Decision ID: a7721fb6-2368-563f-962b-8f05fa793a60
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am 29. Dezember 2010 verursachte X einen Unfall mit Sachschaden. Er hatte den
Personenwagen mit dem amtlichen Kennzeichen SG 000'000 auf der
Umfahrungsstrasse bei A in Richtung B zu stark links gelenkt und das Fahrzeug einer
korrekt entgegenkommenden Lenkerin gestreift. Mit Strafbefehl des
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Untersuchungsamtes C vom 25. Januar 2011 wurde er im Zusammenhang mit dieser
Streifkollision wegen der Verletzung von Verkehrsregeln zu einer Busse von Fr. 450.--
verurteilt. In der Folge entzog das Strassenverkehrsamt mit Verfügung vom 15. März
2011 den Führerausweis auf Probe für die Dauer eines Monats (22. März bis und mit
21. April 2011) und verlängerte die Probezeit um ein Jahr.
B.- Am Sonntag, 24. April 2011, lenkte X um ca. 21.50 Uhr in Begleitung eines Kollegen
(auf dem Beifahrersitz) und drei Kolleginnen (auf dem Rücksitz) den Personenwagen
"Audi D, S3 Quattro" mit dem amtlichen Kennzeichen SG 000'000 auf der M-Strasse
von A in Richtung B. Kurz vor dem N-Tunnel betrug die Geschwindigkeit bei erlaubten
80 km/h ca. 160 km/h. Ins Dorf D fuhr er gemäss eigenen Angaben mit rund 70 km/h.
Zur gleichen Zeit fuhr Y mit seinem Personenwagen auf der O-Strasse in D. Nachdem
er sich mittels Seitenblicke vergewissert hatte, dass die Fahrbahn frei war, bog er links
in die M-Strasse in Richtung E ein. Er bemerkte sogleich, dass sich ein Fahrzeug von
links näherte, weshalb Y versuchte, sein Fahrzeug zurückzusetzen. Da X mit massiv
erhöhter Geschwindigkeit unterwegs war, konnte er nicht mehr bremsen und fuhr links
an einer Verkehrsinsel vorbei. In der Folge geriet sein Fahrzeug ins Schleudern, worauf
er die Kontrolle über den Personenwagen verlor, rechts von der Fahrbahn abkam und
schliesslich in eine Hausmauer prallte. Die fünf Insassen wurden teilweise schwer
verletzt.
Das Strassenverkehrsamt verfügte am 25. Juli 2011 die Annullierung des
Führerausweises auf Probe und eine Sperrfrist bis 24. April 2012 zur Erteilung eines
neuen unter der Auflage eines die Fahreignung bejahenden verkehrspsychologischen
Gutachtens. Das Untersuchungsamt C verurteilte X mit Strafbefehl vom 19. September
2011 wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung und grober
Verkehrsregelverletzung zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je Fr. 70.--, bedingt
erlassen bei einer Probezeit von zwei Jahren, sowie zu einer Busse von Fr. 2'500.--.
C.- Am 18. Mai 2012 ersuchte X beim Strassenverkehrsamt um Erteilung eines
Lernfahrausweises. Nachdem am 24. April 2012 eine verkehrspsychologische
Untersuchung stattgefunden hatte, erstattete der Gutachter am 25. Mai 2012 seinen
Bericht, in welchem er die Fahreignung von X aus charakterlichen Gründen verneinte.
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Gestützt auf dieses Gutachten wies das Strassenverkehrsamt das Gesuch um Erteilung
des Lernfahrausweises mit Verfügung vom 4. Juli 2012 ab.
D.- Gegen diese Verfügung erhob X am 20. Juli 2012 (Datum der Postaufgabe) Rekurs
bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem sinngemässen Antrag, die Verfügung
vom 4. Juli 2012 aufzuheben und ein zweites verkehrspsychologisches Gutachten
einzuholen. Die Vorinstanz trug am 15. August 2012 auf Abweisung des Rekurses an.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge wird,
soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 20. Juli 2012 ist – unter
Berücksichtigung des Stillstands der Fristen vom 15. Juli bis und mit 15. August
(Art. 30 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt:
VRP, i.V.m. Art. 145 Abs. 1 lit. b der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272) –
rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 VRP). Auf den Rekurs ist
einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz das Gesuch des Rekurrenten
um Erteilung eines Lernfahrausweises zu Recht wegen charakterlicher Nichteignung
abgewiesen hat.
a) Führerausweise dürfen nicht erteilt werden, wenn der Bewerber nach seinem
bisherigen Verhalten nicht Gewähr bietet, dass er als Motorfahrzeugführer die
Vorschriften beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen wird (Art. 14 Abs. 2
lit. d des Strassenverkehrsgesetzes; SR 741.01, abgekürzt: SVG).
Der erstmals erworbene Führerausweis für Motorräder und Motorwagen wird zunächst
auf Probe erteilt. Die Probezeit beträgt drei Jahre (Art. 15a Abs. 1 SVG). Er wird
unbefristet erteilt, wenn die Probezeit abgelaufen ist und der Inhaber an den vom
bis
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Bundesrat vorgeschriebenen, in erster Linie praktischen Weiterbildungskursen zur
Erkennung und Vermeidung von Gefahren sowie zu umweltschonendem Fahren
teilgenommen hat (Art. 15a Abs. 2 SVG). Wird dem Inhaber der Ausweis auf Probe
wegen einer Widerhandlung entzogen, so wird die Probezeit um ein Jahr verlängert.
Dauert der Entzug über die Probezeit hinaus, so beginnt die Verlängerung mit der
Rückgabe des Führerausweises (Art. 15a Abs. 3 SVG). Der Führerausweis auf Probe
verfällt mit der zweiten Widerhandlung, die zum Entzug des Ausweises führt (Art. 15a
Abs. 4 SVG). Ein neuer Lernfahrausweis kann frühestens ein Jahr nach Begehung der
Widerhandlung und nur aufgrund eines verkehrspsychologischen Gutachtens erteilt
werden, das die Eignung bejaht (Art. 15a Abs. 5 SVG).
Aus charakterlichen Gründen sind jene Personen zum Führen von Motorfahrzeugen
nicht geeignet, die nicht über ein Minimum an Verantwortungsbewusstsein,
Beständigkeit und Selbstbeherrschung verfügen, die gleichzeitig ungeschickt,
unbeholfen und ohne Entscheidungssinn sind, die übertrieben optimistisch und ganz
ohne Bewusstsein für Gefahren sind oder die dazu neigen, sich immer im Recht zu
glauben und völlig hemmungslos sind (vgl. M. Perrin, Délivrance et retrait du permis de
conduire, Fribourg 1982, S. 49). Bezugspunkt der Beurteilung ist einzig die
Verkehrssicherheit. Diejenigen Personen sollen nicht zugelassen werden, von denen
anzunehmen ist, dass sie aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur eine besondere Gefahr
für die anderen Verkehrsteilnehmer darstellen. Eine solche Gefahr liegt etwa nahe bei
sehr starker emotionaler Unausgeglichenheit, unbeherrschter Impulsivität oder
dauernder affektiver Gespanntheit. Positiv wird eine einigermassen angepasste
charakterliche Reife vorausgesetzt. Nicht jede Person mit ungünstigen
Charakteranlagen ist zum Führen von Motorfahrzeugen nicht geeignet (vgl.
R. Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band I:
Grundlagen, Verkehrszulassung und Verkehrsregeln, 2. Aufl. 2002, Rz. 332 ff.).
Fahrzeuglenker müssen über eine Reihe von charakterlichen Eigenschaften verfügen,
die mindestens minimal vorliegen: Risikobewusstsein, Tendenz zu Vermeidung hoher
Risiken, geringe Impulsivität, geringe Aggressionsneigung, reife Konfliktbearbeitung,
Stressresistenz, soziales Verantwortungsbewusstsein, soziale Anpassungsbereitschaft,
Flexibilität im Denken und psychische Ausgeglichenheit (vgl. Leitfaden der
Expertengruppe Verkehrssicherheit, Verdachtsgründe fehlender Fahreignung,
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Massnahmen, Wiederherstellung der Fahreignung, 26. April 2000, nachfolgend:
Leitfaden, S. 6).
b) Die Vorinstanz stützt die angefochtene Verfügung auf das verkehrspsychologische
Gutachten vom 25. Mai 2012, welches dem Rekurrenten die Eignung zum Führen von
Motorfahrzeugen zurzeit abspricht.
aa) Dem Gutachten vom 25. Mai 2012 liegen die Ereignisse vom 29. Dezember 2010
und 24. April 2011 und die Untersuchungsergebnisse vom 24. April 2012 zugrunde.
Letztere umfassen ein verkehrspsychologisches Interview, verschiedene Fragen aus
dem ART 2020 sowie – in der Form von Fragebogen – einen verkehrsbezogenen
Persönlichkeitstest (nachfolgend: VPT.2) und einen verkehrsspezifischen Itempool
(nachfolgend: VIP). Die zur Abklärung der verkehrsrelevanten Persönlichkeitsmerkmale
eingesetzten Fragebogentests entsprechen dem aktuellen Stand der
verkehrspsychologischen Diagnostik (vgl. J. Bächli-Biétry, Was kann die
Verkehrspsychologie im Bereich Fahreignungsdiagnostik leisten?, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 74 ff.). Nicht gewertet werden kann
der VIP, da die Orientierung an der sozialen Erwünschbarkeit und die unkritische
Selbstwahrnehmung massiv erhöht sind (act. 10/15). Welche Folgen dieser Umstand
auf die Nachvollziehbarkeit des Gutachtens hat, kann offen bleiben, wenn das
Gutachten aus anderen Gründen nicht als schlüssig beurteilt werden kann.
bb) Die Ereignisse im Strassenverkehr vom 29. Dezember 2010 und 24. April 2011
werden knapp, aber zutreffend wiedergegeben. In der Befragung zum ersten Unfall gab
der Rekurrent an, aufgrund einer kurzen Ablenkung durch das Radio sei er auf die
Mittellinie geraten und es sei zur Streifkollision gekommen. Er habe Glück im Unglück
gehabt, dass nichts passiert sei. Zum zweiten Unfall äusserte er sich dahingehend, er
sei überredet worden, einen Kollegen und dessen Freundinnen abzuholen. Er sei
pünktlich vor Ort gewesen, die "Mädels" hätten vor dem Spiegel aber länger
gebraucht. Obwohl die Zeit, um den Bus zu erwischen, nicht mehr gereicht habe,
hätten sie sich durchgesetzt. Deshalb sei er schneller als erlaubt gefahren, was sich am
Schluss als das letzte Mal in seinem Leben herausgestellt habe. Darüber, dass die
Geschwindigkeit zum Zeitpunkt des Unfalls massiv erhöht gewesen sei, könne man
diskutieren. Eine Mitfahrerin sei beim Unfall nach vorne "gespickt" und habe sich dabei
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schwer verletzt. Ihr sei die Milz entfernt worden und sie habe den Oberschenkel
gebrochen. Sie habe eine Zivilklage eingereicht und sei einen Monat im Spital
gewesen. Die Frage, weshalb der zweite Unfall nur ein paar Tage nach Wiedererteilung
des Führerausweis geschehen sei, beantwortete der Rekurrent damit, dass er nicht
habe wählen können (act. 10/13 f.).
cc) Der VPT.2 klärt anhand von siebzig Fragen die Expressivität-Selbstsicherheit, die
soziale Anpassung, die emotionale Ansprechbarkeit, die Selbstkontrolle und die
Selbstreflexion ab. Als Kontrollskala für die Beurteilung der Verwertbarkeit der Angaben
in den übrigen Bereichen dient die Offenheit der Selbstbeschreibung. In dieser Skala
erzielte der Rekurrent einen Prozentrang von 4 (Normbereich 25-75). Mit einem
Prozentrang von ebenfalls 4 liegt auch das Ergebnis für die emotionale
Ansprechbarkeit ausserhalb des Normbereichs. Dasselbe gilt für die Selbstkontrolle mit
einem Prozentrang von 82 und die Selbstreflexion mit einem Prozentrang von 84. In
den anderen Bereichen (Expressivität-Selbstsicherheit 41, Soziale Anpassung 73)
bewegen sich die Ergebnisse innerhalb des Normbereichs (act. 10 S. 20).
Der VIP deckt mit 49 Fragen die Bereiche der unkritischen Selbstwahrnehmung, der
aggressiven Interaktion und des emotionalen Autofahrens ab. Als Kontrollskala dient
der Grad der Orientierung der Antworten an der sozialen Erwünschbarkeit. Da der
Prozentrang in dieser Kontrollskala mit 94 und derjenige der unkritischen
Selbstwahrnehmung mit 98 massiv erhöht sind, kann der Test nicht gewertet werden
(act. 10 S. 15, 19).
dd) Die ungünstige Beurteilung der charakterlichen Eignung begründet der Gutachter
zusammenfassend damit, dass das Leistungsverhalten und die Impulskontrolle am
Testgerät sowie die Offenheit im Interview positiv seien. Deutlich negativ fielen jedoch
die Kritikfähigkeit, das Erkennen der ungenügend vorhandenen emotionalen Stabilität
und die Unkenntnis über die Ursachen und Hintergründe seines Fehlverhaltens auf. Im
Einzelnen erweckte der Rekurrent beim Gutachter den Eindruck, im Interview seinen
Fähigkeiten entsprechend zu antworten. Die Offenheit im Fragebogen VPT.2 und VIP
sei jedoch deutlich ungenügend. Das bedeute, die Offenheit in der Untersuchung sei
schwankend. Zur Beurteilung der Kritikfähigkeit müssten verschiedene Faktoren
berücksichtigt werden. Grundsätzlich positiv seien die Offenheit im Gespräch, das
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Verhalten in der Untersuchung sowie die erzielten Testwerte in der Leistungsprüfung.
Die Kritikfähigkeit sei zurzeit aber aus drei Gründen ungenügend: Der Wert der
emotionalen Ansprechbarkeit sei – obwohl er in der Untersuchung nicht offen sei –
massiv auffällig. Das bedeute einerseits, dass der Rekurrent emotional robust,
ausgeglichen und voller Selbstvertrauen sei; andererseits zeige er eine Tendenz zur
Gleichgültigkeit gegenüber dem Verhalten im Strassenverkehr und den
Gefährdungsmomenten. Er sei gegenüber negativen Verhaltenskonsequenzen auffällig
und es sei eine Gefühlsverdrängung sowie eine Neigung zu Selbstüberschätzung und
überhöhter Selbstsicherheit beobachtbar. Weiter halte sich der Rekurrent für
selbstreflektierter als die Norm. Im Aufsatz und im Gespräch falle auf, dass er teilweise
auf die gestellten Fragen keine Antwort geben könne. Er sei eher oberflächlich, könne
zu den Ursachen und Hintergründen wenig Angaben machen und lasse sich von
gefühlsmässigen Handlungen leiten. Schliesslich könne er sein eigenes Fehlverhalten
schlecht beschreiben und er scheine leicht beinflussbar zu sein. Hinsichtlich der
emotionalen Stabilität sei positiv, dass die Impulskontrolle am Testgerät gegeben sei.
Der Wert für die emotionale Ansprechbarkeit sei jedoch deutlich ausserhalb der Norm.
In einer Drucksituation habe er – sobald andere Personen in seinem Fahrzeug seien –
offenbar zu wenig Standfestigkeit, seine Verantwortung als Autofahrer richtig
einschätzen und umsetzen zu können. Im Aufsatz und beim Beschreiben des
Unfallhergangs habe er nur wenig zu den Ursachen und Hintergründen sagen können.
Kurz nach Wiedererteilung des Führerausweises habe er kurz darauf einen schweren
Unfall verursacht. Die diesbezüglichen Ausführungen seien unkritisch. Letztlich sei er
zurzeit nicht in der Lage, die Ursachen und Hintergründe seines Fehlverhaltens zu
erkennen (act. 10/15 f.).
c) Der Rekurrent macht zur Hauptsache geltend, im verkehrspsychologischen
Gutachten seien viele Unstimmigkeiten seinerseits aufgetaucht, worauf er mehrfach
hingewiesen habe. Er habe bei der Begutachtung vom 24. April 2012 die Dinge so
beschrieben, wie er sie vor und gerade unmittelbar nach dem Unfall gesehen habe. Er
habe dem Gutachter klar machen wollen, dass er im Zeitpunkt des Unfalls nicht fähig
gewesen sei, die Situation einzuschätzen. Seine Schilderungen seien auf den
Untersuchungstag bezogen worden. Er habe jedoch die Sicht von damals und von
heute erklären wollen, wie es dazu gekommen sei und was er daraus gelernt habe.
Was er daraus gelernt habe, sei für ihn während der Untersuchung bereits
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selbstverständlich gewesen. Dies habe wohl dazu geführt, dass der Gutachter ihn so
eingeschätzt habe, als ob er die Umstände gar nicht realisiert habe oder er sich nicht
selbstkritisch sehe. Das Gespräch vom 24. April 2012 sei schliesslich sehr oberflächlich
verlaufen und distanziert gewesen. Im vergangenen Jahr habe er immer wieder das
Gespräch mit seiner Familie und Freunden gesucht. Dabei sei ihm klar geworden, wie
unverantwortlich er damals gehandelt habe und er alleine die Verantwortung trage. Er
sei für alles eingestanden und habe seine Strafe stets entgegengenommen. Er habe
das Fahrzeug gelenkt und die Geschwindigkeit nicht eingehalten. Allein durch sein
Handeln seien andere verletzt worden. Wenn er auf die Geschwindigkeit geachtet
hätte, wäre dies nie passiert. Er habe damals den Kopf nicht benutzt und sei einfach
losgefahren. Er habe grossen Schmerz und für alle Beteiligten viele Probleme
geschaffen. Das tue ihm unbeschreiblich leid. Er habe alles mit den Beteiligten
besprochen und so verarbeiten können. Er sei nun bereit für eine zweite Chance
(act. 1, act. 10/3, 6).
d) aa) Das verkehrspsychologische Gutachten unterliegt der freien richterlichen
Beweiswürdigung (Art. 21 Abs. 3 i.V.m. Art. 58 Abs. 1 VRP). Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann ärztlichen Gutachten Beweiswert
beigemessen werden, sofern sie schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet
sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit
bestehen (BGE 123 V 331 E. 1c). In Sachfragen weicht der Richter aber nur aus triftigen
Gründen von einer gerichtlichen Expertise ab. Er prüft, ob sich aufgrund der übrigen
Beweismittel und der Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände gegen die
Schlüssigkeit der gutachterlichen Darlegungen aufdrängen. Erscheint ihm die
Schlüssigkeit eines Gutachtens in wesentlichen Punkten zweifelhaft, hat er nötigenfalls
ergänzende Beweise zur Klärung dieser Zweifel zu erheben (BGE 133 II 385 mit
weiteren Hinweisen). Das verkehrspsychologische Gutachten soll in der
Gesamtbeurteilung die erhobenen Befunde hinsichtlich der Fragestellung würdigen und
so gewichten, dass die Schlussfolgerungen und die Beantwortung der Fragestellung
auch für einen psychologischen Laien nachvollziehbar sind (J. Bächli-Biétry, Inhalt des
Gutachtens, Würdigung, Folgefragen aus verkehrspsychologischer Sicht, in: Jahrbuch
zum Strassenverkehrsrecht 2009, St. Gallen 2009, S. 58).
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bb) Der Gutachter leitet die mangelnde charakterliche Fahreignung des Rekurrenten im
Wesentlichen aus Auffälligkeiten bezüglich Offenheit, Kritikfähigkeit, emotionaler
Stabilität sowie Einsicht in die Problematik und des Erkennens von Ursachen und
Hintergründen des eigenen Fehlverhaltens ab.
cc) Aus den Kontrollskalen beider Tests ergibt sich eine ungenügende Offenheit des
Rekurrenten (VPT.2: 4, Untergrenze 25; VIP: 94, Obergrenze 75). Personen mit
ungenügenden Offenheitswerten neigen stark dazu, sich als angepasst, emotional
stabil und kontrolliert darzustellen. Wenn eine unterdurchschnittliche Offenheit vorliegt,
ist das Persönlichkeitsprofil nur mit Vorbehalt auswertbar (Bächli-Biétry, a.a.O., in:
Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2009, St. Gallen 2009, S. 65). Mit Ausnahme der
Expressivität-Selbstsicherheit liegen die Ergebnisse des Rekurrenten beim VPT.2
jeweils ausserhalb bzw. gerade noch innerhalb (Emotionalen Anpassung: 73) des
Normalbereichs von 75.
Die Offenheit des Rekurrenten erweist sich im Fragebogen VPT.2 als deutlich
ungenügend. Dagegen schätzt der Gutachter die Offenheit im Interview als positiv ein.
Auf diesen Widerspruch angesprochen gab der Rekurrent an, es seien auch nicht
immer alle mit ihm ehrlich und er sei teilweise von anderen enttäuscht worden
(act. 10/14). In der Regel führt eine unterdurchschnittliche Offenheit dazu, dass sich die
Testperson in den anderen Bereichen als angepasst, emotional stabil und kontrolliert
darstellt. Der Rekurrent war in den Fragebogentests jedoch nicht bestrebt, sich in
einem besonders guten Licht darzustellen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das
Ergebnis in der Kontrollskala auf das Schuldbewusstsein des Rekurrenten
zurückzuführen ist und er deshalb um eine überdurchschnittlich fehlerlose und sozial
angepasste Lebensführung bemüht ist. Auf ein überdurchschnittliches Bemühen,
Fehler zu vermeiden, deutet auch das hohe Ergebnis bei der Selbstkontrolle (VPT.2:
82). Das Persönlichkeitsprofil ist damit nur mit Vorbehalt auswertbar und es erscheint
fraglich, inwiefern die Werte des VPT.2 überhaupt aussagekräftig sind, nachdem die
Ergebnisse des VIP aufgrund der massiv erhöhten Orientierung an der sozialen
Erwünschtheit und der unkritischen Selbstwahrnehmung nicht gewertet werden
können. Weshalb der Gutachter trotz der Nichtverwertung des VIP keinen weiteren Test
– beispielsweise das Inventar verkehrsrelevanter Persönlichkeitseigenschaften (IVPE) –
durchführte, geht aus dem Gutachten nicht hervor.
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dd) Die ungenügende Kritikfähigkeit und das ungenügende Erkennen von Ursachen
und Hintergründen sowie die fehlende Einsicht in die Problematik werden im Gutachten
mit dem tiefen Testergebnis bei der emotionalen Ansprechbarkeit sowie mit den
Aussagen des Rekurrenten begründet. Einerseits habe er auf die gestellten Fragen
teilweise keine Antwort geben können. Andererseits lasse er sich bei der Beschreibung
des Unfalls vom 24. April 2011 von gefühlsmässigen Handlungen leiten, wobei er sein
eigenes Fehlverhalten schlecht beschreiben könne. Schliesslich habe er nicht
aufzeigen können, wie es zum ersten Unfall gekommen sei; er habe aber gemeint,
Glück im Unglück gehabt zu haben, da nichts passiert sei.
Beim Interview entsteht der Eindruck, als ob der Rekurrent die Fragen nicht verstanden
hat. So konnte er nicht beantworten, weshalb er drei Tage nach Wiedererteilung des
Lernfahrausweises erneut einen Unfall verursachte. Er meinte lediglich, er habe nicht
wählen können. Ob der Rekurrent die wiederholte Frage falsch verstanden und auf den
Zeitpunkt der Wiedererteilung des Führerausweises bezogen hat, oder ob er davon
überzeugt ist, dass ein bestimmter Lebensweg oder bestimmte Ereignisse im Leben
eines Menschen mehr oder weniger vorherbestimmt sind (sog. Schicksalsglaube),
bleibt offen. In dieser Situation hätten dem Rekurrenten allenfalls Fragen aus einem
anderen Lebensbereich (Familie, Arbeit) gestellt werden können, um zu klären, ob er
allgemein oder einzig bei der Beschreibung der Unfälle Mühe mit der Fragestellung hat.
Der Gutachter sprach den Rekurrenten nicht konkret darauf an, ob er aus den
Ereignissen etwas gelernt habe. Letzteres erscheint nicht ausgeschlossen. Immerhin
erwähnte er bei der Beschreibung des zweiten Unfalls, dass er schneller als erlaubt
gefahren sei, was sich am Schluss als das letzte Mal in seinem Leben herausgestellt
habe. Zwar könnte darin insoweit eine Abschiebung der Verantwortung erblickt
werden, dass sich der Rekurrent nicht genügend bewusst ist, in welchem Ausmass er
bereits beim Unfall vom 29. Dezember 2010 Glück hatte, und es dank der Reaktion der
entgegenkommenden Fahrzeuglenkerin nicht zu einer Frontalkollision kam. Fraglich
erscheint hingegen, ob deshalb auf eine mangelnde charakterliche Fahreignung
geschlossen werden darf, zumal die Feststellung "Glück im Unglück" für das Ereignis
vom 29. Dezember 2010 durchaus zutrifft. Zumindest in seiner Rekurseingabe bzw. in
der Stellungnahme zum Gutachten vom 30. Mai 2012 anerkennt er sein Fehlverhalten
und scheint daraus seine Lehren gezogen zu haben, was zumindest auf eine gewisse
Kritikfähigkeit des Rekurrenten hindeutet.
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e) Das Gutachten lässt die Fragen nach der Bedeutung der teilweise widersprüchlichen
Ergebnisse unbeantwortet. Der Rekurrent beschreibt sich in den Fragebogentests nicht
durchwegs günstig und zeigte sich im Interview offen. Wie die in diesen Tests in den
Kontrollskalen ermittelte mangelnde Offenheit vor diesem Hintergrund interpretiert
werden kann, lässt sich dem Gutachten nicht entnehmen. Hinzu kommt die
Einschätzung des Lehrbetriebs des Rekurrenten vom 19. Juli 2012. Darin wird er als
zuverlässiger und pünktlicher Lehrling mit einem hervorragenden und sehr
zufriedenstellenden Leistungswillen und Arbeitseinsatz beschrieben. Diese
Einschätzung des Lehrbetriebs fusst zwar nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Sie ist aber trotzdem zu berücksichtigen, denn immerhin konnte der Lehrbetrieb das
Arbeitsverhalten während eines Jahres genau beobachten. Gestützt darauf ist der
Lehrbetrieb der Auffassung, dass der Rekurrent reif genug geworden sei, um im
Strassenverkehr Verantwortung übernehmen zu können. Der Lehrbetrieb übernimmt
damit zumindest auch eine grosse moralische Verantwortung.
f) Zusammenfassend erweist sich das verkehrspsychologische Gutachten vom 25. Mai
2012 und insbesondere der Schluss auf die mangelnde Fahreignung des Rekurrenten
für einen psychologischen Laien als nicht nachvollziehbar.
3.- Dementsprechend ist der Rekurs gutzuheissen, und die angefochtene Verfügung
der Vorinstanz vom 4. Juli 2012 ist aufzuheben. Die Angelegenheit ist gestützt auf
Art. 56 Abs. 2 VRP zur Einholung eines neuen verkehrspsychologischen Gutachtens
und zum neuen Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eine Rückweisung
erscheint deshalb als sachgerecht, weil mit der Einholung eines neuen Gutachtens die
Beweisgrundlagen wesentlich ergänzt werden. Zudem würde es zu einer Verkürzung
des Rechtsmittelwegs führen, wenn das Gericht die Beweisergänzung selbst
vornehmen würde.
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Die
Finanzverwaltung ist anzuweisen, dem Rekurrenten den Kostenvorschuss von
Fr. 800.-- zurückzuerstatten.