Decision ID: cb57af3e-c5c2-42c1-880a-5d50d7b233aa
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung, vom 29. August 2013 (DG130151)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 29. April 2013 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. 31).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der versuchten schweren Körperverletzung i.S.v. Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB
− der Tätlichkeit i.S.v. Art. 126 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte B._ wird freigesprochen vom Vorwurf der versuchten
schweren bzw. der einfachen Körperverletzung.
3. Das Verfahren wird eingestellt, soweit dem Beschuldigten A._ im
Hauptdossier einfache Körperverletzung vorgeworfen wird.
4. Der Beschuldigte A._ wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 24
Monaten, wovon drei Tage durch Haft erstanden sind, und einer Busse von
Fr. 200.–.
5. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2
Jahre angesetzt.
6. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte A._ die Busse
schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 2
Tagen.
7. Die beiden in der Sicherstellungsliste vom 29. Mai 2011 aufgeführten
Besteck - Grillgabeln (Asservat Nr. ... und Nr. ...) werden eingezogen und
der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
8. Es wird festgehalten, dass der Beschuldigte A._ das
Genugtuungsbegehren des Privatklägers C._ im Umfang von Fr.
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3'000.– anerkannt hat. Im übersteigenden Betrag wird der Privatkläger auf
den Zivilweg verwiesen.
9. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 6'000.-- ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 2'000.– Gebühr Untersuchung
Fr. 1'504.50 Auslagen Untersuchung.
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für seine Aufwendungen als amtlicher
Verteidiger des Beschuldigten A._ mit Fr. 3'838.– (zzgl. 8 % MwSt),
Rechtsanwalt lic. iur. Y._ als amtlicher Verteidiger des Beschuldigten
B._ mit Fr. 6'274.30 (zzgl. 8 % MwSt) aus der Gerichtskasse
entschädigt.
10. Dem Beschuldigten A._ werden die Kosten seiner amtlichen
Verteidigung, die durch ihn verursachten Kosten der Strafuntersuchung (HD
26 Auslagen Vorverfahren Fr. 1'404.50, Gebühr für die Führung des
Vorverfahrens Fr. 1'000.– ) sowie die Hälfte der Kosten des gerichtlichen
Verfahrens auferlegt, aber einstweilen abgeschrieben. Eine Nachforderung
sämtlicher Kosten erfolgt, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse des
Beschuldigten A._ erlauben.
11. Die auf den Beschuldigten B._ entfallenden Kosten werden auf die
Gerichtskasse genommen.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 82)
1. Aufhebung des vorinstanzlichen Urteils und Freispruch vom Vorwurf
der versuchten schweren Körperverletzung bzw. Rückweisung der
Anklage zur Berichtigung im ND 2 dahingehend, dass der Beschuldigte
sich in der irrigen aber vermeidbaren Vorstellung angegriffen oder
unmittelbar mit einem Angriff bedroht zu werden, wehren wollte (und er
daher diesbezüglich der fahrlässigen Körperverletzung i.S. von Art. 125
i.V.m. Art. 13 Abs. 2 sowie Art. 15 StGB schuldig zu sprechen und
entsprechend zu bestrafen sei);
2. Eventualiter
Schuldigsprechung der einfachen Körperverletzung unter Verwendung
eines gefährlichen Gegenstandes i.S. von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB;
Bestrafung mit einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten unter Anrechnung
der Untersuchungshaft von 3 Tagen und Gewährung des bedingten
Strafvollzuges.
b) Der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat:
(Urk. 83)
1. Der Beschuldigte A._ sei mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren,
unter Anrechnung von drei Tagen Haft, sowie einer Busse von Fr. 200.-
- zu bestrafen.
2. Vollzug von 12 Monaten Freiheitsstrafe und Gewährung des bedingten
Vollzuges der restlichen 24 Monate Freiheitsstrafe unter Ansetzung
einer Probezeit von 2 Jahren.
3. Abweisung der Berufungsanträge des Beschuldigten A._.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Vorverfahren
Gegenstand des Vorverfahrens waren zwei voneinander unabhängige, aber beide
Male massive tätliche Auseinandersetzungen zwischen mehreren Personen und
unter Beteiligung des Beschuldigen im Zürcher Seefeldquartier am 1. April 2011
und am 28. Mai 2011. Das Vorverfahren wurde am 21. April 2011 (HD) bzw. am
28. Mai 2011(ND 2) eröffnet und mit Anklageerhebung am 13. Mai 2013 (Datum
Eingang bei der ersten Instanz) abgeschlossen.
2. Erstinstanzliches Verfahren
Die erstinstanzliche Hauptverhandlung fand am 29. August 2013 in Anwesenheit
des amtlichen Verteidigers statt (Prot. I S. 6). Dem Beschuldigten wurde das
persönliche Erscheinen erlassen (Prot. I S. 6). Das Verfahren bezüglich der
Körperverletzung anlässlich der ersten Auseinandersetzung am 1. April 2011
wurde eingestellt, bezüglich des zweiten Vorfalls vom 28. Mai 2011 wurde der
Beschuldigte schuldig gesprochen. Der Entscheid der Vorinstanz wurde mündlich
eröffnet (Prot. I S. 13). Die Vorinstanz beurteilte auch die Anklage gegen den
Mitbeschuldigten B._. Berufungskläger ist jedoch nur der Beschuldigte
A._, weshalb Dispositivziffer 2 des vorinstanzlichen Urteils nicht Gegenstand
dieses Verfahrens bildet (Urk. 65 S. 44).
3. Berufungsverfahren
Am 9. September 2013 (Datum Poststempel 6. September 2013) meldete der
Verteidiger des Beschuldigten rechtzeitig innert der 10-tägigen Frist von Art. 399
Abs. 1 StPO Berufung an (Urk. 54). Die selbständige Berufung der
Staatsanwaltschaft wurde am 15. November 2013 (Datum Eingang) wieder
zurückgezogen (Urk. 55 und 67), was vorzumerken ist.
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Das begründete Urteil wurde dem Verteidiger am 25. Oktober 2013 zugestellt
(Urk. 64/2). Innert der 20-tägigen Frist von Art. 399 Abs. 3 StPO wurde die
Berufungserklärung am 13. November 2013 der Post überreicht (Urk. 66).
Mit Präsidialverfügung vom 22. November 2013 wurde eine Frist von 20 Tagen
zur Anschlussberufung angesetzt (Urk. 68). Rechtzeitig erhob die
Staatsanwaltschaft am 18. Dezember 2013 (Datum Poststempel 17. Dezember
2013) Anschlussberufung (Urk. 71). Zur Berufungsverhandlung am 25. April 2014
sind der Verteidiger sowie der Vertreter der Staatsanwaltschaft erschienen. Dem
Beschuldigten wurde das persönliche Erscheinen erlassen (Prot. II S. 4).
II. Berufungsbegründungen
1. Beschuldigter
Der Beschuldigte ficht mit seiner Berufung den Schuldpunkt bezüglich des
zweiten Vorfalls vom 28. Mai 2011 wegen versuchter schwerer Körperverletzung
gemäss Urteilsdispositiv Ziffer 1 Abs. 1 sowie die Strafzumessung gemäss
Urteilsdispositiv Ziffer 4 an (Urk. 66 S. 2).
2. Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft beantragt mit der Anschlussberufung die Bestätigung des
vorinstanzlichen Schuldspruchs, aber eine Erhöhung der Freiheitsstrafe auf
3 Jahre. Zudem ist sie mit dem vollständigen Aufschub der Strafe nicht
einverstanden, sondern beantragt einen Vollzug eines Teils der Strafe im Umfang
von 12 Monaten (Urk. 71).
3. Teilrechtskraft
Somit ist festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil hinsichtlich des
Schuldspruchs wegen Tätlichkeit (Dispositivziffer 1 Abs. 2), der Einstellung des
Verfahrens betreffend der einfachen Körperverletzung vom 1. April 2011 (HD)
(Dispositivziffer 3), der Einziehung der Tatwerkzeuge (Dispositivziffer 7), der
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Genugtuung (Dispositivziffer 8) sowie der Kostenfestsetzung- und -auflage bzw.
Entschädigung (Dispositivziffern 9 und 10) in Rechtskraft erwachsen ist.
III. Schuldpunkt - Körperverletzung ND 2
1. Standpunkt der Verteidigung
Der Beschuldigte bestreitet nicht, dem Geschädigten mit einer Grillgabel in die
Brust gestochen zu haben. Der Verteidiger macht jedoch geltend, der
Beschuldigte habe sich in der irrigen aber vermeidbaren Vorstellung befunden,
angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff bedroht zu werden (Urk. 48 S. 7,
Urk. 82 S. 1; Art. 15 StGB i.V.m. Art. 13 StGB). Gestützt auf diese irrige
Vorstellung habe er sich lediglich wehren wollen. Dogmatisch handelt es sich bei
einer solchen Konstellation um sogenannte Putativnotwehr.
In den vorinstanzlichen Erwägungen wurde mit keinem Wort auf diesen
Standpunkt eingegangen, obschon die Verteidigung ausdrücklich einen
Freispruch gestützt auf Art. 15 StGB in Verbindung mit Art. 13 StGB beantragt hat
(Urk. 65 S. 4 und S. 35). Zwar muss nicht stets auf jedes Argument der
Verteidigung eingegangen werden, insbesondere wenn solche als nebensächlich
erscheinen. Das Vorliegen einer Notwehrsituation ist allerdings ein erheblicher
Umstand, kann diese Frage doch alleine über Schuld oder Unschuld entscheiden.
Dass Gericht hat sich deshalb zu einem solchen Einwand zu äussern, ansonsten
das rechtliche Gehör oder zumindest die Begründungspflicht von Art. 50 StGB
verletzt ist.
Bei Putativnotwehr ist der darin enthaltene Irrtum als Sachverhaltsirrtum im Sinne
von Art. 13 StGB zu beurteilen (BGE 93 IV 83, 129 IV 27). Da ein Irrtum letztlich
ein innerer Denkvorgang ist, bleibt er einem direkten wissenschaftlichen Beweis
nicht zugänglich. Deshalb ist aufgrund von äusseren Umständen und aufgrund
der Würdigung der Aussagen der Beteiligten zu entscheiden, ob die Behauptung
eines Irrtums überzeugt oder ob es sich um eine Schutzbehauptung bzw. eine
rein theoretische Möglichkeit handelt, die auszuschliessen ist.
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2. Allgemeine Grundsätze der Beweis- und Aussagenwürdigung
2.1. Gemäss der aus Art. 8 und Art. 32 Abs. 1 BV fliessenden und in Art. 6 Ziff. 2
EMRK verankerten Maxime "in dubio pro reo" ist bis zum gesetzlichen Nachweis
der Schuld eines Beschuldigten zu vermuten, dass der wegen einer strafbaren
Handlung Angeklagte unschuldig ist (Urteile des Bundesgerichts 1P.587/2003
vom 29. Januar 2004, E. 7.2., und 1P.437/2004 vom 1. Dezember 2004, E. 4.2.;
Pra 2002 S. 4 f. Nr. 2 und S. 957 f. Nr. 180; BGE 127 I 40, 120 Ia 31. E. 2b). Als
Beweiswürdigungsregel besagt die Maxime, dass sich der Strafrichter nicht von
der Existenz eines für den Beschuldigten ungünstigen Sachverhaltes überzeugt
erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der
Sachverhalt so verwirklicht hat (Urteile des Bundesgerichtes 6B_795/2008 vom
27. November 2008, E. 2.4., und 6B_438/2007 vom 26. Februar 2008, E. 2.1.).
Die Überzeugung des Richters muss auf einem verstandesgemäss
einleuchtenden Schluss beruhen und für den unbefangenen Beobachter
nachvollziehbar sein (Hauser/Schweri/Hartmann, Schweizerisches
Strafprozessrecht, 6. A., Basel 2006, § 54 Rz 11 ff.). Wenn erhebliche oder nicht
zu unterdrückende Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so abgespielt hat,
wie er eingeklagt ist, ist der Beschuldigte nach dem Grundsatz "in dubio pro reo"
freizusprechen (Bernard Corboz, "in dubio pro reo", in ZBJV 1993, N 419 f.).
Soweit ein direkter Beweis nicht möglich ist, ist der Nachweis der Tat mit Indizien
zu führen, wobei die Gesamtheit der einzelnen Indizien, deren "Mosaik" zu
würdigen ist (vgl. dazu auch Pra 2004 Nr. 51 S. 256, Ziff. 1.4.; Pra 2002 Nr. 180
S. 962 f., Ziff. 3.4.).
2.2. Aufgabe des Richters ist es demzufolge, seinem Gewissen verpflichtet, in
objektiver Würdigung des gesamten Beweisergebnisses zu prüfen, ob er von
einem bestimmten Sachverhalt überzeugt ist und an sich mögliche Zweifel an
dessen Richtigkeit zu überwinden vermag (Art. 10 Abs. 2 StPO; ZR 72 Nr. 80;
Max Guldener, Beweiswürdigung und Beweislast, S. 7; Pra 2004 Nr. 51 S. 256
Ziff. 1.4.; BGE 124 IV 88, 120 1A 31 E. 2c). Es liegt in der Natur der Sache, dass
mit menschlichen Erkenntnismitteln keine absolute Sicherheit in der
Beweisführung erreicht werden kann. Daher muss es genügen, dass das
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Beweisergebnis über jeden vernünftigen Zweifel erhaben ist (vgl.
Kassationsgerichtsentscheid vom 26. Juni 2003, Nr. 2002/387S, E. 2.2.1. mit
Hinweisen). Bloss abstrakte oder theoretische Zweifel dürfen dabei nicht
massgebend sein, weil solche immer möglich sind (Hauser/Schweri/Hartmann,
a.a.O., § 54 N 12, Urteile des Bundesgerichtes 6B_297/2007 vom 4. September
2007, E. 3.4., und 1 P_587/2003 vom 29. Januar 2004, E. 7.2.). Es genügt also,
wenn vernünftige Zweifel an der Schuld ausgeschlossen werden können.
Hingegen darf ein Schuldspruch nie auf blosser Wahrscheinlichkeit beruhen.
2.3. Wie bereits angesprochen können auch indirekte, mittelbare Beweise,
sogenannte Anzeichen oder Indizien, einen für die Beweisführung bedeutsamen
Schluss erlauben. Indizien sind Tatsachen, die einen Schluss auf eine andere,
unmittelbar erhebliche Tatsache zulassen. Beim Indizienbeweis wird somit
vermutet, dass eine nicht bewiesene Tatsache gegeben ist, weil sich diese
Schlussfolgerung aus bewiesenen Tatsachen (Indizien) nach der
Lebenserfahrung aufdrängt. Der Indizienbeweis ist dem direkten Beweis
gleichwertig (Hauser/Schweri/Hartmann, a.a.O., § 59 N 14). Da ein Indiz immer
nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf die Täterschaft oder die Tat
hinweist, lässt es, einzeln betrachtet, die Möglichkeit des Andersseins offen,
enthält daher auch den Zweifel (Hans Walder, Der Indizienbeweis im
Strafprozess, ZStrR 108/1991, S. 309; Derselbe, Die Beweisführung in
Strafsachen, insbesondere der Indizienbeweis, Zürich 1974/75, S. 49). Es ist
jedoch zulässig, aus der Gesamtheit der verschiedenen Indizien, welche je für
sich allein betrachtet nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine
bestimmte Tatsache oder Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offen
lassen, auf den vollen rechtsgenügenden Beweis von Tat oder Täter zu
schliessen (Entscheide des Bundesgerichtes 6B_365/2009 vom 12. November
2009, E. 1.4., 6B_332/2009 vom 4. August 2009, E. 2.3. mit Hinweisen, und
6B_297/2007 vom 4. September 2007, E. 3.4.; Hauser/Schweri/Hartmann, a.a.O.,
§ 59 N 15).
2.4. Stützt sich die Beweisführung auf Aussagen von Beteiligten, so sind diese
frei zu würdigen. Es ist anhand sämtlicher Umstände, die sich aus den Akten und
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den Verhandlungen ergeben, zu untersuchen, welche Sachdarstellung
überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt der Aussagen
ankommt, verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben erfolgten. Bei der
Würdigung von Aussagen darf nicht einfach auf die Persönlichkeit oder
allgemeine Glaubwürdigkeit von Aussagenden abgestellt werden. Massgebend ist
vielmehr die Glaubhaftigkeit der konkreten, im Prozess relevanten Aussagen.
Diese sind einer kritischen Würdigung zu unterziehen, wobei auf das
Vorhandensein von sogenannten Realitätskriterien grosses Gewicht zu legen ist
(vgl. Rolf Bender, Die häufigsten Fehler bei der Beurteilung von Zeugenaussagen,
in SJZ 81 [1985] S. 53 ff.; Bender/Nack/Treuer, Tatsachenfeststellungen vor
Gericht, Glaubwürdigkeits- und Beweislehre, Vernehmungslehre, 3. Auflage,
München 2007, N 310 ff. und N 350 ff.). Die wichtigsten Realitätskriterien sind
dabei die "innere Geschlossenheit" und "Folgerichtigkeit in der Darstellung des
Geschehensablaufs", "konkrete und anschauliche Wiedergabe des Erlebnisses"
sowie die "Schilderung des Vorfalles in so charakteristischer Weise, wie sie nur
von demjenigen zu erwarten ist, der den Vorfall selber miterlebt hat",
"Kenntlichmachung der psychischen Situation von Täter und Zeuge bzw. unter
Mittätern", "Selbstbelastung oder unvorteilhafte Darstellung der eigenen Rolle",
"Entlastungsbemerkungen zugunsten des Beschuldigten" und "Konstanz der
Aussage bei verschiedenen Befragungen, wobei sich aber sowohl
Formulierungen als auch die Angaben über Nebenumstände verändern können"
(Robert Hauser, Der Zeugenbeweis im Strafprozessrecht mit Berücksichtigung
des Zivilprozesses, Zürich 1974, S. 316). Andererseits sind auch allfällige
Phantasiesignale zu berücksichtigen. Als Indizien für falsche Aussagen gelten
"Unstimmigkeiten oder grobe Widersprüche in den eigenen Aussagen",
"Zurücknahme oder erhebliche Abschwächungen in den ursprünglichen
Anschuldigungen", "Übersteigerungen in den Beschuldigungen im Verlaufe von
mehreren Einvernahmen", "unklare, verschwommene oder ausweichende
Antworten" sowie "gleichförmig, eingeübt und stereotyp wirkende Aussagen". Als
generelle Phantasiesignale nennen Bender/Nack/Treuer die "Schwarz-Weiss-
Malerei", die "Verarmung der Aussage", das "Flucht- und Begründungssignal" und
die "behauptete Akzeptanz gegenüber bezweifelbaren Rechtsverkürzungen",
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wobei weiter festgehalten wird, den "Phantasiebegabten" falle es ganz allgemein
leichter, von eigenen Aussagen und Aktivitäten zu berichten, als die Antworten
und Reaktionen der Gegenseite zu erfinden. Wenn das eine oder andere
Phantasiesignal auftritt, braucht die Aussage nicht verworfen zu werden. Es ist
dann aber eine ausreichende Zahl von erstklassigen Realitätskriterien zu fordern.
Bei häufigem Auftreten von Phantasiesignalen sollten an die Zahl und Qualität der
Realitätskriterien strenge Anforderungen gestellt werden, damit eine Aussage als
zuverlässig eingestuft werden kann (Bender/Nack/Treuer, a.a.O., N 429 ff.).
2.5. Der Grundsatz "in dubio pro reo" findet als Beweislastregel keine
Anwendung, wenn der Beschuldigte eine ihn entlastende Behauptung aufstellt,
ohne dass er diese in einem Mindestmass glaubhaft machen kann. Es tritt
nämlich insoweit eine Beweislastumkehr ein, als nicht jede aus der Luft gegriffene
Schutzbehauptung von der Anklagebehörde durch hieb- und stichfesten Beweis
widerlegt werden muss. Ein solcher Beweis ist nur dann zu verlangen, wenn
gewisse Anhaltspunkte wie konkrete Indizien oder eine natürliche Vermutung für
die Richtigkeit der Behauptung sprechen bzw. diese zumindest als zweifelhaft
erscheinen lassen, oder wenn der Beschuldigte sie sonstwie glaubhaft macht (vgl.
Kassationsgerichtsentscheid vom 2. November 2004, Nr. AC040082, E. 3.5,
Stefan Trechsel, SJZ 1981 S. 320).
3. Glaubwürdigkeit
3.1. Sowohl der Zeuge D._ als auch der Geschädigte und der Beschuldigte
waren in die Auseinandersetzung involviert. Ein Stich mit einer grossen Grillgabel
in die Brust ist äusserst beängstigend für das Opfer, weil das absolut elementar
lebenswichtige Herz nur Zentimeter vom Einstichort entfernt liegt. Der
Geschädigte schilderte denn auch nicht unglaubhaft, dass er nach wie vor
Angstzustände habe und vom Vorfall traumatisiert sei. Es ist gut denkbar, dass
jemand in einer solchen Situation geneigt ist, seine eigene Rolle am Geschehen
herunterzuspielen und das Handeln des Täters aufzubauschen. Insofern geniesst
der Geschädigte nicht dieselbe Glaubwürdigkeit wie ein völlig unbeteiligter Dritter.
Andererseits lässt sich aber auch einwenden, dass ein (zu Recht) Beschuldigter
stets ein Interesse habe, sich zu entlasten und sich in einem besseren Licht
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darzustellen, als es in Tat und Wahrheit schien. Alleine die Rolle als Geschädigter
oder Beschuldigter im Strafverfahren lässt deshalb noch keine relevanten
Rückschlüsse auf die allgemeine Glaubwürdigkeit zu, denn nicht jedes Opfer lügt
und nicht jeder Beschuldigter bestreitet zu Unrecht. Das Resultat der
Beweiswürdigung darf nicht vorweg genommen werden, um in einem
Zirkelschluss die Glaubwürdigkeit zu beurteilen. In Bezug auf die Glaubwürdigkeit
des Beschuldigten und des Geschädigten lässt sich deshalb nichts aus den Akten
ableiten.
3.2. Der Zeuge D._ ist ein Kollege des Geschädigten (Urk. HD 10/6 S. 3).
Zudem wurde er von einer Bierdose am Kopf getroffen (Urk. ND 2/6 S. 3 Antwort
17). Von daher ist denkbar, dass er dem Beschuldigten nicht wohlgesinnt ist und
möglicherweise nicht ganz objektiv und neutral aussagen könnte. Da er den
Beschuldigten am Tag des Vorfalls zum ersten Mal gesehen und ihn nicht
gekannt habe, erschiene es aber auch etwas gesucht anzunehmen, er würde
wahrheitswidrig und unter der Strafandrohung falscher Zeugenaussage den
Beschuldigten zu Unrecht belasten. Seine Glaubwürdigkeit ist deshalb eher mit
rein theoretischen Zweifeln belastet als effektiv eingeschränkt, zumal in seinen
Aussagen keine Indizien erkennbar sind, welche auf eine Falschbelastung
hindeuten würden. Wie bereits erwähnt, ist aber die Glaubhaftigkeit bzw. die
Würdigung der konkreten Aussagen ohnehin weit wichtiger als die Beurteilung der
allgemeinen Glaubwürdigkeit.
4. Notwehr und Putativnotwehr
4.1. Die Aussagen des Beschuldigten in den beiden staatsanwaltlichen
Einvernahmen stehen teilweise im Widerspruch zum Standpunkt der
Verteidigung. Während letztere nämlich geltend macht, der Beschuldigte habe in
der irrigen Annahme gehandelt, er müsse sich mit dem Gabelstich gegen einen
Angriff wehren (Urk. 48 S. 7), machte der Beschuldigte unter anderem geltend, er
habe niemanden absichtlich stechen wollen (Urk. HD 10/7 S. 4 und 5, ND 2/7 S.
5). Er habe den Geschädigten nur in Schach halten wollen. Es ist ein wesentlicher
Unterschied, ob ein Täter gar nicht zustechen wollte (sondern nur den
Kontrahenten in Schach halten) und es ungewollt zur Verletzung kam, oder ob der
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Täter vorsätzlich zugestochen hat in der irrigen Annahme, nur so könne er sich
gegen einen Angriff wehren (Putativnotwehr). Andererseits erwähnte der
Beschuldigte in seiner ersten Einvernahme, "die Jungs sind auf mich los, ich
musste mich verteidigen" (Urk. ND 2/5 S. 4) oder in der Hafteinvernahme, "ich
habe einmal mit der Grillgabel auf die Brust des Geschädigten zugestochen, ich
wollte ihn so von mir fernhalten" (Urk. ND 2/7 S. 2). Aus diesem Grund ist der
Standpunkt der Verteidigung trotzdem zu prüfen, wobei aber bereits die
widersprüchlichen Versionen des Beschuldigten Zweifel daran erwecken.
4.2. Von wesentlicher Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass sich in den
polizeilichen Aussagen des Beschuldigten keinerlei Hinweise erkennen lassen,
dass er sich in einem irgend wie gearteten Irrtum befunden hätte (Urk. ND 2/5,
ND 2/7, HD 10/7). Der Beschuldigte gab in der ersten Befragung, abgesehen von
der oberwähnten Aussage, keine konkreten oder detaillierten Angaben zum
angeblichen Angriff zu Protokoll, weder zum objektiven Geschehen noch zu
seiner momentanen emotionalen Situation, zum Beispiel zu Angstgefühlen, oder
zu seiner damaligen subjektiven Einschätzung der Bedrohungslage. Wer in
Notwehr zu einer potentiell lebensgefährlichen Gegenreaktion schreitet, indem er
dem Gegner die Zinken einer Grillgaben in die Brust sticht, muss sich in einem
massiven Angst- oder Schreckenszustand befinden, ansonsten läge gar keine
Notwehrsituation vor. Vor diesem Hintergrund wäre es das Natürlichste der Welt,
dass ein Täter diese Angstsituation in der ersten polizeilichen Einvernahme, nur
einen Tag nach dem Vorfall, breit schildert. In der Lehre der Aussagenanalyse ist
dies ein ganz wichtiges Realitätskriterium bzw. dessen Fehlen beeinträchtigt die
Glaubhaftigkeit der Aussage erheblich. Erst in der letzten staatsanwaltlichen
Einvernahme, rund zwei Jahre nach dem Vorfall, spricht der Beschuldigte dann
davon, er sei schockiert gewesen und in Panik geraten (Urk. HD 10/7 S. 5). Er
dramatisiert den angeblichen Angriff dann auch indem er ausführte, der
Geschädigte sei wie ein Löwe auf ihn losgegangen. Eine solch späte Änderung
und Aggravierung der Aussage in einem wesentlichen Punkt vermag aber nicht zu
überzeugen. Sie ist sehr unglaubhaft und deutet nicht auf die Schilderung von
tatsächlich Erlebtem hin, sondern vielmehr auf eine taktische Anpassung. In der
staatsanwaltlichen Einvernahme sagte der Beschuldigte schliesslich aus: "Dabei
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habe ich die Grillgabel gehoben, um abzuwehren und dabei habe ich ihn wohl
getroffen. Ich gehe sicher nicht absichtlich mit einer Gabel auf jemanden los" (Urk.
HD 10/7 S. 5). Auch diese Aussage, insbesondere die Verwendung des Wortes
"wohl", lässt nicht auf eine absichtliche Handlung in irrtümlicher Annahme eines
Angriffs schliessen, sondern vielmehr auf das Fehlen einer Absicht zuzustechen,
mit andern Worten auf das Fehlen eines Vorsatzes.
Zweifel bestehen auch darüber, ob überhaupt ein Angriff im Sinne der Notwehr
gemäss Art. 15 StGB vorlag. Vorab ist in Erinnerung zu rufen, dass die
angeblichen Gegner des Beschuldigten unbewaffnet waren. Die Vorinstanz hat
hinlänglich dargelegt, dass der Geschädigte C._ und der Zeuge D._
glaubhaft ausgesagt haben, dass der Beschuldigte in keiner Weise angegriffen
worden sei. Jenen Erwägungen kann beigepflichtet werden (Art. 82 Abs. 4 StPO;
Urk. 65 S. 30 - 33). Gemäss Schilderungen des Geschädigten und des Zeugen
D._ sei der Beschuldigte überraschend und unvermittelt auf sie zugegangen
und habe dann auf den Geschädigten eingestochen (Urk. ND 2/6 S. 4, Urk. HD
10/4 S. 3, Urk. HD 10/6 S. 3). Von irgend einer Angriffshandlung ihrerseits,
welche den Beschuldigten zum Zustechen provoziert habe, ist keine Rede. Der
Zeuge D._ schildert zwar, dass er zuvor vielleicht schon etwas bedrohlich
gegenüber dem Beschuldigten aufgetreten sei (Urk. ND 2/6 S. 4 Antwort 23). Er
habe ihn auch mit einer Hand an der Schulter weggestossen, sei dann aber
wieder weggegangen und habe mit einem anderen Mann, einem mutmasslichen
Kollegen des Beschuldigten, gesprochen. Erst später sei es dann zum Gabelstich
gekommen. Differenzen zwischen den Aussagen von C._ und D._
bestehen einzig darin, ob sich der Geschädigte kurz vor dem Gabelstich gegen
den Beschuldigten zu- oder weg gedreht habe. Eine Bewegung auf den
Beschuldigten zu wird dahingegen - entgegen den Ausführungen des Verteidigers
(Urk. 82 S. 7 und S. 10) - weder von D._ noch vom Geschädigten behauptet.
Da es sich um Schilderungen eines dynamischen Geschehens innert
Sekundenbruchteilen handelt, sind solche Abweichungen in Aussagen aber nicht
ungewöhnlich, zumal, wenn es in der Folge noch zu einem tätlichen Gerangel und
den Einsatz eines Pfeffersprays kommt. Die abweichenden Schilderungen der
Bewegung des Geschädigten vor dem Stich betreffen zwar das Kerngeschehen,
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jedoch ein Detail, das letztlich weitgehend irrelevant ist: Es ändert nichts am
unbestrittenen Umstand, dass der Geschädigte durch die Grillgabel massiv
gestochen wurde. Wer bewusst falsch aussagen wollte um eine Notwehrsituation
in Abrede zu stellen, würde eine ganz andere Darstellung schildern und nicht
bloss bezüglich der Drehbewegung des Geschädigten lügen.
Es kommt hinzu, dass der Beschuldigte auch nie beispielsweise erhobene Fäuste
erwähnte, die Andeutung von Schlägen oder, dass die Angreifer etwas in den
Händen, z.B. eine Bierflasche gehalten hätten. Den angeblichen Angriff beschrieb
er in der ersten Einvernahme einzig mit den lapidaren Worten, "sie" seien auf ihn
losgegangen (Urk. ND 2/5 S. 4). Dies ist nicht falsch, kann sich aber auch auf das
Geschehen nach dem Gabelstich beziehen. Zudem erwähnt er, dass er von
keinem der Täter angefasst worden sei (Urk. ND 2/7 S. 2). In der
staatsanwaltlichen Einvernahme schilderte der Beschuldigte: "Die drei jungen
Männer kamen dann rechts und links um den Grill herum auf mich zu" (Urk. HD
10/7 S. 5). "Der Verletzte sass auf dem Boden, ca. drei Meter vor mir, und hatte
sich die Schuhe gebunden; vorher war er noch barfuss. Dann plötzlich stand er
auf und rannte wie ein junger Löwe auf mich zu resp. stürzte sich auf mich" (Urk.
HD 10/7 S. 5). Aufgrund dieser Schilderung bleibt unklar, ob der Beschuldigte nun
geltend macht, auch von den drei Männern angegriffen worden zu sein oder nicht
und wo diese Männer im Zeitpunkt des Gabelstichs standen. In der späteren
staatsanwaltlichen Einvernahme sagte der Beschuldigte dann aus, diese Männer
seien hinter dem Geschädigten gestanden (Urk. ND 2/7 S. 2). Von einem aktiven
Verhalten oder einem Eingreifen bzw. einem Angriff dieser Männer ist nicht die
Rede. Es erscheint zudem merkwürdig, weshalb der relativ unbeteiligte
Geschädigte, der nach Angaben des Beschuldigten zuvor am Boden mit Schuhe
binden beschäftigt war, eine derart unvermittelte, löwenhafte Reaktion gezeigt
haben soll. Dass die späte Aggravation der Angriffsbehauptung unglaubhaft ist,
wurde bereits erwähnt. Bei einer Gesamtwürdigung muss man deshalb zum
Schluss kommen, dass der Beschuldigte einzig aufgrund der Situation, dass er
sich mehreren Personen aus der "gegnerischen" Grillgruppe gegenüber sah, auf
einen bevorstehenden Angriff schloss. Die aggressive Haltung einer
gegenüberstehenden Gruppe genügt jedoch nicht, um von einem Angriff im Sinne
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von Art. 15 StGB auszugehen (Andreas Donatsch, OF-Kommentar StGB, 19.
Aufl. Zürich 2013, S. 61 N 2 zu Art. 15). Das Bundesgericht hat hierzu treffend
festgehalten: "Wenn die Berufung auf Notwehr nicht zum Vorwand werden soll,
einen Gegner ungestraft verletzen oder gar umbringen zu können, so kann der
Nachweis einer unmittelbaren Bedrohung nicht leichthin als erbracht angesehen
werden; die blosse Aussicht, dass ein Streitgespräch mit Tätlichkeiten enden
könnte, reicht dazu jedenfalls nicht aus (BGE 93 IV 84 und 44 II 152). Auch im
vorliegenden Fall kann ein Angriff im Sinne von Art. 15 StGB deshalb
ausgeschlossen werden.
5. Mangelnder Vorsatz
5.1. Für die Variante, dass der Beschuldigte den Geschädigten nicht absichtlich
verletzen wollte, spricht der Umstand, dass der Stich offenbar nicht mit voller Kraft
ausgeführt wurde, ansonsten die Einstiche tiefer als einen Zentimeter gewesen
wären (Urk. ND 2/14/1). Dass der Beschuldigte gar keine Kraft eingesetzt haben
soll, wie es die Verteidigung behauptet (Urk. 82 S. 8), überzeugt nicht, ist es doch
immerhin zu einer Verletzung gekommen, die über eine rein oberflächliche
Kratzwunde hinausgeht. Andererseits finden aber auch die Ausführungen der
Staatsanwaltschaft, welche von einem heftigen Zustechen ausgeht, welches nur
durch die Rippen des Geschädigten abgebremst worden sei (Urk. 83 S. 2 i.V.m.
Prot. II S. 6), in den Akten keinen Halt (Urk. ND 2/14/1). Allein der Umstand, dass
der Beschuldigte nicht mit voller Kraft zugestossen hat, lässt aber noch nicht auf
das gänzliche Fehlen eines Vorsatzes, auf den Geschädigten einzustechen,
schliessen.
5.2. Dass jemand absichtlich in die spitzen Zinken einer grossen Grillgabel
"hineinläuft", wäre reichlich lebensfremd, zumal der Beschuldigte selbst aussagte,
er habe die Grillgabel mit ausgestrecktem Arm gehalten und nicht etwa, er habe
sie unvermittelt erst im letzten Moment hervorgezogen und gegen den
Geschädigten gerichtet (Urk. ND 2/7 S. 2). Diese Variante kann deshalb
ausgeschlossen werden.
- 17 -
5.3. Ganz allgemein fällt auf, dass die Aussagen des Beschuldigten in einigen
Punkten sehr unglaubhaft sind. Es sind Lügensignale vorhanden und teilweise
fehlen Realitätskriterien. Bei einer Gesamtwürdigung fällt es bereits aus diesem
Grund nicht leicht, ausgerechnet der Behauptung fehlender Absicht Glauben zu
schenken. Der Beschuldigte wurde beispielsweise in der ersten polizeilichen
Einvernahme gefragt, ob er wisse, aus welchem Grund er verhaftet worden sei,
worauf er ausweichend antwortete und erst nach zahlreichen weiteren Fragen
und erst auf ausdrücklichen Vorhalt der Aussage des Geschädigten hin überhaupt
die Sache mit der Grillgabel erwähnte (Urk. ND 2/5 S. 3 - 7). Es ist zwar nicht
ungewöhnlich, dass ein Beschuldigter mehr vom Verhalten der Kontrahenten
spricht als vom eigenen Fehlverhalten; wäre es aber tatsächlich zu einem
unabsichtlichen Stich gekommen, hätte es auch keinen Grund gegeben, so lange
"um den heissen Brei" herum zu reden.
5.4. Auch die Darstellung des Anlasses für den Streit ist realitätsfremd. Der
Beschuldigte führte aus: "Ein Fräulein hat mich angeschrien. Wieso weiss ich
aber nicht. Dann sind ein paar junge auf mich losgekommen. Ich weiss aber nicht
warum, ich kenne die Leute nicht" (Urk. ND 2/5). Es wäre nicht unmöglich, aber
widerspricht trotzdem jeglicher Lebenserfahrung, dass eine unbekannten Frau
den Beschuldigten ohne jeden ersichtlichen Grund anschreit und dass darauf ein
paar ebenfalls unbekannte Männer ohne jeden ersichtlichen Grund auf den
Beschuldigten losgehen. Da tönt die Variante des Zeugen D._ mit der Bitte
um bzw. dem Angebot der Zigarette doch realistischer (Urk. ND 2/6 S. 3 Antwort
16 und Urk. HD 10/6 S. 4). Offenbar wurde auch der Beschuldigte gewahr, dass
seine Geschichte hier einen Schwachpunkt hatte, sagte er doch vor dem
Staatsanwalt dann aus, die Frau habe ihn um eine Zigarette gebeten und sei
wegen seiner abschlägigen Antwort aggressiv geworden (Urk. ND 2/7 S. 2). Das
lässt die Frage unbeantwortet, weshalb der Beschuldigte im Widerspruch dazu in
der polizeilichen Befragung noch aussagte, er wisse nicht, weshalb die Frau ihn
angeschrien habe und auf Vorhalt, ob er der Frau eine Zigarette angeboten habe:
"Nein, das habe ich nicht" (Urk. ND 2/5 S. 5 Antwort 35). Dies wiederholte er
sogar nochmals (Urk. ND 2/5 S. 6 Antwort 46).
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5.5. Der Beschuldigte wurde in diesem Zusammenhang gefragt, ob die Frau
denn lüge (Urk. ND 2/5 S. 5 Frage 36). Er erwiderte darauf: "Ich weiss nicht.
Schauen Sie, dass ist nicht meine Sache, ob sie lügt oder nicht. Wissen Sie, ich
habe fünf Kinder und eine Frau" (Urk. ND 2/5 S. 5 Antwort 36). Solche
Entgegnungen gelten in der Lehre der Aussagenpsychologie als Lügensignal,
denn Beschuldigte scheuen sich nicht selten vor einer Konfrontation mit Zeugen
und vermeiden es deshalb, diese als Lügner zu bezeichnen, auch wenn
offensichtlich zwei sich klar widersprechende Versionen im Raum stehen. Der
Hinweis auf die eigene Familie hat zudem keinen erkennbaren
Sachzusammenhang, weshalb er ausweichend wirkt.
5.6. Auch andernorts machte der Beschuldigte Aussagen, die auf eine
eingeschränkte Glaubwürdigkeit hindeuten. Mit der Behauptung des
Geschädigten und des Zeugen konfrontiert, wonach der Beschuldigte eine
Bierdose geworfen habe, entgegnete der Beschuldigte: "Ich habe keine Bierdose
geworfen. Ich werfe nicht gerne, überhaupt nicht" (Urk. ND 2/5 S. 7). Ob jemand
im allgemeinen gerne wirft oder nicht, schliesst gewöhnlich nicht im geringsten
aus, dass jemand in der Wut mit Gegenständen um sich wirft oder eine Bierdose
gegen einen Kontrahenten schleudert.
5.7. Abgesehen vom Aussageverhalten des Beschuldigten sprechen aber auch
bzw. vor allem seine eigenen Worte in der staatsanwaltlichen Einvernahme gegen
die "Unfallvariante". Der Beschuldigte gab zu Protokoll: "Ein Mann kam dann nahe
auf mich zu. Hinter ihm standen weitere drei Personen. Ich hatte dann Angst, er
werde mich schlagen. Ich habe dann mit der rechten Hand, mit welcher ich die
Grillgabel gehalten hatte, gegen ihn gerichtet und gesagt, er solle gehen. Er ist
dann wieder auf mich zu gekommen und ich habe dann mit der Grillgabel auf ihn
eingestochen, ich wollte dies nicht " (Urk. ND 2/7 S. 2). Wenn es unabsichtlich zu
einem Stich gekommen wäre, würde eine beschuldigte Person nicht die
Formulierung wählen, sie habe dann auf ihn eingestochen. Dasselbe gilt für die
Antwort auf die Frage, wie der Beschuldigte genau zugestochen habe: "Ich habe
einmal mit der Grillgabel auf die Brust des Geschädigten zugestochen, ich wollte
ihn so von mir fernhalten" (Urk. ND 2/7 S. 2). Die Vorsilbe "zu" beim Wort
- 19 -
zustechen impliziert eine aktive Handlung, ebenso die Erwähnung des Zwecks
(ich wollte ihn so von mir fernhalten). Wenn es unabsichtlich zu einem Stich
gekommen wäre, würde ein befragter Täter gewöhnlich nicht einen Zweck des
Stichs erwähnen. In derselben Befragung führte der Beschuldigte dann nochmals
aus: "Schliesslich stach ich auf ihn ein" (Urk. ND 2/7 S. 3). Die Beteuerungen des
Beschuldigten, er habe dies nicht gewollt und es tue ihm leid, dass es soweit
gekommen sei, mögen deshalb zwar sein Bedauern über den Vorfall ausdrücken,
haben letztlich aber nichts mit fehlendem Vorsatz zuzustechen im rechtlichen
Sinne zu tun.
6. Fazit
Bei einer Gesamtwürdigung steht deshalb fest, dass weder eine vermeintliche
Notwehrsituation vorlag noch dass der Beschuldigte unabsichtlich zugestochen
hat. Es ist deshalb vom Sachverhalt auszugehen, wie in der Anklageschrift unter
ND 2 geschildert (Urk. HD 31 S. 4).
IV. Rechtliche Würdigung
Eine schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 und 2 StGB begeht,
wer einen Menschen vorsätzlich lebensgefährlich verletzt, wer vorsätzlich den
Körper, ein wichtiges Organ oder Glied eines Menschen verstümmelt oder ein
wichtiges Organ oder Glied unbrauchbar macht, einen Menschen bleibend
arbeitsunfähig, gebrechlich oder geisteskrank macht oder das Gesicht eines
Menschen arg und bleibend entstellt.
Es wurden zwei Grillgabeln beschlagnahmt, wobei vom Verletzungsbild her
anzunehmen ist, dass der Beschuldigte mit jener zugestochen hat, welche im
Gegensatz zur anderen zwei gleich lange Zinken aufweist (Urk. ND 2/9 und ND
2/14/3 S. 2). Davon geht auch der Verteidiger zu Recht aus (Urk. 48 S. 2).
Gemäss Bericht des forensischen Instituts sind deren Zinken 67 mm lang und
nicht 7 mm, wie die Vorinstanz an einer Stelle irrtümlich schreibt (Urk. ND 2/14/3
- 20 -
S. 2 und Urk. 65 S. 37 Ziff. 5.1.3.). Aktenwidrig ist zudem die vorinstanzliche
Feststellung, dem Geschädigten sei in die rechte Brusthöhle gestochen worden
(Urk. 65 S. 37 Ziffer 5.1.3.). Gemäss Arztbericht drangen die Spitzen der Zinken
lediglich bis ins subkutane Fettgewebe (Urk. ND 2/14/1). Mit einer solchen
Grillgabel können jedoch auch leicht weit tiefere Stiche entstehen, denn derjenige,
der zusticht, kann gar nicht genau abschätzen, bei welcher Kraft wie tiefe Wunden
entstehen. Das alleinige Abstellen auf die Kraftanwendung des Täters zur
Qualifikation als leichte oder als schwere Körperverletzung taugt auch deshalb
nicht, weil es der Täter nicht in der Hand hat, wie stark die Gegenbewegung des
Opfers ist. So hat das Bundesgericht wiederholt entschieden, dass die
Verwendung gefährlicher Werkzeuge stets die Gefahr schwerer oder sogar
tödlicher Verletzungen mit sich bringe (BGE 136 IV 52). Wer deshalb mit einem
solchen Tatwerkzeug von vorne gegen die Brust eines Opfers sticht, nimmt
schwere Verletzungen in Kauf. Da im Brustbereich lebenswichtige Organe wie
Lunge, Aorta oder Herz liegen, scheidet auch eine versuchte eventualvorsätzliche
einfache Körperverletzung unter Verwendung eines gefährlichen Gegenstands
aus. Die Staatsanwaltschaft und die Vorinstanz vertreten deshalb zu Recht die
Auffassung, dass eine versuchte schwere Körperverletzung vorliegt.
Der Beschuldigte ist deshalb der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne
von Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
1. Strafzumessungsregeln
1.1. Die Strafe ist nach dem Verschulden des Täters zu bemessen, wobei das
Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das
Leben des Täters zu berücksichtigen sind (Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Verschulden
wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen
Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und
Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren
- 21 -
und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu
vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB).
1.2. Der Begriff des Verschuldens muss sich auf den gesamten Unrechts- und
Schuldgehalt der konkreten Straftat beziehen. Zu unterscheiden ist zwischen der
Tat- und der Täterkomponente. Bei der Tatkomponente sind das Ausmass des
verschuldeten Erfolgs, die Art und Weise der Herbeiführung des Erfolgs, die
Willensrichtung, mit der der Täter gehandelt hat, und dessen Beweggründe zu
beachten. Sodann sind für das Verschulden auch das "Mass an
Entscheidungsfreiheit" beim Täter sowie die sogenannte Intensität des
deliktischen Willens bedeutsam. Die Täterkomponente umfasst das Vorleben, die
persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat oder im
Strafverfahren, allenfalls Reue und Einsicht sowie die Strafempfindlichkeit
(Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, Schweizerisches Strafgesetzbuch, 19.
Auflage, Zürich 2013, S. 119 mit weiteren Hinweisen; vgl. auch
Schwarzenegger/Hug/Jositsch, Strafrecht II, 8. Aufl. Zürich 2007, S. 90; BSK
StGB I-Wiprächtiger/Keller, Art. 47 N 84). Je leichter es für den Täter gewesen
wäre, die Norm zu respektieren, desto schwerer wiegt die Entscheidung gegen
sie (Urteile des Bundesgerichts 6S.43/2001 vom 19. Juni 2001 E. 2. und
6S.333/2004 vom 23. Dezember 2004 E. 1.1.; BGE 122 IV 2141 und Pra 2001 S.
832 lit. a; Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht AT II, 2. Auflage, Bern 2006, §
6 N 13). Das Gericht hat in seinem Urteil die Überlegungen, die es bei der
Bemessung der Strafe angestellt hat, in den Grundzügen darzustellen. Dabei
muss es in der Regel die wesentlichen schuldrelevanten Tat- und
Täterkomponenten so erörtern, dass festgestellt werden kann, ob alle rechtlich
massgeblichen Gesichtspunkte Berücksichtigung fanden und wie sie gewichtet
wurden. Insgesamt müssen seine Erwägungen die ausgefällte Strafe
rechtfertigen, d.h. das Strafmass muss als plausibel erscheinen (BGE 127 IV 101
E. 2.; Urteil des Bundesgerichts 6S.83/2006 vom 5. Februar 2007 E. 3.1.; Art. 50
StGB).
- 22 -
2. Strafrahmen
Eine schwere Körperverletzung ist gemäss Art. 122 Abs. 4 StGB mit einer Strafe
zwischen 180 Tagessätzen Geldstrafe und zehn Jahren Freiheitsstrafe zu
ahnden. Der Versuch gemäss Art. 22 StGB gestattet eine Strafmilderung mit
Öffnung des Strafrahmens gegen unten, wobei gemäss Bundesgerichtspraxis der
ordentliche Strafrahmen jedoch nur in Ausnahmefällen zu verlassen ist (BGE 136
IV 55 E. 5.8).
3. Tatverschulden
Die dem Geschädigten zugefügten Verletzungen, zwei rund 1 cm tiefe Einstiche
im Brustbereich, sind objektiv gesehen leicht. Dem Beschuldigten ist zu Gute zu
halten, dass er nicht mit voller Wucht zugestochen hat, was im Rahmen des
Versuchs bzw. des Eventualvorsatzes strafmildernd bzw. -mindernd zu
berücksichtigen ist. Allerdings ist ein Stich in diesem Bereich des Körpers in
unmittelbarer Nähe des Herzens sowohl aus Sicht des Opfers als auch des Täters
ganz anders zu beurteilen als beispielsweise ein Stich in ein Bein. Psychologisch
handelt es sich um einen Angriff auf das Leben, weil Verletzungen des Herzens in
der Regel innert kurzer Zeit zum Tode führen. Wer deshalb in diese Gegend mit
einer Grillgabel zusticht, deren Zinken genügend lang wären, um bis in die Lunge
oder das Herz zu gelangen, offenbart eine besondere Niederträchtigkeit. Beim
Opfer können solche Erlebnisse weit gravierendere psychische Folgen nach sich
ziehen als Verletzungen an einem anderen Körperteil. Wegen der geringen
Distanz der potentiell sehr gefährlichen Gabelzinken zum Herz ist das Opfer vom
subjektiven Empfinden her nur "um Haaresbreite" dem Tod entgangen. Zwar
handelte der Beschuldigte im vorliegenden Fall in der Hitze einer
Auseinandersetzung spontan, das heisst die Tat war nicht geplant. Dennoch
geschah es aus absolut nichtigem Anlass und es war bloss ein verbaler Konflikt.
Der vorgängige Alkoholkonsum ist gemäss Rechtsprechung leicht strafmindernd
zu berücksichtigen, obschon allgemein bekannt ist, dass Alkoholkonsum die
Hemmschwelle senkt und der Beschuldigte aus freien Stücken zuvor Bier
getrunken hat. Als Ursache seines Fehlverhaltens sind geringe
Frustrationstoleranz, letztlich auch wegen der schlechten sozialen und berufliche
- 23 -
Integration und der Herkunft bzw. aufgrund gewisser Lebenserfahrungen zu
vermuten.
In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist das Tatverschulden deshalb als nicht
mehr leicht zu qualifizieren, was eine Strafe im untersten Bereich des
Strafrahmens ausschliesst. Eine Einsatzstrafe von 24 Monaten erscheint
angemessen.
4. Täterkomponenten
4.1. Der Beschuldigte ist in Teheran aufgewachsen und schloss die Mittelschule
mit Matura ab. Danach leistete er 18 Monate Militärdienst im Irak-Krieg und wurde
verletzt. Er hat Bombensplitter im Rücken davongetragen und muss deshalb
Schmerzmittel nehmen. Danach reiste er in die Schweiz und lernte hier seine
heutige Ehefrau kennen, welche er im Jahr 1989 heiratete. Er arbeitete in Zürich
bis 1999 als Taxichauffeur. Nach zwei Arbeitsunfällen wurde ihm der
Führerausweis entzogen. Seit April 2013 erhält er eine Überbrückungsrente von
Fr. 600.– pro Monat. Ein Antrag auf IV-Leistungen ist noch hängig. Er lebt
zusammen mit seiner Frau, welche Rentnerin ist. Er hat weder Schulden noch
Vermögen (vgl. HD 10/7 S. 6). Aufgrund von Art. 369 Abs. 1 lit. c StGB gilt der
Beschuldigte als nicht vorbestraft.
4.2. Dem Beschuldigten ist aufgrund traumatisierender Kriegserlebnisse eine
gewisse Verrohung und Verminderung der Fähigkeit, normgemäss zu handeln
zuzubilligen, da kein psychiatrisches Gutachten eingeholt wurde, welches dies
ausschlösse. Leicht strafmindernd ist die Reue zu bewerten; von einem echten
Geständnis ist abgesehen von Tatumständen, welche ohnehin aufgrund der
Beweislage nicht zu bestreiten gewesen wären, jedoch nur beschränkt
auszugehen.
4.3. Andererseits wirkt die Tatbegehung während laufender Strafuntersuchung,
notabene wegen eines gleichartigen Deliktes, straferhöhend.
4.4. Die Täterkomponenten kompensieren sich deshalb per Saldo und wirken
sich insgesamt nicht auf die Höhe der Einsatzstrafe aus, weshalb es bei einer
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Freiheitsstrafe von 24 Monate bleibt. Der Anrechnung von 3 Tagen Haft steht
nichts entgegen (Art. 51 StGB).
5. Busse für die Tätlichkeit
Die Busse für die zusätzliche Tätlichkeit gilt zwar als Teil der Sanktion als
angefochten, konkret wurde deren Höhe aber nicht gerügt . Angesichts der sehr
geringen finanziellen Mitteln, mit welchen der Beschuldigte seinen
Lebensunterhalt zu bestreiten hat, erscheinen Fr. 200.--, wie von der Vorinstanz
ausgefällt, auch angemessen. Ein Umwandlungssatz von einem Tag pro Fr. 100.-
- für den Fall der schuldhaften Nichtbezahlung entspricht der Gerichtspraxis.
VI. Vollzug
Der bedingte Strafvollzug könnte dem Beschuldigten nur verweigert werden,
wenn ihm eine ungünstige Prognose zu stellen wäre, das heisst, wenn weitere
Vergehen zu erwarten sind (Art. 42 Abs. 1 StGB). Der Beschuldigte ist jedoch
nicht vorbestraft, das heisst nicht rückfällig im untechnischen Sinne, weshalb auch
nicht davon ausgegangen werden kann, eine bedingte Strafe würde ihn nicht
beeindrucken. Gewisse Bedenken gründen mehr im Umstand, dass sein
Charakter bzw. seine psychische Verfassung mit einer eher geringen
Frustrationstoleranz, allenfalls gepaart mit erneutem Alkoholkonsum, zu einer
gewissen Unberechenbarkeit in seinem Verhalten führen könnten. Wer derart
heftig aus nichtigem Anlass reagiert wie der Beschuldigte, offenbart gewisse
Defizite. Insofern erscheint die Einschätzung der Vorinstanz, wonach ihm eine
günstige Prognose zu stellen sei, eher zu optimistisch (Urk. 65 S. 42 Ziff. 2 Abs.
2). Andererseits handelt es sich beim Beschuldigten nicht um einen brutalen
Schläger, der Auseinandersetzungen sucht. Auch die Länge des Strafverfahrens
dürfte dem Beschuldigten zukünftig in ähnlichen Situationen in Erinnerung rufen,
dass er sich besser wird im Zaum halten müssen. Immerhin ist seit der Tat vor
rund drei Jahren auch nichts Nachteiliges mehr aktenkundig geworden. Aus
diesem Grund kann ihm zumindest keine ungünstige Prognose gestellt werden,
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weshalb der Vollzug der Strafe unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren
auszusetzen ist.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Sowohl der Beschuldigte mit seiner Berufung als auch die Staatsanwaltschaft mit
ihrer Anschlussberufung unterliegen, weshalb sich eine hälftige Kostenaufteilung
rechtfertigt. Die Kosten des Berufungsverfahrens sind, mit Ausnahme derjenigen
der amtlichen Verteidigung, deshalb dem Beschuldigten zur Hälfte aufzuerlegen
und zur anderen Hälfte auf die Gerichtkasse zu nehmen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung im Betrag von Fr. 2'484.-- inklusive Mehrwertsteuer (vgl.
Urk. 80 zuzüglich drei Stunden Aufwand für die Berufungsverhandlung und
Nachbesprechung) werden - unter Vorbehalt der Rückzahlungspflicht im Umfang
der Hälfte - auf die Gerichtskasse genommen.