Decision ID: 73e9c35d-4b70-4068-944b-126aff04843c
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Drohung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung -
Einzelgericht, vom 12. Februar 2015 (GG140285)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich – Sihl vom 17. November 2014
(Urk. 32) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1
StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu
Fr. 80.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt.
4. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'800.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 1'000.00 Auslagen Untersuchung Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt."
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Prot. II S. 11)
1. Der Beschuldigte sei vollumfänglich vom Vorwurf der Drohung im Sin-
ne von Art. 180 Abs. 1 StGB freizusprechen.
- 3 -
2. Die Kosten des erst- und des zweitinstanzlichen Verfahrens seien voll-
umfänglich auf die Staatskasse zu nehmen.
3. Der Beschuldigte sei angemessen zu entschädigen, wobei sich die
Entschädigung und die ihm erwachsenen Anwaltskosten auf insgesamt
Fr. 3'250.– belaufen.
b) Der Vertreterin der Staatsanwaltschaft Zürich/Sihl:
(Urk. 53, schriftlich)
Verzicht auf Anschlussberufung und Bestätigung vorinstanzliches Urteil.
_

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksge-
richts Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 12. Februar 2015 liess der Be-
schuldigte durch seinen neu mandatierten erbetenen Verteidiger mit Eingabe vom
23. Februar 2015 rechtzeitig Berufung anmelden (Urk. 42; Art. 399 Abs. 1 StPO).
Das begründete Urteil wurde dem Verteidiger am 29. April 2015 zugestellt
(Urk. 48/2). Mit Eingabe vom 19. Mai 2015 reichte dieser rechtzeitig die Beru-
fungserklärung im Sinne von Art. 399 Abs. 3 StPO ein, mit welcher das Urteil der
Vorinstanz vollumfänglich angefochten und ein Freispruch unter Kosten- und Ent-
schädigungsfolgen zulasten der Staatskasse beantragt wird (Urk. 50). Die Staats-
anwaltschaft verzichtete auf Anschlussberufung und beantragt die Bestätigung
des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 53). Die Privatklägerin liess sich nicht verneh-
men. Das Datenerfassungsblatt mit Beilagen zu den wirtschaftlichen Verhältnis-
- 4 -
sen des Beschuldigten ging bislang nicht ein (Urk. 79 f.). Beweisanträge wurden
von der Verteidigung zwar in der Berufungserklärung ausdrücklich vorbehalten
(Urk. 50 S. 2), an der Berufungsverhandlung vom 25. September 2015 jedoch
keine gestellt (Prot. II S. 10). Anlässlich der Berufungsverhandlung bezifferte die
Verteidigung die dem Beschuldigten zuzusprechende Entschädigungssumme auf
insgesamt Fr. 3'250.– (Prot. II S. 3).
II. Sachverhalt
1. Gemäss Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich - Sihl vom 17. No-
vember 2014 wird dem Beschuldigten vorgeworfen, er habe der Privatklägerin an
einem nicht mehr genau bestimmbaren Zeitpunkt im Januar 2014 (recte: 2013) an
ihrem Arbeitsort im Restaurant B._, ...strasse ..., ... Zürich, gedroht, sie solle
seine Mutter in Ruhe lassen, ansonsten sie von ihm "drankomme". Da-durch habe
er sie in Angst und Schrecken versetzt, was sich der Beschuldigte habe vorstellen
können und gewollt oder zumindest in Kauf genommen habe (Urk. 32 S. 2).
2. Der Beschuldigte hat konstant bestritten, der Privatklägerin gedroht zu
haben, jedoch von Beginn weg zusammengefasst eingeräumt, dass er sich ein-
mal ins Lokal begeben und der Privatklägerin in einem lauteren Ton gesagt habe,
dass es ihn nichts angehe, welche Probleme auf dem Vorplatz bestünden, er wol-
le einzig, dass seine Eltern in Ruhe gelassen würden. Dann habe er das Lokal
wieder verlassen. Die Privatklägerin habe geschockt auf ihn gewirkt, als er zu ihr
ins Lokal gekommen sei. An diesem Nachmittag sei er auf die Privatklägerin und
seine Eltern wütend gewesen (ND 5 Urk. 3 S. 1 f.; ND 1 Urk. 7/3 S. 2 ff.; ND 1
Urk. 7/7 S. 2 f.; Prot. I S. 9 ff.). An dieser Darstellung hat der Beschuldigte auch
anlässlich der Berufungsverhandlung vollumfänglich festgehalten (Prot. II S. 9 f.).
3. Da sich die Anklage und das vorinstanzliche Urteil lediglich auf die Aus-
sagen der Privatklägerin und des Zeugen C._ stützen und keine weiteren be-
lastenden, objektiven Beweismittel vorliegen, ist näher auf deren Aussagen ein-
zugehen und der Anklagesachverhalt aufgrund der Untersuchungsakten und der
- 5 -
vor Gericht vorgebrachten Argumente nach den allgemein gültigen Beweisregeln
zu prüfen.
3.1. In einem Strafprozess sind an den Beweis von Täterschaft und Schuld
hohe Anforderungen zu stellen. Gemäss der aus Art. 8 und 32 Abs. 1 BV flies-
senden und in Art. 6 Ziff. 2 EMRK sowie Art. 10 Abs. 3 StPO verankerten Maxime
„in dubio pro reo“ ist bis zum gesetzlichen Nachweis ihrer Schuld zu vermuten,
dass die einer strafbaren Handlung beschuldigte Person unschuldig ist (Art. 10
Abs. 1 StPO; BGE 127 I 38 ff., 40; BGE 120 Ia 31 ff., 35 f.). Als Beweiswürdi-
gungsregel besagt die Maxime, dass sich der Strafrichter nicht von der Existenz
eines für die beschuldigte Person ungünstigen Sachverhaltes überzeugt erklären
darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt
so verwirklicht hat. Die Überzeugung des Richters muss auf einem verstandes-
gemäss einleuchtenden Schluss beruhen und für den unbefangenen Beobachter
nachvollziehbar sein (SCHMID, Handbuch des schweizerischen Strafprozess-
rechts, 2. Auflage, Zürich/St. Gallen 2013, N 233 ff.). Die Beweiswürdigungsregel
ist verletzt, wenn der Strafrichter an der Schuld der beschuldigten Person hätte
zweifeln müssen (BGE 127 I 38 ff., 41; BGE 124 IV 86 ff., 87 f.). Wenn erhebliche
oder nicht zu unterdrückende Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so abge-
spielt hat, wie er eingeklagt ist, so ist die beschuldigte Person nach dem Grund-
satz „in dubio pro reo“ freizusprechen (z.B. SCHMID, a.a.O., N 235, m.w.H.). So-
weit ein direkter Beweis nicht möglich ist, ist der Nachweis der Tat mit Indizien zu
führen, wobei die Gesamtheit der einzelnen Indizien, deren „Mosaik“ (ARZT, In
dubio contra, ZStrR 115 [1997] 197) zu würdigen ist (vgl. dazu auch Pra 2004
Nr. 51 S. 257 Ziff. 1.4; Pra 2002 Nr. 180 S. 962 f. Ziff. 3.4.). Ein Schuldspruch darf
demnach nur dann erfolgen, wenn die Schuld der beschuldigten Person mit hin-
reichender Sicherheit erwiesen ist, d.h. Beweise dafür vorliegen, dass die be-
schuldigte Person mit ihrem Verhalten objektiv und subjektiv den ihr zur Last ge-
legten Straftatbestand verwirklicht hat. Dabei kann nicht verlangt werden, dass die
Tatschuld gleichsam mathematisch sicher und unter allen Aspekten unwiderleg-
bar feststehe (SCHMID, a.a.O., N 227). Es muss genügen, wenn vernünftige Zwei-
fel an der Schuld der beschuldigten Person ausgeschlossen werden können. Auf-
gabe des Richters ist es, seinem Gewissen verpflichtet, in objektiver Würdigung
- 6 -
des gesamten Beweisergebnisses, zu prüfen, ob er von einem bestimmten Sach-
verhalt überzeugt ist und an sich mögliche Zweifel an dessen Richtigkeit zu über-
winden vermag (Art. 10 Abs. 2 StPO; ZR 72 [1973] Nr. 80; Pra 2004 Nr. 51 S. 257
Ziff. 1.4.; BGE 124 IV 86 ff., 88; BGE 120 Ia 31 ff., 36 f.). Es liegt in der Natur der
Sache, dass mit menschlichen Erkenntnismitteln keine absolute Sicherheit in der
Beweisführung erreicht werden kann; daher muss es genügen, dass das Beweis-
ergebnis über jeden vernünftigen Zweifel erhaben ist (vgl. Entscheid des Kassati-
onsgerichts des Kantons Zürich vom 26. Juni 2003 Nr. 2002/387S, E. 2.2.1,
m.w.H.). Bloss abstrakte oder theoretische Zweifel dürfen daher nicht massge-
bend sein, weil solche immer möglich sind (SCHMID, a.a.O, N 233 ff.). Es genügt
also, wenn vernünftige Zweifel an der Schuld ausgeschlossen werden können,
hingegen darf ein Schuldspruch nie auf blosser Wahrscheinlichkeit beruhen. Lässt
sich ein Sachverhalt nicht mit letzter Gewissheit feststellen, was schon im Wesen
menschlichen Erkenntnisvermögens liegt, so hindert dies den Richter nicht, sub-
jektiv mit Gewissheit davon überzeugt zu sein.
3.2. Stützt sich die Beweisführung auf die Aussagen von Beteiligten, so sind
diese frei zu würdigen (Art. 10 Abs. 2 StPO). Es ist anhand sämtlicher Umstände,
die sich aus dem gesamten Verfahren ergeben, zu untersuchen, welche Sachdar-
stellung überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt der Aus-
sagen ankommt, verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben erfolgen. Bei
der Würdigung von Aussagen darf nicht einfach auf die Persönlichkeit oder allge-
meine Glaubwürdigkeit von aussagenden Personen abgestellt werden. Massge-
bend ist vielmehr die Glaubhaftigkeit der konkreten, im Prozess relevanten Aus-
sagen. Diese sind einer kritischen Würdigung zu unterziehen, wobei auf das Vor-
handensein von sogenannten Realitätskriterien grosses Gewicht zu legen ist (vgl.
BENDER, Die häufigsten Fehler bei der Beurteilung von Zeugenaussagen, SJZ 81
[1985] S. 53 ff.; DITTMANN, Zur Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen, Plädoyer
2/97 S. 28 ff., 33 ff.; BENDER/NACK/TREUER, Tatsachenfeststellungen vor Gericht,
3. Aufl., München 2007, S. 68 ff., 72 ff.). Die wichtigsten Realitätskriterien sind
dabei die „innere Geschlossenheit“ und „Folgerichtigkeit in der Darstellung des
Geschehnisablaufes“; „konkrete und anschauliche Wiedergabe des Erlebnisses“
sowie die „Schilderung des Vorfalles in so charakteristischer Weise, wie sie nur
- 7 -
von demjenigen zu erwarten ist, der den Vorfall selber miterlebt hat“; „Kenntlich-
machung der psychischen Situation von Täter und Zeuge bzw. unter Mittätern“;
„Selbstbelastung oder unvorteilhafte Darstellung der eigenen Rolle“; „Entlas-
tungsbemerkungen zugunsten des Beschuldigten“, „Konstanz der Aussage bei
verschiedenen Befragungen, wobei sich aber sowohl Formulierungen als auch
Angaben über Nebenumstände verändern können“ (HAUSER, Der Zeugenbeweis
im Strafprozessrecht mit Berücksichtigung des Zivilprozesses, Zürich 1974,
S. 316). Andererseits sind auch allfällige Phantasie- oder Lügensignale zu be-
rücksichtigen. Als Indizien für falsche Aussagen gelten „Unstimmigkeiten oder
grobe Widersprüche in den eigenen Aussagen“, „Zurücknahme oder erhebliche
Abschwächungen in den ursprünglichen Anschuldigungen“, „Übersteigerungen in
den Beschuldigungen im Verlaufe von mehreren Einvernahmen“, „unklare, ver-
schwommene oder ausweichende Antworten“ sowie „gleichförmig, eingeübt und
stereotyp wirkende Aussagen“. Fehlen Realitätskriterien oder finden sich Lügen-
signale, so gilt dies als Indiz für eine Falschaussage.
3.3. Die Glaubwürdigkeit einer Person ergibt sich nebst ihrer prozessualen
Stellung vor allem auch aus den persönlichen Beziehungen und den Bindungen
zu den übrigen Prozessbeteiligten.
3.3.1 Zur allgemeinen Glaubwürdigkeit des Beschuldigten ist festzuhalten,
dass dieser ein legitimes Interesse am Ausgang des Strafprozesses hat, weshalb
er versucht sein könnte, die Geschehnisse in einem für ihn günstigen Licht darzu-
stellen. Daraus darf jedoch nicht bereits der generelle Schluss gezogen werden,
die Aussagen einer beschuldigten Person seien deshalb stets mit grosser oder
grösster Zurückhaltung zu würdigen. Dies liefe auf eine rechtsstaatlich unhaltbare
Benachteiligung der beschuldigten Person hinaus, indem zumindest der Anschein
oder Eindruck erweckt würde, man glaube ihr von vornherein weniger als etwa
einem Belastungszeugen. Die besondere Motivationslage ist dennoch insofern
von Belang, als die beschuldigte Person bei einzelnen Sachverhaltsbereichen ein
zusätzliches und offenkundiges Interesse haben kann, nicht die Wahrheit zu sa-
gen, was bei einem – unbeteiligten – Zeugen in der Regel nicht der Fall ist. Zu-
dem ist der Beschuldigte im Rahmen der Selbstbegünstigung grundsätzlich nicht
- 8 -
zur wahrheitsgemässen Aussage verpflichtet. Er darf vielmehr ungestraft lügen,
sofern er dadurch nicht andere unrechtmässig einer Straftat bezichtigt (HAUSER/
SCHWERI/HARTMANN, Schweizerisches Strafprozessrecht, 6. Auflage, Basel 2005,
N 13 ff. zu § 39).
3.3.2. Bei der generellen Glaubwürdigkeit der Privatklägerin ist in die Würdi-
gung miteinzubeziehen, dass sie finanzielle Ansprüche gegen den Beschuldigten
geltend machte, welche sie allerdings bis anhin noch nicht bezifferte (Urk. D1
14/3). Insofern dürfte sie auch ein gewisses wirtschaftliches Interesse am Aus-
gang des Verfahrens haben, welches ihre Glaubwürdigkeit beeinträchtigen könn-
te. Ferner steht die Privatklägerin praktisch seit Beginn ihrer Anstellung im Res-
taurant "B._" anfangs Januar 2013 in einem hässlichen Streit mit der Familie,
insbesondere den Eltern des Beschuldigten. Dieser Streit betrifft die Benutzung
des Vorplatzes des Restaurants "B._" angrenzend zum Vorplatz des Restau-
rants der Familie des Beschuldigten als Parkplatz. Im Verlauf dieser Differenzen
kam es zu ständigen Reibereien und den tätlichen Auseinandersetzungen vom
3. März 2013 zwischen den Angehörigen der Familie des Beschuldigten mit dem
Lebenspartner der Privatklägerin und mit Gästen des Restaurants "B._", als
die Privatklägerin nicht ungehindert von diesem Vorplatz wegfahren konnte (ND 5
Urk. 1 S. 4). Erst anlässlich ihrer polizeilichen Befragung vom 9. März 2013 zu
den Vorgängen vom 3. März 2013 erhob die Privatklägerin Anzeige und stellte
Strafantrag gegen den Beschuldigten wegen dieser verbalen Drohung im Januar
2013 (ND 1 Urk. 7/2 S. 2 f.; ND 5 Urk. 4 S. 3 f.). Daraus ist ersichtlich, dass die
Privatklägerin nach dem vom Beschuldigten eingeräumten Besuch im "B._"
im Januar 2013 nicht einfach blindlings zu einer Anzeige bei der Polizei schritt.
Erst als dieser Streit am 3. März 2013 unter der Beteiligung Dritter in eine tätliche
Auseinandersetzung ausuferte und gewaltsames Vorgehen manifest wurde, ent-
schied sie sich zur Anzeige gegen den Beschuldigten wegen Drohung. Bereits der
Vorderrichter erwog zu Recht, dass eine gewisse Beeinträchtigung der Glaubwür-
digkeit der Privatklägerin vorliegt, da die seit längerer Zeit andauernden Differen-
zen mit der Familie des Beschuldigten zu Ressentiments und eingeschränkter
Objektivität der Privatklägerin auch gegenüber dem Beschuldigten geführt haben
könnten (Urk. 49 S. 7), wie auch der Beschuldigte vor Vorinstanz sinngemäss gel-
- 9 -
tend machte (Prot. I S. 10). Ihre Aussagen sind daher mit einer gewissen Vorsicht
zu würdigen.
3.3.3. Was die generelle Glaubwürdigkeit von C._ (nicht zu verwech-
seln mit D._, Lebenspartner der Privatklägerin; ND 1 Urk. 8/1; ND 1 Urk. 6/1)
anbelangt, ist zunächst zu berücksichtigen, dass er die Privatklägerin bereits seit
ca. zwanzig Jahren aus diversen Bars kennt, wo diese gearbeitet hatte (ND 1
Urk. 8/5 S. 3). Eine nähere Beziehung oder Freundschaft bestand jedoch nicht.
Zeuge C._ hat sich auch nicht aufgedrängt, sondern bei der Polizei zunächst
einzig wenige Fragen schriftlich beantwortet. Er hat kein Interesse am Ausgang
des Verfahrens und war an den Streitereien mit der Familie des Beschuldigten
auch am 3. März 2013 nicht beteiligt (ND 1 Urk. 8/5 S. 3). Den Beschuldigten
kannte er nicht (ND 1 Urk. 6/2, Antwort auf Frage 7; ND 1 Urk. 8/5 S. 2). Bei
C._ handelt es sich somit um einen unbeteiligten, unabhängigen Zeugen mit
uneingeschränkter Glaubwürdigkeit.
3.4. Die Aussagen der drei Beteiligten wurden im angefochtenen Urteil kor-
rekt wiedergegeben; es kann vorab darauf verwiesen werden (Urk. 49 S. 7 ff.;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.4.1. Die Privatklägerin legte – mit der Vorinstanz – die Hintergründe der
Streitereien mit der Familie des Beschuldigten plausibel dar. Soweit ihre Aussa-
gen den Tatablauf betreffen, blieben sie auch konstant. Gleichbleibend schilderte
sie ferner, wie der Beschuldigte die Bar "B._" betrat und anschliessend die
Drohung aussprach. Hierzu ist jedoch relativierend festzuhalten, dass es sich
beim Kerngeschehen um eine rein verbale Auseinandersetzung handelt, welche
innert kurzer Zeit an ein und demselben Ort stattgefunden haben soll. Die Anfor-
derungen an die Beschreibung eines solchen Vorfalls auch ohne realen Erleb-
nishintergrund sind daher nicht besonders hoch. Entgegen der Vorinstanz (Urk.
49 S. 9) sind ferner gewichtige Ungereimtheiten in den Aussagen der Privatkläge-
rin zu finden, welche diese gesamthaft als unglaubhaft erscheinen lassen. So gab
sie zum einen den konkreten Wortlaut der Drohung, also den Kern ihrer Anschul-
digung, nicht konsequent gleich wieder. Zum anderen geht aus ihren Aussagen
nicht klar hervor, was und wer sie in Angst und Schrecken versetzte. Schliesslich
- 10 -
lässt sich das Zuwarten bis zur Erstattung eines Strafantrages mit ihren übrigen
Angaben nicht ganz in Einklang bringen.
3.4.1.1. Bezüglich des Wortlautes der behaupteten Drohung soll der Be-
schuldigte gemäss ihrer bei der Polizei deponierten Aussagen konkret folgendes
zu ihr gesagt haben: "Pass uuf, süsch chunsch drah von mir." Sie solle seine Mut-
ter in Ruhe lassen (Urk. D2/5 Nr. 11). Gemäss ihren Aussagen gegenüber der
Staatsanwaltschaft soll dann aber die Drohung folgenden Inhalt gehabt haben:
"Wenn du mine alte Eltere no öpis seisch, wirsch es du mit mir z'tue ha". Die Vor-
instanz führte hierzu aus, dass zwar keine wörtliche Übereinstimmung vorliege,
die beiden Aussagen aber im Kern kohärent seien. Sie würden sinngemäss das
Gleiche bedeuten (Urk. 49 S. 9). Dem kann nicht beigepflichtet werden. Die erste
Aussage enthält klar eine Warnung ("Pass uuf, süsch..."). Zusammen mit dem
umgangssprachlichen Ausdruck "chunsch dra vo mir" könnte sie allenfalls noch
als in Aussichtstellen zumindest einer Tätlichkeit gedeutet werden. Inwiefern al-
lerdings der Ausdruck "chunsch äs mit mir z'tue ha über" ein schweres Übel in
Aussicht stellen soll, ist nicht ersichtlich, jedenfalls kann daraus ein explizites An-
drohen eines schweren Nachteils nicht abgeleitet werden. Somit lässt sich ge-
stützt auf die Aussagen der Privatklägerin nicht rechtsgenügend eruieren, wel-
ches Übel ihr angedroht worden und wie schwer dieses Übel gewesen sein soll.
3.4.1.2. Bezüglich der Wirkung der Drohung allein vermag die Privatklägerin
ebenfalls keine klaren Antworten zu geben. Zwar bejaht sie die Frage der Staats-
anwältin, ob sie durch die Worte des Beschuldigten in Angst versetzt worden sei,
und fügt an, dass sie froh gewesen sei, nicht alleine in der Bar gewesen zu sein.
Jedoch ergänzt sie diese Ausführungen gleich anschliessend mit den Worten: "Mit
der Zeit wird man ja schon etwas paranoid". Damit schwächt sie aber die Drohung
bzw. deren Wirkung gleich wieder ab, bedeutet doch paranoid nichts anderes als
wahnhaft, also nicht der Wirklichkeit entsprechend. Darüber hinaus vermischt sie
ihre Ausführungen diesbezüglich auffallend oft mit ihren Empfindungen nach dem
Vorfall anfangs März, so dass es kaum möglich ist, zweifelsfrei festzustellen, wel-
che der beiden Ereignisse die Angst wirklich ausgelöst hat bzw. vor wem (dem
Beschuldigten oder dessen Bruder) sie Angst hatte (so auch die Verteidigung,
- 11 -
Prot. II S. 18 ff.). In der polizeilichen Befragung führt sie nämlich aus, dass sie je-
den Tag wegen dieser Familie Angst haben müsse (Urk. D2/4 Nr. 8). Weiter er-
gänzt sie, dass beide Söhne derart aggressiv seien, wobei sie das beim Älteren
für geradezu krankhaft halte. Von diesem sei sie schon bedroht worden
(Urk. D2/4 Nr. 10). Auf die konkrete Frage, ob die Privatklägerin sich vorstellen
könne, dass jemand von dieser Familie ihr etwas antun würde und was sie sich
dabei vorstellen könne, spricht sie dann eben gerade nicht vom Beschuldigten,
welcher sie durch seine Drohung in Angst und Schrecken versetzt haben soll,
sondern vom älteren Sohn. Dieser mache ihr "grausam schiss", das sei doch nicht
normal, "... ja dass ich nachts, ... ja, nicht gerade umbringen, ... aber dass ich
geschlagen werde." Ihre Antwort zu dieser Frage schliesst sie dann mit den Wor-
ten ab: "Ich war am Sonntag schockiert, wie die rein gekommen sind", und sprach
damit vom Vorfall am 3. März 2013 (Urk. D2/4 Nr. 14). Diese Aussagen sind un-
klar und lassen vermuten, dass die Privatklägerin selber nicht abstrahieren kann,
welches der beiden Ereignisse ihr tatsächlich Angst eingeflösst hat. Dieser Ein-
druck verstärkt sich bei Berücksichtigung ihrer Antworten auf konkrete Fragen be-
züglich der durch die Drohung ausgelösten Angst. Auf die Frage der Staatsanwäl-
tin, wie sich die Angst geäussert habe, gibt sie beispielsweise wieder, was die
Gäste ihr nach der geäusserten Drohung geraten hätten, anstatt ihre eigenen
Empfindungen zu beschreiben. Auf Wiederholung der Frage führt sie dann aus,
dass es bis zum Vorfall vom 3. März immer weitergegangen und sie täglich schi-
kaniert worden sei. Man könne ja nie wissen, wie sie (gemeint die Familie
A._) reagieren würden. Sie habe ein komisches Gefühl – also nicht unbe-
dingt Angst – gehabt. Die Familie A._ sei ja bekannt für Parkplatzprobleme.
Explizit ergänzte sie, dass dies auf den Beschuldigten nicht zutreffe (Urk. D1/7/2
S. 4). Dieses ausweichende Aussageverhalten spricht sogar eher dafür, dass die
Ursache für ihre Angst v.a. auf den Vorfall vom 3. März 2013, an welchem der
Beschuldigte vorgängig aber nicht direkt involviert war, zurückzuführen ist. Somit
bleibt unklar, ob der Privatklägerin allein die behauptete Drohung oder der Vorfall
vom 3. März 2013 bzw. erst die kumulierte Wirkung beider Vorfälle Angst machte.
3.4.1.3. Schliesslich erscheint es in Anbetracht der geltend gemachten
Angstzustände nicht plausibel, dass die Privatklägerin nicht sofort eine Strafan-
- 12 -
zeige erstattete, sondern zuwartete, bis es zum zweiten Vorfall kam. Ebenso we-
nig ist nachvollziehbar, dass die – durch die Drohung des Beschuldigten schwer
verängstigte – Privatklägerin ihr Auto anfangs März während dreier Tage auf dem
besagten Vorplatz parkierte, obwohl sie davon ausgehen musste, dass es zu
Schwierigkeiten mit den Eltern des Beschuldigten kommen würde, was sie ge-
mäss Drohung des Beschuldigten gerade vermeiden sollte. Wäre sie dermassen
in einen Angstzustand geraten, hätte sie sich wohl nicht getraut, ihr Auto während
mehrerer Tage dort stehen zu lassen.
3.4.1.4. Die Aussagen der Privatklägerin erweisen sich damit weder für die
Erstellung des klaren Wortlautes der geltend gemachten Drohung noch für die Er-
stellung der dadurch bewirkten Angst als zuverlässig. Insbesondere vermögen sie
die erheblichen Vorbehalte hinsichtlich ihrer generellen Glaubwürdigkeit nicht
auszugleichen. Es kann mithin nicht mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen
werden, dass die Privatklägerin den Sachverhalt zumindest übertrieben darstellte
und sich der Beschuldigte anders als in der Anklage beschrieben äusserte, z.B.
der Privatklägerin lediglich laut und bestimmt zu verstehen gab, dass sie seine El-
tern in Ruhe lassen solle.
3.4.2. Nachdem die Aussagen der Privatklägerin als wenig verlässlich er-
scheinen, kommt den Aussagen des unbeteiligten Zeugen C._, welcher zum
Tatzeitpunkt zufällig gerade als Gast am Tatort war und sich bloss ca. zwei Meter
von der Privatklägerin entfernt aufhielt, eine gewichtige Bedeutung zu.
3.4.2.1. C._ wurde von der Polizei nicht formell befragt. Die polizeiliche
Sachbearbeiterin verschickte diesem stattdessen mit Brief vom 11. April 2013 ei-
nen Fragebogen, mit der Aufforderung, diesen als Auskunftsperson auszufüllen
und datiert sowie unterschrieben zurückzusenden. Rudimentär wurde er einzig
auf sein Aussageverweigerungsrecht als Auskunftsperson aufmerksam gemacht
(Urk. D5/5). Der ausgefüllte Fragebogen datiert vom 13. April 2013 (Urk. D1/6/2 =
ND1 Urk. 6/2). Zwar ist diese Vorgehensweise äusserst ungeschickt und würde
wohl, wenn es nur bei einer solchen Befragung geblieben wäre, zur Unverwert-
barkeit der darin festgehaltenen Aussagen führen. Jedoch wurde C._ anläss-
lich der ordnungsgemäss und unter Wahrung der Teilnahmerechte des Beschul-
- 13 -
digten durchgeführten Einvernahme vor Staatsanwaltschaft als Zeuge Gelegen-
heit gegeben, seine bisherigen Angaben zu wiederholen bzw. deren Wahrheit zu
bestätigen. Damit steht einer Verwertung der Aussagen grundsätzlich nichts ent-
gegen (BGE 141 IV 20 S. 28).
3.4.2.2. Inhaltlich vermögen die Aussagen von C._ mit der Verteidigung
(Prot. II S. 16 ff.) gesamthaft aber nicht zu überzeugen und erscheinen unglaub-
haft. Zum einen werden C._ im Fragebogen nämlich – wie der Verteidiger zu
Recht geltend macht – teilweise suggestive Fragen gestellt (Frage 2: "..., in Be-
zug auf die Drohung"; Frage 3: "...Wortlaut der Drohung?"; Frage 4: "Was hätte
die Drohung für Sie bedeutet?"). Zum anderen sind die Antworten von C._
auf die gestellten Fragen nicht in sich geschlossen, konstant und folgerichtig. Sie
ergeben teilweise keinen Sinn, beantworten die gestellte Frage nicht und sind
äusserst spärlich. So antwortet C._ auf die schriftlich gestellte Frage, was er
in der Bar in Bezug auf die Drohung habe beobachten können, zunächst damit,
dass eine Person aggressiv herein gekommen sei, herum geschrien und die
"Barmaid (E._)" bedroht habe. An diese Aussage knüpft er nun folgenden
verdächtigen Satz an: "Ich solle aufpassen sonst werde ich mit ihm zu tun be-
kommen." Obwohl er im Satz zuvor von der "Barmaid", welche bedroht worden
sei, spricht, verwendet er zur Wiedergabe des Drohungsinhalts die Ich-Form, was
grammatikalisch und inhaltlich keinen Sinn ergibt. Auf die Frage, wie der Wortlaut
der Drohung gewesen sei, antwortet er unstimmig: "laut und aggressiv". Auch
diese Frage muss C._ wohl falsch verstanden haben, hätte er doch hier den
Inhalt der Drohung angeben sollen, er aber nur den Tonfall beschreibt. Ferner
spricht er anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme sogar mithin von
Todesdrohungen, was zu seinen diesbezüglichen Angaben auf dem Fragebogen
kontrastiert und im Vergleich dazu einer unerklärlichen Übersteigerung gleich-
kommt. Schliesslich gibt er an, nicht mehr zu wissen, ob und was die Privatkläge-
rin nach der Drohung gesagt habe. Auf die Frage, ob er Angst gehabt habe, erwi-
dert er dann aber: "Ja, ich auch", was wiederum unpassend erscheint, zumal er
die Anschlussfrage, wie sich diese Angst geäussert habe, dann wieder nicht be-
antworten kann (D1 Urk. 8/5 S. 4).
- 14 -
3.4.2.3. Gestützt auf solche Aussagen kann dem Beschuldigten nicht ohne
Verbleib von begründeten Zweifeln nachgewiesen werden, dass er entgegen sei-
ner eigenen Deklarationen eine schwere Drohung gegenüber der Privatklägerin
ausgesprochen und diese damit in Angst und Schrecken versetzt hat.
3.4.3. Auch wenn mit der Vorinstanz die Aussagen des Beschuldigten auch
nicht vollends überzeugen (Urk. 49 S. 10; Art. 82 Abs. 4 StPO), kann aus dem
dargelegten Untersuchungsergebnis einzig geschlossen werden, dass der Be-
schuldigte im Januar 2013 in einer wütenden Stimmung in das "B._" ging
und die Privatklägerin dort laut aufforderte, seine Eltern in Ruhe zu lassen. Was
er allerdings konkret sagte und was allein diese Äusserung bei der Privatklägerin
bewirkte, ist nicht ohne Verbleib von vernünftigen Zweifeln erstellbar. Der Be-
schuldigte ist nach dem Grundsatz in dubio pro reo freizusprechen.
III. Kosten- und Entschädigungsfolge
1. Ausgangsgemäss sind die Kosten des vor- und des erstinstanzlichen
Verfahrens sowie diejenigen des Berufungsverfahrens auf die Gerichtskasse zu
nehmen (Art. 426 und 428 StPO).
2. Dem Beschuldigten ist eine angemessene Entschädigung für seine Auf-
wendungen für die angemessene Ausübung seiner Verfahrensrechte zuzuspre-
chen (Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO). Der Verteidiger, welchen der Beschuldigte erst
im Berufungsverfahren mandatierte (Urk. 42 f. und 45), machte einen Aufwand
von 10 Stunden, ohne Berufungsverhandlung, geltend. Inklusive Barauslagen
ergäbe dies einen Betrag von Fr. 2'750.– (Prot. II S. 22). Angesichts der leicht un-
terdurchschnittlichen Schwierigkeit des vorliegenden Falles erscheint dieser Auf-
wand gerade noch angemessen. Zusammen mit dem Aufwand für die Berufungs-
verhandlung beläuft sich der Aufwand der anwaltlichen Vertretung auf Fr. 3'200.–.
Als weitere zu entschädigende Aufwendungen verlangte der Beschuldigte einen
Betrag von Fr. 500.– für Lohnausfall (Art. 429 Abs. 2 lit. b und c StPO) und Zeit-
aufwand. Diese Positionen wurden jedoch nicht näher substantiiert (Prot. II S. 22).
Diesbezüglich ist damit keine Entschädigung zuzusprechen.
- 15 -
Unter Berücksichtigung der Kosten der notwendigen Auslagen des Verteidi-
gers ist dem Beschuldigten eine Entschädigung von insgesamt Fr. 3'200.– aus
der Gerichtskasse zuzusprechen.