Decision ID: 996f4529-7c6d-43e3-aa05-a4593c520e42
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 29. Oktober/6. November 2008 bei der
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er habe nach der _schule etwa eineinhalb
Jahre lang (von _ 1999 bis _ 2001) die Berufsschule zur Lehre als _ besucht
und die Lehre abgebrochen. Wegen Panikattacken, Angststörungen und Depressionen
könne er "nicht raus". Die gesundheitliche Beeinträchtigung bestehe etwa seit dem
16. Lebensjahr, sei aber mit der Zeit immer schlimmer geworden, bis er 2004
arbeitsunfähig geworden sei. Von 2000 bis 2004 sei er drogenabhängig gewesen.
Seither sei er "sauber", komme aber ungefähr seit damals nicht mehr unter Leute und
aus der Wohnung. Seit 200_ sei er verheiratet. Von _ 2007 bis _ 2008 sei er
sozialhilfeabhängig gewesen.
A.a.
Die zuständige Ärztin des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) der
Invalidenversicherung gab in einem Gesprächsprotokoll vom 11. Dezember 2008 (IV-
act. 13, 15) an, Dr. med. B._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychiatrie-Zentrum C._, habe erklärt, der Versicherte habe Probleme bei den
alltäglichen Verrichtungen (Einkauf, öffentlicher Verkehr usw.). Er sei für alle Tätigkeiten
voll arbeitsunfähig; eine Neubeurteilung sei frühestens im April 2009 sinnvoll. Der
Lehrabbruch im _ 2001 sei im Zusammenhang mit der bereits bestehenden Phobie
zu sehen.
A.b.
Am 17. Dezember 2008 (IV-act. 17) teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
dem Versicherten mit, berufliche Eingliederungsmassnahmen seien zurzeit wegen des
Gesundheitszustands nicht möglich.
A.c.
In einem IV-Arztbericht vom 20. April 2009 (IV-act. 19) gab das Psychiatrie-
Zentrum C._ (Dr. B._) an, beim Versicherten lägen eine Agoraphobie, eine
A.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, eine Störung
durch Sedativa oder Hypnotika, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent, und ein
Zustand nach Drogenabhängigkeit (2000 - 2004, aktuell jedoch weiterhin kein
Drogenkonsum erkennbar) vor. Ab dem 15. Altersjahr habe er Cannabis konsumiert. Er
leide seit etwa neun Jahren (erstmals mit 17 Jahren unter Cannabis aufgetreten) an
Angst- und Panikstörungen, die sich seit drei Jahren verstärken würden, und werde
seit 25. Juli 2007 behandelt. Seit _ Jahren sei er verheiratet. Vor etwa _ habe seine
Frau in die Schweiz einreisen können, womit er keine Sozialhilfe mehr beziehen könne.
Er wäre für den Haushalt zuständig, könne aber kaum den täglichen Arbeiten und
Aufgaben nachkommen. Im Vordergrund stehe die Angst- und Panikstörung mit
massivem Vermeidungsverhalten. Ausserdem leide der Versicherte an Ein- und
Durchschlafstörungen, ferner an Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen und
Affektarmut, Lust-, Interesse- und Hoffnungslosigkeit. Er gehe kaum mehr aus dem
Haus, sei im Kontakt oder allein schon beim Gedanken, mit mehr als zwei bis drei
Personen in Kontakt zu sein, massiv überfordert und habe ein Engegefühl und
Atemnot. Er sei auf dem ersten Arbeitsmarkt voll arbeitsunfähig; mit einer
Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit könne nicht gerechnet werden. Die
monatlichen Termine nehme er verlässlich wahr. Der Versuch einer Ergotherapie
dreimal wöchentlich sei gescheitert. Eine angezeigte stationäre oder eine
tagesklinische Behandlung lehne der Versicherte ab, weil ihn das Gruppenangebot
überfordern würde. Zurzeit werde versucht, eine Motivation hierzu aufzubauen. Es
handle sich um ein chronisches, schon seit vielen Jahren auch unter Abstinenz von
Drogen bestehendes Zustandsbild.
Am 14. Oktober 2009 (IV-act. 24) fand eine psychiatrische Untersuchung durch
einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie des RAD statt. Im entsprechenden
Bericht vom 21. Oktober 2009 wurde festgehalten, der Versicherte habe berichtet, er
habe sich wegen Panikattacken und Angstzuständen bei der IV gemeldet. Sein Arzt
habe gemeint, es sei alles versucht worden, es gehe jetzt nichts mehr. Das Ganze gehe
nun seit zehn Jahren. Den Antrag habe er auf Drängen des Arztes gestellt, weil er nicht
arbeiten könne. Vor der Überweisung an das Psychiatrie-Zentrum (ca. 2007) habe er
etwa eineinhalb Jahre lang eine Psychotherapie bei Dr. med. D._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, gemacht. Zurzeit habe er täglich zuhause drei
A.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Panikattacken - immer dann, wenn er ans Hinausgehen oder an den Grund der Störung
denke. Wenn er nach draussen gehe, habe er mindestens eine solche Attacke. Die
Angstzustände kämen sicher, sobald er sich ausser Haus begebe; draussen sei es
dann noch schlimmer. Zwischendurch gehe er schon einmal nach draussen, aber nicht
mehr wie früher. Einkaufen gehe überhaupt nicht. Die den Versicherten begleitende
O._ [Verwandte] habe erklärt, dieser könne überhaupt nicht mehr unter Leute und
ausser Haus gehen. Zurzeit halte er sich meist bei heruntergelassenem Rollladen in
seinem Zimmer auf und komme selbst nicht heraus, wenn sie (die O._) in der
Wohnung sei. Auch mit der Ehefrau rede er kaum. Wenn er - sehr selten - die Eltern
besuche, müsse es spät (abends) und dunkel sein, damit ihn niemand sehe. Der RAD-
Arzt hielt fest, es bestünden ausgeprägte eingeschliffene negative Kognitionen mit der
Festlegung, an den bestehenden psychischen Einschränkungen nichts ändern zu
können. Er diagnostizierte (erstens) eine generalisierte Angststörung mit (zweitens)
gemischt agoraphoben und sozial-phobischen Anteilen. Hierfür spreche die vom
Versicherten geschilderte Symptomatik. Die O._ habe den Rückzug bestätigt. Nicht
zuletzt wegen des ausgeprägten Vermeidungsverhaltens sei der Versicherte nicht in
der Lage, einer ausserhäuslichen Tätigkeit nachzugehen. Ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit sei ein polytoxikomanes Abhängigkeitssyndrom (Cannabinoide,
Opioide, Kokain, Sedativa), derzeit Abstinenz. Es fänden zurzeit monatliche
Sprechstundentermine mit einstündigem Gespräch statt. Eine Steigerung der Cipralex-
Dosis (gemäss Arzneimittel-Kompendium Wirkstoff Escitalopram, Antidepressivum,
Selektiver Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, zur Behandlung von Depressionen,
sozialer Phobie, generalisierten Angststörungen, Panikerkrankungen,
Zwangsstörungen) über 5 mg hinaus sei wegen angeblicher massiver Nebenwirkungen
nicht möglich, ebenso wenig eine Ergotherapie. Bemühungen um eine tagesklinische
oder stationäre Behandlung seien bislang am Widerstand des Versicherten gescheitert.
Die Behandlung sei absolut unzureichend und die noch nicht ausgeschöpften Optionen
müssten in Form einer Kaskade implementiert werden. Zunächst habe eine mindestens
vier- bis sechsmonatige stationäre Psychotherapie in einer für Angsterkrankungen
besonders geeigneten Klinik stattzufinden, anschliessend eine teilstationäre
Behandlung zur Arbeitserprobung im geschützten Rahmen mit Weiterführung
berufsberaterischer Massnahmen, schliesslich nach Abschluss der teilstationären
Behandlung eine begleitende ambulante Psychotherapie. Davon könne wahrscheinlich
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit und eine Rückführung in den ersten
Arbeitsmarkt erwartet werden. Es gebe keine medizinischen Gründe, derentwegen der
Versicherte nicht mitwirken könnte. Nachdem der Versicherte erklärt habe, er vertrage
kein Medikament, bekomme Schwindel und sei auch schon einige Male umgefallen,
habe sich eine Diskussion über Nebenwirkungen der Medikamente ergeben.
Schliesslich sei der Versicherte wütend geworden und habe mit zunehmend lauter
werdender Stimme geäussert, er habe den Eindruck, er (der Referent) glaube ihm nicht,
was er sage oder schätze seine Krankheit gar nicht als so schwerwiegend ein. Der
RAD-Arzt bemerkte abschliessend, die O._ des Versicherten habe sich am
Nachmittag bei der Sozialversicherungsanstalt erkundigt, ob es nicht möglich wäre,
diesen durch einen anderen RAD-Arzt untersuchen zu lassen; es seien dem
Versicherten nämlich beispielsweise mehr Fragen zur Politik gestellt worden als zur
eigentlichen Krankheit. Das beziehe sich wohl auf die von ihm (dem RAD-Arzt) dem
Versicherten im Hinblick auf sein Allgemeinwissen und seine Interessiertheit gestellten
Fragen zu seiner Heimat (vgl. IV-act. 24-10).
Mit Schreiben vom 12. November 2009 (IV-act. 26) und vom 7. Dezember 2009 (IV-
act. 28) forderte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen den
Versicherten im Rahmen der Schadenminderungs- und Mitwirkungspflicht dazu auf,
sich während mindestens vier bis sechs Monaten einer stationären Psychotherapie zu
unterziehen und innert Frist bekanntzugeben, wann er eintrete. - Der Versicherte teilte
schliesslich am 12. Mai 2010 (IV-act. 32) mit, er habe sich am 2. März 2010 in die
Psychiatrische Klinik E._ begeben, sich aber am 11. März 2010 dazu entschlossen,
diese wieder zu verlassen. Der Druck sei ihm zu gross gewesen, obwohl er eine hohe
Dosis von Beruhigungstabletten bekommen habe. Er könne nicht unter die Leute
gehen und habe tagelang nicht einmal zum Essen mit den anderen Patienten gehen
können. Zurzeit gehe er wöchentlich in eine Ergotherapie.
A.f.
In einem Austrittsbericht vom 29. März 2010 (IV-act. 37-3 ff., IV-act. 36) gab die
Klinik E._ an, der Versicherte habe motorisch unruhig gewirkt und Misstrauen und
Ängste geäussert, er fühle sich von anderen beobachtet und habe das Gefühl, man
rede schlecht über ihn. Besonders belastend sei es für ihn gewesen, die Situation in
der Gruppe auszuhalten. Er habe es nur zweimal geschafft, am gemeinsamen
Mittagessen teilzunehmen. In solchen Situationen habe er häufig auf die
A.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Reservemedikation mit Temesta zurückgreifen müssen. Er sei selbständig zu den
Therapien erschienen. Im weiteren Verlauf habe er unentschuldigt gefehlt. - Das
Psychiatrie-Zentrum C._ (Dr. med. F._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie) gab in einem Verlaufsbericht vom 9. Juli 2010 (IV-act. 37-1 f.) an, der
Versicherte habe berichtet, er könne kaum das Haus verlassen, ziehe sich zurück und
lebe mit seiner Frau fernab von allen Sozialkontakten. Mit Ausnahme regelmässiger
Therapietermine und gelegentlicher Spaziergänge mit dem Hund in den Abendstunden
verlasse er das Haus kaum. Die wöchentliche Teilnahme an der Ergotherapie koste ihn
jeweils grosse Überwindung. Er müsse in einem abgeschirmten Bereich arbeiten. Es
sei nicht zu erwarten, dass er die Arbeitsfähigkeit auch nur in Teilbereichen
wiedererlange werde, solange die Symptomatik stationär bleibe.
Eine RAD-Ärztin hielt am 6. September 2010 (IV-act. 38) fest, nach
interdisziplinärer Besprechung sei gemäss den vorliegenden Berichten weiterhin von
einer vollen Arbeitsunfähigkeit des Versicherten in allen Tätigkeiten auszugehen. Bei
einer Rentenzusprache werde ein verkürzter Revisionszeitraum empfohlen. Der
Versicherte sollte aufgefordert werden, bis zum Revisionstermin nochmals eine
stationäre psychiatrische Behandlung anzutreten.
A.h.
Bei einem Standortgespräch vom 12. Januar 2011 (IV-act. 46) gab der Versicherte
gemäss Protokoll an, er sei vom (sc. untersuchenden RAD-) Arzt schikaniert worden
und habe nachher psychische Probleme gehabt. Derzeit gehe es ihm im Allgemeinen
etwas schlechter als früher. Er habe in der Klinik pro Tag 9 mg Temesta bekommen.
Schon vor dem Klinikaufenthalt sei er von Beruhigungsmitteln abhängig gewesen, in
der Klinik sei das noch verstärkt worden. Seit sicherlich sechs oder sieben Jahren sei
er zu Hause wie in einem Gefängnis, immer in den vier Wänden. Manchmal - vielleicht
zwei- oder dreimal pro Monat und unter Einsatz von Beruhigungsmitteln wie Valium -
gehe er nachts in Begleitung seiner Frau mit dem Hund raus, dann habe es keine Leute
auf der Strasse und er fühle sich weniger beobachtet. Tagsüber könne er selbst in
Begleitung kaum ausser Haus gehen. Ohne Einnahme von 20 mg Valium hätte er es
auch am Gesprächstag nicht geschafft. Während des Tages schaue er Fernsehen und
mache etwas mit dem Computer (Nachrichtenseiten anschauen). Er lese die gleiche
Seite immer und immer wieder, bis er sie verstehe. Wenn er am Lesen sei, komme ihm
etwas anderes in den Sinn und er könne sich nicht mehr konzentrieren. Damit er sich
A.i.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
überhaupt konzentrieren könne, müsse es etwas sein, das ihn sehr, sehr interessiere.
Es gelinge höchstens für fünf bis zehn Minuten. Er verdunkle den Raum. Pro Tag
nehme er 2.5 Tabletten Cipralex und ca. dreimal, manchmal viermal Valium. Er sei
schon seit zehn Jahren krank und habe keine Hoffnung mehr, dass es besser werde.
Ein wenig hätten die Medikamente geholfen - er sei früher mit anderen Medikamenten
depressiver gewesen -, gegen die Angst würden sie allerdings nicht helfen. Mit seiner
Angabe konfrontiert, dass er ohne Valium das Haus nachts nicht verlassen könne, habe
der Versicherte erklärt, nachts helfe ihm das Mittel, am Nachmittag nicht. Es gebe
keine Tage, an denen er sich gut fühle. Den Eintritt in die Klinik habe er immer wieder
verschoben, weil er gewusst habe, dass es so werde, wie es geworden sei. Sein
Psychiater habe gesagt, seine Krankheit werde nie bessern. Er habe Kokain und am
Anfang auch Heroin durch die Nase konsumiert, später habe er Letzteres gespritzt,
vielleicht drei- oder viermal. Einmal habe er sich eine Überdosis gespritzt. Und einmal
habe er eine Überdosis Methadon - er sei in einem Programm gewesen - gehabt und
sei im Spital erwacht; er habe mit Elektroschock reanimiert werden müssen. Er sei nie
schwerstabhängig gewesen. Vor etwa sieben Jahren sei er bei einer Polizeikontrolle mit
Cannabis erwischt worden. Letztmals habe er davon vor etwa sieben Monaten
konsumiert und es sei ihm sehr schlecht geworden. Den Haushalt erledige seine Frau.
Er könne das nicht so gut wie sie; sie wolle es selber tun. Kleine Verrichtungen erledige
er schon. Einen Laden aufsuchen könne er nicht. Er sei umgezogen, weil die Wohnung
zu klein gewesen sei und seine Frau es gewollt habe. Beim Zügeln habe er auch ein
wenig geholfen. Seit Jahren habe er null soziale Kontakte, nur zu den Eltern _. Wenn
er von seiner O._, dem Vater oder der Ehefrau mit dem Auto irgendwo hin gefahren
werde und sie an einer Ampel anhalten müssten, fühle er sich beobachtet. Auf die
Frage, ob er glaube, etwas arbeiten zu können, habe der Versicherte geantwortet, dass
es darauf ankäme, wie er zur Arbeitsstelle käme usw. Wenn die Ärzte sagten, dass er
nicht arbeiten könne, werde es wohl stimmen. Der Mitarbeiter vom Sozialamt sage das
auch.
Die Klinik für Innere Medizin am Spital G._ reichte am 19. Januar 2011 (IV-
act. 50) frühere Berichte ein. - In einem Austrittsbericht vom 22. Juni 2004 (IV-
act. 51-3 ff.) war angegeben worden, es bestehe eine bekannte Polytoxikomanie
(Heroin, Kokain, Benzodiazepine, Cannabis, Ecstasy) mit mehreren Hospitalisationen
A.j.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und ambulanten Konsultationen im Spital, letztmals im März 2003. Früher sei der
Versicherte in einem Methadonprogramm gewesen. Anamnestisch sei er vor zwei
Monaten aus einem Entzugsprogramm in seiner Heimat (mit 15 Monaten Abstinenz)
zurückgekehrt und sei wegen einer Intoxikation mit Heroin und Benzodiazepinen auf
die Notfallstation gebracht worden. Er sei bei der ersten Konsultation wegen Einnahme
von angeblich 15 mg Dormicum zusätzlich zur normalen Xanax-Medikation
(Alprazolam, Anxiolytikum, Benzodiazepin) von zwei Tabletten à 2 mg völlig adäquat
gewesen und wieder nach Hause geschickt worden. Fast vier Stunden später (am
11. Juni 2004) sei er wieder gebracht worden und während der Untersuchung sei es zu
einem Atemstillstand gekommen. Er habe nachher angegeben, zusätzlich zweimal
Heroin geschnupft zu haben. Die Eltern würden nochmals eine Entzugsbehandlung in
der Heimat organisieren; die P._ [Verwandte] fliege am Tag nach der Spitalentlassung
vom _. _ 2004 mit. - In einem Bericht vom 12. August 2008 (IV-act. 51-2) über eine
ambulante Konsultation war festgehalten worden, es bestünden ein muskuloskelettaler
Thoraxschmerz und Panikattacken. Schmerzmedikamente habe der Versicherte nicht
einsetzen wollen. Aufgrund einer Unverträglichkeit mehrerer Psychopharmaka werde
die Panikstörung (seit Jahren mehrmals täglich vorkommend, autogenes Training
einmal pro Monat) nicht medikamentös behandelt. - In einem Bericht vom 16. April
2009 (IV-act. 51-1) waren ein übermässiger Alkoholkonsum mit Nausea, Erbrechen und
Schwindel (ca. zwei Liter Bier und ca. 8 dl Whiskey-Cola), eine Angst- und
Panikstörung und ein sistierter Drogenkonsum (vor vier Jahren) diagnostiziert worden.
Bereits nach etwa 20 Minuten sei eine deutliche Besserung eingetreten.
Die Klinik E._ (Psychiatrie-Dienste Süd) teilte am 1. Februar 2011 (IV-act. 52) auf
Anfrage (IV-act. 49) mit, Tagesdosen von 9 mg Temesta würden in Krisensituationen im
stationären Rahmen manchmal verabreicht, im ambulanten Bereich seien sie
fragwürdig, weil es rasch zu einer Gewöhnung mit Wirkungsverlust komme und auch
keine wirkungsvolle Psychotherapie mehr möglich sei. Die Dosis von 20 mg Valium
entspreche etwa 4 mg Temesta. Es sei bekannt, dass der Versicherte zurzeit des
Aufenthalts im Jahr 2002 an einem Methadonprogramm teilgenommen habe.
A.k.
In einem Zeitraum zwischen 12. Januar 2011 und 26. März 2011 wurde der
Versicherte überwacht. Im Bericht vom 30. März 2011 (IV-act. 53) wurde festgehalten,
an fünf von sieben Überwachungstagen sei der Versicherte bei einem Spaziergang von
A.l.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ca. 15 Minuten mit dem Hund im Umfeld des Wohnortes beobachtet worden. An fünf
Tagen sei er als Mitfahrer in einem Personenwagen unterwegs gewesen. Er habe sich
normal - ohne sichtbare körperliche und psychische Einschränkungen und
Beschwerden und ohne Schonhaltungen - bewegt. Er habe fit und aufmerksam
gewirkt, sei meist zügigen Schrittes unterwegs gewesen und sei in der Öffentlichkeit (in
Gesellschaft) auch offensichtlich guter Laune gewesen und habe mit anderen Personen
diskutiert, gelacht und gescherzt. - In der medizinischen Stellungnahme eines Arztes
der IV-Stelle vom 27. Mai 2011 (IV-act. 55) wurde dargelegt, das Bewegungsverhalten
des Versicherten am hellen Tag sei dynamisch und gezielt - unauffällig, wie auch die
Kommunikation mit Angehörigen und Drittpersonen - gewesen. Man habe am
betreffenden Tag nicht den Eindruck gewonnen, er stehe unter Einfluss von 20 mg
Valium, und auch nicht, er führe ein eingeschlossenes Leben und sei in der von ihm
geschilderten Weise soziophob. Jemand, der unter sozialen Ängsten leide und sich
dauernd beobachtet fühle, würde sich anders verhalten (eher andauernd angespannt
und unsicher wirkend). Erst recht würde man ihm ansehen, wenn er täglich zuhause
mehrere und beim Verlassen des Hauses sicherlich mindestens eine Panikattacke
hätte. Zum aktuellen Konsum von Valium könnten keine sicheren Angaben gemacht
werden. Falls ein Missbrauch stattfinde, wäre ein Benzodiazepin-Entzug angezeigt. Klar
widerlegt werde im Videomaterial das Ausmass der gegenüber dem RAD-Psychiater
deutlich gemachten Einschränkungen, doch zeigten die Ermittlungen nicht einen
vollständig sozial funktionsfähigen Versicherten. Er scheine im Kreis seiner
Angehörigen zu leben, umsorgt in einem sekundären Krankheitsgewinn. Es sei nur ein
relativ enges Aktivitätsspektrum beobachtet worden. In Begleitung habe sich der
Versicherte aber nicht gescheut, in ein Einkaufszentrum zu gehen. Wahrscheinlich sei,
dass sich der Gesundheitszustand verbessert habe (seit langem keine illegalen Drogen
mehr, hin und wieder ein Rückfall wie 2009, wahrscheinlich selten bis gar nicht mehr
Einnahme ärztlich verordneter Medikamente).
Bei einem Standortgespräch vom 3. August 2011 (IV-act. 57) gab der Versicherte
gemäss Protokoll an, er könnte sich vielleicht, wenn er die Leute kennte und sie seine
Krankheit kennten, in einem Team eine Arbeit vorstellen. Er wolle eine Ergotherapie
beginnen. Zuhause sei es einfach sehr langweilig und es sei schon sehr schwierig,
wenn man immer zuhause sei. Es gehe ihm gesundheitlich etwa gleich wie vor sechs
A.m.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monaten. Der Arzt sage, er solle (als Belastungstraining) versuchen, nach draussen zu
gehen. Sobald es dunkel sei, sei das für ihn einfacher. Wenn er nachmittags nach
draussen gehe, versuche er einfach, die Angst und die Verspannung zu unterdrücken.
Er könne tagsüber die Wohnung verlassen. Man könnte eventuell von einer
Verbesserung sprechen. Ab und zu sei er beim Einkaufen von Lebensmitteln dabei. Er
fühle sich dann immer beobachtet, im Gegensatz zu früher sei ihm das jedoch
zunehmend egal; manchmal komme das Gefühl aber wieder auf. Beim Spielen am
Computer könne er sich besser konzentrieren als draussen. Der Versicherte habe sich
erkundigt, ob die IV auch bei der Stellensuche behilflich sein könne. Er könnte sich eine
Tätigkeit in einem Lager oder in einer Spedition vorstellen und habe auch grosses
Interesse an Autos. Aber es bestünde dann ein Problem mit den Kunden. Ansonsten
könnte er, wenn es für ihn gut eingerichtet sei, ganztags arbeiten. Er müsste einfach
schrittweise eingeführt werden. Wenn er die Autoprüfung hätte, wäre vieles einfacher.
Zurzeit nehme er 1 mg Cipralex und habe fast jeden Tag 10 mg Valium genommen.
Von Dr. med. H._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erhalte er kein
Valium mehr. Gute Tage gebe es nicht; die Ängste seien immer da. Er habe sich mit
einem Nachbarn und mit einem alten Freund zwei- oder dreimal bei ihnen zuhause
getroffen, zuletzt vor vier Monaten. - Nach Präsentation der Videoaufnahmen habe der
Versicherte erklärt, er verstehe, dass die Aussagen vom 12. Januar 2011 mit den
Aufnahmen nicht zusammenpassten. Er müsse aber sagen, dass er damals seine
schlechtesten Zeiten beschrieben habe. Es habe sich nicht gebessert, aber es sei ihm
inzwischen egal, was die Leute dächten. Vermutlich habe er gelernt, mit der Situation
besser umzugehen. Das Vorgehen mit dem IV-Antrag sei durch das Sozialamt und die
Ärzte entschieden oder eingeleitet oder vorgeschlagen worden; er habe das ja gar nicht
gewollt. Er habe den Ärzten seine Situation immer korrekt geschildert. Er habe die
Einschränkungen nicht zu stark beschrieben. Im Psychiatrie-Zentrum sei vor etwa vier
oder fünf Monaten ein psychiatrischer Test durchgeführt worden. Auf Vorhalt, dass er
die Einschränkungen überwinden könne, habe der Versicherte geantwortet, ja, also,
vielleicht schon, sicher. Er habe es satt, so zu leben wie bis anhin, und wolle etwas
ändern. Auf die Ankündigung weiterer medizinischer Abklärungen habe sich der
Versicherte erkundigt, ob es nicht besser wäre, wenn man ihm eine Stelle suchte. Er
wolle nicht mehr, dass eine Rente geprüft werde, sondern wolle etwas arbeiten. Er sei
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht sicher, ob ein teures Gutachten einzuholen der richtige Weg sei. Er befürworte
eher einen Versuch, ihn in eine Arbeit hineinzubringen.
In einem psychiatrischen Gutachten vom 14. Januar 2012 (IV-act. 64) hielt
Dr. med. I._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, fest, eine psychiatrische
Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestehe nicht. Ohne Auswirkung sei
ein Status nach psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen,
Polytoxikomanie, derzeit abstinent. Es sei nachvollziehbar, dass der Versicherte
während der Zeit seines Drogenkonsums an reaktiver Depression, an Ängsten und
Panikattacken gelitten habe. Die psychischen und Verhaltensstörungen seien
überwiegend wahrscheinlich auf die Wirkung, die Nebenwirkungen und auf
Entzugserscheinungen von psychotropen Substanzen zurückzuführen (vgl. IV-
act. 64-15). Die Phasen der genannten Leiden während der Konsumzeit seien als
reaktiv zu bezeichnen (vgl. IV-act. 64-18). Es liege eine primäre Sucht vor, die also nach
der Gesetzgebung nicht invalidisierend sei (IV-act. 64-18). Der weitere Gebrauch von
1 mg Alprazolam (Xanax) pro Tag (wenn zutreffend, vgl. IV-act. 64-15), dessen
Indikation fraglich sei, beeinträchtige den Versicherten bei einer Arbeitstätigkeit in
keiner Weise (vgl. IV-act. 64-18). Er habe die Angst-Symptome verinnerlicht und auch
nach dem betreffenden Zeitraum offenbar vorgespielt, um weiterhin vom sekundären
Gewinn (nicht arbeiten gehen zu müssen, von der Fürsorge und später der Arbeit der
Frau zu leben, von der Familie als Kranker umsorgt zu werden) zu profitieren und um
eine Legitimation zu haben, weiter in die psychiatrische Behandlung zu gehen, wo er
nebst Antidepressiva auch Tranquilizer verschrieben bekomme (vgl. IV-act. 64-17).
Zurzeit bestünden keine nachweisbaren Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit, da der
Versicherte abstinent sei und keine psychische Erkrankung von erheblicher Schwere,
Ausprägung und Dauer bestehe. Es sei dem Versicherten zumutbar, selber nach einer
Arbeitstätigkeit zu suchen (vgl. IV-act. 64-19). Der Versicherte habe berichtet, mit dem
Cannabiskonsum habe es im Alter von ca. vierzehn bis fünfzehn Jahren begonnen,
zusammen mit Schulkollegen. Früher habe er bei Begegnungen mit anderen Leuten
Nervosität verspürt, unter Cannabis sei die Angst zuerst weg gewesen, habe sich dann
aber bei erhöhtem Konsum verstärkt, und er habe auch Stimmen gehört. Er sei im
Zusammenhang mit den Drogen dreimal im Spital gewesen (einmal ins Koma gefallen).
Vom Spital G._ sei er durch FFE in die Klinik E._ eingewiesen worden, was ihm
A.n.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht gepasst habe. Nach dem Entzug in seiner Heimat habe er es sieben Jahre lang
geschafft, abstinent zu leben. Beim Interview mit der Sozialversicherungsanstalt vor
acht Monaten habe man ihm aber so viel Angst eingejagt, dass er einen Rückfall
gehabt und Heroin geraucht habe. Daraufhin habe er schnell wieder "Herzsymptome"
gehabt. Der Hausarzt habe ihm dann (10 bis 15 mg) Methadon verschrieben, doch
habe er es wegen der Nebenwirkungen (u.a. Lärmempfindlichkeit und Aggressivität) nur
unregelmässig eingenommen und vor zwei Monaten von sich aus abgesetzt. Seither
sei es mit den Angstsymptomen (Herzklopfen) besser geworden. Seit sieben bis acht
Monaten sei er auch wieder drogenfrei. Er habe Angst, die Wohnung zu verlassen. Ab
und zu gehe er mit dem Hund spazieren, lieber abends, wenn man nicht sehe, dass er
krank sei. Dann habe er weniger Angst. Er fühle sich sonst beobachtet. Wenn die Leute
lachten, denke er, sie lachten ihn aus. Wenn er nach draussen gehe, versuche er, den
Druck durchzustehen. Bei der Untersuchung durch einen Arzt der
Sozialversicherungsanstalt 2009 sei er beleidigt worden; man habe etwa gefragt, ob
seine Frau arbeiten gehe, ob seine Eltern eine IV-Rente bezögen, und ob er noch die
ganze Zeit zuhause liege. Bei den Gesprächen vom Januar und August 2011 sei ihm
unterstellt worden, er habe gelernt, mit den Ängsten umzugehen. Seither habe er das
Gefühl, verfolgt zu werden. Man habe ihn mit Videoaufnahmen konfrontiert, in denen er
sich frei bewegt habe, was ihn immer noch ärgere. Denn es gehe meist um die fünf
Minuten Spaziergangs mit dem Hund. Er gehe aber nur nach draussen, weil seine Frau
und seine P._ ihn dazu ermunterten. Er habe von vornherein gewusst, dass die
Behandlung in der Klinik E._ vor zwei bis drei Jahren (u.a. auf Drängen der IV) nichts
bringen werde. Er habe 8 mg Temesta bekommen. Zurzeit sei er immer noch im
Psychiatrie-Zentrum C._ in Behandlung. Früher habe er Temesta, Remeron und
Valium und auch Seroquel und Efexor eingenommen, in der Heimat Risperdal, zurzeit
nehme er fünfmal 10 mg Cipralex und 1.5 mg (früher bis viermal) Xanax. Verschrieben
seien zusätzlich abends 50 mg Valdoxan, doch zusammen mit Xanax werde ihm das zu
viel und er fühle sich am nächsten Tag stark sediert. Er sei seit vielen Jahren in
Behandlung, man habe bisher nicht genau sagen können, was er habe. Jeder neue
Therapeut stelle eine andere Diagnose. Bei einem psychologischen Test habe man
festgestellt, dass seine Symptome Folgen des Drogenkonsums seien. Hauptstressor
sei die Situation mit der Sozialversicherungsanstalt, das Belastendste seien
"Nervosität, innere Unruhe und Isolation, Konzentration". Die Interpretation eines Tests
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(mittels Selbstbeurteilung MMPI-2) beim Versicherten weise - so der Gutachter - auf ein
sehr ungewöhnliches Profil hin, das bei schwer depressiven und bei psychotischen
Erkrankungen bzw. einem psychotischen Zustand vorliege. Das Ergebnis passe weder
zu den anamnestischen Angaben noch zum klinischen Befund und sei daher nicht
brauchbar. - Dr. D._ hatte dem Gutachter am 13. November 2011 (IV-act. 65, vgl. IV-
act. 64-8 f.) geschrieben, der Versicherte habe vom 5. Mai 2007 bis 8. Februar 2008 in
antidepressiv-angstlösend und verhaltenstherapeutisch ausgerichteter Behandlung
gestanden. Er habe ihn im Juni 2008 zuerst zur Arbeitsvermittlung, später in die
tagesklinische Behandlung ans Psychiatrie-Zentrum vermittelt. Nachdem der
Versicherte dort Fuss gefasst habe, habe er (der Arzt) sich aus der Behandlung
zurückgezogen. Am 30. September 2011 habe der Versicherte ihn erneut aufgesucht,
weil er nach Begegnungen mit dem RAD-Arzt bzw. dem IV-Berater massive Einbrüche
mit kurzen Rückfällen in den Drogenkonsum erlebt habe und seit August unter massiv
verstärkter Angst leide. Am 4. November 2011 sei zu erfahren gewesen, dass die Angst
wieder etwas nachgelassen habe und es dem Versicherten gelungen sei, die
Selbstmedikation mit wenig Methadon (um die 7 mg) wieder aufzugeben. Es sei trotz
längerer tagesklinischer Behandlung einschliesslich Beratung bezüglich Aufnahme
einer Arbeitstätigkeit und Behandlung in der Klinik nicht gelungen, dem gut
mitarbeitenden Versicherten entscheidend zu helfen und ihn wieder einzugliedern. Der
Versicherte habe den Eindruck, Dr. H._ habe Zweifel an seinem Leiden. Seit der
letzten Begegnung mit dem IV-Sachbearbeiter habe der Versicherte ausserdem Angst
vor einer Strafanzeige. Er habe doch in einem ersten Gespräch gesagt, er gehe nie aus
der Wohnung, dabei habe er verschwiegen, dass er den Hund kurz nach draussen
begleite. Er habe aktuell angegeben, nach diversen, an Nebenwirkungen gescheiterten
Behandlungsversuchen schon längere Zeit morgens 20 mg Cipralex einzunehmen,
ergänzend genommenes Seroquel habe er absetzen müssen, weil er darunter bis zu
15 Stunden geschlafen habe.
Der zuständige Arzt der IV-Stelle hielt am 14. Februar 2012 (IV-act. 66) fest, die
Diagnose einer Angststörung sei rein phänomenologisch gewesen. Die Frage nach
einem primären oder sekundären Drogenkonsum sei unbeantwortet geblieben. Die
Therapie habe der Versicherte verweigert.
A.o.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Mit Vorbescheid vom 7. Juni 2012 (IV-act. 69 f.) stellte die Sozialversicherungs
anstalt/IV-Stelle dem Versicherten eine Abweisung seines Leistungsgesuchs in
Aussicht. Es sei eine volle Arbeitsfähigkeit nachgewiesen. Die Angaben des Spitals
G._ und der Klinik E._ über die Medikamentenverabreichung und das
Methadonprogramm widersprächen den Aussagen des Versicherten vom 12. Januar
2011 klar (vgl. IV-act. 70-5). - Der Versicherte erklärte am 10. Juli 2012 (IV-act. 73), er
sei mit den meisten Feststellungen im Vorbescheid nicht einverstanden. Während den
Observationszeiten habe er ständig unter Methadoneinfluss gestanden, das gegen die
Angst sehr gut wirke und euphorisch mache. Das erkläre auch seine schnellen Schritte
in den Videosequenzen. Er wolle aber trotzdem keine Einwände gegen den
Vorbescheid machen, sondern ersuche darum, ihm eine geeignete Stelle zu finden, an
welcher er mit sehr wenigen bis keinen Menschen zu tun habe, z.B. in einem Lager
oder mit einer Arbeit am PC. - Am 12. Juli 2012 (IV-act. 75) verfügte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle wie angekündigt.
A.p.
Am 26. November 2012 (IV-act. 80, vgl. IV-act. 78 f.) wies die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle das Gesuch um berufliche Massnahmen ab, da
keine gesundheitlichen Einschränkungen bestünden.
A.q.
Am 14. Oktober/12. November 2019 (IV-act. 81) meldete sich der Versicherte
erneut zum Bezug von IV-Leistungen an. Vom 1. Februar 2013 bis 1. April 2013 habe er
ein Arbeitsverhältnis zu 70 % als Lagermitarbeiter gehabt und sei vom 1. Juli 2013 bis
2014 zu 20 % als Zeitungsverträger tätig gewesen. Er leide an einer generalisierten
Angststörung, einer Suchterkrankung, an beidseitiger Netzhautablösung und an
Beobachtungs- und Verfolgungsängsten. - Auf Aufforderung an den Versicherten zur
Einreichung von Unterlagen zum Nachweis einer relevanten Änderung (IV-act. 84) hin
gingen ärztliche Berichte ein. Dr. med. J._, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin,
teile am 25. November 2019 (IV-act. 86) mit, sie betreue den Versicherten seit Januar
2019 und könne zu Veränderungen im Vergleich zu 2012 keine Stellung nehmen. Der
Versicherte habe sich auf ihr und das Anraten von Dr. D._ hin angemeldet. Es
bestünden eine ausgeprägte generalisierte Angststörung mit paranoiden Zügen und
eine Depression. Er gehe kaum noch aus dem Haus, nur wenn er es unbedingt tun
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
müsse, wie z.B. um aus der Apotheke Methadon zu holen, zu Arztbesuchen oder zum
Einkaufen. Zum Teil habe er aus Angst, die Nachbarn könnten hereinschauen, in der
Wohnung die Rollläden geschlossen. Die Opiatabhängigkeit bestehe weiterhin, sei aber
sekundär, weil er das Methadon zur Linderung seiner Ängste benötige. Eine Reduktion
sei aufgrund der Grunderkrankung nicht möglich. Ein Beikonsum bestehe nicht. Eine
Rente sei wegen der Angststörung dringend angezeigt. Als Nebendiagnosen
bestünden u.a. Augenleiden, ein Hypogonadismus, eine normochrome, normozytäre
Anämie und eine Palpitatio. - Dr. D._ berichtete am 6. Dezember 2019 (IV-act. 87), er
behandle den Versicherten mit Unterbrüchen ambulant seit Mai 2007. Es bestünden
eine paranoide Schizophrenie mit akustischen Halluzinationen, Wahnwahrnehmungen
und Verfolgungswahn sowie Problemen im Verhalten seit mindestens 2017, eine
generalisierte Angststörung mit sozialer Phobie und sozialer Isolierung, eine
Opiatabhängigkeit (gegenwärtig abstinent unter Methadonsubstitution), eine
Xanaxabhängigkeit, eine Netzhautablösung mit Laserbehandlung bds. (Diagnosen und
Erstbehandlung im Oktober 2018, Reoperation rechts im April 2019), und ein seit 2017
bekannter Testosteronmangel (Substitution wegen Nebenwirkungen abgelehnt). Der
Versicherte sei über all die Jahre nicht in der Lage gewesen, einer nennenswerten
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Seit mindestens 2007 betrage die Arbeitsunfähigkeit
mindestens 80 %. Ein dominantes Syndrom sei stets die Überzeugung gewesen, man
rede schlecht über ihn. Gegen seinen ärztlichen Rat habe er deshalb mehrfach den
Hausarzt gewechselt und beziehe die Medikamente von verschiedenen Apotheken.
Auch bei ihm frage der Versicherte immer wieder nach, ob er sicher nichts gegen ihn
vorzubringen habe und weiterhin zu ihm kommen dürfe. Seit Dezember 2017 deute er
nun verschiedene Wahrnehmungen wahnhaft als gegen sich gerichtet und berichte von
ihn erheblich beeinträchtigenden Geräuschen, die als Halluzinationen zu deuten seien.
Weil er sich durch Nachbarn geplagt fühle, habe er bereits zweimal Wohnungen
gewechselt. Doch auch in der neuen Wohnung höre er solche Geräusche und sei
überzeugt, eine Nachbarin wolle ihn aus seiner Wohnung heraushaben. Die
Halluzinationen und Wahnideen sprächen nur wenig auf Neuroleptika an. Schon im
August 2018 habe der Versicherte von der Angst berichtet, den Verstand zu verlieren.
Er neige dazu, Xanax und Methadon (er sei seit Jahren methadonsubstituiert)
überzudosieren, um seine Not zu lindern. Er verbringe die Tage grösstenteils in der
Wohnung hinter verschlossenen Fensterläden, weil er Angst habe, aus
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nachbarswohnblöcken beobachtet zu werden. Er fürchte seit Jahren, von seiner Frau
verlassen zu werden. Das Unternehmen zweckgebundener Spaziergänge koste ihn
grosse Überwindung. Zu Arztbesuchen lasse er sich durch ein Familienmitglied
chauffieren, zum Abholen von Medikamenten benutze er oft ein Taxi. Im Juli 2019 sei
es ihm in Begleitung Angehöriger möglich gewesen, sich für eine Zahnsanierung in die
Heimat zu begeben. - In einem Austrittsbericht vom 5. Oktober 2018 (IV-act. 89) gab
die Augenklinik am Kantonsspital St. Gallen bekannt, es lägen am Auge links eine
Netzhautamotio mit Rundforamina, Makula on, an beiden Augen eine hohe Myopie und
als internistische Diagnose eine Opiatabhängigkeit vor. Am 3. und 4. Oktober 2018
seien ein operativer Eingriff und eine Laserbehandlung erfolgt. Am 28. März 2019 (IV-
act. 90) wurden beidseits eine Myopia magna, rechts ein St. n. Laserretinopexie und
links ein St. n. Kryokoagulation und Plombe bei Netzhautamotio superior am 3.10.2018
diagnostiziert. Der Fernvisus betrage beidseits 1,0.
Der zuständige RAD-Arzt (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie) hielt am
17. Januar 2020 (IV-act. 91) fest, seit Dezember 2017 sei eine Änderung eingetreten.
Bei diagnostizierter paranoider Schizophrenie erfolge eine leitliniengerechte
medikamentöse antipsychotische Behandlung mit Olanzapin. Es bestünden zudem
eine Opiatabhängigkeit mit hochdosierter Methadoneinnahme (110 mg täglich) und
eine Benzodiazepinabhängigkeit. Diese Diagnosen seien im Vergleich zur
Referenzsituation neu. Zurzeit sei kein Eingliederungspotenzial vorhanden, bei
chronifiziertem, anhaltendem Zustandsbild auch nicht auf absehbare Zeit. Es werde
eine vertiefte medizinische Abklärung empfohlen. - Am 4. Februar 2020 (IV-act. 94)
teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem Versicherten mit, berufliche
Massnahmen seien zurzeit wegen seines Gesundheitszustands nicht möglich.
B.b.
In einem polydisziplinären Gutachten vom 11. Dezember 2020 (IV-act. 107;
Untersuchungen vom 22. und 29. September 2020) benannte die medaffairs AG als
beim Versicherten vorliegende Diagnosen (erstens) eine Störung durch multiplen
Substanzkonsum, gegenwärtig Teilnahme an einem ärztlich verordneten
Ersatzdrogenprogramm mit Methadon, und (zweitens) eine substanzinduzierte
psychotische Störung, vorwiegend wahnhaft. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
seien u.a. ein chronischer Nikotinabusus von kumulativ 25 packyears und eine leichte
depressive Episode. Seit Ende 2017 sei von einer Arbeitsfähigkeit von 70 %
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt Dr. iur. Ronald Pedergnana
für den Betroffenen am 22. März 2021 erhobene Beschwerde (act. G 1). Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers beantragt, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei ab April 2020 eine ganze Rente
zuzusprechen, eventualiter sei ein psychiatrisches Gerichtsgutachten bei Dr. med.
K._, Dr. med. L._ oder Dr. med. M._ in Auftrag zu geben, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge und Fristansetzung für die Einreichung eines Gesuchs um
unentgeltliche Rechtspflege. Der Beschwerdeführer sei wegen seines psychiatrischen
Leidens, einer schwer zu behandelnden Angststörung, für jegliche Tätigkeit auf dem
ersten und vermutlich auch auf dem zweiten Arbeitsmarkt arbeitsunfähig. - Das
Bundesamt für Sozialversicherungen und die Suva hätten schon lange erkannt, dass
psychiatrische Gutachten Glückssache seien, und hätten daher gemeinsam mit der
Universität Basel eine Studie namens "Rely" mit dem Ziel in die Wege geleitet, die
Interrater-Reliability zu erhöhen. Die (sc. weitere) Studie "Are Forensic Experts biased?"
sei zum Schluss gekommen, dass Gutachter der Psychiatrie je nach Auftraggeber zu
auszugehen, bei zeitlich uneingeschränkter Arbeitsfähigkeit (8 Stunden pro Tag). Die
Leistungseinschränkung gründe in der Störung durch Substanzkonsum mit
gelegentlichem Konsum von Kokain und Heroin und durch regelmässigen
Benzodiazepinkonsum. Es könne bei der Arbeit zu vermehrten wahnhaften Symptomen
kommen und es bestünden eine erhöhte Ermüdbarkeit und ein erhöhter Pausenbedarf
(zum Weiteren vgl. unten E. 3 bis 5). - Der RAD-Psychiater erklärte am 5. Januar 2021
(IV-act. 108), auf das Gutachten könne abgestellt werden.
Mit Vorbescheid vom 6. Januar 2021 (IV-act. 111) kündigte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem Versicherten an, sein Leistungsgesuch bei
einem Invaliditätsgrad von 30 % abzuweisen. - Der Versicherte wandte am 8. Februar
2021 (IV-act. 114) ein, sein Hauptproblem sei eine schwer behandelbare Angststörung.
Diese werde nicht erwähnt. Sie lasse ihn aber fast verzweifeln, liege seinem
Substanzkonsum zugrunde und sei der Grund, weshalb er es trotz jahrelang erfolgter
stationärer, teilstationärer und ambulanter Behandlungsmassnahmen einschliesslich
Jobcoachings bis anhin nicht schaffe, einer Arbeitstätigkeit nachzugehen. - Mit
Verfügung vom 19. Februar 2021 (IV-act. 115) erfolgte die Abweisung (wie in Aussicht
gestellt).
B.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer unterschiedlichen Einschätzung kämen, und dass selbst Auftragnehmer, die für
den gleichen Auftraggeber arbeiteten, eine "considerable variabilitiy of scores"
aufwiesen, deren Einschätzung also erheblich abweichen würden. Die
Zwischenergebnisse der RELY 1-Studie hätten gezeigt, dass die getestete funktions
orientierte Begutachtung eine plausible Methode darstelle, um die Arbeitsfähigkeit einer
versicherten Person zu erfassen, allerdings bis anhin nicht, dass diese zu akzeptablen
Übereinstimmungen in der Bewertung der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit führe. Die
Studienleitung folgere, dass Psychiater nur eine niedrige Übereinstimmung erzielten,
wenn sie die Arbeitsfähigkeit von Patienten mit psychischen Störungen beurteilten. Die
Resultate der Rely-Studie bedeuteten, dass psychiatrische Gutachten besonders
kritisch betrachtet und hohen Anforderungen bezüglich ihrer Nachvollziehbarkeit
gerecht werden müssten. Im Gegensatz zu den Somatikern, die körperliche Schäden
heilen sollten und bei denen die besondere Nähe zum Patienten ein Misstrauen der
Gerichte gegenüber der Verlässlichkeit der Angaben zur Arbeitsfähigkeit hervorrufe,
werde eine psychiatrische Behandlung daran gemessen, ob und wie weit der
Psychiater den Patienten leistungsfähig erhalten könne. Der Psychiater habe also gar
kein Interesse daran, diesen arbeitsunfähig zu schreiben, weil das auch ein gewisses
Eingeständnis seiner Machtlosigkeit sei. Ausserdem sei es nicht gut für die Psyche,
denn Arbeit stifte Sinn, während Arbeitslosigkeit krank mache. Wenn also ein
Versicherter in langjähriger Therapie sei, die nicht dazu geführt habe, dass er sich
wieder in den Arbeitsprozess habe eingliedern können, wenn er ausserdem tatsächlich
Arbeitsversuche gemacht habe, die offensichtlich nicht nachhaltig gewesen seien, und
wenn er keinen Krankheitsgewinn habe, dann müsse der Gutachter ernsthaft prüfen,
ob eine Leistungsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt gegeben sei. - Der Gutachter der
medaffairs AG habe den Sachverhalt schludrig aufgenommen, was auf eine gewisse
Voreingenommenheit schliessen lasse. So sei der Beschwerdeführer nämlich
beispielsweise nicht vom Sozialamt abhängig, sondern seine Frau sei erwerbstätig und
die Eheleute lebten vom kargen Einkommen. Und es sei festgehalten worden, der
Beschwerdeführer gehe schon allein kleine Sachen holen, vor allem im
Tankstellenshop, weniger in einem Grossverteiler. Ihm (dem Rechtsvertreter)
gegenüber habe er ebenfalls angegeben, "manchmal" einkaufen zu gehen. Auf die
Frage seiner O._, wann er das letzte Mal für sich selber etwas einkaufen gegangen
sei, habe er aber keine Antwort gewusst. Der Beschwerdeführer habe offenbar die
Einführungsklasse besucht, also das erste Schuljahr in zwei Jahren absolviert. Die
Störung habe möglicherweise bereits in der Kindheit begonnen. Das Kiffen habe ihm
überhaupt erst ermöglicht, den Alltag zu bewältigen, als er zur Schule und Berufsschule
gegangen sei. Es sei für ihn sehr schwierig gewesen, mit dem Zug hinzufahren, weil er
das Gefühl gehabt habe, es würden ihn alle anstarren. Nach Angaben der O._ habe
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
er sich schon als Kind bei jedem Besuch ins Zimmer verkrochen. Um freizulegen, dass
die Angststörung, wie zu vermuten sei, schon als Kind angelegt gewesen sei, müsste
eine seriöse psychiatrische Exploration stattfinden. Zudem sei der Gutachter kulturell
voreingenommen. Der Gutachter der medaffairs AG habe auch das ICF-APP nicht
sorgfältig ausgefüllt. Der behandelnde Psychiater Dr. D._ habe ihm (dem
Rechtsvertreter) auf Anfrage seine Einschätzung der Einschränkungen des
Beschwerdeführers in einem beigelegten Mail vom 3. März 2021 (act. G 1.1.3)
mitgeteilt. Er habe bei diversen der einzeln aufgelisteten Aspekte eine höhere Taxierung
abgegeben (u.a. eine volle Einschränkung bei der Gruppenfähigkeit, eine erhebliche bis
volle Einschränkung bei der Verkehrsfähigkeit und mehrfach weitere erhebliche
Einschränkungen). Dr. D._ habe die Einschränkungen mit den (beigelegten,
act. G 1.1.4) Ergebnissen des Symptomerfassungstools von _ unterstrichen, welche
die Angst als zentrales Problem in der Behandlung dargestellt hätten. Er (der
Rechtsvertreter) halte nach einer persönlichen Begegnung mit dem Beschwerdeführer
dafür, dass der behandelnde Psychiater zu Recht vermute, dass der Gutachter die
Arbeitsfähigkeit aufgrund der völlig unrealistischen Selbsteinschätzung des
Beschwerdeführers festgelegt habe. Die genannte Selbsteinschätzung sei für einen
Psychiater, der lediglich einmal etwas mehr als eine Stunde lang mit dem
Beschwerdeführer gesprochen und sich mit den Vorakten nur ungenügend
auseinandergesetzt habe, nicht so einfach zu erfassen. Der Beschwerdeführer habe
erklärt, neben der Angst bestünden vor allem quälende Gedanken, die immer wieder
kämen. Nach Angaben von Dr. D._ (Mail vom 17. März 2021, act. G 1.1.5) habe der
Beschwerdeführer beispielsweise das Gefühl, er werde von ihm, dem eigenen
behandelnden Psychiater, manipuliert. Auch bei einer Arbeitstätigkeit des
Beschwerdeführers zuhause wären Kontaktnahmen (Arbeit bringen, korrigieren,
abnehmen usw.) erforderlich, der Beschwerdeführer aber würde in jede Kontaktnahme
etwas hineininterpretieren, würde eine Verfolgung oder eine gegen ihn gerichtete
Boshaftigkeit darin sehen. Der Gutachter hätte sich zudem mit der Befragung des
Beschwerdeführers durch die Beschwerdegegnerin auseinandersetzen können. Der
Beschwerdeführer habe dort sehr offen über seine Probleme gesprochen. Wie oft er
spazieren gehe, habe er allerdings nicht wahrheitsgemäss berichtet. Ihn liebende
Menschen (und Tiere) seien also offensichtlich in der Lage, den Beschwerdeführer aus
seiner Selbstisolation zu locken. Er gehe auch zum Psychiater und mit den Eltern zum
Einkauf. Der Gutachter meine, die Diagnose der paranoiden Schizophrenie als
substanzinduziert abtun zu können. Im Gutachten gebe es aber keine Ausführungen
darüber, wie es in der Zeit gewesen sei, als der Beschwerdeführer nach dem kalten
Entzug in der Heimat "funktioniert" habe. Die Antwort könnte die These des Gutachters
stützen oder sie zu Fall bringen. Denn der Beschwerdeführer schaffe es immer wieder,
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von einer Substanz loszukommen - um in die nächste zu verfallen. Legale und illegale
Drogen und Psychopharmaka: immer sei es die Not, die ihn dazu führe. Eine
neuropsychologische Untersuchung fehle ganz, würde aber allenfalls Hinweise vor
allem hinsichtlich der Konzentrationsfähigkeit geben können. Ferner hätten bei der
Begutachtung fremdanamnestische Angaben eingeholt werden können, etwa zur
Frage, warum der Beschwerdeführer die Arbeitsstelle verloren und auch eine optimal
angepasste Stelle in Teilzeit nicht habe halten können. Das Mindeste wäre gewesen,
den behandelnden Psychiater anzurufen und Befunde oder Beobachtungen zu
besprechen. Das Resultat der Begutachtung bedeute, dass der Gutachter es nach
eineinhalb Stunden Exploration besser wisse als der seit 14 Jahren behandelnde
Psychiater, der offenbar aus Sicht des Gutachters nicht gemerkt habe, dass der
Beschwerdeführer zur Hauptsache simuliere. Falls nicht eingewilligt werde, ein
vernünftiges psychiatrisches Gutachten einzuholen, würden in der Replik alle
handwerklichen Fehler des Gutachters anhand der Leitlinie Versicherungspsychiatrie
aufgelistet. - Im Mail vom 3. März 2021 hatte Dr. D._ dem Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers u.a. mitgeteilt, dass dieser mit dem Velo zur Apotheke fahre,
komme weniger als einmal pro Jahr vor. Die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung scheine auf
dessen völlig unrealistischer Selbsteinschätzung zu basieren. Das Instrument Mini-IDF-
APP kenne er (Dr. D._) nicht im Detail, doch scheine ihm, dass der Gutachter die
Fähigkeiten des Versicherten deutlich überschätzt habe. - In einem (weiteren) Mail vom
4. März 2021 (act. G 1.1.6) hatte Dr. D._ festgehalten, der Beschwerdeführer könne
sich kaum selber behaupten und komme in Gruppen nicht zurecht. Nach den
Geschehnissen bzw. Befragungen vom Januar und August 2011 sei es über Jahre
hinweg nicht mehr möglich gewesen, den Beschwerdeführer zu einer
Wiederanmeldung bei der IV zu bewegen. Mit dem Auftreten der
Wahnwahrnehmungen, Halluzinationen und wahnhaften Verfolgungsideen habe er
schliesslich dazu gebracht werden können. Sein Drogenkonsum sei als sekundär im
Sinn einer Selbstmedikation zu werten, die er wegen seiner Ängste nicht bleiben lassen
könne.
D.
Mit Beschwerdeantwort vom 12. Mai 2021 (act. G 5) beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde, sofern diese nicht zufolge
Rückzugs - gemäss beigelegtem Mail des Beschwerdeführers (act. G 5.1) - als
gegenstandslos abzuschreiben sei. Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im
polydisziplinären Konsens des Gutachtens sei plausibel und nachvollziehbar. Die
Abklärungspflicht sei erfüllt. Eine psychiatrische Exploration könne naturgemäss nicht
ermessensfrei erfolgen. Der Gutachter habe eine umfassende Befragung
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorgenommen. Es könne keine Rede davon sein, dass der Beschwerdeführer die
Wohnung nie verlasse. Der Gutachter habe sich auch mit der Einschätzung des
behandelnden Psychiaters genügend auseinandergesetzt und habe die Parameter des
Mini-ICF-APP sorgfältig herausgearbeitet. Inwiefern eine Besprechung mit dem
behandelnden Psychiater sachdienlich gewesen wäre, sei nicht ersichtlich. Da der
Gutachter auf eine Fremdanamnese verzichtet habe, könne davon ausgegangen
werden, dass sie nicht zu einem Mehrwert geführt hätte. Die Beurteilung der
Leistungsfähigkeit beruhe nicht auf der Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers. -
Im erwähnten Mail hatte der Beschwerdeführer der Beschwerdegegnerin gegenüber
(unter Hinweis auf ein entsprechendes Mail auch an den Rechtsvertreter) erklärt, er
ziehe die Beschwerde zurück und die Vollmacht an den Rechtsvertreter sei nicht mehr
gültig.
E.
Auf Aufforderung an den Beschwerdeführer zum Nachholen einer Unterschrift hin (vgl.
act. G 6) hat Rechtsanwalt Dr. Pedergnana am 21. Mai 2021 (act. G 8) für den
Beschwerdeführer mitgeteilt, der Rückzug werde nicht bestätigt werden. Die O._ des
Beschwerdeführers habe diesen dazu bringen können, dass er die Beschwerde laufen
lasse. Auf die Frage, was er nach einem Rückzug zu tun gedenke, habe der
Beschwerdeführer geantwortet, er werde eine Stelle im Homeoffice suchen; das habe
der Gutachter empfohlen und sei eine gute Idee. Dieses Verkennen der Realität sei Teil
seiner Krankheit. Es frage sich, ob er in der Lage sei, solche Entscheide zu fällen. Der
Kostenvorschuss werde aus dem Hilfsfond bezahlt werden, denn es habe zu einem
Tohuwabohu geführt, als der Beschwerdeführer das Formular für die unentgeltliche
Rechtspflege hätte ausfüllen sollen. Er habe sich ausspioniert gefühlt. Er suche
übrigens erneut eine andere Wohnung, weil er sich beobachtet fühle.
F.
Mit Replik vom 19. September 2021 (act. G 17) bringt der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers vor, es sei inzwischen zusätzlich aufgefallen, dass schon seit der
Jugend (und anhaltend) Anhaltspunkte für ein ADHS-Syndrom (eine
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) des Beschwerdeführers vorlägen. Das
könnte auch eine Erklärung für dessen (Eigen-) Therapie mit aktivitätsdämpfenden
Substanzen wie Cannabis, Heroin und Benzodiazepinen sein. So sei nicht weiter
differentialdiagnostisch abgeklärt worden, dass das Anschreien und die ständigen
Konflikte mit den Mitschülern und Lehrern, später auch mit den Arbeitskollegen in der
Lehre, eventuell auf das ADHS zurückzuführen gewesen sei. Statt objektivierte
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 22/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Berichte, Arbeits- und Zwischenzeugnisse bzw. eine Befragung der Arbeitgeber (mit
Gründen für die Auflösung des Arbeitsverhältnisses) beizuziehen, sei auf die oft
unzuverlässigen Eigenangaben des Beschwerdeführers abgestützt worden, was die
Diagnose erschwere. Dazu passe auch das Leitsymptom der Hyperaktivität, die sich im
Erwachsenenalter mehr als innerliche Unrast äussere. Damit übereinstimmend seien im
RAD-Bericht Befunde beschrieben worden (u.a. auch eine eingeschränkte
Konzentration und "hintergründig angespannt subtil-aggressive Züge"). Dass er sich
bei der Begutachtung vom September 2020 nicht mehr entsprechend verhalten habe,
könne zwei Ursachen haben. Entweder sei es die Folge seines Xanax-Konsums
gewesen oder es habe an einer ungenauen Beobachtung des Psychiaters gelegen.
Dass der Beschwerdeführer zuverlässig an einem Methadonprogramm teilnehme, habe
der Gutachter nicht untersuchen lassen, sondern einfach geglaubt. In einem Zustand
mit eingenommenem Xanax und Rohypnol (Methadon) - beide offenbar von ähnlicher
Wirkung - könne der Beschwerdeführer nicht arbeiten, ohne Medikamente aber verliere
er die Kontrolle über sich. Bei sorgfältiger Exploration hätte der Beschwerdeführer wohl
von sich aus erzählt, dass der Substanzmissbrauch Folge der wahnhaften Ideen
gewesen sei, die schon in der Adoleszenz präsent gewesen seien. Es sei nicht
untypisch, dass sich ADHS-Patienten - insbesondere solche, die nicht entsprechend
diagnostisch erfasst und behandelt würden - selber mit Sedativa behandelten. Das
habe der Beschwerdeführer mit Sicherheit getan. Psychisch kranke Menschen
erbrächten teilweise gute Leistungen, aber nicht in der notwendigen Konstanz. In
Krisen belasteten sie das Arbeitsklima so schwer, dass sie auf Dauer nicht tragbar
seien. Diese Probleme - darunter auch die fehlende Planbarkeit der Arbeitsleistung -
seien vom Gutachter nicht erwähnt worden. Er (der Rechtsvertreter) sei überzeugt,
dass der Beschwerdeführer im ersten Arbeitsmarkt absolut nicht tragbar sei, auch
wenn er wisse, dass er nach Wiederangewöhnung an die Arbeitswelt an guten Tagen
vermutlich eine normale Arbeitsleistung erbringen könne. Einer der Gründe, weshalb
die Psychiater die Arbeitsfähigkeit in der Rely-Studie bei einzelnen Personen diametral
unterschiedlich einschätzten, liege in deren unterschiedlichen Vorstellungen davon,
was der erste Arbeitsmarkt von den Arbeitnehmenden überhaupt erfordere. Da helfe
nur ein gerichtliches psychiatrisches Gutachten. - Beigelegt worden sind drei
Unterlagen zum Thema ADHS (Prof. Dr. rer. nat. N._, asim Fortbildungen, 10. April
2019, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung [ADHS] im Erwachsenenalter -
Folgen und Konsequenzen, act. G 17.1; Neurologen und Psychiater im Netz,
9. Dezember 2013, ADHS im Erwachsenenalter ist unterdiagnostiziert, act. G 17.8;
Astrid Neuy-Barmann, ADHS und Sucht, act. G 17.3).
G.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdegegnerin hat am 29. September 2021 (act. G 19) auf die Erstattung
einer Duplik verzichtet.

Erwägungen
1.
Im Streit liegt die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 19. Februar 2021, mit
welcher diese einen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Rente (Neuanmeldung
vom November 2019 nach vorgängiger formell rechtskräftiger Abweisung im Jahr 2012)
ablehnte. Er lässt im Hauptstandpunkt die Zusprache einer ganzen Rente ab April 2020
beantragen.
2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG, SR
831.20; in der vorliegend anwendbaren, bis 31. Dezember 2021 in Kraft gewesenen
Fassung, vgl. BGE 132 V 215 E. 3.1.1) besteht der Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf eine Viertelsrente. - Invalidität ist
die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG; vgl. schon
BGE 102 V 165). - Sämtliche psychischen Erkrankungen - darunter auch
Abhängigkeitssyndrome, vgl. BGE 145 V 215 E. 6.2 - sind nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. BGE 143 V 418 E. 7.1 f.) grundsätzlich (bei
Ausnahmen nach dem jeweiligen Beweisbedarf) einem strukturierten Beweisverfahren
nach BGE 141 V 281 zu unterziehen. Die funktionellen Folgen der
Gesundheitsschädigung sind danach qualitativ zu erfassen und quantitativ
einzuschätzen. Für die Beurteilung des funktionellen Leistungsvermögens sind in der
Regel diverse Standardindikatoren beachtlich, die in zwei Kategorien systematisiert
werden, nämlich einerseits in der Kategorie des funktionellen Schweregrads und
anderseits in jener der Konsistenz. Zum funktionellen Schweregrad sind die Komplexe
"Gesundheitsschädigung" (mit den Aspekten der Ausprägung der diagnoserelevanten
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 24/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Befunde, des Behandlungs- und Eingliederungserfolgs oder der entsprechenden
Resistenz und der Komorbiditäten), "Persönlichkeit" (mit Persönlichkeitsdiagnostik und
persönlichen Ressourcen) und "Sozialer Kontext" zu berücksichtigen. In der Kategorie
der Konsistenz geht es um Gesichtspunkte des Verhaltens, namentlich um eine
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren
Lebensbereichen und um behandlungs- und eingliederungsanamnestisch
ausgewiesenen Leidensdruck (vgl. BGE 141 V 281 E. 4.1.3). Soweit die festgestellte
Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Erscheinung beruht oder
unter dem Einfluss der Folgen der Erzielung eines sekundären Krankheitsgewinns steht
(der rechtlich grundsätzlich unbeachtlich zu bleiben hat, vgl. BGE 130 V 352), liegt nach
der Rechtsprechung regelmässig keine versicherte Gesundheitsschädigung vor.
Hinweise darauf ergeben sich (im Zusammenhang mit einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung entwickelt) namentlich, wenn: eine erhebliche Diskrepanz zwischen
den geschilderten Schmerzen und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese
besteht; intensive Schmerzen angegeben werden, deren Charakterisierung jedoch vage
bleibt; keine medizinische Behandlung und Therapie in Anspruch genommen wird;
demonstrativ vorgetragene Klagen auf den Sachverständigen unglaubwürdig wirken;
schwere Einschränkungen im Alltag behauptet werden, das psychosoziale Umfeld
jedoch weitgehend intakt ist (BGE 141 V 281 E. 2.2.1).
Der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers sind im
Verfahren der Neuanmeldung vom November 2019 im September 2020 durch die med
affairs AG polydisziplinär begutachtet worden.
3.1.
Im Einzelnen ergab sich dabei gemäss dem allgemeininternistischen Teil (vgl. IV-
act. 107-23 ff.) keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (vgl. IV-
act. 107-31; ohne Auswirkungen seien ein chronischer Nikotinabusus und eine
Dyslipidämie). Der Beschwerdeführer habe keine diesbezüglichen Erkrankungen
geltend gemacht und auch aktenanamnestisch fänden sich keine rein
allgemeininternistischen Diagnosen, die aktuell oder im Vorfeld zu einer höhergradigen
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit geführt hätten (vgl. IV-act. 107-32).
3.2.
Im ophthalmologischen Teil (vgl. IV-act. 107-58 ff.) wurden eine Myopia magna und
eine Keratokonjunktivitis sicca beidseits sowie der Status nach Netzhautoperation links
und nach Laser-Retinopexie rechts erhoben. Bei entsprechender Korrektur sei der
Visus beidseits 1.0. Das Gesichtsfeld sei bds. praktisch normal. Es bestehe ein Bedarf
nach einer Brille bzw. Kontaktlinsen. Bei Trockenheitsbeschwerden benötige der
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 25/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer benetzende Augentropfen (vgl. IV-act. 107-62 f.). Eine
Arbeitsunfähigkeit wurde nicht bescheinigt.
Im psychiatrischen Teil-Gutachten wurde festgehalten, der Beschwerdeführer habe
berichtet, es gehe ihm schlecht, er könne kaum das Haus verlassen. Er leide schon seit
dem 15. Altersjahr, als er viel gekifft habe, unter Angst vor bzw. in Menschenmengen.
Mit der Zeit sei es schlimmer geworden. Ausserdem fühle er sich - seit eineinhalb bzw.
zwei Jahren - beim Verlassen des Hauses von anderen Menschen verfolgt, zum Teil
auch in der Apotheke, wenn jemand gleichzeitig den Laden verlasse. Die Nachbarn und
die meisten Menschen würden ihn nicht mögen; sie grüssten ihn nicht, die Nachbarin
klopfe in der Wohnung, wenn er zuhause sei, und man lasse den Hund bellen (vgl. IV-
act. 107-40 und -42). Cannabis rauche er seit langem nicht mehr, dadurch sei es
nämlich bei ihm zur Angst und zum Gefühl gekommen, dass man ihn seltsam
anschaue. Am längsten drogenfrei sei er nach dem Entzug in der Heimat gewesen, er
habe damals aber Benzodiazepine konsumiert (vgl. IV-act. 107-41). Er erledige Arbeiten
im Haushalt, gehe kleine Sachen holen in der Nähe, vor allem im Tankstellenshop,
weniger (oft) in einem Grossverteiler, und er sei manchmal auch mit dem Velo
unterwegs, so vor vier bis fünf Monaten zur Apotheke (vgl. IV-act. 107-44). Auf die
Frage, ob er einen Teilentzug machen wolle, habe der Beschwerdeführer erklärt, er
habe ja keinen grossen Beikonsum, lediglich jeweils Ausrutscher alle drei bis vier
Monate mit Kokain, seltener mit Heroin. Ausserdem fühle er sich ja verfolgt. Die
Medikamente gegen seine seltsamen Gedanken habe er alle nicht vertragen (vgl. IV-
act. 107-45; "Risperidal" [Wirkstoff Risperidon], Latuda, Olanzapin, vgl. IV-act. 107-40,
alles atypische Neuroleptika). - Der Gutachter hielt fest, der Beschwerdeführer habe
keine groben psychomotorischen Auffälligkeiten und keine Zeichen einer
Beschwerdewahrnehmung gezeigt, sei gut zugänglich, freundlich und kooperativ
gewesen und habe nicht misstrauisch gewirkt, aber besorgt. Negative
Zukunftsperspektiven hätten nicht bestanden. Aufmerksamkeit, Auffassung und
Gedächtnis seien intakt gewesen (vgl. IV-act. 107-46). Die Laborresultate hätten mit
den Angaben des Beschwerdeführers zum Konsum übereingestimmt. Irreversible
Sekundärschäden (sc. des Suchtmittelkonsums) mit einem hirnorganischen Abbau
oder einer Wesensänderung mit vergröberten Affekten und Aggressivität seien nicht
erwiesen. Es bestehe eine leichte depressive Symptomatik, die auch in der Hamilton
Depression Scale-Testung habe bestätigt werden können, und die vor allem durch die
besorgte Gestimmtheit und verminderten Selbstwert mit Insuffizienzgedanken
gekennzeichnet, aber auch im Rahmen der Substanzabhängigkeitsstörung zu sehen
sei. Der Beschwerdeführer sei nicht deutlich verwahrlost, lebe zusammen mit seiner
Ehefrau und habe gute Kontakte in der Familie, wenn auch ein sozialer Rückzug
3.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 26/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bestehe. Er könne durchaus Aufgaben im Haushalt nachgehen (vgl. IV-act. 107-50 f.).
Die Behandlung könne intensiviert werden, entweder durch Erhöhung der
Methadondosis, so dass kein Suchtdruck mehr bestehe, oder, falls es dadurch zu einer
grossen Tagesmüdigkeit komme, durch Ersetzen des Methadons durch ein anderes
Mittel. Eine Option wäre zudem eine qualifizierte stationäre Teilentzugsbehandlung, die
der Beschwerdeführer aber ablehne. Bei einer wahnhaften Störung sei zuerst der
Substanzkonsum zu kontrollieren und auszuschliessen (Abstinenz vom Beikonsum).
Bei persistierenden Symptomen sei der Versuch mit einem niedrig dosierten
Antipsychotikum (wie Risperidon) anzuraten. Länger bestehende Störungen seien aber
häufig therapierefraktär. Daher sei beim Beschwerdeführer von einer anhaltenden
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit auszugehen. Der Beschwerdeführer zeige sich zu
einer Arbeit motiviert, fühle sich aber auch beeinträchtigt durch die wahnhaften Ideen
mit Grübelneigung und erhöhter Ermüdbarkeit. Der Verlauf sei chronisch und die
Prognose für die Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit sei ungewiss (vgl. IV-
act. 107-52). Der Beschwerdeführer komme auch allein zurecht, so sei es etwa zu der
Zeit gewesen, als die Ehefrau in die Heimat gereist sei, auch wenn die O._ jeweils
vorbeigeschaut und ihm zuweilen etwas zu essen mitgebracht habe. Es werde ihm
aber doch viel abgenommen, wenn er überall hingefahren werde; es gehe allerdings
auch selber (vgl. IV-act. 107-52). Eine vollständige Arbeitsunfähigkeit sei jedenfalls mit
den täglichen Aktivitäten, die ihm möglich seien und sich auch im Mini-ICF-APP hätten
abbilden lassen, nicht vereinbar (vgl. IV-act. 107-53). Schizophrene Symptome - wie
etwa Kontrollwahn oder Affektverflachung - seien für die Diagnose einer paranoiden
Schizophrenie zu wenig ausgeprägt. Die akustischen Halluzinationen begründeten
diese Störung noch nicht (typische Halluzinationen wären andere, etwa Stimmenhören).
Sie passten zur wahnhaften Störung. Die Symptomatik sei substanzinduziert. Bereits
früh sei es unter dem Substanzkonsum zu Ängsten und paranoiden Ideen gekommen,
die Symptomatik habe sich nun verschlechtert. Der Beschwerdeführer habe aber mit
dem Kokainkonsum (nebst dem Heroinkonsum) nicht aufgehört und nehme auch
regelmässig ein Benzodiazepin ein, das bei regelmässiger Einnahme ebenfalls Ängste
und depressive Verstimmungen auslösen könne (vgl. IV-act. 107-53). Bei der
Auseinandersetzung mit Fähigkeiten, Ressourcen und Belastungen gab der Gutachter
an, sicherlich belastend - wenn auch medizinisch nicht begründet - sei der Umstand,
dass seit Jahren eine sinngebende Erwerbstätigkeit fehle. Bis er mit dem Konsum
illegaler Drogen begonnen habe, habe der Beschwerdeführer aber eine weitgehend
normale frühkindliche Entwicklung gezeigt (vgl. IV-act. 107-53). Es bestünden auch
Ressourcen für angelernte Arbeiten. Zwar gehe der Beschwerdeführer keiner
regelmässigen Tagestruktur nach und schlafe auch am Tag, doch helfe er im Haushalt
und komme auch allein zurecht. Es könne ihm zugemutet werden, die öffentlichen
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 27/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Verkehrsmittel zu benützen, zumindest an ihm bekannten Orten. Weder die wahnhafte
Störung noch die Depressionen oder die Ängste beeinträchtigten den
Beschwerdeführer schwer (vgl. IV-act. 107-53 f.). Die Leistungseinschränkung betrage
30 % (vgl. IV-act. 107-54). Die medizinischen Massnahmen könnten die
Arbeitsfähigkeit nicht verbessern, aber zur Erhaltung der medizinisch-theoretischen
Arbeitsfähigkeit beitragen (vgl. IV-act. 107-55).
In der polydisziplinären Beurteilung des Gutachtens wurde festgehalten, es
bestünden beim Beschwerdeführer ein Suchtdruck und negative Folgen. So leide er
unter seinem Verfolgungswahn, sei erhöht ermüdbar und brauche Pausen. Die Achse-
II-Diagnose einer Persönlichkeitsstörung könne bei dem frühen Beginn des
Substanzkonsums mit substanzinduzierten Sekundärsymptomen wie Ängsten und nun
auch depressiven Verstimmungen und vor allem im Vordergrund stehendem
Verfolgungswahn nicht gestellt werden. Die besorgten, etwas selbstunsicheren
Persönlichkeitszüge passten zur vorliegenden Störung mit Substanzkonsum und
sekundär wahnhafter Störung (vgl. IV-act. 107-15). - Die Leistungseinschränkung von
30 % sei auf die Störung durch Substanzkonsum zurückzuführen. Es bestünden eine
erhöhte Ermüdbarkeit und ein erhöhter Pausenbedarf und es könne bei der Arbeit zu
vermehrten wahnhaften Symptomen kommen (vgl. IV-act. 107-16). - Es hätten sich in
der Konsistenzprüfung insgesamt keine Hinweise auf nicht im geklagten Umfang
vorhandene Funktionsbeeinträchtigungen ergeben. Die Befunde gäben bei kritischer
Würdigung (von Aktenlage, Eigenanamnese, Beobachtung und
Untersuchungsbefunden) ein in sich schlüssiges, konsistentes Bild (vgl. IV-
act. 107-15).
3.5.
Das - für das polydisziplinäre Ergebnis vorliegend hauptsächlich massgebende -
psychiatrische (Teil-) Gutachten der medaffairs AG basiert auf einer Kenntnis der
vollständigen Vorakten. Der Gutachter erfragte die geklagten Beschwerden und erhob
auch die weitere Anamnese und die Befunde (einschliesslich eines Laborbefundes). Er
begründete die von ihm gestellten Diagnosen. Im Weiteren beurteilte er den bisherigen
Verlauf von Behandlungen und befasste sich, wie sich aus E. 3.4 ergibt, auch mit den
Fähigkeiten, Ressourcen und Belastungen des Beschwerdeführers. Er prüfte ferner
Konsistenz und Plausibilität und berücksichtigte die erhobenen Alltagsaktivitäten des
Beschwerdeführers.
4.1.
Der Beschwerdeführer lässt indessen diverse Beanstandungen am Gutachten
anbringen:
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 28/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
So hält er etwa dafür, der Sachverhalt sei unsorgfältig aufgenommen worden. Er
sei nämlich nicht vom Sozialamt abhängig. - Eine entsprechende Feststellung findet
sich im Gutachten - allein - unter dem vorangestellten Titel des Kontexts des Auftrags
(IV-act. 107-35, unten); sie wurde dort wohl lediglich aus der diesbezüglichen Angabe
im Auftrag der Beschwerdegegnerin (IV-act. 101-2) übernommen. Der Aspekt erscheint
indessen nicht relevant, da keine Hinweise auf eine Unsorgfalt bei der Befragung,
Untersuchung und Wiedergabe ersichtlich sind.
4.3.
Des Weiteren wird eingewendet, der Substanzkonsum des Beschwerdeführers sei
die Folge eines schon früher vorhanden gewesenen Gesundheitsschadens. Der
Gutachter sei ausserdem zu Unrecht der Auffassung, die vom behandelnden
Psychiater gestellte Diagnose einer paranoiden Schizophrenie (mit akustischen
Halluzinationen, Wahnwahrnehmungen und Verfolgungswahn sowie Problemen im
Verhalten seit mindestens 2017) als substanzinduziert abtun zu können. Zudem hätten
keine Abklärungen im Hinblick auf das Vorliegen eines allfälligen ADHS stattgefunden.
Zu diesem Leiden würde auch das Leitsymptom der Hyperaktivität passen, die sich im
Erwachsenenalter mehr als innerliche Unrast äussere. Im RAD-Bericht seien
entsprechende Befunde beschrieben worden.
4.4.
Schon 2009 und 2010 hatte der Beschwerdeführer bestimmte Symptome
beklagt. Am 14. Oktober 2009 hatte er dem RAD-Arzt gegenüber gemäss dessen
Untersuchungsbericht berichtet, während der Lehrzeit viel von Mitarbeitern
angeschrien worden zu sein, die sich über ihn lustig gemacht und ihn gehänselt hätten
(vgl. IV-act. 24-3). Ebenfalls schon im Juli 2010 war in einem ärztlichen Bericht
angegeben worden, der Beschwerdeführer fühle sich bedrängt und beobachtet, sobald
er Kontakt mit Menschen habe (vgl. IV-act. 37-1). Auch Konzentrationsstörungen hatte
er schon gemäss dem IV-Arztbericht vom 20. April 2009 beklagt (vgl. IV-act. 19-4). Bei
der Begutachtung durch Dr. I._ hatte der Beschwerdeführer angegeben, früher bei
Begegnungen mit anderen Leuten Nervosität verspürt zu haben; unter Cannabis, mit
dem er im Alter von etwa 14 bis 15 Jahren begonnen habe, sei die Angst zuerst weg
gewesen, habe sich dann aber bei erhöhtem Konsum verstärkt, und er habe dabei
Stimmen gehört (vgl. IV-act. 64-9). - Im betreffenden ärztlichen Bericht vom 20. April
2009 war aber auch festgehalten worden, dass die erste Angstattacke nach Angaben
des Beschwerdeführers erstmals mit 17 Jahren unter Cannabis aufgetreten sei, das er
ab dem 15. Altersjahr konsumiert habe (vgl. IV-act. 19-4). Dr. I._ hatte in der Folge
damals angenommen, es habe im Zusammenhang mit dem schon in der Primar- und
Realschule ziemlich weitreichenden Cannabiskonsum gestanden, dass es während der
Schulzeit zu den Verhaltensauffälligkeiten wie Schulschwänzen und Drohung des
4.4.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 29/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schulausschlusses durch einen Lehrer gekommen sei (vgl. IV-act. 64-15). Die
Störungen seien reaktiv gewesen; dass der Beschwerdeführer vor oder während der
Abhängigkeit eine psychische Störung entwickelt hätte, sei nicht zu eruieren (vgl. IV-
act. 64-18). Dr. I._ hatte in seinem Gutachten begründet, weshalb nachvollziehbar
sei, dass der Beschwerdeführer während der jahrelangen Polytoxikomanie u.a. unter
depressiven Verstimmungen, einer Angststörung und Panikattacken gelitten habe (vgl.
IV-act. 64-16 f.). Als primäre Sucht schloss er sie nach damaliger, inzwischen
überholter Rechtsprechung aber von den invalidisierenden Gesundheitsschäden aus
(vgl. IV-act. 64-18); eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit erkannte Dr. I._ zum
Zeitpunkt der Begutachtung nicht, da der Beschwerdeführer damals abstinent war und
eine psychische Erkrankung von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer nicht
festzustellen war (vgl. IV-act. 64-19). An die Stelle der bisherigen Abklärung der
primären oder sekundären Natur der Sucht ist in der Rechtsprechung nunmehr wie
erwähnt die indikatorengestützte Abklärung getreten (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.3.2 f.
i.V.m. E. 4.3). - Wenn der medaffairs-Gutachter darlegte, die Achse-II-Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung könne bei dem frühen Beginn des Substanzkonsums mit
substanzinduzierten Sekundärsymptomen nicht gestellt werden, so lässt sich das auch
angesichts der Übereinstimmung seiner diesbezüglichen medizinischen Beurteilung mit
derjenigen von Dr. I._ nicht beanstanden.
Der medaffairs-Gutachter begründete ausdrücklich, aus welchem Grund er die
vom behandelnden Psychiater gestellte Diagnose einer paranoiden Schizophrenie als
nicht ausgewiesen betrachtete (vgl. IV-act. 107-53).
4.4.2.
Stattdessen diagnostizierte der Gutachter beim Beschwerdeführer eine
psychotische Störung und erachtete diese - wenn er sie auch als substanzinduziert
bezeichnete - als Hauptdiagnose. Er mass ihr Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu.
4.4.3.
Ferner wird dem Gutachter vorgehalten, er habe dem Beschwerdeführer - ohne
genügende Objektivierung - zu sehr geglaubt (etwa, dass er zuverlässig an einem
Methadonprogramm teilnehme) und er habe bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung zu
Unrecht auf dessen unrealistische Selbsteinschätzung abgestellt, die Teil der Krankheit
sei. So komme es weniger als einmal pro Jahr vor, dass der Beschwerdeführer - wie
angegeben - mit dem Velo zur Apotheke fahre. Der Gutachter habe auch keine
fremdanamnestischen Auskünfte erhoben und keine neuropsychologische
Untersuchung durchführen lassen.
4.5.
Was die Angaben des Beschwerdeführers angeht, wird von seinem
Rechtsvertreter eingeräumt, dass sie oft unzuverlässig seien; der Beschwerdeführer
4.5.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 30/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
selber hatte im früheren Verfahren eingesehen, dass seine Angaben vom Januar 2011 -
zumindest abgesehen von den schlechtesten Phasen - nicht mit dem tatsächlichen
Aktivitätsniveau übereinstimmten (vgl. IV-act. 57-6). Die ehemaligen Angaben des
Beschwerdeführers zum Methadonprogramm und zur Verschreibung von 9 mg
Temesta in der Klinik dagegen erscheinen im Unterschied zur Vorhaltung im
Vorbescheid vom 7. Juni 2012 nicht unzutreffend gewesen zu sein
(Methadonprogramm 2002, 9 mg Temesta im stationären Rahmen möglich). Von
"gelegentlichen" Spaziergängen mit dem Hund "in den Abendstunden" hatte er zudem
schon vor den Vorermittlungen der Beschwerdegegnerin berichtet (vgl. IV-act. 37-2).
Des Weiteren stützt sich der Beschwerdeführer in seinen Darlegungen auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzungen der behandelnden Ärzteschaft, die ihrerseits allerdings
wiederum auf seinen eigenen Angaben basieren. Schon bei der RAD-Untersuchung
2009 hatte er dafürgehalten, sein Arzt habe gesagt, es gehe nun - nach zehn Jahren -
nichts mehr. Auch hinsichtlich der (teil-) stationären Behandlung zeigte er Widerstand
und brach sie dann ab; er habe schon zu Beginn gewusst, dass es nicht gehen werde.
- Eine Fremdanamnese durch Angaben der O._ des Beschwerdeführers im früheren
Verfahren (vgl. IV-act. 24-4) war zudem nicht hilfreich gewesen.
Die medaffairs-Gutachter veranlassten zur Objektivierung Laboruntersuchungen
und erklärten, deren Resultate hätten mit den Angaben des Beschwerdeführers
übereingestimmt (vgl. IV-act. 107-14; Kokain, Heroin und Cannabis im Serum nicht
nachweisbar, ärztlich verordnetes Benzodiazepin deutlich nachweisbar, CDT nicht
pathologisch erhöht). Des Weiteren setzte der medaffairs-Gutachter der Psychiatrie die
Hamilton Depressionsskala und einen Mini-ICF-APP-Rating-Bogen ein (vgl. IV-
act. 107-48 ff. und 107-53). In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass ein von
Dr. I._ ehemals durchgeführter MMPI-2 (Minnesota Multiphasic Personality
Inventory-2) Test ein sehr ungewöhnliches Profil ergeben hatte, das sowohl bei schwer
depressiven als auch bei psychotischen Erkrankungen bzw. einem psychotischen
Zustand vorliege. Das Ergebnis hatte nach Angaben von Dr. I._ weder zu den
anamnestischen Angaben noch zum klinischen Befund gepasst und war daher als nicht
brauchbar qualifiziert worden. - Die Abklärungen erscheinen ausreichend; von einer
Ergänzung, insbesondere auch von einer neuropsychologischen Abklärung (vgl. hierzu
im Übrigen das Bundesgerichtsurteil vom 11. November 2021, 9C_478/2021 E. 4.2,
wonach eine solche lediglich eine Zusatzuntersuchung darstellt, welche bei
begründeter Indikation in Erwägung zu ziehen ist), sind vorliegend keine relevanten
zusätzlichen Erkenntnisse zu erwarten.
4.5.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 31/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Beschwerdeführer lässt weiter vorbringen, er sei in langjähriger Therapie, ohne
in den Arbeitsprozess eingegliedert worden zu sein, habe ohne nachhaltigen Erfolg
Arbeitsversuche gemacht und habe keinen Krankheitsgewinn.
4.6.
Was die diesbezügliche weitere Objektivierung der Beschwerden anhand der
Standardindikatoren betrifft, findet sich im medaffairs-Gutachten eine entsprechende
Begründung der Arbeitsunfähigkeitsschätzung (von 30 %). Zunächst lässt sich nach
der Aktenlage bestätigen, dass sich die Behandlung des Beschwerdeführers über eine
lange Zeit erstreckt. Der Gutachter hat dies gewürdigt und hielt fest, der
Beschwerdeführer stehe in einer ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen
Behandlung, auch mit einem Drogenersatzprogramm mit Methadon, betreibe aber
nach eigenen Angaben einen Beikonsum von gelegentlich Heroin und seltener Kokain.
Es liege ein chronischer Verlauf vor. Längere Zeit bestehende chronische
Wahnstörungen seien häufig therapierefraktär (vgl. IV-act. 107-52). - Im Weiteren legte
der Gutachter (im Hinblick auf allfällige Inkonsistenzen) dar, der Beschwerdeführer
habe kein aufmerksamkeitssuchendes oder aggravatorisches Verhalten gezeigt (vgl. IV-
act. 107-45) und die Konsistenzprüfung habe insgesamt keine Hinweise auf nicht im
geklagten Umfang vorhandene Funktionsbeeinträchtigungen ergeben (vgl. IV-
act. 107-52).
4.6.1.
Überdies sind die Beeinträchtigung durch die wahnhaften Ideen mit
Grübelneigung und erhöhter Ermüdbarkeit (vgl. IV-act. 107-52) sowie der soziale
Rückzug vom medaffairs-Gutachter berücksichtigt worden. Schon der Arzt der IV-
Stelle hatte darauf hingewiesen, dass das Ausmass der dem RAD-Psychiater
gegenüber angegebenen Einschränkungen widerlegt worden sei, dass aber kein
vollständig sozial funktionsfähiger Beschwerdeführer gesehen worden sei. Dieser
scheine im Kreis seiner Angehörigen zu leben, umsorgt in einem sekundären
Krankheitsgewinn. Es sei nur ein relativ enges Aktivitätsspektrum beobachtet worden
(vgl. IV-act. 55-3).
4.6.2.
Der medaffairs-Gutachter hat namentlich auch die Belastung durch das sehr
lange Fehlen einer sinngebenden Erwerbstätigkeit berücksichtigt (vgl. IV-act. 107-53).
Abgesehen von den in der Anmeldung vom November 2019 genannten (2013/2014)
bzw. im IK-Auszug vermerkten, vom Beschwerdeführer aufgenommenen
Beschäftigungen mit geringfügigen Jahreseinkommen (2012 bis 2014) sind allerdings in
der langen Zeit keine Anstrengungen von seiner Seite ersichtlich geworden, eine
Erwerbsarbeit aufzunehmen.
4.6.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 32/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Was den Befund betrifft, kann namentlich darauf hingewiesen werden, dass der
Beschwerdeführer bei der Begutachtung einerseits nicht misstrauisch wirkte und
kooperativ war (vgl. IV-act. 107-46). Aufmerksamkeit, Auffassung und Gedächtnis seien
intakt gewesen (vgl. IV-act. 107-46; auch bei der Begutachtung durch Dr. I._ wurde
berichtet, die mnestischen und kognitiven Funktionen hätten keine groben
Auffälligkeiten aufgewiesen, insbesondere keine Störungen der Konzentrationsfähigkeit
oder der Aufmerksamkeit, auch die Umstellungsfähigkeit des Denkens sei unversehrt
gewesen, inhaltliche Denkstörungen seien nicht aktuell gewesen, vgl. zu
Drogenkonsumzeit Stimmenhören, IV-act. 64-12 f.; anders beim RAD: Konzentration
eingeschränkt, IV-act. 24-7).
4.6.4.
Es wurde zudem ein gewisses Aktivitätsniveau des Beschwerdeführers
beschrieben (vgl. Haushaltstätigkeiten, Einkaufen, Beschäftigung mit Internet und
Nachrichten, regelmässiges Wahrnehmen der Arzt- und Apothekentermine,
Reisefähigkeit in die Heimat, IV-act. 107-52 f.; vgl. IV-act. 107-28 und 107-44). Der
Gutachter wies zudem darauf hin, dass sich dieses Niveau auch im Mini-ICF-APP habe
abbilden lassen. Angemerkt werden kann, dass auch psychiatrische Hospitalisationen
des Beschwerdeführers nach der Aktenlage seit 2004 (vom 11. bis 12. Juni) nicht mehr
erforderlich geworden waren. Der Aufenthalt vom 2. bis 11. März 2010 war vielmehr auf
Anweisung der Beschwerdegegnerin erfolgt und vom Beschwerdeführer in Kürze
wieder abgebrochen worden. - Im medaffairs-Gutachten wurde festgehalten, dem
Beschwerdeführer werde auch viel abgenommen (vgl. IV-act. 107-52; vgl. auch schon
ehemals IV-act. 64-17).
4.6.5.
Der medaffairs-Gutachter legte betreffend das weitere Vorgehen dar, die
psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung des Beschwerdeführers sollte -
optimiert - weitergeführt werden (vgl. IV-act. 107-55). Zuerst sei der Substanzkonsum
zu kontrollieren und auszuschliessen. Ausserdem gebe es eine medikamentöse
Therapieoption (vgl. IV-act. 107-52). - Was den Konsum der Suchtmittel durch den
Beschwerdeführer betrifft, erscheint die vorliegende Sachlage unübersichtlich. Einer
längeren stationären Therapie unter entsprechenden Kontrollen hat er sich
(hierzulande) bisher nicht gestellt. Selbst dem gutachterlichen Vorschlag eines
Teilentzugs (vgl. IV-act. 107-45) stand er ablehnend gegenüber. Dass ein solches
Vorgehen allerdings krankheitsbedingt nicht zumutbar wäre, lässt sich aufgrund der
Aktenlage (ohne entsprechenden motivierten Versuch) nicht ausweisen.
4.6.6.
Damit zeigt sich insgesamt, dass die gutachterliche Abklärung unter dem
Gesichtspunkt der Standardindikatoren vollständig vorgenommen worden ist.
4.6.7.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 33/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Des Weiteren stellt der Beschwerdeführer den Beweiswert des Gutachtens als
Sachverhaltsbeurteilung aufgrund einer kurzen Exploration dem Wert einer Beurteilung
durch den behandelnden Psychiater nach einer Beobachtungszeit von 14 Jahren
gegenüber. Da bei der Begutachtung wie erwähnt alle Aspekte umfassend
berücksichtigt wurden, ergibt sich - auch wenn die längere Beobachtungszeit
behandelnder Ärzte ihre Vorteile hat (nicht veröffentlichter Entscheid des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 255/96, zit. in Bundesgerichtsurteil vom
21. Dezember 2005, 4P.254/2005 E. 4.2) - kein Grund, dem Gutachten den Beweiswert
abzusprechen (vgl. auch Bundesgerichtsurteil vom 9. September 2019, 8C_168/2019
E. 3.4). Die gutachterliche Beurteilung kann sich auf eine allseitige Aktenkenntnis
stützen. Eine Besprechung mit dem behandelnden Psychiater konnte ohne Weiteres
unterbleiben. Die abweichende Beurteilung des behandelnden Psychiaters vermag bei
den vorliegenden Gegebenheiten gegen die gutachterliche polydisziplinäre
Begutachtung nicht anzukommen. Es gibt keine konkreten Indizien gegen die
Zuverlässigkeit des Begutachtungsergebnisses (vgl. hierzu die Rechtsprechung
gemäss Bundesgerichtsurteil vom 15. Juli 2020, 8C_335/2020 E. 4.1; eine
abweichende Beurteilung würde sich lediglich aufdrängen, wenn wichtige Aspekte
bestünden, die bei der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben wären,
vgl. Bundesgerichtsurteil vom 17. Februar 2021, 8C_783/2020 E. 5.2). Die Beurteilung
des behandelnden Psychiaters bietet vorliegend keinen Beleg dafür, dass die
Störungen des Beschwerdeführers objektiv schwerer sind als im Gutachten beurteilt,
und auch nicht dafür, dass die Therapie im Lauf der Zeit optimiert worden wäre.
4.7.
Ferner lässt der Beschwerdeführer geltend machen, der medaffairs-Gutachter sei
kulturell voreingenommen gewesen, weil er den Beschwerdeführer nach allfälligem
Schlagen der Ehefrau gefragt habe. Dieser hat damit allerdings allgemein die
Aggressivität (bei ehelichem Streit) erfragt. Ein Anhaltspunkt für eine
Voreingenommenheit des medaffairs-Gutachters ist nicht ersichtlich.
4.8.
Auch aus dem Hinweis auf Studien zur Reliabilität von Gutachten ergibt sich
schliesslich nichts für die vorliegende Beurteilung Ausschlaggebendes. Namentlich
kann diesbezüglich darauf hingewiesen werden, dass der medaffairs-Gutachter der
Psychiatrie und Dr. I._ (vgl. IV-act. 64-14; im Unterschied zu den vom behandelnden
Psychiater gestellten Diagnosen, IV-act. 87-2) übereinstimmend keine Angststörung
diagnostiziert haben und dass beide Gutachter eine Substanzinduziertheit der
Symptome angenommen haben. Die ebenfalls versicherungsmedizinisch basierte
Beurteilung durch den RAD-Arzt (mit Facharztausbildung; auf der Grundlage ebenfalls
eigener Untersuchung) war zwar von einer generalisierten Angststörung ausgegangen
4.9.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 34/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich eine Arbeitsunfähigkeit des
Beschwerdeführers von mehr als 30 %, wie sie im medaffairs-Gutachten angenommen
wurde, aufgrund der Aktenlage mit den mehreren Begutachtungen und den
verschiedenen medizinischen Berichten von Ärzten und Kliniken nicht objektivieren
lässt. Eine medizinisch bedingte Unzumutbarkeit der Verwertung dieser Arbeitsfähigkeit
(für den Beschwerdeführer bzw. einen allfälligen Arbeitgeber) ist nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgewiesen. - Auf das Ergebnis der
polydisziplinären medaffairs-Begutachtung kann daher abgestellt werden.
6.
(vgl. IV-act. 24-7), doch hatte sich diese nicht unwesentlich auf die vom
Beschwerdeführer übertrieben geschilderte Symptomatik und die noch mehr überhöhte
Bestätigung durch die Fremdanamnese gestützt und vermag daher ebenfalls keine
ausreichenden Zweifel am Ergebnis der medaffairs-Begutachtung zu massgeblicher
Zeit zu begründen. Der betreffende RAD-Arzt hatte im Übrigen damals (bei Annahme
einer vollen Arbeitsunfähigkeit) eine Mitwirkung in einer stationären Behandlung als
dem Beschwerdeführer zumutbar bezeichnet und eine Behandelbarkeit in
spezialisierter Klinik angenommen. - Als generelle Beanstandung vermag der Hinweis
auf die erwähnten Studien das Gutachten ohnehin nicht in Frage zu stellen (vgl. auch
Bundesgerichtsurteil vom 2. Juni 2021, 9C_202/2021 E. 5.6). Es ist zu bedenken, dass
eine psychiatrische Exploration dem begutachtenden Psychiater praktisch immer einen
gewissen Spielraum eröffnet, innerhalb dessen verschiedene medizinisch-
psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und rechtlich zu respektieren sind,
sofern der Experte lege artis vorgegangen ist. Die medizinische Folgenabschätzung
weist zudem notgedrungen eine hohe Variabilität auf und trägt unausweichlich
Ermessenszüge (vgl. BGE 145 V 361 E. 4.1.2).
In erwerblicher Hinsicht ist festzuhalten, dass bei der Invaliditätsbemessung - wie
in Art. 16 ATSG angeordnet - eine ausgeglichene Arbeitsmarktlage angenommen wird.
Es kommt demnach nicht darauf an, ob eine invalide Person unter den konkreten
Arbeitsmarktverhältnissen tatsächlich an eine Stelle vermittelt werden kann, sondern
einzig darauf, ob und in welchem Rahmen sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch
wirtschaftlich nutzen könnte, wenn die verfügbaren Arbeitsplätze dem Angebot an
Arbeitskräften entsprächen (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 4. Mai 2018, 9C_294/2017
E. 5.4.2., AHI 1998 S. 287 E. 3b). Der massgebliche theoretische und abstrakte
ausgeglichene Markt (vgl. BGE 134 V 64, BGE 129 V 480 E. 4.2.2) hat rein
6.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 35/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hypothetischen Charakter und dient ausserdem dazu, die Risiken von Arbeitslosigkeit
und Invalidität voneinander abzugrenzen (vgl. BGE 141 V 351 E. 5.2,
Bundesgerichtsurteil vom 23. September 2014, 9C_192/2014 E. 3.1; BGE 110 V 276
E. 4b). Was die verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch
den körperlichen Einsatz angeht, weist er einen Fächer verschiedenster Tätigkeiten auf
(vgl. Bundesgerichtsurteile vom 5. November 2018, 9C_304/2018 E. 5.1.1, und vom
10. April 2019, 8C_811/2018 E. 4.4.1). Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
umfasst er selbst sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote,
bei welchen gesundheitlich Beeinträchtigte mit einem sozialen Entgegenkommen von
Seiten des Arbeitgebers rechnen können (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 18. Dezember
2019, 9C_693/2019 E. 5.1.3, und vom 28. November 2014, 9C_485/2014).
Realitätsfremde Einsatzmöglichkeiten dürfen bei der Invaliditätsbemessung aber nicht
berücksichtigt werden. Von einer zumutbaren Tätigkeit im Sinn von Art. 16 ATSG kann
insbesondere dort nicht gesprochen werden, wo sie nur in so eingeschränkter Form
möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt, oder dass sie
nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers
möglich wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle deshalb von vornherein als
ausgeschlossen erscheint (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 8. Oktober 2015,
8C_582/2015, und vom 25. September 2018, 8C_290/2018 E. 5.4, ZAK 1991 S. 318
E. 3b).
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers räumt ein, dass dieser zu einer
Erwerbstätigkeit grundsätzlich in der Lage ist. Allerdings sei seine Leistung nicht
konstant, also nicht planbar und demnach auch nicht verwertbar. Dass es am Element
der Konstanz in der zumutbaren Leistungserbringung des Beschwerdeführers aus
medizinischen Gründen fehlen würde, ist dem Gutachten indessen nicht zu entnehmen.
Allerdings wurde dort festgehalten, es sei mit vermehrten wahnhaften Symptomen am
Arbeitsplatz zu rechnen. Angesichts des - wie oben dargelegt - weitgefassten Begriffs
des ausgeglichenen Arbeitsmarkts mit selbst der Berücksichtigung einer gewissen
sozialen Rücksichtnahme ist davon auszugehen, dass die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers von 70 % - angesichts einerseits der beschriebenen medizinischen
Befunde und anderseits des erhobenen Aktivitätsniveaus des Beschwerdeführers - auf
dem fingierten ausgeglichenen Arbeitsmarkt (für Hilfstätigkeiten) als verwertbar zu
betrachten ist.
6.2.
Für das Valideneinkommen und als Ausgangswert für die Bestimmung des
Invalideneinkommens sind vorliegend die Tabellenlöhne zu verwenden. Der
Invaliditätsgrad entspricht unter solchen Verhältnissen dem Grad der Arbeitsunfähigkeit
6.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 36/36
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.