Decision ID: e09640c4-5f97-5fbe-841c-1ee90703aa91
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie und hinduistischen Glaubens – verliess seinen Heimatstaat gemäss
eigenen Angaben illegal am (...) und gelangte am 4. Dezember 2016 in die
Schweiz, wo er gleichentags beim Empfangs- und Verfahrens-
zentrum (EVZ) B._ um Asyl nachsuchte.
B.
B.a Die Vorinstanz befragte ihn am 9. Dezember 2016 zu seiner Person,
zum Reiseweg und summarisch zu den Asylgründen (Befragung zur
Person [BzP]). Am 11. Juli 2019 erfolgte die vertiefte Anhörung zu den
Asylgründen.
B.b Anlässlich seiner Befragungen machte der Beschwerdeführer zu
seiner Person geltend, er stamme aus C._ (Bezirk D._,
Distrikt E._, Nordprovinz), wo er bis zu seiner Ausreise mit seinen
Eltern, seinen drei Geschwistern sowie seinem Grossvater
mütterlicherseits gelebt habe. Er habe die Schule 2010 nach der elften
Klasse mit dem O-Level abgeschlossen und anschliessend ab 2011 als
Maurer respektive Hilfsarbeiter auf verschiedenen Baustellen gearbeitet.
Hinsichtlich seiner Asylgründe führte er im Wesentlichen aus, seine Onkel
mütterlicherseits seien vom Criminal Investigation Departement (CID)
gesucht worden, da diese die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)
unterstützt hätten. Weil sie zuletzt bei ihnen zu Hause registriert gewesen
seien, hätten sich Angehörige des CID infolgedessen ab Ende (...)
mehrmals bei seiner Familie nach deren aktuellen Aufenthaltsorten und
Telefonnummern erkundigt. An einem Vormittag (...) sei er ins Camp (...)
mitgenommen worden, wo er bis am Nachmittag festgehalten, befragt und
auch körperlich misshandelt worden sei. Noch am selben Abend seien
Anhänger des CID bei ihm zu Hause aufgetaucht und hätten ihn wieder
gesucht. Er sei daraufhin weggelaufen und habe sich knapp drei Monate
bei einem Bekannten seines Vaters und dessen Familie in F._
versteckt. Gegen (...) sei er nach G._ gebracht worden, von wo aus
er per Flugzeug in den H._ gelangt sei. Anschliessend sei er in die
I._ und von dort weiter nach J._ gereist. Gegen (...) sei er
per Schiff nach Italien und schliesslich mit dem Auto in die Schweiz
gekommen.
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B.c Zum Nachweis seiner Identität und zur Stützung seiner Vorbringen
legte der Beschwerdeführer im vorinstanzlichen Verfahren eine Kopie
seiner Geburtsurkunde mit englischer Übersetzung, eine Kopie eines auf
Englisch verfassten Schreibens der schweizerischen Botschaft in Sri
Lanka an seinen Onkel, K._, vom 20. Februar 2016, eine englische
Übersetzung einer von seiner Mutter vor einem Friedensrichter
abgegebenen eidesstaatlichen Erklärung (affidavit) vom 11. Juli 2017 sowie
eine Kopie eines Schreibens seiner Tante mütterlicherseits vom
15. Mai 2017 betreffend Bestätigung des Verschwindens seines Onkels,
L._, mit englischer Übersetzung als Beweismittel zu den Akten
(vgl. SEM-Akte A/23, BM 1-4; Beweismittelumschlag). Demgegenüber
reichte der Beschwerdeführer – trotz mehrfacher Aufforderungen – weder
Reise- noch Identitätspapiere ein.
C.
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2019 – eröffnet am 31. Oktober 2019 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug an.
D.
D.a Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
2. Dezember 2019 (Poststempel: 2. Dezember 2019) Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. In materieller Hinsicht beantragte er die
Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Gewährung von Asyl in der
Schweiz und eventualiter die Feststellung der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs sowie die Anordnung der vorläufigen Aufnahme. In
prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie der amtlichen Rechtsvertretung und um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ferner beantragte er die
Gewährung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde.
D.b Zum Beleg seiner Bedürftigkeit reichte er eine Unterstützungsbe-
stätigung datierend vom 11. November 2019 der (...), zu den Akten.
E.
E.a Mit Zwischenverfügung vom 6. Dezember 2019 teilte der Instruktions-
richter dem Beschwerdeführer mit, er dürfe den Ausgang des Verfahrens
einstweilen in der Schweiz abwarten. Zudem hiess er die Gesuche um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtliche Rechts-
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verbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und forderte den Beschwerdeführer auf, innert eingeräumter
Frist eine Rechtsvertretung zu bezeichnen und zu bevollmächtigen.
Gleichzeitig räumte er der Vorinstanz – ebenfalls innert angesetzter Frist –
die Möglichkeit zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
E.b Mit Schreiben vom 11. Dezember 2019 wurde das Gericht über die
Mandatsübernahme der rubrizierten Rechtsvertreterin informiert. Der Ein-
gabe war eine Vollmacht vom 7. November 2019 beigelegt.
E.c Mit Vernehmlassung vom 13. Dezember 2019 hielt das SEM an seiner
Verfügung vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
F.
F.a Das Bundesverwaltungsgericht setzte den Beschwerdeführer am
17. Dezember 2019 in Kenntnis hinsichtlich der Vernehmlassung und ge-
währte ihm Frist zur Einreichung einer Replik.
F.b Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers replizierte mit Eingabe
vom 18. Dezember 2019 und reichte einen Bericht zur allgemeinen Lage
in Sri Lanka sowie eine Kostennote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundes-
verwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Aus-
lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende
Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31];
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Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht
endgültig entscheidet.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/25 E. 5).
3.
Soweit in der Rechtsmitteleingabe die Feststellung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde beantragt wird, kann festgestellt werden, dass
dieser von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zukommt
(Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 55 Abs. 1 VwVG) und die Vorinstanz diese
vorliegend nicht entzogen hat.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen
grundsätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat
oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt
sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich
die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Mass-
nahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3
Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für
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gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesent-
lichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den
Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder
verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom
23. Februar 2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert], m.w.H.).
5.
5.1 Die Vorinstanz kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Asylvorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen
an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG stand.
5.1.1 Zur Begründung führte sie aus, die Aussagen des Beschwerde-
führers zu seinen Vorbringen würden zahlreiche Widersprüche enthalten.
So habe er in der BzP nur seinen Onkel K._ erwähnt. In der
Anhörung habe er demgegenüber gesagt, man habe alle vier Onkel
gesucht und er sei nach allen gefragt worden. Seine Erklärung dafür
anlässlich der Anhörung, wonach sich die erste Befragung hauptsächlich
auf K._ bezogen habe, entspreche nicht seinen vorhergehenden
Berichten über die Suchen und Befragungen und wirke deshalb wie eine
nachträgliche Schutzbehauptung. Er habe auch nicht erklären können,
warum er die anderen Onkel an der BzP überhaupt nicht erwähnt hatte.
Weiter habe er in der BzP ausgesagt, drei Personen in Zivil hätten ihn
mitgenommen. In der Anhörung habe er vier Leute erwähnt, und wieder
andere Stellen würden auf zwei Leute hindeuten. Seine Erklärung, er habe
in der BzP von vier Leuten gesprochen, widerspreche dem Protokoll, das
ihm rückübersetzt worden sei und dessen Richtigkeit er mit seiner Unter-
schrift bestätigt habe. In der BzP habe er sodann gesagt, bei seiner
Festnahme seien seine Eltern, seine ältere Schwester und seine Gross-
mutter mütterlicherseits zu Hause gewesen. In der Anhörung habe er nur
seine Mutter und seinen Grossvater mütterlicherseits erwähnt. Seine Be-
gründung dafür überzeuge nicht. Des Weiteren habe er in der BzP aus-
gesagt, anlässlich seiner Freilassung sei ihm mit Konsequenzen gedroht
worden, falls sich sein Onkel nicht finden liesse. In der Anhörung habe er
demgegenüber einzig gesagt, er habe ein Blatt Papier unterschreiben
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müssen, das er nicht habe lesen können. Auch dafür habe er keine über-
zeugende Erklärung abgeben können. In der BzP habe er überdies aus-
geführt, am Abend nach der Festnahme habe er Geräusche von einem
Fahrzeug gehört und sei dann weggerannt. Dagegen habe er in der Anhö-
rung dargelegt, es sei ein weisser Van angefahren gekommen und sein
Vater habe ihm dann gesagt, er solle rausgehen. Weiter habe er in der BzP
zu Protokoll gegeben, er sei zu einer Familie geflohen, habe dort über-
nachtet und sei am folgenden Tag nach F._ gegangen. In der
Anhörung habe er dann jedoch vorgebracht, er habe auf einem Feld
übernachtet und sei dann am Folgetag nach F._ gegangen. Auch
für diesen Widerspruch habe er keine überzeugende Erklärung abgegeben
können.
Die Beschreibungen des Beschwerdeführers zu den geltend gemachten
Ereignissen seien zudem weitgehend vage und unsubstantiiert geblieben.
So habe er seine Festnahme selbst auf explizite Aufforderung nur sehr
knapp beschrieben. Seine Schilderungen der geltend gemachten Miss-
handlungen seien ansatzweise ausführlicher, dagegen seien die Beschrei-
bungen der angeblichen Befragungen gänzlich undifferenzierter ausgefal-
len. Ferner bleibe völlig unklar, wie er am nächsten Tag die Person ge-
troffen haben soll, die ihn nach F._ gefahren habe. Ebenso seien
seine Beschreibung der Umstände seines Aufenthalts in F._ sehr
oberflächlich ausgefallen. Angesichts seiner Schilderungen sei nicht
vollständig auszuschliessen, dass er Misshandlungen erlebt habe; die
angeblichen Rahmenbedingungen und die weiteren Ereignisse könnten
ihm dagegen nicht geglaubt werden.
An dieser Einschätzung könnten auch die eingereichten Beweismittel
nichts ändern. Das Schreiben der Schweizerischen Botschaft in Sri Lanka
an seinen Onkel K._ habe keinen Bezug zu seiner Verfolgung; es
widerspreche zudem bezüglich der Datierung von 2015 seiner
Schilderung, wonach K._ seit 2012 in Katar leben würde. Das
Schreiben betreffend L._ habe ebenfalls keinen Bezug zu den von
ihm geltend gemachten Problemen. Das auf 11. Juli 2017 datierte
Schreiben zu seiner Familie und seinen Problemen sei – entgegen seinen
Angaben – von seiner Mutter und nicht von einem Friedensrichter verfasst,
sondern lediglich von einem solchen bestätigt worden. Es sei deshalb als
Gefälligkeitsschreiben einzustufen; zudem seien solche Dokumente leicht
fälschbar. Ausserdem widerspreche das Schreiben seinen Aussagen in
mehreren Punkten. Demnach habe seine Familie eine Weile im Vanni-
Gebiet gelebt, als er ein Kind gewesen sei; nach seinen Aussagen in der
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BzP habe er dagegen ab Geburt bis im (...) in D._ im Distrikt
E._ gelebt; auch in der Anhörung habe er keinen Aufenthalt im
Vanni-Gebiet erwähnt. Weiter stehe darin, die Behörden hätten ihn jeden
Monat und demnach mehrfach mitgenommen, festgehalten und
misshandelt; er habe hingegen nur ein solches Ereignis geltend gemacht.
Schliesslich stehe im Schreiben auch, dass sein Name auf einer Liste von
gesuchten Leuten stehe. Er habe jedoch nichts Entsprechendes geltend
gemacht.
5.1.2 In Bezug auf die begründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmass-
nahmen im Sinne von Art. 3 AsylG führte das SEM aus, der Beschwerde-
führer habe nicht glaubhaft gemacht, vor seiner Ausreise asylrelevanten
Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Vielmehr sei er bis
(...) in Sri Lanka wohnhaft gewesen, habe also nach Kriegsende noch
sieben Jahre lang in seinem Heimatstaat gelebt. Allfällige, im Zeitpunkt
seiner Ausreise bestehende Risikofaktoren hätten folglich kein Verfol-
gungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen vermocht.
Es sei aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich, weshalb er bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und
in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte. Demgemäss bestehe kein
begründeter Anlass zur Annahme, dass er bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt werden würde.
5.2
5.2.1 Der Beschwerdeführer wandte in seiner Rechtsmitteleingabe ein, die
Glaubhaftigkeit seiner Äusserungen sei – entgegen den Beanstandungen
der Vorinstanz – zu bejahen. Er könne die vom SEM beanstandeten Wider-
sprüche ohne Weiteres auflösen und erklären. Insoweit als die Vorinstanz
ihm vorwerfe, bei den Befragungen von verschiedenen Onkeln gesprochen
zu haben, weise er darauf hin, dass er schon in der BzP von Onkeln in
Mehrzahl gesprochen habe. Leider habe er das Protokoll nicht verstanden,
da er wegen der Reise und des Unfalls mit dem Schiff vor Italien noch nicht
sehr präsent gewesen sei. Zusätzlich sei er gebeten worden, sich kurz zu
fassen, weshalb er nur auf einen Onkel eingegangen sei. Auch der Wider-
spruch bezüglich der Anzahl Personen, die ihn verhaftet hätten, sei leicht
aufzulösen. Immer wenn die Leute vom CID zu ihnen gekommen seien,
seien sie zu viert unterwegs gewesen, wobei jeweils zwei bei ihnen und
zwei bei seiner Tante gegenüber gewesen seien. An jenem Tag, als sie ihn
mitgenommen hätten, seien die beiden schon bei der Tante gewesen und
seien ebenfalls zu ihnen gekommen. Also seien vier Personen da
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gewesen, als er mitgenommen worden sei. Einer sei jedoch nicht zurück
zum Camp gekommen, weshalb er schliesslich von drei Personen abge-
führt worden sei. Hinsichtlich der bei seiner Verhaftung anwesenden
Personen habe er angegeben, er habe bereits in der BzP zusätzlich noch
seinen Vater und seine Schwester erwähnt, die sich ebenfalls im Haus
aufgehalten hätten. Wirklich klar könne er sich aber nur noch an seine
Mutter erinnern, da diese ihn weinend vor den Anhängern des CID ver-
teidigt habe. Er wisse zwar noch, dass sonst noch ein paar Leute zu Hause
gewesen seien, allerdings könne er sich nicht mehr daran erinnern, wer
genau. Bezüglich des von der Vorinstanz festgestellten Widerspruchs
hinsichtlich seiner Freilassung führte er aus, er habe bereits bei der BzP
gesagt, dass er nochmals befragt werden würde und ihm zusätzlich Kon-
sequenzen angedroht worden seien. Bei der Anhörung habe er nur vom
singhalesischen Schreiben gesprochen, das er habe unterschreiben
müssen. Wie er bereits anlässlich der Anhörung erklärt habe, habe er seine
ID dort lassen und einen Zettel mit singhalesischem Text unterschreiben
müssen. Deshalb sei klar gewesen, dass er nochmals verhört werden sollte.
Zum Grund seiner Flucht von zu Hause ergänzte er, sein Vater habe den
Van entdeckt. Er habe ihn gehört und gesehen, wie er gekommen sei,
woraufhin er ihn gewarnt habe. Natürlich habe auch er den Van gehört,
allerdings habe ihn sein Vater gewarnt, als dieser ihn gesehen habe. Er
habe das Haus also aufgrund der Warnung seines Vaters verlassen.
Betreffend die widersprüchlichen Aussagen in den Befragungen zur Über-
nachtung vor seiner Reise nach F._ machte er geltend, bei der BzP
noch durcheinander gewesen zu sein, weshalb er damals schon an die
Familie gedacht habe, bei der er danach drei Monate verbracht habe. Zu
dieser sei er allerdings erst am nächsten Tag gegangen. Er sei am Abend
seiner Flucht aus Angst aus dem Dorf zu den Feldern gelaufen. Er habe
gedacht, es sei leichter für ihn, sich dort zu verstecken. Da ihm die Hütte
bei den Feldern in den Sinn gekommen sei, habe er sich dorthin begeben
und dort geschlafen. Zu den Vorbringen der Vorinstanz, wonach nicht nach-
vollziehbar sei, wie er die Person getroffen habe, die ihn nach F._
gebracht habe, führte er aus, sein Vater habe gesehen, wie er in Richtung
der Felder davongelaufen sei. Da sie beide früher oft zusammen auf den
Feldern gewesen seien, hätten beide von dieser Hütte gewusst. Diese
Hütte sei denn auch die einzige mögliche Unterkunft gewesen, die er in
seinem damaligen Zustand habe erreichen können. Sein Vater habe dann
diesen Bekannten gefragt, ob er ihn dort abholen und bei sich verstecken
könne.
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Zur Ansicht der Vorinstanz, wonach seine Schilderungen vage und unsub-
stantiiert ausgefallen seien, führte der Beschwerdeführer aus, er habe auf-
grund der Folter unglaubliche Angst und Wut in sich gehabt. Seither ver-
suche er irgendwie weiterzuleben, ohne sich täglich mit diesen Sachen zu
beschäftigen. Da er teilweise Erinnerungen verdränge, falle es ihm schwer,
alles genau zu schildern. Hinsichtlich der von der Vorinstanz nicht nachvoll-
ziehbaren Rahmenbedingungen seiner Misshandlungen brachte er vor, er
sei verhaftet worden, weil ein Lager an Granaten und eine Kamikaze-Tiger-
Jacke in einem Brunnen in M._ gefunden worden seien. Nach
diesem Fund seien alle Personen mit LTTE-Vergangenheit in seinem Dorf
und der Umgebung nochmals genau untersucht sowie befragt worden.
Wegen seiner Onkel sei folglich seine Familie, und insbesondere er, in den
Fokus des CID geraten. Für solche Befragungen seien meist Männer mit-
genommen worden. In seinem Haushalt sei er die «erste mögliche Anlauf-
stelle» gewesen, da sein Grossvater mütterlicherseits zu alt und sein
jüngerer Bruder zu jung gewesen seien. Da sein Vater seit seiner letzten
Befragung und Folter 2008 kaum noch gehen könne, sei auch dieser nicht
in Frage gekommen. Da er an jenem Morgen zu Hause gewesen sei, sei
es nachvollziehbar, dass sie ihn mitgenommen und befragt hätten. Ausser-
dem seien seine drei Onkel bei ihnen registriert gewesen und weitere
Möglichkeiten, jemanden aus der näheren Verwandtschaft zu befragen,
habe es für den CID nicht gegeben.
Soweit die Vorinstanz in seinem Aufenthalt von 2009-2016 ein Zeichen
sehe, dass er in seinem Heimatstaat ohne Probleme leben könne, halte er
dagegen, dass er wohl erst wieder sicher in Sri Lanka leben könne, wenn
seine Onkel sich dem CID stellen würden. Bis dahin werde er im Fokus des
CID oder der Polizei stehen. Dieser Fakt werde durch den neu gewählten
Präsidenten Gotabaya Rajapaksa verstärkt.
Hinsichtlich seines Aufenthaltes im Vanni-Gebiet während der letzten drei
Monate vor seiner Ausreise hielt der Beschwerdeführer fest, er habe nach
seiner Befragung keine andere Wahl gehabt, als sein Zuhause zu ver-
lassen und sich beim Bekannten seines Vaters zu verstecken.
Die unterschiedlichen Angaben zum Ausreisedatum erklärte der Be-
schwerdeführer dadurch, dass er nicht mehr genau wisse, an welchem
Datum er tatsächlich ausgereist sei. Da er sich unter Druck gesetzt gefühlt
habe, habe er einfach ein Datum genannt.
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Schliesslich wies er nochmals daraufhin, dass er am Tag der Befragung
durch den CID harte Schläge auf den Kopf bekommen habe und zusätzlich
kurzzeitig ohnmächtig geworden sei, weshalb er sich nicht mehr so klar an
diesen Tag erinnern könne. Ausserdem wolle er diese Ereignisse ver-
gessen.
5.2.2 Zur Flüchtlingseigenschaft führte der Beschwerdeführer aus, er sei
kurz vor seiner Ausreise aufgrund seiner Onkel, die bei den LTTE gewesen
seien, verhört und gefoltert worden, womit er asylrelevante Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG erlebt habe. Selbst wenn seine Vorverfolgung
verneint werden würde, habe er im Zeitpunkt seiner Ausreise begründete
Furcht vor asylrelevanter Verfolgung gehabt. So habe er am eigenen
Körper erfahren, was es bedeute, gefoltert zu werden. Es sei für ihn klar,
dass er nach der ersten Befragung erneut befragt und mitgenommen
werden würde. Sie hätten seine ID behalten und ihn noch am selben Abend
wieder gesucht. In dieser Situation habe ein vernünftig denkender Mensch
Furcht vor künftigen Verfolgungshandlungen, womit die subjektive Seite
erfüllt sei. Da er mehrere Onkel habe, die für die LTTE aktiv gewesen seien,
stehe zudem ausser Frage, dass seine Furcht vor asylrelevanter Verfol-
gung auch objektiv begründet gewesen sei. Ausserdem sei er während
seiner Zeit in F._ mehrmals vom CID im Haus seiner Eltern gesucht
worden, weshalb davon ausgegangen werden müsse, dass seine Ge-
fährdung aktuell gewesen sei.
Darüber hinaus habe er bei einer allfälligen Rückkehr nach Sri Lanka
auch deshalb begründete Furcht asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt zu
werden, weil er als Tamile aus dem Norden bereits bei seiner Einreise
systematisch ins Visier der Sicherheitskräfte geraten würde. Mit der Fest-
stellung, dass er aus dem Distrikt E._ komme, bestünde schon ein
Anfangsverdacht, wonach er der LTTE nahestehe. Mit Verweis auf das
Urteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 führte er weiter aus, ohne
sri-lankischen Reisepass mit einem temporären Reisepass sei er als
Person mit einem durchlaufenden Asylverfahren identifizierbar und be-
fürchte infolgedessen, von der Einreisebehörde und dem CID einer Per-
sonenüberprüfung unterzogen und zur Identität, dem persönlichen Hinter-
grund und dem Reiseziel befragt zu werden. Er habe zudem dargelegt,
verwandtschaftliche Beziehungen zu ehemaligen LTTE-Mitgliedern zu
haben und in diesem Zusammenhang auch bereits inhaftiert und gefoltert
worden zu sein, wobei er Narben davongetragen habe. Somit erfülle er
zwei Risikofaktoren, die seine Befürchtungen, in Sri Lanka erneut verfolgt
zu werden, unterstreichen würden. Dies sei im Kontext des neu gewählten
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Präsidenten umso erschwerender, da dieser solchen Verdachtsmomenten
sicherlich noch aktiver nachgehen werde als sein Vorgänger.
5.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz grundsätzlich an den bis-
herigen Erwägungen und eingenommenen Standpunkten fest. Zu den
kürzlich erfolgten Präsidentschaftswahlen mit dem Sieg von Gotabaya
Rajapaksa hielt sie zusammengefasst fest, dass die Wahlen die im
Asylentscheid dargelegten Einschätzungen nicht umzustossen vermögen
würden, da kein begründeter Anlass zur Annahme bestehe, dass der
Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt sein werde. Voraussetzung für die Annahme
einer Verfolgungsgefahr aufgrund der Präsidentschaftswahlen vom
16. November 2019 sei ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Person
zu eben diesem Ereignis respektive dessen Folgen. Ein solcher sei vor-
liegend nicht geltend gemacht worden.
5.4 In der Replik wurde dargelegt, die Vorinstanz sei nicht im Detail auf die
Beschwerde eingegangen und beziehe sich ausschliesslich auf den Punkt
der Präsidentschaftswahlen. Der Beschwerdeführer wies deshalb erneut
darauf hin, aus der weiteren Beschwerde gehe hervor, weshalb er,
unabhängig von den Wahlen, nicht in seine Heimat zurückkehren könne.
Weiter sei sehr wohl zu erwarten, dass er asylrelevanter Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt werden würde. Hierbei wurde auf den beigelegten
Bericht zur aktuellen Situation in Sri Lanka verwiesen. Darüber hinaus hob
der Beschwerdeführer hervor, schon asylrelevante Verfolgung erlebt zu
haben. Die bereits manifestierte Befragung und Folter lasse erahnen, dass
die ihm drohende Verfolgung das erforderliche Mass an Intensität erreiche,
weswegen von einer Erfüllung der in Art. 3 AsylG aufgezählten Voraus-
setzungen auszugehen sei. Es sei zu erwarten, dass er auch künftiger Ver-
folgung ausgesetzt sein werde.
6.
6.1 Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffenden Erkenntnis
gelangt, dass die Verfolgungsvorbringen des Beschwerdeführers den
Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG nicht
genügen. Auf die betreffenden Ausführungen in der angefochtenen Ver-
fügung (vgl. auch oben E. 5.1) kann mit den nachfolgenden Ergänzungen
verwiesen werden.
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Seite 13
6.1.1 Vorab ist festzuhalten, dass bereits die Angaben des Beschwerde-
führers in den Befragungen im Zusammenhang mit dem Grund für die
geltend gemachte Reflexverfolgung durch den CID voneinander ab-
weichen. So machte er in der BzP geltend, sein Onkel (Singular) sei wegen
der angeblichen Unterstützung der LTTE vom CID gesucht worden
(vgl. SEM-Akte A/8, Ziffer 7.01), wohingegen er anlässlich der Anhörung
zu Protokoll gab, die Nachforschungen des CID hätten seine Onkel (Plural)
betroffen (vgl. SEM-Akte A/24, F 47, F 49 ff.). Auf Vorhalt anlässlich der
Anhörung konnte er diesen Widerspruch nicht auflösen (vgl. SEM-Akte
A/24, F 129), und auch die Erklärungsversuche in der Beschwerdeschrift
sind nicht stichhaltig. Die Argumentationslinie in der vorinstanzlichen Ver-
fügung bietet keinen Anlass zur rechtlichen Beanstandung, weshalb darauf
verwiesen werden kann. Damit ist der Glaubhaftigkeit der gesamten
Fluchtgeschichte bereits der Boden entzogen, handelt es sich doch bei der
Ursache, weshalb er vom CID festgenommen, befragt und misshandelt
wurde, um das zentrale Kernvorbringen des Beschwerdeführers.
Hinsichtlich des Vorbringens des Beschwerdeführers in der Rechtsmittel-
schrift, wonach er in der BzP gebeten worden sei, sich kurz zu fassen, ist
festzuhalten, dass die Asylsuchenden bei der BzP ihre Asylgründe grund-
sätzlich nicht bereits in aller Ausführlichkeit darlegen können und müssen.
Den im ersten Protokoll wiedergegebenen Aussagen kommt angesichts
des summarischen Charakters der Befragung für die Beurteilung der
Glaubhaftigkeit der Asylgründe nur beschränkter Beweiswert zu. Aussage-
widersprüche dürfen und müssen bei dieser Prüfung jedoch mitberück-
sichtigt werden, wenn klare Aussagen in der Erstbefragung in wesentlichen
Punkten der Asylbegründung von den späteren Aussagen diametral ab-
weichen oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, die später
als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht zumindest ansatzweise in
der Erstbefragung erwähnt werden. Vorliegend hat sich der Beschwerde-
führer in einem wesentlichen Punkt zu seiner Asylbegründung in Wider-
sprüche verstrickt, die er auch nicht durch die Ausführungen in der Be-
schwerdeeingabe plausibel aufklären oder ausräumen konnte.
Soweit der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang das Protokoll der
BzP beanstandet, ist festzuhalten, dass ihm die protokollierten Aussagen
rückübersetzt worden sind. Ausserdem hat er das Befragungsprotokoll
eigenhändig als wahrheitsgetreu und seinen Angaben entsprechend mit
seiner Unterschrift bestätigt, weshalb er auf seinen Angaben zu behaften
ist (vgl. SEM-Akte A/8, Seite 12). Folglich muss er sich auf seinen Angaben
in der BzP und den Widersprüchen in der Anhörung behaften lassen.
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Seite 14
6.1.2 Nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts erscheinen alsdann
die Begründungen des Beschwerdeführers unglaubhaft, weshalb er vom
CID wegen der angeblichen Unterstützung der LTTE durch seine Onkel
einer Reflexverfolgung ausgesetzt sein soll. Auf die Frage, weshalb er in
den Fokus des CID geraten sein soll, gab der Beschwerdeführer anlässlich
der BzP zunächst nur ausweichend Antwort. Als er in der Folge erneut
darauf angesprochen wurde, machte er geltend, in M._ sei Munition
gefunden worden, und da die Behörden seinen Onkel verdächtigt hatten,
der früher bei ihnen gelebt habe, hätten sie ihn bei ihnen gesucht
(vgl. SEM-Akte A/8, Ziffer 7.02). Dies bestätigte er in der Anhörung, als er
diesbezüglich ausführte, seine Onkel seien bei ihnen registriert gewesen,
und infolgedessen seien diese bei ihnen zu Hause gesucht worden
(vgl. SEM-Akte A/24, F 57 f., F 83 f.). In der Rechtsmittelschrift wurde
demgegenüber ausführlich dargelegt, weshalb der Beschwerdeführer
Ende (...) vom CID wegen der angeblichen Unterstützung der LTTE durch
seine Onkel einer Reflexverfolgung ausgesetzt worden sei. Demnach sei
in einem Brunnen in M._ ein Waffenlager sowie eine Kamikaze-
Tiger-Jacke gefunden worden. In der Folge seien alle Personen mit Ver-
bindungen zur LTTE in der Gegend befragt worden. Wegen seiner Onkel
sei dann seine Familie in den Fokus des CID geraten. Da meist Männer
zur Befragung mitgenommen worden seien und in seinem Haushalt
lediglich sein Grossvater, sein jüngerer Bruder sowie sein Vater, der wegen
der Folter 2008 kaum mehr habe gehen können, zur Auswahl gestanden
hätten, sei es naheliegend gewesen, dass man ihn befragt habe. Zudem
seien in seiner Verwandtschaft – abgesehen von einem Onkel sowie der
Ehefrau eines Onkels, die jedoch beide bereits befragt worden seien –
keine anderen Personen in Frage gekommen. Vor diesem Hintergrund sind
die Erklärungsversuche des Beschwerdeführers nicht überzeugend, denn
hätte der CID die angeblichen verwandtschaftlichen Verbindungen des
Beschwerdeführers mit LTTE-Anhängern tatsächlich als problematisch
erachtet, erscheint zweifelhaft, weshalb er sich erst nach dem Fund des
Waffenlagers und einer Kamikaze-Tiger-Jacke gegen Ende (...) für ihn
interessiert.
6.1.3 Des Weiteren bestätigen sich bei der Konsultation der Protokolle
namentlich die von der Vorinstanz festgestellten Widersprüche betreffend
die Anzahl der CID-Anhänger, die den Beschwerdeführer zur Befragung
mitgenommen haben sollen, und der bei der geltend gemachten Fest-
nahme anwesenden Familienmitglieder (vgl. SEM-Akte A/8, Ziffer 7.02
und A/24, F 62 ff.). Gleichermassen unvereinbar sind die Aussagen des
Beschwerdeführers anlässlich der BzP zu den vom CID angedrohten
D-6323/2019
Seite 15
Konsequenzen nach seiner Freilassung (vgl. SEM-Akte A/8, Ziffer 7.02) zu
denjenigen in der Anhörung (vgl. SEM-Akte A/24, F 92 ff.). Sodann schil-
derte der Beschwerdeführer auch das erneute Erscheinen der Anhänger
des CID nach der Befragung bei ihm zu Hause (vgl. SEM-Akte A/8,
Ziffer 7.02 und A/24, F 95) und die Übernachtung auf der Flucht (vgl. SEM-
Akte A78, Ziffer 7.02 und A/24, F 96 ff.) widersprüchlich und unklar. Hierzu
ist jeweils auf die entsprechenden vorinstanzlichen Ausführungen zu
verweisen, die weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht zu
beanstanden sind. Dem Anhörungsprotokoll kann entnommen werden,
dass der Beschwerdeführer auf die genannten Widersprüche ange-
sprochen worden ist, er diese jedoch nicht überzeugend aufzulösen ver-
mochte (vgl. SEM-Akte A/24, F 122 ff.). Die entsprechenden Ausführungen
in der Beschwerde führen ebenfalls zu keiner anderen Betrachtungsweise.
6.1.4 Weiter verwies das SEM in seinen Erwägungen zu Recht auf die
Substanzlosigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers, insbesondere
hinsichtlich der Festnahme und der Befragung durch den CID. Die Er-
klärung des Beschwerdeführers in seiner Rechtsmittelschrift, wonach er
versuche weiterzuleben, ohne sich täglich mit diesen Geschehnissen zu
beschäftigen, und er deshalb seine Erinnerungen verdränge, vermag nicht
zu überzeugen und ist als Schutzbehauptung zu werten.
Überdies ist der Auffassung des SEM zuzustimmen, wonach der Be-
schwerdeführer seinen angeblichen Aufenthalt in F._ – selbst auf
konkrete Nachfragen hin – nur vage und undetailliert zu schildern ver-
mochte (vgl. SEM-Akte A/24, F 102 ff.). So erstaunt insbesondere, dass er
keine näheren Angaben zur Familie machen konnte, bei der er sich wäh-
rend mehreren Monaten aufgehalten haben soll. Unwahrscheinlich er-
scheint auch, dass er das Haus über drei Monate nicht verlassen haben
soll. Insgesamt sind seine Vorbringen nicht plausibel und erwecken den
Eindruck, dass er das Geschilderte nicht selbst erlebt hatte.
6.1.5 Soweit der Beschwerdeführer in der Rechtsmitteleingabe vorbringt,
kleinere Unstimmigkeiten in seinen Aussagen würden von den harten
Schlägen auf den Kopf, die er anlässlich der Befragung durch den CID
erlitten habe, herrühren, ist auf seine Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG) zu
verweisen. Hätte ihn sein gesundheitlicher Zustand während der Be-
fragungen beeinträchtigt, wäre er gehalten gewesen, die Vorinstanz da-
rüber in Kenntnis zu setzten, was er jedoch unterlassen hatte. Insgesamt
gab es während den Befragungen jeweils keine Hinweise für eine gesund-
heitliche Beeinträchtigung, wonach es ihm nicht mehr möglich gewesen
D-6323/2019
Seite 16
wäre, schlüssige und in sich kohärente Aussagen zu machen. Namentlich
hat auch die zur Einhaltung einer korrekt durchgeführten Anhörung an-
wesende Hilfswerkvertretung (HWV) nichts Entsprechendes festgestellt.
Im Übrigen wurden weder im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens
noch auf Beschwerdeebene entsprechende ärztliche Eingaben beige-
bracht, die auf für das Asylverfahren relevante gesundheitliche Einschrän-
kungen des Beschwerdeführers hätten schliessen lassen.
6.1.6 Schliesslich ist auch hinsichtlich der vom Beschwerdeführer zur
Stützung seiner Vorbringen im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens
zu den Akten gereichten Beweismittel (Schreiben der schweizerischen
Botschaft in Sri Lanka vom 20. Februar 2016, eidesstaatliche Erklärung
seiner Mutter vom 11. Juli 2017 und Schreiben seiner Tante vom
15. Mai 2017) der Ansicht der Vorinstanz zu folgen, wonach diese nicht
geeignet sind, die vorgetragene Verfolgungssituation zu belegen oder
zumindest glaubhaft zu machen, sondern vielmehr weitere
Unstimmigkeiten generieren.
6.2 Zusammenfassend ist angesichts dieser zahlreichen Wiedersprüche
und Ungereimtheiten festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Sri Lanka bestehende
oder drohende asylrechtlich relevante Gefährdung glaubhaft zu machen,
welche die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG begründen und zur
Asylgewährung führen könnte.
7.
7.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in sein
Heimatland wegen seiner Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie oder aus
anderen Gründen mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile
im Sinne von Art. 3 AsylG drohen.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer
ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien
(vgl. dort E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risikos
von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es
sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen,
aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um die Teilnahme
D-6323/2019
Seite 17
an exilpolitischen regimekritischen Handlungen und um das Vorliegen
früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im
Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu
den LTTE (sogenannte stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O.,
E. 8.4.1–8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu
werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen
Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise
zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation für
Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut
sichtbaren Narben (sogenannte schwach risikobegründende Faktoren,
vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die
konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante
Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht,
dass insbesondere jene Rückkehrenden eine begründete Furcht vor
ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der
sri-lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den
tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Rajapaksa zum neuen
Präsidenten Sri Lankas gewählt (vgl. Neue Züricher Zeitung [NZZ]; In Sri
Lanka kehrt der Rajapaksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019;
<https://www.theguardian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-
candidate-rajapaksa-premadas-count-continues>, zuletzt abgerufen am
16. April 2020). Gotabaya Rajapaksa war unter seinem älteren Bruder,
dem ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015
an der Macht war, Verteidigungssekretär. Er wurde angeklagt, zahlreiche
Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivisten
begangen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechts-
verletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet
die Anschuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri
Lanka, 14.1.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident
seinen Bruder Mahinda zum Premierminister und band einen weiteren
Bruder, Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya,
Mahinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regierungs-
kabinett zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institutionen
(vgl. <https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-
presidents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-
state20191127174753/>, zuletzt abgerufen am 16. April 2020). Beobachter
und ethnische / religiöse Minderheiten befürchten insbesondere mehr
Repression und die vermehrte Überwachung von
Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen und
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Seite 18
Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen Personen
(vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt
Ängste bei Minderheiten, 21.11.2019). Anfang März 2020 löste Gotabaya
Rajapaksa das Parlament vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an
(vgl. NZZ, Sri Lankas Präsident löst das Parlament auf, 3.3.2020). Das
Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage
auszugehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt
sind beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil
des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri Lanka: Families of
"Disappeard" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt es zum heutigen
Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri
Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr aus-
gesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein
persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsidentschafts-
wahl vom 16. November 2019 respektive deren Folgen besteht.
7.3 Vorliegend sind keine der im vorgenannten Urteil skizzierten, stark
risikobegründenden Faktoren erkennbar. Die erwähnte kurzzeitige Fest-
nahme im Zusammenhang mit den LTTE-Verbindungen seiner Onkel
mütterlicherseits wurde als unglaubhaft erachtet. Weiter machte der Be-
schwerdeführer zu keinem Zeitpunkt geltend, persönlich Verbindungen zu
den LTTE oder politische Aktivitäten gehabt zu haben, aufgrund derer er
vor seiner Ausreise in das Visier der sri-lankischen Behörden geraten sein
könnte (vgl. SEM-Akte A/8, Ziffer 7.02 und A/24, F 49 f. und F 115). Aus
den Akten sind sodann keine exilpolitischen Tätigkeiten ersichtlich
(vgl. hierzu insbesondere SEM-Akte A/24, F 116). Dem Beschwerdeführer
ist es folglich weder bei der Anhörung noch zu einem späteren Zeitpunkt
gelungen, glaubhaft vorzubringen, dass ihm seitens der sri-lankischen
Behörden ein Aktivismus mit dem Ziel der Wiederbelebung des tamilischen
Separatismus zugeschrieben werden könnte. Im Übrigen wurde er keiner
Straftat angeklagt oder verurteilt und verfügt somit nicht über einen
Strafregistereintrag (vgl. SEM-Akte A/8, Ziffer 7.02). Des Weiteren kann er
alleine aus seiner tamilischen Ethnie, der Asylgesuchseinreichung in der
Schweiz und der nunmehr knapp vierjährigen Landesabwesenheit keine
Gefährdung ableiten. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer offenbar
nicht im Besitz eines sri-lankischen Reisepasses ist und von der Schweiz
aus nach Sri Lanka zurückkehren wird, führt nach konstanter Praxis für
sich allein gesehen nicht zur Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft.
D-6323/2019
Seite 19
Ebenso vermögen die politischen Veränderungen seit November 2019 und
der in diesem Zusammenhang eingereichte Bericht im vorliegenden Ver-
fahren zu keiner anderen Beurteilung zu führen.
7.4 Gesamthaft konnte der Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Verfolgungs-
risiko ausgesetzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte. Das SEM hat daher zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asyl-
gesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Aus-
länder und über die Integration [AIG; SR 142.20]).
9.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt
gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweis-
standard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie
sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls
wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2, m.w.H.).
10.
Die Vorinstanz führte hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung aus,
zufolge der Nichterfüllung der Flüchtlingseigenschaft des Beschwerde-
führers könne der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5
Abs. 1 AsylG und Art. 33 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) nicht angewandt werden.
Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lasse den
D-6323/2019
Seite 20
Wegweisungsvollzug nicht generell als unzulässig erscheinen. Weder aus
den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten würden sich
Anhaltspunkte dafür ergeben, dass ihm im Falle einer Rückkehr mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe
oder Behandlung drohe. Folglich erweise sich seine Rückkehr nach Sri
Lanka als zulässig. Weiter herrsche in Sri Lanka keine Situation von Krieg,
Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt, die Rückkehrende generell ge-
fährden würde. Der Beschwerdeführer stamme aus C._ und habe
dort bis kurz vor seiner Ausreise gelebt. Sein geltend gemachter Aufenthalt
in F._ im gleichnamigen Distrikt im Vanni-Gebiet für die letzten drei
Monate vor seiner Ausreise seien zudem nicht glaubhaft. Er habe den
grössten Teil seines Lebens im Distrikt E._ in der Nordprovinz
verbracht. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sei
der Wegweisungsvollzug in die Ost- und die Nordprovinz zumutbar, wenn
das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitsgründe bejaht werden könne,
was beim Beschwerdeführer der Fall sei. Der Vollzug der Wegweisung sei
sodann technisch möglich und praktisch durchführbar.
11.
11.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land ge-
zwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK.
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
11.1.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend
darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement
nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in
D-6323/2019
Seite 21
Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im
vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des
Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von
Art. 5 AsylG rechtmässig.
11.1.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127, m.w.H.). Zudem lassen weder die Zugehörigkeit
zur tamilischen Ethnie noch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri
Lanka den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzulässig
erscheinen (vgl. dazu BVGE 2011/24 E. 10.4 und das weiterhin ein-
schlägige Referenzurteil E-1866/2015 E. 12.2). Diese Einschätzung gilt
auch unter Berücksichtigung der jüngsten politischen Entwicklungen in Sri
Lanka. Schliesslich besteht im Hinblick auf die diplomatischen Unstimmig-
keiten zwischen der sri-lankischen und der schweizerischen Regierung
(nach der Entführung einer Angestellten der schweizerischen Botschaft in
Sri Lanka am 25. November 2019) kein konkreter Grund zur Annahme, die
allgemeine politische Entwicklung in Sri Lanka könnte sich zum heutigen
Zeitpunkt auf den Beschwerdeführer auswirken (vgl. beispielsweise Urteile
des BVGer D-1466/2020 vom 23. März 2020 E. 7.2.2 und E-5258/2019
vom 30. März 2020 E. 11.4).
11.1.3 Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf
eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem
europäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt be-
fasst (vgl. Urteil R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien vom 31. Mai 2011,
41178/08; T.N. gegen Dänemark vom 20. Januar 2011, 20594/08; P.K.
gegen Dänemark vom 20. Januar 2011, 54705/08; N.A. gegen Gross-
britannien vom 17. Juli 2008, 25904/07). Dabei unterstreicht der Gerichts-
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurück-
kehrenden Tamilinnen und Tamilen drohe eine unmenschliche Behand-
lung. Eine Risikoeinschätzung müsse im Einzelfall vorgenommen werden
D-6323/2019
Seite 22
(vgl. Urteil des EGMR R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013,
Nr. 10466/11; Rechtsprechung zuletzt bestätigt in J.G. gegen Polen vom
11. Juli 2017, Nr. 44114/14). Aus den Akten ergeben sich keine konkreten
Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten
hätte, die über einen so genannten „Background Check“ (Befragung und
Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden,
oder dass er persönlich gefährdet wäre.
11.1.4 Wie bereits erwogen, ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, dass er bei einer Rückkehr in
den Heimatstaat die Aufmerksamkeit der heimatlichen Behörden in einem
flüchtlingsrechtlich relevanten Mass auf sich ziehen wird. Es bestehen
somit entgegen dem in der Beschwerde vertretenen Standpunkt keine
Anhaltspunkte dafür, ihm drohe eine menschenrechtswidrige Behandlung.
Damit lassen vorliegend weder die allgemeine Menschenrechtssituation
noch individuelle Faktoren den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-
punkt als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung ist demnach
sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen
zulässig.
11.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat
aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete
Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die
vorläufige Aufnahme zu gewähren.
11.2.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt.
Nach einer eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri
Lanka ist das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass
der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz, aus welcher der Beschwerde-
führer stammt, zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumut-
barkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder
sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Ein-
kommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil des
BVGer E-1866/2015 E. 13.2 ff.). In einem weiteren als Referenzurteil publi-
zierten Entscheid erachtet das Bundesverwaltungsgericht auch den
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Seite 23
Wegweisungsvollzug ins „Vanni-Gebiet“ als zumutbar (vgl. Urteil des
BVGer D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5). Daran vermögen auch
die aktuellen Ereignisse in Sri Lanka nichts zu ändern (vgl. statt vieler Urteil
des BVGer E-1080/2020 vom 20. April 2020, m.w.H.).
11.2.2 Sodann sind keine individuellen Gründe ersichtlich, die gegen eine
Wegweisung sprechen würden. Der Beschwerdeführer stammt eigenen
Angaben zufolge aus D._ in der Nordprovinz. Der Vollzug dorthin
ist gemäss Rechtsprechung grundsätzlich zumutbar. Sodann schloss der
Beschwerdeführer seine Schulbildung im O-Level ab und er verfügt über
mehrjährige Berufserfahrung im Heimatland als Hilfsarbeiter (vgl. SEM-
Akte A/8, Ziffer 1.17.04 f. und A/24, F 39 und F 42 ff.). Eigenen Angaben
zufolge leben seine Eltern und Geschwister sowie weitere Verwandte in Sri
Lanka (vgl. SEM-Akte A/8, Ziffer 3.01 und A/24, F 17, F 25 ff., F 28 ff. und
F 33 ff.). Er verfügt damit in seiner Heimatregion E._ nicht nur über
ein tragfähiges familiäres und soziales Beziehungsnetz, sondern auch über
eine gesicherte Wohnsituation. Im Weiteren ist davon auszugehen, dass es
dem jungen und gemäss Aktenlage gesunden Beschwerdeführer zumutbar
sein sollte, nach seiner Rückkehr wieder eine Erwerbstätigkeit
aufzunehmen und dadurch seine Existenz zu sichern. Das Gericht
verkennt die schwierige Situation im Norden Sri Lankas nicht. Den
Angaben des Beschwerdeführers sind jedoch keine stichhaltigen Hinweise
zu entnehmen, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges
sprechen würden.
11.2.3 Nach dem Gesagten ergibt sich in Übereinstimmung mit den vor-
instanzlichen Erwägungen, dass nicht davon ausgegangen werden kann,
der Beschwerdeführer gerate bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in eine
existenzbedrohende, ihn konkret gefährdende Situation. Der Vollzug der
Wegweisung erweist sich somit auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
11.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
11.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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Seite 24
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzu-
weisen.
13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch das
mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit verfahrensleitender Verfügung vom
6. Dezember 2019 gutgeheissen wurde und nicht von einer veränderten
finanziellen Lage auszugehen ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
13.2 Ebenfalls mit Zwischenverfügung vom 6. Dezember 2019 wurde das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Verbeiständung (aArt. 110a
Abs. 1 VwVG) gutgeheissen. Die notwendigerweise erwachsenen Partei-
kosten sind deshalb bei diesem Verfahrensausgang durch das Bundesver-
waltungsgericht zu vergüten (vgl. aArt. 110a Abs. 1 AsylG und Art. 9–14
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nach
Praxis des Gerichts werden amtlich bestellte Rechtsvertreter ohne An-
waltspatent mit einem Stundensatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– entschädigt
(vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). In der von der rubrizierten Rechts-
vertreterin in der Beilage zur Replik eingereichten Kostennote wurde ein
zeitlicher Vertretungsaufwand von drei Stunden à Fr. 150.–, Übersetzungs-
kosten im Umfang von Fr. 80.– sowie Spesen (Porti) von Fr. 8.– ausge-
wiesen, was angemessen erscheint. Ihr ist demnach vom Bundesver-
waltungsgericht ein Honorar von Fr. 538.– (inkl. aller Auslagen) auszu-
richten. Dieses umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von
Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
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