Decision ID: 644e24a7-6c1e-4d81-9c2d-0036ac8732ae
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Mit Scheidungsurteil des Kreisgerichts Z._ vom 15. Oktober 2012 wurde A._ mit
Wohnsitz in B._ und M._ mit Wohnsitz in X._ die gemeinsame Sorge und die zeitlich
geteilte Obhut über ihre 1999 geborene Tochter G._ übertragen. Die Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörde der Region T._ (KESB T._) entzog ihnen am 15. Februar
2013 die Obhut und wies G._ zur sozialpädagogischen Betreuung und Beschulung
sowie zur Planung und Rückführung in ein tragfähiges soziales System im Sinn eines
„Time-Out“ mit dem Ziel einer Rückkehr zur Mutter in die Durchgangswohngruppe
W._ ein. Ab 1. Februar 2014 wurde G._ ohne Aufhebung des Obhutsentzugs erlaubt,
probeweise bei der Mutter zu wohnen. Da sie sich nicht an die Auflagen hielt und den
Kontakt zu Eltern, Beistand und Schule abbrach, wies die KESB T._ G._ am 16. Mai
2014 zur sozialpädagogischen Betreuung und Beschulung sowie zur Planung der
weiteren fürsorgerischen Unterbringung in das Jugendheim „K._“ in der Politischen
Gemeinde Q._ ein. Der Eintritt erfolgte – nachdem sie in der Wohnung ihrer Schwester
in X._ aufgegriffen worden war – am 5. Juni 2014. Am 14. Juli 2014 trat sie wieder aus
und hielt sich in der Folge vorübergehend beim Vater auf.
B. Das kantonale Amt für Soziales stellte mit Verfügung vom 22. Juli 2014 die Pflicht
der Politischen Gemeinde X._ zur Tragung der Kosten des Aufenthalts von G._ im
„K._“ in der Zeit vom 16. Mai bis 14. Juli 2014 von CHF 47‘040 fest (Ziffern 1 und 2).
Zur Begründung wurde ausgeführt, mit der probeweisen Rückkehr am 1. Februar 2014
zur Mutter habe G._ in der Politischen Gemeinde X._ einen eigenständigen Wohnsitz
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am Aufenthaltsort begründet. Im „K._“ in der Politischen Gemeinde Q._ habe sie sich
nur zum Sonderzweck der Unterbringung, Betreuung und Beschulung aufgehalten. Die
Politische Gemeinde X._ erhob dagegen am 4. August 2014 Rekurs beim
Departement des Innern und beantragte die Aufhebung der Ziffern 1 und 2 der
angefochtenen Verfügung und die Feststellung, die Politische Gemeinde Q._ sei zur
Leistungsabgeltung örtlich und sachlich zuständig.
Das Departement des Innern wies den dagegen von der Politischen Gemeinde X._
erhobenen Rekurs am 9. Mai 2016 ab im Wesentlichen mit der Begründung, im
innerkantonalen Verhältnis richte sich die Kostenübernahme für die Unterbringung in
einem Kinder- und Jugendheim sachgemäss nach der Interkantonalen Vereinbarung für
soziale Einrichtungen. G._ habe durch das mehrmonatige probeweise Wohnen bei
ihrer Mutter und ihre weiteren Beziehungen in der Politischen Gemeinde X._ einen
selbständigen zivilrechtlichen Wohnsitz am Aufenthaltsort begründet. Mangels
abgeleiteten Wohnsitzes sei unerheblich, dass die Mutter – ebenso wenig wie der Vater
– nicht über die formelle Obhutsberechtigung verfügt habe. Der selbständige Wohnsitz
sei auch während ihres unfreiwilligen Aufenthaltes im Jugendheim K._ vom 5. Juni bis
14. Juli 2014 nicht verloren gegangen sei. Ein anderes Ergebnis würde Ziel und Zweck
der Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen widersprechen.
C. Die Sozialen Dienste Y._ erhoben für die Politische Gemeinde X._
(Beschwerdeführerin) gegen den Rekursentscheid des Departements des Innern
(Vorinstanz) vom 9. Mai 2016 mit Eingabe vom 23. Mai 2016 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit dem Rechtsbegehren, unter Kosten- und Entschädigungsfolge
seien Ziffern 1-3 des Dispositivs des angefochtenen Entscheides aufzuheben und es
sei festzustellen, der zivilrechtliche Wohnsitz von G._ habe sich während ihres
Aufenthalts im "K._" vom 5. Juni bis 14. Juli 2014 in der Politischen Gemeinde Q._
(Beschwerdegegnerin) befunden. Deshalb sei festzustellen, dass die
Beschwerdegegnerin örtlich und sachlich für die Leistungsabgeltung zuständig sei, und
sie sei zu verpflichten, die ausstehenden Rechnungen im Betrag von CHF 30‘692 zu
bezahlen. Der Stadtrat der Politischen Gemeinde X._ genehmigte mit Beschluss vom
14. Juni 2016 die Beschwerdeerhebung durch die Sozialen Dienste Y._.
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Die Vorinstanz beantragte am 11. Juli 2016, die Beschwerdegegnerin am 25. Juli 2016
ohne weitere Ausführungen die Abweisung der Beschwerde. Die Beschwerdeführerin
reichte am 11. Januar 2017 eine zusätzliche Eingabe ein.
Auf die Ausführungen der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid und der
Beschwerdeführerin zur Begründung ihres Rechtsbegehrens sowie die Akten wird,

soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Die Politische
Gemeinde X._, deren Rekurs gegen die von der Verbindungsstelle nach der
Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen (sGS 381.31, IVSE) festgestellte
Verpflichtung zur Tragung der Kosten für den Aufenthalt von G._ vom 16. Mai bis
14. Juli 2014 im Jugendheim "K._" mit dem angefochtenen Entscheid der Vorinstanz
vom 9. Mai 2016 abgewiesen worden war, ist zur Erhebung der Beschwerde befugt
(Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP; Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 446). Die
Beschwerde wurde mit Eingabe der Sozialen Dienste Y._ vom 23. Mai 2016 rechtzeitig
erhoben. Der Stadtrat X._ genehmigte die Erhebung der Beschwerde mit Beschluss
vom 14. Juni 2016 (act. 5). Sie erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1
VRP). Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. Die Beschwerdeführerin ist der Auffassung, der für die Leistungsabgeltung
massgebliche zivilrechtliche Wohnsitz von G._ habe sich während ihres Aufenthalts im
Jugendheim "K._" vom 5. Juni bis 14. Juli 2014 am Standort der Einrichtung in der
Politischen Gemeinde Q._ befunden.
2.1. Gemäss Art. 41 lit. b Ziff. 2 des Sozialhilfegesetzes (sGS 381.1, SHG) erhalten
Heime und Einrichtungen im Kanton für st. gallische Betreuungsbedürftige in
sachgemässer Anwendung der Bestimmungen der Interkantonalen Vereinbarung für
soziale Einrichtungen (sGS 381.31, IVSE) Beiträge. Entsprechend Art. 19 Abs. 1 IVSE
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sichert deshalb die Wohngemeinde der Einrichtung der Standortgemeinde mittels der
Kostenübernahmegarantie die Leistungsabgeltung zugunsten der Person für die zu
garantierende Periode zu. Wohngemeinde ist entsprechend Art. 4 lit. d IVSE diejenige
Gemeinde, in der die Person, welche die Leistungen beansprucht, ihren zivilrechtlichen
Wohnsitz hat.
Der Wohnsitz einer Person befindet sich gemäss Art. 23 Abs. 1 Satzteil 1 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, ZGB) an dem Orte, wo sie sich mit der
Absicht dauernden Verbleibens aufhält. Nach Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB begründet
der Aufenthalt zum Zweck der Ausbildung oder die Unterbringung einer Person in einer
Erziehungs- oder Pflegeeinrichtung, einem Spital oder einer Strafanstalt für sich allein
keinen Wohnsitz. Diese Bestimmung wurde im Zuge der Revision des
Vormundschaftsrechts mit Wirkung ab 1. Januar 2013 eingefügt. Zuvor war der
Aufenthalt zu Sonderzwecken unter dem Randtitel "Aufenthalt in Anstalten" in aArt. 26
ZGB geregelt. Dessen Inhalt ist nun – systematisch richtig – unmittelbar im Anschluss
an die Definition des Wohnsitzes eingereiht. Eine materielle Änderung des geltenden
Rechts wurde nicht vorgenommen, lediglich eine redaktionelle Überarbeitung. Mit der
Formulierung "für sich allein" wird klargestellt, dass die Begründung eines neuen
Wohnsitzes am Ort der Anstalt (heute vorab Einrichtung) nicht per se ausgeschlossen
ist, wenn der dortige Aufenthalt nicht nur dem Sonderzweck dient (vgl. BGE 141 V 255
E. 4.1 mit Hinweisen). Als Wohnsitz des Kindes unter elterlicher Sorge gilt gemäss
Art. 25 Abs. 1 ZGB der Wohnsitz der Eltern oder, wenn die Eltern keinen gemeinsamen
Wohnsitz haben, der Wohnsitz des Elternteils, unter dessen Obhut das Kind steht; in
den übrigen Fällen gilt sein Aufenthaltsort als Wohnsitz. Der einmal begründete
Wohnsitz bleibt gemäss Art. 24 Abs. 1 ZGB bis zum Erwerbe eines neuen Wohnsitzes
bestehen. Diese Regel gilt auch für den abhängigen Wohnsitz nach Art. 25 ZGB (BGE
61 II 65; Hausheer/ Aebi-Müller, Das Personenrecht des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches, 4. Aufl. 2016, Rz. 09.46). Grundsätzlich nicht bestehen bleibt der am
Aufenthaltsort anknüpfende und damit dem wechselnden Aufenthaltsort folgende
Wohnsitz gemäss Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB (vgl. D. Staehelin, in: Basler
Kommentar, ZGB I, 5. Aufl. 2014, N 8 zu Art. 25 ZGB).
2.2. Die Beschwerdeführerin anerkennt, dass G._ durch das rund viermonatige
probeweise Wohnen bei der Mutter in X._ einen – abgeleiteten – Wohnsitz nach
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Art. 25 Abs. 1 Satzteil 1 ZGB begründet hat (Ziff. 5.3 der Beschwerde). Damit bleibt
einzig zu prüfen, ob die von der KESB T._ angeordnete fürsorgerische Unterbringung
von G._ im Jugendheim K._ und ihr – zumindest zeitweiliger – Aufenthalt in dieser
Einrichtung zu einem – eigenständigen – zivilrechtlichen Wohnsitz geführt hat. Davon
ist mit Blick auf den Grundsatz von Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB nicht auszugehen.
Der behördlich angeordnete, unfreiwillige Aufenthalt von G._ im "K._" sollte einzig der
Erreichung des mit der Massnahme angestrebten Sonderzweckes, nämlich der
sozialpädagogischen Betreuung und Beschulung sowie der Planung der weiteren
fürsorgerischen Unterbringung, dienen. Die Unterbringung war deshalb offenkundig
nicht auf ein dauerndes Verbleiben ausgerichtet. Von einer solchen Absicht kann
insbesondere bei G._ nicht ausgegangen werden. Insoweit besteht kein Anlass, eine
Ausnahme – wie sie mit der Wendung „für sich allein“ zugelassen werden soll – vom
Grundsatz, wonach der Aufenthalt in einer Einrichtung gemäss Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2
ZGB keinen zivilrechtlichen Wohnsitz schafft, anzunehmen.
Die Beschwerdeführerin stützt ihre Auffassung auf die in BGE 135 III 49 veröffentlichte
bundesgerichtliche Rechtsprechung. Indessen weicht der vorliegend zu beurteilende
Sachverhalt von jenem wesentlich ab. Zu klären war dort die Frage der örtlichen
Zuständigkeit einer Vormundschaftsbehörde. Den Eltern mit gemeinsamer elterlicher
Sorge war die Obhut entzogen. Im Zeitpunkt der – auf Dauer ausgerichteten –
Heimplatzierung der Kinder wohnten die gemeinsam sorgeberechtigten Eltern – wenn
auch an verschiedenen Adressen – in derselben Politischen Gemeinde und hatten
damit einen gemeinsamen Wohnsitz, den ihre – bereits im Heim untergebrachten –
Kinder als abgeleiteten Wohnsitz teilten. Mit dem Wegzug des einen Elternteils entfiel
dieser abgeleitete Wohnsitz. Weil in diesem Zeitpunkt beiden Elternteilen als Inhabern
der elterlichen Sorge die Obhutsberechtigung bereits entzogen war, fehlte fortan
jeglicher Anknüpfungspunkt für einen abgeleiteten Wohnsitz (vgl. BGE 135 III 49
E. 5.3.2). Der Anknüpfung am Sitz der Einrichtung lag mithin nicht ein Wechsel des
Aufenthaltsortes der Kinder, sondern der Untergang ihres abgeleiteten Wohnsitzes
nach Wegzug eines Elternteils zugrunde. Demgegenüber hatte G._ im Zeitpunkt der
Anordnung der nicht auf Dauer ausgerichteten fürsorgerischen Unterbringung noch –
wovon die Beschwerdeführerin ausgeht – einen abgeleiteten Wohnsitz bei der Mutter,
die weiterhin – insbesondere aber während des Aufenthalts ihrer Tochter im
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Jugendheim K._ – Wohnsitz in der Politischen Gemeinde X._ hatte. Die Verhältnisse
stellen sich also vorliegend dar wie bei jedem – vorübergehenden und rein
zweckgebundenen – Aufenthalt in einer Einrichtung im Sinn von Art. 23 Abs. 1 Satzteil
2 ZGB, und es bleibt bei der – angesichts des konkreten zeitlichen Ablaufs nicht
widerlegbaren – Vermutung, wonach der Aufenthalt in einer solchen Einrichtung nicht
bedeutet, dass auch der Lebensmittelpunkt dorthin verlegt wurde (vgl. dazu BGE 135
III 49 E. 6).
2.3. Am Ergebnis ändert sich im Übrigen nichts, auch wenn – zusammen mit der
Vorinstanz – davon auszugehen wäre, G._ habe ab Februar 2014 mit ihrem Aufenthalt
zunächst bei ihrer Mutter und später bei ihrer Schwester in X._ mangels Obhutsrechts
der Mutter einen selbständigen Wohnsitz im Sinn von Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB
begründet. Auch in diesem Fall ist ihr befristeter, ausschliesslich auf den Zweck der
Einrichtung gerichteter Aufenthalt im Jugendheim K._ nicht geeignet, einen neuen
Wohnsitz zu schaffen. Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB sieht vor, dass der Aufenthalt in
einer der genannten Einrichtungen grundsätzlich keinen Wohnsitz begründet. Insoweit
ist Art. 23 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB, der gleichermassen wie Art. 25 Abs. 1 Satzteil 2 ZGB
auf den Ort des Aufenthalts Bezug nimmt, auch eine Ausnahme von Art. 25 Abs. 1
Satzteil 2 ZGB.
2.4. Unter diesen Umständen kann offenbleiben, ob ein anderes Ergebnis der
Auslegung und Anwendung der zivilrechtlichen Wohnsitzregeln unter Berufung auf den
Zweck der sachgemäss anwendbaren Interkantonalen Vereinbarung über die sozialen
Einrichtungen, nämlich mit der Regelung der Kostenübernahme die Angebotsoffenheit
zu sichern (vgl. Präambel der Vereinbarung), im Sinn einer funktionalisierenden
Auslegung des Wohnsitzbegriffs zu korrigieren wäre.
3. Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde als unbegründet. Sie ist
dementsprechend abzuweisen.
4. (...).