Decision ID: 831c4ab4-53ff-500b-ad17-0dd8d31a3344
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die schweizerische Botschaft in Beirut (Libanon) verweigerte mit Formu-
larverfügung vom 29. November 2018 die Ausstellung von Visa aus huma-
nitären Gründen an die syrischen Staatsangehörigen kurdischer Ethnie
A._ (geb. 1993, nachfolgend: Beschwerdeführer 1), B._
(geb. 1997, nachfolgend: Beschwerdeführerin 2) sowie die beiden Kinder
C._ (geb. 2014, nachfolgend: Beschwerdeführerin 3) und
D._ (geb. 2018, nachfolgend: Beschwerdeführerin 4; Akten der Vor-
instanz [SEM act.] 7/68 - 69).
B.
Mit Verfügung vom 16. Januar 2019 wies die Vorinstanz eine dagegen er-
hobene Einsprache ab. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus,
die Beschwerdeführenden würden sich im Libanon und damit in einem si-
cheren Drittstaat aufhalten. Es gebe keine qualifizierten Hinweise dafür,
dass sie dort wegen ihrer Herkunft einer unmittelbaren, ernsthaften und
konkreten Gefährdung an Leib und Leben ausgesetzt seien (SEM act. 19).
C.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 18. Februar 2019 an das Bundesverwal-
tungsgericht beantragen die Beschwerdeführenden die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung und die Erteilung der beantragten Visa. In formeller
Hinsicht ersuchen sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Dem Rechtsmittel lagen u.a. schriftlich festgehaltene persönliche Ausfüh-
rungen der Beschwerdeführenden 1 und 2 bei (BVGer act. 1).
D.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Februar 2019 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut (BVGer act. 3).
E.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 25. März 2019 auf
Abweisung der Beschwerde (BVGer act. 4).
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F.
Replikweise lassen die Beschwerdeführenden am 3. Mai 2019 am einge-
reichten Rechtsmittel, den Rechtsbegehren und deren Begründung fest-
halten (BVGer act. 6).
G.
Mit verfahrensleitender Anordnung vom 23. Dezember 2019 wurde den Be-
schwerdeführenden die Möglichkeit eingeräumt, den Sachverhalt zu aktu-
alisieren und abschliessende Bemerkungen anzubringen (BVGer act. 8).
Davon machten die Beschwerdeführenden am 23. Januar 2020 Gebrauch.
Der Beschwerdeaktualisierung lagen ein Bericht der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) vom 11. Oktober 2019 zur Lage syrischer Flüchtlinge
im Libanon, ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 19. Januar
2020 über Ausschreitungen in Beirut sowie eine «Fotografie der Tochter
mit dem Bluterguss» bei (BVGer act. 9).
H.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Von der Vorinstanz erlassene Einspracheentscheide im Zusammen-
hang mit einer verweigerten Visumsausstellung sind mit Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (vgl. Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5
VwVG). In diesem Bereich entscheidet das Bundesverwaltungsgericht
endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerdeführenden waren als Einsprechende am vorinstanzli-
chen Verfahren beteiligt und sind demnach zur Beschwerde berechtigt (vgl.
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen liegen
vor, weshalb auf die Beschwerde einzutreten ist (Art. 50 und Art. 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht können vorliegend die
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Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Miss-
brauch des Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt wer-
den (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundes-
recht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an
die Begründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch
aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abwei-
sen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
3.1 Als Staatsangehörige Syriens unterliegen die Beschwerdeführenden
für die Einreise in die Schweiz der Visumspflicht. Mit ihren Gesuchen be-
absichtigen sie einen längerfristigen Aufenthalt, weshalb nicht die Erteilung
von Schengen-Visa zu prüfen ist, sondern mit Art. 4 der Verordnung vom
15. August 2018 über die Einreise und die Visumerteilung (VEV,
SR 142.204) ausschliesslich nationales Recht zur Anwendung gelangt.
3.2 Die revidierte VEV vom 15. August 2018, in Kraft seit dem 15. Septem-
ber 2018, ersetzt die aufgehobene Verordnung vom 22. Oktober 2008 über
die Einreise und die Visumerteilung (aVEV, AS 2008 5441). Mit der Neu-
fassung von Art. 4 Abs. 2 VEV sowie dem auf den 1. Dezember 2019 in
Kraft getretenen Art. 5 Abs. 3 des Ausländer- und Integrationsgesetzes
(AIG, SR 142.20 [Änderung vom 21. Juni 2019, AS 2019 3539]) hat der
Gesetzgeber die rechtliche Grundlage für den Anwendungsbereich der hu-
manitären Visa für einen längerfristigen Aufenthalt geschaffen, nachdem
bis anhin diese Gesetzeslücke durch die bundesverwaltungsgerichtliche
Rechtsprechung gefüllt wurde (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.5; Urteil des
BVGer F-7298/206 vom 19. Juni 2018 E. 4.2 und E. 4.3 je m. H.).
3.3 In Art. 4 Abs. 2 VEV wird ausdrücklich festgehalten, dass ein Visum für
einen längerfristigen Aufenthalt erteilt werden kann, wenn humanitäre
Gründe dies gebieten. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
treffende Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an
Leib und Leben gefährdet ist. Demnach kann ein nationales Visum aus hu-
manitären Gründen erteilt werden, wenn bei einer gesuchstellenden Per-
son aufgrund der individuell-konkreten Umstände davon ausgegangen
werden muss, dass sie sich im Heimat- oder Herkunftsstaat in einer beson-
deren Notsituation befindet, die ein behördliches Eingreifen zwingend not-
wendig macht. Dies kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder
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aufgrund einer konkreten individuellen Gefährdung, die die betroffene Per-
son mehr als andere betrifft, gegeben sein. Befindet sich die gesuchstel-
lende Person bereits in einem Drittstaat oder ist sie nach einem Aufenthalt
in einem solchen freiwillig in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurückgekehrt
und hat sie die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in
der Regel davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht
(vgl. dazu BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3; Urteil des BVGer F-4658/2017 vom
7. Dezember 2018 E. 3.2 m.w.H.).
3.4 Das Visumgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefähr-
dung, der persönlichen Verhältnisse der betroffenen Person und der Lage
im Heimat- oder Herkunftsstaat zu prüfen. Dabei können auch weitere Kri-
terien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier vorhan-
denen Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen
Land um Schutz nachzusuchen, mitberücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018
VII/5 E. 3.6.3; F-7298/2016 E. 4.2 am Ende; vgl. ferner BVGE 2015/5
E. 4.1.3; je m.H.).
4.
4.1 Das SEM führt in der angefochtenen Verfügung vom 16. Januar 2019
aus, nach seinen länderspezifischen Erkenntnissen bestehe im Libanon
zurzeit keine Gefährdung, welche ein behördliches Eingreifen zwingend er-
forderlich mache und die Erteilung von Einreisevisa zu rechtfertigen ver-
möge. Libanon gelte als sicherer Drittstaat. Es herrsche dort weder (Bür-
ger-)Krieg noch eine Situation landesweiter allgemeiner Gewalt. Zwar sei
das Land von politischen und religiösen Spannungen geprägt, verfüge je-
doch über ein pluralistisches Parteiensystem, eine demokratisch gewählte
Regierung und über ein funktionierendes Polizei- und Justizsystem. Dort
hielten sich zurzeit Tausende syrischer Flüchtlinge auf, ohne dass sie kon-
kret an Leib und Leben gefährdet seien. Grundsätzlich sei die humanitäre
Lage der syrischen Flüchtlinge im Libanon als befriedigend einzustufen.
Sie würden vor Ort geduldet und eine substanzielle Gefahr einer zwangs-
weisen Rückführung nach Syrien bestehe für diese Flüchtlingsgruppe zum
heutigen Zeitpunkt nicht. Auch der Zugang zu einer minimalen Gesund-
heitsversorgung sei sichergestellt, zumal ein funktionierendes Gesund-
heitssystem existiere, das für eine allfällige notwendige medizinische Be-
handlung zugänglich sei. Insbesondere «Médecins Sans Frontières»
(MSF) versorge syrische Flüchtlinge kostenlos mit qualitativ hochwertiger
medizinischer Hilfe. Vor diesem Hintergrund dürfe davon ausgegangen
werden, dass die Beschwerdeführenden die nötige medizinische Hilfe er-
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hielten und es nicht zu einer raschen und lebensgefährlichen Beeinträchti-
gung ihres Gesundheitszustandes kommen würde. Obschon das UNHCR
seit dem 5. Mai 2015 keine Registrierungen mehr vornehme, könnten sich
Bürgerkriegsflüchtlinge weiterhin an diese Organisation wenden, um die
gegebenenfalls notwendige Versorgung zu bekommen. Wohl zweifle das
SEM nicht daran, dass sich die Beschwerdeführenden aktuell in einer
schwierigen Lage befänden. Es sei indessen nicht ersichtlich, inwiefern sie
im Libanon unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet
sein sollten. Überdies dürften sie bei Bedarf sicherlich mit einer minimalen
finanziellen Unterstützung ihrer in der Schweiz lebenden Verwandten rech-
nen, und bereits aktuell würden sie monatlich durch den Vater des Be-
schwerdeführers 1 von Syrien aus finanziell unterstützt.
In der Vernehmlassung vom 25. März 2019 erläutert die Vorinstanz einge-
hender, weswegen die Beschwerdeführenden aus dem Umstand, dass die
Eltern sowie die Brüder der Beschwerdeführerin 2 im Jahre 2014 mit hu-
manitären Visa in die Schweiz einreisten und sie selber damals ein solches
besass, nichts zu ihren Gunsten abzuleiten vermögen.
4.2 Der Parteivertreter seinerseits schildert auf Beschwerdeebene das
Schicksal seiner Mandanten. Der Beschwerdeführer 1 sei 2010 oder 2011
von der syrischen Armee eingezogen worden. Im Oktober 2016 sei er de-
sertiert und habe sich den iranischen Revolutionsgarden angeschlossen.
Zusammen mit seinem Schwager habe er in der Folge als Gefängniswärter
gearbeitet. In dieser Funktion hätten sie im Dezember 2017 die dort inhaf-
tierte Beschwerdeführerin 2 und die Tochter C._ befreit. Beim Befrei-
ungsversuch sei der Schwager erschossen worden. Der Beschwerdefüh-
rer 1 sei von einem Granatsplitter am Auge verletzt und später an einem
Kontrollposten festgenommen worden. Nach einer Woche Folterhaft sei
ihm, wie zuvor der Beschwerdeführerin 2, die Flucht gelungen. Letzterer
sei im Jahre 2014 von der Schweiz ein humanitäres Visum erteilt worden.
Sie habe damals in der Türkei gelebt und sei nach Brauch mit einem türki-
schen Staatsangehörigen verheiratet gewesen. Aus verschiedenen Grün-
den – unter anderem auf Druck der türkischen Familie hin – habe sie, an-
ders als ihre nächsten Angehörigen, nicht vom Visum Gebrauch machen
können. Im November 2017 seien sie und die Tochter C._ von Anhä-
ngern der Al Nusra Front nach Syrien entführt und inhaftiert worden. Der
Familie in der Schweiz sei ein zweiwöchiges Ultimatum gesetzt worden,
innert welchem sich der Vater hätte nach Syrien begeben müssen, ansons-
ten sie (Beschwerdeführerin 2) getötet würde. Nach der Flucht hätten die
Beschwerdeführenden 1 und 2 am 4. Januar 2018 in Aleppo geheiratet.
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Aus Angst vor weiteren Repressalien seien sie im August 2018 in den Li-
banon geflohen, wo am 14. Oktober 2018 die gemeinsame Tochter
D._ zur Welt gekommen sei.
Auch im Libanon, so die Beschwerdeführenden weiter, fühlten sie sich nicht
sicher. Sie lebten in ständiger Angst vor Gruppierungen wie der Al Nusra
Front. Aufgrund der Vergangenheit des Beschwerdeführers 1 fürchteten sie
aber auch die syrische Regierung und diverse nichtstaatliche Gruppierun-
gen, welche daran interessiert wären, dass die Familie an sie ausgeliefert
würde. Zudem bestehe angesichts der jüngsten Entwicklungen im Libanon
die Gefahr, dass die libanesischen Sicherheitskräfte sie nach Syrien zu-
rückschafften. Die ganze Familie sei aufgrund der erlebten Traumata psy-
chisch schwer angeschlagen und auch ihr physischer Gesundheitszustand
präsentiere sich prekär. Die Beschwerdeführenden hätten sich in Beirut mit
zwei syrischen Familien eine Unterkunft geteilt. Weil nach dem Beschwer-
deführer 1 gesucht worden sei, seien sie in besagter Wohnung nicht mehr
geduldet worden und lebten seit dem 2. Januar 2019 in einem Kellerraum.
Dadurch habe sich die Situation drastisch verschlechtert. Die Familie und
insbesondere die beiden Mädchen seien wiederholt krank gewesen. Trotz
des schlechten Gesundheitszustandes aller vier Familienmitglieder wagten
sie aus Angst vor weiteren Repressalien nicht, sich in ärztliche Behandlung
zu begeben. Sie seien dermassen traumatisiert, dass sie niemandem mehr
vertrauen könnten, auch nicht internationalen Hilfsorganisationen. Die Vor-
instanz verkenne, dass sich die Lage für syrische Flüchtlinge im Libanon
gerade in den letzten Wochen massiv verschärft habe. Es könne nicht aus-
geschlossen werden, dass die libanesische Regierung bei der Organisa-
tion der Rückkehr syrischer Flüchtlinge mit dem syrischen Regime zusam-
menarbeiten werde. Selbst wenn in absehbarer Zukunft keine zwangswei-
sen Rückführungen vorgenommen würden, erhoffe sich der Libanon aber
durch die systematische Diskriminierung von syrischen Zuwanderern, dass
diese freiwillig in ihre Heimat zurückkehrten. Es könne nicht davon ausge-
gangen werden, dass sich die neue libanesische Regierung an das Non-
Refoulement-Prinzip halten werde. Mitzuberücksichtigen gelte es ferner,
dass die Schweizer Behörden indirekt anerkannt hätten, dass der Be-
schwerdeführerin 2 aus der politischen Verfolgung ihrer in die Schweiz ge-
flüchteten Familie in Syrien eine Reflexverfolgung drohe. Hinzu komme,
dass auch der Beschwerdeführer 1 die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG (SR 142.31) erfülle. Die schwer traumatisierten Beschwerde-
führenden seien zur Rehabilitation auf ein sicheres und stabiles Umfeld
angewiesen, das im Libanon nicht vorhanden sei. Deshalb benötigten sie
dringend den Rückhalt der in der Schweiz lebenden Familie. Vor diesem
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Hintergrund verstosse die angefochtene Verfügung ebenfalls gegen Art. 3
EMRK, Bestimmungen des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 ge-
gen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Be-
handlung oder Strafe (Fok, SR 0.105) sowie das Übereinkommen vom
20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107).
In der Replik vom 3. Mai 2019 führen die Beschwerdeführenden ergänzend
aus, die Gefahr einer Massenrückschiebung syrischer Flüchtlinge aus dem
Libanon in ihr Herkunftsland habe sich inzwischen nochmals massiv ver-
schärft, weshalb die vorinstanzliche Einschätzung hierzu als realitätsfremd
bezeichnet werden müsse. Mit Eingabe vom 23. Januar 2020 machen sie,
unter Nennung einzelner Vorfälle, geltend, dass sich an ihrer prekären
Lage im Libanon nichts geändert habe und die Situation für sie dort, nicht
zuletzt vor dem Hintergrund der schwersten politischen und wirtschaftli-
chen Krise im Land seit dem Ende des Bürgerkrieges vor dreissig Jahren,
unerträglich geworden sei.
5.
5.1 Wie bereits dargetan (siehe E. 3.3 und 3.4 vorstehend), müssten zur
Ausstellung von humanitären Visa konkrete Anhaltspunkte für das Beste-
hen einer unmittelbaren, ernsthaften und konkreten Gefährdung der Be-
schwerdeführenden an Leib und Leben vorliegen, welche ein behördliches
Eingreifen zwingend erforderlich machen würden.
5.2 Die Beschwerdeführenden halten sich im Libanon und damit einem si-
cheren Drittstaat auf, wo weder (Bürger-)Krieg noch eine Situation allge-
meiner Gewalt herrscht. Zwar ist das Land von politischen und religiösen
Spannungen geprägt, die allgemeine Lage dort lässt hingegen nicht grund-
sätzlich auf eine individuelle Gefährdung schliessen. Was die Situation sy-
rischer Flüchtlinge anbelangt, so erweisen sich deren Lebensbedingungen
im Libanon in vielen Belangen als schwierig; dies gilt auch für die nicht
beim UNHCR als Flüchtlinge registrierten Beschwerdeführenden (ausge-
nommen die Beschwerdeführerin 2 [SEM act. 1/49]). Zur wiederholt geäus-
serten Befürchtung, sie würden zwangsweise nach Syrien rücküberführt,
gilt es vorerst zu bedenken, dass nach den Erkenntnissen des Gerichts die
Mehrheit der syrischen Flüchtlinge im Libanon nicht über einen geregelten
Aufenthalt verfügt. Wegweisungen werden von den libanesischen Behör-
den in aller Regel mündlich und in erster Linie gegenüber syrischen Flücht-
lingen ausgesprochen, die erst vor kurzem illegal in das Land gelangten
(vgl. Urteil des BVGer F-7310/2018 vom 19. Dezember 2019 E. 5.2.3). Die
libanesischen Behörden haben seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges
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einen grossen Teil der Vertriebenen aufgenommen und während Jahren
grundsätzlich darauf verzichtet, Betroffene zwangsweise nach Syrien zu-
rückzuschicken. Ein gewisser Paradigmenwechsel scheint – soweit er-
kennbar – erst nach den letzten Wahlen im April und Mai 2019 stattgefun-
den zu haben. Davon betroffen sind in erster Linie syrische Staatsangehö-
rige, die nach dem 24. April 2019 illegal in den Libanon gelangten. Die Be-
schwerdeführenden, die sich eigener Darstellung zufolge im August 2018
in den Libanon begeben haben, fallen nicht darunter. Das Bundesverwal-
tungsgericht hat sich zur Entwicklung der Lage für syrische Flüchtlinge im
Libanon im Urteil F-6724/2018 vom 14. Oktober 2019 eingehender geäus-
sert, wobei diesen Darlegungen nach wie vor Gültigkeit zukommt, weshalb
sich weitere Ausführungen erübrigen (vgl. dortige E. 5.2). Im dargelegten
Kontext besteht für die Beschwerdeführenden keine erhöhte Gefahr einer
zwangsweisen Rückführung vom Libanon nach Syrien. Vielmehr ist von
der individuellen Situation der betroffenen Personen und deren aktuellem
Schutzbedürfnis auszugehen.
5.3 Das Bundesverwaltungsgericht stellt nicht in Abrede, dass die Be-
schwerdeführenden mit schwierigen Lebensumständen zu kämpfen ha-
ben. Allerdings sind das UNHCR und andere nichtstaatliche humanitäre
Organisationen vor Ort präsent; sie sind grundsätzlich in der Lage, den
Vertriebenen auf verschiedenen Ebenen minimalen Schutz und Hilfe zu
bieten oder zu vermitteln (siehe F-6724/2018 E. 5.2). Die akute Bedro-
hungslage, welcher die Beschwerdeführenden ausgesetzt sein wollen, be-
ruht ausschliesslich auf eigenen Schilderungen. Die entsprechenden Be-
hauptungen bleiben oberflächlich, stereotyp und auffallend vage. Die vom
Parteivertreter herangezogenen Berichte wiederum haben keinen Einzel-
fallbezug. Zumindest die in der Rechtsmitteleingabe vom 18. Februar 2019
zitierten Artikel sind zudem nicht mehr aktuell.
5.4 Die Beschwerdeführenden machen geltend, aufgrund der Vergangen-
heit des Beschwerdeführers 1 lebten sie im Libanon in Angst vor Organi-
sationen wie der Al Nusra-Front. Ebenso fürchteten sie sich vor den liba-
nesischen Sicherheitskräften, der syrischen Regierung sowie diversen
nichtstaatlichen Gruppierungen. Die diesbezüglichen Ausführungen wer-
den indes in keiner Weise substantiiert oder belegt. Soweit die gehegten
Befürchtungen sich auf eine drohende Rückschaffung nach Syrien bezie-
hen, kann im Übrigen auf das unter E. 5.2 Gesagte verwiesen werden.
5.5 Wenig überzeugend und übertrieben erscheint sodann die Darstellung
zur Wohnsituation. Demnach hausen die Beschwerdeführenden seit dem
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2. Januar 2019 in einem Kellerraum. Aus Angst vor einer Verhaftung, Ent-
führung oder Ausschaffung wollen sie sich seither nicht mehr aus der Un-
terkunft getraut haben (siehe Beschwerdeschrift S. 5 und 12). Aus den Ak-
ten geht in dieser Hinsicht lediglich hervor, dass sich die Unterkunft ir-
gendwo in Beirut befinden muss, ohne dass der genaue Aufenthaltsort der
Betroffenen bekannt wäre. Die Sicherheitslage im Libanon ist jedoch – je
nach Region oder Stadt(teil) – sehr unterschiedlich beschaffen, sodass
ohne Kenntnis des Aufenthaltsortes zum Vornherein nicht auf eine beson-
dere Notsituation geschlossen werden kann. Gewisse Widersprüchlichkei-
ten zur Behauptung des dauernden im Verstecken leben ergeben sich dar-
über hinaus aus den Ergänzungen in der Aktualisierung des Rechtsmittels.
So soll der Beschwerdeführer 1 aufgrund seines Status in beruflicher Hin-
sicht zwar stark eingeschränkt, aber seither gleichwohl mehrere Male einer
Erwerbstätigkeit nachgegangen sein. Erwähnt werden temporäre Anstel-
lungen bei einer reichen Familie und in einem Sportklub (vgl. BVGer act. 9).
Die Beschwerdeführerin 2 ihrerseits soll in X._ (Flüchtlingslager im
Westen Beirut), also ebenfalls ausserhalb der Unterkunft, von einer Gang
aufgegriffen und zusammengeschlagen worden sein. Wie bei den Schilde-
rungen zu den sporadischen Arbeitsverhältnissen wird dieser Vorfall zeit-
lich nicht eingeordnet und lässt – in der vorgetragenen Form – eine Einzel-
fallbeurteilung nicht zu. Analog verhält es sich mit der «Fotografie der Toch-
ter mit dem Bluterguss». Weder erlaubt das nachgereichte Foto eine
schlüssige Diagnose, noch lässt sich daraus ableiten, dass die abgebildete
Blessur, wie behauptet, Folge einer Entführung durch unbekannte Perso-
nen ist (vgl. Beilage zu BVGer act. 9).
5.6 Des Weiteren klagen die Beschwerdeführenden über gesundheitliche
Probleme. Alle Familienmitglieder befänden sich angesichts der herrschen-
den Nahrungsmittelknappheit und der beschriebenen Wohnverhältnisse
physisch in einem prekären Zustand. Die erlebten Traumata belasteten sie
überdies psychisch schwer. Den Akten kann mit Blick auf den medizini-
schen Sachverhalt einzig entnommen werden, dass die beiden Töchter ab
Oktober 2018 mehrfach krank gewesen und an Durchfall, Erbrechen und
wochenlangem Fieber gelitten haben sollen. Näheres hierzu erfährt man
nicht. Was mögliche Bedürfnisse nach medizinischer Behandlung betrifft,
vermittelt die bestehende Aktenlage denn kein genügendes Bild über den
Gesundheitszustand der Betroffenen. Ebenso wenig wird auf Beschwerde-
ebene dargelegt, wie sich die medizinische Situation der Beschwerdefüh-
renden aktuell darstellt bzw. inwiefern sich daraus eine konkrete, unmittel-
bare und ernsthafte Gefährdung für sie ergibt. Kommt hinzu, dass im Liba-
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Seite 11
non zumindest eine minimale medizinische Grundversorgung gewährleis-
tet ist. «Médecins Sans Frontières» (MSF) beispielsweise versorgt syri-
sche Flüchtlinge kostenlos mit qualitativ hochwertiger medizinischer Hilfe.
An verschiedenen Standorten werden Gesundheitszentren zur primären
Gesundheitsversorgung betrieben. Sie umfasst die Behandlung akuter und
chronischer Krankheiten, Impfungen, Geburtshilfe und psychologische Be-
treuung (vgl. F-7310/2018 E. 6.2 oder Urteile des BVGer F-6511/2018 vom
28. August 2019 E. 4.5 und F-662/2019 vom 11. Juni 2019 E. 4.4 je m.H.).
Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Beschwerdefüh-
renden im Libanon die nötige medizinische Hilfe erhalten würden. Als un-
behelflich erweist sich diesbezüglich die Argumentation, die Beschwerde-
führenden hätten sich aus Angst und Misstrauen nicht an Hilfsorganisatio-
nen gewandt, ist ihnen aufgrund des Gesagten doch zumutbar, solche spe-
zifischen Hilfen in Anspruch zu nehmen. Warum sie die Unterkunft zu ver-
schiedenen Zwecken verlassen können (siehe E. 5.5 hiervor), dies für die
Nutzung der erwähnten medizinischen Angebote jedoch nicht möglich sein
soll, wird jedenfalls nicht ersichtlich. Der Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführenden vermag mithin keine Notlage im Sinne der Rechtspre-
chung zu begründen und auch auf die in diesem Zusammenhang angeru-
fene KRK (Sicherung des Zugangs zu medizinischen Einrichtungen) kann
nicht zurückgegriffen werden.
5.7 Analoges gilt, soweit sich die Beschwerdeführenden allgemein auf er-
schwerten Lebensbedingungen berufen (Einschränkungen der Bewe-
gungsfreiheit, Diskriminierungen), sind sie davon doch nicht mehr oder we-
sentlich anders betroffen als eine Vielzahl von sich im Libanon aufhalten-
den syrischen Landsleuten. Abgesehen davon kommt ihnen zu Gute, dass
der Beschwerdeführer 1 laut Auskunft der Schweizervertretung in Beirut
von seinem Vater in Syrien via Chauffeur monatlich einen Geldbetrag erhält
(SEM act. 1/pag. 49 und 53). Die Beschwerdeführenden haben sich hierzu
nicht geäussert, die Existenz der fraglichen, in der angefochtenen Verfü-
gung aufgeführte Einnahmequelle aber nie in Abrede gestellt.
5.8 Schliesslich wird geltend gemacht, die Schweizer Behörden hätten in-
direkt anerkannt, dass der Beschwerdeführerin 2 wegen der politischen
Verfolgung ihrer zwischenzeitlich in der Schweiz ansässigen Familie eine
Reflexverfolgung drohe. Daraus kann sie nichts für sich ableiten. Wohl er-
hielten ihre Eltern und Brüder im Januar 2014 erleichtert Besuchervisa;
dies geschah jedoch im Rahmen der befristeten Weisungen für syrische
Staatsangehörige mit familiärem Bezug zur Schweiz («Syrien-Weisungen
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Seite 12
des SEM vom 4. September 2013 und 4. November 2013»). Auch die Be-
schwerdeführerin 2 hätte unter diesem Titel einreisen dürfen, machte da-
von aber keinen Gebrauch. Ziel dieser Weisungen war es, kriegsbetroffe-
nen Familienangehörigen rasch einen vorübergehenden Aufenthalt in der
Schweiz zu ermöglichen. Darüber, ob ihre Angehörigen einer asylrelevan-
ten Gefährdung ausgesetzt waren, wurde auf Gesuch hin erst später be-
funden. Deren Schicksal kann aber nur schon deshalb nicht herangezogen
werden, weil die Beschwerdeführerin 2 in der fraglichen Zeit bei ihren da-
maligen Schwiegereltern zurückblieb (siehe SEM act. 1/45). Ob sie und der
Beschwerdeführer 1 die Flüchtlingseigenschaft erfüllten (Art. 3 AsylG), bil-
det derweil nicht Verfahrensgegenstand. Ebenso wenig können sich die
Beschwerdeführenden unter den dargelegten Umständen auf Art. 3 EMRK
und das Fok berufen.
6.
Zusammenfassend befinden sich die Beschwerdeführenden, wie zahlrei-
che syrische Flüchtlinge im Libanon, in einer schwierigen Situation. Eine
substantiierte unmittelbare, ernsthafte und konkrete Gefährdung an Leib
und Leben, welche die Ausstellung von humanitären Visa rechtfertigen
würde, liegt indes nicht vor. Die Vorinstanz hat demnach mit der angefoch-
tenen Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sach-
verhalt richtig und vollständig festgestellt und angemessen entschieden
(Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den
unterliegenden Beschwerdeführenden aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1
VwVG). Diesen wurde aber für das Verfahren die unentgeltliche Rechts-
pflege im Sinne eines Verzichts auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und die Auferlegung von Verfahrenskosten (Art. 65 Abs. 1 VwVG) zu-
gesprochen (BVGer act. 3).
Dispositiv Seite 13
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Seite 13