Decision ID: 3840debc-5b33-503e-aaee-9a5595b50866
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. X._ wurde 1988 im heutigen Kosovo geboren und gehört einer ethnischen
Minderheit an. Sie reiste am 2. Mai 2008 in die Schweiz ein und beantragte
gleichentags Asyl. Mit Verfügung vom 8. Dezember 2008 lehnte das Staatssekretariat
für Migration (SEM; ehemals: Bundesamt für Migration) ihr Asylgesuch ab und wies sie
aus der Schweiz weg. Eine dagegen erhobene Beschwerde hiess das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 28. Dezember 2011 gut und wies das SEM
an, X._ vorläufig aufzunehmen. In der Folge verfügte das SEM am 6. Januar 2012 die
vorläufige Aufnahme. Am 29. Mai 2013 erhielt X._ aus humanitären Gründen eine
Aufenthaltsbewilligung.
B. X._ besuchte vom 23. August 2011 bis 3. Juli 2012 den Deutsch-Mittelstufenkurs
B2. Danach absolvierte sie im Jahr 2013 den vom Schweizerischen Roten Kreuz
angebotenen Lehrgang Pflegehelfer SRK. Am 8. April 2015 heiratete sie im Kosovo
einen Landsmann; die Ehe wurde am 29. September 2016 wieder geschieden. Am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
31. Juli 2017 schloss X._ die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit EFZ erfolgreich ab.
Während der Ausbildung arbeitete sie bei der N._ in A._ und danach bei der O._ in
B._. Seit November 2018 ist sie im Pflegeheim P._ in C._ angestellt.
Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 9. März 2015 wurde
X._ wegen vorsätzlicher grober Verletzung der Verkehrsregeln (ungenügender Abstand
beim Hintereinanderfahren) zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je CHF 100 und
zu einer Busse von CHF 400 verurteilt. Der Vollzug der Geldstrafe wurde unter
Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren aufgeschoben. X._ bezog bisher weder
finanzielle Sozialhilfe noch ist sie im Betreibungsregister verzeichnet.
C. Am 20. April 2018 stellte X._ ein Gesuch um Erteilung der
Niederlassungsbewilligung. Mit Verfügung vom 30. April 2018 wies das Migrationsamt
das Gesuch ab. Dagegen rekurrierte X._ durch ihre Rechtsvertreterin beim
Sicherheits- und Justizdepartement. Dieses wies den Rekurs mit Entscheid vom
20. Dezember 2018 ab. Es begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, dass
die Integrationserfolge von X._ in den Bereichen Sprache sowie der Wille zur
Teilnahme am Wirtschaftsleben und zum Erwerb von Bildung nicht derart
ausserordentlich seien, dass ausnahmsweise die begangene Straftat aufgewogen
werde. Weiter vermöge das private Interessen von X._, welche über keinen
einwandfreien Leumund verfüge, gegen das öffentliche Interesse nicht aufzukommen.
Die Verfügung des Migrationsamts erweise sich somit als recht- und verhältnismässig.
D. X._ (Beschwerdeführerin) erhob gegen den Entscheid des Sicherheits- und
Justizdepartements (Vorinstanz) mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 31. Dezember
2018 und Ergänzung vom 8. Februar 2019 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Sie
beantragte, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen sei der angefochtene Entscheid
aufzuheben und es sei ihr die Niederlassungsbewilligung zu erteilen. Ein in der
Ergänzung vom 8. Februar 2019 gestelltes Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung zog die Beschwerdeführerin am 15. Februar 2019 wieder
zurück. Die Vorinstanz verwies mit Vernehmlassung vom 25. Februar 2019 auf die
Erwägungen im angefochtenen Entscheid und beantragte, die Beschwerde sei
abzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auf die weiteren Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge
und die Akten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die
Beschwerdeführerin ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 31. Dezember 2018
erfolgte – unter Berücksichtigung des Stillstands der Fristen vom 18. Dezember bis und
mit 2. Januar (Art. 64 in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1 VRP und Art. 145 Abs. 1 lit. c der
Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272, ZPO) – rechtzeitig und erfüllt
zusammen mit der Ergänzung vom 8. Februar 2019 formal und inhaltlich die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1
und 2 VRP). Mit Schreiben vom 3. Januar 2019 wurde die Beschwerdeführerin lediglich
aufgefordert, die Beschwerde hinsichtlich der Darstellung des Sachverhalts und der
Begründung zu ergänzen (act. 4). Eine Frist zur Ergänzung des Antrags wurde nicht
beantragt und entsprechend auch nicht gewährt. Der mit der Beschwerdeergänzung
vom 8. Februar 2019 gestellte Eventualantrag erfolgte folglich nach Ablauf der
Beschwerdefrist und ist somit unbeachtlich (vgl. Art. 48 VRP; Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl. 2003, Rz 920). Massgebend ist demnach lediglich das
mit der Beschwerde vom 31. Dezember 2018 gestellte Rechtsbegehren. Auf die
Beschwerde ist somit grundsätzlich einzutreten.
2. Die Beschwerdeführerin beanstandet vorweg, die Vorinstanz habe das rechtliche
Gehör verletzt. Zwar kann der Begründung des Migrationsamts, wonach die vorzeitige
Niederlassungsbewilligung nicht erteilt werde, wenn kein einwandfreier Leumund
vorliege, in ihrer Absolutheit nicht gefolgt werden. Dies daher, weil eine Straffälligkeit
der vorzeitigen Erteilung der Niederlassungsbewilligung nicht zwingend
entgegenstehen muss, sofern die diesbezüglichen Integrationsdefizite durch umso
grössere Integrationsleistungen in anderen Bereichen kompensiert werden können (vgl.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nachfolgend E. 4.1). Insofern ist dem Migrationsamt eine Ermessensunterschreitung
vorzuwerfen. Die Vorinstanz nahm im angefochtenen Entscheid jedoch eine
einzelfallbezogene, sorgfältige Gesamtwürdigung vor, weshalb der Vorwurf gegenüber
der Vorinstanz, sie habe das ihr zustehende Ermessen nicht ausgeschöpft und
Umstände unberücksichtigt gelassen, welche nach dem anwendbaren Recht zu
berücksichtigen seien, nicht zutrifft.
3. Mit der am 1. Januar 2019 in Kraft getretenen Revision des Ausländergesetzes
(AuG), welches neu Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) heisst, erfuhr das Gesetz
einige Anpassungen. Art. 126 Abs. 1 AIG bestimmt, dass auf Gesuche, die vor dem
Inkrafttreten des AIG eingereicht worden sind, das bisherige Recht anwendbar bleibt.
Das Verfahren richtet sich dagegen nach dem neuen Recht (Art. 126 Abs. 2 AIG). Da
das Gesuch um Erteilung der Niederlassungsbewilligung am 20. April 2018 gestellt
worden ist, ist die Angelegenheit nach bisherigem, bis zum 31. Dezember 2018
geltenden Ausländergesetz (im Folgenden noch mit "AuG" bezeichnet) zu beurteilen.
4. Strittig ist, ob der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 34 Abs. 4 AuG vorzeitig die
Niederlassungsbewilligung zu erteilen ist.
4.1. Gemäss Art. 34 Abs. 2 AuG kann die Niederlassungsbewilligung einer
ausländischen Person grundsätzlich dann erteilt werden, wenn sie sich insgesamt
mindestens zehn Jahre mit einer Kurzaufenthalts- oder Aufenthaltsbewilligung in der
Schweiz aufgehalten hat und sie während der letzten fünf Jahre ununterbrochen im
Besitz einer Aufenthaltsbewilligung war. Hat sich eine gesuchstellende Person
erfolgreich in die Schweiz integriert, kann sie bereits nach fünf Jahren
ununterbrochenem Aufenthalt einen Antrag auf vorzeitige Erteilung der
Niederlassungsbewilligung im Sinn von Art. 34 Abs. 4 AuG stellen. Da angesichts der
"Kann"-Formulierung offenkundig kein gesetzlicher Anspruch auf (vorzeitige) Erteilung
der Niederlassungsbewilligung besteht, ist in Fällen wie dem vorliegenden ein
Entscheid nach pflichtgemässen Ermessen zu treffen (vgl. Art. 96 Abs. 1 AuG; vgl. auch
Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts F-4152/2016 vom 27. Juni 2018 E. 3.3).
Die zuständige Behörde hat dabei ihren Ermessensentscheid betreffend "erfolgreiche
Integration" insbesondere nach den Sprachkenntnissen zu richten. Vorausgesetzt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden "gute Kenntnisse einer Landessprache", wobei aArt. 62 Abs. 1 lit. b der
Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (SR 142.201, VZAE, in der
bis 31. Dezember 2018 geltenden Fassung) Kenntnisse der am Wohnort gesprochenen
Landessprache verlangt. Es sind mindestens die nachgewiesenen Kenntnisse einer
Landessprache des Referenzniveaus A2 des Gemeinsamen Europäischen
Referenzrahmens für Sprachen des Europarates erforderlich. Entgegen dem Wortlaut
von Art. 34 Abs. 4 AuG genügen gute Sprachkenntnisse für sich allein jedoch (noch)
nicht, um von einer erfolgreichen Integration auszugehen. Folgerichtig stellt aArt. 62
VZAE neben den Sprachkenntnissen weitere kumulativ zu erfüllende
Mindestvoraussetzungen auf. Neben den Sprachkenntnissen ist zudem die berufliche
und soziale Integration massgeblich. aArt. 62 Abs. 1 lit. c VZAE fordert in dieser
Hinsicht, dass die ausländische Person "den Willen zur Teilnahme am Wirtschaftsleben
und zum Erwerb von Bildung bekundet". Nicht zuletzt verweist aArt. 62 Abs. 1 lit. a
VZAE sodann auch noch auf das Erfordernis der Respektierung der rechtsstaatlichen
Ordnung und der Werte der Bundesverfassung.
Mit der Möglichkeit einer frühzeitigen Erteilung der Niederlassungsbewilligung soll ein
gesetzlicher Anreiz für persönliche Integrationsanstrengungen geschaffen werden (vgl.
BBl 2002 3709, 3750). Wenn auch die erfolgreiche Integration generell nach
einheitlichen Kriterien zu prüfen ist, so sind diese bei der vorzeitigen Erteilung der
Niederlassungsbewilligung strenger zu handhaben als beispielsweise in Bezug auf
nacheheliche Aufenthaltsansprüche nach Art. 50 Abs. 1 lit. a AuG. In Lehre und Praxis
werden deshalb im Zusammenhang mit Art. 34 Abs. 4 AuG über übliche
Integrationserwartungen hinausgehende Anstrengungen bzw. eine "besonders
erfolgreiche Integration" vorausgesetzt, wozu insbesondere auch ein einwandfreier
strafrechtlicher Leumund gehört. Freilich kann nicht aus jedem noch so geringfügigen
Strafregistereintrag ein Integrationsdefizit gefolgert werden. Die behördliche
Ermessensausübung hat in solchen Fällen in Berücksichtigung des
Verhältnismässigkeitsprinzips zu erfolgen. Eine über reine Bagatellen hinausgehende
Delinquenz kann jedoch nur ganz ausnahmsweise durch ausserordentliche
Integrationserfolge in anderen Bereichen aufgewogen werden (P. Bolzli, in: Spescha/
Thür/Zünd/Bolzli/Hruschka, Migrationsrecht Kommentar, 4. Aufl. 2015, N 7 zu Art. 34
AuG; Hunziker/König in: Caroni/Gächter/Thurnherr, Bundesgesetz über die
Ausländerinnen und Ausländer [AuG], Bern 2010, N 44 und N 48 ff. zu Art. 34 AuG; BBl
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2009 5097, 5120; vgl. auch Entscheid des Verwaltungsgerichts Zürich VB.2018.00046
vom 21. März 2018 E. 4.1.2 und E. 4.1.4).
4.2. Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin erst seit 29. Mai 2013 im Besitz einer
Aufenthaltsbewilligung ist und folglich die zeitlichen Voraussetzungen für die
ordentliche Erteilung der Niederlassungsbewilligung gestützt auf Art. 34 Abs. 2 AuG
(noch) nicht erfüllt. Die gemäss Art. 34 Abs. 4 AuG notwendige Aufenthaltsdauer in der
Schweiz, aufgrund derer die vorzeitige Erteilung der Niederlassungsbewilligung
möglich sein kann, liegt dagegen vor. Zu prüfen ist daher im Folgenden, ob sich die
Beschwerdeführerin darauf berufen kann, im Sinn von Art. 34 Abs. 4 AuG in
Verbindung mit aArt. 62 Abs. 1 VZAE erfolgreich integriert zu sein.
4.2.1. Mit Strafbefehl vom 9. März 2015 wurde die Beschwerdeführerin wegen
vorsätzlicher grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe von
20 Tagessätzen zu je CHF 100 und zu einer Busse von CHF 400 verurteilt. Zur
Verurteilung kam es, nachdem die Beschwerdeführerin am 5. Januar 2015 auf der
Autobahn während etwa zwei Kilometern mit einer Geschwindigkeit von
durchschnittlich ca. 100 bzw. 110 km/h hinter dem vorausfahrenden Fahrzeug
hinterhergefahren war und dabei einen Abstand von durchschnittlich zehn bis zwölf
Metern eingehalten hatte (vgl. act. 13 Dossier Migrationsamt S. 233 ff.). Die Regel
betreffend die Wahrung eines ausreichenden Abstandes beim Hintereinanderfahren ist
von grundlegender Bedeutung für die Verkehrssicherheit, ist doch die Missachtung
dieser Regel eine häufige Unfallursache (BGer 1C_26/2018 vom 15. Juni 2018 E. 5.2).
Die Vorinstanz hat entsprechend zu Recht erkannt, dass es sich bei der geschilderten
Straftat nicht um ein Delikt im Bagatellbereich handelt. Die Beschwerdeführerin hat
vielmehr eine für die Sicherheit zentrale Verkehrsregel in grober Weise missachtet, was
von ihr im Übrigen auch nicht bestritten wird. Eine über Bagatellen hinausgehende
Delinquenz kann jedoch – wie oben ausgeführt – nur ausnahmsweise durch
ausserordentliche Integrationserfolge in anderen Bereichen aufgewogen werden, was
nachfolgend zu prüfen ist.
4.2.2. Die Beschwerdeführerin besuchte vom 23. August 2011 bis 3. Juli 2012 den
Deutsch-Mittelstufenkurs B2 (act. 13 Dossier Migrationsamt S. 266). Damit weist sie
Sprachkenntnisse nach, die höher sind als das in aArt. 62 Abs. 1 lit. b VZAE geforderte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mindest-Referenzniveau A2. Zu berücksichtigten ist weiter, dass die
Beschwerdeführerin bereits im Jahr 2008 – und damit im Jahr ihrer Einreise –
45 Lektionen Deutsch besucht hat (vgl. act. 13 Dossier Migrationsamt S. 264). Auch
nach der am 1. Januar 2019 in Kraft getretenen Revision des AuG bzw. AIG, wonach
eine gesuchstellende Person zumindest im mündlichen Bereich mindestens das
Referenzniveau B1 nachweisen muss (vgl. Art. 62 Abs. 1 VZAE in der ab 1. Januar
2019 geltenden Fassung), übertrifft die Beschwerdeführerin die geforderten
Sprachkompetenzen.
4.2.3. Die Beschwerdeführerin kam als junge Erwachsene in die Schweiz und
absolvierte hier erfolgreich eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit EFZ (vgl. act. 8/1).
Danach arbeitete sie während eines Jahres zu 80 Prozent als Nachtwache bei einem
monatlichen Bruttolohn von knapp CHF 4'000 (act. 8/2, act. 13 Dossier Migrationsamt
S. 277). Seit November 2018 hat sie gemäss eigenen Angaben eine neue Arbeitsstelle
in einem Pflegeheim (vgl. act. 7 S. 3); der aktuelle Lohn ist unbekannt.
Unbestrittenermassen ist sie beim Betreibungsamt weder mit offenen Betreibungen
noch mit offenen Verlustscheinen verzeichnet. Zudem wurde sie bis anhin nie von der
Sozialhilfe finanziell unterstützt. Diese Umstände sind zusätzlich zu den
überdurchschnittlichen Sprachkompetenzen positiv zu werten, auch wenn der
Umstand, dass der Unterhalt ohne Sozialhilfe gewährleistet erscheint, für sich allein
betrachtet noch keine erfolgreiche Integration bedeutet (vgl. BGer 2C_65/2014 vom
27. Januar 2015 E. 3.2).
4.3. Insgesamt ist daher festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die im Vergleich zu
Art. 34 Abs. 2 AuG erforderlichen, erhöhten Anforderungen an die Anstrengungen zur
Integration und an die Sprachkenntnisse erfüllt. Ihre Integrationserfolge in den
Bereichen Sprache sowie dem Willen zur Teilnahme am Wirtschaftsleben und zum
Erwerb von Bildung überwiegen im Zuge der gebotenen Gesamtbetrachtung das mit
Strafbefehl vom 9. März 2015 geahndete Verhalten. Insbesondere ging selbst der
Strafrichter bei der vorliegenden strafrechtlichen Verfehlung vom 5. Januar 2015, wenn
auch diese nicht leicht zu gewichten ist, nicht von einem hohen Verschulden aus,
ansonsten er die Beschwerdeführerin nicht "lediglich" zu einer bedingten Geldstrafe
von zwanzig Tagessätzen zu je CHF 100 verurteilt worden wäre. Anzurechnen ist der
Beschwerdeführerin überdies, dass es sich beim Ereignis aus dem Jahr 2015
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
offensichtlich um eine einmalige Verfehlung gehandelt und sie sich während der
laufenden Probezeit von zwei Jahren wohlverhalten hat. Die Beschwerdeführerin
bemühte sich vielmehr erfolgreich seit ihrer Einreise im Jahr 2012 um eine erfolgreiche
Integration und schloss – wohl auch dank ihrer zwischenzeitlich erworbenen, guten
Sprachkenntnisse – innert kurzer Zeit die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit EFZ ab.
Damit liegt die gemäss Art. 34 Abs. 4 AuG vorausgesetzte "erfolgreiche Integration" für
die im Sinne einer Anerkennung oder Belohnung zu gewährende vorzeitige Erteilung
der Niederlassungsbewilligung nach dem Gesagten bei der Beschwerdeführerin vor.
4.4. Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde als begründet. Sie ist
gutzuheissen und der angefochtene Entscheid der Vorinstanz vom 20. Dezember 2018
ist aufzuheben. Das Migrationsamt ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin die
Niederlassungsbewilligung vorzeitig zu erteilen.
5. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des Rekurs- und
des Beschwerdeverfahrens vom Staat zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Die von der
Vorinstanz festgesetzte Entscheidgebühr von CHF 1'000 ist unbestritten und nicht zu
beanstanden. Für den Beschwerdeentscheid ist eine Gebühr von CHF 2'000
angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Auf deren
Erhebung ist zu verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP). Der Beschwerdeführerin sind die von
ihr geleisteten Kostenvorschüsse von CHF 1'000 für das Rekursverfahren und von
CHF 2'000 für das Beschwerdeverfahren zurückzuerstatten.
Die Beschwerdeführerin ist für das Rekurs- und das Beschwerdeverfahren
ausseramtlich zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1 und Art. 98 VRP). Ihre
Rechtsvertreterin hat keine Kostennoten eingereicht. In der Verwaltungsrechtspflege
beträgt das Honorar pauschal CHF 500 bis CHF 6'000 vor Verwaltungsbehörden und
CHF 1'000 bis CHF 15'000 vor Verwaltungsgericht, Verwaltungsrekurskommission und
Versicherungsgericht (Art. 22 Abs. 1 Ingress und lit. a und b der Honorarordnung für
Rechtsanwälte und Rechtsagenten; sGS 963.75, HonO). Innerhalb dieses Rahmens
wird das Grundhonorar nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und
Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen
Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO). Die Pauschale in
ausländerrechtlichen Verfahren, in denen über das Anwesenheitsrecht zu befinden ist,
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bewegt sich in der Regel für das Rekursverfahren in der Grössenordnung von
CHF 1'000 bis CHF 2'500 und für das Beschwerdeverfahren in der Höhe von
CHF 2'500. Mit diesen Pauschalansätzen wird auch Art und Umfang der üblicherweise
erforderlichen Bemühungen Rechnung getragen. Gründe, um im vorliegenden Fall
davon abzuweichen, liegen nicht vor, zumal die Angelegenheit weder in tatsächlicher
noch in rechtlicher Hinsicht besondere Schwierigkeiten bot. Der Staat (Migrationsamt)
hat die Beschwerdeführerin dementsprechend für das Rekursverfahren mit CHF 1'500
und für das Beschwerdeverfahren mit CHF 2'500, zuzüglich CHF 60 bzw. CHF 100
Barauslagen und 7.7 Prozent Mehrwertsteuer zu entschädigen (Art. 28 Abs. 1 und
Art. 29 HonO). Dass die Beschwerdeführerin die Entschädigung nicht zuzüglich
Mehrwertsteuer beantragte, schadet nicht, da der Antrag mit Eingabe 31. Dezember
2018 – und damit noch vor Inkrafttreten der revidierten Honorarordnung am 1. Januar
2019 – gestellt wurde.