Decision ID: 25d6b0ee-47df-5004-860f-bfc13406bd9e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (georgischer Staatsangehöriger, geb. [...]) ersuchte
am 18. August 2020 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerab-
drücke mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab,
dass er am 22. Oktober 2019 in Belgien ein Asylgesuch gestellt hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 24. August 2020 das recht-
liche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit der Überstellung nach Belgien, dessen Zuständigkeit für die Behand-
lung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdefüh-
rer machte geltend, nicht nach Belgien zurückkehren zu können, da er in
Georgien Probleme habe und gesucht werde. Diejenigen, die ihn in Geor-
gien gesucht hätten, seien nun auch in Belgien, was ihm von Georgien aus
telefonisch mitgeteilt worden sei. Die belgische Polizei hätte diese Perso-
nen nicht finden können, auch wenn er sich an jene gewandt hätte. Ferner
leide er an Hepatitis C, einer Lungenkrankheit, einer Magen-/Darmentzün-
dung, einer (...) und starken Kopfschmerzen.
C.
Die belgischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM um Übernahme
des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) am 3. September
2020 gut.
D.
Die von der Vorinstanz vorgenommenen medizinischen Abklärungen
(Stand 7. September 2020) ergaben, dass der Beschwerdeführer an einer
aktiven Hepatitis C, Magenbeschwerden, Tuberkulose, deren Behandlung
im August 2020 jedoch abgeschlossen werden konnte, Angstzuständen,
Panikstörungen und Kopfschmerzen leidet. Zudem erhielt er seit dem
19. August 2020 Methadon. Bezüglich der von ihm geltend gemachten (...)
lag kein Befund vor.
E.
Mit Verfügung vom 9. September 2020 (eröffnet am nachfolgenden Tag)
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trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ver-
fügte dessen Überstellung nach Belgien und forderte ihn auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig ver-
fügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschie-
bende Wirkung zu.
F.
Mit Beschwerde vom 16. September 2020 (Postaufgabe) gelangte der Be-
schwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte sinnge-
mäss, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und auf sein Asylge-
such sei einzutreten, eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Ferner sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu ertei-
len. Schliesslich ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und Bei-
ordnung eines amtlichen Rechtsbeistands.
G.
Am 17. September 2020 ordnete die Instruktionsrichterin einen superpro-
visorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwal-
tungsgericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die üb-
rigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG],
Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich
erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
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zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 - 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23 -25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
3.4. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Belgien ein Asylgesuch ge-
stellt zu haben. Die belgischen Behörden hiessen das Gesuch der
Vorinstanz um Wiederaufnahme gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO am 3. September 2020 ausdrücklich gut. Die Zuständigkeit Belgiens
steht somit grundsätzlich fest.
4.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1
erster Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), auszuüben ist.
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4.1. Der Beschwerdeführer macht geltend, sich in Georgien Geld von
Landsleuten ausgeliehen zu haben, das er nicht zurückbezahlen könne.
Diese hätten ihn bereits in Georgien gesucht und seien nun extra aus Ge-
orgien eingereist, um ihn dort (gemeint: in Belgien) aufzuspüren und allen-
falls sogar zu töten. Er könne nicht nach Belgien zurückkehren, weil er dort
in Gefahr sei. Zudem sei er krank und müsse medizinisch behandelt wer-
den.
4.1.1. Die Befürchtungen des Beschwerdeführers, von seinen Verfolgern
aus Georgien in Belgien aufgesucht und getötet zu werden, basieren auf
reinen Mutmassungen. Er kann keine Vorkommnisse aufzeigen, welche
seine Vermutungen stützen würden. Zudem hat er kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dargetan, dass die belgischen Behörden ihm, sollte er
tatsächlich einer Gefährdung ausgesetzt sein, den nötigen Schutz verwei-
gern würden oder dazu nicht in der Lage sein. Gemäss den Angaben, wel-
che er im Rahmen des rechtlichen Gehörs vor der Vorinstanz machte, hat
er sich nicht an die belgische Polizei gewandt. Folglich kann auf die zutref-
fenden Ausführungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung ver-
wiesen werden, wonach Belgien ein Rechtsstaat ist, welcher über eine
funktionierende Polizeibehörde verfügt, die sowohl schutzwillig als auch
schutzfähig ist. Sollte sich der Beschwerdeführer in Belgien vor Übergriffen
fürchten, kann er sich an die dafür zuständigen staatlichen Stellen wenden.
4.1.2. Bezüglich der vom Beschwerdeführer angeführten gesundheitlichen
Probleme ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die diagnostizierten Erkran-
kungen (Bst. D des Sachverhalts) nicht in Frage stellt und den Sachverhalt
diesbezüglich als genügend erstellt erachtet, um den Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers hinsichtlich der Zumutbarkeit und Zulässigkeit ei-
ner Wegweisung nach Belgien beurteilen zu können. Der Beschwerdefüh-
rer wird weiterhin ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Es ist jedoch
nicht ersichtlich, weshalb allfällige Folgeuntersuchungen und weitere Be-
handlungen in der Schweiz stattfinden müssten, zumal der Zugang zu allen
notwendigen medizinischen Untersuchungen und Behandlungen in Bel-
gien gewährleistet sein dürfte. Auch macht er nicht geltend, noch geht aus
den Akten hervor, die belgischen Behörden würden sich weigern, ihm dau-
erhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebens-
bedingungen sowie die von ihm benötigte medizinische Hilfeleistung zu ge-
währen, hat er doch während seines Aufenthaltes in Belgien bereits medi-
zinische Hilfe in Anspruch genommen. Ferner besteht kein Grund zur An-
nahme, eine Überstellung würde seine Gesundheit ernsthaft gefährden.
Zudem wird er medikamentös versorgt. Eine schwere Erkrankung, welche
seiner Überstellung entgegenstünde, liegt nicht vor. Eine allfällige weitere
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Behandlung kann in Belgien fortgesetzt werden. Die Vorinstanz hat ihr Er-
messen somit korrekt ausgeübt. Ein Selbsteintritt aus humanitären Grün-
den ist bei dieser Sachlage nicht angezeigt.
4.2. Im Übrigen werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Voll-
zug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, die belgischen Behör-
den vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen
Umstände des Beschwerdeführers informieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO).
4.3. Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Belgien bleibt somit zuständiger Mitgliedstaat gemäss Dublin-
III-VO und ist verpflichtet, den Beschwerdeführer wiederaufzunehmen.
5.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
5.1. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 17. September 2020 angeord-
nete Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde ist gegenstandslos geworden.
5.2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist ab-
zuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
6.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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