Decision ID: c4c14ac9-2f95-5dc8-95c9-6d7752fad72d
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
K._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Monika Paminger Müller, Oberer Graben 44,
9000 St. Gallen,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a K._ wurde am 19. November 2004 als Lenker eines Personenwagens auf der
Autobahn in einen Unfall mit mehreren Kollisionen verwickelt (Suva-act. 1 und 9). Die
Suva erbrachte für den Unfall vom 19. November 2004 die gesetzlichen
Versicherungsleistungen (Heilkosten- und Taggeldleistungen). Bezüglich des übrigen
massgebenden Sachverhalts, insbesondere der medizinischen Aktenlage, kann auf den
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 4. März 2008
(UV 2007/72) verwiesen werden.
A.b Mit Verfügung vom 23. Januar 2007 (Suva-act. 115) eröffnete die Suva dem
Versicherten, dass die heutigen Beschwerden organisch nicht mehr hinreichend als
Folge des Unfalls vom 19. November 2004 nachweisbar seien. Die
Versicherungsleistungen würden deshalb per 31. Januar 2007 eingestellt. Die gegen
diese Verfügung erhobene Einsprache wies die Suva mit Einspracheentscheid vom 11.
Mai 2007 (Suva-act. 120) ab. Der Versicherte erhob gegen den Entscheid Beschwerde
beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen.
A.c Mit - bereits erwähntem - Entscheid vom 4. März 2008 hiess das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die Beschwerde unter Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheids gut und verpflichtete die Beschwerdegegnerin,
dem Beschwerdeführer auch über den 31. Januar 2007 hinaus die gesetzlichen
Leistungen für den am 19. November 2004 erlittenen Unfall zu erbringen.
A.d Gegen diesen Entscheid führte die Suva Beschwerde in öffentlich-rechtlichen
Angelegenheiten ans Bundesgericht und beantragte die Aufhebung des
vorinstanzlichen Entscheids. Mit Urteil vom 1. Mai 2009, 8C_347/2008, hiess die I.
sozialrechtliche Abteilung des Bundesgerichts die Beschwerde in dem Sinn gut, dass
der angefochtene Entscheid aufgehoben und die Sache an das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen zurückgewiesen werde, damit sie im Sinn der Erwägungen
verfahre und über den Leistungsanspruch des Beschwerdegegners neu entscheide.
Den Erwägungen ist zu entnehmen, dass entgegen der Auffassung des kantonalen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsgerichts, der Fallabschluss nicht zu früh erfolgt sei, da aus somatischer
Sicht von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung der
noch vorhandenen Beschwerden mehr zu erwarten sei. Hingegen habe die Vorinstanz
den natürlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis vom 19.
November 2004 und den über den 31. Januar 2007 hinaus fortbestehenden
psychischen Einschränkungen zu Recht bejaht. Allerdings müsse noch geprüft werden,
ob die vorliegenden psychischen Leiden in einem adäquaten Kausalzusammenhang
zum erlittenen Autounfall stehen würden. Die Adäquanzbeurteilung sei nach der für
psychische Unfallfolgen geltenden, zwischen physischen und psychischen
Beschwerdekomponenten unterscheidenden Praxis gemäss BGE 115 V 133
durchzuführen.

Erwägungen:
1.
Eine Begründung dafür, weshalb die Adäquanzprüfung nach der sogenannten
Psychopraxis gemäss BGE 115 V 133 vorzunehmen sei, liefert das Bundesgericht
nicht. Es bleibt mithin unklar, weshalb die psychischen Beschwerden eigenständiger
Natur sein sollen und nicht als dem typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas
zugehörig betrachtet werden können. Allein aus dem vom Bundesgericht erwähnten
Hinweis des MEDAS-Psychiaters Dr. A._ auf vorhandene sekundäre psychosoziale
Belastungsfaktoren, wie die unklare wirtschaftliche Situation der Familie und
Schuldgefühle bezüglich der schulischen Entwicklung der Kinder, kann dies jedenfalls
nicht gefolgert werden. Nichts desto trotz ist das kantonale Versicherungsgericht an
die verfahrensmässige Auflage im Rückweisungsentscheid des Bundesgerichts
gebunden.
Zu prüfen gilt es somit, ob die vom Beschwerdeführer geklagten psychischen
Beschwerden in einem adäquaten Kausalzusammenhang zum Unfall vom 19.
November 2004 stehen und somit ein Anspruch auf Versicherungsleistungen über den
31. Januar 2007 hinaus besteht.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Die Grundsätze zu dem für die Leistungspflicht des Unfallversicherers
vorausgesetzten natürlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und dem
eingetretenen Schaden und zu der im Weiteren erforderlichen Adäquanz des
Kausalzusammenhangs generell sowie bei psychischen Unfallfolgen hat das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen im mehrfach erwähnten Entscheid vom 4.
März 2008 dargelegt; darauf kann verwiesen werden.
2.2 Bei der Beurteilung des Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall und einer
anschliessend einsetzenden psychischen Fehlentwicklung mit Einschränkung der
Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ist nach der Rechtsprechung (BGE 115 V 138 ff. Erw. 6,
bestätigt im Urteil vom 19. Februar 2008 [U 394/06] Erw. 10.1) vom Unfallereignis
auszugehen. Dabei besteht ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen den
Beschwerden und dem Unfall, wenn dem Unfall eine massgebende Bedeutung für die
Entstehung der Beschwerden zukommt. Dies trifft dann zu, wenn er eine gewisse
Schwere aufweist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt. Für die
Beurteilung dieser Frage ist an das Unfallereignis anzuknüpfen, wobei - ausgehend
vom augenfälligen Geschehensablauf - zwischen banalen bzw. leichten Unfällen
einerseits, schweren Unfällen anderseits und schliesslich dem dazwischen liegenden
mittleren Bereich unterschieden wird. Während der adäquate Kausalzusammenhang in
der Regel bei schweren Unfällen ohne Weiteres bejaht und bei leichten Unfällen
verneint werden kann, lässt sich die Frage der Adäquanz bei Unfällen aus dem
mittleren Bereich nicht aufgrund des Unfallgeschehens allein schlüssig beantworten. Es
sind weitere, objektiv erfassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall in
Zusammenhang stehen oder als direkte bzw. indirekte Folgen davon erscheinen, in
eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Dabei müssen rechtsprechungsgemäss (vgl.
BGE 115 V 140 Erw. 6c; SVR 1999 UV Nr. 10 S. 31 Erw. 2, 2001 UV Nr. 8 S. 32, je mit
Hinweisen) die weiteren unfallbezogenen Kriterien entweder in gehäufter oder
auffallender Weise oder ein einziges Kriterium in besonders ausgeprägter Weise erfüllt
sein, damit die Adäquanz bejaht werden kann. Als in die Adäquanzbeurteilung
einzubeziehende Kriterien nennt die Rechtsprechung (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa):
besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls,
die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre
erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen, ungewöhnlich
lange Dauer der ärztlichen Behandlung, körperliche Dauerschmerzen, ärztliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert, schwieriger
Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen und Grad und Dauer der physisch
bedingten Arbeitsunfähigkeit.
2.3 Bei der im Rahmen der Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs
vorzunehmenden Katalogisierung ist der Unfall aufgrund des Geschehensablaufs, der
biomechanischen Beurteilung vom 14. Februar 2006 (Suva-act. 88) gestützt auf die
technische Unfallanalyse vom 26. Dezember 2005 (Suva-act. 86) sowie mit Blick auf
die entsprechende Kasuistik (vgl. Rumo-Jungo, Rechtsprechung des Bundesgerichts
zum Sozialversicherungsrecht, UVG, 3. Aufl., S. 55 ff) den mittelschweren Unfällen
zuzuordnen.
2.4 Der adäquate Kausalzusammenhang wäre daher zu bejahen, wenn ein einzelnes
der für die Beurteilung massgebenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise
erfüllt wäre oder die zu berücksichtigen Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise
gegeben wären.
2.4.1 Gemäss der biomechanischen Beurteilung vom 14. Februar 2006 erfuhr der
Personenwagen des Beschwerdeführers beim Unfall vom 19. Dezember 2004 vier bis
fünf Zusammenstösse an verschiedenen Lokalisationen. Die Unfallanalyse ergab drei
frontale und eine seitliche Kollision. Einem solchen Unfall auf der Autobahn ist eine
gewisse Eindrücklichkeit nicht abzusprechen. Allerdings kann nicht von einer
besonderen Eindrücklichkeit oder von besonders dramatischen Begleitumständen
ausgegangen werden, welche objektiv geeignet wären, bei Betroffenen psychische
Abläufe in Bewegung zu setzen.
2.4.2 Der Beschwerdeführer hat auch keine schweren Verletzungen oder
Verletzungen besonderer Art erlitten. Die Diagnose eines Schleudertraumas oder einer
schleudertraumaähnlichen Verletzung der HWS vermag die Schwere oder besondere
Art der erlittenen Verletzung für sich allein nicht zu begründen.
2.4.3 Anzeichen einer ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen
erheblich verschlimmert hätte, sind aus den medizinischen Akten nicht ersichtlich.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.4.4 Bei der Beurteilung der Kriterien der ungewöhnlich langen ärztlichen
Behandlung und der körperlichen Dauerschmerzen ist zu beachten, dass bereits
unmittelbar nach dem Unfallereignis psychische Beschwerden auftraten. Im Schreiben
des Psychiatrischen Zentrums Rorschach vom 11. Februar 2005 (Suva-act. 27) wurde
bereits die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung gestellt. Im Rahmen
Komorbidität könne von einer mittelgradig depressiven Episode ausgegangen werden.
Das nach der HWS-Verletzung aufgetretene Beschwerdebild wurde schon bald nicht
mehr vorwiegend durch organische, sondern vielmehr durch psychische Faktoren
aufrechterhalten. Da bei der Adäquanzbeurteilung allerdings der psychische
Gesundheitsschaden nicht mitberücksichtigt werden darf (BGE 123 V 99 E. 2a), sind
das Kriterium der ungewöhnlich langen ärztlichen Behandlung und der körperlichen
Dauerschmerzen zu verneinen, zumal im MEDAS-Gutachten festgehalten wurde, dass
aus rheumatologischer Sicht lediglich muskelkräftigende Massnahmen im Bereich der
Rumpf-/Nacken-muskulatur eventuell günstig sein könnten. Neben
physiotherapeutischen Massnahmen erfolgten bis zur Begutachtung keine
nennenswerten ärztlichen Behandlungen. Der stationäre Aufenthalt in der Klinik Gais
vom 21. März bis 15. April 2005 erfolgte hauptsächlich zur psychischen Rehabilitation.
2.4.5 Mangels bleibender physischer, objektivierbarer Verletzung erübrigen sich
schliesslich auch die Fragen nach der Schwierigkeit des Heilungsverlaufs und der
Erheblichkeit von diesbezüglichen Komplikationen.
2.4.6 Nachdem die bestehenden Beschwerden gemäss den medizinischen Akten
schon sehr früh auf psychische Störungen zurückzuführen oder nicht mehr unfallkausal
waren, basiert auch die dadurch verursachte Arbeitsunfähigkeit hauptsächlich auf
psychischen Ursachen. Das MEDAS-Gutachten attestierte dem Beschwerdeführer aus
rheumatologischer Sicht für eine adaptierte Tätigkeit eine 80%ige Arbeitsfähigkeit. Als
Diagnose wurde ein chronisches zervikovertebrales Schmerzsyndrom gestellt, wobei
auch unfallfremde Faktoren - Fehlform der oberen Wirbelsäule mit Hyperlordose der
HWS und Kopfpropulsionshaltung - mitberücksichtigt wurden. Sodann ist zu beachten,
dass die verbleibenden Einschränkungen ebenfalls vorwiegend durch psychische
Faktoren beeinflusst werden, wobei eine genaue Aufteilung in somatische und
psychische Beschwerden nicht ersichtlich ist. Somit kann insgesamt betrachtet auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das Kriterium des Grads und der Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit nicht
als genügend erfüllt gelten.
2.5 Da somit keines der zu berücksichtigenden Kriterien erfüllt ist, muss der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 19. November 2004 und den
geklagten psychischen Beschwerden verneint werden. Die Einstellung der
Versicherungsleistungen per 31. Januar 2007 lässt sich daher nicht beanstanden.
3.
3.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
3.3 Mit Schreiben vom 26. Juli 2007 wurde dem Beschwerdeführer im Verfahren UV
2007/72 die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verfahren vor dem
Versicherungsgericht bewilligt (act. G 9 in UV 2007/72). Die Bewilligung überträgt sich
nach der Aufhebung des Entscheids vom 4. März 2008 durch das Bundesgericht auf
das vorliegende Verfahren. Der Beschwerdeführer hat somit Anspruch auf
Entschädigung seiner Rechtsvertreterin durch den Staat. Dabei ist zu berücksichtigen,
dass dem unentgeltlichen Rechtsbeistand lediglich ein um 20% reduziertes Honorar
zusteht (vgl. Art. 31 des Anwaltsgesetzes, sGS 963.70). Ein Betrag von Fr. 3'200.--
(80% von Fr. 4'000.--; inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) scheint der
Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG