Decision ID: c9728480-b8a9-4668-8989-062d42ca3aa8
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1966 geborene Beschwerdeführerin meldete sich am 2. April 2010 bei
der Beschwerdegegnerin zum Bezug von Leistungen der Eidgenössischen
Invalidenversicherung (IV) an. Diese tätigte verschiedene Abklärungen in
medizinischer, beruflicher und persönlicher Hinsicht und nahm Rückspra-
che mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD). Mit Verfügung vom
29. August 2012 sprach die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin
in Anwendung der gemischten Methode der Invaliditätsbemessung eine
vom 1. Januar 2011 bis 31. Januar 2012 befristete Dreiviertelsrente zu.
1.2.
Am 2. Juni 2016 meldete sich die Beschwerdeführerin erneut bei der Be-
schwerdegegnerin zum Leistungsbezug an. Diese tätigte verschiedene Ab-
klärungen in medizinischer, beruflicher und persönlicher Hinsicht und liess
die Beschwerdeführerin polydisziplinär (Allgemeine Innere Medizin, Psy-
chiatrie, Orthopädie) durch die Ärztliches Begutachtungsinstitut GmbH, Ba-
sel (ABI), begutachten. Gestützt auf das am 25. Januar 2019 erstellte Gut-
achten und den Bericht über die Abklärung der Leistungsfähigkeit im Haus-
haltsbereich an Ort und Stelle vom 7. Juni 2019 stellte die Beschwerdegeg-
nerin der Beschwerdeführerin mit Vorbescheid vom 12. September 2019
die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Aufgrund der dagegen
erhobenen Einwände holte die Beschwerdegegnerin weitere medizinische
Berichte ein, bevor sie mit Verfügung vom 5. Oktober 2021 im Sinne ihres
Vorbescheids entschied.
2.
2.1.
Am 2. November 2021 erhob die Beschwerdeführerin fristgerecht Be-
schwerde dagegen und beantragte Folgendes:
"Es sei die Verfügung vom 05.10.2021 aufzuheben und der Sachverhalt medizinisch näher abzuklären. Sodann sei über den Rentenanspruch  zu befinden.
– unter Entschädigungsfolge –"
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 24. November 2021 beantragte die Beschwerde-
gegnerin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 26. November 2021 wurde die
J., U., als berufliche Vorsorgeeinrichtung der Beschwerdeführerin im Ver-
fahren beigeladen.
- 3 -
2.4.
Mit Schreiben vom 2. Dezember 2021 machte die Beschwerdeführerin er-
gänzende Ausführungen zum Sachverhalt; dieses Schreiben wurde der Be-
schwerdegegnerin und der J. mit Verfügung vom 7. Dezember 2021 zur
Kenntnisnahme zugestellt.
2.5.
Mit Schreiben vom 6. Januar 2022 teilte die J. mit, sie könne die Verfügung
vom 7. Dezember 2021 nicht zuordnen. Da sich aufgrund der Akten ergab,
dass die Beschwerdeführerin bei ihrer letzten Arbeitsstelle mangels Erzie-
lens eines BVG-pflichtigen Einkommens nicht bei der J. versichert war,
wurde diese mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 11. Februar 2022
aus dem Verfahren entlassen.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Strittig und zu prüfen ist der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin.
2.
Vorliegend handelt es sich beim Rentenbegehren der Beschwerdeführerin
vom 2. Juni 2016 (Vernehmlassungsbeilage [VB] 51) um eine Neuanmel-
dung. Voraussetzung für einen Rentenanspruch ist daher insbesondere
auch, dass seit der Verfügung vom 29. August 2012 eine wesentliche Än-
derung in den tatsächlichen Verhältnissen eingetreten ist, die geeignet ist,
den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen
(vgl. BGE 134 V 131 E. 3 S. 132 f.; 133 V 108 E. 5 S. 110 ff.). Das grund-
sätzliche Vorliegen einer neuanmeldungsrechtlich relevanten Veränderung
des Gesundheitszustands ist – nach Lage der Akten zu Recht – unbestrit-
ten; diesbezügliche Weiterungen erübrigen sich daher (vgl. BGE 119 V 347
E. 1a S. 349 f. mit Hinweis auf BGE 110 V 48 E. 4a S. 53).
3.
3.1.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der angefochtenen Verfügung vom
5. Oktober 2021 (VB 177) in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen auf
das polydisziplinäre ABI-Gutachten vom 25. Januar 2019 (VB 112).
3.2.
Die Beschwerdeführerin wurde am 20. November 2018 durch
Prof. Dr. med. B., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, und die
Dres. med. C., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und D., Fach-
arzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsappa-
rates, begutachtet (VB 112.1 S. 2).
- 4 -
Die Gutachter stellten die folgenden Diagnosen mit Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit (VB 112.2 S. 4 f.):
"1. Chronische Handbeschwerden der dominanten rechten Seite (ICD-10 M79.64/Z98.8) (...)
2. Chronische Nacken-, Schulter- und Armbeschwerden der dominanten rechten Seite (ICD-10 M54.2/ M79.60) (...)
3. Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichtgradige Episode ICD-10 F33.0
4. Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) 5. Asthma bronchiale und COPD-Overlap-Syndrom (ACOS) (ICD-10
J45.9) (...)
6. Hochgradiger Verdacht auf Reizdarmsyndrom mit Diarrhoe (ICD-10 K58.0) (...)"
Die Gutachter hielten fest, es lasse sich aktuell kein klarer Hinweis für das
Vorliegen einer CRPS oder einer länger dauernden Schonung der rechten
Extremität nachweisen. Es bestehe eine Diskrepanz zwischen dem Aus-
mass der subjektiv geklagten Beschwerden und den objektivierbaren Be-
funden. Dasselbe gelte auch für die von der Explorandin beklagten chroni-
schen Nacken-, Schulter- und Armbeschwerden rechts, wobei sich aktuell
klinisch ein subakromiales Impingement und Bewegungseinschränkungen
oberhalb der Horizontalen unter Gegenspannung zeigen würden. Für die
Diskrepanz zwischen dem Ausmass der subjektiv geklagten Beschwerden
und den objektivierbaren Befunden sei eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung verantwortlich. Gleichzeitig könne aus psychiatrischer
Sicht eine gegenwärtig leichtgradige Episode einer rezidivierenden depres-
siven Störung diagnostiziert werden. Aus allgemeininternistischer Sicht
seien die von der Explorandin geklagten Bauchschmerzen am ehesten auf
ein Reizdarmsyndrom mit Diarrhoe zurückzuführen. Zudem bestehe bei
signifikanter reversibler Erhöhung der Atemwegswiderstände und fortge-
setztem Nikotinkonsum ein Asthma bronchiale und COPD Overlap Syn-
drom (VB 112.2 S. 6).
Die Gutachter attestierten eine volle Arbeitsunfähigkeit in der angestamm-
ten Tätigkeit sowie in anderen körperlich mittelschweren Tätigkeiten ab
dem 5. Januar 2016. In einer angepassten, körperlich sehr leichten Tätig-
keit unter Wechselbelastung, ohne Staub, Nässe oder Feuchtigkeitsexpo-
sition, ohne wiederholtes Heben und Tragen von Lasten über 5 kg und
ohne Einsatz der rechten oberen Extremität oberhalb des Brustniveaus be-
stehe seit Januar 2016 eine 70%ige Arbeits- und Leistungsfähigkeit
(VB 112.2 S. 6 f.).
- 5 -
4.
Der Versicherungsträger und das Gericht (vgl. Art. 61 lit. c in fine ATSG)
haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisre-
geln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die strei-
tigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1
S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Be-
richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergeb-
nissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken-
nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper-
tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).
5.
5.1.
Die Beschwerdeführerin wurde im Rahmen der polydisziplinären Begutach-
tung fachärztlich umfassend und in Kenntnis der Vorakten (VB 112.3) so-
wie unter Berücksichtigung der geklagten Beschwerden (VB 112.4 S. 2 ff.;
VB 112.5 S. 1 ff.; VB 112.6 S. 1 ff.) untersucht. Das Gutachten beruht auf
allseitigen Untersuchungen der beteiligten medizinischen Fachrichtungen
und bezieht die entsprechenden Teilgutachten mit ein (VB 112.2). Im Rah-
men der Begutachtung wurde zudem eine Laboruntersuchung durchge-
führt (VB 112.8). Die Beurteilung der medizinischen Situation sowie die
fachärztlichen Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar begründet
(VB 112.2; VB 112.4 S. 5 f.; VB 112.5 S. 5 f.; VB 112.6 S. 6 ff.). Das Gut-
achten wird den von der Rechtsprechung formulierten Anforderungen an
eine beweiskräftigte medizinische Stellungnahme demnach gerecht
(vgl. E. 4.), wovon auch RAD-Arzt Dr. med. E., Facharzt für Allgemeine In-
nere Medizin, in der versicherungsmedizinischen Stellungnahme vom
18. Februar 2019 ausging (VB 116 S. 3). Das Gutachten ist somit grund-
sätzlich geeignet, den Beweis für den anspruchserheblichen medizinischen
Sachverhalt zu erbringen.
5.2.
5.2.1.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, auf das ABI-Gutachten könne nicht
abgestellt werden. Das psychiatrische Teilgutachten sei ohne Kenntnis der
Vorakten erstellt worden, da kein Bericht bei der behandelnden Psychiate-
rin eingeholt worden sei. Die Diagnoseliste im Gutachten sei im Übrigen
- 6 -
nicht vollständig, da gemäss der behandelnden Psychiaterin die Kriterien
einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung erfüllt seien. Es sei
fraglich, ob "genügend exploriert worden sei", da bei traumatisierten Men-
schen ein explizites Nachfragen notwendig und die Dauer der Befragung
sehr kurz gewesen sei (Beschwerde, S. 3 f.).
5.2.2.
Die Beschwerdeführerin wurde am 20. November 2018 psychiatrisch be-
gutachtet (VB 112.2 S. 2), wobei die Untersuchung "zwischen 08.00 und
09.00 Uhr" stattfand (VB 112.5 S. 4). In den Akten, die zu diesem Zeitpunkt
vorgelegen hatten, finden sich die Berichte der Psychiatrischen Dienste K.
(PD K), Memory Clinic, vom 30. November 2017 (VB 102 S. 17 ff.) und vom
14. Dezember 2017 (VB 94) sowie ein Bericht von Dr. med. F. und med.
pract. G., beide Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 6. April
2018 (VB 96). Dr. med. F., bei dem die Beschwerdeführerin seit dem 8. Mai
2017 in Behandlung war, diagnostizierte unter anderem eine somatische
Belastungsstörung bei Morbus Sudeck (CRPS), eine multifaktoriell be-
dingte kognitive Störung, eine posttraumatische Belastungsstörung, eine
Persönlichkeitsakzentuierung mit ängstlich-unsicheren und abhängigen
Zügen und ein komplexes therapieresistentes rezidivierendes Schmerz-
syndrom in der rechten Hand und Schulter (CRPS Typ I / Rezidiv eines
Morbus Sudeck; VB 96 S. 1). Diese Berichte waren dem psychiatrischen
Gutachter bekannt. Sie wurden einerseits im Aktenzusammenzug aufge-
führt (vgl. VB 112.3 S. 2; S. 5 ff.) und andererseits nahm der psychiatrische
Gutachter im Rahmen der "Diskussion zu den Akten" Stellung zum Bericht
von Dr. med. F. und med. pract. G. (vgl. VB 112.5 S. 6).
5.2.3.
Kurz vor der Begutachtung im ABI hatte die Beschwerdeführerin den psy-
chiatrischen Behandler gewechselt; seit dem 3. September 2018 befindet
sie sich bei der Psychologin H. und Dr. med. I., Fachärztin für Psychiatrie
und Psychotherapie, in Behandlung (VB 145 S. 1). In deren von der Be-
schwerdegegnerin erst nach der Begutachtung eingeholten Bericht vom
6. April 2020 wurden die Diagnosen einer rezidivierenden depressiven Stö-
rung, gegenwärtig remittiert, einer komplexen posttraumatischen Belas-
tungsstörung, einer selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung und einer dis-
soziativen Bewegungsstörung gestellt. Es wurde festgehalten, den Be-
handlerinnen sei bewusst, dass es eine grosse Schnittmenge zwischen der
selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung, der komplexen posttraumati-
schen Belastungsstörung und der dissoziativen Bewegungsstörung gebe.
Aufgrund der Komplexität könnten die vorhandenen Symptome jedoch
nicht eindeutig einer Diagnose zugeordnet werden (VB 145 S. 5).
Soweit die versicherte Person dem Gutachten die abweichenden Beurtei-
lungen behandelnder Ärzte gegenüberstellen lässt, trifft es zwar grundsätz-
lich zu, dass die einen längeren Zeitraum abdeckende und umfassende
- 7 -
Betreuung durch einen behandelnden Arzt oft wertvolle Erkenntnisse zu
erbringen vermag. Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des
therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und Begutachtungsauftrag
des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten andererseits
(BGE 124 I 170 E. 4 S. 175) lässt es aber nicht zu, ein Administrativ- oder
Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Ab-
klärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden
Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine
abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige
Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder un-
gewürdigt geblieben sind (vgl. statt vieler: SVR 2008 IV Nr. 15 S. 43,
I 514/06 E. 2.1.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_425/2019 vom 10. Sep-
tember 2019 E. 3.4 mit Hinweisen).
Die von der Psychologin H. und Dr. med. I. gestellte Diagnose einer post-
traumatischen Belastungsstörung findet sich bereits als Verdachtsdiag-
nose in den Berichten der PD K (vgl. VB 102 S. 18; VB 94 S. 3) und als
Diagnose im Bericht von Dr. med. F. (VB 96 S. 1). Dem psychiatrischen
Gutachter war somit bekannt, dass die behandelnden Psychiater von die-
ser Diagnose ausgingen; im Weiteren waren ihm aus den Akten und der
Anamnese auch die Ereignisse bekannt, die gemäss der Psychologin H.
und Dr. med. I. Auslöser der PTBS waren (ständige verbale Abwertungen
durch die Mutter in der Kindheit, Bedrohung durch den Expartner mit einer
Waffe, Autounfall [VB 145 S. 5], vgl. VB 112.5 S. 2 f.). Im Bericht der Psy-
chologin H. und von Dr. med. I. werden somit keine Aspekte genannt, die
im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind.
Im Hinblick darauf, dass von medizinischen Experten eine in Kenntnis der
Aktenlage gebildete eigenständige Beurteilung erwartet wird, wozu es kei-
ner ausdrücklichen Stellungnahme zu jeder einzelnen abweichenden Mei-
nung bedarf (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_669/2008 vom 25. Feb-
ruar 2009 E. 3), ist somit nicht zu beanstanden, dass der psychiatrische
Gutachter, der durchaus anerkannte, dass die Beschwerdeführerin "ver-
schiedene[ ] biographische[ ] Ereignisse noch nicht [habe] verarbeiten kön-
nen", hinsichtlich der fraglichen Störung lediglich festhielt, in der Anam-
neseerhebung und in den beklagten Befunden habe er keine Hinweise für
eine posttraumatische Belastungsstörung finden können (VB 112.5 S. 6).
Im Bericht vom 6. April 2020 wurde weiter eine selbstunsichere Persönlich-
keitsstörung diagnostiziert (vgl. VB 145 S. 5). Bereits im ABI-Gutachten fin-
den sich Ausführungen zur Persönlichkeit der Beschwerdeführerin. Der
psychiatrische Gutachter hielt allerdings fest, Hinweise für eine Persönlich-
keitsstörung lägen nicht vor (VB 112.5 S. 4). Er stellte jedoch die Diagnose
einer ängstlich-unsicheren Persönlichkeitsakzentuierung, die keine Auswir-
kungen auf die Arbeitsfähigkeit habe. Er begründete die Diagnose damit,
dass die biographische Entwicklung der Beschwerdeführerin durch Unsi-
cherheit und Ängstlichkeit mit geringem Selbstvertrauen geprägt sei
- 8 -
(VB 112.5 S. 5). Auch in diesem Zusammenhang ergeben sich aus dem
Bericht der Behandlerinnen vom 6. April 2020 keine Aspekte, die im Rah-
men der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind, womit
auf die Beurteilung im Gutachten abzustellen ist.
Die von der Psychologin H. und Dr. med. I. gestellte Diagnose einer disso-
ziativen Bewegungsstörung (VB 145 S. 5) wird im Bericht vom 6. April 2020
nicht begründet, so dass nicht weiter darauf einzugehen ist.
5.2.4.
Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, die Stellungnahme des
RAD-Arztes Dr. med. E. vom 6. Mai 2020 (VB 147) zum Bericht der Psy-
chologin H. und Dr. med. I. vom 6. April 2020 sei nicht beweistauglich, da
Dr. med. E. über keine Fachausbildung in Psychiatrie verfüge (vgl. Be-
schwerde, S. 4), ist festzuhalten, dass vorliegend vollumfänglich auf den
psychiatrischen Teil des Gutachtens abgestellt werden kann (vgl.
E. 5.2.1 ff.). Weiterungen zum Beweiswert der RAD-Stellungnahme vom
6. Mai 2020 erübrigen sich daher.
5.3.
5.3.1.
Die Beschwerdeführerin rügt weiter, das orthopädische Teilgutachten sei
in Bezug auf die CRPS-Diagnose nicht schlüssig. Sodann sei es seit der
Begutachtung zu einer Verschlechterung ihres somatischen Gesundheits-
zustandes gekommen (Beschwerde, S. 4 f.).
5.3.2.
Die behandelnden Ärzte diagnostizierten bei der Beschwerdeführerin ein
CRPS an der rechten dominanten Hand bei Status nach A2-Ringbandre-
konstruktion Dig I und Vorderarm-Faszienflap rechts am 5. Januar 2016
(vgl. statt vieler Bericht der Universitätsklinik L. vom 16. März 2018 in
VB 102 S. 9).
Dem orthopädischen Gutachter war diese Diagnose bekannt (vgl. Aktenzu-
sammenzug in VB 112.3 S. 5 f.; sowie die anamnestischen Angaben der
Beschwerdeführerin in VB 112.8 S. 1 f.). Im Rahmen der Beurteilung hielt
er fest, auffallend seien eine erheblich ausgeprägte Druckdolenz bezie-
hungsweise Berührungsempfindlichkeit an Ellbogen und Hand der rechten
Seite bei allerdings fehlenden Hinweisen für eine längerdauernde Scho-
nung dieser Extremität (VB 112.6 S. 8 f.). Es würden keine Schwellung an
Daumen und Handrücken samt Rötung bestehen (VB 112.6 S. 10, S. 5).
Entsprechend diagnostizierte der Gutachter chronische Handbeschwerden
bei Status nach diversen Eingriffen und hielt fest, es bestehe klinisch aktuell
kein klarer Hinweis für ein CRPS (VB 112.6 S. 6 f.). Die vom Gutachter er-
hobenen Befunde (Berührungsempfindlichkeit, keine Schwellung, praktisch
freie Beweglichkeit, vgl. VB 112.6 S. 5 und S. 8) decken sich im Übrigen
- 9 -
mit den nach der Begutachtung am 18. April 2019 in der Universitätskli-
nik L. erhobenen Befunden, wo von einem CRPS in partieller Remission
ausgegangen wurde (VB 123 S. 4 f.).
Nach der Rechtsprechung kommt es invalidenversicherungsrechtlich nicht
auf die (genaue) Diagnose an, sondern darauf, welche Auswirkungen eine
Krankheit auf die Arbeitsfähigkeit hat (Urteil des Bundesge-
richts 9C_216/2018 vom 7. September 2018 E. 3.6 mit Hinweis). So attes-
tierte der orthopädische Gutachter der Beschwerdeführerin – genauso wie
die behandelnden Ärzte (vgl. Berichte der Universitätsklinik L. vom 18. April
2019, VB 123 S. 5, und vom 6. Dezember 2017, VB 102 S. 16) – eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit (VB 112.6
S. 11). Im Rahmen der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in einer angepass-
ten Tätigkeit berücksichtigte der Gutachter die sich aus den Handbe-
schwerden ergebenden funktionellen Einschränkungen, indem er der Be-
schwerdeführerin aus orthopädischer Sicht eine 80%ige Arbeitsfähigkeit für
körperlich sehr leichte Verrichtungen unter Wechselbelastung attestierte,
wobei ein wiederholtes Heben und Tragen von Lasten über 5 kg ebenso
wie der Einsatz der rechten oberen Extremität oberhalb des Brustniveaus
vermieden werden sollte (VB 112.6 S. 11).
5.4.
5.4.1.
Im Zusammenhang mit der von der Beschwerdeführerin geltend gemach-
ten Verschlechterung ihres somatischen Gesundheitszustands ergibt sich
aus den Akten, dass sie nach der Begutachtung im ABI weiterhin in der
Universitätsklinik L. in Behandlung war.
5.4.2.
Im Bericht vom 15. Juli 2019 wurde bei der Beschwerdeführerin (unter an-
derem) die Diagnose einer Epicondylitis radialis Ellbogen links gestellt. Es
wurde festgehalten, klinisch imponiere ein klassischer sogenannter Tenni-
sellbogen links, wahrscheinlich aufgrund der Überbelastung bei vermehr-
tem Einsatz des linken Armes (VB 128). Diesbezüglich hielt RAD-Arzt
Dr. med. E. in der Stellungnahme vom 10. September 2019 fest, "der neu
aufgetretene "Tennisellbogen spreche in der Regel auf vorübergehende
Ruhigstellung sowie lokale Massnahmen (Infiltrationen) an und rechtfertige
gegebenenfalls eine vorübergehende, aber keine längerdauernde Beein-
trächtigung der Arbeitsfähigkeit (VB 131 S. 2). In der Folge wurde zwar die
Diagnose Epicondylitis radialis weiterhin in den Berichten der Universitäts-
klinik L. aufgeführt (ergänzt mit dem Hinweis auf eine Epicondylitis ulnaris),
Anamnese- oder Befunderhebungen dazu finden sich in den Akten aber
nicht mehr (vgl. Berichte vom 29. Januar 2020, VB 151 S. 9; vom 6. Mai
2020, VB 151 S. 6; vom 9. Juni 2020, VB 152 S. 3; und vom 24. August
- 10 -
2020, VB 158 S. 3). Damit ist diesbezüglich lediglich von einer vorüberge-
henden bzw. nicht erheblichen Beeinträchtigung des Gesundheitszustan-
des der Beschwerdeführerin auszugehen.
5.4.3.
Die Beschwerdeführerin verweist weiter auf ihre Schulterbeschwerden.
Diese bestehen seit mindestens dem Jahr 2016, wurde doch bereits im Be-
richt vom 8. April 2016 der Universitätsklinik L. die Diagnose "Chron. Schul-
terbeschwerden rechts bei Tendinitis calcarea Supra-/Infraspinatussehne"
gestellt (VB 54 S. 1). Der orthopädische Gutachter stellte entsprechend die
Diagnose von chronischen Nacken-, Schulter- und Armbeschwerden der
dominanten rechten Seite mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit, bei
"radiologisch Tendinopathie der Rotatorenmanschette, leichte Degenera-
tion des Akromioklavikulargelenkes, SLAP-Läsion, Tendinitis calcarea und
regelrechter Befund der HWS" (VB 112.6 S. 7). Der Gutachter berücksich-
tigte dann auch die sich aus den Schulterbeschwerden ergebenden Ein-
schränkungen bei der Formulierung des Belastungsprofils einer angepass-
ten Tätigkeit (vgl. VB 112.6 S. 11).
Am 7. Januar 2021 wurden an der rechten Schulter eine Schulterarthrosko-
pie, AC-Resektion, Bizepstenotomie und Bursektomie durchgeführt
(vgl. Operationsbericht in VB 167 S. 4 f.). Im Bericht zur Verlaufskontrolle
nach sechs Wochen wurde festgehalten, das CRPS sei wie erwartet post-
operativ exazerbiert. Diesbezüglich sei die Patientin unter Behandlung. Es
werde zudem noch Physiotherapie zur exzentrischen Beübung bzw. Deh-
nung der Ellbogenextensoren und -flexoren rezeptiert. Hinsichtlich der
rechten Schulter bestehe ein regelrechter Verlauf (VB 170 S. 2). Im Bericht
vom 31. Mai 2021 zur Verlaufskontrolle nach sechs Monaten wurde festge-
halten, es zeige sich noch eine etwas eingeschränkte glenohumerale Be-
weglichkeit. Erfreulicherweise sei es jedoch nicht zu einem Vollbild eines
CRPS gekommen. Die Physiotherapie und auch die Wassertherapie wür-
den forciert ausgebaut, um noch die Capsulitiskomponente weiter zu be-
handeln. Es sei von einem positiven Spontanverlauf auszugehen (VB 173
S. 3).
5.5.
Die medizinischen Berichte aus der Zeit nach der Begutachtung beziehen
sich somit auf bereits vorbestehende Gesundheitsbeschwerden, die im
Rahmen der Begutachtung berücksichtigt worden sind. Darauf wies auch
RAD-Arzt Dr. med. E. in der Stellungnahme vom 20. Juli 2021 hin, in der er
festhielt, sowohl im Schulter- wie auch im Handbereich gebe es eine lange
Vorgeschichte mit multiplen Interventionen, was sich fortgesetzt habe. Es
sei wiederum zu einer Infiltration im Daumensattelgelenk rechts bei progre-
dienter Rhizarthrose gekommen; zudem auch zu Degenerationen im Dau-
menendgelenk. Auch die Schulterproblematik rechts sei vorbestehend, es
sei zu einer vorübergehenden Verschlechterung gekommen, aber mit dem
- 11 -
im Januar 2021 erfolgten Eingriff werde eine gute Prognose gestellt, und
es sei eine Besserung der Schultermobilität zu erwarten (VB 175 S. 3). Die
von Dr. med. E. basierend darauf gezogene Schlussfolgerung, dass das
gutachterlich-orthopädisch erstellte Belastungsprofil (körperlich sehr
leichte Verrichtung unter Wechselbelastung, ohne Staub-, Nässe- oder
Feuchtigkeitsexposition, ohne wiederholtes Heben und Tragen von Lasten
über fünf Kilogramm und ohne Einsatz der rechten oberen Extremität ober-
halb des Brustniveaus, VB 112.2 S. 7) nach wie vor gültig sei (VB 175 S. 3),
erscheint schlüssig und nachvollziehbar.
Nachdem keine auch nur geringen Zweifel an der Zuverlässigkeit und
Schlüssigkeit der Beurteilungen von Dr. med. E. vom 10. September 2019
und vom 20. Juli 2021 bestehen, sind keine weitergehenden Abklärungen
erforderlich (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 14. Oktober 2019
9C_415/2019 E. 4.2). Aus den medizinischen Berichten ab 2019 ergibt sich
somit keine Änderung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit seit dem Gutachten vom 25. Ja-
nuar 2019. Sie vermögen damit die Schlussfolgerungen des ABI-Gut-
achtens vom 25. Januar 2019 nicht in Frage zu stellen.
Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, sie leide zusätzlich an
Schmerzen am rechten Fuss, ohne darzulegen, dass und gegebenenfalls
inwiefern sich dies auf ihre Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit
und/oder ihre Leistungsfähigkeit im Haushaltsbereich auswirke (Be-
schwerde, S. 5), finden sich hierfür keine Anhaltspunkte in den medizini-
schen Akten, so dass sie daraus nichts zu ihren Gunsten ableiten kann.
5.6.
Zusammenfassend ist somit zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Be-
schwerdeführerin weiterhin auf das beweiskräftige ABI-Gutachten vom
25. Januar 2019 abzustellen. Die Beschwerdeführerin ist somit in ihrer an-
gestammten Tätigkeit seit dem 5. Januar 2016 vollständig arbeitsunfähig.
In einer ihren gesundheitlichen Einschränkungen angepassten Tätigkeit ist
die Beschwerdeführerin hingegen seit dem 5. Januar 2016 zu 70 % arbeits-
fähig (VB 112.2 S. 7).
6.
In der angefochtenen Verfügung vom 5. Oktober 2021 ging die Beschwer-
degegnerin gestützt auf den Bericht über die Abklärung an Ort und Stelle
vom 7. Juni 2019 (VB 124) davon aus, dass die Beschwerdeführerin als
teilerwerbstätig mit Aufgabenbereich (Erwerbstätigkeit 60 %; Haushalt
40 %) zu qualifizieren und im Haushaltsbereich zu 21 % in ihrer Leistungs-
fähigkeit eingeschränkt sei. Sie ermittelte den Invaliditätsgrad in Anwen-
dung der gemischten Methode für die Zeit von Januar 2017 (nach Ablauf
des Wartejahrs) bis am 31. Dezember 2017 in Anwendung des bis 31. De-
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zember 2017 gültigen Berechnungsmodells (vgl. Urteil des Bundesge-
richts 8C_462/2017 vom 30. Januar 2018 E. 5.3. in fine mit Hinweisen) und
für die Zeit danach nach der neuen Berechnungsmethode gemäss
Art. 27bis Abs. 3 IVV (VB 177 S. 2 f.). Die von der Beschwerdegegnerin so
vorgenommene Ermittlung des Invaliditätsgrads wird von der Beschwerde-
führerin – nach Lage der Akten zu Recht – nicht gerügt (BGE 119 V 347
E. 1a S. 349 f., 110 V 48 E. 4a S. 52 f.), womit darauf abzustellen ist.
Es ist somit auf den durch die Beschwerdegegnerin ermittelten Invaliditäts-
grad von 15 % ab 1. Januar 2017 bzw. 31 % ab 1. Januar 2018 abzustellen.
Damit besteht nach Art. 28 Abs. 1 IVG kein Anspruch auf eine Invaliden-
rente.
7.
7.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen.
7.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
7.3.
Der Beschwerdeführerin steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als So-
zialversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch
auf Parteientschädigung zu.