Decision ID: e497270e-1451-58c2-8b8d-dea5e8bebf88
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer ist Eigentümer eines Gewerbegebäudes mit Autogarage /
Auto-Ausstellhalle auf der Parzelle Aarberg Gbbl. Nr. C._. Die Parzelle liegt in der
Überbauungsordnung "D._", Sektor 1 (Baufelder für Gewerbebauten 2-
geschossig).1 Am 19. Juni 2013 bewilligte das Regierungsstatthalteramt Seeland folgendes
Bauvorhaben:
1 Gemeinde Aarberg, Überbauungsordnung D._, bestehend aus dem Überbauungsplan und den Überbauungsvorschriften (ÜV), durch die Kantonale Baudirektion genehmigt am 9. Juni 1992, mit Änderungen bis Mai 2007
RA Nr. 110/2018/33 2
"Anbau und Aufstockung der bestehenden Auto-Ausstellhalle, Neubau von Büros und zwei
Wohnungen".
Dazu erteilte es die Ausnahmebewilligung für das Überschreiten der Geschosszahl (drei
statt zwei Geschosse). Im Grundbuch wurde eine Nutzungsbeschränkung eingetragen,
wonach die beiden Wohnungen nur durch betriebsnotwendig an den Standort gebundenes
Personal, den Betriebsinhaber oder den Betriebsleiter bewohnt werden dürfen.2
2. Die Gemeinde erkundigte sich beim Beschwerdeführer im April 2016 und erneut im
April 2017, ob das Bauvorhaben fertiggestellt sei. Anfangs Mai 2017 brachte Herr
E._ namens des Beschwerdeführers Revisionspläne auf die Bauverwaltung und
erkundigte sich über das Vorgehen für eine Projektänderung. Auf den Plänen war
ersichtlich, dass etliche Räume anders gebaut und genutzt wurden als bewilligt. Die
Bauverwaltung forderte den Beschwerdeführer auf, eine Projektänderung einzureichen.
Kurz darauf reichte die Gemeinde gegen den Beschwerdeführer Strafanzeige wegen
Bauens ohne Baubewilligung ein.3
3. Am 11. Juli 2017 reichte der Beschwerdeführer bei der Gemeinde ein nachträgliches
Baugesuch ein (datiert vom 7. Juni 2017), das er wie folgt umschrieb:
"Anbau und Aufstockung der bestehenden Auto-Ausstellungshalle, Neubau von Büro mit
Wohngelegenheit und zwei Wohnungen. Neun Zimmer mit WC, Dusche, Lavabo. Gesuch um
Umnutzung sep. Beilage. Erstellen einer Photovoltaikanlage (kWp 30)".
4. Mit Gesamtbauentscheid vom 23. Januar 2018 erteilte das Regierungsstatthalteramt
Seeland dem Bauvorhaben den Bauabschlag. Zugleich ordnete es die Wiederherstellung
des rechtmässigen Zustandes auf der Parzelle Aarberg Gbbl. Nr. C._ innerhalb
von neun Monaten nach Rechtskraft des Entscheides wie folgt an: "Zu diesem Zweck wird
die Bauherrschaft verpflichtet, die Innenräume des 1. OG der F._ in den
ursprünglichen Zustand (gemäss den bewilligten Bauplänen vom 19. Juni 2013)
2 Dienstbarkeitsvertrag vom 22. August 2013, Vorakten der Gemeinde, Dossier 1301-0 3 Auszug aus dem Protokoll der Hochbaukommission vom 17. Mai 2017; Strafanzeige vom 23. Mai 2017, Vorakten der Gemeinde, Dossier 1301-0
RA Nr. 110/2018/33 3
zurückzubauen." Gleichzeitig drohte sie die Ersatzvornahme und eine Busse bei
Nichtbefolgung an.
5. Gegen diesen Entscheid reichte der Beschwerdeführer am 22. Februar 2018
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er
beantragt, der Gesamtbauentscheid vom 23. Januar 2018 sei aufzuheben. Das
oberinstanzliche Verfahren sei zu sistieren, bis über das nachträgliche Baugesuch vom
20. Februar 2018 rechtskräftig entschieden worden sei. Eventualiter sei der
Gesamtbauentscheid zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Er macht insbesondere geltend, der angefochtene Entscheid stütze sich auf fehlerhafte
Sachverhaltsfeststellungen. Er habe bereits im vorinstanzlichen Verfahren erklärt, dass die
Räume im 1. Obergeschoss (OG) für das Prostitutionsgewerbe genutzt würden und ein
Gesuch für eine entsprechende Betriebsbewilligung in Aussicht gestellt. Die Vorinstanz sei
jedoch nicht darauf eingegangen. Am 20. Februar 2018 habe er ein nachträgliches
Baugesuch für die Nutzung der Räume für das Prostitutionsgewerbe eingereicht. Werde
das nachträgliche Baugesuch bewilligt, dürften die Umbauten im heutigen Zustand
belassen und genutzt werden und die Wiederherstellungsverfügung werde hinfällig. Zuerst
müsse daher über die beantragte Umnutzung entschieden werden. Die zwei Wohnungen
im Dachgeschoss seien an standortgebundenes Personal der F._ vermietet
(Werkstattchef und stv. Werkstattchef/Abwart) und würden daher rechtmässig genutzt.
Zudem dürfe der Betriebsinhaber der Einzelfirma G._ die von ihm gemieteten
Gewerberäume auch bewohnen.
6. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet4, holte die
Vorakten sowie die Akten des Baugesuchs samt Gesuchs um Betriebsbewilligung für das
Prostitutionsgewerbe vom 20. Februar 2018 ein. Es führte den Schriftenwechsel durch.
Das Regierungsstatthalteramt Seeland und die Gemeinde beantragen mit ihren Eingaben
vom 27. März 2018, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Der
Beschwerdeführer reichte am 6. Juni 2018 eine Stellungnahme dazu ein.
4 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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7. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist ein Bauabschlag mit Wiederherstellungsverfügung. Gesamtbauentscheide
i.S. von Art. 9 KoG5 und baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45-48 BauG können nach
Art. 11 KoG i.V.m. Art. 40 und 49 BauG6 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die
Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer ist durch den
vorinstanzlichen Entscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Die
Beschwerde wurde form- und fristgerecht eingereicht. Die Eintretensvoraussetzungen sind
daher erfüllt. Da jedoch Kassationsgründe vorliegen, die von Amtes wegen geprüft werden,
genügt es, dass die Beschwerde rechtzeitig bei der BVE als zuständiger
Rechtsmittelbehörde anhängig gemacht wurde.7
2. Sachverhaltsermittlung
a) Der Vergleich zwischen dem im Jahr 2013 bewilligten Zustand und den Plänen des
nachträglichen Baugesuchs vom 7. Juni 2017 ergibt folgendes Bild (vgl. auch
Stellungnahme der Gemeinde an die Staatsanwaltschaft vom 8. September 2017):8
5 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 6 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 7 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 40 N. 1-3 8 Vorakten der Gemeinde, Dossier 1301-0
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Bewilligte Pläne von 2013 Pläne des nachträglichen Baugesuchs vom 7.06.2017
Einstellhalle "Inst.Raum" "Technik", nur noch ein Raum
zusätzliche Aussentreppe Nordost
Wegfall Mittelrinne bei Einstellhalle Ostseite
Erdgeschoss Änderung im Zugangsbereich Südost
Fassadenänderungen (Fenster, Türen, Überdachung der Eingänge)
Zwischengeschoss Fassadenänderungen
"Büro Chef" "Studio" mit Küchenzeile
1. Obergeschoss Fassadenänderungen auf allen Seiten
grosser Ausstellungsraum (Autos)
Raum "Auto-Pfandleihaus" mit WC, Lavabo "Fitnessraum" mit Sauna und Solarium
Südostseite: 3-Zimmer-Wohnung: - Küche-Essen-Wohnen, - 2 Zimmer je mit Dusche und Lavabo - sep. WC, Lavabo
Behinderten-WC neben Treppenhaus
Nordwest: 2-Zimmer-Einheit (nur erreichbar via 6-Zimmer-Wohnung): - Vorplatz - Ein Zimmer (Nr. 4) - Wohnen - Dusche / WC
(1. OG ff.) Büro Chef Büro Angestellte Archiv Putz- und Abstellraum WC, Lavabo Vorplatz mit Garderobe
Westseite: 6-Zimmer-Einheit: - 2 Büros, je mit Dusche, WC, Lavabos - Empfang - Aufenthaltsraum mit Teeküche - 3 Zimmer, je mit Dusche / WC - Waschküche - 2 Lagerräume
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2. Obergeschoss (Dachgeschoss)
Fassadenänderungen
Ostseite: 5 1⁄2-Zimmer-Wohnung mit - WC / Lavabo - Badezimmer - Raum Keller / Waschen
Ostseite: 5 1⁄2-Zimmer-Wohnung mit verändertem Grundriss, mit - WC/Lavabo - Badezimmer - Dusche / WC
Raum Waschen / Technik (angrenzend an Treppenhaus / Lift, für alle 3 Wohnungen zugänglich) Korridor
Westseite Süd: 3 1⁄2-Zimmer-Wohnung: - Essen - Kochen -Wohnen - 2 Zimmer - WC, Lavabo - Badezimmer - Raum Keller / Waschen
Westseite Süd: 4-Zimmer-Wohnung mit verändertem Grundriss: - Küche - Essen - Empfang - 2 Zimmer - Büro - Dusche, WC, Lavabo - Separates WC / Lavabo - Badezimmer - Reduit
(2. OG / DG ff.) Westseite Nord: Einheit mit - 3 Büros - Archiv - Vorraum mit Reception - Dusche, WC / Lavabo
Westseite Nord: 3-Zimmer-Wohnung: - 2 Zimmer - Küche - Büro - Empfang - Ausstellung - Reduit - Dusche, WC, Lavabo - WC, Lavabo - Badezimmer
Dachform Flachdach Walmdach / Satteldach
b) Nach den Plänen sind somit bei allen Geschossen zahlreiche und erhebliche
Abweichungen vom bewilligten Zustand erfolgt. Äusserlich ins Gewicht fallen die
Fassadenänderungen auf allen Gebäudeseiten sowie die geänderte Dachform.
Ursprünglich waren zwei Wohnungen bewilligt, die sich im 2. Obergeschoss (heute
Dachgeschoss) befanden. Vorhanden sind nun drei Wohnungen im Dachgeschoss, ein
Studio im Zwischengeschoss und drei Wohnungen im 1. Obergeschoss (bzw. eine 3-
Zimmer-Wohnung im südöstlichen sowie eine 6-Zimmereinheit und eine 2-Zimmer-Einheit
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im westlichen Teil), d.h. insgesamt sieben Wohnungen bzw. Wohneinheiten. Es bestehen
somit zahlreiche baurechtlich relevante Abweichungen vom bewilligten Zustand.
c) Die Gemeinde und das Regierungsstatthalteramt gehen offenbar davon aus, dass
die Pläne des nachträglichen Baugesuchs dem effektiv erstellten Zustand entsprechen. Die
Gemeinde hat in Zusammenhang mit dem Strafverfahren eine Begehung des Gebäudes
vorgenommen und die Bereiche, die vom bewilligten Zustand abweichen, in den
Grundrissplänen des nachträglichen Baugesuchs mit roter Farbe umrandet.9 Allerdings
wurden nur grössere Flächen markiert. Zudem wurde wohl auch nur die Abweichung vom
bewilligten Zustand und nicht auch die Übereinstimmung der Pläne mit dem IST-Zustand
erhoben. Die Fassadenänderung und das geänderte Dach blieben bei dieser Begehung
soweit ersichtlich unberücksichtigt. Der unrechtmässige Zustand ist in den Akten somit
nicht dokumentiert. Es lässt sich im vorliegenden Verfahren daher auch nicht überprüfen,
ob die Pläne des nachträglichen Baugesuchs alle Abweichungen vom bewilligten Zustand
erfassen. Der Sachverhalt ist unvollständig.
3. Mängel des nachträglichen Baugesuchs
a) Das Bauvorhaben muss im Baugesuch korrekt und aussagekräftig umschrieben
werden. Dazu gehören auch konkrete Angaben zur Art der Nutzung (vgl. Art. 11 BewD10).11
Die genaue Umschreibung des Bauvorhabens ist sowohl für die Publikation als auch für die
Frage wesentlich, was Gegenstand des Bauentscheids bildet.
Im nachträglichen Baugesuch vom 7. Juni 2017 wurde das Bauvorhaben auf dem Formular
1.0 bezeichnet als "Anbau und Aufstockung der bestehenden Auto-Ausstellungshalle,
Neubau von Büro mit Wohngelegenheit und zwei Wohnungen. Neun Zimmer mit WC,
Dusche, Lavabo. Gesuch um Umnutzung sep. Beilage. Erstellen einer Photovoltaikanlage
(kWp 30)". Auf den Plänen sind aber weit mehr und andere Abweichungen ersichtlich, als
aufgrund der Umschreibung des Bauvorhabens angenommen werden könnte. Die
Bezeichnung des Bauvorhabens ist nicht nur unvollständig, sondern auch völlig unklar. So
9 Vorakten der Gemeinde, Dossier 1301-0 10 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 11; Art. 35-35c N. 8a
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erhellt nicht, was mit "Anbau und Aufstockung" gemeint sein soll. Auch hat der
Beschwerdeführer wiederum eine Ausnahme für das Überschreiten der Geschosszahl
genannt, obwohl sich insofern nichts geändert zu haben scheint. Es fragt sich, ob hier
lediglich die Umschreibung des Bauvorhabens von 2013 wiederholt wurde. Unklar ist
weiter, was mit "Büro mit Wohngelegenheit" gemeint ist, ob dies die dritte Wohnung im
Dachgeschoss oder das Studio im Zwischengeschoss bezeichnen soll. Offen bleibt weiter,
welches die "zwei Wohnungen" sind. Sind damit die bereits bewilligten zwei Wohnungen
gemeint oder zusätzlich erstellte Wohnungen ‒ und wenn ja welche? Die "neun Zimmer mit
WC, Dusche, Lavabo" lassen sich auf den eingereichten Plänen nicht lokalisieren. Erst aus
dem Baugesuch vom 20. Februar 2018 geht hervor, dass es sich um Räume im 1.
Obergeschoss handeln muss. Dieses Baugesuch war damals aber nicht
Verfahrensgegenstand. Die "Umnutzung sep. Beilage" wurde nirgends definiert, ebenso
fehlen weitere Angaben und Darstellungen der Photovoltaikanlage. All dies bedarf einer
Klärung.
c) Die Nutzung von Räumlichkeiten in Zusammenhang mit dem Prostitutionsgewerbe
stand von Anfang an im Raum. Die Gemeinde hatte aus der Bevölkerung Hinweise
erhalten, wonach Frauen der vis-à-vis gelegenen H._ ‒ die ebenfalls dem
Beschwerdeführer gehört ‒ im Gebäude der F._ ein- und ausgingen. Anlässlich
der Begehung vom 6. September 2017 stellte die Gemeinde ausserdem fest, dass Räume
im 1. OG bereits durch "H._-Damen" belegt waren.12 Auf dem Formular der
vorläufigen formellen Prüfung notierte die Gemeinde bei der Rubrik "Zuständigkeit" denn
auch die Frage "Prostitutionsgewerbe?".13 Erst in seiner Stellungnahme vom 18. Dezember
2017 bestätigte der Beschwerdeführer ausdrücklich eine Nutzung in Zusammenhang mit
dem Prostitutionsgewerbe. Er hielt fest, die Räumlichkeiten im 1. OG seien an die
H._ GmbH vermietet, die dort ihre Verwaltung eingerichtet habe. Die Zimmer
würden von Frauen "genutzt", welche in der H._ auf der gegenüberliegenden
Strassenseite arbeiteten. Welcher Art diese Nutzung ist, führte er aber nicht aus; ob die
Räume nur gewerblich für die Ausübung der Prostitution oder auch noch zum Wohnen
genutzt werden. Die Nutzung der Gewerbeliegenschaft in Zusammenhang mit dem
Prostitutionsgewerbe hätte daher bereits Gegenstand der vorinstanzlichen Verfahren sein
müssen.
12 Strafanzeige vom 23. Mai 2017; Bericht der Gemeinde an die Staatsanwaltschaft vom 8. September 2017, Vorakten der Gemeinde, Dossier 1301-0 13 Vorakten der Gemeinde, Dossier Nr. 1301-0
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Der Beschwerdeführer hat am 20. Februar 2018, das heisst nach Erlass des vorliegend
angefochtenen Gesamtentscheids, ein weiteres (nachträgliches) Baugesuch eingereicht
und darin zusätzlich um die Umnutzung der Räume für das Prostitutionsgewerbe ersucht.
In der Sache handelt es sich jedoch nur um eine Ergänzung des nachträglichen
Baugesuchs vom 7. Juni 2017 und wird mit diesem zu vereinigen sein (siehe dazu
Erwägung 5 unten).
4. Angefochtener Gesamtbauentscheid
a) Es stellt sich die Frage, was von der Gemeinde und der Vorinstanz als Gegenstand
des nachträglichen Baugesuchs aufgefasst und im angefochtenen Entscheid beurteilt
wurde. Die Gemeinde ist offenbar davon ausgegangen, dass sich das Bauvorhaben
teilweise mit dem am 19. Juli 2013 bewilligten Bauprojekt deckt. So notierte sie bei der
vorläufigen formellen Prüfung "ursprüngliches Baugesuch Nr. 1301-0 ist auch Bestandteil
dieses Gesuches". Das Regierungsstatthalteramt hat das Bauvorhaben im Entscheid als
"Anbau und Aufstockung der bestehenden Auto-Ausstellhalle; Neubau Büro mit zwei
Wohnungen; neun Zimmer mit WC, Dusche, Lavabo; Erstellen einer Photovoltaikanlage"
aufgeführt. Die Formulierung "Neubau Büro mit zwei Wohnungen" ist aber nicht identisch
mit der Formulierung im Baugesuch, die lautete "Neubau von Büro mit Wohngelegenheit
und zwei Wohnungen", bei dem es sich um insgesamt drei Wohnungen handeln dürfte. Die
ungenaue Wiedergabe veranschaulicht die bestehenden Unklarheiten über den
Gegenstand des nachträglichen Baugesuchs. In den Erwägungen des angefochtenen
Entscheids hat sich die Vorinstanz lediglich zu den Änderungen im 1. Obergeschoss und
zur Nutzung von Räumen durch Frauen der H._ geäussert. Die Nutzung von
Räumlichkeiten durch Frauen der H._ wurde allerdings nur unter dem Aspekt des
Wohnens beurteilt. Dennoch wurde der Bauabschlag pauschal für das "eingangs
umschriebene" Bauvorhaben erteilt. Wie oben ausgeführt besteht über dessen Inhalt aber
keine Klarheit.
b) Im Bauentscheid ist über alle Gegenstände des Bauvorhabens zu befinden. Im
nachträglichen Baubewilligungsverfahren ist auch zu prüfen, ob das Bauvorhaben ganz
oder teilweise bewilligt werden kann (vgl. Art. 46 Abs. 2 Bst. c BauG). Wird dem
Bauvorhaben oder Teilen davon der Bauabschlag erteilt, entscheidet die
RA Nr. 110/2018/33 10
Baubewilligungsbehörde zugleich darüber, ob und inwieweit der rechtmässige Zustand
wiederherzustellen ist (Art. 46 Abs. 2 Bst. c und e BauG).
Nach den Plänen des nachträglichen Baugesuchs wären im Bauentscheid
nutzungsmässige und / oder bauliche Änderungen auf allen Geschossen, bei der Fassade
und dem Dach zu beurteilen gewesen. Der Beschwerdeführer hatte im Baugesuch
ausserdem eine Photovoltaikanlage genannt. Diese Gegenstände wurden im
angefochtenen Entscheid weder als Bauvorhaben genannt noch finden sich Erwägungen
dazu. Ein Bauabschlag muss begründet werden und in diesem Fall ist auch über die
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes zu entscheiden. Da beides fehlt, ist
anzunehmen, dass im angefochtenen Entscheid über die weiteren baulichen und
nutzungsmässigen Änderungen nicht entschieden wurde, dass sie ausser Acht gefallen
sind. Aus dem Umstand, dass die Vorinstanz nur für das 1. Obergeschoss die
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands angeordnet hat, kann daher auch nicht auf
einen Wiederherstellungsverzicht geschlossen werden. Der Entscheid ist unvollständig und
insofern auch unklar.
5. Aufhebung von Amtes wegen
a) Die BVE ist befugt, ein Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren von Amtes wegen
aufzuheben, wenn wesentliche Verfahrensgrundsätze derart verletzt sind, dass die richtige
Beurteilung unmöglich oder wesentlich erschwert wird (Art. 40 Abs. 1 VRPG). Das
Verfahren ist bis zum begangenen Fehler zurück aufzuheben.14
b) Zusammenfassend wurde der Sachverhalt unvollständig erhoben. Es ist nicht
bekannt, ob die Pläne des nachträglichen Baugesuchs den gebauten Zustand korrekt
abbilden. Die sexgewerbliche Nutzung hätte Gegenstand des vorinstanzlichen Verfahrens
sein müssen. Das Bauvorhaben ist auf dem Formular unklar und unvollständig
umschrieben, was weitere Unklarheiten über den Gegenstand des vorinstanzlichen
Entscheids zur Folge hat. In den Erwägungen wurden nur Änderungen im 1. Obergeschoss
beurteilt, aber dem ganzen Bauvorhaben der Bauabschlag erteilt. Auf den Plänen sind
zahlreiche Änderungen ersichtlich, die im angefochtenen Entscheid unberücksichtigt
14 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 40 N. 7
RA Nr. 110/2018/33 11
geblieben sind. Eine teilweise Bewilligungsfähigkeit des Bauvorhabens wurde nicht geprüft.
Der angefochtene Entscheid ist daher unvollständig und insofern auch unklar.
c) Die Verfahrensmängel verunmöglichen vorliegend eine Entscheidfindung. Der
angefochtene Gesamtbauentscheid (Bauabschlag mit Wiederherstellungsverfügung) ist
daher von Amtes wegen aufzuheben.
d) Hinweise für das weitere Vorgehen: Es sind weitere sachverhaltliche Abklärungen
erforderlich (bestehender unrechtmässigen Zustand, Übereinstimmung der Pläne mit dem
IST-Zustand). Das Baugesuch vom 20. Februar 2018 ist als Ergänzung des nachträglichen
Baugesuchs vom 7. Juni 2017 entgegenzunehmen und mit diesem zu vereinigen. Der
Beschwerdeführer wird in diesem Zusammenhang sein nachträgliches Baugesuch zu
ergänzen und verbessern haben. Die Umschreibung des Bauvorhabens muss klar und
aussagekräftig sein. Bei der sexgewerblichen Nutzung ist anzugeben, ob die Räume nur
zur Ausübung der Prostitution oder auch zum Übernachten / Wohnen dienen sollen. Nach
Behebung der Mängel ist das Baugesuch grundsätzlich zu publizieren. Im neuen Entscheid
ist die Bewilligungsfähigkeit aller Gegenstände des Baugesuchs zu prüfen und darüber zu
entscheiden. Soweit dem Bauvorhaben oder Teilen davon der Bauabschlag erteilt wird, ist
über die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes zu entscheiden. Es ist auch über
rechtswidrige Umbauten oder Umnutzungen zu entscheiden, die vom nachträglichen
Baugesuch nicht erfasst sind.
e) Bei diesem Ausgang des Verfahrens erübrigt es sich, über den Sistierungsantrag
des Beschwerdeführers zu entscheiden.
6. Kosten
a) Die Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'000.–
(Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV15).
b) Bei einer Kassation des Verfahrens gelten die allgemeinen Grundsätze für die
Kostenverlegung. Die Verfahrens- und Parteikosten sind vorab nach Massgabe des
15 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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Unterliegens zu verlegen (sog. Unterliegerprinzip). Als unterliegend gilt, wer mit seinen
Anträgen nicht durchdringt. Besondere Umstände oder das prozessuale Verhalten einer
Partei können eine vom allgemeinen Grundsatz abweichende Verlegung von Verfahrens-
und Parteikosten rechtfertigen (Art. 108 Abs. 1 und 3 VRPG). Im Fall einer Kassation von
Amtes wegen gilt als obsiegend, wer die Aufhebung des Entscheids beantragt und den zur
Kassation führenden Mangel gerügt hat.16
c) Der Beschwerdeführer hat die Aufhebung des angefochtenen Entscheides beantragt
und in Bezug auf die Umnutzung von Räumlichkeiten für das Prostitutionsgewerbe
sachverhaltliche Mängel gerügt. Die Nichtberücksichtigung der unbewilligten Umnutzung
stellt einen der Gründe, wenn auch nicht den Hauptgrund für die Kassation des Verfahrens
dar. Insoweit gilt der Beschwerdeführer als obsiegend.
Behörden können in der Regel keine Kosten auferlegt werden (Art. 108 Abs. 2 i.V.m. Art. 2
Abs. 1 Bst. a und b VRPG). Parteien werden jedoch ebenfalls nicht kostenpflichtig, wenn
sie bezüglich der Kassation nicht mit eigenen Anträgen unterlegen sind.17 Die
Verfahrenskosten werden daher nicht erhoben.
d) Die Vorinstanz hat dem Beschwerdeführer im Ausmass von dessen Obsiegen
Parteikosten zu ersetzen. Es rechtfertigt sich, den Parteikostenanteil auf 1/3 des Honorars
festzusetzen.
Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden
Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Nach Art. 11 Abs. 1 PKV18 beträgt das Honorar in
verwaltungsrechtlichen Beschwerdeverfahren Fr. 400.– bis Fr. 11'800.– pro Instanz.
Innerhalb des Rahmentarifs bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der Sache
gebotenen Zeitaufwand sowie der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des
Prozesses (Art. 41 Abs. 3 KAG19). Im vorliegenden Fall ist der gebotene Zeitaufwand
höchstens als durchschnittlich zu werten, da nur ein Schriftenwechsel angeordnet wurde
und kein Beweisverfahren durchgeführt wurde. Die umstrittenen Rechtsfragen, die
16 VGE 2014/239 vom 18. März 2015 E. 3.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 40 N. 11, Art. 108 N. 16 17 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 40 N. 11 18 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811) 19 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11)
RA Nr. 110/2018/33 13
Bedeutung der Streitsache und die Schwierigkeit des Prozesses sind insgesamt als eher
unterdurchschnittlich einzustufen. Daher erscheint ein Honorar von Fr. 4'500.– als
angemessen. Der Beschwerdeführer hat daher Anspruch auf einen Parteikostenanteil von
Fr. 1'500.‒, Auslagen von Fr. 100.‒ zuzüglich 7,7 % MWST, ausmachend Fr. 1'723.20.