Decision ID: 64f3c761-84f3-53ce-82d1-81a23af75387
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 23. Juli 2019 trat das SEM auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers vom 8. Juli 2019 nicht ein und ordnete seine Wegweisung
nach Deutschland an (Akten der Vorinstanz betreffend das Dublin-Verfah-
ren [SEM-act. D] 21). Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil F-3872/2019 vom 6. August 2019 vollum-
fänglich ab.
B.
Am 19. August 2019 reichte der Beschwerdeführer ein erstes Wiedererwä-
gungsgesuch ein. Zur Begründung führte er an, weder das SEM noch das
Bundesverwaltungsgericht hätten die Tatsache gewürdigt, dass er bereits
von 1998 bis 2011 in der Schweiz gelebt habe. Auch seiner schweren psy-
chischen Erkrankung sei im Dublin-Verfahren nicht Rechnung getragen
worden (Akten der Vorinstanz betreffend das erste Wiedererwägungsver-
fahren [SEM-act. W1] 3). Mit Verfügung vom 18. September 2019 trat das
SEM auf das Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers vom
19. August 2019 nicht ein (SEM-act. W1 13). Die dagegen erhobene Be-
schwerde hiess das Bundesverwaltungsgericht aufgrund eines Verfahrens-
fehlers der Vorinstanz mit Urteil F-4954/2019 vom 1. Oktober 2019 gut und
wies die Sache zur Neubeurteilung des Wiedererwägungsgesuchs zurück.
C.
Am 24. Oktober 2019 erliess die Vorinstanz einen neuen Entscheid betref-
fend das Wiedererwägungsgesuch und trat darauf mangels Vorliegens
neuer Tatsachen nicht ein (SEM-act. W1 23). Die dagegen erhobene Be-
schwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil F-5661/2019 vom
7. November 2019 ab.
D.
Am 12. November 2019 reichte der Beschwerdeführer ein zweites Wieder-
erwägungsgesuch ein. Zur Begründung führte er an, seine bereits in den
vorangegangenen Verfahren geltend gemachte psychische Erkrankung
habe sich erst bei einlässlichen ärztlichen Untersuchungen als schwer her-
ausgestellt. Dies sei aufgrund der misslichen Zustände im deutschen Ge-
sundheitssystem und der schlechten Gesundheitsversorgung von Asylsu-
chenden entscheidrelevant (SEM-act. betreffend das zweite Wiedererwä-
gungsgesuch [W2] 1).
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E.
Die Vorinstanz trat mit Verfügung vom 27. Dezember 2019 auf das Wieder-
erwägungsgesuch nicht ein (SEM-act. W2 4). Die dagegen erhobene Be-
schwerde hiess das Bundesverwaltungsgericht gut, da die Vorinstanz zu
Unrecht davon ausgegangen war, der für die Behandlung des Wiederer-
wägungsgesuchs einverlangte Gebührenvorschuss sei zu spät geleistet
worden. Es wies die Sache zum Eintreten und zur materiellen Behandlung
an das SEM zurück (Urteil des BVGer F-4/2020 vom 16. Januar 2020).
F.
Mit Verfügung vom 22. Januar 2020 wies die Vorinstanz das zweite Wie-
dererwägungsgesuch ab und stellte fest, die ursprüngliche Verfügung vom
23. Juli 2019 sei rechtskräftig und vollstreckbar (SEM-act. W2 23; eröffnet
am 27. Januar 2020 [SEM-act. W2 24]). Die hiergegen erhobene Be-
schwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil F-955/2020 vom
27. Februar 2020 ab, da die vorgebrachte, angeblich bisher von der Vor-
instanz verkannte Schwere der psychischen Erkrankung und eine geltend
gemachte, jedoch nicht belegte Eheschliessung keine Wiedererwägungs-
gründe darstellten.
G.
Am 12. März 2020 reichte der Beschwerdeführer ein drittes Wiedererwä-
gungsgesuch ein. Zur Begründung machte er im Wesentlichen geltend, die
Wegweisung nach Deutschland sei aufgrund der schweren Erkrankung,
wegen der er sich derzeit stationär in einer psychiatrischen Klinik befinde,
nicht zumutbar. Die Art und Gravität seiner Krankheit sei in den bisherigen
Verfahren nicht ausreichend berücksichtigt worden. Zudem sei die sechs-
monatige Überstellungsfrist abgelaufen und daher das nationale Verfahren
einzuleiten (SEM-act. betreffend das dritte Wiedererwägungsgesuch [W3]
3). Die Vorinstanz wies das Gesuch mit Verfügung vom 20. März 2020 ab
(eröffnet am 26. März 2020; SEM-act. W3 4-5).
H.
Hiergegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 22. April 2020
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt die Aufhebung
der Verfügung vom 20. März 2020, die Rückweisung der Sache zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz und die Feststellung, dass die Überstellungs-
frist von sechs Monaten abgelaufen sei. Zur Begründung führt er im We-
sentlichen an, er habe sich am 28. Januar 2020 religiös mit einer Schwei-
zer Bürgerin getraut, weshalb eine Überstellung nach Deutschland nicht
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mit Art. 8 EMRK vereinbar wäre. Zudem sei er psychisch sehr angeschla-
gen und habe in den letzten Monaten mehrmals notfallmässig hospitalisiert
werden müssen. In Deutschland werde die diesbezüglich benötigte eng-
maschige Betreuung nicht angeboten, weshalb die Schweiz das Selbstein-
trittsrecht auszuüben habe. Schliesslich führt er an, die Überstellungsfrist,
die mit Ablauf der impliziten Zustimmung Deutschlands zu laufen begon-
nen habe, sei abgelaufen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht er um
Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie der unentgeltlichen Pro-
zessführung (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
I.
Am 23. April 2020 wurde der Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56
VwVG einstweilen ausgesetzt (BVGer-act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
1.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), unter Verzicht
auf die Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Ur-
teilsbegründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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2.
2.1 Mit einem Wiedererwägungsgesuch wird primär die Anpassung einer
ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene er-
hebliche Veränderung der Sachlage bezweckt (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5
m.H.). Mit Blick auf die Rechtssicherheit ist ein Wiedererwägungsgesuch
nur dann gutzuheissen, wenn sich die Verhältnisse seit dem ersten Ent-
scheid wesentlich geändert haben (REGINA KIENER/BERNHARD RÜT-
SCHE/MATHIAS KUHN, Öffentliches Verfahrensrecht, 2. Aufl. 2015, Rz. 2017
m.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unangefochten blieb – oder ein
eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem Prozessentscheid abge-
schlossen wurde – können auch Revisionsgründe einen Anspruch auf Wie-
dererwägung begründen (zum sogenannten «qualifizierten Wiedererwä-
gungsgesuch» vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.). Im Rahmen eines Wie-
dererwägungsverfahrens können ebenfalls Beweismittel geprüft werden,
die erst nach einem materiellen Beschwerdeentscheid des Bundesverwal-
tungsgerichts entstanden sind und daher revisionsrechtlich nicht von Rele-
vanz sein können (vgl. BVGE 2013/22 E. 12.3). Eine Wiedererwägung ist
nicht beliebig zulässig und darf namentlich nicht dazu dienen, blosse Ur-
teilskritik zu üben, die Rechtskraft von Verwaltungs- und Gerichtsentschei-
den immer wieder infrage zu stellen oder die Fristen für die Ergreifung von
Rechtsmitteln zu umgehen.
2.2 Der Beschwerdeführer begründete das vorliegend zu beurteilende
Wiedererwägungsgesuch mit seiner psychischen Erkrankung, deren
Schwere die Vorinstanz in Verletzung ihrer Abklärungs- und Begründungs-
pflicht verkannt habe. Diesbezüglich reicht er mit der Beschwerdeeingabe
einen vom 11. März 2020 datierenden ärztlichen Kurzbericht zu den Akten,
der bestätigt, dass er aufgrund einer depressiven Symptomatik mit suizi-
dalen Äusserungen seit dem 3. März 2020 in der Psychiatrischen Klinik
X._ auf der Station (...) in Behandlung sei. Die notwendige Behand-
lung werde in Deutschland nicht angeboten. Die Wegweisung dorthin sei
unzumutbar, weshalb die Schweiz das Selbsteintrittsrecht auszuüben
habe. Zudem würde eine Wegweisung nach Deutschland aufgrund seiner
am 28. Januar 2020 religiös geschlossenen Ehe mit einer Person, die die
F-Bewilligung respektive die schweizerische Staatsbürgerschaft besitze
(vgl. BVGer-act. 1 S. 13 2. Absatz), Art. 8 EMRK verletzen. Schliesslich sei
die Überstellungsfrist, die mit Ablauf der impliziten Zustimmung Deutsch-
lands zu laufen begonnen habe, abgelaufen (zum Ganzen SEM-act. W3 3;
BVGer-act. 1). Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Vorbringen des Be-
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schwerdeführers – die psychische Erkrankung und Hospitalisierung, die re-
ligiöse Trauung und das Argument des Fristablaufs – Wiedererwägungs-
gründe darstellen.
3.
3.1 Im Nichteintretens- und Wegweisungsverfahren wurden auf Basis des
vom Beschwerdeführer eingereichten ärztlichen Berichts aus dem Jahr
2013 und seiner Aussagen während des Dublin-Gesprächs seine gesund-
heitlichen Beschwerden (Psychose mit depressivem Syndrom, [...], «[...]
im Kopf», temporäre Amnesie) berücksichtigt und gewürdigt (vgl. Urteil des
BVGer F-3872/2019 vom 5. August 2019 S. 2 und 5 f.). Im Verfahren be-
treffend das zweite Wiedererwägungsgesuch wurde die psychische Er-
krankung gestützt auf einen medizinischen Zwischenbericht der psychiat-
rischen Dienste des Spitals Y._ vom 7. November 2019, wonach
der Beschwerdeführer temporär stationär behandelt werden musste, und
den Austrittsbericht vom 15. November 2019 erneut gewürdigt. Gemäss
Austrittsbericht leidet er an einer paranoiden Schizophrenie und durchlebte
eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (SEM-
act. W2 3). Dem im vorliegenden Verfahren zu den Akten gereichten Arzt-
bericht vom 11. März 2020 ist zu entnehmen, dass er am 3. März 2020
aufgrund einer depressiven Symptomatik mit suizidalen Äusserungen er-
neut stationär in die Psychiatrische Klinik X._ aufgenommen wer-
den musste (BVGer-act. 1 Beschwerdebeilage 3). Dieser Befund steht in
Zusammenhang mit den bereits im Dublin-Verfahren und im zweiten Wie-
dererwägungsgesuch vorgebrachten psychischen Problemen. Diese wa-
ren seit dem vorinstanzlichen persönlichen Gespräch vom 18. Juli 2019,
der Beschwerde im Dublin-Verfahren und dem Verfahren betreffend das
zweite Wiedererwägungsgesuch bekannt und entgegen seiner Ausführun-
gen – gerade auch betreffend ihres Ausmasses und der Schwere – rechts-
genüglich gewürdigt worden (SEM-act. D 12; 27; Urteil des BVGer
F-955/2020 vom 27. Februar 2020 E. 3.1).
3.2 Schliesslich stehen die nunmehr gemäss dem aktuellen Arztbericht ge-
machten suizidalen Äusserungen, d.h. die Gefahr einer allfälligen Selbst-
gefährdung, einer Überstellung nicht entgegen. Der wegweisende Staat ist
diesbezüglich gemäss Praxis des EGMR nicht verpflichtet, vom Vollzug der
Wegweisung Abstand zu nehmen. Die Überstellung vermag nicht gegen
Art. 3 EMRK zu verstossen, wenn der wegweisende Staat Massnahmen
ergreift, um die Umsetzung einer entsprechenden Suiziddrohung zu ver-
hindern (vgl. das Urteil des EGMR vom 30. Juni 2015 A.S. gegen die
Schweiz, 39350/13 § 34 m.H. u.a. auf den Unzulässigkeitsentscheid des
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EGMR vom 7. Oktober 2004 D. und andere gegen Deutschland, 33743/03,
letzterer zitiert in EMARK 2005 Nr. 23 E. 5.1 [S. 212]). Es obliegt den mit
der Überstellung betrauten Behörden, im Rahmen der Vorbereitung und in
Zusammenarbeit mit den (ärztlichen) Betreuungspersonen die notwendi-
gen Vorkehren zu treffen, um die Realisierung der Drohung zu verhindern
und die deutschen Behörden adäquat über den Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers zu informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
3.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht schliesslich in ständiger Recht-
sprechung davon aus, dass Deutschland über eine ausreichende medizi-
nische Infrastruktur verfügt. Es liegen keine substanziierten Hinweise zur
Annahme vor, dass Deutschland dem Beschwerdeführer im Fall der Über-
stellung eine adäquate medizinische Behandlung inklusive der notwendi-
gen psychologischen Grundversorgung verweigern würde.
3.4 Die psychischen Beschwerden und die erneute stationäre Behandlung
stellen damit keine neuen Tatsachen oder eine wesentliche Änderung der
Verhältnisse dar, die den ursprünglichen Entscheid infrage stellen würden.
4.
Was die geltend gemachte religiös geschlossene Ehe – wobei nicht klar ist,
ob es sich um eine Schweizer Bürgerin oder wie im Verfahren F-955/2020
angegeben, um die Inhaberin einer F-Bewilligung handelt – anbelangt,
wurde bereits mit Urteil F-955/2020 vom 27. Februar 2020 festgestellt,
dass diese keinen Wiedererwägungsgrund darstellt. Dies gilt auch für das
vorliegende Verfahren. So reicht der Beschwerdeführer weiterhin keinerlei
Belege zur angeblichen Trauung ein und legt auch die Identität seiner Part-
nerin nicht offen. Die geltend gemachte, weiterhin nicht belegte Beziehung
stellt keine neue Tatsache oder eine wesentliche Änderung der Verhält-
nisse dar, die den ursprünglichen Entscheid infrage stellen würde.
5.
5.1 Die Überstellung von Antragstellern und anderen Personen (Art. 18
Abs. 1 Bst. c und d Dublin-III-VO) erfolgt gemäss den innerstaatlichen
Rechtsvorschriften des ersuchenden Mitgliedstaats nach Abstimmung der
beteiligten Mitgliedstaaten, sobald dies praktisch möglich ist und spätes-
tens innerhalb einer Frist von sechs Monaten nach der Annahme des Auf-
nahme- oder Wiederaufnahmegesuchs durch einen anderen Mitgliedstaat
oder der endgültigen Entscheidung über einen Rechtsbehelf oder einer
Überprüfung, wenn diese gemäss Art. 27 Abs. 3 aufschiebende Wirkung
hat (Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO).
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5.2 Die Überprüfung einer Überstellungsentscheidung ist unter schweize-
rischem Recht unter anderem – wie vorliegend mehrfach geschehen – mit
dem ausserordentlichen Rechtsmittel der Wiedererwägung (Art. 111b
AsylG) möglich. Das Rechtsmittel hat von Gesetzes wegen keine aufschie-
bende Wirkung. Die Aussetzung des Vollzuges gestützt auf Art. 56 VwVG
bis zum Eintreffen der Akten hat keine die Überstellungsfrist unterbre-
chende Wirkung. Wird allerdings die Vollzugsaussetzung in einer Zwi-
schenverfügung nicht aufgehoben, kommt dies faktisch einer Gewährung
der aufschiebenden Wirkung während des ganzen Beschwerdeverfahrens
gleich. In einem solchen Fall erfolgt eine Unterbrechung der Frist und die
Überstellungsfrist beginnt mit der endgültigen Entscheidung über die Be-
schwerde neu zu laufen (BGVE 2014/31 E. 6.6; BVGE 2015/19 E. 5.4).
5.3 Der Beschwerdeführer verkennt, dass er durch die Einreichung der drei
Wiedererwägungsgesuche mehrmals ausserordentliche Rechtsmittel er-
griffen hat, mit deren Endentscheide jeweils die Sechsmonatsfrist unter-
brochen wurde. Demnach ist die Überstellungsfrist nach Deutschland noch
nicht abgelaufen und die Schweiz mithin für die Behandlung des Asylge-
suchs des Beschwerdeführers nicht zuständig (Art. 29 Abs. 1 i.V.m. Art. 27
Abs. 2 und 3 Dublin-III-VO). Die Vorinstanz hat die deutschen Behörden
bereits am 5. September 2019 entsprechend informiert, dass die Überstel-
lung aufgrund einer hängigen Beschwerde womöglich nicht innerhalb der
Sechsmonatsfrist erfolgen könne (SEM-act. D 43). In diesem Zusammen-
hang ist festzuhalten, dass eine Zustimmung der deutschen Behörden auf
die Fristverlängerung des SEM nicht erforderlich ist. Es handelt sich bei
der Fristverlängerung um eine blosse Informationspflicht (vgl. dazu
FILZWIESER/SPRUNG, K13 S. 230, K1 S. 292), die keiner Rückmeldung sei-
tens der deutschen Behörden bedarf (vgl. Urteil des BVGer D-163/2018
vom 20. Februar 2018 E. 6.3).
6.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass keine Wiedererwägungsgründe
dargetan worden sind und die Vorinstanz das Gesuch um Wiedererwägung
zu Recht abgewiesen hat. Der Beschwerdeführer macht im nunmehr drit-
ten Wiedererwägungsgesuch erneut und teilweise mit demselben Wortlaut
die bereits in vorherigen Wiedererwägungsgesuchen überprüften Gründe
einer angeblichen religiösen Eheschliessung sowie seiner psychischen Er-
krankung geltend, was den Eindruck einer rechtsmissbräuchlichen Ergrei-
fung des ausserordentlichen Rechtsmittels zwecks Verhinderung einer zu-
lässigen und zumutbaren Überstellung nach Deutschland erweckt.
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Seite 9
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. Die angefochtene Ver-
fügung vom 20. März 2020 ist zu bestätigen, womit der Nichteintretens-
und Wegweisungsentscheid vom 23. Juli 2019 wiedererwägungsweise
nicht aufgehoben wird. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Ur-
teil abgeschlossen, weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschie-
benden Wirkung als gegenstandslos erweist. Der am 23. April 2020 ange-
ordnete Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin.
8.
Aufgrund der Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren ist das Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung abzuweisen. Die wegen des ausserordentli-
chen Rechtsmittels erhöhten Kosten von Fr. 1'500.– sind dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit vor-
liegendem Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite).
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