Decision ID: 04b5b870-e152-5069-9c08-9baf5d6a5cc8
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 11. Januar 2021 im Bundesasylzent-
rum (BAZ) der Region B._ um Asyl nach. Nach der Personalienauf-
nahme (PA) vom 15. Januar 2021 wurde am 2. März 2021 eine eingehende
Anhörung durchgeführt.
A.b
A.b.a Anlässlich der PA und der Anhörung gab der Beschwerdeführer an,
er sei kolumbianischer Staatsangehöriger und stamme aus C._, wo
er bis zu seiner Ausreise gelebt habe. Als er etwa vier Jahre alt gewesen
sei, hätten sich seine Eltern getrennt, und er habe fortan mit seiner Mutter
zusammengewohnt. Bereits als Siebenjähriger habe er angefangen, neben
der Schule zu arbeiten. Nach der siebten Klasse habe er nur noch abends,
im Fernunterricht, die Schule besucht und auf diesem Weg auch die Matura
gemacht. Ebenfalls im Fernunterricht habe er sich nach der Matura im Be-
reich (...) weitergebildet und dabei insbesondere gelernt, wie (...) würden.
In der Folge sei er meistens als Selbständiger im Bereich der (...) tätig
gewesen. Die aufgrund der Einwanderung zahlreicher qualifizierter Arbeits-
kräfte aus Venezuela gestiegene Konkurrenz habe indessen dazu geführt,
dass die Anzahl der an ihn vergebenen Aufträge abgenommen habe und
die entsprechende Entschädigung gesunken sei. Durch Vermittlung eines
Freundes habe er aber eine Anstellung bei der Firma (...), einem von der
Inhaberfamilie um D._ geführten Unternehmen (...), erhalten. Dort
sei er für die (...) zuständig gewesen und habe dabei das Doppelte des
Mindestlohnes verdient.
Im Juni 2018 habe die Polizei gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft bei
seinem Arbeitgeber eine Razzia durchgeführt und dabei – unter dem Vor-
wurf der (...) – die Geschäftsleitung sowie einen Grossteil der Belegschaft
festgenommen. Er – der Beschwerdeführer – sei nicht in Gewahrsam ge-
nommen worden, habe aber im Büro des Geschäftsführers die Konfiszie-
rung von (...) überwachen und mit seiner Unterschrift den Umfang der be-
schlagnahmten Güter bezeugen müssen. Der unter seiner Aufsicht be-
schlagnahmte Geldbetrag habe (...) kolumbianische Pesos (umgerechnet
etwas mehr als Fr. [...]) betragen, doch sei in den öffentlichen Erklärungen
der Staatsanwaltschaft nur die Summe von (...) Pesos deklariert worden.
Er vermute, die zwei beteiligten Polizisten hätten das Geld unterschlagen.
D-1633/2021
Seite 3
Zwei oder drei Tage später hätten ihm die beiden Polizisten zweimal auf-
gelauert und ihm mit Blicken zu verstehen gegeben, "was sie meinten".
Drei Tage nach der Razzia habe ihn auch der Leibwächter von D._
angerufen und ihn beschuldigt, das Geld gemeinsam mit den beiden Poli-
zisten entwendet zu haben; dabei habe die Familie von D._ eigent-
lich gewusst, dass er nicht in die Unterschlagung verwickelt gewesen sei.
Der Leibwächter habe ihn dann aufgefordert, die Polizisten wegen des ver-
schwundenen Geldbetrages anzuzeigen, und damit klarzustellen, dass er
kein Komplize der Unterschlagung sei. Ein derartiges Anzeigen einer Un-
gereimtheit beim Vorgehen der Behörden hätte nämlich – wie er im Zusam-
menhang mit der Beschlagnahmung von Drogen schon gehört habe – für
das Unternehmen den Vorteil haben können, dass die gesamte Ermittlung
für nichtig erklärt worden wäre. Die Inhaberfamilie D._ sei mithin
gar nicht am (unterschlagenen) Geldbetrag, sondern vielmehr an der Be-
endigung des gesamten Prozesses und der damit verbundenen Freigabe
aller beschlagnahmten Güter interessiert gewesen.
Er habe jedoch nicht gegen die Polizisten aussagen wollen, da ihm bekannt
sei, dass Aussagen gegen staatliche Behördenvertreter für die Informanten
oftmals zu keinem guten Ende führen würden, zumal ihn die beiden Poli-
zisten ja bereits eingeschüchtert hätten. Stattdessen habe er sich im Land-
haus eines Freundes versteckt. In den ersten zwei bis drei Wochen seiner
Abwesenheit sei er dreimal von Leuten von D._ zu Hause gesucht
worden, doch habe seine Mutter die Türe nicht geöffnet. Auch vom Anwalt
des Unternehmens sei er per "WhatsApp" kontaktiert worden; nachdem er
ihm gesagt habe, er befinde sich weit weg und könne sich nicht um diese
Anliegen kümmern, sei er nicht weiter behelligt worden. Aufgrund seines
Misstrauens gegenüber Behörden und weil er wisse, dass auch schon Per-
sonen ermordet worden seien, die sich in einem Zeugenschutzprogramm
befunden hätten, habe er nicht um staatlichen Schutz ersucht.
Zwei seiner drei Geschwister seien vor über 20 Jahren in die Schweiz emi-
griert; sein Bruder aufgrund der Probleme, denen er als (...) in Kolumbien
ausgesetzt gewesen sei, seine Schwester vermutlich aus wirtschaftlichen
Gründen. Auf Anraten seines Bruders hin habe er Kolumbien am 10. Sep-
tember 2018 ebenfalls verlassen und sei auf dem Luftweg via Spanien in
die Schweiz gereist, wo er sich seither aufhalte.
Seine Eltern und seine andere Schwester lebten nach wie vor in
E._. Gemäss seinen Informationen sei der Prozess gegen die Fa-
D-1633/2021
Seite 4
milie von D._ inzwischen beendet worden, und die verurteilten An-
gehörigen befänden sich nach einem Jahr Gefängnis wieder auf freiem
Fuss. Bei einer allfälligen Rückkehr nach Kolumbien hätte er Angst, von
der im ganzen Land vernetzten und über entsprechende finanzielle Mittel
verfügenden Familie von D._ gefunden zu werden. So sei es dieser
beispielsweise auch gelungen, alle an einem tödlichen Raubüberfall auf
den Bruder von D._ beteiligten Personen in ganz Kolumbien aus-
findig zu machen und umzubringen.
A.b.b Im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerde-
führer nebst seinem Reisepass, seiner Identitätskarte und seinem Führe-
rausweis verschiedene Dokumente betreffend seine letzte Anstellung so-
wie Medienberichte zu den polizeilichen Ermittlungen gegen das Unterneh-
men von D._ in Kopie beziehungsweise als Computer-Ausdrucke
zu den Akten.
A.c Das SEM unterbreitete dem Beschwerdeführer am 9. März 2021 den
Entwurf des Entscheids. Er nahm durch seine Rechtsvertreterin noch glei-
chentags dazu Stellung.
B.
Mit Verfügung vom 11. März 2021 – gleichentags eröffnet – stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und
lehnte dessen Asylgesuch ab; eine Zuweisung ins erweiterte Verfahren zur
Durchführung weiterer Abklärungen wurde als nicht erforderlich erachtet.
Gleichzeitig verfügte das SEM die Wegweisung aus der Schweiz und ord-
nete den Wegweisungsvollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 12. April 2021 erhob der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er bean-
tragte die Aufhebung der SEM-Verfügung vom 11. März 2021, die Zuerken-
nung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung des Asyls. Eventuali-
ter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen, subeventualiter sei die ange-
fochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
Zur Stützung der in der Beschwerdeschrift enthaltenen Ausführungen liess
der Beschwerdeführer unter anderem zwei auf den 15. Juli 2019 und auf
D-1633/2021
Seite 5
den 15. Juli 2020 datierte Schnellrecherchen der Schweizerischen Flücht-
lingshilfe (SFH) sowie eine Notiz der (...), E._" vom 11. April 2019
und den bereits im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Ausdruck ei-
ner Mitteilung auf der "Facebook"-Seite von (...) zu den Akten geben.
Gleichzeitig verwies er auf weitere Berichte betreffend die Lage in Kolum-
bien.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 13. April
2021 den Eingang der Beschwerde vom 12. April 2021.
E.
E.a Die Instruktionsrichterin hielt mit Verfügung vom 23. April 2021 fest, der
Beschwerdeführer dürfe den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten. Gleichzeitig teilte sie ihm mit, es werde auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses verzichtet und über das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung zu einem späteren Zeitpunkt befunden; er
wurde zudem aufgefordert, bis zum 3. Mai 2021 eine Fürsorgeabhängig-
keitsbestätigung einzureichen.
E.b Am 30. April 2021 traf beim Bundesverwaltungsgericht eine am 27. Ap-
ril 2021 ausgestellte Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Es entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder das
AsylG nichts Anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 und Art. 105 ff.
AsylG).
D-1633/2021
Seite 6
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V. mit Art. 10 Covid-19-Verordnung Asyl [SR 142.318];
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel
in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (Spruchkörper; Art. 21
Abs. 1 VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen
auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1
AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken.
4.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeit-
D-1633/2021
Seite 7
punkt des Asylentscheids noch aktuell sein. Massgeblich für die Beurtei-
lung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entschei-
des, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende
begründete Furcht vor Verfolgung – im Sinne einer Regelvermutung – auf
eine andauernde Gefährdung hinweist. Veränderungen der Situation zwi-
schen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asyl-
suchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2009/51
E. 4.2.5; 2007/31 E. 5.2 f., je m.w.H.).
Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatstaat keinen adäquaten Schutz finden
kann, weil dort keine Infrastruktur besteht, die ihr Schutz bieten könnte
(sog. Schutztheorie, vgl. BVGE 2011/51 E. 7, m.w.H.), oder weil der Staat
ihr keinen Schutz gewährt, obwohl er dazu in der Lage wäre (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.1 und E. 7.4 S. 1017 f. m.w.H.). Zudem besteht ein Schutz-
bedürfnis auch dann, wenn die bestehende Schutzinfrastruktur der von
Verfolgung betroffenen Person nicht zugänglich ist oder ihr deren Inan-
spruchnahme aus individuellen Gründen nicht zuzumuten ist. Über das Be-
stehen eines Schutzbedürfnisses ist im Rahmen einer individuellen Einzel-
fallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes zu
befinden, wobei es den Asylbehörden obliegt, die Effektivität des Schutzes
vor Verfolgung im Heimatstaat abzuklären und zu begründen (vgl. BVGE
2011/51 E. 7.4 S. 1018 m.w.H.). Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung im
Heimatstaat ist als ausreichend zu qualifizieren, wenn die betreffende Per-
son effektiv Zugang zu einer funktionierenden und effizienten Schutzinfra-
struktur hat, unabhängig von persönlichen Merkmalen wie Geschlecht oder
Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen Minderheit, und ihr die
Inanspruchnahme eines solchen innerstaatlichen Schutzsystems individu-
ell zumutbar ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.4 sowie statt vieler Urteil des
BVGer E-3772/2020 vom 12. August 2020 E. 4.2).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
D-1633/2021
Seite 8
5.1 Das SEM gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
5.1.1 Es stellte dabei (vgl. S. 5) fest, gemäss den Aussagen des Beschwer-
deführers hätten lediglich D._ und sein Clan ein Motiv, ihn zu ver-
folgen. Da der Beschwerdeführer damals die Polizisten nicht angezeigt
habe, bestehe nämlich weder für die beiden genannten Beamten persön-
lich noch für die entsprechende Behörde ein Grund, ihm Schaden zuzufü-
gen. Das Motiv der Familie von D._ sei offenbar rein materieller be-
ziehungsweise prozesstechnischer Natur gewesen, da das Aufdecken von
Ungereimtheiten bei Ermittlungen einen finanziellen Schaden sowie Frei-
heitsstrafen hätten verhindern können. Eine anhaltende Verfolgung nach
Abschluss des Prozesses könne allenfalls mit dem Wunsch nach Vergel-
tung oder mit der Hoffnung auf nachträgliche Vorteile im Rahmen einer Än-
derung oder Aufhebung des Strafmasses begründet werden. Da die gel-
tend gemachte Verfolgung jedoch nicht aus einem in Art. 3 Abs. 1 AsylG
genannten Grund erfolgt sein könne, sei deren flüchtlingsrechtliche Rele-
vanz zu verneinen.
5.1.2 Es stelle sich daher die Frage, inwieweit der Staat bezüglich einer
Verfolgung durch D._ und seine Familie schutzwillig und schutzfä-
hig gewesen wäre, wobei aber zu bedenken sei, dass es keinem Staat ge-
linge, die absolute Sicherheit aller seiner Bürger jederzeit und überall zu
garantieren. Erforderlich sei vielmehr, dass der Staat eine funktionierende
und wirksame Schutzinfrastruktur zur Verfügung stelle. Die vom Beschwer-
deführer geschilderte Razzia und der anschliessende Prozess belegten,
dass die Behörden durchaus in der Lage gewesen seien, gegen den Fami-
lienclan effektiv durchzugreifen, womit auch keine Hinweise bestünden,
dass die Behörden ihn im Falle einer sich konkretisierenden Bedrohungs-
lage nicht vor dieser Familie hätten beschützen wollen oder können.
5.1.3 Dessen ungeachtet sei auch fraglich, ob die Familie von D._
überhaupt ein Interesse an der Person des Beschwerdeführers gehabt
habe, zumal sich die Intensität der Suche nach ihm in Grenzen gehalten
habe. So habe der Leibwächter von D._ ihn nur per "WhatsApp"
angerufen und ihn zur Anzeigeerstattung aufgefordert, ohne dabei kon-
krete Drohungen anzusprechen. Zudem sei nach seinem Untertauchen nur
dreimal bei seiner Mutter angeklopft worden, ohne dass aber seine Mutter
oder seine Schwester jemals persönlich zu seinem Aufenthaltsort befragt
D-1633/2021
Seite 9
oder bedroht worden wären. Auch habe die blosse Nachricht an den An-
walt, er habe sich aus der Stadt entfernt, ausgereicht, um weitere Besuche
bei seiner Mutter zu verhindern.
Obwohl der Beschwerdeführer behaupte, die Familie von D._
könnte ihn im ganzen Land finden – und er dies mit einer Geschichte, wel-
che ihm im Zusammenhang mit der Tötung des Bruders von D._
aus zweiter Hand erzählt worden sei, begründe –, sei es diesen offensicht-
lich nicht gelungen, ihn in seinem Versteck ausfindig zu machen, obwohl
er sich mehr als zwei Monate lang am selben Ort aufgehalten habe. Es
stelle sich im Übrigen die Frage, ob die Aussage des Beschwerdeführers
tatsächlich zu einer Aufhebung des Prozesses wegen Verfahrensfehler
hätte führen können, zumal es auch den Angeklagten selber möglich ge-
wesen wäre, diese Unterschlagung geltend zu machen, nachdem es doch
einen vom Beschwerdeführer unterzeichneten Beleg über die Gesamt-
summe hätte geben müssen. Der auf diesen Aspekt aufmerksam ge-
machte Beschwerdeführer habe ebenfalls nicht erklären können, wieso die
Angeklagten den Verfahrensfehler nicht selbst geltend gemacht hätten.
5.1.4 Sodann wies das SEM den – mit der Begründung, das SEM habe
sich nicht ausreichend mit der Sicherheitslage in der Herkunftsregion des
Beschwerdeführers, mit dem Einfluss der Familie von D._ in der
Region und mit der tatsächlichen Möglichkeit, andernorts Strafanzeige ge-
gen die Behörden einzureichen, auseinandergesetzt – gestellten Antrag
auf Zuweisung ins erweiterte Verfahren ab. Dabei stellte es fest, die Tatsa-
che, dass die Behörden strafrechtlich gegen die führenden Mitglieder des
Familienclans vorgegangen seien, sei zweifellos eine ausreichende Grund-
lage für die Bestätigung der Vermutung, dass Schutzfähigkeit und Schutz-
willigkeit des kolumbianischen Staates auch in der geschilderten Situation
gegeben sei, zumal auch nicht davon ausgegangen werde, dass im aktu-
ellen Zeitpunkt für den Beschwerdeführer eine konkrete Bedrohungslage
bestehe. Überdies seien keine Tatsachen oder Beweismittel vorgelegt wor-
den, welche eine Änderung dieses Standpunktes rechtfertigen könnten.
5.2 In der Beschwerdeschrift (vgl. S. 3–7) wird – unter Wiederholung der.
anlässlich der Anhörung geschilderten Ereignisse – geltend gemacht, in-
dem das SEM den Sachverhalt in Bezug auf die Bedrohungssituation, auf
die Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit des kolumbianischen Staates so-
wie auf die Fluchtalternativen nicht ausreichend geprüft habe, habe es den
ihm obliegenden Untersuchungsgrundsatz verletzt.
D-1633/2021
Seite 10
Im Weiteren wird ausgeführt, bei der von D._ geführten Bande (...)
handle es sich um eine mächtige, einflussreiche und gewaltbereite Bande,
welche im Bereich von (...) tätig und in (...) verwickelt sei. Bereits zwei
Jahre vor der vom Beschwerdeführer erwähnten Razzia habe die Polizei
Ermittlungen gegen die (...) getätigt und verschiedenste Vermögenswerte
beschlagnahmt. Die Behörden wüssten, dass die Bande beziehungsweise
die Familie von D._ viel Vermögen besitze, doch sei es der Polizei
bislang nicht gelungen, die Geldquelle ausfindig zu machen. Der vom Be-
schwerdeführer genannte Geschäftspartner F._, ein (...), agiere als
Auftragskiller der Familie, und auch ein (...) stehe in Verbindung mit der
Familie. F._ und seine Komplizen erledigten ihre Aufträge heimlich
und warteten oft lange auf eine günstige Gelegenheit, um sich zu rächen.
Der Beschwerdeführer habe als (...) sehr wohl eine wichtige Arbeit im Un-
ternehmen ausgeübt. Indem er keine Anzeige gegen die korrupten Polizis-
ten eingereicht habe, habe er gegenüber dem Unternehmen einen Loyali-
tätsbruch begangen, welcher unabhängig davon, ob seine Aussage jenem
hätte prozessuale Vorteile verschaffen können, gerächt werde. Da die Aus-
sage des Beschwerdeführers aber der einzige Beweis für die Unterschla-
gung der Vermögenswerte sei, hätte eine Anzeige gegen die zwei Polizis-
ten möglicherweise das Verfahren gegen die Familie durchaus beeinflus-
sen können. Die Vorinstanz sei jedoch von Verhaltensmustern krimineller
Banden ausgegangen, ohne sich mit den komplexen kriminellen Strukturen
in Kolumbien und der Bande (...) auseinandergesetzt zu haben (vgl. Be-
schwerde S. 7–9).
Entgegen der Auffassung des SEM seien die Leute um D._ sehr
wohl in der Lage, den Beschwerdeführer überall im Land ausfindig zu ma-
chen, weshalb keine interne Fluchtalternative bestehe (vgl. Beschwerde
S. 9–11). Ferner wird – unter Hinweis auf die beiden mit der Beschwerde
eingereichten Schnellrecherchen der SFH sowie auf weitere, im Internet
einsehbare Berichte zur Lage in Kolumbien – die Schutzwilligkeit und
Schutzfähigkeit des kolumbianischen Staates verneint und gleichzeitig da-
rauf hingewiesen, dass das (...) (trotz des relativen Rückgangs der Tö-
tungsdelikte in der Hauptstadt G._) eine der am stärksten von be-
waffneter Gewalt betroffenen Regionen des Landes sei (vgl. Beschwerde
S. 13–19). Da die kolumbianische Polizei national und nicht lokal aufge-
stellt sei, könnte sich der Beschwerdeführer schliesslich auch nicht durch
Flucht an einen anderen Ort vor Repressalien und Racheakten seitens der
zwei Polizisten schützen (vgl. Beschwerde S. 19 f.).
6.
D-1633/2021
Seite 11
6.1 Soweit in der Beschwerdeschrift eine formelle Rüge (eine Verletzung
der Pflicht zur richtigen und vollständigen Abklärung des Sachverhalts in
Bezug auf die Bedrohungssituation, auf die Schutzwilligkeit und Schutzfä-
higkeit des kolumbianischen Staates sowie auf mögliche Fluchtalternati-
ven) erhoben wird, ist diese vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet
wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung herbeizuführen.
6.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen (vgl.
BVGE 2012/21 E. 5.1. m.w.H.).
6.3 Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise, dass das SEM seine
Pflicht zur richtigen und vollständigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts nicht ausreichend wahrgenommen hätte. Der blosse Um-
stand, dass der Beschwerdeführer die vom SEM gezogenen Schlüsse
nicht teilt, vermag keine ungenügende oder unrichtige Abklärung oder
Feststellung des Sachverhalts zu begründen. Die Kritik des Beschwerde-
führers richtet sich im Kern nicht gegen die Sachverhaltsfeststellungen der
Vorinstanz, sondern gegen die rechtliche Würdigung der Vorbringen.
6.4 Die formelle Rüge erweist sich angesichts dieser Sachlage als unbe-
gründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die SEM-Verfügung vom
11. März 2021 aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache zur voll-
ständigen Sachverhaltsabklärung beziehungsweise zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Nach eingehender Prüfung der Akten ist festzustellen, dass die Vor-
instanz im Ergebnis zu Recht zum Schluss gelangte, die Vorbringen des
Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Zur Vermeidung von Wieder-
holungen kann im Wesentlichen auf die Ausführungen in der angefochte-
nen Verfügung verwiesen werden (vgl. auch vorstehend E. 5.1).
7.1.1 An dieser Stelle ist der Vollständigkeit halber zunächst festzuhalten,
dass sich vorliegend (einzig) die Frage stellt, ob der Beschwerdeführer im
Zeitpunkt der Ausreise beziehungsweise heute begründete Furcht vor
D-1633/2021
Seite 12
künftiger Verfolgung hat. Die Ereignisse vor der Ausreise vermögen man-
gels Intensität keine erlebte Vorverfolgung darzustellen. Weiter gilt es an-
zumerken, dass sich die Frage, ob eine Flucht- beziehungsweise Schutz-
alternative besteht, sich erst stellt, wenn der Beschwerdeführer im Zeit-
punkt seiner Ausreise respektive im heutigen Zeitpunkt schutzbedürftig war
beziehungsweise ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 8.1, Urteil des BVGer
E-3772/2020 vom 12. August 2020 E. 7.2.2).
7.1.2 Wie das SEM vorab zutreffend bemerkte, hätten mangels Anzeige
weder die beiden Polizisten noch die entsprechende Behörde einen Grund,
den Beschwerdeführer zu verfolgen, weshalb es sich erübrigt, auf die der
in der Beschwerdeschrift (vgl. S. 19 f.) geltend gemachten Furcht vor Re-
pressalien und Racheakten seitens der beiden Beamten beziehungsweise
auf die mit der national aufgestellten Organisationsstruktur der kolumbiani-
schen Polizei begründeten Unmöglichkeit einer Flucht an einen andern Ort
auseinanderzusetzen. Das Fehlen einer staatlichen beziehungsweise be-
hördlichen Verfolgung wird auch durch den Umstand bestätigt, dass der
Beschwerdeführer Kolumbien am 10. September 2018 ohne Probleme mit
seinem Reisepass auf dem Luftweg verlassen konnte. Trotz der vom Be-
schwerdeführer geschilderten Zusammentreffen mit den beiden fraglichen
Beamten fehlt es aus objektivierter Sicht an konkreten Anhaltspunkten für
die Annahme einer künftigen Verfolgung.
7.1.3 Sodann stellte das SEM ebenfalls zutreffend fest, die geschilderten
Behelligungen seitens der Familie von D._ könnten höchstens zu
einer von Dritten ausgehenden Verfolgungsfurcht führen, der indessen kein
flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv zugrunde liege. Bereits aus diesem
Grund fehlt es an flüchtlingsrechtlicher Relevanz. Ohne sodann die sowohl
in der Stellungnahme vom 9. März 2019 als auch auf Beschwerdeebene
geltend gemachte, in verschiedenen Gegenden Kolumbiens bisweilen pre-
käre Sicherheitslage in Abrede stellen zu wollen, geht auch das Bundes-
verwaltungsgericht einerseits von der grundsätzlichen Schutzfähigkeit und
Schutzwilligkeit der kolumbianischen Strafverfolgungs- und Justizbehör-
den aus (vgl. etwa Urteile des BVGer E-3065/2018 vom 29. Juni 2018
E. 5.2 und E-3772/2020 vom 12. August 2020). Anderseits ist nicht ersicht-
lich, dass und weshalb dem Beschwerdeführer die bestehende Schutzinf-
rastruktur nicht zugänglich oder ihm deren Inanspruchnahme aus individu-
ellen Gründen nicht zuzumuten gewesen wäre beziehungsweise noch
wäre.
D-1633/2021
Seite 13
Der Beschwerdeführer hat sein Heimatland verlassen, ohne sich zuvor auf-
grund der behaupteten Behelligungen seitens der Familie von D._
an die zuständigen Behörden zu wenden. Dies, obwohl davon auszugehen
ist, dass sich die Behörden – nachdem das Unternehmen von D._
bereits Ziel behördlicher Untersuchungsmassnahmen geworden ist – sehr
wohl um seinen Schutz bemüht hätten. Die diesbezüglich in der Beschwer-
deschrift (vgl. S. 19) abgegebenen Erklärungen (etwa die Bemerkung, bei
einer Anzeigeergebung hätte er die Hintergründe seines Gesuchs schil-
dern beziehungsweise offenlegen müssen, dass Polizisten die Auslöser
seiner Verfolgungssituation seien) oder die nicht weiter begründete Rüge,
die Schutzfähigkeit der nationalen Schutzeinheit sei aufgrund ihrer Ineffizi-
enz und Langsamkeit im Allgemeinen anzuzweifeln (vgl. Beschwerde
S. 19), vermögen zu keiner anderen Beurteilung zu führen.
Auch die auf Beschwerdeebene eingereichten Unterlagen (zwei SFH-
Schnellrecherchen und zwei die gegen das Unternehmen von D._
eingeleiteten polizeilichen Massnahmen betreffende Mitteilungen) führen
zu keinem andern Ergebnis. Dabei ist mit dem SEM auch darauf hinzuwei-
sen, dass es keinem Staat gelingt, seinen Bürgerinnen und Bürgern immer
und überall vollumfänglichen Schutz zu gewährleisten. Insofern kann nicht
davon ausgegangen werden, nur perfekte heimatliche Schutzstrukturen
würden die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips ermöglichen.
7.1.4 Schliesslich kann auch der Auffassung der Vorinstanz gefolgt wer-
den, es erscheine angesichts der Vorgehensweise und der begrenzten In-
tensität der Suchen auch fraglich, ob D._ und seine Leute tatsäch-
lich ein grosses Interesse an der Person des Beschwerdeführers gehabt
hätten. Der Hinweis, die Arbeit des Beschwerdeführers als (...) des Unter-
nehmens habe auf gegenseitigem Vertrauen basiert und sei mit hohen
Loyalitätserwartungen verbunden gewesen (vgl. Beschwerde S. 8) vermag
an der vorstehenden Feststellung nichts zu ändern.
7.1.5 Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass die Tatsache,
dass der Beschwerdeführer nach seiner Einreise in die Schweiz nicht un-
verzüglich oder zumindest vor Ablauf seiner legalen Aufenthaltsdauer, son-
dern erst mehr als zweieinviertel Jahre später um Asyl nachgesucht hatte,
nicht darauf hindeutet, dass er sich in seiner Heimat in der von ihm geschil-
derten Art und Weise bedroht gefühlt hat beziehungsweise von mangeln-
der Schutzfähigkeit oder fehlendem Schutzwillen der heimatlichen Behör-
den ausging. Dies gilt umso mehr, als er auch nicht geltend macht, dass er
D-1633/2021
Seite 14
oder seine noch in E._ wohnhaften Familienangehörigen nach sei-
ner vor nunmehr mehr als zweieinhalb Jahren erfolgten Ausreise noch Be-
helligungen seitens der Familie von D._ ausgesetzt gewesen wären
(vgl. dazu auch Beschwerde S. 9 oben, wonach vor der Ausreise eine Be-
drohungssituation vorgelegen habe).
7.2 Insgesamt ist vorliegend davon auszugehen, dass es den Vorbringen
des Beschwerdeführers an flüchtlingsrechtlicher Relevanz fehlt. Er hätte
überdies in seinem Heimatstaat hinreichenden Schutz im Sinne der soge-
nannten Schutztheorie (vgl. oben E. 4.2) erhalten können beziehungs-
weise ihm wäre – falls notwendig – auch nach seiner Rückkehr solcher
zugänglich. Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer
sich alternativ auch in einer anderen Region Kolumbiens, etwa in der
Hauptstadt Bogotá aufhalten könnte, falls er sich in seiner Heimatstadt
E._ trotz der Schutzmassnahmen unsicher fühlen sollte.
7.3 Nach dem Gesagten hat das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
D-1633/2021
Seite 15
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.2 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist
das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG – wie in der angefochtenen Verfügung zu-
treffend bemerkt wurde – nicht anwendbar.
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Be-
schwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den
Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen
Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Fol-
terausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real
risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124127 m.w.H.). Das ist ihm jedoch – insbesondere auch
mit dem allgemeinen Hinweis auf "Berichterstattungen über die Menschen-
rechtslage, kriminelle Gruppierungen, gewaltbereite und korrupte Sicher-
heitsbehörden" (vgl. Beschwerde S. 11 ff.) – nicht gelungen.
9.2.4 Der Vollzug der Wegweisung ist demnach zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 In Kolumbien fand über fünfzig Jahre lang ein bewaffneter Konflikt
zwischen den kolumbianischen Streitkräften, den Guerillas und paramilitä-
rischen Gruppen statt. Im November 2016 wurde ein Friedensvertrag zwi-
D-1633/2021
Seite 16
schen dem kolumbianischen Staat und den Fuerzas Armadas Revolucio-
narias de Colombia (FARC) geschlossen, der später von beiden Kammern
des Kongresses genehmigt wurde. Nicht vergessen bleibt, dass allen Par-
teien während des Konflikts schwere Menschenrechtsverletzungen vorge-
worfen wurden; bei den meisten Opfern handelt es sich um Zivilpersonen.
Eine kleine Fraktion der FARC kündigte indessen im September 2019 die
Wiederbewaffnung der FARC an, worauf die kolumbianische mit einem Mi-
litäreinsatz reagierte, bei welchem mehrere zur Führung von Wiederauf-
rüstungsaktivitäten bestimmte FARC-Mitglieder getötet wurden.
Nach der Ankündigung einer mit massiven Steuererhöhungen für Privat-
personen verbundenen Haushaltsreform durch den kolumbianischen Prä-
sidenten Iván Duque Ende April 2021 kam es in G._ und zahlrei-
chen weiteren Städten des Landes zu schweren Zusammenstössen zwi-
schen Protestierenden und Sicherheitskräften; mehr als 40 Menschen ka-
men dabei ums Leben. Am 2. Mai 2021 widerrief Präsident Duque die
Pläne für die Steuerreform, entliess den dafür verantwortlichen Finanzmi-
nister Alberto Carrasquilla und initiierte am 5. Mai 2021 einen Dialogpro-
zess, in den alle gesellschaftlichen Sektoren einbezogen werden sollen.
Die allgemeine Lage blieb seither – insbesondere auch angesichts der Tat-
sache, dass die Coronavirus-Pandemie (COVID-19) Kolumbien schwer traf
und mit seinen wirtschaftlichen und sozialen Folgen den Druck in der Ge-
sellschaft erhöhte – sehr fragil. Es finden weiterhin Protestkundgebungen
statt, wobei sich diese auch etwa gegen die unverhältnismässige Polizei-
gewalt sowie gegen die allgemein schlechten Lebensbedingungen richten.
Dessen ungeachtet ist aktuell bezüglich Kolumbien nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt, welche den Vollzug
der Wegweisung als generell unzumutbar erscheinen liesse, auszugehen.
9.3.3 Was die individuelle Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs betrifft,
so hat die Vorinstanz zutreffend darauf hingewiesen, dass der Beschwer-
deführer ein – soweit aktenkundig – gesunder und gut ausgebildeter Mann
mit reichlich Arbeitserfahrung und ohne Unterhaltspflichten ist. Es ist davon
auszugehen, dass er sich in seinem Heimatland, wo er sein ganzes Leben
verbracht hat und wo auch seine Eltern, seine Schwester sowie weitere
Verwandte leben, eine neue Existenz wird aufbauen können; dabei würden
ihn wohl – falls nötig – auch seine in der Schweiz wohnhaften Geschwister
finanziell unterstützen. Mithin ist nicht davon auszugehen, dass er bei einer
Rückkehr in seine Heimat in eine existenzielle Notlage geraten würde.
D-1633/2021
Seite 17
9.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl in genereller als auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, der über einen Reise-
pass sowie eine Identitätskarte verfügt, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls notwendigen Reisedo-
kumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zusam-
menhang mit der Coronavirus-Pandemie stellen – gemäss aktuellem
Kenntnisstand – lediglich temporäre Vollzugshindernisse dar und vermö-
gen am Ausgang des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern (vgl. statt
vieler: Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.)
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die Beschwerde jedoch
nicht als aussichtslos zu qualifizieren war und die Bedürftigkeit des Be-
schwerdeführers mittlerweile durch eine entsprechende Bestätigung belegt
wird, ist das mit der Beschwerde gestellte und noch nicht behandelte Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65
Abs. 1 VwVG gutzuheissen. Folglich sind keine Verfahrenskosten aufzuer-
legen.
D-1633/2021
Seite 18