Decision ID: 5e405c52-1bbd-4bf0-ab73-d4b7e2ae886f
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ war als Zimmermann bei der von ihm geführten B._ AG tätig, als er am 20.
Januar 2012 einen Verkehrsunfall mit Frontalkollision erlitt. Die IV-Stelle des Kantons
St. Gallen, bei welcher sich der Versicherte im August 2012 zum Leistungsbezug
anmeldete, wies das Rentenbegehren mit Verfügung vom 2. November 2016 ab. Die
gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde hiess das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 11. September 2018 teilweise gut, hob die
Verfügung vom 2. November 2016 auf und sprach dem Versicherten vom 1. Februar
2013 bis 31. Januar 2016 eine ganze Invalidenrente zu. Zur Festsetzung der
Rentenhöhe wies das Gericht die Sache an die IV-Stelle zurück. Im Übrigen wurde die
Beschwerde abgewiesen (vgl. zum Ganzen den Entscheid des Versicherungsgerichtes
des Kantons St. Gallen vom 11. September 2018, IV 2016/405).
A.a.
Die dagegen vom Versicherten erhobene Beschwerde hiess das Bundesgericht
mit Urteil 8C_759/2018 vom 13. Juni 2019 teilweise gut. Es hob den Entscheid vom 11.
September 2018 auf und wies die Sache zu neuer Entscheidung an das
Versicherungsgericht zurück. Im Übrigen wies es die Beschwerde ab. Das
Bundesgericht führte im Wesentlichen an, die vorinstanzliche Schlussfolgerung einer
zumutbaren Selbsteingliederung des Beschwerdeführers rechtfertige sich nur bei
Vorliegen hinreichender konkreter Anhaltspunkte dafür, dass er sich ohne Hilfestellung
wieder in das Erwerbsleben integrieren könne. Gegen eine Unzumutbarkeit sprächen
insbesondere eine Absenz vom Arbeitsmarkt aus invaliditätsfremden Gründen, eine
besondere Agilität, Gewandtheit und Integration im gesellschaftlichen Leben sowie eine
breite Ausbildung und Berufserfahrung. Hierzu enthalte der angefochtene Entscheid
A.b.
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Erwägungen
1.
weder tatsächliche Feststellungen noch eine rechtliche Beurteilung. Die Sache sei
deshalb zur Klärung dieser Frage an das kantonale Gericht zurückzuweisen (E. 9.3 des
Entscheides; act. G 1).
Im Nachgang an das Bundesgerichtsurteil forderte das Versicherungsgericht die
Beschwerdegegnerin am 2. Juli 2019 auf, sich zur Frage der
Selbsteingliederungspflicht des Beschwerdeführers zu äussern (act. G 2). Am 12.
August 2019 nahm die Beschwerdegegnerin im Wesentlichen dahingehend Stellung,
dass sich der Beschwerdeführer auch ohne Hilfestellungen wieder ins Erwerbsleben
hätte integrieren können, da er als langjähriger und erfolgreicher Inhaber eines
Holzbaufachgeschäftes nicht nur über berufliche Erfahrungen im Bereich der erlernten
handwerklichen Tätigkeit als Zimmermann verfüge, sondern auch auf
unternehmerische Fähigkeiten zurückgreifen könne (act. G 5).
A.c.
Der Beschwerdeführer hielt seinerseits am 26. August 2019 im Wesentlichen fest,
es treffe nicht zu, dass er besonders agil, gewandt und im gesellschaftlichen Leben
integriert sei. Auch verfüge er nicht über besonders breite Ausbildungen und
Berufserfahrungen. Eine Ausnahme von der grundsätzlich anzunehmenden
Unzumutbarkeit der Selbsteingliederung sei nicht belegt (act. G 7).
A.d.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der
Rentenanspruch des Beschwerdeführers gegenüber der Invalidenversicherung. Die
rechtlichen Anspruchsvoraussetzungen wurden im Vorverfahren IV 2016/405
ausführlich dargelegt (Entscheid des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen, IV
2016/405, E. 1). Darauf wird verwiesen.
1.1.
In medizinischer Hinsicht ist aufgrund der Akten des Vorverfahrens erstellt, dass
der Beschwerdeführer in seiner angestammten Tätigkeit als Zimmermann nicht mehr
arbeitsfähig ist und in adaptierten Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit besteht (IV
2016/405, E. 2).
1.2.
Wie im Entscheid IV 2016/405 festgestellt, war aus medizinischer Sicht die
Zumutbarkeit einer adaptierten Tätigkeit erst ab dem Zeitpunkt der kreisärztlichen
1.3.
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2.
Beurteilung vom 31. August 2015 ausgewiesen (siehe IV 2016/405 E. 2). Der
Beschwerdeführer konnte und musste indes aufgrund seiner jahrzehntelangen
Selbständigkeit von sich aus nicht wissen, dass es ihm zugemutet wird, eine solche
adaptierte Tätigkeit aufzunehmen. Mit anderen Worten konnte von ihm nicht verlangt
werden, dass er sich ohne explizite Aufforderung der Beschwerdegegnerin um eine
seiner Gesundheitsbeeinträchtigung angepasste Tätigkeit bemüht. Vielmehr hätte es
sich aufgedrängt, dass die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer unter Hinweis
auf seine Schadenminderungspflicht dazu auffordert, seine selbständige
Erwerbstätigkeit aufzugeben und eine leidensadaptierte Tätigkeit zu suchen. Dies ist
allerdings nicht geschehen; nach Lage der Akten erlangte der Beschwerdeführer erst
mit Erhalt des Vorbescheids zur Verfügung vom 2. November 2016, d.h. am 29.
Oktober 2015, Kenntnis davon, dass ihm die Aufnahme einer adaptierten Tätigkeit
zugemutet wird. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte es dem Beschwerdeführer
grundsätzlich zugemutet werden, sich selbständig um eine angepasste Tätigkeit zu
bemühen (vgl. auch IV 2016/405, E.3.6).
In Umsetzung des Bundesgerichtsurteils 8C_759/2018 vom 13. Juni 2019 ist nun
zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer diese Selbsteingliederung Ende 2015 zumutbar
war.
2.1.
Das Bundesgericht hielt in seinem Urteil vom 13. Juni 2019 fest, dass bei
Personen, deren Rente revisionsweise herabgesetzt oder aufgehoben werden soll,
nach mindestens 15 Jahren Bezugsdauer oder wenn sie das 55. Altersjahr
zurückgelegt haben, i.d.R. vorgängig Massnahmen zur Eingliederung durchzuführen
seien. Dabei wies es darauf hin, dass von dieser praxisgemäss vermuteten
Unzumutbarkeit einer Selbsteingliederung ausnahmsweise abgewichen werden könne,
wenn namentlich die langjährige Absenz der versicherten Person vom Arbeitsmarkt auf
invaliditätsfremde Gründe zurückzuführen sei, wenn die versicherte Person besonders
agil, gewandt und im gesellschaftlichen Leben integriert sei oder wenn sie über eine
besonders breite Ausbildung und Berufserfahrung verfüge. Dabei müssten konkrete
Anhaltspunkte den Schluss zulassen, dass sich die versicherte Person trotz ihres
fortgeschrittenen Alters und/oder der langen Rentenbezugsdauer mit entsprechender
Absenz vom Arbeitsmarkt ohne Hilfestellungen wieder in das Erwerbsleben integrieren
könne. Die IV-Stelle trage hierfür die Beweislast. Das Bundesgericht hielt fest, dass
diese Praxis auch dann Anwendung finde, wenn – wie vorliegend der Fall – zeitlich mit
der Rentenzusprache über deren Befristung und/oder Abstufung befunden werde (E.
9.2 des Urteils mit Verweis auf Urteil 8C_494/2018 vom 6. Juni 2019, E. 5.1 ff.).
2.2.
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3.
Das Bundesgericht hielt im Urteil 8C_494/2018 vom 6. Juni 2019 fest, dass sich
die rückwirkende Zusprache einer in der Höhe abgestuften und/oder zeitlich befristeten
Invalidenrente grundsätzlich nach denselben Regeln wie die Revision eines
bestehenden Rentenanspruchs nach Art. 17 Abs. 1 ATSG richte und sich eine
unterschiedliche Behandlung der Selbsteingliederungsfrage, je nachdem, ob mit der
Zusprache einer Invalidenrente zugleich deren Revision erfolgt oder ob sich diese auf
einen bereits bestehenden Rentenanspruch bezieht, schon aus diesem Grund kaum
rechtfertigen lasse (E. 5.3). Diesbezüglich ist anzumerken, dass die Grenzwerte Alter 55
und 15 Jahre Rentenbezug ursprünglich im Rahmen der IV-Revision 6a eingeführt
wurden. Diese zielte darauf ab, bei der eingliederungsorientierten Rentenrevision eine
bestimmte Personengruppe (eben Personen ab 55 Jahren sowie Personen, die seit
mehr als 15 Jahren eine Rente beziehen) durch den Besitzstand der Rente während der
Durchführung der Eingliederungsmassnahmen zu schützen (vgl. BBl 2010 1817, S.
1818). Vor dem Hintergrund dieser Besitzstandsgarantie bestimmter Personen bei
Rentenrevisionen leuchtet die zitierte bundesgerichtliche Argumentation einer allfälligen
Ungleichbehandlung in Bezug auf Personen, die noch gar keine Rente beziehen, nicht
ohne Weiteres ein. Da die diesbezüglichen Vorgaben des Bundesgerichtes gemäss
Urteil vom 13. Juni 2019 jedoch eindeutig sind, ist nichtsdestotrotz nachfolgend die
Zumutbarkeit der Selbsteingliederung des Beschwerdeführers zu überprüfen.
2.3.
Eine Selbsteingliederung konnte dem Beschwerdeführer gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung wie erwähnt dann zugemutet werden, wenn er
besonders agil, gewandt und im gesellschaftlichen Leben integriert war, wenn er über
eine besonders breite Ausbildung und Berufserfahrung verfügte oder wenn die
langjährige Absenz vom Arbeitsmarkt auf invaliditätsfremde Gründe zurückzuführen
war (vgl. vorstehende E. 2.2).
3.1.
Die Beschwerdegegnerin führte an, dass der Beschwerdeführer als langjähriger
und erfolgreicher Inhaber eines Holzbaufachgeschäftes nicht nur über berufliche
Erfahrungen im Bereich der erlernten handwerklichen Tätigkeit als Zimmermann
verfüge, sondern auch auf unternehmerische Fähigkeiten zurückgreifen könne. Damit
verfüge er über nutzbringende Erfahrungen für die Aufnahme einer Tätigkeit als
Arbeitnehmer im Rahmen des ihm offenstehenden Zumutbarkeitsprofils. Ausserdem
liege keine langjährige Absenz vom Arbeitsmarkt vor, da der Beschwerdeführer bis im
Januar 2012 erwerbstätig gewesen sei und es ihm ab Herbst 2015 hätte bekannt sein
müssen, dass er in einer angepassten Verweistätigkeit uneingeschränkt arbeitsfähig
3.2.
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sei. Damit hätte sich der Beschwerdeführer auch ohne Hilfestellungen wieder in das
Erwerbsleben integrieren können (act. G 5).
Der Beschwerdeführer gab in seiner Stellungnahme vom 26. August 2019 an, es
treffe zu, dass keine langjährige Absenz vom Arbeitsmarkt bestanden habe. Hingegen
lasse sich aus seiner Tätigkeit im eigenen kleinen Holzbaubetrieb nicht ableiten, dass
er besonders agil, gewandt und im gesellschaftlichen Leben integriert sei. Er habe den
Betrieb von seinen Eltern übernommen und seine Stärken hätten bei den Tätigkeiten
auf dem Bau und in der Werkstatt gelegen. Er sei ein "Handwerker der alten Schule"
mit praktischen Fähigkeiten. Er sei von "bedächtiger Natur" und weder besonders
wort- noch schriftgewandt. Auch verfüge er nicht über eine besonders breite
Ausbildung und Berufserfahrung. Er habe die Lehre im elterlichen Betrieb absolviert
und danach ausschliesslich in diesem Unternehmen gearbeitet. Die Tätigkeit als
Geschäftsführer habe sich auf die Leitung des Betriebs beschränkt. Der angegebene
Buchhaltungskurs habe an ein paar Abenden vor der Gründung der AG stattgefunden.
Diese Kenntnisse habe er seit 40 Jahren nicht mehr gebraucht, da er für die
Buchhaltung ein Treuhandbüro beigezogen habe. Auch der obligatorische
Lehrmeisterkurs sei rund 35 Jahre her (act. G 7).
3.3.
Fest steht und ist zwischen den Parteien zu Recht unbestritten, dass die Absenz
des Beschwerdeführers vom Arbeitsmarkt auf die gesundheitlichen Folgen des
Unfallereignisses vom Januar 2012 zurückzuführen war (vgl. die Ausführungen im
Vorverfahren IV 2016/405 E. 2, sowie E. 1.2 dieses Entscheides). Eine auf
invaliditätsfremde Gründe zurückzuführende Absenz vom Arbeitsmarkt lag somit nicht
vor.
3.4.
Hinsichtlich der "besonders breiten Ausbildungen und Berufserfahrungen" ist
darauf hinzuweisen, dass das Gericht bereits im Entscheid IV 2016/405 ausführlich
dargelegt hatte, dass der Beschwerdeführer vor Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung in seiner eigenen Unternehmung hauptsächlich auf dem
Bau und in der Werkstatt gearbeitet habe, mithin handwerklich tätig gewesen sei, und
lediglich im Rahmen von etwa 10% Büroarbeiten ausgeführt habe. Das Gericht hielt im
Weiteren fest, dass sich aus den Akten keinerlei Anhaltspunkte dafür ergäben, dass der
Beschwerdeführer über die übliche Geschäftsführertätigkeit in einem Kleinbetrieb
hinausgehende betriebswirtschaftliche Kenntnisse erworben hätte (siehe IV 2016/405,
E. 3.4.2). Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
nicht auf eine besonders breite Ausbildung und Berufserfahrung im Sinne der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung zurückgreifen konnte.
3.5.
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4.
Ob die vom Bundesgericht angeführten Merkmale der besonderen Agilität,
Gewandtheit und Integration im gesellschaftlichen Leben vorliegen, ist im Einzelfall
mitunter schwierig zu beurteilen. So hatte das Bundesgericht in einem anderen
Entscheid beispielsweise Tennis spielen und Ski fahren als Zeichen von Agilität und ein
gepflegtes und konzentriertes Auftreten als Zeichen von Gewandtheit aufgeführt und
eine Selbsteingliederung als zumutbar erachtet (Urteil 9C_68/2011 vom 16. Mai 2011,
E. 3.3). Im vorliegenden Fall lassen sich weder aus den Akten noch aus den plausiblen
Ausführungen des Beschwerdeführers konkrete Gesichtspunkte entnehmen, welche
auf eine besondere Agilität oder Gewandtheit schliessen lassen. Zwar kann davon
ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner jahrzehntelangen
Tätigkeit als Handwerker mit einem eigenen Betrieb einige gesellschaftliche Kontakte,
wie sie in Quarten und Umgebung üblich sind, knüpfen konnte und damit im dortigen
gesellschaftlichen Leben integriert war bzw. ist. Lediglich aufgrund dessen von einer
Ausnahme der rechtsprechungsgemäss vermuteten Unzumutbarkeit der
Selbsteingliederung auszugehen, erscheint gerade vor dem Hintergrund, dass eine
Selbsteingliederung eben nur ausnahmsweise als zumutbar erachtet wird, nicht
gerechtfertigt.
3.6.
Zusammenfassend war es dem Beschwerdeführer somit nicht zumutbar, sich
selbst wieder in das Erwerbsleben zu integrieren. Damit hat er gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung bei Anmeldung im August 2012 ab 1. Februar
2013 (ein Jahr nach dem Unfall vom 20. Januar 2012; vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG)
einen (unbefristeten) Anspruch auf eine ganze Invalidenrente.
3.7.
Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen, die
Verfügung vom 2. November 2016 aufzuheben und dem Beschwerdeführer ab
1. Februar 2013 eine ganze Invalidenrente auszurichten. Zur Festsetzung der
Rentenhöhe ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1‘000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Ausgangsgemäss
hat die Beschwerdegegnerin die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
Der vom Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm
zurückzuerstatten.
4.2.
bis
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