Decision ID: 0faaafd8-55ba-52df-8d1c-3539bb88ff60
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Urteil C-1231/2010 vom 28. Oktober 2015 bestätigte das Bundesver-
waltungsgericht die am 22. Januar 2010 vom damaligen Bundesamt für
Migration – dem heutigen Staatssekretariat für Migration (SEM) – gegen-
über dem Gesuchsteller verfügte Ausdehnung der kantonalen Wegwei-
sung auf die ganze Schweiz.
B.
Hiergegen erhob der Gesuchsteller Beschwerde beim Europäischen Ge-
richtshof für Menschenrechte (EGMR). Der Gerichtshof stellte mit Urteil
I.M. gegen die Schweiz vom 9. April 2019, Nr. 23887/16 eine prozedurale
Verletzung von Art. 8 EMRK fest. Das Urteil wurde am 9. Juli 2019 rechts-
kräftig.
C.
Gestützt hierauf ersuchte der Gesuchsteller das Bundesverwaltungsge-
richt mit Eingabe vom 4. Oktober 2019 um revisionsweise Aufhebung des
Urteils C-1231/2019 vom 28. Oktober 2015 und der Ausdehnungsverfü-
gung vom 22. Januar 2010 (Akten des Bundesverwaltungsgerichts
[BVGer-act.] 1).
D.
Mit Verfügung vom 11. November 2019 sistierte das Amt für Migration und
Bürgerrecht des Kantons Basel-Landschaft (AFMB) ein am 30. September
2019 eingeleitetes Verfahren betreffend Erteilung einer Aufenthaltsbewilli-
gung bis zum rechtskräftigen Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts
respektive des Bundesgerichts (BVGer-act. 4).
E.
Mit Zwischenverfügung vom 28. November 2019 hiess die zuständige In-
struktionsrichterin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und
Rechtsverbeiständung gut und gab unter Fristansetzung dem Begehren
um Frist zur eingehenderen Begründung des Revisionsgesuchs statt
(BVGer-act. 5).
F.
Am 5. Februar 2020 reichte der Gesuchsteller innert erstreckter Frist eine
ergänzende Revisionsbegründung ein. Darin setzte er unter anderem das
Bundesverwaltungsgericht in Kenntnis, dass er ein am 4. Oktober 2019
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beim Bundesgericht eingereichtes Revisionsgesuch betreffend dessen Ur-
teil 2C_254/2017 vom 6. März 2018 bezüglich die Ablehnung der wieder-
erwägungsweisen Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zurückgezogen
habe (BVGer-act. 11).
G.
Mit Verfügung vom 13. Februar 2020 schrieb das Bundesgericht das Ver-
fahren betreffend Revision gegen das Urteil des BGer 2C_254/2017 zu-
folge Rückzugs des Gesuchs ab (BVGer-act. 12).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilte das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen des damaligen BFM, die gestützt auf
Art. 12 Abs. 3 des Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt
und Niederlassung der Ausländer (ANAG, BS 1 121) die Ausdehnung einer
kantonalen Wegweisung auf das ganze Gebiet der Schweiz und das Fürs-
tentum Liechtenstein zum Gegenstand hatten (zur Anwendbarkeit des
ANAG im ursprünglichen Beschwerdeverfahren siehe Urteil C-1231/2010
E. 1.1 und 3). Es ist ausserdem zuständig für die Revision von Urteilen, die
es in seiner Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE
2007/21 E. 2.1).
1.2 Für die Revision von Entscheiden des Bundesverwaltungsgerichts gel-
ten die Art. 121-128 BGG sinngemäss (Art. 45 VGG). Auf Inhalt, Form, Ver-
besserung und Ergänzung des Revisionsgesuches finden Art. 67 Abs. 3
VwVG sowie Art. 52 f. VwVG Anwendung (Art. 47 VGG). Im Revisionsge-
such ist insbesondere darzulegen, welcher gesetzliche Revisionsgrund an-
gerufen und welche Änderung des früheren Entscheids beantragt wird
(Art. 67 Abs. 3 VwVG). Im Übrigen richtet sich das Verfahren nach dem
VwVG (Art. 37 VGG).
1.3 Revisionsgesuche wegen Verletzung der EMRK sind innerhalb von
90 Tagen, nachdem das Urteil des EGMR endgültig geworden ist, beim
Bundesverwaltungsgericht einzureichen (Art. 67 Abs. 1bis VGG).
1.4 Als Beschwerdeführer im Verfahren C-1231/2010 ist der Gesuchsteller
zur Einreichung des Revisionsgesuchs legitimiert (vgl. ELISABETH ESCHER,
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in Marcel Alexander Niggli et al. [Hrsg.], Basler Kommentar zum Bundes-
gerichtsgesetz, 3. Aufl. 2018, N. 2 zu Art. 127 BGG). Das Revisionsgesuch
wurde im Übrigen frist- und formgerecht eingereicht, weshalb darauf ein-
zutreten ist.
2.
2.1 Der Revisionsgrund gemäss Art. 122 BGG setzt kumulativ (BGE 144 I
214 E. 4) voraus, dass der EGMR in einem endgültigen Urteil eine Verlet-
zung der EMRK oder deren Protokolle festgestellt hat (Bst. a), eine Ent-
schädigung nicht geeignet ist, die Folgen der Verletzung auszugleichen
(Bst. b) und die Revision notwendig ist, um die Verletzung zu beseitigen
(Bst. c).
2.2 In Ziff. 2 seines Urteils Nr. 23887/16 hat der EGMR eine Verletzung von
Art. 8 EMRK festgestellt. Der Entscheid wurde am 9. Juli 2019 endgültig,
weshalb die Voraussetzung von Art. 122 Bst. a BGG erfüllt ist.
2.3
2.3.1 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung zu Art. 122 Bst. b BGG
besteht für die Revision eines Urteils kein Anlass mehr, wenn der EGMR
eine die Folgen der Konventionsverletzung ausgleichende Entschädigung
gesprochen hat. Möglich bleibt die Revision nur insoweit, als sie geeignet
und erforderlich ist, um über die finanzielle Abgeltung hinaus fortbeste-
hende, konkrete nachteilige Auswirkungen der Konventionsverletzung im
Rahmen des ursprünglichen Verfahrens zu beseitigen (in BGE 145 III 165
nicht publizierte E. 3.2.1 m.H.).
2.3.2 In Dispositiv-Ziff. 5.a seines Urteils Nr. 23887/16 hat der EGMR die
Schweiz zur Zahlung einer Parteientschädigung von EUR 4'500.- verurteilt,
die die Kosten und Auslagen der Vertretung vor den nationalen Gerichten
und vor dem EGMR umfasst. Insoweit ist der materielle Schaden gedeckt
und kommt eine Revision vorliegend nicht mehr in Frage. Eine Entschädi-
gung für einen immateriellen oder ideellen Schaden hat der EGMR hinge-
gen unter Abweisung eines entsprechenden Antrags des Gesuchstellers
abgelehnt, da die Feststellung einer Konventionsverletzung hierfür bereits
eine gerechte Entschädigung darstelle (Dispositiv-Ziff. 4). Auch insoweit
fällt die Revision des ursprünglichen Urteils ausser Betracht (vgl. in
BGE 145 III 165 nicht publizierte E. 3.2.3; ELISABETH ESCHER, a.a.O., N. 5
zu Art. 122 BGG).
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2.3.3 Zu prüfen bleibt, ob über die finanzielle Abgeltung hinaus fortbeste-
hende, konkrete nachteilige Auswirkungen der Konventionsverletzung be-
stehen. Bejaht wird diese Frage im Strafrecht beispielsweise, wenn ohne
eine Revision des Urteils eine ursprünglich ausgesprochene Strafe voll-
ziehbar bliebe (vgl. die in BGE 145 III 165 nicht publizierte E. 3.2.4 m.H.).
Dasselbe gilt, wenn der EGMR – wie vorliegend – den Antrag auf eine ge-
rechte Entschädigung gemäss Art. 41 EMRK abgelehnt, jedoch eine Ver-
letzung von Verfahrensrechten festgestellt hat (vgl. BGE 144 I 214 E. 4.2
m.H.). Vorliegend hat der EGMR in der ungenügenden Verhältnismässig-
keitsprüfung seitens des Bundesverwaltungsgerichts eine prozedurale Ver-
letzung von Art. 8 EMRK erkannt (Urteil Nr. 23887/16 § 76 f.). Diese Ver-
letzung von Verfahrensrecht kann nicht durch eine Entschädigung ausge-
glichen werden. Die Ausrichtung einer Entschädigung würde zudem trotz
der gemäss EGMR ungenügend überprüften Verhältnismässigkeit nichts
am Bestand und der grundsätzlichen Vollziehbarkeit der ursprünglich an-
gefochtenen Verfügung betreffend die Ausdehnung der Wegweisung än-
dern. Insoweit ist die Voraussetzung gemäss Art. 122 Bst. b BGG als erfüllt
zu betrachten.
2.4 Schliesslich ist vorausgesetzt, dass die Revision notwendig ist, um die
Verletzung zu beseitigen (Art. 122 Bst. c BGG). Diese ist notwendig, wenn
das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht ohne Konventionsver-
letzung einen anderen Verlauf genommen hätte oder hätte nehmen können
(vgl. BGE 145 III 165 E. 3.3.1 m.H. auf BGE 144 I 214 E. 4.3). Der EGMR
ging vorliegend davon aus, dass die Verhältnismässigkeitsprüfung der an-
geordneten Ausdehnung der Wegweisung oberflächlich ausgefallen sei
und die öffentlichen und privaten Interessen unvollständig gegeneinander
abgewogen worden seien (Urteil Nr. 23887/16 § 76-78). Durch die Vor-
nahme einer umfassenderen Verhältnismässigkeitsprüfung hätte das Ver-
fahren vor dem Bundesverwaltungsgericht einen anderen Verlauf nehmen
können. Damit ist auch die Voraussetzung nach Art. 122 Bst. c BGG erfüllt.
3.
Der Revisionsgrund in Sinne von Art. 122 BGG ist nach dem Gesagten als
gegeben zu beurteilen, weshalb das Urteil des BVGer C-1231/2019 vom
28. Oktober 2015 aufzuheben ist. Das ursprüngliche Beschwerdeverfahren
wird wiederaufgenommen. Diesbezüglich lässt die Aktenlage zum heutigen
Zeitpunkt keinen Neuentscheid zu. Die sich stellenden Rechts- und Verfah-
rensfragen – insbesondere zum Umgang mit dem nach der heutigen
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Rechtslage nicht mehr bestehenden Institut der Ausdehnung einer kanto-
nalen Wegweisungsverfügung auf das Staatsgebiet der ganzen Schweiz
und des Fürstentums Liechtenstein – sind vertieft zu prüfen.
4.
Bei diesem Ausgang des Revisionsverfahrens sind keine Verfahrenskosten
aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 68 Abs. 2 und Art. 63 Abs. 1 VwVG).
Angesichts des Obsiegens im Revisionsverfahren ist dem vertretenen Ge-
suchsteller in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 68 Abs. 2
VwVG zulasten der Gerichtskasse eine Parteientschädigung für die ihm
erwachsenen notwendigen Kosten zuzusprechen (vgl. Art. 7 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Gestützt auf die
in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist die
Parteientschädigung aufgrund der Akten auf pauschal Fr. 1’800.– festzu-
setzen, wobei insbesondere die Komplexität der Angelegenheit betreffend
die Revision eines Bundesverwaltungsgerichtsurteils auf Basis eines Ent-
scheids des EGMR berücksichtigt wird.
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