Decision ID: e21cd25c-a054-52d6-8c03-9b126b181a87
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2, azerischer beziehungsweise persi-
scher Ethnie mit letztem Wohnsitz in E._ (Provinz Hormozgan), ver-
liessen den Iran eigenen Angaben zufolge am 21. oder 22. November 2015
gemeinsam mit der Beschwerdeführerin 3 legal und reisten per Flugzeug
in die Türkei. Von dort aus gelangten sie via Griechenland und weitere eu-
ropäische Länder in die Schweiz. Am 1. Januar 2016 suchten sie im dama-
ligen Empfangs- und Verfahrenszentrum Altstätten um Asyl nach und wur-
den dort am 15. Januar 2016 summarisch zur Person befragt (BzP; Proto-
kolle in den vorinstanzlichen Akten A6/14 [Beschwerdeführer 1], A7/12 [Be-
schwerdeführerin 2]). Am 11. April 2017 hörte das SEM den Beschwerde-
führer 1 erstmals eingehend zu seinen Asylgründen an (A30/25). Diese An-
hörung setzte es am 24. Mai 2017 fort (A34/9). Gleichentags hörte das
SEM auch die Beschwerdeführerin 2 zu ihren Asylgründen an (A35/16).
Am 22. Oktober 2018 folgten ergänzende Anhörungen (A46/16 [Beschwer-
deführer 1], A47/8 [Beschwerdeführerin 2]).
Die am (...) geborene Beschwerdeführerin 4 wurde in das Asylverfahren
ihrer Eltern einbezogen.
B.
B.a Der Beschwerdeführer 1 begründete sein Asylgesuch wie folgt: Er
stamme aus E._. Im Alter von drei Jahren sei er mit seiner Familie
nach F._ gezogen. Sein Vater sei vor der Islamischen Revolution
(...) gewesen und nach dem Sturz der Monarchie nach G._ geflüch-
tet. Anschliessend sei er in H._ ausgewandert. Etwa 1984 sei er
infolge einer Generalamnestie in den Iran zurückgekehrt. Er, der Be-
schwerdeführer 1, habe nach der zwölfjährigen Schulzeit mit einem Diplo-
mabschluss in (...) und (...) im akademischen Jahr 1995/1996 während
zwei Semestern die (...) Fachhochschule für (...) in I._ (Provinz Is-
fahan) besucht. (...) habe er bei einem Wettbewerb mit seinem Design den
ersten Platz gewonnen. Daraufhin habe er als einer von zehn Studenten
einen Ehrenstudienplatz erhalten auf dem Gebiet der (...). Während der
Neujahrsfeiertage sei er bei einem Freund eingeladen gewesen. Am Abend
sei dessen Haus durch Truppen der Basidji (paramilitärische Miliz der ira-
nische Revolutionsgarde Sepah) gestürmt worden. Diese hätten ihn und
weitere Personen festgenommen und während vier Tagen inhaftiert und
gefoltert. Etwa 10 Tage später seien sie von einem Gericht freigesprochen
worden und es sei gesagt worden, dass es sich um ein Versehen gehandelt
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habe. In der Folge sei er aufgrund des Gerichtsverfahrens dennoch von
der Universität ausgeschlossen worden. Danach sei er zum Militärdienst
einberufen worden und habe diesen bei der Sepah im Bereich (...) absol-
viert. Im Anschluss habe er ab 1999 als (...) gearbeitet. Im Jahr (...) habe
er (...) internationalen (...) drei Auszeichnungen erhalten. Nachdem er vom
Festival zurückgekommen sei, sei er zweimal im Abstand von einem Jahr
von der Sepah mitgenommen worden, da sein (...) als politisch eingestuft
worden sei. Auch das Sittenministerium habe ihn daran hindern wollen, das
(...), und als dies nicht funktioniert habe, habe es verlangt, dass er (...)
solle. Daraufhin habe die Sepah ihm die Arbeit als (...) verboten, ihn zur
Scheidung von seiner ersten Ehefrau gezwungen und ihn nach E._
verbannt. Zur Kontrolle der Einhaltung habe er täglich eine Unterschrift leis-
ten müssen. Zweimal jährlich habe er Urlaub erhalten. Während der Ver-
bannung habe er sich bei der (...) von J._ als (...) betätigt, sei dann
zum (...) und (...) geworden. Er habe auch als Subunternehmer für eine
Firma gearbeitet; diese Stelle sei von der Sepah übernommen worden,
nachdem Mahmud Ahmadinejad (im Jahr 2005) ins Amt gewählt worden
sei. Die Verbannung habe etwa sechs Jahre gedauert. Betreffend die an-
schliessende Zeit (ab ca. 2007/2008) habe er ein Blackout. Gemäss seiner
Frau habe er damals während eineinhalb Jahren mit ihr zusammen ein Ge-
schäft für (...) in F._ geführt, das auf seine Schwester zugelassen
gewesen sei. Er gehe davon aus, dass ihm in dieser Zeit etwas zugestos-
sen sei. Er könne sich aber an nichts erinnern, auch nicht an den Grund
der zweiten Verbannung nach E._ durch die Sepah etwa im Jahr
2009. Im Rahmen der zweiten Verbannung habe er als (...) bei einem Un-
ternehmen namens K._. im (...)handel gearbeitet. Parallel dazu sei
er während vier Monaten für die (...) zuständig gewesen, den eine Ahma-
dinejad gehörende Firma importiert habe. Ab 2013 habe er sich als selb-
ständiger Lizenznehmer der K._. betätigt, wobei sein Betrieb
L._. auf eine andere Person eingetragen gewesen sei. Im Frühjahr
2013 sei seine Verbannung aufgehoben worden, woraufhin seine Familie
im April desselben Jahres zu ihm gezogen sei. Da er sich sicher gefühlt
habe, habe er sich im Hintergrund dafür eingesetzt, die Löhne der Arbeiter
zu erhöhen und eine Versicherung für diese abzuschliessen, wozu auch
ein Streik organisiert worden sei; es habe auch keine richtige Schutzklei-
dung für die Arbeit mit Substanzen wie Aluminiumpulver gegeben. Eines
Tages habe ihm die Direktion der L._. die Stempel und Briefbögen
entzogen, wodurch er und alle seine rund 150 Arbeiter arbeitslos geworden
seien. Er habe daraufhin beim Arbeitsamt Klage eingereicht, um Lohnaus-
stände geltend zu machen und zu erreichen, dass sein Personal die Arbeit
wieder aufnehmen könne. Anlässlich einer Verhandlung vom (...) habe der
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Leiter der Arbeitsamtbehörde, der ihn gut gekannt habe, ihm geraten, nach
M._ zu reisen, um den Grund seiner Probleme zu erfahren. Dort
habe er einen guten Bekannten, einen Freund des Ehemanns seiner
Schwester, den er seit der Studienzeit kenne, kontaktiert (Anmerkung: ge-
mäss der Ergänzung in der Beschwerde handelt es sich bei diesem um ein
hochrangiges Mitglied des Sicherheitsdienstes der geistlichen Führung
Irans). Dieser habe ihm gesagt, sein Dossier aus seiner Zeit als (...) sei
wieder aufgerollt worden, nachdem er in der (...) in einem Gespräch über
die Probleme im Iran etwas gesagt habe, was er nicht hätte sagen sollen
und was der Inspektionsbeauftragte (...) mitangehört habe. Sein Bekannter
habe ihm zur Ausreise geraten und diese für ihn in die Wege geleitet. Er,
der Beschwerdeführer 1, habe einen Reuebrief an die Sepah geschrieben,
in dem er diesen versprochen habe, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Er
habe der Sepah zum Zeichen seiner Reue ausserdem einen (...) ge-
schenkt. Zudem habe er mit Hilfe seines Bekannten in E._ einen
Pass beantragt. Dies unter dem Vorwand, eine Pilgerfahrt zum (...) von
N._ in O._ (Irak) machen zu wollen, um Absolution für seine
Sünden zu erhalten. Seine Frau habe bereits einige Zeit vorher einen Pass
beantragt. So seien sie mit Hilfe des Bekannten legal von E._ via
Teheran ausgereist. Als er von Griechenland aus etwa am 9. oder 10. De-
zember 2015 seine Familie angerufen habe, habe ihm diese gesagt, dass
Personen bei ihnen nach seinem Verbleib gefragt hätten.
Überdies habe er seit 2005 auf verschiedenen Social Media-Plattformen
regimekritisch über Tagesthemen im Iran und staatliche Korruption berich-
tet sowie seine Meinung über den Islam geäussert. Entsprechende Neuig-
keiten habe er aufgrund seiner Tätigkeit (...) sowie von Personen erfahren,
die für das Regime gearbeitet hätten. Er habe zwei Facebook-Seiten und
eine Privatgruppe (...) geführt, zudem sei er Mitglied einer Privatgruppe
von (...) gewesen. Ferner habe er gemeinsam mit fünf anderen Personen
eine (...)-Gruppe unter dem Namen (...) geführt, der 3 Millionen Menschen
gefolgt seien. Inhalte habe er über einen Server in den USA anonym hoch-
geladen. Diese Tätigkeit habe er in der Schweiz weitergeführt. Am 10. Feb-
ruar 2017 habe er jedoch versehentlich von seinem Handy aus statt an
seine Privatgruppe eine Nachricht an die (...)-Gruppe geschickt, wodurch
sein Name publik geworden sei. Tags darauf sei die Gruppe durch die Se-
pah gehackt worden. Diese habe dann in der Gruppe eine Nachricht plat-
ziert, wonach die Gruppe aufgrund pornografischer Veröffentlichungen und
Verbreitung shariafeindlicher Meinungen gesperrt werde, die Mitglieder die
Gruppe verlassen sollten und die Inhaber rechtlich verfolgt würden. Seither
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habe er seine Aktivitäten – auch aufgrund seiner angeschlagenen Gesund-
heit – reduziert; so habe er in einer Gruppe noch einiges über die Präsi-
dentschaftswahlen geschrieben. Zudem sei etwa ein bis zwei Monate,
nachdem er einen Tweet über ein Treffen von P._ mit dem irani-
schen Präsidenten kommentiert habe, ein Brandanschlag auf das Haus
seines Vaters verübt worden; dieses sei zur Hälfte abgebrannt.
B.b Die Beschwerdeführerin 2 bezog sich auf die Ausreisegründe ihres
Ehemannes. Im Übrigen gab sie an, sie sei 2010/2011 einmal von der Sit-
tenpolizei wegen eines Verstosses gegen die Kleidervorschriften für ein
paar Stunden festgehalten und respektlos behandelt worden; für den Wie-
derholungsfall sei ihr eine Gefängnisstrafe angedroht worden. Auch bei der
Ausreise aus dem Iran habe es Schwierigkeiten gegeben. Weil sie eine
enge Hose getragen habe, habe sie die Sittenpolizei am Flughafen aufge-
halten; um ins Flugzeug steigen zu dürfen, habe sie eine Hose ihres Man-
nes anziehen müssen.
B.c Zum Beweis ihrer Identität reichten die Beschwerdeführenden fol-
gende Ausweise und Dokumente zu den Akten: Kopien ihrer Reisepässe
sowie Originale der Heiratsurkunde, der Melli-Karten, der Shenasnameh
der Beschwerdeführerin 3 sowie mehrerer Schul- und Ausbildungsunterla-
gen. Ihre Vorbringen stützen sie mittels Arbeitsverträgen und Unterlagen
zur Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers 1, inklusive einer Klage gegen
den Arbeitgeber, mehreren ärztlichen Berichten, diverser Auszüge aus dem
Internet sowie Fotografien der Reise nach Westeuropa.
C.
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2018 – eröffnet am 31. Oktober 2018 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte die Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
D.
Mit Beschwerde ihrer Rechtsvertreterin vom 30. November 2018 gelangten
die Beschwerdeführenden an das Bundesverwaltungsgericht. Sie bean-
tragten, die Verfügung des SEM sei aufzuheben und die Sache sei zur rich-
tigen und vollständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und
neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die
angefochtene Verfügung aufzuheben und ihnen Asyl zu gewähren, even-
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tualiter seien sie als Flüchtlinge respektive eventualiter wegen Unzulässig-
keit oder eventuell Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig
aufzunehmen.
Zum Beweis ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden einen Be-
richt des Arbeitgebers des Beschwerdeführers 1 vom 27. September 2018,
Screenshots betreffend die Administration des (...)kanals «(...)» sowie ei-
nen Bericht von Amnesty International (AI) vom 22. Februar 2018 über die
Lage im Iran.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Dezember 2018 forderte die Instruktions-
richterin die Beschwerdeführenden zur Bezahlung eines Kostenvorschus-
ses in der Höhe der mutmasslichen Verfahrenskosten auf. Dieser wurde
fristgerecht geleistet.
F.
Das SEM äusserte sich mit Vernehmlassung vom 17. Januar 2019 zur Be-
rücksichtigung des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers 1 an-
lässlich der Befragungen. Im Übrigen führte es aus, die Beschwerdeschrift
enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche
eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten.
G.
Am 21. Februar 2019 reichten die Beschwerdeführenden eine Replik ein.
In diesem Zusammenhang legten sie 12 weitere Beweismittel, insbeson-
dere einen Beleg betreffend die Kontaktierung einer iranischen Anwalts-
kanzlei und Nachweise des exilpolitischen Engagements des Beschwerde-
führers 1 ins Recht.
H.
Mit Eingabe vom 21. August 2019 machte der Beschwerdeführer 1 geltend,
sein Instagram-Account sei gehackt worden. Diesbezüglich reichte er drei
weitere Beweismittel zu den Akten.
I.
Am 21. August 2020 reichte der Beschwerdeführer 1 eine Behandlungsbe-
stätigung des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer vom 27. Juli 2020
ein und bat darum, den in Aussicht gestellten Bericht abzuwarten.
J.
Mit Verfügung vom 1. Dezember 2021 setzte die Instruktionsrichterin dem
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Beschwerdeführer 1 Frist an, um mitzuteilen, ob er sich weiterhin in psy-
chologischer oder psychiatrischer Behandlung befinde, und gab ihm Gele-
genheit, gegebenenfalls einen aktuellen ärztlichen Bericht einzureichen.
K.
Mit Eingabe vom 16. Dezember 2021 reichten die Beschwerdeführenden
einen Bericht des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer vom 15. De-
zember 2021 betreffend den Beschwerdeführer 1 und Screenshots von
Nachrichten von Freunden sowie einen Beurteilungsbericht des Schuljah-
res 2020/2021 betreffend die Beschwerdeführerin 3 zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016
3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das alte Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
diese ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich vorliegend nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Die Beschwerdeführenden beantragen primär die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz.
In diesem Zusammenhang erheben sie verschiedene Rügen, die eine un-
richtige und unvollständige Erhebung des Sachverhalts durch die Vor-
instanz zum Gegenstand haben. Zur Begründung führen sie insbesondere
an, das SEM habe bei der Erstellung des Sachverhalts nicht berücksichtigt,
dass der Beschwerdeführer 1 gemäss den vorliegenden Arztberichten an
einer starken posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und damit ein-
hergehenden Erinnerungslücken leide. Zudem habe es eine ungeeignete
Fragetechnik angewandt, die eingereichten Beweismittel nicht amtlich
übersetzen lassen und gewisse Beweismittel nicht abgenommen.
3.2 Der Kassationsantrag erweist sich grundsätzlich als begründet.
3.2.1 Aufgrund der vorliegenden Arztberichte ist erstellt, dass sich der Be-
schwerdeführer 1 nach einem schweren Sturz aufgrund einer am ehesten
psychosomatisch bedingten Gang- und Standunsicherheit am 24. Dezem-
ber 2016 ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog und bis am 17. Januar 2017 im
Spital versorgt werden musste. Nach einem psychosomatischen Konsil am
10. Januar 2017 wurde für Anfang Februar 2017 ein stationärer Aufenthalt
in einer psychosomatischen Klinik geplant (A31 Beilage 17, Bericht vom
16. Januar 2017). Nach der Entlassung stellte sich der Beschwerdefüh-
rer 1 wegen einer persistierenden schweren psychosozialen Belastungssi-
tuation mit Herzstolpern und einem thorakalen Druckgefühl dreimal erneut
notfallmässig im Spital vor (A31 Beilage 17, Berichte vom 28. und 30. Ja-
nuar 2017, 2. Februar 2017). Vom 6. bis 31. März 2017 wurde der Be-
schwerdeführer 1 stationär in der Universitätsklinik für Neurologie – Abtei-
lung psychosomatische Medizin des (...) behandelt. In der Folge wurde mit
Berichten vom 5. April und 3. Mai 2017 eine schwere komplexe PTBS (ICD-
19: F43.1) diagnostiziert mit regelmässig auftretenden Intrusionen und
Flashbacks, Ein- und Durchschlafstörungen, erhöhter Schreckhaftigkeit,
Hypervigilanz, Konzentrationsschwierigkeiten, dissoziativen Störungen
des Bewusstseins und der Motorik sowie passageren Schwindelattacken,
aufgetreten nach Gefangenschaft, Gewalterfahrung und Misshandlung in
Gefangenschaft, Verbannung im Heimatland sowie nach lebensgefährli-
cher Flucht. Im Bericht vom 5. April 2017 wird ausserdem festgehalten, für
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die bevorstehende erste Anhörung des Beschwerdeführers 1 vom 11. April
2017 sei auf die eingeschränkte Belastbarkeit des Patienten unbedingt
Rücksicht zu nehmen. Aufgrund der eingeschränkten Konzentrationsfähig-
keit seien regelmässige Pausen dringend wünschenswert (A31 Beilage 2).
Die erste einlässliche Anhörung fand demnach kurz nach der Entlassung
des Beschwerdeführers 1 aus dem stationären Aufenthalt in der psychoso-
matischen Klinik mit vorgängigem dreiwöchigen Spitalaufenthalt statt. Sie
dauerte mit der Rückübersetzung trotz des vorliegenden Arztberichts rund
10 Stunden, von 9.40 bis 18.30 Uhr, war aber durch vier Pausen von 11.00-
11.20, 12.30-13.15, 15.00-15.15 und 16.45-17.10 Uhr unterbrochen. Die
Hilfswerkvertretung merkte an, der Beschwerdeführer 1 wirke sehr über-
fordert, nervös und aufgeregt (A30 S. 25). Auch er selbst gab zum Ende
der Anhörung hin an, sich nicht mehr konzentrieren und nicht mehr folgen
zu können (A30 F201). Der Bericht vom 3. Mai 2017 erklärt erneut, der
Beschwerdeführer 1 sei nur bedingt belastbar und es sei von einer maximal
zumutbaren Interviewdauer von vier Stunden an einem Tag auszugehen
(A32); dies hielt das SEM für die folgenden Anhörungen ein (A34, A46).
Gemäss dem aktuellen Bericht des Ambulatoriums für Folter- und Kriegs-
opfer vom 15. Dezember 2021 leidet der Beschwerdeführer 1 an einer
Traumafolgestörung mit/bei PTBS (ICD-10 F43.1), anhaltender Persönlich-
keitsveränderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0), dissoziativer Stö-
rung (ICD-10 F44.9) bei Verdacht auf partielle dissoziative Identitätsstö-
rung (ICD-11: 6B64), mittelgradig depressiver Episode (ICD-10: F32.1) und
Panikstörung (ICD-10 F41.0) und befindet sich in regelmässiger Therapie.
3.2.2 Der Rüge, es habe den Gesundheitszustand des Beschwerdefüh-
rers 1 bei der Sachverhaltserstellung unzureichend berücksichtigt, hält das
SEM entgegen, im Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz hätten die Be-
schwerdeführenden weder psychische noch physische Probleme geltend
gemacht (A6 S. 11; A7 S. 9). Daher sei davon auszugehen, dass die Asyl-
gründe bei der BzP ohne irgendwelche Beeinträchtigungen hätten darge-
legt werden können. Dabei übersieht es den summarischen Charakter der
Erstbefragung. Diese kann einem Fall wie dem vorliegenden mit einem
ganzen Komplex an Gründen, die schliesslich zur Ausreise führten, nicht
gerecht werden; zudem konnten die relevanten Asylgründe lediglich ange-
tönt und nicht weiter ausgeführt werden. Sodann brachte der Beschwerde-
führer 1 die erwähnten Arztberichte inklusive des Berichts vom 5. April 2017
zur Anhörung mit und wurde dazu auch kurz angehört. Dass er seine ge-
sundheitlichen Schwierigkeiten mit der Anhörung gemäss den Ausführun-
gen der Vorinstanz erst am Schluss derselben erwähnte, trifft damit nicht
zu. Dennoch ergibt sich aus dem Protokoll der ersten Anhörung auch, dass
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der Beschwerdeführer 1 den Fragen der Vorinstanz trotz der gesundheitli-
chen Einschränkungen offenbar folgen konnte und stimmige Aussagen zu
seinen Ausreisegründen machte. Er ist damit seiner Mitwirkungspflicht
(Art. 8 AsylG) nachgekommen, soweit es ihm aufgrund der Umstände mög-
lich war.
3.2.3 Die Beschwerdeführenden bringen zu Recht vor, dass die Fragetech-
nik der Vorinstanz ungenügend war. Diese war geprägt durch das Abfragen
einzelner Lebensstationen mit zahlreichen Hinweisen an den Beschwerde-
führer 1, sich kurz zu fassen oder Ereignisse verkürzt darzustellen (siehe
etwa A30 F7, 69, 123, 126) und mit Unterbrechungen seiner Antworten auf
für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft relevante Fragen bezie-
hungsweise wesentlichen Aussagen wie die erlittene Folter, den daran an-
schliessenden Ausschluss aus der Universität oder die Erstellung und
Funktionsweise seiner (...)-Gruppe (vgl. etwa A30 F121, 125, 144 f.; A46
F25 ff., 84 ff.). Auf diese Weise konnte das SEM den Sachverhalt punktuell
erfassen; der Gesamtzusammenhang der Ausreisegründe ergibt sich da-
her erst nach mehrmaliger Lektüre, wobei aufgrund der Konzentration auf
konkrete Fragen – wie etwa das Datum eines Ereignisses oder den Grund
für Benachteiligungen des Beschwerdeführers 1 – einige Lücken bestehen
bleiben. Offene Fragen, bei denen er ausführlich über seine Ausreise-
gründe berichten konnte, wurden dem Beschwerdeführer 1 nur wenige ge-
stellt. Diesbezüglich wären insbesondere detailliertere Angaben zu den
weiter zurückliegenden Aktivitäten und die erlittenen Behelligungen im Zu-
sammenhang mit seinem Studium, die Zeit nach dem Festival «(...)», den
Militärdienst sowie betreffend das Engagement auf den sozialen Medien
und die dazu verwendeten Quellen von Interesse gewesen.
3.2.4 Ebenfalls berechtigt ist das Vorbringen, dass das SEM sich mit den
eingereichten Beweismitteln nicht hinreichend auseinandergesetzt hat und
die fremdsprachigen Beweismittel hätte übersetzen lassen müssen, soweit
nicht klar abschätzbar ist, dass darauf im Sinne einer antizipierten Beweis-
würdigung verzichtet werden kann. Ausserdem hat sie es versäumt, dem
Beschwerdeführer 1 Gelegenheit zur Stellungnahme zu im Entscheid ge-
gen ihn angeführten Ungereimtheiten betreffend den letzten Arbeitstag,
den Militärdienst und den Zeitpunkt der Festnahme einer Ehefrau eines
Mitgliedes aus seinem (...)-Kanal zu geben. Damit liegt eine mehrfache
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG) vor. Zulässig erscheint hingegen, dass die Vorinstanz den Be-
schwerdeführer 1 anwies, Nachrichtenverläufe auf seinem Handy ausge-
druckt und übersetzt einzureichen (A30 F139 f.), welcher Aufforderung er
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denn auch (bis auf die fehlende Übersetzung) bei der Fortsetzung der An-
hörung nachkam (vgl. A34 F13 ff., A31 Beweismittel 16).
3.3 Eine nicht besonders schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs kann ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die betroffene Person
die Möglichkeit erhält, sich vor einer Rechtsmittelinstanz zu äussern, die
sowohl den Sachverhalt wie auch die Rechtslage frei überprüfen kann. Un-
ter dieser Voraussetzung ist darüber hinaus selbst bei einer schwerwiegen-
den Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör von einer Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz abzusehen, wenn und soweit die Rück-
weisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzö-
gerungen führen würde, die mit dem Interesse der betroffenen Partei an
einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären
(vgl. BGE 137 I 195 E. 2.3.2 m.w.H. und statt vieler das Urteil des BVGer
D-4095/2021 vom 11. Oktober 2021 E. 6.1).
Im vorliegenden Fall ergibt sich, trotz der festgestellten Mängel in dessen
Erstellung, ein Sachverhalt, der es erlaubt, die Ausreisegründe des Be-
schwerdeführers 1 einer hinreichenden Würdigung hinsichtlich der Glaub-
haftigkeit zu unterziehen. Die Gesamtbetrachtung der Akten zeigt ein zu-
sammenhängendes, weitgehend stimmiges Bild, das sich von den Ausbil-
dungsjahren des Beschwerdeführers 1 bis zur Ausreise und Fortsetzung
seines politischen Engagements in der Schweiz erstreckt (vgl. die ausführ-
liche Darstellung unter Sachverhalt Bst. B.a sowie nachfolgend E. 4 ff.).
Mithin erweist sich der rechtserhebliche Sachverhalt trotz der festgestellten
Mängel als hinreichend vollständig und richtig erstellt, um das für die Be-
schwerdeführenden günstige Eventualbegehren um Feststellung der
Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl vollumfänglich gutzuheis-
sen (vgl. E. 4 ff.). Daher können die festgestellten Gehörsverletzungen als
geheilt gelten und kann auf eine Rückweisung der Sache zur erneuten Be-
fragung und neuem Entscheid verzichtet werden. Der Nutzen einer weite-
ren Anhörung erscheint angesichts des neuesten medizinischen Berichts
des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer vom 15. Dezember 2021
überdies stark eingeschränkt und dem Beschwerdeführer 1 kaum zumut-
bar.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz erachtet die Ausführungen des Beschwerdeführers 1
hinsichtlich der Ausreisegründe als unglaubhaft. Zur Begründung führt sie
aus, die behaupteten behördlichen Massnahmen, die Verbannung, die In-
ternetaktivitäten im Iran und die Umstände der Ausreise seien mit keinen
sachdienlichen Beweismitteln belegt. Sodann falle auf, dass er etwa be-
züglich des Verbleibs seiner Pässe, des letzten Arbeitstages, des Militär-
dienstes und den Zeitpunkt der Festnahme einer Ehefrau eines Mitgliedes
aus seiner (...)-Gruppe divergierende Angaben gemacht habe. Die Zweifel
am geltend gemachten Sachverhalt würden insbesondere dadurch ver-
stärkt, dass seine Ausführungen über die angebliche jahrelange Verban-
nung und die geheimen Aktivitäten im Internet äusserst vage, unsubstan-
ziiert und allgemein geblieben seien; so habe er beispielsweise nicht sagen
können, vor welchen Gerichten er gestanden habe (A46 F25–35) und sehr
allgemein über die Ereignisse gesprochen, die zur Ausreise geführt hätten
(ebd. F72–81). Konkrete Gründe, weswegen er plötzlich Probleme bekom-
men sollte, habe er nicht angegeben. Es sei denn auch realitätsfremd und
mit der behaupteten oder befürchteten Verfolgung nicht vereinbar, dass er
mit einem Pass auf seinen Namen legal ausgereist sein wolle. Dies werde
dadurch verstärkt, dass er behauptet habe, bereits eine Woche vor der
Ausreise sei die Ehefrau eines Mitgliedes seiner Gruppe festgenommen
worden (A46 S. 13). Hinsichtlich der geltend gemachten Verbannung mute
es absurd an, dass der Beschwerdeführer 1 sich täglich zur Unterschrift
habe melden müssen, seine Frau gleichzeitig aber aussage, er habe sich
einmal für eineinhalb Jahre bei ihr versteckt, was niemand bemerkt habe
(A35 S. 5; A37 S. 3 f.). Die Gesamtwürdigung führe zum Schluss, dass sich
die Beschwerdeführenden auf eine konstruierte und wenig plausible
Asylbegründung abstützten, und dass so das Geschilderte nicht oder zu-
mindest nicht im vorgebrachten Kontext erlebt haben könnten.
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Im Übrigen prüfte das SEM die Vorbringen des Beschwerdeführers 1 auf
ihre Asylrelevanz hin. Dazu hält es fest, es schliesse nicht aus, dass er
mehrmals für kurze Zeit festgehalten worden sein könnte oder verbannt
worden sei, auch wenn dies nicht belegt sei oder auch andere Gründe als
die angegeben haben könnte. Seine diesbezüglichen Ausführungen seien
nicht glaubhaft. Selbst bei angenommener Richtigkeit dieser Ereignisse
würden diese jedoch den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die Intensität
und an die Aktualität nicht standhalten. Der Beschwerdeführer 1 habe
selbst angegeben, er habe in den letzten drei Jahren vor der Ausreise ein
ausgezeichnetes Leben geführt (A30 F135). Er könne auch aus der Tatsa-
che, dass ihm mehrmals die Stelle gekündigt worden sei respektive ihm
sein letzter Arbeitgeber noch Geld schulde, keine Asylrelevanz herleiten,
handle es sich hierbei doch nicht um eine Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG. Das SEM schliesse daher aus, dass er im Zeitpunkt seiner Ausreise
asylrelevante Nachteile erlitten habe oder ihm konkret solche gedroht hät-
ten. Das Gesagte gelte auch für die Beschwerdeführerin 2. Schliesslich
seien auch die politischen Aktivitäten nicht geeignet, eine Furcht vor flücht-
lingsrelevanten Nachteilen im Falle einer Rückkehr in den Iran zu begrün-
den. Dass der Beschwerdeführer 1 bereits im Iran im Internet aktiv gewe-
sen sein könnte, schliesse das SEM nicht aus, auch wenn es keine glaub-
haft dargelegten Anhaltspunkte dafür gebe. Er habe auch weder plausibel
erklären noch belegen können, dass ihm aufgrund der Internetaktivitäten
in der Schweiz seitens der heimatlichen Behörden ernsthafte Nachteile
drohen könnten respektive er hätte identifiziert werden können (vgl. A46
F82–88), zumal er ansonsten keinerlei exilpolitischen Aktivitäten ausgeübt
habe. Dass seine Gruppe gehackt worden sein solle, sei – abgesehen da-
von, dass Chatverläufe von Personen mit entsprechenden Computerkennt-
nissen leicht selber produziert werden könnten – allein kein Beleg dafür,
dass er vom iranischen Geheimdienst identifiziert worden sei und darüber
hinaus verfolgt werden sollte. Auffallend in diesem Zusammenhang sei,
dass von Seiten des iranischen Geheimdienstes offensichtlich bis heute
keine weiteren Nachforschungen bei den Familienangehörigen erfolgt
seien (A30 S. 17; A34 F21; A35 F29; A46 S. 7 f.; A47 S. 2 f.). Selbst wenn
die Brüder des Beschwerdeführers 1 im Iran inzwischen ihre Arbeit verlo-
ren haben sollten (A46 S. 7), ein Bruder der Beschwerdeführerin 1 wegen
Alkoholkonsums festgenommen worden sein solle (A47 S. 2) und es an-
geblich einen Brandanschlag auf das Haus der Eltern des Beschwerdefüh-
rers 1 gegeben habe (A46 S. 2, 8) – was erneut alles allein auf den Aussa-
gen der Beschwerdeführenden beruhe und nicht belegt sei – könnten sie
daraus für sich nichts herleiten, gebe es doch keine Anhaltspunkte auf eine
E-6818/2018
Seite 14
politisch motivierte Verfolgung der Familienangehörigen oder eine Verbin-
dung dieser Ereignisse zu den Beschwerdeführenden. Es würden somit
keine Anhaltspunkte für die Annahme bestehen, im Iran wäre gegen sie
aufgrund der geltend gemachten Aktivitäten behördliche Massnahmen ein-
geleitet worden. Insgesamt bestehe damit kein Grund zur Annahme, dass
der Beschwerdeführer 1 aufgrund seiner exilpolitischen Aktivitäten in der
Schweiz bei einer Rückkehr in den Iran eine Verfolgung beziehungsweise
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hätte.
5.2 Vorab ist festzustellen, dass das Gericht den Beschwerdeführer 1 auf-
grund der Gesamtwürdigung der Akten als persönlich glaubwürdig erach-
tet. Er kam seiner Mitwirkungspflicht jederzeit nach (vgl. vorne E. 3.2.2),
reichte mehrere Identitätsnachweise und diverse Beweismittel ein und ver-
schwieg nicht, dass er und seine Familie legal mit ihren eigenen Pässen
ausgereist seien. Im Übrigen legte er seine persönlichen Lebensumstände
ausführlich dar, soweit ihm dazu durch die Vorinstanz Gelegenheit gege-
ben wurde. Aus seinen Schilderungen ergibt sich in Berücksichtigung
sämtlicher wesentlicher Umstände eine schlüssige Sachdarstellung, die
sich ohne weiteres in den iranischen Kontext einfügt. Einzelne unwesentli-
che Ungereimtheiten vermögen dieses Bild nicht zu trüben. Die persönli-
che Glaubwürdigkeit ist in die Gesamtbeurteilung der Glaubhaftigkeit der
Aussagen des Beschwerdeführers miteinzubeziehen. Dabei sind auch die
ungünstigen Umstände der Sachverhaltsermittlung zu berücksichtigen.
5.3 Da die Beschwerdeführenden berechtigte Einwände gegen die Ein-
schätzung der Vorinstanz erheben, werden diese nachfolgend direkt im
Rahmen der gerichtlichen Glaubhaftigkeitsprüfung dargelegt.
Die Beschwerdeführenden halten den Ausführungen der Vorinstanz zu
Recht entgegen, die Aussagen des Beschwerdeführers 1 würden trotz der
aktenkundigen Erinnerungslücken und Konzentrationsschwierigkeiten
zahlreiche positive Glaubhaftigkeitselemente aufweisen. Dazu zählen der
Detaillierungsgrad der Erzählung; die für ihn nur schwer erinnerbaren, weit-
gehend stimmigen Zeitangaben; das Erwähnen zahlreicher Nebensäch-
lichkeiten und Gedankengänge; das sprunghafte Aussageverhalten,
wodurch der Sachverhalt teilweise zunächst schwer fassbar ist, wobei er
sich bei eingehender Betrachtung als schlüssig und stimmig erweist; das
Erwähnen ungewöhnlicher Details (vgl. A34 F50; A30 F95); das Relativie-
ren seines exilpolitischen Engagements und die Geltendmachung der le-
galen Ausreise, obwohl eine solche zunächst wenig plausibel erscheint.
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Seite 15
Das SEM weist in der Verfügung mehrfach darauf hin, die geltend gemach-
ten Asylgründe seien nicht mit sachdienlichen Beweismitteln belegt. Dabei
übersieht es einerseits, dass gemäss der nachvollziehbaren Schilderung
des Beschwerdeführers 1 betreffend die behördlichen Massnahmen, die
Verbannung und die Umstände der Ausreise keine Beweise existieren, und
dass er betreffend seine Internetaktivitäten gewisse Belege beibrachte. An-
dererseits genügt die Glaubhaftmachung relevanter Asylgründe für die
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft.
Zu den die durch die Vorinstanz festgestellten Ungereimtheiten ist festzu-
stellen, dass der Beschwerdeführer 1 betreffend die Verhaftung der Ehe-
frau eines Mitglieds seiner sechsköpfigen Aktivistengruppe unterschiedli-
che Angaben gemacht hat (vgl. A30 F158 ff.; A46 F 111 f., wonach die Frau
zunächst nach und in der späteren Anhörung vor seiner Ausreise festge-
nommen worden sei). In der Beschwerde bringt er dazu lediglich vor, es
handle sich um ein Missverständnis, die Frau sei nach seiner Ausreise ver-
haftet worden. Zudem bestehen nur schwer miteinander vereinbare Aus-
sagen betreffend die Dauer des geleisteten Militärdienstes (A30 F127; A46
F34 ff.). Beide Ungereimtheiten wurden dem Beschwerdeführer 1 jedoch
nicht vorgehalten, so dass er sich diesbezüglich nicht klärend äussern
konnte und es handelt sich nicht um wesentliche Ausreisegründe. Hinsicht-
lich des letzten Arbeitstages bestehen nur vermeintliche Widersprüche zwi-
schen den Aussagen, er habe seine Arbeit bis zur Ausreise ausgeübt (A6
Ziff. 1.17.05, summarische Befragung zu den bisherigen Arbeitstätigkeiten)
respektive bis ein bis zwei Wochen vor Einreichung der Klage gearbeitet,
sei aber noch ein bis zwei Tage vor der Ausreise zuletzt auf der (...) gewe-
sen (A30 F19, 28; A46 F70). Hinsichtlich des Verbleibs der Pässe, bei dem
es sich wiederum nicht um ein zentrales Vorbringen handelt, gab der Be-
schwerdeführer 1 anlässlich der BzP zu Protokoll, er habe die Pässe in der
Türkei vergraben (A6 Ziff. 4.02). Bei der ersten Anhörung sagte er, dass sie
in Serbien von der Polizei verfolgt worden seien und er seinen Rucksack,
in dem sich zahlreiche Dokumente befunden hätten, weggeworfen habe
(A30 F63). Anlässlich der Fortsetzung der Anhörung erklärte er, sich nicht
genau erinnern zu können; er glaube, dass die Pässe in seinem Rucksack
gewesen seien, es sei aber auch möglich, dass er sie einem Kollegen ge-
geben habe, denn einige hätten dort die Pässe vergraben (A34 F56). Die
Beschwerdeführerin 2 gab konstant an, dass sie die Pässe in der Türkei
vergraben hätten (A7 Ziff. 4.02; A35 F3). Sie erklärte zudem, dass ihr Mann
einen Rucksack getragen habe, in welchem ihre Geburtsurkunde gewesen
sei, und dass er den Rucksack in Serbien weggeworfen habe (A35 F10).
E-6818/2018
Seite 16
Unter Berücksichtigung des psychischen Zustands des Beschwerdefüh-
rers 1 und dem Umstand, dass er die widersprüchliche Aussage erst auf-
grund des Vorwurfs eines Widerspruchs zwischen zwei eigentlich miteinan-
der vereinbaren Aussagen (Vergraben der Pässe und Wegwerfen des
Rucksacks mit anderen Dokumenten) machte, ist dieser vermeintlichen
Ungereimtheit keine Bedeutung beizumessen. Weitere Ungereimtheiten
beziehungsweise Widersprüche in den Aussagen der Beschwerdeführen-
den sind nicht ersichtlich. Die Beschwerdeführenden wenden des Weiteren
berechtigterweise ein, die Vorinstanz habe im Rahmen der Anhörungen
keine beziehungsweise nur wenige konkrete Fragen betreffend die Fest-
nahmen, Misshandlungen, Verbannungen und Internetaktivitäten gestellt
und den Beschwerdeführer 1 gar mehrmals unterbrochen beziehungs-
weise ihn darauf hingewiesen, dass er nicht allzu ausführlich erzählen
solle. Als er etwa erläutern wollte, weshalb er (...) festgenommen wurde,
wurde er insgesamt dreimal unterbrochen und es wurde ihm explizit mitge-
teilt, er solle sich kurz halten und nur das genaue Datum der Festnahme
nennen (vgl. A30 F121 ff., F126). Daher erscheint der Vorwurf in der ange-
fochtenen Verfügung unberechtigt. Zudem hat der Beschwerdeführer 1 im
Rahmen seiner Möglichkeiten stimmige Angaben zu den Festnahmen,
Misshandlungen und Verbannungen gemacht (vgl. etwa A30 F81 ff.,
84 ff.,123 f.; A34 F25 ff., 31 ff., 34). Auch betreffend seine Internetaktivitä-
ten schilderte er, wann er den Kanal auf (...) erstellte, wie dieser hiess,
welche Informationen publiziert wurden und wie er diese erhielt (vgl. A46
F79 ff.; A34 F14 ff.; A30 F152 f., 167 f.). Seine Aussagen werden sodann
teilweise durch die eingereichten Beweismittel gestützt. Insbesondere ist
die Arbeit bei der (...) belegt (vgl. A31 Beilagen 1, 3–9) und die Internetak-
tivitäten erweisen sich als hinreichend plausibilisiert (vgl. A31 Beilage 10,
16 und 18; Beschwerdebeilage 4; Replikbeilagen 3–8 sowie Ausführungen
Replik S. 3 f.); in diesem Zusammenhang ist auch davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer 1 mit zwei den iranischen Behörden bekannten
Menschenrechtsaktivistinnen zusammengearbeitet hat (vgl. Beschwerde-
beilage 4; Replikbeilagen 6 f., 9–11 sowie Ausführungen Replik S. 3 f.).
Hinsichtlich der Würdigung der Beweismittel bringen die Beschwerdefüh-
renden zu Recht vor, dass dem Beschwerdeführer 1 anlässlich der ergän-
zenden Anhörung die Gelegenheit verwehrt wurde zu belegen, dass er Ad-
ministrator des (...)kanals gewesen sei; vielmehr wurde er gebeten, das
Mobiltelefon wegzulegen, und darauf hingewiesen, dass die befragende
Person selbst Informatik studiert habe und wisse, wie das funktioniere (A46
F84 ff.). Aufgrund der vorliegenden Beweismittel, der Aussagen und Aus-
führungen des Beschwerdeführers 1 sowie dem Hintergrund, dass die ira-
nischen Behörden seit 2013 konsequent gegen Internetaktivisten vorgehen
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Seite 17
(vgl. Jahresbericht von Amnesty International betreffend den Iran vom 22.
Februar 2018, Beschwerdebeilage 5; Schnellrecherche der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe, Iran; risques lies é la publication d’information «sen-
sible» sur les reseaux sociaux, Replikbeilage 12) erscheint dem Gericht
glaubhaft, dass der (...)-Kanal des Beschwerdeführers 1 am 10. Februar
2017 von der Sepah übernommen wurde und die Verantwortlichen zur Re-
chenschaft gezogen werden sollen. Schliesslich ist unter Berücksichtigung
des Umstands, dass der Beschwerdeführer 1 spätestens seit der Verhaf-
tung während des Studiums im Fokus der Sepah war, auch nachvollzieh-
bar, dass er der Warnung seines Bekannten, wonach sein Fall wieder auf-
gerollt werde, grosse Bedeutung zumass und auf dessen Anraten und mit
dessen Hilfe das Land verliess (vgl. Beschwerde S. 17).
5.4 Zusammenfassend macht der Beschwerdeführer glaubhaft geltend,
dass er durch die heimatlichen Behörden mehrmals verhört, festgenom-
men und verbannt wurde und bis heute an den Folgen der Verfolgungs-
handlungen leidet. Überdies ist glaubhaft, dass er sowohl im Iran als auch
in der Schweiz in sozialen Medien, insbesondere auf seinem (...)kanal (...)
regime- und islamkritische Beiträge veröffentlicht hat, der Kanal durch Se-
pah gehackt und er als Administrator des Kanals (...) identifiziert wurde.
Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz sind keine wesentlichen Um-
stände ersichtlich, die gegen die von ihm vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Einzelne kleiner Ungereimtheiten vermögen die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers 1 und seiner Frau nicht zu erschüttern.
6.
Nachdem sich die Vorbringen des Beschwerdeführers 1 hinsichtlich seiner
Kernvorbringen als glaubhaft erwiesen haben, ist zu prüfen, ob diese den
Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG ge-
nügen.
6.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürch-
ten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zu-
gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37). Massgeblich für die Beurteilung der Flücht-
lingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlit-
tene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete
E-6818/2018
Seite 18
Furcht vor Verfolgung auf andauernde Gefährdung hinweisen kann. Verän-
derungen der Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu
Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl.
BVGE 2010/57 E. 2, BVGE 2010/9 E. 5.2, BVGE 2007/31 E. 5.3 f., jeweils
m.w.H.).
6.2 Die Vorinstanz betrachtet die Vorbringen des Beschwerdeführers 1 iso-
liert und verneint gestützt darauf die Asylrelevanz der einzelnen Ereignisse
und Aktivitäten. Erforderlich ist hingegen eine Gesamtbetrachtung vom
Studium bis zur Ausreise und der Fortsetzung des politischen Engage-
ments in der Schweiz, da sich aus dem glaubhaft gemachten Sachverhalt
ergibt, dass der Beschwerdeführer 1 seit seinem Studium immer wieder
Schwierigkeiten mit den iranischen Behörden hatte, wobei es zwischen-
durch ruhige Zeiten gab. Mehrfach wurde er festgenommen, befragt und
wohl auch misshandelt; er wurde von der Universität verwiesen, erhielt ein
Berufsverbot für seine Arbeit als (...), wurde zweimal für mehrere Jahre
verbannt und es wurde ihm seine Arbeit als Lizenznehmer der K._.
erneut entzogen. In ihrer Gesamtheit weisen diese Massnahmen die erfor-
derliche Intensität gemäss Art. 3 AsylG auf. Die Aussage des Beschwerde-
führers 1, wonach er vor der Flucht ein ausgezeichnetes Leben geführt
habe, bezog sich auf die Frage, ob er mit seinem Einkommen seinen Le-
bensunterhalt zufriedenstellend habe decken können (A30/25 F135) und
bedeutet offensichtlich nicht, dass er keine Probleme zu gewärtigen gehabt
hätte. Hinsichtlich der Aktualität der Verfolgung bringen die Beschwerde-
führenden richtigerweise vor, dass für sie im Ausreisepunkt unklar war, wel-
che konkreten Massnahmen dem Beschwerdeführer 1 weshalb drohen
würden. Indessen sei er seit langem auf dem Radar des Geheimdienstes
gestanden und habe aufgrund des bereits Erlebten mit erneuten Verfol-
gungshandlungen rechnen müssen. Im Zeitpunkt der Ausreise war den ira-
nischen Behörden sodann sein politisches Engagement für die Arbeiter-
rechte in der (...), nicht aber jenes im Internet bekannt. Durch die Entde-
ckung seiner diesbezüglichen Tätigkeit, die das bereits jahrelang im Hei-
matstaat betriebene Engagement fortsetzt und nicht als rein exilpolitischer
Aktivismus zu qualifizieren ist, hat sich sein Profil als Regimekritiker akzen-
tuiert. Gemäss einschlägigen Berichten sind Personen, die sich in sozialen
Medien regimekritisch geäussert haben, im Iran seit 2013 massiv öfter Re-
pressalien unterworfen. Zahlreiche Personen, die sich über Facebook oder
(...) äusserten, wurden willkürlich verhaftet und unverhältnismässig streng
bestraft. Hiervon waren insbesondere Administratoren von (...)-Gruppen
betroffen (vgl. Jahresbericht von Amnesty International betreffend den Iran
vom 22. Februar 2018, Beschwerdebeilage 5 S. 3; Schnellrecherche der
E-6818/2018
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Schweizerischen Flüchtlingshilfe, Iran; risques lies é la publication d’infor-
mation «sensible» sur les reseaux sociaux, Replikbeilage 12, auch zum
Folgenden). Die iranischen Justizbehörden übten sodann Druck auf das
Ministerium für Informatik und Kommunikationstechnologie aus, um Forde-
rungen gegenüber den Betreibern von (...) durchzusetzen. Demnach woll-
ten die Behörden, dass der Server in den Iran zurückverlagert wird und
zehntausende Konten gelöscht werden, die nach Ansicht der Justizbehör-
den die nationale Sicherheit bedrohen oder religiöse Werte beleidigen. Ins-
gesamt erweist sich die starke subjektive Furcht des Beschwerdeführers 1
vor erneuter Verfolgung – die sich auch in seinen vielfältigen Traumatisie-
rungen zeigt – als objektiv begründet. Es ist mithin davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer 1 im Falle einer Rückschiebung in den Iran
aufgrund seines politischen Profils und seines regimekritischen Engage-
ments von erneuter Verfolgung bedroht ist. Ob hinreichend erstellt ist, dass
seine Familie bereits Behelligungen durch die iranischen Behörden erfah-
ren hat, vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern.
6.3 Nach dem Gesagten erfüllt der Beschwerdeführer 1 die Flüchtlingsei-
genschaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Gründe für den Ausschluss aus der
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 1 Bst. F des Abkommens über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge (SR 0.142.30) sind nicht ersichtlich. Der Be-
schwerdeführer 1 ist daher als Flüchtling anzuerkennen und es ist ihm –
mangels Vorliegens von Asylausschlussgründen (vgl. Art. 53 und 54 AsylG)
– in der Schweiz Asyl zu gewähren.
6.4 Gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG ist das SEM überdies anzuweisen,
die Beschwerdeführerinnen 2–4 derivativ als Flüchtlinge anzuerkennen
und ihnen in der Schweiz Asyl zu gewähren.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht verletzt. Die Beschwerde ist vollumfänglich gutzuheissen. Die Verfü-
gung des SEM ist aufzuheben, und dieses ist anzuweisen, den Beschwer-
deführenden in Anerkennung ihrer Flüchtlingseigenschaft in der Schweiz
Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der einbezahlte Kostenvorschuss in Höhe von
Fr. 750.– ist den Beschwerdeführenden zurückzuerstatten.
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Seite 20
8.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Mit
Kostennote vom 21. August 2019 machte die Rechtsvertreterin der Be-
schwerdeführenden einen Vertretungsaufwand von 19.5 Stunden à
Fr. 250.– zuzüglich Auslagen in Höhe von Fr. 112.60 geltend. Der Aufwand
erscheint grundsätzlich angemessen, einzig der Aufwand von 11 Stunden
für das Verfassen der Beschwerdeschrift scheint überhöht und ist um 3
Stunden zu kürzen. Hinzuzurechnen ist sodann ein geschätzter Aufwand
von zwei Stunden für die Eingaben vom 21. August 2020 und vom 16. De-
zember 2021. Insgesamt ist für das Beschwerdeverfahren von einem not-
wendigen Aufwand von 18.5 Stunden auszugehen. Demnach ist den Be-
schwerdeführenden zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung
von gerundet Fr. 5'105.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im
Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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