Decision ID: f806410d-17be-46e9-9a1b-5655cb771e10
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt: Die Eltern (Mutter Jahrgang 1981, Vater Jahrgang 1974) haben sich 2011
scheiden lassen. Für Kind X, Jahrgang 2005, wurde der Hauptwohnsitz bei der Mutter
und für Kind Y, Jahrgang 2007, beim Vater festgelegt. Das Scheidungsurteil wurde in
der Folge mehrfach abgeändert. Im letzten (und vorliegend) relevanten
Abänderungsentscheid stellte die Vorinstanz beide Kinder unter die elterliche Sorge
des Vaters (in einem vorgängigen Abänderungsentscheid wurden bereits beide
rechtskräftig unter seine alleinige Obhut gestellt) und verpflichtete die Mutter, einen
monatlichen Kinderunterhaltsbeitrag von Fr. 570.00 bis zum vollendeten 12. Altersjahr
und Fr. 780.00 danach bis zur Mündigkeit bzw. bis zum ordentlichen Abschluss einer
angemessen Ausbildung, zuzüglich allfälliger Kinderzulagen, zu bezahlen (der von der
Vorinstanz ermittelte Barbedarf von mindestens Fr. 770.00 bis zur Vollendung des 12.
Altersjahr und von Fr. 980.00 ab dem angefangenen 13. Altersjahr wurde nicht in Frage
gestellt). Zwischen der Mutter und den Kindern finden seit über zwei Jahren keine
Besuchskontakte statt. Die Mutter arbeitet in einem 60%-Pensum; ihr wird allerdings
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ein 100%-Pensum zugemutet und ein hypothetisches monatliches Nettoeinkommen
von Fr. 4‘000.00 angerechnet. Der Bedarf der Mutter beträgt rund Fr. 2‘490.00.

Aus den Erwägungen: (...)
2. Vorliegend sind nur noch die Kinderunterhaltsbeiträge strittig. Beim Kinderunterhalt
gilt der Offizialgrundsatz (Art. 296 ZPO), und daher besteht keine Bindung an die
Parteianträge. Seit dem 1. Januar 2017 ist das neue Kindesunterhaltsrechts in Kraft.
Für Verfahren wie das vorliegende, die am 1. Januar 2017 bei einer kantonalen Instanz
hängig sind, bedeutet das eine zweiphasige Unterhaltsberechnung: in einer ersten
Phase bis am 31. Dezember 2016 ohne Betreuungsunterhalt und in einer zweiten
Phase für die Zeit ab dem 1. Januar 2017 mit Betreuungsunterhalt (DOLDER,
Betreuungsunterhalt: Verfahren und Übergang, in: FamPra.ch 2016, 917, 921). (...)
6.b) Per 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen zum Kindesunterhalt in
Kraft getreten, die insbesondere das neue Institut des Betreuungsunterhalts einführen
(Änderung des ZGB vom 20. März 2015). Diese sind bereits im vorliegenden
Berufungsverfahren anzuwenden (Art. 13cbis Abs. 1 SchlT ZGB). Das sofortige
Inkrafttreten des neuen Rechts hat zur Folge, dass für den ab 1. Januar 2017
geschuldeten Unterhalt die Beurteilung nach neuem Unterhaltsrecht erfolgt
(SCHWANDER, Grundsätze des intertemporalen Rechts und ihre Anwendung auf
neuere Gesetzesrevisionen, in: AJP 2016, 1575, 1584; DOLDER, a.a.O., 919 ff.). Keine
Änderung erfuhr mit dem neuen Recht der Grundsatz der Unantastbarkeit des
Existenzminimums des Unterhaltsschuldners (vgl. Botschaft, BBl 2014, 529, 560 f.).
Nach Art. 13c Satz 2 SchlT ZGB sind Anpassungen von Kinderunterhaltsbeiträgen, die
gleichzeitig mit Unterhaltsbeiträgen an den Elternteil festgelegt worden sind, nur bei
einer erheblichen Veränderung der Verhältnisse zulässig. Im Scheidungsurteil vom 13.
Januar 2011 verzichteten die Parteien gegenseitig auf nachehelichen Unterhalt.
Hintergrund hierfür war wohl zum einen, dass Kind X in die Obhut der Mutter kam und
Kind Y zum Vater, und zum anderen, dass aufgrund der finanziellen Leistungsfähigkeit
der Parteien die Zusprechung eines solchen gar nicht möglich war. Ein Verzicht, der
einer Abänderung der Kinderunterhaltsbeiträge nach Art. 13c Satz 2 SchlT ZGB
entgegenstehen würde, ist somit nicht ersichtlich.
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Die Berufungsklägerin bringt vor, dass auch gemäss bisherigem Recht die
Betreuungskosten zu berücksichtigen gewesen seien. Da der Gesetzgeber die Frage,
wie berechnet werden müsse, ausdrücklich offen gelassen habe und sich diverse
Berechnungsweisen ergeben würden, sei es zumindest haltbar, die bisherige
Berechnungsweise beizubehalten.
Es ist zutreffend, dass grundsätzlich auch gemäss dem bisherigen Recht die
Betreuungskosten (vgl. z.B. Zürcher Tabellen) bei der Unterhaltsberechnung zu
berücksichtigen waren. Diese Kosten sind (waren) allerdings viel zu gering veranschlagt
worden (GEISER, Übersicht über die Revision des Kindesunterhaltsrechts, in: AJP
2016, 1279, 1280). Ebenfalls ist zutreffend, dass der Gesetzgeber die
Berechnungsweise des „neuen“ Kinderunterhalts offen gelassen hat und den Gerichten
den bis anhin bestehenden Ermessensspielraum weiter zugesteht (Botschaft, a.a.O.,
553 f.; SCHWIZER/DELLA VALLE, Kindesunterhalt und Vorsorgeausgleich, in: AJP
2016, 1589, 1594; GEISER, a.a.O., 1280 f.). Für den Betreuungsunterhalt wird im
Kanton St. Gallen in diesem Zusammenhang in Anwendung einer pauschalisierten
Betrachtungsweise für durchschnittliche Verhältnisse grundsätzlich von einem Betrag
von Fr. 2‘800.00 pro Monat für eine Betreuung von 100% ausgegangen, entsprechend
den durchschnittlich anzunehmenden Lebenshaltungskosten einer erwachsenen
Person. Was sodann den konkreten Betreuungsanspruch des Kindes anbelangt, galt
bisher (im Bereich des ehelichen bzw. nachehelichen Unterhalts) die 10/16-Regel,
wonach dem betreuenden Elternteil ab dem vollendeten 10. Altersjahres des (jüngsten)
Kindes eine 50%- und ab dem vollendeten 16. Altersjahr ein 100%-Erwerbstätigkeit
zuzumuten sei. Daraus ergäben sich für den Betreuungsunterhalt ein Betreuungsbedarf
von 100% bis zum 10. und danach ein solcher von 50% bis zum 16. Altersjahr. Es ist
unbestritten, dass die Einführung des Betreuungsunterhalts Anlass gibt, die 10/16-
Regel zu überdenken (vgl. Botschaft, a.a.O., 577), wobei aber unterschiedliche
Auffassungen dazu bestehen, wie eine allfällige Anpassung aussehen könnte (vgl. den
Leitfaden des Obergerichtes Zürich, der sich gegen eine Abweichung von der
bisherigen Regel ausspricht [S. 14 Ziff. 4.4], SPYCHER, Betreuungsunterhalt, in
FamPra.ch 2017 198, 218 ff., die ebenfalls die weitere, allerdings flexible Anwendung
der Regel befürwortet, und JUNGO/AEBI-MÜLLER/SCHWEIGHAUSER, Der
Betreuungsunterhalt, in: FamPra.ch 2017 163, 166 ff., welche eine Anpassung im Sinne
einer 40-50%-Erwerbstätigkeit ab dem 6. Altersjahr und eine 70-80%-Tätigkeit ab dem
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11. Altersjahr in den Raum stellen). Insbesondere angesichts der Tatsache, dass Eltern
regelmässig trotz Betreuungspflichten einer (Teilzeit-) Erwerbstätigkeit nachgehen (vgl.
JUNGO/AEBI-MÜLLER/ SCHWEIGHAUSER, a.a.O., 168) und mit Rücksicht auf die
Schulstrukturen auch nachgehen können, nimmt das Kantonsgericht die Revision zum
Anlass, die fragliche Regel zu modifizieren und den Altersstufen gemäss
Betreibungsrecht (vgl. Ziff. 3.2 Kreisschreiben der Aufsichtsbehörde SchKG über die
Berechnung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums vom Dezember 2008)
anzupassen, die sich wiederum im Wesentlichen an den Schulstufen orientieren.
Daraus ergeben sich Abstufungen bis zum vollendeten 6., danach bis zum vollendeten
12. und schliesslich bis zum vollendeten 16. Altersjahr, wobei – vorbehaltlich
besonderer Betreuungsbedürfnisse des Kindes oder der Kinder – in der 1. Phase keine
Erwerbstätigkeit, in der 2. Phase eine solche im Umfang von ca. 1/3 (35%) und in der 3.
Phase eine solche von 55% unterstellt bzw. erwartet werden. Der Festsetzung der
erwarteten Pensen in der 2. und in der 3. Phase liegt dabei die Überlegung zugrunde,
dass im 11. und 12. Altersjahr die zugemutete Erwerbstätigkeit etwas unter der 10-/16-
Regel liegt, diese Unterschreitung danach aber mit einem leicht höheren Ansatz als
bisher ausgeglichen wird. Im Übrigen ist, wenn der betreuende Elternteil schon früher
in höherem Umfang erwerbstätig ist, grundsätzlich – wie schon nach der bis anhin
geltenden Rechtsprechung – von den tatsächlichen Verhältnissen auszugehen.
Vorliegend wohnen die Parteien und auch die Kinder in einer ländlichen Gegend,
welche tendenziell tiefere Lebenshaltungskosten aufweist. Zudem leben alle Beteiligte
in wirtschaftlich eher bescheidenen Verhältnissen. Es rechtfertigt sich daher für die
Berechnung des Betreuungsunterhalts von einem Betrag von Fr. 2‘600.00 für eine
Betreuung von 100% auszugehen. Gemäss eigenen Angaben arbeitet der
Berufungsbeklagte seit ca. Oktober 2015 im Stundenlohn. Die eingereichten
Lohnabrechnungen (April bis September 2016; act. 25) zeigen, dass sich sein
durchschnittlicher monatlicher Einsatz auf rund 75 Stunden beläuft. Der
Berufungsbeklagte ist mithin in einem Pensum von rund 40% tätig, womit sich eine
Betreuung durch ihn im Umfang von 60% ergibt. In einer ersten Phase resultiert so ein
Betreuungsunterhalt von Fr. 1‘560.00 (60% von Fr. 2‘600.00).
Phase 1: beide Kinder das 12. Altersjahr noch nicht vollendet (Januar und Februar
2017) Betreuungsunterhalt = Fr. 2‘600.00 Betreuung durch Berufungsbeklagten 60% =
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Fr. 1‘560.00 X Y Betreuungsbedürftigkeit 65% 65% Anteil 65/130 65/130
Betreuungsunterhalt (gerundet) 780 780 Barunterhalt (Kinderzulage bereits abgezogen)
570 570
Zusammen mit dem bereits festgelegten Barunterhalt ergibt dies ab 1. Januar 2017 für
jedes Kind einen Kinderunterhaltsbeitrag von Fr. 1‘350.00. Da nicht in das
Existenzminimum der Berufungsklägerin eingegriffen werden darf, kann für beide
Kinder zusammen höchstens ein Unterhaltsbeitrag von Fr. 1‘510.00 gesprochen
werden. Dies bedeutet, dass im Januar und Februar 2017 für jedes Kind ein
Unterhaltsbeitrag von Fr. 755.00 zu bezahlen ist.
Der gebührende Unterhalt der beiden Kinder von je Fr. 1‘350.00 ist somit nicht gedeckt
und es besteht ein Manko von monatlich je Fr. 595.00. Der neue Art. 301a ZPO
schreibt vor, dass in einem Entscheid, in dem Kinderunterhaltsbeiträge festgelegt
werden, nicht mehr nur der Betrag anzugeben ist, der vom unterhaltspflichtigen
Elternteil unter Berücksichtigung seiner Leistungsfähigkeit geschuldet ist, sondern
unter anderem auch derjenige Betrag, der zur Deckung des gebührenden Unterhalts
des Kindes fehlt bzw. notwendig wäre (Botschaft, a.a.O., 559; DOLDER, a.a.O., 927 ff.),
und damit im vorliegenden Fall der Betrag von Fr. 595.00.
Phase 2: X das 12. Altersjahr vollendet (ab März 2017) Mitte Februar 2017 hat X das 12.
Altersjahr vollendet, womit sich ab 1. März 2017 einerseits ihr Barunterhalt vergrössert
(Fr. 780.00 gemäss vorinstanzlichen Entscheid), andererseits aber ihr
Betreuungsunterhalt verringert.
Betreuungsunterhalt = Fr. 2‘600.00 Betreuung durch Berufungsbeklagten 60% = Fr.
1‘560.00 X Y Betreuungsbedürftigkeit 45% 65% Anteil 45/110 65/110
Betreuungsunterhalt (gerundet) 640 920 Barunterhalt (Kinderzulage bereits abgezogen)
780 570
Somit ergeben sich ab 1. März 2017 für X ein monatlicher Kinderunterhaltsbeitrag von
Fr. 1‘420.00 und für Y ein solcher von Fr. 1‘490.00. Auch diese Beträge vermag die
Berufungsklägerin bei weitem nicht zu decken; unter Berücksichtigung des
Existenzminimums rechtfertigt es sich, dass beide Kinder auch in dieser Phase
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weiterhin je einen monatlichen Unterhaltsbeitrag von je Fr. 755.00 zugesprochen
erhalten. Ihr gebührender Unterhalt von Fr. 1‘420.00 resp. Fr. 1‘490.00 ist somit nicht
gedeckt und bei Y besteht ein monatliches Manko von Fr. 735.00 und bei X ein solches
von Fr. 665.00.
Phase 3: Y das 12. Altersjahr vollendet (ab Dezember 2019) Ende November 2019 wird
Y das 12. Altersjahr vollendet haben, womit sich ab 1. Dezember 2019 einerseits sein
Barunterhalt vergrössert (Fr. 780.00 gemäss vorinstanzlichen Entscheid), andererseits
aber sein Betreuungsunterhalt verändert. Gleichzeitig ist vom Berufungsbeklagten ein
höheres Arbeitspensum, und zwar im Umfang von 55%, zu verlangen.
Betreuungsunterhalt = Fr. 2‘600.00 Betreuung durch Berufungsbeklagten 45% = Fr.
1‘170.00 X Y Betreuungsbedürftigkeit 45% 45% Anteil 45/90 45/90
Betreuungsunterhalt (gerundet) 585 585 Barunterhalt (Kinderzulage bereits abgezogen)
780 780
Dies ergibt somit ab 1. Dezember 2019 einen monatlichen Unterhaltsbeitrag je Kind
von Fr. 1‘365.00. Die Berufungsklägerin hat weiterhin monatlich je Kind Fr. 755.00 zu
bezahlen, womit der gebührende Unterhalt pro Kind von Fr. 1‘365.00 nicht gedeckt ist
und ein monatliches Manko von Fr. 610.00 besteht.
Phase 4: X das 16. Altersjahr vollendet (ab 1. März 2021) Mit dem vollendeten 16.
Altersjahr fällt für X der Betreuungsunterhalt weg.
Betreuungsunterhalt = Fr. 2‘600.00 Betreuung durch Berufungsbeklagten 45% = Fr.
1‘170.00 X Y Betreuungsbedürftigkeit 0 45% Anteil 0 45/45 Betreuungsunterhalt
(gerundet) 0 1‘170 Barunterhalt (Kinder- bzw. Ausbildungszulage bereits abgezogen)
780 780
Ab 1. März 2021 beträgt der monatliche Unterhaltsbeitrag für X Fr. 780.00 und für Y Fr.
1‘950.00. Da vorab der Barunterhalt der Kinder zu decken ist, bezahlt die
Berufungsklägerin nach wie vor für jedes Kind Fr. 755.00, womit der gebührende
Unterhalt von X in der Höhe von Fr. 780.00 und von Y in der Höhe von Fr. 1‘950.00
nicht gedeckt ist. Das Manko beträgt Fr. 25.00 resp. Fr. 1‘195.00. Die Differenzen im
gebührenden Unterhalt bzw. Manko mögen dabei erstaunen. Es entspricht allerdings
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der Konzeption des Gesetzgebers, dass das jüngere Kind in dieser Phase (ältere
Geschwister erhalten keinen Betreuungsunterhalt mehr) einen höheren resp. den
gesamten Betreuungsunterhalt erhält, obwohl es älter ist als in der vorangehenden
Phase und somit grundsätzlich von einer geringeren Betreuungsbedürftigkeit
auszugehen ist (vgl. zum Ganzen SPYCHER, a.a.O., 222 f.).
Phase 5: Y das 16. Altersjahr vollendet (ab 1. Dezember 2023) Ab Dezember 2023 fällt
auch bei Y der Betreuungsunterhalt weg, und die Berufungsklägerin hat noch für den
Barunterhalt der Kinder im Umfang von je Fr. 780.00 aufzukommen. Aufgrund ihrer
Leistungsfähigkeit wird sie verpflichtet, auch ab Dezember 2023 pro Kind weiterhin den
Betrag von Fr. 755.00 zu bezahlen, womit für den gebührenden Unterhalt pro Kind im
Betrag von Fr. 780.00 ein Manko von Fr. 25.00 besteht. (...)