Decision ID: dd3249fb-bd8a-5a3b-aa2c-6ddfedc3ecc1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (irakischer Staatsangehöriger, geb. 1998) ersuchte
am 18. Januar 2021 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerab-
drücke mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eu-
rodac) ergab, dass er am 3. August 2018 in Rumänien und am 3. Septem-
ber 2018 in Deutschland um Asyl ersucht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 5. Februar 2020 unter an-
derem rechtliches Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und
der Möglichkeit einer Überstellung nach Deutschland, dessen Zuständig-
keit für die Behandlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme.
Der Beschwerdeführer erklärte, er sei, nachdem er sich drei bis vier Mo-
nate in Rumänien aufgehalten habe, zusammen mit seiner damals noch
minderjährigen Ehefrau weiter nach Deutschland gereist. Vor etwa sechs
Monaten habe er einen negativen Entscheid mit Wegweisung nach Kurdis-
tan erhalten. Zunächst habe er keine Probleme gehabt. Nachdem er sich
von seiner Frau getrennt habe, sei er von deren Cousins bedroht und ge-
schlagen worden. Er habe deswegen Anzeige erstattet und eine andere
Unterkunft verlangt. Die Polizei habe ihn an das Sozialamt verwiesen, das
ihn aufgefordert habe, dort (in seiner Unterkunft) zu bleiben. Er sei sowohl
wegen seiner Probleme in Kurdistan als auch jener in Deutschland in die
Schweiz gereist.
In Bezug auf seinen Gesundheitszustand gab er an, er leide an Schlafstö-
rungen und Kopfschmerzen. Er sei deswegen bei der Pflege gewesen,
habe jedoch keine Medikamente erhalten.
C.
Die deutschen Behörden hiessen ein Gesuch des SEM um Übernahme
des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), am 11. Feb-
ruar 2021 gut.
D.
Mit Verfügung vom 16. Februar 2021 (eröffnet am 17. Februar 2021) trat
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das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
dessen Überstellung nach Deutschland an und forderte ihn auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig verfügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte
fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine auf-
schiebende Wirkung zu.
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 24. Februar 2021 (Postaufgabe) gelangte der
Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und auf das Asylgesuch sei ein-
zutreten. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Angelegenheit
zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Ferner ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der
Beschwerde, um Anweisung der Vollzugsbehörden, von einer Überstellung
abzusehen, bis über die vorliegende Beschwerde entschieden worden sei,
und um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.
F.
Am 25. Februar 2021 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen su-
perprovisorischen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 31 ff.
VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48
Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind
offensichtlich erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
3.4 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Deutschland ein Asylgesuch
eingereicht zu haben. Nachdem die deutschen Behörden innert der in
Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmege-
such des SEM zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit von Deutschland
grundsätzlich gegeben.
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4.
4.1 Der Beschwerdeführer bringt in seiner Rechtsmitteleingabe mit Hin-
weis auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts im Wesent-
lichen vor, dass ein Dublin-Mitgliedstaat, gegen den sich ein Antrag um in-
ternationalen Schutz richte, nicht zugleich zuständig sein könne, diesen
(gegen sich selbst gerichteten) Antrag zu prüfen. Im Verhältnis zum Dublin-
Mitgliedstaat, der nach dem Vorbringen des Antragstellers der Verfolger-
staat sei, gelange daher das Dublin-Verfahren nicht zur Anwendung (vgl.
Urteile des BVGer F-3010/2019 vom 26. Juni 2019 S. 5, F-4672/2018 vom
27. August 2018 S. 4, E-934/2015 vom 25. Februar 2015 E. 5.1 und
E-6354/2013 vom 3. Dezember 2013 S. 5). Er – der Beschwerdeführer –
werde in Deutschland verfolgt bzw. erhalte dort nicht den erforderlichen
Schutz, weshalb die Schweiz auf sein Asylgesuch eintreten müsse. Even-
tualiter sei die Angelegenheit zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklä-
rung an die Vorinstanz zurückzuweisen, weil diese es unterlassen habe,
die deutschen Behörden darüber zu informieren, dass er aufgrund von Vor-
fällen in Deutschland in die Schweiz geflohen sei.
4.2 Bei den vom Beschwerdeführer zitierten Urteilen wurde beim angefrag-
ten Dublin-Mitgliedstaat nie ein Asylgesuch bzw. ein Antrag um internatio-
nalen Schutz gestellt. Die betreffenden Gesuchsteller hatten vor ihrer Ein-
reise in die Schweiz dort offiziell ein Aufenthaltsrecht bzw. eine Aufenthalts-
bewilligung. Asylgründe in Bezug auf ihren Herkunftsstaat machten sie
nicht geltend. Ganz anders ist es im vorliegenden Fall: Der Beschwerde-
führer ersuchte in Deutschland um internationalen Schutz vor dem eigent-
lichen Verfolgerstaat (Irak). Dass er auch wegen Problemen mit seinem
Herkunftsstaat, welche Gegenstand eines Asylverfahrens in Deutschland
waren beziehungsweise noch sind, in die Schweiz gelangte, gab er selber
zu (vgl. Buchstabe B des Sachverhalts). Demzufolge gelangt in casu das
Instrument des Dublin-Verfahrens sehr wohl zur Anwendung, wobei – wie
oben erwähnt – die Zuständigkeit Deutschlands grundsätzlich gegeben ist.
Entgegen den Vorbringen des Beschwerdeführers kann der Vorinstanz
auch nicht vorgeworfen werden, sie habe es anlässlich der Zuständigkeits-
anfrage unterlassen, die deutschen Behörden darüber zu informieren, dass
er aufgrund von Vorfällen in die Schweiz geflohen sei, zumal es sich dabei
nicht um eine relevante Information zur Bestimmung der grundsätzlichen
Zuständigkeit handelt. Zwar ist gemäss Art. 21 Abs. 3 Dublin-III-VO beim
Aufnahmegesuch ein Formblatt zu verwenden, das Beweismittel oder Indi-
zien und/oder sachdienliche Angaben des Antragstellers enthalten muss,
anhand derer die Behörden des ersuchten Mitgliedstaats prüfen können,
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ob ihr Staat gemäss den in dieser Verordnung definierten Kriterien zustän-
dig ist. Bei den erwähnten Beweismitteln, Indizien oder sachdienlichen Hin-
weisen zu den Kriterien der Zuständigkeitsbestimmung handelt es sich
nämlich um die Einhaltung bestimmter Fristen, allfällige Vor- und Zwischen-
aufenthalte, bereits eingeleitete Asylverfahren usw. und nicht um Gründe,
weshalb der Antragsteller von einem Dublin-Mitgliedstaat in den anderen
gereist ist.
4.3 Wie die Vorinstanz zu Recht ausgeführt hat, gibt es keine wesentlichen
Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingun-
gen für asylsuchende Personen in Deutschland hätten Schwachstellen im
Sinne von Art 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO, die eine Gefahr einer
unmenschlichen Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtcharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden.
Auch wenn das Asylverfahren des Beschwerdeführers in Deutschland
ohne Schutzgewährung abgeschlossen sein sollte, bleibt Deutschland wei-
terhin für sein Verfahren bis zu einer allfälligen Wegweisung zuständig, wo-
bei es an ihm liegt, Wegweisungshindernisse gegebenenfalls bei den zu-
ständigen deutschen Behörden vorzubringen.
4.4 Es bleibt somit zu prüfen, ob die Vorinstanz bezüglich der vom Be-
schwerdeführer behaupteten Verfolgung durch Dritte in Deutschland (Be-
drohungen und Schläge durch Cousins seiner Frau) die Anwendung des
Selbsteintrittsrechts im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht verneint hat.
4.4.1 Zunächst ist festzuhalten, dass die geltend gemachte Drittverfolgung
nicht belegt ist. Auch ist nicht erstellt, wie schwerwiegend die angeblichen
Beeinträchtigungen waren, zumal der Beschwerdeführer beim dafür zu-
ständigen Sozialamt offensichtlich nur die Verlegung in eine andere Unter-
kunft verlangt hat. Wenn aber bereits die örtliche Verlegung seines Aufent-
halts innerhalb von Deutschland oder eines Teils von Deutschland (in casu
das Bundesland Sachsen) als Schutzmassnahme ausreicht, ist die Anwen-
dung des Selbsteintrittsrechts durch die Schweiz von vornherein nicht ge-
rechtfertigt.
4.4.2 Im Übrigen handelt es sich bei Deutschland um einen Rechtsstaat,
der – wie von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – über eine schutzwil-
lige und schutzfähige Polizeibehörde sowie über ein funktionierendes Jus-
tizsystem verfügt, sollten die Befürchtungen des Beschwerdeführers vor
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Übergriffen seitens Dritter begründet sein. Wenn ihm die deutschen Behör-
den tatsächlich den notwenigen Schutz verweigern, liegt es an ihm, zu in-
sistieren und sich diesfalls an die dafür zuständige Rechtsmittel- oder Auf-
sichtsbehörde zu wenden.
4.4.3 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vor-
instanz bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermes-
sensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist
unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Ak-
ten keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- res-
pektive Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen.
4.5 Da kein Grund für die Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17
Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vorliegt, ist
Deutschland als zuständiger Mitgliedstaat verpflichtet, den Beschwerde-
führer wiederaufzunehmen. Die Vorinstanz ist daher zu Recht auf das Asyl-
gesuch nicht eingetreten und hat zu Recht die Überstellung nach Deutsch-
land verfügt.
5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, und mit dem Urteil
in der Sache fällt der am 25. Februar 2021 angeordnete Vollzugsstopp da-
hin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Be-
schwerde ist gegenstandslos geworden.
6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65
VwVG) ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden
Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrens-
kosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG)
und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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