Decision ID: 956ed7d3-0eac-5460-a7f5-e7a41edd8607
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 18. April 2021 im Bundesasylzentrum
Altstätten ein Asylgesuch ein. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der
«Eurodac»-Datenbank ergab, dass er am 31. Dezember 2020 in Rumänien
und am 2. April 2021 in Österreich um Asyl nachgesucht hatte (vgl. Akten
der Vorinstanz [SEM act.] 13.). Im Bundesasylzentrum Altstätten machte er
geltend, am (...) geboren und noch minderjährig zu sein.
B.
Am 7. Mai 2021 richtete die Vorinstanz an Rumänien ein Informationsersu-
chen gemäss Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO), welches sie am 18. Mai 2021 mit sachdienli-
chen Unterlagen ergänzte (SEM act. 18 und 25).
C.
Nachdem die zugewiesene Rechtsvertretung das SEM darüber orientiert
hatte, der Beschwerdeführer habe eingeräumt, kein unbegleiteter Minder-
jähriger zu sein, setzte es das Geburtsdatum erst auf den (...) und nach
der Personalienaufnahme auf den (...) fest (SEM act. 27 und 29).
D.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs gewährte die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer am 26. Mai 2021 das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit
Österreichs oder Rumäniens für die Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens, einer allfälligen Rückkehr in einen der beiden Staaten
sowie zum medizinischen Sachverhalt. Bezogen auf Rumänien erklärte er
im Wesentlichen, bei seinen Versuchen, dieses Land zu durchqueren, stets
von der Polizei aufgegriffen und weggeschickt beziehungsweise einmal
nach Serbien ausgeschafft worden zu sein. Als ein Schlepper ihn mit fünf
oder sechs anderen Personen nach Timisoara gebracht habe, habe man
ihm die Fingerabdrücke abgenommen und ihn wohl als Asylsuchenden re-
gistriert, obwohl er kein Asylgesuch habe stellen wollen. Die Polizisten hät-
ten ihn jeweils geschlagen und ihm Taschen, Handy und Geld weggenom-
men. Beim letzten Mal habe er eine Platzwunde am Kopf davongetragen,
und es sei ihm seine Hand gebrochen worden. Des Weiteren führte er aus,
dass sein Bruder von den Taliban getötet worden sei. Rumänien schaffe
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Asylsuchende nach Afghanistan aus. Er habe Angst, dass ihm das gleiche
Schicksal widerfahren könnte. Zum medizinischen Sachverhalt gab er an,
dass es ihm gesundheitlich gut gehe. Allerdings sei er wegen seiner Sor-
gen vergesslicher geworden. Ein Betreuer habe ihn seelisch aufgebaut und
mit ihm gesprochen, danach sei er wieder glücklich gewesen. Schlafprob-
leme habe er keine und medizinische Betreuung bislang nicht beansprucht
(SEM act. 33).
E.
Gestützt auf die «Eurodac»-Treffer ersuchte das SEM die österreichischen
Behörden am 4. Juni 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Diese lehnte das Ersuchen
am 7. Juni 2021 ab (SEM act. 38 und 41).
F.
Am 17. Juni 2021 teilten die rumänischen Behörden auf ein Informations-
ersuchen des SEM hin mit, dass der Beschwerdeführer sein Asylgesuch in
Rumänien zurückgezogen habe und die entsprechende Akte nach seinem
Untertauchen am 15. Februar 2021 geschlossen worden sei. Übernahme-
ersuchen seitens der Slowakei und Österreichs habe Rumänien am 3. Feb-
ruar 2021 bzw. 16. Juni 2021 zugestimmt (SEM act. 42).
G.
Am 21. Juni 2021 ersuchte die Vorinstanz die rumänischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dub-
lin-III-VO (SEM act. 45). Diese stimmten dem Ersuchen am 5. Juli 2021 zu.
Die Zustimmung erfolgte in Anwendung von Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-
VO (SEM act. 50).
H.
Wegen gesundheitlicher Probleme (Hämorrhoiden, Schilddrüsenknoten)
unterzog sich der Beschwerdeführer im Juni 2021 mehrmals ärztlichen
Konsultationen. Für eine Punktion des Schilddrüsenknotens wurde er am
30. Juni 2021 an die Nuklearmedizin der Klinik X._ verwiesen (SEM
act. 49).
I.
Mit Verfügung vom 13. Juli 2021 (eröffnet am 16. Juli 2021) trat die Vor-
instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstellung
nach Rumänien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
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Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kan-
ton Thurgau mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Beschwer-
deführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und
stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine
aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 51).
J.
Mit Rechtsmitteleingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 23. Juli
2021 beantragt der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und die Sache wegen Verletzung der Untersuchungs- und Be-
gründungspflicht zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Even-
tualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben, auf sein Asylgesuch
einzutreten und in der Schweiz ein materielles Asylverfahren durchzufüh-
ren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht er um Erteilung der aufschie-
benden Wirkung, Erlass vorsorglicher Massnahmen, Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses.
Die Beschwerdeschrift war mit vier Arztberichten sowie einem Bericht der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 22. Februar 2021 zur Situa-
tion für Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus in Rumänien ergänzt
(BVGer act. 1).
K.
Am 26. Juli 2021 setzt die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG
den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2).
Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten der Vor-
instanz in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwür-
diges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist da-
her zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu
behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.H.).
4.
4.1 In formeller Hinsicht rügt die Parteivertreterin, die Vorinstanz sei ihrer
Begründungspflicht weder mit Blick auf den medizinischen Sachverhalt
noch in Bezug auf die persönlichen Angaben des Beschwerdeführers und
die aktuelle Situation von Asylsuchenden in Rumänien nachgekommen.
Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt, dass die verfügende Behörde
die Vorbringen der Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft
prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in
der Begründung niederschlagen muss. Nicht erforderlich ist, dass sich die
Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sich die Betroffenen über die Tragweite des Ent-
scheids Rechenschaft geben und ihn in voller Kenntnis der Sache an die
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höhere Instanz weiterziehen können. In diesem Sinne müssen wenigstens
kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat
leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt (BGE 137 II 266 E. 3.2;
136 I 229 E. 5.2; 136 V 351 E. 4.2).
4.2 Das SEM stellte sich in der angefochtenen Verfügung auf den Stand-
punkt, dass sich Rumänien an die einschlägigen internationalen Verpflich-
tungen halte und keine systemischen Mängel im Asylsystem vorlägen. Un-
ter anderem unter Verweis auf zwei Urteile des Bundesverwaltungsgerichts
hat es seine Ansicht begründet, weshalb es davon ausgehe, dass eine
Überstellung des Beschwerdeführers im Rahmen der Dublin-III-VO zuläs-
sig sei und ein Selbsteintritt nicht angezeigt erscheine. Auch mit den Schil-
derungen des Beschwerdeführers und den ärztlichen Berichten hat sich die
Vorinstanz auseinandergesetzt und dargetan, weshalb der medizinische
Sachverhalt aus ihrer Sicht ausreichend erstellt ist und die geltend ge-
machten Probleme mit Polizisten in Rumänien an der vorgenommenen
Einschätzung nichts zu ändern vermöchten. Unter den dargelegten Um-
ständen war für den Beschwerdeführer ohne weiteres erkennbar, von wel-
chen Motiven sich das SEM bei seinem Entscheid leiten liess, und er war
in der Lage, seine Parteirechte sachgerecht wahrzunehmen. Eine Verlet-
zung der Begründungspflicht ist mithin nicht erkennbar, weshalb auch kein
Anlass für eine Rückweisung an das SEM besteht.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die
Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur
Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylge-
suchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat
einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylge-
such nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi-
tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
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Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens («take back») findet demgegen-
über grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
die antragstellende Person, welche ihren Antrag während der Antragsprü-
fung zurückgezogen und in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge-
stellt hat oder die sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne
Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wie-
deraufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO). Die Dublin-III-VO
räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden
Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
6.
6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Eu-
rodac»-Datenbank ergab, dass er am 31. Dezember 2020 in Rumänien um
Asyl nachgesucht hatte (SEM act. 13). Die rumänischen Behörden stimm-
ten dem Übernahmeersuchen am 13. Mai 2021 zu. Die Zustimmung stützte
sich auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO. Den begleitenden Bemerkungen
hierzu ist zu entnehmen, dass die rumänischen Behörden das Asylverfah-
ren als zurückgezogen erachteten, weil der Betroffene das Aufnahmezent-
rum am 9. Januar 2021 verlassen hatte (SEM act. 50). Die grundsätzliche
Zuständigkeit Rumäniens ist somit gegeben und wird auf Beschwerde-
ebene auch nicht bestritten.
6.2 Nachfolgend ist demnach im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Rumänien würden
systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch-
lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-
Grundrechtecharta mit sich bringen würden (E. 7) und ob nach Art. 17
Abs. 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist (E. 8).
7.
7.1 Rumänien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
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(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben. Zwar ist den in der Beschwerdeschrift zitierten Pub-
likationen zu entnehmen, dass die Situation von Asylsuchenden sowie Mig-
rantinnen und Migranten in Rumänien teilweise problematisch ist. Dennoch
geht das Gericht nicht davon aus, die bekannten Unzulänglichkeiten wür-
den in einer Weise auftreten, welche darauf schliessen liesse, Rumänien
sei grundsätzlich nicht gewillt oder nicht fähig, Schutzberechtigten die
ihnen zustehenden Rechte zu gewähren beziehungsweise dass diese An-
sprüche bei Bedarf nicht auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden könn-
ten. Bislang haben weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Euro-
päische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) – und im Übrigen auch
nicht der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) – systemische
Schwachstellen im rumänischen Asylsystem erkannt. Für eine Änderung
der geltenden Rechtsprechung besteht unter Berücksichtigung der vom
Beschwerdeführer gemachten Äusserungen zu seiner Behandlung in Ru-
mänien ebenfalls keine Veranlassung (vgl. etwa Urteile des BVGer
F-2570/2021 vom 7. Juni 2021 E. 7.1, F-1123/2021 vom 24. März 2021
E. 4.2, F-1186/2021 vom 24. März 2021 E. 4, E-350/2021 vom 1. Februar
2021 E. 8.1, E-5656/2020 vom 22. Januar 2021 E. 6.1, D-6557/2020 vom
7. Januar 2021 E. 9.3, F-6222/2020 vom 16. Dezember 2020 E. 7.3 oder
F-5474/2020 vom 13. November 2020 E. 4.1).
7.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
8.
8.1 Der Beschwerdeführer fordert die Anwendung der Ermessensklauseln
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO und von Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311). Es ist daher zu prüfen,
ob aufgrund seiner persönlichen Situation von einer Überstellung nach Ru-
mänien abzusehen ist, weil sie für ihn das reelle und naheliegende Risiko
einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von
Art. 4 EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würde
(BVGE 2012/27 E. 6.4; 2010/45 E. 7.4; Urteile des BVGer F-7195/2018
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vom 11. Februar 2020 E. 6.6.9; E-3356/2018 vom 27. Juni 2018 E. 4.2; Ur-
teil des EGMR Tarakhel gegen Schweiz vom 4. November 2014, Grosse
Kammer 29217/12, § 104; Urteil des EuGH vom 19. März 2019 C-163/17
Jawo Rn. 76 ff.).
8.2 Die rumänischen Behörden stimmten der Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO zu und hiel-
ten fest, dass das Asylverfahren am 15. Februar 2021 eingestellt bezie-
hungsweise abgeschlossen worden sei, weil er das Aufnahmezentrum
rund einen Monat zuvor verlassen habe. Als Dublin-Rückkehrer steht es
ihm allerdings offen, ein Folgegesuch zu stellen. Ungeachtet der in diesem
Zusammenhang unter Hinweis auf den Bericht der SFH gehegten Beden-
ken obliegt es weiterhin den rumänischen Behörden, das (folgende) Asyl-
verfahren bis zu einem allfälligen Wegweisungsvollzug beziehungsweise
einer Regelung des Aufenthalts im Einklang mit den völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen durchzuführen. Der Beschwerdeführer hat nicht hinreichend
dargelegt, die rumänischen Behörden würden sich weigern, seinen Antrag
auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrens-
richtlinie zu prüfen. Auch sind keine konkreten Anhaltspunkte ersichtlich,
dass Rumänien den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn
zur Ausreise in ein Land zwingen würde, in dem sein Leib, sein Leben oder
seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder
in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Hervorzuheben gilt es an dieser Stelle, dass der Beschwer-
deführer in Rumänien – wenn auch angeblich gegen seinen Willen – als
Asylsuchender registriert wurde, er das Land jedoch verlassen hat, bevor
über sein Asylgesuch befunden wurde. Seine Ausreise erfolgte mit anderen
Worten freiwillig und die rumänischen Behörden haben nicht versucht, ihn
nach Afghanistan oder in ein anderes Land zu bringen.
8.3 Des Weiteren finden sich in den Akten keine konkreten Hinweise für die
Annahme, Rumänien würde dem Beschwerdeführer dauerhaft die ihm ge-
mäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vor-
enthalten. Es kann offenbleiben, ob sein Vorbringen, gegen seinen Willen
als Asylsuchender registriert und danach von Polizisten geschlagen wor-
den zu sein, glaubhaft erscheint. Aus diesem Vorfall könnte jedenfalls nicht
geschlossen werden, die ihn bei einer Rückführung zu erwartenden Bedin-
gungen seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der
Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Was die
behaupteten Missstände in den Asylunterkünften anbelangt, so finden sich
hierzu keine konkreten Äusserungen seitens des Beschwerdeführers
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Seite 10
(siehe Dublin-Gespräch, SEM act. 33). Abgesehen davon hat er gerade
mal neun Tage in den rumänischen Asylstrukturen verbracht, weswegen
den diesbezüglich erhobenen Rügen, losgelöst von sonstigen Ungereimt-
heiten, schon deshalb die Grundlage entzogen ist. Zudem steht ihm die
Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen zu kontak-
tieren. Zu den geltend gemachten negativen Erfahrungen mit der Polizei
(Wegnahme von Taschen, Handy und Geld, Schläge) schliesslich lässt sich
festhalten, dass Rumänien ein Rechtsstaat ist und die Behörden grund-
sätzlich gewillt und fähig sind, staatlichen Schutz zu gewähren, weshalb
sich der Beschwerdeführer gegebenenfalls an die dafür zuständigen Stel-
len beziehungsweise an die Justiz wenden kann. Es besteht daher kein
Anlass, von der unter E. 7.1 skizzierten Rechtsprechung abzuweichen.
8.4 Was den medizinischen Sachverhalt angeht, so kann eine zwangs-
weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur
ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Ein
solcher würde voraussetzen, dass eine bereits schwer kranke Person
durch die Abschiebung mit dem realen Risiko konfrontiert würde, einer
ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden
oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
8.5 Eine solche Situation liegt nicht vor. Der Beschwerdeführer erklärte an-
lässlich des Dublin-Gesprächs vom 26. Mai 2021, dass es ihm gesundheit-
lich gut gehe. Zwar sei er vergesslich geworden, was auch von seinen Sor-
gen herrühre. Ein Betreuer habe ihn jedoch seelisch wiederaufgebaut. We-
gen später aufgetretener Schmerzen unterzog er sich im darauffolgenden
Monat mehrmals ärztlichen Kontrollen. Aktenkundig sind vier Arztberichte
beziehungsweise Behandlungseinträge, woraus hervorgeht, dass beim
Beschwerdeführer Hämorrhoiden und eine Schwellung am Hals (Schild-
drüsenknoten) diagnostiziert wurden. Zur Behandlung der Hämorrhoiden
erhielt er eine Creme, zur Punktion des Schilddrüsenknotens wurde er in
an die Nuklearmedizin der Klinik X._ verwiesen (siehe SEM act. 37,
48 und 49 sowie Beschwerdebeilage 5). Dem Vorwurf der zugewiesenen
Rechtsvertretung, das SEM verwende mit dem Begriff «Lymphadenopa-
thie» eine nicht aktenkundige Krankheitsbeschreibung, gilt es zu entgeg-
nen, dass dieser Begriff auf Seite 2 des Laborberichts vom 16. Juni 2021
der Radiologie des Spitals Thurgau figuriert (SEM act. 48); die Vorinstanz
F-3370/2021
Seite 11
hat also keineswegs eine Selbstdiagnose vorgenommen. Die diagnosti-
zierten Beschwerden stellen keine derart gravierenden gesundheitlichen
Beeinträchtigungen dar, dass im Falle der Überstellung nach Rumänien mit
dem Risiko einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechte-
rung des Gesundheitszustandes des Betroffenen gerechnet werden
müsste. Eine Überstellung des Beschwerdeführers steht Art. 3 EMRK so-
mit nicht entgegen.
8.6 Zu keinem anderen Ergebnis führt, dass das SEM die laut Beschwer-
deschrift auf den 5. August 2021 terminierte Punktion des Schilddrüsen-
knotens nicht abgewartet hat. Er wurde in der Schweiz, wie eben dargetan,
medizinisch versorgt und behandelt. In Bezug auf das Vorliegen einer
schwerwiegenden Erkrankung – gemäss Arztbericht vom 16. Juni 2021
liegt keine Lympfhadenopathie (dauerhafte krankhafte Schwellung von
Lymphknoten) vor – wären von zusätzlichen medizinischen Abklärungen
keine neuen Erkenntnisse zu erwarten gewesen (zur antizipierten Beweis-
würdigung vgl. BGE 141 I 60 E. 3.3 oder BGE 136 I 229 E. 5.3). Sofern der
Eingriff nicht wie geplant durchgeführt werden könnte, wäre eine Behand-
lung dieses Leidens auch in Rumänien möglich. Ebenso wenig bedurfte es
bei den Arztterminen aufgrund der Art und Schwere der gesundheitlichen
Beeinträchtigungen stets der Anwesenheit einer Dolmetscherin oder eines
Dolmetschers. Es ist deshalb nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz
diesbezüglich keine weiteren Vorkehren getroffen hat und mit der ange-
fochtenen Verfügung nicht zuwartete. Somit liegt keine Verletzung des Un-
tersuchungsgrundsatzes vor. Die auf Beschwerdeebene erhobene Rüge
der nicht rechtsgenüglichen Abklärung des medizinischen Sachverhalts er-
weist sich somit als nicht stichhaltig.
8.7 Im Übrigen geht das Bundesverwaltungsgericht in ständiger Recht-
sprechung davon aus, dass Rumänien über eine ausreichende medizini-
sche Infrastruktur verfügt (vgl. etwa Urteile F-2570/2021 E. 8.7,
F-1186/2021 E. 5.5.3, E-350/2021 E. 8.2.2 oder E-5656/2020 E. 6.3.2). Es
liegen keine substantiierten Hinweise zur Annahme der Gefahr vor, dass
Rumänien dem Beschwerdeführer im Falle der Überstellung eine adäquate
medizinische Behandlung verweigern würde. Festzuhalten ist darüber hin-
aus, dass die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der ange-
fochten Verfügung beauftragt sind, allfällig bestehenden besonderen me-
dizinischen Bedürfnissen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten
der Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung tragen und die rumä-
nischen Behörden vorgängig darüber informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-
F-3370/2021
Seite 12
VO). Dies ist vorliegend bereit geschehen, sind die beschriebenen Diagno-
sen (Vergesslichkeit, Hämorrhoiden, Schilddrüsenprobleme) doch in den
Überstellungsmodalitäten aufgelistet (SEM act. 52).
9.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum
(vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem
Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hin-
weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unter-
schreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb
in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
10.
Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Rumänien der für die
Behandlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers zuständige Mit-
gliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
11.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da er
nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung
ist, wurde die Überstellung in Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu
Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
12.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
13.
Der am 26. Juli 2021 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Ur-
teil dahin.
14.
Das in der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehen-
den Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Somit sind
die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt; die Verfahrens-
kosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG)
und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom
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21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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