Decision ID: 315499d2-7462-5920-8a09-70dae8b223b2
Year: 2017
Language: de
Court: FR_TC
Chamber: FR_TC_007
Canton: FR
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

dass mit der Beschwerde an das Kantonsgericht die Verletzung des Rechts einschliesslich  oder Missbrauch des Ermessens sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden kann, die Rüge der Unangemessenheit aber vorliegend ausgeschlossen ist (Art. 77 f. VRG);
dass gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. d SVG der Führerausweis nach einer schweren Widerhandlung auf unbestimmte Zeit, mindestens aber für zwei Jahre, entzogen wird, wenn in den  zehn Jahren der Ausweis zweimal wegen schweren Widerhandlungen entzogen war;
dass letzteres Kriterium vorliegend erfüllt ist, da dem Beschwerdeführer in den Jahren 2010 und 2011 (Datum der Verfügungen) der Führerausweis zweimal wegen schweren Widerhandlungen entzogen war;
dass hinsichtlich der erneuten (dritten) Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften darauf hinzuweisen ist, dass nach Art. 16c Abs. 1 lit. c SVG eine schwere Widerhandlung begeht, wer wegen Betäubungs- oder Arzneimitteleinfluss oder aus anderen Gründen fahrunfähig ist und in diesem Zustand ein Motorfahrzeug führt;
dass das Regionalgericht Bern-Mittelland den Beschwerdeführer mit Urteil vom 4. Mai 2017 von der Anschuldigung des Fahrens in fahrunfähigem Zustand, angeblich begangen am 19. Juni 2016, freigesprochen hat. Er wurde vielmehr (lediglich) wegen der Hinderung einer Amtshandlung und der einfachen Verkehrsregelverletzung (Nichtbeachten des Signals "Verbot für Motorwagen und Motorräder"), beides begangen am 19. Juni 2016, schuldig gesprochen;
dass das schweizerische Recht im Bereich der Ahndung von Straftaten betreffend den  das System des Dualismus von Straf- und Administrativverfahren kennt: Der Strafrichter spricht die von den Strafbestimmungen des SVG (Art. 90 ff. SVG) und vom Strafgesetzbuch  Strafsanktionen aus (Busse, Geldstrafe, gemeinnützige Arbeit oder Freiheitsstrafe), während die zuständigen Administrativbehörden über die in den Art. 16 ff. SVG vorgesehenen Administrativmassnahmen (Verwarnung oder Entzug des Führerausweises) entscheiden (BGE 137 I 363 E. 2.3). Eine gewisse Koordination dieser beiden Verfahren drängt sich demnach auf (BGE 139 II 95 E. 3.2);
dass die Rechtsprechung somit festlegte, dass grundsätzlich die Verwaltungsbehörde, die über einen Führerausweisentzug entscheidet, nicht von den Sachverhaltsfeststellungen eines  Strafurteils abweichen darf. Die Rechtssicherheit gebietet zu vermeiden, dass die  des Straf- und des Verwaltungsrichters zu entgegengesetzten Urteilen führt, die auf der Grundlage des gleichen Sachverhalts ergehen (BGE 137 I 363 E. 2.3.2). Die Verwaltungsbehörde kann nur vom Strafurteil abweichen, wenn sie in der Lage ist, ihren Entscheid auf  zu stützen, die dem Strafrichter unbekannt sind oder die von diesem nicht  wurden, wenn neue Beweise bestehen, deren Würdigung zu einem anderen Ergebnis führt, wenn die Beurteilung durch den Strafrichter klar dem festgestellten Sachverhalt widerspricht oder wenn der Strafrichter nicht alle Rechtsfragen geklärt hat, insbesondere diejenigen, welche die Verletzung der Strassenverkehrsregeln betreffen (BGE 129 II E. 2.4; 105 Ib 18 E. 1a; 139 II 95 E. 3.2);
dass sich die vorliegend von der Vorinstanz ausgesprochene Massnahme auf Art. 16c Abs. 1 lit. c SVG in Verbindung mit dessen Abs. 2 lit. d stützt. Nach der zweitgenannten Bestimmung gilt der Lenker – aufgrund der zwei in den vergangenen zehn Jahren begangenen Vortaten, die schwere
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Widerhandlungen im Sinne von Art. 16c Abs. 1 SVG darstellen – generell als fahrunfähig; dies wegen der Gefahr, die er für die anderen Verkehrsteilnehmer darstellt. Die verfügte Massnahme stellt demnach nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung einen Sicherungsentzug dar (BGE 139 II 95 E. 3.4.1 und 3.4.2);
dass im Gegensatz zum Sicherungsentzug gemäss Art. 16d SVG die Massnahme nach Art. 16c Abs. 2 lit. d SVG keine genaue Untersuchung der Fahruntauglichkeit vorsieht, sondern einzig auf der Fiktion beruht, die sich aus dem Vorliegen einer schweren Widerhandlung gegen das SVG ergibt und sich zu weiteren Widerhandlungen, die innert der vom Gesetz vorgesehenen Frist von zehn Jahren begangen wurden, anreiht. Somit ist, wie beim Warnungsentzug, die relevante Frage, ob eine (neue) Widerhandlung begangen wurde, und nicht, ob die beteiligte Person immer noch fahrtauglich ist. In diesem Zusammenhang muss der Grundsatz der Koordination des Straf- und des Administrativverfahrens massgebend sein. Ausserdem stellt der automatische Entzug des Führerausweises auf unbestimmte Zeit – auch wenn er nicht vorrangig einen Strafzweck hat – zweifellos einen schweren Eingriff in die Privatsphäre des Betroffenen dar. Eine Massnahme auf der Grundlage von Tatsachen zu treffen, die vom Strafrichter wegen ihrer rechtswidrigen  ausgeschlossen wurden, verstösst daher gegen die Rechtssicherheit, die das Prinzip der Koordination des Strafverfahrens und des Administrativverfahrens gerade zu bewahren bezweckt (BGE 139 II 95 E. 3.4.3);
dass nach dem Vorgesagten aufgrund des Freispruchs im Strafverfahren betreffend das Fahren in fahrunfähigen Zustand davon auszugehen ist, dass der Beschwerdeführer den einschlägigen Tatbestand nach Art. 16c Abs. 1 lit. c SVG nicht erfüllte, und dass somit dieses Ereignis vom 19. Juni 2016 nicht als schwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften qualifiziert werden kann;
dass ferner auch die Hinderung einer Amtshandlung und das Nichtbeachten des Verbotssignals keine schweren Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften darstellen: Die Hinderung einer Amtshandlung im Sinne von Art. 286 des Schweizerischen Strafgesetzbuches vom 21. Dezember 1937 (StGB; SR 311.0) stellt keine Widerhandlung gegen die  dar (vgl. auch STRATENWERTH/WOHLERS, Handkommentar StGB, 3. Aufl. 2013, Art. 286 N. 3, wonach Art. 91a SVG dem Art. 286 StGB als speziellere Norm vorgeht). Zudem wird nach Art. 16 Abs. 2 SVG lediglich bei Widerhandlungen gegen Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (OBG; SR 741.03) ausgeschlossen ist, der Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen; dies ist hinsichtlich der Nichtbeachtung des Verbotssignals nicht der Fall, da dieses lediglich zu einer Busse gemäss der Ordnungsbussenverordnung vom 4. März 1996 (OBV; SR 741.031) führte;
dass damit keine erneute (dritte) schwere Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften vorliegt und mithin die Voraussetzungen von Art. 16c Abs. 2 lit. d SVG – wonach der Führerausweis nach einer schweren Widerhandlung auf unbestimmte Zeit, mindestens aber für zwei Jahre, entzogen wird, wenn in den vorangegangenen zehn Jahren der Ausweis zweimal wegen schweren Widerhandlungen entzogen war – nicht erfüllt sind;
dass jedoch aufgrund der vorliegenden Arztzeugnisse davon auszugehen ist, dass der  möglicherweise an einer bipolaren affektiven Störung leidet (vgl. insbesondere den  von Dr. I._ vom 4. Juli 2016, die eine bipolare affektive Störung diagnostizierte und darlegte, dass der Beschwerdeführer gegenwärtig eine manische Episode mit psychotischen
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Symptomen durchleide; vgl. auch den undatierten Bericht von Dr. med. J._, vom Beschwerdeführer am 17. Mai 2017 eingereicht, wonach der Beschwerdeführer vom 8. August 2016 bis zum 30. Dezember 2016 teilstationär bei ihm in psychiatrischer Behandlung war und seit dem 1. Januar 2017 bis auf weiteres von ihm ambulant psychiatrisch weiterbehandelt werde);
dass die Vorinstanz demnach im Rahmen eines neuen Administrativverfahrens insbesondere zu prüfen haben wird, ob der Beschwerdeführer möglicherweise im Sinne von Art. 16d Abs. 1 SVG nicht fahrgeeignet ist, da seine körperliche bzw. psychische Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht, um ein Motorfahrzeug sicher zu führen (vgl. hierzu in verfahrensrechtlicher Hinsicht insbesondere BGE 139 II 95 E. 3.5; zu einem Sicherungsentzug infolge einer bipolaren Störung vgl. namentlich den Entscheid der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen vom 8. Januar 2015: Demnach sei bei rezidivierenden depressiven Störungen und bipolaren [manisch-depressiven] Erkrankungen hinsichtlich der Fahrfähigkeit eine ausreichende Beobachtungszeit von in der Regel mindestens einem Jahr nach weitgehender Symptomfreiheit erforderlich). Der Vorinstanz wird es auch obliegen, ggf. für die Dauer eines entsprechenden Verfahrens betreffend einen möglichen Sicherungsentzug vorsorgliche Massnahmen zu prüfen;

dass damit im Ergebnis die Beschwerde im Sinne der Erwägungen teilweise gutzuheissen ist. Die angefochtene Verfügung ist aufzuheben und die Sache ist zu neuem Entscheid im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen;
dass bei diesem Verfahrensausgang der Beschwerdeführer als obsiegende Partei gilt. Es werden demnach keine Verfahrenskosten erhoben (Art. 131 Abs. 1 VRG; Art. 133 VRG) und der vom  geleistete Kostenvorschuss wird ihm zurückerstattet;
dass der Beschwerdeführer zudem Anspruch auf eine Parteientschädigung hat (Art. 137 Abs. 1 VRG), welche der Vorinstanz auferlegt wird. Die eingereichte Kostennote basiert insbesondere auf einem zu hohen Stundenansatz von CHF 260.- (anstatt CHF 250.-), und der ausgewiesene Aufwand erscheint mit Blick auf die relative Komplexität der Angelegenheit überhöht. Ex aequo et bono ist damit die Parteientschädigung auf CHF 2'800.- (Honorar und Auslagen; inkl. 8 % MwSt., ausmachend CHF 207.40.-) festzusetzen (vgl. Art. 11 TarifVJ).
(Dispositiv auf der nächsten Seite)
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