Decision ID: d1249f7a-5d45-54b8-b11e-063957482340
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
W._,
Beschwerdeführer,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vertreten durch A._,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Hilflosenentschädigung
Sachverhalt:
A.
Der am 16. August 1990 geborene W._ wurde am 27. August 1996 zum Bezug von
IV-Leistungen angemeldet. Er litt an den beiden Geburtsgebrechen Nr. 387 und Nr.
404. Seine Mutter füllte am 16. Januar 2001 einen Fragebogen für die Hilflosigkeit aus.
Die IV-Stelle nahm am 22. Februar 2001 eine Abklärung an Ort und Stelle vor. Dabei
ergab sich, dass der Versicherte beim An- und Auskleiden, beim Essen und bei der
Körperpflege auf regelmässige erhebliche Hilfe angewiesen und dass er ausserdem
dauernd überwachungsbedürftig war. Die IV-Stelle sprach ihm am 5. April 2001
Pflegebeiträge bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades zu. Am 11. August 2003 trat der
Versicherte in das Sonderschulheim B._ ein. Der behandelnde Arzt C._ füllte am
13. Januar 2004 den Fragebogen für die Hilflosigkeit aus. Er gab an, der Versicherte sei
für das An- und Auskleiden (Kleiderwahl, Kontrolle der Vollständigkeit und der
Sauberkeit), für das Essen (Zerkleinern der Nahrung, Dosieren), für die Körperpflege
(Aufsicht beim Waschen, Kämmen und Baden/Duschen) und für die
Notdurftverrichtung (Kontrolle der Hände, Spülen, Verhindern, dass der Versicherte auf
dem WC esse) auf regelmässige erhebliche Hilfe angewiesen. Ausserdem bestehe eine
Überwachungsbedürftigkeit. Die Mutter des Versicherten bestätigte diese Angaben am
26. Januar 2004. Die Betreuungsperson im Sonderschulheim teilte der IV-Stelle am
18. März 2004 mit, der Versicherte benötige eine ständige Begleitung. Er habe häufig
Gewaltausbrüche, die schwer einschätzbar seien. Die Abklärung an Ort und Stelle beim
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten zuhause (allerdings in seiner Abwesenheit) ergab, dass der Versicherte nur
noch beim An- und Auskleiden (Kleider bereit legen, der Witterung angepasste
Kleidung auswählen, Kontrolle des richtigen Anziehens) und bei der Körperpflege
(Kontrolle beim Zähneputzen, Auffordern zum Waschen der Hände und des Gesichts,
zum Kämmen, zum Duschen, zum Haarewaschen und zum Abtrocknen nach dem
Duschen) auf regelmässige erhebliche Hilfe angewiesen war. Beim Essen war er nun
zwar in der Lage, die Nahrung selbst zu zerkleinern, aber er hinterliess jeweils eine
grosse Unordnung. Dies wurde von der IV-Stelle als nicht erheblich eingestuft. Der
Versicherte bedurfte wegen der Gewaltausbrüche (Fremdgefährdung) und wegen
fehlenden Gefahrenbewusstseins einer ständigen Überwachung. Da dies nach wie vor
die Definition der mittelgradigen Hilflosigkeit erfüllte, sprach die IV-Stelle dem
Versicherten am 8. April 2004 anstelle der bisherigen Pflegebeiträge gestützt auf das
Recht der 4. IV-Revision eine entsprechende Hilflosenentschädigung zu.
B.
Am 16. Mai 2006 füllte die Mutter des Versicherten wieder den Fragebogen für eine
Hilflosenentschädigung aus. Sie gab an, der Versicherte benötige Hilfe beim Anziehen
(Anweisungen, Kontrolle), beim Essen (Anweisung, sauber zu essen und nicht Stühle,
Kasten, Boden zu verschmieren), bei der Körperpflege (Mund säubern nach dem
Essen, Zähne putzen, Kämmen und 100% indirekte Begleitung beim Duschen) und bei
der Pflege gesellschaftlicher Kontakte. Sie gab ausserdem an, der Versicherten sei auf
eine dauernde Betreuung angewiesen. Am 6. Dezember 2006 nahm die IV-Stelle erneut
eine Abklärung an Ort und Stelle bei der Mutter des Versicherten vor. Wiederum war
der Versicherte nicht anwesend, da er sich im Sonderschulheim B._ aufhielt. Im
Abklärungsbericht wurde ausgeführt, der Versicherte sei beim An- und Ausziehen nicht
mehr auf eine regelmässige erhebliche Hilfe angewiesen. Er könne sich selbständig an-
und ausziehen. Ab und zu komme es vor, dass er nicht merke, dass die Kleider
schmutzig seien und gewechselt werden müssten. Eine kurze Aufforderung reiche
dann aber, damit er sich umkleide. Auch beim Essen bestehe kein erheblicher Bedarf
mehr nach Hilfe. Der Versicherte könne mit dem Besteck essen und die Speisen selbst
zerkleinern. Es komme vor, dass er aus Bequemlichkeit mit den Händen esse. Das
Essverhalten sei nach wie vor sehr unordentlich. Die Aufforderung, schöner zu essen,
und das Reinigen am Tisch gelte nicht als erhebliche Hilfe. Auch bei der Körperpflege
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei keine regelmässige erhebliche Hilfe mehr notwendig. Der Versicherte wasche und
dusche sich selbständig. Kleinere Hinweise seien zwar noch notwendig, aber darin
könne keine erhebliche Hilfe erblickt werden. Der Versicherte bewege sich im Haus und
im Freien selbständig. Er kenne grundsätzlich den Strassenverkehr. Meist halte er sich
ohne Begleitung im Freien auf. Er überwinde den Schulweg selbständig mit dem
Schulbus und mit dem Zug. Wenn er einmal den Zug verpasst habe, wisse er sich
selbst zu helfen. Zuhause gehe er regelmässig in den Jugendtreff oder er unternehme
etwas mit gleichaltrigen Jugendlichen. Er werde nicht ständig überwacht. Zwar wisse
man immer noch nicht genau, was er anstelle, aber man lasse ihm seinen Freiraum,
damit er Erfahrungen sammeln könne. Auch im Internat werde er nicht "1:1"
überwacht. Vielmehr handle es sich um eine Präsenz, da er wegen seines auffälligen
Verhaltens immer wieder ermahnt und zurechtgewiesen werden müsse. Die Mutter des
Versicherten wandte in ihrer Stellungnahme zu diesem Abklärungsbericht ein, es
komme darin nicht zum Ausdruck, dass der Versicherte trotz Reifung und Fortschritten
immer noch einen unverhältnismässig grossen Einsatz seiner Betreuungspersonen
brauche. Die indirekte Hilfe sei den ganzen Tag nötig (vorstrukturieren, Tagesablauf
regeln, anleiten, bereitstehen, mitsteuern, kontrollieren). Dies lasse sich am Beispiel des
Duschens zeigen: Der Versicherte dusche und dann merke er, dass er weder ein
Badetuch noch ein frische Unterwäsche bereit gelegt habe. Oder er dusche so lange,
bis der Boiler leer sei, wenn man ihm nicht sage, dass es genug sei. Ein anderes
Beispiel sei, dass der Versicherte bei einem Besuch der OLMA - von ihr unbemerkt -
einen Container demoliert habe, während sie einen Parkschein gelöst habe. Die
Abklärungsperson der IV-Stelle führte dazu aus, der Versicherte sei bei der Abklärung
nicht dabei gewesen, da er sich in der Sonderschule aufgehalten habe. Die einzelnen
kleinen Hinweise und Kontrollblicke seien nicht mehr als erhebliche Hilfe zu
qualifizieren. Es sei auch keine ständige persönliche Überwachung mehr notwendig, da
der Versicherte längere Zeit im Haus oder auch im Freien allein gelassen werden
könne.
C.
Mit einem Vorbescheid vom 22. Februar 2007 teilte die IV-Stelle der Mutter des
Versicherten mit, dass die Ausrichtung der Hilflosenentschädigung eingestellt werde.
Die Mutter des Versicherten führte am 6. März 2007 aus, der Versicherte müsse beim
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Duschen angeleitet werden, die Kleider bereit zu legen, die Schmutzwäsche
aufzuräumen, das Handtuch aufzuräumen usw. Da er stundenlang duschen würde,
müsse der Versicherte überwacht und dazu gebracht werden, dass er nach 15 bis 20
Min. aufhöre. Wenn er nicht angeleitet werde, sitze er nach dem Duschen tropfnass
und nackt in der Stube. Beim Ankleiden müsse der Versicherte angeleitet werden,
damit er sich sauber und vollständig bekleide. Beim Essen müsse er dauernd ermahnt
werden, damit er richtig kaue, nicht mit offenem Mund rede, nicht mit den Händen esse
und nicht masslos sei. Er wasche die klebrigen Hände und die Speisereste um den
Mund nicht selbständig. Der Versicherte leide an einer Narkolepsie und könne deshalb
zu jeder Tageszeit und überall einschlafen. Er könne nur maximal zwei Stunden allein
ausser Haus verbringen. Dies setze aber voraus, dass die Situation gewohnt oder
vorstrukturiert sei. Gehe er allein ins Dorf, sei er gefährdet, an Alkohol oder Cannabis
zu geraten. Deshalb brauche er eine ständige Aufsicht. Sie begleite den Versicherten
deshalb im Ausgang. Ausflüge seien anstrengend, da der Versicherte dauernd Sachen
ausprobiere und somit in Konflikte gerate. Er könne die Folgen seines Tuns nicht
abschätzen und brauche deshalb ständige Begleitung. Aus diesen Gründen habe sie
bis jetzt keinen Entlastungsplatz gefunden, der länger als zweimal funktioniert habe,
obwohl professionelle Pflegeplätze darunter gewesen seien. Sie beantrage die
Weiterausrichtung der bisherigen Hilflosenentschädigung. Die IV-Stelle erliess am 4.
April 2007 eine Verfügung, mit welcher sie die Ausrichtung der Hilflosenentschädigung
einstellte. Sie begründete dies damit, dass die Anleitung beim Anziehen, die
Aufforderung, schöner zu essen und sich zu reinigen und die Anleitung beim Duschen
nicht erheblich seien. Eine Überwachung "1:1" sei zudem nicht in einem anrechenbaren
Ausmass erforderlich.
D.
Die Mutter des Versicherten erhob am 11. Mai 2007 Beschwerde gegen diese
Aufhebungsverfügung. Sie beantragte die Weiterausrichtung der bisherigen
Hilflosenentschädigung. Zur Begründung führte sie aus, in den alltäglichen
Lebensverrichtungen An- und Auskleiden, Körperpflege, Kontaktaufnahme und
Regulierung des Schlafs sei der Versicherte auf eine dauernde Anleitung und
Überwachung angewiesen. Der Mehraufwand gegenüber einem gleichaltrigen
Nichtbehinderten sei enorm. Nach einem Wochenende sei sie jeweils am Ende ihrer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kräfte. Wie gross der Betreuungsaufwand sei, zeige die Tatsache, dass alle
Entlastungsfamilien ihre Zusagen nach zwei oder drei Wochenenden zurückgezogen
hätten. Der Versicherte kleide sich unvollständig und nicht dem Wetter/der Jahreszeit
angepasst an. Man müsse ihn auffordern, das T-Shirt oder Hemd in die Hose zu
stopfen. Er merke nicht, wenn er ein T-Shirt verkehrt anziehe. Verschmutzte Sachen
ziehe er wieder an. Auch die Schuhe, die Jacke usw. würden nicht dem Wetter
entsprechend angezogen. Der Versicherte wasche sich zwar selbst in der Dusche, aber
er komme mit Schaum im Haar heraus, dusche, bis der Boiler leer sei, lege weder ein
Frottiertuch noch frische Wäsche bereit und sitze anschliessend tropfnass und nackt
auf dem Sofa in der Stube. Er müsse angewiesen werden, sich zu kämmen, die Zähne
zu putzen und das Gesicht nach dem Essen zu reinigen. Der eitrige Ausschlag, an dem
der Versicherte leide, müsse behandelt und die Medikamenteneinnahme müsse
kontrolliert werden. Ausserhalb der Wohnung könne sich der Versicherte nur in einem
organisierten Rahmen bewegen. Deshalb sei er immer in Begleitung eines
Erwachsenen. Nur bei minimalen Aktivitäten sei er allein (mit dem Velo eine Runde im
Quartier, eine halbe Stunde mit dem Bruder auf dem Schulhausplatz). Wegen der
Gefahr, dass er kiffe, sei ein freier Ausgang nicht möglich. Die Einschätzung durch die
Abklärungsperson der IV-Stelle sei in Abwesenheit des Versicherten zustande
gekommen. Sie lade die Abklärungsperson ein, einen halben Tag dabei zu sein. Der
Beschwerde lag eine Stellungnahme der sozialpädagogischen Familienbegleitung
D._ vom 14. Mai 2007 bei. Darin war u.a. angegeben worden, es gebe dauernd
Sachschäden wegen der eingeschränkten Wahrnehmung des Versicherten. Dieser sei
kaum fähig, die Konsequenzen seines Handelns vorwegzunehmen und dadurch
Schäden zu vermeiden. Der Versicherte sei ein Kind im Körper eines Jugendlichen.
E.
Die IV-Stelle wandte in ihrer Beschwerdeantwort vom 20. November 2007 ein, es sei
unbestritten, dass der Versicherte in den Lebensverrichtungen Aufstehen/Absitzen/
Abliegen, Essen und Notdurftverrichtung keine Hilfe benötige. Beim An- und Ausziehen
seien nur kurze Anweisungen notwendig. Die Mutter des Versicherten übersehe, dass
auch gesunde Jugendliche andere Vorstellungen als ihre Eltern darüber hätten, wie
man sich angemessen kleide. Das gelte auch für die Körperpflege. Berücksichtigt
werden könne nur das Nichtkönnen, nicht aber das Nichtwollen. Die indirekte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hilfestellung sei nicht erheblich. Gemäss dem Abklärungsbericht sei der Versicherte
ausser Haus selbständig, auch wenn er aufgrund seiner Behinderung Mühe habe, von
Gleichaltrigen akzeptiert zu werden, und deshalb diesbezüglich gelegentlich Hilfe
benötige. Die Narkolepsie habe keine dauernde Überwachungsbedürftigkeit zur Folge.
Mehr als gelegentliche Hilfestellungen und Ermahnungen seien nicht notwendig.
F.
Aufgrund einer entsprechenden Anfrage der IV-Stelle hatte das Sonderschulheim B._
in einer undatierten Antwort ausgeführt, es sei für den Versicherten schwierig gewesen,
Ordnung mit den Kleidern zu halten. Er habe beim Trennen von sauberer und
schmutziger Wäsche sowie bei der Schrankordnung Unterstützung benötigt. Auch
beim Bereitlegen der Kleider habe ihm geholfen werden müssen. Andernfalls habe er
im Winter vergessen, einen Pullover anzuziehen. Beim Duschen habe er überwacht
werden müssen, damit sein Wasserverbrauch nicht ins Unermessliche gestiegen sei. Er
habe oft vergessen, ein Tuch auf den Boden zu legen oder sich abzutrocknen. Fast
täglich habe er deshalb den Fussboden reinigen müssen. Das Abtrocknen sei generell
sehr flüchtig gewesen (Rücken nass, Haare ungenügend getrocknet). Bei der
Fortbewegung sei der Versicherte auf Begleitung angewiesen gewesen. Seine Art habe
andere Menschen zurückweichen lassen oder bei ihnen Angst ausgelöst. Beim
Einkaufen habe sich der Versicherte oft chaotisch verhalten.

Erwägungen:
1.
Eine formell rechtskräftig zugesprochene Hilflosenentschädigung wird herabgesetzt
oder aufgehoben, wenn sich der ihr zugrunde liegende Sachverhalt nachträglich
erheblich verändert hat (Art. 17 Abs. 2 ATSG). Die Herabsetzung oder Aufhebung der
laufenden Hilflosenentschädigung setzt also den Nachweis einer effektiven
Veränderung des leistungserheblichen Sachverhalts voraus. Die Beschwerdegegnerin
hat dem Beschwerdeführer am 8. April 2004 eine Entschädigung für eine Hilflosigkeit
mittleren Grades zugesprochen, weil sie davon ausgegangen ist, dass er beim An- und
Ausziehen und bei der Körperpflege auf eine regelmässige erhebliche indirekte Hilfe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angewiesen sei und dass eine dauernde persönliche Überwachungsbedürftigkeit
bestehe. Zwei Jahre später hat die Beschwerdegegnerin ein Revisionsverfahren zur
Überprüfung der laufenden Entschädigung für eine Hilflosigkeit mittleren Grades
eröffnet. Daraufhin hat sie am 6. Dezember 2006 eine Abklärung an Ort und Stelle beim
Beschwerdeführer zuhause, also nicht im Internat des Sonderschulheims B._,
durchgeführt. Dabei hat sie gemäss dem Abklärungsbericht keinen regelmässigen
erheblichen Bedarf nach einer indirekten Hilfe beim An- und Ausziehen und bei der
Körperpflege und auch keinen dauernden persönlichen Überwachungsbedarf mehr
festgestellt. Die Beschwerdegegnerin hat die Abklärung vom 6. Dezember 2006 zwar
als solche an Ort und Stelle bezeichnet, aber die mit einer derartigen Abklärung
angestrebte Kombination einer Befragung von Auskunftspersonen mit einem
Augenschein war gar nicht möglich, weil das Abklärungsdatum unerklärlicherweise so
gewählt worden war, dass der Beschwerdeführer nicht zuhause war. Dort, wo ein
Augenschein möglich gewesen wäre, nämlich im Sonderschulheim B._, unterblieb
eine Abklärung an Ort und Stelle. Tatsächlich hat es sich also bei der Abklärung vom 6.
Dezember 2006 gar nicht um eine Abklärung an Ort und Stelle, sondern um eine reine
Befragung der Mutter des Beschwerdeführers gehandelt, die
entgegenkommenderweise nicht in den Räumen der Beschwerdegegnerin, sondern in
der Wohnung der Mutter des Beschwerdeführers durchgeführt worden ist. Das
Ergebnis dieser Befragung ist in der Folge bis zum Abschluss des
Verwaltungsverfahrens weder durch einen Augenschein - zuhause oder im
Sonderschulheim - noch durch eine Befragung weiterer Auskunftspersonen,
insbesondere der Betreuungspersonen im Sonderschulheim, ergänzt worden. Die
schriftliche Anfrage an das Sonderschulheim ist nämlich erst lange nach dem Erlass
der angefochtenen Verfügung erfolgt. Damit stellt sich die Frage, ob die auf eine
Befragung der Mutter beschränkte Abklärung, ohne Augenschein und ohne Befragung
weiterer mit der Betreuung des Beschwerdeführers betrauter Personen, überhaupt
geeignet ist, ein bestimmtes Ausmass an Hilflosigkeit mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Wäre die Befragung der Mutter des
Beschwerdeführers nicht durch eine schriftliche Befragung der Betreuungsperson im
Sonderschulheim B._ ergänzt worden, müsste diese Frage wohl verneint werden.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei der Befragung einer Auskunftsperson müssen sowohl die Fragen als auch die
Antworten präzis protokolliert werden, damit der entsprechende Bericht als
Beweismittel anerkannt werden kann. Ergibt sich wie im vorliegenden Fall die Situation,
dass die Auskunftsperson später behauptet, der Sachverhalt sei ganz anders, als er im
Bericht über ihre früheren Aussagen dargestellt werde, so kann dem Bericht nur dann
grössere Überzeugungskraft als dieser nachträglichen Behauptung zukommen, wenn
er eine präzise Protokollierung enthält. Im vorliegenden Fall lässt sich dem Bericht über
die Abklärung vom 6. Dezember 2006 nicht entnehmen, ob die Ausführungen zur
Hilflosigkeit des Beschwerdeführers in den verschiedenen alltäglichen
Lebensverrichtungen die Aussagen der Mutter unmittelbar wiedergeben oder ob die
Abklärungsperson die Aussagen der Mutter auf ihre Überzeugungskraft "geprüft" und
dann entsprechend subjektiv "gefilterte" Angaben zur Hilflosigkeit des
Beschwerdeführers notiert hat. Die Angaben im Abklärungsbericht stimmen jedenfalls
nicht mit den Angaben der Mutter des Beschwerdeführers in deren Stellungnahme zum
Abklärungsbericht überein. Der in dieser Stellungnahme erhobene Vorwurf, der
Abklärungsbericht gebe gar nicht die effektive Situation wieder, erscheint als durchaus
plausibel, denn dies wird weitgehend durch die späteren Angaben des
Sonderschulheims B._ bestätigt. Der Bericht über die Abklärung vom 6. Dezember
2006 allein vermag deshalb nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen, dass sich die Hilflosigkeit des Beschwerdeführers so
stark vermindert hätte, dass eine Aufhebung der laufenden Hilflosenentschädigung
zulässig wäre. Das bedeutet nicht, dass die angefochtene Verfügung aufzuheben ist,
denn es bleibt zu prüfen, ob die dem Gericht vorliegenden Akten insgesamt geeignet
sind, ein bestimmtes Mass an Hilflosigkeit mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Müsste diese Frage verneint werden, wäre die Sache
zur Vervollständigung der Sachverhaltsabklärung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.
Die Mutter des Beschwerdeführers hat in ihrer Stellungnahme zum Abklärungsbericht
ausgeführt, die indirekte Hilfestellung sei den ganzen Tag notwendig. Die Hilfe bestehe
im Vorstrukturieren, im Vorgeben des Tagesablaufs, im Anleiten, Bereitstehen,
Mitsteuern und Kontrollieren. Ein Beispiel sei das Duschen: Der Beschwerdeführer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dusche zwar selbständig, aber man müsse ihm sagen, wann es genug sei, denn sonst
würde er duschen, bis der Boiler leer sei. Man müsse ihn auch anleiten, ein Frottiertuch
und frische Unterwäsche bereit zu legen. Ein weiteres Beispiel betreffe den Aufenthalt
im Freien: Beim Lösen eines Parkbillets habe sie nicht bemerkt, dass der
Beschwerdeführer in dieser Zeit einen Container demoliert habe. Das Sonderschulheim
B._, in welchem sich der Beschwerdeführer bis zum Sommer 2007 aufgehalten hat,
hat angegeben, der Beschwerdeführer habe eine Anleitung beim Trennen von sauberer
und schmutziger Wäsche und bei der Wahl der richtigen Kleidung benötigt. In bezug
auf die Körperpflege hat das Sonderschulheim die Angaben der Mutter des
Beschwerdeführers bestätigt und ergänzt (Anleiten zum ausreichenden Abtrocknen
nach dem Duschen). Aufgrund dieser übereinstimmenden Angaben steht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit fest, dass entgegen dem Bericht über die Abklärung
vom 6. Dezember 2006 nicht nur ab und zu kleinere Hinweise beim An- und Ausziehen
und bei der Körperpflege notwendig sind, welche das erforderliche Mass an
Erheblichkeit nicht erreichen. Vielmehr besteht immer noch ein erheblicher und
regelmässiger Bedarf nach indirekter Hilfe beim An- und Ausziehen und bei der
Körperpflege. Es ist nämlich auch der Tatsache Rechnung zu tragen, dass ein nicht
behinderter 16-jähriger bei diesen beiden alltäglichen Lebensverrichtungen völlig
selbständig ist, was bei einem nicht behinderten 14-jährigen (der Beschwerdeführer
war 14-jährig, als ihm die Hilflosenentschädigung zugesprochen wurde) nicht
unbedingt der Fall ist. Es mag zwar sein, dass der Bedarf des Beschwerdeführers nach
indirekter Hilfe bei diesen beiden alltäglichen Lebensverrichtungen bis Ende 2006 leicht
abgenommen hat. Da ein nicht behinderter 16-jähriger aber selbständiger ist als ein
nicht behinderter 14-jähriger, hat sich die relative Erheblichkeit des Bedarfs nach einer
indirekten Hilfe beim An- und Ausziehen und bei der Körperpflege nicht verändert. Das
bedeutet, dass der Beschwerdeführer nach wie vor in diesen beiden alltäglichen
Lebensverrichtungen hilflos ist. Die von der Mutter des Beschwerdeführers geltend
gemachte allgemeine indirekte Hilfe bei der Bewältigung des Alltags ist weder in bezug
auf das Aufstehen/Absitzen/Abliegen noch auf das Essen oder die Notdurftverrichtung
erheblich. Dieser allgemeine Bedarf nach indirekter Hilfe ist deshalb nicht geeignet,
eine leistungserhebliche Hilflosigkeit zu begründen.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Zusprache einer Entschädigung bei einer mittelgradigen Hilflosigkeit im Jahr 2004
beruhte neben der Hilflosigkeit in den beiden alltäglichen Lebensverrichtungen An- und
Ausziehen und Körperpflege auf einer dauernden persönlichen
Überwachungsbedürftigkeit des Beschwerdeführers. In diesem Bereich weisen die
dem Gericht vorliegenden Akten mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine erhebliche
Veränderung aus. Die entsprechenden Angaben im Bericht über die Abklärung vom 6.
Dezember 2006 sind nämlich von der Mutter des Beschwerdeführers nicht in Frage
gestellt und vom Sonderschulheim indirekt bestätigt worden. Bei der Abklärung vom
17. März 2004 war noch festgestellt worden, dass der Beschwerdeführer praktisch
dauernd persönlich überwacht werden musste. Im Freien war sowohl aufgrund der
Eigengefährdung (insbesondere durch die Unfähigkeit, die Gefahren des
Strassenverkehrs zu erkennen) als auch aufgrund einer Fremdgefährdung
(unvermittelte Gewaltausbrüche) eine dauernde Überwachung notwendig gewesen.
Zwar hatte der Beschwerdeführer für eine beschränkte Zeit allein zuhause gelassen
werden können, aber es hatte immer damit gerechnet werden müssen, dass er
irgendetwas anstellte. Das hat sich bis zum 6. Dezember 2006 geändert. Der
Beschwerdeführer kann nun länger allein zuhause bleiben. Auch der selbständige
Aufenthalt im Freien ist dem Beschwerdeführer in einem engen zeitlichen und örtlichen
Rahmen möglich. Es besteht zwar nach wie vor ein gewisser Überwachungsbedarf,
aber dieser kann nicht mehr als dauernd qualifiziert werden. Hingegen besteht nach
wie vor die Notwendigkeit, dem Beschwerdeführer bei der Pflege gesellschaftlicher
Kontakte zu helfen, was vorher in der dauernden Überwachungsbedürftigkeit
aufgegangen ist. Der Beschwerdeführer ist stark eingeschränkt in seiner Fähigkeit, mit
anderen Menschen in Kontakt zu treten. Das Sonderschulheim B._ hat darauf
hingewiesen, dass die Art des Beschwerdeführers andere Menschen abschrecke oder
konsterniere und dass der Beschwerdeführer gefährdet sei, von anderen Menschen zu
selbstschädigendem Tun verleitet oder direkt geschädigt zu werden. Dem
Beschwerdeführer muss also bei der Pflege gesellschaftlicher Kontakte regelmässig in
erheblichem Umfang geholfen werden. Das bedeutet, dass der Beschwerdeführer in
drei alltäglichen Lebensverrichtungen (An- und Ausziehen, Körperpflege, Pflege
gesellschaftlicher Kontakte) hilflos ist. Anders als die Kombination der Hilflosigkeit in
den beiden alltäglichen Lebensverrichtungen An- und Ausziehen und Körperpflege mit
einer dauernden persönlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Überwachungsbedürftigkeit (Art. 37 Abs. 2 lit. b IVV) vermag die Hilflosigkeit in den drei
alltäglichen Lebensverrichtungen An- und Ausziehen, Körperpflege und Pflege
gesellschaftlicher Kontakte (Art. 37 Abs. 3 lit. a IVV) keine mittelschwere, sondern nur
noch eine leichte Hilflosigkeit zu begründen. Es ist also tatsächlich eine
revisionsrechtlich (Art. 17 Abs. 2 ATSG) relevante Sachverhaltsveränderung
eingetreten. Diese erfordert aber nicht die Aufhebung der laufenden
Hilflosenentschädigung, sondern nur deren Reduktion.
5.
Die Art und das Ausmass der Gesundheitsbeeinträchtigung des Beschwerdeführers
würden es an sich nahe legen, einen Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung
zu prüfen, denn damit könnte weiterhin eine mittelschwere Hilflosigkeit, nun aber
gestützt auf Art. 37 Abs. 2 lit. c IVV angenommen werden. Der Beschwerdeführer dürfte
aufgrund seiner Behinderung ohne eine Begleitung durch eine andere Person nicht
fähig sein, selbständig zu leben und Verrichtungen ausserhalb der Wohnung
vorzunehmen und Kontakte zu pflegen. Ausserdem würde ihm wohl ohne Begleitung
eine dauernde Isolierung von der Aussenwelt drohen. Nun ist die Hilflosigkeit in der
Form des Angewiesenseins auf eine lebenspraktische Begleitung gemäss Art. 38 Abs.
1 IVV aber nur bei volljährigen Personen leistungserheblich. Diese Beschränkung steht
teilweise im Widerspruch zum Wortlaut von Art. 42bis Abs. 5 IVG. Laut dieser
Gesetzesbestimmung haben Minderjährige nämlich nur dann keinen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung, wenn sie lediglich auf eine lebenspraktische Begleitung
angewiesen sind. Der Beschwerdeführer wäre nicht lediglich auf eine lebenspraktische
Begleitung, sondern auch auf Hilfe in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen angewiesen. Würde man den Wortlaut von Art. 42bis Abs. 5 IVG
also ernst nehmen, hätte der Beschwerdeführer wohl einen Anspruch auf eine
Entschädigung für eine mittelschwere Hilflosigkeit gemäss Art. 37 Abs. 2 lit. c IVV. Der
Bundesrat hat nun aber in seiner Botschaft vom 21. Februar 2001 zur 4. IV-Revision
ausgeführt, durch die Ausweitung des Begriffs der Hilflosigkeit auf die lebenspraktische
Begleitung solle erreicht werden, dass auch psychisch und geistig leicht behinderte
Personen einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung begründen könnten. Dieser
Anspruch müsse allerdings auf Erwachsene beschränkt bleiben, "weil Kinder bis zum
Erreichen des Mündigkeitsalters ohnehin bei allen wichtigen Handlungen die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zustimmung der Eltern, eines Beistandes oder Vormundes brauchen" (BBl 2001 S.
3246). Diese Argumentation rechtfertigt keine Unterscheidung zwischen
Minderjährigen, die lediglich eine lebenspraktische Begleitung benötigen, und
Minderjährigen, die neben der lebenspraktischen Begleitung auch noch regelmässige
und erhebliche Hilfe bei alltäglichen Lebensverrichtungen brauchen, wie sie der
Wortlaut des Art. 42bis Abs. 5 IVG anzuordnen scheint. Geht man davon aus, dass
Minderjährige in jedem Fall, also auch wenn sie nicht behindert sind, aufgrund ihrer
altersbedingten Unselbständigkeit lebenspraktisch begleitet werden, so entspricht der
Wortlaut von Art. 38 Abs. 1 IVV und nicht derjenige von Art. 42bis Abs. 5 IVG dem
wahren Sinn der gesetzlichen Definition der Hilflosigkeit. Der Beschwerdeführer ist
somit nicht im Sinne von Art. 37 Abs. 2 lit. c, sondern nur im Sinne von Art. 37 Abs. 3
lit. a IVV hilflos. Der Mutter des Beschwerdeführers wird allerdings empfohlen,
rechtzeitig auf die Volljährigkeit des Beschwerdeführers hin ein Gesuch um die
Erhöhung der Hilflosenentschädigung zu stellen.
6.
Gemäss Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV erfolgt die Herabsetzung oder Aufhebung einer
Hilflosenentschädigung auf den ersten Tag des zweiten auf die Zustellung der
entsprechenden Verfügung folgenden Monats. Dementsprechend hat die
Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung vom 4. April 2007 angeordnet,
dass die laufende Entschädigung für eine mittelgradige Hilflosigkeit per 31. Mai 2007
aufgehoben werde. Nun wird diese Verfügung aber durch das vorliegende Urteil als
rechtswidrig aufgehoben und durch die gerichtliche Anordnung ersetzt, dass die
laufende Hilflosenentschädigung durch eine Entschädigung für eine leichte Hilflosigkeit
abzulösen sei. Die angefochtene Verfügung wird damit nicht nur teilweise, nämlich in
bezug auf die Aufhebung der laufenden Hilflosenentschädigung aufgehoben, so dass
sie in bezug auf den Wirkungszeitpunkt in formelle Rechtskraft erwachsen wäre. Sie
wird vielmehr integral aufgehoben und durch das vorliegende Urteil ersetzt. Das
bedeutet, dass auch der Wirkungszeitpunkt der Herabsetzung der laufenden
Hilflosenentschädigung durch das Urteil geregelt werden muss. Dabei kann sich das
Gericht nicht auf Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV stützen, denn diese Verfahrensbestimmung
regelt nur die verfügungsweise Herabsetzung oder Aufhebung einer laufenden
Hilflosenentschädigung. Der Versuch, Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV auf Revisionsverfahren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach Art. 17 ATSG anzuwenden, in denen es zu einer gerichtlichen Beurteilung der
Aufhebung oder Herabsetzung kommt, führt zu einem Gleichbehandlungsproblem, weil
eine gerichtliche Rückweisung der Streitsache an die Verwaltung zum Erlass einer
neuen Herabsetzungs- oder Aufhebungsverfügung führt. Würde diese neue Verfügung
in Anwendung von Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV den Wirkungszeitpunkt definieren, wären
all jene Versicherten benachteiligt, bei denen die Beschwerde gegen eine Aufhebungs-
oder Herabsetzungsverfügung zum Erlass eines reformatorischen Urteils führt, weil
dann nicht wie beim kassatorischen Urteil eine Verzögerung in der Aufhebung oder
Herabsetzung eintritt. Eine auf die Art des Urteils zurückzuführende
Ungleichbehandlung lässt sich auf keinen Fall rechtfertigen. Die höchstrichterliche
Rechtsprechung hat dieses Gleichbehandlungsproblem gelöst, indem sie angeordnet
hat, dass immer der in der angefochtenen Verfügung festgesetzte Wirkungszeitpunkt
massgebend sei (vgl. BGE 106 V 18 ff.). Auf Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV kann sich diese
Lösung jedenfalls nicht stützen, wie der Wortlaut dieser Bestimmung ("Zustellung der
Verfügung") zeigt. Eine positivrechtliche Regelung des Wirkungszeitpunkts einer
gerichtlich angeordneten Aufhebung oder Herabsetzung einer Hilflosenentschädigung
fehlt. Eine Regelung ist aber unerlässlich, was zum Schluss zwingt, dass eine (echte)
Gesetzes- bzw. Verordnungslücke vorliegt. Der Verordnungsgeber hätte also nicht nur
den Wirkungszeitpunkt einer Herabsetzungs- oder Aufhebungsverfügung, sondern
auch den Wirkungszeitpunkt eines Herabsetzungs- oder Aufhebungsurteils regeln
können und müssen. Diese Lücke ist durch den Rechtsanwender auszufüllen. Dabei
muss die Gleichbehandlung aller von einer Herabsetzung oder Aufhebung laufender
Leistungen betroffenen Versicherten oberste Richtschnur sein. Diese Gleichbehandlung
kann, wie die höchstrichterliche Rechtsprechung festgestellt hat, nur dadurch für alle
möglichen Fälle sichergestellt werden, dass der durch die angefochtene und
aufgehobene Verfügung definierte Wirkungszeitpunkt massgebend bleibt und zwar
unabhängig davon, ob ein Urteil reformatorisch oder kassatorisch (mit Rückweisung an
die IV-Stelle zur neuen Verfügung) ausfällt. Der Beschwerdeführer hat somit ab 1. Juni
2007 nur noch einen Anspruch auf eine Entschädigung für eine leichte Hilflosigkeit. Die
Sache ist zur Festsetzung der entsprechenden Leistungen unter Berücksichtigung des
am 1. Juni 2007 noch andauernden Aufenthalts im Sonderschulheim B._ (Art. 35
IVV) an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
7.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Unter
Berücksichtigung des unterdurchschnittlichen Verfahrensaufwandes erscheint eine
Gerichtsgebühr von Fr. 400.- als angemessen. Da sich die angefochtene Verfügung als
rechtswidrig erwiesen hat und da der Beschwerdeführer auf jeden Fall gezwungen
gewesen ist, Beschwerde zu führen, um nicht rechtswidrig behandelt zu werden, muss
in bezug auf die Kostentragungspflicht unabhängig vom konkreten
Beschwerdebegehren (in Analogie zur entsprechenden Regelung bei einer
Rückweisung zur weiteren Abklärung, vgl. ZAK 1987 S. 266 Erw. 5a) von einem
vollumfänglichen Obsiegen des Beschwerdeführers ausgegangen werden. Die
Beschwerdegegnerin trägt deshalb die gesamten Gerichtskosten. Der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.- ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG