Decision ID: 1e0f4357-6393-4a54-af84-5a2687dacb72
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Sabrina Schneider, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente (Wiederanmeldung)
Sachverhalt:
A.
A.a S._ meldete sich am 8. Dezember 2003 zum Bezug von IV-Leistungen an (act.
G 4.1.1). Der behandelnde Dr. med. A._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin,
diagnostizierte im Bericht vom 18. Mai 2004 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
eine schlaffe Parese des linken Beins bei vermutetem Status nach Poliomyelitis mit
Beinverkürzung links von 5 bis 6 cm sowie mit Rücken- und Hüftschmerzen links bei
massivem Hinken. Die gesundheitliche Behinderung bedinge, dass der Versicherte
nicht für stehende und gehende Arbeiten eingesetzt werden könne. In der Anamnese
hielt Dr. A._ fest, dass der Versicherte seit 1998 als kurdisch-irakischer Flüchtling in
die Schweiz gekommen sei, wo ihm Asyl gewährt worden sei.
A.b Die IV-Stelle lehnte mit Verfügung vom 21. Juli 2004 einen Anspruch des
Versicherten auf berufliche Massnahmen und Rentenleistungen ab. Sie begründete die
Leistungsablehnung damit, dass für sitzende, der Behinderung angepasste Tätigkeiten
eine volle Arbeitsfähigkeit bestehe (act. G 4.1.22). Die dagegen gerichtete Einsprache
vom 27. Juli 2004 (act. G 4.1.24) wurde mit Entscheid vom 31. August 2004
abgewiesen (act. G 4.1.28).
A.c Am 7. September 2004 beantragte der Versicherte bei der IV-Stelle die
Kostenübernahme für ein Paar orthopädische Massschuhe (act. G 4.1.29). Die IV-Stelle
verfügte am 18. Januar 2005, dass der Versicherte keinen Anspruch auf eine
Kostengutsprache für das beantragte Hilfsmittel habe (act. G 4.1.38).
A.d Am 7. Januar 2008 gelangte der Versicherte erneut an die IV-Stelle und beantragte
die Ausrichtung von Rentenleistungen (act. G 4.1.39). Die IV-Stelle verfügte am
13. März 2008, dass auf das neue Leistungsbegehren nicht eingetreten werde. Der
Versicherte habe nicht glaubhaft dargelegt, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse
seit der letzten Verfügung wesentlich verändert hätten (act. G 4.1.52). Im dagegen
gerichteten Schreiben vom 28. April 2008 machte der Versicherte geltend, dass sich
sein Gesundheitszustand seit Juli 2004 massiv verschlechtert habe (act. G 4.1.54). Er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
legte dem an die IV-Stelle adressierten Schreiben ein ärztliches Zeugnis der
behandelnden Dr. med. B._, Fachärztin FMH für Allgemeinmedizin, vom 18. April
2008 bei. Darin berichtete diese, dass sich aus der Parese des linken Beines und der
deutlichen Beinverkürzung links Folgeerkrankungen mit Überbelastung des gesunden
Beins sowie eine Fehlhaltung der Wirbelsäule ergeben hätten. In der letzten Zeit seien
deshalb zunehmend Rücken- und Beinschmerzen rechts aufgetreten. Aus diesem
Grund sei die Arbeitsfähigkeit aktuell um 50% reduziert (act. G 4.1.55). Die IV-Stelle
wies den Versicherten mit Schreiben vom 2. Mai 2008 darauf hin, dass ein Rechtsmittel
gegen die Verfügung vom 13. März 2008 nicht bei der IV-Stelle sondern beim
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen zu erheben sei (act. G 4.1.56).
A.e Mit einem als "Revisions-Gesuch" bezeichneten Schreiben vom 13. Mai 2008
ersuchte der Versicherte die IV-Stelle, den Anspruch auf eine Rente und auf berufliche
Massnahmen erneut zu prüfen (act. G 4.1.57). Die IV-Stelle verlangte darauf hin einen
Arztbericht von Dr. B._ ein. Diese berichtete am 18. August 2008 über aktuell
zunehmende, konsekutive Rücken- und Beinschmerzen rechts. Weiter führte sie aus,
dass für eine körperliche Arbeit eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Für eine
Arbeit in sitzender Stellung müsse eine Neuevaluation erfolgen. Der Versicherte
benötige unbedingt eine neue Beinorthese, ansonsten mit einer definitiven
Invalidisierung gerechnet werden müsse. Falls eine Orthesenversorgung erfolge, sei mit
einer 50 bis 100%igen Arbeitsfähigkeit für Tätigkeiten in sitzender Stellung zu rechnen
(act. G 4.1.74).
A.f Die RAD-Ärztin Dr. med. C._ beurteilte den Versicherten in der Stellungnahme
vom 27. Juni/16. September 2008 für eine leidensangepasste Tätigkeit als zu 100%
arbeitsfähig (act. G 4.1.80.2). Im Rahmen der Frühintervention führte die IV-Stelle am
7. November 2008 mit dem Versicherten ein Beratungsgespräch durch. Anlässlich
dieses Gespräches wurde er von der Eingliederungsverantwortlichen darüber orientiert,
dass er die Voraussetzungen für IV-Leistungen nicht erfülle (act. G 4.1.81). Mit
Schreiben vom 10. Dezember 2008 teilte ihm die IV-Stelle mit, dass er angemessen
eingegliedert sei und kein Anspruch auf berufliche Massnahmen bestünde (act.
G 4.1.84). Im Vorbescheid vom 10. Dezember 2008 stellte sie dem Versicherten in
Aussicht, einen Anspruch auf eine Invalidenrente abzulehnen, da weiterhin eine volle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit für vorwiegend sitzende Tätigkeiten gegeben sei (act. G 4.1.86). Am
3. Februar 2009 verfügte die IV-Stelle im Sinn des Vorbescheids (act. G 4.1.87).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 3. Februar 2009 richtet sich die am 5. März 2009
erhobene Beschwerde. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die Zusprache von mindestens einer
Dreiviertelsrente. Eventualiter seien die notwendigen ergänzenden medizinischen
Abklärungen zu treffen. Ferner sei ihm die unentgeltliche Prozessführung und
Rechtsverbeiständung zu gewähren. Die Beschwerdegegnerin habe am 13. März 2008
zunächst eine Nichteintretensverfügung erlassen. Sie sei aber auf das am 13. Mai 2008
gestellte "Revisionsgesuch" eingetreten, habe es indessen mit Verfügung vom
3. Februar 2009 abgewiesen. Die Glaubhaftmachung der Verschlechterung des
Gesundheitszustands als Eintretensvoraussetzung sei demnach anerkannt worden. Der
Beschwerdeführer rügt, dass sich die Beschwerdegegnerin kaum mit dem Zeugnis der
behandelnden Ärztin vom 18. April 2008 auseinandergesetzt habe. Aus den
medizinischen Akten gehe hervor, dass eine gesundheitliche Verschlechterung
eingetreten und stetig zunehmend sei, mithin auch die Arbeitsfähigkeit beeinflusse. Die
davon abweichende RAD-Stellungnahme, worin von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit
für leidensangepasste Tätigkeiten ausgegangen werde, sei nicht schlüssig. Des
Weiteren macht der Beschwerdeführer geltend, dass kein Einkommensvergleich
vorgenommen worden sei. Bei korrekter Vornahme des Einkommensvergleichs unter
Berücksichtigung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit sowie eines 25%igen Leidens- und
Teilzeitabzuges resultiere ein Invaliditätsgrad von 62,5%, was einen Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente ergebe (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 7. Mai 2009 die
Beschwerdeabweisung. Zur Begründung stützt sie sich auf die RAD-Stellungnahme
vom 5. Mai 2009 (act. G 4.2), worin die RAD-Ärztin festgestellt habe, die Rücken- und
Beinschmerzen seien behandelbar und damit besserungsfähig. Daher könne von einer
anhaltenden gesundheitlichen Verschlechterung nicht die Rede sein. Nach optimaler
Versorgung mit einer Orthese könne wieder von der ursprünglichen Arbeitsfähigkeit von
100% ausgegangen werden. Mit Blick auf die Schadenminderungspflicht dürfe daher
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bei der Prüfung des Rentenanspruchs eine 100%ige Arbeitsfähigkeit berücksichtigt
werden. Die Beanstandungen betreffend den Einkommensvergleich seien nicht
relevant, da diesem eine 100%ige Arbeitsfähigkeit zugrunde zu legen sei und selbst bei
der Gewährung eines 25%igen Leidensabzugs kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad resultieren würde (act. G 4).
B.c Der Beschwerdeführer hält in der Replik vom 5. Juni 2009 unverändert an den
gestellten Anträgen fest. Er weist darauf hin, dass sowohl die Beschwerdegegnerin als
auch die Krankenkasse bis anhin eine Kostenübernahme für eine Orthese abgelehnt
hätten. Der Beschwerdeführer werde aber demnächst ein entsprechendes
Kostenübernahmegesuch an das Sozialamt stellen. Die Beschwerdegegnerin könne
dem Beschwerdeführer daher nicht eine fehlende Mitwirkung vorwerfen, wenn sie
selbst den Anspruch auf Hilfsmittel ablehne und ihm die Orthese trotz intensiver
Bemühungen um Kostenübernahme auch bei anderen Institutionen bis anhin verwehrt
geblieben sei. Überdies habe es die Beschwerdegegnerin unterlassen, ein Mahn- und
Bedenkzeitverfahren durchzuführen. Für den vorzunehmenden Einkommensvergleich
sei deshalb die gegenwärtige Situation massgebend. Ferner sei nicht erwiesen, dass
die inzwischen eingetretene gesundheitliche Verschlechterung durch eine
Orthesenversorgung wieder vollständig rückgängig gemacht bzw. eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit wiedererlangt werden könnte (act. G 7).
B.d In der Duplik vom 3. August 2009 ergänzt die Beschwerdegegnerin ihre in der
Beschwerdeantwort gemachten Ausführungen damit, dass der Beschwerdeführer im
bisherigen Verfahren nicht habe darlegen können, dass sich sein Gesundheitszustand
gegenüber der Referenzsituation des Jahres 2004 relevant verschlechtert habe (act.
G 9).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung über
die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz,
dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung ist am
3. Februar 2009 ergangen, wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist, der vor dem
Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 5. IV-Revision am 1. Januar 2008
begonnen hat. Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung
betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den
allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007 auf die
damals geltenden Bestimmungen und ab diesem Zeitpunkt auf die neuen Normen der
5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Diese übergangsrechtliche Lage
zeitigt indessen keine materiellrechtlichen Folgen, da die 5. IV-Revision hinsichtlich des
Begriffs und der Bemessung der Invalidität keine substantiellen Änderungen gegenüber
der bis Ende 2007 gültig gewesenen Rechtslage gebracht hat. Nachfolgend werden die
seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG wiedergegeben.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin ist auf die Neuanmeldung vom 13. Mai 2008 (act.
G 4.1.57) eingetreten und hat in der angefochtenen Verfügung vom 3. Februar 2009
einen materiellen Entscheid (Abweisung des Leistungsbegehrens) gestützt auf eigene
Abklärungen gefällt. Zu prüfen ist demnach, ob die Ablehnung des Anspruchs auf eine
Invalidenrente zu Recht erfolgte.
2.2 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG).
Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder
geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Der Grad der
für einen allfälligen Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ATSG durch einen Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der
notwendigen und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt wird zum Einkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie
nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
2.3 Die Rentenabstufungen nach Art. 28 IVG geben bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 50% Anspruch auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 60% Anspruch auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 70% Anspruch auf eine ganze Rente.
2.4 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
2.5 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach haben Gericht und Verwaltung von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Wenn der
entscheidrelevante Sachverhalt ungenügend abgeklärt wurde, kann das Gericht die
Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen (vgl. Ueli Kieser,
ATSG-Kommentar, 2. Auflage, Zürich 2009, N 62 zu Art. 61).
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Der Beschwerdeführer stützte sich bei seiner Neuanmeldung vom 13. Mai 2008
(act. G 4.1.57) auf das ärztliche Zeugnis von Dr. B._ vom 18. April 2008. Darin
berichtete die Ärztin über in letzter Zeit zunehmende Rücken- und Beinschmerzen links
und eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 4.1.58). Auch im Bericht vom 18. August
2008 erwähnte sie stark zunehmende Rücken- und Beinschmerzen rechts. Für die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in sitzender Stellung erachtete sie eine Neuevaluation
für erforderlich. Der Beschwerdeführer brauche zur Verbesserung der gesundheitlichen
Situation unbedingt eine Beinorthese. Falls er damit versorgt würde, sei mit einer
Arbeitsfähigkeit von 50 bis 100% für Tätigkeiten in sitzender Stellung zu rechnen (act.
G 4.1.74).
3.2 Der behandelnde Dr. med. D._, Leitender Arzt der Klinik für Orthopädische
Chirurgie am Kantonsspital St. Gallen, erhob im Bericht vom 11. Juni 2008 neu
zusätzlich die (Verdachts-)Diagnose einer Bursitis trochanterica
(Schleimbeutelentzündung am Oberschenkel; vgl. Pschyrembel, Klinisches
Wörterbuch, 260. Auflage, Berlin 2004, S. 275 und 1849) rechts. Er bezeichnete die
vom Beschwerdeführer geschilderten Leiden als klinisch nachvollziehbar und führte sie
auf die Beinlängendifferenz zurück (act. G 4.1.74.10 f.). Im Bericht vom 28. Juli 2008
erhob er einen unveränderten Befund. Er ging davon aus, dass die Nichtbehandlung
der Beinlängendifferenz mittels orthetischer Versorgung zu einer definitiven
Invalidisierung führen werde (act. G 4.1.74.12 f.).
3.3 Aus den genannten Stellungnahmen der behandelnden Ärzte ergeben sich Indizien
für rentenrelevant veränderte gesundheitliche Verhältnisse. Zumindest lässt sich dies
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausschliessen. Eine schlüssige
Einschätzung der in leidensadaptierten Tätigkeiten bestehenden Arbeitsfähigkeit und
deren zeitliche Verlauf können den Einschätzungen der behandelnden Ärzte indessen
nicht entnommen werden. Dr. B._ erachtet zu deren Bestimmung vielmehr eine
Neuevaluation für erforderlich (act. G 4.1.74.3).
3.4 In der RAD-Stellungnahme vom 27. Juni/16. September 2008 - worauf sich die
Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung stützt - wird mit Blick auf die
genannte medizinische Aktenlage lediglich festgehalten, dass der Beschwerdeführer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weiterhin für leidensadaptierte Tätigkeiten über eine 100%ige Arbeitsfähigkeit verfüge
(act. G 4.1.80).
3.4.1 Bei der genannten Stellungnahme des RAD handelt es sich weder um ein
medizinisches Gutachten im Sinn von Art. 44 ATSG noch um einen
Untersuchungsbericht gemäss Art. 49 Abs. 2 IVV. Vielmehr ist er als beratende
Auskunft im Sinn von Art. 49 Abs. 3 IVV ergangen. Die Funktion der fraglichen
Stellungnahme besteht somit darin, den medizinischen Sachverhalt
zusammenzufassen und zu würdigen. Nach der Rechtsprechung ist es dem
Sozialversicherungsgericht nicht verwehrt, gestützt auf im Wesentlichen oder sogar
ausschliesslich von einem Versicherungsträger intern eingeholte medizinische
Unterlagen zu entscheiden. In solchen Fällen sind an die Beweiswürdigung jedoch
strenge Anforderungen in dem Sinn zu stellen, dass bei auch nur geringen Zweifeln an
der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen ergänzende
Abklärungen vorzunehmen sind (Urteile des Bundesgerichts vom 16. November 2007,
9C_341/2007, E. 4.1 mit Hinweisen und vom 20. November 2007, I 142/07, E. 3.4).
3.4.2 Die RAD-Stellungnahme vom 27. Juni/16. September 2008 und die darin
formulierte Arbeitsfähigkeitsbeurteilung vermögen nicht zu überzeugen. Denn der RAD
schätzte die Arbeitsfähigkeit ohne eigene klinische Untersuchung. Zur medizinischen
Beurteilung von Dr. B._ wurde lediglich ausgeführt, dass aus der angegebenen
"massiven Verschlechterung" des Gesundheitszustandes keine höhere Arbeitsfähigkeit
resultiere (act. G 4.1.80.2). Ins Gewicht fällt aber auch, dass die RAD-Stellungnahme
entsprechend ihrer Funktion als verwaltungsinterne Entscheidungshilfe derart kurz
ausgefallen ist, dass sie den von der Rechtsprechung entwickelten Anforderungen an
Gutachten nicht zu genügen vermag (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a f.). Die RAD-
Stellungnahme vom 27. Juni/16. September 2008 ist daher für die Beurteilung der
Frage der beim Beschwerdeführer verbliebenen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit nicht genügend aussagekräftig.
3.4.3 Auch aus der RAD-Stellungnahme vom 5. Mai 2009 vermag die
Beschwerdegegnerin nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Vorab ist im Hinblick auf den
Devolutiveffekt der Beschwerde an das kantonale Versicherungsgericht in formeller
Hinsicht anzumerken, dass die lite pendente vorgenommenen Abklärungen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin nicht als unbedenklich erscheinen (vgl. BGE 127 V 228). Doch
erübrigen sich - mangels Beanstandung - Weiterungen (vgl. Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 10. März 2005, U 261/04, E. 1). Es kommt dazu, dass die RAD-
Stellungnahme vom 5. Mai 2009 in einem Zeitpunkt eingeholt wurde, wo die
Beschwerdegegnerin Partei in einem gerichtlichen Verfahren und nicht mehr lediglich
ein - zur Objektivität verpflichtetes (BGE 122 V 161 E. 1c) - gesetzesvollziehendes
Organ war. Die Einholung einer Stellungnahme des RAD diente nicht nur der Abklärung
des medizinischen Sachverhalts (Art. 43 Abs. 1 ATSG), sondern sollte in erster Linie
den eigenen, beschwerdeweise bestrittenen Standpunkt untermauern. Auch insofern
kann daher nicht ohne weiteres auf die Stellungnahme vom 5. Mai 2009 abgestellt
werden (Urteil des Bundesgerichts vom 6. November 2009, 9C_575/09, E. 3.2.2.2).
Ferner vermag die im Beschwerdeverfahren eingeholte äusserst knapp begründete
RAD-Stellungnahme inhaltlich nicht zu überzeugen, verneint sie doch eine
rentenrelevante Invalidität einzig mit der Begründung, dass die im Vordergrund
stehenden gesundheitlichen Leiden behandelbar und damit besserungsfähig seien (act.
G 4.2). Diese Argumentation verkennt, dass die Behandelbarkeit eines
gesundheitlichen Leidens für sich allein betrachtet nichts über deren invalidisierenden
Charakter aussagt. Für die Entstehung des Anspruchs auf eine Invalidenrente ist nur
vorausgesetzt, dass während eines Jahres (ohne wesentlichen Unterbruch) eine
mindestens 40%ige Arbeitsunfähigkeit nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG i.V.m. Art. 8 Abs. 1
ATSG bestanden hat (vgl. hierzu vorstehende E. 2.2 und 3.1) und nach Ablauf dieses
Jahres mindestens eine 40%ige Invalidität im Sinn von Art. 8 ATSG weiterhin besteht
(Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG; vgl. BGE 127 V 298 E. 4c).
3.4.4 Soweit die Beschwerdegegnerin die dem Beschwerdeführer obliegende
Schadenminderungspflicht zur Rechtfertigung der Rentenablehnung heranzieht (act.
G 4), so ist ihr schon aus formeller Sicht entgegenzuhalten, dass ein Zustand, wie er
bei Ausschöpfung aller zumutbaren schadenmindernden Vorkehren erreicht werden
könnte, nur bzw. erst dann anrechenbar ist, wenn das Mahn- und Bedenkzeitverfahren
nach Art. 21 Abs. 4 Satz 2 ATSG durchgeführt wurde. Dies ist hier nicht der Fall (zu den
einzelnen Tatbestandsvoraussetzungen einer Kürzung oder Verweigerung von
Leistungen bei pflichtwidrig unterlassenen schadenmindernden Behandlungs- oder
Eingliederungsmassnahmen vgl. SVR 2008 IV Nr. 7 S. 19 [I 824/06]). Es ist unbestritten,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass es dem Beschwerdeführer zumutbar ist, sich der nötigen Behandlung der
Beinlängendifferenz zu unterziehen. Fraglich ist bloss, wer für die Kosten der
Behandlungsmassnahme aufzukommen hat. Die Beschwerdegegnerin verfügte am
18. Januar 2005, dass der Beschwerdeführer keinen Anspruch gegenüber der
Invalidenversicherung auf eine Kostengutsprache für das beantragte Hilfsmittel habe
(act. G 4.1.38). Es oblag und obliegt deshalb dem Beschwerdeführer, sich anderweitig
um einen Kostenträger zu kümmern. Sofern er keine Hilfeleistung durch
unterstützungspflichtige Verwandte, andere Private oder private Sozialhilfeinstitutionen
erhält und auch keinen Anspruch gegenüber anderen Sozialversicherungen hat,
verbleibt als Kostenträger die öffentliche Sozialhilfe (vgl. Art. 2 Abs. 2 i.V.m. Art. 10
Abs. 1 des kantonalen Sozialhilfegesetzes [sGS 381.1]). An diese hat sich der
Beschwerdeführer letztlich in Nachachtung der ihm obliegenden
Schadenminderungspflicht mit einem Gesuch um eine Kostengutsprache zu wenden,
soweit er dies inzwischen nicht bereits getan hat. Dies ändert aber nichts daran, dass
die Beschwerdegegnerin, bevor sie dem Beschwerdeführer bei der Bemessung der
Invalidität den theoretischen Zustand nach einer erfolgten Behandlung (orthetische
Behandlung) anrechnet, zuerst das Mahn- und Bedenkzeitverfahren durchzuführen hat.
4.
4.1 Zusammenfassend ist festzustellen, dass aufgrund der medizinischen Aktenlage
nicht abschliessend darüber befunden werden kann, in welchem Ausmass und seit
wann der Beschwerdeführer in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist. Für die
Beurteilung des Anspruchs auf Rentenleistungen fehlt es damit an einer tauglichen
medizinischen Grundlage. Die angefochtene Verfügung vom 3. Februar 2009 ist daher
aufzuheben und die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie in
medizinischer Hinsicht den Sachverhalt ergänzend abkläre und - soweit noch
erforderlich - das Mahn- und Bedenkzeitverfahren durchführe. Hernach hat die
Beschwerdegegnerin über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers erneut zu
befinden.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erscheint als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als
volles Obsiegen (BGE 132 V 235 E. 6). Die Beschwerdegegnerin hat deshalb die
gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
4.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer Anspruch auf Ersatz
der Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses pauschal
zwischen Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.-- bemessen werden (Art. 61 lit. g ATSG; Art. 22
Abs. 1 lit. b HonO [sGS 963.75]). Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat am
14. August 2009 eine Honorarnote im Umfang von Fr. 4'319.50 eingereicht, wovon
Fr. 3'860.-- Honorar bzw. Bemühungen von 15.44 Stunden à Fr. 250.-- geltend
gemacht wurden (act. G 11). Bei einer Rechtsvertretung im gesamten
Beschwerdeverfahren wird in invalidenversicherungsrechtlichen Fällen praxisgemäss
eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) gesprochen. Ein höherer Aufwand erscheint in Anbetracht der
beschränkten Fragestellung und mit Rücksicht auf vergleichbare Fälle nicht
angemessen. Mit der Zusprache einer Parteientschädigung von pauschal Fr. 3'500.--
erübrigt sich die Frage einer Entschädigung aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG