Decision ID: 4708c653-a112-40ff-9177-5ce31c7f95a9
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Der 1983 geborene und zuletzt als Allrounder in einer Autowerkstatt tätig
gewesene Beschwerdeführer meldete sich erstmals am 14. August 2012
aufgrund eines Rückenleidens und von Rheuma zum Bezug von Leistun-
gen der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) an. Nachdem berufli-
che Massnahmen erfolglos geblieben waren, verneinte die Beschwerde-
gegnerin mit Verfügung vom 29. März 2017 einen Rentenanspruch und
schloss die beruflichen Eingliederungsbemühungen mit Verfügung vom
31. Mai 2017 ab.
1.2.
Nach vorgängiger Anmeldung zur Früherfassung meldete sich der Be-
schwerdeführer am 13. November 2018 wegen Rücken- und Handgelenks-
beschwerden sowie Adipositas mit muskulärer Dysbalance erneut zum
Leistungsbezug an. Nach Abklärungen, namentlich der Durchführung einer
bidisziplinären (psychiatrisch-rheumatologischen) Begutachtung durch die
ABI Ärztliches Begutachtungsinstitut GmbH (ABI-Gutachten vom 28. Sep-
tember 2020), verneinte die Beschwerdegegnerin einen Rentenanspruch
des Beschwerdeführers mit Verfügung vom 7. Oktober 2021 wie vorbe-
schieden.
2.
2.1.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 3. November 2021
fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Anträge:
"1. Die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 7.10.2021 sei aufzuheben.
2. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, dem Beschwerdeführer ein Aufbautraining zu gewähren. Nach Durchführung des Aufbautrainings sei ein neues psychiatrisches Gutachten in Auftrag zu geben.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der ."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 21. Dezember 2021 beantragte die Beschwerde-
gegnerin die Abweisung der Beschwerde.
- 3 -
2.3.
Mit Verfügung vom 23. Dezember 2021 lud der Instruktionsrichter die aus
den Akten erkennbare berufliche Vorsorgeeinrichtung des Beschwerdefüh-
rers bei. Innert Frist ging keine Stellungnahme der Beigeladenen ein.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom
7. Oktober 2021 einen Rentenanspruch des Beschwerdeführers zu Recht
verneint hat (Vernehmlassungsbeilage [VB] 217).
1.2.
Die angefochtene Verfügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den all-
gemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich mass-
gebenden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V 354
E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen
der IVV sowie des ATSG in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen
Fassung anwendbar.
1.3.
Soweit der Beschwerdeführer im vorliegenden Verfahren einen Anspruch
auf Eingliederungsmassnahmen (Aufbautraining) geltend macht, ist darauf
hinzuweisen, dass im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren
grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu überprüfen und zu beurteilen sind,
zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in
Form einer Verfügung – Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die
Verfügung den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegen-
stand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an
einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfügung er-
gangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1 S. 164 f.; vgl. auch BGE 135 V 148 E. 5.2
S. 150; 135 V 141 E. 1.4 S. 144 ff.; 132 V 393 E. 2.1 S. 396).
Mit Verfügung vom 7. Oktober 2021 wurde lediglich über einen Rentenan-
spruch entschieden, nicht jedoch über den Anspruch auf Eingliederungs-
massnahmen. Dies ergibt sich einerseits aus dem Betreff "Kein Anspruch
auf eine Invalidenrente" (VB 217 S. 1) und andererseits aus dem Hinweis
"Sollte betreffend beruflichen Massnahmen ein separater Entscheid ge-
wünscht werden, erwarten wir eine kurze schriftliche Mitteilung" (VB 217
S. 3). Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen bildet somit nicht Ge-
genstand der angefochtenen Verfügung, weshalb auf den entsprechenden
Antrag des Beschwerdeführers (Antrag Ziff. 2 1. Satz) nicht einzutreten ist.
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Abklärungen hinsichtlich Einglie-
- 4 -
derungsmassnahmen zwar grundsätzlich abgeschlossen sein müssen, be-
vor eine Invalidenrente zugesprochen werden kann. Sofern jedoch ein ren-
tenbegründender Invaliditätsgrad bereits vorher nicht gegeben ist, kann der
Rentenentscheid unabhängig von allfälligen Eingliederungsmassnahmen
gefällt werden (Urteil des Bundesgerichts 8C_585/2021 vom 6. Januar
2022 E. 5.1).
2.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der angefochtenen Verfügung vom
7. Oktober 2021 im Wesentlichen auf das ABI-Gutachten der Dres. med.
C., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und F., Facharzt für All-
gemeine Innere Medizin und für Rheumatologie, vom 28. September 2020.
Die Gutachter stellten die folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Ar-
beitsfähigkeit:
"Chronisches lumbospondylogenes Schmerzsyndrom (ICD-10 M54.4) - Klinik: Schmerzhaft eingeschränkte LWS-Beweglichkeiten, keine Hin-
weise für eine neurologische Komplikation - Bildgebung: St. n. thorakolumbalem Morbus Scheuermann, Osteo-
chondrosen und Spondylosen Th12/L1 bis L3/4, tieflumbale  (MRI LWS 09/2018 und aktuelles Rx)"
Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit seien eine Schmerzverarbei-
tungsstörung (ICD-10 F54), narzisstische und impulsive Persönlichkeits-
züge (ICD-10 Z73.1) und deutliche Senkfüsse (ICD-10 M21.4). Aus rheu-
matologischer Sicht bestehe seit September 2018 in der bisherigen Tätig-
keit als Allrounder in einer Autogarage eine Arbeits- und Leistungsfähigkeit
von 10-20 %, während in einer adaptierten Tätigkeit mit nur leichter
Rückenbelastung, ohne langes Stehen oder Gehen oder Sitzen und mit der
Möglichkeit zu Wechselpositionen sowie ohne monoton-repetitive Haltun-
gen oder Bewegungen und ohne Überkopftätigkeiten eine Arbeits- und
Leistungsfähigkeit von 90 % attestiert werde. Aus psychiatrischer Sicht sei
die Arbeits- und Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt (VB 179.1 S. 8 f.;
179.3 S. 8 f.; 179.4 S. 7).
3.
3.1.
3.1.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situ-
ation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet
sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
- 5 -
3.1.2.
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Be-
richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergeb-
nissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken-
nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper-
tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).
3.2.
Das ABI-Gutachten vom 28. September 2020 wird den von der Rechtspre-
chung formulierten Anforderungen an eine beweiskräftige medizinische
Stellungnahme gerecht. Das Gutachten ist in Kenntnis der Vorakten
(Anamnese) erstellt worden (vgl. VB 179.2 S. 2 ff.; 179.4 S. 1), gibt die sub-
jektiven Angaben des Beschwerdeführers ausführlich wieder (vgl.
VB 179.3 S. 2 ff.; 179.4 S. 3 f.), beruht auf allseitigen Untersuchungen der
beteiligten Fachdisziplinen (vgl. VB 179.3 S. 5 f.; 179.4 S. 4 ff.), und die
Gutachter setzten sich im Anschluss an die Herleitung der Diagnosen ein-
gehend mit den subjektiven Beschwerdeangaben bzw. den medizinischen
Akten auseinander (vgl. VB 179.3 S. 6 ff.; 179.4 S. 5 ff.). Das Gutachten ist
in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizini-
schen Situation nachvollziehbar und damit grundsätzlich geeignet, den Be-
weis für den anspruchserheblichen medizinischen Sachverhalt zu erbrin-
gen.
4.
4.1.
Der Beschwerdeführer beanstandet, dass die Beschwerdegegnerin seine
Einwendungen gegen den Vorbescheid inkl. medizinische Berichte seines
Psychiaters der Gutachterstelle zur Stellungnahme vorgelegt habe. Ob auf
das Gutachten abgestellt werden könne, sei eine juristische Frage und hin-
sichtlich medizinischer Fragen habe die Verwaltung die Hilfe des RAD bei-
zuziehen und nicht jene der Gutachterstelle, die gemäss Art. 44 ATSG un-
abhängig sein solle (Beschwerde S. 14).
4.2.
Hält der Versicherungsträger bei Vorliegen eines externen Gutachtens Er-
läuterungs- oder Ergänzungsfragen für notwendig, so ist er berechtigt, der
Gutachterperson solche zu stellen (BGE 136 V 113 E. 5.4 S. 116 mit Hin-
weis). Das Schreiben der Beschwerdegegnerin an die ABI vom 10. Februar
2021 (VB 194) beinhaltete im Übrigen die Frage, ob "die Einwände resp.
der neu vorliegende Bericht die Beurteilung der Gutachter zu beeinflussen
[vermöchten] bzw. [ob] dem Bericht neue medizinische Befunde zu entneh-
men [seien], welche bisher nicht berücksichtigt wurden und aufgrund derer
von der Beurteilung der Gutachter abgewichen werden müsste". Die Gut-
achter nahmen denn in der Folge auch keine Stellung zu den Einwänden
- 6 -
"im Schreiben der Juristin", sondern beschränkten sich diesbezüglich auf
den Hinweis, diese seien bereits in der Stellungnahme zum fachärztlichen
Bericht abgehandelt worden; an der Einschätzung gemäss Gutachten
werde festgehalten (VB 196 S. 2). Somit ist das Vorgehen der Beschwer-
degegnerin nicht zu beanstanden.
4.3.
Im Weiteren ist hinsichtlich des Vorwurfs der Verletzung des rechtlichen
Gehörs aufgrund der fehlenden vorgängigen Bekanntgabe der Ergän-
zungsfragen an den Beschwerdeführer (vgl. Beschwerde S. 14) festzuhal-
ten, dass eine einseitige Vorgehensweise der Beschwerdegegnerin beim
Stellen von Ergänzungsfragen vor der Zustellung des Gutachtens an den
Beschwerdeführer gemäss Rechtsprechung unzulässig wäre (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 9C_162/2019, 9C_191/2019 vom 29. Mai 2019
E. 5.3.3.2 mit Hinweisen). Vorliegend war dem Beschwerdeführer das Gut-
achten jedoch bereits im Rahmen der Gewährung der Akteneinsicht mit
Schreiben vom 4. November 2020 zugestellt worden (VB 182). Mit Schrei-
ben vom 10. Februar 2021 forderte die Beschwerdegegnerin eine Stellung-
nahme bei der ABI ein (VB 194). Mit Schreiben vom 12. April 2021 teilte die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer mit, ein "ärztliche[r] Bericht
oder medizinische Unterlagen" seien bei der ABI angefordert worden
(VB 195). Mit weiterem Schreiben vom 21. April 2021 wurde dem Be-
schwerdeführer sodann explizit Gelegenheit gegeben, sich zu den neuen
medizinischen Unterlagen zu äussern (VB 197), woraufhin der Beschwer-
deführer wiederum (wie auch nach Zustellung des Gutachtens sowie bis
dato) keine Ergänzungsfragen an die Gutachter stellte. Es kann somit von
der Heilung dieses Mangels ausgegangen werden (vgl. BGE 136 V 113
E. 5.5 S. 116).
5.
Der Beschwerdeführer beanstandet zudem, der psychiatrische Gutachter
habe sich nicht mit der Argumentation des behandelnden Facharztes aus-
einandergesetzt. Es sei nicht nachvollziehbar, dass bei Vorliegen einer Per-
sönlichkeitsstörung nicht per se eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
resultiere und weshalb schwierige Lebensverhältnisse keinen Einfluss auf
die Diagnostik haben sollten. Ausserdem habe sich die Gutachterstelle
nicht vollständig mit den Vorakten, insbesondere mit der "Diagnose einer
rezidivierenden affektiven Störungen, rezidivierende kurze depressive Epi-
soden (ICD-10: F38.1)" auseinandergesetzt, weshalb nur schon deshalb
nicht auf das Gutachten abgestellt werden könne. Diese Diagnose sei über-
dies anhand einer Langzeitverlaufsbeobachtung durch den behandelnden
Facharzt und nicht – wie vom Gutachter angenommen - aufgrund eines
Selbstbeurteilungsbogens gestellt worden (Beschwerde S. 10 ff.).
- 7 -
5.1.
5.1.1.
Der behandelnde Facharzt, Dr. med. D., Facharzt für Psychiatrie und Psy-
chotherapie, stellte in seinem Bericht vom 30. April 2020 die folgenden psy-
chiatrischen Diagnosen (VB 160 S. 5):
"Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD10: F45.41), gestellt Dezember 2019 Andere rezidivierende affektive Störungen, rezidivierende kurze  Episoden (ICD-10: F38.1) Vd.a. Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen, emotional-instabilen und dependenten Anteilen. Weitere Exploration der Persönlichkeitsstruktur durch uns. Wir empfehlen eine umfassende Persönlichkeitsdiagnostik durch einen Gutachter"
Seit September 2018 bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (VB 160
S. 3). Dem Bericht ist weiter zu entnehmen, dass Hinweise für Gedächtnis-
störungen bestünden; die Konzentration und die Aufmerksamkeit seien teil-
weise schmerzbedingt reduziert. Das formale Denken sei "logisch und ko-
härent, eingeengt auf die Schmerzsymptomatik und die Schwierigkeiten in
seinem Leben, Grübeln". Es bestünden ausserdem Zukunftsängste. Der
Beschwerdeführer sei "[i]m Affekt leicht deprimiert, innerlich unruhig, [habe]
Insuffizienzgefühle, Reizbarkeit". Der Antrieb sei reduziert, und es bestehe
ein sozialer Rückzug. Im BDI-II (Beck Depressionsinventar) habe er einen
Wert von 31 Punkten erzielt, was einer schweren depressiven Symptoma-
tik entspreche. Hierbei handle es sich jedoch nicht um eine anhaltende de-
pressive Störung. Vielmehr komme es immer wieder zu kurzen depressiven
Episoden, meistens aufgrund von interaktionellen Schwierigkeiten, "von
welchen" sich der Beschwerdeführer selber innerhalb von Tagen wieder
stabilisieren könne (VB 160 S. 4). Betreffend "Tagesablauf/Aktivitäten"
führte Dr. med. D. aus, der Beschwerdeführer stehe um 6 Uhr auf, bereite
das Frühstück vor und mache die Kinder bereit für die Schule. Je nach Ver-
fassung erledige er danach Hausarbeiten. Spaziergänge und kleinere Ein-
käufe seien aufgrund der Schmerzen nicht möglich. Weiter bereite er das
Mittag- und das Abendessen zu und kümmere sich am Nachmittag um die
Kinder. Gelegentlich treffe er sich mit Freunden. Hobbies habe er wenig. Er
spiele gerne PC-Spiele oder schaue Filme (VB 160 S. 3 f.).
5.1.2.
In der Stellungnahme vom 7. Januar 2021 hielt der behandelnde Facharzt
(nach Kenntnisnahme des Gutachtens; vgl. E. 2 hiervor) im Wesentlichen
fest, es sei für ihn nicht nachvollziehbar, weshalb der psychiatrische Gut-
achter nicht von den Diagnosen einer Schmerzstörung und einer Persön-
lichkeitsstörung ausgehe (VB 191 S. 3). Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit
finden sich keine Ausführungen in diesem Bericht (VB 191). In der Stellung-
nahme vom 21. Januar 2021 wurde ergänzend zu den bereits gestellten
Diagnosen (vgl. E. 5.2.1. hiervor) die bisherige Verdachtsdiagnose erset-
- 8 -
zend eine "Kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen, emotio-
nal-instabilen und paranoiden Zügen (ICD-10: F61.0)" gestellt. Aus "psy-
chischer Sicht" bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 20-40 % "in einem geeig-
neten Rahmen" (VB 191 S. 1).
5.1.3.
Im Bericht vom 9. Februar 2021 hielt der RAD-Arzt Dr. med. E., Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, bezüglich der fachärztlichen Einschät-
zung (VB 160 und 191) fest, das bidisziplinäre Gutachten erfülle die versi-
cherungsmedizinischen Vorgaben; die Ausführungen des psychiatrischen
Gutachters seien nachvollziehbar (VB 193 S. 4). Dennoch seien die medi-
zinischen Unterlagen und Einwände des behandelnden Facharztes dem
Gutachter zur Stellungnahme vorzulegen (VB 193 S. 5).
5.1.4.
In der gutachterlichen Stellungnahme vom 25. März 2021 hielten die Gut-
achter im Wesentlichen an ihrer Beurteilung gemäss Expertise vom
28. September 2020 fest (VB 196). Auch der behandelnde Psychiater be-
stätigte daraufhin in seiner Stellungnahme vom 28. Juli 2021 seine bishe-
rige Beurteilung (VB 214). Dem in der Folge eingeholten RAD-Bericht vom
4. Oktober 2021 ist zu entnehmen, es könne unter Berücksichtigung des
fünfjährigen Arbeitsverhältnisses, der stabilen familiären Situation und des
erhobenen unauffälligen psychischen Befundes nachvollzogen werden,
dass vom psychiatrischen Gutachter keine Persönlichkeitsstörung diagnos-
tiziert werde. Das Alltagsaktivitätsniveau spreche sodann gegen eine an-
haltende somatoforme Schmerzstörung (VB 216 S. 4).
5.1.5.
Nach Verfügungserlass am 7. Oktober 2021 teilte der behandelnde Psychi-
ater dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit Schreiben vom
28. Oktober 2021 ausserdem mit, im Juli 2021 habe der Beschwerdeführer
mit einer antidepressiven Medikation begonnen (VB 218 S. 40).
5.2.
5.2.1.
Vorab ist festzuhalten, dass den Gutachtern im Zeitpunkt der Begutachtung
sämtliche medizinischen Unterlagen vorlagen (VB 179.2 S. 2 f.).
Es ist davon auszugehen, dass die Gutachter die in den Unterlagen enthal-
tenen Informationen bei ihrer Beurteilung berücksichtigt haben (vgl. Urteile
des Bundesgerichts 8C_616/2017 vom 14. Dezember 2017 E. 6.2.2 und
8C_209/2017 vom 14. Juli 2017 E. 4.2.2 mit Hinweis auf 9C_20/2017 vom
29. März 2017 E. 3.2) und es ist grundsätzlich, entgegen den Vorbringen
der Beschwerdeführers (Beschwerde S. 13), dem Ermessen der Gutachter
überlassen, mit welchen früheren Arztberichten sie sich in der Expertise
auseinandersetzen wollen und in welchem Umfang sie dies gegebenenfalls
- 9 -
tun. Entscheidend ist, dass die Gutachter über das vollständige medizini-
sche Dossier verfügen und ihre Beurteilung in Kenntnis der Unterlagen ab-
gegeben haben (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_651/2017 vom
19. Juni 2018 E. 4.4; 9C_212/2015 vom 9. Juni 2015 E. 4). Es bedarf kei-
ner ausdrücklichen Stellungnahme zu jeder einzelnen abweichenden Mei-
nung, sondern es wird von medizinischen Experten eine in Kenntnis der
Aktenlage gebildete eigenständige Beurteilung erwartet (vgl. SVR 2009 UV
Nr. 29 S. 101, 8C_669/2008 vom 25. Februar 2009 E. 3).
In dem vom Beschwerdeführer – im Rahmen seiner Argumentation, wes-
halb auf die Schlussfolgerungen der Gutachter nicht abgestellt werden
könne – zitierten Urteil des Bundesgerichts (Beschwerde S. 13; BGE 137
V 210 E. 6.2.4 S. 270) handelt es sich um eine andere Ausgangslage,
nachdem im vorliegenden Fall der psychiatrische Gutachter doch ausführ-
lich dargelegt hat, weshalb er die strittigen Diagnosen nicht stellen könne
(VB 179.3 S. 8). So gestalte der Beschwerdeführer seinen Alltag aktiv,
habe eine gute Beziehung mit seinen Familienangehörigen, gehe einigen
Aktivitäten nach und sei im Alltag nicht durch psychische Beschwerden be-
einträchtigt. Weiter liege keine Persönlichkeitsstörung vor, habe der Be-
schwerdeführer doch während Jahren mit guter Leistung gearbeitet, wobei
eine seiner Anstellungen fünf Jahre gedauert habe. Er sei entsprechend in
der Lage, mit seiner erhöhten Kränkbarkeit und seiner Neigung zu impulsi-
ven Reaktionen umzugehen (VB 179.3 S. 8). Diese Angaben decken sich
im Wesentlichen mit den Angaben in den Berichten des behandelnden Psy-
chiaters (vgl. insb. E. 5.1.1. hiervor). Zwar geht aus dem Bericht vom
30. April 2020, wie vom Beschwerdeführer vorgebracht (Beschwerde S. 6),
ebenfalls hervor, dass Pausen eingelegt werden müssten und dass der Be-
schwerdeführer die entsprechenden Tätigkeiten aufgrund der Beschwer-
den an manchen Tagen nicht ausüben könne (VB 160 S. 3). Dabei ver-
kennt der Beschwerdeführer jedoch, dass der Gutachter keine gegenteili-
gen Annahmen traf (VB 179.3 S. 6). Aus den Ausführungen des psychiat-
rischen Gutachters ergibt sich vielmehr, dass sich dieser mit den Vorakten
und den vom behandelnden Psychiater gestellten Diagnosen auseinander-
gesetzt hat und überdies aufzeigte, weshalb er davon abweicht. Die gut-
achterliche Beurteilung erscheint somit nachvollziehbar und schlüssig, was
auch der RAD-Arzt bestätigte (vgl. E. 5.1.4. f. hiervor).
5.2.2.
Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit kommt es nicht in erster Linie auf
die Diagnosestellung (oder den Therapieentscheid), sondern auf den
Schweregrad der ärztlich attestierten gesundheitlichen Beeinträchtigung
und dementsprechend auf das Mass ihrer Auswirkungen auf die Arbeitsfä-
higkeit an (vgl. Urteil des Bundesgericht 9C_826/2011 vom 6. Februar 2012
E. 3.2). Es ist nämlich davon auszugehen, dass es sich um unterschiedli-
che Beurteilungen desselben (feststehenden) Sachverhalts handelt. Auch
- 10 -
den nach dem Gutachten erstellten Berichten und Stellungnahmen des be-
handelnden Facharztes sind keine massgeblichen Umstände zu entneh-
men, die nicht zumindest dem Grundsatz nach bereits aufgrund der vor der
Begutachtung vorliegenden Arztberichte bekannt waren (vgl. E. 5.1. hier-
vor).
Da der behandelnde Psychiater somit im Wesentlichen hinsichtlich der Di-
agnosestellung vom Gutachter abweicht, was aus den erläuterten Gründen
unerheblich ist, und den medizinischen Sachverhalt anders würdigt, vermö-
gen seine Vorbringen den Beweiswert des Gutachtens nicht in Frage zu
stellen. Worauf sich der behandelnde Facharzt bei der Diagnosestellung
der Depression stützte, ist folglich mangels Relevanz ebenfalls unerheblich
(vgl. Beschwerde S. 12). Dies muss umso mehr gelten, als der RAD-Psy-
chiater sich eingehend mit der vom behandelnden Arzt gestellten Diagnose
einer Persönlichkeitsstörung auseinandersetzte.
5.2.3.
Wenn der Beschwerdeführer weiter vorbringt, die Begründung der Gutach-
terstelle "die beklagten Schmerzen sind psychisch überlagert" sei weder
klar definiert, noch existiere "psychische Überlagerung" als medizinische
Terminologie im ICD-10 (Beschwerde S. 13), ist ihm entgegenzuhalten,
dass der psychiatrische Gutachter im direkten Anschluss an diese Aussage
im Gutachten ausführte "[d]er Explorand ist finanziell belastet, hat Schul-
den, wird von der Arbeitslosenkasse unterstützt, macht sich Sorgen um
seine finanzielle Zukunft. Er hatte auch wiederholt Schwierigkeiten mit Vor-
gesetzten, der Explorand kann sich schlecht unterordnen, neigt dazu, sei-
nem Ärger freien Lauf zu lassen. Er kann sich kaum vorstellen, wieder zu
arbeiten, begründet die subjektive Krankheitsüberzeugung mit seinen Be-
schwerden, die nur teilweise objektiviert werden können" (VB 179.3 S. 6).
Entsprechend wird zumindest aus dem Kontext (und jedenfalls aus der er-
gänzenden Stellungnahme vom 25. März 2021 [vgl. VB 196 S. 1]) klar, was
der Gutachter unter "psychisch überlagert" verstand. So bestehe aufgrund
der genannten psychischen Faktoren bzw. "psychosozialen Belastungen"
aufgrund der subjektiven Empfindung des Beschwerdeführers eine Diskre-
panz zwischen den tatsächlich bestehenden und den wahrgenommenen
Beeinträchtigungen. Auch diesem Vorbringen des Beschwerdeführers
kann somit nicht gefolgt werden.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Gutachter sowie der
RAD-Psychiater sich zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen sowie
deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit insgesamt ausreichend ge-
äussert haben. Die Ausführungen des behandelnden Psychiaters sowie
des Beschwerdeführers vermögen somit keine Zweifel an den entspre-
chenden Einschätzungen der Gutachter zu begründen.
- 11 -
5.3.
Dementsprechend verfängt auch die Rüge nicht, es fehle an einer Indika-
torenprüfung gemäss BGE 141 V 281 (Beschwerde S. 17). Mit den Urteilen
BGE 143 V 409 und 143 V 418 vom 30. November 2017 entschied das
Bundesgericht, dass sämtliche psychische Leiden einem auf Indikatoren
gestützten strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unter-
ziehen sind. Die Prüfung der Standardindikatoren bleibt indessen entbehr-
lich, wenn im Rahmen beweiswertiger fachärztlicher Berichte eine Arbeits-
unfähigkeit in nachvollziehbarer Weise verneint wird (vgl. BGE 143 V 418
E. 7.1 S. 429; vgl. auch SVR 2019 IV Nr. 41 S. 132, 9C_292/2018 E. 6.2.1
und SVR 2018 IV Nr. 27 S. 86, 8C_260/2017 E. 4.2.5). Nachdem das voll
beweiskräftige Gutachten vom 28. September 2020 nachvollziehbar eine
Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischen Gründen verneint hat, kann vorlie-
gend auf eine Indikatorenprüfung verzichtet werden.
6.
6.1.
Zusammenfassend sind damit weder den Ausführungen des Beschwerde-
führers (vgl. Rügeprinzip, BGE 119 V 347 E. 1a mit Hinweis auf BGE 110
V 48 E. 4a; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N. 87 zu Art. 61
ATSG) noch den medizinischen Akten Hinweise zu entnehmen, welche
Zweifel am ABI-Gutachten vom 28. September 2020 zu begründen ver-
möchten (Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit, vgl.
BGE 134 V 109 E. 9.5 S. 125 mit Hinweis auf BGE 129 V 177 E. 3.1
S. 181). Der Sachverhalt erweist sich vor diesem Hintergrund als vollstän-
dig abgeklärt, weshalb auf weitere Beweiserhebungen (vgl. Beschwerde-
antrag Ziff. 2) in antizipierter Beweiswürdigung zu verzichten ist (BGE 127
V 491 E. 1b S. 494 mit Hinweisen; SVR 2001 IV Nr. 10 S. 27 E. 4). Dem-
zufolge ist auf die gutachterliche Beurteilung sowie auf die unbestrittene
Berechnung des Invaliditätsgrads seitens der Beschwerdegegnerin abzu-
stellen und die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
6.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
6.1.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens
(Art. 61 lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung
als Sozialversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein An-
spruch auf Parteientschädigung zu.
- 12 -