Decision ID: 73ad7b22-8dcf-5907-9afe-30ea46714484
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 8. Juli 2021 in der Schweiz um Asyl
nach (Vorhabens-Nr. 1101955; nachfolgend SEM-Akten [A]). Ein am
13. Juli 2021 durchgeführter Abgleich ihrer Daktyloskopierung mit der Eu-
rodac-Datenbank ergab, dass sie 9. Januar 2020 auf der Insel B._
(Camp C._) ein Asylgesuch gestellt hatte und die griechischen Be-
hörden ihr am 4. März 2020 Internationalen Schutz gewährt hatten.
B.
Am 14. Juli 2021 reichte die ihr zugewiesene Rechtsvertretung eine Ver-
tretungsvollmacht vom selben Tag ein. Einen Tag später wurden ihre Per-
sonalien aufgenommen (A11). Dabei informierte die Beschwerdeführerin,
dass ihr religiös angetrauter Ehemann sich in Griechenland und ihre voll-
jährige Tochter sich in der Türkei aufhalte.
C.
Gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal anwesender Dritt-
staatsangehöriger (Rückführungs-Richtlinie) und auf das Abkommen zwi-
schen der Schweiz und Griechenland über die Rückübernahme von Per-
sonen mit irregulärem Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729)
ersuchte die Vorinstanz die griechischen Behörden am 16. Juli 2021 um
Rückübernahme der Beschwerdeführerin.
D.
Diesem Ersuchen stimmten die griechischen Behörden am 20. Juli 2021
zu und sie teilten mit, dass die Beschwerdeführerin am 4. März 2020 als
Flüchtling anerkannt worden sei und sie über eine Aufenthaltsbewilligung,
gültig vom 1. April 2020 bis zum 31. März 2023, verfüge.
E.
E.a Im Beisein der Rechtsvertretung fand am 16. August 2021 ein Dublin-
Gespräch zur Sach- und Rechtslage – die Beschwerdeführerin verfüge als
anerkannter Flüchtling über einen griechischen Aufenthaltstitel, weshalb
das SEM beabsichtige, auf ihr Asylgesuch nicht einzutreten und sie nach
Griechenland wegzuweisen – und zum medizinischen Sachverhalt statt
(A22). Dabei brachte sie im Wesentlichen vor, sie sei von Dritten verfolgt
worden, nachdem sie bei der Polizei Anzeige erstattet habe, weil ihre Hütte
angezündet worden sei. Auch in Athen sei sie gefunden worden. Sie habe
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die Personen angezeigt, habe aber deren Namen und Aufenthaltsort nicht
gekannt. Die Polizei in Griechenland helfe jedoch nicht. Nebst einigen kör-
perlichen habe sie insbesondere auch psychische Probleme; sie sei bereits
als Kind missbraucht worden. Seit den Vorfällen in Griechenland habe sich
ihre psychische Situation verschlimmert: Sie leide an Depressionen und
Allergien, ihre rechte Schulter schmerze und sie habe Magenprobleme.
Ferner hätten iranische Ärzte festgestellt, dass ihre Herzkammern «lose»
seien. All diese gesundheitlichen Probleme habe sie der Pflege des Bun-
desasylzentrums (BAZ) D._ gemeldet und entsprechende Medika-
mente erhalten.
E.b Mit Schreiben vom 18. August 2021 hielt die Beschwerdeführerin prä-
zisierend fest, dass damals im Camp C._ im Zuge einer Auseinan-
dersetzung zwischen verschiedenen afghanischen Gruppierungen ihre
Hütte, in welcher sie mit ihrem Ehemann gelebt habe, angezündet worden
sei. Trotz Vermummung habe sie einen der Täter identifizieren können, der
sodann von der Polizei festgenommen worden sei. Wenig später sei dieser
Mann jedoch aus ungeklärten Gründen verstorben. Seine Hinterbliebenen
hätten die Beschwerdeführerin dafür verantwortlich gemacht, weshalb sie
mehrfach bedrängt worden sei. Eines Tages sei sie in einen Wald ver-
schleppt worden, wo sie sexuelle Übergriffe erlitten habe. Weil sie als Kind
schon Opfer sexueller Gewalt geworden sei, habe sie dieses Ereignis der-
art erschüttert, dass sie die Insel B._ verlassen habe. In einem
Flüchtlingslager bei Athen sei sie erneut auf ihre Peiniger gestossen. Dies
habe sie der Polizei melden wollen, jedoch sei sie nur auf taube Ohren
gestossen. Weil sie um ihre Sicherheit gefürchtet habe, habe sie das Land
verlassen.
F.
F.a Am 31. August 2021 reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht der
Psychiatrischen Dienste E._ Spitäler AG (E._) vom gleichen
Tag zu den Akten. Darin wurde eine Anpassungsstörung (mit einer Angst-
Depression gemischt) diagnostiziert. Dazu wurde insbesondere festgehal-
ten, die Beschwerdeführerin sei Opfer von Verbrechen, Terrorismus und
Krieg geworden. Zudem sei sie in der Kindheit durch den Nachbarn sexuell
missbraucht worden und habe einen Suizidversuch mit säurehaltigem Rei-
nigungsmittel hinter sich. Zur Therapie wurden der Beschwerdeführerin
zwei Medikamente verschrieben.
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Seite 4
F.b Mit Eingaben vom 14. September und vom 4. November 2021 wurden
medizinische Datenblätter betreffend Arztbesuche der Beschwerdeführerin
im BAZ zu den Akten gereicht (A26-A29).
F.c Am 16. November 2021 erkundigte sich der zuständige Sachbearbeiter
des SEM bei der Pflege des BAZ nach dem aktuellen Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin und allfälligen Behandlungen. Zwei Tage später
reichte die Pflege des BAZ ein weiteres medizinisches Datenblatt (mit letz-
tem Besuch vom 16. November 2021) zu den Akten und informierte das
SEM über den aktuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin.
G.
Am 25. November 2021 stellte das SEM den Entwurf des Asylentscheides
der Rechtsvertretung zu, welche tags darauf hierzu Stellung nahm. Einge-
wendet wurde in erster Linie, der medizinische Sachverhalt sei nicht hin-
reichend erstellt.
H.
Mit am gleichen Tag eröffneter Verfügung vom 29. November 2021 trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
I.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin am 6. Dezember 2021 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragt, nach Aufhebung
der Verfügung sei die Vorinstanz anzuweisen, infolge Unzulässigkeit be-
ziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige
Aufnahme anzuordnen. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen
Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und
die Vollzugsbehörde sei anzuweisen, auf eine Überstellung der Beschwer-
deführerin nach Griechenland zu verzichten, bis über die aufschiebende
Wirkung entschieden sei. Ferner sei die unentgeltliche Prozessführung zu
gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Der Beschwerde lagen unter anderem Berichte der Psychiatrischen
Dienste E._ vom 31. August und 6. September 2021 sowie ein me-
dizinisches Datenblatt (mit letztem Besuch bei der Pflege des BAZ vom
30. November 2021) bei.
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J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
7. Dezember 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
K.
Am gleichen Tag wurde der Eingang der Beschwerde bestätigt und festge-
stellt, die Beschwerdeführerin könne den Ausgang des Verfahrens einst-
weilen in der Schweiz abwarten.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Dezember 2021 trat das Bundesverwal-
tungsgericht auf den Antrag, es sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen
und es seien vollzugshemmende Massnahmen zu ergreifen, nicht ein. Das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wurde gutge-
heissen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet und die Be-
schwerdeführerin eingeladen, ein aktuelles Arztzeugnis einzureichen.
M.
Am 10. Dezember 2021 reichte die Beschwerdeführerin einen Bericht ei-
nes Röntgeninstituts vom 3. Dezember 2021, ein Verlaufsschreiben der
Psychiatrischen Dienste E._ vom 3. Dezember 2021 und ein medi-
zinisches Datenblatt (mit letztem Besuch bei der Pflege des BAZ vom
7. Dezember 2021) zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 6
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel
in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen (Art. 21 Abs. 1 VGG).
Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen auf die Durch-
führung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte insoweit ohne Einschränkung
prüft.
5.
5.1 In der Beschwerde wird beantragt, wegen unvollständiger Sachver-
haltsfeststellung sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Diese
formelle Rüge ist vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet sein könnte,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE
2013/34 E. 4.2). Die Vorinstanz sei, so die Beschwerdeführerin, nur unzu-
reichend auf ihre Verfolgung und Bedrohung, welche sie in Griechenland
erlebt habe, eingegangen. Sie habe diesbezüglich lediglich auf die zustän-
digen staatlichen Einrichtungen verwiesen und die angebliche Schutzfähig-
und Schutzwilligkeit von Griechenland nicht in Frage gestellt. Ferner sei
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der medizinische Sachverhalt nur ungenügend abgeklärt respektive gewür-
digt worden, verschiedene Abklärungen seien noch offen. Das SEM wäre
verpflichtet gewesen, aktuelle medizinische Berichte einzuholen, um den
tatsächlichen Gesundheitszustand festzustellen.
5.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtser-
heblichen Sachverhalts in Verletzung der Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den
Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden
(vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Ihre Grenze findet die
Untersuchungspflicht der Behörde in der Mitwirkungspflicht der asylsu-
chenden Person (Art. 13 Abs. 1 VwVG und Art. 8 Abs. 1 AsylG).
5.3 Die Rüge der unvollständigen Sachverhaltsfeststellung erweist sich –
wie nachfolgend dargelegt – als unbegründet.
5.3.1 Dass das SEM die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte
Bedrohung seitens dritter Personen zur Kenntnis genommen hat, und auch
die geltend gemachte Untätigkeit der griechischen Behörden, ergibt sich
bereits aus dem ausführlich erfassten Sachverhalt der angefochtenen Ver-
fügung (vgl. ebd. Ziff. I, 6). Mit diesen Umständen hat es sich dann unter
Ziff. III, 2 ausführlich befasst. Die Kritik, das SEM habe sich in ihrem Fall
zu wenig mit der Schutzfähig- und Schutzwilligkeit von Griechenland aus-
einandergesetzt, ist unberechtigt, zumal gemäss Art. 6a AsylG zugunsten
sicherer Drittstaaten – wie Griechenland – die Vermutung besteht, dass
diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen, wie beispielsweise die Quali-
fikations-Richtlinie (Richtlinie 2011/95/EG des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 13. Dezember 2011über Normen für die Anerkennung
von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Personen mit Anspruch
auf internationalen Schutz, für einen einheitlichen Status für Flüchtlinge o-
der für Personen mit Anrecht auf subsidiären Schutz und für den Inhalt des
zu gewährenden Schutzes), einhalten. In solchen Fällen obliegt es grund-
sätzlich der betroffenen Person – vorliegend die Beschwerdeführerin –
diese Legalvermutung umzustossen.
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5.3.2 Das SEM hat alsdann auch die geltend gemachten gesundheitlichen
Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin ausführlich in seiner Verfü-
gung aufgenommen und sich mit ihnen auseinandergesetzt. Es hat sich
vor Erlass der angefochtenen Verfügung am 16. November 2021 nochmals
bei der Pflege des BAZ bezüglich des aktuellen Gesundheitszustandes der
Beschwerdeführerin und derzeitigen und anstehenden Behandlungen er-
kundigt. Gestützt auf das Antwortschreiben schloss das SEM eine medizi-
nische Notlage – respektive dass sich der Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Griechenland drastisch ver-
schlechtern würde – aus. Auch hat sich das SEM mit dem in den Akten
registrierten früheren Suizidversuch auseinandergesetzt und darauf hinge-
wiesen, dass die Beschwerdeführerin auch der Rechtsvertretung gegen-
über keine Gründe dafür genannt habe. Selbst wenn künftige fachärztliche
Beurteilungen – wie beispielsweise eine Diagnose ihres psychischen Lei-
dens oder das Resultat der bevorstehenden MRI-Untersuchung – weiter-
führende Behandlungsmassnahmen vorschreiben würden, würde dies an
den Einschätzungen des SEM nichts zu ändern vermögen. Schliesslich
seien weitere Behandlungsmöglichkeiten in physischer wie auch in psychi-
scher Hinsicht für Personen mit Schutzstatus auch in Griechenland ge-
währleistet. Die im Zeitpunkt des vorinstanzlichen Entscheides vorliegen-
den ärztlichen Berichte und darin festgehaltenen Diagnosen sowie die
sonst aus den Akten hervorgehenden Hinweise auf den Gesundheitszu-
stand der Beschwerdeführerin liessen hinreichend klar erkennen, dass sie
zwar an gewissen körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen leide,
gleichzeitig aber nicht von einem schwerer beeinträchtigten Gesundheits-
zustand auszugehen sei. Somit hat das SEM auch den medizinischen
Sachverhalt genügend erstellt. Die alleinige Tatsache, dass dannzumal
weitere Besuche bei einem Physiotherapeuten oder eine MRI-Untersu-
chung noch anstanden, deutete noch nicht daraufhin, dass zur Beurteilung
allfälliger Wegweisungsvollzugshindernisse weitere Abklärungen gemacht
werden müssten. Dass das SEM hinsichtlich Einschätzung der Schwere
der gesundheitlichen Beeinträchtigungen, aber auch hinsichtlich der medi-
zinischen Versorgung in Griechenland einer anderen Linie folgt, als von der
Beschwerdeführerin vertreten, bedeutet noch keine unvollständige oder
unrichtige Sachverhaltsdarstellung.
5.4 Zusammenfassend ist die Vorinstanz ihren Untersuchungspflichten ge-
nügend nachgekommen und hat den Sachverhalt vollständig und richtig
festgestellt. Die diesbezügliche Rüge ist unberechtigt und der Antrag auf
Rückweisung ist abzulehnen.
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Seite 9
6.
6.1 Hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs wies das SEM zunächst darauf
hin, dass Personen mit Schutzstatus sich in Griechenland auf die Garan-
tien der Qualifikations-Richtlinie berufen können. Dadurch habe die Be-
schwerdeführerin als schutzberechtigte Person Zugang zu Wohnraum, Be-
schäftigung und medizinischer Versorgung; diese Rechte seien beim grie-
chischen Staat einklagbar. Überdies würden neben den staatlichen Struk-
turen auch private und internationale Organisationen existentielle Bedürf-
nisse von bedürftigen Personen abdecken. Bezüglich der geltend gemach-
ten Verfolgung und Bedrohung sowie insbesondere der Vergewaltigung sei
darauf hinzuweisen, dass Griechenland ein Rechtsstaat sei, welcher über
eine funktionierende Polizeibehörde verfüge, die schutzwillig wie auch
schutzfähig sei. Wenn diese nicht weiterhelfe, wie die Beschwerdeführerin
zu Protokoll gegeben habe, habe sie die Möglichkeit einer weiteren An-
zeige, um bei den zuständigen Behörden und höheren Instanzen Nach-
druck zu verleihen. Auch hielt es fest, es gelinge keinem Staat, prophylak-
tisch alle Personen vor Straftaten zu schützen. Bezüglich der medizini-
schen Versorgung könne grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass
– mit Blick auf den Suizidversuch und die vorgebrachten sexuellen Miss-
bräuche – auch in psychischer Hinsicht eine adäquate Behandlung in die-
sem EU-Staat möglich sei; ansonsten sie ihre Rechte gerichtlich durchzu-
setzen habe.
Folglich würden sich aus den Akten keine Hinweise auf lebensbedrohliche
physische oder psychische gesundheitliche Beeinträchtigung der Be-
schwerdeführerin ergeben, sodass eine Überstellung nach Griechenland
zulässig und zumutbar sei. Das SEM werde die griechischen Behörden
über den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin sowie die notwen-
digen Behandlungen informieren, sollte sich dies als notwendig erweisen.
6.2 In der Beschwerde wird bezüglich des Wegweisungsvollzugs darauf
hingewiesen, dass im März 2020 in Griechenland ein Gesetz in Kraft ge-
treten sei, gemäss welchem Flüchtlinge mit Schutzstatus 30 Tage nach Er-
halt dieses Status ihr Recht auf Unterkunft, Sach- und Geldleistungen ver-
lieren würden. Zahlreiche Berichte würden die prekäre Lebensbedingun-
gen belegen. Ferner sei das Gesundheitssystem derart überlastet, dass
eine medizinische Behandlung nicht garantiert sei.
Diese desolaten Zustände habe die Beschwerdeführerin am eigenen Leibe
erlebt. So habe sie im Camp C._ in einer Hütte respektive in einem
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Seite 10
Zelt leben müssen, welches von Unbekannten grundlos angezündet wor-
den sei. Dementsprechend sei davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führerin nach einer Rückkehr obdachlos sein würde. Ferner müsse – weil
die Beschwerdeführerin eine Frau sei – die Gefahr von geschlechtsspezi-
fischer Verfolgung beachtet werden, zumal sie bereits Opfer sexueller Ge-
walt geworden sei und ihr Ehemann sie nicht habe beschützen können.
Zwar sei die Polizei über alle Vorfälle informiert worden, jedoch hätten die
polizeilichen Massnahmen offenkundig nicht ausgereicht.
Die aktuelle Situation könne der Vulnerabilität der Beschwerdeführerin
nicht gerecht werden, weshalb ein Vollzug der Wegweisung weder zulässig
noch zumutbar sei.
7.
7.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein-
getreten, wenn die asylsuchende Person in einen sicheren Drittstaat nach
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG zurückkehren kann, in welchem sie sich vorher
aufgehalten hat.
7.2 Griechenland wurde – wie sämtliche EU- und EFTA-Staaten – am
14. Dezember 2007 durch den Bundesrat als sicherer Drittstaat im Sinne
von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet (vgl. hierzu die diesbezügliche
Medienmitteilung des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements
EJPD vom 14. Dezember 2007). Die Beschwerdeführerin hat sich vor der
Einreise in die Schweiz unbestrittenermassen in Griechenland aufgehal-
ten, wo sie am 4. März 2020 als Flüchtling anerkannt wurde und derzeit
über eine gültige Aufenthaltsbewilligung verfügt. Die griechischen Behör-
den haben mit Schreiben vom 20. Juli 2021 ihrer Rückübernahme aus-
drücklich zugestimmt. Das SEM ist folglich in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. a AsylG zu Recht auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin
nicht eingetreten.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 11
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche
Verpflichtungen der Schweiz (vgl. insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33
Abs. 1 des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK,
SR 0.142.30], Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) ei-
ner Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Her-
kunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind.
9.3 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten – wie
Griechenland einer ist (vgl. E. 7.2) – die Vermutung, dass diese ihre völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen, darunter im Wesentlichen das Refoule-
ment-Verbot und grundlegende menschenrechtliche Garantien, einhalten
(vgl. FANNY MATTHEY, in: Cesla Amarelle/Minh Son Nguyen, Code annoté
de droit des migrations, Bern 2015, Art. 6a AsylG N. 12 S. 68). Gestützt auf
Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass ein Wegweisungs-
vollzug in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist. Es obliegt
der betroffenen Person, diese beiden Legalvermutungen umzustossen.
Dazu hat sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die Behör-
den des in Frage stehenden Staates im konkreten Fall das Völkerrecht ver-
letzen, ihr nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie menschenun-
würdigen Lebensumständen aussetzen würden respektive, dass sie im in
Frage stehenden Staat aufgrund von individuellen Umständen sozialer,
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Seite 12
wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage ge-
raten würde (vgl. statt vieler Urteil BVGer E-2617/2016 vom 28. März 2017
E. 4).
9.4
9.4.1 Das Vorliegen eines Vollzugshindernisses unter dem Aspekt der Zu-
lässigkeit bei Personen, denen von den griechischen Behörden ein Schutz-
status verliehen wurde, wird vom Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss
nur unter strengen Voraussetzungen bejaht. Das Gericht geht grundsätz-
lich davon aus, dass Griechenland als Signatarstaat der EMRK, der FoK
und der FK sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen
nachkommt. Zwar anerkennt es, dass die Lebensbedingungen in Grie-
chenland schwierig sind. Die bekannten Unzulänglichkeiten treten aber
nicht in einer Weise auf, welche darauf schliessen lassen, dass Griechen-
land grundsätzlich nicht gewillt oder nicht fähig sei, Schutzberechtigten die
ihnen zustehenden Rechte und Ansprüche zu gewähren, beziehungsweise
dass diese bei Bedarf nicht auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden
könnten. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts errei-
chen die anerkanntermassen schwierigen Lebensbedingungen also grund-
sätzlich nicht die Schwelle einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be-
handlung im Sinne von Art. 3 EMRK und es ist nicht von einer existenziel-
len Notlage für den Fall der Rückkehr nach Griechenland auszugehen (vgl.
Urteile BVGer D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 8.2 m.w.H. [als Refe-
renzurteil publiziert], E-2508/2020 vom 24. September 2020, E-319/2021
vom 27. Januar 2021, E-3183/2021 vom 16. Juli 2021, D-3708/2021 vom
27. August 2021 sowie E-5435/2021 vom 10. Januar 2022). Unterstüt-
zungsleistungen und weitere Rechte können direkt bei den zuständigen
Behörden eingefordert werden, falls notwendig auf dem Rechtsweg. Nicht
zuletzt können Schutzberechtigte sich auch auf die Garantien in der Qua-
lifikations-Richtlinie berufen, insbesondere die Regeln betreffend den Zu-
gang von Personen mit Schutzstatus zu Beschäftigung (Art. 26), zu Bildung
(Art. 27), zu Sozialhilfeleistungen (Art. 29), zu Wohnraum (Art. 32) und zu
medizinischer Versorgung (Art. 30). Im Falle einer Verletzung der Garan-
tien der EMRK steht zudem gestützt auf Art. 34 EMRK nach wie vor der
Rechtsweg an den EGMR offen (vgl. Referenzurteil a.a.O. E. 8.2).
9.4.2 Aufgrund der Akten liegen, entgegen den Ausführungen der Be-
schwerdeführerin, keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür vor, dass in ih-
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Seite 13
rem Fall ein «real risk» bestehen würde, bei einer Rückkehr nach Grie-
chenland dort einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
oder Behandlung ausgesetzt zu werden.
Die Beschwerdeführerin hat nebst Hinweis auf die schlechten Lebensbe-
dingungen vorgebracht, die griechische Polizei beschütze sie nicht. Nach-
dem ihre Hütte im Camp C._ niedergebrannt sei und sie eine An-
zeige erstattet habe, habe die Polizei Verdächtige festgenommen, obwohl
diese sich normalerweise in Streitereien zwischen schutzsuchenden Per-
sonen «nicht einmische» (A22). Ein Festgenommener habe anschliessend
einen Drogentod erlitten, respektive kenne sie die Todesumstände nicht
(A24). Weil die Beschwerdeführerin daraufhin von seinen Hinterbliebenen
dafür verantwortlich gemacht worden sei, hätten diese sie verfolgt und se-
xuell misshandelt, weshalb sie die Insel verlassen habe. Ihre Verfolger hät-
ten sie jedoch in Athen gefunden und bedroht, was sie der Polizei abermals
gemeldet habe; jedoch sei sie auf taube Ohren gestossen (A24), respek-
tive habe sie den Namen und Aufenthaltsort der Verfolger nicht gewusst
und der Polizei nicht angeben können (A22). Bei einer höheren Instanz
hätte sie sich über die Untätigkeit der Polizeibehörde nicht beklagen kön-
nen, weil sie überfordert gewesen sei (A22).
Es gelingt der Beschwerdeführerin mit ihren Vorbringen nicht, die Vermu-
tung, die griechischen Behörden seien auch ihr gegenüber schutzwillig und
–fähig umzustossen. Dies ergibt sich nicht zuletzt auch daraus, dass die
Polizei angesichts der Unruhen im Camp C._ zwischen den ver-
schiedenen afghanischen Gruppierungen vor Ort gewesen sei, ihre An-
zeige aufgenommen und Verdächtige festgenommen habe. Ferner habe
die Beschwerdeführerin – nachdem ihre Peiniger sie in Athen gefunden
hätten – wiederum versucht, Anzeige zu erstatten, doch habe sie weder die
Personalien noch den Aufenthaltsort dieser Personen gewusst (A22). Dass
die Polizei unter diesen Umständen nicht tätig werden konnte, ist nahelie-
gend. Das SEM weist zu Recht daraufhin, dass es der Polizei in keinem
Staat gelingt, vorsorglich sämtliche Übergriffe zu verhindern. Die Be-
schwerdeführerin wird sich, sollte sie nach ihrer Rückkehr ähnlich betroffen
sein, an die griechische Polizei zu wenden haben, gegebenenfalls mit Un-
terstützung einer der zahlreichen in Griechenland im Flüchtlingsbereich tä-
tigen privaten Organisationen oder Institutionen. Es ist im Übrigen auch
nicht ersichtlich, weshalb sie sich alleine darum bemühen müsste, lebt
doch ihr Ehemann gemäss ihren Angaben noch in Griechenland. Soweit
die Beschwerdeführerin dann in der Beschwerde auf die UN-Frauenrechts-
konvention vom 18. Dezember 1979 verweist, vermag sie auch daraus
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nichts abzuleiten, da ihr neben den vorliegend überprüften völkerrechtli-
chen Bestimmungen keine eigenständige Bedeutung zukommt.
9.4.3 Gemäss Praxis des EGMR kann der Vollzug der Wegweisung eines
abgewiesenen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen im Einzel-
fall einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen; hierfür sind jedoch ganz
aussergewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl. Urteil Paposhvili gegen
Belgien vom 13. Dezember 2016, Nr. 41738/10, §183). Von einer solchen
Situation ist, wie nachfolgend dargelegt, nicht auszugehen.
Hinsichtlich ihrer Schulterschmerzen wurde am 7. September 2021 – ne-
ben einer medikamentösen Behandlung – von der Pflege des BAZ eine
Physiotherapie vorgeschlagen. Da ihre Schmerzen trotz dieser Therapie
nicht besser wurden, wurde sie mittels eines MRI untersucht. Gemäss dem
Bericht des Röntgeninstituts vom 3. Dezember 2021 wurde eine Schleim-
beutelentzündung der Schulter (Bursitis subakromialis subdeltoidea), eine
Entzündung der Schultergelenkkapseln (glenohumerale Kapsulitis) und
eine Läsion der Supraspinatussehne diagnostiziert und eine Schmerzthe-
rapie vorgesehen. Ferner haben die Psychiatrischen Dienste E._
am 3. Dezember 2021 nebst einer Anpassungsstörung (F43.2) mit Angst
und depressiver Reaktion gemischt sowie Verdacht auf vorwiegend
Zwangshandlungen (Zwangsrituale; F42.1) als Hauptdiagnosen drei Ne-
bendiagnosen (Opfer von Verbrechen, Terrorismus, Krieg [Z65], Probleme
bei sexuellem Missbrauch in der Kindheit durch eine Person ausserhalb
der Familie [Z61] und Status nach Suizidversuch durch Trinken von säure-
halten Reinigungsmitteln [Z91.8]) gestellt. Nach dem negativen Asylent-
scheid, beim Termin am 29. November 2021 habe die Patientin wieder Su-
izidgedanken entwickelt, die sie von Zeit zu Zeit beschäftigten. Aktuell habe
sie keine Suizidgedanken, nichtsdestotrotz sei ein Notfallplan mit ihr be-
sprochen worden. Sie werde derzeit mit verschiedenen Arzneistoffen
(Duloxetin, Trittico und Pregabalin) behandelt.
Diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen sollen keineswegs relativiert
werden und sind bedauerlich. Dennoch entsprechen sie nicht einer
schwerwiegenden Erkrankung im Sinne der zitierten Rechtsprechung –
weder in psychischer noch in physischer Hinsicht. Sie lassen nicht befürch-
ten, dass bei einer Überstellung nach Griechenland eine ernsthafte, rapide
und irreversible Verschlechterung ihrer Lage, verbunden mit übermässi-
gem Leiden oder einer bedeutenden Verkürzung der Lebenserwartung, zu
erwarten wäre, wie die Annahme eines real risk im Sinne von Art. 3 EMRK
bedingt. Auch die hohen Anforderungen einer konkreten Gefährdung unter
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dem Aspekt der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sind nicht erfüllt.
Dies gerade auch, weil davon auszugehen ist, die Beschwerdeführerin er-
halte dort die notwendige medizinische Hilfe. Hinsichtlich der Überstellung
nach Griechenland ist insofern auch auf die angefochtene Verfügung zu
verweisen, als dass das SEM die griechischen Behörden über den Ge-
sundheitszustand der Beschwerdeführerin sowie die notwendige medizini-
sche Behandlung informieren wird, sollte sich dies als notwendig erweisen.
Nicht unwesentliches Gewicht kommt schliesslich dem Umstand zu, dass
sich der Ehemann der Beschwerdeführerin noch immer in Griechenland
aufhält; mit ihm habe sie noch Kontakt (A11 S. 3; A22; Psychiatrische
Dienste E._, ärztlicher Bericht vom 3. Dezember 2021, Anamnese
S. 2). Der pauschale Einwand in der Beschwerde, er habe sie in Griechen-
land nicht beschützen können und es gehe auch ihm psychisch nicht gut,
vermag nichts zu bewirken. Es ist zumindest davon auszugehen, dass sie
nicht auf sich alleine gestellt ist in den Bemühungen, sich in Griechenland
wieder zurechtzufinden und sich gegebenenfalls an die Behörden oder an-
derweitige Unterstützung zu wenden.
9.4.4 Der Beschwerdeführerin ist es demnach nicht gelungen, die Vermu-
tung umzustossen, wonach Griechenland seinen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nachkommt und ein Wegweisungsvollzug in diesen EU-Mit-
gliedstaat auch zumutbar ist. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich als
zulässig und zumutbar.
9.5 Schliesslich erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als möglich
(Art. 83 Abs. 2 AIG), nachdem die griechischen Behörden einer Rücküber-
nahme der Beschwerdeführerin ausdrücklich zugestimmt haben und den
Akten keine Hinweise auf eine Reisunfähigkeit zu entnehmen sind. Der ge-
sundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin kann, falls erforderlich,
bei der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten angemessen Rechnung ge-
tragen werden.
9.6 Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug nach Griechenland
zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnete, weshalb die An-
ordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht fällt (Art. 83 Abs. 1– 4
AIG)
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Jedoch wurde ihr Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung am 10. Dezember 2021
gutgeheissen, weshalb keine Verfahrenskosten auferlegt werden.
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