Decision ID: f1d3cf57-fc79-482b-83c7-66e454ae545d
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Die 1963 geborene Beschwerdeführerin war als "Demonstrantin" von Bü-
geleisen im Verkauf angestellt und in dieser Eigenschaft bei der Beschwer-
degegnerin obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert. Ge-
mäss Bagatellunfall-Meldung biss sie am 22. November 2021 auf einen
Stein, welcher sich in einem Salatbeutel befunden hatte. Dabei zog sie sich
eine Schädigung am Zahn 47 zu. Nach getätigten Abklärungen und dem
Einholen zweier Stellungnahmen ihres beratenden Zahnarztes lehnte die
Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 7. März 2022 mangels Kausalzu-
sammenhangs Leistungen für die Folgen des Ereignisses ab. Die dagegen
erhobene Einsprache wies die Beschwerdegegnerin mit Einspracheent-
scheid vom 7. Juni 2022 ab.
2.
2.1.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 11. Juli 2022
fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Rechtsbegehren:
"1. In Aufhebung des Einspracheentscheides seien seitens der Beschwer- degegnerin die gesetzlichen Leistungen zu erbringen.
2. Eventualiter sei seitens des angerufenen Gerichtes ein Gerichtsgutach- ten zu erstellen.
3. Eventualiter sei die Causa an die Beschwerdegegnerin zwecks Erhe- bung eines rechtsgenüglichen medizinischen Sachverhaltes zurückzu- weisen.
4. Es sei ein zweiter Schriftenwechsel durchzuführen.
5. Eventualiter sei die Causa an die Beschwerdegegnerin zurückzuwei- sen.
6. Alles unter Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 26. Juli 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Die Beschwerdeführerin reichte mit Eingabe vom 29. Juli 2022 einen Be-
richt von Dr. med. dent. B., Q., vom 27. Juli 2022 zu den Akten.
2.4.
Mit Replik vom 10. August 2022 hielt die Beschwerdeführerin an den be-
schwerdeweise gestellten Anträgen fest.
- 3 -
2.5.
Die Beschwerdegegnerin hielt mit Duplik vom 2. September 2022 am An-
trag auf Abweisung der Beschwerde fest.
2.6.
Mit weiterer Eingabe vom 21. September 2022 wiederholte die Beschwer-
deführerin ihren Standpunkt.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht
im Zusammenhang mit dem Ereignis vom 22. November 2021 mit Ein-
spracheentscheid vom 7. Juni 2022 (Vernehmlassungsbeilage [VB] K 12)
zu Recht verneint hat.
2.
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst
voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden
(Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht.
Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Um-
stände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als einge-
treten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit ein-
getreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für
die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich,
dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher
Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit
anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der versicher-
ten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht wegge-
dacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Stö-
rung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen; vgl. auch
BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 111 f. und 129 V 402 E. 4.3.1 S. 406).
Über die Frage, ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer ge-
sundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, hat
die Verwaltung bzw. im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm
obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üb-
lichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden. Die
blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung ei-
nes Leistungsanspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinwei-
sen).
- 4 -
3.
3.1.
In Ihrem Einspracheentscheid vom 7. Juni 2022 (VB K 12) stützte sich die
Beschwerdegegnerin im Wesentlichen auf die Aktenbeurteilungen ihres
beratenden Zahnarztes Dr. med. dent. C. In seiner Beurteilung vom
19. Februar 2022 hielt dieser fest, dass die Beschwerdeführerin massiv a-
bradierte Zähne habe und Überempfindlichkeiten jederzeit auftreten könn-
ten. Die Wurzel von Zahn 47 weise apikal radiologische Veränderungen
auf. Diese seien scharf begrenzt, was Zeichen eines chronischen, über Mo-
nate dauernden Prozesses sei (VB M 2).
Nach Eingang der Stellungnahme des behandelnden Zahnarztes
Dr. med. dent. B. vom 4. März 2022 (VB K 11 S. 2) hielt Dr. med. dent. C.
am 1. Juni 2022 an seiner Beurteilung fest und führte Folgendes aus: Die
Beschwerdeführerin übe starke Parafunktionen (Knirschen) aus. Dies sei
erkennbar auf dem Röntgen vom 6. Dezember 2021 (vgl. VB M 1 S. 2 f.).
Die Höcker seien durch Abnutzung fast gänzlich abradiert. Durch den Ver-
lust des schützenden Schmelzes liege das empfindliche Dentin frei, was
wiederum zu Schmerzsensationen beim Kauen führe (mechanische und
chemische Reizung). Wegen des Substanzverlusts würden die Füllungen
die mechanische Retention verlieren und gleichzeitig auch dünner. Dass
es mit der Zeit unter normaler Kaubelastung zu Füllungsverlusten, Fül-
lungsfrakturen oder Teilverlusten von Füllungen komme, sei üblich. Auch
könne es durch die enorme Belastung durch Knirschen und den Druck auf
die Höcker unter Parafunktion mit der Zeit durch Ermüdung zu Längsrissen
im Zahn kommen. Auf dem Einzel-Röntgenbild vom 6. Dezember 2021
(vgl. VB M 1 S. 2 f.) sei der apikale Bereich leider nicht ganz dargestellt.
Klar ersichtlich sei eine Verbreiterung des mesialen Desmodontalspaltes
der mesialen Wurzel ab halber Höhe gegen apikal. Auf dem Orthopanto-
mograph (OPT) vom 23. Dezember 2021 (vgl. VB M 1 S. 4) werde dieser
Befund bestätigt. Die Aufhellung gehe über den Apex der mesialen Wurzel
hinaus und sei durch einen feinen, sklerosierten Randsaum begrenzt; ein
klares Zeichen eines chronischen entzündlichen Prozesses, der über Jahre
andauere. Auch um den Apex der distalen Wurzel sei eine Aufhellung dar-
gestellt. Dies seien Zeichen eines entzündlichen Prozesses im Knochen als
Reaktion eines Reizes des Nervs (könne bedingt sein durch die tiefe, pul-
panahe okklusale Füllung, das freiliegende Dentin oder auch einen Längs-
riss). Der entzündliche Prozess habe einen chronischen Verlauf und sei
unter Umständen über einen langen Zeitraum nicht wahrnehmbar, da er
langsam ablaufe und damit verbundene Beschwerden schleichend auftre-
ten würden. Zusammenfassend hielt Dr. med. dent. C. fest, dass keine
Teilkausalität vorliege. Aufgrund des radiologisch festgehaltenen, nicht un-
fallkausalen Vorzustands seien die Beschwerden der Beschwerdeführerin
plausibel nachvollziehbar (VB M 3).
- 5 -
3.2.
3.2.1.
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situ-
ation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet
sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
3.2.2.
Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner me-
dizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, kommt ihnen
praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder im
Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag gegebe-
nen Gutachten zu (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c
S. 160 ff.). Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und
Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind
ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f.
und 122 V 157 E. 1d S. 162 f.).
3.2.3.
Beweistauglich kann auch eine reine Aktenbeurteilung sein, wenn es im
Wesentlichen um die Beurteilung eines feststehenden medizinischen
Sachverhalts geht und sich neue Untersuchungen erübrigen. Dies ist ins-
besondere der Fall, wenn genügend Unterlagen aufgrund anderer persön-
licher Untersuchungen vorliegen, die ein vollständiges Bild über Anam-
nese, Verlauf und gegenwärtigen Status ergeben. Der medizinische Sach-
verständige muss sich insgesamt aufgrund der vorhandenen Unterlagen
ein lückenloses Bild machen können (Urteile des Bundesgerichts
8C_46/2019 vom 10. Mai 2019 E. 3.2.1; 8C_641/2011 vom 22. Dezember
2011 E. 3.2.2 mit Hinweisen).
4.
4.1.
Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor, dass ein Kausalzu-
sammenhang zwischen dem Ereignis vom 22. November 2021 sowie der
Schädigung an Zahn 47 bestehe. Es würden widersprüchliche ärztliche
Einschätzungen vorliegen, so dass der medizinische Sachverhalt nicht wi-
derspruchsfrei festgestellt worden sei (vgl. Beschwerde S. 3 ff.; Replik).
4.2.
4.2.1.
In der Stellungnahme vom 4. März 2022 führte der behandelnde Zahnarzt
aus, dass die Beschwerdeführerin am 29. November 2021 seine Sprech-
stunde besucht habe. Sie habe eine Woche zuvor auf einen Fremdkörper
- 6 -
(Stein im Salat) gebissen, dabei sei ein Teil ihrer okklusalen Füllung am
Zahn 47 frakturiert. Die Beschwerdeführerin habe bereits damals über
Schmerzen auf Druck geklagt, zudem sei der Zahn stark hypersensibel
beim Vitalitätstest gewesen. Die Compositfüllung sei an diesem Termin
ausgewechselt worden. Leider habe diese Therapie nicht zum Erfolg ge-
führt; die Schmerzen auf Druck und Kälte seien trotz mehrmaliger Fluorid-
lackapplikationen und Schliffkorrekturen bestehen geblieben. Am 23. De-
zember 2021 sei der Zahn 47 mit Verdacht auf eine Längsfraktur extrahiert
worden. Aus seiner Sicht bestehe ein direkter Zusammenhang zwischen
dem Unfallereignis und der klinischen Situation (VB K 11 S. 2).
4.2.2.
In dem im Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingereichten Schreiben
vom 27. Juli 2022 (Eingabe vom 29. Juli 2022) führte Dr. med. dent. B. zu-
dem aus, dass der Zahn 47 der Beschwerdeführerin bis zum Ereignis vom
22. November 2021 beschwerdefrei gewesen sei. "Von daher" bestehe aus
seiner Sicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein Zusammenhang
zwischen dem Unfallereignis vom 22. November 2021 und der klinischen
Situation. Des Weiteren zitierte er nochmals seine Stellungnahme vom
4. März 2022.
4.3.
Dr. med. dent. C. ist beratender Zahnarzt der Beschwerdegegnerin. In be-
weismässiger Hinsicht sind seine Berichte denjenigen eines versicherungs-
internen Arztes gleichzusetzen, weshalb an seinen Beurteilungen keine
auch nur geringen Zweifel bestehen dürfen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
8C_281/2018 vom 25. Juni 2018 E. 3.2.2 mit Hinweisen).
Die Aktenbeurteilungen von Dr. med. dent. C. sind in sich schlüssig, diffe-
renziert und plausibel begründet. Die Akten beruhen auf persönlichen Un-
tersuchungen sowie Bildgebungen und ergeben ein vollständiges Bild be-
treffend den vorliegend relevanten medizinischen Sachverhalt.
Dr. med. dent. C. berücksichtigte die Vorakten, die bildgebenden Befunde
sowie die von der Beschwerdeführerin angegebenen Beschwerden umfas-
send und setzte sich mit den anderslautenden Ausführungen des behan-
delnden Zahnarztes Dr. med. dent. B. auseinander (wobei es sich entge-
gen der Behauptung in der Replik S. 2 nicht um den "langjährigen" Zahn-
arzt handeln dürfte [vgl. VB K 6: "Tarif 4000 – Befundaufnahme beim
neuen Patienten"]). Dr. med. dent. C. kam nachvollziehbar begründet zum
Schluss, dass ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Ereig-
nis vom 22. November 2021 und der beklagten Schädigung an Zahn 47
zwar möglich, aber nicht überwiegend wahrscheinlich nachgewiesen sei.
Zudem gilt eine gesundheitliche Schädigung gemäss Rechtsprechung
nicht schon dann als durch den Unfall verursacht, weil sie nach diesem
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aufgetreten ist. Ärztliche Auskünfte, die – wie jene des behandelnden Zahn-
arztes vom 27. Juli 2022 – allein auf der Argumentation beruhen, die ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen seien erst nach dem Unfall aufgetreten,
sind beweisrechtlich nicht zu verwerten (Urteil des Bundesgerichts
8C_355/2018 vom 29. Juni 2018 E. 3.2 mit Hinweis; vgl. zur Unzulässigkeit
der Beweismaxime "post hoc ergo propter hoc" BGE 119 V 335 E. 2b/bb
S. 341 f.).
Hinsichtlich der medizinischen Beurteilung des Sachverhalts durch den
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin (vgl. Beschwerde S. 6) ist
schliesslich darauf hinzuweisen, dass diese bereits deshalb unbehelflich
ist, weil er als medizinischer Laie hierfür nicht befähigt ist (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 9C_283/2017 vom 29. August 2017 E. 4.1.2; 9C_614/2015
vom 21. Juni 2016 E. 5.1).
4.4.
Zusammenfassend ergeben sich damit keine auch nur geringen Zweifel an
der Schlüssigkeit und Vollständigkeit der Beurteilungen von
Dr. med. dent. C. Der medizinische Sachverhalt erweist sich vor diesem
Hintergrund als vollständig abgeklärt. Weitere Abklärungen (Einholung ei-
nes Gerichtsgutachtens bzw. Rückweisung, vgl. Beschwerde S. 5; Replik
S. 2 f.), sind in antizipierter Beweiswürdigung daher nicht vorzunehmen, da
davon keine neuen Erkenntnisse betreffend die Unfallkausalität zu erwar-
ten sind (BGE 136 I 229 E. 5.3 S. 236; 124 V 90 E. 4b S. 94).
Aufgrund der medizinischen Akten fehlt es damit an einem mit dem erfor-
derlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 134 V
109 E. 9.5 S. 125 mit Hinweis auf BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181) erstellten
Nachweis eines natürlichen Kausalzusammenhangs zwischen der am
9. Dezember 2021 gemeldeten Zahnschädigung (VB K 1) und dem Ereig-
nis vom 22. November 2021, was sich zum Nachteil der Beschwerdeführe-
rin auswirkt, welche aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Leis-
tungsansprüche gegenüber dem Unfallversicherer ableiten will (Urteil des
Bundesgerichts 8C_545/2008 vom 4. September 2008 E. 3.2). Bei diesem
Ergebnis kann offen bleiben, ob das Ereignis vom 22. November 2021
überhaupt den Unfallbegriff gemäss Art. 4 ATSG erfüllt. Der Einsprache-
entscheid vom 7. Juni 2022 (VB K 12) ist damit zu bestätigen.
5.
5.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen.
5.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
- 8 -
5.3.
Der Beschwerdeführerin steht nach dem Ausgang des Verfahrens
(Art. 61 lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung
als Sozialversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein An-
spruch auf Parteientschädigung zu.