Decision ID: 965420f2-a5a9-4847-984e-0ac12bec1c24
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die im Jahre 1977 geborene
X._
war ab dem
1.
Februar 2012 unbe
fristet bei der
Y._
AG als Operator
Expert angestellt und als solche obliga
torisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert. Am 1
1.
Januar 2019 zog sich die Versicherte bei einer Auffahrkollision eine BWS-Kontusion sowie eine HWS-Distorsion zu (
Urk.
8/1,
Urk.
8/12 S. 2). Die notfall
mässige Erstbehandlung erfolgte
gleichentags
am
Z._
, Institut für Notfallmedizin (
Urk.
8/12). Mit Schreiben vom 2
9.
Januar 2019 aner
kannte die Suva ihre Leistungspflicht (
Urk.
8/
6
).
Am 2
5.
März 2019 wurde an der
A._
ein ambulantes Assessment durchgeführt (Urk. 8/34), eine stationäre Rehabilitation fand an gleicher Stelle in der Zeit vom 1
1.
bis 3
1.
Juli 2019 statt (
Urk.
8/101).
1.2
Nach Einholung einer kreisärztlichen Beurteilung am 1
3.
Januar 2020 (Urk. 9/154) sowie Durchführung einer versicherungsinternen psychiatrischen Untersuchung am 1
0.
März 2020 (
Urk.
9/176) stellte die Suva m
it Verfügung vom
8.
Mai 2020
und ausgehend davon
, dass die Kriterien der Adäquanz nicht mehr gegebe
n seien,
die Versicherungsleistungen per 2
4.
Mai 2020
ein
(
Urk.
9/180).
Hiergegen erhob der Versicherte am
8.
September 2020 (
Urk.
9/204) Einsprache.
Nach weiteren psychiatrischen Beurteilungen erfolgte am 2
1.
September 2020 eine erneute kreisärztliche Beurteilung (
Urk.
9/207)
.
D
ie von der Visana
, Leis
tungszentrum Taggeld,
in Auftrag gegebene bidisziplinäre Begutachtung datiert vom
9.
November 2020 (
B._
-Gutachten,
Urk.
9/222).
Mit
Entscheid
vom 1
7.
November 2020 bestätigte die Suva die Einstellung der Leistungen per 2
4.
Mai 2020
und wies die Einsprache ab
(
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der
damalige
Vertreter
der Versicherten am
4.
Januar 2021 Beschwerde und beantragte, es seien der Beschwerdeführerin weiterhin die gesetzlichen Leistungen auszurichten, eventualiter sei die Sache zu weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; unter Kosten- und Entschädigungs
folge zu Lasten der Beschwerdegegnerin (
Urk.
1 S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 2
6.
Januar 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
7), was der Beschwerdeführerin mit Verfü
gung vom 2
7.
Januar 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
10). Mit Schreiben vom 1
6.
April 2021 informierte Rechtsanwalt Rainer
Deecke
das hiesige Gericht dahingehend, dass er neu die Interessen der Beschwerdeführerin
vertrete
(
Urk.
11).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 6
des
Bundesgesetz
es
über die Unfallversicherung (UVG)
werden – soweit das Gesetz nichts
anderes
bestimmt – die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (Abs. 1).
1.2
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwi
schen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhanden
sein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Ver
waltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
anspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E.
1b
, je mit Hinweisen).
1.3
Die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und der infolge eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule auch nach Ablauf einer gewissen Zeit nach dem Unfall weiterbestehenden gesundheitlichen Beein
trächtigungen, die nicht auf organisch nachweisbare Funktionsausfälle zurück
zuführen sind, hat nach der in BGE 117 V 359 begründeten Rechtsprechung des Bundesgerichts in analoger Anwendung der Methode zu erfolgen, wie sie für psy
chische Störungen nach einem Unfall entwickelt worden ist (vgl. BGE 123 V 98 E. 3b, 122 V 415 E. 2c). Es ist im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall eine massgebende Bedeutung für die Entstehung der Arbeits- beziehungsweise der Erwerbsunfähigkeit zukommt. Das trifft dann zu, wenn er eine gewisse Schwere
aufweist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt. Demnach ist zunächst zu ermitteln, ob der Unfall als leicht oder als schwer zu betrachten ist oder ob er dem mittleren Bereich angehört. Auch hier ist der adäquate Kausalzu
sammenhang zwischen Unfall und gesundheitlicher Beeinträchtigung bei leichten Unfällen in der Regel ohne Weiteres zu verneinen und bei schweren Unfällen ohne Weiteres zu bejahen, wogegen bei Unfällen des mittleren Bereichs weitere Kriterien in die Beurteilung mit einzu
beziehen sind. Je nachdem, wo im mittleren Bereich der Unfall einzuordnen ist und abhängig davon, ob einzelne dieser Kri
terien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sind, genügt zur Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein Kriterium oder müssen mehrere herange
zogen werden.
Als Kriterien nennt die Rechtsprechung hier:
-
besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalles;
-
die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen;
-
fortgesetzt spezifische, belastende ärztliche Behandlung;
-
erhebliche Beschwerden;
-
ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
-
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
-
erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen.
Diese Aufzählung ist abschliessend. Anders als bei den Kriterien, die das Bundes
gericht in seiner oben zitierten Rechtsprechung (BGE 115 V 133) für die Beurtei
lung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und einer psy
chischen Fehlentwicklung für relevant erachtet hat, wird bei der Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall mit Schleudertrauma der Halswirbelsäule und den in der Folge eingetretenen Beschwerden auf eine Differenzierung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet, da es bei Vorliegen eines solchen Traumas nicht entscheidend ist, ob Beschwerden medizinisch eher als organischer und/oder psychischer Natur bezeichnet werden (BGE 134 V 109; RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff., 1999 Nr. U 341 S. 409 E. 3b, 1998 Nr
. U 272 S. 173 E. 4a; BGE 117 V
359 E.
5d
/
aa
und 367 E.
6a
).
1.4
Die Beurteilung der Adäquanz in denjenigen Fällen, in denen die zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule gehörenden Beein
trächtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zu einer ausgeprägten psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten, ist nach der Praxis des Bundesgerichts nicht nach den für das Schleudertrauma in BGE 117 V 359 entwickelten Kriterien, sondern nach den in BGE 115 V 133 für psychische Fehl
entwicklungen nach einem Unfall aufgestellten Kriterien vorzunehmen (BGE 127
V 102 E.
5b
/
bb
, 123 V 98 E. 2a, RKUV 1995 Nr
. U 221 S. 113 ff., SVR 1995 UV
Nr. 23 S. 67 E. 1; ferner BGE 134 V 109 E. 10.2 f.).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete den angefochtenen Einspracheentscheid damit, dass für die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden über den 2
4.
Mai 2020 hinaus kein unfallbedingtes strukturelles Substrat habe objektiviert werden können (
Urk.
2 S. 8). Gestützt auf die Beurteilung von
Dr.
med.
C._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
sei davon auszugehen, dass die psychischen Beschwerden über den ganzen
V
erlauf gesehen klar im Vorder
grund gestanden hätten, sodass die Adäquanz unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall zu beurteilen sei (S. 9, S. 11). Das Ereignis sei dabei der Gruppe der mittelschweren Unfälle im mittleren Bereich zuzuordnen (S. 13). Für die Bejahung eines adäquaten Kausalzusammenhangs müssten demnach drei der sieben Adäquanzkriterien erfüllt sein, wobei vorlie
gend keines erfüllt sei
(S. 15).
2.2
Demgegenüber machte der damalige Vertreter der Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, dass
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Allgemeinmedizin,
ausserhalb seiner medizinischen Fachk
ompetenz von diversen neurologis
chen, orthopädischen und sogar psychiatrischen Vorzuständen aus
gehe
, was bereits im Rahmen der Einsprache bemängelt worden sei. Für eine abschliessende Beurtei
lung der Bandscheibenschädigung C5/6 sowie der weiteren multiplen Beschwer
den bedürfe es jedoch besondere
r
Fachkenntnisse (Orthopädie, Neurologie). Aufgrund der Bandscheibenschädigung könnten weiter entgegen der Einschät
zung von
Dr.
C._
nicht ausschliesslich psychische Gründe für die Schmerzent
stehung diskutiert werden. Für eine abschliessende Leistungsprüfung sei
eine
multidisziplinäre Begutachtung durchzuführen (
Urk.
1 S. 4). Ausgehend von einer chronischen Schmerzstörung mit psychischen und somatischen Anteilen sei keine gesonderte Adäquanzprüfung nötig; eine solche hätte nach der «
Schleuder
traumapraxis
» zu erfolgen (S. 5). Aufgrund des Unfallgeschehens sei von einem mittelschweren Unfall im Grenzbereich zu den schweren Unfällen auszugehen
, wobei zur Bejahung des Kausalzusammenhangs eines der massgebenden Kriterien genüge (S. 6).
Es
seien mehrere Kriterien erfüllt, dasjenige der Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen sogar in ausgeprägter Weise, was weiterhin zur Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin führe (S. 7 f.).
3.
3.1
Die für den Austrittsbericht vom 1
1.
Januar 2019 verantwortlichen Fachärzte des
Z._
diagnostizierten eine
BWS
-Kontusion nach Auffahrunfall vom 1
1.
Januar 2019 sowie eine HWS-Distorsion vom 1
1.
Januar 201
9.
Nach dem Unfall habe keine Bewusstlosigkeit, keine Übelkeit, keine Seh- oder Hörstörung vorgelegen, die Beschwerdeführerin habe das Auto selbständig verlassen können. Vom 1
1.
b
is 1
5.
Januar 2019 sei von einer vollständigen Arbe
itsunfähigkeit auszugehen (Urk.
8/12).
In den angefertigten Bildgebungen habe sich kein Hinweis für eine traumatische Organ- oder Weichteilläsion ergeben; auch habe keine frische traumatische Läsion der ossären Strukturen festgestellt werden können, weiter keine intra
kranielle Blutung oder eine Fraktur des
Neurocraniums
(
Urk.
8/24-25). Ein MRI des Schädels vom
7.
Februar 2019
habe
einen unauffälligen Befund
ergeben, ebenso w
eitere Abklärungen an der Wirbelsäule bezüglich der BWS sowie der LWS ohne Nachweis einer frischen knöchernen Verletzung. Auf Höhe
C5
/6
habe
eine
Protrusion
mit möglicher Irritation der linken Nervenwurzel
C6
foraminal
festgestellt werden
können
bei im Übrigen unauffälligem Befund (
Urk.
8/30).
3.2
Im Unfallfragebogen gab die Beschwerdeführerin am 1
8.
Februar 2019 an, nach dem Unfall sofort an Kopf-, Nacken- und Schultergürtelschmerzen gelitten zu haben, zudem an Schwindel und Übelkeit mit Brechreiz
. Innert Stunden seien Rückenschmerzen sowie beidseitige Gefühlsstörungen in den Armen und Beinen hinzugekommen. Sie habe bereits vorbestehend an Kopf- und Rückenbe
schwerden gelitten. Zurzeit leide sie noch unter Kopf-, Nacken-, Schultergürtel- und Rückens
chmerzen. Die Kopfdrehung und –
neigung
sei schmerzbedingt eingeschränkt, ebenso das Heben der Arme; teilweise habe sie Albträume und schlafe schlecht (
Urk.
8/16).
3.3
Im Rahmen des unfallanalytischen Gutachtens vom 2
8.
Februar 2019 konnte eine kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung zwischen 26.3 und 40 km/h fest
gestellt werden, wobei von einem Mittelwert von 33 km/h ausgegangen werden könne (
Urk.
8/99/2).
3.4
Dr.
med.
E._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in seinem Bericht vom 2
4.
Juni 2019 aus, dass er die Beschwerdeführerin erstmals am 1
7.
Januar 2019 gesehen habe und diese nach dem Unfall vom 1
1.
Januar 2019 mit schweren Schmerzen zu kämpfen habe. Die Beschwerdefü
hrerin sei schreckhaft, habe Ang
st unter Leute zu gehen, schlafe schlecht und sei verzwei
felt. Die Konzentration sei stark reduziert, ebenso die Stimmung. Zweimal sei es auch zu Synkopen gekommen; vor dem Unfall habe sie nie psychische Probleme
gehabt. Sie bekomme eine antidepressive Therapie, wobei die psychischen Beschwerden durch die somatischen Beschwerden verursacht seien; solange es ihr physisch nicht
besser gehe
, könne auch die psychische Situation nicht wesentlichen verändert werden (
Urk.
8/67).
3.5
Anlässlich der
otoneurologischen
Untersuchung vom 2
3.
Juli 2019 liess sich kein objektivierbarer Hinweis für eine peripher- und/oder zentral-vestibuläre Störung und keine sonstige Pathologie im Fachgebiet finden (
Urk.
8/82).
3.6
Zur stationären Rehabilitation weilte die Beschwerdeführerin in der Zeit vom 1
1.
bis 3
1.
Juli 2019
in
der
A._
. Die für den Austrittsbericht vom 3
1.
Juli 2019 verantwortlichen Fachpersonen stellten die folgenden Diagnosen:
-
HWS-Distorsion
-
Rezidivierende Episoden mit Bewusstseinsstörung im 02 und 05/2019
-
Verdacht auf
Epicondylitis
lateralis
recht
s
mehr als links
-
Status nach Lumbalgie 2018
-
Anpassu
ngsstörung, Angst, depressive R
eaktion mit
subsyndromaler
psychotraumatologischer
Symptomatik (ICD-10 F43.28)
Bei Austritt habe die Beschwerdeführer
in
über die folgenden Probleme geklagt: spontane sowie bewegungs- und belastungsverstärkte Nackenbeschwerden, Kopfschmerzen, Ein- und Durchschlafstörungen, Schwindel (intermittierend), gelegentliche
s
Sensibilitätsdefizit beider Beine und Hände, vor allem der rechten Hand
,
sowie depressive Stimmungslage. Es sei eine erhebliche Symptomaus
weitung beobachtet worden. Diese sei teilweise auf die psychische Störung zurückzuführen. Die Resultate der physischen Leistungstests seien deshalb für die Beurteilung der zumutbaren körperlichen Belastbarkeit nicht verwertbar. Die fest
gestellte psychische Störung begründe aktuell keine arbeitsrelevante Leistungs
minderung. Sowohl in der angestammten wie auch einer leichten bis mittel
schweren Tätigkeit sei von einer ganztägigen Arbeitsfähigkeit auszugehen (
Urk.
8/101).
3.7
Dr.
med.
F._
, Facharzt FMH für Neurologie, beratender Arzt der AXA Versi
cherungen (Haftpflichtversicherer, vgl.
Urk.
8/26/11), führte in seiner Stellung
nahme vom 1
8.
September 2019 aus, dass der bisherige Heilverlauf durch eine Symptomausweitung geprägt sei
;
die Verschlechterung der Symptome im Laufe der Monate nach dem Unfall könne unfallkausal nicht erklärt werden. Die Beschwerdeentwicklung lasse sich klar auf unfallfremde Faktoren zurückführen, dies aus dem psychiatrischen Formenkreis; die Beschwerdeentwicklung sei voll
kommen untypisch für eine unfallkausale Schädigung. Aus seiner Sicht sei ein polydisziplinäres Gutachten empfehlenswert (
Urk.
8/114).
3.8
Die für die biomechanische Kurzbeurteilung vom
9.
Oktober 2019 verantwort
lichen Fachpersonen führten aus, dass aus biomechanischer Sicht aufgrund der technischen Bewertung und der medizinischen Unterlagen
die anschliessend
an
das Unfallereignis bei der Beschwerdeführerin festgestellten von der HWS ausge
henden Beschwerden und Befunde isoliert durch die Kollisionseinwirkung bereits im Normalfall erklärbar seien. Einen Einfluss auf die beschriebenen HWS-Beschwerden durch die aufgeführte Bandscheibenveränderung (unter anderem mit radiologisch beurteil
t
er möglicher Reizung der C-6-Wurzel, Abweichung vom Normalfall nicht ausgeschlossen) möchten sie zudem nicht ausschliessen (
Urk.
9/127 S. 5).
3.9
Dr.
med.
G._
, Facharzt FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie
, beratender Arzt
des
Haftpflichtversicherers
, hielt in seiner Stellungnahme vom 1
1.
November 2019 fest, dass das Vorliegen einer Anpassungsstörung als unmittelbar sich ergebende psychopathologische Reaktion nach dem Unfallereignis vom 1
1.
Januar 2019 nachvollziehbar gewesen sei; unter Berücksichtigung der verbindlichen ICD-10 Kriterien sei diese Diagnose aktuell nicht mehr ausge
wiesen. Ob die psychische Störung im Verhältnis zum gesamten Beschwerdebild im Vordergrund stehe, könne angesichts der nur begrenzten Befundlage und einer aktuell nicht gesicherten Diagnose nicht schlüssig beantwortet werden.
Ent
spre
chend der Einschätzung von
Dr.
F._
sei der Durchführung einer interdiszipli
nären
Begutachtung zuzustimmen (Urk.
9/138 S. 4 f.).
3.10
Dr.
D._
, Suva Versicherungsmedizin, führte in seiner ärztlichen Beurteilung vom 1
3.
Januar 2020 aus, dass mindestens mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine unfallkausalen strukturellen körperlichen Schädigungen als Folge des Unfallereignisses vom 1
1.
Januar 2019 objektivierbar belegt würden. Gemäss den vorliegenden medizinischen Befundberichten sei die anhaltende Beschwerde
symptomatik der Beschwerdeführerin mit angegebenen Schulter- und Nacken
beschwerden und
muskuloskelettalen
Zeichen, ohne neurologische Defizite und ohne Hinweise auf eine Fraktur, als QTF Grad II
zu qualifizieren (Urk.
9/154 S. 11).
3.11
Am 1
0.
März 2020 fand eine versicherungsinterne psychiatrische Untersuchung statt.
Dr.
C._
diagnostizierte eine anhaltende Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) sowie eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1;
Urk.
9/176 S. 20). Das Vollbild einer posttraumatischen Belastungsstörung könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bestätigt werden. Die Angstsymptome seien eher einer anderen Störung zuzurechnen; weiter könne aufgrund des Zeitablaufs die Diagnose einer Anpassungsstörung nicht mehr gestellt werden (S. 25). Bei der
vorliegenden
Symptomatik bestehe ein natürlicher teilkausaler Zusammenhang mit dem
Unfallereignis (S. 26)
, wobei davon auszugehen sei, dass die Beschwerdeführerin in ihrer beruflichen Tätigkeit in relevanten Fähigkeiten eingeschränkt sei. Die bestehenden Beschwerden hätten innert
sechs
bis
acht
Monate
n
nach dem Unfall klar im Vordergrund gestanden (S. 30). Die Gefahr der Chronifizierung erfordere einen umfassenden schmerztherapeutischen Ansatz mit psychiatrischer und psychotherapeutischer Begleitung in einem stationären Rahmen (S. 31).
3.12
Dr.
med.
H._
, Fachärzt
in FMH für physikalische Medizin und Rehabilitation
,
stellte in ihrem Bericht vom
1.
April 2020 die folgenden Diagnosen:
-
Status nach HWS-Distorsion
-
Episoden mit Bewusstseinsstörung, am ehesten im Sinne
vasovagaler
Synkopen, Februar und Mai 2019
-
Posttraumatische Belastungsstörung, DD Angststörung, DD Anpassungs
störung
-
Verdacht auf
Epicondylitis
lateralis
rechts mehr als links
-
Abklärung der anhaltendenden Kopfschmerzen und Globusgefühl, MRI Kopf 2018 ohne Pathologie, Verdacht auf neurotische bzw. neurofunk
tionelle Störung
-
Leichte
Protrusion
der Bandscheibe
C5
/6 mit Kontakt zur Wurzel C6 links
-
Status nach Lumbalgie 2018
-
Cholecystektomie
vor Jahren
Weiterhin bestehe ein anhaltendes zervikospondylogenes und
cervicocephales
Schmerzsyndrom mit zum Teil Ganzkörperschmerz, zum Teil sensiblen Sensa
tionen, zum Teil Polyarthralgien
;
zum Teil
bestehe ein
vegetativ unterhaltenes Schmerzsyndrom bei Status nach HWS-Distorsion, DD sei nun auch eine mögli
che Partialruptur der Supraspinatussehne denkbar (
Urk.
9/174).
3.13
Im Rahmen der kreisärztlichen Stellungnahme vom 2
1.
September 2020 führte
Dr.
D._
aus
, dass der Bandscheibenschaden C
5/6 mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit nicht als Unfallfolge zu bewerten sei, vielmehr liege ein krank
haftes Verschleissleiden vor (
Urk.
9/207 S. 5). N
ach den
bereits umfassenden differentialdiagnostischen Abklärungen – ohne H
inweise auf eine bes
chwerde
ursächliche
Traumafolge
– sei hier die Notwendigkeit eines multidisziplinären medizinischen Gutachtens unfallbezogen nicht gegeben (S. 6).
3.14
Dr.
G._
nahm am
6.
Oktober 2020 zur psychiatrischen Untersuchung von
Dr.
C._
Stellung. Dabei führte er aus, dass die Beantwortung der Fragen zu Diagnostik, Kausalität und der weiteren Behandlung durch
Dr.
C._
nicht schlüssig sei und zum Teil im Widerspruch zu den eigenen Befunden stehe. So sei insbesondere eine differenzierte diagnostische Abwägung des Schweregrades
der vorgefundenen gewichtigen weiteren Befunde sowie
eine
differentialdiagnos
tische Würdigung von gewichtigen weiteren Befunden (wie Angstsymptome mit Krankheitswert [F41], Hinweise auf dissoziative Sensibilitäts- u
nd Empfindungs
störungen [F44.6])
aber auch
eine Auseinandersetzung mit den
Hinweise
n
auf erhebliche Symptomverdeutlichung
)
trotz guter Befunderhebung nicht erfolgt, sodass die Diagnose einer anhaltenden Schmerzstörung nicht ausgewiesen sei. Simulation oder Aggravation wäre mit einer testpsychologischen Beschwerde
validierung zu überprüfen. Ein natürlicher Kausalzusammenhang bezogen auf die psychische Störung sei nicht ausgewiesen (
Urk.
9/210 S. 9).
3.15
Die für das
B._
-Gutachten vom
9.
November 2020 verantwortlichen Fach
ärzte (Neurologie, Orthopädie)
stellten
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit in der letzten oder einer vergleichbaren Arbeit keine Diagnose. Sowohl in der angestammten als auch
in
einer vergleichbaren Tätigkeit sei von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Es würden deutliche Hinweise auf eine nicht plau
sible Präsentation von Einschränkungen und B
eschwerden bestehen. In der orthopädischen Untersuchung seien deutliche Diskrepanzen zu erheben gewesen (kein namhaft schmerzgeplagter Eindruck, deutlich bessere spontane Mobilität als in den formalen Proben demonstriert; vgl.
U
rk.
9/222/23 ff.,
Urk.
9/222/44 ff.).
4.
4.1
Vorab zu prüfen ist, ob die vorliegenden medizinischen Akten eine verlässliche Beurteilung des Sachverhalts zulassen. Festzuhalten ist dabei, dass bisher keine
durch die Beschwerdegegnerin veranlasste
externe Begutachtung der Beschwer
deführerin stattgefunden hat.
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kommt nach der Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E.
3b
/ee). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gutachten unabhängiger Sachver
ständiger. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssig
keit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende
Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E.
4.7).
Weiter ist darauf hinzuweisen, dass nach ständiger bundesgerichtlicher Recht
sprechung für die Kausalitätsbeurteilung bei HWS-Distorsionen nebst einer genügenden Erstabklärung auch zu verlangen ist, dass eine eingehende medi
zinische Abklärung (im Sinne eines polydisziplinären/interdisziplinären Gutach
tens) bereits in einer ersten Phase nach dem Unfall vorgenommen wird, sofern und sobald Anhaltspunkte für ein längeres Andauern oder gar eine Chronifi
zierung der Beschwerden bestehen. Eine entsprechende Begutachtung ist zudem jedenfalls dann angezeigt, wenn die Beschwerden bereits längere Zeit angehalten haben und nicht von einer baldigen, wesentlichen Besserung ausgegangen werden kann. In der Regel dürfte eine solche Begutachtung nach rund sechs Monaten der Beschwerdepersistenz zu veranlassen sein (BGE 134 V 109 E. 9.4).
Aufgrund der Tatsache, dass bislang lediglich versicherungsinterne ärztliche Berichte vorliegen und auch eine polydisziplinäre Abklärung unterblieben ist, sind an die vorliegenden Berichte im Rahmen der Beweiswürdigung hohe Anfor
derungen zu stellen.
4.2
Neben der Frage, ob die Auffahrkollision vom 1
1.
Januar 2019 zu
organisch nachweisbare
n
Funktionsausfälle
n
geführt hat, ist vorliegend insbesondere zu prüfen, ob die somatischen Probleme gegenüber den im Verlauf aufgetretenen psychischen Beschwerden ganz in den Hintergrund getreten sind
oder nicht
. Die Beschwerdegegnerin stützte sich dabei auf die Einschätzung von
Dr.
C._
vom
1
0.
März 2020, in welcher
dies
er ausführte, dass d
ie bestehenden
psychischen
Beschwerden innert
sechs
bis
acht
Monate
n
nach dem Unfall klar im Vordergrund gestanden
hätten (vgl. E. 3.11).
Diese Einschätzung der Sachlage vermag aus verschiedenen Gründen nicht zu überzeugen. Im genannten Zeitraum nach dem Unfall befand sich die Beschwer
deführerin in der stationären Rehabilitation in
I._
. Die zuständigen Fach
personen stellten dabei weiterhin die Diagnose einer HWS-Distorsion, wobei die geklagten Beschwerden einem typischen Beschwerdebild entsprechen. Auch wenn weiter eine erhebliche Symptomausweitung beobachtet worden konnte, sei diese nur teilweise auf die psychische Störung zurückzuführen (vgl. E. 3.6). Aus den echtzeitlichen Akten kann dem
nach nicht darauf geschlossen werden, dass die somatischen Beschwerden ganz in den Hintergrund getreten sind.
Die Einschätzung von
Dr.
C._
wird auch durch die Ausführungen von
Dr.
G._
in Frage gestellt. So führte
dies
er insbesondere aus, dass aufgrund der
aktuell nicht
gesicherten Diagnose nicht schlüssig beantwortet werden
könne, ob
die psychi
sche Störung im Verhältnis zum gesamten Beschwerdebild im Vordergrund
stehe (vgl. E. 3.9, E. 3.14); weiter hielt er schon in seinem Bericht vom 1
1.
November 2019 die Durchführung einer polydisziplinären Abklärung für angezeigt.
Im glei
chen Sinne äusserte sich auch
Dr.
H._
in ihrer Stellungnahme vom 1
8.
Dezember 2020 (
Urk.
9/228).
Die Einschätzung von
Dr.
C._
widerspricht im Übrigen auch der Einschätzung von
Dr.
E._
,
welcher
die
somatischen Beschwerden im Zentrum sieht
(vgl. auch
Urk.
9/229 S. 5).
Vor diesem Hintergrund bestehen Zweifel an der
Beurteilung
von
Dr.
C._
, insbesondere
hinsichtlich seiner
Einschätzung des Verhältnisses der somatischen zu den psychischen Beschwerden.
In Nachachtung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung drängt sich bei einer solchen Konstellation eine polydisziplinäre Abklärung auf. Dies umso
mehr, als es sich beim Unfallgeschehen nicht um einen Bagatellunfall gehandelt hat. Auch
wenn
von der Unfallschwere nicht direkt auf die Schwere der Verletzungen geschlossen werden kann, ergibt sich aus der
biomechanische
n
Kurz
beurteilung vom
9.
Oktober 2019, dass die von
der HWS ausgehenden Beschwerden und Befunde isoliert durch die Kollisionseinwirkung bereits im Normalfall erklärbar seien.
Auch ein Einfluss auf die Bandscheiben
problematik auf Höhe C6
sei
nicht aus
zu
schliessen (vgl. E. 3.9).
4.3
Zusammenfassend ist die polydisziplinäre Abklärung der B
eschwerdegegnerin unumgänglich, wozu die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist. Dabei wird
– neben der umfassenden Einschätzung der Unfallfolgen -
insbeson
dere die Frage zu prüfen sein, ob die somatischen gegenüber den psychischen Beschwerden nach dem Unfall allmählich ganz in den Hintergrund getreten sind.
5.
Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerde
führerin eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwen
dung von
Art.
61 lit. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwier
igkeit des Prozesses auf
Fr.
2’0
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.