Decision ID: 41c8e5c9-4e78-4853-9c09-d2e26490d60d
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 23.08.2018 Art. 43 Abs. 3 ATSG.Vorübergehende Einstellung der Auszahlung einer Ergänzungsleistung als Folge einer Verletzung der Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 23. August 2018, EL 2017/21).
Entscheid vom 23. August 2018
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
EL 2017/21
Parteien
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Florian Weishaupt, MLaw,
Küng Rechtsanwälte & Notare AG, Haldenstrasse 10,
9200 Gossau SG,
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gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse, Brauerstrasse
54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Ergänzungsleistung zur AHV
Sachverhalt
A.
A.a A._ bezog gestützt auf eine Verfügung vom 14. August 2013 ab dem 1. Oktober
2012 eine Ergänzungsleistung (EL-act. 77). Bei der Anspruchsberechnung hatte die EL-
Durchführungsstelle die kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung, Hypothekarzinsen und eine Gebäudeunterhaltspauschale
für eine von der EL-Bezügerin bewohnte Liegenschaft, den Eigenmietwert jener
Liegenschaft, eine Nebenkostenpauschale sowie eine Pauschale für den allgemeinen
Lebensbedarf als Ausgaben und die AHV-Rente sowie den Eigenmietwert der
Liegenschaft als Einnahmen berücksichtigt (EL-act. 78 f.).
A.b Im Oktober 2014 forderte die EL-Durchführungsstelle die EL-Bezügerin auf, ein
Formular zur periodischen Überprüfung der Ergänzungsleistung auszufüllen (EL-act.
57). Im Dezember 2014 hielt sie die AHV/IV-Zweigstelle an, die EL-Bezügerin zur
Einreichung des ausgefüllten Formulars zu mahnen (EL-act. 52). Im März 2015 teilte die
AHV/IV-Zweigstelle mit, dass die EL-Bezügerin zweimal in einer Augenklinik operiert
worden sei und deshalb eine Fristerstreckung bis Ende April 2015 erhalten habe (EL-
act. 43). Im Juni 2015 forderte die EL-Durchführungsstelle die AHV/IV-Zweigstelle
erneut auf, die EL-Bezügerin zur Einreichung des Formulars anzuhalten (EL-act. 42).
Diese wies darauf hin, dass die EL-Bezügerin die Abgabe des ausgefüllten Formulars in
den nächsten Tagen in Aussicht gestellt, im gleichen Zug aber auch auf eine
anstehende „grössere“ Operation an der Wirbelsäule hingewiesen habe (EL-act. 41).
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Am 30. Juni 2015 teilte die EL-Durchführungsstelle der EL-Bezügerin mit (EL-act. 39),
dass sie ihr eine letzte Frist zur Einreichung des Revisionsformulars bis zum 30. Juli
2015 gewähre. Falls die EL-Bezügerin diese Frist nicht einhalte, werde die
Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1. Juli 2015 eingestellt. Am 31. Juli 2015
antwortete die EL-Bezügerin (EL-act. 38), sie sei aus gesundheitlichen Gründen noch
nicht dazu gekommen, die Unterlagen zur Überprüfung der wirtschaftlichen
Verhältnisse einzureichen. Anfangs August 2015 werde sie am Rücken operiert. Bis zur
Genesung werde es wohl etwa drei Monate dauern. Sie habe bereits Anstrengungen
unternommen, um ihr Haus zu verkaufen, aber dieses Projekt müsse nun bis nach der
Operation ruhen. Unter dem Strich werde wohl nichts übrig bleiben. Ihres Erachtens sei
es „ein Unsinn“, den Fragebogen für das Jahr 2014 auszufüllen, da sich im Vergleich
zum Jahr 2013 „nicht viel“ geändert habe. Trotzdem habe sie diese Pendenz nun
erledigt; sie werde die Unterlagen am Nachmittag bei der AHV/IV-Zweigstelle
persönlich abgeben. Der ausgefüllte Fragebogen und die entsprechenden Unterlagen
gingen am 31. Juli 2015 bei der AHV/IV-Zweigstelle und am 7. August 2015 bei der EL-
Durchfüh¬rungsstelle ein (EL-act. 32). Die Überprüfung ergab keine anspruchsrelevante
Sachverhaltsveränderung, weshalb die EL-Durchführungsstelle das Revisionsverfahren
mit einer Verfügung vom 8. Oktober 2015 ohne eine Anpassung der
Ergänzungsleistung abschloss (EL-act. 28).
A.c Noch im Oktober 2015 teilte die EL-Bezügerin der EL-Durchführungsstelle
telefonisch mit (EL-act. 26), dass sie ihre Liegenschaft verkauft habe. Sie wisse nicht,
wie viel vom Verkaufserlös übrig bleiben werde, denn sie müsse diverse Kosten
begleichen und die Geschwister am Gewinn beteiligen. Sie werde die Unterlagen bei
der AHV/IV-Zweigstelle einreichen, sobald diese komplettiert seien. Mit dem Käufer
habe sie einen Mietvertrag aufgesetzt, der es ihr ermögliche, weiterhin im Haus zu
wohnen. Am 18. Dezember 2015 forderte die EL-Durchführungsstelle die EL-Bezügerin
auf, die Unterlagen betreffend den Grundstücksverkauf bis spätestens am 29. Januar
2016 einzureichen (EL-act. 22). Am 11. Februar 2016 hielt die EL-Durchführungsstelle
die EL-Bezügerin an, die Unterlagen bis spätestens am 3. März 2016 einzureichen;
andernfalls werde sie die Ergänzungsleistung per sofort einstellen (EL-act. 21). Am 14.
Februar 2016 forderte die EL-Durchführungsstelle die EL-Bezügerin auf, ein Formular
zur periodischen Überprüfung der Ergänzungsleistung auszufüllen (EL-act. 20). Bereits
am 3. Februar 2016 hatte die EL-Bezügerin der EL-Durchführungsstelle mitgeteilt (EL-
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act. 19), dass sie noch immer keine definitive Grundstückgewinnsteuer erhalten habe.
Gemäss einer Auskunft der kantonalen Steuerverwaltung sei die lange
Bearbeitungsdauer normal. Die Sache werde sich wohl noch eine Zeit lang hinziehen.
Am 4. März 2016 gab die EL-Bezügerin an, dass sie gerade eben endlich die
Schlussrechnung der kantonalen Steuerverwaltung erhalten habe. Diese müsse nun
vom Treuhänder geprüft werden. Anschliessend müssten die Erbteilung und die
Auszahlung an die Geschwister erfolgen. Mindestens „eine Partie“ werde eine
„Einsprache“ erheben. Momentan sei deshalb noch nicht absehbar, wann die
Unterlagen eingereicht werden könnten. Auch das Formular zur periodischen
Überprüfung des Ergänzungsleistungsanspruchs werde sie erst nach dem definitiven
Abschluss des Gebäudeverkaufs und dessen Folgen einreichen. Am 18. April 2016
forderte die EL-Durchführungsstelle die AHV/IV-Zweigstelle auf, die EL-Bezügerin zur
Einreichung des Revisionsformulars zu mahnen (EL-act. 18). Am 1. Juni 2016 teilte die
EL-Durchführungsstelle der EL-Bezügerin mit (EL-act. 17), dass sie erst jetzt auf die E-
Mail vom 4. März 2016 reagieren könne. Das Revisionsformular könne unabhängig von
der Abwicklung des Gebäudeverkaufs eingereicht werden. Bei der Frage nach einer
Erbschaftsbeteiligung könne die EL-Bezügerin „noch offen“ vermerken. Zudem fragte
die EL-Durchführungsstelle an, ob es der EL-Bezügerin möglich sei, die bereits
vorhandenen Dokumente bezüglich des Gebäudeverkaufs einzureichen. Am selben Tag
mahnte die AHV/IV-Zweigstelle die EL-Bezügerin unter Androhung der Einstellung der
Ergänzungsleistung (erneut; vgl. EL-act. 16–3) zur Einreichung des Revisionsformulars
(EL-act. 16–1). Am 21. Juli 2016 teilte die AHV/IV-Zweigstelle der EL-
Durchführungsstelle mit, dass die EL-Bezügerin nicht auf die Mahnung reagiert habe
(EL-act. 15). Am 10. August 2016 meldete die EL-Bezügerin der EL-
Durchführungsstelle (EL-act. 14), sie habe in den vergangenen Wochen und Monaten
an gesundheitlichen Problemen gelitten. Nächste Woche müsse sie sich erneut einer
„grossen Rücken-Operation“ unterziehen. Gleichzeitig müsse sie ihr Elternhaus räumen
und umziehen. Sie werde per 1. Oktober 2016 ins Appenzellerland ziehen. Sie habe die
Erbschaftsangelegenheit wegen des Todes ihres Bruders im Frühjahr noch nicht
erledigen können. Auf ihrem Konto befinde sich nun „viel zu viel Geld“, das ihr nicht
gehöre. Deshalb habe sie das Revisionsformular noch nicht ausfüllen können. Sie wolle
ihre Pendenzen bis Ende September 2016 erledigen. Danach sei die EL-
Durchführungsstelle des Kantons St. Gallen ja ohnehin nicht mehr zuständig. Daraufhin
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gewährte die EL-Durchführungsstelle der EL-Bezügerin eine Fristverlängerung bis zum
24. September 2016. Am 18. Oktober 2016 mahnte die EL-Durchführungsstelle die EL-
Bezügerin letztmals zur Einreichung des Revisionsformulars (EL-act. 13). Sie wies
darauf hin, dass sie die Ergänzungsleistung ab dem 1. November 2016 vorsorglich
einstellen werde, wenn sie nicht bis spätestens am 28. Oktober 2016 eine
Rückmeldung erhalten habe. Mit einer Verfügung vom 2. November 2016 stellte die EL-
Durchführungsstelle die laufende Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1.
November 2016 ein, wobei sie einer allfälligen Einsprache gegen die „Herabsetzung
des EL-Anspruchs“ die aufschiebende Wirkung entzog (EL-act. 12).
A.d Am 5. Dezember 2016 erhob die EL-Bezügerin eine Einsprache gegen die
Verfügung vom 2. November 2016 (EL-act. 9). Sie machte geltend, die Erbteilung sei
noch immer nicht erledigt. Das habe sie der AHV/IV-Zweigstelle bereits wiederholt
mitgeteilt. Zudem sei es wenig sinnvoll, eine „verfälschte periodische Überprüfung“
einzureichen. Aufgrund ihres Umzuges sei sie mit diversen zusätzlichen Kosten
konfrontiert und deshalb dringend auf eine Weiterausrichtung der Ergänzungsleistung
angewiesen. Ihre Einsprache richte sich aus diesem Grund insbesondere gegen den
Entzug der aufschiebenden Wirkung. Ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle
notierte zuhanden des Rechtsdienstes (EL-act. 7), die Sanktionsverfügung sei
rechtmässig. Grundbuchämter erteilten erfahrungsgemäss „trotz Art. 32 ATSG“ keine
Auskunft. Die EL-Bezügerin hätte wenigstens die bereits vorhandenen Unterlagen
einreichen können. Mit einem Entscheid vom 30. März 2017 wies die EL-
Durchführungsstelle die Einsprache gegen die Verfügung vom 2. November 2016 ab
(EL-act. 4). Zur Begründung führte sie an, die EL-Bezügerin habe sich über ein Jahr
lang geweigert, Unterlagen zum Hausverkauf einzureichen. Auch das Formular für die
Überprüfung des Ergänzungsleistungsanspruchs habe sie trotz wiederholten
Aufforderungen nicht eingereicht. Am 18. Oktober 2016 sei sie letztmals zur Erfüllung
ihrer Mitwirkungspflicht gemahnt worden. Dabei sei ihr die Leistungseinstellung
angedroht worden. Da die EL-Bezügerin ihre Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung trotzdem nicht erfüllt habe, sei die Ergänzungsleistung zu Recht
eingestellt worden.
B.
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B.a Am 15. Mai 2017 liess die nun anwaltlich vertretene EL-Bezügerin (nachfolgend:
die Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 30.
März 2017 erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 2. November 2016. Zur Begründung führte er an, eine sanktionsweise
Leistungseinstellung sei nur bei einer unentschuldbaren Verletzung der
Mitwirkungspflicht zulässig. Vorliegend könne offensichtlich nicht von einem
schuldhaften Verhalten der Beschwerdeführerin ausgegangen werden. Diese habe den
Verkauf der Liegenschaft nämlich umgehend gemeldet. Solange die Erbteilung noch
nicht definitiv erfolgt gewesen sei, habe keine Änderung der finanziellen Verhältnisse
vorliegen können. Die Einholung von weiteren Unterlagen sei deshalb nicht erforderlich
gewesen. Die definitive Erbteilung sei erst am 12. Mai 2017 erfolgt. Ausserdem sei die
Beschwerdeführerin „in all der Zeit“ in sehr schlechter gesundheitlicher Verfassung
gewesen, wodurch sie in den Tätigkeiten des täglichen Lebens eingeschränkt gewesen
sei. Aufgrund des Umzugs hätten sich die administrativen Unterlagen schliesslich über
längere Zeit in abgepackten Umzugskartons befunden. Die Allgemeinmedizinerin Dr.
med. B._ hatte am 8. Mai 2017 berichtet (EL-act. 2–14), die Beschwerdeführerin leide
schon mindestens seit dem Behandlungsbeginn vor zwei Jahren an massiven
Rückenschmerzen. Zusätzlich sei sie durch eine bipolare Störung beeinträchtigt.
Kürzlich sei ein schweres Schlaf-Apnoe-Syndrom festgestellt worden.
B.b Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 14. Juni 2017 die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 18. September 2017 an ihrem Antrag festhalten
(act. G 7). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 9).

Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin hat die Aufhebung der Verfügung vom 2. November 2016
beantragen lassen. Diese Verfügung hat im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung aber
gar nicht mehr existiert, denn nachdem die Beschwerdeführerin dagegen eine
Einsprache erhoben hatte, hat die Beschwerdegegnerin am 30. März 2017 einen
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Einspracheentscheid erlassen, mit dem sie an der sanktionsweisen Einstellung der
Ergänzungsleistung per 1. November 2016 festgehalten hat. Dieser
Einspracheentscheid ist integral an die Stelle der Verfügung vom 2. November 2016
getreten, weshalb sich die Beschwerde gegen diesen Einspracheentscheid richten
müsste (vgl. auch die Art. 52 und 56 ATSG). Würde man den Wortlaut des
Beschwerdeantrages ernst nehmen, dürfte also auf die Beschwerde mangels eines
Anfechtungsgegenstandes nicht eingetreten werden, weil die Verfügung vom 2.
November 2016 nicht mehr existiert. Der Beschwerdebegründung lässt sich allerdings
eindeutig entnehmen, dass die Beschwerde auf eine Aufhebung des
Einspracheentscheides vom 30. März 2017 abzielt, weshalb der falsche Antrag als ein
Missverständnis qualifiziert und entgegen seinem Wortlaut als auf eine Aufhebung des
Einspracheentscheides vom 30. März 2017 abzielend interpretiert werden muss. Da die
übrigen Eintretensvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf den so verstandenen
Beschwerdeantrag einzutreten.
2.
Mit dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 30. März 2017 hat die
Beschwerdegegnerin – wie bereits mit der entsprechenden Verfügung vom 2.
November 2016 – die Auszahlung der laufenden Ergänzungsleistung gestützt auf den
Art. 43 Abs. 3 ATSG sanktionsweise eingestellt. Der Wortlaut des Art. 43 Abs. 3 ATSG
sieht zwar keine Leistungseinstellung als Sanktionsmöglichkeit vor, aber das Fehlen
dieser Möglichkeit muss gestützt auf eine sorgfältige Interpretation des Art. 43 Abs. 3
ATSG als eine echte Gesetzeslücke qualifiziert werden, die entsprechend
richterrechtlich zu füllen ist (vgl. BGE 139 V 585; TOBIAS BOLT, Folgen einer
Mitwirkungspflichtverletzung, in: JaSo 2016, S. 169 ff.). Jedenfalls besteht kein Zweifel
daran, dass sich der Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens auf die
Prüfung der Frage nach der Rechtmässigkeit der sanktionsweisen Einstellung der
Leistungsauszahlung beschränkt und nicht etwa die Rechtmässigkeit einer materiellen
Aufhebung der laufenden Ergänzungsleistung beinhaltet.
3.
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3.1 Kommt die versicherte Person ihrer Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung in einer unentschuldbaren Weise nicht nach, kann der
Versicherungsträger gemäss dem Art. 43 Abs. 3 ATSG aufgrund der Akten verfügen
oder die Erhebungen einstellen und ein Nichteintreten beschliessen. Er muss die
versicherte Person vorher aber schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hinweisen
und er muss ihr eine angemessene Bedenkfrist einräumen. Die ratio legis des Art. 43
Abs. 3 ATSG ist die Weiterführung eines blockierten Verwaltungsverfahrens in jenen
Fällen, in denen die Blockade auf eine Weigerung der versicherten Person
zurückzuführen ist, ihre Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung zu erfüllen.
Die im Art. 43 Abs. 3 ATSG genannten Möglichkeiten des Sozialversicherungsträgers
sind also bei genauer Betrachtung keine Sanktionen, sondern vielmehr Druckmittel, mit
denen die versicherte Person dazu gebracht werden soll, ihre Mitwirkungspflicht bei
der Sachverhaltsabklärung doch noch zu erfüllen. Beide im Art. 43 Abs. 3 ATSG
ausdrücklich genannten Druckmittel sind allerdings wirkungslos, wenn die versicherte
Person ihre Mitwirkungspflicht in einem Revisionsverfahren im Sinne des Art. 17 ATSG
verweigert, in dem ihr eine Herabsetzung oder eine Aufhebung der laufenden Leistung
droht. Solange das Verfahren still steht, kann sie nämlich ihre bisherigen,
möglicherweise überhöhten Leistungen weiter beziehen. Daran würden weder das
„Nichteintreten“ noch ein Entscheid aufgrund der Akten (der stets auf eine
Nichtanpassung der laufenden Leistung lauten muss, solange die relevante
Sachverhaltsveränderung noch nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht) etwas ändern. Für diese Fälle enthält der
Wortlaut des Art. 43 Abs. 3 ATSG also kein geeignetes Druckmittel; die Bestimmung
erweist sich diesbezüglich als lückenhaft. Zur Füllung dieser Gesetzeslücke kommt nur
ein Druckmittel in Frage, das geeignet ist, den nötigen Druck aufzubauen, und das
selbst dann problemlos und rechtsgleich angewandt werden kann, wenn der für den
Abschluss des Revisionsverfahrens massgebende aktuelle Sachverhalt noch
weitgehend unbekannt ist, nämlich der komplette Leistungsstop (vgl. BGE 139 V 585;
BOLT, a.a.O., S. 169 ff.). Die Anwendung dieses Druckmittels ist gemäss dem Art. 43
Abs. 3 ATSG an die folgenden Voraussetzungen geknüpft: Die versicherte Person muss
ihre Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung verletzt haben; ihre Weigerung,
ihre Mitwirkungspflicht zu erfüllen, muss unentschuldbar sein; die dadurch entstandene
Verfahrensblockade muss solange „unüberwindbar“ sein, bis die versicherte Person
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ihre Mitwirkungspflicht erfüllt, das heisst es darf keine Möglichkeit der EL-
Durchführungsstelle geben, anderweitig an die notwendigen Informationen zu
gelangen; die versicherte Person muss zur Erfüllung ihrer Mitwirkungspflicht gemahnt
worden sein; der versicherten Person muss die spezifische Rechtsfolge bei einer weiter
andauernden Verweigerung der Mitwirkungspflicht angedroht worden sein und der
versicherten Person muss eine angemessene Bedenk- bzw. Reaktionszeit eingeräumt
worden sein.
3.2 Die Beschwerdegegnerin ist sowohl für den Abschluss der periodischen
Überprüfung der Ergänzungsleistung als auch für den Abschluss des
Revisionsverfahrens nach dem Verkauf der selbstbewohnten Liegenschaft auf Angaben
angewiesen gewesen, die nur die Beschwerdeführerin liefern konnte. Allenfalls hätte
die Beschwerdegegnerin verschiedene Angaben im Zusammenhang mit dem
Grundstückverkauf gestützt auf den Art. 32 ATSG auch direkt beim Grundbuchamt
einholen können. Nach der Erfahrung der Beschwerdegegnerin verhalten sich die
Grundbuchämter aber nicht kooperativ, weshalb die Einholung der nötigen Angaben
direkt beim Grundbuchamt einen unzumutbar hohen Abklärungsaufwand (nötigenfalls
mittels eines Gerichtsverfahrens zur Durchsetzung der im Art. 32 ATSG verankerten
Pflicht) verursacht hätte. Das Grundbuchamt hätte vorliegend aber ohnehin nicht
sämtliche Angaben liefern können, die die Beschwerdegegnerin benötigte, denn für
diese ist auch von massgeblicher Bedeutung, wie hoch der Nettoerlös (nach Abzug der
Steuern und Gebühren) gewesen ist und insbesondere wie dieser verteilt worden ist.
Selbst eine Anfrage beim Steueramt hätte es ihr wohl nicht ermöglicht, sämtliche
relevanten Angaben zu beschaffen. Auch für die periodische Überprüfung hätte die
Beschwerdegegnerin ohne die Mitwirkung der Beschwerdeführerin nur einen Teil der
benötigten Angaben erhältlich machen können. Mit ihrer Weigerung, die angeforderten
Unterlagen einzureichen, hat die Beschwerdeführerin also die beiden parallel laufenden
Verwaltungsverfahren blockiert. Die Beschwerdeführerin stellt sich auf den Standpunkt,
dass ihre Weigerung entschuldbar gewesen sei, weil sie gar nicht in der Lage gewesen
sei, sämtliche benötigten Unterlagen einzureichen. Das mag zwar allenfalls zutreffen,
aber wenigstens die Steuer- und Gebührenrechnungen sowie der Verteilschlüssel für
den Nettoerlös hätten wohl längstens eingereicht werden können. Diese hätten es
erlaubt, die Ergänzungsleistung für die Zukunft entsprechend neu festzusetzen. Weil
die Beschwerdeführerin aber überhaupt keine Belege eingereicht hat, ist objektiv nicht
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belegt, dass es ihr tatsächlich nicht schon früher möglich gewesen wäre, die
notwendigen Unterlagen einzureichen. Mit anderen Worten ist die Unentschuldbarkeit
der Verletzung der Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung nicht
nachgewiesen. Solange die Beschwerdeführerin nicht einmal die bereits vorhandenen
Belege einreicht, lässt sich nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststellen, ob es für die Beschwerdeführerin
objektiv unmöglich gewesen ist, die verlangten Unterlagen einzureichen. Es liegt mit
anderen Worten eine objektive Beweislosigkeit hinsichtlich der Unmöglichkeit vor, die
verlangten Unterlagen einzureichen. Die Folgen dieser Beweislosigkeit hat in einer
lückenfüllenden analogen Anwendung des Art. 8 ZGB die Beschwerdeführerin zu
tragen, da sie mit dem fehlenden Nachweis ihre Mitwirkungspflichtverletzung
möglicherweise als entschuldbar hätte belegen können. Da die Beschwerdegegnerin
die Beschwerdeführerin zur Erfüllung ihrer Mitwirkungspflicht gemahnt und ihr für den
Fall einer weiteren Weigerung die sofortige Einstellung der Ergänzungsleistung
angedroht hat und da sie ihr eine angemessene Frist eingeräumt hat, um die
Unterlagen doch noch einzuräumen, sind zusammenfassend sämtliche
Voraussetzungen für einen Leistungsstop gestützt auf den Art. 43 Abs. 3 ATSG erfüllt
gewesen. Der angefochtene Einspracheentscheid erweist sich folglich als rechtmässig.
3.3 Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass das verfügte Druckmittel
(die sofortige, vollständige Leistungseinstellung) als verhältnismässig zu qualifizieren
ist. Verschiedentlich wird die Auffassung vertreten, massgebend sei das Verhältnis
zwischen jenem Betrag, um den die Ergänzungsleistung „sanktionsweise“ reduziert
werde, und dem Betrag, den eine EL-Durchführungsstelle zurückfordern müsste, wenn
sie trotz einer möglichen Sachverhaltsveränderung weiterhin die bisherige
Ergänzungsleistung ausrichten würde. Dieser Ansicht nach wäre zum Beispiel ein
kompletter Leistungsstop unverhältnismässig, wenn lediglich fraglich wäre, ob sich der
Wohnungsmietzins um 100 Franken reduziert hätte. Eine solche betragliche
Verhältnismässigkeitsprüfung würde allerdings eine teilweise Vorwegnahme des
materiellen Ergebnisses des blockierten Verwaltungsverfahrens erfordern, denn die EL-
Durchführungsstelle müsste ja möglichst genau abschätzen, um welchen Betrag sie die
laufende Ergänzungsleistung im Sinne eines Druckmittels reduzieren dürfte. Eine
solche Schätzung würde in aller Regel einen grossen Aufwand verursachen und
(trotzdem) meist sehr ungenau ausfallen. Zudem würde eine entsprechende Reduktion
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oft keinen genügend starken Druck auf die versicherte Person ausüben, denn wenn die
Reduktion etwa jenem Betrag entspricht, um den die Ergänzungsleistung ohnehin
reduziert werden müsste, oder wenn sie gar (wesentlich) tiefer ausfallen würde, würde
die versicherte Person ja nichts gewinnen, wenn sie doch noch bei der
Sachverhaltsabklärung mitwirken würde. Die Verhältnismässigkeit muss sich deshalb
nicht anhand eines betraglichen Vergleichs, sondern vielmehr anhand eines Vergleichs
zwischen der Sanktionsstärke und der Hartnäckigkeit der versicherten Person
bemessen. Mit anderen Worten kann ein Leistungsstop nur verhältnismässig sein,
wenn er lediglich seinem Sinn und Zweck als ultima ratio entsprechend eingesetzt wird.
Eine EL-Durchführungsstelle muss also zuerst versuchen, die versicherte Person ohne
einen Leistungsstop zur Mitwirkung bei der Sachverhaltsabklärung zu bewegen. Erst
wenn sich die versicherte Person trotz mehrfacher Aufforderung geweigert hat, bei der
Sachverhaltsabklärung mitzuwirken, ist ein Leistungsstop angemessen. Der vorliegend
auf seine Rechtmässigkeit zu prüfende Leistungsstop ist als verhältnismässig in diesem
Sinne zu qualifizieren, denn die Beschwerdegegnerin hat über ein Jahr lang versucht,
die Beschwerdeführerin dazu zu bringen, die notwendigen Unterlagen einzureichen. Sie
hat ihr sogar mehrmals explizit erklärt, dass es vorerst genügen würde, wenn sie
wenigstens den vorhandenen Teil der Unterlagen einreichen würde. Erst nachdem sich
die Beschwerdeführerin während mehr als eines Jahres partout geweigert hatte, auch
nur einen einzigen Beleg einzureichen, hat sie die laufende Ergänzungsleistung
eingestellt. Diese Mass¬nahme ist verhältnismässig gewesen. Auch unter diesem
Gesichtspunkt erweist sich der angefochtene Einspracheentscheid folglich als
rechtmässig.
4.
Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen, wobei allerdings im Sinne eines obiter dictum
darauf hinzuweisen ist, dass der verfügte Leistungsstop selbstverständlich sofort
dahinfällt, sobald die Beschwerdeführerin ihrer Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung doch noch nachkommt. Gerichtskosten sind keine zu erheben.
Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.