Decision ID: b75ed77f-0697-4e65-907b-05e7d29304df
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
H._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
IV-Leistungen
Sachverhalt:
A.
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H._ meldete sich am 10. März 2006 zum Bezug einer Invalidenrente an. Er gab dabei
u.a. an, er habe die Primar- und die Realschule besucht; einen Beruf habe er nicht
erlernt. Er sei immer schon arbeitslos gewesen. Die Kardiologie des Kantonsspitals St.
Gallen berichtete der IV-Stelle am 24. März 2006, der Versicherte leide an
Polytoxikomanie (iv. Drogenabusus mit Heroin und Kokain), Benzodiazepinabusus
(aktuell Teilnahme am Methadonprogramm), chronische Hepatitis C, HIV-Infektion A2
sowie - ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit - Trikuspidalklappenendokarditis. Der
Versicherte sei vom 3. März bis zum 29. Juni 2005 zu 100% arbeitsunfähig gewesen.
Der Gesundheitszustand sei stationär. Aus kardiologischer Sicht sei der Versicherte für
leichte bis mittelschwere Arbeiten vollschichtig einsetzbar. Eine Beurteilung hinsichtlich
der Polytoxikomanie, der chronischen Hepatitis C und der HIV-Infektion könne nicht
abgegeben werden. Dem Bericht an die IV-Stelle lagen Berichte vom 8. April 2005
(Hospitalisation 3. März bis 1. April 2005), vom 16. Juni 2005 (Hospitalisation vom 2.
Mai bis 15. Juni 2005) und vom 2. August 2005 (ambulant) bei.
B.
Dr. med. A._ berichtete der IV-Stelle am 2. Juli 2006, der Versicherte leide neben den
bereits bekannten Krankheiten an einer mittelgradigen depressiven Episode. Zur Zeit
befinde sich der Versicherte in einer stationären Drogenrehabilitation. Im geschützten
Rahmen lebe er ohne Drogen. Er klage über eine schnelle Ermüdbarkeit bei
körperlicher Betätigung, über eine Anstrengungsdyspnoe, über
Stimmungsschwankungen und über diffuse Ängste. Weiter gab Dr. med. A._ an,
wegen der kardial und infektiös bedingten schnellen körperlichen Erschöpfung mit
Atemnot sei eine körperlich leichte Arbeit höchstens zu 50% zumutbar. Der
Gesundheitszustand des Versicherten verschlechtere sich. Dr. med. A._ legte seinem
Bericht u.a. einen Austrittsbericht der Klinik St. Pirminsberg vom 24. August 2005 bei.
Der Versicherte hatte sich zur Vorbereitung einer Langzeitdrogentherapie für zwei
Monate dort aufgehalten. Die Hauptdiagnose hatte in Störungen durch multiplen
Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen bestanden. Der
Benzodiazepinentzug hatte komplikationslos durchgeführt und der Methadonkonsum
hatte gesenkt und dann auf dem entsprechend tiefen Niveau stabilisiert werden
können. Am 15. August 2005 war der Versicherte planmässig in die Langzeittherapie
übergetreten. In ihrem Austrittsbericht hatte die Klinik St. Pirminsberg angegeben, der
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Versicherte sei zu 100% arbeitsfähig. Dr. med. A._ legte auch einen Bericht der
Infektiologie/Spitalhygiene des Kantonsspitals St. Gallen vom 1. März 2006 bei. Laut
diesem Bericht war der Versicherte in einem recht guten Allgemeinzustand zur
planmässigen halbjährlichen Kontrolle erschienen. In den vorausgegangenen sechs
Monaten waren keine grösseren gesundheitlichen Probleme aufgetreten. Es gab keine
Hinweise auf eine kardiale Dekompensation. Die Laborkontrolle hatte ein unauffälliges
Ergebnis geliefert. Die immunologische Untersuchung hatte tendenziell eine
Verschlechterung aufgezeigt. Mit einer antiretroviralen Therapie hatte aber noch
zugewartet werden können. Die Ärzte des Kantonsspitals hatten Dr. med. A._
empfohlen, in drei Monaten erneut eine immunologische Laborkontrolle durchzuführen.
C.
Die Klinik St. Pirminsberg selbst berichtete der IV-Stelle am 5./10. Juli 2006, sie habe
den Versicherten letztmals am 15. August 2005 untersucht. Beim Klinikaustritt sei der
Versicherte motiviert gewesen, mit einer relativ niedrigen Dauersubstitution von
Methadon drogenfrei zu leben. Unter der Annahme einer erfolgreichen Behandlung in
der Langzeittherapie sei eine verhalten positive Prognose zu stellen. Der Versicherte sei
zu jenem Zeitpunkt weder akut eigen- oder fremdgefährdend noch psychotischem
Erleben ausgesetzt oder ausgeprägt depressiv gestimmt gewesen. Dr. med. B._ vom
RAD Ostschweiz hielt dazu am 26. Oktober 2006 fest, hinsichtlich der somatischen
Gesundheitsschäden (Trikuspidalinsuffizienz, HIV-Infektion, chronische Hepatitis V,
schwere Karies) sei der Versicherte gemäss den aktuellen Verlaufskontrollen
(Kantonsspital St. Gallen 1. März 2006, Stadtspital Triemli 29. September 2005) stabil
und nicht gravierend beeinträchtigt. Aus somatischer Sicht sei der Versicherte deshalb
voll arbeitsfähig. In den Berichten der Klinik St. Pirminsberg vom 24. August 2005 und
vom 5. Juli 2006 sei ausschliesslich die primäre Suchterkrankung dokumentiert
worden. Hinweise auf eine zusätzliche gravierende Depression oder eine sonstige
eigenständige psychische Erkrankung fehlten. Die Feststellung von Dr. med. A._, es
liege eine mittelgradige depressive Episode vor, sei weder fachärztlich belegt noch
medizinisch nachvollziehbar. Mit einem Vorbescheid vom 6. November 2006 teilte die
IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie sein Leistungsbegehren abweisen werde. Am
15. Dezember 2006 erging die Abweisungsverfügung.
D.
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Der Versicherte erhob am 15. Januar 2007 Beschwerde gegen diese Verfügung. Er
verwies auf ein Schreiben von Dr. med. A._ vom gleichen Tag, laut dem die Sucht zu
einem relevanten Gesundheitsschaden geführt hatte, der aus körperlichen Gründen
eine volle Arbeitstätigkeit verunmöglichte. Dr. med. A._ hatte folgende Diagnose
angegeben: HIV-Infektion Stadium A3, chronische Hepatitis C Genotyp I, St. n.
dreimaliger Trikuspidalendokarditis mit septischen Gelenks- und Lungenembolien und
Trikuspidalinsuffizienz, Polytoxikomanie (multipler Substanzgebrauch und
persistierender Alkohol- und Nikotinkonsum), mittelgradige depressive Episode und St.
n. diversen Operationen. Der Versicherte beantragte sinngemäss die Zusprache einer
Rente.
E.
Die IV-Stelle machte am 24. April 2007 geltend, Dr. med. A._ habe am 15. Januar
2007 nicht angegeben, wie die die Arbeitsfähigkeit des Versicherten beeinträchtigende
Gesundheitsschädigung genau aussehe. Die von ihm angegebenen Diagnosen
entsprächen den bereits mehrfach festgestellten Befunden. Die kardiologische
Gesundheitsschädigung schränke die Arbeitsfähigkeit für eine leichte bis mittelschwere
Tätigkeit nicht ein. Eine HIV-Infektion im Stadium A3 sei labormässig ausgewiesen,
habe sich aber klinisch noch nicht ausgewirkt. Es fänden sich in den vorliegenden
medizinischen Unterlagen keine Hinweise darauf, dass die HIV-Infektion zur Zeit eine
Arbeitsunfähigkeit bewirke. Die von Dr. med. A._ angegebene mittelschwere
depressive Episode finde in den Berichten der Klinik St. Pirminsberg keine Grundlage.
Eine Suchtkrankheit allein könne keine Arbeitsunfähigkeit bewirken.

Erwägungen:
1.
Der Grad der für einen allfälligen Rentenanspruch (Art. 28 Abs. 1 IVG) massgebenden
Invalidität ist gemäss Art. 16 ATSG durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln, bei
dem das Einkommen, das eine versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und
nach der Durchführung der notwendigen und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen
bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in
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Beziehung gesetzt wird zum Einkommen, das die versicherte Person erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Grundlage der Bemessung
des zumutbaren Invalideneinkommens - und damit in der Regel ausschlaggebendes
Element der Invaliditätsbemessung - ist die ärztliche Arbeitsfähigkeitsschätzung, bei
Hilfsarbeitern zusätzlich zusammen mit der ärztlichen Umschreibung einer der
Gesundheitsbeeinträchtigung bestmöglich Rechnung tragenden Tätigkeit. Massgebend
ist die Entwicklung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers bis zum Tag, an dem
die angefochtene Verfügung erlassen worden ist (vgl. etwa Thomas Locher, Grundriss
des Sozialversicherungsrechts. 3. A., S. 490 Rz 21).
2.
Dr. med. A._ hat am 2. Juli 2006 und - im Rahmen des Beschwerdeverfahrens - am
15. Januar 2007 angegeben, die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers sei auch in
einer körperlich leichten Erwerbstätigkeit erheblich (zu mindestens 50%) reduziert. Die
Beschwerdegegnerin hat diese Einschätzung als nicht überzeugend qualifiziert. Sie hat
sich dabei in bezug auf die somatischen Gesundheitsbeeinträchtigungen insbesondere
auf die Berichte der Kardiologie des Kantonsspitals St. Gallen vom 24. März 2006 und
der Infektiologie des Kantonsspitals St. Gallen vom 1. März 2006 gestützt. Der Bericht
der Kardiologie enthielt zwar eine Arbeitsfähigkeitsschätzung, aber ausdrücklich nur
aus kardiologischer Sicht. Im Bericht der Infektiologie fand sich keine
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Es war nur festgestellt worden, dass der Allgemeinzustand
des Beschwerdeführers recht gut gewesen sei. Es fehlt also nicht nur eine eindeutige
Arbeitsfähigkeitsschätzung aus infektiologischer Sicht, sondern vor allem auch eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung, die sowohl die Auswirkungen des kardiologischen
Problems als auch diejenigen der Hepatitis C, der HIV-Infektion und der Drogensucht in
ihrer Gesamtheit berücksichtigt. Mit den verschiedenen Berichten zu den somatischen
Gesundheitsbeeinträchtigungen des Beschwerdeführers lässt sich deshalb die
Arbeitsunfähigkeitsschätzung von Dr. med. A._ nicht widerlegen, zumal diese
Berichte im Verfügungszeitpunkt mindestens neun Monate alt gewesen sind.
3.
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Dr. med. A._ hat als Ursache der von ihm angenommenen Arbeitsunfähigkeit nur die
körperlichen Beeinträchtigungen angegeben. Gleichzeitig hat er aber eine mittelgradige
depressive Episode diagnostiziert. Eine derart schwere Depression müsste an sich
ebenfalls die Arbeitsfähigkeit einschränken. Hier hat sich die Beschwerdegegnerin
beim Versuch, die Diagnose von Dr. med. A._ zu widerlegen, auf die beiden Berichte
der Klinik St. Pirminsberg vom 24. August 2005 und vom 5./10. Juli 2006 gestützt. Bei
der Beurteilung der Überzeugungskraft dieser Berichte ist zu berücksichtigen, dass sie
sich beide auf die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers im August 2005,
also auf einen im Verfügungszeitpunkt mehr als ein Jahr zurückliegenden Sachverhalt
beziehen. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat es die Beschwerdegegnerin
unterlassen, einen aktuellen Bericht über den psychischen Gesundheitszustand
einzuholen, obwohl sich der Beschwerdeführer zur Langzeittherapie in einer Institution
aufgehalten hat, die über seine Verfassung wohl erschöpfend hätte Auskunft geben
können. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die der Beschwerdegegnerin beim
Erlass der angefochtenen Verfügung vorliegenden ärztlichen Berichte nicht ausgereicht
haben, um die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. med. A._ zu widerlegen. Erst recht
haben sie nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in
einer leichten bis mittelschweren Erwerbstätigkeit nachgewiesen.
4.
Daraus darf nun aber nicht der Schluss gezogen werden, dass die beiden Berichte von
Dr. med. A._ eine Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers von mindestens 50%
belegen würden. Denn es ist praxisgemäss (vgl. Ulrich Meyer-Blaser, Rechtsprechung
des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Invalidenversicherung, S. 230) der Erfahrung Rechnung zu tragen, dass behandelnde
Ärzte aufgrund der Nähe zu ihren Patienten dazu neigen, deren pessimistische und
nach aussen demonstrierte Selbsteinschätzung unkritisch zu übernehmen, allenfalls
sogar ihnen gegenüber der Sozialversicherung "zu ihrem Recht zu verhelfen", d.h. die
Arbeitsunfähigkeit so hoch einzuschätzen, dass auf jeden Fall ein
Invalidenrentenanspruch entsteht. Die Berichte von Dr. med. A._ enthalten keinen
Hinweis darauf, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung entgegen der allgemeinen
Erfahrung auf einer völlig objektiven Beurteilung der gesundheitlichen Situation des
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Beschwerdeführers beruhen würden. Insbesondere fehlt eine Auseinandersetzung mit
der - Dr. med. A._ bekannten - Aussage der Kardiologie des Kantonsspitals St.
Gallen, der Beschwerdeführer sei aus rein fachspezifischer Sicht in einer leichten bis
mittelschweren Erwerbstätigkeit voll arbeitsfähig. Auch der Widerspruch zwischen der
Diagnose einer mittelschweren depressiven Episode und der Annahme, nur die
somatischen Beschwerden hätten eine Arbeitsunfähigkeit zur Folge, spricht gegen die
Überzeugungskraft der Angaben von Dr. med. A._. Dieser hat es zudem unterlassen,
die den Beschwerdeführer behandelnde Institution um ihre Einschätzung zu bitten.
Vermögen die beiden Berichte von Dr. med. A._ nicht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit eine leistungserhebliche
Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers zu belegen, so ist davon auszugehen, dass
die bestehende Aktenlage keine zuverlässige Ermittlung des zumutbaren
Invalideneinkommens zulässt. Der von der Beschwerdegegnerin ermittelte
Invaliditätsgrad von 0% erweist sich somit als rechtswidrig. Auch das Gericht ist
aufgrund der mangelhaften Sachverhaltsabklärung durch die Beschwerdegegnerin
nicht in der Lage, den richtigen Invaliditätsgrad zu ermitteln.
5.
Im Sinne der vorstehenden Ausführungen ist die angefochtene Verfügung vom 15.
Dezember 2006 aufzuheben und die Sache ist zur weiteren Abklärung - mit Vorteil
mittels einer polydisziplinären Begutachtung - und zur neuen Entscheidung über das
Rentenbegehren des Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Gerichtsgebühr bemisst sich nach
dem Verfahrensaufwand. Sie beträgt zwischen Fr. 200.- und Fr. 1000.- (Art. 69 Abs.
1 IVG). In Analogie zur Lösung bei der Entscheidung über ein Begehren um eine
Parteientschädigung (vgl. etwa ZAK 1987 S. 266 Erw. 5a) ist praxisgemäss auch im
Zusammenhang mit der Erhebung der Gerichtsgebühr davon auszugehen, dass die
Rückweisung an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und zur neuen Entscheidung
als vollumfängliches Unterliegen zu betrachten ist. Die Beschwerdegegnerin hat
deshalb die volle Gerichtsgebühr zu entrichten. Diese ist unter Berücksichtigung des
deutlich unterdurchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf Fr. 400.- festzusetzen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
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im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG