Decision ID: f5ad26ed-6952-51c8-863b-765e76ac159d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Eth-
nie – suchte am 26. Oktober 2020 in der Schweiz um Asyl nach. Er wurde
dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region Zürich zugewiesen. Am 12. No-
vember 2020 fand die Befragung zur Person (BzP) und am 5. Februar 2021
die Anhörung zu den Asylgründen statt. In der Folge wurde der Beschwer-
deführer ins erweiterte Verfahren zugeteilt und dem Kanton B._ zu-
gewiesen.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, dass seine Schwiegereltern die im November 2015
erfolgte Scheidung von ihrer Tochter als eine Art Rufschädigung aufgefasst
und deswegen zweimal versucht hätten, ihn mit dem Auto anzufahren. Sie
hätten ihn aufgefordert, die Region C._ zu verlassen, was er
schliesslich auf Anraten seiner Eltern auch getan habe. Er sei nach
D._ zu seinem Bruder E._ gezogen und habe dort in einem
Café gearbeitet.
Eines Abends sei er in einer Gaststätte in eine Rauferei verwickelt worden,
bei der eine Person getötet und weitere verletzt worden seien. Er sei zu
Unrecht beschuldigt worden, dabei eine Person mit einem Messer verletzt
zu haben. Die polizeiliche Einvernahme habe nach einer notwendigen
Hospitalisierung in C._ stattgefunden. Die ersten paar Monate sei-
ner Untersuchungshaft habe er in C._, die restliche Zeit bis zu sei-
ner Freilassung im August 2019 in D._ verbracht. Das Urteil gegen
ihn und seinen Bruder sei am (...) ergangen. Er, der Beschwerdeführer, sei
jedoch nach der Urteilseröffnung – unter Anrechnung der in Untersu-
chungshaft erstandenen Haftzeit – unverzüglich freigelassen worden. In ei-
nem zweitinstanzlichen Verfahren sei die Strafe seines Bruders erhöht wor-
den, während sein Fall beim Kassationsgericht noch hängig sei und er eine
weitere Strafe befürchte. Weder er noch sein Bruder hätten die ihnen an-
gelasteten Straftaten begangen und seien unschuldig. Die Angestellten der
Gaststätte und die involvierten Personen hätten schlicht falsche Zeugen-
aussagen gemacht. Zudem handle es sich bei den Richtern sicherlich um
«Faschisten, die es auf die Kurden abgesehen hätten». So habe es sich
um nicht rechtsstaatliche Strafverfahren gehandelt, bei denen er und sein
Bruder unschuldig verurteilt worden seien.
E-1280/2021
Seite 3
Nach der Haftentlassung sei er im August 2019 nach C._ zurück-
gekehrt und erneut von der Polizei verhört worden, nachdem der Bruder
des Opfers behauptet habe, er, der Beschwerdeführer, habe nach seiner
Freilassung auf ihn geschossen. Er habe gegenüber der Polizei diesen
Vorwurf zurückgewiesen und sich geweigert, ein entsprechendes Protokoll
zu unterschreiben, weshalb er geschlagen worden sei. Da er nicht mehr
nach D._ habe zurückkehren können, habe er sich nach F._
begeben. Dort sei er im September 2019 mit einem Freund, der wegen
politischen Aktivitäten gesucht worden sei, im Auto unterwegs gewesen
und von Unbekannten beschossen worden. Sie seien unverletzt geblieben
und hätten später von Freunden erfahren, dass Angehörige des erwähnten
Opfers Rache geschworen und angekündigt hätten, ihn zu töten. Aufgrund
dieser Bedrohungslage sei er schliesslich am 24. September 2019 ausge-
reist.
Zum Nachweis seiner Identität und zur Stützung seiner Vorbringen reichte
der Beschwerdeführer eine Kopie seiner Identitätskarte, einen abgelaufe-
nen Pass-Protokollausdruck, eine Urteilsbegründung, eine Rechtskraftmit-
teilung (beide in Kopie) und einen türkischen ärztlichen Bericht in Kopie
ein.
C.
Mit Entscheid vom 23. Februar 2021 (Eröffnung am 25. Februar 2021) wies
das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 26. Oktober 2020
ab, ordnete dessen Wegweisung an und erachtete den Vollzug der Weg-
weisung als zulässig, zumutbar und möglich.
D.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 22. März 2020 (recte: 2021) er-
hob der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid Beschwerde. Er bean-
tragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Asylgewäh-
rung. Eventualiter sei die vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und die Ernennung eines amtlichen Rechtsbeistandes be-
antragt.
E.
Mit Schreiben vom 23. März 2021 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.
E-1280/2021
Seite 4
F.
Mit Eingabe vom 25. März 2021 wurde eine Fürsorgebestätigung einge-
reicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters entschieden (Art. 111
Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um
eine solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu be-
gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Auf die Durchführung eines Schriften-
wechsels wurde verzichtet (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
E-1280/2021
Seite 5
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass die Vorbringen des
Beschwerdeführers nicht asylrelevant seien.
5.2 Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, in einem seines Erach-
tens unfairen Gerichtsverfahren zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden
zu sein. So sei er zu Unrecht beschuldigt worden, anlässlich einer Rauferei
in einer Gaststätte in D._ jemanden verletzt zu haben. Zu dieser
Verurteilung sei es gekommen, weil die Gegenpartei vermutlich Beziehun-
gen zu den Gerichtsbeamten habe und wohl weil er kurdischer Ethnie sei.
Hierzu sei festzuhalten, dass den vom Beschwerdeführer in Kopie einge-
reichten Gerichtsdokumenten keine Anhaltspunkte auf das Vorliegen eines
unfairen Strafprozesses entnommen werden könnten. Auch die Anschuldi-
gungen des Beschwerdeführers, dass es sich bei den Gerichtsmitarbeiten-
den um Faschisten gehandelt habe, die sich mit der Gegenpartei ver-
schworen und ihn aufgrund seiner kurdischen Ethnie unrechtmässig verur-
teilt hätten, seien unbelegt geblieben und müssten als blosse Behauptun-
gen eingestuft werden. Aufgrund dessen und mangels eines asylrechtlich
relevanten Motivs seien diese Vorbringen nicht flüchtlingsrelevant. Auch
die weiteren Vorbringen, von Unbekannten in F._ bei einer Autofahrt
beschossen worden zu sein, seien aus demselben Grund nicht asylrele-
E-1280/2021
Seite 6
vant. Schliesslich handle es sich bei den Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers, von den Ex-Schwiegereltern wegen der Scheidung von deren Tochter
bedroht und behelligt worden zu sein, um lokal oder regional beschränkte
Verfolgungsmassnahmen durch Dritte, denen sich der Beschwerdeführer
durch einen Wegzug in ein anderen Landesteil habe entziehen können.
Daher sei er nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. Aufgrund der
offensichtlich fehlenden Asylrelevanz könne auf die Prüfung der Glaubhaf-
tigkeit verzichtet werden.
5.3 In der Beschwerde wurde im Wesentlichen geltend gemacht, dass sich
aus den Aussagen des Beschwerdeführers ergebe, dass das Gericht einen
erstellten ballistischen Bericht nicht berücksichtigt habe. In diesem sei auf-
gezeigt worden, dass die Kugel, die sein Bruder abgefeuert haben soll,
nicht aus der Waffe des Bruders des Beschwerdeführers stamme. Es sei
daher anzunehmen, dass ganz einfach die Polizisten diesen Mann getötet
und den Bruder verletzt hätten. Der gegen den Beschwerdeführer und des-
sen Bruder angestrengten Prozess habe somit wohl dem Zweck gedient,
die Täterschaft der Polizei zu vertuschen. Polizeigewalt sei in der Türkei
allgegenwärtig, wie sich beispielsweise aus dem Jahresbericht von Amne-
sty International von 2019 ergebe. Folglich müsse davon ausgegangen
werden, dass der Beschwerdeführer und dessen Bruder Opfer falscher An-
schuldigungen geworden seien. Auch die geltend gemachten Behelligun-
gen durch ehemalige Familienangehörige des Beschwerdeführers erachte
das SEM zu Unrecht als nicht asylrelevant. Der Beschwerdeführer sei Op-
fer von Mordversuchen geworden. Zweimal habe man ihn zu überfahren
versucht und einmal habe man auf ihn geschossen. Er sei in der Türkei
nicht sicher. Aus den genannten Gründen erfülle der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft. Aufgrund seiner kurdischen Ethnie habe man ihn in
einem seines Erachtens unfairen Prozess zu einer Haftstrafe verurteilt, um
die Täterschaft der Polizei zu vertuschen, womit ein politisches Motiv vor-
liege. Bei einer Rückkehr müsse womöglich er mit neuen falschen Ver-
dächtigungen und Behelligungen durch ehemalige Familienangehörige
rechnen, denen er sich durch einen Wegzug in eine andere Region nicht
entziehen könne.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer machte geltend, aufgrund seiner kurdischen
Ethnie und den besonderen Beziehungen der Gegenpartei zu den Ge-
richtsbeamten in einem unfairen Gerichtsverfahren zu Unrecht wegen Kör-
perverletzung zu einer Haftstrafe von fünf Monaten verurteilt worden zu
E-1280/2021
Seite 7
sein. Zur Stützung dieser Vorbringen reichte er eine Urteilsbegründung und
eine Rechtskraftmitteilung (beide in Kopie) ein.
6.2 Die Durchführung eines Strafverfahrens wegen eines gemeinrechtli-
chen Delikts kann nur ausnahmsweise eine Verfolgung im asylrechtlichen
Sinn darstellen. Dies trifft unter anderem dann zu, wenn einer Person eine
solche Tat untergeschoben wird, um sie wegen ihrer äusseren oder inneren
Merkmale, namentlich ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu
einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politischen Anschauungen,
zu verfolgen, oder wenn die Situation eines Täters, der ein Delikt tatsäch-
lich begangen hat, aus einem solchen Motiv in bedeutender Weise er-
schwert wird.
Eine solche Erschwerung der Lage aus einem äusseren oder inneren
Merkmal (sog. Politmalus) ist insbesondere in drei Fällen anzunehmen:
Erstens wenn das Strafverfahren rechtsstaatlichen Ansprüchen klarer-
weise nicht zu genügen vermag; zweitens, wenn der asylsuchenden
Person in Form der Strafe oder im Rahmen der Strafverbüssung eine
Verletzung fundamentaler Menschenrechte, insbesondere Folter oder
unmenschliche Behandlung, droht; und drittens, wenn die Strafe der
betroffenen Person gegenüber anderen Straftätern erhöht wird (Malus im
relativen Sinn) beziehungsweise wenn die Strafe im Verhältnis zur
Ernsthaftigkeit der konkreten Tat per se unverhältnismässig hoch ausfällt
und damit als exzessiv erscheint (Malus im absoluten Sinn). Auch in den
letztgenannten Fällen liegt jedoch nur dann eine für die Entstehung der
Flüchtlingseigenschaft ausschlaggebende Verfolgung vor, wenn die
unverhältnismässige Bestrafung auf einer flüchtlingsrechtlich relevanten
Motivation beruht (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.3.1 und 2015/3 E. 5, je m.w.H.).
Für die Annahme einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung aufgrund
einer Strafverfolgung sind in jedem Fall zwei Elemente notwendig: Erstens
muss die Strafverfolgung illegitim erscheinen, weil die Tatbegehung
untergeschoben worden ist, weil die Strafe nicht verhältnismässig ist oder
weil das Strafverfahren klarerweise rechtsstaatlichen Ansprüchen nicht zu
genügen vermag beziehungsweise im Rahmen der Strafverbüssung eine
Verletzung fundamentaler Menschenrechte droht. Zweitens muss diese
Illegitimität auf einer flüchtlingsrechtlich relevanten Motivation beruhen
(vgl. BVGE 2014/28 E. 8.3.1 m.w.H.).
6.3 Mit dem SEM ist festzustellen, dass sich aus den eingereichten Ge-
richtsdokumenten (unabhängig von der Frage der Authentizität der nur in
E-1280/2021
Seite 8
Kopie vorhandenen Dokumenten) keinerlei Anhaltspunkte auf einen Polit-
malus ergeben. Aus dem anlässlich der Anhörung in den wesentlichen Tei-
len übersetzten Urteil des Berufungsgerichts vom 11. Juni 2019 geht her-
vor, dass der Beschwerdeführer wegen der begangenen Straftaten verur-
teilt, jedoch – in Anrechnung der in Untersuchungshaft erstandenen Haft-
zeit – sofort freigelassen wurde. Auch das Strafmass ist keineswegs als
unverhältnismässig zu erachten. Es bestehen auch sonst keine Anhalts-
punkte darauf, dass das Strafverfahren gegen den Beschwerdeführer
rechtsstaatlichen Ansprüchen klarerweise nicht genügt hätte. So war es
dem Beschwerdeführer beispielsweise möglich, gegen das erstinstanzli-
che Urteil Berufung einzureichen und das Berufungsgericht hat darüber in-
nert angemessener Frist darüber befunden und das Strafmass nicht er-
höht. Die Behauptungen des Beschwerdeführers, wonach er aufgrund sei-
ner kurdischen Ethnie und den besonderen Beziehungen der Gegenpartei
zu den Gerichtsbeamten in einem unfairen Gerichtsverfahren zu Unrecht
verurteilt worden sei, finden in den Akten keine Stütze und stellt eine reine
Spekulation des Beschwerdeführers dar. In diesem Zusammenhang ist zu-
sätzlich darauf hinzuweisen, dass die Darstellung der geltend gemachten
gewalttätigen Auseinandersetzung in der Gaststätte wenig realitätsnah
ausgefallen ist (alle Beteiligten bewaffnet und gewaltbereit) und es dem
Beschwerdeführer weder gelungen ist, die Gründe für die Eskalation noch
die Beweggründe der polizeilichen Behörden, alle anwesenden Zeugen zu
bestechen, damit ausgerechnet gegen den Beschwerdeführer und seinen
Bruder ein Verfahren eingeleitet werden konnte, auch nur annähernd plau-
sibel zu machen. Im Weiteren gab der Beschwerdeführer im Rahmen der
Anhörung an, er habe entgegen des behördlichen Vorwurfs gar kein Mes-
ser in der Hand gehabt, während in der eingereichten Urteilsbegründung
von einer abgebrochenen Glasflasche die Rede ist. Bei den in der Be-
schwerde geltend gemachten Argumenten, die der Beschwerdeführer teils
bereits anlässlich der Anhörung vorgebracht hat, handelt es sich um
blosse, spekulative Behauptungen. So wurde ohne weitere Angaben oder
Einreichung von Beweismitteln behauptet, dass das Gericht einen erstell-
ten ballistischen Bericht nicht berücksichtigt habe, worin aufgezeigt worden
sei, dass die Kugel, die das Opfer getötet habe, nicht aus der Waffe des
Bruders des Beschwerdeführers stamme. Es sei daher anzunehmen, dass
wohl einfach die Polizisten diesen Mann getötet und den Bruder verletzt
hätten. Der gegen den Beschwerdeführer und dessen Bruder angestreng-
ten Prozess habe daher wohl bloss dem Zweck gedient, die Täterschaft
der Polizei irgendwie zu vertuschen. Polizeigewalt sei in der Türkei allge-
genwärtig, wie sich beispielsweise aus dem Jahresbericht von Amnesty In-
ternational von 2019 ergebe. Folglich müsse davon ausgegangen werden,
E-1280/2021
Seite 9
dass der Beschwerdeführer und dessen Bruder einfach Opfer falscher An-
schuldigungen geworden seien. In der Beschwerdeschrift wird mit dieser
Argumentationsweise aus der blossen Tatsache, dass Polizeigewalt in der
Türkei besteht, rein spekulativ geschlossen, dass der Beschwerdeführer
wohl einfach Opfer falscher Anschuldigungen geworden sei. Entsprechen-
des findet in den Akten indes keine Stütze. Vor dem aufgezeigten Hinter-
grund liegen in casu keine konkreten Anhaltspunkte auf das Vorliegen ei-
nes Politmalus vor. Eine (ausnahmsweise) Asylrelevanz der geltend ge-
machten Strafverfolgung liegt somit nicht vor.
6.4 Im Weiteren machte der Beschwerdeführer geltend, dass seine ehe-
maligen Schwiegereltern wegen der Scheidung von ihrer Tochter zweimal
versucht hätten, ihn mit dem Auto anzufahren. Sie hätten ihn aufgefordert,
die Region C._ zu verlassen, was er schliesslich auf Anraten seiner
Eltern auch getan habe. In D._ sei er von Unbekannten im Auto
beschossen worden und habe später von Freunden erfahren, dass Ange-
hörige des von ihm in der Gaststätte Verletzten Rache geschworen und
angekündigt hätten, ihn zu töten.
Hierbei handelt es sich – ungeachtet der Frage nach der Glaubhaftigkeit
der Vorbringen – um blosse Behelligungen Dritter, die der Beschwerdefüh-
rer problemlos hätte zur Anzeige bringen können. Eine Verfolgung durch
nichtstaatliche Akteure kann grundsätzlich flüchtlingsrechtlich relevant
sein, wenn es der betroffenen Person nicht möglich ist, davor im Heimat-
staat adäquaten Schutz zu finden. Die Flüchtlingseigenschaft setzt jedoch
auch dann voraus, dass der geltend gemachten Verfolgung oder der staat-
lichen Schutzverweigerung ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv ge-
mäss Art. 3 Abs. 1 AsylG (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu
einer bestimmten sozialen Gruppe, politische Anschauungen) zugrunde
liegt. Nach der sogenannten Schutztheorie ist nichtstaatliche Verfolgung
nur dann asylrelevant, wenn der Staat unfähig oder nicht willens ist, Schutz
vor besagter Verfolgung zu bieten. Es ist dabei nicht eine faktische Garan-
tie für langfristigen individuellen Schutz der von nichtstaatlicher Verfolgung
bedrohten Person zu verlangen, weil es keinem Staat gelingen kann, die
absolute Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger jederzeit und überall zu
garantieren. Erforderlich ist aber, dass eine funktionierende und effiziente
Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht, wobei in erster Linie an polizeiliche
Aufgaben wahrnehmende Organe sowie an ein Rechts- und Justizsystem
zu denken ist, welches eine effektive Strafverfolgung ermöglicht. Die Inan-
spruchnahme dieses Schutzsystems muss der betroffenen Person zudem
objektiv zugänglich und individuell zumutbar sein, was jeweils im Rahmen
E-1280/2021
Seite 10
einer Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifischen
Kontexts zu beurteilen ist.
Der Beschwerdeführer hat nichts unternommen, um die angeblichen Über-
griffe auf ihn bei den zuständigen Sicherheitsbehörden zur Anzeige zu brin-
gen. Die Türkei erfüllt die Voraussetzungen, wonach dieser fähig und wil-
lens ist, Schutz vor Verfolgung Dritter zu bieten und eine funktionierende
und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Betreffend die
Schutzfähigkeit und den Schutzwillen des heimatlichen Staates muss sich
der Beschwerdeführer deshalb anlasten lassen, dass er es unterlassen
hat, die Behörden über den Vorfall zu informieren, womit er ein angemes-
senes Handeln des Staates verunmöglichte. Die Inanspruchnahme der ört-
lichen Polizei wäre ihm zugänglich und zumutbar gewesen. Bei dieser
Sachlage ist die Asylrelevanz der geltend gemachten Vorbringen unabhän-
gig von deren Glaubhaftigkeit zu verneinen.
6.5 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und dessen Asyl-
gesuch abgewiesen hat.
7.
7.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es nicht darauf ein,
so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E.44; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die
Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration [AIG, SR 142.20]).
7.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn Verpflichtungen der Schweiz ei-
ner Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Her-
kunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
E-1280/2021
Seite 11
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der
Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
Die Vorinstanz wies in der der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.).
7.3.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefähr-
dung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläu-
fige Aufnahme zu gewähren.
Das SEM begründete die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs damit,
dass weder die allgemeine Lage im Heimatstaat noch individuelle Faktoren
E-1280/2021
Seite 12
gegen die Zumutbarkeit sprächen. Namentlich nach der Niederschlagung
des Militärputschversuches vom 15./16. Juli 2016 herrsche in der Türkei
keine landesweite Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs.
4 AIG, die einen Wegweisungsvollzug in die Türkei als unzumutbar erschei-
nen lassen würde. Der Beschwerdeführer stamme aus der Provinz
C._. Trotz dem Wiederaufflammen des türkisch-kurdischen Konflik-
tes und namentlich einer seit Juli 2015 zu verzeichnenden deutlichen Zu-
nahme gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen der Kurdischen Ar-
beiterparte (PKK) und staatlichen Sicherheitskräften in verschiedenen im
Südosten des Landes gelegenen Provinzen könne in diesen Provinzen
nach wie vor nicht von einer flächendeckenden Situation allgemeiner Ge-
walt gesprochen werden, die einen Wegweisungsvollzug in diese Provin-
zen als generell unzumutbar erscheinen liessen (vgl. Urteil des Bundesver-
waltungsgerichtes E-726312017 vom 25. Juli 2019, E. 7.3.3). Ausgenom-
men davon seien lediglich die beiden südöstlichen Grenzprovinzen zum
lrak, Sirnak und Hakkari, in die ein Wegweisungsvollzug als generell unzu-
mutbar gelte (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes vom 15. März
2013, E-2560/2011, publiziert als Referenzurteil BVGE 2013/2). Der Be-
schwerdeführer verfüge über ein intaktes Beziehungsnetz, eine gute Aus-
bildung und berufliche Erfahrungen. Die Eltern verpachteten Ackerflächen
und seien diesbezüglich als Vermittler tätig, wobei alle Familienmitglieder
von dem Geschäft lebten. Aus den Akten und den Aussagen des Be-
schwerdeführers ergäben sich keine konkreten Anhaltspunkte auf die Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Das Bundesverwaltungsgericht
schliesst sich dieser Einschätzung an. Somit ist der Vollzug der Wegwei-
sung auch zumutbar.
7.3.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr allenfalls notwen-
digen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
E-1280/2021
Seite 13
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als von vornherein aus-
sichtslos zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Vo-
raussetzungen nicht gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist.
Aus demselben Grund kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechts-
verbeiständung nicht stattgegeben werden. Bei diesem Ausgang des Ver-
fahrens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2) somit dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-1280/2021
Seite 14