Decision ID: 4b1c72c9-be62-4e31-86de-c6aedaeb9fa6
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, I. Abteilung, vom 16. Juni 2011 (DG100056)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 6. Juni
2011 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 85).
Beschluss der Vorinstanz:
Das Verfahren gegen den Beschuldigten G._ wird bezüglich der Vorwürfe
der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 in Verbindung
mit Art. 123 Ziff. 2 Abs. 3 StGB gemäss Anklageziffer I./5., der mehrfachen
Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB gemäss Anklageziffern I./7. und I./11.
sowie der Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Art.
123 Ziff. 2 Abs. 4 StGB und der groben Verletzung von Verkehrsregeln im Sinne
von Art. 90 Ziff. 2 SVG gemäss Anklageziffer I./9. eingestellt.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte G._ wird freigesprochen von den Vorwürfen
− der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (gemäss Anklageziffer I./3.),
− der Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB (gemäss
Anklageziffer I./2. und I./12.),
− der Veruntreuung im Sinne von Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 und 4 StGB
(gemäss Anklageziffer II.),
− der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 123 Ziff. 2 Abs. 3 StGB (gemäss Anklageziffern
I./4., I./6., I./8., I./12. sowie I./13.),
− der Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB (gemäss
Anklageziffer I./16.),
− der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB (gemäss Anklageziffer I./20.)
sowie
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− der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB (gemäss
Anklageziffer I./20.).
2. Der Beschuldigte G._ ist schuldig
− der mehrfachen Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB
(gemäss Anklageziffern I./3. sowie I./10.),
− der mehrfachen einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123
Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 123 Ziff. 2 Abs. 3 StGB
(gemäss Anklageziffern I./2., I./3., I./10., I./14., I./19. 1. Satz sowie
I./22.),
− der mehrfachen Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB (gemäss
Anklageziffern I./20. sowie I./21.),
− der mehrfachen, teilweise versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181
StGB, teilweise in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (gemäss
Anklageziffern I./4. und I./18.),
− der groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 2
SVG in Verbindung mit Art. 31 Abs. 3 Satz 2 SVG (gemäss
Anklageziffer I./2.),
− des Vergehens gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1
lit. a WG in Verbindung mit Art. 7 WG und mit Art. 12 Abs. 1 WV
(gemäss Anklageziffer III.) sowie
− der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB
(gemäss Anklageziffern I./15., I./17. sowie I./19. 2. Satz).
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 6 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 874 Tage
durch Polizei-, Untersuchungs- und Sicherheitshaft bis und mit heute
erstanden sind, sowie mit einer Busse von Fr. 1'000.–.
4. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen. Die Busse ist zu bezahlen.
5. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen.
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6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 1 (A._) eine
Genugtuung von Fr. 1'000.– zuzüglich 5 % Zins seit 24. Januar 2009 zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wird die Genugtuungsforderung der Privatklägerin
1 abgewiesen.
7. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte der Privatklägerin 1 aus dem
eingeklagten Ereignis gemäss Anklageziffer I./22. grundsätzlich
schadenersatzpflichtig ist. Hinsichtlich der Höhe der
Schadenersatzforderung wird die Zivilklage der Privatklägerin 1 auf den
Zivilweg verwiesen. Im Übrigen werden die Schadenersatzforderungen der
Privatklägerin 1 vollumfänglich auf den Zivilweg verwiesen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 2 (B._) eine
Genugtuung von Fr. 30'000.– zuzüglich 5 % Zins seit 1. September 2005 zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wird die Genugtuungsforderung der Privatklägerin
2 abgewiesen.
9. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte der Privatklägerin 2 aus den
eingeklagten Ereignissen gemäss Anklageziffern I./2., I./3. sowie I./18.
grundsätzlich schadenersatzpflichtig ist. Hinsichtlich der Höhe der
Schadenersatzforderung wird die Zivilklage der Privatklägerin 2 auf den
Zivilweg verwiesen. Im Übrigen werden die Schadenersatzforderungen der
Privatklägerin 2 vollumfänglich auf den Zivilweg verwiesen.
10. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 3 (C._) eine
Genugtuung von Fr. 300.– zuzüglich 5 % Zins seit 24. Januar 2009 zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wird die Genugtuungsforderung der Privatklägerin
3 abgewiesen.
11. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte der Privatklägerin 3 aus den
eingeklagten Ereignissen gemäss Anklageziffern I./2. sowie I./21.
grundsätzlich schadenersatzpflichtig ist. Hinsichtlich der Höhe der
Schadenersatzforderung wird die Zivilklage der Privatklägerin 3 auf den
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Zivilweg verwiesen. Im Übrigen werden die Schadenersatzforderungen der
Privatklägerin 3 vollumfänglich auf den Zivilweg verwiesen.
12. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 4 (D._) eine
Genugtuung von Fr. 10'000.– zuzüglich 5 % Zins seit 1. Juli 2008 zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wird die Genugtuungsforderung der
Privatklägerin 4 abgewiesen.
13. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte der Privatklägerin 4 aus den
eingeklagten Ereignissen gemäss Anklageziffern I./10. sowie I./21.
grundsätzlich schadenersatzpflichtig ist. Hinsichtlich der Höhe der
Schadenersatzforderung wird die Zivilklage der Privatklägerin 4 auf den
Zivilweg verwiesen. Im Übrigen werden die Schadenersatzforderungen der
Privatklägerin 4 vollumfänglich auf den Zivilweg verwiesen.
14. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger 5 (E._) eine
Genugtuung von Fr. 1'000.– zuzüglich 5 % Zins seit 1. Januar 2009 zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wird die Genugtuungsforderung des Privatklägers
5 abgewiesen.
15. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte dem Privatkläger 5 aus den
eingeklagten Ereignissen gemäss Anklageziffern I./4., I./14., I./15., I./17.,
I./20. sowie I./21. grundsätzlich schadenersatzpflichtig ist. Hinsichtlich der
Höhe der Schadenersatzforderung wird die Zivilklage des Privatklägers 5 auf
den Zivilweg verwiesen. Im Übrigen werden die Schadenersatzforderungen
des Privatklägers 5 vollumfänglich auf den Zivilweg verwiesen.
16. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger 6 (F._) eine
Genugtuung von Fr. 600.– zuzüglich 5 % Zins seit 1. Januar 2008 zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wird die Genugtuungsforderung des Privatklägers
6 abgewiesen.
17. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte dem Privatkläger 6 aus den
eingeklagten Ereignissen gemäss Anklageziffer I./19. grundsätzlich
schadenersatzpflichtig ist. Hinsichtlich der Höhe der
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Schadenersatzforderung wird die Zivilklage des Privatklägers 6 auf den
Zivilweg verwiesen. Im Übrigen werden die Schadenersatzforderungen des
Privatklägers 6 vollumfänglich auf den Zivilweg verwiesen.
18. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 30'000.-- ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 324.-- Kosten Kantonspolizei
Fr. 16'609.20 Auslagen Untersuchung (ohne amtl. Verteidigung)
Fr. 82'410.55 amtliche Verteidigung (inkl. Untersuchung)
Fr. 69'756.75 unentgeltliche Verbeiständung der Privatklägerschaft
19. Die Kosten des Verfahrens werden dem Beschuldigten zu zwei Dritteln
auferlegt und im Übrigen auf die Staatskasse genommen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung werden einstweilen auf die Staatskasse genommen;
vorbehalten bleibt das Rückforderungsrecht des Staates gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO. Die Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung der
Privatklägerschaft werden auf die Staatskasse genommen.
Weiterer Beschluss der Vorinstanz:
1. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
30. August 2010 beschlagnahmte Pistole ..., ... mm, wird samt Zubehör und
Munition eingezogen und der Kantonspolizei Zürich zur gutscheinenden
Verwendung überlassen.
2. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
10. November 2010 beschlagnahmten Euro 200.– sowie Fr. 140.– werden
zur teilweisen Deckung der ausgefällten Busse verwendet.
3. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
13. August 2010 beschlagnahmten Gegenstände (7 Notizhefte mit losen
Bankbelegen sowie 1 Agenda 2008) sowie die mit Verfügung der
Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 10. November 2010
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beschlagnahmten Gegenstände (div. Bürounterlagen, 3 Bankbelege,
1 Bankkarte, 2 Führerausweise, 7 CD-Rom, 1 Ordner Hausbauunterlagen, 1
Fotobuch, 1 Agenda 2009) werden dem Beschuldigten nach Eintritt der
Rechtskraft des Urteils auf erstes Verlangen herausgegeben.
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 135 S. 1)
1. Der Freispruch betreffend versuchte vorsätzliche Tötung im Sinne von
Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB gemäss Anklageziffer
I.3. (Urteil Vorinstanz vom 16.06.2011, Disp. Ziff. 1) sei aufzuheben
und der Beschuldigte sei der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne
von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu
sprechen.
2. Der Freispruch betreffend Gefährdung des Lebens im Sinne von
Art. 129 StGB gemäss Anklageziffer I./2. (Urteil Vorinstanz vom
16.06.2011, Disp. Ziff. 1) sei aufzuheben und der Beschuldigte sei
auch betreffend dieses Anklagepunktes wegen Gefährdung des
Lebens schuldig zu sprechen.
3. Der Freispruch betreffend Veruntreuung im Sinne von Art. 138 Ziff. 1
Abs. 2 und 4 StGB gemäss Anklageziffer II (Urteil Vorinstanz vom
16.06.2011, Disp. Ziff. 1) sei aufzuheben und der Beschuldigte sei
wegen Veruntreuung im Sinne von Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 und 4 StGB
schuldig zu sprechen.
4. Der Beschuldigte sei mit 13 Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen, wobei
die bisher erstandene Haft auf die ausgefällte Freiheitsstrafe
anzurechnen sei.
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b) Der Vertreterin der Privatkläger 1 - 6:
(Urk. 136 S. 1 ff.)
1. Die Berufung des Beschuldigten sei vollumfänglich abzuweisen.
2. Ziffer 1, Absatz 1, des vorinstanzlichen Urteils, Freispruch betreffend
versuchte vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB gemäss Anklage I./3. sei
aufzuheben und der Beschuldigte sei der versuchten vorsätzlichen
Tötung schuldig zu sprechen.
3. Ziffer 1, Absatz 2, des vorinstanzlichen Urteils, Freispruch betreffend
Gefährdung des Lebens im Sinne von Art. 129 StGB gemäss
Anklageziffer I./2. sei aufzuheben und der Beschuldigte sei der
Gefährdung des Lebens schuldig zu sprechen.
4. Ziffer 1, Absatz 3, des vorinstanzlichen Urteils, Freispruch betreffend
Veruntreuung im Sinne von Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 und 4 gemäss
Anklageziffer II. sei aufzuheben und der Beschuldigte sei der
Veruntreuung schuldig zu sprechen gemäss Anklageziffer II.
5. Ziffer 6 des vorinstanzlichen Urteils, Genugtuung von Fr. 1'000
zuzüglich 5 % Zins seit dem 24. Januar 2009, sei aufzuheben und der
Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin 1 (A._) eine
Genugtuung von Fr. 5'000 zuzüglich 5 % Zins seit dem 24. Januar
2009 zu bezahlen.
6. Ziffer 8 des vorinstanzlichen Urteils, Genugtuung von Fr. 30'000
zuzüglich 5 % Zins seit dem 1. September 2005, sei aufzuheben und
der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin 2 (B._)
eine Genugtuung von Fr. 45'000 zuzüglich 5 % Zins seit dem 1.
September 2005 zu bezahlen.
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7. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin 2 (B._)
Schadenersatz im Umfang von Fr. 154'438.65 zu bezahlen, zuzüglich 5
% Zins seit dem 1. Mai 2006.
8. Ziffer 10 des vorinstanzlichen Urteils, Genugtuung von Fr. 300
zuzüglich 5 % Zins seit dem 24. Januar 2009, sei aufzuheben und der
Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin 3 (C._) eine
Genugtuung von Fr. 10'000 zuzüglich 5 % Zins seit dem 1. Mai 2007
zu bezahlen.
9. Der Beschuldige sei zu verpflichten, der Privatklägerin 3 (C._)
Schadenersatz im Umfang von Fr. 91'382.55 zu bezahlen, zuzüglich
5 % Zins seit dem 1. April 2006.
10. Ziffer 12 des vorinstanzlichen Urteils, Genugtuung von Fr. 10'000
zuzüglich 5 % Zins seit dem 1. Juli 2008, sei aufzuheben und der
Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin 4 (D._) eine
Genugtuung von Fr. 15'000 zuzüglich 5 % Zins seit dem 1. Juli 2008 zu
bezahlen.
11. Ziffer 14 des vorinstanzlichen Urteils, Genugtuung von Fr. 1'000
zuzüglich 5 % Zins seit dem 1. Januar 2009, sei aufzuheben und der
Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger 5 (E._) eine
Genugtuung von Fr. 5'000 zuzüglich 5 % Zins seit dem 1. Januar 2009
zu bezahlen.
12. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger 5 (E._)
Schadenersatz im Umfang von Fr. 2'115.55 zu bezahlen, zuzüglich
5 % Zins seit dem 1. Dezember 2007.
13. Ziffer 16 des vorinstanzlichen Urteils, Genugtuung von Fr. 600
zuzüglich 5 % Zins seit 1. Januar 2008, sei aufzuheben und der
Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger 6 (F._) eine
Genugtuung von Fr. 4'500 zuzüglich 5 % Zins seit dem 1. Januar 2008
zu bezahlen.
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c) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 137 S. 2 i.V.m. Prot. II S. 13)
1. Der Beschuldigte sei wegen Widerhandlung gegen das Waffengesetz
schuldig zu sprechen. Im Übrigen sei das Urteil des Bezirksgerichtes
Dielsdorf vom 16. Juni 2011 aufzuheben und der Beschuldigte von
Schuld und Strafe freizusprechen.
Eventualantrag: Der Beschuldigte sei milder zu bestrafen.
2. Ziff. 6 bis 17 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichtes Dielsdorf
vom 16. Juni 2011 seien aufzuheben und die Zivilforderungen der
Privatklägerinnen seien abzuweisen.
3. Ziff. 19 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichtes Dielsdorf vom
16. Juni 2011 sei aufzuheben und dem Beschuldigten sei für die zu
Unrecht angeordnete Haft eine angemessene Entschädigung und
Genugtuung zuzusprechen. Die Untersuchungskosten, die
Gerichtskosten und die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf
die Staatskasse zu nehmen.
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Erwägungen:
I.
1. Am 24. Januar 2009 erstatteten A._ (nachfolgend Privatklägerin 1),
B._ (nachfolgend: Privatklägerin 2), E._ (nachfolgend Privatkläger 5)
sowie F._ (nachfolgend Privatkläger 6) bei der Kantonspolizei Zürich
Strafanzeige gegen ihren Ehemann bzw. Vater G._ (nachfolgend
Beschuldigter) wegen jahrelanger häuslicher Gewalt und Drohungen und stellten
entsprechende Strafanträge gegen den Beschuldigten (ND 3/1, HD 1). Der
Beschuldigte wurde gleichentags verhaftet (HD 38/1). Am 25. Januar 2009
erstatteten auch C._ (nachfolgend Privatklägerin 3) sowie D._
(nachfolgend Privatklägerin 4) Strafanzeige wegen häuslicher Gewalt gegen den
Beschuldigten und stellten entsprechende Strafanträge (ND 2/1 und ND 1/1). Mit
Verfügung des Haftrichters vom 27. Januar 2009 wurde der Beschuldigte in
Untersuchungshaft versetzt (HD 38/7). Am 16. März 2009 stellten die
Privatklägerin 2 und der Privatkläger 5 und am 23. März 2009 die
Privatklägerinnen 3 und 4 ferner Strafanträge wegen Veruntreuung gegen den
Beschuldigten (ND 4/11 S. 3 und ND 4/20/1; ND 4/12 S. 2 und ND 4/20/2;
ND 4/20/4).
2. Nach umfangreichen Ermittlungen bzw. Untersuchungshandlungen stellte
die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich (nachfolgend Staatsanwaltschaft)
das Verfahren gegen den Beschuldigten bezüglich verschiedener Vorwürfe der
Körperverletzung, Drohung und Tätlichkeiten mit Verfügung vom 15. Oktober
2010 zufolge fehlender Prozessvoraussetzungen (Verjährung, Strafantrag,
ungenügende zeitliche Einordnung der Deliktsvorwürfe) ein (HD 45). Mit Bericht
über die Untersuchungsergebnisse vom gleichen Tag beantragte der
untersuchungsführende Staatsanwalt bei der Leitung der Staatsanwaltschaft IV
des Kantons Zürich die Anklageerhebung gegen den Beschuldigten bei der
Anklagekammer des Obergerichts wegen versuchter vorsätzlicher Tötung etc.
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(HD 44). Mit Verfügung vom 9. November 2010 stellte die Staatsanwaltschaft das
Verfahren gegen den Beschuldigten bezüglich des Vorwurfs der Veruntreuung
zum Nachteil der Privatklägerin 4 ein, nachdem diese sinngemäss ihren
Strafantrag zurückgezogen hatte (HD 47). Gleichentags erhob die
Staatsanwaltschaft bei der Anklagekammer des Obergerichts Anklage gegen den
Beschuldigten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung etc. (HD 48). Zu Beginn der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung am 7. Juni 2011 reichte die
Staatsanwaltschaft dem Gericht eine überarbeitete Anklageschrift ein (Urk. 85;
Prot. I S. 9 f.; Urk. 86), welche in der Folge – mit dem Einverständnis der übrigen
Parteien bzw. ohne dass jene dagegen Einwände erhoben – dem weiteren
Verfahren zu Grunde gelegt wurde (Prot. I S. 9, 19 und 29).
3. Mit Beschluss vom 14. Dezember 2010 liess die Anklagekammer die
Anklage zu und überwies sie zur Beurteilung dem Geschworenengericht (Urk.
56). Mit Verfügung vom 16. Dezember 2010 überwies schliesslich der Präsident
des Geschworenengerichts – unter Hinweis auf die am 1. Januar 2011 in Kraft
tretende Schweizerische Strafprozessordnung – Anklage und Akten weiter an das
Bezirksgericht Dielsdorf (Urk. 58). Die erstinstanzliche Hauptverhandlung fand
vom 7. bis 10. Juni 2011 und am 14. Juni 2011 statt (Prot. I S. 9 ff.). Die
Öffentlichkeit war auf Antrag der Privatklägerinnen und Privatkläger
ausgeschlossen (Urk. 71; Urk. 82). Im Anschluss an die geheime Beratung am
15. und 16. Juni 2011 (Prot. I S. 49 f.) wurde das Urteil den Parteien am 17. Juni
2011 mündlich eröffnet und schriftlich im Dispositiv übergeben (Prot. I S. 58). Die
begründete Ausfertigung wurde am 12. Oktober 2011 versandt und ging der
Staatsanwaltschaft und der Verteidigung am 14. Oktober 2012 und der Vertreterin
der Privatkläger am 17. Oktober 2012 zu (Urk. 114).
4. Sowohl die Privatkläger (am 20. Juni 2011, Urk. 104, bzw. am 3. November
2011, Urk. 118) als auch die Staatsanwaltschaft (am 22. Juni 2011, Urk. 105,
bzw. am 27. Oktober 2011, Urk. 116) sowie der Beschuldigte (am 23. Juni 2011;
Urk. 106, bzw. am 31. Oktober 2011, Urk. 117) meldeten rechtzeitig Berufung
gegen das vorinstanzliche Urteil an und erstatteten innert der gesetzlichen Frist
die Berufungserklärung.
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Der Beschuldigte verlangt in seiner Berufungserklärung einen vollumfänglichen
Freispruch (Urk. 117 S. 1 f.) und stellt verschiedene Beweisanträge (Urk. 117 S. 2
ff.), die jedoch grösstenteils nicht neu sind. Anlässlich der Berufungsverhandlung
anerkannte er sodann die Verurteilung wegen Vergehens gegen das
Waffengesetz (Urk. 132 S. 25; Prot. II S. 8). Die Staatsanwaltschaft und die
Privatkläger beschränken ihre Berufungen auf die Freisprüche von den Vorwürfen
der versuchten vorsätzlichen Tötung, der Gefährdung des Lebens gemäss
Anklageziffer I.2 und der Veruntreuung. Die Privatkläger verlangen zudem die
Zusprechung von höheren Genugtuungen und von Schadenersatz (Urk. 116 S. 1
f.; Urk. 118; Urk. 136 S. 1 ff.). Eine Anschlussberufung wurde von keiner Seite
erhoben (Urk. 123).
Das vorinstanzliche Urteil ist demnach in Bezug auf die übrigen Freisprüche und
hinsichtlich des Schuldspruchs wegen Vergehens gegen das Waffengesetz sowie
bezüglich der Festsetzung der Kosten in Rechtskraft erwachsen. Ebenfalls
rechtskräftig wurden die Beschlüsse betreffend teilweiser Einstellung des
Verfahrens zufolge Verjährung und betreffend Einziehung der beschlagnahmten
Waffe samt Munition, Verwendung von beschlagnahmtem Bargeld und
Herausgabe von Gegenständen. Dies ist vorab festzustellen.
5. Mit Beschluss vom 14. August 2012 (Urk. 129) wurde den von der
Verteidigung mit der Berufungserklärung gestellten Beweisanträgen (Urk. 117 S.
2 ff.) einstweilen keine Folge gegeben und der Antrag der Privatkläger vom 9. Juli
2012 (Urk. 126) auf Ausschluss der Öffentlichkeit und Erteilung von Auflagen an
die Presse abgewiesen, bei gleichzeitigem Erlass der Pflicht der Privatkläger zum
persönlichen Erscheinen. Die Berufungsverhandlung fand am 4. September 2012
statt. An der Abweisung der anlässlich der Berufungsverhandlung erneuerten und
erweiterten Beweisanträge der Verteidigung ist festzuhalten (Urk. 134 S. 4 ff.).
Dieser Entscheid wurde den Parteien mündlich eröffnet (Prot. II S. 11). Auf die
Gründe wird nachstehend eingegangen (vgl. unten II.A.2.e).
- 15 -
II.
A. Vorbemerkungen und Prozessuales
1. Der Beschuldigte war zur Zeit, die Gegenstand der Anklage bildet, mit der
Privatklägerin 1 verheiratet (seit Dezember 2011 seien sie geschieden; vgl. Urk.
132 S. 1). Die Privatkläger 2 bis 6 sind die gemeinsamen Kinder des
Beschuldigten und der Privatklägerin 1. Der Beschuldigte und die Privatkläger
stammen aus der Gegend von ... im westlichen Hochland von H._ [Staat].
Der Beschuldigte wurde laut eigenen Angaben im Jahr 1978, d.h. mit 12 Jahren,
mit der (gut zwei Jahre älteren) Privatklägerin 1 verlobt. Vier Jahre später fand die
Hochzeit nach traditionellem Ritus statt (vgl. HD 13/13 S. 1 f.). In den Jahren
1984, 1985, 1987 und 1989 kamen die Privatkläger 2 bis 5 zur Welt.
Nachdem er im Jahr 1988 den Militärdienst absolviert hatte, reiste der
Beschuldigte im Sommer 1989 zum ersten Mal (als Tourist) in die Schweiz ein.
Ein Onkel, der schon länger hier lebte, vermittelte ihm für das darauffolgende Jahr
eine Stelle als Saisonnier auf dem Bau. So kam er im Frühjahr 1990 wieder in die
Schweiz und arbeitete in der Folge mehrere Jahre als Saisonnier, bevor er eine
Aufenthaltsbewilligung erhielt. Neben der Arbeit auf dem Bau machte er die
Lastwagenprüfung, und im Sommer 1995 wechselte er zu ... in die Spedition, wo
er bis zu seiner Verhaftung blieb. Ausserdem trieb er Handel mit Maschinen zur
Holzverarbeitung, die er in der Schweiz ankaufte und wenn nötig revidierte und
daraufhin nach H._ verkaufte.
Die Privatkläger lebten währenddessen in H._ zusammen mit seiner Familie
(Mutter und Brüder mit Familie), wo sie der Beschuldigte mehrmals jährlich
besuchte. Im Jahr 1994 kam der Privatkläger 6 zur Welt. Während des
bewaffneten Konflikts in H._ im Jahr 1998 flüchtete die Familie nach I._.
Ab dem Jahr 2000 versuchte der Beschuldigte seine Frau und die Kinder in die
Schweiz zu holen. In diesem Zusammenhang fand im Jahr 2000 die
standesamtliche Hochzeit zwischen ihm und der Privatklägerin 1 statt. Wegen
Schwierigkeiten bei der Beschaffung der notwendigen Papiere wurde es Sommer
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2002, bis die Privatkläger in die Schweiz kamen. Seither lebten sie zusammen in
einem gemieteten Haus in J._ (vgl. dazu HD 13/8 und HD 13/9).
Am 24. Januar 2009 zeigten die Privatkläger den Beschuldigten wegen
verschiedener Straftaten gegen Leib und Leben bei der Polizei an, worauf der
Beschuldigte am gleichen Abend inhaftiert wurde und die vorliegende
Strafuntersuchung ihren Lauf nahm (HD 1; ND 1/1; ND 2/1; ND 3/1). Die
Privatkläger machten geltend, der Beschuldigte habe sie, seit sie im Sommer
2002 in die Schweiz gekommen waren, regelmässig geschlagen und bedroht. In
besonders gravierenden Fällen sei es beinahe zur Tötung gekommen. Die
Anklageschrift vom 6. Juni 2011 erwähnt rund 20 Straftaten gegen Leib und
Leben aus der Zeit zwischen August 2005 (betreffend weiter zurückliegender
Vorfälle wurde die Untersuchung wegen Verjährung eingestellt; HD 45) und dem
24. Januar 2009, die von einer versuchten Tötung bis zu Tätlichkeiten reichen.
Dazu kommen Vermögensdelikte.
Während der Beschuldigte einige Vorfälle gänzlich abstreitet (so insbesondere die
Vorfälle im Jahr 2005, die die Anklage als Gefährdung des Lebens und als
Tötungsversuch subsumiert), kommen andere auch in seiner Schilderung vor,
wobei er sie jedoch wesentlich abschwächt: Nach seiner Darstellung kam es
dabei nur zu einzelnen (inzwischen verjährten) Tätlichkeiten. Neben einem Vorfall
zum Nachteil der Privatklägerin 2 im Jahr 2003 (HD 13/10 S. 4; vgl. dazu die
Privatklägerin 2 in HD 15/4 S. 2 A. 5: "es war mitunter der schlimmste Vorfall"),
der bereits in der Untersuchung wegen Verjährung eingestellt wurde (HD 45), gilt
das insbesondere für den Vorfall zum Nachteil der Privatklägerin 4 im Jahr 2007
(HD 13/11 S. 5), den die Vorinstanz als Gefährdung des Lebens und einfache
Körperverletzung qualifiziert (Urk. 115 S. 129 f. E. 11.15 f.), und den Vorfall zum
Nachteil der Privatkläger 4 und 6 Anfang 2008 (HD 13/11 S. 11), betreffend den
die Vorinstanz zu einem Freispruch gelangte (Urk. 115 S. 142 f. E. 12.15 f.).
Wie von zahlreichen Dritten bestätigt wird, war der Beschuldigte in der Schweiz
gut integriert. Seine Aussagen zeigen, dass er stolz darauf war und das gleiche
Ziel auch für den Rest seiner Familie anstrebte (vgl. HD 13/8 S. 3 ff.). Als er im
Jahr 2002 seine Familie in die Schweiz holte, kam diese jedoch aus dem Krieg
- 17 -
und hatte lange Zeit von ihm getrennt gelebt. Ohne ihn hatte sich unter ihnen
während dieser Zeit eine eigene Gruppendynamik entwickelt, zu der er keinen
Zugang fand. Ausserdem waren sie - im Gegensatz zu ihm - in der Schweiz
überhaupt nicht integriert. Der Beschuldigte hatte anscheinend Mühe, dies zu
akzeptieren und seinen Kindern die - je nach ihrem individuellen Stand und ihren
Fähigkeiten - nötige Zeit zu lassen, um sich an die Verhältnisse in der Schweiz zu
gewöhnen, die Sprache zu lernen und die in H._ wegen des Krieges
teilweise verpasste Schulbildung nachzuholen (HD 13/9 S. 5 ff.; HD 13/10 S. 2).
Insbesondere fiel es ihm schwer, die bildungsmässigen Limiten seiner Frau zu
akzeptieren, die anscheinend weder rechnen noch schreiben konnte, und er fühlte
sich in der Sorge um die Familie von ihr alleingelassen (HD 13/9 S. 5 und S. 8).
Vor diesem Hintergrund erscheint die grundsätzlich unbestrittene Ausübung von
Gewalt als Ausdruck von Überforderung, auch wenn der Beschuldigte dies nicht
wahrhaben will und es sich laut der Darstellung der Verteidigung nur um einzelne
Überreaktionen handelte, die nie das Mass von Tätlichkeiten überschritten. Ob
dies zutrifft oder ob es sich um ein generelles Verhaltensmuster mit einzelnen,
teilweise massiven Auswüchsen handelte, wie die Anklage behauptet, wird
nachfolgend zu klären sein.
2. Wie die Vorinstanz festhielt, stimmen die Aussagen der Privatkläger im
Wesentlichen überein und zeichnen ein stimmiges Bild, das in hohem Mass
authentisch und nachvollziehbar ist. Darin erscheint der Beschuldigte als
eigentlicher Familientyrann, der die Privatkläger über Jahre mit Schlägen,
Drohungen, ständiger Überwachung und durch die alleinige Verwaltung der
finanziellen Mittel der Familie kontrollierte (Urk. 115 S. 26 E. 4).
a) Die Vorinstanz hat die Versuche des Beschuldigten, die belastenden
Aussagen der Privatkläger als Racheakte für vereinzelte Kränkungen - so etwa
dass er der Privatklägerin 2 den Umgang mit einem Mann aus H._ verboten
habe - oder als ... Familienfehde zu erklären, als nicht schlüssige
Verschwörungstheorien bezeichnet. Es sei kein Motiv ersichtlich, weshalb alle
Privatkläger den Beschuldigten als ihren Vater bzw. Ehemann zu Unrecht
belasten sollten. Eine Absprache erscheine angesichts der unzähligen
- 18 -
geschilderten Vorfälle kaum durchführbar, wenn nicht geradezu unmöglich. Seine
Erklärungsversuche zeigten nur seinen massiven Erklärungsnotstand und
erwiesen sich als blosse Schutzbehauptungen (Urk. 115 S. 27 f. E. 4 und 5).
Diesem Befund ist mit den folgenden Präzisierungen und Ergänzungen
zuzustimmen.
b) Auf Antrag des Beschuldigten liess die Staatsanwaltschaft zahlreiche
Verwandte und Bekannte einvernehmen, die dafür teilweise aus H._ oder
aus dem europäischen Ausland in die Schweiz reisten. Wie die Vorinstanz richtig
erwähnte, fallen diese Aussagen durch eine durchwegs positive Schilderung des
Beschuldigten und die Übernahme seiner Belastungen gegen die Privatklägerin 2
auf, ohne aber in der Sache viel beitragen zu können (Urk. 115 S. 28 E. 5).
Es handelt sich um eigentliche Leumundszeugen, welche bei den Vorfällen, die
Gegenstand der Anklage bilden, nicht dabei waren und deshalb nichts dazu
sagen können: Die Privatkläger betonen ausdrücklich, dass der Beschuldigte in
Anwesenheit von Dritten nie gewalttätig geworden sei (HD 16/1 S. 4 A. 22; HD
17/5 S. 5 und S. 9). Aus diesem Grund erübrigt sich die von der Verteidigung
beantragte Befragung von K._ und L._ als Zeugen (Urk. 117 S. 5 f.), da
diese auch nach Darstellung der Anklage nichts von den Vorfällen mitbekommen
haben, die Gegenstand der Anklage bilden, und L._ überdies bereits in der
Untersuchung befragt worden war (HD 21/86), wie bereits die Vorinstanz festhielt
(Urk. 115 S. 21 f. E. 10; Prot. I S. 21 f.; Urk. 73 S. 8 f. E. 9). Das gleiche gilt für
den in H._ wohnhaften Bruder des Beschuldigten, M._, der über
Drohungen und Gewaltakte gegen die Familie des Beschuldigten im
Zusammenhang mit der Strafanzeige Auskunft geben könne (Urk. 117 S. 6). Es
ist nicht ersichtlich und wird nicht dargetan, inwiefern sich daraus irgendwelche
Erkenntnisse im Hinblick auf die Frage ergeben sollten, ob sich die Vorfälle, die
Gegenstand der Anklage bilden, wie behauptet zugetragen haben.
N._, die Mutter des Beschuldigten, die sich jedes Jahr mehrere Monate im
Haushalt des Beschuldigten und der Privatkläger aufhielt, ist in dieser Hinsicht ein
Sonderfall. Sie war dabei, als es am 24. Januar 2009 zur Erstattung der Anzeige
kam, und wurde am 25. Januar 2009 deswegen polizeilich einvernommen.
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Damals sagte sie, sie wisse von nichts, und wollte keine weiteren Aussagen
machen (HD 20/1). Als sie über ein Jahr später zum Zweck einer
Zeugeneinvernahme erneut in die Schweiz einreiste (vgl. HD 20/5), stellte sie die
Anzeige gegen den Beschuldigten als Komplott der Privatklägerin 2 dar, welche
die Herrschaft in der Familie übernommen habe und die übrigen Privatkläger mit
Schlägen und Drohungen dazu gezwungen habe, den Beschuldigten zu Unrecht
zu belasten. Ihr habe die Privatklägerin 2 gedroht, sie werde sie "töten und in
einen Fluss werfen". Aus Angst habe sie damals bei der Polizei davon nichts
gesagt (HD 20/9 S. 4 f.; HD 20/10 S. 11).
Es ist zwar nachvollziehbar, wenn sich Zeugen in einem Strafverfahren bemühen,
einen Verwandten oder Freund, der eines Verbrechens beschuldigt wird, positiv
darzustellen. Allzu offensichtliche Schönfärberei erweckt jedoch den Eindruck,
dass den Zeugen die Loyalität zum Beschuldigten wichtiger ist als ihre
Wahrheitspflicht, was der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen abträglich ist. Derart
plakative Schuldzuweisungen an die Adresse der Privatklägerin 2 wie in der oben
zitierten Aussage der Mutter des Beschuldigten oder Unschuldsbeteuerungen in
Bezug auf den Beschuldigten, der "nicht nur 100 sondern 200% unschuldig" sei
(so die [mit dem Bruder der Privatklägerin 1 verheiratete] älteste Schwester des
Beschuldigten in HD 21/91 S. 7), erfüllen daher den beabsichtigten Zweck nicht
und sind nicht geeignet, den Beschuldigten zu entlasten und die Anklage zu
entkräften.
Bei diesem Aussageverhalten mag der historische und kulturelle Hintergrund der
aus H._ stammenden Zeugen eine Rolle spielen. Die Privatklägerin 2
erwähnt eine Tante in ... [Staat], die sie zuerst ermutigt habe, zur Polizei zu
gehen, um sie kurz darauf aufzufordern, die Anzeige wieder zurückzuziehen, als
der Beschuldigte, anders als sie wohl erwartet habe, nicht nach wenigen Tagen
wieder entlassen worden sei. Zur Erklärung habe sie auf die Situation des
Beschuldigten in der Haft und das Gerede der Leute verwiesen (HD 15/10 S. 17).
Die Mutter des Beschuldigten, N._, habe sich ähnlich geäussert: Das
Problem seien nicht die Schläge des Beschuldigten, sondern dass dieser im
Gefängnis sei. Es gehe um seine Ehre (HD 15/10 S. 15). Wie die Vertreterin der
- 20 -
Privatklägerin vor der Vorinstanz erläuterte, wolle man die Sache intern im
Familienkreis regeln und habe ihnen versprochen, dafür zu sorgen, dass der
Beschuldigte sie in Ruhe lasse, worauf sich die Privatkläger aber nicht einlassen
wollten (Urk. 99a S. 7).
c) Mit O._ unterhielt der Beschuldigte seit 1995 oder 1996 eine intime
Beziehung (vgl. HD 13/5 S. 3 ff.). Anders als die meisten übrigen Zeugen schildert
sie den Beschuldigten differenziert und verschweigt auch negative Erfahrungen
nicht, wobei jedoch aus ihrer Sicht klar das Positive überwiegt. Bei den Vorfällen,
die Gegenstand der Anklage bilden, war sie nicht dabei, und ihr gegenüber zeigte
sich der Beschuldigte nie von einer solchen Seite. Etwa einen Monat vor
Erstattung der Anzeige wurde sie von den Privatklägern kontaktiert. Aus den
Erzählungen des Beschuldigten wusste sie zwar von diesen, hatte sie aber nie
kennengelernt. Ihre Aussage gibt daher Hinweise auf die Hintergründe der
Strafanzeige gegen den Beschuldigten, die für die Einschätzung der
Glaubhaftigkeit der Aussagen der Privatkläger hilfreich sind.
O._, die am 28. Januar 2009 von der Polizei und am 20. Oktober 2009 durch
den Staatsanwalt befragt wurde, hebt den guten Umgang des Beschuldigten mit
ihrem Sohn hervor. Der Beschuldigte habe sie in der Erziehung unterstützt und
eine Vaterrolle übernommen (HD 21/3 S. 2 A. 6, S. 5 ff., S. 11 A. 68 f.). Sie
charakterisiert ihn als eher verschlossen und sehr stolz, was sich darin äussere,
dass er nachtragend sein könne. Auf Konflikte habe er mit Rückzug reagiert. Er
habe sich stets unter Kontrolle behalten und sei weder ihr noch ihrem Sohn
gegenüber je gewalttätig geworden (HD 21/3 S. 6 A. 34 f. und A. 40, S. 8 A. 49 f.,
S. 11 f. A. 68 f. und A. 73). Diese Schilderung deckt sich mit den Beobachtungen
der psychiatrischen Gutachter, die eine relative Gefühlsarmut und eine
Affektübersteuerung in Bezug auf Aggressionen feststellten (HD 39/10 S. 61 f.).
Als der Beschuldigte seine Familie in die Schweiz holte, habe sie diesen Schritt
unterstützt. Auf ihre entsprechende Frage habe er ihr versichert, dass seine Frau
von ihrer Beziehung wisse und nichts dagegen einzuwenden habe (HD 21/3 S. 2
f.; HD 21/4 S. 4 f.). Als O._ verschiedentlich den Wunsch äusserte, seine
Familie kennenzulernen, habe er zwar jeweils zugestimmt, aber nie etwas in
- 21 -
diese Richtung unternommen (HD 21/4 S. 7). Anscheinend wusste seine Familie
jedoch von ihr. Das habe er ihr gesagt (HD 21/4 S. 8 und S. 29). Wie es dazu
kam, ist allerdings umstritten (vgl. dazu unten B.3).
Am 17. Dezember 2008 erhielt O._ einen Anruf der Privatklägerin 2, die sie
treffen wollte, was jedoch nicht sofort möglich war (HD 21/4 S. 8 f.). O._
habe dann vorgeschlagen, die Privatklägerin 2 zusammen mit dem Beschuldigten
an Weihnachten zu sich einzuladen, was diese toll gefunden habe. Auf Wunsch
der Privatklägerin 2 habe sie dem Beschuldigten gesagt, sie habe den Kontakt
hergestellt. Dieser habe darauf beleidigt reagiert und sich nicht mehr (bzw. nur
noch per SMS) bei ihr gemeldet (HD 21/3 S. 4 f. A. 22 ff.; HD 21/4 S. 10 f.).
Danach habe sie häufig, fast täglich, mit der Privatklägerin 2 telefoniert, wobei
meist die Privatklägerin 2 angerufen habe (HD 21/4 S. 9). Im Verlauf dieser
Gespräche habe die Privatklägerin 2 geklagt, der Beschuldigte wolle sie gegen
ihren Willen verheiraten (HD 21/4 S. 9). O._ habe sich das nicht vorstellen
können und habe ihr geraten, sich zu wehren, worauf sie entgegnet habe, das
gehe nicht, sonst werde sie geschlagen (HD 21/3 S. 7 A. 44 ff.). Konkrete
Beispiele von Schlägen seien jedoch nie zur Sprache gekommen (HD 21/4 S. 27).
Dass ihr Leben in Gefahr sei, habe sie nicht behauptet. Hauptthema sei die Heirat
gewesen (HD 21/4 S. 25 f.).
Daraufhin sei es zu einem Treffen mit der Privatklägerin 2 gekommen (HD 21/4 S.
24 f.; vgl. HD 15/10 S. 13). Als sich der Beschuldigte unmittelbar vor seiner
Verhaftung einige Tage in H._ aufhielt (HD 21/3 S. 9 A. 56; HD 15/10 S. 12
unten), sei sie darauf einmal mit den Privatklägern 2, 3, 4 und 5 im Ausgang
gewesen. Sie hätten zuerst Pizza gegessen und seien dann Tanzen gegangen.
Die Privatkläger hätten gesagt, das würde ihnen der Beschuldigte nicht erlauben.
Im Übrigen hätten sie nicht viel von der Situation zu Hause gesprochen, sondern
sich amüsieren wollen (HD 21/3 S. 9 f. 57 ff.; HD 21/4 S. 14 f.).
Am darauffolgenden Sonntag habe sie dann von der Privatklägerin 2 die
Mitteilung von der Verhaftung des Beschuldigten erhalten (HD 21/3 S. 10 A. 60).
Auf deren Wunsch habe sie sich einige Tage später mit den Privatklägerinnen 2
- 22 -
und 3 getroffen. Die Privatklägerin 2 habe ihr bei dieser Gelegenheit das
Arztzeugnis der Privatklägerin 1 gezeigt. Im Februar und im März 2009 seien alle
Privatkläger, auch die Ehefrau des Beschuldigten, zwei Mal bei ihr zum Essen
gewesen (HD 21/4 S. 16 ff.). Danach habe sie auf Anraten eines Anwalts (nicht
des Verteidigers) den Kontakt abgebrochen, weil sie mehr Abstand wollte (HD
21/4 S. 27; vgl. HD 15/10 S. 14 f.).
d) Parallel zur Kontaktaufnahme mit O._ wandten sich die Privatkläger an
eine Opferberatungsstelle. Anlass dafür sei der entsprechende Rat der Chefin der
Privatklägerin 2, P._, gewesen (HD 15/10 S. 17). Laut deren Aussagen
berichtete ihr die Privatklägerin 2 im Spätherbst oder Dezember 2008 (vgl. HD
21/1 S. 3 A. 16; HD 21/2 S. 3 unten), der Beschuldigte wolle sie gegen ihren
Willen verheiraten und setze sie deswegen unter Druck (vgl. Anklageziffer I.18,
dazu unten B.6). Von körperlichen Misshandlungen sei damals nicht die Rede
gewesen (HD 21/2 S. 7 oben). P._ habe ihr daraufhin (bei einem weiteren
Gespräch) empfohlen, sich an eine Beratungsstelle zu wenden, worauf sie
erfahren habe, dass dies bereits geschehen sei (HD 21/1 S. 3 f. A. 16 f.; HD 21/2
S. 3 f. und S. 7 f.).
Laut der Zeugenaussage von Q._ von der Beratungs- und Informationsstelle
(bif) rief die Privatklägerin 2 am 5. Januar 2009 bei ihrer Hotline an und berichtete
unter der Zusicherung von Anonymität, sie und der Rest der Familie werde vom
Beschuldigten geschlagen und bedroht. Sie hätten auf den 14. Januar 2009 einen
Beratungstermin vereinbart, zu dem die Privatklägerin 2 in Begleitung der
Privatklägerin 3 erschienen sei (HD 21/62 S. 2 f.; vgl. HD 15/1 S. 4 A. 18 f.).
Neben Gewalt, Drohungen und Zwangsheirat sei damals auch zur Sprache
gekommen, dass der Beschuldigte vor zwei oder drei Jahren versucht habe, die
Privatklägerin 2 umzubringen, weil sie herausgefunden habe, dass er eine
Freundin habe (HD 21/62 S. 4; vgl. Anklageziffer I.3; dazu unten).
Nach einiger Überlegung wollten sie noch bis im März mit einer Anzeige
zuwarten, bis ihre Grossmutter, die gerade bei ihnen zu Besuch war, wieder
zurück nach H._ gereist wäre, um diese zu schonen und weil sie nicht
wollten, dass die Familie in H._ davon erfahre. Q._ habe daraufhin bei
- 23 -
der Polizei einen provisorischen Termin für Anfang März vereinbart. Am 24.
Januar 2009, einem Samstag, habe die Privatklägerin 2 dann bei der Hotline der
Beratungsstelle angerufen und berichtet, dass der Beschuldigte nach seiner
Rückkehr aus H._ am Vorabend wieder gewalttätig geworden sei, worauf die
diensttuende Kollegin eine sofortige Anzeige empfohlen und eine provisorische
Unterkunft organisiert habe (HD 21/62 S. 5).
In einer Situation, die schon seit Jahren andauerte, ist dieses geplante Vorgehen
und das Zuwarten mit der Anzeige bis zur Abreise der Grossmutter bzw. bis es
wieder zu einem konkreten Vorfall kam, nicht unverständlich (vgl. HD 21/62 S. 5).
Mit einer erfundenen Geschichte hätten die Privatkläger nicht auf einen Anstoss
von aussen gewartet, um eine Beratungsstelle aufzusuchen. Es macht den
Anschein, dass die Privatklägerin 2 mit O._ Kontakt aufnahm, weil sie
neugierig war, wie sich der Beschuldigte dieser gegenüber verhielt. Vielleicht
hoffte sie auch, als Bezugsperson des Beschuldigten könne O._ etwas
bewirken (HD 21/4 S. 10 f. und S. 21 unten). Wären ihre Vorwürfe unbegründet
gewesen, hätte sie diesen Schritt jedenfalls kaum gemacht, da sie bei O._
grundsätzlich nicht mit Verständnis rechnen konnte, wie sie selbst bemerkte (HD
15/9 S. 13) und deren Aussagen bestätigen: O._ bemüht sich zwar, den
Privatklägern gerecht zu werden, es bereitet ihr aber sichtlich Mühe, ihnen zu
glauben, da sie den Beschuldigten nicht so kennt (HD 21/4 S. 27), und sie sucht
nach verborgenen Absichten hinter dem Verhalten der Privatklägerin 2 (HD 21/4
S. 10 f. und S. 21), auch wenn sie nicht die Komplotttheorie des Beschuldigten
und seines familiären Umfelds übernimmt. Laut den Aussagen des Beschuldigten
vor der Vorinstanz hat sie nicht mit ihm gebrochen, sondern besuchte ihn
regelmässig in der Haft (Urk. 91 S. 13).
Als am Samstag den 24. Januar 2009, dem Tag nach der Rückkehr des
Beschuldigten aus H._, der an jenem Morgen auch laut eigenem Bekunden
überaus schlecht gelaunte Beschuldigte die Privatkläger nicht nur anschrie,
sondern - so jedenfalls die Anklage - zudem gegen die Privatklägerin 1, die Mutter
der übrigen Privatkläger, gewalttätig wurde, erstatteten sie Anzeige, während sie
früher - laut eigener Darstellung - in solchen Situationen jeweils seinem Zorn
- 24 -
auszuweichen versuchten und schwiegen (vgl. die Schilderungen dieses Tages in
den ersten Aussagen der Privatklägerin 2, HD 15/1 S. 1 f. A. 5 f.; sowie in der
Rückschau durch den Beschuldigten; HD 13/9 S. 10 ff.). Vor dem Hintergrund der
skizzierten Vorgeschichte - das Beratungsgespräch am 14. Januar 2009 bei der
Opferberatung, die regelmässigen Telefongespräche mit O._ und der
ausgelassene Abend mit ihr während der Abwesenheit des Beschuldigten
unmittelbar zuvor - ist nachvollziehbar, dass die Privatkläger nach der Rückkehr
des Beschuldigten aus H._ nicht mehr bereit waren, seine Beschimpfungen
und Schläge zu ertragen, so dass ein Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte,
während sie in der Vergangenheit weit schwerwiegendere Vorfälle erduldet hatten
ohne etwas zu unternehmen.
Als Fazit dieser relativ ausführlichen Darstellung des Anzeigeverhaltens der
Privatkläger ist festzuhalten, dass dieses unverdächtig ist, was die
entsprechenden Vorbehalte des Beschuldigten entkräftet.
e) Die Privatklägerin 2 hat als ältestes Geschwister unter den Privatklägern
eine Sonderrolle. Das war schon früher so, wie der Beschuldigte verschiedentlich
betont (vgl. etwa Urk. 93 S. 4 f.; HD 13/10 S. 6). Gegen aussen trat sie oft als
Sprecherin der Familie auf. Ihre Mutter, die Privatklägerin 1, konnte diese Rolle
nur schon wegen ihrer fehlenden Sprachkenntnisse nicht wahrnehmen. Ihr
jüngster Bruder bezeichnet die Privatklägerin 2 nach der Verhaftung des
Beschuldigten als "Chef" der Familie (HD 19/6 S. 7 oben). Es ist nicht
aussergewöhnlich, dass jemand den - früher in der Schweiz und heute in Haft -
abwesenden Beschuldigten als Familienoberhaupt ersetzt. Bemerkenswert ist
höchstens, dass die Privatklägerin 2 als Frau diese Funktion übernimmt.
Der Beschuldigte und einige der von ihm angerufenen Zeugen leiten aus dieser
Rolle der Privatklägerin 2 ab, die übrigen Privatkläger seien bloss willenlose
Werkzeuge in ihren Händen, die - möglicherweise ferngesteuert von dubiosen
Hintermännern - den Beschuldigten mit erfundenen Vorwürfen hinter Gitter
bringen wolle (vgl. etwa die oben zitierte Aussage der Mutter des Beschuldigten in
HD 20/9 S. 4 f. oder die Aussagen des Beschuldigten vor der Vorinstanz in Urk.
93 S. 5 ff.). Dahinter kommt ein hierarchisches Familienverständnis zum
- 25 -
Vorschein, das einzelnen Familienmitglieder die Unabhängigkeit abspricht. Für
aussenstehende Betrachter erscheinen diese plakativen Vorwürfe konstruiert und
von vornherein ungeeignet, die Glaubwürdigkeit der Privatklägerin 2 zu
erschüttern.
Es scheint den Beschuldigten zu irritieren, dass sich der Zeuge R._ als
Freund seiner ältesten Tochter, der Privatklägerin 2, nicht bei ihm eingeführt hat
(Urk. 93 S. 10). Das mag unter normalen Umständen in ... Familien [aus dem
Staat H._] üblich sein. Die vorliegenden Verhältnisse sind jedoch keineswegs
normal, und es erscheint durchaus nachvollziehbar, wenn sich der Freund der
Privatklägerin 2, die aus Gründen, die den Gegenstand dieses Verfahrens bilden,
keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater pflegt, diesem bisher nicht vorgestellt hat.
Dieser Kontext, d.h. insbesondere die mit einer solchen Beziehung offenbar
verbundenen Erwartungen des Beschuldigten, könnte auch erklären, weshalb die
Privatklägerin 2 und R._ ihre Beziehung allenfalls nicht von Anfang an
offenlegten, ohne dass sich daraus etwas Nachteiliges über ihr sonstiges
Aussageverhalten ableiten lässt. Ob der Zeuge R._ mit S._ (auch
S1._ oder S2._ genannt; vgl. Urk. 134) und T._ verwandt ist, bei
denen es sich laut dem Beschuldigten um gerichtsnotorische Bandenführer
handle (Urk. 93 S. 7), hat sodann von vornherein keine Bedeutung für die
Beurteilung der vorliegenden Anklage und kann deshalb offen bleiben. Die
Vorinstanz verzichtete daher zurecht auf die dazu beantragten
Beweisergänzungen (Urk. 115 S. 21 f. E. 10; Prot. I S. 20 f.; Urk. 88 S. 4 f. Rz. 7
und S. 6 Rz. 12 ff.; Urk. 73 S. 3 f. E. 4 und S. 7 f. E. 8; Urk. 69 S. 1 f.). Die von der
Verteidigung im Berufungsverfahren erneut gestellten Anträge auf Einvernahme
von U._ und R._ (Urk. 134 S. 4 f. Rz. 17 und S. 8 Rz. 31; Urk. 117 S. 4)
sind demnach abzuweisen. Das gleiche gilt für die in der Berufungsverhandlung
neu beantragte Einvernahme von V._, bei der es sich um die Tochter des
vorerwähnten S._ handeln soll, welche in die Familie des Beschuldigten
eingeheiratet habe (Urk. 134 S. 2 f., S. 6 Rz. 22 ff. und S. 8 Rz. 31), weil ein
Bezug zur vorliegend zu beurteilenden Anklage nicht ersichtlich ist.
- 26 -
Ebenso erübrigt sich die vom Beschuldigten erneut beantragte Einvernahme von
W._ und AA._ (Urk. 134 S. 7 f. Rz. 29 f.; Urk. 117 S. 3; Urk. 88 S. 3 f.
Rz. 4 ff.; Urk. 69 S. 2 Ziff. 2). Wie die Vorinstanz in diesem Zusammenhang richtig
festhielt (Urk. 73 S. 4 ff. E. 7) würde es nicht gegen die Glaubhaftigkeit der von
der Privatklägerin 2 erhobenen Vorwürfe sprechen, sondern wäre im Gegenteil
durchaus verständlich, wenn sie bereits früher versucht hätte, den Beschuldigten
mit Hilfe von Freunden in H._ aus dem Verkehr zu ziehen. Was der
Beschuldigte im Berufungsverfahren dazu vorbringt, ändert nichts daran. Dass er
keine Ausführungen dazu machen kann, wie diese angebliche Falle aussehen
sollte, deutet darauf hin, dass es sich bloss um Spekulationen handelt. Die
antizipierte Würdigung der Vorinstanz ist nicht zu beanstanden. Die Vorinstanz
verwies zurecht auf die umfangreichen Beweiserhebungen zur generellen
Glaubwürdigkeit der Privatklägerin 2 und erachtete diese als ausreichend (Urk.
115 S. 22 E. 10; Prot. I S. 20).
Daneben wurden auch konkrete Vorbehalte gegen die Glaubwürdigkeit der
Privatklägerin 2 vorgebracht. Diese betreffen zweifelhafte Entschuldigungen für
Absenzen am Arbeitsplatz (HD 21/1 S. 2 A. 6 f.) sowie einen Betrugsversuch bei
einer Prüfung an der Berufsschule (HD 21/25 S. 4 A. 26; HD 21/29 S. 6 A. 30; HD
24/2 und HD 24/10). Der letztere Vorfall, der anscheinend einen realen
Hintergrund hat, zeugt nicht von einem untadeligen Verhalten, ist jedoch von der
Thematik und der Tragweite her nicht mit den hier zu beurteilenden Vorfällen zu
vergleichen. Es ist daran zu erinnern, dass bei der Beweiswürdigung nicht die
Glaubwürdigkeit einer Person, sondern die Glaubhaftigkeit ihrer Aussage im
Vordergrund steht, für deren Beurteilung andere Elemente wichtiger sind. Der von
der Verteidigung bereits vor der Vorinstanz gestellte (Urk. 69 S. 3 Ziff. 5) und im
Berufungsverfahren erneuerte Antrag auf Einvernahme von Frau AB._ als
Zeugin zu diesem Vorfall (Urk. 117 S. 5) wurde von der Vorinstanz mit
zutreffender Begründung abgewiesen (Urk. 73 S. 9 f. E. 10). Darauf kann
verwiesen werden.
f) Ausser durch die Aussagen der übrigen Privatkläger, die sich in ihrer
lebendigen Vielstimmigkeit positiv von den stereotypen Aussagen der Verwandten
- 27 -
des Beschuldigten abheben, wird die Vorstellung, die Aussagen der übrigen
Privatkläger seien von der Privatklägerin 2 diktiert worden, auch durch
Schilderungen von Zeugen widerlegt, welche insbesondere die Bedeutung der
Privatklägerin 3, C._, betonen, die offensichtlich mehr als nur eine Statistin
war.
So berichtet etwa die Zeugin Q._, nach dem ersten Anruf auf der
Beratungsstelle sei es "kompliziert" geworden, weil die Privatklägerin 2 mit dem
Rest der Familie habe Rücksprache nehmen müssen. Zum Gespräch sei sie mit
der Privatklägerin 3 erschienen (HD 21/62 S. 3). Die Zeugin O._ hebt zwar
die dominante Rolle der Privatklägerin 2 hervor (HD 21/4 S. 26), aber sie erwähnt
auch, dass die Privatklägerin eigentlich nie allein, sondern immer zusammen mit
der Privatklägerin 3 aufgetreten sei (HD 21/4 S. 24). Dazu passt ihre
Beobachtung, dass die beiden während eines Gesprächs mit ihr heimlich per
SMS miteinander kommuniziert hätten (HD 21/4 S. 16).
AC._, ehemalige Pflegedienstleiterin im Alters- und Pflegeheim ... in
AD._, erfuhr von der Privatklägerin 3 von der Situation zu Hause, worauf sie
ihr eine Beratungsstelle angegeben habe (HD 21/89 S. 2 f. A. 12; HD 21/90 S. 2;
vgl. HD 16/2 S. 19). Da die Privatklägerin 3 von Dezember 2006 bis Mai 2007 im
Rahmen eines Arbeitslosenprojekts dort beschäftigt war (HD 21/90 S. 2), muss
dieses Gespräch bereits damals stattgefunden haben und stand demnach nicht
im Zusammenhang mit der Strafanzeige vom 24. Januar 2009. Dass dabei nur
allgemein von Druck - "ein Klima der Angst und des Terrors" (HD 21/89 S. 2 A.
12) - die Rede war, nicht jedoch von Gewalt (HD 21/90 S. 4), schliesst nicht aus,
dass der Beschuldigte auch gewalttätig wurde, sondern zeigt nur, dass die
Privatklägerin 3 die Angelegenheit nicht dramatisieren wollte, die im Übrigen laut
Anklage anscheinend auch weniger zum Opfer von Gewalt wurde als die anderen
Privatkläger.
g) Der Auffassung der Vorinstanz, es sei kein Motiv ersichtlich, weshalb die
Privatkläger den Beschuldigten als ihren Ehemann bzw. Vater zu Unrecht mit
einer Fülle von teilweise weit zurückliegenden Vorfällen belasten sollten (Urk. 115
S. 27 E. 4), ist demnach zuzustimmen. Gleichwohl kann nicht ausgeschlossen
- 28 -
werden, dass die Privatkläger einzelne Vorwürfe ausgeschmückt und übertrieben
haben könnten, um ihnen eine grössere Wirkung zu verleihen. Als Motiv bietet
sich die von den Privatklägern betonte Angst vor Racheakten des Beschuldigten
an, weshalb sie ein Interesse hatten, ihn möglichst lange und sicher hinter Gitter
zu bringen (vgl. HD 14/1 S. 7 A. 42; HD 15/1 S. 9 A. 49; HD 15/4 S. 7 A. 33; HD
18/1 S. 4 A. 30; HD 19/6 S. 68). Auch wenn die Privatkläger somit glaubwürdig
und ihre Darstellung grundsätzlich glaubhaft erscheint, kann die Zuverlässigkeit
ihrer Aussagen nicht generell vorausgesetzt werden, sondern ist in Bezug auf
jeden einzelnen Anklagesachverhalt sorgfältig zu prüfen. Dem ist die Vorinstanz
nachgekommen.
3. Einige der Delikte, die dem Beschuldigten vorgeworfen werden, sind
Antragsdelikte (einfache Körperverletzung, Tätlichkeiten und Drohung sowie die
Vermögensdelikte). Vor der materiellen Behandlung ist zu prüfen, ob in diesen
Fällen das Antragserfordernis erfüllt oder eine Ausnahme davon gegeben ist.
a) Die Privatklägerin 1 erhob am 24. Januar 2009 Strafantrag wegen Drohung,
Körperverletzung und Tätlichkeiten (ND 2/3). Die Privatklägerin 2 stellte am 24.
Januar 2009 Strafantrag wegen Drohung (HD 32/2). Die Privatklägerin 3 erhob
am 25. Januar 2009 Strafantrag wegen Drohungen und Körperverletzungen (ND
2/8). Die Privatklägerin 4 stellte am 25. Januar 2009 Strafantrag wegen
"Körperverletzung etc." (ND 1/3). Der Privatkläger 5 erhob am 24. Januar 2009
Strafantrag wegen Drohung und Körperverletzung (ND 2/17). Vom Privatkläger 6
liegt ein Strafantrag vom 24. Januar 2009 betreffend Drohung vor (ND 2/13). Auf
die Vermögensdelikte wird später eingegangen (vgl. unten h).
b) Das Antragserfordernis wurde im Rahmen von verschiedenen Revisionen
für Gewalttaten innerhalb der Familie stark relativiert, so dass zu prüfen ist, in
welchen Fällen, für die kein Strafantrag vorliegt (im Fall der Privatklägerin 2
Anklage Ziff. I.2 und 3, sofern als einfache Körperverletzung qualifiziert; im Fall
des Privatklägers 6, dessen Strafantrag nur den Tatbestand der Drohung
erwähnt, Anklage Ziff. I.19) oder die Strafantragsfrist von drei Monaten
abgelaufen ist (im Fall der Privatklägerin 4 Anklage Ziff. I.10 in Bezug auf den
- 29 -
Tatbestand der einfachen Körperverletzung und im Fall des Privatklägers 5
Anklage Ziff. I.14), überhaupt ein Strafantrag nötig ist.
c) Gemäss Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB (einfache Körperverletzung) wird der
Täter von Amtes wegen verfolgt,
"wenn er die Tat an einem Wehrlosen oder an einer Person begeht, die unter seiner Obhut steht oder für die er zu sorgen hat, namentlich an einem Kind".
Art. 126 Abs. 2 lit. a StGB (Tätlichkeiten) lautet praktisch identisch, wobei
zusätzlich eine wiederholte Begehung verlangt wird, während Art. 180 StGB
(Drohung) keine entsprechende Einschränkung des Antragserfordernisses kennt.
d) Die Privatklägerin 2 wurde am tt.mm.2002 18 Jahre alt, die Privatklägerin 4
am tt.mm.2005 und der Privatkläger 5 am tt.mm.2007. Sie waren mithin zum
Zeitpunkt der Vorfälle, für die eine Qualifikation als einfache Körperverletzung im
Raum steht, volljährig und damit keine Kinder i.S. von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB
mehr. Auf den Privatkläger 6, der am tt.mm.1994 geboren wurde und damit zum
Zeitpunkt der ihn betreffenden Vorfälle im Verlauf des Jahres 2007 und im Januar
2009 (Anklage Ziff. I.19) noch ein Kind i.S. der zitierten Bestimmung war, wird
später eingegangen (vgl. unten g).
e) Unter Verweis auf die fehlende Selbständigkeit der im Haushalt des
Beschuldigten lebenden volljährigen Privatkläger und der von ihm über sie
ausgeübten Kontrolle meinte die Vorinstanz, der Beschuldigte habe sich als
Familienoberhaupt der unter seinem Dach lebenden volljährigen Privatkläger
verstanden, was er auch ohne zu zögern mit Gewalt und Drohungen durchgesetzt
habe. Deshalb sei das Merkmal der Obhut i.S. der zitierten Bestimmung erfüllt,
weshalb es (auch) im Fall der zum Zeitpunkt der angeklagten Delikte bereits
volljährigen Privatkläger keinen Strafantrag brauche (Urk. 115 S. 17 f. E. 6.7).
Die von der Vorinstanz als ratio legis angeführte Befürchtung, derartige Delikte
würden mangels eines Strafantrags des in einem Abhängigkeitsverhältnis zum
Täter stehenden Opfers nicht verfolgt (Urk. 115 S. 17 E. 6.6), bezieht sich auf die
Revision von 2003, als der Offizialschutz für Ehe- und Lebenspartner eingeführt
- 30 -
wurde (vgl. Trechsel / Fingerhuth, Art. 123 StGB N 10 2. al. m.H. auf BBl 2003
1939). Die Stellung von anderen Familienmitgliedern wurde bei dieser
Gelegenheit nicht verändert, was in Bezug auf Kinder mit einem Hinweis auf Art.
123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB begründet wurde, der im Jahr 1989 geschaffen worden
war und bei dieser Revision nicht angetastet wurde (vgl. BBl 2003 1917 Fn. 26).
Der Verzicht auf das Antragserfordernis kann daher nicht mit Überlegungen des
historischen Gesetzgebers begründet werden, die aus dem
Reformgesetzgebungsprozess von 2003 stammen.
f) Im Ergebnis ist der Entscheid der Vorinstanz jedoch richtig. Wie oben
erwähnt, ergibt sich aus den grundsätzlich glaubhaften Aussagen der
Privatkläger, dass sie vom Beschuldigten regelmässig geschlagen und bedroht
wurden. Die Erfahrung der ständigen Wiederholung von Gewalttaten verbunden
mit Drohungen kann ein Gefühl der Schutzlosigkeit und Gewalt erzeugen und
dazu führen, dass Opfer auf Widerstand verzichten, weil sie diesen für nutzlos
halten, was das Merkmal der Wehrlosigkeit erfüllt, das seit jeher im Gesetz steht
und bei der Revision von 1989 durch die beispielhafte Erwähnung von Kindern
und (anderen) Personen unter der Obhut des Täters konkretisiert wurde (Roth /
Berkemeier, Basler Kommentar, Art. 123 StGB N 25).
Wie aus seinen eigenen Aussagen hervorgeht, ist der Beschuldigte körperliche
Arbeit gewohnt, und es ist davon auszugehen, dass er allen Privatklägern, auch
dem Privatkläger 5, seinem älteren Sohn, physisch überlegen war. Direkte
Gegenwehr war daher nicht nur aussichtslos, sondern vor dem Hintergrund von
traditionellen ... Familienverhältnissen [im Staat H._] auch völlig undenkbar,
wie die Reaktion des Privatklägers 5 auf die Frage des polizeilichen
Sachbearbeiters, ob er schon einmal zurückgeschlagen habe, zeigt (HD 18/1 S. 2
A. 7): "Nein, Sie, ich darf das nicht."
Hinzu kommt, dass die Privatkläger auch wegen ihres ausländerrechtlichen
Status vom Beschuldigten abhängig waren und nicht einfach den gemeinsamen
Haushalt verlassen konnten, ohne ihren Aufenthalt zu gefährden. Von ihrer
Mutter, der Privatklägerin 1, erfuhren sie keine Unterstützung. Diese befand sich
in der gleichen Situation wie sie und konnte sich eher noch schlechter dagegen
- 31 -
zur Wehr setzen als sie. Im Übrigen lebten sie in der Schweiz isoliert und konnten
auf keine Hilfe von Freunden oder Verwandten zählen. Die volljährigen
Privatkläger 2 bis 5 sind demnach als wehrlos i.S. der zitierten Bestimmung zu
betrachten, so dass in Bezug auf den Tatbestand der einfachen Körperverletzung
oder der wiederholten Tätlichkeiten kein Strafantrag erforderlich ist.
g) Der Strafantrag des Privatklägers 6 erwähnt nur den Tatbestand der
Drohung (ND 2/13). Es ist daher zu prüfen, ob in Bezug auf die Vorfälle, die
Gegenstand von Anklage Ziff. I.19 bilden, ein Strafantrag erforderlich wäre. Der
Privatkläger 6 wurde am tt.mm.1994 geboren und war mithin im Jahr 2007, als
sich der Vorfall zutrug, der Gegenstand des ersten Teils von Anklage Ziff. I.19
bildet, welcher von der Vorinstanz (zurecht) als einfache Körperverletzung
qualifiziert wurde (vgl. dazu unten E.4), 12 oder 13 Jahre alt. Damit war er ein
Kind i.S. von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB, so dass ein Offizialdelikt vorliegt.
Im Januar 2009, als sich der Vorfall ereignete, der Gegenstand des zweiten Teils
von Anklage Ziff. I.19 bildet, den die Vorinstanz (ebenfalls zutreffend) als
Tätlichkeit qualifizierte (Urk. 115 S. 178 E. 20.6), war der Privatkläger 6 ebenfalls
noch ein Kind. Anders als bei einer einfachen Körperverletzung genügt das aber
nicht, damit eine Tätlichkeit zu einem Offizialdelikt wird, sondern bedarf es dazu
zusätzlich einer wiederholten Begehung (Art. 126 Abs. 2 StGB).
Laut der Botschaft zur Revision von 1989 wollte man mit dem Erfordernis der
Wiederholung ein einmaliges Ausrutschen der Hand von der Strafbarkeit
ausnehmen, um entsprechende Bedenken gegenüber dieser Gesetzesrevision zu
zerstreuen: 'Wiederholt' bedeute eindeutig mehr als zwei Ohrfeigen, hingegen
bedürfe es keiner wiederholten Verübung während längerer Zeit, sondern es
genüge, wenn Schläge sehr zahlreich und systematisch, und sei es auch nur
während Stunden, verabreicht würden (BBl 1985 II S. 1032 f.). Wo die Grenze
liegt, ist damit offen (vgl. Trechsel / Fingerhuth, Art. 126 StGB N 8 2. Abs.).
Vorliegend beging der Beschuldigte zwar auch gegenüber dem Privatkläger 6
mehrere Tätlichkeiten, die nach Ansicht der Vorinstanz grundsätzlich erstellt,
jedoch (mit Ausnahme von Anklageziffer I.19) verjährt sind, so dass grundsätzlich
- 32 -
eine mehrfache Begehung vorliegt (Anklage Ziff. I.8, Urk. 115 S. 110 f. E. 10.6 ff.,
Anklage Ziff. I.12, Urk. 115 S. 143 E. 12.16). Weiter ist auch die im Rahmen der
gleichen Anklageziffer angeklagte einfache Körperverletzung im Jahr 2007 zu
berücksichtigen. Doch damit eine Tätlichkeit zu einem Offizialdelikt wird, muss
das Erfordernis der Wiederholung zum Zeitpunkt der Begehung dieser Tätlichkeit
erfüllt sein, was eine gewisse zeitliche Nähe erfordert.
Das ist hier nicht gegeben. Der Privatkläger 6 sagte ausdrücklich, dass ihn der
Beschuldigte seit Sommer 2008 nicht mehr geschlagen habe. Auf Befragen
schränkte er zwar ein, es sei nach wie vor zu "Flätteren" gekommen (HD 19/6 S.
43 f.). Diese wurden jedoch nicht Gegenstand der Anklage und werden vom
Beschuldigten nicht anerkannt, so dass darauf nicht abgestellt werden kann. Der
Privatkläger 6 brachte diese Veränderung mit seinem Wechsel in die Oberschule
und der positiven Beurteilung durch seinen neuen Lehrer in Verbindung, was
plausibel erscheint, wenn man sich den Stellenwert schulischer Leistungen für
den Beschuldigten vergegenwärtigt. Ausserdem scheint der Privatkläger 6 dem
Beschuldigten besonders nahe zu stehen (HD 13/11 S. S. 9 f.; Urk. 93 S. 31; Urk.
99b S. 3).
Es kann somit für den Vorfall im Januar 2009 nicht von einer wiederholten
Begehung i.S. von Art. 126 Abs. 2 StGB ausgegangen werden. Da der
Strafantrag des Privatklägers 6 den Tatbestand der Tätlichkeiten (oder der
einfachen Körperverletzung) nicht erwähnt (vgl. ND 2/13), was im Übrigen auch
gegen die Aktualität solcher Vorfälle im damaligen Zeitraum spricht, ist das
Verfahren in Bezug auf den zweiten Satz von Ziff. I.19 einzustellen.
h) Die Privatkläger 2 und 5 stellten am 16. März 2009 Strafantrag wegen
Veruntreuung (ND 4/20/1 und 2). Am 23. März 2009 stellte ihre Rechtsvertreterin
Strafantrag wegen Veruntreuung im Namen der Privatklägerinnen 3 und 4 (ND
4/20/4), wobei das Verfahren in Bezug auf letztere später eingestellt wurde (HD
47), so dass in ihrem Fall nicht zu prüfen ist, ob das Antragserfordernis erfüllt ist.
Die Anklage wirft dem Beschuldigten vor, er habe ohne Wissen und Zustimmung
der Privatkläger über ihre Bankkonten verfügt (Urk. 85 S. 10 ff.). Das stellt eine
- 33 -
Handlungseinheit mit einheitlichem Tatentschluss dar, so dass die
Strafantragsfrist erst mit dem jeweils letzten Kontobezug beginnt (BGE 132 IV 49
E. 3.1.3). Da diese im Fall der Privatklägerinnen 2 und 3 laut Anklageschrift
jeweils am 19. Januar 2009 geschahen (Urk. 84 S. 12 f.), war die Strafantragsfrist
in Bezug auf sie demnach noch nicht abgelaufen.
Im Übrigen ist, wie die Vorinstanz zutreffend erwog (Urk. 115 S. 19 f. E. 8.3), nicht
davon auszugehen, dass die Privatkläger vor der Eröffnung der
Strafuntersuchung hinreichende Kenntnis im Sinne der Lehre und Praxis zu Art.
31 StGB über die Vorgänge hatten, die dem Beschuldigten in diesem
Zusammenhang zur Last gelegt werden, wobei anzumerken ist, dass der
Beschuldigte in diesem Umfang die Beweislast trägt (Trechsel / Jean-Richard, Art.
31 StGB N 14). Die Antragsfrist ist daher auch im Fall des Privatklägers 5
gewahrt, bei dem der letzte Kontobezug gemäss Anklageschrift am 25. November
2008 geschehen war (Urk. 85 S. 13).
4. Wie die Anklageschrift und die Vorinstanz gliedert dieses Urteil die Delikte
nach den betroffenen Rechtsgütern und behandelt die Vermögensdelikte am
Schluss. Unter den Delikten gegen Leib und Leben, die von der Bedeutung und
der Anzahl her im Vordergrund stehen, folgt diese Darstellung aber - anders als
die Anklageschrift und die Vorinstanz - nicht primär der Chronologie, sondern
gruppiert diese nach Opfern, um Zusammenhänge und Schwerpunkte besser
sichtbar zu machen. Davon ausgenommen sind die Delikte am 24. Januar 2009,
die kurz nacheinander geschahen und deshalb hier zusammengefasst werden.
B. Delikte zum Nachteil der Privatklägerin 2 (AKS Ziff. I.2, I.3 und I.18)
1. Ziffer I.2 und 3 der Anklageschrift betreffen zwei Sachverhalte aus dem
Sommer 2005, die miteinander zusammenhängen und deshalb hier an gleicher
Stelle behandelt werden. Die Anklageschrift wirft dem Beschuldigten
zusammengefasst vor was folgt (im Hinblick auf die bessere Lesbarkeit erfolgt die
Wiedergabe in direkter Rede, bei den Klammerbemerkungen handelt es sich um
Ergänzungen aufgrund der übrigen Akten):
- 34 -
Diese Vorfälle geschahen in den Tagen nach dem tt.mm.2005 (das war der 21.
Geburtstag der Privatklägerin, weshalb sie sich an das Datum erinnern kann). Der
Beschuldigte verreiste mit dem Flugzeug nach H._ und liess sich von der
Privatklägerin 2 zum Flughafen fahren, wobei die Privatklägerin 3 ebenfalls
mitfuhr. Weil er (am Vortag anhand einer Telefonrechnung) entdeckt hatte, dass
die Privatklägerin 2 mit einem Mann in H._ Kontakt hatte, schlug der
Beschuldigte die Privatklägerin 2 vor der Abfahrt zu Hause so stark, dass sie zu
Boden stürzte. Im Auto schlug er sie mehrmals gegen das Gesicht und zog sie an
den Haaren. Wegen der Schläge verlor die Privatklägerin 2 auf der Autobahn bei
rund 100 km/h die Kontrolle über das Fahrzeug. Der Beschuldigte hielt als
Beifahrer das Steuerrad kurz fest, um einen Unfall zu verhindern. Die
Privatklägerin 2 fuhr langsam weiter bis zum Flughafen, wo sie den Beschuldigten
absetzte. Die Privatklägerin 2 litt danach an starken Kopf- und Schulterschmerzen
und besuchte deshalb die Notaufnahme des Spitals, wo sie einen Treppensturz
als Grund für ihre Verletzungen angab.
Aus H._ rief der Beschuldigte die Privatklägerin 2 an (weil er vermutlich von
seinem Bruder, den entweder die Privatklägerin 2 oder 3 informiert hatte, von
ihrem Spitalbesuch erfahren hatte) und lachte sie aus, weil sie angegeben hatte,
sie sei auf der Treppe ausgerutscht. Sie hielt ihm daraufhin vor, dass er eine
Freundin habe (was sie seit geraumer Zeit wusste, aber noch nie erwähnt hatte).
Als er nach einer Woche in Begleitung des Privatklägers 6 aus H._
zurückkehrte, holte ihn die Privatklägerin 2 am Flughafen ab. Als sie zu Hause
ankamen, musste der Privatkläger 6 aussteigen, worauf sich der Beschuldigte von
der Privatklägerin 2 zu einer von ihm als Werkstatt gemieteten Lagerhalle in ...
fahren liess. In dieser Lagerhalle schlug er sie zuerst mit einem Holzstück. Er
fragte sie, woher sie von seiner Freundin wisse und wie sie dazu komme (am
Telefon) so mit ihm zu reden. Dann nahm er ein Seil, legte ihr eine Schlinge um
den Hals und hängte sie daran (über einen Metallträger) auf. Er zog sie in die
Höhe, so dass ihre Füsse den Boden nicht mehr berührten und sie das
Bewusstsein verlor. Als sie wieder zu sich kam, sagte ihr der Beschuldigte, sie
habe Glück gehabt, das nächste Mal würde er es wirklich tun. Daraufhin fuhr er
- 35 -
sie nach Hause. Sie hatte Schmerzen am Hals und am Kiefer, und von den
Schlägen schmerzte sie der ganze Körper noch während Tagen. Ausserdem war
es zu ungewolltem Urinabgang gekommen.
2. Zu diesen Anklagepunkten liegen zahlreiche Beweismittel vor. Neben den
Aussagen des Beschuldigten und der Privatklägerinnen 2 und 3 sind
insbesondere die Aussagen der Chefin der Privatklägerin 2, P._ (HD 21/1
und 21/2), und von AE._ (HD 21/40-44), mit dem sich der Beschuldigte die
Lagerhalle in ... teilt, zu erwähnen. Die von der Privatklägerin in Anspruch
genommene Spitalbehandlung ist in Arztberichten dokumentiert (HD 29/3 und
30/2). In der Lagerhalle in ... wurde ein Augenschein durchgeführt (HD 15/13 und
14). Es wurde ein rechtsmedizinisches Gutachten über den Würgevorgang
eingeholt (HD 31/4 und 12). Die Vorinstanz hat den Inhalt dieser Beweismittel
erschöpfend wiedergegeben (Urk. 115 S. 29-47 und S. 54-91). Auf diese
Darstellung kann verwiesen werden.
3. Die Vorinstanz kam zurecht zum Ergebnis, dass der Sachverhalt in Bezug
auf beide Anklagepunkte, die hier zusammengefasst werden, grundsätzlich
erstellt ist (vgl. Urk. 115 S. 47 f. E. 6.14 und S. 92 ff. E. 7.21). In Bezug auf die
Fahrt zum Flughafen wird die Darstellung der Privatklägerin 2 von den Aussagen
der Privatklägerin 3 gestützt, wobei keine Hinweise auf eine Absprache
vorhanden sind, wie die Vorinstanz richtig anmerkt. Dabei ist insbesondere zu
erwähnen, dass sich die Privatklägerin 2 erst auf einen Hinweis der Privatklägerin
3 wieder daran erinnerte, dass diese ebenfalls dabei war (HD 15/6 S. 4 A. 17; HD
15/7 S. 5), was bei einer bewussten Falschaussage wohl kaum der Fall wäre. Die
Begründung der Privatklägerin 3 für dieses Verhalten - als der Beschuldigte die
Privatklägerin 2 geschlagen habe, habe sie Angst um diese gehabt und sie
deshalb nicht allein lassen wollen (HD 16/1 S. 11 A. 48; HD 16/2 S. 15) - wirkt
ebenfalls sehr spontan und lebensnah. Realitätsnah und authentisch wirkt auch
ihr im Nachhinein von der Privatklägerin 2 wieder erinnerter Ausruf, sie solle doch
einen Unfall bauen, das sei kein Leben so (HD 15/7 S. 5 und 6). Ihrer damaligen
Chefin, P._, berichtete die Privatklägerin 2, die damals am Arbeitsplatz fehlte
(vgl. HD 23/1 letzte Seite), sie sei von ihrem Vater geschlagen worden und sei
- 36 -
deshalb beim Arzt gewesen, wobei sie dort jedoch einen anderen Grund
angegeben habe (HD 21/1 S. 3 A. 12). Dass sie bereits damals gegenüber einer
Drittperson von Schlägen erzählte, unterstreicht, dass es sich dabei nicht um eine
nachträglich im Hinblick auf die Strafanzeige aufgebauschte oder gar erfundene
Geschichte handelt.
Die Vorinstanz hat sich mit den von der Verteidigung vor der Vorinstanz dagegen
vorgebrachten Einwendungen auseinandergesetzt und diese mit zutreffender
Begründung verworfen. Zum vom Zeugen AF._ vor der Vorinstanz
eingereichten Kaufbeleg über eine Vakuumpumpe (Urk. 89/3) ist anzumerken,
dass dieser nicht in ..., sondern in ... Schrift erstellt wurde und dass der darauf
angebrachte Stempel eine Adresse in AZ._ nennt. Das stimmt mit der
Aussage des Beschuldigten in der Berufungsverhandlung über die Herkunft der
Vakuumpumpe überein (Urk. 132 S. 12 f.). Die Darstellung des Beschuldigten
lässt sich nicht widerlegen. Die Vorinstanz hat jedoch zurecht darauf hingewiesen,
dass verständlich ist, wenn sich die Privatklägerinnen 2 und 3 nicht mehr an den
Fahrzeugtyp erinnern können, da dieser für sie in dieser Situation nicht von
zentraler Bedeutung war. Wie aus den Aussagen des Beschuldigten hervorgeht,
verfügten sie in der Familie mit einem ... [Automarke] über einen weiteren
Personenwagen (HD 13/10 S. 12), so dass sie bei einem Ausfall des ...
[Automarke], entgegen der Verteidigung (Urk. 137 S. 5 Rz. 11), nicht auf einen
Ersatzwagen angewiesen waren.
Das Telefongespräch zwischen der Privatklägerin 2 und dem Beschuldigten
wurde von der Privatklägerin 3 im gleichen Raum mitgehört (HD 16/2 S. 16 f.). Es
gibt auch hier keinen Anlass, an den Angaben der Privatklägerin 3 zu zweifeln.
Widersprüche zwischen den Aussagen der beiden Privatklägerinnen in Bezug auf
einzelne Umstände dieses Gesprächs sind angesichts der seither vergangenen
Zeit verständlich und belegen, dass keine Absprache vorliegt. Es ist mit der
Anklage davon auszugehen, dass der Beschuldigte die Privatklägerin 2 anrief, wie
sie selbst aussagt, und nicht umgekehrt, wie die Privatklägerin 3 meint (HD 16/2
S. 16), da die Privatklägerin 2 sich daran wegen ihrer grösseren Nähe wohl
besser erinnern kann. Der Anlass für dieses Gespräch war, dass der Beschuldigte
- 37 -
in H._ von seinem Bruder M._ auf ihren Spitalbesuch angesprochen
wurde. Auf welchem Weg dieser davon erfahren hatte, muss offen bleiben. Es ist
jedoch anzunehmen, dass der Beschuldigte diesen Mitteilungsfluss als Angriff auf
seine väterliche Autorität verstand.
Wie die Vorinstanz erwog (Urk. 115 S. 93 f.), erscheint plausibel, dass der
Beschuldigte empfindlich reagierte, als die Privatklägerin 2 am Telefon seine
Beziehung zu O._ zur Sprache brachte. Seine Aussagen im Verfahren
zeigen, dass er sich wegen dieser Beziehung schämte, die er anscheinend
ursprünglich beenden wollte, als er seine Familie in die Schweiz holte, was aber
nicht geschah (HD 13/5 S. 3 f.; HD 13/7 S. 8 A. 37; HD 13/9 S. 5). Das illustriert
seine Reaktion im Dezember 2008, als O._ den Vorschlag machte, die
Privatklägerin 2 an Weihnachten einzuladen, worauf er den Kontakt zu ihr
abbrach und vor der Vorinstanz erklärte, er habe mit ihr Schluss machen wollen,
was jedoch durch seine Verhaftung verhindert worden sei (Urk. 93 S. 23 f.). Seine
Bestreitung, dass er vor Dezember 2008 jemals mit der Privatklägerin 2 über
O._ gesprochen habe, wird widerlegt durch die Aussage von O._, dass
er ihr gesagt habe, er habe mit der Privatklägerin 2 über sie gesprochen, und
zwar schon vor längerer Zeit (HD 21/4 S. 8 und 29), an der zu zweifeln kein
Anlass besteht.
Der Beschuldigte liess anlässlich der Berufungsverhandlung eine Passagierliste
des Flugzeugs einreichen, mit dem der Beschuldigte am 22. August 2005 (einem
Montag, wie der Staatsanwalt bemerkte; vgl. Prot. II S. 15 f.) aus H._
zurückkehrte, laut der neben dem Privatkläger 6 auch die Privatklägerin 4 und der
Privatkläger 5 auf diesem Flug waren (Urk. 131/D). Es ist in der Folge davon
auszugehen, dass diese Information zutrifft, was bedeutet, dass auch die
Privatklägerin 4 und der Privatkläger 5 im Auto sassen, mit dem die Privatklägerin
2 den Beschuldigten abholte. Das erklärt immerhin die anschliessende
Anwesenheit der Privatklägerin 4, welche die Verteidigung als Widerspruch zu
den Aussagen der Privatklägerinnen 2 und 3 hervorhebt (Urk. 137 S. 9 Rz. 27).
Aussagen der Privatklägerin 4 und 5 zu diesem Vorfall liegen nicht vor, die in
diesem Licht neu zu würdigen wären.
- 38 -
Es fällt auf, dass die Privatklägerin 2 und der Privatkläger 6 in ihrer Schilderung
dieser Autofahrt die Anwesenheit der zwei anderen Geschwister nicht erwähnen,
obwohl ihnen diese nicht entgangen sein kann. Aus der Rückschau war für die
Privatklägerin 2 allerdings nebensächlich, wer zusammen mit ihr und dem
Beschuldigten vom Flughafen nach Hause gefahren war. Es ist daher nicht
verwunderlich, dass sie sich 3 1⁄2 Jahre später, als sie ihre Geschichte zum ersten
Mal gegenüber Aussenstehenden erzählte, nicht mehr an alle Geschwister
erinnern konnte, die dabei gewesen waren, sondern nur noch an den Privatkläger
6, der sich ihr aus irgendeinem Grund - vielleicht weil er neben ihr sass und sie
sich mit ihm unterhalten hatte - besonders gut eingeprägt hatte. Die Wissenschaft
verwendet die Begriffe "Waffenfokus" und "Tunnelgedächtnis", um die in
Stresssituationen überlebensnotwendige, aber später für die Wahrheitsfindung oft
hinderliche Fähigkeit der menschlichen Aufmerksamkeit zu umschreiben, weniger
wichtige Reize auszublenden, um sich besser auf wichtigere konzentrieren zu
können (vgl. Ludewig, Tavor, Baumer, Zwischen Wahrheit und Lüge, Justiz
2012/2 S. 5). Die - anscheinend unberechtigte - Bestimmtheit, mit der die
Privatklägerin 2 die Sitzordnung im Auto schilderte, erscheint als Ausdruck des
Bemühens, möglichst viele Einzelheiten zu liefern. Gleichzeitig kann dahinter
auch die Befürchtung stehen, das Eingeständnis einer Erinnerungslücke würde
die Überzeugungskraft ihrer gesamten Geschichte gefährden. Dieser Fehler
betrifft allerdings nur einen Nebenpunkt, und er lässt sich befriedigend erklären.
Er wirkt sich daher nicht nachteilig auf die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zum
Kerngeschehen aus.
Die Vorinstanz hat die Beweise betreffend die Vorfälle in der Lagerhalle zutreffend
gewürdigt. Sie setzte sich dabei insbesondere mit den Aussagen von AE._
auseinander und hielt dessen Aussage für plausibel, dass an der von der
Privatklägerin 2 bezeichneten Stelle kein Gestell gestanden habe, da dies keinen
Sinn mache (Urk. 115 S. 92 f. E. 7.21). Es muss demnach offen bleiben, wo das
Gestell, an dem der Beschuldigte die Privatklägerin 2 aufhängte, stand und wie es
beschaffen war. Ein Blick in die Fotodokumentation vom Augenschein am Tatort
zeigt jedoch verschiedene Möglichkeiten, um ein Seil zu befestigen (HD 15/13).
Das wird zur Tatzeit im Sommer 2005 nicht anders gewesen sein. Trotz der
- 39 -
grossen Aufmerksamkeit, welche die Anklagebehörde und die Vorinstanz diesem
Element entgegenbrachten, handelt es sich dabei jedoch letztlich um ein nicht
entscheidendes, nebensächliches Detail. Wie die Vorinstanz richtig erkannte (Urk.
115 S. 93), ist angesichts der massiven Gewalt und der erlittenen Todesangst
nachvollziehbar, dass die Privatklägerin 2 sich vier Jahre später nicht mehr genau
daran erinnern konnte, wie dieses Gestell aussah und wo es platziert war. Das gilt
umso mehr, als es sich dabei um ein Element handelt, welches den
Beschuldigten allenfalls bei der Planung seines Vorgehens beschäftigt hatte, das
für sie als Opfer hingegen damals keine grosse Bedeutung hatte und deshalb
kaum nachhaltig in ihrer Erinnerung haften blieb. Dass die Privatklägerin 2 nicht
von ihrer Darstellung abrückte, sondern ausdrücklich daran festhielt, als sie mit
diesem Widerspruch konfrontiert wurde (HD 15/15 S. 3), schliesst eine bewusste
Falschaussage (Lüge) aus und deutet auf eine Erinnerungslücke hin, was ihre
konkrete Glaubwürdigkeit unterstreicht und die Glaubhaftigkeit ihrer Schilderung
des Kerngeschehens, wo keine derartigen Unsicherheiten vorliegen, sogar noch
erhöht, wie bereits die Vorinstanz festhielt (Urk. 115 S. 93). Die Diskrepanz
zwischen einer Distanzangabe der Privatklägerin 2 in einer Zeugeneinvernahme
(HD 15/7 S. 19 m.H. auf 15/8) und einer Messung anlässlich des Augenscheins in
der Lagerhalle (HD 15/13 Szenenfoto 11 und HD 15/14 S. 9), worauf die
Verteidigung hinweist (Urk. 137 S. 13 f. Rz. 45), tut der Glaubhaftigkeit ihrer
Belastungen ebenfalls keinen Abbruch. Die Skizze (HD 15/8), welche die
Privatklägerin 2 bei jener Zeugeneinvernahme anfertigte, deutet darauf hin, dass
sie den Tatort schon damals nicht im Eingangsbereich ansiedelte, sondern sich
vielmehr in Bezug auf die Distanzen grob verschätzte, was angesichts ihrer
zeichnerischen Fähigkeiten nicht erstaunt, die von keinem besonders guten
räumlichen Vorstellungsvermögen zeugen (vgl. HD 15/7 S. 19).
Dieser zweite Vorfall in der Lagerhalle ist weit gravierender als derjenige während
der Autofahrt zum Flughafen in der Woche zuvor, so dass auf den ersten Blick
erstaunt, dass niemand davon erfahren haben sollte. Die nachfolgenden
Überlegungen machen jedoch verständlich, dass die Privatklägerin 2 in diesem
Situation weder zum Arzt ging noch ihre Vorgesetzte oder die Polizei informierte,
sondern sich bemühte, niemanden etwas von ihren Verletzungen merken zu
- 40 -
lassen. Die Vorinstanz erwähnte richtig, dass sie befürchten musste, dass ihre
Vorgesetzte von sich aus die Polizei informieren würde, wenn sie von diesem
Vorfall erfuhr (Urk. 115 S. 94). Ein Arzt hätte mutmasslich eine falsche Erklärung
durchschaut und - vor dem Hintergrund des nur kurz zurückliegenden
angeblichen Treppensturzes - Fragen gestellt. Damit hätte sie die Kontrolle über
die Situation verloren und sich der Gefahr von Racheakten des Beschuldigten
ausgesetzt, der gezeigt hatte, wozu er fähig war. Wie sie aufgrund der Reaktion
des Beschuldigten auf die Intervention seines Bruders in dieser Situation erfahren
hatte, konnte sie nicht mit wirksamer Unterstützung ihrer Verwandten rechnen, die
sich im Übrigen im Ausland befanden. Die Reaktion der Privatklägerin zeigt, dass
sie die Lektion verstanden hatte, die ihr der Beschuldigte in der Lagerhalle
erteilen wollte. Dass sie ihre jüngeren Geschwister nicht sofort und nur teilweise
informierte, weil sie ihnen nicht unnötig Angst machen wollte (HD 15/7 S. 15), ist
ebenfalls verständlich und erscheint als Ausdruck des ausgeprägten
Verantwortungsbewusstseins, das ihrer Vorgesetzten P._ an ihr auffiel (HD
21/ 1 S. 3 A. 15 und S. 4 A. 17; HD 21/2 S. 3 f. und S. 5).
4. Den grundsätzlich erstellten Sachverhalt würdigte die Vorinstanz als
einfache Körperverletzung und grobe Verletzung der Verkehrsregeln (die Vorfälle
auf der Autofahrt vor der Reise des Beschuldigten nach H._ Mitte August
2005 gemäss Anklage Ziff. I.2) sowie als Gefährdung des Lebens und einfache
Körperverletzung (die Vorfälle in der Lagerhalle nach der Rückkehr des
Beschuldigten aus H._ gemäss Anklage Ziff. I.3). Während der Beschuldigte
mit der Beweiswürdigung nicht einverstanden ist und einen Freispruch verlangt,
wendet sich die Staatsanwaltschaft (und mit ihr die Privatkläger) gegen die
rechtliche Würdigung und fordert einen Schuldspruch wegen Gefährdung des
Lebens (Anklage Ziff. I.2) und wegen Tötungsversuchs (Anklage Ziff. I.3) (Urk.
116 S. 2 ff.).
a) Die Vorinstanz hatte eine Gefährdung des Lebens während der Autofahrt mit
der Begründung verneint, aus den Aussagen der Privatklägerinnen 2 und 3 gehe
keine unmittelbare Lebensgefahr hervor, habe es doch keinen Verkehr gehabt
und seien sie mit 50 bis 60 km/h auf der Normalspur gefahren, so dass
- 41 -
unerfindlich sei, wie die Staatsanwaltschaft dazu komme zu sagen, der
Beschuldigte habe haarscharf einen Verkehrsunfall auf der Autobahn bei einer
Geschwindigkeit von ca. 100 km/h verursacht (Urk. 115 S. 50 E. 6.19).
Bei ihrer Wiedergabe des Sachverhalts lässt die Vorinstanz die - von ihr zuvor mit
Recht als glaubhaft beurteilte - Aussage der Privatklägerin 2 ausser Acht, wonach
sie im hunderter Bereich auf der Autobahn die Kontrolle über das Fahrzeug
verloren habe, worauf sie vom Gaspedal sei und noch etwa 60 km/h gefahren sei
(HD 15/7 S. 6). Das bedeutet, dass von einer höheren Geschwindigkeit
auszugehen ist, als dies die Vorinstanz tut. Es ist zwar richtig, dass sich der
Vorfall frühmorgens bei anscheinend geringem Verkehrsaufkommen zutrug, so
dass in der Tat keine konkrete Gefahr einer Kollision bestanden haben dürfte. Es
ist jedoch an die Möglichkeit eines Selbstunfalls zu erinnern (vgl. Urk. 136 S. 9),
was bei solchen Geschwindigkeiten ebenfalls lebensgefährlich ist. Der objektive
Tatbestand von Art. 129 Abs. 1 StGB ist somit erfüllt.
Gefährdung des Lebens i.S. von Art. 129 StGB erfordert in subjektiver Hinsicht
direkten Vorsatz, Eventualvorsatz genügt nicht (vgl. Trechsel / Fingerhuth, Art.
129 StGB N 4; BGE 133 IV 1 E. 5.1). Es kann nicht davon ausgegangen werden,
dass der Beschuldigte die als Nebenfolge seiner Schläge eingetretene Gefahr für
die Insassen des Fahrzeugs, von der er selbst mitbetroffen war, beabsichtigte.
Darauf deutet auch seine rasche Reaktion hin, als er in das Steuerrad griff, um
einen Unfall zu verhindern, nachdem die Privatklägerin 2 die Herrschaft über das
Fahrzeug verloren hatte. Es gibt in den Akten weder an dieser noch an einer
anderen Stelle Hinweise auf riskante, selbstschädigende Verhaltensweisen des
Beschuldigten. Art. 129 StGB ist demnach nicht erfüllt.
Es bleibt somit in Bezug auf die Autofahrt zum Flughafen Mitte August 2005
(Anklage Ziff. I. 2) im Ergebnis beim Urteil der Vorinstanz: Der Beschuldigte ist
vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens zum Nachteil der Privatklägerinnen 2
und 3 freizusprechen und stattdessen wegen grober Verletzung der
Verkehrsregeln zu verurteilen. Die dafür erforderlichen Voraussetzungen sind
sowohl in objektiver (erhöhte abstrakte Gefährdung der Verkehrssicherheit) als
auch in subjektiver Hinsicht (schweres Verschulden, zumindest grobe
- 42 -
Fahrlässigkeit) erfüllt (vgl. Urk. 115 S. 51 f. E. 6.20-22). Der Schuldspruch wegen
einfacher Körperverletzung zum Nachteil der Privatklägerin 2 ist unter Verweis auf
die zutreffende Begründung der Vorinstanz (Urk. 115 S. 49 f. E. 6.17) ebenfalls zu
bestätigen.
b) Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Beschuldigte die
Privatklägerin 2 zur Strafe und zur Einschüchterung in Lebensgefahr bringen
wollte und zudem bewusst in Kauf nahm, dass sie stirbt, als er sie in der
Lagerhalle aufhängte, und qualifiziert diese Tat als vollendeten Versuch einer
eventualvorsätzlichen Tötung i.S. von Art. 111 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB (Urk. 85
S. 5). Die Vorinstanz bejahte zwar eine unmittelbare Lebensgefahr, hielt jedoch
den Tötungsvorsatz nicht für erstellt und sprach den Beschuldigten der
Gefährdung des Lebens i.S. von Art. 129 StGB schuldig. Dagegen wenden sich
die Staatsanwaltschaft und die Privatkläger mit ihrer Berufung (Urk. 116 S. 2 f.;
Urk. 118 S. 2).
Wie die Vorinstanz richtig bemerkte (Urk. 115 S. 98), erfüllt der Tatbestand der
Gefährdung des Lebens die Funktion eines Auffangtatbestands, wenn der Erfolg
ausbleibt und sich kein Tötungsvorsatz nachweisen lässt. Die Strafbarkeit wird
durch das subjektive Erfordernis der Skrupellosigkeit beschränkt. Auf der
subjektiven Seite entspricht die Gefährdung des Lebens einer bewusst
fahrlässigen Tötung, was im Versuchsstadium nicht strafbar ist. Tritt der Erfolg
ein, wird aus der vorsätzlichen Gefährdung des Lebens eine bewusst fahrlässige
Tötung.
Die Vorinstanz nimmt an, dass der Beschuldigte keine Tötungsabsicht hatte,
sondern dass es ihm vielmehr darum ging, die Privatklägerin 2 brutal zu
disziplinieren und so (wieder) unter seine Kontrolle zu bringen (Urk. 115 S. 99 E.
7.24). Davon geht auch die Staatsanwaltschaft aus. Wenn die Vorinstanz
schliesst, dass der Beschuldigte dabei ihren Tod billigend in Kauf genommen
habe, lasse sich nicht erstellen (Urk. 115 S. 99 E. 7.24), übersieht sie, dass der
Eventualvorsatz eine Billigung des Erfolgs nach neuerer Praxis (seit BGE 96 IV
99) nicht mehr verlangt, sondern genügt, dass der Täter, dem diese Möglichkeit
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bewusst ist, sich damit abfindet bzw. den Erfolg für den Fall seines Eintritts in
Kauf nimmt (Trechsel / Jean-Richard, Art. 12 StGB N 14).
Der Beschuldigte bestreitet diesen Sachverhalt bekanntlich vollumfänglich und
macht dementsprechend keine Angaben zu seinen Überlegungen, die
Rückschlüsse auf den Vorsatz zulassen würden. Die Privatklägerin 2 war
teilweise bewusstlos und ihre Schilderung der Geschehnisse ist deshalb
unvollständig, was sich insbesondere auf das Verhalten des Beschuldigten
unmittelbar nach der Tat bezieht. Es stehen demnach nur wenige Indizien zur
Verfügung, aus denen sich der Vorsatz des Beschuldigten erschliessen lässt, was
allerdings die Bildung einer Überzeugung, welche die Unschuldsvermutung zu
überwinden vermag, nicht von vornherein ausschliesst (vgl. Urk. 100 S. 37 f. Rz.
117). So lässt die Praxis den Schluss vom Wissen auf den Willen zu "wenn sich
dem Täter der Erfolg seines Verhaltens als so wahrscheinlich aufdrängte, dass
sein Verhalten vernünftigerweise nur als Inkaufnahme dieses Erfolges ausgelegt
werden kann" (Jenny, BSK, Art. 12 StGB N 48 m.H. auf BGE 109 IV 140).
Gestützt auf die klaren Worte der forensischen Gutachter, wonach "bei dieser
Befundlage die Frage, ob in diesem Fall die akute Gefahr der Tötung bestand,
zwingend bejaht werden" muss (HD 31/4 S. 3), erachtete die Vorinstanz eine
unmittelbare Lebensgefährdung als gegeben und erwog weiter, wer eine andere
Person mit einem Seil um den Hals in die Höhe ziehe und somit aufhänge, nehme
ungeachtet der Dauer dieses Aufhängens in Kauf, diese Person in unmittelbare
Lebensgefahr zu bringen (Urk. 115 S. 98 E. 7.24). Dabei übersieht die Vorinstanz
zwar, dass Art. 129 StGB direkten Vorsatz voraussetzt und Eventualvorsatz nicht
genügt (BGE 133 IV 1 E. 5.1), wie sie unmittelbar zuvor bei der Wiedergabe der
rechtlichen Voraussetzungen selbst festgehalten hatte (Urk. 115 S. 97 E. 7.23).
Im Ergebnis bleibt ihre Beurteilung jedoch richtig, da Erhängen eine dermassen
gängige Tötungsart ist (vgl. Urk. 116 S. 3), dass unvorstellbar ist, dass der
Beschuldigte die Privatklägerin 2 nicht mit vollen Wissen und Willen der damit
verbundenen Gefahr für ihr Leben ausgesetzt haben sollte. Seine
entsprechenden Bemerkungen gegenüber der Privatklägerin 2 - etwa der
Kommentar, sie habe Glück gehabt, das nächste Mal werde er es wirklich tun, als
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sie wieder zu sich kam (HD 15/7 S. 13) - belegen, dass ihm dieser
Zusammenhang bewusst war.
Diese beiden Voraussetzungen - unmittelbare Lebensgefahr und bekannte
Tötungsart - lassen aber keinen anderen Schluss zu, als dass sich der
Beschuldigte mit der Möglichkeit der Verwirklichung dieses Risiko
auseinandergesetzt haben muss und dieses nicht einfach leichtfertig (bzw.
fahrlässig) ignoriert haben kann. In die selbe Richtung deutet die Wahl der
Methode, die sich der Beschuldigte nach dem Telefongespräch aus H._
während mehrerer Tage überlegen konnte, so dass es sich nicht um einen
unüberlegten spontanen Einfall handelte. Hätte er der Privatklägerin 2 nur eine
Lektion erteilen wollen ohne tatsächliche Gefahr für ihr Leben, hätte er dies etwa
mit einer Scheinhinrichtung mit einer (ungeladenen) Waffe erreichen können.
Dann hätte nur sein eigenes Verhalten und nicht der Zufall über Leben und Tod
entschieden. Dadurch dass er sie mit einem Seil aufhängte und damit ein
Hilfsmittel benutzte, gab er die Herrschaft über die Situation teilweise aus den
Händen und konnte nicht sofort reagieren, z.B. wenn die Privatklägerin 2
bewusstlos wurde. Dass er das Seil festhielt, an dessen anderem Ende sie
aufgehängt war - was die Verteidigung wahrscheinlich mit der Formulierung
meint, er habe sie und das Seil kontrolliert (Urk. 137 S. 19 Rz. 64) - schliesst das
nicht aus. Bis er sie heruntergelassen und die Schlinge von ihrem Hals gelöst
hatte, hätte sie bereits tot sein können (vgl. Urk. 135 S. 3 f.). Das Ergebnis - der
Entscheid über Leben und Tod - hing damit nicht ausschliesslich von seinem
eigenen Verhalten ab, sondern war letztendlich dem Zufall überlassen (vgl. Urk.
137 S. 17 Rz. 59 und S. 19 Rz. 64).
Das hätte m.a.W. auch schief gehen können. Das muss dem Beschuldigten nach
dem Gesagten bewusst gewesen sein. Dass er trotzdem auf die erwähnte Art und
Weise handelte und keine andere Handlungsmöglichkeit wählte, lässt sich nur als
Inkaufnahme dieses - auch aus seiner Sicht - grundsätzlich unerwünschten
Ergebnisses verstehen. Der Eventualvorsatz ist daher zu bejahen. Der
Beschuldigte ist demnach des vollendeten Versuches der vorsätzlichen Tötung
i.S. von Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
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5. Daneben erfüllte der Beschuldigte in der Lagerhalle auch den Tatbestand
der einfachen Körperverletzung. Da der Beschuldigte die Tatbestände der
einfachen Körperverletzung und der versuchten vorsätzlichen Tötung mit
unterschiedlichen Tathandlungen (Schläge mit Holz bzw. Erhängen mit Seil)
verwirklichte, ist die von der Vorinstanz angeführte Praxis nicht einschlägig (Urk.
115 S. 100 E. 7.26 m.H. auf BGE 137 IV 113), sondern liegt echte (Real-)
Konkurrenz vor. Der Beschuldigte ist daher ferner wegen einfacher
Körperverletzung zu verurteilen, wobei ergänzend auf die einleitenden
Ausführungen (vgl. oben A.3.f) zu verweisen ist, wonach die Privatkläger als
wehrlos i.S. von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 3 StGB zu betrachten sind, weshalb eine
Bestrafung keinen Strafantrag voraussetzt.
6. Ziffer I.18 enthält einen weiteren Anklagevorwurf zum Nachteil der
Privatklägerin 2, der weniger weit zurück liegt: Anfang Januar 2009 habe der
Beschuldigte der Privatklägerin 2 mit dem Tod gedroht, falls sie nicht den Mann
heirate, den er für sie ausgesucht habe. Drei Tage später habe er sie erneut vor
die Alternative Verlobung oder Tod gestellt und ihr aufgetragen, sofort Ferien zu
nehmen, um nach H._ zu reisen und den von ihm ausgewählten Partner zu
treffen. Als sie gesagt habe, das gehe nicht so einfach, habe er gesagt, er könne
ihr sofort Ferien geben, worauf sie Angst um ihre Arbeitsstelle gehabt habe und
(für März 2009) Ferien eingegeben habe.
a) Die Anklagebehörde qualifiziert diesen Sachverhalt als Drohung und
Nötigungsversuch (Urk. 98 S. 59). Die Vorinstanz folgte dieser Einschätzung. Mit
der Begründung, weil die Drohung gleichzeitig das Nötigungsmittel sei, werde die
Drohung von der (versuchten) Nötigung konsumiert, sprach sie den Beschuldigten
jedoch nur der versuchten Nötigung schuldig.
b) Das Phänomen der Zwangsheirat ist hierzulande im Kontext der Migration
bekannt. Dabei überschneiden sich Generationen- und Kulturkonflikt: Traditionelle
Vorstellungen von Eltern über die Ehe als Verbindung von (Gross-) Familien
stehen den Vorstellungen der hier aufgewachsenen Kinder gegenüber, die das
Recht auf freie Partnerwahl einfordern. Hinzu kommt der anhaltende
Migrationsdruck aus den Herkunftsländern, indem arrangierte Ehen als Mittel
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dienen, um zu einer begehrten Aufenthaltsbewilligung in Westeuropa zu kommen
(vgl. Urk. 93 S. 55). Es ist zwischen (strafrechtlich nicht relevanten) arrangierten
Ehen und (als Nötigung strafbaren) Zwangsehen zu unterscheiden. Die
Abgrenzung zwischen erlaubter elterlicher Erwartungshaltung und unzulässigem
Zwang ist im Einzelfall allerdings (nicht nur für die Betroffenen) schwierig (vgl.
zum Ganzen die sozialwissenschaftliche Studie von Riaño / Dahinden,
Zwangsheirat: Hintergründe, Massnahmen, lokale und transnationale Dynamiken,
Seismo, Zürich 2010).
c) In der einleitend geschilderten Vorgeschichte der Strafanzeige erscheint der
Druck, der vom Beschuldigten im Zusammenhang mit der Verheiratung der
Privatklägerin 2 aufgebaut wurde, an prominenter Stelle. Unter den Klagen,
welche die Privatklägerin 2 gegenüber O._ über den Beschuldigten äusserte,
sei die Zwangsheirat das Hauptthema gewesen (HD 21/3 S. 7 A. 24; HD 21/4 S.
25). Das deutet darauf hin, dass dieses Thema damals aktuell wurde und die
Privatklägerin 2 beschäftigte. Eine Heirat hätte ihr zwar ermöglicht, die Herrschaft
des Beschuldigten zu verlassen, jedoch nur im Tausch gegen eine neue
Abhängigkeit von einer anderen Familie mit vielleicht noch weniger Freiräumen
und Gestaltungsmöglichkeiten als bisher.
Wäre es dem Beschuldigten von Anfang an wichtig gewesen, seine Töchter zu
verheiraten, wäre die Privatklägerin 2 wohl nicht mit 25 Jahren noch unverheiratet
gewesen (vgl. HD 21/4 S. 23; Urk. 132 S. 18). Seine Beteuerung (Urk. 93 S. 49
oben), er habe die Privatklägerin 2 nicht mit 18 verheiraten wollen, weil er wollte,
dass sie zuerst eine Ausbildung mache, weshalb er sich im Jahr 2003 gegen ihre
Beziehung mit einem Mann aus H._ stellte, erscheint deshalb durchaus
glaubhaft.
Im Jahr 2008, als die Privatklägerin 2 fünf Jahre älter war und ihre Ausbildung
abgeschlossen hatte, sah das allerdings anders aus, so dass es kein Widerspruch
zu seiner früheren Haltung darstellt, wenn er jetzt plötzlich Druck ausübte. Dass
ihn sein eigenes Schicksal - er war selbst bereits als Kind verlobt worden - für
diese Situation sensibilisiert hätte, so dass er nicht dazu in der Lage gewesen
wäre, seinen Kindern das gleiche anzutun, ist angesichts seines lockeren
- 47 -
Umgangs mit dieser Situation (seine langjährige Fremdbeziehung zu O._),
der keinen grossen Leidensdruck verrät, hingegen nicht anzunehmen.
d) Der Beschuldigte räumt selbst ein, dass eine Heirat beim letzten Aufenthalt
der Privatklägerin 2 in H._ im November 2008 ein Thema gewesen sei und
dass er nachher wegen des ausweichenden Verhaltens der Privatklägerin 2
misstrauisch geworden sei und insistiert habe, bis sie ihm eine Ferienbestätigung
für den März 2009 gebracht habe (HD 13/10 S. 10 f.). Die Vorinstanz ging daher
zurecht davon aus, dass die Darstellungen des Beschuldigten und der
Privatklägerin im Wesentlichen übereinstimmen (Urk. 115 S. 174 E. 18.13). Die
Annahme ist berechtigt, dass der Beschuldigte massiven Druck ausübte und dass
die glaubhafte Schilderung der Privatklägerin 2 zutrifft, wonach er ihr im Januar
2009 mit dem Tod drohte, falls sie ihren Widerstand gegen eine Heirat mit einem
Mann aus H._ nicht aufgebe.
e) Wie aus der Qualifikation als Versuch hervorgeht, sahen sowohl die
Staatsanwaltschaft als auch die Vorinstanz nicht die Änderung der Ferienplanung
als Zweck der Nötigung an, sondern die Heirat als eigentliches Fernziel. Der
Zusammenhang zwischen den Drohungen, mit denen der Beschuldigte die
Privatklägerin 2 dazu brachte, eine Ferienbestätigung für den März 2009 zu
holen, und dem Zweck der Heirat, ist jedoch so entfernt und der Erfolg von so
vielen weiteren Faktoren abhängig, die sich nicht im Einflussbereich des
Beschuldigten oder der Privatklägerin 2 befinden, dass damit das
Versuchsstadium noch nicht betreten wurde und diesbezüglich noch keine
strafbare Einwirkung auf den freien Willen vorliegt.
Anders sieht es hingegen in Bezug auf die Änderung der Ferienplanung aus. Der
Beschuldigte setzte unerlaubte Mittel (Drohungen) ein, um die Willensbetätigung
der Privatklägerin 2 zu beeinflussen, ohne dass er daran ein legitimes Interesse
hatte. Der Tatbestand der Nötigung ist damit erfüllt. Da die Privatklägerin 2 unter
dem Eindruck des vom Beschuldigten ausgeübten Drucks ihre Ferienplanung
tatsächlich änderte und entgegen ihrer ursprünglichen Absicht für März 2009
Ferien eingab, auch wenn sie möglicherweise nicht vorhatte, diese Ferien
tatsächlich anzutreten, ist der unmittelbare Taterfolg eingetreten und liegt nicht
- 48 -
nur ein Versuch vor. Weil nur der Beschuldigte diesen Punkt angefochten hat,
bleibt es wegen des Verschlechterungsverbots im Ergebnis jedoch beim
vorinstanzlichen Schuldspruch wegen Nötigungsversuchs.
C. Gefährdung des Lebens der Privatklägerin 4 (AKS Ziff. I.10)
1. Unter Ziff. I.10 wirft die Anklageschrift dem Beschuldigten zusammengefasst
vor was folgt (bei den Klammerbemerkungen handelt es sich um Ergänzungen
zur Anklageschrift) (Urk. 85 S. 7):
Im Februar 2007 habe die Privatklägerin 4 eine Prüfung im Rahmen ihrer
Ausbildung zur Pflegefach-Assistentin nicht bestanden. Weil sie sich nicht
getraute, dies dem Beschuldigten mitzuteilen, habe ihre Chefin AG._ dies
übernommen und den Beschuldigten (telefonisch) informiert (worauf er sachlich
reagierte). Am Abend zu Hause habe der Beschuldigte der Privatklägerin 4
vorgeworfen, dass sie die Prüfung nicht bestanden habe und "diese Schlampe
oder Zicke" (wie er ihre Chefin AG._ nannte, wobei er ihren ... Akzent
[Sprache eines Staates in Mitteleuropa] nachahmte) ihn habe informieren
müssen. Er habe sie mit Faustschlägen und Fusstritten gegen Gesicht und Körper
verprügelt. Er habe ihren Hals zuerst mit einer und dann mit beiden Händen
gepackt und wiederholt so stark zugedrückt, dass sie nicht mehr habe atmen
können. Als er ihren Hals losgelassen habe, sei ihr schwarz vor Augen geworden.
Als sie nach mehreren Minuten wieder zu sich gekommen sei, habe sie aus dem
Mund geblutet, weil ihr Zahnfleisch oberhalb der Schneidezähne eingerissen
gewesen sei. Als Folge davon habe die Privatklägerin 4 für eine Woche starke
Schmerzen am Kopf und am ganzen Körper gehabt.
2. Zu diesem Anklagepunkt liegen als Beweismittel ausser den Aussagen der
Privatklägerin 4 und des Beschuldigten die Aussagen der Privatklägerinnen 2 und
3 vor, die laut eigenen Angaben an jenem Abend anwesend waren, wobei letztere
allerdings nicht mit eigenen Augen gesehen habe, wie der Beschuldigte die
Privatklägerin 4 geschlagen habe (HD 16/2 S. 19). Ferner wurde die Chefin der
Privatklägerin 4 durch die Polizei und die Staatsanwaltschaft befragt, und es
wurde ein rechtsmedizinisches Gutachten über den Würgevorgang eingeholt (HD
- 49 -
31/4 und 31/12). Der Inhalt dieser Beweismittel wurde von der Vorinstanz
ausführlich wiedergegeben (Urk. 115 S. 112-128). Darauf kann verwiesen
werden.
Ergänzend sind die Aussagen des Privatklägers 6 zu erwähnen, der von einem
Vorfall berichtet, als der Beschuldigte die Privatklägerin 4 in der Küche so stark
ins Gesicht geschlagen habe, dass sie danach aus dem Mund geblutet habe,
wobei er allerdings einen anderen Anlass als eine nicht bestandene Prüfung
anführt. Ausser ihm sei auch der Privatkläger 5 anwesend gewesen (HD 19/6 S.
58 f.), der ein ähnliches Ereignis beschreibt (HD 18/5 S. 11 und HD 18/6; insofern
ungenau Urk. 137 S. 20 Rz. 69). Die Privatklägerin 2 glaubt sich an die
Anwesenheit der Privatkläger 5 und 6 zu erinnern (HD 15/10 S. 2), und der
Privatkläger 6 kommt auch in der Darstellung des Beschuldigten vor.
3. Der Beschuldigte bestreitet diesen Anklagesachverhalt nicht grundsätzlich.
Er sei "ein bisschen enttäuscht" gewesen, nicht weil die Privatklägerin 4 die
Prüfung nicht bestanden habe, sondern weil sie ihm das nicht selbst mitgeteilt
habe. Zu Hause habe er ihr deswegen Vorwürfe gemacht. Als sie daraufhin
geschwiegen habe, habe er überreagiert: Er habe sie angeschrien und habe ihr
drei bis vier oder auch fünf Ohrfeigen gegeben, worauf sie sich die Hand vor den
Mund gehalten habe (HD 13/11 S. 4 f.). In der vorinstanzlichen Hauptverhandlung
war noch von einer Ohrfeige die Rede (Urk. 93 S. 37 f.). Hinterher habe er
bemerkt, dass der Privatkläger 6 diese Szene mitverfolgt habe, was er mehr
bedauert habe, als dass er die Privatklägerin 4 geschlagen habe, und was er sein
Leben lang bereuen werde (HD 13/11 S. 5; Urk. 132 S. 12). Seine Freundin
O._ erinnerte sich, der Beschuldigte habe einmal erwähnt, dass die
Privatklägerin 4 eine Prüfung nicht bestanden habe. Er habe es "gemein"
gefunden, dass sie die Prüfung wiederholen musste, sei aber eher sachlich
geblieben, und sein Ärger habe sich nicht gegen die Privatklägerin 4 gerichtet (HD
21/3 S. 6 A. 38 f.; HD 21/4 S. 27).
4. Unter den erwähnten Beweismitteln sind die Aussagen der Zeugin
AG._ hervorzuheben, die nicht bloss das Telefongespräch, sondern auch die
deutlich sichtbaren Verletzungen, welche die Privatklägerin 4 bei diesem Vorfall
- 50 -
davon getragen hatte, bezeugen konnte. Sie vermittelte ihr deswegen die Adresse
einer Beratungsstelle, wie anhand der Kopie einer entsprechenden Handnotiz in
den Akten dokumentiert ist (vgl. HD 25/6), wobei die Privatklägerin 4 von diesem
Angebot keinen Gebrauch machte (vgl. HD 15/1 S. 8 A. 37). Dies unterstreicht die
Ernsthaftigkeit der Verletzungen der Privatklägerin 4 und widerlegt die heutige
Darstellung des Beschuldigten, wonach es bei diesem Vorfall nur zu einer oder
maximal fünf Ohrfeigen gekommen sei. Der Beschuldigte ist aufgebracht über die
Aussagen von AG._. Ihre Schilderungen des Telefongesprächs weichen
jedoch kaum voneinander ab. Was er gegen sie vorbringt, ist nicht inhaltlicher,
sondern emotionaler Natur - aufgrund ihrer Aussage habe er das Gefühl, sie
meine, sie habe seine Tochter aufgezogen und nicht er (vgl. HD 13/11 S. 4 f.) -
und nicht dazu geeignet, die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zu erschüttern.
5. Es steht auf dieser Grundlage fest, dass es an jenem Abend nicht bloss zu
einigen Ohrfeigen kam, sondern dass der Beschuldigte die Privatklägerin 4 ins
Gesicht schlug, bis sie aus dem Mund blutete, und dass er sie mit beiden Händen
würgte. Soweit kann der Vorinstanz, welche die Darstellung des Beschuldigten als
offensichtlich verharmlosend bezeichnete und den Sachverhalt für erstellt hielt,
gefolgt werden (Urk. 115 S. 129 E. 11.14). Ob sich der Vorfall im Wohnzimmer -
so die Privatklägerinnen 2 und 4 - oder in der Küche - so der Beschuldigte und die
Privatkläger 5 und 6 - zutrug, muss dabei offenbleiben. Einschränkungen sind
jedoch in Bezug auf den weiteren Ablauf zu machen. So bestehen Unklarheiten
und Widersprüche in Bezug auf die als Folge davon angeblich aufgetretene
Bewusstlosigkeit, was für die rechtliche Würdigung dieser Szene von Belang ist.
In der polizeilichen Befragung vom 25. Januar 2009 erklärte die Privatklägerin 4,
vermutlich habe sie kurz das Bewusstsein verloren (HD 17/1 S. 6 A. 20). In der
polizeilichen Befragung vom 2. April 2009 sagte sie, sie sei einen Moment
bewusstlos gewesen (HD 17/2 S. 2 A. 8). Auch in der staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme vom 2. Juni 2009 sprach die Privatklägerin 4 davon, dass sie einen
Moment bewusstlos war, als der Beschuldigte sie losliess und sie zu Boden sank.
Sie habe keine Kraft gehabt, und in ihrem Kopf habe sich alles gedreht. Sie sei
während zehn Minuten auf dem Boden gelegen. Als sie wieder etwas zu sich
- 51 -
gekommen sei, sei der Beschuldigte wieder in einem Sessel gesessen. Dann sei
sie aufgestanden und ins Bad gegangen (HD 17/4 S. 5). Die Privatklägerin 2
erwähnte gegenüber der Polizei nichts von einer Bewusstlosigkeit der
Privatklägerin 4, sondern berichtete, sie habe flüchten wollen, woran sie der
Beschuldigte zu hindern versucht habe (HD 15/1 S. 8 A. 37).
Vor diesem Hintergrund kann nicht davon ausgegangen werden, dass die
Privatklägerin 4 während mehreren Minuten bewusstlos war, wie die Gutachter
als Grundlage für ihre Beurteilung, wonach eine konkrete Lebensgefahr
vorgelegen habe, annehmen (HD 31/4 S. 4 ad 1.2), was die Verteidigung bereits
im Zusammenhang mit der Gutachterinstruktion rügte (vgl. HD 31/2 und HD 31/9).
Zweifel an der Intensität des Würgevorgangs weckt auch die Aussage der
Privatklägerin 4, dass der Beschuldigte sie während des Würgens weiterhin
geschlagen habe (HD 17/4 S. 5), was voraussetzt, dass er zumindest
vorübergehend eine Hand von ihrem Hals löste. Als sie am Ende während
unbestimmter Zeit benommen oder bewusstlos am Boden lag, wurde sie
hingegen nicht mehr gewürgt. Es versteht sich von selbst, dass sie zur Dauer
dieses Zustandes keine zuverlässigen Angaben machen kann.
Dass es sich bei den von AG._ beobachteten roten oder blauen Flecken am
Hals (HD 21/4 S. 4 A. 21; HD 21/6 S. 7 f.) um Stauungsblutungen handelte, was
ein Indiz für eine konkrete Lebensgefährdung wäre (vgl. HD 31/12 S. 4; ebenso
Aebersold, BSK, Art. 129 StGB N 14c), ist nicht anzunehmen, da diese laut
Gutachter für ein ungeschultes Auge nicht ohne Weiteres erkennbar sind (HD
31/12 S. 5). Dass sich die Privatklägerin 4 wegen des Würgens in einer
unmittelbaren Lebensgefahr befand, ist daher nicht erstellt. Der objektive
Tatbestand von Art. 129 StGB ist somit nicht erfüllt (vgl. zu diesem Tatbestand
oben B.4). Wie es um den Vorsatz bestellt ist, kann unter diesen Umständen offen
bleiben.
6. Der Beschuldigte ist daher im Zusammenhang mit Anklage Ziff. I.10 vom
Vorwurf der Gefährdung des Lebens i.S. von Art. 129 StGB freizusprechen. Der
Schuldspruch wegen einfacher Körperverletzung i.S. von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1
StGB ist hingegen unter Verweis auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz
- 52 -
zu bestätigen, wobei ergänzend auf die einleitenden Ausführungen zu verweisen
ist, wonach die Privatkläger als wehrlos i.S. von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 3 StGB zu
betrachten sind, weshalb eine Bestrafung keinen Strafantrag voraussetzt.
D. Delikte zum Nachteil des Privatklägers 5 (AKS I.4, 14, 15, 17 und 20)
1. Unter Anklage Ziff. I.4 wirft die Anklageschrift dem Beschuldigten vor, im
Jahr 2005, als der Privatkläger 5 in die Oberstufe ging, habe er ihn geschlagen,
weil er ihm ein verkritzeltes Absenzenheft zur Unterschrift vorlegte, und er habe
ihm damit gedroht, er werde ihn erneut schlagen, wenn er sich kein sauberes
Absenzenheft besorge, was der Privatkläger 5 daraufhin unter dem Eindruck
dieser Drohung getan habe. Dieses Verhalten qualifizierte die Anklagebehörde als
Nötigung und einfache Körperverletzung.
a) Die Anklage stützt sich auf die Aussagen des Privatklägers 5, die von der
Vorinstanz wiedergegeben werden (Urk. 115 S. 101 f. E. 8.2 f.), worauf verwiesen
werden kann. Der Beschuldigte bestreitet diesen Vorwurf pauschal als erfunden.
Weitere Beweismittel liegen nicht vor.
b) Die Vorinstanz erachtete die Aussagen des Privatklägers 5 zurecht als
glaubhaft. Im Zusammenhang mit Unsicherheiten bei der zeitlichen Einordnung
wies die Vorinstanz zutreffend darauf hin, dass dieser Vorfall bereits mehrere
Jahre zurückliegt. Der Anklagesachverhalt ist demnach mit der Vorinstanz als
erstellt zu betrachten (Urk. 115 S. 102 E. 8.5).
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c) Die Vorinstanz qualifizierte das Verhalten des Beschuldigten, der einen
grundsätzlich zulässigen erzieherischen Zweck (sauberes Heft) mit sowohl
unverhältnismässigen als auch unzulässigen Mitteln (Tätlichkeiten bzw.
Androhung davon) verfolgte, zurecht als Nötigung. Ihr Urteil ist diesbezüglich zu
bestätigen und der Beschuldigte demnach der Nötigung i.S. von Art. 181 StGB
schuldig zu sprechen.
d) Der vorinstanzliche Freispruch vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung
(weil es sich bei den angeklagten Schlägen wegen der unbedeutenden
Verletzungsfolgen um bereits verjährte Tätlichkeiten handelt) blieb unangefochten
und ist in Rechtskraft erwachsen.
2. Unter Ziff. I.14 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, als der Privatkläger
5 im Frühjahr oder Herbst 2008 bei der Lagerhalle in ... mit dem Gabelstapler
steckengeblieben sei, habe er ihm aus Wut einen Schlag mit einem Hammer
(Vorschlaghammer) gegen den Oberschenkel versetzt, dessen Folgen während
ca. einer Woche zu spüren gewesen seien.
a) Als Beweismittel liegen Aussagen der Privatkläger 5 und 6 sowie des
Beschuldigten vor, die von der Vorinstanz wiedergegeben werden (Urk. 115 S.
147 ff.), worauf verwiesen werden kann.
b) Dass es zu einem Vorfall mit einem Hubstapler gekommen war, bestätigt
neben dem Zeugen AF._, der dem Beschuldigten dabei behilflich war, den
Stapler wieder flott zu machen, auch der Beschuldigte selbst, der berichtete, dass
der Hubstapler wegen eines Missgeschicks des Privatklägers 5 stecken geblieben
sei, Schläge aber in Abrede stellte. Die auffallenden Schwierigkeiten des
Privatklägers 5 bei der zeitlichen Lokalisierung dieses Vorfalls, auf welche die
Vorinstanz hinweist (Urk. 115 S. 155 E. 14.11), entkräften die Anklage deshalb
noch nicht.
Der genaue Tathergang und vor allem das Tatwerkzeug blieben jedoch unklar.
Die vom Privatkläger 5 genannten Masse (5 bis 6 cm breit, 10 cm lang; vgl. HD
18/4 S. 10) erscheinen für einen Vorschlaghammer (vgl. HD 10/2 S. 4 A. 18) zwar
- 54 -
nicht unrealistisch, sofern man sie auf den Hammerkopf bezieht (HD 18/2 S. 4 A.
18; HD 18/4 S. 10). Auch der Privatkläger 6 beschreibt einen Vorschlaghammer,
allerdings nur vom Hörensagen, da er zwar vor Ort war, aber den Vorfall nicht
selbst beobachtete, sondern vom Privatkläger 5 davon erfuhr (HD 19/6 S. 46).
Der Beschuldigte reagierte hingegen verständnislos auf diese Angaben (HD 13/11
S. 8 f.) und will einen solchen Hammer nie gesehen haben (Urk. 132 S. 16 f.).
Das erscheint zwar wenig glaubhaft, und es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass
der Privatkläger 5 diese Belastung erfunden hätte. Da ausserdem auch die Rolle
dieses Hammers bei der Behebung der Havarie mit dem Stapler ungeklärt blieb
und ein Vorschlaghammer zu diesem Zweck nicht das Instrument der Wahl
darstellt, verbleiben jedoch unüberwindbare Zweifel an der Verwirklichung dieses
Anklagesachverhalts, die zu beseitigen die Staatsanwaltschaft nicht genug
unternahm.
c) Als Fazit ist festzuhalten, dass zwar etwas mit einem Hammer vorgefallen
ist, aber es blieb unklar, was. Diese Grundlage genügt nicht für einen
Schuldspruch, so dass das Urteil der Vorinstanz in diesem Punkt zu korrigieren
und der Beschuldigte von diesem Vorwurf freizusprechen ist.
3. Unter Ziff. I.15 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, als ihn der
Privatkläger 5 im Dezember 2008 um Geld für den Verkehrskundeunterricht
gebeten habe, habe er diesen angebrüllt. Als ihn der Privatkläger 5 daraufhin
daran erinnert habe, dass er ihn schon früher darum gebeten habe, habe er ihn
einige Male mit der Hand gegen den Kopf geschlagen.
a) Die Anklage stützt sich auf die Aussagen des Privatklägers 5, die von den
Privatklägerinnen 2 und 4 im Wesentlichen bestätigt werden. Der Beschuldigte
bestreitet diesen Vorwurf: Wann immer der Beschuldigte um Geld gebeten habe,
habe er welches bekommen. Auf die Wiedergabe dieser Aussagen im
vorinstanzlichen Urteil kann verwiesen werden (Urk. 115 S. 156 ff.).
b) Die Vorinstanz erachtete die Darstellung des Privatklägers 5 zurecht als
glaubhaft und hielt den Anklagesachverhalt für erstellt. Sie verwies auf die
Übereinstimmung mit den Aussagen der Privatklägerin 2. Dass die Privatklägerin
- 55 -
4 meint, der Privatkläger 5 habe das Fahrrad genommen um die Verkehrskunde
zu besuchen, während die Privatklägerin 2 und der Privatkläger 5
übereinstimmend berichten, die Privatklägerin 2 habe ihn hingefahren, dürfte ein
Fehler sein, der jedoch nicht wesentlich ist und keinen Einfluss auf das
Beweisergebnis hat.
c) Die Vorinstanz qualifizierte diesen Sachverhalt zutreffend als Tätlichkeit i.S.
von Art. 126 StGB. Dieses Delikt wird vom am 24. Januar 2009 gestellten
Strafantrag des Privatklägers 5 wegen Drohung und Körperverletzung erfasst (ND
2/17). Der vorinstanzliche Schuldspruch ist demnach zu bestätigen.
4. Unter Ziff. I.17 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, als der Privatkläger
5 im Jahr 2008 oder 2009 einen neuen Schrank fehlerhaft zusammen gebaut
habe, habe ihm der Beschuldigte mit dem Batteriefach einer Lampe auf die Nase
geschlagen. Der Privatkläger 5 habe eine geschwollene Nase davon getragen.
a) Die Anklage stützt sich auf die Aussagen des Privatklägers 5, während der
Beschuldigte diesen Vorfall bestreitet. Auf die Darstellung dieser Aussagen im
vorinstanzlichen Urteil kann verwiesen werden (Urk. 115 S. 162 f. E. 17.2).
b) Die Vorinstanz erachtete den Sachverhalt aufgrund der detaillierten
Aussagen des Privatklägers 5 zurecht als erstellt (Urk. 115 S. 163 E. 17.4).
c) Angesichts der wenig bestimmten Angaben des Privatklägers über die
Verletzungsfolgen, die er durch diesen Schlag mit einem Gegenstand auf seine
Nase davon trug - insbesondere zur Intensität und Dauer der mit der Schwellung
der Nase verbundenen Schmerzen - ist zugunsten des Beschuldigten von einer
nur geringfügigen Beeinträchtigung des Wohlbefindens des Privatklägers 5
auszugehen, so dass die Qualifikation dieses Sachverhalts durch die Vorinstanz
als blosse Tätlichkeit korrekt ist. Der vorinstanzliche Schuldspruch wegen
Tätlichkeiten i.S. von Art. 126 StGB ist im Übrigen auch wegen des
Verschlechterungsverbots zu bestätigen, nachdem die Staatsanwaltschaft diesen
Punkt nicht beanstandete.
- 56 -
d) Der Privatkläger 5 ist sich sicher, dass sich dieser Vorfall im Jahr 2009, und
zwar im Januar oder Februar, abspielte. Er übersieht dabei zwar, dass der
Beschuldigte seit dem 24. Januar 2009 in Haft ist (HD 18/4 S. 16). Das dürfte
jedoch Ausdruck einer auch sonst feststellbaren Unsicherheit im Umgang mit
Daten sein, was kein Grund ist, an der grundsätzlichen Glaubhaftigkeit seiner
Aussagen zu zweifeln (vgl. dazu oben 2.b m.H. auf Urk. 115 S. 155 E. 14.11). Die
zeitliche Lokalisierung ist in diesem Zusammenhang deshalb von Bedeutung, weil
damit feststeht, dass sich dieser Sachverhalt im Januar 2009 zutrug und somit
vom Strafantrag des Privatklägers vom 24. Januar 2009 wegen Drohung und
Körperverletzung (ND 2/17) erfasst wird.
5. Unter Ziffer I.20 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, als der
Privatkläger 5 im Januar 2009 die Autoprüfung nicht bestanden habe, habe ihn
der Beschuldigte als dumm beschimpft und ihm gesagt, entweder verändere er
sich oder er springe vom 12. Stock, und wenn er das nicht selbst tue, stosse er
ihn hinunter. Der Privatkläger 5 habe sich deswegen geängstigt, was der
Beschuldigte gewollt habe. Als ihn der Privatkläger danach um Geld für den
Fahrkurs gebeten habe, habe er ihm eine oder zwei Ohrfeigen versetzt.
a) Die Anklage stützt sich auf die Aussagen des Privatklägers 5. Für deren
Wiedergabe kann auf das Urteil der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 115. S.
179 f.). Der Beschuldigte bestreitet diesen Sachverhalt.
b) Mit Ausnahme des letzten Satzes, der auf einer Aussage des Privatklägers 5
beruhe, die sich auf Ziffer I.15 der Anklage beziehe, erachtete die Vorinstanz
Ziffer I.20 der Anklageschrift angesichts der glaubhaften Schilderungen des
Privatklägers 5 als erstellt (Urk. 115 S. 180 E. 21.5).
c) Aus den Aussagen des Privatklägers 5 geht hervor, dass die Angst vor dem
Beschuldigten ein Dauerzustand war (vgl. HD 18/5 S. 5). Es fragt sich, was die
Aufforderung, vom 12. Stock zu springen, ansonsten werde der Beschuldigte
nachhelfen, in dieser Situation für eine Wirkung hatte. Offensichtlich handelte es
sich nicht um eine konkrete, wörtlich gemeinte Drohung, denn es ist nicht
ersichtlich, welches Haus der Beschuldigte meinte. Das im Bau befindliche Haus
- 57 -
in H._ (vgl. HD 21/11 ff.) weist nicht so viele Stockwerke auf und war zudem
nicht ohne Weiteres erreichbar. Vielmehr dürfte der Privatkläger 5 diesen Worten
entnommen haben, dass der Beschuldigte wütend auf ihn war, und deshalb
Schläge befürchtet haben (HD 18/5 S. 5), die jedoch anscheinend ausblieben (die
beiden Ohrfeigen gehören bekanntlich nicht zu diesem Sachverhalt). Dabei
handelt es sich nicht um die Ankündigung eines künftigen Übels i.S. von Art. 180
StGB (Delnon / Rüdy, BSK, Art. 180 StGB N 13), so dass dieser Tatbestand nicht
erfüllt ist (vgl. dazu auch unten F.4).
d) Der Beschuldigte ist demnach vom Vorwurf der Drohung freizusprechen.
Dass keine Nötigung vorliegt, stellte bereits die Vorinstanz fest und gelangte in
diesem Umfang zu einem Freispruch, der in Rechtskraft erwuchs (Urk. 115 S. 180
f. E. 21.6). Der wegen des Wegfalls des letzten Satzes (vgl. oben b) erfolgte
Freispruch vom Vorwurf der Tätlichkeiten (Urk. 115 S. 180 E. 21.5) blieb ebenfalls
unangefochten und ist demnach in Rechtskraft erwachsen.
E. Delikte zum Nachteil des Privatklägers 6 (AKS I.19 Satz 1)
1. Im ersten Teil von Ziff. I.19 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, er habe
dem Privatkläger 6 einen Brotkorb aus Plastik über den Kopf geschlagen und ihm
so eine blutende Wunde am Kopf zugefügt. Dieser Vorfall habe sich vermutlich im
Jahr 2007 zugetragen, als der Privatkläger 6 in die fünfte oder sechste
Primarschulklasse gegangen sei.
2. Die Anklage stützt sich auf die Aussagen des Privatklägers 6. Weil dieser
(immer noch) minderjährig ist, wurden seine Einvernahmen gestützt auf die - zum
Zeitpunkt der Untersuchung noch anwendbaren - Vorschriften des OHG filmisch
aufgezeichnet und auf dieser Grundlage schriftlich transkribiert (vgl. HD 19/2; HD
19/6; HD 19/12 und HD 19/14). Der Beschuldigte bestreitet diesen Vorwurf.
3. Der Privatkläger 6 schilderte diesen Vorfall konstant. Er baute seine
Darstellung bei der zweiten Befragung spontan aus, indem er schilderte, was
danach geschah. Der Brotkorb ist keine alltägliche Tatwaffe, und die bei beiden
Befragungen erwähnte Beschädigung stellt eine nicht naheliegende Komplikation
- 58 -
dar. Der Umstand, dass diese Verletzung anscheinend niemandem aufgefallen ist
- jedenfalls kann sich die Lehrerin (deren polizeiliche Befragung zugunsten des
Beschuldigten verwertbar ist) nicht an Spuren von Übergriffen erinnern (HD 21/87
S. 2 A. 13 und S. 5 A. 30) - vermag die glaubhafte Darstellung des Privatklägers 6
nicht zu entkräften (HD 13/17 S. 14). Wie seine Geschwister wird auch er darauf
bedacht gewesen sein, dass Aussenstehende nicht auf die Verhältnisse zu Hause
aufmerksam wurden. Ausserdem fällt eine vernarbte Wunde am Kopf bei dunklen
Haaren (vgl. HD 19/2 und 19/12) nicht auf. Die Vorinstanz betrachtete den
Anklagesachverhalt demnach zurecht als erstellt.
4. Bei einer blutenden Platzwunde am Kopf (sog. Schwartenriss) liegt eine
einfache Körperverletzung und nicht bloss eine Tätlichkeit vor, wie die Vorinstanz
richtig erkannte (Urk. 115 S. 176 E. 19.6). Der Beschuldigte ist demnach der
einfachen Körperverletzung schuldig zu sprechen. Der Privatkläger 6 war im Jahr
2007 14jährig und damit noch ein Kind, so dass kein Strafantrag erforderlich ist
(Art. 123 Ziff. 2 Abs. 3 StGB).
F. Delikte am 24. Januar 2009
1. Einfache Körperverletzung zum Nachteil der Privatklägerin 1
a) Unter Ziff. I.22 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, er habe die
Privatklägerin 1 am 24. Januar 2009 im Korridor ihres Wohnhauses mit einem
Fusstritt von hinten gegen das linke Bein zu Fall gebracht. Als Folge davon habe
die Privatklägerin 1 unter grossen Schmerzen gelitten und ihr Bein nur noch mit
Mühe bewegen können.
b) Die Anklage stützt sich auf die Aussagen der Privatklägerin 1, die in der
polizeilichen Befragung am selben Tag anschaulich schilderte, wie sie vom
Beschuldigten beim Vorbeigehen im Korridor ohne Vorwarnung getreten worden
sei und deswegen gestürzt sei. Sie sei rasch wieder aufgestanden und habe sich
im 2. Stock in Sicherheit gebracht, wo sie gebügelt habe (HD 14/1 S. 2 f.). Die
Privatklägerin 2 beschrieb in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 1.
April 2009 detailliert, wie sich der Beschuldigte, der am Vorabend aus H._
- 59 -
zurückgekehrt war und den sie seither noch nicht gesehen hatte, als er an jenem
Morgen ca. um 10 Uhr nach Hause kam aus einem anderen Grund (wegen
Papieren, die er für sein hängiges Einbürgerungsverfahren benötigte) ärgerte,
worauf er der Privatklägerin im Vorbeigehen einen Fusstritt versetzt habe, der sie
zu Fall gebracht habe (HD 15/9 S. 9 f.). Der Privatkläger 6 beschrieb, wie die
Privatklägerin 1 den Beschuldigten unmittelbar vor diesem Vorfall im Korridor
nach seinem Befinden gefragt habe, worauf er sie böse angeschaut und von
hinten getreten habe (HD 19/6 S. 37).
Nachdem der Beschuldigte diesen Sachverhalt vorher pauschal bestritten hatte,
nahm er am 20. Juli 2009 zu den Ereignissen am 24. Januar 2009, dem Tag
seiner Verhaftung, Stellung und schilderte ausführlich, er sei früh aufgestanden
und bei seiner Rückkehr um 10 Uhr "nicht gut drauf" gewesen und habe die
Privatklägerin 2 wegen der Papiere für seine Einbürgerung angeschrien. Als seine
Frau gekommen sei, habe er sie ebenfalls angeschrien. Er kenne seine Frau
nicht, so wie sie an diesem Tag gewesen sei. Sie sei rasch weg gelaufen, und er
habe gehört, wie sie auf der Treppe gestürzt sei. Zur Erläuterung führte er an,
dass sie "Mühe mit Laufen" habe (was ein Zeuge bestätigt; vgl. HD 21/29 S. 5 A.
22). Er habe sie nicht geschlagen (HD 13/9 S. 10 ff.).
c) Die Vorinstanz erachtete den Sachverhalt auf dieser Grundlage
grundsätzlich zurecht als erstellt (Urk. 115 S. 199 E. 23.16). Dazu tragen nicht
zuletzt die eigenen Aussagen des Beschuldigten bei, der nach anfänglichem
Bestreiten den Sachverhalt auf einmal mit der Einschränkung anerkennt, dass die
Privatklägerin 1 ohne sein Zutun gestürzt sei, nachdem er sie (aus einer Laune
heraus) angeschrien habe. Die von ihm dafür vor der Vorinstanz angeführte
Erklärung, es sei normal, dass man laut werde, nicht hingegen, dass ein Mann
seine Frau schlage (Urk. 93 S. 62), ist kein überzeugendes Argument und
insbesondere nicht dazu geeignet, die Glaubhaftigkeit der in Bezug auf das
Kerngeschehen - der Fusstritt von hinten im Vorbeigehen und der Sturz auf der
Treppe - übereinstimmenden Darstellungen der Privatkläger zu entkräften.
Die Anklage beschränkt sich auf die Feststellung, dass der Beschuldigte Schuhe
trug, ohne diese zu beschreiben. Ob es sich dabei um schwere Schuhe handelte,
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wie die Vorinstanz für plausibel hält (Urk. 115 S. 199 E. 23.16), lässt sich nicht
erstellen, nachdem sich die Privatklägerin 1 nicht daran erinnern kann (HD 14/2
S. 20), sondern es ist zugunsten des Beschuldigten davon auszugehen, dass er
"normale Schuhe" trug, wie er selbst betont (HD 13/9 S. 12).
d) Als Verletzungsfolgen erwähnt die Anklageschrift grosse Schmerzen und
eine eingeschränkte Beweglichkeit des linken Beins. Bei dieser schmerzbedingten
Einschränkung der Beweglichkeit handelte es sich laut Bericht der ...
[Notfallpraxis] ... [Ort der Praxis] um die Folge eines vorbestandenen Hüftleidens
(HD 30/5 S. 2 Ziff. 11), worauf auch der Beschuldigte hinweist (Urk. 132 S. 22).
Dass die Schmerzen der Privatklägerin 1, welche laut dem erwähnten Arztbericht
mit Schmerzmitteln behandelt werden mussten, auf den Fusstritt des
Beschuldigten zurückzuführen waren, wie die Vorinstanz annahm und was sie
dazu veranlasste, in Abweichung von der Anklageschrift auf eine einfache
Körperverletzung zu erkennen (Urk. 115 S. 200 E. 23.17), steht unter diesen
Umständen nicht mit rechtsgenügender Sicherheit fest. Das Verhalten des
Beschuldigten ist demnach, entsprechend dem ursprünglichen Antrag der
Staatsanwaltschaft, als Tätlichkeit zu qualifizieren.
e) Ein Strafantrag wegen Körperverletzung oder Tätlichkeiten liegt vor (ND
2/3). Der Beschuldigte ist demgemäss der Tätlichkeiten schuldig zu sprechen.
2. Im ersten Absatz von Ziff. I.21 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, er
habe am 24. Januar 2009 der Privatklägerin 3 gedroht, wenn sie die Autoprüfung
nicht mache, werde er sie nach H._ bringen, und sie wisse dann schon, was
er mit ihr mache, worauf die Privatklägerin 3 um ihr Leben gefürchtet habe.
Ausserdem habe er gedroht, er werde sie alle umbringen. Dadurch habe er sie in
Angst und Schrecken versetzt, was er bereits in den vorangehenden Tagen getan
habe.
a) Die Privatklägerin 3 schilderte in der polizeilichen Befragung am Tag danach
anschaulich, wie sie am Morgen des 24. Januar 2009 im Haus gewesen sei, als
der Beschuldigte ungefähr um 10 Uhr nach Hause gekommen sei. Sie sei oben
- 61 -
im zweiten Stock geblieben, um dem Beschuldigten nicht zu begegnen, der sehr
aggressiv gewesen sei. Als sie schliesslich nach unten gegangen sei, weil sie zur
Arbeit musste, habe ihr der Beschuldigte gesagt, wenn sie die Autoprüfung jetzt
nicht mache, sei sie tot oder er bringe sie für immer nach H._ zurück (HD
16/1 S. 5 f. A. 24 f.). In der staatsanwaltschaftlichen Befragung vom 9. Juni 2009
berichtete sie, er habe gesagt, er werde sie nach H._ schicken, er wisse
schon, was er mit ihr machen werde. Sie habe immer Angst vor ihm gehabt.
Deshalb habe sie sich nicht konzentrieren können, was der Grund dafür gewesen
sei, dass sie die (theoretische) Autoprüfung (trotz vier Versuchen) nicht
bestanden habe (HD 16/1 S. 5 f. A. 24 f.; HD 16/2 S. 7 f.).
Die Privatklägerin 2 (HD 15/10 S. 5), die Privatklägerin 4 (HD 17/5 S. 4) und der
Privatkläger 6 (HD 19/6 S. 35) bestätigen, dass der Beschuldigte der
Privatklägerin 3 am 24. Januar 2009 damit gedroht habe, er werde sie nach
H._ zurückschicken, weil sie die Autoprüfung nicht bestanden hatte. Dass die
Mutter des Beschuldigten, N._, die laut dem Privatkläger 6 ebenfalls
anwesend war (HD 19/6 S. 25 unten), davon nichts weiss (HD 20/10 S. 7), ist
ohne Belang, da ihre Aussagen nur vom Bestreben getragen erscheinen, den
Beschuldigten zu entlasten, und daher nicht vertrauenswürdig sind (vgl. oben
A.2.b).
Der Beschuldigte räumt ein, dass es ihm ein Anliegen war, dass die Privatklägerin
3 die Autoprüfung machte, damit sie weniger Zeit für den Arbeitsweg benötigte.
Bedroht habe er sie jedoch nicht (HD 13/11 S. 2). Seine rechtfertigenden
Ausführungen deuten auf das Gegenteil. Seine Bestreitung erscheint angesichts
der übereinstimmenden entgegenstehenden Aussagen von drei Privatklägern
unglaubhaft. Der Inhalt der Drohung (Zurückschicken nach H._) hat zudem
im Hinblick auf den von ihm genannten Zweck der Autoprüfung - Verbesserung
der Chancen auf dem Arbeitsmarkt - durchaus einen Sinn, da der Verbleib der
Privatklägerin 3 in der Schweiz in den Augen des Beschuldigten wohl tatsächlich
mit der Weiterführung einer Erwerbstätigkeit verknüpft war.
b) Es ist demnach erstellt, dass der Beschuldigte der Privatklägerin 3 am 24.
Januar 2009 drohte, er werde sie nach H._ zurückschicken, wenn sie die
- 62 -
Autoprüfung, die sie zum wiederholten Mal nicht bestanden hatte, nicht endlich
mache. Eine Todesdrohung ist hingegen nicht erstellt. Die entsprechenden
Hinweise der verschiedenen Privatkläger sind zu unbestimmt und lassen
insbesondere offen, ob sie sich auf diesen oder einen anderen Vorfall beziehen
(so etwa die Privatklägerin 2 in HD 15/10 S. 5).
c) Es wäre für die Privatklägerin 3 sehr einschneidend gewesen, wenn sie
nach sieben Jahren die Schweiz hätte verlassen und nach H._ zurückkehren
müssen und überdies von ihren Geschwistern getrennt worden wäre. Vor dem
Hintergrund einer Subjektivierung des grundsätzlich objektiven Massstabs bei
besonders schutzbedürftige Personengruppen (vgl. Delnon / Rüdy, BSK, Art. 180
StGB N 20), zu denen auch Opfer häuslicher Gewalt wie die Privatkläger zu
zählen sind, ist die Ernsthaftigkeit dieser Drohung zu bejahen. Auch wenn die
Privatklägerin 3 mittlerweile vielleicht einen eigenen Aufenthaltstitel gehabt hätte,
kam es für sie nicht in die Frage, sich gegen einen solchen Entscheid
aufzulehnen. Faktisch hatte der Beschuldigte also durchaus die Macht, seine
Drohung wahrzumachen. Es liegt daher eine tatbestandsmässige Drohung i.S.
von Art. 180 StGB vor, die vom Strafantrag der Privatklägerin 3 vom 25. Januar
2009 (ND 2/8) erfasst wird. Der Beschuldigte ist daher der Drohung zum Nachteil
der Privatklägerin 3 schuldig zu sprechen.
3. Im zweiten Absatz von Ziff. I.21 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, als
er der Privatklägerin 4 am 24. Januar 2009 ca. um 10 Uhr morgens begegnet sei,
habe er sie gefragt, ob sie bis jetzt geschlafen habe. Als sie geschwiegen habe,
habe er gedroht, er werde ihnen zeigen, was er mit ihnen mache, damit sie nicht
mehr schlafen würden, worauf sie schreckliche Angst bekommen habe.
Die Anklage stützt sich auf eine Aussage der Privatklägerin 4 (HD 17/4 S. 13
oben), zu der sich der Beschuldigte nicht äussert. Die geschilderte Szene
erscheint lebensnah, indem die letzte Äusserung das Thema der einleitenden
Frage aufnimmt, was sich nicht ohne Weiteres erfinden lässt. Dieser innere
Zusammenhang nimmt der Drohung jedoch auch einen Teil der Schärfe und rückt
sie in die Nähe einer schlagfertigen Entgegnung. Die Angst der Privatklägerin 4
scheint denn auch weniger auf diese Äusserung als auf allgemeine
- 63 -
Beobachtungen über Veränderungen der Gewohnheiten des Beschuldigten
zurückzuführen sein (HD 17/1 S. 4 A. 13). Eine spezifische Drohung und ein
entsprechender Vorsatz lassen sich hinter dem Anklagesachverhalt nicht
erkennen. Der Beschuldigte ist daher vom Vorwurf der Drohung zum Nachteil der
Privatklägerin 4 freizusprechen.
4. Im dritten Absatz von Ziff. I.21 wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, er
habe dem Privatkläger 5 am 24. Januar 2009 gedroht, er werde ihn umbringen,
worauf dieser befürchtet habe, er werde ihn zusammenschlagen.
Die Anklage stützt sich auf die Aussagen des Privatklägers 5, die vom
Privatkläger 6 bestätigt werden, wobei jedoch unklar bleibt, was der Privatkläger 6
mit eigenen Ohren gehört hat. Die Schilderung des Privatklägers 5 ist aufgrund
des sonstigen Verhaltens des Beschuldigten plausibel. Laut der Anklage nahm
der Privatkläger 5 diese Todesdrohung nicht wörtlich, sondern er fürchtete sich
vor Schlägen (HD 18/5 S. 5).
Drohungen oder Beschimpfungen waren ein Signal dafür, dass der Beschuldigte
wütend war und möglicherweise gewalttätig wurde. Dieser Reiz löste beim - durch
entsprechende Erfahrungen konditionierten - Privatkläger 5 Angst vor Schlägen
aus. Dabei handelt es sich jedoch nicht um die Ankündigung eines künftigen
Übels i.S. des Tatbestands der Drohung. Der Beschuldigte ist daher vom Vorwurf
der Drohung zum Nachteil des Privatklägers 5 freizusprechen.
G. Vermögensdelikte
1. Unter Ziff. II. wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, er habe sich von den
Privatklägern 2, 3 und 5 eine Vollmacht für das Konto erteilen lassen, auf das ihr
Erwerbseinkommen floss, und habe mittels Bankkarten, die er verwahrt habe,
zahlreiche, in der Anklageschrift einzeln aufgeführte, Bezüge getätigt. Seit dem
29. März 2004 habe er vom Konto der Privatklägerin 2 CHF 214'000 und vom
Konto der Privatklägerin 3 CHF 140'964 abgehoben, und vom Konto des
Privatklägers 5 habe er seit dem 11. Juli 2008 CHF 7'890 abgehoben. Neben der
Deckung des Lebensunterhalts für sich und die Privatkläger habe er damit
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Holzbearbeitungsmaschinen für seine Firma AH._ GmbH gekauft und den
Bau eines Hauses in H._ finanziert sowie Schulden beglichen. In Bezug auf
die Privatklägerin 4 wurde das Verfahren betreffend Vermögensdelikte eingestellt,
da sie sich die vom Beschuldigten getätigten Bezüge von CHF 26'000
vollumfänglich als ihren Beitrag an den Lebensunterhalt im Zeitraum von März
2005 bis Januar 2009 anrechnen liess (HD 47 m.H. auf ND 4/21/7 S. 3).
2. Der Beschuldigte anerkennt die in der Anklageschrift im Einzelnen
aufgeführten Kontobezüge, die aufgrund der Kontoauszüge in den Akten (ND
4/10/1-3) dokumentiert sind. Er tätigte mehrmals im Monat Bezüge von CHF
4'000, was die Kartenlimite gewesen sei. Damit habe er auf der Post die
Rechnungen bezahlt. Was nach der Bestreitung des Lebensunterhalts übrig
geblieben sei, sei in den Kauf von Maschinen investiert worden, und der aus dem
Weiterverkauf erzielte Erlös sei zur Tilgung von Schulden verwendet worden und
für den Kauf von Häusern beiseite gelegt worden. Sie hätten das Geld als
Familiengeld betrachtet, wobei er das Geld verwaltet und über die Verwendung
entschieden habe. Das Konto der Privatklägerin 1 tastete er nicht an, und er
achtete darauf, dass auf jedem Konto ein Grundstock von mindestens CHF
10'000 verblieb, für den Fall dass jemand aussteigen wollte. Er habe genau Buch
geführt, um eines Tages eine Schlussrechnung machen zu können (HD 13/6 S. 1
ff.; HD 13/7 S. 3 ff.; Urk. 91 S. 7 f.; Urk. 93 S. 64 ff.).
Wie die Vorinstanz zutreffend erkannte (Urk. 115 S. 203 E. 24.8), geht aus den
übereinstimmenden und glaubhaften Aussagen der Privatkläger klar hervor, dass
sie nicht im Einzelnen über die Kontobezüge des Beschuldigten informiert waren.
Sie waren zwar durchaus bereit, aus ihrem Erwerbseinkommen etwas an den
Familienunterhalt beizutragen und anerkennen demgemäss einen Teil der
Bezüge als berechtigt. Aber sie waren nicht damit einverstanden, dass der
Beschuldigte darüber hinaus mit ihrem Lohn seine Geschäfte finanzierte (HD
15/10 S. 6 ff.; HD 16/2 S. 4 ff.; HD 18/4 S. 4 ff.; Urk. 99a S. 55 ff.). Die Darstellung
des Beschuldigten, dass die Privatkläger kein Geld wollten und ihn baten, ihre
Bankkarten zu nehmen und ihren Lohn zu verwalten, weil er mehr Erfahrung
hatte, und wie er ihnen ein Sackgeld aufdrängen musste, weil ihm bewusst war,
- 65 -
dass sie ihm "zu viel halfen" (HD 13/7 S. 6 A. 28; HD 13/10 S. 4), ist eine
realitätsferne Schutzbehauptung. Der Sachverhalt ist somit grundsätzlich erstellt.
3. Die Staatsanwaltschaft qualifizierte das Verhalten des Beschuldigten als
Veruntreuung. Dieser Tatbestand setzt voraus, dass das Tatobjekt (hier
Bankguthaben, also keine Sache, sondern ein Vermögenswert i.S. von Art. 138
Ziff. 1 Abs. 2 StGB) dem Täter anvertraut sind, so dass dieser allein darüber
verfügen kann. Das war hier mit der Einräumung einer Vollmacht (die allerdings,
wie die Akten zeigen, in keinem Fall eingesetzt wurde) und der Überlassung der
Bankkarten zusammen mit dem Pincode der Fall.
Unter Verweis darauf, dass die Übertragung der Verfügungsmacht freiwillig
erfolgen müsse, verneinte die Vorinstanz das Merkmal des Anvertrautseins (Urk.
115 S. 203 E. 24.7). Dabei übersah sie, dass das zivilrechtliche Grundgeschäft
zwar mit einem Mangel behaftet (Furchterregung, Art. 29 OR) aber deswegen
nicht ungültig, sondern lediglich einseitig unverbindlich ist, was die Privatkläger
innert eines Jahres seit Beseitigung der Furcht geltend machen konnten (Art. 31
Abs. 2 OR). Der von der Verteidigung im Berufungsverfahren aufrechterhaltene
Einwand der fehlenden Freiwilligkeit (Urk. 137 S. 24 f. Rz. 84 und Prot. II S. 12 f.
Erg. 4) geht daher fehl. Das von der Vorinstanz zur Begründung für ihre
Auffassung gewählte Beispiel des Räubers ist nicht treffend, da jener Tatbestand
- analog zum Diebstahl, auf den das Gesetz verweist und im Unterschied zur
Veruntreuung - einen Gewahrsamsbruch voraussetzt, ansonsten eine sogenannte
räuberische Erpressung vorliegt. Eine Erpressung - so letztlich die Vorinstanz,
wobei sie aus prozessualen Gründen auf einen Schuldspruch verzichtete (Urk.
115 S. 204 f.) - liegt hingegen nicht vor, weil es an einer tatbestandsmässigen
selbstschädigenden Vermögensdisposition der Privatkläger fehlt: Die
Kontobezüge wurden vom Beschuldigten mit den ihm überlassenen Bankkarten
getätigt.
4. Mit der Verwaltung der Lohnkonten der Privatkläger setzte der Beschuldigte
die Verwaltung des Vermögens seiner Kinder über die Mündigkeit hinaus fort. Die
Staatsanwaltschaft und die Privatkläger wiesen darauf hin, dass die Privatklägerin
3 und der Privatkläger 5 zum Zeitpunkt der Kontoeröffnung noch unmündig waren
- 66 -
(Urk. 116 S. 5; Urk. 136 S. 9 f.). Die Verwaltung des Kindesvermögens ist von
Gesetzes wegen Aufgabe der Eltern (Art. 318 Abs. 1 ZGB). Der Arbeitserwerb ist
davon allerdings grundsätzlich ausgenommen (Art. 323 Abs. 1 ZGB), wobei das
Kind davon einen angemessenen Beitrag an den Unterhalt zu leisten hat (Art. 323
Abs. 2 ZGB). Eine solche Pflicht wird von den Privatklägern denn auch anerkannt.
An diesen Vorgaben ist der Umgang des Beschuldigten mit dem Vermögen der
Privatkläger in strafrechtlicher Hinsicht zu messen. Daraus ergibt sich, dass der
Beschuldigte die Konten der Privatkläger antasten durfte, um daraus einen
Beitrag an die Lebenshaltungskosten zu entnehmen. Es traf ihn damit keine
umfassende Werterhaltungspflicht, wie sie für die Veruntreuung charakteristisch
ist, weshalb dieser Tatbestand ausscheidet, wie die Vorinstanz somit im Ergebnis
zurecht erkannte.
Die Privatklägerin 2 lässt sich im Rahmen ihrer Zivilklage CHF 62'931.75
anrechnen und die Privatklägerin 3 CH 49'616.85 (Urk. 99a S. 57 und 58),
während sich der Privatkläger 5 einen Drittel seines monatlichen Lehrlingslohnes -
rund CHF 700 netto (vgl. die entsprechenden Gutschriften unter ND 4/19/10/2) -
als seinen Beitrag an den Unterhalt anrechnen lässt (Urk. 99a S. 60). Angesichts
der vom Beschuldigten geltend gemachten familiären Lebenshaltungskosten (Urk.
91 S. 9 f.) erscheinen diese Beträge nicht von vornherein unangemessen.
Im Fall des Privatklägers 5 kann angesichts eines Fehlbetrages von nicht viel
mehr als CHF 2'000 bezogen auf einen Zeitraum von rund 2 1⁄4 Jahren eine
Überschreitung der Beitragspflicht nicht rechtsgenügend erstellt werden. Es kann
dem Beschuldigten nicht widerlegt werden, dass er kein Geld des Privatklägers 5
in seine Firma investierte, wie er betonte (HD 13/7 S. 4 A. 17). Angesichts von
Beträgen von CHF 214'000 bzw. CHF 140'964 bezogen auf einen Zeitraum von
knapp fünf Jahren liegt hingegen auf der Hand, dass der Beschuldigte von den
Konten der Privatklägerinnen 2 und 3 mehr als nur einen angemessenen Beitrag
an die Lebenshaltungskosten entnahm.
Der Beschuldigte stellte zwar in Abrede, dass er damit direkt den Bau eines
Hauses in H._ finanziert habe, er bestritt jedoch nicht, dass diese Mittel
- 67 -
teilweise in seine Firma flossen (Urk. 132 S. 23). Ein allfälliger Gewinn daraus
sollte zwar auch den Privatklägern zugute kommen. Dem Beschuldigten kann
daher keine Bereicherungsabsicht nachgewiesen werden, was nebenbei bemerkt
ein weiterer Grund ist, weshalb keine Veruntreuung vorliegt. Die entsprechenden
Aussichten waren jedoch unsicher, so dass zumindest von einer
vorübergehenden Schädigung der von ihm verwalteten Vermögen auszugehen
ist, was genügt, damit das Tatbestandsmerkmal des Vermögensschadens erfüllt
ist (vgl. dazu Niggli, Basler Kommentar, Art. 158 StGB N 113 f.).
5. Indem der Beschuldigte den von ihm verwalteten Konten der
Privatklägerinnen 2 und 3 Beträge entnahm, die einen angemessenen Beitrag an
den Familienunterhalt klar überstiegen, und diese u.a. in seine Firma investierte,
wodurch er eine Schädigung zumindest in Kauf nahm, erfüllte er den Tatbestand
der ungetreuen Geschäftsbesorgung i.S. von Art. 158 Ziff. 1 Abs. 1 StGB. Den
Parteien wurde anlässlich der Berufungsverhandlung zu dieser von der Anklage
und der vorinstanzlichen Beurteilung abweichenden rechtlichen Würdigung das
rechtliche Gehör eingeräumt (Urk. 132 S. 24; vgl. dazu Prot. II S. 11 und S. 12 f.
Erg. 4).
Die Anklageschrift führt die Kontobezüge im Einzelnen auf. Sie umschreibt
ausserdem die zweckwidrige Verwendung dieser Mittel durch den Beschuldigten,
der damit nicht nur den Familienunterhalt finanzierte. Die Tatbestandselemente
von Art. 158 Abs. 1 StGB wurden damit in einer dem Anklagegrundsatz
genügenden Weise umschrieben, wie auch die durchaus adäquaten Vorbringen
des Beschuldigten zur Sache zeigen. Da die Verwendung der einzelnen Bezüge
nicht bekannt ist und somit nicht feststeht, welche einzelnen Bezüge nicht
berechtigt waren, kommt eine Verurteilung wegen Missbrauchs der
Vertretungsmacht i.S. von Art. 158 Ziff. 2 nicht in Frage.
Die unter Angehörigen gemäss Art. 158 Ziff. 3 StGB erforderlichen Strafanträge
liegen vor (ND 4/20/1; ND 4/20/2 und ND 4/20/4) und wurden rechtzeitig gestellt
(vgl. oben II.3.h). Die unzutreffende rechtliche Bezeichnung des zu verfolgenden
Verhaltens als Veruntreuung ist unschädlich.
- 68 -
6. Der Beschuldigte ist demnach der mehrfachen ungetreuen
Geschäftsbesorgung zum Nachteil der Privatklägerinnen 2 und 3 schuldig zu
sprechen, während er in Bezug auf den Privatkläger 5 vom in der Anklageschrift
erhobenen Vorwurf der Veruntreuung freizusprechen ist.
III.
1. Die Vorinstanz wies auf den Umstand hin, dass ein Teil der Straftaten des
Beschuldigten vor dem Inkrafttreten des revidierten Sanktionenrechts am 1.
Januar 2007 begangen wurden, und kam zum grundsätzlich zutreffenden
Schluss, dass sich das neue Recht nicht als milder erweist, so dass auf die vor
Inkrafttreten des neuen Rechts begangenen Taten grundsätzlich altes Recht zur
Anwendung kommt (Urk. 115 S. 209 f. E. 1). Jedoch wird generell die neue
Terminologie verwendet (d.h. Freiheitsstrafe anstatt Zuchthaus oder Gefängnis).
Offengelassen wurde von der Vorinstanz die Frage, wie vorzugehen ist, wenn
eine Gesamtstrafe zu bilden ist für Taten, die zu einem Teil nach altem und zu
einem andern Teil nach neuem Recht zu beurteilen sind, was angesichts der
theoretischen Komplexität dieser Frage (vgl. Ackermann, BSK, Art. 49 StGB N 9),
welche zu ihrer praktischen Relevanz in keinem Verhältnis steht, verzeihlich ist.
Zunächst ist - wie immer bei der Gesamtstrafenbildung - ausgehend vom
gravierendsten Delikt - vorliegend die versuchte Tötung gemäss Anklage Ziff. I.3 -
eine Einsatzstrafe zu bilden. Liegt diese schwerste Tat wie hier im
Geltungsbereich des alten Rechts, ist diese Einsatzstrafe sodann aufgrund von
Art. 68 aStGB wegen der weiteren Delikte, die ebenfalls im Anwendungsbereich
des alten Rechts geschahen, zu erhöhen, und anschliessend aufgrund von Art. 49
StGB wegen der unter neuem Recht begangenen Delikte weiter zu erhöhen.
2. Innerhalb des gesetzlichen Strafrahmens misst das Gericht die Strafe nach
dem Verschulden zu. Das Verschulden wird nach der Schwere der Verletzung
oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des
Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie
weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die
- 69 -
Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden. Neben dem Verschulden werden das
Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das
Leben des Täters berücksichtigt (Art. 47 StGB; Art. 63 aStGB).
3. Auch wenn Erhängen eine bekannte Form der Selbsttötung ist (vgl. Urk. 135
S. 3), handelt es sich dabei nicht um eine rasche und schmerzlose Todesart, wie
die Schilderung der erlittenen Beschwerden durch die Privatklägerin 2 zeigt. Dem
Opfer wird seine Ohnmacht und die Gewalt des Täters vor Augen geführt, wie die
Staatsanwaltschaft vor der Vorinstanz bemerkte (Urk. 98 S. 68). Die dem Tod
vorausgehende Bewusstlosigkeit führt allerdings dazu, dass das Opfer dies nicht
bis zum Ende miterlebt. In subjektiver Hinsicht ist sodann die eventualvorsätzliche
Begehung zu berücksichtigen.
Es macht den Anschein, dass die verbale Auflehnung der Privatklägerin 2 am
Telefon den Beschuldigten zu seiner drastischen Bestrafungsaktion in der
Lagerhalle provozierte. Weil er in H._ war, konnte er nicht sofort reagieren,
sondern hatte die Gelegenheit, mehrere Tage darüber nachzudenken. Wie das
Resultat zeigt, das alle seine übrigen Gewaltausbrüche in den Schatten stellt, trug
diese Bedenkzeit nicht zur Mässigung bei. Laut dem psychiatrischen Gutachten
(dazu sogleich unten) spricht auch der komplexe, mehrgliedrige Handlungsablauf
und das lang hingezogene Tatgeschehen gegen eine hohe Impulsivität bei der
Tatausführung (HD 39/10 S. 63). Diese Faktoren wirken sich erschwerend auf
sein Verschulden aus.
Das psychiatrische Gutachten von Dr. med. AI._ und Dr. med. AJ._ vom
Psychiatriezentrum ... vom 2. März 2010 fand beim Beschuldigten keine
psychische Störung mit Krankheitswert und stellte insbesondere keine
Einschränkung der Schuldfähigkeit fest (HD 39/10 S. 60 ff. und S. 73 Ziff. 2). Die
Vorinstanz setzte sich mit den von der Verteidigung dagegen erhobenen
Einwendungen einlässlich auseinander und erachtete das Gutachten als
schlüssig und überzeugend (Urk. 115 S. 211 ff. E. 2.4). Daran ist festzuhalten.
Dass der Beschuldigte nach rund zwanzig Jahren in der Schweiz mit den hiesigen
Verhältnissen bestens vertraut war (Urk. 115 S. 216), schliesst einen
- 70 -
Kulturkonflikt entgegen der Auffassung der Vorinstanz nicht aus, sondern es ist
mit dem Gutachten davon auszugehen, dass sich der latente Konflikt zwischen
den ... [des Staats H._] und schweizerischen Werten nach dem
Familiennachzug aktualisierte (HD 39/10 S. 69 f.). Es ist dem Beschuldigten
zuzugestehen, dass seine Situation nicht einfach war, als er auf einmal die
Verantwortung für fünf Kinder zwischen 8 und 18 Jahren hatte, ohne dass er von
seiner Ehefrau viel Unterstützung erhielt (Urk. 100 S. 69 ff.), und dass er
überfordert war. Das ist jedoch keine Entschuldigung für sein gewalttätiges
Verhalten und wirkt sich nur geringfügig strafmindernd aus..
Die folgende Antwort des Beschuldigten in der persönlichen Befragung vor der
Vorinstanz scheint charakteristisch für seinen Umgang mit Herausforderungen
(Urk. 91 S. 12; vgl. dazu HD 39/10 S. 70; Urk. 132 S. 14):
"Aber ich sagte mir nie, ich schaffe es nicht. Ich schaute vorwärts."
Die Härte gegenüber sich selbst, mit der sich der Beschuldigte in der Schweiz
hinaufgearbeitet hatte (Urk. 115 S. 69 Rz. 233 ff.), kehrte sich nun gegen die
Privatkläger, die seinen Ansprüchen nicht genügten und ihn enttäuschten, wie er
seinen Unmut jeweils auszudrücken pflegt (HD 13/9 S. 11; HD 13/10 S. 1 und S.
4; HD 13/11 S. 4 f.). Wenn die Verteidigung die uneigennützige Motivation des
Beschuldigten hervorhebt, der alles nur für die Familie gemacht habe (Urk. 100 S.
71 Rz. 237 und S. 73 Rz. 243), ist ihr allerdings entgegenzuhalten, dass der
Beschuldigte zwar soweit ersichtlich keinen persönlichen finanziellen Vorteil
suchte und sicher nicht von Habgier geleitet war, dass er aber in seiner Rolle als
Familienoberhaupt und indem er seinen eigenen Willen mit den Interessen des
Rests der Familie gleichsetzte letztlich nur sein eigenes Machtstreben verfolgte.
Dass ihn seine Familie nicht mehr sehen will (Urk. 91 S. 12), hat er allein sich
selbst und seinem Verhalten zuzuschreiben, mit dem er seine Familie von sich
entfremdete. Seine unbestreitbare eigene Betroffenheit durch diese Situation
kann ihm deshalb nicht zugute gehalten werden (entgegen Urk. 100 S. 75 Rz.
251).
4. Berücksichtigt man alle diese Faktoren sowie zusätzlich den Umstand, dass
es beim Versuch blieb, erscheint das Verschulden des Beschuldigten - bezogen
- 71 -
auf den Tatbestand einer vorsätzlichen Tötung, was grundsätzlich ein sehr
schweres Delikt darstellt - als leicht. Diesem Tatverschulden ist eine Einsatzstrafe
von sechs Jahren, d.h. am unteren Rand des ordentlichen gesetzlichen
Strafrahmens, der von fünf bis zwanzig Jahren reicht, angemessen. Für die
grosse Abweichung von der Auffassung der Anklagebehörde, die 16 Jahre für
angemessen hält (Urk. 98 S. 68), ist in erster Linie die bloss eventualvorsätzliche
Begehung verantwortlich, welche die Staatsanwaltschaft in diesem
Zusammenhang ausser Acht lässt, obwohl sie an anderer Stelle selbst davon
ausgeht, dass der Beschuldigte den Tod der Privatklägerin 2 nicht wünschte,
sondern sie bloss für ihr renitentes Verhalten bestrafen wollte. Der Umstand, dass
sich dieses Risiko nicht erfüllte, so dass es beim Versuch blieb, wirkt sich
vergleichsweise nur geringfügig aus, da der Beschuldigte zu diesem glücklichen
Ausgang nichts beitrug, der überdies seinen Wünschen entsprach, was bereits im
Zusammenhang mit dem Vorsatz in die Würdigung einfloss. Dass er sie wieder
herunterliess und die Schlinge löste, stellt in dieser Betrachtung Nachtatverhalten
dar, so dass kein Rücktritt zu prüfen ist (Prot. II S. 13 Erg. 7). Dass der
Beschuldigte nicht schon früher aufhörte (Urk. 98 S. 68), wirkt sich nicht auf das
Tatverschulden aus, da andernfalls von vornherein keine Tötung, sondern
lediglich eine einfache Körperverletzung sowie allenfalls eine Drohung vorgelegen
hätte.
5. Die Einsatzstrafe ist wegen der übrigen Vergehen des Beschuldigten
angemessen zu erhöhen. Besonders stark ins Gewicht fallen die einfache
Körperverletzung zum Nachteil der Privatklägerin 2, als der Beschuldigte die
Privatklägerin 2 vor dem Tötungsversuch mit einem Holzstock verprügelte, so
dass sie während rund einer Woche unter Schmerzen und Hämatomen an den
Beinen litt (Anklage Ziff. I.3) und die einfache Körperverletzung zum Nachteil der
Privatklägerin 4, als er die Privatklägerin 4 im Zusammenhang mit einer nicht
bestandenen Prüfung brutal verprügelte und würgte (Anklage Ziff. I.10), sowie die
einfache Körperverletzung der Privatklägerin 2 auf der Autofahrt zum Flughafen,
nach der sie sich in ärztliche Behandlung begeben musste (Anklage Ziff. I.2). Das
mit der groben Verletzung der Verkehrsregeln auf dieser Fahrt verbundene
Verschulden erscheint entgegen der Vorinstanz (Urk. 115 S. 217 E. 4.2) nicht
- 72 -
mehr leicht, da im Hinblick auf das Risiko eines Selbstunfalls nicht bloss von einer
erhöhten abstrakten Gefahr auszugehen ist und das Verhalten des Beschuldigten
äusserst rücksichtslos war, auch wenn sein Vorsatz nicht auf eine
Verkehrsregelverletzung gerichtet war (vgl. oben II.B.4.a). Die einfache
Körperverletzung zum Nachteil des Privatklägers 6) fällt demgegenüber
vergleichsweise weniger stark ins Gewicht. Das gleiche gilt für die Nötigung zum
Nachteil des Privatklägers 5 (Anklage Ziff. I.4) und die versuchte Nötigung zum
Nachteil der Privatklägerin 2 (Anklage Ziff. I.18) sowie die Drohung zum Nachteil
der Privatklägerin 3 (Anklage Ziff. I.21).
Ebenfalls straferhöhend zu berücksichtigen sind die Vermögensdelikte,
deretwegen der Beschuldigte im Berufungsverfahren schuldig gesprochen wird.
Zwar ist dem Beschuldigten mit der Staatsanwaltschaft zugute zu halten, dass er
sich nicht persönlich bereichern wollte und dieses Geld nicht für sein persönliches
Vergnügen ausgab, sondern für die Familie investieren wollte, was letztlich auch
den Privatklägern zugute kommen sollte. Die Deliktssumme entspricht nicht den
Kontobezügen, da der Beschuldigte daraus auch den Familienunterhalt
finanzierte, und ihre genaue Höhe steht nicht fest, was sich prozessual nicht
zulasten des Beschuldigten auswirken darf. Auch bei einem grosszügigen Abzug
bleibt jedoch immer noch ein ansehnlicher Betrag übrig, zudem ist auf die lange
Dauer des deliktischen Handelns zu verweisen, so dass das Tatverschulden des
Beschuldigten in diesem Zusammenhang als nicht mehr leicht bezeichnet werden
kann.
Nicht wesentlich ins Gewicht fällt demgegenüber das Vergehen gegen das
Waffengesetz, wie bereits die Vorinstanz erkannte (Urk. 115 S. 218 E. 4.2), weil
es sich dabei lediglich um eine Gefälligkeit handelte und die aufbewahrte Waffe
mit den übrigen Delikten des Beschuldigten in keinem Zusammenhang stand.
6. Der Beschuldigte nutzte die Gelegenheit, um sein Vorleben im Rahmen der
Strafuntersuchung darzustellen (vgl. HD 13/8 und 13/9). Auf diese Aussagen
wurde einleitend eingegangen (vgl. oben II.A.1). Im Übrigen kann auf die
Ausführungen im vorinstanzlichen Urteil verwiesen werden (Urk. 115 S. 218 ff.).
- 73 -
Wie die Befragung anlässlich der Berufungsverhandlung ergab, hat sich seither
nichts Wesentliches ereignet (Urk. 132 S. 1).
Das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten geben
entgegen der Vorinstanz (Urk. 115 S. 220) keinen Anlass für eine Strafminderung.
Die Biographie des Beschuldigten unterscheidet sich nicht wesentlich von der von
anderen Menschen seiner Generation und seiner Herkunft, was sowohl für die
Vaterschaft mit 18 Jahren, die Zahl der Kinder, als auch für die Anbahnung der
Ehe mit der Privatklägerin 1 gilt, die in seiner Schilderung nicht als Zwangsehe
sondern vielmehr als arrangierte Verbindung erscheint (vgl. zu dieser
Unterscheidung oben II.B.6.b). Seine erfolgreiche Integration in der Schweiz
(beruflich als Fahrer bei ... und privat in der Beziehung zu O._) zeigt seine
vorhandenen Ressourcen auf, die ihm Handlungsalternativen eröffnet hätten. Den
mit dem Familiennachzug verbundenen Schwierigkeiten wurde bereits im
Rahmen des subjektiven Verschuldens Rechnung getragen.
Der Beschuldigte gestand einige Vorwürfe in stark abgemilderter Form ein und
äusserte in diesem Zusammenhang sein Bedauern (vgl. Urk. 132 S. 11 f., S. 14 f.
und S. 20; HD 13/10 S. 4; HD 13/11 S. 5). Den überwiegenden Teil der Vorwürfe
bestritt er jedoch, und er beschuldigte die Privatklägerin 2, ihn falsch zu belasten.
Den Vorwurf des Vergehens gegen das Waffengesetz anerkannte er erst im
Berufungsverfahren (Urk. 132 S. 24). Reue und Einsicht oder ein Geständnis
können ihm unter diesen Umständen nicht zugute gehalten werden. Gegenüber
den Strafverfolgungsbehörden verhielt er sich stets korrekt. Angesichts
zahlreicher Beweisanträge, deren Begründungen die Vorinstanz als
Verschwörungstheorien bezeichnete (Urk. 115 S. 220), und deren fehlende
Grundlage ihm bewusst sein musste, auch wenn er sie jeweils mit grosser
Überzeugung vertrat (Urk. 93 S. 5 ff.; vgl. dazu HD 39/10 S. 62 f.), kann sein
Verhalten allerdings nicht als kooperativ bezeichnet werden. In Bezug auf die
damit verbundene Verzögerung des Verfahrens ist allerdings daran zu erinnern,
dass der Umgang mit derartigen Beweisanträgen in der Kompetenz der
Verfahrensleitung liegt. Auf die Strafzumessung wirkt sich dieses
Nachtatverhalten nicht aus.
- 74 -
7. Alles in allem erscheint dem Verschulden und den erwähnten persönlichen
Faktoren eine Freiheitsstrafe von neun Jahren angemessen. Daran ist die bis und
mit heute erstandene Haft von 1321 Tagen anzurechnen.
8. Die Vorinstanz hatte den Beschuldigten wegen zwei Tätlichkeiten zum
Nachteil des Privatklägers 5 (Anklage Ziff. I.15 und 17) und einer Tätlichkeit zum
Nachteil des Privatklägers 6 (Anklage Ziff. I.19 2. Satz) zu einer Busse von CHF
1'000 verurteilt (Urk. 115 S. 221 f.). Während die Tätlichkeit zum Nachteil des
Privatklägers 6 zufolge Einstellung des Verfahrens wegfällt (vgl. oben II.A.3.g), ist
dafür neu eine Tätlichkeit zum Nachteil der Privatklägerin 1 mit Busse zu ahnden,
welche von der Vorinstanz als einfache Körperverletzung qualifiziert worden war
(Anklage Ziff. I.22). Die von der Vorinstanz ausgefällte Busse, deren Höhe von
der Staatsanwaltschaft ausdrücklich nicht beanstandet wurde (Urk. 116 S. 6),
erscheint dem Verschulden und den Verhältnissen des Beschuldigten auch unter
veränderten Umständen nach wie vor angemessen und ist daher zu bestätigen,
ebenso die Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen.
IV.
1. Im Zivilpunkt hielt die Vorinstanz im Grundsatz das Bestehen einer
Schadenersatzpflicht fest und verwies die Privatkläger für die Feststellung der
Höhe auf den Zivilweg, soweit sie den Beschuldigten schuldig sprach. Im Übrigen,
d.h. wo auf die Anklage nicht eingetreten wurde oder ein Freispruch erfolgte,
verwies sie die Schadenersatzforderungen der Privatkläger vollumfänglich auf
den Zivilweg (Urk. 115 S. 222 ff.).
a) Die Verteidigung wandte ein, die anlässlich der Berufungsverhandlung
erfolgte Erneuerung der bereits vor Vorinstanz gestellten Schadenersatzbegehren
der Privatkläger 2, 3 und 5 in Bezug auf die Vermögensdelikte (Urk. 136 S. 2 f.)
sei verspätet, weil davon in der Berufungserklärung keine Rede sei (Prot. II S. 13
Erg. 9). Es handelt sich dabei um die Konsequenz des in der Berufungserklärung
der Privatkläger gestellten Antrages auf einen Schuldspruch wegen dieser
Vermögensdelikte (Urk. 118 S. 3 oben), dem die Berufungsinstanz in Bezug auf
- 75 -
die Privatklägerinnen 2 und 3 folgt, so dass es sich dabei nicht um eine
nachträgliche Ausweitung der Berufung handelt (vgl. dazu Prot. II S. 16). Dieser
Antrag ist daher grundsätzlich zulässig, wobei es im Fall des Privatklägers 5
zufolge Freispruchs jedoch beim Nichteintretensentscheid der Vorinstanz bleibt.
Da die Verteidigung die Höhe der angemessenen Beiträge an den Unterhalt unter
Verweis auf die Angaben des Beschuldigten in der persönlichen Befragung
bestreitet (Urk. 100 S. 78 Rz. 257 m.H. auf Urk. 91 S. 9 f.), und eine Schätzung
auf der Grundlage der SKOS-Richtlinien (vgl. Urk. 99 S. 55 ff.) zu deren
Ermittlung nicht ausreicht, erweist sich die Beurteilung dieser Ansprüche als
unverhältnismässig aufwendig. Es ist daher nur im Grundsatz über die bezifferten
Ansprüche der Privatklägerinnen 2 und 3 zu entscheiden, während sie für die
Feststellung von deren Höhe auf den Zivilweg zu verweisen sind (Art. 126 Abs. 3
StPO).
b) Wo im Berufungsverfahren neu auf die Anklage nicht eingetreten wird
(bezüglich Ziff. I.19 Satz 2 betreffend den Privatkläger 6) oder ein Freispruch
erfolgt (bezüglich Ziff. I.2 bezüglich den Vorwurf der Gefährdung des Lebens, was
sowohl die Privatklägerin 2 als auch die Privatklägerin 3 betrifft, bezüglich Ziff.
I.14 und I.20 hinsichtlich des Privatklägers 5 sowie betreffend Ziff. I.21 in Bezug
auf die Privatklägerin 4 und den Privatkläger 5), ist der Entscheid der Vorinstanz
gestützt auf die uneingeschränkte Berufung des Beschuldigten zu korrigieren und
ist auf die entsprechenden Schadenersatzforderungen der genannten Privatkläger
nicht einzutreten. Im Übrigen ist der Entscheid der Vorinstanz zu bestätigen, der
im Umfang der Schuldsprüche eine grundsätzliche Schadenersatzpflicht des
Beschuldigten vorsieht, für deren Bemessung die Privatkläger auf den Zivilweg
verwiesen werden, und ansonsten nicht auf diese eintritt.
2. In Bezug auf die Genugtuungsforderungen der Privatkläger erinnerte die
Vorinstanz daran, dass die Zusprechung einer Genugtuung im Strafverfahren nur
in Frage kommt für Persönlichkeitsverletzungen, die sich aus einem
Anklagesachverhalt herleiten, bezüglich dessen der Beschuldigte schuldig
gesprochen wurde. Die Vorinstanz wies darauf hin, dass die von den
Privatklägern geltend gemachten mittelbaren psychischen Verletzungen ebenso
- 76 -
wenig hierunter fallen wie die von den Privatklägern allgemein geschilderte
"schlechte Behandlung" durch den Beschuldigten. Sie hielt fest, es könne im
Adhäsionsprozess nicht darum gehen, den Privatklägern eine finanzielle
"Abfindung" für ihr gesamtes, als leidvoll empfundenes Familienleben mit dem
Beschuldigten zuzusprechen (Urk. 115 S. 225 E. 4.3).
a) Die Genugtuung soll einen Ausgleich für seelischen Schmerz bilden. Dabei
stellt sich die Frage, ob Leid mit Geld aufgewogen werden kann. Indem das
Gesetz diese Möglichkeit eröffnet und Genugtuungen in aller Regel in Geld
zugesprochen werden, wird diese Frage implizit bejaht. Die Genugtuung soll nicht
zu einer Bereicherung führen und sogenannte punitive damages, die vornehmlich
pönalen Charakter haben, sind unserem Rechtsverständnis fremd. Die
Genugtuung soll dem Opfer aber auch nicht lächerlich tief erscheinen, damit sie
ihren Zweck erfüllt und sich zum Schmerz nicht noch der Spott gesellt (vgl.
Landolt, ZK, Vorbemerkungen zu Art. 47 / 49 OR N 19, 25 ff. und 193).
Gegen diesen letzten Grundsatz verstossen die von der Vorinstanz
zugesprochenen Genugtuungssummen von CHF 1'000 oder weniger. Dazu kam
es, weil die Vorinstanz die Schwelle für die Zusprechung einer Genugtuung zu tief
ansetzte und ausser Acht liess, dass für geringfügige Körperverletzungen,
sogenannte Bagatellverletzungen, die ohne grösseren Aufwand heilen, keine
Genugtuung geschuldet ist. Erheblich sind in erster Linie die dauernden Folgen
einer Körperverletzung, mögen diese auch verhältnismässig geringfügig sein.
Damit eine vorübergehende Gesundheitsbeeinträchtigung einen Anspruch auf
eine Genugtuung auslöst, müssen erschwerende Begleitumstände hinzukommen
wie etwa traumatische Umstände oder eine Lebensgefährdung (Landolt, ZK, Art.
47 OR N 6 ff.; Keller, Haftpflicht im Privatrecht, Bd. II, 2. A., Bern 1998, S. 131 ff.).
b) Die Privatkläger anerkennen, dass adhäsionsweise nur
Genugtuungsansprüche geltend gemacht werden können, die sich aus einem
Sachverhalt herleiten, der Gegenstand des Strafverfahrens war. Sie merken
jedoch an, dass die Vorinstanz einen Genugtuungsanspruch für Angehörige zu
Unrecht ausschloss (Urk. 136 S. 11 m.w.H.). Das ist zwar grundsätzlich richtig,
ein solcher Anspruch setzt jedoch eine gleich schwere oder schwerere
- 77 -
Betroffenheit wie im Falle der Tötung eines Angehörigen voraus (vgl. Keller,
Haftpflicht im Privatrecht, Bd. II, Bern 1998, S. 164 m.H. auf BGE 112 II 226). Das
ist hier nicht gegeben. In Bezug auf den Tötungsversuch zum Nachteil der
Privatklägerin 2 ist daran zu erinnern, dass es dabei keine Augenzeugen gab und
die Privatklägerin 2 sich überdies bemühte, diesen Vorfall gegenüber den
anderen Privatklägern zu verheimlichen, um sie zu schonen (HD 15/7 S. 15). Vor
diesem Hintergrund sind die Voraussetzungen für die Zusprechung einer
Genugtuung nur im Fall der Privatklägerin 2 (bezogen auf Anklage Ziff. I.3) sowie
der Privatklägerin 4 (bezogen auf Anklage Ziff. I.10) erfüllt. Aufgrund der vor der
Vorinstanz und im Berufungsverfahren eingereichten Arztberichte (Urk. 68/1-7;
Urk. 87/1-3; Urk. 133/2 und 3), die inhaltlich unwidersprochen blieben, ist die
seelische Betroffenheit der Privatklägerinnen 2 und 4 ausgewiesen. Unter diesen
Umständen erübrigt es sich, auf die von der Verteidigung monierte Wiedergabe
von Instruktionsgesprächen im Plädoyer der Vertreterin der Privatklägerin
einzugehen, welche grundsätzlich den Charakter von Parteibehauptungen haben
(vgl. Prot. II S. 13 f. Erg. 9).
c) Im Falle der Privatklägerin 2 erweist sich die von der Vorinstanz
zugesprochene Genugtuung von CHF 30'000 als Genugtuung für den
Sachverhalt gemäss Anklage Ziffer I.3 entgegen der Auffassung ihrer Vertreterin
(Urk. 136 S. 15) nach wie vor als angemessen, auch wenn das Verhalten des
Beschuldigten neu als Tötungsversuch und nicht bloss als Gefährdung des
Lebens gewürdigt wird, da dahinter der gleiche Sachverhalt steht, dessen
Auswirkungen sich wegen dieser unterschiedlichen rechtlichen Beurteilung nicht
verändert haben. Die Privatklägerin 4 hat aus dem Ereignis gemäss Anklage Ziff.
I.10 Anspruch auf eine Genugtuung von CHF 8'000. Diese Reduktion gegenüber
der von der Vorinstanz zugesprochenen Genugtuung von CHF 10'000 trägt dem
Umstand Rechnung, dass die Vorinstanz eine unmittelbare Lebensgefahr
angenommen hatte, was nicht erstellt werden konnte. Aber subjektiv nahm die
Privatklägerin 4 den Angriff des Beschuldigten, der sie ins Gesicht schlug und
würgte, gleichwohl als lebensbedrohlich wahr, was nach den oben dargelegten
Grundsätzen auch bei einer blossen einfachen Körperverletzung zur Entstehung
eines Genugtuungsanspruchs führt.
- 78 -
Im Mehrumfang und soweit sie sich auf andere Anklagepunkte beziehen sind die
Genugtuungsforderungen der Privatklägerinnen 2 und 4 abzuweisen, während
ansonsten im Adhäsionsverfahren nicht darauf einzutreten ist. Entsprechendes
gilt mutatis mutandis für die Genugtuungsforderungen der übrigen Privatkläger.
V.
Die Staatsanwaltschaft obsiegt mit ihrer Berufung in zwei von drei Punkten,
ebenso die Privatkläger in Bezug auf den Schuldpunkt, während sie in Bezug auf
den Zivilpunkt mehrheitlich unterliegen. Der Beschuldigte unterliegt
demgegenüber mit seiner Berufung praktisch vollumfänglich. Die vorinstanzliche
Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen ist deshalb insofern zu
korrigieren, als dem Beschuldigten die Kosten zu vier Fünfteln zu auferlegen sind.
Das gleiche erscheint für das Berufungsverfahren angemessen. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Verbeiständung der Privatkläger
sind im entsprechenden Umfang gemäss der gesetzlichen Regelung einstweilen
auf die Staatskasse zu nehmen (Art. 426 Abs. 1 und 4 i.V.m. Art. 135 Abs. 4 StPO
und Art. 138 Abs. 1 StPO). Die Privatkläger haben grundsätzlich im Umfang ihres
Obsiegens Anspruch auf eine reduzierte Prozessentschädigung aus der
Staatskasse (Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO), die jedoch mit Blick auf die höheren
Aufwendungen für die unentgeltliche Rechtspflege an den Kanton fällt (Art. 138
Abs. 2 StPO).