Decision ID: 66cdafbe-6871-5a21-b23d-bfaad79b6275
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer stellte am (...) November 2015 in der Schweiz
ein Asylgesuch. Am 11. Dezember 2015 wurde er zu seiner Person befragt
(Befragung zur Person, BzP). Die Vorinstanz hörte ihn am 20. Oktober
2016 zu seinen Asylgründen an
A.b Zur Begründung machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen gel-
tend, seine Familie stamme aus der Nordprovinz, wo er mit seiner Mutter
und Schwester gelebt habe. Der Vater sei seit dem Jahr 2009 verschollen.
Seine Mutter präsidiere eine Frauenvereinigung, die sich für die Suche
nach verschollenen Ehemännern engagiere. Sie habe sich dadurch bei
den Behörden unbeliebt gemacht – zumal sie auch mit ausländischen Or-
ganisationen zusammengearbeitet und diesen Informationen über die Ver-
schollenen weitergegeben habe – und sei deswegen wiederholt bedrängt,
misshandelt und auch sexuell belästigt worden. Die Mutter habe auch des-
halb im Fokus der Sicherheitskräfte gestanden, weil ihr ebenfalls verschol-
lener Schwager Mitglied der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) ge-
wesen sei und sie anlässlich einer Demonstration sein Bild hochgehalten
habe. Nach dieser Aktion hätten Angestellte des Criminal Investigation
Departments (C.I.D.) im September 2015 die Mutter nach Colombo ver-
schleppt und dort misshandelt. Im Oktober 2015 sei die Mutter zu Hause
abermals von C.I.D.-Beamten misshandelt worden, was er (Beschwerde-
führer) zum ersten Mal miterlebt habe. In der Absicht, seine Mutter zu
verteidigen, habe er einen Beamten niedergeschlagen. Daraufhin sei er
überwältigt, weggebracht und ebenfalls misshandelt worden. Nach seiner
Freilassung sei er nach Hause gegangen, wo er von seiner Mutter erfahren
habe, dass das C.I.D. sie aufgefordert habe, ihn den Behörden zu überge-
ben. Daraufhin habe seine Mutter entschieden, dass er mit Hilfe eines
Schleppers ausreisen solle. In der Schweiz habe er erfahren, dass Polizis-
ten nach seiner Ausreise nach ihm gesucht und die Mutter abermals be-
drängt hätten.
E-5781/2019
Seite 3
B.
Mit Verfügung vom 15. Mai 2017 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und beauftragte den zustän-
digen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Das SEM begründete sei-
nen Asylentscheid im Wesentlichen mit der Unglaubhaftigkeit der Kernvor-
bringen des Beschwerdeführers.
C.
Mit Eingabe vom 15. Juni 2017 liess der Beschwerdeführer den Entscheid
der Vorinstanz beim Bundesverwaltungsgericht anfechten. Er beantragte
die Aufhebung dieser Verfügung und die Asylgewährung, eventualiter die
Anordnung einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz infolge Undurch-
führbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Inhaltlich wurde insbesondere die
Richtigkeit der Unglaubhaftigkeitsargumentation bestritten, wobei der
Beschwerdeführer auch auf sein jugendliches Alter sowie auf seine
schlechte physische Verfassung und Unregelmässigkeiten anlässlich der
Anhörung hinwiesen liess; er vertrat auch den Standpunkt, die angeblichen
Ungereimtheiten würden im Wesentlichen Nebenpunkte betreffen.
D.
Nach dem Schriftenwechsel liess der Beschwerdeführer mehrere medizi-
nische Berichte der B._ zu den Akten reichen.
E.
Mit Urteil E-3410/2017 vom 22. März 2019 wies das Bundesverwaltungs-
gericht die Beschwerde ab. Das Gericht schloss sich der Unglaubhaftig-
keitsargumentation der Vorinstanz im Ergebnis an und qualifizierte die
Asylvorbringen des Beschwerdeführers als in zentralen Punkten wider-
sprüchlich, ungenau oder konstruiert wirkend.
F.
Das SEM forderte den Beschwerdeführer mit Schreiben vom 4. April 2019
dazu auf, die Schweiz bis zum 2. Mai 2019 zu verlassen.
E-5781/2019
Seite 4
II.
G.
G.a In einer Eingabe an das SEM vom 11. Juli 2019 stellte der Beschwer-
deführer ein neues Asylgesuch. Er machte zu dessen Begründung geltend,
seine in der Schweiz lebende Tante habe ihn nach Abschluss seines ersten
Asylverfahrens davon in Kenntnis gesetzt, dass seine Mutter im Jahr 1993
den LTTE als Mitglied beigetreten sei, ein militärisches Training absolviert
habe und – wie eine Fotografie von ihr im Kampfanzug vermuten lasse –
wohl auch an Kampfhandlungen teilgenommen habe. Zwei weitere ihm zu-
gespielte Bilder würden seinen verschollenen Onkel mit dem ehemaligen
LTTE-Anführer Prabhakaran und einer hochrangigen Delegation der Tigers
zeigen; damit sei erstellt, dass der Onkel eine wichtige Stellung bei den
LTTE innegehabt habe. Ausserdem führte der Beschwerdeführer aus, er
habe seine exilpolitischen Aktivitäten in der Schweiz weitergeführt.
Schliesslich machte er geltend, dass sich die Lage in Sri Lanka seit Ab-
schluss seines Asylverfahrens massiv verschlechtert habe.
G.b Mit dem Mehrfachgesuch wurden neben einem Länderbericht auf CD-
ROM mit insgesamt mehr als 500 länderspezifischen Beweismitteln,
mehrere Farbfotografien, ein Wikipedia-Auszug über einen Kommandan-
ten der LTTE sowie eine Fotodokumentation, Bestätigungen und Medien-
berichte zur Tätigkeit der Mutter zu den Akten gereicht.
H.
H.a Die Vorinstanz nahm die Eingabe als Mehrfachgesuch entgegen und
lehnte dieses mit Verfügung vom 25. September 2019 – eröffnet am 3. Ok-
tober 2019 – ab.
H.b Zur Begründung dieses Entscheids wurde im Wesentlichen ausge-
führt, das neue Vorbringen betreffend die angebliche Mitgliedschaft der
Mutter des Beschwerdeführers sei unglaubhaft, zumal nicht erkennbar sei,
ob es sich bei den Personen auf den eingereichten Fotografien tatsächlich
um Verwandte des Beschwerdeführers handle. Soweit dieser nun geltend
mache, er hege seit seiner Jugend Sympathien für die LTTE, habe er dies
im ordentlichen Verfahren mit keinem Wort erwähnt. Die angeblichen exil-
politischen Aktivitäten seien im Mehrfachgesuch weder substanziiert noch
belegt worden. Im ordentlichen Asylverfahren habe der Beschwerdeführer
nur angegeben, im Jahr 2015 an einer Demonstration teilgenommen zu
haben, wobei er gemäss seinen Worten gar nicht gewusst habe, worum es
bei dieser Kundgebung überhaupt gegangen sei. Die Flüchtlingseigen-
schaft sei deshalb auch nicht aufgrund exilpolitischer Betätigungen erfüllt.
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I.
In einer unaufgeforderten Eingabe des Beschwerdeführes an das SEM
vom 25. September 2019, die erst am Tag nach dem Versand des Asylent-
scheids beim SEM einging, wurde einerseits ein Bericht der B._
vom 6. September 2019 zu den Akten gereicht. Andererseits äusserte sich
der Beschwerdeführer zur aktuellen Lage in seinem Heimatstaat und legte
ausserdem 24 länderspezifische Dokumente auf einer CD-ROM ins Recht.
J.
J.a Den Asylentscheid vom 25. September 2019 liess der Beschwerdefüh-
rer am 4. November 2019 beim Bundesverwaltungsgericht anfechten.
Er beantragte inhaltlich, die Verfügung vom 25. September 2019 sei wegen
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehörs – eventuell wegen Ver-
letzung der Begründungspflicht – aufzuheben und an die Vorinstanz
zurückzuweisen; eventuell sei die Verfügung aufzuheben und die Sache
zur Feststellung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sach-
verhalts und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen; eventuell
sei in Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung die Flüchtlingseigenschaft
des Beschwerdeführers festzustellen und es sei ihm Asyl zu gewähren;
eventuell seien die Ziffern 2 und 3 des Dispositivs der vorinstanzlichen Ver-
fügung aufzuheben und es sei die Unzulässigkeit oder mindestens die Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. Der Beschwerde-
führer liess mehrere Beweisanträge stellen und ersuchte zudem unter an-
derem um sofortige Bekanntgabe des Spruchgremiums und um Bestäti-
gung der Zufälligkeit dessen Auswahl (andernfalls um Bekanntgabe der
Kriterien, nach denen der Spruchkörper bestimmt worden sei).
J.b In der Beschwerde wurde in materieller Hinsicht die Richtigkeit der Ar-
gumentation des SEM bestritten und die Auffassung vertreten, der Be-
schwerdeführer weise mehrere flüchtlingsrechtliche Risikofaktoren auf und
sei deshalb unter Asylgewährung als Flüchtling anzuerkennen.
J.c Mit der Beschwerde wurden unter anderem mehrere Beweismittel zu
den Akten gereicht (eine CD-ROM mit insgesamt über 500 Unterlagen zur
Lage in Sri Lanka sowie zwei Dokumentationen des politischen Engage-
ments der Mutter des Beschwerdeführers respektive dessen exilpolitischen
Engagements in der Schweiz).
E-5781/2019
Seite 6
K.
In einer Zwischenverfügung vom 8. November 2019 gab der Instruktions-
richter dem Beschwerdeführer das voraussichtliche Spruchgremium be-
kannt (soweit es bereits bestimmt war) und verwies bezüglich der Auswahl
der mitwirkenden Richterinnen und Richter darauf, dass die Spruchkörper-
bildung am Bundesverwaltungsgericht gestützt auf reglementarische
Kriterien durch ein automatisiertes EDV-gestütztes Programm erfolge.
Der Beschwerdeführer wurde aufgefordert, bis zum 25. November 2019
entweder einen Kostenvorschuss von Fr. 1500.– zugunsten der Gerichts-
kasse einzuzahlen oder gegebenenfalls ein begründetes und belegtes Ge-
such um Erlass der Verfahrenskosten zu stellen.
L.
Mit Eingabe an das Gericht vom 25. November 2019 liess der Beschwer-
deführer ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht stellen. Ausserdem äus-
serte er sich wiederum zur aktuellen Lage in Sri Lanka und reichte in die-
sem Zusammenhang eine weitere CD-ROM mit 74 länderspezifischen In-
formationsquellen zu den Akten.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 29. November 2019 – eröffnet am 6. Dezem-
ber 2019 – wies der Instruktionsrichter das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung unter Hinweis auf die Aussichtslosigkeit
der Beschwerde ab und setzte dem Beschwerdeführer eine dreitägige Not-
frist zur Leistung des Kostenvorschusses.
Ausserdem wies der Instruktionsrichter die Beweisanträge des Beschwer-
deführers auf Abklärung seines Gesundheitszustands von Amtes wegen,
auf seine erneute Anhörung im Rahmen des Mehrfachgesuchs und auf
Setzen einer Frist zur Beibringung (nicht spezifizierter) weiterer Beweismit-
tel zu seinem persönlichen Hintergrund ab.
N.
In einer Zwischenverfügung vom 5. Dezember 2019 stellte der Instrukti-
onsrichter fest, dass er angesichts der jüngsten Entwicklungen im Heimat-
staat des Beschwerdeführers von Amtes wegen auf die (damals noch nicht
eröffnete) Verfügung vom 29. November 2019 zurückkommen müsse, weil
die Qualifikation der Rechtsbegehren als aussichtslos (im Sinn von Art. 65
Abs. 1 VwVG) mittlerweile nicht mehr korrekt erscheine. Er hob diese Zwi-
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Seite 7
schenverfügung demnach auf, hiess das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung wiedererwägungsweise gut und stellte fest,
dass dies auch die Befreiung von der Kostenvorschusspflicht zur Folge
habe. In der gleichen Verfügung lud der Instruktionsrichter die Vorinstanz
ein, eine Vernehmlassung zu den Akten zu reichen.
O.
Am 11. Dezember 2019 verzichtete das SEM darauf, sich zur Beschwerde
einlässlich zu äussern und verwies auf die Erwägungen in der angefochte-
nen Verfügung. Diese Stellungnahme wurde dem Beschwerdeführer am
12. Dezember 2019 zur Kenntnis gebracht.
P.
Mit einer unaufgeforderten Eingabe vom 19. März 2020 äusserte sich der
Beschwerdeführer zur Lage in seinem Heimatland und legte einen auf ei-
ner CD-ROM abgespeicherten neuen Länderbericht und insgesamt rund
540 länderspezifischen Quellen als Beweismittel zu den Akten. In der Ein-
gabe wurde der Antrag gestellt, es sei abzuklären, ob der Name des Be-
schwerdeführers auf dem behördlich beschlagnahmten Mobiltelefon der
Ende November 2019 in Colombo verhafteten Angestellten der Schweizer
Botschaft zu finden gewesen sei und welche Daten auf dem Mobiltelefon
der entführten Botschaftsmitarbeiterin von den sri-lankischen Behörden
abgegriffen worden seien.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR
142.31]). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwer-
deführung legitimiert (Art. 48 VwVG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
E-5781/2019
Seite 8
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde wird hauptsächlich gerügt, das SEM habe das
rechtliche Gehör und die Begründungspflicht verletzt sowie den Sachver-
halt unvollständig und unrichtig abgeklärt. In der äusserst ausführlichen
Begründung dieser Rügen wird der Schluss gezogen, dies müsse die Kas-
sation zur Folge haben.
3.2 Entgegen dieser Auffassung liegt vorliegend weder eine Verletzung der
Begründungspflicht (vgl. BVGE 2016/9 E. 5.1) noch eine unrichtige oder
unvollständige Sachverhaltsfeststellung (vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3) vor.
Die Vorinstanz hat in ihrer Verfügung den sich aufgrund der Eingabe vom
11. Juli 2019 ergebenden Sachverhalt vollständig und richtig festgestellt
und in der Folge mit rechtsgenüglicher Begründung dargelegt, wieso der
Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft (weiterhin) nicht erfülle, das
Mehrfachgesuch abgewiesen und der Wegweisungsvollzug (wiederum) als
zulässig, zumutbar und möglich erachtet werde. Eine Verletzung der Be-
gründungspflicht ist auch darin nicht zu sehen, dass die Vorinstanz bei der
Begründung ihrer Verfügung auf die Ausführungen der ersten und zweiten
Instanz im ordentlichen, rechtskräftig abgeschlossenen Verfahren verwie-
sen hat. Insgesamt hat sie ihren Entscheid so begründet, dass der Be-
schwerdeführer sich über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen
und diesen sachgerecht anfechten konnte. Dass ihm dies ohne Weiteres
möglich war, ergibt sich im Übrigen bereits bei Durchsicht der 92-seitigen
Beschwerdeschrift. Soweit der Beschwerdeführer eine angeblich falsche
Würdigung der Vorbringen im neuen Asylgesuch kritisiert, beschlägt dies
nicht die formelle Frage der rechtsgenüglichen Begründung, sondern ist
eine Rüge materiell-rechtlicher Natur (die nachfolgend zu behandeln sein
wird). Insgesamt ist im Kontext der korrekten Rechtsanwendung des SEM
somit auch keine Verletzung des rechtlichen Gehörs auszumachen. Der
Antrag auf Rückweisung der Sache an das SEM aus formalen Gründen ist
abzuweisen.
3.3
3.3.1 Die Beweisanträge des Beschwerdeführers auf Abklärung seines Ge-
sundheitszustands von Amtes wegen, auf seine erneute Anhörung im Rah-
men des neuen Asylverfahrens und auf Setzen einer Frist zur Beibringung
E-5781/2019
Seite 9
(nicht spezifizierter) weiterer Beweismittel zu seinem persönlichen Hinter-
grund (vgl. Beschwerde S. 60 f.) hatte der Instruktionsrichter bereits in der
Zwischenverfügung vom 29. November 2019 abgewiesen. Nachdem jene
von ihm mit Zwischenverfügung vom 5. Dezember 2019 von Amtes wegen
aufgehoben worden ist, kann der Ordnung halber an dieser Stelle Folgen-
des festgehalten werden:
3.3.2 Aus den Akten ergibt sich nicht, wieso der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers von Amtes wegen abgeklärt werden sollte, zumal von
ihm – am Tag nach dem hier zu beurteilenden Asylentscheid – ein ausführ-
licher Bericht der B._ zu den Akten gereicht wurde. Für eine erneute
Anhörung im Rahmen seines Folge-Asylverfahrens besteht ebenfalls keine
Veranlassung, zumal Verfahren betreffend Mehrfachgesuche gemäss der
Konzeption von Art. 111c AsylG schriftlich geführt werden und der Sach-
verhalt erstellt ist. Es bestand und besteht auch keine Notwendigkeit, dem
Beschwerdeführer eine Frist zur Beibringung (nicht spezifizierter) weiterer
Beweismittel zu seinem persönlichen Hintergrund zu setzen. Diese Be-
weisanträge sind (erneut) abzuweisen.
3.4
3.4.1 In der Eingabe vom 19. März 2020 wird beantragt, es sei im Zusam-
menhang mit der Entführung respektive Festnahme einer schweizerischen
Botschaftsmitarbeiterin von Ende November 2019 abzuklären, ob unter
den erpressten Daten auch der Name des Beschwerdeführers zu finden
sei und welche Daten auf dem Mobiltelefon der Entführten erpresst worden
seien.
3.4.2 Der Antrag ist abzuweisen, zumal nicht substanziiert begründet ist,
inwiefern zwischen dem Beschwerdeführer und der besagten Botschafts-
mitarbeiterin eine Verbindung bestehen sollte. Im Übrigen wurde dem
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers bereits in anderen Verfahren mit-
geteilt, dass sich gemäss Auskunft der Botschaft keine Daten über in der
Schweiz lebende asylsuchende Personen aus Sri Lanka auf dem be-
schlagnahmten Mobiltelefon der vom Sicherheitsvorfall betroffenen lokalen
Botschaftsangestellten befanden und auch anderweitig keine Informatio-
nen in Bezug auf die erwähnten Personen an Dritte gelangten (vgl. etwa
Urteil BVGer D-5377/2019 vom 14. April 2020 E. 4.5).
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Seite 10
3.4.3 In diesem Zusammenhang bleibt abschliessend festzuhalten, dass
die Anfang Dezember 2019 aufgrund von Medienberichten auftauchenden
Fragen im Zusammenhang mit der Festnahme der Botschaftsmitarbeiterin
(die letztlich zum Erlass der Zwischenverfügung des Instruktionsrichters
vom 5. Dezember 2019 führten) mittlerweile geklärt werden konnten.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründet seine Verfügung inhaltlich insbesondere damit,
dass das Mehrfachgesuch des Beschwerdeführers überwiegend auf Vor-
bringen basiere die bereits im Rahmen des ersten Verfahrens gewürdigt
und als unglaubhaft erachtet worden seien; auf das diesbezüglich Vorge-
brachte müsse deshalb nicht erneut eingegangen werden. Das neue Vor-
bringen, wonach er von der Tante erfahren habe, dass seine Mutter seit
dem Jahr 1993 Mitglied der LTTE und bis zu seiner Geburt aktiv für die
Bewegung tätig gewesen sei, sei als nachgeschoben und unglaubhaft zu
qualifizieren. Die eingereichte Fotografie vermöge nicht zu belegen, dass
es sich bei der abgebildeten Frau tatsächlich um seine Mutter handle und
diese gegebenenfalls an Kampfhandlungen beteiligt gewesen wäre. Das
Gleiche gelte hinsichtlich der geltend gemachten Verbindungen seines
Onkels zu den LTTE, da es dem Beschwerdeführer auch mit den dies-
bezüglich eingereichten Fotografien nicht gelinge, darzulegen, dass es
sich bei der abgebildeten Person um seinen Onkel handle und er selbst
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Seite 11
oder seine Familie deswegen Schwierigkeiten in Sri Lanka erfahren oder
solche zu befürchten habe. Die geltend gemachten exilpolitischen Tätig-
keiten würden praxisgemäss nicht ausreichen, um die Zuerkennung der
Flüchtlingseigenschaft zu begründen, zumal auch nicht konkret dargelegt
worden sei, worin die angeblich seit dem Abschluss des ordentlichen Ver-
fahrens vorgenommenen Aktivitäten überhaupt bestanden hätten. Unter
Berücksichtigung der aktuellen Lage in Sri Lanka sei – auch unter dem
Blickwinkel der von der Rechtsprechung festgelegten Risikofaktoren –
weiterhin keine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung des Beschwerde-
führers erkennbar.
5.2 In den Eingaben des Beschwerdeführers auf Beschwerdeebene wird
inhaltlich auf den Vorbringen aufgebaut, mit denen das erste Asylgesuch
begründet worden war. Ergänzend wird insbesondere ausgeführt, der Be-
schwerdeführer habe erst nach Abschluss dieses Verfahrens von seinen
Angehörigen Informationen über die LTTE-Vergangenheit der Mutter und
seines verschollenen Onkels sowie entsprechende Beweismittel erhalten.
Das Vorgehen des SEM, mit Bezug auf den bereits früher bekannten Sach-
verhalt bloss auf die diesbezügliche Einschätzung der schweizerischen
Asylbehörden (erster und zweiter Instanz) zu verweisen, sei stossend, zu-
mal mit den neuen Beweismitteln die Unrichtigkeit der damaligen Unglaub-
haftigkeitsargumentation habe belegt werden können. Auch die Beurtei-
lung der mit dem neuen Asylgesuch eingereichten neuen Beweismittel sei
falsch (und unlogisch) und laufe auf eine Verweigerung der Abnahme der
angebotenen Beweismittel hinaus. Der grösste Teil der Begründung der
Beschwerde und der späteren Eingaben des Beschwerdeführers betrifft die
Entwicklung der Menschenrechtslage, der Meinungsfreiheit und Minderhei-
tenrechte in Sri Lanka und die aktuelle Situation im Heimatland des Be-
schwerdeführers. Es wird ausgeführt, die Einschätzung der allgemeinen
Situation durch das SEM basiere "auf einem komplett veralteten Wissens-
stand zur Lage in Sri Lanka"; zudem seien bei der Lageanalyse von SEM
und Bundesverwaltungsgericht erhebliche methodische Fehler festzustel-
len (vgl. Beschwerde S. 29 ff.). Der Beschwerdeführer sei mittlerweile
gleich mehreren länderspezifischen Risikogruppen zuzuordnen (insbeson-
dere familiäre Verbindungen zu den LTTE, Anschlussverfolgung aufgrund
der Verfolgung der Mutter wegen ihres Menschenrechts-Aktivismus, expo-
niertes exilpolitisches Engagement des Beschwerdeführers, langjähriger
Aufenthalt in einem tamilischen Diasporazentrum).
E-5781/2019
Seite 12
6.
6.1 Entgegen der vom Beschwerdeführer vertretenen Auffassung hat im
ordentlichen Asylverfahren nicht nur das SEM, sondern auch das Bundes-
verwaltungsgericht die Unglaubhaftigkeit seiner damaligen Kernvorbringen
festgestellt. Davon, dass das Gericht im Urteil vom 22. März 2019 festge-
halten habe, die Unglaubhaftigkeitsargumentation des SEM sei "grössten-
teils falsch" (vgl. Beschwerde S. 15), kann keine Rede sein (vgl. Urteil
BVGer E-3410/2017 E. 9.2).
6.2 Das Vorbringen des Beschwerdeführers, seine Angehörigen hätten die
LTTE-Vergangenheit der Mutter und eines Onkels verschwiegen und ihm
erst nach dem negativen Abschluss seines Asylverfahrens zur Kenntnis ge-
bracht, erscheint als geradezu abwegig. Der Beschwerdeführer unter-
nimmt in seinem Mehrfachgesuch gar nicht erst den Versuch, ein derart
unsinniges Vorgehen seiner Mutter und Tante zu erklären.
6.3 Die beiden mit dem Gesuch eingereichten angeblichen Familienfotos
des Beschwerdeführers zeigen neben anderen Personen einen Knaben
der ungefähr im Einschulungsalter sein dürfte. Es ist unklar, ob es sich da-
bei um den Beschwerdeführer – und bei den anderen Menschen um seine
Familienangehörigen – handelt. Zudem weist das Bild einer Frau in Kampf-
kleidung keinerlei Ähnlichkeit mit der Frau auf den Familienbildern aus, bei
der es sich gemäss einer handschriftlichen Legende um seine Mutter han-
deln soll. Aus diesen Beweismitteln kann der Beschwerdeführer demnach
nichts zu seinen Gunsten ableiten.
6.4 Unter diesen Umständen ist auch auf die Vorbringen und Beweismittel,
mit denen eine besondere Nähe des Onkels des Beschwerdeführes zu
hohen LTTE-Kadern dargetan werden soll, nicht weiter einzugehen. Im
Übrigen hatte der Beschwerdeführer nie geltend gemacht, dass er in Sri
Lanka wegen dieses Onkels irgendwelche Nachteile erlitten hätte.
6.5 Zu den die Mutter betreffenden Vorbringen und Beweismitteln ist nach
Durchsicht der Akten Folgendes festzustellen:
6.5.1 Bei Visionierung des auf S. 18 der Beschwerde erwähnten Videos
(https://www.dw.com/en/tamils-remember-war-dead-in-sri-lanka/av-48789
604), das gemäss den eingeblendeten Metadaten vom "18.05.2010" da-
tiert, ist eine Frau zu sehen, die während etwa 20 Sekunden den Verlust
ihres Ehemannes mit den folgenden Worten schildert (gemäss Überset-
zung aus dem Off, Hervorhebung BVGer): "My husband went missing.
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Seite 13
We ran in different directions. I ran with my children in one way. My hus-
band went in an other. We didn't see each other after that. I tell my children
their father is alive and he'll come home one day. But in my heart I think
he's gone. I think he died". Im Video gibt es keine Hinweise auf die Identität
dieser Frau (z.B. Einblendung eines Namens). Ein Vergleich mit den mit
dem Mehrfachgesuch eingereichten angeblichen Familienbildern des
Beschwerdeführers ergibt kein klares Ergebnis. Allerdings hat dieser die
Umstände des Verschwindens seines Vaters völlig anders geschildert als
die im Video gefilmte Frau, die gemäss ihren Angaben damals ihre Kinder
dabeigehabt habe (demnach wären auch der Beschwerdeführer und seine
Schwester dabei gewesen). Gemäss seiner Darstellung sei der Vater eines
Tages einfach nicht mehr nach Hause gekommen (vgl. Protokoll A18
ad F99–101). Angesichts der offensichtlichen inhaltlichen Unvereinbarkeit
ist nicht davon auszugehen, dass es sich bei der im Video zu sehenden
Frau, die auch auf dem eingereichten Zeitungsausschnitt vom 19. Mai
2019 zu sehen ist, um die Mutter des Beschwerdeführers handelt.
6.5.2 In den beiden Bestätigungen der "Women (...) Societie[s]" vom
5. Mai und 1. September 2019 wird das soziale Engagement einer "Mrs.
C._" bzw. "D._" zum Wohle der Dorfbevölkerung beschrie-
ben, wobei ein thematischer Schwerpunkt bei der Drogenbekämpfung, bei
"child a women abuse" und "deserted by husband faimilies-togetherness"
zu liegen scheint. Von der Suche nach kriegsverschollenen Ehemännern
ist ebenso wenig die Rede wie von irgendwelchen Nachteilen, welche sich
aus der Sozialarbeit ergeben hätten.
Aus diesen Beweismitteln kann der Beschwerdeführer in seinem neuen
Asylverfahren offenkundig nichts zu seinen Gunsten ableiten.
6.5.3 Einzig in einer Bestätigung der "Society for (...) of E._ District,
Sri Lanka" vom 10. April 2019 (Beilage 7 des Mehrfach-
gesuchs) wird erwähnt, dass "Mrs. D._" mit Hilfe dieser Organisa-
tion seit 2009 ihren verschwundenen Mann gesucht habe und diese Aktivi-
täten und ihre vorherige Mitgliedschaft bei den LTTE zu andauernder Be-
drohung und Überwachung durch die "military intelligence division" geführt
habe.
Dieses Dokument wurde in Form einer qualitativ schlechten Fotokopie ins
Recht gelegt (ob oberhalb des Stempels eine Unterschrift oder ein anderer
handschriftlicher Eintrag angebracht ist, lässt sich beispielsweise nicht mit
Sicherheit sagen). Gemäss Briefkopf handelt es sich bei der Organisation
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um eine Menschenrechts- und nicht um eine "Frauenorganisation" (vgl.
Mehrfachgesuch S. 8). Unter welchen Umständen der Beschwerdeführer
in den Besitz dieses Dokuments gekommen ist – und wieso er eine solche
Bestätigung nicht während seines ordentlichen Asylverfahrens eingereicht
hat –, wird von ihm nicht erläutert. Unter Würdigung der gesamten Akten-
lage und der Tatsache, dass das Beweismittel nur knapp drei Wochen nach
rechtskräftigem Abschluss des Asylverfahrens entstanden sein soll, ist
diese Bestätigung (bestenfalls) als Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren.
6.6 Was die Frage der Relevanz der politischen Exilaktivitäten des Be-
schwerdeführers anbelangt, kann vollumfänglich auf die Ausführungen in
der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. dort S. 7). Auch aus
den drei auf Beschwerdeebene eingereichten Bildern ergeben sich keine
Hinweise auf ein exponiertes Vorgehen des Beschwerdeführers. Ab-
schliessend ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer gemäss
seinen Aussagen vor der Ausreise aus seinem Heimatland keinerlei politi-
sche Aktivitäten ausgeübt hat (vgl. Protokoll A18 ad F161 f. und in diesem
Zusammenhang Art. 3 Abs. 4 AsylG).
6.7 Zu Recht verneint hat die Vorinstanz auch einen konkreten Fallbezug
im Kontext der veränderten Sicherheitslage in Sri Lanka, namentlich seit
dem Regierungs- und damit verbundenen Machtwechsel. Die umfangrei-
chen Darlegungen zur Situation in Sri Lanka im Beschwerdeverfahren las-
sen weiterhin keinen konkreten Bezug in dem Sinn erkennen, dass der Be-
schwerdeführer wegen seines Profils von dieser Entwicklung in Sri Lanka
nun konkret und individuell betroffen wäre, zumal im ersten Asylverfahren
die Unglaubhaftigkeit seiner zentralen Vorbringen festgestellt werden
musste und der Beschwerdeführer keine eigenen LTTE-Aktivitäten geltend
gemacht hat (auch wenn im Mehrfachgesuch nun langjährige Sympathien
für diese behauptet werden). Dem Beschwerdeführer gelingt es bei dieser
Aktenlage nicht, konkret aufzuzeigen, inwiefern sich die Lage in Sri Lanka
seit Rechtskraft des Urteils E-3410/2017 vom 22. März 2019 in einer für
ihn massgeblichen Weise verändert hätte.
6.8 Schliesslich ist vorliegend auch aus der langjährigen Landesabwesen-
heit und der tamilischen Ethnie keine Gefährdung im Sinn der gefestigten
Rechtsprechung bei der Prüfung individueller Risikofaktoren ableitbar.
6.9 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführes verneint und sein Mehrfach-
gesuch abgelehnt hat.
E-5781/2019
Seite 15
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
erneut angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Beschwerdeführer bringt in diesem Zusammenhang einerseits vor,
aufgrund seiner Zugehörigkeit zu mehreren gefährdeten Personengruppen
drohe vor dem Hintergrund der aktuellen Regierung um Gotabaya Rajapa-
ksa und dem damit einhergehenden Machtzuwachs der Armee bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka eine Verletzung von Art. 3 EMRK. Die gegentei-
ligen Ausführungen der Vorinstanz seien unzutreffend. Vielmehr sei ein-
lässlich dargelegt und durch Quellen belegt aufgezeigt worden, dass der
Beschwerdeführer Gefahr laufe, Opfer von gemäss Art. 3 EMRK verbote-
ner Strafe und Behandlung zu werden. Die Rechtsprechung des Europäi-
schen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) verlange nach gründli-
cher Risikoeinschätzung für jeden einzelnen tamilischen Asylfall.
Auch unter dem Blickwinkel der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
wird in der Beschwerde auf die Verschlechterung der Menschenrechtslage
in Sri Lanka verwiesen. Zudem habe das SEM in der angefochtenen Ver-
fügung weder den schlechten psychischen Gesundheitszustand des Be-
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schwerdeführers noch dessen Herkunft aus dem Vanni-Gebiet berücksich-
tigt. Der Beschwerdeführer verfüge in seiner Heimat über kein soziales Auf-
fangnetz mehr, das ihn unterstützen könnte.
8.3
8.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.3.2 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Dem Beschwer-
deführer ist es nicht gelungen, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung
nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Somit kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist folglich unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.3.4 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den
Akten ergeben sich nach den vorstehenden Ausführungen zum Asylpunkt
Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Hei-
matstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK
oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Ge-
mäss der Praxis des EGMR sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer dazu eine im Sinn der völkerrechtlichen
Konventionen konkrete Gefahr nachweisen oder glaubhaft machen, dass
ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung
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Seite 17
drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar
2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies gelingt ihm
nicht. Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Weg-
weisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen
(vgl. dazu BVGE 2011/24 E. 10.4 und Referenzurteil E-1866/2015 E. 12.2).
Wie auch der Beschwerdeführer erwähnt, hat sich der EGMR mit der Ge-
fährdungssituation im Hinblick auf eine EMRK-widrige Behandlung na-
mentlich für Tamilen, die aus einem europäischen Land nach Sri Lanka
zurückkehren müssen, wiederholt befasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frank-
reich, Urteil vom 19. September 2013, Nr. 10466/11; T.N. gegen Däne-
mark, Urteil vom 20. Januar 2011, Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark,
Urteil vom 20. Januar 2011, Nr. 54705/08; Rechtsprechung zuletzt bestä-
tigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017, Beschwerde
Nr. 44114/14). Er hat dabei festgehalten, dass nicht in genereller Weise
davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine unmenschli-
che Behandlung.
8.3.5 Aufgrund der Akten bestehen entgegen der Auffassung des Be-
schwerdeführers keine konkreten Hinweise dafür, dass er bei einer Rück-
kehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu
befürchten hätte, die über einen so genannten "Background Check" (Be-
fragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen
würden, oder dass er persönlich gefährdet wäre.
8.3.6 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des EGMR). Eine weitere vom Gerichtshof definierte Konstellation betrifft
Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener me-
dizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert
würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien , Urteil vom 13. Dezember
2016, Grosse Kammer, Nr. 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
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Eine solche Ausnahmesituation ist – wie sich aus den nachfolgenden Er-
wägungen zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ergibt – beim Be-
schwerdeführer nicht gegeben.
8.3.7 Insgesamt erweist sich der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinn
der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig.
8.4
8.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies auch unter Be-
rücksichtigung der aktuellen Ereignisse in Sri Lanka und der vom Be-
schwerdeführer erwähnten Gefahr, als zurückkehrender Tamile am Flug-
hafen Verhören ausgesetzt zu werden. Nach einer eingehenden Analyse
der sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist das Bundesverwaltungsge-
richt zum Schluss gekommen, dass auch der Vollzug der Wegweisung in
die Herkunftsregion des Beschwerdeführers zumutbar ist, wenn das Vor-
liegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien bejaht werden kann (vgl. die
Referenzurteile BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2 und
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9).
8.4.3 Die Vorinstanz hat die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
– auch unter Hinweis auf das Ergebnis der diesbezüglichen Beurteilung im
Rahmen des vorangehenden ordentlichen Asylverfahrens – zutreffend be-
jaht. Der Vorwurf, sie habe sich nicht mit der Herkunft des Beschwerdefüh-
rers aus dem Vanni-Gebiet befasst, ist unbegründet, zumal diese Region
und das oben zitierte einschlägige Referenzurteil in der Wegweisungsver-
fügung erwähnt werden. Dass das SEM sich nicht mit der spezifischen Ge-
sundheitssituation befasst hat, liegt daran, dass der Beschwerdeführer
diese Thematik in seinem Folge-Asylgesuch vom 11. Juli 2019 mit keinem
Wort erwähnt hatte (was, nebenbei bemerkt, deshalb überrascht, weil in
dem nach Abschluss des erstinstanzlichen Verfahrens eingereichten Be-
richt der B._ vom 6. September 2019 Bezug auf eine ambulante
medizinische Untersuchung vom 31. Mai 2019 genommen wird).
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8.4.4 Die vom Beschwerdeführer (ausserordentlich ausführlich) erwähnten
aktuellen politischen Entwicklungen, namentlich der beschriebene Kompe-
tenzzuwachs des Militärs und die Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum
neuen Präsidenten in Sri Lanka, lassen keine andere Einschätzung zu.
8.4.5 In Bezug auf die Frage des Vorliegens individueller Zumutbarkeitskri-
terien kann zunächst auf das Urteil BVGer E-3410/2017 vom 22. März
2019 (E. 11.4) verwiesen werden. Dort wurde unter anderem aufgeführt,
dass der Beschwerdeführer über ein bestehendes familiäres Beziehungs-
netz verfüge, auf welches er – auch wenn sich dieses nicht mehr am ur-
sprünglichen Ort befinden sollte – bei einer Rückkehr nach Sri Lanka zu-
rückgreifen könne; angesichts seiner Ausbildung und Berufserfahrung sei
davon auszugehen, dass ihm – mit ihm zumutbaren Anstrengungen – die
soziale und wirtschaftliche Reintegration in seiner Heimat gelingen werde.
8.4.6
8.4.6.1 Auch die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers war
schon im ordentlichen Asylverfahren ein Thema. Im Rahmen des Be-
schwerdeverfahrens waren Berichte der B._ vom 30. November
2017, vom 22. Februar 2018 und vom 30. Oktober 2018 eingereicht wor-
den, in denen Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert
wurde; ausserdem ist den Berichten zu entnehmen, dass die PTBS-Diag-
nose schon im Jahr 2016 durch den psychologischen Dienst eines Asyl-
zentrums gestellt worden war. Im Urteilszeitpunkt ergab sich gemäss Akten
kein aktueller Behandlungsbedarf (vgl. BVGer E-3410/2017 E. 9.1 und E.
11.4).
8.4.6.2 In dem zu Beginn der Beschwerdefrist noch beim SEM eingereich-
ten B._-Bericht vom 6. September 2019 werden für den Beschwer-
deführer die Diagnosen Depressive Symptomatik und Flashbacks bei
PTBS gestellt. Im Bericht wird im Wesentlichen ausgeführt, die unter der
Therapie gemilderte Symptomatik habe sich angesichts der drohenden
Ausschaffung (im Sinn einer psychischen Dekompensation) erneut massiv
verschlechtert. In der Anamnese werden im Wesentlichen die Vorbringen
des Beschwerdeführers zusammenfassend wiedergegeben, die sich im
Rahmen der beiden Asylverfahren in den zentralen Punkten als unglaub-
haft herausgestellt haben. Als Untersuchungsbefunde wurden unter ande-
rem Flashbacks in Form von Intrusionen und Albträumen, erhebliche
Schlafstörungen und Lebensüberdruss erwähnt; es bestehe keine akute
Selbst-
oder Fremdgefährdung.
E-5781/2019
Seite 20
8.4.6.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht in seiner Länderpraxis davon
aus, dass eine Behandlung derartiger psychischer Beschwerden auch im
Norden Sri Lankas möglich ist, zumal im Distrikt Jaffna – der nur rund
100 km von der Heimatregion des Beschwerdeführers entfernt liegt – in
verschiedenen staatlichen Institutionen ambulante Therapien möglich wä-
ren und diese grundsätzlich auch vom Staat bezahlt würden (vgl. zuletzt
etwa die Urteile BVGer E-3613/2018 vom 17. Juli 2020 E. 7.3.4,
D-1462/2020 vom 5. Juni 2020 E. 8.3, D-74/2020 vom 18. Mai 2020
E. 9.4.3 oder D-6276/2019 vom 12. Mai 2020 E. 9.4.3, je m.w.H.).
8.4.6.4 Der psychischen Beeinträchtigung des Beschwerdeführers wird
von der mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragten kantonalen Be-
hörde bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Rückführung
Rechnung zu tragen sein.
8.4.7 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als weiterhin zumutbar.
8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit der Zwischenver-
fügung vom 5. Dezember 2019 sein Gesuch um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) gutgeheissen worden ist und
den Akten keine Hinweise auf eine relevante Veränderung der finanziellen
Verhältnisse zu entnehmen sind, sind keine Kosten zu erheben.
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