Decision ID: 9958bd60-4eac-4f4f-b67b-99b7c6a6c756
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der am 3
0.
März 1955 geborene
X._
war
als Akkordmaurer (vgl. Urk. 2/3, Verfügungsteil 2)
bei
der
Y._
GmbH
angeste
llt und im Rahmen dieser Anstel
lung
ab dem
1.
Juli 2007
bei der
Stiftung Auffangeinrich
tung BVG
(nachfo
lgend: Vorsorgestiftung) berufsvor
sorge
versichert (
vgl.
Urk.
7/3 S. 3
).
Infolge eines Unfalls
, welcher sich
am 22. November 2007
ereignet hatte,
sprach die Suva ihm mit Verfügung vom 4. Oktober 2011 für die Zeit ab
1.
August 2011 eine auf einer Erwerbsunfähigkeit von 60
%
basierende Invalidenrente der Unfallversicherung zu (
Urk.
2/1).
Zudem
gewährte die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons
St. Gallen
, IV-Stelle,
X._
mit Verfügungen vom 2
7.
Dezember 2012 eine ganze Invalidenrente für die Zeit vom
1.
Dezember 2008 bis 3
1.
März 2009 sowie vom
1.
März 2010 bis 30. September 2011 und eine halbe Invalidenrente für die Zeit vom
1.
April 2009 bis
zum
2
8.
Februar 2010 sowie unbefristet ab
1.
Oktober 201
1.
Letzteres bei einem Invaliditätsgrad von 51
%
(
Urk.
2/3). Mit Schreiben vom 14. August 2013 teilte die Stiftung Auffang
-
ein
richtung BVG
X._
unter anderem mit, ab dem
1.
Oktober 2011 habe er Anspruch auf eine halbe BVG-Invalidenrente sowie eine halbe BVG-Invalidenkinderrente, indes führe die Ausrichtung der BVG-Leistung
gänzlich
zu einer Überentschädigung (Urk. 7/1 S. 1)
, was zur Folge hatte, dass ab
1.
Oktober 2011 keine BVG-Leistungen ausgerichtet wurden
. Bei der Prüfung der Über
entschädigung berücksichtigte die Vorsorgestiftung ein
(hypothetisches)
Erwerbs
ein
kommen (
Urk.
2/6,
Urk. 7/1 S. 10
,
Urk.
7/3 S. 8 ff.
). Am
6.
März 2020 ersuchte
X._
die Vorsorgestiftung darum, dass ihm nach dem Erreichen seines AHV-Alters am 3
0.
März 2020 die ihm zustehenden Altersleistungen auszu
richten seien (
Urk.
7/4). Die Vorsorgestiftung antwortete darauf am 16. März 2020, dass die Invalidenrente gemäss
Art.
23
Abs.
3 ihres Vorsorgereg
lements nicht in eine Altersrente umgewandelt werde. Laut
Art.
26
Abs.
3 ihres Vorsor
gereglements habe sie Leistungen im gleichen Umfang wie vor Erreichen des ordentlichen Rentenalters zu erbringen. Sie werde weiterhin keine Leistungen ausrichten (
Urk.
7/5). Mit Schreiben vom 3
0.
April 2020 an die Vorsorgestiftung machte
X._
geltend, nach dem Erreichen des AHV-Alters könne ihm kein hypothetisches Erwerbseinkommen mehr angerechnet werden, weshalb die BVG-Rente nun ungekürzt auszubezahlen sei (
Urk.
7/6). In Beantwortung dieses Schreibens hielt die Vorsorgestiftung am
9.
Juni 2020 fest, sie habe nach dem Erreichen des ordentlichen Rentenalters keine Neuberechnung der Überentschä
digung ohne Einbezug des Resterwerbseinkommens vorzunehmen (
Urk.
7/7).
2.
Am 20. Juli 2020 erhob
X._
beim hiesigen Gericht Klage gegen die
Stiftung Auffangeinrichtung BVG
und beantragte, die Beklagte sei zu verpflich
ten, ihm rückwirkend ab Erreichen des ordentlichen Rentenalters am 30. März 2020 die ihm zustehende jährliche Altersrente, mindestens aber Fr. 8'272.24 aus
zurichten
(
Urk.
1 S. 2)
. Die Beklagte beantragte in ihrer Klageantwort vom 2. Oktober 2020 die Abweisung der Klage (
Urk.
6).
Mit
Replik vom 9. November 2020 hielt
X._
an seinem Antrag fest und beantragte eventualiter, die Beklagte sei zu verpflichten, ihm rückwirkend ab Erreichen des ordentlichen Rentenalters am 3
0.
März 2020 eine jährliche Invalidenrente von mindestens Fr. 8'272.24 auszurichten (
Urk.
10). Die Beklagte schloss in ihrer Duplik vom 1
4.
Dezember 2020 weiterhin auf Abweisung der Klage (
Urk.
13), worüber der Kläger mit Gerichtsverfügung vom 1
7.
Dezember 2020
orientiert
wurde (
Urk.
14).
Auf die Ausführungen der Parteien und die
eingereicht
en Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1
.1
Der Kläger erklärte zur Begründung seiner Klage zusammengefasst, grundsätzlich habe er seit dem
1.
Oktober 2011 Anspruch auf eine Invalidenrente bei einem auf 51
%
festgesetzten Invaliditätsgrad. Die Vorsorgeeinrichtung habe ihm - bis zu seinem Eintritt ins Pensionsalter zu Recht - gestützt auf die Überentschädigungs
regelungen keine Rente ausgerichtet, da sie ihm ein hypothetisches Erwerbsein
kommen von Fr. 46'556.37 pro Jahr angerechnet habe (
Urk.
1 S. 2-4). Seit Errei
chen des ordentlichen Rentenalters dürfe ihm
allerdings
kein hypothetisches Erwerbseinkommen mehr angerechnet werden, weshalb er die Überentschädi
gungsgrenze nicht mehr erreiche. Dies habe zur Folge, dass ihm die ihm bei einem Invaliditätsgrad von 51
%
zustehende BVG-Rente ab dem 30. März 2020 unge
kürzt ausbezahlt werden müsse (
Urk.
1 S. 5-9). Ferner machte er geltend, die Beklagte habe sich mit ihrer argumentativen Kehrtwendung wider Treu und Glau
ben verhalten. In ihrem Schreiben vom 1
6.
März 2020 habe sie noch die Ansicht vertreten, dass eine Neuberechnung nur insoweit unzulässig sei, als keine Neu
berechnung des Überentschädigungsgrenzwerts erfolgen dürfe (Urk. 1 S. 5).
1
.2
Die Beklagte hielt in ihrer Klageantwort zusammengefasst fest, der Anspruch auf Invalidenleistungen erlösche im
Obligatorium
der beruflichen Vorsorge mit dem Tod der versicherten Person, respektive werde die Invalidenrente lebenslänglich
ausgerichtet. Aus diesem Grund habe der Kläger keinen Anspruch auf Alters
leistungen (
Urk.
6 S. 4-5). Gestützt auf den klaren Wortlaut von
Art.
24a
Abs.
2 BVV
2 müsse sie sodann keine neue Berechnung der Invalidenleistungen vorneh
men und demnach weiterhin keine effektiven Leistungen ausrichten. Denn die Leistungen seien im gleichen Umfang wie vor Erreichen des ordentlichen Renten
alters zu erbringen. Dies entspreche sodann auch dem Sinn und Zweck der ge
nannten Verordnungsbestimmung (
Urk.
6 S. 6-8).
1
.3
In seiner Replik machte der Kläger geltend, falls keine Altersrente geschuldet sei, sei ihm eine Invalidenrente auszurichten (
Urk.
10 S. 2).
Art.
24a BVV 2 meine mit «gleichem Umfang» nicht
die betragsmässig selbe Zahlung
. Die Überentschädi
gungsregelung bezwecke einzig die Verhinderung einer Besserstellung. Eine sol
che sei indes nicht ersichtlich. Hätte er seine Resterwerbsfähigkeit verwerten können, würde er aus dem aktiven Teil eine Altersrente erhalten. Die Beklagte mache nicht geltend, dass diese hypothetische Rente aus dem aktiven Teil seiner Versicherung eine Höhe aufweisen würde, welche sie weiterhin zur Kürzung der Rente aus dem passiven Teil berechtigen würde (
Urk.
10 S.
2
-4).
1
.4
Duplicando
hielt die Beklagte nochmals fest, der Wortlaut von Art. 24a BVV 2 sei klar und eindeutig; sie habe daher nach Erreichen des ordentlichen Renten
alters weiterhin die gleichen respektive keine Leistungen auszurichten. Wenn der Auffassung des Klägers gefolgt würde, hätte dies zur Folge, dass Teil-Invalide, welche ihre Resterwerbsfähigkeit bis zum ordentlichen Rentenalter verwertet hät
ten und so ihrer Schadenminderungspflicht nachgekommen seien, gegenüber sol
chen, welche in Verletzung ihrer Schadenminderungspflicht kein Einkommen mehr erzielten, schlechter gestellt wären. Schliesslich wies die Beklagte darauf hin, dass sich die Kürzung respektive Verweigerung ihrer Leistungen auf ihre Allgemeinen Bestimmungen stütze (Urk. 13).
2
.
Gemäss
Art.
9 der Bundesverfassung
der Schweizerischen Eidgenossenschaft
(BV) hat jede Person Anspruch darauf, von den staatlichen Organen ohne Willkür und nach Treu und Glauben behandelt zu werden. Zum Gebot des Handelns nach Treu und Glauben gehört unter anderem, dass Behörden einen einmal eingenommenen Standpunkt im Laufe des Verfahrens nicht willkürlich ändern dürfen; namentlich sind sie gehalten, sich an von ihnen selbst statuierte Verfahren zu halten (vgl. BGE 133 V 14 E. 8.4); ein widersprüchliches Verhalten („
venire
contra
factum
proprium“) ist ebenfalls unzulässig (vgl. BGE 133 I 149 E. 3.3).
Die Beklagte hielt in ihrem Schreiben vom 1
6.
März 2020 fest, da beim Kläger die Übergangsbestimmung Anwendung finde, wonach seine UVG-
I
nvaliden
leistungen nicht gekürzt würden, bleibe ihre Leistungsberechnung unverändert. Überdies müsse sie
auch bei
eine
r
Kürzung der UVG-Invalidenleistungen
diese
nicht ausgleichen. Zugleich zitierte sie die Bestimmung, wonach sie die Leistun
gen im gleichen Umfang wie vor Erreichen des ordent
lichen Rentenalters erbringe und hielt abschliessend fest, dass sie weiterhin keine Leistungen erbringen könne (Urk. 7/5). Damit hat sie entgegen dem klägerischen Vorbringen nicht gesagt, dass abgesehen vom Überentschädigungswert eine Neuberechnung vorzunehmen sei. Namentlich wies sie bereits darauf hin, dass sie Leistungen im gleichen Umfang wie zuvor, also keine Leistungen, erbringe. Ein treuwidrig widersprüchliches Ver
halten ist nach dem Gesagten nicht zu erkennen.
3.
3.1
Treffen Leistungen nach dem Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlas
senen- und Invalidenvorsorge (BVG) mit gleichartigen Leistungen anderer
So
zialversicherungen zusammen, so findet Artikel 66 Absatz 2 des Bundes
gesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) Anwendung (Art. 34a Abs. 2 BVG). Danach werden Renten und Abfindungen nach den Be
stimmungen des jeweiligen Einzelgesetzes und in folgender Reihen
folge gewährt: (a) von der Alters- und
Hinterlassenenversicherung
oder der Inva
lidenversiche
rung, (b) von der Militär- oder der Unfallversicherung, (c) von der beruflichen Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge nach dem BVG (Art. 66 Abs. 2 ATSG).
Nach Art. 34a Abs. 1 BVG kann die Vorsorgeeinrichtung die Hinterlassenen- und Invalidenleistungen kürzen, soweit diese zusammen mit anderen Leistungen glei
cher Art und Zweckbestimmung sowie weiteren anrechenbaren Einkünften 90 Prozent des mutmasslich entgangenen Verdienstes übersteigen. Der Bundesrat ist befugt, die anrechenbaren Leistungen und Einkünfte sowie den mutmasslich entgangenen Verdienst zu regeln (Art. 34a Abs. 5
lit
. a BVG). Die Kürzung ande
rer Leistungen, die beim Erreichen des ordentlichen Rentenalters vorgenommen wird,
muss
nicht ausgeglichen werden (Art. 34a Abs. 4 BVG).
Mit dem Verbot der Überentschädigung sollen ungerechtfertigte Vorteile vermie
den werden. Versicherte sollen finanziell nicht besser-, sondern höchstens so gestellt werden, wie wenn sich das Invaliditätsrisik
o nicht verwirklicht hätte (BGE
137 V 20 E. 5.2.4).
3.2
Vor Erreichen des ordentlichen Rentenalters kann die Vorsorgeeinrichtung bei der Kürzung von Invalidenleistungen die Invalidenleistungen, die andere in- und ausländische Sozialversicherungen und Vorsorgeeinrichtungen der leistungsbe
rechtigten Person aufgrund des schädigenden Ereignisses ausrichten, anrechnen (Art. 24 Abs. 1
lit
. a der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge, BVV 2). Dasselbe gilt für das weiterhin erzielte oder
zumutbarerweise
noch erzielbare Erwerbs- oder Ersatzeinkommen (Art. 24 Abs. 1
lit
. d BVV 2). Der mutmasslich entgangene Verdienst entspricht dem gesamten Erwerbs- oder Ersatzeinkommen, das die versicherte Person ohne das schädigende Ereignis mutmasslich erzielen würde (Art. 24 Abs. 6 BVV 2).
3.3
Nach Erreichen des ordentlichen Rentenalters darf die Vorsorgeeinrichtung ihre Leistungen nur kürzen, wenn diese mit Leistungen der Unfall- oder Militärversi
cherung oder vergleichbaren ausländischen Leistungen zusammenfallen (Art. 24a Abs. 1 BVV 2).
Die Vorsorgeeinrichtung erbringt die Leistungen weiterhin in gleichem Umfang wie vor Erreichen des ordentlichen Rentenalters. Insbesondere muss sie Leistungskürzungen bei Erreichen des Rentenalters nach Artikel 20 Absätze 2
ter
und 2
quater
des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) und Artikel 47 Absatz 1 des Bundesgesetzes über die Militärversicherung (MVG) nicht ausglei
chen (Art. 24a Abs. 2 BVV 2).
Die gekürzten Leistungen der Vorsorgeeinrichtung dürfen zusammen mit den Leistungen nach UVG, nach MVG und den vergleichbaren ausländischen Leis
tungen nicht tiefer sein als die ungekürzten Leistungen nach den Artikeln 24 und 25 BVG (Art. 24a Abs. 3 BVV 2).
4.
4.1
Str
eit
ig ist, ob infolge des Erreichens des Pensionsalters
des Klägers
eine Neu
berechnung
der Überentschädigung
zu erfolgen hat und falls ja, ob weiterhin ein
zumutbarerweise
erzielbares
hypothetisches Erwerbsein
kommen anzurechnen ist.
Vorab ist anzumerken, dass das anwendbare Vorsorgereglement - wie für den obligatorischen Bereich in
Art.
26
Abs.
3 BVG
grundsätzlich
vorgesehen (vgl. auch
Basler Kommentar [BSK] Berufliche Vorsorge, Basel 2021, Berger,
Art.
34 BVG N 24
) - in
Art.
18
Abs.
2 festhält, dass
der Anspruch auf eine
Invalidenrente
bei Andauern der Invalidität
lebenslänglich besteht (
Urk.
7/8 S. 7). Dies hat zur Folge, dass die BVG-Invalidenrente nicht
von einer
BVG-Altersrente
abgelöst
wird, wenn der Bezüger das Rentenalter erreicht
(Soziale Sicherheit, Marc
Hürze
ler
/Jürg
Brühwiler
, L. Obligatorische berufliche Vorsorge, S. 2128
Rz
165 mit Hin
weis auf BGE 118 V 100).
Weiter ist darauf hinzuweisen, dass im vorliegend zu beurteilenden Fall eine reg
lementarische Grundlage für die Kürzung von Leistungen besteht: Gemäss Art. 25 Abs. 1 des Vorsorgereglem
ents werden die Hinterlassenen
- und Invaliden
leistungen gekürzt, soweit sie zusammen mit anderen anrechenbaren Einkünften 90 Prozen
t des mutmasslich ent
gangenen Verdienstes übersteigen. Als anre
chenbare Einkünfte gelten nach Art. 25 Abs. 2 des Vorsorgereglements Leistun
gen gleicher Art und Zweckbestimmung, die der anspruchsberechtigten Person aufgrund des schädigenden Ereignisses ausgerichtet werden, wie Renten oder Kapitalleistungen mit ihrem Rentenumwandlungswert in- und ausländischer So
zialversicherungen und Vorsorgeeinrichtungen, mit Ausnahme von
Hilflosen
entschädigungen
, Abfindungen und ähnlichen Leistungen; Bezügern von Invali
denleistungen wird überdies das weiterhin erzielte oder
zumutbarerweise
noch erzielbare Erwerbs- oder Ersatzeinkommen angerechnet (Urk. 7/8 S. 9).
4.2
Die Vorsorgeeinrichtungen haben die Invalidenleistungen nach dem Erreichen des ordentlichen Rentenalters weiterhin in gleichem Umfang wie zuvor zu erbrin
gen; insbesondere müssen Leistungskürzungen bei Erreichen des Rentenalters nach Artikel 20 Absätze 2
ter
und 2
quater
UVG sowie Artikel 47 Absatz 1 MVG nicht ausgeglichen werden (Art. 24a Abs. 2 BVV 2). Eine Neuberechnung der Über
entschädigung respektive eine Anpassung der Leistungskürzung ist nach dem Wortlaut dieser Bestimmung nicht vorgesehen; damit ist grundsätzlich auch aus
geschlossen, dass die Vorsorgeeinrichtung nach Erreichen des Rentenalters eine Neuberechnung der Überentschädigung ohne Einbezug eines tatsächlichen oder
zumutbarerweise
erzielbaren Resterwerbseinkommens vorzunehmen hätte (
Hür
zeler
, in: Schneider/Geiser/
Gächter
, Kommentar zum schweizerischen Sozialver
sicherungsrecht [
KoSS
], BVG und FZG, 2. Auflage, Bern 2019, N 68 zu Art. 34a BVG; Stauffer, Berufliche Vorsorge, 3. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2019, S. 400 N 1236; Moser/Stauffer, Koordinationsfragen UVG/BVG, AJP 2017 1107 ff., 1111; Bundesamt für Gesundheit, Erläuternder Bericht zur Änderung der Verord
nung über die Unfallversicherung [UVV], Bern 2016, S. 23; Bundesamt für So
zialversicherungen, Mitteilungen über die berufliche Vorsorge Nr. 144 vom 13. April 2017,
Rz
. 961).
4.3
Bis 31. Dezember 2016 konnte die Vorsorgeeinrichtung gestützt auf
aArt
. 24 Abs. 2
bis
BVV 2 (in Kraft von 1. Januar 2011 bis 31. Dezember 2016) ihre Leis
tungen nach Erreichen des AHV-Rentenalters kürzen, soweit sie zusammen mit
anderen Einkünften 90 Prozent des Betrages überstiegen, der bei einer Über
entschädigungsberechnung unmittelbar vor dem Rentenalter als mutmasslich entgangener Verdienst zu betrachten war. Mithin musste ein nach Erreichen des Rentenalters nicht mehr erzieltes, fiktives Erwerbseinkommen in die Überentschä
digungsberechnung einbezogen werden (Stauffer, a.a.O., S. 400 N 1236). Mit der Anpassung der Überentschädigungsbestimmungen der BVV 2 an die UVG-Revision vom 25. September 2015, welche am 1. Januar 2017 in Kraft trat, wurde nicht beabsichtigt, den Betrag des zuvor erzielten oder
z
umutbarerweise
erzielbar gewese
nen Resterwerbseinkommens von Teilinvalidenrentnern
nach Erreichen des Renten
alters
ni
cht mehr anzurechnen
,
hätte dies doch gegenüber der früheren Regelung eine klare Besserstellung zur Folge und würde dem mit der UVG-Revision verfolgten
Zweck der Vermeidung einer Bes
serstellung gegenüber ver
gleichbaren nicht
invaliden Personen diametral zu
widerlaufen. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn im neu eingefügten Art. 24a Abs. 2 BVV 2 festgehalten wird, die Vorsorgeeinrichtung habe nach Erreichen des Rentenalters den gleichen Be
trag auszurichten,
den sie bereits vor dem Renten
alter ausgerichtet hat. Dass sich der auszurichtende Betrag nach der früheren Überentschädigungsberechnung be
misst (vgl. auch Bundesam
t für Sozialversi
cherungen, Mitteilungen über die be
rufliche Vorsorge Nr. 144 vom 13. April 2017,
Rz
. 961), versteht sich vor diesem Hintergrund von selbst.
4.4
Dass bei Erreichen des ordentlichen Rentenalters keine neue Überentschädigungs
berechnung ohne Einbezug eines erzielten oder eines
zumutbarerweise
erziel
baren Resterwerbseinkommens vorzunehmen ist, erhellt auch aus dem Umstand, dass für das wegfallende Resterwerbseinkommen im Regelfall eine Altersleistung der beruflichen Vorsorge fällig wird.
Wenn ein Vorsorgeversicherter teilweise invalid wird und er Anspruch auf eine Teil-Invalidenrente hat, wird sein Altersguthaben in einen der Rentenberechti
gung entsprechenden (passiven) und einen aktiven Teil aufgeteilt (Art. 15 Abs. 1 BVV 2). Die Berechnung der (Teil-)Invalidenrente basiert auf dem passiven Teil. Das entsprechende Altersguthaben wird um die Summe der Altersgutschriften für die bis zum ordentlichen Rentenalter fehlenden Jahre, ohne Zinsen vermehrt, wo
bei die Altersgutschriften auf dem koordinierten Lohn des Versicherten während seines letzten Versicherungsjahres berechnet werden (Art. 24 Abs. 3 und 4 BVG). Der aktive Teil kann im Rahmen der Verwertung der Resterwerbsfähigkeit weiter mit Altersgutschriften
geäufnet
werden, so dass neben einer lebens
länglichen Teil-Invalidenrente aus dem passiven Teil Anspruch auf eine Altersrente oder eine Kapitalleistung aus dem aktiven Teil besteht.
Eine neue Berechnung der Überentschädigung nach Erreichen des ordentlichen Rentenalters ohne Einbezug des Resterwerbseinkommens und ohne Berücksichti
gung von Altersleistungen aus dem aktiven Teil würde zu einer nicht gerechtfer
tigten Besserstellung gegenüber einem Versicherten ohne Invalidität führen. Mit der Weiterausrichtung der vor Erreichen des Rentenalters ausgerichteten (gekürz
ten) Leistungen wird dies vermieden. Wenn ein Versicherter auf die Verwertung der Resterwerbsfähigkeit verzichtet hat, ändert dies daran nichts.
5.
Der Kläger erhält seit Erreichen des AHV-Alters von der Unfallversicherung jähr
lich Fr. 49'526.40 (Urk. 2/2) und von der AHV pro Jahr Fr. 26'160.-- (Urk. 2/5), mithin Fr. 75'686.4
0.
Bei einem mutmasslichen Verdienst ohne Invalidität vor Erreichen des AHV-Alters von rund Fr. 104'000.--
(Fr. 95'013.-- bei Eintritt der Invalidität [
Urk.
7/1], angepasst an die Teuerung bis 2020)
werden ihm Leistun
gen in Höhe von über 70 % des letzten Verdienstes ausgerichtet. Damit wird das grund
sätzliche Leistungsziel der ersten und zweiten Säule aber erreicht (vgl. Art. 113 Abs. 2
lit
. a der Bundesverfassung, BV;
Kieser
, in: Ehrenzeller/Schind
ler/Schwei
zer/
Vallender
, St. Galler Kommentar zur Schweizerischen Bundes
verfassung, 3. Auflage, Zürich/St. Gallen 2014,
Rz
. 8 zu Art. 113).
6.
Nach dem Gesagten ist es nicht zu beanstanden, wenn die Beklagte nach Errei
chen des ordentlichen Rentenalters weiterhin die gleichen respektive aufgrund einer vollständigen Überentschädigung keine Leistungen aus der beruflichen Vor
sorge ausrichtet. Die Klage ist daher abzuweisen.
7
.
Die Beklagte verzichtete in ihrer Funktion als Trägerin der beruflichen
Vorsorge richtigerweise dar
auf, eine Prozessentschädigung
zu beantragen (BGE 128 V 133 E. 5b, 126 V 143 E. 4a mit Hinweis).
8.
Eine Minderheit des Spruchkörpers hat ihre abweichende Meinung zu Protokoll gegeben (
Urk.
17).