Decision ID: 5c1241ad-c5c1-5e9b-81e9-92bbb8e94350
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer Eth-
nie, ersuchte am 7. Juni 2016 in der Schweiz um Asyl. Er wurde am 28. Juni
2016 zu seiner Person befragt (Befragung zur Person; BzP) und am
5. September 2017 eingehend zu seinen Asylgründen angehört.
Im Wesentlichen bringt der Beschwerdeführer vor, aus B._, Zoba
C._, zu stammen und die 12. Klasse in Sawa abgeschlossen zu
haben. Anschliessend habe er ein zweijähriges Studium am D._-
College absolviert und danach noch ein Jahr bei der D._ auf der
Insel E._ Militärdienst leisten müssen. Als er am 5. Juni 2015 seine
Ausbildung abgeschlossen habe, sei ihm mitgeteilt worden, dass er im Au-
gust 2015 wieder in die D._ einrücken müsse. Dies habe er aber
nicht gewollt und sei daher nach seinem Urlaub nicht zu seiner Einheit zu-
rückgekehrt, sondern sei zu Hause bei seiner Mutter geblieben. Im Sep-
tember 2015 sei er von drei Personen in Zivil abgeholt und in das Gefäng-
nis F._ gebracht worden, wo er während rund zwei Monaten unter
harten Bedingungen inhaftiert gewesen sei. Eines Abends beim Toiletten-
gang sei ihm die Flucht geglückt und er habe sich nach G._ zu ei-
nem Verwandten begeben, und sei von dort nach H._ gelangt. Am
15. Dezember 2015 sei er in den Sudan gereist, über Ägypten nach Italien
gekommen und von dort am 7. Juni 2016 in die Schweiz eingereist. Zur
Untermauerung seiner Vorbringen reichte er vier Semesterzeugnisse des
«College of D._ (...) » für die Jahre 2012–2014 ein.
A.b Mit Verfügung vom 19. November 2018 – eröffnet am 24. November
2018 – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom
7. Juni 2016 ab und verfügte dessen Wegweisung sowie den Wegwei-
sungsvollzug aus der Schweiz.
A.c Der Beschwerdeführer focht diese Verfügung mit Beschwerde vom
24. Dezember 2018 beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragte,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen, eventualiter sei ihm Asyl zu gewähren oder die
Flüchtlingseigenschaft festzustellen, subeventualiter sei die Unzumutbar-
keit beziehungsweise die Unzulässigkeit der Wegweisung festzustellen
und die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Mit der Beschwerde reichte der
Beschwerdeführer unter anderem die Kopie einer Vorladung vom 22. De-
zember 2015 ein, die seine Mutter von den eritreischen Behörden im De-
zember 2015 erhalten habe.
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Seite 3
A.d Mit Urteil E-7445/2018 vom 4. April 2019 trat das Bundesverwaltungs-
gericht auf die Beschwerde nicht ein mit der Begründung, dass die Be-
schwerde mit Poststempel vom 28. Dezember 2018 verspätet eingereicht
worden sei.
B.
B.a Mit Eingabe vom 8. April 2019 stellte der Beschwerdeführer ein Ge-
such um Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens E-7445/2018 und
führte zur Begründung aus, dass er die Beschwerde per Fax am 24. De-
zember 2018 bei der Vorinstanz eingereicht habe und daher nach Art. 21
Abs. 2 VwVG die Beschwerdefrist eingehalten worden sei, unbeachtlich
der Einreichung bei einer unzuständigen Behörde.
B.b Mit Urteil E-1688/2019 vom 26. April 2019 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die als Revisionsgesuch entgegengenommene Eingabe vom
8. April 2019 gut, hob das Urteil E-7445/2018 vom 4. April 2019 auf und
nahm das ordentliche Beschwerdeverfahren unter neuer Verfahrensnum-
mer (E-7474/2018) wieder auf.
B.c Mit Zwischenverfügung vom 10. Mai 2019 wurde unter anderem der
Beschwerdeführer aufgefordert, die als Kopie eingereichte Vorladung vom
22. Dezember 2015 im Original nachzureichen. Dieser Aufforderung ist er
mit Eingabe vom 17. Juni 2019 nachgekommen.
B.d Mit Zwischenverfügung vom 25. Oktober 2019 wurde die Vorinstanz
zur Einreichung einer Vernehmlassung aufgefordert, welche diese am
11. November 2019 einreichte.
B.e Mit Replik vom 2. Dezember 2019 führte der Beschwerdeführer unter
Beilage entsprechender Dokumente aus, dass er mittlerweile Vater gewor-
den sei und ein Antrag auf Erklärung der gemeinsamen elterlichen Sorge
bei der zuständigen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) ein-
gereicht worden sei, wobei die Kindsmutter, I._, Eritreerin sei und
über eine F-Bewilligung verfüge. Er und die Kindsmutter seien darum be-
müht, in der Schweiz zu heiraten. Unter Verweis auf Art. 44 AsylG
(SR 142.31) und Art. 8 EMRK sei darauf hinzuweisen, dass er nicht von
seiner in der Schweiz lebenden Familie getrennt werden könne.
B.f Mit Zwischenverfügung vom 14. Juli 2020 wurde die Vorinstanz zu ei-
ner erneuten Vernehmlassung unter Berücksichtigung der neuen familiä-
ren Umstände eingeladen.
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Seite 4
B.g Gemäss Mitteilung des Migrationsamts J._ vom 13. Mai 2020
haben der Beschwerdeführer und I._ am 7. Mai 2020 die Ehe ge-
schlossen.
B.h Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels hob die Vorinstanz am
29. Juli 2020 die Verfügung vom 19. November 2018 wiedererwägungs-
weise auf und nahm das erstinstanzliche Verfahren wieder auf (Art. 58
VwVG).
B.i Das Bundesverwaltungsgericht schrieb daraufhin das Beschwerdever-
fahren E-7474/2018 mit Entscheid vom 17. August 2020 als gegenstands-
los geworden ab.
C.
Mit Verfügung vom 22. Oktober 2020 – eröffnet am 23. Oktober 2020 –
stellte das SEM fest, dass der Beschwerdeführer nicht nach Art. 3 Abs. 1
und 2 AsylG sondern gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG als Flüchtling anerkannt
und ihm in der Schweiz Asyl gewährt werde.
D.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer am 19. November
2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und ersuchte um Ge-
währung von Asyl gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG. In formeller Hinsicht
beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die Beiordnung
des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Januar 2021 wurde der Beschwerdeführer
aufgefordert, eine Fürsorgebestätigung nachzureichen. Auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses wurde verzichtet und die Vorinstanz wurde zur
Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
F.
Mit Eingabe vom 19. Januar 2021 wurde eine Fürsorgebestätigung (Datum
fehlt) nachgereicht.
G.
Mit Vernehmlassung vom 28. Januar 2021 nahm die Vorinstanz mit ergän-
zenden Bemerkungen zur Beschwerde Stellung.
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Seite 5
H.
Die Vernehmlassung des SEM wurde dem Beschwerdeführer mit Zwi-
schenverfügung vom 2. Februar 2021 zugestellt und ihm Gelegenheit zur
Replik gegeben.
I.
Mit Eingabe vom 17. Februar 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Rep-
lik ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.4 Aus organisatorischen Gründen im Geschäftsbetrieb der Abteilung V
des Bundesverwaltungsgerichts ist die bisherige Instruktionsrichterin nicht
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Seite 6
mehr für das vorliegende Verfahren zuständig. Die unterzeichnende Rich-
terin hat per 1. Januar 2022 den Vorsitz des Verfahrens übernommen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.
4.1 Die Vorinstanz erachtete die Vorbringen des Beschwerdeführers als
den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit im Sinne von Art. 7 AsylG nicht
genügend. So werde zwar nicht in Frage gestellt, dass er in K._
gewesen sei und ein zweijähriges Studium am D._-College absol-
viert habe, zumal er entsprechende Unterlagen das Studium betreffend
habe einreichen können. Auch sei nicht auszuschliessen, dass er nach
dem Studium für ein weiteres Jahr bei der D._ als Wachperson ge-
arbeitet habe. Hingegen seien die Vorbringen nach der Dienstzeit in Zwei-
fel zu ziehen. Er habe insbesondere die geltend gemachte Festnahme, die
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zweimonatige Haft und die anschliessende Flucht nicht glaubhaft machen
können. Seine diesbezüglichen Ausführungen seien äusserst vage und in-
different ausgefallen. Obwohl er, nachdem er am Ende seines Urlaubs
nicht mehr in den Militärdienst zurückgekehrt sei, jederzeit damit hätte
rechnen müssen, aufgegriffen und bestraft zu werden, habe er diese
Zwangslage nicht zu schildern vermocht. Zudem habe er einerseits ausge-
führt, seiner Mutter zu Hause geholfen zu haben, andererseits, sich ver-
steckt gehalten zu haben, um jederzeit flüchten zu können. Es sei ferner
nicht nachvollziehbar, dass er sich, obwohl er mit einer Suche nach ihm
habe rechnen müssen, an seinem Wohnort aufgehalten habe. Im Weiteren
hätten sich seine Schilderungen zur Haft auf stereotype und allgemein ge-
haltene Aussagen beschränkt und keine persönliche Betroffenheit erken-
nen lassen. Es sei nicht der Eindruck entstanden, dass er während zwei
Monaten unter grauenvollen Bedingungen inhaftiert gewesen sei. Es wäre
zu erwarten gewesen, dass eine solche Inhaftierung einen nachhaltigen
Eindruck hinterlassen hätte, was sich auch bei den Schilderungen zeigen
würde. Dies sei jedoch nicht der Fall gewesen, weswegen nicht davon aus-
zugehen sei, dass seine Aussagen auf persönlich Erlebtem basieren wür-
den. Auch die vorgebrachte Flucht aus dem Gefängnis habe er realitätsfern
und stereotyp geschildert, und selbst auf Nachfrage bloss unsubstantiierte
Angaben gemacht. Seine Beschreibung mithilfe eines Skizzenblatts lasse
wiederum jeglichen persönlichen Bezug zu den Geschehnissen vermissen.
Ausserdem sei es nicht nachvollziehbar, dass nur ein einziger Soldat die
Insassen bewacht haben soll. Insgesamt habe er die Inhaftierung und die
Flucht aus dem Gefängnis nicht glaubhaft machen können. Es sei mithin
davon auszugehen, dass er regulär aus dem Militärdienst entlassen wor-
den sei. Auch sei gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts aufgrund seiner illegalen Ausreise aus Eritrea nicht davon auszuge-
hen, dass er bei einer Rückkehr in seinen Heimatstaat mit ernsthaften
Nachteilen konfrontiert würde.
4.2 Der Beschwerdeführer hielt dem in der Beschwerde entgegen, dass die
Vorinstanz für die Ablehnung seines Asylgesuchs dieselbe Begründung an-
geführt habe wie bereits bei der zuvor aufgehobenen Verfügung vom
19. November 2018. Die im Beschwerdeverfahren E-7474/2018 einge-
brachten Erwägungen und Argumente seien nicht in den vorliegenden Ent-
scheid eingeflossen. Mit Verweis auf die Ausführungen in der Beschwerde
vom 24. Dezember 2018 und der Replik vom 2. Dezember 2019 sei darauf
hinzuweisen, dass er am Ende der Anhörung den Befrager ausdrücklich
gefragt habe, ob noch Unklarheiten bestehen würden. Es sei nicht nach-
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vollziehbar, wieso ihm die Glaubwürdigkeit abgesprochen werde. Die Vo-
rinstanz komme seinen Pflichten, die sich aus dem Untersuchungsgrund-
satz und dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergeben würden, nicht nach.
Es wäre am SEM gewesen, aufgrund der Wiederaufnahme des Verfahrens
weitere Abklärungen zu treffen und bei Unklarheiten bei ihm nachzufragen.
4.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, dass die vom Beschwer-
deführer eingereichte Vorladung nichts an der festgestellten Unglaubhaf-
tigkeit hinsichtlich Haft und Flucht zu ändern vermöge. Zum einen hätten
solche Dokumente bloss einen geringen Beweiswert, da sie leicht gefälscht
und käuflich erworben werden könnten. Zum anderen sei nicht ersichtlich,
dass der Beschwerdeführer die Vorladung in der BzP und der Anhörung
mit keinem Wort erwähnt habe und diese erst drei Jahre nach seiner Asyl-
gesuchsstellung eingereicht habe. Des Weiteren sei nicht nachvollziehbar,
dass seine Eltern, mit denen er in Kontakt stehe, ihn nicht über den Erhalt
dieser Vorladung beziehungsweise die angebliche Suche nach ihm unter-
richtet hätten. Die Erklärung des Beschwerdeführers, er habe seine Mutter
erst nach Erhalt des negativen Asylentscheids danach gefragt, überzeuge
nicht. Sein Verhalten entspreche nicht demjenigen einer Person, die sei-
tens der heimatlichen Behörden flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile zu
befürchten habe. Schliesslich sei nicht davon auszugehen, dass seine El-
tern die Vorladung drei Jahre lang aufbewahrt hätten, wenn sie nicht davon
ausgegangen wären, dass diese für ihren Sohn von Belang sein könnte.
4.4 In der Replik entgegnete der Beschwerdeführer, dass der blosse Hin-
weis des SEM auf die leichte Fälschbarkeit von Dokumenten nicht bedeute,
dass es sich bei der von ihm eingereichten Vorladung tatsächlich um eine
Fälschung handle. Es sei von der Echtheit des Dokuments auszugehen.
Des Weiteren sei zu berücksichtigen, dass seine Mutter lediglich froh ge-
wesen sei, nach seiner Flucht von ihm zu hören und die erhaltene Vorla-
dung ihm gegenüber nicht erwähnt habe, weil sie diese für belanglos er-
achtet habe. Er sei ausserdem vom SEM nicht explizit nach einer Vorla-
dung gefragt worden; wäre dies der Fall gewesen, hätte er sich sicherlich
diesbezüglich gleich bei seiner Mutter erkundigt. Die Vorladung sei
schliesslich nur ein Aspekt der gesamten Glaubhaftigkeitsprüfung.
5.
5.1 Vorab ist festzuhalten, dass dem Umstand, dass die Vorinstanz der an-
gefochtenen Verfügung im Grundsatz dieselbe Begründung zugrunde ge-
legt hat wie im Entscheid vom 19. November 2018, nichts auszusetzen ist.
Die Verfügung vom 19. November 2018 wurde wiedererwägungsweise
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aufgehoben, weil sich die familiäre Situation des Beschwerdeführers geän-
dert hatte und eine Prüfung des Einbezugs in das Asyl und die Flüchtlings-
eigenschaft seiner Ehefrau angezeigt war. Eine erneute Beurteilung der
materiellen Fluchtgründe oder gar eine erneute Anhörung des Beschwer-
deführers war hingegen nicht notwendig, so dass die damalige Begrün-
dung für den ablehnenden Entscheid durchaus noch Geltung haben kann.
Auch soweit der Beschwerdeführer vorbringt, die Vorinstanz habe sich
nicht zu den im Beschwerdeverfahren E-7474/2018 eingebrachten Argu-
menten geäussert, kann festgehalten werden, dass das SEM im Rahmen
der Vernehmlassung vom 11. November 2019 zu den Beschwerdevorbrin-
gen Stellung genommen hat. Es erscheint im vorliegenden Fall nicht not-
wendig, dass das SEM die damals getroffene Einschätzung wiederholt, zu-
mal auch der Beschwerdeführer in der Beschwerde bloss pauschal auf
seine früheren Eingaben verweist, ohne diese inhaltlich erneut zu substan-
tiieren.
5.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Erwägungen der Vorinstanz nicht bestätigt werden kön-
nen.
5.2.1 Zunächst ist festzustellen, dass die Ausführungen des Beschwerde-
führers zum 12. Schuljahr in Sawa und dem zweijährigen Studium am
D._-College als glaubhaft erachtet werden. Auch aufgrund der ein-
gereichten Beweismittel (Semesterzeugnisse des «College of D._
(...) » der Jahre 2012–2014) ist mithin davon auszugehen, dass er in sei-
nem Heimatstaat im zivilen Nationaldienst gewesen ist. Ebenfalls erscheint
unter den Gesamtumständen glaubhaft, dass er nach seinem Studium
während eines Jahres Wachdienst bei der D._ geleistet hat. Dies
wird auch vom SEM nicht in Zweifel gezogen (s. Verfügung S. 3).
5.2.2 Entgegen der vorinstanzlichen Erwägung ist es dem Beschwerdefüh-
rer aber auch gelungen, sowohl seine Desertion aus dem Militärdienst im
Jahre 2015 und seine Inhaftierung als auch seine illegale Ausreise unmit-
telbar danach glaubhaft zu machen. Seine Vorbringen sind in den für die
Beurteilung des Gesuchs relevanten Aspekten weitgehend substanziiert
ausgefallen und zeichnen sich durch zahlreiche Realkennzeichen und per-
sönliche Eindrücke aus. Insbesondere ist in keiner Hinsicht eine Verände-
rung in seiner Erzählweise auszumachen; er äussert seine Vorbringen an
der Anhörung zu sämtlichen Lebensabschnitten in klarer, substanziierter
und authentischer Weise, so dass nicht nachvollziehbar ist, dass das SEM
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Seite 10
zwar den ersten Sachverhaltsabschnitt für glaubhaft erachtete, die Inhaf-
tierung, Desertion und Flucht hingegen nicht.
5.2.3 Der Beschwerdeführer hat nachvollziehbar ausführen können, wieso
er nach der Vereidigung am 5. Juni 2015 über den Entscheid, im August
2015 erneut einen militärischen Kurs absolvieren zu müssen, frustriert und
enttäuscht gewesen sei (act. A19/18 F43 ff.). Ebenfalls erscheint es nicht
abwegig, dass er danach zu seiner Mutter nach Hause gereist und auch
nach seinem Urlaub, als er den Kurs hätte beginnen sollen, dort geblieben
sei. Seinen Schilderungen ist zu entnehmen, dass er sich der Gefahr
durchaus bewusst gewesen sei, er sich gleichzeitig aber auch hilflos ge-
fühlt und keine Alternative gesehen habe. Seine damalige Zwangslage wird
durch die Schilderung seines Gemütszustandes verständlich gemacht.
Entgegen der vorinstanzlichen Erwägungen sind seine diesbezüglichen
Aussagen mithin nicht vage und indifferent ausgefallen. Ebenso wenig ist,
wie dies offenbar das SEM erachtet, ein Widerspruch dahingehend zu er-
achten, dass er zu Hause seiner Mutter geholfen habe und gleichzeitig sich
bei einer allfälligen Razzia hätte verstecken wollen. Seine substantiierte
und anschauliche Erzählweise zeigt sich des Weiteren auch in seinen Aus-
führungen zur Inhaftierung und der zweimonatigen Haftzeit. Er schilderte
beispielsweise frei und detailliert – und bei Weitem nicht stereotypisch –,
wie sie sich die Zeit mit fernsehen vertrieben hätten, dass es oft Streit ums
Essen gegeben habe oder dass die Einforderung medizinischer Versor-
gung schwierig gewesen sei (s. act. A19/18 F58 ff.). Er vermochte alle
(Nach)Fragen des Sachbearbeiters befriedigend zu beantworten und
zeichnete zur besseren Veranschaulichung gar die Haftanlage auf. Auch in
Bezug auf die Flucht aus dem Gefängnis kann dem Vorwurf der Vorinstanz,
er habe stereotype und nicht anschauliche Angaben gemacht, nicht gefolgt
werden. Vielmehr hat er die Planung und Umsetzung der Flucht substanti-
iert und anhand der angefertigten Skizze nachvollziehbar schildern können
(act. A19/18 F66 ff.). In Anbetracht der erlittenen Inhaftierung und Flucht
sowie der zweijährigen Zeitspanne, die zwischen dem Erlebten und der
Anhörung vergangen ist, erfüllen seine Ausführungen durchaus die Anfor-
derungen an die Glaubhaftmachung. Es sind weder in zeitlicher noch in
inhaltlicher Hinsicht Widersprüche in seinen Aussagen an der BzP und der
Anhörung ersichtlich.
5.2.4 In Bezug auf die Vorladung ist der Vorinstanz zwar zuzustimmen,
dass der Beschwerdeführer sich bei seiner Mutter nach seiner Flucht nach
einem solchen Dokument hätte erkundigen sollen und die Einreichung des
Beweismittels im vorinstanzlichen Verfahren zumutbar gewesen wäre.
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Auch kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem
Dokument aus den von der Vorinstanz genannten Gründen um eine Fäl-
schung handeln könnte. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass
es dem Beschwerdeführer nach dem Gesagten, auch ohne das zusätzliche
Beweismittel in Form der Vorladung, gelungen ist, eine Desertion aus dem
Militärdienst glaubhaft zu machen.
5.3 Aus den Akten ergeben sich sodann auch keine konkreten Hinweise,
wonach der Beschwerdeführer bereits aus dem Militärdienst entlassen
worden wäre. Im Urteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 (als Referenz-
urteil publiziert) hat sich das Bundesverwaltungsgericht näher mit dem erit-
reischen Nationaldienst auseinandergesetzt (vgl. zum nachfolgenden Ur-
teil des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer] D-2311/2016 E. 12 und 13.3
mit weiteren Quellenangaben). Dabei wurde auf die beiden Zweige des mi-
litärischen National Service (Nationaldienst in militärischen Einheiten) und
des National Service in zivilen Einheiten (ziviler Nationaldienst) verwiesen
und es wurden die (grundsätzlich unbestimmte) Dienstdauer und die Mög-
lichkeiten, aus dem National Service entlassen zu werden, erörtert. Im vor-
liegend interessierenden Kontext hielt das Gericht im genannten Referenz-
urteil zusammenfassend fest, dass es regelmässig zu Entlassungen aus
dem eritreischen Nationaldienst komme, insbesondere bei verheirateten
Frauen. Im Weiteren sei von einer grundsätzlich möglichen Dienstentlas-
sung nach fünf bis zehn Jahren auszugehen. Andererseits ist die Entlas-
sung aus dem Dienst in Eritrea stark von willkürlichen Aspekten geprägt,
und auch eine Dienstdauer von 10 bis 20 Jahren könne ohne Weiteres üb-
lich sein (vgl. European Asylum Support Office [EASO], EASO Country of
Origin Information Report: Eritrea – National service, exit and return,
09.2019, https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/2019_EASO
_COI_Eritrea_National_service_exit_and_return.pdf, abgerufen am
11.01.2022; vgl. auch das Urteil des BVGer E-5970/2018 vom 22. April
2020 E. 5.3.5 f.).
Der Beschwerdeführer hat im Alter von (...) Jahren Eritrea verlassen. Zum
Zeitpunkt seiner geltend gemachten Desertion im Jahr 2015 hätte er ge-
mäss seinen Angaben, nach Absolvierung des zweijährigen Studiums, erst
ein Jahr im Nationaldienst gedient, womit eine Dienstentlassung äusserst
unwahrscheinlich gewesen wäre. Ebenfalls erscheint es kaum denkbar,
dass die eritreischen Behörden den gesunden und offenbar intelligenten
Beschwerdeführer, der das College besuchte und im Rahmen des zivilen
Nationaldienstes ausgebildet wurde, mithin von staatlicher Seite viel in ihn
E-5827/2020
Seite 12
investiert worden sein dürfte, nach bloss einem Jahr Dienst entlassen wür-
den. Bei dieser Sachlage erscheint es daher nicht unplausibel, dass der
Beschwerdeführer noch nicht aus dem Dienst entlassen worden ist.
5.4 Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht nach einer
Gesamtwürdigung aller Elemente, welche für oder gegen die Glaubhaf-
tigkeit der Desertion aus dem Nationaldienst und die illegale Ausreise spre-
chen, zum Schluss, dass insgesamt die positiven Elemente überwiegen.
Insgesamt ist mithin davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer aus
dem Nationaldienst desertiert ist und in der Folge Eritrea illegal verlassen
hat.
6.
Es bleibt weiter zu prüfen, ob die glaubhaft gemachte Desertion die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers zu begründen vermag.
6.1 Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermag für sich allein die
Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, sondern nur dann, wenn damit
eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit ande-
ren Worten wenn die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten
Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienst-
verweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen hat, die
ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Die ge-
setzgeberische Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG hat die Rechtslage dem-
nach nicht verändert (vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 5.9).
6.2 Vor dem Hintergrund der von der vormaligen Schweizerischen
Asylrekurskommission (vgl. EMARK 2006 Nr. 3) begründeten und vom
Bundesverwaltungsgericht weitergeführten Rechtsprechung (vgl. bspw.
Urteile des BVGer E-4847/2019 vom 15. März 2021 E. 5.1; E-3852/2018
vom 28. Dezember 2021 E. 5.3) ist festzustellen, dass Dienstverweigerung
und Desertion in Eritrea unverhältnismässig streng bestraft werden. Die
Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweigerung oder Desertion ist
dann begründet, wenn die betroffene Person in einem konkreten Kontakt
zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig
anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven Dienst stand und
desertierte (vgl. EMARK 2006 Nr. 3 E. 4.10; statt vieler Urteil des BVGer
E-5554/2018 vom 6. April 2021 E. 6 und 7). Darüber hinaus ist jeglicher
Kontakt zu den Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die
betroffene Person rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines
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Seite 13
Marschbefehls). In diesen Fällen droht nicht allein eine Haftstrafe, sondern
eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei
Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind.
Die Desertion wird von den eritreischen Behörden als Ausdruck der
Regimefeindlichkeit aufgefasst. Demzufolge sind Personen, die
begründete Furcht haben, einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden,
als Flüchtlinge im Sinne von Art. 1A Abs. 2 FK und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG
anzuerkennen.
6.3 Vorliegend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer gemäss sei-
nen als glaubhaft zu erachtenden Angaben bis zu seiner Ausreise im Jahre
2015 im Nationaldienst tätig gewesen ist, zunächst während zwei Jahren
im Studium, danach während eines Jahres als Wachmann. Er ist sodann
ohne die Bewilligung der ihm vorgesetzten Behörden aus seinem Urlaub
nicht in den Nationaldienst zurückgekehrt, wurde aufgrund dessen inhaf-
tiert und war zwei Monate lang unter harten Bedingungen in Haft. Nachdem
er aus dieser fliehen konnte, ist er im Dezember 2015 illegal aus Eritrea
ausgereist (s.o. E. 5.2). Der Beschwerdeführer ist nach dem Gesagten als
Deserteur im Sinne der oben zitierten Rechtsprechung zu betrachten. Er
hat demnach begründete Furcht, im Falle einer Rückkehr nach Eritrea zum
heutigen Zeitpunkt ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
gesetzt zu werden. Eine innerstaatliche Fluchtalternative ist nicht ersicht-
lich. Der Beschwerdeführer erfüllt daher originär die Flüchtlingseigen-
schaft.
6.4 Der Beschwerdeführer ist originär als Flüchtling anzuerkennen. Vorlie-
gend sind keine Asylausschlussgründe im Sinne von Art. 53 AsylG ersicht-
lich. Die Voraussetzungen für die Asylgewährung (Art. 3 und 7 AsylG) sind
somit erfüllt. Die Dispositivziffer 1 der angefochtenen Verfügung verletzt
nach dem Gesagten Bundesrecht. Sie ist in Gutheissung der Beschwerde
aufzuheben.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen (Art. 64
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VwVG). Eine Kostennote wurde nicht eingereicht. Auf die Nachforderung
einer solchen kann jedoch verzichtet werden. Gestützt auf die in Betracht
zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) sind dem Beschwer-
deführer für das vorliegende Verfahren pauschal Fr. 900.– (inklusive Aus-
lagen) zulasten der Vorinstanz zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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