Decision ID: bee1c138-8348-57d3-a80b-86a279287606
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (israelischer Staatsangehöriger, geb. 2001) er-
suchte am 9. August 2020 zusammen mit seiner Mutter und seiner
Schwester (Beschwerdeverfahren F-5083/2020) in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck-
Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 14. Oktober 2016 in Italien ein
Asylgesuch gestellt hatte.
B.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs am 20. August 2020 führte der Be-
schwerdeführer aus, während fünf Jahren mit seiner Familie in Italien ge-
lebt zu haben. Sie seien nicht als Flüchtlinge anerkannt worden, sondern
hätten eine humanitäre Aufenthaltsbewilligung erhalten, welche mittler-
weile abgelaufen sei. Das SEM gewährte ihm das rechtliche Gehör zu ei-
nem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit der Überstel-
lung nach Italien, dessen Zuständigkeit für die Behandlung des Asylge-
suchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdeführer machte gel-
tend, in Italien keine Zukunft zu haben. Er habe kein Vertrauen in das itali-
enische Gesundheitssystem, mit welchem er schlechte Erfahrungen ge-
macht habe. In der Schule habe er sich wie ein Mensch zweiter Klasse
gefühlt. In den fünf Jahren, in welchen er mit seiner Familie in Italien gelebt
habe, hätten sie keine Arbeit finden können. Beschwerden bei den Behör-
den hätten zu nichts geführt. Während des letzten Jahres in Italien habe er
ohne Strom, warmes Wasser und Gas leben müssen und die Behörden
hätten ihm nicht geholfen. Ferner gab er an, an Ohrenschmerzen und
Schmerzen an der Schulter zu leiden. Letzteres stehe möglicherweise im
Zusammenhang damit, dass er professionell (...).
C.
Die italienischen Behörden nahmen zum Gesuch des SEM vom 20. August
2020 um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO)
innerhalb der geltenden Frist keine Stellung.
D.
Mit Verfügung vom 5. Oktober 2020 (eröffnet am nachfolgenden Tag) trat
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das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte
dessen Überstellung nach Italien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die
Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
E.
Mit Beschwerde vom 12. Oktober 2020 (Postaufgabe) gelangte der Be-
schwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte sinnge-
mäss, auf sein Asylgesuch sei einzutreten. Ferner sei der Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu erteilen.
Auf die eingereichten Beweismittel wird – soweit erheblich – in den Erwä-
gungen eingegangen.
F.
Am 13. Oktober 2020 ordnete die Instruktionsrichterin einen superproviso-
rischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsge-
richt die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor.
G.
Das Bundesverwaltungsgericht zog neben den vorinstanzlichen Akten des
Beschwerdeführers (N [...]) auch diejenigen seiner Mutter und seiner
Schwester (N [...]) bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übrigen
Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art.
108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich erfüllt. Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
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werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 - 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23 -25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
3.4. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Italien ein Asylgesuch ge-
stellt zu haben. Nachdem die italienischen Behörden sich innert der in Art.
25 Abs. 2 Dublin-III-VO festgelegten Frist nicht zum Wiederaufnahmege-
such des SEM geäussert haben, steht die Zuständigkeit Italiens gemäss
dieser Bestimmung grundsätzlich fest.
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4.
Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung davon
aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstellen –
keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz Dublin-
III-VO aufweist (vgl. Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019
E. 6.3). Folglich ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht
gerechtfertigt.
5.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1
erster Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), auszuüben ist.
5.1. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, nicht nach Israel zurück-
kehren zu können, ist darauf nicht einzugehen, da eine allfällige Wegwei-
sung nach Israel nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet.
5.2. Der Beschwerdeführer führt an, in Italien habe er nicht die Möglichkeit
gehabt, eine Arbeitsstelle anzutreten, obwohl er sich darum bemüht habe.
Da er und seine Familie auch nicht von der Sozialhilfe unterstützt worden
seien, hätten sie während eines Jahres ohne warmes Wasser, Strom und
Heizung leben müssen. Mit der italienischen Justiz habe er schlechte Er-
fahrungen gemacht und er habe kein Vertrauen in das italienische Gesund-
heitswesen, nachdem er gesehen habe, wie schlecht seine Mutter von den
dortigen Ärzten behandelt worden sei. In der Schule sei er als Atheist dis-
kriminiert worden und es sei ihm nicht möglich gewesen, die Matura zu
absolvieren. Ohne Matura werde er am (...) nicht zur Abschlussprüfung
zugelassen, obwohl er bereits im dritten Studienjahr sei.
5.3. Nachdem das Asylgesuch des Beschwerdeführers gemäss seinen ei-
genen Aussagen von den italienischen Behörden abgewiesen worden und
seine Aufenthaltsbewilligung abgelaufen ist, bleibt einzig zu prüfen, ob die
ihn bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Italien derart
schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten (vgl. Urteil des
BVGer E-1370/2016 vom 9. März 2016 m.w.H.). Dies ist nicht der Fall. Der
Beschwerdeführer macht zwar geltend, während des letzten Jahres in Ita-
lien ohne Strom und warmes Wasser gelebt zu haben, substantiiert dies
jedoch nicht weiter, zeigt auch nicht auf, dass er sich an die zuständigen
Behörden gewendet hätte und ob und in welcher Form diese reagiert hät-
ten. Sollte er dennoch der Ansicht sein, die italienischen Behörden würden
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die genannten Grundrechte nicht respektieren, steht es ihm frei, deren Ein-
haltung auf dem Rechtsweg einzufordern. Italien ist ein funktionierender
Rechtsstaat und die Behörden sind grundsätzlich gewillt und fähig, staatli-
chen Schutz zu gewähren. Daran vermag auch das Vorbringen des Be-
schwerdeführers, er habe schlechte Erfahrungen mit der italienischen Jus-
tiz gemacht, nichts zu ändern, zumal er dies nicht substantiiert. Den von
ihm eingereichten Unterlagen lässt sich einzig entnehmen, dass seine Mut-
ter eine Anzeige gegen mehrere Angestellte eines Spitals erstattet hatte,
weil sie nicht korrekt behandelt worden sei. Das Verfahren wurde auf An-
trag der Staatsanwaltschaft am 4. Februar 2020 vom Gericht in B._
ad acta gelegt. Aus dem Umstand, dass das Verfahren eingestellt wurde,
lässt sich nicht schliessen, die italienische Justiz sei nicht willens oder nicht
fähig, ihre Aufgaben wahrzunehmen. Bezüglich der geltend gemachten
Diskriminierung beim Zugang zur Bildung ist festzuhalten, dass seine Mut-
ter im Rahmen des Dublin-Gesprächs zu Protokoll gegeben hat, ihre bei-
den Kinder hätten in Italien ein Abschlusszeugnis erhalten. Entsprechend
erscheint das Vorbringen des Beschwerdeführers, er habe die Matura nicht
absolvieren können, weil er aufgrund seiner Konfessionslosigkeit diskrimi-
niert worden sei, wenig glaubhaft. Sollte er dennoch Diskriminierungen
ausgesetzt (gewesen) sein, steht es ihm frei, eine Gleichbehandlung auf
dem Rechtsweg einzufordern.
5.4. Der Beschwerdeführer macht geltend, seit Jahren an einer chroni-
schen Krankheit zu leiden, jedoch habe er keine medizinischen Untersu-
chungen vornehmen können, da er den italienischen Ärzten nicht traue,
nachdem er gesehen habe, wie sie der Gesundheit seiner Mutter gescha-
det hätten.
Der Beschwerdeführer legt nicht dar, wie sich die von ihm angeführte chro-
nische Krankheit äussert. Jedoch lässt der Umstand, dass er sich während
seiner fünfjährigen Anwesenheit in Italien anscheinend nicht hat untersu-
chen lassen, da er den italienischen Ärzten nicht traue, darauf schliessen,
dass es sich nicht um eine gravierende Erkrankung handelt, die seiner
Überstellung nach Italien entgegenstehen könnte. Im Übrigen bestehen
keine Anhaltspunkte, dass ihm in Italien der Zugang zur medizinischen
Grundversorgung verweigert werden könnte. Die Vorinstanz hat ihr Ermes-
sen somit korrekt ausgeübt. Ein Selbsteintritt aus humanitären Gründen ist
bei dieser Sachlage nicht angezeigt.
5.5. Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Italien ist als zuständiger Mitgliedstaat gemäss Art. 18 Abs. 1
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Bst. d i.V.m. Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO verpflichtet, den Beschwerdeführer
wiederaufzunehmen.
6.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
6.1. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 13. Oktober 2020 angeordnete
Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung der Beschwerde ist gegenstandslos geworden.
6.2. Die Verfahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art.
63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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