Decision ID: 512468a2-58f2-4d0b-96fa-14a18202cdae
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X arbeitet als Lastwagenchauffeur und besitzt den Führerausweis der Kategorien B,
C, BE und Unterkategorien D1 und D1E (jeweils seit 19. Juni 1991), CE (seit 30. März
1992) sowie A (seit 26. September 2014). Am 26. Juni 2018 lenkte er auf der Autobahn
bei Wallisellen einen Sattelschlepper mit Auflieger und verursachte bei einer
Geschwindigkeit von ca. 20 km/h zweimal eine leichte Auffahrkollision mit dem vor ihm
fahrenden Personenwagen. An beiden Fahrzeugen entstand geringer Sachschaden.
Die Lenkerin des betroffenen Personenwagens ging zum Arzt und wurde drei Tage
arbeitsunfähig geschrieben. X, der nach eigenen Angaben nichts von den Kollisionen
gemerkt habe, fuhr weiter. Am 2. Juli 2018 lenkte X auf der Autobahn bei Wängi den
gleichen Sattelschlepper mit Auflieger und geriet während des Schreibens einer SMS-
Nachricht mit dem Fahrzeug etwa zwei Meter auf den Pannenstreifen.
B.- Am 12. November 2018 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des
Kantons St. Gallen (nachfolgend: Strassenverkehrsamt) gegenüber X ein
Administrativmassnahmeverfahren und gab ihm Gelegenheit, zum beabsichtigten
Führeraus-weisentzug für die Dauer eines Monats Stellung zu nehmen. Dieser liess die
Frist zur Stellungnahme unbenutzt verstreichen, worauf ihm das Strassenverkehrsamt
mit Verfügung vom 9. Januar 2019 den Führerausweis für die Dauer eines Monats
zufolge zweier mittelschwerer Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften entzog. Nachdem X die eingeschriebene Postsendung
nicht abgeholt hatte, erfolgte am 24. Januar 2019 eine zweite Zustellung per A-Post.
C.- Gegen die Entzugsverfügung vom 9. Januar 2019 erhob X am 31. Januar 2019
(Datum der Postaufgabe) Rekurs beim Strassenverkehrsamt, das den Rekurs
zuständigkeitshalber der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK)
übermittelte. Er beantragt sinngemäss, die Verfügung des Strassenverkehrsamts sei
aufzuheben und es sei von einem Führerausweisentzug abzusehen. Auf die

Ausführungen im Rekurs wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz verzichtete am 1. März 2019 auf eine Vernehmlassung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.- Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Frauenfeld vom 16. August 2018 wurde X
wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln infolge Vornahme einer Verrichtung,
welche die Bedienung des Fahrzeugs erschwert, zu einer Busse von Fr. 300.– verurteilt.
Am 29. Oktober 2019 sprach das Statthalteramt Bezirk Bülach gegen X eine Busse von
Fr. 200.– wegen einfacher Verkehrsregelverletzung infolge ungenügender
Aufmerksamkeit aus. Beide Strafbefehle erwuchsen unangefochten in Rechtskraft.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 31. Januar 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden. Aufgrund der Zustellfiktion
begann die Rechtsmittelfrist am 18. Januar 2019 zu laufen. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- a) Nach ständiger Rechtsprechung darf die Verwaltungsbehörde von den
tatsächlichen Feststellungen im Strafurteil nur abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt
und ihrem Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren oder die er
nicht beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu einem
anderen Entscheid führt, oder wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter den
feststehenden Tatsachen klar widerspricht (hat sie hingegen keine zusätzlichen
Beweise erhoben, hat sie sich grundsätzlich an die Würdigung des Strafrichters zu
halten) oder schliesslich wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den
Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat, insbesondere die Verletzung
bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103 E. 1c). Die
Verwaltungsbehörde hat vor allem dann auf die Tatsachen im Strafurteil abzustellen,
wenn dieses im ordentlichen Verfahren ergangen ist. Die Bindungswirkung an die
Sachverhaltsdarstellung besteht aber auch dann, wenn die Strafsache mit einem
Strafbefehl erledigt wurde, welcher sich ausschliesslich auf den Polizeirapport stützt,
sofern der Betroffene wusste oder angesichts der Schwere der ihm angelasteten
Übertretung voraussehen musste, dass gegen ihn auch ein Verfahren wegen
Führerausweisentzugs eingeleitet wird oder er darüber informiert worden ist, und er es
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Rahmen des summarischen Strafverfahrens unterlassen hat, seine
Verteidigungsrechte wahrzunehmen. Unter diesen Umständen darf er nicht das
Verwaltungsverfahren abwarten, um allfällige Rügen vorzubringen und Beweisanträge
zu stellen (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_476/2014 vom 29. Mai 2015 E. 2.3;
BGE 123 II 97 E. 3c/aa).
b) In tatsächlicher Hinsicht bestreitet der Rekurrent nicht, am 26. Juni 2018 auf der
Autobahn bei Wallisellen einen vor ihm im stockenden Kolonnenverkehr fahrenden
Personenwagen touchiert zu haben. Er macht jedoch geltend, es sei nur eine
Auffahrkollision und nicht deren zwei gewesen. Gemäss Sachverhaltsbeschreibung im
rechtskräftigen Strafbefehl des Statthalteramts Bezirk Bülach vom 29. Oktober 2019
kollidierte der Rekurrent am 26. Juni 2018 auf der Autobahn A1 mit einem
Sattelschlepper zweimal mit dem Heck eines vor ihm herfahrenden Personenwagens
(act. 16). Von diesem Sachverhalt ist im Administrativmassnahmeverfahren
auszugehen.
Der Rekurrent bestreitet überdies nicht, dass er am 2. Juli 2018 während der Fahrt auf
der Autobahn sein Handy bediente, um eine Nachricht zu schreiben, und in der Folge
mit dem Sattelschlepper samt Auflieger mit einer Breite von ca. zwei Metern auf den
Pannenstreifen geriet (act. 20/1). Dieser Sachverhalt liegt auch dem rechtskräftigen
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Frauenfeld vom 16. August 2018 zugrunde. Der
Vorgang vom 2. Juli 2018 bildet somit in tatsächlicher Hinsicht ebenfalls Grundlage des
vorliegenden Verfahrens.
3.- a) Bei der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts ist die Verwaltungsbehörde
grundsätzlich nicht an das Strafurteil gebunden. Eine Ausnahme besteht dann, wenn
die rechtliche Beurteilung sehr stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, die
der Strafrichter besser kennt als die Verwaltung, etwa, wenn er den Beschuldigten
persönlich einvernommen hat (BGE 119 Ib 158 E. 3c und 136 II 447 E. 3.1). Die
Verwaltungsbehörde hat aber auch dabei den Grundsatz der Vermeidung
widersprüchlicher Urteile gebührend zu berücksichtigen (BGer 1C_413/2014 vom
30. März 2015 E. 2.2 mit Hinweis auf 1C_424/2012 vom 15. Januar 2013 E. 2.3 sowie
1C_746/2013 vom 12. Dezember 2013 E. 3.4; vgl. auch Entscheid der VRK [VRKE]
IV-2016/2 vom 4. Juli 2016 E. 3b, im Internet abrufbar unter: www.sg.sch/recht/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gerichte und dort unter Rechtsprechung). Eine Einvernahme des Rekurrenten durch
den Strafrichter fand nicht statt, weshalb in rechtlicher Hinsicht keine Bindung der
Verwaltungsbehörde an die strafrechtliche Qualifikation besteht.
Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem OBG ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis
entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen
leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen
(Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei
nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Nach der Rechtsprechung
müssen beide Voraussetzungen kumulativ gegeben sein (BGE 135 II 138 E. 2.2.3). Ist
die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche Gefahr für die
Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die Widerhandlung
schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Sie stellt einen Auffangtatbestand dar
und liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten Widerhandlung
und nicht alle qualifizierenden Elemente einer schweren Widerhandlung gegeben sind
(BGE 135 III 138 E. 2.2.2).
Der Führer eines Fahrzeugs muss dieses ständig so beherrschen, dass er seinen
Vorsichtspflichten nachkommen kann (Art. 31 Abs. 1 SVG). Er hat dafür zu sorgen,
dass er weder durch die Ladung noch auf andere Weise behindert wird (Art. 31 Abs. 3
SVG), muss seine Aufmerksamkeit der Strasse und dem Verkehr zuwenden und darf
beim Fahren keine Verrichtungen vornehmen, die die Bedienung des Fahrzeugs
erschweren. Weiter darf seine Aufmerksamkeit nicht durch Tonwiedergabegeräte sowie
Kommunikations- und Informationssysteme beeinträchtigt werden (Art. 3 Abs. 1 der
Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt: VRV). Er muss das Lenkrad
mindestens mit einer Hand halten (Art. 3 Abs. 3 VRV) und hat so die andere Hand,
wenn sie nicht zum Lenken benötigt wird, für Handgriffe wie die Betätigung der
Warnsignale, der Richtungsanzeiger, des Schalthebels, der Scheibenwischer oder des
Lichtschalters zur Verfügung. Ob eine Verrichtung das Lenken oder einen dieser
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Handgriffe erschwert oder verunmöglicht, ist abhängig von der Art der Verrichtung,
dem Fahrzeug und der Verkehrssituation. Dauert eine Verrichtung nur kurz und muss
dabei weder der Blick vom Verkehr abgewandt noch die Körperhaltung abgeändert
werden, so liegt in der Regel keine Erschwerung der Fahrzeugbedienung vor. Ist die
Verrichtung jedoch von längerer Dauer oder erschwert sie in anderer Weise die
nötigenfalls sofortige Verfügbarkeit der sich nicht am Lenkrad befindlichen Hand, so ist
die Fahrzeugbedienung in unzulässiger Weise behindert (vgl. BGE 120 IV 63 E. 2d;
BGer 6P.68/2006 vom 6. September 2006 E. 3.2). Der Fahrzeuglenker ist verpflichtet
dorthin zu schauen, wo er hinfährt (BGer 6B_184/2011 vom 24. Mai 2011 E. 1.4.1).
Gleichzeitig darf er aber nicht einfach geradeaus schauen, sondern hat den Blick
schweifen zu lassen (BGer 6B_867/2009 vom 3. Dezember 2009 E. 5.4). Wer ein
Fahrzeug lenkt, hat beim Hintereinanderfahren einen ausreichenden Abstand zu
wahren, so dass er auch bei überraschendem Bremsen des voranfahrenden Fahrzeugs
rechtzeitig halten kann (Art. 34 Abs. 4 SVG).
b) Die Vorinstanz stufte sowohl die Auffahrkollisionen am 26. Juni 2018 als auch das
Fehlverhalten am 2. Juli 2018 als mittelschwere Fälle gemäss Art. 16b Abs. 1 SVG ein.
Zur Begründung wird in der angefochtenen Verfügung ausgeführt, der Rekurrent habe
einerseits schuldhaft einen Verkehrsunfall verursacht und dabei die Verkehrsteilnehmer
konkret gefährdet. Andererseits habe der Rekurrent am 2. Juli 2018 durch das
Schreiben einer SMS-Nachricht schuldhaft eine erhöhte abstrakte Gefährdung für
andere Verkehrsteilnehmer geschaffen.
Gegen die Qualifikation des Verhaltens als mittelschwere Widerhandlung bringt der
Rekurrent im Wesentlichen vor, die Lenkerin des Personenwagens, welche von den
Auffahrkollisionen am 26. Juni 2018 betroffen war, habe das (strafrechtliche) Verfahren
zurückgezogen. In Bezug auf den Vorfall am 2. Juli 2018 habe keine konkrete Gefahr
für den Rekurrenten selbst oder andere Verkehrsteilnehmer bestanden. Weiter macht
der Rekurrent geltend, er sei als Chauffeur sehr dringend auf seinen Führerausweis
angewiesen, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.
c) Die Bestimmungen von Art. 16a bis 16c SVG ordnen der Gefährdung der Sicherheit
allgemein eine wesentliche und eigenständige Bedeutung zu. Der Gesetzgeber misst
dem Gesichtspunkt der Verkehrsgefährdung bewusst ein höheres Gewicht bei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Insbesondere verselbstständigte er das Recht des Warnungsentzugs und verschärfte
die Massnahmen in Hinblick auf die Erhöhung der Verkehrssicherheit (BGer
1C_267/2010 vom 14. September 2010 E. 3.4).
Eine Gefahr für die Sicherheit anderer liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer
Person entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird zwischen der einfachen und der erhöhten abstrakten
Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahme nach sich (vgl.
Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann auszugehen, wenn
keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten betroffen werden können.
Führte dies hingegen zur Verletzung eines Rechtsguts oder einer konkreten bzw. einer
erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen Integrität, hat dies eine
Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete
Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten, tatsächlich daherkommenden
Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die Gefahr einer Körperverletzung
oder gar Tötung bestand (J. Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12).
Ob eine konkrete, eine erhöhte abstrakte oder eine abstrakte Gefährdung geschaffen
worden ist, kann nicht aufgrund der blossen Feststellung einer Verkehrsregelverletzung
beurteilt werden, sondern hängt von der konkreten Situation ab, in welcher sie
begangen wird (BGer 1C_267/2010 vom 14. September 2010 E. 3.2 sowie
1C_266/2014 vom 17. Februar 2015 E. 3.4 mit Hinweisen).
Es ist unbestritten und belegt, dass der Rekurrent am 26. Juni 2018 wegen
Unaufmerksamkeit und Nichtwahrung eines ausreichenden Abstands zweimal in das
Heck des Personenwagens vor ihm fuhr. Gemäss Polizeirapport vom 12. Juli 2018 erlitt
die Lenkerin des Personenwagens bei den Kollisionen mit dem Lastwagen des
Rekurrenten ein leichtes Schleudertrauma. Da die Strassenverkehrsgesetzgebung die
körperliche Integrität und die Gesundheit anderer Personen schützt, genügt jede
Gefährdung, welche eine Beeinträchtigung der Gesundheit nach sich ziehen kann. Eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verletzung dieser Rechtsgüter muss deshalb nicht die Schwelle einer Körperverletzung
im Sinn des Strafrechts erreichen (vgl. GVP 2006 Nr. 29). Durch die
Verkehrsregelverletzung des Rekurrenten blieb es nicht bei einer abstrakten
Gefährdung. Mit den Auffahrkollisionen konkretisierte sich die Gefahr, und es zeigte
sich, dass das Verhalten des Rekurrenten jedenfalls geeignet war, andere Personen zu
verletzen. Es kann daher nicht mehr von einem Bagatellfall bzw. einer geringen Gefahr
im Sinn von Art. 16a SVG gesprochen werden. Das Bundesgericht qualifizierte eine
durch einen Lastwagenfahrer verursachte Auffahrkollision – selbst ohne verletzte
Personen – als mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG, da ein
Lastwagen wegen des grossen Betriebsgewichts und der senkrechten Fahrzeugfront
eine erhöhte Gefährdung darstellt und die Kollision mit einem schwächeren
Verkehrsteilnehmer aufgrund der physikalischen Gesetze zu dessen Ungunsten
ausgeht (vgl. BGE 135 II 138 E. 2.3). Dass die Lenkerin des Personenwagens auf einen
Strafantrag verzichtete, ändert am Ergebnis nichts, weil ein Warnungsentzug nicht eine
strafrechtliche Verurteilung wegen eines Delikts gegen Leib und Leben voraussetzt.
Dementsprechend liegt in Bezug auf den Vorfall vom 26. Juni 2018 unabhängig vom
Grad des Verschuldens ein mittelschwerer Fall gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG vor.
Am 2. Juli 2018 lenkte der Rekurrent denselben Lastwagen auf der Autobahn bei
Wängi, als er beim Schreiben einer SMS mit seinem Fahrzeug etwa zwei Meter auf den
Pannenstreifen geriet. Der Rekurrent widmete der Strasse in dem fraglichen Abschnitt
keine genügende Aufmerksamkeit, sondern war durch sein Mobiltelefon abgelenkt.
Zudem war die sofortige Verfügbarkeit der Hand, die das Mobiltelefon hielt, nicht
gegeben. Die Ausführung der für die Erfüllung der Vorsichtspflichten unter
entsprechenden Umständen unerlässlichen Verrichtungen war damit erschwert. Somit
verletzte der Rekurrent Art. 31 Abs. 1 SVG und Art. 3 Abs. 2 VRV. Dadurch schuf er
eine Gefahr im Sinne einer erhöhten abstrakten Gefährdung für andere
Verkehrsteilnehmer. Auch hier muss der Tatsache, dass ein Lastwagen wegen des
grossen Betriebsgewichts prinzipiell eine erhöhte Gefährdung für andere (schwächere)
Verkehrsteilnehmer darstellt, Rechnung getragen werden. Zudem war der Rekurrent
auf der Autobahn mit einer hohen Geschwindigkeit unterwegs und ein Schwenker von
etwa zwei Metern abseits der eigenen Fahrspur könnte in einer anderen
Verkehrskonstellation gravierende Folgen haben. Dementsprechend ist auch in Bezug
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf den zweiten Fall vom 2. Juli 2018 unabhängig vom Grad des Verschuldens von
einer mittelschweren Widerhandlung gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG auszugehen.
d) Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz die Verkehrsregelverletzungen
des Rekurrenten zu Recht als mittelschwere Widerhandlungen gegen das
Strassenverkehrsgesetz qualifizierte und den Führerausweis gestützt auf Art. 16b
Abs. 1 lit. a SVG entzog.
4.- Zu prüfen bleibt die Dauer des Entzugs des Führerausweises.
a) Gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder
Führerausweisentzugs die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die
Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen;
die Mindestentzugsdauer darf nicht unterschritten werden. Mit dem Verbot der
Unterschreitung der gesetzlichen Mindestentzugsdauer gemäss Art. 16 Abs. 3 letzter
Satz SVG bezweckte der Gesetzgeber "eine einheitlichere und strengere Ahndung von
schweren und wiederholten Widerhandlungen gegen
Strassenverkehrsvorschriften" (Botschaft vom 31. März 1999 zur Änderung des
Strassenverkehrsgesetzes, BBl 1999 4485; vgl. dazu auch BGE 132 II 234 E. 3.2 für
einen selbständig erwerbenden Taxichauffeur und Ph. Weissenberger, Kommentar
SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 16 SVG N 33). Nach einer mittelschweren
Widerhandlung wird der Führerausweis für mindestens einen Monat entzogen (Art. 16b
Abs. 2 lit. a SVG).
Hat der fehlbare Fahrzeuglenker durch eine oder mehrere Handlungen mehrere
Entzugsgründe gesetzt, ist nicht für jeden Entzugsgrund die Entzugsdauer gesondert
zu berechnen. Vielmehr ist gemäss analoger Anwendung von Art. 49 Abs. 1 des
Strafgesetzbuches (SR 311.0) von der schwersten Verfehlung unter Beachtung der
dafür vorgesehenen gesetzlichen Mindestentzugsdauer auszugehen. Die weiteren
gesetzlichen Entzugsgründe sind entsprechend der objektiven Tatschwere und dem
Verschulden obligatorisch sanktionserhöhend zu gewichten (Weissenberger, a.a.O.,
Vorbemerkungen zu Art. 16a bis c SVG N 12, mit Hinweis auf BGE 116 IV 300 und BGE
103 IV 225).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
b) Die Tatmehrheit wirkt sich, wie die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zu
Recht festhält, erhöhend auf die Entzugsdauer aus. Der Rekurrent ist aufgrund seiner
beruflichen Tätigkeit als Lastwagenchauffeur indessen stärker betroffen, als es bei den
Nachteilen, die ein Führerausweisentzug mit sich bringt, gewöhnlich der Fall ist,
weshalb von einer erhöhten Massnahmeempfindlichkeit auszugehen ist. Die Vorinstanz
hat mit dem Entzug des Führerausweises für einen Monat die Mindestentzugsdauer
verfügt. Eine Unterschreitung derselben ist, wie zuvor dargelegt, ausgeschlossen. Die
angefochtene Verfügung ist dementsprechend auch hinsichtlich der Entzugsdauer
nicht zu beanstanden. Der Rekurs ist folglich abzuweisen.
5.- Die Vorinstanz ordnete in Ziffer 2 der angefochtenen Verfügung an, dass der
Rekurrent den Führerausweis und allfällige vorhandene weitere Ausweise bis
spätestens am 9. April 2019 abzugeben habe. Hierbei handelt es sich um eine
vollstreckungsrechtliche Anordnung, die separat verfügt werden müsste. Darauf ist
nicht weiter einzugehen, denn der Abgabetermin (9. April 2019) ist bereits vorüber,
weshalb besagte Anordnung zufolge Gegenstandslosigkeit aufzuheben ist. Die
Vorinstanz wird einen neuen Abgabetermin festlegen müssen. Allerdings hätte Ziffer 2
der angefochtenen Verfügung aufgehoben werden müssen, wenn die Abgabefrist nicht
bereits abgelaufen wäre. Dies ist bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen.
6.- Die Kosten des Rekursverfahrens haben die Parteien nach Massgabe ihres
Obsiegens und Unterliegens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Sie sind dem Rekurrenten
zu vier Fünfteln und dem Staat zu einem Fünftel aufzuerlegen. Denn einerseits
unterliegt der Rekurrent in der Hauptsache und andererseits hat die Vorinstanz die
materielle Verfügung (Führerausweisentzug) in unzulässiger Weise mit einer
Vollzugsanordnung (Abgabetermin des Ausweises) kombiniert. Eine Entscheidgebühr
von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist mit
dem Kostenanteil des Rekurrenten (Fr. 960.–) zu verrechnen. Der Restbetrag des
Kostenvorschusses von Fr. 240.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.
Entscheid auf dem Zirkulationsweg (Art. 58 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 3
VRP und Art. 8 Abs. 1 lit. b des Reglements über den Geschäftsgang der
Verwaltungsrekurskommission, sGS 941.223):
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. Die Ziffer 2 der Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 9. Januar 2019 (Zeitpunkt
der Abgabe des Führerausweises) wird zufolge Gegenstandslosigkeit aufgehoben.
Im Übrigen wird der Rekurs abgewiesen.
2. Die amtlichen Kosten von Fr. 1'200.– werden dem Rekurrenten zu vier Fünfteln und
dem Staat zu einem Fünftel auferlegt. Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– wird mit
dem Kostenanteil des Rekurrenten von Fr. 960.– verrechnet und im Restbetrag von
Fr. 240.– zurückerstattet.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Verwaltungsrekurskommission, 26.03.2020 Art. 16 Abs. 3, Art. 16b Abs. 1 lit. a, Art. 31 Abs. 1 und 3, Art. 34 Abs. 4 SVG (SR 741.01), Art. 3 Abs. 1 und 3 VRV (SR 741.11). Der Rekurrent verursachte mit einem Sattelschlepper samt Auflieger im stockenden Kolonnenverkehr bei geringer Geschwindigkeit kurz hintereinander zwei Auffahrkollisionen und geriet auf der Autobahn zudem mit dem gleichen Fahrzeug etwa zwei Meter auf den Pannenstreifen, als er eine SMS schrieb. Beide Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften sind mittelschwer. Bestätigung des einmonatigen Führerausweisentzugs unter Berücksichtigung der erhöhten Sanktionsempfindlichkeit (Verwaltungsrekurskommission, Abteilung IV, 26. März 2020, IV-2019/17).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte