Decision ID: 75933b51-05c0-5418-9c06-b8b0daffe87d
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Daniel Ehrenzeller, Engelgasse 214, 9053 Teufen,
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gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.a A._ meldete sich am 15. Januar 2005 wegen seit Oktober 2003 häufig
auftretender Krampfanfälle zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung bei der
IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1).
A.b Am 27. Januar 2005 erstattete der Hausarzt der Versicherten, Dr. med. B._,
Facharzt FMH für Innere Medizin, einen Arztbericht. Er diagnostizierte eine seit Oktober
2003 bestehende, anhaltende Anpassungsstörung mit depressiver Entwicklung, seit
Oktober 2003 täglich vorkommende Krampfanfälle, eine im Februar 2004 erstmals
diagnostizierte Epilepsie sowie Spannungskopfschmerzen und attestierte eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten (IV-act. 8–1 ff.). Seinem Bericht
legte er den Austrittsbericht der Klinik C._ betreffend eine stationäre Behandlung
vom 26. Januar bis 5. März 2004 bei, in welchem eine Anpassungsstörung, der
Verdacht auf rezidivierende dissoziative Krampfanfälle und Spannungskopfschmerzen
sowie – bezugnehmend auf einen entsprechenden Bericht von Dr. med. D._,
Facharzt FMH für Neurologie, vom 27. Februar 2004 (IV-act. 8–9 f.) – epileptogene
Potentiale im Schlafentzugs-Elektroencephalogramm mit dringendem Verdacht auf
rezidivierende tonisch-klonische Anfälle diagnostiziert und prognostisch von voller
Arbeitsfähigkeit nach Erreichen der Zieldosis des von Dr. D._ empfohlenen
Antiepileptikums ausgegangen worden war (IV-act. 8–5 ff.).
A.c Mit Verfügung vom 12. April 2006 sprach die IV-Stelle der Versicherten eine ganze
Rente mit Wirkung ab 1. Oktober 2004 zu (IV-act. 30).
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A.d Dagegen erhob die betroffene Einrichtung der beruflichen Vorsorge am 19. Mai
2006 Einsprache. Sie beantragte die Durchführung einer medizinischen Begutachtung
und führte zur Begründung im Wesentlichen aus, Dr. B._ habe in seinem Arztbericht
vom 27. Januar 2005 auf eine ausstehende neurologische Untersuchung hingewiesen;
die entsprechenden Ergebnisse hätten vor Verfügungserlass eingeholt und berück
sichtigt werden müssen. Zudem fehle ein zeitgerechter Verlaufsbericht. Die Klinik C._
habe zudem keine länger dauernde Arbeitsunfähigkeit attestiert. Generell würden
Aussagen zu allfälligen therapeutischen Massnahmen in den Akten fehlen (IV-act. 31).
A.e Die Versicherte wurde mit Schreiben vom 23. Mai 2006 über die Einsprache
informiert und zur Stellungnahme eingeladen (IV-act. 42).
A.f Auf Anfrage der IV-Stelle hin (vgl. IV-act. 43) erstattete Dr. B._ am 2. November
2006 einen Verlaufsbericht. Er hielt fest, der Zustand der Versicherten habe sich seit
Januar 2005 nicht verändert; sie sei nach wie vor arbeitsunfähig für sämtliche
Tätigkeiten (IV-act. 44–1 ff.). Seinem Bericht legte er die Berichte der Klinik für
Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen vom 1. März und 1. Juni 2005 bei. Im ersten
Bericht vom 1. März 2005 hatten die Ärzte rezidivierende Zustände mit Sturz und
fehlender Reaktion auf Ansprache sowie Zuckungen der Arme und Beine und als
Differenzialdiagnosen dissoziative Anfälle bei bekannter Anpassungsstörung oder
epileptische Anfälle bei unauffälligem klinisch-neurologischem Status und unauffälligem
Elektroencephalogramm diagnostiziert (IV-act. 44–4 ff.). Im zweiten Bericht vom 1. Juni
2005 hatten die Ärzte nach Durchführung eines weiteren Elektroencephalogramms
nach Schlafentzug und einer Magnetresonanztomographie eine genuine Epilepsie
ausgeschlossen (IV-act. 44–8 f.). Am 30. März 2007 erstatteten die behandelnden Ärzte
des Psychiatrie-Zentrums E._ einen Arztbericht. Sie diagnostizierten eine schwere
depressive Episode mit psychotischen Symptomen sowie eine Epilepsie mit
epileptischen und dissoziativen Anteilen und attestierten eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit ab Oktober 2003 (IV-act. 47).
A.g Im Anschluss an eine interne Besprechung zwischen Rechtsdienst und regionalem
ärztlichen Dienst (RAD) beauftragte die IV-Stelle das Schweizerische Epilepsie Zentrum
(EPI) mit der Durchführung einer stationären neurologisch-psychiatrischen
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Begutachtung (IV-act. 51 und 54). Dies wurde der Versicherten am 22. Februar 2008
mitgeteilt (IV-act. 53).
A.h Am 9. Juni 2008 widerrief die IV-Stelle ihre Verfügung vom 12. April 2006 (IV-
act. 56).
A.i Die stationäre Begutachtung erfolgte vom 31. März bis 4. April 2008; das
Gutachten wurde am 8. September 2008 erstattet. Die Gutachter diagnostizierten
psychogene nicht-epileptische bzw. dissoziative Anfälle bei neurotischer Entwicklung,
differenzialdiagnostisch im Kontext einer neurotischen Persönlichkeitsstörung, eine
chronifizierte Anpassungsstörung, ein reduziertes allgemeines kognitives
Leistungsniveau, vermutlich im Bereich einer Lernbehinderung, sowie den Verdacht auf
medikamentöse Non-Compliance und attestierten 100%ige Arbeitsfähigkeit für
sämtliche Arbeiten, die nicht auf Leitern und Gerüsten bzw. an gefährlichen Maschinen
verrichtet werden und keine höheren kognitiven bzw. intellektuellen Ansprüche stellen;
dies rückwirkend seit Oktober 2003 (IV-act. 57).
A.j Am 13. Oktober 2008 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die
zuständige Ausgleichskasse auffordere, die gemäss nicht in Rechtskraft erwachsener
Verfügung vom 12. April 2006 zugesprochenen Rentenleistungen per sofort
einzustellen (IV-act. 58). Am 23. Oktober 2008 teilte der Ehemann der Versicherten
telefonisch mit, er überlege sich, gegen die in Aussicht gestellte Verfügung
Rechtsmittel zu erheben (IV-act. 59).
A.k Mit Vorbescheid vom 19. Februar 2009 teilte die IV-Stelle mit, dass die Abweisung
des Rentengesuchs und die Einstellung der laufenden Rentenzahlungen vorgesehen
sei (IV-act. 64). Dagegen erhob die Versicherte am 23. März 2009 Einwand. Sie führte
aus, das Gutachten des EPI überzeuge nicht. Sie könne angesichts ihrer häufigen
Anfälle keiner Erwerbstätigkeit nachgehen (IV-act. 65). Ihrem Einwand legte sie den
Austrittsbericht des Spitals G._ vom 5. Februar 2009 betreffend eine stationäre Be
handlung vom 4./5. Februar 2009 bei Status nach psychogenem Krampfanfall mit
fraglicher Commotio cerebri (IV-act. 68–1 und 70) sowie den Bericht des Psychiatrie-
Zentrums E._ vom 17. März 2009 mit der Diagnose dissoziativer Krampfanfälle (IV-
act. 68–2 f.) bei.
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A.l Mit Verfügung vom 7. April 2009 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab und
stellte die laufenden Rentenzahlungen ein (IV-act. 71).
B.
B.a Dagegen richtet sich die am 26. Februar 2010 erhobene Beschwerde, mit der die
Ausrichtung einer ganzen Invalidenrente mit Wirkung ab Oktober 2004 beantragt und
zur Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, die Beschwerdeführerin habe erst
am 29. Januar 2010 Kenntnis von der abweisenden Verfügung vom 7. April 2009
erhalten, das Gutachten des EPI sei zu stark auf die Frage, ob klassische Epilepsie-
Potentiale vorhanden seien, beschränkt und zudem in sich selber widersprüchlich, weil
niemand eine Arbeitnehmerin einstellen würde, welche regelmässig Anfälle habe.
Zudem habe die Beschwerdeführerin die Widerrufsverfügung vom 9. Juni 2008 nie
erhalten und die Beschwerdegegnerin hätte daher nachweisen müssen, dass sich der
Gesundheitszustand seit der Rentenzusprache erheblich verändert habe. Dieser
Nachweis sei nicht erbracht worden, weshalb die angefochtene Verfügung
unbeachtlich sei bzw. die ursprüngliche rentenzusprechende Verfügung als nicht
aufgehoben zu qualifizieren sei (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer
Beschwerdeantwort vom 23. März 2010 führte sie zur Begründung im Wesentlichen
aus, es könne nicht bewiesen werden, dass die Beschwerdeführerin die angefochtene
Verfügung vor dem 29. Januar 2010 erhalten habe, weshalb auf die Beschwerde
einzutreten sei. Der Widerruf der rentenzusprechenden Verfügung sei rechtsgültig
erfolgt, weshalb sich nicht die Frage stelle, ob sich der Gesundheitszustand
nachträglich erheblich verändert habe. Das Gutachten des EPI sei umfassend und
überzeugend und die Abweisung des Rentengesuchs gestützt darauf nicht zu
beanstanden (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 6. Oktober 2010 liess die Beschwerdeführerin an ihren mit
Beschwerde vom 26. Februar 2010 gestellten Anträgen festhalten (act. G 20).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 22).

Erwägungen:
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1.
An sich wäre davon auszugehen, dass der Beschwerdeführerin die angefochtene
Verfügung vom 7. April 2009 in der ersten Hälfte des Monats April 2009 zugestellt
wurde, womit die vorliegende Beschwerde verspätet erhoben worden wäre. Da
allerdings aufgrund der nachvollziehbaren und glaubwürdigen Ausführungen der
Beschwerdeführerin davon auszugehen ist, dass ihr die angefochtene Verfügung nicht
zugestellt wurde und sie erst im Rahmen einer Ende Januar 2010 gewährten Einsicht in
die Akten Kenntnis davon erhalten hat, und da die Beschwerdegegnerin die Zustellung
der Verfügung vom 7. April 2009 nicht beweisen kann, ist die vorliegende Beschwerde
als rechtzeitig erhoben zu qualifizieren und auf sie einzutreten.
2.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht stellt sich weiter die Frage, wie der Umstand, dass die
Beschwerdeführerin, wie sie behauptet, die Widerrufsverfügung vom 9. Juni 2008 nicht
erhalten habe, zu würdigen ist. Diesbezüglich ist zunächst festzuhalten, dass die
rentenzusprechende Verfügung vom 12. April 2006 nicht in formelle Rechtskraft
erwachsen ist, nachdem die betroffene Vorsorgeeinrichtung rechtzeitig Einsprache
dagegen erhoben hat. Der Beschwerdeführerin war denn auch bekannt, dass ein
Einspracheverfahren hängig war, erhielt sie doch zuerst eine entsprechende Mitteilung
mit Gehörsrecht (IV-act. 42) und wurde sie später aufgefordert, sich einer
medizinischen Begutachtung zu unterziehen (IV-act. 53). Ungeachtet dessen, ob sie die
Widerrufsverfügung erhalten hat oder nicht, war das Einspracheverfahren – auch für die
Beschwerdeführerin erkennbar – nicht abgeschlossen. Sie konnte nach Treu und
Glauben jedenfalls nicht davon ausgehen, das (aus ihrer Sicht noch hängige)
Einspracheverfahren sei ohne formellen Entscheid abgeschlossen worden und die
rentenzusprechende Verfügung gleichsam in Rechtskraft erwachsen. Ein
schutzwürdiges Vertrauen in die Rentenausrichtung konnte nicht entstehen, auch wenn
die IV-Stelle bzw. die Ausgleichskasse bereits mit der Rentenauszahlung begann – wie
sie dies praxisgemäss bereits vor Rechtskraft der leistungszusprechenden
Verfügungen tut. Da die Beschwerdeführerin sowohl einen Vorbescheid als auch eine
Verfügung erhielt, ist ihr aus der allenfalls nicht erfolgten Zustellung der
Widerrufsverfügung kein Nachteil erwachsen. Sie kann daher daraus nichts zu ihren
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Gunsten ableiten. Ginge man mit dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin davon
aus, mangels Zustellung der Widerrufsverfügung sei die ursprüngliche Verfügung
gleichsam in formelle Rechtskraft er-wachsen – was abwegig wäre, weil bekanntlich ein
Einspracheverfahren hängig war –, wäre man mit dem unlösbaren Problem konfrontiert,
dass über ein und denselben Streitgegenstand gegenüber einer Partei (der
Beschwerdeführerin) formell rechtskräftig verfügt worden wäre, gegenüber einer
anderen Partei (der Vorsorgeeinrichtung) dgegen nicht. Dies spricht dafür, dass der
Widerruf trotz allenfalls nicht erfolgter Zustellung seine Wirkung auch gegenüber der
Beschwerdeführerin entfaltet hätte. Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens ist
daher die erstmalige Beurteilung des Rentenanspruchs der Beschwerdeführerin.
3.
In materieller Hinsicht besteht sodann kein Anlass, nicht auf das Gutachten des EPI
abzustellen. Die Beschwerdeführerin wurde am EPI stationär neurologisch und
psychiatrisch begutachtet, die Gutachter haben die Vorakten berücksichtigt und sich
ausführlich mit denselben auseinandergesetzt, ihrer Beurteilung sowohl die Anamnese
als auch die Ergebnisse der von ihnen durchgeführten Untersuchungen und Tests wie
auch die Beobachtungen während des stationären Aufenthalts zugrunde gelegt und
ihre Schlussfolgerungen nachvollziehbar und überzeugend begründet. Insbesondere
haben die Gutachter sich eingehend mit der faktischen Situation der
Beschwerdeführerin einerseits und dem aus medizinisch-theoretischer Sicht
zumutbaren Leistungsprofil andererseits auseinander gesetzt und nachvollziehbar und
überzeugend aufgezeigt, dass es der Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht
möglich wäre, trotz ihrer dissoziativen Störung Arbeit zu verrichten. Sodann haben die
Gutachter aufgezeigt, wie vorzugehen wäre, um die Beschwerdeführerin zur effektiven
Verrichtung einer Erwerbstätigkeit im Vollpensum hinzuführen. Dass dies schwierig sein
dürfte und zu befürchten ist, dass es der Beschwerdeführerin an der nötigen Motivation
zur Umsetzung des Planes fehlen dürfte, ändert allerdings nichts daran, dass ihr aus
medizinisch-theoretischer Sicht nachvollziehbar eine volle Arbeitsfähigkeit für die
angestammte und sonstige dem Leiden angepasste Tätigkeit attestiert wurde, denn die
prognostischen Probleme, diese Arbeitsfähigkeit effektiv zu verwerten, ist auf Gründe
zurückzuführen, die hinsichtlich des Rentenanspruchs gegenüber der
Invalidenversicherung unbeachtlich bleiben müssen. Die übrigen medizinischen
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Berichte enthalten keine Hinweise, die Zweifel an der Beurteilung durch die Ärzte des
EPI aufkommen lassen würden; insbesondere haben die behandelnden Ärzte des
Psychiatrie-Zentrums E._ in ihrem letzten Bericht vom 17. März 2009 sich die
Beurteilung des EPI zu eigen gemacht (zumindest hinsichtlich der Indikation einer
stationären psychiatrischen Behandlung) und keine Arbeitsfähigkeitsschätzung
abgegeben.
4.
Gesamthaft besteht kein Grund, die angefochtene Verfügung aufzuheben. Sie erweist
sich als rechtens, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist. Der Beschwerdeführerin
sind die gemäss Art. 69 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20) zu verlegenden und praxisgemäss angesichts des durchschnittlichen
Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichtskosten vollumfänglich aufzuerlegen.
Der von ihr geleistete Kostenvorschuss in selbiger Höhe wird ihr daran angerechnet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP