Decision ID: d2efba92-b297-4109-9848-d2990293629a
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. A._ litt seit seiner Geburt im Jahr 2001 an einem infantilen
psychoorganischen Syndrom mit Hyperaktivität. Die Störung wurde im
Jahr 2005 diagnostiziert und von der damals zuständigen IV-Stelle als
Geburtsgebrechen anerkannt. In der Folge übernahm die IV die Kosten für
medizinische Massnahmen, insbesondere für kinder- und
jugendpsychiatrische Therapie.
2. Die alleinerziehende Mutter war mit der Betreuung und Erziehung von
A._ überfordert. Am 26. März 2006 wurde deshalb eine
Beistandschaft eingerichtet und am 3. August 2006 wurde A._
notfallmässig im Kinderheim B._ platziert.
3. Von 2008 bis 2017 lebte A._ im Schulheim in C._ und absolvierte
die Unter- und Oberstufe mit sonderschulischen Massnahmen. Die
Wochenenden und die Ferien verbrachte er zum Teil bei seinen getrennt
lebenden Eltern, zum Teil bei einer Pflegefamilie.
4. Am 10. Mai 2015 meldete sich A._ bei der IV-Stelle des Kantons
Graubünden (nachfolgend: IV-Stelle) für Massnahmen zur beruflichen
Eingliederung an. Die IV-Stelle holte diverse Unterlagen ein und gab eine
neuropsychologische Abklärung bei lic. phil. D._ in Auftrag. Diese
Abklärung ergab eine Intelligenz im normvarianten Bereich und eine
neuropsychologische Hirnfunktionsstörung. Lic. phil. D._ empfahl
eine Ausbildung in einem geschützten Rahmen. Daraufhin gewährte die
IV-Stelle am 28. Januar 2016 Unterstützung bei der beruflichen
Eingliederung. A._ absolvierte Aufenthalte zum Schnuppern in
verschiedenen Institutionen und entschied sich für eine Ausbildung zum
Hauswartmitarbeiter in der Casa E._ in F._. Am 30. Mai 2017
leistete die IV-Stelle dafür Kostengutsprache. Vom 1. August 2017 bis zum
31. Juli 2019 absolvierte A._ diese Ausbildung mit begleitetem
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Wohnen und mit Berufsschulunterricht im Zentrum für Sonderpädagogik
G._ in H._. Mit Bericht vom 6. Juni 2019 gab die Casa E._
an, die Anwesenheit habe bei 100 % an fünf Tagen pro Woche mit
betriebsüblichen Pausen gelegen, die Leistungsfähigkeit bei 30 %. In der
freien Wirtschaft könne ein Lohn von CHF 1'000.00 pro Monat erzielt
werden.
5. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung arbeitete A._,
unterstützt von der IV, auf dem Hof seiner Pflegefamilie in I._. Im
Rahmen eines Arbeitsversuchs begann er danach am 1. September 2019
ein Praktikum bei der Sennerei J._ und der Gemeinde K._. Per
1. November 2019 wurden die beiden Praktikumsstellen in befristete
Arbeitsstellen umgewandelt. Er bezog Taggelder bis zum 29. Februar
2020, danach wurde die berufliche Massnahme abgeschlossen. Ab dem
1. März 2020 führte A._ seine Arbeit im Rahmen von zwei
unbefristeten Arbeitsverträgen weiter. Bei der Sennerei J._ war er in
einem 50%-Pensum angestellt und erhielt einen Lohn von CHF 400.00 pro
Monat. Bei der Gemeinde K._ lag das Pensum bei 40 % und der
Monatslohn bei CHF 320.00. Beide Anstellungen wurden per 15. Januar
2021 von den Arbeitgebern gekündigt. Danach bezog A._ Sozialhilfe.
6. Bereits am 20. Januar 2020 hatte sich A._ bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug als Erwachsener angemeldet. Am 30. Juni 2020 leistete
die IV-Stelle Kostengutsprache für die Wiederaufnahme der
Psychotherapie. Im Hinblick auf die Rentenprüfung holte sie aktuelle
Arztberichte ein und veranlasste ein bidisziplinäres Gutachten. Mit Bericht
vom 13. Dezember 2020 hielt der Neuropsychologe lic. phil. D._ fest,
es lägen eine normvariante Intelligenz und eine leichte bis mittelschwere
Hirnfunktionsstörung mit Beeinträchtigungen von Teilbereichen
attentionaler, mnestischer und exekutiver Funktionen sowie Hinweise auf
ADHS vor. Rein die intellektuellen/kognitiven Voraussetzungen betreffend
liege keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der aktuellen Tätigkeit
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als Hilfsarbeiter vor, allfällige Einschränkungen durch
emotional/motivationale Faktoren seien denkbar, deren Ausmass könne
aber nicht eingeschätzt werden. Mit Gutachten vom 15. Dezember 2020
diagnostizierte der Psychiater Dr. med. L._ eine einfache Aktivitäts-
und Aufmerksamkeitsstörung mit neuropsychologischen Auffälligkeiten.
Die erlernte Tätigkeit sei für A._ ideal adaptiert. In dieser Tätigkeit
könne er ganztags arbeiten. Dabei sei von einer etwa 20%igen
Einschränkung der Leistungsfähigkeit auszugehen, die Arbeitsfähigkeit
liege demnach bei 80 %. Dr. med. M._ vom RAD Ostschweiz verwies
in seiner Abschlussbeurteilung vom 19. Januar 2021 auf das Gutachten
L._/D._.
7. Mit Vorbescheid vom 27. Januar 2021 informierte die IV-Stelle A._
über ihre Absicht, sein Leistungsbegehren abzuweisen. Bei einem
Valideneinkommen von CHF 58'450.00 und einem Invalideneinkommen
von CHF 54'756.80 basierend auf einer Arbeitsfähigkeit von 80 % ging sie
von einem nicht rentenbegründenden Invaliditätsgrad von 6.32 % aus.
8. Mit Einwand vom 15. März 2021 beantragte A._ die Durchführung
einer BEFAS Abklärung zur Evaluation der funktionalen Leistungs- und
Arbeitsfähigkeit und die Gewährung einer Rente. Er kritisierte das
Gutachten und die Bemessung des Invalideneinkommens.
9. Mit Verfügung vom 26. März 2021 wies die IV-Stelle das
Leistungsbegehren ab. Dem Einwand entgegnete sie, es könne
vollumfänglich auf das Gutachten L._/D._ abgestellt werden.
Dieses berücksichtige sämtliche relevanten Unterlagen, auch diejenigen
im Zusammenhang mit der Ausbildung und den Arbeitsstellen bei der
Sennerei J._ und der Gemeinde K._. Dass die behandelnde
Psychotherapeutin eine Arbeitsfähigkeit von nur 50 % attestiere,
beeinträchtige die Beweiskraft des Gutachtens nicht. Ihrer Funktion
entsprechend liefere die behandelnde Psychotherapeutin eine
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Einschätzung, welche sich an den tatsächlichen, also auch IV-fremden
Gegebenheiten orientiere und unterlasse es im Gegensatz zu Dr. med.
L._, sich mit den vom Bundesgericht zur Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit festgelegten Indikatoren auseinanderzusetzen. A._
habe seine Ausbildung zum Hauswartmitarbeiter in einem 100%-Pensum
mit einer 70 bis 80%igen Leistungsfähigkeit absolviert. Dies stehe im
Einklang mit der Einschätzung von Dr. med. L._ und im Widerspruch
zu den berufspraktischen Beurteilungen. Weitere Abklärungen seien nicht
notwendig, insbesondere keine BEFAS.
10. Gegen diese Verfügung erhob A._ am 11. Mai 2021 Beschwerde an
das Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Er beantragte, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben, es seien ihm ab dem
frühestmöglichen Zeitpunkt Rentenleistungen zuzusprechen, eventualiter
sei die Angelegenheit zu weiteren Abklärungen an die IV-Stelle
zurückzuweisen. In formeller Hinsicht beantragte er die Bewilligung der
unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung. Zur
Begründung machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, das
psychiatrische Gutachten stelle keine rechtsgenügende Grundlage für die
Festlegung der Arbeitsfähigkeit dar und die Erfahrungen aus der
beruflichen Eingliederung hätten bei der Festlegung der Arbeitsfähigkeit
zu Unrecht keine Berücksichtigung gefunden. Weiter argumentierte er,
das Invalideneinkommen sei nicht gestützt auf die LSE, sondern
entsprechend dem realisierbaren Verdienst im erlernten Beruf
festzulegen. Dazu sei auf die Angaben seitens des Ausbildungsbetriebs
und seitens der ehemaligen Arbeitgeber abzustellen.
11. Die IV-Stelle beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 1. Juni 2021 die
Abweisung der Beschwerde. Sie hielt vollumfänglich an der Begründung
der angefochtenen Verfügung fest und ging in einzelnen Punkten auf die
Argumentation des Beschwerdeführers ein.
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12. Mit Schreiben vom 14. Juni 2021 verzichtete der Beschwerdeführer auf
eine Replik.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften und in
der angefochtenen Verfügung sowie auf die im Recht liegenden
Beweismittel wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) sind Verfügungen der
kantonalen IV-Stellen direkt vor dem Versicherungsgericht am Ort der IV-
Stelle anfechtbar. Die im vorliegenden Fall angefochtene Verfügung der
IV-Stelle des Kantons Graubünden (nachfolgend: IV-Stelle) vom 26.
März 2021 stellt demnach ein taugliches Anfechtungsobjekt für ein
Verfahren vor dem Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden
(nachfolgend: Verwaltungsgericht) dar. Die sachliche Zuständigkeit des
Verwaltungsgerichts als Versicherungsgericht ergibt sich aus Art. 57 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Verbindung mit Art. 49
Abs. 2 lit. a des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR
370.100). Der Beschwerdeführer ist als formeller und materieller Adressat
von der angefochtenen Verfügung berührt und hat ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung oder Änderung (Art. 59 ATSG), weshalb er
zur Beschwerde legitimiert ist. Auf die zudem frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 60 und Art. 61 lit. b ATSG) ist somit
einzutreten.
2. Streitig und zu prüfen ist, ob die IV-Stelle das Leistungsbegehren des
Beschwerdeführers zu Recht abgewiesen bzw. ob der Beschwerdeführer
Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
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Uneinig sind sich die Parteien beim Invalideneinkommen. Die IV-Stelle hat
ein hypothetisches Invalideneinkommen von CHF 54'756.80 ermittelt
anhand der Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik (LSE)
und gestützt auf das Gutachten von Dr. med. L._, Facharzt FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie, vom 15. Dezember 2020, einschliesslich
der Beurteilung von lic. phil. D._, Fachpsychologe für
Neuropsychologie FSP, vom 13. Dezember 2020. Der Beschwerdeführer
ist hingegen der Ansicht, es sei auf den effektiv erzielten Lohn bei der
Sennerei J._ und der Gemeinde K._ abzustellen. Das Gutachten
L._/D._ ist nach der Auffassung des Beschwerdeführers keine
taugliche Grundlage für die Festlegung der Arbeitsfähigkeit. Einig sind sich
die Parteien darin, dass das Valideneinkommen angesichts der
Frühinvalidität des Beschwerdeführers für das Vergleichsjahr 2020 bei
CHF 58'450.00 liegt (Art. 26 Abs. 1 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV]; SR 831.201).
3. Als Invalidität gilt die durch einen körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheitsschaden als Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder
Unfall verursachte, voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit oder Unmöglichkeit, sich im
bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 4 IVG i.V.m. Art. 8 ATSG).
Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte Person bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf eine Viertelsrente, ab
50 % auf eine halbe Rente, ab 60 % auf eine Dreiviertelsrente und ab 70
% auf eine ganze Rente.
Im vorliegenden Fall leidet der Beschwerdeführer an einer
Verhaltensstörung, welche von der IV als Geburtsgebrechen Ziffer 404
anerkannt wurde, mithin einer Störung des Verhaltens bei Kindern mit
normaler Intelligenz, im Sinne krankhafter Beeinträchtigung der Affektivität
oder Kontaktfähigkeit, bei Störungen des Antriebes, des Erfassens, der
perzeptiven Funktionen, der Wahrnehmung, der Konzentrationsfähigkeit
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sowie der Merkfähigkeit (IV-act. 25; Verordnung über Geburtsgebrechen
[GgV]; SR 831.232.21). In den medizinischen Akten finden sich die
Diagnosen Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS),
infantiles Psychoorganisches Syndrom (IPOS), hyperkinetische Störung
sowie Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung. Diese Diagnosen beruhen
auf unterschiedlichen Klassifikationssystemen, beschreiben aber alle
dasselbe Syndrom (Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und
Erwachsenen, Langfassung, S. 11; einsehbar auf der Webseite der
AWMF, https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/028-
045l_S3_ADHS_2018-06.pdf, zuletzt besucht am 21. September 2021).
Durch diese Störung ist der Beschwerdeführer unbestrittenermassen seit
Geburt beeinträchtigt.
4. Bei erwerbstätigen Personen erfolgt die Bemessung der Invalidität
aufgrund eines Einkommensvergleichs (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16
ATSG). Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person
nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitslage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen,
das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der
Weise zu erfolgen, dass Validen- und Invalideneinkommen ziffernmässig
möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf
sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt
(BGE 130 V 343 E.3.4.2, Urteil des Bundesgerichts 9C_228/2019 vom 27.
August 2019 E.4.1).
Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist nach der
Rechtsprechung primär von der beruflich-erwerblichen Situation
auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Übt sie nach
Eintritt der Invalidität eine Erwerbstätigkeit aus, bei der – kumulativ –
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besonders stabile Arbeitsverhältnisse gegeben sind und anzunehmen ist,
dass sie die ihr verbleibende Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise voll
ausschöpft, und erscheint zudem das Einkommen aus der Arbeitsleistung
als angemessen und nicht als Soziallohn, gilt grundsätzlich der tatsächlich
erzielte Verdienst als Invalidenlohn. Ist kein solches tatsächlich erzieltes
Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die versicherte Person
nach Eintritt des Gesundheitsschadens ihre verbleibende Arbeitsfähigkeit
nicht in zumutbarer Weise voll ausschöpft, so können nach der
Rechtsprechung entweder die Tabellenlöhne der LSE oder die Zahlen der
Dokumentation von Arbeitsplätzen (DAP) der Suva herangezogen werden
(BGE 143 V 295 E.2.2, 139 V 592 E.2.3).
4.1. Zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung am 26. März
2021 stand der Beschwerdeführer nicht mehr in einem Arbeitsverhältnis.
Zuvor hatte er vom 1. September 2019 bis zum 15. Januar 2021 für die
Sennerei J._ und die Gemeinde K._ gearbeitet, zunächst im
Rahmen eines von der IV unterstützten Arbeitsversuchs in einem
Praktikum (IV-act. 120 S. 2 ff.) und einem befristeten Arbeitsverhältnis (IV-
act. 121), ab dem 1. März 2020 mit unbefristeten Arbeitsverträgen (IV-
act. 142 f.). Dabei hatte er bei der Sennerei bei einem 50%-Pensum CHF
400.00 pro Monat verdient, bei der Gemeinde bei einem 40%-Pensum
CHF 320.00 (IV-act. 120 S. 2 ff., 121, 142, 143).
4.2. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers kann die Arbeitsleistung bei
der Sennerei J._ und der Gemeinde K._ für die Bemessung des
Invalideneinkommens nicht herangezogen werden. Die von der
Rechtsprechung geforderten besonders stabilen Arbeitsverhältnisse sind
nicht gegeben. Die beiden Arbeitsverhältnisse dauerten nach dem
Abschluss des Arbeitsversuchs nur rund zehn Monate, bevor sie vor dem
Erlass der angefochtenen Verfügung aufgelöst wurden. Der
Beschwerdeführer übte fortan keine Arbeitstätigkeit mehr aus. Hinzu
kommt, dass unklar ist, ob der Beschwerdeführer mit einem Lohn von
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CHF 720.00 pro Monat seine verbleibende Arbeitsfähigkeit – namentlich
aus erwerblicher Sicht – in zumutbarer Weise voll ausschöpfte. Dieser
tiefe Lohn stand in Zusammenhang damit, dass die Leistungsfähigkeit des
Beschwerdeführers von der Casa E._, der Institution, in welcher er
seine Ausbildung absolviert hatte, auf nur 30 % eingeschätzt wurde (IV-
act. 114, 134, 135). Diese Einschätzung steht im Widerspruch dazu, dass
die Arbeitsfähigkeit in der erlernten Tätigkeit als Hauswartmitarbeiter oder
in vergleichbaren einfachen Hilfstätigkeiten gemäss dem Gutachten
L._/D._ bei 80 % lag (IV-act. 170 S. 46) und dass nach der
Einschätzung der behandelnden Ärztin Dr. med. P._, Fachärztin FMH
für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, vom 26. Juni 2020
zumindest eine 50%ige Arbeitsfähigkeit bestand (IV-act. 152 S. 4). Die IV-
Stelle hat aus diesen Gründen bei der Ermittlung des
Invalideneinkommens zu Recht nicht auf den tatsächlichen Verdienst
abgestellt.
5. Bei der Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit ist von zentraler Bedeutung,
welche Arbeitsleistungen der versicherten Person in welchem Umfang
noch zugemutet werden können, bzw. wie gross die Arbeitsfähigkeit in
einer optimal angepassten Tätigkeit ist. Vorliegend hat die IV-Stelle die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in der erlernten Tätigkeit als
Hauswartmitarbeiter gestützt auf das Gutachten L._/D._ (IV-act.
170 S. 46) auf 80 % festgelegt. Der Beschwerdeführer ist demgegenüber
der Ansicht, gestützt auf die Einschätzungen seiner Leistungsfähigkeit
durch die Casa E._ und die berufspraktischen Erfahrungen in den
Arbeitsverhältnissen mit der Sennerei J._ und der Gemeinde K._
(IV-act. 114, 134, 135) sei die Arbeitsfähigkeit auf 30 % festzulegen oder
durch eine ganzheitliche Abklärung der beruflichen Möglichkeiten und der
Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt mit interdisziplinärer Betreuung
(BEFAS) neu zu ermitteln.
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5.1. Zur Einschätzung der Arbeitsfähigkeit sind Verwaltung und Gerichte auf
Angaben ärztlicher Experten angewiesen. Aufgabe des Arztes
beziehungsweise des Psychiaters ist es, den Gesundheitszustand der
versicherten Person zu beurteilen und Stellung zu nehmen, in welchem
Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten diese arbeitsunfähig ist (BGE
132 V 93 E.4, 125 V 261 E.4). Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
können sich die IV-Stellen und die Sozialversicherungsgerichte auf den
Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD, Art. 59 Abs. 2bis IVG), auf die Berichte
der behandelnden Ärztinnen und Ärzte oder auf externe medizinische
Sachverständige stützen (Art. 59 Abs. 3 IVG). Arztberichte unterliegen wie
sämtliche Beweismittel in sozialversicherungsrechtlichen Verfahren der
freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG; BGE 143 V 124 E.2.2.2). Der
Beweiswert der ärztlichen Stellungnahmen hängt deshalb nach der
Rechtsprechung davon ab, ob sie für die streitigen Belange umfassend
sind, auf allseitigen Untersuchungen beruhen, die geklagten Beschwerden
berücksichtigen, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben
wurden, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der
medizinischen Situation einleuchten und in den daraus gezogenen
Schlussfolgerungen zu überzeugen vermögen (BGE 134 V 231 E.5.1, 125
V 351 E.3a). Richtlinien für die Beweiswürdigung in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten sind indessen mit dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung vereinbar. So ist
rechtsprechungsgemäss den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten von versicherungsexternen Spezialärzten, welche
auf Grund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach
Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde
zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle
Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen ihre
Zuverlässigkeit sprechen (BGE 137 V 210 E.1.3.4, 125 V 353 E.3b/bb).
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5.2. Die Rolle der medizinischen Experten besteht indessen keineswegs darin,
über die Arbeitsfähigkeit selber abschliessend und für die
rechtsanwendende Stelle verbindlich zu entscheiden. Nach der
Rechtsprechung sind die Aufgaben von Rechtsanwender und Arztperson
im Rahmen der Invaliditätsbemessung wie folgt verteilt: Sache des
(begutachtenden) Mediziners ist es erstens, den Gesundheitszustand zu
beurteilen und wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu
beschreiben, d.h. mit den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersuchung
unter Berücksichtigung der subjektiven Beschwerden die Befunde zu
erheben und gestützt darauf die Diagnose zu stellen. Hiermit erfüllt der
Sachverständige seine genuine Aufgabe, wofür Verwaltung und Gericht
nicht kompetent sind. Bei der Folgenabschätzung der erhobenen
gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit kommt der
Arztperson hingegen keine abschliessende Beurteilungskompetenz zu.
Vielmehr nimmt die Arztperson zur Arbeitsunfähigkeit Stellung, d.h. sie
gibt eine Schätzung ab, welche sie aus ihrer Sicht so substanziell wie
möglich begründet. Schliesslich sind die ärztlichen Angaben eine wichtige
Grundlage für die juristische Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können.
Nötigenfalls sind, in Ergänzung der medizinischen Unterlagen, für die
Ermittlung des erwerblich nutzbaren Leistungsvermögens die
Fachpersonen der beruflichen Integration und Berufsberatung
einzuschalten (BGE 140 V 193 E.3.1 f.; Kreisschreiben des Bundesamtes
für Sozialversicherungen über das Verfahren in der Invalidenversicherung
[KSVI Ziff. 2073). Zwar obliegt die Beurteilung der sich aus einem
Gesundheitsschaden ergebenden funktionellen Leistungsfähigkeit in der
Hauptsache dem Arzt oder der Ärztin, nicht den Fachleuten der
Berufsberatung und der beruflichen Eingliederung. Mit Blick auf die
rechtsprechungsgemäss enge, sich gegenseitig ergänzende
Zusammenarbeit zwischen der Ärzteschaft und der Berufsberatung ist
jedoch einer konkret leistungsorientierten beruflichen Abklärung nicht
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jegliche Aussagekraft für die Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit
abzusprechen. Steht eine medizinische Einschätzung der
Leistungsfähigkeit in offensichtlicher und erheblicher Diskrepanz zu einer
Leistung, wie sie während einer ausführlichen beruflichen Abklärung bei
einwandfreiem Arbeitsverhalten/-einsatz der versicherten Person effektiv
realisiert wurde und gemäss Einschätzung der Berufsfachleute objektiv
realisierbar ist, vermag dies ernsthafte Zweifel an den ärztlichen
Annahmen zu begründen und ist das Einholen einer klärenden
medizinischen Stellungnahme grundsätzlich unabdingbar (Urteile des
Bundesgerichts 8C_30/2020 vom 6. Mai 2020 E.5.2.1 und 8C_661/2019
vom 23. Januar 2020 E.4.2).
5.3. Vorliegend stellte die IV-Stelle wie erwähnt auf das Gutachten
L._/D._ ab. Lic. phil. D._ hatte festgehalten, es lägen eine
normvariante Intelligenz und eine leichte bis mittelschwere
Hirnfunktionsstörung mit Beeinträchtigungen von Teilbereichen
attentionaler, mnestischer und exekutiver Funktionen sowie Hinweise auf
ADHS vor (IV-act. 170 S. 57). Rein die intellektuellen/kognitiven
Voraussetzungen betreffend liege keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit in der aktuellen Tätigkeit als Hilfsarbeiter vor, allfällige
Einschränkungen durch emotional/motivationale Faktoren seien denkbar,
deren Ausmass könne aber nicht eingeschätzt werden (IV-act. 170 S. 62).
Dr. med. L._ hatte eine einfache Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung gemäss ICD-10 F90.0 diagnostiziert (IV-act. 170
S. 40). Die erlernte Tätigkeit sei für den Beschwerdeführer ideal adaptiert
(IV-act. 170 S. 47). In dieser Tätigkeit könne er ganztags arbeiten, dabei
sei von einer etwa 20%igen Einschränkung der Leistungsfähigkeit
auszugehen, die Arbeitsfähigkeit liege demnach bei 80 % (IV-act. 170
S. 46).
5.4. Holt die IV-Stelle wie vorliegend ein Gutachten bei versicherungsexternen
Fachpersonen ein, so hat sie dessen Qualität nach den Regeln des
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Kreisschreibens über das Verfahren in der Invalidenversicherung (KSVI)
zu prüfen. Dabei hat sie den RAD einzubeziehen, welcher überprüft, ob
die spezifischen Leitlinien zur versicherungsmedizinischen Begutachtung
der entsprechenden Fachgesellschaften eingehalten sind, ob die
medizinischen Angaben und Ausführungen zu den Themen der
Standardindikatoren gemäss BGE 141 V 281 fallbezogen ausreichend
sind, ob das Gutachten anhand der versicherungsmedizinischen
Argumentationskette nachvollziehbar ist und ob relevante Verstösse
gegen das Neutralitätsgebot vorliegen (KSVI Ziff. 2080). Deutliche Brüche
in der Argumentationskette erfordern Erläuterungs- oder
Ergänzungsfragen bei der Gutachterin, dem Gutachter oder der
Gutachterstelle (KSVI Ziff. 2081). Der RAD muss in einer kurzen
Stellungnahme das Ergebnis seiner versicherungsmedizinischen Prüfung
festhalten und kleinere Lücken in der Argumentationsfolge mit seinem
versicherungsmedizinischen Wissen erklären bzw. ergänzen (KSVI Ziff.
2082).
Vorliegend führte Dr. med. M._ vom RAD in seiner Stellungnahme
vom 19. Januar 2021 aus, er verweise auf das Gutachten
L._/D._. Es werde die Diagnose eines ADHS bestätigt. Der
Beschwerdeführer sei vollschichtig arbeitsfähig mit leichtgradiger
Leistungsminderung (IV-act. 187 S. 13). Weitere Angaben machte Dr.
med. M._ nicht. Diese Stellungnahme ist äusserst knapp. Sie lässt
nicht in der von Ziff. 2082 KSVI geforderten Weise erkennen, ob Dr. med.
M._ das Gutachten tatsächlich eingehend im Sinne von Ziff. 2080
KSVI überprüft hat. Unklar bleibt auch, ob Dr. med. M._ den
Widerspruch zwischen der gutachterlichen Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit und der Beurteilung der Leistungsfähigkeit in der
Berufspraxis gebührend berücksichtigte (vgl. hierzu E.5.5.5 hernach).
Zweifel weckt auch eine frühere Stellungnahme von Dr. med. M._.
Am 11. Mai 2020 führte er aus, immerhin sei noch im Mai 2019 von der
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Eingliederungsstelle eine 100%ige Präsenz mit 70 bis 80%iger
Leistungsfähigkeit als möglich erachtet worden (IV-act. 187 S. 7). Er
bezog sich damit auf die Einschätzung der Leistungsfähigkeit durch die
Casa E._ vom 3. Mai 2019, in welcher dem Beschwerdeführer eine
70 bis 80%ige Leistungsfähigkeit bei 100%iger Anwesenheit attestiert und
ein Lohn von Fr. 1'000.00 pro Monat als realisierbar angegeben worden
war (IV-act. 110 S. 2). Diese widersprüchliche Einschätzung war indessen
am 6. Juni 2019 auf Veranlassung der IV-Berufsberatung (IV-act. 111 S. 9)
angepasst worden auf eine 30%ige Leistungsfähigkeit bei 100%iger
Anwesenheit (IV-act. 114), was der RAD allem Anschein nach übersah.
Aus all diesen Gründen bestehen an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit
der Stellungnahme des RAD somit mehr als nur geringe Zweifel (vgl. zur
Beweiswürdigung von Berichten versicherungsinterner medizinischer
Fachpersonen: Urteil des Bundesgerichts 9C_146/2021 vom 25. Juni
2021 E. 5.5.5 m.H.). Ebenso wenig stärkt sie die Beweiskraft des
Gutachtens L._/D._.
5.5. Der Beschwerdeführer ist der Ansicht, es lägen verschiedene Indizien vor,
welche gegen die Zuverlässigkeit des Gutachtens L._/D._
sprechen würden. Dem Gutachten fehle die Abklärungstiefe, es sei
unvollständig und es beachte die vorgeschriebene Indikatorenprüfung
nicht. Im Folgenden werden die Kritikpunkte im Detail untersucht.
5.5.1. Der Beschwerdeführer beanstandet, dass der Gutachter Dr. med. L._
keine Drittauskünfte einholte. Dies ist unbehelflich. Das Einholen
fremdanamnestischer Auskünfte liegt im Ermessen des Experten und wird
veranlasst, wenn der Gutachter zur Klärung der gestellten Fragen auf
diese angewiesen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_379/2019 vom
26. September 2019 E.3.5.1 m.H.). Entsprechend sieht die KSVI
Drittauskünfte in der Vorlage für die Gliederung von
invalidenversicherungsrechtlichen Gutachten nicht zwingend, sondern nur
unter dem Titel "Allfällige Angaben von Dritten" vor (KSVI Anhang VII
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Ziff. 5). Nach der Rechtsprechung können sogar reine Aktengutachten
ohne Untersuchung der betroffenen Person und ohne Drittauskünfte voll
beweiskräftig sein (Urteil des Bundesgerichts 9C_201/2016 vom 18. Juli
2016 E.4.6). Im vorliegenden Fall sind keine Umstände ersichtlich, welche
das Einholen von Drittauskünften als nötig erscheinen lassen würden. Dr.
med. L._ standen zahlreiche Unterlagen von qualifizierten
Fachpersonen zur Verfügung. Diese Unterlagen beschreiben das
Verhalten und die psychischen Auffälligkeiten des Beschwerdeführers im
Verlauf seiner Kindheit und Jugend detailliert. Hervorzuheben sind die
Berichte von Dr. med. N._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, welcher den Beschwerdeführer ab dem Jahr 2010 viele
Jahre lang therapeutisch begleitete (IV-act. 53, 55), sodann die
ausführlichen und anschaulichen Berichte des Schulheims und der
Sonderschule C._ (IV-act. 47, 50, 74, 85), der Bericht der Kinder- und
Jugendpsychiatrie Graubünden (IV-act. 70), der Bericht zur
neuropsychologischen Abklärung im Jahr 2015 von lic. phil. D._ (IV-
act. 62), die detaillierten und plastischen Berichte der Casa E._ (IV-
act. 95, 104, 105, 110, 114, 118), der Bericht der behandelnden Ärztin Dr.
med. P._ (IV-act. 152) und schliesslich vor allem auch der
ausführliche Bericht von lic. phil. D._ über die aktuelle
neuropsychologische Untersuchung (IV-act. 170 S. 51 ff.). Von diesen
Unterlagen hatte der Gutachter Kenntnis, wie der Aktenauszug in Kapitel
2 des Gutachtens belegt (IV-act. 170 S. 6 ff.). Dadurch konnte er auch
ohne Drittauskünfte eine fundierte, objektive Einsicht in die Biographie, die
Persönlichkeitsentwicklung, die Fähigkeiten und die Probleme des
Beschwerdeführers erlangen. Der Beschwerdeführer gibt denn
bezeichnenderweise auch nicht konkret an, welche unberücksichtigt
gebliebenen Drittauskünfte die gutachterliche Beurteilung wesentlich
hätten beeinflussen können (Urteil des Bundesgerichts 9C_101/2011 vom
21. Juli 2011 E.6.2).
- 17 -
5.5.2. Der Beschwerdeführer macht geltend, die IV-Stelle habe dem Gutachter
Dr. med. L._ falsche Vorgaben gemacht. Er bezieht sich dabei auf
Kapitel 1.2. des Gutachtens (IV-act. 170 S. 3) und auf das Schreiben der
IV-Stelle vom 14. August 2020 (IV-act. 159), wo der Kontext des
Gutachtens wie folgt umschrieben wurde:
18-jähriger Versicherter, ledig, Schweizer. Der Versicherte erhielt Unterstützung bei einer
erstmaligen beruflichen Ausbildung zum Hauswartmitarbeiter BPA in der Casa E._.
Er hat nun einen Anstellungsvertrag in der freien Wirtschaft als Hilfskraft (Sennerei und
Gemeinde). Die Leistungsfähigkeit wird auf 40 % geschätzt, bei einem 50%-Pensum. (...)
Diese Vorgabe ist tatsächlich nicht korrekt. Das Arbeitspensum lag nicht
bei 50 %, sondern bei 90 %, nämlich 50 % bei Sennerei J._ plus 40 %
bei der Gemeinde K._. Dies geht aus den entsprechenden
Arbeitsverträgen vom 3. bzw. 14. Mai 2020 zweifelsfrei hervor (IV-act. 142,
143). Diesen Verträgen ist – wie bereits erwähnt – zudem zu entnehmen,
dass der Lohn bei der Sennerei bei CHF 400.00 pro Monat lag, bei der
Gemeinde K._ bei CHF 320.00, nachdem die Leistungsfähigkeit in
den Berichten der Casa E._ vom 14. Februar 2020 nur auf 30 %
geschätzt worden war (IV-act. 134 S. 2 und 135 S. 2). Die falsche Vorgabe
der IV-Stelle stammte allem Anschein nach aus dem Abschlussbericht zur
Arbeitsvermittlung der Casa E._ vom 21. Februar 2020. Dieser
Bericht gab an, der Beschwerdeführer werde bei beiden Arbeitgebern
insgesamt in einem 50%-Pensum arbeiten, wobei die Arbeitsleistung bei
ca. 40 % liegen werde (IV-act. 136 S. 3). Der Bericht enthielt eine
Prognose, welche sich in der Folge indes nicht bestätigte. Statt des
erwarteten 50%-Pensums konnte der Beschwerdeführer am 1. März 2020
zwei unbefristete Stellen mit einem Pensum von insgesamt 90 % und
einem tiefen Lohn antreten (IV-act. 142, 143). Dr. med. L._ stützte
sich allem Anschein nach auf die falsche Vorgabe der IV-Stelle. Er zitierte
den Bericht der Casa E._ vom 21. Februar 2020 kommentarlos (IV-
act. 170 S. 21) und bezog sich bei der versicherungsmedizinischen
Beurteilung auf ihn (IV-act. 170 S. 44 f.). Die Arbeitsverträge mit den
- 18 -
effektiven Arbeitspensen und den der reduzierten Leistungsfähigkeit
entsprechenden Löhnen erwähnte er hingegen nicht. Er stützte sich auf
die unpräzisen Aussagen des Beschwerdeführers zu seiner
Arbeitssituation ohne einen Abgleich mit den Akten vorzunehmen und
bemerkte so den Irrtum nicht (IV-act. 170 S. 41 und S. 30). Verzerrt wurde
die Vorstellung des Gutachters über die damalige Arbeitssituation des
Beschwerdeführers zudem dadurch, dass der Gutachter allem Anschein
nach die Aussage des Beschwerdeführers missverstand, wonach man "da
nicht den ganzen Tag arbeiten könne" (IV-act. 170-30). Der
Beschwerdeführer bezog sich mit dieser Aussage auf die Tätigkeit in der
Sennerei. Der Gutachter leitete daraus aber fälschlicherweise ab, dass es
für den Beschwerdeführer an beiden Arbeitsstellen zusammen nicht mehr
als ein rund 50%-Pensum zu arbeiten gebe (IV-act. 170 S. 44). Daraus
wiederum schloss er zu Unrecht, dass das "vielleicht der Grund für die nun
plötzlich angegebene zeitliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit" sei (IV-
act. 170 S. 44). Der Gutachter ging gar noch einen Schritt weiter und
unterstellte der behandelnden Psychiaterin Dr. med. P._, sie
attestiere zu Unrecht nur eine 50%ige Arbeitsfähigkeit, weil sie annehme,
der Beschwerdeführer schöpfe seine Arbeitsfähigkeit mit dem 50%-
Pensum aus (IV-act. 170 S. 44). Während der Beschwerdeführer also in
den beiden Anstellungen bei der Sennerei und der Gemeinde K._
vom Antritt des Praktikums am 1. September 2019 bis zur Kündigung per
15. Januar 2021 effektiv eine Präsenzzeit von 90 % bei einer
Leistungsfähigkeit von 30% hatte, ging der Gutachter davon aus, die
Präsenzzeit liege bei 50 % mit einer Leistung von 40% (wie auch im
vorerwähnten Abschlussbericht zur Arbeitsvermittlung vom 21. Februar
2020 angegeben werde), was mitunter bei einer ganztätigen
Arbeitstätigkeit einer Einschränkung von 20 % entspreche (vgl. IV-act. 170
S. 45). Es ist naheliegend, dass diese falsche Vorstellung des Gutachters
recht grossen Einfluss auf seine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit hatte.
Die Beweiskraft des Gutachtens wird dadurch deutlich beeinträchtigt.
- 19 -
Für falsch hält der Beschwerdeführer auch die Vorgabe an den Gutachter,
dass man früher von einer vollen Arbeitsfähigkeit nach absolvierter
Ausbildung ausgegangen sei (IV-act. 159, 170 S. 3). Mit dieser Vorgabe
stützte sich die IV-Stelle auf eine Stellungnahme des RAD vom 9. Oktober
2015 (IV-act. 187 S. 13). In dieser Stellungnahme führte Dr. med. M._
gestützt auf die Beurteilung von lic. phil. D._ vom 9. September 2015
aus, dass die Intelligenz des Beschwerdeführers normal bzw. die
neurokognitiven Fähigkeiten überwiegend im altersentsprechenden
Normbereich lägen und dass keine andauernd beeinträchtigte
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit vorliege (IV-act. 187 S. 13).
Dabei liess der RAD unberücksichtigt, dass lic. phil. D._ zwar eine
Intelligenz im normvarianten Bereich mit einem relativ ausgewogenen
Profil ermittelt hatte (IV-act. 62 S. 10), dass sich aber auch ganz klare
Defizite bei regulatorischen/stabilisierenden Prozessen (Aufmerksamkeit,
Verhalten, Impulse, Affekte etc.) und bei höheren exekutiven Funktionen
gezeigt hatten, so dass lic. phil. D._ von einer Hirnfunktionsstörung
ausgegangen war und zu einer Ausbildung im geschützten Rahmen
geraten hatte (IV-act. 62 S. 10 und S. 14). Der RAD interpretierte die
Ergebnisse der neuropsychologischen Abklärung somit sehr optimistisch,
so dass die entsprechende Vorgabe der IV-Stelle an den Gutachter nicht
als ausgewogen zu werten ist. Ob diese einseitige Darstellung der IV-
Stelle Dr. med. L._ bei der Gutachtenserstellung letztlich beeinflusst
hat, kann zwar nicht gänzlich ausgeschlossen werden, ist aber immerhin
insoweit zu relativieren, als Dr. med. L._ detaillierte Kenntnis von den
Ergebnissen der früheren neuropsychologischen Ergebnisse hatte (vgl.
IV-act. 170 S. 11 ff.) und sich somit ein eigenes Bild davon machten
konnte.
5.5.3. Des Weiteren bemängelt der Beschwerdeführer die Beschreibung des
Psychostatus im Gutachten, wo Dr. med. L._ unter anderem festhielt,
bei der Untersuchung am 21. September 2020 hätten die Aufmerksamkeit
- 20 -
und die Konzentration für die Dauer des Gespräches durchgehend
aufrechterhalten werden können (IV-act. 170 S. 36 f.). Der
Beschwerdeführer hält diese Aussage für falsch, weil Unaufmerksamkeit
im Sinne von erhöhter Ablenkbarkeit und eingeschränkter
Konzentrationsfähigkeit eines der Kernsymptome seines
Geburtsgebrechens darstelle. Dem kann nicht gefolgt werden. Dr. med.
L._ untersuchte den Beschwerdeführer während 65 Minuten (IV-act.
170 S. 2). Dass der Beschwerdeführer während dieser relativ kurzen Zeit
und unter engmaschiger Strukturierung der Untersuchung durch den
Gutachter konzentriert bleiben konnte, ohne dass seine Defizite zum
Vorschein traten, ist vereinbar mit der von Dr. med. L._ gestellten
Diagnose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung.
Typisch für diesen Störungstyp ist gemäss ICD-10 F90.- nämlich nicht eine
gänzliche Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, sondern ein Mangel an
Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen, und eine
Tendenz, von einer Tätigkeit zu einer anderen zu wechseln, ohne etwas
zu Ende zu bringen, sowie eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und
überschiessende Aktivität (vgl. DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT, Internationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch-
diagnostische Leitlinien, 9. Auflage 2014, S. 358).
5.5.4. Der Beschwerdeführer ist der Ansicht, die kurze Dauer der Untersuchung
durch den Gutachter Dr. med. L._ relativiere dessen Aussage zur
Leistungsfähigkeit und mindere die Beweiskraft des Gutachtens. Dem
kann nicht gefolgt werden. Praxisgemäss kommt es für den
Aussagegehalt eines medizinischen Gutachtens grundsätzlich nicht auf
die Dauer der Untersuchung an; massgebend ist in erster Linie, ob die
Expertise inhaltlich vollständig und im Ergebnis schlüssig ist (Urteil des
Bundesgerichts 8C_41/2019 vom 9. Mai 2019 E.6). Der für eine
psychiatrische Untersuchung zu betreibende zeitliche Aufwand ist von der
Fragestellung und der zu beurteilenden Psychopathologie abhängig, und
- 21 -
ein genereller Zeitrahmen für eine Untersuchung lässt sich nicht
allgemeingültig definieren (Urteile des Bundesgerichts 9C_190/2019 vom
14. Mai 2019 E.3.1, 9C_55/2009 vom 1. April 2009 E.3.3). Vorliegend ist
die Untersuchungsdauer von 65 Minuten als innerhalb des
Ermessensspielraums des Experten zu werten (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 9C_206/2021 vom 10. Juni 2021 E.4.2.2), da dem
Gutachter namentlich bereits umfangreiche Unterlagen zur medizinischen
Vorgeschichte und eine eingehende neuropsychologische Abklärung von
lic. phil. D._ zur Verfügung standen.
5.5.5. Als klarer Mangel des Gutachtens ist hingegen zu werten, dass Dr. med.
L._ seine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nicht schlüssig herleitete
und nicht überzeugend begründete. Aufgrund seiner ADHS in
Kombination mit einer schwierigen familiären Situation lebte der
Beschwerdeführer schon ab dem Alter von fünf Jahren in einem
Kinderheim (IV-act. 51 S. 1), danach besuchte er die Sonderschule und
wohnte dabei in einem Schulheim (IV-act. 50 ff.). Auch die Ausbildung zum
Hauswartmitarbeiter absolvierte er nicht in der freien Wirtschaft, sondern
im geschützten Rahmen mit viel Unterstützung in der Casa E._ (IV-
act. 118 f.). Sowohl aus den schulischen als auch den ärztlichen Berichten
und den Berichten der Casa E._ geht hervor, dass der
Beschwerdeführer stets einen hohen Bedarf an Strukturierung durch
Betreuungspersonen hatte und bei langdauernden Anforderungen oftmals
einen deutlichen Leistungsabfall zeigte, nicht selten kombiniert mit einem
inakzeptablen Sozialverhalten (Standortbestimmungen Schulheim
C._ [IV-act. 50, 75, 86], Bericht zur neuropsychologischen Abklärung
von lic. phil. D._ vom 9. September 2015 [IV-act. 62 S. 11], Berichte
der Casa E._ vom 12. Juli 2018 und 12. Juli 2019 [IV-act. 105, 118]).
Der neuropsychologische Gutachter lic. phil. D._ hielt fest, zu Beginn
der rund zweieinhalbstündigen gutachterlichen Untersuchung vom
11. Dezember 2020 habe sich der Beschwerdeführer wach und
- 22 -
bewusstseinsklar gezeigt, im Verlauf seien aber zunehmend leichte
Ermüdungszeichen aufgetreten (IV-act. 170 S. 55). In den Tests hätten
sich Minderleistungen schwerpunktmässig in Bereichen der
Aufmerksamkeit, bei den mnestischen Funktionen, bei der
Emotionsverarbeitung, beim Verarbeitungstempo sowie bei der kognitiven
Belastbarkeit unter fremdbestimmtem Arbeitstempo gezeigt (IV-act. 170
S. 61). Auch habe die Konzentration mit zunehmender Prüfungsdauer
stetig abgenommen (IV-act. 170 S. 60). Die Arbeitsfähigkeit in der
adaptierten Tätigkeit als Hauswartmitarbeiter war aus der Sicht von lic.
phil. D._ aus intellektuell/kognitiver Sicht theoretisch bei sehr
engmaschiger Strukturierung durch den Arbeitgeber nicht eingeschränkt.
Eine Einschränkung durch emotional/motivationale Faktoren hielt er für
denkbar, gab aber an, er könne deren Ausmass nicht einschätzen (IV-act.
170 S. 62). Angesichts dieser überaus klaren Hinweise auf die
Aufmerksamkeitsproblematik irritiert es, dass der Gutachter Dr. med.
L._ sich mit der Frage des Konzentrationsverlusts bei
längerdauernden Anforderungen kaum auseinandersetzte. Auf die von lic.
phil. D._ aufgeworfene Frage einer Einschränkung der
Leistungsfähigkeit aus emotional/motivationalen Faktoren ging er
überhaupt nicht ein und in der versicherungsmedizinischen Beurteilung
der bisherigen Entwicklung sowie der aktuellen Situation wiederholte er
lediglich die in der Anamnese erfragten Aussagen des Beschwerdeführers
ohne sie zu reflektieren oder in einen medizinischen Zusammenhang
einzuordnen (IV-act. 170 S. 41 f.).
Statt einer fundierten Auseinandersetzung mit der Aufmerksamkeits-
problematik lieferte Dr. med. L._ für die von ihm aufgrund eines
erhöhten Strukturierungs- und Betreuungsbedarfs auf 80 % festgelegte
Arbeitsfähigkeit eine Begründung, der nicht gefolgt werden kann. Der
Gutachter stützte sich auf den Bericht der Casa E._ vom 21. Februar
2020 (IV-act. 136 S. 3), welcher die Arbeitssituation des
- 23 -
Beschwerdeführers bei der Sennerei J._ und bei der Gemeinde
K._ – wie gezeigt (vgl. oben Erwägung 5.5.2) – fälschlicherweise mit
einer Leistungsfähigkeit von 40 % bei einem Arbeitspensum von 50 %
umschrieb, während effektiv eine Leistungsfähigkeit von 30 % bei einem
Arbeitspensum von 90 % vorlag. Die in diesem Bericht für ein 50%iges
Arbeitspensum angegebene Leistungsfähigkeit von 40 % rechnete Dr.
med. L._ dann auch noch einfach linear hoch auf ein 100%-Pensum
und berücksichtigte in keiner Weise, dass zuvor in sämtlichen
medizinischen, schulischen und berufsberaterischen Unterlagen ein
deutlicher Leistungsabfall in Laufe der Zeit beschrieben worden war.
Dr. med. L._ stützte sich bei der Begründung der von ihm attestierten
Arbeitsfähigkeit von 80 % zudem darauf ab, dass der Beschwerdeführer
seine Ausbildung zum Hauswartmitarbeiter innert der üblichen Zeit
erfolgreich nach INSOS (Nationaler Branchenverband der Institutionen für
Menschen mit Behinderung) abgeschlossen habe. Daraus leitete er ab,
dass der Beschwerdeführer nicht auf eine Arbeitsstelle in einer
geschützten Werkstätte angewiesen, sondern im ersten Arbeitsmarkt im
Umfang von 80 % arbeitsfähig sei (IV-act. 170 S. 44). Dies vermag nicht
zu überzeugen. Dr. med. L._ übersah, dass der Beschwerdeführer
bei der Ausbildung nur eine Leistung von 30 % zu erbringen vermochte
(IV-act. 114 S. 2). Dieses Missverständnis rührte möglicherweise daher,
dass die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers während seiner
Ausbildung in einem ersten Bericht der Casa E._ vom 3. Mai 2019
mit 70 bis 80 % angegeben worden war (IV-act. 110 S. 2), in der Folge
aber auf Anregung der IV-Berufsberatung (IV-act. 111 S. 9) in einem
zweiten Bericht vom 6. Juni 2019 auf 30 % korrigiert worden war (IV-act.
114 S. 2). Zudem ist die Praktische Ausbildung Schweiz PrA ein
niederschwelliges Berufsbildungsangebot. Sie steht Menschen mit
Lernschwierigkeiten offen, die keinen Zugang zu einem anerkannten
Berufsabschluss (EBA, EFZ) haben (https://insos.ch/ausbildung-pra/die-
pra-in-kuerze, zuletzt besucht am 21. September 2021). Der
- 24 -
Beschwerdeführer absolvierte aber auch diese einfache Ausbildung nicht
in eigener Regie, sondern nur mit viel Unterstützung durch die Casa
E._. Immer wieder mussten Betreuungspersonen unterstützend und
korrigierend eingreifen (IV-act. 95, 104, 105, 109, 118) und die IV-Stelle
führte sogar ein Mahn- und Bedenkzeitverfahren durch (IV-act. 107). Es
liegt deshalb nahe, dass der Übergang von der Ausbildung im geschützten
Rahmen mit betreuter Wohnsituation zu einer Arbeitstätigkeit im ersten
Arbeitsmarkt mit selbständigem Wohnen für den Beschwerdeführer sehr
anspruchsvoll war. Entsprechend erscheint es problematisch, von der
erbrachten Leistung im geschützten Rahmen eins zu eins auf die
Leistungsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt zu schliessen. Im ersten
Arbeitsmarkt stehen keine sonderpädagogischen Fachpersonen mehr zur
Unterstützung zur Verfügung und es werden viel höhere Anforderungen
an die Selbständigkeit und die Eigenverantwortung gestellt. Dass die
durch das ADHS bedingten Einschränkungen des Beschwerdeführers bei
grösserer Selbständigkeit mehr in Erscheinung treten würden, erscheint
naheliegend (vgl. hierzu bereits Bericht von lic. phil D._ zur
neuropsychologischen Abklärung vom 9. September 2015 [IV-act. 62
S. 12]). Dieser Aspekt wurde durch Dr. med. L._ nicht gebührend
berücksichtigt.
5.5.6. Der Beschwerdeführer macht geltend, Dr. med. L._ habe sich nicht
genügend mit den vom Bundesgericht in BGE 141 V 281 festgelegten
Indikatoren auseinandergesetzt. In BGE 141 V 281 hat das Bundesgericht
seine Rechtsprechung zu den Voraussetzungen, unter denen anhaltende
somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische
Leiden eine rentenbegründende Invalidität zu bewirken vermögen,
grundlegend überdacht und teilweise geändert (BGE 142 V 106 E.3.1). Mit
BGE 141 V 281 hat das Bundesgericht anstelle des bis dahin geltenden
Regel/Ausnahme-Modells einen strukturierten, normativen Prüfraster
eingeführt. Demnach liegt Erwerbsunfähigkeit im Sinne von Art. 7 Abs. 2
- 25 -
ATSG nur vor, wenn mittels objektivierbarer Indikatoren nachgewiesen
werden kann, dass einer versicherten Person keine Arbeitsleistung mehr
zugemutet werden kann. Die nach wie vor nötige objektivierte
Beurteilungsgrundlage liefern die medizinischen Sachverständigen,
welche das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen der betroffenen
Person anhand eines Kataloges von Indikatoren – unter Berücksichtigung
leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
Kompensationspotentialen respektive Ressourcen andererseits –
ergebnisoffen und symmetrisch zu beurteilen haben (BGE 141 V 281
E.3.6). Mit BGE 143 V 418 weitete das Bundesgericht in der Folge den
Anwendungsbereich des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141
V 281 auf sämtliche psychischen Erkrankungen aus. Der vom
Bundesgericht entwickelte Indikatorenkatalog sieht für den Regelfall
folgendermassen aus (BGE 141 V 281 E.4.1.3):
1. Kategorie "Funktioneller Schweregrad"
1.1. Komplex Gesundheitsschädigung
1.1.1. Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
1.1.2. Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder –resistenz
1.1.3. Komorbiditäten
1.2. Komplex Persönlichkeit: Persönlichkeitsdiagnostik (Persönlichkeitsstruktur,
Persönlichkeitsentwicklung und -störungen, persönliche Ressourcen)
1.3. Komplex Sozialer Kontext
1.3.1. Abgrenzung psychosozialer und soziokultureller Faktoren
1.3.2. Eruierung der Ressourcen anhand des sozialen Umfelds
2. Kategorie "Konsistenz"
2.1. Gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren
Lebensbereichen
2.2. Behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck
Im vorliegenden Fall rügt der Beschwerdeführer, Dr. med. L._ habe
es bei der Indikatorenprüfung auf zu knappen und oberflächlichen
Schilderungen belassen, namentlich beim Komplex Persönlichkeit. Die IV-
Stelle ist der Meinung, es liege eine rechtsgenügliche Auseinandersetzung
mit den Indikatoren vor und verweist auf die Seiten 41 bis 46 des
- 26 -
Gutachtens. Der Ansicht der IV-Stelle kann nicht gefolgt werden. Die
Ausführungen von Dr. med. L._ zu den Komplexen "Persönlichkeit"
und "Sozialer Kontext" sind ungenügend. Die Antworten zu diesen beiden
Komplexen erfragte die IV-Stelle in Ziffer 7.1.2 unter dem Titel
"Stellungnahme zur Persönlichkeit, besonders auf die Ressourcenlage der
versicherten Person, Stellungnahme zu Unterstützung oder
Schwierigkeiten im sozialen Umfeld". Als Antwort schrieb Dr. med.
L._ (IV-act. 170 S. 42):
Es finden sich keine Hinweise für das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung. Die
Schwierigkeiten, die seit der Kindheit beschrieben sind und sich sowohl während der
Schulzeit, als auch während der Ausbildung und weiterhin auswirken, sind durch die
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung bedingt.
Diese Antwort ist äusserst knapp und zielt weitgehend an der Frage vorbei.
Dr. med. L._ wiederholte mit dieser Antwort lediglich seine
Ausführungen zur Diagnose (IV-act. 170 S. 39), statt sich eingehend mit
der Persönlichkeit und der sozialen Situation des Beschwerdeführers
auseinanderzusetzten und zu beschreiben, welche Ressourcen und
Belastungen er beim Umgang mit seiner ADHS hatte. Als Ressource
Erwähnung finden können hätte zum Beispiel die in diversen Berichten
genannte optimistische Grundhaltung des Beschwerdeführers, ebenso
seine Fantasie, Begeisterungsfähigkeit, körperliche Robustheit und
Sportlichkeit (z.B. Bericht des Schulheims C._ vom 20. März 2017
[IV-act. 86], Berichte zu den Schuljahren 2017/2018 und 2018/2019 der
Casa E._ [IV-act. 105, 118]). Zu diskutieren gewesen wäre die
familiäre Patchwork-Situation mit einer überforderten, alleinerziehenden
und psychisch angeschlagenen Mutter und einem Vater, den er zeitweise
nur unter Aufsicht besuchen, zu dem er später aber eine gute Beziehung
aufbauen konnte. Das Aufwachsen im Kinder- und Schulheim hätte
ebenso einfliessen müssen wie der immer wieder von Problemen
belastete Besuch der Sonderschule (Abklärungsbericht des Amtes für
Volksschule und Sport des Kantons Graubünden vom 30. November 2012
- 27 -
[IV-act. 51], Standortbestimmungen des Schulheims C._ [IV-act. 50,
75, 86]). Zu berücksichtigen wäre gewesen, dass es auch bei der
Berufsausbildung im geschützten Rahmen wiederholt zu Konflikten mit
Lehrern und Betreuern gekommen war, welche sogar so weit gegangen
waren, dass die IV-Stelle am 1. Oktober 2018 einen Verweis
ausgesprochen und ein Mahn- und Bedenkzeitverfahren durchgeführt
hatte (IV-act. 106, 107). Als Positivum zu erwähnen gewesen wäre die
langjährige gute Beziehung zur Pflegefamilie in I._ und zum Beistand
(z.B. Verlaufsprotokoll Berufsberatung [IV-act. 89 S. 6],
Standortbestimmung des Schulheims C._ [IV-act. 86 S. 4 f., 75 S. 4]).
Sodann liess Dr. med. L._ ungeklärt, ob der Beschwerdeführer
verlässliche soziale Kontakte zu gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen
pflegte und ob er eine Beziehung hatte. All dies und mehr hätte der
Gutachter in eine Gesamtbetrachtung einfliessen lassen müssen, so dass
er eine fundierte Aussage zu den persönlichen und sozialen Ressourcen
und Belastungsfaktoren hätte machen können.
5.6. Ein weiteres Indiz gegen die Zuverlässigkeit des Gutachtens
L._/D._ stellt der Arztbericht der behandelnden Ärztin Dr. med.
P._ vom 26. Juni 2020 dar. Diese führte aus, momentan bestünden
Verhaltensauffälligkeiten bei der Arbeit (eine Minderleistung habe schon
von Beginn an bestanden), die mit der ADHS-Symptomatik in
Zusammenhang zu stehen schienen. Es bestehe die Notwendigkeit einer
therapeutischen Begleitung ins selbständige Wohnen, ins
Erwachsenenleben und eine Abklärung, ob eine Medikation mit
Antihyperaktiva erneut notwendig sei (IV-act. 152 S. 3). Die berufliche
Situation präsentiere sich so, dass der Beschwerdeführer Mühe habe, eine
gleichbleibend konstante Arbeitsleistung über den Tag zu vollbringen. Er
könne sich nach rund einem halben Tag nicht mehr konzentrieren, ausser
es handle sich um Arbeit, von welcher er begeistert sei (IV-act. 152 S. 4).
Seine Konzentrationsfähigkeit sei stark motivationsabhängig, diese
- 28 -
emotional-motivationale Entwicklung brauche Zeit (IV-act. 152 S. 5). Die
Konzentrationsstörungen und die Demotivation würden die
Arbeitsfähigkeit auf 4.5 Stunden pro Tag einschränken (IV-act. 152 S. 4).
Einer Eingliederung stünden zudem eine eingeschränkte Belastbarkeit
und eine teilweise fehlende Selbständigkeit im Wege (IV-act. 152 S. 5).
Zwar nahm der Gutachter Dr. med. L._ zu diesem Arztbericht
Stellung (IV-act. 170 S. 44 f.). Entgegen der Ansicht der IV-Stelle erklärten
seine Ausführungen die abweichende Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
aber nur ungenügend, weil er – anders als Dr. med. P._ – von einer
falschen Vorstellung über die Arbeitssituation des Beschwerdeführers
ausging (vgl. vorne Erwägung 5.5.2). Zutreffend ist hingegen seine Kritik
daran, dass Dr. med. P._ ausführte, der Beschwerdeführer sei aber
sicher nur schon von seinem Ausbildungsniveau her nicht voll einsetzbar
(IV-act. 152 S. 2). Dr. med. P._ scheint davon auszugehen, dass als
Referenz eine durchschnittlich ausgebildete Person herangezogen werde.
Dies ist nicht der Fall. Die für die Bemessung des Invalideneinkommens
massgebliche Arbeitsfähigkeit bezieht sich immer auf eine Tätigkeit,
welche für die betreffende Person mit ihren spezifischen Einschränkungen
optimal adaptiert ist. Für den Beschwerdeführer ist dies
unbestrittenermassen die erlernte Tätigkeit als Hauswartmitarbeiter. In
dieser Tätigkeit ist er – wie Dr. med. L._ richtig ausführte – rein von
den beruflichen Fähigkeiten her nicht eingeschränkt (IV-act. 170 S. 45).
Dieser Mangel führt aber nicht dazu, dass dem Bericht von Dr. med.
P._ keine Beweiskraft beizumessen wäre. Er hatte nämlich keinen
direkten Einfluss auf die Beantwortung der zentralen Frage, wie viele
Stunden pro Tag die bisherige, beziehungsweise eine dem Leiden
angepasste Tätigkeit zumutbar sei. Entgegen der Ansicht der IV-Stelle ist
dem Bericht die Beweiskraft auch nicht abzusprechen, weil Dr. med.
P._ in ihrer Funktion als behandelnde Psychiaterin eine Einschätzung
liefern würde, welche sich auch an IV-fremden Gegebenheiten und
psychosozialen Faktoren orientieren würde. Vielmehr begründet Dr. med.
- 29 -
P._ die von ihr attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der
adaptierten Tätigkeit ausschliesslich mit den durch das adulte ADHS
bewirkten, im Lauf der Zeit auftretenden Aufmerksamkeitsdefiziten und
Konzentrationsproblemen.
5.7. Gegen die Zuverlässigkeit des Gutachtens von Dr. med. L._ spricht
schliesslich auch die Kündigung der beiden Arbeitsverhältnisse bei der
Sennerei J._ und der Gemeinde K._ per 15. Januar 2021. Die
Kündigung wurde von den Arbeitgebern damit begründet, dass der
Beschwerdeführer den Anforderungen nicht genügt habe (IV-act. 174).
Allem Anschein nach war der Beschwerdeführer also nicht fähig, seine
Arbeiten zur Zufriedenheit der beiden Arbeitgeber zu erfüllen, obwohl er
angesichts seines sehr tiefen Lohnes von insgesamt CHF 720.00 pro
Monat bei einer Präsenz von 90 % nur eine Leistung von 30 % zu
erbringen hatte (IV-act. 142, 143, 134, 135). Rein von den beruflichen
Fähigkeiten her hätte der Beschwerdeführer die Arbeiten eigentlich
bewältigen müssen. Die beiden Arbeitsverhältnisse waren unter Mithilfe
Casa E._ und im Rahmen eines von der IV unterstützten
Arbeitsversuchs abgeschlossen worden (IV-act. 113). Entsprechend war
die Arbeitssituation so gestaltet worden, dass die Tätigkeiten möglichst
adaptiert waren (vgl. IV-act. 122 S. 3). In ihrem Bericht vom 21. Februar
2020 führte die Casa E._ denn auch aus, der Beschwerdeführer habe
in der Gemeinde K._ und der Sennerei zwei auf ihn zugeschnittene
Arbeitgeber gefunden. Beide gingen auf seine Bedürfnisse ein und
passten sich der Situation an (IV-act. 136 S. 3). Dass es dem
Beschwerdeführer nicht möglich war, die derart für ihn optimierten
Arbeiten zufriedenstellend zu erledigen, spricht deutlich gegen die von Dr.
med. L._ attestierte 80%ige Arbeitsfähigkeit.
5.8 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass mehrere Indizien gegen
die Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit des psychiatrischen Gutachtens von
Dr. med. L._ vom 15. Dezember 2020 sprechen. Der
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neuropsychologische Untersuchungsbericht von lic. phil. D._ vom 13.
Dezember 2020 ist hingegen nicht zu beanstanden. Die IV-Stelle hat die
Arbeitsfähigkeit somit zu Unrecht gestützt auf das psychiatrische
Gutachten festgelegt. Insgesamt erweist sich die (versicherungs-
)medizinische Beurteilung als ergänzungs-, berichtigungs- und
präzisierungsbedürftig, um das aus psychiatrischer Sicht tatsächlich
erreichbare Leistungsvermögen des Beschwerdeführers auch zuverlässig
einschätzen zu können. Der rechtserhebliche Sachverhalt mitsamt einer
schlüssigen Beurteilung anhand der massgeblichen Standardindikatoren
präsentiert sich demnach als unvollständig. Die Angelegenheit ist daher
an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese weitere sachverständige
bzw. fachärztliche Abklärungen unter Berücksichtigung der schulischen
und berufspraktischen Unterlagen vornimmt, um die in den vorstehenden
Erwägungen beschriebenen Mängel zu beheben. Gestützt auf die
dannzumal vollständigen medizinischen Unterlagen wird die IV-Stelle
zudem zu entscheiden haben, ob sich eine BEFAS-Abklärung aufdrängt.
Ein reformatorischer Entscheid im Sinne einer Zusprache einer
Invalidenrente, wie dies vom Beschwerdeführer im Hauptrechtsbegehren
beantragt wird, erweist sich demnach als verfrüht. Vielmehr ist die
Beschwerde im Sinne seines Eventualbegehrens gutzuheissen.
6. Die angefochtene Verfügung erweist sich somit als rechtswidrig, die
Beschwerde ist im Eventualantrag gutzuheissen und die Angelegenheit im
Sinne der Erwägungen und zu neuem Entscheid an die IV-Stelle
zurückzuweisen.
7. Gemäss Art. 61 lit. fbis ATSG in Verbindung mit Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das
Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über die Bewilligung oder die
Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von CHF
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200.00 bis CHF 1'000.00 festgelegt. Vorliegend werden die Kosten auf
CHF 700.00 festgesetzt und der unterliegenden IV-Stelle auferlegt.
8. Nach Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Person
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen. Vorliegend macht die Procap als Rechtsvertreterin
des Beschwerdeführers mit Honorarnote vom 10. Juni 2021 einen Betrag
von CHF 2'119.55 (inkl. MWST) geltend. Dieser Betrag basiert auf einem
Arbeitsaufwand von total 12.30 Stunden und einem Stundenansatz von
CHF 160.00. Der geltend gemachte Arbeitsaufwand erscheint
angemessen und der veranschlagte Stundenansatz ist nicht zu
beanstanden (vgl. zum Stundenansatz für Hilfsorganisationen – zu denen
auch die Procap Schweiz zu zählen ist – PVG 2010 Nr. 31 und Nr. 32).
Die IV-Stelle hat den Beschwerdeführer deshalb aussergerichtlich mit
CHF 2'119.55 zu entschädigen.
9. Das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Rechtspflege ist
angesichts des Verfahrensausgangs gegenstandslos.