Decision ID: 27b82068-6516-5580-9c29-d5a38b960bf6
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Nachdem das Bundesgericht das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit
seinem Urteil 9C_463/2019 vom 25. September 2019 verpflichtet hatte, ein
polydisziplinäres Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben, hat das Versicherungsgericht
die Parteien mit einem Schreiben vom 30. Oktober 2019 darüber informiert (act. G 2),
dass es vorsehe, den Auftrag an die ABI GmbH zu vergeben. Zudem hat das
Versicherungsgericht den Parteien mitgeteilt, dass es den Sachverständigen die
folgenden Fragen unterbreiten werde: (1) Diagnosen (Verschlüsselung gemäss ICD-10)
und Prognose? (2) Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als
Produktionsmitarbeiter? (3) Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in einer ideal
leidensadaptierten Tätigkeit (mit Umschreibung des Anforderungsprofils)? (4)
Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit durch medizinische
Massnahmen? (5) Mutmasslicher Beginn und Verlauf einer allfälligen
Arbeitsunfähigkeit? (6) Weitere Bemerkungen? Das Versicherungsgericht räumte den
Parteien die Möglichkeit ein, Stellung zur vorgesehenen Gutachterstelle und zu den
Fragen zu nehmen.
B. Die Beschwerdegegnerin beantragte am 8. November 2019 (act. G 3), dass der
psychiatrische Sachverständige verpflichtet werde, sich zu den vom Bundesgericht im
BGE 141 V 281 definierten „Standardindikatoren“ zu äussern. Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers machte am 18. November 2019 geltend (act. G 4), er protestiere
gegen die Auswahl der Gutachterstelle. Seiner Erfahrung nach seien Gutachten der ABI
GmbH meist zugunsten der IV-Stellen ausgefallen. Die ABI GmbH sei eine jener
Gutachtensinstitute, die bekannt für ihren zynischen Umgang mit Menschen seien und
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von denen angenommen werden müsse, dass sie profitorientiert und weniger im Sinne
einer Dienstleistung am Menschen oder dem System geschäften würden. ABI-
Gutachten seien überdurchschnittlich Gegenstand von Beschwerden. Es gebe
haarsträubende Beispiele von ABI-Gutachten, bei denen auch offensichtlich sei, dass
die internen Qualitätskontrollen versagen würden. Ein ABI-Gutachten sei nie
unvoreingenommen.

Erwägungen
1.
Die ABI GmbH zeichnet sich generell durch eine überdurchschnittlich kurze
Bearbeitungszeit bei der Erstellung von polydisziplinären Gutachten aus. Angesichts
der langen Verfahrensdauer im vorliegenden Fall besteht ein grosses Interesse an einer
möglichst beförderlichen Weiterführung, weshalb die Wahl der Gutachterstelle auf die
ABI GmbH gefallen ist. Die langjährige Erfahrung der Abteilung II des
Versicherungsgerichts des Kantons St.Gallen mit einer erheblichen Anzahl von
Gutachten der ABI GmbH deckt sich nicht mit den Ausführungen des
Beschwerdeführers in dessen Eingabe vom 18. November 2019 (act. G 4). Die ABI-
Gutachten haben nie Indizien für eine versichertenfeindliche Anamneseerhebung und -
darstellung, für eine versichertenfeindliche unvollständige oder nicht lege artis
durchgeführte Untersuchung oder für eine generelle Voreingenommenheit der
medizinischen Sachverständigen zulasten der untersuchten Versicherten enthalten.
Dass ab und zu Rückfragen erforderlich gewesen sind, entspricht der Erfahrung mit
den Gutachten anderer medizinischer Abklärungsstellen; darin kann offensichtlich kein
Indiz für eine Voreingenommenheit zulasten der untersuchten Versicherten gesehen
werden. Dass die von den medizinischen Sachverständigen der ABI GmbH erhobenen
Diagnosen und insbesondere deren Arbeitsfähigkeitsschätzungen meist nicht mit
denjenigen der behandelnden Ärzte übereingestimmt haben, entspricht der Erfahrung
mit den MEDAS-Gutachten allgemein und kann deshalb kein Indiz für eine
Voreingenommenheit der medizinischen Sachverständigen zulasten der Versicherten
sein, sondern dürfte wohl eher ein Indiz für eine Voreingenommenheit der Behandler
zugunsten ihrer Patienten sein. Der Vorwurf der generellen Befangenheit der
medizinischen Sachverständigen der ABI GmbH zulasten der untersuchten
Versicherten erweist sich deshalb als unberechtigt.
1.1.
Das immer wieder auftauchende Argument, die medizinischen Sachverständigen
der ABI-GmbH müssten schon deshalb zumindest dem objektiven Anschein nach
befangen sein, weil die ABI GmbH sehr viele Gutachten zuhanden der IV-Stellen
1.2.
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produziere und deshalb von diesen wirtschaftlich abhängig sei, ist offensichtlich nicht
stichhaltig, denn auch viele andere (kleinere) medizinische Abklärungsstellen erstellen
die meisten ihrer Gutachten zuhanden der Invalidenversicherung. Wäre das Argument
der wirtschaftlichen Abhängigkeit stichhaltig, wären wohl mindestens vier Fünftel aller
Gutachten für die Invalidenversicherung von dem objektiven Anschein nach
befangenen medizinischen Sachverständigen erstellt. Tatsächlich könnte nur dann von
der wirtschaftlichen Abhängigkeit der medizinischen Abklärungsstellen auf deren
Befangenheit zulasten der untersuchten Versicherten geschlossen werden, wenn den
IV-Stellen unterstellt würde, sie seien ebenfalls voreingenommen zulasten der
Versicherten. Die IV-Stellen hätten nämlich nur unter dieser Voraussetzung ein
Interesse an einem versichertenfeindlichen Gutachten einer medizinischen
Abklärungsstelle. Wer den medizinischen Abklärungsstellen also eine
Voreingenommenheit zulasten der untersuchten Versicherten und damit zugunsten der
IV-Stellen unterstellt, behauptet notwendigerweise eine Voreingenommenheit der IV-
Stellen zulasten der Versicherten. Diese Unterstellung würde wiederum zur
Schlussfolgerung zwingen, dass auch die Aufsichtsbehörde über die IV-Stellen
zulasten der Versicherten voreingenommen sein müsse, weil sie die
Voreingenommenheit der von ihr zugelassenen medizinischen Abklärungsstellen
ignoriere und damit de facto absegne. Die mit einer solchen den gesamten
Abklärungsapparat der Invalidenversicherung betreffenden Voreingenommenheit
zulasten der Versicherten verbundene Missachtung des Untersuchungsgrundsatzes
beziehungsweise der gesetzlichen Beweisführungs- und Beweiswürdigungsregeln
würde sowohl den Gleichbehandlungsgrundsatz als auch das Legalitätsprinzip
aushebeln, so dass die IV-Stellen generell als objektiv „anscheinsbefangen“ zu
betrachten wären, womit der Vollzug des IVG wohl zum Stillstand käme. Tatsächlich
kann aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit (was auch immer darunter zu verstehen ist)
natürlich nicht auf eine Befangenheit der medizinischen Abklärungsstellen geschlossen
werden, denn der Auftrag der IV-Stellen lautet immer, es sei eine streng objektive und
unvoreingenommene Abklärung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit
der Versicherten vorzunehmen. Einem erkennbar zulasten der untersuchten
versicherten Person voreingenommen abgefassten Gutachten wird jede IV-Stelle den
Beweiswert absprechen. Das gilt natürlich auch für das Versicherungsgericht des
Kantons St.Gallen. Daher können die medizinischen Sachverständigen der ABI GmbH
zum Vornherein keinen Anlass haben, zulasten des Beschwerdeführers
voreingenommen zu sein.
Einer Begutachtung des Beschwerdeführers durch die medizinischen
Sachverständigen der ABI GmbH steht somit nichts im Wege. Die Fragen an die
1.3.
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2.
Selbstverständlich wird das Versicherungsgericht die Sachverständigen der ABI GmbH
verpflichten, die Begutachtung soweit notwendig auf der Grundlage der in den Urteilen
des Bundesgerichtes BGE 141 V 281 und BGE 143 V 409 statuierten Vorgaben
vorzunehmen.
3.
Dieser Zwischenentscheid dürfte mittels einer Beschwerde beim Bundesgericht
angefochten werden können. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass dieses nur unter
den Voraussetzungen der Art. 92 f. BGG auf eine entsprechende Beschwerde eintreten
wird. Die Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen wird mit dem Entscheid in
der Hauptsache erfolgen.