Decision ID: ae7fdbbe-5820-5912-9685-80f5f7bc50fb
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführenden haben auf ihrer Parzelle Pieterlen Grundbuchblatt Nr.
C._ eine Schutzwand aus Baustellengitter mit einer Werbeblache des
Unternehmens D._ installiert. Darauf hin leitete die Baupolizeibehörde der
Gemeinde Pieterlen mit Verfügung vom 9. Juli 2018 ein baupolizeiliches Verfahren gegen
die Beschwerdeführenden ein. Die Gemeinde hielt fest, auf dem Grundstück der
Beschwerdeführenden würde eine baubewilligungspflichtige Sichtschutzwand stehen. Die
Beschwerdeführenden seien indessen nicht im Besitz einer entsprechenden
Baubewilligung. Deshalb fordere sie die Beschwerdeführenden auf, alle Arbeiten auf
Parzelle Pieterlen Grundbuchblatt Nr. C._ sofort einzustellen und verbot ihnen
weitere Bauarbeiten. Zudem wies die Gemeinde darauf hin, dass sie eine
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Wiederherstellungsverfügung erlassen werde und räumte den Beschwerdeführenden eine
Frist von 10 Tagen ein, um dazu Stellung zu nehmen. Die Verfahrenskosten im Umfang
von Fr. 110.– auferlegte sie den Beschwerdeführenden.
2. Gegen die Baueinstellungsverfügung der Baupolizeibehörde der Gemeinde Pieterlen
reichten die Beschwerdeführenden am 10. Juli 2018 Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs-
und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen sinngemäss die
Aufhebung der Baueinstellungsverfügung vom 9. Juli 2018, insbesondere den Erlass der
Gebühr von Fr. 110.–. Sie machen insbesondere geltend, es handle sich beim fraglichen
Bauvorhaben um eine Baustellenschutzwand und nicht um eine Sichtschutzwand. Sie
würden selber nicht bauen und daher keineswegs gegen Bauvorschriften verstossen.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet,1 holte bei der
Einwohnergemeinde Pieterlen die Vorakten ein und gab ihr Gelegenheit, sich zur
eingereichten Beschwerde zu äussern. Mit Stellungnahme vom 17. Juli 2018 führte die
Gemeinde aus, die Sichtschutzwand sei bewilligungspflichtig, sie sei daher verpflichtet
gewesen, gegen das unbewilligte Bauen vorzugehen. Daher müssten die
Beschwerdeführenden auch die Aufwände der Baupolizei bezahlen. Nach einer
Besprechung sei sie aber zum Schluss gelangt, dass die Beschwerdeführenden die Wand
bis zum Abschluss der Arbeiten auf dem Nachbargrundstück stehen lassen können.
4. Auf die Eingaben wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191).
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II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis
Art. 48 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten
werden. Die Beschwerdeführenden sind als Adressaten durch die
Baueinstellungsverfügung beschwert und daher zur Beschwerde legitimiert. Auf ihre form-
und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten.
2. Baueinstellung
Die Beschwerdeführenden machen geltend, die von ihnen aufgestellte Wand diene dem
Schutz vor Schmutz, Staub und Unfallgefahr für Mensch und Tier. Sie sei weder künstlich
geschaffen, noch eine auf Dauer angelegte Baute und sie habe zudem keine feste
Beziehung zum Erdboden. Die Baustellenschutzwand würde die Nutzungsordnung nicht
beeinflussen, den Raum äusserlich nicht verändern und sie würde die Erschliessung nicht
belasten oder die Umwelt beeinträchtigen. Sie würde keinesfalls die öffentliche Ordnung
gefährden. Es handle sich lediglich um einen provisorischen Baustellenschutzzaun, der bis
zur Vollendung des Bauprojekts auf der Nachbarparzelle als Schutz dienen soll. Da sie
selbst nicht bauen würden, würden sie keineswegs gegen Bauvorschriften verstossen.
Die Gemeinde macht demgegenüber geltend, auf Grund der Beurteilung der Lage vor Ort
sei davon auszugehen, dass es sich nicht um eine kurze Sichtschutzwand handle. Daher
sei die Wand baubewilligungspflichtig.
b) Art. 22 RPG3 bestimmt, dass Bauten und Anlagen nur mit einer behördlichen
Bewilligung errichtet werden dürfen. Mit der Ausführung von Bauvorhaben, die eine
Baubewilligung benötigen, darf erst begonnen werden, wenn sie rechtskräftig bewilligt sind
oder der Baubeginn vorzeitig gestattet worden ist (Art. 1a Abs. 3 BauG, Art. 2 Abs. 1
BewD4). Wird ein Bauvorhaben ohne Baubewilligung oder in Überschreitung einer
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0). 3 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700). 4 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1).
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Baubewilligung ausgeführt, so verfügt die zuständige Baupolizeibehörde die Einstellung
der Bauarbeiten (Art. 46 Abs. 1 BauG).
Die Baupolizeibehörde ist bei entsprechender Wahrnehmung verpflichtet, die illegale
Bautätigkeit zu stoppen; sie geniesst dabei keinen Beurteilungsspielraum und hat keine
Interessenabwägung vorzunehmen. Der Erlass einer Baueinstellungsverfügung setzt
voraus, dass die Bautätigkeit rechtswidrig ist. Das ist unter anderem dann der Fall, wenn
ein baubewilligungspflichtiges Bauvorhaben ohne Baubewilligung ausgeführt wird. Ob das
Bauvorhaben allenfalls bewilligt werden kann, spielt aber keine Rolle. Bei der
Baueinstellung handelt es sich um eine vorsorgliche Massnahme. Es ist daher
ausreichend, dass die Rechtswidrigkeit der Bautätigkeit aufgrund einer summarischen
Prüfung als wahrscheinlich erscheint. Ein schlüssiger Beweis ist erst im
Wiederherstellungsverfahren nötig.5
c) Laut Art. 6 Abs. 1 Bst. b BewD bedürfen kleine Nebenanlagen wie mobile
Einfriedungen oder kurze Sichtschutzwände bis zu zwei Metern Höhe keiner
Baubewilligung. Ob eine Nebenanlage noch als klein gelten kann, ist einerseits eine Frage
ihrer Grösse, andererseits hängt dies auch davon ab, ob und wie stark sie stört.
Sichtschutzwände gelten grundsätzlich bis zu einer Länge von 4 m als kurz. Bei
gestaffelten Wänden sind die Längen zusammenzuzählen.6
d) Auf den von der Baupolizeibehörde Pieterlen eingereichten Fotografien ist ersichtlich,
dass die Beschwerdeführenden mindestens 5 Baustellengitter mit einer Werbeblache der
Unternehmung D._ aufgestellt haben. Diese dürften eine Höhe von rund 2 m und
eine Breite von je 3 m aufweisen.7 Da sie aneinandergereiht sind, beträgt die gesamte
Länge der Schutzwand mehr als 10 m. Auf Grund einer summarischen Prüfung durfte die
Baupolizeibehörde der Gemeinde Pieterlen anlässlich der Kontrolle vom 6. Juli 2018 daher
davon ausgehen, dass die installierte Schutzwand keine kleine Nebenanlage im Sinne von
Art. 6 Abs. 1 Bst. b BewD darstellt, obwohl sie nicht fix mit dem Boden verbunden ist. Auch
wegen ihrer Erscheinung und den Auswirkungen auf den äusseren Raum durfte sie zum
Schluss gelangen, die Schutzwand sei baubewilligungspflichtig. Zudem war unklar, ob die
5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 6/6b. 6 Bernische Systematische Information Gemeinden (BSIG) Nr. 7/725.1/1.1, Baubewilligungsfreie Bauten und Anlagen nach Art. 1b BauG, S. 5/6. 7 Vgl. handelsübliche Baustellenzäune, etwa www.mobilzaunshop.ch.
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Beschwerdeführenden noch weitere Bauarbeiten ausführten. Die Baupolizeibehörde war
daher verpflichtet, ein baupolizeiliches Verfahren einzuleiten und vorerst eine
Baueinstellung zu verfügen, als sie davon Kenntnis erhielt. Für welchen Zweck die
Beschwerdeführenden die Schutzwand aufstellten, ist bei dieser Beurteilung unerheblich.
Die Baupolizeibehörde hat zu Recht die Baueinstellung verfügt. Nach der vom Baugesetz
vorgesehenen Vorgehensweise (Art. 46 Abs. 1 BauG) musste die Gemeinde die
Beschwerdeführenden vor dem Erlass des Baustopps nicht anhören.
3. Vorinstanzliche Gebühren
a) Die Beschwerdeführenden erachten die erhobene Gebühr von je Fr. 110.– für die
Baueinstellungsverfügung als ungerechtfertigt, da die Baupolizeibehörde der Gemeinde
Pieterlen die Sichtschutzwand falsch interpretiert habe. Es handle sich nicht um eine
Sichtschutzwand, sondern konkret um einen Baustellenschutzzaun, der bis zur
Beendigung der Bauarbeiten auf der Nachbarparzelle stehen bleiben dürfe. Die
Schutzwand sei als kurzfristige Massnahme installiert worden und die Baupolizeibehörde
der Gemeinde Pieterlen habe sie nachträglich genehmigt.
Demgegenüber macht die Baupolizeibehörde der Gemeinde Pieterlen geltend, ihr
Vorgehen sei korrekt gewesen, daher hätten die Beschwerdeführenden die Kosten für den
Aufwand zu übernehmen.
b) Das Baubewilligungsdekret regelt die Kostentragungspflicht nur für das
Baubewilligungsverfahren (Art. 52 Abs. 1 BewD) und das nachträgliche
Baubewilligungsverfahren (Art. 52 Abs. 1 BewD analog). Für das Baupolizeiverfahren ohne
nachträgliches Baubewilligungsverfahren fehlt eine entsprechende Bestimmung (vgl. Art.
51 Abs. 1 BewD). Daher sind die umstrittenen Kosten nach dem Verursacherprinzip zu
verlegen.8 Das Verursacherprinzip besagt, dass die Kosten von demjenigen zu tragen sind,
der sie verursacht hat.9 Das im Verwaltungsverfahren allgemein anwendbare
Verursacherprinzip genügt indessen für sich genommen nicht als gesetzliche Grundlage.
Gemäss Art. 69 Abs. 4 Bst. b der Kantonsverfassung10 sind der Gegenstand von Abgaben,
8 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, Bern 1997, Art. 107 N. 1. 9 Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl., Bern 2014 § 56 N 36. 10 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1).
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die Grundsätze ihrer Bemessung und der Kreis der Abgabepflichtigen mit Ausnahme von
Gebühren in geringer Höhe in einem Gesetz im formellen Sinn zu regeln. Diese
Bestimmung gilt als verfassungsrechtlicher Grundsatz auch für Gemeinden.11 Die
Gemeinde muss daher ihre Gebühren in einem Gebührenreglement regeln. Die Gemeinde
Pieterlen verfügt über ein Gebührenreglement12 mit einer Gebührenverordnung.13 Gemäss
Art. 2.2.3 Anhang zur KGebV werden Aufwände für baupolizeiliche Massnahmen mit der
Aufwandgebühr II bemessen. Diese beträgt Fr. 110.– pro Stunde (Art. 3 Abs. 1 Bst. b
KGebV). Die Gemeinde Pieterlen verfügt somit über eine genügende gesetzlich
Grundlage, um für den im Zusammenhang mit einem Baupolizeiverfahren angefallenen
Aufwand Gebühren zu erheben.
c) Wie bereits dargelegt, hat die Baupolizeibehörde zu Recht ein baupolizeiliches
Verfahren eingeleitet und die Einstellung der Arbeiten auf dem Grundstück der
Beschwerdeführenden verfügt, da sie über keine Baubewilligung verfügten. Es wird
allgemein vorausgesetzt, die Bewilligungspflicht für Bauvorhaben sei bekannt.14 Ohne
vorgängige Rücksprache mit der Baubewilligungsbehörde hätten die
Beschwerdeführenden den Schutzzaun daher nicht errichten dürfen, ohne Gefahr zu
laufen, dass die Baupolizeibehörde interveniert. Dementsprechend haben sie mit ihrem
Verhalten den Aufwand der Baupolizeibehörde verursacht. Daran ändert auch der
Umstand nichts, dass der Zaun bis zum Abschluss der Arbeiten auf dem
Nachbarsgrundstück stehen bleiben kann. Die Aufwendungen der Baupolizeibehörde sind
in Anwendung des Verursacherprinzips den Beschwerdeführenden aufzuerlegen.
Der von der Gemeinde geltend gemachte Aufwand von insgesamt einer Stunde erscheint
angemessen. Die Vorinstanz durfte den Beschwerdeführenden somit die Kosten von
Fr. 110.– auferlegen. Die Beschwerde erweist sich als unbegründet und ist abzuweisen.
11 Vgl. dazu Ulrich Zimmerli, Gemeinden, in: Handbuch des bernischen Verfassungsrechts, grsg. von Walter Kälin/Urs Bolz, Bern 1995, S. 208. 12 Gebührenreglement der Einwohnergemeinde Pieterlen vom 1. Juli 2009 (GebR). 13 Gebührenverordnung der Einwohnergemeinde Pieterlen vom 1. Juli 2009 (KGebV). 14 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9b.
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4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 400.– (Art. 19 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 Abs. 2 GebV15).
b) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).