Decision ID: 169a3dde-e144-4f9b-be72-6529417d5747
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Peter Sutter, Haus Eden, Paradiesweg 2, Post
fach, 9410 Heiden,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 23. September 2008 aufgrund von Schmerzen in Nacken,
Wirbelsäule, Schulter und Schulterblatt, Achsel und Oberarm sowie Einschlafen der
Hände und vorwiegend der kleinen Finger links und rechts zum Leistungsbezug bei der
IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1-1 ff.).
A.b In einem Frühinterventions-Gesprächsprotokoll vom 15. Oktober 2008 führte
Dr. med. B._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der Invalidenversicherung nach
einem am 14. Oktober 2008 geführten Telefongespräch mit der behandelnden Ärztin
Dr. med. C._, FMH Physikalische Medizin und Rehabilitation, aus, die Diagnose eines
unklaren Schmerzsyndroms bei differentialdiagnostisch neuropathischem
Schmerzsyndrom, bei HLA B27-positivem Spondylarthropathie (sei überhaupt nicht
sicher), bei intrascapulären zum Teil brennenden, zum Teil mechanischen Schmerzen
sowie bei anhaltender somatoformer Schmerzstörung (sei eher unwahrscheinlich, da
weder emotionale noch psychosoziale Konflikte bekannt), bestehend seit einem Jahr,
beeinträchtige die Arbeitsfähigkeit des Versicherten. Dr. C._ unterzeichnete das
Protokoll am 27. Oktober 2008 (IV-act. 18-1 f.).
A.c Mit Schreiben vom 9. Dezember 2008 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
aufgrund seiner subjektiven Arbeitsunfähigkeit würden Eingliederungsbemühungen
keinen Sinn machen. Daher sei eine Arbeitsvermittlung zurzeit nicht möglich (IV-act.
22-1 f.).
A.d Am 7. Januar 2009 erstattete die Rehabilitationsklinik Valens, in welcher sich der
Versicherte vom 20. November bis 18. Dezember 2008 stationär aufgehalten hatte,
einen Austrittsbericht. Darin wurden als Diagnosen ein chronisches myofasziales
Schmerzsyndrom, ein leichtes Karpaltunnelsyndrom beidseits sowie eine Anpassungs
störung mit leichter depressiver Reaktion genannt. Die behandelnde Ärzte führten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aus, dass ab 19. Dezember 2008 ein Arbeitswiedereinstieg von 50 % geplant sei; ab
5. Januar 2009 sei eine sukzessive Steigerung der Arbeitsfähigkeit bis 75 % und ab
19. Januar 2009 eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit für eine mittelschwere Arbeit mit
vermehrten Pausen im Ausmass von maximal einer Stunde pro Tag (10-15 %ige
Leistungsfähigkeitseinbusse) zumutbar (IV-act. 29-13 ff.).
A.e Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. C._ einen undatierten (bei der IV-Stelle am
4. Februar 2009 eingegangenen) Bericht. Sie diagnostizierte mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit chronische weichteilrheumatische Beschwerden sowie eine An
passungsstörung mit leichter depressiver Reaktion und attestierte eine 100 %ige
Arbeitsunfähigkeit unbekannten Beginns (IV-act. 29-2 ff.).
A.f Nach erfolgloser Abmahnung des Versicherten bezüglich Einreichens der
Buchhaltungsunterlagen der D._ bzw. der E._ AG in F._ der letzten fünf Jahre,
zuletzt mit Mahnschreiben vom 15. Januar 2009 (IV-act. 27), stellte die IV-Stelle mit
Vorbescheid vom 17. Februar 2009 ein Nichteintreten auf das Leistungsbegehren des
Versicherten (IV-act. 31-1 f.) in Aussicht. In der Folge gingen die verlangten Unterlagen
bei der IV-Stelle ein (IV-act. 35-1 ff., 36, 43-1 ff.).
A.g Am 30. Juli 2009 erstattete Dr. med. G._, Facharzt FMH für Neurologie, einen
Bericht über eine neurologische Abklärung vom 25. Juni 2009 (IV-act. 45-6 ff.). Er
führte aus, gesamthaft gesehen bestünden keine neurologischen Ausfälle.
Vordergründig bestehe eine musculo-skelettale Symptomatik, rezidivierend und
belastungsabhängig (IV-act. 45-7).
A.h Am 22. September 2009 erstellte die Abklärungsperson einen "Abklärungsbericht
Selbständigerwerbende", welcher vom Versicherten durch zahlreiche Bemerkungen zur
gesundheitlichen Situation und Angaben zu den in der D._ bzw. der E._ AG
erfolgten Lohnzahlungen bzw. Gewinnaufteilungen vor und nach Beginn seiner
Arbeitsfähigkeit ergänzt wurde (IV-act. 47-1 ff.).
A.i Der RAD (Dr. B._) hielt am 29. September 2009 in einer internen
Stellungnahme fest, dass auf den Austrittsbericht der Klinik Valens vom 7. Januar 2009
vollumfänglich abgestellt werden könne; der Versicherte sei ab dem 19. Januar 2009
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für eine mittelschwere Arbeit mit vermehrten Pausen im Ausmass von maximal einer
Stunde (Leistungseinbusse von 10-15 %) zu 100 % arbeitsfähig (IV-act. 48-2).
A.j Mit Vorbescheid vom 9. Oktober 2009 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Abweisung des Leistungsgesuchs in Aussicht (IV-act. 51-1 f.). Der Invaliditätsgrad
betrage 15 % (Valideneinkommen Fr. 374'112.--, Invalideneinkommen Fr. 317'995.--).
A.k Der Versicherte liess am 9. November 2009 Einwand gegen den Vorbescheid
erheben. Er beantragte dessen Aufhebung. Ihm seien die gesetzlichen Leistungen
zuzusprechen, und es seien weitere umfassende Abklärungen, insbesondere unter
Berücksichtigung seiner psychischen Erkrankung, vorzunehmen und alsdann sei neu
zu entscheiden (IV-act., 60-1 ff., 56-1 ff.).
A.l Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. C._ am 26. Januar 2010 einen
Verlaufsbericht (IV-act. 63-1 ff.). Darin führte sie aus, dass keine Veränderung der
subjektiven und objektiven Befunde stattgefunden habe; der Versicherte solle langsam
in der Arbeit wieder integriert werden. Der Versicherte sei Mitbesitzer einer Firma, in
welcher das Arbeitsklima durch verschiedene Faktoren gestört sei, so dass eine
Rückkehr an den früheren Arbeitsplatz nicht möglich sei. Auch vor diesem Hintergrund
stehe der Versicherte in psychiatrischer Behandlung (IV-act. 63-3).
A.m Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. med. H._, Facharzt für Psychiatrie/
Psychotherapie und für Allgemeinmedizin, einen Bericht, welcher am 29. März 2010 bei
der IV-Stelle einging. Er hielt fest, den Versicherten seit Februar 2002 zu behandeln. Er
diagnostizierte mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine somatoforme Schmerz
störung (ICD 10: F45.4) und attestierte die Zumutbarkeit einer Vollzeittätigkeit (acht
Stunden pro Tag) mit 50 %iger Leistung in einem anderen als dem bisherigen Betrieb
bei vergleichbarer Tätigkeit (IV-act. 66-1 ff.).
A.n Im Auftrag der IV-Stelle erstatteten Dr. med. I._, Spezialarzt FMH für Psychiatrie
und Psychotherapie, ein psychiatrisches Gutachten vom 6. Mai 2010 (IV-act. 73-1 ff.)
und Dr. med. J._, Facharzt für Rheumatologie und Innere Medizin, ein
rheumatologisches Gutachten vom 15. Mai 2010 (IV-act. 72-1 ff.) mit
Untersuchungsdatum jeweils am 4. Mai 2010. Der rheumatologische Gutachter stellte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
folgende Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: ein chronisches myofasciales
Schmerzsyndrom cervicothorakal (IV-act. 72-15). Der psychiaterische Gutachter stellte
keine Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 73-10). Die Gutachter
führten aus, aus bidisziplinärer Perspektive sei primär die somatische Einschätzung mit
einer 100 %igen Arbeitsfähigkeit in allen beschwerdeadaptierten Tätigkeiten mit einer
Einschränkung von derzeit maximal 10 % zu berücksichtigen (IV-act. 72-18).
A.o Dr. B._ vom RAD hielt am 25. Mai 2010 in einer internen Stellungnahme fest,
dass das bidisziplinäre Gutachten umfassend, konsistent und widerspruchsfrei sei (IV-
act. 74-1 f.).
A.p Am 10. Juni 2010 erstattete der behandelnde Arzt Dr. H._ einen Verlaufsbericht.
Er diagnostizierte eine somatoforme Schmerzstörung (ICD 10: F45.4) und attestierte
eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 76-1 f.).
A.q Mit Vorbescheid vom 23. August 2010 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Abweisung des Leistungsgesuchs in Aussicht (IV-act. 81-1 f.). Der Invaliditätsgrad
betrage 10 % (Valideneinkommen: Fr. 374'112.--, Invalideneinkommen Fr. 336'700.--).
A.r Der Versicherte liess am 10. November 2010 Einwand gegen den Vorbescheid
erheben. Er beantragte die Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen oder die Be
rentung (IV-act. 92-1 f.).
A.s Mit Verfügung vom 28. Februar 2011 (IV-act. 99-1 ff.), welche die Verfügung vom
17. Februar 2011 (IV-act. 95-1 ff.) ersetzte, wies die IV-Stelle das Rentengesuch des
Versicherten bei einem errechneten Invaliditätsgrad von 10 % ab.
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die am 21. März 2011 erhobene Beschwerde.
Darin wird beantragt, die Verfügung vom 28. Februar 2011 sei aufzuheben, und die
Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerdeführer eine ganze IV-Rente zu
bezahlen. Eventualiter sei die Verfügung vom 28. Februar 2011 aufzuheben und die
Angelegenheit zur Vornahme weiterer Abklärungen im Hinblick auf die Berentung des
Beschwerdeführers zurückzuweisen. Als Begründung wird im Wesentlichen ausgeführt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Diagnose der somatoformen Schmerzstörung vermöge in diesem konkreten Fall
nicht zu überzeugen. Dagegen spreche das Curriculum Vitae des Beschwerdeführers.
Er sei Spitzensportler gewesen. Gemäss Dr. C._ sei der Beschwerdeführer daher
"nicht wehleidig und sich an Anstrengung und Disziplin gewohnt". Es falle
insbesondere auf, dass die Diagnose der somatoformen Schmerzstörung im Rahmen
der Begutachtung von der Rheumatologin aufgestellt werde, obwohl es sich dabei
klarerweise um eine psychiatrische Diagnose handle. Es könne also mangels
Fachkompetenz darauf nicht abgestellt werden. Dazu komme der Umstand, dass die
Rheumatologin die beschriebene Diagnose mit einem Ausschlussverfahren begründe.
Das vermöge überhaupt nicht zu überzeugen. Nur weil man die richtige Ursache für
das Beschwerdebild des Beschwerdeführers (noch) nicht gefunden habe, könne nicht
einfach auf eine somatoforme Schmerzstörung geschlossen werden. Wie bereits im
Vorbescheidverfahren ausgeführt, sei etwa ein RSI-Syndrom als Ursache noch nicht
abgeklärt worden. Absolut nicht zu überzeugen vermöge die wenig begründete
Behauptung von Dr. I._, es seien keine Gründe ersichtlich, die einer Überwindung der
Schmerzen entgegenstünden. Der Beschwerdeführer habe keinerlei psychiatrische
Vorbelastung. Als Spitzensportler und erfolgreicher Unternehmer sei er nicht dazu prä
destiniert, ein unkontrolliertes somatoformes Schmerzsyndrom zu entwickeln. Dies sei
an sich auch die überwiegende Meinung der involvierten Ärzte. Vor diesem Hintergrund
passe die Diagnose der somatoformen Schmerzstörung nicht ins Bild der Akten und
würde eingehender Begründung bedürfen. In erhöhtem Mass gelte dies für die Zumut
barkeit der Überwindung, über die sich die Gutachter nicht konkret ausliessen (act. G
1).
B.b In der Beschwerdeantwort vom 11. Mai 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus,
korrekt sei, dass Dr. B._ die Diagnose somatoforme Schmerzstörung eher
ausgeschlossen habe. Darauf könne sich der Beschwerdeführer jedoch nicht stützen,
nachdem im Gutachten aus dem Jahre 2010 explizit erläutert werde, warum diese
Diagnose zutreffend sei. Dr. B._ habe sich sodann nach dem Studium der Gutachten
der Meinung der begutachtenden Ärzte angeschlossen. Des Weiteren sei irrelevant, ob
die Diagnose somatoforme Schmerzstörung erstmals von der Rheumatologin und nicht
von einem Psychiater gestellt worden sei. Massgebend sei, dass der begutachtende
Psychiater die Diagnose bestätigt habe. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der ihm gestellten Diagnose nicht einverstanden sei, vermöge keine weiteren
medizinischen Abklärungen auf Kosten der IV zu rechtfertigen. Nachdem sämtliche
behandelnden und begutachtenden Ärzte keine anders lautenden Diagnosen zu stellen
vermocht hätten, sei auf die bis dato vorliegenden Berichte abzustellen (act. G 5).
B.c Am 24. Juni 2011 lässt der Beschwerdeführer Replik erstatten und im
Wesentlichen ausführen, es sei nicht irrelevant, dass Dr. B._ die Diagnose der
somatoformen Schmerzstörung ausgeschlossen habe. Mit seinem Ausschluss werde
ersichtlich, dass die spätere Diagnosestellung alles andere als eindeutig gewesen und
eher als Produkt der Hilflosigkeit gegenüber den Beschwerden des Beschwerdeführers
zu qualifizieren sei. Im Weiteren lasse das Gutachten durchaus wesentliche Fragen
offen, indem es nicht erkläre, wie ein Spitzensportler und erfolgreicher Unternehmer
ohne erkennbaren Anstoss ein unkontrolliertes somatoformes Schmerzsyndrom zu
entwickeln vermöge; das Gutachten sei deshalb nicht überzeugend und unvollständig.
Sodann gebe die Beschwerdegegnerin gebetsmühlenartig Auszüge aus der
Rechtsprechung zur somatoformen Schmerzstörung wieder. Sie übersehe aber, dass
die Gutachter mit keinem Wort begründeten hätten, weshalb sie dem
Beschwerdeführer die Schmerzüberwindung zumuteten. Deshalb seien weitere
Abklärungen geboten (act. G 9).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete mit Schreiben vom 1. Juli 2011 auf eine
Duplik (act. G 11).
B.e Mit Schreiben vom 4. Juli 2012 (act. G 13) lässt der Beschwerdeführer einen
Bericht von Dr. med. K._ des Neurochirurgischen Zentrums der Hirslanden Klinik
X._ vom 8. Mai 2012 ins Recht legen (act. G 13.1). In diesem waren progrediente
Cervikobrachialgien beidseits mit parästhetischen Missempfindungen C6 beidseits
rechtsbetont bei aktivierter, entzündlicher Osteochondrose C5/6, ein chronisches
myofasziales cerviko-thorakales Syndrom bei degenerativer HWS-Veränderung und
muskulärer Dysbalance bei Fehlhaltung, ein leichtes Karpaltunnelsyndrom beidseits
sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, intermittierendes
lumbovertebrales bis spondylogenes Syndrom linksbetont, diagnostiziert und eine
100 %ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen:
1.
1.1 Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine Rente zu Recht verneint hat.
1.2 Als Invalidität gilt gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich bleibende
oder länger dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Nach Art. 28 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) hat die versicherte
Person Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu 70 %, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie
mindestens zu 50 % oder auf eine Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40 % invalid
ist.
1.3 Grundlage der Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens ist die Arbeits
fähigkeitsschätzung. Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den
Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das
Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere
Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es,
den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem
Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist
(BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen
und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige
Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die Rechtsprechung hat es
mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf
bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die
Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, die aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete
Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin stützt sich auf die Begutachtungen durch den Rheuma
tologen Dr. J._ und den Psychiater Dr. I._. Dr. J._ nannte nach der Untersuchung
des Beschwerdeführers am 4. Mai 4010 im Gutachten vom 15. Mai 2010 als
rheumatologische Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches
myofasciales Schmerzsyndrom cervicothorakal (ICD-10: M54.2 resp. M54.3) bei/mit
einer degenerativen Veränderung der HWS, einem geringen organischen Korrelat,
muskulären Dysbalancen bei Fehlhaltung sowie einem Verdacht auf eine
Generalisationstendenz bei psychosozialer Problemkonstellation. Als rheumatologische
Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bezeichnete er ein intermittierendes
lumbovertebrales bis -spondylogenes Syndrom beidseits (ICD-10: M54.5 resp. M54.4)
bei/mit einer degenerativen Veränderung der LWS, einer Spondylolisthesis L5, derzeit
ohne organisches Korrelat, sowie ein leichtes Karpaltunnelsyndrom beidseits (IV-act.
72-15). Die seitens der Rehaklinik Valens per Januar 2009 prognostizierte 100 %ige
Arbeitsfähigkeit mit vermehrtem Pausenbedarf (10 bis 15 % Leistungsfähigkeitsein
busse) dürfte aufgrund der aktuell am Bewegungsapparat zu erhebenden Befunde
spätestens per Datum der aktuellen Untersuchung dem absoluten Minimum der aus
rheumatologischer Sicht zuzumutenden Arbeitsfähigkeit entsprechen (IV-act. 72-16).
Aus rheumatologischer Sicht bestehe in allen körperlich leicht bis mittelschwer be
lastenden Tätigkeiten, namentlich im Umfeld einer Bürotätigkeit wie als Betriebsleiter
einer Schreinerei, eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit. Ein vermehrter Pausenbedarf für
Wechsel- und Ausgleichspositionen bewege sich im Rahmen von derzeit maximal
10 % (IV-act. 72-18). Psychiater Dr. I._ konnte in seinem Gutachten vom 6. Mai 2010
nach der Untersuchung vom 4. Mai 2010 keine Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit stellen. Als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nannte er
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) seit Mitte 2007 sowie
eine Anpassungsstörung mit leichter depressiver Reaktion seit Ende 2008 (IV-act.
73-10). Aus bidisziplinärer Perspektive wurde gutachterlich festgehalten, dass primär
die somatische Einschätzung mit einer 100 %igen Arbeitsfähigkeit in allen beschwerde
adaptierten Tätigkeiten zu berücksichtigen sei (IV-act. 72-18).
2.1.1 Der psychiatrische Gutachter führte unter anderem aus, bei der anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung seien heutzutage die Kriterien der Zumutbarkeit der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
willentlichen Schmerzüberwindung zu diskutieren. Die Schmerzsymptomatik dauere
nun bald drei Jahre an, es finde sich lediglich eine leichte depressive
Begleitsymptomatik seit etwa Ende 2008, schwere körperliche Begleiterkrankungen
fänden sich nicht, ein sozialer Rückzug habe nur teilweise stattgefunden, eine Flucht in
die Krankheit sei nicht ersichtlich (hingegen ein innerseelischer Konflikt, der nicht
emotional empfunden, sondern auf Körperebene wahrgenommen werde). Es habe
einen stationären Behandlungsversuch in Valens mit einigem Erfolg (welcher subjektiv
nicht so wahrgenommen worden sei) gegeben. Es bestehe eine doch deutliche
Diskrepanz zwischen den geschilderten Schmerzen und dem gezeigten Verhalten, die
Charakterisierung der Schmerzen sei vage, medizinische Behandlungen würden nur
wenig in Anspruch genommen und therapeutische Vorschläge nur ungenügend
umgesetzt, so dass unter Gewichtung all dieser Faktoren davon ausgegangen werden
müsse, dass es nach heutiger Auffassung aus psychiatrischer Sicht keine Gründe
gebe, welche einer Überwindung der Schmerzen hinderlich wären, weshalb aus
psychiatrischer Sicht die Arbeitsfähigkeit für nach rheumatologischen Gesichtspunkten
angepasste Tätigkeiten als nicht eingeschränkt zu beurteilen sei (IV-act. 73-11 f.).
2.1.2 Der rheumatologische Gutachter hielt bezüglich Bewegungsapparat fest, dass
das Vorneigen bis zu einem Fuss-Boden-Abstand von 3 cm erfolge, die Flexion frei und
flüssig sei, kein Shift und beim Aufrichten kein Kletterphänomen vorhanden seien. Im
Globaltest sei das Aufrichten aus der Rückenlage bis zum Sitzen möglich; in Bauchlage
bestehe eine sehr gut kompensierte Durchführung der Testübung ohne Dekompen
sationszeichen während zwei Minuten. Im Weiteren führte der Gutachter aus, bezüglich
LWS bestehe eine allseits freie und indolente Beweglichkeit mit über der Norm liegen
der, freier Reklination ohne Schmerzprovokation; bezüglich BWS bestünden habitus
entsprechend freie Bewegungsausschläge und bezüglich HWS freie und indolente
Bewegungsausschläge allseits. Bei den Extremitäten bestünden freie Bewegungs
ausschläge der Schultergelenke beidseits ohne jedwede Impingement-Zeichen, die
Ellbogengelenke seien frei beweglich, auch Hand- und Fingergelenke seien ohne
Synovialitiden und Druckdolenzen. Das Hüftgelenk sei symmetrisch frei beweglich; es
bestünden keine Coxarthrosezeichen. Die Kniegelenke seien beidseits ergussfrei, es
bestehe kein Patellaschiebeschmerz, kein Meniskuszeichen sowie kein femoro
patelläres Reiben. Die Zohlen-Zeichen beidseits seien negativ und die Sprunggelenke
symmetrisch frei beweglich. Bezüglich Neurostatus bestehe eine grobe Kraft der Kenn
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
muskeln symmetrisch M5, die Muskeleigenreflexe der oberen wie der unteren Extremi
täten seien seitengleich mittellebhaft auslösbar. Das Berührungsempfinden werde sym
metrisch im Bereich der oberen wie der unteren Extremitäten beidseits angegeben. Im
Armvorhalteversuch bestehe weder ein Absinken noch eine Pronationstendenz. Der
umgekehrte Lasègue sowie der Lasègue beidseits seien negativ (IV-act. 72-13 f.).
2.1.3 Beide Gutachter hielten folgendes fest: Bei der aktuellen Untersuchung finde
sich ein eher jünger wirkender schlanker 45-jähriger Mann, affektiv wenig spürbar, die
Stimmung in Mittellage, die affektive Modulation deutlich eingeschränkt, manchmal
etwas schmerzgequält wirkend, sich jedoch frei bewegend, welcher über brennende
Schmerzen klage (oberer Brustwirbelsäulenbereich, Nacken-, Schulterblätter-, Arme)
und seine Schmerzempfindungen einmal als Zwangsjacke beschreibe, ohne emotional
angeben zu können, welche Begebenheiten in seinem Leben er eventuell als Zwangs
jacke empfinden könnte (Alexithymie). Als Folge der Schmerzen habe es die uner
freulichen Auseinandersetzungen mit seinen Cousins gegeben; die Sache habe sich
einigermassen eingerenkt. Des Weiteren gebe es als Folge der Schmerzen gestörten
Schlaf, missliche Stimmung (der Beschwerdeführer fühle sich als Simulant, also miss
verstanden, im Dorf ausgestellt) und eine Resignation, weil die Schmerzen nicht
besserten. Die Schmerzsymptomatik entspreche einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung. Zwar fände sich einerseits trotz intensivster Suche keine somatische
Grundlage der Schmerzen und andererseits gebe es positive Hinweise, die diese
Diagnose nahe legten: Als seelischer Konflikt, der auf Körperebene empfunden werde,
könne das Eingebundensein-Müssen (innere Verpflichtung) in die familieneigene
Fensterfabrik (sinnigerweise einmal als Zwangsjacke beschrieben) gesehen werden.
Des Weiteren seien das Nicht-Ansprechen auf Schmerzmittel und sonstige adäquate
Therapieversuche, das vorübergehende Ansprechen auf Handauflegen (auch via
Telefon), die Alexithymie und das Schwarz/Weiss-Denken (keine Versuche bisher, mit
den Schmerzen aktiv zu werden) deutliche Symptome der genannten Störung. Die
Begleitsymptomatik entspreche einer Anpassungsstörung, die Ausprägung sei leicht
depressiv (IV-act. 73-11, 72-17 f.).
2.2 Am 25. Juni 2009 erfolgte ein neurologisches Konsilium durch Dr. G._. In seinem
Bericht vom 30. Juni 2009 (IV-act. 45-6 ff.) wurde als Hauptbefund eine leichte Ver
spannung im Bereich der paravertebralen Muskulatur der BWS mit leichtem Hartspann
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rechts mehr als links genannt. Weiter wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer lokali
siere auch seine Schmerzen im Bereich des Levator scapulae beidseits. Der Trapezius
sei weniger druckdolent; die Beweglichkeit der HWS bestehe bis in die Endexkursionen
inklusiv kombinierter Rotationen. Es bestehe wenig Druckdolenz cervico-occipital. Der
Lasègue sei negativ, es bestünden Reflexe mittellebhaft und symmetrisch. Es seien
keine sensomotorischen Ausfälle vorhanden; der Positionsversuch erfolge ohne Ab
sinken, es bestehe keine Koordinationsstörung. Gesamthaft gesehen bestünden keine
neurologischen Ausfälle (IV-act. 45-7). Es fand also auch eine neurologische Abklärung
statt, die in diesem spezifischen medizinischen Bereich keinen relevanten Gesundheits
schaden ergeben hat bzw. objektivieren konnte. Eine neurologische Verlaufsbegut
achtung wurde im Übrigen weder von Dr. I._ noch von Dr. J._ oder vom RAD-Arzt
Dr. B._ empfohlen. Diesbezüglich ergeben sich keine Hinweise auf weiteren
Abklärungsbedarf.
2.3 Soweit in der Beschwerde sinngemäss geltend gemacht wird, die aus
bidisziplinärer Perspektive gutachterlich bescheinigte maximal 10 %ige Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit lasse sich nicht halten, kann dem nicht beigepflichtet werden,
prognostizierten doch bereits die Ärzte der Klinik Valens dem Beschwerdeführer im
Austrittsbericht vom 7. Januar 2009 ab dem 19. Januar 2009 eine 100 %ige
Arbeitsfähigkeit für mittelschwere Arbeit mit vermehrten Pausen im Ausmass von
maximal einer Stunde pro Tag, d.h. eine 10-15 %ige Leistungsfähigkeitseinbusse (IV-
act. 29-14). Was den Bericht von Dr. H._ vom März 2010 (IV-act. 66-1 ff.) anbelangt,
so ist festzustellen, dass dessen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit für eine
behinderungsangepasste Tätigkeit von acht Stunden pro Tag mit einer 50 %igen
Leistungsfähigkeit (IV-act. 66-3) nicht näher begründet ist und einzig auf der
Schmerzschilderung des Beschwerdeführers zu basieren scheint. Im Weiteren nimmt
Dr. H._ keine Auseinandersetzung mit der Frage der zumutbaren Willensanstrengung
zur Überwindung der geklagten Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung vor. Zudem schätzen
behandelnde Ärzte, wozu auch Dr. H._ zählt, erfahrungsgemäss die Arbeitsfähigkeit
ihrer Patienten pessimistischer ein als unabhängige medizinische Sachverständige. Das
beruht unter anderem auf dem Therapieverhältnis, das die behandelnden Ärzte dazu
neigen lässt, die Beschwerdeschilderungen ihrer Patienten hoch zu gewichten und
deren subjektive Selbsteinschätzung zu übernehmen (vgl. Urteil des
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom 7. Oktober 2010, IV 2009/106 E. 5.3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Daher wecken die Berichte von Dr. H._ und Dr. C._ keine ernsthaften Zweifel an
der Beweiskraft der Gutachten und des neurologischen Konsiliums. Im Lichte der
Diagnosen und der Befunde, welche den zeitlichen Verlauf berücksichtigt haben, sind
die Schlussfolgerungen in den Gutachten begründet und nachvollziehbar und ist die
darin vorgenommene Arbeitsfähigkeitsschätzung von 90 % überzeugend. Die
Gutachter haben dabei die Kriterien berücksichtigt, welche die Rechtsprechung
bezüglich der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung bei somatoformen Schmerzstörungen
entwickelt hat. Gemäss den vorstehenden Ausführungen haben die Gutachter den
Beschwerdeführer umfassend abgeklärt. In somatischer Hinsicht fand eine ausführliche
und umfassende klinische Untersuchung statt, deren Ergebnisse detailliert festgehalten
wurden. Auch auf die vorhandene Bildgebung wurde eingegangen. Ein Hinweis darauf,
dass die Abklärungen ungenügend gewesen sein könnten, findet sich in den Akten
nicht. Weitere Abklärungen betreffend den Zeitraum bis zum Erlass der angefochtenen
Verfügung erscheinen daher nicht als notwendig, wie die Beschwerdegegnerin
zutreffend festgestellt hat. Dem Eventualantrag des Beschwerdeführers auf Vornahme
weiterer Abklärungen ist folglich nicht zu entsprechen (antizipierte Beweiswürdigung).
Ein relevanter Gesundheitsschaden in rentenbegründendem Ausmass (vgl. IV-act.
72-16, 29-14) ist nicht ausgewiesen.
2.4 Im vorliegenden Verfahren nicht mehr relevant ist grundsätzlich, dass der
Beschwerdeführer ab April 2012 im Neurochirurgischen Zentrum der Hirslanden Klinik
X._ abgeklärt wurde. Jedoch gilt festzuhalten, dass der Inhalt des ärztlichen Berichts
von Dr. K._ vom 8. Mai 2012 möglicherweise Rückschlüsse auf den hier mass
gebenden Sachverhalt bis zum Verfügungserlass vom 28. Februar 2011 zulassen kann.
Vorab ist festzustellen, dass die Abklärungen vom April/Mai 2012 wegen Zunahme der
Schmerzen des Beschwerdeführers und neu auch aufgrund eines Taubheitsgefühls,
parästhetischer Missempfindungen und Schmerzen in den Daumen und Armen beid
seits stattgefunden haben (act. G 13.1, S. 1). Dr. K._ führte im Bericht aus, dass das
MRI der HWS vom 24. April 2012 unter anderem aktivierte osteochondrotische Ent
zündungszeichen im gesamten Segment C5/6 ergeben habe. Über eine ventrale
Diskektomie und Stabilisation des hauptbetroffenen Segmentes C5/6 würden sich die
aktuellen Beschwerden des Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich reduzieren
lassen. In Anbetracht der rheumatologischen Begleiterkrankungen und der somato
formen Schmerzstörung sei allerdings die mittelfristige Prognose hinsichtlich einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Besserung nach der Operation moderat. Er habe dem Beschwerdeführer daher,
aufgrund des aktuellen Leidensdrucks, empfohlen, mit rheumatologischen Therapie
ansätzen weiter fortzufahren (act. G 13.1, S. 2). Aus diesem Bericht ergeben sich Hin
weise auf eine Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes des Beschwerde
führers im Frühjahr 2012. Für das vorliegende Verfahren in zeitlicher Hinsicht relevant
ist jedoch der Sachverhalt, wie er sich bis zum Erlass der streitigen Verfügung vom
28. Februar 2011 zugetragen hat (vgl. BGE 130 V 445 Erw. 1.2). Folglich ist der nach
Verfügungserlass offenbar verschlechterte Gesundheitszustand für das vorliegende
Verfahren unbeachtlich.
3.
Es ist somit zusammenfassend davon auszugehen, dass eine 10 %ige Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit ausgewiesen ist. Die Frage nach den zumutbaren Tätigkeiten
wurde im Gutachten vom 15. Mai 2010 hinreichend beantwortet, wird doch ausgeführt,
dass der Beschwerdeführer körperlich leicht bis mittelschwer belastende Tätigkeiten
unter regelmässigen Positionswechseln sowie in einem ergonomischen Arbeitsumfeld,
namentlich im Umfeld einer Bürotätigkeit wie als Betriebsleiter einer Schreinerei, zu
100 % mit einer Einschränkung von 10 % wegen vermehrten Pausenbedarfs für
Wechsel- und Ausgleichspositionen auszuführen vermöge (IV-act. 72-18). Auszugehen
ist gemäss den Gutachtern und dem RAD somit insgesamt von einer Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers von 90 % in der angestammten ebenso wie in einer
adaptierten körperlich leichten bis mittelschweren Tätigkeit.
4.
4.1 In Bezug auf die Invaliditätsbemessung ist zu beachten, dass gemäss Gutachten
von Dr. J._ und Dr. I._ vom 15. Mai 2010 sowie Stellungnahme des RAD-Arztes
vom 25. Mai 2010 in allen beschwerdeadaptierten Tätigkeiten, zu denen insbesondere
die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Geschäftsführer in der Fensterfabrik zu rechnen ist,
eine Arbeitsfähigkeit von mindestens 90% besteht (IV-act. 72-18, 74-2). Der
Invaliditätsgrad erreicht daher jedenfalls kein rentenbegründendes Ausmass von
mindestens 40 %, sodass sich weitere Ausführungen zur Invaliditätsbemessung
erübrigen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Für die Zeit nach Ablauf des Wartejahrs ab 21. Juni 2008 (Beginn Arbeitsunfähig
keit: 21. Juni 2007; IV-act. 66-2, 29-16) bis 18. Dezember 2008, in welcher gemäss den
Akten eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden hat, ist folgendes festzustellen: Bei der
Bestimmung des Rentenbeginns ist zu beachten, dass nach Art. 29 Abs. 1 IVG (in der
seit 1. Januar 2008 gültigen Fassung) der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von
sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nac.h Art. 29 Abs. 1
ATSG entsteht. Der Beschwerdeführer hat sich am 23. September 2008 zum
Leistungsbezug angemeldet (IV-act. 1-8). Mit Blick auf die aktuellste höchstrichterliche
Rechtsprechung (BGE 138 V 475) könnte der Rentenanspruch somit nicht vor März
2009 entstehen. Zu jenem Zeitpunkt war der Beschwerdeführer nicht (mehr) zu
mindestens 40 % invalid (vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG). Daher entfällt auch ein
befristeter Anspruch auf eine Rente.
5.
5.1 Somit ist die Beschwerde abzuweisen. Eine allfällige Verschlechterung des Ge
sundheitszustands gemäss dem Bericht von Dr. K._ vom 8. Mai 2012 (act. G 13.1)
kann zwar nicht in diesem Verfahren berücksichtigt werden. Darin kann aber eine Neu
anmeldung erblickt werden, die aufgrund des hängigen Gerichtsverfahrens nicht direkt
bei der IV-Stelle eingereicht wurde. Das Schreiben vom 4. Juli 2012 (act. G 13) samt
Beilage (Bericht von Dr. K._ vom 8. Mai 2012) ist daher der Beschwerdegegnerin als
Neuanmeldung zur Prüfung zu überweisen.
5.2 Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um
die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1’000.-- festgelegt.
Eine Entscheidgebühr von Fr. 600.-- erscheint vorliegend angemessen. Nach Art. 95
Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu tragen, dessen Begehren
ganz oder teilweise abgewiesen werden. Angesichts des vollen Unterliegens des Be
schwerdeführers rechtfertigt es sich, ihm die Gerichtskosten unter Anrechnung des von
ihm in selbiger Höhe geleisteten Kostenvorschusses gesamthaft aufzuerlegen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte