oder von
ganz kurzer Dauer. Auch wenn jeder sexuelle Missbrauch gravierend ist,
stehen vorliegend im vergleichsweise grossen Spektrum möglicher Sexual-
straftaten jedoch nicht die schwersten Vorwürfe im Raum (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_324/2011 vom 26. Oktober 2011 E. 1.3). Insbesondere
drang der Beschuldigte mit den Fingern nicht in A. ein und wendete auch
keine Gewalt an. Der Beschuldigte hörte sodann damit auf, als A. erwachte
und die Berührungen realisierte. Verschuldenserhöhend ist zu
berücksichtigen, dass der Beschuldigte als Stiefvater und damit
Bezugsperson von A. das darauf basierende Vertrauensverhältnis
ausnutzte und dieses erschütterte.
Der Schändung ist eine (rein) sexuelle sowie egoistische Motivation
immanent, was für sich allein nicht verschuldenserhöhend zu berück-
sichtigen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.194/2001 vom 3. Dezember
2002 E. 7.4.2). Der Beschuldigte verfügte jedoch über ein sehr hohes Mass
an Entscheidungsfreiheit. Je leichter es aber für den Beschuldigten ge-
wesen wäre, die sexuelle Selbstbestimmung von A. zu respektieren, desto
schwerer wiegt die Entscheidung dagegen und damit einhergehend das
Verschulden (vgl. BGE 117 IV 112 E. 1 S. 114 mit Hinweisen).
Unter Berücksichtigung des weiten ordentlichen Strafrahmens bis zu
10 Jahren Freiheitsstrafe und den davon erfassten Tatvorgehen und Tat-
umständen, ist für die Schändung vorliegend aufgrund der Tatumstände
von einem vergleichsweise noch leichten Verschulden und einer dafür
angemessenen Einsatzstrafe von 4 Monaten Freiheitsstrafe auszugehen.
- 15 -
3.5.
3.5.1.
In Anwendung des Asperationsprinzips gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB ist die
Einsatzstrafe von 4 Monaten Freiheitsstrafe nun aufgrund der zweiten
Schändung sowie der weiteren Straftaten (sexuelle Handlungen mit einem
Kind, Pornografie), für welche ebenfalls eine Freiheitsstrafe auszusprechen
ist (siehe dazu oben), angemessen zu erhöhen.
3.5.2.
Betreffend die zweite Schändung vom 9. Oktober 2018 ist anzumerken,
dass diese im Wesentlichen gleich ablief, wie die erste und somit
diesbezüglich ebenfalls von einem vergleichsweise noch leichten
Verschulden auszugehen ist. Im Rahmen der Asperation ist zudem zu
beachten, dass beide Schändungen insofern in einem Zusammenhang
stehen, als dass sich beide gegen A. gerichtet haben und jeweils auf
ähnliche Art und Weise begangen worden sind. Es kann im Übrigen aber
nicht von einem besonders engen Zusammenhang gesprochen werden,
weshalb der Gesamtschuldbeitrag jeder Schändung entsprechend hoch zu
veranschlagen ist. Insgesamt rechtfertigt es sich, die Einsatzstrafe von 4
Monaten Freiheitsstrafe aufgrund des Gesamtschuldbeitrags angemessen
um 2 Monate auf 6 Monate zu erhöhen.
3.5.3.
In Bezug auf die sexuellen Handlungen mit einem Kind (Art. 187 Ziff. 1
StGB) für welche die Strafe in Anwendung von Art. 49 Abs. 1 StGB
zusätzlich zu erhöhen ist, ergibt sich Folgendes:
Sexuelle Handlungen mit einem Kind werden mit Freiheitsstrafe bis zu
5 Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 187 Ziff. 1 StGB). Der Tatbestand
will die Gefährdung der sexuellen Entwicklung von Unmündigen
verhindern, das heisst die ungestörte Entwicklung des Kindes schützen, bis
es die notwendige Reife erreicht hat, die es zur verantwortlichen
Einwilligung in sexuelle Handlungen befähigt (Urteil des Bundesgerichts
6B_518/2020 vom 15. September 2021 E. 1.3).
Der Beschuldigte hat den Intimbereich der damals noch nicht 16-jährigen
A. mehrfach über den Kleidern berührt, so dass diese aufgewacht ist.
Insgesamt sind die sexuellen Handlungen weder einzeln noch in ihrer
Gesamtheit zu bagatellisieren. Es kann allerdings auch nicht von einer
schweren oder nachhaltig auf diese Vorfälle zurückzuführende Beein-
trächtigung der ungestörten sexuellen Entwicklung von A. ausgegangen
werden. Verschuldenserhöhend ist zu berücksichtigen, dass der
Beschuldigte als Stiefvater und damit Bezugsperson von A. über ein sehr
grosses Mass an Entscheidungsfreiheit verfügte.
- 16 -
Bei isolierter Betrachtung wäre für die Vorfälle mit Berührungen eine
Einzelstrafe von je 2 Monaten gerechtfertigt. Aufgrund des engen Zu-
sammenhangs mit der Schändung ist die Einsatzstrafe unter Berück-
sichtigung des Asperationsprinzips insgesamt um 3 Monate zu erhöhen.
3.5.4.
Hinsichtlich der Pornografie, für welche die Strafe in Anwendung von
Art. 49 Abs. 1 StGB zusätzlich zu erhöhen ist, ergibt sich was folgt:
Pornografie sieht eine Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe
vor (Art. 197 Abs. 1 StGB). Der Tatbestand schützt die sexuelle Integrität
und Selbstbestimmung, insbesondere die ungestörte sexuelle Entwicklung
von Kindern und Jugendlichen (ISENRING/KESSLER, in: Basler Kommentar,
Strafrecht II, 4. Auflage, N. 7 zu Art. 197 StGB).
Der Beschuldigte zeigte A. an einem nicht mehr genau feststellbaren
Datum ein Video mit pornografischem Inhalt. Nachdem A. erklärt hatte,
dass sie das Video nicht sehen wolle, hat er das Video wieder gestoppt. Mit
Blick auf die kurze Dauer des Vorspielens und den Inhalt des Videos
(insbesondere keine sog. harte Pornografie) sowie die weiteren unter Art.
197 Abs. 1 StGB fallenden Verhaltensweisen ist von einer vergleichsweise
noch leichten Form der Tatausführung auszugehen, welche – für sich
alleine – nicht zu einer schweren oder nachhaltigen Störung der sexuellen
Entwicklung von A. geführt hat. Verschuldenserhöhend ist wiederum zu
berücksichtigen, dass der Beschuldigte auch hinsichtlich dieser Straftat
über ein sehr grosses Mass an Entscheidungsfreiheit verfügte. Insgesamt
ist jedoch von einem vergleichsweise noch leichten Verschulden und einer
dafür angemessenen Einzelstrafe von einem Monat auszugehen.
Ein gewisser Zusammenhang zu den weiteren Straftaten ist erkennbar,
weshalb unter Berücksichtigung des Asperationsprinzips eine Erhöhung
der Einsatzstrafe um 1⁄2 Monat angemessen ist.
3.6.
Hinsichtlich der Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte
ist, wie bereits erwähnt, mehrfach und zum Teil einschlägig vorbestraft.
Dies wirkt sich straferhöhend aus, da der Beschuldigte offensichtlich nicht
genügende Lehren aus seinem Fehlverhalten gezogen hat (BGE 136 IV 1
E. 2.6.2). Es ist jedoch zu beachten, dass aus dem täterbezogenen Straf-
zumessungskriterium der Vorstrafen nicht indirekt ein tatbezogenes
Kriterium gemacht wird. Mithin dürfen diese Vorstrafen nicht wie eigen-
ständige Delikte gewürdigt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_510/2015 vom 25. August 2015 E. 1.4). Das Wohlverhalten des Be-
schuldigten seit der Tatbegehung kann nicht strafmindernd berücksichtigt
werden, denn ein solches wird allgemein erwartet und vorausgesetzt (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 6B_291/2017 vom 16. Januar 2018 E. 2.2.4).
- 17 -
Der Beschuldigte hat die ihm vorgeworfenen sexuellen Handlungen zum
Nachteil von A. auch noch im Berufungsverfahren bestritten. Eine
erhebliche Strafminderung, wie sie bei einem von Anfang an geständigen,
einsichtigen und nachhaltig reuigen Täter möglich ist, ist somit ausge-
schlossen. Daran ändert auch nichts, dass er sich grundsätzlich kooperativ
verhalten und eine Therapie begonnen hat (UA act. 718).
Weitere relevante, sich auf die Strafhöhe auswirkende Täterkomponenten
sind nicht ersichtlich. Insbesondere ist nicht von einer erhöhten Straf-
empfindlichkeit auszugehen, denn es liegen keine aussergewöhnlichen
Umstände vor (vgl. Urteile des Bundesgerichts 6B_1079/2016 vom
21. März 2017 E. 1.4.5; 6B_249/2016 vom 19. Januar 2017 E. 1.4.4;
6B_243/2016 vom 8. September 2016 E. 3.4.2; 6B_748/2015 vom
29. Oktober 2015 E. 1.3).
Insgesamt überwiegen die negativen Faktoren aufgrund der Vorstrafen, so
dass sich die Täterkomponente im Umfang von 1⁄2 Monat straferhöhend
auswirkt. Die angemessene Freiheitsstrafe ist somit auf 10 Monate
festzusetzen.
3.7.
Der Beschuldigte moniert schliesslich eine lange Verfahrensdauer von über
3 Jahren (Berufungsbegründung N. 23). Er führt allerdings keine konkrete
Verletzung des Beschleunigungsgebots ins Feld, sondern bringt vor, das
Strafverfahren hänge wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf.
In Anbetracht des Anklagesachverhalts und der notwendigen Unter-
suchungshandlungen erweist sich die Verfahrensdauer von etwas über
3 Jahren bis zum Vorliegen des obergerichtlichen Urteils nicht als
übermässig lang. Weder liegt ein langer Zeitablauf im Sinne von Art. 48
lit. e StGB vor (vgl. BGE 140 IV 145), noch ist eine Verletzung des
Beschleunigungsgebot durch krasse Verfahrensstillstände oder Zeitlücken
ersichtlich (siehe dazu statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_855/2020
vom 25. Oktober 2021 E. 1.5), zumal es nicht Sache des Obergerichts ist,
die Akten ohne präzise Rüge danach zu durchsuchen, ob die Straf-
behörden das Verfahren in allen Stadien ohne Verzug behandelt haben
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1036/2013 vom 1. Mai 2014 E. 3.4.2).
3.8.
3.8.1.
Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe
von höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe
nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer
Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB).
- 18 -
Die Prüfung, ob der Beschuldigte für ein dauerndes Wohlverhalten Gewähr
bietet, setzt eine Gesamtwürdigung aller wesentlichen Umstände voraus.
In die Beurteilung miteinzubeziehen sind neben den Tatumständen auch
das Vorleben und der Leumund sowie alle weiteren Tatsachen, die gültige
Schlüsse auf den Charakter des Täters und die Aussichten einer
Bewährung zulassen. Die persönlichen Verhältnisse sind dabei bis zum
Zeitpunkt des Entscheids miteinzubeziehen (BGE 134 IV 140 E. 4.4). Der
Strafaufschub ist die Regel, von der grundsätzlich nur bei ungünstiger
Prognose abgewichen werden darf. Er hat im breiten Mittelfeld der Un-
gewissheit den Vorrang (BGE 134 IV 1 E. 4.2.2). Bei einer Schlechtprog-
nose ist ein Aufschub der Strafe ausgeschlossen (BGE 134 IV 1 E. 5.3.1).
Begeht der Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder Ver-
gehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben wird,
so widerruft das Gericht die bedingte Strafe oder den bedingten Teil der
Strafe (Art. 46 Abs. 1 StGB). Da der Beschuldigte die neuen Straftaten
während der laufenden dreijährigen Probezeit begangen hat, ist auch der
Widerruf des ihm mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm
vom 23. November 2015 für die Geldstrafe von 180 Tagessätzen à
Fr. 100.00, d.h. Fr. 18'000.00, gewährten bedingten Strafvollzugs zu
prüfen. Das Nebeneinander von zwei Sanktionen (neue Strafe und Wider-
rufsstrafe) erfordert eine Beurteilung in Varianten: Möglich ist, dass der
Vollzug der neuen Strafe erwarten lässt, der Verurteilte werde dadurch von
weiterer Straffälligkeit abgehalten, weshalb es nicht notwendig erscheine,
den bedingten Vollzug der früheren Strafe zu widerrufen. Umgekehrt kann
der nachträgliche Vollzug der früheren Strafe dazu führen, dass eine
Schlechtprognose für die neue Strafe im Sinne von Art. 42 Abs. 1 StGB
verneint und diese folglich bedingt ausgesprochen wird (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_808/2018 vom 6. Mai 2019 E. 2.3 mit Hinweisen).
3.8.2.
Der Beschuldigte weist zwei (teils einschlägige) Vorstrafen auf. Eine
frühere Verurteilung wegen sexueller Handlungen mit einem Kind gemäss
Art. 187 StGB hielt ihn nicht davon ab, eine erneute, ähnlich gelagerte
Straftat noch während der Probezeit zu begehen. Dieser Umstand ist bei
der Prognosestellung ungünstig zu werten. Des Weiteren wurde dem
Beschuldigten im Gutachten vom 15. November 2019 ein leicht erhöhtes
Risiko von distanzlosem Verhalten bis hin zu sexuellen Grenzüber-
schreitungen in gewissen Situationen attestiert. Sollte er sich in der Rolle
eines Vaters oder Stiefvaters wiederfinden, so bestehe gar ein leicht bis
moderates Risiko von sexuell motivierten Grenzüberschreitungen (UA
act. 58.78). Dem Beschuldigten wäre somit eigentlich eine eigentliche
Schlechtprognose zu stellen. Die persönlichen Umstände des Beschul-
digten haben sich nicht so verändert, dass diese die ihm zu stellende
Schlechtprognose entfallen lassen könnte. Diese kann vorliegend nur
deshalb (knapp) verneint werden, weil die früher bedingt ausgesprochene
- 19 -
Geldstrafe von Fr. 18'000.00 nunmehr zu vollziehen ist. Es handelt sich um
einen für den Beschuldigten sehr erheblichen Betrag, der ihn hart treffen
wird und eine Verbesserung der Legalprognose erlaubt. Somit kann die
neue Strafe bedingt ausgesprochen werden. Den trotz Vollzug der Wider-
rufsstrafe noch bestehenden Bedenken an der Legalbewährung ist mit
einer erhöhten Probezeit von 4 Jahren angemessen Rechnung zu tragen
(Art. 44 StGB).
3.8.3.
Die ausgestandene Untersuchungshaft von 71 Tagen (1. November 2018
bis 10. Januar 2019) ist auf die Freiheitsstrafe anzurechnen (Art. 51 StGB
i.V.m. Art. 110 Abs. 7 StGB). Nachdem die ausgestandene Untersuchungs-
haft vollständig auf die ausgefällte Freiheitsstrafe angerechnet wird, entfällt
ein Genugtuungsanspruch des Beschuldigten (Art. 431 Abs. 2 StPO
e contrario).
3.9.
Die vom Beschuldigten begangenen Übertretungen (sexuelle Belästigun-
gen gemäss Art. 198 Abs. 2 StGB, Widerhandlungen gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG) sind mit Busse von
maximal Fr. 10'000.00 (Art. 106 Abs. 1 StGB) zu sanktionieren. Die Busse
ist nach den Verhältnissen des Täters zu bemessen, so dass dieser die
Strafe erleidet, die seinem Verschulden und seinen persönlichen Verhält-
nissen angemessen ist (Art. 106 Abs. 3 StGB).
Die Vorinstanz hat eine Busse von insgesamt Fr. 2'000.00 ausgesprochen.
Diese Busse kann unter keinem Titel herabgesetzt werden. Der Beschul-
digte hat A. mitunter mit sehr expliziten sexuellen Aussagen, dass sie in
seinen Träumen sei und er sie schlecke bzw. er nicht in sie
hineinejakulieren könne sowie mit der Unterwäsche mit den Aufschriften
«Touch me» und «Fuck me» sexuell belästigt. Dabei verfügte er über ein
sehr grosses Mass an Entscheidungsfreiheit. Entsprechend hoch erscheint
das mit den sexuellen Belästigungen einhergehende Verschulden.
Der Beschuldigte züchtete bzw. pflanzte sodann im Zeitraum vom
März/April bis November 2018 mindestens 6 Hanfpflanzen (34.6 Gramm
Marihuana) bzw. 10 Setzlinge (0.7 Gramm Marihuana) für seinen Eigen-
bedarf an. Das in der Folge geerntete und getrocknete Marihuana, insge-
samt mindestens 14.8 Gramm, bewahrte er bei sich zu Hause auf und
rauchte es teilweise (1 Joint). Ferner hat er im Zeitraum von Januar 2018
bis Februar 2019 mindestens 15 Gramm Marihuana konsumiert. Die
Tathandlungen erfolgten zur Deckung des Eigenbedarfs. Dies ist indes
bereits durch die Anwendung des privilegierten Tatbestandes von Art. 19a
BetmG berücksichtigt. Zu berücksichtigen ist auch, dass überhaupt nur
strafbar ist, wer mehr als eine geringfügige Menge, d.h. mehr als 10 Gramm
Marihuana (Art. 19b Abs. 2 BetmG) für den eigenen Konsum vorbereitet.
- 20 -
Täter, die lediglich (einmalig) eine geringfügige Menge Cannabis
konsumieren, werden mit einer Ordnungsbusse von jeweils Fr. 100.00
bestraft (Art. 28b Abs. 2 BetmG bzw. seit 1. Januar 2020 gemäss Art. 1
OBG i.V.m. Art. 14 OBG und Ziff. 8001 Anhang OBV). Das Verschulden
des Beschuldigten, der nicht bloss konsumiert hat, wiegt klar schwerer.
Insgesamt wäre auch unter Berücksichtigung der ungünstigen finanziellen
Verhältnisse eine Busse von deutlich mehr als Fr. 2'000.00 auszusprechen
gewesen, zumal der Beschuldigte hinsichtlich der Widerhandlung gegen
das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG einschlägig
vorbestraft ist. Aufgrund des Verschlechterungsverbots fällt eine Erhöhung
der Busse allerdings ausser Betracht (Art. 391 Abs. 2 StPO). Es bleibt damit
bei der von der Vorinstanz ausgesprochenen Busse von Fr. 2'000.00 sowie
der Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen.
4.
Die Vorinstanz hat gestützt auf Art. 67 Abs. 3 StGB in der im Tatzeitpunkt
geltenden Fassung ein Tätigkeitsverbot für die Dauer von 10 Jahren
auferlegt und für diese Dauer die Bewährungshilfe angeordnet.
Gemäss Art. 67 Abs. 3 StGB in der seit 1. Januar 2019 geltenden Fassung
verbietet das Gericht einem Beschuldigten zwingend lebenslänglich jede
berufliche und jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die einen
regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen umfasst, unter anderem dann,
wenn er wegen einer sexuellen Handlung mit Kindern nach Art. 187 StGB
(lit. b) oder wegen Schändung nach Art. 191 StGB (lit. c) verurteilt wird.
Nach dem im Zeitpunkt der Tatbegehung geltenden Recht war bei einer
Verurteilung aufgrund dieser Tatbestände lediglich die Anordnung eines
10-Jährigen Tätigkeitsverbots möglich (aArt. 67 Abs. 3 lit. a und b StGB).
Die vorliegend zu beurteilenden Taten wurden vor dem 1. Januar 2019
begangen. Die Vorinstanz hat deshalb aufgrund des strafrechtlichen Rück-
wirkungsverbots zurecht zu Gunsten des Beschuldigten auf die im Tatzeit-
punkt geltende Fassung von Art. 67 StGB abgestellt.
5.
5.1.
Die Tatbestände der Schändung (Art. 191 StGB) und der sexuellen
Handlungen mit einem Kind (Art. 187 StGB) stellen Katalogtaten der obliga-
torischen Landesverweisung gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. h StGB dar.
Gemäss Art. 66a Abs. 1 StGB verweist das Gericht den Ausländer
unabhängig von der Höhe der Strafe für 5 bis 15 Jahre aus der Schweiz,
wenn er wegen einer oder einer Kombination der in Abs. 1 aufgeführten
strafbaren Handlungen verurteilt wird (obligatorische Landesverweisung).
Gemäss Art. 66a Abs. 2 StGB kann das Gericht ausnahmsweise von einer
- 21 -
Landesverweisung absehen, wenn diese für den Ausländer einen
schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen
des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen. Dabei ist der
besonderen Situation von Ausländern Rechnung zu tragen, die in der
Schweiz geboren oder aufgewachsen sind. Die Härtefallklausel dient der
Umsetzung des Verhältnismässigkeitsprinzips (vgl. Art. 5 Abs. 2 BV; BGE
146 IV 105 E. 3.4.2; BGE 144 IV 332 E. 3.1.2 und E. 3.3.1). Sie ist restriktiv
anzuwenden (BGE 144 IV 332 E. 3.3.1). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung lässt sich zur kriteriengeleiteten Prüfung des Härtefalls im
Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB der Kriterienkatalog der Bestimmung über
den «schwerwiegenden persönlichen Härtefall» in Art. 31 Abs. 1 der
Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und
Erwerbstätigkeit (VZAE) heranziehen. Da die Landesverweisung
strafrechtlicher Natur ist, sind auch strafrechtliche Elemente wie die
Aussichten auf soziale Wiedereingliederung des Täters in die Interessen-
abwägung miteinzubeziehen. Zu berücksichtigen sind namentlich der Grad
der (persönlichen und wirtschaftlichen) Integration, einschliesslich familiäre
Bindungen des Ausländers in der Schweiz bzw. in der Heimat, Aufenthalts-
dauer und Resozialisierungschancen. Ebenso ist der Rückfallgefahr und
wiederholter Delinquenz Rechnung zu tragen. In die Härtefall- bzw.
Verhältnismässigkeitsprüfung miteinzubeziehen ist auch die Zumutbarkeit
einer Rückkehr in das Herkunftsland. Die rechtliche Durchführbarkeit der
Landesverweisung ist zu prüfen, soweit sie definitiv bestimmbar ist (vgl.
BGE 145 IV 455 E. 9). Im Übrigen ist dem Non-refoulement-Gebot und
anderen völkerrechtlich zwingenden Bestimmungen auf der Ebene des
Vollzugs Rechnung zu tragen (Urteil des Bundesgerichts 6B_260/2021
vom 20. Juli 2021 E. 1.1.1 mit Hinweisen).
Von einem schweren persönlichen Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2
StGB ist in der Regel bei einem Eingriff von einer gewissen Tragweite in
den Anspruch des Ausländers auf das in Art. 13 BV und Art. 8 EMRK
verankerte Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens auszugehen
(Urteil des Bundesgerichts 6B_1306/2019 vom 15. Oktober 2020 E. 2.3 mit
Hinweisen). Das durch Art. 8 EMRK bzw. Art. 13 BV geschützte Recht auf
Achtung des Familienlebens ist berührt, wenn eine staatliche Entfernungs-
oder Fernhaltemassnahme eine nahe, echte und tatsächlich gelebte
familiäre Beziehung einer in der Schweiz gefestigt anwesenheitsberech-
tigten Person beeinträchtigt, ohne dass es dieser ohne weiteres möglich
bzw. zumutbar wäre, ihr Familienleben andernorts zu pflegen (BGE
144 I 226 E. 3.3 S. 272; BGE 144 II 1 E. 6.1 S. 12; je mit Hinweisen). Die
Interessenabwägung im Rahmen der Härtefallklausel von Art. 66a Abs. 2
StGB hat sich an der Verhältnismässigkeitsprüfung nach Art. 8 Ziff. 2
EMRK zu orientieren (BGE 145 IV 161 E. 3.4 S. 166; Urteil des
Bundesgerichts 6B_1070/2018 vom 14. August 2019 E. 6.3.4). Liegt eine
aufenthaltsbeendende oder -verweigernde Massnahme im Schutz- und
- 22 -
Anwendungsbereich von Art. 8 EMRK, erweist sich diese als zulässig, falls
sie gesetzlich vorgesehen ist, einem legitimen Zweck im Sinne von Art. 8
Ziff. 2 EMRK entspricht (Schutz der nationalen oder öffentlichen Sicherheit,
Aufrechterhaltung der Ordnung, Verhütung von Straftaten usw.) und
verhältnismässig ist (BGE 143 I 21 E. 5.1; 142 II 35 E. 6.1; Urteil des
Bundesgerichts 6B_1070/2018 vom 14. August 2019 E. 6.3.3).
5.2.
Der heute 42 Jahre alte Beschuldigte ist türkischer Staatsangehöriger. Er
lebt seit seinem 16. Altersjahr in der Schweiz (UA act. 54), reiste also vor
rund 27 Jahren in die Schweiz ein. Schulen hat er in der Schweiz keine
besucht, jedoch hat er eine Lehre als Bäcker absolviert. Seit dem Jahr 2016
arbeitet er in einer Festanstellung bei der D. in R. (UA act. 55). Er hat einen
17-jährigen Sohn aus erster Ehe, welcher früher zusammen mit dessen
Mutter in der Schweiz (S.) wohnte. Aufgrund einer neuen Beziehung der
Mutter und damit einhergehender verminderter Platzverhältnisse in der
Wohnung der Mutter wohnt der Sohn des Beschuldigten seit nunmehr rund
2 Jahren mit ihm zusammen (Protokoll der Berufungsverhandlung S. 13).
Betreffend die übrige Familie führte der Beschuldigte aus, seine Mutter
sowie eine seiner beiden Schwestern würden in der Schweiz wohnen, sein
Vater und die zweite Schwester jedoch in der Türkei (UA act. 716).
Stark ins Gewicht fällt vorliegend, dass der Beschuldigte einen 17 Jahre
alten Sohn hat, der sich noch in Ausbildung befindet und zu welchem er ein
gutes Verhältnis pflegt. Mit diesem lebt er nunmehr bereits seit zwei Jahren
zusammen. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass dessen Mutter
zwischenzeitlich ein weiteres Kind geboren hat, aktuell erneut schwanger
ist und lediglich in einer Dreizimmerwohnung lebt. Sein Sohn habe in dieser
Wohnung keinen Platz mehr (Protokoll der Berufungsverhandlung S. 13).
Somit wäre es diesem nicht ohne weiteres möglich, sein Familienleben
andernorts zu pflegen. Vor diesem Hintergrund ist das Vorliegen eines
Härtefalles bei einer Gesamtwürdigung zu bejahen.
5.3.
Zu prüfen bleibt gestützt auf Art. 66a Abs. 2 StGB in einem zweiten Schritt,
ob das private Interesse des Beschuldigten an einem Verbleib in der
Schweiz das öffentliche Interesse an einem Verlassen der Schweiz über-
wiegt. Das private Interesse ist umso höher zu gewichten, je länger der
Betroffene in der Schweiz wohnhaft ist, je komplizierter sich die
Reintegration im Heimatland gestaltet und je wahrscheinlicher es zum
Scheitern einer Resozialisierung im Heimatland kommen wird. Ausschlag-
gebende Kriterien zur Ermittlung der Höhe des öffentlichen Interesses sind
insbesondere die ausgefällte Strafe, die Art der begangenen Straftat und
eine erhebliche Rückfallgefahr. Nach der gesetzlichen Systematik ist die
obligatorische Landesverweisung anzuordnen, wenn die Katalogtat einen
Schweregrad erreicht, so dass die Landesverweisung zur Wahrung der
- 23 -
inneren Sicherheit notwendig erscheint. Diese Beurteilung ist strafrechtlich
dergestalt vorzunehmen, dass massgebend auf die verschuldensmässige
Natur und die Schwere der Tatbegehung, die sich manifestierende Gefähr-
lichkeit des Täters für die öffentliche Sicherheit und auf die Legalprognose
abgestellt wird (Urteil des Bundesgerichts 6B_748/2021 vom 8. September
2021 E. 1.1.1).
Der Beschuldigte lebt seit rund 27 Jahren in der Schweiz. Das Bundes-
gericht hat zwar bereits mehrfach festgehalten, dass bei einer Härte-
fallprüfung nicht schematisch ab einer gewissen Aufenthaltsdauer eine
Verwurzelung in der Schweiz angenommen werden kann (BGE 146 IV 105
E. 3.4.4; Urteil des Bundesgerichts 6B_1428/2020 vom 19. April 2021
E. 2.6.1). Er hat indes auch einen massgeblichen Teil seiner Adoleszenz-
phase in der Schweiz verbracht und hier eine Lehre als Bäcker absolviert.
Des Weiteren geht er bereits seit Jahren einer Erwerbstätigkeit nach. Auch
wenn es sich hierbei zu einem beträchtlichen Teil um Temporärjobs
handelte, lässt dies doch auf eine gewisse berufliche Integration
schliessen. Zu beachten ist allerdings auch, dass er mit seiner Einzelfirma
E. bereits nach kurzer Zeit Konkurs gegangen ist. Seine sprachliche
Integration ist mangelhaft. Er spricht zwar recht ordentlich Deutsch.
Dennoch war er – trotz seiner langen Anwesenheitsdauer in der Schweiz –
auch anlässlich der Berufungsverhandlung mehrfach auf einen
Dolmetscher angewiesen, vor allem, weil er die Fragen nicht immer richtig
verstanden hat. Die dem Beschuldigten zur Last gelegten Verfehlungen
bewegen sich, wie bereits dargelegt, im unteren Bereich des Strafrahmens
des entsprechenden Tatbestandes und sein Verschulden ist
vergleichsweise als leicht einzustufen. Gemäss Gutachten vom
15. November 2019 liegt ein leicht bis moderates Risiko sexuell motivierter
Grenzüberschreitungen vor. Somit ist zumindest nicht von einem erheb-
lichen Rückfallrisiko auszugehen. Eine Reintegration in sein Heimatland
wäre, auch wenn er sich nunmehr lange in der Schweiz aufgehalten hat,
problemlos möglich. Zu beachten ist auch im Rahmen der Interessen-
abwägung, dass er nunmehr seit rund 2 Jahren mit seinem noch nicht
mündigen und in Ausbildung stehenden Sohn zusammenwohnt. Insgesamt
kommt das Obergericht zum Schluss, dass das private Interesse des
Beschuldigten an einem Verbleib in der Schweiz das öffentliche Interesse
an einer Landesverweisung ganz knapp überwiegt. Unter diesen
Umständen ist von einer Landesverweisung abzusehen.
6.
Die Vorinstanz hat die beschlagnahmten Drogen und Gegenstände mit
Ausnahme eines iPhones von A. gestützt auf den Antrag der
Staatsanwaltschaft eingezogen und deren Vernichtung angeordnet.
Hinsichtlich der 50.1 Gramm Marihuana sind die Voraussetzungen von
Art. 69 StGB erfüllt. Hinsichtlich der Mobiltelefone Galaxy A5 und Samsung
- 24 -
Galaxy S8+, der Waage und der Hanfmühle verkennt die Vorinstanz
jedoch, dass eine Einziehung gemäss Art. 69 StGB nicht nur voraussetzt,
dass ein beschlagnahmter Gegenstand zur Begehung einer Straftat
gedient hat, dazu bestimmt war oder durch eine Straftat hervorgebracht
worden ist. Vielmehr kommt nach dem klaren Wortlaut von Art. 69 StGB
eine Einziehung nur infrage, wenn ein solcher Gegenstand zusätzlich die
Sicherheit von Menschen, die Sittlichkeit oder die öffentliche Ordnung
gefährdet. Mithin genügt ein Deliktkonnex alleine für eine Einziehung noch
nicht. Dass diese Voraussetzungen vorliegend erfüllt sind, ist hinsichtlich
der eingezogenen Mobiltelefone, der Waage und der Hanfmühle nicht
ersichtlich. Es handelt sich dabei um Gegenstände, die von jedermann
legal erworben werden können und die auch nicht gestohlen oder ander-
weitig unrechtmässig in den Besitz des Beschuldigten gelangt sind. Eine
Einziehung muss immer auch verhältnismässig, d.h. geeignet und
erforderlich sein (vgl. Urteil des Bundesgerichts 1B_355/2020 vom 19. Mai
2021 E. 5.2). Der blosse Umstand, dass ein Täter mit einem solchen
Gegenstand erneut eine Tat begehen bzw. organisieren könnte, rechtfertigt
die Einziehung nicht. Da die genannten Gegenstände jederzeit und voraus-
setzungslos von jedermann und damit auch vom Beschuldigten erworben
werden können, ist die Zwecktauglichkeit einer Einziehung nicht gegeben,
womit von der Einziehung abzusehen ist, zumal sich auch der Beschuldigte
auf die Eigentumsgarantie berufen kann und eine Einziehung nicht der
Bestrafung dient. Entgegen der Vorinstanz spielt keine Rolle, ob der
Beschuldigte gegen die Einziehung opponiert hat oder nicht, da die Voraus-
setzungen für die Einziehung gemäss Art. 69 StGB von Amtes wegen zu
prüfen sind und nicht der freien Disposition der Verfahrensparteien unter-
steht. Die gesetzeswidrig erfolgte Einziehung ist auch im Berufungs-
verfahren zu beachten.
7.
7.1.
Gemäss Art. 122 Abs. 1 StPO kann eine geschädigte Person zivilrechtliche
Ansprüche (Schadenersatz, Genugtuung) aus der Straftat als Privatkläger-
schaft adhäsionsweise im Strafverfahren geltend machen. Gemäss Art. 49
OR hat Anspruch auf Genugtuung, wer in seiner Persönlichkeit wider-
rechtlich verletzt wird, sofern die Schwere der Verletzung es rechtfertigt und
diese nicht anders wiedergutgemacht worden ist.
Die geschädigte Person muss ihre Ansprüche selbst geltend machen
(Dispositionsmaxime) und trägt dafür die (objektive und subjektive)
Beweislast. Ihre Behauptungs-, Substantiierungs- und Beweisführungslast
ist aber dadurch gemindert, dass sie von den Ergebnissen der Straf-
untersuchung profitieren und darauf verweisen kann (ANNETTE DOLGE, in:
Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014,
N. 23 zu Art. 122 StPO).
- 25 -
7.2.
7.2.1.
A. war im Nachgang zu den sexuellen Handlungen in psychologischer
Behandlung bei der Fachpsychologin F. und nahm bis zum 25. August
2020 an 17 Therapiesitzungen teil. Aktuell geht sie keiner Therapie mehr
nach, diese habe ihr nicht viel gebracht (siehe Protokoll der
Berufungsverhandlung). Die damalige Psychologin ging vom Vorliegen von
Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung aus und hielt eine
Weiterführung der psychotherapeutischen Begleitung bis zum Lehrbeginn
für angezeigt. Es sei unter anderem zu erwarten, dass die Belastungen und
die Symptomatik im Zusammenhang mit intimen Freundschaften,
praktizierter Sexualität oder Familiengründung erneut aktiviert werde. A.
hat vor Obergericht ausgesagt, einen Freund zu haben. Mit dem
körperlichen Kontakt sei es aber schwierig. Eine Persönlichkeitsverletzung
von A. ist vor diesem Hintergrund zu bejahen. Die übrigen
Voraussetzungen von Art. 49 OR sind ebenfalls erfüllt, weshalb der
Beschuldigte A. eine Genugtuung auszurichten hat.
Dem Obergericht erscheint die von der Vorinstanz festgelegte Genug-
tuungssumme von Fr. 8'000.00 zzgl. Zins zu 5 % unter den vorliegenden
Umständen jedoch als deutlich überhöht. In Anbetracht der eher geringen
Eingriffsintensität – im Rahmen der Tathandlungen wurde weder Gewalt
noch Zwang angewandt und die Berührungen von beschränkter Intensität
und Dauer fanden nur über den Kleidern statt – ist die angemessene
Genugtuung auf Fr. 1'000.00 festzusetzen. Dabei ist vor dem biografischen
Hintergrund von A. auch zu berücksichtigen, dass nur ein Teil ihrer
damaligen und heutigen Probleme mit Gewissheit auf ein strafbares
Verhalten des Beschuldigten zurückzuführen sind.
7.2.2.
Die Vorinstanz sprach G., der Mutter von A., eine Genugtuung in der Höhe
von Fr. 1'000.00 zu. Sie ist davon ausgegangen, G. sei durch das
Ermittlungs- und Strafverfahren enormem Aufwand und psychischen
Belastungen ausgesetzt gewesen sei. Ferner sei sie durch ihre
Abhängigkeit vom Beschuldigten und aufgrund dessen Ver-
trauensmissbrauch schwer in ihrer Persönlichkeit beeinträchtigt worden.
Auch durch eine Schadenshandlung indirekt Betroffene können eine
Genugtuung i.S.v. Art. 49 OR beanspruchen, sofern sie in ihrer eigenen
Persönlichkeit verletzt worden sind. Darunter fallen z.B. Angehörige einer
körperlich schwer verletzten Person (KESSLER, in: Basler Kommentar,
Obligationenrecht, 7. Aufl. 2020, N. 6 zu Art. 49 OR). Nach der bundes-
gerichtlichen Rechtsprechung muss der erlittene seelische Schaden
aussergewöhnlich sein. Die Ansprecher müssen in ihrer Persönlichkeit
widerrechtlich verletzt und gleich schwer oder schwerer betroffen sein als
- 26 -
im Falle der Tötung eines Angehörigen (BGE 125 III 412 E. 2a S. 417; Urteil
des Bundesgerichts 4A_608/2017 vom 30. April 2018 E. 3.1).
Diese Voraussetzungen sind vorliegend nicht erfüllt. Entgegen der
Vorinstanz sind keine Anhaltspunkte ersichtlich, wonach G. durch die
Handlungen des Beschuldigten zum ausschliesslichen Nachteil von A.
dermassen gravierend in ihrer Persönlichkeit verletzt worden wäre, dass
von einem aussergewöhnlichen Schaden im Sinne der oben genannten
Rechtsprechung auszugehen wäre. G. war bei keiner der vorgefallenen
Taten anwesend, nahm diese also nicht persönlich wahr. Sodann erlangte
sie erst einige Zeit nach den Taten überhaupt erst Kenntnis vom
Vorgefallenen. Es ist auch nicht bekannt, dass sie an einer psychischen
Erkrankung leiden oder dass sie entsprechend eine psychologische oder
psychiatrische Behandlung in Anspruch nehmen würde. Die von der
Rechtsprechung verlangte Schwere der Betroffenheit, die mit der Tötung
eines Angehörigen vergleichbar sein oder gar schwerer wiegen muss, wird
vorliegend daher klarerweise nicht erreicht. G. hat somit keinen Anspruch
auf eine Genugtuung.
7.3.
7.3.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten verpflichtet, der Privatklägerin A. Fr.
2'306.85 als Schadenersatz zu bezahlen. Sie ist davon ausgegangen, dass
der Opferhilfe Aargau ein Schaden in der Höhe von Fr. 2'306.86 entstanden
und zu deren Geltendmachung A. bevollmächtigt worden sei.
Der Kanton Aargau (und nicht die Opferhilfestelle oder der Kantonale
Sozialdienst) ist zwar gestützt auf Art. 121 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 7 Abs. 1
OHG hinsichtlich staatlicher Regressansprüche gegen einen Beschul-
digten zufolge gesetzlicher Subrogation zur adhäsionsweisen Zivilklage
zugelassen (vgl. BGE 140 IV 162 E. 4.9.4). Dazu muss er sich aber selber
konstituieren bzw. in den Strafprozess eintreten. Mithin ist es ausge-
schlossen, dass die Privatklägerin im Strafverfahren als Privatperson
adhäsionsweise Regressansprüche für den Kanton geltend macht.
Vielmehr ist die Privatklägerin A. hinsichtlich von Kosten, die im Rahmen
der Opferhilfe vom Kanton übernommen worden sind, nicht legitimiert. A.
ist denn auch gar kein Schaden für Kosten, die von der Opferhilfe
übernommen worden sind, entstanden. Nach dem Gesagten ist auf die
Zivilklage der Privatklägerin hinsichtlich dieses Betrags nicht einzutreten.
7.3.2.
Der Antrag von G. auf Schadenersatz wurde von der Vorinstanz
abgewiesen, was im Berufungsverfahren unbestritten geblieben ist und
worauf nicht zurückzukommen ist.
- 27 -
8.
8.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei
im Berufungsverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon
ab, in welchem Ausmass ihre vor Obergericht gestellten Anträge
gutgeheissen wurden (Urteil des Bundesgerichts 6B_330/2016 vom
10. November 2017 E. 4.3).
Die Berufung des Beschuldigten wird im Schuldpunkt grösstenteils abge-
wiesen. Im Übrigen obsiegt er jedoch zu einem massgeblichen Teil. Unter
anderem erwirkt er mit der nun ausgesprochenen bedingten Freiheitsstrafe
von 10 Monaten und dem Verzicht auf eine Landesverweisung gegenüber
dem Entscheid der Vorinstanz ein wesentlich günstigeres Ergebnis.
Entsprechend sind die Berufungsanträge der Staatsanwaltschaft
überwiegend abzuweisen. Die Privatklägerin A., die sich aktiv am
Verfahren beteiligt und Anträge gestellt hat, unterliegt in den sie
betreffenden Punkten weitgehend. Insbesondere ist die ihr zugesprochene
Genugtuung erheblich zu reduzieren und auf ihre Schadenersatzklage ist
nicht einzutreten. Bei diesem Ausgang des Verfahrens rechtfertigt es sich,
die obergerichtlichen Verfahrenskosten von Fr. 4'000.00 (§ 18 VKD) zu 1⁄4
mit Fr. 1'000.00 dem Beschuldigten und zu 1⁄4 der Privatklägerin A.
aufzuerlegen. Im Übrigen sind sie auf die Staatskasse zu nehmen.
Aufgrund der A. gewährten unentgeltlichen Rechtspflege sind ihr die auf
die entfallenden Verfahrenskosten einstweilen vorzumerken.
8.2.
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten ist aus der Staatskasse zu
entschädigen (Art. 135 Abs. 1 und 2 StPO i.V.m. § 9 AnwT). Es ist in erster
Linie Sache der kantonalen Behörden, die Angemessenheit anwaltlicher
Bemühungen zu beurteilen. Entschädigungspflichtig sind nur jene Bemü-
hungen, die in einem kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der
Rechte im Strafverfahren stehen und die verhältnismässig sind. Als Mass-
stab bei der Beantwortung der Frage, welcher Aufwand für eine ange-
messene Verteidigung im Strafverfahren angemessen ist, hat der erfahrene
Anwalt zu gelten, der im Bereich des materiellen Strafrechts und des Straf-
prozessrechts über fundierte Kenntnisse verfügt und deshalb seine
Leistungen von Anfang an zielgerichtet und effizient erbringen kann (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 6B_824/2016 vom 10. April 2017 E. 18.3.1 mit
Hinweis).
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten reichte anlässlich der
Berufungsverhandlung eine Kostennote ein, in welcher er einen Aufwand
von 21.45 Stunden à Fr. 200.00 sowie Auslagen von Fr. 95.90 und die
gesetzliche Mehrwertsteuer, gesamthaft Fr. 4'723.60, geltend machte. Dies
erweist sich als überhöht und ist zu kürzen. Für den Eingang des
- 28 -
Urteilsdispositivs, die Berufungsanmeldung und einen Brief an seinen
Klienten wird ein Aufwand von 0.65 Stunden geltend gemacht. Inwiefern
der Eingang des Urteilsdispositivs entschädigungspflichtig sein soll, ist
nicht ersichtlich, weshalb die entsprechende Position auf 0.5 Stunden zu
kürzen ist. Bei den Aufwendungen für die Berufungsanmeldung handelt es
sich im Übrigen um einen Posten, der – auch wenn er nur geschätzt werden
kann – im erstinstanzlichen Verfahren geltend zu machen ist und nicht im
Berufungsverfahren vor Obergericht, welches erst die Aufwendungen ab
Erklärung der Berufung erfasst. Die damit einhergehenden Posten
«Eingang begründetes Urteil; Studium; Notizen» usw. sind zu kürzen.
Sodann sind die Aufwandpositionen «Eingang Verfügung OGer AG» von
je 0.5 Stunden für den 26. April 2021 bzw. den 18. November 2021 zu
streichen, handelt es sich bei der Kenntnisnahme von Verfügungen doch
um einen Kürzestaufwand, der nicht zu entschädigen ist. Angesichts des
Umstandes, dass der amtliche Verteidiger an der Berufungsverhandlung
im Wesentlichen die gleiche Strategie wie vor Vorinstanz verfolgt hat und
keine wesentlichen neuen Vorbringen geltend gemacht hat, ist sodann der
Aufwand von 1.75 Stunden für die Position «Fortsetzung Erstellen
Berufungsbegründung» zu streichen. Gesamthaft ergibt sich somit ein
angemessener Aufwand von gerundet 17.8 Stunden, woraus sich zuzüglich
der Auslagen und der Mehrwertsteuer eine Entschädigung von gerundet
Fr. 4'000.00 ergibt.
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten im Umfang von 1⁄4 zurück-
zufordern, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben. Der
Beschuldigte hat zudem dem amtlichen Verteidiger im Umfang von 1⁄4 die
Differenz zwischen der amtlichen Entschädigung (Stundenansatz
Fr. 200.00 und darauf berechnete Mehrwertsteuer) und dem vollen Honorar
(Stundenansatz Fr. 220.00 und darauf berechnete Mehrwertsteuer) zu
erstatten, d.h. gerundet insgesamt Fr. 100.00, sobald es seine wirtschaft-
lichen Verhältnisse zulassen (Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO).
8.3.
Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin ist aus der Staatskasse zu
entschädigen (Art. 138 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1, Abs. 3 und
Abs. 3bis AnwT). Sie hat mit an der Berufungsverhandlung eingereichter
Kostennote einen Aufwand von 14.55 Stunden (inklusive 4 Stunden
Berufungsverhandlung) bei einem Stundenansatz von Fr. 200.00, Aus-
lagen in der Höhe von Fr. 109.20 zuzüglich 7.7 % Mehrwertsteuer geltend
gemacht.
Der geltend gemachte Zeitaufwand erscheint unter Berücksichtigung der
ihr als unentgeltliche Rechtsbeiständin in erster Linie obliegenden Aufgabe,
nämlich der Durchsetzung der Zivilansprüche (so ausdrücklich Art. 136
Abs. 1 StPO), als deutlich überhöht. In ihrem Plädoyer äusserte sie sich zu
einem massgeblichen Teil zum Schuldpunkt, was zwar Voraussetzung für
- 29 -
eine Genugtuung war. Sie verkennt jedoch, dass nicht sie, sondern die
Staatsanwaltschaft Anklägerin ist. Der Strafanspruch wird grundsätzlich
von der Staatsanwaltschaft wahrgenommen. Die angemessenen und zu
entschädigenden Aufwendungen hinsichtlich des Schuldpunkts müssen
sich deshalb in engen Grenzen halten. Anders verhält es sich nur, wenn
die Staatsanwaltschaft ihre Aufgabe nicht wahrnimmt oder an der
Berufungsverhandlung überhaupt nicht teilnimmt, was vorliegend beides
nicht der Fall war. Der geltend gemachte Aufwand von insgesamt 3 1⁄4
Stunden für die Ausarbeitung bzw. Fertigstellung des Plädoyers für die
Berufungsverhandlung ist vor diesem Hintergrund deutlich überhöht. Zu
kürzen ist sodann der Aufwand von 1 Stunde und 20 Minuten für die Be-
sprechung mit A. vor der Berufungsverhandlung, zumal nicht die
Privatklägerin, sondern der Beschuldigte die Berufung erhoben hatte und
auch keine Anschlussberufung erklärt worden war. Ebenfalls zu hoch
angesetzt ist die letzte geltend gemachte Aufwandposition von 2.5 Stunden
für den Fallabschluss. Insgesamt erscheint ein Aufwand von 6.5 Stunden
und somit eine Entschädigung von gerundet Fr.1'500.00 (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuer) als angemessen. Sodann ist darauf hinzuweisen,
dass die Aufwendungen im Hinblick auf die Schadenersatzklage, auf die
zum vornherein nicht einzutreten ist (siehe dazu oben), an sich gar nicht zu
entschädigen wären. Davon kann vorliegend ausnahmsweise abgesehen
werden, da dies auch von der Vorinstanz nicht erkannt worden war.
Gestützt auf Art. 30 Abs. 3 OHG erfolgt keine Rückforderung dieser
Entschädigung von der Privatklägerin A. (BGE 141 IV 262).
Diese Kosten sind auch nicht vom Beschuldigten (im Umfang seines
Unterliegens) zurückzufordern, da er sich nicht in günstigen
wirtschaftlichen Verhältnissen befindet (Art. 426 Abs. 4 StPO).
9.
9.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Die beschuldigte Person trägt die Kosten, wenn sie verurteilt
wird (Art. 426 Abs. 1 StPO). Wird sie teilweise freigesprochen, so sind ihr
die Verfahrenskosten anteilsmässig aufzuerlegen.
Der Beschuldigte wurde erstinstanzlich vom Vorwurf der Tätlichkeiten, der
mehrfach versuchten Drohung und der mehrfachen Nötigung freige-
sprochen, im Übrigen wurde er gemäss Anklage schuldig gesprochen.
Entsprechend der Gewichtung der einzelnen Anklagepunkte hat die
Vorinstanz dem Beschuldigten die erstinstanzlichen Verfahrenskosten nur
zu 80 % auferlegt, was nicht zu beanstanden ist.
- 30 -
9.2.
Die Entschädigung des amtlichen Verteidigers für das erstinstanzliche
Verfahren von Fr. 22'784.25 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) ist im
Berufungsverfahren unangefochten geblieben und damit keiner Über-
prüfung zugänglich (Urteil des Bundegerichts 6B_1299/2018 vom
28. Januar 2019 E. 2).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten im Umfang von 80 % zurück-
zufordern, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135
Abs. 4 lit. a StPO). Der Beschuldigte hat zudem dem amtlichen Verteidiger
im Umfang seines Unterliegens die Differenz zwischen der amtlichen Ent-
schädigung (Stundenansatz Fr. 200.00 und darauf berechnete Mehrwert-
steuer) und dem vollen Honorar (Stundenansatz Fr. 220.00 und darauf be-
rechnete Mehrwertsteuer) zu erstatten, d.h. gerundet insgesamt
Fr. 1'761.00, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen
(Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO).
9.3.
Die auffällig hohe Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsbeiständin
von A. für das erstinstanzliche Verfahren von gesamthaft Fr. 13'181.70
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) ist im Berufungsverfahren unange-
fochten geblieben und damit keiner Überprüfung zugänglich (Urteil des
Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2).
Gestützt auf Art. 30 Abs. 3 OHG erfolgt keine Rückforderung dieser
Entschädigung von der Privatklägerin A. (BGE 141 IV 262).
Diese Kosten sind auch nicht vom Beschuldigten (im Umfang seines
Unterliegens) zurückzufordern, da er sich nicht in günstigen wirtschaft-
lichen Verhältnissen befindet (Art. 426 Abs. 4 StPO).
9.4.
Die Privatklägerin G. hat sich im vorinstanzlichen Verfahren freigewählt
vertreten lassen. Gemäss Art. 433 StPO hat die Privatklägerschaft
gegenüber der beschuldigten Person Anspruch auf angemessene
Entschädigung für notwendige Aufwendungen im Verfahren, wenn sie
obsiegt, oder wenn die beschuldigte Person nach Art. 426 Abs. 2 StPO
kostenpflichtig ist.
Der Beschuldigte wird von sämtlichen Strafpunkten, welche G. betreffen,
freigesprochen. Des Weiteren wird auch deren Genugtuungsforderung
abgewiesen. Somit liegt ihrerseits kein Obsiegen vor. Es liegt auch kein
Anwendungsfall von Art. 426 Abs. 2 StPO vor. Die Privatklägerin G. hat ihre
Parteikosten somit selbst zu tragen.
- 31 -
10.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).