Decision ID: 128f3f57-0f2e-45e6-9521-5aaf297c0388
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Der 19_ geborene A._ (nachfolgend: Versicherter) war bei der von ihm mit
Einzelzeichnungsberechtigung (siehe Publikation auf Shabex, abgerufen am 22. Mai
2018) geführten B._ GmbH, im Strassentransport tätig und dadurch bei der
Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva) gegen die Folgen von
Unfällen versichert, als er gemäss Schadenmeldung UVG vom 20. November 2016 am
27. Oktober 2016 einen mit 800 kg beladenen Palettrolli eine leicht ansteigende Rampe
hochschob und dabei in der linken Ferse einen extremen Schmerz spürte, der ihn zum
sofortigen Anhalten zwang. Auf dem Formular waren sodann die Erstbehandlung durch
Dr. med. C._, FMH Innere Medizin, und eine Arbeitsunfähigkeit ab 18. November
2016 vermerkt (Suva-act. I/1). Die Suva sagte dem Versicherten mit Schreiben vom 23.
November 2016 die Erbringung von Taggeldleistungen sowie die Vergütung der
Heilbehandlungskosten zu (Suva-act. I/7). Aufgrund bekannt gewordener neuer
Tatsachen kündigte ihm die Suva mit Schreiben vom 12. Dezember 2016 die
Überprüfung ihrer Leistungspflicht an und erklärte den Widerruf ihrer Taggeld- und
Kostengutsprache vom 23. November 2016 (Suva-act. I/9).
A.b Mit Schreiben vom 13. Dezember 2016 ersuchte die Suva den Versicherten um
Beantwortung eines Fragebogens (Suva-act. I/10) und Dr. C._ um Zustellung des
Arztzeugnisses UVG (Suva-act. I/11). Der ausgefüllte Fragebogen ging am 23.
Dezember 2016 bei der Suva ein (Suva-act. I/14). Gemäss Arztzeugnis UVG von Dr.
C._ vom 1. Januar 2017 hatte am 18. November 2016 eine Erstbehandlung
stattgefunden. Danach hatte er den Versicherten für eine MRT-Untersuchung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
linken Rückfusses/der linken Achillessehne der Radiologie Nordost, Diagnosezentrum
Gossau, zugewiesen (Suva-act. I/2), gestützt auf deren Untersuchungsergebnis vom
21. November 2016 (Suva-act. I/12) eine inkomplette Ruptur der linken Achillessehne
diagnostiziert, ab 18. November 2016 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert und
die Ruhigstellung in einem Künzli-Schuh für 6 Wochen verordnet (Suva-act. I/8, I/17).
A.c Am 9. Januar 2017 legte die Suva den Schadenfall ihrem Kreisarzt Dr. med. D._,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates,
mit der Frage vor, ob der MRT-Befund vom 21. November 2016 einer unfallähnlichen
Körperschädigung entspreche. Dr. D._ verneinte dies am 10. Januar 2017 und
erklärte zudem, dass auch kein Rückfall zu einem Ereignis aus dem Jahr 2006 gegeben
sei (Suva-act. I/19; vgl. zum Ereignis vom 30. Juli 2006 act. II/1-12).
A.d Mit Verfügung vom 11. Januar 2017 eröffnete die Suva dem Versicherten, dass die
Fuss- und Achillessehnenbeschwerden aufgrund des geschilderten Sachverhalts und
der medizinischen Unterlagen weder auf einen Unfall noch auf eine unfallähnliche
Körperschädigung zurückgeführt werden könnten (Suva-act. I/20).
B.
B.a Anlässlich einer Vorsprache des Versicherten erläuterte die Suva diesem am 18.
Januar 2017 ihren Standpunkt nochmals mündlich (Suva-act. I/23). Dennoch erhob
dieser gegen die Verfügung vom 11. Januar 2017 im Anschluss daran direkt
Einsprache (Suva-act. I/22).
B.b Am 19. Januar 2017 verfasste Dr. D._ auf Ersuchen der Suva eine ärztliche
Beurteilung (Suva-act. I/25 f.).
B.c Am 23. Januar 2017 erhob der Versicherte auch schriftlich Einsprache (Suva-act. I/
27).
B.d Mit Einspracheentscheid vom 28. April 2017 wies die Suva die Einsprache ab
(Suva-act. I/33).
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.a Gegen den Einspracheentscheid erhob der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) per E-Mail vom 31. Mai 2017 bei der Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) Einsprache mit dem sinngemässen Antrag, der angefochtene
Einspracheentscheid sei aufzuheben und es sei die Leistungspflicht der
Unfallversicherung für das Ereignis vom 27. Oktober 2016 zu bejahen (act. G 1). Die
Eingabe wurde als Beschwerde zuständigkeitshalber dem Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen überwiesen (act. G 0).
C.b Mit Schreiben vom 13. Juni 2017 forderte das Versicherungsgericht den
Beschwerdeführer auf, die Beschwerde innert einer Frist von 7 Tagen mit seiner
Originalunterschrift zu versehen (act. G 2). Am 19. Juni 2017 übergab der
Beschwerdeführer der Schweizerischen Post die eigenhändig unterzeichnete
Beschwerde (act. G 1).
C.c Mit Beschwerdeantwort vom 6. Juli 2017 beantragte die Beschwerdegegnerin, auf
die Beschwerde vom 31. Mai 2017 sei wegen nicht fristwahrender Einreichung nicht
einzutreten. Eventuell sei die Beschwerde vom 31. Mai 2017 abzuweisen und der
Einspracheentscheid zu bestätigen (act. G 4).
C.d Mit Schreiben vom 25. Juli 2017 teilte das Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen dem Beschwerdeführer die Fortsetzung des Beschwerdeverfahrens mit und
räumte ihm eine Frist zur Einreichung einer Stellungnahme zur Beschwerdeantwort der
Beschwerdegegnerin ein (act. G 5). Der Beschwerdeführer verzichtete auf die
Einreichung einer Replik, worauf das Versicherungsgericht den Schriftenwechsel mit
Schreiben vom 6. September 2017 abschloss (act. G 6).

Erwägungen
1.
In formeller Hinsicht ist die Rechtzeitigkeit der gegen den Einspracheentscheid vom 28.
April 2017 gerichteten, zunächst nur per E-Mail erhobene und ohne Originalunterschrift
des Beschwerdeführers versehene, Beschwerde zu prüfen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Gemäss Art. 56 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) ist eine Beschwerde innerhalb von 30
Tagen nach der Eröffnung des Einspracheentscheids einzureichen. Das Verfahren vor
dem kantonalen Versicherungsgericht bestimmt sich unter - dem vorliegend nicht
relevanten - Vorbehalt von Art. 1 Abs. 3 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20.
Dezember 1968 (VwVG; SR 172.021) nach kantonalem Recht (Art. 61 ATSG). Gemäss
Art. 30 des kantonalen Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRP; sGS 951.1) in
Verbindung mit Art. 143 Abs. 1 der Zivilprozessordnung (ZPO; SR 272) müssen
Eingaben spätestens am letzten Tag der Frist beim Gericht eingereicht oder zu dessen
Handen der Schweizerischen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder
konsularischen Vertretung übergeben werden. Der Einspracheentscheid vom 28. April
2017 wurde dem Beschwerdeführer am 3. Mai 2017 zugestellt (act. G 1.2). Die 30-
tägige Frist begann somit am 4. Mai 2017 zu laufen und endete am 2. Juni 2017. Die
am 31. Mai 2017 zuerst bei der Beschwerdegegnerin eingereichte und von dieser
sodann dem zuständigen Versicherungsgericht übermittelte Eingabe hat somit als
rechtzeitig erhoben zu gelten (vgl. dazu auch Art. 60 Abs. 2 ATSG in Verbindung mit
Art. 39 Abs. 2 ATSG, Art. 58 Abs. 3 ATSG; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl.
Zürich/Basel/Genf 2015, Art. 39 N 15 ff., Art. 58 N 40). Auf das Rechtsmittel kann
eingetreten werden.
1.2
Die bundesgerichtliche Rechtsprechung in BGE 142 V 152 rechtfertigt - entgegen der
Auffassung der Beschwerdegegnerin - im konkreten Fall kein Nichteintreten mangels
fristwahrender Beschwerdeerhebung.
1.2.1 Laut Bundesrecht hat das kantonale Recht für das Beschwerdeverfahren vor
dem kantonalen Versicherungsgericht unter anderem folgender Anforderung zu
genügen: Die Beschwerde muss eine gedrängte Darstellung des Sachverhalts, ein
Rechtsbegehren und eine kurze Begründung enthalten. Genügt sie diesen
Anforderungen nicht, so setzt das Versicherungsgericht der Beschwerde führenden
Person eine angemessene Frist zur Verbesserung und verbindet damit die Androhung,
dass sonst auf die Beschwerde nicht eingetreten werde (Art. 61 lit. b ATSG). Die
eigenhändige Unterzeichnung der Beschwerde stellt zwar keine in Art. 61 lit. b ATSG
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausdrücklich genannte Eintretensvoraussetzung dar. Sie kann indessen als Ausdruck
des Beschwerdewillens angesehen werden, und es bleibt dem kantonalen Recht bzw.
der kantonale Praxis überlassen, das Unterzeichnen der Beschwerde als
Eintretensvoraussetzung zu bezeichnen (vgl. BGE 120 V 417 f. E. 5; KIESER, a.a.O.,
Art. 61 N 80). Das st. gallische Verfahrensrecht nennt das Unterzeichnen der
Beschwerde als Eintretensvoraussetzung und sieht im Falle einer fehlenden
Unterschrift eine Nachfristansetzung zur Verbesserung bzw. Ergänzung vor (Art. 48
VRP). Diese Verbesserungsmöglichkeit ist auch nach Ablauf der Rechtsmittelfrist
einzuräumen (vgl. BGE 120 V 419 E. 6; KIESER, a.a.O., Art. 61 N 88). Der
Beschwerdeführer hat den Mangel am 19. Juni 2017 innerhalb der ihm vom
Versicherungsgericht angesetzten 7-tägigen Nachfrist behoben und die Beschwerde
unterzeichnet der Post übergeben.
1.2.2 Fest steht, dass ein per E-Mail eingereichtes Rechtsmittel wegen Fehlens einer
eigenhändigen Unterschrift den Formerfordernissen von Art. 48 VRP nicht genügt. In
BGE 142 V 152 geht das Bundesgericht davon aus, dass trotz der gesetzlichen
Verbesserungsmöglichkeit (Nachfrist), welche für versehentlich unvollständige
Eingaben vorgesehen sei, wegen Verspätung auf das Rechtsmittel dann nicht
einzutreten sei, wenn eine E-Mail zwar innert der Rechtsmittelfrist bei der
Beschwerdeinstanz eingehe, die Nachreichung des Originals indessen nach Fristende
erfolge. Eine Heilung durch Nachreichen einer Rechtsschrift mit Originalunterschrift
nach Ablauf der Beschwerdefrist sei abzulehnen. Ein Anspruch auf eine Nachfrist
bestehe nur bei unfreiwilligen Unterlassungen bzw. versehentlich unvollständigen
Eingaben, weil sonst eine andere Regelwidrigkeit in Form der Nichtbeachtung der Frist
zugelassen würde. Die zuständige Behörde müsse die das Rechtsmittel erhebende
Partei gegebenenfalls auf die Möglichkeit einer Verbes¬serung des Formfehlers
aufmerksam machen. Reiche eine Partei eine Rechtsschrift allerdings mit E-Mail ein,
wisse sie von vornherein bzw. müsse sie schon von vornherein wissen, dass damit
gegen das Unterschriftserfordernis verstossen werde. Bei der Übermittlung einer
Eingabe mittels E-Mail gehe eine Unterschrift regelmässig nicht vergessen, sondern sie
fehle der Natur der Sache nach von vornherein. Möglich bleibe mithin eine
Verbesserung des Formfehlers durch Nachreichung einer Beschwerde in Papierform
mit Originalunterschrift nur innerhalb der Rechtsmittelfrist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2.3 Im Einspracheentscheid vom 28. April 2017 (act. G 1.1) wurde der