Decision ID: 4d89677b-13bd-4398-b5a8-c2638af13bc5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: der Beschwerdeführer) suchte am 28. No-
vember 2021 in der Schweiz um Asyl nach.
A.b Am 1. Dezember 2021 mandatierte er die ihm im Bundesasylzentrum
(BAZ) der Region B._ zugewiesene Rechtsvertretung.
A.c Am 2. Dezember 2021 wurde die Personalienaufnahme (PA) durchge-
führt.
A.d Gleichentags ersuchte das SEM die italienischen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 1 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rats vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
A.e Am 9. Dezember 2021 fand – im Beisein seiner Rechtsvertretung –
das persönliche Dublin-Gespräch gemäss Art. 5 Dublin-III-VO statt. Dabei
machte der Beschwerdeführer geltend, er habe Afghanistan vor circa (...)
oder (...) Jahren verlassen und sei zunächst nach Pakistan gelangt. Von
dort aus sei er via Iran, die Türkei, Griechenland und Italien schliesslich in
die Schweiz gereist. Zum medizinischen Sachverhalt befragt, machte er
geltend, er habe ein (...), leide an (...)-, (...)-, (...)- und (...), habe (...), und
habe aufgrund von (...)(...).
A.f Noch am selben Tag teilte das Staatssekretariat für Migration (SEM)
dem Beschwerdeführer mit, das mit Italien eingeleitete Dublin-Verfahren
sei abgebrochen worden, weshalb das nationale Asyl- und Wegweisungs-
verfahren durchgeführt werde.
A.g Am 3. Januar 2022 wurde er einlässlich zu seinen Asylgründen ange-
hört.
Dabei gab er zu seinem persönlichen Hintergrund an, er sei afghanischer
Staatsangehöriger usbekischer Ethnie aus einem Dorf im Bezirk
C._ in der Provinz D._, wo er von Geburt bis zur Ausreise
gelebt habe. Weiter brachte er vor, er sei nie zur Schule gegangen.
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Seite 3
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, vor (...) oder (...) Jah-
ren hätten die Taliban versucht, ihn bei sich zu Hause zwangsweise zu
rekrutieren. Beim Versuch über eine Mauer zu entkommen, sei auf ihn ge-
schossen worden. Er sei von der Mauer heruntergefallen, und habe sich
so schwere Verletzungen am (...) zugezogen, dass er ohnmächtig gewor-
den sei. Da die afghanischen Ärzte seine Verletzungen nicht hätten behan-
deln können, sei er von seiner Familie nach Pakistan gebracht worden, wo
er im Spital medizinisch betreut worden sei. Er habe anschliessend drei
Jahre lang im Bett gelegen und könne bis heute sein (...) nicht mehr bie-
gen.
A.h Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerdefüh-
rer zur Untermauerung seiner Vorbringen vier Dokumente aus Griechen-
land vom 15. Juni 2021 und 16. Oktober 2021 (alle in Kopie) sowie einen
ärztlichen Kurzbericht für das BAZ B._ vom 15. Dezember 2021 als
Beweismittel zu den Akten. Zum Nachweis seiner Identität legte er keine
Dokumente ins Recht.
B.
B.a Das SEM unterbreitete dem Beschwerdeführer respektive dessen
Rechtsvertreterin am 10. Januar 2022 den Entwurf des Asylentscheids zur
Stellungnahme.
B.b Am 23. Dezember 2021 (recte: 11. Januar 2022) reichte er eine Stel-
lungnahme ein.
C.
Mit am selben Tag eröffneter Verfügung vom 12. Januar 2022 stellte die
Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz (Dispositivziffern 1–3). Gleichzeitig ordnete sie infolge der Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs seine vorläufige Aufnahme in der
Schweiz an (Dispositivziffern 4 und 5). Sodann wurde er – verbunden mit
der Feststellung einer allfälligen Beschwerde gegen die Kantonszuweisung
komme keine aufschiebende Wirkung zu – dem Kanton E._ wel-
cher mit der Umsetzung der vorläufigen Aufnahme beauftragt wurde, zu-
gewiesen (Dispositivziffern 6 und 7).
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Seite 4
D.
Mit Schreiben vom 12. Januar 2022 zeigte die dem Beschwerdeführer zu-
gewiesene Rechtsvertretung die Beendigung des Mandatsverhältnisses
an.
E.
E.a Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
9. Februar 2022 (Datum des Poststempels) selbständig Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht und beantragte in materieller Hinsicht, die Ver-
fügung vom 12. Januar 2022 sei aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuer-
kennen und ihm sei in der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter seien
die Sache zur weiteren Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung des SEM
sowie der Empfangsbestätigung vom 12. Januar 2022 bei.
E.b Mit Schreiben vom 10. Februar 2022 bestätigte das Gericht den Ein-
gang der Beschwerde. Gleichentags lagen dem Gericht die vor-
instanzlichen Akten in elektronischer Form vor.
F.
Mit Verfügung vom 14. Februar 2022 stellte die Instruktionsrichterin fest,
der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten. Weiter hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung – unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Für-
sorgebestätigung und unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen
Lage des Beschwerdeführers – gut und verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Einreichung ei-
ner Vernehmlassung ein.
G.
Das SEM liess sich mit Eingabe vom 18. Februar 2022 vernehmen.
H.
H.a Mit Verfügung vom 8. März 2022 wurde der Beschwerdeführer erneut
aufgefordert innert Frist eine Fürsorgebestätigung nachzureichen oder ei-
nen Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 750.– zu bezahlen.
H.b Da ihm die Verfügung nicht zugestellt werden konnte, wurde ihm mit
Verfügung vom 13. April 2022 eine letztmalige und nicht erstreckbare
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Seite 5
Nachfrist zur Einreichung einer Fürsorgebestätigung respektive zur Bezah-
lung eines Kostenvorschusses angesetzt.
I.
Mit Eingabe vom 19. April 2022 liess der Beschwerdeführer eine Fürsorge-
bestätigung der Sozialen Dienste der F._ vom 19. April 2022 zu den
Akten reichen.
J.
Mit Verfügung vom 21. April 2022 wurde dem Beschwerdeführer Gelegen-
heit gegeben zu replizieren. Er reichte innert erstreckter Frist keine Replik
ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes über das Verwaltungsverfahren vom 20. Dezember 1968 (VwVG;
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der
Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 [AsylG; SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge-
richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG; SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbe-
reich im Zusammenhang mit dem Coronavirus vom 1. April 2020 [Covid-
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Seite 6
19-Verordnung Asyl; SR 142.318], Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Das vorliegende Verfahren beschränkt sich mangels Anfechtung der Dis-
positivziffer 6 (Kantonszuweisung) auf die Fragen der Flüchtlingseigen-
schaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegweisungsvollzug ist nicht
mehr zu prüfen, nachdem das SEM den Beschwerdeführer mit Verfügung
vom 12. Januar 2022 wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig aufgenommen hat.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/
26 E. 5).
4.
4.1 Der Beschwerde rügte in seiner Rechtsmitteleingabe eine mehrfache
Verletzung der Untersuchungspflicht durch das SEM. Diese Rügen sind
vorab zu prüfen, da sie unter Umständen geeignet sein könnten, eine Kas-
sation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34
E. 4.2).
4.2 Im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsverfahren auch – gilt
der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Danach
muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklären.
Sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den Entscheid notwendi-
gen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsrelevanter Tatsachen
(vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfah-
ren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, N 142; PAT-
RICK KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER/FABIO BABEY, in: Waldmann/Weis-
senberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz,
2. Aufl. 2016, N 20 ff. zu Art. 12 VwVG). Die unrichtige oder unvollständige
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behörd-
lichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106
Abs. 1 Bst. b AsylG, Art. 49 Bst. b VwVG). Unrichtig ist die Sachverhalts-
feststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder
nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig
ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt
nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für die Entscheidung we-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/
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Seite 7
ANJA MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Ver-
waltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, N 16 zu Art. 12 VwVG).
4.3
4.3.1 Der Beschwerdeführer rügte zunächst, der medizinische Sachverhalt
sei nicht hinreichend erstellt worden, da die Vorinstanz keine weiteren Ab-
klärungen hinsichtlich der Ursache seiner Verletzungen und Narben am
(...), welche von der Flucht vor den Taliban stammen würden, vorgenom-
men habe.
4.3.2 Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers ist nichts dagegen
einzuwenden, dass die Vorinstanz in Berücksichtigung seiner Aussagen
und des Umstands, dass er keinerlei Beweismittel einreichte, zum Schluss
gelangt ist, es liege eine genügende Entscheidgrundlage vor. Ergänzend
ist darauf hinzuweisen, dass den Beschwerdeführer an der Sachverhalts-
feststellung eine Mitwirkungspflicht trifft (vgl. Art. 8 AsylG). Weiter ist nicht
erkennbar, weshalb das SEM von sich aus weitere Abklärungen hätte vor-
nehmen müssen. Es hat die geltend gemachten Verletzungen und Narben
am (...) nicht bestritten und ihm auch Gelegenheit gegeben, die gesund-
heitlichen Probleme umfänglich zu nennen (vgl. SEM-Akten [...]-17/3
[nachfolgend: SEM-Akte 17/3], S. 2 und [...]-28/8 [nachfolgend: SEM-Akte
28/8], F39 f. und 56 ff.). Im Übrigen hat es in seiner Vernehmlassung zu-
treffend festgehalten, dass aus den Verletzungen und Narben keine Rück-
schlüsse auf den Zeitpunkt und die Umstände, welche zu diesen geführt
haben, zu ziehen seien.
4.4
4.4.1 Eine weitere Verletzung des rechtserheblichen medizinischen Sach-
verhalts begründete der Beschwerdeführer damit, dass das SEM die Trau-
matisierung durch das Erlebte und die drohende Retraumatisierung bei ei-
ner Rückkehr nach Afghanistan nicht abgeklärt habe, obwohl er auf seine
(...)- und (...) sowie seinen (...)- und (...) hingewiesen habe.
4.4.2 Anlässlich des Dublin-Gesprächs sowie in der Anhörung gab der Be-
schwerdeführer zu Protokoll, er leide unter anderem an (...), (...) und habe
(...), da er oft (...) habe (vgl. SEM-Akten 17/3, S. 2 und 28/8, F56 ff.). Den
Akten ist sodann zu entnehmen, dass die Vorinstanz über einen ärztlichen
Kurzbericht für das BAZ B._ vom 15. Dezember 2021 verfügte, wo-
nach er sich bei den Pflegefachpersonen im BAZ mit starken (...) und star-
ken (...) gemeldet habe, wobei er sehr stark belastet zu sein schien. Weiter
D-648/2022
Seite 8
wurde im Bericht festgehalten, dass er unentschuldigt nicht zur Konsulta-
tion erschienen sei (vgl. SEM-Akte [...]-24/3). Offenbar erachtete der Be-
schwerdeführer seine psychischen Probleme selber nicht unbedingt als be-
handlungsbedürftig. Angesichts dessen, dass er seit dem 1. Dezem-
ber 2021 rechtlich vertreten war, kann jedenfalls davon ausgegangen wer-
den, dass die Rechtsvertretung ihm bei Bedarf behilflich gewesen wäre,
einen Termin bei einer geeigneten Fachperson zu finden. Bezeichnender-
weise wurden auch im Laufe des weiteren Asylverfahrens keine medizini-
schen Unterlagen zu den Akten gereicht. Folglich liegen zu den Ursachen
der geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden einzig die nicht be-
legten Behauptungen in der Beschwerde vor, wonach diese in den erlebten
Traumatisierungen und der Angst vor der Rückkehr nach Afghanistan be-
gründet seien. Vor diesem Hintergrund ist nicht ersichtlich, inwiefern die
Vorinstanz verpflichtet gewesen wäre, im Rahmen ihrer Untersuchungs-
pflicht weitergehende Abklärungen zum Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers vorzunehmen.
4.5
4.5.1 Darüber hinaus machte der Beschwerdeführer geltend, die
Vorinstanz sei auch bei der Erstellung des Sachverhalts ihrer Untersu-
chungspflicht nicht nachgekommen. Wenn sie an seinen Ausführungen
und damit am rechtserheblichen Sachverhalt zweifle, müsse sie diesen
weiter abklären und dürfe nicht einfach auf pauschale Behauptungen ab-
stellen. Seine Vorbringen, wonach er von den Taliban im Alter von (...) Jah-
ren hätte zwangsrekrutiert werden sollen, habe diese abgewiesen, weil
nicht davon auszugehen sei, dass die Taliban damals mit Gewalt kleine
Kinder mitgenommen hätten.
4.5.2 Hinsichtlich des vom Beschwerdeführer im Kern vorgetragenen Asyl-
vorbringens (versuchte Zwangsrekrutierung durch die Taliban als Minder-
jähriger) ist festzustellen, dass das SEM seiner Untersuchungspflicht in
hinreichendem Masse nachgekommen ist. Es war nicht gehalten, in dieser
Hinsicht den Sachverhalt weiter zu ermitteln. So konnte der Beschwerde-
führer anlässlich der Anhörung seine Gesuchsgründe in genügender
Weise darlegen, was er auf entsprechende Nachfrage auch bestätigte (vgl.
SEM-Akte 28/8, F61). Die Vorinstanz hat sich sodann in der angefochtenen
Verfügung mit seinen wesentlichen Vorbringen in erforderlichem Umfang
auseinandergesetzt und in der Gesamtwürdigung seiner Asylvorbringen
nachvollziehbar aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich leiten
liess. Dass der Beschwerdeführer die Einschätzung des SEM nicht teilt,
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Seite 9
stellt keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes dar, sondern ist
eine Frage der materiell-rechtlichen Würdigung.
4.6 Nach dem Gesagten erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün-
det, weshalb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfügung aus
formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Der entsprechende Kassationsantrag ist dementsprechend abzu-
weisen.
5.
5.1 Im vorliegend zu beurteilenden Fall ist umstritten, ob das SEM zu Recht
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asyl-
gesuch abgelehnt hat.
5.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3
AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das
Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt
und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
beispielsweise BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
6.
6.1 In ihrer abweisenden Verfügung hielt die Vorinstanz fest, dass es sich
bei der vom Beschwerdeführer geltend gemachten schlechten und unsi-
cheren Situation in seinem Heimatland um die Auswirkungen des seiner-
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Seite 10
zeitigen Bürgerkriegs gehandelt habe und nicht um eine gegen ihn persön-
lich gerichtete Verfolgung. Auch wenn sich die Lage seit der Machtüber-
nahme der Taliban stark verändert habe und es weiterhin vereinzelt zu krie-
gerischen Auseinandersetzungen kommen könne, sei dieses Vorbringen
nicht asylrelevant. Des Weiteren würden erhebliche Zweifel daran beste-
hen, dass die Taliban einen (...) zwangsweise rekrutiert hätten. Ferner
hätte der Rekrutierungsversuch auf keinem flüchtlingsrechtlich relevanten
Motiv beruht, denn das Vorgehen der Taliban habe nicht das Ziel gehabt,
ihn aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe zu
verfolgen. Es sei lediglich darum gegangen, Jugendliche zu rekrutieren.
Den Akten seien denn auch keine Hinweise auf zusätzliche Risikofaktoren
zu entnehmen, wonach er als Feind oder Verräter betrachtet und ihm mithin
eine oppositionelle Gesinnung unterstellt worden sei. Sodann bestehe kein
begründeter Anlass zur Annahme, dass sich die Lageveränderung seit
Mitte August 2021 risikoverschärfend auf seine persönliche Situation aus-
gewirkt habe und er bei einer Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Verfolgungsmassnahmen als Folge der einstigen Rekrutierungsverwei-
gerung ausgesetzt sein werde. Ausserdem habe der Beschwerdeführer
nicht geltend gemacht, dass er oder seine Familie politisch aktiv gewesen
seien oder sie ein besonderes Profil hätten, welches sie von anderen Af-
ghanen unterscheiden würde. Schliesslich sei nicht davon auszugehen,
dass die Taliban heute ein Interesse an ihm hätten, zumal sie ihn nicht mehr
als Kämpfer verwenden könnten und ihnen sein Fall kaum in Erinnerung
geblieben sei. Insgesamt würden seine Asylvorbringen den Anforderungen
an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten.
6.2 In seiner Rechtsmitteleingabe entgegnete der Beschwerdeführer – un-
ter Bezugnahme auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-5072/
2018 vom 17. Dezember 2020 – die zwangsweise Rekrutierung von Min-
derjährigen erfolge aufgrund ihres Alters, Geschlechts und Wohnortes, wo-
mit an nichtabänderbare Merkmale angeknüpft worden sei. Damit sei das
Motiv der versuchten Zwangsrekrutierung – entgegen der vom SEM ver-
tretenen Ansicht – flüchtlingsrechtlich relevant. Ferner seien die vom An-
griff der Taliban herrührenden Verletzungen und Narben ein Risikofaktor
im Falle einer Zwangsrückführung nach Afghanistan. Ausserdem bestehe
eine zusätzliche Gefährdung aufgrund der über zehn Jahre dauernden
Landesabwesenheit, da er deshalb von den Taliban als "verwestlicht" an-
gesehen würde. Selbst wenn man – wie die Vorinstanz – von einem Weg-
fall der Verfolgungsgefahr ausgehe, würden zwingende Gründe vorliegen,
welche eine Rückkehr unmöglich machen würden. So sehe Art. 1C Ziff. 5
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Seite 11
Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK; SR 0.142.30) insbesondere für den Fall, dass schwerwie-
gende Traumatisierungen einer Rückkehr entgegenstehen, die Gewäh-
rung der Flüchtlingseigenschaft trotz Wegfall der Verfolgungsgefahr vor.
Da die Gruppierung, welche bei ihm eine Traumatisierung verursacht habe
nun in Afghanistan an die Macht gelangt sei, löse bereits die Vorstellung
einer drohenden Rückkehr bei ihm grosse Angstzustände aus und würde
zu einer schweren Retraumatisierung führen.
6.3 In ihrer Vernehmlassung wendete die Vorinstanz ein, der Verweis auf
das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-5072/2018 vom 17. Dezem-
ber 2020 führe hinsichtlich der fehlenden flüchtlingsrechtlichen Relevanz
zu keiner anderen Einschätzung. Bei diesem Entscheid handle es sich we-
der um ein Grundsatz- noch ein Referenzurteil und zudem sei darin na-
mentlich die Illegitimität der Einberufung von Minderjährigen zu militäri-
schen Handlungen durch lokale quasi-staatliche Machthaber als flücht-
lingsrechtlich bedeutsam erachtet worden. Da es sich bei den Taliban im
Zeitpunkt der geltend gemachten Zwangsrekrutierung um eine nichtstaat-
liche Gruppierung gehandelt habe, sei der vorliegende Fall allein schon in
dieser Hinsicht von der Konstellation im zitierten Urteil zu unterscheiden,
weshalb kein Analogieschluss gezogen werden könne. Weiter vermöge
auch die Behauptung des Beschwerdeführers, wonach er durch das Er-
lebte eine Traumatisierung erlitten habe, nichts an der fehlenden Asylrele-
vanz der Vorbringen zu ändern und Art. 1C FK komme schon deshalb nicht
zur Anwendung, weil er die Flüchtlingseigenschaft aufgrund des fehlenden
asylrelevanten Motivs nicht erfülle. Alsdann komme seinen Narben und
psychischen Beschwerden kein Beweiswert zu, da diese zahlreiche Ursa-
chen haben könnten. Weitere diesbezügliche Abklärungen seien deshalb
weder möglich noch nötig. Zuletzt wiederholte das SEM, dass erhebliche
Zweifel daran bestünden, dass die Taliban ein (...) Kind mit Gewalt hätten
mitnehmen wollen und sogar auf ein solches geschossen hätten. Selbst
wenn dies jedoch der Wahrheit entsprechen würde, sei davon auszugehen,
dass er nicht wegen der damaligen Flucht von den Taliban verfolgt werden
würde, zumal er schon aufgrund seines damaligen Alters heute kaum als
Regimegegner betrachtet werden würde.
7.
7.1 Vorab ist anzumerken, dass die Ausführungen des Beschwerdeführers
zur angeblich versuchten Zwangsrekrutierung durch die Taliban – selbst
unter Berücksichtigung seines damaligen minderjährigen Alters und seiner
angeblich nicht vorhandenen Schulbildung, welche angesichts des von ihm
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Seite 12
selbst ausgefüllten Personalienblatts ernsthaft zu bezweifeln ist (vgl. SEM-
Akte [...]-1/2) – derart detailarm ausgefallen sind, dass sie nicht geeignet
sind, ein auch nur ansatzweise nachvollziehbares Bild eines realen Ge-
schehensablaufs zu vermitteln. Mit Blick auf die Rekrutierungspraxis der
Taliban vor der Machtübernahme im August 2021 lässt sich zudem festhal-
ten, dass die Taliban einerseits einen stärkeren Fokus auf die Rekrutierung
von Personen mit militärischer Erfahrung legten und somit generell die Zahl
der rekrutierten Minderjährigen abnahm und die Rekrutierten in der Regel
nicht jünger als 15 Jahre alt waren (vgl. dazu Country of Origin Information
Centre [Landinfo], Report Afghanistan: Recruitment to Taliban, 29. Ju-
ni 2017, <https://landinfo.no/wp-content/uploads/2018/03/Afghanistan-Re-
cruitment-to-Taliban-29062017.pdf>, letztmals abgerufen am 7. Septem-
ber 2022; vgl. ferner Urteil des BVGer E-4538/2021 vom 21. Juni 2022
E. 7.3). Der Beschwerdeführer war im Zeitpunkt seiner Ausreise erst (...)
oder (...) Jahre alt und damit noch deutlich jünger, als die in der Regel
durch die Taliban rekrutierten Minderjährigen. Insgesamt bestehen erheb-
liche Zweifel an der geltend gemachten drohenden Zwangsrekrutierung
zum Zeitpunkt seiner Ausreise, mithin des angegebenen fluchtauslösen-
den Ereignisses. Die Frage der Glaubhaftigkeit kann angesichts der nach-
folgend festgestellten fehlenden Asylrelevanz allerdings offengelassen
werden.
7.2 Der Beschwerdeführer brachte vor, er sei im Jahr 2011 oder 2012 – wie
andere minderjährige Jungen aus seiner Nachbarschaft (vgl. SEM-Akte
28/8, F40 und F48) – von den Taliban mitgenommen worden. Zwar trifft es
zu, dass junge Männer eines Dorfes ab einem bestimmten Alter von der
Rekrutierung der Taliban betroffen sein konnten. Anknüpfungspunkt für
eine drohende Zwangsrekrutierung war dabei, wie der Beschwerdeführer
zu Recht erwog, der Wohnort, das Alter sowie das Geschlecht der Betroffe-
nen. Bei diesen Merkmalen handelte es sich jedoch entgegen dessen Auf-
fassung nicht um in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnte Eigenschaften, weshalb
das flüchtlingsrechtlich relevante Motiv fehlte (vgl. hierzu Urteile des BVGer
D-7294/2014 vom 16. November 2015 E. 7.3.3 [betreffend Rekrutierungen
durch die kurdische YPG im autonomen kurdischen Gebiet Syriens] und
E-1263/2015 vom 20. April 2015 E. 6.1.2 [betreffend Asylrelevanz der
Dienstverweigerung in Syrien]). Das dargelegte Vorgehen der Taliban ver-
folgte nicht das Ziel, die von ihnen angesprochenen Personen in ihrer Ei-
genschaft als junge Männer zu treffen beziehungsweise sie als solche zu
verfolgen. Die Folgen einer Weigerung, sich den Taliban anzuschliessen,
waren in der Tat drastisch und konnten gegebenenfalls sogar zur Gefähr-
D-648/2022
Seite 13
dung von Leib und Leben der Betroffenen führen. Wie das SEM in der Ver-
nehmlassung aber zutreffend festhielt, handelte es sich bei den Taliban –
zumindest vor ihrer Machtergreifung im August 2021 – um eine nichtstaat-
liche Organisation, weshalb allfällige Racheakte infolge der Widersetzung
ihrer Forderungen als gemeinrechtliches Delikt anzusehen waren und nicht
als eine Verfolgung aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motive
(vgl. hierzu D-1257/2020 vom 16. März 2020 E. 5.5.2, E-1521/2018 vom
31. Mai 2019 E. 5.5.2, D-7291/2017 vom 2. April 2019 E. 5.2 und
D-3474/2017 vom 25. August 2017 E. 5.1).
Auch aus heutiger Sicht fehlt es an der notwendigen hohen Wahrschein-
lichkeit, dass der Beschwerdeführer bei einer (hypothetischen) Rückkehr
in naher Zukunft eine gezielte Verfolgung durch die Taliban im Sinne von
Art. 3 AsylG zu gewärtigen hätte. Da er keine asylrelevante Verfolgung vor
seiner Ausreise darlegen konnte, kann auch nicht geglaubt werden, dass
die Taliban aktuell an ihm interessiert sein sollen. Insbesondere liegen
keine Hinweise dafür vor, wonach er im Fokus der Taliban stehen könnte,
weil er sich dem angeblichen Rekrutierungsversuch entzogen hat. So
wurde nicht geltend gemacht, dass die Taliban auch nach seiner Ausreise
nach ihm gesucht hätten. Da es sich beim Beschwerdeführer nicht mehr
um eine minderjährige Person handelt, kann eine mögliche zukünftige Rek-
rutierung jedenfalls bereits deshalb nicht mehr als illegitim qualifiziert wer-
den. Zwar ist die aktuelle Informationslage in Bezug auf die Rekrutierungs-
strategie der Taliban schlecht und es ist anzunehmen, dass nicht alle Vor-
fälle von Menschenrechtsverletzungen gemeldet werden, dennoch ist da-
von auszugehen, dass die Taliban nach der zwischenzeitlich erfolgten
Machtübernahme nicht mehr auf Zwangsrekrutierungen angewiesen sind.
Aktuelle Berichte zur Lage in Afghanistan enthalten jedenfalls keine Hin-
weise auf systematische Zwangsrekrutierungen, sie deuten vielmehr da-
rauf hin, dass die Taliban Mitglieder der ehemaligen Sicherheitskräfte zu
rekrutieren versuchen (vgl. hierzu Urteil des BVGer D-3480/2021 vom
10. August 2022 E. 5.3.1 m.H.a. UK Home Office, Country Policy and In-
formation Note, Afghanistan: Fear of the Taliban, Version 3.0, Feb-
ruar 2022, Ziff. 6.11, <https://www.ecoi.net/en/file/local/2068081/AFG_CPI
N_Fear_of_the_Taliban.pdf> und United Nations Security Council, Thir-
teenth report of the Analytical Support and Sanctions Monitoring Team sub-
mitted pursuant to resolution 2611 (2021) concerning the Taliban and other
associated individuals and entities constituting a threat to the peace stabil-
ity and security of Afghanistan, Ziff. 35, <https://www.ecoi.net/en/file/local/
2073803/N2233377.pdf>, beide letztmals abgerufen am 7. Septem-
ber 2022). Darüber hinaus würde der Beschwerdeführer aufgrund seiner
https://www.ecoi.net/en/file/%20local/2073803/N2233377.pdf https://www.ecoi.net/en/file/%20local/2073803/N2233377.pdf
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schweren (...) bei einer Rekrutierung wohl ohnehin als untauglich einge-
stuft werden. Schliesslich sind den Akten weder Hinweise auf eine mögli-
che Reflexverfolgung noch auf andere Anknüpfungspunkte zu entnehmen,
die zu einer Gefährdung führen könnten.
7.3 Die Voraussetzungen für die Anwendung der Ausnahmebestimmung
von Art. 1C Ziff. 5 Abs. 2 FK sind vorliegend ebenfalls nicht gegeben. Diese
Bestimmung sieht vor, dass eine erlittene Vorverfolgung ausnahmsweise
auch nach Wegfall einer zukünftig drohenden Verfolgungsgefahr weiterhin
als asylrechtlich relevant zu betrachten ist, wenn eine Rückkehr in den
früheren Verfolgerstaat aus zwingenden, auf diese Verfolgung zurückge-
henden Gründen nicht zumutbar ist. Bei dieser Auslegung von Art. 3 AsylG
zieht das Bundesverwaltungsgericht – in Weiterführung der Praxis der vor-
maligen Asylrekurskommission (ARK) – die entsprechende Formulierung
der Ausnahmebestimmung von Art. 1C Ziff. 5 Abs. 2 FK bei (vgl. hierzu
BVGE 2007/31 E. 5.4, m.w.H., insbesondere auf Entscheidungen und Mit-
teilungen der ARK [EMARK] 1993 Nr. 31 und 2001 Nr. 3). Als "zwingende
Gründe" in diesem Zusammenhang sind vorab traumatisierende Erleb-
nisse zu betrachten, die es der betroffenen Person angesichts erlebter
schwerwiegender Verfolgungen, insbesondere Folterungen, im Sinne einer
Langzeittraumatisierung psychologisch verunmöglichen, ins Heimatland
zurückzukehren (vgl. EMARK 1995 Nr. 16; vgl. ferner Urteil des BVGer
E-3842/2006 vom 20. Dezember 2010 E. 5.2.2). Bezüglich einer allfälligen
Anwendbarkeit von Art. 1C Ziff. 5 Abs. 2 FK ist auf die Ausführungen in
EMARK 1999 Nr. 7 (vgl. dort E. 4.d.aa, bestätigt in BVGE 2009/51 E. 4.2.7)
zu verweisen. Demnach kann sich auf zwingende Gründe nur berufen, wer
im Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz sämtliche Voraussetzungen für
die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 1A FK erfüllt
hatte. Vorliegend erfüllt der Beschwerdeführer diese Bedingungen nicht,
da – wie vorgängig erwähnt (vgl. E. 7.2 hiervor) – keine flüchtlingsrelevante
Vorverfolgung gegeben ist. Im Übrigen wären seine vorgebrachten psychi-
schen und physischen Probleme auch bei einem Wegweisungsvollzug zu
berücksichtigen; zufolge der gewährten vorläufigen Aufnahme erübrigen
sich vorliegend jedoch weitere Ausführungen dazu.
7.4 Besteht – wie dies vorliegend der Fall ist – kein Verdacht auf ein risiko-
begründendes Verhalten seitens der asylsuchenden Person (vgl. E. 7.2
hiervor), reichen Verletzungen und Narben alleine nicht aus, um bei einer
(hypothetischen) Rückkehr ins Heimatland die Gefahr einer Verhaftung
und Folter zu begründen. Im Übrigen können Narben zwar eine frühere
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Verletzung untermauern, sie lassen aber keine Rückschlüsse auf die Um-
stände ihrer Entstehung zu.
7.5 Soweit der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmittelschrift vorbrachte,
bei einer Rückkehr als "verwestlichte" Person identifiziert zu werden und
deshalb einem erhöhten Verfolgungsrisiko seitens der Taliban ausgesetzt
zu sein, vermag dies ebenfalls nicht zu überzeugen. Der Aufenthalt in ei-
nem westlichen Land genügt für sich alleine nicht, um eine flüchtlingsrecht-
lich relevante Furcht vor einer Verfolgung durch die Taliban zu begründen,
zumal die schweizerische Praxis – auch nach der Machtergreifung der Ta-
liban im August 2021 – keine Kollektivverfolgung aller afghanischer Asyl-
suchenden anerkennt (vgl. hierzu Urteile des BVGer E-2436/2022 vom
1. Juli 2022 S. 7, E-4538/2021 vom 21. Juni 2022 E. 7.4.3 und E-3240/
2020 vom 11. April 2022 E. 6.3).
7.6 Schliesslich hat das SEM zu Recht darauf hingewiesen, dass der Be-
schwerdeführer aus der allgemeinen schwierigen Sicherheitslage in Afgha-
nistan, die sich nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021
weiter stark verschlechtert hat (vgl. hierzu beispielsweise Urteile des
BVGer D-4649/2021 vom 15. November 2021 E. 7.4.1 und 7.4.2 sowie
D-2511/2021 vom 8. Februar 2022 E. 8.3), im heutigen Zeitpunkt keine
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung ableiten kann, da diese Nachteile
keine gezielten, individuellen Verfolgungshandlungen darstellen. Der allge-
meinen Gefährdungssituation wurde bereits mit der Anordnung der vorläu-
figen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rech-
nung getragen.
7.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass keine asylrechtlich relevanten Ver-
folgungsgründe ersichtlich sind, weshalb die Vorinstanz zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylge-
such abgelehnt hat.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.3 Die Wegweisungsvollzugshindernisse (Unzulässigkeit, Unzumutbar-
keit und Unmöglichkeit; vgl. Art. 83 Abs. 2–4 AIG) sind alternativer Natur:
Sobald eines von ihnen erfüllt ist, ist der Wegweisungsvollzug als undurch-
führbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss
den Bestimmungen der vorläufigen Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE
2011/24 E. 10.2 und 2009/51 E. 5.4, je m.w.H.). Da der Beschwerdeführer
mit Verfügung des SEM vom 12. Januar 2022 wegen gegenwärtiger Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen wurde (vgl.
Dispositivziffer 4 der angefochtenen Verfügung), erübrigen sich praxisge-
mäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegwei-
sungsvollzugs.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE; SR 173.320.2]). Nachdem mit Verfügung vom
14. Februar 2022 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen worden ist
und weiterhin von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers auszugehen
ist, sind ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
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