Decision ID: ca4c1b8d-e354-5c42-83f6-e2e70fd3263b
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 6. August 2020 stellte A._, vertreten durch die Beratungsstelle Opferhilfe
SG-AR-AI, beim Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen
(nachfolgend: SJD) ein Gesuch um Genugtuung in Höhe von mindestens Fr. 10'000.--
(act. G5.1). Aus dem beigelegten Strafbefehl vom 7. Dezember 2017 ging hervor, dass
er am 31. Dezember 2016 Opfer einer einfachen Körperverletzung und Beschimpfung,
begangen durch B._, geworden war (act. G5.1.2).
A.a.
Mit Verfügung vom 15. Oktober 2020 wies das SJD das Genugtuungsbegehren
ab. Zur Begründung führte es im Wesentlichen aus, B._ sei mit dem Strafbefehl vom
7. Dezember 2017 aufgrund eines Faustschlags ins Gesicht des Gesuchstellers, der
ursächlich für eine Prellung, ein leichtgradiges Schädelhirntrauma und eine
Nasenbeinfraktur gewesen sei, der einfachen Körperverletzung schuldig gesprochen
worden. Diesbezüglich sei die Opferstellung des Gesuchstellers zu bejahen. Bezüglich
der übrigen Verletzungen des Gesuchstellers habe hingegen nicht geklärt werden
können, ob sie durch Gewalteinwirkung von B._ entstanden seien. Der Gesuchsteller
habe trotz starker Medikation am fraglichen Abend eine Flasche Wein getrunken. Auch
ein (Treppen-)Sturz bzw. ein Sturz auf eine Betonkante ohne Einwirkung von B._
hätte die übrigen Verletzungen hervorrufen können. Diesbezüglich sei das Vorliegen
einer Straftat mangels überwiegender Wahrscheinlichkeit zu verneinen. Vom
Gesuchsteller geltend gemachte psychische und kognitive Gesundheitsschäden
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.

Erwägungen
1.
könnten nicht eindeutig als Folge der Tat vom 31. Dezember 2016 eingeordnet werden.
Aktenkundig habe der Gesuchsteller sodann B._ im Vorfeld der körperlichen
Auseinandersetzung provoziert. Er habe damit wesentlich zur Auseinandersetzung und
zur entstandenen Beeinträchtigung beigetragen. In Anbetracht dessen sowie der
Tatsache, dass es sich bei den Verletzungen, welche der Straftat zugeordnet werden
könnten, um leichtgradige, verheilende körperliche Beeinträchtigungen gehandelt habe,
sei das Genugtuungsbegehren abzuweisen (act. G1.1).
Gegen diese Verfügung richtet sich der vorliegende Rekurs vom 30. Oktober 2020
(Datum Postaufgabe). Der Rekurrent beantragt, ihm sei eine Genugtuung nach
richterlichem Ermessen auszurichten. Aufgrund der Gewalt durch B._ habe er nebst
den von der Vorinstanz anerkannten Verletzungen auch eine Schulterverletzung erlitten.
Konkret sei er aufgrund des Schlages auf die Schulter gestürzt. Seine Freundin C._
habe mitangesehen, dass er aufgrund der Schläge ins Gesicht auf Schulter, Arm und
Kopf gestürzt sei. Dann sei er ohnmächtig geworden. Er habe bis heute starke
Schmerzen und Bewegungseinschränkungen, welche eine ärztliche Behandlung
notwendig machen würden. Zudem sei er aufgrund seiner gesundheitlichen
Prädisposition (depressive Erkrankung) in seiner seelischen Gesundheit massiv und
längerfristig beeinträchtigt worden. B._ habe ihn in der Tatnacht bestohlen und vor
Eintreffen der Polizei zwei volle Rucksäcke versteckt. Die Polizei habe trotz seines
Anliegens deswegen nichts unternommen, worüber er sehr enttäuscht sei (act. G1).
B.a.
Mit Vernehmlassung vom 11. November 2020 beantragt die Vorinstanz die
Abweisung des Rekurses (act. G5).
B.b.
Jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, psychischen oder
sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer) hat Anspruch auf
Unterstützung nach dem Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftraten (OHG;
SR 312.5, siehe Art. 1 Abs. 1 OHG).
1.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Der Rekurrent ist unstreitig Opfer einer Straftat geworden, sodass die
Bestimmungen des OHG vorliegend Anwendung finden. Zwischen den Parteien streitig
und zu prüfen ist indes, welche Gesundheitsschäden auf die Straftat zurückgeführt
werden können und ob der Rekurrent Anspruch auf eine Genugtuung nach dem OHG
hat.
1.2.
Gemäss Art. 22 Abs. 1 OHG hat das Opfer Anspruch auf eine Genugtuung, wenn
die Schwere der Beeinträchtigung es rechtfertigt; die Artikel 47 und 49 des
Obligationenrechts (SR 220) sind sinngemäss anwendbar. Unter Beeinträchtigung ist
dabei, wie im Zivilrecht, die Verletzung der persönlichen Verhältnisse, beziehungsweise
das konkrete Ausmass des Eingriffes in die Persönlichkeitsrechte zu verstehen. Das
Gericht stellt auf die objektive Schwere und die subjektiven Auswirkungen des Eingriffs
in das verletzte Rechtsgut ab. Es berücksichtigt dabei die Umstände des den
Genugtuungsanspruch auslösenden Ereignisses und des Einzelfalles. Täterbezogene
Faktoren sind nicht zu berücksichtigen (Peter Gomm, SHK-Opferhilferecht, 4. Aufl.,
Bern 2020, Art. 23 N 6).
2.1.
Nicht jede physische oder psychische Beeinträchtigung führt zu einer Genugtuung.
Voraussetzung ist eine gewisse Schwere der Beeinträchtigung, wie beispielsweise
Invalidität oder dauernde Beeinträchtigung eines wichtigen Organs. Ist die Schädigung
nicht dauernd, so ist ein Anspruch auf Genugtuung nur gegeben, wenn besondere
Umstände vorliegen, wie etwa eine lange Leidenszeit oder ein längerer Spitalaufenthalt.
Verheilt eine Verletzung ohne grosse Komplikationen und ohne dauernde
Beeinträchtigung, ist in der Regel keine Genugtuung geschuldet. Auch bei
Arbeitsunfähigkeiten von einigen wenigen Wochen wird in der Regel ein
Genugtuungsanspruch verneint (Roland Brehm, Berner Kommentar zum OR, Bern
1998, Art. 47 N 28 und N 161 ff.; Gomm, a.a.O., Art. 23 N 18 und N 35 mit Hinweisen
auf die Rechtsprechung; BGE 118 II 410 E. 2a; Urteile des Bundesgerichts vom
21. Februar 2001, 1A.235/2000, E. 5.b/aa, und vom 23. April 2020, 1C_320/2019,
E. 4.3). Damit eine psychische Beeinträchtigung bei der Bemessung der Genugtuung
berücksichtigt wird, muss eine erhebliche Störung des psychischen Gleichgewichts
vorliegen. Wirken sich psychische Folgen einer Straftat auf die alltäglichen
Verrichtungen bzw. auf die persönliche Verfassung des Opfers oder auf seine
Beziehungen zu ihm nahestehenden Personen einigermassen gewichtig aus, so ist ihm
ein Anspruch auf Genugtuung zuzuerkennen. Dies ist beispielsweise der Fall bei
posttraumatischen Stresszuständen, die zu dauerhaften Veränderungen der
Persönlichkeit führen (vgl. Gomm, a.a.O., Art. 23 N 24 und N 38; Brehm, a.a.O., Art. 47
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
N 171 ff.; Urteil des Bundesgerichts vom 21. Februar 2001, 1A.235/2000, E. 5b/aa). Die
Opferhilfe gewährt nicht weitergehende Ansprüche als das Opfer zivilrechtlich gegen
den Täter geltend machen könnte (BGE 121 II 369 E. 5a).
Die Beeinträchtigung muss im Sinne eines natürlichen und adäquaten Kausal
zusammenhangs durch die Straftat verursacht worden sein, wobei die im Bereich des
Haftpflichtrechts ergangene Rechtsprechung zum Beweismass beim
Kausalzusammenhang auch im Opferhilferecht zur Anwendung gelangt. Demnach gilt
in Anbetracht der Rechtsnatur der Leistungen nach OHG, die
sozialversicherungsrechtliche Elemente beinhalten, und wegen der oft bestehenden
Beweisschwierigkeiten, welche typischerweise im opferhilferechtlichen Verfahren
auftreten, das Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit für die Zuordnung
der gesundheitlichen Folgen zur Straftat (vgl. BGE 128 III 271 E. 2b und BGE 130 III
321 E. 3.2; Gomm, a.a.O., Art. 29 N 16 mit Hinweisen).
2.3.
Verwaltungs- und Strafbehörden sind nicht gegenseitig an ihre Erkenntnisse
gebunden. Im Interesse der Rechtssicherheit und Rechtseinheit weicht die
Verwaltungsbehörde aber nicht ohne sachlichen Grund vom Entscheid der
Strafbehörde ab. Von den tatsächlichen Feststellungen des Strafgerichts darf sie
abweichen, wenn sie aufgrund eigener Beweiserhebungen Tatsachen feststellt, die
dem Strafgericht unbekannt waren oder die es nicht beachtet hat, wenn neue
entscheiderhebliche Tatsachen vorliegen, wenn die Beweiswürdigung des Strafgerichts
feststehenden Tatsachen klar widerspricht oder wenn das Strafgericht bei der
Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht alle Rechtsfragen abgeklärt hat. In reinen
Rechtsfragen ist die Verwaltungsbehörde dagegen nicht an die Beurteilung durch das
Strafgericht gebunden. Die Unabhängigkeit vom Erkenntnis der Strafbehörde folgt hier
auch aus der unterschiedlichen Zwecksetzung der von der Verwaltungsbehörde
anzuwendenden Normen. Die Verwaltungsbehörde ist jedoch dann an die rechtliche
Qualifikation des Sachverhalts durch das Strafurteil gebunden, wenn die rechtliche
Würdigung sehr stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, die das Strafgericht
besser kennt als die Verwaltungsbehörde (Urteil des Bundesgerichts vom
30. November 2007, 1C_45/2007, E. 4.3).
2.4.
Vorliegend macht der Rekurrent geltend, aufgrund der Gewalteinwirkung durch
den Täter sei er auf die Schulter gestürzt und habe unter anderem eine
Schulterverletzung erlitten (Tuberculum majus-Fraktur links; vgl. act. G1 und G5.1). Die
3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vorinstanz erachtet es hingegen als nicht nachgewiesen, dass die Schulterverletzung
durch die Straftat verursacht wurde.
In der Tatnacht, den frühen Morgenstunden des 31. Dezembers 2016, war der
Rekurrent kurz nach Mitternacht mit seiner Freundin C._ von D._ zurückgekehrt.
Anschliessend trank er eine Flasche Wein. B._, der damals beim Rekurrenten zur
Untermiete wohnte, traf ca. zwei Stunden nach diesem zu Hause ein. Zwischen den
beiden kam es zu einem Wortwechsel. Daraufhin schlug der zu diesem Zeitpunkt leicht
alkoholisierte B._ dem Rekurrenten mit Sicherheit einmal die Faust ins Gesicht.
Zudem bezeichnete er den Rekurrenten auf D._isch als "Drecksack". In der Folge rief
der Rekurrent um 3:12 Uhr die Polizei, welche einen Rapport betreffend "Tätlichkeiten"
erstellte (vgl. zum Ganzen act. G1, G1.2, G1.3, G5.4.3 und G5.4.4 f.).
3.2.
Die genaueren Umstände der Tat sind unklar. Den Akten lassen sich insbesondere
folgende Hinweise auf den Sachverhalt entnehmen:
3.3.
Der Rekurrent schilderte anlässlich der polizeilichen Einvernahme im Rahmen
seiner Strafanzeige vom 5. Januar 2017, als er am Abend des 30. Dezember 2016 mit
seiner Freundin von D._ nach Hause gekommen sei, habe es im Haus ausgesehen,
als habe in seiner Abwesenheit eine Party stattgefunden. Er habe das Gefühl gehabt,
als würde einiges fehlen. Er habe sich mit seiner Freundin im Wohn-/Schlafzimmer
aufgehalten. Er habe eine Flasche Wein getrunken. Gegen 2:00 bis 2:30 Uhr habe er
gehört, dass jemand ins Haus gekommen sei. Er habe nach unten gerufen und
daraufhin Antwort von B._ erhalten. Er sei nach unten gegangen, weil er mit ihm über
seine Feststellungen habe reden wollen. B._ habe einen betrunkenen Eindruck
gemacht. Er habe gesagt, dass während der Abwesenheit des Rekurrenten nichts los
gewesen sei und er nur noch ins Bett wolle. Der Rekurrent habe gefragt, wo die fällige
Miete sei und habe gesagt, B._ müsse gehen, wenn er sich nicht an die Regeln halte.
Dieser habe erwidert, dass er sogleich seine Sachen packen und verschwinden werde.
Als er sich hoch Richtung sein Zimmer aufgemacht habe, habe der Rekurrent ihm noch
nachgesagt, dass er vor seiner Abreise sein Gepäck anschauen wolle und dass er
wisse, dass B._ schon gestohlen habe. Da habe B._ sich umgedreht, sei wieder
heruntergekommen und habe ihn mit der Faust voll ins Gesicht geschlagen. Von da an
wisse er nicht mehr viel. Er wisse nur noch, dass dieser ihn mehrmals geschlagen
habe. Als nächstes erinnere er sich, dass er hin und her gelaufen sei und seine
Freundin wirre Sachen gefragt habe. Danach habe er sich in das Zimmer von B._
begeben und ihn aufgefordert, seine Sachen zu packen. Dann habe er die Polizei
gerufen (act. G5.4.5).
3.3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C._ schilderte anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 5. Januar 2017,
kurz vor Mitternacht sei sie mit dem Rekurrenten von D._ zurückgekehrt. Bei der
Ankunft hätten sie bemerkt, dass Sachen im Haus umgestellt worden seien. Sie hätten
im Wohn-/Schlafzimmer verweilt, wo sie auf dem Bett gelegen und sich mit ihrem
Handy beschäftigt habe. Der Rekurrent habe die Zeit am Computer verbracht und Wein
getrunken. Gegen 1:30 Uhr sei jemand ins Haus gekommen. Der Rekurrent habe
nachgeschaut und sei auf B._ getroffen. Es sei zur verbalen Auseinandersetzung
zwischen den beiden gekommen, da der Rekurrent das Gefühl gehabt habe, B._
habe im Haus eine Party gefeiert. Dieser habe geäussert, dass er nun seine Sachen
packen gehe. Der Rekurrent habe daraufhin gesagt, dass er noch einen Blick in seine
Taschen werfen wolle, bevor er gehe, da er gehört habe, dass B._ ein Dieb sei.
Danach habe C._ Geräusche gehört, die wie Schläge geklungen hätten. Sie habe
sich nach unten begeben, um zu schauen, was vorgefallen sei. Sie habe den
Rekurrenten benommen und im Gesicht blutend halb sitzend auf dem Boden
vorgefunden. B._ sei über ihm gestanden und habe überrascht gewirkt, sie zu sehen.
Sie habe sich um den Rekurrenten gekümmert, während B._ sich in sein Zimmer
begeben habe. Nachdem der Rekurrent sich wieder ein wenig erholt gehabt habe,
habe er sich in das Zimmer von B._ begeben. Kurze Zeit später sei er zurückgekehrt.
Anschliessend sei B._ zu ihnen gekommen. Er habe gewollt, dass der Rekurrent die
Sache vergesse, aber dieser habe entgegnet, dass B._ nun das Haus verlassen
müsse und er die Polizei rufe. B._ sei wieder in sein Zimmer gegangen, wo er seine
Sachen geholt habe, und habe das Haus danach verlassen. Er sei aber nochmals
zurückgekehrt, weil er etwas vergessen habe. Kurz darauf sei die Polizei gekommen
(act. G5.4.5).
3.3.2.
In einer eigens für das vorliegende Rekursverfahren verfassten Stellungnahme
vom 29. Oktober 2020 führte sie aus, das Haus habe bei ihrer Ankunft wie ein
Schweinestall ausgesehen. Der Rekurrent sei schockiert gewesen. Er habe nicht alleine
warten wollen und Angst gehabt, in welchem Zustand B._ nach Hause kommen
werde. Als dieser gekommen sei, habe der Rekurrent ihn gefragt, was er in seinem
Haus angerichtet habe und warum. B._ habe gar nicht reagiert, nur Unsinn erzählt
und sich in seinem Zimmer versteckt, wo er sofort eingeschlafen sei. Sie habe den
Verdacht, dass B._ unter Drogen gestanden habe. Sie habe versucht, den
Rekurrenten zu beruhigen, aber dieser habe gewollt, dass B._ sein Haus sofort
verlasse. Also habe er ihn aufgeweckt und weggeschickt. Er habe ihn zur Haustür
begleitet. Da er gesehen habe, dass er mit zwei vollen Rucksäcken das Haus habe
verlassen wollen, habe er ihn aufgefordert, den Inhalt der Rucksäcke zu zeigen. C._
3.3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe die Faustschläge hören können. Als sie ins Treppenhaus gegangen sei, habe der
Rekurrent ohnmächtig auf der Treppe gelegen, aber B._ habe weitergeschlagen. Sie
glaube, dass B._ den Rekurrenten getötet hätte, wenn sie ihn nicht angeschrien
hätte, er solle aufhören. Danach habe sich B._ wieder in sein Bett gelegt und sei
eingeschlafen. Als der Rekurrent wieder bei Sinnen gewesen sei, habe er die Polizei
kontaktiert und B._ erneut aufgeweckt. Als dieser von der Polizei gehört habe, sei er
sofort mit seinen Rucksäcken aus dem Haus gelaufen und habe diese in der Nähe
versteckt. Als die Polizei gekommen sei, sei er völlig still geworden. X-mal habe der
Rekurrent die Polizisten darauf aufmerksam gemacht, dass B._ ihn beklaut habe und
das Diebesgut ganz in der Nähe versteckt habe. Die Polizisten hätten aber nur grob
geantwortet, sie hätten auch noch andere Fälle (act. G1.3).
Gemäss Polizeirapport vom 12. Januar 2017 rief der Rekurrent am Samstag,
31. Dezember 2016, um 3:12 Uhr die Einsatzzentrale an und meldete, er sei von seinem
Untermieter geschlagen worden. Die beiden Beteiligten hätten die Polizisten
ausserhalb der Liegenschaft erwartet. Sie hätten sich in die Wohnung des Rekurrenten
begeben. Die dort anwesende Frau habe keine sachdienlichen Hinweise machen
können und sei erst im Nachhinein dazugestossen. Während B._ vor Ort keine
Aussage machte, wurde die Aussage des Rekurrenten wie folgt festgehalten: "Herr
B._ ging auf mich los wie ein Wilder. Er hat mich mit den Fäusten ins Gesicht
geschlagen. Meine Schulter schmerzt ebenfalls. Dieser Mann ist ein Fahrrad Dieb in
D._. Man sollte ihn einsperren." Um was es bei dem Streit explizit gegangen sei,
habe der Rekurrent nicht angegeben. B._ habe sich gegenüber den Polizeibeamten
kooperativ und ruhig verhalten. Der Rekurrent hingegen habe diesen in ihrer
Anwesenheit provoziert und auch den Polizeibeamten gegenüber eine fordernde Art
gezeigt (act. G5.4.4).
3.3.4.
B._ gab gegenüber der Polizei am 11. Januar 2017 an, der Rekurrent sei ein
guter Mensch, wenn er nüchtern sei. Wenn er betrunken sei, provoziere er seine
Mitmenschen. Als er am 31. Dezember 2016 gegen 3:00 Uhr nach Hause gekommen
sei, sei es zum Streit zwischen ihm und dem Rekurrenten gekommen. Er habe aber nur
ins Bett gewollt. Er habe den Rekurrenten weder geschlagen noch beschimpft. Er habe
auch nichts gestohlen und keine Party in den Räumlichkeiten des Rekurrenten gefeiert
(vgl. act. G5.4.5).
3.3.5.
Dem Strafbefehl vom 7. Dezember 2017 ist zu entnehmen, zusammenfassend
lasse sich nicht mit Sicherheit klären, inwieweit die Verletzungen ausserhalb des
Gesichts durch die Gewalteinwirkung von B._ entstanden sein könnten. Die
3.3.6.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auseinandersetzung habe wohl an einer Treppe stattgefunden, allerdings sei durch
niemanden erwähnt bzw. gesichert, dass der Rekurrent auf der Treppe gestürzt wäre
(act. G5.1.2).
Im Bericht vom 4. Januar 2017 wurde seitens des Kantonsspitals St. Gallen,
Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, bei
der am 1. Januar 2017 stattgefundenen Behandlung in der Zentralen Notfallabteilung
eine nicht dislozierte Tuberculum majus-Fraktur links und eine Commotio cerebri mit/
bei mehrfragmentärer, undislozierter Nasenbeinfraktur bei Prellmarken im Gesicht und
im Bereich der linken Schulter sowie am Rücken diagnostiziert. Der Rekurrent sei von
seinem Untermieter tätlich angegriffen worden. Dabei sei es zu mehreren Schlägen im
Bereich des Gesichtes und des Torsos gekommen. Der Rekurrent berichte über eine
länger andauernde Amnesie, gefolgt von Halluzinationen und Schmerzen in der linken
Schulter. Der Rekurrent habe eine Depression und nehme dafür starke Multidepressiva
ein (act. G5.1.3).
3.3.7.
Die Hausärztin des Rekurrenten, E._, hielt in ihrem Bericht vom 20. Juli 2020
fest, der Rekurrent sei beim Sturz auf eine Betonkante geprallt (act. G5.1.7).
3.3.8.
Zusammengefasst erinnert sich der Rekurrent selbst nur an einen Faustschlag ins
Gesicht. Im Übrigen soll bei ihm nach erstmals am 1. Januar 2017 erfolgten Angaben
eine zeitweise Amnesie aufgetreten sein. Seine noch späteren Vorbringen, B._ habe
auf ihn eingeschlagen, bis er ohnmächtig geworden sei, und er sei auf Schulter, Arm
und Kopf gestürzt, finden in den echtzeitlichen Akten in dieser Art keine Stütze. B._
bestritt, den Rekurrenten geschlagen zu haben, wobei ihm indes ein Faustschlag ins
Gesicht mit Strafbefehl vom 7. Dezember 2017 zur Last gelegt wurde. Polizei und
Staatsanwaltschaft erachteten demnach einen Faustschlag ins Gesicht als erwiesen,
weitere Gewaltanwendung seitens B._ hingegen nicht. Aus den Strafakten ergibt sich
sodann, dass C._ nicht gesehen hat, wie B._ den Rekurrenten schlug, sondern erst
dazukam, als dieser benommen halb sitzend auf dem Boden war. Ihre anlässlich des
vorliegenden Rekursverfahrens abgegebene Stellungnahme ist im Rahmen einer freien
Beweiswürdigung zu werten. Dabei ist zu beachten, dass C._ eine gute Freundin des
Rekurrenten ist. Ihre Angaben können also nicht als Aussagen einer neutralen
Drittperson gewertet werden. Diese stimmen mit den früheren Akten insofern überein,
als C._ erst zum Rekurrenten und dem Täter stiess, als der Rekurrent sich bereits am
Boden befand (vgl. insbesondere ihre Aussage, B._ habe überrascht gewirkt, sie zu
sehen). Dass B._ zu diesem Zeitpunkt noch auf den Rekurrenten einschlug, bestreitet
dieser. Der Rekurrent selber kann sich daran nicht erinnern. Ein unkontrolliertes
heftiges Einprügeln auf den Rekurrenten, wie C._ es beschreibt, lässt sich sodann
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
schlecht mit den medizinischen Akten vereinbaren, zumal sowohl die Nasenbeinfraktur
als auch die Tuberculum majus-Fraktur undisloziert waren und die Verletzungen
ausserhalb des Gesichts auch seitens der Arztpersonen als mit den Folgen eines
Sturzes vereinbar angesehen wurden. Auch erscheint es kaum nachvollziehbar, dass
C._ den Rekurrenten, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, alleine in das Zimmer
von B._ gehen liess, wenn sie erst kurze Zeit davor ernstlich befürchtet hätte, dieser
würde den Rekurrenten zu Tode prügeln. Den Arztberichten ist sodann jeweils nur zu
entnehmen, wie der Rekurrent seinen Behandlern die Ereignisse geschildert hat.
Insbesondere kann ihnen keine medizinische Herleitung entnommen werden, wonach
die Schulterverletzung durch Gewalteinwirkung seitens B._ entstanden wäre.
Nach dem Gesagten kann nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit geklärt
werden, wie die Verletzungen ausserhalb des Gesichts des Rekurrenten entstanden
sind. Zwar wäre denkbar, dass die Schulterverletzung durch Faustschläge von B._
verursacht worden ist. Ebenso wäre denkbar, dass der Rekurrent wegen eines oder
mehrerer Faustschläge von B._ stürzte und sich beim Sturz die Schulterverletzung
zuzog. Möglich wäre jedoch auch, dass beim Rekurrenten Wechselwirkungen zwischen
seiner Medikation (starke Multidepressiva) und dem konsumierten Alkohol (eine
Flasche Wein) auftraten. Beispielsweise kann der gleichzeitige Genuss von Alkohol und
Z._, welches nebst anderen Medikamenten zur damaligen Medikation des
Rekurrenten gehörte (vgl. act. G5.1.4), dessen Wirkung verstärken. Zu den häufigen
Nebenwirkungen von Z._ gehören unter anderem Benommenheit, Reizbarkeit,
Gedächtnisschwäche, Schwindel, Kopfschmerzen, Sprechstörungen, Störung der
Bewegungsabläufe, Verwirrtheit, Desorientiertheit, Gleichgewichtsstörung und
Koordinationsstörungen (vgl. hierzu die Patienteninformation zu Z._, abrufbar unter
www.compendium.ch). Wahrnehmung, Koordination und Reaktionsvermögen des
Rekurrenten könnten demnach aufgrund des Alkoholkonsums bei starker Medikation
eingeschränkt gewesen sein. Möglicherweise stürzte der Rekurrent daher ohne Zutun
von B._ die Treppe hinunter und/oder auf eine Betonkante.
4.1.
Der Rekurrent macht geltend, er habe nach der Gewalteinwirkung durch B._ an
einer zwei Stunden anhaltenden Amnesie, gefolgt von Halluzinationen gelitten. Diese
Angaben stehen im Widerspruch zu den übrigen zeitlichen Angaben, wonach B._ erst
zwischen 2:00 und 3:00 Uhr nach Hause gekommen war. Bereits um 3:12 Uhr hat der
Rekurrent die Polizei gerufen. Zudem könnte auch nicht mehr festgestellt werden, ob
diese Beeinträchtigungen auf den Alkoholkonsum bei gleichzeitiger Medikation oder
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
auf die Verletzungsfolgen, namentlich das leichtgradige Schädelhirntrauma, oder auf
eine Kombination von beidem zurückzuführen sind.
Zwischen der Gewalteinwirkung seitens B._ und der Schulterverletzung ist ein
Kausalzusammenhang somit nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit ausgewiesen. Von weiteren Abklärungen sind keine
wesentlichen neuen Erkenntnisse mehr zu erwarten. Der Täter hat sich zum
Sachverhalt nicht detailliert geäussert und bestritt, den Rekurrenten geschlagen zu
haben. Weiteren Ausführungen des Rekurrenten oder dessen Freundin käme kein
zusätzlicher Beweiswert zu. Bei sich widersprechenden Aussagen einer Person kann
auf die beispielsweise auch im Unfallrecht angewandte Praxis abgestellt werden,
wonach die spontanen sogenannten "Aussagen der ersten Stunde" in der Regel
unbefangener und zuverlässiger sind als spätere Darstellungen, die bewusst oder
unbewusst von nachträglichen Überlegungen rechtlicher oder anderer Art beeinflusst
sein können. Wenn eine Person ihre Darstellung im Lauf der Zeit wechselt, kommt den
Angaben, die sie kurz nach dem betreffenden Ereignis gemacht hat, meistens
grösseres Gewicht zu als jenen nach Kenntnis eines für sie ungünstigen Entscheides
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 28. Juni 2019, 9C_161/2019, E. 5.3, mit Verweis
auf BGE 121 V 47 E. 2a mit weiteren Hinweisen). Medizinisch wurden zwar die
Verletzungen dokumentiert, indes können die Arztpersonen anhand der vorhandenen
Unterlagen nicht nachweisen, ob B._ dem Rekurrenten diese Verletzung direkt oder
indirekt beigebracht hat.
4.3.
Mit der Vorinstanz ist somit nicht von den tatsächlichen Feststellungen der
Staatsanwaltschaft abzuweichen (vgl. diesbezüglich E. 2.4 vorstehend). Die
Schulterverletzung ist nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit die Folge einer
Straftat. Bei der Frage, ob eine Genugtuung nach dem Opferhilferecht geschuldet ist,
wurde diese zu Recht nicht berücksichtigt.
4.4.
Der Rekurrent macht geltend, dass ihm seit dem Vorfall Worte sowohl in seiner
Muttersprache als auch auf Deutsch nicht mehr so rasch einfallen würden. Auch habe
er seit der Straftat feinmotorische Störungen (Schwindel, Fehlen der Balance, erhöhte
Sturzneigung) und rezidivierende starke Kopfschmerzen. Zudem sei es bei
vorbestehender Depression aufgrund der Straftat zu einer psychischen
Dekompensierung gekommen, welche einen stationären Aufenthalt in Y._ notwendig
gemacht habe. Die Symptome seiner Depression hätten sich verschlimmert und es
seien zunehmend Ängste hinzugekommen (vgl. act. G1.2).
5.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Die Hausärztin des Rekurrenten hielt in ihrem Bericht vom 20. Juli 2020 fest, der
Rekurrent leide seit der Straftat an rezidivierenden Kopfschmerzen und berichte über
feinmotorische Störungen, Störungen der Balance und Sprachstörungen. Die
Symptome der Depression hätten sich seitdem verschlimmert und es seien zunehmend
Ängste hinzugekommen (act. G5.1.7). Sie gibt damit die Schilderungen des
Rekurrenten wieder, ohne diese zu objektivieren.
5.2.
Auch der Bericht des Psychiatrischen Zentrums F._ vom 9. Februar 2017
(act. G5.1.4) ist für die Sachverhaltsermittlung nicht weiterführend, da wiederum
lediglich die Schilderungen des Rekurrenten wiedergegeben werden. Zwar beschrieb
der Rekurrent gegenüber den Fachpersonen des Psychiatrischen Zentrums F._ eine
Zunahme seiner depressiven Symptomatik. Er leide auch unter wiederkehrenden
Bildern und Ängsten in seiner Wohnung. Anhand dessen lässt sich jedoch nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nachweisen, dass die Symptomatik sich objektiv
tatsächlich verschlechtert oder erweitert hat und dass dies auf die Straftat
zurückzuführen ist, zumal sich aus dem Bericht auch ergibt, dass eine psychiatrische
Begutachtung bevorstand und der Beschwerdeführer sich grosse Sorgen machte, den
Begutachtungstermin nicht wahrnehmen zu können und dadurch Leistungen der IV zu
gefährden (act. G5.1.4).
5.3.
Auch aus dem Kurzaustrittbericht der Klinik G._ vom 9. Mai 2018 (act. G5.1.6)
ergibt sich kein Nachweis dafür, dass die psychische oder kognitive Gesundheit des
Rekurrenten als Folge der Straftat langandauernd geschädigt worden wäre. In jenem
Bericht werden die Ereignisse vom 31. Dezember 2016 nicht einmal erwähnt.
5.4.
Insgesamt ist demnach nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen,
dass die Straftat kausal war für eine Beeinträchtigung bzw. Verschlechterung des
psychischen Gesundheitszustands des Rekurrenten.
5.5.
Kausal war die Straftat nach dem Gesagten lediglich für das leichtgradige
Schädelhirntrauma sowie die undislozierte Nasenbeinfraktur und die dazugehörige
Prellung. Alle weiteren vom Rekurrenten geltend gemachten gesundheitlichen
Beeinträchtigungen (Schulterverletzung / psychische und kognitive Beeinträchtigungen)
sind nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
auf die Straftat zurückzuführen.
6.1.
Sowohl die Prellung als auch das leichtgradige Schädelhirntrauma und die
undislozierte Nasenbeinfraktur sind rasch und komplikationslos unter konservativer
6.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte