Decision ID: 49dc560f-09fd-4012-93c1-8993c735a223
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 21. Juli 2010 nach erfolgter Früherfassung aufgrund einer
längeren Arbeitsunfähigkeit infolge eines Schienbeinbruchs erstmals zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 1 und 11). Mit Verfügung vom 3. Juni
2013 wies die IV-Stelle den Rentenantrag ab (IV-act. 41). Am 14. Oktober 2014 meldete
sich der Versicherte unter Hinweis auf dreimalige Bandscheibenvorfälle und ein Burn-
out erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (IV-act. 42). Nach Durchführung
einer Frühinterventionsmassnahme in Form eines Ausbildungskurses und eines
Coachings (IV-act. 71) wurden die beruflichen Massnahmen mit Mitteilung vom
24. August 2015 abgeschlossen (IV-act. 88). Das Coaching war infolge der Einstellung
des Versicherten frühzeitig abgebrochen worden (IV-act. 85-2). Mit Verfügung vom 19.
Oktober 2015 lehnte die IV-Stelle den Antrag auf eine Invalidenrente ab, der Versicherte
sei in der angestammten und adaptierten Tätigkeit uneingeschränkt arbeitsfähig (IV-
act. 92). Auch die Liechtensteinische IV-Stelle lehnte mit Verfügung vom 14. Dezember
2015 das von ihr geprüfte Gesuch um eine IV-Rente ab, da der Versicherte zu 100%
arbeitsfähig sei (IV-act. 100).
A.a.
Der Versicherte meldete sich am 29. November 2016 erneut zum Leistungsbezug
bei der Invalidenversicherung an (IV-act. 102). Dem eingereichten IV-Arztbericht vom
20. Februar 2017 von Dr. med., Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie, war zu
entnehmen, dass beim Versicherten Psychische und Verhaltensstörungen durch
schädlichen Gebrauch von Alkohol und eine mittelgradige depressive Episode mit Aus
wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vorliegen würden. Der Versicherte zeige eine gereizte
A.b.
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und deprimierte Stimmung, eine Antriebsverminderung und einen sozialen Rückzug.
Ein Versuch einer beruflichen Wiedereingliederung sei indiziert (IV-act. 116).
Vom 23. Mai bis 7. Juli 2017 war der Versicherte in teilstationärer Behandlung im
Psychiatrie-Zentrum F._. Die behandelnden Ärzte berichteten am 14. Juli 2017 von
einer rezidivierenden depressiven Störung mit gegenwärtig mittelgradiger Episode
sowie einer psychischen und Verhaltensstörung durch Alkohol, schädlicher Gebrauch,
welche Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätten. Von Mai 2016 bis Mai 2017 habe der
Versicherte ein Jahr das Angebot der niederschwelligen Tagesklinik (an drei halben
Tagen) besucht, bevor er auf eigenen Wunsch in die allgemeine Tagesklinik gewechselt
habe, um sein Pensum zu erhöhen (dreieinhalb Tage) und die Therapien zu
intensivieren. Er habe motiviert gestartet und zuverlässig teilgenommen, wobei sich
rasch gezeigt habe, dass er mit den Anforderungen an seine Grenzen gestossen sei
und sich vom Behandlungsteam unter Druck gesetzt gefühlt habe. Aus Sicht der Ärzte
bestand eine 50%ige Arbeitsfähigkeit ab sofort für eine Integrationsmassnahme (IV-act.
138).
A.c.
Die zuständige Ärztin des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) hielt in ihrer
Stellungnahme vom 30. August 2017 fest, dass vorerst eine sozialpraktische Abklärung
unter der Voraussetzung einer Abstinenz von Alkohol erfolgen sollte. Die in den
Berichten aufgeführten Einschränkungen aus psychiatrischer Sicht könnten auch durch
den fortgesetzten Alkoholkonsum verursacht oder zumindest verstärkt worden sein.
Die Alkoholabstinenz werde sowohl für die sozialpraktische Abklärung als auch für
allfällige weitere medizinischen Abklärungen des Gesundheitszustands vorauszusetzen
sein (IV-act. 140).
A.d.
Mit Mitteilung vom 28. November 2017 wies die IV-Stelle das Gesuch um
berufliche Massnahmen ab, da sich der Versicherte einer Leistenoperation zu
unterziehen hatte und sich subjektiv nicht in der Lage fühlte, an
Eingliederungsbemühungen teilzunehmen (IV-act. 147 und 143-5).
A.e.
Im IV-Arztbericht vom 19. Februar 2018 berichtete Dr. B._ von einer chronischen
querulatorischen (paranoiden) Persönlichkeitsstörung. Der Versicherte sei bis Anfang
2018 über längere Zeit mit maximal drei halben Tagen in der niederschwelligen
A.f.
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Tagesklinik im Psychiatrie-Zentrum F._ zur Tagesstrukturierung gewesen. Am
Schluss habe dort kein Therapiefortschritt mehr erzielt werden können. Aus seiner
Sicht sei der Versicherte im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr arbeitsfähig (IV-act. 150).
Nach Würdigung der eingereichten medizinischen Berichte kam der RAD-
Psychiater zum Schluss, dass zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im Rahmen der
paranoid-querulatorischen Persönlichkeitsstörung und der Auswirkungen der
somatischen Diagnosen auf die Arbeitsfähigkeit eine polydisziplinäre Beurteilung
notwendig sei. Bei von Dr. B._ bestätigter Alkoholabstinenz sei die Begutachtung
durchführbar (Stellungnahme vom 29. März 2018, IV-act. 154). Im Auftrag der IV-Stelle
wurde der Versicherte im Juli 2018 durch Ärzte des Zentrums für medizinische
Begutachtung, Basel (ZMB), polydisziplinär (internistisch, orthopädisch, chirurgisch,
psychiatrisch und neuropsychologisch) abgeklärt (Gutachten vom 25. September 2018,
IV-act. 161). Die Fachärzte listeten folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit auf: ein chronisches LWS-Syndrom bei degenerativer Veränderung,
einen Status nach multiplen Bauchoperationen (Cholezystektomie 2011, Netzplastik bei
Bauchwandhernie 2014, Bauchwandhernien-Plastik 2015, Lichtenstein Hernien Repair
2017, Netzexplantation und Neurolyse mit Netz-Neueinlage sowie Abdeckelung
Abszess mit Fistelspaltung 2018, vgl. IV-act. 161-6 f.), eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung vom ängstlich-vermeidenden und vom emotional instabilen Typ,
Störungen durch Alkohol (schädlicher Gebrauch, episodischer Substanzgebrauch,
Differentialdiagnose eines Restzustands mit Persönlichkeits- oder Verhaltensstörung)
sowie eine leicht- bis mittelgradige neuropsychologische Störung bei klinisch und
anamnestisch altersgerechter intellektueller Leistungsfähigkeit. Aus polydisziplinärer
Sicht bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 70% sowohl in der angestammten als auch in
adaptierter Tätigkeit (leichte Tätigkeiten). Aufgrund der längeren Abwesenheit vom
Arbeitsmarkt sowie der eingetretenen Dekonditionierung sei ein Aufbau von anfänglich
50% innerhalb eines Jahres auf 70% adäquat. Betreffend zeitlichem Verlauf der
Arbeitsfähigkeit hielten die Gutachter fest, dass die Arbeitsfähigkeit für die Zeit von
Ende 2012 bis zum Gutachtenszeitpunkt nachträglich nicht eruiert und genügend
dokumentiert werden könne (IV-act. 161-6 ff.).
A.g.
Mit Stellungnahme vom 2. Oktober 2018 würdigte der zuständige RAD-Arzt das
Gutachten als den versicherungsmedizinischen Voraussetzungen entsprechend. Die
A.h.
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psychiatrische Gutachterin begründe plausibel, weshalb die Arbeitsfähigkeit in einer
optimal angepassten Tätigkeit unter Berücksichtigung der neuropsychologisch
objektivierten kognitiven Einschätzungen noch zu 70% möglich sei. Unter
Berücksichtigung der genannten Adaptionskriterien (hoch strukturiert und bezüglich
intellektuellen Anforderungen einfach, falls möglich emotional abgeschirmtes Arbeiten
in empathischer und verständnisvoller Umgebung, in welcher der Versicherte kaum
frustriert würde und keine Anforderungen an ihn gestellt würden; Reduzierung des
Zeitdrucks bei Aufgaben mit Anforderungen an die visuelle und die visuell-räumliche
Wahrnehmung, ein bis maximal zwei Arbeitsaufträge auf einmal) sei auch die bisherige
Tätigkeit als Stapelfahrer zu 70% möglich. Zum aktuellen Untersuchungszeitpunkt
habe sich kein Hinweis auf einen Alkoholüberkonsum, sondern eher einen leichten,
aber regelmässigen Konsum finden lassen. Es könne nicht ausgeschlossen werden,
dass die neurokognitiven Einschränkungen Folge des langjährigen Alkoholkonsums
seien. Unter weiterführenden Abstinenzauflagen oder medizinischen Massnahmen
wäre jedoch keine Steigerung der Arbeitsfähigkeit mehr zu erwarten. Es könne
vollumfänglich auf das polydisziplinäre Gutachten und die darin enthaltene
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit abgestellt werden. Für den Beginn der
langandauernden Arbeitsunfähigkeit sei auf den Gutachtenszeitpunkt vom 25.
September 2018 abzustellen. Im Vergleich zur letzten Verfügung vom 19. Oktober 2015
(vgl. IV-act. 92) habe sich der Gesundheitszustand - abgesehen von der
Dekonditionierung infolge Abwesenheit vom Arbeitsmarkt - gesamthaft verbessert (IV-
act. 162).
Mit Vorbescheid vom 13. November 2018 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
geplante Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Aus medizinischer Sicht
bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 70% in der angestammten und in einer adaptierten
Tätigkeit (IV-act. 164). Dagegen liess der Versicherte, vertreten durch die Procap H._,
Einwand erheben. Ein von den Gutachtern beschriebener optimal angepasster
Arbeitsplatz existiere in der freien Wirtschaft nicht. Die Erwerbsbiografie des
Versicherten zeige, dass es ihm immer wieder möglich gewesen sei, die geforderte
Arbeitsleistung zu erbringen, jedoch nur bis er sich in interpersonelle Konflikte
verwickelt habe und aufgrund fehlender Frustrationstoleranz und des
Vermeidungsverhaltens die Arbeitsstelle wieder verloren hätte. Sofern von der
A.i.
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B.
Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt ausgegangen werden
solle, müsse ein Leidensabzug von 25% gewährt werden, da der Aufwand für einen
potenziellen Arbeitgeber ausserordentlich gross sei (IV-act. 168).
Mit Verfügung vom 19. Februar 2019 wies die IV-Stelle den Rentenantrag ab. Den
erwähnten Schwächen des Versicherten könne durch Arbeiten ausserhalb eines
hierarchischen Umfelds mit wenig beruflich-sozialen Kontakten Rechnung getragen
werden. Eine Unverwertbarkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt sei nicht gegeben und
unter Beachtung der Rechtsprechung sei kein Abzug vom Tabellenlohn möglich (IV-act.
170).
A.j.
Am 25. März 2019 erhob Rechtsanwältin lic. iur. Irja Zuber, Rechtsdienst Procap
Schweiz, für den Versicherten Beschwerde. Darin wurde beantragt, die Verfügung sei
aufzuheben und ihm eine Invalidenrente zuzusprechen, eventualiter sei die Sache an
die Beschwerdegegnerin zu weiteren Abklärungen rückzuweisen; alles unter Kosten-
und Entschädigungsfolge. Zudem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung und
Rechtsverbeiständung durch seine Rechtsvertreterin zu gewähren. Zur Begründung
wurde geltend gemacht, dass von einer Arbeitsfähigkeit lediglich im geschützten
Rahmen auszugehen sei. Aus den Akten gehe hervor, dass die behandelnden Ärzte der
Psychiatrie-Dienste F._ im Bericht vom 14. Juli 2017 von einer Arbeitsfähigkeit im
geschützten Rahmen ausgegangen seien. Die ZMB-Gutachter hätten sich nicht explizit
mit der Frage auseinandergesetzt, ob die Arbeitstätigkeit im geschützten Rahmen
erfolgen müsse. Diese hätten jedoch Einschränkungen in der psychischen
Funktionsfähigkeit und Anforderungen an eine Arbeitsstelle sowie Tätigkeit
festgehalten. Einen Arbeitsplatz mit solch hohen Anforderungen gäbe es in der freien
Wirtschaft nicht, sondern sei typisch für einen Arbeitsplatz im zweiten Arbeitsmarkt.
Dies zeige auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer seine Anstellungen seit
2002 immer wieder verloren habe. Der Beschwerdeführer sei seit mehreren Jahren in
therapeutischer Behandlung, habe über ein Jahr die Tagesklinik besucht und zwei
stationäre Behandlungen hinter sich. Gleichzeitig hätten die Gutachter festgestellt,
dass eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation nicht habe erreicht werden
können. Eine Umsetzung der Arbeitsfähigkeit benötige demnach einen schützenden
B.a.
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Rahmen. Ferner hätten die Eingliederungsbemühungen der Beschwerdegegnerin zu
keinem Erfolg geführt, obwohl der Beschwerdeführer als arbeitswillig beschrieben
worden sei. Folglich müsse von einer vollen Arbeitsunfähigkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt und einer Teilarbeitsfähigkeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt ausgegangen
werden. Sollte hingegen von einer Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt
auszugehen sein, müsse den hohen Anforderungen an Arbeitsplatz und Arbeitgeber
durch einen maximalen Leidensabzug Rechnung getragen werden (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 7. Juni 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Das Belastbarkeitsprofil sei entgegen der Ansicht des
Beschwerdeführers nicht derart einschränkend, dass die gutachterlich attestierte Rest
arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht mehr verwertet werden
könne. Die behaupteten erfolglosen Bewerbungsversuche und die gescheiterte
berufliche Eingliederung würden keinen Nachweis für die Unverwertbarkeit der
Resterwerbsfähigkeit darstellen. Von einer verbleibenden Resterwerbsfähigkeit lediglich
für den zweiten Arbeitsmarkt könne nicht gesprochen werden, zumal der
ausgeglichene Arbeitsmarkt auch Nischenarbeitsplätze umfasse. Auch retrospektiv, für
den Zeitraum vor der Begutachtung, könne nicht von einer höheren Arbeitsunfähigkeit
bzw. von einer Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit ausgegangen werden. Die
Arbeitsfähigkeitseinschätzung in der RAD-Stellungnahme vom 21. März 2017 sei
lediglich im Rahmen einer Prüfung des Arztberichtes von Dr. B._ erfolgt. Auch der
Arztbericht der Psychiatrie-Dienste F._ vom 14. Juli 2017 würde die Voraussetzungen
an eine beweiskräftige medizinische Entscheid Grundlage nicht erfüllen. Ebenso könne
infolge des gescheiterten Wechsels in die allgemeine Tagesklinik nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer rentenrelevanten Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden. Die Folgen der Beweislosigkeit seien deshalb
vom Beschwerdeführer zu tragen. Vorliegend sei kein Abzug vom Tabellenlohn
vorzunehmen, da die Einschränkungen des Beschwerdeführers bereits vollumfänglich
in der attestierten Arbeitsunfähigkeit berücksichtigt worden seien (act. G 4).
B.b.
Am 2. Juli 2019 ist dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege
(Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung durch die Rechtsvertreterin) für das Verfahren vor dem
Versicherungsgericht entsprochen worden (act. G 5).
B.c.
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Erwägungen
1.
Mit Replik vom 2. September 2019 hält der Beschwerdeführer an seinen Anträgen
und Ausführungen fest. Er betont erneut, dass die Gutachter sehr hohe Anforderungen
an ein Arbeitsumfeld und die adaptierte Tätigkeit formuliert hätten. Zu berücksichtigen
sei zudem, dass der Beschwerdeführer zwar immer wieder kurze Anstellungen habe
finden können, diese jedoch nie über längere Zeit habe halten können. Es sei immer
wieder zu Konfliktsituationen und Arbeitsabbrüchen gekommen, wobei sich diese
Problematik auch in anderen Lebensbereiche zeige. Die gutachterlichen
Adaptionskriterien würden zu erheblichen Einschränkungen der Verwertbarkeit der
Resterwerbsfähigkeit führen und der Beschwerdeführer sei einem Arbeitgeber kaum
zumutbar. Deshalb sei eine Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen ersten
Arbeitsmarkt nicht realistisch (act. G 7).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 9).B.e.
Umstritten und vorliegend zu prüfen ist ein Rentenanspruch des Beschwerde
führers.
1.1.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Ein
gliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte oder nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/21
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liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Grad der Arbeitsfähigkeit im Erwerbsbereich bestimmen zu können, ist die
Verwaltung - und im Beschwerdefall das Gericht - auf Unterlagen angewiesen, die ärzt
liche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Auf
gabe des Arztes oder der Ärztin ist es dabei, den Gesundheitszustand zu beurteilen
und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten
die versicherte Person arbeitsfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Ob einer
versicherungsmedizinischen Expertise oder einem ärztlichen Bericht Beweiswert
zukommt, stellt eine frei überprüfbare Rechtsfrage dar. Hinsichtlich des Beweiswertes
eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben
worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der
Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerung der
Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweis). Den von
Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten, den Anforderungen
der Rechtsprechung entsprechenden Gutachten externer Spezialärzte (sogenannte
Administrativgutachten) darf voller Beweiswert zuerkannt werden, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E.
3a mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 20. August 2018, 9C_86/2018, E. 5.1
mit Hinweisen).
1.4.
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 157 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
1.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/21
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2.
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nichts Abweichendes vorsieht, nach
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353
E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit Hinweisen).
Die Parteien sind sich grundsätzlich darin einig (vgl. etwa act. G 7 und IV-act. 170),
dass der Beschwerdeführer gemäss der gutachterlichen Einschätzung (IV-act. 161) zu
70% arbeitsfähig sei, jedoch nicht darüber, ob diese Arbeitsfähigkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt verwertet werden könne. Zu prüfen ist zunächst, ob der Sachverhalt in
medizinischer Hinsicht spruchreif abgeklärt wurde und das ZMB-Gutachten - worauf
sich die Beschwerdegegnerin vornehmlich abgestützt hat - eine verlässliche Grundlage
für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers bildet.
2.1.
Der polydisziplinären Gesamtbeurteilung des Gutachtens des ZMB vom 25.
September 2018 ist zu entnehmen, dass beim Beschwerdeführer eine schwerwiegende
Persönlichkeitsproblematik mit Beeinträchtigung der sozialen Kontakte und
Interaktionen vorliege. Betreffend retrospektiver Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
könne keine Aussage gemacht werden. Es sei nicht möglich, den Verlauf der
psychischen Problematik zu eruieren und genügend zu dokumentieren. Aus
bauchchirurgischer Sicht bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 80% für leichte Tätigkeiten
aufgrund eines leicht vermehrten Pausenbedarfs. Aus orthopädischer Sicht seien
leichte bis mittelschwere Tätigkeiten vollzeitlich möglich. Auch gemäss der
psychiatrischen Gutachterin sei der Beschwerdeführer in der bisherigen Tätigkeit
vollzeitlich arbeitsfähig. Aus neuropsychologischer Einschätzung bestehe eine
Arbeitsunfähigkeit von 30%, wobei die Arbeitstätigkeit optimal angepasst sein müsse.
Aufgrund der längeren Abwesenheit vom ersten Arbeitsmarkt und einer eingetretenen
Dekonditionierung sei aus Sicht aller Gutachter ein Aufbau des Arbeitspensums von
anfänglich 50% innerhalb eines Jahres auf 70% angezeigt. Die psychiatrische
Gutachterin hielt fest, die Kombination einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ mit einer ängstlich-vermeidenden
Persönlichkeitsstörung hätte Auswirkungen auf die sozialen Interaktionen am
Arbeitsplatz, beeinträchtige aber die Arbeitsfähigkeit im engeren Sinne nicht. Aufgrund
der Testung der Leberwerte und den CDT Wert sei davon auszugehen, dass der
Alkoholabusus aktuell zu grossen Teilen kontrolliert sei und lediglich offensichtlich am
Wochenende noch ein Alkoholkonsum in geringerem Ausmass stattfinde. Dies dürfte
sich auf die psychische Stabilisierung betreffend die depressive Symptomatik und den
Wechsel der gestellten psychiatrischen Diagnosen ausgewirkt haben (IV-act. 161-8 ff.).
2.2.
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In medizinischer Hinsicht ist der Sachverhalt mit dem polydisziplinären ZMB-
Gutachten vom 25. September 2018 in den Disziplinen Innere Medizin, Orthopädie,
Chirurgie, Psychiatrie und Neuropsychologie vollständig abgeklärt worden. Das
Gutachten beruht auf eigenen Untersuchungen und erfolgte in Kenntnis sowie
Diskussion der relevanten medizinischen Aktenlage. Die geäusserten Beschwerden des
Beschwerdeführers wurden berücksichtigt und die Diagnosen begründet und klar
abgebildet. Die Gutachter berücksichtigten die Standardindikatoren (BGE 141 V 281)
und führten eine Konsistenz- und Ressourcenprüfung durch. Das Gutachten ist
demnach grundsätzlich als rechtsgenügliche Entscheidgrundlage zu betrachten.
Betreffend die von den Gutachtern empfohlene stufenweise Wiedereingliederung ist
anzumerken, dass die lange Abwesenheit vom Arbeitsmarkt und eine damit
einhergehende berufliche Dekonditionierung keinen Gesundheitsschaden darstellt.
Gestützt auf das polydisziplinäre Gutachten und die ausführliche Stellungnahme des
RAD-Psychiaters vom 2.Oktober 2018 (IV-act. 162) ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer im Gutachtenszeitpunkt in einer optimal leidensangepassten
Tätigkeit zu 70% arbeitsfähig ist. Die Verwertbarkeit bleibt zu prüfen.
2.3.
Ferner ist die retrospektive Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zu prüfen, da
die Gutachter angaben, diese ab Ende 2012 bis aktuell nachträglich nicht eruieren zu
können (IV-act. 161-9). Auch der RAD nahm in seiner abschliessenden Stellungnahme
vom 2. Oktober 2018 zum Verlauf nicht weiter Stellung (IV-act. 162-4).
2.4.
Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf
von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29
Abs. 1 ATSG. Im vorliegenden Fall entstünde ein allfälliger Rentenanspruch des
Beschwerdeführers bei Anmeldung im November 2016 (IV-act. 102) sowie erfülltem
Wartejahr frühestens im Mai 2017. Demnach ist die Arbeitsfähigkeit im Zeitraum von
Mai 2016 (ein Jahr vor möglichem Rentenbeginn) bis Juli 2018 (Begutachtung) noch
einer näheren Prüfung zu unterziehen.
2.4.1.
Im ersten vorliegenden ausführlichen Arztbericht betreffend die psychiatrischen
Einschränkungen vom 20. Februar 2017 empfahl Dr. B._ die Weiterführung der
psychiatrischen Behandlung sowie die berufliche Wiedereingliederung des
Beschwerdeführers, gemäss dessen Wunsch im Bereich E, z.B. als Stapelfahrer (IV-
act. 116-4). Weiter berichtete Dr. B._ von einer mittelgradigen depressiven Episode
sowie einer psychischen und Verhaltensstörung durch Alkohol (schädlicher Gebrauch).
Der Beschwerdeführer sei seit November 2015 bei ihm in Behandlung, zusätzlich
besuche er an drei halben Tagen die Tagesklinik im Psychiatriezentrum (IV-act. 116).
2.4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/21
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Der RAD hielt in seiner Stellungnahme vom 21. März 2017 fest, dass aus medizinischer
Sicht aufgrund der mittelgradig depressiven Episode ungefähr von einer 50%igen
Arbeitsfähigkeit in der angestammten sowie adaptierten Tätigkeit mit Steigerung auf ein
Vollpensum ausgegangen werden müsse. Infolge des aktuell berichteten schädlichen
Gebrauchs von Alkohol mit übermässigem Konsum liege jedoch ein instabiler
Gesundheitszustand vor und es bestehe aktuell kein Eingliederungspotential (IV-act.
118). Betreffend den Besuch der Tagesklinik der Psychiatrie Dienste F._ lässt sich
den Akten entnehmen, dass der Beschwerdeführer seit Mai 2016 an drei halben Tagen
und vom 22. Mai bis 13. Juli 2017 an fünf Tagen in der Woche erschienen sei (IV-act.
138). Im IV-Arztbericht vom 14. Juli 2017 hielten die behandelnden Ärzte der
Psychiatrie Dienste F._ fest, dass ab sofort eine mindestens 50%ige Arbeitsfähigkeit
für eine Integrationsmassnahme bestehe. Für die Zeit vom 23. Mai bis 26. Juli 2017
attestierten sie eine vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 138). Die zuständige
RAD-Ärztin hielt in ihrer Stellungnahme vom 30. August 2017 fest, dass die weiterhin
bestehende mittelgradige depressive Episode mit einer 50%igen Arbeitsfähigkeit,
welche steigerbar sei, einhergehen würde (IV-act. 140). Im IV-Arztbericht vom
19. Februar 2018 hielt Dr. B._ fest, dass in der angestammten Tätigkeit die
Arbeitsfähigkeit aufgehoben sei. Er stellte eine mässige Prognose und ging davon aus,
dass der Beschwerdeführer im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr arbeitsfähig sei.
Genauer begründete er dies jedoch nicht. Der Beschwerdeführer hätte bis Anfang 2018
weiterhin an maximal drei halben Tagen die Tagesklinik besucht (IV-act. 150).
Aus somatischer Sicht lässt sich dem Bericht des Spitals G._ vom 21. Februar
2017 entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer aufgrund erneuter
Bauchbeschwerden am 13. Februar 2017 vorgestellt habe (IV-act. 133). Gegenüber
dem Eingliederungsberater gab er an, dass er seit Anfang März 2017 wieder vermehrt
an Bauchschmerzen leide (Assessmentprotokoll vom 12. April 2017, IV-act. 136-2).
Dem Bericht des Spitals G._ vom 18. Januar 2018 ist zu entnehmen, dass vom 10.
bis 24. November 2017 eine Arbeitsunfähigkeit aufgrund der Hernienrepair bestanden
habe und für drei Wochen postoperativ keine Lasten mit mehr als 10 kg gehoben
werden dürften (IV-act. 149-7 f.). Aus den Akten geht zudem hervor, dass der
Beschwerdeführer vom 21. bis 28. Januar 2018 infolge persistierenden
Leistenschmerzes für eine Netzexplantation und eine Neurolyse mit Netz-Neueinlage
sowie schliesslich vom 10. bis 12. April 2018 infolge einer Abszessabdeckelung im
Spital G._ hospitalisiert war (IV-act. 161-26). Bereits im Bericht des Spitals G._
vom 20. Februar 2018 wurde angegeben, dass der Beschwerdeführer von einem
abnehmenden Leistenschmerz gesprochen habe (aufgeführt bei den durch die
2.4.3.
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3.
Gutachter zugezogenen Akten, IV-act. 161-26). Nach dem Gesagten kann aus
somatischer Sicht geschlossen werden, dass die Arbeitsfähigkeit ab Februar 2017 ein
geschränkt war sowie dass sie ab November 2017 bis April 2018 aufgrund mehrmaliger
Eingriffe jeweils für beschränkte Zeit vollumfänglich eingeschränkt war. Zudem ist
gemäss den Angaben im chirurgischen Teilgutachten davon auszugehen, dass die
Schmerzen im Mittelbauch und in den Leisten die Arbeitsfähigkeit insbesondere bei
körperlich belastenden, aber auch bei über längere Zeit sitzenden Tätigkeiten
beeinträchtigt haben. Lasten von mehr als 10 kg seien nicht zumutbar und die Tätigkeit
als Stapelfahrer sei wieder möglich (IV-act. 161-49 f.).
Zusammenfassend ergibt sich aus den vorliegenden Akten, dass der
Beschwerdeführer spätestens ab Februar 2017 sowohl von somatischer als auch
psychiatrischer Seite her in seiner angestammten Arbeitsfähigkeit zu mehr als 20%
eingeschränkt war. Die einjährige Wartezeit ist somit spätestens im Februar 2018
abgelaufen. Von Februar 2017 an wurden dem Beschwerdeführer vom RAD sowie von
den behandelnden Ärzten zunächst gar keine Arbeits- sowie Eingliederungsfähigkeit
(vgl. RAD-Stellungnahme vom 21. März 2017, IV-act. 118) und ab dem 26. Juli 2017
eine solche von 50% steigerbar attestiert (vgl. Bericht Psychiatrie F._ vom 14. Juli
2017, IV-act. 138-4). Im November 2017, im Januar 2018 sowie im April 2018 wurde
der Beschwerdeführer operiert (vgl. die vorstehenden Angaben in E. 2.4.3). Im
Zeitpunkt des Ablaufs des Wartejahres im Februar 2018 wurde fachärztlich mindestens
eine 50%-ige Arbeitsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten bestätigt. Diese wurde durch
mehrere kürzere Phasen vollständiger Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten
aufgrund der Eingriffe jeweils unterbrochen. Bereits ab April 2018 sind den Akten
jedoch - bis auf jene durch die Abszessabdeckelung am 10. bis 12. April 2018 - keine
fachärztlich attestierten und genügend begründete Arbeitsunfähigkeiten mehr zu
entnehmen. Und schon anlässlich der gutachterlichen Untersuchungen vom Juli 2018
wurde eine 70%-ige Arbeitsfähigkeit für angestammte sowie adaptierte Tätigkeiten
festgestellt. Demnach ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer die gutachterlich bestätigte Arbeitsfähigkeit von 70%
bereits im Zeitpunkt des Ablaufs des Wartejahres im Februar 2018 erreicht hatte bzw.
dass auch trotz der kurzzeitigen Unterbrechungen durch die Operationen in diesem
Zeitpunkt bereits von der gutachterlich bestätigten Arbeitsfähigkeit auszugehen ist.
2.4.4.
Der Beschwerdeführer bestreitet die Verwertbarkeit der gutachterlich
bescheinigten Restarbeitsfähigkeit von 70% auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(act. G 1).
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/21
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Referenzpunkt für die Verwertung der Restarbeitsfähigkeit ist der hypothetisch
ausgeglichene Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG), welcher durch ein gewisses
Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften gekennzeichnet
ist und einen Fächer verschiedenster Tätigkeiten aufweist. Das gilt sowohl bezüglich
der dafür verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch
hinsichtlich des körperlichen Einsatzes. Dabei ist nicht von realitätsfremden
Einsatzmöglichkeiten auszugehen. Es können nur Vorkehren verlangt werden, die unter
Berücksichtigung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des
Einzelfalles zumutbar sind. Der ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen Behinderte mit
einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können. Von
einer Arbeitsgelegenheit kann nicht mehr gesprochen werden, wenn die zumutbare
Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene
Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem
Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
einer entsprechenden Stelle daher von vornherein ausgeschlossen erscheint (Urteile
des Bundesgerichts vom 30. Oktober 2017, 9C_183/2017, E. 4.2; vom 24. April 2012,
8C_869/2011, E. 4.3.5 mit Hinweisen).
3.2.
Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Faktor, in
der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, welches zusammen mit weiteren persön
lichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten
Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
realistischer weise nicht mehr nachgefragt wird. Der Einfluss des Lebensalters auf die
Möglichkeit, das verbliebene Leistungsvermögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen, sondern hängt
von den Umständen des Einzelfalls ab. Massgebend können Art und Beschaffenheit
des Gesundheitsschadens und seiner Folgen, der absehbare Umstellungs- und
Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch Persönlichkeitsstruktur,
vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher Werdegang oder
Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich sein (BGE 138 V
457 E. 3.1). Für den Zeitpunkt, in welchem die Frage nach der Verwertbarkeit der
(Rest-)Arbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter beantwortet wird, ist auf das Feststehen
der medizinischen Zumutbarkeit einer (Teil-)Erwerbstätigkeit abzustellen (BGE 138 V
457 E. 3.3).
3.3.
Gestützt auf das polydisziplinäre Gutachten des ZMB vom 25. September 2018
(IV-act. 161) ist von einer Arbeitsfähigkeit von 70% in der angestammten und leidens
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/21
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angepassten Tätigkeit auszugehen. In diesem Zeitpunkt war der Beschwerdeführer
annähernd 54-jährig, wodurch ihm noch rund elf Jahre bis zur ordentlichen
Pensionierung auf dem Arbeitsmarkt verbleiben. Mit Blick auf die restriktive
höchstrichterliche Rechtsprechung (Urteile des Bundesgerichts vom 28. November
2014, 9C_485/2014, E. 3.3.1 und vom 28. Mai 2009, 9C_918/2008, E. 4.3) ist die
verbleibende Zeit so lange, dass eine fehlende Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit
rein gestützt auf das Alter von vornherein nicht in Frage kommt.
Aus somatischer Sicht sind dem Beschwerdeführer noch leichte bis mittelschwere
Tätigkeiten zumutbar, wobei ein leicht vermehrter Pausenbedarf bestehe. Tätigkeiten in
Zwangspositionen und mit repetitivem Heben von Lasten über 10 kg sollten vermieden
werden (IV-act. 161-44 und 161-50). Aus psychiatrischer Sicht müsste eine optimal
leidensangepasste Tätigkeit hoch strukturiert und bezüglich intellektuellen
Anforderungen (Planung und Strukturierung von Aufgaben) einfach sein. Dem
Beschwerdeführer müsste es möglich sein, emotional abgeschirmt zu arbeiten. Es
sollte eine empathische und verständnisvolle Umgebung vorherrschen, in welcher er
kaum frustriert würde und keine Anforderungen an ihn gestellt würden (IV-act. 161-68).
Aus dem von der neuropsychologischen Gutachterin umschriebenen
Anforderungsprofil ergibt sich, dass bei Aufgaben mit Anforderungen an die visuelle
und die visuell-räumliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfähigkeiten der Zeitdruck
reduziert werden solle. Infolge der Gedächtnisleistung sollten zudem nur ein bis
maximal zwei Arbeitsaufträge auf einmal gegeben werden. Das Mitführen von visuell-
räumlichen Orientierungs-Hilfsmitteln könnte für den Beschwerdeführer hilfreich sein,
um ihm die Orientierung in den Räumlichkeiten und den Standort von Materialien zu
erleichtern (IV-act. 161-77). Aus den Akten geht zudem hervor, dass der
Beschwerdeführer über keinen Fahrausweis mehr verfügt (IV-act. 67-2 und 161-63),
weshalb Tätigkeiten die das Führen eines Motorfahrzeuges voraussetzen, nicht in
Frage kommen. Der Einschätzung des Eingliederungsverantwortlichen ist zu
entnehmen, dass dieser die Chancen einer beruflichen Integration in den ersten
Arbeitsmarkt als gering erachtete und dem Beschwerdeführer trotz subjektiver
Arbeitsunfähigkeit eine berufliche Abklärung hätte ermöglichen wollen (IV-act. 143-5).
3.5.
Betreffend beruflicher Ausbildung und Arbeitserfahrung lässt sich den Akten
entnehmen, dass der Beschwerdeführer nach seiner zweijährigen Anlehre als
Lebensmittelverkäufer mehrheitlich im Lager und als Stapelfahrer angestellt gewesen
war (vgl. IV-act. 62, 67-2) und im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen konnte. Seit dem
Jahr 2012 hatte der Beschwerdeführer allerdings keine längere Anstellung mehr
gehabt, war jedoch über diverse Stellenvermittlungs- und Personalverleihunternehmen
3.6.
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in unterschiedlich langen, mehrheitlich temporären Arbeitseinsätzen bei verschiedenen
Unternehmen erwerbstätig. Im November 2014 sowie von April bis Dezember 2015
hatte der Beschwerdeführer an einem Arbeitsintegrationsprogramm bei der I._
teilgenommen (vgl. auch Lebenslauf, IV-act. 62, internistisches Teilgutachten, IV-act.
161-31). Ab Mai 2016 besuchte er während eines Jahres an drei halben Tagen die
niederschwellige Tagesklinik des Psychiatrie-Zentrums F._, bevor er zwischen Mai
und Juli 2017 in die allgemeine Tagesklinik wechselte und sein Behandlungspensum
auf fünf halbe Tage erhöhte (IV-act. 136 und 138). Daraus, dass der Beschwerdeführer
seit mehreren Jahren keine Festanstellung mehr erreichen konnte und aus den
temporären Einsätzen keine Anstellung in einem dieser Betriebe erhalten hatte, kann
nicht gefolgert werden, dass seine Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht
mehr verwertbar sei. Im Gegenteil sind die teils wiederholten Einsätze beim gleichen
Unternehmen (z.B. K._ AG und L._ AG, vgl. IV-act 78) ein Hinweis darauf, dass der
Beschwerdeführer obgleich seines Verhaltens im ersten Arbeitsmarkt arbeiten und bei
einem Arbeitgeber auch über längere Zeit bestehen könnte, wenn eine entsprechende
Arbeitsstelle optimal angepasst ist und ein verständnisvolles Umfeld besteht. Aus den
in den Akten liegenden Arbeitgeberfragebogen (vgl. IV-act. 82, 75, 74 und 32) geht
hervor, dass es sich bei diesen Anstellungen jeweils um temporäre Arbeitsverhältnisse
gehandelt hatte, welche der Natur nach befristet sind und deshalb nicht grundsätzlich
davon ausgegangen werden kann, dass der Beschwerdeführer diese nie lange habe
halten können oder aufgrund seiner Persönlichkeit entlassen worden sei. Der
Beschwerdeführer reicht demnach auch keine Belege ein, welche eine Häufung von
frühzeitigen Vertragsauflösungen der befristeten Anstellungen aufzuzeigen vermöchten.
Ob der Beschwerdeführer konkret ein Arbeitsverhältnis auf dem ersten Arbeitsmarkt
eingehen kann, ist grundsätzlich eine Fragestellung der Arbeitslosenversicherung. Für
die Invalidenversicherung ist hingegen einzig relevant, ob er seine Arbeitskraft
wirtschaftlich nutzen könnte, wenn die verfügbaren Arbeitsplätze dem Angebot an
Arbeitskräften entsprechen würden, wobei auch Nischenarbeitsplätze zu
berücksichtigen sind (siehe E. 3.2 vorstehend). Dies ist vorliegend der Fall. Unter den
gegebenen Umständen kann mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
ausgegangen werden, dass dem Beschwerdeführer auf dem Niveau Hilfsarbeiter
namentlich einfache Arbeiten offenstehen. Unter Berücksichtigung des somatischen
und psychiatrischen Anforderungsprofils stehen dem Beschwerdeführer zwar nur noch
ein qualitativ eingeschränktes Spektrum an möglichen Hilfsarbeiten auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt offen. Es ist aber entgegen der Ansicht des
Beschwerdeführers davon auszugehen, dass er dabei nicht auf einen geschützten
Arbeitsplatz angewiesen ist. Daran ändert nichts, dass der Beschwerdeführer bisher
bei der Stellensuche respektive Suche nach einer Festanstellung erfolglos geblieben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/21
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4.
war und gemäss Aussage gegenüber den Gutachtern aufgrund der vielen Absagen
auch keine Arbeitsbemühungen mehr getätigt habe (vgl. IV-act. 161-55). Somit ist die
Resterwerbsfähigkeit verwertbar.
Zu prüfen bleibt die Höhe des Invaliditätsgrades. Die Beschwerdegegnerin nahm
einen Einkommensvergleich unter Beizug der Tabellen der Schweizerischen Lohn
strukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik vor, wobei sie für das Validen-
und Invalideneinkommen auf das durchschnittliche Einkommen aller Hilfsarbeiter
gemäss LSE 2016 abstellte. Der Beschwerdeführer erzielte aufgrund der temporären
Anstellungen der letzten Jahre ein sehr schwankendes Einkommen (siehe hierzu die
Auszüge aus dem individuellen Konto, IV-act. 107, 69, 46. 45, 17 und 14). Es fehlt
damit an einer repräsentativen Grundlage für die Bestimmung des Valideneinkommens,
weshalb auf die Tabellen der LSE abzustellen ist. Da das Validen- und
Invalideneinkommen in der Folge ausgehend vom gleichen Tabellenlohn zu berechnen
sind, ist ein Prozentvergleich zur Bestimmung des Invaliditätsgrades vorzunehmen.
Diesfalls entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter
Berücksichtigung eines allfälligen Abzuges vom Tabellenlohn (Urteil des
Bundesgerichts vom 4. August 2017, 8C_358/2017 E. 2.2 mit Hinweisen). Der
Beschwerdeführer hat bereits im Einwandverfahren geltend gemacht, es sei ihm ein
leidensbedingter Abzug von 25% zu gewähren. Die Beschwerdegegnerin hingegen
nahm keinen Abzug vor.
4.1.
Mit dem Abzug vom Tabellenlohn (vgl. BGE 126 V 75) soll der Tatsache Rechnung
getragen werden, dass persönliche und berufliche Merkmale, wie Art und Ausmass der
Behinderung, Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können und je nach Aus
prägung die versicherte Person deswegen die verbliebene Arbeitsfähigkeit auch auf
einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nur mit einem unterdurchschnittlichen
erwerblichen Erfolg verwerten kann (BGE 135 V 297 E. 5.2). Bereits in der Beurteilung
der medizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche Einschränkungen dürfen
nicht zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten Abzugs einfliessen und so zu
einer doppelten Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen. Der Abzug ist unter
Würdigung der Umstände im Einzelfall nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu
schätzen und darf 25% nicht übersteigen (BGE 126 V 75 E. 5b; Urteil des
Bundesgerichts vom 20. April 2018, 9C_883/2017, E. 2.2). Die Rechtsprechung
gewährt insbesondere dann einen Abzug auf dem Invalideneinkommen, wenn eine
versicherte Person selbst im Rahmen körperlich leichter Hilfsarbeitertätigkeiten in ihrer
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/21
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Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist (BGE 126 V 297 E. 5a/bb). Die Überprüfung des
Tabellenlohnabzugs schliesst für das kantonale Gericht auch die Beurteilung der
Angemessenheit des Abzugs ein (Urteil des Bundesgerichtes vom 31. August 2018,
8C_327/2018, E. 3.3).
Bezugnehmend auf den behinderungs- bzw. leidensbedingten Abzug ist zu
beachten, dass das medizinische Anforderungs- und Belastungsprofil eine zum zeitlich
zumutbaren Arbeitspensum hinzutretende qualitative oder quantitative Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit darstellt, wodurch in erster Linie das Spektrum der erwerblichen
Tätigkeiten (weiter) eingegrenzt wird, welche unter Berücksichtigung der Fähigkeiten,
Ausbildung und Berufserfahrung der versicherten Person realistischer weise noch in
Frage kommen. Davon zu unterscheiden ist die Gegenstand des Abzugs vom
Tabellenlohn bildende Frage, ob mit Bezug auf eine konkret in Betracht fallende
Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage verglichen mit einem gesunden
Mitbewerber nur bei Inkaufnahme einer Lohneinbusse reale Chancen für eine
Anstellung bestehen. Lediglich wenn auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
unter Berücksichtigung solcher Einschränkungen, die personen- oder
arbeitsplatzbezogen sein können, kein genügend breites Spektrum an zumutbaren
Verweisungstätigkeiten mehr besteht, rechtfertigt sich allenfalls ein (zusätzlicher) Abzug
vom Tabellenlohn (Urteil des Bundesgerichts vom 28. Januar 2014, 9C_796/2013, E.
3.1.1 mit Hinweisen).
4.3.
Gemäss der interdisziplinären Gesamtbeurteilung im ZMB Gutachten vom 25.
September 2018 bestehe für die bisherige und leidensangepasste Tätigkeit eine
70%ige Arbeitsfähigkeit. Im Rahmen des Anforderungs- und Leistungsprofils seien
dem Beschwerdeführer leichte Tätigkeiten mit Gewichten bis zu 10kg zumutbar, wobei
Arbeiten in Zwangshaltungen vermieden werden sollten (IV-act. 161-9 f.). Die
kombinierte Persönlichkeitsstörung habe Auswirkungen auf die sozialen Interaktionen
und zwischenmenschlichen Kontakte am Arbeitsplatz, beeinträchtige aber die
Arbeitsfähigkeit im engeren Sinne nicht (IV-act. 161-11).
4.4.
Der Argumentation der Beschwerdegegnerin, wonach die gesundheitlichen
Einschränkungen mit einer Arbeitsfähigkeit von 70% in einer adaptierten Tätigkeit
bereits berücksichtigt worden seien und daher kein Leidensabzug mehr zu gewähren
sei, kann gefolgt werden. Es trifft zwar zu, dass der verminderten Leistungsfähigkeit mit
dem Abzug von 30% entsprechend der im neuropsychologischen Teilgutachten
geschätzten Leistungseinbusse Rechnung getragen wurde und der Leidensabzug
deshalb in erster Linie wegen der qualitativen Einschränkungen, die der
Beschwerdeführer bei einer adaptierten Tätigkeit haben wird, zu erfolgen hat. Sodann
4.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/21
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ist zu beachten, dass im vorliegenden Fall invaliditätsfremde Faktoren (Alter, berufliche
Ausbildung und Integration in den Arbeitsmarkt) vorliegen, welchen ein Einfluss auf das
Erwerbseinkommen beizumessen ist.
Das aus psychiatrischer und neuropsychologischer Sicht aufgestellte
Anforderungs- und Belastungsprofil (vgl. E. 3.5 vorstehend) stellt eine zusätzliche
gesundheitlich bedingte Einschränkung zum reduzierten Arbeitspensum sowie für
mögliche Verweistätigkeiten dar und erfordert gemäss der Einschätzung im
psychiatrischen Teilgutachten zudem vermutlich eine engmaschige Begleitung bei der
Einarbeitung (vgl. IV-act. 161-68). Aufgrund der kombinierten Persönlichkeitsstörung
mit vorwiegender Auswirkung auf die sozialen Interaktionen sind die Anforderung an
ein emotional abgeschirmtes Arbeiten und eine empathische und verständnisvolle
Umgebung in dem Sinne zu verstehen, dass der Beschwerdeführer möglichst nicht mit
anderen Mitarbeitern zusammenarbeiten sollte, keinen Kundenkontakt sowie auch
einen verständnisvollen Vorgesetzten haben müsste. Betreffend Umstellungsfähigkeit
und Flexibilität ist dem Gutachten zu entnehmen, dass diese abhängig von der
jeweiligen emotionalen Situation seien. Die Übertragung von neuen Aufgaben könnte
zu einer starken emotionalen Belastung des Beschwerdeführers führen, die dann
wiederum die Niederlegung der Tätigkeit bzw. einen Rückzug bewirken könnten (IV-act.
161-61 f.). Die Umstellungsfähigkeit und Flexibilität ist demnach eingeschränkt,
wodurch der Beschwerdeführer für andere Aufgaben oder Tätigkeitsbereiche nicht
gleich flexibel einsetzbar ist wie andere Mitarbeiter und eine (enge) Begleitung bei der
Einarbeitung erforderlich sein dürfte.
4.6.
Ins Gewicht fällt zwar, dass der im Verfügungszeitpunkt 54-jährige
Beschwerdeführer schon länger keine Festanstellung mehr hatte und nur mit
unterschiedlich langen (wenige Wochen bis mehrere Monate) temporären
Arbeitseinsätzen dem Arbeitsmarkt nicht völlig fernblieb. Seit dem Jahr 2014 war er nur
noch im Rahmen einer Arbeitsintegration in der I._ sowie von Mai 2016 bis Anfang
2018 in der F._ arbeitstätig gewesen (vgl. IV-act. 150 und 107). Die von der IV
gewährten beruflichen Massnahmen wurden jeweils abgebrochen, weil der
Beschwerdeführer zwar kurzfristig motiviert gewirkt habe, jedoch immer wieder eine
fehlende Mitwirkung gezeigt und im Rahmen der aktuellen Anmeldung auch auf eine
berufliche Abklärung verzichtet habe, obwohl ihm der Eingliederungsberater
Unterstützung für eine berufliche Abklärung gewähren wollte (vgl. IV-act. 85 und
143-5). Neben der unbeständigen Erwerbssituation mit einer seit längerem fehlenden
Festanstellung weist er zwar eine geringe berufliche Qualifikation (Anlehre als
Lebensmittelverkäufer) auf, jedoch einige Jahre Berufserfahrung in der
4.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/21
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5.
Oberflächenbeschichtung sowie als Lager Mitarbeiter und Stapelfahrer.
Rechtsprechungsgemäss werden körperlich leichte Hilfstätigkeiten auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt grundsätzlich altersunabhängig nachgefragt (Urteil des
Bundesgerichtes vom 29. Juni 2018, 9C_862/2017, E. 3.3.3 mit Hinweis) und erfordern
keine spezifische Ausbildung. Zusammenfassend bestehen nach dem Gesagten
Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer wegen mehreren persönlich und
beruflich relevanten Merkmalen (vgl. E. 4.2 vorstehend) seine gesundheitlich bedingte
Restarbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt im Vergleich mit gesunden
Hilfsarbeitern nur mit einem unterdurchschnittlichen erwerblichen Erfolg verwerten
könnte. In einer Gesamtschau der Umstände erscheint es im vorliegenden Fall
angemessen, bei der Berechnung des Invaliditätsgrades einen Abzug von 10% zu
berücksichtigen.
Bei einem Prozentvergleich und einem Abzug vom Tabellenlohn von 10% resultiert
ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 37% (30% + [70% x 10%]).
4.8.
Sollte sich der Beschwerdeführer wieder eingliederungsfähig fühlen und an Ein
gliederungsmassnahmen teilnehmen wollen, steht es ihm ungeachtet der Mitteilung
vom 28. November 2017 (IV-act. 147) frei, bei der Beschwerdegegnerin erneut um
berufliche Massnahmen nachzusuchen.
4.9.
Nach dem Gesagten ist die Verfügung vom 19. Februar 2019 nicht zu beanstanden
und die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen.
5.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheinen in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist er von der Bezahlung zu
befreien.
5.2.
Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung des Kantons St.
5.3.
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