Decision ID: 47725f2e-69f5-4acc-a444-78d7805cd7f9
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
J._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Werner Bodenmann, Waisenhausstrasse 17,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a J._, Jahrgang 1975, meldete sich im Juli 2005 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (IV) an und beantragte Arbeitsvermittlung und Rente (IV-act. 1).
Dr. med. A._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, nannte im Arztbericht vom 11. Juli
2005 die Diagnosen akute depressive Anpassungsstörung bei schwieriger
psychosozialer Situation, Autoimmunthyreoiditis mit Hypothyreose, chronische
Thrombozytopenie mit Splenomegalie und Hyperkoagulabilität bei hererozygoter Faktor
V-Leiden-Mutation. Seit 10. März 2004 sei die Versicherte bis auf Weiteres voll
arbeitsunfähig. Nach Abklingen der Depression dürfte wieder eine ganztägige volle
Leistungsfähigkeit erreicht werden (IV-act. 8-1; 8-4). Die behandelnde Psychiaterin
Dr. med. B._ berichtete am 6. September 2005 von einer rezidivierenden depressiven
Anpassungsstörung bei schwieriger psychosozialer Situation. Zwei Söhne seien wegen
einer Lebererkrankung im Alter von wenigen Monaten verstorben. Die im September
2004 geborene jüngste Tochter leide ebenfalls an der Erbkrankheit (IV-act. 12-3 f.).
Verschiedene einfache Tätigkeiten wären der Versicherten zumutbar. Sie sei jedoch
wohl nicht in der Lage, sich gedanklich auf irgendetwas anderes einzustellen, solange
sich der Zustand der kranken Tochter nicht verändert habe (IV-act. 12-7). Am
13. Dezember 2005 berichtete Dr. B._ von einer Arbeitsfähigkeit von 50-60% in einer
einfachen adaptierten Tätigkeit (IV-act. 19). Im Verlaufsbericht vom 27. Juni 2006 ging
sie von einer Arbeitsfähigkeit von 50% seit 13. Dezember 2005 und bis auf Weiteres
aus (IV-act. 31-1).
A.b Bei einer am 12. Oktober 2006 durchgeführten Haushaltabklärung ermittelte die IV-
Abklärungsperson eine Einschränkung im Haushalt von 58.5%. Sie qualifizierte die
Versicherte als je hälftig im Haushalt und im Erwerbsbereich tätig (IV-act. 47-8).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Im Auftrag der IV-Stelle begutachtete die Academy of Swiss Insurance Medicine
(asim) des Universitätsspitals Basel die Versicherte am 30. und 31. Oktober 2006. Im
Gutachten vom 28. Dezember 2006 werden insbesondere die Diagnosen rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome,
generalisierte Angststörung und Autoimmunthyreoiditis mit Hypothyreose genannt. Die
Versicherte sei aktuell zu 50% arbeitsfähig. Diese Einschätzung resultiere
gesamtheitlich aus der psychiatrischen Einschätzung der depressiven Stimmung, der
gedanklichen Einengung auf die psychosozialen Belastungsfaktoren, den anhaltenden
Schlafstörungen und der erhöhten Erschöpfbarkeit. Der psychische
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin sei sehr vom körperlichen
Gesundheitszustand ihrer jüngsten Tochter abhängig (IV-act. 51-14).
A.d Im Vorbescheid vom 20. Februar 2007 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht. In Anwendung der gemischten Methode
der Invaliditätsbemessung und bei einer Aufteilung von Haushalt und Erwerb von je
50% ermittelte sie einen Invaliditätsgrad von 31.9% (IV-act. 58).
A.e Rechtsanwalt lic. iur. Adrian Kamber beantragte in seiner Stellungnahme vom
23. März 2007 in Vertretung der Versicherten die Rentenzusprache. Die Versicherte
habe sich einer Operation am rechten Knie unterziehen müssen. Im Moment sei sie
100% arbeitsunfähig. Im Gesundheitsfall würde sie im Übrigen voll arbeiten (IV-act. 68).
Im Rahmen der daraufhin von der IV-Stelle vorgenommenen weiteren Abklärungen
berichtete Dr. A._ am 10. Juli 2007 von einer Arthroskopie und peripatellären
Gelenktoilette beidseits, die offenbar am 5. März 2007 am Spital Herisau durchgeführt
worden sei (IV-act. 75; 72). Seitens des Spitals wurde am 9. August 2007 darauf
hingewiesen, dass Arbeiten mit der Notwendigkeit des Hebens von schweren Lasten,
des Abdrehens oder des Einnehmens knieender oder hockender Positionen deutlich
erschwert seien. Die Arbeitsfähigkeit könne je nach Beruf durchaus um 50% erschwert
sein (IV-act. 77). Dr. med. C._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
und D._, lic. phil. Psychologin, bezeichneten die vom asim auf 50% geschätzte
Arbeitsfähigkeit am 5. September 2007 und 16. Januar 2008 aus rein psychiatrischer
Sicht als plausibel (IV-act. 79; 83-6).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.f Mit Verfügung vom 14. Februar 2008 verweigerte die IV-Stelle bei einem
Invaliditätsgrad von 31.9% die Ausrichtung einer Rente. Sie stufte die Versicherte als je
hälftig im Erwerb und im Haushalt tätig ein (act. G 1.2).
B.
B.a In Vertretung der Versicherten beantragt Rechtsanwalt lic. iur. Werner Bodenmann
mit Beschwerde vom 2. April 2008 die Aufhebung der Verfügung vom 14. Februar
2008. Der Beschwerdeführerin sei eine Invalidenrente basierend auf einem
Invaliditätsgrad von mindestens 70% zuzusprechen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Sie sei nicht nur aus psychischer Sicht, sondern wegen ihrer
Kniebeschwerden auch aus somatischer Sicht in ihrer Leistungsfähigkeit
eingeschränkt. Der Arbeitsfähigkeitsgrad sei interdisziplinär zu beurteilen. Es sei davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in ihrer Arbeitsfähigkeit zu mehr als 50%
eingeschränkt sei. Die Einschränkung betreffend Knie müsse zumindest bei der
Festsetzung des Invalideneinkommens berücksichtigt werden, indem ein Leidensabzug
vorgenommen werde. Als Gesunde habe die Beschwerdeführerin bei der E._ AG
gearbeitet und daneben in einem Privathaushalt geputzt; das Valideneinkommen
belaufe sich auf insgesamt Fr. 52'414.85 (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 10. Juni 2008 die
Abweisung der Beschwerde. Die Kniebeschwerden seien sekundär und überdies
bereits im Spital Herisau berücksichtigt worden. Aufgrund der allgemeinen
Lebenserfahrung arbeite eine Mutter mit vier Kindern höchstens 50%, wenn ihr
Ehemann voll erwerbstätig sei und ihr jüngstes Kind aufgrund einer Behinderung
besonderer Pflege bedürfe. Die Einstufung sei rechtmässig. Beim Invalideneinkommen
könne kein Leidensabzug vorgenommen werden. Der Nebenerwerb als Haushalthilfe
dürfe weder beim Validen- noch beim Invalideneinkommen berücksichtigt werden. Der
Invaliditätsgrad belaufe sich folglich auf lediglich 29.25% (act. G 6).
B.c Die Beschwerdeführerin lässt in der Replik vom 25. August 2008 an den Anträgen
gemäss Beschwerde festhalten. Laut einem Bericht des Spitals Herisau vom 8. Juli
2008 leide die Beschwerdeführerin an persistierenden Knieschmerzen sowie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgeprägten Handgelenksschmerzen, die derzeit noch näher abgeklärt würden (act. G
10).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 1. September 2008 auf eine weitere
Stellungnahme (act. G 12).
B.e Mit Schreiben vom 17. März 2009 liess die Beschwerdeführerin einen Arztbericht
der Rheumatologie im Silberturm vom 30. Januar 2009 einreichen. Danach sei seit
Frühling 2008 eine rheumatoide Arthritis wahrscheinlich (act. G 14).
B.f Die zuständige Verfahrensleitung des Versicherungsgerichts forderte die
Beschwerdegegnerin am 27. August 2009 auf, die IV-Akten betreffend die Tochter
F._, Jahrgang 2004, einzureichen (act. G 16). Diese gingen dem Gericht am
3. September 2009 zu (act. G 17). Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin erhielt
Gelegenheit zur Einsichtnahme (act. G 18). In der nachträglichen Eingabe vom
29. September 2009 liess die Beschwerdeführerin darauf hinweisen, dass sie trotz der
Erkrankung ihrer Tochter F._, wäre sie selbst nicht auch erkrankt, einer 50%igen
Arbeitstätigkeit bei der E._ AG sowie der Reinigungstätigkeit nachgehen würde (act.
G 21).

Erwägungen:
1.
Angefochten ist eine Verfügung, die nach Inkrafttreten der 5. IV-Revision am 1. Januar
2008 ergangen ist. Mangels einer übergangsrechtlichen Norm rechtfertigt es sich
allerdings, für die vor diesem Zeitpunkt massgebenden Verhältnisse (Rentenanspruch
mit Anspruchsbeginn bei Anmeldung unter altem Recht) die im Folgenden zitierten, bis
zum 31. Dezember 2007 gültig gewesenen Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit, es sei denn, eine versicherte Person sei vor dem Eintritt der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht erwerbstätig gewesen und es habe ihr auch nicht
zugemutet werden können, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In diesem Fall gilt
gemäss Art. 8 Abs. 3 ATSG die Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
als Invalidität. Die Invalidität gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG wird durch einen
Einkommensvergleich ermittelt (Art. 16 ATSG). Die Methode zur Bemessung der
konkreten Unmöglichkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wird vom ATSG nicht
geregelt. Diese Lücke wird durch aArt. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in der bis 31. Dezember 2007 gültig gewesenen
Fassung gefüllt: Es ist darauf abzustellen, in welchem Mass die betreffende Person
behindert ist, sich im Aufgabenbereich zu betätigen. Als Aufgabenbereich der im
Haushalt tätigen Person gelten insbesondere die übliche Tätigkeit im Haushalt, die
Erziehung der Kinder sowie gemeinnützige und künstlerische Tätigkeiten (Art. 27 der
Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). aArt. 28 Abs. 2 IVG
regelt die so genannte gemischte Methode der Invaliditätsbemessung bei Personen,
die zum Teil erwerbstätig und zum Teil im Aufgabenbereich tätig sind. In einem solchen
"gemischten" Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im
Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad ist entsprechend der
Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen. Ist bei einer Person, die nur zum Teil
erwerbstätig ist, anzunehmen, dass sie im Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs
ohne den Gesundheitsschaden vollzeitlich erwerbstätig wäre, so ist die
Invaliditätsbemessung ausschliesslich nach den Grundsätzen für Erwerbstätige zu
bemessen (Art. 27 IVV). Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40% auf eine Viertelsrente (aArt. 28 Abs. 1 IVG).
2.2 Ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig Erwerbstätige oder als
Nichterwerbstätige einzustufen ist – was je zur Anwendung einer andern Methode der
Invaliditätsbemessung (Einkommensvergleich, gemischte Methode,
Betätigungsvergleich) führt –, ergibt sich aus der Prüfung, was die versicherte Person
bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche
Beeinträchtigung bestünde (BGE 125 V 146; BGE 117 V 194; vgl. AHI 1997 S. 286; AHI
1996 S. 196). Das Bundesgericht stellt bei der Beurteilung des Status – einzig – auf den
bis
ter
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweis der Erwerbsverhältnisse im Gesundheitsfall ab (EVGE I 715/00 vom 4. Januar
2002), ohne die Zumutbarkeit als zusätzliches Kriterium zu betrachten (vgl. Art. 5 Abs. 1
IVG und Art. 8 Abs. 3 ATSG; hierzu Franz Schlauri, Das Rechnen mit der
Arbeitsunfähigkeit in Beruf und Haushalt in der gemischten Methode der
Invaliditätsbemessung in: Schaffhauser/Schlauri, Schmerz und Arbeitsunfähigkeit,
St. Gallen 2003, S. 343 f.). Massgebend sind die tatsächlichen Verhältnisse, wie sie bis
zum Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung bestanden haben (BGE 121 V 366 E. 1b;
BGE 125 V 150 E. 2c).
2.3 Es ist zu prüfen, ob die Person ohne Invalidität mit Rücksicht auf die gesamten
Umstände (dazu gehören die persönlichen, familiären, sozialen und erwerblichen
Verhältnisse) vorwiegend erwerbstätig oder im Haushalt beschäftigt wäre. Für die
Beurteilung und Festlegung des im Gesundheitsfall mutmasslich ausgeübten
Aufgabenbereichs sind ausser der finanziellen Notwendigkeit, eine Erwerbstätigkeit
wieder aufzunehmen oder auszudehnen, auch allfällige Erziehungs- und
Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen Fähigkeiten und die
Ausbildung sowie die persönlichen Neigungen und Begabungen zu berücksichtigen
(zum Ganzen: Entscheid 9C_828/07 des Bundesgerichts vom 30. April 2008, BGE 125
V 146 Erw. 2c, BGE 117 V 194 Erw. 3b). Von Bedeutung sind vor allem die
Sicherstellung der Kinderbetreuung und die Verdienstverhältnisse (vgl. EVGE I 715/00
vom 4. Januar 2002, wo eine Mutter von acht Kindern als Vollerwerbstätige betrachtet
worden war). Nebst dem früheren Arbeitsverhalten sind im Wesentlichen die Absicht
der versicherten Person und deren Vorstellungen und Pläne zum Alltag ohne
Gesundheitsschaden zu berücksichtigen (vgl. EVGE I 635/02 vom 20. Juni 2003). Zu
beachten ist allerdings, dass der Entscheid über die Statusfrage immer ein solcher über
eine Hypothese bleibt, da sie sich immer stellt, wenn in Wirklichkeit eine
gesundheitliche Beeinträchtigung (schon seit langer oder kürzerer Zeit) eingetreten ist.
Die Arbeitseinteilung in der Vergangenheit kann für die massgebliche Hypothese nur
ein Indiz darstellen; die spätere reale Einteilung ist anderseits meist bereits durch die
Invalidität beeinflusst (m.w.H. Entscheid IV 2008/268 des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 17. Juli 2008, Erw. 2.3). Der Richter hat jener
Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die er von allen möglichen Geschehensabläufen
unter den gegebenen Umständen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 121 V 47
Erw. 2a). Dabei sind die konkrete Situation und die Vorbringen der Versicherten nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Massgabe der allgemeinen Lebenserfahrung zu würdigen (ZAK 1985 S. 468 Erw. 1).
Denn Tatfragen, über die sich gemäss der Natur der Dinge nur Hypothesen aufstellen
lassen, beurteilen sich nach Erfahrungssätzen (BGE 117 V 195 Erw. 3b mit Hinweis auf
Guldener, Beweiswürdigung und Beweislast nach schweizerischem Zivilprozessrecht,
S. 13).
3.
3.1 Vorab ist die für die Invaliditätsbemessung vorzunehmende Qualifikation der
Beschwerdeführerin zu überprüfen. Die Beschwerdegegnerin hat die
Beschwerdeführerin als zu 50% im Erwerb und zu 50% im Haushalt tätig qualifiziert.
Sie stützt sich dabei offenbar auf eine Bemerkung im Abklärungsbericht Haushalt vom
23. Oktober 2006, wonach die Versicherte wegen F._'s Krankheit "weiterhin
ausserhäuslich erwerbstätig [wäre], vermutlich im Rahmen von 50%" (IV-act. 47-3).
Bereits am 23. März 2007 liess die Beschwerdeführerin hingegen geltend machen, sie
wäre als Gesunde voll erwerbstätig bzw. würde eine Arbeit mit einem weit über 50%
liegenden Pensum ausüben (IV-act. 68-5 Ziff. 2b). Gegenüber den asim-Gutachtern
hatte die Beschwerdeführerin angegeben, dass sie theoretisch gerne wieder arbeiten
würde, wenn dies gesundheitlich möglich wäre (IV-act. 51-10). Sie habe früher sowohl
100% gearbeitet als auch ihren Haushalt mit Lust versorgt. Diesen Zustand wünsche
sie sich zurück (IV-act. 51-26). Bis zu während der Schwangerschaft mit F._
aufgetretenen Komplikationen war die Beschwerdeführerin voll erwerbstätig, dies,
obwohl sie bereits drei 1990, 1992 und 2000 geborene Kinder zu betreuen hatte. Ihre
1993 und 1995 geborenen Söhne waren 1994 und 1996 gestorben; trotz dieser
ausserordentlichen Belastungen hatte die Beschwerdeführerin stets weitergearbeitet
(vgl. IV-act. 7). Vor der gesundheitsbedingten Reduktion der Erwerbstätigkeit hatte sie
neben dem vollen Erwerbspensum bei der E._ AG im Ausmass von etwa 20% als
Haushalthilfe in einem Privathaushalt gearbeitet (IV-act. 47-3). Sie war offensichtlich
überdurchschnittlich leistungsfähig und leistungswillig. Die im Jahr 2004 geborene
Tochter F._ verursacht unbestrittenermassen einen grossen Betreuungsaufwand.
Allerdings ist zu berücksichtigen, dass eigens für die Betreuung eine Bekannte
engagiert wurde, wie aus dem die Tochter betreffenden Abklärungsbericht für eine
Hilflosenentschädigung für Minderjährige vom 14. November 2006 hervorgeht. Diese
Betreuungsperson sei ununterbrochen bei F._. Sie wohne in derselben Wohnung und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bleibe auch während des Schlafens in F._'s Nähe. Finanziert werde diese Betreuung
mit Hilfe der Pro Infirmis (act. G 17.94-4). Zudem bekam die Beschwerdeführerin auch
stets Unterstützung von der Schwiegermutter (vgl. IV-act. 51-9; 51-27). Zu beachten ist
im Weiteren, dass die Beschwerdeführerin gemäss Abklärungsbericht Haushalt vor
Eintritt der Arbeitsunfähigkeit von 14 bis 22 Uhr arbeitete und ihr Ehemann jeweils ab
17.30 Uhr zuhause ist und sich nach Angaben der Abklärungsperson dann um die
behinderte Tochter kümmern kann. Dies bedeutet, dass im hypothetischen
Gesundheitsfall der Beschwerdeführerin nur zwischen 14 und 17.30 Uhr, also während
dreieinhalb Stunden täglich, eine Fremdbetreuung der Tochter sichergestellt werden
müsste. Da eine familienexterne Betreuungsperson durchgehend anwesend ist, ist
ohne weiteres davon auszugehen, dass dies im hypothetischen Gesundheitsfall der
Beschwerdeführerin gelungen wäre. In der Vergangenheit hat die Beschwerdeführerin
mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie trotz Kleinkinderbetreuungsaufgaben einer
vollen Erwerbstätigkeit nachgehen konnte, indem sie die durchgehend notwendige
Aufsicht und Betreuung an eine Drittperson delegierte. Im Kleinkindalter der im Jahr
2000 geborenen Tochter G._ war sie sogar in einem 100% übersteigenden Pensum
an zwei Arbeitsstellen erwerbstätig; dies, obwohl die beiden älteren Kinder zu jener Zeit
noch stärker auf ihre Betreuung angewiesen waren als nach der IV-Anmeldung ab Juli
2005. Denkbar wäre allenfalls, dass die Beschwerdeführerin ihr Arbeitspensum
aufgrund der Mehrbelastung durch die Tochter F._ in geringem Ausmass reduziert
hätte; doch selbst bei einer Reduktion um 20% bliebe noch immer ein volles
Erwerbspensum übrig. In tatsächlicher Hinsicht ist nach Lage der Akten folglich
überwiegend wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin als Gesunde mit einem
vollen Erwerbspensum weitergearbeitet hätte. Folglich hat die ordentliche
Invaliditätsbemessungsmethode des Einkommensvergleichs zur Anwendung zu
gelangen.
4.
4.1 Im Gutachten vom 28. Dezember 2006 werden als zentrale, die Arbeitsfähigkeit
einschränkende Diagnosen eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
schwere Episode ohne psychotische Symptome, eine generalisierte Angststörung und
eine Autoimmunthyreoiditis mit Hypothyreose genannt. Die Erkrankungen des dritten
und vierten Kindes an einer seltenen, unheilbaren Lebererkrankung und schliesslich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
deren Tod werden als einschneidende Erlebnisse der Beschwerdeführerin beschrieben,
die eine depressiv-ängstliche Reaktion ausgelöst hätten. Die Beschwerdeführerin habe
sich 1996 in einem Ausnahmezustand befunden. Die Schwangerschaft und Geburt des
sechsten Kindes, das ebenfalls an der Lebererkrankung und einer Gerinnungsstörung
mit schweren Hirndurchblutungsstörungen gelitten habe, habe eine zweite schwere
Krise ausgelöst. Das Wiedererleben der Angst um ein Kind, die Hilflosigkeit verbunden
mit Schuldgefühlen und beständiger Sorge hätten eine zweite depressive Episode
ausgelöst. Obwohl diese sicherlich reaktiver Natur und sehr eng mit dem Zustand des
Kindes verbunden sei, gehe sie in ihrem Schweregrad doch eindeutig über das
Ausmass einer Anpassungsstörung hinaus. Aufgrund zahlreicher Komplikationen und
schliesslich eines Epilepsieleidens der Tochter sei die Beschwerdeführerin völlig fixiert
auf deren Versorgung und habe trotz Unterstützung durch Angehörige und eine
Haushalthilfe kaum Kapazitäten, darüber hinaus ihr Leben zu gestalten. Im Februar
2005 habe die Beschwerdeführerin wohl aufgrund einer akuten Belastungsreaktion
hospitalisiert werden müssen. Zeitgleich sei eine Autoimmunthyreoiditis festgestellt
worden. Die Symptome einer Hypothyreose hätten das damals bestehende depressive
Syndrom zusätzlich verstärkt. Ab Juni 2005 kam es offenbar zu einer gewissen
Stabilisierung der Situation. Ab August 2006 sei jedoch wieder eine Verschlechterung
eingetreten, weil die Tochter trotz Medikation weiterhin unter epileptischen Anfällen
leide und die Beschwerdeführerin daher in ständiger Angst sei, die Tochter könnte an
einem Anfall sterben. Gemäss den asim-Gutachtern stehen bei der Beschwerdeführerin
eine depressive Stimmung, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken und eine gedankliche
Einengung mit Konzentrationsstörungen und massiven Schlafstörungen im
Vordergrund. Daneben dominiere die Angst mit anhaltender Besorgnis,
psychovegetativen Symptomen und einem Hyperarousal (IV-act. 51-12). Gesamthaft
sei damit zusätzlich eine generalisierte Angststörung zu diagnostizieren. Die depressive
Störung sowie die generalisierte Angststörung mit zugrunde liegender Dysthymie
würden zu einer generellen Arbeitsunfähigkeit von 50% führen. Da der Verlauf der
Arbeitsfähigkeit unter Psychotherapie anfänglich erfolgreich habe gesteigert werden
können, gehe man davon aus, dass unter adäquater psychiatrischer Begleittherapie
eine Arbeitsfähigkeit von 50% gehalten werden könne. Eine Arbeitsunfähigkeit bestehe
seit November 2004, wobei diese durch medikamentöse und psychiatrische Therapien
auf 50% habe reduziert werden können (IV-act. 51-14).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Die behandelnde Psychiaterin Dr. B._ war am 27. Juni 2006 bereits von einer
Arbeitsunfähigkeit von 50% seit 13. Dezember 2005 ausgegangen (IV-act. 31-1). Der
Psychiater Dr. C._ und die Psychologin D._ bestätigten am 5. September 2007 die
Diagnose der schweren depressiven Episode ohne psychotische Symptome und der
generalisierten Angststörung. Aus rein psychiatrischer Sicht sei die beurteilte
Arbeitsunfähigkeit von 50% plausibel (IV-act. 79-1). Entsprechendes attestierte
Dr. C._ in einem weiteren Bericht vom 16. Januar 2008 (IV-act. 83-5 f.).
4.3 Am 5. März 2007 kam es zu einer Operation aufgrund eines peripatellären
Schmerzsyndroms am rechten Knie (vgl. IV-act. 72-2). Dr. A._ berichtete am 7. Juli
2007, bezüglich des rechten Knies sei es zu einer gewissen Linderung, nicht jedoch zu
Beschwerdefreiheit gekommen. Von Seiten des Patellarsyndroms sei eine
Erwerbsunfähigkeit von ca. zehn Prozent attestierbar (IV-act. 75-1; 75-3). Gegenüber
dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin gab Dr. med. H._, Facharzt FMH für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Chirurgie am
Spital Herisau, am 9. August 2007 an, die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sei
reduziert, indem die Beugebelastung vor allem des rechten Kniegelenks reduziert sei.
Arbeiten mit der Notwendigkeit des Hebens von schweren Lasten, mit der
Notwendigkeit des Abdrehens oder gar des Einnehmens knieender oder hockender
Positionen sei deutlich erschwert. Die Arbeitsfähigkeit könne je nach Beruf durchaus
um 50% reduziert sein. Leichte Tätigkeiten in sitzender oder stehender Position mit der
Möglichkeit von Pausen ohne die Notwendigkeit des Hebens von schweren Lasten
seien zumutbar, also feinmechanische Arbeiten, Büroarbeiten, Überwachungsaufgaben
oder ähnliches (IV-act. 77-1 f.). Aufgrund dieser Angaben ist davon auszugehen, dass
die Beschwerdeführerin in einer optimalen Tätigkeit durch ihre körperlichen
Beschwerden nicht über das insbesondere aus psychiatrischer Sicht bestehende
Ausmass von 50% hinaus in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist, zumal eine geringe
aufgrund der Knieproblematik allfällig bestehende Arbeitsunfähigkeit ohnehin nicht
einfach zur psychiatrisch bedingten hinzuaddiert werden könnte (vgl. etwa das Urteil
8C_518/2007 vom 7. Dezember 2007, Erw. 3.2). Die Invaliditätsbemessung hat also
basierend auf einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 50% zu erfolgen. Eine allfällige ab
Frühling 2008 eingetretene Verschlechterung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der im
Arztbericht der Rheumatologie am Silberturm vom 30. Januar 2009 erwähnten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rheumatoiden Arthritis (act. G 14.1) wäre im Rahmen eines Revisionsverfahrens bei der
IV-Stelle geltend zu machen.
5.
Für die Festsetzung des Invalideneinkommens hat die Beschwerdegegnerin zu Recht
auf die Tabellenlöhne der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) abgestellt.
5.1 Im Jahr 2006 verdienten Frauen im tiefsten Anforderungsniveau (einfache und
repetitive Tätigkeiten) ein Einkommen von durchschnittlich Fr. 50'278.- bei einer
durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41.7 Stunden.
5.2 Die Beschwerdegegnerin hat keinen zusätzlichen Abzug anerkannt. Der oftmals als
"Leidensabzug" bezeichnete Abzug hat nichts mit dem Leiden zu tun. Vielmehr sollen
damit jene Nachteile ausgeglichen werden, die der versicherten Person – neben der
Arbeitsunfähigkeit – auf dem Arbeitsmarkt eine zusätzliche Lohneinbusse verursachen.
In BGE 126 V 75 neues Fenster ff. hat das Bundesgericht festgestellt, dass die Frage,
ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen
persönlichen und beruflichen Umständen des konkreten Einzelfalls (leidensbedingte
Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad) abhängig ist. Der Einfluss sämtlicher Merkmale auf das
Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen, d.h.
dass nicht für jedes Merkmal der entsprechende Abzug zu quantifizieren ist und die
einzelnen Abzüge zusammenzuzählen sind. Schliesslich ist der Abzug auf höchstens
25% zu begrenzen. Bei der Überprüfung des gesamthaft vorzunehmenden Abzugs darf
das Sozialversicherungsgericht sein Ermessen nicht ohne triftigen Grund an die Stelle
desjenigen der Verwaltung setzen; es muss sich somit auf Gegebenheiten abstützen
können, die seine abweichende Ermessensausübung als nahe liegender erscheinen
lassen. Vorliegend fällt ins Gewicht, dass die Beschwerdeführerin gegenüber einem
gesunden Konkurrenten für einen bestimmten Arbeitsplatz ein höheres Krankheitsrisiko
hat. Aus der Sicht eines ökonomisch denkenden Arbeitgebers senkt dieses Risiko,
dessen Verwirklichung die Gesamtlohnkosten des Betriebes erhöhen würde, den
"Wert" der Beschwerdeführerin als Arbeitnehmerin. Um dies zu kompensieren und
https://swisslex.westlaw.com/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=BGEx126xVx75_82&AnchorTarget=BGEx126xVx75
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
konkurrenzfähig zu bleiben, müsste die Beschwerdeführerin mit einem entsprechend
tieferen Lohn rechnen. Insgesamt ist sie auf erhöhte Flexibilität des Arbeitgebers
angewiesen. Ein Lohnnachteil wegen Teilzeitarbeit lässt sich statistisch nicht belegen;
im Gegenteil verdienten Frauen im tiefsten Anforderungsniveau mit einem Pensum
zwischen 50% und 74% über 3% besser als solche mit einem Pensum von 100% (vgl.
Tabelle T2* auf S. 16 der LSE 2006). Insgesamt erscheint es daher als gerechtfertigt,
den Abzug vorliegend auf 5% zu beschränken. Das Invalideneinkommen ist bei einem
zumutbaren Arbeitspensum von 50% folglich auf Fr. 23'882.- festzulegen (Fr. 50'278.-
x 0.5 x 0.95).
6.
6.1 Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was die versicherte
Person im Zeitpunkt des Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am
zuletzt erzielten, der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepassten
Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung entspricht, dass die bisherige
Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre (BGE 129 V 224 neues
Fenster, Erw. 4.3.1, mit Hinweisen). Die ältere Rechtsprechung bezog in die
Vergleichsrechnung nur Einkünfte ein, die bei einem normalen Arbeitspensum zu
erzielen waren (Ulrich Meyer-Blaser, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG,
1997, S. 207 mit Verweis auf die Urteile I 273/61 vom 10. Juli 1962 und I 59/62 vom
19. November 1962). In neueren Entscheiden hielt das Bundesgericht demgegenüber
fest, dass ein Nebenverdienst beim Valideneinkommen zu berücksichtigen sei, sofern
er mit überwiegender Wahrscheinlichkeit weiterhin erzielt worden wäre, wenn die
versicherte Person gesund geblieben wäre. Dies gelte ohne Rücksicht auf den hierfür
erforderlichen zeitlichen oder leistungsmässigen Aufwand. Soweit sich hinsichtlich der
letzterwähnten Vorgabe aus älteren Entscheiden (die von Meyer-Blaser a.a.O.
erwähnten Entscheide I 273/61 und I 59/62) etwas anderes ergeben sollte, könne daran
nicht festgehalten werden. Als Invalideneinkommen sei ein Zusatzeinkommen aus
Nebenerwerb nur insoweit zu berücksichtigen, als die versicherte Person ein solches
trotz ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung zumutbarerweise weiterhin erzielen könne
(Entscheide U 130/02 vom 29. November 2002, Erw. 3.2.1 [=RKUV 2003 Nr. U 476]; U
66/02 vom 2. November 2004 [=RKUV 2005 Nr. U 538]; vgl. auch Hans-Jakob
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=I+433%2F06&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-222%3Ade&number_of_ranks=0#page224 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=I+433%2F06&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-V-222%3Ade&number_of_ranks=0#page224
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mosimann, Praxis der Invaliditätsbemessung: aktueller Stand der Rechtsprechung, in:
SZS 2007, S. 15). Der Invaliditätsbemessung ist der höhere Lohn also nicht nur bei sehr
guten Berufskenntnissen, breiter Berufserfahrung und optimaler Leistung zugrunde zu
legen, sondern eben auch bei einem dauernd überdurchschnittlichen
Gesamtarbeitspensum (Peter Omlin, Die Invalidität in der obligatorischen
Unfallversicherung, 1995, S. 181).
6.2 Im Entscheid I 181/05 vom 3. Februar 2006 hielt das Eidgenössische
Versicherungsgericht fest, ein unüblich hoher zeitlicher Aufwand führe nicht zur
Reduktion des Valideneinkommens. Zwar gelte der Grundsatz, dass die IV als
Erwerbsunfähigkeitsversicherung nur für eine normale erwerbliche Tätigkeit
Versicherungsschutz biete. Eine herabgesetzte Anrechenbarkeit komme aber nur bei
Mehrfachbeschäftigungen über ein Vollpensum hinaus (Kumulierung von Erwerbs- und
Haushaltarbeit, Ausübung verschiedener wirtschaftlich gleichbedeutender
Erwerbstätigkeiten) zum Tragen. Diesbezüglich verweist der Entscheid auf ZAK 1988
S. 476. Bei jenem Entscheid ging es jedoch nicht um Entgelte für ein Pensum von über
100%, sondern um eine Frau, die aus konstitutionellen Gründen nicht in der Lage war,
neben der Hausarbeit einem vollen Erwerbspensum nachzugehen. Dieses Unvermögen
wurde als invaliditätsfremd bezeichnet. Im Entscheid I 433/06 vom 23. Juli 2007 hielt
das Bundesgericht fest, aus einem "Über-100%-Pensum" stammendes Einkommen
werde vollumfänglich berücksichtigt, wenn jemand regelmässig Überstunden leiste
oder eine Nebenerwerbstätigkeit ausübe oder selbstständigerwerbend sei, wohingegen
Einkommen, das aus zwei parallel zueinander ausgeübten, wirtschaftlich
gleichbedeutenden Erwerbstätigkeiten stamme, auf ein 100%-Pensum "gekürzt" würde
(Erw. 4.1.2). Eine derartige Kürzung lässt sich allerdings nicht überzeugend begründen.
Weder in Bezug auf das Einkommen noch in Bezug auf die Leistungsfähigkeit einer
versicherten Person vor Eintritt des invalidisierenden Gesundheitsschadens ist von
Belang, ob diese Person beispielsweise zwei wirtschaftlich gleichbedeutende
Teilerwerbstätigkeiten von je 60% oder eine Vollerwerbstätigkeit von 100% und einen
Nebenerwerb von 20% ausübt; in beiden Fällen wird zu einem entsprechenden Lohn
ein Pensum von insgesamt 120% absolviert. Kann nun mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit darauf geschlossen werden, dass dieses Gesamtpensum ohne
Eintritt des Gesundheitsschadens weitergeführt worden wäre, so ist das
Valideneinkommen in beiden Fällen auf dieser Basis festzusetzen. Für eine Kürzung im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ersten Fall bleibt kein Raum, zumal bei der IV nicht grundsätzlich ein "gewöhnliches"
100%-Pensum versichert ist, sondern das Potential, die Leistungsfähigkeit einer
Person kombiniert mit ihrer Leistungsbereitschaft. Entsprechend beschränkt sich die
IV-Beitragspflicht auch nicht auf das mit einem 100%-Pensum erzielbare Einkommen.
6.3 Vor Eintritt der Arbeitsunfähigkeit erzielte die Beschwerdeführerin bei der E._ AG
ein Einkommen von Fr. 48'492.- im Jahr 2003 (vgl. IV-act. 7-3). Vom 1. Januar 2003 bis
28. Februar 2004 arbeitete sie daneben im Ausmass von 20% als Haushalthilfe, wofür
sie im Jahr 2003 ein Einkommen von Fr. 8'215.- erzielte (IV-act. 11-6; 47-3). Wie
nachfolgend zu zeigen ist, kann offen bleiben, ob dieser Nebenverdienst beim Validen
einkommen anzurechnen ist.
6.3.1 Lässt man den Nebenverdienst ausser Rechnung, so ist unter Berücksichtigung
der Nominallohnentwicklung bis 2006 von einem Valideneinkommen von Fr. 49'993.-
auszugehen. Bei einem Invalideneinkommen von Fr. 23'882.- ergibt sich ein
Invaliditätsgrad von 52%.
6.3.2 Rechnet man den Nebenverdienst an, so ergibt sich für das Jahr 2003 ein
Einkommen von Fr. 56'707.-. Angepasst an die Nominallohnentwicklung beläuft es sich
per 2006 auf Fr. 58'462.-. Bei einem Invalideneinkommen von Fr. 23'882.- ergibt sich
ein Invaliditätsgrad von 59%.
6.4 Ob nun mit oder ohne Berücksichtigung des Nebenverdienstes liegt der
Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin über 50%, aber unter 60%. Folglich hat die
Beschwerdeführerin Anspruch auf eine halbe Invalidenrente.
7.
Der Beginn der Arbeitsunfähigkeit wird von den asim-Gutachtern auf November 2004
festgelegt. Damals habe sich die Arbeitsunfähigkeit auf 100% belaufen, dann aber
durch medikamentöse und psychiatrische Therapie auf 50% reduziert werden können
(IV-act. 51-14). Ab welchem Datum von einer Arbeitsfähigkeit von 50% auszugehen ist,
legen die Gutachter nicht fest. Noch am 6. September 2005 berichtete Dr. B._ von
einer seit 11. November 2004 bestehenden vollen Arbeitsunfähigkeit als
Maschinenführerin. Solange sich der Zustand der kranken Tochter nicht verändert
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe, sei die Beschwerdeführerin wohl nicht in der Lage, sich auf irgendetwas anderes
einzustellen. Eine von der Beschwerdeführerin akzeptierte intensivere psychiatrische
Behandlung könnte den Gesundheitszustand und damit auch die Arbeitsfähigkeit
verbessern (IV-act. 12-7). Am 13. Dezember 2005 erwähnte Dr. B._ eine positive
Entwicklung, sodass es zu einer rechten Remission gekommen sei. Die Arbeitsfähigkeit
betrage 50% bis 60% (IV-act. 19). Am 27. Juni 2006 legte sich Dr. B._ auf eine
Arbeitsfähigkeit von 50% rückwirkend ab 13. Dezember 2005 fest (IV-act. 31). Bei
dieser Aktenlage kann mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen
werden, dass die Beschwerdeführerin bei Ablauf des Wartejahrs (aArt. 29 Abs. 1 lit. b
IVG), also im November 2005, im Ausmass von ca. 50% in der Arbeitsfähigkeit
eingeschränkt war. Folglich besteht seit 1. November 2005 (vgl. aArt. 29 Abs. 2 IVG)
bei einem Invaliditätsgrad von 57% Anspruch auf eine halbe Invalidenrente.
8.
8.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 18. Februar 2008 teilweise gutzuheissen. Die
Beschwerdeführerin hat rückwirkend ab 1. November 2006 bei einem Invaliditätsgrad
von 57% Anspruch auf eine halbe Rente der Invalidenversicherung.
8.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Da sich die angefochtene Verfügung als rechtswidrig erwiesen hat
und da die Beschwerdeführerin auf jeden Fall gezwungen gewesen ist, Beschwerde zu
führen, um nicht rechtswidrig behandelt zu werden, muss in Bezug auf die
Kostentragungspflicht unabhängig vom konkreten Beschwerdebegehren (in Analogie
zur entsprechenden Regelung bei einer Rückweisung zur weiteren Abklärung, vgl. ZAK
1987 S. 266 Erw. 5a) von einem vollumfänglichen Obsiegen der Beschwerdeführerin
ausgegangen werden. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb die gesamten
Gerichtskosten zu tragen. Der geleistete Gerichtskostenvorschuss von Fr. 600.- ist der
Beschwerdeführerin zurückzuerstatten.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Angemessen erscheint
eine Parteientschädigung von pauschal Fr. 3'500.- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG