Decision ID: 272a94a4-462d-48a0-acda-858d8529cb8e
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1990, reiste am 2
7.
März 2011 als Flüchtling in die Schweiz ein (
Urk.
8/
5/1
,
Urk.
1 S. 3,
Urk.
2 S.
2
)
.
Am 1
7.
Dezember 2012 wurde er
erstmals
im Spital
Y._, p
sychiatrische Klinik
Z._
, hospitalisiert (Urk.
8/37/1).
Bis zum Jahr 2016 folgten neun
weitere stationäre Behandlungen in derselben Klinik (vgl.
Urk.
8/37).
Im Sommer 2017 begann
d
er
Versicherte
eine Berufslehre (Urk. 8/1 ff.).
Nach
zwei
weiteren stationären
psychiatrischen
Be
handlungen
in den Jahren 2019 und 2020
(Urk. 8/
20 und
Urk.
8/22) meldete sich der Versicherte am
1.
März 2020
bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 8/5). Dabei wies er
auf
eine schwere psychische Er
krankung
hin
, welche ihm das Abschliessen einer Berufslehre verunmöglicht habe
(Urk. 8/5/6)
,
und gab an, er sei seit dem 2
0.
Mai 2019 zu 100
%
arbeitsunfähig (Urk. 8/5/4).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
tätigte daraufhin erwerbliche
sowie medizinische Abklärungen und legte das Dossier ihrem
Regionale
n
Ärztliche
n
Dienst
(RAD) vor, für welchen
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie
, am 1
2.
November 2020 Stellung nahm
(Urk. 8/
39/7-9).
Mit Vorbescheid
vom
2
6.
November 2020 stellte
die IV-Stelle
dem Versicherten
die Abweisung des Leistungsbegehrens
betreffend berufliche Massnahmen und Invalidenrente in Aussicht (Urk. 8/41
).
A
m
2
1.
Januar 2021
verfügte sie sodann entsprechend
(Urk.
8/42
= Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
X._
am
2
2.
Februar 2021
Beschwerde mit dem Rechtsbegehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und die Be
schwerdegegnerin sei zu verpflichten, ihm die gesetzlichen Leistungen nach dem
Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG)
zu gewähren. Zudem sei fest
zustellen, dass er für
invalidenversicherungsrechtliche L
eistungen in der Schweiz versichert sei. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der un
entgeltlichen Prozessführung und Rechtsvertretung (Urk. 1 S. 2).
In ihrer
Be
schwerdeantwort vom
2
6.
März 2021
beantragte die Beschwerdegegnerin die teil
weise Gut
heissung der Beschwerde im Sinne einer Rückweisung zu weiteren Ab
klärungen
(Urk. 7)
.
Darüber wurde
der Beschwerdeführer mit
Gerichts
v
erfügung vom
7.
April 2021
in Kenntnis gesetzt.
Zugleich wurde ihm die unentgeltliche Prozessführung gewährt und Rechtsanwältin Stephanie C. Elms, Zug, als un
entgeltliche Rechtsvertreterin für das vorliegende Verfahren bestellt (
Urk.
9).
Mit Eingabe vom
2
2.
April 2021
erklärte sich
der Beschwerdeführer
mit
der Rück
weisung zur Durchführung weiterer Abklärungen
einverstanden (Urk. 1
1
).
Auf die Ausführungen der Parteien und die
eingereicht
en Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 1 Abs. 1
IVG
in Verbindung mit Art. 43 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) prüft der Ver
sicherungsträger die Begehren der versicherten Person, nimmt die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein. Soweit ärztliche oder fachliche Unter
suchungen für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind, hat sich die versicherte Person diesen zu unterziehen (Art. 43 Abs. 2 ATSG).
1.2
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheid
relevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin zog in der angefochtenen Verfügung vom
21. Januar 2021 in Erwägung,
die versicherungsmässigen Voraussetzungen für berufliche Massnahmen oder
für
eine Invalidenrente seien nicht erfüllt. Der Beschwerde
führer habe bereits vor seiner - im Alter von 21 Jahren erfolgten - Einreise
in die Schweiz
an einer gesundheitlichen Beeinträchtigung gelitten und sei zum ersten Mal circa acht Monate nach seiner Einreise hospitalisiert worden (
Urk.
2).
2.2
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeschrift vom
22. Februar 2021
zusammengefasst
geltend, gestützt auf die medizinischen Akten
sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, dass er krank be
ziehungsweise invalid in die Schweiz eingereist sei. Die Beschwerdegegnerin wäre im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes verpflichtet gewesen, festzustellen, ab welchem Zeitpunkt er in rentenbegründendem Masse invalid geworden sei (
Urk.
1 S. 4-5). Zudem sei die Annahme der Beschwerdegegnerin falsch, wonach er circa acht Monate nach seiner Einreise zum ersten Mal hospitalisiert worden sei. Viel
mehr sei die erste Hospitalisation rund ein Jahr und acht Monate nach seiner Einreise erfolgt, wobei er während dieser Zeit länger als ein Jahr Beiträge geleistet habe. Demnach seien die versicherungsmässigen Voraussetzungen für Ein
gliederungsmassnahmen gemäss IVG erfüllt (
Urk.
1 S. 5-6).
Die Invalidität sei erst später eingetreten - laut der RAD-Ärztin spätestens im Juli 2019 -, mehr als acht Jahre nach seiner Einreise in die Schweiz, weshalb auch die Voraussetzungen für eine Invalidenrente erfüllt seien (
Urk.
1 S. 6). Nach dem Gesagten habe es die Beschwerdegegnerin unterlassen, die versicherungsmässigen Voraussetzungen zu prüfen. Insbesondere habe sie nicht festgestellt, ab welchem konkreten Zeitpunkt er in invalidisierendem Ausmass arbeitsunfähig geworden sei. Auf die willkür
liche Annahme der IV-Kundenberaterin, wonach dies vor seiner Einreise gewesen sei, könne nicht abgestellt werden (
Urk.
1 S. 6-7).
2.3
In ihrer
Beschwerdeantwort vom
2
6.
März 2021
(Urk.
7) hielt die Beschwerde
gegnerin fest, dass
die Sachlage unklar sei,
weshalb die Angelegenheit
zu weiteren Abklärungen zurückzuwei
sen und die Beschwerde in diesem Sinne
teil
weise
gutzuheissen sei.
2.4
Mit Eingabe vom
2
2.
April 2021
erklärte sich der Beschwerdeführer mit der von der Beschwerdegegnerin beantragten Rückweisung der Sache zwecks weiterer Abklärungen einverstanden (Urk. 1
1
).
3.
Die Parteien beantragen übereinstimmend die Rückweisung der Angelegenheit zu weiteren Abklärungen, was mit der Rechts- und Aktenlage in Einklang steht.
Denn m
it Blick auf die Akten lässt sich nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht gelten
den Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (vgl. BGE 119 V 7 E.
3c
/
aa
)
feststellen, dass eine allfällige Invalidität des Beschwerdeführers bereits vor seiner Einreise
oder im ersten Jahr nach seiner Einreise
eingetreten wäre. Dem Auszug aus
seinem
individuellen Konto (IK-Auszug) lässt sich entnehmen, dass er ab April 2011
Sozialversicherungsb
eiträge geleistet hat (Urk. 8/11).
Bei der In
validen
versicherung hat er sich erst im März 2020 angemeldet (
Urk.
8/5).
Wie die
Beschwerdegeg
nerin
sinngemäss
selbst anerkennt (Urk.
7
), hat sie
die ver
sicherungsmässigen Voraussetzungen zu Unrecht
lediglich
gestützt auf die vor
handenen Akten verneint und dadurch allenfalls auch die materiellen Leistungs
ansprüche des Beschwerdeführers
unzureichend
geprüft.
In Anbetracht dieser Gegebenheiten ist die Beschwerde in dem Sinne gut
zu
heissen, dass die angefochtene Verfügung vom
2
1.
Januar 2021 (Urk. 2) auf
zu
heben und die Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, da
mit diese die notwendigen Abklärungen vor
nehme und hernach über den Leis
tungsanspruch des Beschwerdeführers neu entscheide.
4.
4.1
Der Streitgegenstand des Verfahrens betrifft die Bewilligung oder Verweigerung von
L
eistungen
der Invalidenversicherung
. Das Verfahren ist daher kosten
pflichtig.
Die Gerichtskosten si
nd nach dem Verfah
rensaufwand sowie
unab
hängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs.
1
bis
IVG) und ermessensweise auf Fr. 400.-- anzusetzen. Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als voll
ständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.
4.2
Ausserdem
steht der unentgeltlichen Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers
, Rechtsanwältin Stephanie C. Elms,
eine Prozessentschädigung zu.
Diese ist
nach Art. 61 lit. g ATSG in Verbindung mit § 34
GSVGer
ohne Rücksicht auf den Streitwert nac
h der Bedeutung der Streitsache und
nach der Schwierigkeit des Prozesses festzusetzen.
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin hat mit Honorarnote vom 2
2.
April 2021
Aufwendungen
von 10,1 Stunden sowie Barauslagen im Betrag von
Fr.
90.90 zuzüglich Mehrwertsteuer geltend gemacht (
Urk.
12).
Dies ist unter Berücksichtigung der
genannten Grundsätze
angemessen.
Dement
sprechend ist die Prozessentschädigung auf Fr. 2‘
491.--
(
inklusive
Barauslagen
und Mehrwertsteuer)
festzusetzen.
Die Beschwerdegegnerin hat die Prozess
entschädigung direkt
der unentgeltliche
n
Rechtsvertreterin
auszubezahlen.