Decision ID: e0c6a477-d6e6-4c5b-81ed-d8c0148f4a77
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 10. Januar 2014 stellte der damalige Rechtsvertreter des Vaters von A._ für
diesen, B._, sowie für die drei Kinder A._ (geb. 19_), D._ (geb. 19) und E._
(geb. 19_) beim Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen (SJD) ein
Gesuch um Gewährung von Sofort- und längerfristiger Hilfe sowie ein fristwahrendes
Gesuch um Entschädigung und Genugtuung. Im Begleitschreiben gab er an, die Kinder
seien nach der Scheidung der Eltern am 7. Juni 2001 zunächst unter der gemeinsamen
elterlichen Sorge verblieben, hätten den Wohnsitz jedoch bei der Mutter gehabt. Diese
sei 2002 zu ihrem neuen Lebenspartner F._ gezogen. Dieser habe die Kinder
während Jahren misshandelt und gequält. Der Täter sei zunächst mit Strafbescheid
vom 16. November 2010 für einige Übertretungen bestraft worden. Später sei bekannt
geworden, dass die Kinder auch Opfer von sexuellen Missbräuchen geworden seien.
Eine Strafuntersuchung sei wiederaufgenommen worden und das Strafverfahren sei
immer noch pendent. Nach Abschluss desselben werde er namens aller Geschädigten
die substantiierten Anträge nachreichen (act. G 3.1/1.1 und 1.1.1).
A.a.
Mit Verfügung vom 20. März 2014 sprach das Sicherheits- und Justizdepartement
des Kantons St. Gallen B._ einen Vorschuss von Fr. 15'000.-- zu. Die
Entschädigungs- und Genugtuungsbegehren aller vier Antragsteller hielt es bis zum
Abschluss des Strafverfahrens pendent. Zudem wurde den Antragstellern die
A.b.
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unentgeltliche Rechtsverbeiständung durch Rechtsanwalt Christoph Erdös gewährt
(act. G 3.1/1.2).
Am 25. Oktober 2016 teilte RA Erdös dem SJD mit, das Kreisgericht G._ habe
am 21. Mai 2015 ein Urteil erlassen, mit welchem es den Beschuldigten verurteilt und
bestraft habe. Dieses sei jedoch nicht rechtskräftig geworden, da sowohl der
Beschuldigte als auch die Staatsanwaltschaft Berufung dagegen erhoben hätten (act.
G 3.1/1.3). Mit Entscheid vom 5. April 2017 sprach sodann das Kantonsgericht
St. Gallen F._ der qualifizierten sexuellen Nötigung, der mehrfachen sexuellen
Handlung mit einem Kind, der versuchten und mehrfachen sexuellen Nötigung, der
mehrfachen Pornografie, der mehrfachen Freiheitsberaubung sowie der Nötigung,
unter anderem zum Nachteil von A._, schuldig und verurteilte ihn zu einer
Freiheitsstrafe von 6 1⁄2 Jahren. Gleichzeitig verpflichtete es den Täter (u.a.), A._ eine
Genugtuung von Fr. 10'000.--, zuzüglich 5 % Zins seit dem 1. Februar 2013, zu
bezahlen. Die noch nicht liquiden Entschädigungsforderungen verwies es auf den
Zivilweg (act. G 3.1/14). Der Entscheid erwuchs in Rechtskraft (act. G 3.1/7).
A.c.
Auf entsprechende Nachfrage des SJD erklärte RA Erdös am 7. und
11. September 2017, sein Mandat für die Kinder sei beendet. Die Kinder C._ und
E._ würden nun durch ihre jeweiligen Beistände vertreten, während A._ seines
Wissens nicht mehr verbeiständet sei. In Bezug auf den Vater bleibe er dagegen
mandatiert (act. G 3.1/2 f.). Am 11. September 2017 teilte sodann der Beistand von
E._ dem SJD mit, dass die Beistandschaft für A._ im Jahr 2016 aufgehoben
worden sei (act. G 3.1/5).
A.d.
Am 4. Dezember 2017 teilte das SJD A._ mit, das unbezifferte Gesuch vom
10. Januar 2014 sei nach wie vor pendent, und forderte sie auf, das Gesuch bis
18. Januar 2018 zu beziffern und zu begründen. Es fehlten insbesondere noch aktuelle
Informationen zu den Auswirkungen der Straftaten auf ihre psychische Gesundheit, die
für die Beurteilung des Genugtuungsbegehrens erforderlich seien (act. G 3.1/8).
Nachdem A._ darauf nicht reagiert hatte, setzte ihr das SJD am 25. Januar 2018 eine
neue Frist für die Gesuchsbegründung bis zum 19. Februar 2018 an. Gleichzeitig wies
es darauf hin, dass das Gesuch bei erneut unbenütztem Fristablauf mangels
Substantiierung abgewiesen werde (act. G 3.1/11). Mit undatierter Eingabe (Eingang
A.e.
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B.
SJD: 3. Mai 2018) reichte A._ diverse Unterlagen ein, vor allem ihre erstmalige
berufliche Ausbildung zur Bäckerin-Konditorin-Confiseurin, für welche die IV eine
Kostengutsprache erteilt hatte, sowie den medizinischen Zustand (psychiatrische
Behandlung und Beurteilung) betreffend (act. G 3.1/13).
Am 7. Mai 2018 teilte das SJD A._ mit, es werde davon ausgegangen, dass sie
mangels anderer Angaben die Auszahlung der gerichtlich zugesprochenen Genugtuung
beantrage. Andernfalls werde um Mitteilung ersucht (act. G 3.1/15). Nachdem
wiederum - mit Ausnahme der aktuellen Kontodaten (vgl. act. G 3.1/19) - keine
Reaktion seitens der Ansprecherin erfolgt war, sprach das SJD A._ mit Verfügung
vom 7. November 2019 eine Genugtuung von Fr. 10'000.-- zu. Das
Entschädigungsbegehren wurde "zufolge Gegenstandslosigkeit" abgeschrieben (act.
G 1.1).
A.f.
Gegen diese Verfügung richtet sich der vorliegende Rekurs vom 2. Dezember
2019 mit dem sinngemässen Antrag auf deren Aufhebung und Zusprechung höherer
Leistungen. Nachdem ihre Geschwister das 13- bis 15-fache an Entschädigung
erhalten hätten, werde sie sich nicht mit dem Minimumbetrag zufrieden geben. Sie
habe die gleichen traumatischen Erlebnisse gehabt wie die Geschwister (act. G 1).
B.a.
Mit Stellungnahme vom 10. Januar 2020 beantragt das SJD die Abweisung der
Beschwerde. Die Rekurrentin sei mehrfach aufgefordert worden, ihr vorsorglich
gestelltes Begehren abschliessend zu beziffern und zu begründen. Darauf habe sie
lediglich einige Unterlagen eingereicht, habe aber weder ein konkretes Begehren
gestellt noch sich auf sonstige Weise zu ihrem Gesuch geäussert. Auch auf weitere
Schreiben des SJD mit Mitteilungscharakter, woraus zu schliessen gewesen sei, dass
das SJD von einem Verzicht auf Entschädigung ausgehe und beabsichtige, lediglich
eine Genugtuung auszurichten, sei keine Reaktion der Rekurrentin erfolgt. In der Folge
sei angenommen worden, die Rekurrentin verzichte auf die Ausrichtung einer
Entschädigung, zumal sie jetzt eine Ausbildung im ersten Arbeitsmarkt mache und
voraussichtlich später in diesem würde arbeiten können (act. G 3).
B.b.
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Erwägungen
1.
Mit Replik vom 11. Februar 2020 beantragt die Rekurrentin nun die Ausrichtung
einer Schadenersatzsumme von Fr. 150'000 sowie eine Genugtuung von Fr. 30'000.--.
Sie sei unwissend gewesen und weder der Beistand noch die Therapeutin hätten ihr
helfen können. Keiner habe sie darüber aufgeklärt, dass Schadenersatz und
Genugtuung nicht das Gleiche betreffe. Die Schadenersatzsumme von Fr. 150'000.--
stehe ihr nach all den Erschwernissen und Blockaden, die sie zu verarbeiten habe, zu
(act. G 5).
B.c.
Die Vorinstanz verzichtet auf eine materielle Duplik (act. G 7).B.d.
Das Opfer und seine Angehörigen haben Anspruch auf eine Entschädigung für den
erlittenen Schaden infolge Beeinträchtigung oder Tod des Opfers. Der Schaden wird
nach den Artikeln 45 (Schadenersatz bei Tötung) und 46 (Schadenersatz bei
Körperverletzung) des Obligationenrechts (SR 220; abgekürzt: OR) festgelegt. Nicht
berücksichtigt werden Sachschaden sowie Schaden, welcher Leistungen der
Soforthilfe oder der längerfristigen Hilfe nach Artikel 13 auslösen kann.
Haushaltschaden und Betreuungsschaden werden nur berücksichtigt, wenn sie zu
zusätzlichen Kosten oder zur Reduktion der Erwerbstätigkeit führen (Art. 19 des
Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten [SR 312.5; abgekürzt: OHG]).
Die Entschädigung beträgt höchstens 120'000 Franken; keine Entschädigung wird
ausgerichtet, wenn sie weniger als 500 Franken betragen würde (Art. 20 Abs. 3 OHG).
1.1.
Das Opfer und seine Angehörigen haben Anspruch auf eine Genugtuung, wenn die
Schwere der Beeinträchtigung es rechtfertigt; die Artikel 47 und 49 OR sind
sinngemäss anwendbar (Art. 22 Abs. 1 OHG). Die Genugtuung wird nach der Schwere
der Beeinträchtigung bemessen. Sie beträgt höchstens 70'000 Franken für das Opfer
und 35'000 Franken für Angehörige. Genugtuungsleistungen Dritter werden abgezogen
(Art. 23 OHG). Die Genugtuung wird unabhängig von den Einnahmen der
anspruchsberechtigten Person ausgerichtet (Art. 6 Abs. 3 OHG).
1.2.
Die Strafverfolgungsbehörden informieren das Opfer über die Opferhilfe und leiten
unter bestimmten Voraussetzungen Name und Adresse an eine Beratungsstelle weiter.
Die entsprechenden Pflichten richten sich nach der einschlägigen Verfahrensordnung
(Art. 8 Abs. 1 OHG). Die Polizei und die Staatsanwaltschaft informieren das Opfer bei
1.3.
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2.
der jeweils ersten Einvernahme umfassend über seine Rechte und Pflichten im
Strafverfahren. Gleichzeitig informieren sie unter anderem über die Adressen und die
Aufgaben der Opferberatungsstellen, über die Möglichkeit, verschiedene
Opferhilfeleistungen zu beanspruchen, und über die Frist für die Einreichung von
Gesuchen um Entschädigung und Genugtuung (Art. 305 Abs. 1 und 2 lit. a bis c der
schweizerischen Strafprozessordnung (SR 312.0; abgekürzt: StPO).
Das Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen beurteilt
Entschädigungs- und Genugtuungsbegehren, gewährt Vorschüsse und macht
Rückgriffsansprüche des Staates geltend (Art. 31 des Einführungsgesetzes zur
Schweizerischen Straf- und Jugendstrafprozessordnung (sGS 962.1; abgekürzt: EG-
StPO) in Verbindung mit Art. 6 Abs. 3 der Strafprozessverordnung (sGS 962.11;
abgekürzt: StPV). Die zuständige Behörde stellt den Sachverhalt von Amtes wegen fest
(Art. 29 Abs. 2 OHG).
1.4.
In ihrer Verfügung vom 7. November 2019 ging die Vorinstanz davon aus, dass die
Rekurrentin auf die Beantragung einer Entschädigung verzichtet und lediglich die ihr
vom Strafgericht zugesprochene Genugtuung von Fr. 10'000.-- geltend gemacht habe,
und schrieb das vorsorglich gestellte Entschädigungsbegehren als gegenstandslos ab.
Im vorliegenden Rekursverfahren macht die Rekurrentin jedoch geltend, dass sie am
Entschädigungsgesuch festhalte, und bezifferte den zu ersetzenden Schaden
replicando auf Fr. 150'000.--, ohne diesen jedoch näher zu belegen. Zwar liess sie
unbestrittenermassen die von der Vorinstanz angesetzten Fristen jeweils unbenutzt
verstreichen. Indessen kann dieses Verhalten im vorliegenden Fall nicht dahingehend
interpretiert werden, dass die Rekurrentin damit auf die Ausrichtung einer
Entschädigung verzichtet hat. Vielmehr ist zu berücksichtigen, dass die Rekurrentin -
wie sich aus den von ihr am 3. Mai 2018 eingereichten Unterlagen ergibt - zu diesem
Zeitpunkt psychisch weiterhin labil war und dass dieser Zustand gerade auf die
Traumatisierung durch die erlittenen Straftaten zurückzuführen war. So ergibt sich etwa
aus der - in Bezug auf die Gesuchsbehandlung - echtzeitlichen ärztlichen Beurteilung
von Dr. med. H._, Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 13. Februar
2018, dass die Rekurrentin trotz erfreulicher Entwicklung bei einem Status nach
posttraumatischer Belastungsstörung, rezidivierenden depressiven Störungen in der
Vorgeschichte sowie der bis dato in Stresssituationen objektivierbaren Affektlabilität
und Reizbarkeit auf eine supportive Umgebung zum Aufrechterhalten eines stabilen
psychopathologischen Zustandsbildes angewiesen sei. Die Rekurrentin befinde sich in
einer Stabilisierungsphase, zeige jedoch bis dato die obgenannten psychischen
2.1.
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Einschränkungen (vor allem weiterhin Hyperreagibilität, Affektlabiliät). Jede grössere
Änderung (z.B. der Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes, grössere Konflikte)
könnte in dieser aktuellen Stabilisierungsphase potentiell immer noch zu einer
psychischen Dekompensation mit Aufleben der früheren traumatisierenden Ereignisse
oder einer Intensivierung bestehender Symptome führen (act. G 3.1/13.7). Im Weiteren
nahm auch der Lebenspartner der Rekurrentin nach der Aufforderung um
Gesuchsbegründung vom 25. Januar 2018 mit der Vorinstanz Kontakt auf und teilte ihr
mit, dass er der Rekurrentin helfe, das Gesuch zu stellen, und dass er zu diesem
Zweck nochmals mit RA Erdös Kontakt aufnehmen werde. Die Vorinstanz kündigte
darauf hin an, sich spätestens in einem halben Jahr wieder bei der Rekurrentin zu
melden (act. G 3.1/12). Es war somit auf Grund dieser Umstände damit zu rechnen,
dass die Rekurrentin - trotz der Tatsache, dass sie seit Erreichen der Volljährigkeit nicht
mehr unter Beistandschaft stand (act. G 3.1/5) - das Gesuch nicht ohne fremde Hilfe
rechtsgenüglich beziffern und substantiieren konnte, zumal sie sich zu diesem
Zeitpunkt in einer durch die IV mitfinanzierten beruflichen Massnahme (erstmalige
berufliche Ausbildung) befand (act. G 3.1/13.1).
Es stellt sich damit die Frage, ob sich die Vorinstanz bei der Bearbeitung des
Entschädigungsgesuchs damit begnügen durfte, der Rekurrentin wiederholt neue
Fristen anzusetzen und jenes schliesslich unter Berufung auf Art. 17 Abs. 2 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1; abgekürzt: VRP) als
gegenstandslos abzuschreiben.
2.2.
Gemäss Art. 17 Abs. 1 VRP setzt die Behörde den Beteiligten für die Mitwirkung
angemessene Fristen an. Werden die Fristen nicht eingehalten, so kann die Behörde
ohne Rücksicht auf die Säumigen verfügen, wenn sie dies angedroht hat (Art. 17 Abs. 2
VRP). Wenn die Behörde beabsichtigt, bei Nichtbefolgen einer Frist einen Entscheid zu
erlassen, ist die förmliche Androhung der Säumnisfolgen zwingend. Diese hat
schriftlich zu erfolgen (PK VRP/SG-Salim Rizvi/Simona Risi, Art. 15-17 N 64 mit
Hinweisen). Im vorliegenden Fall hat die Vorinstanz mit Schreiben vom 25. Januar 2018
zwar eine Frist bis 19. Februar 2018 angesetzt und dabei darauf hingewiesen, dass bei
ungenutztem Ablauf dieser Frist das Gesuch mangels Substantiierung abgewiesen
werde (act. G 3.1/11). Innert dieser gesetzten Frist hat sich allerdings der
Lebenspartner der Rekurrentin bei der Vorinstanz telefonisch gemeldet und weitere
Unterlagen in Aussicht gestellt, worauf die Vorinstanz auf eine weitere Fristansetzung
ausdrücklich verzichtet hat (vgl. act. G 3.1/12). Weitere sachdienliche Unterlagen
wurden denn auch von der Rekurrentin im Mai 2018 eingereicht (act. G 3.1/13). Im
anschliessenden Schreiben der Vorinstanz an die Rekurrentin vom 7. Mai 2018 wurde
2.3.
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keine neue Frist angesetzt. Vielmehr wurde einzig festgehalten, da die Rekurrentin
nichts zur Höhe der Forderung geschrieben habe, gingen sie davon aus, dass sie die
Auszahlung der gerichtlich zugesprochenen Genugtuung beantrage. Von einem
Verzicht auf die Entschädigung war nicht die Rede. Die Formulierung: "Sollte dies nicht
der Fall sein, ersuchen wir Sie um Mitteilung" stellt weder eine erneute Fristansetzung,
noch eine Androhung von Säumnisfolgen dar. Das muss vorliegend umso mehr gelten,
da die Vorinstanz in diesem Schreiben auch auf den Beizug weiterer Akten (Strafakten)
hinwies (act. G 3.1/15). Auch im Schreiben vom 4. Oktober 2018 wurden keinerlei
Säumnisfolgen angedroht, vielmehr wurde die Auszahlung der Genugtuung in Aussicht
gestellt, wofür eine aktuelle Kontoverbindung nötig sei (act. G 3.1/18). Die Rekurrentin
hat dieses Schreiben umgehend beantwortet (act. G 3.1/19). Es gilt somit festzuhalten,
dass eine förmliche Androhung der Säumnisfolgen (Abschreibung des Gesuchs um
Entschädigung zufolge Gegenstandslosigkeit) nie erfolgt ist. Da auch seitens der
Rekurrentin kein förmlicher Rückzug des Gesuchs um Entschädigung stattgefunden
hat, war die Vorinstanz nicht berechtigt, dieses Gesuch einfach als gegenstandslos
abzuschreiben.
Zudem stellt sich die Frage, ob die Vorinstanz verpflichtet gewesen wäre, die
Rekurrentin auf die Opferberatungsstellen und darauf aufmerksam zu machen, dass sie
dort bei der Begründung des Gesuchs Unterstützung findet und ihr gegebenenfalls ein
unentgeltlicher Rechtsbeistand vermittelt werden könnte (Kostenbeiträge für
längerfristige Hilfe Dritter [Art. 19 Abs. 3 OHG in Verbindung mit Art. 5 OHV]). Gemäss
dem Wortlaut des Gesetzes sind zwar primär die Polizei und die Staatsanwaltschaft -
somit die Strafverfolgungsbehörden - verpflichtet, auf die Angebote der
Beratungsstellen aufmerksam zu machen (Art. 8 Abs. 1 OHG, Art. 305 Abs. 1 und 2
lit. a bis c StPO). Indessen ist davon auszugehen, dass bei erkennbarem
Beratungsbedarf grundsätzlich sämtliche mit der Durchführung der Opferhilfe
befassten Behörden das Opfer über bestehende Angebote zu informieren haben. So
muss die Information des Opfers in allen Verfahrensabschnitten durch die jeweils
zuständige Behörde, also sach-, zeit- und opfergerecht erfolgen. Es genügt nicht, das
Opfer bei der ersten Einvernahme einmalig mit allen Informationen bezüglich des
möglichen künftigen Verfahrens zu bedienen, da dies die Betroffenen überfordert und
damit den Gesetzeszweck verfehlt. Die Informationspflicht umfasst nicht nur die
Verfahrensrechte im Strafverfahren, sondern auch die Schutzrechte und die Ansprüche
des Opfers auf Beratungshilfe sowie Entschädigung und Genugtuung (Nikolaus Tamm
in: Peter Gomm/Dominik Zehntner [Hrsg.], Kommentar zum Opferhilfegesetz, 3. Aufl.,
Art. 37 OHG N 55 [heute u.a. Art. 117 und Art. 152 ff. StPO]). Nach dem Willen des
Gesetzgebers soll das Opfer richtigerweise umfassend über all seine OHG-Rechte
2.4.
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informiert werden. Da nicht jedes Opfer die Hilfe der Beratungsstellen in Anspruch
nimmt oder sich erst zu einem späteren Zeitpunkt an diese wendet, ist es von den mit
der Strafverfolgung betrauten Behörden (auch) auf seinen Anspruch auf Entschädigung
und Genugtuung hinzuweisen. Es wäre nicht einzusehen, warum das Opfer im
Strafverfahren zwar über die Beratungshilfe und seine Verfahrensrechte, nicht aber
auch über seinen Anspruch auf Entschädigung und Genugtuung unterrichtet werden
sollte (Eva Weishaupt, Die verfahrensrechtlichen Bestimmungen des Opferhilfegesetzes
[OHG], S. 73). Zwar sind nach dem Gesagten grundsätzlich die
Strafverfolgungsbehörden gehalten, das Opfer umfassend über seine Rechte
aufzuklären. Dies erklärt sich wohl damit, dass der Gesetzgeber davon ausging, dass
das Opfer jedenfalls mit diesen in Kontakt kommt, und die entsprechenden
Bestimmungen bis 31. Dezember 2010 in den separaten Artikeln 34 bis 44 OHG
untergebracht waren. Seit Inkrafttreten der Schweizerischen Strafprozessordnung am
1. Januar 2011 sind die verfahrensrechtlichen Bestimmungen im bereits erwähnten Art.
305 Abs. 1 und 2 StPO (bzw. Art. 330 Abs. 3 StPO für die Strafgerichte) geregelt. Auch
wenn für die Informationspflicht anderer mit der Durchführung der Opferhilfe befassten
Behörden, wie - gemäss kantonalem Recht - die Vorinstanz, keine ausdrückliche
bundes- oder kantonalrechtliche Vorschrift besteht, ist jedenfalls nicht einzusehen,
weshalb die von der Literatur aufgeführten Gründe für eine umfassende Beratung des
Opfers in sämtlichen Verfahrensabschnitten (des Strafverfahrens) auf jene nicht
ebenfalls Anwendung finden sollten. Dies trifft vorliegend umso mehr zu, als die
Rekurrentin anlässlich der Durchführung des Strafverfahrens gegen den Täter und der
damit verbundenen vorsorglichen Gesuchsstellung vom Januar 2014 noch anwaltlich
vertreten war, sich damals - auch auf Grund ihres jugendlichen Alters - noch nicht
selber um die Einreichung und Begründung des Entschädigungsgesuchs kümmern
musste und der Schaden noch gar nicht liquid war. Nachdem nun die Rekurrentin nach
Erreichen der Volljährigkeit im März 2015 weder durch den damaligen Rechtsanwalt
noch durch den Beistand mehr vertreten und das Strafverfahren mittlerweile
rechtskräftig abgeschlossen ist (act. G 3.1/3, 5 und 7), die Strafverfolgungsbehörden
also nicht mehr informieren können, fällt die Rekurrentin gewissermassen in eine
informationelle Lücke. Schliesslich erscheint es auch unter dem Aspekt der
Untersuchungsmaxime (Art. 29 Abs. 2 OHG) nicht vertretbar, dass sich die Vorinstanz
lediglich mit der Ansetzung von Fristen begnügt. Es drängt sich daher der Schluss auf,
dass es - zumindest in der vorliegenden Konstellation - Aufgabe der Vorinstanz
gewesen wäre, die Rekurrentin bei erkennbarem Beratungsbedarf auf die Möglichkeit
hinzuweisen, sich zwecks juristischer Beratung und Substantiierung des
Entschädigungsgesuchs an eine Opferberatungsstelle ihrer Wahl wenden zu können.
Eine Abschreibung bzw. eine Abweisung mangels Substantiierung des Antrags würde
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3.
Im Weiteren beantragt die Rekurrentin die Ausrichtung einer Genugtuung in Höhe von
Fr. 30'000.--. Dem ist jedoch zunächst entgegen zu halten, dass ihr vom Strafgericht
eine Genugtuung in Höhe von Fr. 10'000.-- (zuzüglich 5 % Zins seit 1. Februar 2013)
zugesprochen wurde (Entscheid des Kantonsgerichts vom 5. April 2017, Erwägung VII.
5 [act. G 3.1/14]). Dieser Entscheid ist rechtskräftig (act. G 3.1/7). Wie die Vorinstanz
richtig ausgeführt hat, ist die Opferhilfebehörde bei der Prüfung der Angemessenheit
einer Genugtuung nicht an das Erkenntnis des Strafgerichts gebunden. Darauf kann
verwiesen werden (angefochtene Verfügung, Erwägung 4.b; vgl. insbesondere
Entscheid des Bundesgerichts 1C_542/2015 vom 28. Januar 2016, E. 4). Sie weist
sodann unter Hinweis auf BGE 132 II 117 E. 2.2.4 und Gomm in Gomm/Zehntner,
a.a.O., N 4 und 19 zu Art. 23, darauf hin, dass die opferhilferechtlichen
Genugtuungssummen in der Regel geringer ausfallen als die zivilrechtlichen
Genugtuungen. Indem die Vorinstanz der Rekurrentin eine Genugtuungssumme in
derselben Höhe wie die vom Kantonsgericht festgesetzte zivilrechtliche Genugtuung
zusprach, hat sie die fallspezifischen Umstände gebührend gewürdigt. Es bleibt damit
kein Raum, die Genugtuungssumme über das vom Strafgericht festgelegte Ausmass
hinaus festzusetzen.
4.
4.1. Nach dem Gesagten ist der Rekurs teilweise gutzuheissen und die Streitsache ist
bezüglich des Entschädigungsgesuchs im Sinn der Erwägungen an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Betreffend Genugtuung ist der Rekurs abzuweisen.
4.2. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 30 Abs. 1 OHG).