Decision ID: 43ff3257-7a27-59db-be85-1831d2135d59
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Oktober 2016 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu
einer Altersrente der AHV an (act. G 6.1.43). Mit einer Verfügung vom 3. Dezember
2016 wies die EL-Durchführungsstelle das Leistungsbegehren ab (act. G 6.1.39). Zur
Begründung führte sie an, die Anspruchsberechnung (vgl. act. G 6.1.40) habe einen
Einnahmenüberschuss ergeben: Das Vermögen belaufe sich auf 201’153 Franken,
woraus ein hypothetischer Vermögensverzehr von 16’365 Franken resultiere;
zusammen mit der AHV-Rente von 28’200 Franken und den effektiven
Vermögenserträgen von 4’736 Franken resultiere ein Einnahmentotal von 49’301
Franken. Das Total der anrechenbaren Ausgaben betrage dagegen bloss 40’758
Franken. Es setze sich aus der kantonalen Durchschnittsprämie von 4’668 Franken für
die obligatorische Krankenpflegeversicherung, aus der Lebensbedarfspauschale von
19’290 Franken und aus dem Maximalbetrag für den Mietzins von 16’800 Franken (bei
effektiven Mietkosten von 30’720 Franken) zusammen. Vor diesem Hintergrund
erübrigten sich weitere Abklärungen zu Punkten, die noch offen seien, respektive die
Einholung von Belegen betreffend eine landwirtschaftliche Liegenschaft, die
Einforderung des aktuellen Standes eines Bankkontos, Abklärungen zu einer Zahlung
an den Sohn über 19’300 Franken, die Prüfung der Vermögensrückgänge in den Jahren
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2014–2016 und die Beantwortung der Frage nach dem Grund für die monatlichen
Zahlungen an den Sohn über je 300 Franken.
Am 18. Januar 2017 erhob die EL-Ansprecherin eine Einsprache gegen die
Verfügung vom 3. Dezember 2016 (act. G 6.1.36). Sie machte geltend, die
landwirtschaftliche Parzelle habe keinen höheren als den gemeldeten Wert. Beim
erwähnten Bankkonto handle es sich um ein Jugendsparkonto für den Enkel. Der
Kontostand habe sich per Ende September 2016 auf 6’030.57 Franken belaufen (act. G
6.1.38–8). Der Rückgang des Vermögens sei auf hohe Krankheits- und
Behinderungskosten zurückzuführen. Die EL-Ansprecherin habe in den letzten Jahren
laufend Wertschriften verkaufen müssen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu
können. Ende Juli 2016 habe sie ihre letzten Wertschriften verkauft. Ihr Sparguthaben
belaufe sich bloss noch auf 42’413.85 Franken. Bei den monatlichen Zahlungen von
jeweils 300 Franken habe es sich um Schenkungen an den Sohn und an die Tochter
gehandelt. Der entsprechende Dauerauftrag habe aber im Juli 2016 gestoppt werden
müssen. Mit der Überweisung von 19’300 Franken habe die EL-Ansprecherin eine
Kontokorrentschuld beglichen (vgl. act. G 6.1.38–5). Das Kontokorrentkonto sei vor
etwa zehn Jahren eingerichtet worden. Die Kinder der EL-Ansprecherin hätten über
dieses Konto diverse Aufwendungen der EL-Ansprecherin bezahlt. Man könne leider
nicht mehr genau nachvollziehen, welche Aufwendungen das gewesen seien. Dazu
hätten unter anderem die Kosten für ein Telefonabonnement, Aufwendungen für eine
Haushaltshilfe und eine Fahrtwegentschädigung für die wöchentliche Unterstützung
der EL-Ansprecherin im Alltag gehört. Auf eine entsprechende Aufforderung der EL-
Durchführungsstelle hin (vgl. act. G 6.1.34) reichte die EL-Ansprecherin am 24. März
2017 weitere Belege ein (act. G 6.1.25). Sie wies darauf hin, dass sie ihren beiden
Kindern anstelle von Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken ab Januar 2007
monatlich 300 Franken (für den Sohn; bis Juli 2016) beziehungsweise 500 Franken (für
die Tochter; bis Dezember 2014) überwiesen habe. Abgesehen davon seien keine
Schenkungen erfolgt. Am 2. Mai 2017 teilte der Sohn der EL-Ansprecherin mit (act. G
6.1.15), diese befinde sich seit dem 12. April 2017 in einem Altersheim. Zur
Überbrückung eines finanziellen Engpasses habe er ihr per 27. April 2017 11’000
Franken überwiesen.
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit einer Verfügung vom 30. Mai 2017 sprach die EL-Durchführungsstelle der EL-
Ansprecherin rückwirkend ab dem 1. April 2017 eine Ergänzungsleistung von 523
Franken pro Monat zu (act. G 6.1.7). Bei der Anspruchsberechnung (vgl. act. G 6.1.8)
hatte sie die kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung von 4’872 Franken, einen Gebäudeunterhaltsaufwand von
69 Franken, eine maximale Tagestaxe von 65’700 Franken, einen maximalen
Selbstbehalt für die Pflegekosten von 7’884 Franken, eine Pauschale für persönliche
Auslagen von 4’824 Franken und den maximalen Mietzins von 16’800 Franken für die
Wohnung als Ausgaben anerkannt. Für die Berechnung der anrechenbaren Einnahmen
hatte sie ein effektives Vermögen von 52’439 Franken und ein Verzichtsvermögen von
275’823 Franken berücksichtigt. Dieses Verzichtsvermögen hatte sie wie folgt
berechnet (vgl. act. G 6.1.9): Sie hatte die Überweisung von 19’330 Franken für die
Auflösung des (angeblichen) Kontokorrentkontos als Schenkung qualifiziert und folglich
als Vermögensverzicht berücksichtigt, da die EL-Ansprecherin (angeblich) nicht habe
nachweisen können, dass es sich dabei wirklich um ein Kontokorrentkonto gehandelt
habe, sie hatte die monatlichen Schenkungen an die beiden Kinder als
Vermögensverzicht angerechnet (total 48’000 Franken für die Tochter und 34’500
Franken für den Sohn), und sie hatte den tatsächlichen Vermögensverbrauch in den
Jahren 2013–2016 abzüglich eines von ihr hypothetisch berechneten „notwendigen
Vermögensverbrauchs“ in dieser Zeit als Vermögensverzicht qualifiziert (23’630
Franken im Jahr 2014, 112’757 Franken im Jahr 2015 und 127’606 Franken im Jahr
2016). Das hatte gesamthaft einen Vermögensverzicht von 365’823 Franken ergeben.
Da es erstmals im Jahr 2007 zu einem Verzicht gekommen war, hatte die EL-
Durchführungsstelle den Gesamtbetrag des Verzichtsvermögens erstmals per 1.
Januar 2009 und letztmals per 1. Januar 2017 (also insgesamt neunmal) um je 10’000
Franken reduziert. Nach dem Abzug des Freibetrages von 37’500 Franken hatte ein
anrechenbares Vermögen von 290’762 Franken resultiert, wovon die EL-
Durchführungsstelle einen Fünftel, also 58’152 Franken, als hypothetischen
Vermögensverzehr angerechnet hatte. Zusammen mit der AHV-Rente von 28’200
Franken, einem Pachtzins von 160 Franken, einem effektiven Vermögensertrag von 30
Franken und einem hypothetischen Vermögensertrag von 275 Franken hatte sich ein
Einnahmentotal von 93’875 Franken ergeben. Bei einem Ausgabentotal von 100’149
Franken hatte ein Ausgabenüberschuss von 6’276 Franken und damit ein Anspruch auf
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Ergänzungsleistung von 523 Franken pro Monat resultiert. Am 27. Juni 2017 teilte
ein Jurist mit, dass er von der EL-Ansprecherin mit der Wahrung ihrer rechtlichen
Interessen beauftragt worden sei (act. G 6.2.25).
Am 4. Juli 2017 liess die EL-Bezügerin eine Einsprache gegen die Verfügung vom
30. Mai 2017 erheben (act. G 6.2.21). Ihr Vertreter beantragte die Zusprache einer
Ergänzungsleistung von 5’120 Franken pro Monat ab April 2017 und die Bewilligung
der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren. Zur
Begründung machte er geltend, die EL-Bezügerin habe nicht auf Vermögen verzichtet.
Sie habe zwar „gut gelebt“, aber ihr Vermögen in keiner Weise verschwendet. Der Art.
11 Abs. 1 lit. g ELG bezwecke keine „wie auch immer geartete
Lebensführungskontrolle“. Mit einer Verfügung vom 12. Juli 2017 hob die EL-
Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung per 31. Juli 2017 auf (act. G 6.2.18). Zur
Begründung führte sie an, das Mietverhältnis betreffend die Wohnung hätte maximal
drei Monate nach dem Heimeintritt enden müssen, weshalb nun keine Mietkosten mehr
als Ausgaben berücksichtigt werden könnten. Bei der Neuberechnung habe deshalb
ein Einnahmenüberschuss resultiert (vgl. act. G 6.2.19). Am 10. August 2017 liess die
EL-Bezügerin nochmals Stellung zur Verfügung vom 30. Mai 2017 nehmen (act. G
6.2.16). Ihr Vertreter führte aus, die fraglichen Ausgaben, in denen angeblich ein
Vermögensverzicht zu erblicken sei, seien allesamt begründet gewesen; die EL-
Bezügerin habe jeweils eine adäquate Gegenleistung dafür erhalten. Bezüglich der
Ausgaben für Wein sei darauf hinzuweisen, dass die EL-Bezügerin vor dem Heimeintritt
exzessiv Alkohol konsumiert habe, da sie alkoholabhängig gewesen sei. Das sei vom
Hausarzt bestätigt worden (vgl. act. G 6.2.17–2). Weil sich die rollstuhlabhängige EL-
Bezügerin schon seit längerer Zeit nur noch eingeschränkt selbständig habe waschen
können, habe sie „edle Parfüms“ gekauft, um sich „frisch zu fühlen“. Die
Rollstuhlabhängigkeit habe auch einen höheren Bedarf nach Pflegeprodukten zur Folge
gehabt, die die EL-Bezügerin jeweils bei einer Apotheke bezogen habe. Nach einem
Sturz seien Kosten für einen Rettungstransport angefallen. Weitere Ausgaben hätten
den Kauf von Kleidern, stationäre Behandlungen in einer Klinik, den Kauf und die
Installation eines Stützgriffs für die Toilette, Auslagen für den Hund, ein
Geburtstagsessen, den Kauf von Blumen, die Einlagerung von Pelzmänteln sowie den
Kauf eines Spezialbettes, einer Stereoanlage und einer Winterjacke betroffen. Bei den
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
monatlichen Zahlungen an die Kinder habe es sich um einen Lidlohn gehandelt, da sich
diese intensiv um die Beschwerdeführerin gekümmert hätten. Am 5. September 2017
liess die EL-Bezügerin eine Einsprache gegen die Verfügung vom 12. Juli 2017 erheben
(act. G 6.2.12). Ihr Vertreter beantragte die Zusprache einer Ergänzungsleistung von
5’120 Franken pro Monat über den 31. Juli 2017 hinaus. Zur Begründung machte er
geltend, es liege kein Vermögensverzicht vor.
Mit einem Entscheid vom 8. Dezember 2017 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprachen gegen die Verfügungen vom 3. Dezember 2016, vom 30. Mai 2017 und
vom 12. Juli 2017 ab (act. G 6.2.9). Zur Begründung hielt sie fest, die höchstrichterliche
Rechtsprechung, wonach kein Verzichtstatbestand vorliege, wenn der EL-Ansprecher
oder der EL-Bezüger eine adäquate Gegenleistung erhalten habe, sei von der Lehre als
unzutreffend qualifiziert worden, weil sie dem Sinn und Zweck des
Verzichtstatbestandes nicht Rechnung trage. Es gehe dabei nämlich nicht um die
Sicherstellung einer ökonomischen Gleichwertigkeit von Vermögenshingabe und
Gegenleistung, sondern ausschliesslich um die Fähigkeit des EL-Ansprechers oder des
EL-Bezügers, den eigenen Existenzbedarf zumindest teilweise durch den Einsatz des
eigenen Vermögens zu bestreiten. Diese Fähigkeit fehle sowohl nach einer
Vermögensreduktion durch eine Schenkung als auch nach einer Vermögensreduktion
als Folge eines verschwenderischen Lebensstils. Das Argument der unzulässigen
Lebensführungskontrolle sei nicht stichhaltig, denn dem EL-Ansprecher oder dem EL-
Bezüger stehe es ja vollumfänglich frei, sich seines Vermögens zu entäussern oder es
zu verschwenden. Der Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG solle nur jene, die ihr Vermögen
verschwendet hätten, daran hindern, den entsprechenden Ausfall an anrechenbaren
Einnahmen durch eine Ergänzungsleistung zu kompensieren und damit die
Verantwortung für die Folgen ihrer Lebensführung auf die Allgemeinheit zu überwälzen.
Vorliegend habe man bei der Berechnung des Vermögensverzichtes einen erhöhten
Lebensbedarf und die in den Steuererklärungen deklarierten Krankheitskosten
berücksichtigt. Wenn die EL-Bezügerin tatsächlich höhere Krankheitskosten gehabt
hätte, hätte sie diese auch in den Steuererklärungen deklariert. Die Akten belegten
einen offenkundig verschwenderischen Lebensstil. Die EL-Bezügerin habe in einer
teuren Wohnung gelebt, für mehrere tausend Franken Wein gekauft, hohe Summen in
Modegeschäften, für Blumen und Parfüms verbraucht und „unnötig hohe“
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Schenkungen an die Kinder getätigt. Auch das Gesuch um eine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren sei abzuweisen, denn eine solche
sei nicht erforderlich gewesen. Die EL-Bezügerin habe sich mit ihrer Einsprache vom
18. Januar 2017 formell und materiell korrekt zur Wehr setzen können, was belege,
dass sie keine Unterstützung benötigt habe.
Am 24. Januar 2018 liess die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 8. Dezember 2017 erheben
(act. G 1). Ihr Vertreter beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides, die Zusprache einer monatlichen Ergänzungsleistung von
5’120 Franken ab April 2017, eventualiter die Rückweisung der Sache an die EL-
Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur Neubeurteilung, die
Durchführung einer öffentlichen Verhandlung und die Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung für das Beschwerdeverfahren. Zur Begründung führte er aus,
ein Vermögensverzicht liege rechtsprechungsgemäss nur dann vor, wenn ein EL-
Ansprecher oder ein EL-Bezüger für eine Vermögenshingabe keine adäquate
Gegenleistung erhalte. Auch eine Luxusreise könne dabei eine adäquate Gegenleistung
darstellen, selbst wenn sie das Vermögen aufzehre, sofern dafür nur ein marktüblicher
Preis bezahlt werden müsse. Die Beschwerdeführerin habe für sämtliche Auslagen eine
adäquate Gegenleistung erhalten, weshalb kein Vermögensverzicht vorliege. Auch die
Abweisung des Gesuchs um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Einspracheverfahren sei rechtswidrig, denn die Beschwerdeführerin könne kaum mehr
schreiben und sie sei dauerhaft auf Hilfe und Pflege angewiesen. Sie sei ausserstande,
selbständig eine Einsprache zu verfassen. Zudem erwiesen sich die sich im
Zusammenhang mit dem Vermögensverzicht stellenden Rechtsfragen als komplex,
müsse doch in diesem Zusammenhang auch die Rechtsprechung berücksichtigt
werden. Die Rechtsverbeiständung im Beschwerdeverfahren sei deshalb „ohne
Weiteres gerechtfertigt, ja gar notwendig“.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 16. Februar 2018 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 6).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführerin liess am 22. Februar 2018 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).
B.c.
Am 25. Oktober 2018 forderte das Versicherungsgericht den Vertreter der
Beschwerdeführerin auf, eine Venia einzureichen (act. G 12). Dieser machte am 20.
Februar 2019 geltend (act. G 18), ihm sei nicht bewusst gewesen, dass die
berufsmässige Vertretung im Verwaltungsverfahren im Kanton St. Gallen – anders als in
zahlreichen anderen Kantonen – Rechtsanwälten vorbehalten sei. Er habe nun
allerdings am 1. Februar 2019 die Rechtsanwaltsprüfung bestanden, womit er
sämtliche Voraussetzungen für die Eintragung ins Anwaltsregister erfülle. Am 13. März
2019 reichte er den entsprechenden Beschluss der Aufsichtskommission über die
Anwältinnen und Anwälte des Kantons Zürich nach (act. G 19.1).
B.d.
Am 17. April 2017 wies das Versicherungsgericht die Beschwerdeführerin darauf
hin (act. G 21), dass die von der Beschwerdegegnerin vorgenommene Berechnung der
„notwendigen“ Ausgaben vom Gericht allenfalls als zu grosszügig qualifiziert werden
könnte. Folglich bestehe die Gefahr einer strengeren Berechnung und damit der
Anrechnung eines höheren Verzichtsvermögens, was eine reformatio in peius zur Folge
haben könnte. Der Beschwerdeführerin werde deshalb die Möglichkeit eingeräumt, ihre
Beschwerde zurückzuziehen oder Stellung zur drohenden reformatio in peius zu
nehmen. Die Beschwerdeführerin liess am 20. Mai 2019 mitteilen, dass sie an ihrer
Beschwerde festhalte (act. G 22).
B.e.
Am 21. August 2019 führte das Versicherungsgericht eine mündliche
Hauptverhandlung durch. Die Beschwerdeführerin liess geltend machen, die
Altersrente der AHV reiche nicht zum Leben, weshalb sie Ergänzungsleistungen
benötige. Sie habe einen sehr guten bis luxuriösen Lebensstil gepflegt und versucht,
trotz ihrer Rollstuhlabhängigkeit möglichst lange selbständig leben zu können. Das sei
mit hohen Kosten verbunden gewesen. Sie habe aber nie Geld verschenkt, sondern
immer entweder eine Gegenleistung erhalten oder aber die Erfüllung einer sittlichen
Pflicht entschädigt, indem sie ihren Kindern einen Lidlohn ausgerichtet habe. Die
Kinder hätten sich nämlich vor dem Eintritt ins Pflegeheim intensiv um sie gekümmert.
Die bundesgerichtliche Rechtsprechung zum Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG sei eindeutig.
Hier liege kein Verzichtstatbestand vor. Das Vorgehen der Beschwerdegegnerin habe
B.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Würde der Beschwerdeführerin verletzt. Die Beschwerdeführerin habe sich
„ausziehen“ und jeden ausgegebenen Franken belegen müssen. Man habe sogar das
Abonnement des B._s als einen Vermögensverzicht qualifiziert. Es mute zwar schon
etwas seltsam an, dass eine versicherte Person ihr ganzes Vermögen für einen
luxuriösen Lebensstil verbrauchen könne und trotzdem einen Anspruch auf eine
Ergänzungsleistung habe. Aber das sei nun einmal das Gesetz. Da sich im
Einspracheverfahren schwierige tatsächliche und rechtliche Fragen gestellt hätten, sei
eine anwaltliche Vertretung notwendig gewesen. Die Beschwerdegegnerin wandte ein,
dass die Ergänzungsleistungen nicht die Finanzierung eines luxuriösen Lebensstils
bezweckten. Wenn eine versicherte Person als einzige Einnahme lediglich noch eine
Altersrente der AHV erhalte, müsse sie sich auf diese Situation einstellen und
haushälterisch mit ihrem Vermögen umgehen. Eine entsprechende
Schadenminderungspflicht bestehe bereits vor der Anmeldung zum
Ergänzungsleistungsbezug. Im Übrigen müsste die Beschwerde bereits bei einem
Vermögensverzicht von 65’000 Franken abgewiesen werden. Die Beschwerdegegnerin
sei allerdings an einer genauen Bezifferung des Verzichtsvermögens interessiert, da sie
den entsprechenden Betrag auch bei künftigen Anpassungen der
Ergänzungsleistungen werde berücksichtigen müssen. Sie sei der Beschwerdeführerin
entgegengekommen, indem sie sämtliche Krankheitskosten berücksichtigt und das
Eineinhalbfache der Lebensbedarfspauschale angerechnet habe. Die
Beschwerdeführerin habe die geltend gemachten Spitexkosten nicht belegt, obwohl
die Spitex doch ihre Rechnungen sicherlich elektronisch aufbewahre, weshalb die
Beschwerdeführerin diese problemlos hätte einreichen können. Beim angeblichen
Lidlohn handle es sich um ein nachträgliches Konstrukt; die Kinder hätten ihre sittlichen
Pflichten nämlich gemäss den Akten unentgeltlich erfüllt. Die Beschwerdeführerin habe
ihre Einsprache selbständig verfasst und die entsprechenden Belege eingereicht. Es sei
nicht ersichtlich, weshalb sie auf eine Rechtsverbeiständung hätte angewiesen sein
sollen. Replicando liess die Beschwerdeführerin geltend machen, die
Beschwerdegegnerin gehe mit ihrer Vorstellung von der Schadenminderungspflicht viel
zu weit. Man müsse sich fragen, wo die Grenze dieser Pflicht liegen würde. Die
bundesgerichtliche Rechtsprechung sei ganz klar anders. Überhaupt gehe es nicht an,
nach der „Rasenmäher-Methode“ einfach sämtliche Ausgaben als Vermögensverzicht
zu qualifizieren: Wein, Parfüm, Drogerie, Rettungsdienst, Kleidung, Klinikaufenthalt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Akontozahlungen für die Steuern, ... Billag, B._. Wenn so vorzugehen gewesen wäre,
hätte sich die Beschwerdegegnerin ganz konkret mit einzelnen Ausgabenposten
auseinandersetzen und begründen müssen, weshalb sie diese als Verzicht qualifizierte.
Die Beschwerdegegnerin hielt duplicando fest, die Schadenminderungspflicht bestehe
bereits vor der Anmeldung zum Leistungsbezug. Das sei beispielsweise auch bei der
Arbeitslosenversicherung so: Man müsse sich bereits nach dem Erhalt einer Kündigung
um eine neue Arbeitsstelle bewerben. Bei der Anspruchsberechnung habe die
Beschwerdegegnerin viele Kosten „abgefangen“, aber bezüglich der
Schadenminderungspflicht sei sie konsequent gewesen. Die Beschwerdeführerin
persönlich machte geltend, sie habe halt in einer teuren Wohnung gelebt. Die
öffentliche Spitex habe keine Kapazitäten für sie gehabt und sie an eine private Spitex
verwiesen, deren Namen sie aber nicht mehr wisse. Für ein paar Jahre habe sie deren
Leistungen in Anspruch nehmen müssen. Man habe ihr gesagt, dass sie nicht alle
Kosten selbst tragen müsse, aber letzten Endes habe sie doch 3’000–4’000 Franken
pro Monat bezahlen müssen.
Mit dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 8. Dezember 2017 hat die
Beschwerdegegnerin formal drei Einspracheverfahren erledigt, nämlich jenes
betreffend die abweisende Verfügung vom 3. Dezember 2016, jenes betreffend die
leistungszusprechende Verfügung vom 30. Mai 2017 und jenes betreffend die
leistungsaufhebende Verfügung vom 12. Juli 2017. Diese Vereinigung der drei
Einspracheverfahren ist angesichts des engen sachlichen Zusammenhangs zwischen
den entsprechenden drei Verfügungen angezeigt gewesen, denn dadurch hat nicht nur
ein unnötiger Verfahrensaufwand vermieden, sondern auch die Gefahr des Erlasses
sich widersprechender Entscheide verhindert werden können. Die beiden späteren
Verfügungen vom 30. Mai 2017 und vom 12. Juli 2017 haben nämlich auf der ersten
Verfügung vom 3. Dezember 2016 beruht. Hätte die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin am 3. Dezember 2016 eine Ergänzungsleistung zugesprochen,
hätte es sich bei den beiden späteren Verfügungen vom 30. Mai 2017 und vom 12. Juli
2017 um typische Revisionsverfügungen im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt,
mit denen die am 3. Dezember 2016 erstmals zugesprochene Ergänzungsleistung
jeweils für die Zukunft an eine entsprechende Sachverhaltsveränderung – nämlich an
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Heimeintritt im April 2017 und an die (fiktive) Beendigung des Mietverhältnisses
betreffend die Wohnung per Ende Juli 2017 – angepasst worden wäre. Vor diesem
Hintergrund könnte man die beiden Verfügungen vom 30. Mai 2017 und vom 12. Juli
2017 auch als verfrüht ergangen bezeichnen, denn solange die Einsprache gegen die
Verfügung vom 3. Dezember 2016 noch hängig gewesen ist, hat die
Beschwerdegegnerin gar nicht wissen können, ob sie am 30. Mai 2017 erstmals eine
Ergänzungsleistung hätte zusprechen oder ob sie eine Revisionsverfügung hätte
erlassen müssen, was der Fall gewesen wäre, wenn die Einsprache gegen die
Verfügung vom 3. Dezember 2016 gutgeheissen und der Beschwerdeführerin ab
Oktober 2016 eine Ergänzungsleistung zugesprochen worden wäre. Bei dieser Sach-
und Rechtslage kann materiell betrachtet nicht von drei Streitgegenständen
gesprochen werden. Vielmehr liegt ein einziger Streitgegenstand vor, der mit jenem bei
einer rückwirkend abgestuften Rentenzusprache der Invalidenversicherung verglichen
werden kann, die vom Bundesgericht als ein einziger Streitgegenstand behandelt wird
(vgl. BGE 131 V 164). Den materiellen Streitgegenstand in diesem
Beschwerdeverfahren bildet also die Frage, ob die Beschwerdeführerin in der Zeit ab
Oktober 2016 einen – allenfalls abgestuften oder befristeten – Anspruch auf eine
Ergänzungsleistung gehabt hat. Gemäss der ständigen Rechtsprechung des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen wird das Ende des zu beurteilenden
(Dauer-) Sachverhaltes (entgegen einer anderslautenden bundesgerichtlichen
Rechtsprechung) nicht durch den Zeitpunkt der Eröffnung des Einspracheentscheides,
sondern durch den Zeitpunkt der Eröffnung der (letzten) angefochtenen Verfügung
bestimmt (vgl. etwa den Entscheid EL 2016/19 des St. Galler Versicherungsgerichtes
vom 15. August 2017). Die Beschwerdegegnerin hält sich konsequent an diese
Rechtsprechung des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen, wie der
vorliegende Fall zeigt: Statt den Heimeintritt und den (fiktiven) Wegfall des
Wohnungsmietzinses direkt im Einspracheverfahren betreffend die Verfügung vom 3.
Dezember 2016 zu berücksichtigen, hat die Beschwerdegegnerin noch während des
laufenden Einspracheverfahrens zwei neue Verwaltungsverfahren eröffnet und diese
jeweils mit einer Verfügung abgeschlossen. Da auch diese beiden späteren
Verfügungen einspracheweise angefochten worden sind, ist der zu beurteilende
Sachverhalt auf die Zeit bis zur Eröffnung der dritten Verfügung am 12. Juli 2017
beschränkt. Zusammenfassend bildet in diesem Beschwerdeverfahren die Frage den
Streitgegenstand, ob die Beschwerdeführerin ab Oktober 2016 einen – allenfalls
abgestuften oder befristeten – Anspruch auf eine Ergänzungsleistung gehabt hat.
Der angefochtene Einspracheentscheid enthält zusätzlich eine Abweisung eines
Begehrens um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Einspracheverfahren.
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Dabei handelt es sich um einen von der Hauptsache unabhängigen Streitgegenstand.
Obwohl in der Beschwerdeschrift ein entsprechender Antrag fehlt, richtet diese sich
inhaltlich auch gegen die Abweisung des Begehrens um eine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Einspracheverfahren, weshalb diesbezüglich ein
entsprechender Beschwerdewille vorliegt. Das bedeutet, dass auch die Frage nach
einem Anspruch um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Einspracheverfahren
zum Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens gehört.
Zu prüfen ist, ob und allenfalls in welchem Betrag die Beschwerdeführerin in der
Vergangenheit auf Vermögenswerte verzichtet hat. Zu dieser Frage existiert eine
langjährige, konstante bundesgerichtliche Rechtsprechung, laut der ein
Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG vorliegt, wenn ein EL-
Ansprecher oder ein EL-Bezüger für eine Vermögenshingabe keinen ökonomisch
adäquaten Gegenwert erhalten hat (vgl. etwa BGE 140 V 267 E. 2.2 S. 270 mit
Hinweisen). Bei der Beurteilung der vorliegenden Beschwerde haben sich allerdings
neue Gesichtspunkte gezeigt, die zu einer neuen, besseren Erkenntnis des
Gesetzeszwecks geführt haben. Diese muss gemäss der entsprechenden
bundesgerichtlichen Praxis zu einer Rechtsprechungsänderung führen (vgl. etwa BGE
140 V 538 E. 4.5 S. 541 mit zahlreichen Hinweisen). Die bisherige bundesgerichtliche
Rechtsprechung zum Vermögensverzicht lässt sich nämlich aus den nachfolgenden
Gründen nicht nur aus teleologischer, sondern auch aus systematischer Sicht nicht mit
dem Regelungsinhalt des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG vereinbaren.
2.1.
Die Ergänzungsleistungen entsprechen weitgehend der (wirtschaftlichen)
Sozialhilfe: Zum Einen bezwecken sie – ausschliesslich – die Deckung des
Existenzbedarfs zur Verhinderung des Eintrittes des sozialen Risikos der Armut; zum
Andern werden sie nicht mit Prämien, sondern von der Allgemeinheit mittels Steuern
finanziert. Auf den ersten Blick handelt es sich deshalb bei den Ergänzungsleistungen
nicht um Sozialversicherungsleistungen, sondern vielmehr um eine spezifische Form
von Sozialhilfeleistungen. Nun verfügt der Bundesgesetzgeber aber über keine
verfassungsrechtliche Kompetenz zum Erlass eines Bundesgesetzes betreffend
Sozialhilfeleistungen. Seine Gesetzgebungskompetenz in diesem Bereich beschränkt
sich ausschliesslich auf die in der Bundesverfassung genannten
Sozialversicherungszweige AHV und IV. Die Verfassungskonformität des ELG kann also
nur bejaht werden, wenn die Ergänzungsleistungen als Sozialversicherungsleistungen
zu qualifizieren sind. Selbstverständlich reicht es nicht aus, wenn der Gesetzgeber die
Ergänzungsleistungen als Sozialversicherungsleistungen bezeichnet; vielmehr müssen
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sie die wesensmässigen Charakteristika von Sozialversicherungsleistungen aufweisen.
Das System der Ergänzungsleistungen muss sich also wenigstens in einem Punkt von
jenem der Sozialhilfeleistungen unterscheiden, d.h. es muss wenigstens in einem Punkt
ein typisches Merkmal einer Versicherungsleistung aufweisen. Tatsächlich springt ein
wesentlicher Unterschied zwischen den Sozialhilfeleistungen und den
Ergänzungsleistungen ins Auge: Das System der Sozialhilfeleistungen deckt nicht nur
einen (versicherungsspezifisch gesprochen) zufällig eingetretenen (Armuts-) Schaden,
sondern auch einen selbstverschuldet herbeigeführten (Armuts-) Schaden ab, was dem
Wesen eines Versicherungsverhältnisses völlig widerspricht; die Ergänzungsleistungen
decken dagegen nur einen zufällig respektive unverschuldet eingetretenen (Armuts-)
Schaden ab, was typisch für ein Versicherungsverhältnis ist (wie beispielsweise der
Art. 14 VVG klar zeigt). So wird beispielsweise eine Hausratsversicherung ihre Leistung
verweigern, wenn die geschädigte Person den Brand in ihrem Wohnzimmer selbst
gelegt und sich damit den Schaden selbst zugefügt hat. Im Ergänzungsleistungsrecht
ergibt sich die Abgrenzung zwischen einem unverschuldet und einem
selbstverschuldet eingetretenen (Armuts-) Schaden aus dem Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG,
der eine sanktionsweise Herabsetzung (oder Verweigerung) einer Ergänzungsleistung
bei einer Verletzung der – versicherungszweigtypischen – Schadenverhinderungspflicht
eines Leistungsbezügers vorsieht. Mit anderen Worten ist es der Art. 11 Abs. 1 lit. g
ELG, der die Ergänzungsleistungen wesensmässig zu Sozialversicherungsleistungen
macht, denn nur die darin enthaltene Sanktionsmöglichkeit bei einer Verletzung der
Schadenverhinderungspflicht unterscheidet die Ergänzungsleistungen wesensmässig
von den Sozialhilfeleistungen. Diese für die Definition des Wesens der
Ergänzungsleistungen grundlegende Funktion kann der Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG
allerdings nur erfüllen, wenn er so angewendet wird, dass eine Verletzung einer
Schadenverhinderungspflicht auch tatsächlich wirksam sanktioniert wird. Das ist nicht
der Fall, wenn man sich bei der Interpretation des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG nach der
oben erwähnten, langjährigen bundesgerichtlichen Rechtsprechung richtet. Das lässt
sich anhand eines einfachen Beispiels zeigen (vgl. etwa ZAK 1990 S. 353, mit
Hinweisen): Eine bei der AHV versicherte, aber nicht beruflich vorsorgeversicherte
Person gibt kurz vor dem Erreichen des ordentlichen Rentenalters ihr gesamtes
Sparvermögen von 200’000 Franken für eine Weltreise aus; der Marktwert der
Dienstleistungen, die sie auf dieser Weltreise in Anspruch nimmt, entspricht diesem
Betrag, weil es sich um eine Luxusreise handelt. Kurze Zeit später, nach dem Erreichen
des ordentlichen Rentenalters, meldet sich diese Person zum Bezug einer Altersrente
der AHV und einer Ergänzungsleistung an. Wendet man die bundesgerichtliche
Rechtsprechung an, hat der Verbrauch des gesamten Sparvermögens keinerlei
Auswirkungen auf die Höhe der Ergänzungsleistung. Der Umstand, dass die nun
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bestehende Armut (bei einer nicht existenzsichernden Altersrente der AHV als einziger
Einnahme) von der versicherten Person selbstverschuldet herbeigeführt worden ist,
erweist sich damit als irrelevant, was bedeutet, dass die Ergänzungsleistung in diesem
Beispiel vollständig wie eine Sozialhilfeleistung (d.h. ohne eine Sanktion gemäss Art. 11
Abs. 1 lit. g ELG in der Form eines hypothetischen Vermögens) und nicht wie eine
Versicherungsleistung festgesetzt wird. Bei der bundesgerichtlichen Interpretation des
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG fehlt den Ergänzungsleistungen der Versicherungscharakter; es
ist ein System, das sich in nichts von der wirtschaftlichen Sozialhilfe unterscheidet. Mit
diesem Aspekt hat sich die Rechtsprechung bislang noch nicht auseinandergesetzt. Er
erscheint als so zentral, dass sich eine Rechtsprechungsänderung aufdrängt.
Die bundesgerichtliche Rechtsprechung zum Vermögensverzicht führt aber nicht
nur in systematischer, sondern auch in teleologischer Hinsicht zu einem unhaltbaren
Auslegungsergebnis. Sie erlaubt es beispielsweise einem EL-Ansprecher oder einem
EL-Bezüger, sein ganzes Vermögen im Wissen darum zu verschwenden, dass er für die
Zukunft auf Kosten der Allgemeinheit (die die Ergänzungsleistungen mit Steuern
finanziert) wird leben können, denn er muss für seine Vermögensverschwendung ja nur
einen ökonomisch adäquaten Gegenwert erhalten haben. Derjenige, der einen
Familienangehörigen in Not unterstützt hat, muss sich dagegen ein Verzichtsvermögen
anrechnen lassen, weil er für seine Vermögenshingabe keinen ökonomisch adäquaten
Gegenwert erhalten, sondern damit lediglich eine moralisch-sittliche Pflicht erfüllt hat
(vgl. das unveröffentlichte Urteil des Bundesgerichtes P 25,26/98 vom 21. Oktober
1998). Aus der Sicht des Ergänzungsleistungsrechtes darf es aber keine Rolle spielen,
wofür ein EL-Ansprecher oder ein EL-Bezüger sein Vermögen verbraucht (sofern es
nicht um zwingende Ausgaben geht). Die Allgemeinheit, die die Ergänzungsleistungen
finanziert, interessiert sich offensichtlich nicht dafür, ob der EL-Ansprecher oder der
EL-Bezüger für seine Luxusreise den Marktpreis oder aber zu viel bezahlt hat.
Ergänzungsleistungsrechtlich massgebend ist nur, dass ein EL-Ansprecher oder ein
EL-Bezüger seine Fähigkeit, seinen zukünftigen Lebensbedarf soweit möglich aus
eigenen Mitteln zu bestreiten, auf eine Art und Weise gemindert hat, die ein
anschliessendes Begehren um eine das entsprechende Manko kompensierende
Ergänzungsleistung als rechtsmissbräuchlich erscheinen lässt (Ralph Jöhl/ Patricia
Usinger, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Band XIV Soziale Sicherheit, 3. Aufl. 2016, Rz. 176 ff. und
200 ff.). Eine solche rechtsmissbräuchliche Geltendmachung von
Ergänzungsleistungen liegt vor, wenn der EL-Ansprecher oder der EL-Bezüger sein
„Vorsorgekapital“ vermindert hat, wobei mit „Vorsorgekapital“ jenes Vermögen gemeint
ist, mit dem der EL-Ansprecher oder der EL-Bezüger – in der Form des
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vermögensverzehrs und des Vermögensertrages – später seinen Existenzbedarf hätte
decken können. Vermögenstransaktionen, bei denen das „Vorsorgekapital“ erhalten
bleibt, fallen also offensichtlich nicht in den Anwendungsbereich des Art. 11 Abs. 1 lit.
g ELG. Vermögenstransaktionen, die zu einer Reduktion des „Vorsorgekapitals“ führen,
müssen dagegen im Lichte des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG überprüft werden: Hat der EL-
Ansprecher oder der EL-Bezüger notwendige Auslagen finanziert oder hat er sein
Vermögen verschwendet? Die Reduktion des „Vorsorgekapitals“ für notwendige
Auslagen lässt nämlich ein späteres Begehren um eine das entstehende Manko
kompensierende Ergänzungsleistung – anders als eine Verschwendung des Vermögens
– nicht als rechtsmissbräuchlich erscheinen. Da der Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG nur eine
rechtsmissbräuchliche Geltendmachung von Ergänzungsleistungen verhindern will,
muss diese Abgrenzung im Einzelfall zwingend vorgenommen werden. Diese
Abgrenzung kann zwar bisweilen schwierige Rechtsanwendungsfragen aufwerfen, aber
das bedeutet nicht, dass man deshalb auf ein einfacher zu handhabendes, aber dem
Sinn und Zweck des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG nicht gerecht werdendes
Abgrenzungskriterium wie den adäquaten ökonomischen Gegenwert ausweichen
dürfte. Warum einzig die Sanktionierung der Vermögensverschwendung eine die
persönliche Freiheit beeinträchtigende „Lebensführungskontrolle“ sein soll, wie das
Bundesgericht annimmt, lässt sich nicht nachvollziehen. Bei genauer Betrachtung stellt
nämlich jeder mögliche Anwendungsfall des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG eine
„Lebensführungskontrolle“ dar, die Verschwendung des Vermögens ebenso wie
beispielsweise der Verbrauch des Vermögens zu sozialen Zwecken (z.B. zur
Unterstützung eines einnahmenlosen Kindes), der Verzicht auf die Verwertung der
verbliebenen Arbeitsfähigkeit bzw. auf die Erzielung eines Erwerbseinkommens oder
der Verzicht auf die Geltendmachung eines Anspruchs auf familienrechtliche
Unterhaltsbeiträge. Die EL-Ansprecher und EL-Bezüger haben selbstverständlich die
völlige Freiheit, wie sie ihr Leben führen wollen. Nur können sie die Folgen eines
verschwenderischen Lebenswandels nicht auf die Allgemeinheit überwälzen. Bei der
Anwendung des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG geht es offensichtlich nicht darum, einer
bestimmten Lebensführung nachträglich einen „moralischen Stempel“ aufzudrücken,
sondern – wie in jedem anderen Sozialversicherungszweig auch - die vorwerfbare
Schadensherbeiführung soweit als nötig von der Versicherungsdeckung auszunehmen.
Der Gesetzgeber hält die bundesgerichtliche Rechtsprechung offensichtlich
ebenfalls für nicht gesetzeskonform, denn er sieht zur Korrektur die Schaffung einer
neuen Regelung vor (Art. 11a Abs. 3 E-ELG), laut der ein Verbrauch von mehr als zehn
Prozent des Vermögens pro Jahr ohne einen wichtigen Grund einen Vermögensverzicht
darstellt (vgl. BBl 2016 7566). Hinter dieser neuen Regelung kann nur der Gedanke
2.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stehen, dass die oben erwähnten systematischen und teleologischen Aspekte zu einer
Korrektur der bisherigen bundesgerichtlichen Rechtsprechung zum Art. 11 Abs. 1 lit. g
ELG zwingen. Mit dem neuen Art. 11a Abs. 3 E-ELG bringt der Bundesgesetzgeber
folglich zum Ausdruck, dass er die systematische und teleologische Interpretation des
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG durch das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen als
überzeugender erachtet als jene des Bundesgerichtes.
Bei den regelmässigen Schenkungen an die beiden Kinder handelt es sich ganz
offensichtlich um einen Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG.
Diesbezüglich fehlt es nämlich überhaupt an einer Gegenleistung, weshalb diese
Schenkungen auch im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung als ein
Vermögensverzicht zu qualifizieren sind. Die Beschwerdeführerin selbst hat mehrfach
bestätigt, dass es sich um Schenkungen gehandelt hat. Einmal hat sie das mit dem
Umstand begründet, dass man sich gegenseitig keine Geburtstags- und
Weihnachtsgeschenke gemacht habe. Allerdings hat ihr Rechtsvertreter später geltend
gemacht, es habe sich bei den entsprechenden Zahlungen um Vergütungen für
Hilfeleistungen der Kinder gehandelt, aber diese nachträgliche „Umwidmung“
überzeugt nicht, denn sie widerspricht den früheren Angaben der Beschwerdeführerin
und es existiert kein Beleg dafür, dass eine solche Vergütung für Hilfeleistungen
zwischen den Parteien vereinbart gewesen wäre. Ausserdem hat der Sohn der
Beschwerdeführerin bezüglich des (angeblichen) Kontokorrentkontos geltend gemacht,
dass damit unter anderem auch Hilfeleistungen der Kinder vergütet worden seien. Mit
der „Umwidmung“ der Schenkungen wären die Hilfeleistungen der Kinder also gar
doppelt vergütet worden. Der Betrag dieser Schenkungen beläuft sich für die Zeit von
Januar 2007 (Beginn der monatlichen Schenkungen an die beiden Kinder) bis
Dezember 2014 (Ende der monatlichen Schenkungen an die Tochter) auf 76’800
Franken (= 8 × 12 × 800 Franken) und für die Zeit von Januar 2015 bis Juli 2016 (Ende
der monatlichen Schenkungen an den Sohn) auf 5’700 Franken (= 19 × 300 Franken),
total also auf 82’500 Franken.
2.5.
Die Überweisung vom 4. August 2016 über 19’330 Franken ist dagegen nicht als
ein Vermögensverzicht zu qualifizieren. Der Sohn der Beschwerdeführerin hat in seinem
Schreiben vom 8. Januar 2017 überzeugend dargelegt, dass er verschiedene laufende
Ausgaben für die Beschwerdeführerin getätigt habe, die einem auf seinen Namen
lautenden Kontokorrent-Konto belastet worden seien. Der Kontoauszug vom 5. August
2016 (act. G 6.1.30–2) zeigt, dass das entsprechende Bankkonto explizit als ein
Kontokorrent-Konto geführt worden war und dass dieses per 1. Juli 2016 einen
Minussaldo von 18’554.02 Franken aufgewiesen hatte. Die Überweisung von 19’330
2.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Franken hat schliesslich die Saldierung des Kontos (mit einem verbleibenden Verlust
von 18.13 Franken) ermöglicht. Im Übrigen hat die Beschwerdeführerin offen und
problemlos nachprüfbar regelmässige Schenkungen an ihre Kinder getätigt, weshalb
kein Grund zur Annahme besteht, sie habe ihrem Sohn daneben „unter Vorspiegelung
falscher Tatsachen“ noch eine weitere Schenkung gewährt. Schliesslich hat der Sohn
auch beim Heimeintritt der Beschwerdeführerin nochmals 11’000 Franken im Sinne
einer Vorfinanzierung von notwendigen Ausgaben zur Verfügung gestellt, weshalb
durchaus davon ausgegangen werden kann, dass er bereits in den Jahren davor
notwendige Ausgaben der Beschwerdeführerin im Sinne eines Kontokorrents
vorfinanziert hatte. Zusammenfassend steht aufgrund der eingereichten Belege und der
Angaben des Sohnes der Beschwerdeführerin mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die Beschwerdeführerin mit der
Überweisung von 19’330 Franken am 4. August 2016 eine Schuld bei ihrem Sohn
beglichen hat, da dieser notwendige Auslagen für sie vorfinanziert hatte.
Bleibt zu prüfen, ob ein Vermögensverzicht in der Form eines übermässigen
Vermögensverzehrs vorliegt. Die Beschwerdeführerin hat am 31. Dezember 2013 über
ein liquides Vermögen von 468’598 Franken verfügt. Am 31. Dezember 2016 hat sich
der Vermögensstand auf lediglich noch 46’939.62 Franken belaufen. Die
Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, sie habe zwar „gut gelebt“, ihr Vermögen
aber keineswegs verschwendet. Für ihre Auslagen habe sie nämlich adäquate
Gegenleistungen (Wein, Parfüms, kosmetische Pflegeprodukte, Blumen etc.) erhalten.
Diese Argumentation entspricht zwar der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, ist
aber nach dem oben Ausgeführten offensichtlich nicht von der systematischen
Einbettung und auch nicht vom Sinn und Zweck des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG
abgedeckt. Entscheidend ist nur, ob die Beschwerdeführerin ihr „Vorsorgekapital“ in
einer Weise vermindert hat, die ein (späteres) Begehren um eine das entsprechende
Manko kompensierende Ergänzungsleistung als rechtsmissbräuchlich erscheinen lässt.
Zur Beantwortung der Frage nach einem Vermögensverzicht im Sinne der obigen
Ausführungen sind sämtliche Umstände zu würdigen. Dabei ist zunächst zu beachten,
dass die Beschwerdeführerin im hier massgebenden Zeitraum bereits seit rund zehn
Jahren eine (nicht existenzsichernde) Altersrente der AHV, aber keine Altersrente aus
der beruflichen Vorsorge bezogen hatte. Ihr muss also bewusst gewesen sein, dass ihr
für die Bestreitung ihres Existenzbedarfs nur die (nicht existenzsichernde) Altersrente
und ihr Vermögen zur Verfügung standen. Vor diesem Hintergrund hätte sie sparsam
mit ihrem Vermögen umgehen und dieses so einteilen müssen, dass es seinen
„Vorsorgezweck“ (Verzehr zur Deckung des von der Altersrente der AHV nicht
gedeckten Teils des Existenzbedarfs) noch möglichst lange hätte erfüllen können. Sie
2.7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist also in einer völlig anderen Situation gewesen als beispielsweise eine Person, die
über ein beachtliches Sparvermögen verfügt hat und die ein den Existenzbedarf
übersteigendes Erwerbseinkommen erzielt hat, bis sie plötzlich infolge eines Unfalls
invalid geworden ist. Einer in diesem Sinne überraschend auf eine (nicht
existenzsichernde) Invalidenrente angewiesenen Person kann selbstverständlich nicht
vorgeworfen werden, sie hätte bereits sparsam mit ihrem Vermögen umgehen müssen,
als sie noch voll erwerbstätig gewesen sei, denn diese Person musste ja offensichtlich
nicht damit rechnen, dass sie in Kürze auf eine (nicht existenzsichernde) Invalidenrente
und damit auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein würde. Eine Person, die schon
seit Jahren eine (nicht existenzsichernde) Rente bezieht, weiss dagegen, dass sie zur
Deckung ihres Existenzbedarfs alle über den Betrag der Rente hinaus existenziell
notwendigen Ausgaben nur durch den Verzehr des Sparvermögens oder (wenn dieses
verbraucht ist) durch eine Ergänzungsleistung oder durch Sozialhilfeleistungen decken
kann. Eine solche Person ist folglich gehalten, sparsam mit ihrem Vermögen
umzugehen, um so den Eintritt des (Armuts-) Schadens zu verhindern oder zumindest
so lange als möglich hinauszuzögern. Das hat die Beschwerdeführerin aber nicht
getan. Stattdessen hat sie in einer teuren Wohnung gelebt und hohe Beträge für Wein,
Parfüms, kosmetische Pflegeprodukte, Blumen und ähnliches ausgegeben. Ihre
tatsächlichen Ausgaben haben das der Höhe der (nicht existenzsichernden) Altersrente
der AHV und damit der Höhe des existenziell notwendigen Vermögensverzehrs
entsprechende Mass bei Weitem überschritten. Es kann nicht die Aufgabe der die
Ergänzungsleistungen finanzierenden Steuerpflichtigen sein, das durch die
verschwenderischen Auslagen für Konsumgüter entstandene Manko durch
Ergänzungsleistungen zu decken. Im Umfang der Differenz zwischen den tatsächlichen
Ausgaben der Beschwerdeführerin in den Jahren 2014–2016 und jenen Ausgaben, die
einer vernünftigen Deckung des notwendigen Existenzbedarfs entsprochen hätten, liegt
also zwingend ein Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG vor.
Damit stellt sich die Frage, wie hoch der anrechenbare Vermögensverzicht
gewesen ist. Die Beschwerdegegnerin hat diese Frage grundsätzlich richtig
beantwortet, indem sie den tatsächlichen Ausgaben jene hypothetischen Ausgaben
gegenübergestellt hat, mit denen die Beschwerdeführerin konfrontiert gewesen wäre,
wenn sie nur ihren notwendigen Existenzbedarf gedeckt hätte. Da der
Beschwerdeführerin damals aber bereits längst bewusst gewesen ist, dass ihr zur
Deckung ihres Existenzbedarfs neben der (nicht existenzsichernden) Altersrente der
AHV nur ihr Vermögen zur Verfügung stand, erweist sich die Berechnung der
Beschwerdegegnerin als zu grosszügig, zumal der ergänzungsleistungsrechtliche
Existenzbedarf relativ grosszügig, nämlich deutlich höher als das sozialhilferechtliche
2.8.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
oder das betreibungsrechtliche Existenzminimum, angesetzt ist. Angesichts der (nicht
existenzsichernden) Altersrente der AHV als einziger Einnahme hätte sich die
Beschwerdeführerin mit einem effektiven Vermögensverzehr begnügen müssen, der
zusammen mit der (nicht existenzsichernden) Altersrente der AHV dem
ergänzungsleistungsspezifischen Existenzbedarf entsprochen hätte. Die Anrechnung
des effektiven Wohnungsmietzinses (31’200 Franken) anstelle des Mietzinsmaximums
(Art. 10 Abs. 1 lit. b Ziff. 1 ELG) erweist sich damit als ebenso falsch wie die
Berücksichtigung der eineinhalbfachen Lebensbedarfspauschale (Art. 10 Abs. 1 lit. a
Ziff. 1 ELG) und die Anrechnung der Prämien für die Zusatzversicherungen zur
obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Das massgebende Ausgabentotal für die
Jahre 2014–2016 setzt sich folglich aus der (effektiven) Prämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung von 12 × 460.80 = 5’530 Franken (vgl. act. G 6.1.48), aus
dem Mietzinsmaximum von 16’800 Franken für eine rollstuhlgängige Wohnung, aus der
Lebensbedarfspauschale von 19’210 Franken (im Jahr 2014) beziehungsweise von
19’290 Franken (in den Jahren 2015 und 2016) sowie aus den tatsächlichen
Krankheits- und Behinderungskosten zusammen, die die Beschwerdeführerin
gegenüber den Steuerbehörden deklariert hat (4’812 Franken im Jahr 2014, 10’273
Franken im Jahr 2015 und 5’933 Franken im Jahr 2016). Das Ausgabentotal für die
Jahre 2014–2016 beläuft sich damit auf 145’798 (= 3 × 5’530 + 3 × 16’800 + 19’210 + 2
× 19’290 + 4’812 + 10’273 + 5’933) Franken. Von diesem Ausgabentotal ist die
Altersrente der AHV im Betrag von 28’200 Franken pro Jahr abzuziehen. Das ergibt
einen notwendigen Vermögensverzehr von 61’198 Franken. Der tatsächliche
Vermögensverzehr hat sich in dieser Zeit auf 421’658 (= 468’598 – 46’940) Franken
belaufen. Davon abzuziehen sind die Überweisung für die Saldierung des
Kontokorrent-Kontos von 19’330 Franken und die Summe jener monatlichen
Schenkungen an die Kinder, die in den Jahren 2014–2016 getätigt worden sind, denn
ansonsten würde diese Summe im Ergebnis doppelt als Vermögensverzicht
berücksichtigt. Im Jahr 2014 hat die Beschwerdeführerin noch beiden Kindern, im Jahr
2015 und bis Juli 2016 lediglich noch dem Sohn, monatlich Geld überwiesen. Der
Gesamtbetrag dieses Teils der Schenkungen beläuft sich also auf 12 × 800 Franken +
19 × 300 Franken = 15’300 Franken. Der für die Jahre 2014–2016 zusätzlich zu den
Schenkungen an die Kinder zu berücksichtigende Vermögensverzicht beläuft sich
folglich auf 360’460 – 19’330 – 15’300 = 325’830 Franken.
Was die Beschwerdeführerin zur angeblichen Notwendigkeit ihrer Auslagen
vorgebracht hat, überzeugt nicht. Die „Verschönerung“ der Lebensumstände durch
Parfüms, teure kosmetische Pflegeprodukte, Blumen etc. ist als ein Luxus zu
qualifizieren, den sich die Beschwerdeführerin nicht geleistet hätte, wenn sie davon
2.9.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgegangen wäre, dass ihre Altersrente der AHV und ihr Sparvermögen allein noch
möglichst lange zur Deckung des Existenzbedarfs bis zum Lebensende hätten
ausreichen müssen. Die (angebliche) Alkoholabhängigkeit kann die hohen Ausgaben für
Wein ebenfalls nicht rechtfertigen, denn wenn die Beschwerdeführerin nicht mit einer
Ergänzungsleistung hätte rechnen können, wenn sie ihr Sparvermögen also
entsprechend hätte „schonen“ müssen, hätte sie ihre (angebliche) Alkoholabhängigkeit
mit günstigem Wein statt mit teurem Champagner befriedigt. Das Verhalten der
Beschwerdeführerin in den Jahren 2014–2016 zeigt jedenfalls deutlich, dass sie mit der
Ausrichtung einer Ergänzungsleistung gerechnet hat, denn wenn dies nicht der Fall
gewesen wäre, hätte die Beschwerdeführerin sicherlich nicht in den drei Jahren vor der
Anmeldung zum Bezug einer Ergänzungsleistung 90 Prozent ihres gesamten
Sparkapitals ausgegeben.
Bezüglich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Ausgaben für die
Spitex enthalten die Akten keine Belege. Diese „Lücke“ in der Aktenlage geht nicht auf
ein Versäumnis der Beschwerdegegnerin respektive auf eine Verletzung der
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) zurück, denn die Beschwerdegegnerin hat
erst im Rahmen der Einspracheergänzung geltend gemacht, dass sie eine Spitex
benötigt und sich infolgedessen mit hohen Ausgaben konfrontiert gesehen habe.
Anders als für sämtliche anderen (teils eher geringfügigen) Auslagen hat sie keinerlei
Belege eingereicht, um ihre Behauptung zu untermauern. In den Steuererklärungen
hatte sie jeweils keine entsprechenden Ausgaben deklariert, obwohl diese abzugsfähig
gewesen wären. Sie hat auch nicht angegeben, welche Spitexorganisation für sie im
Einsatz gewesen ist, weshalb die Beschwerdegegnerin diese nicht hat ersuchen
können, die entsprechenden Rechnungen einzureichen. Selbst nachdem die
Beschwerdegegnerin im Einspracheentscheid auf die fehlenden Belege und die
Unstimmigkeiten aufmerksam gemacht hatte, hat die (anwaltlich vertretene)
Beschwerdeführerin keine Belege einreichen lassen. Sie hat auch keine ergänzenden
Angaben gemacht, die es dem Versicherungsgericht erlaubt hätten, Belege für die
angeblich erbrachten Spitexleistungen selbst anzufordern. Diesbezüglich liegt eine
Verletzung der Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung vor, die eine
Beweislosigkeit zur Folge hat, deren Nachteil die Beschwerdeführerin tragen muss.
Allfällige über die bereits berücksichtigten Kosten hinausgehende Ausgaben für die
Spitex können deshalb nicht berücksichtigt werden.
2.10.
Die erste Verzichtshandlung, nämlich der Beginn der monatlichen Schenkungen
an die Kinder, ist auf das Jahr 2007 zu datieren. Gemäss dem Art. 17a Abs. 2 ELV in
Verbindung mit dem Art. 17a Abs. 1 ELV hat per 1. Januar 2008 der volle Betrag, per 1.
2.11.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Januar 2009 der um 10’000 Franken reduzierte (Gesamt-) Betrag und per 1. Januar
2010 der um 20’000 Franken reduzierte (Gesamt-) Betrag berücksichtigt werden
müssen. In dieser Weise hat der Gesamtbetrag dann für jedes weitere Kalenderjahr um
10’000 Franken reduziert werden müssen. Per 1. Januar 2016 haben vom
Gesamtbetrag des Verzichtsvermögens folglich 80’000 Franken abgezogen werden
müssen. Für die Anspruchsberechnung einer allenfalls für die Monate Oktober bis
Dezember 2016 geschuldeten Ergänzungsleistung ist folglich ein hypothetisches
Verzichtsvermögen von 325’830 + 82’500 – 80’000 = 328’330 Franken zu
berücksichtigen. Für die Anspruchsberechnung einer allenfalls ab Januar 2017
geschuldeten Ergänzungsleistung ist ein um 10’000 Franken tieferer Betrag zu
berücksichtigen, also 318’330 Franken.
Als anerkannte Ausgaben sind für die Zeit von Oktober 2016 (Anspruchsbeginn)
bis und mit März 2017 (Heimeintritt im April 2017) die kantonale Durchschnittsprämie
für die obligatorische Krankenpflegeversicherung von 4’668 Franken im Jahr 2016 und
von 4’872 Franken im Jahr 2017, der Maximalbetrag für den Mietzins einer
rollstuhlgängigen Wohnung von 16’800 Franken, ein Liegenschaftsaufwand von 69
Franken für das Grundstück in der Landwirtschaftszone sowie die Pauschale für den
allgemeinen Lebensbedarf von 19’290 Franken zu berücksichtigen. Für die Zeit ab April
2017 sind die kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung, die maximale Heimtagestaxe von 65’700 Franken, der
maximale Selbstbehalt für Pflegekosten von 7’884 Franken, die Pauschale für die
persönlichen Auslagen von 4’824 Franken, der Liegenschaftsaufwand für das
Grundstück in der Landwirtschaftszone sowie der Maximalbetrag für den Mietzins der
(gekündigten) Wohnung anzurechnen. Für die Zeit nach dem Ablauf der vertraglich
vereinbarten dreimonatigen Kündigungsfrist (vgl. act. G 6.1.47), das heisst ab August
2017 ist kein Mietzins mehr zu berücksichtigen, denn das Unterlassen der rechtzeitigen
Kündigung würde einen Verzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG auf der
Ausgabenseite darstellen. Das ergibt ein Ausgabentotal von 40’827 Franken in der Zeit
von Oktober bis Dezember 2016, von 41’031 Franken in der Zeit von Januar bis März
2017, von 100’149 Franken in der Zeit von April bis Juli 2017 (beziehungsweise von
83’349 Franken für die Zeit ab August 2017, die allerdings nicht mehr zum zeitlich
massgebenden Sachverhalt in diesem Beschwerdeverfahren gehört).
3.1.
Die Altersrente der AHV hat sich im gesamten massgebenden Zeitraum auf 28’200
Franken pro Jahr belaufen. Zusätzlich hat die Beschwerdeführerin einen Pachtzins von
160 Franken für ihr Grundstück in der Landwirtschaftszone erhalten. Für die
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anspruchsberechnung sind nebst diesen effektiven regelmässigen Einkünften nur der
hypothetische Vermögensverzehr von einem Zehntel (Oktober 2016 bis und mit März
2017) beziehungsweise von einem Fünftel (ab April 2017) des anrechenbaren
Vermögens sowie die (tatsächlichen und fiktiven) Vermögenserträge anzurechnen.
Zunächst muss also der Betrag des anrechenbaren Vermögens ermittelt werden. Per
Ende September 2016 hat die Beschwerdeführerin über ein Sparvermögen von
66’128.20 + 6’030.57 = 72’158.77 Franken verfügt. Der amtliche Steuerwert der
landwirtschaftlichen Liegenschaft hat 4’812 Franken betragen. Der anrechenbare
Betrag des hypothetischen Verzichtsvermögens hat sich auf 328’330 Franken belaufen.
Unter Berücksichtigung des Freibetrages von 37’500 Franken ergibt sich für die Zeit
von Oktober bis Dezember 2016 ein anrechenbares Vermögen von 367’800 Franken.
Der hypothetische Vermögensverzehr beläuft sich für diesen Zeitraum folglich auf
36’780 Franken. Das Sparguthaben der Beschwerdeführerin hat sich per 1. Januar
2017 auf 42’413.85 Franken belaufen. Das anrechenbare Vermögen hat folglich
328’055 Franken betragen. Der hypothetische Vermögensverzehr beläuft sich für die
Zeit bis und mit März 2017 auf 32’805 Franken und für die Zeit ab April 2017 auf
65’611 Franken, denn ab dem Zeitpunkt des Heimeintrittes hat nicht mehr ein Zehntel,
sondern ein Fünftel des anrechenbaren Vermögens als ein hypothetischer
Vermögensverzehr angerechnet werden müssen (vgl. Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG und Art.
11 Abs. 2 ELG i.V.m. Art. 3 Abs. 2 ELG/SG). Ohne Berücksichtigung der (tatsächlichen
und fiktiven) Vermögenserträge ergibt sich ein Einnahmentotal von 65’140 Franken für
die Zeit von Oktober bis Dezember 2016, von 61’165 Franken für die Zeit von Januar
bis März 2017 und von 93’971 Franken für die Zeit ab April 2017.
Für die Zeit von Oktober 2016 bis und mit März 2017 liegt das Einnahmentotal weit
über dem Ausgabentotal, weshalb für diesen Zeitraum kein Anspruch auf eine
Ergänzungsleistung bestehen kann. Auch für die (hier nicht mehr zum zeitlich
massgebenden Sachverhalt gehörende) Zeit ab August 2017 ergibt sich ein
Einnahmenüberschuss. Nur für die Zeit von April bis und mit Juli 2017 resultiert ein
Ausgabenüberschuss: Das Ausgabentotal hat sich in dieser Zeit auf 100’149 Franken,
das Einnahmentotal (ohne die Vermögenserträge) auf 93’971 Franken belaufen. Die
tatsächlichen Vermögenserträge haben 30.15 Franken betragen. Als fiktiven
Vermögensertrag hat die Beschwerdegegnerin ein Promille des Verzichtsvermögens
berücksichtigt, was angesichts der realen Zinssituation in dieser Zeit als angemessen
zu qualifizieren ist. Der fiktive Vermögensertrag ist folglich auf 318 Franken zu beziffern.
Unter Berücksichtigung dieser tatsächlichen und fiktiven Vermögenserträge von total
348 Franken resultiert für die Monate April bis und mit Juli 2017 ein
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Für die Beantwortung der Frage, ob die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren habe, ist gemäss
dem Art. 37 Abs. 4 ATSG in erster Linie entscheidend, ob die Rechtsverbeiständung
erforderlich gewesen ist. Das wäre dann der Fall gewesen, wenn sich schwierige
rechtliche oder tatsächliche Fragen gestellt hätten, die es der Beschwerdeführerin
verunmöglicht hätten, ihre Rechte ohne die Hilfe eines Rechtsvertreters zu wahren (vgl.
Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 37 N 35 ff., mit zahlreichen
Hinweisen). Bei der Prüfung der Erforderlichkeit der anwaltlichen Vertretung wird ein
strenger Massstab angelegt (vgl. Kieser, a.a.O., mit Hinweisen auf die Materialien).
Nach der Konzeption des Gesetzgebers bildet die Erforderlichkeit einer anwaltlichen
Vertretung im Verwaltungs- bzw. Einspracheverfahren nicht die Regel, sondern die
Ausnahme. Das zeigt auch der Art. 52 Abs. 3 Satz 2 ATSG, wonach für das
Einspracheverfahren grundsätzlich keine Parteientschädigungen auszurichten seien.
Dahinter steht offensichtlich die Überlegung, dass die Kosten für eine beigezogene
anwaltliche Vertretung „unnötig“ und folglich nicht vom Versicherungsträger zu
übernehmen sind, weil eine anwaltliche Vertretung nach der Ansicht des Gesetzgebers
in der Regel nicht erforderlich ist. Für das Beschwerdeverfahren gilt das Gegenteil,
denn gemäss dem Art. 61 lit. g ATSG haben die Kantone dafür zu sorgen, dass die
obsiegende beschwerdeführende Person eine Parteientschädigung erhält. Dahinter
kann nur die Überlegung stehen, dass im Beschwerdeverfahren regelmässig eine
anwaltliche Vertretung erforderlich ist und dass der entsprechende Vertretungsaufwand
vom unterliegenden Versicherungsträger entschädigt werden muss. Laut dem Art. 61
lit. f ATSG müssen die Kantone zudem sicherstellen, dass eine unentgeltliche
Ausgabenüberschuss von 100’149 – 93’971 – 318 = 5’860 Franken. Das entspricht
einem monatlichen Ergänzungsleistungsanspruch von 489 Franken.
Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin für die Monate April bis und
mit Juli 2017 eine monatliche Ergänzungsleistung von 523 Franken zugesprochen, was
nach dem oben Ausgeführten als zu hoch zu qualifizieren ist. Der angefochtene
Einspracheentscheid ist folglich im Sinne einer reformatio in peius zu korrigieren: Der
gesamte Ergänzungsleistungsanspruch für den Zeitraum von Oktober 2016 bis und mit
Juli 2017 beträgt 4 × 489 = 1’956 Franken. Davon ist ein Teilbetrag von 4 × 406 = 1’624
Franken direkt der obligatorischen Krankenpflegeversicherung auszurichten (was
bereits geschehen ist). Der der Beschwerdeführerin selbst zustehende Teil der
Ergänzungsleistung beläuft sich folglich auf 332 Franken; die Beschwerdegegnerin wird
die zu viel ausgerichteten Ergänzungsleistungen noch zurückfordern.
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsverbeiständung im Beschwerdeverfahren nicht nur dann zugesprochen werden
kann, wenn diese – ausnahmsweise – erforderlich (vgl. Art. 37 Abs. 4 ATSG) gewesen
ist, sondern immer dann, wenn es die Umstände rechtfertigen, was regelmässig der
Fall ist (vgl. zum Ganzen auch den Entscheid EL 2016/17 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 31. Januar 2017). Vorliegend hat sich das
Einspracheverfahren nur um die Frage gedreht, ob und allenfalls in welcher Höhe die
Beschwerdeführerin im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG auf Vermögen verzichtet hat.
Dafür hat sie nur erklären müssen, wofür sie ihr Vermögen ausgegeben hat. Dazu ist sie
ohne Weiteres in der Lage gewesen, wie die am 18. Januar 2017 ohne eine anwaltliche
Unterstützung erhobene Einsprache beweist. Die richtige Interpretation des Begriffs
„Vermögensverzicht“ ist zwar nicht unumstritten, aber das hat den Beizug eines
Rechtsanwaltes für das Einspracheverfahren nicht erforderlich gemacht, denn die
Beschwerdegegnerin ist ja verpflichtet gewesen, das Recht von Amtes wegen
anzuwenden. Die Beschwerdeführerin hat diesbezüglich erst im Hinblick auf ein
allfälliges Beschwerdeverfahren die Hilfe eines Rechtsanwaltes benötigt, nämlich für
die Prüfung, ob die dem Einspracheentscheid zugrunde gelegte bundesgerichtliche
Interpretation des Begriffs „Vermögensverzicht“ richtig ist. Damit ist die Voraussetzung
des Art. 37 Abs. 4 ATSG, wonach der Beizug eines Rechtsbeistandes erforderlich sein
muss, vorliegend nicht erfüllt gewesen. Die Abweisung des Begehrens um eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Einspracheverfahren erweist sich folglich als
rechtmässig, weshalb die entsprechende Beschwerde abzuweisen ist.
5.
Hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen gilt dieser Verfahrensausgang
als ein vollständiges Unterliegen der Beschwerdeführerin. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung.
5.1.
Die Beschwerdeführerin hat eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung beantragt.
Die Vertretung durch einen Rechtsanwalt ist im Beschwerdeverfahren betreffend die
Ergänzungsleistung und grundsätzlich auch im Beschwerdeverfahren betreffend die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Einspracheverfahren gerechtfertigt gewesen.
Eine Aussichtslosigkeit hat nicht vorgelegen. Angesichts des Bezuges von
Sozialhilfeleistungen (vgl. act. G 6.2.10–1) ist die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin
ohne Weiteres zu bejahen. Die Voraussetzungen für die Bewilligung einer
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung sind damit dem Grundsatz nach erfüllt.
Allerdings ist die Beschwerdeführerin bis zum 7. März 2019 nicht durch einen
Rechtsanwalt vertreten gewesen. Im Kanton St. Gallen gilt ein Anwaltsmonopol (Art. 10
5.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/26
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte