Decision ID: 5fa53a43-0974-50f4-974b-c716c8a998d1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer) und B._ (nachfol-
gend: Beschwerdeführerin) – irakische Staatsangehörige arabischer Eth-
nie aus G._ (Provinz H._) – verliessen ihren Heimatstaat ei-
genen Angaben zufolge am (...) 2014 zusammen mit ihren drei älteren Kin-
dern. Nach einem längeren Aufenthalt in der Türkei gelangten sie über
mehrere europäische Staaten am 2. November 2015 in die Schweiz, wo
sie gleichentags um Asyl nachsuchten.
B.
Am 11. November 2015 fanden die Befragungen zur Person (BzP) statt.
C.
C.a Mit Verfügung vom 22. Dezember 2015 trat das SEM auf die Asylge-
suche der Beschwerdeführenden nicht ein und ordnete deren Wegweisung
in den für sie zuständigen Dublin-Mitgliedstaat Deutschland an. Diese Ver-
fügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.b Am 3. August 2016 ersuchten die Beschwerdeführenden durch ihre
vormalige Rechtsvertreterin sinngemäss um Wiedererwägung des Nicht-
eintretensentscheids respektive um Wiederaufnahme und Durchführung
des nationalen Asylverfahrens. Das SEM verlangte daraufhin mit Zwi-
schenverfügung vom 9. August 2016 – unter der Androhung des Nichtein-
tretens im Unterlassungsfall – einen Gebührenvorschuss. Diese Zwischen-
verfügung fochten die Beschwerdeführenden beim Bundesverwaltungsge-
richt an.
C.c Am 10. Oktober 2016 hob das SEM im Rahmen eines Schriftenwech-
sels die Verfügung vom 22. Dezember 2015 auf und hielt fest, dass das
Asylverfahren wiederaufgenommen werde und die Asylgesuche der Be-
schwerdeführenden in der Schweiz geprüft würden. Das Bundesverwal-
tungsgericht schrieb das Beschwerdeverfahren D-5164/2016 am 17. Okto-
ber 2016 als gegenstandlos geworden ab.
D.
Am 17. Februar 2017 fanden die Anhörungen zu den Asylgründen statt.
E.
E.a Die Beschwerdeführenden brachten zur Begründung ihrer Asylgesu-
che im Wesentlichen vor, der Beschwerdeführer habe von (...) bis (...) als
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Seite 3
Reinigungs- respektive Hilfskraft im Armee-Camp der Amerikaner gearbei-
tet. Im Jahr 2004 sei er bei einem Raketenangriff während seiner Arbeit
verletzt worden. Daraufhin sei er in seinem Quartier als Mitarbeiter der
Amerikaner bekannt gewesen. Im Jahr 2006 oder 2007 sei er wegen seiner
Tätigkeit für die Amerikaner bedroht worden; Terroristen hätten "Verräter"
an ihre Hausfassade geschrieben. Sie seien deshalb in das in einem an-
deren Quartier (I._) gelegene (...) umgezogen, wo er wegen der
Nähe zum amerikanischen Stützpunkt und einem Lager des irakischen Mi-
litärs sicher gewesen sei. Das Quartier habe er nicht verlassen, da er be-
fürchtet habe, von Terroristen erkannt zu werden. Als dann der Islamische
Staat (IS) im (...) 2014 G._ erobert habe, seien sie über Syrien in
die Türkei geflohen, weil sie befürchtet hätten, dass er wegen seiner Tätig-
keit für die Amerikaner vom IS sofort getötet würde.
Der Beschwerdeführer brachte zusätzlich vor, dass etwa anfangs Januar
2017 sein Cousin J._, der ebenfalls für die Amerikaner gearbeitet
habe, bei einem Checkpoint der al-Mahdi-Armee, einer Truppe der al-
Hashd ash-Sha'bi (Milizenbündnis aus mehrheitlich schiitischen Milizen,
auch bekannt als Volksmobilmachungskräfte; Anmerkung des Gerichts),
kontrolliert und wegen der durch einschlägige Dokumente auf dessen Mo-
biltelefon belegten Arbeitstätigkeit für die amerikanischen Truppen wäh-
rend sechs Tagen festgehalten worden sei. Sein Cousin sei gefoltert und
zur Preisgabe der Namen derer, die mit ihm bei den Amerikanern gearbei-
tet hätten – und somit seines Namens – gezwungen worden. Die Freilas-
sung seines Cousins sei unter der Bedingung erfolgt, dass er für die al-
Mahdi-Armee als Spion arbeite. Er (der Beschwerdeführer) befürchte nun,
bei einer Rückkehr in den Irak für die al-Hashd ash-Sha'bi arbeiten zu müs-
sen, ansonsten er ins Gefängnis gebracht oder getötet würde. Weiterge-
hend wird auf die Protokolle in den Akten verwiesen.
E.b Die Beschwerdeführenden reichten bis zur respektive anlässlich der
Anhörungen – neben Identitäts- und sonstigen Dokumenten – folgende Un-
terlagen zur Untermauerung ihrer Asylgründe zu den vorinstanzlichen Ak-
ten: eine Fotografie des Beschwerdeführers mit zwei Ärzten der U.S. Army
sowie mehrere Dokumente betreffend die Arbeit des genannten Cousins
für die amerikanischen Truppen (in Kopie bzw. als Fotografien).
F.
F.a Mit Schreiben vom 17. Februar 2017 forderte das SEM den Beschwer-
deführer auf, zum Beleg seiner Tätigkeit für die amerikanischen Behörden
im Irak und zu den vorgebrachten Asylgründen Beweismittel einzureichen.
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Seite 4
F.b Mit Eingaben vom 15. März und 19. April 2017 reichte der Beschwer-
deführer durch die vormalige Rechtsvertreterin Belege für seine Bemühun-
gen, entsprechende Beweismittel zu beschaffen, ein. Ausserdem reichte er
eine Fotografie eines fremdsprachigen Schreibens (inkl. deutschsprachi-
ger Übersetzung) zu den vorinstanzlichen Akten, welches er erhalten habe,
weil er im Jahr 2004 aufgrund seiner Verletzungen bei der U.S. Army Scha-
denersatz beantragt habe.
G.
Am (...) 2017 gebar die Beschwerdeführerin das Kind F._.
H.
Mit Verfügung vom 22. November 2017 – eröffnet am 28. November 2017
– verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden
und lehnte ihr Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung aus
der Schweiz an, schob deren Vollzug jedoch wegen Unzumutbarkeit zu-
gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
I.
I.a Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden mit Einga-
be vom 21. Dezember 2017 (Datum Poststempel) Beschwerde beim Bun-
desverwaltungsgericht. Sie beantragten dabei in materieller Hinsicht die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlings-
eigenschaft und die Gewährung von Asyl. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
ersuchten sie eventualiter um Wiederherstellung der aufschiebenden Wir-
kung sowie um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung, um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Einsetzung eines
amtlichen Rechtsbeistands.
I.b Der Beschwerdeschrift lag – neben Kopien von vorinstanzlichen Akten-
stücken und ärztlichen Dokumenten – ein Schreiben der Koordination Hilfs-
werksvertretung HEKS bei. Ausserdem reichten die Beschwerdeführenden
eine Bestätigung zu den Akten, gemäss welcher sie – entgegen ihren An-
gaben, wonach es sich dabei um eine Fürsorgebestätigung handle – bis
zum damaligen Zeitpunkt nicht durch die Sozialen Dienste der Stadt
K._ mit wirtschaftlicher Sozialhilfe unterstützt worden seien.
J.
Am 27. Dezember 2017 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
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Seite 5
K.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Januar 2018 trat die Instruktionsrichterin
auf den Eventualantrag, es sei die aufschiebende Wirkung der Beschwer-
de wiederherzustellen, nicht ein. Gleichzeitig wies sie die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines
amtlichen Rechtsbeistands wegen nicht ausgewiesener Bedürftigkeit ab
und forderte die Beschwerdeführenden – unter der Androhung des Nicht-
eintretens im Unterlassungsfall – auf, bis zum 29. Januar 2018 einen Kos-
tenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten.
L.
Mit Eingabe vom 19. Januar 2018 reichten die Beschwerdeführenden eine
am selben Tag von der zuständigen Fürsorgestelle ([...]) ausgestellte Be-
stätigung ihrer Fürsorgeabhängigkeit (in Kopie; Original am 23. Januar
2018 beim Gericht eingegangen) ein und baten das Gericht darum, den
Entscheid betreffend das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und
Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands zu überprüfen und auf einen
Kostenvorschuss zu verzichten.
M.
Mit Verfügung vom 23. Januar 2018 hiess die Instruktionsrichterin – unter
Aufhebung der entsprechenden Dispositivziffern der Zwischenverfügung
vom 12. Januar 2018 – das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege wiedererwägungsweise gut und verzichtete auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses. Sie forderte die Beschwerdeführenden auf, bis
zum 7. Februar 2018 bekanntzugeben, welcher Rechtsvertreter oder wel-
che Rechtsvertreterin ihnen amtlich beigeordnet werden soll. Ferner lud sie
das SEM zur Einreichung einer Vernehmlassung innert derselben Frist ein.
N.
Mit Eingabe vom 31. Januar 2018 ersuchte der rubrizierte Rechtsvertreter
das Gericht – unter Einreichung einer vom Beschwerdeführer unterzeich-
neten Vollmacht – um seine Beiordnung als amtlicher Rechtsvertreter.
O.
Mit Vernehmlassung vom 7. Februar 2018 nahm das SEM zu den Be-
schwerdevorbringen Stellung.
P.
Die Beschwerdeführenden machten mit Eingabe vom 23. Februar 2018 –
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Seite 6
handelnd durch ihren Rechtsvertreter – von dem ihnen mit Instruktionsver-
fügung vom 8. Februar 2018 gewährten Replikrecht Gebrauch.
Q.
Mit Instruktionsverfügung vom 5. Juli 2019 wurde der bis anhin ausgeblie-
bene Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung gemäss aArt. 110a AsylG (SR 142.31) nachgeholt.
Das Gesuch wurde gutgeheissen und der rubrizierte Rechtsvertreter zum
amtlichen Rechtsbeistand bestellt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden, wobei
zu berücksichtigen ist, dass an eine Laienbeschwerde keine hohen formel-
len Anforderungen zu stellen sind. Die Beschwerdeführenden haben am
Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene
Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einrei-
chung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
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Seite 7
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Vorab ist auf die formellen Rügen der Beschwerdeführenden einzuge-
hen, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der angefochtenen
Verfügung zu bewirken.
3.2
3.2.1 Konkret bemängeln die Beschwerdeführenden die Abwesenheit der
Hilfswerkvertretung bei ihren Anhörungen. Sie vertreten die Ansicht, dass
das SEM die Anhörungen wegen deren Nichterscheinens hätte verschie-
ben müssen, da ohne deren Anwesenheit ein fairer Ablauf der Anhörungen
nicht gewährleistet werden könne. Es liege eine schwerwiegende Rechts-
verletzung vor, welche – zusammen mit den weiteren Rechtsverletzungen
(vgl. E. 3.3 nachstehend) – zwingend zur Aufhebung der angefochtenen
Verfügung führen müsse.
3.2.2 Vorliegend wurden die Anhörungstermine der zuständigen Koordina-
tionsstelle (Schweizerische Flüchtlingshilfe resp. Koordination Hilfswerks-
vertretung HEKS) rechtzeitig mitgeteilt (vgl. Akten SEM B17/2 S. 2), indes
nahm die Hilfswerkvertretung aus persönlichen Gründen an den Anhörun-
gen nicht teil (vgl. das mit der Beschwerdeschrift eingereichte Schreiben
der Koordination Hilfswerkvertretung HEKS). Die Anhörungen entfalten da-
her gleichwohl volle Rechtswirkung (vgl. aArt. 30 Abs. 3 AsylG, aArt. 25 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]). In diesem
Sinne hat auch die vormalige Schweizerische Asylrekurskommission
(ARK) entschieden, dass die Anwesenheit einer Hilfswerkvertretung bei
der Anhörung keine aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör fliessende
Regel darstelle, deren Verletzung zwingend die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung zur Folge habe. Es müsse aufgrund der gesamten Um-
stände des konkreten Falls beurteilt werden, ob der Verfahrensmangel von
wesentlicher Bedeutung gewesen sei (vgl. Entscheidungen und Mitteilun-
gen der [vormaligen] Asylrekurskommission [EMARK] 1996 Nr. 13 E. 4c
und d). Vorliegen kann ein konkreter mit der Abwesenheit der Hilfswerkver-
tretung verbundener Nachteil für die Beschwerdeführenden nicht festge-
stellt werden. Insbesondere ist nicht ersichtlich und wird seitens der Be-
schwerdeführenden auch nicht konkretisiert, inwiefern die Anhörungen
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Seite 8
nicht fair abgelaufen wären. Nach dem Gesagten liegt diesbezüglich – ent-
gegen der Ansicht der Beschwerdeführenden – keine (schwerwiegende)
Rechtsverletzung vor.
3.3
3.3.1 Die Beschwerdeführenden rügen des Weiteren sowohl in der Be-
schwerdeschrift als auch in der Replik, dass in der angefochtenen Verfü-
gung das Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend Festnahme sei-
nes Cousins durch die al-Mahdi-Armee und seine Aussagen zur daraus
resultierende Gefährdung für ihn selbst nicht gewürdigt worden seien. Ge-
mäss Ausführungen in der Replik liege eine schwerwiegende Verletzung
seines Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie der Pflicht zur vollständigen
und richtigen Abklärungen des rechtserheblichen Sachverhalts vor, welche
– auch aufgrund der geltenden kognitionsrechtlichen Grundsätze in asyl-
rechtlichen Beschwerdeverfahren – nicht geheilt werden könne. Weiter ha-
be die Vorinstanz offensichtlich keine rechtsgenüglichen Abklärungen be-
treffend die schiitischen Milizen, deren Machtposition sie verkenne, und die
Verfolgung des Beschwerdeführers durch diese getätigt.
3.3.2
3.3.2.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör (vgl. auch Art. 29 Abs. 2 BV). Das rechtliche Gehör dient einerseits
der Sachaufklärung, anderseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mit-
wirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechts-
stellung des Einzelnen eingreift. Dazu gehört insbesondere das Recht des
Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äus-
sern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen,
mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Be-
weisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu be-
einflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungs-
recht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in
einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl.
BGE 135 II 286 E. 5.1 m.w.H.).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung an-
gemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein,
dass die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht an-
fechten kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überlegungen nennen,
von denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt.
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Seite 9
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1 m.w.H.).
3.3.2.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grund-
sätzen des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Dem-
nach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grund-
satz gilt indes nicht uneingeschränkt; er findet seine Grenzen an der Mit-
wirkungspflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG).
3.3.3 In der angefochtenen Verfügung findet sich in der Tat kein Hinweis
auf die in der Anhörung gemachten Aussagen des Beschwerdeführers zur
Festnahme seines Cousins durch die al-Mahdi-Armee, die Preisgabe sei-
nes Namens durch diesen und die angeblich daraus resultierende Gefähr-
dung für ihn selbst (vgl. B18/22 F141 ff., 159 ff.). Dies stellt eine Verletzung
seines Anspruchs auf rechtliches Gehör dar.
Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör führt grundsätzlich
zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz. Eine Heilung aus prozessökonomischen Gründen ist auf
Beschwerdeebene nur möglich, sofern das Versäumte nachgeholt wird, die
beschwerdeführende Person dazu Stellung nehmen kann, die festgestellte
Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist, die fehlende Entscheidreife
durch die Beschwerdeinstanz mit vertretbarem Aufwand hergestellt werden
kann und der Beschwerdeinstanz im streitigen Fall die freie Überprüfungs-
befugnis zukommt (vgl. BVGE 2014/22 E. 5.3 m.w.H.). Darüber hinaus ist
– im Sinne einer Heilung des Mangels – selbst bei einer schwerwiegenden
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör von einer Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz abzusehen, wenn und soweit die Rückwei-
sung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzöge-
rungen führen würde, die mit dem Interesse der betroffenen Partei an einer
beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären (vgl.
BGE 142 II 218 E. 2.8.1 und 137 I 195 E. 2.3.2, je m.w.H.).
Dem Bundesverwaltungsgericht kommt bezüglich der Frage der Asylrele-
vanz der vom SEM nicht berücksichtigten Vorbringen volle Kognition zu.
Diese Voraussetzung zur (ausnahmsweisen) Heilung der Verletzung des
Anspruchs auf rechtliches Gehör ist mithin gegeben (vgl. Urteil des BVGer
D-87/2018 vom 30. Oktober 2018 E. 2.4.4 m.w.H.). Das SEM zeigte in der
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Seite 10
Vernehmlassung sodann ausführlich auf, weshalb es das zuvor nicht beur-
teilte Vorbringen des Beschwerdeführers als nicht asylbeachtlich erachte.
Alleine der Umstand, dass es dabei einer anderen Linie folgte, als von den
Beschwerdeführern vertreten, und es mithin aus sachlichen Gründen zu
einer anderen Würdigung des entsprechenden Vorbringens gelangte, als
von ihnen verlangt, spricht nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfest-
stellung. Den Beschwerdeführenden wurde vom Bundesverwaltungsge-
richt ferner die Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt, welche sie mit
ihrer Replik nutzten. Eine Rückweisung der Sache an das SEM würde folg-
lich – sofern die Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör als
schwerwiegend zu bezeichnen ist – zu einem formalistischen Leerlauf füh-
ren. Damit sind die Voraussetzungen für eine Heilung als erfüllt zu erach-
ten, weshalb die vormals bestandene Gehörsrechtsverletzung als geheilt
erkannt werden kann.
3.4 Nach dem Gesagten fällt eine Rückweisung der Sache an die Vorin-
stanz ausser Betracht.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht, vielmehr müssen
konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Mass-
geblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im
Zeitpunkt des Asylentscheids.
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Seite 11
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM führte in seiner Verfügung zur Begründung der Verneinung
der Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden im Wesentlichen
aus, dass ein Zusammenhang zwischen der angeblichen Bedrohung im
Jahr 2006/2007 durch Terroristen und der Ausreise der Beschwerdeführen-
den konstruiert erscheine. Der Umstand, dass die Beschwerdeführenden
nach dieser Bedrohung unbehelligt am neuen Wohnort hätten leben kön-
nen, lasse eine geltend gemachte gezielte Verfolgung unwahrscheinlich er-
scheinen. Vielmehr würden die ausbleibenden weiteren Massnahmen
nach ihrem Wegzug darauf hinweisen, dass sie sich dem Zugriff ihrer mög-
lichen Verfolger erfolgreich entzogen hätten und die Verfolgung somit als
abgeschlossen betrachtet werden könne. In diesem Sinne sei die geltend
gemachte Bedrohung nicht in kausalem Zusammenhang mit ihrer Ausreise
zu sehen und daher gemäss Art. 3 AsylG nicht asylbeachtlich. Im Übrigen
würden Zweifel an der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens angezeigt er-
scheinen, zumal die Beschwerdeführerin diese Episode in der BzP nicht
erwähnt habe und auch die Aussagen des Beschwerdeführers dazu in der
Anhörung äusserst knapp ausgefallen seien. Was die befürchtete Verfol-
gung durch den IS betreffe, so hätten die Beschwerdeführenden
G._ verlassen, ehe sie in Kontakt mit den neuen Besatzern geraten
seien. Eine konkrete Verfolgung hätten sie an keiner Stelle geltend ge-
macht. Zwar sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer als ehe-
maliger Angestellter der amerikanischen Armee einem gewissen Risiko
ausgesetzt gewesen sei, in das Visier des IS zu geraten. Allerdings er-
scheine eine Verfolgung durch den IS aufgrund seiner ehemaligen Tätig-
keiten für die amerikanische Armee alleine als zu wenig begründet. Hinzu
komme, dass G._ inzwischen vom IS befreit worden sei und dem-
nach seiner Furcht vor einer Verfolgung durch den IS die Grundlage entzo-
gen worden sei. Aus diesem Grund erscheine eine Verfolgung in seiner
Heimat zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder absehbar noch wahrschein-
lich.
D-7219/2017
Seite 12
5.2 Die Beschwerdeführenden brachten in der Beschwerde im Wesentli-
chen vor, dass seit dem Sturz des "Saddam-Regimes" im Irak heftige reli-
giöse und ethnische Konflikte herrschen würden. Sie hätten durch ihre vom
SEM nicht berücksichtigten Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend
Festnahme seines Cousins durch die al-Hashd ash-Sha'bi und Preisgabe
seines Namens diesen gegenüber eine persönliche Verfolgung bewiesen.
Die schiitischen Milizen seien dem iranischen Regime gegenüber sehr lo-
yal, würden Amerikaner hassen und besonders die Sunniten verfolgen,
welche mit den Amerikanern zusammengearbeitet hätten. Auch die Gefahr,
vom IS oder Terroristen überall verfolgt und bedroht zu werden, sei für Per-
sonen, welche mit der US-Armee zusammengearbeitet hätten, besonders
gross. Ihr Verbleib im (...) sei sodann quasi "wie ein Gefängnis" für sie ge-
wesen.
5.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, die Befürchtung des
Beschwerdeführers, bei einer Rückkehr in den Irak als ehemaliger Mitar-
beiter der Amerikaner ebenfalls ins Visier der schiitischen Milizen zu gera-
ten, beruhe allein auf den Aussagen seines Cousins. Es würden weder in
den Anhörungen noch in der Beschwerdeschrift Hinweise aufgezeigt, die
auf eine tatsächliche oder mit überwiegender Wahrscheinlichkeit drohende
Verfolgung in absehbarer Zeit schliessen lassen würden. Die erwähnten
Ereignisse seien ausserdem erfolgt, nachdem die Beschwerdeführenden
den Irak bereits verlassen hätten. Aus dieser Sicht erscheine das Vorbrin-
gen nicht ausreichend begründet, um als asylbeachtlich erachtet werden
zu können. Hinzu komme, dass die schiitischen Milizen der al-Hashd ash-
Sha'bi in der Region G._ nur einen Machtfaktor unter vielen darstel-
len würden. Die wichtigsten Einflussgrössen seien derzeit die kurdischen
Peshmerga- und Zerevanikräfte, die irakischen Armee- und Polizeikräfte
sowie verschiedene andere Untergruppierungen, die alle um Einfluss in der
Region konkurrieren würden. Die al-Mahdi-Truppen (besser bekannt als
Sadristen oder Friedensgruppen [Saraya al-Salam]) würden eine Unter-
gruppierung der al-Hashd ash-Sha'bi darstellen und sich wiederum in zahl-
reiche Untergruppierungen aufgliedern, von denen einzelne in der Region
um G._ aktiv zu sein scheinen. In Anbetracht ihrer insgesamt gerin-
gen Zahl und Zersplitterung könne davon ausgegangen werden, dass sie
keine bedeutende Einflussgrösse in der Herkunftsregion der Beschwerde-
führenden darstellen würden, zumal sie auch in Konflikt mit den grösseren
Milizen stehen würden, von denen sie als unliebsame Konkurrenz wahrge-
nommen würden. Folglich sei nicht anzunehmen, dass diese Gruppierung
in der Lage oder gewillt wäre, ihre beschränkten Ressourcen in die Verfol-
gung von Einzelpersonen zu investieren, die angeblich und vor einiger Zeit
D-7219/2017
Seite 13
für die amerikanischen Truppen gearbeitet haben sollen. In diese Richtung
weise auch der Umstand, dass der Cousin des Beschwerdeführers sich
dem Zugriff dieser Gruppierung ohne Weiteres durch eine Rückkehr in das
Flüchtlingscamp habe entziehen können. Insgesamt erscheine somit auch
dieses Vorbringen als zu wenig begründet, als dass daraus ein Anspruch
auf Asyl abgeleitet werden könne.
5.4 In der Replik machten die Beschwerdeführenden im Wesentlichen gel-
tend, aufgrund der Informationen in zahlreichen Berichten und Zeitungsar-
tikeln könne festgehalten werden, dass die schiitischen Milizen durch den
Rückzug der irakischen Armee aus dem Kampf gegen den IS mehr und
mehr an Macht hinzugewonnen hätten. Sie hätten zahlreiche Kriegsverbre-
chen gegen die sunnitische Zivilbevölkerung begangen und willkürliche In-
haftierungen, Folter sowie Hinrichtungen zu verantworten, welche von der
irakischen Regierung, unter deren Leitung sie mittlerweile stehen würden,
nicht geahndet worden seien. Es sei offensichtlich, dass der Beschwerde-
führer bei einer Rückkehr in den Irak seitens der schiitischen Milizen mit
hoher Wahrscheinlichkeit ein unfaires Gerichtsverfahren, eine mehrjährige
Gefängnisstrafe oder den Tod zu erwarten habe, zumal aus seinen Aussa-
gen hervorgehe, dass sie es auf Personen abgesehen hätten, welche für
die amerikanische Regierung gearbeitet hätten. Vor allem als Sunnite wür-
de er noch härter bestraft werden und die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht
mehr aus dem Gefängnis entlassen werden würde, sei sehr hoch. Weiter-
gehend wird auf die Replik verwiesen.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten durch das Gericht ist zunächst festzuhalten,
dass – auch unter Berücksichtigung seiner Bemühungen, Beweismittel
hierfür zu beschaffen – gewisse Zweifel am Wahrheitsgehalt der behaup-
teten Tätigkeit des Beschwerdeführers für die amerikanischen Truppen,
aus welcher er seine Gefährdung ableitet, bestehen. So erstaunt es etwa,
dass er eben gerade nur Beweismittel zur Arbeit seines Cousins für die
Amerikaner, nicht jedoch solche für seine eigene entsprechende Tätigkeit
einreichen konnte (vgl. B18/22 F104). Seine unsubstanziierte Erklärung,
wonach er alle seine Papiere vernichtet habe, als er bedroht worden sei
(vgl. B18/22 F105), vermag angesichts dessen, dass er gemäss seinen
Aussagen nach der im Jahr 2006 oder 2007 angeblich erfolgten Drohung
noch bis (...) weiter für die Amerikaner gearbeitet haben und im (...) in Si-
cherheit gewesen sein soll (vgl. A6/14 Ziff. 1.17.05; B18/22 F83 und 92),
nicht vollständig zu überzeugen. Eine einlässliche Glaubhaftigkeitsprüfung
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erübrigt sich indes, da auch bei Wahrunterstellung seiner behaupteten Tä-
tigkeit für die Amerikaner die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllt sind.
6.2 Betreffend die geltend gemachte Verfolgung durch Terroristen, die im
Jahr 2006 oder 2007 "Verräter" an die Hausfassade der Beschwerdefüh-
renden geschrieben haben sollen, ist Folgendes festzuhalten: Abgesehen
davon, dass am Wahrheitsgehalt dieses Vorbringens auch für das Bundes-
verwaltungsgericht Zweifel bestehen, ist das SEM zurecht und mit zutref-
fender Begründung zum Schluss gekommen, dass diese Bedrohung nicht
in kausalem Zusammenhang mit der Ausreise der Beschwerdeführenden
aus dem Irak zu sehen und daher nicht asylbeachtlich ist. Dass der Be-
schwerdeführer bis zum Zeitpunkt der Ausreise weitere Verfolgungsmass-
nahmen befürchtet und deshalb gemäss seinen Ausführungen in der BzP
das Quartier I._ – und nicht, wie sinngemäss in der Beschwerde
vorgebracht, das angeblich durch einen Checkpoint gesicherte (...) (vgl.
B18/22 F83) – kaum verlassen haben soll (vgl. A6/14 1.17.05 [S. 5] und
7.02), ändert nichts an der vorinstanzlichen Einschätzung. In Bezug auf die
im Zeitpunkt der Ausreise befürchtete Verfolgung durch den IS hat das
SEM in der angefochtenen Verfügung sodann insbesondere zu Recht an-
geführt, dass die Beschwerdeführenden keine konkrete Verfolgung geltend
gemacht hätten und dass der entsprechenden Furcht des Beschwerdefüh-
rers angesichts dessen, dass G._ inzwischen vom IS befreit wor-
den sei, die Grundlage entzogen worden sei. In Übereinstimmung mit dem
SEM erscheint eine (gezielte) Verfolgung des Beschwerdeführers in seiner
Heimat durch seine angeblichen vormaligen Verfolger oder den IS auch
zum heutigen Zeitpunkt weder absehbar noch wahrscheinlich. Die pau-
schale Behauptung in der Beschwerde, wonach die Gefahr besonders
gross sei, vom IS oder Terroristen wegen vormaliger Zusammenarbeit mit
der US-Armee "überall" verfolgt zu werden, ist nicht geeignet, zu einer vom
SEM abweichenden Einschätzung zu gelangen.
6.3
6.3.1 Der Beschwerdeführer leitet schliesslich seine angebliche Gefähr-
dung durch die schiitischen Milizen der al-Hashd ash-Sha'bi respektive die
al-Mahdi-Truppen einzig aus der Behauptung ab, dass letztere ihn als ehe-
maligen Arbeiter für die Amerikaner registriert hätten und sein Name sich
nun bei den Checkpoints befinde (vgl. B18/22 F141 und 175). Es bestehen
indes keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass er tatsächlich asylrele-
vante Verfolgungsmassnahmen durch die al-Mahdi-Truppen zu befürchten
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hätte. Sein Cousin, der seinen Namen den al-Mahdi-Truppen verraten ha-
ben soll, soll seinen Aussagen zufolge zwar wegen eigener ehemaliger Tä-
tigkeit für die Amerikaner im Rahmen einer Kontrolle an einem Checkpoint
festgenommen und während der Festnahme geschlagen worden sein. Je-
doch wurde er nach sechs Tagen freigelassen und konnte sich in der Folge
ohne Weiteres dem Zugriff dieser Gruppierung durch eine Rückkehr ins
Flüchtlingslager entziehen (vgl. B18/22 F167 f.). Dieses Vorgehen der al-
Mahdi-Truppen spricht gegen ein ernsthaftes Verfolgungsinteresse gegen-
über Personen, die vor Jahren als Hilfskraft für die amerikanischen Trup-
pen arbeiteten. Daran ändert der Umstand, dass sich sein Cousin angeb-
lich verpflichten musste, als Spion für die al-Mahdi-Truppen tätig zu sein,
nichts. Der Beschwerdeführer brachte denn auch an keiner Stelle konkret
respektive in substanziierter Weise vor, dass sein Cousin später tatsächlich
von den al-Mahdi-Truppen im Hinblick auf allfällige Spitzeltätigkeiten kon-
taktiert oder in diesem Zusammenhang gesucht worden wäre (vgl. B18/22
F141, 162 f., 169).
6.3.2 Ein entsprechendes Verfolgungsinteresse schiitischer Milizen lässt
sich auch nicht den generellen Ausführungen in der Replik entnehmen, die
sich im Wesentlichen auf Erklärungen zur Beteiligung solcher Milizen an
der Offensive gegen den IS und in diesem Rahmen begangene Übergriffe
beschränken. Gemäss Ausführungen in der Replik habe es sich bei diesen
Übergriffen häufig um Racheakte unmittelbar nach Kämpfen gegen den IS
gehandelt, wobei aber meistens als Motiv für schwere Verbrechen schon
der Verdacht genügt habe, dass die lokale sunnitische Bevölkerung die
Jihadisten unterstützt hätten. Es ist mithin nicht ersichtlich, gestützt auf wel-
che Quellen in der Replik davon ausgegangen wird, dass eine (ehemalige)
Tätigkeit für die Amerikaner (aktuell) zu einem unfairen Gerichtsverfahren
sowie einer mehrjährigen beziehungsweise lebenslänglichen Gefängnis-
strafe oder gar zum Tod durch die schiitischen Milizen führen soll.
6.3.3 Nach dem Gesagten bestehen keine hinreichenden Anhaltspunkte
für die Annahme, dass der Beschwerdeführer bei einer – rein hypotheti-
schen – Rückkehr in den Irak aufgrund seiner behaupteten vormaligen Tä-
tigkeiten für die amerikanischen Truppen asylrelevanten Verfolgungsmass-
nahmen seitens der al-Mahdi-Truppen ausgesetzt wäre. Diese Einschät-
zung steht im Einklang mit der (neusten) Analyse der European Asylum
Support Office (EASO), gemäss welcher es in jüngster Zeit keine Berichte
über die gezielte Verfolgung von Personen aufgrund ihrer Verbindungen
zu westlichen Streitkräften, Organisationen oder Unternehmen gegeben
habe, weshalb im Allgemeinen davon ausgegangen werde, dass Personen
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mit einem solchen Profil derzeit keine begründete Furcht vor Verfolgung
hätten (EASO, Country Guidance: Iraq, Common analysis and guidance
note, Januar 2021, S. 78 f.). Vor diesem Hintergrund erübrigt es sich, auf
den aktuellen Einfluss der al-Mahdi-Truppen respektive der Saraya al-Sa-
lam in der Region G._ einzugehen.
6.4 Zusammenfassend vermögen die Asylvorbringen der Beschwerdefüh-
renden – sofern überhaupt glaubhaft – den Anforderungen an die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standzuhalten. Das SEM hat
somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden ver-
neint und deren Asylgesuche abgelehnt. Die übrigen Beschwerdevorbrin-
gen sind nicht geeignet, eine Änderung dieser Einschätzung zu bewirken,
weshalb nicht weiter darauf einzugehen ist.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder
über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen An-
spruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach
ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9,
je m.w.H.).
7.2 Mit der angefochtenen Verfügung wurden die Beschwerdeführenden
wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz
aufgenommen. Damit hat das SEM der generellen Gefährdung aufgrund
der aktuellen Situation in ihrer Herkunftsregion Rechnung getragen. Es ist
vor diesem Hintergrund auch nicht weiter auf die in den vorinstanzlichen
Akten liegenden respektive mit der Beschwerdeschrift eingereichten ärztli-
chen Unterlagen einzugehen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
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9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten an sich den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen je-
doch mit Verfügung vom 23. Januar 2018 die unentgeltliche Rechtspflege
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und aufgrund der Akten-
lage weiterhin von der prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist, ist von
der Kostenerhebung abzusehen.
9.2 Soweit Beschwerdeführende – wie vorliegend – zu Recht einen Verfah-
rensmangel gerügt haben, ist ihnen grundsätzlich eine angemessene (re-
duzierte) Parteientschädigung für die ihnen aus der Beschwerdeführung
erwachsenen notwendigen Kosten zuzusprechen, auch wenn sie mit ihren
Rechtsbegehren letztlich nicht durchgedrungen sind (vgl. BVGE 2008/47
E. 5.1 f.). Vorliegend brachten die Beschwerdeführenden die Rüge der Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs bereits in ihrer Laienbeschwerde vor, wes-
halb ihnen diesbezüglich keine verhältnismässig hohen Kosten im Sinne
von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 4 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) entstanden sind. Eine Parteientschä-
digung ist daher nicht auszurichten.
9.3 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter mit Verfügung vom 5. Juli
2019 als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet wurde (vgl. aArt. 110a
Abs. 1 AsylG), ist er für seinen Aufwand unbesehen des Ausgangs des Ver-
fahrens zu entschädigen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Par-
teientschädigung Art. 7 ff. VGKE). Bei amtlicher Vertretung geht das Ge-
richt in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für
Anwältinnen und Anwälte aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE), wo-
bei nur der notwendige Aufwand zu entschädigen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2
VGKE). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennoten zu den Akten gereicht,
weshalb das Gericht die auszurichtende Entschädigung von Amtes wegen
festsetzt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren,
die erst nach Einreichung der Beschwerdeschrift erfolgte Mandatierung
und die teilweise unnötigen Wiederholungen in der Replik ist das amtliche
Honorar auf Fr. 500.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzuset-
zen.
(Dispositiv nächste Seite)
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