Decision ID: ae801d08-447b-5afd-8bc0-e8050b66f8a7
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) Mai 2016 in der Schweiz erstmals
um Asyl nach.
Er machte in seinen Befragungen im Wesentlichen geltend, er habe am
(...) 2015 in Sri Lanka für die Parlamentswahlen kandidiert. Am 12. August
2015 sei er von mutmasslichen Angehörigen einer gegnerischen Partei an-
gegriffen worden. In der Nacht zum 14. August 2015 seien Unbekannte,
welche dem Geheimdienst angehörten, bei ihm zuhause erschienen und
hätten ihn bedroht. Danach sei er zu einem Verwandten nach B._
gegangen und habe sich bis zu seiner Ausreise dort aufgehalten. In der
Zwischenzeit habe er von seiner Familie erfahren, dass sich erneut Mitglie-
der des Geheimdienstes nach ihm erkundigt hätten. Infolge dieser Vor-
kommnisse habe er am (...) 2016 sein Heimatland verlassen.
B.
Mit Verfügung vom 17. August 2018 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid damit, die Vor-
bringen des Beschwerdeführers seien als unglaubhaft einzuschätzen.
C.
Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde wies das Bundesver-
waltungsgericht mit Urteil E-5360/2018 vom 5. November 2019 vollum-
fänglich ab.
Dabei hielt es fest, die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Angriffe
seien zwar glaubhaft und es sei nicht auszuschliessen, dass der Grund
dafür seine geäusserte Kritik an den etablierten politischen Parteien gewe-
sen sei. Jedoch sei ein aktuelles Verfolgungsinteresse zu verneinen, zumal
er erst rund ein halbes Jahr nach den vorgebrachten Angriffen ausgereist
sei.
D.
Mit Eingabe vom 20. Dezember 2019 ersuchte der Beschwerdeführer beim
SEM erneut um Asyl.
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Dabei brachte er vor, sein Risikoprofil sei aufgrund der veränderten politi-
schen Lage in Sri Lanka insbesondere in Bezug auf die Präsidentschafts-
wahl vom November 2019 neu einzuschätzen. Im August 2019 sei ihm eine
Aufforderung der Wahlkommission in C._ zugestellt worden, wel-
che belegen würde, dass er immer noch als politisch aktive Person regis-
triert sei. Zudem habe seine Mutter bei der Regionalwahl 2018 für das Amt
der (...) als Mitglied der oppositionellen Partei D._ kandidiert.
E.
Das SEM nahm die Eingabe als Mehrfachgesuch entgegen, welches es
mit Verfügung vom 20. März 2020 abwies.
Betreffend die veränderte politische Lage in Sri Lanka hielt es fest, dass
kein Anlass zur Annahme bestehe, dass ganze Volks- oder Berufsgruppen
unter Präsident Gotabaya Rajapaksa kollektiv einer Verfolgungsgefahr
ausgesetzt seien. Es sei nicht ersichtlich, inwiefern die damalige Wahl-
kampfrhetorik des Beschwerdeführers fünf Jahre nach den Wahlen ein ak-
tuelles Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Regierung an ihm auslösen
könnte. Auch sei nicht davon auszugehen, dass das Engagement seiner
Mutter für die D._ für ihn problematisch sein könne. Diese lebe noch
in Sri Lanka und habe wegen ihres politischen Engagements keine Nach-
teile erlitten. Deshalb sei auch nicht davon auszugehen, dass er infolge-
dessen eine Verfolgung zu befürchten hätte.
F.
Auf die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde trat das Bundesver-
waltungsgericht mit Entscheid E-2159/2020 vom 25. Mai 2020 nicht ein, da
der erhobene Kostenvorschuss nicht bezahlt worden war.
G.
Mit als "Gesuch um Wiedererwägung" bezeichnetem Schreiben vom
31. Juli 2020 gelangte der Beschwerdeführer erneut an das SEM und
machte geltend, dass seine Mutter am (...) April 2020 telefonisch von Un-
bekannten bedroht worden sei. Dabei sei sie aufgefordert worden, ihre po-
litischen Aktivitäten niederzulegen und den Beschwerdeführer den Behör-
den zuzuführen. Seine Familie sei einmal im Mai 2020 und ein zweites Mal
im Juli 2020 zuhause von der Sri Lanka Army (SLA) aufgesucht worden.
Sowohl der Bruder als auch der Schwager des Beschwerdeführers seien
dabei aufgefordert worden, dessen Aufenthaltsort preiszugeben. Würden
sie dies nicht tun beziehungsweise der Beschwerdeführer sich nicht den
Behörden stellen, würden die Soldaten ihnen etwas antun. Die Mutter leide
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unter einer Depression, seit seine Probleme angefangen hätten. Die neu
eingereichten Beweismittel würden belegen, dass er noch immer von der
SLA beziehungsweise vom Geheimdienst gesucht werde, da er mit dem
Verdacht behaftet sei, sich gegen die Regierung einzusetzen. Er werde von
den sri-lankischen Behörden verdächtigt, die politische Opposition bezie-
hungsweise den tamilischen Separatismus zu unterstützen.
Als neu entstandene Beweismittel reichte er die von seiner Mutter verfasste
Niederschrift des Telefongesprächs vom (...) April 2020, Fotografien der
beiden Vorsprachen der SLA, Fotografien der Identitätskarte seines Bru-
ders und ein seine Mutter betreffendes ärztliches Schreiben ein. Ferner
reichte er eine polizeiliche Vorladung seines damaligen politischen Mitstrei-
ters, dessen Family Registration Card sowie die Family Registration Card
seines Vaters zu den Akten.
H.
Das SEM nahm die Eingabe als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch
entgegen und wies dieses mit Verfügung vom 21. August 2020 ab.
I.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
16. September 2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und be-
antragte, die vorinstanzliche Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben, es
sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm sei Asyl zu gewäh-
ren. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, die vorläufige Aufnahme
anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Wiederherstellung der aufschie-
benden Wirkung der Beschwerde und um Anweisung an das Migrations-
amt des Kantons E._, von jeglichen Vollzugshandlungen Abstand
zu nehmen. Des Weiteren ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Bestellung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlicher
Rechtsbeistand.
J.
Mit Schreiben vom 17. September 2020 bestätigte das Bundesverwal-
tungsgericht den Eingang der Beschwerde und verfügte einstweilen die
Aussetzung des Vollzugs der Wegweisung.
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Seite 5
K.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 18.
September 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 6 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.3 Mit dem vorliegend instruktionslos ergehenden, verfahrensabschlies-
senden Urteil wird das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses hinfällig.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
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Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids führte die Vorinstanz
aus, seit Erlass des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts E-5360/2018
vom 5. November 2019 habe sich die persönliche Situation des Beschwer-
deführers nicht verändert und er habe sich in der Zwischenzeit nicht poli-
tisch engagiert. Die Niederschrift des Telefongesprächs vom (...) April 2020
sei nicht geeignet, eine begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung
zu belegen. Das Schreiben vermöge auch nicht zu beweisen, dass das
behauptete Gespräch überhaupt stattgefunden habe. Auch die eingereich-
ten Fotografien der Vorsprachen der SLA vermöchten seine Vorbringen
nicht zu belegen. Aus diesen gehe nicht hervor, aus welchem Grund die
Soldaten bei seinen Eltern erschienen seien beziehungsweise dass nach
ihm gesucht werde. An der geltend gemachten nachträglichen behördli-
chen Suche nach ihm bestünden erhebliche Zweifel. Es sei nämlich nicht
ersichtlich, weshalb er heute noch ein Interesse der sri-lankischen Sicher-
heitsbehörden auf sich ziehen sollte, obwohl er sich seit 2015 nie mehr
politisch betätigt habe. Zudem sei er kein Mitglied einer bestimmten Partei,
sondern habe als Unabhängiger kandidiert. Die Kandidatur seiner Mutter
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für das Amt als (...) im Jahr 2018 untermaure die Einschätzung, dass von-
seiten des sri-lankischen Staats aktuell kein Verfolgungsinteresse aufgrund
seines politischen Engagements bestehe. Würden die sri-lankischen Be-
hörden tatsächlich nach ihm suchen, sei davon auszugehen, dass seine
Mutter es unterlassen hätte, sich oppositionell-politisch zu exponieren. Die
politischen Aktivitäten seiner Mutter würden darauf hindeuten, dass sie sich
nicht bedroht fühle von den Sicherheitsbehörden. Die eingereichte polizei-
liche Vorladung seines Nachbarn und politischen Mitstreiters hätte einen
geringen Beweiswert. Zudem lasse sich aus der angeblichen Befragung
dieser Person keine Verfolgungsgefahr für den Beschwerdeführer ableiten.
Die psychischen Beschwerden seiner Mutter seien ebenfalls nicht geeig-
net, seine Vorbringen zu belegen. Insgesamt bestünden unter Berücksich-
tigung der vom Bundesverwaltungsgericht im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 definierten Risikofaktoren auch zum heutigen Zeitpunkt
keine Anhaltspunkte für eine begründete Furcht vor flüchtlingsrechtlich re-
levanter Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden.
5.2 Den Erwägungen der Vorinstanz entgegnet der Beschwerdeführer in
seiner Beschwerde, ein aktuelles Verfolgungsinteresse vonseiten der sri-
lankischen Behörden sei gegeben und die aktuelle behördliche Suche
nach ihm sei glaubhaft. In Bezug auf das Argument der Vorinstanz, er ge-
höre keiner politischen Partei an, hält er fest, dass es auf den Inhalt der
politischen Arbeit ankomme, ob jemand als Regimegegner angeschaut
werde, nicht auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei. Die Situation
des Beschwerdeführers unterscheide sich von derjenigen seiner Mutter. Er
sei 2015 während des Wahlkampfes angegriffen worden. Sein Engage-
ment habe sich direkt gegen den Rajapaksa-Clan gerichtet, der seit No-
vember 2019 wieder an der Macht sei. Er erfülle mehrere der vom Bundes-
verwaltungsgericht definierten Risikofaktoren: Aufgrund seines politischen
Engagements befinde er sich vermutlich auf einer "Stop List" beziehungs-
weise einer "Watch List". Er habe sich während vielen Jahren ausserhalb
seines Heimatlands befunden und in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt.
Zudem besitze er keinen gültigen Reisepass. Die Situation in Sri Lanka
habe sich seit April 2020 weiter zugespitzt. Mit der Planung des "20.
Amendments" in Sri Lanka sollten Demokratisierungsreformen rückgängig
gemacht werden und es sei eine massive Machtkonzentration der Regie-
rung geplant.
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6.
6.1 Die Vorinstanz ist zur zutreffenden Einschätzung gelangt, dass die ak-
tuelle behördliche Suche nach dem Beschwerdeführer unglaubhaft ist. Um
Wiederholungen zu vermeiden, ist auf die Erwägungen in der angefochte-
nen Verfügung zu verweisen.
6.2 Einleitend ist festzuhalten, dass sich die persönliche Situation des Be-
schwerdeführers seit Erlass des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts
E-5360/2018 vom 5. November 2019 gemäss Aktenlage nicht verändert
hat und er sich in der Zwischenzeit auch nicht politisch engagiert hat.
6.3 Aus der Tatsache, dass der frühere Militärchef Gotabaya Rajapaksa die
Präsidentschaftswahlen vom 16. November 2019 gewonnen und seinen
Bruder zum Premierminister ernannt hat, kann der Beschwerdeführer
keine individuelle Gefahr vor einer Verfolgung ableiten (vgl. Frankfurter All-
gemeine, Die starken Männer sind zurück, 17. November 2019, < https://
www.faz.net/aktuell/politik/ausland/praesidentschaftswahl-auf-sri-lanka-
die-starken-maenner-sind-zurueck-16489988.html >, abgerufen am 1. Ok-
tober 2020). Zwar befürchten Beobachter/innen und ethnische sowie reli-
giöse Minderheiten insbesondere mehr Repression und die vermehrte
Überwachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalis-
tinnen und Journalisten, Oppositionellen und sonstigen regierungskriti-
schen Personen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungs-
wechsel weckt Ängste bei Minderheiten, 21. November 2019,
< https://www.fluechtlingshilfe.ch/publikationen/im-fokus/sri-lanka-
regierungswechsel-weckt-aengste-bei-minderheiten >, abgerufen am
7. Oktober 2020). Anfang März 2020 löste Gotabaya Rajapaksa das Par-
lament vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an (vgl. Spiegel, Sri Lankas
Präsident löst Parlament vorzeitig auf, 2. März 2020, < https://www.
spiegel.de/politik/ausland/sri-lanka-praesident-rajapaksa-loest-parlament-
vorzeitig-auf-a-a5ea98a2-f35c-41ef-a4d9-c2fcc36cd286 >, abgerufen am
1. Oktober 2020). Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der genannten
Veränderungen in Sri Lanka bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen
aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist
beim derzeitigen Kenntnisstand durchaus von einer möglichen Akzentuie-
rung der Gefährdungslage auszugehen, der Personen mit einem bestimm-
ten Risikoprofil ausgesetzt sind beziehungsweise bereits vorher ausge-
setzt waren (vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-
1866/2015 vom 15. Juli 2016; Human Rights Watch [HRW], Sri Lanka:
Families of «Disappeared» Threatened, 16. Februar 2020 < https://www.
E-4601/2020
Seite 9
hrw.org/news/2020/02/16/sri-lanka-families-disappeared-threatened >, ab-
gerufen am 1. Oktober 2020). Dennoch gibt es zum heutigen Zeitpunkt kei-
nen Grund zur Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze
Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären.
Unter diesen Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher
Bezug der asylsuchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. No-
vember 2019 respektive deren Folgen besteht (vgl. Urteil des BVGer D-
6268/2019 vom 24. März 2020 E. 5.1).
Ein solcher Bezug ist vorliegend nicht gegeben. Der Beschwerdeführer
macht zwar geltend, die behauptete behördliche Suche nach ihm im Jahr
2020 erkläre sich damit, dass er vor seiner Ausreise gegen den Rajapaksa-
Clan politisiert habe und sich sein Risikoprofil deshalb vor dem Hintergrund
der Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum Präsidenten verschärft habe. Da-
bei ist zu beachten, dass dieselben Personen, welche heute die Regierung
bilden, auch zum Zeitpunkt der Ausreise des Beschwerdeführers an der
Macht waren. Eine asylrelevante Gefährdung zum Zeitpunkt der Ausreise
wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-5360/2018 vom 5. No-
vember 2019 nach einer umfassenden Prüfung der Vorbringen des Be-
schwerdeführers bereits verneint (vgl. dort E. 5.2.2). Die geltend gemach-
ten Angriffe auf ihn im August 2015 wurden dabei als glaubhaft befunden
und es wurde festgehalten, dass Grund zur Annahme bestehe, die Ereig-
nisse hingen mit seiner Kandidatur und seinen Wahlkampfbemühungen für
die Parlamentswahlen 2015 zusammen. Jedoch wurde ein aktuelles Ver-
folgungsinteresse insbesondere deshalb verneint, weil der Beschwerde-
führer nach diesen Vorfällen noch rund ein halbes Jahr in B._ ver-
blieben ist, ohne dass es zu weiteren Übergriffen gekommen ist. Es ist des-
halb nicht glaubhaft, dass ein allfällig in der Vergangenheit kurzzeitig be-
stehendes Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden, welches
zum Zeitpunkt seiner Ausreise bereits nicht mehr bestand, nach fünf Jah-
ren plötzlich wieder entfachen sollte, ohne dass sich der Beschwerdeführer
in der Zwischenzeit politisch betätigt hätte.
Untermauert wird diese Einschätzung durch die Tatsache, dass seine Mut-
ter sich ebenfalls oppositionell-politisch betätigte, in ihrem Heimatland ver-
blieb und keine asylrelevanten Nachteile erlitten hat. Die Vorinstanz hat
zutreffend festgestellt, dass sich die Mutter wohl nicht politisch exponiert
hätte, wenn sie ihre Familie und insbesondere ihren Sohn in Gefahr gese-
hen hätte.
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An dieser Einschätzung vermögen auch die dem qualifizierten Wiederer-
wägungsgesuch beigelegten Beweismittel nichts zu ändern. Aus den ein-
gereichten Fotografien geht lediglich hervor, dass Soldaten beim Haus der
Familie des Beschwerdeführers erschienen sind. Die Behauptung, sie hät-
ten nach ihm gesucht sowie seine Familienmitglieder bedroht, ist damit
nicht belegt und stützt sich lediglich auf Parteiaussagen. Zudem erscheint
es nicht nachvollziehbar, dass seine Cousine diese Gespräche aus nächs-
ter Nähe fotografierte, wenn die Soldaten tatsächlich bedrohlich aufgetre-
ten wären. Auch die Aussage des Beschwerdeführers, die Familie habe die
Fotos nur auf sein inständiges und mehrmaliges Bitten aufgenommen, ver-
mag diese Einschätzung nicht umzustossen. Dabei bleibt nämlich die
Frage offen, zu welchem Zeitpunkt er seine Familie dazu aufgefordert ha-
ben sollte, Fotos von den Vorsprachen der Soldaten aufzunehmen, zumal
ein Teil der Fotografien schon beim ersten geltend gemachten Behörden-
besuch seit seiner Ausreise und somit der ersten vorgebrachten Verfol-
gungsmassnahme seit dem Jahr 2015 aufgenommen worden seien.
Ebenso führt das Schreiben der Mutter des Beschwerdeführers, welches
behauptungsgemäss einen ihr gegenüber getätigten Drohanruf von unbe-
kannten Personen wiedergeben soll, nicht zur Glaubhaftigkeit seiner Vor-
bringen. Wie von der Vorinstanz zutreffend festgestellt wurde, kommt dem
Schreiben keinerlei Beweiswert zu.
Das ärztliche Schreiben betreffend die psychischen Beschwerden der Mut-
ter des Beschwerdeführers führt nicht zu einem anderen Ergebnis. Dem
Bericht ist nicht zu entnehmen, welches die Gründe für ihre Depression
sind. Die besagte Diagnose vermag die vom Beschwerdeführer geschil-
derte und als unglaubhaft qualifizierte Verfolgungssituation somit nicht zu
belegen.
Auch die polizeiliche Vorladung des Nachbarn und politischen Mitstreiters
vermag – abgesehen von ihrem geringen Beweiswert – nicht eine asylre-
levante Verfolgungsgefahr des Beschwerdeführers zu belegen, zumal sie
in keinem konkreten Zusammenhang zu seiner Person steht.
6.4 Soweit der Beschwerdeführer eine allgemeine Gefährdungslage für
nach Sri Lanka zurückkehrende tamilische Asylsuchende geltend macht,
kann unter Berücksichtigung des Referenzurteils E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 festgehalten werden, dass der Beschwerdeführer keine asylrelevante
Verfolgungssituation glaubhaft machen konnte und dass er ausser seiner
tamilischen Ethnie und der fast fünfjährigen Landesabwesenheit keine der
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Risikofaktoren erfüllt. Es bestehen auch im Hinblick auf seine früheren po-
litischen Tätigkeiten keine Hinweise dafür, er würde aus Sicht der sri-lanki-
schen zuständigen Sicherheitsbehörden dahin eingeschätzt, er sei be-
strebt, den tamilischen Separatismus in Sri Lanka wieder aufflammen zu
lassen. Den Akten ist auch keine Verbindung des Beschwerdeführers zu
den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) zu entnehmen. Das Fehlen
ordentlicher Identitätsdokumente alleine führt nicht zur Annahme von
Nachfluchtgründen, da die in der Regel dagegen ausgesprochene Geld-
strafe keinem ernsthaften Nachteil gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleich-
kommt und Singhalesen und Tamilen gleichermassen belangt werden (vgl.
Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 E. 8.4.4). Die Vermutung, er befinde sich auf einer "Watch-" bezie-
hungsweise "Stop-List", ist angesichts der Verneinung des aktuellen Ver-
folgungsinteresses der sri-lankischen Behörden zurückzuweisen. In der
"Stop List" sind die Daten von Personen gespeichert, welche der Verbin-
dung zu den LTTE oder terroristischer Aktivitäten verdächtigt werden oder
gegen die eine gerichtliche Verfügung oder ein Haftbefehl besteht bezie-
hungsweise ein Strafverfahren eröffnet wurde (vgl. a.a.O. E. 8.2). In der
"Watch List" aufgeführte Personen verfügen über ein verdächtiges Profil
(a.a.O.). Es ist nach dem Gesagten und insbesondere vor dem Hintergrund
seiner mehrjährigen politischen Untätigkeit nicht davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer als Gefahr für die Einheit des Landes wahrgenom-
men wird beziehungsweise aus Sicht der sri-lankischen Behörden über ein
verdächtiges Profil verfügt. Er bringt im vorliegenden Verfahren nichts vor,
was an dieser Einschätzung etwas zu ändern vermag.
6.5 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat daher sein qualifiziertes Wieder-
erwägungsgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
Mit den Fragen der Wegweisung sowie deren Vollzugs hat sich das Bun-
desverwaltungsgericht bereits im Urteil E-5360/2018 vom 5. November
2019 befasst. Dabei ist es zum Schluss gekommen, dass die Wegweisung
des Beschwerdeführers zu Recht angeordnet wurde und keine Wegwei-
sungsvollzugshindernisse bestehen. In der Beschwerdeschrift werden
keine neuen Tatsachen geltend gemacht, welche diese Einschätzung in
Frage zu stellen vermögen, weshalb diesbezüglich vollumfänglich auf die
Erwägungen im obengenannten Urteil zu verweisen ist (vgl. dort E. 6–7).
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8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
Mit vorliegendem Urteil ist das Gesuch um aufschiebende Wirkung gegen-
standslos geworden. Der am 17. September 2020 im Rahmen einer super-
provisorischen Massnahme einstweilen angeordnete Vollzugsstopp ist wie-
der aufzuheben.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 1500.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung und um amtliche Rechtsverbeiständung sind unbesehen der finan-
ziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers abzuweisen, da die Be-
schwerde gemäss den vorstehenden Erwägungen als aussichtslos zu be-
zeichnen ist und es daher an einer gesetzlichen Voraussetzung zu deren
Gewährung fehlt.
(Dispositiv nächste Seite)
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