Decision ID: 0fde9a6f-5a49-5c62-936a-bb3bbff1466b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin reichte am 8. Juni 2021 im Bundesasylzentrum in
Altstätten ein Asylgesuch ein. Ihr Lebenspartner A._ (F-3907/2021,
[...]) ersuchte dort gleichentags ebenfalls um Asyl. Ein Abgleich ihrer Fin-
gerabdrücke mit der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass beide am 31. Mai
2021 illegal nach Italien eingereist und daktyloskopisch erfasst worden wa-
ren (Akten der Vorinstanz [SEM act.] 10).
B.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs gewährte das SEM der Beschwerde-
führerin am 16. Juni 2021 im Beisein der zugewiesenen Rechtsvertretung
das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer allfälligen Rückkehr dorthin
sowie zum medizinischen Sachverhalt. Hierbei erklärte sie insbesondere,
während des Aufenthalts in Italien von Afghaninnen und Afghanen be-
schimpft, beleidigt, bedroht und geschlagen worden zu sein. Anlässlich ei-
nes in der ersten italienischen Flüchtlingsunterkunft erfolgten Angriffs sei
sie vor den Augen ihres Freundes von afghanischen Männern vergewaltigt
worden. Die ganze Zeit von deren Landsleuten begleitet und beschattet,
habe sie keine Möglichkeit gesehen, den italienischen Behörden diesen
Vorfall zu melden. Nicht einmal mit dem Koch oder mit den Leuten in der
Küche habe sie sprechen können. Auch als sie am Tag nach der Vergewal-
tigung mit ihrem Freund in ein anderes Camp verlegt worden sei, habe sie
deswegen niemanden orientiert. Sie habe enorme Angst verspürt und ihr
einziger Gedanke sei die Flucht vor diesen Afghanen gewesen. Was den
medizinischen Sachverhalt anbelangt, so gab sie an, dass es ihr psychisch
und körperlich nicht so gut gehe. Nachts könne sie nicht schlafen und sie
leide ständig an Flashbacks. Im Bundesasylzentrum verlasse sie ihr Zim-
mer nicht; sie könne nicht alleine duschen oder zur Toilette gehen und ihr
Lebenspartner müsse sie immer begleiten. Den Kontakt zu afghanischen
Asylsuchenden meide sie. Ausserdem schäme sie sich ob des Vorgefalle-
nen, fühle sich unter Druck und es sei für sie generell sehr schwierig. In
der Schweiz sei sie inzwischen beim Arzt gewesen und habe eine Salbe
sowie Tabletten erhalten.
Am Ende der Befragung beantragte die zugewiesene Rechtsvertretung
eine rasche medizinische Abklärung des Gesundheitszustandes und den
Beginn einer psychologischen Behandlung (SEM act. 16).
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Seite 3
C.
Aufgrund der «Eurodac»-Treffer ersuchte das SEM die italienischen Be-
hörden am 17. Juni 2021 um Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss
Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO).
D.
Mit Eingabe vom 25. Juni 2021 reichte die zugewiesene Parteivertretung
fünf Fotos, worauf eine nicht näher bezeichnete italienische Flüchtlingsun-
terkunft zu sehen sei, zu den Akten (SEM act. 22).
E.
Wegen der im Dublin-Gespräch angegebenen physischen und psychi-
schen Probleme unterzog sich die Beschwerdeführerin ab dem 22. Juni
2021 mehreren, zum Teil fachärztlichen Konsultationen (SEM act. 24, 26,
27, 29, 30, 32, 34 und 35).
F.
Mit Eingabe vom 13. Juli 2021 wies die zugewiesene Rechtsvertretung
nochmals auf die Beziehung der Beschwerdeführerin zu A._ hin
und beantragte die einheitliche Verfahrensführung unter der gleichen
N-Nummer (SEM act. 31).
G.
Am 23. August 2021 stellte die Vorinstanz fest, dass das am 17. Juni 2021
den italienischen Behörden übermittelte Übernahmeersuchen innert der in
Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet geblieben
sei (SEM act. 38).
H.
Mit Verfügung vom 23. August 2021 (eröffnet am 26. August 2021) trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte ihre Überstel-
lung nach Italien und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kan-
ton Thurgau mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte der Beschwerde-
führerin die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und
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stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine
aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 40 und 42).
I.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 2. September 2021 beantragte die Be-
schwerdeführerin, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und zur
vollständigen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorin-
stanz zurückzuweisen. Eventualiter sei das SEM anzuweisen, auf ihr Asyl-
gesuch gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO einzutreten oder subeventua-
liter von Italien eine Garantieerklärung einzuholen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersuchte sie um Erteilung der aufschiebenden Wirkung, Erlass
vorsorglicher Massnahmen, Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ausserdem
stellte sie den Antrag, ihr Verfahren und dasjenige ihres Lebenspartners
seien zusammenzulegen oder koordiniert zu behandeln.
Das Rechtsmittel war mit einem Abklärungsbericht des Zentrums für Psy-
chotraumatologie der X._ in St. Gallen vom 20. August 2021 und
einem Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 10. Juni
2021 zu den Aufnahmebedingungen in Italien ergänzt (BVGer act. 2).
J.
Am 3. September 2021 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer
act. 3).
K.
Mit Zwischenverfügung vom 8. September 2021 erteilte das Bundesver-
waltungsgericht der Beschwerde die aufschiebende Wirkung, und hiess
das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG gut (BVGer act. 4).
L.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 15. September 2021
auf Abweisung der Beschwerde (BVGer act. 5).
M.
Replikweise hielt die Beschwerdeführerin am 21. Oktober 2021 am einge-
reichten Rechtsmittel, den Rechtsbegehren und deren Begründung fest.
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Seite 5
Der Replik lagen sechs Arztberichte und ein als vertraulich bezeichnetes
Schreiben der Asylseelsorge des Bundesasylzentrums Kreuzlingen bei
(BVGer act. 7).
N.
Am 8. Dezember 2021 und 11. Februar 2022 ergänzte die Beschwerdefüh-
rerin das Rechtsmittel mit zwei weiteren Arztberichten (BVGer act. 9 und
10).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das vorliegende Beschwerdeverfahren F-3908/2021 wird mit demjeni-
gen von A._, dem Lebenspartner der Beschwerdeführerin, koordi-
niert behandelt. Über dessen Beschwerde wird gleichzeitig, aber in einem
separaten Verfahren befunden (siehe F-3907/2021).
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.H.).
3.
Die Parteivertreterin rügt in formeller Hinsicht eine Verletzung der Begrün-
dungspflicht, wirft der Vorinstanz in diesem Zusammenhang aber primär
vor, ihrer Untersuchungspflicht nicht nachgekommen zu sein bzw. den
rechtserheblichen Sachverhalt mit Blick auf den Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin und die aktuelle Situation von Asylsuchenden in Italien
nicht hinreichend abgeklärt zu haben. Diese Fragen bilden Gegenstand der
nachfolgenden materiell-rechtlichen Prüfung.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die
Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur
Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylge-
suchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat
einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylge-
such nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung dieses
Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan-
trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten
Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dub-
lin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip
der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO)
anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem die betref-
fende Person erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat,
auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnah-
meverfahrens («take back») findet demgegenüber grundsätzlich keine (er-
neute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE
2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
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4.3 Wenn eine antragstellende Person, aus einem Drittstaat kommend, die
Land-, See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat,
ist dieser Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung
des Antrags auf internationalen Schutz zuständig. Die Zuständigkeit endet
gemäss dieser Norm zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenzüber-
tritts. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45
E. 8.3).
5.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerin mit der «Euro-
dac»-Datenbank ergab, dass sie am 31. Mai 2021 in Italien aufgegriffen
und gleichentags daktyloskopisch erfasst worden war (SEM act. 10). Das
SEM ersuchte die italienischen Behörden deshalb am 17. Juni 2021 um
Übernahme der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-
VO (SEM act. 19). Diese liessen das Ersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1
Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie ihre Zuständig-
keit implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche
Zuständigkeit Italiens ist somit gegeben. Dies wird auf Beschwerdeebene
nicht bestritten.
6.
6.1 Das SEM führte zur Begründung des Nichteintretensentscheids im We-
sentlichen aus, dass Italien sowohl Signatarstaat des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) als
auch der EMRK sei. Es lägen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor,
dass sich dieser Staat nicht an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen
halte und das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführe.
Es sei auch nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei ei-
ner Überstellung nach Italien im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und
Art. 3 EMRK gravierenden Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt wäre,
in eine existenzielle Notlage geraten oder ohne Prüfung ihres Asylgesu-
ches und unter Verletzung des Non-Refoulement-Gebots in ihren Her-
kunftsstaat überstellt würde. Des Weiteren bestünden weder Gründe im
Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO noch solche gemäss Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO, welche die Schweiz zur Prüfung ihres Asylgesuches ver-
pflichteten. Ferner hielt die Vorinstanz dafür, dass Italien mit dem Geset-
zesdekret Nr. 130/2020 inzwischen Massnahmen ergriffen habe, um das
Aufnahmesystem für Asylsuchende und die Gesundheitsversorgung zu
vereinfachen und zu verbessern. Sie vertrete die Ansicht, dass mit den
durch das neue Gesetzesdekret eingeführten praktischen und rechtlichen
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Änderungen sowohl die medizinische Versorgung in den italienischen Erst-
aufnahmestrukturen als auch die Identifikation allfälliger Vulnerabilitäts-
merkmale und die Behandlung von physischen und psychischen Krankhei-
ten gewährleistet seien. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
(EGMR) habe dies im Urteil M.T. gegen die Niederlande vom 23. März
2021, Nr. 46595/19 bestätigt. Die Beschwerdeführerin habe die Möglich-
keit, in Italien ein Asylgesuch zu stellen und dadurch Zugang zu den asyl-
rechtlichen Aufnahmestrukturen und den entsprechenden Leistungen zu
erhalten. Ihre gesundheitlichen Probleme bzw. ihre psychische Erkrankung
seien nicht von einer derartigen Schwere und mit Blick auf die benötigten
Behandlungen nicht derart spezifisch, dass eine Überstellung nach Italien
einen Verstoss gegen internationale Bestimmungen bedeutete. Schliess-
lich handle es sich bei Italien um einen Rechtsstaat, welcher über eine
funktionierende Polizeibehörde verfüge. Sollte dieser Staat seinen Ver-
pflichtungen ihr gegenüber wegen der vorgebrachten Drohungen durch af-
ghanische Staatsbürger und hinsichtlich der behaupteten schlechten Zu-
stände in den Unterkünften nicht nachkommen, sei es der Beschwerdefüh-
rerin unbenommen, ihre Rechte gerichtlich geltend zu machen.
Mit Blick auf die geltend gemachte Vergewaltigung und die deswegen be-
fürchtete Re-Traumatisierung führte das Staatssekretariat in der Vernehm-
lassung zusätzlich aus, dass diesbezüglich keine konkreten Hinweise auf
eine akute Bedrohungslage in Italien vorlägen, die Beschwerdeführerin je-
doch gehalten sei, diesen Vorfall nach erfolgter Rückkehr dorthin unver-
züglich den italienischen Polizeibehörden zu melden und zur Anzeige zu
bringen.
6.2 Die Beschwerdeführerin brachte in der Rechtsmitteleingabe vom
2. September 2021 hauptsächlich vor, dass es sich bei ihr um eine vul-
nerable Person handle. Aufgrund von Vorkommnissen in Iran (Zwangsver-
heiratung mit Cousin, Vergewaltigung in der Ehe) sowie der Vergewalti-
gung durch afghanische Schlepper, welche sich in Italien vor den Augen
ihres Lebenspartners zugetragen habe, sei sie psychisch sehr stark belas-
tet. Der sie behandelnde Psychiater habe eine posttraumatische Belas-
tungsstörung sowie eine rezidivierende depressive Störung festgestellt.
Sie habe nun mit der Therapie angefangen und befürchte, dass es ihr im
Falle einer Rückführung nach Italien wieder schlechter gehen würde. So-
dann habe sie erfahren, dass die afghanischen Schlepper in der Annahme,
von ihr und ihrem Lebenspartner bei der Polizei verraten worden zu sein,
dort nach ihnen beiden suchen würden. Sie sei, so die Beschwerdeführerin
weiter, in der Schweiz mehrfach medizinisch betreut worden. Das SEM
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habe aber nicht alle geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden
abgeklärt; dies gelte namentlich mit Blick auf ihre grossen psychischen
Probleme, die empfohlene gynäkologisch-forensische Untersuchung und
die ungeklärte Frage der Re-Traumatisierung. Darüber hinaus werde der
angefochtene Entscheid dem vorliegenden Einzelfall nicht gerecht. Die
Vorinstanz habe zwar die in Italien neu erlassenen Dekrete genannt, je-
doch nicht erwogen, inwiefern diese in der Praxis umgesetzt würden. De
facto weise das italienische Asyl- und Gesundheitssystem weiterhin Män-
gel auf. Die Sache sei daher zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung
und Neubeurteilung an die verfügende Behörde zurückzuweisen. Andern-
falls sei auf das Asylgesuch aus humanitären Gründen gemäss Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV1, SR 142.311)
einzutreten oder das SEM zumindest anzuweisen, von den italienischen
Behörden eine Garantieerklärung einzuholen.
Replikweise ergänzte die Beschwerdeführerin unter Bezugnahme auf zwi-
schenzeitlich eingegangene Arztberichte, dass ihr Gesundheitszustand als
sehr kritisch einzustufen sei. Aus den fraglichen Unterlagen ergebe sich
zweifelsfrei, dass eine Überstellung nach Italien eine erhebliche Ver-
schlechterung ihrer Gesundheit mit sich bringen würde und eine schwer-
wiegende Re-Traumatisierung zur Folge hätte. Ob ein nahtloser Zugang
zur medizinischer Versorgung in Italien für sie als besonders vulnerable
Person derzeit gewährleistet sei, stehe auch unter der Geltung des neuen
Gesetzesdekrets Nr. 130/2020 nicht eindeutig fest.
7.
7.1 Erweist es sich als unmöglich, eine antragstellende Person in den ei-
gentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für sie in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen
aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden
Behandlung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Euro-
päischen Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit
sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mit-
gliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Staat
bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Staat zum zuständi-
gen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
7.2 Vorab ist darauf hinzuweisen, dass Italien Signatarstaat der EMRK, des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
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Seite 10
SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom
31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist und seinen entsprechenden völker-
rechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf davon ausgegangen wer-
den, dass dieser Staat die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den
Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt.
7.3 Weder das Bundesverwaltungsgericht noch der Europäische Gerichts-
hof für Menschenrechte (EGMR) oder der Europäische Gerichtshof
(EuGH) haben bislang systemische Schwachstellen im italienischen Asyl-
system erkannt. Zwar stehen die Unterstützung und die Einrichtungen für
Asylsuchende und Personen mit Schutzstatus in Italien in der Kritik. Ge-
mäss den bisherigen Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts ist in-
des davon auszugehen, dass Italien die Verfahrens- und Aufnahmerichtli-
nien einhält (siehe etwa Referenzurteil des BVGer E-962/2019 vom 17. De-
zember 2019 E. 6.3 oder Urteile des BVGer F-5255/2021 vom 13. Dezem-
ber 2021 E. 6.2 und E-685/2021 vom 23. Februar 2021 E. 6). Am 20. De-
zember 2020 ist das Umwandlungsgesetz Nr. 173/2020 zum Gesetzesdek-
ret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2020 in Kraft getreten. Das Gesetzes-
dekret Nr. 130/2020 sieht eine umfassende Reform des Aufnahmesystems
für Asylsuchende in Italien vor, indem zentrale Bestimmungen des sog. Sal-
vini-Dekrets geändert wurden und ein engverflochtenes Aufnahme- und In-
tegrationssystem implementiert wurde. Das neue Aufnahmesystem ist ver-
gleichbar mit jenem, das vor Erlass des Salvini-Dekrets bestand und hat
die Lebensbedingungen Asylsuchender in Italien im Vergleich zur vorheri-
gen Situation verbessert. Nach dem Anmeldeverfahren werden die Asylsu-
chenden in das Aufnahme- und Integrationssystem SAI (Sistema di accog-
lienza e integrazione) überführt, welches nunmehr wieder allen Asylsu-
chenden – also auch den im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien
überstellten Personen – offensteht. Schutzbedürftige Personen, die einer
besonderen Form der Unterstützung bedürfen, geniessen bei der Überstel-
lung von einem Erstaufnahmezentrum in das SAI Priorität (zum Ganzen
vgl. Referenzurteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9,
10.5 und 10.6 mit einer ausführlichen Analyse der positiven Auswirkungen
des Gesetzesdekrets Nr. 130/2020, ferner Urteile des BVGer F-3494/2021
vom 28. Oktober 2021 E. 4.3, F-4165/2021 vom 29. September 2021 E. 4.2
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Seite 11
oder F-3769/2021 vom 2. September 2021 E. 5.2). Der EGMR ist in dem
vom SEM zitierten Urteil M.T. gegen die Niederlande vom 23. März 2021,
Nr. 46595/19 zur selben Einschätzung gelangt. Aufgrund der persönlichen
Verhältnisse der Beschwerdeführerin sowie ihrer gesundheitlichen Situa-
tion darf davon ausgegangen werden, dass die italienischen Behörden sie
als vulnerable Peron anerkennen werden, womit ihr prioritärer Zugang zum
Zweitaufnahmesystem SAI gewährleistet würde. Weil sie in Italien kein
Asylgesuch eingereicht und sich dort überhaupt nur rund eine Woche auf-
gehalten hatte, ist ihrer allgemeinen Kritik am Gesetzesdekret Nr. 130/2020
aber zum Vornherein die Grundlage entzogen.
7.4 Der Beschwerdeführerin steht es nach erfolgter Überstellung nach Ita-
lien offen, dort um Asyl nachzusuchen und damit Zugang zu den eben be-
schriebenen asylrechtlichen Aufnahmestrukturen, einschliesslich notwen-
diger medizinischer Behandlung (siehe hierzu eingehender E. 8.1 – 8.7
hiernach), zu erhalten. Sie hat in diesem Zusammenhang kein konkretes
und ernsthaftes Risiko dargetan, die Behörden würden sich weigern, sie
aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch
keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, das Land werde in ihrem
Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise
in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Die Ver-
mutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen ein, kann im
Einzelfall zwar widerlegt werden. Wie eben erwähnt, bedarf es hierfür aber
konkreter und ernsthafter Hinweise, die von der betroffenen Person glaub-
haft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer
D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1). Dies gelingt der Beschwerdefüh-
rerin weder mit den im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten, wenig
aufschlussreichen Fotos über eine nicht näher bezeichnete Flüchtlingsun-
terkunft noch dem nicht einzelfallbezogenen Bericht der SFH vom 10. Juni
2021 zu den Aufnahmebedingungen in Italien. Es besteht daher kein An-
lass, von der unter E. 7.3 erläuterten Beurteilung abzuweichen.
7.5 Was die von der Beschwerdeführerin angeführte Bedrohung durch af-
ghanische Schlepper in Italien betrifft, fehlen detailliertere Informationen.
Aufgrund der zu unspezifischen Angaben ist nicht anzunehmen, dass sie
und ihr Lebenspartner in Italien in eine akute Gefährdungslage geraten
würden. Abgesehen davon machte die Beschwerdeführerin zu keinem
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Seite 12
Zeitpunkt geltend, den Schutz der italienischen Behörden in Anspruch ge-
nommen zu haben. Es steht ihr frei, sich im Falle einer Bedrohung durch
Privatpersonen an die schutzfähigen und schutzwilligen italienischen Poli-
zei- und Justizbehörden zu wenden (vgl. BVGer F-3494/2021 E. 5.2 m.H.).
Ohnehin ist sie gehalten, die geltend gemachte Vergewaltigung nach ihrer
Rückkehr umgehend den italienischen Behörden, die darüber eigener Dar-
stellung zufolge seinerzeit nicht orientiert worden waren, zu melden und
allenfalls nachträglich zur Anzeige zu bringen.
7.6 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist unter den genannten
Umständen nicht gerechtfertigt.
8.
Nachfolgend bleibt zu prüfen, ob das SEM den rechtserheblichen Sachver-
halt im Hinblick auf allfällige gravierende gesundheitliche Probleme der Be-
schwerdeführerin hinreichend abgeklärt hat und das Selbsteintrittsrecht
nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO aus diesem Grund auszuüben
wäre.
8.1 Was die notwendige Schwere der gesundheitlichen Beeinträchtigung
anbelangt, so ist daran zu erinnern, dass eine zwangsweise Rückweisung
von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ausnahmsweise einen
Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen kann. Dies ist insbesondere der
Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder ter-
minalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer
Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei so-
ziale Unterstützung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen
auf die damalige Praxis des EGMR). Eine weitere vom EGMR definierte
Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels
angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen
Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen
Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die
zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar-
tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. De-
zember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.H.).
8.2 Wie bereits weiter oben dargelegt, verneint das Bundesverwaltungsge-
richt in ständiger Rechtsprechung die Existenz systemischer Schwachstel-
len des italienischen Asylsystems im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO.
Es geht auch, wie erwähnt, davon aus, dass Italien seinen völker- und ge-
meinschaftsrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Gewisse Defizite des
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Seite 13
italienischen Asylsystems bewogen das Bundesverwaltungsgericht in sei-
nem Referenzurteil E-962/2019 jedoch, strengere Kriterien für Dublin-
Überstellungen von Familien mit minderjährigen Kindern sowie von schwer
erkrankten Asylsuchenden, die sofort nach der Ankunft in Italien auf lücken-
lose medizinische Versorgung angewiesen sind, zu beschliessen. Es hat
das SEM deshalb verpflichtet, diesfalls individuelle Zusicherungen betref-
fend die Gewährleistung der nötigen medizinischen Versorgung und Unter-
bringung bei den italienischen Behörden einzuholen (vgl. E-962/2019
E. 7.4.3 für Schwerkranke und E. 8.3.4 für Familien mit Kindern). Eine sol-
che Situation liegt in casu nicht vor.
8.3 Aus den bis zum Verfügungserlass vorgelegten medizinischen Unter-
lagen geht hervor, dass sich die Beschwerdeführerin in der Zeitspanne von
Mitte Juni 2021 bis Ende Juli 2021 wiederholt ärztlichen Konsultationen mit
damit verbundenen Untersuchungen unterzogen hatte (siehe SEM act. 24,
27, 29, 30, 32, 34 und 35). Festgestellt wurden hierbei eine Gastritis, ein
Harnweginfekt, eine Adduktorenzerrung, Zahnbeschwerden, Scabies so-
wie Unterleibsschmerzen (Hypermenorrhoe, Dysmenorrhoe). Die be-
schriebenen Leiden wurden medikamentös behandelt. Wegen der psychi-
schen Probleme erfolgte zudem eine fachärztliche Überweisung der Be-
schwerdeführerin an das Zentrum für Psychotraumatologie der X._
St. Gallen. Die Diagnose im entsprechenden Abklärungsbericht vom
22. Juni 2021 lautete auf eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-
10 F43.1). Diese rühre von diversen Erinnerungen an körperliche und se-
xuelle Gewalterlebnisse her, welche sie über Jahre hinweg in ihrem Hei-
matland (dort aufgrund einer Zwangsheirat mit einem Cousin) und zuletzt
auch während ihres Aufenthalts in Italien erlitten habe. Dem Bericht konnte
weiter entnommen werden, dass sie keine Suizidgedanken geäussert und
sich glaubhaft von akuter Suizidalität distanziert habe. Für das weitere Pro-
zedere erachtete der Facharzt eine psychotherapeutisch-psychiatrische
Behandlung, ambulant oder in einer Tagesklinik, in Verbindung mit einer
Medikation als angezeigt (SEM act. 26). Aus den aktenkundigen Diagno-
sen ergibt sich insoweit, dass sich die Beschwerdeführerin nicht zwingend
in der Schweiz aufhalten muss, sondern eine adäquate Behandlung der
beschriebenen Leiden in Italien ebenfalls möglich ist.
8.4 Nicht anders verhält es sich mit Blick auf die nach Erlass der angefoch-
tenen Verfügung hinzugekommenen ärztlichen Einschätzungen. So ergab
eine gynäkologische Kontrolle am 1. September 2021 keine Auffälligkeiten
(SEM act. 44) und wegen sonstiger körperlicher Leiden begab sich die Be-
schwerdeführerin seither nicht mehr in ärztliche Behandlung. Bezogen auf
F-3908/2021
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den psychischen Zustand ergänzte die X._ St. Gallen die am 22. Juni
2021 erstellte Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung im Ab-
klärungsbericht vom 20. August 2021 mit derjenigen einer rezidivierenden
mittelgradig depressiven Störung bzw. Episode. Eine fachpsychotherapeu-
tische-fachpsychiatrische Behandlung zur Symptomkontrolle, Stabilisie-
rung und neurobiologischen Integration sowie eine Fortführung der Medi-
kation seien dringend indiziert (BVGer act. 2, Beschwerdebeilage 3). In der
ersten Oktoberhälfte 2021 wurde die Beschwerdeführerin zudem dreimal
von einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie untersucht. Er ver-
trat in einem unterstützenden Schreiben vom 16. Oktober 2021, welches
keine Diagnosen enthielt, die Auffassung, dass eine Überstellung nach Ita-
lien eine erhebliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes mit sich
bringen würde und eine schwerwiegende Re-Traumatisierung zur Folge
hätte (BVGer act. 7, Beilage zur Replik). Gemäss den Nachträgen vom
8. Dezember 2021 und 11. Februar 2022 nahm die Beschwerdeführerin
danach weitere fachärztliche Termine wahr. Sie bestätigten die bisherigen
Erkenntnisse (vgl. Beilagen zu BVGer act. 9 und 10). Zum nachgereichten
zweiten Bericht des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie vom
10. Februar 2022 lässt sich ergänzend festhalten, dass auch diese Ein-
schätzung keine Diagnose enthält und vor allem die Erlebnisse der Patien-
tin im Iran thematisiert. Was die wiederum angesprochene Angst vor af-
ghanischen Schleppern anbelangt, kann auf das unter E. 7.5 Gesagte ver-
wiesen werden. Im Lichte der vorangehenden Ausführungen gelingt es der
Beschwerdeführerin denn auch nicht, nachzuweisen, dass sie nicht reise-
fähig sei oder eine Überstellung nach Italien ihre Gesundheit zusätzlich
ernsthaft gefährden würde. Ihr Gesundheitszustand vermag eine Unzuläs-
sigkeit im Sinne der restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen.
8.5 Die Beschwerdeführerin wurde, wie bereits erwähnt, in der Schweiz
medizinisch versorgt und unterzog sich verschiedener ärztlicher Untersu-
chungen, deren Schwergewicht sich im Verlaufe des Sommers 2021 auf
psychische Aspekte verlagerte. Dem SEM waren ihre gesundheitlichen
Probleme bekannt. In Bezug auf das Vorliegen einer schwerwiegenden Er-
krankung wären von zusätzlichen medizinischen Abklärungen keine neuen
Erkenntnisse zu erwarten gewesen (zur antizipierten Beweiswürdigung vgl.
BGE 141 I 60 E. 3.3 oder BGE 136 I 229 E. 5.3). Wohl kann vorliegend
nicht ausgeschlossen werden, dass Veränderungen im Umfeld zu einer
vorübergehenden Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit führen
können. Wie erwähnt, sind die diagnostizierte mittelgradige depressive
Episode und die ambulant behandelte posttraumatische Belastungsstö-
rung jedoch nicht als derart gravierende Gesundheitsbeeinträchtigungen
F-3908/2021
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einzustufen, dass von einer Überstellung nach Italien abgesehen werden
müsste (vgl. Urteile des BVGer F-3413/2021 vom 29. Juli 2021 E. 7.4;
F-1619/2021 vom 10. Mai 2021; E-1739/2021 vom 21. April 2021;
D-6450/2020 E. 6.5; Urteil des EGMR 39350/13 A.S. gegen Schweiz vom
30. September 2015 Rz. 35 ff.). Anzumerken wäre im Hinblick auf die be-
fürchtete Re-Traumatisierung, dass die Vorfälle, welche die Beschwerde-
führerin belasten, sich über Jahre hinweg erstreckten, sich überwiegend im
Iran zugetragen hatten und schon damals depressive Verstimmungen aus-
gelöst haben sollen (vgl. Berichte der X._ St. Gallen vom 22. Juni
2021 und 20. August 2021). Der letzte Übergriff geschah während des rund
einwöchigen Aufenthalts in Italien. In Bezug auf die Anwesenheit von af-
ghanischen Männern, vor denen sie Angst hat, unterscheidet sich die Situ-
ation dort nicht wesentlich von derjenigen hierzulande. Die auf Beschwer-
deebene erhobenen Rügen der Verletzung des Untersuchungsgrundsat-
zes und der ungenügenden Feststellung des medizinischen Sachverhalts
erweisen sich zusammenfassend als nicht stichhaltig. In Anbetracht der
gegebenen Umstände (die Beschwerdeführerin gehört nicht zur Gruppe
besonders verletzlicher Personen im Sinne des Referenzurteils
E-962/2019) war die Vorinstanz nicht gehalten, bei den italienischen Be-
hörden individuelle Zusicherungen bezüglich medizinischer Versorgung
und Unterbringung einzuholen.
8.6 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass die laut einem Teil
der eingereichten Unterlagen in der Schweiz indizierte psychotherapeu-
tisch-psychiatrische Therapie und die Fortführung der Medikation medizi-
nisch sinnvoll wären. Italien verfügt jedoch grundsätzlich über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur. Es liegen keine Hinweise vor, dass ihr
dort eine adäquate medizinische Behandlung verweigert würde. Der Zu-
gang für asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheitssystem
über die Notversorgung hinaus erscheint vielmehr gewährleistet (vgl. Re-
ferenzurteil F-6330/2020 E. 10.5 und 11.1; ferner Urteile des BVGer
E-4238/2021 vom 29. September 2021 E. 5.3.1, E-4232/2021 vom
29. September 2021 E. 6.3, F-3413/2021 vom 29. Juli 2021 E. 7.4 und
D-6450/2020 vom 12. Februar 2020 E. 6.5), auch wenn es in der Praxis zu
zeitlichen Verzögerungen kommen kann (E-962/2019 E. 6.2.7). Die psychi-
atrische Behandlung mit Abgabe von Medikamenten kann in Italien weiter-
geführt werden (vgl. etwa Urteil D-6450/2020 E. 6.5.3). Ein möglicher Qua-
litätsverlust in der begonnenen Therapie (BVGer act. 9) ist hinzunehmen.
Die Dublin-III-VO oder andere völkerrechtliche Bestimmungen räumen kein
Recht ein, den für eine medizinische Behandlung bestgeeignetsten Staat
frei zu wählen oder eine dem Schweizer Standard äquivalente Therapie
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absolvieren zu können (vgl. Urteil des BVGer F-3494/2021 vom 28. Okto-
ber 2021 E. 5.1.4 m.H.). Die von der zugewiesenen Rechtsvertretung zi-
tierten Urteile beziehen sich derweil auf Sachverhalte, die sich vor Inkraft-
treten des Gesetzesdekrets Nr. 130/2020 verwirklicht haben.
8.7 Wie dargetan, stellen die bei der Beschwerdeführerin diagnostizierten
psychischen Störungen keine derart schweren Leiden dar, welche nach der
Ankunft in Italien eine sofortige und lückenlose medizinische Versorgung
im Sinne der Rechtsprechung erfordern würden. Im Übrigen trägt die Vor-
instanz dem aktuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin bei
der Organisation der Überstellung nach Italien Rechnung, indem sie die
dortigen Behörden vor der Überstellung über ihren Zustand und eine allfäl-
lig notwendige medizinische Behandlung informiert. Dies ist vorliegend ge-
schehen, figurieren die geltend gemachten Leiden (posttraumatische Be-
lastungsstörung, Gastritis, Harnweginfekt) doch in der Beschreibung der
Überstellungsmodalitäten (SEM act. 41). Zur Sicherstellung einer lücken-
losen Behandlung kann der Beschwerdeführerin eine Reservemedikation
mitgegeben werden. Überdies wir ihr Lebenspartner A._ ihr dort
psychisch zur Seite stehen können.
8.8 Dem engen Verhältnis der Beschwerdeführerin zu ihrem Lebens-
partner wird durch die Koordination der beiden Rechtsmittelverfahren
Rechnung getragen. Ein Hinweis auf diese Beziehung findet sich bereits
im Übernahmeersuchen vom 17. Juni 2021 (SEM act. 19). Auch in den
Überstellungsmodalitäten werden die italienischen Behörden, unter aus-
drücklicher Nennung der Verfahrensnummer des Lebenspartners, ange-
halten, die Verfahren zu koordinieren und die Wegweisung der Betroffenen
gemeinsam zu vollziehen. Es bestehen mithin keine Anhaltspunkte dafür,
dass das Paar in Italien getrennt untergebracht würde.
8.9 Mit Blick auf die befürchtete Überlastung des italienischen Gesund-
heitssystems wegen der Covid-19-Pandemie ist der Vollständigkeit halber
zu ergänzen, dass die Vorinstanz die pandemische Lage und deren Aus-
wirkungen auf die Gesundheitsversorgung im Destinationsland im Rahmen
des Vollzugs berücksichtigt. Allfällige Verzögerungen wegen des Corona-
Virus stellen lediglich temporäre Vollzugshindernisse dar und vermögen
am Ausgang des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern (vgl. etwa Ur-
teile des BVGer F-4786/2021 vom 5. November 2021 E. 8.6 oder
F-868/2021 vom 5. März 2021 E. 6.9, je m.H). In der Durchführung des
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vorliegenden Dublin-Verfahrens ist, entgegen der Auffassung der zugewie-
senen Rechtsvertretung, ansonsten keine Verletzung des Beschleuni-
gungsgebotes erkennbar (vgl. Urteil F-6330/2020 E. 7).
9.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspielraum
(vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter diesem
Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine Hin-
weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unter-
schreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb
in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
10.
Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Italien der für die Be-
handlung des Asylgesuches der Beschwerdeführerin zuständige Mitglied-
staat gemäss Dublin-III-VO.
11.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten. Da
sie nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilli-
gung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwendung von Art. 44
AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
12.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens würde die Beschwerdeführerin kos-
tenpflichtig (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung vom 8. Septem-
ber 2021 hat das Bundesverwaltungsgericht dem Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG statt-
gegeben. Demzufolge ist sie von der Bezahlung der Verfahrenskosten be-
freit. Da sie auf Beschwerdeebene durch die ihr zugewiesene Parteivertre-
tung vertreten ist, erwachsen ihr darüber hinaus keine Kosten.
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