Decision ID: bb8dbf44-11cd-4a52-86b9-56ddf2430bee
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 05.05.2015 Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG.Vermögensverzehr.Würdigung eines tatsächlichen und nicht bloss fiktiven Vermögensverzehrs. Indirekter Vermögensverzehr mittels eines Darlehens (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 5. Mai 2015, EL 2013/70).Entscheid vom 5. Mai 2015Vizepräsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika  und Karin Huber-Studerus; Gerichtsschreiber Tobias BoltA._,Beschwerdeführer,vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Jürg Jakob,rohner thurnherr wiget & partner, Rosenbergstrasse 42b,9000 St. Gallen,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,Ergänzungsleistung zur AHVSachverhalt:
A.
A.a A._ meldeten sich am 11. Februar 2013 zum Bezug von Ergänzungsleistungen
zu ihrer AHV-Rente an (EL-act. 14). Sie gaben an, dass der Ehemann im Mai 2000 eine
Kapitalauszahlung aus der beruflichen Vorsorge von 641’854 Franken erhalten habe.
Das Vermögen belaufe sich zurzeit auf 288’270,90 Franken. Diesem stehe eine
Darlehensschuld von 144’000 Franken gegenüber. Monatlich erhielten sie ein Darlehen
von 1’500 Franken. Der Anmeldung lag ein Darlehensvertrag vom Januar 2006 bei (EL-
act. 15–2). In diesem hatten die Ehegatten mit ihrem Sohn vereinbart, dass dieser ihnen
ab Januar 2005 und bis auf weiteres monatlich jeweils 1’500 Franken als Darlehen
überweise. Dieses Darlehen sei zinslos und werde zur Rückzahlung fällig, sobald der
zweite Ehegatte verstorben sei. Es könne aber bis dahin jederzeit ganz oder teilweise
zurückbezahlt oder vom Darlehensgeber fristlos gekündigt werden. Der Anmeldung lag
eine Auflistung über die Entwicklung des Darlehens seit dem 31. Dezember 2005 bei;
jede Position war von sämtlichen Vertragsparteien unterschriftlich bestätigt worden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(EL-act. 15–3 f.). Mit einer Verfügung vom 21. März 2013 wies die EL-
Durchführungsstelle das Gesuch ab (EL-act. 11). Sie führte aus, dass sie den Stand
des Vermögens und den Vermögensertrag gemäss den Angaben in der
Steuererklärung für das Jahr 2012 berücksichtigt habe. Die Darlehensschuld habe sie
ebenfalls berücksichtigt. Die regelmässigen Zahlungen des Sohnes habe sie als
Einnahme angerechnet. Die Unterlagen belegten einen hohen Vermögensverbrauch. Da
die Anspruchsberechnung aber bereits ohne Berücksichtigung dieses Verbrauchs
einen Einnahmenüberschuss ergeben habe, sei dieser Verbrauch nicht im Detail
geprüft worden. Das Berechnungsblatt für die Anspruchsberechnung ab Februar 2013
(EL-act. 10) wies die Prämienpauschalen für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung von total 9’048 Franken, einen Mietzins von 24’780
Franken respektive das Mietzinsmaximum von 15’000 Franken und eine Pauschale für
den allgemeinen Lebensbedarf von 28’815 Franken als Ausgaben aus (Ausgabentotal:
52’863 Franken). Als Vermögen hatte die EL-Durchführungsstelle das Sparguthaben
von 288’270 Franken abzüglich der Darlehensschuld von 144’000 Franken und des
Freibetrages von 60’000 Franken, total also 84’270 Franken angerechnet. Das
Einnahmentotal von 70’029 Franken setzte sich aus einem (fiktiven) Vermögensverzehr
von einem Zehntel des anrechenbaren Vermögens (8’427 Franken), den
Rentenleistungen der AHV von insgesamt 40’668 Franken, einem Vermögensertrag von
2’934 Franken und den als „diverse Einnahmen“ bezeichneten Darlehensleistungen von
18’000 Franken pro Jahr zusammen.
A.b Am 1. April 2013 erhoben die Versicherten eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 21. März 2013 (EL-act. 8). Sie beantragten eine Neuberechnung des EL-
Anspruchs ohne Berücksichtigung der Darlehenszahlungen des Sohnes von 1’500
Franken pro Monat. Zur Begründung führten sie aus, dass es sich bei diesen
Zahlungen nicht um ein Einkommen, sondern um eine „Beanspruchung“ des Darlehens
handle. Wirtschaftlich und steuerlich betrachtet handle es sich dabei nicht um eine
Einnahme, sondern um einen Schuldenanstieg beziehungsweise um einen
Vermögensverzehr. Mit diesem Vorgehen hätten sie einen wirtschaftlichen Vorteil in der
Form von Erträgen aus dem eigenen Vermögen bezweckt. Sie hätten das Vermögen
angelegt belassen und müssten dem Sohn auf dessen Darlehen keine Zinsen
entrichten, wodurch sich ihre Einkommenssituation verbessere. Mit einem Entscheid
vom 29. Oktober 2013 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sie führte aus, beim im Januar 2006 geschlossenen Vertrag handle es sich nicht um
einen rechtsgültigen Darlehensvertrag, da das Obligationenrecht keine Rückzahlung
erst post mortem vorsehe und da eine jederzeitige, fristlose Kündigung eines
Darlehensvertrages unzulässig sei. Zudem erscheine die Vereinbarung als
rechtsmissbräuchlich, da sie einzig zum Zweck getroffen worden sei, einen
Schuldenanstieg zu bewirken und damit die Steuerlast zu senken. Im Zusammenhang
mit der Anmeldung zum Bezug von Ergänzungsleistungen habe sie dem Zweck der
Minimierung des anrechenbaren Vermögensverzehrs gedient. Die Darlehensschuld
dürfe daher nicht berücksichtigt werden. Die monatlichen Leistungen müssten am
ehesten als private Leistungen mit ausgesprochenem Fürsorgecharakter qualifiziert
werden. Folglich handle es sich dabei nicht um anrechenbare Einnahmen. Die
Nichtberücksichtigung der Darlehensschuld führe zu einer Erhöhung des
anrechenbaren Vermögens und damit auch zu einem höheren Vermögensverzehr,
weshalb es bei einem Einnahmenüberschuss bleibe. Eine im Einspracheverfahren
durchgeführte Abklärung hatte offenbar für den massgebenden Zeitraum keinen
übermässigen Vermögensverbrauch ergeben, weshalb die EL-Durchführungsstelle der
im Einspracheverfahren aufgeworfenen Frage einer allfälligen Anrechnung eines
Vermögensverzichtes nicht mehr weiter nach gegangen war (vgl. EL-act. 4).
B.
B.a Am 27. November 2013 liessen die nun anwaltlich vertretenen Versicherten (nach
folgend: die Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom
29. Oktober 2013 erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Zusprache
einer Ergänzungsleistung von 754 Franken pro Monat mit Wirkung ab dem 1. Februar
2013. Zur Begründung führte er aus, dass es sich bei den Darlehenszahlungen nicht
um Leistungen mit Fürsorgecharakter handle. Die Leistungen stellten keine Schenkung
dar, sie würden nicht an den Bedarf der Beschwerdeführer angepasst und sie erfolgten
nicht freiwillig, sondern in Vollstreckung des Darlehensvertrages. Dieser Vertrag sei
entgegen der Annahme der EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: der
Beschwerdegegnerin) rechtsgültig. Die Bestimmungen des Obligationenrechtes über
die Rückzahlung von Darlehen seien dispositiver Natur. Innerhalb der Schranken der
Vertragsfreiheit könnten die Vertragsparteien abweichende Regelungen treffen. Die
Vereinbarung der jederzeitigen, fristlosen Kündigung sei ebenso rechtmässig wie die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gewährung des Darlehens auf Lebzeiten. Der Vorwurf des Rechtsmissbrauchs gehe
fehl. Der Sohn entrichte Steuern auf seinem Darlehensguthaben. Die Gewährung des
Darlehens sei auch nicht zum Zwecke der Erwirkung von Sozialversicherungsleistungen
erfolgt, sondern aus drei anderen, nachvollziehbaren Gründen: Erstens seien die
Beschwerdeführer so nicht gezwungen gewesen, ihre Wertschriften mit Verlust zu
verkaufen. Sie könnten so bis zu einer Erholung der Wertschriften zuwarten.
Ausserdem erzielten sie in der Zwischenzeit Vermögenserträge. Zweitens diene das
Darlehen der Finanzierung der Wohnung, die eher teuer sei. Drittens könne der Sohn
sein Darlehensguthaben bei einer Erbteilung vollumfänglich liquidieren. Würde er
Fürsorgeleistungen erbringen, müsste er sich mit einer anteilsmässigen Rückerstattung
bei der Erbteilung zufrieden geben. Das Darlehen sei im Übrigen sieben Jahre vor der
Anmeldung zum Bezug von Ergänzungsleistungen gewährt worden. Die
Beschwerdegegnerin übersehe schliesslich, dass sich ohne das Darlehen das
Vermögen der Beschwerdeführer im selben Betrag vermindert hätte, weshalb sie ihren
Vermögensverzehr durch das Darlehen nicht hätten minimieren können.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 12. Dezember 2013 unter Hinweis auf die

Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 3).
Erwägungen:
1.
1.1 Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht gemäss dem Art. 9 Abs. 1 ELG dem
Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen.
Der Art. 10 ELG enthält eine abschliessende Liste der anerkannten Ausgaben, die für
die Berechnung eines allfälligen EL-Anspruchs zu berücksichtigen sind. Der Art. 11
ELG regelt, welche Einnahmen anzurechnen sind, das heisst einer allfälligen
Ergänzungsleistung vorgehen sollen, und welche Einnahmen bei der Berechnung nicht
berücksichtigt werden dürfen, das heisst einer allfälligen Ergänzungsleistung
nachgehen sollen. Verfügt eine um eine Ergänzungsleistung ersuchende Person über
ein Vermögen, kann dieses an sich für die Berechnung eines allfälligen EL-Anspruchs
nicht berücksichtigt werden, da ein Vermögen weder eine Ausgabe noch eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einnahme darstellt. Buchhalterisch handelt es sich bei einem Vermögen um einen
Aktivposten, der in der Bilanz aufgeführt wird, während es sich bei einer Einnahme um
einen Ertrag handelt, der in der Erfolgsrechnung aufgeführt werden muss. Eine
Einnahme ist ein Zufluss von Mitteln „von aussen“, durch den sich die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit des Empfängers erhöht. Ein Vermögen ist dagegen nur die Summe
angesparter, früher zugeflossener Mittel. Weil es sich beim Vermögen nicht um eine
anrechenbare Einnahme handelt, dürfte es an sich bei der Berechnung eines allfälligen
EL-Anspruchs keine Berücksichtigung finden. Das würde allerdings bedeuten, dass die
Ergänzungsleistung – zusammen mit den anrechenbaren Einnahmen – den
anerkannten Lebensbedarf unabhängig von der Höhe des Vermögens eines EL-
Bezügers decken und es dem EL-Bezüger so erlauben würde, sein Vermögen zu
erhalten. Diese Konsequenz ist politisch unerwünscht gewesen, weshalb der
Gesetzgeber einen Weg hat finden müssen, den Stand des Reinvermögens bei der
Berechnung eines allfälligen EL-Anspruchs berücksichtigen zu können: Er hat eine
Einnahmenposition „konstruieren“ müssen, die in einem direkten Verhältnis zum Stand
des Reinvermögens steht. Bei dieser Einnahmenposition handelt es sich um den so
genannten Vermögensverzehr (Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG). Dieser Vermögensverzehr ist
wirtschaftlich betrachtet keine Einnahme, denn es handelt sich nicht um von aussen
zufliessende Mittel, sondern um ein „Aufbrauchen von Vorräten“. Durch den Verzehr
des Vermögens erhöht sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des EL-Bezügers
nicht, vielmehr verschlechtert sie sich. Die Anrechnung eines Vermögensverzehrs als
Einnahme erlaubt es aber, den EL-Bezüger dazu anzuhalten, vorrangig sein Vermögen
zur Deckung des Lebensbedarfs zu verbrauchen und nur subsidiär
Ergänzungsleistungen beziehen zu müssen. Die Konstruktion einer Einnahmenposition
in Abhängigkeit vom Stand des Reinvermögens führt also zum rechtspolitisch
angestrebten Ziel. Buchhalterisch respektive wirtschaftlich gesehen handelt es sich
beim Vermögensverzehr dennoch nicht um eine Einnahme.
1.2 Der Gesetzgeber hat sich bewusst gegen die Anrechnung eines tatsächlichen
Vermögensverzehrs entschieden, denn er hat die Lebensführung der EL-Bezüger nicht
kontrollieren wollen. Die Anrechnung des tatsächlichen Vermögensverzehrs würde
nämlich erfordern, dass im Einzelfall abgeklärt werden müsste, wie hoch der effektive
Vermögensverzehr gewesen ist und ob es dem EL-Bezüger nicht hätte zugemutet
werden können, mehr von seinem Vermögen für die Bestreitung des Lebensbedarfs zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verbrauchen (womit allenfalls ein Verzicht auf einen Vermögensverzehr vorgelegen
haben könnte). Vielmehr hat der Gesetzgeber eine Fiktion (das heisst eine
unwiderlegbare Vermutung) aufgestellt, indem er einen abstrakten, fixen Bruchteil als
anrechenbaren Vermögensverzehr vorgesehen hat. Der Anteil des Vermögens, der als
Verzehr angerechnet wird, hängt von der mutmasslichen Dauer der noch zu
erwartenden Bedürftigkeit ab: Bei Invalidenrentnern, die voraussichtlich noch lange
bedürftig sein werden, wird nur ein Fünfzehntel des Vermögens als Verzehr
angerechnet. Bei Altersrentnern wird dagegen ein Zehntel des Vermögens
angerechnet. Bei Heimbewohnern, die voraussichtlich bloss noch für eine
vergleichsweise kurze Zeit auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein werden, können
die Kantone die Anrechnung eines Fünftel des Vermögens als jährlichen Verzehr
vorsehen. Der Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG enthält also einerseits eine Sachverhaltsfiktion,
indem er unterstellt, dass ein bestimmter Anteil des Vermögens zur Deckung des
Lebensbedarfs verzehrt werde. Andererseits geht die Fiktion aber darüber hinaus, da
die Höhe des Anteils davon abhängig gemacht wird, wie lange das Vermögen noch den
Zweck der teilweisen Deckung des Lebensbedarfs ermöglichen soll. Der Art. 11 Abs. 1
lit. c ELG enthält damit eine Normierung dessen, was der Gesetzgeber als in einer
bestimmten Situation angemessenen Vermögensverzehr erachtet. Aus diesem Grund
wird auch nicht „mindestens“ der vorgesehene Anteil des Vermögens als Einnahme
angerechnet. Dies würde es nämlich den EL-Bezügern erlauben, effektiv mehr
Vermögen zu verbrauchen, als der Gesetzgeber als angemessen erachtet, womit sie
früher als vom Gesetzgeber erwünscht auf entsprechend höhere Ergänzungsleistungen
angewiesen wären. Unabhängig davon, wie viel Vermögen ein EL-Bezüger also
tatsächlich verzehrt (oder ob er überhaupt Vermögen verzehrt), wird ihm ein fiktiver
Vermögensverzehr angerechnet. Das tatsächliche Verhalten der EL-Bezüger ist
unerheblich. Weil es sich beim Vermögensverzehr nicht um eine eigentliche Einnahme
handelt und er nur aufgrund der gesetzlichen Konstruktion im Rahmen des Art. 11
Abs. 1 lit. c ELG bei der EL-Anspruchsberechnung berücksichtigt werden kann, ist die
Berücksichtigung eines tatsächlichen Vermögensverzehrs als anrechenbare Einnahme
ausserhalb des Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG, das heisst zusätzlich zum fiktiven
Vermögensverzehr, ausgeschlossen.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Die Beschwerdeführer verfügen über ein Wertschriftenvermögen, das sie für die
Bestreitung ihres Lebensbedarfs verzehren könnten. Der Wert ihrer Wertschriften hat
sich in den Jahren seit der Vermögensanlage im Jahr 2000 erheblich vermindert.
Wertmässig ist nicht einmal mehr die Hälfte des im Mai 2000 ausbezahlten Kapitals aus
der beruflichen Vorsorge vorhanden. Die Wertschriftenverluste realisieren sich
allerdings erst dann, wenn die Wertschriften verkauft werden. Solange die
Beschwerdeführer die Wertschriften behalten, besteht die Möglichkeit einer Erholung
des Portfolios und eines damit verbundenen Anstiegs des Buchwertes des
Wertschriftenvermögens. Folglich wäre es wirtschaftlich betrachtet unklug, die
Wertschriften zu verkaufen und damit die erlittenen Verluste des Buchwertes zu
realisieren. Ausserdem entfielen mit einem Verkauf auch die nach wie vor erzielten
Wertschriftenerträge. Diese Überlegungen dürften die Beschwerdeführer veranlasst
haben, sich woanders liquide Mittel zur Bestreitung ihres Lebensbedarfs zu beschaffen.
Ihr Sohn gewährt ihnen ein Darlehen, das in monatlichen Raten auf Zusehen hin erhöht
und bar ausbezahlt wird. Diese Vereinbarung entspricht wirtschaftlich betrachtet einem
effektiven Verzehr des Vermögens der Beschwerdeführer, denn mit jeder
Darlehenszahlung steigt die Darlehensschuld und sinkt das Reinvermögen, das der
Differenz zwischen dem Bruttovermögen und den Schulden entspricht, während es für
den Sohn wirtschaftlich betrachtet keine Rolle spielt, ob er sein Vermögen auf einem
Bankkonto oder in Form eines Darlehensguthabens gegenüber den Eltern aufbewahrt.
Die Vereinbarung bietet aber den Vorteil, dass die Wertschriftenverluste nicht realisiert
werden müssen und dass die Beschwerdeführer ihre Wertschriften weiterhin für sich
„arbeiten“ lassen können. Da sie ihrem Sohn keine Darlehenszinsen entrichten müssen,
erhöht sich ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit effektiv um die Wertschriftenerträge.
In Bezug auf einen allfälligen EL-Anspruch ist es unerheblich, ob sich die Schulden der
Beschwerdeführer erhöhen oder ob sich ihr Bruttovermögen vermindert, denn für die
EL-Anspruchsberechnung ist das Reinvermögen massgebend. Ebenso unerheblich
muss sein, auf welche Weise die Beschwerdeführer ihr Vermögen verzehren. Ob sie ihr
Bruttovermögen verzehren oder ob sie Schulden aufnehmen und so bloss indirekt ihr
Reinvermögen vermindern, kann nicht entscheidend dafür sein, ob ein effektiver
Vermögensverzehr vorliegt oder nicht. Auch steuerrechtlich ist es sowohl hinsichtlich
der Beschwerdeführer als auch in Bezug auf ihren Sohn unerheblich, ob sie ihr
Vermögen direkt aufbrauchen (und der Sohn sein Geld auf der Bank anlegt) oder ob sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ihr Vermögen indirekt aufbrauchen (und der Sohn einen Teil seines Vermögens als
Darlehensguthaben versteuert). Ein steuerrechtlicher oder
ergänzungsleistungsrechtlicher Rechtsmissbrauch ist folglich nicht ersichtlich, zumal in
Bezug auf das EL-Gesuch auch zu berücksichtigen ist, dass dieses erst sieben Jahre
nach dem Abschluss der Darlehensvereinbarung gestellt worden ist. Aus den Akten
ergeben sich auch keine Anhaltspunkte für eine Simulation. Die Vereinbarung wird
offenbar umgesetzt und „gelebt“; es handelt sich also nicht um einen vorgetäuschten
Vertrag. Da der Sohn der Beschwerdeführer auf einer Rückzahlung des Darlehens
besteht, kann auch nicht die Rede davon sein, dass er den Beschwerdeführern
monatlich 1’500 Franken schenke. Die Beschwerdeführer trifft zwar wirtschaftlich
gesehen keine Rückzahlungspflicht, da das Darlehen erst beim Tod des zweiten
Ehegatten zur Rückzahlung fällig wird. Die Rückzahlungspflicht ist also eine rein
juristische und keine wirtschaftliche Verpflichtung. Da die Parteien aber auch die
Möglichkeit einer jederzeitigen, fristlosen Rückzahlung des Darlehens vorgesehen
haben, steht eben doch auch eine wirtschaftliche Rückzahlungspflicht im Raum, die
sich jederzeit verwirklichen kann. Bei den Zahlungen des Sohnes kann es sich auch
nicht um Zuwendungen mit Fürsorgecharakter handeln, die grundsätzlich nicht,
sondern bloss dann zurückbezahlt werden müssten, wenn die Beschwerdeführer
unerwartet zu erheblichem Vermögen gelangen würden. Bei den Darlehenszahlungen,
welche die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführer nicht erhöhen,
sondern stets eine entsprechende Verminderung des Reinvermögens in der Form eines
Schuldenanstiegs zur Folge haben, handelt es sich zusammenfassend also um einen
(tatsächlichen) Vermögensverzehr.
2.2 Die massgebenden gesetzlichen Bestimmungen der Art. 312 ff. OR sprechen nicht
gegen die Zulässigkeit der von den Vertragsparteien getroffenen Vereinbarung. Die
Art. 312 ff. OR enthalten wie fast sämtliche Bestimmungen des Obligationenrechtes
dispositives Recht, das heisst Standardregeln, die zum Zuge kommen, wenn die
Vertragsparteien zu den entsprechenden Fragen keine vertragliche Regeln vereinbart
haben. Folglich können die Vertragsparteien dieses Recht wegbedingen, indem sie
abweichende vertragliche Vereinbarungen treffen, die dem dispositiven Gesetzesrecht
vorgehen. Zwingend zu beachten sind einzig die Schranken der Vertragsfreiheit. Diese
Schranken sprechen weder gegen die Zulässigkeit einer Rückzahlung der
Darlehensschuld post mortem noch gegen die Zulässigkeit eines jederzeitigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kündigungsrechtes. Im Basler Kommentar wird ein Darlehen auf Lebenszeit des
Darleihers explizit als zulässig bezeichnet (Heinz Schärer/Benedikt Maurenbrecher, in
Honsell/Vogt/Wiegand (Hrsg.), Basler Kommentar zum Obligationenrecht, 5. Aufl. 2011,
Art. 318 N 11, mit Hinweisen). Ebenso wird dort festgehalten, dass die Vertragsparteien
die ordentliche und die ausserordentliche Kündigung eines Darlehens innerhalb der
Schranken des Vertragsrechtes frei vereinbaren können (Schärer/Maurenbrecher,
a.a.O., Art. 318 N 13). Die Beschwerdegegnerin dürfte versehentlich die Ausführungen
der Lehre zur nicht vertraglich vereinbarten Beendigung eines Darlehens konsultiert
haben. Ihre Ausführungen ändern folglich nichts an der Qualifikation der Zahlungen des
Sohnes als indirekter Vermögensverzehr.
2.3 Da der Art. 11 ELG keine Anrechnung eines tatsächlichen Vermögensverzehrs als
Einnahme vorsieht, kann der effektive Vermögensverzehr von 18’000 Franken pro Jahr
nicht als Einnahme angerechnet werden. Als Einnahme anzurechnen ist nebst den
Rentenleistungen der AHV, den Vermögenserträgen ausschliesslich der fiktive
Vermögensverzehr von einem Zehntel des anrechenbaren Vermögens. Für die
Ermittlung des anrechenbaren Vermögens ist die bewiesene Darlehensschuld von
144’000 Franken (Stand am 31. Dezember 2011) selbstverständlich zu berücksichtigen
und vom Bruttovermögen in Abzug zu bringen. Folglich ist von einem den
massgebenden Freibetrag übersteigenden Reinvermögen von 84’270 Franken und
einem Vermögensverzehr von 8’427 Franken auszugehen. Zusammen mit den
Rentenleistungen der AHV von 40’668 Franken und dem Vermögensertrag von 2’934
Franken ergibt sich ein Einnahmentotal von 52’029 Franken. Diesem stehen Ausgaben
von total 52’863 Franken gegenüber, womit sich ein EL-Anspruch in der Höhe der so
genannten Minimalgarantie des Art. 26 ELV ergibt, die dem Total der
Prämienpauschale für die obligatorische Krankenpflegeversicherung entspricht. Die
Beschwerdeführer haben also ab dem 1. Februar 2013 einen Anspruch auf eine
jährliche Ergänzungsleistung von 9’048 Franken.
3. Zusammenfassend ist der angefochtene Einspracheentscheid in Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und den Beschwerdeführern eine jährliche
Ergänzungsleistung von 9’048 Franken mit Wirkung ab dem 1. Februar 2013
zuzusprechen. Mit dieser erstmaligen Zusprache einer Ergänzungsleistung rückwirkend
ab 1. Februar 2013 ist in Bezug auf allfällige Veränderungen des EL-Anspruchs für die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zeit ab 1. März 2013 bis heute noch nichts entschieden. Die Beschwerdegegnerin wird
also zu prüfen haben, ob zwischenzeitlich anspruchsrelevante Veränderungen
eingetreten sind, und allenfalls die entsprechenden Anpassungen vornehmen müssen.
Gerichtskosten sind gemäss dem Art. 61 lit. a ATSG keine zu erheben. Die
Beschwerdeführer haben einen Anspruch auf eine Parteientschädigung in der Höhe
des von ihrem Rechtsvertreter geltend gemachten Vertretungsaufwandes von 1’850
Franken zuzüglich acht Prozent Mehrwertsteuer (vgl. act. G 7), also auf eine
Parteientschädigung von 1’998 Franken.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP