Decision ID: 98b0db10-eeac-4b6a-a93e-82117a108ee8
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) arbeitete bis am 31. März 2011 (letzter Arbeitstag)
als Reinigungskraft in Teilzeit (IV-act. 1, 8, 23-1). Anfangs April 2011 wurde bei ihr die
Diagnose multiple Sklerose (nachfolgend: MS) gestellt. Es erfolgte eine medikamentöse
Behandlung (vgl. IV-act. 1-4, 6-1, 9, 25-3, 25-32 f.). Auf die somatische Diagnose
reagierte sie mit einer depressiven Anpassungsstörung (IV-act. 6-1, 35-1).
A.a.
Am 29. Juli 2011 meldete sich die Versicherte erstmals bei der
Invalidenversicherung (IV) zum Bezug von Leistungen (berufliche Massnahmen/IV-
Rente) an (IV-act. 1). Am 3. Oktober 2011 unterzog sie sich einer Rektomie eines
retroperitonealen zystischen Tumors links im kleinen Becken. Postoperativ kam es zu
einer Verschlechterung der vorbestehenden Neurologie (DD: perioperative Affektion S1/
S2 links) mit Symptomausweitung auf das ganze linke Bein (IV-act. 25-22, 25-34 ff.,
35-1). Im Auftrag der IV erfolgte im September und Oktober 2013 eine polydisziplinäre
Begutachtung mit den Disziplinen Allgemeine Innere Medizin, Orthopädie, Neurologie
und Psychiatrie (IV-act. 76). Im Gutachten der BEGAZ GmbH, Binningen, vom
6. November 2013 (IV-act. 79) wurden die Diagnosen MS von schubförmigem Verlauf
(mit Parästhesien der rechten Hand und des linken Fusses) und ein Zustand nach
Exzision eines gutartigen retroperitonealen Tumors gestellt, welchen auf die
Arbeitsfähigkeit zugemessen wurden. Dabei sei die angestammte Tätigkeit als
Reinigungskraft vollschichtig ausübbar mit einzuräumender Leistungseinschränkung
von 25 % (IV-act. 79-44). Der RAD erachtete das Gutachten als umfassend
nachvollziehbar und in sich widerspruchsfrei, so dass auf die gutachterliche
Beurteilung abgestellt werden könne (IV-act. 80).
A.b.
Am 8. April 2014 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid vom
15. Januar 2014 (IV-act. 86 f.) und wies damit einen Rentenanspruch bei einem
ermittelten Invaliditätsgrad von 25 % ab (IV-act. 93). Gegen die Verfügung vom 8. April
A.c.
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2014 erhob die Versicherte am 23. Mai 2014 Beschwerde (IV-act. 96-2 ff.). Zugleich
reichte sie den Arztbericht vom 12. Mai 2014 von Dr. med. B._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, ein. Dieser ging unter Hinweis auf eine andauernde
Persönlichkeitsänderung infolge anhaltender posttraumatischer Belastungsstörung seit
2008 sowie eine chronische rezidivierende depressive Episode zur Zeit mittelgradiger
Ausprägung von einer Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht von mindestens
80 % aus (IV-act. 98).
Am 7. Oktober 2015 stellte sich die Versicherte wegen zunehmender Schmerzen
am rechten oberen Sprunggelenk zur Verlaufskontrolle im Schmerzzentrum des
Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vor. Klinisch konnten abgesehen von einer massiven
Druckdolenz am Sprunggelenk weder eine Schwellung noch eine Überwärmung oder
eine Rötung gefunden werden (vgl. IV-act. 140-16 f.). Am 6. April 2016 konsultierte sie
die MS-Sprechstunde in der Klinik für Neurologie des KSSG. Bei stabilem
Erkrankungsverlauf und aufgrund der Komorbiditäten wurde keine
immunmodulatorische Therapie, sondern es wurden konservative physikalische
Massnahmen empfohlen (vgl. IV-act. 140-26 f.). Am 29. Juni 2016 erfolgte eine
psychologische Abklärung in der Klinik für Psychosomatik des KSSG. Die Klinikärzte
erhoben eine akute psychosoziale Belastungssituation, die durch die Diagnose MS, die
Wohnungssuche und das laufende IV-Verfahren erschwert werde. Diagnostiziert
wurden chronische Schmerzen mit somatischen und psychischen Anteilen mit/bei
psychosozialer Belastungssituation (ICD-10: F45.41). Die psychischen Beschwerden
wurden als behandlungsbedürftig eingestuft (vgl. IV-act. 140-2 f.). Am 12. Juli 2016
sprach die IV-Stelle der Versicherten nach fachärztlichen Abklärungen eine
Hörgerätepauschale zu (vgl. IV-act. 114 ff.).
A.d.
Mit Entscheid vom 23. August 2016 (IV 2014/275) wies das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen die Beschwerde der Versicherten gegen die Verfügung vom 8.
April 2014 ab (IV-act. 121).
A.e.
Im Bericht der Klinik für Neurologie des KSSG vom 29. November 2016 über die
Untersuchung vom 15. November 2016 wurde festgestellt, dass hinsichtlich der MS-
Erkrankung sowohl klinisch als auch kernspintomographisch ein stabiler Befund ohne
merkliche Progression im Verlauf der letzten Jahre vorliege (IV-act. 140-4 ff.). Im
A.f.
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Bericht vom 9. Dezember 2016 wurde sodann erklärt, dass von Seiten der MS keine
relevanten funktionellen Einschränkungen beständen und die MS-Erkrankung für die
Arbeitsfähigkeit kaum relevant sei. Im Vordergrund stehe ein chronisches multilokuläres
Schmerzsyndrom mit gewissem Symptomausbau, wahrscheinlich auch im Rahmen der
psychiatrischen Begleiterkrankung (IV-act. 140-9).
Am 4. April 2019 meldete sich die Versicherte erneut bei der IV zum Bezug von
Leistungen (berufliche Integration/Rente) an (IV-act. 132). Sie erklärte dabei, seit dem
10. April 2017 als Produktionsmitarbeiterin bei der C._ in Teilzeit zu arbeiten (Pensum
zwischen 20 und 50 %; Anstellung auf Stundenlohnbasis über die D._ AG, vgl. IV-
act. 149, 152, 219-179/-254). Als gesundheitliche Beeinträchtigungen nannte sie
insbesondere eine MS, eine ängstliche depressive Symptomatik bei
Anpassungsstörung und ein chronisches Schmerzsyndrom. Miteingereicht wurden die
Berichte des KSSG über einen am 15. März 2019 erhobenen zystischen Befund im
Bereich des rechten Eierstocks (IV-act. 134) und über die am 18. Oktober 2018
durchgeführte Tumorresektion an der Beckenwand links sowie inguinal beidseits (IV-
act.135 f.).
A.g.
Am 19. Juli 2019 erklärte RAD-Arzt med. pract. E._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, dass anhand der Unterlagen eine Veränderung des
Gesundheitszustandes mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit medizinisch nicht plausibel
nachvollzogen werden könne (IV-act. 154). Darauf teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit Vorbescheid vom 12. August 2019 mit, dass vorgesehen sei, auf das
Leistungsbegehren nicht einzutreten, denn eine wesentliche Veränderung der
Verhältnisse seit der letzten Verfügung sei nicht nachgewiesen (IV-act. 156).
A.h.
Im Arztbericht vom 18. September 2019 berichtete Dr. B._ über einen seit April
2014 sehr labilen Verlauf mit schweren depressiven Phasen. Die Versicherte sei kaum
mehr belastbar und habe Mühe mit der Konzentration. Von der Operation im Herbst
2018 habe sie sich noch nicht richtig erholt. Trotzdem arbeite sie in einem zirka
30%igen Pensum. Körperlich und psychisch komme sie dabei an ihre Grenzen und sei
oft komplett überfordert. Er gehe auch längerfristig nur noch von einer Arbeitsfähigkeit
von höchstens 30 % aus (IV-act. 161). In der Stellungnahme vom 8. November 2019
ging RAD-Arzt med. pract. E._ davon aus, dass es mit überwiegender
A.i.
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Wahrscheinlichkeit zu einer Verschlechterung des psychischen und somatischen
Gesundheitszustandes gekommen sei (IV-act. 164). Die IV-Stelle forderte darauf die
Arztberichte über die im KSSG durchgeführten Behandlungen ein (IV-act. 167; es
gingen ein der psychologische Abklärungsbericht vom 21. Juli 2016, IV-act. 183, der
Operationsbericht vom 24. Oktober 2018, IV-act. 169, der Austrittsbericht vom
12. November 2018, IV-act. 170, der Bericht vom 8. November 2018 über das
psychosomatische Konsilium vom 23. Oktober 2018, IV-act. 182, der Bericht der
Chirurgie vom 14. November 2018, IV-act. 171, die Berichte der Frauenklinik vom 7.
und 18. März, 15. Mai, 2. und 31. Juli sowie 30. November 2018, IV-act. 174 ff., der
Bericht der Viszeralchirurgie vom 17. Mai 2019, IV-act. 173, der Bericht des
Schmerzzentrums vom 22. November 2019, IV-act. 185, und der Austrittsbericht vom
26. Juli 2019, IV-act. 172).
Im Verlaufsbericht vom 20. November 2019 ging Dr. B._ von einem
unveränderten psychischen Gesundheitszustand seit dem letzten Bericht vom
18. September 2019 aus und schätzte die Arbeitsfähigkeit in angestammter und
adaptierter Tätigkeit auf 30 % (IV-act. 184).
A.j.
Im Bericht des Schmerzzentrums des KSSG vom 5. November 2019 waren von
den Klinikärzten ein chronisches Schmerzsyndrom mit somatischen und psychischen
Anteilen (ICD-10: F45.41) und als Nebendiagnose eine MS mit schubförmiger
Verlaufsform und der Verdacht auf eine eingeblutete Ovarialzyste rechts erhoben
worden (IV-act. 185-6 ff.). Im Bericht vom 22. November 2019 wurde darauf
hingewiesen, dass die Versicherte an einem Schmerzbewältigungskurs, an Physio- und
Ergotherapien sowie an Akupunktursitzungen teilnehme (IV-act. 185-1 ff.). Im Bericht
des Schmerzzentrums vom 21. Januar 2020 wurde ausgeführt, dass die
medikamentöse Behandlung eine leichte Besserung gebracht habe, weshalb diese
Therapie ausgebaut werde. Ebenso würden die physiotherapeutischen Massnahmen
gewisse Verbesserungen zeigen. Insgesamt gebe es zunehmende Fortschritte (IV-act.
190).
A.k.
Im Sprechstundenbericht der Ambulanten Reha der Kliniken Valens in St.Gallen
vom 28. Februar 2020 (IV-act. 195) wurden die Diagnosen MS (ED 2011, EDSS 4),
chronische Schmerzen (Status nach verschiedenen Tumoren mit diversen
A.l.
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Operationen), rezidivierende depressive Episoden, gegenwärtig mittelgradige Phase
(ICD-10: F33.1), chronisches Schmerzsyndrom mit somatischen und psychischen
Anteilen sowie Migräne ohne Aura (anamnestisch) gestellt. Anlässlich einer
neuropsychologischen Untersuchung (Bericht vom 17. Dezember 2019, vgl. IV-act.
204) habe eine mittelschwere neuropsychologische Funktionsstörung objektiviert
werden können, welche am ehesten im Rahmen der bereits bekannten MS zu
interpretieren sei. Weiterhin bestünden eine ausgeprägte Fatigue-Symptomatik, eine
Gleichgewichtsstörung, Sensibilitätsdefizite sowie auch eine deutlich reduzierte
kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit im Zusammenhang mit der MS. Zudem sei
die Versicherte von rezidivierenden depressiven Störungen betroffen. Eine
Verbesserung der Beschwerden könne durch eine intensive Physiotherapie,
Ergotherapie, delegierte Physiotherapie mit intensivem Neurotraining und Anpassung
der medikamentösen Therapie erreicht werden.
Im Austrittsbericht vom 13. Juni 2020 über den stationären Aufenthalt in der Klinik
Valens vom 11. Mai bis 13. Juni 2020 berichteten die Klinikärzte über die erreichte
verbesserte Gangsicherheit, Gehgeschwindigkeit, Ausdauer und Kraft. Die
neuropathischen Schmerzen hätten sich unter der Medikation verbessert. Die
Arbeitsfähigkeit für leichte bis mittelschwere Tätigkeiten schätzten sie aus
neurologischer Sicht auf 50 %. Empfohlen wurde, nach zwei Stunden eine Pause zu
ermöglichen (IV-act. 202-2 ff., 203). Im Arztbericht vom 21. August 2020 berichtete Dr.
B._ darüber, dass die Versicherte durchgehend ein eher agitiertes depressives
Zustandsbild mit Erschöpfungszuständen, Affektlabilität und suizidalen Phasen zeige.
Das Zustandsbild nach dem stationären Aufenthalt in der Klinik Valens habe sich nur
wenig gebessert. Die Versicherte sei höchstens zu 30 % arbeitsfähig (IV-act. 208).
A.m.
Die IV-Stelle veranlasste daraufhin eine polydisziplinäre Begutachtung (IV-act. 192,
206; siehe auch die Stellungnahme des RAD vom 3. Juli 2020, IV-act. 210). Die
Zuteilung des Gutachtenauftrags erfolgte an die estimed AG in Zug (IV-act. 209, 212).
Das polydisziplinäre Gutachten stammt vom 23. Januar 2021 und umfasst die
Disziplinen Allgemeine Innere Medizin (Dr. med. F._, Facharzt für Allgemeine Innere
Medizin), Chirurgie (Dr. med. G._, Facharzt FMH für Chirurgie), Gynäkologie (Dr. med.
H._, Fachärztin FMH für Gynäkologie und Geburtshilfe), Neurologie (Prof. Dr. med.
I._, Facharzt für Neurologie), Neuropsychologie (MSc J._, Fachpsychologin für
A.n.
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Neuropsychologie) und Orthopädie (Dr. med. K._, Facharzt für Orthopädie und
Rheumatologie; IV-act. 219). Gemäss der interdisziplinären Gesamtbeurteilung wirkte
sich einzig die gestellte Diagnose "leichte neuropsychologische Störung und sonstige
organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen im Rahmen der schubförmigen
MS (ICD-10: F07.8)" auf die Arbeitsfähigkeit aus. Keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit hätten insbesondere die Diagnosen MS (schubförmige Verlaufsform;
ICD-10: G35.10), Läsion Plexus sacralis (S1 und S2; ICD-10: D36.1), episodischer
Spannungskopfschmerz (ICD-10: G44.2), Pangonarthrose beidseits (ohne funktionelle
Einschränkungen; ICD-10: M17.4), geringgradig ausgeprägtes multilokuläres
abdominelles Schmerzsyndrom und fixierte Narbenhernie epigastrisch,
Belastungsinkontinenz 3. Grades, rezidivierende Zystitiden und Harnwegsinfekte,
Adipositas II°, arterielle Hypertonie, Livido-Vaskulitis, rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig remittiert (ICD-10: F33.4), und psychologische Faktoren oder
Verhaltensfaktoren bei anderorts klassifizierten Krankheiten
(Schmerzverarbeitungsstörung; ICD-10: F54). Zur Arbeitsfähigkeit wurde ausgeführt,
dass die Versicherte sowohl bezogen auf die angestammte Tätigkeit als
Produktionsmitarbeiterin als auch auf eine Verweistätigkeit aus neuropsychologischer
und psychiatrischer Sicht um insgesamt 20 % eingeschränkt sei, bedingt durch einen
erhöhten Pausenbedarf. Aus somatischer Sicht seien schwere Hebe- und
Tragtätigkeiten mit Gewichten von über 10 kg aufgrund der fixierten Narbenhernie
epigastrisch nicht mehr zumutbar. Die letzte Tätigkeit sei als optimal angepasste
Verweistätigkeit anzusehen. Auch andere optimal angepasste Tätigkeiten seien in
einem 80%igen Pensum möglich. Im Weiteren wurde ausgeführt, dass sich der
Gesundheitszustand gegenüber dem Jahr 2014 eher leicht verbessert habe. So sei die
MS bei stabilem Krankheitsverlauf inzwischen als Diagnose ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit anzusehen. Spezifische neuropathische Schmerzen seien bei der
Untersuchung im Bereich S1 und S2 nicht (mehr) angegeben worden. Die
diesbezüglich früher eingeräumten Leistungsbeeinträchtigungen von 25 % seien nicht
mehr festzustellen. Aus psychiatrischer Sicht sei von einer Besserung der im Jahr 2013
vorhandenen depressiven Störung auszugehen. So hätten anlässlich der Begutachtung
keine floride depressive Symptomatik, keine somatoforme Störung, keine Angst- und
Panikstörung, keine psychotische Erkrankung und auch keine Persönlichkeitsstörung
erhoben werden können.
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B.
In der Stellungnahme vom 2. Februar 2021 führte RAD-Arzt med. E._ zum
Gutachten aus, dass die Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der
medizinischen Situation bei allen Teilgutachten einleuchtend und die
Schlussfolgerungen der Gutachter begründet seien. Das Gutachten beinhalte eine
Beschreibung der funktionellen Auswirkungen der Befunde und Diagnosen, eine
Diskussion der relevanten Persönlichkeitsaspekte, Belastungsfaktoren und Ressourcen
sowie eine Konsistenzprüfung. Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im polydisziplinären
Konsens sei plausibel und nachvollziehbar. Die 80%ige Arbeitsfähigkeit angestammt
und adaptiert sowie die Adaptionskriterien könnten übernommen werden (IV-act. 222).
A.o.
Mit Vorbescheid vom 3. Februar 2021 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass
vorgesehen sei, das Leistungsbegehren abzuweisen, denn bei Verwertung der
gutachterlich ermittelten 80%igen Arbeitsfähigkeit resultiere ein nicht
rentenbegründender Invaliditätsgrad von 20 % (IV-act. 225).
A.p.
Am 10. März 2021 erhob die Versicherte Einwand gegen den Vorbescheid vom 3.
Februar 2021 (IV-act. 230).
B.a.
Mit Arztbericht vom 29. April 2021 nahm Dr. B._ Stellung zum psychiatrischen
Teilgutachten. Kritisiert wird insbesondere, dass der psychiatrische Gutachter das
Leiden der Versicherten nicht als spezielle Form der Depression, eine sog. lavierte
Depression, anerkannt habe. Davon betroffene Patienten würden vor allem über
körperliche Gebrechen klagen, jedoch ständen depressive und psychische Leiden
dahinter. Die Versicherte sei schon bei geringster Belastung überfordert, habe Mühe
mit der Konzentration und sei körperlich und physisch schnell erschöpft. Dies alles
seien depressive Symptome. Es sei daher ein Hohn, wenn der Gutachter sämtliche
Diagnosen herunterspiele und am Ende die Versicherte zu 80 % als arbeitsfähig
einschätze. Auch nicht nachvollziehbar sei, dass der psychiatrische Gutachter eine
andauernde Persönlichkeitsänderung nicht anerkannt habe, obwohl sämtlichen
Voraussetzungen dafür erfüllt seien (IV-act. 234).
B.b.
Gemäss dem Austrittsbericht der Klinik für Kardiologie des KSSG über die
Hospitalisation der Versicherten vom 19. bis 22. April 2021 war die Versicherte in
B.c.
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gutem Allgemeinzustand wieder entlassen worden. Ausgeführt wurde, dass die
koronarangiographischen Untersuchungen stenosefreie Koronargefässe mit leichter
Koronarsklerose und die neurologischen Abklärungen klinisch keine fokalen Defizite
gezeigt hätten. Eine zerebrale Ischämie habe nicht festgestellt werden können und die
extrakranielle Dopplersonographie habe keine Auffälligkeiten ergeben.
Röntgenmorphologisch hätten degenerative Veränderungen mit Maximum bei LWK2/
LWK3 nachgewiesen werden können (IV-act. 235; siehe auch die weiteren
Untersuchungsberichte, IV-act. 236 f., 239).
Am 20. Mai 2021 äusserte Hausarzt Dr. med. L._, Facharzt für Innere Medizin
und Rheumatologie, sein Erstaunen über die Schlussfolgerungen im Gutachten. Das
polydisziplinäre Gutachten sei aus seiner Sicht schludrig abgefasst und die "Experten"
hätten sich in Widersprüche verstrickt. Auch könne er nicht nachvollziehen, weshalb
nicht mehr Gewicht auf die Beurteilung der Klinik Valens gelegt worden sei, hätten
doch die Klinikärzte die Versicherte als dauerhaft zu 50 % arbeitsunfähig eingestuft. In
Würdigung der gesamten Umstände gehe er von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit aus
(IV-act. 243).
B.d.
In der Stellungnahme vom 1. Juni 2021 erklärte RAD-Arzt med. pract. E._, dass
der psychiatrische Gutachter bei der Versicherten anhand von Anamnese,
Krankheitsverlauf und psychopathologischem Befund nachvollziehbar eine remittierte,
also zurückgebildete rezidivierende depressive Störung diagnostiziert habe. Beim
Bericht von Dr. B._ handle es sich deshalb um eine andere Beurteilung desselben
medizinischen Sachverhalts. Zur von Dr. B._ geltend gemachten speziellen Form der
Depression führte er aus, dass es sich um eine früher verwendete Hypothese handle,
die im ICD-10 jedoch nicht abgebildet sei, weshalb auch keine Depression
diagnostiziert werden könne. Zudem beschreibe Dr. B._ auch keinen
psychopathologischen Befund, sondern übernehme einfach die subjektiven Angaben
der Versicherten. Hausarzt Dr. L._ habe in seinen Bericht ebenfalls keinen neuen
medizinischen Sachverhalt angeführt. Med. pract. E._ empfahl, die Kritiken von Dr.
B._ und Dr. L._ dem Gutachtensinstitut zur Stellungnahme vorzulegen. Zu den
weiteren medizinischen Berichten erklärte er, dass sich aus den MS-
Verlaufsuntersuchungsberichten keine Verschlechterung des Gesundheitszustandes im
Vergleich zur Begutachtung ergebe. Weder bei den im Nephrologie-
B.e.
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C.
Untersuchungsbericht enthaltenen Befunden noch bei der im kardiologischen
Untersuchungsbericht gestellten Diagnose einer leichten Koronarsklerose handle es
sich um Gesundheitsschäden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 245). Die
Fragen des RAD wurden darauf dem Gutachtensinstitut estimed AG am 2. Juni 2021
unterbreitet (IV-act. 246), welches in der Stellungnahme vom 17. Juni 2021
insbesondere ausführte, dass sich die Arbeitsfähigkeit aufgrund der polydisziplinären
gutachterlichen Untersuchungen wie im Gutachten festgehalten bestimmen lasse. Die
beigebrachten Berichte von Dr. B._ und Dr. L._ seien nicht geeignet, die
Arbeitsfähigkeitsbemessung zu verändern (IV-act. 248). In der Stellungnahme vom 22.
Juni 2021 erklärte RAD-Arzt med. pract. E._, dass die Fragen des RAD von der
estimed AG vollumfänglich beantwortet worden seien. Aus Sicht des RAD könne
weiterhin auf das polydisziplinäre Gutachten vom 23. Januar 2021 abgestellt werden
(IV-act. 249).
Mit Schreiben vom 23. Juni 2021 wurde der Versicherten die Möglichkeit gegeben,
sich zu den durchgeführten Abklärungen und den eingegangenen Dokumenten
(Stellungnahmen des RAD vom 1. und 22. Juni 2021 sowie des Gutachteninstituts vom
17. Juni 2021) zu äussern. Man halte am "bisherigen Entscheid" fest, wonach ihr keine
Rente zustehe (IV-act. 250). Die Versicherte verzichtete mit Schreiben vom 7. Juli 2021
auf die Einreichung einer Stellungnahme (IV-act. 252).
B.f.
Mit Verfügung vom 16. Juli 2021 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren der
Versicherten ab (IV-act. 253).
B.g.
Am 1. September 2021 erhob die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
Beschwerde gegen die Verfügung vom 16. Juli 2021. Gerügt wird insbesondere das
Abstellen auf die gutachterliche Arbeitsfähigkeitsschätzung von 80 %, obwohl die
behandelnden Ärzte höchstens von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit ausgingen. Diese
verwerte sie seit Jahren im ersten Arbeitsmarkt als Produktionsmitarbeiterin. Die
arbeitsfreie Zeit benötige sie zur Erholung, damit sie am nächsten Tag ihre halbtägige
Arbeit wiederaufnehmen könne. Sie beantragte deshalb die Neuüberprüfung der
Invalidität. Zudem stellte sie ein Gesuch um unentgeltliche Prozessführung (act. G 1).
Miteingereicht wurden der Untersuchungsbericht der Klinik für Angiologie des KSSG
C.a.
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vom 9. August 2021 (act. G 1.2) sowie ein Kurzbericht von Dr. med. M._ über eine
notfallmässige Konsultation wegen Schmerzen in der rechten Fusssohle und in der
linken Wade (act. G 1.3).
In der Beschwerdeantwort vom 28. Oktober 2021 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Begründet wurde dies
insbesondere damit, dass auf das polydisziplinäre Gutachten der estimed AG
abgestellt werden könne, denn es handle sich um ein alle Gesundheitsprobleme
abdeckendes Gutachten. Die Gutachter hätten die früheren medizinischen Berichte
und Diagnosen gesichtet und sich fallbezogen zu den Standardindikatoren geäussert.
Die Einschätzungen der Sachverständigen seien umfassend und überzeugend. Das
Gutachten entspreche im Wesentlichen den geltenden versicherungsmedizinischen
Kriterien. Die Rügen der Behandler seien sehr oberflächlich gehalten und ihre
abweichenden Arbeitsfähigkeitseinschätzungen seien zu wenig konkret. Die
gutachterlich erhobene Einschränkung der Leistungsfähigkeit (um 20 %) sei begründet
durch die im neuropsychologischen Fachgebiet festgestellten leichten Störungen im
Rahmen der schubförmigen MS und des dadurch bedingten erhöhten Pausenbedarfs.
Darüber hinausgehende Gesundheitsschädigungen hätten weder auf somatischem
noch psychiatrischem Fachgebiet erhoben werden können (act. G 4).
C.b.
Am 15. Dezember 2021 entsprach das Versicherungsgericht dem Gesuch der
Beschwerdeführerin um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von
den Gerichtskosten; act. G 8).
C.c.
Mit Schreiben vom 25. Januar 2022 teilte die Beschwerdeführerin mit, dass sie auf
die Einreichung einer Replik verzichte (act. G 10), worauf der Schriftenwechsel für
abgeschlossen erklärt wurde (act. G 11).
C.d.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
der Beschwerdeführerin.
Da vorliegend ein vor dem 1. Januar 2022 beginnender Rentenanspruch im Streit
liegt, finden die am gleichen Tag in Kraft getretenen Anpassungen im Bundesgesetz
über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) sowie in der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) keine Anwendung (siehe das Kreisschreiben
des Bundesamtes für Sozialversicherungen über Invalidität und Rente in der
Invalidenversicherung, gültig ab 1. Januar 2022, Rz. 9100 ff.). Nachfolgend werden
daher die Bestimmungen in der bis Ende 2021 gültig gewesenen Fassung zitiert.
1.1.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach
Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach
Art. 29 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1; vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG).
1.2.
Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder
längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist
der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens
einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
1.4.
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2.
Zunächst ist die Frage zu klären, ob die medizinische Situation und die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin rechtsgenüglich abgeklärt wurden.
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen, 115 V 134 E. 2).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen, Art. 16 ATSG und
Art. 28a Abs. 1 IVG).
1.5.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine
Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40 % invalid ist.
1.6.
Die Beschwerdegegnerin stützt sich für die Abweisung des Rentenanspruchs im
Wesentlichen auf das polydisziplinäre Gutachten der estimed AG vom 23. Januar 2021
(IV-act. 219), die Stellungnahme der estimed AG vom 17. Juni 2021 zu den Rückfragen
des RAD (IV-act. 248) sowie die darauffolgende Stellungnahme des RAD vom 22. Juni
2021 (IV-act. 249). Die Beschwerdeführerin bestreitet dagegen deren Beweiskraft und
verweist dabei insbesondere auf die abweichenden Einschätzungen der behandelnden
Ärzte (vgl. insbesondere die Berichte von Dr. B._ vom 29. April 2021, IV-act. 234, und
von Dr. L._ vom 20. Mai 2021, IV-act. 243, sowie den Austrittsbericht der Klinik
Valens vom 13. Juni 2020, IV-act. 202-2 ff., 203) sowie auf die derzeitige
Erwerbstätigkeit mit einem Arbeitspensum von zuletzt 50 % (act. G 1).
2.1.
Vorweg ist auf die Argumentation der Beschwerdeführerin einzugehen, es sei
höchstens von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit entsprechend ihrem derzeitigen
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/23
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Arbeitspensum auszugehen, da die derzeitige Arbeitsstelle optimal an ihre Leiden
angepasst und sie auf genügend Erholungszeit angewiesen sei (vgl. act. G 1). Gemäss
den vorliegenden Akten fand die Beschwerdeführerin nach Jahren der Arbeitslosigkeit
ab dem 10. April 2017 eine Anstellung auf Stundenlohnbasis in einem
Produktionsbetrieb (Stundenlohn von Fr. 23.55 inkl. Ferien- und
Feiertagsentschädigung sowie Gratifikationsanteil; IV-act. 149). Im Jahr 2018 erzielte
sie damit ein Einkommen von Fr. 18'818.00 (IK-Auszug, IV-act. 146). Dies entspricht
rund 800 geleisteten Arbeitsstunden bzw. ausgehend von einer Normalarbeitszeit bei
Vollerwerbstätigkeit von 1957 Stunden im Jahr 2018 einem Arbeitspensum von zirka
41 %. Offensichtlich konnte die Beschwerdeführerin ihr Arbeitspensum in den
nachfolgenden Jahren erhöhen, berichtete sie doch bei den gutachterlichen
Untersuchungen von einem derzeitigen 50%igen Arbeitspensum und erwähnte die
Verwertung der in dieser Höhe verbleibenden Arbeitsfähigkeit auch in der Beschwerde
(vgl. bspw. IV-act. 219-254; act. G 1). Da aus den vorliegenden Akten nicht ersichtlich
ist, dass die Versicherte bei einem höheren Arbeitspensum aus gesundheitlichen
Gründen gescheitert wäre, liefert das pensumsmässige Ausmass der realen
Umsetzung der Restarbeitsfähigkeit jedenfalls keinen Beweis dafür, dass mehr als
50 % nicht möglich bzw. zumutbar wären und beim Invalideneinkommen auf das
derzeit erzielte Einkommen abzustellen wäre.
2.3.
Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann zunächst nur relevant sein,
wenn sie Folge einer fachärztlich einwandfrei diagnostizierten
Gesundheitsbeeinträchtigung ist (vgl. Bundesgerichtsentscheid vom 15. Mai 2017,
8C_95/2017, E. 5.4.3; BGE 130 V 396).
2.3.1.
Da bei psychischen Störungen die diagnostische Einordnung allein das objektiv
bestehende tatsächliche Leistungsvermögen nicht festlegt, sind die funktionellen
Folgen der Gesundheitsschädigung qualitativ zu erfassen und quantitativ
einzuschätzen (vgl. BGE 141 V 281 E. 3.1, 143 V 418 E. 4.1.2). Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. BGE 143 V 418 E. 7.1 f.) sind grundsätzlich
(bei Ausnahmen nach dem jeweiligen Beweisbedarf) sämtliche psychischen
Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu
unterziehen. Für die Beurteilung des funktionellen Leistungsvermögens sind – unter
Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von
Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits – gemäss BGE 141 V 281 also in
der Regel diverse Standardindikatoren beachtlich. Diese hat das Bundesgericht wie
2.3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/23
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folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie "funktioneller
Schweregrad" (E. 4.3) mit den Komplexen "Gesundheitsschädigung" (Ausprägung der
diagnoserelevanten Befunde und Symptome; Behandlungs- und Eingliederungserfolg
oder -resistenz; Komorbiditäten [E. 4.3.1]), "Persönlichkeit" (Persönlichkeitsentwicklung
und -struktur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2]) und "sozialer
Kontext" (E. 4.3.3) sowie Kategorie "Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens
[E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen
vergleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und behandlungs- und
eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck (E. 4.4.2).
Ferner kann eine psychiatrische Exploration von der Natur der Sache her nicht
ermessensfrei erfolgen. Sie eröffnet einer psychiatrischen Fachperson – sei sie nun in
therapeutischer oder in begutachtender Funktion – daher praktisch immer einen
gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene medizinisch-psychiatrische
Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind, sofern die Beurteilung des
Experten oder der Expertin die Beweisanforderungen erfüllt (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 5. März 2009, 8C_694/2008, E. 5.1.1).
2.3.3.
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann ein den
Beweisanforderungen grundsätzlich genügendes medizinisches Gutachten (BGE 125 V
351 E. 3a und b) nicht in Frage gestellt werden und Anlass zu weiteren Abklärungen
bieten, wenn und sobald die behandelnden medizinischen Fachpersonen nachher zu
einer unterschiedlichen Beurteilung gelangen oder an vorgängig geäusserten
abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich nur, wenn objektiv
feststellbare Gesichtspunkte vorgebracht werden, die im Rahmen der Begutachtung
unerkannt geblieben waren und die geeignet sind, zu einer anderen Beurteilung zu
führen (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Juli 2008, 9C_830/2007, E. 4.3 mit
Hinweisen).
2.3.4.
Nachfolgend ist die Beweiskraft des polydisziplinären Gutachtens der estimed AG
vom 23. Januar 2021 (IV-act. 219) zu prüfen.
2.4.
Im internistischen Teilgutachten vom 11. Dezember 2020 (IV-act. 219-73 ff.)
berichtete Dr. F._, dass die Beschwerdeführerin anlässlich der Untersuchung als ihr
Hauptproblem wiederkehrende Schmerzen, insbesondere Stirnkopfschmerzen und
Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den linken Arm mit teilweise bestehendem
Taubheitsgefühl bis in alle Finger, angegeben habe. Im Weiteren habe sie brennende
Schmerzen an den Innenseiten beider Oberschenkel sowie genital, gelegentliche,
lumbal betonte Rückenschmerzen, Knieschmerzen bei linksseitiger Arthrose,
2.4.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/23
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wiederkehrende Unterbauchschmerzen nach diversen Bauchoperationen, Gang- und
Sehstörungen beklagt. Zudem bestehe kardiopulmonal eine eingeschränkte
Leistungsfähigkeit bei intensiver körperlicher Belastung (IV-act. 219-79 f.). Die
Beschwerdeführerin erachte sich maximal zu 50 % als arbeitsfähig (IV-act. 279-82). Die
internistische Untersuchung ergab u.a. Klopfschmerzfreiheit aller
Nervenaustrittspunkte, reizlose Narben, regelmässige Herzaktionen ohne vitientypische
Geräusche, ein erhebliches Lipödem glutaeal und im Bereich der Oberschenkel, eine
unauffällige Atmung sowie normale Darmgeräusche (vgl. IV-act. 219-86 f.). Darauf
gestützt erklärte Dr. F._, dass die beklagten multiplen Schmerzen und insbesondere
die als druckschmerzhaft empfundene Palpation von multiplen Körperstellen nicht
nachvollziehbar seien. Er habe auch keine Verschlechterung des
Gesundheitszustandes gegenüber demjenigen von April 2014 erheben können. Dass
der Facharzt aus internistischer Sicht angesichts der erhobenen Befunde keine
Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit stellen konnte und von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit ausging, ist nachvollziehbar und vermag zu überzeugen (vgl. IV-act.
219-89 ff.).
Im neurologischen Teilgutachten vom 12. Januar 2021 (IV-act. 219-96 ff.) erklärte
Prof. I._, dass er angesichts der erhobenen fachspezifischen Befunde hinsichtlich der
Hirnnerven, der Motorik und Reflexe, der Sensibilität, der Koordination, der
Neuropsychologie und des Vegetativums (vgl. IV-act. 219-106 f.) keine Diagnose mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit habe stellen können (vgl. IV-act. 219-108).
Erläuternd führte er aus, dass nach zwei sensiblen MS-Schubereignissen keine
funktionellen Defizite im rechten Arm mehr bestehen würden. Von der
Beschwerdeführerin seien auch keine spezifischen neuropathischen Schmerzen im
Bereich S1 und S2 mehr geltend gemacht worden. Insofern würden Diagnose und
Symptomatik auch in Übereinstimmung mit dem Bericht der Klinik für Neurologie des
KSSG vom 7. Januar 2020 stehen, wo die MS als ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit beurteilt worden sei (IV-act. 219-109). Diese gutachterlichen
Ausführungen und Einschätzungen sind nachvollziehbar und überzeugend und
erscheinen auch im Kontext mit weiteren Arztberichten schlüssig, so dass auch auf die
gutachterliche Arbeitsfähigkeitsschätzung aus neurologischer Sicht von 100 %
abgestellt werden kann.
2.4.2.
Dr. K._ berichtete im orthopädischen Teilgutachten vom 4. November 2020 (IV-
act. 219-115 ff.) über die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten diffusen
Schmerzen im Bereich des gesamten Bewegungsapparates. Diesbezüglich weist er auf
eine Diskrepanz hin. So seien sämtliche durchgeführten Untersuchungsschritte
2.4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/23
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schmerzkommentiert gewesen, das Entkleiden und das Ankleiden vor und nach der
Untersuchung seien dagegen zügig, unbehindert und ohne spontane
Schmerzäusserungen vonstatten gegangen (vgl. IV-act. 219-130 f./-133/-135). Die
Untersuchung habe gezeigt, dass sämtliche Gelenke beider unteren und oberen
Extremitäten seitengleich frei bewegbar gewesen seien. An keinem Gelenk hätten
entzündliche Veränderungen festgestellt werden können. Bei den Kniegelenken habe
es keine nennenswerten Auffälligkeiten gegeben. Motorische und sensible Störungen
hätten keine gefunden werden können. Die Wirbelsäule sei in allen Ebenen sehr gut
bewegbar gewesen (IV-act. 219-131). Die mitgebrachten Röntgenbilder des linken
Knies vom 28. Februar 2020 und des rechten Knies vom 7. April 2017 würden leichte
degenerative Veränderungen mit kleinen randständigen Osteophyten, ansonsten
jedoch keine wesentlichen Auffälligkeiten zeigen (IV-act. 219-132). Angesichts dieser
erhobenen Befunde ist es nachvollziehbar, dass aus orthopädischer Sicht einzig die
Diagnose Pangonarthrose beidseits, ohne funktionelle Einschränkung (ICD-10: M17.4;
IV-act. 219-133), gestellt wurde. Dass diese Diagnose keine Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit hat, überzeugt ebenso.
Im chirurgischen Teilgutachten vom 17. November 2020 (IV-act. 219-142 ff.)
berichtete Dr. G._ darüber, dass für die Beschwerdeführerin insbesondere die
Ermüdung der Beine und die ziehenden Schmerzen im Arm problematisch seien.
Ausserdem habe sie beklagt, dass im Verlauf der Arbeit zunehmend
Spannungsschmerzen und Schmerzen im Bereich der Füsse aufträten und es zur
Ermüdung komme (IV-act. 219-148 f.). Die Untersuchung ergab aus chirurgischer Sicht
insbesondere eine reizlose Narbe nach medianer Laparotomie mit Druckschmerz
suprasymphysär und epigastrisch sowie ein massiv adipöses Abdomen, weich und
ohne fokussierten Druckschmerz. Die Sonographie des Abdomens, der Leisten
beidseits und der Bauchdecke habe unauffällige innere Organe gezeigt (IV-act.
219-152). Die im Bereich der Bauchwand nachweisbar fixierte Narbenhernie habe
einen auslösbaren Druckschmerz in der Tiefe gezeigt, sei jedoch als medizinisch nicht
mehr gefährlich einzustufen (IV-act. 219-152/-154). Gestützt auf die erhobenen
Befunde ging Dr. G._ aus chirurgischer Sicht hinsichtlich der angestammten Tätigkeit
als Produktionsmitarbeiterin von einer vollzeitlichen Arbeitsfähigkeit aus. Als
Einschränkung nannte er das Heben und Tragen von Lasten über 10 kg (IV-act.
219-157). Auch die Einschätzungen von Dr. G._ erscheinen angesichts der
erhobenen Befunde nachvollziehbar und schlüssig, weshalb darauf abzustellen ist.
2.4.4.
Die Gynäkologin Dr. H._ berichtete in ihrem Teilgutachten vom 24. November
2020 (IV-act. 219-161 ff.) über eine unauffällige Untersuchung. Auf gynäkologischem
2.4.5.
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Fachgebiet stellte sie keine Diagnosen mit Auswirkungen (IV-act. 219-186). Aus
gynäkologischer Sicht bestehe in der angestammten Tätigkeit eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit. Wichtig bei der Arbeit seien Wechselpositionen sowie nur langsames
Arbeiten mit idealerweise längeren Pausen (IV-act. 219-189 f.). In den Akten fehlen
konkrete Hinweise, die diese nachvollziehbare gutachterliche Einschätzung in Frage zu
stellen vermöchten.
Im neuropsychologischen Teilgutachten vom 18. Dezember 2020 (IV-act.
219-194 ff.) berichtete die Fachpsychologin J._, dass die Beschwerdeführerin keine
Probleme während der Arbeit geltend gemacht habe. So gebe es bei der Arbeit keine
Schwierigkeiten mit der Konzentration, manchmal jedoch mit dem Gedächtnis, so dass
sie nachfragen müsse. Bei Arbeitsschluss sei sie erschöpft (IV-act. 219-210). Im
Weiteren führte die Gutachterin aus, dass die persönliche Untersuchung sowie die
Testresultate eine leichte neuropsychologische Störung ergeben hätten. Die
Hauptschwierigkeiten lägen in Einbussen der Aufmerksamkeits- und
Exekutivfunktionen. Die Tests hätten eine deutliche Beeinträchtigung der kognitiven
Flexibilität gezeigt. Die festgestellten Ausfallmuster mit Einbussen in der
Aufmerksamkeitsaktivierung, Daueraufmerksamkeit und Flexibilität seien ätiologisch
der MS mit inaktiven multiplen entzündlichen Herden supra- und infratentoriell
zuzuordnen. Die Einbussen in der Daueraufmerksamkeit und die verminderte
Aktivierung seien überwiegend wahrscheinlich Ausdruck der Fatigue, welche in
Abhängigkeit von der Ausprägung ein einschränkendes Symptom im Alltag sei und mit
einer verminderten Funktionsfähigkeit in den körperlichen und sozialen Aktivitäten
sowie in der Bewältigung des alltäglichen Lebens einhergehe. Auch die Einbussen in
der kognitiven Flexibilität würden einen alltagsrelevanten Faktor darstellen. Diese
Einbussen würden überwiegend wahrscheinlich vorwiegend unter neuen und
komplexen Anforderungen zum Ausdruck kommen. Die Gutachterin stellte die
Diagnose leichte neuropsychologische Störung im Rahmen der schubförmigen MS mit
Einbussen in den Aufmerksamkeitsleistungen und der kognitiven Flexibilität (ICD-10:
F07.8). Im Weiteren führte sie aus, dass sich gegenüber der Voruntersuchung vom
17. Dezember 2019 die Leistungsfähigkeit verbessert habe. Dazu beigetragen habe das
neurokognitive Training in der Klinik Valens vom 11. Mai bis 13. Juni 2020 (IV-act.
219-214 ff.). Aus neuropsychologischer Sicht sei derzeit von einer 80%igen
Arbeitsfähigkeit (normales Arbeitspensum mit Einschränkung der Leistungsfähigkeit um
20 % infolge eines erhöhten Pausenmanagements) auszugehen (IV-act. 219-220). Die
Fachpsychologin hat mit diesen Ausführungen insgesamt nachvollziehbar und
schlüssig dargelegt, welche arbeitsrelevanten Beeinträchtigungen vorliegen und
2.4.6.
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inwiefern sich diese auf die Arbeitsfähigkeit auswirken. Die Reduktion der
Leistungsfähigkeit um 20 % dürfte bezogen auf die derzeitige Tätigkeit als
Produktionsmitarbeiterin ausreichend sein, zumindest dann, wenn die
Beschwerdeführerin die Möglichkeit für eine längere Mittagspause hat, so dass
ausreichend Zeit zur Erholung vorhanden ist. Es kann daher auf die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitseinschätzung aus neuropsychologischer Sicht von 80 % abgestellt
werden.
Im psychiatrischen Teilgutachten vom 12. Dezember 2020 (IV-act. 219-224 ff.)
berichtete Gutachter med. pract. N._ darüber, dass während der Untersuchung keine
erheblichen Auffälligkeiten hinsichtlich Orientierung, Ich-Bewusstsein, Aufmerksamkeit,
Gedächtnis, Wahrnehmung, Affektivität, Persönlichkeit, Zwängen und Phobien, Wille
und Antrieb, Realitätsorientierung sowie Motivation hätten erhoben werden können.
Lediglich der formale Gedankengang habe zum Teil etwas sprunghaft und ausufernd
gewirkt. Die Konzentration der Beschwerdeführerin habe im Verlauf der Untersuchung
unmerklich nachgelassen. Sie sei zum Teil etwas abgelenkt und auch leichter
ablenkbar gewesen (IV-act. 219-258 ff.). Im Weiteren wird ausgeführt, dass das
Ergebnis der testpsychiatrischen Untersuchung mit der Hamilton Depressionsskala
(HAMD17) gegen das Bestehen einer depressiven Störung spreche. Sollte eine solche
Störung vorbestehend bestanden haben, so sei diese als remittiert zu bezeichnen (vgl.
IV-act. 219-261). Gestützt auf die erhobenen Befunde stellte med. pract. N._ aus
psychiatrischer Sicht mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit allein die Diagnose
sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer
Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (leichte
neuropsychologische Störung; ICD-10: F07.08). Erläuternd führte er dazu aus, dass die
von der Beschwerdeführerin beklagte Schmerzsymptomatik nicht den
Diagnosekriterien etwa der ständigen Beschäftigung mit einem dauernd vorhandenen
quälenden Schmerz entspreche. Auch liege kein Zusammenhang mit einem
(unbewussten) intrapsychischen Konflikt vor (IV-act. 219-262). Hinsichtlich der
versicherungsrechtlichen Würdigung der erhobenen Befunde wies med. pract. N._
darauf hin, dass psychosoziale und versicherungspsychiatrisch nicht zu
berücksichtigende Faktoren an der Verursachung und insbesondere Aufrechterhaltung
der von der Beschwerdeführerin erlebten Symptome und der Gegebenheiten
massgeblich beteiligt sein dürften. Die von der Beschwerdeführerin angeführte
körperliche Symptomatik könne mit der Diagnose Psychologische Faktoren oder
Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizierten Krankheiten
(Schmerzverarbeitungsstörung, ICD-10: F54) gefasst und beschrieben werden. Im
2.4.7.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/23
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Weiteren führte der Gutachter aus, dass er entgegen den früheren Arztberichten bei der
Untersuchung keine chronisch rezidivierende depressive Phase, keine floride
depressive Symptomatik und auch keine Dysthymie habe feststellen können. Deshalb
habe er die Gegebenheiten mit der Diagnose der rezidivierenden depressiven Störung,
gegenwärtig remittiert, gefasst (IV-act. 219-262 f.). Zu der von Psychiater Dr. B._
angeführten Diagnose der andauernden Persönlichkeitsveränderung infolge der
langjährigen Depression und Schmerzen (vgl. ICD-10: F62.1) erklärte er, dass er diese
Diagnose nach der Untersuchung und Exploration nicht habe nachvollziehen können,
denn es sei unklar, welche Wesens-/Persönlichkeitsveränderung vorliegen solle. Eine
Diagnose aus dem Angst- und Panikdiagnosespektrum habe er – entgegen den
Ausführungen in den Berichten des KSSG – derzeit nicht stellen können. Völlig haltlos
sei die vom behandelnden Psychiater Dr. B._ gestellte Diagnose der
posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F43.1), denn es habe sich kein
entsprechender auslösender Moment nach ICD-10 bei der Beschwerdeführerin
exponieren lassen (IV-act. 219-263 f.). Zur Arbeitsfähigkeit erklärte er, dass aus rein
psychiatrischer Sicht und unter Berücksichtigung der auf neuropsychologischem
Fachgebiet erhobenen Befunde davon auszugehen sei, dass der Versicherten alle
ihrem körperlichen Belastungsprofil angepassten Tätigkeiten mit einer integralen
Reduktion von 20 % zumutbar seien (IV-act. 219-268). Diese Einschätzung sei
spätestens ab Dezember 2019 gültig (IV-act. 219-270).
Zur Kritik des behandelnden Psychiaters Dr. B._ am psychiatrischen
Teilgutachten (vgl. Bericht vom 29. April 2021, IV-act. 234) nahm med. pract. N._ im
Rahmen des Berichtes der estimed AG vom 17. Juni 2021 (IV-act. 248) Stellung. Er
führte zur geltend gemachten Depression infolge Überforderung aus, dass er anlässlich
der psychiatrischen Exploration keine floride depressive Symptomatik habe feststellen
können. Er gehe daher davon aus, dass die Depression – möglicherweise als Folge der
Behandlung – bei der Untersuchung remittiert gewesen sei. Zur erneut geäusserten
Ansicht Dr. B._s, dass von einer Persönlichkeitsveränderung auszugehen sei,
wiederholte er, dass er eine andauernde Persönlichkeitsveränderung nach
Extrembelastung oder nach einem chronischen Schmerzsyndrom nicht habe feststellen
können. So habe er keinerlei, wie auch immer geartete, traumaassoziierte Symptomatik
feststellen können. Auch habe sich keine Chronifizierung, auch nicht im Sinne einer
Dysthymie, bei der Beschwerdeführerin gezeigt (IV-act. 248-2 ff.). Zur Kritik von Dr.
L._ im Bericht vom 20. Mai 2021 (IV-act. 243), dass zu wenig Gewicht auf die
Einschätzungen behandelnder Psychiater und Kliniken – insbesondere der Klinik
Valens, wo die Versicherte vier Wochen zur Rehabilitation gewesen sei – gelegt werde,
2.4.8.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/23
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wird angeführt, dass es sicherlich grosse Unterschiede in der Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit und der Auswirkungen der Symptomatik daraus zwischen den
Behandlern und den Gutachtern gebe. Dies beruhe für gewöhnlich darauf, dass bei den
Behandlern im grösseren Ausmass persönliche und psychosoziale Umstände
berücksichtigt würden, welche von den Gutachtern als invaliditätsfremd eingestuft
werden müssten (IV-act. 248-5).
Die psychiatrische Diagnosestellung des Gutachters beruht vorrangig auf der
zum Untersuchungszeitpunkt vorgefundenen Lage. Die Würdigung der Befunde, die
Diagnosestellung wie auch die Arbeitsfähigkeitseinschätzung sind – wie in Erwägung
2.3.3 ausgeführt – nie ermessensfrei. Trotzdem räumt die bundesgerichtliche
Rechtsprechung Gutachten einen Vorrang gegenüber anderen ärztlichen Berichten ein,
zumindest solange als nicht objektiv feststellbare Gesichtspunkte vorliegen, die im
Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben waren und die geeignet sind, zu einer
anderen Beurteilung zu führen (vgl. Erwägung 2.3.4). Solche konkreten Fehler sind im
psychiatrischen Teilgutachten nicht ersichtlich. Bereits bei der früheren
polydisziplinären Begutachtung (vgl. Gutachten vom 6. November 2013, IV-act. 79)
wurden der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin und die resultierenden
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit von den Gutachtern im Vergleich zu den
behandelnden Ärzten als weniger schwerwiegend eingestuft. Die aktuelle
gutachterliche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit (80 %) entspricht in etwa der früheren
gutachterlichen Einschätzung (75 %). Aus der Aktenlage ergibt sich nicht, dass sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit der ersten Begutachtung wesentlich
verändert – insbesondere anhaltend verschlechtert – hätte. Die Würdigung des
Sachverhalts gemäss den bundesgerichtlichen Standardindikatoren (vgl. Erwägung
2.3.2) ergibt ein stimmiges Bild passend zur gutachterlichen
Arbeitsfähigkeitsschätzung. So konnte die Beschwerdeführerin denn auch ihr
Arbeitspensum in den Jahren vor Erlass der angefochtenen Verfügung sukzessive auf
ein 50%iges Arbeitspensum ausbauen und fand – trotz den beklagten Schmerzen und
Beeinträchtigungen – noch Zeit und Energie für andere Aktivitäten wie die Pflege des
Schrebergartens, die Haushaltsführung und die Enkelkinderbetreuung. Es scheint auch,
dass die Beschwerdeführerin ärztlicherseits gut versorgt wird. Dazu gehören
Kontrolluntersuchungen, verschiedenste aufeinander abgestimmte ambulante
Therapien und bedarfsgerechte stationäre Klinikaufenthalte. Auch verfügt sie über ein
intaktes soziales Netzwerk, welches ihr als Stütze und Ressource dient. Belastend – in
psychischer Hinsicht – dürfte vor allen die schwierige finanzielle Situation der Familie
sei. Trotz allem lebt die Beschwerdeführerin weder zurückgezogen noch vermeidet sie
2.4.9.
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3.
Die Beschwerdeführerin hat keinen Beruf erlernt, so dass sie als Hilfsarbeiterin
einzustufen ist. Es ist ihr deshalb ohne weiteres zumutbar, im Ausmass ihrer
verbliebenen Arbeitsfähigkeit einer Hilfsarbeit nachzugehen. Es muss sich um eine der
Behinderung optimal gerecht werdende Hilfsarbeit handeln, damit die verbleibende
Arbeitsfähigkeit – der allgemeinen Schadenminderungspflicht Rechnung tragend –
bestmöglich verwertet werden kann. Ausgehend von einer 100%igen Arbeitstätigkeit in
der angestammten Tätigkeit als Hilfsarbeiterin (Produktionsmitarbeiterin) im Validenfall
und einer solchen von 80 % im Invalidenfall erübrigen sich die Vornahme eines
konkreten Einkommensvergleichs und insbesondere die Festsetzung eines
Tabellenlohnabzugs, da die Beschwerdeführerin im Vergleich zum Bundesamt für
Statistik ermittelten Tabellenlohn für Hilfsarbeiterinnen (privater Sektor, TA1, Frauen,
den Kontakt zu anderen Personen. Auch ist sie fähig, ein Motorfahrzeug sicher zu
führen. So nutzt sie das Auto regelmässig für kürzere Fahrstrecken beispielweise um
zur Arbeit oder zu Arztterminen zu gelangen (vgl. IV-act.
219-180 ff./-209/-211/-251 f./-255 f.). In Anbetracht des Gesagten ist festzuhalten,
dass die Erkenntnisse aus der Würdigung der Standardindikatoren passend zur
gutachterlichen Arbeitsfähigkeitseinschätzung von 80 % sind.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die gutachterliche Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit von 80 % in Anbetracht der im neuropsychologischen und im
psychiatrischen Gutachten erhobenen Befunde und Diagnosen zu überzeugen vermag.
So berücksichtigten die Gutachter die geklagten Beschwerden und die vorhandenen
medizinischen Akten. Insbesondere erscheint die gegenüber dem behandelnden
Psychiater Dr. B._ abweichende Beurteilung des psychiatrischen Gutachters mit
Blick auf die gutachterlich erhobenen Befunde als nachvollziehbar und überzeugend
(vgl. dazu die ausführliche und zutreffende Stellungnahme des RAD vom 22. Juni 2021,
IV-act. 249). Das Gutachten beinhaltet auch Aussagen zu den nach neuer
Rechtsprechung für sämtliche psychiatrischen Diagnosen erforderlichen Indikatoren
des strukturierten Beweisverfahrens. Diese wurden in ausreichendem Masse im
Gutachten berücksichtigt. Für eine abweichende rechtliche Beurteilung hinsichtlich der
invalidenversicherungsrechtlichen Relevanz der neuropsychologischen und
psychiatrischen Diagnosen und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit bleibt
jedenfalls kein Raum. Somit ist auf das polydisziplinäre Gutachten der estimed AG vom
23. Januar 2021 (IV-act. 219) abzustellen und infolgedessen ist von einer
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Produktionsmitarbeiterin sowie in
anderen leidensangepassten Tätigkeiten von 80 % auszugehen.
2.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/23
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Kompetenzniveau 1; vgl. Anhang 2 der Gesetzesausgabe IVG, hrsg. von der
Informationsstelle AHV/IV) unterdurchschnittlich verdiente und selbst bei Gewährung
eines vorliegend maximal zu rechtfertigenden 15%igen Tabellenlohnabzugs kein
rentenbegründender Mindestinvaliditätsgrad von 40 % (vgl. Erwägung 1.6) resultierte.
4.