Decision ID: b7ee6d58-8ddc-4a9b-89f2-454d2a2feead
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 19.01.2012 Art. 30 Abs. 1 lit. c AVIG. Einstellung in der Anspruchsberechtigung. Vorliegend durfte der Beschwerdeführer zumindest von einer Festanstellung ausgehen. Fehlende Arbeitsbemühungen für den Zeitraum der Kündigung bis zum Monatsende. Reduktion von 17 auf zwei Einstelltage (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 19. Januar 2012, AVI 2011/8).Vizepräsidentin Marie-Theres Rüegg-Haltinner, Versicherungsrichterinnen Marie Löhrer und Lisbeth Mattle Frei; Gerichtsschreiber Philipp GeertsenEntscheid vom 19. Januar 2012in SachenA._,Beschwerdeführer,vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Hochreutener, St. Leonhard-Strasse 20, Postfach, 9001 St. Gallen,gegenRAV St. Gallen, Unterstrasse 4, Postfach, 9001 St. Gallen,Beschwerdegegner,vertreten durch Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen,betreffendEinstellung in der Anspruchsberechtigung (Arbeitsbemühungen)Sachverhalt:
A.
A.a A._ bezog ab 1. April 2009 Arbeitslosenentschädigung (act. G 3/A11). Per 28. Mai
2010 meldete sich der Versicherte von der Arbeitsvermittlung ab (act. G 3/A81), da er
über die Personalverleiherin B._ bei der C._(Einsatzbetrieb) eine Stelle fand
(Einsatzvertrag vom 28. Mai 2010, act. G 3/A94).
A.b Am 30. August 2010 stellte der Versicherte Antrag auf Arbeitslosenentschädigung
(act. G 3/A99). Im Schreiben vom 13. September 2010 warf das Regionale
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) St. Gallen dem Versicherten vor, vor der
Arbeitslosigkeit keine Arbeitsbemühungen vorgenommen zu haben. Da der Versicherte
in einem temporären Arbeitsverhältnis gestanden sei, hätte er sich vor Antragstellung
vom 30. Mai bis 29. August 2010 um eine neue Stelle bemühen müssen (act. G 3/
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A104). Hierzu nahm der Versicherte am 14. September 2010 Stellung. Er führte aus,
dass ihm seitens des Einsatzbetriebes eine Festanstellung zugesichert worden sei (act.
G 3/A105).
A.c Das RAV verfügte am 17. September 2010, dass der Versicherte ab 30. August
2010 für 17 Tage in der Anspruchsberechtigung eingestellt werde (act. G 3/A106).
Dagegen erhob der Versicherte am 12. Oktober 2010 Einsprache (act. G 3/A116; zur
ergänzenden Begründung vom 8. November 2010 vgl. act. G 3/A133). Am 9. November
2010 ersuchte das RAV den Versicherten um Beantwortung von Fragen im
Zusammenhang mit der geltend gemachten zugesicherten Festanstellung (act. G 3/
A129). Der Versicherte führte diesbezüglich aus, dass er "anlässlich der temporären
Einstellung die Einführung in die Arbeitsgänge mit der Absicht einer nachherigen
Festanstellung erhalten habe" (act. G 3/A136).
A.d Mit Einspracheentscheid vom 17. Dezember 2010 wies das RAV die Einsprache
vom 12. Oktober 2010 ab (act. G 3/A137).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde vom 31. Januar
2011. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolge
dessen Aufhebung. Von einer Einstellung in der Anspruchsberechtigung sei abzusehen.
Zur Begründung bringt er vor, dass ihm sowohl durch die Verantwortlichen des
Einsatzbetriebes als auch durch die Verleihfirma explizit eine konkrete Festanstellung
nach Ablauf des temporären Arbeitsverhältnisses zugesichert worden sei. Im Vertrauen
auf diese vorbehaltslose Zusage könne ihm kein schuldhaftes Verhalten vorgeworfen
werden. Die Umstände, die nachträglich wider Erwarten zum Verzicht auf eine
Anstellung geführt hätten, lägen ausserhalb seines Verantwortungsbereichs (act. G 1).
B.b Der Beschwerdegegner beantragt in der Beschwerdeantwort vom 4. März 2011 die
Beschwerdeabweisung. Die Berufung des Beschwerdeführers auf mündliche
Zusicherungen der Personalverleiherin und des Einsatzbetriebes sei unbehelflich. Im
Bewusstsein, dass es sich auch bei "Try & Hire" meist um leere Versprechungen bzw.
eine Hinhaltestrategie zur Umgehung der Kündigungsparität handle, würden die
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Versicherten von den RAV regelmässig darauf hingewiesen, dass bei einer temporären
Anstellung eine andauernde Stellensuchpflicht bestehe. So sei darauf hinzuweisen,
dass der Beschwerdeführer in der Abmeldebestätigung vom 27. Mai 2010 darauf
aufmerksam gemacht worden sei, dass er bei einem temporären Arbeitsverhältnis im
Fall einer Wiederanmeldung in der Regel für die letzten drei Monate vor der Anmeldung
wieder die üblichen Arbeitsbemühungen nachweisen müsse. Er sei damit vom RAV,
das um die erhoffte Festanstellung gewusst habe, ausdrücklich nicht von der
Stellensuchpflicht befreit worden. Selbst nach der Kündigung vom 20. August 2010
habe sich der Beschwerdeführer nicht sofort, sondern erst ab September 2010 um eine
andere Arbeit bemüht (act. G 3).
B.c In der Replik vom 13. April 2011 hält der Beschwerdeführer unverändert an den
gestellten Anträgen fest. Er macht geltend, für die Annahme, es handle sich bei der
ausdrücklichen Zusicherung der Arbeitgeberin und der Verleihfirma um leere
Versprechungen, hätten keine Anhaltspunkte bestanden. Er habe deshalb auf die
Zusicherung einer Festanstellung vertrauen dürfen. Aus dem blossen Umstand, dass er
in den wenigen Tagen nach der Kündigung keine Arbeitsbemühungen nachweisen
könne, dürfe ihm nicht ein Verschulden angelastet werden, zumal die Kündigungsfrist
sehr kurz ausgefallen sei und er bis 27. August 2010 noch in einem Arbeitsverhältnis
gestanden sei (act. G 9).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 11).

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien ist die Einstellung in der Anspruchsberechtigung von 17 Tagen
wegen fehlender Arbeitsbemühungen umstritten.
1.1 Gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. c des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeits
losenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) ist die versicherte
Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie sich persönlich nicht
genügend um zumutbare Arbeit bemüht. Nach Art. 17 Abs. 1 AVIG muss die
versicherte Person, die Versicherungsleistungen beanspruchen will, mit Unterstützung
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des zuständigen Arbeitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu
vermeiden oder zu verkürzen. Insbesondere ist sie verpflichtet, Arbeit zu suchen,
nötigenfalls auch ausserhalb ihres bisherigen Berufes. Dabei hat sie alle sich bietenden
und zumutbaren Möglichkeiten voll auszuschöpfen (vgl. Gerhard Gerhards, Kommentar
zum Arbeitslosenversicherungsgesetz [AVIG], Bd. I, Bern/Stuttgart 1987, Rz 12 ff. zu
Art. 17). Gemäss Rechtsprechung ist der Einstellungsgrund nach Art. 30 Abs. 1 lit. c
AVIG schon dann gegeben, wenn die versicherte Person vor Eintritt der Arbeitslosigkeit
ihren Obliegenheiten nicht nachgekommen ist. Sie hat sich daher bereits während der
Kündigungsfrist um einen neuen Arbeitsplatz zu bewerben (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 15. Dezember 2003, C 200/03, E. 3.1) bzw. sich vor der
(Wieder-)Anmeldung unterlassene Arbeitsbemühungen entgegen halten zu lassen
(Jacqueline Chopard, Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung, Diss. Zürich 1998,
S. 1361). Bei der Beurteilung, ob die Bemühungen einer arbeitslosen Person genügend
oder ungenügend sind, kommt es nicht auf den Erfolg dieser Bemühungen, sondern
auf die Tatsache und die Intensität des Bemühens an (vgl. BGE 112 V 217 E. 1b).
1.2 Die Dauer der Einstellung bemisst sich nach dem Grad des Verschuldens (Art. 30
Abs. 3 AVIG) und beträgt je Einstellungsgrund 1 bis 15 Tage bei leichtem, 16 bis
30 Tage bei mittelschwerem und 31 bis 60 Tage bei schwerem Verschulden (Art. 45
Abs. 2 AVIV in der bis Ende März 2011 gültig gewesenen und hier anwendbaren
Fassung).
2.
Vorliegend ist umstritten, ob der Beschwerdeführer während seines temporären
Arbeitsverhältnisses im Einsatzbetrieb C._ berechtigterweise von einer
anschliessenden Festanstellung ausgehen durfte.
2.1 Grundlage des Arbeitsverhältnisses bildete der Einsatzvertrag vom 28. Mai 2010.
Der Temporäreinsatz war nicht ausdrücklich befristet. Vielmehr sollte er "bis auf
weiteres" gelten (act. G 3/A94). Bereits am 27. Mai 2010 teilte der Beschwerdeführer
dem zuständigen Personalberater mit, dass er trotz Try & Hire-Anstellung "sicherlich
fest übernommen" werde (act. G 3/A82). Der Beschwerdegegner ging gestützt auf
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diese Aussage von einer Festanstellung aus (Aktennotiz vom 28. Mai 2010, act. G 3/
A84; von der B._ wurde dem Beschwerdegegner Ende Mai 2010 bestätigt, dass dem
Beschwerdeführer ab dem 4. Monat eine Festanstellung versprochen worden sei, act.
G 3/A101). Während des Arbeitsverhältnisses bei der C._ leistete der
Beschwerdeführer pro Monat ungefähr 200 Stunden, darunter angeordnete
Überstunden (Protokoll des Personalberaters vom 2. September 2010, act. G 3/A101;
zu den Lohnabrechnungen vgl. act. G 3/B82). Im Schreiben vom 16. September 2010
(Posteingang beim Beschwerdegegner) bestätigte die B._ dass der Einsatzbetrieb
dem Beschwerdeführer nach der drei- oder viermonatigen temporären Anstellung eine
Festanstellung "zugesprochen" habe (act. G 3/A105). Der Einsatzbetrieb äusserte sich
im Schreiben vom 27. September 2010 zur Anstellung des Beschwerdeführers. Obwohl
der Einsatzbetrieb vorgängig davon ausgegangen sei, dass aus dieser temporären
Beschäftigung eine Festanstellung resultieren könnte, habe man Ende August 2010
infolge personeller Veränderungen in einem anderen Betriebszweig davon absehen
müssen (act. G 1.3).
2.2 Im Licht dieser Umstände ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass dem Beschwerdeführer eine Festanstellung nicht bloss in Aussicht
gestellt, sondern zugesichert worden ist. Zumindest durfte er von einer zugesicherten
Festanstellung ausgehen, zumal seine Arbeitskraft vom Einsatzbetrieb stark
nachgefragt wurde (vgl. Protokoll des Personalberaters vom 2. September 2010, act.
G 3/A101, und die Lohnabrechnungen des Einsatzbetriebs, act. G 3/B82) und die
kurzfristige Beendigung nicht absehbar war. Diese Betrachtungsweise findet ihre
Bestätigung darin, dass der Arbeitsvertrag nicht innert der für die ersten drei Monate
ununterbrochener Anstellung vorgesehenen Kündigungsfrist von zwei Tagen aufgelöst
wurde, sondern die für die auf drei Monate verlängerte Probezeit "für Einsätze auf
unbestimmte Zeit" geltende gesetzliche Kündigungsfrist von sieben Tagen (Art. 335b
Abs. 1 des Obligationenrechts [OR; SR 220]) beachtet wurde (Kündigung am
20. August per 27. August 2010, act. G 3/A99; zu den entsprechenden vertraglichen
Abreden vgl. act. G 3/A94). Es bestand daher seit Beginn des Arbeitsverhältnisses am
26. Mai 2010 bis zur Kündigung vom 20. August 2010 für den Beschwerdeführer keine
Pflicht zur Vornahme von Arbeitsbemühungen. Daran ändert auch das allgemeine
Informationsschreiben des Beschwerdegegners vom 27. Mai 2010 nichts (act. G 3/
A81), worin generell das Vorgehen bei erneuter Arbeitslosigkeit im Zusammenhang
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sowohl mit einem befristeten/temporären als auch mit einem unbefristeten
Arbeitsverhältnis erläutert wurde. Es ergeben sich daraus keine konkreten
Feststellungen bezüglich des fraglichen Arbeitsverhältnisses.
2.3 Hingegen kann dem Beschwerdeführer der Vorwurf fehlender Arbeitsbemühungen
ab Kenntnisnahme der Kündigung am 20. August bis zum 29. August 2010 (Eintritt der
Arbeitslosigkeit am 30. August 2010) nicht erspart bleiben (zu den fehlenden
Arbeitsbemühungen vgl. act. G 3/A93). Es sind für diese Unterlassungen keine
rechtfertigenden Gründe ersichtlich. In der Regel werden von Stellensuchenden zwei
bis drei Bewerbungen pro Woche verlangt, wobei eine allgemein gültige Aussage über
die erforderliche Mindestanzahl an Bewerbungen nicht möglich ist, sondern sich nach
den konkreten Umständen beurteilt (Urteil des EVG vom 3. Juli 2003, C 286/02, E. 1).
Bei der Bemessung der Sanktionshöhe ist zu berücksichtigen, dass der dem
angefochtenen Einspracheentscheid zugrunde liegende Vorwurf der fehlenden
Arbeitsbemühungen vor der Arbeitslosigkeit den Beschwerdeführer nur für eine kurze
Dauer von knapp zehn Tagen trifft. Insgesamt ist von einem leichten Verschulden
auszugehen und es erscheint eine Reduktion der Einstelldauer auf zwei Tage
angemessen.
3.
3.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die
Einstelltage sind von 17 auf zwei Tage zu reduzieren.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
3.3 Der teilweise obsiegende Beschwerdeführer hat Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Im vorliegenden
Fall erscheint unter Berücksichtigung des praktisch vollständigen Obsiegens des
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Beschwerdeführers und des gebotenen anwaltlichen Aufwandes eine
Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP