Decision ID: 1c9ce4ee-74fe-4475-a167-f16d7ecb441a
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Die A._strasse liegt im Osten der Politischen Gemeinde B._. Sie verbindet zwei
Kantonsstrassen, nämlich die C._strasse, ortsauswärts vor der C._ gegen Süden
abzweigend, mit der D._strasse, in nordwestlicher Richtung im Gebiet E._
einmündend. Die A._strasse ist rund zwei Kilometer lang und zwischen zwei und 4,5
Metern – meist rund 2,5 Meter – breit. Sie verläuft durch Wald- und
Landwirtschaftsgebiet und dient der Erschliessung der Schiessanlage F._ mit dem
Restaurant G._, mehrerer Wohnhäuser mit elf Wohneinheiten und einer Trafostation
sowie der land- und forstwirtschaftlichen Bewirtschaftung. Abgesehen von den mit
einem Hartbelag versehenen Abschnitten zwischen der D._strasse und dem H._weg
und westlich unmittelbar vor der Schiessanlage und dem Restaurant, ist sie chaussiert.
Einzelne Abschnitte der A._strasse sind Teil des Fuss- und Wanderwegnetzes. In den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
am 1. Februar 2001 in Kraft gesetzten Strassenplan wurde sie als Gemeindestrasse
dritter Klasse aufgenommen.
Die Strassenkorporation A._ ist als gemeinschaftliches Unternehmen des kantonalen
öffentlichen Rechts organisiert. Sie bezweckt die Besorgung des gemeinsamen
Unterhaltes der A._strasse, ist aber auch bei einem allfälligen Ausbau oder einer
Korrektion zuständig. Mitglieder sind die jeweiligen Eigentümer der von der A._strasse
erschlossenen beitragspflichtigen Grundstücke. Während sich die Verlegung der
Unterhaltskosten nach dem rechtskräftigen Unterhaltsperimeter vom 5. Juni 2008
richtet, muss für die Verteilung von Bau- und Korrekturkosten ein Bauperimeter erstellt
werden. (vgl. Art. 2-4 der Statuten vom 1. Juli 2009, act. 10/6 Beilage 11). Im
Unterhaltsperimeter ist die A._strasse in zwei getrennt behandelte Äste aufgeteilt,
welche die Strecken einerseits von der C._strasse und anderseits von der D._strasse
jeweils bis zum Restaurant G._ umfassen. Von den Unterhaltskosten übernimmt die
Politischen Gemeinde zehn Prozent.
B.
Am 23. Februar 2017 (6. Februar 2017, act. 7/2) forderte die Strassenkorporation A._
den Gemeinderat B._ auf, die A._strasse in eine Gemeindestrasse zweiter Klasse
umzuklassieren, den Korporationsmitgliedern die seit dem Jahr 2012 geleisteten
Beiträge zurückzuerstatten und die Korporation aufzulösen. Zur Begründung berief sie
sich auf einen Entscheid des Verwaltungsgerichts vom 7. Dezember 2011, wonach
Gemeindestrassen, welche mehr als zehn Wohneinheiten erschliessen, als
Gemeindestrassen zweiter Klasse einzuteilen seien (GVP 2011 Nr. 21).
Die Baukommisison der Gemeinde B._ führte am 26. Juni 2017 entlang der
A._strasse einen Augenschein durch. Mit Beschluss vom 12. September 2017 wies
der Gemeinderat das Gesuch der Korporation ab und auferlegte ihr eine
Entscheidgebühr von CHF 800. Zur Begründung führte er an, die Umklassierung setze
voraus, dass sich seit der rechtskräftigen Klassierung die Verhältnisse beispielsweise
hinsichtlich Charakter und Ausbaustandard, Funktion usw. massgebend verändert
hätten. Eine solche Änderung, welche zwingend zu einer Umklassierung der
A._strasse in eine Gemeindestrasse zweiter Klasse führen müsste, liege nicht vor. Sie
diene nach wie vor der Erschliessung der gleichen Wohnliegenschaften, der land- und
forstwirtschaftlichen Bewirtschaftung sowie der Zufahrt zum Schiessstand F._ mit
dem öffentlich zugänglichen Restaurant. Auch sonst sei nichts ersichtlich, was auf eine
massgebliche Änderung des Charakters, der Bedeutung oder der Funktion der
A._strasse schliessen lasse. Insbesondere seien keine Bauvorhaben oder relevante
Nutzungsänderungen beziehungsweise -erweiterungen irgendwelcher Art geplant. Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gemeinde-Richtplan sehe weder kurz- noch mittelfristig zusätzliche Einzonungen oder
Umzonungen vor im Gebiet, welches über die A._strasse erschlossen werde. Faktisch
bestehe sie immer noch aus zwei Erschliessungsästen, nämlich von der D._strasse
beziehungsweise von der C._strasse jeweils bis zum Restaurant G._. Das von der
Strassenkorporation erwähnte Urteil des Verwaltungsgerichts beziehe sich auf die
Verlängerung und den Ausbau einer bisher als Gemeindestrasse dritter Klasse
eingeteilten Strasse im Hinblick auf die Erschliessung weiterer, noch nicht überbauter
Parzellen und lasse sich nicht unbesehen auf andere Fälle übertragen.
C.
Gegen den Entscheid des Gemeinderates vom 12. September 2017 erhob die
Strassenkorporation A._ am 27. September 2017 Rekurs beim Baudepartement des
Kantons St. Gallen. Das Kantonale Strasseninspektorat empfahl in einem im
Rekursverfahren eingeholten Amtsbericht vom 21. Dezember 2017, die D._strasse
(richtig: A._strasse) als Gemeindestrasse zweiter Klasse einzuteilen. Das
Baudepartement führte in der Angelegenheit am 15. März 2017 einen Augenschein
durch und schlug den Parteien vor, sich dahingehend zu einigen, den Abschnitt
zwischen der D._strasse und dem Restaurant G._ als Gemeindestrasse zweiter
Klasse einzuteilen und den Abschnitt zwischen der C._strasse bis zum Restaurant
G._ als Gemeindestrasse dritter Klasse zu belassen. Nachdem die Gemeinde B._ –
anders als die Strassenkorporation – dem Vorschlag am 26. April 2018 nicht
zustimmte, wies das Baudepartement das Rechtsmittel mit Entscheid vom 21. März
2019 ab und auferlegte der Korporation die Entscheidgebühr von CHF 3'500.
Zur Begründung führte das Baudepartement aus, der Ablauf der Zehnjahresfrist für die
Stellung eines Antrags zur Änderung der rechtskräftigen Einteilung der A._strasse sei
eingehalten. Es stelle sich also nur noch die Frage, ob die Bedeutung oder die
Zweckbestimmung eine Änderung der Einteilung erfordere. Zu prüfen sei, ob seit
1. Februar 2001 eine wesentliche Änderung der rechtlichen oder tatsächlichen
Verhältnisse eingetreten sei und das öffentliche Interesse an einer Änderung des
Strassenplans die gegenläufigen – privaten oder öffentlichen – Interessen an dessen
Beibehaltung überwögen. Eine wesentliche Änderung der Verhältnisse seit 1. Februar
2001 sei weder ersichtlich noch geltend gemacht worden, insbesondere seien keine
weiteren Wohneinheiten hinzugekommen. Auch die übrigen Zwecke wie die Zufahrt zur
land- und forstwirtschaftlichen Bewirtschaftung, der Erschliessung der Schiessanlage
und des Restaurants hätten sich seither nicht geändert. Es bestehe deshalb keine
Notwendigkeit, die Strasse als Gemeindestrasse zweiter Klasse einzuteilen. Im
angeführten Entscheid des Verwaltungsgerichts sei eine Gemeindestrasse dritter
Klasse im Baugebiet zu beurteilen gewesen, durch welche ein mindestens mittelfristig
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
realisierbares Bauprojekt habe erschlossen werden sollen. Die A._strasse befinde sich
vollständig im Landwirtschaftsgebiet und die Erstellung weiterer ständig bewohnter
Wohneinheiten, also eine wesentliche Änderung der Verhältnisse, sei nicht
voraussehbar. Die A._strasse diene vornehmlich dem land- und forstwirtschaftlichen
Verkehr sowie als Wanderweg und weise deshalb einen völlig anderen Charakter auf.
D.
Die Strassenkorporation A._ (Beschwerdeführerin) erhob gegen den am 22. März 2019
versandten Rekursentscheid des Baudepartements des Kantons St. Gallen (Vorinstanz)
mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 3. April 2019 und Ergänzung vom 29. April
2019 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit den Anträgen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und der Gemeinderat
B._ anzuweisen, die A._strasse als Gemeindestrasse zweiter Klasse einzuteilen und
das entsprechende Strassenplanverfahren durchzuführen, eventualiter sei die
vorinstanzliche Entscheidgebühr auf maximal CHF 1'000 zu reduzieren.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 15. Mai 2019, die Beschwerde sei
abzuweisen. Mit Vernehmlassung vom 29. Mai 2019 beantragte auch die Politische
Gemeinde B._ (Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde. Die
Beschwerdeführerin äusserte sich am 17. Juni 2019 zur Vernehmlassung der
Beschwerdegegnerin.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die

Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Eintreten
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Weil sich vorliegend
erstmals die Frage stellt, unter welchen Voraussetzungen die Grundeigentümer
gestützt auf Art. 14 Abs. 3 des Strassengesetzes (sGS 732.1, StrG) einen
Rechtsanspruch auf materielle Überprüfung der rechtskräftigen Strassenklassierung
haben, behandelt das Verwaltungsgericht die Angelegenheit in Fünferbesetzung
(Art. 18 Abs. 3 Ingress lit. b Ingress und Ziffer 1 des Gerichtsgesetzes; sGS 941.1). Die
Vorinstanz hat die Rechtsbegehren der Beschwerdeführerin abgewiesen. Die
Beschwerdeführerin ist als öffentlich-rechtliche Körperschaft und damit als juristische
Person des öffentlichen Rechts, in welcher die Eigentümer der von der A._strasse
erschlossenen Grundstücke zur Besorgung des gemeinsamen Unterhalts und zur
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verteilung der dadurch verursachten Kosten zusammengeschlossen sind, zur
Erhebung der Beschwerde befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Ihr
Rechtsvertreter ist zwar nicht Rechtsanwalt, jedoch als patentierter Rechtsagent zur
Vertretung der Beschwerdeführerin berechtigt, zumal er die Beschwerdeführerin bereits
im Rekursverfahren vor der Vorinstanz vertrat (vgl. Art. 11 Ingress und lit. c des
Anwaltsgesetzes; sGS 963.70, AnwG). Er gilt als Inhaber einer Vertretungsvollmacht
der Beschwerdeführerin (vgl. Art. 26 Abs. 1 und Art. 1 Abs. 2 AnwG). Die Beschwerde
gegen den am 22. März 2019 versandten Rekursentscheid wurde mit Eingabe vom
3. April 2019 rechtzeitig erhoben und erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 29. April
2019 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist
deshalb grundsätzlich einzutreten.
2. Nichteintreten: Antrag auf Einteilung als Gemeindestrasse zweiter Klasse
Zwischen den Verfahrensbeteiligten ist umstritten, ob die mit dem seit 1. Februar 2001
geltenden Strassenplan als Gemeindestrasse dritter Klasse eingeteilte A._strasse
entsprechend dem Gesuch der Beschwerdeführerin vom 23. Februar 2017 in die zweite
Klasse umzuteilen ist. Vorinstanz und Beschwerdegegnerin vertraten den Standpunkt,
die massgeblichen Verhältnisse hätten sich seit der Einteilung der Strasse nicht
geändert. Ob die Strasse auch umzuteilen wäre, blieb ungeprüft. Danach richtet sich
auch der Streitgegenstand aus, der im vorliegenden Beschwerdeverfahren zu
beurteilen ist (vgl. Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen,
2. Aufl. 2003, Rz. 579). Die Frage, ob und gegebenenfalls welche Abschnitte der
A._strasse von der dritten in die zweite Klasse umzuteilen sind, ist im vorliegenden
Beschwerdeverfahren deshalb nicht zu prüfen, und auf den diesbezüglichen Antrag der
Beschwerdeführerin ist nicht einzutreten.
3. Anspruch auf materielle Prüfung der rechtsgültigen Einteilung
Art. 14 Abs. 3 StrG: Eintretensvoraussetzungen, Zeitablauf
Gemäss Art. 12 Abs. 1 des Strassengesetzes (sGS 732.1, StrG) führt die politische
Gemeinde einen Plan über die unter ihrer Hoheit stehenden Strassen mit Angabe der
Einteilung. Gemäss Art. 7 StrG legt der Gemeindestrassenplan den Umfang des
Strassennetzes fest (Abs. 1), wobei die Strassen in drei – in Art. 8 StrG konkretisierte –
Klassen eingeteilt werden (Abs. 2). Nach Art. 14 StrG wird die Einteilung von Strassen
geändert, wenn Bedeutung oder Zweckbestimmung es erfordert (Abs. 1); wer ein
eigenes schutzwürdiges Interesse dartut, kann der politischen Gemeinde nach zehn
Jahren seit rechtsgültiger Einteilung eine Änderung beantragen (Abs. 3).
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sind die Voraussetzungen von Art. 14 Abs. 3 StrG erfüllt, darf die zuständige Behörde
das Eintreten auf ein Änderungsgesuch nicht ablehnen. Die materielle Prüfung des
Gesuchs setzt deshalb zunächst – was vorliegend angesichts des im Jahr 2001
erlassenen rechtskräftigen Strassenplans offensichtlich erfüllt ist – voraus, dass die
Strasse, deren Umklassierung beantragt wird, seit mehr als zehn Jahren rechtskräftig
eingeteilt ist. Der Anspruch auf materielle Prüfung verlangt zudem, dass der
Gesuchsteller ein schutzwürdiges Interesse dartut.
Art. 14 Abs. 3 StrG: Eintretensvoraussetzungen, schutzwürdiges Interesse
Der Begriff des schutzwürdigen Interesses erfährt im Strassengesetz keine
eigenständige Umschreibung. Auch aus der Botschaft des Regierungsrates vom
28. Mai 1986 ergeben sich keine Hinweise darauf, wie der Begriff zu verstehen ist
(Strassengesetz und Grossratsbeschluss über den Strassenplan, Botschaft und
Entwürfe des Regierungsrates vom 28. Mai 1986, in: ABl 1986 S. 1585 ff., S. 1637). Er
ist deshalb mit Blick auf die tatsächlichen und rechtlichen Auswirkungen der Einteilung
einer Strasse für die betroffenen Grundeigentümer auszulegen und anzuwenden. Zu
berücksichtigen ist dabei, dass das schutzwürdige Interesse im Sinn der
Rechtsmittelbefugnis, wie es Art. 45 Abs. 1 VRP voraussetzt, bereits dann dargetan ist,
wenn mit einem allfälligen Erfolg ein tatsächlicher wirtschaftlicher, ideeller oder
materieller Nachteil abgewendet werden kann und die angefochtene Verfügung oder
der angefochtene Entscheid die tatsächliche Interessenstellung des Betroffenen mehr
berührt als irgendeinen Dritten oder die Allgemeinheit (vgl. Geisser/Zogg, in: Rizvi/
Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Praxiskommentar,
Zürich/ St. Gallen 2020, N 12 zu Art. 45 VRP).
Während bei Gemeindestrassen dritter Klasse gemäss Art. 55 StrG die anstossenden
Grundeigentümer die Strasse unterhalten (Abs. 1) und ihre Unterhaltspflicht als
öffentlich-rechtliche Grundlast im Grundbuch angemerkt wird (Abs. 2), besorgt gemäss
Art. 54 Abs. 1 Ingress und lit. a StrG die politische Gemeinde den Unterhalt der
Gemeindestrassen zweiter Klasse. Bei den Gemeindestrassen dritter Klasse tragen
gemäss Art. 73 Abs. 1 StrG grundsätzlich die Grundeigentümer, bei den
Gemeindestrassen zweiter Klasse gemäss Art. 72 Abs. 1 StrG grundsätzlich die
politische Gemeinde die Kosten für Bau und Unterhalt. Bei Gemeindestrassen zweiter
Klasse beschränken sich die Beiträge der Grundeigentümer gemäss Art. 72 Abs. 2
Ingress und lit. b StrG auf die Baukosten. Hinsichtlich ihrer Funktion bestehen
zwischen Gemeindestrassen zweiter und Gemeindestrassen dritter Klasse ausserhalb
des Baugebietes insoweit keine grundsätzlichen Unterschiede, als beide der
Erschliessung – die Gemeindestrassen zweiter Klasse der Erschliessung grösserer
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Siedlungsgebiete (Art. 8 Abs. 2 StrG), die Gemeindestrassen dritter Klasse der übrigen
Erschliessung (Art. 8 Abs. 3 StrG) – dienen.
Die Beschwerdeführerin, in welcher die Eigentümer der von der A._strasse
erschlossenen Grundstücke zur Besorgung des gemeinsamen Unterhalts und zur
Verteilung der dadurch verursachten Kosten zusammengeschlossen sind, ist von der
Strassenklassierung offenkundig mehr berührt als irgendein Dritter oder die
Allgemeinheit. Eine Umteilung der Strasse von der dritten in die zweite Klasse würde
sodann – wie dargelegt – dazu führen, dass die Unterhaltspflicht und die Pflicht zur
Tragung der damit verbundenen Kosten von den Grundeigentümern auf die politische
Gemeinde übergingen. Damit hat die Beschwerdeführerin ein schutzwürdiges Interesse
im Sinn von Art. 14 Abs. 3 StrG an der Änderung der Einteilung der A._strasse
dargetan.
Art. 14 Abs. 3 StrG: Gegenstand der materiellen Prüfung
Sind die Eintretensvoraussetzungen erfüllt, hat die politische Gemeinde entsprechend
dem Wortlaut von Art. 14 Abs. 3 StrG den Antrag auf Änderung der Einteilung zu
prüfen. Art. 14 Abs. 1 StrG hält zudem fest, dass die Einteilung von Strassen geändert
wird, wenn Bedeutung und Zweckbestimmung es erfordern. Art. 14 StrG trägt zwar
den Randtitel "Änderung der Verhältnisse". Die Bestimmung setzt aber entsprechend
dem klaren Wortlaut von Abs. 1 für die Änderung der Einteilung keine Änderung der
tatsächlichen oder rechtlichen Verhältnisse voraus, sondern knüpft einzig an der
Bedeutung und der Zweckbestimmung der Strasse an. Verlangen Bedeutung oder
Zweckbestimmung eine Änderung der Einteilung, ist sie vorzunehmen. Sind die
Eintretensvoraussetzungen – Zeitablauf und eigenes schutzwürdiges Interesse – erfüllt,
zielt der Änderungsantrag gemäss Art. 14 Abs. 3 StrG damit direkt auf die Anpassung
der Einteilung. Sie lässt so Raum für Anpassungen auch dann, wenn sich die
tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse nicht geändert haben.
3.3.
Art. 21 Abs. 2 RPG: Vereinbarkeit des Ergebnisses mit dem Bundesrecht
Damit weicht die Bestimmung von der bundesrechtlichen Regelung in Art. 21 Abs. 2
des Bundesgesetzes über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz; SR 700 RPG) ab,
dessen Wortlaut zwischen der Überprüfung – auf der ersten Stufe – und nötigenfalls
der Anpassung von Nutzungsplänen – auf der zweiten Stufe – unterscheidet, wobei die
Überprüfung veränderte Verhältnisse voraussetzt. Bei der Zonenplanung ist eine
Überprüfung der Grundordnung bereits dann geboten, wenn sich die Verhältnisse seit
der Planfestsetzung geändert haben, diese Veränderung die für die Planung
massgebenden Gesichtspunkte betrifft und erheblich ist. Die Erheblichkeit ist auf dieser
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. Zusammenfassung
Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde damit in der Sache als begründet. Sie
ist, soweit darauf eingetreten werden kann, gutzuheissen. Der angefochtene Entscheid
ist dementsprechend aufzuheben. Die Angelegenheit ist an die Beschwerdegegnerin
zur Prüfung der Einteilung der A._strasse und zu neuer Entscheidung zurückzuweisen.
5. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens – die Beschwerde ist, soweit auf sie einzutreten
ist, gutzuheissen und die Angelegenheit ist mit offenem Ausgang an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen – sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens von der Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP).
Eine Entscheidgebühr von CHF 3'000 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Auch wenn die Beschwerdegegnerin bei einer
Umteilung der Gemeindestrasse in die zweite Klasse für deren Unterhalt aufkommen
müsste und damit auch finanzielle Interessen verfolgt, nimmt sie doch in erster Linie
eine planerische Aufgabe wahr. Deshalb ist auf die Erhebung zu verzichten (Art. 95
Abs. 3 VRP). Der Beschwerdeführerin ist der von ihr geleistete Kostenvorschuss von
CHF 4'000 zurückzuerstatten.
Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin für das Beschwerde- und das
Rekursverfahren ausseramtlich zu entschädigen. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin hat keine Kostennoten eingereicht. Ein Pauschalhonorar für das
Rekurs- und für das Beschwerdeverfahren von je CHF 2'000 zuzüglich Barauslagen
von je CHF 80 (vier Prozent von CHF 2'000) zuzüglich Mehrwertsteuer auf der
Entschädigung im Rekursverfahren – seit 1. Januar 2019 wird die Mehrwertsteuer nur
Stufe bereits zu bejahen, wenn eine Anpassung der Zonenplanung im fraglichen Gebiet
in Betracht fällt und die entgegenstehenden Interessen der Rechtssicherheit und des
Vertrauens in die Planbeständigkeit nicht so gewichtig sind, dass eine Plananpassung
von vornherein ausscheidet. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, so ist es Aufgabe der
Gemeinde, die gebotene Interessenabwägung vorzunehmen und zu entscheiden, ob
und inwieweit eine Anpassung der Zonenplanung nötig ist (BGE 140 II 25 E. 3). Das
kantonale Recht kann eine weitergehende Antragsbefugnis vorsehen, sofern damit der
bundesrechtliche Grundsatz der Planbeständigkeit nicht in Frage gestellt wird (vgl.
BGer 1C_40/2016 vom 5. Oktober 2016 E. 3.1). Die Frage, ob ein unbedingter
Anspruch des Grundeigentümers auf Überprüfung eines Sondernutzungsplanes nach
Ablauf des Planungshorizonts besteht, kann offenbleiben, weil vorliegend gemäss
kantonalem Recht ein solcher Anspruch besteht, was nach Art. 21 Abs. 2 RPG zulässig
ist (BGer 1C_543/2016 vom 13. Februar 2017 E. 2.3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf begründetes Begehren hin entschädigt – von CHF 160.15 (7,7 Prozent von
CHF 2'080) erscheint angemessen (Art. 19, Art. 22 Abs. 1 Ingress und lit. a und b,
Art. 28 und Art. 29 der Honorarordnung; sGS 963.75).