Decision ID: 3b0c7670-f830-5aca-8923-21042d890ec5
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 13. Dezember 2015 im damaligen
Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl nach. Dort
wurde er am 30. Dezember 2015 im Rahmen der Befragung zur Person
(BzP) zu seinen Personalien, zu seinem Reiseweg und summarisch zu sei-
nen Fluchtgründen befragt. Am 28. September 2017 wurde er zu den Asyl-
gründen vertieft angehört.
A.b Anlässlich der BzP und der Anhörung gab er an, er sei afghanischer
Staatsangehöriger von der Ethnie der Hazara und stamme aus C._
(Distrikt D._, Provinz D._). Er sei als Kleinkind mit seiner
Familie in den Iran gezogen, wo sie Aufenthaltsbewilligungen gehabt hät-
ten und er während elf Jahren die Schule besucht habe. Als sich die Lage
in Afghanistan etwas stabilisiert habe, seien sie im Jahr (...) wieder in ihre
Heimat zurückgekehrt und hätten fortan in E._ (andere Schrei-
weise: F._; Distrikt D._) gelebt. In Afghanistan habe er das
12. Schuljahr besucht und die Matura gemacht. Anschliessend habe er
zwei Jahre lang einen Kurs für (...) besucht und während rund zehn Jahren
als (...) und (...) gearbeitet. Zunächst sei er beim (...) angestellt gewesen,
später habe er wegen des schlechten Lohnes die Stelle aufgegeben und
ein eigenes (...) eröffnet. Im Jahr (...) habe er geheiratet. Seine Ehefrau
wohne nach wie vor mit der am (...) geborenen gemeinsamen Tochter in
E._.
In der BzP machte er geltend, seine Heimat verlassen zu haben, weil die
Provinz von Paschtunen, von den Taliban und dem "Islamischen Staat" um-
geben sei. Als Schiite sei er für die Taliban "vogelfrei" gewesen bezie-
hungsweise er habe sich zwischen den Ortschaften kaum bewegen kön-
nen. Wenn er aufgrund seines Berufs als (...) von Stadt zu Stadt gereist
sei oder seine rund 20 Minuten entfernt wohnenden Schwiegereltern be-
sucht habe, sei er regelmässig aus dem Auto geholt und bedroht worden.
Einmal, auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwägerin, hätten die Taliban
seine ganze Ausrüstung zerstört. Dies sei aber nicht das einzige Mal ge-
wesen, dass er Probleme gehabt habe.
In der Anhörung vom 28. September 2017 verwies er auf die allgemein
schwierige Lage der Hazara in Afghanistan und brachte weiter vor, er habe
unter anderem für Behörden wie die Nationale Sicherheit der Provinz
D-6677/2018
Seite 3
D._ (...) und (...) von Feierlichkeiten und Sportveranstaltungen ge-
macht. Vor seiner Heirat habe er etwa zehnmal die Taliban heimlich gefilmt,
wobei er getan habe, als ob er historische Objekte aufnehmen würde. Ein-
mal habe er vom Dach des Hauses seiner Schwiegereltern in G._
(ebenfalls Distrikt D._) Taliban-Angehörige auf Motorrädern gefilmt.
Die Taliban hätten dies bemerkt, seien zum Haus gekommen und hätten
ihn geohrfeigt sowie mit einem Gewehrkolben in seinen Bauch geschlagen.
Er habe ihnen die Aufnahmen zeigen müssen, woraufhin sie seine Kamera
mit dem Hinweis, Filmen sei in einem islamischen Staat absolut verboten,
zerstört hätten. Zudem hätten die Taliban seinen paschtunischen Schwie-
gervater damit konfrontiert, dass er (der Beschwerdeführer) Hazara sei,
und die Moscheen mittels Briefen darauf aufmerksam gemacht, dass das
Filmen untersagt sei; sein Imam habe ihn deswegen mehrmals angespro-
chen. Nach seiner Heirat habe er keine Taliban mehr gefilmt; er habe nur
noch Feierlichkeiten aufgenommen und Fotos von Personen gemacht. Im
Juni 2015 habe ihn ein Unbekannter angerufen, der sich als Taliban zu er-
kennen gegeben und ihm vorgeworfen habe, auch Feiern von Frauen auf-
zunehmen; ausserdem habe er ihn aufgefordert, den Taliban Informationen
und Aufnahmen über Personen der Nationalen Sicherheit auszuhändigen.
Er habe den Anrufer jedoch nicht ernst genommen, aber rund einen Monat
später einen zweiten Anruf erhalten. Dabei sei er gewarnt beziehungs-
weise bedroht und erneut aufgefordert worden, die verlangten Unterlagen
zu liefern. Zehn oder fünfzehn Tage später habe er einen Brief der Taliban
erhalten. Darin sei ihm und seiner Familie Gefahr angedroht worden, falls
er die geforderten Informationen weiterhin nicht liefere. Nach Erhalt des
Briefes habe er das Haus nicht mehr verlassen und sich stattdessen zur
Ausreise entschlossen. Er habe das dafür nötige Geld organisiert und die
Geburt seiner Tochter abgewartet, und sei dann unter Umgehung der
Grenzkontrollen via Iran, Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach
Deutschland und schliesslich am 11. Dezember 2015 in die Schweiz ge-
reist.
A.c Mit Schreiben vom 13. August 2018 informierte die damalige Rechts-
vertreterin des Beschwerdeführers das SEM über die neusten Entwicklun-
gen in der Heimatregion ihres Mandanten: Vor dem Taliban-Angriff auf
D._ am 5. August 2018 seien Angehörige des afghanischen Ge-
heimdienstes zur Familie des Beschwerdeführers gekommen, hätten das
Haus durchsucht, Computer, Festplatten und USB-Sticks mitgenommen
und seinen Bruder eine Nacht lang verhört; dem Bruder hätten sie überdies
verboten, Afghanistan zu verlassen. Der afghanische Geheimdienst be-
fürchte, er – der Beschwerdeführer – habe Informationen an die Taliban
D-6677/2018
Seite 4
weitergegeben; seit seiner Flucht seien nämlich mehrere Geheimdienst-
mitarbeiter getötet worden, wofür man ihm die Schuld gebe. Gleichzeitig
ersuchte die damalige Rechtsvertreterin um einen baldigen Asylentscheid.
A.d Im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerde-
führer nebst verschiedener Identitäts- und Reisepapiere (unter anderem
ein afghanischer Pass, eine Tazkira samt Briefumschlag und ein Schulab-
schlusszeugnis) ein Referenzschreiben und ein Zertifikat des (...), zwei Ar-
beits- beziehungsweise (...)ausweise, einen Drohbrief der Taliban, zwei
Referenzschreiben des (...), eine Urkunde betreffend Teilnahme an einem
Sportturnier, eine Bewilligung zur Arbeit als "(...)" sowie eine Bestätigung
für die Teilnahme an einem Workshop in der Schweiz zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 24. Oktober 2018 – eröffnet am 25. Oktober 2018 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung an.
Gleichzeitig erachtete es den Vollzug der Wegweisung zurzeit als nicht zu-
mutbar und ordnete die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der
Schweiz an.
C.
C.a Der Beschwerdeführer erhob durch seine Rechtsvertreterin mit Ein-
gabe vom 23. November 2018 beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde. Er beantragte die Aufhebung der Ziffern 1–3 der SEM-Verfü-
gung vom 24. Oktober 2018, die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft
und die Gewährung des Asyls, eventualiter die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung und die Rückweisung zwecks vollständiger Erhebung des
Sachverhalts in Bezug auf die Frage der Flüchtlingseigenschaft und der
Gewährung des Asyls sowie zwecks Neubeurteilung an die Vorinstanz. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
um Beiordnung der Unterzeichnenden als unentgeltliche Rechtsbeiständin
ersucht.
C.b Am 26. November 2018 liess der Beschwerdeführer eine Fürsorgeab-
hängigkeitsbestätigung einreichen.
D.
D-6677/2018
Seite 5
Die Instruktionsrichterin stellte mit Verfügung vom 29. November 2018 fest,
der Beschwerdeführer dürfe – ungeachtet der von der Vorinstanz verfügten
vorläufigen Aufnahme – den Abschluss des Verfahrens gestützt auf Art. 42
AsylG (SR 142.31) in der Schweiz abwarten. Sodann wurden die Gesuche
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 VwVG)
sowie um Beiordnung von MLaw Vanessa Koenig als unentgeltliche
Rechtsbeiständin (Art. 110a Abs. 1 und 3 AsylG) gutgeheissen und es
wurde auf die Erhebung eines Kostenvorschusses (Art. 63 Abs. 4 VwVG)
verzichtet.
E.
Am 14. Dezember 2018 liess der Beschwerdeführer durch seine Rechts-
vertreterin eine Beschwerdeergänzung einreichen. Die beigelegten fünf
Bilder sollen die von ihm geltend gemachte Tätigkeit als (...) und (...) sowie
insbesondere seine Zusammenarbeit mit den afghanischen Militärbehör-
den belegen.
F.
F.a Das Bundesverwaltungsgericht übermittelte die Akten am 12. Februar
2020 an das SEM und lud dieses zur Einreichung einer Vernehmlassung
ein.
F.b Mit Vernehmlassung vom 19. Februar 2020 beantragte das SEM sinn-
gemäss die Abweisung der Beschwerde.
F.c Das Bundesverwaltungsgericht liess dem Beschwerdeführer am
21. Februar 2020 das Doppel der Vernehmlassung zukommen und gab
ihm gleichzeitig Gelegenheit, eine Replik sowie entsprechende Beweismit-
tel einzureichen.
F.d Der Beschwerdeführer nahm durch seine Rechtsvertreterin mit Replik
vom 4. März 2020 Stellung und reichte eine Honorarnote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
D-6677/2018
Seite 6
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VwVG und Art. 6 AsylG).
1.4 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerden legitimiert, weshalb
auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten ist
(Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; vielmehr müssen
D-6677/2018
Seite 7
konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 mit Verweisen).
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangte in ihrer angefochtenen Verfügung zum
Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anfor-
derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG stand.
4.1.1 Das SEM stellte zur Begründung seiner angefochtenen Verfügung
vorab fest, der Beschwerdeführer habe wesentliche Vorbringen ohne zwin-
genden Grund erst im späteren Verlauf des Verfahrens geltend gemacht.
Ausserdem habe er im Verlauf des Verfahrens zu wesentlichen Punkten
unterschiedliche Angaben gemacht.
So habe er in der Anhörung geltend gemacht, die Taliban habe ihn telefo-
nisch und schriftlich aufgefordert, Informationen über Angehörige der Nati-
onalen Sicherheit zu liefern. Diese Schwierigkeiten mit den Taliban habe er
in der BzP noch mit keinem Wort erwähnt, obwohl die Drohanrufe und der
anschliessende Drohbrief angeblich der Grund für seine Ausreise gewesen
seien. Er habe sich damals lediglich auf die allgemein schlechte Sicher-
heitslage in seiner Region bezogen und angegeben, dass er als Schiite für
die Taliban "vogelfrei" gewesen sei, sich nicht frei zwischen den Orten habe
bewegen können und beispielsweise auf dem Weg zu seinen Schwieger-
eltern mehrmals aus dem Auto geholt und bedroht worden sei. Diese Dis-
krepanz lasse sich auch nicht mit den Vorbringen des Beschwerdeführers,
bei der ersten Befragung habe man ihm nicht Gelegenheit gegeben, alles
D-6677/2018
Seite 8
ausführlich zu erzählen, und er sei aufgefordert worden, nur kurze Antwor-
ten zu geben, erklären. In der BzP sei er nämlich anschliessend an seinen
freien Bericht zu den Gesuchsgründen explizit gefragt worden, ob er nun
alle Gründe für sein Asylgesuch genannt habe, woraufhin er lediglich er-
gänzt habe, dass die Taliban seine ganze Ausrüstung zerstört hätten, als
er auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwägerin gewesen sei. Auf die
Frage nach weiteren Gründen, die gegen eine Rückkehr in seinen Heimat-
staat sprechen könnten, habe er geantwortet, es gebe keine, man habe
immer das Gefühl, das Leben sei in Gefahr. Spätestens an dieser Stelle
wäre es für den Beschwerdeführer ein Leichtes gewesen, die konkreten
Beziehungen zu den Taliban zu erwähnen.
Zudem habe der Beschwerdeführer in der Anhörung vorgebracht, er sei auf
dem Dach seines Schwiegervaters beim heimlichen Filmen der Taliban von
diesen erwischt worden, woraufhin er geschlagen und seine Kamera zer-
stört worden sei. In der BzP habe er dagegen lediglich erwähnt, dass die
Taliban seine Ausrüstung zerstört hätten, als er auf dem Weg zur Hochzeit
seiner Schwägerin gewesen sei. Auf diese Unstimmigkeit angesprochen
habe er den Widerspruch nicht ausräumen können.
Im Weiteren habe der Beschwerdeführer in der BzP ausgeführt, er sei auf
dem Weg zu seinen Schwiegereltern immer wieder aus dem Auto geholt
und bedroht worden. Während der Anhörung habe er hingegen die Frage,
ob es abgesehen vom Vorfall, als seine Kamera zerstört worden sei, wei-
tere Angriffe durch die Taliban oder Dritte gegeben habe beziehungsweise
ob er persönlich als Hazara Übergriffe erlebt habe, verneint.
Die vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel vermöchten an der
Einschätzung, die Vorbringen betreffend die Bedrohung durch die Taliban
seien nicht glaubhaft, nichts zu ändern. Dokumente wie der Drohbrief der
Taliban seien leicht fälschbar oder könnten käuflich erworben werden, wes-
halb diesem kein Beweiswert zukomme. Die Identitätsdokumente, Zeug-
nisse, Referenzschreiben, Urkunden sowie Arbeits- und (...)ausweise
seien lediglich geeignet, seine Angaben bezüglich seiner Identität und be-
ruflichen Tätigkeit zu stützen, würden aber keine Auskunft über eine kon-
krete Drohung geben. Vor diesem Hintergrund könne auch das Vorbringen
im Schreiben der Rechtsvertretung vom 13. August 2018, der afghanische
Geheimdienst werfe ihm vor, den Taliban Informationen weitergegeben zu
haben, und es drohten ihm im Fall einer Rückkehr nach Afghanistan Re-
pressalien seitens des Geheimdienstes, nicht geglaubt werden.
D-6677/2018
Seite 9
4.1.2 Des Weiteren wies das SEM auf die Aussage des Beschwerdeführers
hin, die Taliban hätten Briefe an die Moscheen geschickt und gesagt, dass
es untersagt sei, Filme aufzunehmen, worauf er selber auch von seinem
Imam angesprochen worden sei, und stellte fest, da der Beschwerdeführer
selbst – abgesehen von den obengenannten, unglaubhaften Schwierigkei-
ten – keine weiteren Probleme mit den Taliban gehabt habe, sei nicht er-
sichtlich, dass ihm persönlich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in
absehbarer Zukunft ernsthafte Nachteile aufgrund seiner beruflichen Tätig-
keit als (...) und (...) drohen würden. Die rein abstrakte Möglichkeit einer
Verfolgung wegen der genannten Tätigkeiten genüge für die Begründung
der Flüchtlingseigenschaft nicht.
Soweit der Beschwerdeführer geltend mache, er sei in seiner Provinz von
Paschtunen, den Taliban und dem "Islamischen Staat" umgeben gewesen
und habe sich deshalb nicht frei bewegen können, handle es sich um Nach-
teile, welche auf die allgemein schlechte Sicherheitslage zurückzuführen
seien und grosse Teile der Bevölkerung in ähnlicher Weise treffen würden,
und daher keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes darstellten.
Schliesslich vermöge auch die ethnische Zugehörigkeit des Beschwerde-
führers keine Asylrelevanz zu entfalten. Zum aktuellen Zeitpunkt lägen
keine Anzeichen vor, dass Hazara allein aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit
oder ihres schiitischen Glaubens einer gezielten Verfolgung ausgesetzt
sein könnten.
4.2 In der Beschwerdeschrift und teilweise auch in der Beschwerde-Ergän-
zung wird der in der BzP und anlässlich der Anhörung geschilderte Sach-
verhalt wiederholt und am Wahrheitsgehalt der Aussagen festgehalten.
In Bezug auf die von der Vorinstanz festgestellten Ungereimtheiten wird
geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe in der BzP keine Gelegen-
heit gehabt, ausführlich Stellung zu nehmen. So werde denn auch an di-
versen Stellen im BzP-Protokoll angemerkt, dass es sich aus Kapazitäts-
gründen und wegen Überbelegung um eine verkürzte Befragung der Asyl-
gründe handle. Auch habe die Befragung inklusive Rückübersetzung ledig-
lich eine Stunde gedauert. Deshalb und aufgrund der angespannten Lage
während der Befragung habe vom Beschwerdeführer nicht erwartet wer-
den können, dass er sämtliche Umstände seiner Asylgründe ohne konkrete
Fragen offenlegen würde; vielmehr sei davon auszugehen, dass er in sei-
nen Ausführungen unterbrochen worden sei. Es mute daher widersprüch-
D-6677/2018
Seite 10
lich und willkürlich an, einerseits die Befragung zu den Asylgründen zu ver-
kürzen und andererseits im Asylentscheid eine lückenhafte Aussage fest-
zustellen. Ebenfalls sei bemerkenswert, dass der Beschwerdeführer, der in
der BzP vom Übersetzer ermahnt worden sei, nur kurze Antworten zu ge-
ben, und dem keine Gelegenheit gegeben worden sei, alle seine Anliegen
zu nennen, zu Beginn der Anhörung von sich aus den Dolmetscher darauf
hingewiesen habe, alle seine Aussagen genau zu übersetzen; der Be-
schwerdeführer habe somit auf die Unvollständigkeit seiner Aussagen hin-
gewiesen, bevor er darauf aufmerksam gemacht worden sei. Im Übrigen
seien die vom Beschwerdeführer in der Anhörung gemachten Ausführun-
gen detailliert und mit Realkennzeichen gekennzeichnet, realitätstreu und
sehr ausführlich, in sich schlüssig und ohne innere Widersprüche ausge-
fallen. Er habe die Namen von Personen und Strassen, Zahlen, Emotionen
und körperliche Reaktionen genannt, sei jedoch an verschiedenen Stellen
vom Sachbearbeiter unterbrochen beziehungsweise gebeten worden, sich
kürzer zu fassen. Somit sei von der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Be-
schwerdeführers auszugehen, zumal die Aussagen in der BzP nicht dia-
metral von jenen in der Anhörung abweichen würden, in sich schlüssig
seien und mit Beweismitteln unterlegt werden könnten (vgl. Beschwerde
S. 3–7).
Des Weiteren wird dargelegt, der Beschwerdeführer sei zunächst nicht si-
cher gewesen, ob es sich beim ersten Drohanruf um eine Prüfung durch
die Nationale Sicherheit handle, da es zu jenem Zeitpunkt zu einem An-
schlag gegen diese Institution gekommen sei und diese davon ausgegan-
gen sei, jemand habe Informationen an die Taliban weitergeleitet. Aus den
Zusatzfragen im Rahmen der Anmerkungen zur Rückübersetzung sei er-
sichtlich, dass der Beschwerdeführer grosse Kenntnisse über Personen
und Umstände in der Nationalen Sicherheit gehabt habe, weshalb der gel-
tend gemachte Besuch des afghanischen Geheimdienstes nach dem An-
schlag vom 5. August 2018 sehr wohl glaubhaft sei. Im Fall einer Rückkehr
drohten ihm daher massive Repressalien durch den Geheimdienst, welche
als ernsthafte Nachteile beziehungsweise als begründete Furcht, solchen
Nachteilen ausgesetzt zu sein, zu werten seien. Ein Schutz durch den af-
ghanischen Staat sei, da die Bedrohung – neben derjenigen durch die Ta-
liban – durch eben diesen erfolgt sei, nicht gegeben (vgl. Beschwerde S. 7
f.).
4.3 In seiner Vernehmlassung bekräftigt das SEM, die Vorbringen des Be-
schwerdeführers zu Anschuldigungen seitens des afghanischen Geheim-
dienstes seien oberflächlich geblieben, würden nicht belegt und seien nicht
D-6677/2018
Seite 11
überprüfbar. Es sei auch nicht plausibel, dass der Geheimdienst erst im
August 2018 – mithin drei Jahre nach der Ausreise des Beschwerdeführers
– dessen Elternhaus durchsucht, Computer, Festplatten sowie USB-Sticks
beschlagnahmt und den Bruder festgenommen und verhört hätte.
Gegen die Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Drohungen durch die
Taliban spreche zusätzlich, dass sich der Beschwerdeführer nach Erhalt
des Drohbriefes noch einen Monat lang unbehelligt in seinem Haus aufge-
halten habe; es erstaune, dass er sich und seine Familie nicht sofort in
Sicherheit gebracht habe, sondern lediglich sein Telefon abgeschaltet und
sich nicht nach draussen begeben habe, nachdem er im Brief ein "letztes
Mal" gewarnt und auch seine Familie bedroht worden sei. Zudem falle auf,
dass der Beschwerdeführer – obwohl er angeblich enge Beziehungen zu
diversen Mitarbeitern der Sicherheitsbehörden gepflegt habe – diese nicht
über die Anwerbeversuche der Taliban unterrichtet habe. Da er offenbar
zunächst davon ausgegangen sei, es könnte sich beim ersten Anruf um
eine Überprüfung durch einen Mitarbeiter der Nationalen Sicherheit han-
deln, wäre zu erwarten gewesen, dass er seine Kontaktpersonen bei den
Sicherheitsbehörden informiert hätte, um diese zu warnen und zugleich ei-
nen etwaigen Verdacht gegen sich selbst auszuräumen sowie Schutz
durch die Behörden zu erhalten; stattdessen habe er angeblich nur mit sei-
nem Bruder darüber gesprochen.
Die auf Beschwerdeebene eingereichten Fotos belegten lediglich, dass der
Beschwerdeführer im Jahr 2013 bei einem offiziellen Anlass anwesend ge-
wesen und hierbei auch in Kontakt mit hochrangigen Behördenvertretern
gekommen sei. Es möge sein, dass er als (...) und (...) auch Aufträge für
die afghanische Regierung übernommen habe. Nach der ständigen Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts vermöge die Zugehörigkeit zu
einer Risikogruppe und die damit verbundene abstrakte Gefährdung allein
die Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen. Erforderlich sei vielmehr,
dass sich diese abstrakte Gefährdung individuell konkretisiere. Da die gel-
tend gemachten persönlichen Bedrohungen durch die Taliban vom Be-
schwerdeführer aber nicht glaubhaft gemacht worden seien, sei eine der-
artige individuelle Konkretisierung der Gefährdung vorliegend nicht gege-
ben.
4.4 In der Replik werden – nebst allgemeinen Darlegungen zu den Begrif-
fen "Glaubhaftmachung" und "Plausibilität" – im Wesentlichen die bereits
in der Beschwerde enthaltenen Ausführungen wiederholt und es wird fest-
gehalten, der Beschwerdeführer habe sich hinsichtlich der vom SEM als
D-6677/2018
Seite 12
zweifelhaft erachteten Vorbringen bereits erklärt. Der Umstand, dass er im
Rahmen der Anhörung nicht auf die angeblich zweifelhaften Punkte ange-
sprochen worden sei, spreche vielmehr für seine Glaubhaftigkeit. Im Übri-
gen habe er auch seine (damals schwangere) Frau nicht über die Drohun-
gen informiert; er habe es für sich und seine Familie als sicherer erachtet,
sich ruhig zu verhalten und möglichst wenig nach draussen zu gehen. Aus-
serdem hätte er sich, wenn er sich seinen Kontaktpersonen anvertraut
hätte, aufgrund der grossen Sensibilität der Sicherheitsbehörden hinsicht-
lich des Verrats beziehungsweise der Preisgabe von Informationen an die
Taliban mit Sicherheit einem Risiko ausgesetzt und Misstrauen geweckt.
Unter Berücksichtigung der allgemeinen Lage in Afghanistan könne nicht
einfach davon ausgegangen werden, dass ihn die Sicherheitsbehörden ge-
schützt hätten. Wie zudem zahlreichen Stellen in den Asylakten zu entneh-
men sei, habe der Beschwerdeführer jahrelang als (...) und (...), unter an-
derem auch für die nationalen Behörden, gearbeitet. Die Vorinstanz sei le-
diglich auf die eingereichten Fotos eingegangen, habe indessen die weite-
ren schlüssigen Aussagen zu seinen Tätigkeiten unterschlagen und wei-
tere eingereichte Beweismittel für seine Tätigkeit nicht berücksichtigt; so
hätte sich das (...) wohl kaum für die Zusammenarbeit mit einem nicht re-
nommierten, unbekannten (...) entschieden (vgl. Replik S. 3 f.).
5.
5.1 Die Beschwerde (vgl. S. 8 f.) und sinngemäss auch die Beschwerde-
Ergänzung (vgl. S. 1 f.) und die Replik (vgl. 1–3) enthalten formelle Rügen,
welche vorab zu prüfen sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
So wird etwa beanstandet, die Tatsache, dass der Geheimdienst nun ge-
gen den Beschwerdeführer ermittle, werde im Entscheid der Vorinstanz
nicht genügend berücksichtigt. Zudem habe sich das SEM mit der Feststel-
lung begnügt, Dokumente wie die eingereichten Beweismittel seien leicht
fälschbar, ohne aber etwas dazu zu sagen, wieso diese tatsächlich ge-
fälscht sein sollten. Überdies sei versäumt worden, für den Fall wesentliche
Punkte genügend abzuklären, und ihn etwa nach Materialien seiner Tätig-
keit als (...) und (...) zu fragen oder ihn auf ungereimt erscheinende Vor-
bringen bereits in der Anhörung anzusprechen. Damit habe das SEM den
Untersuchungsgrundsatz und (folglich) das rechtliche Gehör verletzt.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
D-6677/2018
Seite 13
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 m.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
5.3 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung dargelegt, aufgrund
welcher Überlegungen sie zum Schluss gekommen ist, dass die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit ge-
mäss Art. 7 AsylG und teilweise auch denjenigen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten (vgl. Ziff. II 1.–4.). Sie hat sich
insbesondere auch ausreichend mit dem Beweiswert der zu den Akten ge-
gebenen Dokumenten befasst, ohne aber einzelne davon ausdrücklich als
gefälscht zu bezeichnen. Der blosse Umstand, dass der Beschwerdeführer
die Beurteilung seiner Aussagen durch das SEM nicht teilt, spricht nicht für
eine ungenügende Abklärung und Feststellung des Sachverhalts. Im Übri-
gen sind den Akten auch sonst keine Hinweise zu entnehmen, dass die
Vorinstanz den Sachverhalt nicht ausreichend erstellt oder ihre Untersu-
chungspflicht beziehungsweise das rechtliche Gehör des Beschwerdefüh-
rers verletzt haben könnte, zumal sich die Sachbearbeiterin in der Anhö-
rung vom 28. September 2017 – entgegen der in der Beschwerde vertre-
tenen Auffassung – wiederholt mit Rückfragen an den Beschwerdeführer
wandte. Schliesslich zeigt die vorliegende Beschwerde, dass eine sachge-
rechte Anfechtung möglich war.
5.4 Zusammenfassend erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün-
det, weshalb dem Eventualantrag auf Rückweisung der Sache zur Neube-
urteilung an die Vorinstanz nicht stattzugeben ist.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
D-6677/2018
Seite 14
6.
6.1 Materiell ist vorab festzuhalten, dass das SEM weder die Herkunft des
Beschwerdeführers aus der Provinz D._ noch dessen langjährige,
mit der Einreichung zahlreicher Unterlagen untermauerte Tätigkeit als (...)
und (...) sowie die offenbar in diesem Zusammenhang stehenden Kontakte
mit hochrangigen Behördenvertretern grundsätzlich in Frage stellte.
6.2 Die Vorinstanz erachtete es indessen nicht als glaubhaft, dass der Be-
schwerdeführer im Zusammenhang mit diesen Aktivitäten in seiner Heimat
den von ihm geschilderten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen
sein soll.
6.2.1 Nach eingehender Prüfung der vorliegenden Akten und insbesondere
auch unter Berücksichtigung der vorstehenden Einwendungen schliesst
sich das Bundesverwaltungsgericht der vorinstanzlichen Einschätzung der
Vorbringen des Beschwerdeführers an.
6.2.1.1 So hat der Beschwerdeführer in der Tat im Verlauf des Asylverfah-
rens zu wesentlichen Punkten unterschiedliche Angaben gemacht oder
wesentliche, nicht lediglich eine Konkretisierung bereits dargelegter Ereig-
nisse darstellende Vorbringen ohne zwingenden Grund erst im späteren
Verlauf des Verfahrens vorgebracht. Um unnötige Wiederholungen zu ver-
meiden, kann grundsätzlich auf die zutreffenden Ausführungen in der an-
gefochtenen Verfügung verwiesen werden.
6.2.1.2 Soweit auf Beschwerdeebene geltend gemacht wird, in der BzP
habe nur eine verkürzte Befragung zu seinen Asylgründen stattgefunden
und der Dolmetscher habe den Beschwerdeführer ermahnt, nur kurze Ant-
worten zu geben, ist darauf hinzuweisen, dass eine BzP in erster Linie der
Aufnahme der Personalien sowie allenfalls des Reisewegs dient, und Asyl-
suchende die Gründe, welche sie zum Verlassen ihres Heimat- bezie-
hungsweise Herkunftslandes und zur Stellung eines Asylgesuches veran-
lasst haben, bloss aber immerhin in zusammengefasster Form zu schildern
haben. Im vorliegenden Verfahren ist die Befragung mit einer Dauer von
einer Stunde nicht besonders kurz ausgefallen, wobei dem Beschwerde-
führer sehr wohl Gelegenheit gegeben wurde, die wichtigsten Gesuchs-
gründe zu schildern.
Er wurde auch nach Problemen mit den afghanischen Behörden gefragt
und konnte sich zu allfälligen weiteren Gründen, welche gegen eine allfäl-
D-6677/2018
Seite 15
lige Rückkehr in seinen Heimatstaat sprechen könnten, äussern. Anhalts-
punkte dafür, dass die Vorinstanz im Rahmen der Beweiswürdigung den
grundsätzlich beschränkten Beweiswert einer BzP (vgl. dazu Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1993 Nr. 3) missachtet hätte, bestehen keine. Angesichts der ge-
samten Sachlage ist tatsächlich nicht einsehbar, wieso der Beschwerde-
führer erst in der Anhörung die konkreten, mittels Telefonanrufen und
schriftlich erfolgten Drohungen durch die Taliban geltend gemacht hat, zu-
mal diese Drohungen in ihm den Entschluss zur Ausreise geweckt haben
sollen. Umgekehrt hat der Beschwerdeführer – wie das SEM in seiner an-
gefochtenen Verfügung ebenfalls zu Recht bemerkte – seine in der BzP
gemachte Aussage, von Angehörigen der Taliban "immer wieder aus dem
Auto geholt und bedroht" worden zu sein (vgl. Akten SEM A5 Ziff. 7.01), in
der Anhörung vom 28. September 2017 nicht mehr wiederholt; vielmehr
verneinte er die Frage, ob er abgesehen vom Vorfall, bei dem seine Ka-
mera zerstört worden sei, irgendwann noch einmal von Taliban oder irgend-
welchen Dritten angegriffen worden sei, ausdrücklich (vgl. A23 zu F93). Die
festgestellten Ungereimtheiten in den Vorbringen des Beschwerdeführers
lassen sich demnach weder mit der summarischen Natur der BzP noch mit
dem nicht weiter substanziierten Hinweis, die Schilderungen seien detail-
liert, realitätstreu und mit Realkennzeichen gekennzeichnet ausgefallen,
erklären.
Schliesslich kann auch der Auffassung der Vorinstanz gefolgt werden, es
erstaune, dass der Beschwerdeführer sich angeblich bis zur Ausreise noch
einen Monat lang zu Hause aufgehalten und sich wegen der Drohungen
auch nicht an seine Kontaktpersonen bei den Sicherheitsbehörden ge-
wandt habe. Die entsprechenden Einwendungen in der Beschwerdeschrift
und der Replik vermögen auch das Gericht nicht zu überzeugen.
Angesichts der vorstehenden Erwägungen ist auch der anlässlich der Bun-
desanhörung zu den Akten gegebene, auf den 25.4.1394 (afghanische
Zeitrechnung; abendländischer Kalender: 16. Juli 2015) datierte Drohbrief
nicht geeignet, die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu besei-
tigen, zumal – wie in der angefochtenen Verfügung zutreffend bemerkt
wurde – derartige Dokumente ohne Weiteres gefälscht oder käuflich erwor-
ben werden können. Auch die mit der Beschwerde-Ergänzung eingereich-
ten Fotos lassen den Sachverhalt nicht in einem anderen Licht erscheinen,
zeigen diese doch bloss, dass der Beschwerdeführer im Jahr 2013 bei ei-
nem offiziellen Anlass Kontakt zu hochrangigen Behördenvertretern hatte
(vgl. Vernehmlassung S. 2).
D-6677/2018
Seite 16
6.2.1.3 Zusammengefasst gelangt das Bundesverwaltungsgericht mit der
Vorinstanz zum Schluss, die Vorbringen des Beschwerdeführers bezüglich
der angeblich bis zur Ausreise erlebten Bedrohung durch die Taliban seien
nicht glaubhaft.
6.2.2 Was die von der damaligen Rechtsvertreterin mit Schreiben vom
13. August 2018 geltend gemachten Vorfälle vom 5. August 2018 (Geheim-
dienstangehörige hätten – unter dem Vorwurf, der Beschwerdeführer trage
die Schuld dafür, dass nach seiner Flucht mehrere ihrer Mitarbeiter getötet
worden seien – das Haus seiner Familie durchsucht, verschiedene elekt-
ronische Gegenstände beschlagnahmt und seinen Bruder eine Nacht lang
verhört) betrifft, so sind diese Vorbringen nicht nur oberflächlich und unbe-
legt geblieben, es erscheint – wie das SEM zu Recht bemerkte (vgl. insbe-
sondere Vernehmlassung S. 2) – auch bei zurückhaltender Berücksichti-
gung von Plausibilitätsüberlegungen nicht nachvollziehbar, dass der Ge-
heimdienst erst drei Jahre nach der Ausreise des Beschwerdeführers dem
Haus seiner Familie einen Besuch abgestattet haben soll.
Die am 14. Dezember 2018 eingereichten Fotos lassen ebenfalls keine
Rückschlüsse zu, dass der afghanische Geheimdienst davon ausgehen
könnte, der Beschwerdeführer habe den Taliban sensible Informationen
weitergegeben (vgl. Beschwerde-Ergänzung S. 5), zumal die Bilder aus
dem Jahr 2013 stammen, der Beschwerdeführer aber bald darauf seine
Stelle beim afghanischen (...) aufgegeben und bis zu seiner Ausreise Ende
2015 als selbständiger (...) und (...) gearbeitet haben will.
6.3 Sodann kann sich das Bundesverwaltungsgericht auch der Auffassung
der Vorinstanz anschliessen, die weiteren Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers hielten den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG nicht stand.
6.3.1 Dabei ist vorab der Vollständigkeit halber festzuhalten, dass die gel-
tend gemachten Nachstellungen durch die Taliban – ungeachtet der Frage
ihrer Glaubhaftigkeit – auch keine Asylrelevanz zu entfalten vermöchten,
soweit die Taliban vom Beschwerdeführer wegen seiner Tätigkeiten als (...)
und (...) Auskünfte über Regierungsstellen erhältlich machen wollten. Ei-
ner kriminellen Handlung, nämlich dem Erpressen von aufgrund einer be-
ruflichen Tätigkeit erlangten Kenntnissen, kommt nach der Schweizer
Asylpraxis keine flüchtlingsrechtliche Relevanz zu. Der vom Beschwerde-
führer ausgeübte Beruf ist nicht untrennbar mit seiner Persönlichkeit ver-
D-6677/2018
Seite 17
knüpft. Zwar kann ein Verfolger gleichfalls oder sogar vordergründig haupt-
sächlich auf Handlungsweisen einer Person abzielen; bedeutsam für die
Flüchtlingseigenschaft wird der Eingriff des Verfolgers aber nur, wenn die-
ser die hinter einer Handlungsweise steckende Eigenart und Gesinnung
der entsprechenden Person treffen will (vgl. EMARK 2006 Nr. 32 E. 8.7.1
sowie WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.],
Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.11).
6.3.2 Des Weiteren wurde in der angefochtenen Verfügung (vgl. Ziff. II
2. Abschnitt; vgl. auch oben E. 4.1.2, 1. Abschnitt) zutreffend bemerkt, die
rein abstrakte Möglichkeit, dass die Taliban den Beschwerdeführer irgend-
wann wegen seiner beruflichen Tätigkeit verfolgen könnten, genüge nicht
für die Begründung der Flüchtlingseigenschaft.
Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass es in Afghanistan zu
gezielten Angriffen auf Mitarbeiter der afghanischen Regierung oder inter-
nationaler Organisationen kommt, und diese einem erhöhten Risiko, einem
Gewaltakt – insbesondere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt sein
können (vgl. allgemein zu Risikogruppen statt vieler: Urteil des BVGer
E-7312/2017 vom 13. Juli 2020 E. 7.2.2; vgl. auch Schweizerische Flücht-
lingshilfe, Afghanistan: Gefährdungsprofile, Update der SFH-Länderana-
lyse, 12. September 2019). Im Falle des Beschwerdeführers, der keine Vor-
verfolgung durch die Taliban glaubhaft machen konnte, ist indessen keine
Exponiertheit anzunehmen, welche per se zu einer begründeten Furcht vor
künftiger Verfolgung führen würde.
6.3.3 Was die vom Beschwerdeführer in der BzP gemachte Aussage, er
sei in seiner Provinz von Paschtunen, von den Taliban und dem "Islami-
schen Staat" umgeben gewesen und habe sich daher nicht frei bewegen
können, betrifft, so befand das SEM zu Recht, es handle sich um Nachteile,
welche auf die allgemein schlechte Sicherheitslage in Afghanistan zurück-
zuführen seien und von denen grosse Teile der Bevölkerung betroffen
seien (vgl. angefochtene Verfügung Ziff. II 3. Abschnitt; vgl. auch oben
E. 4.1.2, 2. Abschnitt).
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass der allgemein unsicheren Lage in
Afghanistan seitens der Vorinstanz durch die Anordnung der vorläufigen
Aufnahme gestützt auf Art. 83 Abs. 4 AIG (SR 142.20) Rechnung getragen
wurde (vgl. nachfolgend E. 7.2)
D-6677/2018
Seite 18
6.3.4 Soweit der Beschwerdeführer auf die schwierige Situation der Ha-
zara in Afghanistan verwiesen hatte (vgl. A23 zu F53), wurde in der ange-
fochtenen Verfügung (vgl. Ziff. II 4. Abschnitt; vgl. auch oben E. 4.1.2,
2. Abschnitt) ausgeführt, es lägen keine Anzeichen dafür vor, dass Ange-
hörige der Volksgruppe der Hazara allein wegen ihrer ethnischen Zugehö-
rigkeit oder ihres schiitischen Glaubens einer gezielten Verfolgung unter-
liegen würden. Diese Auffassung entspricht auch der ständigen Praxis des
Bundesverwaltungsgerichts (vgl. etwa Urteil des BVGer D-6266/2018 vom
27. Februar 2020 E.5.4 m.w.H.).
6.4 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine
flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu
machen. Die Vorinstanz hat folglich zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. Die Ein-
wände in der Rechtsmitteleingabe vermögen keine andere Einschätzung
zu bewirken.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37
E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.2 Da das SEM in seiner Verfügung vom 24. Oktober 2018 die vorläufige
Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeordnet hat, erübri-
gen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des
Wegweisungsvollzuges.
Es bleibt anzumerken, dass sich aus den vorstehenden Erwägungen nicht
der Schluss ergibt, der Beschwerdeführer sei angesichts der heutigen
Lage in Afghanistan dort nicht gefährdet. Das SEM hat dieser generellen
Gefährdung – wie bereits vorstehend (vgl. E. 6.3.3) festgestellt wurde –
Rechnung getragen und den Beschwerdeführer gestützt auf Art. 83 Abs. 4
AIG wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufge-
nommen.
D-6677/2018
Seite 19
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch mit Instruk-
tionsverfügung vom 29. November 2018 die unentgeltliche Prozessführung
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und weiterhin von seiner
prozessualen Bedürftigkeit auszugehen ist, ist von der Kostenerhebung
abzusehen.
9.2 Mit Instruktionsverfügung vom 29. November 2018 wurde auch der An-
trag auf amtliche Rechtsverbeiständung gutgeheissen und MLaw Vanessa
Koenig als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Gemäss Praxis wird bei
amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.–
bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für
nichtanwaltliche Vertreterinnen und Vertreter ausgegangen (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]) und nur der notwendige Aufwand entschädigt (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE).
Die Honorarnote vom 4. März 2020 weist einen Aufwand von 13 Stunden
zu einem Stundenansatz von Fr. 120.‒ sowie Kosten für Einschreiben und
Kopien in der Höhe von Fr. 40.– aus. Der zeitliche Aufwand und auch die
Auslagen erscheinen vorliegend angemessen. Der Rechtsvertreterin ist
somit der Betrag von Fr. 1'600.– auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-6677/2018
Seite 20