Decision ID: fba673ae-84d0-5250-a1af-262e40e82b22
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 15. November 2021 in der Schweiz um
Asyl nach (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1).
B.
Die Vorinstanz nahm am 19. November 2021 die Personalien des Be-
schwerdeführers auf und am 30. November 2021 gewährte sie ihm rechtli-
ches Gehör, unter anderem zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten Nichteintre-
tensentscheid, zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat sowie zu
seinem Gesundheitszustand (vgl. SEM-act. 15 und 18).
C.
Mit Verfügung vom 23. Februar 2022 – eröffnet am 24. Februar 2022 – trat
die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Italien an und
forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die ei-
ner allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende
Wirkung hin und beauftragte den Kanton Solothurn mit dem Vollzug der
Wegweisung (vgl. SEM-act. 30 ff.).
D.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am
2. März 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sinngemäss
beantragte er, die Verfügung vom 23. Februar 2022 sei aufzuheben, auf
sein Asylgesuch einzutreten und ein nationales Asylverfahren durchzufüh-
ren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung der Beschwerde, Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
(vgl. Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
E.
Am 3. März 2022 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in elekt-
ronischer Form vor, und gleichentags setzte die Instruktionsrichterin den
Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus (vgl.
BVGer-act. 2).
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Der Be-
schwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, am 3. November 2021 in Italien
illegal in den Dublin-Raum eingereist und dort nach seinem Aufgriff dakty-
loskopiert worden zu sein (vgl. SEM-act. 10). Sein Asylgesuch in der
Schweiz stellte er am 15. November 2021 und damit weniger als zwölf Mo-
nate nach dem illegalen Grenzübertritt in Italien. Das Aufnahmeersuchen
der Schweizer Behörden vom 18. November 2021 liessen die italienischen
Behörden innert der Frist von Art. 22 Abs. 1 Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) unbeantwortet (vgl. SEM-act. 13
und 25). Damit anerkannten sie die Zuständigkeit Italiens gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO implizit (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die
grundsätzliche Aufnahmezuständigkeit Italiens ist daher gegeben.
3.2. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, dass ihm in Italien gegen
seinen Willen die Fingerabdrücke genommen worden seien und dass er
nie beabsichtigt habe, in Italien ein Asylgesuch zu stellen, ist er darauf hin-
zuweisen, dass es ihm nicht freisteht, darüber zu bestimmen, ob und wann
seine Fingerabdrücke abgenommen und an die "Eurodac"-Datenbank
übermittelt werden (vgl. Urteil des BVGer F-599/2022 vom 14. Februar
2022 E. 3). Die Dublin-III-VO räumt zudem den Schutzsuchenden kein
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Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl.
BVGE 2010/45 E. 8.3).
4.
4.1. Der Beschwerdeführer bringt vor, Mitglied der Gülen-Bewegung zu
sein. Er habe in der Türkei lange beim Inlandgeheimdienst der Polizei ge-
arbeitet und sei deshalb ins Visier der türkischen Regierung geraten. Die
italienischen Behörden tauschten mit der türkischen Regierung Daten über
ihn aus. Aus den Medien wisse er, dass Menschen vom Sadat entführt wür-
den. Aus Gründen der Sicherheit könne er deshalb nicht in Italien bleiben.
Die Videos und Fotos, die er am 4. November 2021 anlässlich seiner Ein-
reise in Italien aufgenommen habe, seien von Journalisten der Presse zu-
gestellt worden. Er denke, dass er in Italien identifiziert worden sei. Zudem
gebe es in seinem Account des E-Government der Türkei ein Dokument,
aus dem hervorgehe, dass er die Türkei illegal verlassen habe (vgl. BVGer-
act. 1 und SEM-act. 18).
4.2. Seine Vorbringen untermauert der Beschwerdeführer mit einem vom
23. September 2021 datierten Schreiben des türkischen Justizministeri-
ums an die Staatsanwaltschaft der (türkischen) Provinz Adana, drei Medi-
enberichten vom 18. Juli 2016, vom 14. August 2021 und vom 3. November
2021 sowie mit Fotos, offenbar von seiner Ankunft in einem italienischen
Hafen im November 2021.
4.2.1. Während dem anonymisierten und nicht unterzeichneten Schreiben
vom 23. September 2021 kein Beweiswert attestiert werden kann, er-
scheint es den ins Recht gelegten Medienberichten zufolge zwar nicht als
ausgeschlossen, dass der türkische Staat versucht, regierungskritische
Personen im Ausland ausfindig zu machen. Inwiefern diese vom Be-
schwerdeführer angerufenen Beweismittel für seine Situation in Italien aber
wesentlich sein sollen, ist nicht ersichtlich. Dass die von ihm aufgenomme-
nen Videos und Fotos medial veröffentlich wurden, ist nicht belegt. Seine
Angaben in der Rechtsmittelschrift betreffend Inhaftierung in der Türkei und
Arbeit beim türkischen Inlandgeheimdienst der Polizei sind nicht nur gänz-
lich unsubstantiiert, sondern sprengen auch den Rahmen des hier festge-
legten Streitgegenstandes. Die Beurteilungskompetenz des Gerichts ist
vorliegend einzig auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist (vgl.
BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2; je m.w.H.). Asylgründe hat der Be-
schwerdeführer vor den italienischen Behörden im Rahmen eines Gesuchs
um internationalen Schutz vorzutragen.
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4.2.2. Italien kommt seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus der
EMRK, dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem Zusatzproto-
koll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) nach (vgl. Referenzurteil
des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9). Vorliegend ist daher
nicht davon auszugehen, dass Italien den Beschwerdeführer in Missach-
tung des Grundsatzes des Non-Refoulement zur Ausreise in die Türkei
zwingen wird. Es obliegt dem Beschwerdeführer, in Italien um internationa-
len Schutz, mithin um Zugang sowie Integration ins italienische Asylsystem
zu ersuchen (vgl. Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO). Ein konkretes und ernsthaf-
tes Risiko, die italienischen Behörden würden sich weigern, seinen Antrag
auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Richtlinie des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) zu prüfen, hat der Be-
schwerdeführer nicht dargetan. Italien ist ein Rechtsstaat, der über eine
funktionierende Polizeibehörde verfügt, die sowohl schutzfähig, als auch
schutzwillig ist und an die sich der Beschwerdeführer bei Bedarf wenden
kann (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer F-547/2022 vom 9. Februar 2022).
Es erscheint deshalb nicht als naheliegend, dass er in Italien vom türki-
schen Staat oder von diesem nahestehenden Organisationen belangt wird.
Dass seine illegale Ausreise in der Türkei behördlich festgestellt und regis-
triert wurde, steht einer Überstellung nach Italien ebenfalls nicht entgegen.
4.3. Aus dem von ihm ins Recht gelegten Urteil des Oberverwaltungsge-
richts Nordrhein-Westfalen 11 A 1674/20.A vom 20. Juli 2021 vermag der
Beschwerdeführer nichts für sich abzuleiten, zumal er nicht aufzeigt, wes-
halb ihm die italienischen Behörden nach Einreichung eines Antrages auf
internationalen Schutz das Recht auf Unterbringung in einer Einrichtung
entziehen sollten (vgl. dazu auch Urteil des BVGer F-3494/2021 vom
28. Oktober 2021 E. 4.3). Konkrete Hinweise darauf, dass er in Italien nicht
aufgenommen werden würde oder dass die italienischen Behörden ihm
dauerhaft die ihm zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthal-
ten könnten, sind nicht ersichtlich. Systemische Schwachstellen im italieni-
schen Asylsystem haben bisher weder das Bundesverwaltungsgericht,
noch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) erkannt
(vgl. Urteile des EGMR 46595/19 M.T. gegen die Niederlande vom
23. März 2021, Ziff. 48 ff.; 29217/12 Tarakhel gegen die Schweiz vom
4. November 2014, Ziff. 115; [Referenz-] Urteile des BVGer F-6330/2020
E. 9.1; E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3 ff.).
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4.4. Schliesslich sind die vom Beschwerdeführer angeführten gesundheit-
lichen Beeinträchtigungen (psychische Beschwerden, gedrückte Stim-
mung, verminderter Antrieb, psychomotorische Unruhe, Schlafprobleme,
Appetitlosigkeit und Gefühl des Lebensüberdrusses [vgl. SEM-act. 34]) bei
Weitem nicht derart gravierend, dass gestützt auf Art. 3 EMRK von einer
Überstellung nach Italien abgesehen werden müsste (vgl. dazu Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Medikamente (Mirtazapin) können ihm auf
Vorrat abgegeben, die psychologische Behandlung in Italien weitergeführt
werden, sobald er bei den italienischen Behörden ein Asylgesuch einge-
reicht hat.
5.
5.1. Italien bleibt somit für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungs-
verfahrens des Beschwerdeführers zuständig. Der angefochtene Ent-
scheid verletzt keine die Schweiz bindende völkerrechtliche Bestimmung.
Das ihr im Übrigen bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) in Verbindung mit
Art. 17 Dublin-III-VO zustehende Ermessen hat die Vorinstanz gesetzes-
konform ausgeübt (vgl. BVGE 2015/9 E. 8). Es ist nicht zu beanstanden,
dass sie das Vorliegen humanitärer Gründe verneint und vom Selbstein-
trittsrecht keinen Gebrauch gemacht hat. Zu Recht ist sie auf das Asylge-
such nicht eingetreten und hat die Überstellung des Beschwerdeführers
nach Italien verfügt. Die Beschwerde ist abzuweisen.
5.2. Da sich die Beschwerde als offensichtlich unbegründet erweist, ist sie
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei-
ten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). Das Ge-
such um Gewährung der aufschiebenden Wirkung ist mit Ausfällung des
vorliegenden Endentscheids gegenstandslos geworden.
6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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