Decision ID: f7b07e4c-88e9-5e15-ab82-96e08c024a7a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger und ethni-
scher Hazara – verliess Afghanistan gemäss eigenen Angaben im Sommer
2015. Am 22. Oktober 2015 reiste er in die Schweiz ein und suchte glei-
chentags um Asyl nach. Am 9. November 2015 wurde er im Empfangs- und
Verfahrenszentrum zur Person befragt (BzP). Die Vorinstanz hörte ihn am
31. Mai 2016 einlässlich zu seinen Asylgründen an.
Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er stamme ursprünglich aus
dem Dorf B._ (Distrikt Sang Takht-e Bandar / Daikondi Provinz).
Sein Vater sei ein Mitglied der «Hizbe-Pasdar» Miliz beziehungsweise der
Partei «Eqtedar», die mit der «Wahdat» Partei in Konflikt geraten sei. Bei
diesen Auseinandersetzungen seien mehrere Personen zu Tode gekom-
men. Obwohl sein Vater nie jemanden getötet habe, sei seine Familie von
Angehörigen der «Whadat» Partei verfolgt worden. Aus Sicherheitsgrün-
den sei der Beschwerdeführer deshalb im Alter von zwölf Jahren von sei-
nem Vater zu Verwandten nach Herat geschickt worden und habe fortan
zirka fünf Jahre bei seiner Tante C. in Herat gelebt und in der Bauwirtschaft
gearbeitet. Im Jahr 2014 beziehungsweise im Sommer 2015 habe er von
seiner Tante C. erfahren, dass Mitglieder der Partei «Wahdat» in Herat
nach ihm gesucht hätten, worauf er auf Anraten seiner Tante aus Afghanis-
tan ausgereist sei.
B.
Mit am 6. April 2018 eröffneter Verfügung vom 4. April 2018 verneinte die
Vorinstanz beim Beschwerdeführer das Vorliegen der Flüchtlingseigen-
schaft, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug an. Den zuständigen Kanton beauftragte
sie mit dem Vollzug der Wegweisung.
C.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 3. Mai 2018 reichte der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein. Er be-
antragte, die Dispositiv-Ziffern 3 bis 5 der angefochtenen Verfügung seien
aufzuheben und er sei wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht sei ihm die unent-
geltliche Prozessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses zu verzichten und der Unterzeichnende als amtlicher Rechtsbei-
stand beizuordnen.
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D.
Mit Schreiben vom 4. Mai 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
E.
Der Instruktionsrichter stellte am 28. Mai 2018 fest, der Beschwerdeführer
könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie der unentgeltli-
chen Rechtsverbeiständung gut und bestellte den rubrizierten Rechtsan-
walt zum amtlichen Rechtsvertreter.
F.
Mit Schreiben vom 5. Oktober 2020 erkundigte sich der Rechtsvertreter
nach dem Verfahrensstand. Dieses Schreiben wurde am 16. Oktober 2020
vom Instruktionsrichter beantwortet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der
Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde zudem das Ausländergesetz vom 16. De-
zember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän-
der- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwen-
dende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG
übernommen worden.
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2.
Im Bereich des Ausländerrechts richtet sich die Kognition nach Art. 49
VwVG (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 49 VwVG; vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
4.
Die Beschwerde richtet sich einzig gegen den Vollzug der Wegweisung.
Die Ziffern 1 (Verneinung der Flüchtlingseigenschaft) und 2 (Ablehnung
des Asylgesuchs) des Dispositivs der Verfügung vom 4. April 2018 sind
mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen. Die Wegweisung als sol-
che ist als Regelfolge der Gesuchablehnung und mangels Beschwerdebe-
gründung ebenso wenig zu überprüfen.
5.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für
Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder
Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemei-
ner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine
konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7
AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.
6.1 Die Vorinstanz verwies hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs auf das Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts
BVGE 2011/38 vom 28. Oktober 2011 sowie auf das Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017, wonach
bei Vorliegen von besonders begünstigenden Umständen ein Wegwei-
sungsvollzug nach Herat zumutbar sei. Der junge, alleinstehende und ge-
sunde Beschwerdeführer stamme aus dem Dorf B._, wohin eine
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Wegweisung als unzumutbar erachtet werde. Nachdem er aber die letzten
fünf Jahre bei einer von mehreren in der Grossstadt Herat lebenden Tanten
gewohnt habe, verfüge er dort über ein grosses soziales Beziehungsnetz,
welches ihm bei einer Rückkehr eine gesicherte Wohnsituation bieten
könne. Es sei zudem eine erfolgreiche Wiedereingliederung sowie auf-
grund seiner mehrjährigen Arbeitserfahrung im Baubereich eine finanzielle
Unabhängigkeit zu erwarten, ansonsten ihn sein in Iran wohnhafter Bruder,
welcher bereits zur Reisefinanzierung in die Schweiz beigetragen habe,
unterstützen könne. Im Sinne der Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts lägen somit besonders begünstigende Umstände für die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vor.
Hinsichtlich Zulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung erblickte die Vor-
instanz keine Anhaltspunkte dafür, dass dem Beschwerdeführer im Falle
einer Rückkehr in den Heimatstaat eine mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Gleich-
zeitig erweise sich der Vollzug der Wegweisung als technisch möglich und
praktisch durchführbar.
6.2 In der Beschwerde wird dieser Argumentation im Wesentlichen entge-
gengehalten, die Vorinstanz könne für die Beurteilung der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs nach Herat weder auf die «überholte Recht-
sprechung von 2011» noch auf die «Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
zu Kabul» abstellen. Der Vollzug der Wegweisung nach Herat sei aufgrund
der prekären Lage in Afghanistan unabhängig von individuellen Umstän-
den als existenzbedrohend und somit als unzumutbar zu erachten. Ihm sei
daher mindestens die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Denn selbst bei
Anwendung der «Kabul-Praxis» durch das Gericht wären vorliegend be-
sonders begünstigende Umstände zu verneinen. Es sei nämlich berichti-
gend hinzuzufügen, dass seine Tante C. aus Angst vor Übergriffen Herat
verlassen habe und mit ihrer Familie zurück nach B._ gereist sei.
Auch seine andere Tante sei aus Angst vor Repressalien von Herat nach
B._ zurückgekehrt. Dabei hätten Unbekannte, vermutlich Taliban,
ihren Reisebus gestoppt und alle Männer erschossen. Auch weitere Tanten
(mütterlicherseits) hätten Herat zusammen mit deren Familien in Richtung
Iran verlassen. Er habe während seines Aufenthalts in Herat auch keine
ausserfamiliären Kontakte knüpfen können, weil er sich aus Angst vor Ver-
folgung nur daheim und im familiären Umfeld aufgehalten habe. Zudem
verfüge er nur über geringe Berufserfahrung, da er in Herat im jugendlichen
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Alter lediglich Hilfsarbeiten verrichtet habe. Zudem gehöre er der Minder-
heit der Hazara an, die immer wieder Diskriminierungen ausgesetzt sei.
Herat erweise sich für ihn als Aufenthaltsalternative somit als unzumutbar.
7.
7.1 Hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs hielt das Bun-
desverwaltungsgericht in BVGE 2011/38 betreffend Herat fest, dass ange-
sichts der damaligen dortigen Situation (u.a. keine Aktivitäten bewaffneter
Gruppen) die Zumutbarkeit unter der Voraussetzung begünstigender Um-
stände (tragfähiges Beziehungsnetz, Möglichkeit zur Sicherung des Exis-
tenzminimums, gesicherte Wohnsituation, guter Gesundheitszustand) be-
jaht werden könne.
Mit Referenzurteil D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 aktualisierte das Bun-
desverwaltungsgericht seine im Urteil BVGE 2011/38 festgehaltene Lage-
einschätzung zur damaligen Situation in Herat. Nach den Erkenntnissen
des Gerichts hätten sich sowohl die Sicherheitslage wie auch die sozioöko-
nomische Situation in der Stadt Herat in den letzten Jahren deutlich ver-
schlechtert. Rückkehrende gerieten vor diesem Hintergrund rasch in eine
existenzbedrohende Situation. Der Vollzug der Wegweisung sei daher als
unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren, ausser die
Person finde in Herat besonders begünstigende Umstände vor, aufgrund
derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung
ausgegangen werden könne. Dies sei – entsprechend der Praxis zu Kabul
(vgl. Referenzurteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4)
– insbesondere dann der Fall, wenn es sich beim Rückkehrer um einen
jungen, gesunden Mann handle, der vor Ort auf ein soziales Netz zurück-
greifen könne, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereinglie-
derung als tragfähig erweise. Es müsse dem Rückkehrenden insbeson-
dere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie Hilfe zur so-
zialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten können (vgl. Referenzurteil
D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 10.6).
7.2 Nach der Prüfung der Akten geht das Bundesverwaltungsgericht im
vorliegenden Fall nicht davon aus, dass zum Zeitpunkt des Erlasses der
angefochtenen Verfügung oder der Beschwerdeerhebung besonders be-
günstigende Faktoren bestanden hätten, die zur Bejahung der Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs nach Herat im Sinne der obgenannten
Rechtsprechung geführt hätten.
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7.2.1 Hinsichtlich des sozialen Netzes beziehungsweise der familiären Si-
tuation des Beschwerdeführers können den Befragungen (BzP, Anhörung)
widerspruchsfreie, glaubhafte Aussagen entnommen werden. So gab der
Beschwerdeführer an, seine Mutter sei verstorben und sein Vater lebe mit
weiteren Verwandten in B._, während er sein Leben ab dem zwölf-
ten Altersjahr bis zur Ausreise – alleine, jedoch bei einer Tante wohnend –
in Herat verbracht habe, wo noch weitere Schwestern seiner Mutter lebten.
Das Vorhandensein von Familienangehörigen, insbesondere weiblichen,
reicht zur Erfüllung der begünstigenden Umstände im Sinne der obgenann-
ten Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts nicht aus. Demge-
mäss müssen die Familienmitglieder tatsächlich in der Lage sein, dem Be-
schwerdeführer logistische Hilfe im weiteren Sinne, so auch eine sichere
Unterkunft sowie ein Existenzminimum, zu gewähren. In der Beschwerde-
schrift führte der Beschwerdeführer hierzu weiter aus, seine Tante C. habe
nach dem Tod ihres Ehemannes aus Angst vor Übergriffen Herat verlassen
und sei mit ihrer Familie zurück zum Vater des Beschwerdeführers nach
B._ gereist. Auch seine andere Tante sei aus Angst vor Repressa-
lien am (...) 2018 von Herat in ihr Heimatdorf B._ zurückgekehrt.
Dabei hätten Unbekannte, vermutlich Taliban, ihren Reisebus gestoppt und
alle Männer – auch den Ehemann seiner Tante – vor den Augen aller er-
schossen. Hierzu reichte der Beschwerdeführer einen (online) Zeitungsar-
tikel vom (...) 2018 betreffend ein solches Ereignis ein (Beschwerde, Bei-
lage 3: «Armed Men Gun Down Three Travelers On Herat-Ghor
Highway»). Auch weitere Tanten (mütterlicherseits) hätten Herat zusam-
men mit ihren Familien in Richtung Iran verlassen.
Einerseits decken sich die Vorbringen des Beschwerdeführers mit der da-
mals sich zunehmend verschlechternden Sicherheitslage in Herat, ande-
rerseits spricht auch der auf Beschwerdeebene beigebrachte Zeitungsarti-
kel für die Glaubhaftigkeit seiner Angaben. Deshalb kann nicht davon aus-
gegangen werden, dass sich zu jenem Zeitpunkt überhaupt noch Familien-
angehörige in Herat befunden hatten und selbst wenn, ist zu bezweifeln,
dass sie die nötige Tragfähigkeit eines sozialen Netzes im Sinne der Recht-
sprechung hätten bieten könnten.
7.2.2 Betreffend die wirtschaftliche Reintegration des Beschwerdeführers
kann der Beschwerdeschrift im Weiteren entnommen werden, dass sich
seine Berufserfahrung im jugendlichen Alter auf Hilfsarbeiten beschränkt
hätten. Die Berücksichtigung der dreijährigen Schulbildung sowie Arbeits-
erfahrung des im Zeitpunkt der Ausreise aus seinem Heimatstaat minder-
jährigen Beschwerdeführers können nicht zur Annahme führen, er verfüge
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über eine genügende Ausbildung oder ausreichende (Berufs-) Erfahrung,
um sich beruflich (wieder-) eingliedern zu können. Bei der gegebenen Aus-
gangslage sind seine Chancen, eigene Mittel für die Grundversorgung zu
erwirtschaften – selbst wenn es sich bei ihm um einen alleinstehenden,
gesunden und jungen Mann handelt –, gering einzuschätzen. Auch ist nicht
davon auszugehen, seine finanzielle Lage verändere sich ausreichend
durch eine erneute Unterstützung seines Bruders aus dem Iran.
7.3 Zusammenfassend spricht die Situation des Beschwerdeführers weder
für ein im Sinne der Rechtsprechung tragfähiges soziales Netzwerk noch
für eine erfolgreiche wirtschaftliche Reintegration in Herat. Nach eingehen-
der Prüfung ist im konkret vorliegenden Fall das Vorliegen besonders güns-
tiger Faktoren, welche es gemäss der oben zitierten koordinierten Recht-
sprechung erlauben würden, von der Regel der Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs nach Herat abzuweichen, zu verneinen. Bei diesem Er-
gebnis kann offengelassen werden, ob in Afghanistan aufgrund der jüngs-
ten Entwicklung eine Situation allgemeiner Gewalt herrscht oder an der zi-
tierten Rechtsprechung im Ergebnis festzuhalten ist respektive ob es sich
überhaupt noch rechtfertigt, von der Regelvermutung der Unzumutbarkeit
abzuweichen. Jedenfalls erscheint der Wegweisungsvollzug nach Herat in
Beachtung der aktuellen Ereignisse zum heutigen Zeitpunkt erst recht als
unzumutbar.
7.4 Die drei Voraussetzungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Weg-
weisung beziehungsweise für die Anordnung der vorläufigen Aufnahme
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit; Art. 83 Abs. 1–4
AuG) sind alternativer Natur. Sobald eine davon erfüllt ist, ist die vorläufige
Aufnahme anzuordnen. Gegen eine allfällige Aufhebung der vorläufigen
Aufnahme steht wiederum die Beschwerde an das Bundesverwaltungsge-
richt offen (Art. 112 AuG i.V.m. Art. 84 Abs. 2 AuG; vgl. BVGE 2009/51 E.
5.4). Nach dem Gesagten erübrigen sich Ausführungen zu Zulässigkeit o-
der Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
8.
Die Beschwerde ist im Ergebnis gutzuheissen. Die Dispositivziffern 3 bis 5
der Verfügung vom 4. April 2018 sind aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzu-
weisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
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9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die unentgeltliche Rechtspflege sowie die
Rechtsverbeiständung fallen dahin.
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE; SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechts-
vertreter hat eine Kostennote in der Höhe von insgesamt Fr. 2‘077.30 ein-
gereicht. Dies erscheint angemessen. Die Vorinstanz wird demnach ange-
wiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung in der ausgewie-
senen Höhe auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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