Decision ID: 0ef6fc3d-5497-4679-8978-e0d5b2f364dc
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog seit längerer Zeit eine Ergänzungsleistung zu einer Viertelsrente der
Invalidenversicherung (EL-act. 130, 133, 139). Im Januar 2020 stellte die EL-
Durchführungsstelle fest, dass der EL-Bezüger seit März 2017 nicht mehr gearbeitet
hatte (EL-act. 74). Am 6. Januar 2020 teilte sie ihm mit (EL-act. 73), dass ihm
grundsätzlich ein hypothetisches Erwerbseinkommen gemäss Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV
anzurechnen sei. Die Ergänzungsleistung werde deshalb ab 1. August 2020
entsprechend reduziert, ausser er finde trotz ernsthaften, aktiven und gezielten
Arbeitsbemühungen keine Stelle. Ab dem 1. Februar 2020 arbeitete der EL-Bezüger im
Rahmen eines Beschäftigungsprogramms bei der B._ der Stiftung C._ zunächst als
Hilfskoch und ab 1. Juni 2020 als Koch (EL-act. 36-4, 58, 61-4, 68). Das Einkommen für
den Monat September 2020 betrug Fr. 352.85 (EL-act. 48-4). Am 26. Oktober 2020 gab
er an (EL-act. 48-5), er verdiene durchschnittlich zwischen Fr. 300.-- und Fr. 400.-- pro
Monat. Aufgrund von Rückenschmerzen könne er das Arbeitspensum nicht erhöhen.
Die EL-Durchführungsstelle teilte dem EL-Bezüger am 29. Oktober 2020 mit (EL-
act. 46), da er einen zu tiefen Lohn erziele, werde die Ergänzungsleistung ab 1. Mai
2021 unter Berücksichtigung des Mindesteinkommens gemäss Art. 14a ELV reduziert.
Der definitive Betrag werde ihm im Laufe des Monats März 2021 eröffnet. Das
hypothetische Erwerbseinkommen werde nicht angerechnet, sofern er trotz
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ernsthaften, aktiven und gezielten Arbeitsbemühungen keine Stelle finde. Er müsse sich
pro Monat mindestens sechsmal auf eine Arbeitsstelle schriftlich bewerben. Von diesen
sechs Bewerbungen müssten mindestens vier auf ausgeschriebene, tatsächlich freie
Stellen erfolgen. Die Nachweise der Arbeitsbemühungen in den Monaten November
2020 bis Februar 2021 (monatliche Übersicht über getätigte Bewerbungen, alle
Bewerbungsschreiben, dazugehörige Stelleninserate, alle Antwortschreiben und Kopie
eines vollständigen Bewerbungsdossiers) seien bis zum 15. März 2021 einzureichen.
Mit einer Verfügung vom 18. Dezember 2020 sprach die EL-Durchführungsstelle
ab 1. Januar 2021 eine Ergänzungsleistung von Fr. 2'747.-- pro Monat (inklusive
Fr. 468.-- Prämienvergütung für die obligatorische Krankenpflegeversicherung) zu (EL-
act. 42). In der Anspruchsberechnung (Berechnung nach den neurechtlichen
Bestimmungen, EL-act. 40) berücksichtigte sie als anerkannte Ausgaben einen Betrag
von Fr. 5'856.-- für die obligatorische Krankenpflegeversicherung, wovon sie den
Maximalbetrag in der Höhe der regionalen Durchschnittsprämie von Fr. 5'616.--
anrechnete, einen Mietzins von Fr. 12'780.-- und einen Betrag für den allgemeinen
Lebensbedarf von Fr. 19'610.--. Als anrechenbare Einnahmen berücksichtigte sie ein
Einkommen aus unselbstständiger Erwerbstätigkeit von Fr. 3'528.-- netto, was
abzüglich des Freibetrags von Fr. 1'000.-- und einer Anrechnung zu zwei Dritteln ein
anrechenbares Einkommen von Fr. 1'685.-- ergab, sowie eine Invalidenrente von
Fr. 3'360.--. Die Berechnung nach den altrechtlichen Bestimmungen ergab ebenfalls
einen EL-Anspruch von Fr. 2'747.-- pro Monat (EL-act. 39). In der
Verfügungsbegründung gab die EL-Durchführungsstelle an, bei der Berechnung nach
den neurechtlichen Bestimmungen resultiere ein höherer (gemeint wohl: gleich hoher)
Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Der Anspruch auf Ergänzungsleistungen beruhe
zukünftig auf den neurechtlichen Bestimmungen.
A.b.
Am 17. Dezember 2020 waren folgende Unterlagen eingegangen (EL-act. 38):
Kündigung des EL-Bezügers vom 11. Dezember 2020 bei der B._ der Stiftung C._
"wegen Lungen Krankheit und Ruckenschmretrzen", Lohnabrechnungen der Monate
Oktober und November 2020. Am 14. Januar 2021 teilte die EL-Durchführungsstelle
mit (EL-act. 37), die Anforderungen gemäss dem Schreiben vom 29. Oktober 2020
gälten nach wie vor. Der EL-Bezüger habe angegeben, dass er der Tätigkeit in der
B._ aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nachgehen könne. Falls sich sein
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitszustand seit der letzten IV-Revision verschlechtert habe, könne er bei der
IV-Stelle ein Erhöhungsgesuch stellen. Sollte er sich vollständig arbeitsunfähig fühlen,
behalte sie sich trotzdem die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens
ab 1. Mai 2021 vor. Sie bat ihn um die Einreichung der Kündigungsbestätigung und der
Lohnabrechnung für den Dezember 2020. Am 26. Januar 2021 gingen diese Unterlagen
ein (EL-act. 36).
Mit einer Verfügung vom 27. Januar 2021 (EL-act. 35) berechnete die EL-
Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung rückwirkend ab 1. September 2020 neu
und gab an, die Neuberechnung erfolge aufgrund der Lohnanpassungen per
1. September 2020. Ab Dezember 2020 werde aufgrund der Kündigung per
15. Dezember 2020 kein Einkommen mehr berücksichtigt. In der
Anspruchsberechnung betreffend den EL-Anspruch ab 1. Januar 2021 berücksichtigte
sie kein Einkommen aus unselbstständiger Erwerbstätigkeit mehr; die weiteren
Berechnungspositionen blieben unverändert. Die Ergänzungsleistung ab 1. Januar
2021 wurde auf Fr. 2'888.-- erhöht.
A.d.
Am 4. März 2021 gingen Unterlagen zu den Arbeitsbemühungen des EL-Bezügers
für die Monate November 2020 bis Februar 2021 sowie ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis
von Dr. med. D._, Allgemeine Innere Medizin FMH, vom 8. Dezember 2020
betreffend eine vollständige Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit vom 8. bis
13. Dezember 2020 ein (EL-act. 25-28).
A.e.
Mit einer Verfügung vom 16. März 2021 (EL-act. 23) reduzierte die EL-
Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung ab 1. Mai 2021 auf Fr. 1'491.-- pro Monat
(inklusive Fr. 468.-- Prämienvergütung für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung). In der Anspruchsberechnung berücksichtigte sie als
anrechenbare Einnahme ein hypothetisches Erwerbseinkommen von Fr. 26'147.--, was
abzüglich des Freibetrags von Fr. 1'000.-- und einer Anrechnung zu zwei Dritteln ein
anrechenbares Einkommen von Fr. 16'764.-- ergab (EL-act. 22). Die weiteren
Berechnungspositionen blieben unverändert. Zur Begründung gab die EL-
Durchführungsstelle an, am 29. Oktober 2020 habe sie die Anforderungen betreffend
die Arbeitsbemühungen mitgeteilt. Am 5. März 2021 habe der EL-Bezüger
Arbeitsbemühungen eingereicht. Folgende Punkte habe er nicht erfüllt: Qualität (es sei
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kein Bewerbungsschreiben, sondern nur eine E-Mail verfasst worden; es müsse ein
Bewerbungsschreiben im A4-Format verfasst werden), ein Lebenslauf sei nicht
vorhanden gewesen, die Berufserfahrung sei nicht erwähnt worden, die Qualitäten des
EL-Bezügers seien nicht erwähnt worden, eine Bezugnahme auf das Stelleninserat
fehle, Grammatik (Gross-/Kleinschreibung), das Stellenprofil der Inserate müsse
mehrheitlich erfüllt sein, Inserat mit Datum der Veröffentlichung (wenn möglich). Der
EL-Bezüger habe sich mit einem Erwerbseinkommen an den Lebenshaltungskosten zu
beteiligen (Schadenminderungspflicht). Er erziele kein Einkommen und die
eingereichten Bewerbungsunterlagen erfüllten die Anforderungen betreffend die
Arbeitsbemühungen nicht. Gemäss Art. 14a ELV sei invaliden Personen unter
60 Jahren bei einem Invaliditätsgrad von 40 bis 50% der um einen Drittel erhöhte
Höchstbetrag für den Lebensbedarf von Alleinstehenden von Fr. 26'147.-- als
Erwerbseinkommen anzurechnen.
Der EL-Bezüger erhob eine Einsprache gegen die Verfügung vom 16. März 2021
(undatiert, Posteingang 23. März 2021, EL-act. 21). Er machte geltend, er habe "bis
jetzt" sechs Bewerbungen per E-Mail geschrieben, wie dies die meisten Firmen
wollten. Er habe die Unterlagen jeweils mitgesandt. Anbei sende er den Lebenslauf und
die Arbeitszeugnisse "als Berufserfahrung". Als Bezugnahme habe er das Stelleninserat
gesandt. Als Hilfsarbeiter genüge es, eine E-Mail zu senden. Er suche immer noch nach
einer Arbeit. Er entschuldige sich wegen "die schlicht qualtitä meine Grammatik". Er
reichte folgende Unterlagen ein: Lebenslauf, zwei Arbeitszeugnisse, zwei Teilnahme-
Bestätigungen der E._ (Maschinenschreibkurs und Deutschkurs) und ein Zeugnis der
F._ in G._.
A.g.
Am 11. Mai 2021 hielt die EL-Durchführungsstelle (Rechtsdienst) in einem
Schreiben an den EL-Bezüger fest (EL-act. 17), er habe heute telefonisch mitgeteilt,
dass er per 25. Mai 2021 eine Arbeitsstelle gefunden habe und dass er die Einsprache
gegen die Verfügung vom 16. März 2021 zurückziehen wolle. Sie bat ihn um die
Unterzeichnung der Rückzugserklärung. Gemäss einem Arbeitsvertrag (undatiert,
Posteingangsdatum unbekannt, EL-act. 16) arbeitete der EL-Bezüger ab dem 1. Juni
2021 in der H._ in I._ an einem begleiteten Arbeitsplatz im Bereich Industrie zu
einem 50%-Pensum. Der Monatslohn betrug Fr. 203.65 brutto (x13). Der EL-Bezüger
erklärte am 11. Juni 2021 (EL-act. 12), dass er an der Einsprache festhalte. Mit einer
A.h.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügung vom 14. Juni 2021 erhöhte die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistung rückwirkend ab 1. Juni 2021 auf Fr. 2'796.-- monatlich (EL-act. 14).
In der Anspruchsberechnung berücksichtigte sie ein Einkommen aus unselbstständiger
Erwerbstätigkeit von Fr. 2'647.--; das hypothetische Erwerbseinkommen rechnete sie
nicht mehr an (EL-act. 13). Am 20. August 2021 ging ein Arztzeugnis von Dr. med.
J._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 2. Februar 2021
betreffend eine vollständige Arbeitsunfähigkeit des EL-Bezügers ab 2. Februar 2021 bis
voraussichtlich 28. Februar 2021 ein (EL-act. 9).
Mit einem Entscheid vom 24. August 2021 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache gegen die Verfügung vom 16. März 2021 ab und entzog einer allfälligen
Beschwerde die aufschiebende Wirkung nach Art. 27 ELG i.V.m. Art. 97 AHVG (recte:
Art. 52 Abs. 4 ATSG, EL-act. 7). Zur Begründung gab sie an, der Streitgegenstand
beschränke sich auf die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens für
den Monat Mai 2021. Damit auf die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens hätte verzichtet werden können, hätte sich der EL-Bezüger
erfolglos über einen längeren Zeitraum immer wieder schriftlich auf ausgeschriebene
Stellen bewerben (mindestens viermal im Monat) und die schriftlichen Absagen der
entsprechenden Firmen samt den Stelleninseraten aufbewahren müssen. Die
Bewerbungen seien auf den ganzen Monat verteilt und zeitnah zum
Erscheinungsdatum des Inserates zu tätigen. Das Anforderungsprofil müsse zur
Qualifikation des EL-Bezügers passen. Die Bewerbungen müssten fehlerfrei, schriftlich
mit Lebenslauf und ohne Negativformulierungen verfasst werden. Allfällige
Arbeitszeugnisse seien beizulegen. Im Feststellungsblatt "Hypothetisches Einkommen"
vom 15. März 2021 habe die EL-Durchführungsstelle unter anderem folgendes
ausgeführt: "VP hat 6 Bewerbungen pro Monat geschrieben gemäss der Übersicht. Es
wurden nur einige Inserate eingereicht somit ist davon auszugehen, dass vP keine
Blindbewerbungen getätigt hat. Das Bewerbungsschreiben wurde im Mail verfasst. Das
Schreiben beinhaltet 2-3 Sätze. Gross-/Kleinschreibung wurde nicht beachtet und es
hat enorm viele Grammatikfehler in diesen 2-3 Sätze. Die getätigten Bewerbungen
entsprechen nicht der aktuellen Zeit. Ausserdem erfüllt vP das Stellenprofil nicht (KV,
Grundausbildung im Bereich Gebäudereinigung, Abgeschlossene Ausbildung im
Detailhandel). Es wurden für folgende Arbeitsorte Bewerbungen getätigt: K._, L._,
A.i.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
M._, N._)". Daraus habe die EL-Durchführungsstelle zu Recht geschlossen, dass
die vom EL-Bezüger vorgenommenen Bewerbungen qualitativ ungenügend gewesen
seien und nicht den Eindruck von ernsthaften Arbeitsbemühungen hinterlassen hätten.
Demnach sei zu Recht für Mai 2021 ein hypothetisches Erwerbseinkommen
angerechnet worden. Die angefochtene Verfügung sei rechtmässig.
Der EL-Bezüger (nachfolgend: Beschwerdeführer) erhob am 17. September 2021
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 24. August 2021 (act. G 1). Er
beantragte, dass ihm in der Anspruchsberechnung für den Monat Mai 2021 kein
hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werde. Aufgrund des ausgeübten
Drucks der "Ergänzungsleistungen" (gemeint wohl: EL-Durchführungsstelle,
nachfolgend: Beschwerdegegnerin) habe er begonnen, in der H._ zu arbeiten.
Daraufhin habe sich sein Gesundheitszustand nochmals drastisch verschlechtert und
er habe starke Schmerzen im Rücken. Er beantrage dafür eine finanzielle
Entschädigung. Zur Begründung hielt er fest, seine Rückenschmerzen und sein
psychischer Gesundheitszustand hätten sich deutlich verschlechtert. Er habe nun
seinen dritten akuten Bandscheibenvorfall. Aufgrund dessen sei er seit spätestens
Februar 2021 vollständig arbeitsunfähig. Auf Druck der Beschwerdegegnerin habe er
vom 25. Februar 2021 (recte: 25. Mai 2021, vgl. act. G 1.10) bis 28. Mai 2021 einen
Schnuppereinsatz gemacht. Ab dem 1. Juni 2021 habe er begonnen, bei der H._ zu
50% zu arbeiten. Diese Arbeit habe seinen Gesundheitszustand stark verschlimmert.
Mittlerweile habe er bei der Invalidenversicherung einen Erhöhungsantrag eingereicht.
Seit November 2021 (gemeint wohl: 2020) habe er nach bestem Wissen und Gewissen
Bewerbungen geschrieben und der Beschwerdegegnerin eingereicht. Er bitte darum,
dass diese gewürdigt und anerkannt würden. Der Beschwerdeführer reichte folgende
Arbeitsunfähigkeitszeugnisse (vollständige Arbeitsunfähigkeiten) ein (act. G 1.2 ff.): Von
Dr. J._ vom 26. August 2021 betreffend den Zeitraum ab 1. August 2021 bis
voraussichtlich 30. September 2021, vom Kantonsspital St. Gallen vom 17. August
2021 betreffend den Zeitraum ab 17. bis 31. August 2021 und vom 15. Juni 2021
betreffend den Zeitraum ab 15. bis 29. Juni 2021 sowie von Dr. D._ vom 15. Juni
2021 betreffend den Zeitraum ab 15. bis 20. Juni 2021 und vom 9. Juni 2021
betreffend den Zeitraum ab 9. bis 11. Juni 2021. Ausserdem reichte er ein Schreiben
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der H._ vom 11. Mai 2021 betreffend einen Schnuppereinsatz vom 25. bis 28. Mai
2021 (act. G 1.10) und zwei Absagen vom 4. März 2021 und 13. April 2021 auf
Bewerbungen vom Dezember 2020 und 15. März 2021 (act. G 1.12 f.) ein.
Die Beschwerdegegnerin beantragte unter Verweis auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (vgl. act. G 4).B.c.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen bat die Beschwerdegegnerin am
22. Februar 2022 um die Einreichung der IV-Akten des Beschwerdeführers (act. G 5).
Diese gingen am 3. März 2022 ein (act. G 6). Der Beschwerdeführer bezog seit
1. Januar 2006 bei einem Invaliditätsgrad von 45% eine Viertelsrente (act. G 6.1.82).
Gemäss einem polydisziplinären (internistischen, rheumatologischen und
psychiatrischen) Gutachten der ABI GmbH vom 8. November 2006 hatte folgende
Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestanden (act. G 6.1.56-17 f.):
Chronisches lumbospondylogenes Schmerzsyndrom bds. rechtsbetont (mit/bei
lumbaler Spinalkanalstenose LWK2/3, Claudicatio spinalis-Symptomatik, St. n.
Diskushernienoperation LWK2/3 rechts, St. n. Diskushernienoperation wahrscheinlich
L5/S1 1994, medianer kleinvolumiger flachbogiger nicht komprimierender
Diskusprotrusion L5/S1, segmentaler Funktionsstörung der LWS, Wirbelsäulenfehlform
und Fehlhaltung). Die Gutachter hatten eine 50%ige Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit attestiert. Eine Verlaufsbegutachtung vom 4. Februar 2009
(polydisziplinäres Gutachten der ABI GmbH vom 6. März 2009) hatte eine unveränderte
50%ige Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit ergeben (act. G 6.1.111-22). Als
Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit war genannt worden: Chronisches
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom bds. rechtsbetont (radiomorphologisch
persistierende diskogen und ligamentär bedingte Spinalkanalstenosierung L2/3,
breitbasige Diskusprotrusion L3/4 sowie median betonte Diskusprotrusion L4/5, leichte
Spondylarthrose L3/4 und L4/5, progrediente Claudicatio spinalis-Symptomatik, St. n.
Diskushernienoperation LWK2/3 rechts 1989, St. n. Diskushernienoperation L5/S1
1994, leichte Wirbelsäulenfehlhaltung/Fehlform [lumbal links- sowie rechtskonvexe
Skoliose], diskrete Abschwächung der abdominellen und rückenstabilisierenden
Muskelgruppen). Als Profil einer adaptierten Tätigkeit hatten die Gutachter angegeben:
B.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeit, wobei die Arbeitszeit idealerweise auf
zweimal zwei Stunden pro Tag mit einer grossen Mittagspause verteilt werden sollte;
der Beschwerdeführer müsse seine Arbeitsposition regelmässig selbstständig
wechseln können, das fixierte Sitzen sei auf 20 bis maximal 30 Minuten zu limitieren,
das Gehen sei ihm nur im Rahmen von sehr kurzen Strecken (unter 100 Metern)
repetitiv zumutbar, Arbeiten in anhaltender Oberkörpervorneigeposition sowie Arbeiten
mit stereotypen Rotationsbewegungen der LWS seien zu vermeiden (act. G 6.1.111-20,
6.1.111-22). Mit einer Verfügung vom 10. Juli 2009 hatte die IV-Stelle ein
Revisionsgesuch des Beschwerdeführers abgewiesen (act. G 6.1.120). Eine
Überprüfung des Rentenanspruchs hatte sie am 25. Januar 2016 mit einer Mitteilung,
dass keine Änderung festgestellt worden sei, die sich auf die Rente auswirke, weshalb
weiterhin Anspruch auf die bisherige Invalidenrente bestehe, abgeschlossen (act.
G 6.1.172). Die IV-Stelle hatte in diesem Zusammenhang nur zwei Arztberichte, die
Notfallbehandlungen betroffen hatten, eingeholt (act. G 6.1.166, 6.1.171). Auf ein
Revisionsgesuch des Beschwerdeführers vom 6. April 2016 war die IV-Stelle mit einer
Verfügung vom 17. Oktober 2016 nicht eingetreten (act. G 6.1.192). Am 30. August
2021 hatte der Beschwerdeführer wegen einer psychogenen Überlagerung erneut ein
Revisionsgesuch eingereicht und angegeben, seit 1. August 2021 bestehe eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit (act. G 6.1.202). Da er keine medizinischen Berichte
eingereicht hatte, war die IV-Stelle mit einer Verfügung vom 17. Januar 2022 nicht auf
das Leistungsbegehren eingetreten (act. G 6.1.207).
Am 21. März 2022 reichte der Beschwerdeführer weitere Unterlagen ein (act. G 8):
Kündigungsschreiben vom 4. November 2021 und Arbeitsbestätigung vom
30. November 2021 der H._, Arztzeugnis von Dr. J._ vom 23. November 2021
betreffend eine vollständige Arbeitsunfähigkeit ab 1. August 2021 bis voraussichtlich
31. Dezember 2021.
B.e.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Stellungnahme (vgl. act. G 9).B.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einspracheentscheids vom 24. August 2021 auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein
Gegenstand jenem des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Im
Einspracheverfahren hat die Beschwerdegegnerin die Verfügung vom 16. März 2021
auf deren Rechtmässigkeit überprüft. Mit dieser Revisionsverfügung hat die
Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistung ab 1. Mai 2021 aufgrund der Anrechnung
eines hypothetischen Erwerbseinkommens reduziert. Da mit einer (rechtskräftigen)
Revisionsverfügung vom 14. Juni 2021 rückwirkend ab 1. Juni 2021 aufgrund der
Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers in der H._ kein hypothetisches
Erwerbseinkommen mehr angerechnet worden ist, hat die Beschwerdegegnerin den
Streitgegenstand des Einspracheverfahrens auf die Rechtmässigkeit der Anrechnung
des hypothetischen Erwerbseinkommens ab 1. bis 31. Mai 2021 beschränkt. In diesem
Beschwerdeverfahren ist somit zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin in der
Anspruchsberechnung für den Monat Mai 2021 zu Recht ein hypothetisches
Erwerbseinkommen berücksichtigt hat. Der Beschwerdeführer hat beantragt, ihm sei
im Mai 2021 kein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen. Im Weiteren hat er
mit der Begründung, dass er auf Druck der Beschwerdegegnerin in der H._ zu
arbeiten begonnen und sich sein Gesundheitszustand daraufhin verschlechtert habe,
eine finanzielle Entschädigung beantragt. Das ist als Antrag um Schadenersatz und/
oder Genugtuung zu interpretieren. Auf diesen Antrag kann mangels eines
Anfechtungsobjekts nicht eingetreten werden.
2.
Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht dem Betrag, um den die anerkannten
Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung, ELG, SR 831.30). Verzichtet eine Person freiwillig auf die
Ausübung einer zumutbaren Erwerbstätigkeit, so ist ein entsprechendes
hypothetisches Erwerbseinkommen als anrechenbare Einnahme zu berücksichtigen;
die Anrechnung richtet sich nach Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG (Art. 11a Abs. 1 ELG).
Gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG werden Erwerbseinkünfte zu zwei Dritteln
angerechnet, soweit sie bei alleinstehenden Personen Fr. 1'000.-- übersteigen. Die
Regelung in Art. 11a Abs. 1 ELG knüpft an die bisherige Praxis zur Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. g aELG (in der bis
31. Dezember 2020 gültig gewesenen Fassung) an (Botschaft zur Änderung des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung [EL-Reform] vom 16. September 2016, BBl 2016 7538).
Insbesondere gilt weiterhin Art. 14a der Verordnung über die Ergänzungsleistungen zur
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV, SR 831.301), wonach
Invaliden als Erwerbseinkommen grundsätzlich der Betrag angerechnet wird, den sie
im massgebenden Zeitabschnitt tatsächlich verdient haben (Art. 14a Abs. 1 ELV).
Invaliden unter 60 Jahren wird jedoch mindestens der in Art. 14a Abs. 2 lit. a-c ELV
angegebene Grenzbetrag angerechnet. An die bisherige Rechtsprechung zu Art. 14a
ELV kann deshalb auch unter der Geltung von Art. 11a Abs. 1 ELG angeknüpft werden.
Wird der Grenzbetrag gemäss Art. 14a Abs. 2 ELV nicht erreicht, insbesondere wenn
keine Erwerbstätigkeit ausgeübt wird, gilt die Vermutung eines freiwilligen Verzichts auf
Einkünfte im Sinne von Art. 11a Abs. 1 ELG. Diese Vermutung kann durch den
Nachweis, dass invaliditätsfremde Gründe wie Alter, mangelhafte Ausbildung und
Sprachkenntnisse, persönliche Umstände oder die Arbeitsmarktsituation die
Verwertung der Resterwerbsfähigkeit übermässig erschweren oder verunmöglichen,
widerlegt werden. Massgebend für die Berechnung der Ergänzungsleistungen ist daher
das hypothetische Erwerbseinkommen, das die versicherte Person tatsächlich
realisieren könnte (BGE 140 V 270 E. 2.2 mit Hinweisen). Auf die Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens ist zu verzichten, wenn der EL-Bezüger trotz
ernsthafter Arbeitsbemühungen keine Stelle findet, die Arbeitslosigkeit also nicht
selbstverschuldet ist. Diese Voraussetzung ist unter anderem erfüllt, wenn der EL-
Bezüger qualitativ und quantitativ ausreichende, aber erfolglose Stellenbemühungen
nachweist (vgl. Rz. 3424.07 der Wegleitung des Bundesamtes für Sozialversicherungen
über die Ergänzungsleistungen zur AHV und IV, WEL, Stand 1. Januar 2021; Botschaft
EL-Reform, BBl 2016 7538). Bemüht sich der EL-Bezüger trotz zumutbarerweise
verwertbarer Arbeitsfähigkeit nicht um eine Stelle, verletzt er die ihm obliegende
Schadenminderungspflicht. Diese besteht nämlich darin, durch die Erzielung eines
Erwerbseinkommens soweit als möglich aus eigener Kraft zur Deckung des
Existenzbedarfs beizutragen. Arbeitet der Invalide in einer Werkstätte im Sinne von
Art. 3 Abs. 1 lit. a IFEG (SR 831.26), ist Art. 14a Abs. 2 ELV nicht anwendbar (Art. 14a
Abs. 3 lit. b ELV).
Die Beschwerdegegnerin hat mit der Verfügung vom 16. März 2021 die
Ergänzungsleistung ab 1. Mai 2021 aufgrund der Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens reduziert. Eine formell rechtskräftig zugesprochene Dauerleistung
wird von Amtes wegen oder auf Gesuch hin erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben,
wenn sich der ihr zu Grunde liegende Sachverhalt nachträglich erheblich verändert hat
(Art. 17 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1). Vorliegend hat die
Sachverhaltsveränderung darin bestanden, dass der Beschwerdeführer ab März 2017
nicht mehr gearbeitet hat. Zwar hat er ab 1. Februar 2020 wieder eine Erwerbstätigkeit
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufgenommen; das dabei erzielte Erwerbseinkommen hat den Grenzbetrag gemäss
Art. 14 Abs. 2 lit. a ELV jedoch nicht erreicht. Die Verfügung vom 16. März 2021 ist also
eine Reaktion auf die Aufgabe der Erwerbstätigkeit im März 2017 gewesen. Damit hat
ein Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 2 ATSG bestanden.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin ab 1. Mai 2021 zu Recht
ein hypothetisches Erwerbseinkommen von Fr. 26'147.-- angerechnet hat. Der
Beschwerdeführer hat seit dem 1. Januar 2006 bei einem Invaliditätsgrad von 45% eine
Viertelsrente der Invalidenversicherung bezogen. Die Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit hat 50% betragen (vgl. die beiden Gutachten der ABI GmbH vom
8. November 2006 und 6. März 2009). Seit der Begutachtung im Jahr 2009 hat die IV-
Stelle den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht
mehr vertieft abgeklärt. Im Rahmen einer amtlichen Rentenrevision in den Jahren
2015/2016 hat sie nämlich lediglich geprüft, ob Anhaltspunkte für eine Veränderung
des Gesundheitszustands und die Arbeitsfähigkeit bestanden hätten, was sie verneint
hat. Auf zwei Revisionsgesuche des Beschwerdeführers vom 6. April 2016 und
30. August 2021 ist sie nicht eingetreten. Dementsprechend ist die Viertelsrente seit
dem Rentenbeginn unverändert ausgerichtet worden. Am 29. Oktober 2020 hat die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer mitgeteilt, dass sie ab 1. Mai 2021 in
Anwendung von Art. 14a ELV (gemeint: Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV) ein hypothetisches
Erwerbseinkommen anrechnen werde, ausser er finde trotz ernsthaften
Arbeitsbemühungen keine Stelle. Da sie die Arbeitsbemühungen des
Beschwerdeführers im Zeitraum von November 2020 bis Februar 2021 als nicht
ausreichend und damit als nicht ernsthaft qualifiziert hat, hat sie mit der Verfügung vom
16. März 2021 ab 1. Mai 2021 ein hypothetisches Erwerbseinkommen von Fr. 26'147.--
angerechnet (EL-act. 23). Mit einer (rechtkräftig gewordenen) Verfügung vom 14. Juni
2021 hat sie das hypothetische Erwerbseinkommen rückwirkend ab 1. Juni 2021 aus
der EL-Anspruchsberechnung ausgeschieden und stattdessen das bei der H._ ab
1. Juni 2021 tatsächlich erzielte Jahreseinkommen von lediglich Fr. 2'647.--
berücksichtigt (EL-act. 14). Die Beschwerdegegnerin ist also davon ausgegangen, dass
der Beschwerdeführer ab 1. Juni 2021 seine Resterwerbsfähigkeit nur noch an einem
geschützten Arbeitsplatz auf dem zweiten Arbeitsmarkt verwerten könne. Dies steht in
einem Widerspruch zur Verfügung vom 16. März 2021 und zu dem diese Verfügung
ersetzenden, angefochtenen Einspracheentscheid vom 24. August 2021, worin die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer ab 1. Mai 2021 ein auf dem ersten
Arbeitsmarkt erzielbares, hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet hat. Sinn
und Zweck von Art. 14a Abs. 3 lit. b ELV ist, dass einer invaliden Person, die aufgrund
ihrer Unfähigkeit, ihre Resterwerbsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu verwerten,
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in einer Werkstätte im Sinne von Art. 3 Abs. 1 lit. a IFEG arbeitet, kein hypothetisches
Erwerbseinkommen angerechnet wird. Die Anwendung des Art. 14a Abs. 3 lit. b ELV
darf also – entgegen dem zu engen Wortlaut – nicht einfach daran anknüpfen, ob eine
invalide Person in einer geschützten Werkstätte tätig ist, sondern sie muss
voraussetzen, dass die Resterwerbsfähigkeit objektiv nur noch in einem geschützten
Rahmen verwertbar ist. Würde man nicht an der zumutbaren Resterwerbsfähigkeit,
sondern allein daran anknüpfen, ob eine invalide Person gerade in einer geschützten
Werkstätte tätig ist, hätte die Anwendung des Art. 14a Abs. 3 lit. b ELV gesetzwidrige
und das Gleichbehandlungsgebot verletzende Resultate zur Folge, denn dann würde
einer invaliden Person, die fähig wäre, ihre Resterwerbsfähigkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt zu verwerten, statt ein allfälliges hypothetisches Erwerbseinkommen nur
das tatsächlich erzielte, tiefere Erwerbseinkommen angerechnet, während einer
invaliden Person, die nicht in einer geschützten Werkstätte arbeitet und die ihre
Resterwerbsfähigkeit ebenfalls auf dem ersten Arbeitsmarkt verwerten kann sowie
selbstverschuldet arbeitslos ist, ein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet
würde. Arbeitet eine invalide Person also in einer geschützten Werkstätte im Sinne von
Art. 3 Abs. 1 lit. a IFEG, obwohl sie ihre Resterwerbsfähigkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt verwerten kann, ist nicht Art. 14a Abs. 3 lit. b ELV, sondern Art. 14a
Abs. 2 ELV massgebend (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 7. September 2021, EL 2019/18 E. 4.4). Vorliegend hat die
Beschwerdegegnerin keine Abklärungen getätigt, ob der Beschwerdeführer seine
Resterwerbsfähigkeit auf dem ersten oder nur noch auf dem zweiten Arbeitsmarkt
verwerten kann. In den Gutachten vom 8. November 2006 und 6. März 2009 sind die
Sachverständigen der ABI GmbH implizit von einer Verwertbarkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt ausgegangen. Die EL-Durchführungsstellen und die
Sozialversicherungsgerichte haben sich hinsichtlich der invaliditätsbedingten
Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit zwar grundsätzlich an die Invaliditätsbemessung
durch die Invalidenversicherung zu halten (BGE 140 V 270 E. 2.2 mit Hinweisen). Die
Begutachtung durch die ABI GmbH vom 4. Februar 2009 liegt jedoch zu weit zurück,
als dass gestützt darauf mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegt wäre, dass der Beschwerdeführer ab November 2020
(Beginn der Arbeitsbemühungen) nach wie vor in einer adaptierten Tätigkeit zu 50%
arbeitsunfähig gewesen ist (bzw. dass er zu 45% invalid gewesen ist) und dass er seine
Resterwerbsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt hat verwerten können. Mit
Ausnahme der Arbeitsunfähigkeitszeugnisse, insbesondere dasjenige von Dr. J._
vom 2. Februar 2021 betreffend eine vollständige Arbeitsunfähigkeit ab 2. Februar 2021
bis voraussichtlich 28. Februar 2021, liegen keine aktuellen medizinischen Berichte
zum Gesundheitszustand und zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in den
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Im Sinne eines obiter dictum ist festzuhalten, dass aus der Sicht des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen nicht nachvollziehbar ist, weshalb die
Beschwerdegegnerin ab 1. Juni 2021 von einer Verwertbarkeit der
Resterwerbsfähigkeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt ausgegangen ist. Die Verfügung
vom 14. Juni 2021 ist allerdings formell rechtskräftig und kann in diesem
Beschwerdeverfahren somit nicht überprüft werden.
4.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. f ATSG).