Decision ID: 3b8359ba-24ed-4dc0-aef3-2422dbf6049c
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren am 21. Juni 1958, meldete sich am 6. April 2021 (Eingangs
datum)
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse,
zum Bezug der Altersrente an, wobei er angab, dass er die Rente zwei Jahre vor
beziehen möchte (Urk. 6/37). In diesem Zusammenhang wurde das vom Versi
cherten unterschriebene Formular «Gesuch um Drittauszahlung von Leistungen der AHV/IV/EO/EL/FZ» zu den Akten gereicht (Urk. 6/38). Mit Verfügung vom 24. Juni 2021 gewährte die Ausgleichskasse dem Versicherten eine Altersrente mit zwei Jahren
Vorbezug
mit Wirkung ab 1. Juli 2021, wobei sie angab, die Rente im Zuge einer Drittauszahlung an die Gemeinde
Y._
auszu
bezahlen (Urk. 6/49). Die vom Versicherten am 28. Juni 2021 dagegen erhobene Einsprache (Urk. 6/52) wies die Ausgleichskasse mit
Einspracheentscheid
vom 6. Juli 2021 ab (Urk. 6/57 = Urk. 2). In der Folge gelangte der Versicherte mit Schreiben vom 30. Juli 2021 an die Ausgleichskasse und erklärte, dass er nicht darüber informiert worden sei, dass das von ihm unterschriebene Formular auf «Drittauszahlung» gelautet habe. Andernfalls hätte er es nicht unterschrieben (Urk. 6/63).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 6. Juli 2021 erhob
X._
am 4. August 2021 Beschwer
de und beantragte sinngemäss dessen Aufhebung sowie die Aus
zahlung der Altersrente an ihn (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 21. Sep
tem
ber 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde und fügte an, dass das Schreiben des Beschwerdeführers vom 30. Juli 2021 als Rück
zug der Zustimmung zur Drittauszahlung gewertet werde, weshalb die Rente zukünf
tig nicht mehr an die Gemeinde
Y._
, sondern direkt an den Beschwerdeführer ausbezahlt werde (Urk. 5).
Mit Verfügung vom
5.
Oktober 2021 wurde die Gemeinde
Y._
zum Prozess beigeladen und es wurde ihr Frist zur Stellungnahme angesetzt (
Urk.
7). Die Gemeinde liess sich nicht ver
neh
men, was sämtlichen Verfahrensbeteiligten mit Verfügung vom 25. No
vem
ber 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
10).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Beschwerdegegnerin
erwog in ihrem
Einspracheentscheid
vom
6. Juli 2021
(
Urk.
2)
im Wesentlichen
,
sie hätten ein Drittauszahlungsgesuch erhalten und wären gemäss diesem angewiesen, die Altersrente des Beschwerdeführers direkt an die Gemeinde
Y._
auszuzahlen. Der Beschwerdeführer habe dieses Drittauszahlungsgesuch mitunterzeichnet und sich damit einverstanden erklärt, dass die Leistungen direkt an die Gemeinde überwiesen würden. Das vom Beschwerdeführers an sie gerichtete Schreiben vom 3
0.
Juli 2021
werte
sie als Rückzug der Zustimmung zur Drittauszahlung, weshalb die Rente zukünftig an den Beschwerdeführer direkt ausbezahlt werde (
Urk.
5).
1.2
Der Beschwerdeführer beanstandete in seiner Beschwerde vom 4. Au
gust 2021 (Urk. 1) die Auszahlung seiner Altersrente an die Gemeinde
Y._
. Er sei nicht darüber informiert worden, dass das von ihm unterzeichnete Formular eine Drittauszahlung an die Gemeinde erlaube. Hätte er davon gewusst, hätte er nicht unterschrieben.
2.
2
.1
Die Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialver
sicherungsrechts (ATSG
) sind auf die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
anwendbar, soweit das vorliegende Gesetz nicht ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht (
Art.
1
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Alters-
und
Hin
ter
lassenenversicherung
[
AHVG
]
).
2
.2
Mangels einer abweichenden Bestimmung im AHVG richtet sich die Frage nach Drittauszahlung der Altersrenten der AHV nach
Art.
20 ATSG. Nach
Abs.
1 dieser Bestimmung können Geldleistungen ganz oder teilweise einem geeigneten Dritten oder einer Behörde ausbezahlt werden, der oder die der berechtigten Person gegenüber gesetzlich oder sittlich unterstützungspflichtig ist oder diese dauernd für
sorgerisch betreut, sofern:
a)
die berechtigte Person die Geldleistungen nicht für den eigenen Unterhalt oder für den Unterhalt von Personen, für die sie zu sorgen hat, verwendet oder dazu nachweisbar nicht im Stande ist; und
b)
die berechtigte Person oder Personen, für die sie zu sorgen hat, aus einem Grund nach Buchstabe a auf die Hilfe der öffentlichen oder privaten Fürsorge angewiesen sind.
Abs.
2 dieser Bestimmung schreibt vor, dass diese Dritten oder diese Behörde die Leistungen, die ihnen ausbezahlt werden, nicht mit Forderungen gegenüber der berechtigten Person verrechnen können. Ausgenommen ist die Verrechnung bei Nachzahlungen von Leistungen im Sinne von Artikel 22 Absatz 2 ATSG.
Dem
nach
können Nachzahlungen von Leistungen des Sozialversicherers (a) dem Arbeitgeber oder der öffentlichen oder privaten Fürsorge, die Vorschusszahlun
gen leisten
, sowie (b) einer Versicherung, die Vorleistungen erbringt, abgetreten werden
(
Art.
22
Abs.
2 ATSG).
2.
3
Das Abtretungsverbot von
Art.
22
Abs.
1 ATSG schliesst das Ausstellen einer Inkassovollmacht nicht aus. Darunter wird der Auftrag an eine Drittperson verstanden, eine Leistung für die leistungsbeanspruchende Person entgege
nzu
nehmen (
Kieser
, ATSG-Kommentar,
4.
Aufl. 2020,
N.
18 zu
Art.
20 ATSG)
. Sind die Voraussetzungen von
Art.
20
Abs.
1 ATSG nicht erfüllt und benötigt der Berechtigte Hilfe bei seinen finanziellen Angelegenheiten, kann dieser
somit
auch selber die Auszahlung an einen Dritten oder an eine Behörde verlangen. Dem Gesuch darf
jedoch
nur stattgegeben werden, wenn keine Gefahr einer Umgehung eines Abtretungsverbots i.S.v.
Art.
22
Abs.
1 ATSG besteht (
Hürzeler
/
Lischer
,
in: Basler Kommentar, Allgemeiner Teil des Sozialversicherungsrechts, 2020 [nach
folgend
: BSK ATSG],
N.
22 zu
Art.
20 ATSG). Mit dem Begriff der Abtretung in
Art.
22
Abs.
1 ATSG ist die zivilrechtliche Zession nach
Art.
164 ff. des Obligati
onenrechts (OR) gemeint.
Eine blosse
I
nkassovollmacht fällt nicht darunter
(Dolf, BSK ATSG
, N 5 f. zu
Art.
22 ATSG)
.
In
der
vom Bundesamt für Statistik (BSV) herausgegebenen
Wegleitung über die Renten (RWL) in der Eidgenössischen Alters-, Hinter
lassenen- und Invalidenver
sicherung
wird konkretisiert, dass
im Falle eines Antrags der leistungsberechtig
ten Person
b
ei Vorliegen besonderer Umstände die Renten und
Hilflosenent
schädigu
ngen
an einen von der leistungs
berechtigten Person bezeichneten Dritten aus
bezahlt werden
können
, sofern
die Überweisung auf e
in persönliches Post- oder Bank
konto nicht angezeigt ist
,
nicht bereits die Voraus
setzungen für die Auszahlung an einen Dritten erfüllt sind, weil die leistungs
berechtigte Person entweder ver
beiständet ist oder die Renten nicht zweckgemäss verwendet werden, und
keine Gefahr einer Umgehung des Abtretungsverbotes (
Art.
22
Abs.
1 ATSG) besteht
(RWL
Rz
. 10024 ff.)
.
Im Merkblatt 3.05 -
«
Drittauszahlung von Leistungen der AHV/IV/EO/EL/FZ
»
wird dazu betont, dass die leistungsberechtigte Person das Begehren um Drittauszahlung jederzeit widerrufen kann.
3.
3.1
In Frage steht die Zulässigkeit einer Drittauszahlung der laufenden Altersrente. Dies scheint die Beigeladene in ihrer Stellungnahme zu Händen der Beschwerde
gegnerin vom 1
7.
September 2021 zu verkennen. Deren Ausführungen beziehen sich auf die Drittauszahlung bei Rentennachzahlungen (
Urk.
6/70), deren Voraus
setzungen in
Art.
22 ATSG geregelt sind.
D
ie Zulässigkeit einer Drittauszahlung von laufenden
Leistungen ge
mäss
Art.
20 ASTG setzt
unter anderem
voraus
, dass die Geldleistung von der berechtigten Person nicht für den Unterhalt, d.h. nicht zweckmässig verwendet wird (E. 2.2 hiervor). Damit wird klargestellt, dass die Sozialhilfeabhängigkeit allein noch nicht ausreicht für die Drittauszahlung. Vielmehr muss erstellt sein, dass die berechtigte Person die Geldleistung dem Unterhaltszweck entfremdet (vgl. BGE 128 V 108 E. 2c;
Kieser
, ATSG-Kommentar,
4.
Aufl. 2020,
N.
18 zu
Art.
20 ATSG). Entsprechendes ergibt sich weder aus den Ausführungen der Parteien noch aus den Akten. Im Gesuch um Drittauszahlung wurde einzig auf die Sozialhilfe
abhängigkeit hingewiesen (
Urk.
6/38). In der Stellungnahme vom 1
7.
September 2021 brachte die Beigeladene vor, dass der Beschwerdeführer Mühe habe, die Komplexität der Angelegenheit zu verstehen. Deshalb sei sie darauf angewiesen, dass die Zahlungen über sie laufe (
Urk.
6/70).
Inwiefern der Beschwerdeführer die Rente nicht zweckgemäss verwendet respektive nicht fähig dazu wäre, zeigt sie jedoch nicht auf. Die Beschwerdegegnerin hat denn auch in der Beschwerde
antwort zutreffend erkannt, dass vorl
iegend die Voraussetzungen für eine
Dritt
auszahlung der laufenden Altersrente nicht gegeben sind (
Urk.
5).
3.2
Hingegen ist das Gesuch um Drittauszahlung von 2
4.
März 2021 als gültige Inkassovollmacht zu werten. Eine Zession nach
Art.
164 ff.
OR
war damit nicht verbunden. Kommt hinzu, dass der Beschwerdeführer jahrelang obdachlos war und die Altersrente für die W
ohnung, welche
die B
eigeladene
für ihn gemietet hat, sowie für seine weiteren L
ebenskosten verwendet wurde
(
Urk.
6/70).
Ange
sichts dessen, dass der Beschwerdeführer das Gesuch um Drittauszahlung vo
m
2
4.
März 2021 eigenhändig unter
zeichnet hat, ist
somit
ni
cht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin die Alters
rente des Besc
hwerdeführers zunächst - dem Be
gehren des Beschwerdefü
hrers entsprechend - an die Bei
g
eladene ausbe
zahlt hat. Das Vorbringen des Beschwerde
führers, wonach er nicht darüber infor
miert worden sei, dass das von ihm unterzeichnete Formular
eine Drittauszahlung an die Gemeinde erlaube, andern
falls er nicht unterschrieben hätte
(vgl. E. 1.2), vermag nichts da
ran zu ändern, dass er rechtsgültig unterzeichnet und damit auch bestätigt ha
t, vom Merkblatt 3.05 «Drittaus
zahlung von Leistungen der
AHV/IV/EO/EL/FZ» Kenntnis genommen zu haben (vgl. Drittaus
zahlungsgesuchs
Ziff.
5,
Urk.
6/38).
Selbst
wenn der Beschwerdeführer vom
Inhalt der ihm zur Unterzeichnung vorgelegten Formu
lare keine Kenntnis genommen haben sollte
(
Urk.
1), kann er daraus nichts zu seinen Gunsten ableiten.
Bei einer bewusst gewollten Unkenntnis steht eine Irrtumsanfechtung nicht offen (Urteil des Bundesgerichts 4A_461/2017 vom 1
0.
Februar 2017 E. 4.3.1
;
Gauch
/
Schluep
/
Schmid,
Schweizerisches Obligationenrecht, Allgemeiner Teil,
Bd
I, 1
1.
Aufl. 2020, S. 178
N.
763
).
Ohnehin wäre ein
rechtlich relevanter I
rrtum zu verneinen.
Auch für eine Täuschung von Seiten des
Sachbearbeiter
s
der Bei
gela
denen bestehen keine Anhaltspunkte.
O
ffenbar verkennt d
er Beschwerdeführer
, dass
die Beigeladene
die
A
ltersrente
für seinen
Lebe
nsunterhalt
verwendet
e
(
Urk.
6/70).
Es
ist
somit
nichts dagegen einzu
wenden, dass die Beschwerde
gegnerin
die Altersrente des Beschwerde
führers bis zu dess
en Widerruf
der Inkassovollmacht mit Schreiben vom 3
0.
Juli 2021 (
Urk.
6/63)
- welcher somit erst nach Erlass des
Einspracheentscheids
vom
6.
Juli 2021 erfolgte -
der Beige
ladenen ausbezahlt hat.
3
.3
Nach
dem
Gesagtem
ist
die Beschwerde
abzuweisen.