Decision ID: d38daa4d-2425-5186-97e1-16925ffe4f75
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine aus der Nordprovinz stammende sri-lanki-
sche Staatsangehörige tamilischer Ethnie – reichte am 26. Mai 2010 auf
der Schweizerischen Botschaft in Colombo ein Asylgesuch aus dem Aus-
land ein. Mit Verfügung vom 10. März 2015 verweigerte das SEM die Ein-
reise in die Schweiz und lehnte ihr Asylgesuch ab. Diese Verfügung er-
wuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
Die Beschwerdeführerin verliess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge am
(...) 2018 auf dem Luftweg mit ihrem eigenen Pass und gelangte über
Dubai, Uganda und (mit einem italienischen Visum) Italien am 22. Januar
2019 in die Schweiz, wo sie am 23. Januar 2019 ein Asylgesuch stellte. Am
30. Januar 2019 wurde sie summarisch befragt.
C.
Mit Verfügung vom 15. April 2019 trat das SEM nicht auf das Asylgesuch
der Beschwerdeführerin ein und ordnete ihre Wegweisung nach Italien so-
wie den Vollzug der Wegweisung an.
D.
Mit Verfügung vom 15. Dezember 2020 hob das SEM seine Verfügung vom
15. April 2019 auf und nahm das nationale Asylverfahren wieder auf, nach-
dem die Frist zur Überstellung nach Italien abgelaufen und die Zuständig-
keit für die Behandlung des Asylgesuches damit auf die Schweiz überge-
gangen war.
E.
Am 13. Januar 2021 wurde die Beschwerdeführerin einlässlich zu den
Asylgründen angehört.
Zur Begründung ihres Gesuches machte sie im Wesentlichen geltend, ihr
Ehemann sei seit dem Jahr 2007 verschollen – die sri-lankischen Behörden
hätten ihm Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)-Verbindungen unter-
stellt, weswegen er vor seinem Verschwinden mehrmals befragt und be-
helligt worden sei. Sie habe seit seinem Verschwinden nach ihm gesucht
und regelmässig an Demonstrationen teilgenommen. Bei Versuchen, ihren
Ehemann ausfindig zu machen, sei sie im Jahr 2010 während einer Nacht
in einem Armeecamp gefoltert und mehrfach vergewaltigt worden. Sie sei
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anschliessend von Unbekannten sexuell belästigt sowie im Jahr 2014 von
einem Criminal Investigation Department (CID)-Beamten bedrängt worden.
Seit dem negativen Asylentscheid vom 10. März 2015 habe sie an zahlrei-
chen Veranstaltungen und Demonstrationen im Zusammenhang mit ver-
missten Personen teilgenommen. Sie sei im Jahr 2017 nach Indien geflo-
hen, weil ein Demonstrationsteilnehmer erschossen worden sei, bezie-
hungsweise, weil sie erneut in den Fokus der sri-lankischen Behörden ge-
raten und mehrfach Opfer physischer, sexueller und psychischer Gewalt
geworden sei. So sei sie unter dem Vorwand, ihr Ehemann sei gefunden
worden, vom CID zwei Mal in einen Hinterhalt gelockt und vergewaltigt
worden. In Indien habe sie bei einem Cousin, einem LTTE-Mitglied, ge-
wohnt. Nach dessen Verhaftung sei sie im Jahr 2018 wieder nach Sri Lanka
gereist. In der Nacht nach ihrer Rückkehr hätten ein beziehungsweise meh-
rere Unbekannte an ihr Fenster geklopft. Aus Angst, vergewaltigt zu wer-
den, sei sie am nächsten Tag aus Sri Lanka ausgereist.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte sie unter anderem ihre Identitätskarte
im Original, einen Zeitungsartikel betreffend ihren verschollenen Ehemann,
ein Schreiben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) so-
wie medizinische Berichte zu den Akten.
F.
Am 12. Februar 2021 (Poststempel) wurde ein aktueller medizinischer Be-
richt zu den Akten gereicht.
G.
Mit Verfügung vom 11. März 2021 – eröffnet frühestens am 12. März 2021
– lehnte das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete
die Wegweisung sowie den Vollzug an.
H.
Mit Eingabe vom 12. April 2021 erhob die Beschwerdeführerin gegen die-
sen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean-
tragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie die Rückwei-
sung an die Vorinstanz, eventualiter die Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft und die Asylgewährung, subeventualiter die Feststellung der Unzu-
lässigkeit, allenfalls der Unzumutbarkeit, des Wegweisungsvollzugs und
die Anordnung der vorläufigen Aufnahme in der Schweiz. In formeller Hin-
sicht ersuchte sie um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, um
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Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um amtliche Ver-
beiständung.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 22. April 2021 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie um
Befreiung von der Kostenvorschusspflicht gut und setzte die rubrizierte
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 6. Mai 2021 hielt das SEM vollumfänglich
an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
K.
Mit Eingabe vom 4. Juni 2021 reichte die Beschwerdeführerin einen medi-
zinischen Bericht mit Diagnose bezüglich generalisierter Angststörung und
depressiver Störung (mittelgradige Episode) zu den Akten.
L.
Am 23. Juli 2021 reichte die Beschwerdeführerin einen medizinischen Zwi-
schenbericht betreffend Hinweis auf eine Posttraumatische Belastungsstö-
rung (PTBS) zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin beantragte in ihrem Hauptbegehren, die Sa-
che sei ans SEM zurückzuweisen. Sie machte die unvollständige Sachver-
haltsabklärung sowie die Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes gel-
tend, indem die Vorinstanz es unterlassen habe, einen psychiatrischen Be-
richt abzuwarten. Angesichts ihrer psychischen Verfassung seien die Er-
eignisse, insbesondere hinsichtlich des fluchtauslösenden Vorfalls im Jahr
2017, nicht genügend abgeklärt worden, beziehungsweise habe es die
Vorinstanz in Verletzung der Untersuchungspflicht unterlassen, den Sach-
verhalt durch Vertiefungsfragen genügend zu erstellen.
3.2 Die entsprechenden Rügen stossen ins Leere. Die Beschwerdeführerin
wurde von der Vorinstanz eingeladen, einen ärztlichen Bericht einzu-
reichen. Aus dem medizinischen Bericht vom 12. Februar 2021 ergeben
sich noch keine Hinweise auf derartige gesundheitliche Probleme, dass
weitere ärztliche Abklärungen hätten abgewartet werden müssen. Die Be-
schwerdeführerin wurde denn auch auf ihre Mitwirkungspflicht gemäss
Art. 8 AsylG aufmerksam gemacht. Dazu gehört die Einreichung wichtiger
Beweismittel, weshalb in diesem Zusammenhang nicht von einer Verlet-
zung des Untersuchungsgrundsatzes auszugehen ist, zumal angesichts
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des langen vorinstanzlichen Verfahrens genügend Gelegenheit dazu be-
standen hätte. Mit der Beschwerde wurden sodann weitere ärztliche Be-
richte zu den Akten gereicht, sodass der Sachverhalt auch aktuell als voll-
ständig erstellt erachtet werden kann. Aus den Akten ergeben sich denn
auch keine Hinweise, dass weitere Abklärungen der Vorinstanz zu den Er-
eignissen im Jahr 2017 nötig wären beziehungsweise dass die Vorinstanz
ihrer Pflicht der Sachverhaltserstellung ungenügend nachgekommen wäre.
Der Antrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz wird demnach
abgewiesen, womit das Gericht in der Sache zu entscheiden hat (Art. 61
Abs. 1 VwVG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG; vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1
m.w.H.).
5.
5.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM im Wesentlichen
aus, die Schilderungen der Beschwerdeführerin seien nicht glaubhaft. Es
seien diametrale Abweichungen bezüglich den Problemen mit den Behör-
den und den Grund ihrer Ausreise nach Indien zu erkennen. Bei der BzP
habe sie angegeben, nach ihrer Teilnahme an Demonstrationen keine
Probleme mit den Behörden gehabt zu haben und wegen der Erschiessung
eines Demonstranten nach Indien gereist zu sein. Hingegen habe sie bei
der Anhörung vorgebracht, beinahe täglich von den Behörden behelligt
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worden zu sein und aufgrund einer Vergewaltigung nach Indien geflohen
zu sein. Ihre Erklärung, sie habe die Vergewaltigungen aus Angst um ihre
Kinder verschwiegen, vermöge nicht zu überzeugen. So sei nicht nachvoll-
ziehbar, weshalb sie die mutmassliche Tötung eines Demonstranten sowie
ihre Festnahme und Misshandlungen im Jahr 2010 habe nennen können,
die Vergewaltigungen aber verschwiegen hätte.
Zudem seien ihre Ausführungen zur vorgebrachten Verfolgungssituation
auffallend knapp und stereotyp ausgefallen. Im Vergleich zu den Aussagen
im Zusammenhang mit dem Verschwinden ihres Ehemannes würden sich
ihre Aussagen im Zusammenhang mit dem CID hinsichtlich Struktur und
Ausführungsdichte unterscheiden. Es erscheine zweifelhaft, dass das CID
sie wiederholt in einen Hinterhalt habe locken können und sie den Anrufern
weiterhin geglaubt habe. Insgesamt hätten ihre Aussagen nicht die Qualität
aufgewiesen, die zu erwarten gewesen wäre, wenn sie dieses Ereignis tat-
sächlich erlebt habe.
Vor diesem Hintergrund seien ihre Aussagen zum fluchtauslösenden Er-
eignis ebenfalls unglaubhaft. Sie habe bei der BzP erklärt, ein junger, mas-
kierter Mann habe an ihr Fenster geklopft, während sie bei der Anhörung
von mindestens zwei Personen, die sie belästigt und mit Gegenständen
beworfen hätten, gesprochen habe. Allerdings könne die Glaubhaftigkeit
dieser Vorbringen offen bleiben, weil der geschilderte Vorfall mangels aus-
reichender Intensität ohnehin den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft nicht genüge. Die vor Rechtskraft des ersten Asylentscheids erleb-
ten Übergriffe hätten im Botschaftsverfahren vorgebracht werden müssen
und seien auch nicht kausal für ihre Ausreise gewesen.
Auch im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka habe die Beschwerdeführerin
keine begründete Furcht vor Verfolgung. Sie sei bis im August 2018 in Sri
Lanka wohnhaft gewesen, habe also nach Kriegsende noch neun Jahre in
ihrem Heimatstaat gelebt. Weil sie mit ihrem eigenen Pass über den Flug-
hafen von Colombo ausgereist sei, sei auch kein aktuelles Verfolgungsin-
teresse der sri-lankischen Behörden an ihrer Person ersichtlich. Auch die
am 16. November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl vermöge diese Ein-
schätzung nicht umzustossen, da sie keinen persönlichen Bezug zu eben
diesem Ereignis respektive dessen Folgen dargetan habe.
5.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe hielt die Beschwerdeführerin im Wesentli-
chen an der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen fest. Hinsichtlich der vermeint-
lichen Widersprüche zu den alltäglichen Belästigungen und Behelligungen
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durch die Behörden führte sie aus, sie habe diese anlässlich der BzP – sie
sei angewiesen worden, sich kurz zu halten – nicht erwähnt, da diese ge-
nerell gewesen seien und sich auch gegen sie als alleinstehende Frau ge-
richtet hätten; andere Familien von Verschollenen hätten Ähnliches erlebt,
wie sie an der Anhörung ausgeführt habe. Vielmehr seien die einschnei-
denden Schlüsselereignisse, die zu ihrer Flucht geführt hätten, die Verge-
waltigungen in den Jahren 2010 und 2017 gewesen.
Zu ihrer Aussage bei der BzP, die Erschiessung eines Demonstranten habe
sie zur Ausreise nach Indien bewegt, führte sie aus, bei der Würdigung
dieser Aussage, sei der soziokulturelle Hintergrund, wonach Opfer von Ver-
gewaltigungen in Sri Lanka stigmatisiert und diskriminiert würden, zu be-
rücksichtigen. Diesbezügliche Tabuisierungen, Schuldzuweisungen und
traditionelle Vorstellungen würden es Opfern eines sexuellen Übergriffs er-
schweren, über die Geschehnisse zu sprechen. Somit würden Vergewalti-
gungsopfer meist zu indirekten und euphemistischen Formulierungen grei-
fen. Demnach sei nachvollziehbar, weshalb sie im Rahmen der BzP nicht
über die erlittene sexuelle Gewalt erzählt habe. Dies gelte umso mehr, da
sie durch diese Ereignisse traumatisiert sei. Ihre zuweilen knappen Aussa-
gen seien ebenfalls durch die Traumatisierung – sie sei immer wieder in
Tränen ausgebrochen und habe schreien müssen – erklärbar.
Weiter sei nachvollziehbar, dass CID-Leute sie mehrmals an verschiedene
Orte hätten locken können. Sie habe nach dem Verschwinden ihres Man-
nes ihre gesamte Energie in die Suche nach ihm gesteckt, wobei sie sich
mit diversen Hilfsorganisationen und Armeecamps in Verbindung gesetzt
habe. Es verstehe sich von selber, dass sie jede noch so kleine Spur ver-
folgt habe. Allerdings sei sie den Anrufen nicht blind gefolgt, sondern je-
weils in Begleitung von Verwandten dorthin gegangen. Schliesslich er-
gänzte die Beschwerdeführerin den Sachverhalt zum Ausreisegrund da-
hingehend, dass sie zuerst ein Klopfen an ihrem Fenster gehört habe, wo-
nach sie mit Seifenstücken und Zahnpasta beworfen worden sei.
Hinsichtlich ihrer Aussagefähigkeit führte sie aus, traumatisierte Menschen
hätten Mühe, Abläufe zeitlich und räumlich chronologisch zu schildern. Sie
könnten häufig Details nicht richtig zuordnen und einzelne Erinnerungen
nicht steuern, was zu stark unstrukturierten Aussagen führen könne. Unter
Berücksichtigung ihrer individuellen Fähigkeiten und ihres Zustandes sei
es ihr gelungen, ihre Verfolgung glaubhaft zu machen.
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Die erlittenen Vergewaltigungen seien gemäss der Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts als schwerwiegende Eingriffe in ihre körperli-
che Integrität zu qualifizieren. Weil sie bereits im Jahr 2010 Opfer einer
Vergewaltigung geworden sei, sei ihre Furcht vor weiteren Misshandlungen
und Vergewaltigungen als objektiv nachvollziehbar und realistisch einzu-
schätzen. Unter Hinweis auf internationale Berichte führte die Beschwer-
deführerin aus, sexuelle Gewalt gegen tamilische Frauen sei in Sri Lanka
weit verbreitet, wobei Täter weitgehende Straflosigkeit geniessen würden.
Oftmals werde sexuelle Gewalt auch gezielt als Folterinstrument bei Ver-
dacht auf LTTE-Verbindungen eingesetzt. Sexuelle Belästigung und Ge-
walt sowohl durch Militärangehörige als auch die Zivilbevölkerung bleibe
eine tägliche Realität für tamilische Frauen. Es sei deshalb von der fehlen-
den Schutzgewährung des sri-lankischen Staates auszugehen.
Bei einer Rückkehr nach Sri Lanka würde sie als Tamilin und alleinste-
hende Frau aus dem Norden bereits bei der Einreise systematisch ins Vi-
sier der Sicherheitskräfte geraten. Zudem sei sie einem Risiko einer asyl-
relevanten Verfolgung ausgesetzt, da ihr Mann ein LTTE-Mitglied gewesen
sei und seit dem Jahr 2007 als verschollen gelte. Angesichts der aktuellen
politischen Situation sowie ihres Risikoprofils sei sie bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch der Beschwerdeführerin mit
zutreffender Begründung abgelehnt hat. Ihre zentralen Verfolgungsvorbrin-
gen genügen den Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von
Art. 7 AsylG insgesamt nicht.
6.2 Einleitend ist festzustellen, dass die Belästigungen im Zusammenhang
mit dem Verschwinden des Ehemannes im Jahr 2007 sowie die geltend
gemachten Vergewaltigungen im Jahr 2010, selbst wenn diese glaubhaft
sind, sie heute noch prägen und traumatische Erlebnisse darstellen, nicht
zeitlich kausal für ihre Ausreise im Jahr 2018 waren und deshalb für sich
betrachtet keine Vorverfolgung zu begründen vermögen. Schliesslich ist
darauf hinzuweisen, dass sich ihre Vorbringen im Allgemeinen (abgesehen
von den Angaben zum Verschwinden ihres Ehemannes) kaum mit den
Asylvorbringen des im Jahr 2010 angestrengten Botschaftsverfahrens de-
cken.
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6.3 Entgegen der Ansicht des SEM ist es zwar durchaus nachvollziehbar,
dass die Beschwerdeführerin traumatische sexuelle Gewalterfahrungen
nicht bereits bei der BzP vorzubringen vermochte (vgl. BVGE 2013/22
E. 5.5; 2009/51 E. 4.2.3). Das verspätete Vorbringen sexueller Gewalter-
fahrungen kann durch kulturell bedingte Schuld- und Schamgefühle bezie-
hungsweise einen Selbstschutzmechanismus erklärbar sein (vgl. BVGE
2013/22 E. 5.5; 2009/51 E. 4.2.3 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 17
E. 4a-c). Opfer von Gewalt können über traumatische Erlebnisse zum Teil
nicht gleich zu Beginn des Asylverfahrens sprechen, sondern erst in des-
sen späteren Verlauf. Solche ergänzenden Aussagen dürfen nicht vor-
schnell als nachgeschoben und folglich als unglaubhaft eingestuft werden.
Vielmehr gilt es, sie bezüglich ihrer logischen Konsistenz zu überprüfen:
umfassen sie eine detailliertere und in sich stimmige Schilderung des zu
einem früheren Zeitpunkt zu Protokoll gegebenen Kerngeschehens, so
zeugt dies in der Regel von einem typischen Aussageverhalten bei Trau-
matisierten, erhöht die Aussagequalität und ist als Indiz für die Glaubhaf-
tigkeit des Erlebten zu werten. Weisen die ergänzenden Aussagen hinge-
gen bezüglich des Kerngeschehens gravierende Widersprüche zu früheren
Aussagen auf und ist die asylsuchende Person auch nicht in der Lage, sol-
che wesentlichen Ungereimtheiten plausibel zu erklären, so ist von einem
Simulationsversuch einer Traumatisierung auszugehen. Erst eine sorgfäl-
tige Analyse der im Verlauf des Asylverfahrens vorgebrachten ergänzen-
den Aussagen lässt Rückschlüsse auf deren Wahrheitsgehalt zu. Unerläss-
lich ist es dabei, die Aussagen in den länderspezifischen und soziokulturel-
len Kontext einzubetten. Wesentlich ist, dass selbst eine mit einem psy-
chologischen Gutachten diagnostizierte PTBS für sich allein nicht den
Nachweis liefert, dass die erlittene Traumatisierung unter den geltend ge-
machten Umständen tatsächlich stattgefunden hat, sondern durchaus an-
dere Ursachen als die geschilderten haben kann – auch hier bedarf es ei-
ner Gesamtbetrachtung aller Aspekte des Einzelfalls (vgl. STEPHAN PARAK,
Was stimmt denn jetzt?, in: LUDEWIG/BAUMER/TAVOR [Hrsg.], Aussagepsy-
chologie für die Rechtspraxis, 2017, S. 384).
6.4 Auch in Anbetracht des vorher Gesagten vermochte die Beschwerde-
führerin jedoch die geltend gemachte Gewalt nach 2015 und insbesondere
im Jahr 2017 nicht glaubhaft zu machen.
6.4.1 Es ist zwar durchaus verständlich, dass sie Mühe hätte, eine Verge-
waltigung zu schildern. Allerdings sind viele ihrer Schilderungen auch rund
um die entsprechenden Erlebnisse, die nicht die Vergewaltigungen betref-
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fen, dermassen substanzlos, dass die konkreten Geschehnisse nicht an-
gemessen beleuchtet wurden (vgl. B28 F74, F80). Auf konkrete Nachfra-
gen hin, wich die Beschwerdeführerin stets auf Allgemeinplätze und eine
generelle Bedrohungslage aus. Zwar machen ihre vagen Ausführungen al-
leine die Angaben nicht unglaubhaft, sie sind aber Indizien, die ihr Asylge-
such als zu wenig begründet erscheinen lassen.
6.4.2 Dem SEM ist aber insofern beizupflichten, als dass die Beschwerde-
führerin anlässlich der BzP und der Anhörung widersprüchliche Angaben
gemacht hat. Diese betreffen zentrale Punkte ihrer Asylbegründung. Ge-
mäss ihren eigenen Angaben und sogar auf Nachfrage verneinte sie bei
der BzP explizit nach ihrer Teilnahme an den Demonstrationen jemals
selbst Opfer von Gewalttaten geworden zu sein. Obgleich ihr Schweigen
zur sexuellen Gewalt verständlich ist, wäre zu erwarten gewesen, dass sie
zumindest ansatzweise die nicht sexuelle Gewalt, wie etwa Schikanen
oder Belästigungen – wie sie dies hinsichtlich der Ereignisse im Armee-
camp getan hatte (vgl. B8 Ziff. 7.02) –, bereits anlässlich der BzP erwähnt
hätte. Als Grund für die Ausreise nannte sie anlässlich der BzP denn auch
explizit nur den Tod eines anderen Demonstrationsteilnehmers und ihre be-
kundete Furcht vor zukünftigen Repressalien. Fraglich bleibt dabei, wes-
halb die Angst um ihre Kinder ausschlaggebend dafür gewesen sein soll,
dass sie an der BzP nichts von den erlittenen Vergewaltigungen erzählen
konnte.
6.4.3 Es ist der Beschwerdeführerin zwar zuzustimmen, dass ihre Schwie-
rigkeiten, die Chronologie der Ereignisse aufzuzeigen, nicht ausschlagge-
bend für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen sind. Allerdings
vermochte sie das Erlebte bloss in allzu vager und knapper Weise zu schil-
dern. Es finden sich hauptsächlich im Zusammenhang mit dem Verschwin-
den ihres Ehemannes und der Inhaftierung im Armeecamp im Jahr 2010
Realkennzeichen und Nebensächlichkeiten in ihren Erzählungen. Selbst
wenn verständlich ist, dass sie ihre Hoffnungen an Nachrichten zu ihrem
Ehemann geklammert hat, bleiben ihre Schilderungen zu den Drohungen
und einem Hinterhalt des CID gänzlich oberflächlich und wenig nachvoll-
ziehbar.
6.4.4 Widersprüche und Ungereimtheiten ergeben sich schliesslich auch
bezüglich der Ausreise im Jahr 2018. Denn die ergänzenden Aussagen zu
ihren Fluchtgründen – die ebenfalls nicht die geltend gemachte sexuelle
Gewalt betreffen – decken sich nicht vollständig mit ihren Angaben bei der
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BzP. Als Ausreisegrund im Jahr 2018 erwähnte sie einerseits die Bedro-
hung durch einen jungen, maskierten Mann am Fenster (BzP: vgl. B8
Ziff. 7.02) und andererseits mehrere Unbekannte, die Seifenstücke und
Zahnpasta an ihr Fenster geworfen hätten (Anhörung: vgl. B28 F82). Weil
sie dieses konkrete Ereignis als Ausreisegrund nannte, wäre zu erwarten
gewesen, dass sie dieses sicherlich einschneidende Erlebnis besonders
genau und detailliert hätte schildern können. Auch die freiwillige Rückreise
der Beschwerdeführerin aus Indien spricht gegen eine begründete Furcht
vor Verfolgung. Und schliesslich wirft es Fragen auf, wie sie nach nur einem
Tag – ohne Vorbereitung – mit ihrem eigenen Pass und mit einem italieni-
schen Visum ausgestattet ausgereist sein will. Insgesamt sind die Vorbrin-
gen zum fluchtauslösenden Ereignis mit Zweifeln behaftet, die auch durch
den auf Beschwerdeebene ergänzten Sachverhalt nicht entkräftet werden
können.
6.5 Diesen Erwägungen gemäss ist zwar nicht auszuschliessen, dass die
Beschwerdeführerin nach dem Verschwinden des Ehemannes oder im
Jahr 2010 einschneidende Gewalterfahrungen machen musste. Es ist je-
doch angesichts der erwähnten Substanzlosigkeit, Widersprüche und Un-
gereimtheiten – die sich nicht allein mit einer Traumatisierung erklären las-
sen – nicht davon auszugehen, dass sie in den Jahren vor der Ausreise
noch im Fokus der Behörden stand und ernsthafte Nachteile erlebt hat oder
solche objektiv zu befürchten hatte. Auch die ärztlichen Berichte, in denen
eine Angststörung, Anzeichen einer PTBS und eine mittelgradige Depres-
sion diagnostiziert werden, ändern nichts an dieser Einschätzung, zumal
sie nicht deren genaue Ursache und schon gar nicht den Zeitpunkt von
Gewalterfahrungen belegen können (vgl. Urteil des BVGer E-1728/2020
vom 16. Juni 2021 E. 9.3 m.w.H.).
7.
7.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat, weshalb die Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen wäre.
7.2 Vorliegend erwog die Vorinstanz zu Recht, es bestehe aufgrund der
Angaben der Beschwerdeführerin kein begründeter Anlass zur Annahme,
dass sie bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit oder in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnah-
men ausgesetzt sein werde. Die Beschwerdeführerin weist keine Risiko-
faktoren im Sinne des Referenzurteils E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 auf,
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aufgrund derer davon auszugehen wäre, dass ihr bei einer Rückkehr mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit asylrelevante Verfolgungsmassnahmen
drohten. Nach Ansicht des Gerichts hat sie vorliegend keine Massnahmen
zu befürchten, die über einen sogenannten Background Check (Befragun-
gen, Überprüfung von Auslandsaufenthalten und Tätigkeiten in Sri Lanka
und im Ausland) hinausgehen. Es bestehen auch keine Anhaltspunkte,
dass sie wegen Verbindungen zu den LTTE ins Visier der heimatlichen Be-
hörden geraten ist. Daran vermag auch das LTTE-Engagement ihres ver-
schollenen Ehemannes und des Cousins in Indien nichts zu ändern. Zwar
ist gerade bei Personen, die bereits in der Vergangenheit Übergriffen aus-
gesetzt waren, das subjektive Element der Furcht mitzuberücksichtigen.
Auch dies vermag vorliegend jedoch nicht zu einer anderen Einschätzung
zu führen, zumal die Beschwerdeführerin nach den Übergriffen noch viele
Jahre im Heimatstaat verblieb und von Indien her freiwillig heimkehrte. Die
Beschwerdeführerin hat zudem in der Anhörung ausdrücklich verneint, in
der Schweiz je exilpolitisch tätig gewesen zu sein (vgl. B28 F79). Daher hat
sie auch nicht zu befürchten, in Zukunft ins Visier der sri-lankischen Sicher-
heitskräfte zu geraten. Vielmehr konnte sie im Jahr 2018 mit ihrem Reise-
pass über den Flughafen Colombo legal ausreisen, ohne von den Behör-
den behelligt zu werden. Folglich erscheint ein Eintrag in die «Stop-List»
oder «Watch-List» der sri-lankischen Behörden ebenso unwahrscheinlich.
Das Gesagte gilt auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Be-
schwerdeführerin mehrere Jahre in der Schweiz als Asylbewerberin geweilt
hat und aus diesem Land zurückgeschafft würde. Denn Angehörige der ta-
milischen Ethnie sind bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell ei-
ner ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt (vgl.
E‐1866/2015 E. 8.3).
7.3 Auch die politischen Veränderungen seit November 2019 vermögen im
vorliegenden Verfahren zu keiner anderen Beurteilung zu führen. Das SEM
wies in seiner Verfügung zutreffend darauf hin, dass die Beschwerdeführe-
rin lediglich pauschal auf Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit
verwiesen hat und keinen persönlichen Bezug zu diesen Ereignissen
glaubhaft gemacht hat.
7.4 Gesamthaft ist es vorliegend nicht überwiegend wahrscheinlich, dass
die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte. Das SEM hat demnach zu Recht
festgestellt, dass sie die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und das Asyl-
gesuch abgelehnt.
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8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
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9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in
den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr («real risk») nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.5 Aktuell herrscht in Sri Lanka weder Krieg noch eine Situation allgemei-
ner Gewalt. Der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz Sri Lankas ist zu-
mutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (ins-
besondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. E-1866/2015 E. 13.2). An dieser
Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklungen
in Sri Lanka festzuhalten.
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Das Gericht erachtet den Vollzug vorliegend als zumutbar. Wie das SEM
zutreffend ausführte, hat die Beschwerdeführerin in Sri Lanka ein tragfähi-
ges familiäres und soziales Beziehungsnetz. Ihre Eltern, ihr inzwischen
volljähriger Sohn (der als Zimmermann arbeitet), ihre ebenfalls erwach-
sene Tochter sowie zwei Schwestern leben weiterhin mit ihren Ehemän-
nern in Sri Lanka. Zwar war die Beschwerdeführerin nach Abschluss ihres
O-Levels nie erwerbstätig, sie wurde aber gemäss eigenen Angaben durch
ihre im Ausland lebenden Brüder und die Eltern finanziell unterstützt. Das
Gericht geht davon aus, dass sie – sollte sie keiner Erwerbstätigkeit nach-
gehen können – weiterhin finanzielle Unterstützung durch die in Sri Lanka
lebenden Verwandten sowie ihre in der Schweiz und im Vereinigten König-
reich wohnhaften Geschwister erhalten wird. Somit ist davon auszugehen,
dass sie bei ihrer Rückkehr die individuellen Zumutbarkeitskriterien erfüllt.
Daran vermögen auch die auf Beschwerdeebene eingereichten Arztbe-
richte nichts zu ändern. Ihre psychischen Beschwerden können auch in Sri
Lanka, welches über ein funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem
verfügt, angemessen behandelt werden (vgl. Urteil des BVGer
D-3647/2019 vom 14. April 2021 E. 9.8; Home Office, Country Policy and
Information Note Sri Lanka: Medical Treatment and Healthcare,
< https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/up-
loads/attachment_data/file/903780/Sri_Lanka_-_Medical_CPIN_-
_v.1.0_July_2020.pdf >, abgerufen am 20.09.2021). Diesbezüglich ist da-
rauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin gemäss eigenen Angaben
in Sri Lanka bereits in psychologischer Behandlung war (vgl. B28 F111)
und gemäss ärztlichem Bericht vom 29. Juni 2021 erfolglos ein landesspra-
chiger Behandlungsplatz in der Schweiz evaluiert wurde. Ferner kann sie
auf die Möglichkeit der Inanspruchnahme medizinischer Rückkehrhilfe hin-
gewiesen werden (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverord-
nung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Nach dem Gesagten
erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar.
9.6 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten (des Verfahrens)
grundsätzlich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG;
Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Nachdem das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
mit Zwischenverfügung vom 22. April 2021 gutgeheissen wurde und es
keine Hinweise auf eine massgebliche zwischenzeitliche Veränderung gibt,
sind jedoch keine Kosten aufzuerlegen.
11.2 Mit derselben Zwischenverfügung wurde die rubrizierte Rechtsvertre-
terin der Beschwerdeführerin als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet.
Diese ist unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu entschädigen soweit
dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). In
ihrer Kostennote vom 12. April 2021 hat die Rechtsvertreterin einen Auf-
wand von insgesamt 12 Stunden (Besprechung, Aktenstudium und Verfas-
sen der Beschwerde) geltend gemacht, was als der Sache nicht angemes-
sen und zu hoch bezeichnet werden muss. Nach dem Gesagten ist das
amtliche Honorar aufgrund der Aktenlage, der massgebenden Bemes-
sungsfaktoren (Art. 12 i.V.m. Art. 9-11 VGKE) und des praxisgemässen
Stundenansatzes auf Fr. 1364.– festzusetzen (was einem Aufwand von
8 Stunden entspricht, inkl. Auslagen; das amtliche Honorar umfasst keinen
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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