Decision ID: b2169552-d1e2-4ed3-91c1-21afb4a756dc
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend üble Nachrede
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Ein-
zelgericht, vom 29. April 2014 (GG140030)
- 2 -
Inhaltsübersicht
Anklage 3 Urteil der Vorinstanz 3 Anträge der Parteien 4
I. Prozessgeschichte 5
1. Verfahrensgang bis zur Ausfällung des vorinstanzlichen Urteils 5 2. Anwendbares Prozessrecht 5 3. Berufungsrückzug der Beschuldigten 1 5 4. Verfahrensgang betreffend den Beschuldigten 2 6 5. Berufungsthema 6
II. Örtliche Zuständigkeit 7
1. Einleitung 7 2. Allgemeine Ausführungen 7 3. Konkrete Prüfung 9 4. Fazit 17
III. Anklageprinzip 17
1. Einleitung 17 2. Konkrete Prüfung 17 3. Fazit 19
IV. Beweisanträge 19
V. Sachverhalt 20
1. Vorhandene Beweismittel 20 2. Anklagevorwurf 20 3. Konkrete Beweiswürdigung 21 4. Fazit 22
VI. Rechtliche Würdigung 23
1. Tatbestandsmässigkeit 23 2. Rechtfertigungsgrund nach Art. 14 StGB 27 3. Ausschluss des Entlastungsbeweises 33 4. Gesamtfazit 38 5. Exkurs zum Nichtgelingen des Entlastungsbeweises 38
VII. Sanktion 44
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen 44
- 3 -
Anklage:
Die Anklageschrift vom 16. Januar 2014 (Urk. 201) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Angeklagte A._ wird von Schuld und Strafe freigesprochen.
2. Der Angeklagte B._ ist schuldig der üblen Nachrede im Sinne von
Art. 173 StGB.
3. Der Angeklagte B._ wird bestraft mit einer Geldstrafe von
30 Tagessätzen zu Fr. 300.00.
4. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt.
5. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf Fr. 4'500.00. Über die weiteren Kos-
ten (Barauslagen usw.) wird die Gerichtskasse Rechnung stellen.
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Ankläger und dem Angeklagten B._ je zur Hälfte auferlegt.
7. Der Ankläger wird verpflichtet, der Angeklagten A._ eine Prozessent-
schädigung von Fr. 17'280.00 zu bezahlen.
8. Der Angeklagte B._ wird verpflichtet, dem Ankläger eine Prozessent-
schädigung von Fr. 17'280.00 zu bezahlen.
- 4 -
Berufungsanträge:
a) Des Verteidigers des Beschuldigten 2:
(Urk. 302 S. 1)
1. Auf die Ehrverletzungsklage sei nicht einzutreten.
2. Im Falle eines Eintretens auf die Anklage sei Fürsprecher B._
vollumfänglich freizusprechen.
3. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens seien
dem Ankläger C._ aufzuerlegen.
4. Der Ankläger C._ sei zu verpflichten, Fürsprecher B._ eine
Prozessentschädigung von CHF 70'000 zu bezahlen.
b) Des Vertreters des Privatklägers:
(Urk. 306 S. 1f.)
1. Die Berufung des Beschuldigten sei abzuweisen.
2. Das Urteil der Vorinstanz vom 29. April 2014 sei zu bestätigen.
3. Dem Beschuldigten seien die Kosten des Berufungsverfahrens aufzu-
erlegen, und dem Privatkläger sei für das Berufungsverfahren eine an-
gemessene Prozessentschädigung zuzusprechen.
- 5 -

Erwägungen
I. Prozessgeschichte
1. Verfahrensgang bis zur Ausfällung des vorinstanzlichen Urteils
Hinsichtlich des Verfahrensgangs von der Erhebung der Strafklage durch die
Privatkläger bis zur Ausfällung des erstinstanzlichen Urteils kann auf die entspre-
chenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 291 S. 3-6; Art. 82
Abs. 4 StPO).
2. Anwendbares Prozessrecht
Da der vorliegende Ehrverletzungsprozess mit Zulassung der (ersten) An-
klagen (Strafklagen) durch den untersuchungsführenden Einzelrichter am 27. Ok-
tober 2010, und damit vor Erlass der StPO, vor einem erstinstanzlichen Gericht
anhängig gemacht wurde (Urk. 15, vgl. auch Urk. 291 S. 3), war das erstinstanzli-
che Verfahren noch nach bisherigem kantonalen Prozessrecht zu führen (Art. 456
StPO, Lieber in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, StPO Komm., Art. 456 N 2 m.V.a.
Urteil 6B_94/2013, vgl. Urk. 77 S. 2 f. und Urk. 291 S. 15).
Im Berufungsverfahren kommt die Schweizerische Strafprozessordnung zur
Anwendung (Art. 454 Abs. 1 StPO, vgl. Lieber, a.a.O. Art. 456 N 3). Die unter al-
tem Recht ordnungsgemäss durchgeführten Verfahrenshandlungen behalten ihre
Gültigkeit auch unter dem neuen Recht (Art. 448 Abs. 2 StPO; Schmid, StPO
Praxiskommentar, 2. Aufl., Art. 447 N 3).
3. Berufungsrückzug der Beschuldigten 1
Mit Eingabe vom 8. Mai 2014 liess die Beschuldigte 1 (nachfolgend: die Be-
schuldigte A._) gegen das vorinstanzliche Urteil vom 30. April 2014 Berufung
anmelden (Urk. 283). Mit Eingabe vom 11. August 2014 liess die Beschuldigte
A._ die Berufung zurückziehen (Urk. 292).
- 6 -
Vom Rückzug dieser Berufung ist Vormerk zu nehmen.
4. Verfahrensgang betreffend den Beschuldigten 2
4.1. Der Beschuldigte 2 (nachfolgend: der Beschuldigte) liess mit Eingabe
vom 30. April 2014 gegen das vorinstanzliche Urteil Berufung anmelden
(Urk. 281). Mit Eingabe vom 20. August 2014 liess er die Berufungserklärung ein-
reichen (Urk. 293, Beilagen Urk. 294/1-6).
4.2. Der Privatkläger sowie die Oberstaatsanwaltschaft verzichteten auf An-
schlussberufung (vgl. Urk. 295).
4.3. Mit Präsidialverfügung vom 18. Februar 2015 wurde mit Einverständnis
des Beschuldigten und des Privatklägers die schriftliche Durchführung des Beru-
fungsverfahrens angeordnet (Urk. 300).
4.4. Die Berufungsbegründung des Beschuldigten erfolgte mit Eingabe vom
23. März 2015 (Urk. 302). Mit Eingabe vom 26. Mai 2015 liess der Privatkläger die
Berufungsantwort einreichen (Urk. 306, Beilagen Urk. 307/1-3). Eine (freigestellte)
Berufungsreplik des Beschuldigten erfolgte mit Eingabe vom 17. Juni 2015
(Urk. 310). Eine (freigestellte) Berufungsduplik liess der Privatkläger innert er-
streckter Frist mit Eingabe vom 16. Juli 2015 einreichen (Urk. 315).
4.5. Die Vorinstanz verzichtete auf Vernehmlassung (Urk. 305).
5. Berufungsthema
Der erstinstanzliche Freispruch der Beschuldigten A._ wurde von keiner
Seite beanstandet, womit vorab festzustellen ist, dass die Ziffer 1 des erstinstanz-
lichen Urteils in Rechtskraft erwachsen ist.
Im Übrigen – und damit ausschliesslich den Beschuldigten betreffend – ist
der Entscheid der Vorinstanz vollumfänglich angefochten.
- 7 -
II. Örtliche Zuständigkeit
1. Einleitung
1.1. Der Beschuldigte macht eingangs einmal mehr geltend, dass auf die
Anklage zufolge örtlicher Unzuständigkeit (des Bezirksgerichts Zürich) nicht ein-
getreten werden könne, da sich die Anklage vom 16. Januar 2014 nicht zum Be-
gehungsort äussere (vgl. Urk. 302 Rz. 4 und 5).
1.2. Die Vorinstanz hat mit einlässlicher, sorgfältiger und überzeugender
Begründung dargetan, dass die örtliche Zuständigkeit des Bezirksgerichts Zürich
gegeben ist, weshalb vorab vollumfänglich auf die erstinstanzlichen Erwägungen
verwiesen werden kann (Urk. 291 S. 9-16). Zu den wichtigsten Ausführungen der
Vorinstanz, ist teils zusammenfassend und teils ergänzend, das Folgende
(Ziff. 2. ff.) festzuhalten.
2. Allgemeine Ausführungen
2.1. Zum Gerichtsstand
2.1.1. Sowohl nach altem wie neuem Recht ist primärer Gerichtsstand der
Tatort, d.h. der Ort, wo der Täter in strafrechtlich relevanter Weise aktiv geworden
ist (Art. 340 alt StGB; Art. 31 StPO), also der Handlungsort (vgl. Schmid, StPO
Praxiskommentar, 2. Aufl., Art. 31 N 1; Fingerhuth/Lieber in: Donatsch/Hans-
jakob/Lieber, StPO Komm., Art. 31 N 12 f.).
Kann der Tatort nicht ermittelt werden, so sind für die Verfolgung und Beur-
teilung primär die Behörden am Wohnsitz des Täters zuständig (Art. 342 Abs. 1
altStGB; Art. 32 Abs. 1 StPO; vgl. Schmid, StPO Praxiskommentar, 2. Aufl.,
Art. 32 N 3 f.; Fingerhuth/Lieber, a.a.O., Art. 33 N 1)
Im Falle mehrerer Mittäter sind die Behörden des Ortes zuständig, an dem
zuerst Verfolgungshandlungen vorgenommen worden sind (Art. 349 Abs. 2 StGB
und Art. 33 Abs. 2 StPO; sog. forum praeventionis). Diese Regel wirkt sich aber
nur aus, wenn nach den allgemeinen Grundregeln verschiedene Gerichtsstände
- 8 -
vorliegen (vgl. Fingerhuth/Lieber, a.a.O., Art. 33 N 15), also beispielsweise wegen
getrennter Tatorte oder Wohnorte der Täter.
2.1.2. Eine Anklageschrift muss sich zu den Zuständigkeitsvoraussetzun-
gen nicht äussern. Sie hat lediglich den Sachverhalt, nicht die Prozessvorausset-
zungen zu nennen. Die Strafbehörden prüfen in jedem Verfahrensstadium von
Amtes wegen, ob die Prozessvoraussetzungen vorliegen. Das Nichtaufführen ei-
nes Tatortes in der Anklageschrift entbindet weder die Strafverfolgungsbehörden
von der Prüfung der örtlichen Zuständigkeit noch stellt es auf dieser Ebene – (zur
Ebene der Sachverhaltsprüfung vgl. nachstehend Ziff. IV.) – einen Mangel dar,
welcher zu einer Anklageberichtigung führen müsste. Der Prüfung der Prozess-
voraussetzungen und damit auch der örtlichen Zuständigkeit sind die gesamten
im Prüfungszeitpunkt vorhandenen Akten zu Grunde zu legen (vgl. Urk. 291 S. 9-
11).
2.2. Zum Privatstrafklageverfahren
Im Privatstrafklageverfahren nach der alten Zürcherischen Strafprozessord-
nung besteht die Besonderheit, dass der private Ankläger bereits bei Einleitung
des Verfahrens vor dem Friedensrichter eine Anklageschrift einzureichen hat.
Gestützt auf diese Anklageschrift (und die Weisung) verfügt der Bezirksgerichts-
präsident die definitive Zulassung der Anklage (§ 313 StPO/ZH; vgl. Urk. 291
S. 11 m. H.). Mit Zulassung dieser (ersten) Anklage wird das Privatstrafklagever-
fahren bei einem erstinstanzlichen Gericht anhängig gemacht, was die Folgen
der Rechtshängigkeit mit sich bringt (vgl. Bundesgerichtsurteil 6B_94/2013 E.
2.2; Schmid, in: Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Zürich, Janu-
ar 1999, § 313 N 6). Da diese bereits im Sühnverfahren einzureichende Anklage
definitiv ist, kann diese in der Folge nicht mehr geändert oder ergänzt werden.
Zulässig sind lediglich noch Berichtigungen (vgl. § 314 Abs. 3 StPO/ZH), d.h. das
Ändern oder Nachbringen von Anklagedetails, also einzelnen Tatumständen. Der
urteilende Richter hat im Rahmen des Eintretens auf eine allfällig berichtigte An-
klage (lediglich) zu prüfen, ob die Anklageberichtigung im Rahmen von § 314
Abs. 3 StPO/ZH zulässig ist (Schmid, in: Kommentar zur Strafprozessordnung
des Kantons Zürich, Januar 1999, § 314 N 6 und 10).
- 9 -
3. Konkrete Prüfung
3.1. Örtliche Zuständigkeit bei ungewissem Tatort sowie Mittäterschaft
3.1.1. Nachfolgend wird hinsichtlich eines jeden einzelnen Verfahrens-
schritts zu prüfen sein, ob die Strafbehörden ihre örtliche Zuständigkeit jeweils zu
Recht (implizit oder explizit) bejahten.
3.1.2. Im Sinne einer vorausgehenden Klammer kann bereits an dieser Stel-
le festgehalten werden, dass die örtliche Zuständigkeit aller vorliegend tätigen
Strafverfolgungsbehörden des Bezirks Zürich gestützt auf Art. 342 Abs. 1 i.V.m.
Art. 349 Abs. 2 altStGB bzw. Art. 32 Abs. 1 und Art. 33 Abs. 2 StPO bejaht wer-
den kann: Der Beschuldigten A._ und dem Beschuldigten wurde seit Beginn
des Verfahrens bis zur erstinstanzlichen Hauptverhandlung mittäterschaftliches
Handeln vorgeworfen (vgl. die ersten Anklageschriften, bzw. Strafklagen, vom 16.
Juni 2010 [Urk. 1 und 2], die erste Anklagezulassung vom 27. Oktober 2010
[Urk.15 S. 2], die zweite, bereinigte Anklageschrift vom 16. Januar 2014 [Urk. 201
S. 2] und das vorinstanzliche Urteil [Urk. 291 S. 22 f.]). Die Tatorte (Handlungsor-
te) sowohl der Beschuldigten A._ als auch des Beschuldigten liessen sich bis
anhin nicht ermitteln und könnten auch durch weitere Beweiserhebungen nicht
ermittelt werden.
Der Handlungsort des Beschuldigten lässt sich deshalb nicht ermitteln, weil
diesem mit erster Anklageschrift vom 16. Juni 2010 zwar ein Handeln in seinen
Büroräumlichkeiten in der Stadt D._ vorgeworfen wurde (Urk. 2 S. 2), er aber
anlässlich seiner Einvernahme vom 7. Februar 2011 jegliche Aussagen verwei-
gerte (Urk. 32), über drei Jahre später durch das Plädoyer seines Verteidigers
zwar zwei mögliche neue Handlungsorte ins Spiel brachte (E._ oder F._
[GR]), sich dabei aber nicht auf einen festlegen wollte oder konnte. Eine erneute
formelle Einvernahme des Beschuldigten wurde nicht beantragt und würde auch
keine Klarheit bringen, denn es kann (auch aufgrund von dessen inkohärenten
prozessualem Verhalten, vgl. nachstehend Ziff. 3.2.3.) nicht davon ausgegangen
werden, dass solchen nachmaligen Aussagen des Beschuldigten nach nahezu
sechs Jahren vorbehaltlos gefolgt werden könnte.
- 10 -
Auch der Handlungsort der Beschuldigten A._ liess und lässt sich nicht
ermitteln, nachdem diese in ihrer Einvernahme vom 7. Februar 2011 die Aussa-
gen verweigerte (Urk. 31). Abgesehen von den Aussagen der zwei Beschuldigten
standen und stehen keine weiteren Beweismittel zur Ermittlung der Tatorte zur
Verfügung, stimmen die Parteien doch darin überein, dass die erstere den letzte-
ren über das Telefon mit der Aufsetzung eines Schreibens beauftragt und dieser
das inkriminierte Schreiben vom 7. Mai 2010 per E-Mail an die Ankläger und wei-
tere Personen versandt hatte. Aufgrund des Umstandes, dass die Tatorte der
zwei Beschuldigten zu keinem Zeitpunkt mit der rechtserforderlichen Sicherheit
ermittelbar waren, durften – gemäss den vorstehend zitierten Gerichtsstandsre-
geln – die Untersuchungsbehörden ihre ersten Verfolgungshandlungen am
Wohnsitz der Beschuldigten A._, also in der Stadt D._, vornehmen und
durften in der Folge auch alle weiteren Strafverfolgungsbehörden an diesem
Wohnsitz der Beschuldigten A._ tätig werden und zwar sowohl hinsichtlich
derselben als auch hinsichtlich des Beschuldigten B._. Die örtliche Zustän-
digkeit sowohl der untersuchungsführenden Einzelrichter als auch des Sachrich-
ters des Bezirksgerichts Zürich war demnach zu jedem Zeitpunkt gegeben.
Dass die Beschuldigte A._ von der Vorinstanz freigesprochen wurde,
führt nicht zu einem (nachträglichen oder zukünftigen) Wechsel der örtlichen Zu-
ständigkeit betreffend den Beschuldigten B._, sondern es gilt der Grundsatz
der perpetuatio fori (vgl. für das alte Recht Trechsel/Lieber StGB PK [2008],
Art. 343 N 4, wonach schon die Verfahrenseinstellung gegen einen Beteiligten
nicht zu einer Änderung des Gerichtsstands führen soll, und für das neue Recht
Gut/Fingerhuth in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, StPO Komm., Art. 344 N 5, wo-
nach eine von der Untersuchungsbehörde abweichende rechtliche Würdigung
durch das Sachgericht die örtliche Zuständigkeit nicht berührt.).
- 11 -
3.2. Zur örtlichen Zuständigkeit der involvierten Behörden im Einzelnen
3.2.1. Örtliche Zuständigkeit der untersuchungsführenden Einzelrichter
nach Zulassung der ersten Anklagen vom 16. Juni 2010
a) Mit Verfügung vom 27. Oktober 2010 hat der untersuchungsführende
Einzelrichter des Bezirksgerichts Zürich die ersten Anklageschriften (bzw. Straf-
klagen) vom 16. Juni 2010 in Anwendung von §§ 313 und 314 Abs. 1 StPO/ZH
definitiv zugelassen (Urk. 15). Mit diesen Anklageschriften wurde dem Beschul-
digten (u.a.) vorgeworfen, am 7. Mai 2010 das inkriminierte Schreiben im Auftrag
der Beschuldigten A._ in seinem Büro in den Räumlichkeiten der G._
AG, ... [Adresse], verfasst und per E-Mail an verschiedene Personen zugestellt zu
haben (Urk. 1 S. 2 Rz. 5 und Urk. 2 S. 2 Rz. 5).
Mit dieser Anklagezulassung hat der untersuchungsrichterliche Einzelrichter
die örtliche Zuständigkeit von sich bzw. des Bezirksgerichts Zürich (implizit) zu
Recht bejaht. Für diese sprach einerseits der plausibel geltend gemachte Hand-
lungsort des Beschuldigten in der Stadt D._ durch die Ankläger und anderer-
seits der Wohnort der Beschuldigten A._ in der Stadt D._, der bei nicht
ermittelbarem Handlungsorten der zwei Beschuldigten als Gerichtsstand bei Mit-
täterschaft auch hinsichtlich des Beschuldigten zum Zuge kommt.
b) Der anwaltlich vertretene und auch selber rechtsgeschulte Beschuldigte
widersprach dieser mit definitiver Anklagezulassung vom 27. Oktober 2010 be-
gründeten örtliche Zuständigkeit des Bezirksgerichts Zürich nicht, obwohl ihm
diesbezüglich, wäre er bereits damals der heute vertretenen Auffassung gewe-
sen, der Rekurs gemäss § 170 StPO/ZH zur Verfügung gestanden hätte (vgl.
Schmid, in: Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Zürich, Januar
1999, § 313 N 12 und Schmid, Strafprozessrecht, 4. Aufl., 2004 N 999). Der Be-
schuldigte hat sodann zwar in seiner Einvernahme vom 7. Februar 2011 von sei-
nem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht (vgl. Urk. 32) und damit den
ihm mit Anklage vom 16. Juni 2010 vorgeworfenen Sachverhalt, und damit auch
den Tatort D._ nie formell eingestanden. Er hat indes während des gesamten
Untersuchungsverfahrens nie einen Einwand gegen den mit Anklagezulassung
- 12 -
vom 27. Oktober 2010 begründeten Gerichtsstand erhoben. Dass der Beschuldig-
te sich im Untersuchungsverfahren mit dem Gerichtsstand des Bezirksgerichts
Zürich konkludent einverstanden erklärte, geht auch daraus hervor, dass er den
untersuchungsführenden Einzelrichter mehrfach – ein erstes Mal am 13. Dezem-
ber 2011 und ein weiteres Mal am 5. November 2012 – Verfahrensverzögerung
vorwarf und auf Abschluss der Untersuchung drängte (vgl. Urk. 51 und 76).
3.2.2. Örtliche Zuständigkeit des Sachrichters (d.h. der Vorinstanz) nach
Zulassung der zweiten (bereinigten) Anklage vom 16. Januar 2014
a) Mit Eingabe vom 16. Januar 2014 ersuchte der Privatkläger die untersu-
chungsführende Einzelrichterin, die Untersuchung abzuschliessen (Urk. 200) und
reichte gleichzeitig eine bereinigte (gestraffte) Anklageschrift ein (Urk. 201). In
dieser Anklageschrift vom 16. Januar 2014, mit welcher den Beschuldigten wei-
terhin Mittäterschaft vorgeworfen wird, sind keine Begehungsorte mehr aufge-
führt; weder hinsichtlich des Beschuldigten noch hinsichtlich der Beschuldigten
A._. Es ist gleichwohl anzunehmen, dass aus Sicht des Privatklägers an dem
mit der ursprünglichen Anklageschrift geltend gemachten Handlungsort des Be-
schuldigten in der Stadt D._ festgehalten werden sollte, schreibt doch des-
sen Vertreter in der begleitenden Eingabe vom 16. Januar 2014: "Ich habe zwar
im Sinne von § 314 Abs. 3 StPO/ZH die Anklage nicht grundsätzlich zu berichti-
gen. Es ging immer um den gleichen Sachverhalt. Da aber bisher nicht eine rein
formelle Anklageschrift im Sinne von § 162 StPO/ZH erstellt wurde, habe ich dies
nachgeholt und lege diese der vorliegenden Eingabe bei" (vgl. Urk. 200 S. 2). Die
Frage, weshalb der Privatkläger keine(n) Begehungsort(e) mehr nannte, kann oh-
nehin offen gelassen werden (vgl. hiezu nachstehende lit. b). Mit Eingabe vom
31. Januar 2014 beantragte der Beschuldigte die Abweisung des Antrags der Ge-
genseite auf Untersuchungsabschluss und rügte dabei zwar eingehend "die bis-
herigen gravierenden Verfahrensfehler", welche seiner Auffassung nach den Un-
tersuchungsbehörden unterlaufen waren, thematisierte dabei aber die Frage des
(fehlenden) Begehungsorts oder der örtlichen Zuständigkeit wiederum mit keinem
Wort (Urk. 213 S. 2). Diese erste Reaktion des Beschuldigten auf die bereinigte
Anklageschrift, mit der er die Weiterführung der Untersuchung bzw. die Durchfüh-
- 13 -
rung weiterer Zeugeneinvernahmen verlangte, legt den Schluss nahe, dass auch
aus seiner Sicht die bisherige örtliche Zuständigkeit der Strafbehörden nicht in
Frage gestellt werden sollte.
b) Dem Antrag des Privatklägers folgend, schloss die untersuchungsfüh-
rende Einzelrichterin mit Verfügung vom 19. Februar 2014 die Untersuchung ab
und überwies die Akten an das Sachgericht bzw. die Vorinstanz (Urk. 216). Diese
liess mit Verfügung vom 11. März 2014 die bereinigte Anklage vom 16. Januar
2014 zu (Urk. 225).
Dieser zweiten Anklagezulassung kommt – entgegen der sinngemässen Auf-
fassung des Beschuldigten bzw. seines Verteidigers – nicht etwa die Bedeutung
zu, dass damit die erste Anklagezulassung vom 27. Oktober 2010 hinfällig gewor-
den wäre. Mit dieser zweiten Anklagezulassung wird lediglich gesagt, dass die
vom Privatkläger vorgenommene Bereinigung bzw. Berichtigung der ersten Ankla-
gen vom 16. Juni 2010 im Sinne von § 314 Abs. 3 StPO/ZH als zulässig erachtet
wurde. Indem der Sachrichter (die Vorinstanz) die berichtigte Anklage vom
16. Januar 2014 zuliess, gab er damit selbstverständlich implizit auch zum Aus-
druck, dass er die bisher als gegeben erachtete örtliche Zuständigkeit des Be-
zirksgerichts Zürich als weiterhin gegeben erachtete. Diese Auffassung bestand
zu Recht (und wurde von der Vorinstanz in ihrem Sachurteil vom 29. April 2014
denn auch eingehend begründet). Wie bereits ausgeführt, stellt die Nichterwäh-
nung eines Begehungsortes in der bereinigten Anklageschrift keinen Mangel dar,
da sich diese zu den Prozessvoraussetzungen nicht zu äussern hat. Irrelevant ist
auch, aus welchem Grund kein Begehungsort mehr aufgeführt wurde. Die Argu-
mentation des Verteidigers im Berufungsverfahren, dass damit seitens des Privat-
klägers darüber hätte "hinweggetäuscht" werden sollen, dass ein Begehung trotz
vierjähriger Untersuchung nicht eruiert werden konnte, erscheint nachgerade ab-
surd (Urk. 302 S. 6 f.). Die Nichtermittelbarkeit des Tatortes führte entgegen der
Auffassung des Verteidigers (a.a.O. S. 7) keinesfalls dazu, dass die Vorinstanz die
örtliche Zuständigkeit nicht hätte beurteilen können. Vielmehr durfte sie ihre örtli-
che Zuständigkeit weiterhin bejahen, nachdem sie (gemäss den bereits zitierten
Gerichtsstandsregeln) als die Behörde am Wohnort der Beschuldigten A._
- 14 -
zur Beurteilung der mit Anklage vom 16. Januar 2014 vorgeworfenen Taten hin-
sichtlich beider Beschuldigten klar zuständig war.
3.2.3. Zur Unzuständigkeitseinrede des Beschuldigten im erstinstanzli-
chen Verfahren
a) Mit Rekurs vom 26. März 2014 an die III. Strafkammer des Obergerichts
wehrte sich der Beschuldigte gegen die Zulassung der bereinigten Anklage
(Urk. 238/1). Erst zu diesem späten Zeitpunkt und nur gegen diese zweite Ankla-
geschrift erhob der Beschuldigte den Einwand der örtlichen Unzuständigkeit im
Sinne von § 170 StPO/ZH und wurde die Frage des Begehungsortes und des Ge-
richtstandes für diesen überhaupt zu einem Thema. Er begründete (auch schon)
seinen Rekurs damit, dass der Privatkläger mit der bereinigten Anklageschrift "of-
fensichtlich über die fehlende Eruierung des Begehungsortes hinwegtäuschen"
habe wollen und dass die Vorinstanz mittels Zulassung der bereinigten, keinen
Tatort nennenden Anklageschrift ihre örtliche Zuständigkeit zu Unrecht bejaht ha-
be (Urk. 238/1 S. 6 und 7). Nachdem die Vorinstanz am 29. April 2014 das erstin-
stanzliche Urteil gefällt und der Beschuldigte mit Eingabe vom 30. April 2014 da-
gegen Berufung angemeldet hatte, sistierte die III. Strafkammer mit Beschluss
vom 2. Juni 2014 das Rekursverfahren bis zur rechtskräftigen Erledigung des (vor-
liegenden) Berufungsverfahrens (vgl. das Verfahrensprotokoll aus den Rekursak-
ten UK140001 sowie Urk. 302 S. 6).
Mit Plädoyer seines Verteidigers vom 29. April 2014 machte der Beschuldigte
anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung ein zweites Mal die örtliche Un-
zuständigkeit der Vorinstanz geltend. Hatte er in seiner Rekursschrift vom
26. März 2014 (vgl. Urk. 238/1) noch keinen neuen Handlungsort geltend ge-
macht und auch sonst nichts behauptet, was auf einen Handlungsort ausserhalb
der Stadt D._ hindeuten könnte, liess er nun vor Vorinstanz plötzlich und
erstmals vorbringen, Abklärungen hätten ergeben, dass er am 7. Mai 2010 bereits
auf dem Sprung ins Wochenende und nicht mehr in der Kanzlei gewesen sei, als
ihn der Anruf der durch die Anfrage des H._(Publikation)-Journalisten ver-
ängstigten Beschuldigten A._ erreicht habe. Dementsprechend habe er den
zur Anklage gebrachten, per E-Mail versandten Brief vom 7. Mai 2010 unter gros-
- 15 -
sem Zeitdruck vor dem Wochenende erstellen müssen. Ob dies an seinem Woh-
nort in E._ oder an seinem Feriendomizil in F._ erfolgt sei, sei nicht wei-
ter abgeklärt worden, da dies nicht Aufgabe der Verteidigung sei (Urk. 272 S. 7 f.).
b) Dieses späte und plötzliche Abrücken des Beschuldigten von seiner –
über die Dauer von nahezu vier Jahren aufrechterhaltenen – konkludenten Aner-
kennung des Gerichtstands (und Handlungsortes) D._ müsste – wäre dieses
Verhalten im Rahmen von formellen Einvernahmen erfolgt – als blosse Schutzbe-
hauptung gewertet werden: Der Beschuldigte lässt zwar ausführen, dass Abklä-
rungen ergeben hätten, dass er bereits auf dem Sprung ins Wochenende gewe-
sen sei, verschweigt aber, worin diese Abklärungen bestanden haben sollen. Der
Beschuldigte trägt damit eine unsubstantiierte Behauptung vor, welcher keine
Überzeugungskraft zukommt. Ein Beschuldigter hat zwar keine prozessualen Mit-
wirkungspflichten, dies entbindet ihn aber nicht von einer plausiblen Argumentati-
on, will er seinen Behauptungen Gewicht verschaffen. Mangels Vorliegen objekti-
ver Anhaltspunkte – welche allein vom Beschuldigten selber dargetan werden
könnten – ist jedenfalls nicht ersichtlich, wieso dieser erst nach einer derart langen
Zeit und nicht schon früher zum Schluss gekommen sein sollte, dass er das inkri-
minierte E-Mail-Schreiben nicht aus seinem Büro in D._ abgeschickt habe.
Auffallend ist sodann, dass sich der Beschuldigte zwar einerseits sicher sein will,
dass er das inkriminierte E-Mail nicht aus seinem Büro in D._ abgeschickt
habe, aber gleichzeitig nicht sagen will oder kann, ob der Versand desselben von
seinem Wohnsitz oder seinem Feriendomizil erfolgt sei. Ein derartiges Vorbringen
erscheint widersprüchlich.
Aus diesem Grund hat die Vorinstanz angenommen (Urk. 291 S. 16), dass
dieser erst im Sachverfahren erhobene Einwand der Unzuständigkeit des Be-
zirksgerichts Zürich in prozessualer Hinsicht dem Grundsatz von Treu und Glau-
ben widerspreche; der Beschuldigte hätte bereits im Untersuchungsverfahren den
Einwand der örtlichen Unzuständigkeit erheben können. Obwohl er anwaltlich ver-
treten war und auch selber von Berufs wegen rechtskundig ist, hat er dies nicht
getan, sondern hat sich unwidersprochen – und dies über einen Zeitraum von na-
hezu vier Jahren (von September 2010 bis April 2014) – auf ein Verfahren einer
- 16 -
seines Erachtens unzuständigen Behörde eingelassen, weshalb seine erst da-
nach erhobene Einrede der Unzuständigkeit als ein venire contra factum propri-
um, also als ein Verhalten wider Treu und Glauben angesehen werden kann (vgl.
Schmid, StPO Praxiskommentar, 2. Aufl., Art. 42 N 5, bzw. für das alte Prozess-
recht: Derselbe, Strafprozessrecht, 4. Aufl., 2004, N 249).
Die Unzuständigkeitseinrede des Beschuldigten hatte offensichtlich das ein-
zig erkennbare Ziel, die Verfolgungsverjährung herbeizuführen, was nicht gelang.
Ob sie deshalb bereits als rechtsmissbräuchlich zu qualifizieren wäre (im Sinne
eines zweckwidrigen Institutsmissbrauchs; vgl. den vergleichbaren Fall in BGE
131 I 185 und hiezu BSK StPO-Thommen, Art. 3 N 80 f.), kann offen gelassen
werden. Die Einrede vermag schon materiell nicht zu überzeugen und bleibt des-
halb erfolglos: Mit dieser wurde bloss pauschal behauptet, nicht aber substantiiert
dargetan, dass von einem Begehungsort ausserhalb der Stadt D._ auszuge-
hen sei. Der Beschuldigte ist der Einzige, der wissen kann, wo das inkriminierte
E-Mail verfasst und abgesandt wurde, gleichwohl kann oder will er sich hinsicht-
lich des Begehungsortes nicht präzisieren. Damit bleibt der Tatort mangels ent-
sprechender Beweismittel weiterhin nicht ermittelbar und ändert sich dementspre-
chend auch nichts an der örtlichen Zuständigkeit des forum praeventionis, also
der bisher und aktuell mit dem vorliegenden Fall befassten Strafbehörden am
Wohnsitz der Mittäterin des Beschuldigten, auch wenn diese inzwischen freige-
sprochen wurde (vgl. vorstehend Ziff. 2.1.1. und 3.1.2. in fine).
c) Im Übrigen ist festzuhalten, dass selbst wenn materiell von einem der
vom Beschuldigten erstmals mit erstinstanzlichem Plädoyer seines Verteidigers
geltend gemachten Begehungsorte ausgegangen werden müsste, dem Grundsatz
der perpetuatio fori der Vorrang zu geben wäre und es aus diesem Grund und
auch aufgrund der Prozessökonomie bei dem im Untersuchungsverfahren be-
gründeten Gerichtstand D._ belassen werden müsste (wobei zur Begrün-
dung auf die ausführlichen Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden kann;
Urk. 291 S. 14-16).
- 17 -
4. Fazit
Die örtliche Zuständigkeit der Vorinstanz (und in der Folge auch des Beru-
fungsgerichts) ist aus den ausgeführten Gründen zu bejahen, und steht deshalb
einem Eintreten auf die Anklage vom 16. Januar 2014 nicht entgegen.
III. Anklageprinzip
1. Einleitung
1.1. Der Beschuldigte macht weiter wiederum geltend, dass auf die Anklage
nicht eingetreten werden könne, weil sie das Anklageprinzip verletze, indem sie
sich nicht zum Begehungsort äussere (vgl. Urk. 302 Rz. 6).
1.2. Die Vorinstanz hat einlässlich und überzeugend dargetan, dass keine
Verletzung des Anklageprinzips vorliegt, weshalb vorab auf die entsprechenden
Erwägungen verwiesen werden kann (Urk. 291 S. 6-8; Art. 82 Abs. 4 StPO). Zu-
sammenfassend und ergänzend ist das Folgende festzuhalten:
2. Konkrete Prüfung
2.1. Der Verteidiger des Beschuldigten führt im Wesentlichen aus, dass die
Vorinstanz mit ihrer Argumentation übersehen habe, dass es im vorliegenden Fall
nicht vorab um die Umgrenzungs- und Informationsfunktion gemäss dem Ankla-
geprinzip gehe, sondern vielmehr um die gesetzlichen Vorgaben einer Anklage-
schrift im Rahmen des Zulassungsverfahrens. Die Ortsangabe sei schon allein
zur Gewährleistung des verfassungsmässigen Richter unabdingbar. Die Vor-
instanz habe denn auch die eigene örtliche Zuständigkeit aufgrund der ungenü-
genden Anklageschrift nicht beurteilen können. Mit ihrem Zulassungsentscheid
vom 11. März 2014 habe sie somit §§ 162 und 166 ff. StPO/ZH in Verbindung mit
Art. 340 altStGB verletzt (Urk. 302 S. 8).
2.2. Mit diesen Ausführungen rügt die Verteidigung in der Sache nicht eine
Verletzung des Anklageprinzips, sondern einmal mehr eine Verletzung der örtli-
chen Zuständigkeit. Sie übersieht dabei, dass diese zwei Ebenen strikt auseinan-
- 18 -
derzuhalten sind, auch wenn die Frage nach dem Tatort (als sog. doppelrelevante
Tatsache) für beide bedeutsam ist. Das Anklageprinzip schreibt nicht vor, an wel-
chem Ort, sondern ausschliesslich, mit welchem Inhalt (Sachverhalt) eine Ankla-
geschrift beim Gericht einzureichen ist.
Demgemäss hat die Anklageschrift das Prozessthema des Gerichtsverfah-
rens zu fixieren; diese hat deshalb die dem Beschuldigten zur Last gelegten Delik-
te in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die Vorwürfe genügend
konkretisiert sind. Das Anklageprinzip bezweckt damit zugleich den Schutz der
Verteidigungsrechte des Angeklagten und dient dem Anspruch auf rechtliches
Gehör. Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, bestanden im vorliegenden
Fall für den Beschuldigten und seinen Verteidiger zu keinem Zeitpunkt ernsthafte
Zweifel, welcher konkrete Vorwurf dem Beschuldigten und der Beschuldigten
A._ gemacht wird. Der Beschuldigte weiss und wusste stets genau, die Ver-
fassung und Verbreitung welches Schreibens ihm angelastet wird und worin der
Tatbeitrag der Beschuldigten A._ gelegen haben soll. Der Beschuldigte hat
denn auch (trotz Aussageverweigerung) über die Rechtschriften seines Verteidi-
gers nie bestritten, dass er das Schreiben vom 7. Mai 2010 verfasst und per E-
Mail an die im Verteiler genannten Personen verschickt hatte. Vielmehr machte er
von Beginn des Strafverfahrens bis heute lediglich geltend, dass er für die inkri-
minierten Äusserungen im Schreiben vom 7. Mai 2010 den Wahrheits- und Gut-
glaubensbeweis erbringen könne. Die fehlende Ortsangabe in der Anklageschrift
vom 16. Januar 2014 hat demnach weder eine ausreichende Konkretisierung des
an den Beschuldigten gerichteten Vorwurf verhindert noch diesen in der ange-
messenen Ausübung seiner Verteidigungsrechte beeinträchtigt. Die Angabe eines
Tatortes war somit im vorliegenden Fall (auch) unter dem Aspekt das Anklage-
prinzips entbehrlich.
Der Vertreter des Privatklägers hat in diesem Zusammenhang zu Recht auf
die Feststellung des Bundesgerichts verwiesen, wonach Ungenauigkeiten in den
Ortsangaben solange nicht von entscheidender Bedeutung sind, als für die be-
schuldigte Person keine Zweifel darüber bestehen können, welches konkrete
Verhalten ihr vorgeworfen wird (Urteil 6B_969/2013 vom 28. August 2014 , E. 3.1.
- 19 -
m.w.H.). Entgegen der Argumentation des Verteidigers (Urk. 310 S. 5) kann es in
einem Fall wie dem vorliegenden – wo die beschuldigte Person den (einzig erho-
benen) Tatvorwurf genau kennt und unwidersprochen lässt – auch keinen Unter-
schied machen, ob eine Ortsangabe bloss ungenau ist oder gänzlich fehlt. Zu die-
ser letzten Feststellung steht nicht in Widerspruch, dass das Bundesgericht im
vorgenannten Entscheid zum Schluss kam, die Bezeichnung "Anderswo" sei kei-
ne und noch weniger eine hinreichend genaue Ortsbezeichnung und verletze – in
dem ihm konkret unterbreiteten Fall – das Anklageprinzip, ging es dort doch um
den Vorwurf mehrerer unterschiedlicher, gewerbsmässig begangener Tathand-
lungen, welche seitens des Beschuldigten explizit bestritten wurden (vgl. Urteil
6B_969/2013 E. 3.4.).
3. Fazit
Eine Verletzung des Anklageprinzips ist nicht ersichtlich. Auf die Anklage
vom 16. Januar 2014 ist einzutreten.
IV. Beweisanträge
Der Beschuldigte stellte eine Reihe von Beweisanträgen (Urk. 293 S. 5 f.,
vgl. auch Urk. 302 S. 3 f.).
Soweit diese die Entgegennahme der im Berufungsverfahren neu einge-
reichten schriftlichen Unterlagen betreffen (Beilagen 1 bis 6 zur Berufungserklä-
rung vom 20. August 2015), ist ihnen stattzugeben. Diese Unterlagen liegen in
den Akten (Urk. 294/1-6). Auf diese ist – soweit notwendig – im Rahmen der Er-
wägungen zum Sachverhalt und zur rechtlichen Würdigung einzugehen.
Den vom Beschuldigten sodann beantragten Personeneinvernahmen
braucht nicht entsprochen zu werden, wie an jeweils gegebener Stelle (vgl.
Ziff. VI.2.2.3.d. betr. I._ und J._ sowie Ziff. VI.3.4.2. und VI.5.2.d betr.
die Polizeibeamten K._, L._, M._ und N._) auszuführen sein
wird. Dass, wie bereits von der Vorinstanz dargetan wurde, vom Privatkläger kei-
- 20 -
ne neuen Aussagen zu erwarten sind und sich eine erneute Einvernahme dessel-
ben deshalb erübrigt, kann bereits an dieser Stelle festgehalten werden.
V. Sachverhalt
1. Vorhandene Beweismittel
Hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Beweismittel kann vorab auf die
Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 291 S. 18-21, Art. 82 Abs. 4
StPO). Zu diesen hinzu kommen für das Berufungsverfahren die erst nach Ausfäl-
lung des vorinstanzlichen Urteils eingegangene richterliche Vernehmung des
Zeugen 8 (Polizeibeamter O._: Urk. 284) und die vom Beschuldigten im Be-
rufungsverfahren neu eingereichten Unterlagen (Urk. 294/1-6).
2. Anklagevorwurf
2.1. Mit Anklage vom 16. Januar 2014 wird dem Beschuldigten vorgewor-
fen, er habe in seinem von ihm unterzeichneten und an den Ankläger, dessen
Ehefrau und drei weiteren Personen zugesandten Schreiben vom 7. Mai 2010
unter anderem geschrieben, der Ankläger habe früher in der Unterwelt des Zu-
hälter- und Bordellmilieus verkehrt und sei in diesen Geschäften aktiv gewesen
(Urk. 201 S. 2).
2.2. Die Anklage bezieht sich damit – offensichtlich – auf den folgenden
Satz aus dem Schreiben vom 7. Mai 2010:
"Die Ausführungen des Journalisten haben Frau A._ in Erinnerung
gerufen, dass sie vor dem Abbruch der persönlichen Beziehungen mit
Ihnen in Ihrem Haus in P._ [Mittelmeerinsel] des öfteren mit Gästen
von Ihnen zusammengetroffen ist, deren Zugehörigkeit zur Unterwelt des
Zuhälter- und Bordellmilieus in Q._ kein Geheimnis gewesen ist,
ebensowenig wie die frühere Aktivität Herrn C._s in diesen Geschäf-
ten." (Urk. 3/2 S. 1 f.).
- 21 -
3. Konkrete Beweiswürdigung
3.1. Schreiben vom 7. Mai 2010
3.1.1. Der Beschuldigte lässt ausführen, der in der Anklage umschriebene
Sachverhalt beziehe sich in verschiedener (dreifacher) Hinsicht falsch und akten-
widrig auf das Schreiben vom 7. Mai 2010 (Urk. 302 S. 9 f. Rz. 2). Seiner Argu-
mentation kann nicht gefolgt werden.
3.1.2. a) Das inkriminierte Schreiben vom 7. Mai 2010 ist in der Gestalt ei-
nes Briefs abgefasst worden. Wenn es in der Anklage als Brief und nicht als E-
Mail bezeichnet wurde, kann dies demnach auch nicht als aktenwidrig bezeichnet
werden. Ob es sodann (auch) als mit Post versandtem Brief oder (ausschliesslich)
per E-Mail verschickt wurde, spielt zur Beurteilung des eingeklagten Verhaltens
des Beschuldigten weder in tatsächlicher noch rechtlicher Hinsicht eine Rolle.
b) Entscheidend ist, dass der Beschuldigte zu keinem Zeitpunkt bestritten
hat, das inkriminierte Schreiben abgefasst, unterzeichnet und an den Ankläger,
dessen Frau sowie die im Verteiler des Briefes aufgeführten Personen versandt
zu haben. Schon aus diesem Grund verfängt auch sein zweiter Einwand nicht,
wonach der Versand des Schreibens an R._ und Dr. S._ von der ur-
sprünglichen Strafklage nicht erfasst sei und deshalb auch nicht Gegenstand der
Anklage sein könne. Der Einwand ist aber auch falsch. Aus dem Gesamtkontext
der Strafklage vom 16. Juni 2010 geht klar hervor, dass das Schreiben auch an
R._ sowie an die weiteren Personen gemäss Verteiler des Briefs versandt
worden sein soll, auch wenn Dr. S._ nicht namentlich aufgeführt wird (vgl.
Urk. 2 Rz. 2, 4, 12, 17, vgl. hiezu auch nachstehende Ziff. 3.3.).
c) Der Beschuldigte lässt sodann ausführen, der erste Teil des Anklagevor-
wurfs – der Beschuldigte habe geschrieben, der Privatkläger habe früher in der
Unterwelt des Zuhälter- und Bordellmilieus verkehrt – gehe aus dem inkriminier-
ten Brief an keiner Stelle hervor, weshalb dieser Teil der Anklage entsprechend
unbegründet sei und hierfür bereits aus diesem Grund ein Freispruch zu ergehen
habe (Urk. 302 S. 10; auch schon Urk. 277 S. 16 f. und Prot. I S. 13 f.). Eine Be-
- 22 -
gründung für diese Auffassung bleibt der Verteidiger schuldig. Der erste Teil des
inkriminierte Briefpassus (vgl. vorstehend Ziff. 2.2.) – Frau A._ sei in Erinne-
rung gerufen worden, dass sie im Haus des Privatklägers des Öfteren mit Gästen
des Privatklägers zusammengetroffen sei, deren Zugehörigkeit zur Unterwelt des
Zuhälter- und Bordellmilieus in Q._ kein Geheimnis gewesen sei – sagt in
seinem Bedeutungskern offensichtlich nichts anderes, als dass der Privatkläger,
indem er Personen aus der Unterwelt des Zuhälter- und Bordellmilieus bei sich
empfangen habe, sich in dieser Welt bewegt habe. Die bereinigte Anklage hat
den entsprechenden Vorwurf demnach durchaus zutreffend zusammengefasst.
3.2. Autorschaft des Beschuldigten
Die Vorinstanz hat zutreffend dargetan, dass die Autorschaft des Beschuldig-
ten am inkriminierten Schreiben vom 7. Mai 2010 erstellt ist, auf ihre Ausführun-
gen kann verwiesen werden (Urk. 291 S. 21 f.). Einwände gegen diese Feststel-
lungen wurden seitens des Beschuldigten im Berufungsverfahren nicht erhoben.
3.3. Versand des Schreibens an den Ankläger und die weiteren Personen
Erstellt ist weiter, dass der Beschuldigte das Schreiben vom 7. Mai 2010
nicht nur an die Hauptadressaten, d.h. den Privatkläger und dessen Ehefrau, son-
dern auch an die im Verteiler genannten Drittpersonen Dr. S._, J._ und
I._ versandt hat. Dies geht zum einen aus den Aussagen dieser Personen
hervor (Urk. 117, S. 3 f.; Urk. 158 S. 2 f.; Urk. 172 S. 2 f.) und wird zum anderen
von Seiten des Beschuldigten auch nicht bestritten: Dieser verweigerte zwar for-
mell die Aussage (womit er die ihm vorgeworfene Tathandlung jedenfalls nicht
dementierte), bestätigte aber über die Ausführungen seines Verteidigers, auch
diese Drittpersonen mit dem Schreiben bedient zu haben (so letztmals in der Be-
rufungsschrift vom 23. März 2015, Urk. 302 S. 13 betreffend die Herren J._
und I._).
4. Fazit
Der dem Beschuldigten mit Anklage 16. Januar 2014 vorgeworfene äussere
Sachverhalt ist damit vollumfänglich erstellt.
- 23 -
Ob dem Beschuldigten das Wissen und der Willen, dem Ankläger Übles vor-
zuwerfen, nachgewiesen werden kann, ist im Rahmen der rechtlichen Würdigung
zu prüfen.
VI. Rechtliche Würdigung
1. Tatbestandsmässigkeit
1.1. Allgemeine Ausführungen
Der üblen Nachrede im Sinne von Art. 173 StGB macht sich schuldig, wer
jemanden bei einem anderen eines unehrenhaften Verhaltens oder anderer Tat-
sachen, die geeignet sind, seinen Ruf zu schädigen, beschuldigt oder verdächtigt,
oder eine solche Beschuldigung oder Verdächtigung weiterverbreitet.
Der (objektive) Tatbestand erfasst den Eingriff in die sog. sittliche Ehre (Ruf
als ehrbarer Mensch). Nicht geschützt ist der gesellschaftliche Ruf, namentlich die
berufliche Geltung. Vorwürfe bezüglich der gesellschaftlichen Ehre sind deshalb
strafrechtlich grundsätzlich irrelevant, ausser wenn sie zugleich die sittliche Ehre
mitbeeinträchtigen, also die Geltung der betreffenden Person als ehrbarer Mensch
treffen. Eine Ehrverletzung liegt namentlich dann vor, wenn ein individual- oder
sozialethisch verpöntes Verhalten vorgeworfen wird, wenn jemand charakterlich
als nicht einwandfreier, als nicht anständiger und integrer Mensch dargestellt wird.
Die sittliche Ehre ist beispielsweise beim Vorwurf betroffen, eine strafbare Hand-
lung begangen zu haben. Sie ist aber auch etwa bei Vorwürfen berührt, welche
gesellschaftlich verpönte Verhaltensweisen im Sexualbereich betreffen (vgl. BSK
Strafrecht II - Riklin, Vor Art. 173 N 16 ff.).
Massgebend für die Ermittlung des Sinns einer zur Diskussion stehenden
Äusserung ist nicht etwa die Auffassung des Verletzers oder des Verletzten, son-
dern ausschliesslich diejenige eines unbefangenen Adressaten. Es ist damit auf
eine "Durchschnittsmoral" bzw. eine "Durchschnittauffassung" abzustellen. Mass-
geblich ist somit stets der nach objektiven Kriterien zu ermittelnde Sinn einer
Äusserung, die ihr ein unbefangener Hörer oder Leser nach den Umständen bei-
- 24 -
legen muss (vgl. BSK Strafrecht II - Riklin, Vor Art. 173 N 28; Trechsel/Lieber,
StGB PK, a. Aufl., Vor Art. 173 N 11).
1.2. Konkrete Prüfung
1.2.1. Objektiver Tatbestand
a) Ehrverletzende Äusserung
Gemäss erstelltem Anklagesachverhalt liess der Beschuldigte im Schreiben
vom 7. Mai 2010 verlauten, der Privatkläger habe früher in der Unterwelt des Zu-
hälter- und Bordellmilieus verkehrt und sei auch in diesen Geschäften aktiv gewe-
sen.
Diese Aussage ist nach der massgeblichen Durchschnittsauffassung eines
unbefangenen Adressaten – zumindest in erster Linie – so zu verstehen, dass der
Privatkläger zum einen Kontakte mit Zuhältern und Prostituierten gepflegt habe,
und dass er zum andern auch auf dem Gebiet der Zuhälterei bzw. des Bordellwe-
sens geschäftlich aktiv gewesen sei. Wie die Vorinstanz überzeugend festgehalten
hat, implizieren die inkriminierten Zeilen des Briefs vom 7. Mai 2010 also nicht nur,
das der Beschuldigte (quasi passiv) im Milieu verkehrt habe, sondern darüber hin-
aus, dass er ein Prostitutionsgewerbe geführt bzw. sich als Zuhälter betätigt habe.
Es ist dieser primär objektiv erkennbare Sinn der Aussagen des Beschuldig-
ten, auf welchen abzustellen ist, und zwar bei der Prüfung sämtlicher sich nachfol-
gend zu stellender Fragen (zur Tatbestandsmässigkeit, zur Rechtswidrigkeit, zur
Zulassung zum Entlastungsbeweis und zur Erbringung von Wahrheits- oder Gut-
glaubensbeweis). Entgegen der in den Rechtsschriften der Verteidigung (vgl. z.B.
Urk. 302 S. 25) immer wieder sinngemäss aufscheinenden Auffassung kommt es
deshalb nicht darauf an, ob der Beschuldigte mit den inkriminierten Zeilen dem
Privatkläger (auch) habe vorwerfen wollen, er habe dem Glückspiel gefrönt, er ha-
be eine Rotlichtkneipe betrieben oder er sei Mitglied einer Rocker-Gang gewesen.
Solche Bedeutungsinhalte lassen sich aus den inkriminierten Zeilen zwar grund-
sätzlich ebenfalls ableiten, kommen einem unbefangenen Durchschnittsrezipien-
ten bei der Lektüre derselben aber nicht primär in den Sinn.
- 25 -
Die Vorinstanz hat mit einlässlicher und überzeugender Begründung (auf
welche verwiesen werden kann, Urk. 291 S. 25 f.) dargetan, dass dieser doppelte
Vorwurf – der Privatkläger sei in Geschäften des Zuhälter- und Bordellwesens ak-
tiv gewesen und habe in solchen Kreisen verkehrt – , diesen mindestens als eine
moralisch fragwürdige Person dastehen lässt, selbst wenn ihm damit noch keine il-
legale Tätigkeit vorgeworfen werden sollte. Auch legale Geschäfte auf dem Gebiet
der Prostitution – also etwa der bewilligte Betrieb eines Bordells und/oder die In-
anspruchnahme entsprechender Dienstleistungen aus dem Sexgewerbe – gelten
nach den heute vorherrschenden, durchschnittlichen Moralvorstellungen nach wie
vor als unehrenhaft und moralisch minderwertig. Dem Einwand des Verteidigers
(Urk. 302 S. 15 f.), dass mit dem Hinweis auf die früheren Aktivitäten des Privat-
klägers in solchen Geschäften ausschliesslich auf seine Stellung und Geltung als
Geschäfts- oder Berufsmann Bezug genommen werde, kann deshalb nicht gefolgt
werden. Das Schreiben vom 7. Mai 2010 formuliert somit zumindest einen Vorwurf
gesellschaftlich verpönter, moralisch vorwerfbarer Verhaltensweisen im Sexualbe-
reich (im weiten Sinne) und damit bereits einen relevanten Ehreingriff im Sinne
von Art. 173 StGB.
Die Durchschnittsauffassung verbindet die Vorstellung eines in der "Unter-
welt" tätigen "Zuhälters" sehr rasch mit der weiteren Vorstellung von illegalen Ma-
chenschaften im Prostitutionsmilieu. Der Vorinstanz kann deshalb auch darin ge-
folgt werden, dass dem Privatkläger mit den Zeilen des Beschuldigten ein strafba-
res Verhalten, etwa im Sinne verbotener Förderung der Prostitution, unterstellt
werden soll (Urk. 291 S. 24). Zu weit geht die erstinstanzliche Interpretation der
inkriminierten Zeilen des Beschuldigten einzig darin (a.a.O. S. 25), dass – immer
aus Sicht eines durchschnittlichen Rezipienten – auch noch der Vorwurf des Men-
schenhandels mitschwingen soll. Zu betonen ist andererseits, dass nicht etwa erst
der Vorwurf einer konkreten Strafhandlung als ehrverletzende Äusserung zu quali-
fizieren ist. Auch schon eine generelle Äusserung, die so interpretiert werden
kann, als habe der Betroffene mit strafbaren Handlungen zu tun, erfüllt den objek-
tiven Tatbestand gemäss Art. 173 StGB (vgl. Urteil 6B_1058/2009 vom 15. März
2010, E. 3.3.). Der Einwand des Verteidigers, mit dem Hinweis im Schreiben vom
7. Mai 2010 auf die "frühere Aktivität Herrn C._s in diesen Geschäften" (im
- 26 -
Zuhälter- und Bordellmilieu) sei dem Privatkläger in keiner Art und Weise ein
strafbares Verhalten unterstellt worden, zielt deshalb an der Sache vorbei. Die
schriftliche Äusserung des Beschuldigten ist somit auch insoweit, als sie ihm un-
terschwellig kriminelles Verhalten vorwirft, klar als ehrverletzend zu qualifizieren.
b) Tathandlung
Die Vorinstanz hat zutreffend dargetan, dass der Beschuldigte, indem er das
Schreiben nicht nur an den Privatkläger, sondern auch an dessen Ehefrau und
drei weiteren Personen verschickte, die erforderliche Tathandlung im Sinne von
Art. 173 StGB mindestens in der Form des Weiterverbreitens vorgenommen hat
(Urk. 291 S. 26).
1.2.2. Subjektiver Tatbestand
Dass sich der Beschuldigte mit der Ausformulierung der inkriminierten Zeilen
der Ehrenrührigkeit einer solchen Aussage bewusst gewesen sein musste und
demnach mit Vorsatz handelte, wurde im erstinstanzlichen Urteil zutreffend darge-
tan (Urk. 291 S. 26 f.). Der Beschuldigte hätte nicht zu eindeutig mit moralischer
Minderwertigkeit konnotierten Begriffen Unterwelt, Zuhältermilieu und Bordellmi-
lieu gegriffen, hätte er, wie die Verteidigung geltend machen will (Urk. 302 S. 17
Ziff. 2), "allein den vormaligen Geschäfts- und Berufsbereich" des Privatklägers –
(gemeint: das Glückspiel und der hälftige Anteil an der Liegenschaft "T._",
vgl. Urk. 302 S. 15 oben mit Verweis auf die Aussagen der Ehefrau des Privatklä-
gers [Urk. 108]) – ansprechen wollen.
1.3. Fazit
Der Tatbestand der üblen Nachrede im Sinne von Art. 173 Ziff. 1 Abs. 2
StGB ist damit erfüllt.
- 27 -
2. Rechtfertigungsgrund nach Art. 14 StGB
2.1. Allgemeine Ausführungen
Die Erlaubtheit einer ehrverletzenden Äusserung kann sich aus Art. 14 StGB
ergeben, welche Vorrang vor dem Entlastungsbeweis im Sinne von Art. 173 Ziff. 2
StGB hat. Gemäss dieser Bestimmung, die ihrem Gehalt nach grundsätzlich dem
früheren Art. 32 aStGB entspricht, verhält sich rechtmässig, wer handelt, wie es
das Gesetz gebietet oder erlaubt, auch wenn die Tat nach dem StGB oder einem
andern Gesetz mit Strafe bedroht ist. Prozessparteien können sich gemäss der
Rechtsprechung bei allfälligen ehrenrührigen Bemerkungen auf ihre prozessualen
Darlegungspflichten und damit auf Art. 14 StGB berufen. Die gleichen Befugnisse
stehen auch dem Anwalt zu, der eine Partei vertritt, sofern seine Ausführungen
sachbezogen sind, sich auf das für die Erläuterung des jeweiligen Standpunktes
Notwendige beschränken, nicht wider besseres Wissen erfolgen und blosse Ver-
mutungen als solche bezeichnen (vgl. Urteil 6B_358/2011 vom 22. August 2001,
E. 2.2.2. m.w.H.).
2.2. Konkrete Prüfung
2.2.1. Ob sich ein Anwalt auch ausserhalb eines hängigen Verfahrens auf
den Rechtfertigungsgrund der Interessenwahrung berufen kann, ist höchstrichter-
lich soweit ersichtlich noch nicht entschieden worden. Gegen die direkte Übertra-
gung der vorgehend zitierten Rechtsprechung auf ausser- oder vorprozessuale
Verhältnisse spricht jedenfalls, dass in solchen Fällen keine prozessualen Darle-
gungs- und Begründungspflichten des Anwalts gegeben sind. Beachtlich sind an-
dererseits auch ausserhalb eines Prozesses sämtliche Sorgfaltspflichten des An-
walts gegenüber seiner Klientschaft, aber auch gegenüber weiteren Personen, wie
sie aus Art. 12 lit. a BGFA herzuleiten sind. Hiezu gehört, dass der Anwalt eine
Gegenpartei nicht unnötig verletzen darf bzw. auch im direkten Kontakt mit dersel-
ben sachlich zu bleiben und auf persönliche Beleidigungen, Verunglimpfungen
oder beschimpfende Äusserungen zu verzichten hat (vgl. Walter Fellmann, Kom-
mentar zum Anwaltsgesetz, 2. Aufl., 2011, Art. 12 N 49). Der Vorderrichter hat die
Anwendbarkeit des Rechtfertigungsgrunds nach Art. 14 StGB aus anwaltlicher Be-
- 28 -
rufspflicht in ausserprozessualen Verhältnissen bejaht. Die Frage kann indes im
vorliegenden Fall auch offengelassen werden, hat die Vorinstanz doch jedenfalls
überzeugend dargetan, dass der Beschuldigte mit seinem Schreiben vom 7. Mai
2010 sowohl unter inhaltlichen Aspekten als auch hinsichtlich des Adressatenkrei-
ses über das notwendige Mass hinaus geht, welches in Nachachtung seiner beruf-
lichen Sorgfaltspflichten zur Wahrung der Interessen seiner Klientschaft (der Be-
schuldigten A._) erforderlich war, und eine Rechtfertigung deshalb nicht be-
jaht werden kann.
2.2.2. Mit der Vorinstanz ist zum einen festzuhalten, dass grundsätzlich zwar
nachvollzogen werden kann, wenn seitens des Beschuldigten und der Beschuldig-
ten A._ aufgrund der Anfrage eines H._-Journalisten die Befürchtung
aufkam, das Hotel U._ könnte im Zusammenhang mit der angekündigten Be-
richterstattung über die Person des Privatklägers mit dem Rotlichtmilieu in Verbin-
dung gebracht werden. Vor diesem Hintergrund erscheint es bis zu einem gewis-
sen Grade (bzw. bis zu einer allfälligen Klärung der seitens des Journalisten kol-
portierten Sachverhalte) auch legitim, dass der Privatkläger mit Schreiben vom
7. Mai 2010 aufgefordert wurde, zur Vermeidung von Reputationsrisiken zum Ho-
tel U._ Distanz zu halten. Auch soweit das Schreiben vom 7. Mai 2010 die
vom H._-Journalisten kolportierten Hausdurchsuchungen von 2006 und 2010
und die entsprechend laufende Strafuntersuchung wegen Verdachts der Geldwä-
scherei zur Sprache brachte, erscheint es noch sachdienlich und angemessen.
Mit den als ehrverletzend erkannten Aussagen im vierten Absatz des Schrei-
bens vom 7. Mai 2010 – und auf diese kommt es vorliegend ausschliesslich an –
ging der Beschuldigte indes über das notwendige Mass hinaus. Der Vorwurf an
den Privatkläger, dass er früher in der Unterwelt des Zuhälter- und Bordellmilieus
verkehrt habe und in entsprechenden Geschäften – zu verstehen: der Prostitution
(vgl. vorstehend Ziff. 1.2.1.) – aktiv tätig gewesen sei, zielt auf angebliche Aktivitä-
ten des Privatklägers im Q._er Rotlichtmilieu, welche im Jahr 2010 bereits 30
Jahre zurückgelegen hatten. Um derart weit zurückliegende Ereignisse und um ein
Tätigsein des Privatklägers als Zuhälter ging es aber weder in der Strafuntersu-
chung, welche der Klientin des Beschuldigten durch den Journalisten zugetragen
- 29 -
worden war noch wurde solches durch den Journalisten selber angesprochen. Der
mit der berichteten Strafuntersuchung erhobene Vorwurf betraf zwar auch das
Q._er Milieu, lautete aber ausschliesslich dahingehend, der Privatkläger habe
– Jahrzehnte nach den vom Beschuldigten mit den inkriminierten Zeilen behaupte-
ten Ereignissen – Geld gewaschen für Personen aus diesem Milieu. Als Begrün-
dung für die wie ausgeführt an sich nachvollziehbare und legitime Aufforderung
zur Distanzwahrung an den Privatkläger hätte deshalb der Hinweis auf die hängi-
ge Strafuntersuchung betreffend Geldwäscherei, wie er im ersten Teil des Schrei-
bens vom 7. Mai 2010 auch vorgenommen wurde, völlig ausgereicht. Darüber hin-
aus in einem weiteren Briefabschnitt zu behaupten, der Privatkläger sei früher pri-
vat und geschäftlich im Prostitutionsgewerbe in Q._ aktiv gewesen, war mit
Blick auf die anwaltlichen Sorgfaltspflichten weder erforderlich noch angebracht.
Der Beschuldigte hat dieser Argumentation in seinen Berufungsschriften
nichts Wesentliches entgegengehalten (vgl. Urk. 392 S. 17 f.).
2.2.3. a) Als unangemessen zu bezeichnen ist zum anderen auch der Ad-
ressatenkreis der Äusserung, insbesondere der Versand einer Kopie an den Di-
rektor und die Revisionsstelle. Wie die Vorinstanz zutreffend ausführte, war im
fraglichen Zeitpunkt ein gesellschaftsrechtlich korrekt gefasster Entscheid der Ak-
tionärinnen und des Verwaltungsrats, inwiefern vom Privatkläger ein Distanzhalten
zum Unternehmen verlangt werden soll und kann, noch gar nicht gefasst. Ein sol-
cher hätte aber angestrebt und abgewartet werden müssen, konnten doch die Be-
schuldigte A._ und der Beschuldigte alleine dem Privatkläger diesbezüglich
keine verbindlichen Vorschriften machen. Das fragliche Schreiben war vielmehr
Teil eines Machtkampfs unter den Eigentümerinnen und im Verwaltungsrat, was
den Direktor und den Revisor vorab grundsätzlich nichts anging. Diesen Personen
hätte erst das Ergebnis der Auseinandersetzung unter den Eigentümerinnen und
im Verwaltungsrat mitgeteilt werden müssen, wenn es denn einmal festgestanden
wäre. Sie vorab durch Orientierungskopien in diesen Machtkampf einzubeziehen
und den Privatkläger blosszustellen, war nicht erforderlich. Das Schreiben vom
7. Mai 2010 geht deshalb auch unter diesem Aspekt über den Umfang gerechtfer-
tigter ausserprozessualer Korrespondenz hinaus.
- 30 -
b) Der Beschuldigte macht mit Berufungsbegründung geltend, er habe sehr
wohl eine begründete Veranlassung gehabt, das Schreiben auch dem Direktor
und der Revisionsstelle als Orientierungskopie per Mail zuzustellen. Beiden Ad-
ressaten sei angesichts der Pattsituation im Aktionariat und im Verwaltungsrat
nach dem Willen beider Eigentümerinnen faktische Organstellung zugekommen.
Entgegen der Annahme der Vorinstanz sei sowohl der Direktor J._ als auch
der Revisionsstellenvertreter I._ zum damaligen Zeitpunkt ständig an der Wil-
lensbildung der Gesellschaft aktiv beteiligt gewesen. Der Hoteldirektor sei damals
bereits faktischer Verwaltungsratsvorsitzender gewesen und der Revisor habe
sämtliche Generalversammlungen geleitet. Beide hätte aufgrund ihrer Organfunk-
tion aus Gründen der Corporate Governance über die Bedrohungslage informiert
werden müssen (Urk. 302 S. 18).
Der Privatkläger führt in seiner Berufungsduplik aus, die Herren J._
und I._ hätten keine faktische Organstellung gehabt. Ersterer habe zwar
über Jahre eine ganze Anzahl von Verwaltungsratssitzungen geleitet, dabei fak-
tisch aber nichts zu sagen gehabt. Seine Aufgabe sei es lediglich gewesen, in
Anbetracht der Pattsituation im Aktionariat die Sitzungen völlig neutral zu mode-
rieren. Er habe kein Stimmrecht besessen und habe bei Uneinigkeit der beiden
Aktionärinnen höchstens gut zureden können. Auch der Revisor I._, der
vereinzelt zum Tagespräsidenten zwecks Durchführung der Generalversamm-
lung ernannt worden sei, habe inhaltlich zu den Geschicken der Gesellschaft rein
gar nichts zu sagen gehabt. Dieser habe denn auch in seiner Zeugeneinvernah-
me vom 19. September 2013 ausdrücklich erklärt, dass solche Vorwürfe, wie sie
vom Beschuldigten im inkriminierten Brief erhoben wurden, für seine Tätigkeit im
Interesse der U._ Verwaltungs AG nicht von Relevanz gewesen seien (Urk.
306 S. 11 f.).
Mit Berufungsreplik hält der Beschuldigte daran fest, dass er eine begründete
Veranlassung dafür gehabt habe, das Schreiben auch dem Direktor und dem Re-
visor zuzustellen. Zu den bereits genannten und wiederholten Argumenten fügte
er hinzu, dass I._ als Revisionsleiter die Aufgabe gehabt habe, die Umset-
zung und Qualität des internen Risiko-Kontrollsystem (IKS) zu überprüfen. Als ein
- 31 -
Risiko im Sinne des IKS sei insbesondere auch ein drohender Reputationsscha-
den für das Hotel U._ einzustufen gewesen, wie er aufgrund der Anfrage des
H._-Journalisten und einer möglichen Berichterstattung über den Privatkläger
mit Hinweisen auf einen Geldwäschereiverdacht tatsächlich auch gedroht habe.
Über ein solches Risiko sei I._ folglich auch in Kenntnis zu setzen gewesen
(Urk. 310 S. 15). Was die Zeugenaussage von I._ angehe, so habe sich die-
se (ausschliesslich) auf die Relevanz für die Arbeit der Revisionsstelle bezogen
(so sinngemäss a.a.O. S. 16).
c) Der Argumentation des Beschuldigten kann nicht gefolgt werden. Die vom
ihm eingereichten Protokollen von Verwaltungsratssitzungen und Generalver-
sammlungen aus den Jahren 2008, 2009 und 2010 zeigen zwar, dass der Direktor
J._ an Verwaltungsratssitzungen und der Revisor I._ an Generalver-
sammlungen teilnahmen (Urk. 294/1-4). Der Beschuldigte widersprach aber den
Ausführungen des Privatklägers, dass der Direktor J._ generell nicht mitent-
scheiden, sondern höchstens bei Uneinigkeit gut habe zureden können, letztlich
nicht, machte er abschliessend doch lediglich geltend, dass J._ und I._
eine "beratende Stimme" (also nicht eine mitentscheidende Stimme) zugekommen
sei (Urk. 310 S. 16 f.). Dass dem Direktor J._ kein Mitentscheidungsrecht
hinsichtlich der Willensbildung der Gesellschaft zukam, sondern er lediglich die
gefassten Gesellschaftsentscheide als verbindlich entgegenzunehmen hatte, geht
sodann aus dessen eigenen Zeugenaussagen klar hervor: "Meine Aufträge habe
ich immer von den Verwaltungsräten erhalten; es mussten immer beide ein OK
geben. [...]. Ja sicher, es ist ein Verwaltungsrat, bei dem es naturgemäss Mei-
nungsverschiedenheiten gibt. Es wurde aber in allen Fällen ein Beschluss gefasst,
der für mich wichtig und gültig war" (Urk. 172 S. 5). Vor dem Hintergrund dieser
Aussagen erscheint das Vorbringen des Beschuldigten, dem Direktor J._ ha-
be eine Orientierungskopie des Schreibens vom 7. Mai 2010 zugestellt werden
müssen, um ihn an der Willensbildung über den Entscheid, inwiefern der Privat-
kläger Distanz zum Unternehmen halten solle, zu beteiligen, als nicht glaubhafte
Schutzbehauptung. Dass auch eine Orientierung des Revisors I._ vorgängig
einer Beschlussfassung der Gesellschaft nicht notwendig war, geht aus dessen –
zweifach abgegebener – Aussage hervor, dass das Schreiben vom 7. Mai 2010
- 32 -
für seine Arbeit nicht relevant gewesen sei (vgl. Urk. 158 S. 3). Dass sich der Re-
visor mit dieser Aussage ausschliesslich auf seine Arbeit als Revisionsstelle bezo-
gen habe (und nicht auf mögliche weitere Tätigkeiten), gibt der Wortlaut dieser
Aussage nicht her und kann auch nicht aus dem weiteren Kontext seiner Einver-
nahme herausgelesen werden. Dieser bestätigt zwar, dass er jeweils an den Ge-
neralversammlungen und punktuell auch an Verwaltungsratssitzungen anwesend
gewesen sei (Urk. 158 S. 5). Dass er an der Willensbildung von Entscheiden der
Gesellschaft aktiv beteiligt gewesen sei, geht aus seinen Aussagen aber an keiner
Stelle hervor. Zusammengefasst ist festzuhalten, dass das Vorbringen des Be-
schuldigten – er habe sehr wohl eine begründete Veranlassung gehabt, das
Schreiben auch dem Direktor und der Revisionsstelle vorgängig als Orientierungs-
kopie per Mail zuzustellen – nicht zu überzeugen vermag.
Im Übrigen ist festzuhalten, dass selbst wenn davon ausgegangen werden
müsste, dass eine umgehende Orientierung des Direktors und des Revisors not-
wendig gewesen wäre, diese Orientierung jedenfalls mit dem inkriminierten Pas-
sus inhaltlich über das notwendige Mass hinausging (vgl. vorstehend Ziff. 2.2.2.).
Selbst wenn also zu bejahen wäre, dass diese zwei Personen aus Gründen der
Corporate Governance unverzüglich über das befürchtete Risiko eines drohenden
Reputationsschadens für das Hotel U._ aufgrund einer möglichen Berichter-
stattung eine H._-Journalisten in Kenntnis zu setzen waren, bestand jeden-
falls keine Notwendigkeit für die Weiterverbreitung der inkriminierten Behauptung,
der Privatkläger habe früher (Jahrzehnte vor der aktuellen, durch den Journalisten
kolportierten Strafuntersuchung betr. Geldwäscherei) in der Unterwelt des Zuhäl-
ter- und Bordellmilieus verkehrt und sei in entsprechenden Geschäften aktiv tätig
gewesen. Für eine sachbezogene, sich auf das Notwendige beschränkende Ori-
entierung von Direktor und Revisor wären der Hinweis auf die hängige Strafunter-
suchung betreffend Geldwäscherei bzw. die damit zusammenhängenden Haus-
durchsuchungen und der weitere Hinweis, dass vom Privatkläger verlangt werde,
zum Hotel U._ Distanz zu halten, ausreichend gewesen.
d) Auf eine erneute Einvernahme der Herren J._ und I._ kann
deshalb verzichtet werden.
- 33 -
2.3. Fazit
Die inkriminierte Äusserung des Beschwerdegegners erweist sich unter die-
sen Umständen als nicht gerechtfertigt im Sinne von Art. 14 StGB.
3. Ausschluss des Entlastungsbeweises
3.1. Allgemeine Ausführungen
Nach der Rechtsprechung, die grundsätzlich von der Doktrin gebilligt wird,
kommt ein Ausschluss vom Entlastungsbeweis ausnahmsweise dann in Betracht,
wenn die beiden vom Gesetz (Art. 173 Ziff. 3 StGB) genannten Kriterien – einer-
seits das Fehlen einer begründeten Veranlassung und andererseits die überwie-
gende Absicht, jemandem Übles vorzuwerfen (sog. Beleidigungsabsicht bzw. ani-
mus iniurandi) – kumulativ gegeben sind. Beide Voraussetzungen müssen je für
sich betrachtet werden. Es darf nicht von der einen auf die andere geschlossen
werden: Eine vorhandene Beleidigungsabsicht schliesst eine begründete Veran-
lassung nicht aus. Aus dem Fehlen einer begründeten Veranlassung allein darf
andererseits nicht auf eine Beleidigungsabsicht geschlossen werden (BSK StGB-
Riklin, Art. 173 N 26 und 29). Das Kriterium der begründeten Veranlassung muss
objektiv gegeben sein oder fehlen (vgl. Trechsel/Lieber, StGB PK, 2. Aufl., Art. 173
N 25). Das Ausschlusskriterium der vorwiegenden Absicht, jemandem Übles vor-
zuwerfen, setzt voraus, dass die Beleidigung des Opfers das Handlungsziel ist,
oder dass es dem Täter vor allem darum geht, dem Opfer durch die üble Nachre-
de zu schaden (Trechsel/Lieber, StGB PK, 2. Aufl., Art. 173 N 26).
3.2. Konkrete Prüfung
3.2.1. Fehlen einer begründeten Veranlassung
a) Die Vorinstanz hielt dafür, dass der Beschuldigte eine begründete Veran-
lassung gehabt habe, das Schreiben vom 7. Mai 2010 – gemeint offensichtlich: in
seiner Ganzheit – zu verfassen, denn die Wahrung des Rufes des Hotels
U._s habe einen hinreichenden Grund dargestellt. Die Veranlassung lasse
sich weitgehend dem Schreiben selber entnehmen. Dem Beschuldigten sei es da-
- 34 -
rum gegangen, die Interessen der Beschuldigten A._ als Miteigentümerin des
Hotels U._ zu wahren. Dies stelle grundsätzlich ein zulässiges privates Inte-
resse dar. Die kolportierten Hausdurchsuchungen (von 2006 und 2010) hätten
zwar ausschliesslich den Privatkläger betroffen, doch habe die Beschuldigte
A._ befürchtet, dass die Vorwürfe auf das Hotel U._ übergreifen könn-
ten, was eine nicht völlig von der Hand zu weisende Gefahr dargestellt habe. Es
stelle deshalb ein legitimes Interesse dar, sich dafür einzusetzen, dass der Privat-
kläger meide, in Verbindung mit dem Hotel U._ zu stark in Erscheinung zu
treten, bis sich die Vorwürfe geklärt hätten (Urk. 291 S. 29 f.). Keine begründete
Veranlassung mehr sah die Vorinstanz erst darin, dass der Beschuldigte auch
dem Direktor und dem Revisor eine Orientierungskopie des Schreibens zustellte
(a.a.O.).
b) Der Argumentation der Vorinstanz kann nicht in allen Teilen gefolgt wer-
den. Diese hat zwar die im vorliegenden Fall relevanten tatsächlichen Umstände
zutreffend benannt. Sie hat aber verkannt, dass zur Prüfung einer objektiv be-
gründeten Veranlassung des Schreibens vom 7. März 2010 nicht pauschal auf
dieses abzustellen ist, sondern hinsichtlich dessen Inhalt differenziert werden
muss (wie dies schon bei der Prüfung des allgemeinen Rechtfertigungsgrundes
nach Art. 14 StGB [vgl. vorstehend Ziff. 2] getan werden musste und dort von der
Vorinstanz auch richtig gesehen wurde).
Die Befürchtung seitens des Beschuldigten und der Beschuldigten A._,
dass die durch einen H._-Journalisten kolportierte laufende Strafuntersu-
chung betreffend Geldwäscherei auf das Hotel U._ übergreifen und dem Un-
ternehmen damit ein Reputationsschaden drohen könnte, mag zwar allenfalls eine
objektiv begründete Veranlassung darstellen für ein Schreiben an den Privatklä-
ger, in welchem jenem diese durch den H._-Journalisten zugetragenen In-
formationen vorgehalten werden und von ihm Distanzwahrung bis zur Klärung die-
ser aktuellen Vorwürfe verlangt wird. Ob die diesbezüglichen Inhalte des Schrei-
bens vom 7. Mai 2010 (welche von der Vorinstanz in ihrer Argumentation aus-
schliesslich explizit angesprochen wurden) als ehrverletzend zu qualifizieren und
- 35 -
dem Entlastungsbeweis zugänglich zu machen sind, ist vorliegend aber nicht die
Frage.
Zu prüfen ist ausschliesslich, ob der eingeklagte und als ehrverletzend taxier-
te Passus aus dem Schreiben vom 7. Mai 2010 im Telefonat des H._-
Journalisten und in der daraus erwachsenen Befürchtung von Reputationsrisiken
seitens der beiden Beschuldigten eine begründete Veranlassung zu finden vermö-
gen. Diese Frage ist zu verneinen. Mit seiner schriftlichen Äusserung, es sei kein
Geheimnis gewesen, dass der Ankläger früher mit Personen aus der Unterwelt
des Zuhälter- und Bordellmilieus von Q._ verkehrt habe und in diesem Milieu
aktiv geworden sei, spielte der Beschuldigte auf angebliche Ereignisse an, welche
zeitlich wie sachlich mit der durch den Journalisten kolportierten aktuellen Strafun-
tersuchung wegen Geldwäscherei und der befürchteten H._-Publikation in
keinem Zusammenhang standen.
Die inkriminierte ehrverletzende Äusserung im vierten Absatz des Schreibens
vom 7. Mai 2010 wurde demnach durch den Beschuldigten schon unabhängig des
Adressatenkreises – d.h. in Bezug auf alle angesprochenen Adressaten – ohne
begründeten Anlass vorgebracht und weiterverbreitet.
c) Keine begründete Veranlassung bestand darüber hinaus insbesondere
dafür (insofern kann der Vorinstanz wieder gefolgt werden, vgl. Urk. 291 S. 30,
zweitletzter Abschnitt), diese ehrverletzende Äusserung auch an den Direktor des
Hotels und an den Revisor weiterzuverbreiten. Hinsichtlich dieser zwei Personen
ist grundsätzlich schon kein begründeter Anlass ersichtlich, weshalb sie vom Inhalt
des Schreibens vom 7. Mai 2010 überhaupt (auch hinsichtlich dessen nicht inkri-
minierten Teils) unverzüglich in Kenntnis zu setzen waren.
Wie bereits dargetan (vorstehend Ziff. 2.2.3.c.), vermag namentlich vor dem
Hintergrund der Zeugenaussagen dieser zwei Personen zu ihren Aufgabengebie-
ten, die Darstellung des Beschuldigten nicht zu überzeugen, dass diesen Mitent-
scheidungsbefugnisse zukamen und sie deshalb in den Willensbildungsprozess,
inwiefern vom Privatkläger Distanzwahrung zu verlangen und durchzusetzen wä-
re, einzubeziehen waren. Der Direktor und der Revisor hätten deshalb erst im
- 36 -
Nachhinein über einen gefällten Gesellschaftswillen in Kenntnis gesetzt oder je-
denfalls frühestens anlässlich der relevanten Verwaltungsratssitzung oder Gene-
ralversammlung über die durch den H._-Journalisten kolportierten Umstände
unterrichtet zu werden gebraucht.
Selbst wenn aber zu Gunsten des Beschuldigten davon ausgegangen würde,
dass diese zwei Personen unverzüglich über die befürchteten Risiken in Kenntnis
zu setzen waren, bestand jedenfalls, wie dargetan (vorstehend lit. b), keine be-
gründete Veranlassung für die Weiterverbreitung der inkriminierten ehrverletzen-
den Äusserungen. Eine aus begründetem Anlass gerechtfertigte Orientierung von
Direktor und Revisor hätte sich auf die Hinweise zu beschränken gehabt, dass ge-
gen den Beschuldigten ein Strafverfahren wegen Geldwäscherei am Laufen sei,
diesbezüglich 2006 und 2010 Hausdurchsuchungen beim Privatkläger stattgefun-
den hätten, der "H._" hierüber möglicherweise eine entsprechende Berichter-
stattung bringen werde und aus diesen Gründen vom Privatkläger zur Vermeidung
von Reputationsrisiken seitens der Beschuldigten A._ verlangt werde, dass er
zum Hotel U._ bis auf Weiteres Distanz halte.
3.2.2. Beleidigungsabsicht
a) Die Vorinstanz war der Auffassung, dass mit Bezug auf die Zustellung
des Schreibens vom 7. Mai 2010 an die Ehefrau des Privatklägers und an dessen
Rechtsvertreter Dr. S._ eine vorwiegende Absicht, dem Privatkläger Übles
vorzuwerfen nicht erkennbar sei. Auch wenn diese Drittpersonen im Sinne von Art.
173 StGB seien, erscheine eine Informierung derselben mittels Schreiben vom 7.
Mai 2010 noch als angemessen, nachdem erstere die eigentliche Miteigentümerin
des Hotels U._s sei und letzterer als Anwalt des Privatklägers aufgrund der
Standesregeln des Schweizerischen Anwaltsverbandes in der Folge ebenfalls ha-
be bedient werden müssen (Urk. 291 S. 31).
b) Der Vorinstanz kann nicht gefolgt werden. Diese verkennt auch hier, dass
der rechtlichen Prüfung (hier des animus iniurandi) nicht diejenigen Teile des
Schreibens vom 7. Mai 2010 zu Grunde zu legen sind, hinsichtlich welcher die
Angemessenheit sowie die begründete Veranlassung allenfalls bejaht werden
- 37 -
könnte, sondern ausschliesslich der inkriminierte Passus, der als Ehrverletzung zu
qualifizieren war und sich nicht auf einen begründeten Anlass zu berufen vermag.
Dass die Informierung der Ehefrau und des Anwalts des Privatklägers über das
kolportierte Strafverfahren betr. Geldwäscherei, die entsprechend befürchtete Be-
richterstattung des H._s sowie den Aufruf an den Privatkläger, er solle zum
Hotel U._ Distanz wahren, nicht schon von einer vorwiegenden Absicht des
Beschuldigten getragen waren, dem Privatkläger Übles vorzuwerfen, mag zutref-
fend sein. Als Motivation des Beschuldigten, darüber hinaus in einem weiteren
Briefabschnitt die von den aktuellen Ereignissen und Befürchtungen losgelöste
Behauptung zu verbreiten, der Privatkläger sei früher in der Unterwelt des Zuhäl-
ter- und Bordellmilieus von Q._ verkehrt und geschäftlich tätig gewesen, kann
indes nur eine vorwiegende Beleidigungsabsicht erkannt werden. Um die derart
weit zurückliegende Vergangenheit des Privatklägers ging es in der Strafuntersu-
chung von 2010 nicht, was der Beschuldigte wusste. Zur Wahrung allfälliger effek-
tiver Interessen des Hotels U._ war ein solcher Passus überhaupt nicht nötig,
was dem Beschuldigten ebenfalls bewusst sein musste. Dass er dennoch wissent-
lich und willentlich die entsprechende Äusserung in sein Schreiben vom 7. Mai
2010 einflocht, hatte aus diesen Gründen als einzig erkennbares Ziel, den Privat-
kläger vor sämtlichen Adressaten – auch vor der Ehefrau und dem Anwalt des Pri-
vatklägers – blosszustellen bzw. als moralisch fragwürdige Person hinzutun.
Mit noch grösserer Deutlichkeit ist der animus iniurandi des Beschuldigten zu
erkennen, soweit dieser die ehrverletzenden Äusserungen über den Privatkläger
auch dem Direktor und dem Revisor hat zukommen lassen. Wie die Vorinstanz zu-
treffend ausführte, müssen diese zwei Personen im Interesse der Gesellschaft,
d.h. des gesamten Aktionariats und Verwaltungsrates tätig sein, was der Beschul-
digte wusste. Es musste ihm demnach auch zweifellos bewusst sein, dass er die-
se zwei Personen grundsätzlich erst nach Absprache mit der Miteigentümerschaft
an der Gesellschaft über die durch den Anruf des H._-Journalisten ausgelös-
ten Ereignisse hätte ins Bild setzen dürfen. Durch die nicht abgesprochene, einsei-
tige Information leistete er einem allfälligen Loyalitätskonflikt dieser Personen mit
den Eigentümern der U._ Verwaltungs AG Vorschub. Der inkriminierte Pas-
sus im Schreiben vom 7. Mai 2010 liess den Privatkläger dem Direktor und dem
- 38 -
Revisor gegenüber in einem schlechten Licht dastehen, ohne dass der Privatklä-
ger diesen gegenüber seine Sicht der Dinge hätte dartun können. Dies führt auch
unter diesem Aspekt zum Schluss, dass der Beschuldigte den inkriminierten Pas-
sus in der (vorwiegenden) Absicht weiterverbreitete, dem Privatkläger Übles vor-
zuwerfen.
3.3. Fazit
3.3.1. Der Beschuldigte ist zum Entlastungsbeweis nicht zuzulassen.
3.3.2. Dem Antrag des Beschuldigten auf Einvernahme der Polizeibeamten
K._, L._, M._ und N._ ist bei diesem Resultat nicht stattzuge-
ben.
4. Gesamtfazit
Es kann somit offengelassen werden, ob der Beschuldigte den Wahrheits-
oder den Gutglaubensbeweis hätte erbringen können. Der Beschuldigte ist auf-
grund obiger Erwägungen der üblen Nachrede im Sinne von Art. 173 Ziff. 1 Abs. 2
StGB schuldig zu sprechen.
5. Exkurs zum Nichtgelingen des Entlastungsbeweises
5.1. Einleitung
Die Auffassung der Vorinstanz, wonach der Entlastungsbeweis zu Gunsten
des Beschuldigten als erbracht anzusehen wäre, wenn es darauf ankäme, kann
aus den nachfolgend dargelegten Gründen nicht geteilt werden.
5.2. Wahrheitsbeweis
a) Beim Wahrheitsbeweis nach Art. 173 Abs. 2 StGB liegt eine Umkehr der
üblichen Beweislast vor. Diese obliegt dem Beschuldigten, der Grundsatz "in dubio
pro reo" greift nicht (BSK Strafrecht II-Riklin, Art. 173 N 13); indessen gilt eine be-
sonders geartete Unschuldsvermutung zugunsten des Geschädigten (Schmid,
Strafprozessrecht, 4. Aufl., 2004 N 283). Erforderlich ist der Nachweis der ehren-
- 39 -
rührigen Tatsache, nicht bloss der Verdachtsmomente; alle wesentlichen Fakten
einer Äusserung müssen erstellt sein (BSK StGB - Riklin, Art. 173 N 18). Massge-
bend ist (auch hier) der Sinn, welchen der unbefangene durchschnittliche Dritte
der Äusserung unter den gesamten konkreten Umständen beilegt (vgl. Urteil
6B_1092/2010 vom 29. April 2011, E. 5.3.). Bezüglich eines behaupteten Delikts
ist der Wahrheitsbeweis grundsätzlich nur durch die entsprechende Verurteilung
zu erbringen (BSK StGB - Riklin, Art. 173 N 15).
b) Der Beschuldigte könnte allenfalls den Wahrheitsbeweis erbringen für den
ersten Teil seiner Äusserung, dass der Privatkläger in der Unterwelt des Zuhälter-
und Bordellmilieus (privat) verkehrt habe, nachdem seitens des Privatklägers nicht
abgestritten wurde (vgl. Urk. 306 S. 15; Urk. 96 S. 2 ff.), dass er Kontakte zu Per-
sonen, welche dem Milieu zuzurechnen sind, gehabt hatte. Auch aus einzelnen
Zeugenaussagen geht hervor, dass der Privatkläger damals im Rotlichtmilieu ver-
kehrte. So etwa aus denen des pensionierten Polizeibeamten N._ (Urk. 247),
welche trotz fehlender Möglichkeit des Beschuldigten, Ergänzungsfragen zu stel-
len, zu dessen Gunsten (vgl. § 15 StPO/ZH) berücksichtigt werden könnten.
c) Den Wahrheitsbeweis nicht erbringen könnte der Beschuldigte indes für
den zweiten Teil seiner Äusserung, der Privatkläger sei in Geschäften der Unter-
welt des Zuhälter- und Bordellmilieus – zu verstehen für den Durchschnittrezipien-
ten in erster Linie: in Geschäften des Prostitutionsgewerbes – aktiv gewesen. So-
weit in dieser Äusserung mitschwingt, der Privatkläger sei in illegalen Geschäften
des Zuhälter- und Bordellmilieus (etwa im Sinne der verbotenen Förderung der
Prostitution) tätig gewesen, würde der Wahrheitsbeweis schon daran scheitern,
dass eine entsprechende strafrechtliche Verurteilung des Privatklägers nicht vor-
liegt. Auch soweit die Äusserung des Beschuldigten dahingehend zu verstehen ist,
der Privatkläger sei auf legale Weise im Prostitutionsgewerbe aktiv gewesen (ha-
be etwa ein bewilligtes Prostitutionsgewerbe geführt), liegen keine rechtsgenügli-
chen Beweise in den Akten. Dass der Privatkläger eingestandener- und nachge-
wiesenermassen zur Hälfte an der Kneipe "T._" beteiligt war (Urk. 96 S. 5),
beweist noch nicht, dass er selber Bordellgeschäften nachging, selbst wenn (so
die Verteidigung in Urk. 302 S. 26) dieses Lokal ein Ort gewesen sein sollte, in
- 40 -
welchem angeschafft und gezockt wurde, Drogen verkauft wurden und sich die
Leute aus dem Rotlichtmilieu trafen. Auch dass der Privatkläger engen Kontakt mit
bekennenden Zuhältern unterhalten, jahrzehntelang mit einer Prostituierten zu-
sammengelebt, illegal Drogen konsumiert haben und Mitglied einer Rocker-Gang
gewesen sein soll (vgl. Urk. 302 S. 27 f.), führt – selbst wenn einzelne oder alle
dieser Behauptungen wahr sein sollten – nicht zum Nachweis, dass er geschäft-
lich im Prostitutionsgewerbe tätig war. Sämtliche zu dieser Frage formgültig ein-
vernommenen Personen verneinten entweder, dass der Privatkläger im Prostituti-
onsgewerbe geschäftet habe oder konnten hiezu keine Aussagen machen (vgl.
Urk. 253 S. 3 f. und 4 f. [V._], Urk. 180 S. 3 [W._], Urk. 191 S. 2
[AA._], Urk. 98 S. 2 f. [AB._], Urk. 192 S. 6 [AC._], Urk. 172 S. 3
[J._], Urk. 158 S. 7 [I._], Urk. 117 S. 4 und 13 [S._], Urk. 99 S. 2
[AD._], Urk. 157 S. 8 [AE._], Urk. 118 S. 9 und passim [R._]; Urk.
284 S. 3 f. [O._]). Auch der Zuhälter AF._ und der pensionierte Polizei-
beamte N._ – deren Einvernahmen mangels Teilnahme des Beschuldigten
leidglich zu dessen Gunsten verwertet werden dürfen (vgl. § 15 StPO) – sagten
(lediglich) aus, dass der Privatkläger im Rotlichtmilieu verkehrt habe, nicht aber,
dass er im Prostitutionsgewerbe tätig gewesen sei (vgl. Urk. 248 S. 2 und Urk. 247
S. 2 f.)
Für die Behauptungen des Beschuldigten sprechen letztlich lediglich zwei
sich in den Akten befindliche Beweismittel. Gemäss einer Aktennotiz der Polizei-
beamtin AG._ vom 4. Oktober 2005 soll aus einem polizeilichen Merkblatt
vom 6. Mai 1971 hervorgehen, dass der Privatkläger der Zuhälter von seiner da-
maligen Ehefrau AH._ gewesen sei (Urk. 23/1). Laut einem schriftlichen Ver-
merk des Polizeibeamten AI._ vom 17. März 2014 soll laut Mitteilung eines
Polizeibeamten AJ._ über den Privatkläger in einer Kriminalakte betreffend
eines AK._ zu finden sein, dass dieser zusammen mit einem gewissen
AL._ in AM._ im April 1977 eine Prostituierte gehauen und in einem Pkw
verschleppt habe, wobei es sich "wohl" um eine Prostituierte des Privatklägers
namens AN._ gehandelt habe. Der Akte von AK._ könne weiter ent-
nommen werden, dass der Privatkläger im April 1978 zu einem "Zuhältertreffen" in
AO._ gefahren sei und es an diesem Treffen zu einer Vergewaltigung ge-
- 41 -
kommen sein solle (Urk. 242). Diese Indizien begründen zwar einen Verdacht im
Sinne der inkriminierten Äusserungen, sind aber letztlich derart vage, dass ge-
stützt darauf der Wahrheitsbeweis – welcher nachgewiesen, nicht bloss glaubhaft
gemacht werden muss – nicht erbracht werden könnte. Die Polizeibeamtin
AG._ sagte in ihrer Einvernahme vom 19. März 2014 denn auch aus, auf dem
Merkblatt von 1971 sei nur gestanden, dass der Privatkläger der Zuhälter seiner
damaligen Ehefrau gewesen sein soll; die entsprechende Akte existiere heute
nicht mehr und Erkenntnisse aus eigener Anschauung aus den 70er-Jahren habe
sie nicht (Urk. 241 S. 5). Auch der Polizeibeamte AI._ gab zu Protokoll, dass
er aus eigener Anschauung nichts sagen bzw. hinsichtlich seines Vermerks nur
sagen könne, dass es inhaltlich so in der Akte gestanden habe, nicht aber, ob es
Tatsache sei (Urk. 241 S. 10 f.).
d) Dass die vom Beschuldigten im Berufungsverfahren beantragten Einver-
nahmen der Polizeibeamten K._, L._ und M._ und die erneute Ein-
vernahme des pensionierten Polizeibeamten N._ (unter Wahrung der Teil-
nahmerechte des Beschuldigten) an der vorstehend dargelegten, vom Beschuldig-
ten zu tragenden Beweislosigkeit etwas zu ändern vermöchten, wäre nicht zu er-
warten. Mit der Anrufung der Polizeibeamten K._, L._ und M._ hat
der Beschuldigte nichts mehr vorgebracht als "ein paar Namen des damaligen 8.
Kommissariats beim PP Q._" (so die Worte des Polizeibeamten AI._ in
Urk. 230, welcher der Verteidigung diese Namen beschaffte). Damit ist aber sei-
tens des Beschuldigten noch nicht einmal substantiiert dargetan, dass diese Poli-
zeibeamten mit dem von AI._ angesprochenen Fall betreffend AN._ be-
fasst waren oder sonst gegen den Privatkläger im Sinne der inkriminierten Äusse-
rungen ermittelt hatten. Selbst wenn dem aber so wäre, wären von diesen heute –
nahezu vierzig Jahre später – keine sicheren Aussagen dahingehend zu erwarten,
dass AN._ eine für den Privatkläger arbeitende Prostituierte gewesen sei,
nachdem selbst in der damaligen Akte von April 1977 laut AI._ (bzw.
AJ._) bloss gestanden haben soll, sie sei wohl dessen Prostituierte gewesen
(vgl. Urk. 242). Es wäre weiter nicht ersichtlich, wie dem Beschuldigten auch mit
einer erneuten und formgerechten Einvernahme des Polizeibeamten N._ der
Nachweis gelingen könnte, dass der Privatkläger im Bordellmilieu tätig gewesen
- 42 -
sei. Wie ausgeführt belastete dieser den Privatkläger ausschliesslich dahinge-
hend, dass er damals im Milieu verkehrt habe.
5.3. Gutglaubensbeweis
a) Auch beim Gutglaubensbeweis trägt die beschuldigte Person die Be-
weislast und das Beweislastrisiko. Sie muss dartun, dass sie ernsthafte Gründe
hatte, die Äusserung in guten Treuen für wahr zu halten (BSK Strafrecht II-Riklin,
Art. 173 N 16). Hiezu hat sie vorerst die einzelnen Tatsachen nachzuweisen, auf
welche sie ihren Verdacht oder Glauben an die ehrenrührige Tatsache stützt.
Dies ist Tatsachenfeststellung. Überdies hat sie darzutun, dass diese Tatsachen
für sie in guten Treuen ernsthafte Verdachts- oder Beschuldigungsgründe sein
durften; d.h. das Gericht muss entscheiden, ob diese Tatsachen ausreichen, um
an die Richtigkeit der Äusserung glauben zu dürfen. Dies ist eine Rechtsfrage
(BGE 102 IV 182, BGE 124 IV 150 f.). Die erforderlichen Informations- und Sorg-
faltspflichten sind einzelfallbezogen zu beurteilen. Je schwerer der Ehreingriff ist,
desto höhere Anforderungen bestehen hinsichtlich der Abklärung des wahren
Sachverhalts (BSK Strafrecht II-Riklin, Art. 173 N 16; Trechsel/Lieber, StGB PK,
Art. 173 N 19). Der Gutglaubensbeweis kann nicht mit Tatsachen geführt wer-
den, welche erst nach der ehrverletzenden Äusserung eingetreten sind, bzw. von
denen der Äusserer im Zeitpunkt der Aussage keine Kenntnis hatte (BSK Straf-
recht II-Riklin, Art. 173 N 23).
b) Den Gutglaubensbewies nicht erbringen könnte der Beschuldigte jeden-
falls für den zweiten Teil seiner Äusserung, der Privatkläger sei in Geschäften der
Unterwelt des Zuhälter- und Bordellmilieus aktiv gewesen.
Der Beschuldigte macht geltend, er sei deshalb von der früheren Aktivität des
Privatklägers in solchen Geschäften überzeugt gewesen, da er sich dabei einer-
seits auf eigene, wenn auch bagatellisierende Aussagen des Privatklägers habe
stützen können – der Beschuldigte beruft sich diesbezüglich auf die Aussagen des
Privatklägers in Urk. 96 S. 13 und 17 f. – und andererseits (diese) seine früheren
Kenntnisse durch die neuen, vom H._-Journalisten stammenden Informatio-
nen bekräftigt worden seien (Urk. 302 S. 32, zweitletzter Abschnitt).
- 43 -
Gemäss den Aussagen des Privatklägers, auf welche sich der Beschuldigte
bezieht, wusste der Beschuldigte aus Besuchen in Spanien seit den 80er- oder
90er-Jahren von der Spielervergangenheit des Privatklägers. Auch wusste er of-
fensichtlich – zumal dies vom Privatkläger nicht bestritten wird – bereits vor dem
Schreiben vom 7. Mai 2010, dass dieser damals im Rotlichtmilieu verkehrte und
an der Bar T._ mitbeteiligt war. Dieses Vorwissen des Beschuldigten und die
neuen, durch den H._-Journalisten 2010 zugetragenen Informationen, wo-
nach der Privatkläger gemäss einer laufenden Strafuntersuchung Geld für Perso-
nen aus dem Milieu gewaschen habe, mögen zwar Tatsachen darstellen, aufgrund
derer der Beschuldigte ernsthaft davon ausgehen durfte, dass an diesen aktuellen
Vorwürfen betr. Geldwäscherei etwas dran sein könnte. Soweit er deshalb mit
Schreiben vom 7. Mai 2010 im Auftrag der Beschuldigten A._ dem Privatklä-
ger diese neuen Informationen vorhielt und von ihm zur Vermeidung von Reputati-
onsrisiken Distanzwahrung zum Hotel U._ verlangte, könnte deshalb wahr-
scheinlich von einem Handeln des Beschuldigten in guten Treuen ausgegangen
werden (was hier aber nicht zu prüfen wäre). Auch vermöchte der Beschuldigte
damit wohl den Gutglaubensbeweis zu erbringen hinsichtlich des ersten Teils sei-
ner inkriminierenden Äusserung betreffend das Verkehren des Privatklägers in Mi-
lieukreisen. Das Wissen des Beschuldigten um die einstige Spielsucht sowie die
früheren Milieukontakte des Privatklägers und die Jahrzehnte später zugetragenen
Behauptungen betreffend eines laufenden Strafverfahrens wegen Verdacht auf
Geldwäscherei im Milieu können aber nicht als Gründe bezeichnet werden, die
ernsthaft zur Annahme berechtigen würden, dass der Privatkläger in der Vergan-
genheit über den (blossen) Verkehr mit Milieupersonen hinaus im Zuhälter- und
Bordellmilieu auch selber Geschäftsaktivitäten entfaltet hätte. Etwas entsprechen-
des wurde dem Beschuldigten weder vom H._-Journalisten kolportiert, noch
vom Privatkläger selber erzählt. Dass der Beschuldigte – vor dem Aufsetzen des
Schreibens vom 7. Mai 2010 – von weiteren Personen entsprechende Hinweise
erhalten habe (vgl. Urk. 302 S. 33 oben), wurde vom Beschuldigten weder sub-
stantiiert behauptet noch nachgewiesen.
Damit fehlte es letztlich an bewiesenen Tatsachenfundamenten, auf welche
sich ein entsprechender guter Glaube zu stützen vermocht hätte.
- 44 -
5.4. Fazit
Zusammengefasst ergibt sich, dass dem Beschuldigten ein Entlastungsbe-
weis nicht gelingen würde, wäre er zu einem solchen zuzulassen.
VII. Sanktion
Hinsichtlich der Strafzumessung sowie des Strafvollzugs kann auf die zutref-
fenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 291 S. 32 f.), zumal
diese weder von Seiten des Beschuldigten noch von Seiten des Privatklägers ei-
ne Beanstandung erfahren haben. Zu korrigieren sind die erstinstanzlichen
Äusserungen einzig dahingehend, dass der Beschuldigte seine ehrverletzende
Äusserung vier, nicht bloss zwei Drittpersonen zukommen liess, was sich aber auf
die Strafzumessung letztlich bloss marginal auswirkt.
Der Beschuldigte ist somit mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu
Fr. 300.– zu bestrafen, deren Vollzug bei Ansetzung der gesetzlichen Mindest-
dauer der Probezeit aufzuschieben ist.
VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Bei diesem Verfahrensausgang ist die erstinstanzliche Kosten- und Ent-
schädigungsregelung (Dispositivziffern 5 - 8) zu bestätigen.
2. Weiter sind dem Beschuldigten die Kosten des Berufungsverfahren auf-
zuerlegen.
Sodann hat dieser dem Privatkläger eine Prozessentschädigung zu bezah-
len. Der Privatkläger stellte die Höhe einer entsprechenden Entschädigung ins
freie Ermessen der Berufungsinstanz (Urk. 315 S. 7). Für das (neurechtliche) Be-
rufungsverfahren findet die Verordnung über die Anwaltsgebühren vom 8. Sep-
tember 2010 Anwendung. Im Berufungsverfahren wird die Gebühr grundsätzlich
nach den für die Vorinstanz geltenden Regeln bemessen. Dabei wird auch be-
rücksichtigt, ob das Urteil vollumfänglich oder nur teilweise angefochten ist
- 45 -
(§ 18 AnwGebV). Angesichts des Umstands, dass sich der Vertreter des Privat-
klägers im Berufungsverfahren im Wesentlichen mit den bereits aus dem erstin-
stanzlichen Verfahren bekannten Argumenten des Verteidigers auseinanderzu-
setzen hatte, rechtfertigt es sich, die Prozessentschädigung auf Fr. 5'000.– fest-
zusetzen.