Decision ID: b56b8506-a18f-5acb-b06f-edb112334fda
Year: 2013
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein srilankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie aus Jaffna Town mit letztem Wohnsitz in Vavuniya – verliess ge-
mäss eigenen Angaben seinen Heimatstaat am 16. Oktober 2008 in Rich-
tung Syrien, von wo er über die Türkei nach Griechenland weiterreiste.
Am 13. August 2009 suchte er in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Mit Entscheid vom 25. Januar 2010 trat das BFM gestützt auf Art. 34 Abs.
2 Bst. d des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete dessen Weg-
weisung aus der Schweiz nach Griechenland an.
C.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe seines
Rechtsvertreters vom 29. Januar 2010 beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde.
D.
Mit Verfügung vom 10. März 2011 hob das BFM seinen Entscheid vom
25. Januar 2010 wiedererwägungsweise auf und ordnete an, in Bezug auf
den Beschwerdeführer sei das nationale Asylverfahren durchzuführen. In
der Folge schrieb das Bundesverwaltungsgericht mit Entscheid vom
14. März 2011 die Beschwerde als gegenstandslos geworden ab.
E.
Im Rahmen der Erstbefragung vom 18. August 2009 und der Anhörung
vom 19. August 2011 durch das BFM im Empfangs- und Verfahrenszent-
rum Kreuzlingen gab der Beschwerdeführer zur Begründung seines Asyl-
gesuches im Wesentlichen an, er sei am 10. Oktober 2006 von zwei ver-
mummten Bewaffneten verschleppt und in der Folge von Milizionären der
LTTE dazu gezwungen worden, im Bereich Informationstechnologie Leis-
tungen für die LTTE zu erbringen. Ende Juli beziehungsweise im August
2008 sei ihm die Flucht gelungen, und er sei zu seinen Eltern nach Vavu-
niya zurückgekehrt. Im August 2008 sei er von den srilankischen Sicher-
heitsbehörden verhaftet worden, und er habe unter Folter gestanden, für
die LTTE tätig gewesen zu sein. Gegen Bestechung sei ihm im Septem-
ber 2008 die Flucht aus dem Gefängnis gelungen.
D-5908/2011
Seite 3
F.
Mit Verfügung vom 28. September 2011 – eröffnet am 29. September
2011 – stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlings-
eigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es
die Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug. Als Begründung führ-
te die Vorinstanz hauptsächlich aus, die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7
AsylG nicht stand. Ausserdem sei der Wegweisungsvollzug nach Sri Lan-
ka zulässig, zumutbar und möglich.
G.
Mit Beschwerde vom 26. Oktober 2011 (Poststempel) ans Bundesverwal-
tungsgericht liess der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter
beantragen, der angefochtene Entscheid vom 10. März 2011 sei in den
Dispositivpunkten 4 und 5 aufzuheben und zur Neubeurteilung der Sache
an das BFM zurückzuweisen. Zudem sei das BFM anzuweisen, sämtliche
Herkunftsländerinformationen, auf welche es seinen Entscheid stütze,
mittels Quellenangaben offenzulegen. Eventualiter sei die Unzumutbar-
keit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und die vorläufige Auf-
nahme anzuordnen. Überdies sei auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses zu verzichten und die unentgeltliche Prozessführung zu gewäh-
ren.
H.
Mit Zwischenverfügung der damals zuständigen Instruktionsrichterin vom
2. November 2011 wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen und auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 27. November 2012 wurde das Gesuch um
Offenlegung sämtlicher Herkunftsländerinformation abgewiesen und die
Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen.
J.
In ihrer Vernehmlassung vom 5. Dezember 2012 – welche dem Be-
schwerdeführer am 10. Dezember 2012 zur Kenntnis gebracht wurde –
beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde.
D-5908/2011
Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden
nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungs-
gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge-
richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus-
nahmekonstellation liegt nicht vor.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6
AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1
AsylG, Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 VwVG). Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde
ist somit einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Die Beschwerde richtet sich gemäss den Rechtsbegehren und der Be-
gründung ausschliesslich gegen den Vollzug der von der Vorinstanz ver-
fügten Wegweisung. Die Verfügung des BFM vom 28. September 2011
D-5908/2011
Seite 5
ist, soweit sie die Frage der Flüchtlingseigenschaft und der Asylgewäh-
rung betrifft (Ziffn. 1 und 2 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfü-
gung), in Rechtskraft erwachsen, und auch die Anordnung der Wegwei-
sung (Ziff. 3 des Dispositivs) ist nicht mehr zu überprüfen (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [ARK; EMARK] 2001 Nr. 21). Gegenstand des vorliegenden
Verfahrens bildet somit – abgesehen von den formellen Rügen – lediglich
die Frage, ob das Bundesamt den Vollzug der Wegweisung zu Recht als
zulässig, zumutbar und möglich erklärt hat.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer macht in formeller Hinsicht geltend, dass die
Vorinstanz die Begründungspflicht verletzt habe, indem sie es unterlas-
sen habe, die relevanten Herkunftsländerinformationen, auf welche sie ih-
ren Entscheid stütze, offenzulegen. Der gebotenen Begründungspflicht
sei die Vorinstanz auch deshalb nicht in genügendem Masse nachge-
kommen, da sie in der angefochtenen Verfügung ohne Begründung von
der langjährigen Praxis des Bundesverwaltungsgerichts abgewichen sei.
Daher sei die angefochtene Verfügung in den Dispositionspunkten 4 und
5 infolge Verletzung des Grundsatzes des rechtlichen Gehörs aufzuheben
und an die Vorinstanz zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
5.2 Diese verfahrensrechtlichen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allen-
falls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu
bewirken (vgl. FRITZ GYGI, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern
1983, S. 233, mit weiteren Hinweisen, S. 287 und 297; ALFRED
KÖLZ/ISABELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspfle-
ge des Bundes; 2. Aufl., Zürich 1998, S. 225, mit weiteren Hinweisen).
5.3 Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 der Bundes-
verfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999
[BV, SR 101]; Art. 29 ff. VwVG i.V.m. Art. 6 und Art. 29 AsylG) ergibt sich,
dass Asylsuchenden die relevanten Akten offenzulegen sind und ihnen
das Recht zur Äusserung (vgl. Art. 30 Abs. 2 VwVG) sowie die Möglich-
keit, Einfluss auf die Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts zu
nehmen, zu gewähren ist. Ausserdem haben die verfügenden Behörden
ihrer Pflicht zur Begründung in genügender Weise nachzukommen.
5.4 Soweit in der Beschwerde gerügt wird, die Vorinstanz habe die Be-
gründungspflicht verletzt, indem sie es unterlassen habe, die relevanten
Herkunftsländerinformationen, auf welche sie ihren Entscheid stütze, of-
http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21
D-5908/2011
Seite 6
fenzulegen, ist auf die diesbezüglichen Erwägungen in der Zwischenver-
fügung vom 27. November 2012 zu verweisen, worin das Gesuch um Of-
fenlegung sämtlicher Herkunftsländerinformationen abgewiesen wird. Es
liegt keine Verletzung des Akteneinsichtsrechts beziehungsweise der Be-
gründungspflicht vor, da das BFM nicht gehalten war, die verwendeten
allgemein zugänglichen Länderinformationen im beantragten Ausmass
detailliert offenzulegen.
5.5 Bezüglich der Rüge des Beschwerdeführers in der Rechtsmittelschrift,
wonach eine Verletzung der Begründungspflicht und des Anspruchs des
Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör vorliege, da das BFM in der
angefochtenen Verfügung ohne Begründung von der langjährigen Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts abgewichen sei, ist Folgendes festzuhal-
ten: Das BFM hat in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar und
im Einzelnen hinreichend differenziert aufgezeigt, weshalb es zum
Schluss gelangt, dass sich die allgemeine Sicherheitslage in Sri Lanka
nach Ende des bewaffneten Konfliktes zwischen der srilankischen Regie-
rung und den LTTE im Mai 2009 deutlich entspannt habe und sich die Le-
bensbedingungen insoweit verbessert hätten, dass eine Rückkehr auch in
den Norden und Osten Sri Lankas grundsätzlich wieder zumutbar sei,
während im ehemals von den LTTE kontrollierten Vanni-Gebiet die Le-
bensbedingungen nach wie vor als sehr schwierig einzustufen seien. Das
BFM muss sich als Vorinstanz zwar auch hinsichtlich der Frage der gene-
rellen Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung in Herkunftsländer ab-
gewiesener Asylsuchender an die Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
halten, es ist aber sehr wohl befugt, mit einlässlicher Begründung von ei-
ner bestehenden Praxis abzuweichen, wenn es diese als anpassungsbe-
dürftig erachtet (vgl. BVGE 2010/54 E. 9.2.1 S. 801 f.). Dass das BFM
den Vollzug der Wegweisung in die Nord- und Ostprovinz Sri Lankas auf-
grund der jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka aus den in der Verfügung
dargelegten Gründen als zumutbar einschätzt, ist daher nicht zu bestan-
den. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Übrigen kurz nach Erlass
der angefochtenen Verfügung in seinem Urteil E-6220/2011 vom
27. Oktober 2011 (publiziert in BVGE 2011/24) zur aktuellen Situation in
Sri Lanka geäussert und eine Anpassung seiner in BVGE 2008/2 publi-
zierten Praxis vorgenommen, welche mit derjenigen des BFM im Ergeb-
nis weitgehend übereinstimmt (vgl. E. 6.3.2 nachstehend). Inwiefern das
BFM mit seinem Vorgehen die Begründungspflicht verletzt haben soll, ist
in Anbetracht der insgesamt ausgewogenen und differenzierten Erwä-
gungen in der angefochtenen Verfügung ohnehin nicht ersichtlich.
D-5908/2011
Seite 7
5.6 Bei dieser Sachlage besteht somit keine Veranlassung, die angefoch-
tene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben, weshalb das ent-
sprechende Rechtsbegehren abzuweisen ist.
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom
16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR
142.20]).
Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigs-
tens glaubhaft zu machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Ueber-
sax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009,
Rz. 11.148).
6.2
6.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in
den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein
Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit
aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie
Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden
(Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eid-
genossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Überein-
kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR
0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950
zum Schutze der Menschrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101)
darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe
oder Behandlung unterworfen werden.
6.2.2 Da rechtskräftig feststeht, dass es dem Beschwerdeführer nicht ge-
lungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder
D-5908/2011
Seite 8
glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5 AsylG verankerte Prinzip des
flüchtlingsrechtlichen Non-refoulements im vorliegenden Verfahren keine
Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri Lan-
ka ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in sein Heimatland dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse
Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde
Nr. 37201/06, §§ 124-127, mit weiteren Hinweisen). Dies ist ihm nicht ge-
lungen. Er gehört keiner in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft relevan-
ten Risikogruppe an, weshalb nicht davon auszugehen ist, ihm drohe im
Rahmen der routinemässigen Überprüfung bei der Rückkehr diesbezüg-
lich eine unmenschliche Behandlung. Die allgemeine Menschenrechtssi-
tuation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt ebenfalls nicht als unzulässig erscheinen (vgl. BVGE 2011/24 E.
10.4.2). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
6.3
6.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen
und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimatland aufgrund von
Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Aus-
länderinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818).
6.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in BVGE 2011/24 angesichts der
veränderten Lage nach dem Ende des srilankischen Bürgerkriegs im Mai
2009 und der militärisch vernichtenden Niederlage der LTTE eine aktuali-
sierte, auch heute noch zutreffende Neubeurteilung vorgenommen. Dem-
zufolge ist seit dem Ende des bewaffneten Konflikts von einer erheblich
verbesserten Menschenrechts- und Sicherheitslage auszugehen, wobei
sich die Situation nicht in allen Landesteilen gleich präsentiert. In das so-
http://links.weblaw.ch/BBl-2002-3818
D-5908/2011
Seite 9
genannte Vanni-Gebiet – die Distrikte von Kilinochchi und Mullaitivu und
die nördlichen Teile der Distrikte von Mannar und Vavuniya sowie einen
schmalen Landstreifen an der Ostküste des Jaffna-Distrikts südlich von
Nagarkovil umfassend – ist eine Rückkehr aufgrund der weitgehend zer-
störten Infrastruktur und der Verminung weiterhin unzumutbar. In das üb-
rige Staatsgebiet – insbesondere auch die Ostprovinz und die nicht zum
Vanni-Gebiet gehörenden Gebiete der Nordprovinz – ist der Wegwei-
sungsvollzug grundsätzlich zumutbar, zumal dort insbesondere keine Si-
tuation allgemeiner Gewalt festzustellen ist. Bei aus der Nordprovinz
stammenden Personen ist dabei zu differenzieren. Für Personen, die die-
ses Gebiet erst nach Beendigung des Bürgerkrieges im Mai 2009 verlas-
sen haben, ist die Rückkehr als grundsätzlich zumutbar zu bewerten,
wenn davon ausgegangen werden kann, dass diese Personen auf die
gleiche oder gleichwertige Lebens- und Wohnsituation zurückgreifen kön-
nen und dem Wegweisungsvollzug auch anderweitig nichts entgegen-
steht. Liegt der letzte Aufenthalt der betreffenden Person in der Nordpro-
vinz indessen längere Zeit zurück oder gehen konkrete Umstände aus
den Verfahrensakten hervor, dass sich die Lebensumstände seit der Aus-
reise massgeblich verändert haben könnten, sind die aktuell vorliegenden
Lebens- und Wohnverhältnisse sorgfältig abzuklären. Liegen keine be-
günstigenden Faktoren wie die Existenz eines tragfähigen Beziehungs-
netzes und die konkrete Möglichkeit der Sicherung des Existenzminiums
und der Wohnsituation in der Nordprovinz vor, ist die Zumutbarkeit einer
innerstaatlichen Aufenthaltsalternative im übrigen Staatsgebiet, nament-
lich im Grossraum Colombo, zu prüfen, wohin der Vollzug als grundsätz-
lich zumutbar erachtet wird (vgl. BVGE 2011/24 13.2.1.1 - 13.3).
6.3.3 Der relativ junge und gemäss Akten gesunde Beschwerdeführer
stammt aus dem Norden Sri Lankas, aus Jaffna Town und lebte seit 2002
bis zu seiner Ausreise im Oktober 2008 in Vavuniya, wo sich auch seine
Eltern, Geschwister und weitere Verwandte befanden. Zwar gibt der Be-
schwerdeführer an, er wisse nicht, wo sich diese im heutigen Zeitpunkt
befänden; indessen ist wenig glaubhaft, dass er keinerlei Kontakt mit sei-
nen engsten Verwandten haben soll. Jedenfalls ist es dem Beschwerde-
führer zuzumuten, sich um erneuten Kontakt zu bemühen, zumal es ihm
im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens mit Hilfe eines Kollegen ge-
lungen ist, seine Identitätskarte zu beschaffen. Im Weiteren verfügt der
Beschwerdeführer über eine gute Schulbildung und berufliche Erfahrung
im Informatikbereich (vgl. BFM-Protokoll A1 S. 1). Es ist somit davon aus-
zugehen, dass er die vom Bundesverwaltungsgericht in der Lagebeurtei-
lung gemäss BVGE 2011/24 bezüglich der Zumutbarkeit des Wegwei-
D-5908/2011
Seite 10
sungsvollzugs nach Sri Lanka formulierten Kriterien erfüllt. Er wird nach
der Rückkehr in sein Heimatland sowohl auf die Unterstützung seiner
Familie zählen können und bei seinen Angehörigen eine Unterkunftsmög-
lichkeit vorfinden, als auch in Zukunft in der Lage sein, sich dank seiner
Erfahrungen und beruflichen Kenntnisse wieder wirtschaftlich zu integrie-
ren. Insbesondere genügen blosse soziale und wirtschaftliche Schwierig-
keiten, von denen die ansässige Bevölkerung im Allgemeinen betroffen
ist, nicht, um eine konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG
darzustellen (vgl. BVGE 2011/24 E. 11.2.2). Es liegen daher keine An-
haltspunkte vor, die darauf schliessen liessen, der Beschwerdeführer sei
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einer konkreten Gefährdung im Sinne
von Art. 83 Abs. 4 AuG ausgesetzt, weshalb der Vollzug der Wegweisung
als zumutbar zu bezeichnen ist.
6.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG), weshalb der
Vollzug der Wegweisung nicht als unmöglich zu bezeichnen ist (Art. 83
Abs. 2 AuG).
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten
fällt eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83
Abs. 1 - 4 AuG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be-
schwerde ist demnach abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen
dem Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom 2. November 2011
die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ge-
währt wurde und weiterhin von der prozessualen Bedürftigkeit des Be-
schwerdeführers auszugehen ist, wird auf die Erhebung von Verfahrens-
kosten verzichtet.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5908/2011
Seite 11