Decision ID: b597031e-83be-539a-ad21-de2712f1c345
Year: 2008
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 9. Juni 2006 bei der Stadt Bern ein Baugesuch
ein für die Überdeckung des bestehenden Innenhofs auf der Westseite des Gebäudes zur
Nutzung als Lagerraum auf Parzelle Bern Grundbuchblatt Nr. XX_. Die Parzelle liegt
in der Nutzungszone obere Altstadt, einer Zone mit Planungspflicht.
Dieses Bauvorhaben beinhaltete unter anderem das Zumauern von zwei Fenstern in der
Südfassade der Nachbarliegenschaft, Parzelle Bern Grundbuchblatt Nr. XX_, welche
im Eigentum der Beschwerdeführenden steht. Mit Schreiben vom 8. August 2006 erhoben
unter anderen die Beschwerdeführenden Einsprache gegen das Bauvorhaben.
Am 3. November 2006 reichte die Beschwerdegegnerin eine erste Projektänderung ein.
Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden mit Schreiben vom 27. Dezember 2006
erneut Einsprache.
Am 20. Juli 2007 reichte die Beschwerdegegnerin eine zweite Projektänderung ein (Plan
vom 17. Juli 2007). Darin wird auf das Zumauern der beiden Fenster in der Südfassade der
Liegenschaft der Beschwerdeführenden zwar verzichtet; aber dafür ist nun vorgesehen, auf
der Bauparzelle unmittelbar an der Grundstücksgrenze zur Liegenschaft der
Beschwerdeführenden eine Abschlussmauer zu bauen, so dass die Fenster nicht mehr
innerhalb, sondern ausserhalb der Fassade zugemauert werden. Mit Schreiben vom 30.
August 2007 teilten die Beschwerdeführenden mit, dass sie an ihrer Einsprache festhielten.
Mit Entscheid vom 30. Oktober 2007 erteilte die Stadt Bern die kleine Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 29. November 2007 Beschwerde
bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen,
der Entscheid des Stadtbauinspektorats vom 30. Oktober 2007 sei aufzuheben.
Gerügt wird von den Beschwerdeführenden in erster Linie, dass sie dem Bauvorhaben
nicht zugestimmt hätten und die Baubewilligung deshalb nicht hätte erteilt werden dürfen.
Eine Zustimmung ist aus Sicht der Beschwerdeführenden deshalb notwendig, weil ihnen
durch das Bauvorhaben Licht und Belüftung entzogen werde. Hilfsweise machen sie
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geltend, dass die fragliche Fläche fälschlicherweise als „Hof“ bezeichnet werde. Da es sich
aber tatsächlich nicht um einen Hofbereich handle, seien bei Bauvorhaben die
Gebäudeabstände zu beachten, ein Grenzanbau sei deshalb nicht möglich. Ausdrücklich
eingestanden wird von den Beschwerdeführenden dagegen, dass die Überdachung eines
Hofes nach neuem Recht erlaubt sei.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein.
Die Stadt Bern beantragt in ihrer Stellungnahme vom 18. Dezember 2007 der
Bauentscheid vom 30. Oktober 2007 sei zu bestätigen und die Baubeschwerde
abzuweisen. Die Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 4.
Januar 2008 ebenfalls die Abweisung der Beschwerde.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintreten
Angefochten ist eine kleine Baubewilligung gemäss Art. 32 Abs. 3 BauG2 i.V.m. Art. 27
BewD3. Auch eine solche kleine Baubewilligung ist ein Bauentscheid i.S.v. Art. 40 BauG
und kann somit innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE
angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde zuständig.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 3 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
4
Zur Beschwerde befugt sind gemäss Art. 40 Abs. 2 BauG der Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde.
Die Beschwerdeführenden sind als Eigentümer der Liegenschaft Parzelle Bern
Grundbuchblatt Nr. XX_, welche in unmittelbarer Nachbarschaft zum Baugrundstück
liegt, durch das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen
und demzufolge gemäss Art. 40 Abs. 2 i.V.m. Art. 35 Abs. 2 lit. a BauG zur Beschwerde
legitimiert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Anwendbares Recht
Vorab ist unklar, welches das anwendbare Recht ist. Gemäss Entscheid der Stadt Bern
vom 30. Oktober 2007 sind bei diesem Bauvorhaben sowohl die Bauordnung der Stadt
Bern aus dem Jahr 2002 (BO 02) als auch die neue Bauordnung der Stadt Bern aus dem
Jahr 2006 (BO 06), welche am 7. Januar 2005 öffentlich aufgelegt wurde, anzuwenden. In
der Stellungnahme vom 18. Dezember 2007 heisst es aber, dass die BO 06 seit 1. März
2007 in Rechtskraft erwachsen sei und deshalb die BO 02 nicht mehr zur Anwendung
komme.
Gemäss Art. 36 Abs. 1 BauG sind - soweit das Bundesrecht nichts anderes bestimmt -
Bauvorhaben nach dem zur Zeit der Einreichung des Baugesuchs geltenden Recht zu
beurteilen. Wenn das Bauvorhaben Nutzungsplänen (vgl. Art. 57 Abs. 2 BauG)
widerspricht, die bei der Gesuchseinreichung öffentlich aufgelegen haben, ist der
Entscheid grundsätzlich zurückzustellen (Art. 36 Abs. 2 und Art. 62a Abs. 3 BauG). Der
Entscheid ist ebenfalls bis nach der Genehmigung der neuen Vorschriften zurückzustellen,
wenn ein Baugesuch im Hinblick auf diese neuen Vorschriften eingereicht wird und die
Voraussetzungen für eine vorzeitige Bewilligung nicht gegeben sind (Art. 36 Abs. 3 BauG).
Zur Zeit der Einreichung des Baugesuchs am 9. Juni 2006 war noch die alte BO 02 in
Kraft. Zu diesem Zeitpunkt lag aber die neue BO 06 schon öffentlich auf. Die zweite und
letzte Projektänderung erfolgte am 20. Juli 2007 (Plan vom 17. Juli 2007). Die neue BO 06
ist am 1. März 2007 in Kraft getreten und war somit zum Zeitpunkt der Einreichung der
zweiten Projektänderung bereits geltendes Recht.
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Die Beschwerdegegnerin hat ihr Baugesuch zu einem Zeitpunkt eingereicht, in dem die BO
06 bereits öffentlich auflag. Da diese am 1. März 2007 in Kraft getreten ist, muss das
Bauvorhaben den neuen Normen genügen. Hingegen müssen die Normen der BO 02 nicht
mehr eingehalten werden, da sie inzwischen ausser Kraft getreten sind. Daran ändert auch
der Umstand nichts, dass das Baugesuch noch unter altem Recht eingereicht wurde, denn
ab dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des neuen Rechts gilt ausschliesslich dieses, wenn es
bei Gesuchseinreichung bereits öffentlich auflag4.
Somit ist für die Beurteilung des Projekts nur noch die BO 06 anwendbar.
3. Grenz- bzw. Gebäudeabstand
a) Zu klären ist die Frage, ob ein Grenz- bzw. Gebäudeabstand einzuhalten ist. Die
Beschwerdeführenden sprechen zwar in ihrer Beschwerde davon, dass ein
Gebäudeabstand zu beachten und ein Grenzanbau nicht möglich sei. Begründet wird dies
damit, dass es sich nicht um einen Hofbereich handle. Eine gesetzliche Grundlage wird
von den Beschwerdeführenden allerdings keine genannt.
Dies mit gutem Grund: In der BO 06 findet sich für die obere Altstadt keine Norm, welche
einen Grenz- oder Gebäudeabstand vorschreibt – und zwar weder für Hofbereiche noch für
Bauten im Allgemeinen. Die obere Altstadt ist gemäss Art. 77 Abs. 1 BO 06 eine Zone mit
Planungspflicht. Für diese Zone wird in Art. 77 - 78 BO 06 lediglich der Planungszweck, die
Nutzungsart und das Nutzungsmass umschrieben.
Zum selben Ergebnis kommt auch die Stadt Bern. Sie verweist in ihrer Stellungnahme vom
18. Dezember 2007 bezüglich Grenz- und Gebäudeabständen darauf, dass gemäss der
neuen BO 06 über der oberen Altstadt eine Zone mit Planungspflicht erlassen und der
Planungszweck definiert worden sei. In Anwendung von Art. 79 BO 06 gelte als zulässiges
Nutzungsmass die Erhaltung der bestehenden Bebauung. Es könne für einzelne
Grundstücke maximal bis zum mittleren vorhandenen Nutzungsmass der angrenzenden
Liegenschaften erhöht werden, sofern dies dem Planungszweck gemäss Art. 77 BO 06
diene und die umliegenden Gebäude nicht beeinträchtigt würden. Grenz- und
4 VGE 23049 vom 1. November 2007, E. 2.3.
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Gebäudeabstände seien keine einzuhalten, da die geschlossene Bauweise vorgeschrieben
sei.
Die Rüge der Beschwerdeführenden, wonach es sich nicht um einen Hofbereich handle
und deshalb die Gebäudeabstände zu beachten und ein Grenzanbau nicht möglich sei, ist
demzufolge unbegründet. Unabhängig davon, ob es sich um einen Hofbereich handelt oder
nicht, müssen gemäss BO 06 in der oberen Altstadt generell keine Grenz- oder
Gebäudeabstände eingehalten werden. Ein Grenz- oder Gebäudeabstand könnte sich in
einem konkreten Fall allenfalls indirekt aus dem Planungszweck (Art. 77 Abs. 2 BO 06) und
dem zulässigen Nutzungsmass (Art. 79 BO 06) ergeben. Eine Verletzung des
Planungszwecks oder des zulässigen Nutzungsmasses wird aber von den
Beschwerdeführenden nicht gerügt, so dass sich weitere Ausführungen dazu erübrigen.
Schliesslich sei daran erinnert, dass auf dem Grundstück der Beschwerdeführenden auch
an die Grenze gebaut wurde. Wenn dies aber den Beschwerdeführenden bzw. deren
Rechtsvorgänger gestattet wurde, ist der Beschwerdegegnerin auf der Nachbarparzelle
grundsätzlich das selbe Recht einzuräumen.
b) Im Übrigen kann die Ansicht der Beschwerdeführenden, wonach es sich nicht um
einen Hofbereich handle, nicht geteilt werden. Sie begründen dies damit, dass was heute
fälschlicherweise als „Hof“ bezeichnet werde, im 18. und 19. Jahrhundert Zufahrt und
Zugang zur Südhälfte der Liegenschaften I._gasse 7, 9, etc. gewesen sei.
In diesem Zusammenhang weist die Beschwerdegegnerin in ihrer Beschwerdeantwort
darauf hin, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Rechtsvorgänger der
Beschwerdeführenden, K._, eine Baubewilligung für die „Erhöhung des
Hofanbaues“ an der I._gasse 7 anbegehrt und ausgestellt erhalten habe.
Gemäss den Ausführungen des Bauinspektorats der Stadt Bern befindet sich die geplante
Baute zwischen zwei resp. vier Hauptgebäuden in einem geschlossenen Hof. Gemäss
Definition5 handle es sich beim Bauvorhaben um ein Hofgebäude. Dieser Meinung des
Bauinspektorats ist beizupflichten. Inwiefern die historische Situation des 18. und 19.
Jahrhunderts zur Beurteilung der Frage, ob es sich heute um einen Hof handelt oder nicht,
relevant sein sollte, ist nicht erkennbar – um so weniger, als anscheinend der fragliche
5 Vgl. Art. 145 Abs. 1 BO 02: „Die zwischen den Hauptgebäuden liegenden geschlossenen Höfe ...“.
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Bereich bereits vor über 100 Jahren vom Rechtsvorgänger der Beschwerdeführenden als
Hof bezeichnet (Beilage 1 der Beschwerdeantwort) und von der damaligen
Baubewilligungsbehörde als solcher behandelt wurde (Beilage 3 der Beschwerdeantwort).
Dass es sich also demzufolge um einen Hof handelt, spielt zwar wie oben erläutert letztlich
keine Rolle, da die BO 06 unabhängig davon keine Grenz- oder Gebäudeabstände für die
obere Altstadt vorschreibt. Vorausgesetzt, dass es sich bei der fraglichen Fläche um einen
Hof handelt, gehen aber auch die Beschwerdeführenden nicht davon aus, dass das
Bauvorhaben der neuen BO 06 widerspricht: Sie räumen in ihrer Beschwerde ein, dass das
neue Recht die Überdachung eines Hofes erlaube. In der alten BO 02 war dies noch
explizit so geregelt: Laut Art. 145 Abs. 1 lit. a BO 02 konnten die zwischen den
Hauptgebäuden liegenden geschlossenen Höfe in der oberen Altstadt zweigeschossig
vollständig überbaut werden. Der Grenzanbau war sowohl seitlich als auch rückwärtig ohne
Zustimmung der Nachbarn zulässig (Art. 145 Abs. 2 BO 02).
4. Licht und Belüftung
Ein Grenzanbau ist somit gemäss BO 06 grundsätzlich möglich, ein Gebäudeabstand nicht
einzuhalten. Die Beschwerdeführenden sind aber der Meinung, dass für das Zumauern der
bestehenden Fassadenfenster wegen des Entzugs von Licht und Belüftung ihre
Zustimmung erforderlich sei. Diese Zustimmung fehle. Dabei laufe es auf das Gleiche
hinaus, ob die Fenster innerhalb oder ausserhalb der eigenen Fassade zugemauert
würden.
a) In seiner Stellungnahme vom 18. Dezember 2007 wirft das Bauinspektorat der Stadt
Bern mit Verweis auf Art. 40 Abs. 2 BauG die Frage auf, ob dieser Beschwerdepunkt
überhaupt zu berücksichtigen sei. Die Beschwerdeführenden hätten den Entzug von Licht
und Belüftung in ihren Rechtsbegehren vom 8. August und 27. Dezember 2007 (erste und
zweite Eingabe im Baubewilligungsverfahren) als eine Rechtsverwahrung betitelt und auch
aus dem Schreiben vom 30. August 2007 (dritte Eingabe) gehe nicht hervor, dass der
erwähnte Entzug von Licht und Belüftung Einsprachecharakter habe.
Vorab ist fraglich, ob die Betitelung in der Einsprache tatsächlich darüber entscheidet, ob
es sich bei einer Rüge um eine Einsprache oder um eine Rechtsverwahrung handelt, oder
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ob diese Frage nicht vielmehr nach dem Inhalt der Rüge zu beurteilen ist. Dies kann hier
aber offen gelassen werden: Nach der Praxis zu Art. 40 Abs. 2 BauG genügt es, dass der
Themenbereich in der Einsprache angesprochen worden ist6. Die Beschwerdeführenden
haben in ihrer ersten und zweiten Eingabe jeweils den Gebäudeabstand und die fehlende
Zustimmung zu einem Näherbaurecht geltend gemacht. Beide Punkte haben auch Einfluss
auf den Entzug von Licht und Belüftung, womit der Themenbereich bereits in diesen
Eingaben angesprochen wurde. Zudem wird in der dritten Eingabe vorgebracht, dass der
Anspruch auf Belichtung und Belüftung verletzt werde, ohne dass dabei von
„Rechtsverwahrung“ die Rede wäre. Diese dritte Eingabe ist deshalb von besonderer
Bedeutung, weil sie die Reaktion auf die zweite Projektänderung darstellt, welche erstmals
nicht mehr ein Zumauern der Fenster innerhalb der Fassade der Beschwerdeführenden
vorsieht, sondern durch das Erstellen einer Abschlussmauer auf der Parzelle der
Beschwerdegegnerin. Letztlich ist dieser Beschwerdepunkt demzufolge zu berücksichtigen
und es muss darauf eingetreten werden.
b) Zur Sache führt das Bauinspektorat der Stadt Bern in seinem Entscheid vom 30.
Oktober 2007 aus, dass die Baubewilligungsbehörde praxisgemäss eine Zustimmung des
betroffenen Nachbarn verlangen würde, wenn bei bestehenden Fenstern das natürliche
Licht sowie die Lüftungsmöglichkeit genommen werde. Diese Zustimmung sei
grundsätzlich privatrechtlicher Natur und diene primär als Feststellung, ob das
Bauvorhaben auch wirklich ausführbar sei. Somit könne die Baubewilligungsbehörde
vermeiden, dass unnötige Verfahren durchgeführt würden. „Während der Beweisaufnahme
stiess das Bauinspektorat auf Akten eines früheren Baubewilligungsverfahrens von 1903,
in welchem die heute vorhandenen Fenster mit einem Dienstbarkeitsvertrag befristet, bis
auf erstes Begehren der Dienstbarkeitsberechtigten, bewilligt wurden.“ Somit werde
festgestellt, dass aufgrund des Dienstbarkeitsvertrags von 1903 die vorliegenden Fenster
nur provisorisch bewilligt worden seien und somit keine Besitzstandsgarantie resp. kein
Anspruch auf Belichtung und Belüftung der betroffenen Räume durch diese Fenster
bestehe. Da mit dem Vorliegen dieses Dienstbarkeitsvertrags für die
Baubewilligungsbehörde ein genügender Beweis bestehe, dass vermutlich das
Bauvorhaben auch aus privatrechtlicher Sicht bejaht werden könne, werde auf das Gesuch
eingetreten.
6 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 3. Aufl., Band I, Bern 2007, Art. 40 N 9a.
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Dazu führen die Beschwerdeführenden aus, dass der Grund für die seinerzeitige
Verpflichtung zum Zumauern auf erstes Begehren der gewesen sei, dass der damalige
Eigentümer der Liegenschaft I._gasse 7 die Zustimmung des gegenüberliegenden
Nachbarn für das Bauen auf der Grenze benötigt habe. Dieser habe eine bessere Einsicht
in seine Parzelle befürchtet. Als die Einsichtsmöglichkeit in die gegenüberliegende
Liegenschaft nicht mehr aktuell gewesen sei, sei die Dienstbarkeit gelöscht worden. Und
eine gelöschte Dienstbarkeit sei wie keine Dienstbarkeit, weshalb die Feststellung falsch
sei, dass die Fenster 1903 nur provisorisch bewilligt worden seien und keine
Besitzstandsgarantie resp. kein Anspruch auf Belichtung und Belüftung der betroffenen
Räume bestehe. Im Übrigen sei dieser Anspruch auf Belichtung und Belüftung nicht
privatrechtlich, sondern öffentlichrechtlich. Auf den Anspruch könne nur durch Zustimmung
verzichtet werden. Aus der gelöschten Dienstbarkeit lasse sich keine solche ableiten,
schon gar nicht die Zustimmung zu einer Überdachung, wie sie früher weder vorstellbar
noch bewilligungsfähig gewesen wäre.
Die Beschwerdegegnerin äussert in ihrer Beschwerdeantwort die Meinung, dass die
Beschwerdeführenden die angeblichen Gründe, weshalb der Dienstbarkeitsvertrag am
29. Mai 1903 begründet und offenbar am 12. August 1903 wieder gelöscht worden sei, frei
erfunden hätten. Der am 31. Juli 1903 notariell beglaubigte Auszug aus einem
Dienstbarkeitsaufhebungs- und Dienstbarkeitsvertrag vom 29. Mai 1903 stamme aus dem
Baubewilligungsverfahren des K._, Rechtsvorgänger der Beschwerdeführenden,
mit welchem er damals eine „Erhöhung des Hofanbaus“ an das Gebäude I._gasse
7 anbegehrt habe. Im behördlichen Prüfungsverfahren habe der Stadtbaumeister mit
Bericht vom 16. Juli 1903 festgehalten, das Vorhaben bezwecke „die Eindeckung des
Hofes mit einer Terrasse & Erstellung von Fenstern in der Scheidemauer“. Nach § 59 des
Baureglements „dürften aber Fensteröffnungen nur im Einverständnis mit den Nachbarn
erstellt werden“. Da die zugesicherten Zustimmungserklärungen noch nicht vorlägen, „wird
an die Baubewilligung die Bedingung geknüpft werden, dass vor Inangriffnahme der
baulichen Arbeiten die Einwilligung der Nachbarn beigebracht werde“. Diese erwiesene
Ausgangslage lasse aufgrund der lückenhaften Akten Raum für zwei Argumentationen, die
indessen beide zum Ergebnis führten, dass die in Frage stehende Dienstbarkeit als
privatrechtliches Institut weder für das seinerzeitige Bauvorhaben des K._ von
Bedeutung gewesen sei noch für das gegenwärtige Beschwerdeverfahren relevant sei.
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c) Die historischen Gegebenheiten rund um den Dienstbarkeitsvertrag aus dem Jahre
1903 brauchen an dieser Stelle aber letztlich nicht geklärt zu werden. Entscheidend ist hier
in erster Linie die Frage, ob der Entzug von Licht und Belüftung der Erteilung der
Baubewilligung entgegensteht bzw. ob eine öffentlichrechtliche Pflicht besteht, die
Zustimmung der Nachbarn einzuholen. Bezüglich Zustimmungsbedürftigkeit explizit
gegenteilig äusserte sich noch Art. 145 Abs. 2 BO 02: Demzufolge war bei Hofgebäuden
der Grenzanbau sowohl seitlich als auch rückwärtig ohne Zustimmung der Nachbarn
zulässig. Aber auch der im vorliegenden Fall alleine relevanten BO 06 lässt sich keine
Zustimmungsbedürftigkeit entnehmen: Die Nicht-Beeinträchtigung der umliegenden
Gebäude (Art. 79 Abs. 2 letzter Satzteil BO 06) ist im Kontext des Planungszwecks von
Art. 77 Abs. 2 lit. a BO 06 zu lesen. Daraus ergibt sich, dass die Nicht-Beeinträchtigung der
umliegenden Gebäude in gestalterischer Hinsicht gemeint ist. Die Nicht-Beeinträchtigung
der umliegenden Gebäude hat jedoch keine allgemeine nachbarschützende Funktion und
begründet auch keinen eigenständigen Schutz vor Immissionen. Diese sind aufgrund des
übergeordneten Rechts des Bundes und des Kantons zu prüfen. Die kantonale Vorschrift
von Art. 22 Abs. 3 BauV, wonach höhere Häuser und Hochhäuser bestehende oder nach
geltenden Vorschriften mögliche Wohnbauten nicht durch übermässigen Schattenwurf
beeinträchtigen dürfen, kommt hier offensichtlich nicht zur Anwendung. Für andere Bauten
und Anlagen enthält die Baugesetzgebung keine speziellen Vorschriften über die zulässige
Beschattung. So sind insbesondere auch die Vorschriften für Wohn- und Arbeitsräume
betreffend Belichtung, Besonnung und Belüftung in Art. 64 BauV im vorliegenden
Zusammenhang nicht relevant. Diese Vorschriften beziehen sich auf projektierte und nicht
auf benachbarte Bauten. Der allgemeine baurechtliche Immissionsschutz ist in Art. 24
BauG geregelt. Demnach müssen durch zonenkonforme Bauten verursachte
Einwirkungen, wie beispielsweise die Beschattung, geduldet werden (Art. 89 Abs. 2 BauV).
d) Die Beschwerdeführenden berufen sich weiter auf eine Besitzstandsgarantie für die
Fenster, ohne aber eine Rechtsgrundlage dafür zu nennen. Die Besitzstandsgarantie ist
primär in Art. 3 BauG geregelt. Demzufolge werden aufgrund bisherigen Rechts bewilligte
oder bewilligungsfreie Bauten und Anlagen in ihrem Bestand durch neue Vorschriften und
Pläne nicht berührt. Diese Norm ist auf den vorliegenden Fall aber offensichtlich nicht
anwendbar: Zum einen stehen hier nicht neue Vorschriften oder Pläne zur Diskussion und
darüber hinaus wird der Bestand der Baute der beschwerdeführenden Nachbarn durch das
Bauprojekt der Beschwerdegegnerin nicht in Frage gestellt.
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Darüber hinaus ergibt sich aus § 59 Baureglement für die Stadt Bern von 1879, dass der
Einbau von Fenstern in Scheidemauern nur mit Zustimmung der Nachbarn möglich war.
Weiter war explizit festgehalten, dass Bauten auf Nachbarliegenschaften durch solche
Fenster nicht behindert oder gar verhindert werden sollten und deshalb auf Begehren der
Nachbarn wieder zugemauert werden mussten. Auch hier sei noch einmal daran erinnert,
dass die Beschwerdeführenden bzw. deren Rechtsvorgänger selber ebenfalls an die
Grenze gebaut haben. Hätten sie das nicht getan, könnte die Beschwerdegegnerin die
Fenster der Beschwerdeführenden durch eine an die Grenze gestellte Mauer gar nicht
zumauern. So ist denn auch § 59 Baureglement für die Stadt Bern von 1879 zu verstehen:
Aufgrund der geschlossenen Bauweise waren (und sind) keine Grenzabstände
einzuhalten. Diese Regelung sollte nicht durch Fenster in Scheidemauern unterlaufen
werden. Deshalb waren solche Fenster nur mit Zustimmung der Nachbarn zulässig und
mussten auf erstes Begehren wieder zugemauert werden.
e) Somit ist in Übereinstimmung mit der Stadt Bern davon auszugehen, dass wegen des
Entzugs von Licht und Belüftung öffentlichrechtlich keine Zustimmungsbedürftigkeit
besteht. Aus öffentlichrechtlicher Sicht gibt es demzufolge keinen Grund, dem Grenzanbau
die Baubewilligung zu verweigern, auch wenn damit die Fenster in der Nachbarliegenschaft
faktisch zugemauert werden.
f) Eine Zustimmungsbedürftigkeit mag sich allenfalls aus dem Zivilrecht ergeben.
Davon gehen vermutlich grundsätzlich auch die Beschwerdeführenden aus, denn sie
brachten diese Rüge anfänglich unter dem Stichwort „Rechtsverwahrung“ vor – damit
werden aber zivilrechtliche Vorbehalte angemeldet. Erst in der Beschwerde wird erstmals
argumentiert, dass der Anspruch auf Licht und Belüftung öffentlichrechtlich sei – ohne aber
anzugeben, aus welcher Rechtsgrundlage sich ein solcher öffentlichrechtlicher Anspruch
ergeben sollte.
Eine allfällige privatrechtliche Zustimmungsbedürftigkeit steht aber der Erteilung einer
Baubewilligung nicht entgegen. Die Baubewilligung ist eine Polizeibewilligung. Sie stellt
fest, dass das ihr zugrunde liegende Bauvorhaben mit den öffentlichrechtlichen
Rechtsregeln und insbesondere mit der Bau- und Planungsgesetzgebung übereinstimmt.
Dies bedeutet, dass die Baubewilligungsbehörde einem Gesuch um Erteilung einer
Baubewilligung zu entsprechen hat, wenn dieses die formellen Voraussetzungen erfüllt und
den öffentlichrechtlichen Vorschriften nicht widerspricht, ungeachtet allfälliger Privatrechte.
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Der Grundsatz der strikten Trennung zwischen Privat- und Verwaltungsrecht wird gemäss
herrschender Praxis und Lehre einzig in zwei Fällen durchbrochen: Zivilrechtliche
Bestimmungen werden im Baubewilligungsverfahren einerseits angewendet, wenn die
Baugesetzgebung privatrechtliche Tatbestände voraussetzt oder ausdrücklich als
massgebend erklärt. Andererseits ist das Zivilrecht zu berücksichtigen, wenn die
Bauherrschaft auf fremdem Boden baut. Das Verwaltungsgericht hat es in seiner
bisherigen Praxis – die zwei Ausnahmen abgesehen – stets abgelehnt, zivilrechtliche
Sachverhalte im Verfahren auf Erteilung einer Baubewilligung zu beurteilen. Auch wenn
dies im Einzelfall zu einer Verfahrensverlängerung führen kann, ist an dieser Praxis
festzuhalten. Denn sie steht in Einklang mit dem geltenden Rechtssystem und der daraus
folgenden Abgrenzung zwischen Zivil- und Verwaltungsgerichtsbarkeit. Sie rechtfertigt sich
auch deshalb, weil die Parteien über privatrechtliche Rechte und Pflichten grundsätzlich
frei disponieren können7.
5. Zusammenfassung
a) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass nicht bestritten ist, dass ein
Hof – und um einen solchen handelt es sich hier – nach geltendem Recht überdacht
werden darf. Dieses geltenden Recht, sprich die BO 06, schreibt für die obere Altstadt
keine Grenz- oder Gebäudeabstände vor. Demzufolge können die Beschwerdeführenden,
auf deren Parzelle notabene auch an die Grenze gebaut wurde, von der
Beschwerdegegnerin nicht die Einhaltung eines Grenz- oder Gebäudeabstandes
verlangen. Eine Zustimmung der Nachbarn ist aus öffentlichrechtlicher Sicht nicht
erforderlich und ergibt sich auch nicht aus dem Entzug von Licht und Belüftung, welcher
dadurch eintritt, dass die Fenster der Beschwerdeführenden durch das Projekt faktisch
zugemauert werden. Ob eine Zustimmung der Nachbarn aufgrund des Privatrechts
verlangt werden kann, braucht hier nicht geklärt zu werden.
Aus diesen Gründen wird die Beschwerde abgewiesen und der Entscheid der Stadt Bern
vom 30. Oktober 2007 bestätigt.
b) Die Beschwerdeführenden haben in ihrer Beschwerde als Beweismittel den
Augenschein genannt. Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2
7 BVR 2003 S. 385 E. 4.
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BV8). Die Behörde ist deshalb verpflichtet, die ihr rechtzeitig und formrichtig vorgelegten
Beweismittel abzunehmen. Dies gilt nicht, wenn die Beweismittel eine nicht erhebliche
Tatsache betreffen, wenn sie offensichtlich untauglich sind, über die streitige Tatsache
Beweis zu erbringen, oder wenn der Richter seine Überzeugung aufgrund bereits
abgenommener Beweise schon willkürfrei hat bilden können9.
Im vorliegenden Fall erweist sich die Durchführung eines Augenscheins als überflüssig: Da
insbesondere keine ästhetischen Einwände zu beurteilen sind, lassen sich aus den Akten
alle Informationen herauslesen, welche für die Beurteilung des Falles relevant sind.
c) Zum Schluss noch folgender Hinweis: Sowohl im Baugesuch vom 8. Juni 2006 als
auch in der Baubewilligung vom 30. Oktober 2007 wird als Bauparzelle Bern
Grundbuchblatt Nr. 1/1029 genannt. Tatsächlich handelt es sich allerdings um die Parzelle
Bern Grundbuchblatt Nr. 1/1044. Allerdings ergibt sich aus den Baugesuchsplänen
eindeutig, wo das Projekt realisiert werden soll. Zudem ist die Beschwerdegegnerin die
Eigentümerin beider Parzellen. Somit ist diese Verwechslung ohne Bedeutung und bedarf
deshalb keiner Berichtigung.
6. Kosten
a) Die oberinstanzlichen Verfahrenskosten bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von 200 bis 4'000 Franken je Beschwerde erhoben (Art. 19 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 4 Abs. 2 GebV10). In Anwendung dieser Bestimmungen wird die
Pauschale auf Fr. 1’400.-- festgelegt.
Laut Art. 108 Abs. 1 VRPG werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei
auferlegt, es sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere
Verlegung oder die besonderen Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu
8 Bundesverfassung (BV; SR 101) 9 BGE 124 I 242 E. 2, 285 E. 5; BGE 122 II 464 E. 4a 10 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung; GebV, BSG 154.21)
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erheben. Ein solcher Ausnahmefall liegt hier nicht vor. Die Beschwerdeführenden haben
somit als unterliegende Partei die Verfahrenskosten zu tragen.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Demzufolge haben die
Beschwerdeführenden als unterliegende Partei der Beschwerdegegnerin ihre Parteikosten
zu ersetzen. Die Honorarnote des Parteivertreters der Beschwerdegegnerin beläuft sich
auf Fr. 1'702.80 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) und gibt zu keinen Bemerkungen
Anlass.