Decision ID: fb04ec0b-e5b3-4b10-be6f-1a7c6b7bbf6f
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger paschtuni-
scher Ethnie, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge im Au-
gust 2021 in Richtung Pakistan. Über den Iran und die Türkei gelangte er
nach Griechenland und von dort über verschiedene Länder weiter in die
Schweiz. Am 19. März 2022 stellte er im Bundesasylzentrum B._
ein Asylgesuch, wobei er angab, er sei am (...) geboren und damit noch
minderjährig. Daraufhin wurde er im Rahmen einer Erstbefragung für un-
begleitete Minderjährige (EB UMA) am 19. April 2022 zu seinen persönli-
chen Umständen, dem Reiseweg sowie summarisch zu seinen Asylgrün-
den befragt. Am 10. Mai 2022 fand die einlässliche Anhörung statt.
B.
B.a Dabei machte der Beschwerdeführer geltend, er sei im Dorf C._
(phon.), Distrikt D._ (Provinz Nangarhar) geboren. Sein Vater sei
bei der Nationalarmee gewesen, während dessen Cousins Mitglieder der
Taliban gewesen seien. Diese hätten den Vater mehrmals aufgefordert, mit
seiner Tätigkeit aufzuhören. Er habe deswegen auch zwei Drohbriefe von
Seiten der Taliban erhalten. Aus diesem Grund hätten sie das Dorf verlas-
sen und seien nach E._ gegangen, als er etwa (...) Jahre alt gewe-
sen sei. Das Leben in der Stadt sei gut gewesen, aber sein Vater sei rund
acht Monate später in der Provinz F._ ums Leben gekommen. Da-
raufhin habe sein älterer Bruder die Militärakademie absolviert und sei der
Armee beigetreten. Er selbst habe im Alter von elf Jahren begonnen, eine
staatliche Schule zu besuchen. Drei Tage nach dem Fall der Regierung
seien mitten in der Nacht die Cousins des Vaters sowie weitere Taliban zu
ihnen nach Hause gekommen. Als er Schüsse aus dem Zimmer seines
Bruders gehört habe, sei er umgehend geflohen. Er sei zu seinem Onkel
mütterlicherseits gegangen, welcher seine Ausreise organisiert habe. Von
diesem habe er erfahren, dass in jener Nacht sein Bruder getötet worden
sei. Die Cousins des Vaters wollten seine Familie vernichten, zumal es
schon vorher Probleme wegen Ländereien gegeben habe. Seine Familie
habe viel Land besessen, welches von den Cousins für sich beansprucht
worden sei.
B.b Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer eine Kopie seiner
Taskara, zwei Drohbriefe der Taliban (in Kopie) sowie diverse Fotos, wel-
che seinen Bruder im Militär sowie nach dessen Tod zeigten, zu den Akten.
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C.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 19. Mai 2022 stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht. Es
lehnte sein Asylgesuch ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Der Vollzug
der Wegweisung wurde indessen als unzumutbar erachtet, weshalb eine
vorläufige Aufnahme angeordnet wurde.
D.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
20. Juni 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen
Entscheid. Darin beantragte er, die Ziffern 1-3 der angefochtenen Verfü-
gung seien aufzuheben und es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustel-
len sowie ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache zur Neubeur-
teilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 28. Juni 2022 teilte die Instruktionsrichterin
dem Beschwerdeführer mit, das Gericht erwäge, eine Motivsubstitution
vorzunehmen und die vom SEM als nicht asylrelevant eingestuften Vor-
bringen als unglaubhaft zu qualifizieren. Es wurde ihm daher die Möglich-
keit eingeräumt, eine Stellungnahme und allfällige Beweismittel einzu-
reichen. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde verzichtet.
F.
Der Beschwerdeführer nahm mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
27. Juli 2022 zur beabsichtigten Motivsubstitution Stellung.
G.
Die Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Verfügung vom 29. Juli 2022 gut und lud die Vor-
instanz zur Vernehmlassung ein.
H.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 30. August 2022 zur Beschwerde
vom 20. Juni 2022 vernehmen.
I.
Mit Eingabe vom 19. September 2022 reichte der Beschwerdeführer eine
Replik zu den Akten.
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Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG
i.V.m. Art. 10 Covid-19-Verordnung Asyl vom 20. April 2020 [SR 142.318];
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, der Beschwer-
deführer habe befürchtet, wie sein Bruder durch die Taliban getötet zu wer-
den. Zum Grund des Todes seines Bruders habe er jedoch keine auf-
schlussreichen Angaben machen können. Er habe lediglich ausgeführt, die
Täter seien in jener Nacht zuerst in sein Zimmer gekommen und dann zum
Zimmer seines Bruders gegangen, woraufhin Schüsse gefallen seien. Von
seinem Onkel habe er später erfahren, dass sein Bruder getötet worden
sei. Weiter habe er angegeben, es wäre für die Taliban und die Cousins
des Vaters ein Leichtes gewesen, ihn ebenfalls zu töten. Er habe indessen
nicht aufzeigen können, mit welcher Absicht und mit welchem Ziel dies
hätte geschehen sollen. Es bleibe unklar, ob eine allfällige Tötung aufgrund
der bestehenden Landstreitigkeiten oder wegen der Arbeit seiner Familien-
angehörigen hätte erfolgen sollen. Hätte ihm jedoch aus einem dieser
Gründe eine Gefahr gedroht und hätten ihn die Cousins des Vaters oder
die Taliban persönlich verfolgt, wäre anzunehmen, dass ihm bereits früher
ernsthafte Schwierigkeiten entstanden wären. Dies sei offenbar nicht der
Fall gewesen und es hätten keine gezielt gegen ihn gerichteten Verfol-
gungsmassnahmen stattgefunden. Sodann befürchte er, zukünftig wegen
der Tätigkeit seines Vaters und seines Bruders für die Nationalarmee von
den Taliban verfolgt zu werden. Zwar könnten Familienangehörige von
missliebigen Personen von Übergriffen betroffen sein; es sei jedoch kein
systematisches Vorgehen der Taliban in dieser Hinsicht erkennbar. Es sei
daher nur unter besonderen Umständen von einer flüchtlingsrechtlich rele-
vanten Reflexverfolgung auszugehen, etwa wenn die betreffende Person
bereits schwerwiegende Nachteile erlitten habe oder verdächtigt werde,
die Gegner der Taliban zu unterstützen. Gemäss den Angaben des Be-
schwerdeführers sei sein Vater im Gefecht ums Leben gekommen, als er
etwa (...) Jahre alt gewesen sei. Auf die Frage, ob dessen Tod einen Zu-
sammenhang zu den Landstreitigkeiten mit den Cousins habe, habe er ver-
mutend zugestimmt und gesagt, die Cousins hätten ihn aber auch deswe-
gen nicht gemocht, weil er bei der Nationalarmee gewesen sei. Angesichts
dieser Aussagen bleibe – wie schon beim Bruder – unklar, aus welchen
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Gründen der Vater sein Leben verloren habe. Vor diesem Hintergrund sei
nicht ersichtlich, inwieweit dem Beschwerdeführer eine Reflexverfolgung
wegen seines Vaters und des älteren Bruders drohen könnte. Es sei nicht
von einem konkreten Verfolgungsinteresse der Taliban an seiner Person
auszugehen. Insgesamt hielten seine Vorbringen den Anforderungen an
die Flüchtlingseigenschaft nicht stand.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, der Beschwerdefüh-
rer habe Afghanistan verlassen, weil er aufgrund der beruflichen Tätigkeit
seines Vaters und seines Bruders vor den Taliban und den Cousins des
Vaters nicht mehr sicher gewesen sei. Vorab gelte es festzuhalten, dass
die Vorinstanz nicht an der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen zweifle. Aus
dem Umstand, dass er zu den genauen Hintergründen des Todes seiner
Angehörigen keine detaillierteren Angaben habe machen können, lasse
sich nicht schliessen, dass keine asylrelevanten Motive dahintersteckten.
Vielmehr habe der Beschwerdeführer angegeben, dass die Taliban Armee-
angehörige hassen würden und deshalb auch hinter ihm her seien. Die Vor-
instanz ziehe leichtfertig Schlüsse hinsichtlich der fehlenden Asylrelevanz
der Ereignisse und argumentiere spekulativ, der Tod des Bruders und des
Vaters könne auch mit Landstreitigkeiten zusammenhängen. Dies er-
scheine jedoch wenig naheliegend, da die Familie das Dorf bereits vor vie-
len Jahren verlassen habe und sich die Cousins nach der Machtüber-
nahme der Taliban die Ländereien wohl widerstandslos hätten aneignen
können. Es wäre entsprechend nicht erforderlich gewesen, den Vater und
viele Jahre später auch noch den Bruder umzubringen. Folglich sei davon
auszugehen, dass die Verfolgungshandlungen der Taliban politisch moti-
viert gewesen seien und die Tötung der Angehörigen des Beschwerdefüh-
rers auf deren Tätigkeit beim Militär zurückzuführen sei. Gemäss einem
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts gehörten Armeeangehörige derzeit
zu den vulnerabelsten Personen überhaupt, wobei die Taliban auch deren
Familienmitglieder als Feinde ihrer Sache betrachteten. Damit vermöge
das Argument der Vorinstanz, nach dem Tod des Vaters und des Bruders
sei fraglich, weshalb die Taliban am Beschwerdeführer überhaupt noch ein
Verfolgungsinteresse gehabt haben sollten, nicht zu überzeugen. Ferner
lasse das SEM seine tatsächliche Lebenssituation unberücksichtigt. Er sei
bis zum Machtwechsel in der Stadt E._ relativ sicher gewesen, da
die Taliban bis dahin vermehrt in ländlichen Regionen aktiv gewesen seien.
Aus diesem Grund hätten er und sein Bruder keine konkreten Probleme
mit den Taliban gehabt und es habe keine Verfolgungshandlungen gege-
ben. Die Tatsache, dass es sich bei den Cousins um Taliban handle, be-
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gründe nun aber eine besondere Exponiertheit, da diese den Beschwerde-
führer und seine Familie kennen würden und über deren politische Einstel-
lung Bescheid wüssten. Zudem sei ihnen sein Aussehen bekannt, was die
Wahrscheinlichkeit erhöhe, dass er von den Taliban aufgefunden würde.
Hinsichtlich des Todes des Vaters sei anzumerken, dass der Beschwerde-
führer nicht einmal explizit gefragt worden sei, ob er den Grund dafür
kenne. Ihm sei lediglich die Frage gestellt worden, ob es sein könne, dass
dieser im Zusammenhang mit den Ländereien stehe. Dabei handle es sich
um eine suggestive Frage, auf welche er zwar ausgeführt habe, dass diese
Möglichkeit bestehe. Er habe aber von sich aus ergänzt, die Cousins hätten
seinen Vater insbesondere deshalb nicht gemocht, weil er bei der Nation-
alarmee gewesen sei. Es sei zu beachten, dass er im Zeitpunkt des Todes
seines Vaters gerade einmal (...) Jahre alt gewesen sei. Die eingereichten
Drohbriefe der Taliban zeigten zudem, dass der Vater in deren Visier ge-
standen habe und von ihnen bedroht worden sei. Hinsichtlich der Tötung
des Bruders gehe die Vorinstanz ebenfalls nicht auf dessen Exponiertheit
als Armeeangehöriger sowie die Tatsache ein, dass die Cousins Mitglieder
der Taliban seien. Dies sei indessen der Grund, weshalb eine Reflexverfol-
gung des Beschwerdeführers – entgegen der Ansicht der Vorinstanz – als
sehr wahrscheinlich erscheine. Er habe wegen der militärischen Tätigkeit
des Vaters sowie des Bruders begründete Furcht, von den Taliban eben-
falls verfolgt und getötet zu werden. Folglich sei er als Flüchtling anzuer-
kennen und ihm sei in der Schweiz Asyl zu gewähren. Sollte die Vorinstanz
an den Machtverhältnissen in der Herkunftsregion des Beschwerdeführers
zweifeln, sei er zu diesem Punkt ergänzend zu befragen.
4.3 Mit Zwischenverfügung vom 28. Juni 2022 teilte die Instruktionsrichte-
rin dem Beschwerdeführer mit, das Gericht ziehe eine Motivsubstitution in
Betracht und es werde erwogen, die vom SEM als flüchtlingsrechtlich nicht
relevant eingestuften Vorbringen auch unter dem Gesichtspunkt der Glaub-
haftigkeit zu prüfen. Der Beschwerdeführer habe in Bezug auf die Ereig-
nisse unmittelbar vor der Ausreise lediglich ausgeführt, die Taliban, darun-
ter die Cousins seines Vaters, seien nachts vorbeigekommen und hätten
seinen Bruder getötet, woraufhin er geflohen sei. Seine Beschreibung des
fluchtauslösenden Ereignisses dürfte damit als äusserst knapp anzusehen
sein, zumal er auf Nachfrage keine genaueren Angaben machen oder De-
tails habe nennen können. Er habe auch die Personen, welche bei ihnen
erschienen seien, nicht näher beschreiben können. Die Cousins des Vaters
wolle er demgegenüber erkannt haben, obwohl er nie "face to face" Kontakt
zu ihnen gehabt habe. Ferner habe er sich uneinheitlich dazu geäussert,
ob er durch Schüsse im Haus aufgeweckt worden sei oder dadurch, dass
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die Taliban in sein Zimmer gekommen seien. Insgesamt dürften die Anga-
ben des Beschwerdeführers zu den Ereignissen in jener Nacht daher als
oberflächlich, unsubstanziiert und wenig nachvollziehbar angesehen wer-
den, weshalb sie den Anforderungen an das Glaubhaftmachen im Sinne
von Art. 7 AsylG nicht standhalten dürften.
4.4 Mit Schreiben vom 27. Juli 2022 nahm der Beschwerdeführer zur be-
absichtigen Motivsubstitution Stellung. Dabei machte er geltend, er habe
bei der Anhörung nicht den Eindruck gehabt, dass das SEM seinen Aus-
führungen keinen Glauben schenke. Andernfalls hätte es ihm vertiefende
Fragen stellen können, welche er beantwortet hätte. Wenn er gewusst
hätte, dass er noch mehr berichten müsse, hätte er dies getan. Während
er zu Beginn eher in allgemeiner Weise erzählt habe, habe er auf präzi-
sierende Fragen stets konkreter und ausführlicher zu antworten vermocht.
Weitere Vertiefungsfragen seitens des SEM seien ausgeblieben, beispiels-
weise welche Emotionen er verspürt habe oder was ihm während und nach
dem Geschehen durch den Kopf gegangen sei. Er habe die Situation bei
der Anhörung so geschildert, wie er sie persönlich erlebt habe und woran
er sich habe erinnern können. Aus dem Protokoll gehe zudem hervor, dass
er emotional reagiert habe und es für ihn schwierig gewesen sei, über die
Ereignisse zu sprechen. Dies lasse vermuten, dass er von tatsächlich Er-
lebtem berichtet habe. Als er die Personen habe beschreiben sollen, habe
er zu verstehen gegeben, dass ihm dies schwerfalle, da er deren Gesichter
ja nicht zeichnen könne. Dies bedeute nicht automatisch, dass er die Per-
sonen nicht gesehen habe, zumal es in der Tat nicht einfach sei, Gesichter
zu beschreiben. Überdies hätte das SEM ergänzende Fragen stellen und
darauf hinweisen können, dass nicht nur die Gesichtszüge, sondern auch
andere Merkmale wie die Bekleidung dienlich sein könnten. Die Tatsache,
dass das SEM nicht an der Glaubhaftigkeit der Aussagen gezweifelt habe,
sei wohl auch der Grund, weshalb weitere Vertiefungsfragen ausgeblieben
seien. Sollte die Glaubhaftigkeit tatsächlich in Frage gestellt werden, müss-
ten diese nachgeholt werden. Die Angaben des Beschwerdeführers seien
zudem in sich stimmig, wiesen eine grosse logische Konsistenz auf und
enthielten keine Widersprüche, was für deren Glaubhaftigkeit spreche.
4.5 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, es habe – wie das Bun-
desverwaltungsgericht – ebenfalls Indizien für die fehlende Glaubhaftigkeit
der Vorbringen des Beschwerdeführers erkannt. Angesichts der offensicht-
lich fehlenden Asylrelevanz sei jedoch auf eine vertiefte Glaubhaftigkeits-
prüfung verzichtet worden. Sodann hätten es die Umstände der Anhörung
dem minderjährigen Beschwerdeführer erlaubt, sich umfassend zu seinen
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Asylgründen zu äussern. Er sei von seiner Rechtsvertretung respektive
Vertrauensperson begleitet gewesen und es gebe keine Hinweise darauf,
dass er mit der Situation überfordert gewesen wäre. Es sei nicht nachvoll-
ziehbar, inwiefern eine ergänzende Befragung, etwa zu den allgemeinen
Machtverhältnissen in seiner Herkunftsregion, hilfreich sein könnte.
4.6 In der Replik wurde vollumfänglich an den Ausführungen in der Be-
schwerdeschrift sowie der Stellungnahme vom 27. Juli 2022 festgehalten.
Ergänzend wurde ausgeführt, es erstaune, dass es gemäss der Vernehm-
lassung des SEM im Nachhinein die Aufgabe des minderjährigen Be-
schwerdeführers respektive dessen Rechtsvertretung sein solle, die
Grundlage für eine umfassende Glaubhaftigkeitsprüfung zu präsentieren.
Anlässlich der Anhörung habe die Vorinstanz keinen Anlass gesehen, die
Glaubhaftigkeit der Aussagen näher zu prüfen.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen ei-
nes Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge-
macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie
aber überwiegend für wahr hält. Eine wesentliche Voraussetzung für die
Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erleb-
nisse betreffende, substanziierte, weitgehend widerspruchsfreie und kon-
krete Schilderung der Vorkommnisse, welche bei objektiver Betrachtung
plausibel erscheint. Von unglaubhaften Ausführungen ist dagegen bei
wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen
Vorbringen auszugehen. Entscheidend ist, ob bei einer Gesamtbeurteilung
die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung der Be-
schwerdeführenden sprechen, überwiegen oder nicht. Demgegenüber
reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt eines Vor-
bringens zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Umstände we-
sentliche Elemente gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre-
chen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2013/11 E. 5.1).
5.2 Im Rahmen des freien Berichts führte der Beschwerdeführer zu den
fluchtauslösenden Ereignissen lediglich aus, bereits drei Tage nach dem
Sturz der Regierung seien die Cousins des Vaters zu ihnen nach Hause
gekommen und hätten seinen Bruder getötet, woraufhin er das Land habe
verlassen müssen. Als er gebeten wurde, diesen Tag näher zu beschrei-
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ben, erklärte er, die Cousins seien mit anderen Taliban spät nachts gekom-
men und hätten seinen Bruder getötet (vgl. SEM-Akte ...-18/9 [nachfol-
gend Akte 18] F25). Er habe geschlafen, als sie gekommen seien, und
habe gehört, wie geschossen worden sei. Er sei geflohen und habe weitere
Schüsse gehört, wobei er nicht zurückgeschaut habe (vgl. Akte 18, F26).
Auf konkrete Nachfrage machte er vorerst keine weiteren Angaben und er-
klärte, es sei ein fürchterlicher Moment gewesen und er könne sich nicht
an zusätzliche Details erinnern (vgl. Akte 18, F27 f.). Als er indessen ge-
fragt wurde, woher er wisse, dass es sich bei den Eindringlingen um die
Cousins des Vaters gehandelt habe, führte er aus, dass er diese gesehen
habe (vgl. Akte 18, F30). Nun wusste er auch zu berichten, dass die An-
greifer zuerst in das Zimmer geschaut hätten, in welchem er und seine
Mutter geschlafen hätten. Dann seien sie ins Zimmer nebenan, in welchem
sein älterer Bruder und die beiden jüngeren Brüder geschlafen hätten, ge-
gangen, woraufhin sie Schüsse gehört hätten. Seine Mutter habe ihm ge-
sagt, er solle fliehen, woraufhin er gegangen sei (vgl. Akte 18, F32). Es ist
nicht nachvollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer dies nicht bereits zu-
vor erwähnt hatte, als er vom SEM mehrfach aufgefordert worden war,
Schritt für Schritt zu beschreiben, was in jener Nacht passiert sei. Weiter
fällt auf, dass es seiner Beschreibung der Ereignisse an jeglicher Substanz
fehlt und diese kaum Realkennzeichen enthält. Der Einwand in der Stel-
lungnahme vom 27. Juli 2022, dass das SEM ihm vertiefende Nachfragen
hätte stellen müssen, ist dabei unbehelflich. So wurde er in der Anhörung
rund vier Mal aufgefordert, die Nacht, in der sein Bruder verstorben sei,
genau zu beschreiben und alles zu erzählen, woran er sich erinnern könne
(vgl. Akte 18, F25 ff.). Wenn er nun geltend macht, er habe nicht gewusst,
dass er mehr hätte berichten müssen, ist dies als blosse Schutzbehaup-
tung zu werten.
5.3 Als der Beschwerdeführer die Personen, die in sein Zimmer gekommen
seien, beschreiben sollte, führte er aus, es seien Menschen gewesen und
er könne deren Gesichter ja nicht zeichnen (vgl. Akte 18, F34). Es müsse
sich dabei um Taliban gehandelt haben, weil die Cousins des Vaters unter
diesen Männern gewesen seien und diese schon immer Anhänger der Ta-
liban gewesen seien (vgl. Akte 18, F35). Es erstaunt indessen, dass der
Beschwerdeführer die Cousins des Vaters sofort erkannt haben will, nach-
dem er angab, er habe diese sonst nie persönlich getroffen und keinen
"Face to face" Kontakt zu ihnen gehabt (vgl. Akte 18, F45). Er habe aber
gewusst, wie diese aussehen, da sie bei ihnen im gleichen Dorf gelebt hät-
ten (vgl. Akte 18, 46). Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Beschwerde-
führer das Dorf im Alter von (...) Jahren verlassen und die letzten rund acht
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Jahre vor der Ausreise in E._ gelebt habe. Es ist schwer nachvoll-
ziehbar, dass er die Cousins des Vaters, die er offenbar bereits zuvor nur
aus der Distanz kannte und jahrelang nicht mehr gesehen hatte, sogleich
erkannt haben will, als diese mitten in der Nacht zusammen mit anderen
Taliban in sein Zimmer gekommen seien. In seiner Stellungnahme vom
27. Juli 2022 führte er diesbezüglich aus, dass er sich deren Gesichter als
Kind sehr gut habe merken können und sich diese eingeprägt habe. Da die
Cousins bereits erwachsen gewesen seien, als er das Dorf verlassen habe,
habe sich ihr Aussehen auch nicht gross verändert. Es erstaunt indessen,
dass der Beschwerdeführer, wenn er sich die Gesichter der Cousins an-
geblich so gut merken konnte, nicht einmal ansatzweise in der Lage war,
diese zu beschreiben. Auch wenn es mitunter schwierig sein kann, ein Ge-
sicht zu beschreiben, wäre zu erwarten gewesen, dass er unter den gege-
benen Umständen näher erläutert, woran er die Cousins oder die Taliban
erkannt habe. Dies gilt umso mehr, als er mehrfach danach gefragt wurde,
weshalb er sicher sei, um wen es sich bei den Eindringlingen gehandelt
habe (vgl. Akte 18, F29 f. und F33 ff.). Auch in diesem Zusammenhang
kann dem SEM nicht vorgehalten werden, dass es zu wenig präzise nach-
gefragt habe.
5.4 Als äusserst oberflächlich erweist sich ferner die Antwort des Be-
schwerdeführers auf die Frage, was passiert sei, als er bei seinem Onkel
angekommen sei. Er führte hierzu lediglich aus, dieser habe seine Reise
organisiert und ihn fortgeschickt (vgl. Akte 18, F39). Eigenen Angaben zu-
folge war er zum damaligen Zeitpunkt mitten in der Nacht vor Schüssen in
seinem Haus geflohen. Seine kurzangebundene Darstellung der darauf fol-
genden Ereignisse ohne jegliche Realkennzeichen lässt jedoch nicht da-
rauf schliessen, dass er hier von eigenen Erlebnissen berichtet.
5.5 Insgesamt ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer die Ereignisse
unmittelbar vor seiner Ausreise äusserst knapp und substanzarm dargelegt
hat. Es fehlt seinen Schilderungen weitestgehend an Realkennzeichen und
er war trotz mehrfachem Nachfragen nicht in der Lage, die Situation sowie
die beteiligten Personen näher zu beschreiben. Im Rahmen einer Gesamt-
würdigung überwiegen daher die Elemente, welche gegen die Glaubhaf-
tigkeit seiner Ausführungen sprechen. Es ist folglich nicht glaubhaft, dass
seine Familie drei Tage nach der Machtübernahme der Taliban von den
Cousins des Vaters und weiteren Taliban aufgesucht wurde, welche seinen
älteren Bruder getötet haben. Die eingereichten Beweismittel vermögen
daran nichts zu ändern, da die Identität der auf den vorgelegten Fotos ab-
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gebildeten Person – bei welcher es sich um den Bruder des Beschwerde-
führers handle – nicht gesichert ist und die Aufnahmen keine Rückschlüsse
darüber zulassen, wie diese ums Leben gekommen sei.
5.6 Auf Beschwerdeebene wurde eventualiter beantragt, die Sache zur
Vornahme einer umfassenden Glaubhaftigkeitsprüfung an die Vorinstanz
zurückzuweisen und dem Beschwerdeführer allenfalls im Rahmen von ver-
tiefenden Nachfragen die Möglichkeit zu geben, seine Angaben zu vervoll-
ständigen. Es ist indessen festzuhalten, dass sich dem Anhörungsprotokoll
keine Hinweise darauf entnehmen lassen, dass er sich während der Befra-
gung nicht frei und umfassend äussern konnte. Zudem wurde ihm ver-
schiedentlich die Gelegenheit eingeräumt, weitere Details anzugeben, und
er wurde jeweils aufgefordert, alles zu erwähnen, woran er sich erinnern
könne. Es besteht folglich keine Veranlassung, die Sache für eine ergän-
zende Befragung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner sind auch
sonst keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass der Sachverhalt nicht
richtig oder vollständig abgeklärt worden wäre.
5.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer nichts vor-
gebracht hat, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuwei-
sen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asylge-
such daher im Ergebnis zu Recht abgelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Der Beschwerdeführer
verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch
über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde demnach
ebenfalls zu Recht angeordnet.
7.
Die Vorinstanz hat infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die
vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers verfügt. Da die Wegwei-
sungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. Urteil des BVGer
D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 8.4 [als Referenzurteil publiziert];
BVGE 2009/51 E. 5.4), erübrigen sich weitere Ausführungen zur Frage der
Durchführbarkeit des Vollzugs.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Für eine Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz besteht keine Veranlassung. Die Beschwerde
ist daher abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Ver-
fügung vom 29. Juli 2022 gutgeheissen wurde, sind indessen keine Ver-
fahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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