Decision ID: bb59f1dc-1e8d-487d-a497-dc739c870f6a
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
I. _,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Markus Züst, Bahnhofstrasse 14, Postfach 849,
9430 St. Margrethen,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt:
A.
A.a I._, Jahrgang 1956, meldete sich im Januar 2008 zum Bezug von
Ergänzungsleistungen (EL) zur Invalidenrente an (EL-act. 15). Die Ausgleichskasse als
EL-Durchführungsstelle forderte die Ehefrau des Versicherten mit Schreiben vom
8. Februar 2008 auf, sich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV)
anzumelden und als stellensuchend eintragen zu lassen (EL-act. 10). Im Fragebogen
vom 19. Februar 2008 gab die Ehefrau an, sie habe sich in den vergangenen zwölf
Monaten nicht um eine Arbeitsstelle bemüht, weil ihr aufgrund der fehlenden
Sprachkenntnisse schlicht der Mut dazu gefehlt habe (EL-act. 7-2). Das RAV A._
bestätigte am 5. März 2008, dass für die Ehefrau des Versicherten derzeit offene,
geeignete Arbeitsstellen verfügbar seien. Die Ehefrau sei seit 18. Februar 2008 als
stellensuchend gemeldet und habe zwei Arbeitsbemühungen gemacht (EL-act. 6-2).
A.b Die EL-Durchführungsstelle rechnete in der EL-Berechnung vom 5. Juni 2008 ein
hypothetisches Erwerbseinkommen für die Ehefrau des Versicherten in der Höhe von
Fr. 35'190.- an und wies den EL-Anspruch mit Verfügung vom selben Tag bei einem
Einnahmenüberschuss von Fr. 14'127.- ab (EL-act. 4). Eine gegen diese Verfügung von
Rechtsanwalt Dr. iur. Markus Züst in Vertretung des Versicherten erhobene Einsprache
(EL-act. 3) wies der Rechtsdienst der Sozialversicherungsanstalt des Kantons
St. Gallen (SVA) in Vertretung der EL-Durchführungsstelle mit Entscheid vom 5. August
2008 ab. Die Ehefrau des Versicherten sei 38-jährig und nicht invalid. Es sei ihr
zumutbar, sich um eine Arbeitsstelle für eine Hilfstätigkeit zu bewerben. Ihre
Bemühungen bei der Stellensuche seien ungenügend. So habe sie lediglich im Februar
und März 2008 je eine telefonische Blindbewerbung gemacht. Sie müsste sich viel
häufiger, immer wieder und in schriftlicher Form bewerben. Zudem müsste sie die
schriftlichen Absagen der entsprechenden Firmen aufbewahren. Erst wenn sie sich im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dargelegten Rahmen erfolglos über einen längeren Zeitraum um Arbeitsstellen bemüht
habe, könnte auf die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens verzichtet werden
(act. G 1.1.1).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde des
Rechtsvertreters des Versicherten vom 15. September 2008. Er beantragt die
Aufhebung der Verfügung (richtig: des Einspracheentscheids) vom 5. August 2008 und
die Zusprache von monatlichen EL von Fr. 2'358.32. Eventuell sei dem
Beschwerdeführer eine monatliche EL nach richterlichem Ermessen zuzusprechen.
Zudem sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren. Der Beschwerdeführer
habe nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im August 2005 schliesslich im August 2007
wieder geheiratet. Seine zweite Frau sei im Oktober 2007 in die Schweiz eingereist. Ein
Gesuch um Ausrichtung von Arbeitslosenentschädigung sei mangels Erfüllung der
Beitragszeit abgewiesen worden. Hingegen habe das RAV der Ehefrau zum Zweck der
Eingliederung einen Deutschkurs ab August 2008 bewilligt. Die Ehefrau bemühe sich,
eine Arbeitsstelle zu finden, doch ihre Bemühungen seien bisher ergebnislos geblieben.
Im Monat Juni 2008 habe sie sich bei 19 Firmen um Arbeit bemüht. Im Juli und anfangs
August 2008 hätten sich der Beschwerdeführer und seine Frau im Kosovo befunden.
Nach der Rückkehr in die Schweiz habe die Ehefrau sich erneut um Arbeit bemüht. Sie
habe im Kosovo die Matura abgelegt und spreche fliessend serbisch, kroatisch und
teilweise auch englisch. Obwohl die Ausbildung gut sei, könne sie diese in der Schweiz
nicht bzw. nicht genügend verwerten. Eine berufliche Ausbildung habe sie nicht
gemacht. Somit fehle ihr die berufliche Praxis. Von der Anrechnung eines
hypothetischen Einkommens für die Ehefrau sei abzusehen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 19. September
2008 die Abweisung der Beschwerde, verweist zur Begründung auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid und verzichtet auf eine weitere Stellungnahme (act. G 4).
B.c Mit Eingabe vom 20. Oktober 2008 lässt der Beschwerdeführer mitteilen, seine
Ehefrau habe ein Angebot für Putzarbeiten erhalten. Indessen habe sich gezeigt, dass
die Stelle anderweitig vergeben worden sei (act. G 8). Am 22. Oktober 2008 zog der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
telefonisch zurück, weil eine Rechtsschutzversicherung vorhanden sei (act. G 9).
B.d Am 30. März 2009 wurden von der Gerichtsleitung aus dem EL-Aktendossier die
Akten 8-56 bis 8-81 an die Beschwerdegegnerin zurückgesandt, da es sich
peinlicherweise um Bankauszüge einer unbeteiligten Drittperson handelte.

Erwägungen:
1.
Streitig und im vorliegenden Verfahren zu überprüfen ist die Frage, ob in der EL-
Berechnung des Beschwerdeführers für dessen Ehefrau ein hypothetisches
Erwerbseinkommen anzurechnen ist. In zeitlicher Hinsicht relevant ist dabei der
Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlass des angefochtenen Einspracheentscheids vom
5. August 2008 zugetragen hat (BGE 129 V 167 Erw. 1).
2.
2.1 Die jährliche EL entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die
anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG; SR 831.30). Die
anerkannten Ausgaben und die anrechenbaren Einnahmen, worin in bestimmtem
Umfang auch das Vermögen einbezogen ist, werden nach den in Art. 10 und 11 ELG
sowie Art. 11 bis 18 ELV festgelegten Bestimmungen ermittelt. Als Einnahmen
anzurechnen sind nach Art. 11 Abs. 1 ELG unter anderem Einkünfte, auf die verzichtet
worden ist (lit. g). Eine Verzichtshandlung liegt vor, wenn die versicherte Person ohne
rechtliche Verpflichtung auf Vermögen verzichtet hat, wenn sie einen Rechtsanspruch
auf bestimmte Einkünfte und Vermögenswerte hat, davon aber faktisch nicht Gebrauch
macht bzw. ihre Rechte nicht durchsetzt oder wenn sie aus von ihr zu verantwortenden
Gründen von der Ausübung einer möglichen und zumutbaren Erwerbstätigkeit absieht
(EVGE P 18/02 vom 9. Juli 2002; BGE 121 V 205 Erw. 4a; AHI 2001 S. 133 Erw. 1b).
2.2 Auch Personen, die in die Anspruchsberechnung der versicherten Person
einbezogen sind, partizipieren an der EL, da diese den Existenzbedarf der ganzen
Familie sicherstellt. So ist auch der Ehegatte der EL-anspruchsberechtigten Person
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leistungsempfänger. Verzichtet er auf die mögliche und zumutbare Erzielung eines
Erwerbseinkommens, so ist die Geltendmachung eines EL-Anspruchs zur Deckung
jenes Teils der anerkannten Ausgaben, der durch das Erwerbseinkommen des
Ehegatten gedeckt werden könnte, missbräuchlich (Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen
zur AHV/IV, in: SBVR XIV-Meyer, Soziale Sicherheit, Basel 2007, J, S. 1759, Rz. 179).
Deswegen ist bei der EL-Berechnung der versicherten Person ein hypothetisches
Erwerbseinkommen für deren Ehegatten anzurechnen, sofern dieser auf die mögliche
und zumutbare Erzielung eines Einkommens verzichtet. Um bei der Ermittlung des
anrechenbaren Einkommens ein hypothetisches Erwerbseinkommen im Sinn von
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG berücksichtigen zu können, muss in jedem Einzelfall geprüft
werden, ob vom Ehepartner des EL-Ansprechers unter den gegebenen Umständen
verlangt werden kann, von nun an einem Arbeitserwerb nachzugehen, und wie hoch
der Lohn wäre, den dieser bei gutem Willen erzielen könnte. Anhaltspunkte dafür sind
familiäre Verpflichtungen, Alter, Gesundheitszustand, Ausbildung und gegebenenfalls
die Zeitdauer, während der er nicht (mehr) im Berufsleben gestanden ist (BGE
117 V 290 Erw. 3a mit Hinweisen; Urteil I 920/06 vom 16. Januar 2007, Erw. 3.3).
2.3 Gemäss Art. 43 Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) nimmt die EL-Durchführungsstelle im
Rahmen der Prüfung eines EL-Gesuches die notwendigen Sachverhaltsabklärungen
vor. Diese Untersuchungspflicht bezieht sich auch auf die Frage, ob eine bestimmte
Person auf die Erzielung von Erwerbseinkünften verzichtet. Die EL-Durchführungsstelle
hat also zu untersuchen, ob es einer Person, die keiner Erwerbstätigkeit nachgeht,
möglich und zumutbar ist, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen, und welches
Einkommen sie dabei erzielen könnte. Dieser Pflicht könnte die EL-Durchführungsstelle
nur dadurch nachkommen, dass sie der betreffenden Person die Ablehnung einer
konkreten Arbeitsplatzofferte nachweisen würde. Dies würde letztlich darauf
hinauslaufen, dass die EL-Durchführungsstelle der betreffenden Person eine konkrete
Arbeitsstelle vermitteln müsste, um – bei einer Nichtannahme dieser Stelle – den
Nachweis des Verzichts auf die Verwertung der Erwerbsfähigkeit mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit führen zu können. Die dabei entstehenden
Durchführungsprobleme würden dazu führen, dass Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG in Bezug
auf die Verwertung der Erwerbsfähigkeit praktisch toter Buchstabe bliebe. Die EL-
Durchführungsstelle darf sich daher auf die aus der Lebenserfahrung resultierende,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
natürliche Vermutung stützen, dass eine arbeitswillige und einsatzfreudige, nötigenfalls
auch einen unterdurchschnittlichen Lohn akzeptierende Person im Allgemeinen eine
Arbeitsstelle finden kann. Dies ändert zwar nichts an der grundsätzlichen
Abklärungspflicht. Die EL-Durchführungsstelle darf sich aber bei der Erfüllung dieser
Pflicht darauf beschränken, den EL-Ansprecher oder die in die EL-
Anspruchsberechnung einbezogene Person unter Hinweis auf die zu vermutende
Möglichkeit der Verwertung der Erwerbsfähigkeit aufzufordern, sich intensiv um in
Frage kommende Arbeitsstellen zu bewerben (Jöhl, a.a.O, S. 1763 f., Rz. 185).
Ernsthafte, aber erfolglose Bewerbungen sind nicht nur Indizien, die die natürliche
Vermutung für die Verwertbarkeit der Erwerbsfähigkeit widerlegen, sondern sie sind
auch Ausdruck der (insbesondere in Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG zum Ausdruck
kommenden) Pflicht, soweit als möglich aus eigener Kraft den Existenzbedarf zu
bestreiten. Die nicht widerlegte Vermutung für die Verwertbarkeit der Erwerbsfähigkeit
bewirkt also eine Vermutung für die Verletzung der Pflicht zur selbstverantwortlichen
Finanzierung des Existenzbedarfs und damit für den gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG
relevanten Verzicht auf die Erzielung eines Erwerbseinkommens (vgl. die Entscheide
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen EL 2007/14 vom 14. Juni 2007,
Erw. 3 f., und EL 2007/21 vom 8. November 2007, Erw. 2).
3.
3.1 Bei der Festlegung eines hypothetischen Einkommens ist zu berücksichtigen,
dass für die Aufnahme und Ausdehnung der Erwerbstätigkeit eine gewisse
Anpassungsfrist erforderlich ist. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer
im Juni 2008 rückwirkend auf Anfang Januar 2008 ein hypothetisches Einkommen für
die Ehefrau angerechnet. Die Ehefrau reiste erst am 12. Oktober 2007 in die Schweiz
ein (EL-act. 15-1). Mit Schreiben vom 8. Februar 2008 wurde der Beschwerdeführer
darauf aufmerksam gemacht, dass die nicht rentenberechtigte Ehegattin ihren Anteil
zur Existenzsicherung der ehelichen Gemeinschaft beizutragen habe. Daher sei im
Einzelfall zu prüfen, ob und in welchem Umfang eine Erwerbstätigkeit von ihr verlangt
werden könne und wie hoch der erzielbare Lohn wäre. Die Ehefrau wurde zur
Beantwortung von Fragen insbesondere zu beruflicher Ausbildung und ausgeführten
Tätigkeiten aufgefordert (EL-act. 9; 10).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Die Einleitung eines Verfahrens zur Überprüfung der Möglichkeit und
Zumutbarkeit der Ehefrau, ein Erwerbseinkommen zu erzielen, war grundsätzlich
korrekt. Hat die Beschwerdegegnerin nach anfänglichen Abklärungen festgestellt, dass
die Ehefrau im Rahmen der Schadenminderungspflicht zur Aufnahme einer
Erwerbstätigkeit verpflichtet ist bzw. sich zumindest ernsthaft um Arbeit zu bemühen
hat, so hat sie diese Schadenminderungspflicht unter Hinweis auf die Konsequenzen
eines Untätig-Bleibens und unter Ansetzung einer angemessenen Frist abzumahnen.
Ein solches Mahn- und Bedenkzeitverfahren im Sinn von Art. 21 Abs. 4 Satz 2 ATSG
hat den Zweck, die betroffene versicherte Person freiwillig zu einem bestimmten
regelkonformen Verhalten zu veranlassen.
3.3 Im Fall einer ebenfalls neu in die Schweiz eingereisten Ehefrau nicht deutscher
Muttersprache und ohne Schulbildung erachtete das Bundesgericht im
Zusammenhang mit der Anrechnung des hypothetischen Erwerbseinkommens die von
der Beschwerdegegnerin gewährte Anpassungsperiode von gut fünf Monaten seit
Einreise in die Schweiz als nicht zu beanstanden. Eine längere Frist hätte sich in jenem
Fall aufgrund des Verhaltens der Ehefrau (fehlende Arbeitsbereitschaft) von Vornherein
als nutzlos erwiesen, so das Bundesgericht (EVGE P16/04 vom 7. Juni 2005, Erw. 4.1).
Im Entscheid P40/03 vom 5. Februar 2005 hatte das Bundesgericht bei einer ebenfalls
neu in die Schweiz eingereisten Ehefrau eine Anpassungsfrist von sechs Monaten zum
Auffinden einer nicht qualifizierten Teilzeiterwerbstätigkeit als grosszügig bezeichnet
(SVR-EL 2007, Nr. 1, 1). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat
wiederholt festgehalten, dass die Anpassungsfrist je nach den Verhältnissen kürzer
oder länger sein und auf die Gewährung einer solchen Frist auch ganz verzichtet
werden kann (Urteile EL 2001/148 vom 12. Dezember 2002, Erw. 4d; EL 2001/1 vom
15. November 2001, Erw. 4c; EL 2007/31 vom 23. August 2007, Erw. 5). Die
höchstrichterliche Rechtsprechung geht von einer "gewissen realistischen
Übergangsfrist für die Aufnahme oder Erhöhung des Arbeitspensums" aus (EVGE
P64/03 vom 27. Februar 2004, Erw. 3.1.1).
3.4 Die Gewährung einer Anpassungsfrist an sich ist bei den vorliegenden
Verhältnissen (die Ehefrau ist im Oktober 2007 erstmals in die Schweiz eingereist)
zweifellos angezeigt. Zudem hätte die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer die
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens für die Ehefrau androhen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
müssen, wobei sie klar darzulegen gehabt hätte, welches Verhalten sie von der Ehefrau
genau erwarte. Im Schreiben vom 8. Februar 2008 wies sie die Ehefrau zwar darauf hin,
dass sie sich beim RAV anmelden müsse. Sie erläuterte jedoch nicht, dass die Ehefrau
ihr gegenüber Stellenbemühungen nachweisen müsse. Erst im angefochtenen
Einspracheentscheid legte sie dar, dass sich die Ehefrau häufiger, immer wieder und in
schriftlicher Form um Arbeit bemühen und schriftliche Absagen aufbewahren müsse.
Derartiges war ihr zuvor nicht mitgeteilt worden. Mit der Einsprache vom 18. Juni 2008
liess der Beschwerdeführer Stellenbemühungsnachweise seiner Frau für die Monate
März bis Juni 2008 einreichen. Sie hatte sich in jedem dieser Monate acht- bis neunmal
beworben (EL-act. 2-19 bis 2-22). Ihr kann nun nicht entgegengehalten werden, sie
hätte sich schriftlich oder häufiger bewerben müssen, zumal zuvor keine
entsprechende Aufforderung/Abmahnung erfolgt war. Auch dass sie sich zwischen
November 2007 und Februar 2008 noch nicht beworben hatte, kann ihr nicht
entgegengehalten werden, ist diese Zeit doch als Angewöhnungszeit nach der im
Oktober 2007 erfolgten Einreise in die Schweiz angemessen, zumal die Ehefrau bei
Einreise über keinerlei Deutschkenntnisse verfügte.
3.5 Die Beschwerdeführerin war im Juli und Anfang August 2008 landesabwesend.
Selbst wenn ihr gewisse bewerbungsfreie Zeiten analog zur Regelung in der
Arbeitslosenversicherung auch im Rahmen der EL anzuerkennen sind, liegt eine
derartig lange Ferienzeit sicherlich an der obersten Grenze. Immerhin ist zu
berücksichtigen, dass die Ehefrau sich vor den Ferien im Juni 2008 besonders eifrig
bewarb (19 Bewerbungen) und im August 2008 die Stellensuche unverzüglich wieder
aufnahm (act. G 1.1.2; 1.1.3). Insgesamt kann ihr folglich auch für diese Zeit keine
Verletzung der Schadenminderungspflicht vorgeworfen werden.
3.6 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen erscheint die Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens für die Ehefrau im vorliegend massgebenden
Zeitraum von Januar 2008 bis zum Erlass des angefochtenen Einspracheentscheids
vom 5. August 2008 nicht als gerechtfertigt und hat zu unterbleiben.
3.7 Erst ab Erhalt des Einspracheentscheids erlangten der Beschwerdeführer und
seine Ehefrau davon Kenntnis, dass auch schriftliche Bewerbungen verlangt würden
und Absage-Schreiben aufzubewahren seien. Es steht der Beschwerdegegnerin frei,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Bewerbungen ab jenem Zeitpunkt erneut zu überprüfen und bei mangelhafter
Qualität derselben die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens zu erwägen,
wobei eine solche wohl nur für die Zukunft erfolgen könnte (vgl. Art. 25 Abs. 2 lit. c
ELV).
3.8 Freilich wird sich die Ehefrau des Beschwerdeführers auch in Zukunft ernsthaft, in
quantitativ und qualitativ ausreichender Weise um Arbeit bemühen müssen. Analog der
Praxis der Arbeitslosenversicherung erscheinen dabei zehn bis zwölf
Stellenbemühungen monatlich als zumutbar (vgl. etwa den Bundesgerichtsentscheid
C 16/07 vom 22. Februar 2007, Erw. 2), wobei der Beschwerdegegnerin darin
zuzustimmen ist, dass auch schriftliche Bewerbungen angezeigt sind.
4.
4.1 Die Beschwerde ist unter Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheids
vom 5. August 2008 in dem Sinn gutzuheissen, dass der EL-Anspruch des
Beschwerdeführers ab 1. Januar 2008 ohne Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens für dessen Ehefrau zu erfolgen hat. Die Sache ist zur
entsprechenden Neuberechnung und Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Im Rahmen der Neuberechnung hat sie zu berücksichtigen, dass die
Tochter des Beschwerdeführers offenbar ihre Ausbildung beendet hat und seit Juni
2008 erwerbstätig ist (EL-act. 2-4 ff.), sodass sie ab diesem Datum nicht mehr in die
Berechnung miteinzubeziehen ist. Da sie zumindest im Zeitpunkt des
Einspracheentscheids anscheinend noch bei Vater und Stiefmutter wohnte, hat sie
zudem neu grundsätzlich einen Beitrag an den Mietzins zu bezahlen (Art. 16c ELV).
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
4.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Angemessen erscheint
eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG