Decision ID: c735b7ec-81ec-5e7c-b785-56199d17e98f
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eritreische Staatsangehörige tigrynischer Ethnie
– verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im August 2015 und
gelangte am 11. Juli 2016 in die Schweiz, wo sie gleichentags im Emp-
fangs- und Verfahrenszentrum D._ für sich und ihr auf der Flucht in
Italien geborenes Kind B._ um Asyl nachsuchte. Am 18. Juli 2016
wurde sie summarisch zu ihren Personalien, dem Reiseweg und ihren Asyl-
gründen (BzP) befragt.
B.
Mit Verfügung vom 28. Oktober 2016 trat das SEM im Rahmen eines Dub-
lin-Verfahrens auf das Asylgesuch nicht ein und verfügte die Überstellung
der Beschwerdeführerin nach Italien. Die dagegen erhobene Beschwerde
wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-6788/2016 vom 1. Februar
2017 ab.
C.
Am 8. Juni 2017 eröffnete das SEM das nationale Asylverfahren und hörte
die Beschwerdeführerin am 15. Dezember 2017 einlässlich zu den Asyl-
gründen an.
Im Rahmen dieser Anhörung machte die Beschwerdeführerin zur Begrün-
dung ihres Asylgesuchs im Wesentlichen geltend, sie stamme aus
E._ und habe dort mit ihrer Familie gelebt. Ihr Vater sei Soldat im
Militär gewesen und habe zum Familienunterhalt nichts beitragen können.
Im Jahr 2012 sei der Vater nach F._ ins Gefängnis gebracht worden
und sie habe seither keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt; über seinen Ver-
bleib sei der Familie nichts bekannt. Sie selbst habe die Schule in
G._ besucht. Als ältestes Kind der Familie habe sie sich – auch in
Anbetracht der Verfassung ihrer Mutter – überdies in der Landwirtschaft
betätigen müssen, um den Lebensunterhalt der Familie sicherzustellen.
Das Leben in Eritrea sei schwierig gewesen. Im Jahr 2013 habe sie zum
ersten Mal versucht, Eritrea illegal zu verlassen. Jedoch sei sie an der
Grenze von Soldaten festgenommen und inhaftiert worden. Aufgrund ihrer
Minderjährigkeit, welche ihre Tante väterlicherseits mittels ihrer Taufur-
kunde bewiesen habe, sei sie wieder freigelassen worden. Im (...) 2014
habe sie religiös geheiratet. Die Ehe sei von der Familie arrangiert worden.
Beim Ehemann H._ habe es sich um ihren Nachbarn gehandelt. Ihr
Ehemann sei bereits kurz nach der Eheschliessung nach Äthiopien ge-
flüchtet, weswegen sie von den eritreischen Behörden an ihrem Wohnort
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aufgesucht und nach dessen Verbleib befragt worden sei. In diesem Zu-
sammenhang sei sie festgenommen und im Militärgefängnis (...) inhaftiert
worden. Nach etwa einem Monat sei sie freigelassen worden. Anschlies-
send habe sie sich zu ihrer Tante väterlicherseits nach G._ begeben
und die (...) Klasse abgeschlossen. Danach sei sie für einige wenige Tage
nach E._ zurückgekehrt. Am 27. August 2015 sei sie schliesslich
illegal nach Äthiopien ausgereist, wo sie ihren Ehemann wiedergetroffen
habe. Jedoch sei sie ohne ihn weitergereist, weil er in Äthiopien eine neue
Familie gegründet habe; sie hätten keinen Kontakt mehr. Er sei der Vater
ihres erstgeborenen Kindes B._.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin die Identi-
tätskarte ihrer Mutter, ihre eigene Taufurkunde sowie die Geburtsurkunde
ihres Kindes B._ ein.
D.
Mit Verfügung vom 28. Februar 2018 hielt das SEM fest, dass die Be-
schwerdeführerin und ihr Kind B._ die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfüllen. Die Asylgesuche wurden abgelehnt und die Wegweisung aus der
Schweiz sowie der Vollzug der Wegweisung angeordnet.
E.
Diese Verfügung focht die Beschwerdeführerin – handelnd durch den rubri-
zierten Rechtsvertreter – mit Eingabe vom 22. März 2018 beim Bundesver-
waltungsgericht an. Sie beantragte die Aufhebung der Verfügung und die
Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 54 AsylG. Even-
tualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um die Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung, um die Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertre-
tung in der Person ihres mandatierten Rechtsvertreters sowie um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 10. April 2018 hiess der damalige Instruktions-
richter die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
sowie Verbeiständung gut und ordnete der Beschwerdeführerin den man-
datierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand in der Person des
Unterzeichnenden bei. Am 14. Mai 2018 wurde die Vorinstanz zur Einrei-
chung einer Vernehmlassung eingeladen.
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Seite 4
G.
Am (...) gebar die Beschwerdeführerin das Kind C._.
H.
Am 17. Mai 2018 ersuchte das Zivilstandesamt des Kantons I._
beim SEM um Informationen bezüglich J._ (Beschwerdeführer im
Verfahren E-4868/2017) zwecks Anerkennung seiner Vaterschaft für das
Kind C._.
I.
Mit Eingabe vom 25. Mai 2018 liess sich das SEM zur Beschwerdeeingabe
vernehmen.
J.
Dazu nahm die Beschwerdeführerin mit Replik vom 12. Juni 2018 Stellung.
K.
Am 11. September 2018 reichte J._ ein Kantonswechselgesuch ein
und ersuchte darum, mit der Beschwerdeführerin und dem gemeinsamen
Kind C._ leben zu können.
L.
Am 11. Dezember 2018 bewilligte das SEM das Kantonswechselgesuch.
M.
Aus Gründen der koordinierten Verfahrensführung mit dem ebenfalls
vor dem Bundesverwaltungsgericht hängigen Verfahren von J._
E-4868/2917 hat die unterzeichnende Richterin den Vorsitz im Verfahren
übernommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
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det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin und ihr Kind B._ haben am Verfahren vor der
Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung
besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren
Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung
der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48
Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.6 In das Beschwerdeverfahren einzubeziehen ist das am (...) geborene
Kind C._.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Das vorliegende Verfahren wird mit dem Beschwerdeverfahren
E-4868/2017 insofern koordiniert behandelt, als derselbe Spruchkörper zu-
ständig ist und die Urteile zeitgleich ergehen.
E-1738/2018
Seite 6
4.
Die Beschwerdebegehren beschränken sich im vorliegenden Verfahren in
materieller Hinsicht auf die Aufhebung der Dispositivziffer 1, 3, 4 und 5.
Beantragt wird die Anordnung der vorläufigen Aufnahme aufgrund der be-
stehenden Flüchtlingseigenschaft wegen subjektiver Nachfluchtgründe.
Die Verfügung der Vorinstanz vom 28. Februar 2018 ist demnach hinsicht-
lich der Dispositivziffer 2 (Abweisung des Asylgesuchs) in Rechtskraft er-
wachsen.
5.
5.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in
dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politischen An-
schauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1
AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei-
bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg-
lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG); den frauenspezi-
fischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen.
5.2 Die Flüchtlingseigenschaft muss nachgewiesen oder zumindest
glaubhaft gemacht werden. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde
ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält.
Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten
zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht
entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel-
tend. Diese begründen die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls.
Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nach-
weisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
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Seite 7
6.
6.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz
im Wesentlichen aus, die von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Vor-
fluchtgründe, namentlich die Angaben zur Ausreise des Ehemannes, zu ih-
rer anschliessenden Verhaftung, den Umständen dieser Haft sowie zu de-
ren Dauer und der zeitlichen Einordnung würden sich als widersprüchlich
und in wesentlichen Aspekten als unsubstanziiert erweisen, weshalb die
Vorbringen als unglaubhaft zu qualifizieren seien. Die geltend gemachte
illegale Ausreise aus Eritrea sei für sich allein betrachtet praxisgemäss
nicht ausreichend, um die Flüchtlingseigenschaft wegen subjektiver Nach-
fluchtgründe zu begründen; zusätzliche glaubhafte Anhaltspunkte, aus de-
nen sich eine Gefährdung der Beschwerdeführerin ergeben könne, seien
nicht zu bejahen. Was die angeblichen Behelligungen und die Inhaftierung
im Zusammenhang mit dem Verschwinden ihres Ehemannes betreffe,
werde daran festgehalten, dass diese Schilderungen unglaubhaft seien.
Den Aussagen der Beschwerdeführerin zufolge habe sie sodann nie eine
Vorladung für den Militärdienst erhalten und sei im Zeitpunkt der Ausreise
noch minderjährig gewesen. Da es der illegalen Ausreise an der flüchtlings-
rechtlichen Relevanz mangele, könne auf die Glaubhaftigkeitsprüfung der
Aussagen zu Ausreise verzichtet werde. Es bestünden an den Vorbringen
jedoch gewisse Zweifel.
6.2 Die Beschwerdeführerin hält dem in der Beschwerde im Wesentlichen
entgegen, sie habe wegen der Desertation ihres Ehemannes sowie ihrer
illegalen Ausreise bei einer Rückkehr nach Eritrea mit flüchtlingsrelevanten
Nachteilen zu rechnen, weshalb sie in der Schweiz als Flüchtling vorläufig
aufzunehmen sei. Zu den von der Vorinstanz ausgemachten Widersprü-
chen im Vorbringen wird im Beschwerdeverfahren nicht Stellung genom-
men.
7.
Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die Vorinstanz mit zutreffender Begrün-
dung die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin abgelehnt hat.
7.1 In Abkehr von seiner früheren Praxis gelangte das Bundesverwaltungs-
gericht im Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil pu-
bliziert) zum Schluss, dass im Kontext mit Eritrea die illegale Ausreise allein
zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht mehr ausreiche. Vielmehr
bedürfe es hierzu zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche die asylsu-
chende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige
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Seite 8
Person erscheinen lassen und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich rele-
vanten Verfolgungsgefahr führen könnten (vgl. a.a.O. E. 5.1).
7.2 Mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass sich bei der Beschwerdefüh-
rerin aus den vorliegenden Akten keine Gründe ergeben, die darauf
schliessen lassen, dass die Beschwerdeführerin in den Augen des eritrei-
schen Regimes als missliebige Person gelten könne. Insbesondere ist es
der Beschwerdeführerin weder gelungen, einen Kontakt mit den Militärbe-
hörden noch die geltend gemachten Festnahmen vor ihrer Ausreise glaub-
haft darzulegen.
Die Vorbringen der Beschwerdeführerin, sie sei nach dem Verschwinden
ihres Ehemannes von den eritreischen Behörden behelligt und inhaftiert
worden, weisen verschiedene Widersprüche auf, die als wesentlich zu er-
achten sind. Diesbezüglich ist auf die zutreffenden Erwägungen der Vo-
rinstanz in der angefochtenen Verfügung zu verweisen (vgl. act. A36
Ziff. II). So hat die Beschwerdeführerin in der Tat bereits unterschiedliche
Angaben zum Zeitpunkt der Ausreise ihres Ehemannes gemacht. Zum ei-
nen wurde vorgebracht, diese sei im Juni 2014 erfolgt, andererseits wurde
geltend gemacht, der Ehemann habe den Heimatstaat einen Monat nach
der Hochzeit, welche im Januar 2014 erfolgt sein soll, respektive im Januar
2014 verlassen (vgl. act. A8 Ziff. 1.17.04; act. A30 F49, F87 f.). Nach An-
gaben der Beschwerdeführerin anlässlich der BzP wurde der Ehemann
nach dessen Ausreise vier bis fünf Mal durch die Behörden zu Hause ge-
sucht; in der Anhörung führte sie demgegenüber aus, die Behörden seien
einmal vorbeigekommen, um den Ehemann zu suchen; bei dieser Gele-
genheit sei sie seinetwegen verhaftet und inhaftiert worden (vgl. act. A8
Ziff. 7.02; A30 F106, F173). Ergänzend ist das Folgende zu bemerken:
Obschon die Beschwerdeführerin vorbringt, dass ihre Probleme mit den
eritreischen Behörden nach der Ausreise ihres Ehemannes begonnen hät-
ten, vermochte sie nicht anzugeben, weshalb er überhaupt von den eritre-
ischen Behörden gesucht worden sein soll (vgl. act. A30, F105). Auch
wenn die Beschwerdeführerin zu diesem Zeitpunkt erst kurz mit ihrem Ehe-
mann verheiratet gewesen sein will, ist es nicht plausibel, dass sie derart
wenig über ihn und seine Probleme mit den eritreische Behörden weiss
(vgl. act. A30, F91, F95 f.). Zudem ergeben sich aus der Beschwerde im
Zusammenhang mit ihrem Ehemann zusätzliche Ungereimtheiten. So
führte die Beschwerdeführerin anlässlich der Anhörung aus, dass ihr Mann
nicht beim Militär gewesen sei und sein Geld teilweise mit der Suche nach
Gold verdient habe (vgl. act. A30 F91 f., F95 f.). Wenn nun in der Be-
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Seite 9
schwerde in genereller Weise und ohne weitere Substanziierung ausge-
führt wird, die Beschwerdeführerin hätte bei einer Rückkehr nach Eritrea
flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile wegen der Desertation ihres Ehe-
mannes zu gewärtigen (vgl. Beschwerde Ziff. 6. S. 4), entspricht dies kei-
neswegs der Darstellung der Beschwerdeführerin im vorinstanzlichen Ver-
fahren. Ebenso erweist sich die von der Beschwerdeführerin vorgebrachte
Haft im Jahr 2014 als unglaubhaft. Auch diesbezüglich ergeben sich Wi-
dersprüche. So führte die Beschwerdeführerin anlässlich der Anhörung
aus, sie sei während eines Monats inhaftiert gewesen und im April 2014
aus dieser Haft entlassen worden (vgl. act. A30 F93, F122). Demgegen-
über machte sie in der BzP geltend, im Juli 2014 inhaftiert gewesen zu sein
(vgl. act. A8 Ziff. 7.02). Der Beschwerdeführerin gelingt es sodann in einer
Gesamtwürdigung ihres Vorbringens zudem nicht, die von ihr geltend ge-
machte Inhaftierung, ein Ereignis welches aus objektiver Sicht sehr prä-
gend gewesen sein muss, substanziiert, genügend erlebnisbezogen und
geprägt von Realkennzeichen wiederzugeben (vgl. act. A30, F86 ff.,
F99 ff.). So konnte sie weder konkretisierende Angaben in Bezug auf die
Männer machen, die sie festgenommen und der Haft zugeführt haben sol-
len, noch konnte sie Angaben machen zur Infrastruktur des Gefängnisses,
zu den Insassen und dem Gefängnisalltag (vgl. act. A30 F104, F111 f.,
F114, F120). An dieser Einschätzung vermag auch nicht zu ändern, dass
die Beschwerdeführerin vorbringt, sie sei mehrheitlich in ihrer Zelle geblie-
ben und habe den möglichen Ausgang nicht immer wahrgenommen und
daher nichts Besonderes gesehen (vgl. act. A30, F110 f., F121). Die Schil-
derungen bleiben insgesamt vage und vermitteln nicht den Eindruck von
Selbsterlebtem. Schliesslich vermochte die Beschwerdeführerin auch die
Umstände ihrer Freilassung nicht konzis darzustellen. So ist es wenig über-
zeugend, dass die Beschwerdeführerin nicht wissen will, ob ihre Entlas-
sung aus der Haft gegen Kaution oder aufgrund einer Bürgschaft erfolgt ist
(vgl. act. A30, F121). Im Übrigen kann die Beschwerdeführerin auch aus
der vorgetragenen Inhaftierung im Jahr 2013, welche im Zusammenhang
mit einem misslungenen Ausreiseversuch stehen soll, keine Gefährdung
ableiten, da auch diese nicht glaubhaft gemacht wurde. Die Beschwerde-
führerin erwähnte diese Inhaftierung zwar bereits anlässlich der BzP, führte
in diesem Zusammenhang jedoch aus, sie sei während vier Monaten im
Gefängnis (...) inhaftiert gewesen (vgl. act. A8 Ziff. 2.04). Demgegenüber
machte sie in der Anhörung geltend, sie sei während zweier Wochen inhaf-
tiert worden (vgl. act. A30 F126). Auch diese Inhaftierung wurde im Übrigen
nicht substanziiert geschildert.
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Seite 10
Vor dem Hintergrund der vorangegangenen Ausführungen kann die Frage
offenbleiben, ob die illegale Ausreise der Beschwerdeführerin glaubhaft ist.
Es ist aber zumindest darauf hinzuweisen, dass die Vorinstanz in ihrer Ver-
fügung zu Recht festgehalten hat, dass die Ausführungen der Beschwer-
deführerin zu ihrer Ausreise sowie zur Organisation ihrer Reise teilweise
widersprüchlich ausgefallen sind. Mangels zusätzlicher Anknüpfungs-
punkte, welche das Profil der Beschwerdeführerin verschärfen und dazu
führen könnten, dass sie in Eritrea als missliebige Person betrachtet würde,
erfüllt sie die Flüchtlingseigenschaft ohnehin nicht.
7.3 Sofern die Beschwerdeführerin befürchtet, bei einer Rückkehr nach
Eritrea in den Militärdienst eingezogen zu werden ist festzustellen, dass die
blosse Möglichkeit, in Zukunft eingezogen zu werden, flüchtlingsrechtlich
schon deshalb nicht relevant ist, weil es sich dabei nach Lehre und Praxis
nicht um eine Massnahme handeln würde, die in einem der in Art. 3 Abs. 1
AsylG erwähnten Motive begründet wäre (vgl. bereits Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006
Nr. 3 E. 4.7 und E. 4.10; Urteile des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar
2017 [als Referenzurteil publiziert] E. 5.1 S. 42 und D-246/2018 vom
11. September 2018 E. 6.3).
7.4 Aus diesen Erwägungen folgt, dass es der Beschwerdeführerin nicht
gelungen ist, subjektive Nachfluchtgründe glaubhaft darzutun. Es erübrigt
sich auf die weiteren Ausführungen in der Beschwerde einzugehen, welche
im Übrigen genereller Natur sind und keinen Bezug auf die Aspekte der
Glaubhaftigkeit des Vorbringens nehmen. Die Vorinstanz hat die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführerin demzufolge zu Recht verneint
und das Asylgesuch abgewiesen.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG und Art. 32 AsylV 1 [SR 142.311]; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4;
2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 11
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.2.1 Die Vorinstanz führte diesbezüglich aus, dass im Falle der Beschwer-
deführerin nicht von einer existenzbedrohenden Lage im Falle ihrer Rück-
kehr in den Heimatstaat auszugehen sei. Sie sei jung, bei guter Gesundheit
und sie verfüge mit der noch im Heimatstaat lebenden Mutter und mehre-
ren Onkeln und Tanten über ein gefestigtes Beziehungsnetz, die Tante vä-
terlicherseits habe ihre Ausreise finanziert. Sie habe überdies vor ihrer Aus-
reise in der Landwirtschaft gearbeitet, diese Tätigkeit könne sie wieder auf-
nehmen. Die in der Schweiz gewonnenen Erfahrungen könnten ihr über-
dies bei der Reintegration im Heimatstaat behilflich sein.
9.2.2 In seinem Urteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 (als Referenzur-
teil publiziert) hat sich das Bundesverwaltungsgericht ausführlich mit der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Eritrea beschäftigt. Dabei
kam es zum Schluss, dass die frühere Praxis, wonach eine Rückkehr nur
bei begünstigenden individuellen Umständen zumutbar sei (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskom-
mission [EMARK] 2005 Nr. 12), nicht länger berechtigt sei. Angesichts der
schwierigen allgemeinen – und insbesondere wirtschaftlichen – Lage des
Landes müsse bei Vorliegen besonderer individueller Umstände aber nach
wie vor von einer Existenzbedrohung ausgegangen werden. Die Frage der
Zumutbarkeit bleibe daher im Einzelfall zu beurteilen (vgl. Referenzurteil
D-2311/2016 E. 17.2).
E-1738/2018
Seite 12
9.2.3 Vorliegend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin eigenen
Angaben gemäss vom Vater ihres erstgeborenen Kindes, mit welchem sie
im Heimatstaat religiös angetraut war, getrennt ist. Dieser soll mit einer
neuen Familie in Äthiopien leben. In der angefochtenen Verfügung hat das
SEM im Rahmen der Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzu-
ges keinerlei Ausführungen zum erstgeborenen Kind getroffen. Das Kind
wird in der Verfügung einzig im Rahmen der Mitteilung genannt, auf welche
Personen sich die Verfügung bezieht (vgl. act. A34 S. 7). Auch auf Ver-
nehmlassungsstufe wurden keine Ergänzungen diesbezüglich angebracht.
Das SEM hat daher diesbezüglich seine Begründungspflicht verletzt.
Die Beschwerdeführerin ist nach Erlass der angefochtenen Verfügung so-
dann in der Schweiz Mutter eines weiteren Kindes geworden. In Bezug auf
das zweitgeborene Kind sind mithin neue Umstände hinzugetreten, die für
die Beurteilung von Vollzugshindernissen von Relevanz sind und einer wei-
teren Abklärung bedürfen. Insbesondere gebieten sich Abklärungen in Be-
zug auf das Verhältnis zum Kindsvater J._ (E-4868/2017), dessen
Beschwerde mit Urteil vom gleichen Tag abgewiesen wird, soweit die Fest-
stellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung beantragt wa-
ren; bestätigt wird auch die verfügte Wegweisung in den Heimatstaat Erit-
rea. Was die Prüfung von allfälligen Vollzugshindernissen anbelangt, wird
von Relevanz sein, ob zwischen J._ und der Beschwerdeführerin
sowie dem zweitgeborenen Kind auch aktuell ein gelebtes Familienverhält-
nis besteht.
9.2.4 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungs-
gericht in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindli-
chen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Im vorliegenden Fall ist die Sa-
che an die Vorinstanz zurückzuweisen, um die erforderlichen Abklärungen
bezüglich Wegweisung und Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführerin
und ihrer Kinder unter Berücksichtigung des Verhältnisses zu J._
(E-4868/2017) vorzunehmen und deren Ergebnis der Beurteilung zu-
grunde zu legen. Dies würde den Rahmen des Beschwerdeverfahrens
sprengen. Unter diesen Umständen rechtfertigt sich die Kassation der an-
gefochtenen Verfügung, zumal der Beschwerdeführerin und ihren Kindern
auf diese Weise der Instanzenzug erhalten bleibt. Dies ist umso wichtiger,
als im Asylverfahren das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich ent-
scheidet (vgl. u.a. Urteil des BVGer E-2970/2014 vom 7. Mai 2015 E. 5,
m.w.H.). Auf eine Auseinandersetzung mit den weiteren Beschwerdevor-
bringen zum Wegweisungsvollzug kann bei diesem Verfahrensausgang
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Seite 13
verzichtet werden. Gestützt auf diese Feststellungen ist die Sache in An-
wendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständigen Sachverhalts-
abklärung im genannten Sinn und zur Neubeurteilung unter Wahrung der
notwendigen Begründungsdichte ans SEM zurückzuweisen, wobei auch
die Kinder in die Beurteilung zwingend einzubeziehen sind.
9.3 Aus den vorangehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefoch-
tene Verfügung Bundesrecht verletzt (Art. 106 AsylG) soweit die Ziffern 4
und 5 betreffend. Diesbezüglich ist die Beschwerde gutzuheissen. Die Zif-
fern 4 und 5 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung vom 9. Februar
2018 werden aufgehoben und das Verfahren zur weiteren Abklärung und
zum neuen Entscheid an die Vorinstanz zurückgewiesen. Im Übrigen wird
die Beschwerde abgewiesen.
10.
10.1.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädi-
gung sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterlie-
gen aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63 Abs. 1 und
Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin ist bezüglich ihres Antrags
auf Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft unterlegen. Hingegen hat sie
im Wegweisungsvollzugspunkt obsiegt. Praxisgemäss bedeutet dies ein
Obsiegen zur Hälfte. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Ver-
fahrenskosten der Beschwerdeführerin anteilsmässig aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung vom 10. April 2018 wurde
ihr jedoch die unentgeltliche Prozessführung gewährt. Es sind daher keine
Verfahrenskosten zu erheben, da nicht von der Veränderung der finanziel-
len Verhältnisse der Beschwerdeführerin auszugehen ist.
10.1.2 Im Umfang des Obsiegens im Beschwerdeverfahren ist der Be-
schwerdeführerin in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine Parteient-
schädigung für die ihr erwachsenen notwendigen Vertretungskosten zuzu-
sprechen (Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Ihr Rechtsvertreter reichte mit Eingabe vom 23. März 2018
eine Honorarnote in der Höhe von Fr. 750.– ein. Der ausgewiesene zeitli-
che Aufwand von 3 Stunden 45 Minuten scheint angemessen. Der veran-
schlagte Stundenansatz von Fr. 200.– bewegt sich im gemäss Art. 10
Abs. 2 VGKE vorgesehenen Rahmen. Bei einem Obsiegen zur Hälfte
ergibt sich eine Parteientschädigung von Fr. 375.–. Die Vorinstanz ist an-
zuweisen, der Beschwerdeführerin diesen Betrag auszurichten.
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10.1.3 Für den Umfang des Unterliegens ist ein Honorar für die amtliche
Verbeiständung auszurichten. Entsprechend der Praxis des Gerichts (vgl.
Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE) ist von einem Stundenansatz von
Fr. 150.– auszugehen. In Anwendung der massgeblichen Bemessungsfak-
toren (vgl. Art. 8–11 VGKE) ergibt dies (aufgerundet) ein Honorar von
Fr. 300.–. Dieser Betrag ist dem Rechtsvertreter als amtliches Honorar zu
Lasten des Gerichts auszurichten.
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