Decision ID: 840a8feb-4d14-454d-8629-8bee7a91e572
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Beschwerdeführerin war vom 30. Januar 2008 bis am 12. August 2021
als Mitglied des Verwaltungsrates mit Einzelunterschriftsberechtigung der
C. AG, Q., im Handelsregister eingetragen.
Die C. AG war als Arbeitgeberin für das von ihr beschäftigte Personal der
Beschwerdegegnerin gegenüber nach Art. 12 AHVG beitragspflichtig. Für
die Jahre 2016 bis 2017 blieben Sozialversicherungsbeiträge samt Mahn-
und Betreibungsgebühren sowie Verzugszinsen unbezahlt. Am
12. September 2017 wurde über die C. AG der Konkurs eröffnet. Das Kon-
kursverfahren wurde mit Verfügung des Gerichtspräsidiums Baden vom
4. August 2021 als geschlossen erklärt. Am 12. August 2021 wurde die
Gesellschaft im Handelsregister gelöscht.
1.2.
Mit Verfügung vom 2. September 2020 verpflichtete die Beschwerdegeg-
nerin die Beschwerdeführerin zur Bezahlung von Schadenersatz in der
Höhe von Fr. 132'079.45. Die dagegen erhobene Einsprache wies die Be-
schwerdegegnerin mit Einspracheentscheid vom 4. Juni 2021 ab.
2.
2.1.
Am 7. Juli 2021 erhob die Beschwerdeführerin dagegen fristgerecht Be-
schwerde und beantragte Folgendes:
"Es sei die Schadenersatzverfügung (recte: der Einspracheentscheid) vom 4. Juni 2021 im Umfang von 111'755.85 aufzuheben;
es sei davon Vormerk zu nehmen, dass die per 4. Juli 2016 bestehenden Ausstände für SVA-Beiträge im Betrag von Fr. 20'323.60 anerkannt sind;
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen."
Zusätzlich stellte die Beschwerdeführerin folgenden Prozessantrag:
"Es sei die mit heutigem Datum eingereichte Beschwerde des B. in gleicher Sache mit diesem Verfahren zu vereinigen."
2.2.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 14. Juli 2021 wurde der Antrag
auf Vereinigung des vorliegenden Verfahrens mit dem unter der Verfah-
rensnummer VBE.2021.324 erfassten Beschwerdeverfahren betreffend B.
abgewiesen.
- 3 -
2.3.
Mit Vernehmlassung vom 5. August 2021 beantragte die Beschwerdegeg-
nerin die Abweisung der Beschwerde.
2.4.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 12. August 2021 wurde B., Z.
im Verfahren beigeladen. Am 15. November 2021 reichte er eine
Stellungnahme ein und beantragte Folgendes:
"Es sei die Schadenersatzverfügung (recte: der Einspracheentscheid) vom 4. Juni 2021 im Umfang von 111'755.85 aufzuheben;
es sei davon Vormerk zu nehmen, dass die per 4. Juli 2016 bestehenden Ausstände für SVA-Beiträge im Betrag von Fr. 20'323.60 anerkannt sind;
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen."

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
1.1.1.
Gemäss Art. 52 Abs. 1 AHVG hat ein Arbeitgeber den Schaden zu erset-
zen, den er der Versicherung durch absichtliche oder grobfahrlässige Miss-
achtung von Vorschriften zufügt.
1.1.2.
Art. 14 Abs. 1 AHVG schreibt in Verbindung mit Art. 34 ff. AHVV vor, dass
der Arbeitgeber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug
zu bringen und zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichs-
kasse zu entrichten hat. Der Arbeitgeber hat der Ausgleichskasse zudem
periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihm an seine Arbeitneh-
mer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden paritäti-
schen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs-
und Abrechnungspflicht ist eine gesetzlich vorgeschriebene öffentlich-
rechtliche Aufgabe, deren Nichterfüllung eine Missachtung von Vorschrif-
ten im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG bedeutet und eine volle Schadener-
satzpflicht des Arbeitgebers nach sich zieht (BGE 118 V 193 E. 2a S. 195).
1.1.3.
Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften ge-
mäss Art. 52 Abs. 2 AHVG subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle
mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen für den
Schaden. Diese subsidiäre Haftung bedeutet, dass die Ausgleichskasse,
sobald der Arbeitgeber zahlungsunfähig geworden ist, direkt und unmittel-
bar gegen die Organe der juristischen Person vorgehen kann (MARCO
- 4 -
REICHMUTH, Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52
AHVG, 2008, § 4 Rz. 196). Die Schadenersatzpflicht erstreckt sich auf alle
Personen mit Entscheidungsbefugnissen, welche ihnen von Gesetzes we-
gen (formelle Organe) oder aufgrund der tatsächlichen Verhältnisse zu-
kommen (faktische Organe; REICHMUTH, a.a.O., § 4 Rz. 201). Ein formelles
Organ der Aktiengesellschaft ist der Verwaltungsrat bzw. dessen Mitglieder
(Art. 707 ff. OR; REICHMUTH, a.a.O., § 4 Rz. 205). Sind mehrere Personen
für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen
Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG). Die solidarische Haftung er-
laubt der Ausgleichskasse, gegen alle oder lediglich einige von ihnen, al-
lenfalls nur einen einzelnen, vorzugehen (BGE 134 V 306 E. 3.1 S. 308).
Aufgrund dieser solidarischen Haftung hat jedes einzelne Organ für den
ganzen Schaden einzustehen (BGE 119 V 86 E. 5a S. 87).
1.2.
Im vorliegenden Fall ist die C. AG den ihr als Arbeitgeberin obliegenden
Beitragsabrechnungs- und -zahlungspflichten gemäss Art. 14 Abs. 1
AHVG in Verbindung mit Art. 34 ff. AHVV nicht nachgekommen und hat
damit Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG missachtet, was
grundsätzlich die volle Schadenersatzpflicht gemäss Art. 52 AHVG nach
sich zieht.
Da über die C. AG per 12. September 2017 der Konkurs eröffnet, das
Konkursverfahren am 4. August 2021 für geschlossen erklärt und die Ge-
sellschaft schliesslich im Handelsregister gelöscht wurde (vgl. Handelsre-
gistereintrag zu UID CHE-...), kann die Gesellschaft ihrer Beitrags- und
Schadenersatzpflicht nach Art. 52 AHVG nicht mehr nachkommen. Damit
sind die subsidiär haftbaren Organe zu belangen. Subsidiär haftendes
Organ ist die Beschwerdeführerin, die vom 30. Januar 2008 bis am
12. August 2021 als Mitglied des Verwaltungsrates mit Einzelunter-
schriftsberechtigung im Handelsregister eingetragen war (vgl. Handels-
registereintrag zu UID CHE-...). Aufgrund ihrer Organstellung als Mitglied
des Verwaltungsrates und infolge der Löschung der C. AG haftet die
Beschwerdeführerin grundsätzlich nach Art. 52 Abs. 2 AHVG.
2.
Nachfolgend sind die Voraussetzungen der persönlichen Haftung der Be-
schwerdeführerin nach Art. 52 AHVG zu prüfen: Schaden, Widerrechtlich-
keit, Kausalzusammenhang und Verschulden.
3.
3.1.
Voraussetzung der Schadenersatzpflicht ist das Vorliegen eines Schadens.
Der Schaden besteht darin, dass die Beiträge wegen Zahlungsunfähigkeit
des Arbeitgebers oder wegen Verwirkung gemäss Art. 16 Abs. 1 AHVG
nicht mehr im ordentlichen Verfahren erhoben werden können (Urteil des
- 5 -
Eidgenössischen Versicherungsgerichts H 125/05 vom 17. Januar 2006
E. 3.2) und der Ausgleichskasse als Organ der AHV ein ihr zustehender
Betrag entgeht (UELI KIESER, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum So-
zialversicherungsrecht, Alters- und Hinterlassenenversicherung, 3. Aufl.
2012 [Rechtsprechung], N 13 zu Art. 52 AHVG). Der Schaden kann unbe-
zahlt gebliebene paritätische AHV/IV/EO- und ALV-Beiträge, Verwaltungs-
kosten, Mahngebühren, Veranlagungs- und Betreibungskosten sowie Ver-
zugszinsen für ausstehende Beiträge umfassen (UELI KIESER, Alters- und
Hinterlassenenversicherung, in: Ulrich Meyer [Hrsg.], Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Band XIV, Soziale Sicherheit, 3. Aufl. 2016,
S. 1327, Rz. 444).
3.2.
3.2.1.
Gemäss der Schadenersatzverfügung vom 2. September 2020 besteht
eine offene Forderung von Fr. 132'079.45 (Vernehmlassungsbeilage
[VB] 261 ff.). Die Höhe und die Zusammensetzung dieser Forderung ergibt
sich aus dem Kontokorrentauszug für die C. AG vom 1. Januar 2016 bis
am 31. August 2020 (vgl. Beschwerdebeilage [BB] 2), unter Berück-
sichtigung des in der Verfügung vom 2. September 2020 erwähnten
Abzugs von Fr. 1'511.70 betreffend Beiträge auf Insolvenzentschädigung
(VB 261).
3.2.2.
Der Beigeladene rügt, es sei unklar, weshalb sich bei der Nachkontrolle
über Fr. 50'000.00 zu gering abgerechnete Beitragsforderungen ergeben
hätten (Stellungnahme vom 15. November 2021, Ziff. 8).
Mit Schreiben vom 21. Februar 2017 legte die Beschwerdegegnerin die
Akontobeiträge für das Jahr 2017 fest. Basierend auf einer Lohnsumme
von Fr. 788'000.00 beliefen sich diese auf Fr. 109'713.25. Davon zog die
Beschwerdegegnerin einen Betrag betreffend "Familienzulagen FAK AG"
in Höhe von Fr. 26'150.00 ab, womit ein Betrag von Fr. 83'563.25 verblieb
(vgl. die Aufstellung in VB 93 f.). Mit Schreiben vom 26. Oktober 2017 nahm
die Beschwerdegegnerin aufgrund des eröffneten Konkurses eine Anpas-
sung der Akontobeiträge für die Periode vom 1. Januar bis 12. September
2017 vor. Basierend auf einer korrigierten Lohnsumme von Fr. 522'800.00
errechnete sie Akontobeiträge von Fr. 72'789.45. Davon zog die Beschwer-
degegnerin einen Betrag betreffend "Familienzulagen FAK AG" in Höhe
von Fr. 16'753.20 ab, womit ein Betrag von Fr. 56'036.25 verblieb. Da be-
reits Fr. 69'802.00 fakturiert worden waren, schrieb die Beschwerdegegne-
rin Fr. 13'764.00 gut (vgl. die Aufstellung in VB 207 f.; vgl. auch den Eintrag
vom 26. Oktober 2017 im Kontokorrentauszug in BB 2).
- 6 -
Die tatsächliche Lohnsumme im Jahr 2017 betrug gemäss dem Revisions-
bericht vom 19. Dezember 2017 Fr. 775'588.00 (VB 210 ff.; VB 231 ff.). Ba-
sierend auf dieser Lohnsumme berechnete die Beschwerdegegnerin die
geschuldeten Beiträge für den Zeitraum vom 1. Januar bis 13. September
2017, die gesamthaft Fr. 107'706.95 betrugen. Ein Betrag betreffend
"Familienzulagen FAK AG" wurde nicht abgezogen, da der entsprechende
Jahresbetrag auf Fr. 0.00 gesetzt wurde (vgl. die Aufstellung in VB 234).
Aufgrund der bereits fakturierten Beträge in Höhe von Fr. 56'038.00 ver-
bleibt ein geschuldeter Betrag von Fr. 51'668.95 (= Fr. 107'706.95 –
Fr. 56'038.00). Die Höhe der sich aus der Nachkontrolle ergebenden Bei-
tragsforderung, gegen die im Übrigen keine konkreten Rügen vorgebracht
wurde, ist somit nachvollziehbar dargelegt, womit darauf abzustellen ist.
3.2.3.
Aufgrund des Konkurses der C. AG und deren nachfolgender Löschung im
Handelsregister können die ausstehenden Beträge zugunsten der Be-
schwerdegegnerin nicht mehr im ordentlichen Verfahren bezogen werden,
womit ein Schaden in Höhe von Fr. 132'079.45 im Sinne von Art. 52 AHVG
eingetreten ist.
3.3.
Gemäss Art. 52 Abs. 3 AHVG verjährt der Schadenersatzanspruch nach
den Bestimmungen des Obligationenrechts über die unerlaubten Handlun-
gen. Damit verjährt der Anspruch mit Ablauf von drei Jahren, von dem Tage
an gerechnet, an welchem die zuständige Ausgleichskasse Kenntnis vom
Schaden und von der Person des Ersatzpflichtigen erlangt hat, jedenfalls
aber mit Ablauf von zehn Jahren, vom Tage an gerechnet, an welchem das
schädigende Verhalten erfolgte oder aufhörte (vgl. Art. 60 Abs. 1 OR). Um
die Fristen nach Art. 52 Abs. 3 AHVG zu wahren, muss die AHV-Aus-
gleichskasse innert diesen Fristen eine Schadenersatzverfügung erlassen
(UELI KIESER, Rechtsprechung, a.a.O., N. 121 zu Art. 52 AHVG).
Im Falle eines Konkurses oder Nachlassvertrages mit Vermögensabtretung
hat die Kasse nicht notwendigerweise erst Kenntnis des Schadens im
Sinne von Art. 52 Abs. 3 AHVG, wenn sie in die Verteilungsliste und
Schlussrechnung des Konkursamtes oder Liquidators Einsicht nehmen
kann oder einen Verlustschein erhält; denn wer im Rahmen solcher Ver-
fahren einen Verlust erleidet und auf Ersatz klagen will, hat praxisgemäss
in der Regel bereits dann ausreichende Kenntnis des Schadens, wenn die
Kollokation der Forderungen eröffnet beziehungsweise der Kollokations-
plan (und das Inventar) zur Einsicht aufgelegt wird. In diesem Zeitpunkt ist
oder wäre der Gläubiger im Allgemeinen in der Lage, den Stand der Akti-
ven, die Kollokation seiner Forderung und die voraussichtliche Dividende
zu kennen (BGE 126 V 443 E. 3a S. 444; 119 V 89 E. 3 S. 92 f., je mit Hin-
weisen). Vorliegend erfolgte die Publikation der zwanzigtägigen Auflage-
frist des Kollokationsplans am 31. August 2020 (VB 252 ff.), weshalb die
- 7 -
Verjährungsfrist von Art. 52 Abs. 3 AHVG in Verbindung mit Art. 60 Abs. 1
OR frühestens ab diesem Zeitpunkt ausgelöst wurde.
Die Beschwerdegegnerin wahrte mit der Schadenersatzverfügung vom
2. September 2020 sowohl die relative als auch die absolute Verjährungs-
frist (VB 261 ff.).
4.
Die Missachtung der Beitrags- und Abrechnungspflicht gemäss Art. 14
Abs. 1 AHVG i.V.m. Art. 34 ff. AHVV durch die C. AG respektive durch die
Beschwerdeführerin ist widerrechtlich (vgl. E. 1.1.2. und E. 1.2.).
5.
5.1.
Eine Haftung nach Art. 52 AHVG setzt weiter voraus, dass zwischen der
Missachtung von Vorschriften (sog. Widerrechtlichkeit) und dem eingetre-
tenen Schaden ein (adäquater) Kausalzusammenhang besteht (BGE 119
V 401 E. 4a S. 406). Daran fehlt es, wenn auch ein pflichtgemässes Ver-
halten den Schaden nicht hätte verhindern können (THOMAS NUSSBAUMER,
Das Schadenersatzverfahren nach Art. 52 AHVG, in: Aktuelle Fragen aus
dem Beitragsrecht der AHV, St. Gallen 1998, S. 108).
5.2.
Vorliegend ist ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen der Verlet-
zung der Beitrags- und Abrechnungspflicht und dem Schadenseintritt ge-
geben. Die Nichtbezahlung der Sozialversicherungsbeiträge durch die
C. AG respektive das dafür verantwortliche Organ führte dazu, dass der
Beschwerdegegnerin ein Schaden in Höhe von Fr. 132'079.45 entstand.
6.
6.1.
6.1.1.
Die Haftung nach Art. 52 AHVG setzt weiter ein qualifiziertes Verschulden
der Organe voraus. Die Nichtabrechnung oder Nichtbezahlung der Beiträge
ist für sich allein nicht haftungsbegründend; vielmehr bedarf es zusätzlich
eines Verschuldens in Form von Absicht oder grober Fahrlässigkeit
(BGE 121 V 243 E. 5 S. 244). Absicht ist gegeben, wenn mit Wissen und
Willen gehandelt wird. Grobfahrlässig handelt, wer ausser Acht lässt, was
jedem verständigen Menschen in gleicher Lage unter gleichen Umständen
als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu verlangenden
Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorgfaltspflicht, die in den kauf-
männischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher der Betroffene
angehört, üblicherweise erwartet werden kann (BGE 108 V 183 E. 3a
S. 202).
- 8 -
Eine Ausgleichskasse, welche feststellt, dass sie einen durch Missachtung
von Vorschriften entstandenen Schaden erlitten hat, darf zwar davon aus-
gehen, dass der Arbeitgeber die Vorschriften absichtlich oder mindestens
grobfahrlässig verletzt hat, sofern keine Anhaltspunkte für die Rechtmäs-
sigkeit des Handelns oder die Schuldlosigkeit des Arbeitgebers bestehen
(BGE 108 V 183 E. 1 b S. 187; Urteil des Eidgenössischen Versicherungs-
gerichts H 86/02 vom 2. Februar 2005 E. 5.2). Allfällige Rechtfertigungs-
und Exkulpationsgründe für das Herbeiführen des Schadens sind von der
schadenersatzpflichtigen Person vorzubringen und nachzuweisen (Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts H 67/06 vom 11. Juli 2006
E. 5.3). Nicht jedes einem Unternehmen anzulastende Verschulden muss
auch ein solches seiner sämtlichen Organe sein (Urteil des Eidgenössi-
schen Versicherungsgerichts H 91/06 vom 20. Juni 2007 E. 5.1). Vielmehr
ist abzuwägen, ob und inwieweit eine Handlung der Unternehmung einem
bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische Stellung
innerhalb der Unternehmung zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft ge-
handelt hat, hängt demnach entscheidend von der Verantwortung und den
Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertragen wurden
(Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts H 209/01, H 212/01,
H 214/01 vom 29. April 2002 E. 4b).
6.1.2.
Formelle Organe haften wegen der gesetzlichen Definition ihrer Pflichten
unabhängig von ihrer tatsächlichen Funktion und Einflussnahme auf die
Willensbildung der Gesellschaft. Wer bei einer juristischen Person formelle
Organstellung einnimmt, hat auch die damit verbundenen gesetzlichen
Pflichten mit aller Sorgfalt zu erfüllen (REICHMUTH, a.a.O., § 4
Rz. 212 f., MEINRAD VETTER, Der verantwortlichkeitsrechtliche Organbe-
griff gemäss Art. 754 Abs. 1 OR, 2007, S. 162 f. sowie 168 f.).
Der Verwaltungsrat führt die Geschäfte der Gesellschaft (Art. 716 Abs. 2
Teilsatz 1 OR). Zu den gesetzlichen Pflichten eines Verwaltungsrats gehö-
ren namentlich die in Art. 716a OR als unübertragbar und unentziehbar be-
zeichneten Aufgaben. Gemäss Art. 716a Abs. 1 Ziff. 3 OR ist der Verwal-
tungsrat zwingend für die korrekte Ausgestaltung des Rechnungswesens,
der Finanzkontrolle sowie der Finanzplanung verantwortlich. Dabei sind
insbesondere die Bestimmungen über den Abzug, die Ablieferung und die
Abrechnung der Sozialversicherungsbeiträge zu beachten (REICHMUTH,
a.a.O., § 8 Rz. 613).
Rechtsprechungsgemäss handelt grundsätzlich grobfahrlässig im Sinne
von Art. 52 AHVG, wer als Mitglied des Verwaltungsrats seinen Pflichten
gemäss Art. 716a Abs. 1 OR nicht nachkommt (vgl. etwa BGE 108 V 199
E. 1 S. 201; SVR 2011 AHV Nr. 16 S. 59, 9C_135/2011 E. 4.4.2; zitiertes
Urteil 9C_66/2016 E. 5.4; zitiertes Urteil 9C_651/2012 E. 6.2 mit Hinwei-
sen).
- 9 -
6.2.
6.2.1.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie sei aufgrund einer schweren
Krebserkrankung, die ab Juni / Juli 2016 entdeckt worden sei, nur noch in
sehr eingeschränktem Masse und zeitweise überhaupt nicht mehr im-
stande gewesen, die ihr obliegenden Aufgaben auszuführen. Es könne ihr
daher nicht vorgeworfen werden, an den Versäumnissen ab Juli 2016 treffe
sie ein grobes Verschulden, denn für ihre Erkrankung und die sich daraus
ergebenden Folgen und Probleme trage sie keine Schuld (Beschwerde,
Ziff. 4 und Ziff. 15).
6.2.2.
In zeitlicher Hinsicht haftet eine Person grundsätzlich nur für jenen Scha-
den, der durch die Nichtbezahlung von Beiträgen entstanden ist, die zu
einem Zeitpunkt zur Zahlung anstanden, als sie eine formelle, materielle
oder faktische Organstellung innehatte und somit über allenfalls vorhande-
nes Vermögen disponieren und Zahlungen an die Ausgleichskasse veran-
lassen konnte (REICHMUTH, a.a.O., § 4 Rz. 256; Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts H 63/05 vom 25. Mai 2007 E. 6.5.2.). Ein Verschul-
den des Organs kann nur so lange in Frage kommen, als es die Möglichkeit
hat, durch Handlungen oder Unterlassungen die Geschäftsführung mass-
geblich zu beeinflussen (BGE 126 V 61 E. 4 S. 61; 109 V 86 E. 13 S. 94).
Die Verantwortlichkeit eines Verwaltungsrates dauert in der Regel bis zum
Moment seines tatsächlichen Austritts aus dem Verwaltungsrat, und nicht
bis zum Zeitpunkt der Löschung seiner Funktion im Handelsregister, wobei
für den Nachweis des Ausscheidens bei unverändert belassenem Handels-
registereintrag ein höherer Beweisgrad als eine überwiegende Wahr-
scheinlichkeit (das Ausscheiden muss "klar ausgewiesen" sein, vgl.
BGE 126 V 61 E. 4b S. 62) verlangt wird. Nach der Rechtsprechung ist das
faktische Aufhören der Organstellung auch dann relevant, wenn es vor
einem ausdrücklichen Rücktrittsschreiben erfolgt, z.B. infolge Arbeitsunfä-
higkeit oder wenn sonst erstellt ist, dass kein Einfluss auf den Geschäfts-
gang erfolgt ist (Urteil des Bundesgerichts 9C_109/2010 vom 28. April 2012
E. 3.3 mit Hinweis auf Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
H 263/02 vom 6. Februar 2003 E. 3.3).
6.2.3.
Gemäss dem Bericht des Kantonsspitals E. vom 19. August 2016 wurde
bei der Beschwerdeführerin ein Mammakarzinom rechts diagnostiziert
(VB 297; vgl. auch die Berichte des E. vom 2., 3. und 17. August 2016 in
BB 5). Weitere Arztberichte aus der Zeit zwischen August 2016 und der
Konkurseröffnung im September 2017, welche die vorgenommenen
Behandlungen beschreiben und / oder der Beschwerdeführerin eine
Arbeitsunfähigkeit bescheinigen, liegen nicht vor. Auch im Arztzeugnis vom
- 10 -
31. Januar 2020 wird ihr erst ab dem 1. November 2018 eine Arbeitsunfä-
higkeit attestiert (VB 305).
Die Beschwerdeführerin selbst macht ebenfalls nicht geltend, während der
Zeit von August 2016 bis September 2017 arbeitsunfähig gewesen zu sein
bzw. ihre Tätigkeit für die C. AG eingestellt zu haben. So ergibt sich aus
dem eingereichten "Tagebuch Auszug von A." unter der Überschrift
November 2016 bis Mai 2017 Folgendes: "Die Zeit verging schnell. Jeder
Tag war voller Arbeit für alle (...). Oftmals konnte ich mich nicht mehr so
gut konzentrieren, es lief mir einfach nicht mehr so gut von der Hand wie
früher. Das Geschäft verlangte von mir und meinem Mann alles ab. Leider
wurde die Zahlungsmoral der Kunden immer wie schlechter. Das Geld kam
oft verspätet bei uns an. Die Kunden mussten angerufen und gemahnt
werden. Aber ich versuchte weiterhin so gewissenhaft zu arbeiten wie
früher. Viel Arbeit war ich gewohnt und wir gaben alles." Für die Zeit ab Juni
2017 hielt die Beschwerdeführerin fest: "Die kommende Zeit war nicht
einfach. Es gab viel Arbeit für alle im Geschäft. Die Zahlungsmoral wurde
noch schlechter. Dies bereitete mir noch mehr Belastung. Ich konnte nicht
mehr schlafen, war immer in Gedanken, wie was zu lösen. Gegen aussen
leistete ich viel, arbeitete vor mich hin, teilte mich aber nicht mit, dass ich
eigentlich nicht mehr so viel Kraft hatte. Ich konnte gar nicht mehr alles
erledigen, da mir einfach die Kraft fehlte" (BB 3).
Daraus folgt, dass die Beschwerdeführerin auch nach Ausbruch ihrer
Krebserkrankung weiterhin bei der C. AG gearbeitet hat, was sich auch mit
weiteren Akten deckt. So nahm sie den Zahlungsbefehl vom 18. November
2016 entgegen (VB 71 f.) und reichte die Lohnmeldung 2016 bei der
Beschwerdegegnerin ein (Posteingang: 20. Februar 2017, VB 83). Auch
am Mailverkehr zwischen dem Beigeladenen und diversen Informatik-
unternehmen war die Beschwerdeführerin insofern beteiligt, dass ihr die E-
Mails zur Kenntnisnahme zugestellt wurden (vgl. Beilage 4, 7 und 8 zur
Stellungnahme vom 15. November 2021). Ausserdem wies der
Beigeladene ihr mit E-Mail vom 20. März 2017 eine Aufgabe (Kontaktauf-
nahme zum Unternehmen G.) zu (Beilage 4 zur Stellungnahme vom
15. November 2021).
Damit ist nicht mit dem notwendigen Beweisgrad (vgl. E. 6.2.2.) erstellt,
dass die Beschwerdeführerin als formelles Organ aus der C. AG
ausgeschieden ist, da weder eine Arbeitsunfähigkeit für den relevanten
Zeitraum von August 2016 bis September 2017 fachärztlich bestätigt ist
noch anderweitig nachgewiesen ist, dass die Beschwerdeführerin keinen
Einfluss auf den Geschäftsgang (mehr) nahm.
- 11 -
6.3.
6.3.1.
Die Beschwerdeführerin bringt keine weiteren Rechtfertigungs- und Exkul-
pationsgründe für das Herbeiführen des Schadens vor. Der Beigeladene
macht in der Stellungnahme vom 15. November 2021 geltend, ab Februar
2017 habe es mit der Software, welche für die Deklaration der Abgaben an
die Beschwerdegegnerin verwendet worden sei, grösste Probleme gege-
ben (Stellungnahme vom 15. November 2021, Ziff. 5). In der Zeit zwischen
Januar / Februar 2017 bis zur Konkurseröffnung habe deswegen nur spo-
radisch Zugang zu den Daten über die bezahlten Löhne und die Grundla-
gen der Abrechnungen für die Sozialversicherungsbeiträge bestanden. Es
sei daher nicht möglich gewesen, korrekte Abrechnungen zu erstellen und
folglich auch nicht, die Bezahlung ausreichender Beträge an die Beschwer-
degegnerin zu veranlassen (Stellungnahme vom 15. November 2021,
Ziff. 7).
6.3.2.
Bis im Februar 2017 bestanden bei der Beschwerdegegnerin bereits Aus-
stände in Höhe von Fr. 38'669.00 (vgl. Kontokorrentauszug in BB 2). Be-
reits vor den geltend gemachten Softwareproblemen wurden somit regel-
mässig Akontobeiträge, Mahngebühren und Verzugszinsen nicht bezahlt.
In den Akten finden sich auch keine Hinweise darauf, dass die Beschwer-
deführerin oder der Beigeladene versucht hätten, mit der Beschwerdegeg-
nerin Kontakt aufzunehmen und sich über die bestehenden Ausstände zu
informieren, damit sie basierend auf den erhaltenen Informationen die not-
wendigen Zahlungen – auch ohne Zugriff auf ihr internes Buchhaltungssys-
tem – hätten auslösen können. Der gesetzlichen Verantwortung aus
Art. 716a Abs. 1 Ziff. 3 OR (vgl. E. 6.1.2.) kann sich die Beschwerdeführe-
rin nicht mit Hinweis auf Informatikprobleme entziehen, insbesondere nach-
dem sie und der Beigeladene zumindest vorübergehend immer wieder Zu-
griff auf ihr Buchhaltungssystem gehabt zu haben schienen (vgl. die Beila-
gen zur Stellungnahme des Beigeladenen vom 15. November 2021). Der
arbeitsvertraglichen Lohnzahlungspflicht kommt zudem nicht vorrangige
Bedeutung zu gegenüber der Beitragszahlungspflicht des Arbeitgebers: Mit
jeder Lohnzahlung muss daher darauf geachtet werden, dass die darauf
unmittelbar entstehenden Beitragsschulden gedeckt sind (Urteile des Bun-
desgerichts 9C_436/2016 vom 26. Juni 2017 E. 8.4.3 und 9C_738/2012
vom 17. Dezember 2012 E. 3.2, je mit Hinweis; vgl. auch BGE 136 V 268
S. 273 f. E. 2.6 in fine). Hat die Beschwerdeführerin wie hier nicht im Ansatz
Anstalten gemacht, auf die Leistung der Sozialversicherungsbeiträge hin-
zuwirken, hat sie im Sinne von Art. 52 AHVG grobfahrlässig gehandelt (Ur-
teil des Bundesgerichts 9C_37/2019 vom 1. Juli 2019 E. 5.3.2.).
6.4.
Es ist somit festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin (auch) im Zeit-
raum von August 2016 bis September 2017 formelles Organ der C. AG war.
- 12 -
Als Verwaltungsratsmitglied war sie verantwortlich für das Abrechnungs-
und Zahlungswesen und musste für die Bezahlung der angefallenen und
fälligen Sozialversicherungsbeiträge sorgen. Der ihr obliegenden Pflicht,
für eine ordnungsgemässe Bezahlung der Sozialversicherungsbeiträge
besorgt zu sein, kam sie nicht nach, ohne dass ein zu berücksichtigender
Rechtfertigungsgrund dafür vorliegen würde. Damit verursachte sie den der
Beschwerdegegnerin entstandenen Schaden schuldhaft.
Nicht ersichtlich ist, wie die in der Beschwerde beantragte Parteibefragung
(Beschwerde, Ziff. 11 f.) und die beantragte Zeugenbefragung verschiede-
ner Personen (Beschwerde, S. 11 f.) zu entscheidrelevanten Erkenntnis-
sen beitragen könnten, nachdem sich insbesondere die Beschwerdeführe-
rin bereits schriftlich geäussert hat (vgl. Tagebuchauszug in BB 3). Weitere
Abklärungen im Rahmen der gestellten Beweisanträge erübrigen sich so-
mit (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. dazu BGE 137 V 64 E. 5.2 S. 69;
136 I 229 E. 5.3 S. 236).
7.
7.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen.
7.2.
Die vorliegend streitgegenständliche Haftung der Beschwerdeführerin nach
Art. 52 AHVG stellt keine Streitigkeit über Leistungen im Sinne von Art. 61
lit. fbis ATSG dar, womit sich die Verfahrenskosten nach kantonalem Recht
richten. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig
vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt (§ 22
Abs. 1 lit. e VKD). Für das vorliegende Verfahren betragen diese
Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensausgang der Beschwerdefüh-
rerin aufzuerlegen.
7.3.
Der Beschwerdeführerin steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-
alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) keine Parteient-
schädigung zu.