Decision ID: 8957d7f0-209e-5d7a-ba5e-8a6b93b66a77
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 1. September 2020 um Asyl in der
Schweiz. Anlässlich der Personalienaufnahme vom 9. September 2020
und der Anhörung vom 6. Januar 2021 führte er im Wesentlichen aus, er
habe von seiner Geburt bis zu seiner Ausreise in Beirut gelebt. Seine Eltern
seien gestorben, als er noch sehr jung gewesen sei, weshalb er bei Pfle-
geeltern aufgewachsen sei. Durch seine Eltern sei er von Geburt an christ-
lichen Glaubens gewesen und wegen seiner Pflegeltern zum Islam konver-
tiert. In seiner Heimat habe er eine Beziehung zu einer Frau namens
B._ geführt. Der Bruder seiner Freundin sei aufgrund seines ur-
sprünglichen christlichen Glaubens mit der Beziehung nicht einverstanden
gewesen und habe im Jahr 2015 von ihm verlangt, diese zu beenden. Da
er dieser Aufforderung nicht Folge geleistet habe, habe der Bruder ihn drei
Mal verfolgt, geschlagen und ihm dabei den Fuss gebrochen. Der Bruder
oder von diesem beauftragte Personen hätten ab dem Jahr 2015 fünf Mal
auf ihn geschossen, obwohl er innerhalb des Quartiers in Beirut seinen
Wohnort und seine Arbeitsstelle gewechselt habe. Er habe die Übergriffe
bei den libanesischen Behörden angezeigt und es seien Ermittlungen auf-
genommen worden. Der Bruder sei ein einflussreicher Krimineller, welcher
von den libanesischen Behörden auch wegen anderer Verbrechen seit
dem Jahr 2010 gesucht werde. Den Behörden sei es jedoch nicht gelun-
gen, ihn festzunehmen. Am 1. Januar 2020 sei er legal aus dem Libanon
ausgereist.
Der Beschwerdeführer reichte einen Arztbericht von Dr. med. C._,
FMH für Allgemeine Innere Medizin, vom 8. September 2020 und vom Uni-
versitätsspital D._ vom 15. September 2020, eine medizinische Ab-
klärung vom 14. September 2020 sowie ein medizinisches Datenblatt vom
16. September 2020 ein.
B.
Mit Schreiben vom 19. Januar 2021 nahm der Beschwerdeführer zum Ent-
scheidentwurf der Vorinstanz Stellung.
C.
Mit Verfügung vom 21. Januar 2021 (gleichentags eröffnet) verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein
Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Vollzug an.
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D.
Mit Kontrollblatt vom 22. Februar 2021 stellte die Vorinstanz fest, dass der
Beschwerdeführer seit dem 15. Februar 2021 unbekannten Aufenthalts
sei.
E.
Mit Schreiben vom 22. Januar 2021 teilte der Rechtsvertreter die Beendi-
gung des Mandatsverhältnisses mit.
F.
Mit Eingabe vom 22. Februar 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, es sei festzustellen,
dass die Versetzung des Beschwerdeführers in das Bundesasylzentrum
E._ eine unzulässige Vollzugshandlung in einem Verfahrensmo-
ment ohne rechtskräftigen Entscheid darstelle. Die Verfügung der
Vorinstanz vom 21. Januar 2021 sei vollumfänglich aufzuheben, dem Be-
schwerdeführer sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit,
allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und
als Folge davon sei ihm die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewäh-
ren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei die unentgeltliche Prozessführung
zu gewähren und es sei von der Erhebung eines Kostenvorschusses ab-
zusehen. Die Rechtvertreterin sei als amtliche Rechtsbeiständin beizuord-
nen. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren und es
sei angesichts der erschwerten Kontaktmöglichkeiten zum Beschwerde-
führer aufgrund des Transfers eine Nachfrist für eine Beschwerdeergän-
zung anzusetzen.
Der Beschwerde wurde eine Honorarnote beigelegt.
G.
Gemäss Meldung der Vorinstanz ist der Beschwerdeführer am 25. Februar
2021 wiederaufgetaucht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105
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AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist
als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht, weshalb
unter Vorbehalt der Erwägung 1.2 darauf einzutreten ist (Art. 108 Abs. 1
AsylG i.V.m. Art. 10 COVID-19-Verordnung [SR 142.318] und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Rechtsbegehren des Beschwerdeführers hinsichtlich der Unzuläs-
sigkeit seiner Versetzung in das Bundesasylzentrum E._ ist nicht
Gegenstand der angefochtenen Verfügung vom 21. Januar 2021. Auf das
Rechtsbegehren ist daher nicht einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des
Ausländerrechts richtet sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Weite-
rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1
und 2 AsylG).
2.3 Die Beschwerde in Asylsachen hat von Gesetzes wegen aufschie-
bende Wirkung (vgl. Art. 55 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 42 AsylG).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer beantragt eine Nachfrist zur Beschwerdeergän-
zung, da seine Versetzung in das Bundesasylzentrum E._ die Kon-
taktaufnahme des Rechtsvertreters mit ihm erschwert habe.
3.2 Zur Ergänzung der Beschwerdebegründung kann auf Gesuch eine
Nachfrist gewährt werden, wenn der aussergewöhnliche Umfang oder die
besondere Schwierigkeit der Beschwerdesache dies erfordert und die Be-
schwerde ordnungsgemäss eingereicht wurde (Art. 53 VwVG). Die vorlie-
gende Beschwerdesache weist weder einen aussergewöhnlichen Umfang
noch eine besondere Schwierigkeit auf. Zudem hat er 30 Tage zur Einrei-
chung der Beschwerde zur Verfügung gehabt. In diesem Zeitraum wäre es
ihm – auch angesichts der aktuellen Situation mit der COVID 19 Pandemie
– möglich und zumutbar gewesen, mit seinem Rechtsvertreter in Kontakt
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zu treten. Zudem ist er für die erschwerte Kontaktaufnahme selbst verant-
wortlich, da er unter Verletzung seiner Mitwirkungspflicht vom 15. Februar
2021 bis 25. Februar 2021 unbekannten Aufenthalts war. Es besteht dem-
nach keine Veranlassung, eine Frist zur Einreichung einer ergänzenden
Beschwerdebegründung anzusetzen. Der Antrag ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, die Verfolgung des
Beschwerdeführers durch den Bruder seiner Freundin sei aus persönlichen
Motiven erfolgt. Er sei wegen der Fortführung der Beziehung verfolgt wor-
den und nicht aufgrund seines ehemals christlichen Glaubens, zumal er
mittlerweile zum islamischen Glauben übergetreten sei. Die befürchteten
Nachteile würden in einer persönlichen Rache beziehungsweise in krimi-
nellen Handlungen gründen, weshalb sie nicht asylrelevant seien. Die liba-
nesischen Behörden seien gegenüber Verfolgung Dritter schutzwillig und
schutzfähig. Dies zeige sich darin, dass er bei den libanesischen Behörden
Anzeige habe erstatten können und Ermittlungen aufgenommen worden
seien. Er habe bereits in der Vergangenheit auf das behördliche Schutzsys-
tem zurückgreifen können, weshalb davon ausgegangen werden könne,
dass er bei einer Rückkehr in seine Heimat erneut auf dieses zurückgreifen
könne.
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5.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, die libanesischen Behörden hätten
seine Anzeigen zwar entgegengenommen und Ermittlungen gegen den
Bruder seiner Freundin aufgenommen, jedoch hätten sie ihn mehrere
Jahre lang nicht vor dessen Übergriffen schützen können. Obwohl er im
selben Quartier umgezogen und seine Arbeitsstelle gewechselt habe, habe
der Bruder ihn weiterhin bedroht und versucht umzubringen. Das Motiv hin-
ter den Angriffen liege in seiner ursprünglichen Zugehörigkeit zur christli-
chen Religion. Die Vorinstanz habe es unterlassen, die Schutzfähigkeit der
libanesischen Behörden auf den vorliegenden Einzelfall hin zu prüfen. Er
habe eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung, wenn er in sein Hei-
matland zurückgeschafft werde. Der Einfluss des Bruders erstrecke sich
über den gesamten Libanon, weshalb eine innerstaatliche Fluchtalternative
nicht möglich sei. Die Schutzfähigkeit der libanesischen Behörden habe
sich in der Zwischenzeit nicht verbessert, zumal der Libanon seit der Ex-
plosion im Hafen von Beirut am 4. August 2020 über keine Regierung ver-
füge. Angesichts der Corona-Pandemie sei im Libanon von einer medizini-
schen Notlage auszugehen. Der Wegweisungsvollzug sei somit unzulässig
und unzumutbar, weshalb er vorläufig aufzunehmen sei.
6.
6.1 Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffenden Erkenntnis ge-
langt, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien zwar glaubhaft, jedoch
würden sie den Anforderungen an die Asylrelevanz nicht genügen. Er
macht von Privatpersonen ausgehende Verfolgungsmassnahmen geltend.
Übergriffe von privaten Dritten sind nur dann flüchtlingsrechtlich relevant,
wenn es der betroffenen Person nicht möglich ist, im Heimatland Schutz
davor zu finden. Der Schutz ist dann als ausreichend zu qualifizieren, wenn
eine Person effektiv Zugang zu einer funktionierenden staatlichen Infra-
struktur hat und ihr deren Inanspruchnahme zumutbar ist, wobei von einem
Staat nicht erwartet werden kann, dass er jederzeit präventiv in die Lebens-
bereiche seiner Bürger eingreifen kann. Ist kein ausreichender Schutz
möglich, setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft zudem voraus,
dass die betroffene Person einer landesweiten Verfolgung ausgesetzt ist
und nicht in einem anderen Teil ihres Heimatstaates Schutz finden kann
(vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.1, 2008/4 E. 5.2). Der Libanon ist zwar von
politischen und religiösen Spannungen geprägt, das Land verfügt aber
über ein pluralistisches Parteiensystem, eine demokratisch gewählte Re-
gierung und über ein funktionierendes Polizei- und Justizsystem (Urteil des
BVGer E-2118/2018 vom 10. Juni 2020 E. 6.1). Daran ändert auch die Ex-
plosion im Hafen von Beirut vom 4. August 2020 nichts. Nachdem der Mi-
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nisterpräsident Hassan Diab nach der Explosion im August 2020 zurück-
getreten ist, wurde der frühere libanesische Ministerpräsident Saad Hariri
am 22. Oktober 2020 erneut zum Regierungschef ernannt (vgl.
https://www.nzz.ch/international/explosion-in-beirut-was-wir-wissen-und-
was-nicht-ld.156979?reduced=true, abgerufen am 04.03.2021). Der Be-
schwerdeführer konnte die Vorfälle bei den libanesischen Behörden zur
Anzeige bringen. Gegen den Bruder seiner Freundin, welcher gemäss Aus-
sagen des Beschwerdeführers bereits seit ungefähr dem Jahr 2010 von
den libanesischen Behörden wegen anderer Verbrechen gesucht werde,
wurden Ermittlungen aufgenommen. Alleine der Umstand, dass eine straf-
rechtlich gesuchte Person noch nicht gefasst werden konnte, stellt keinen
Hinweis für die Schutzunfähigkeit der Behörden dar. Es ist ferner davon
auszugehen, dass sich die libanesischen Ordnungs- und Sicherheits-
dienste auch künftig, nach seiner Rückkehr in den Heimatstaat, ihren Mög-
lichkeiten entsprechend für den Schutz des Beschwerdeführers einsetzen.
6.2 Angesichts dieser Sachlage ergibt sich, dass die Vorbringen des Be-
schwerdeführers nicht asylrelevant sind. Die Vorinstanz hat die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylge-
such abgelehnt.
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz eine Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Vorliegend kommt dem Beschwerdeführer keine Flüchtlings-
eigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von
Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
https://www.nzz.ch/international/explosion-in-beirut-was-wir-wissen-und-was-nicht-ld.156979?reduced=true https://www.nzz.ch/international/explosion-in-beirut-was-wir-wissen-und-was-nicht-ld.156979?reduced=true
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der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwend-
bar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge-
meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3
BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Aus den Akten ergeben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der
Beschwerdeführer für den Fall einer Ausschaffung in den Libanon dort mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Auch die allgemeine
Menschenrechtssituation im Libanon lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Weg-
weisung ist zulässig.
8.3
Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Auslän-
der unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind.
Die allgemeine Lage im Libanon ist landesweit nicht durch Krieg, Bürger-
krieg oder eine Situation allgemeiner Gewalt gekennzeichnet (Urteil des
BVGer E-2118/2018 vom 10. Juni 2020 E. 9.4.1).
Sodann lassen weder die allgemeine Lage im Libanon noch individuelle
Gründe auf eine konkrete Gefährdung des Beschwerdeführers in seinem
Heimatland schliessen. Der junge Beschwerdeführer hat die Schule bis zur
sechsten Klasse der Sekundarschule besucht und arbeitete danach als
Maler, Elektriker, Bäcker und Pizzaiolo. Bis zu seiner Ausreise lebte er mit
seinen Pflegeeltern zusammen und verfügt somit über ein tragfähiges Be-
ziehungsnetz, das ihn bei der Wiedereingliederung unterstützen könnte. Er
wohnte mietfrei respektive bewohnte sein eigenes Haus, weshalb von ei-
ner gesicherten Wohnsituation auszugehen ist. Gemäss den eingereichten
Arztberichten hat der Beschwerdeführer eine Fraktur am Finger, eine Prel-
lung am Oberschenkel, eine Schürfwunde am Knie, eine leichte Schwel-
lung der Wange sowie eine leichte Schleimhautverletzung. Seine Be-
schwerden werden medikamentös behandelt und er erhielt eine Fixation
für den Finger. Die medizinische Versorgung seiner Fraktur am Fuss war
bereits in seinem Heimatland gewährleistet, da er sich diese vor seiner
Ausreise zugezogen hat. Seine gesundheitlichen Probleme stehen einem
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Wegweisungsvollzug nicht entgegen. Angesichts seiner geringfügigen ge-
sundheitlichen Beschwerden ist auch unter Berücksichtigung der allenfalls
erschwerten medizinischen Versorgung aufgrund der Corona-Pandemie
davon auszugehen, dass im Libanon die bestehenden medizinischen
Strukturen für eine allfällige Weiterbehandlung, falls nötig, gewährleistet
sind (vgl. Urteil des BVGer E-2959/2019 vom 23. Juli 2019 E. 5.4.3). Der
Vollzug erweist sich deshalb auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
8.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeichnen,
da es dem Beschwerdeführer obliegt, sich bei der zuständigen Vertretung
seines Heimatstaats die für seine Rückkehr notwendigen Reisedokumente
zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AslyG; BVGE 2008/34 E. 12).
Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvollzug
nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus,
dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern
voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Mo-
nate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hin-
dernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-Pandemie handelt es
sich – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, wel-
chem im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden
Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situa-
tion im Heimatland angepasst wird.
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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10.
10.1 Die gestellten Rechtsbegehren erweisen sich als aussichtslos, wes-
halb die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Beiordnung einer amtlichen Rechtsbeiständin ungeachtet einer allfälligen
prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG;
Art. 102m AsylG).
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit vorliegendem
Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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