Decision ID: b0d6c9f1-2326-5704-9c1e-d519edfe6f95
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (fortan: der Beschwerdeführer) und seine Ehefrau B._
(fortan: die Beschwerdeführerin; gemeinsam: die Beschwerdeführenden)
suchten am 28. Dezember 2016 in der Schweiz um Asyl nach. Am 30. De-
zember fand – jeweils getrennt – die Befragung zur Person (BzP) statt und
am 18. Mai 2018 wurden die Beschwerdeführenden getrennt zu den Asyl-
gründen angehört (Anhörung).
B.
Die Beschwerdeführenden – syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie
mit letztem Wohnsitz in Aleppo – reichten dem Staatssekretariat für Migra-
tion (SEM) zum Nachweis der Identität ihre syrischen Identitätskarten (im
Original), das syrische Familienbuch (im Original) ein und reichten als wei-
teres Beweismittel einen Diagnosebericht des Inselspitals Bern über die
medizinische Behandlung ihres gemeinsamen Sohnes zu den Akten.
C.
Zu seiner Biographie und zu seinen Asylgründen machte der Beschwerde-
führer im Wesentlichen Folgendes geltend. Er stamme aus dem Dorf
E._ im Distrikt Afrin (Provinz Aleppo), wo er mit 6 Geschwistern auf-
gewachsen sei und die örtliche Schule bis zur sechsten Klasse besucht
habe. Von 2000 bis 2003 habe er den obligatorischen syrischen Militär-
dienst – nach dreimonatiger Grundausbildung in Damaskus – in der Funk-
tion als Fahrer bei einer im Libanon stationierten Einheit geleistet. Danach
habe er in Aleppo den Beruf des Schneiders erlernt und sei fortan in diesem
Beruf in Aleppo tätig gewesen und habe mit der Familie dort gelebt. Nach
Ausbruch des Kriegs sei er aufgrund der prekären Lage zirka Ende 2012
mit seiner Familie nach Damaskus geflüchtet. Vor seiner Flucht sollen
Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) in Aleppo wiederholt versucht
haben, ihn – gegen Bezahlung – als Mitglied für einen Kampfeinsatz in ih-
ren Reihen zu rekrutieren, was er jedoch abgelehnt habe. In dieser Zeit
habe er auch befürchtet, von der syrischen Regierung in den Militärdienst
eingezogen zu werden, da er damals noch nicht 40 Jahre alt gewesen sei
und in Kriegszeiten auch jene Männer einberufen werden, welche den ob-
ligatorischen Militärdienst schon absolviert haben. In Damaskus sei er
denn auch bei zwei Gelegenheiten von syrischen Regierungssoldaten fest-
gehalten und kontrolliert worden, wobei man ihn jeweils gegen eine Geld-
zahlung wieder habe gehen lassen. Aufgrund dieser Vorfälle und weil er
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vom syrischen Regime nicht in Ruhe gelassen worden sei, habe er Damas-
kus mit seiner Familie im November 2013 in Richtung Aleppo verlassen.
Auf der Fahrt nach Aleppo habe man auf ihren Bus geschossen, wobei sein
Sohn am Kopf getroffen und verletzt worden sei und danach in einem Spital
in der Stadt Homs operiert werden musste. Kurz darauf, im Dezember
2013, habe er sich mit seiner Familie in sein Heimatdorf im Distrikt Afrin
begeben. Dort habe die YPG (Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidi-
gungseinheiten) ihn zwangsrekrutiert, wobei er sie davon habe überzeu-
gen können, zunächst in der Verpflegung – und nicht an der Waffe – für sie
tätig zu sein. Insgesamt sei er zirka zwei Monate bei der YPG in Afrin ge-
blieben und für deren Verpflegung zuständig gewesen. Aus Furcht, er
werde bald für die YPG mit der Waffe in den Krieg ziehen müssen, sei er
mit seiner Familie wieder nach Aleppo gereist, wo sie drei Monate geblie-
ben seien. Da in Aleppo keine Medikamente mehr für den Sohn verfügbar
gewesen seien, habe sich die Familie zurück ins Heimatdorf im Distrikt Af-
rin begeben. Nach einem kurzen Aufenthalt von zirka einem Monat sollen
sie Syrien im November 2014 schliesslich verlassen haben und in die Tür-
kei ausgereist sein. In der Folge hätten sie drei Monate in Istanbul gelebt,
bevor sie nach Griechenland und rund eineinhalb Jahre später mit Hilfe
von humanitären Visa – ausgestellt von der Schweizer Auslandvertretung
in Athen – in die Schweiz eingereist seien.
D.
Die Beschwerdeführerin bestätigte im Wesentlichen die Vorbringen ihres
Ehemanns. Sie selber machte keine eigenen Asylgründe geltend und habe
weder mit den syrischen Behörden noch mit der YPG oder sonstigen Grup-
pierungen in Syrien Probleme gehabt.
E.
Mit Verfügung vom 30. August 2019 (fortan: angefochtene Verfügung)
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte deren Asylgesuche ab und wies sie aus der
Schweiz weg. Den Vollzug der Wegweisung erachtete es jedoch als nicht
zumutbar, weshalb es die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden
und deren Kinder anordnete.
F.
Mit Eingabe vom 1. Oktober 2019 erhoben die Beschwerdeführenden ge-
gen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie
beantragten die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rück-
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weisung der Sache zur vollständigen und richtigen Feststellung des Sach-
verhalts und Neubeurteilung. Eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft
festzustellen und Asyl zu gewähren. Subeventualiter seien sie als Flücht-
linge anzuerkennen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege einschliesslich Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses.
G.
Mit Eingabe vom 7. Oktober 2019 liessen die Beschwerdeführenden dem
Gericht eine Fürsorgebestätigung, datierend vom 2. Oktober 2019, zu den
Akten reichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101, SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdeführenden sind als Ver-
fügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf
die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Frage nach der
Flüchtlingseigenschaft, der Asylpunkt sowie die Wegweisung. Der Weg-
weisungsvollzug ist nicht zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Beschwer-
deführenden in der Schweiz vorläufig aufgenommen hat.
2.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
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3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AslyG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf
Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden
(Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge-
fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen,
die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifi-
schen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Subjektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn eine asylsuchende Per-
son erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder
wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten ins-
besondere unerwünschte exilpolitische Betätigungen, illegales Verlassen
des Heimatlandes (sog. Republikflucht) oder die Einreichung eines Asylge-
suchs im Ausland, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung be-
gründen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1; 2009/28 E. 7.1). Personen mit subjek-
tiven Nachfluchtgründen erhalten gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden
jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen.
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für
gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in
wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich
sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte
oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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Seite 6
5.
5.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
Bei den im Rahmen des Kriegs und der allgemeinen Gewalt erlittenen
Schwierigkeiten im Alltag, den Kontrollen durch Streitkräfte, der ständigen
Angst vor Gewalttaten sowie der fehlenden medizinischen Versorgung des
Sohnes fehle es am gezielten Verfolgungscharakter im Sinne des Asylge-
setzes. Diese Vorbringen beziehungsweise Nachteile bezögen sich viel-
mehr auf die allgemeine Lage in Syrien, welche die gesamte Bevölkerung
betreffen. Was die geltend gemachte Entführung durch Unbekannte in
Homs betreffe, so ergebe sich aus den Aussagen des Beschwerdeführers,
dass diese finanziell motiviert gewesen sei und kein asylrelevantes Motiv
aufweise.
Weiter treffe es zwar zu, dass in jenen Gebieten Nordsyriens, die durch die
PYD (Partiya Yekitîya Demokrat; Partei der Demokratischen Union) und die
YPG kontrolliert würden, Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienst-
pflicht im sogenannten «Defence Service» an junge Männer im Alter zwi-
schen 18 und 30 Jahren ergingen. Diese Rekrutierungsbemühungen ent-
falteten gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
mangels eines Verfolgungsmotivs im Sinne von Art. 3 AsylG und mangels
hinreichender Intensität aber keine Asylrelevanz (vgl. Referenzurteil des
BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015). Darüber hinaus sei gemäss gel-
tender Rechtsprechung auch nicht davon auszugehen, dass eine Weige-
rung asylrelevante Sanktionen nach sich ziehe. Entsprechend vermöge die
Zwangsrekrutierung respektive die Furcht vor einer Bestrafung durch die
YPG infolge Desertion keine Asylrelevanz zu entfalten. Im Übrigen sei der
Beschwerdeführer bereits 38 Jahre alt und damit von der Deklaration zum
«Defence Service» nicht persönlich betroffen.
In Bezug auf die Wehrdienstverweigerung für den Reservedienst der
syrischen Armee sei mit Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts sodann festzuhalten, dass eine Wehrdienstverweigerung
oder Desertion die Flüchtlingseigenschaft nicht per se begründe, sondern
nur, wenn damit eine Verfolgung im Sinne des Art. 3 AsylG einhergehe,
wenn also die betroffene Person aus einem der in Art. 3 AsylG genannten
Gründe (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe oder wegen politischer Anschauungen) wegen der Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen habe,
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die ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkomme
(vgl. BVGE 2015/3 E. 5.9). Laut Quellenanalyse zur Situation in Syrien un-
terstelle das Regime nicht allen Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren
eine regierungsfeindliche Haltung, sondern nur solchen, die zusätzlich ein
politisches Profil aufwiesen. Eine Bestrafung der Wehrdienstverweigerung
oder Desertion erfolge demnach nur dann aus Gründen im Sinne von
Art. 3 AsylG, wenn zusätzliche einzelfallspezifische Faktoren vorlägen. Im
Fall des Beschwerdeführers seien keine einzelfallspezifischen Risikofakto-
ren ersichtlich.
5.2 Den vorinstanzlichen Ausführungen in der angefochtenen Verfügung
hält der Beschwerdeführer entgegen, ihm drohe bei einer Rückkehr nach
Syrien eine asylrelevante Verfolgung sowohl seitens der staatlichen Behör-
den als auch seitens der kurdischen Behörden beziehungsweise der YPG.
Da er bereits seinen regulären Militärdienst geleistet und über gewisse Er-
fahrung verfügt habe, habe er damit rechnen müssen, von den syrischen
Behörden in den Reservedienst eingezogen zu werden. Er sei auch mehr-
fach an Kontrollposten der syrischen Armee angehalten worden. Verschie-
dene Berichte bestätigen denn auch, dass die syrischen Behörden ihn ge-
stützt auf deren angepasste Rekrutierungspraxis – trotz des bereits absol-
vierten obligatorischen Militärdienstes – als Reservist zwangsrekrutiert hät-
ten. Er habe sich bewusst geweigert, den Wehrdienst anzutreten und habe
sich nur durch seine rechtzeitige Ausreise aus Syrien einer Zwangsrekru-
tierung entziehen können. Dadurch und namentlich durch seine Ausreise
werde er seitens der syrischen Behörden als Wehrdienstverweigerer, De-
serteur und Oppositioneller betrachtet, wofür er – mit Verweis auf verschie-
dene Berichte – in Syrien mit harten Strafen rechnen müsse. Es sei dabei
insbesondere zu beachten, dass er als Wehrdienstpflichtiger ein spezifi-
sches Profil aufweise und ihm durch seine illegale Ausreise von den staat-
lichen Behörden eine regierungsfeindliche Haltung vorgeworfen werde.
Damit habe er begründete Furcht, bei einer Rückkehr nach Syrien asylre-
levanten staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu werden. Auf-
grund seiner illegalen Ausreise lägen auch subjektive Nachfluchtgründe
vor, da er mit seiner Ausreise als Wehrdienstpflichtiger gegen spezifische
Ausreisebestimmungen der syrischen Regierung verstossen habe.
Was die Rekrutierung durch die kurdischen Behörden beziehungsweise
durch die YPG betrifft, seien Zwangsrekrutierungen – sogar von Minder-
jährigen – auch hier gängige Praxis und sehr verbreitet, wovon auch de-
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taillierte Berichte zeugen würden. Der Beschwerdeführer habe deshalb be-
gründete Furcht gehabt, von der YPG für einen Kampfeinsatz rekrutiert zu
werden und habe nur durch Flucht aus Syrien einem zwangsweisen
Kampfeinsatz entgehen können. Personen, welche aus dem aktiven Dienst
flüchten oder sich gegen die Zwangsrekrutierung wehren oder sich diesem
entziehen, würden dabei mit Sanktionen wie Arrest, Folter oder gar dem
Tode bestraft, was im Falle einer Rückkehr auch ihm drohen würde.
Es müsse davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer von
den staatlich-syrischen Behörden wie auch von der YPG als Regimekritiker
und Oppositioneller identifiziert worden und insbesondere der syrischen
Regierung seit geraumer Zeit bekannt sei. Da die syrische Regierung in
Nordsyrien wieder vermehrt Präsenz zeige und mit der YPG kollaboriere,
sei anzunehmen, dass die YPG der syrischen Regierung bei der Suche
nach dem Beschwerdeführer Hand bieten werde.
6.
6.1 Auf Beschwerdeebene werden verschiedene formelle Rügen erhoben,
die vorab zu beurteilen sind, da sie zu einer Kassation der angefochtenen
Verfügung führen könnten. Die Beschwerdeführenden rügen eine Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs, eine Verletzung des Untersuchungsgrund-
satzes sowie eine unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtser-
heblichen Sachverhalts.
6.2 Der Untersuchungsgrundsatz verlangt, dass die Behörde von Amtes
wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts sorgt, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen be-
schafft, die rechtlich relevanten Umstände abklärt und ordnungsgemäss
darüber Beweis führt. Eine Sachverhaltsfeststellung ist unrichtig, wenn der
Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt
wird, oder wenn Beweise unzutreffend gewürdigt wurden. Unvollständig ist
sie, wenn nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachumstände berück-
sichtigt werden (vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3). Das rechtliche Gehör, welches
in Art. 29 Abs. 2 BV verankert und in den Art. 29 ff. VwVG für das Verwal-
tungsverfahren konkretisiert wird, dient einerseits der Aufklärung des Sach-
verhalts, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs-
recht der Parteien dar. Gemäss Art. 30 Abs. 1 VwVG hört die Behörde die
Parteien an, bevor sie verfügt (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1).
6.3 Die formellen Rügen sind unbegründet. Es kann der Vorinstanz keine
Verletzung des rechtlichen Gehörs vorgeworfen werden, indem sie eine
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allfällige Gefährdung respektive das Erfüllen der Flüchtlingseigenschaft al-
leine aufgrund der illegalen Ausreise nicht geprüft hat. Die Vorinstanz be-
schränkte ihre Prüfung zu Recht auf die von den Beschwerdeführenden
geltend gemachten Fluchtgründe. Eine Gefährdung wegen des Verstosses
gegen spezifische Ausreisebestimmungen und damit eine Gefährdung we-
gen illegaler Ausreise im Sinne von subjektiven Nachfluchtgründen wird
von den Beschwerdeführenden erstmals auf Beschwerdeebene geltend
gemacht und fand keinen Eingang in das erstinstanzliche Verfahren. Die
Vorinstanz war demgemäss zu Recht nicht gehalten, diesen etwaigen Ge-
fährdungstatbestand – ohne explizite Erwähnung seitens der Beschwerde-
führenden – ausdrücklich zu prüfen, zumal dieser im Übrigen ohne weite-
res zu verneinen ist.
Ferner kann eine Verletzung des rechtlichen Gehörs auch nicht darin er-
blickt werden, dass die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung die be-
hauptete Verfolgung durch die FSA und die erlittenen Schläge durch Sol-
daten der syrischen Armee anlässlich einer Kontrolle nicht erwähnt hat. Der
Beschwerdeführer wurde nach eigenen Angaben in Aleppo verschiedene
Male von Angehörigen der FSA angehalten und ihm wurde dabei angebo-
ten, gegen Bezahlung für sie zu kämpfen (vgl. SEM-Akten A17/19 F101,
F108 und F111). Seine Weigerung für sie tätig zu werden habe jedoch
keine Nachteile oder Sanktionen zur Folge gehabt (vgl. SEM-Akten A17/19
F112). Vor diesem Hintergrund bestand für die Vorinstanz auch kein An-
lass, eine mögliche asylrelevante Verfolgung durch die FSA zu prüfen. So-
dann hat die Vorinstanz – entgegen der Ansicht der Beschwerdeführenden
– die behauptete zweimalige Kontrolle beziehungsweise Verhaftung durch
die syrische Armee in der angefochtenen Verfügung erwähnt (angefoch-
tene Verfügung, S. 5) und die diesbezüglichen protokollierten Aussagen
damit in ihrer Entscheidfindung berücksichtigt (vgl. SEM-Akten A17/19 F81
und F86). Dabei ist es unerheblich, ob sie die behaupteten Schläge durch
die syrischen Regierungssoldaten in der angefochtenen Verfügung explizit
erwähnt hat oder nicht.
6.4 Weiter ist aus den Ausführungen in der Beschwerde sowie aus den Ak-
ten nicht ersichtlich, welche weiteren konkreten Abklärungen die
Vorinstanz für die Entscheidfindung hätte tätigen müssen und werden von
den Beschwerdeführenden auch nicht substanziiert dargelegt. Die Vo-
rinstanz war schliesslich auch nicht gehalten, eine weitere Anhörung durch-
zuführen, zumal das Verfahren als spruchreif gilt. Demgemäss ist der
Sachverhalt als richtig und vollständig erstellt zu erachten.
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Der Antrag auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie die Rück-
weisung an die Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Abklärung des
Sachverhalts ist dementsprechend abzuweisen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten so-
dann in materieller Hinsicht zum Schluss, dass die Vorinstanz in ihren Er-
wägungen zutreffend festgehalten hat, die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers würden den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die flüchtlingsrechtli-
che Beachtlichkeit nicht genügen. Auf die betreffenden Ausführungen in
der angefochtenen Verfügung kann mit den nachfolgenden Ergänzungen
verwiesen werden. Die Entgegnungen der Beschwerdeführenden auf Be-
schwerdeebene vermögen zu keiner anderen Betrachtungsweise zu füh-
ren.
7.2 Hinsichtlich der geltend gemachten Furcht des Beschwerdeführers vor
einer Bestrafung durch die syrischen Behörden aufgrund seiner behaupte-
ten Militärdienstverweigerung beziehungsweise seiner Weigerung, in den
Reservedienst einzurücken, ist Folgendes festzuhalten. Die Vorinstanz
wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin, dass gemäss
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts eine Wehrdienstverwei-
gerung oder Desertion für sich allein die Flüchtlingseigenschaft nicht zu
begründen vermag. Eine entsprechende Sanktion muss vielmehr darauf
abzielen, einem Wehrdienstpflichtigen aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG
genannten Gründe ernsthafte Nachteile zuzufügen (vgl. BVGE 2015/3
E.5). In Bezug auf die spezifische Situation in Syrien erwog das Gericht im
besagten Entscheid, die genannten Voraussetzungen seien bei einem sy-
rischen Refraktär erfüllt, welcher der kurdischen Ethnie angehöre, einer
oppositionell aktiven Familie entstamme und bereits in der Vergangenheit
die Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich ge-
zogen habe (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.3; bestätigt im Urteil des BVGer
E-2188/2019 vom 30. Juni 2020 [als Referenzurteil publiziert]). Im vorlie-
genden Fall ist eine solche Konstellation indessen zu verneinen.
Der Beschwerdeführer ist zwar kurdischer Ethnie, er macht aber nicht gel-
tend, dass er einer oppositionell aktiven Familie angehören würde
(vgl. SEM-Akten A17/19 F98). Weiter ist auch nicht aktenkundig, dass der
Beschwerdeführer selbst je öffentlich regimekritisch aufgetreten ist oder
sich regimekritischen Aktivitäten gewidmet hätte oder auch nur dessen ver-
dächtigt worden wäre. In der BzP verneinte er denn auch, je politisch oder
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Seite 11
religiös aktiv gewesen zu sein (SEM-Akten A9/11 Ziffer 7.01 S. 7). Demge-
mäss ist nicht davon auszugehen, dass er ins Visier der syrischen Sicher-
heitskräfte geraten und als Regimegegner registriert worden ist. Die Aus-
führungen auf Beschwerdeebene vermögen an dieser Auffassung nichts
zu ändern. Die Beschwerdeführenden beschränken sich dabei weitgehend
auf Ausführungen zur allgemeinen Rekrutierungspraxis von Wehrdienst-
pflichtigen durch die syrischen Behörden. Schliesslich lässt die behauptete
wiederholte Kontrolle beziehungsweise Festhaltung des Beschwerdefüh-
rers durch syrische Regierungssoldaten in Damaskus nicht darauf schlies-
sen, dass er von den staatlichen Behörden als Regimegegner oder Oppo-
sitioneller eingestuft worden wäre. Gemäss den protokollierten Aussagen
konnte er die Soldaten jeweils mit einer Geldsumme bestechen, damit sie
ihn wieder laufen liessen (vgl. SEM-Akten, A17/19 F81 und F86), weshalb
angenommen werden kann, dass die Festhaltungen primär finanziell moti-
viert waren und nicht aufgrund seines angeblichen Status als Regimegeg-
ner erfolgte.
Sodann können die Beschwerdeführenden auch aus dem Umstand der
illegalen Ausreise aus Syrien nichts zu ihren Gunsten ableiten. Es besteht
keine allgemeine Praxis, wonach bei einer geltend gemachten illegalen
Ausreise die Flüchtlingseigenschaft zu bejahen wäre. Die illegale Ausreise
aus Syrien kann per se praxisgemäss keine flüchtlingsrechtliche Relevanz
entfalten, sofern keine Verfolgungssituation im Sinne von Art. 3 AsylG und
keine besondere individuelle Vorbelastung vorliegen (vgl. zur Praxis des
BVGer betreffend die illegale Ausreise aus Syrien u.a. die Urteile
D-901/2020 vom 26. Februar 2020 E. 6.3 und D-4666/2019 vom 26. No-
vember 2019 E. 7.5). Wie oben aufgezeigt weist der Beschwerdeführer
kein spezifisches Profil auf und es ist nicht davon auszugehen, dass er im
Blickfeld der syrischen (Sicherheits-)Behörden stand beziehungsweise
steht. Das Vorliegen eines subjektiven Nachfluchtgrundes aufgrund der il-
legalen Ausreise ist zu verneinen.
7.3 Bezüglich der geltend gemachten Furcht des Beschwerdeführers vor
einer politisch motivierten Bestrafung durch die YPG infolge seiner behaup-
teten Refraktion ist zunächst auf die zutreffenden Erwägungen der Vo-
rinstanz und das dort erwähnte Referenzurteil des Bundesverwaltungsge-
richts D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 zu verweisen. Mangels ernsthafter
anderweitiger Anhaltspunkte ist demnach davon auszugehen, dass auch
im heutigen Kontext zwar Aufforderungen zur Wahrnehmung der Dienst-
pflicht ergehen, eine Weigerung aber keine flüchtlingsrechtlich relevanten
Sanktionen nach sich zieht (vgl. a.a.O. E. 5.3; bspw. bestätigt im Urteil des
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BVGer E-6558/2019 vom 9. Januar 2020 E. 7.2). Der Beschwerdeführer
brachte in der Anhörung denn auch nicht vor, er werde aufgrund seiner
Desertion von der YPG gezielt verfolgt oder habe mit drakonischen Sank-
tionen seitens der YPG zu rechnen. Er sagte lediglich, er sei geflüchtet und
wisse nicht, was die YPG mit ihm gemacht hätte (SEM-Akten A17/19
F100). Selbst unter der Annahme, es komme zu Bestrafungen erheblicher
Schwere, wäre deren zugrundeliegende Motivation wohl flüchtlingsrecht-
lich nicht relevant, zumal die Quellenlage – entgegen der Beschwerde –
nicht darauf hindeutet, dass Refraktäre im Zusammenhang mit den YPG
als «Staatsfeinde» betrachtet und daher einer politisch motivierten drako-
nischen Bestrafung zugeführt würden. Die obligatorische Dienstpflicht
knüpft in der Heimatregion des Beschwerdeführers lediglich an den Woh-
nort, das Alter und das Geschlecht der betroffenen Person und nicht an
eine der in Art. 3 AsylG genannten (oder darunter subsumierbaren) Eigen-
schaften an und stellt grundsätzlich eine Bürgerpflicht dar. In Ermangelung
eines asylrelevanten Verfolgungsmotivs wäre eine allenfalls drohende Be-
strafung somit lediglich unter dem Aspekt der Unzulässigkeit respektive
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs relevant, welcher die
Vorinstanz mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme Rechnung getra-
gen hat, weshalb dieser Punkt nicht Prozessgegenstand bildet (vgl. dazu
Referenzurteil des BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3, vgl. auch
vorne E. 2.1).
7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Beschwerdeführenden
nichts vorgebracht haben, was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat
ihre Asylgesuche daher zu Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an, wobei es den Grundsatz der Einheit der Familie berücksichtigt
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 13
9.
Es bleibt anzumerken, dass aus den vorstehenden Erwägungen nicht der
Schluss gezogen werden kann, die Beschwerdeführenden seien zum heu-
tigen Zeitpunkt in ihrem Heimatstaat nicht gefährdet. Indessen ist eine sol-
che Gefährdung im Falle der Beschwerdeführenden ausschliesslich auf die
allgemeine Lage in Syrien zurückzuführen, die auch heute noch als volatil
zu bezeichnen und von der seit nunmehr über zehn Jahren andauernden
Bürgerkriegssituation geprägt ist. Die Vorinstanz hat einer solchen Gefähr-
dung mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit überprüfbar
– angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Die Beschwerde erweist sich als von vornherein aussichtslos, weshalb das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG abzuweisen ist. Die Verfahrenskosten sind deshalb
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 14