Decision ID: 8b88b2d6-6b7b-4bf7-8b9b-7434db89c296
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ ist beim deutschen B._. versichert. Nach Wohnsitznahme in der Schweiz
ersuchte sie im Oktober 2016 um Befreiung von der Versicherungspflicht nach dem
Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10). Das Departement
Finanzen und Gesundheit des Kantons C._ wies das Gesuch mit Verfügung vom
20. Januar 2017 ab; gleichzeitig verpflichtete es A._, eine Krankenversicherung
gemäss KVG abzuschliessen und die entsprechende Police binnen 30 Tagen an die
Gemeinsame Einrichtung KVG und an die Wohngemeinde zu senden. Daran hielt es mit
Einspracheentscheid vom 4. April 2017 fest. Dieser wurde mit Entscheid VG.
2017.00031 des Verwaltungsgerichts des Kantons Glarus vom 26. Oktober 2017 resp.
mit Urteil des Bundesgerichts, 9C_875/2017, vom 20. Februar 2018 bestätigt. Im
Nachgang zu diesem Urteil verliess A._ die Schweiz (act. G 1.5 in KV 2019/5).
A.a.
Am 27. August 2018 verlegte A._ ihren Wohnsitz nach D._ im Kanton St.
Gallen. Im November 2018 ersuchte sie die neue Wohngemeinde sinngemäss - unter
Vorlage eines Versicherungsscheines und weiterer Dokumente der Debeka - um
Befreiung von der Versicherungspflicht nach KVG. Die Kontrollstelle für
Krankenversicherung der Politischen Gemeinde D._ (nachfolgend: Kontrollstelle) wies
das Gesuch mit Verfügung vom 28. November 2018 ab; gleichzeitig verpflichtete sie
A.b.
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A._, bis zum 13. Dezember 2018 eine Krankenversicherung gemäss KVG ab dem
27. August 2018 abzuschliessen und den entsprechenden Versicherungsnachweis
vorzulegen, ansonsten sie "umgehend in Anerkennung des Bundesgerichtsurteils"
amtlich einem KVG-Versicherer zugewiesen werde. Daran hielt sie mit
Einspracheentscheid vom 16. Januar 2019 fest (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom
25. August 2020, 9C_335/2020, Sachverhalt; nur auszugsweise in act. G 5.1-3 ff.).
Mit Verfügung vom 24. Januar 2019 wies die Kontrollstelle A._ der CSS
Krankenversicherung AG (nachfolgend: CSS) zu (act. G 5.1-2). Diese Verfügung wurde
mit Einspracheentscheid vom 25. Februar 2019 bestätigt (KV 2019/5, act. G 1.1). Die
gegen diesen Einspracheentscheid und gegen den Einspracheentscheid vom
16. Januar 2019 gerichteten Beschwerden wurden mit Urteil des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 15. April 2020, KV 2019/4 und KV 2019/5, abgewiesen.
Das Bundesgericht befand mit Urteil vom 25. August 2020, 9C_335/2020, dass
hinsichtlich der Frage der Befreiung von der Versicherungspflicht angesichts des
Urteils des Bundesgerichts vom 20. Februar 2018 eine res iudicata vorgelegen habe,
und folglich weder die Kontrollstelle noch das Versicherungsgericht auf das
Befreiungsgesuch resp. die in diesem Zusammenhang erhobene Beschwerde hätten
eintreten dürfen. Die konkrete Zuweisung zur CSS war laut Bundesgericht bei ihm nicht
angefochten worden (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 25. August 2020,
9C_335/2020, E. 1.1 und 1.6 in act. G 5.1-3 ff.). Über die Rechtskraft der Verfügung
vom 24. Januar 2019 informierte die Kontrollstelle die CSS mit Schreiben vom
11. September 2020 (act. G 5.1-1).
A.c.
Am 23. September 2020 liess die Arcosana AG (nachfolgend: Arcosana), eine
Krankenkasse der CSS-Gruppe, A._ eine Versicherungsbestätigung ab dem
27. August 2018 zukommen (act. G 5.3). Gleichzeitig liess sie A._ eine
Versicherungspolice für die Zeit vom 27. August bis 31. Dezember 2018 (act. G 5.4),
eine für das Jahr 2019 (act. G 5.5) und eine für das Jahr 2020 (act. G 5.6) zukommen.
A.d.
Mit Schreiben vom 28. September 2020 erklärte A._ der Arcosana die
Kündigung der Krankenversicherung (KV-act. 7).
A.e.
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Am 17. Oktober 2020 erstellte die Arcosana die Prämienabrechnung betreffend
A._ für die Zeit vom 27. August 2018 bis 31. Dezember 2020 über Fr. 11'215.85
(act. G 5.8).
A.f.
Mit Schreiben vom 24. Oktober 2020 bestätigte die Arcosana die Kündigung der
Grundversicherung KVG von A._ per 31. Dezember 2020 (act. G 5.9).
A.g.
Am 4. November 2020 bestritt Rechtsanwalt lic. iur. M. Gmünder, Wattwil, als
Rechtsvertreter von A._ die Rechnung vom 17. Oktober 2020 (act. G 5.10). Als
Antwort verwies die Arcosana A._ (mangels aktueller Bevollmächtigung von
Rechtsanwalt Gmünder) an die Kontrollstelle (act. G 5.12).
A.h.
Am 24. November 2020 bezahlte Rechtsanwalt Gmünder zugunsten von A._
Fr. 1'219.65 an die Arcosana (act. G 5.13).
A.i.
Am 19. Dezember 2020 liess die Arcosana A._ unter Berücksichtigung dieser
Zahlung eine Mahnung über ausstehende Prämien von Fr. 9'996.20 (Fr. 11'215.85 -
Fr. 1'219.65) zukommen und bat um Begleichung bis 6. Januar 2021 (act. G 5.14). Da
sie keinen Zahlungseingang verzeichnen konnte, versandte sie am 23. Januar 2021
eine Zahlungsaufforderung über einen Betrag von Fr. 10'016.20 (Prämienausstände
von Fr. 9'996.20 plus Mahngebühren von Fr. 20.--) und bat um Begleichung bis
22. Februar 2021 (act. G 5.15).
A.j.
Am 31. Mai 2021 gelangte die Arcosana mittels Brief an A._ und liess ihr diese
Zahlungsaufforderung nochmals zukommen. Gleichzeitig informierte sie A._ darüber,
dass sie (die Arcosana) gesetzlich verpflichtet sei, offene Forderungen via Rechtsweg
geltend zu machen (act. G 5.16).
A.k.
In der Folge leitete die Arcosana beim Betreibungsamt D._ Betreibung ein gegen
A._ (Betreibungsnummer XXXXXXXXX). Im Zahlungsbefehl vom 2. August 2021,
zugestellt am gleichen Tag, wurden folgende Forderungen geltend gemacht: Prämien
KVG vom 1. Dezember 2018 bis 31. Dezember 2020 von Fr. 9'996.20 nebst Zins zu
5 % seit 13. Juli 2021, Spesen von Fr. 250.-- und Zins von Fr. 311.05. Die Kosten für
den Zahlungsbefehl betrugen Fr. 103.30. A._ erhob Rechtsvorschlag (act. G 5.18).
A.l.
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B.
C.
Mit Verfügung vom 13. September 2021 beseitigte die Arcosana den
Rechtsvorschlag im Betrag von Fr. 9'996.20 zzgl. Spesen von Fr. 250.-- und
Verzugszins von Fr. 398.50. Auch wies sie darauf hin, dass die Betreibungskosten von
Fr. 103.30 von A._ zu bezahlen seien (act. G 5.19).
A.m.
Mit Einsprache vom 28. September 2021 beantragte A._, vertreten durch
Rechtsanwalt Gmünder, unter Kostenfolge, die Verfügung vom 13. September 2021 sei
vollumfänglich aufzuheben (act. G 5.20).
B.a.
Mit Einspracheentscheid vom 23. November 2021 wies die Arcosana die
Einsprache vom 28. September 2021 ab (act. G 5.21).
B.b.
Gegen den Einspracheentscheid der Arcosana vom 23. November 2021 liess
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 23. Dezember 2021 durch Rechtsanwalt
Gmünder Beschwerde erheben. Beantragt wurde unter Kosten- und
Entschädigungsfolge die vollumfängliche Aufhebung des Einspracheentscheids
(act. G 1).
C.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 21. Januar 2021 beantragte die Arcosana
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin), die Beschwerde sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolge abzuweisen (act. G 5).
C.b.
Mit Replik vom 21. Februar 2022 liess die Beschwerdeführerin, vertreten durch
Rechtsanwalt lic. iur. D. Frischknecht, Wattwil, beantragen, die Forderung betreffend
rückwirkende Prämie und der Rechtsöffnungsentscheid seien vollumfänglich
abzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 8).
C.c.
Die Beschwerdegegnerin hielt mit Duplik vom 18. März 2022 an ihren Anträgen
gemäss Beschwerdeantwort fest (act. G 10).
C.d.
Das Versicherungsgericht teilte der Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom
14. Juli 2022 mit, dass sie gemäss vorläufiger Einschätzung des Gerichts nicht
zuständig zum Erlass des angefochtenen Einspracheentscheids und der diesem
C.e.
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Erwägungen
1.
Die Parteien streiten sich über offene Prämienforderungen aus der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung für die Zeit vom 27. August 2018 bis 31. Dezember 2020
abzüglich einer Zahlung der Beschwerdeführerin vom 24. November 2020 (act. G 5.13)
zuzüglich Verzugszinsen und Mahnspesen, wie sie mit Zahlungsbefehl vom 12. Juli
2021 (act. G 5.18) seitens der Beschwerdegegnerin geltend gemacht wurden und an
welchen diese mit Verfügung vom 13. September 2021 (act. G 5.19) sowie im
angefochtenen Einspracheentscheid vom 23. November 2021 (act. G 5.21) festhielt.
2.
Laut Art. 61 Abs. 1 KVG legt der Versicherer die Prämien für seine Versicherten fest.
Bei der Beschwerdeführerin handelt es sich jedoch um keine Versicherte der
Beschwerdegegnerin, da kein entsprechender Antrag von Seiten der
Beschwerdeführerin gestellt wurde und die Zuweisung der Kontrollstelle nicht die
Beschwerdegegnerin betraf, sondern die CSS. Die Beschwerdegegnerin war vor
diesem Hintergrund augenscheinlich weder für die Prämienerhebung noch für den
Erlass der Verfügung vom 13. September 2021 respektive des hier angefochtenen
Einspracheentscheides zuständig. Da es sich dabei um einen offensichtlichen und
besonders schweren Mangel an der Verfügung respektive dem angefochtenen
Einspracheentscheid handelt, stellt sich die Frage der Nichtigkeit der letzten beiden.
Ein nichtiger Verwaltungsakt bedarf keiner Anfechtung. Die Nichtigkeit betrifft eine
zugrundeliegenden Verfügung gewesen sei und gewährte ihr das rechtliche Gehör
(act. G 12). Am 21. Juli 2022 antwortete die Beschwerdegegnerin, dass es korrekt sei,
dass die Zuweisung an die CSS erfolgt sei. Die Prämien der CSS wären jedoch höher,
deshalb sei die Versicherung mit der Beschwerdegegnerin geschlossen worden
(act. G 13). Am 2. August 2022 gelangte das Versicherungsgericht unter Hinweis auf
die höheren Prämien an die Beschwerdeführerin und gab ihr Gelegenheit zum Rückzug
der Beschwerde (act. G 15). Am 5. September 2022 liess die Beschwerdeführerin dem
Gericht unter anderem mitteilen, dass sie an der Beschwerde festhalte (act. G 16).
Dieses Schreiben wurde der Beschwerdegegnerin am 7. September 2022 zur Kenntnis
gebracht (act. G 17). Die angesetzte Frist zur allfälligen Stellungnahme verstrich
unbenutzt.
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Rechtsfrage, die jederzeit und von sämtlichen staatlichen Instanzen von Amtes wegen
geprüft wird. Nichtigkeit, d.h. absolute Unwirksamkeit eines Verwaltungsaktes wird nur
angenommen, wenn der ihm anhaftende Mangel besonders schwer wiegt, wenn er
offensichtlich oder zumindest leicht erkennbar ist und wenn zudem die
Rechtssicherheit durch die Annahme der Nichtigkeit nicht ernsthaft gefährdet wird. Als
Nichtigkeitsgründe fallen hauptsächlich funktionelle und sachliche Unzuständigkeit
einer Behörde sowie schwerwiegende Verfahrensfehler in Betracht (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 9. Mai 2016, 9C_923/2015, E. 4.1.1 und 4.1.2). Der Annahme der
Nichtigkeit könnte also das Gebot der Rechtssicherheit entgegenstehen (vgl. Ulrich
Häfelin / Georg Müller / Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020,
Rz. 1102 ff. zu § 15 mit Hinweisen sowie Jürg Martin / Jan Seltmann / Silvan Loher, Die
Verfügung in der Praxis, 2. Aufl., S. 246 ff.). Es ist eine Abwägung zwischen dem
Interesse an der Rechtssicherheit und dem Interesse an der richtigen
Rechtsanwendung erforderlich (Häfelin / Müller / Uhlmann, a.a.O., Rz. 1098). Da
vorliegend keine Gefährdung der Rechtssicherheit erkenntlich ist, zumal ausschliesslich
das Verhältnis zwischen den Parteien betroffen ist, und eine solche auch von der
Beschwerdeführerin nicht geltend gemacht wird (vgl. act. G 16), spricht das genannte
Gebot nicht gegen die Nichtigkeit der Verfügung respektive des angefochtenen
Einspracheentscheides. Mangels Anfechtungsobjekts kann folglich nicht auf die
Beschwerde vom 23. Dezember 2021 eingetreten werden. Damit bleibt auch kein
Raum für die Prüfung der im Beschwerdeverfahren an den letzten beiden
vorgebrachten Mängeln. In diesem Zusammenhang könnte es aber durchaus von
Vorteil sein, wenn sich die Beschwerdeführerin mit dem rechtskräftig zugewiesenen
Krankenversicherer in Verbindung setzt zwecks Bestimmung der wählbaren Franchise.
3.
Auf die Beschwerde vom 23. Dezember 2021 wird nicht eingetreten.3.1.
Es wird festgestellt, dass die Verfügung vom 13. September 2021 und der
Einspracheentscheid vom 23. November 2021 nichtig sind.
3.2.
Vorliegendes Verfahren betrifft keine Leistungsstreitigkeit (vgl. Art. 61 lit. f des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG; SR 830.1), weshalb es grundsätzlich kostenpflichtig ist (vgl. dazu Botschaft zur
Änderung des ATSG vom 2. März 2018, BBl 2018 1624 ff.). Gemäss Art. 97 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRP; sGS 951.1) kann die Behörde auf
Kostenvorschüsse und auf die Erhebung amtlicher Kosten verzichten, wenn die
Umstände es rechtfertigen. Dies ist unter anderem der Fall bei einem fehlerhaften
3.3. bis
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