Decision ID: 2c8c507b-0315-595a-a49b-9dc387811ad5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin, sri-lankische Staatsangehörige tamilischer
Ethnie, geboren in B._, suchte am 26. August 2016 in der Schweiz
um Asyl nach. Am 7. September 2016 wurde sie summarisch zu ihrer Per-
son und den Asylgründen befragt (BzP) und führte dabei aus, sie habe in
einem (...)-Center gearbeitet. Ein junger Mann, der ebenfalls dort gearbei-
tet habe, habe ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie habe die Stelle ge-
wechselt, er habe ihr aber weiterhin Probleme bereitet und ihr einmal auf
dem Arbeitsweg ihr Handy weggenommen. Seit diesem Vorfall habe ihr
Schwager sie begleitet. Einmal, als sie auf dem Nachhauseweg gewesen
seien, seien sie auf der Strasse von Männern aufgehalten worden. Ihr
Schwager habe ihr Handy zurückverlangt und den Leuten erklärt, dass ihre
Eltern eine Hochzeit für sie arrangiert hätten. Danach habe es eine Schlä-
gerei gegeben. Ein anderes Mal hätten die Männer ihr gedroht, dass sie
Fotos von ihrem Handy veröffentlichen und ihr Probleme machen würden.
Ihr Schwager sei daraufhin zum Büro dieses Mannes gegangen und habe
ihn bedroht. Eines Morgens (am [...]) sei ihr Schwager von diesen Leuten
ermordet worden, als er mit seinem C._ einen Kunden gefahren
habe. Nach der Beerdigung seien diese Leute erneut zu ihr nach Hause
gekommen. Um weitere Probleme zu vermeiden, habe sie dieser Person
gesagt, sie werde ihn heiraten. Sie habe ihre Arbeit gekündigt und sei zu
Hause geblieben. Ihr Verlobter sei von den Männern bedroht worden und
habe ihr gesagt, sie könnten später amtlich heiraten. Als sie eines Tages
(am [...]) unterwegs gewesen sei, habe eine Person in einem Fahrzeug sie
nach einer Adresse gefragt und ihr etwas ins Gesicht gesprüht. Als sie wie-
der zu sich gekommen sei, habe sie sich in einem Zimmer befunden. Sie
sei von betrunkenen Männern mit einem Gürtel geschlagen worden. Ihr sei
gesagt worden, zumindest für kurze Zeit müssten sie wie Frau und Mann
leben. Sie sei fast totgeschlagen und deshalb bewusstlos geworden. Als
sie wieder zu sich gekommen sei, seien ihre Kleider zerrissen gewesen.
Sie sei von dort geflohen und habe in der Nähe eines Ladens einen
Security Guard getroffen, der sie schliesslich mit zu sich genommen und
ihr Kleider seiner Tochter gegeben habe. Sie habe mit ihren Eltern telefo-
nieren können und ihr Cousin habe sie abgeholt. Sie sei zum Haus ihres
Onkels gebracht worden. Weil sie mit «diesen Männern» Probleme gehabt
habe, habe sie am 2. August 2016 ausreisen müssen.
A.b Am 31. Mai 2019 wurde die Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen
angehört. Dabei gab sie im Wesentlichen zu Protokoll, im (...)büro habe
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eine Person namens S. mit ihr gearbeitet. Nach ungefähr einem halben
Jahr habe ihr S. seine Liebe gestanden und sie heiraten wollen. Sie habe
ihm gesagt, sie führe bereits eine Liebesbeziehung, er habe sie aber nicht
in Ruhe gelassen. Da er sie auch angefasst habe, obwohl sie es nicht ge-
mocht habe, habe sie mit ihrer Arbeit aufgehört und sich eine neue Stelle
gesucht. Er habe sie nicht in Ruhe gelassen und gewollt, dass sie wieder
am alten Ort arbeite. Er habe sie auf der Strasse abgepasst, weshalb ihr
Schwager sie dann jeweils zur Arbeit gebracht habe. Als sie einmal ohne
ihren Schwager unterwegs gewesen sei, sei sie angehalten worden und er
habe ihr das Telefon weggenommen. Ihr Schwager habe sie danach zu
den Leuten von S. gefahren, habe nach dem Telefon gefragt und mit ihnen
gestritten. Danach habe es zwischen ihnen immer wieder Probleme gege-
ben. Eines Abends habe ihre Familie einen Anruf erhalten, worin ihnen mit-
geteilt worden sei, dass der Schwager tot auf der Strasse liege. Als sie vor
Ort angekommen seien, habe man ihnen gesagt, er sei ins Spital gebracht
worden. Als sie dort angekommen seien, sei er bereits tot gewesen. Es sei
ein Verkehrsunfall gewesen. Augenzeugen hätten ihnen berichtet, der
Schwager sei von einem Van angefahren worden. Später hätten sie erfah-
ren, dass es kein Unfall gewesen sei, sondern der Schwager absichtlich
von den Leuten von S. angefahren worden sei. Ungefähr einen Monat spä-
ter habe S. sie erneut gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. Sie habe ihn hin-
halten wollen, weshalb sie gelogen und ihm gesagt habe, sie werde ihn
heiraten. Seine Leute seien dann nicht mehr in ihr Haus gekommen, seien
aber immer durch die umliegenden Strassen gegangen. Sobald sie raus-
gegangen sei, seien sie hinter ihr hergekommen. Zwei Tage lang habe sie
sich bei ihrer älteren Schwester aufgehalten. Als sie bei der Rückfahrt auf
den Bus gewartet habe, sei sie zu einem Fahrzeug gelockt und mittels ei-
nes Sprays betäubt worden. Sie sei in einem Zimmer aufgewacht, indem
sich S. und andere Männer aufgehalten hätten. Er habe herausgefunden,
dass sie standesamtlich heiraten wolle, und habe verlangt, dass sie statt-
dessen ihn heirate. Sie sei von mehreren Männern gequält und sexuell be-
lästigt worden. Die anderen Anwesenden hätten Fotos von ihr und S. ge-
macht und hätten ihr gedroht, diese Fotos herumzuzeigen. Sie habe das
Gefühl, sie sei zwei-/dreimal ohnmächtig geworden. Als sie erwacht sei,
hätten die Männer in einem anderen Zimmer geschlafen, weshalb sie habe
entkommen können. Bei einem nahegelegenen Geschäft habe sie sich an
eine Sicherheitsperson, einen älteren Herrn, gewandt, der sie schliesslich
mit zu sich nach Hause genommen und ihr Kleider gegeben habe, da ihre
zerrissen gewesen seien. Sie habe ihre Familie kontaktiert und der Sohn
des Cousins ihres Vaters habe sie abgeholt. Sie sei dann ungefähr drei
Monate dort gewesen. Als ihre Verfolger auch dort aufgetaucht seien, habe
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sie Angst gehabt und sei nach Colombo zu ihrem Freund gegangen. Die
Männer hätten den Ort, wo ihr Freund gearbeitet habe, ausfindig gemacht,
ihn nach ihr gefragt, ihn eingeschüchtert und ihm die Fotos gezeigt. Er sei
mehrfach in dieser Weise bedroht worden. Erst danach, weil sie auch nicht
in Colombo habe bleiben können, sei sie in die Schweiz gekommen.
B.
Mit Verfügung vom 15. Juli 2019 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug
an.
C.
Mit Eingabe vom 15. August 2019 liess die Beschwerdeführerin durch ihre
Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde einreichen
und beantragen, der Entscheid der Vorinstanz vom 15. Juli 2019 sei voll-
umfänglich aufzuheben und ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Un-
zulässigkeit allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs fest-
zustellen und ihr als Folge davon die vorläufige Aufnahme in der Schweiz
zu gewähren. Es sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und
insbesondere auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Die Rechtsvertreterin MLaw Cora Dubach sei ihr als amtliche Rechtsbei-
ständin beizuordnen. Weiter sei festzustellen, dass die Beschwerde auf-
schiebende Wirkung habe.
D.
In der Zwischenverfügung vom 29. August 2019 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, einer Beschwerde komme gemäss Art. 55 VwVG von Gesetzes
wegen aufschiebende Wirkung zu, die Vorinstanz habe diese in der ange-
fochtenen Verfügung nicht entzogen und die Beschwerdeführerin dürfe den
Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig verzichtete
sie auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und forderte die Beschwer-
deführerin zur Einreichung des in Aussicht gestellten Arztberichtes auf.
E.
Mit Eingabe vom 13. September 2019 reichte die Rechtsvertreterin der Be-
schwerdeführerin diverse Arztberichte zu den Akten.
F.
Die Instruktionsrichterin hiess am 25. September 2019 die Gesuche um
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Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtlichen Rechtsver-
beiständung gut und setzte MLaw Cora Dubach als amtliche Rechtsbei-
ständin der Beschwerdeführerin ein. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur
Einreichung einer Vernehmlassung ein.
G.
In ihrer Vernehmlassung vom 1. Oktober 2019 hielt die Vorinstanz, mit er-
gänzenden Erwägungen zum Gesundheitszustand der Beschwerdeführe-
rin, vollumfänglich an ihrem Standpunkt fest.
H.
Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin am 2. Oktober 2019
zur Kenntnis gebracht.
I.
Mit Eingabe vom 25. März 2020 reichte die Rechtsvertreterin der Be-
schwerdeführerin einen ärztlichen Bericht datierend vom 28. Februar 2020
der D._ zu den Akten.
J.
Am 27. November 2020 wurde ein Bericht des E._ über die Be-
schwerdeführerin datierend vom 10. November 2020 zu den Akten ge-
reicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden. Das Gericht wird nachfolgend die neue Gesetzesbezeich-
nung verwenden.
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2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh-
rerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist, unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung, einzutreten
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG; vgl. zu den praxisgemässen
Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Vorbringen BVGE 2015/3
E. 6.5.1 und 2012/5 E. 2.2).
5.
5.1 Die Vorinstanz kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen an die
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Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten, bei den Schilderun-
gen handle es sich um ein Konstrukt und nicht um selbst Erlebtes.
5.2 Da sie in der BzP nicht erwähnt habe, dass S. ihr bis nach F._
gefolgt sei und ihren Verlobten aufgesucht, belästigt und ihm Fotos gezeigt
habe, die während der Festhaltung der Beschwerdeführerin in einem ihr
unbekannten Zimmer gemacht worden seien, sei dieses Vorbingen als
nachgeschoben und nicht glaubhaft zu erachten. Dass sie sich an der BZP
habe kurzfassen müssen, vermöge als Erklärung nicht zu überzeugen, zu-
mal sie zweimal gefragt worden sei, ob sie alle Asylgründe genannt habe.
Gemäss Beschwerdeführerin sei im Weiteren nicht sicher, ob S. eine Heirat
angestrebt habe. Es mute vor diesem Hintergrund befremdend an, dass S.
alleine aus unmoralischen Gründen durch das halbe Land bis nach
F._ gefahren sei. Es sei sodann merkwürdig, dass die Beschwer-
deführerin allein wegen der Aussage eines Polizisten keine Anzeige gegen
S. erstattet habe. Dies sei insofern auch nicht nachvollziehbar, weil sie
keine konkreten Angaben zur angeblichen Machtstellung von S. und derje-
nigen seines Parteikollegen K.S. habe machen können. Selbst wenn aber
S. oder K.S. lokal Einfluss gehabt hätten, was nicht anzunehmen sei, ent-
behre es der Logik, dass sie nicht in G._ oder spätestens in
F._ eine Anzeige erstattet habe. Immerhin habe es gemäss ihren
Aussagen im Zusammenhang mit dem Tod ihres Schwagers eine Gerichts-
verhandlung gegeben, wobei die Beschwerdeführerin angegeben habe,
aus den Gerichtsdokumenten sei nicht ersichtlich, dass S. etwas mit dem
Unfall zu tun habe Bei den diesbezüglich eingereichten Unterlagen handle
es sich um Kopien und es sei kein Konnex zu einer Verfolgung durch S.
ersichtlich, weshalb die Dokumente keinen Beweiswert hätten. Ihren etwas
verwirrenden und klar realitätsfremden Äusserungen sei zudem zu entneh-
men, dass der Fahrer ausgetauscht worden sei und sich jemand anders
statt S. zum Unfall schuldig bekannt habe. Es sei seltsam, dass sie oder
ihre Schwester anlässlich einer Gerichtsverhandlung diesbezüglich nicht
interveniert und S. als Verdächtigen genannt hätten. In ihren Schilderungen
habe es ferner Divergenzen in der chronologischen Abfolge und zu gewis-
sen Hergängen der Geschehnisse (im Zusammenhang mit der Abnahme
des Handys, der Bedrohung des Verlobten und des Fahrers des Unfallfahr-
zeugs) gegeben. Weiter habe sie das Zimmer und das Gebäude, worin sie
festgehalten worden sei, unsubstantiiert und gehaltlos beschrieben. Da sie
dort einschneidende Nachteile erfahren haben und von dort geflüchtet sein
solle, wären gehaltvollere Angaben zur Lokalität zu erwarten gewesen.
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5.3 Eine Befragung bei einer Rückkehr und das allfällige Eröffnen eines
Strafverfahrens wegen illegaler Ausreise stellten keine asylrelevanten Ver-
folgungsmassnahmen dar. Es sei aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich,
weshalb sie bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in den Fokus der Behörden
geraten und in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte.
6.
6.1 In der Beschwerde wird vorgebracht, entgegen der Ansicht der Vor-
instanz habe die Beschwerdeführerin ihre Vorbringen glaubhaft dargetan.
Was den Vorhalt betreffe, die Beschwerdeführerin habe in der BzP nicht
erwähnt, dass sie bis nach F._ verfolgt worden sei, liege es in der
Natur der Sache, sich dort kurz zu fassen. Sie habe in der BzP überwie-
gend auf die gestellten Fragen geantwortet. In der Gegenwart eines Man-
nes habe sie sich zudem unwohl gefühlt und Mühe gehabt, offen zu erzäh-
len. K.S. der Vorgesetzte von S. sei Anwalt und Politiker, habe grossen
Einfluss und pflege gute Kontakte zur Polizei, womit es für S. und K.S.
leicht gewesen wäre, den Sachverhalt zu verdrehen, hätte die Beschwer-
deführerin S. angezeigt. Korruption sei ein grosses Problem. Zudem sei zu
berücksichtigen, dass in Sri Lanka Opfer von Vergewaltigung und sexueller
Belästigung diskriminiert und stigmatisiert würden, weshalb die Beschwer-
deführerin befürchtet habe, nach einer Anzeige von der Gesellschaft aus-
geschlossen zu werden. K.S. hätte seinen Einfluss bis nach F._ gel-
tend machen können.
Bezüglich des Schwagers habe die Familie der Beschwerdeführerin zu-
nächst auch an einen Unfalltod geglaubt, bis ein Zeuge, der sich aber wie-
der zurückgezogen habe, etwas anderes behauptet habe. Das Gericht
habe sie lediglich darauf verwiesen, dass es einen Augenzeugen brauche.
Die Aussagen der Beschwerdeführerin bezüglich der Wegnahme des Tele-
fons widersprächen sich entgegen des Vorwurfs der Vorinstanz ebenfalls
nicht. Seit Antritt ihrer neuen Arbeitsstelle sei sie in der Regel von ihrem
Schwager zur Arbeit begleitet worden. Als sie einmal alleine unterwegs ge-
wesen sei, hätten ihr diverse Personen den Weg abgeschnitten. Als sie das
Handy hervorgeholt habe und ihren Schwager habe anrufen wollen, sei es
ihr weggenommen worden.
Bezüglich der Beschreibung des Zimmers, in welchem sie festgehalten
worden sei, habe sie sich in einem Angst- und Stresszustand befunden und
in erster Linie daran gedacht, wie sie fliehen könne. Sie könne sich erin-
nern, dass es verstaubt und nicht in alltäglicher Benutzung gewesen sei,
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zwei Stühle gehabt habe und dass an zwei Seiten Tablare aus Beton an-
gebracht gewesen seien. Die Öffnung, durch welche sie geflohen sei, sei
wie ein kleines Fenster gewesen und habe sich mit Druck öffnen lassen.
Die Vorinstanz habe die persönliche Situation, in welcher die Beschwerde-
führerin sich befunden habe, in der Verfügung zu wenig gewichtet. Die
Schilderungen seien in sich stimmig und nachvollziehbar.
6.2 Die erlittenen sexuellen Übergriffe seien asylrelevant, da den frauen-
spezifischen Fluchtgründen Rechnung zu tragen sei. Sexuelle Gewalt, ge-
gen die der Staat keinen Schutz biete, sei asylrelevant, wenn sie aus nati-
onalistischen Gründen oder aufgrund der religiösen Zugehörigkeit erfolge
oder mangelnder staatlicher Schutz in einer Diskriminierung aufgrund des
Geschlechts begründet liege. Der Schutz sei als hinreichend zu qualifizie-
ren, wenn die Betroffene effektiven Zugang zu einer funktionierenden und
effektiven Schutzinfrastruktur habe und ihr die Inanspruchnahme eines sol-
chen innerstaatlichen Schutzsystems individuell zumutbar sei. Die Be-
schwerdeführerin habe vor ihrer Ausreise begründete Frucht vor asylrele-
vanter Verfolgung gehabt und sich mit ihren Problemen nicht an die Behör-
den wenden können. Das eine Mal, als sich die Familie der Beschwerde-
führerin – wegen des Unfalls des Schwagers – an die Behörden gewandt
habe, seien sie abgewimmelt worden. Dass der Augenzeuge schliesslich
nicht gegen S. ausgesagt habe, zeige auf, welche engen Kontakte er zu
Entscheidungsträgern habe. Zudem geniesse er den Schutz von K.S.
S. sei auch weiterhin auf der Suche nach der Beschwerdeführerin und
frage in ihrem Umfeld nach ihrem Verbleib. Da er weiterhin für K.S. arbeite,
könne er mit dessen Unterstützung rechnen und die Beschwerdeführerin
selbst könnte bei einer Rückkehr keinen staatlichen Schutz in Anspruch
nehmen.
7.
7.1 Vorbringen sind dann glaubhaft gemacht, wenn sie genügend substan-
ziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich nicht in vagen
Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich
sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen oder der allgemei-
nen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substanziiert, wenn sie sich
auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen stützen. Als schlüssig
gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhörung, zwischen Anhörun-
gen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine Widersprüche aufweisen.
Allerdings sollten kleine, marginale Widersprüche sowie solche, die nicht
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die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in die Gesamtbetrachtung ein-
fliessen, aber nicht die alleinige Begründung für die Verneinung der Glaub-
haftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die gesuchstellende Person
persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall
ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt,
im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegrün-
det nachschiebt oder die nötige Mitwirkung am Verfahren verweigert.
Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis –
ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Ein-
wände und Zweifel an den Vorbringen der gesuchstellenden Person. Ent-
scheidend ist, ob die Gründe, welche für die Richtigkeit der Sachverhalts-
darstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objekti-
vierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2, BVGE 2010/57
E. 2.2 und 2.3; EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; ANNE KNEER und LINUS
SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick
über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015
S. 5).
7.2 Das Gericht kommt entgegen der Vorinstanz zum Schluss, dass die
Vorbringen der Beschwerdeführerin über die von ihr erlittene sexuelle Be-
lästigung als glaubhaft zu beurteilen sind. Die Beschwerdeführerin berich-
tete bereits an der BzP in freier Rede von den Behelligungen und Nach-
stellungen durch ihren ehemaligen Arbeitskollegen S. und den Vorfall, als
sie von ihm und seinen Freunden mitgenommen und in einem Zimmer fest-
gehalten wurde (SEM-Akte A6/13 Ziff. 7.01). Die Ausführungen in der An-
hörung sind als präzisierend zu erachten. Sie sind denn auch in keiner
Weise zusätzlich aufgebauscht. Die Aussagen der Beschwerdeführerin
sind als authentisch und erlebnisbasiert zu beurteilen. Entgegen den Aus-
führungen der Vorinstanz machte die Beschwerdeführerin zum Ort, an dem
sie festgehalten worden war, diverse detaillierte Angaben. In der freien
Schilderung gab sie zu Protokoll: «Es gab dann seitlich eine Tür und die
wurde von drinnen abgeschlossen und der Schlüssel steckte drin. Ich bin
dann von dort rausgekommen und kam auf der Strasse irgendwo raus.».
Sie wies weiter darauf hin, dass der Security Guard zunächst überlegt und
ihr nicht sofort geholfen habe (SEM-Akten A31 F58). In diesen Schilderun-
gen finden sich diverse Realkennzeichen. Bei den Fragen 60 bis 83 wurden
ihr konkrete Fragen zum Vorfall gestellt, die sie jeweils so ausführlich wie
möglich beantwortete und auch zugab, wenn sie etwas nicht wusste. Sie
gab an, wie viele Zimmer es hatte und wie die Räume aufgeteilt waren.
Das Zimmer, in welchem sie sich aufgehalten habe, sei grün angestrichen
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und ungefähr so gross gewesen, wie jenes, in dem die Anhörung stattge-
funden habe. Es habe auf einer Seite ein geschlossenes Fenster gehabt
und es hätten sich zwei Stühle im Zimmer befunden (a.a.O. F74 f.). Diese
Angaben können nicht als vage bezeichnet werden. Ferner kann der Be-
schwerdeführerin nicht angelastet werden, dass das Verhalten von S. selt-
sam erscheint. Es obliegt nicht ihr, die Gründe für seine Handlungsweise
zu erklären. So kann die Beschwerdeführerin denn auch nicht wissen, ob
S. ernsthafte Heiratsabsichten oder lediglich ein körperliches Interesse an
ihr hatte.
Es trifft zu, dass einzig die Diagnose einer (...) keinen Schluss auf deren
Hintergründe zulässt. Indes ist den ärztlichen Berichten zu entnehmen,
dass die Beschwerdeführerin traumatische Erlebnisse erfahren haben
muss. Zum Einwand der Vorinstanz in der Vernehmlassung, die psychische
Verfassung einer Person könne sich auch nach Erhalt eines Negativent-
scheids verschlechtern, ist festzuhalten, dass die psychische Beeinträchti-
gung der Beschwerdeführerin und die Diagnose einer (...) bereits vor Er-
lass des negativen Asylentscheids vorlag (vgl. Austrittsbericht vom
20.03.2018 D._ [Beilage zu BVGer-act. 4], Zusammenfassung der
Krankengeschichte vom 11.06.2019 H._ [Beilage zu BVGer-
act. 1]).
Was die Angaben der Beschwerdeführerin zum Unfall ihres Schwagers be-
trifft, erscheint es – wie von der Vorinstanz zutreffend dargelegt – tatsäch-
lich seltsam, dass, sollte S. etwas damit zu tun gehabt haben, er trotz eines
offenbar angestrengten Strafverfahrens nicht hat zur Rechenschaft gezo-
gen werden können. Diese Ausführungen erweisen sich damit als nicht
glaubhaft. Es ist davon auszugehen, dass der Schwager der Beschwerde-
führerin bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.
7.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrecht-
lichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausser-
dem voraus, dass die betroffene Person in ihrem Heimatland keinen aus-
reichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12
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Seite 12
E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutztheorie ist somit die flücht-
lingsrechtliche Relevanz einer Verfolgung vom Vorhandensein eines adä-
quaten Schutzes durch den Heimatstaat abhängig. Dieser Schutz ist als
hinreichend zu qualifizieren, wenn die betroffene Person effektiven Zugang
zu einer funktionierenden und effizienten Schutzinfrastruktur hat und ihr die
Inanspruchnahme eines solchen innerstaatlichen Schutzsystems individu-
ell zumutbar ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3)
7.3.1 Bei der erlittenen sexuellen Belästigung handelt es sich zweifelsfrei
um einen schwerwiegenden Eingriff in die physische und psychische Integ-
rität der Beschwerdeführerin. Diese Vorfälle sind überaus bedauerlich,
aber es ist darin kein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv im Sinne von
Art. 3 AsylG erkennbar. Die Übergriffe gingen von Privatpersonen aus und
sind nicht dem Staat zuzurechnen. Aus einem asylrechtlichen Standpunkt
ist daher festzustellen, dass die Behelligungen und Belästigungen durch
einen ehemaligen Arbeitskollegen (und dessen Freunde) nicht geeignet
sind, die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin zu begründen.
Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht kann nicht davon
ausgegangen werden, eine Anzeige durch die Beschwerdeführerin wäre
nicht zielführend gewesen und ihr seitens der Behörden der staatliche
Schutz verwehrt worden. Soweit die Beschwerdeführerin anführte, S. habe
einen solch grossen Einfluss, dass er die Behörden manipulieren könne,
gibt es dafür nicht genügend Hinweise. Aus der blossen Tatsache, dass
sein Vorgesetzter K.S. ein Wahlkandidat für die TNA (Tamil National Alli-
ance) gewesen sei, lässt sich nicht schliessen, dieser habe so viel Einfluss
gehabt, dass er diverse Behörden nach seinem Willen habe manipulieren
können. Auch das Vorbringen, die Behörden hätten ihnen (ihr und ihrer
Schwester) beim Tod (Unfall) des Schwagers nicht geholfen, beziehungs-
weise es seien sogar Zeugen eingeschüchtert worden, konnte die Be-
schwerdeführerin nicht belegen. Vielmehr ergibt sich aus ihren Angaben,
dass ein Gerichtsprozess angestrengt wurde und die Behörden damit ihrer
Pflicht zur Aufklärung des Vorfalls nachgekommen sind.
7.3.2 Entgegen der verständlichen Befürchtungen der Beschwerdeführerin
vor erneuten Belästigungen ist im Übrigen zu bezweifeln, dass sie bei einer
Rückkehr im heutigen Zeitpunkt, nach mehr als vier Jahren, seitens S. wei-
tere Behelligungen zu befürchten hätte. Es ist nicht davon auszugehen,
dass S. noch heute nach der Beschwerdeführerin sucht und er von ihrer
Rückkehr erfahren würde. Zudem wäre es ihr zumutbar, sich bei einer dro-
henden Gefahr an die Polizei zu wenden.
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Seite 13
7.4 Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigen-
schaft der Beschwerdeführerin verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 AsylG).
Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Auf-
enthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen.
Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.3 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur – ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E.8).
8.4
8.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen, und es herrscht weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1). Im
Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 ist das Gericht nach einer
eingehenden Analyse der Sicherheitslage in Sri Lanka zum Schluss ge-
kommen, dass der Vollzug von Wegweisungen in die Nordprovinz grund-
sätzlich zumutbar ist (vgl. E. 13.2). Betreffend den Distrikt B._, aus
welchem die Beschwerdeführerin stammt, hielt es zusammenfassend fest,
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dass es den Wegweisungsvollzug dorthin als zumutbar erachte, wenn das
Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (Existenz eines tragfähi-
gen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine
gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden könne (vgl.
E. 13.3.3.). Im Referenzurteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 wurde
zudem auch der Vollzug von Wegweisungen ins "Vanni-Gebiet" nicht mehr
als grundsätzlich unzumutbar qualifiziert (vgl. E. 9.5).
8.4.3 Aus den Angaben der Beschwerdeführerin geht hervor, dass sie über
einen A-Level-Schulabschluss und berufliche Erfahrung als (...) verfügt
(SEM-Akte A6/13 Ziff. 1.17.05, 7.01, A31/26 F33). Sie gab an, ihre Eltern,
zwei ältere Schwestern und weitere Verwandte würden nach wie vor in Sri
Lanka leben (SEM-Akte A31/26 F20), womit sie grundsätzlich über ein Be-
ziehungsnetz verfügt, bei welchem sie Aufnahme und Unterstützung finden
könnte.
8.4.4 In der Rechtsmitteleingabe wird vorgebracht, der Gesundheitszu-
stand der Beschwerdeführerin, die deutliche Traumafolgesymptome auf-
weise, stünde einer Rückkehr nach Sri Lanka entgegen.
Gemäss den eingereichten ärztlichen Berichten wurde bei der Beschwer-
deführerin bereits im März 2018 eine (...) diagnostiziert. Vom 13. bis
16. März 2018 hielt sie sich aufgrund einer Selbstverletzung und ihrer
akuten Suizidalität im D._ auf. Laut dem Austrittsbericht vom
20. März 2018 habe die Beschwerdeführerin bereits drei Suizidversuche
unternommen (zwei in Sri Lanka, einen in der Schweiz, vgl. Austrittsbericht
vom 20.03.2018 [Beilage zu BVGer-act. 4]). Nachdem die Beschwerdefüh-
rerin am 3. Juni 2019 (drei Tage nach der Anhörung) aus unklaren Gründen
das Bewusstsein verlor, wurde sie während sechs Tagen im H._
hospitalisiert. Die psychische Dekompensation wurde mit der Exposition
aufgrund der Anhörung erklärt; die Beschwerdeführerin habe deutliche
Traumafolgesymptome aufgewiesen (vgl. Zusammenfassung der Kran-
kengeschichte vom 11.06.2019 [Beilage zu BVGer-act. 1]. Vom 17. Januar
2020 bis Ende Februar 2020 befand sich die Beschwerdeführerin wegen
flashbacks, Albträumen und zunehmend suizidalen Gedanken
erneut in stationärer Behandlung im D._. Es wurden die Diagnosen
(...) und (...) gestellt (vgl. Stellungnahme vom 28.02.2020 [Beilage zu
BVGer-act. 8]. Im aktuellsten psychologischen Bericht vom 10. November
2020 wurde festgehalten, die Beschwerdeführerin leide weiterhin an (...).
Zudem empfinde sie massive Scham- und Schuldgefühle in Bezug auf ihre
Erlebnisse und leide an massiver Angst vor einer Rückkehr nach Sri Lanka.
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Es handle sich bei der Beschwerdeführerin um eine sehr unsichere Frau,
welche für den Aufbau eines Sicherheitsgefühls in der Schweiz mehrere
Jahre benötigt habe. Es müsse davon ausgegangen werden, dass sie die
Rückkehr nach Sri Lanka nicht bewältigen könnte und stark dekompensie-
ren würde. Eine medikamentöse psychiatrische Behandlung sei nicht aus-
reichend und eine kontinuierliche psychotherapeutische Behandlung not-
wendig. Die psychische Integrität und Stabilität sei bei einer Rückkehr nicht
gewährleistet, die Ausführung eines Suizids scheine aufgrund der starken
Verzweiflung und der starken Schuld- und Schamgefühle sehr wahrschein-
lich. Es sei damit zu rechnen, dass sich der bisherige psychisch instabile
Zustand zusätzlich verschlechtere (vgl. Psychologischer Bericht vom
10.11.2020 [Beilage zu BVGer-act. 9]). Aufgrund dieser Einschätzung
muss davon ausgegangen werden, dass im Falle einer Rückkehr nach Sri
Lanka – ungeachtet der Frage, welche Behandlungsmöglichkeiten dort für
die Beschwerdeführerin tatsächlich verfügbar wären – die subjektive
Furcht vor künftigen weiteren Übergriffen sowie die Scham über das bereits
Erlebte, die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin weiter ver-
schlechtern könnten.
8.4.5 Einschlägigen Berichten ist zu entnehmen, dass psychische Erkran-
kungen in der sri-lankischen Gesellschaft kaum diskutiert und Betroffene
stark stigmatisiert würden. Familien empfänden psychisch kranke Angehö-
rige als Belastung und versuchten, sie vor ihrem sozialen Umfeld zu ver-
bergen. Personen mit psychischen Erkrankungen seien in Sri Lanka auch
diskriminierenden Verhaltensweisen ausgesetzt (vgl. aktuell Urteil des
BVGer D-1816/2018 vom 27. November 2020 E. 6.4; Schweizerische
Flüchtlingshilfe [SFH] Sri Lanka: Psychiatrische Behandlung und Psycho-
therapie im Norden, 3.09.2020, https://www.fluechtlingshilfe.ch/filead-
min/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderberichte/Asien-Pazi-
fik/Sri_Lanka/200903_Lka_Psychiatrische_Behandlung.pdf, abgerufen am
3.2.21). Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob die Beschwerdeführerin
im nötigen Umfang durch ihr familiäres Umfeld unterstützt würde. Neben
ihrer psychischen Erkrankung kommt bei der Beschwerdeführerin eine
Stigmatisierung als Opfer sexueller Belästigung hinzu.
Es ist davon auszugehen, dass durch ihre Erkrankung auch ihre Erwerbs-
fähigkeit eingeschränkt ist, weshalb nicht von einer selbständigen Siche-
rung des Existenzminimums durch die Beschwerdeführerin ausgegangen
werden kann. Aus diesen Gründen muss davon ausgegangen werden,
dass im jetzigen Zeitpunkt eine Rückkehr in den Heimatstaat die Be-
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schwerdeführerin mit erheblicher Wahrscheinlichkeit in eine Situation brin-
gen würde, die einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4
AIG gleichkäme.
8.4.6 Umstände im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AIG, welche einer vorläufigen
Aufnahme entgegenstehen würden, liegen nicht vor. Somit sind die Vo-
raussetzungen für die Gewährung der vorläufigen Aufnahme erfüllt.
8.5 Die Beschwerde ist daher teilweise gutzuheissen und die Verfügung
vom 15. Juli 2019 im Wegweisungsvollzugspunkt (Dispositiv Ziff. 4 und 5)
aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, die vorläufige Aufnahme der Be-
schwerdeführerin in der Schweiz anzuordnen.
9.
9.1 Nach dem Gesagten wären die (reduzierten) Verfahrenskosten der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Allerdings wurde ihr
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Verfügung vom 25. September 2019 gutgeheissen
und sind den Akten keine Hinweise einer massgeblichen Veränderung ihrer
finanziellen Lage zu entnehmen, weshalb keine Verfahrenskosten zu erhe-
ben sind.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist praxisgemäss von einem hälf-
tigen Obsiegen der Beschwerdeführerin auszugehen. Ihr ist daher eine re-
duzierte Entschädigung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Partei-
kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7-13 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin weist
in der eingereichten Kostennote einen Zeitaufwand von 12.42 Stunden à
Fr. 150.– und Barauslagen in der Höhe von Fr. 94.– aus, was angemessen
erscheint (Art. 9 ff. VGKE). Die Dossiereröffnungspauschale wird praxisge-
mäss nicht vergütet. Die von der Vorinstanz auszurichtende hälftige Partei-
entschädigung beläuft sich auf Fr. 1’018.50.
9.3 Mit Instruktionsverfügung vom 25. September 2019 wurde ausserdem
das Gesuch der Beschwerdeführerin um amtliche Verbeiständung gutge-
heissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und ihre Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin eingesetzt. Diese hat, soweit die Beschwerdeführerin im
Verfahren unterlegen ist, Anspruch auf Übernahme der notwendigerweise
erwachsenen Vertretungskosten durch das Bundesverwaltungsgericht
(vgl. Art. 8–14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
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Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Demzufolge ist der amtlichen Rechtsbeiständin der weitere
Aufwand zulasten der Gerichtskasse als amtliches Honorar in der Höhe
von Fr. 1’018.50. (inkl. hälftige Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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