Decision ID: 910cfa2e-81c6-4055-9457-b6699c88b660
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
M._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Werner Bodenmann, Waisenhausstrasse 17,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
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A.
Die 1954 geborene M._ meldete sich im Juli 2001 wegen Blutdruck- und
Herzproblemen bei der Invalidenversicherung zum Bezug von Leistungen der IV an und
beantragte namentlich eine Rente. Gestützt auf ein (rheumatologisches/
psychiatrisches) Gutachten des Ärztlichen Begutachtungsinstituts (ABI) vom
19. September 2002, wonach der Versicherten (wegen hypertensiver Herzkrankheit mit
therapieresistenter arterieller Hypertonie und chronisch rezidivierendem
Lumbovertebralsyndrom) die bisherige Tätigkeit in der Fabrik seit dem 26. Mai 2000
nicht mehr zumutbar sei, eine adaptierte Arbeit hingegen zu 80 %, lehnte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen am 5. Juni 2003 einen
Rentenanspruch der Versicherten ab und wies eine Einsprache hiergegen am 27.
August 2003 ab. Einem Valideneinkommen von Fr. 44'185.-- stehe ein
Invalideneinkommen von Fr. 30'482.-- (beides 1999) gegenüber. Eine BEFAS-
Abklärung wäre angesichts der mangelnden Schulbildung und der fehlenden
Eingliederungswilligkeit der Versicherten unverhältnismässig. Das hiesige
Versicherungsgericht wies die für die Versicherte erhobene Beschwerde am 30. März
2004 ab und das Eidgenössische Versicherungsgericht wies die erhobene
Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit Urteil vom 4. November 2004 ab.
B.
B.a Am 10. Dezember 2004 (act. 79) liess die Versicherte ein "Revisionsgesuch"
stellen. Ihr Gesundheitszustand habe sich seit Ende 2002 verschlechtert. Beigelegt war
unter anderem ein Bericht des Kantonalen Spitals Altstätten vom 28. Juli 2003
(act. 81-2 f./8), wonach eine arterielle Hypertonie, aktuell eine hypertensive
Enzephalopathie mit Vomitus und Kopfschmerzen, vorgelegen hatte. Am 29. Dezember
2004/5. Januar 2005 füllte die Versicherte ein Anmeldeformular (act. 74) aus. Dr. med.
A._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, bei welchem sie seit August 2004 in
Behandlung stand, gab in seinem Arztbericht vom 21. Januar 2005 (act. 71-1 bis 6/24)
an, es lägen eine maligne, therapieresistente Hypertonie, eine grosse medio-
linkslaterale sequestrierende Diskushernie L5 sacral l, ein HWS-Syndrom und eine
depressive Entwicklung vor. Die Versicherte sei weder körperlich noch psychisch
belastbar und seit mindestens Ende Dezember 2002 voll arbeitsunfähig. Beigelegt war
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unter anderem ein Bericht der Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen vom
17. Januar 2003, wonach eine leichtgradige Atheromatose im Carotis-Strömungsgebiet
mit einer Abgangsstenose festgestellt worden war. Der Regionale Ärztliche Dienst
(RAD) der Invalidenversicherung befürwortete eine polydisziplinäre
Verlaufsbegutachtung (act. 70). Das ABI erhob gemäss dem Gutachten vom 16. März
2006 (act. 63) als Haupt-Diagnosen im Wesentlichen ein chronisches
lumbospondylogenes und ein chronisches zervikozephales Schmerzsyndrom sowie
eine hypertensive Herzkrankheit. Die objektiven Befunde seien praktisch unverändert
zur Voruntersuchung vom August 2002. Die Wirbelsäule sei wesentlich vermindert
belastbar. Aus kardiologischer, internistischer und psychiatrischer Sicht (Angst- und
depressive Störung gemischt) sei die Arbeitsfähigkeit nicht zusätzlich eingeschränkt.
Der Versicherten seien nach wie vor körperlich leichte bis gelegentlich mittelschwere,
wechselbelastende Tätigkeiten ohne Heben, Stossen und Ziehen von Lasten über
10 kg, ohne Durchführung von stereotypen Bewegungen und Torsionsbewegungen der
Wirbelsäule uneingeschränkt zumutbar. Im Rahmen der Polymorbidität könne die
früher festgestellte Einschränkung von 20 % bestätigt werden.
B.b Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle wies daraufhin das Gesuch der
Versicherten mit Verfügung vom 13. Juni 2006 (act. 59) ab. Die Versicherte liess
einspracheweise einen Arztbericht von Dr. A._ vom 28. Juli 2006 (act. 42) einreichen
und eine Rente bei einem Invaliditätsgrad von 70 % beantragen und dann
insbesondere unter Hinweis auf einen Arztbericht von Dr. med. B._, Facharzt FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie, vom 6. November 2006 (act. 38) geltend machen, sie
sei aus psychiatrischen Gründen (wegen einer mittelschweren Depression) voll
arbeitsunfähig. Dr. B._ hatte berichtet, die Versicherte stehe wegen sehr
ausgeprägter Symptome einer mittelschweren Depression seit Juli 2006 in seiner
Behandlung. Sie sei aus psychiatrischer Sicht in der Arbeitsfähigkeit deutlich
eingeschränkt, wahrscheinlich zu 100 %. Vorstellbar wäre später eventuell eine
Arbeitsfähigkeit in einem Pensum von 50 % mit auf die Hälfte reduzierter
Leistungsfähigkeit. Die Versicherte sei in deutlich gesenkter und verzweifelter
Stimmung, verhalte sich passiv und apathisch und ihr Gedankengang sei stark
eingeschränkt und kreise um ihre Erkrankung. Dr. A._ hatte unter anderem erklärt, es
bestehe seit 2004 eine eindeutige Verschlechterung des körperlichen und psychischen
Zustandes. Mit dem Gutachten sei er nicht einverstanden, wie schon der frühere
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Hausarzt mit dem Gutachten von 2003 (recte wohl: 2002) nicht einverstanden gewesen
sei. Er halte die Versicherte nach wie vor für zu 100 % arbeitsunfähig. Um die Frage
einer allfälligen Verschlechterung zu klären, sah der RAD am 20. November 2006
(act. 34) eine weitere Verlaufsbegutachtung bei der nächstverfügbaren MEDAS-Stelle
vor. Insbesondere interessiere der Verlauf der im Februar 2003 diagnostizierten
hypertensiven Enzephalopathie. Es stelle sich die Frage, ob allenfalls eine weitere
Abklärung (durch bildgebende Verfahren oder eine neuropsychologische
Untersuchung) indiziert sei. Die IV-Stelle widerrief am 28. November 2006 die
Verfügung vom 13. Juni 2006 und schloss das Einspracheverfahren ab. Am 23. April
2007 (act. 21) gab sie den Gutachterauftrag mit den Zusatzfragen an das ABI.
B.c Das ABI bezeichnete im Gutachten vom 16. Januar 2008 (act. 19) als
Hauptdiagnosen im Wesentlichen (erstens) eine arterielle Hypertonie und hypertensive
Herzkrankheit, (zweitens) ein chronisches lumbospondylogenes Schmerzsyndrom,
(drittens) ein chronisches zervikozephales Schmerzsyndrom, (viertens) Angst und
depressive Störung gemischt, und (fünftens) einen unsystematischen Schwindel ohne
Hinweis auf eine periphere vestibuläre Funktionsstörung. Weder aus psychiatrischer,
kardiologischer oder rheumatologischer noch aus HNO-ärztlicher Sicht hätten sich seit
der Vorbegutachtung vom Februar 2006 objektivierbare Veränderungen ergeben. Für
eine körperlich leichte bis nur intermittierend mittelschwere, adaptierte berufliche
Tätigkeit unter den bezeichneten Arbeitsplatzvoraussetzungen (wechselbelastend,
ohne Tragen schwerer Lasten und ohne intensive isometrische Belastungen usw.)
bestehe eine ganztägig verwertbare Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 80 %. Aktuell
bestehe ein Status nach einer Plattenosteosynthese vom 12. Oktober 2007 bei
posttraumatischer mehrfragmentärer intraartikulärer Radiusfraktur rechts mit deutlicher
Einschränkung der Gebrauchsfähigkeit des rechten Arms, die aber nach der üblichen
Rehabilitationszeit von sechs bis acht Wochen dahingefallen sein werde.
B.d Auf den Vorbescheid vom 17. April 2008 (act. 14 f.) hin liess die Versicherte am
5. Juni 2008 (act. 6) unter Hinweis auf Arztberichte von Dr. med. C._, Spezialarzt
FMH für Neurologie, vom 12. September 2007 (act. 19-46 ff./55) und von Dr. med.
D._, Facharzt FMH für Hals, Nase, Ohren, vom 14. Dezember 2006 (act. 19-53 f./55)
einwenden, sie leide an massivem Schwindel und an Bewusstseinsverlusten. Aufgrund
des Schwindels sei sie einmal gestürzt und einmal habe sie während mehrerer Stunden
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das Bewusstsein verloren. Die Einschätzung des ABI vermöge daher nicht zu
überzeugen. Eine Tätigkeit, bei welcher sie gehen müsse, komme für sie nicht in Frage.
Eine Arbeitsfähigkeit bestehe nur noch in äusserst eingeschränktem Umfang von
höchstens 25 %. Dr. C._ hatte davon berichtet, dass die Überweisung an ihn erfolgt
sei, weil die Versicherte zusammengebrochen und für mehrere Stunden bewusstlos
gewesen sei. Er hatte unter anderem ein gesichertes zerebrales Multiinfarktgeschehen
diagnostiziert und festgehalten, die Episoden mit Bewusstseinstrübung bzw. -verlust
schreibe er den Durchblutungsstörungen und zeitweiligen metabolischen
Entgleisungen zu. Dr. D._ hatte die Verdachtsdiagnose einer Otitis media chronica
simplex gestellt und festgehalten, er habe keinen Hinweis für eine peripher-vestibuläre
Ätiologie des Schwindels gefunden. Differentialdiagnostisch komme ein benigner
paroxysmaler Lagerungsschwindel in Frage.
B.e Mit Verfügung vom 9. Juni 2008 wies die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle einen
Anspruch der Versicherten auf eine Rente ab. Der Invaliditätsgrad betrage 32 % (bei
einer Arbeitsunfähigkeit von 20 % und einem Leidensabzug von 10 % von den
Tabellenlöhnen). Das Gutachten sei nachvollziehbar.
C.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Werner Bodenmann
für die Betroffene am 11. Juli 2008 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, der
Beschwerdeführerin sei eine Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
70 % zuzusprechen und es seien weitere medizinische Abklärungen zur Festsetzung
des Arbeitsfähigkeitsgrades in Auftrag zu geben. Die Beschwerdeführerin leide an
massivem Schwindel und an Bewusstseinsverlusten. Im Oktober 2007 sei sie
deswegen gestürzt und habe sich eine Radiusfraktur zugezogen. Ausserdem sei sie
gemäss dem Bericht von Dr. C._ zusammengebrochen und während mehreren
Stunden bewusstlos gewesen. Dr. D._ habe festgehalten, es bestehe eine grosse
Unsicherheit beim Gehen. Der Bericht von Dr. C._ dürfte den ABI-Gutachtern nicht
vorgelegen haben. Die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sei weit mehr
eingeschränkt, als das Gutachten feststelle. In der Beschwerdeergänzung vom
4. September 2008 bringt der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin vor, das
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Gutachten sei widersprüchlich. Gemäss der rheumatologischen Untersuchung sollte
die Beschwerdeführerin ihre Arbeitsposition regelmässig selbständig wechseln können.
Es bestehe eine deutliche Stehunsicherheit mit Falltendenz. Gemäss dem
kardiologischen Bericht seien der funktionelle Status deutlich vermindert und die
Ausdauerleistung eingeschränkt. Auch otorhinolaryngologisch sei von einer qualitativen
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auszugehen. Insgesamt sei davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin keine Arbeitstätigkeit mehr ausüben könne, die ein Gehen
oder Stehen erfordere. Das Gutachten sei auf die Problematik des Schwindels und der
Bewusstseinsverluste nicht eingegangen. Die Beschwerdegegnerin hätte die
entsprechende Kenntnis der Gutachter bei der Sachverhaltsabklärung zu verifizieren
gehabt. Die Beschwerdeführerin könne lediglich noch eine sitzende Tätigkeit ausüben,
allerdings dürfe sie aber nicht zu lange sitzen. Dem psychiatrischen Gutachten könne
nicht gefolgt werden, weil der behandelnde Psychiater, welcher die gesundheitliche
Entwicklung der Beschwerdeführerin seit längerem habe beobachten können, und
Dr. A._ eine psychische Verschlechterung attestiert hätten. Die Beschwerdegegnerin
habe nicht dargelegt, weshalb auf das Gutachten und nicht auf diese Einschätzung
abgestellt werde. Danach bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit.
D.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 27. Oktober 2008 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Auf die Gutachten könne abgestellt werden. Die
Schwindelbeschwerden (und das Arztzeugnis von Dr. C._) seien berücksichtigt
worden. Es seien deswegen Arbeiten mit Sturzgefahr nicht geeignet. Bei dem Vorfall
mit dem Bewusstseinsverlust scheine es sich um eine einmalige Angelegenheit
gehandelt zu haben, weshalb ihm kein Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zukomme.
Sowohl der Psychiater wie der Hausarzt stünden in einem Vertrauensverhältnis zur
Beschwerdeführerin und seien daher weniger unabhängig als die Gutachter. Ihren
Einschätzungen komme kein grösseres Gewicht zu als derjenigen der Gutachter. Die
Gutachter hätten sich auch mit den abweichenden Beurteilungen der Dres. B._ und
A._ auseinandergesetzt. Sie hätten auch auf die mangelnde Compliance der
Beschwerdeführerin hingewiesen.
E.
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In seiner Replik vom 19. November 2008 macht der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin geltend, aus dem Gutachten gehe nicht hervor, dass tatsächlich
berücksichtigt worden sei, dass die Beschwerdeführerin wegen des Zusammenbruchs
mit Bewusstlosigkeit an Dr. C._ gewiesen worden sei. Es sei ausserdem nicht allein
von Schwindel, sondern von eigentlichen Bewusstseinsverlusten auszugehen, die zum
Teil längere Zeit angedauert hätten. Es möge sein, dass die Beschwerdeführerin bis
anhin lediglich einmal während längerer Zeit völlig bewusstlos gewesen sei. Das zeige
allerdings, wie heftig die Beschwerden seien, an denen die Beschwerdeführerin leide.
Die Beschwerden seien offensichtlich viel schwerwiegender, als das ABI das annehme.
Die Behörden seien verpflichtet, eingehend zu prüfen und überzeugend darzulegen,
weshalb sie sich auf die eine oder die andere Einschätzung stütze. Das Gutachten
überzeuge nicht.
F.
Die Beschwerdegegnerin hält am 1. Dezember 2008 an ihrem Antrag fest.

Erwägungen:
1.
1.1 Am 1. Januar 2008 ist die 5. IV-Revision in Kraft getreten. Die Beschwerdegegnerin
hat die angefochtene Verfügung am 9. Juni 2008, also unter der Geltung des Rechts
dieser Revision, erlassen. Zu beurteilen ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum
Zeitpunkt des Erlasses dieser Verfügung entwickelt hat. Dieser Sachverhalt reicht in
eine Zeit vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision zurück. Die 5. IV-Revision enthält keine die
Rente betreffende übergangsrechtliche Bestimmung. Das Bundesamt für
Sozialversicherungen unterstellt aber zu Recht eine ausfüllungsbedürftige Lücke (vgl.
das Rundschreiben Nr. 253 vom 12. Dezember 2007; zum Ganzen im Detail der
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S M. vom 28. Oktober
2009, IV 2009/5). Da Anmeldung und Eintritt der Arbeitsunfähigkeit schon Jahre
zurückliegen, sind die bis zum 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Bestimmungen
(im Folgenden angeführt) anzuwenden. Für die Invaliditätsbemessung hat sich indessen
keine Änderung der Rechtslage ergeben.
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1.2 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin das
Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin, namentlich den Rentenanspruch,
abgewiesen. Sie ist auf deren Neuanmeldung eingetreten, was nicht zu beanstanden
ist, lautet der allgemeine Verfahrensgrundsatz der Eintretenshürde bei
Neuanmeldungen nach einer vorausgegangenen Rentenabweisung doch lediglich,
dass der Gesuchsteller das Vorliegen eines aktuell rentenbegründenden Sachverhalts
glaubhaft machen muss, während ein Sachverhaltsvergleich auf der Zeitachse - anders
als im Rentenrevisionsverfahren - hier nicht erforderlich ist (Franz Schlauri, in SBVR,
Soziale Sicherheit, 2. A., Die Militärversicherung, Rz 137 mit Fn 190 f.). Ergäbe sich,
dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage steht, so gehörte
nebst dem Rentenanspruch zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage,
ob die Verwaltung den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige
Pflicht der Beschwerdeführerin zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Für die Invaliditätsbemessung, welche das Mass der Zurücksetzung der
erwerblichen Leistungsfähigkeit infolge gesundheitlicher Beeinträchtigung ergeben soll,
sind zunächst die medizinischen Vorbedingungen von Bedeutung. Aufgabe des Arztes
oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beschreiben und dazu Stellung zu
nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person
arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in der Folge eine wichtige Grundlage
für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch
zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4; ZAK 1982 S. 34). Ob die versicherte
Person eine ihr zumutbare Tätigkeit auch tatsächlich ausübt, ist für die
Invaliditätsbemessung hingegen unerheblich (Rz 3046 des vom Bundesamt für
Sozialversicherungen erlassenen Kreisschreibens über die Invalidität und Hilflosigkeit in
der Invalidenversicherung = KSIH).
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2.3 Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ist drei Mal begutachtet worden.
Das letzte Gutachten datiert vom 16. Januar 2008. Zu einer vom gutachterlichen
Ergebnis stark abweichenden Arbeitsfähigkeitsschätzung sind der behandelnde
Psychiater Dr. B._ und Dr. A._ als Hausarzt gelangt. Dr. A._ stellt eine deutliche
Verschlechterung des somatischen und psychiatrischen Zustands fest. Dr. B._ geht
von einer sehr ausgeprägten Symptomatik einer mittelschweren Depression und einer
Arbeitsunfähigkeit von wahrscheinlich 100 % aus.
2.4 Das Gutachten basiert auf einer Kenntnisnahme von den Vorakten, namentlich
auch von den Berichten von Dr. C._ vom 12. September 2007, von Dr. D._ vom
14. Dezember 2006 (vgl. act. 19-24 f./55) und von Dr. B._ vom 6. November 2006.
Bei der Begutachtung wurden die Anamnese und der internistische Status erhoben. In
psychiatrischer, rheumatologischer, kardiologischer und otorhinolaryngologischer
Hinsicht fanden spezialärztliche Untersuchungen statt. Unter psychiatrischem Aspekt
wurde eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 20 %, bedingt durch die ängstlich-
depressive Störung, festgestellt. Die Beschwerdeführerin sei verunsichert durch ihren
Schwindel, ihre Stimmung sei leicht herabgesetzt, es bestehe eine leicht verminderte
psychische Belastbarkeit. Bei der rheumatologischen Exploration wurde eine deutliche
Steh- und Gangunsicherheit festgestellt, die sich aber mit dieser Disziplin nicht erklären
lasse. Es sei als Arbeitsplatzvoraussetzung erforderlich, dass die Beschwerdeführerin
ihre Arbeitsposition regelmässig selbständig wechseln könne und dass längeres
Stehen oder Sitzen an Ort, repetitives Heben, Tragen, Ziehen und Stossen von Lasten
über 10 kg und stereotype Rotationsbewegungen, insbesondere der HWS und der
LWS, sich vermeiden liessen. Auch das Arbeiten in längerdauernder Oberkörper-
Vorneigeposition sei ungünstig. Kardiologisch gesehen wurde die Beschwerdeführerin
für eine sitzende Tätigkeit mit Gehen und gelegentlichem Tragen von leichten Lasten
als arbeitsfähig betrachtet. Körperlich belastende Tätigkeiten und intensive
isometrische Belastungen seien zu vermeiden. Der funktionelle Status und die
Ausdauerleistung dürften eingeschränkt sein. Aus otorhinolaryngologischer Sicht
wurde ebenfalls eine qualitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit festgestellt, und
zwar wegen der intermittierenden unsystematischen Schwindelbeschwerden insofern,
als Arbeiten mit Sturzgefahr für die Beschwerdeführerin nicht geeignet seien. Sie sei
deswegen subjektiv stark verunsichert. Insgesamt ergab sich nach gutachterlicher
Einschätzung für eine adaptierte Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von wiederum 80 %.
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2.5 Diese ärztliche Wertung erscheint bei der gegebenen Aktenlage nicht als
überzeugend. Was die Diagnosen betrifft, lässt sich feststellen, dass die hypertensive
Herzkrankheit (mit der arteriellen Hypertonie) offenbar an Bedeutung zugenommen hat.
Ausserdem hat die Angst und depressive Störung gemischt inzwischen ein die
Arbeitsfähigkeit tangierendes Ausmass angenommen. Der psychiatrische Gutachter hat
festgehalten, der psychiatrische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin sei
geringfügig verschlechtert; die Ängste seien ausgeprägter. Bei der rheumatologischen
Untersuchung wurde festgehalten, die Beschwerden am Bewegungsapparat hätten
sich nicht wesentlich verändert. Es würden immer noch chronische lumbale
Beschwerden mit Ausstrahlungen in den Ober- und Unterschenkel bis in den Fuss mit
lokaler Hyposensibilität beklagt, daneben unverändert okzipital betonte
Kopfschmerzen. Neu dazugekommen seien rezidivierende periartikuläre
Kniegelenksbeschwerden. Zumindest aus psychiatrischer Sicht zeigte sich somit selbst
gemäss dem Gutachten im Zeitablauf seit der letzten Begutachtung eine gewisse
Verschlechterung des Zustands, welche die Einschätzung einer tendenziell grösseren
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit erwarten lässt.
2.6 Die erwähnten Kniebeschwerden waren bei der Begutachtung Anlass, dieses
Gelenk anlässlich der gutachterlichen Untersuchung bildgebend aufzunehmen.
Bezüglich der lumbalen Situation aber wurden keine aktuellen, bildgebenden Befunde
erhoben. Und das, obwohl wie erwähnt erhebliche entsprechende Beschwerden
beklagt wurden und obwohl die klinische Bewegungsprüfung wegen sofortiger
Schwindelsymptomatik und Stehunsicherheit schwierig durchführbar gewesen war.
Stattdessen wurde auf ein MRI der LWS vom September 1998, also auf ein neun Jahre
altes Bild, zurückgegriffen. Auch das zervikocephale Schmerzsyndrom wurde anhand
eines MRT der HWS vom Januar 2005 beurteilt. Zu einer umfassenden, originären
Abklärung des Gesundheitszustands hätte allerdings hier eine aktuelle Befunderhebung
gehört, die für eine verlässliche Beurteilung unabdingbar gewesen wäre.
2.7 Otorhinolaryngologisch ist dem unsystematischen Schwindel die Arbeitsfähigkeit
einschränkende Bedeutung beigemessen worden, allerdings nur insofern, als Arbeiten
mit Sturzgefahr ungeeignet seien. Bei der Erhebung des rheumatologischen Status
hatte jedoch (im Unterschied zur Voruntersuchung) eine deutliche Steh- und
Gangunsicherheit (mit Falltendenz beidseits) imponiert und es waren wiederholte
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Schwindelattacken zu beobachten gewesen. Die Beschwerdeführerin hatte wiederholt
gestützt werden müssen, weil sie sonst gestürzt wäre. Angesichts dieser
Feststellungen und der aktenkundig gewordenen Auswirkungen der Blutdruckprobleme
(sowie der Diagnose eines zerebralen Multiinfarktgeschehens) erscheint wenig
plausibel, dass die Arbeitsfähigkeit keine zusätzliche Einschränkung erfahren haben
soll. Nicht ohne weiteres nachvollziehbar ist ausserdem, weshalb die Gutachter es
hinsichtlich der früher diagnostizierten hypertensiven Enzephalopathie und ihren
möglichen Auswirkungen bei der klinischen Untersuchung, bei welcher sie lediglich
keine "eindeutigen" Hinweise auf dieses Leiden hatten finden können, belassen haben
und keine weiteren Abklärungen unternommen haben, nach deren Indikation
(bildgebende oder neuropsychologische Untersuchung) sich der RAD ausdrücklich
erkundigt hatte. Im Übrigen fand die Abklärung in einem Zeitpunkt nur rund drei
Wochen nach einer Osteosynthese einer mehrfragmentären intraartikulären
Radiusfraktur statt, was für die Begutachtungssituation eine Erschwernis darstellte.
2.8 Insgesamt bestehen an der Stichhaltigkeit des Begutachtungsergebnisses
ernsthafte Zweifel, die eine Rückweisung der Sache zu einer weiteren polydisziplinären
Abklärung, sinnvollerweise durch eine andere MEDAS-Stelle, rechtfertigen.
3.
3.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 9. Juni 2008 teilweise zu schützen und die Sache ist zu
ergänzenden medizinischen Abklärungen im Sinne der Erwägungen und zu
entsprechender neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Eine Rückweisung zur weiteren Abklärung der Streitsache und anschliessender
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin stellt praxisgemäss aus prozessualer
Sicht in Bezug auf die Kosten ein vollständiges Obsiegen dar (vgl. SVR 1995 IV Nr. 51
S. 143; ZAK 1987 S. 266 E. 5a). Angesichts des Unterliegens der Beschwerdegegnerin
rechtfertigt es sich, ihr die Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert festgelegt werden (Art. 69 Abs. 1 IVG), gesamthaft
aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP/SG). Eine Entscheidgebühr von Fr. 600.--
erscheint angemessen. Die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung (Befreiung
bis
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von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
vom 30. Oktober 2008 ist damit obsolet geworden.
3.3 Die Beschwerdeführerin hat bei vollem Obsiegen Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung
der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61
lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP). Der Bedeutung der Streitsache und dem
Aufwand angemessen erscheint eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht