Decision ID: 7c031520-c6f4-441f-a47d-685ceac1b8e0
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend falsches Zeugnis
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 12. März 2013 (GB130006)
- 2 -
Anklage:
Der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 20. Dezember
2012 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 8).
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte ist des falschen Zeugnisses gemäss Art. 307 StGB nicht
schuldig und wird freigesprochen.
2. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten werden auf die
Staatskasse genommen.
3. Der Beschuldigten wird aus der Gerichtskasse eine Entschädigung von
Fr. 7'000.– (inkl. MwSt.) für anwaltliche Verteidigung zugesprochen.
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Prot. II S. 14)
Der Freispruch der Vorinstanz sei aufzuheben und die Beschuldigte sei im
Sinne der Anklage bzw. des Strafbefehls vom 20. Dezember 2012 des fal-
schen Zeugnisses im Sinne von Art. 307 Abs. 1 und Abs. 3 StGB schuldig
zu sprechen. Sie sei mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 100.--
zu bestrafen, aufgeschoben unter Ansetzung einer 2-jährigen Probezeit.
b) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 37 S. 1)
1. Es sei die Berufung abzuweisen und die Beschuldigte freizusprechen.
2. Es sei das erstinstanzliche Kostendispositiv zu bestätigen.
- 3 -
3. Es seien die Kosten des Berufungsverfahrens auf die Staatskasse zu
nehmen.
4. Es sei der Beschuldigten für das Untersuchungsverfahren, das erstin-
stanzliche Verfahren und für das Berufungsverfahren eine angemesse-
ne Entschädigung (zuzüglich Mehrwertsteuer) zuzusprechen.
_

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Mit Strafbefehl vom 20. Dezember 2012 erkannte die Staatsanwaltschaft IV des
Kantons Zürich die Beschuldigte A._ des falschen Zeugnisses im Sinne von
Art. 307 StGB schuldig und bestrafte sie mit einer bedingten Geldstrafe von 60
Tagessätzen zu CHF 100.-- unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren
(Urk. 8). Dagegen liess die Beschuldigte mit Eingabe vom 16. Januar 2013 innert
Frist Einsprache erheben mit dem Antrag, es sei die Strafuntersuchung einzustel-
len, eventualiter seien die erforderlichen Beweise zur Frage ihres Erinnerungs-
vermögens abzunehmen. Insbesondere beantragte die Verteidigung in diesem
Zusammenhang die Zeugeneinvernahme von B._ (Urk. 9). In der Folge
nahm die Untersuchungsbehörde keine weitere Beweise ab. Vielmehr erhob die
Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich am 28. Januar 2013 im Sinne von Art.
355 Abs. 3 lit. d StPO Anklage beim Einzelgericht des Bezirks Zürich (Urk. 12).
2.1. Nach durchgeführter Hauptverhandlung, anlässlich welcher auch B._ in
Gegenwart der Beschuldigten und ihrer Verteidigung als Zeugin befragt wurde,
sprach die Einzelrichterin die Beschuldigte mit Urteil vom 12. März 2013 vom
Vorwurf des falschen Zeugnisses im Sinne von Art. 307 StGB vollumfänglich frei
- 4 -
(Urk. 20). Weitere Einzelheiten des Entscheides können dem Ingress dieses Ur-
teils entnommen werden.
2.2. Gegen das mündlich eröffnete Urteil (Prot. I S. 9 f.) meldete die Staatsan-
waltschaft IV des Kantons Zürich am 18. März 2013 rechtzeitig Berufung an
(Urk. 22). Am 3. April 2013 erfolgte die Mitteilung der Berufungsanmeldung an die
erbetene Verteidigung der Beschuldigten (Urk. 24). Das Urteil ging der Staatsan-
waltschaft IV des Kantons Zürich sowie der Beschuldigten am 15. Juli 2013 bzw.
16. Juli 2013 (Urk. 25/1 und 25/2) in begründeter Fassung zu (Urk. 27).
3. Unter dem 19. Juli 2013 reichte die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
der erkennenden Kammer die Berufungserklärung ein (Urk. 28). Aus dieser geht
hervor, dass von der Anklägerin der Freispruch angefochten wird. Für den Fall,
dass die erkennende Kammer das Verfahren für die beantragte Verurteilung als
nicht spruchreif erachte, verlangte die Anklagebehörde die neuerliche Einvernah-
me von B._ als Zeugin und die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens
zur angeblichen Erinnerungsstörung der Beschuldigten. Mit Präsidialverfügung
vom 2. August 2013 wurde der Beschuldigten in Anwendung von Art. 400 Abs. 2
und 3 StPO, Art. 401 StPO und Art. 34 StGB eine Kopie der Berufungserklärung
zugestellt und Frist angesetzt, um zu erklären, ob Anschlussberufung erhoben
werde, oder um begründet ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen.
Gleichzeitig wurde die Beschuldigte aufgefordert, das ihr zugestellte Datenerfas-
sungsblatt auszufüllen und verschiedene Unterlagen betreffend ihrer finanziellen
Verhältnisse einzureichen (Urk. 29). In der Folge liess die Beschuldigte durch ihre
erbetene Verteidigung mit Eingabe vom 16. August 2013 mitteilen, dass sie keine
Anschlussberufung erhebe und auch kein Nichteintreten auf die Berufung bean-
trage. Beweisanträge stellte die Verteidigung keine. Gleichzeitig erteilte die Be-
schuldigte Auskunft über ihre finanziellen Verhältnisse (Urk. 31). Am 27. August
2013 wurden die Parteien zur Berufungsverhandlung am 25. Oktober 2013 vorge-
laden, wobei die Verteidigung darum ersucht wurde, ihre Honorarnote noch vor
der Berufungsverhandlung einzureichen (Urk. 33). Mit Eingabe vom 16. Oktober
2013 reichte der Verteidiger seine Honorarnoten und zwei Arztberichte des Psy-
chiatriezentrums J._ ins Recht (Urk. 34 und Urk. 35/1-4).
- 5 -
II. Gegenstand der Berufung
1. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung aufschie-
bende Wirkung und wird die Rechtskraft des angefochtenen Urteils dementspre-
chend gehemmt (vgl. Schmid, Praxiskommentar, 2. A., Zürich/St. Gallen 2013,
N 1 zu Art. 402). Die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich beantragt einen
Schuldspruch. Damit sind sämtliche Ziffern des vorinstanzlichen Urteils angefoch-
ten und stehen zur Disposition.
2. Gegenstand des Berufungsverfahrens bildet der Sachverhalt gemäss Anklage-
schrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 20. Dezember 2012
(Urk. 8). Darin wird der Beschuldigten zusammengefasst zur Last gelegt, sie habe
anlässlich ihrer Zeugeneinvernahme vom 11. Dezember 2012 bewusst falsch
ausgesagt. Sie habe damals zu Protokoll gegeben, sie habe mit ihrem Freund
C._, der mit dem Vorwurf konfrontiert war, während einer Auseinanderset-
zung am 15. Juli 2012, ca. 04.00 Uhr, vor dem Lokal "I._" in Zürich +D._
erstochen und E._ lebensgefährlich verletzt zu haben, abgesehen vom tele-
fonischen Kontakt mit ihm am 15. Juli 2012, ca. 04.30 Uhr, keine weiteren Kontak-
te mehr gehabt. Tatsächlich habe die Beschuldigte ihren Freund C._ noch
gleichentags um 15.31 Uhr auf dessen Natel angerufen. Während dem rund
zweieinhalb Minuten dauernden Telefongespräch sei unter anderem auch die
fragliche Tat vor dem Lokal "I._" und nunmehrige Flucht von C._ thema-
tisiert worden. Dies habe die Beschuldigte getan, um ihren Freund in der gegen
ihn laufenden Strafuntersuchung nicht weiter zu belasten.
III. Beweisanträge der Staatsanwaltschaft
1.1. Die Anklagebehörde beantragt die neuerliche Zeugeneinvernahme vom
B._ und die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens zur angeblichen Er-
- 6 -
innerungsstörung der Beschuldigten, ohne diese Anträge indes näher zu begrün-
den (Urk. 28, Prot. II S. 14). Hiezu ist vorab was folgt zu bemerken:
1.2. Mit Eingabe vom 16. Januar 2013 (Urk. 9) stellte die Verteidigung im Rahmen
des Vorverfahrens den Antrag, es seien - sofern das Strafverfahren nicht einge-
stellt werde - die zur Frage des Erinnerungsvermögens der Beschuldigten erfor-
derlichen Beweise abzunehmen. Dabei verlangte die Verteidigung die neuerliche
Einvernahme der Beschuldigten zu ihrem Zustand nach der Tat, die Einvernahme
von B._ als Zeugin zum Zustand der Beschuldigten vor und nach dem Tö-
tungsdelikt, sowie einen ärztlichen Bericht oder ein ärztliches Gutachten zur Fra-
ge des Erinnerungsvermögens bzw. der Amnesie der Beschuldigten, nachdem sie
vom Tötungsdelikt ihres Freundes erfahren habe (Urk. 9 S. 1 und 5). Mit Schrei-
ben vom 21. Januar 2013 (Urk. 10/1) wies die Staatsanwaltschaft die Beweisan-
träge der Verteidigung ab. Ihren ablehnenden Bescheid hinsichtlich eines ärztli-
chen Berichtes oder Gutachtens zur Frage des Erinnerungsvermögens der Be-
schuldigten begründete die Anklägerin damit, dass für die Einholung eines ärztli-
chen Attestes eine retrospektive Mutmassung anzustellen wäre. Einen Erkennt-
nisgewinn vermöge sie - die Anklägerin - dadurch nicht zu sehen. Hinsichtlich der
anbegehrten Einvernahme von B._ als Zeugin, führte die Staatsanwaltschaft
aus, B._ sei bereits im Rahmen der Strafuntersuchung gegen C._ be-
fragt worden. Diese Aussagen könnten mangels Direktkonfrontation mit der Be-
schuldigten zwar nicht zu ihren Lasten, aber immerhin zu Ihren Gunsten verwen-
det werden.
2. Hinsichtlich der nunmehr von der Anklagebehörde beantragten (neuerlichen)
Zeugeneinvernahme von B._ ist folgendes zu erwägen:
2.1. B._ hat sich mit der Beschuldigten, C._ und einer weiteren, hier
nicht interessierenden Person in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2012 im und
vor dem Lokal "I._" aufgehalten. Nach einer zunächst verbalen und hernach
tätlichen Auseinandersetzung, in welche auch C._ involviert war und auf-
grund welcher er am Auge verletzt wurde, begleitete B._ die Beschuldigte
auf dem Heimweg nach F._. Während der Zugfahrt von Zürich nach F._
rief C._ die Beschuldigte auf deren Mobiltelefon an und teilte ihr mit, dass er
- 7 -
wegen ihr eine Person getötet habe. Ebenso erhielt die Beschuldigte einen Anruf
ihres Ex-Freundes G._, welcher ihr mitteilte, dass +D._ tot sei. Nach der
Ankunft in F._ verliess B._ die Beschuldigte und fuhr an ihren Wohnort
H._. An den Folgetagen hatte sie mit der Beschuldigten noch Kontakt per
SMS bzw. WhatsApp.
2.2. B._ wurde im Rahmen der Strafuntersuchung gegen C._ am 25.
Oktober 2012 polizeilich (Urk. 10/2) und am 10. Dezember 2012 untersuchungs-
richterlich (Urk. 10/3) zum Vorfall befragt. Im Rahmen des vorliegenden Strafver-
fahrens wurde sie zudem vor Schranken des Gerichts am 12. März 2013 im Bei-
sein der Beschuldigten und ihres erbetenen Verteidigers als Zeugin einvernom-
men (Urk. 16). Dabei hat sie ihre in der Untersuchung gegen C._ gemachten
Aussagen als korrekt bestätigt (Urk. 16 S. 4). Da B._ mindestens einmal for-
mell als Zeugin einvernommen und die Beschuldigte und ihr Verteidiger von den
belastenden Aussagen Kenntnis hatten, sich zu diesen äussern konnten und Er-
gänzungsfragen stellen konnten, spricht nichts gegen die Verwertbarkeit der Aus-
sagen von B._.
2.3. Bereits in der ersten Einvernahme bei der Polizei gab B._ eine detaillier-
te Schilderung der Geschehnisse aufgrund ihrer eigenen Wahrnehmungen zu
Protokoll (Urk. 10/2 S. 1 ff.). Dabei hat sie auch klar und ausführlich die psychi-
sche Verfassung der Beschuldigten in der betreffenden Nacht beschrieben (Urk.
10/2 S. 4 und S. 7 f.). Ebenso erteilte sie Auskunft über ihre Kontakte zur Be-
schuldigten an den Folgetagen und darüber, ob die Beschuldigte mit C._
weitere telefonische Kontakte gehabt habe (Urk. 10/2 S. 8). In den folgenden bei-
den Befragungen schilderte sie die Art der Handlungen, den Zustand der Be-
schuldigten und die weiteren Kontakte der Beteiligten im Kern jeweilen gleichblei-
bend und widerspruchsfrei (Urk. 10/3 S. 3 ff.; Urk. 16 S. 3 ff.). Der Geschehensab-
lauf, die psychische Verfassung der Beschuldigten in der Nacht vom 14. auf den
15. Juli 2012 und die weiteren Kontakte der Beteiligten sind damit bereits rechts-
genügend erstellt, weshalb es hierzu keiner weiteren Beweiserhebung bedarf. Es
bestehen sodann auch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass B._ falsche Aus-
sagen gemacht hat, was im Übrigen von der Anklägerin auch nicht behauptet
- 8 -
wird. Sodann erfolgten ihre Aussagen unter der Wahrheitspflicht und der Strafan-
drohung von Art. 307 StGB. Vor diesem Hintergrund ist nicht ersichtlich, welche
neue bzw. andere Erkenntnisse eine neuerliche Befragung der Zeugin B._
bringen könnte, zumal die Staatsanwaltschaft anlässlich der (erneuten) Zeugen-
einvernahme vor Schranken des Gerichts Gelegenheit gehabt hätte, allenfalls
noch bestehende Unklarheiten in den Aussagen der Zeugin B._ auszuräu-
men. Dies hat die Anklagebehörde jedoch - mangels Teilnahme an der Hauptver-
handlung - unterlassen. Der Beweisantrag der Staatsanwaltschaft ist daher abzu-
weisen.
3. Die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich beantragt, es sei ein psychiatri-
sches Gutachten zur angeblichen Erinnerungsstörung der Beschuldigten einzuho-
len (Urk. 28). Dies ist zu verneinen. Die Beurteilung der Glaubhaftigkeit einer
Aussage ist eine Kernaufgabe der richterlichen Beweiswürdigung und Rechtsfin-
dung. Dieser Aufgabe kann sich der Richter nicht entledigen durch Delegation an
einen Experten. Es geht vorliegend nicht um eine Situation, wo ein besonderes
Fachwissen zur Beurteilung einer Tatfrage nötig wäre, über welches der Richter
nicht verfügt. Allein aus dem Umstand, dass die Strafverfolgungsbehörden biswei-
len ein Gutachten über eine derartige Fragestellung beiziehen, folgt noch nicht,
dass dem Richter die eigene Beurteilung solcher Fragen nicht mehr erlaubt wäre.
Glaubhaftigkeitsgutachten können eine Hilfestellung dazu geben, sind aber nicht
unabdingbar und gar verbindlich, insbesondere dort nicht, wo keine ausserge-
wöhnlichen Umstände vorliegen, die eine Beurteilung durch das Gericht erschwe-
ren. Damit kann der Richter eine eigenständige Beweiswürdigung vornehmen.
Kommt vorliegend hinzu, dass es im heutigen Zeitpunkt wohl schwierig wäre, eine
zuverlässige Begutachtung der Beschuldigten durchzuführen. Seit dem Vorfall in
der Nacht vom 15. Juli 2012 ist über ein Jahr vergangen. Ihre damalige psychi-
sche Situation wie auch diejenige im Moment der Zeugenbefragung lassen sich
nicht mehr zuverlässig feststellen, zumal keinerlei ärztliche Befunde, Berichte etc.
hierüber existieren. Auch sind zwischenzeitlich derart viele Sekundäreinflüsse
durch das soziale Umfeld und die prozessualen Befragungen erfolgt, dass auch
unter diesem Aspekt eine Begutachtung der Beschuldigten keine zuverlässigen
Resultate mehr erbringen könnte. Die Staatsanwaltschaft hat offenbar ursprüng-
- 9 -
lich die selbe Auffassung vertreten, hat sie doch mit Schreiben vom 21. Januar
2013 (Urk. 10/1) eine Begutachtung der Beschuldigten abgelehnt. Demnach ist
auf eine psychiatrische Begutachtung der Beschuldigten zur Frage einer allfälli-
gen Erinnerungsstörung zu verzichten.
Nur am Rande sei erwähnt, dass in dem von der Verteidigung eingereichten Arzt-
bericht des Psychiatriezentrums J._ vom 17. Juni 2013 bei der Beschuldigten
eine Störung nach akuter Belastungsreaktion diagnostiziert wurde. Die Ärzte hiel-
ten weiter fest, dass zum Zeitpunkt des Todes eines Kollegen der Beschuldigten
mit grösster Wahrscheinlichkeit eine akute Belastungsreaktion bestanden habe,
welche die Zeitgitterstörungen und die Erinnerungslücke erkläre (Urk. 35/1). Die-
ser Bericht stellt kein Gutachten dar. Er deutet jedoch darauf hin, dass ein Gut-
achten - wäre ein solches eingeholt worden - die Behauptungen der Beschuldig-
ten durchaus hätte stützen können.
IV. Sachverhalt
1. Die Beschuldigte war im Zeitpunkt des Tötungsdeliktes die Freundin von
C._. In der gegen ihn geführten Strafuntersuchung wurde die Beschuldigte
am 11. Dezember 2012 als Zeugin einvernommen (Urk. 3). Dabei gab sie zu Pro-
tokoll, dass es zwischen ihr und C._ seit dem Telefongespräch vom 15. Juli
2012, ca. 04.30 Uhr, zu keinem weiteren Kontakt mehr gekommen sei (Urk. 3 S.
8). Tatsächlich hatte die Beschuldigte aber gleichentags um 15.31 Uhr ein zwei-
einhalb Minuten dauerndes Telefongespräch mit C._ geführt (Urk. 5).
2.1. Die Beschuldige bestreitet (heute) nicht mehr, dass sie am 15. Juli 2012 um
15.31 Uhr ihren damaligen Freund telefonisch kontaktiert und in der Folge ein
rund zweieinhalb Minuten dauerndes Gespräch mit ihm geführt hat, wobei unter
anderem auch die fragliche Tat vor dem Lokal "I._" in Zürich und die Flucht
von C._ ins Ausland thematisiert wurden (Urk. 4 S. 2; Urk. 17 S. 4 f., Prot. II
S. 10). Ebenso stellt sie nicht in Abrede, anlässlich ihrer Zeugeneinvernahme vom
11. Dezember 2012 diesen (zweiten) telefonischen Kontakt mit C._ ent-
- 10 -
schieden verneint zu haben. Unbestritten ist ferner auch, dass die Beschuldigte
von der Staatsanwaltschaft vorgängig zur Wahrheit ermahnt und auf die Folgen
eines falschen Zeugnisses hingewiesen wurde (Urk. 3 S. 1). Mit der Vorinstanz ist
daher davon auszugehen, dass der objektive Teil der Sachverhaltsdarstellung
damit rechtsgenügend erstellt ist (Urk. 27 S. 4).
2.2. In dem Strafbefehl entnommenen Anklagesachverhalt unter Ziffer I. Abs. 4,
welcher gemäss Art. 356 Abs. 1 StPO die Anklage ersetzt, wird der Beschuldigten
vorgeworfen, sie habe anlässlich der fraglichen Zeugeneinvernahme bewusst
wahrheitswidrig ausgesagt, um ihren Freund in der gegen ihn laufenden Strafun-
tersuchung nicht zu belasten (Urk. 8). Damit wird der subjektive Teil der Sachver-
haltsdarstellung umschrieben. In dieser Hinsicht machte die Beschuldigte aber
stets geltend und wiederholt dies heute, dass sie sich an das betreffende Tele-
fongespräch im Rahmen der Zeugenbefragung schlicht nicht mehr habe erinnern
können, auch wenn dies so gewesen sein müsse (Urk. 4 S. 2; Urk. 17 S. 4,
Prot. II S. 10). Die Verteidigung hält vor diesem Hintergrund dafür, dass die aus-
sergewöhnlichen Umstände im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt ihres da-
maligen Freundes bei der Beschuldigten eine akute Belastungssituation hervorge-
rufen hätten, welche dazu geführt habe, dass sich die Beschuldigte anlässlich ih-
rer Zeugeneinvernahme vom 11. Dezember 2012 nicht mehr an das Telefonge-
spräch, welches Gegenstand der Anklage sei, habe erinnern können (Urk. 9 S. 2
ff.; Urk. 15; Urk. 18). Damit stellt die Beschuldigte - wie die Vorinstanz richtig ge-
sehen hat - in Abrede, vorsätzlich eine falsches Zeugnis abgelegt zu haben.
2.3. Was die Beschuldigte wusste, wollte oder in Kauf nahm, gehört zum Inhalt
des subjektiven Tatbestandes. Für den Nachweis des Vorsatzes kann sich das
Gericht - soweit der Täter nicht geständig ist - regelmässig nur auf äusserlich
feststellbare Indizien und auf Erfahrungsregeln stützen, die ihm Rückschlüsse von
den äusseren Umständen auf die innere Einstellung des Täters erlauben
(BGE 130 IV 58 E. 8.5). Die Vorinstanz hat im angefochtenen Entscheid zutref-
fend erwogen, dass die Feststellung des subjektiven Tatbestandes Bestandteil
der Sachverhaltsabklärung ist (Urk. 27 S. 5; Urteil des Bundesgerichts vom
17. August 2011 6B_480/2011 mit Verweis auf BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 S. 4 f.). Da-
- 11 -
rauf kann verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Im Rahmen der nachfolgen-
den Beweiswürdigung ist somit noch die verbleibende strittige Frage zu prüfen, ob
die Beschuldigte vorsätzlich falsch ausgesagt hat.
3.1. Die Anklage stützt sich im Wesentlichen auf die Aussagen der Beschuldigten
(Urk. 2; Urk. 3; Urk. 4; Urk. 17) und das auf einer DVD aufgezeichnete Telefonge-
spräch zwischen der Beschuldigten und C._ bzw. das entsprechende Wort-
protokoll vom 15. Juli 2012, 15.31 Uhr (Urk. 5). Ferner liegen die Aussagen von
B._ (Urk. 10/2; Urk. 10/3 und Urk. 16) im Recht.
3.2. Die Aussagen der Beschuldigten und B._ wurden von der Vorinstanz in
ihrem Urteil ausführlich und zutreffend wiedergegeben, weshalb zur Vermeidung
von Wiederholungen vollumfänglich auf die Begründung des vor-instanzlichen
Entscheides zu verweisen ist (Urk. 27 S. 5 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Der einge-
klagte Sachverhalt ist dementsprechend auf Grund der Akten und der heutigen
Berufungsverhandlung nach den von Lehre und Praxis entwickelten Grundsätzen
zu überprüfen.
4.1. Die Vorinstanz hat zutreffende Ausführungen zu den Grundsätzen der richter-
lichen Beweiswürdigung bzw. zur Sachverhaltserstellung gemacht. Auf die ent-
sprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen kann vollum-
fänglich verwiesen werden (Urk. 27 S. 4 und S. 9; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nach-
folgenden Ausführungen sind in erster Linie Hervorhebungen und Ergänzungen.
4.2. Ein Schuldspruch darf demnach nur dann erfolgen, wenn die Schuld des Be-
schuldigten mit hinreichender Sicherheit erwiesen ist, das heisst Beweise dafür
vorliegen, dass der Beschuldigte mit seinem Verhalten objektiv und subjektiv den
ihm zur Last gelegten Straftatbestand verwirklicht hat. Dabei kann nicht verlangt
werden, dass die Tatschuld gleichsam mathematisch sicher und unter allen As-
pekten unwiderlegbar feststehe (vgl. Niklaus Schmid, Handbuch des Schweizeri-
schen Strafprozessrecht, 2. A., Zürich/St. Gallen 2013, S. 81 N 227). Es muss
genügen, wenn vernünftige Zweifel an der Schuld des Beschuldigten ausge-
schlossen werden können. Aufgabe des Richters ist es, seinem Gewissen ver-
pflichtet, in objektiver Würdigung des gesamten Beweisergebnisses, zu prüfen, ob
- 12 -
er von einem bestimmten Sachverhalt überzeugt ist und an sich mögliche Zweifel
an dessen Richtigkeit zu überwinden vermag (Donatsch/Hansjakob/Lieber, Kom-
mentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, N 12 zu Art. 10; ZR 72 Nr. 80;
Pra 2004 Nr. 51 S. 257 Ziff. 1.4.; BGE 124 IV 88, 120 Ia 31 E. 2c). Es liegt in der
Natur der Sache, dass mit menschlichen Erkenntnismitteln keine absolute Sicher-
heit in der Beweisführung erreicht werden kann; daher muss es genügen, dass
das Beweisergebnis über jeden vernünftigen Zweifel erhaben ist. Bloss abstrakte
oder theoretische Zweifel dürfen dabei nicht massgebend sein, weil solche immer
möglich sind (Donatsch/Hansjakob/Lieber, a.a.O., N 13 zu Art. 10; Urteile des
Bundesgerichtes 6B_297/2007 vom 4. September 2007 E. 3.4. und 1P.587/2003
vom 29. Januar 2004, E. 7.2.). Es genügt also, wenn vernünftige Zweifel an der
Schuld ausgeschlossen werden können, hingegen darf ein Schuldspruch nie auf
blosser Wahrscheinlichkeit beruhen. Lässt sich ein Sachverhalt nicht mit letzter
Gewissheit feststellen, was schon im Wesen menschlichen Erkenntnisvermögens
liegt, so hindert dies den Richter nicht, subjektiv mit Gewissheit davon überzeugt
zu sein (vgl. dazu Schmid, a.a.O., S. 80 N 227 und 228).
4.3. Der allgemeinen Glaubwürdigkeit des Aussagenden kommt nach neueren
Erkenntnissen kaum mehr Bedeutung zu. Weitaus bedeutender für die Wahrheits-
findung als die allgemeine Glaubwürdigkeit ist somit die Glaubhaftigkeit der kon-
kreten Aussagen. Soweit die allgemeine Glaubwürdigkeit einer Person abgeklärt
werden kann, dürfen entsprechende Argumente dennoch – ergänzend – in die
Beweiswürdigung einfliessen.
4.4.1. Mit zutreffender Begründung hat die Vorinstanz in dieser Hinsicht zunächst
ausgeführt, dass die Beschuldigte ein - durchaus legitimes – Interesse habe, bei
ihren Aussagen die Geschehnisse in einem für sie günstigen Lichte erscheinen zu
lassen. Insgesamt – so die Vorinstanz fortfahrend – seien die Aussagen der Be-
schuldigten mit entsprechender Vorsicht zu würdigen (Urk. 27 S. 9).
4.4.2. Mit dem Einzelgericht ist sodann davon auszugehen, dass die Zeugin
B._ zwar unter der strengen Strafandrohung von Art. 307 StGB ausgesagt
hat. Die Zeugin ist aber zugleich mit der Beschuldigten befreundet. Wenn die Vo-
rinstanz dafürhält, dass keine Anzeichen bestünden, dass B._ der Beschul-
- 13 -
digten einen Freundschaftsdienst habe erweisen wollen und die Zeugin darüber-
hinaus nicht nur ein positives Bild der Beschuldigten zu Protokoll gegeben habe,
weshalb B._ daher grundsätzlich als glaubwürdig betrachtet werden könne
(Urk. 27 S. 11), so ist diese Einschätzung nicht zu beanstanden.
4.5. Primäre Bedeutung muss der Glaubhaftigkeit der konkreten, im Prozess rele-
vanten Aussagen zukommen. Gemäss BGE 129 I 49 E.5 hat sich bei der Abklä-
rung des Wahrheitsgehalts von Aussagen die Aussageanalyse weitgehend
durchgesetzt. Nach dem empirischen Ausgangspunkt der Aussageanalyse erfor-
dern wahre und falsche Schilderungen unterschiedliche geistige Leistungen.
Überprüft wird dabei in erster Linie die Hypothese, ob die aussagende Person un-
ter Berücksichtigung der Umstände, der intellektuellen Leistungsfähigkeit und der
Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen Erlebnishintergrund machen
könnte. Methodisch wird die Prüfung in der Weise vorgenommen, dass das im
Rahmen eines hypothesengeleiteten Vorgehens durch Inhaltsanalyse (aussage-
immanente Qualitätsmerkmale, so genannte Realkennzeichen) und Bewertung
der Entstehungsgeschichte der Aussage sowie des Aussageverhaltens insgesamt
gewonnene Ergebnis auf Fehlerquellen überprüft und die persönliche Kompetenz
der aussagenden Person analysiert werden. Bei der Glaubhaftigkeitsbegutach-
tung ist immer davon auszugehen, dass die Aussage auch nicht realitätsbegrün-
det sein kann. Ergibt die Prüfung, dass diese Unwahrhypothese (Nullhypothese)
mit den erhobenen Fakten nicht mehr in Übereinstimmung stehen kann, so wird
sie verworfen. Es gilt dann die Alternativhypothese, dass die Aussage wahr sei.
Erforderlich ist dafür besonders auch die Analyse der Entstehungs- und Entwick-
lungsgeschichte der Aussage (vgl. dazu die im erwähnten BGE angegebene Lite-
ratur).
4.6. Angesichts der Unschuldsvermutung besteht somit Beweisbedürftigkeit, das
heisst der verfolgende Staat hat dem Beschuldigten alle objektiven und subjekti-
ven Tatbestandselemente nachzuweisen und nicht der Beschuldigte hat seine
Unschuld zu beweisen (vgl. dazu Schmid, a.a.O., S. 78, N 216; BGE 127 I 40 und
Urteile des Bundesgerichtes 1P.587/2003 vom 29. Januar 2004, E. 7.2. und
- 14 -
1P.437/2004 vom 1. Dezember 2004, E. 4.3.; 6S.154/2004 vom 30. November
2005 E. 4; Donatsch/Hansjakob/Lieber, a.a.O., N 6 zu Art. 10)
5. Die Beschuldigte wurde in der Strafuntersuchung gegen C._ am 10. Okto-
ber 2012, mithin rund drei Monate nach dem Tötungsdelikt, erstmals zu den Er-
eignissen in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2012 polizeilich befragt (Urk. 2).
Dabei gab sie zu Protokoll, sie und B._ hätten bereits vor dem Besuch des
"I._" viel getrunken. Sie hätte ein oder zwei Wodka Redbull und ein bis zwei
Tequilla Shots konsumiert (Urk. 2 S. 5). Im "I._" hätten sie an der Bar dann
weiter Alkohol konsumiert, was und wie viel sie dort getrunken habe, wisse sie je-
doch nicht mehr. Es seien teilweise Tequilla Shots und Wodka Redbull gewesen
(Urk. 2 S. 6). Über die danach folgenden Geschehnisse wisse sie nicht mehr viel.
Sie erinnere sich, dass sie plötzlich nicht mehr bei ihrer Gruppe gewesen sei,
sondern vor dem Lokal mit einem Kollegen aus ... gesprochen habe, wobei sie
den Inhalt dieses Gesprächs nicht mehr wisse. Sie erinnere sich zudem noch da-
ran, dass B._ mehrmals versucht habe, sie telefonisch zu erreichen. Sie ha-
be aber nicht abgenommen. Ebenso wisse sie noch, dass sie im "I._" auf der
Toilette gewesen sei. Als sie dann anschliessend das "I._" (wieder) verlas-
sen habe, habe sie C._ gesehen, welcher ein blaues Auge gehabt habe, wo-
her wisse sie nicht. Sie habe geweint und sich daraufhin mit B._ in der Nähe
eines Gebüsches hingesetzt. Dort habe sie weiter geweint (Urk. 2 S. 6 und S. 7).
Sie habe versucht, mit ihrem Freund zu sprechen. Er sei aber wütend gewesen,
weshalb ihr dies nicht gelungen sei (Urk. 2 S. 7). Mit B._ sei sie anschlies-
send vom "I._" zum Hauptbahnhof gegangen. Was sie mit ihr dabei geredet
habe, wisse sie auch nicht mehr. Auf dem Heimweg sei sie sehr aufgelöst gewe-
sen und habe geweint; sie habe eigentlich geweint, seit sie C._ mit dem
blauen Auge gesehen habe (Urk. 2 S. 8 und S. 9). Auf der Zugfahrt von Zürich
nach F._ habe sie einen Anruf ihres Ex-Freundes G._ erhalten, welcher
ihr mitgeteilt habe, dass +D._ tot sei. Sie habe dies B._ erzählt. Sie ha-
be geweint und könne sich nicht mehr daran erinnern, was B._ daraufhin zu
ihr gesagt habe (Urk. 2 S. 9). Ebenso habe sie auf der Heimfahrt im Zug einen
Anruf ihres Freundes C._ erhalten. Sie sei am Weinen gewesen und habe
nicht mitbekommen, was er gesagt habe (Urk. 2 S. 11). Am Sonntag habe sie
- 15 -
dann eventuell nochmals mit B._ Kontakt gehabt; sie sei sehr aufgelöst ge-
wesen. In der Folge sei sie während zwei Tagen von der Arbeit ferngeblieben
(Urk. 2 S. 9). Mit ihrem Freund C._ habe sie bis zu seiner Verhaftung keinen
weiteren Kontakt mehr gehabt (Urk. 2 S. 12).
Anlässlich ihrer Befragung als Zeugin am 11. Dezember 2012 (Urk. 3) hielt die
Beschuldigte an ihrer Version fest. Sie machte im Wesentlichen gleichlautende
Angaben zu ihrem Alkoholkonsum, zu den Begebenheiten im und vor dem Lokal
"I._", zu ihrer psychischen Verfassung und den Ereignissen auf dem Nach-
hauseweg (Urk. 3 S. 4 ff.). Insbesondere bestätigte die Beschuldigte, dass sie auf
der Zugfahrt von Zürich nach F._ einen Telefonanruf ihres Ex Freundes
G._ erhalten und dieser ihr mitgeteilt habe, dass +D._ tot sei. Ob
G._ ihr gesagt habe, wie +D._ zu Tode gekommen sei und wer ihn ge-
tötet habe, daran könne sie sich nicht mehr erinnern (Urk. 3 S. 7). Ebenso bestä-
tigte die Beschuldigte, dass sie auf der Zugfahrt einen Telefonanruf ihres Freun-
des C._ erhalten habe. Wie bei der polizeilichen Befragung konnte sie zum
Inhalt des Gesprächs indes keine Angaben machen. Aufgrund der Mitteilung von
G._ über den Tod von +D._ sei sie am Weinen gewesen (Urk. 3 S. 7).
Die Frage, ob sie nachher nochmals Kontakt mit C._ gehabt habe, verneinte
die Beschuldige auf mehrfaches Befragen des einvernehmenden Staatsanwaltes
kategorisch (Urk. 3 S. 8). Nachdem ihr die Tonaufzeichnung des Telefonge-
sprächs vom 15. Juli 2012, 15.31 Uhr, vorgespielt wurde, erklärte die Beschuldig-
te was folgt: "Ich war verwirrt. Ich habe das verdrängt. Ich weiss nicht mehr genau,
wann ich mit wem noch was telefonierte" (Urk. 3 S. 8). Auf den Vorhalt der Staatsan-
waltschaft, weshalb sie vorher jeden späteren Kontakt mit ihrem Freund entschie-
den bestritten und stattdessen nicht angegeben habe, dass sie nicht mehr wisse,
mit wem genau sie wann telefoniert habe, schwieg die Beschuldigte (Urk. 3 S. 9).
In der Folge wurde die Beschuldigte mit verschiedenen Aussagen der Zeugin
B._ hinsichtlich ihres Verhaltens vor dem Lokal "I._" und auf der Zug-
fahrt von Zürich nach F._ sowie ihrer Kontakte zu B._ am Folgetag kon-
frontiert. An diese Gegebenheiten vermochte sich die BeschuIdigte indes eben-
falls nicht zu erinnern. Insbesondere hatte sie keine Erinnerung mehr daran, dass
- 16 -
sie B._ unmittelbar nach dem Telefon von C._ erzählt habe, dass er ihr
soeben erklärt habe, er habe jemanden umgebracht (Urk. 3 S. 9).
Am 20. Dezember 2012 (Urk. 4) wurde die Beschuldigte zum heute zu beurteilen-
den Vorwurf untersuchungsrichterlich befragt. Sie hielt dafür, dass sie anlässlich
ihrer Zeugeneinvernahme vom 11. Dezember 2012 nicht gelogen habe. Sie habe
sich nicht mehr erinnern können, dass sie selber C._ angerufen habe (Urk. 4
S. 2). Sie könne sich im übrigen auch an einige anderen Sachen in diesem Zu-
sammenhang nicht mehr erinnern. Als Grund hierfür führte die Beschuldigte einen
Filmriss aufgrund ihres Alkoholkonsums in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli
2012 an (Urk. 4 S. 2).
Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung verwies die Beschuldigte auf
ihre bisherige Sachdarstellung. Sie führte aus, sie habe sich an das zweite Tele-
fongespräch mit C._ nicht erinnern können und tue dies auch heute nicht.
Für sie habe dieses Gespräch eigentlich gar nicht existiert. Als ihr die entspre-
chende Tonaufzeichnung im Rahmen der Zeugenbefragung durch den einver-
nehmenden Staatsanwalt vorgespielt worden sei, habe sie es zum ersten Mal ge-
hört. Deswegen sei sie damals auch verwirrt gewesen. Sie hätte das Telefonge-
spräch damals sicher erwähnt, wenn sie davon Kenntnis gehabt hätte (Prot. I S. 5
f.). An dieser Version hielt die Beschuldigte auch an der heutigen Berufungsver-
handlung fest (Prot. II S. 6 ff.).
6. Wie vorstehend unter Ziffer II.2.3. erwähnt, äusserte sich B._ im Strafver-
fahren gegen C._ einlässlich zur psychischen Verfassung der Beschuldigten
in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2012. Sie führte aus, dass sie und die Be-
schuldigte vor dem Besuch des "I._" bereits Alkohol (Wodka Redbull) kon-
sumiert hätten. An der Bar im "I._" hätten sie wiederum einige "Shots" ge-
trunken (Urk. 10/2 S. 3; Urk. 10/3 S. 3). Sie glaube, sie hätten bereits zu diesem
Zeitpunkt zu viel Alkohol konsumiert. Die Beschuldigte habe sich dann von ihrer
Gruppe entfernt. Sie - B._ - habe ihr geschrieben (SMS via WhatsApp) und
gefragt, wo sie sei. Sie habe von der Beschuldigten komische Antworten erhalten,
so wie halt eine "Besoffene" schreibe (Urk. 10/2 S. 4; Urk. 10/3 S. 4). In der Folge
habe sie sicherlich 20 Mal versucht, die Beschuldigte zu erreichen, weil C._
- 17 -
immer aggressiver geworden sei und er von ihr verlangt habe, sie solle die Be-
schuldigte jetzt holen. Nach der tätlichen Auseinandersetzung vor dem Lokal, in
welche C._ involviert gewesen sei, sei die Beschuldige dann aus dem Lokal
"I._" gekommen. Zuerst sei sie - die Beschuldigte - noch fröhlich gewesen.
Nach einem verbalen Streit mit ihrem Freund habe sie zu weinen begonnen und
immer wieder geschrien, dass sie nichts gemacht habe. Sie habe ihn (gemeint ist
C._) nicht betrogen. In der Folge habe die Beschuldigte nonstop geweint
(Urk. 10/2 S. 7; Urk. 10/3 S. 8). Sie habe die Beschuldigte dann im Zug von Zürich
nach F._ begleitet; dies weil die Beschuldigte so geweint und sie - B._ -
gedacht habe, sie könne die Beschuldigte in diesem Zustand nicht alleine nach
Hause fahren lassen. Auf der Zugfahrt habe die Beschuldigte ein Telefon von
C._ erhalten. Nach dem Telefongespräch habe die Beschuldigte, die immer
noch geweint habe, ihr mitgeteilt, dass ihr Freund ihr erzählt habe, dass er wegen
ihr jemanden umgebracht bzw. "abgestochen" habe. Er werde nun ins Ausland
gehen (Urk. 10/2 S. 7 f.; Urk. 10/3 S. 9). Später habe die Beschuldigte dann noch
ein weiteres Telefon von G._ erhalten. Über den Inhalt dieses Gesprächs
habe ihr die Beschuldigte nichts genaueres erzählt. Sie habe "bloss" etwas von
einem toten Kollegen erwähnt (Urk. 10/2 S. 8; Urk. 10/3 S. 9). Sie sei sich nicht
sicher, ob die Beschuldigte später nochmals mit C._ telefoniert habe oder
nicht (Urk. 10/2 S. 8).
Als Zeugin vor Vorinstanz befragt (Urk. 16) bestätigte B._ erneut, dass die
Beschuldigte auf der Zugfahrt von Zürich nach F._ zwei Telefonanrufe erhal-
ten habe, wobei sie sich an die Reihenfolge nicht mehr erinnern könne. Betreffend
den Zustand der Beschuldigten beim Telefongespräch mit ihrem Freund äusserte
sich die Zeugin wie folgt: "Also, sie hat hauptsächlich geweint. Dann hat sie mir,  sie aufgehängt hat gesagt, "er hat jemanden abgestochen" und "er ist tot". Das hat
sie ständig wiederholt. Das war so wirr. Seit sie das erfahren hat, hat sie ununterbrochen
geweint und wirres Zeug erzählt. Und das immer wieder wiederholt" (Urk. 16 S. 4 f.).
Am Folgetag habe sie - die Zeugin B._ - per WhatsApp Kontakt mit der Be-
schuldigten gehabt. Auf die Frage, in welcher Verfassung sich die Beschuldigte
damals befunden habe, entgegnete B._: "Es war gerade passiert und ich war selber nicht so ganz bei mir, weshalb sie nicht darauf geachtet habe, wie es der Beschul-
- 18 -
digen gehe" (Urk. 16 S. 6). Sie wisse auch nicht mehr - so B._ fortfahrend - ob
ihr die Beschuldigte am Sonntag oder Montag gesagt habe, dass sie mit C._
nochmals Kontakt gehabt habe. Sie wisse nicht mehr genau, was die Beschuldig-
te wann gesagt habe. Jedenfalls könne sie sich nicht daran erinnern, dass dieses
zweite Telefongespräch zwischen ihr und der Beschuldigten im Nachhinein
nochmals je thematisiert worden sei. Sie hätten einfach über diesen Abend ge-
sprochen, dass sie es nicht fassen könnten. Sie hätten auch lange nicht darüber
sprechen können, weil die Beschuldigte immer weinen musste (Urk. 16 S. 7).
7.1. Die Vorinstanz hat in ihrer Beweiswürdigung zu diesen Fragen (Geschehens-
ablauf, psychische Verfassung der Beschuldigten, Kontakte der Beteiligten) die in
der Untersuchung und an der vorinstanzlichen Hauptverhandlungen deponierten
Aussagen der Beschuldigten und der Zeugin B._ angeführt (Urk. 27 S. 10-
11), worauf verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO), und anschliessend zu-
sammengefasst erwogen, dass gemäss dem Grundsatz in dubio pro reo von der
Version der Beschuldigten auszugehen sei, nämlich dass ihr aufgrund der Ereig-
nisse um den 15. Juli 2012 und die dadurch hervorgerufene akute Belastungsstö-
rung die Erinnerung an das zweite Telefongespräch vom 15. Juli 2012, 15.31 Uhr,
gefehlt habe. Damit habe die Beschuldigte nicht wissentlich und willentlich den
Anruf anlässlich ihrer Zeugenbefragung vom 11. Dezember 2012 nicht erwähnt
(Urk. 27 S. 11 und S. 12).
7.2. Die Anklagebehörde beanstandet diese Beweiswürdigung im Berufungsver-
fahren. Sie hält fest, dass wohl davon ausgegangen werden könne, dass die Be-
schuldigte am frühen Morgen des 15. Juli 2012 alkoholisiert und nach dem ersten
Telefonat mit C._, welches sie auf dem Heimweg in Anwesenheit von
B._ im Zug geführt und bei dem sie vom Tötungsdelikt ihres Freundes erfah-
ren habe, schockiert gewesen sei. Wäre diese Alkoholisierung und dieser Schock
aber so heftig gewesen, wie von der Verteidigung behauptet, dann hätte sich die
Beschuldigte nicht nur an das zweite Telefonat ihres Freundes, sondern auch an
das erste nicht erinnern können. Dies gelte umso mehr, als zum einen der An-
fangsschock bekanntlich am grössten sei und zum andern davon ausgegangen
- 19 -
werden könne, dass die Beschuldigte nach ihrer Heimkehr keinen Alkohol mehr
getrunken habe (Urk. 28 S. 2 ).
Zudem argumentiert die Anklagebehörde, dass die Beschuldigte am 15. Juli 2012,
15.31 Uhr, aktiv das Telefon in die Hand genommen, die Natelnummer ihres
Freundes eingetippt und ihn von sich aus angerufen habe. Es habe sich dabei
nicht bloss um einen kurzen Anruf von wenigen Sekunden gehandelt. Das Ge-
spräch habe zweieinhalb Minuten gedauert. Dabei habe die Beschuldigte zwar
geweint, sei aber ansonsten allseits orientiert gewesen und habe sich situations-
und gesprächsadäquat geäussert. Von einem orientierungslosen Schockzustand
könne daher nicht die Rede sein (Urk. 28 S. 2 f.).
Ferner verweist die Anklägerin auf die Motivation der Beschuldigten. Sie habe das
betreffende Telefongespräch aus Liebe verschwiegen. Sie habe ihren Freund
damals schützen wollen (Urk. 28 S. 4).
8.1. Die vorstehend im Ergebnis zitierte Beweiswürdigung der Vorinstanz ist über-
zeugend und zu übernehmen.
In Betracht zu ziehen ist vorab, dass die Beschuldigte den Vorwurf des falschen
Zeugnisses grundsätzlich bestreitet bzw. geltend macht, sie könne sich an das
Telefongespräch vom 15. Juli 2012, 15.31 Uhr, nicht mehr erinnern, und damit
nicht in die Lage kommt, einen stattgefundenen Ablauf abweichend zu schildern.
Eine detaillierte Analyse ihrer Aussagen betreffend das fragliche Telefongespräch
ist damit obsolet. Ihre grundsätzliche Haltung erscheint immerhin als konstant und
kohärent. Die Beschuldigte bleibt bei ihrer Darstellung, ohne der Versuchung zu
erliegen, ihre Aussagen oder ihre Erklärungen dazu anzupassen, was ein Lügen-
signal wäre.
Zu berücksichtigen ist sodann, dass die Aussagen der Beschuldigten zu den Er-
eignissen vom 14. und 15. Juli 2012 als glaubhaft erscheinen. Die Aussagen der
Beschuldigten in den Einvernahmen vom 10. Oktober 2012 (Urk. 2) und 11. De-
zember 2012 (Urk. 3) enthalten zahlreiche Realitätskriterien. Andererseits lassen
sich keine Lügensignale erkennen. Die Sachverhaltsdarstellung betreffend den
- 20 -
Geschehensablauf sind lebensnah und erscheinen nicht angelernt. So schilderte
sie über die gesamten beiden Einvernahmen hinweg die verschiedenen Bege-
benheiten gleich und setzte sie zueinander widerspruchsfrei in Relation. Sie be-
richtete beispielweise gleichbleibend, dass sie und B._ beim Brautkleiderla-
den vis à vis des Festsaals des "I._" auf C._ und seinen Kollegen ge-
wartet hätten (Urk. 2 S. 5; Urk. 3 S. 4), dass sie ihre Gruppe später verlassen und
sich mit einem Kollegen vor dem Lokal unterhalten habe (Urk. 2 S. 6; Urk. 3 S. 5),
dass sie zwischendurch auf der Toilette im "I._" gewesen sei (Urk. 2 S. 6 ;
Urk. 3 S. 6) und dass sie nach dem Verlassen des Lokals dann ihren Freund
C._ getroffen habe, der ein blaues Auge gehabt habe (Urk. 2 S. 6; Urk. 3 S.
6). Die Beschuldigte bekundete anlässlich der Befragungen auch spontane ge-
fühlsmässige Reaktionen. Sie führte aus, dass sie geweint habe, als sie ihren
Freund mit dem blauen Auge gesehen habe (Urk. 2 S. 6). Von diesem Zeitpunkt
an habe sie auf dem Nachhauseweg fortwährend geweint; sie sei sehr aufgelöst
gewesen (Urk. 2 S. 9). Die Beschuldigte gab ferner auch zwiespältige Gefühle
preis. So ergänzte sie bei der Angabe, dass sie geweint habe, als sie das blaue
Auge von C._ gesehen habe, sie habe versucht zu ihm hinzugehen, sei dann
aber doch nicht gegangen, da C._ "hässig" war (Urk. 3 S. 6). Die Beschuldig-
te hatte mithin Angst vor der Reaktion ihres Freundes. Schliesslich ist auch fest-
zuhalten, dass die Beschuldigte in den Befragungen ohne Weiteres zugab, wenn
sie Erinnerungslücken hatte. Letztere betrafen nicht nur das Telefongespräch vom
15. Juli 2012, 15.31 Uhr, sondern auch verschiedene andere Begebenheiten. Zu-
sammenfassend ist festzuhalten, dass die Aussagen der Beschuldigten zu den
Ereignissen vom 14. und 15. Juli 2012 glaubhaft sind. Es bestehen keine An-
haltspunkte dafür, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hätte. Zudem werden die
Aussagen der Beschuldigten durch diejenigen der Zeugin B._ gestützt, was
die Erstinstanz zutreffend erwogen hat. Es kann vollumfänglich auf die entspre-
chenden Erwägungen verwiesen werden (Urk. 27 S. 11; Art. 82 Abs. 4 StPO).
8.2. Hinsichtlich der psychischen Verfassung der Beschuldigten in der Nacht vom
14. auf den 15. Juli 2012 sind damit folgende Faktoren zur berücksichtigen:
Die Beschuldigte war stark angetrunken. B._ führte hiezu plastisch aus, die
Beschuldigte habe im "I._" wie eine "Besoffene" auf ihre Mitteilungen per
- 21 -
WhatsApp geantwortet. Zudem hatte die Beschuldigte vor dem Lokal "I._"
einen heftigen Disput mit ihrem Freund C._, welcher ihr vorwarf, sie habe ihn
betrogen. Ihr Freund war zuvor überdies in eine tätliche Auseinandersetzung ver-
wickelt, aufgrund derer er ein blutunterlaufenes und geschwollenes Auge davon-
getragen hatte, was die Beschuldigte zusätzlich belastete. Aufgrund dieser Um-
stände weinte die Beschuldigte auf dem Weg zum Hauptbahnhof Zürich und wäh-
rend der Zugfahrt nach F._ nonstop. Per Telefonanruf musste die Beschul-
digte dann erfahren, dass ihr Freund eine Person umgebracht bzw. "abgesto-
chen" hat. Ebenso wurde ihr telefonisch mitgeteilt, dass es sich bei der getöteten
Person um einen ihrer Kollegen aus ... handelt. Daraufhin hat die Beschuldigte
ununterbrochen geweint und wirre Sachen erzählt.
8.3. Die Staatsanwaltschaft moniert, es sei nicht nachvollziehbar, weshalb sich
die Beschuldigte - unter der Annahme eines heftigen Schocks und einer starken
Alkoholisierung - zwar an das erste Telefongespräch mit ihrem Freund erinnern
könne, vom zweiten Telefongespräch mit ihrem Freund jedoch keine Kenntnis
haben wolle (Urk. 28. S. 2). Diese Kritik geht fehl. Dass die Beschuldigte das ers-
te Telefongespräch mit C._ und dasjenige mit ihrem Ex-Freund G._ auf
der Zugfahrt hat wahrnehmen können, bedeutet nicht, dass sie auch alles andere
wahrgenommen hat. Es ist notorisch, dass die menschliche Wahrnehmungsfähig-
keit begrenzt ist. Wenn vielerlei gleichzeitig geschieht oder eine Mehrzahl kurzzei-
tiger Vorgänge rasch hintereinander abläuft, dann ist es für eine Person nur schon
schwer zu erfassen, in welcher Reihenfolge die einzelnen Vorgänge sich ereignet
haben und was Ursache und was Wirkung war. Wegen des turbulenten Gesche-
hens kann er sogar die Übersicht verlieren. Hinzu kommt, dass Menschen, die in
ein - für sie selbst oder für andere - bedrohliches Ereignis involviert sind, in ihren
Wahrnehmungen oft eingeengt auf die eigentlich bedrohlichen Vorgänge sind.
Anderes, obwohl objektiv gut wahrnehmbar, kann unbeachtet geblieben oder sei-
ne Einprägung kann unterblieben sein. Der Einprägungsprozess ist bei Vorgän-
gen, die bei einer Person eine starke affektive Erregung ausgelöst haben, hoch-
gradig selektiv. Er beschränkt sich in erster Linie auf das, was die Person als un-
mittelbar bedrohlich erlebt hat, und dies war in casu die Nachricht, dass ihr
Freund einen ihr bekannten Kollegen umgebracht bzw. "abgestochen" hatte. Dass
- 22 -
die Beschuldigte vom brutalen Geschehensablauf stark berührt bzw. betroffen
war, ergibt sich daraus, dass sie während und nach dem fraglichen Telefonge-
spräch ununterbrochen geweint, ständig davon gesprochen hat, dass ihr Freund,
den sie liebte, "jemanden abgestochen habe" und "dieser nun tot sei" und "wirre"
Dinge erzählt hat. Nach Darstellung von B:_ habe die Beschuldigte nach
dem Telefon einige Minuten geweint und dann sei es wie aus ihr "herausgebro-
chen". Sie habe es gar nicht direkt zu ihr gesagt sondern wie so allgemein (Urk.
10/3 S. 9). Die Tötung des Kollegen durch den eigenen Freund, der drohende
(Beziehungs-)Verlust gehören wohl zu den schlimmsten Erfahrungen, die im Lau-
fe eines Lebens gemacht werden können. Hinzu kommt, dass die psychische Ver-
fassung der damals knapp 20-jährigen Beschuldigten aufgrund des vorgängigen
Alkoholkonsums und der Vorgänge vor dem Lokal "I._" (tätliche Auseinan-
dersetzung, Streit mit dem Freund) bereits erheblich angeschlagen war. Vor die-
sem Hintergrund erscheint es daher nachvollziehbar und plausibel, dass die Be-
schuldigte in eine emotionale Krisensituation geriet, in welcher sie nicht mehr in
der Lage war, den Geschehensablauf am 15. Juli 2012 nachhaltig wahrzuneh-
men. Daran vermag auch nichts zu ändern, dass die Beschuldigte nach der
Heimkehr keinen Alkohol mehr getrunken hat. Die Anklagebehörde übersieht zu-
dem, dass die fehlende Erinnerung aufgrund eines traumatischen Ereignisses re-
gelmässig keine fixen zeitlichen Grenzen kennt.
8.4. Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass die Beschuldigte trotz der behaup-
teten schweren Belastungsstörung von sich aus am 15. Juli 2012, 15.31 Uhr, ih-
ren Freund angerufen habe (Urk. 28 S. 2). Auch dieses Vorbringen erweist sich
nicht als zielführend. Gesteht man der Beschuldigten aufgrund des traumatischen
Ereignisses (Tötung eine Menschen) eine akute Belastungssituation und damit
einhergehend eine fehlende Erinnerung zu, dann spielt es auch keine Rolle, ob
die Beschuldigte aktiv Kontakt mit ihrem Freund aufgenommen hat. Richtig ist
zwar, dass das Gespräch rund zweieinhalb Minuten gedauert hat. In dieser Zeit
hat die Beschuldigte indes nur gerade 18 Worte gesprochen und ihre Antworten
waren mehrheitlich stereotyp und erschöpften sich in nichtssagenden Formulie-
rungen wie beispielsweise "Hey", "Wieso", "Hm", "Ja, hm". "Isch guet" usw. (vgl.
- 23 -
Urk. 5). Einen eigenen Gesprächsbeitrag hat die Beschuldigte nicht geleistet; sie
hat sich völlig passiv verhalten (vgl. Urk. S. 5).
8.5. Die Staatsanwaltschaft hält ferner dafür, dass die Beschuldigte das besagte
Telefongespräch aus Liebe zu ihrem Freund verschwiegen habe; sie habe ihn
schützen wollen (Urk. 28 S. 4). Die Argumentation der Anklagebehörde überzeugt
nicht. Richtig ist, dass die Beschuldigte C._ geliebt hat. Es ist jedoch nicht
ersichtlich, weshalb die Beschuldige das zweite Telefongespräch nicht hätte zu-
geben sollen, wenn sie sich tatsächlich daran erinnert hätte. Sie hätte ohne weite-
res angeben können, sie habe nachträglich noch ein zweites Mal mit ihrem
Freund telefoniert, könne sich aber - wie bezüglich des ersten Telefongesprächs -
nicht an den konkreten Inhalt des Gesprächs erinnern. Zudem ist nicht einsehbar,
welchem konkreten Zweck ein Verschweigen des betreffenden Gesprächs bei der
Polizei und der Staatsanwaltschaft vom 10. Oktober 2012 (act. 2) und 11. De-
zember 2012 (act. 3) überhaupt noch hätte dienen sollen. Inhalt des zweiten Tele-
fongesprächs war im Wesentlichen, dass C._ seine Tat eingestand, wobei er
diese nicht bereute ("Ich bereus nöd, dass ich die abgstoche han, gar nöd"), und
er der Beschuldigten erzählte, dass er ins Ausland geflüchtet sei ("wänn ich i
d'Schwiz chum") (Urk. 5). Im Zeitpunkt der ersten Befragung der Beschuldigten
durch die Polizei am 10. Oktober 2012 (Urk. 2) war C._ bereits verhaftet. Aus
den Medienberichten von Ende Juli 2012 war bekannt, dass er in ... [Land] fest-
genommen wurde (Urk. 2 S. 12; Urk. 19/1); ebenso, dass er der mutmassliche
Täter ist (Urk. 19/1). Im Zusammenhang mit der Täterschaft hat die Beschuldigte
bereits in der Befragung vom 10. Oktober 2012 gegenüber der Polizei erwähnt,
dass sie auf der Zugfahrt von Zürich nach F._ einen Telefonanruf ihres
Freundes erhalten habe, wobei sie den Inhalt des Gespräches aufgrund ihres Zu-
standes jedoch nicht mitbekommen habe (Urk. 2 S. 11). Dies erklärte die Be-
schuldigte, nachdem ihr vom einvernehmenden Polizeibeamten explizit vorgehal-
ten wurde, dass sich am 15. Juli 2012, ca. 04.00 Uhr, vor dem Klub "I._" ein
Tötungsdelikt zum Nachteil von +D._ ereignet habe. Weiter sei dabei auch
dessen Bruder E._ verletzt worden. Beim Täter - so der Polizeibeamte fort-
fahrend - habe es sich um C._ gehandelt (Urk. 2 S. 3). Überdies gab
B._ anlässlich ihrer Einvernahme vom 25. Oktober 2012 zu Protokoll, dass
- 24 -
ihr die Beschuldigte unmittelbar nach dem Telefongespräch auf der Zugfahrt mit-
geteilt habe, dass C._ ihr erzählt habe, er habe jemanden umgebracht. Dar-
aus erhellt nun aber, dass der Untersuchungsbehörde im Zeitpunkt der polizeili-
chen Befragung der Beschuldigten am 10. Oktober 2012, spätestens aber seit
Ende Oktober 2012, mithin rund eineinhalb Monate vor der untersuchungsrichter-
lichen Einvernahme der Beschuldigen vom 11. Dezember 2012, die relevanten
Umstände (Täterschaft, Flucht ins Ausland), die Gegenstand des zweiten Tele-
fongesprächs waren, bereits bekannt waren. Vor diesem Hintergrund vermag die
Folgerung der Staatsanwaltschaft, die Beschuldigte habe mit ihrem Verhalten
C._ "schützen wollen" (wovor denn?) nicht zu überzeugen.
9. Im Lichte all dieser Erwägungen besteht kein ausreichender Beweis für eine
vorsätzliche Falschaussage der Beschuldigten. Bei dieser Sachlage ist die Be-
schuldigte nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" freizusprechen.
V. Kosten und Entschädigung
1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind sowohl die Kosten der Untersuchung
als auch diejenigen des erstinstanzlichen Gerichtsverfahrens auf die Gerichtskas-
se zu nehmen.
Die Staatsanwaltschaft unterliegt mit ihrer selbständigen Berufung vollumfänglich.
Demgemäss sind die Kosten des Berufungsverfahrens auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
2.1. Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen, so hat sie
Anspruch auf Entschädigung ihrer Aufwendungen für die angemessene Aus-
übung ihrer Verfahrensrechte (Art. 436 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 429 Abs. 1
lit. a StPO).
2.2. Mit Eingabe vom 16. Oktober 2013 (Urk. 35/1-2) reichte die Verteidigung ihre
Honorarnote ein. Für das Jahr 2012 macht sie einen Aufwand von vier Stunden
für das Untersuchungsverfahren geltend. Aus dem eingereichten Leistungsjournal
- 25 -
für das Jahr 2013 ergibt sich sodann ein Stundenaufwand von gesamthaft
43 Stunden und 25 Minuten. Nach Darlegung der Verteidigung entfallen dabei
32 Stunden und 10 Minuten für die Einsprache gegen den Strafbefehl und das
erstinstanzliche Verfahren. Die restlichen Stunden (11 Stunden und 15 Minuten)
würden das Berufungsverfahren betreffen; nicht eingerechnet sei der Aufwand für
das Berufungsverfahren. Der Stundenansatz beziffere sich auf CHF 350.--, zu-
züglich 7.6% bzw. 8% Mehrwertsteuer (vgl. auch Urk. 37 S. 5 f.).
3.1. Vorliegend ist die frei gewählte Verteidigung zu entschädigen. Festzuhalten
ist, dass die Prozessentschädigung eines Beschuldigten für erbetene Verteidi-
gung im Falle eines Freispruchs trotz des Anspruchs auf volle Entschädigung
nicht ohne Weiteres der Höhe des von diesem tatsächlich geschuldeten Anwalts-
honorars entspricht, da die Entschädigung grundsätzlich nach der Anwaltsgebüh-
renverordnung (AnwGebV) zu bestimmen ist. Die Festsetzung erfolgt unabhängig
davon, ob es sich um einen amtlichen oder einen erbetenen Verteidiger handelt.
Die Honorarrechnung ist vielmehr auf ihre Angemessenheit hin zu überprüfen (ZR
111 Nr. 16).
Bei der Festsetzung des Honorars des Verteidigers ist primär zu unterscheiden,
ob es sich vorliegend um ein so genanntes einfaches Standardverfahren handelt
oder nicht. Dies beurteilt sich nach folgenden Kriterien: Aktenumfang, Komplexität
und Schwierigkeit des Falles (sowohl in tatsächlicher als auch rechtlicher Hin-
sicht), Bedeutung des Verfahrens für die betroffene Person und Anzahl der ange-
klagten Delikte (ZR 111 Nr. 16 und dortige Hinweise zur Judikatur).
3.2. Der Aktenumfang ist vorliegend als durchschnittlich zu bezeichnen. Bezüglich
des angeklagten Sachverhaltes war die Beschuldigte nicht geständig. Strittig war
einzig, ob die Beschuldigte das zweite Telefongespräch mit ihrem Freund wis-
sentlich und willentlich verschwiegen hat. Es ging im Wesentlichen um die Be-
weiswürdigung. Die sich stellenden rechtlichen und tatsächlichen Fragen waren
für einen Rechtsanwalt nicht besonders komplex. Dass der Fall nicht besonders
komplex ist, zeigt sich auch im Umfang des Urteils. Zur Anklage kam "lediglich"
ein Delikt. Allerdings hat das Verfahren für die Beschuldigte erhebliche Bedeutung
und belastet diese sehr. Seit dem 17. Juni 2013 ist sie im Psychiatriezentrum
- 26 -
J._ in Behandlung (Urk. 35/3-4). In Würdigung dieser Umstände handelt es
sich beim vorliegenden Verfahren sowohl in qualitativer als auch quantitativer
Hinsicht nicht um ein besonders schwieriges und aufwändiges Verfahren, sondern
um ein Standardverfahren, weshalb bei der Bemessung der Entschädigung für
den erbetenen Verteidiger von den in der Anwaltsgebührenverordnung angeführ-
ten Ansätzen auszugehen ist.
4.1. Gemäss § 1 Abs. 2 AnwGebV setzt sich die Entschädigung aus der Gebühr
und den notwendigen Auslagen zusammen. Die Gebühr für die Führung eines
Strafprozesses (einschliesslich Vorbereitung des Parteivortrages und Teilnahme
an der Hauptverhandlung) beträgt im Bereich der Zuständigkeit des Einzelgerichts
- auch im Berufungsverfahren - in der Regel CHF 600.-- bis CHF 8'000.-- wobei
auch zu berücksichtigen ist, ob das Urteil ganz oder nur teilweise angefochten
wurde (§ 18 Abs. 1 in Verbindung mit § 17 Abs. 1 lit. a AnwGebV). Innerhalb die-
ses Rahmens wird die Grundgebühr nach den besonderen Umständen, nament-
lich etwa nach Art und Umfang der Bemühungen und Schwierigkeiten des Falles,
bemessen.
4.2 Vorliegend erscheint es angemessen, der Beschuldigten insgesamt, für an-
waltliche Verteidigung im Untersuchungs-, erst- und zweitinstanzlichen Gerichts-
verfahren, eine Prozessentschädigung von Fr. 12'000.-- (inkl. Mehrwertsteuer)
aus der Gerichtskasse zuzusprechen. Da von einem einfachen Standardfall aus-
zugehen und deshalb das Honorar als Pauschalbetrag auszurichten ist, erübrigen
sich grundsätzliche Ausführungen zur eingereichten Honorarnote und insbeson-
dere zur Höhe des Stundenansatzes.