Decision ID: 17e0335f-34df-46ee-a324-9d616e9e20e6
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Markus Möhr, Scheffelstrasse 1, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Sonderschulmassnahmen
Sachverhalt:
A.
A.a S._, Jahrgang 1991, wurde von ihrer Mutter am 31. Juli 2006 zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung (IV) für Versicherte vor dem 20. Altersjahr
angemeldet. Die Anmeldung ging bei der IV-Stelle am 8. August 2006 ein. Beantragt
wurden Beiträge an die Sonderschulung im A._ (IV-act. 1). Gemäss Bericht des
Schulpsychologischen Diensts des Kantons St. Gallen, Regionalstelle B._, vom
27. Juli 2006 wies die schulpsychologische Untersuchung darauf hin, dass die
kognitiven Voraussetzungen bei der Versicherten unter dem Altersdurchschnitt lagen
(IV-act. 2). Auf Anregung des zuständigen Arztes des IV-internen Regionalen Ärztlichen
Diensts (RAD) vom 9. November 2006 gab die IV bei den Kinder- und
Jugendpsychiatrischen Diensten St. Gallen (KJPD), Regionalstelle C._, ein Gutachten
in Auftrag. Dieses wurde am 19. Juli 2007 erstellt. Bei der Versicherten scheine eine
emotionale Befindlichkeitsstörung im Sinne einer Identitätsstörung vorzuliegen. Eine
Sonderbeschulung könne ihr die notwendigen Anforderungen und Gegensätze bieten,
um sie in die Lage zu versetzen, ihr vorhandenes Potential entsprechend zu nutzen.
Aktuell scheine die Versicherte von der Internatslösung sehr zu profitieren (IV-act. 12).
Der RAD-Arzt Dr. med. D._ kam in seiner Beurteilung vom 6. August 2007 zum
Schluss, ein eigentlicher psychischer Gesundheitsschaden im Sinne des Gesetzes sei
nicht ausreichend ausgewiesen (IV-act. 13).
A.b Mit Vorbescheid vom 9. August 2007 stellte die IV-Stelle die Verweigerung der
Kostengutsprache für Sonderschulmassnahmen in Aussicht (IV-act. 16). Die Mutter der
Versicherten verzichtete auf die Wahrnehmung des rechtlichen Gehörs, woraufhin die
IV-Stelle mit Verfügung vom 27. September 2007 abweisend über die beantragten
Sonderschulmassnahmen entschied (act. G 1.2).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob Amtsvormund E._ am 25. Oktober 2007 für die
Versicherten Beschwerde mit dem sinngemässen Antrag der Aufhebung der
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Verfügung. Der Beschwerdeführerin sei Kostengutsprache für
Sonderschulmassnahmen zu erteilen, eventuell sei zusätzlich die erstmalige berufliche
Ausbildung zu übernehmen. Weiter sei ihr die unentgeltliche Vertretung zu gewähren,
unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Aufgrund ihrer unausgeglichenen Gefühlslage
sowie der wenig gefestigten Persönlichkeitseigenschaften benötige die
Beschwerdeführerin sowohl für das kommende 9. Schuljahr als auch für die sich daran
anschliessende berufliche Erstausbildung sonderpädagogische Beschulung und eine
klar strukturierte, sozialpädagogisch begleitete Wohnform (act. G 1). Innert der für eine
Beschwerdeergänzung gewährten Nachfrist kündigte der vom Amtsvormund
beauftragte Rechtsanwalt Dr. Markus Möhr am 9. November 2007 die
Interessenwahrung der Beschwerdeführerin an (act. G 3). Mit Beschwerdeergänzung
vom 3. Dezember 2007 beantragte er die Aufhebung der Verfügung, die Erteilung der
Kostengutsprache für Sonderschulmassnahmen und eventualiter die Rückweisung der
Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zur Neubeurteilung. Der
Beschwerdeführerin sei die unentgeltliche Rechtsvertretung zu gewähren. Ein Gesuch
um Beiträge an die Mehrkosten der erstmaligen beruflichen Ausbildung sei erst am
13. November 2007 gestellt worden; der entsprechende Eventualantrag gemäss
Beschwerde vom 25. Oktober 2007 werde nicht weiter verfolgt. Die Voraussetzungen
des Art. 8 Abs. 4 lit. f bzw. lit. g IVG für die Gewährung des Schulgeldbeitrags seien
gegeben. In der Oberstufe F._ sei es immer wieder zu Beanstandungen von Seiten
der Lehrkräfte gekommen. Auch aus der Time-out-Klasse, in die die
Beschwerdeführerin im Februar 2006 versetzt worden sei, sei sie wieder
ausgeschlossen worden. Der RAD sei in Würdigung des Gutachtens der KJPD in einer
an Wortklauberei nicht zu überbietenden Auslegung zur Beurteilung gelangt, ein
eigentlicher psychischer Gesundheitsschaden sei nicht ausreichend ausgewiesen. Das
Vorgehen der Beschwerdegegnerin widerspreche der gesamten Aktenlage. Bei allem
Verständnis für den erheblichen Spardruck in der IV könne es nicht angehen, ein an
sich aussagekräftiges und klares Gutachten anhand von einzelnen Wortbegriffen derart
umzuinterpretieren, um ein offenbar erwünschtes Ergebnis herbeizureden. Der RAD
habe den Gesamtzusammenhang der Situation bzw. der Aussagen nicht gewürdigt.
Der Sozialpsychologische Dienst habe im Schreiben vom 27. Juli 2006 ausdrücklich
eine Sonderschulung beantragt, nachdem die "normalen" schulischen Massnahmen
gescheitert seien. Aus diesem Grunde sei die Beschwerdeführerin im A._
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untergebracht worden. Allein dies bestätige, dass die Sonderschulmassnahme
ausgewiesen und erforderlich gewesen sei. Sowohl für das erste als auch für das
zweite Schuljahr im A._ sei die Sonderschuldbedürftigkeit ausgewiesen. Ohne
Sonderschulung bzw. ohne klare Strukturen würde die Beschwerdeführerin mit
Sicherheit in eine ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit abgleiten bzw. wäre bereits
in diese für eine Jugendliche fatale Situation abgeglitten (act. G 4).
B.b Am 31. Dezember 2007 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin das
Gesuchsformular für die unentgeltliche Prozessführung samt Beilagen nach (act. G 7).
B.c Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 8. Januar 2008
die Abweisung der Beschwerde. Keinen Anspruch auf Massnahmen für den Besuch
einer Sonderschule hätten Personen, die nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern
wegen besonderer familiärer oder sozialer Verhältnisse oder erzieherischer
Schwierigkeiten die Volksschule nicht besuchen könnten oder die infolge Fehlens einer
für sie an sich geeigneten Volksschulklasse (zum Beispiel einer Hilfs-, Klein- oder
Sonderklasse) eine Sonderschule besuchen würden. Die Testergebnisse bei der KJPD-
Begutachtung zusammen mit der vorsichtigen Formulierung der Diagnose würden
keinesfalls darauf schliessen lassen, dass bei der Beschwerdeführerin eine
Verhaltensstörung vorliege, die die gesetzlich geforderte Schwere auch nur annähernd
erreiche. Auch von einer Mehrfachbehinderung könne nicht gesprochen werden. Die im
November 2007 beantragten beruflichen Massnahmen halte der RAD für
behinderungsbedingt notwendig. Dies stehe nicht im Widerspruch zur RAD-
Stellungnahme vom 6. August 2007, denn die IV-rechtlichen Voraussetzungen für einen
Sonderschulbesuch seien sehr viel strenger und restriktiver als diejenigen für die
Beteiligung der IV an erstmaligen beruflichen Massnahmen (act. G 8).
B.d Die Verfahrensleitung des Versicherungsgerichts bewilligte am 11. Januar 2008 das
Gesuch um unentgeltliche Prozessführung (Befreiung von den Gerichtskosten und
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung; act. G 10).
B.e Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin lässt mit Replik vom 7. Februar 2008
an seinen Anträgen gemäss Beschwerdeergänzung festhalten. Die
Beschwerdegegnerin zitiere das Gutachten der KJPD in der Beschwerdeantwort sehr
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einseitig. Den Antworten auf die dem Gutachter gestellte Frage, ob Sonderbeschulung
notwendig sei, lasse sich entnehmen, dass bei der Beschwerdeführerin eine
Verhaltensstörung vorliege. Weiter wird bemängelt, dass die Beschwerdegegnerin den
Antrag des Schulpsychologischen Diensts nie in die Gesamtwürdigung einbezogen
habe. Wenn aus heutiger Sicht die weniger strengen Voraussetzungen für die IV-
Beteiligung an erstmaligen beruflichen Massnahmen erfüllt seien, dürfe nach einem
Jahr Sonderschulbesuch, der sich unbestrittenermassen sehr positiv ausgewirkt habe,
davon ausgegangen werden, dass die Situation vor Eintritt in das A._ um einiges
gravierender gewesen sei, dass damals somit auch die strengeren Voraussetzungen
erfüllt gewesen seien (act. G 13).
B.f Mit Schreiben vom 13. Februar 2008 hält die Beschwerdegegnerin an ihrem Antrag
fest (act. G 15).
B.g Da der Beistand der Beschwerdeführerin alleine nicht zur Prozessführung
berechtigt war, reichte der Rechtsvertreter der minderjährigen Beschwerdeführerin mit
Schreiben vom 16. April 2008 auf Aufforderung des Gerichts eine Vertretungsvollmacht
der Mutter der Beschwerdeführerin ein (act. G 18.2).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestands Geltung haben (BGE 127 V
467 Erw. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der streitigen Verfügung vom 27. September 2007 eingetretenen Sachverhalt
abzustellen ist (BGE 121 V 366 Erw. 1b), sind vorliegend die bis zum 31. Dezember
2007 geltenden materiellen Bestimmungen anzuwenden.
2.
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2.1 Invalide oder von einer Invalidität unmittelbar bedrohte Versicherte haben
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind,
die Erwerbsfähigkeit wieder herzustellen, zu verbessern, zu erhalten oder ihre
Verwertung zu fördern. Dabei ist die gesamte noch zu erwartende Arbeitsdauer zu
berücksichtigen (aArt. 8 Abs. 1 IVG, Fassung bis 31. Dezember 2007). Diese
Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in Massnahmen für die
besondere Schulung (aArt. 8 Abs. 3 lit. c IVG). Nach aArt. 19 Abs. 1 IVG und aArt. 8
Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.20) werden an die
Sonderschulung bildungsfähiger Versicherter, die das 20. Altersjahr noch nicht
vollendet haben und denen infolge eines Gesundheitsschadens der Besuch der
Volksschule nicht möglich oder nicht zumutbar ist, Beiträge gewährt.
2.2 Gemäss aArt. 8 Abs. 1 IVV leistet die Versicherung einen Schulgeldbeitrag, wenn
die versicherte Person infolge eines Gesundheitsschadens den Anforderungen der
Volksschule nicht zu genügen vermag, deshalb auf einen regelmässigen, dem
Gesundheitszustand angepassten Sonderschulunterricht im Sinne von aArt. 19 Abs. 1
IVG angewiesen ist und an einem der in aArt. 8 Abs. 4 lit. a bis f IVV aufgezählten
Gebrechen leidet. Lit. a nennt Versicherte mit geistiger Behinderung, deren
Intelligenzquotient nicht mehr als 75 beträgt, lit. b und c blinde und sehbehinderte bzw.
gehörlose und hörbehinderte Versicherte (ab einer gewissen Schwere der
Behinderung), lit. d schwer körperlich Behinderte und lit. e sprachbehinderte
Versicherte. Nach lit. f erhalten auch schwer verhaltensgestörte Versicherte einen
Schulgeldbeitrag. Ferner wird ein solcher gewährt für Versicherte, bei denen die für die
einzelnen Gesundheitsschäden erforderlichen Voraussetzungen nach lit. a bis f nicht
vollumfänglich erfüllt sind, die aber infolge der Kumulation von Gesundheitsschäden
dem Unterricht in der Volksschule nicht zu folgen vermögen (lit. g).
3.
3.1 Im vorliegenden Fall beruft sich der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin auf
die Anwendbarkeit von aArt. 8 Abs. 4 lit. f und lit. g IVV. Die Beschwerdeführerin leidet
unbestrittenermassen nicht an einem Gebrechen nach lit. a bis und mit lit. e. Eine
Kumulation von Gesundheitsschäden, wie sie für die Anwendung von lit. g
vorausgesetzt würde, ist ebenfalls nicht ersichtlich. Eine diesbezügliche substantiierte
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Begründung bleibt auch der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin schuldig. Somit
käme für eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin einzig lit. f in Frage. Zu prüfen
ist also, ob die Beschwerdeführerin schwer verhaltensgestört im Sinne dieser
Bestimmung ist.
3.2 In seinem älteren Kreisschreiben über den Anspruch schwer verhaltensgestörter
normalbegabter Minderjähriger auf Sonderschulbeiträge, gültig ab 1. Juli 1975, hatte
das Bundesamt für Sozialversicherung festgehalten, die Anspruchsvoraussetzungen
seien gegeben, wenn bei einer minderjährigen Person ein geistiger
Gesundheitsschaden vorliege, der wahrscheinlich die künftige Ausbildungs- oder
Erwerbsfähigkeit dauernd oder längere Zeit beeinträchtigen werde. Eine nur
vorübergehende psychische Störung vermöge keinen Anspruch zu begründen.
Störungen, die bei adäquater Behandlung in weniger als 360 Tagen behoben werden
könnten, würden als vorübergehend gelten (Rz. 1 des Kreisschreibens). Gemäss Rz. 2
ist die Annahme eines Gesundheitsschadens nicht gerechtfertigt, solange die Schulung
innerhalb der Volksschule, jedoch in einer besonderen Kleinklasse (Förderklasse,
Sonderklasse, Beobachtungsklasse etc.) möglich ist. Ist die Störung milieubedingt
(ungünstige Familienverhältnisse etc.), so hält Rz. 3 unter Hinweis auf die
Rechtsprechung fest, Sonderschulbedürftigkeit sei nur anzunehmen, wenn der
Erziehungsnotstand bereits zu einer psychischen Fehlentwicklung geführt habe, die die
Schulung in einer Sonderschule unbedingt erfordere.
3.3
3.3.1 Mit der Anmeldung zum Leistungsbezug wurde ein Schreiben des
Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen, Regionalstelle B._, vom
27. Juli 2006 eingereicht. Die Beschwerdeführerin sei im Januar 2006 in G._ beschult
worden. Die Lehrkräfte hätten ihr Verhalten (Pünktlichkeit, Vergesslichkeit, störendes
Verhalten in der Klasse, mangelnder Einsatz) immer wieder beanstandet. Im Februar
2006 sei die Beschwerdeführerin in eine Time-out-Klasse übergetreten. Zu
bedeutsamen Verbesserungen im Verhalten sei es aber nicht gekommen, weshalb sie
aus der Time-out-Klasse ausgeschlossen worden sei. Die schulpsychologische
Untersuchung weise auf kognitive Voraussetzungen unter dem Altersdurchschnitt hin.
In ihren Handlungsmotiven zeige die Beschwerdeführerin wenig Zielgerichtetheit bei
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deutlich vermindertem Realitätsbezug. Ihr gelinge es nicht, sich mit ihrer beruflichen
und persönlichen Zukunft in adäquater Form auseinanderzusetzen. Aus
schulpsychologischer Sicht werde von einer psychischen Fehlentwicklung
ausgegangen. Eine Sonderschulung werde von Seiten des Schulpsychologischen
Diensts unterstützt (IV-act. 2).
3.3.2 Im sozialpädagogischen Entwicklungsbericht des A._ vom 28. Februar 2007
wurde wiederholt darauf hingewiesen, die Beschwerdeführerin habe kein grosses
Durchhaltevermögen. Sie stelle sich als revolutionierende Jugendliche dar. Ihr Bezug
zur Realität sei schlecht, sie schätze sich zu hoch ein, sehe ihre Zukunft zu rosig.
Hausaufgaben mache sie nur widerwillig. Mutter und Tochter würden berichten, dass
sie nun ein wesentlich besseres Verhältnis zueinander hätten als vor dem Eintritt der
Beschwerdeführerin ins A._ (act. G 1.4). Im Schulbericht vom 15. März 2007 wird von
instablier Grundstimmung berichtet. Die Jugendliche könne sehr höflich, nett, einsichtig
und aufgeschlossen sein. Oftmals komme sie aber bereits mürrisch, lustlos und ohne
Schulmaterial zum Unterricht. In der Klasse sei sie anerkannt und integriert. Gegen
Regeln verstosse sie bewusst, wenn diese ihren aktuellen Intentionen
entgegenstünden. Sie habe überall grosse Wissenslücken, besonders im Fach
Mathematik. Im Fach Deutsch seien ihre Leistungen durchgängig gut. Ihre kognitiven
Fähigkeiten würden der Altersnorm entsprechen. Sie könne aber ihr gutes Potential
nicht ausschöpfen. Aufgrund ihrer unausgeglichenen Gefühlslage sowie der wenig
gefestigten Persönlichkeitseigenschaften benötige sie für das kommende 9. Schuljahr
und die anschliessende berufliche Erstausbildung sonderpädagogische Beschulung
und eine klar strukturierte sozialpädagogisch begleitete Wohnform (act. G 1.5).
3.3.3 Gemäss Gutachten der KJPD vom 19. Juli 2007 kann am ehesten von einer
emotionalen Befindlichkeitsstörung ausgegangen werden, eventuell im Sinne einer
Identitätsstörung. In Anbetracht der Entwicklungsphase, in der sich die
Beschwerdeführerin befinde, scheine dies altersentsprechend, aufgrund ihrer
Persönlichkeitseigenschaften allerdings sehr deutlich ausgeprägt zu sein. Bei der
Beschwerdeführerin scheine es sich um eine Jugendliche zu handeln, die aufgrund
ihrer Persönlichkeit oftmals die Grenzen und Herausforderungen gesucht habe. Die
Herausforderungen seien ihr jedoch nicht im entsprechenden Masse angeboten
worden, sodass es letztlich zu einer Verweigerungs- und Nullbock-Haltung gekommen
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sei einhergehend mit teilweiser Störung des Sozialverhaltens. Durch die vorgegebenen
klaren und stringenten Strukturen in A._ scheine es ihr gelungen zu sein, gewisse
Herausforderungen vorzufinden und dadurch altersentsprechende
Anpassungsleistungen vor allem im sozialen Bereich zu vollziehen. Die Störung des
Sozialverhaltens sei wahrscheinlich durch die Unterforderung entstanden. Eine
Sonderschulung könne durch entsprechende Strukturen die notwendigen
Anforderungen und Gegensätze bieten, die die Beschwerdeführerin in die Lage
versetzen könnten, ihr vorhandenes Potential zu nutzen. Die Beschwerdeführerin
scheine von der Internatslösung sehr zu profitieren. Diese habe den Vorteil, dass sie
sich über längere Zeit, also auch in der Freizeit, an die vorgegebenen Strukturen
anpassen und sich mit diesen auseinandersetzen müsse. Deswegen scheine die
Beschwerdeführerin von der derzeitigen Lösung am meisten zu profitieren (IV-act. 12).
3.3.4 Der zuständige RAD-Arzt wies am 6. August 2007 auf die vagen Formulierungen
des KJPD-Gutachtens hin. Ein eigentlicher psychischer Gesundheitsschaden im Sinne
des Gesetzes sei nicht ausreichend ausgewiesen. Es lägen vor allem erzieherische
Probleme im Sinne einer pädagogischen Vernachlässigung mit zu geringer Förderung
und Herausforderung der Beschwerdeführerin vor, die sich in einer mangelhaften
Motivation und einer Verweigerungshaltung äusserten. Dass die Beschwerdeführerin in
einer solchen Situation von intensiveren schulischen Massnahmen profitiere, erstaune
jedoch nicht (IV-act. 13).
3.3.5 Im Schulbericht vom November 2007 wurde erneut auf eine nicht ausgeglichene
emotionale Befindlichkeit der Beschwerdeführerin hingewiesen. Auseinandersetzungen
in der Familie würden immer wieder zu starken Stimmungsschwankungen führen, die
sich negativ auf ihre Lernbereitschaft auswirken würden. Die Beschwerdeführerin
brauche viel Bestätigung und Zuwendung. Weiter werden ausgeprägte Schwankungen
im Bereich Emotionalität, Verhaltensauffälligkeiten und ausgesprochen fragile
Persönlichkeitsstrukturen erwähnt (IV-act. 26).
3.4 Insgesamt belegen die vorhandenen Berichte und Beurteilungen, dass die
Beschwerdeführerin im vorliegend massgebenden Zeitraum keine Regelklasse der
Volksschule besuchen konnte. Offenbar benötigte sie intensivere Betreuung, als dies in
einer Regelklasse möglich ist. Sie braucht klare Grenzen und Strukturen, in die sie sich
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einordnen muss. Wiederholt wurde auf die unausgeglichene Stimmungslage der
Beschwerdeführerin hingewiesen, die mit einer gewissen Unterforderung und dem
Mangel an Grenzen erklärt wurde. Bei der Umplatzierung ins A._ war die
Beschwerdeführerin 15 Jahre alt und damit mitten in der Pubertät. Die Berichte weisen
denn auch darauf hin, dass ihr Verhalten (insbesondere die Nullbock-Haltung,
Unausgeglichenheit, Gefühlsschwankungen) altersbedingt erklärbar ist, wenngleich es
intensiver ausgeprägt erscheint als bei anderen Jugendlichen. Entgegen der Ansicht
des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin ist mit dem RAD-Arzt festzustellen, dass
die von den KJPD genannte emotionale Befindlichkeitsstörung nur mit Zurückhaltung
diagnostiziert wurde und die entsprechenden Formulierungen insgesamt sehr vage
sind. Gemäss Gutachten sind die Probleme "am ehesten" unter F 93.8 der
Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter
Gesundheitsprobleme (ICD-10-Klassifikation) zu subsumieren. F 93 beinhaltet
emotionale Störungen des Kindesalters. Diese stellen in erster Linie Verstärkungen
normaler Entwicklungstrends dar und weniger eigenständige, qualitativ abnorme
Phänomene (vgl. Dilling/Mombour/Schmidt, Internationale Klassifikation psychischer
Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch-diagnostische Leitlinien, 5. Aufl., Bern 2005,
S. 304 f.). Die Entwicklungsbezogenheit ist das diagnostische Schlüsselmerkmal für die
Unterscheidung der emotionalen Störung seit Beginn der Kindheit von den
neurotischen Störungen (F 40-48; Online-Version 2008 der ICD-10 unter
www.dimdi.de). Unter F 93.8 werden "sonstige emotionale Störungen des
Kindesalters" zusammengefasst, wozu auch die Identitätsstörung gehört. Selbst eine
Diagnose nach F. 93.8 wäre nicht in jedem Fall eine "schwere Verhaltensstörung" im
Sinne von Art. 8 Abs. 4 lit. f IVV. Gestützt auf das KJPD-Gutachten kann vorliegend
nicht von einer solchen ausgegangen werden. Auch die übrigen Akten, namentlich die
Berichte des A._, liefern keinen Hinweis darauf, dass bei der Beschwerdeführerin
eine schwere Verhaltensstörung vorliegen könnte. Darauf lassen weder die im
Zeitpunkt des Eintritts ins A._ offenbar unter dem Altersdurchschnitt liegenden
kognitiven Voraussetzungen noch die schulischen Lücken schliessen. Mangelhafte
Zielgerichtetheit und ein allfällig etwas verminderter Realitätsbezug vermögen ebenso
wenig wie nicht stark strukturierte Affektivität und wenig gefestigte
Persönlichkeitsstrukturen eine schwere Verhaltensstörung zu begründen. Zu beachten
ist zudem, dass offenbar weder vor noch nach der Umplatzierung ins A._
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therapeutische Massnahmen durchgeführt wurden (act. G 1.4 S. 4). Solche wurden
auch vom KJPD nicht als notwendig erachtet (IV-act. 12-4). Dies spricht ebenfalls
gegen eine schwere Verhaltensstörung.
3.5 Selbst wenn man entgegen der Auffassung des Gerichts von einer
schwerwiegenden Verhaltensstörung ausgehen könnte, ergäbe sich keine
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin. In den Akten werden die Schwierigkeiten der
Beschwerdeführerin nämlich insbesondere auf mangelnde Grenzen und
Herausforderungen zurückgeführt, wobei diese Probleme allem voran dem familiären
Umfeld zugeschrieben werden. Eine milieubedingte Störung würde aber wie erwähnt
keine IV-rechtliche Sonderschulbedürftigkeit auszulösen vermögen.
3.6 Die Volksschule umfasst nach aArt. 8 Abs. 3 IVV neben den Regel- auch Hilfs- und
Förderklassen und andere diesen gleichwertige Schulformen sowie den nach der
Schulpflicht auf der Sekundarstufe II fortgesetzten Unterricht, der der Schliessung von
Schullücken oder der Vorbereitung auf eine Berufsausbildung dient. Kein Anspruch auf
Sonderschulbeiträge der IV besteht, wenn der Kanton bzw. die Gemeinde am Wohnort
der versicherten Person keine Sonderklasse führt und die versicherte Person auf den
Besuch einer privaten Schule angewiesen ist, denn die Invalidenversicherung hat nicht
Mängel in der kantonalen Schulorganisation durch Gewährung von
Sonderschulbeiträgen auszugleichen (Ulrich Meyer-Blaser, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum IVG, Zürich 1997, S. 139). Grundsätzlich ist es Sache der
kantonalen Schulorganisation, Klein- bzw. Förderklassen im Rahmen der Volksschule
zur Verfügung zu stellen bzw. den Schülern nötigenfalls den Besuch einer solchen
Kleinklasse zu ermöglichen (vgl. Art. 36 f. des st. gallischen Volksschulgesetzes
[sGS 213.1]). Nach Art. 10 Abs. 3 der Verordnung über den Volksschulunterricht (sGS
213.12) kann das Amt für Volksschule für Schüler der Mittel- und Oberstufe mit
erheblichen Schwierigkeiten in der Selbst- und Sozialkompetenz Kleinklassen mit einer
beschränkten Aufenthaltszeit von höchstens sechs Monaten bewilligen. Die
Aufenthaltsdauer in einer dieser Time-out-Klassen ist vorerst auf vier Monate zu
befristen und kann nötigenfalls um zwei Monate verlängert werden (vgl. das Konzept
"Kleinklassen Time-out", vom kantonalen Erziehungsrat erlassen am 17. November
2004, S. 6 [SchBl 2004 Nr. 12], sowie das Konzept "Fördernde Massnahmen in der
Volksschule" des Erziehungsdepartements vom Oktober 2006, Angebote, S. 17). Das
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kantonale Recht sieht zudem weitergehende fördernde Massnahmen vor, so etwa
Kleinklassen mit Anpassung der Lernziele an die individuellen Möglichkeiten des
einzelnen Schülers oder Sonderschulung bzw. ambulante Sonderschulmassnahmen im
Klassenunterricht für Schüler mit intensivem und spezifischem Förderbedarf (Art. 4 lit. a
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 sowie Art. 5 der Weisungen des Erziehungsrats vom 9. Februar
2006 über die fördernden Massnahmen [SchBl 2006 Nr. 7-8, S. 540 ff.]). Das Angebot
an Kleinklassen umfasst gemäss dem erwähnten Konzept "Fördernde Massnahmen"
die obligatorische Schulzeit von der 1. bis zur 9. Klasse (Angebote, S. 17). Benötigt ein
Schüler also längerfristig eine spezielle Betreuung, etwa im Rahmen einer Kleinklasse,
erfüllt die Voraussetzungen für Sonderschulung gemäss Art. 8 Abs. 4 IVV jedoch nicht –
weist also z.B. keine schwere Verhaltensstörung auf –, so ist es Sache der
Volksschulverantwortlichen, um eine geeignete Platzierung des betroffenen Schülers
besorgt zu sein. Vorliegend wurde zwar mehrfach und nachvollziehbar festgehalten, die
Beschwerdeführerin benötige besondere Betreuung. Bereits im Bericht des
schulpsychologischen Dienstes wurde jedoch erwähnt, diese könne im Bereich einer
Kleinklasse gewährleistet werden. Es ist davon auszugehen, dass gemäss den zitierten
Bestimmungen grundsätzlich die Schule diese individuellere Förderung in der
Kleinklasse zu gewährleisten hat. Die Kosten für eine angemessene Umplatzierung
können nicht auf die Invalidenversicherung überwälzt werden. Mit dem RAD-Arzt ist
demnach davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin zwar von den intensiveren
schulischen Massnahmen im A._ profitiert, diese aber dennoch keine Leistungspflicht
der Beschwerdegegnerin zu begründen vermögen, da die Voraussetzungen gemäss
aArt. 8 Abs. 4 IVV nicht erfüllt sind.
4.
4.1 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen sind die Voraussetzungen für Beiträge der
Beschwerdegegnerin an die Sonderschulung der Beschwerdeführerin nicht gegeben.
Weder konnte bei ihr eine schwere Verhaltensstörung diagnostiziert werden, noch liegt
eine andere Einschränkung gemäss aArt. 8 Abs. 4 IVV vor. Die angefochtene Verfügung
ist somit nicht zu beanstanden und die Beschwerde abzuweisen.
4.2 Auf die Erhebung von Gerichtskosten ist zufolge Bewilligung der unentgeltlichen
Prozessführung zu verzichten (act. G 10). Die Höhe der Parteientschädigung ist vom
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Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und
nach der Schwierigkeit des Prozesses zu bemessen (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch
Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Im Rahmen der unentgeltlichen Prozessführung wird
das Honorar um 20% reduziert (Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes). Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat eine Honorarnote über Fr. 2'200.-
zuzüglich Fr. 210.25 für Barauslagen und Mehrwertsteuer eingereicht, wobei er beim
Honorar bereits den reduzierten Stundenansatz von Fr. 200.- berücksichtigt hat (act. G
18.1; vgl. Art. 24 Abs. 1 HonO/ SG). Da das geltend gemachte Honorar dem Aufwand
angemessen erscheint, ist der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mit Fr. 2'410.25
zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG