Decision ID: e3aa17c5-872f-57f4-a27a-fd71c9008829
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Urs Bertschinger, St. Gallerstrasse 46, Post
fach 945, 9471 Buchs SG 1,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 10. Mai 2002 zum Bezug einer Rente der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1).
A.b Am 1. Juli 2002 erstattete Dr. med. F._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin,
einen Arztbericht. Er diagnostizierte rezidivierende Schwindelsensationen mit Kopf
schmerzen sowie ein panvertebrales Schmerzsyndrom und attestierte eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit ab dem 22. März 2002 in der bisherigen Tätigkeit. Seines Erachtens
seien weitere medizinische und erwerbliche Abklärungen wie auch Eingliederungs
massnahmen angezeigt (IV-act. 7).
A.c Am 14. August 2002 erstattete die Firma B._ einen Arbeitgeberbericht. Die
Versicherte habe vom 1. Juni 2001 bis zum 15. März 2002 als Reinigerin gearbeitet und
dann das Arbeitsverhältnis gekündigt. Die Arbeitszeit habe sich auf zwei Stunden pro
Tag bzw. zehn Stunden pro Woche belaufen (IV-act. 12). Am 22. August 2002
erstattete die Firma C._ einen Arbeitgeberbericht. Die Versicherte habe vom 1. Juni
1998 bis zum 10. Januar 2001 als Reinigerin gearbeitet; das Arbeitsverhältnis sei im
gegenseitigen Einverständnis aufgelöst worden. Die Arbeitszeit habe sich auf drei
Stunden pro Tag bzw. 15 Stunden pro Woche belaufen (IV-act. 16).
A.d Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Medizinische Abklärungsstelle (MEDAS)
Ostschweiz am 7. November 2003 ein polydisziplinäres Gutachten. Die Gutachter
diagnostizierten eine undifferenzierte Somatisierungsstörung im Rahmen einer An
passungsstörung mit Angst- und depressiver Symptomatik gemischt sowie ein diffuses
chronisches Schmerzsyndrom cervico-cephal, panvertebral, pectoral und lumboischial
gieform beidseits mit vegetativen Begleitbeschwerden und attestierten eine 50%ige
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Arbeitsfähigkeit für körperlich eher leichtere, rückenadaptierte Tätigkeiten. Die Ver
sicherte habe offenbar als junge Frau und Mutter Schweres durchgemacht und sich im
Rahmen ihres traditionellen Weltbildes ihrem Schicksal gefügt. In der Schweiz habe
offenbar wenig Assimilation stattgefunden und die Strukturteilnahme in der
Gesellschaft habe sich weitgehend auf das Arbeiten beschränkt. Praktisch einziger
Lebensinhalt schienen die Mutterrolle und die Pflichten als Ehefrau gewesen zu sein, in
allen Bereichen habe die Versicherte aber Verluste hinnehmen müssen. Todesfälle im
Kreis der Herkunftsfamilie hätten die Versicherte zusätzlich traumatisiert. Es sei zu einer
psychophysischen Erschöpfung mit somatischen Symptomen einer Depression und
Panikattacken gekommen. Traditionsgemäss könnten psychogen bedingte Krank
heiten und familiäre Konflikte nicht zugegeben werden. Die geschilderten Körperbe
schwerden entsprächen teilweise einer Konversionssymptomatik wie auch
somatischen Symptomen eines depressiven Syndroms (IV-act. 23).
A.e Am 8. Juni 2004 fand eine Abklärung im Haushalt der Versicherten statt. Die
Frage, ob sie ohne Behinderung eine Erwerbstätigkeit ausüben würde, bejahte sie. Aus
wirtschaftlichen Gründen müsste sie zumindest teilweise erwerbstätig sein, hielt die
Abklärungsbeauftragte fest. Der Abklärungsbeauftragte bezifferte die Einschränkung im
Haushalt auf 27 % und den Invaliditätsgrad – ausgehend von einer Qualifikation als zu
je 50 % erwerbs- und im Haushalt tätig – auf 21 % (IV-act. 27).
A.f Mit Verfügung vom 9. August 2004 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab (IV-
act. 31).
B.
B.a Am 18. April 2006 liess die Versicherte um Neubeurteilung des Rentenanspruchs
ersuchen. Der Gesundheitszustand habe sich zwischenzeitlich verschlechtert, und die
Versicherte wäre nun zu 100 % erwerbstätig, wenn sie gesund wäre, und zwar insbe
sondere aus finanziellen Gründen (IV-act. 36). Dem Gesuch lag ein Schreiben von
Dr. med. D._, Fachärztin FMH für Physikalische Medizin und Rehabilitation, vom
27. März 2006 bei, wonach sich der Gesundheitszustand der Versicherten ver
schlechtert habe; die Versicherte sei aus rheumatologischer Sicht höchstens für zwei,
drei Stunden täglich für leichtere Tätigkeiten arbeitsfähig (IV-act. 38).
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B.b In einer Stellungnahme vom 24. April 2006 hielt ein Sachbearbeiter der IV-Stelle
fest, es bedürfe stichhaltiger Gründe, um die Versicherte neu als Vollerwerbstätige ein
zustufen. Sie sei mittlerweile 55 Jahre alt, verfüge gemäss Akten über eine minimale
Schulbildung von fünf Jahren, welche sie in ihrem Heimatland absolviert habe, in der
Schweiz sei sie einzig in den Jahren 1998–2001 teilzeitlich als Raumpflegerin
erwerbstätig gewesen und sie sei der deutschen Sprache nicht mächtig. Mit Blick auf
diese Umstände sei es unwahrscheinlich bis aussichtslos, dass die Versicherte auf
dem freien Arbeitsmarkt überhaupt je eine realistische Chance bekommen würde, eine
Festanstellung mit einem 100%igen Beschäftigungsgrad zu bekommen. Sie verfüge
weder über berufliche noch über persönliche Qualifikationen, um auf dem Arbeitsmarkt
konkurrenzfähig zu sein, selbst wenn sie gesund wäre. Die Qualifikation als zu 50 %
Erwerbstätige sei daher beizubehalten (IV-act. 39–2).
B.c Mit Vorbescheid vom 5. September 2006 teilte die IV-Stelle mit, dass vorgesehen
sei, auf das Leistungsbegehren nicht einzutreten (IV-act. 44). Am 25. Oktober 2006
verfügte die IV-Stelle entsprechend (IV-act. 50).
C.
C.a Am 5. Juni 2009 meldete sich die Versicherte wiederum zum Bezug einer
Invalidenrente an (IV-act. 52). Am 6. Juli 2009 (IV-act. 56) liess sie der IV-Stelle einen
Bericht von Dr. med. E._, Facharzt FMH für Neurologie, vom 30. Juni 2009 zugehen,
wonach die Versicherte an einer langdauernden ausgeprägten Depression und einer
somatoformen Schmerzstörung bei degenerativen Veränderungen im Bereich der
Lendenwirbelsäule leide, nicht mehr belastbar sei, nicht einmal einfache Probleme
ertragen könne, antriebsarm sei, eine deutlich reduzierte Vitalkraft habe, wortkarg sei,
sozial zurückgezogen lebe, stark unter ihren Beschwerden leide und seit langem
(mindestens zwei Jahren) für einfache körperliche Tätigkeiten in der freien Wirtschaft
und im Haushalt zu 60–70 % arbeitsunfähig sei (IV-act. 58; vgl. auch IV-act. 61 und 64).
C.b Am 26. November 2009 fand eine weitere Abklärung im Haushalt der Versicherten
statt. Unter Hinweis auf die interne Stellungnahme vom 24. April 2006 hielt die
Abklärungsbeauftragte fest, die Versicherte würde einer 50%igen Erwerbstätigkeit
nachgehen, wenn sie gesund wäre (IV-act. 69).
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C.c Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die MEDAS Ostschweiz am 27. Mai 2010 ein
Verlaufsgutachten. Die Gutachter diagnostizierten eine undifferenzierte
Somatisierungsstörung, eine mittelschwere depressive Störung mit somatischem
Syndrom, eine Panikstörung sowie ein generalisiertes rechtsbetontes Schmerzsyndrom
mit vegetativen Begleitbeschwerden und attestierten eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit
für Tätigkeiten in der freien Wirtschaft und eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit für
Haushaltsarbeiten. Das Ausmass dürfte im Januar 2008 erreicht worden sein. Es liege
eine psychische Komorbidität in Form des chronifizierten mittelschweren depressiven
Syndroms wie auch ein fixierter und chronifizierter, psychotherapeutisch nicht mehr
angehbarer primärer Krankheitsgewinn trotz adäquater psychiatrischer Medikation vor
(IV-act. 75).
C.d Mit Vorbescheid vom 21. Juli 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass die Abweisung
des Rentengesuchs vorgesehen sei. Unter Berücksichtigung der Schadenminderungs
pflicht des Ehemannes liege die Einschränkung im Haushaltsbereich bei 5 %. Die Ein
schränkung im Erwerbsbereich betrage 70 %. Unter Berücksichtigung der Gewichtung
von je 50 % resultiere ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 37,5 % (IV-
act. 81).
C.e Dagegen liess die Versicherte am 29. September 2010 Einwand erheben. Es sei
nicht nachvollziehbar, weshalb nun plötzlich – im Gegensatz zum ersten Verfahren
in den Jahren 2002-2004 – eine Schadenminderungspflicht des eine ganze Invaliden
rente beziehenden Ehemannes angerechnet werde; ohnehin müsste diese Schaden
minderungspflicht rechnerisch anders berücksichtigt werden. Gesamthaft resultiere
jedenfalls ein rentenbegründender Invaliditätsgrad (IV-act. 86).
C.f Mit Verfügung vom 3. Dezember 2010 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab.
Es wurde keine Schadenminderungspflicht des Ehemannes berücksichtigt, mithin eine
Einschränkung im Haushalt von 30 % anerkannt, aber darauf hingewiesen, dass zu Un
recht kein Einkommensvergleich durchgeführt worden sei. Dieser ergebe eine Ein
schränkung im Erwerbsbereich von lediglich 40 %, sodass insgesamt ein Invaliditäts
grad von 35 % resultiere, der nicht zum Bezug einer Invalidenrente berechtige (IV-
act. 88).
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D.
D.a Dagegen richtet sich die am 24. Januar 2011 erhobene (act. G 1) und am
16. Februar 2011 verbesserte (act. G 3) Beschwerde, mit der die Zusprache
mindestens einer Viertelsrente beantragt und zur Begründung im Wesentlichen
ausgeführt wird, dass entgegen der ersten Verfügung vom 9. August 2004 kein Abzug
vom Tabellenlohn gewährt werde, noch dazu ohne Begründung, sei willkürlich und
verstosse gegen die der Beschwerdegegnerin obliegende Begründungspflicht;
richtigerweise sei zudem von einer Einschränkung von 70 % auch im Haushaltsbereich
auszugehen, womit sich ein Invaliditätsgrad von 60 % und damit Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente ergebe.
D.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer
Beschwerdeantwort vom 5. April 2011 führte sie zur Begründung im Wesentlichen aus,
den von den Gutachtern der MEDAS Ostschweiz diagnostizierten Beschwerdebildern
fehle es an einer invalidisierenden Wirkung, weshalb von voller Arbeitsfähigkeit in
rückenadaptierten Tätigkeiten auszugehen und ein Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung zu verneinen sei (act. G 6).
D.c Mit Replik vom 12. Mai 2011 liess die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
vollumfänglich festhalten. Die unerwartete Nichtberücksichtigung der von den
Gutachtern attestierten Arbeitsunfähigkeit würde eine reformatio in peius darstellen –
namentlich auch mit Blick auf das Verfahren betreffend Ergänzungsleistungen für den
Ehemann der Beschwerdeführerin, deren Höhe unter anderem vom Betrag des der
Beschwerdeführerin angerechneten hypothetischen Erwerbseinkommens abhingen –,
weshalb ihr allenfalls die Möglichkeit zum Rückzug der Beschwerde einzuräumen sei
(act. G 8).
D.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
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Die Beschwerdegegnerin hat, nachdem sie auf die Neuanmeldung vom 5. Juni 2009
eingetreten ist, zu Recht vollumfänglich die erstmalige Zusprache einer Invalidenrente
geprüft und nicht eine Art „Anpassung einer Nichtrente an veränderte Verhältnisse“
vorgenommen (vgl. den Entscheid IV 2010/428 des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 5. November 2012, E. 1.2). Die Beschwerdeführerin liess allerdings
ebenso zu Recht darauf hinweisen, dass die früheren Verfügungen nicht gänzlich un
beachtlich seien, sondern dass nach Treu und Glauben erwartet werden dürfe, dass
gleichlautende Fragen bei im Wesentlichen unveränderten tatsächlichen Verhältnissen
und massgebenden Rechtsnormen gleich beantwortet würden oder aber begründet
würde, weshalb die Ergebnisse der diesbezüglichen Rechtsanwendung anders aus
fallen, andernfalls sich die Verwaltung dem Vorwurf der Willkür und der Verletzung der
Begründungspflicht aussetze. Wenn die Beschwerdegegnerin in ihrer Verfügung vom
9. August 2004 einen Abzug vom Tabellenlohn von 15 % gewährte, hat sie zu be
gründen, weshalb sie in ihrer Verfügung vom 3. Dezember 2010 keinen solchen Abzug
mehr gewährt. Kommt sie dieser Pflicht nicht nach – was vorliegend der Fall ist –, ver
letzt sie zumindest den durch Art. 42 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) gewährten Anspruch auf rechtliches
Gehör. Allerdings kann die Verletzung dieses Verfahrensrechts dann ignoriert werden,
wenn die betroffene Person zum Ausdruck bringt, dass sie einen Entscheid in der
Sache selbst gegenüber einer Behebung des Verfahrensmangels bevorzugt. Dies ist
vorliegend der Fall, weshalb die Streitsache materiell zu prüfen ist.
2.
2.1 Die Frage nach der medizinisch-theoretischen quantitativen oder qualitativen
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit ist eine Tatfrage, keine Rechtsfrage (BGE 132 V
393 E. 3.2 S. 398 mit zahlreichen Hinweisen). Ihre Beantwortung setzt Fachwissen
voraus, weshalb damit in aller Regel medizinische Sachverständige beauftragt werden.
Aufgabe von Verwaltung und Gericht ist es, die entsprechenden Antworten rechtlich zu
würdigen, was insbesondere bedeutet, zu prüfen, ob sie für die Beurteilung der
Angelegenheit als bewiesene Tatsachen heranzuziehen sind. Bei der Beweiswürdigung
ist sowohl gesetzlichen als auch tatsächlichen Vermutungen Rechnung zu tragen. Bei
letzteren handelt es sich um Schlussfolgerungen aus bewiesenen Tatsachen auf
weitere nicht bewiesene Tatsachen, welche der Rechtsanwender auf Grund der
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Lebenserfahrung zieht (natürliche Vermutungen; Erfahrungstatsachen; vgl. Oscar
Vogel/Karl Spühler, Grundriss des Zivilprozessrechts, 7. Aufl., Bern 2001, Kap. 10,
Rz. 50 ff.). So hat das Bundesgericht etwa in BGE 137 V 64 E. 1.2 S. 66 festgehalten,
es bestehe gestützt auf medizinische Empirie beispielsweise die Vermutung, dass eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung oder ein vergleichbarer ätiologisch unklarer
syndromaler Zustand überwindbar sei. Gemeint ist damit, dass zu vermuten ist, einer
versicherten Person sei es trotz anhaltender somatoformer Schmerzstörung zumutbar,
einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Diese tatsächliche Vermutung ist, wie alle anderen
tatsächlichen Vermutungen auch, als Beweisregel und damit als Rechtsfrage zu
qualifizieren, nicht als Tatfrage. Wie jede andere tatsächliche Vermutung auch kann sie
durch einen Gegenbeweis widerlegt werden (Oscar Vogel/Karl Spühler, a.a.O., Kap. 10,
Rz. 51). Dies verkennt die Beschwerdegegnerin vorliegend offensichtlich, wenn sie
davon ausgeht, es könne zwar auf das Gutachten der MEDAS Ostschweiz abgestellt,
aber die darin enthaltene (medizinische) Arbeitsfähigkeitsschätzung gleichsam durch
eine rechtliche Arbeitsfähigkeitsschätzung ersetzt werden. Damit geht sie nämlich zu
Unrecht davon aus, die tatsächliche Vermutung, einer versicherten Person sei es trotz
somatoformer Schmerzstörung oder einem dieser verwandten Syndrom zumutbar, mit
vollem Pensum und bei voller Leistung einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, könne
nicht widerlegt werden. Wie dargelegt, ist die Widerlegung dieser Vermutung durch den
Gegenbeweis ohne weiteres möglich. Liegt also im Einzelfall eine überzeugende
medizinische Arbeitsfähigkeitsschätzung vor, von der anzunehmen ist, dass sie der der
allgemeinen Schadenminderungspflicht entspringenden zumutbaren
Willensanstrengung zur Verrichtung einer Erwerbstätigkeit trotz
Gesundheitsbeeinträchtigung genügend Rechnung trägt, ist der Rechtsanwendung
nicht die tatsächliche Vermutung, sondern vielmehr der insofern mit dem notwendigen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesene Sachverhalt zu
Grunde zu legen. Dabei ist es selbstverständlich – was die Beschwerdegegnerin zu
verkennen scheint – möglich, dass einer versicherten Person gegebenenfalls lediglich
noch ein Teilpensum zumutbar oder aber die Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Es
gibt insofern also nicht nur ein „Alles oder Nichts“, sondern auch ein „Teilweise“ (vgl.
hierzu auch den Entscheid IV 2010/122 des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen vom 9. November 2010, E. 1.3.3; sinngemäss bestätigt durch das
Bundesgericht in dessen Urteil 8C_958/2010, 8C_1039/2010 vom 25. Februar 2011
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E. 6.2.2.2; vgl. auch das Urteil des Bundesgerichts 9C_1041/2010 vom 30. März 2011
E. 5.2).
2.2 Vorliegend haben die Gutachter der MEDAS Ostschweiz in ihren beiden
Gutachten ausführlich und begründet dargelegt, weshalb es der Beschwerdeführerin
aufgrund der festgestellten Gesundheitsbeeinträchtigungen nicht möglich ist, einer
Erwerbstätigkeit mit vollem Pensum und voller Leistung nachzugehen. Im ersten
Gutachten – das allerdings grösstenteils als durch das zweite Gutachten überholt zu
qualifizieren ist – hat der psychiatrische Consiliarius dargelegt, dass die
Beschwerdeführerin einerseits bereits in frühen Jahren erheblichen Belastungen
ausgesetzt gewesen und zusätzlich durch aussergewöhnliche Todesfälle in ihrer
Familie traumatisiert worden sei, sich in der Schweiz nicht integriert habe, andererseits
aber auch aufgrund ihrer Erziehung und Weltanschauung diese Belastungen nicht
adäquat habe verarbeiten können und es deshalb zu einer Konversionssymptomatik
und zu somatischen Symptomen eines depressiven Syndroms gekommen sei, mithin
ein so genannter primärer Krankheitsgewinn zu bejahen sei. Im zweiten Gutachten hat
der psychiatrische Consiliarius diese Zusammenhänge bestätigt und explizit auf den
fixierten und chronifizierten, psychotherapeutisch nicht mehr angehbaren primären
Krankheitsgewinn trotz adäquater psychiatrischer Medikation hingewiesen. Ausführlich
dargelegt hat der psychiatrische Consiliarius auch, dass zwar nicht unbesehen auf die
Aussagen der Beschwerdeführerin abgestellt werden könne, aber gesamthaft doch
eine deutliche Verschlechterung in Bezug auf die depressive Störung wie auch die
Panikattacken feststellbar sei. Die Schwere der depressiven Störung qualifizierte er als
ausreichend, um das von der Rechtsprechung geforderte Kriterium der psychischen
Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer zu erfüllen,
was von Seiten des Gerichts nachvollziehbar und plausibel scheint. Es ist
diesbezüglich auch zu berücksichtigen, dass aufgrund der vom psychiatrischen
Consiliarius ausführlich und nachvollziehbar dargelegten Zusammenhänge davon
auszugehen ist, dass die Versicherte zuerst an einer depressiven Symptomatik bzw.
einem psychophysischen Erschöpfungszustand litt, dies also als „Grundkrankheit“ zu
qualifizieren ist, und sich die somatoforme bzw. Konversionssymptomatik erst
sekundär – aufgrund der Unmöglichkeit, eine psychogene
Gesundheitsbeeinträchtigung anzuerkennen – entwickelte. Auch im Rahmen des
zweiten Gutachtens wurde die (chronifizierte) depressive Symptomatik als im Vorder
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grund stehend qualifiziert. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass Dr. E._ einen
sozialen Rückzug in allen Belangen des Lebens als ausgewiesen qualifizierte, was
plausibel erscheint. Gesamthaft besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass die Gut
achter der MEDAS Ostschweiz der der allgemeinen Schadenminderungspflicht ent
springenden zumutbaren Willensanstrengung hinreichend Rechnung getragen und eine
versicherungsmedizinisch valide Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben haben. Es ist
darauf abzustellen.
2.3 Was die Beeinträchtigung im Haushalt betrifft, so haben die Gutachter
ausführlich, nachvollziehbar und plausibel dargelegt, weshalb sie diese als deutlich
weniger hoch schätzten als jene bezüglich ausserhäuslichen Erwerbstätigkeiten. Sie
führten nämlich aus, für die Differenz sei einerseits die Möglichkeit der freien Einteilung
im Haushalt gemäss Symptomfluktuationen massgeblich und andererseits die
Angststörung, welche es der Beschwerdeführerin verunmögliche, nach zeitlichen
Vorgaben das Haus zu verlassen. Die Beschwerdeführerin bringt keine überzeugenden
Argumente dagegen vor, weshalb auch diesbezüglich auf das Gutachten der MEDAS
Ostschweiz abzustellen und mithin von einer 70%igen Arbeitsunfähigkeit bezüglich
rückenadaptierten ausserhäuslichen Erwerbstätigkeiten und einer 30%igen
Einschränkung bezüglich Haushaltsführung auszugehen ist.
3.
Für die Bemessung des Invaliditätsgrades ist massgebend, ob und in welchem Umfang
die Beschwerdeführerin einer Erwerbstätigkeit nachginge, wenn sie gesund wäre. Dies
bezüglich lässt sich den Akten folgendes entnehmen: Die Beschwerdeführerin hat drei
Kinder, von denen das jüngste im Jahr 1982 geboren wurde (vgl. IV-act. 23–2), hat in
den Jahren 1998 bis und mit Anfang 2002 in eher tiefem Pensum gearbeitet (vgl. IV-
act. 12, 16 und 77) und im Rahmen ihrer Eingabe vom 18. April 2006 angegeben, sie
würde einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachgehen, wenn sie gesund wäre (IV-
act. 36). Ihr Ehemann ist Bezüger einer ganzen Rente der Invalidenversicherung (vgl.
IV-act. 10–3), das Ehepaar bezieht zudem eine jährliche Ergänzungsleistung, wobei der
Beschwerdeführerin offenbar ein hypothetisches Erwerbseinkommen von gut
Fr. 20’000.-- angerechnet wird (vgl. act. G 8.1). Im Rahmen der ersten
Haushaltsabklärung hat die Beschwerdeführerin angegeben, sie wäre „zumindest
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teilweise erwerbstätig“, wenn sie gesund wäre, und zwar nur schon aus finanziellen
Gründen; sie hätte diesfalls „ihr Pensum auf bis zu 50 % erhöhen“ müssen (IV-act. 27–
2 f.). Im Rahmen der zweiten Abklärung wurde die Frage offenbar nicht mehr gestellt
(vgl. IV-act. 69–2). Aufgrund der Akten erscheint die im ersten Abklärungsbericht
wiedergegebene Angabe überwiegend wahrscheinlich. Einerseits besteht durchaus
eine gewisse finanzielle Notwendigkeit zur Aufnahme einer zumindest teilweisen
Erwerbstätigkeit, denn der Ehemann ist Bezüger einer ganzen Invalidenrente und einer
jährlichen Ergänzungsleistung; die wirtschaftlichen Verhältnisse sind also knapp.
Zudem wurde das jüngste Kind im Jahr 2000 volljährig, weshalb einer
Erwerbsaufnahme keine Betreuungspflichten im Wege stünden. Andererseits ist aber
auch zu berücksichtigen, dass sich die Beschwerdeführerin aufgrund ihres
Rollenverständnisses und Weltbildes unter anderem massgebend als Ehefrau und
Mutter definiert (vgl. IV-act. 23–7), und dass sie nur kurz und in tiefem Pensum in der
Schweiz gearbeitet hat. Der Ehemann bezieht die Invalidenrente ausserdem schon seit
geraumer Zeit. Wenn die Beschwerdeführerin aufgrund dessen eine Erwerbstätigkeit in
hohem Pensum aufgenommen hätte, dann wohl nicht erst aktuell, sondern bereits viel
früher, nämlich so kurz wie möglich nach Ausscheiden des Ehemannes aus dem
Berufsleben, soweit dies die Betreuungspflichten gegenüber den Kindern zugelassen
hätten. Gesamthaft erscheint es aufgrund des Verhaltens der Beschwerdeführerin vor
Eintritt des Gesundheitsschadens und unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände
deshalb am wahrscheinlichsten, dass sie einer Erwerbstätigkeit in einem Pensum von
maximal 50 % nachgegangen wäre, wie sie im Rahmen der ersten Haushaltsabklärung
angegeben hat. Der Invaliditätsgrad ist daher nach der gemischten Methode zu
bemessen.
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin arbeitete als Hilfsarbeiterin im Reinigungsdienst. Wäre
sie nicht krank geworden, würde sie weiterhin einer Hilfsarbeitertätigkeit nachgehen;
dass sie eine berufliche Ausbildung absolviert und anschliessend qualifiziertere Arbeit
verrichtet hätte, erscheint unwahrscheinlich. Da der Beschwerdeführerin trotz ihrer
Gesundheitsbeeinträchtigungen in qualitativer Hinsicht Tätigkeiten zumutbar sind, die
der Hilfsarbeitermarkt kennt, und da die Arbeitsfähigkeit in quantitativer Hinsicht mittels
beruflicher Eingliederungsmassnahmen nicht wesentlich gesteigert werden kann, ent
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spricht der Ausgangswert des Invalideneinkommens dem Valideneinkommen. Die Höhe
des Einkommens wirkt sich daher mathematisch nicht auf den Teilinvaliditätsgrad im
Erwerbsbereich aus. Ein Abzug vom Tabellenlohn (vgl. BGE 126 V 75) fällt nicht in
Betracht, weil den massgebenden Erschwernissen auf dem Arbeitsmarkt mit der
obigen impliziten Parallelisierung der Vergleichseinkommen bereits Rechnung getragen
wird. Gemäss konstanter höchstrichterlicher Rechtsprechung (vgl. BGE 125 V 146 und
BGE 133 V 504) ist für die Festlegung des anteiligen Invaliditätsgrades im Erwerbs
bereich bei Anwendung der gemischten Methode das zumutbare Invalideneinkommen
nicht mit einem Valideneinkommen entsprechend einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit
zu vergleichen, sondern mit einem solchen entsprechend dem hypothetisch
ausgeübten Pensum. Ein hypothetisches Teilzeitpensum führt entsprechend zu einer
doppelten „Kürzung“ (niedrigerer anteilsmässiger Invaliditätsgrad im Erwerbsbereich
plus Gewichtung mit einem Wert tiefer 1). Das bedeutet vorliegend, dass sich der Teil
invaliditätsgrad im Erwerbsbereich wie folgt berechnet: (50 % [hypothetisches Pensum]
– 30 % [zumutbares Pensum]) ÷ 50 % (hypothetisches Pensum) = 40 %. Unter Berück
sichtigung der Gewichtung des Erwerbsbereichs mit 50 % ergibt sich ein
Teilinvaliditätsgrad von 20 %.
4.2 Die Einschränkung im Haushalt beträgt 30 %. Auch diese ist mit 50 % zu ge
wichten, womit sich ein Teilinvaliditätsgrad von 15 % für den Aufgabenbereich ergibt.
4.3 Der Invaliditätsgrad beträgt gesamthaft 35 %. Da Art. 28 IVG für einen Renten
anspruch einen Invaliditätsgrad von mindestens 40 % voraussetzt, hat die Be
schwerdeführerin keinen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung.
5.
Demnach ist die angefochtene Verfügung in Abweisung der Beschwerde zu bestätigen.
Die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und angesichts des durchschnittlichen
Aufwandes auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichtskosten hat ausgangsgemäss die Be
schwerdeführerin zu bezahlen. Der von ihr geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe
wird ihr daran angerechnet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
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im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP