Decision ID: c61a78e0-7ef0-5c5a-b3d7-a57412e40d70
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die A._ AG erstellte in den Jahren 2009-2011 ein Ein- sowie zwei Dreifamilienhäuser auf den drei aneinandergrenzenden Parzellen Herzogenbuchsee 1 Gbbl. Nrn. 1_, 2_ und 3_ (Baubewilligungen vom 1.10.2009, 14.5.2010 und 3.3.2011). Mit  vom 29. Juni 2018 stellte die Einwohnergemeinde (EG) Herzogenbuchsee für den Kanalisationsanschluss der drei Gebäude  von Fr. 12'924.--, Fr. 38'772 sowie Fr. 45'234.--, ausmachend  Fr. 96'930.--, in Rechnung.
B.
Gegen diese Verfügungen erhob die A._ AG am 6. Juli 2018  beim Regierungsstatthalteramt (RSA) Oberaargau. Mit drei gleichlautenden Entscheiden vom 19. November 2018 wies der -Stellvertreter die Beschwerden ab.
C.
Am 21. Dezember 2018 hat die A._ AG  erhoben. Sie beantragt, die Entscheide des RSA Oberaargau vom 19. November 2018 seien aufzuheben und es sei festzustellen, dass die mit Verfügungen vom 29. Juni 2018 geltend gemachten «» verjährt seien.
Die EG Herzogenbuchsee hat mit Eingaben vom 24. Januar 2019 auf  verzichtet. Das RSA Oberaargau beantragt mit  vom 28. Januar 2019, die Beschwerden seien abzuweisen.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20.06.2019, Nrn. 100.2018.460/462/ 463U, Seite 3

Erwägungen:
1.
1.1 Das Verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Beschwerden als letzte kantonale Instanz gemäss Art. 74 Abs. 1 i.V.m. Art. 76 und 77 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) zuständig. Die Beschwerdeführerin hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen, ist durch die angefochtenen Entscheide  berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung (Art. 79 Abs. 1 VRPG). Auf die im Übrigen form- und  eingereichten Beschwerden ist unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung einzutreten.
1.2 Neben der Aufhebung der vorinstanzlichen Entscheide beantragt die Beschwerdeführerin, es sei festzustellen, dass die strittigen  verjährt seien. Werden die angefochtenen  antragsgemäss aufgehoben, ist den Anliegen der  vollständig Rechnung getragen; es besteht folglich kein darüber hinausgehendes schutzwürdiges Feststellungsinteresse, weshalb auf die Beschwerden insoweit nicht einzutreten ist (vgl. BVR 2016 S. 273 E. 2.2, 2014 S. 33 E. 1.4).
1.3 Da sich in allen drei Verfahren die gleichen Sach- und Rechtsfragen stellen, sind sie zu vereinigen (Art. 17 Abs. 1 VRPG).
1.4 Das Verwaltungsgericht überprüft die angefochtenen Entscheide auf Rechtsverletzungen hin (Art. 80 Bst. a und b VRPG).
2.
Es ist unbestritten, dass die Gemeinde für den Kanalisationsanschluss der drei Neubauten grundsätzlich Kanalisationsanschlussgebühren erheben kann und die Beschwerdeführerin bisher keine solchen bezahlt hat.  ist demgegenüber, ob die Gemeinde die Gebühren im Rechnungs-
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zeitpunkt noch einfordern konnte oder ob diese ‒ wie die  geltend macht ‒ bereits verjährt waren.
3.
3.1 Gemäss Art. 37 Abs. 3 des am 1. Januar 2017 in Kraft getretenen Abwasserentsorgungsreglements (AeRe) der EG Herzogenbuchsee vom 15. Juni 2016 verjähren die Anschlussgebühren zehn Jahre nach Eintritt der Fälligkeit. Fällig werden sie gemäss Art. 36 Abs. 1 AeRe auf den  des Kanalisationsanschlusses der Bauten und Anlagen. Das bis Ende 2016 geltende Abwasserreglement vom 28. September 1977 (AR 77) enthielt keine Verjährungsbestimmungen. Gemäss Art. 10 Abs. 1 des gleichzeitig von der Gemeindeversammlung beschlossenen Gebührentarifs zum AR 77 wurde die Einkaufsgebühr für einen Neubau aber ebenfalls auf den Zeitpunkt des Kanalisationsanschlusses fällig. Dies entspricht der  von Art. 36 Abs. 1 der Kantonalen Gewässerschutzverordnung vom 24. März 1999 (KGV; BSG 821.1).
3.2 Der genaue Zeitpunkt, in dem die drei Neubauten an die  angeschlossen wurden, ist nicht dokumentiert. Laut Angabe der  erfolgte der Anschluss jeweils kurz nach Baubeginn: bei Parzelle Nr. 3_ spätestens im Februar 2010, bei Parzelle Nr. 2_ spätestens im November 2010 und bei Parzelle Nr. 1_ spätestens am 8. August 2011. Die Gemeinde äusserte sich nur indirekt zum Anschlusszeitpunkt, indem sie ausführte, die gemäss Projektänderungsplänen fälligen 24, 28 bzw. 8 Bewohnergleichwerte (BW) seien dem zum Zeitpunkt des Kanalisationsanschlusses rechtmässigen Grundeigentümer in Rechnung gestellt worden (Beschwerdeantworten vom 30.7.2018 in Vorakten RSA). Sie geht folglich auch davon aus, dass alle Neubauten spätestens im Juli 2011 an die Kanalisation angeschlossen waren, denn am 18. Juli 2011 verkaufte die Beschwerdeführerin die letzte Stockwerkeinheit Nr. 3_-3 (vgl. Auszüge aus dem  des Kantons Bern [GRUDIS] betreffend die Parzellen).
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3.3 Anschlussgebühren werden nach dem Gesagten mit dem  fällig. Daraus folgt nicht zwingend, dass ab diesem  auch die Verjährungsfrist läuft. Dies ist vielmehr erst der Fall, wenn die Forderung auch bestimmt ‒ d.h. bei Geldforderungen berechnet ‒ werden kann. Hier wurde die nach Art. 42 AeRe i.V.m. Art. 10 Abs. 1  AR 77 für die Einkaufsgebühr massgebende Anzahl BW bereits in den Baubewilligungen festgelegt, was unbestritten ist. Die Höhe der  Gebühren war folglich im Zeitpunkt des  bestimmbar (anders, wenn auf Raumeinheiten gemäss später erstelltem amtlichem Schatzungsprotokoll abgestellt wird; VGE 21769 vom 16.7.2004 E. 7.2). Die Verjährungsfrist hat somit spätestens im Juli 2011 zu laufen begonnen.
4.
4.1 Die Vorinstanz geht mit der Beschwerdeführerin davon aus, dass unter der Herrschaft des AR 77 eine fünfjährige Verjährungsfrist für  galt und nicht, wie die Gemeinde zunächst geltend machte, die zehnjährige Frist gemäss Art. 127 des Schweizerischen  (OR; SR 220). Dies berücksichtigt, dass das Institut der Verjährung im öffentlichen Recht als allgemeiner Rechtsgrundsatz auch dann anerkannt ist, wenn eine ausdrückliche Bestimmung darüber fehlt. Sofern der massgebende Erlass keine Vorschrift über Beginn und Dauer der Verjährung aufstellt, sind die gesetzlichen Fristenregelungen anderer Erlasse für verwandte Ansprüche heranzuziehen. Dabei ist in erster Linie auf die Ordnung zurückzugreifen, die das öffentliche Recht für verwandte Fälle aufgestellt hat. Fehlen auch solche Vorschriften, ist die  nach allgemeinen Grundsätzen festzulegen. Für Anschlussgebühren ist nach der Praxis des Verwaltungsgerichts in einem solchen Fall auf die fünfjährige Verjährungsfrist des Steuerrechts abzustellen (BVR 2001 S. 341 E. 3a, 1993 S. 26 E. 3d; vgl. Art. 162 Abs. 1 des Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 [StG; BSG 661.11]; BGE 140 II 384 E. 4.2, 126 II 49 E. 2a). Ob das kommunale Gebührenreglement vom 4. Dezember 1996 (GbR) verwandte Ansprüche regelt, kann offen bleiben, beträgt die  nach Art. 14 Abs. 1 GbR doch ebenfalls fünf Jahre. Andere Regelun-
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gen im Gemeinderecht von Herzogenbuchsee, die analog herangezogen werden könnten (wie z.B. das Wasserversorgungsreglement in VGE 23472 vom 5.5.2009 E. 4.2), sind keine ersichtlich. Zu Recht ist die Vorinstanz  davon ausgegangen, dass Kanalisationsanschlussgebühren unter dem AR 77 nach fünf Jahren verjährten. Die hier strittigen Gebührenforderungen sind somit spätestens Mitte 2016, d.h. vor Inkrafttreten des AeRe Anfang 2017, verjährt.
4.2 Die Vorinstanz hat erwogen, die Gebührenforderungen seien zwar unter altem Recht entstanden, gestützt auf die Übergangsbestimmung in Art. 42 AeRe gelte die neue zehnjährige Verjährungsfrist aber auch für solche Ansprüche. Demgegenüber vertritt die Beschwerdeführerin die , unter altem Recht verjährte Forderungen könnten mit neuem Recht nicht «wiederhergestellt» werden. Art. 42 AeRe lautet wie folgt:
Vor Inkrafttreten dieses Reglements bereits fällige einmalige Gebühren werden nach bisherigem Recht (Bemessungsgrundlage und ) erhoben. Im Übrigen gelten die gebührenrechtlichen Bestimmungen des vorliegenden Reglements ohne Einschränkungen.
4.3 Erlasse entfalten ihre Wirkungen grundsätzlich nur für Sachverhalte, die sich nach ihrem Inkrafttreten ereignet haben. Wenn neues Recht auf einen Sachverhalt angewendet wird, der sich abschliessend vor  dieses Rechts verwirklicht hat, liegt eine echte Rückwirkung vor. Eine solche ist grundsätzlich unzulässig, denn sie führt dazu, dass ein Sachverhalt im Nachhinein neuen Regeln unterstellt wird, wobei die von der Rückwirkung Betroffenen keine Möglichkeit hatten, sich auf die künftige Rechtslage einzustellen, was der Rechtssicherheit, dem Gleichheitsgebot sowie dem Vertrauensschutz widerspricht (Art. 8 f. der Bundesverfassung [BV; SR 101]). Soll ein Erlass ausnahmsweise dennoch rückwirkend Geltung haben, so muss die Rückwirkung im fraglichen Erlass ausdrücklich angeordnet oder klar gewollt, durch triftige Gründe gerechtfertigt sowie  mässig sein und darf keine stossenden Rechtsungleichheiten und keinen Eingriff in wohlerworbene Rechte bewirken (BVR 2011 S. 220 E. 5.2, 2008 S. 289 E. 6.2; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 25 N. 7). Wird das neue Recht hingegen auf Sachverhalte angewendet, die früher eingetreten sind, aber noch , liegt eine unechte Rückwirkung vor, die grundsätzlich zulässig ist,
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sofern ihr nicht wohlerworbene Rechte bzw. der Grundsatz des  entgegenstehen (BVR 2013 S. 282 E. 2.7; zum Ganzen BGE 138 I 189 E. 3.4; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines , 4. Aufl. 2014, § 24 N. 23 ff.; Häfelin/Müller/Uhlmann,  Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N. 268 ff.).
4.4 Bei der Verjährung handelt es sich um ein materiell-rechtliches Institut, das unmittelbar den Bestand der Forderung betrifft (BGE 144 II 427 E. 9.2.1, 126 II 1 E. 2a; BVR 2002 S. 481 E. 2b; VGE 2014/128 vom 9.10.2014 E. 3.1). Die Gebührenansprüche der Gemeinde für den  der drei Neubauten sind unter altem Recht verjährt. Der Sachverhalt hat sich abschliessend unter altem Recht abgespielt. Das  der Vorinstanz stellt folglich eine grundsätzlich unzulässige echte Rückwirkung dar (vgl. Thomas Meier, Verjährung und Verwirkung -rechtlicher Forderungen, 2013, S. 337). Soweit die Vorinstanz auf die Rechtsprechung des Bundesgerichts hinweist, trifft zwar zu, dass nach dieser eine neue Verjährungsfrist auch für Schuldverhältnisse massgebend erklärt werden kann, die unter altem Recht entstanden und fällig geworden sind. Das gilt aber nur, soweit die Forderungen unter altem Recht nicht  sind, d.h. soweit ein Verhältnis betroffen ist, das unter der Herrschaft des alten Rechts entstanden ist und beim Inkrafttreten des neuen Rechts noch andauert. Diesfalls liegt eine (zulässige) unechte Rückwirkung vor (BGE 144 II 427 E. 9.2.1, 134 V 353 E. 3.2, 107 Ib 198 E. 7b/aa).
4.5 Zu prüfen bleibt, ob die echte Rückwirkung hier ausnahmsweise  ist (zu den Voraussetzungen vorne E. 4.3). Der Reglementswortlaut lässt eine entsprechende Auslegung zwar zu, ordnet eine rückwirkende Geltung der zehnjährigen Verjährungsfrist aber nicht ausdrücklich an. In zeitlicher Hinsicht gilt nach der Rechtsprechung eine echte Rückwirkung von bis zu einem Jahr als vertretbar, vorbehältlich besonderer Umstände im Einzelfall (BGE 102 Ia 69 E. 3b; BVR 2011 S. 220 E. 5.4, 1995 S. 337 E. 3a; VGE 22911 vom 11.2.2008 E. 3.1). Die Anwendung der neuen  Verjährungsfrist auf verjährte Gebühren würde bis zu fünf Jahre zurückwirken. Für die Beschwerdeführerin betrüge die Rückwirkung  zwei Jahre (vorne E. 4.1). Auch sind keine triftigen Gründe für eine echte Rückwirkung ersichtlich. Fiskalische Interessen genügen nach der
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Rechtsprechung jedenfalls nicht, es sei denn, die öffentlichen Finanzen seien in Gefahr oder den betroffenen Privaten erwachse durch die  nur ein sehr geringfügiger Nachteil. Das gleiche gilt für das , eine rechtsgleiche Behandlung zu gewährleisten, weil jede , die eine strengere Regel einführt, zur Folge hat, dass jene günstiger behandelt werden, für die sich der abgabepflichtige Sachverhalt vor dem Inkrafttreten der Änderung ereignet hat (BGE 119 Ia 254 E. 3b, 102 Ia 69 E. 3c; BVR 1995 S. 337 E. 3b). Soweit die Gemeinde die Regelung rückwirkend anwenden will, um die «Abarbeitung von hängigen Dossiers» zu erleichtern (Verfügungen vom 29. Juni 2018), liegt darin ebenfalls kein triftiger Grund. Die Voraussetzungen für eine echte  sind somit nicht erfüllt. Die neue Verjährungsfrist von zehn Jahren ist nicht auf Kanalisationsanschlussgebühren anwendbar, die unter der Herrschaft des AR 77 verjährt sind.
5.
5.1 Die Beschwerden erweisen sich als begründet und sind , soweit auf sie einzutreten ist. Die Entscheide des RSA  vom 19. November 2018 sind aufzuheben.
5.2 Bei vereinigten Verfahren sind die Kosten so zu verlegen, wie wenn die verschiedenen Eingaben getrennt behandelt worden wären (Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 17 N. 4 und Art. 106 N. 3).  sich durch die gemeinsame Behandlung wie hier der , so ist diesem Umstand bei der Festsetzung der Verfahrenskosten Rechnung zu tragen (Art. 103 Abs. 2 VRPG; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 103 N. 4). Die unterliegende Gemeinde hat die  für die Verfahren vor dem Regierungsstatthalteramt und vor dem Verwaltungsgericht zu tragen, da sie in ihren Vermögensinteressen  ist (Art. 108 Abs. 2 Satz 2 VRPG). Sie hat zwar keine förmlichen Anträge gestellt, ist indes als notwendige Partei am Verfahren beteiligt (BVR 2012 S. 424 E. 5.4). Das teilweise Nichteintreten rechtfertigt keine Kostenausscheidung. Ausserdem hat die Gemeinde im Verfahren vor dem Verwaltungsgericht der anwaltlich vertretenen Beschwerdeführerin die
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Parteikosten zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG). Da die Beschwerdeführerin mehrwertsteuerpflichtig ist (vgl. -Register, einsehbar unter: <www.uid.admin.ch>), ist bei der Festlegung ihres Parteikostenersatzes die Mehrwertsteuer nicht zu berücksichtigen (BVR 2015 S. 541 E. 8.2, 2014 S. 484 E. 6).