Decision ID: 785b78c2-8250-438b-b6b0-95b309d30a28
Year: 2008
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1946 geborene
X._
erlitt am 18. November 1995 einen Unfall und brach sich dabei das linke Fersenbein (vgl. Urk. 8/12 S. 4, Urk. 8/17 S. 3, Urk. 8/85). Aufgrund dieses Gesundheitsschadens erhält sie seit dem 1. September 1999 eine Invalidenrente der Invalidenversicherung (vgl. Urk. 8/29, Urk. 8/41-42). Zudem übernahm die Invalidenversicherung die Kos
ten für diverse Hilfsmittel (vgl. Urk. 8/37, Urk. 8/46-47, Urk. 8/52).
Nach einem komplizierten, von Osteomyelitis und Weichteildefekten geprägten Heilverlauf mit mehreren Operationen (vgl. Urk. 8/85) musste der linke Unter
schenkel der Versicherten aufgrund eines chronischen Infekts im Bereich des linken oberen Sprunggelenkes am 21. Januar 2006 amputiert werden (vgl. Urk. 8/83). In der Folge wurde von der Firma
Z._
AG eine Un
terschenkelprothese angefertigt (vgl. Urk. 8/86). Wegen Beschwerden im Tibi
a-stumpf erfolgte am 23. Mai 2006 eine weitere Operation mit Stumpfrevision des linken Unterschenkels (vgl. Urk. 8/84). Im Anschluss daran wurde eine wei
tere Unterschenkelprothese angefertigt, diesmal von der Firma
A._
(vgl. Urk. 8/87).
1.2
Am 24. April 2006 wurde für die Versicherte bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle (nachfolgend: IV-Stelle), das Gesuch um Kosten
übernahme für einen Modular-Rollstuhl gestellt (vgl. Urk. 8/89). Am 16. Mai 2006 sowie im Juli 2006 ersuchte die Versicherte die IV-Stelle des Weiteren um Übernahme der Kosten für die Unterschenkelprothesen (vgl. Urk. 8/57, Urk. 8/62). Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
lehnte die IV-Stelle mit Verfügungen vom 7. und 8. Februar 2007 eine Leistungspflicht für die bean
tragten Hilfsmittel ab, da der Gesundheitsschaden immer noch auf das Unfaller
eignis aus dem Jahr 1995 zurückgehe und die Unfallversicherung für die Hilfs
mittel aufzukommen habe (Urk. 2/1-2).
2.
Dagegen erhob
X._
durch ihren Ehemann mit Eingabe vom 21. Februar 2007 Beschwerde und beantragte sinngemäss, in Aufhebung der angefochtenen Verfügungen sei ihr für den Modular-Rollstuhl sowie die beiden Unterschenkelprothesen Kostengutsprache zu erteilen (Urk. 1). In der Beschwer
deantwort vom 18. Mai 2007 schloss die IV-Stelle auf Beschwerdeabweisung (Urk. 7). Am 29. Mai 2007 wurde der Schriftenwechsel geschlossen (Urk. 9).
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
Am 1. Januar 2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmun
gen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 6. Oktober 2006, der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) vom 28. September 2007, des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungs
rechts (ATSG) sowie das Bundesgesetz über die Schaffung und die Änderung von Erlassen zur Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen (NFA) vom 6. Oktober 2006 in Kraft getreten. In materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz, dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des angefochtenen Entscheids respektive im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt ver
wirklicht hat (vgl. BGE 127 V 467
Erw
. 1, 126 V 136
Erw
. 4b, je mit Hinweisen). Weil die angefochtenen Verfügungen am 7. und 8. Februar 2007 ergingen, ge
langen die revidierten materiellen Vorschriften des IVG, der IVV und des ATSG im vorliegenden Fall noch nicht zur Anwendung. Bei den im Folgenden zitier
ten Gesetzes- und Verordnungsbestimmungen handelt es sich deshalb - soweit nichts anderes vermerkt wird - um die Fassungen, wie sie bis Ende 2007 in Kraft gewesen sind.
3.
3.1
Die IV-Stelle ist der Auffassung, dass die Beschwerden, welche schliesslich die Hilfsmittelversorgung der Beschwerdeführerin erforderlich machten, immer noch kausal auf das Unfallereignis vom 18. November 1995 zurückgingen, wes
halb die Kosten der beantragten Hilfsmittel zulasten der Unfallversicherung ge
hen würden (vgl. Urk. 2/1-2, Urk. 7).
3.2
Die Beschwerdeführerin stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt, die Invali
denversicherung müsse für die beantragten Hilfsmittel Kostengutsprache leisten. Einerseits sei die Invalidenversicherung leistungspflichtig für Hilfsmittel, welche von der Unfallversicherung aufgrund des dort vorgesehenen kleineren Kreises an Hilfsmitteln nicht übernommen würden. Andererseits sei die Invali
denversicherung bei Hilfsmitteln im Verhältnis zur Unfallversicherung vorleis
tungspflichtig und habe anschliessend die Möglichkeit der Rückforderung (Urk. 1).
4.
4.1
Gemäss Art. 21 Abs. 1 IVG hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Er
haltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf. Ferner bestimmt Art. 21 Abs. 2 IVG, dass Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel haben.
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste und zum Erlass ergänzender Vorschriften im Sinne von Art. 21 Abs. 4 IVG hat der Bundesrat in Art. 14 IVV an das Eidgenössische Departement des Innern übertragen, welches die Verord
nung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) mit anhangsweise aufgeführter Hilfsmittelliste erlassen hat. Laut Art. 2 Abs. 1 HVI besteht im Rahmen der im Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfs
mittel, soweit diese für die Fortbewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge notwendig sind.
Definitive funktionelle Fuss- und Beinprothesen sowie Rollstühle werden in der Hilfsmittelliste unter den Ziffern 1 und 9 aufgeführt.
4.2
Das Unfallversicherungsrecht sieht im Grundsatz ebenfalls eine Kostengutspra
che für die beantragten Hilfsmittel vor (vgl. Art. 11 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG]
i.V.m
. Art. 19 der Verordnung über die Unfallversi
cherung [UVV] sowie die Hilfsmittelliste im Anhang der Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Unfallversicherung [HVUV]). Nach den Be
stimmungen des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) besteht zwar ebenfalls ein Anspruch auf Sachleistungen, diese Decken sich jedoch nicht mit den Hilfsmitteln der Militär-, Unfall-, Invaliden- und Alters- und Hinter
lassenenversicherung (vgl. Art. 25 Abs. 2
lit
. b KVG sowie Kieser, ATSG-Kom
mentar,
Rz
. 10 zu Art. 65). Deshalb kommt eine Leistungspflicht seitens des ob
ligatorischen Krankenversicherers nicht in Frage.
5.
5.1
Nach dem Gesagten sehen sowohl die gesetzlichen Bestimmungen der Invaliden
versicherung wie auch jene der Unfallversicherung den Anspruch auf die anbegehrten Hilfsmittel vor. Die in Art. 65 ATSG statuierte Prioritätenord
nung sieht
solchenfalls
vor, dass die Hilfsmittel in erster Linie zu Lasten der Unfallversicherung gehen und erst nachrangig von der Invalidenversicherung zu übernehmen sind (Art. 65
lit
. a und b ATSG). Trotzdem bleibt fraglich, ob die IV-Stelle ihre Leistungspflicht am 7. und 8. Februar 2007 (vgl. Urk. 2/1-2) mit der Begründung verneinen durfte, die Kosten der beantragten Hilfsmittel wür
den aufgrund der nach wie vor bestehenden Unfallkausalität der Beschwerden zulasten der Unfallversicherung gehen.
5.2
Bei den Akten liegen folgende an die Beschwerdeführerin adressierten Rechnun
gen: Rechnung vom 10. April 2006 der Firma
Z._
für eine Unterschenkel
prothese im Betrag von Fr. 8'343.75 (Urk. 8/86; vgl. auch Urk. 8/56); Rechnung vom 29. August 2006 der
B._
AG für einen Modular-Rollstuhl, lautend auf Fr. 4'687.60 (Urk. 8/88; vgl. auch Urk. 8/89); Rechnung vom 29. Juni 2006 der Firma
A._
für eine Unterschenkelprothese im Betrag von Fr. 6'114.50 (Urk. 8/87).
Aus der Leistungsabrechnung der Helsana Versicherungen AG vom 2. September 2006 ergibt sich, dass die Helsana aus der Versicherung "TOP-Krankenpflege-
Zusatzvers
. für spezielle Leistungen" einen Kostenbeitrag an die Anschaffungskosten des Rollstuhls von Fr. 1'000.-- geleistet hat. Weiter geht daraus hervor, dass die Helsana über die Versicherung "BASIS - Obligatorische Krankenpflegeversicherung" Fr. 5'551.75 an die Gesamtkosten von Fr. 6'114.50 der von der Firma
A._
angefertigten Unterschenkelprothese bezahlt hat (vgl. Urk. 8/81; vgl. auch Urk. 8/80 S. 7 sowie Urk. 8/90 S. 4). Weder aus den Akten noch aus den Parteivorbringen ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass seitens eines obligatorischen Unfallversicherers bereits Vergütungen für die be
antragten Hilfsmittel erfolgt wären. Unter diesen Umständen besteht nach wie vor Unklarheit darüber, ob ein allfälliger Unfallversicherer - wobei bereits das Bestehen eines solchen fraglich ist (vgl. aber Urk. 8/4 S. 3) - für die Hilfsmittel aufzukommen hat.
5.3
Begründet ein Versicherungsfall einen Anspruch auf Sozialversicherungs-leistun
gen, bestehen aber Zweifel darüber, welche Sozial
versicherung die Leistungen zu erbringen hat, so kann die berechtigte Person Vorleistung verlangen (Art. 70 Abs. 1 ATSG). Eine Übernahme der beantragten Leistungen durch die obligatorische Krankenversicherung (vgl. dazu Art. 70 Abs. 2
lit
. a ATSG) ist - wie bereits ausgeführt (
Erw
. 4.2) - nicht vorgesehen. Im Verhältnis Unfallversicherung - Invalidenversicherung besteht keine gesetzliche Regelung der Vorleistungspflicht (Kieser, a.a.O., Art. 70
Rz
14). Indessen ist zu beachten, dass die Vorleistungspflicht im Interesse der Versicherten geschaffen wurde, um das Entstehen von Leistungslücken zu vermeiden (Kieser, a.a.O.,
Rz
. 1 und 5 zu Art. 70). Nachdem die Voraussetzungen für die Abgabe der bean
tragten Hilfsmittel nach den
invalidenversicherungsrechtlichen Vorschriften weniger streng sind als nach denjenigen der Unfallversicherung, die IV-Stelle die Leistung im Falle der späteren Übernahme durch die Unfallversicherung bei letzterer zurückverlangen kann (vgl. Art. 71 ATSG), und die Invalidenversiche
rung als finaler Versicherungszweig die Hilfsmittel nachrangig - bei fehlender Leistungspflicht durch den Unfallversicherer - ohnehin zu übernehmen hätte (Art. 65
lit
. b ATSG), hat die Invalidenversicherung und damit die IV-Stelle als vorleistungspflichtig zu gelten (vgl. Urteil des Sozialversicherungsgerichts in Sachen B. vom 22. Juni 2007, IV.2006.00289,
Erw
. 3). Die angefochtenen Ver
fügungen sind somit aufzuheben, und die Sache ist an die IV-Stelle zurückzu
weisen, damit sie den Anspruch auf eine Kostengutsprache für den Modular-Rollstuhl sowie die beiden Unterschenkelprothesen weiter abkläre und hernach erneut darüber verfüge; für den Rückgriff auf private Versicherer, welche eben
falls für den Versicherungsfall haften, sind die einschlägigen Bestimmungen des ATSG anwendbar (Art. 72 ff. ATSG). In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzu
heissen.
6.
Ausgangsgemäss gehen die Verfahrenskosten von Fr. 500.-- zulasten der Be
schwerdegegnerin (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG).