Decision ID: b284403a-7acc-5c8a-8bed-3f9046cbb037
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Anga-
ben auf dem Luftweg am 29. Mai 2017 und reiste in die Türkei. Anschlies-
send gelangte er auf dem Seeweg nach Griechenland, wo er sich ein Jahr
lang aufhielt. Nach einem rund dreijährigen Aufenthalt in Frankreich reiste
er am 12. Juli 2021 in die Schweiz ein und suchte am 16. Juli 2021 im
Bundesasylzentrum (BAZ) B._ um Asyl nach. Dabei gab er an, am
(...) 2004 geboren und somit minderjährig zu sein.
B.
Ein am 21. Juli 2021 durchgeführter Abgleich mit der europäischen Finger-
abdruck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am
13. Oktober 2017 in Griechenland ein Asylgesuch eingereicht und am
24. November 2017 dort internationalen Schutz erhalten hat. Zudem wurde
in der Eurodac ein weiteres Asylgesuch des Beschwerdeführers in Frank-
reich vom 24. September 2018 registriert.
C.
Dem Beschwerdeführer wurde im BAZ eine Rechtsvertretung zugeteilt; er
unterzeichnete am 22. Juli 2021 die entsprechende Vollmacht.
D.
Gemäss Formular «Zuweisung zur medizinischen Abklärung (F2)» vom
24. Juli 2021 (vgl. SEM-Verfahren [...]-10; Akte 10) wurde festgehalten, der
Beschwerdeführer sei psychisch angeschlagen. Er könne nicht schlafen,
fühle viel Stress und mache sich grosse Sorgen. Er habe geäussert, keinen
Lebenswillen mehr zu haben. Er wurde an Dr. med. C._, Innere Me-
dizin, D._, überwiesen.
E.
In seinem Bericht über eine ambulante Behandlung vom 28. Juli 2021 hielt
Dr. med. C._ die Diagnose «Verdacht auf posttraumatische Störung
infolge Gewaltanwendung in Somalia und in gewissen Staaten der EU
(zum Beispiel Griechenland)» fest. Dem Beschwerdeführer wurden Medi-
kamente verordnet und als weiteres Vorgehen eine Überweisung an die
KJPD vorgeschlagen.
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F.
Das SEM führte aufgrund der vorgeblichen Minderjährigkeit des Beschwer-
deführers am 9. August 2021 eine Erstbefragung für unbegleitete minder-
jährige Asylsuchende (EB UMA) durch (vgl. Akte A12)
Der Beschwerdeführer wurde dabei summarisch zu seiner Person, seinen
Asylgründen und zu seinem Reiseweg befragt. Er trug im Wesentlichen
Folgendes vor: Er habe sein Geburtsdatum ([...] 2004) von seiner Mutter
erfahren, als er etwa sieben- oder achtjährig gewesen und zur Schule ge-
gangen sei. Er habe während seines einjährigen Aufenthaltes in Griechen-
land einen Aufenthaltsstatus und einen entsprechenden Ausweis erhalten,
welcher in Frankreich zusammen mit seinem Gepäck gestohlen worden
sei. Weil sein Transportboot auf dem Weg von der Türkei nach Griechen-
land gekentert sei, sei er traumatisiert gewesen und habe sich an nichts
mehr erinnern können. Ein somalischer Jugendlicher habe die Formulare
für ihn ausgefüllt, auf welchen sein Geburtsdatum mit «(...) 1997» regis-
triert worden sei.
Er habe Somalia aus familiären Gründen verlassen. Sein Vater sei von
dessen Brüdern getötet worden. In der Folge sei es zu Streitigkeiten im
Zusammenhang mit Landbesitz gekommen und der Beschwerdeführer sei
von seinen Onkeln zusammengeschlagen und verletzt worden. Er sei seit
vier Jahren unterwegs auf Reisen, habe keine Familie mehr, fühle sich ein-
sam und nehme zurzeit Medikamente.
Das SEM teilte dem Beschwerdeführer mit, es bestünden Zweifel an seiner
behaupteten Minderjährigkeit und setzte ihn darüber in Kenntnis, dass die
Durchführung einer Altersabklärung beabsichtigt werde. Gleichzeitig wurde
ihm das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und
zur Rückführung in einen sicheren Drittstaat (gemäss Art. 6a Abs. 2 Bst. b
AsylG), namentlich nach Griechenland, gewährt.
Dabei brachte dieser vor, man habe in Griechenland keine Unterkunft oder
Arbeit und könne keine Schule besuchen. Sobald man – wie er – eine Auf-
enthaltsbewilligung besitze, werde keine Unterstützung mehr gewährt. Er
wäre nicht ausgereist, wenn er finanziell für sich hätte sorgen können. Ge-
gen die Durchführung einer Altersabklärung habe er keine Einwendungen
(vgl. Akte A12, Ziffer 8.01).
G.
Ein vom SEM am 14. April 2021 in Auftrag gegebenes rechtsmedizinisches
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Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin des Kantonsspitals E._
vom 18. August 2021 ergab, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der
Untersuchung am 12. August 2021 aufgrund der erhobenen Befunde (Un-
tersuchungen von Hand und Schlüsselbein-Brustbeingelenken sowie
zahnärztliche Untersuchung) ein Mindestalter von 21 Jahren (21.6 Jahren)
aufweise. Das von ihm angegebene Geburtsdatum (chronologisches Le-
bensalter von 17 Jahren und 5 Monaten) könne aufgrund der aktuellen wis-
senschaftlichen Studienlage nicht zutreffen (vgl. Akte A14).
H.
Der Beschwerdeführer reichte einen weiteren Arztbericht von Dr. med.
C._ vom 20. August 2021 zu den Akten. In diesem Bericht wird die
im Arztbericht vom 28. Juli 2021 festgehaltene Diagnose (vgl. Sachverhalt
oben, Bst. E) bestätigt.
I.
Mit Schreiben vom 24. August 2021 (vgl. Akte A17) gewährte das SEM dem
Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zum Altersgutachten, zu den Zwei-
feln des SEM an seiner vorgebrachten Identität und Minderjährigkeit sowie
zur beabsichtigen Anpassung seiner Daten im ZEMIS (mit Bestreitungsver-
merk). Dem Beschwerdeführer wurde dabei das forensische Gutachten
vom 18. August 2021 in anonymisierter Form zugestellt.
J.
Mit Stellungnahme seines Rechtsvertreters vom 2. September 2021 (Akte
A21) hielt der Beschwerdeführer an seiner Minderjährigkeit und seinem
Geburtsdatum vom (...) 2004 fest. Er führte aus, die von ihm in der Erstbe-
fragung angegebenen Altersangaben und Daten hätten nur ungefähre
Werte dargestellt. Er habe schlüssig erklärt, weshalb er keine Identitätspa-
piere habe einreichen können. Es sei kein Widerspruch zwischen seinen
Altersangaben und dem im forensischen Bericht festgehaltenen Zahnalter
vorhanden. Das Gutachten sei insgesamt widersprüchlich, unverwertbar,
beruhe auf veralteten Sachlagen und sei auf eine fehlerhafte wissenschaft-
liche Art durchgeführt worden. Im Bericht werde festgestellt, dass keine
speziellen Referenzdaten für eine männliche Population aus Somalia vor-
liegen würden, weshalb fraglich sei, welche Abweichungen durch ethni-
sche Unterschiede berücksichtigt werden müssten. Die Handknochenana-
lyse habe ein Mindestalter von 16.1 Jahren angegeben. Eine Beurteilung
der sexuellen Reifezeichen sei nicht möglich gewesen, weil der Beschwer-
deführer die diesbezügliche Untersuchung verweigert habe. Auf der Basis
des vorliegenden Altersgutachtens könnten keine Aussagen zur Minder-
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oder Volljährigkeit gemacht werden, weshalb von der Minderjährigkeit aus-
zugehen sei. Eventualiter sei im ZEMIS ein Bestreitungsvermerk anzubrin-
gen, diesbezüglich eine beschwerdefähige Verfügung zu erlassen und der
Beschwerdeführer in der Unterkunft in den UMA-Strukturen zu belassen.
K.
Gemäss Mutationsformular für Personendaten im ZEMIS vom 6. Septem-
ber 2021 wurde das Geburtsdatum des Beschwerdeführers mit (...) 2000
registriert.
L.
Gestützt auf die Rückführungsrichtlinie 2008/115/EG des Europäischen
Parlamentes und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame
Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal auf-
hältiger Drittstaatsangehöriger und das Abkommen vom 28. August 2006
zwischen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Helleni-
schen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem
Aufenthalt (SR 0.142.113.729) ersuchte die Vorinstanz Griechenland am
7. September 2021 um Rückübernahme des Beschwerdeführers.
M.
Mit Schreiben vom 8. September 2021 hielt das SEM fest, der Antrag be-
treffend Verbleib des Beschwerdeführers in den UMA-Strukturen der Un-
terkunft sei dem amtsintern zuständigen Fachbereich «Partner & Administ-
ration» weitergeleitet worden. Mit Schreiben vom 6. September 2021 sei
dieser über den beantragten Bestreitungsvermerk in ZEMIS informiert wor-
den. Der Antrag auf Erlass einer anfechtbaren Verfügung werde zu einem
späteren Zeitpunkt behandelt.
N.
Am 9. September 2021 stimmten die griechischen Behörden dem Über-
nahmeersuchen der Vorinstanz zu. Gleichzeitig wurde dem SEM mitgeteilt,
dass der Beschwerdeführer von den griechischen Behörden mit Geburts-
datum vom (...) registriert worden sei und er in Griechenland am 24. No-
vember 2017 subsidiären Schutz erhalten habe.
O.
Dem Beschwerdeführer wurde mit Schreiben des SEM vom 13. September
2021 hierzu das rechtliche Gehör gewährt.
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P.
Mit Eingabe der Rechtsvertretung vom 20. September 2021 wurde ausge-
führt, es sei Aufgabe des SEM, den adäquaten Sachverhalt bezüglich Weg-
weisungsvollzugshindernisse in Griechenland zu erstellen. Der Beschwer-
deführer sei hierzu nicht angehört worden; in der Erstanhörung seien keine
diesbezüglichen Fragen gestellt worden. Er habe angegeben, sich umzu-
bringen, falls er nach Griechenland weggewiesen werde. Er habe trotz
Schutzstatus auf der Strasse gelebt, keine medizinische Hilfe erhalten und
sei von der Unterkunft weggewiesen worden. Er könne nicht mit Unterstüt-
zung der griechischen Behörden rechnen. Bei einer Wegweisung nach
Griechenland bestehe das erhöhte Risiko, dass er obdachlos werde und
eine menschenunwürdige Bettelexistenz führen müsse. Der Unterbrin-
gungsanspruch ende 30 Tage nach dem Asylentscheid und es gebe kein
Anschlussprojekt. Auch das HELIOS-Mietschutzprogramm gelte nur, wenn
bereits eine Wohnung vorliege und die erste Miete bezahlt worden sei. Eine
psychische Behandlung ohne Dolmetscher sei nicht gewährleistet. Der Zu-
gang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung sei vom Erhalt einer Sozial-
versicherungsnummer abhängig, welche schwierig zu beschaffen sei.
Hierzu wurde auf die Urteile des BVGer E-436/2021 vom 19. März 2021
und E-4866/2019 vom 2. Oktober 2019 verwiesen.
Der den Beschwerdeführer behandelnde Arzt habe in seinen Abklärungen
vom 28. Juli und 20. August 2021 den Verdacht auf eine posttraumatische
Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Trotz der nach wie vor bestehen-
den Anzeichen für eine psychische Erkrankung habe das SEM versäumt,
den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers durch eine psychiatri-
sche Facharztperson abzuklären. Dem Rechtsvertreter sei mitgeteilt wor-
den, dass der Beschwerdeführer nach der ursprünglich vorgenommenen
Anmeldung beim KJPD wieder abgemeldet worden sei. Er habe lediglich
einen Termin bei einem Allgemeinmediziner bekommen. Es werde die An-
ordnung einer psychologischen Abklärung des Gesundheitszustands
durch einen Fachspezialisten unter Beizug eines Dolmetschers beantragt.
Der Eingabe wurde eine Geburtsurkunde des Beschwerdeführers in Kopie,
mit Geburtsdatum vom (...) 2004, ausgestellt am 14. September 2021, bei-
gelegt.
Q.
Am 29. September 2021 wurden zwei Kurzberichte von MedBase AG,
F._, zu den Akten gereicht, aus welchen hervorgeht, dass sich der
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Beschwerdeführer in einem körperlich guten Allgemeinzustand befinde und
der Verdacht einer PTBS bestehe.
R.
Gemäss Bericht des Spitals G._, Externe Psychiatrische Dienste
(EPD), F._, vom 18. November 2021 wurde beim Beschwerdefüh-
rer die Diagnose: « 1) Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion DD
mittelgradige depressive Episode, 2) Trauerreaktion bei uneindeutigem
Verlust der Mutter; 3) PTBS» gestellt und festgehalten, der Beschwerde-
führer werde medikamentös behandelt.
S.
Mit Schreiben vom 6. Dezember 2021 (Akte A35) teilte das SEM dem Be-
schwerdeführer mit, bei Asylgesuchen mit einem durch Eurodac ausgewie-
senen Schutzstatus würden im BAZ B._ seit einigen Monaten keine
mündlichen Befragungen mehr durchgeführt. Ihm wurde Gelegenheit ge-
geben, sich ergänzend zu seinen bisherigen Eingaben zu äussern.
T.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 9. Dezember 2021 (Akte A39)
liess der Beschwerdeführer eine Kopie des Arztberichts der EPD
F._ vom 18. November 2021 zu den Akten reichen. Er teilte dem
SEM gleichzeitig mit, aufgrund des heutigen Austritts in den Kanton könne
er den ursprünglich vorgesehenen Termin bei den Psychiatrischen Diens-
ten vom 21. Dezember 2021 nicht wahrnehmen. Er werde sich weiterhin
um medizinische Betreuung kümmern, es sei jedoch Aufgabe des SEM,
den medizinischen Sachverhalt zu ermitteln.
U.
Der Beschwerdeführer wurde am 13. Dezember 2021 dem Kanton
H._ zugewiesen.
V.
Am 18. Januar 2021 wurde der Rechtsvertretung ein Entwurf des Nichtein-
tretensentscheids des SEM zur Stellungnahme unterbreitet.
W.
Mit Schreiben vom 21. Januar 2022 (Akte A44) nahm die Rechtsvertretung
Stellung zum beabsichtigten Nichteintretensentscheid. An der Minderjäh-
rigkeit des Beschwerdeführers wurde festgehalten und weiter ausgeführt,
ein Altersgutachten sei gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts ein sehr schwaches Indiz für die Volljährigkeit. Die Altersspannen
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der beiden vorgenommenen Untersuchungen (zahnärztlicher Befund und
Schlüsselbeinanalyse) würden sich nicht überlappen und im Gutachten sei
keine plausible Erklärung hierfür enthalten. Die Formulare mit den Anga-
ben des Beschwerdeführers zur Identität in Griechenland seien von einem
anderen Jugendlichen ausgefüllt worden. Eine Bekannte in Somalia habe
die zu den Akten gereichte Geburtsurkunde für ihn beantragt.
Der Beschwerdeführer habe trotz seines schlechten psychischen Zustan-
des in Griechenland keinen Zugang zu medizinischer Versorgung gehabt
und dort ohne Unterkunft und mit mangelhafter Ernährung gelebt. Er leide
an einer akuten PTBS, wie im Bericht vom 22. Januar 2022 diagnostiziert
worden sei. Eine Wegweisung nach Griechenland wäre mit Verweis auf die
europäische und schweizerische Rechtsprechung unzulässig. Ihm sei am
24. November 2017 subsidiärer Schutz gewährt worden, womit er ein Kri-
terium für die Inanspruchnahme der HELIOS-Unterstützung nicht erfülle.
Er habe am 25. Januar 2022 einen Ersttermin bei I._, weshalb der
medizinische Sachverhalt noch nicht hinreichend erstellt sei.
Ein Kurzbericht des Ärzte-Teams (...) vom 22. Dezember 2021 sowie eine
E-Mail des kantonalen Sozialdienstes in G._ vom 20. Januar 2022
wurden nachgereicht. Im Bericht wird eine Anpassungsstörung mit depres-
siver Reaktion sowie eine PTBS diagnostiziert.
X.
Mit Verfügung vom 25. Januar 2022 (gleichentags eröffnet) trat das SEM
gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren
Vollzug an und hielt fest, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...)
2000, mit Bestreitungsvermerk, laute (vgl. Akte A45).
Y.
Mit Beschwerde seines Rechtsvertreters vom 31. Januar 2022 an das Bun-
desverwaltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer, die SEM-Verfü-
gung vom 25. Januar 2022 sei aufzuheben; auf sein Asylgesuch sei einzu-
treten und die vorläufige Aufnahme anzuordnen; das im ZEMIS eingetra-
gene Geburtsdatum sei auf den (...) 2004 abzuändern. Eventualiter sei die
Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an das SEM zurück-
zuweisen; subeventualiter sei die Verfügung vollständig aufzuheben und
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die Sache zur Einholung individueller Zusicherungen der griechischen Be-
hörden betreffend adäquate Unterkunft, Ernährung und Zugang zur medi-
zinischen Grundversorgung ans SEM zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht wurde die unentgeltliche Prozessführung unter
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses beantragt.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer Kopien seiner Geburtsur-
kunde vom 14. September 2021 sowie der bereits bei den Akten befindli-
chen Arztberichte und seine Stellungnahme vom 20. September 2021 zu
den Akten.
Z.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
1. Februar 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
AA.
Mit Eingabe vom 4. Februar 2022 reichte der Beschwerdeführer seine Ge-
burtsurkunde im Original, ausgestellt am 14. September 2021, nach, in wel-
cher das Geburtsdatum vom (...) 2004 aufgeführt ist.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG); soweit die ZEMIS-Berichtigung
betreffend, steht gegen den vorliegenden Beschwerdeentscheid hingegen
ein Rechtsmittelweg an das Schweizerische Bundesgericht offen.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1, Art. 50 und Art. 52 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.5 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
2.
2.1.1 Die vorliegende Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nicht-
eintretensentscheid betreffend das Asylgesuch als auch gegen die
Änderung der ZEMIS-Eintragung. Vorliegend kann aufgrund der Verfah-
renskonstellation und des Prozessausgangs in einem Urteil über beide
Rechtsbegehren befunden werden.
2.2
2.2.1 Mit asylrechtlicher Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM
ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs hat
die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das Bun-
desverwaltungsgericht diese Punkte insoweit ohne Einschränkung prüft.
2.2.2 Über die beantragte ZEMIS-Berichtigung entscheidet das Bundes-
verwaltungsgericht grundsätzlich mit uneingeschränkter Kognition. Es
überprüft die angefochtene Verfügung auf Rechtsverletzungen – ein-
schliesslich unrichtiger oder unvollständiger Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts und Rechtsfehler bei der Ermessensausübung – sowie
auf Angemessenheit hin (Art. 49 VwVG).
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3.
Der Verfügung des SEM vom 25. Januar 2022 liegt eine mangelhafte
Rechtsmittelbelehrung zugrunde, beträgt doch die Rechtsmittelfrist in Ver-
fahren betreffend Datenänderung im ZEMIS 30 Tage (Art. 50 Abs. 1
VwVG). In diesem Sinne liegt eine fehlerhafte Eröffnung vor. Vorliegend
hat dies jedoch keine Folgen, bewirkte doch die falsche Rechtsmittelbeleh-
rung keine Rechtsnachteile für den Beschwerdeführer, zumal er den
ZEMIS-Eintrag mittels Beschwerde anfechten konnte und seit seiner Be-
schwerdeeingabe genügend Zeit hatte, Ergänzungen einzureichen (vgl.
Urteil des BVGer F-5170/2020 vom 16. März 2021 E. 2, vgl. zum Ganzen
UHLMANN/SCHILLING-SCHWANK, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016,
Art. 38 N 22 f.). Überdies hat der Beschwerdeführer selbst die falsche
Rechtsmittelbelehrung nicht gerügt.
4.
4.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient. Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über
deren Richtigkeit zu vergewissern (Art. 5 Abs. 1 Datenschutzgesetz [DSG,
SR 235.1]). Werden Personendaten von Bundesorganen bearbeitet, kann
jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass unrichtige Perso-
nendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25 Abs. 3 Bst. a DSG).
Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im
Bestreitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen. Nach den massgeblichen Beweisregeln des VwVG gilt
eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung sämtlicher Erkennt-
nisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen Zweifel bleiben;
unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich.
4.2 Kann bei einer verlangten beziehungsweise von Amtes wegen beab-
sichtigten Berichtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenige
der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder
die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1
DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Per-
sonendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendiger-
weise bearbeitet werden. Dies gilt namentlich auch für die im ZEMIS
erfassten Namen und Geburtsdaten. In solchen Fällen überwiegt das
öffentliche Interesse an der Bearbeitung möglicherweise unzutreffender
Daten das Interesse an deren Richtigkeit. Unter diesen Umständen sieht
Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb das Anbringen eines Vermerks vor, in dem
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darauf hingewiesen wird, dass die Richtigkeit der bearbeiteten Personen-
daten bestritten ist. Erscheint die Richtigkeit der bisher eingetragenen
Daten als wahrscheinlicher oder zumindest nicht als unwahrscheinlicher,
sind diese zu belassen und mit einem Bestreitungsvermerk zu versehen
(vgl. zum Ganzen BVGE 2018 VI/3 E. 3).
5.
5.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung aus, der Be-
schwerdeführer trage die materielle Beweislast für die behauptete Minder-
jährigkeit. Er habe keine Reisepapiere eingereicht und sei nachweislich bei
den griechischen Behörden mit dem Geburtsdatum (...) 1997 registriert
worden, was er bei der EB UMA auch selbst angegeben habe. Es wider-
spreche der allgemeinen Erfahrung, dass man – unabhängig vom Gemüts-
zustand – das eigene Geburtsdatum nicht korrekt wiedergeben könne. Zu-
dem sei abwegig, dass die griechischen Behörden einen angeblich erst 13-
Jährigen als 20-jährige Person erfasst haben sollten. Die Zweifel am ange-
gebenen Alter würden weiter durch das medizinische Gutachten vom 18.
August 2021 bestätigt. Die Ausführungen im Rahmen der Stellungnahme
vom 2. September 2021 vermöchten die Minderjährigkeit nicht glaubhaft
darzutun. Aufgrund der aktuellen Forschungslage seien die vorgetragenen
innerethnischen Differenzen im zeitlichen Verlauf der Skelettreifung ver-
nachlässigbar. Der (...) 2000 sei das wahrscheinlichere Geburtsdatum als
der geltend gemachte (...) 2004. Nachdem der Beschwerdeführer angeb-
lich über keine Verwandte mehr im Heimatland verfüge, bleibe unklar, wie
er in Besitz der am 14. September 2021 ausgestellten Geburtsurkunde ge-
langt sei.
Der Bundesrat habe Griechenland als sicheren Drittstaat im Sinne von
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet. Der Beschwerdeführer habe dort
subsidiären Schutz erhalten und das Land habe sich am 9. September
2021 bereit erklärt, ihn zurückzunehmen. Es bestünden vorliegend zwar
Anzeichen, dass er die Bedingungen für eine vorläufige Aufnahme erfüllen
würde. Für ein allfälliges Ersuchen um Wiedererwägung des Asylentschei-
des sei jedoch nicht die Schweiz, sondern Griechenland zuständig. Der
Beschwerdeführer könne dorthin zurückkehren, ohne eine Rückschiebung
in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips zu befürchten.
Er könne in einen sicheren Drittstaat zurückkehren, weshalb vorliegend
das Non-Refoulement-Gebot bezüglich seines Heimatstaates nicht weiter
zu prüfen sei. Der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland sei auch
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zumutbar und möglich. Er könne sich mit seinem Schutzstatus in Griechen-
land auf die Richtlinie 2011/95/EU des Parlaments und des Rates vom
13. Dezember 2011 (sog. Qualifikationsrichtlinie) berufen, wonach er grie-
chischen Staatsbürgern bezüglich der Fürsorge, Zugang zu Gerichten, den
öffentlichen Schulunterricht und medizinischer Versorgung respektive mit
anderen ausländischen Personen in Bezug auf Erwerbstätigkeit und Ge-
währung einer Unterkunft gleichgestellt sei. Die in Griechenland im Allge-
meinen schwierigen ökonomischen Lebensbedingungen sowie die herr-
schende Wohnungsnot würden die ganze Bevölkerung treffen und ver-
möchten die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung nicht zu widerle-
gen. Sollte Griechenland seinen Verpflichtungen ihm gegenüber nicht
nachkommen, sei es ihm unbenommen, seine Rechte bei den griechischen
Behörden geltend zu machen. Ausserdem könne er sich auch an eine der
zahlreichen karitativen Organisationen wenden. Das HELIOS-Programm
bilde ein Zusatzprogramm zur Qualifikationsrichtlinie, welches von der Or-
ganisation für Migration (IOM) und ihren Partnern mit Unterstützung der
griechischen Regierung und mit finanzieller Unterstützung der Europäi-
schen Kommission durchgeführt werde. Auf der Website von IOM Grie-
chenland würden die Zugangskriterien dargelegt und explizit festgehalten,
dass auch Personen, welche die Kriterien nicht erfüllten, Zugang zum Pro-
gramm gewährt werden könne.
Er habe sich rund ein Jahr lang in Griechenland und anschliessend ohne
gültigen Aufenthaltsstatus drei Jahre lang in Frankreich aufgehalten. Diese
Umstände liessen darauf schliessen, dass er sich gut selbständig zurecht-
finden könne. Die medizinische Versorgung für Personen mit Schutzstatus
sei in Griechenland sichergestellt. Es könne davon ausgegangen werden,
dass die Behandlung psychischer Beschwerden inklusive PTBS in Grie-
chenland verfügbar sei. Mit Sicherheit seien die Medikamente, die der Be-
schwerdeführer einnehme, in Griechenland in gleicher oder gleichwertiger
Art erhältlich. Auch die Sozialversicherungsnummer sei über die entspre-
chenden Websites beschaffbar und es gebe verschiedene Akteure, die im
medizinischen Bereich Dolmetschertätigkeiten leisten würden. In Grie-
chenland drohe ihm keine ernsthafte, rapide und irreversible Verschlechte-
rung seiner Lage oder eine bedeutende Verkürzung seines Lebens. Für
das weitere Verfahren sei einzig die Reisefähigkeit ausschlaggebend, wel-
che erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt werde. Das SEM infor-
miere die griechischen Behörden vor der Überstellung über den Gesund-
heitszustand und die notwendige medizinische Behandlung. Die ausges-
tossene Suiziddrohung verpflichte die Schweiz nicht, vom Vollzug einer
E-475/2022
Seite 14
Wegweisung abzusehen. Die vom Völkerrecht geforderten aussergewöhn-
lichen Umstände für die Feststellung der Unzulässigkeit seien nicht gege-
ben.
Die Indizien, die aus der forensischen Lebensaltersbestimmung hervorgin-
gen, würden klar gegen die Minderjährigkeit sprechen. Die Angaben zum
skelettalen Alter würden sich mit den Angaben zum Zahnalter überlappen.
Für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges sei einzig die Einhaltung
der Qualifikationsrichtlinie relevant. Es stünden nebst HELIOS auch wei-
tere Unterstützungsleistungen zur Verfügung. In Griechenland sei der Mig-
rationsdruck in den letzten Monaten stark zurückgegangen. Eine adäquate
Behandlung stehe dem Beschwerdeführer in Griechenland offen. Aus dem
letzten Arztbericht vom 22. Dezember 2021 gingen keine zusätzlichen Hin-
weise hervor, die gegen seine Reisefähigkeit sprechen würden.
5.2 In seiner Rechtsmitteleingabe äusserte sich der Beschwerdeführer
nochmals zur Beweislast des im ZEMIS einzutragenden Geburtsdatums.
Gelinge keiner Partei der sichere Nachweis des Geburtsdatums, sei das-
jenige im ZEMIS festzuhalten, dessen Richtigkeit wahrscheinlicher sei.
Das SEM habe sich vorliegend auf das Altersgutachten gestützt, gemäss
welchem er mindestens das 21. Lebensalter erreicht haben solle. Das her-
angezogene Altersgutachten sei ein sehr schwaches, fragiles Indiz für die
Volljährigkeit. Der Umstand, dass er in Griechenland für 20-jährig gehalten
worden sei, spreche dafür, dass das dort – nicht von ihm persönlich, son-
dern von einem anderen Jugendlichen – angegebene Alter nicht stimme.
Bei der eingereichten somalischen Geburtsurkunde würden keine Hin-
weise auf einen käuflichen Erwerb vorliegen.
Die in Griechenland im April 2020 beschlossene Gesetzesänderung habe
massive Auswirkungen auf Personen mit Schutzgewährung. Geld- und
Sachleistungen würden ab Erhalt des positiven Entscheides enden und es
existierten administrative Hürden, welche den Zugang zu Sozialleistungen,
Gesundheitsversorgung und Arbeitsmarkt verhinderten. Die Gewährung
von Mietzuschüssen im Rahmen des HELIOS-Programms setze voraus,
dass Betroffene bereits eine Wohnung und mindestens die erste Monats-
miete bezahlt hätten. Es sei praktisch aussichtslos, in den übrigen Obdach-
losenunterkünften einen Platz zu erhalten.
Dem Beschwerdeführer sei am 24. November 2017 in Griechenland sub-
sidiärer Schutz gewährt worden. Er erfülle damit die Voraussetzungen für
E-475/2022
Seite 15
die Inanspruchnahme des HELIOS-Programms nicht, denn dieses stehe
nur für Gesuchsteller offen, die ihren Entscheid nach dem (...) 2018 erhal-
ten hätten. Es sei nicht klar, ob der Zugang gemäss der Website der IOM,
auf welche das SEM verwiesen habe, gewährleistet sei.
Trotz seines schlechten psychischen Zustands habe der Beschwerdefüh-
rer in Griechenland keinen Zugang zu medizinischer Versorgung gehabt.
Er leide an einer im Arztbericht vom 22. Dezember 2021 diagnostizierten
akuten PTBS, weshalb ihm dort eine unmenschliche Behandlung drohe.
Es sei stossend, dass das SEM auf karikative Hilfsorganisationen ver-
weise, wenn es um elementarste Grundbedürfnisse und die medizinische
Grundversorgung gehe. Er habe in Griechenland und in Frankreich unter
menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen, weshalb es zynisch
sei, dass das SEM auf seine mehrjährigen Aufenthalte dort verweise.
Der medizinische Sachverhalt sei nicht genügend erstellt worden. Ange-
sichts seiner diagnostizierten PTBS sei der Beschwerdeführer der
I._ zugewiesen worden und er hätte am 25. Januar 2022 einen Erst-
termin dort gehabt. Ein diesbezüglicher Bericht sei im Laufe der Woche zu
erwarten. Er sei bereits zwei Mal kurz vor Beginn der geplanten Therapie
in den Psychiatrischen Diensten verlegt worden. Er habe unverschuldet die
Therapien nicht beginnen können. Das SEM hätte vor seiner Entscheidfin-
dung die Arztberichte abwarten müssen. Vorliegend sei der rechtliche Ge-
hörsanspruch verletzt worden, wozu auf die fünf bei den Akten befindlichen
Arztberichte verwiesen wurde. Die vorinstanzliche Einschätzung des Zu-
gangs zu medizinischen Behandlungen in Griechenland decke sich nicht
mit anerkannten Berichten; ohne Sozialversicherungsnummer sei der Zu-
gang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung nicht möglich. Zudem sei die
psychosoziale Unterstützung für ihn schwer zugänglich. Der Wegwei-
sungsvollzug sei daher unzulässig und unzumutbar. Subeventualiter sei
eine Garantieerklärung der griechischen Behörden einzuholen, wonach
diese eine nahtlose Rückübererstellung sowie eine adäquate Unterkunft
des Beschwerdeführers zusicherten.
6.
6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der
"Eurodac"-Datenbank ergab, dass er am 13. Oktober 2017 in Griechenland
um Asyl ersucht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die griechischen Behör-
den am 7. September 2021 um Rückübernahme des Beschwerdeführers.
Die griechischen Behörden stimmten diesem Gesuch am 9. September
E-475/2022
Seite 16
2021 zu und teilten dem SEM mit, dass der Beschwerdeführer in Griechen-
land mit Geburtsdatum vom (...) 1997 registriert worden ist und am 24. No-
vember 2017 subsidiären Schutz erhalten hat.
6.2 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Griechenland ein Asylgesuch
eingereicht und dort subsidiären Schutz erhalten zu haben. Wie die nach-
folgenden Erwägungen zeigen, sind seine Vorbringen nicht geeignet, die
vorinstanzlichen Erwägungen umzustossen.
6.3 Soweit der Beschwerdeführer auf seine Minderjährigkeit verweist, ist
Folgendes festzustellen:
6.3.1 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden
Person zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we-
nigstens glaubhaft zu machen, da sie die Beweislast dafür trägt, auch wenn
das SEM die entscheidrelevanten Sachverhaltsmomente von Amtes we-
gen festzustellen hat (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.3 m.w.H., Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist
eine Abwägung aller Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der
betreffenden Altersangabe sprechen, vorzunehmen (vgl. BVGE 2009/54
E. 4.1). Wurde der Sachverhalt abschliessend festgestellt und ist es der
betroffenen Person nicht gelungen, die behauptete Minderjährigkeit glaub-
haft zu machen, hat sie die Folgen zu tragen und wird als volljährig be-
trachtet (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 5.4).
6.3.2 Der Beschwerdeführer hat keinerlei Identitätspapiere oder andere
Dokumente zum Beleg des von ihm behaupteten Alters eingereicht. In der
EB UMA trug er diesbezüglich zunächst vor, nie einen Reisepass besessen
zu haben. Bei der Befragung zu einer allfälligen Identitätskarte gab er dann
zu Protokoll, ein Freund seines Vaters respektive sein Schlepper habe ihm
einen somalischen Reisepass beschafft; er habe diesen auf dem Seeweg
weggeworfen (vgl. Akte A12. Ziffer 4.02). Es befinden sich keinerlei Reise-
papiere bei den Akten, die die behauptete Minderjährigkeit stützen würden.
6.3.3 Hingegen wurde im Altersgutachten vom 18. August 2021 bezüglich
des Skelettalters des Beschwerdeführers festgehalten, dass die Wachs-
tumsfugen der inneren Schlüsselbeinanteile einem durchschnittlichen Le-
bensalter von 29 Jahren sowie einem Mindestalter von 21.6 Jahren ent-
sprächen. Bezüglich des Zahnalters wurde unter anderem angeführt, dass
an den Zähnen 1 bis 7 im dritten Quadranten ein vollständiger Abschluss
E-475/2022
Seite 17
des Wurzelwachstums festgestellt werden könne. An den Weisheitszähnen
seien Mineralisations- respektive Entwicklungsstadien festgestellt worden,
welche auf ein Durchschnittsalter von 22 Jahren schliessen liessen.
Als Fazit hält das Gutachten sodann fest, dass der Beschwerdeführer ein
durchschnittliches Lebensalter von 18 bis 29 Jahren aufweise. In Zusam-
menschau aller Untersuchungsbefunde ergebe sich im Zeitpunkt der Un-
tersuchung ein Mindestalter von 21 Jahren (21.6 Jahren). Das von ihm an-
gegebene Geburtsdatum könne aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen
Studienlage nicht zutreffen (vgl. Sachverhalt oben, Bst. G, A14).
Praxisgemäss stellt dieses Ergebnis des Altersgutachtens ein starkes Indiz
dafür dar, dass die Altersangaben des Beschwerdeführers nicht zutreffen
und er entgegen seiner Behauptung volljährig ist.
6.3.4 Sodann wies die Vorinstanz zu Recht darauf hin, dass der Beschwer-
deführer gemäss Auskunft der griechischen Behörden mit Geburtsdatum
vom (...) 1997 registriert wurde, was mit seinen Identitätsangaben gegen-
über den schweizerischen Asylbehörden nicht übereinstimmt. Bei der EB
UMA gab der Beschwerdeführer zwar auch zu Protokoll, dass er bei den
griechischen Behörden mit diesem Geburtsdatum (und somit als volljährig)
registriert worden sei (vgl. A12, Ziffer 2.06). Seine Behauptung, dass das
in Griechenland vermerkte Geburtsdatum aber nicht von ihm persönlich,
sondern von einem anderen Jugendlichen angegeben worden sei, ist nicht
plausibel. Das SEM wies zu Recht darauf hin, dass es der allgemeinen
Lebenserfahrung widerspreche, dass man das eigene Geburtsdatum – un-
abhängig vom aktuellen Gemütszustand – nicht korrekt angeben könne.
6.4 In Bezug auf die nachgereichte Geburtsurkunde führte die Vorinstanz
zutreffend aus, es bleibe im Dunkeln, wie der Beschwerdeführer in den Be-
sitz dieses Dokumentes gekommen sei, nachdem er angegeben habe, in
Somalia über keine Verwandte mehr zu verfügen. Die Geburtsurkunde
weist keine Sicherheitsmerkmale auf und ist somit nicht fälschungssicher,
weshalb diesem Beweismittel unabhängig von der Art seiner Beschaffung
ein nur geringer Beweiswert zukommt.
6.5 Nach dem Gesagten gelangt das Gericht im Rahmen einer Gesamt-
würdigung aller Umstände (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 5.3.4 S. 210) in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwer-
deführer nicht gelungen ist, die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit
E-475/2022
Seite 18
zum Zeitpunkt seiner Gesuchseinreichung in der Schweiz glaubhaft zu ma-
chen.
6.6 Bezüglich des Antrags um Berichtigung des ZEMIS-Eintrages (Rechts-
begehren 1, zweiter Teilsatz) ist die Beschwerde abzuweisen. Vorliegend
lässt sich das exakte Geburtsdatum des Beschwerdeführers nicht bewei-
sen. Somit sind diejenigen Daten einzutragen, welche am wahrscheinlichs-
ten – respektive überwiegend wahrscheinlich – sind. Aufgrund aller Be-
weismittel und Indizien steht nach dem oben Gesagten fest, dass die Voll-
jährigkeit des Beschwerdeführers wahrscheinlicher ist als die behauptete
Minderjährigkeit (vgl. E. 6.3). Das im ZEMIS (mit einem Bestreitungsver-
merk) eingetragene Geburtsdatum vom (...) 2000 ist daher unverändert zu
belassen.
6.7 Im Nachfolgenden ist der Frage nachzugehen, ob der Nichteintretens-
entscheid des SEM zu Recht ergangen ist.
7.
7.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch in der Re-
gel nicht eingetreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a
Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann,
in welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
7.2 Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellun-
gen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG
besteht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Mit Be-
schluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche Län-
der der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelsasso-
ziation (EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet.
7.3 Die Vorinstanz stellt in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest,
dass der Bundesrat Griechenland als sicheren Drittstaat im Sinne von Art.
6a Abs. 2 Bst. b AsylG bezeichnet hat. Den vorinstanzlichen Akten ist so-
dann zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer in Griechenland subsidi-
ären Schutz erhalten hat und die griechischen Behörden seiner Rücküber-
nahme ausdrücklich zugestimmt haben. Demnach sind die Voraussetzun-
gen für einen Nichteintretensentscheid nach Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG
erfüllt, weshalb das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu
Recht nicht eingetreten ist.
E-475/2022
Seite 19
8.
Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt
dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4, 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie aufgrund von Situationen wie Krieg, Bür-
gerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind.
9.2.1 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten – wie
Griechenland einer ist – die (widerlegbare) Vermutung, dass diese ihre völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen, darunter im Wesentlichen das Refoule-
ment-Verbot und grundlegende menschenrechtliche Garantien, einhalten
(vgl. FANNY MATTHEY, in: Cesla Amarelle/Minh Son Nguyen, Code annoté
de droit des migrations, Bern 2015, Art. 6a AsylG N 12 S. 68). Gestützt auf
Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine Wegweisung in
E-475/2022
Seite 20
einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist. Es obliegt der be-
troffenen Person, diese beiden Legalvermutungen umzustossen. Dazu hat
sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die Behörden des in
Frage stehenden Staates im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr
nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen
Lebensumständen aussetzen würden respektive, dass sie im in Frage ste-
henden Staat aufgrund von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftli-
cher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde
(vgl. statt vieler das Urteil des BVGer E-5435/2021 vom 22. Januar 2022
E. 7.2.1).
9.2.2 Zwar anerkennt das Bundesverwaltungsgericht, dass die Lebensbe-
dingungen in Griechenland für dort anerkannte Schutzberechtigte in fast
allen Bereichen des täglichen Lebens äusserst schwierig sind und sich die
Alltagsbewältigung als beschwerlich gestaltet. Es ist aber nicht von einer
Situation auszugehen, in der jeder Person mit Schutzstatus in Griechen-
land eine unangemessene und erniedrigende Behandlung im Sinne einer
Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde. Wie das SEM in der angefoch-
tenen Verfügung zutreffend festhielt, sind Personen mit Schutzstatus grie-
chischen Bürgern und Bürgerinnen grundsätzlich gleichgestellt in Bezug
auf Fürsorge, den Zugang zu Gerichten und den öffentlichen Schulunter-
richt respektive gleichgestellt mit anderen Ausländern und Ausländerinnen,
beispielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder Gewährung einer Unter-
kunft (vgl. Art. 16-24 FK). Unterstützungsleistungen und weitere Rechte
können direkt bei den zuständigen Behörden eingefordert werden, falls
notwendig auf dem Rechtsweg. Es kann trotz der eheblichen Schwächen
nicht von einem völlig dysfunktionalen Aufnahmesystem gesprochen wer-
den. Immerhin ist nicht von der Hand zu weisen, dass gewisse Angebote
für Schutzberechtigte in Griechenland bestehen, wenn auch die Kapazitä-
ten knapp sind und Infrastrukturhilfen und Angebote bisher vor allem von
internationalen Akteuren, zuvorderst der Europäischen Union, dem Hohen
Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR)
und der IOM abhängen, die – in Zusammenarbeit mit der lokalen Zivilge-
sellschaft – Leistungen erbringen und finanzieren. Nicht zuletzt können
Schutzberechtigte sich auch auf die Garantien in der Qualifikationsrichtlinie
2011/95/EU berufen, auf die sich Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaf-
ten lassen muss. Von Interesse sind diesbezüglich insbesondere die Re-
geln betreffend den Zugang von Personen mit Schutzstatus zu Beschäfti-
gung (Art. 26), Bildung (Art. 27), Sozialhilfeleistungen (Art. 29), Wohnraum
(Art. 32) und medizinischer Versorgung (Art. 30). Im Falle einer Verletzung
E-475/2022
Seite 21
der Garantien der EMRK steht gestützt auf Art. 34 EMRK sodann letztin-
stanzlich der Rechtsweg an den EGMR offen (vgl. Referenzurteil
D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 8).
9.2.3 Der Beschwerdeführer hat in Griechenland subsidiären Schutz erhal-
ten. Es besteht daher kein Anlass zur Annahme, es drohe ihm eine Verlet-
zung des in Art. 33 Abs. 1 FK verankerten Grundsatzes der Nichtrückschie-
bung. Aufgrund der Akten liegen ferner keine Anhaltspunkte dafür vor, dass
er für den Fall einer Ausschaffung nach Griechenland dort mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Der Beschwerdeführer machte
anlässlich der EB UMA geltend, er habe in Griechenland eine Aufenthalts-
bewilligung besessen und deswegen keine Unterstützung mehr erhalten;
man habe keine Unterkunft und keine Arbeit.
Er brachte jedoch nicht konkret vor, sich während seines Aufenthalts in
Griechenland vergeblich um Hilfe oder Unterstützung seitens der Behör-
den bemüht zu haben. Unter diesen Umständen ist im heutigen Zeitpunkt
nicht von einem «real risk» auszugehen, dass er bei einer Rückkehr nach
Griechenland einer menschenrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt
wäre. Auch unter Berücksichtigung der Schwächen des griechischen Auf-
nahmesystems vermag allein die blosse Möglichkeit, in nicht absehbarer
Zeit aus nicht voraussehbaren Gründen in eine missliche Lebenssituation
zu geraten, die hohe Schwelle zum «real risk» nicht zu erreichen.
9.2.4 In Bezug auf den medizinischen Sachverhalt rügt der Beschwerde-
führer zunächst eine unvollständige Abklärung des medizinischen Sach-
verhalts. Die Vorinstanz habe den rechtlichen Gehörsanspruch des Be-
schwerdeführers verletzt.
9.2.4.1 Im Verwaltungs- und namentlich im Asylverfahren gilt der Untersu-
chungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren be-
deutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung und
zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und
auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsuchen-
den Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht uneinge-
schränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchen-
den findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. Christoph Auer, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
E-475/2022
Seite 22
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9; BVGE 2012/21
E. 5.1). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs-
grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asyl-
suchenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise ab-
zunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre
und Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausge-
hende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der
asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen
Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen,
die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden
können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 23 E. 5a).
9.2.4.2 Aus den insgesamt sechs Berichten von Facharztpersonen geht
hervor, dass beim Beschwerdeführer eine Anpassungsstörung mit depres-
siver Reaktion und «Verdacht» einer PTBS festgestellt wurde. Im neusten
Bericht des Ärzte-Teams (...) vom 22. Dezember 2021 wurde eine PTBS
diagnostiziert. Er wurde respektive wird medikamentös behandelt.
9.2.4.3 Abgesehen von diesen Diagnosen liegen keine Hinweise auf eine
lebensbedrohende psychische Erkrankung vor. Anzumerken ist in diesem
Zusammenhang, dass der Beschwerdeführer die geschilderten Leiden
schon seit längerer Zeit hat, ohne dass dies beispielsweise seine Reisetä-
tigkeit beeinträchtigt hätte. Er hat anlässlich der EB UMA nicht geltend ge-
macht, in Griechenland auf medizinische Versorgung angewiesen gewe-
sen zu sein, sich konkret um eine ärztliche Behandlung bemüht und diese
nicht erhalten zu haben. Seine Einwendungen gegen eine Rückweisung
nach Griechenland bezogen sich einzig auf die Unterkunfts- und Arbeitssi-
tuation (vgl. A12, Ziffer 8.01).
9.2.4.4 Es liegen bereits sechs Arztberichte bei den Akten, die sich zum
psychischen und physischen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
äussern. In der Beschwerdeschrift wird zwar die Einreichung eines weite-
ren Berichts in Aussicht gestellt (vgl. S. 11 Mitte). Nachdem bereits in den
Arztberichten vom 18. November 2021 und 22. Dezember 2021 das Vor-
liegen einer PTBS festgestellt worden waren, durfte das SEM aber von ei-
nem erstellten medizinischen Sachverhalt ausgehen. Entgegen den Vor-
bringen in der Rechtsmitteleingabe ist deshalb nicht zu beanstanden, dass
die Vorinstanz nicht noch weitere Untersuchungen des Gesundheitszu-
E-475/2022
Seite 23
standes einleitete. Eine Verletzung der Pflicht zur Abklärung des rechtser-
heblichen Sachverhalts liegt nicht vor. Es ist auch nicht nachvollziehbar,
inwiefern das SEM diesbezüglich den rechtlichen Gehörsanspruch des Be-
schwerdeführers verletzt haben sollte, nachdem es vom Vorliegen einer
PTBS-Erkrankung ausgegangen ist, jedoch deren Behandelbarkeit in Grie-
chenland unter Bezugnahme auf das Urteil des BVGer E-1985/2021 bejaht
hat (vgl. SEM-Verfügung, Ziff. III/2, S. 8 unten).
9.2.5 Weder die psychischen Beschwerden noch die übrigen gesundheitli-
chen Probleme des Beschwerdeführers geben zur Befürchtung Anlass,
dass bei einer Überstellung nach Griechenland eine ernsthafte, rapide und
irreversible Verschlechterung seiner Lage, verbunden mit übermässigem
Leiden oder einer bedeutenden Verkürzung der Lebenserwartung, zu er-
warten wäre, wie sie zur Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungs-
vollzugs aus medizinischen Gründen gefordert wird.
9.2.6 Insgesamt erweist sich der Vollzug der Wegweisung somit als zuläs-
sig.
9.3 Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG für Auslän-
derinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Her-
kunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner
Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wie bereits er-
wähnt, besteht gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG die Vermutung, dass eine
Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist.
9.3.1 Die Vorinstanz hat in ihrer Verfügung den Vollzug der Wegweisung
auch unter dem Aspekt der Zumutbarkeit mit zutreffender Begründung be-
jaht. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann vorab auf die betreffenden
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. In der
Beschwerde finden sich keine über diejenigen in der Stellungnahme vom
21. Januar 2022 substanziell hinausgehenden Einwendungen, welche zu
einer anderen Betrachtungsweise führen könnten. Soweit vorgebracht
wird, der Beschwerdeführer würde bei einer Rückkehr die zwingend vorge-
sehenen Dienstleistungen in Griechenland nicht erhalten, weshalb der
Wegweisungsvollzug zumindest unzumutbar sei, ist festzustellen, dass
das griechische Fürsorgesystem zwar in der Kritik steht, Griechenland aber
an die erwähnte Richtlinie 2011/95/EU gebunden ist. Selbst wenn die Le-
bensbedingungen in Griechenland aufgrund der herrschenden Wirtschafts-
lage nicht einfach sind, liegen keine Hinweise für die Annahme vor, dass
E-475/2022
Seite 24
der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Griechenland einer exis-
tenziellen Notlage ausgesetzt wäre, zumal er nicht geltend macht, sich je
an die Behörden gewendet zu haben, um Leistungen einzufordern, die ihm
dann verweigert worden wären. Vom Beschwerdeführer darf erwartet wer-
den, sich bei Unterstützungsbedarf an die griechischen Behörden zu wen-
den und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufor-
dern. Obschon es sich bei Griechenland um einen Rechtsstaat handelt,
welcher an die Qualifikationsrichtlinie gebunden ist, ist es durchaus mög-
lich, dass ihm der Zugang zu innerstaatlichen Instanzen nicht mühelos al-
leine gelingt. Aber auch in Griechenland existieren Nichtregierungsorgani-
sationen, die ihm in dieser Hinsicht behilflich sein können. Bei einer Rück-
kehr nach Griechenland kann er sich – sollte er nicht in das HELIOS-Pro-
gramm aufgenommen werden – um Zugang in ein anderes Unterstüt-
zungsprogramm bemühen. Auch wenn eine adäquate Eingliederung des
Beschwerdeführers in die sozialen Strukturen Griechenlands als Person
mit subsidiärem Schutz mit nicht zu verkennenden Erschwernissen ver-
bunden ist, vermögen die Vorbringen die hohen Anforderungen an eine
konkrete Gefährdung nicht zu erfüllen.
9.3.2 Bezüglich des geltend gemachten medizinischen Sachverhalts ist
nochmals festzuhalten, dass den Akten keine Hinweise zu entnehmen
sind, dass die vorgebrachten psychischen Probleme in Griechenland nicht
behandelt werden könnten. Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem
bereits zitierten Urteil E-1985/2021 E. 7.4.1 die Behandlungsmöglichkeit
psychischer Beschwerden inklusive PTBS in Griechenland, namentlich in
Athen, bejaht.
Die mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragten schweizerischen Be-
hörden werden die griechischen Behörden vor der Durchführung der Weg-
weisung über die besonderen medizinischen Bedürfnisse des Beschwer-
deführers zu informieren und diesen Umständen bei der Bestimmung ge-
eigneter Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen haben. Der Beschwer-
deführer ist seinerseits gehalten, bei der Vorbereitung seiner Rückkehr mit
den Vollzugsbehörden zu kooperieren, was seine geordnete und gut vor-
bereitete Rückkehr erleichtern würde. Es steht ihm auch frei, von den Mög-
lichkeiten der Rückkehrhilfe Gebrauch zu machen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst.
d AsylG, Art. 75 der der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2,
SR 142.312]). Bei dieser Sachlage besteht keine Veranlassung, individu-
elle Zusicherungen der griechischen Behörden einzuholen, weshalb das
betreffende Rechtsbegehren (vgl. Beschwerde, Rechtsbegehren 3) abge-
wiesen wird.
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Seite 25
9.3.3 Aufgrund der Aktenlage ist somit nicht davon auszugehen, er gerate
bei einer Rückkehr nach Griechenland zwangsläufig in eine seine Existenz
gefährdende Situation. Damit ist der Vollzug der Wegweisung auch zumut-
bar.
9.4 Der Vollzug der Wegweisung ist schliesslich nach Art. 83 Abs. 2 AIG
möglich, da die griechischen Behörden einer Rückübernahme des Be-
schwerdeführers ausdrücklich zugestimmt haben, er dort über eine Aufent-
haltsbewilligung verfügt und den Akten keine Hinweise auf eine Reiseun-
fähigkeit zu entnehmen sind.
9.5 Zusammenfassend hat das SEM zu Recht den Wegweisungsvollzug
nach Griechenland als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet, wes-
halb die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme ausser Betracht fällt.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
erweist sich mit vorliegendem Urteil als gegenstandslos.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die Be-
schwerde nicht als von Vornherein aussichtslos betrachtet werden kann
und von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers auszugehen ist, ist das
mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen. Es wer-
den keine Verfahrenskosten auferlegt.
(Dispositiv nächste Seite)
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