Decision ID: dd64c0d9-bcbe-556d-b79f-7295cf30b324
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Gemäss eigenen Angaben verliess die Beschwerdeführerin, eine alba-
nische Staatsangehörige mit letztem Wohnsitz in B._, ihren Heimat-
staat am 25. September 2019 und suchte gleichentags in der Schweiz um
Asyl nach.
A.b Am 1. Oktober 2019 nahm das SEM die Personalien der Beschwerde-
führerin auf.
A.c Das SEM hörte die Beschwerdeführerin am 16. Oktober 2019 zu ihren
Asylgründen an. Sie machte im Wesentlichen geltend, sie habe sich zeit-
lebens in B._ aufgehalten und (...) Jahre lang die Schule besucht.
Ihr Vater sei verstorben, als sie noch klein gewesen sei. Ihre beiden
Schwestern lebten in C._. Zusammen mit ihrer Mutter habe sie bis
zu ihrer Ausreise aus Albanien auf dem (...) gearbeitet. Sie fühle sich in
ihrer Heimat als alleinstehende Frau diskriminiert. Da sie sehr gutmütig ge-
wesen sei, könne sie nie in ihrem Leben ein weisses Kleid tragen. Dies
habe mit verschiedenen Lebenssituationen und mit verschiedenen Men-
schen zu tun. Sie sei in der Schweiz sehr gut empfangen worden und wisse
nicht, ob sie dies verdient habe. Auf Nachfragen konnte die Beschwerde-
führerin nicht erklären, weshalb sie kein weisses Kleid tragen könne und
nicht wisse, ob sie den guten Empfang in der Schweiz verdient habe. Ihr
fehlten die Worte, um ihre Gründe für die Ausreise aus der Heimat zu nen-
nen. Sie habe weder mit der Polizei noch mit Behörden noch mit Privatper-
sonen Probleme gehabt. In Albanien habe sie ihre Probleme einer Kollegin
geschildert. Sie habe ihr von der Paranoia erzählt und ihr gesagt, ihre Ge-
danken schwebten und mit ihr sei etwas nicht in Ordnung. Bei einer Rück-
kehr nach Albanien würde nichts passieren, sie möchte ihr Leben aber hier
weiterführen. Vor Abschluss der Anhörung sagte sie, ihr Leben könne man
mit zwei, drei Worten als einen Roman ohne Inhalt beschreiben. Die gros-
sen Lieben hätten Wirkung, man könne kein weisses Kleid mehr anhaben.
Der zugewiesene Rechtsvertreter wies während der Anhörung darauf hin,
er habe beim Vorgespräch den Eindruck gehabt, die Beschwerdeführerin
sei «irgendwie eingeschüchtert» beziehungsweise mit ihr sei «irgendetwas
nicht in Ordnung». Er beantrage, dass sie mit einer ärztlichen Person ein
Gespräch führen könne beziehungsweise einer psychiatrischen Begutach-
tung unterzogen werde.
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A.d Der Rechtsvertreter stellte am 17. Oktober 2019 den Antrag, die Be-
schwerdeführerin sei in das erweiterte Verfahren zu versetzen und einer
psychiatrischen Begutachtung zu unterziehen, da sie verängstigt gewesen
sei und ihr in Albanien «irgendetwas widerfahren sein müsse». Der Dol-
metscher habe nach der Anhörung nicht umsonst gesagt, dass man das
«weisse Kleid» dechiffrieren müsse, ansonsten man ihre Probleme nicht
verstehe.
B.
B.a Mit Verfügung vom 25. Oktober 2019 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 3 AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerde-
führerin nicht ein, verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz und ordnete
den Vollzug der Wegweisung an.
B.b Das Bundesverwaltungsgericht hiess eine gegen diese Verfügung ge-
richtete Beschwerde vom 1. November 2019 mit Urteil D-5760/2019 vom
6. November 2019 gut, hob die Verfügung vom 25. Oktober 2019 auf, und
wies die Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung und zur Neubeurtei-
lung im Sinne der Erwägungen an das SEM zurück.
C.
C.a Einer internen Mail des Pflegedienstes des SEM vom 2. November
2019 ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin nach wie vor nicht
gesprächsbereit sei. Am Vortag sei sie zur Abklärung einer somatischen
Ursache ins (...) gebracht und von dort in die (...) verlegt worden. Von dort
sei sie mitten in der Nacht zu Fuss ins Bundesasylzentrum (BAZ) zurück-
gekehrt, wo sie seither regungslos im Bett liege.
C.b Die (...) übermittelten dem SEM am 7. November 2019 einen die Be-
schwerdeführerin betreffenden Austrittsbericht. Diesem ist zu entnehmen,
dass sie vom 28. bis 31. Oktober 2019 hospitalisiert gewesen sei. Diag-
nostiziert wurden eine Anpassungsstörung (ICD-10 F43.2) und sonstige re-
zidivierende depressive Störungen (ICD-10 F33.8). Es wurde darauf hin-
gewiesen, dass mit der in D._ lebenden Schwester und dem
Schwager der Beschwerdeführerin Kontakt aufgenommen worden sei.
Diese hätten von früheren depressiven Zustandsbildern berichtet und ge-
sagt, dass die Beschwerdeführerin auch früher Behandlungen nicht ange-
nommen oder abgebrochen und Kliniken verlassen habe. Bereits am Fol-
getag habe die Beschwerdeführerin signalisiert, dass sie nicht mehr in der
Klinik bleiben wolle.
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C.c Mit Verfügung vom 9. Januar 2020 teilte das SEM der Rechtsvertre-
tung mit, dass das Asylgesuch der Beschwerdeführerin weiterer Abklärun-
gen bedürfe, weshalb es gemäss Art. 26d AsylG im erweiterten Verfahren
behandelt werde.
C.d Am 7. Februar 2020 erstattete das SEM bezüglich der Beschwerde-
führerin eine Gefährdungsmeldung an die zuständige kantonale Kindes-
und Erwachsenenschutzbehörde (KESB).
C.e Mit Verfügung vom 12. Februar 2020 wies das SEM die Beschwerde-
führerin für den Aufenthalt während des weiteren Asylverfahrens dem Kan-
ton E._ zu.
C.f Am 31. März 2020 führte das SEM ein Telefongespräch mit der (...).
Diese teilte mit, dass die stationär behandelte Beschwerdeführerin eine
Zwangsmedikation erhalte. Sie verhalte sich höchst auffällig, laufe in der
Klinik herum, verlasse diese jedoch nie. Sie sei sehr schreckhaft, was mit
der Medikation etwas abgenommen habe, spreche kein Wort und nehme
von sich aus keinen Kontakt mit anderen Personen auf. Sie lasse sich nicht
ärztlich abklären und mache einen traumatisierten Eindruck. Da sich an
ihrer Verfassung nichts ändere und aufgrund ihres mutistischen Verhaltens
therapeutisch nicht mit ihr gearbeitet werden könne, werde gemeinsam mit
den zuständigen Stellen des Kantons der Austritt aus der (...) vorbereitet.
C.g Mit Entscheid vom 5. Mai 2020 wies die kantonale KESB die Be-
schwerdeführerin an, sich vorderhand bis zum 5. Mai 2022 regelmässig
zwecks ambulanter Behandlung ins Psychiatrische Ambulatorium
E._ zu begeben und den Behandlungsplan lückenlos einzuhalten.
C.h Das SEM wandte sich am 14. Mai 2020 schriftlich an die in C._
lebende Schwester der Beschwerdeführerin und bat sie um Beantwortung
mehrerer Fragen.
C.i Die Schwester der Beschwerdeführerin übermittelte dem SEM am
6. Juni 2020 (Postdatum) die Antwort zu den ihr gestellten Fragen. Sie
führte aus, die Beschwerdeführerin habe vor allem in den letzten Jahren
an Problemen gelitten. Ihr extrem introvertiertes und verschlossenes We-
sen habe sie daran gehindert, sich ihrer Familie anzuvertrauen. Die Mutter
habe entschieden, die Behandlungen zu bezahlen, und habe die Be-
schwerdeführerin nach F._ gebracht. Zurzeit lebten noch ihre Mut-
ter und eine Tante in Albanien.
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C.j Das SEM ersuchte das Psychiatrische Ambulatorium E._ am
12. November 2020 um die Erstellung eines Berichts über den Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerin. Es bat um Mitteilung, ob sich Aus-
sagen zu ihrer Urteilsfähigkeit im Hinblick auf das Asylverfahren und zu
einer allfälligen Traumatisierung machen liessen.
C.k Anlässlich eines Telefongesprächs des SEM mit der Betreuungsper-
son der Beschwerdeführerin vom 12. November 2020 sagte diese, die Be-
schwerdeführerin rede derzeit sehr viel. Nachdem sie im Juli 2020 in der
kantonalen Unterkunft untergebracht worden sei, habe sie viel Unterstüt-
zung verlangt. Mittlerweile meistere sie den Alltag selbstständig, fahre mit
dem öffentlichen Verkehr in den Deutschkurs und habe den Wunsch ge-
äussert, arbeiten zu können.
C.l Am 3. Dezember 2020 übermittelte die Rechtsvertretung der Be-
schwerdeführerin einen ärztlichen Bericht der Psychiatrischen Dienste des
Kantons E._ vom 23. November 2020. Diesem ist zu entnehmen,
dass die Beschwerdeführerin wahrscheinlich bereits in Albanien an einer
psychiatrischen Störung (wohl an einer Psychose) gelitten habe. Es werde
vermutet, dass sie Gewalt erlitten habe. Über die Gründe, aus denen sie
Albanien verlassen habe, habe sie nicht sprechen wollen. Die Beschwer-
deführerin habe sich der sie betreuenden Psychiaterin erst beim dritten
Gespräch öffnen können. Sie habe gesagt, dass ihre Mutter und sie mit
dem erzielten Verdienst die Rechnungen nicht hätten bezahlen können.
Sie sei schon in der Heimat psychisch krank gewesen, es habe sich aber
keine Möglichkeit für eine Behandlung ergeben. Im Verlauf der Therapie
habe sie über Stimmen und Bilder berichtet, die sie plötzlich vor Augen
habe und bei welchen es sich um die Ereignisse in der Vergangenheit
handle. Diagnostiziert wurden eine Erkrankung aus dem schizophrenen/af-
fektiven Formenkreis mit der Differenzialdiagnose einer Traumafolgestö-
rung. Die Beschwerdeführerin werde mit dem Antipsychotikum Xeplion be-
handelt und komme alle drei bis vier Wochen zu psychiatrischen Gesprä-
chen. Hinsichtlich ihrer Urteilsfähigkeit wurde angegeben, dass sie ein ein-
stündiges Gespräch, welches mit ihrem gegenwärtigen Zustand und den
gegenwärtigen Umständen zu tun habe, aushalten könne. Themen wie ihre
Vergangenheit und ihre Krankheit lösten bei ihr eine traurige Stimmung
aus; sie vermeide vor allem Fragen betreffend ihre Vergangenheit. Die Ur-
teilsfähigkeit könne aus gutachterlicher Sicht nicht eingeschätzt werden.
Da die Beschwerdeführerin nach dem ersten Asylentscheid mit dem Aus-
bruch eines mutistischen Zustandes reagiert habe, sei zu vermuten, dass
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sie nach einem zweiten negativen Entscheid mit einer Dekompensation
oder auch mit psychotischen Symptomen reagieren würde.
C.m Die Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin teilte dem SEM am
15. Dezember 2020 mit, sie sehe es nicht als angezeigt, zeitnah eine An-
hörung durchzuführen. Im Arztbericht vom 23. November 2020 werde
keine klare Aussage zur Urteilsfähigkeit gemacht. Diese Frage und der Ein-
fluss einer Anhörung müssten genauer abgeklärt werden.
C.n Am 21. Dezember 2020 antwortete das SEM dahingehend, dass un-
klar sei, wer besser dazu geeignet wäre, die Frage der Urteilsfähigkeit der
Beschwerdeführerin zu beurteilen, als ihre behandelnde Ärztin. Das SEM
sei offen, konkrete und konstruktive Vorschläge zum weiteren Vorgehen zu
prüfen. Sollten solche nicht bis zum 8. Januar 2021 eingehen, werde das
SEM eine halbtägige Anhörung in einem reinen Frauen-Setting organisie-
ren, um der Beschwerdeführerin die Möglichkeit einzuräumen, ihre Flucht-
gründe darzulegen.
C.o Die Rechtsvertretung wies das SEM am 7. Januar 2021 darauf hin, die
Frage der Urteilsfähigkeit der Beschwerdeführerin müsste auf andere
Weise abgeklärt werden. Das SEM sei verpflichtet, den Sachverhalt ander-
weitig abzuklären, allenfalls unter Beiziehung eines Facharztes, der auf die
Beurteilung der Urteilsfähigkeit spezialisiert sei. Ohne Gewissheit über das
Vorliegen der Urteilsfähigkeit, könne keine rechtsgenügliche Feststellung
des Sachverhalts erfolgen.
C.p Am 18. März 2021 hörte das SEM die Beschwerdeführerin in Anwe-
senheit ihrer Rechtsvertreterin ergänzend zu ihren Asylgründen an. Sie
machte im Wesentlichen geltend, sie habe viele Gründe gehabt, um in die
Schweiz zu kommen. Hauptsächlich habe sie Albanien aus medizinischen
Gründen verlassen; auch wirtschaftliche Gründe hätten eine Rolle gespielt.
Hätte sie ihr Heimatland eine Woche später verlassen, wäre sie wahr-
scheinlich tot. Sie fühle sich hier sehr sicher, man habe sich sehr gut um
sie gekümmert. Nach zirka zwei Wochen sei ihre Familie nach G._
gekommen. Ihre Angehörigen seien mehrmals gekommen, aber sie habe
sie nicht treffen wollen. Sie habe sich in Albanien innerlich bedroht gefühlt
und habe gedacht, dass ihrer Familie etwas zustossen könnte. Sie habe in
einem Angstzustand gelebt und erwartet, dass irgendetwas geschehe. An-
gesichts dieser Stresssituation habe sie sich krank gefühlt. Bevor sie Alba-
nien verlassen habe, habe sie ihrer Mutter gesagt, sie könne dort nicht
mehr leben. Sie habe Dinge auf den Boden geworfen oder beschädigt und
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habe nach ihrem Reisepass verlangt. Hier in der Schweiz habe sie sich
sehr glücklich, aber auch ängstlich gefühlt. Sie sehe das als einen schönen
Traum und hoffe, dass dieser nicht zu Ende gehe. Sie erwarte hier eine
bessere Zukunft als in ihrem Heimatland. In Albanien habe sie den Ein-
druck gehabt, sie werde einer Gruppe von Männern begegnen, die ihr et-
was antun würden. Sie habe sich beobachtet gefühlt. Sie sei bereits in Al-
banien und F._ behandelt worden, habe ihre Krankheit aber nicht
akzeptieren können. Ihre Krankheit habe sich durch die Einnahme der Me-
dikamente verschlimmert. Sie habe eine Beziehung zu einer Person mit
anderer Religionszugehörigkeit gehabt. Die Erfahrung, die sie in dieser Be-
ziehung gemacht habe, habe sich negativ auf ihre Stresssituation ausge-
wirkt. Der Mann habe sie zu sich nach Hause genommen, was sich negativ
auf ihre Beziehung ausgewirkt habe. Durch Arbeit habe sie versucht, diese
Beziehung zu vergessen. Das Ganze betrachte sie als eine unerreichbare
Mission. An ihre Aussage bei der ersten Befragung erinnert, sie werde nie
ein weisses Kleid tragen können, sagte sie, sie habe sich wie in einem
Schockzustand gefühlt. Ihre Vorstellung sei, dass mit Hilfe Gottes alles
besser werde. Sie betrachte sich als einen guten Menschen und dürfe viel-
leicht auch einmal das weisse Kleid anziehen. Sie habe selber zu sich ge-
sagt, dass sie vielleicht kein weisses Kleid anziehen würde, was nicht so
tragisch sei. Sie solle es so betrachten, dass das Kleid zu gross für sie sei.
Sie sei dankbar, dass sie im Asylverfahren aufgenommen worden sei und
man ihr geholfen habe. Ansonsten hätte man ihre Situation ausgenutzt, um
ihr etwas Schlimmes anzutun. Auf Nachfrage sagte sie, sie habe sich als
Frau diskriminiert gefühlt, als sie eine Familie habe gründen wollen. Sie
habe den Eindruck gehabt, von allen Menschen verurteilt und nicht akzep-
tiert zu werden. Sie habe sich «palliativ» gefühlt, da die Person, mit der sie
eine Familie habe gründen wollen, sie nicht akzeptiert habe. Gefragt, wie
die Beziehung zu ihrer Mutter sei, antwortete die Beschwerdeführerin, sie
wisse auch dies nicht, sie möchte die Frage der Befragerin stellen. Auf
Nachfrage gab sie an, die Beziehung zu ihrer Mutter sei bis zu ihrer Aus-
reise sehr gut gewesen. Ihre Mutter und ihre Schwester seien der Auffas-
sung, es wäre für sie das Beste, wenn sie in der Schweiz bleiben dürfe.
Erneut auf ihre Beziehung zu einem Mann angesprochen, sagte die Be-
schwerdeführerin, er sei Muslim gewesen und sie habe ihn in einer sehr
falschen Form kennengelernt. Am Anfang hätten sie über Gott und die
Menschen gesprochen, später seien sie ein Paar geworden, was nicht rich-
tig gewesen sei. Dies sei der einzige Fehler gewesen, den sie in ihrem
Leben begangen habe. Zwischen dem Ende dieser Freundschaft und ihrer
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Ausreise seien acht Jahre vergangen. Falls sie nach Albanien zurückkeh-
ren müsste, befürchte sie, dass sie erneut krank werde und dort medizi-
nisch nicht behandelt werden könnte.
C.q Das SEM ersuchte die Psychiatrischen Dienste des Kantons
E._ am 19. April 2021, einen aktuellen ärztlichen Bericht über die
Beschwerdeführerin zu erstellen.
C.r Dem angeforderten ärztlichen Bericht vom 6. Mai 2021 ist zu entneh-
men, dass sich der Zustand der Beschwerdeführerin im Verlauf der Be-
handlung verbessert habe. Trotzdem sei ihre Vergangenheit ein verbote-
nes Thema geblieben. Die behandelnde Psychiaterin habe den Eindruck,
dass ihr etwas, über das sie nicht sprechen könne, widerfahren sei. Bei
Nachfragen über die Traumatisierung sei sie immer in sich gekehrt geblie-
ben, plötzlich traurig gewesen und habe es abgelehnt, darüber zu spre-
chen. Diagnostiziert wurden der Verdacht auf eine schizophrene/affektive
Störung, gegenwärtig leicht depressiv (ICD-10 F25.1) und auf eine post-
traumatische Belastungsstörung (PTBS; ICD-10 F43.1). Da die antipsy-
chotische Medikation Erfolge gezeigt habe, sei eine weitere Applikation
notwendig. Ebenso nötig sei die Weiterführung von monatlichen Kontrollen,
die eine Stabilität der Beschwerdeführerin gewährleisteten. Man sei eher
der Meinung, dass sie nicht in der Lage sei, bezüglich der nötigen Mitwir-
kung im Asylverfahren vernünftig zu handeln; ihre Beurteilungsfähigkeit
werde bezüglich dieser Frage als eingeschränkt beurteilt.
C.s Das SEM ersuchte die schweizerische Botschaft in Tirana (Albanien;
nachfolgend Botschaft) am 18. Mai 2018 um Vornahme von Abklärungen
bezüglich der Beschwerdeführerin. Dazu stellte es mehrere Fragen.
C.t Am 8. Juni 2021 verfasste die Botschaft ihren Bericht über die vorge-
nommenen Abklärungen. Die Mutter der Beschwerdeführerin wohne im ab-
gelegenen und ärmsten Quartier von B._, das vorwiegend von An-
gehörigen der Roma bewohnt werde. Beschwerdeführerin und Mutter ge-
hörten dieser Ethnie an. Die Mutter habe bestätigt, dass sie mit der Be-
schwerdeführerin in regelmässigem telefonischen Kontakt stehe. Sie habe
ihre Tochter vor dem Pandemieausbruch zweimal in der Schweiz besucht.
Die Mutter lebe in bescheidenen Verhältnissen in einer Privatwohnung und
besitze einen kleinen (...). Die psychischen Probleme der Beschwerdefüh-
rerin seien vor etwa dreieinhalb Jahren aufgetreten. Sie sei zur Behandlung
sporadisch in F._ gewesen. Da psychisch leidende Personen oft
stigmatisiert würden, habe die Mutter die Erkrankung ihrer Tochter vor dem
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Bekanntenkreis und der Nachbarschaft geheim halten wollen. Die Mutter
habe ausser den prekären Familienverhältnissen und der Armut keine wei-
teren Gründe genannt, aus denen die Beschwerdeführerin Albanien ver-
lassen habe. Die Mutter leide an Herzproblemen, hohem Blutdruck und
rheumatischen Beschwerden. Sie lebe alleine in ihrer Eigentumswohnung
und beziehe eine monatliche Rente von zirka CHF 130.–. Zusätzlich erziele
sie ein Einkommen durch ihre Aktivitäten als (...). Sie sei bereit, ihre Toch-
ter wieder bei sich aufzunehmen. Vor ungefähr zehn Jahren habe ein Hei-
ratsvermittler versucht, eine Verlobung der Beschwerdeführerin mit einem
Mann aus H._ zu vermitteln. Da der Altersunterschied zu gross ge-
wesen sei und wegen der unterschiedlichen Ethnie, habe die Beschwerde-
führerin zu keinem Zeitpunkt eine Beziehung zu diesem Mann eingehen
wollen. Ein Treffen zwischen ihr und diesem Mann sei nie zustande gekom-
men.
C.u Das SEM setzte die Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin am
14. Juni 2021 von der Botschaftsabklärung in Kenntnis und setzte Frist zur
Einreichung einer Stellungnahme an.
C.v Die Rechtsvertretung händigte dem SEM am 29. Juni 2021 ihre Stel-
lungnahme aus. In dieser wird ausgeführt, die Beschwerdeführerin wolle
nicht nach Albanien zurückkehren, da sie dort aus finanziellen Gründen
nicht behandelt werden könne. Dank ihrer Behandlung in der Schweiz habe
sich ihr Gesundheitszustand stark verbessert. Recherchen der Schweize-
rischen Flüchtlingshilfe (SFH) hätten gezeigt, dass Roma beim Zugang zu
medizinischer Behandlung in Albanien häufig diskriminiert würden. Die
Krankenversicherungsrate sei unter den Roma sehr gering. Gemäss aktu-
ellen Abklärungen der SFH koste das Medikament Xeplion in Albanien pro
Dosis umgerechnet CHF 225.–. Die Kosten würden zwar grundsätzlich
vom Staat übernommen, der effektive Zugang zum Medikament und zur
psychiatrischen Behandlung sei aber aus verschiedenen Gründen er-
schwert. Es sei nicht garantiert, dass die Beschwerdeführerin tatsächlich
Zugang zur erforderlichen Behandlung hätte. Zudem werde sie bei einer
Rückkehr nach Albanien wegen ihrer psychischen Erkrankung gesell-
schaftlich stigmatisiert und ausgegrenzt, was eine zusätzliche psychische
Belastung für sie bedeuten würde. Der Botschaftsbericht decke sich weit-
gehend mit den Angaben der Beschwerdeführerin. Die Frage, welche Er-
eignisse in ihrer Vergangenheit die diagnostizierte Traumafolgestörung
ausgelöst habe und ob sie urteilsfähig sei, sei weitgehend ungeklärt. Auch
ihre Mutter habe diese Frage nicht beantworten können. Eine Wegweisung
würde zu einer Unterbrechung der dringend notwendigen medizinischen
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Behandlung führen. Unter Gesamtwürdigung aller Umstände sei zumin-
dest eine vorläufige Aufnahme zu erteilen.
D.
Mit am selben Tag eröffneter Verfügung vom 21. Juli 2021 trat das SEM in
Anwendung von Art. 31a Abs. 3 AsylG auf das Asylgesuch der Beschwer-
deführerin nicht ein, verfügte ihre Wegweisung aus der Schweiz und ord-
nete den Vollzug der Wegweisung an.
E.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 28. Juli 2021 liess die Beschwer-
deführerin beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfügung Be-
schwerde erheben. In dieser wurde beantragt, die angefochtene Verfügung
sei vollumfänglich aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführerin einzutreten. Das SEM sei anzuweisen, die
vorläufige Aufnahme anzuordnen. Eventualiter sei die angefochtene Verfü-
gung (recte: die Sache) zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an
das SEM zurückzuweisen und dieses sei zu verpflichten, die Beschwerde-
führerin zur Feststellung der Urteilsfähigkeit einer weiteren vollumfängli-
chen psychiatrischen Begutachtung zu unterziehen. Es sei ihr die unent-
geltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses sei zu verzichten.
F.
Der Instruktionsrichter hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 17. August 2021 gut,
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Die Akten
übermittelte er zur Vernehmlassung an das SEM.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 23. August 2021 hielt das SEM an seinem
Standpunkt fest.
H.
Die Beschwerdeführerin hielt in ihrer Replik vom 10. September 2021 an
ihren Anträgen fest.
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Seite 11

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 3
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Strittig
ist jedoch, ob die Beschwerdeführerin aufgrund fehlender Urteilsfähigkeit
in Bezug auf das von ihr eingereichte Asylgesuch überhaupt handlungs-
und damit verfahrensrechtlich prozessfähig war. Die Legitimation zur Be-
schwerde ist daher zur Prüfung dieser Frage zu bejahen, da das Bundes-
verwaltungsgericht andernfalls gar keine Gelegenheit hätte, in der Sache
zu prüfen, ob das SEM allenfalls zu Unrecht von der Prozessfähigkeit der
Beschwerdeführerin ausgegangen ist. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat das SEM eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das Bundes-
verwaltungsgericht diese Punkte ohne Einschränkung prüft.
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4.
4.1
4.1.1 Das SEM begründet seinen Entscheid damit, dass die Prozessvo-
raussetzungen, die zu den allgemeinen Eintretensvoraussetzungen gehör-
ten, die Grundbedingungen seien, die es ihm erlaubten, ein Rechtsbegeh-
ren zu prüfen. Die Sachurteilsvoraussetzungen seien Vorbedingungen, die
es den Behörden erlaubten, auf ein Asylgesuch einzutreten. Fehlten die
notwendigen Prozess- oder Sachurteilsvoraussetzungen, sei eine materi-
elle Prüfung der Sache nicht möglich, weshalb ein Nichteintretensent-
scheid zu fällen sei. Zu den Sachurteilsvoraussetzungen gehöre die Pro-
zessfähigkeit der gesuchstellenden Person. Eine Person, die ein Asylge-
such stelle, müsse in der Lage sein, ihre Anliegen vorzubringen. Sei sie
urteilsfähig, sei sie als prozessfähig zu betrachten. Ob eine Person urteils-
fähig sei, sei aufgrund der gesamten Umstände des konkreten Falls zu
prüfen. Grundsätzlich sei vom Bestehen der Urteilsfähigkeit auszugehen.
In Bezug auf ein Asylverfahren setze die Urteilsfähigkeit voraus, dass eine
Person in der Lage sei, dessen Bedeutung und Tragweite und die dazu
erforderlichen Mitwirkungshandlungen zu erfassen. Hinsichtlich der Mitwir-
kung müsse sie in der Lage sein, vernunftgemäss zu handeln und die Ver-
folgungssituation zu schildern.
Die Beschwerdeführerin habe den Entscheid zur Ausreise aus Albanien ei-
genständig getroffen und die Reise in die Schweiz selbständig organisiert.
Sie sei in der Lage gewesen, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und
Grenzübergänge zu passieren. In der Schweiz habe sie eigenständig ein
Asylgesuch eingereicht, und in der ersten Anhörung sei sie in der Lage
gewesen, die gestellten Fragen zu ihrer Person, Biographie, Herkunft und
Familie verständlich zu beantworten. Nach ihrem Austritt in den Kanton
habe die zuständige Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) am
5. Mai 2020 verfügt, dass sie sich regelmässig zwecks ambulanter Be-
handlung ins Psychiatrische Ambulatorium E._ zu begeben und
den Behandlungsplan einzuhalten habe. Die KESB habe bis heute keine
Veranlassung gesehen, an ihrer Urteilsfähigkeit zu zweifeln und sie unter
Beistandschaft zu stellen.
Gemäss den ärztlichen Berichten vom 12. November 2020 und 6. Mai
2021 bestehe der Verdacht, die Beschwerdeführerin leide an einer schizo-
phrenen/affektiven Störung mit leichter Depression und an einer PTBS. Es
sei davon auszugehen, dass sie bereits in Albanien an einer schizoaffekti-
ven Störung gelitten habe. Ihr Zustand habe sich durch die Behandlung
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ziemlich gebessert und stabilisiert. Sie zeige sich wach, bewusstseinsklar
und voll orientiert. Sie habe keine Denkstörungen mehr. Über ihre Ausrei-
segründe habe sie nicht sprechen wollen. Es sei zu vermuten, dass sie
Gewalt erlebt habe, oder dass etwas geschehen sei, über das sie nicht
sprechen wolle. Die Psychiaterin habe im Arztbericht vom 12. November
2020 festgehalten, die Beschwerdeführerin könne einstündige Gespräche
aushalten. Die Frage der Urteilsfähigkeit habe sie nicht beantworten kön-
nen.
In der ergänzenden Anhörung vom 18. März 2021 habe die Beschwerde-
führerin die gestellten Fragen verständlich und kontextbezogen beantwor-
ten können. Es bestünden keine Zweifel daran, dass ihre Schilderungen
entsprechend dem Krankheitsbild von Wahnvorstellungen und akustischen
Halluzinationen beeinflusst seien. Sie habe gesagt, bei ihren Ängsten habe
es sich um «innere Bedrohungen» gehandelt. Sie habe sich nicht physisch
bedroht gefühlt. Albanien habe sie aus medizinischen und wirtschaftlichen
Gründen sowie aufgrund der mangelnden Perspektiven verlassen. Offen-
sichtlich habe sie ihre Ängste abstrakt reflektieren und im Kontext ihrer Er-
krankung einordnen können. Es sei ihr gelungen, ihre Krankheit zu akzep-
tieren. Daraus ergebe sich, dass sie die Bedeutung und die Tragweite des
Asylverfahrens habe erfassen können.
Im Arztbericht vom 6. Mai 2021 habe die behandelnde Ärztin die Meinung
geäussert, die Beschwerdeführerin sei in Bezug auf die nötige Mitwirkung
eher nicht in der Lage, vernünftig zu handeln. Ihre Beurteilungsfähigkeit
werde hinsichtlich dieser Frage als eingeschränkt eingestuft. Die Psychia-
terin schreibe nicht, wie sie zum gegenteiligen Schluss gelangt sei, obwohl
sich der Zustand der Beschwerdeführerin verbessert habe. Es sei festzu-
halten, dass sich aus den ärztlichen Berichten keine explizite Urteilsunfä-
higkeit ergebe. Es werde darauf hingewiesen, dass die Vergangenheit für
die Beschwerdeführerin ein «verbotenes Thema» sei. Bei Nachfragen über
ein in der Vergangenheit erlebtes Trauma entstehe der Eindruck, ihr sei
etwas widerfahren, über das sie nicht sprechen könne.
Aus den Akten ergäben sich keine konkreten und hinreichenden Anhalts-
punkte für das Erleben eines traumatisierenden Ereignisses. Auch dem
Schreiben der Schwester der Beschwerdeführerin und dem Bericht zu den
Abklärungen der Botschaft seien keine Hinweise auf ein solches zu ent-
nehmen. Psychische Erkrankungen seien nicht unbedingt die Folge einer
konkreten Ursache oder eines konkreten Ereignisses. Vorliegend könne
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Seite 14
unter Berücksichtigung der Aktenlage und des Umstandes, dass die Anfor-
derungen an die Urteilsfähigkeit im Asylverfahren sehr tief anzusetzen
seien, nicht von der Urteilsunfähigkeit der Beschwerdeführerin ausgegan-
gen werden. Es sei zu schliessen, dass sie sich bei der ergänzenden An-
hörung in einem Zustand befunden habe, der die Verwertbarkeit der Anhö-
rungsprotokolle nicht in Frage stellen könne.
4.1.2 Die Beschwerdeführerin habe geltend gemacht, sie habe Albanien
aus wirtschaftlichen und medizinischen Gründen verlassen. Sie habe sich
innerlich bedroht gefühlt und in einem Angstzustand gelebt. Als alleinste-
hende Frau habe sie sich diskriminiert gefühlt. Ihr Wunsch nach der Grün-
dung einer Familie sei nachvollziehbar. Angesichts des in Albanien herr-
schenden Rollenverständnisses sei verständlich, dass es für sie belastend
sei, noch ledig zu sein. Dies stelle jedoch keine Verfolgung dar. Sie habe
angegeben, nie ernsthafte Probleme gehabt zu haben. Die Frage, was sie
bei einer Rückkehr nach Albanien erwarten würde, habe sie in der Anhö-
rung vom 16. Oktober 2019 damit beantwortet, dass nichts geschehen
würde, sie ihr Leben aber in der Schweiz fortführen möchte. In der ergän-
zenden Anhörung vom 18. März 2021 habe sie gesagt, es würde sie ein
sehr schwieriges Leben erwarten. Sie werde sich an ihre negativen Erleb-
nisse erinnern. Sie habe Angst davor, den gleichen Schock, den sie in
G._ erlebt habe, nochmals zu erleben. In ihrer Heimat erhalte sie
keine Behandlung wie hier.
Die Beschwerdeführerin habe keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
oder Art. 3 EMRK geltend gemacht. Auch aus den Auskünften ihrer
Schwester sowie dem Bericht der Botschaft ergäben sich keinerlei Hin-
weise auf eine mögliche vergangene oder in Zukunft zu befürchtende Ver-
folgung durch Private oder den Staat. Das Asylgesuch sei somit aus-
schliesslich aus wirtschaftlichen und medizinischen Gründen eingereicht
worden.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Beschwerdeführerin
stamme aus einfachen Verhältnissen, habe einen niedrigen Bildungsgrad
und habe sich nahezu ausschliesslich in ihrer Heimatstadt aufgehalten. Sie
habe mit ihrer Mutter in B._ auf dem (...) gearbeitet.
Die Beschwerdeführerin habe erst beim dritten Gespräch mit der behan-
delnden Psychiaterin über ihr Leben gesprochen. Sie habe gesagt, sie
habe ihre Krankheit in Albanien nie behandeln lassen können. Sie sei nicht
in der Lage gewesen, über ihre Ausreisegründe zu sprechen. Indessen
D-3429/2021
Seite 15
habe sie von Stimmen berichtet, die sie ängstigten. Die Psychiaterin habe
keine definitive Diagnose und Behandlungsprognose stellen können. Ge-
mäss Bericht habe sich der Zustand der Beschwerdeführerin dank der Psy-
chotherapie und der antipsychotischen Behandlung verbessert. Eine Sis-
tierung der Therapie würde zu einer psychotischen Dekompensation mit
depressiven Anteilen führen. Die Frage der Urteilsfähigkeit könne die Psy-
chiaterin nicht beantworten, da alle Vermutungen zur Diagnose aufgrund
der Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin allein auf ihren Beobachtun-
gen beruhten. Dem ärztlichen Bericht vom 6. Mai 2021 sei keine klare Di-
agnose zu entnehmen. Bei der Krankheit der Beschwerdeführerin handle
es sich um eine Erkrankung aus dem schizophrenen/affektiven Formen-
kreis; ausserdem liege wohl eine PTBS vor. Dafür sprächen die Angaben,
sie sei im Heimatland oft erkrankt, habe keine Klarheit im Kopf, leide unter
verminderter Konzentration und habe Stimmen gehört. Die Beschwerde-
führerin sei nicht in der Lage, über die Traumatisierung zu sprechen und
reagiere auf entsprechende Fragen traurig. Obwohl sich ihr Zustand ge-
bessert habe, sei sie weiterhin auf Therapie angewiesen. Entscheidende
Themen hätten noch nicht behandelt werden können. Abschliessend habe
sich die Ärztin deutlich zur Frage der Urteilsfähigkeit geäussert und festge-
halten, sie sei eher der Meinung, die Beschwerdeführerin sei nicht in der
Lage, bezüglich der nötigen Mitwirkung im Asylverfahren, vernünftig zu
handeln.
Das Aussageverhalten der Beschwerdeführerin anlässlich der ergänzen-
den Anhörung habe diese Einschätzung bestätigt. Einige Fragen habe sie
konfus beantwortet. Sie habe gesagt, sie wisse nicht, wie sie ihre Bezie-
hung zu ihrer Mutter beschreiben würde, und spreche mehrmals vom
«weissen Kleid». Sie sei offenbar der Auffassung, des Tragens eines weis-
sen Kleides nicht würdig zu sein. Dieses Kleid scheine in Zusammenhang
mit einer Beziehung zu einem Mann zu stehen. Sie habe ausgeführt, dass
die Erfahrung, die sie in dieser Beziehung gemacht habe, sich negativ auf
ihre Stresssituation ausgewirkt habe. Auch spreche sie davon, sich «palli-
ativ» gefühlt zu haben. Sie müsse sich in Albanien in einer ausweglosen
Situation befunden und sich bedroht gefühlt haben. Sie habe gesagt, falls
sie Albanien eine Woche später verlassen hätte, wäre sie wahrscheinlich
tot. Sie habe in einem Angstzustand gelebt und erwartet, dass jederzeit
etwas geschehe. Sie habe den Eindruck gehabt, einer Gruppe von Perso-
nen oder Männern zu begegnen, die ihr etwas antun würden. Dem SEM
sei zu widersprechen, wenn es ausführe, die Beschwerdeführerin sei in der
ergänzenden Anhörung in der Lage gewesen, die ihr gestellten Fragen ver-
ständlich zu beantworten, und aus den Akten ergäben sich keine Hinweise
D-3429/2021
Seite 16
auf ein traumatisierendes Ereignis. Aus den Berichten ergebe sich, dass
die Beschwerdeführerin nach wie vor eingeschränkt bleibe und auf Medi-
kation sowie Therapie angewiesen sei. Jegliche Unsicherheit in ihrem Um-
feld oder hinsichtlich des Asylentscheids könnte zu einer psychotischen
Dekompensation führen. Es sei nachvollziehbar, dass die behandelnde
Psychiaterin nach sechs Monaten Behandlung ein etwas klareres Bild ihrer
Patientin gehabt und ihre Einschätzung hinsichtlich der Urteilsfähigkeit an-
gepasst habe. Da das SEM eine fehlende Begründung bemängle, wäre es
verpflichtet gewesen, den gesundheitlichen Zustand der Beschwerdefüh-
rerin hinsichtlich der Frage der Urteilsfähigkeit und des Vorliegens eines
Traumas weiter abzuklären. Ohne Gewissheit darüber, könne keine rechts-
genügliche Sachverhaltsfeststellung erfolgen.
Da das SEM diese Gewissheit nicht habe, sei nicht nachvollziehbar, wie es
trotz expliziter Hinweise der Psychiaterin die Urteilsfähigkeit der Beschwer-
deführerin habe bejahen können. Der Sachverhalt sei in medizinischer Hin-
sicht erneut unzureichend abgeklärt worden, womit das SEM seine Unter-
suchungspflicht verletzt habe. Die Anhörungsprotokolle seien nicht ver-
wertbar.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, es erachte die Be-
schwerdeführerin als urteilsfähig. Weder aus ihren eigenen Aussagen noch
aus den Angaben ihrer Schwester und den Abklärungen der Botschaft
ergäben sich ernsthafte Hinweise auf eine mögliche Verfolgung, weshalb
auf das Asylgesuch nicht eingetreten werde. Die Frage der Urteilsfähigkeit
beschlage die Prozessfähigkeit der gesuchstellenden Person im Asylver-
fahren. Werde eine Person als urteilsunfähig angesehen, fehle es an den
Prozess- und Sachurteilsvoraussetzungen, weshalb eine Prüfung des
Asylgesuchs nicht möglich sei. Die Behörden träfen in diesem Fall eben-
falls einen Nichteintretensentscheid. Wäre das SEM zum Schluss gekom-
men, die Beschwerdeführerin sei urteilsunfähig, hätte es auf das Asylge-
such ebenso nicht eintreten können. Zudem seien alternative Sachver-
haltsabklärungen getätigt worden, die keine Hinweise auf eine Gefährdung
der Beschwerdeführerin ergeben hätten. Der Sachverhalt sei erstellt und
eine Verletzung der Untersuchungspflicht sei nicht gegeben. In der Be-
schwerde werde nicht die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft be-
gehrt, sondern die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme. Weitere Sach-
verhaltsabklärungen seien schon nur aus verfahrensökonomischer Sicht
nicht angezeigt, da sie den Ausgang des Verfahrens nicht ändern könnten.
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Seite 17
4.4 In der Replik wird entgegnet, das SEM müsste auch bei einem Nicht-
eintretensentscheid aufgrund fehlender Sachurteilsvoraussetzungen ein-
gehend prüfen, ob die betreffende Person prozess- beziehungsweise ur-
teilsfähig sei. Dies sei vorliegend nicht geschehen. Die Frage der Urteils-
fähigkeit beschlage die Feststellung des Sachverhalts und ohne Gewiss-
heit darüber, ob die Beschwerdeführerin urteilsfähig sei oder nicht, könne
keine rechtsgenügliche Sachverhaltsfeststellung ergehen. Das SEM wäre
unabhängig des Verfahrensausgangs verpflichtet gewesen, die Frage der
Urteilsfähigkeit der Beschwerdeführerin abschliessend zu klären.
5.
5.1 Infolge des Urteils D-5760/2019 vom 6. November 2019 hat das SEM
die Frage der Urteilsfähigkeit der Beschwerdeführerin im Sinne von Art. 16
ZGB und damit der zivilrechtlichen Handlungsfähigkeit (Art. 13 und 17
ZGB) sowie der verfahrensrechtlichen Prozessfähigkeit als Sachurteilsvo-
raussetzung von Amtes wegen eingehend geprüft; es bejahte diese.
5.2 Urteilsfähig im zivilrechtlichen Sinn ist eine Person, der nicht infolge
ihres Kindesalters oder infolge von Geisteskrankheit, Geistesschwäche,
oder anderer Ursachen die Fähigkeit mangelt, vernunftgemäss zu handeln
(Art. 16 ZGB). Die Urteilsfähigkeit ist bezogen auf die konkret in Frage ste-
henden Handlungen zu prüfen – vorliegend in Bezug auf die Durchführung
eines Asylverfahrens. Diese setzt voraus, dass eine Person als Asylbewer-
ber in der Lage ist, bezüglich der in einem Asylverfahren erforderlichen Mit-
wirkung vernunftgemäss zu handeln und namentlich ihre Verfolgungssitu-
ation nachvollziehbar zu schildern (vgl. Urteile des BVGer D-1221/2021
vom 23. August 2021 E. 4.2, D-6088/2020 vom 27. April 2021 E. .2). Die
Stellung eines Asylgesuchs stellt ein relatives höchstpersönliches Recht
dar (vgl. BVGE 2011/39 E. 4.3.2; Entscheidungen und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1996 Nr. 5 E. 4); relativ
höchstpersönliche Rechte sind der Vertretung zugänglich und ein Rechts-
träger kann bei Urteilsunfähigkeit durch einen Vertreter handeln. Daraus
ergibt sich, dass eine urteilsunfähige Person sich im Asylverfahren vertre-
ten lassen kann.
5.3 Nach herrschender Lehre und Praxis ist aufgrund der gesamten Um-
stände zu prüfen, ob die fragliche Person im konkreten Fall, das heisst je
nach Natur, Schwierigkeit und Tragweite der fraglichen Rechtshandlung,
als urteilsfähig angesehen werden kann oder nicht. Dabei ist grundsätzlich
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Seite 18
vom Bestehen der Urteilsfähigkeit auszugehen, denn nach allgemeiner Le-
benserfahrung stellt sich das Vorliegen der Urteilsunfähigkeit als die Aus-
nahme dar.
5.4 Die Urteilsfähigkeit in Bezug auf die Durchführung des Asylverfahrens
setzt voraus, dass eine Person als Asylgesuchsteller in der Lage ist, Be-
deutung und Tragweite des Asylverfahrens und der dazu erforderlichen
Mitwirkungshandlungen zu erfassen, bezüglich der nötigen Mitwirkung ver-
nunftgemäss zu handeln und namentlich die Verfolgungssituation nachvoll-
ziehbar zu schildern (vgl. Urteil des BVGer D-5238/2006 vom 2. Septem-
ber 2008 E. 4.2 mit weiteren Hinweisen). Bei der Erstellung des Sachver-
halts im Rahmen des Asylverfahrens geht es in erster Linie darum, eigene
Erlebnisse wiederzugeben und diesbezüglich klärende Fragen der befra-
genden Person zu beantworten.
6.
6.1 Vorliegend steht fest, dass die Beschwerdeführerin unter einer psychi-
schen Erkrankung leidet, die sich gemäss ihren Aussagen und den Anga-
ben ihrer Mutter sowie ihrer Schwester bereits in ihrem Heimatland mani-
festierte. Sie wurde deshalb in F._ behandelt, wo sie sporadisch
hinreiste. Nachdem sich aufgrund ihres Aussageverhaltens bei der Anhö-
rung vom 16. Oktober 2019 kein hinreichendes Bild für die Beurteilung der
Urteilsfähigkeit der Beschwerdeführerin ergeben hatte, wies das Bundes-
verwaltungsgericht die Sache mit Urteil D-5760/2019 vom 6. November
2019 zur Vornahme weiterer Abklärungen an das SEM zurück. In der Folge
ersuchte das SEM die Psychiaterin, welche die Beschwerdeführerin seit
geraumer Zeit behandelt, zweimal um Erstellung eines psychiatrischen Be-
richts. Zudem holte es schriftliche Auskünfte bei ihrer in C._ leben-
den Schwester ein und liess ihre in Albanien verbliebene Mutter durch ei-
nen Vertreter der Botschaft befragen. Schliesslich holte es telefonisch Aus-
künfte bei der die Beschwerdeführerin betreuenden Person in der kanto-
nalen Unterkunft ein. Weder die Schwester der Beschwerdeführerin noch
ihre Mutter schilderten die Beschwerdeführerin oder ihr Verhalten in einer
Art und Weise, die Hinweise auf ihre (generelle) Urteilsunfähigkeit gäben.
Auch aus den Auskünften der Betreuungsperson der Beschwerdeführerin
in der kantonalen Unterkunft lässt sich nicht schliessen, diese könnte ur-
teilsunfähig sein. Die Psychiaterin äusserte sich in ihrem ersten Bericht
vom 23. November 2020 dahingehend, dass die Beschwerdeführerin in der
Lage sein sollte, eine einstündige Befragung zu bestreiten. Im nach der
ergänzenden Anhörung vom 18. März 2021 erstellten psychiatrischen Be-
richt vom 6. Mai 2021 vertrat sie die Auffassung, die Beschwerdeführerin
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Seite 19
sei eher nicht fähig, hinsichtlich der erforderlichen Mitwirkung im Asylver-
fahren vernunftgemäss zu handeln. Die mit dem Fall der Beschwerdefüh-
rerin befasste kantonale KESB wies die Beschwerdeführerin mit Entscheid
vom 5. Mai 2020 an, sich vorderhand bis zum 5. Mai 2022 regelmässig
zwecks ambulanter Behandlung ins Psychiatrische Ambulatorium
E._ zu begeben und den Behandlungsplan lückenlos einzuhalten.
Die kantonale Fachbehörde erachtete es offenbar weder im damaligen
Zeitpunkt noch später als angezeigt, die Beschwerdeführerin aufgrund
mangelnder Urteilsfähigkeit zu verbeiständen (vgl. Art. 388 – 398 ZGB).
6.2
6.2.1 Der Beschwerdeführerin wurden zu Beginn der ergänzenden Anhö-
rung Sinn und Zweck des Asylverfahrens erklärt und die anwesenden Per-
sonen vorgestellt. Auf entsprechende Frage hin sagte sie, sie verstehe die
Dolmetscherin sehr gut (vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 1). Die Befragerin teilte
ihr sodann mit, sie gehe davon aus, dass sie von der Rechtsvertretung über
ihre Rechte und Pflichten orientiert worden sei. Gefragt, ob sie eine Wie-
derholung derselben möchte, antwortete die Beschwerdeführerin, dies sei
nicht nötig, «sie wisse das schon» (vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 2). Nach-
dem die Rechtsvertreterin darauf hingewiesen hatte, dass sie an der Ur-
teilsfähigkeit der Beschwerdeführerin weiterhin Zweifel habe, wurde Letz-
tere gefragt, ob sie die Einwände der Rechtsvertreterin verstanden habe
und ob mit der Befragung begonnen werden könne. Sie bejahte beides und
sagte, es sei ihr sehr klar, um was es bei der Anmerkung der Rechtsvertre-
terin gehe (vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 2). Einleitend erklärte sie alsdann,
die sei dankbar für die in der Schweiz erhaltene medizinische Behandlung
und die weitere Betreuung; es gehe ihr mittlerweile viel besser als kurz
nach ihrer Einreise in die Schweiz. Sie war in der Lage anzugeben, welche
Medikamente sie erhalte (vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 2 f.). Nach ihren Asyl-
gründen gefragt, erklärte die Beschwerdeführerin, sie habe den Ent-
schluss, ihre Heimat zu verlassen und ihre Mutter alleine zurückzulassen,
nach längerer Überlegung gefasst. Hauptsächlich sei sie aus medizini-
schen und daneben auch aus wirtschaftlichen Gründen ausgereist (vgl.
SEM-act. (...)-67/13 S. 3). Sie wies darauf hin, dass sie sich in Albanien
innerlich (nicht physisch) bedroht gefühlt habe. Sie habe unter der Angst
gelitten, ihrer Familie oder ihr selbst könne etwas zustossen (vgl. SEM-act.
(...)-67/13 S. 4). Die Fragen, ob ihr je etwas angetan worden sei oder ob
sie je mit den albanischen Behörden Probleme gehabt habe, verneinte sie
(vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 4 und S. 8). Auf ihre Aussage bei der Anhörung
angesprochen, sie könne kein weisses Kleid anhaben, erwiderte sie, sie
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Seite 20
erinnere sich ganz genau an ihre Aussage. Sie erklärte indessen nicht, was
sie damit ausdrücken wollte (vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 6).
6.2.2 Aufgrund des Protokolls der ergänzenden Anhörung ergibt sich, dass
die Beschwerdeführerin in der Lage war, die Gründe für ihre Ausreise aus
Albanien zu nennen. Ihr war bewusst, dass sie an einer psychischen Er-
krankung leidet und dass sie sich nach ihrer Ankunft in der Schweiz in einer
schlechten gesundheitlichen Verfassung befand (vgl. SEM-act. (...)-67/13
S. 2). Sie räumte ein, dass sie noch nicht gesund sei, und wies darauf hin,
dass sich ihr Gesundheitszustand durch die in der Schweiz erhaltene me-
dizinische Behandlung gebessert habe (vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 2 und
S. 8). Ihr war offenbar bewusst, dass ihre Ängste, es könnte ihrer Mutter
oder ihr etwas angetan werden, in Zusammenhang mit ihrer Krankheit ste-
hen. Bereits im Rahmen der Anhörung vom 16. Oktober 2019 erwähnte
sie, dass sie unter Paranoia leide (vgl. SEM-act. (...)-14/11 S. 8). Die
Frage, ob ihr jemals etwas angetan worden sei, verneinte sie klar. Der Hin-
weis in der Beschwerde, die Antwort der Beschwerdeführerin, sie wisse
nicht, wie sie das Verhältnis zu ihrer Mutter beschreiben solle, gebe zu
Zweifeln an ihrer Urteilsfähigkeit Anlass, vermag nicht zu überzeugen. Auf
Nachfrage war sie in der Lage, die Frage differenziert zu beantworten, in-
dem sie darauf hinwies, einzig ihr Vorhaben, Albanien zu verlassen, habe
zu Differenzen zwischen ihr und ihrer Mutter geführt (vgl. SEM-act. (...)-
67/13 S. 7). Sie schilderte zudem, dass sie zu Beginn ihrer Anwesenheit
kein Bedürfnis verspürt habe, mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Kon-
takt zu treten. Nun stehe sie wieder in engem telefonischen Kontakt mit
ihrer Mutter und verspüre das Bedürfnis, mit ihren Angehörigen zu spre-
chen (vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 7 f.). Auf eine mögliche Rückkehr nach
Albanien angesprochen, sagte sie, dort würde sie ein sehr schwieriges Le-
ben erwarten. Sie fürchte sich davor, den gleichen Schock zu erleiden, den
sie nach ihrer Ankunft in der Schweiz erlitten habe. In ihrer Heimat würde
sie keine mit der Schweiz vergleichbare medizinische Behandlung erhalten
(vgl. SEM-act. (...)-67/13 S. 12).
6.3 Vorliegend kann somit entgegen den im ärztlichen Bericht vom 6. Mai
2021 geäusserten Bedenken – auch in Anbetracht des Umstandes, dass
die Anforderungen an die Urteilsfähigkeit im Asylverfahren sehr tief anzu-
setzen sind – nicht von der Urteilsunfähigkeit der Beschwerdeführerin aus-
gegangen werden. Sie war in der Lage, ihre Beweggründe für das Verlas-
sen der Heimat nachvollziehbar und reflektiert darzulegen. Sie zeigte sich
hinsichtlich ihrer Erkrankung einsichtig, war sich bewusst, dass sie noch
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Seite 21
nicht gesund ist und weiterer medizinischer Behandlung bedarf. Schliess-
lich gab sie unter Hinweis auf ihren Gesundheitszustand und die Unter-
schiede zwischen der in der Schweiz und in Albanien angebotenen Be-
handlungsmöglichkeiten ihrer Hoffnung und Erwartung Ausdruck, sie
könne in der Schweiz bleiben. Da das SEM zu Recht von der im Hinblick
auf das Asylverfahren zu bejahenden Urteilsfähigkeit der Beschwerdefüh-
rerin ausging, erübrigte es sich, weitere ärztliche Beurteilungen einzuho-
len. Der rechtserhebliche Sachverhalt wurde vom SEM mittels umfangrei-
cher Abklärungen hinreichend erstellt, weshalb der Eventualantrag auf
Rückweisung der Sache an das SEM abzuweisen ist.
7.
7.1 Als Asylgesuch gilt gemäss Art. 18 AsylG jede Äusserung, mit der eine
Person zu erkennen gibt, dass sie die Schweiz um Schutz vor Verfolgung
nachsucht. Dabei ist der Praxis entsprechend von einem weiten Verfol-
gungsbegriff auszugehen, der neben den in Art. 3 AsylG genannten Grün-
den auch Wegweisungshindernisse im Sinne von Art. 44 AsylG i.V.m.
Art. 83 Abs. 2–4 AIG umfasst, sofern diese von Menschenhand geschaffen
wurden (vgl. EMARK 2003 Nr. 18 E. 5). Die Voraussetzungen von Art. 18
AsylG sind namentlich dann nicht erfüllt, «wenn das Asylgesuch aus-
schliesslich aus wirtschaftlichen oder medizinischen Gründen eingereicht»
wurde. Ist dies der Fall, so wird nach Art. 31a Abs. 3 AsylG auf das Gesuch
nicht eingetreten.
7.2 Das SEM hat in seinem Entscheid zutreffend festgestellt, dass kein
Asylgesuch im Sinne von Art. 18 AsylG vorliegt. Die Beschwerdeführerin
erklärte im Rahmen der ergänzenden Anhörung, sie sei hauptsächlich we-
gen ihrer Erkrankung, der wirtschaftlich schwierigen Situation und der Per-
spektivlosigkeit ausgereist und – weil sie in Albanien keine Zukunft gese-
hen habe – in die Schweiz gereist. Sie machte weder Probleme mit den
Behörden ihres Heimatlandes noch solche mit Privatpersonen geltend. Ihre
diffusen Ängste, ihrer Mutter oder ihr könnte etwas angetan werden,
brachte sie mit ihrer Erkrankung in Verbindung. Sie erwähnte einen Nach-
barschaftsstreit um die Benutzung einer Terrasse, der gemäss den Anga-
ben ihrer Mutter beigelegt sei. Sie schilderte zudem, dass sie eine Bezie-
hung zu einem Mann gehabt habe, in der sie enttäuscht worden sei. Dies
habe sich vor acht Jahren zugetragen. Zudem sagte sie, sie wäre wahr-
scheinlich tot, wenn sie Albanien eine Woche später verlassen hätte. Auf
Nachfrage machte sie indessen nicht eine konkrete Bedrohung geltend,
sondern verwies auf ihre diffusen Ängste und die aus ihrer Sicht unzu-
reichenden medizinischen Behandlungsmöglichkeiten. Damit hat sie zur
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Begründung ihres Asylgesuchs weder eine erlittene Verfolgung noch eine
Furcht vor zukünftiger Verfolgung in Albanien vorgebracht. Auch die schrift-
lich und mündlich befragten engen Verwandten der Beschwerdeführerin
berichteten nicht von Vorfällen, welche die von ihr geäusserten diffusen
Ängste objektivieren könnten. Das SEM ist folglich gestützt auf Art. 31a
Abs. 3 AsylG zu Recht auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht
eingetreten.
8.
8.1 Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berück-
sichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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Seite 23
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3 Angesichts der Tatsache, dass auf das Asylgesuch der Beschwerde-
führerin nicht eingetreten werden konnte, ist nicht von einer asylrechtlich
erheblichen Gefährdung auszugehen und sind den Akten keine Hinweise
auf eine Verletzung des in Art. 5 AsylG verankerten Prinzips des flüchtlings-
rechtlichen Non-Refoulement zu entnehmen.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung nach Albanien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
sie eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen,
dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behand-
lung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Feb-
ruar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies hat die
Beschwerdeführerin unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen nicht
getan (vgl. E. 7.2). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Alba-
nien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un-
zulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung
sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen
zulässig.
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.4.1 Das SEM führt in der angefochtenen Verfügung aus, dass in Albanien
eine flächendeckende medizinische Grundversorgung bestehe. In
B._ gebe es ein Mental Health Center (MHC), an das sich Men-
schen mit psychischen Problemen wenden könnten. In Elbasan und Tirana
gebe es weitere psychiatrische Einrichtungen der höchsten medizinischen
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Seite 24
Stufe. Im staatlichen Sektor existiere eine Liste der registrierten Medika-
mente, die generell verfügbar seien. Auf derselben seien auch Medika-
mente mit dem Wirkstoff Paliperidon aufgeführt, der im Medikament Xe-
plion enthalten sei. Die Erkrankung der Beschwerdeführerin sei in Albanien
behandelbar. In der albanischen Verfassung und dem Gesetz über das Ge-
sundheitswesen von 2008 werde festgehalten, dass alle Bürger das Recht
auf eine staatliche Gesundheitsversorgung hätten. Es bestehe ein obliga-
torischer Krankenversicherungsfonds (FSS), der Bestandteil des sozialen
Versicherungssystems sei. Dieses beinhalte Altersrenten, eine Arbeitslo-
senversicherung und die Sozialhilfe. Die staatliche Krankenversicherung
sei das vierte Standbein. FFS-Versicherte profitierten von einer Gratisver-
sorgung in den staatlichen medizinischen Einrichtungen und der vollstän-
digen Kostenübernahme beziehungsweise von Kostenbeteiligungen bis zu
50% bei Medikamenten. Für Patienten mit Krankenversicherungskarte und
einer ärztlichen Verschreibung durch ein Gesundheitszentrum würden die
gesamten Kosten vom staatlichen Gesundheitssystem übernommen. Die
Ausstellung einer Krankenversicherungskarte erfolge aufgrund von Ein-
zahlungen des Arbeitgebers oder durch selbständige Beiträge. Personen
ohne Krankenversicherung bezahlten die vollen Preise für Behandlung und
Medikamente. Gemäss verschiedenen Quellen seien in Albanien 60 bis
70 % der Bevölkerung krankenversichert. Notfälle würden unabhängig von
der Versicherungssituation behandelt. Nicht erwerbstätige Personen mit
psychischen Erkrankungen könnten aufgrund einer Bestätigung durch die
(Gesundheits)Behörden in das staatliche Krankenversicherungssystem
aufgenommen werden und die Behandlung kostenlos erhalten. Informelle
Zahlungen könnten nicht ausgeschlossen werden. Anhaltspunkte für eine
Diskriminierung von Angehörigen der Roma gebe es zwar keine, im Ein-
zelfall könne sie aber nicht ausgeschlossen werden. Der Fortschrittsbericht
der EU von April 2018 halte fest, dass sich der Zugang von Roma zum
Gesundheitswesen verbessert habe. Die Erlangung der Gesundheitskarte
könne mit Hürden verbunden sein. Wirtschaftliche und soziale Lebensbe-
dingungen der Roma könnten es schwierig machen, für die geforderten
Patientenbeteiligungen oder andere finanzielle Auflagen aufzukommen. Es
gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass Rückkehrer aus dem Ausland nicht
nach denselben Regeln behandelt würden.
Folglich sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in Albanien
Zugang zur benötigten psychiatrischen Behandlung habe. Die in der
Schweiz begonnene Behandlung könne nahtlos weitergeführt werden. Die
Mutter der Beschwerdeführerin habe gesagt, eine Behandlung habe in Al-
banien nicht stattgefunden, weil sie die Erkrankung hätten geheim halten
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wollen. Aufgrund des Wegweisungsvollzugs sei nicht mit einem Behand-
lungsunterbruch und einer Verschlechterung des Gesundheitszustands zu
rechnen. An dieser Einschätzung könne auch der eingereichte SFH-Bericht
zur Behandlung von Epilepsie und Depressionen in Albanien vom Dezem-
ber 2015 nichts ändern. Das SEM könne in Abstimmung mit den kantona-
len Behörden und allenfalls in Zusammenarbeit mit der Internationalen Or-
ganisation für Migration (IOM), den heimatlichen Behörden und der Bot-
schaft Vorkehrungen treffen, damit eine Weiterführung der Behandlung ge-
währleistet sei. Im Übrigen könne Rückkehrhilfe gemäss Art. 93 Abs. 1
Bst. d AsylG beantragt werden. Die geltend gemachte Stigmatisierung von
Personen mit psychischen Erkrankungen stehe dem Wegweisungsvollzug
nicht entgegen.
Die Mutter der Beschwerdeführerin, die in einer Eigentumswohnung lebe,
sei willens und in der Lage, sie nach einer Rückkehr bei sich aufzunehmen.
Die Mutter beziehe eine Rente und erziele etwas Einkommen mit dem klei-
nen (...). Ihre beiden in C._ lebenden Töchter würden sie gelegent-
lich unterstützen. Sie verfüge über etwas Ersparnisse, mit denen sie die
Behandlung der Beschwerdeführerin in F._ habe finanzieren kön-
nen. Mit der Mutter, den Tanten und mindestens einer Kollegin habe sie in
Albanien ein tragfähiges Beziehungsnetz. Sie verfüge über acht Jahre
Schulbildung und Arbeitserfahrung (...). Es sei davon auszugehen, dass
sie gemeinsam mit ihrer Mutter weiterarbeiten und Einkommen generieren
könne.
Das SEM verkenne nicht, dass ein Nichteintretensentscheid sich negativ
auf den psychischen Zustand einer asylsuchenden Person auswirken
könne. Die Beschwerdeführerin befinde sich dank der über ein Jahr andau-
ernden psychiatrischen Behandlung in einem stabilen und stark verbesser-
ten Gesundheitszustand. Es sei nicht davon auszugehen, dass sie mit ei-
ner ähnlich starken Dekompensation auf den Entscheid reagieren werde,
wie das im Herbst 2019 der Fall gewesen sei. Die psychiatrische Behand-
lung müsse für den Wegweisungsvollzug nicht unterbrochen werden. Auch
eine allfällige Verschlechterung des psychischen Zustands lasse den Weg-
weisungsvollzug nicht als unzumutbar erscheinen.
9.4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, Recherchen der SFH sei
zu entnehmen, dass Angehörige der Roma in Albanien beim Zugang zu
medizinischer Behandlung mit Schwierigkeiten konfrontiert würden. Es
werde von Diskriminierung durch medizinisches Fachpersonal, eine sehr
niedrige Versichertenrate unter den Roma und einem massiven Mangel an
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psychiatrischen Fachkräften berichtet. Menschen mit psychischen Erkran-
kungen würden häufig stigmatisiert. Es sei nicht garantiert, dass die Be-
schwerdeführerin in Albanien die nötige Behandlung erhalte. Sie befürchte,
dass sich ihr Zustand bei einer Rückkehr verschlechtere und sie wieder
«ohne Erinnerung» sei. Sie habe angegeben, dass sie in Albanien keine
Möglichkeit habe, sich behandeln zu lassen. Diese Aussage korreliere mit
der medizinischen Prognose im ärztlichen Bericht vom 6. Mai 2021, wo da-
rauf hingewiesen werde, dass sie in der Schweiz in einer sicheren Umge-
bung wohne, unter antipsychotischer Medikation stehe und Zukunftsper-
spektiven entwickelt habe. Zudem fänden alle drei bis vier Wochen Ge-
sprächstermine mit der behandelnden Ärztin statt. Bei längerer Nichtbe-
handlung sei eine Verschlechterung ihres Zustands sehr wahrscheinlich.
Was ohne Behandlung mit einem Antipsychotikum geschähe, sei sehr un-
gewiss. Davon, dass die Behandlung in Albanien nahtlos weitergeführt
werden könne, könne nicht die Rede sein. Es sei höchstwahrscheinlich,
dass die Beschwerdeführerin die nötige Behandlung nicht erhalte und sich
ihr Zustand massiv verschlechtere, was auch eine Selbstgefährdung zur
Konsequenz haben könne.
Die Beschwerdeführerin verfüge in Albanien nicht über ein tragfähiges Be-
ziehungsnetz. Bereits im Kindesalter habe sie nach dem Tod ihres Vaters
nur ihre kranke und betagte Mutter als Bezugsperson gehabt. Ihre Mutter
wäre nicht in der Lage, sie zu pflegen. Entgegen den Ausführungen des
SEM verfüge sie nicht über eine gesicherte Wohnsituation. Die erwähnte
Wohnung beschränke sich auf ein Zimmer mit Küche. Der Mutter gehe es
in finanzieller Hinsicht schlecht und sie sei nicht in der Lage, die Beschwer-
deführerin finanziell zu unterstützen. Dies gelte auch für die im Ausland
lebenden Schwestern. Ihr Beziehungsnetz im Heimatland sei ungenügend;
es könne ihr einen Einstieg in ein Berufsleben zur Finanzierung ihres Le-
bensunterhalts nicht ermöglichen. Sie würde aufgrund ihrer psychischen
Erkrankung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in eine existenzbedro-
hende Lage geraten.
9.5
9.5.1 Die allgemeine Lage in Albanien ist weder von Bürgerkrieg noch von
allgemeiner Gewalt gekennzeichnet, so dass der Vollzug der Wegweisung
dorthin grundsätzlich zumutbar ist. Es bleibt zu prüfen, ob sich der Vollzug
der Wegweisung aus individuellen Gründen als unzumutbar erweist.
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9.5.2
9.5.2.1 Hinsichtlich der belegten psychischen Erkrankung der Beschwer-
deführerin ist einleitend darauf hinzuweisen, dass Gründe ausschliesslich
medizinischer Natur den Wegweisungsvollzug im Allgemeinen nicht als un-
zumutbar erscheinen lassen, es sei denn, die erforderliche Behandlung sei
wesentlich und im Heimatland nicht erhältlich. Sofern die Behandlungs-
möglichkeiten im Herkunftsland nicht dem medizinischen Standard in der
Schweiz entsprechen, bewirkt dies allein noch nicht die Unzumutbarkeit
des Vollzugs. Von einer solchen ist erst dann auszugehen, wenn eine un-
genügende Möglichkeit der Weiterbehandlung voraussichtlich die drasti-
sche und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesundheitszustands
nach sich ziehen würde (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.2).
9.5.2.2 Albanien kennt seit 1995 ein Krankenversicherungssystem in Form
eines Krankenversicherungsinstituts (ISKSH). Dieses wurde später auf
Gesetzesebene in einen Obligatorischen Krankenversicherungsfonds
(Fondi i Sigurimeve Shëndetësore / FSS – Health Insurance Fonds / HIF)
überführt. Daneben können sich Albanerinnen und Albaner (seit 1992)
auch privat krankenversichern lassen. Das Gesundheitssystem in Albanien
ist hinsichtlich Versorgungsangebot dreistufig aufgebaut. In Tirana bietet
die Universitätsklinik "Mutter Teresa" (Qendra Spitalore Universitare Tiranë
Nënë Tereza; QSUT) das umfassendste Versorgungsangebot (tertiäre Ver-
sorgungsstufe); dieser sind vier weitere Kliniken angegliedert: das ehema-
lige Militärspital (Traumatologie, Orthopädie), zwei Geburtskliniken und
eine Klinik für Lungenkrankheiten. Die Universitätsklinik Tirana verfügt über
eine Psychiatrische Abteilung. Auf sekundärer Stufe sind flächendeckend
verteilt Regionalkrankenhäuser tätig (vgl. Urteil des BVGer E-6319/2018
vom 20. Januar 2021 E. 8.4.2). In B._ befinden sich das vom SEM
erwähnte Mental Health Center, ein Regionalkrankenhaus und weitere Spi-
täler.
9.5.2.3 Rückkehrende aus dem Ausland werden, unabhängig von der je-
weiligen Verweildauer, nach denselben Regeln behandelt, wie in Albanien
lebende Patienten. Rückkehrende, die eine medizinische Behandlung be-
nötigen, müssen einen Hausarzt konsultieren, der anschliessend den Sta-
tus des Patienten oder Patientin überprüft, ihn nötigenfalls erneut regis-
triert, eine (Gesundheits-)Kartenummer vergibt und eine "Heimkehrer-(Ge-
sundheits-)Karte" ausstellt. Dafür muss die rückkehrende Person einen
Identitätsausweis vorweisen. Mit diesem Gesundheitsdokument und den
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jeweiligen Empfehlungen des Hausarztes können Heimkehrer alle öffentli-
chen Gesundheitseinrichtungen aufsuchen (vgl. zum Ganzen Urteil des
BVGer E-6319/2018 vom 20. Januar 2021 E. 8.4.4).
9.5.2.4 Des Weiteren werden – wie das SEM zutreffend anführte – die Ge-
sundheitskosten für Patienten mit Krankenversicherungskarte und einer
Verschreibung durch den Arzt eines Gesundheitszentrums grundsätzlich
vom staatlichen Gesundheitssystem übernommen. Daneben gibt es kos-
tenbefreite Gruppen: beispielsweise nichterwerbstätige Personen können
mit einer Bestätigung durch das örtliche Arbeitsamt in das staatliche Kran-
kenversicherungssystem integriert werden und so kostenlose medizini-
schen Behandlung erhalten (vgl. Urteil E-6319/2018 vom 20. Januar 2021
E. 8.4.5).
9.5.2.5 Das Bundesverwaltungsgericht geht aufgrund der vorstehenden
Erwägungen übereinstimmend mit seiner Praxis hinsichtlich der Behandel-
barkeit von psychischen Erkrankungen in Albanien (vgl. Urteile des BVGer
E-3538/2021 vom 12. August 2021 E.8.3.2, E-6281/2020 vom 31. März
2021 E. .3, E-6319/2018 vom 20. Januar 2021 E. 8.4) davon aus, dass die
Beschwerdeführerin in ihrem Heimatland die Möglichkeit hat, eine adä-
quate medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung zu erhalten,
und dass sie bei geeigneter Vorbereitung ihrer Rückkehr nicht in Gefahr
geriete, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden. Das SEM hat in der
angefochtenen Verfügung darauf hingewiesen, dass es in Abstimmung mit
den kantonalen Behörden und allenfalls in Zusammenarbeit mit der Inter-
nationalen Organisation für Migration (IOM), den heimatlichen Behörden
und der Botschaft Vorkehrungen treffen könne, damit eine Weiterführung
der Behandlung der Beschwerdeführerin gewährleistet sei. Die entspre-
chende Vorbereitung der Rückkehr der Beschwerdeführerin ist angesichts
ihres Krankheitsbildes sowie ihrer persönlichen und familiären Situation
zwingend notwendig. Zur Bewältigung der administrativen Hürden bei der
Erlangung einer Gesundheitskarte bedarf die Beschwerdeführerin ebenso
der Unterstützung, wie bei der Organisation der weiteren medizinischen
Betreuung. Damit kann auch dem Risiko, dass sie aufgrund ihrer Zugehö-
rigkeit zur Volksgruppe der Roma diskriminiert werden könnte, Rechnung
getragen werden. Ohne entsprechende Unterstützung wird die Beschwer-
deführerin mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in der Lage sein, die als not-
wendige medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung zu orga-
nisieren und nahtlos weiterzuführen. Hinsichtlich des Einwandes in der Be-
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schwerde und der von der Beschwerdeführerin in der Anhörung geäusser-
ten Bedenken, eine Behandlung in Albanien würde aus finanziellen Grün-
den scheitern, ist darauf hinzuweisen, dass es ihr im Rahmen der individu-
ellen Rückkehrhilfe (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG i.V.m. Art. 75 der Asyl-
verordnung 2 über Finanzierungsfragen (AsylV 2, SR 142.312) offensteht,
die Ausrichtung medizinischer Hilfeleistungen zu beantragen. Auch dabei
kann die Beschwerdeführerin unterstützt werden.
9.5.2.6 Die Beschwerdeführerin verfügt in ihrem Heimatland über ein klei-
nes familiäres und freundschaftliches Beziehungsnetz. Aufgrund ihrer Aus-
sagen, den Angaben ihrer Mutter und den Abklärungen der Botschaft steht
fest, dass ihre Mutter in bescheidenen Verhältnissen lebt. Sie erklärte sich
bereit, die Beschwerdeführerin wieder bei sich aufzunehmen und (im Rah-
men ihrer Möglichkeiten) zu unterstützen. In finanzieller Hinsicht darf da-
von ausgegangen werden, dass die in C._ lebenden Schwestern in
der Lage sind, ihre Mutter und die Beschwerdeführerin sporadisch zu un-
terstützen. Da die Beschwerdeführerin sich in einer wesentlich besseren
gesundheitlichen Verfassung als vor ihrer Ausreise aus Albanien befindet,
ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich bei der Wiederaufnahme einer Er-
werbstätigkeit überfordert fühlt, wesentlich geringer. Vor diesem Hinter-
grund und unter Voraussetzung der Gewährung der vorstehend erwähnten
Ausrichtung von Rückkehrhilfe sowie der guten Vorbereitung der Rückkehr
der Beschwerdeführerin in ihr Heimatland ist in Einklang mit der Auffassung
des SEM davon auszugehen, sie könne sich in Albanien, wo sie den über-
wiegenden Teil ihres Lebens verbrachte, reintegrieren und gerate nicht in
eine existenzbedrohende Situation.
9.5.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
9.6 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin nach Albanien
ist schliesslich möglich, da keine Vollzugshindernisse bestehen und sie
über einen Reisepass verfügt (Art. 83 Abs. 2 AIG). Zudem würde es ihr ob-
liegen, bei der Beschaffung von Reisepapieren mitzuwirken (vgl. Art. 8
Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12).
9.7 Zusammenfassend hat das SEM den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vor-
läufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr mit Zwi-
schenverfügung vom 17. August 2021 die unentgeltliche Prozessführung
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind indessen keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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