Decision ID: 424d6ef8-848f-5a2c-a8db-f52522bdfdbe
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Tamile mit letztem Aufenthalt in B._
(Distrikt C._), verliess Sri Lanka eigenen Angaben gemäss am
31. Januar 2019 und gelangte am 11. Februar 2019 in die Schweiz, wo er
gleichentags um Asyl nachsuchte.
A.b Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 12. Februar 2019 mit, er
werde in Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der Verordnung über die Durchfüh-
rung von Testphasen zu den Beschleunigungsmassnahmen im Asylbereich
vom 4. September 2013 (TestV, SR 142.318.1) für den Aufenthalt und das
Verfahren dem Verfahrenszentrum Zürich (VZ Zürich) zugewiesen.
A.c Am 18. Februar 2019 nahm das SEM die Personalien des Beschwer-
deführers auf und befragte ihn summarisch zum Reiseweg.
A.d Das SEM führte mit dem Beschwerdeführer am 26. Februar 2019 ein
persönliches Gespräch nach Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Neufassung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013/Dublin-III-VO)
durch.
A.e Mit Verfügung vom 10. Juli 2019 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b des Asylgesetzes (SR 142.31) auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers vom 11. Februar 2019 nicht ein und wies ihn in
Anwendung der Dublin-III-VO nach Griechenland weg.
A.f Der Beschwerdeführer erhob durch seinen damaligen Rechtsvertreter
am 17. Juli 2019 Beschwerde gegen diese Verfügung.
A.g Mit Verfügung vom 20. Januar 2020 hob das SEM seine Verfügung
vom 10. Juli 2019 im Rahmen eines im Beschwerdeverfahren anberaum-
ten zweiten Schriftenwechsels auf und nahm das nationale Asylverfahren
wieder auf.
A.h Das Bundesverwaltungsgericht schrieb das Beschwerdeverfahren in-
folge Gegenstandslosigkeit mit Abschreibungsentscheid D-3650/2019 vom
28. Januar 2020 ab.
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Seite 3
B.
Am 14. April 2020 hörte das SEM den Beschwerdeführer zu seinen Asyl-
gründen an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, er habe in den Jah-
ren 2011 bis 2015 in D._ gelebt und gearbeitet. Im September 2016
sei er wegen seines Studiums nach E._ gegangen, wo er zwei Mo-
nate verbracht habe. Nachdem er in F._ einen Englischkurs absol-
viert habe, sei er im Dezember 2016 nach Sri Lanka zurückgekehrt. Er
habe während vier Jahren als externer Student an der Universität studiert,
jedoch das Studium aufgrund von Problemen, die er gehabt habe, nicht
abgeschlossen. Seit Januar 2017 habe er in Sri Lanka bei (...) als Journa-
list gearbeitet. Am (...) 2018 habe es in G._ eine Protestaktion
(«Harthal») gegeben. Die lokale Bevölkerung habe dort gegen den Bau
einer «(...)» protestiert. Er habe Flugblätter publiziert, die von einer Orga-
nisation (...), welche die Bevölkerung unterstützt habe, verteilt worden
seien. Er habe vor Ort Informationen gesammelt und sei auf dem Rückweg
von zwei Personen angehalten worden. Eine der Personen habe ihm sei-
nen Rucksack weggenommen, in dem seine Kamera, sein Laptop, ein
USB-Stick, sein Berufsausweis und ein Bericht, den er über einen Priester
geschrieben habe, gewesen seien. Die beiden hätten ihn aufgefordert,
ihnen zu folgen. Da eine Ambulanz vorbeigefahren sei, habe er mit seinem
Motorrad die Flucht ergreifen können und sei zum Polizeiposten von
H._ gefahren. Er habe Anzeige erstatten wollen, die Polizisten
seien aber nicht bereit gewesen, diese entgegenzunehmen. Sie hätten ihn
nach seinem Berufsausweis gefragt und ihn nicht ernstgenommen. Sie hät-
ten ihm gesagt, er müsse über die Personen, die ihn angehalten hätten,
genauere Angaben machen, sonst seien sie nicht bereit, die Anzeige ent-
gegenzunehmen. Am selben Abend sei er zu einem Kollegen nach Co-
lombo gefahren. Er habe versucht, das Land zu verlassen; sein Schwager
habe einem Schlepper seinen Reisepass und Geld ausgehändigt. Der
Schlepper habe ihn zwecks Erhalts eines Visums zu einem Büro begleitet,
er habe aber keines erhalten. Nachdem er mit seinen Angehörigen gespro-
chen habe, sei er am (...) Oktober 2018 in sein Heimatdorf zurückgekehrt.
Am (...) Oktober 2018 habe ihm ein Kollege mitgeteilt, dass es in (...) Prob-
leme gebe. Er sei dorthin gegangen, wo ein Priester (buddhistischer
Mönch) namens I._ anwesend gewesen sei. Dieser Mönch sei ein
Nationalist, der überall Probleme verursache. Er (der Beschwerdeführer)
habe mit seiner Kamera Aufnahmen gemacht und sei von Sicherheitsbe-
amten aufgefordert worden, dies zu unterlassen. Der Divisionssekretär sei
auch gekommen und es habe ein Durcheinander gegeben. Der Mönch
habe versucht, den Divisionssekretär anzugreifen, und die anwesenden Si-
cherheitsbeamten hätten keine Massnahmen gegen ihn ergriffen. Er sei mit
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seinen Video- und Fotoaufnahmen nach Hause gegangen. Die Videoauf-
nahmen seien in den Nachrichten gezeigt worden. Am (...) Oktober 2018
seien zivil gekleidete Personen zu seiner Mutter gekommen und hätten
sich nach ihm erkundigt. Sie hätten gesagt, sie seien Freunde und wollten
ihn besuchen. Er gehe davon aus, dass die Sicherheitskräfte wegen eines
Artikels gekommen seien, den er über den Mönch und dessen Verhältnis
zur Polizei geschrieben habe. Dieser Mönch habe mit vielen Leuten Prob-
leme gehabt, sei aber von den Sicherheitskräften unterstützt worden. Als
er sich einmal zum Tempel dieses Mönchs, welcher einer extremistischen
Organisation namens Bodu Bala Sena angehöre, begeben habe, sei er
weggejagt worden. Am (...) Oktober 2018 sei er erneut nach Colombo ge-
gangen und habe Kontakt mit dem Schlepper aufgenommen. Dieser habe
ihm am (...) November 2018 mitgeteilt, dass sein Pass verlorengegangen
sei. Am (...) Dezember 2018 sei er nach Hause gegangen und am (...) Ja-
nuar 2019 habe er bei der Ortspolizei eine Verlustanzeige bezüglich seines
Reisepasses gemacht. Da sein Schwager vom Schlepper Geld zurückver-
langt habe, habe er (der Beschwerdeführer) am (...) Januar 2019 ein Bank-
konto eröffnet. Am (...) Januar 2019 habe er das Bankbüchlein abgeholt
und sei zu seinem Bruder gegangen. Er sei auf Schritt und Tritt von Unbe-
kannten beobachtet worden. Am Abend seien mehrere Personen zu seiner
Mutter gegangen, die ihr ein Messer an den Hals gehalten hätten, weshalb
sie das Bewusstsein verloren habe. Er sei von seinen Geschwistern über
diesen Vorfall informiert worden und zurück nach Colombo gegangen.
Seine Mutter sei zum Dorfvorsteher und zur Polizei gegangen, bei der sie
Anzeige erstattet habe. Auch bei der Menschenrechtsorganisation habe sie
sich gemeldet, die den Vorfall notiert habe. Er denke, dass der CID (Crimi-
nal Investigation Department) dahinterstecke. Zur Stützung seiner Vorbrin-
gen gab der Beschwerdeführer mehrere Beweismittel ab (vgl. S. 3 Ziff. 3
der Verfügung des SEM vom 7. August 2020).
B.a Die vormalige Rechtsvertretung des Beschwerdeführers (die nicht zur
Anhörung eingeladen worden war; Anmerkung des Gerichts) teilte dem
SEM in einer E-Mail vom 11. Mai 2020 mit, der Beschwerdeführer wünsche
keine Wiederholung der Anhörung. Möglicherweise sei es zu einigen Ver-
wechslungen gekommen, die eine Besprechung des Protokolls notwendig
machten.
B.b Mit Schreiben vom 12. Mai 2020 stellte das SEM der vormaligen
Rechtsvertretung eine Kopie des Anhörungsprotokolls zu und gewährte
dem Beschwerdeführer Frist zur Einreichung einer Stellungnahme.
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Seite 5
B.c Die vormalige Rechtsvertretung des Beschwerdeführers wies in ihrer
Stellungnahme vom 8. Juni 2020 hinsichtlich des Anhörungsprotokolls da-
rauf hin, dass sich die Recherchen über den vom Beschwerdeführer ge-
nannten Mönch, die sich in seinem Rucksack befunden hätten, über einen
Zeitraum von 2009 bis zu den Vorfällen kurz vor seiner Ausreise erstreckt
hätten. Der Beschwerdeführer habe im Oktober 2018 einen Bericht über
den Mönch veröffentlicht. Mit dem Rucksack seien den hinter den Drohun-
gen gegen ihn steckenden Leuten alle recherchierten Informationen und
Unterlagen in die Hände gefallen. Deshalb sei er als Bedrohung für den
Mönch und die Gruppierungen angesehen worden. Der ehemalige Präsi-
dent Sirisena habe einen führenden buddhistischen Mönch begnadigt. Der
neue Präsident Rajapaksa gelte als Unterstützer der nationalistischen
Bodu Bala Sena.
C.
Mit Verfügung vom 7. August 2020 – eröffnet am 10. August 2020 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegwei-
sung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
D.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 9. September 2020 erhob der
Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde. In dieser wird beantragt, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben und das Verfahren sei an die Vorinstanz zur ergänzenden
Sachverhaltsaufnahme zurückzuweisen. Eventualiter sei der Beschwerde-
führer als Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren. Sub-
eventualiter sei ihm eine vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren.
Der Eingabe lagen mehrere Beweismittel bei (vgl. S. 9 derselben).
E.
Der Instruktionsrichter forderte den Beschwerdeführer mit Zwischenverfü-
gung vom 17. September 2020 auf, bis zum 2. Oktober 2020 einen Kos-
tenvorschuss zu leisten, unter der Androhung, bei ungenutzter Frist werde
auf die Beschwerde nicht eingetreten.
F.
Am 30. September 2020 ersuchte der Beschwerdeführer um die Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf den erhobenen
Kostenvorschuss. Der Eingabe lag eine Fürsorgebestätigung vom 9. Sep-
tember 2020 bei.
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Seite 6
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 6. Oktober 2020 hiess der Instruktionsrich-
ter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut.
Auf den erhobenen Kostenvorschuss verzichtete er. Die Akten übermittelte
er zur Vernehmlassung an das SEM.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 16. Oktober 2020 hielt das SEM an seinem
Standpunkt fest.
I.
Der Beschwerdeführer hielt in seiner Replik vom 5. November 2020, der
mehrere Beweismittel beilagen, an seinen Anträgen fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
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Seite 7
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seines Entscheides aus, Übergriffe
von Drittpersonen oder Befürchtungen, solchen ausgesetzt zu werden,
seien nur dann flüchtlingsrechtlich relevant, wenn der Staat schutzunwillig
oder -unfähig sei. Die Vorfluchtgründe des Beschwerdeführers wiesen kei-
nen direkten Zusammenhang mit der Bodu Bala Sena auf. Seinen Ausfüh-
rungen im freien Bericht seien keine konkreten Hinweise dafür zu entneh-
men, dass es sich bei den Angreifern (auf ihn und auf seine Mutter) um
Mitglieder derselben gehandelt hätte. Auf Nachfrage habe er gesagt, er
habe keine konkreten Hinweise darauf, dass die beiden Angreifer vom
(...). September 2018 eine Verbindung zum buddhistischen Mönch gehabt
hätten. Folglich müsse die gezielte Verfolgung durch die Bodu Bala Sena
als unhaltbare Vermutung bezeichnet werden, die von ihm nicht hinrei-
chend habe belegt werden können. Bei den von ihm geltend gemachten
Problemen sei folglich von einer Verfolgung durch Dritte auszugehen.
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Der Wille und die Fähigkeit der sri-lankischen Behörden, den Einwohnern
Schutz vor Verfolgung zu gewähren, sei grundsätzlich gegeben. Die Aus-
führungen des Beschwerdeführers zeigten, dass das Justizsystem in sei-
ner Heimat funktionsfähig sei und dass kriminelle Handlungen nach Mög-
lichkeit geahndet würden. Aufgrund der einmaligen Verweigerung einer An-
zeige unter den von ihm vorgebrachten Umständen könne nicht geschlos-
sen werden, die heimatlichen Behörden kämen ihrer Schutzpflicht nicht
nach. Es sei ihm zumutbar, sich bei erneuter Gefahr wiederholt und beharr-
lich an die heimatlichen Behörden zu wenden und um Schutz vor Übergrif-
fen seitens dieser kriminellen Organisation nachzusuchen. Es bestehe die
Möglichkeit, gegen fehlbare Beamte oder gegen Behördenwillkür auf dem
Rechtsweg vorzugehen und sich an die nächsthöhere Instanz oder an Ge-
richtsbehörden zu wenden.
Diese Schlussfolgerung bleibe selbst im Falle einer Verfolgung durch die
Bodu Bala Sena oder durch den Mönch bestehen, obschon dieser von den
lokalen Sicherheitsbehörden geschützt worden sein solle. Es sei auf die
Erwägungen des Bundesverwaltungsgerichts im Urteil E-6427/2017 vom
29. Juli 2019 zu verweisen, in denen festgehalten werde, dass selbst bei
einer Gefahr durch diese buddhistische Organisation der sri-lankische
Staat als schutzwillig und -fähig gelte.
Dem Protokoll sei zu entnehmen, dass sich alle Probleme des Beschwer-
deführers im Distrikt C._ zugetragen hätten und er mehrmals vor-
übergehend nach Colombo gegangen sei. Da er sich lokal oder regional
beschränkten Verfolgungsmassnahmen durch einen Wegzug in einen an-
deren Teil des Heimatlandes entziehen könne, sei er nicht auf den Schutz
der Schweiz angewiesen. Sollte er weiterhin Probleme mit unbekannten
Personen oder mit dem Mönch haben, stehe es ihm frei, sich dauerhaft in
einem anderen Teil des Landes niederzulassen.
Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sei zu prüfen,
ob nach Sri Lanka zurückkehrende abgewiesene Asylsuchende einem Ver-
folgungsrisiko ausgesetzt seien. Die Befragung von illegal ausgereisten
Personen, die über keine gültigen Identitätsdokumente verfügten, und das
allfällige Eröffnen eines Strafverfahrens wegen illegaler Ausreise stellten
keine relevanten Verfolgungsmassnahmen dar. Rückkehrer würden auch
am Herkunftsort befragt, wobei diese Kontrollmassnahmen grundsätzlich
kein flüchtlingsrechtlich relevantes Ausmass annähmen. Der Beschwerde-
führer habe nicht geltend gemacht, flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
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gungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein, sei politisch nie aktiv ge-
wesen und habe nie Probleme mit den heimatlichen Behörden gehabt. Es
sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr in den Fokus der Be-
hörden gelangen sollte. Auch die Präsidentschaftswahl vom 16. November
2019 könne diese Einschätzung nicht umstossen. Obwohl die Überwa-
chung der Zivilbevölkerung zugenommen habe, gebe es keinen Anlass zur
Annahme, dass ganze Volks- oder Berufsgruppen unter Präsident Raja-
paksa kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt seien. Voraussetzung
für die Annahme einer Verfolgungsgefahr aufgrund der Präsidentschafts-
wahl sei ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Person zu diesem Er-
eignis beziehungsweise dessen Folgen. Es genüge nicht, pauschal auf po-
litische Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit oder mögliche Zu-
kunftsszenarien zu verweisen. Die vom Beschwerdeführer eingereichten
Beweismittel könnten an dieser Einschätzung nichts ändern.
4.2 In der Beschwerde wird einleitend der Sachverhalt geschildert und gel-
tend gemacht, das SEM verkenne mit seiner Einschätzung die Sachlage.
Der Beschwerdeführer habe als Journalist eine Protestaktion besucht, um
darüber einen Bericht zu verfassen. Auf dem Rückweg sei er von zwei Per-
sonen angehalten worden, die ihm den Rucksack entrissen und ihn hätten
abführen wollen. Aufgrund dieser Umstände sei die Annahme des SEM, es
habe sich um «unbekannte Dritte» gehandelt, zu verwerfen. Entweder
habe es sich um Sicherheitskräfte gehandelt, die Informationen über die
Protestaktion hätten sammeln sollen, oder es habe sich um Personen der
Bodu Bala Sena gehandelt, die seine unliebsamen Recherchen hätten un-
terbinden wollen. Damit sei der Vorfall als asylrelevant zu erachten. Der
Beschwerdeführer habe nach dem Vorfall vom (...) September 2018 An-
zeige erstatten wollen, sei aber von den Polizisten als «Witzfigur» betrach-
tet worden. Dies zeige, dass der sri-lankische Staat gegenüber Tamilen
seiner Schutzpflicht nicht nachkäme. Die enge Zusammenarbeit zwischen
Sicherheitskräften und der Organisation der buddhistischen Mönche zeige
sich auch im Nachgang der Veranstaltung vom (...) 2018. Bereits einen Tag
später sei er zuhause gesucht worden, was nur damit erklärbar sei, dass
die Mönche und die Sicherheitskräfte eng zusammenarbeiteten. Dass ihm
nur wenige Tage nach der Verlustanzeige auf dem Polizeiposten nachge-
stellt worden sei, gründe ebenfalls in dieser Verflechtung. Die örtliche Poli-
zei erfasse in ihrem Informationsbuch zwar Meldungen, nehme indessen
keine Ermittlungen auf; weder gegen die Bodu Bala Sena noch gegen die
für diese agierenden Sicherheitskräfte. Da die Behörden nicht aktiv Schutz
gewährt hätten, seien die Vorfälle/Übergriffe vom Oktober 2018 und Januar
2019 asylrelevant. Die Bodu Bala Sena gewinne in Sri Lanka an Macht und
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Seite 10
sei mit den singhalesischen, buddhistischen Parteien verbunden. Es könne
ausgeschlossen werden, dass der wieder an die Macht gekommene «Raja-
paksa-Clan» willens sei, gegen die Bodu Bala Sena Ermittlungen einzulei-
ten. Die Rechtsprechung gemäss dem Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-6427/2017 beruhe auf einer überholten Einschätzung. Da mit einer
staatlichen Schutzgewährung nicht zu rechnen sei, werde die Verfolgung,
sofern sie nicht direkt dem Staat zuzurechnen sei, zur quasi-staatlichen
Verfolgung, die als asylrelevant einzustufen sei.
Der Beschwerdeführer habe sich mehrmals bei einem Freund in Colombo
aufgehalten, wenn es in seiner Heimatregion gefährlich geworden sei. Er
habe dies jeweils für kurze Zeit getan und sich nicht angemeldet. Aufgrund
der Angaben seiner Mutter sei erwiesen, dass die Behörden ihn aktuell
suchten. Als Journalist, der sich für tamilische Anliegen einsetzt, sei er in
ganz Sri Lanka gefährdet und könnte von den Sicherheitskräften festge-
nommen werden.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, die vom Beschwerde-
führer eingereichten Handyaufnahmen stammten von einem Besuch von
Sicherheitsbeamten beim Haus seiner Mutter am 20. August 2020. Das
Bildmaterial sei aufgrund seiner Beschaffenheit nicht geeignet, den geltend
gemachten Besuch zu belegen, zumal wegen der schlechten Lichtverhält-
nisse kaum etwas zu erkennen sei. Dem ärztlichen Rezept sei zu entneh-
men, dass der Mutter des Beschwerdeführers am 25. August 2020 einige
Medikamente verschrieben worden seien. In welchem Zusammenhang
dies stehe, sei dem Rezept nicht zu entnehmen. Gemäss der Anzeige, wel-
che die Mutter am 26. August 2020 erstattet habe, hätten unbekannte Per-
sonen den Beschwerdeführer bedroht. Am 20. August 2020 seien Unbe-
kannte zum Haus der Mutter gekommen und hätten sich nach ihm erkun-
digt. Zudem habe er eine Vorladung des CID erhalten. Aufgrund des Um-
stands, dass die Mutter erneut Anzeige gegen unbekannt erstattet habe,
könne nicht abgeleitet werden, dass es sich bei den Angreifern um Sicher-
heitsbeamte gehandelt habe. Eine Vorladung des CID habe er bisher nicht
geltend gemacht, was Fragen zur Glaubhaftigkeit des Vorbringens auf-
werfe. Der Beweiswert der Anzeige erweise sich in Bezug auf die geltend
gemachte Verfolgung als gering. Dem eingereichten Zeitungsartikel zu-
folge habe der Beschwerdeführer im Jahr 2018 über einen Angriff von
Herrn I._ auf einen Divisionssekretär berichtet. Es gehe daraus
nicht hervor, inwiefern er dadurch flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
gungsmassnahmen ausgesetzt worden sei oder solche zu befürchten ge-
habt hätte. Hinsichtlich der generellen Lage von tamilischen Journalisten
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seit dem Machtwechsel im Jahr 2019 sei auszuführen, dass aufgrund sei-
nes Profils nicht davon auszugehen sei, dass er besonders gefährdet sei.
4.4 In der Replik wird entgegnet, der Beschwerdeführer habe das Mittei-
lungsformular der Polizei, mit dem er zur Befragung für den 16. August
2020 auf das CID-Büro in H._ vorgeladen worden sei, erhältlich ma-
chen können. Es sei demnach folgerichtig, dass die Sicherheitsbeamten
am 20. August 2020 bei seiner Mutter erschienen seien. Gemäss Angaben
seiner Mutter sei er im September und im Oktober 2020 noch je zweimal
von Sicherheitsbeamten gesucht worden. Dabei sei die Mutter frech und
abschätzig behandelt worden. Man habe ihr ihre Anzeigen vorgeworfen
und sie als Verräterin bezeichnet. Die Beamten hätten den Beschwerde-
führer als Provokateur bezeichnet und «strikte Massnahmen» angedroht.
Er könne dazu ergänzend befragt werden. Aus einem Artikel auf der Web-
seite (...) ergebe sich, dass die buddhistischen Mönche straflos ihr Unwe-
sen treiben könnten. Der Beschwerdeführer habe über den Mönch, über
den dort berichtet werde, einen Artikel veröffentlicht. In der Ostprovinz sei
die Sicherheitslage für Medienleute immer noch bedenklich. Vor kurzem
seien in J._ zwei Journalisten angegriffen worden.
5.
5.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen. Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, die
Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder
werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit
in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende
Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem
Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Ent-
schluss zur Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die
begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und
zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und
grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. An-
spruch auf Asyl nach schweizerischem Recht hat somit nur, wer im Zeit-
punkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
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Seite 12
gesetzt war (Vorfluchtgründe) oder aufgrund von äusseren, nach der Aus-
reise eingetretenen Umständen, auf die er keinen Einfluss nehmen konnte,
bei einer Rückkehr ins Heimatland solche ernsthaften Nachteile befürchten
müsste (sogenannte objektive Nachfluchtgründe [vgl. zum Ganzen BVGE
2011/51 E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1,
2008/12 E. 5.2und 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl,
in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009,
Rz. 11.17 und 11.18]).
5.2 Der Beschwerdeführer machte bei der Anhörung zu den Asylgründen
geltend, er habe bis zum (...) September 2018 weder mit den heimatlichen
Behörden noch mit Drittpersonen Probleme gehabt. Gemäss seinen Anga-
ben begab er sich an diesem Tag nach G._, wo die lokale Bevölke-
rung gegen den Bau einer «(...)» protestiert habe. Der Beschwerdeführer
war weder in die Organisation des Protests oder Streiks der lokalen Bevöl-
kerung involviert noch kam ihm während der Aktion eine tragende Rolle zu.
Aus seinen Aussagen geht nicht hervor, dass dieses Ereignis in irgendei-
nem Zusammenhang mit der Bodu Bala Sena stand. Es bestehen somit
keine objektiven Anhaltspunkte dafür, dass die beiden Personen, die den
Beschwerdeführer auf dem Rückweg angehalten und seinen Rucksack
entwendet hätten, eine Verbindung zur Bodu Bala Sena oder zu in deren
Auftrag handelnden Sicherheitskräften gehabt haben; der Beschwerdefüh-
rer selbst räumte ein, dass es dafür auch aus seiner subjektiven Sicht keine
Hinweise gegeben habe (vgl. Anhörungsprotokoll 46/24 S. 14 insb. F79).
Der Beschwerdeführer sagte des Weiteren aus, er habe sich unmittelbar
nach diesem Vorfall, dessen Hintergrund für ihn offenbar nicht klar war,
nach Colombo begeben und mit Hilfe eines Schleppers die Heimat verlas-
sen wollen. Es ist jedoch nicht nachvollziehbar, weshalb er angesichts die-
ser Ausgangslage – ohne herauszufinden zu versuchen, wer für die Ent-
wendung seines Rucksacks verantwortlich sein könnte – überhastet seine
Heimat zu verlassen beabsichtigte, zumal er vor dem (...) September 2018
persönlich keinerlei ernsthafte Nachteile erlitten habe. Die vom Beschwer-
deführer geschilderten Umstände deuten darauf hin, dass er sein Heimat-
land aus anderen als den genannten Gründen zu verlassen beabsichtigte.
Dass er sich nicht ernsthaft vor ihm in seiner Heimatregion drohenden Be-
nachteiligungen fürchtete, wird dadurch bestätigt, dass er am (... Oktober
2018 in sein Heimatdorf zurückkehrte.
Bereits zwei Tage nach seiner Rückkehr von Colombo begab sich der Be-
schwerdeführer seinen Angaben gemäss nach K._, wo es gemäss
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Information eines Kollegen Probleme gegeben habe. Auch dieses Verhal-
ten deutet darauf hin, dass er keinerlei Sicherheitsbedenken hatte, sich in
der Öffentlichkeit zu zeigen und seiner beruflichen Tätigkeit nachzugehen.
Seinen Angaben gemäss seien Dutzende von Sicherheitsbeamten vor Ort
gewesen, die ihn aufgefordert hätten, keine Fotoaufnahmen zu machen.
Da er sich davor gefürchtet habe, mit seiner Kamera Aufnahmen zu ma-
chen, habe er solche mit seinem Mobiltelefon gemacht (vgl. Anhörungspro-
tokoll 46/24 S. 9 f.). Auch zahlreiche andere Menschen sowie Journalisten
und ein Divisionssekretär seien vor Ort gewesen, so dass das vom Be-
schwerdeführer geschilderte unbotmässige Verhalten eines nationalisti-
schen Mönchs ohnehin einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Ange-
sichts der Schilderung dessen Verhaltens und Vorlebens durch den Be-
schwerdeführer dürfte diesen eine Berichterstattung über sein Verhalten
nicht beeindruckt haben, da dieses gemäss Ausführungen des Beschwer-
deführers allgemein bekannt war. Auch die vom Beschwerdeführer geäus-
serte Vermutung, am folgenden Abend hätten sich bei seiner Mutter Ange-
hörige der Sicherheitskräfte nach ihm erkundigt, vermag nicht zu überzeu-
gen, da sich auch zivil operierende Angehörige von Polizeieinheiten in aller
Regel ausweisen oder Personen, die sie befragen möchten, vorladen.
Auch nach diesem Vorfall begab sich der Beschwerdeführer umgehend er-
neut nach Colombo, um sein Vorhaben, Sri Lanka zu verlassen, weiterzu-
verfolgen.
Da der Schlepper dem Beschwerdeführer mitteilte, er habe dessen Reise-
pass «verloren», kehrte er am (...) Dezember 2018 wieder nach Hause zu-
rück. Dieses Verhalten deutet darauf hin, dass er auch zu diesem Zeitpunkt
nicht befürchtete, ernsthaft in Schwierigkeiten zu geraten. Am (...) Januar
2019 begab er sich zur zuständigen Polizeidienststelle H._, wo er
den Verlust seines Reisepasses meldete. Einen Tag später ging er zu einer
Filiale der (...) C._, um ein Bankkonto zu eröffnen; am (...) Januar
2019 habe er das Bankbüchlein abgeholt. Danach sei er zu seinem Bruder
nach L._ gegangen. Obwohl er von Unbekannten auf Schritt und
Tritt beobachtet worden sei (vgl. Anhörungsprotokoll 46/24 S. 11), sei er
am selben Abend erneut von unbekannten Personen bei seiner Mutter ge-
sucht worden, die bedroht worden sei. Wäre er tatsächlich engmaschig be-
obachtet worden, ist nicht nachvollziehbar, weshalb er bei seiner Mutter
gesucht worden wäre, wenn er sich zu seinem Bruder begeben hätte. Hät-
ten Angehörige staatlicher Sicherheitskräfte den Beschwerdeführer über-
wacht und sich bemüht, seiner habhaft zu werden, hätten sie nach seiner
zweiten Rückkehr aus Colombo mehrmals die Gelegenheit dazu gehabt.
D-4460/2020
Seite 14
Aufgrund des vom Beschwerdeführer geschilderten Sachverhalts ist nicht
davon auszugehen, dass die sri-lankischen Sicherheitsbehörden ein (Ver-
folgungs-)Interesse an seiner Person hatten. An dieser Einschätzung ver-
mögen auch die vom Beschwerdeführer beim SEM abgegebenen Beweis-
mittel nichts zu ändern.
5.3 Soweit der Beschwerdeführer geltend machte, sein Rucksack sei ihm
von zwei unbekannten Personen entrissen worden und seine Mutter sei
zweimal von unbekannten Personen aufgesucht worden, die sich nach ihm
erkundigt hätten, ist auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochte-
nen Verfügung zu verweisen. Solche Vorfälle können bei den lokalen Poli-
zeibehörden zur Anzeige gebracht werden und, sollten diese sich weigern,
eine Anzeige entgegenzunehmen, es steht die Möglichkeit offen, sich an
vorgesetzte Stellen zu wenden. Dass – nicht nur in Sri Lanka – die (lokalen)
Sicherheitskräfte nicht in der Lage sind, allen Bürgern ihres Landes jeder-
zeit Schutz zu gewähren, bedeutet nicht, dass sie grundsätzlich nicht
schutzwillig oder -fähig wären. Das SEM hat ebenso zu Recht darauf hin-
gewiesen, dass sich der Beschwerdeführer in einer anderen Gegend sei-
nes Heimatlandes hätte niederlassen können, sollte er sich in seiner Hei-
matregion nicht mehr sicher gefühlt haben, da es ihm aufgrund seiner über-
durchschnittlichen schulischen Bildung, seiner Berufserfahrungen und mit
Unterstützung seiner Verwandten möglich gewesen wäre, sich auch an ei-
nem anderen Ort eine berufliche Existenz aufzubauen. Das SEM hat dem-
nach zu Recht festgehalten, dass er des Schutzes der Schweiz nicht be-
darf.
5.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass dem Beschwerdeführer für
den Zeitpunkt seiner Ausreise aus Sri Lanka keine begründete Furcht vor
drohender, asylrechtlich relevanter Verfolgung zuerkannt werden kann.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 (als Referenzurteil publiziert) eine aktuelle Analyse der Situation von
Rückkehrenden nach Sri Lanka vorgenommen (vgl. dort E. 8) und festge-
stellt, dass aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische
Asylsuchende nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaf-
tung und Folter ausgesetzt seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert
sich bei der Beurteilung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter
Nachteile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen
D-4460/2020
Seite 15
Risikofaktoren. Dabei handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsäch-
lichen oder vermeintlichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den
LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam), Teilnahme an exilpolitischen re-
gimekritischen Handlungen, und Vorliegen früherer Verhaftungen durch die
sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammenhang mit einer tat-
sächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE (sog. stark risikobe-
gründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.1 - 8.4.3). Einem gesteigerten Ri-
siko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen ausserdem Per-
sonen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach Sri Lanka einrei-
sen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt werden oder
die über die Internationale Organisation für Migration (IOM) nach Sri Lanka
zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben (sog. schwach
risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Es ist im Ein-
zelfall abzuwägen, ob die konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine
asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person ergeben. Da-
bei ist in Betracht zu ziehen, dass insbesondere jene Rückkehrer eine be-
gründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinn von Art. 3 AsylG haben,
denen seitens der sri-lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie
bestrebt sind, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen
(vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
6.2
6.2.1 Wie bereits vorstehend festgehalten, ist es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen, glaubhaft zu machen, dass zum Zeitpunkt seiner Ausreise
ein ernsthaftes behördliches Interesse an seiner Person bestand. Seinen
Aussagen ist nicht zu entnehmen, dass er oder seine Angehörigen in der
Vergangenheit Verbindungen zu den LTTE und deshalb Probleme mit den
heimatlichen Behörden gehabt hätten. Die Sicherheitsbehörden haben ihm
gegenüber nie Verdächtigungen geäussert, er könne in Verbindung zu den
LTTE gestanden haben oder stehen. Es kann aufgrund der Aktenlage nicht
davon ausgegangen werden, dass er von den sri-lankischen Behörden
ernsthaft verdächtigt wurde beziehungsweise wird, sich am Wiederaufbau
dieser Organisation zu beteiligen. Er brachte weder bei den Befragungen
noch zu einem späteren Zeitpunkt vor, er sei in einer Art und Weise aktiv
gewesen, die es nahelegen würde, dass ihm seitens der sri-lankischen Be-
hörden ein überzeugter Aktivismus mit dem Ziel der Wiederbelebung des
tamilischen Separatismus zugeschrieben werden könnte. Es bestehen vor
diesem Hintergrund keine Gründe zur Annahme, die sri-lankischen Sicher-
heitskräfte könnten ein über das routinemässige Interesse an aus dem
Ausland zurückkehrenden Personen hinausgehendes Interesse an ihm ha-
D-4460/2020
Seite 16
ben, da er vor seiner Ausreise nicht ernsthaft im Verdacht stand, vergan-
gene oder aktuelle Verbindungen zu den LTTE (gehabt) zu haben und sich
für politische Interessen, namentlich den Wiederaufbau einer tamilischen
Widerstandsorganisation, zu interessieren. Vielmehr lebte er eigenen An-
gaben zufolge das Leben eines unbescholtenen Bürgers, der keinerlei ne-
gative Erfahrungen mit den heimatlichen Behörden machte und auch nach
seiner Rückkehr aus D._ im Jahr 2015, wo er mehrere Jahre lang
gelebt und gearbeitet habe, keine Schwierigkeiten hatte. Allein der Um-
stand, dass er in der Schweiz vergeblich um Asyl nachsuchte, und aus ei-
nem Land mit einer weitverzweigten tamilischen Diaspora nach Sri Lanka
zurückkehren wird, vermag keine ihm drohende Verfolgung zu begründen.
6.2.2 Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka am 31. Januar 2019 und
wurde vom SEM am 14. April 2020 zu seinen Asylgründen angehört. Auf
die Frage, was nach seiner Ausreise aus Sri Lanka geschehen sei, antwor-
tete er, es sei gar nichts vorgefallen (vgl. Anhörungsprotokoll 46/24 S. 21
F129). Am 7. August 2020 lehnte das SEM sein Asylgesuch ab. Angesichts
dieser Sachlage vermag das Vorbringen in der Beschwerde, er sei am
20. August 2020 zu Hause von Sicherheitsbeamten in Zivil gesucht wor-
den, die seine Mutter über ihn befragt hätten, nicht zu überzeugen. Da die
Mutter zudem von Unbekannten bedroht worden sei, habe sie am 26. Au-
gust 2020 Anzeige erstattet. Es erscheint überwiegend unwahrscheinlich
und damit unglaubhaft, dass sich die Sicherheitsbehörden Sri Lankas, mit
denen der Beschwerdeführer bis zu seiner Ausreise keine Probleme hatte,
nach seiner rund eineinhalbjährigen Landesabwesenheit ausgerechnet
rund drei Wochen nach Erlass des erstinstanzlich negativen Asylent-
scheids für ihn interessieren sollten. Das SEM führt in seiner Vernehmlas-
sung in diesen Zusammenhang zu Recht aus, dass die beiden eingereich-
ten Fotografien, auf denen kaum etwas zu erkennen ist, kein behördliches
Interesse am Beschwerdeführer zu belegen vermögen. In diesem Zusam-
menhang ist auch die von der Mutter des Beschwerdeführers erstattete
Anzeige zu sehen, deren Inhalt teilweise nicht mit den Ausführungen in der
Beschwerde übereinstimmt. So sollen sich gemäss dem Auszug aus dem
Polizeiinformationsbuch vom 26. August 2020 am 20. August 2020 Unbe-
kannte bei der Mutter gemeldet haben, wogegen in der Beschwerde ange-
geben wird, es habe sich um Sicherheitsbeamte in Zivil gehandelt. Hin-
sichtlich der mit der Replik eingereichten Vorladung des Beschwerdefüh-
rers auf das Büro des CID in H._ vom 15. August 2020 ist festzu-
stellen, dass es sich um die Kopie eines Formulars handelt, das keinerlei
Sicherheitsmerkmale aufweist, weshalb dessen Beweiskraft gering ist.
Selbst wenn der Beschwerdeführer zu einer Befragung vorgeladen worden
D-4460/2020
Seite 17
wäre, was angesichts dessen längerfristigen Abwesenheit nicht zu über-
zeugen vermag, bedeutete dies in keiner Weise, dass er in seiner Heimat
von asylrechtlich relevanter Verfolgung bedroht wäre. Auch die Angabe in
der Replik, der Beschwerdeführer sei im September und Oktober 2020
noch je zweimal von Sicherheitsbeamten in Zivil gesucht worden, vermag
vor dem Hintergrund des erstellten Sachverhalts – insbesondere der Aus-
sage des Beschwerdeführers, nach seiner Ausreise aus Sri Lanka Ende
Januar 2019 habe sich nichts zugetragen, das relevant sei – nicht zu über-
zeugen.
6.3 Da der rechtserhebliche Sachverhalt als erstellt zu erachten ist, besteht
keine Veranlassung, die Sache zur ergänzenden Sachverhaltsaufnahme
an das SEM zurückzuweisen. Das Beschwerdeverfahren vor dem Bundes-
verwaltungsgericht wird grundsätzlich schriftlich durchgeführt und dem an-
waltlich vertretenen Beschwerdeführer stand es offen, seinen Standpunkt
darzulegen und weitere Beweismittel einzureichen. Eine ergänzende An-
hörung des Beschwerdeführers erweist sich als nicht notwendig, zumal
diese im Zusammenhang mit Vorkommnissen, die sich nach seiner Aus-
reise aus dem Heimatland zugetragen haben sollen, angeboten wurde. Die
entsprechenden Anträge sind demnach abzuweisen.
6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer weder
Vor- noch Nachfluchtgründe nachgewiesen oder zumindest glaubhaft ge-
macht hat. Es erübrigt sich daher, auf die weiteren Ausführungen in der
Beschwerde und die eingereichten Beweismittel im Einzelnen einzugehen,
da sie an der Würdigung des Sachverhalts nichts zu ändern vermögen.
Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 18
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3
8.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
D-4460/2020
Seite 19
8.3.2 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts lassen
weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungsvollzug als unzulässig
erscheinen (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
E. 12.2 f.). Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)
hat – wie vom SEM zutreffend erwähnt – wiederholt festgestellt, dass nicht
generell davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe in Sri
Lanka eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoeinschätzung müsse
im Einzelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des EGMR R.J. gegen
Frankreich vom 19. September 2013, 10466/11, Ziff. 37). Aus den Akten
ergeben sich unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen im Asyl-
punkt keine konkreten Anhaltspunkte dafür, der Beschwerdeführer hätte
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
Massnahmen zu befürchten, die über einen sogenannten «Background-
check» (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland)
hinausgehen würden oder dass er dadurch persönlich gefährdet wäre.
Nach Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts lässt auch der Vorfall
rund um die Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Sri Lanka und
die Präsidentschaftswahlen vom 16. November 2019 im vorliegenden Fall
keine andere Einschätzung zu, da kein konkreter Grund zur Annahme be-
steht, die allgemeinen politischen Entwicklungen in Sri Lanka könnten sich
zum heutigen Zeitpunkt nachteilig auf den Beschwerdeführer auswirken.
Der Vollzug der Wegweisung ist zulässig.
8.4
8.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Nach einer eingehen-
den Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist das Bundes-
verwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass der Wegweisungsvoll-
zug in die Nordprovinz zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen
Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiä-
ren oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte
Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil
D-4460/2020
Seite 20
des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2). In einem als Refe-
renzurteil publizierten Entscheid erachtet das Bundesverwaltungsgericht
auch den Wegweisungsvollzug ins "Vanni-Gebiet" als zumutbar (vgl. Urteil
des BVGer D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5). An dieser Ein-
schätzung vermögen auch die am Ostersonntag 2019 erfolgten Anschläge
auf Kirchen und Luxushotels nichts zu ändern. Auch unter Berücksichti-
gung des Vorfalls im Zusammenhang mit der Mitarbeiterin der Schweizeri-
schen Botschaft und der aktuellen politischen Situation rund um Präsident
Gotabaya Rajapaksa sieht das Bundesverwaltungsgericht keine Veranlas-
sung, den Wegweisungsvollzug sri-lankischer Staatsangehöriger tamili-
scher Ethnie als generell unzumutbar einzustufen.
8.4.3 Der Beschwerdeführer verfügt eigenen Aussagen gemäss über eine
sehr gute Schulbildung und besuchte vier Jahre lang als externer Student
die Universität. Während seines mehrjährigen Aufenthalts in D._ ar-
beitete er als (...) und in Sri Lanka bestritt er seinen Lebensunterhalt als
Journalist (vgl. Anhörungsprotokoll 46/24 S. 6 f.). Gemäss seinen Angaben
leben seine Mutter, seine vier Geschwister (ein weiterer Bruder befinde
sich in M._ sowie einige Onkel und Tanten in Sri Lanka (vgl. Anhö-
rungsprotokoll 46/24 S. 4). Damit verfügt er in seiner Heimat über ein Be-
ziehungsnetz, auf dessen Unterstützung er nach einer Rückkehr – sofern
notwendig – bei der Suche nach einer Arbeitsstelle und der Reintegration
zurückgreifen kann. Seinen Angaben gemäss leben alle seine Geschwister
in wirtschaftlich guten Verhältnissen (vgl. Anhörungsprotokoll 46/24 S. 5)
und aufgrund seiner guten Ausbildung und seiner beruflichen Erfahrungen
wird es auch ihm möglich sein, sich wieder eine wirtschaftliche Lebens-
grundlage zu schaffen, sodass nicht zu befürchten ist, er werde nach einer
Rückkehr in die Heimat nicht in der Lage sein, eine Arbeitstätigkeit aufzu-
nehmen und deshalb in eine existenzielle Notlage geraten. Sollte der Be-
schwerdeführer es vorziehen, sich nicht in seiner Herkunftsregion (Distrikt
C._) niederzulassen, stünde es ihm aufgrund seiner überdurch-
schnittlichen Ausbildung und seiner beruflichen Erfahrungen offen, sich in
einer anderen Region Sri Lankas, so zum Beispiel im Grossraum Colombo,
eine Existenz aufzubauen.
8.4.4 Bezüglich der sich derzeit in zahlreichen Ländern ausbreitenden
Corona-Pandemie ist festzuhalten, dass in Sri Lanka gemäss öffentlich zu-
gänglichen Quellen der erste Fall einer Covid-19-Erkrankung Ende Januar
2020 und somit rund einen Monat bevor in der Schweiz der erste Fall ge-
meldet wurde, diagnostiziert wurde. Die Krankheit hat sich in Sri Lanka weit
D-4460/2020
Seite 21
weniger als in der Schweiz ausgebreitet, wobei unter Hinweis auf die Dun-
kelziffer in beiden Ländern nicht alle Fälle bekannt sein dürften. Jedenfalls
führt die Tatsache, dass auch Sri Lanka von Covid-19-Erkrankungen be-
troffen ist, nicht zur Annahme der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs.
8.4.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
8.5
Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Ergänzend anzufügen ist, dass es sich
bei der Corona-Pandemie – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres
Vollzugshindernis handelt, dem im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch
die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeit-
punkt des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst wird.
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwi-
schenverfügung vom 6. Oktober 2020 die unentgeltliche Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und sich an den diesbezügli-
chen Voraussetzungen nichts geändert hat, sind indessen keine Verfah-
renskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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