Decision ID: 2eaee703-07b2-453f-904a-da391bdc0660
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 4. Juli 2022 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck-
Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 24. Juni 2022 in Italien illegal in
das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist war (Akten der Vorinstanz
[SEM-act.] 1 ff.).
Ein zuvor in der Türkei beantragtes humanitäres Visum war von der
Schweizerischen Botschaft in Istanbul am 17. Dezember 2021 verweigert
worden (SEM-act. 1; Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-
act.] 1, Beilagen 6-8).
B.
Am 15. Juli 2022 gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit einer Überstellung nach Italien. Er führte aus, von Afghanistan
über Pakistan und Iran in die Türkei gereist und von dort in einem LKW
nach Griechenland gebracht worden zu sein. In Griechenland sei er nur
zwei oder drei Stunden verblieben, bevor er in einem Boot nach Italien wei-
tergereist sei. Er habe zu seinem Bruder in die Schweiz kommen wollen,
sei jedoch von der italienischen Polizei gefasst und unter Druck gesetzt
worden, seine Fingerabdrücke abzugeben. Er sei ein oder zwei Tage in
Italien gewesen, habe dort aber kein Asylgesuch gestellt und sei dann mit
Bus und Zug direkt in die Schweiz gekommen. Gegen eine Rückkehr nach
Italien wendete der Beschwerdeführer ein, er habe psychische Probleme,
Albträume und könne kaum schlafen. Ausser seinem in der Schweiz leben-
den Bruder habe er niemanden mehr. Zum medizinischen Sachverhalt be-
fragt, gab der Beschwerdeführer an, er habe in Afghanistan sowie auf der
Reise viele Probleme gehabt, die ihn belasteten. Sein Bruder könne ihn
jeweils trösten, wenn er aufgrund der schlechten Erinnerungen weinen
müsse. Durch den ganzen Stress kriege er graue Haare und verliere an
Sehstärke, könne nicht gut lernen und habe jetzt Gedächtnislücken. Der
Arzt habe ihm empfohlen, mit einem Psychologen zu sprechen; sein Bru-
der habe ihm versprochen, ihn an einen besseren Ort bzw. zu einem Arzt
zu bringen, wo er schneller wieder gesund werde. Das Essen im Bundes-
asylzentrum würde seinem Magen nicht guttun, weshalb er nur Joghurt und
Brot esse. Beim Bruder könne er besser essen (SEM-act. 11).
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C.
Am 18. Juli 2022 ersuchte die Vorinstanz die italienischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 1 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsange-
hörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf in-
ternationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die italie-
nischen Behörden nahmen innerhalb der festgelegten Frist (zwei Monate)
zum Übernahmeersuchen der Vorinstanz keine Stellung (SEM-act. 13, 15).
D.
Mit Verfügung vom 21. Oktober 2022 – eröffnet am 25. Oktober 2022 – trat
die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
nach Italien an und forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz spä-
testens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig
wies die Vorinstanz auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes we-
gen fehlende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton
V._ mit dem Vollzug der Wegweisung (SEM-act. 31).
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 1. November 2022 gelangte der Beschwer-
deführer ans Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die vorinstanz-
liche Verfügung sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch einzutreten.
Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Vorinstanz
anzuweisen, von den zuständigen italienischen Behörden Zusicherungen
einzuholen, dass er ab dem Zeitpunkt der Ankunft in Italien umgehend Ob-
dach, Nahrung sowie eine nahtlose, adäquate und regelmässige psycho-
logische Behandlung erhalten werde. Zudem ersuchte der Beschwerdefüh-
rer um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Verzicht auf Erhe-
bung von Verfahrenskosten, insbesondere eines Kostenvorschusses so-
wie Einsetzung des unterzeichneten Rechtsanwalts als amtliche Vertre-
tung) und Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde. Die Aus-
setzung des Wegweisungsvollzugs sei superprovisorisch zu verfügen
(BVGer-act. 1).
F.
Am 2. November 2022 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den
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Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).
G.
Mit Schreiben vom 8. November 2022 teilte die rubrizierte Rechtsvertre-
tung mit, der Beschwerdeführer befinde sich seit dem 3. November 2022
und bis auf weiteres zur stationären Behandlung im Psychiatriezentrum
X._. Der Eingabe beigelegt war eine entsprechende Bestätigung
des PZM vom 7. November 2022 (BVGer-act. 3).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist legiti-
miert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich, wie nachfolgend dargelegt, als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
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Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens ("take charge") sind die in Kapitel
III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) an-
zuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem der Antragstel-
ler erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen
(Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3. Wenn ein Antragsteller, aus einem Drittstaat kommend, die Land-,
See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, ist die-
ser Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des
Antrags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet ge-
mäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2020/45
E. 8.3).
3.4. Vorliegend ergab ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerde-
führers, dass er am 24. Juni 2022 illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-
Mitgliedstaaten eingereist war. Nachdem die italienischen Behörden das
von der Vorinstanz gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO gestellte Ge-
such vom 18. Juli 2022 um Übernahme innert Frist (18. September 2022)
nicht beantwortet haben, ist die Zuständigkeit Italiens grundsätzlich gege-
ben, was auch vom Beschwerdeführer nicht bestritten wird. Die Verpflich-
tung zur Aufnahme geht auch dann an den ersuchten Mitgliedstaat über,
wenn dieser innert Frist nicht geantwortet hat (vgl. Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-
VO).
4.
Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung davon
aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstellen –
keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz Dublin-
III-VO aufweist (vgl. statt vieler Referenzurteile des BVGer D-4235/2021
vom 19. April 2022 E. 10, F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9 und
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). An dieser Rechtsprechung
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ist – entgegen der in der Rechtsmitteleingabe zitierten Einschätzung der
Schweizerischen Flüchtlingshilfe (Berichte vom 10. Juni 2021 und 17. Feb-
ruar 2022) – festzuhalten. Auch die Vorbringen des Beschwerdeführers,
dass ihm bei einer Wegweisung nach Italien aufgrund des zu erwartenden
Unterbruchs seiner Behandlung eine ernsthafte Verschlechterung des Ge-
sundheitszustands und damit eine Verletzung von Art. 3 EMRK und Art. 3
der UN-Antifolterkonvention drohe, vermögen daran nichts zu ändern. Ita-
lien ist sowohl Vertragsstaat der EMRK als auch des Übereinkommens
vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschli-
che oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und
kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach
(vgl. statt vieler Urteil des BVGer F-4537/2022 vom 14. Oktober 2022
E. 6.1). Für eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO besteht daher
kein Anlass.
5.
5.1. Der Beschwerdeführer beruft sich auf Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO und
eine daraus abzuleitende Zuständigkeit der Schweiz.
5.2. Ist ein Antragssteller unter anderem wegen schwerer Krankheit, ernst-
hafter Behinderung oder hohen Alters auf die Unterstützung seines Kindes,
eines seiner Geschwister oder eines Elternteils angewiesen, das/der sich
rechtmässig in einem Mitgliedstaat aufhält, so entscheiden die Mitglied-
staaten in der Regel, die Beteiligten nicht zu trennen beziehungsweise sie
zusammenzuführen, sofern die familiäre Bindung bereits im Herkunftsland
bestanden hat, der nahe Angehörige in der Lage ist, die abhängige Person
zu unterstützen und die Betroffenen diesen Wunsch schriftlich kundgetan
haben. Die Nichtanwendung der Zuständigkeitsbestimmung von Art. 16
Abs. 1 Dublin-III-VO kann im Einzelfall menschenrechtswidrig sein und ei-
nen Ermessensmissbrauch darstellen. Sind die Voraussetzungen von
Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO gegeben und halten sich die betroffenen Per-
sonen in demselben Mitgliedstaat auf, hat sich die entscheidende Behörde
für zuständig zu erklären (vgl. Urteil des BVGer F-280/2021 vom 22. Juli
2021 E. 6 m.w.H.).
5.3. Zur Beurteilung, ob ein rechtlich relevantes Abhängigkeitsverhältnis
besteht, ist auf eine Gesamtwürdigung des konkreten Einzelfalls unter Ein-
bezug der individuellen und soziokulturellen Lebenssituation der betroffe-
nen Personen abzustellen (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum
Europäischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018, Art. 16 N. 8;
FILZWIESER/ SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K3 zu Art. 16; Ur-
teil des BVGer F-445/2019 vom 14. Februar 2019 E. 5.5).
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5.4. Der Beschwerdeführer macht geltend, sein Bruder sei die einzige Be-
zugsperson, welche er noch habe und er sei aufgrund seiner psychischen
Beschwerden und der im Heimatland und auf seiner Flucht erlittenen trau-
matischen Erfahrungen auf dessen Unterstützung angewiesen. In einem
mit der Beschwerde eingereichten persönlichen Bericht des Bruders vom
27. Oktober 2022 (Beilage 9 zu BVGer 1) führt dieser aus, der Beschwer-
deführer könne ohne ihn nicht aus dem Teufelskreis aus Selbstzweifeln,
Ängsten und Unsicherheiten herausfinden; er brauche für alles Zuspruch
und habe auf der Flucht mehrmals erwähnt, lieber sterben zu wollen, als
ohne ihn – seinen Bruder – zu leben (vgl. Beschwerde Rz. 34 [BVGer-
act. 1]).
5.5.
5.5.1. Die familiäre Bindung zwischen dem Beschwerdeführer und seinem
als anerkannter Flüchtling mit einer Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz
lebenden Bruder dürfte (bei einem blutsverwandten Geschwisterteil in der
Regel naturgemäss) bereits im Herkunftsstaat bestanden haben. Der Be-
schwerdeführer brachte sodann im Rahmen des Dublin-Gesprächs und
nun auf Beschwerdeebene den Wunsch vor, beim Bruder zu verbleiben.
Dieser äusserte sich gleichlautend. Damit sind verschiedene Beurteilungs-
determinanten gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO gegeben.
5.5.2. Ein hinreichendes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Be-
schwerdeführer und seinem Bruder ist jedoch im Rahmen einer Gesamt-
betrachtung zu verneinen. Gemäss Arztbericht vom 15. Oktober 2022
(SEM-act. 29) leidet der Beschwerdeführer an einer posttraumatischen Be-
lastungsstörung assoziiert mit Depression, Angst- und Panikattacken nach
physischer und psychischer Gewalt durch die Familie. Zudem habe er in
seiner Kindheit ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten (Status nach Commotio
cerebri). Die initiierte Pharmakotherapie und Psychotherapie habe zu einer
leichten Verbesserung des Zustands geführt, der Beschwerdeführer sei je-
doch vulnerabel und jede zusätzliche psychische Belastung wie eine Rück-
führung nach Italien könne seinen Zustand verschlechtern und das Sui-
zidrisiko erhöhen. Es könne auch zu einer Persönlichkeitsstörung kom-
men. Das Gericht verkennt nicht, dass es sich dabei um erhebliche ge-
sundheitliche Beeinträchtigungen handelt und der Bruder einen stabilisie-
renden Einfluss auf die Lebenssituation des Beschwerdeführers ausübt. In
diesem Zusammenhang ist den Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe
vom 1. November 2022 beizupflichten und in Erinnerung zu rufen, dass
Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO neben Fällen der Abhängigkeit aufgrund einer
schweren Krankheit oder Behinderung, die einen Bedarf an körperlicher
Unterstützung nach sich ziehen, auch in Situationen schwerer psychischer
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Störungen nach Traumata Anwendung finden kann, für die sich die Anwe-
senheit eines nahen Angehörigen quasi als Mittel zur Gewährleistung einer
gewissen psychischen Stabilität und Vermeidung einer schweren Dekom-
pensation auf Dauer als unerlässlich erweist (vgl. Urteil F-280/2021 E. 8.4
m.w.H.). Der behandelnde Arzt empfiehlt, zusätzlich zu Psychotherapie
und Pharmakotherapie die positiven Ressourcen zu aktivieren und dem
Beschwerdeführer die Möglichkeit zu geben, in der Nähe seines Bruders
zu wohnen. Dass der Beschwerdeführer für die Bewältigung der gesund-
heitlichen Beeinträchtigung und seines Alltags auf eine dauerhafte Unter-
stützung des Bruders angewiesen ist, kann so aus den Akten hingegen
nicht geschlossen werden. Nicht zuletzt angesichts der langen Trennung
der Geschwister – der Bruder reiste bereits im Dezember 2015 in die
Schweiz ein – ist davon auszugehen, dass die nötige Behandlung auch
ohne Beistand des Bruders innert absehbarer Zeit zu einer hinreichenden
Verbesserung des Gesundheitszustandes führen wird. Es fehlt damit an
einem eigentlichen Abhängigkeitsverhältnis.
5.6. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers steht einer Überstellung
nach Italien auch Art. 8 EMRK nicht entgegen. Der Familienbegriff gemäss
Art. 8 EMRK erfasst zwar über die Kernfamilie hinausgehend unter gewis-
sen Voraussetzungen auch die Beziehungen zwischen erwachsenen Ge-
schwistern. Nach dem bereits Gesagten fehlt es jedoch an einer Abhängig-
keit des Beschwerdeführers von seinem Bruder, welche über die üblichen
familiären Beziehungen beziehungsweise emotionalen Bindungen hinaus-
geht (vgl. BGE 144 II 1 E. 6.1; 137 I 154 E. 3.4.2; 135 I 143 E. 3.1). Eine
Verletzung des Rechts auf Achtung des Familienlebens nach Art. 8 EMRK
liegt deshalb nicht vor.
6.
6.1. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig ist.
Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der
Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
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6.2. Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe – nebst
den aus seiner Sicht ungenügenden Aufnahmebedingungen in Italien und
dem behaupteten Abhängigkeitsverhältnis zum Bruder – im Wesentlichen
geltend, die Vorinstanz habe vor dem Hintergrund seiner gesundheitlichen
Situation dem Verhältnismässigkeitsprinzip nicht genügend Rechnung ge-
tragen; das Interesse an einer restriktiven Einwanderungspolitik vermöge
vorliegend sein privates Interesse am Verbleib in der Schweiz nicht zu
überwiegen. Die Vorinstanz habe ihr Ermessen unterschritten, sie hätte
von ihrem Selbsteintrittsrecht Gebrauch machen müssen. Die Sache sei
eventualiter an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese insbesondere
seinen Gesundheitszustand weiter abkläre; ansonsten sei die Vorinstanz
zumindest anzuweisen, von den italienischen Behörden individuelle Zusi-
cherungen hinsichtlich seiner dortigen Unterbringung und medizinischen
Behandlung einzuholen.
6.3. Der gesundheitliche Zustand einer asylsuchenden Person kann, ge-
mäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO, der Dublin-Überstellung in den zustän-
digen Mitgliedstaat entgegenstehen, wenn diese eine Verletzung von Art. 3
EMRK zur Folge hätte. Das ist nur ganz ausnahmsweise der Fall. Von einer
Verletzung geht die Rechtsprechung etwa dann aus, wenn sich die asylsu-
chende Person in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitssta-
dium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem
sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung er-
warten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Pra-
xis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine
weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft schwerkranke Perso-
nen, die durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer
Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, ei-
ner ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Ge-
sundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder
einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse
Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
6.4. Im Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 statuierte das
Bundesverwaltungsgericht aufgrund des am 5. Oktober 2018 in Kraft ge-
tretenen Gesetzesdekrets Nr. 113/2018 (Salvini-Dekret) strengere Krite-
rien für die Dublin-Überstellungen von schwer erkrankten Asylsuchenden,
die sofort nach der Ankunft in Italien auf lückenlose medizinische Versor-
gung angewiesen sind. Es verpflichtete die Vorinstanz, individuelle Zusi-
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cherungen betreffend die Gewährleistung der nötigen medizinischen Ver-
sorgung und Unterbringung bei den italienischen Behörden einzuholen
(Referenzurteil E-962/2019 E. 7.4.3).
6.5. In den Referenzurteilen D-4235/2021 vom 19. April 2022 und
F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 analysierte das Bundesverwaltungs-
gericht die Unterbringungs- und Versorgungssituation von Asylsuchenden,
insbesondere von vulnerablen Personen und Alleinerziehenden mit min-
derjährigen Kindern, die im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien
überstellt wurden. Das Gericht kam zum Schluss, seit dem Referenzurteil
E-962/2019 habe die Rechts- und Sachlage in Italien wesentliche Ände-
rungen erfahren. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzesdekretes Nr. 130/2020
am 20. Dezember 2020 sei das Zweitaufnahmesystem, welches neu Auf-
nahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazi-
one) heisse, wieder allen Asylsuchenden zugänglich gemacht worden. Fa-
milien und vulnerable Personen, darunter auch Personen mit Behinderun-
gen oder schweren physischen oder psychischen Erkrankungen, würden
bei der Überstellung in eine SAI-Unterkunft Vorrang geniessen. Das Ange-
bot der Dienstleistungen für die Asylsuchenden im SAI sei wieder ausge-
baut und auch auf die Bedürfnisse schutzbedürftiger Personen ausgerich-
tet worden. Selbst wenn sie vorübergehend in Erstaufnahmeeinrichtungen
untergebracht würden, könnten sie die notwendigen Dienstleistungen, ins-
besondere medizinische und psychologische Betreuung, in Anspruch neh-
men (Referenzurteile D-4235/2021 E. 10.4.3; F-6330/2020 E. 10 und
E. 11.2; ebenso: Urteil des EGMR M.T. gegen die Niederlande vom
23. März 2021, Nr. 46595/19, Ziff. 58–62). Asylsuchende, die noch keinen
Asylantrag in Italien gestellt haben (sog. «take charge»-Fälle bzw. Aufnah-
meverfahren, Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO) und daher vor ihrer Aus-
reise nicht in einem Erst- oder Zweitaufnahmezentrum in Italien unterge-
bracht worden seien, hätten daher grundsätzlich ab ihrer Ankunft in Italien
Zugang zu den notwendigen Dienstleistungen. In einem solchen Fall (d.h.
«take charge») sei es daher nicht mehr erforderlich, vor der Überstellung
von Asylsuchenden, die unter schwerwiegenden medizinischen (physi-
schen oder psychischen) Problemen litten, von den italienischen Behörden
individuelle Zusicherungen einzuholen. Anders verhalte es sich bei Asylsu-
chenden, die in Italien bereits ein Asylgesuch gestellt hätten oder deren
Asylgesuch abgelehnt worden sei (sog. «take back»-Fälle bzw. Wiederauf-
nahmeverfahren, Art. 18 Bst. b–d Dublin-III-VO). Solche Fälle müssten
(auch künftig) einzeln geprüft werden, denn es könne nach wie vor vorkom-
men, dass Asylsuchenden mit ernsthaften medizinischen Problemen nach
der Überstellung nach Italien die Unterbringung im Erst- und Zweitaufnah-
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mesystem verweigert werde. Dies hätte auch zur Folge, dass sie keine so-
fortige medizinische Versorgung, die über die Notfallversorgung hinaus-
gehe, erhielten. In dieser Konstellation sei daher am Referenzurteil
E-962/2019 festzuhalten, wonach vor der Überstellung schwer kranker
Personen nach Italien Zusicherungen von den italienischen Behörden be-
treffend sofortigen Zugang zu einer angemessenen medizinischen Versor-
gung und Unterbringung einzuholen seien (Referenzurteil D-4235/2021
E. 10.4.3.3 und E. 10.4.4; Urteile des BVGer F-4471/2021 vom 4. Mai 2022
E. 6.4 und F-2431/2022 vom 14. Juni 2022 E. 11.5).
6.6. Aufgrund der Aktenlage ist erstellt, dass der Beschwerdeführer an psy-
chischen Erkrankungen leidet und auf medizinische Behandlung angewie-
sen ist. Der Beschwerdeführer hat in Italien noch kein Asylgesuch gestellt.
Er befindet sich damit in einer "take charge"-Konstellation im Sinne der
oben dargelegten Rechtsprechung, die unabhängig von seinem Gesund-
heitszustand und entgegen seinen Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe
nicht die Einholung entsprechender Zusicherungen und noch weniger den
Selbsteintritt erfordert. Daher kann offen bleiben, ob es sich bei ihm um
eine vulnerable Person handelt. Es gibt im Übrigen keinen Hinweis darauf,
dass Italien dem Beschwerdeführer die notwendige medizinische Hilfe ver-
weigern könnte. Zudem würde er gegebenenfalls als vulnerable Person
Vorrang bei der Überstellung von einem Erst- in ein Zweitaufnahmezent-
rum SAI geniessen. Im SAI sind die Dienstleistungen auf schutzbedürftige
Personen ausgerichtet und beinhalten insbesondere soziale und psycho-
logische Betreuung sowie eine Gesundheitsversorgung. Selbst bei einer
vorübergehenden Unterbringung im Erstaufnahmezentrum stehen ihnen
die notwendigen Dienstleistungen zur Verfügung. Ferner ist Italien ver-
pflichtet, den Antragstellenden die erforderliche medizinische Versorgung,
die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behand-
lung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu-
gänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie). Antragstellenden
mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sons-
tige Hilfe, einschliesslich psychologischer Betreuung, zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). In dieser Situation kann der Vorinstanz auch
nicht vorgehalten werden, dass sie den psychischen Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers nicht näher abgeklärt hat. Sie war dazu mangels
rechtlicher Relevanz des Sachverhaltes nicht verpflichtet. Denn wie ernst-
haft die psychische Erkrankung des Beschwerdeführers ist und welche Be-
handlung notwendig wäre, ist nach dem eben Gesagten nicht erheblich
(vgl. auch Urteil des BVGer F-2876/2002 vom 7. Juli 2022 E. 6.5). Eine
Rückweisung der Sache, wie vom Beschwerdeführer eventualiter bean-
tragt, ist daher ebenfalls nicht geboten.
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6.7. Die geltend gemachten Beschwerden stehen damit einer Überstellung
nach Italien nicht entgegen und könnten höchstens die Reisefähigkeit tan-
gieren. Diese ist nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts im Zeitpunkt der tatsächlichen Überstellung abzuklären (vgl. Ur-
teile des BVGer D-4160/2022 vom 28. September 2022 E. 7.4.2; F-
4005/2022 vom 14. September 2022 E. 7.3.2; F-3384/2022 vom 8. August
2022 E. 7.4). Aus dem mit Eingabe vom 8. November 2022 vorgebrachten
Verweis auf das Urteil F-4019/2022 vom 1. November 2022 kann der Be-
schwerdeführer bereits mangels vergleichbarer Sachverhaltskonstellation
nichts zu seinen Gunsten ableiten. Nach der Rechtsprechung des Bundes-
gerichts und des Bundesverwaltungsgerichts stellt zudem auch eine allfäl-
lige Suizidalität kein Vollzugshindernis dar (vgl. Urteil des BGer
2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015 E. 3.2.1; Urteil des BVGer
E-1770/2021 vom 29. April 2021 E. 10.1). Ihr ist – wie die Vorinstanz zu-
treffend festhält – praxisgemäss auch im Rahmen des Wegweisungsvoll-
zugs Rechnung zu tragen (vgl. Urteile des BVGer F-1518/2022 vom 5. Mai
2022 E. 7.8 m.w.H.; Urteil des EGMR A.S. gegen die Schweiz vom
30. September 2015, 39350/13, § 34). Die Vorinstanz ist gehalten, die ita-
lienischen Behörden vor der Überstellung des Beschwerdeführers über
seinen Gesundheitszustand und allfällige notwendige Behandlungen zu in-
formieren (vgl. Art. 31 und 32 Dublin-III-VO).
6.8. Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 vor. Weder ist die Schweiz verpflichtet, auf das Asylgesuch einzu-
treten, noch sind Rechtsfehler bei der Ermessensbetätigung ersichtlich.
Die Vorinstanz ist daher zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers nicht eingetreten und die Überstellung nach Italien angeordnet.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil in der Sache wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung gegenstandslos. Der angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin.
8.
8.1. Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb die Gesuche
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Bestellung einer
amtlichen Rechtsverbeiständung ungeachtet einer allfälligen prozessualen
Bedürftigkeit abzuweisen sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG und Art. 102m AsylG).
8.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
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Fr. 750.- festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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