Decision ID: 1eba090a-5fa7-5ee2-88bc-41b169972aeb
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
J._
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Franz P. Oesch, Zentrum St. Leonhard,
Pestalozzistrasse 2, 9000 St. Gallen,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a J._ war als Bezügerin von Taggeldleistungen der Arbeitslosenversicherung bei
der Suva unfallversichert, als sie am 31. März 2001 als Beifahrerin in einem
Personenwagen in einen Auffahrunfall verwickelt wurde (UV-act. 1). Dr. med. A._,
Allgemeine Medizin FMH, diagnostizierte im Bericht vom 14. Mai 2001 ein
Schleudertrauma der HWS, eine Distorsion des Ellbogens rechts sowie eine Kontusion
des Handgelenks rechts. Der Arzt bestätigte eine volle Arbeitsunfähigkeit (UV-act. 3).
Die Suva erbrachte für die gesundheitlichen Folgen dieses Ereignisses
Versicherungsleistungen. Nachdem die Versicherte über anhaltende Kopf- und
Nackenschmerzen sowie Schwindelbeschwerden geklagt hatte, wurden von Seiten der
Suva und der Invalidenversicherung weitere medizinische Abklärungen, unter anderem
in der Rheinburg-Klinik, Walzenhausen, sowie bei der Ärztlichen Begutachtungsinstitut
GmbH (ABI), Basel, veranlasst und Therapien durchgeführt. Mit Verfügung vom 4. März
2004 eröffnete die Suva dem Rechtsvertreter der Versicherten, es bestehe ab 15. März
2004 eine zumutbare Arbeitsfähigkeit von 75%, weshalb die Taggeldleistungen mit
diesem Datum eingestellt würden. Soweit die Realisierung einer Tätigkeit aus
geografischen, altersmässigen, krankheitsbedingten, wirtschaftlich-strukturellen oder
ähnlichen Gründen nicht in Frage komme, handle es sich um Tatsachen, welche nicht
als unfallkausal bezeichnet und folglich nicht berücksichtigt werden dürften (UV-act.
198). Die gegen diese Verfügung vom Rechtsvertreter der Versicherten erhobene
Einsprache (UV-act. 200) wies die Suva mit Einsprache-Entscheid vom 11. Mai 2005 ab
(UV-act. 203). Die dagegen von Rechtsanwalt Dr. Franz P. Oesch, St. Gallen, mit
Eingabe vom 22. Juni 2005 erhobene Beschwerde (UV 2005/50) wies das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 25. Januar 2006 ab.
Dieser Entscheid erwuchs in Rechtskraft (vgl. Entscheid des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 19. April 2006 [U 129/06]); UV-act. 204).
A.b Mit Verfügung vom 5. September 2006 eröffnete die Suva dem Rechtsvertreter der
Versicherten die Einstellung aller Versicherungsleistungen mit sofortiger Wirkung. Zur
Begründung legte sie dar, dass keine behandlungsbedürftigen Unfallfolgen mehr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorliegen würden. Die geklagten Beschwerden seien organisch als Folge des erlittenen
Traumas nicht erklärbar. Vielmehr seien psychische Gründe verantwortlich, für welche
keine Leistungspflicht der Suva bestehe. Ein Anspruch auf Invalidenrente oder
Integritätsentschädigung liege ebenfalls nicht vor (UV-act. 248). Am 15. September
2006 verfügte die IV-Stelle des Kantons St. Gallen mit Wirkung ab 1. März 2002 die
Zusprache einer Viertelsrente auf der Basis eines Invaliditätsgrades von 47%
(Valideneinkommen von Fr. 60'500.-- und Invalideneinkommen von Fr. 32'036.--).
Hiebei ging sie von einer Arbeitsfähigkeit von 75% und beim Invalideneinkommen von
einem Leidensabzug von 10% aus (UV-act. 229, 249). Die gegen die Verfügung vom 5.
September 2006 erhobene Einsprache (UV-act. 250) wies die Suva mit
Einspracheentscheid vom 23. März 2007 ab.
B.
B.a Gegen diesen Entscheid liess die Versicherte durch Rechtsanwalt Oesch
Beschwerde erheben mit den Anträgen, der Entscheid sei aufzuheben und es sei zu
erkennen, dass die Folgen des Unfalls vom 31. März 2001 über den 5. September 2006
hinaus andauern würden; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung
führte der Rechtsvertreter aus, die Beschwerdegegnerin habe ihre Leistungspflicht
ohne weitere Abklärungen eingestellt. Die Gründe, weshalb diese in der Lage gewesen
sein solle, am grünen Tisch aufgrund des ABI-Gutachtens vom 23. Januar 2004 den
Abschluss von Unfallfolgen festzustellen, seien nicht erkennbar. Die gegenteiligen
Feststellungen in den ärztlichen Berichten von Dr. med. A._ vom 20. September 2006
und der Rheinburg-Klinik vom 4. Oktober 2006 seien nicht beachtet worden. Die
Beschwerdeführerin verlange, dass sie durch einen neutralen Gutachter neurologisch
und psychiatrisch untersucht und der adäquate Kausalzusammenhang mit dem Unfall
vom 31. März 2001 festgestellt werde. Fest stehe, dass sie seit dem Unfall
ununterbrochen zu 100% arbeitsunfähig gewesen sei (siehe die Zeugnisse von Dr.
A._). Die Arbeitsunfähigkeit sei offensichtlich Folge des Unfalles. Ob sich nun im Lauf
der Jahre der Grund für die Arbeitsunfähigkeit von ursprünglich organischen
Beeinträchtigungen, insbesondere neurologischer Art, zu psychischen
Beeinträchtigungen verschoben habe, ändere an der Kausalität nichts. Die Adäquanz
dürfe nicht derart eingeschränkt werden, dass sie sich auf die geläufigsten Folgen
eines Unfalles mit Schleudertrauma beschränke. Es sei möglich, dass eine Person in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesicherter finanzieller Stellung und mit einem auch nach Beeinträchtigungen
ausübbaren Beruf psychisch weniger gelitten hätte. Massgeblich sei aber nicht eine
Durchschnittsperson, sondern die konkreten Folgen für die Beschwerdeführerin. Die
Beschwerdegegnerin habe mit ihrem Versäumnis auch das rechtliche Gehör der
Beschwerdeführerin verletzt, indem sie wesentliche Beweismittel - die beiden ärztlichen
Berichte - nicht beachtet habe.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 18. Mai 2007 beantragt die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verweist sie auf die Erwägungen im
angefochtenen Entscheid, welche sie zum integrierenden Bestandteil der
Beschwerdeantwort erklärt. Zusätzlich hält sie fest, ein Schleudertrauma oder eine
äquivalente Verletzung bzw. das Vorliegen eines typischen Schleudertrauma-
Beschwerdebildes gemäss Rechtsprechung sei zu verneinen. Es sei vom Bestand
dominanter psychischer Einflussfaktoren auszugehen. Die Beschwerdeführerin leide
offensichtlich an einem syndromalen Zustand, der wesentlich sozialen Einflüssen
unterliege und durch belastende Umstände aufrecht erhalten werde. All dies könne
invaliditätsrechtlich nicht in Anschlag gebracht werden und vermöge keine Invalidität zu
begründen. Somit könne auch nicht von einer natürlichen Unfallkausalität die Rede
sein. Im weiteren fehle es offensichtlich auch an der adäquaten Unfallkausalität. Da ein
Schleudertrauma bzw. eine äquivalente Verletzung auszuschliessen sei, habe die
Adäquanzprüfung nach der Rechtsprechung für psychische Unfallfolgen zu erfolgen.
B.c Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 7).

Erwägungen:
1.
1.1 Im Verfahren UV 2005/50 war streitig, ob die Beschwerdegegnerin auch über den
15. März 2004 hinaus Taggeldleistungen schuldet. Das angerufene Gericht verneinte
dies im Entscheid vom 25. Januar 2006 mit Blick auf den Arbeitsfähigkeitsgrad von
75%. Die von den Parteien in jenem Verfahren diskutierte Frage, ob die psychisch
bedingte Einschränkung in einem adäquaten Kausalzusammenhang zum Unfall
stehe,oder die Frage, ob die psychischen Beschwerden im Vergleich zur physischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Problematik gesamthaft gesehen ganz im Vordergrund stehen würden (vgl. BGE 123 V
98 Erw. 2a mit Hinweisen), wurde im erwähnten Entscheid offen gelassen. – Im
vorliegenden Verfahren ist streitig, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht die weiteren
Leistungen (Behandlungskosten) für die Zeit nach dem 5. September 2006 einstellte
und den Anspruch auf eine Invalidenrente und eine Integritätsentschädigung verneinte.
Sie legte im angefochtenen Entscheid (Erwägung 1) die rechtlichen Voraussetzungen
des Bestehens eines natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen
dem Unfall und den in Frage stehenden (physischen und psychischen)
Gesundheitsschädigungen zutreffend dar (Erwägungen 1, 3a, 3b); darauf ist zu
verweisen.
1.2 Wenn die Beschwerdeführerin eine Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend
machen lässt, da Berichte von Dr. A._ und Dr. B._ (Beilage zu UV-act. 250, UV-act.
252) im angefochtenen Entscheid nicht gewürdigt worden seien, so ist festzuhalten,
dass von der Beschwerdegegnerin in erster Linie die Frage der Adäquanz im Nachgang
zu einem Schleudertrauma-Unfall zu prüfen war. Dabei prüfte sie die Frage der
natürlichen (medizinischen) Kausalität - und damit auch die erwähnten ärztlichen
Berichte - nicht näher bzw. liess diese Frage offen, da sie die Adäquanz anhand der
Kriterien der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen verneinte. Eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs oder der Begründungspflicht ist unter diesen
Umständen nicht ersichtlich.
2.
In einer biomechanischen Beurteilung vom 24. September 2001 kam Prof. Dr. med.
C._, Facharzt FMH für Rechtsmedizin, zum Schluss, dass die anschliessend an das
Ereignis bei der Beschwerdeführerin festgestellten Beschwerden und Befunde durch
die Kollisionseinwirkung erklärbar seien (UV-act. 37). Am 30. Mai 2002 berichteten die
Ärzte der Rheinburg-Klinik, die Patientin leide (weiterhin) an einem cervicocephalen
Syndrom. Im Vordergrund stünden Spannungskopfschmerzen. Zusätzlich bestehe der
Verdacht auf Analgetica-induzierte Kopfschmerzen sowie eine depressive
Verstimmung. Die Therapie sei weiterzuführen (UV-act. 71). Im Bericht der Klinik vom 1.
Juli 2002 wurde unter anderem festgehalten, bei gegebener Schmerzsymptomatik sei
die kognitive und psychische Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit sicher eingeschränkt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(UV-act. 82). D._, kant. approb. Heilpraktiker, schilderte in den Berichten vom 25.
Januar und 29. März 2003 den Verlauf der von ihm durchgeführten Cranio-sacral-
Therapie (UV-act. 119 und 126). Diese Therapie wurde in der Folge wegen des
unbefriedigenden Fortschritts auf Anraten des Heilpraktikers abgebrochen (UV-act.
174). In der Zeit vom 8. September bis 23. Oktober 2003 wurde die
Beschwerdeführerin im Zentrum für Schulmedizin & traditionelle chinesische Medizin,
St. Gallen, behandelt (UV-act. 185 Beilage).
Die Gutachter der Ärztlichen Begutachtungsinstitut GmbH (ABI) kamen in ihrem
zuhanden der Invalidenversicherung erstellten Gutachten vom 21. Januar 2004 zum
Schluss, bezogen auf die angestammte Tätigkeit wäre aufgrund der dabei gegebenen,
nach vorne gebeugten Kopfhaltung ab dem 31. März 2001 von keiner zumutbaren
Arbeitsfähigkeit mehr auszugehen. Es lasse sich ein leichtes bis mässiges
Zervikalsyndrom abgrenzen. Es liessen sich aber keine radikulären Symptome
feststellen. Die zum Teil ubiquitären Schmerzen sowie die angegebenen
Sensibilitätsstörungen seien nicht dermatomal zuordenbar und müssten als funktionelle
Überlagerung gedeutet werden. Die Kopfschmerzen könnten nicht eindeutig
zugeordnet werden. Sie würden vom Charakter am ehesten Spannungskopfschmerzen
entsprechen. Sie seien nicht einem cervicocephalen Syndrom im Sinn einer "migraine
cervicale" zuordenbar. Die leicht ausgeprägten kognitiven Störungen seien dem
Schmerz oder den seelischen Interferenzen oder anderweitigen Gründen zuordenbar.
Der Explorandin seien aus neurologischer Sicht körperlich leichte, wechselbelastende
Tätigkeiten ohne Heben, Stossen und Ziehen von Lasten über 5 kg bis vereinzelt 10 kg,
ohne Überkopftätigkeiten, ohne Kopfzwangshaltungen und ohne arbeitsmässig
relevante Belastung des Schultergürtels zu mindestens 75% zumutbar. Aus
internistischer Sicht habe keine Diagnose festgestellt werden können, welche die
Arbeitsfähigkeit tangiere. Aus psychiatrischer Sicht könne einerseits eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung mit psychischen und somatischen Faktoren festgestellt
werden, anderseits auch eine chronifizierte Anpassungsstörung bei andauernder
Schmerzproblematik vom depressiven Typ. Beide Störungen hätten einen Einfluss auf
die Leistungsfähigkeit, insbesondere im Sinn verminderter kognitiver
Funktionsfähigkeit. Aus psychiatrischer Sicht habe das Leiden Krankheitswert, und die
Explorandin sei in ihrer Leistungsfähigkeit zu maximal 25% eingeschränkt. Aufgrund
der objektivierbaren Befunde aus somatischer wie auch aus psychiatrischer Sicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werde eine adaptierte Tätigkeit im Umfang von sechs bis acht Stunden täglich als
zumutbar erachtet, je nach dem, ob die Beschwerdeführerin an ihrem Arbeitsplatz
selber genügend Pausen einlegen könne bzw. ein verlangsamtes Arbeitstempo
wahrgenommen werden könne, oder ob die Pausen „um die Arbeitszeiten herum
gelegt“ werden müssten. Insgesamt resultiere eine zu 75% zumutbare Arbeitsfähigkeit.
Die Einschränkungen aus somatischer und psychiatrischer Sicht würden sich ergänzen,
nicht addieren. Die Beschwerdeführerin sehe für sich keine Arbeitsfähigkeit mehr, was
der medizinisch-theoretischen Zumutbarkeit deutlich entgegen stehe. Bei der Diagnose
der somatoformen Schmerzstörung sei die erhöhte Selbstlimitierung
krankheitsimmanent; diese Pa¬tienten würden sich immer deutlich mehr limitieren als
eigentlich medizinisch begründbar sei. Im weiteren sei festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin beim voll berenteten Ehemann den Haushalt selber habe führen
müssen und wohl auch hauptsächlich für die Erziehung der drei Kinder (geboren 1988,
1990 und 1995) verantwortlich gewesen sei, was potentiell sicher eher eine chronische
Überlastungssituation darstelle. Sodann seien bei verminderter körperlicher
Leistungsfähigkeit und den gleichzeitig vorhandenen einschränkenden schulischen,
sprachlichen und beruflichen Voraussetzungen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt
deutlich verringert; dabei handle es sich ebenfalls um invaliditätsfremde Gründe. Im
weiteren sei darauf hinzuweisen, dass einer der objektivierbarsten Befunde in der
mässiggradigen Handbeschwielung beidseits bestehe. Diese sei nicht in
Übereinstimmung zu bringen mit der annähernden Untätigkeit, welche die
Beschwerdeführerin angebe. Die deutliche Handbeschwielung stimme jedoch überein
mit der medizinisch-theoretischen Zumutbarkeit in dem Sinn, dass die Explorandin das
ihr Zumutbare auslebe bzw. durchführe. Im weiteren sei auf die schlechte
Medikamenten-Compliance der Beschwerdeführerin zu verweisen, die (entsprechend
dem kaum messbaren Serumspiegel) das Antidepressivum praktisch überhaupt nicht
einnehme. Die Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit durch die Rheinburg-Klinik vom 1.
Juli 2002 sei nicht nachvollziehbar bzw. dadurch erklärbar, dass die kognitiven
Einschränkungen nicht hirnorganisch zu begründen seien, sondern im Rahmen der
affektiven Störung und der krankheitsfremden Gründe. Sie (die Gutachter) würden mit
der Einschätzung von Dr. Rentsch übereinstimmen, wonach die Beschwerdeführerin,
so wie sie sich präsentiere, kaum arbeitsfähig sei. Nur würden sie diese Einschätzung
nicht mit der zumutbaren Arbeitsfähigkeit gleichsetzen, sondern mit der effektiven
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vermittelbarkeit. So wie sich die Beschwerdeführerin präsentiere, sei sie keinem
Arbeitgeber zumutbar, was jedoch nicht mit der medizinisch-theoretischen
Arbeitsfähigkeit übereinstimme (UV-act. 193 S. 18ff).
Im Schreiben vom 20. Januar 2004 führte Dr. A._ aus, die Beschwerdeführerin leide
noch immer an diffusen Kopfschmerzen, welche an ca. 50% der Tage abgelöst würden
durch sehr heftige, ebenfalls diffuse Kopfschmerzen mit stark reduziertem
Allgemeinzustand, Nausea und verminderter Konzentrationsfähigkeit (UV-act. 200
Beilage 2). Am 28. Februar 2004 bestätigte die Rheinburg-Klinik das Bestehen
chronifizierter Spannungskopfschmerzen nach HWS-Distorsion mit Verdacht auf
zusätzlich Analgetika-induzierte Kopfschmerzen und Verdacht auf funktionelle
Überlagerung bei depressiver Verstimmung. Im neurologischen Untersuchungsbefund
hätten keine Ausfälle festgestellt werden können. Die Therapie sei angesichts der
chronifizierten Schmerzproblematik mit wahrscheinlicher funktioneller Überlagerung
und depressiver Verstimmung schwierig. Es werde eine ambulante Physiotherapie
sowie eine psychosomatische/psychiatrische Begutachtung empfohlen (UV-act. 200
Beilage 3). Am 10. März 2004 legte Dr. A._ dar, er teile die Schlüsse des ABI
betreffend Arbeitsfähigkeit keinesfalls. Aufgrund seiner monatlichen Kontakte mit der
Beschwerdeführerin und des fast vollständigen Misserfolgs der angewandten
Therapien halte er die Aufnahme einer Berufstätigkeit momentan für ausgeschlossen.
Die antidepressive Behandlung werde von der Beschwerdeführerin glaubhaft
durchgeführt. An ihrer Compliance zweifle er nicht, auch wenn der Serumwert bei der
Untersuchung in Basel sehr niedrig ausgefallen sei. Es sei für ihn völlig unerklärlich, wie
das ABI zu einer Arbeitsfähigkeit von 75% gelangen könne (UV-act. 200 Beilage 1). Der
Psychiater Dr. E._, Rheinburg-Klinik, berichtete am 6. Dezember 2005, die Gründe
für die Arbeitsunfähigkeit seien multifaktoriell. Sicher habe die Geschichte mit einem
HWS-Distorsionstrauma begonnen. Mittlerweile seien Faktoren der Verarbeitung und
depressiven Reaktion hinzugekommen. Diese Faktoren seien nur indirekt als
Unfallfolge zu betrachten (Beilage zu UV-act. 204). Am 22. März und 14. Juni 2005
hatte Dr. A._ eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin bestätigt (act.
G 1.1). Im Bericht vom 20. September 2006 legte der Arzt dar, seines Erachtens
stünden die Befunde (stark verspannte, druckdolente cervicale Muskulatur beidseits,
stark schmerzhafte Ansatzstellen der Nackenmuskulatur am Hinterkopf beidseits sowie
eine Einschränkung der Beweglichkeit der HWS wegen Schmerzen) eindeutig im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusammenhang mit dem Unfall vom 31. März 2001. Aufgrund der Chronizität der
Schmerzen habe sich eine depressive Stimmungslage entwickelt, welche ursächlich
eindeutig mit dem Unfall im Zusammenhang stehe (Beilage zu UV-act. 250). Dr. B._,
Ambulatorium der Rheinburg-Klinik, bestätigte am 4. Oktober 2006 unter anderem, die
erhebbaren Befunde (insbesondere Einschränkung der HWS-Beweglichkeit) seien
kongruent mit Befunden, wie sie nach einem HWS-Distorsionstrauma mit sekundärer
Chronifizierung häufig festgestellt würden. Die Symptomatologie könne also nicht
eindeutig auf nur unfallfremde Faktoren eingeschränkt werden (Beilage zu UV-act. 252).
3.
3.1 Nach Lage der medizinischen Akten ist unbestrittenermassen davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin am 31. März 2001 ein HWS-Schleudertrauma erlitt und
die zum typischen Beschwerdebild gehörenden Beeinträchtigungen unmittelbar nach
den Ereignissen auftraten und auch aktuell (teilweise) noch vorhanden sind. Unter
diesen Umständen ist zu klären, inwieweit die von ihr angeführten Beschwerden auch
für die Zeit nach dem 4. September 2006 eine kausale Unfallfolge darstellen.
3.2 Die Ärzte der Rheinburg-Klinik interpretierten im Bericht vom 26. März 2003 die von
ihnen festgestellten, in ihrem Ausmass mit der schmerzbedingten Tagesverfassung
schwankenden neuropsychologischen Störungen (Aufmerksamkeit, Konzentration) vor
allem im Rahmen der chronifizierten Schmerzzustände, wobei sie eine
psychotherapeutische Intervention vorschlugen (UV-act. 130-132). Zu einem ähnlichen
Schluss kamen diesbezüglich die ABI-Gutachter, indem sie festhielten, die leicht
ausgeprägten kognitiven Störungen seien dem Schmerz oder den seelischen
Interferenzen oder anderweitigen Gründen zuordenbar. Es gebe keine Anhaltspunkte
für eine direkte Beteiligung seit dem Unfallereignis. Auch aufgrund der klinischen
Untersuchung gebe es keine Anhaltspunkte für konsekutive Einschränkungen, weshalb
es auch keinen Sinn ergebe, dies psychometrisch zu evaluieren. Die kognitiven
Einschränkungen seien nicht hirnorganisch zu begründen, sondern im Rahmen der
affektiven Störung und krankheitsfremder Gründe (UV-act. 193). Das
Versicherungsgericht legte im Entscheid vom 25. Januar 2006 dar, es könne - mit Blick
auf die gegenseitige Beeinflussung psychologischer und kognitiver Funktionen - nicht
von einem eindeutigen neuropsychologischen Befund, dem selbständige Bedeutung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zugemessen werden könnte, ausgegangen werden. Wenn die Rheinburg-Klinik die
Arbeitsfähigkeit aus neuropsychologischer Sicht an "guten" Tagen auf 70% und an
"schlechten" Tagen auf 0% festgelegt habe (UV-act. 82), so lasse sich diese
Einschätzung, welche sich auf den damaligen Zeitpunkt (1. Juli 2002) bezogen habe,
von der Ursache her nicht von einer ausschliesslich psychisch begründeten Schätzung
abgrenzen. Sodann habe die Rheinburg-Klinik die Kopfschmerzen der
Beschwerdeführerin bereits am 16. August bzw. 10. September 2001 als
Spannungskopfschmerz bezeichnet (UV-act. 31 und 35) und diesen am 7. Januar 2002
als im Vordergrund der subjektiven Beschwerden stehend erklärt (UV-act. 54f). Das ABI
habe die Charakterisierung als Spannungskopfschmerzen bestätigt und erklärt, diese
seien nicht einem cervicocephalen Syndrom zuordbar (UV-act. 193). Am 28. Februar
2004 habe die Rheinburg-Klinik, wie zuvor bereits das Kopfwehzentrum Hirslanden
(UV-act. 152 und 180), überdies den Verdacht auf zusätzlich Analgetika-induzierte
Kopfschmerzen und auf funktionelle Überlagerung geäussert (UV-act. 200 Beilage 3).
Das Gericht kam zum Schluss, auch beim Spannungskopfsschmerz liege somit nach
Lage der Akten kein für sich abgrenzbarer, von der psychischen Situation
unabhängiger Befund vor. Die psychisch bedingten Einschränkungen seien im ABI-
Gutachten umfassend geprüft worden (Entscheid, a.a.O., S. 12-14). - Diese
Ausführungen haben, da sich zwischenzeitlich diesbezüglich keine neuen Aspekte
ergeben haben, auch für dieses Verfahren nach wie vor Gültigkeit. Festzuhalten ist im
übrigen, dass klinisch feststellbare Symptome wie Muskelverspannungen und -
verhärtungen und Bewegungseinschränkungen (vgl. Bericht Dr. A._ in UV-act. 250)
keine Beeinträchtigungen mit objektivierbarem organischem Substrat darstellen (vgl.
Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007:
sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 3. August 2005 i/S M. [U 9/05]
Erw. 4).
3.3 Das Versicherungsgericht ging im Entscheid vom 25. Januar 2006 aufgrund des
ABI-Gutachtens, an welchem ein Internist, ein Neurologe und ein Psychiater beteiligt
waren, davon aus, dass bei der Beschwerdeführerin eine neurologisch bedingte
Gesundheitsschädigung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (25%ige
Einschränkung) vorliege. Inwiefern diese Einschränkung durch den streitigen Unfall
bedingt sei, lasse sich gestützt auf die vorliegenden medizinischen Akten,
insbesondere die einschlägige Begründung im ABI-Gutachten (a.a.o., S. 12), nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abschliessend beurteilen. Festgehalten werden könne lediglich, dass das
Karpaltunnelsyndrom wohl zum vornherein als unfallfremd ausser Betracht falle.
Konkrete Anhaltspunkte, welche Zweifel an der Begründetheit der (medizinisch-
theoretischen) Schlussfolgerungen im ABI-Gutachten zu wecken vermöchten, seien
weder aus den Akten ersichtlich noch würden solche von Seiten der
Beschwerdeführerin geltend gemacht (vgl. Entscheid, a.a.O., S. 14, 15). Wenn die
Beschwerdegegnerin, nachdem sie einen Leistungsanspruch anerkannt und während
Jahren Leistungen ausgerichtet hatte, nunmehr zur Begründung der
Leistungseinstellung ein Schleudertrauma oder eine äquivalente Verletzung bzw. das
Vorliegen eines typischen Schleudertrauma-Beschwerdebildes gemäss
Rechtsprechung bestreiten lässt (act. G 3 S. f), so ist festzuhalten, dass das
Versicherungsgericht im erwähnten Entscheid (UV 2005/50, S. 11) ein HWS-
Schleudertrauma sowie das Vorliegen von Beeinträchtigungen, welche zum typischen
Beschwerdebild gehören, bejaht hatte. Auch nach der neueren Rechtsprechung (vgl.
z.B. Urteil des EVG vom 4. November 2005 i/S K. [U 312/05]) muss nicht der gesamte
Beschwerdekatalog vorliegen, um von einer Unfallkausalität ausgehen zu können.
Selbst wenn lediglich zwei Beschwerdeausprägungen zu bejahen sind, lässt sich unter
Umständen eine Häufung nicht verneinen (vgl. Entscheid des st. gallischen
Versicherungsgerichts vom 10. Januar 2007 i/S W. [UV 2006/36] Erw. 3a). Innerhalb der
Latenzzeit von drei Tagen nach dem Unfall müssen sich sodann lediglich Nacken- bzw.
HWS-Beschwerden manifestieren, und nicht auch jene, die typischerweise im Rahmen
einer schleudertraumaähnlichen Verletzung auftreten können (vgl. Urteil des EVG vom
30. Januar 2007 i/S T. [U 215/05], Erw. 5.3 mit Hinweisen). Was das im streitigen
Einstellungszeitpunkt (5. September 2006) bestehende Beschwerdebild betrifft, so
bestätigte Dr. A._ im Bericht vom 20. September 2006 das Vorliegen von
unfallbedingten Nackenschmerzen bzw. eine eingeschränkte Beweglichkeit der HWS
sowie eine ebenfalls unfallbedingte depressive Stimmungslage (Beilage zu UV-act.
250). Das Fortdauern einzelner typischer Beschwerden (Nackenschmerzen,
Depression) lässt sich damit - auch wenn die Spannungskopfschmerzen nicht
dazuzuzählen wären (vgl. act G 3 S. 3f) - nicht ohne weiteres in Abrede stellen, zumal
die ABI-Gutachter - wie erwähnt - überdies kognitive Einschränkungen vermerkt
hatten, wobei sie auf den engen Zusammenhang dieser Einschränkungen mit den
psychischen Beschwerden hinwiesen (vgl. UV-act. 193 S. 19). Auch wenn die ABI-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachter eine eingetretene Chronifizierung der Beschwerden, unfallfremde Faktoren
(IV-berenteter Ehemann, belastete Haushaltführung, Hauptverantwortung für die
Erziehung der drei Kinder sowie eingeschränkte schulische, sprachliche und berufliche
Voraussetzungen), eine Selbstlimitierung sowie eine schlechte Medikamenten-
Compliance (unterbliebene Einnahme von Antidepressiva) bestätigten (UV-act. 193 S.
20f), so ist damit der gänzliche Wegfall des typischen Beschwerdebildes noch nicht
belegt.
3.4 Nach der Rechtsprechung muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sein. Da es sich hiebei um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt,
trägt - anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher
Kausalzusammenhang gegeben ist - der Unfallversicherer insofern eine Beweislast, als
im Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu seinen Ungunsten ausfällt (RKUV 1992 S.
75 Erw. 4b). Im Rahmen der Prüfung des Dahinfallens der Leistungspflicht des
Unfallversicherers genügt es mithin für die Bejahung des fortbestehenden natürlichen
Kausalzusammenhangs, wenn der Unfall für die fragliche gesundheitliche Störung
immer noch eine Teilursache darstellt. Gemäss Art. 36 Abs. 1 UVG werden die
Pflegeleistungen und Kostenvergütungen sowie die Taggelder und
Hilflosenentschädigungen nicht gekürzt, wenn die Gesundheitsschädigung nur
teilweise Folge eines Unfalls ist. Diese Bestimmung beinhaltet eine Durchbrechung des
Kausalitätsprinzips für Fälle, in denen ein Gesundheitsschaden durch das
Zusammenwirken konkurrierender, teils unfallbedingter, teils unfallfremder Ursachen
bewirkt worden ist (Urteil des EVG vom 18. Februar 2003 i/S. S., [U 287/02], Erw. 4.4).
Erachtet das Sozialversicherungsgericht die rechtserheblichen tatsächlichen
Entscheidgrundlagen bei pflichtgemässer Beweiswürdigung als schlüssig, darf es den
Prozess ohne Weiterungen - insbesondere ohne Anordnung eines Gerichtsgutachtens -
abschliessen (BGE 122 V 162 Erw. 1d, RKUV 1999 Nr. U 332 S. 194 Erw. 2a/bb, 1997
Nr. U 281 S. 282 Erw. 1a; vgl. auch BGE 125 V 353 Erw. 3b/cc).
3.5 Zu der vom Versicherungsgericht im erwähnten Entscheid offen gelassenen Frage
der Unfallkausalität des neurologischen Befundes ist vorweg festzuhalten, dass - bei
unbestrittenermassen unfallfremdem Carpaltunnelsyndrom (vgl. UV-act. 193 S. 21) -
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bereits im Untersuchungsbefund vom 26. Februar 2004 keine neurologischen Ausfälle
mehr festgestellt werden konnten (UV-act. 200 Beilage 3). In späteren Berichten
wurden neurologische Befunde nicht mehr erwähnt. Im Bericht der Rheinburg-Klinik
vom 4. Oktober 2006 findet sich sodann die Feststellung, dass auch mehrere der
klassischen Fibromyalgiepunkte druckdolent seien (UV-act. 252). Hiebei handelt es sich
offensichtlich um krankheitsbedingte Gegebenheiten.
3.6 Nach der Rechtsprechung muss auch bei Vorliegen einer dem Schleudertrauma
ähnlichen Verletzung der Nachweis möglich sein, dass es sich bei den nach einem
Unfall aufgetretenen psychischen Störungen nicht um eine unfallkausale psychische
Beeinträchtigung handelt (RKUV 2001, 79) bzw. dass eine ausgeprägte psychische
Problematik ganz im Vordergrund steht (RKUV 1999, 407 Erw. 3b).
Die Ärzte der Rheinburg-Klinik wiesen im Nachgang zum Unfall erstmals am 7. Januar
2002 auf einen tendenziell sich anbahnenden depressiven Anpassungsprozess hin und
empfahlen eine kombinierte neuropsychologische und psychotherapeutische
Behandlung (UV-act. 54f). In der Folge wurden ärztlicherseits jeweils ein gemischt
somatisch und psychisch begründetes Beschwerdebild bestätigt (vgl. UV-act. 82, 119,
126, 130-132). Auch die ABI-Gutachter führten, neben psychiatrischen Diagnosen, ein
leichtes bis mässiges Zervikalsyndrom als Diagnose mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit auf (193 S. 18ff). Bezogen auf den streitigen Einstellungszeitpunkt
bestätigten Dr. A._ sowie die Rheinburg-Klinik einen Gesundheitsschaden (klinische
Befunde an der HWS, Depression) mit einem sowohl psychisch als auch physisch sich
manifestierenden Beschwerdebild (vgl. Beilage zu UV-act. 250, 252). In Anbetracht
dieser Aktenlage ist festzuhalten, dass das psychische Zustandsbild der
Beschwerdeführerin - neben unfallfremden Aspekten - jeweils auch mit der erlittenen
HWS-Verletzung in Verbindung gebracht wurde (mit entsprechender
Leistungsanerkennung durch die Beschwerdegegnerin). Die psychische Problematik
kam knapp ein Jahr nach dem Unfall zum Vorschein; sie hatte im Vergleich zu den
somatisch feststellbaren Problemen auch ein erhebliches Gewicht. Jedoch kann nicht
gesagt werden, dass im späteren Verlauf die psychische Problematik im Vergleich zu
den physischen Problemen gesamthaft absolute Vorrangigkeit beansprucht hätte oder
dass es sich bei der psychischen Problematik überwiegend wahrscheinlich nicht um
eine unfallkausale Einschränkung gehandelt hätte. Auch wenn den geschilderten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unfallfremden Aspekten eine nicht geringe Bedeutung zukam, stellte die psychische
Reaktion auf den Unfall jedenfalls teilweise eine gesundheitliche Folge dar, wie sie nach
HWS-Traumen durchaus nicht ungewöhnlich ist und sogar zum typischen
Beschwerdebild gezählt wird. Ein typisches Beschwerdebild nach
schleudertraumaähnlicher Verletzung liess sich auch im Zeitpunkt der
Leistungseinstellung nicht verneinen (vgl. dazu insbesondere Beilage zu UV-act. 250,
252). Damit kommt die Rechtsprechung, wonach bei der Prüfung der adäquaten
Kausalität zwischen psychisch und physisch bedingten Beschwerden nicht
unterschieden wird (RKUV 1999, 407 Erw. 3b), vorliegend zur Anwendung.
3.7 Beim Auffahrunfall vom 31. März 2001 ist - in Anbetracht der Unfallumstände sowie
der dokumentierten Fahrzeugschäden (UV-act. 37) - von einem mittelschweren Unfall
auszugehen. Wenn die Beschwerdegegnerin in diesem Zusammenhang auf das Urteil
des EVG vom 17. Juli 2006 (U 206/06) verweist, in welchem bei einer
kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderung von 10-15 km/h unter Berücksichtigung
der weiteren Unfallumstände von einem leichten Unfallereignis ausgegangen und die
Adäquanz damit ohne weiteres verneint wurde, ist festzuhalten, dass konkret eine
kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung innerhalb oder oberhalb eines Bereichs
von 10-15 km/h bestätigt wurde (UV-act. 37). Die Annahme eines leichten Unfalls fällt
damit ausser Betracht. Eine besondere Eindrücklichkeit oder dramatische
Begleitumstände sind nicht ersichtlich, zumal das objektive Unfallgeschehen und nicht
das subjektive Erleben des Ereignisses massgebend ist (vgl. die Kasuistik zu diesem
Kriterium in Rumo-Jungo, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 3. A., S. 58-64,
sowie Urteile des EVG vom 23. November 2004 i/S B., Erw. 2.3 [U 109/04] und vom 2.
März 2005 i/S S., Erw. 5.1 [U 309/03]). Beim erlittenen HWS-Trauma handelt es sich
sodann nicht um eine Verletzung, die durch ihre Schwere oder besondere Art
charakterisiert wäre (vgl. Urteil des EVG vom 9. August 2004 i/S J. [U 116/04]).
Nach der Rechtsprechung ist eine ärztliche Behandlung von zwei bis drei Jahren bei
einem Schleudertrauma nicht ungewöhnlich (Urteile des EVG vom 8. Februar 2005 i/S
[U 314/04] Erw. 2.3, sowie vom 21. Oktober 2003 i/S M. [U 282/00], Erw. 4.3.3. mit
Hinweis auf Urteil i/S H. vom 30. Mai 2003 [U 353/02] Erw. 3.3). Die versicherte Person
hat Anspruch auf die zweckmässige Behandlung (Art. 10 Abs. 1 UVG) der Unfallfolgen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für solange, als von ihrer Fortsetzung eine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes erwartet werden kann (Art. 19 Abs. 1 UVG e contrario). Der
Heilpraktiker D._ teilte am 20. Oktober 2003 mit Hinweis auf den unbefriedigenden
medizinischen Fortschritt den Abbruch der Cranio-Sacral-Therapie mit (UV-act. 174).
Im Gutachten vom 21. Januar 2004 kamen die ABI-Gutachter zum Schluss, aufgrund
der Selbstlimitierung sei fraglich, ob mit therapeutischen Massnahmen weitergearbeitet
werden könne. Dies auch insbesondere vor dem Hintergrund, dass die zunehmend
ungelöste finanzielle Situation die Schmerzsymptomatik und die depressive
Symptomatik perpetuiere und diese dementsprechend therapeutisch gar nicht
angehbar seien (UV-act. 193 S. 21). Am 20. Januar 2004 bestätigte Dr. A._, dass die
bisherigen mannigfaltigen therapeutischen Bemühungen keinen nennenswerten Erfolg
gebracht hätten (UV-act. 200 Beilage 2). Am 10. März 2004 vermerkte er einen fast
vollständigen Misserfolg der angewandten Therapien (UV-act. 200 Beilage 1). Am 20.
September 2006 hielt Dr. A._ fest, therapeutische Massnahmen verschiedenster Art
hätten nie den gewünschten Erfolg gebracht (UV-act. 250 Beilage). Hinsichtlich der
Länge der Behandlungsdauer ist somit festzuhalten, dass die ärztliche bzw.
therapeutische Behandlung im Zusammenhang mit dem HWS-Trauma nach Lage der
Akten jedenfalls im Zeitpunkt der ABI-Begutachtung als abgeschlossen anzusehen war
bzw. keine Verbesserung mehr bewirken konnte; dies insbesondere mit Blick auf die
von den ABI-Gutachtern festgestellten unfallfremden Aspekte. Im Einstellungszeitpunkt
war somit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass von der
Fortsetzung einer für die Beschwerdeführerin geeigneten Heilbehandlung keine
namhafte Besserung erwartet werden konnte, weshalb die Ablehnung weiterer
Heilbehandlung auf jenen Zeitpunkt gerechtfertigt war. Eine ungewöhnlich lange Dauer
der ärztlichen Behandlung ist dementsprechend zu verneinen. Für das Vorliegen eines
schwierigen Heilverlaufs und von erheblichen Komplikationen lassen sich den Akten
keine Anhaltspunkte entnehmen. Auch von einer ärztlichen Fehlbehandlung kann nicht
ausgegangen werden.
Das Versicherungsgericht legte im Entscheid vom 25. Januar 2006 (UV 2005/50) dar,
die ABI-Gutachter hätten - in Kenntnis der Beurteilungen von Dr. A._ - mit
einlässlicher und nachvollziehbarer Begründung die medizinisch theoretische
Arbeitsunfähigkeit auf 25% festgelegt. Im weiteren hätten sie auf Aspekte
(Überlastungssituation durch invaliden Ehemann, Haushaltarbeit und Kindererziehung;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingeschränkte schulische, sprachliche und berufliche Voraussetzungen;
Handbeschwielung, welche nicht mit der von der Beschwerdeführerin angegebenen
Untätigkeit übereinstimmt; schlechte Medikamenten-Compliance) hingewiesen, welche
jedenfalls dem Unfall vom 31. März 2001 nicht adäquat-kausal zugerechnet werden
könnten. Konkrete Anhaltspunkte, welche Zweifel an der Begründetheit der
(medizinisch-theoretischen) Schlussfolgerungen im ABI-Gutachten zu wecken
vermöchten, seien weder ersichtlich noch würden solche geltend gemacht. Allein der
Hinweis auf die abweichende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch Dr. A._ vermöge
noch keine Zweifel zu begründen. Dies umso weniger, als auch die Rheinburg-Klinik
bereits in den Jahren 2001 und 2002 - im Gegensatz zu Dr. A._ - immer eine gewisse
Teilarbeitsfähigkeit bestätigt habe (UV-act. 31, 82). In dem rund zwei Jahre später
erstellten Gutachten hätten die ABI-Gutachter zwar eine höhere Arbeitsfähigkeit als die
Rheinburg-Klinik im Jahr 2002 bestätigt; sie hätten ihre Schlussfolgerungen jedoch
umfassend begründet. Der Psychiater Dr. E._ habe demgegenüber eine
Arbeitsfähigkeit verneint und auf multifaktorielle Gründe verwiesen. Auch dieser Arzt
habe jedoch festgehalten, im Fall des Erlangens einer Arbeitsfähigkeit und Findens
einer Stelle könne dies die Genesung wesentlich fördern. Es müsse mit einer
leidensangepassten Tätigkeit begonnen werden, d.h. einer körperlich leichten Arbeit
mit wechselnden Positionen. Aus der Stellungnahme von Dr. E._ bzw. der
Verweisung auf multifaktorielle Gründe lasse sich keine überwiegend wahrscheinlich
unfallkausale Verursachung der Arbeitsunfähigkeit für die Zeit nach dem 15. März 2004
ableiten. Dies umso weniger, als die multifaktoriellen Gründe auch im ABI-Gutachten
diskutiert und hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit bewertet worden
seien (Entscheid, a.a.O., S. 14, 15). - Auch wenn die Teilarbeitsunfähigkeit (von 25%)
im streitigen Einstellungszeitpunkt gut fünf Jahre (und darüber hinaus) andauerte, kann
mit Blick auf die Rechtsprechung (vgl. zusammenfassende Darstellung im Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 30. August 2001 [U 56/00] Erw. 3d) eine
lang dauernde (unfallbedingte) Arbeitsunfähigkeit höchstens in geringem Ausmass
bejaht werden, zumal die ABI-Gutachter bei ihrer Schätzung nicht nur unfallbedingte
Aspekte berücksichtigten. Was das Vorliegen von Dauerschmerzen betrifft, so lassen
sich solche nicht grundsätzlich in Abrede stellen, zumal die Beschwerdeführerin
gegenüber den ABI-Gutachtern permanent vorhandene Kopfschmerzen und solche im
Bereich des Nackens angegeben hatte (vgl. UV-act. 193 S. 6). Hingegen ist angesichts
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der erheblichen unfallfremden Faktoren nicht überwiegend wahrscheinlich erstellt, dass
die Dauerschmerzen für die Zeit ab September 2006 tatsächlich auf unfallbedingte
Umstände zurückführen sind. Dieses Kriterium kann daher nicht als erfüllt betrachtet
werden. Da somit bezüglich des streitigen mittelschweren Unfalls ein einziges
Adäquanzkriterium lediglich in geringer Ausprägung als gegeben anzusehen ist, ist die
adäquate Unfallkausalität der HWS-Beschwerden für die Zeit ab 5. September 2006 zu
verneinen. Der angefochtene Entscheid lässt sich unter diesen Umständen im Ergebnis
nicht beanstanden.
4.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG