Decision ID: d18a0de7-1603-46ee-adfe-638c11cd436b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Daniel Ehrenzeller, Engelgasse 214, 9053 Teufen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente / URV im Verwaltungsverfahren
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 10. April 2008 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 3 und 10).
A.b Am 4. Juni 2008 kontaktierte Dr. med. B._, Fachärztin FMH für Allgemeinmedizin
und Sozialmedizin, vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) den Hausarzt
der Versicherten, Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin. Dieser
führte aus, die Versicherte leide an einer somatoformen Schmerzstörung, medizinisch-
theoretisch bestehe aber volle Arbeitsfähigkeit; das Gesprächsprotokoll unterzeichnete
Dr. C._ am 6. Juni 2008 (IV-act. 20). Ebenfalls am 4. Juni 2008 kontaktierte die RAD-
Ärztin Dr. B._ die behandelnde Rheumatologin, Dr. med. D._, Fachärztin FMH für
Physikalische Medizin und Rehabilitation. Diese führte aus, die Versicherte leide an
protrahierten, nicht erklärlichen Beschwerden im rechten Arm nach einem
Bagatelltrauma am rechten Handgelenk sowie an chronischen therapieresistenten
lumbospondylogenen Beschwerden; es bestehe der Verdacht auf eine somatoforme
Schmerzstörung. Aktuell befinde sich die Versicherte in stationärer Behandlung auf der
Migrantenstation der Klinik E._. Eine IV-Anmeldung sei nicht angezeigt; zumindest für
leichte Tätigkeiten bestehe volle Arbeitsfähigkeit. Das Gesprächsprotokoll
unterzeichnete Dr. D._ am 9. Juni 2008 (IV-act. 23).
A.c Am 4. September 2008 erstatteten die behandelnden Ärzte der Psychiatrischen
Klinik E._ einen Arztbericht zuhanden der IV-Stelle. Darin diagnostizierten sie eine
Anpassungsstörung und eine somatoforme Schmerzstörung. Bezüglich Arbeitsfähigkeit
führten sie aus, es sei aus rein psychiatrischer Sicht von einer maximalen
Einschränkung von 50 % auszugehen (IV-act. 26).
A.d Am 30. September 2008 ging der IV-Stelle ein Bericht von Dr. med. F._,
Fachärztin FMH für Neurologie, vom 22. September 2008 zu, in welchem eine
somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert und aus neurologischer Sicht keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestiert worden war (IV-act. 35). Am
11. November 2008 ging der IV-Stelle sodann ein Gutachten von Dr. med. G._,
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Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 31. Oktober 2008 zu. Dieser
hatte eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome sowie die
Entwicklung körperlicher Symptome aus psychischen Gründen diagnostiziert, eine
80%ige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten attestiert und ausgeführt,
mittelfristig sei sicherlich eine deutliche Verbesserung des Zustandes zu erwarten; es
empfehle sich dringend eine psychiatrische sowie adäquate antidepressive
Behandlung, vorzugsweise im stationären Rahmen (IV-act. 40).
A.e Am 20. März 2009 erstatteten die behandelnden Ärzte der Klinik H._ – die
Versicherte hatte sich vom 8. Dezember 2008 bis 13. Februar 2009 in stationärer
Behandlung dort befunden – einen Arztbericht. Sie diagnostizierten einen dissoziativen
Stupor mit Anteilen einer generalisierten Angststörung sowie (ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit) eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und attestierten eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit bis mindestens 28. Februar 2009 (IV-act. 50).
A.f Am 5. Mai 2009 erstattete Dr. med. I._, Fachärztin FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, einen Arztbericht, in welchem sie eine mittelgradige depressive
Episode mit somatischem Syndrom, einen dissoziativen Stupor sowie eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung diagnostizierte und eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bis
auf weiteres attestierte (IV-act. 51).
A.g Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die J._ am 17. September 2010 einen Bericht
betreffend eine im Zeitraum vom 28. Juli bis 28. August 2010 durchgeführte
Observation der Versicherten. Die Versicherte habe sich während den Ermittlungen
sowohl im Bereich ihres Wohnortes als auch unterwegs recht aktiv gezeigt. Sie habe
kontaktfreudig und kommunikativ gewirkt, Besorgungen getätigt, dabei auch schwere
Sachen gehoben und getragen und insgesamt einen natürlichen, entspannten und
unauffälligen Eindruck hinterlassen (IV-act. 60).
A.h In einer internen Stellungnahme vom 5. Oktober 2010 hielt der RAD-Arzt
Dr. med. K._, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin, fest, mittels der
Observationsergebnisse könnten alle „von den Ärzten monierten invalidisierenden
Diagnosen“ entkräftet werden; die Versicherte sei völlig gesund, und es sei durch die
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Observation erwiesen, dass sie die ärztlichen Untersucher in die Irre geführt habe (IV-
act. 62).
A.i Am 20. Oktober 2010 konfrontierte der zuständige Sachbearbeiter die Versicherte
mit den Ergebnissen der Observation (IV-act. 63 f.).
A.j Mit Vorbescheid vom 16. November 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass die
Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei (IV-act. 68).
A.k Dagegen liess die nun anwaltlich vertretene Versicherte am 17. Dezember 2010 (IV-
act. 72) und am 26. Januar 2011 (IV-act. 78–1 ff.) Einwand erheben. Sie liess geltend
machen, ihren Aussagen anlässlich der Konfrontation vom 20. Oktober 2010 könne
keine Bedeutung zukommen, da sie unter Medikamenteneinfluss gestanden habe, der
Dolmetscher nicht korrekt übersetzt habe und sie unter Druck gesetzt worden sei.
Sodann liess sie ausführen, sie sei von den Ärzten angewiesen worden, das Haus
regelmässig zu verlassen; wenn sie ausser Haus gewesen sei, dann auf Druck der
Angehörigen und der Ärzte. Zudem habe sie das Haus stets nur in Begleitung
verlassen. Anlässlich der verdeckten Ermittlung sei sie ausserdem weder bei der
Ausübung einer erwerblichen Tätigkeit noch bei Vergnügungen beobachtet worden. Die
Observationsergebnisse würden keinerlei Rückschlüsse auf eine erwerbliche Tätigkeit
zulassen; dies sei notwendigerweise medizinisch zu klären. Die Versicherte liess ihrem
Einwand den provisorischen Austrittsbericht der Klinik H._ vom 21. Januar 2011
betreffend die stationäre Behandlung vom 6. bis 21. Januar 2011 beilegen, in welchem
eine rezidivierende depressive Störung mit schwerer Episode und psychotischen
Symptomen sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert
worden waren (IV-act. 78–8 ff.). Dem Einwand lag schliesslich eine Stellungnahme des
Ehemannes betreffend den seines Erachtens schlechten Gesundheitszustand der
Versicherten bei (IV-act. 78–5 ff.). Am 11. Februar 2011 liess die Versicherte den
definitiven Austrittsbericht der Klinik H._ vom 26. Januar 2011 nachreichen. Darin
war eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden (IV-act. 80).
A.l Mit Verfügung vom 11. März 2011 wies die IV-Stelle das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren zufolge Rechtsmissbrauchs und
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Aussichtslosigkeit ab (IV-act. 81). Gleichentags verfügte sie die Abweisung des
Rentengesuchs gemäss Vorbescheid vom 16. November 2010 (IV-act. 82).
B.
B.a Dagegen richtet sich die am 8. April 2011 erhobene Beschwerde, mit der die
Zusprache mindestens einer Dreiviertelsrente mit Wirkung ab Januar 2008 und die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren
beantragt werden und Fragen zur Aussagekraft von Observationsberichten im
Allgemeinen aufgeworfen werden: Wie der Umstand zu werten sei, dass die
Observateure kaum über Hintergrundwissen zum Fall verfügen würden, inwieweit eine
versicherte Person alltägliche Verrichtungen tätigen könne, ohne dass deswegen von
Arbeitsfähigkeit auszugehen sei, inwiefern den natürlichen Schwankungen der
Befindlichkeit bei Observationen genügend Rechnung getragen werde und wie es sich
verhalte, wenn eine versicherte Person vom Arzt angewiesen werde, unter die Leute zu
gehen und Aufgaben im Alltag zu übernehmen. Im vorliegenden Fall würden die
Observationsergebnisse weder die Verrichtung von erwerblicher Arbeit noch
Vergnügungen belegen, sondern vielmehr belegen, dass die Beschwerdeführerin
gesundheitlich beeinträchtigt sei. Bei der Konfrontation mit den
Observationsergebnissen handle es sich sodann um ein eigentliches Verhör. Es stelle
sich die Frage, ob die Versicherten nicht Anspruch auf strafprozessuale Rechte haben
müssten. Abschliessend lässt die Beschwerdeführerin die Vernichtung der
Befragungsprotokolle und die Einholung eines Verlaufsberichts beantragen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
einzutreten sei. In ihrer Beschwerdeantwort vom 30. Juni 2011 führte sie zur
Begründung im Wesentlichen aus, mittels Observationen könnten die in den Akten
dokumentierten Einschränkungen und medizinischen Einschätzungen anhand des im
alltäglichen Leben gezeigten Verhaltens verifiziert oder falsifiziert werden; vorliegend
würden die Observationsergebnisse erhebliche Zweifel an den vorherigen
medizinischen Einschätzungen aufkommen lassen. Diesbezüglich werde auf die
medizinische Würdigung vom 5. Oktober 2010 verwiesen. Sodann sei die Konfrontation
als korrekt erfolgt zu qualifizieren. Gesamthaft sei ein versicherungsrechtlich relevanter
Gesundheitsschaden weder nachgewiesen noch nachweisbar. Da schliesslich die
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Beschwerde gegen die Verfügung vom 11. März 2011 betreffend unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren unbegründet sei, sei nicht darauf
einzutreten (act. G 6).
B.c Mit Replik vom 29. August 2011 liess die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten (act. G 8).
B.d Auch die Beschwerdegegnerin liess mit Duplik vom 19. September 2011 an ihren
Anträgen festhalten und ein weiteres Aktenstück einreichen (act. G 10).
B.e Die Beschwerdeführerin liess am 29. September 2011 Stellung zum nachträglich
eingereichten Aktenstück nehmen (act. G 12).

Erwägungen:
1.
Wenn auch die Beschwerdeführerin in ihren Eingaben nicht geltend gemacht hat, die
Observation sei unzulässig gewesen und deren Ergebnisse seien entsprechend aus
den Akten zu entfernen – sie beantragte lediglich die Entfernung der Protokolle über
das Konfrontationsgespräch sowie des anlässlich desselben erstellten Videos –, ist
doch von Amtes wegen zu prüfen, ob die Observation zulässig war. In BGE 137 I 327
hat das Bundesgericht unter anderem festgehalten, die Durchführung einer
Observation könne geboten sein, wenn beispielsweise Hinweise auf widersprüchliches
Verhalten der versicherten Person, Zweifel an der Redlichkeit derselben, bei
Inkonsistenzen anlässlich der medizinischen Untersuchung, Aggravation, Simulation
oder Selbstschädigung vorlägen; dass von den Ärzten im dort zu beurteilenden Fall
eine erhebliche Symptomausweitung festgestellt worden sei bzw. die Schmerzen als
nur teilweise somatisch erklärbar qualifiziert worden seien, genüge, um die
durchgeführte Observation als geboten zu qualifizieren (E. 5.4.2). Diese Ausführungen
können nur so verstanden werden, als bereits bei Vorliegen somatisch nicht
hinreichend erklärbarer Beschwerden oder bei Feststellung von Symptomausweitung
oder Aggravation grundsätzlich ohne Weiteres eine Observation angeordnet werden
kann. Konkret fassbare Indizien oder Verdachtsmomente auf bewusst
widersprüchliches oder unredliches Verhalten werden mithin offenbar nicht verlangt.
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Ob damit dem Umstand, dass eine Observation regelmässig einen doch erheblichen
Eingriff in die Grundrechte der versicherten Person darstellt, genügend Rechnung
getragen wird, erscheint fraglich. Der erwähnte Entscheid wurde denn auch – nicht nur
aus diesem Grund – in der Lehre kritisiert (Lucien Müller, Observation von IV-
Versicherten: Wenn der Zweck die Mittel heiligt, in: Jusletter vom 19. Dezember 2011).
Im vorliegenden Fall lagen „konkrete Anhaltspunkte (...), die Zweifel an den
geäusserten gesundheitlichen Beschwerden oder der geltend gemachten
Arbeitsunfähigkeit aufkommen lassen“ (BGE 137 I 327 E. 5.4.2.1 S. 332 f.) gemäss
Akten insofern vor, als die Beschwerdeführerin Beschwerden geltend machte, für
welche die Ärzte keine hinreichende somatische Erklärung fanden. Zwar verneinte
Dr. G._ „Hinweise für eine willentliche Herbeiführung oder massive Verdeutlichung
psychischer oder körperlicher Störungen im Sinne einer Aggravation oder Simulation“
explizit (IV-act. 40–14), doch hielt er an anderer Stelle fest: „Die Schmerzdarbietung ist
ein Stück weit inkonsistent, mit starken Verdeutlichungstendenzen als Hinweise für
eine Aggravation“ (IV-act. 40–17), und diagnostizierte er eine Entwicklung körperlicher
Symptome aus psychischen Gründen im Sinne von ICD-10 F68.0, welche sich unter
anderem durch Aggravation auszeichnet (vgl. IV-act. 40–17). Das Gutachten erweist
sich mithin diesbezüglich als widersprüchlich. Vor dem Hintergrund der weiteren
Berichte erweisen sich auch weitere Punkte des Gutachtens (insbesondere der
erhobene Psychostatus und das attestierte Ausmass der
Arbeitsfähigkeitseinschränkung) als nicht plausibel bzw. nicht nachvollziehbar. Wiewohl
diese Umstände den Beweiswert des Gutachtens von Dr. G._ schmälern, bedeutet
dies nicht ohne Weiteres auch, dass damit genügende Verdachtsmomente für die
Erteilung eines Observationsauftrages vorlagen. Immerhin waren die Inkonsistenzen
namentlich gemäss Gutachten von Dr. G._ erkennbar, und hatten sich auch bereits
die behandelnden Ärzte zur Frage einer allfälligen Aggravation geäussert, sodass es
einem medizinischen Gutachter wohl möglich gewesen wäre, eine zuverlässige
Arbeitsfähigkeitsschätzung unter Berücksichtigung dieser Umstände abzugeben, ohne
dass zuvor mittels Observation erheblich in die Persönlichkeitsrechte der
Beschwerdeführerin hätte eingegriffen werden müssen. Im Lichte der oben erwähnten
bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist aber die Zulässigkeit der Observation
dennoch zu akzeptieren.
2.
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Eine Observation dient naturgemäss einem anderen Zweck als eine medizinische
Untersuchung: Während letztere insbesondere die Fragen, ob ein Gesundheitsschaden
vorliegt und wie sich dieser allenfalls auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt, zu beantworten
hat, soll erstere verifizieren oder falsifizieren, dass sich die versicherte Person im
(vermeintlich unbeobachteten) Alltag übereinstimmend zur Untersuchungssituation
verhält. Es geht also – wie beide Parteien zu Recht anerkennen – nicht darum, anhand
von Observationsergebnissen eine Arbeitsfähigkeitsschätzung abzugeben, sondern
darum, die Zuverlässigkeit von medizinischen Beurteilungen mittels vergleichender
Beobachtung ausserhalb einer Untersuchungssituation zu überprüfen. Mittels
Würdigung der Observationsergebnisse wird daher in erster Linie die Frage
beantwortet, ob auf die vorhandenen medizinischen Berichte abgestellt werden kann.
Vorliegend belegen die Observationsergebnisse hinsichtlich des Verhaltens der
Beschwerdeführerin eine erhebliche Diskrepanz zwischen Untersuchungssituation und
Alltag, sodass die Zuverlässigkeit der zuvor erstellten medizinischen Berichte,
namentlich des Gutachtens von Dr. G._ und der Berichte der Psychiatrischen Klinik
E._, der Klinik H._ und von Dr. I._, in Zweifel zu ziehen ist. Die Fähigkeit der
Beschwerdeführerin, selbst ein Motorfahrzeug – auch über längere Strecken und unter
erschwerten Bedingungen (Autobahnbaustelle) – zu lenken, verschiedene Besorgungen
zu erledigen, stark frequentierte Geschäfte aufzusuchen und sich in völlig unauffälliger
Weise mit Bekannten zu unterhalten, lässt sich mit dem in den erwähnten
Untersuchungssituationen präsentierten Zustand nur schwerlich vereinbaren. Auf die
entsprechenden Berichte bzw. Arbeitsfähigkeitsschätzungen kann daher nicht
abgestellt werden.
3.
Die Bemessung des Invaliditätsgrades setzt zuverlässige fachärztliche Aussagen
insbesondere zum Gesundheitszustand und allfälligen gesundheitsbedingten Ein
schränkungen der Arbeitsfähigkeit in qualitativer und quantitativer Hinsicht voraus.
Nachdem diesbezüglich auf die Berichte der behandelnden Ärzte und das Gutachten
von Dr. G._ nicht abgestellt werden kann, käme hierfür einzig die Aktenbeurteilung
des RAD-Arztes Dr. K._ in Frage, da dieser dabei den Ergebnissen der Observation
Rechnung getragen hat. Allerdings stellt auch diese Beurteilung keine genügende
Grundlage für die Bemessung des Invaliditätsgrades dar, da sich Dr. K._ – der im
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Übrigen nicht Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist – im Grunde damit
begnügt, festzustellen, dass erhebliche Diskrepanzen zwischen den medizinischen
Berichten und den Observationsergebnissen bezüglich des Verhaltens der
Beschwerdeführerin bestehen. Dies ist aber ohne weiteres auch für medizinische Laien
erkennbar. Für einen Laien ohne psychiatrische Ausbildung hingegen nicht feststellbar
ist, ob die (sich aufdrängende) Vermutung, die Beschwerdeführerin habe sich
zumindest bewusstseinsnah in Untersuchungssituationen anders präsentiert als im
Alltag und sei in der Lage, einer erwerblichen Tätigkeit nachzugehen, zutrifft oder ob
allenfalls eine alternative Deutung, wie etwa das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung
bzw. einer dissoziativen Störung – die Diagnose eines dissoziativen Stupors (ICD-10
F44.2) war seitens der Klinik H._ (IV-act. 50–2) und von Dr. I._ (IV-act. 51–2)
immerhin bereits genannt worden – oder einer anderen, solches Verhalten erklärenden
psychiatrischen Beeinträchtigung als wahrscheinlicher anzusehen ist. In dieser
Situation hätte es sich aufgedrängt, die Beschwerdeführerin einer weiteren
psychiatrischen Begutachtung zu unterziehen, wobei der Gutachter seine Beurteilung
in Kenntnis der Observationsergebnisse und nach einer weiteren Untersuchung der
Beschwerdeführerin abgegeben hätte. Unter Umständen hätte indessen auch eine
Beurteilung durch einen Facharzt des RAD genügt. Die knappe Aktenbeurteilung durch
einen Allgemeinmediziner genügt hingegen nicht als Grundlage für die Beurteilung des
Rentengesuchs.
4.
4.1 Desweiteren stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck des von der
Beschwerdegegnerin durchgeführten Standort- und Konfrontationsgesprächs. Freilich
ist die betroffene Person über die Observation und deren Ergebnisse in Kenntnis zu
setzen, und hat sie Anspruch auf Wahrung ihrer Gehörsrechte. Da, wie oben dargelegt,
eine fachärztliche Beurteilung in Kenntnis der Observationsergebnisse und allenfalls
nach neuerlicher Untersuchung regelmässig notwendig ist, stellt sich aber die Frage,
weshalb die Beschwerdegegnerin das entsprechende Gespräch nicht in Anwesenheit
eines Facharztes durchführt. Dieser könnte gezielte Fragen stellen, die es ihm erlauben
würden, anschliessend eine medizinisch fundierte Beurteilung abzugeben, und anstelle
eines reinen Gesprächsprotokolls läge diesfalls eine medizinische Beurteilung vor, die
allenfalls sogar die Beurteilung des Rentenanspruchs rechtsgenüglich erlauben würde.
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Bei solchem Vorgehen würde sich auch nicht die Frage stellen, ob der Versicherten
strafprozessuale Rechte zuzuerkennen wären, denn es würde sich beim ent
sprechenden Gespräch nicht um eine eigentliche Einvernahme, sondern einerseits um
eine Form der Wahrung der Gehörsrechte und andererseits um eine medizinische
Untersuchung unter Beizug der Observationsergebnisse im Sinne
fremdanamnestischer Angaben handeln.
4.2 Vorliegend hat die Beschwerdeführerin unabhängig davon, ob sie zumindest be
wusstseinsnah in Untersuchungssituationen ein anderes Verhalten als im Alltag gezeigt
hat, Anspruch darauf, von Seiten der Versicherungsträger – als Bundesrecht
vollziehende Behörden – fair behandelt zu werden. Dazu kann gehören, die
Beschwerdeführerin im Vorfeld darauf hinzuweisen, dass nicht nur ein
„Standortgespräch“ geplant sei, sondern sie mit neuen Beweisen konfrontiert werden
soll und entsprechend der Beizug eines Rechtsvertreters zu prüfen sei. Es entspricht
nicht einem fairen Verhalten, dass die Beschwerdegegnerin in der „Einvernahme“ mit
Sätzen wie: „Ich bin schockiert über ihren tatsächlichen Gesundheitszustand“ (IV-
act. 63–5) ein bewusst falsches Bild ihrer Einschätzung vermittelt, die
Beschwerdeführerin ohne genügende Beweise der Täuschung bezichtigt („Wir wissen,
dass Sie die Ärzte und Gutachter über ihren Gesundheitszustand getäuscht haben!“;
IV-act. 64–2) und sie noch in diesem Gespräch zur Zusicherung drängen will, eine
leistungsabweisende Verfügung zu akzeptieren.
4.3 Die Beschwerdeführerin beantragt die Entfernung der Einvernahmeprotokolle aus
den Akten. Im Verwaltungsverfahrensrecht gilt ebenso wie im Strafprozessrecht der
Grundsatz, dass unrechtmässig erlangte Beweise unter bestimmten Voraussetzungen
nicht verwertet werden dürfen – wobei allerdings die im Strafprozessrecht entwickelten
Grundsätze nicht unbesehen auf das Verwaltungsverfahren zu übertragen sind
(Thomas Merkli/Arthur Aeschlimann/Ruth Herzog, Kommentar zum Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, 1997, Art. 19 N 9). Gemäss Art. 141 Abs. 1
der Strafprozessordnung (StPO; SR 312) sind Beweise, die in Verletzung von Art. 140
StPO - wonach Zwangsmittel, Gewaltanwendung, Drohungen, Versprechungen,
Täuschungen und Mittel, welche die Denkfähigkeit oder die Willensfreiheit einer Person
beeinträchtigen können, bei der Beweiserhebung untersagt und auch dann unzulässig
sind, wenn die betroffene Person ihrer Anwendung zustimmt - erhoben wurden, in
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keinem Falle verwertbar. Auch Beweise, die Strafbehörden in strafbarer Weise oder
unter Verletzung von Gültigkeitsvorschriften erhoben haben, dürfen nicht verwertet
werden, es sei denn, ihre Verwertung sei zur Aufklärung schwerer Straftaten
unerlässlich (Art. 141 Abs. 2 StPO). Im Verwaltungsverfahren dürfen gemäss
höchstrichterlicher Rechtsprechung unrechtmässig erhobene Beweise dagegen auch
dann allenfalls verwertet werden, wenn sie auch rechtmässig hätten beschafft werden
können und wenn bei ihrer Erhebung kein Rechtsgut verletzt wurde, das im konkreten
Fall den Vorrang vor dem Interesse an der Erforschung der Wahrheit und der
Durchsetzung des Rechts verdient (vgl. BGE 120 V 435 E. 3b S. 439 f. mit Hinweisen).
Vorliegend stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob die Vorgehensweise des
Sachbearbeiters der Beschwerdegegnerin im Rahmen des Standort- und
Konfrontationsgesprächs als unzulässige Beweiserhebungsmethode analog Art. 140
Abs. 1 StPO zu qualifizieren ist und die entsprechenden Protokolle demgemäss aus
dem Recht zu weisen sind bzw. deren beweisrechtliche Verwertung zu untersagen –
und damit dem Antrag der Beschwerdeführerin sinngemäss zu folgen – ist.
Diesbezüglich ist zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführerin mittels
Überrumpelung und Druck (Hinweise auf straf- und zivilrechtliche Folgen) in eine
Situation versetzt wurde, in der es ihr offenbar nicht mehr möglich war, nach freiem
Willen zu antworten. Immerhin wurde sie mit dem Vorwurf einer gleichsam
nachgewiesenen Täuschung konfrontiert, sodass sie davon ausgehen musste, ihrer
Entgegnung komme ohnehin kein erhebliches Gewicht mehr zu; zudem wurden ihr
weitreichende straf- und zivilrechtliche Konsequenzen in Aussicht gestellt und zugleich
angeboten, auf entsprechende Schritte werde verzichtet, wenn sie in eine abweisende
Verfügung – die aus Sicht der Beschwerdeführerin ja ohnehin zu erwarten war –
einwilligen würde. Entsprechend stimmte sie quasi willenlos allem zu, was ihr
vorgehalten wurde. Ausserhalb einer derart ausserordentlichen Situation hätte die
Beschwerdeführerin mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht dieselben Aussagen
gemacht; auf rechtmässigem Wege hätten die entsprechenden Beweismittel mithin
nicht beschafft werden können. Dem Protokoll ist daher nicht nur der Beweiswert
abzusprechen, sondern es ist auch als unverwertbar zu qualifizieren. Das bedeutet,
dass weitere Beweismittel, die wesentlich auf dem Protokoll beruhen, insbesondere
etwa ein medizinisches Gutachten, dessen Schlussfolgerungen sich wesentlich auf die
im Protokoll enthaltenen Aussagen der Beschwerdeführerin stützen, diesbezüglich
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ebenfalls als unverwertbar zu qualifizieren sind bzw. ihnen der Beweiswert
abzusprechen ist. Dem Anliegen der Beschwerdeführerin, aus dem Inhalt des
Protokolls keine Nachteile zu gewärtigen, ist damit sinngemäss entsprochen. Es ist
daher nicht notwendig, das Protokoll förmlich aus dem Recht zu weisen.
5.
Was den Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung betrifft, so hat die
Beschwerdeführerin zwar den Antrag auf Aufhebung der entsprechenden Verfügung
tatsächlich nicht näher begründet. Trotzdem ist auf das entsprechende Begehren ein
zugehen. In der nicht publizierten E. 8 seines Urteils 8C_272/2011 vom 11. November
2011 (BGE 137 I 327) hat das Bundesgericht ausgeführt, dass bezüglich des
Anspruchs auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung unter Umständen von
Rechtsmissbrauch auszugehen sei, namentlich wenn die versicherte Person bewusst
unwahre Aussagen mache oder Krankheitssymptome vortäusche. Da die Aktenlage im
jetzigen Zeitpunkt die Beantwortung der Frage, ob die Beschwerdeführerin bewusst
unwahre Aussagen gemacht oder Krankheitssymptome vorgetäuscht hat, nicht erlaubt,
kann gemäss erwähnter bundesgerichtlicher Argumentation auch noch nicht über den
Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren befunden
werden. Die Beschwerdegegnerin wird nach Durchführung der notwendigen
ergänzenden Abklärungen darüber das entsprechende Gesuch neu zu befinden haben.
6.
Im Sinne der obigen Ausführungen sind deshalb die angefochtenen Verfügungen
aufzuheben und ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zur Einholung einer
psychiatrisch-fachärztlichen Beurteilung unter Berücksichtigung der
Observationsergebnisse und anschliessender Verfügung über den Rentenanspruch und
den Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren
zurückzuweisen. Da die Rückweisung zu weiteren Abklärungen hinsichtlich der Kosten-
und Entschädigungsfolgen praxisgemäss als volles Obsiegen gilt, sind die gemäss
Art. 69 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20)
zu verlegenden und angesichts des durchschnittlichen Aufwands auf Fr. 600.--
festzusetzenden Gerichtskosten der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der
bis
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Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe
zurückerstattet. Sodann hat die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin mit einer
Pauschale von Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu
entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht