Decision ID: cb371b08-79e1-5e56-ac66-2dc81888d7e4
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 24.02.2017 Art. 7 Abs. 2 ATSG, Art. 8 ATSG, Art. 16 ATSG, Art. 28 IVG, Art. 29 IVG. Kritik an der Bundesgerichtspraxis zur Invalidität von leicht- bis mittelgradig depressiven Personen Kritik an der Bundesgerichtspraxis zur Bemessung des Invalideneinkommens ausgehend von der Lohnstrukturerhebung Kritik an der Bundesgerichtspraxis zur sogenannten Schadenminderung durch die Mithilfe von Familienmitgliedern im Haushalt (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 24. Februar 2017, IV 2016/97). Entscheid vom 24. Februar 2017 Besetzung Vizepräsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin ; Gerichtsschreiberin Lea Hilzinger Geschäftsnr. IV 2016/97 Parteien A._, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwältin Karin Herzog, M.A. HSG in Law, Amparo Anwälte und Notare, Neugasse 26, Postfach 148, 9001 St. Gallen, gegen IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand IV-Leistungen Sachverhalt
A.
A.a A._ (Jg. 65) meldete sich am 10. August 2010 zum Bezug von IV-Leistungen an
(IV-act. 1). Im Gesuchsformular gab sie u.a. an, sie habe zwei Kinder (Jg. 96 und 99).
Ab 1985 habe sie an der ökonomischen Fakultät B._ studiert und dort im Jahr 1990
mit dem Diplom abgeschlossen. In der Schweiz habe sie an der C._ eine Ausbildung
zur Arztsekretärin absolviert. Seit 2005 führe sie selbständig mit einem Pensum von
50% einen Secondhandladen. Dr. med. D._ berichtete am 16. Dezember 2010 (IV-
act. 17), die Versicherte leide seit Juli 2007 an einem systemischen Lupus
erythematodes. An schlechten Tagen könne die Versicherte als Leiterin einer
Kinderkleiderbörse gar nicht, an guten Tagen aber in vollem Umfang arbeiten. Da die
krankheitsbedingten Ausfälle etwa 50% der Zeit beträfen, betrage die
Arbeitsunfähigkeit 50%. In einem Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwerbstätigkeit/ Haushalt gab die Versicherte am 8. Juli 2011 u.a. an (IV-act. 29), ohne
die Behinderung würde sie als Arztsekretärin oder Büroangestellte mit einem Pensum
von 50-80% arbeiten. Das Kantonsspital St. Gallen berichtete im Oktober 2011 (IV-act.
32), die Arbeitsfähigkeit der Versicherten betrage 50%. Am 24. November 2011 liess
die IV-Stelle eine sogenannte Haushaltabklärung durchführen. Im entsprechenden
Bericht vom 11. Januar 2012 (IV-act. 37) hielt die Abklärungsperson der IV-Stelle fest,
die Versicherte habe angegeben, dass sie ohne die gesundheitlichen
Beeinträchtigungen einer Teilerwerbstätigkeit im Rahmen von 60% nachgehen würde.
Die restlichen 40% würden auf den Haushalt entfallen. Die Kinder seien in einem Alter,
das es der Versicherten erlauben würde, einer regelmässigen Erwerbstätigkeit im
Rahmen von rund 60% nachzugehen. Wirtschaftlich sei die Familie auf ein zweites
Erwerbseinkommen angewiesen. Ausserdem sei es der Versicherten wichtig, einen
Beitrag an das Familieneinkommen zu leisten. Bei den einzelnen Bereichen der
Haushaltsbesorgung ermittelte die Abklärungsperson gemäss ihrem Bericht gestützt
auf die Selbstangaben der Versicherten Einschränkungen von 35% (Ernährung,
Einkaufen und Besorgungen, Wäsche- und Kleiderpflege und Kinderbetreuung), von
25% (Verschiedenes) und von 40% (Wohnungspflege). Einzig für die Haushaltsführung
ergab sich keine Einschränkung. Die Abklärungsperson berücksichtigte die Hilfe des
Ehemannes und der beiden Kinder mit einem täglichen Gesamtaufwand von 35
Minuten. Dadurch reduzierten sich die Einschränkungen bei der Wohnungspflege (0%),
beim Einkauf (20%) und bei verschiedenen Arbeiten (0%). Es verblieb ein
Invaliditätsgrad im Haushalt von 25,9%. Dr. D._ berichtete am 16. Januar 2012 (IV-
act. 38), die Arbeitsfähigkeit der Versicherten bei der Tätigkeit im Laden betrage
50-70%. Bis Ende 2010 sei der Krankheitsverlauf fluktuierend und schubförmig
gewesen, was zu zahlreichen Arbeitsausfällen geführt habe. Seit September 2010
komme ein Immunsuppressivum zum Einsatz, das von der Versicherten gut vertragen
werde und das eine stabilisierende Wirkung habe. Die Schübe hätten an Häufigkeit und
Intensität abgenommen. Dr. med. E._ vom RAD notierte am 27. Januar 2012 (IV-act.
39), gestützt auf den Bericht des Kantonsspitals sei von einem Arbeitsfähigkeitsgrad
von 50% auszugehen. Eine ununterbrochene Arbeitsunfähigkeit bestehe seit dem 28.
Oktober 2009. Die IV-Stelle ging von einem Erwerbspensum von 60% und damit von
einem Haushaltspensum von 40% aus (IV-act. 40-2). Sie nahm an, dass sowohl die
Validen- als auch die Invalidenkarriere der Versicherten in einer in Bezug auf das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einkommenspotential durchschnittlichen Hilfsarbeit bestehe. Dementsprechend
verglich sie ein Valideneinkommen bei einem Beschäftigungsgrad von 60% von Fr.
30'821.-- mit einem Invalideneinkommen bei einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 50% von
Fr. 25'684.-- und ermittelte so einen Invaliditätsgrad im Erwerb von 16,67%. Davon
berücksichtigte sie aber - entsprechend dem Erwerbspensum von 60% - nur 10%. Für
den Haushaltsbereich berücksichtigte sie 40% des Invaliditätsgrades von 25,9%, also
10,36%. Der Gesamtinvaliditätsgrad belief sich demnach auf 20%. Mit einem
Vorbescheid vom 10. Februar 2012 (IV-act. 42) kündigte die IV-Stelle der Versicherten
die Abweisung des Rentenbegehrens an. Die Versicherte wandte am 27. März 2012 ein
(IV-act. 47), sie sei in einem weit höheren Ausmass invalid. Sie habe bei der Abklärung
im Haushalt angegeben, dass sie bei guter Gesundheit zu 60-80% einer
Erwerbstätigkeit nachginge. Die Berechnung beruhe nun aber ausschliesslich auf
einem Beschäftigungsgrad von 60%. Dr. D._ berichtete am 29. März 2012 (IV-act.
49), in ihrem Bericht vom 16. Januar 2012 habe sich ein Fehler eingeschlichen. Die
Versicherte sei nicht zu 50-70%, sondern nur zu 30% arbeitsfähig. In einer sehr gut
adaptierten Tätigkeit könne die Arbeitsfähigkeit eventuell auf 50% gesteigert werden.
Wegen der Handgelenksschmerzen könne die Versicherte nicht dauernd am PC
schreiben. Am 30. März 2012 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab (IV-act. 48).
Dagegen liess die Versicherte Beschwerde erheben (IV-act. 55-2 ff.). In einem Bericht
an die Rechtsvertreterin der Versicherten wies das Kantonsspital St. Gallen am 4. Juli
2012 darauf hin, dass bei der Versicherten eine behandlungsbedürftige ängstlich
depressive Störung festgestellt worden sei, die sich nachteilig auf die Arbeitsfähigkeit
auswirke (IV-act. 66). Mit einem Urteil vom 9. Oktober 2014 (IV-act. 70) hob das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die Abweisungsverfügung auf. Zur
Begründung führte es aus, die IV-Stelle habe den Invaliditätsgrad der Versicherten zu
Recht anhand der sogenannten gemischten Methode ermittelt. Dabei sei aber von
einem Erwerbsanteil von 80% und von einem Haushaltanteil von 20% auszugehen.
Das Valideneinkommen sei ausgehend von einem statistischen Durchschnittslohn einer
Fachkraft mit kaufmännischer Ausbildung zu ermitteln. Zur Bemessung des
Arbeitsfähigkeitsgrades und zur Ermittlung der Invalidenkarriere wies das Gericht die
Sache an die IV-Stelle zurück.
A.b Dr. med. F._ berichtete der IV-Stelle am 7. Januar 2015 (IV-act. 77), die
Versicherte sei geistig und physisch schnell ermüdbar; bei längerer Belastung träten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zunehmend Gelenkschmerzen auf. Die Versicherte sei nicht in der Lage, lange zu
stehen oder zu sitzen; sie könne auch keine Lasten heben. In wechselnden Positionen
und bei gelegentlichem Heben von Lasten bis 5 kg sei die Versicherte für zwei Stunden
pro Tag arbeitsfähig. Die Konzentrationsspanne betrage nur 15 Min. Das Kantonsspital
St. Gallen machte in seinem Bericht vom 12. Januar 2015 (IV-act. 78) keine Angaben
zur Arbeitsfähigkeit der Versicherten. Es empfahl eine interdisziplinäre Begutachtung.
Dr. E._ vom RAD empfahl am 22. Januar 2015 eine rheumatologisch-psychiatrische
Begutachtung (IV-act. 81-2). Die IV-Stelle beauftragte zunächst die SMAB AG mit einer
solchen Begutachtung (IV-act. 83). Damit war die Versicherte nicht einverstanden (IV-
act. 85). Schliesslich erteilte die IV-Stelle den entsprechenden Auftrag der MEDAS
Zentralschweiz (IV-act. 99). In deren Gutachten vom 17. September 2015 (IV-act. 104)
führten Dr. med. G._, Psychiatrie/Psychotherapie FMH, zertifizierte medizinische
Gutachterin SIM, und Chefarzt Dr. med. H._, Rheumatologe FMH, EMBA, MAS
Versicherungsmedizin, aus, die Versicherte leide an einem systemischen Lupus
erythematodes (Beginn 07/2007 mit Serositis, Arthralgien, Thenosynovitis und
Leukopenie, aktuell unter Basistherapie mit Plaquenil und Imurek), an einem
dyshidrosiformen Handekzem bei atopischer Disposition, an einer Osteopenie und an
einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10 F32.1). Im Rahmen der Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit gaben sie an, die Leistungseinschätzung aus rheumatologischer
Sicht sei schwierig, denn sie werde schwergewichtig durch die Fatigue und die
Schmerzen bestimmt, die zwar typisch für einen Lupus seien, aber nicht objektiviert
werden könnten. Sehr grob geschätzt dürfte die Arbeitsfähigkeit zur Führung eines
Ladens im Bereich von 50% liegen. Nicht zumutbar seien körperlich belastende
Tätigkeiten, insbesondere stereotyp repetitiv belastende Tätigkeiten mit den Händen
(inklusive prolongierte Schreibarbeiten) und das Tragen von Gewichten über
schätzungsweise 7,5 kg. Zur Beurteilung der psychischen Leistungsfähigkeit genüge es
nicht, den psychopathologischen Befund zu erheben und eine Diagnose zu stellen.
Zusätzlich bedeutsam seien die konkrete und gezielte Erhebung der
Selbsteinschätzung im Hinblick auf Einschränkungen und Ressourcen, gegebenenfalls
die Erhebung einer Fremdeinschätzung, die Ergebnisse beruflicher Abklärungen und
die gesonderte Betrachtung von Persönlichkeit und Motivation als Grundlage für die
Prüfung allfälliger Leistungseinschränkungen. Bei der Versicherten sei die Motivation,
wieder leistungsfähig zu werden, bereits aus der Schilderung des Aufwachsens im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Elternhaus deutlich. Die Versicherte sei zudem bis zur Geburt der Kinder erwerbstätig
gewesen und danach habe sie die Arbeit wieder aufgenommen. Die Motivation zeige
sich auch darin, dass die Versicherte ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung zu 80%
erwerbstätig wäre. Weiter habe die Versicherte ihre berufliche Ausbildung und ihre Ziele
(Naturheilärztin oder zumindest Arztsekretärin) geschildert. Weitere Hinweise auf die
Motivation zeigten sich darin, dass die Versicherte an ihrer Tätigkeit in der
Kinderkleiderbörse festhalte, obwohl sie sich dazu eigentlich gar nicht mehr in der Lage
sehe. Im Fragebogen zur Erfassung der Reha-Motivation habe die Versicherte in den
Skalen seelischer Leidensdruck, körperbedingte Einschränkungen sowie soziale
Unterstützung und Krankheitsgewinn sehr hohe Werte erreicht. Das spreche
gesamthaft für eine hohe Motivation, wieder leistungsfähig zu werden. Bestätigt werde
das durch die Fülle von Behandlungsversuchen und die anhaltenden Bemühungen der
Versicherten, noch neue Hilfen ausfindig zu machen. Es gebe deutliche Hinweise
darauf, dass die Versicherte durch die mittlerweile mindestens mittelschwere
Depression zusätzlich belastet sei. Sie scheine ihre psychische Belastung über lange
Zeit eher verborgen zu haben. Hinweise darauf, dass die Versicherte ihre Beschwerden
übertreiben würde, seien nicht vorhanden. Die Mini-ICF-App von Linden Baron und
Muschalla zeige, dass die Versicherte in der Flexibilität und der Umstellfähigkeit, der
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, der Durchhaltefähigkeit, der
Selbstbehauptungsfähigkeit, der Kontaktpflege und der Gruppenfähigkeit mittelschwer
bis schwer eingeschränkt sei. Bei der Tätigkeit als Arztsekretärin und bei der Tätigkeit
in der Kinderkleiderbörse sei die Versicherte sowohl aus rheumatologischen als auch
aus psychiatrischen Gründen zu ca. 50% arbeitsunfähig. Auch als Sprechstundenhilfe
IMPA wäre nur eine Arbeitsfähigkeit von 50% gegeben, auch wenn die reinen
Schreibarbeiten auf eine Stunde täglich beschränkt wären. Ob es Tätigkeiten gebe, die
den körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen besser entsprechen würden, sei
durch die Berufsberatung zu klären. Dr. E._ vom RAD empfahl am 16. Oktober 2015
(IV-act. 105), auf das Gutachten abzustellen.
A.c Die IV-Stelle ermittelte das Valideneinkommen der Versicherten als medizinische
Sekretärin anhand eines Lohnrechners (IV-act. 106-2). Es belief sich auf Fr. 67'600.--,
wovon die IV-Stelle 80%, also Fr. 54'080.--, in den Einkommensvergleich einsetzte. Zur
Bemessung des Invalideneinkommens stellte sie auf den Zentralwert der Löhne von
Hilfsarbeiterinnen von Fr. 51'444.-- ab, wovon sie 50%, also Fr. 25'722.--, in den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einkommensvergleich einsetzte. So resultierte ein Invaliditätsgrad von 52,44%, wovon
die IV-Stelle 80%, also 41,95%, berücksichtigte. Dazu kam der Invaliditätsgrad im
Haushalt von 25,9%, wovon 20%, also 5,18%, berücksichtigt wurden. So ermittelte die
IV-Stelle einen gesamten Invaliditätsgrad von 47%. Mit einem Vorbescheid vom 2.
Dezember 2015 (IV-act. 108) kündigte sie der Versicherten die Zusprache einer
Viertelsrente rückwirkend ab dem 1. Februar 2011 an. Die Versicherte liess am 22.
Januar 2016 einwenden (IV-act. 113), es sei nicht nachvollziehbar, wie die IV-Stelle das
Valideneinkommen ermittelt habe. Da die Tätigkeit als medizinische Arztsekretärin
mehrheitlich Schreibarbeiten beinhalte, sei zu bezweifeln, dass sie in dieser Tätigkeit zu
50% arbeitsfähig sei. Aufgrund der sehr ausgeprägten Einschränkungen sei ein
Tabellenlohnabzug von mindestens 10% vorzunehmen. Die Abklärung im Haushalt sei
veraltet, weil sich die Krankheit verändert habe. Mit einer Verfügung vom 12. Februar
2016 sprach die IV-Stelle der Versicherten wie angekündigt rückwirkend ab 1. Februar
2011 eine Viertelsrente zu (IV-act. 116). Sie wies darauf hin (IV-act. 114-2), dass sie das
Valideneinkommen durch den Lohnrechner Schweiz (kaufmännische Angestellte)
ermittelt habe. Das Invalideneinkommen hingegen habe sie anhand der
Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik bemessen. Dabei habe sie die
Adaptionskriterien berücksichtigt. Da aus medizinischer Sicht weiterhin von einer
Arbeitsfähigkeit von 50% adaptiert auszugehen sei, sei der Gesundheitszustand stabil.
Damit erübrige sich eine weitere Abklärung im Haushalt.
B.
B.a Die Versicherte (Beschwerdeführerin) liess am 18. März 2016 Beschwerde erheben
(act. G 1) und die Aufhebung der Verfügung vom 12. Februar 2016 sowie die
Ausrichtung der gesetzlichen Leistungen beantragen; eventualiter sei die Angelegenheit
zur Durchführung weiterer Abklärungen an die IV-Stelle (Beschwerdegegnerin)
zurückzuweisen. Zur Begründung führte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
sinngemäss aus, das Versicherungsgericht habe in seinem Urteil vom 9. Oktober 2014
ausgeführt, es sei plausibel, dass die Beschwerdeführerin mit zunehmendem Alter der
Kinder ihr Pensum erhöht hätte, wenn sie nicht krank geworden wäre. Dabei habe sich
das Versicherungsgericht auf den Zeitpunkt der damals angefochtenen Verfügung (30.
März 2012) bezogen. Zu jenem Zeitpunkt seien die Kinder 16 und 13 Jahre alt gewesen
und hätten deshalb noch eine elterliche Betreuung benötigt. Inzwischen seien sie bald
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
20 bzw. 17 Jahre alt und deutlich selbständiger. Deshalb wäre die Beschwerdeführerin
heute aufgrund ihrer Ausbildung und der Freude an einer ausserhäuslichen Tätigkeit zu
100% erwerbstätig. Entsprechend sei der Invaliditätsgrad ausschliesslich anhand eines
Einkommensvergleichs zu ermitteln. Sollte die gemischte Methode der
Invaliditätsbemessung anwendbar sei, dürfe sie aufgrund des Urteils des Europäischen
Gerichtshofes für Menschenrechte nicht mehr in der bisherigen Form zur Anwendung
gelangen. In der selbständigen Erwerbstätigkeit bestehe gemäss den Angaben im
Gutachten nur eine Arbeitsfähigkeit von 40% (50% von 80%). Die Gutachter hätten
folgende Adaptionskriterien aufgestellt: Keine körperlich belastenden Tätigkeiten, keine
stereotyp belastenden Tätigkeiten mit den Händen, keine Gewichte über 7,5 bis 10 kg,
keine hautbelastenden Tätigkeiten, keine Arbeiten in Feuchte und Nässe sowie keine
besonderen Anforderungen an die Flexibilität, die Umstellfähigkeit, die
Entscheidungsfähigkeit, die Urteilsfähigkeit, die Durchhaltefähigkeit, die
Selbstbehauptungsfähigkeit, die Gruppenfähigkeit und die Kontaktpflege. Die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin führte weiter aus, auf dem Arbeitsmarkt
gebe es keine Stelle, an welcher alle diese Adaptionskriterien erfüllt seien und der
Arbeitgeber Schübe mit Totalausfällen akzeptiere. Die Restarbeitsfähigkeit sei deshalb
nicht verwertbar. Eine Tätigkeit als Sprechstundenhilfe/MPA sei nicht möglich, weil die
Beschwerdeführerin nicht über eine entsprechende Ausbildung verfüge. Eine Tätigkeit
als Arztsekretärin komme nicht mehr in Frage, weil dabei mehrheitlich Schreibarbeiten
auszuführen seien. Demnach fehle es im Gutachten an einer schlüssigen
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Die Beschwerdegegnerin hätte einen Berufsberater
beiziehen müssen. Nicht nachvollziehbar sei, weshalb die Gutachter für die
behinderungsadaptierte selbständige Tätigkeit von einer Arbeitsfähigkeit von 40% und
für eine unselbständige Tätigkeit mit mehr Belastungsfaktoren von einer
Arbeitsfähigkeit von 50% ausgegangen seien. Effektiv bestehe nur eine Arbeitsfähigkeit
von 40%. Bei der Bemessung des Valideneinkommens sei zu berücksichtigen, dass die
Beschwerdeführerin als Fachkraft mit kaufmännischer Ausbildung am ehesten im
Gesundheitswesen tätig gewesen wäre. Bei einem Dienstalter von fünf Jahren (2011)
hätte sie bei einem Pensum von 100% Fr. 6'340.-- bzw. (Nominallohnentwicklung 1%,
13 Monatslöhne) Fr. 83'244.20 verdienen können. Bei einem Beschäftigungsgrad von
80% entspreche das einem Valideneinkommen von Fr. 66'595.--. Ausgehend von
einem Jahreseinkommen gemäss der Lohnstrukturerhebung von Fr. 53'383.--, einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeitsgrad von 40% und einem Tabellenlohnabzug von 10% resultiere ein
Invalideneinkommen von Fr. 19'218.--. Das ergebe einen Invaliditätsgrad bei einem
Valideneinkommen von Fr. 66'595.-- (80%) von 71% und bei einem Valideneinkommen
von Fr. 83'244.-- (100%) von 77%. Das Ergebnis der Abklärung im Haushalt sei nicht
mehr massgebend, weil sich der Gesundheitszustand seither verschlechtert habe.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 18. April 2016 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Sie führte aus, es gebe keinen Hinweis darauf, dass die
Beschwerdeführerin als Gesunde ihr Arbeitspensum gesteigert hätte. Insbesondere
habe es die Beschwerdeführerin unterlassen, im Rahmen ihrer Restarbeitsfähigkeit zu
arbeiten. Die Beschwerdeführerin habe eine einjährige theoretische Ausbildung als
Arzt- und Spitalsekretärin absolviert. Sie hätte diese schulische Ausbildung aber kaum
verwerten können. Deshalb sei das Valideneinkommen anhand der Tabellenlöhne 2012,
Kompetenzniveau 1 und 2, Gesundheits- und Sozialwesen, zu ermitteln. Bei 41,7
Wochenarbeitsstunden ergebe das ein Valideneinkommen von Fr. 60'636.-- bzw. bei
einem Pensum von 80% von Fr. 48'509.--. Der Arbeitsmarkt weise Arbeitsstellen auf,
die für die Beschwerdeführerin trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung in Frage kämen.
Dazu brauche es keine beruflichen Abklärungen. Da die krankheitsbedingten
Einschränkungen mit der attestierten Arbeitsunfähigkeit von 50% grosszügig
berücksichtigt seien, sei kein Tabellenlohnabzug nötig. Bei einem statistischen
Einkommen von Fr. 51'441.-- resultierten ein Invalideneinkommen von Fr. 25'720.--
und damit ein Invaliditätsgrad von 47%, „gewichtet“ von 42,5%. Zusammen mit dem
„gewichteten“ Invaliditätsgrad im Haushalt von 5,18% resultiere ein gesamter
Invaliditätsgrad von 48%.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 23. Mai 2016 einwenden (act. G 8), sie hätte ihre
Arbeitstätigkeit unter Berücksichtigung des Betreuungsbedarfs der Kinder weiter
ausgebaut. Zumindest ab dem Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung sei deshalb von
einer 100%igen Erwerbstätigkeit auszugehen. Dass sie die Arbeitstätigkeit effektiv
nicht ausgebaut habe, liege am krankheitsbedingten Mangel an Alternativen. In der
angefochtenen Verfügung habe sich die Beschwerdegegnerin auf den Lohnrechner
Schweiz gestützt. Es sei nicht nachvollziehbar, dass nun auf die Lohnstrukturerhebung
abgestellt werden solle, denn diese sei nicht ausreichend konkret. Jedenfalls müsste
auf den Lohn im Kompetenzniveau 2 abgestellt werden (TA 7 für 2010). Daraus würde
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein Valideneinkommen (100%) von Fr. 74'724.-- resultieren. Aufgrund der langen Liste
von Adaptionskriterien sei eine berufliche Abklärung unerlässlich. Die Arbeitsfähigkeit
betrage gemäss den Angaben der Gutachter nur 40%.
B.d Die Beschwerdegegnerin liess die ihr eingeräumte Möglichkeit, sich zur Replik zu
äussern, unbenutzt verstreichen.

Erwägungen
1.
1.1 Gemäss Art. 61 Satz 1 ATSG bestimmt sich das Verfahren vor den kantonalen
Versicherungsgerichten nach kantonalem Recht. Die in den lit. a bis i des Art. 61 ATSG
geregelten Anforderungen an die kantonalen Beschwerdeverfahren können also nur
dann direkt anwendbar sein, wenn im kantonalen Verfahrensrecht eine entsprechende
Bestimmung fehlt oder wenn das kantonale Verfahrensrecht im betreffenden Punkt
vom Art. 61 ATSG abweicht (a.M. offenbar U. Kieser, ATSG-Kommentar, 3. A. N. 9 zu
Art. 61 ATSG). Die lit. a bis i des Art. 61 ATSG enthalten keine Regelung, welche die
Rückweisung der Streitsache an den beschwerdebeklagten Sozialversicherungsträger
betreffen würde. In diesem Punkt ist das kantonale Verfahrensrecht also frei. Gemäss
Art. 56 Abs. 2 Satz 1 VRP/SG kann das Versicherungsgericht die Sache zur neuen
Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen. Die Vorinstanz ist gemäss Art. 56 Abs. 2
Satz 2 VRP/SG an die Rechtsauffassung gebunden, die dem Rückweisungsentscheid
zugrunde liegt. Die Erwägungen, mit denen die Rückweisung begründet worden ist,
binden aber nicht nur die Vorinstanz, sondern auch das Versicherungsgericht, das den
Rückweisungsentscheid erlassen hat (vgl. U.P. Cavelti/Th. Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht, 2. A., S. 519 Rz 1036). Das Versicherungsgericht hat in
seinem Entscheid vom 9. Oktober 2014 (IV 2012/184) festgelegt, dass der
Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin nach der sogenannten gemischten Methode
zu bemessen sei. Dabei kann es sich, wie den Erwägungen des Versicherungsgerichts
zur konkreten Vorgehensweise bei der Anwendung der gemischten Methode auf den
Fall der Beschwerdeführerin zu entnehmen ist, nur um die gemischte Methode
entsprechend der damaligen Rechtsprechung des Bundesgerichts vor dem Ergehen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Urteils Di Trizio des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte gehandelt
haben. Im Entscheid des Versicherungsgerichts vom 9. Oktober 2014 findet sich kein
Hinweis darauf, dass die Regelung der anwendbaren Methode zur Bemessung des
Invaliditätsgrades der Beschwerdeführerin unter dem Vorbehalt einer Abänderung der
damaligen Rechtsprechung des Bundesgerichts erfolgt wäre. Das bedeutet, dass
sowohl die Beschwerdegegnerin als auch das Versicherungsgericht selbst an die
Anordnung im Entscheid vom 9. Oktober 2014 gebunden sind, den Invaliditätsgrad der
Beschwerdeführerin in Anwendung der damaligen Rechtsprechung zur gemischten
Methode zu ermitteln. Den Erwägungen des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte im Urteil Di Trizio könnte also im vorliegenden Verfahren nur
Rechnung getragen werden, wenn vorab der Entscheid des Versicherungsgerichts vom
9. Oktober 2014 von Amtes wegen revidiert werden müsste. Das VRP/SG enthält aber
keine dem Art. 122 BGG entsprechende Regelung. Sein Art. 81 lässt keine
Wiederaufnahme des damaligen Verfahrens wegen einer Verletzung der EMRK zu.
Daraus folgt, dass der Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung
der am 9. Oktober 2014 noch massgebenden Rechtsprechung des Bundesgerichts zu
ermitteln ist.
1.2 Bei der Anwendung der in Art. 28 Abs. 3 IVG geregelten gemischten Methode der
Invaliditätsbemessung ist zunächst der Anteil der Erwerbstätigkeit am gesamten
Aktivitätsbereich der versicherten Person zu ermitteln. Dazu ist die im betreffenden
Beruf übliche volle Arbeitszeit mit der ohne Behinderung, also fiktiv geleisteten
Arbeitszeit zu vergleichen (vgl. Rz 3100 KSIH). Das Versicherungsgericht hat in seinem
Entscheid vom 9. Oktober 2014 verbindlich festgelegt, dass von einem fiktiven
Erwerbsanteil der Beschwerdeführerin von 80% auszugehen sei. Die
Beschwerdeführerin hat nun zu Recht darauf hingewiesen, dass sich dies nur auf den
Sachverhalt bis zum Erlass der damals angefochtenen Verfügung, also bis zum 30.
März 2012, bezogen haben könne, denn im damaligen Verfahren sei der
Streitgegenstand zeitlich entsprechend beschränkt gewesen. Mit ihrer im vorliegenden
Verfahren angefochtenen Verfügung vom 12. Februar 2016 hat die
Beschwerdegegnerin nun aber auch der Sachverhaltsentwicklung nach dem 30. März
2012 bis zum 12. Februar 2016 Rechnung tragen müssen. Die Beschwerdegegnerin
hat also prüfen müssen, ob sich der fiktive Sachverhalt bei vollumfänglich erhaltener
Gesundheit („Gesundheitsfall“) der Beschwerdeführerin derart verändert hätte, dass die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin später mit einem höheren oder tieferen Pensum einer
Erwerbstätigkeit nachgegangen wäre. Die Beschwerdegegnerin muss davon
ausgegangen sein, dass sich keine Veränderung der fiktiven Erwerbstätigkeit ergeben
habe, denn sie hat durchgehend auf einen Erwerbsanteil von 80% abgestellt. Der
Nachweis eines fiktiven Sachverhalts ist naturgemäss schwer zu führen, denn nur ein
Teil der massgebenden Elemente eines solchen Sachverhalts ist real und damit
objektiv nachweisbar. Im Zusammenhang mit der Ermittlung der fiktiven Erwerbsquote
im „Gesundheitsfall“ sind insbesondere die realen familiären Verhältnisse, die reale
finanzielle Lage und die reale berufliche Qualifikation der versicherten Person
massgebend. Der „Gesundheitsfall“, d.h. die vollumfänglich erhaltene Gesundheit
(genauer: die vollumfänglich erhaltene Arbeitsfähigkeit), kommt als fiktives
Sachverhaltselement hinzu. Das ausschlaggebende fiktive Sachverhaltselement ist
aber in der Regel das Verhalten der versicherten Person im „Gesundheitsfall“. Die
Selbsteinschätzung der versicherten Person kann dabei nicht allein massgebend sein,
selbst wenn die entsprechende Aussage nachweislich nicht durch das Wissen um den
besonderen Nachteil der Anwendbarkeit der gemischten Methode beeinflusst ist.
Vielmehr ist die Plausibilität der Selbsteinschätzung anhand der realen, nachweisbaren
Sachverhaltselemente zu prüfen. Das Versicherungsgericht hat am 9. Oktober 2014
entschieden, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin zu ihrer Selbsteinschätzung
im „Gesundheitsfall“ zusammen mit den bekannten Begleitumständen einen fiktiven
Erwerbsanteil von 80% „nachwiesen“. Die Beschwerdeführerin hatte ihre
Selbsteinschätzung gemäss dem Bericht vom 11. Januar 2012 (vgl. IV-act. 37-3)
hauptsächlich mit dem Betreuungsbedarf der 1996 und 1999 geborenen Kinder
begründet. Das wurde, gestützt wohl auf die allgemeine Lebenserfahrung, als plausibel
betrachtet, obwohl das erste Kind damals bereits sechzehn Jahre alt war und deshalb
keiner nennenswerten Betreuung durch die Beschwerdeführerin mehr bedurfte. Das
zweite Kind ist im Zeitpunkt des Erlasses der hier angefochtenen Verfügung bereits
siebzehn Jahre alt gewesen, so dass es nach der allgemeinen Lebenserfahrung
ebenfalls keinen relevanten Betreuungsbedarf mehr gehabt haben kann. Das gilt
natürlich erst recht für das im Jahr 2016 bereits 20-jährige ältere Kind. Da die
Beschwerdeführerin sehr gern wieder ausserhäuslich gearbeitet hätte, wie die
psychiatrische Gutachterin Dr. G._ ermittelt hat, erweist sich die im Verlauf des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens erfolgte Aussage der Beschwerdeführerin, sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wäre im „Gesundheitsfall“ spätestens zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen
Verfügung (Februar 2016) zu 100% einer Erwerbstätigkeit nachgegangen, als durchaus
plausibel. Der von der Beschwerdegegnerin offenbar gehegte Verdacht, diese Aussage
sei falsch und diene nur dazu, den Invaliditätsgrad nach der vorteilhafteren Methode
des reinen Einkommensvergleichs bemessen lassen zu können, ist unter diesen
Umständen nicht gerechtfertigt. Der Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin muss
deshalb ab 1. Februar 2016 nicht mehr anhand der gemischten Methode mit einem
Erwerbsanteil von 80%, sondern anhand eines reinen Einkommensvergleichs (Art. 16
ATSG) ermittelt werden.
1.3 Die Beschwerdeführerin hat im Jahr 2005, also vor dem ersten Auftreten eines die
Arbeitsfähigkeit beeinträchtigenden Krankheitsschubes, eine selbständige
Erwerbstätigkeit aufgenommen. Diese selbständige Erwerbstätigkeit hätte im fiktiven
„Gesundheitsfall“ nie so weit ausgebaut werden können, dass die Beschwerdeführerin
damit ein Erwerbseinkommen im Betrag des möglichen Lohnes als Arzt-/
Spitalsekretärin hätte erzielen können, denn dazu hätte die potentielle Nachfrage nach
gebrauchten Kinderkleidern nach der allgemeinen Lebenserfahrung nicht ausgereicht.
Die valide Erwerbsfähigkeit der Beschwerdeführerin bemisst sich deshalb nicht nach
einem im fiktiven „Gesundheitsfall“ durch einen Handel mit gebrauchten Kinderkleidern
erzielbaren Erwerbseinkommen, sondern nach dem durchschnittlichen Lohn einer
Arzt-/Spitalsekretärin. Aus diesem Grund hat das Gericht in seinem Urteil vom 9.
Oktober 2014 – für die Beschwerdegegnerin und damit im vorliegenden Verfahren auch
für das Gericht verbindlich – das Abstellen auf eine Validenkarriere als Arzt-/
Spitalsekretärin angeordnet. Die Beschwerdegegnerin hat dies umgesetzt, indem sie
bei der Anwendung eines Lohnrechners den Beruf der medizinischen Sekretärin
eingegeben hat (vgl. IV-act. 106-2). Gemäss ihrem Diplom (vgl. IV-act. 14-1) hat die
Beschwerdeführerin den einjährigen berufsbegleitenden Lehrgang der C._ zur Arzt-/
Spitalsekretärin im Jahr 2004 absolviert. Sie ist aber nie als Arzt-/Spitalsekretärin tätig
gewesen. Trotzdem ist ihre valide Erwerbsfähigkeit nach dem in diesem Beruf
erzielbaren Erwerbseinkommen zu bestimmen, da die bei der C._ erworbenen
beruflichen Kenntnisse nach einer kurzen Einarbeitung aktualisiert und damit wieder
verwertbar gewesen wären. Die Beschwerdeführerin verfügt nämlich, wie ihre
akademische Ausbildung belegt, über ein überdurchschnittliches intellektuelles
Potential und die modernen EDV-Arbeitsmittel unterscheiden sich dadurch von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
denjenigen, die 2004 zur Verfügung standen, dass sie erheblich leichter zu bedienen
sind. Im fiktiven „Gesundheitsfall“ hätte die Beschwerdeführerin ihre Arbeitskraft also
dadurch ideal verwerten können, dass sie als Arzt-/Spitalsekretärin tätig gewesen wäre.
Da die Beschwerdeführerin aber nur fiktiv in diesem Beruf tätig gewesen ist, kann das
dabei erzielbare Erwerbseinkommen nur anhand von Vergleichslöhnen ermittelt
werden. Die verschiedenen sogenannten Lohnrechner sind, soweit sie überhaupt auf
einer ausreichenden statistischen Grundlage beruhen, so aufgebaut, dass den
einzelfallspezifischen Vorgaben so weit wie möglich Rechnung getragen wird. Ihre
Anwendung auf den vorliegenden Fall kommt deshalb nicht in Frage, denn die fiktive
Tätigkeit der Beschwerdeführerin als Arzt-/ Spitalsekretärin kann naturgemäss nur sehr
grob definiert werden, d.h. es besteht eine erhebliche Unsicherheit in Bezug auf die
Anforderungen, denen die Beschwerdeführerin in diesem Beruf gerecht werden könnte,
so dass notwendigerweise von einer weiten Bandbreite an erzielbaren Löhnen
ausgegangen werden muss. Dieser Unsicherheit lässt sich nur dadurch Rechnung
tragen, dass zur Ermittlung des Valideneinkommens auf die Lohnstrukturerhebung des
Bundesamtes für Statistik abgestellt wird. Massgebend ist die Ausgabe für das Jahr
2010, weil ein Rentenanspruch ab 2011 zu prüfen ist. Die in dieser
Lohnstrukturerhebung verwendeten Kategorien sind so weit gefasst, dass damit der
Bandbreite der möglichen Erwerbseinkommen Rechnung getragen ist. Gemäss der
Tabelle T1 der Lohnstrukturerhebung 2010 hat der Zentralwert der Löhne der
Arbeitnehmerinnen im Gesundheitswesen (Branche 86), die über Berufs- und
Fachkenntnisse verfügen (Anforderungsniveau 3), Fr. 6'106.-- betragen. Dieser
Zentralwert beruht aus statistisch-technischen Gründen auf einer standardisierten
Wochenarbeitszeit von 40 Std. Im Jahr 2010 hat sich die durchschnittliche
Wochenarbeitszeit im Gesundheitswesen gemäss den Erhebungen des Bundesamtes
für Statistik auf 41,5 Std. belaufen, so dass der branchenspezifische Zentralwert
effektiv Fr. 6'335.-- bzw. Fr. 76'020.-- betragen hat. Entsprechend der in der
massgebenden Branche eingetretenen Nominallohnerhöhung um 0,9% bis 2011
beläuft sich der massgebende Zentralwert also auf Fr. 76'704.--. Dem
Einkommensvergleich als Teil der gemischten Methode ist somit bei einem
Erwerbsanteil von 80% ein Valideneinkommen von Fr. 61'363.-- zugrunde zu legen. Für
den reinen Einkommensvergleich ab 2016 ist von einem der Nominallohnentwicklung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zwischen 2010 und 2015 angepassten Valideneinkommen von Fr. 77'616.--
(Nominallohnindex 2015 im Gesundheits- und Sozialwesen 102,1%) auszugehen.
1.4
1.4.1 Grundlage der Bemessung des Invalideneinkommens bilden die Bestimmung der
trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung noch möglichen und zumutbaren
Erwerbstätigkeiten und die Arbeitsfähigkeit in solchen sogenannt adaptierten
Erwerbstätigkeiten. Gemäss den Angaben im Gutachten der Medas Zentralschweiz
haben die Symptome des Lupus erythematodes zur Folge, dass stereotyp repetitiv
belastende Tätigkeiten mit den Händen (u.a. also auch prolongierte Schreibarbeiten,
vgl. IV-act. 104-37 und 104-41) nur noch für maximal eine Stunde täglich zumutbar
sind. Das schliesst aber die Ausübung des Berufs der Arzt-/Spitalsekretärin nicht aus,
auch wenn wohl die meisten Arzt-/Spitalsekretärinnen weit mehr als eine Stunde
täglich Schreibarbeiten erledigen. Der allgemeine und ausgeglichene Arbeitsmarkt für
Arzt-/Spitalsekretärinnen weist nämlich auch Arbeitsstellen auf, an denen
Schreibarbeiten zwar immer wieder, aber nur für wenige Minuten ausgeführt werden,
etwa wenn am Empfang eines Spitals nachzuschauen ist, auf welchem Zimmer ein
bestimmter Patient liegt, oder wenn die Personalien eines neuen Patienten
aufgenommen werden. An einer adaptierten Arbeitsstelle wäre die Beschwerdeführerin
durch die Auswirkungen des Lupus erythematodes (im Umfang der noch zumutbaren
Arbeitszeit) nicht direkt beeinträchtigt. Das Spektrum aller möglichen Aufgaben einer
Arzt-/Spitalsekretärin umfasst auch viele Arbeiten, die keine Belastung der Hände zur
Folge haben. Diese Arbeiten erfordern aber, weitgehend anders als die
Schreibarbeiten, viele jener Ressourcen, die der Beschwerdeführerin als Folge der
psychischen Beeinträchtigung nicht mehr in vollem Umfang zur Verfügung stehen.
Bereits die im Gutachten der Medas Zentralschweiz angegebene leichte Einschränkung
der Fähigkeit, den Arbeitstag und/oder die anstehenden Aufgaben zu strukturieren,
kann für eine Arzt-/Spitalsekretärin eine erhebliche Beeinträchtigung bedeuten (z.B.
wenn die Behandlung von Patienten über den Tag verteilt organisiert werden muss).
Das gilt erst recht für die mittelschwere Einschränkung der Flexibilität und der
Umstellungsfähigkeit, denn ein unerwartetes Ereignis kann dazu zwingen, sofort einen
neuen Tagesplan zu erstellen. Auch die mittelschwere Beeinträchtigung der
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, die schwere Einschränkung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Durchhaltefähigkeit, die leichte, allenfalls mittelschwere Einschränkung der
Selbstbehauptungsfähigkeit und die mittelschwere bis schwere Einschränkung der
Kontakt- und der Gruppenfähigkeit haben einen starken behindernden Einfluss auf die
Einsatzfähigkeit der Beschwerdeführerin als Arzt-/Spitalsekretärin.
1.4.2 Nun vertritt das Bundesgericht aber die Auffassung, dass leichte bis
mittelgradige depressive Störungen nur dann invalidisierende Krankheiten seien, wenn
sie erwiesenermassen therapieresistent seien. Nur dann erfüllten sie die normativen
Anforderungen des Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG. Zudem müsse die Therapie die
indizierten, zumutbaren Behandlungsmöglichkeiten in kooperativer Weise optimal und
nachhaltig ausgeschöpft haben (vgl. etwa das Bundesgerichtsurteil vom 14. Okt. 2016,
9C_530/2016). Damit ordnet das Bundegericht an, dass teilweise auf einen fiktiven
Sachverhalt abzustellen sei: Real soll die Diagnose bleiben (leichte bis mittelschwere
Depression), aber deren reale Auswirkungen auf die arbeitsfähigkeitsrelevanten
Ressourcen einer versicherten Person sollen durch die Fiktion ersetzt werden, dass
diese Ressourcen trotz der leichten bis mittelschweren Depression weiter in vollem
Umfang zur Verfügung stünden. Als gesetzliche Grundlage für diesen Ersatz des mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellten Sachverhalts
(bedeutende Einschränkung der arbeitsfähigkeitsrelevanten Ressourcen) durch einen
vorgegebenen fiktiven Sachverhalt (keine Einschränkung der
arbeitsfähigkeitsrelevanten Ressourcen) führt das Bundesgericht nur den Art. 7 Abs. 2
Satz 2 ATSG an. Mit dieser Gesetzesbestimmung ist gemäss den
Gesetzgebungsmaterialien aber einzig bezweckt worden, die sogenannte zumutbare
Willensanstrengung (als selbstverständliches Element jeder Arbeitsfähigkeitsschätzung
bei jeder Art von Gesundheitsbeeinträchtigung) schärfer zu fassen (vgl. die Botschaft
des Bundesrates zur 5. IV-Revision, BBl 2005 S. 4577). Der Gesetzgeber hat mit dem
Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG also nur klarstellen wollen, dass die objektiv bestehende
Situation einer versicherten Person massgebend sein muss, d.h. dass nie auf die
Selbsteinschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die versicherte Person allein abgestellt
werden darf. Der Sinn und Zweck der mit dem Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG kodifizierten,
aber eigentlich schon immer im Begriff der Arbeitsunfähigkeit enthaltenen zumutbaren
Willensanstrengung hat also ganz offensichtlich nichts mit der Frage zu tun, ob eine
objektiv bestehende ausgewiesene und auch bei einer zumutbaren Willensanstrengung
nicht überwindbare Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit soll ignoriert und durch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fiktion ersetzt werden müssen, dass keine die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigenden
Folgen der Gesundheitsbeeinträchtigung vorlägen, d.h. dass bei der Diagnose einer
leichten und einer leichten bis mittelschweren (allenfalls sogar bei einer mittelschweren)
Depression immer von einer fiktiven uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit auszugehen
sei. Die bundesgerichtliche Rechtsprechung beruht somit auf einer Fehlinterpretation
des Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG. Dies zeigt sich auch darin, dass die „spezielle“
Auslegung durch das Bundesgericht nur auf eine einzige Krankheit bzw. Diagnose,
nämlich auf die Depression beschränkt sein soll. Für alle anderen Krankheiten
beinhaltet der Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG auch nach der Auffassung des
Bundesgerichtes nur eine Kodifikation der bereits im Arbeitsunfähigkeitsbegriff
enthaltenen zumutbaren Willensanstrengung. Wenn der Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG nicht
die gesetzliche Grundlage der „Fiktionspraxis“ des Bundesgerichts sein kann, dann
kommt dafür nur noch die allgemeine Schadenminderungspflicht in ihrer Ausprägung
als medizinische Eingliederungspflicht in Frage. Darauf weist ja auch die Aussage des
Bundesgerichts hin, die Fiktion der uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit komme dann
nicht zur Anwendung, wenn im Einzelfall eine ausgewiesene Therapieresistenz bestehe.
Die bundesgerichtliche „Fiktionspraxis“ wäre demnach so zu verstehen, dass so lange
keine Arbeitsunfähigkeit (und damit keine rentenbegründende Invalidität) vorliegen
könne, als die objektiv bestehende, reale Arbeitsunfähigkeit noch durch eine Therapie
überwunden werden könne, wobei es irrelevant sei, innert welcher Zeit mit einem
solchen Erfolg einer Therapie gerechnet werden könne. Dieser Versuch, der
„Fiktionspraxis“ ein gesetzliches Fundament zu verschaffen, scheitert bereits daran,
dass gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG auch eine längere Zeit dauernde Erwerbsunfähigkeit
(bzw. als deren Grundlage eine längere Zeit objektiv auch durch eine ideale und von
der versicherten Person uneingeschränkt akzeptierte Therapie nicht überwindbare
Arbeitsunfähigkeit) eine anspruchsbegründende Invalidität entstehen lässt. Zudem lässt
sich nicht erklären, warum die Invaliditätsdefinition in Art. 8 Abs. 1 ATSG nur bei einer
einzigen Krankheit, der Depression, nicht auch bei einer längere Zeit dauernden
Arbeitsunfähigkeit (während der Therapie) erfüllt sein soll. Hinzu kommt, dass die
erfolgversprechende Therapierbarkeit praktisch jeder leichten bis mittelgradigen
Depression entgegen der Behauptung des Bundesgerichts alles andere als eine
gesicherte medizinische Erfahrung ist (vgl. ULRIKE HOFFMANN-RICHTER, Psychische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beeinträchtigungen in der Rechtsprechung: Ein Blick aus psychiatrischer Sicht, in:
UELI KIESER [Hrsg.], Sozialversicherungsrechtstagung 2015, S. 78).
1.4.3 Auch wenn bei der Beschwerdeführerin nicht von einer Therapieresistenz
(gemeint ist eine zum Vornherein feststehende Erfolglosigkeit jeder Therapie)
ausgegangen werden kann, muss also bei einer richtigen Interpretation der
massgebenden Gesetzesbestimmungen dem objektiv nachgewiesenen Sachverhalt
Rechnung getragen werden. Dieser Sachverhalt besteht darin, dass die
Beschwerdeführerin durch ihre depressive Erkrankung in ihren Ressourcen so stark
eingeschränkt ist, dass sie im hier massgebenden Zeitraum ihren Beruf (Arzt-/
Spitalsekretärin) selbst an einem den Auswirkungen des Lupus erythematodes
Rechnung tragenden Arbeitsplatz und bei einem auf 50% reduzierten
Beschäftigungsgrad nicht mehr hat ausüben können. Davon ist bei der Bestimmung
der massgebenden Invalidenkarriere auszugehen. Für eine Umschulung in einen Beruf,
der den somatischen und psychischen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin
erheblich besser Rechnung tragen und der trotzdem ein mit demjenigen der Arzt-/
Spitalsekretärin vergleichbares Einkommensniveau bieten würde, fehlt der
Beschwerdeführerin nämlich offensichtlich die erforderliche Leistungsfähigkeit. Die
Invalidenkarriere besteht deshalb notgedrungen in einer adaptierten Hilfsarbeit. Für
eine solche Tätigkeit haben die Gutachter der Medas Zentralschweiz ebenfalls eine
Arbeitsfähigkeit von 50% angegeben. Der rheumatologische Gutachter hat dies mit der
Fatigue und den Schmerzen begründet (vgl. IV-act. 104-60). Er hat zwar eingeräumt,
dass sich die entsprechenden Angaben der Beschwerdeführerin nicht objektiv
überprüfen liessen und dass es schwierig sei, eine Aufteilung zwischen den
somatischen und den psychischen Faktoren vorzunehmen. Aber er hat auch
festgehalten, dass er keine Inkonsistenzen entdeckt habe, dass die angegebenen
Folgen typisch für einen Lupus erythematodes seien und dass sie nach der
medizinischen Erfahrung nicht durch eine Willensanstrengung überwunden werden
könnten. Trotz dieser vom rheumatologischen Gutachter eingeräumten Unsicherheiten,
die alles andere als ungewöhnlich sind, ist davon auszugehen, dass die angegebene
Arbeitsunfähigkeit von 50% überwiegend wahrscheinlich richtig ist. Sie beruht nämlich
auf einer umfassenden und sorgfältigen Untersuchung und auf einer ausgewogenen
Beurteilung durch einen sehr erfahrenen Sachverständigen. Bei der Ermittlung des
Invalideneinkommens ist also allein schon aufgrund der Folgen des Lupus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erythematodes von einer Arbeitsfähigkeit von 50% auszugehen. Auch die vom
psychiatrischen Gutachter sorgfältig und detailliert ermittelten Beeinträchtigungen in
den verschiedenen Ressourcen (wie die Fähigkeit zum Planen und Strukturieren von
Aufgaben, die Flexibilität und die Umstellungsfähigkeit, die Entscheidungs- und
Urteilsfähigkeit oder die Durchhaltefähigkeit) belegen mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit einen Arbeitsfähigkeitsgrad von
50%. Diese Einschätzung des Gutachters bezieht sich zwar nicht direkt auf eine
adaptierte Hilfsarbeit, bei der naturgemäss geringe Anforderungen an die meisten der
beeinträchtigten Ressourcen der Beschwerdeführerin gestellt würden. Allerdings dürfte
eine Hilfsarbeit, die eine akademisch gebildete versicherte Person intellektuell massiv
unterfordert, hohe Anforderungen an die Durchhaltefähigkeit stellen. Gerade diese
Ressource ist bei der Beschwerdeführerin aber stark eingeschränkt. Das lässt darauf
schliessen, dass die Beschwerdeführerin auch aufgrund der Beeinträchtigung ihrer
psychischen Gesundheit in ihrer Arbeitsfähigkeit für eine adaptierte Hilfsarbeit
erheblich eingeschränkt ist. Eine Ermittlung des genauen Arbeitsfähigkeitsgrades aus
rein psychiatrischer Sicht kann aber unterbleiben, da aufgrund des Lupus
erythematodes allein bereits eine Arbeitsunfähigkeit von 50% besteht und da die
Arbeitsunfähigkeit aufgrund der psychischen Beeinträchtigung mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit diesen Wert nicht überschreitet. Das zumutbare
Invalideneinkommen ist also ausgehend von einer Invalidenkarriere als Hilfsarbeiterin
auf der Grundlage eines Arbeitsfähigkeitsgrades von 50% zu ermitteln.
1.5
1.5.1 Der in der Lohnstrukturerhebung 2010 des Bundesamtes für Statistik ermittelte
Zentralwert (Median) der Hilfsarbeiterinnenlöhne hat sich (umgerechnet von 40 auf den
schweizerischen Durchschnitt von 41,6 Wochenarbeitsstunden) auf Fr. 52'728.--
belaufen. Der Nominallohnentwicklung 2011 über alle Branchen hinweg entsprechend
hat sich dieser Betrag auf Fr. 53'367-- erhöht. Der Zentralwert ist jener Betrag, den
50% der Löhne über- und die anderen 50% der Löhne unterschreiten. Reduziert man
diesen Zentralwert, einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 50% entsprechend, auf die Hälfte,
also auf Fr. 26'684.--, so unterstellt man, dass die Hälfte der zu 50% beschäftigten
Hilfsarbeiterinnen einen höheren und die andere Hälfte der zu 50% beschäftigten
Hilfsarbeiterinnen einen tieferen Lohn erzielten. Man geht also davon aus, dass man auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rein mathematischem Wege ausgehend vom Resultat einer statistischen Erhebung
anhand der (auf ein 100 %-Pensum aufgerechneten) Löhne der in verschiedenen
Pensen beschäftigen Hilfsarbeiterinnen für die Gruppe der zu 50% beschäftigten
Hilfsarbeiterinnen ein statistisches Resultat generieren könne, ohne die Mühsal der
statistischen Auswertung auf sich nehmen zu müssen. Statistisch betrachtet ist diese
Annahme unhaltbar. Es fehlt der statistische „Unterbau“, nämlich jene Daten, auf die
sich eine statistische Ermittlung eines Zentralwertes stützen muss, hier also die Löhne
der zu 50% beschäftigten Hilfsarbeiterinnen. Der „Ersatz“ der statistischen Methode
durch einen pseudologischen Vorgang (Reduktion des Zentralwertes entsprechend
dem Verhältnis zwischen Vollbeschäftigung und Teilzeitbeschäftigung) liefert keinen
statistischen, sondern einen Zufallswert. Von einem solchen Zufallswert kann natürlich
nicht gesagt werden, dass er mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit jenes Erwerbseinkommen sei, das die Beschwerdeführerin erzielen
könnte, wenn sie zu 50% einer Hilfsarbeit von der Art nachginge, die von den
Sachverständigen der Medas Zentralschweiz als adaptiert bezeichnet worden ist. Mit
der Behauptung, das entsprechende Erwerbseinkommen bilde auch den Zentralwert
der Löhne der zu 50% beschäftigten Hilfsarbeiterinnen, die an Arbeitsplätzen tätig
seien, die für die Beschwerdeführerin adaptiert wären, hat sich das Ganze noch weiter
vom statistischen Ausgangspunkt entfernt, denn es steht mangels einer
entsprechenden statistischen Erhebung nicht fest, dass an diesen adaptierten
Arbeitsplätzen ein Durchschnittslohn erzielt werden könnte, der der Hälfte des
Zentralwerts der in verschiedenen Pensen beschäftigen Hilfsarbeiterinnen entsprechen
würde. Nimmt man nun auch noch die dritte Behauptung dazu, laut der dieser Wert
auch der Zentralwert jener Löhne sei, die von zu 50% beschäftigten, an adaptierten
Arbeitsplätzen eingesetzten, gesundheitlich angeschlagenen und deshalb auf einen
Beschäftigungsgrad von 50% beschränkten Hilfsarbeiterinnen erzielt werden könnten,
dann ist der Zufallswert endgültig bar jeder Plausibilität.
1.5.2 Die vom Bundesgericht vertretene Auffassung, es gebe keine ökonomisch-
betriebswirtschaftlichen Nachteile, die eine gesundheitlich angeschlagene
Hilfsarbeiterin gegenüber einer gesunden Hilfsarbeiterin am gleichen (adaptierten)
Arbeitsplatz aufweisen würde, bzw. diese Nachteile seien entweder nicht lohnrelevant
oder bereits vom medizinischen Sachverständigen berücksichtigt und in die
Arbeitsunfähigkeitsschätzung eingeflossen, kann angesichts der fehlenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
statistischen Grundlage der Ermittlung des Zentralwerts bei einem Beschäftigungsgrad
von 50% eigentlich praktisch keine Relevanz mehr haben. Da aber davon ausgegangen
werden muss, dass das Bundesgericht seine „Methode“ zur Ermittlung des
Invalideneinkommens von in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigten Hilfsarbeiterinnen
nicht aufgeben wird, rechtfertigt es sich doch zu prüfen, ob im vorliegenden Fall ein
Tabellenlohnabzug vorzunehmen ist, um wenigstens diesem Teilelement der Ermittlung
des Invalideneinkommens eine gewisse Plausibilität zu geben. Dabei ist zu beachten,
dass das Bundesgericht nach zwei Jahrzehnten des Abstellens auf einen aus der
Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik „extrahierten“ Einkommenswert
keine fassbaren Kriterien zur Ermittlung des Lohnnachteils von in ihrer Gesundheit
beeinträchtigten Hilfsarbeiterinnen gegenüber gesunden Hilfsarbeiterinnen entwickelt
hat. Der Grund dafür ist offenkundig: Das Bundesgericht hat nicht akzeptiert, dass die
Lohnfestsetzung durch die dem Konkurrenzdruck ausgesetzten Arbeitgeber nur eine
betriebswirtschaftlich-ökonomische sein kann, ohne aber eine brauchbare Alternative
zu bieten. Löhne und direkte und indirekte Lohnnebenkosten sind Aufwand, was dazu
zwingt, sie möglichst tief zu halten, um einen Gewinn erzielen zu können. Entscheidend
für die Höhe des Lohnes, den eine gesundheitlich angeschlagene und nur noch
teilarbeitsfähige Hilfsarbeiterin erzielen kann, ist also, ob die von ihr geforderte
Leistung, die derjenigen einer gesunden Hilfsarbeiterin mit demselben
Beschäftigungsgrad entspricht, einen höheren Lohnaufwand verursacht als die
Leistung dieser gesunden Hilfsarbeiterin. Dabei dürfte in der Regel nur in Bezug auf die
indirekten Lohnnebenkosten ein relevanter Unterschied bestehen, denn
leistungsmässig ist die gesundheitlich angeschlagene Hilfsarbeiterin im Ausmass ihrer
Restarbeitsfähigkeit der gesunden Hilfsarbeiterin ebenbürtig (wenn die
Arbeitsfähigkeitsschätzung richtig ist). Derartige indirekte Lohnnebenkosten entstehen
etwa dann, wenn bei einer bestimmten Hilfsarbeiterin mit überdurchschnittlichen
Krankheitsabsenzen zu rechnen ist, während denen zwar der Lohn und die direkten
Lohnnebenkosten weiterlaufen, aber keine Leistung erbracht wird (und damit kein
Umsatz erzielt werden kann). Gerade bei schubartig verlaufenden Krankheiten besteht
eine erhebliche Gefahr überdurchschnittlicher Krankheitsabsenzen, so dass die
Beschwerdeführerin bei einer objektiven betriebswirtschaftlichen Betrachtung mehr
indirekte Lohnnebenkosten zu generieren drohte, was bei der Festsetzung ihres
Lohnes zu berücksichtigen wäre. Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin auf einen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
adaptierten Arbeitsplatz angewiesen ist, so dass sie nicht bei einem vorübergehenden
Bedarf nach einem Einsatz an einem anderen, nichtadaptierten Arbeitsplatz dort
eingesetzt werden kann. Auch eine vorübergehende Erhöhung des
Beschäftigungsgrades (im Sinne von Überstunden) ist ausgeschlossen. Diese
reduzierte Flexibilität ist aus ökonomisch-betriebswirtschaftlicher Sicht als indirekte
Lohnnebenkostenkomponente zu qualifizieren. Diese Einschränkungen der
Beschwerdeführerin erschweren die Planung und die Organisation des Einsatzes der
Belegschaft, was ebenfalls eine Lohnnebenkostenkomponente darstellt. Die
gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin können zudem einen
erheblich erhöhten Betreuungsbedarf zur Folge haben, was sich ebenfalls in höheren
Lohnnebenkosten niederschlägt. Die Behauptung, diesen ökonomisch-
betriebswirtschaftlichen Nachteilen gegenüber gesunden Hilfsarbeiterinnen sei bereits
durch die Arbeitsunfähigkeitsschätzung der medizinischen Sachverständigen
Rechnung getragen, ist unhaltbar. Damit ist im Falle der Beschwerdeführerin die
Notwendigkeit eines Tabellenlohnabzuges ausgewiesen. Zwar fehlt ein objektiver
Massstab, aber der vom Bundesgericht (willkürlich) auf 25% beschränkte Abzug
erlaubt es im vorliegenden Fall, einen Abzug festzulegen: Da die Beschwerdeführerin
aufgrund der Kombination einer somatischen und einer psychischen Einschränkung,
die zudem schubweise auftreten können, erfahrungsgemäss einen erheblichen Nachteil
gegenüber gesunden zu 50% beschäftigten Hilfsarbeiterinnen aufweist, rechtfertigt
sich ein Abzug, der leicht über der Hälfte des Zulässigen liegt: Der angemessene
Tabellenlohnabzug beläuft sich auf 15%.
1.5.3 Der der Nominallohnentwicklung angepasste Zentralwert der Löhne der
Hilfsarbeiterinnen aller Branchen hat im Jahr 2011 (ausgehend von der Tabelle T1 der
Lohnstrukturerhebung 2010) Fr. 53'367.-- betragen. Bei einem Arbeitsfähigkeitsgrad
von 50% ergibt das ein Einkommen von Fr. 26'684.--, reduziert um den
Tabellenlohnabzug von 15% Fr. 22'681.--. Bei einem Valideneinkommen von Fr.
61'363.-- (80%) resultiert eine behinderungsbedingte Einbusse von Fr. 38'682.--. Das
entspricht einem Invaliditätsgrad von 63%, reduziert auf die Erwerbsquote von 80%
also 50%. Zur Höhe des von der Beschwerdegegnerin anlässlich der
Haushaltabklärung vom 24. November 2011 ermittelten Invaliditätsgrades der
Beschwerdeführerin im eigenen Haushalt hat sich das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen in seinem Rückweisungsurteil vom 9. Oktober 2014 nicht geäussert.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Ergebnis jener Abklärung ist deshalb erstmals zu würdigen. Da die ermittelten
Einschränkungen in den einzelnen Bereichen der Haushaltserledigung auf den
Angaben der Beschwerdeführerin beruhen und da (anders als in vielen anderen Fällen)
davon auszugehen ist, dass die Beschwerdeführerin fähig gewesen ist, sich in einen
fiktiven Sachverhalt der vollständig erhaltenen Einsatzfähigkeit im eigenen Haushalt
hineinzuversetzen, und dass sie ihre Leistungsfähigkeit auch objektiv hat einschätzen
können, sind die entsprechenden Angaben im Abklärungsbericht (vgl. IV-act. 37) mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit richtig. Die Reduktion der entsprechenden
Einschränkungen unter Verweis auf die angebliche Schadenminderungspflicht durch
Beizug des Ehemannes und der Kinder hingegen ist offensichtlich gesetzwidrig, denn
relevant ist nicht die „Invalidität“ der Familie der Beschwerdeführerin, sondern die
Invalidität der Beschwerdeführerin. Das lässt sich ohne weiteres damit belegen, dass
nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts eine im Koma liegende versicherte
Person im Haushalt nicht invalid wäre, wenn ihr Ehegatte zusammen mit den fünf
halbwüchsigen Kindern zumutbarerweise in der Lage wäre, den gesamten Haushalt zu
erledigen. Diese Familie ist tatsächlich nicht „invalid“, die im Koma liegende versicherte
Person aber ist unbestreitbar zu 100% invalid. Relevant ist nämlich ausschliesslich die
Unfähigkeit der versicherten Person, die bisherige Tätigkeit im eigenen Haushalt weiter
auszuüben. Die bundesgerichtliche Rechtsprechung beruht also eindeutig auf einer
Fehlinterpretation des Begriffs der Schadenminderungspflicht und damit des Begriffs
der Invalidität bei im Aufgabenbereich tätigen Personen. Die Beschwerdeführerin selbst
ist gemäss ihren überzeugenden Angaben im eigenen Haushalt zu 34% eingeschränkt.
Bei einer Haushaltquote von 20% entspricht das einer anteiligen Invalidität von 6,8%.
Zusammen mit der anteiligen Invalidität im Erwerb von 50% resultiert also ein
(aufgerundeter) Invaliditätsgrad von 57%. Da die durchgehende Arbeitsunfähigkeit seit
dem 28. Oktober 2009 besteht (vgl. IV-act. 17-2), das sogenannte Wartejahr (Art. 28
Abs. 1 lit. b IVG) also am 30. September 2010 erfüllt gewesen ist, und da sich die
Beschwerdeführerin im August 2010 zum Bezug einer Invalidenrente angemeldet hat
(vgl. IV-act. 1), besteht gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG ab 1. Februar 2011 ein Anspruch auf
eine halbe Invalidenrente (Art. 28 Abs. 2 IVG). Da die Beschwerdeführerin bei fiktiv
erhaltener Gesundheit mit ausreichender Plausibilität ab dem 1. Februar 2016 zu 100%
einer Erwerbstätigkeit nachgegangen wäre, ist die Invalidität der Beschwerdeführerin
ab diesem Zeitpunkt auf der Grundlage eines reinen Einkommensvergleichs zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ermitteln. Dabei ist der vom Bundesamt für Statistik ermittelten zwischenzeitlichen
Nominallohnentwicklung (3,7% von 2010 bis 2015) Rechnung zu tragen. Demnach
beläuft sich das Valideneinkommen auf Fr. 77'616.--, das Invalideneinkommen (nach
einem Tabellenlohnabzug von 15%) auf Fr. 23'239.--, die Erwerbseinbusse somit auf
Fr. 54'377.--. Das ergibt einen Invaliditätsgrad von 70%. In analoger Anwendung von
Art. 88a Abs. 2 IVV hat die Beschwerdeführerin ab 1. Mai 2016 einen Anspruch auf eine
ganze Rente. Die Beschwerdegegnerin wird die entsprechenden Rentenbeträge
ermitteln und verfügungsweise festsetzen.
2.
Zusammenfassend ist der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Februar 2011 eine
halbe und mit Wirkung ab 1. Mai 2016 eine ganze Rente zuzusprechen. Die
Beschwerdegegnerin, an welche die Sache zurückzuweisen ist, wird die
entsprechenden Rentenbeträge ermitteln und dann darüber verfügen. Bei diesem
Verfahrensausgang ist in Bezug auf die Verfahrenskosten von einem vollständigen
Obsiegen der Beschwerdeführerin auszugehen. Demnach hat die Beschwerdegegnerin
die Gerichtsgebühr zu bezahlen, die auf der Grundlage eines durchschnittlichen
Beurteilungsaufwandes praxisgemäss auf Fr. 600.-- festzusetzen ist. Das
Versicherungsgericht wird der Beschwerdeführerin den Kostenvorschuss von Fr. 600.--
zurückerstatten. Die Beschwerdegegnerin wird zudem verpflichtet, der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten. Da die Rechtsvertreterin
der Beschwerdeführerin bereits aus dem ersten Beschwerdeverfahren mit dem Fall
vertraut ist, muss von einem leicht unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwand
ausgegangen werden. Dementsprechend wird die Parteientschädigung auf Fr. 3'000.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.