Decision ID: 9f808ba9-cb19-51df-aac9-80d00ca814c6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 15. Dezember 2015 in der Schweiz um
Asyl nach.
Sein Gesuch begründete er hauptsächlich damit, er sei Sunnite und
stamme aus B._, Provinz C._, Irak. Dort würden seine El-
tern und (...) Geschwister wohnen. Wegen jahrelanger Streitigkeiten zwi-
schen seinem Vater und dessen Bruder sei er ausgereist. Streitpunkt sei
ein wertvolles Grundstück gewesen, das ihnen der verstorbene Grossvater
hinterlassen habe. Sein Onkel und die Cousins hätten ihn, den Beschwer-
deführer, deswegen mehrmals geschlagen, weshalb er seinen Cousin an-
gezeigt habe. Dieser sei zwei Tage in Haft gewesen und dann freigelassen
worden. Danach habe ihn der Cousin telefonisch bedroht. Wegen dieser
Anzeige habe sein Onkel ihn und seinen Vater bei der Polizei angezeigt
und seither würden sie gesucht. Seine Familie habe sich zwischenzeitlich
nach D._ begeben.
B.
Mit Verfügung vom 20. Februar 2017 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch
vom 15. Dezember 2015 ab und ordnete die Wegweisung und deren Voll-
zug an. Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe
vom 24. März 2017 Beschwerde, auf welche das Bundesverwaltungsge-
richt mit Urteil E-1790/2017 vom 28. März 2017 nicht eintrat, da die Ein-
gabe nicht innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden war.
C.
Mit Schreiben vom 26. April 2017 ersuchte der Beschwerdeführer das SEM
um Wiedererwägung der Verfügung vom 20. Februar 2017. Zur Begrün-
dung wurde – identisch mit den Ausführungen in der Beschwerde vom
24. März 2017 – die Angst des Beschwerdeführers vor einer Blutrache ge-
äussert und moniert, das SEM habe die Rechtsprechung der ARK zur
Schutztheorie nicht berücksichtigt.
D.
Mit Verfügung vom 14. Juli 2017 erwog das SEM, es habe die Frage der
Schutzwilligkeit und -fähigkeit der kurdischen Behörden bereits in seiner
Verfügung vom 20. Februar 2017 ausführlich im Rahmen des Wegwei-
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sungsvollzugspunktes berücksichtigt und wies das Wiedererwägungsge-
such vom 26. April 2017 ab. Die Verfügung vom 20. Februar 2017 erklärte
es für rechtskräftig und vollstreckbar.
E.
Am 30. August 2017 wurde der Beschwerdeführer in den Nordirak zurück-
geführt.
F.
Mit Verfügung vom 13. November 2018 widerrief die zuständige kantonale
Behörde eine dem Beschwerdeführer infolge Heirat mit einer Schweizerin
erteilte Aufenthaltsbewilligung gestützt auf Art. 50 Abs. 1 Bst. a AIG.
In der Widerrufsverfügung wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer habe
am 18. September 2017 in B._/Irak eine Schweizer Bürgerin gehei-
ratet. Am 24. Oktober 2017 habe er auf der Schweizer Botschaft in Am-
man/Jordanien ein Einreisegesuch zum Verbleib bei seiner Ehefrau in der
Schweiz gestellt. Am 17. Januar 2018 sei der Familiennachzug bewilligt
worden. Ein gegen den Beschwerdeführer am 17. August 2017 verhängtes
Einreiseverbot sei mit Verfügung vom 17. Januar 2018 seitens des SEM
aufgehoben worden. Der Beschwerdeführer sei am 23. Januar 2018 in die
Schweiz eingereist. Am 26. Januar 2018 sei ihm eine Aufenthaltsbewilli-
gung (Familiennachzug) mit Gültigkeit bis 22. Januar 2019 ausgestellt wor-
den. Seine Ehefrau habe mit Schreiben vom 12. September 2018 mitge-
teilt, dass sich der Ehemann nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung
aufhalte und sie sich getrennt hätten. Er wohne teilweise bei seinem Bruder
in E._. Nachdem der Beschwerdeführer im Rahmen des ihm ge-
währten rechtlichen Gehörs am 9. Oktober 2018 mitgeteilt habe, dass er
und seine Ehefrau der Ehe nochmals eine Chance geben würden, habe
die Ehefrau mit Schreiben vom 5. November 2018 mitgeteilt, nicht mehr an
der Ehe festzuhalten. Da die Ehegemeinschaft aufgelöst worden sei und
noch nicht die Mindestdauer von drei Jahren erreicht habe und der Be-
schwerdeführer auch sonst keine der Voraussetzungen für eine Verlänge-
rung seiner Aufenthaltsbewilligung erfülle, sei die Bewilligung zu widerru-
fen. Eine Rückkehr in den Heimatstaat sei zumutbar.
G.
Im Rahmen eines Dublin-Verfahrens nahm das SEM den Beschwerdefüh-
rer, der sich in Deutschland aufgehalten hatte, am 19. November 2019 wie-
der in der Schweiz als Asylsuchenden auf. Am 19. Dezember 2019 wurde
er durch die deutschen Behörden in die Schweiz überstellt.
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H.
Mit Eingabe vom 19. Dezember 2019 ersuchte der Beschwerdeführer das
SEM um "Wiedererwägung" der Verfügung vom 20. Februar 2017.
Zur Begründung brachte er vor, nachdem sein Asylgesuch abgelehnt wor-
den sei, sei er in den Irak zurückgekehrt. In der Schweiz habe er eine Be-
ziehung mit einer Schweizerin gehabt. Diese sei ihm in den Irak gefolgt.
Sie hätten heiraten wollen. Seine irakische Familie sei jedoch strikt gegen
diese Beziehung gewesen, da die Frau Christin sei. Deshalb habe die Fa-
milie eine Heirat verhindern wollen. Er sei mit dem Tod bedroht worden,
denn er habe seiner Familie mitgeteilt, er wolle eines Tages konvertieren.
Mit seiner Verlobten sei er nach Jordanien gereist. Dort habe er ein Visum
für die Schweiz erhalten. Nach der Ausreise aus dem Irak habe seine Fa-
milie Drohungen gegen ihn ausgesprochen. Seine Familie würde ihn im
Falle einer Rückkehr umbringen, da er mit seinem Verhalten Stammes- und
Familienregeln sowie Regeln der Religion verletzt habe. Die Familie mache
ihn für den Tod seiner Mutter verantwortlich, da diese seinetwegen sehr
traurig gewesen und seelisch krank geworden sei. Seine Familie habe ihn
zudem angezeigt. Bei einer Rückkehr würde er hart bestraft werden.
I.
Am 31. Dezember 2019 wies das SEM die zuständige kantonale Behörde
an, vorläufig vom Vollzug der Wegweisung abzusehen.
J.
Das SEM nahm das Gesuch als Mehrfachgesuch anhand. Am 7. Februar
2020 hörte das SEM den Beschwerdeführer zu seinen neuen Asylgründen
an.
Dabei führte er aus, er sei im Januar 2018 wieder in die Schweiz eingereist.
Zuvor habe er sich etwa drei Monate in Jordanien aufgehalten. Davor sei
er einen Monat und zwanzig Tage lang im Irak gewesen. Dort habe er in
B._ eine Schweizer Bürgerin und Christin geheiratet. Sie sei ihm
etwa vier Tage, nachdem er in den Irak zurückgekehrt sei, dorthin gefolgt.
Nach der Hochzeit sei sie in die Schweiz zurückgekehrt, da sie habe arbei-
ten müssen. Etwa zwanzig Tage seien sie im Irak zusammen gewesen. Die
Ehe sei zivil am 17. September 2017 geschlossen worden. Wegen seiner
Eltern hätten sie auch religiös geheiratet. Unmittelbar nach der Ankunft sei-
ner Verlobten am Flughafen hätten sie sich zunächst zu Hause religiös
trauen lassen. Das sei etwa am 3. oder 4. September 2017 gewesen. Ein
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ihm unbekannter islamischer Geistlicher habe diese Zeremonie vorgenom-
men. Seine Frau habe deswegen nicht konvertieren müssen.
Während seines Aufenthaltes im Irak habe er sich in B._,
F._, C._ und ein paar Tage in D._ aufgehalten. Mit
seiner Familie sei es kompliziert gewesen, da diese ihm erklärt habe, er sei
kein Moslem mehr. Bereits seit 2014 sei er religionslos, weshalb ihn die
Mullahs schon damals als "Kafar" (als einen, der vom richtigen Weg abge-
kommen sei) bezeichnet hätten. Als er im Irak gewesen sei, sei seine Mut-
ter erkrankt. Sie habe ihm vorgeworfen, nicht den richtigen Weg einzu-
schlagen. Mit seinem Vater habe er nicht mehr reden können. Auf dem
Luftweg sei er nach Jordanien und von dort später in die Schweiz gereist.
Nach seiner Ankunft im Januar 2018 habe er in der Schweiz als (...) gear-
beitet. Im November 2018 habe er sich von seiner Ehefrau getrennt.
Am 22. Februar 2019 sei seine Mutter gestorben. Sein Vater habe ihn für
ihren Tod verantwortlich gemacht und ihm gedroht, ihn umzubringen. Er
habe sich damals in Deutschland aufgehalten. Dorthin habe er sich bege-
ben, nachdem ihm bis zum 15. Januar 2019 Frist zur Ausreise angesetzt
worden sei. Im Juni/Juli 2019 sei er illegal in die Schweiz zurückgereist. Er
sei polizeilich angehalten und ihm seien 48 Stunden Frist zur Ausreise an-
gesetzt worden. Er sei wieder nach Deutschland gegangen. Dort habe er
sich angemeldet, jedoch nach einiger Zeit den Bescheid bekommen, dass
er wieder in die Schweiz zurückkehren müsse. Seit dem 19. Dezember
2019 halte er sich wieder in der Schweiz auf.
K.
Mit Verfügung vom 12. Februar 2020 – eröffnet am 20. Februar 2020 –
wies das SEM das Mehrfachgesuch vom 19. Dezember 2019 ab, ordnete
die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz an und verfügte
deren Vollzug.
L.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
16. März 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde.
Dabei beantragte er, die Verfügung vom 12. Februar 2020 sei aufzuheben,
es sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm sei Asyl zu gewäh-
ren. Im Weiteren sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung un-
zulässig, unzumutbar und unmöglich und daher die vorläufige Aufnahme
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anzuordnen sei. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung (inklusive Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses) und um Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistands. Eventualiter wurde um Wiederherstellung der aufschie-
benden Wirkung ersucht.
Der Beschwerde lag ein Gesuch um Akteneinsicht adressiert an das SEM
bei.
M.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 18. März 2020 den Eingang
der Beschwerde und hielt fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang
des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
N.
Am 18. März 2020 wurde durch die zuständige kantonale Behörde eine
Fürsorgebestätigung zu den Akten gereicht.
O.
Mit Zwischenverfügung vom 24. April 2020 wies die Instruktionsrichterin
das SEM an, das Akteneinsichtsgesuch zu behandeln. Dem Beschwerde-
führer wurde die Möglichkeit eingeräumt, innert 14 Tagen ab Gewährung
der Akteneinsicht seine Beschwerde zu ergänzen.
P.
Das SEM erteilte dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 28. April 2020
– eröffnet am 5. Mai 2020 – Einsicht in die Verfahrensakten. Das Akten-
stück Nr. 7 nahm es davon aus, da es sich dabei um eine interne Akte
handle.
Q.
Der Beschwerdeführer liess die ihm gewährte Frist zur Beschwerdeergän-
zung ungenutzt verstreichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM,
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ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor wel-
chem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR
142.31] i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Aus-
nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor.
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG).
1.3 Auf die frist- und formgerecht erhobene Beschwerde ist einzutreten
(Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1
VwVG). Der Beschwerde kommt aufschiebende Wirkung zu, weshalb der
Eventualantrag, es sei die aufschiebende Wirkung wiederherzustellen, sich
von vornherein als obsolet erweist.
2.
2.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schrif-
tenwechsel verzichtet.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
4.1 Nach einem erfolglos durchlaufenen Asylverfahren eingereichte Gesu-
che um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sind unter den Vorausset-
zungen des Art. 111c AsylG zu prüfen (vgl. BVGE 2014/9 E. 4.6).
4.2 Der Beschwerdeführer beruft sich in seinem Gesuch vom 19. Dezem-
ber 2019 im Wesentlichen darauf, wegen seiner Heirat im Irak mit einer
Schweizerin, die Christin sei, von seiner Familie ausgestossen worden zu
sein. Bei einer Rückkehr in den Irak erwarte ihn eine unverhältnismässige
Bestrafung. Er erfülle daher die Flüchtlingseigenschaft. Diese Vorbringen
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sind unter dem Blickwinkel von Art. 3 AsylG zu prüfen. Die Vorinstanz hat
demnach das Gesuch zu Recht als Mehrfachgesuch gemäss Art. 111c
AsylG entgegengenommen und, da dieses die formellen Voraussetzungen
dieser Norm (schriftliche, begründete Eingabe innert fünf Jahren nach Ein-
tritt der Rechtskraft, vgl. dazu: BVGE 2014/9 E. 4.3 und E. 5.5) erfüllt, be-
handelt.
5.
5.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in
dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge-
hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politi-
schen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begrün-
dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernst-
hafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens
oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychi-
schen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen zudem in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei
ständiger Praxis (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.3 Die Vorinstanz erachtete die vom Beschwerdeführer geschilderte Ge-
fährdungslage als nicht glaubhaft gemacht im Sinne von Art. 7 AsylG. So
habe er im Rahmen der Anhörung vom 7. Februar 2020 diese ganz anders
geschildert als in seinem Gesuch vom 19. Dezember 2019. Eine Gefähr-
dungssituation verneinte das SEM auch deshalb, da der Beschwerdeführer
erst Monate nach den angeblichen telefonischen Drohungen seines Vaters
und erst nachdem er keine anderen Möglichkeiten zur Regelung seines
Aufenthalts gesehen habe, erneut um Asyl nachgesucht habe.
5.4 In der Beschwerde wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer habe
schon immer Probleme mit seinen Eltern wegen der beabsichtigten Heirat
mit einer Christin gehabt. Sein Vater habe ihm erklärt, er solle es machen,
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dann sei er aber nicht mehr sein Sohn und er müsse nach den islamischen
Regeln heiraten. Sein Vater habe die Hochzeit, die nur von einem Mann
aus der Moschee und zwei Zeugen begleitet worden sei, organisiert. Er
und seine Ehefrau hätten in dieser Form geheiratet, um keine Probleme zu
bekommen. Sein Vater habe ihm gedroht, ihn umzubringen, wenn er ihn
finden würde, da seine Mutter seinetwegen verstorben sei. Bei einer Rück-
kehr werde er vermutlich auch von seinem Cousin bedroht.
5.5 Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich nach Prüfung der Akten
der Folgerung des SEM an, wonach die Angaben des Beschwerdeführers
hinsichtlich der Bedrohung durch seine Familie als nicht glaubhaft zu er-
achten sind. Es kann auf die entsprechenden Ausführungen in der Verfü-
gung verwiesen werden (vgl. Akte [...]-8/11 S. 5).
Zunächst ist zu betonen, dass nicht nachvollziehbar ist, dass der Vater dem
Beschwerdeführer nach dem Tod der Mutter im Februar 2019 angeblich
gedroht habe, ihn umzubringen, da er durch seine Heirat und seine Abkehr
vom Glauben deren Tod verschuldet haben soll (vgl. Akte [...]-1/4 [nachfol-
gend Akte 1/4] S. 2, Akte [...]-5/22 [nachfolgend Akte 5/22] F67ff., 183). Im
Weiteren fällt auf, dass der Beschwerdeführer im Mehrfachgesuch er-
wähnte, gegen ihn sei wegen der Heirat eine Anzeige durch seine Familie
erfolgt. Es drohe ihm eine Verhaftung wegen Verstosses gegen Religions-
und Familienregeln (vgl. Akte 1/4 S. 2). In Widerspruch dazu verneinte er
jedoch anlässlich der Anhörung, dass gegen ihn eine Anzeige erhoben
worden sei oder ihm eine Verhaftung drohen würde (vgl. Akte 5/22 F178
ff.). Auch lässt sich feststellen, dass der Beschwerdeführer in seinem ers-
ten Asylverfahren stets behauptete er sei Sunnite respektive Muslim (vgl.
Akten A1/2 S. 2, A3/12 S. 3). Seine Behauptung im Rahmen der Anhörung,
er sei seit 2014 religionslos (vgl. Akte 5/22 F65, F81) erweist sich vor die-
sem Hintergrund ebenfalls als nicht glaubhaft.
Der Beschwerdeführer gab zudem in seinem Mehrfachgesuch an, seine
Familie sei strikt gegen die Heirat mit einer Christin gewesen und sie habe
alles versucht, damit die Hochzeit nicht habe stattfinden können. Sie habe
ihm mit dem Tod gedroht (vgl. Akten 1/4 S. 1). Im Rahmen der Anhörung
schilderte er demgegenüber, seine Eltern hätten erklärt, sie seien einver-
standen, wenn er heirate. Die Heirat habe jedoch nach islamischen Regeln
stattfinden müssen. Die religiöse Zeremonie, welche im September 2017
stattgefunden habe, habe sein Vater organisiert. Unmittelbar nach der An-
kunft seiner Verlobten im Irak hätten sie vor einem Mullah und zwei Zeugen
geheiratet, wobei die ganze Familie zugegen gewesen sei (vgl. Akte 5/22
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F 57f., F89 f., F98 f., F103, F111, F114 ff.). Die ursprüngliche Behauptung
des Beschwerdeführers, er sei wegen der Heirat durch seine Familie be-
droht worden, erscheint damit als blosses Konstrukt eines Fluchtmotivs.
5.6 Nicht in Frage steht demgegenüber, dass der Beschwerdeführer im
September 2017 im Irak eine Schweizerin geheiratet hat, zumal dies das
zuständige Migrationsamt in seiner Widerrufsverfügung vom 13. Novem-
ber 2018 festgestellt hat (vgl. Akte [...]-6/7 [nachfolgend Akte 6/7]. Er-
wähnte Aussagen des Beschwerdeführers an der Anhörung, seine Familie
sei mit der Heirat einverstanden gewesen, deuten jedoch – einhergehend
mit dem SEM (vgl. Akte [...]-8/11 [nachfolgend Akte 8/11] S. 6) – eher da-
rauf hin, dass die Eltern nicht streng religiös sind. Eine Einschätzung, die
durch die Angabe des Beschwerdeführers im ersten Asylverfahren bestärkt
wird, gab er doch an, sein Vater und sein Onkel seien zwar seit ihrer Geburt
Muslime, jedoch glaubten sie nicht etwa an "Scheiche und solche Sachen"
(vgl. Akte A14/20 S. 13).
5.7 Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass nicht glaubhaft er-
scheint, dass der Beschwerdeführer wegen seiner Heirat mit einer Schwei-
zerin durch seine irakische Familie bedroht worden ist oder künftig wäre.
Vielmehr ist im Gesamtkontext davon auszugehen, dass der Beschwerde-
führer, dem durch das Migrationsamt des Kantons G._ am 13. No-
vember 2018 die Aufenthaltsbewilligung (vgl. Akte 6/7 S. 2) widerrufen
wurde, Sachumstände konstruiert, um sich ein Bleiberecht in der Schweiz
zu verschaffen. Das SEM wies in diesem Zusammenhang zutreffend da-
rauf hin, dass der Beschwerdeführer nach seiner Wiedereinreise in die
Schweiz kein Asylgesuch stellte und auch nach der im November 2018 von
seiner Ehefrau erfolgten Trennung noch ein Jahr mit einer Asylgesuchstel-
lung zuwartete.
5.8 Die Ausführungen in der Beschwerde sind nicht geeignet, zu einem an-
deren Schluss zu führen, da sich diese im Wesentlichen in blossen Wie-
derholungen bereits bekannter Sachverhaltselemente erschöpfen. Inso-
fern in der Rechtsmittelschrift zudem eingewendet wird, der Beschwerde-
führer müsse bei einer Rückkehr auch mit Behelligungen durch seinen
Cousin rechnen, ist dieses Vorbringen als nicht stichhaltig zu erachten. Der
Beschwerdeführer trug im Rahmen der Anhörung explizit vor, die im ersten
Asylverfahren dargelegten Probleme mit dem Cousin hätten sich nunmehr
gelegt nachdem der Vater auf alles verzichtet habe (vgl. Akte 5/22 F147).
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Seite 11
5.9 Der Beschwerdeführer erfüllt nach dem Gesagten die Voraussetzun-
gen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG
nicht. Das SEM hat sein Mehrfachgesuch zu Recht abgelehnt.
6.
6.1 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Staatssekretariat in der Regel die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das
Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Wie zuvor erwähnt, wurde die Aufenthaltsbewilligung des Beschwerdefüh-
rers rechtskräftig widerrufen. Er verfügt somit derzeit nicht über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung. Auch hat er keinen Anspruch auf
Erteilung einer solchen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung ist
demnach zu Recht erfolgt.
6.2 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von
Ausländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 Bundesgesetz vom 16. Dezem-
ber 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration
(AIG, vormals: Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer;
AUG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.3
6.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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Seite 12
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
6.3.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine flüchtlings-
rechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen,
kann – wie vom SEM erwogen – der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz
der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung fin-
den.
Auch ergeben sich – nach wie vor – keine Anhaltspunkte dafür, dass er für
den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des EGMR sowie jener
des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine kon-
krete Gefahr («real risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im
Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008,
Grosse Kammer, 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine
Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug
zum aktuellen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
6.4
6.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
6.4.2 Im Urteil BVGE 2008/5 hat sich das Bundesverwaltungsgericht ein-
lässlich mit der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die
drei damaligen kurdischen Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil und Su-
leimania auseinandergesetzt. Es kam zum Schluss, dass ein Wegwei-
sungsvollzug in die kurdischen Provinzen dann zumutbar ist, wenn die be-
treffende Person ursprünglich aus der Region stammt, oder eine längere
Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz (Familie, Verwandtschaft
oder Bekanntenkreis) oder aber über Beziehungen zu den herrschenden
Parteien verfügt (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5, insbesondere E. 7.5.1 und
7.5.8).
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Seite 13
Diese Praxis wurde in den folgenden Jahren durch das Bundesverwal-
tungsgericht bekräftigt. Im Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember
2015 wurde die Lage im Nordirak neuerlich überprüft. Festgestellt wurde,
dass in den vier Provinzen der ARK aktuell nach wie vor nicht von einer
Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen
ist. An dieser Einschätzung, welche jeweils auf die die aktuell herrschende
Lage fokussiert, ändert auch das am 25. September 2017 in der ARK
durchgeführte Referendum nichts, in dem offenbar eine Mehrheit der Kur-
den für die Unabhängigkeit vom Irak votierte. Den begünstigenden indivi-
duellen Faktoren – insbesondere denjenigen eines tragfähigen familiären
Beziehungsnetzes – ist angesichts der Belastung der behördlichen Infra-
strukturen durch im Irak intern Vertriebene (Internally Displaced Persons
[IDPs]) gleichwohl ein besonderes Gewicht beizumessen (vgl. dazu statt
vieler Urteil des BVGer D-6464/2018 vom 26. Februar 2020 E. 10.2.2).
6.4.3 Der Beschwerdeführer stammt ursprünglich aus der nordirakischen
Provinz C._ (vgl. A3/12 S. 3 ff.). Seine Familie hat seinen Angaben
zufolge in der Provinz D._, welche ebenfalls zur ARK gehört, Wohn-
sitz genommen (vgl. A14/20 S. 3). Der Beschwerdeführer hatte zudem frü-
her im Nordirak eine Arbeitsstelle inne und konnte in der Schweiz ebenfalls
einer Erwerbstätigkeit nachgehen (vgl. A3/12 S. 4, A14/20 S. 11, Akte 5/22
F49) und verfügt somit über Berufserfahrung. Aufgrund der Arbeitserfah-
rung und seines im Nordirak vorhandenen, tragfähigen Familiennetzes ist
davon auszugehen, dass ihm eine soziale und wirtschaftliche Reintegra-
tion ohne weiteres gelingen wird. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich
als zumutbar.
6.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
6.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird
mit vorliegendem Entscheid gegenstandslos.
9.
Angesichts dieser Sachlage sind die gestellten Rechtsbegehren als aus-
sichtslos zu bezeichnen. Die Voraussetzungen für die Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege und der Rechtsverbeiständung (Art. 65 Abs. 1
und 2 VwVG) sind – ungeachtet der belegten Mittellosigkeit – nicht erfüllt.
Die entsprechenden Anträge sind abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1- 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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