Decision ID: 199d8079-2418-4d6f-bc32-25e39aa51251
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
H._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Hochreutener, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
IV-Leistungen (Nichteintreten)
Sachverhalt:
A.
A.a H._, geboren 1964, meldete sich erstmals mit Gesuch vom 23. Juni 2005 zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (Umschulung) an (IV-act. 9-6/7). Seit
1990 arbeitet sie als Montagearbeiterin bei der A._ AG (IV-act. 25). Anlässlich der
polydisziplinären Untersuchung in der MEDAS Ostschweiz vom 17. bis 19. Oktober
2005 wurde eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, ein diffuses chronisches
Schmerzsyndrom lumboischialgiform rechts mehr als links sowie cervikocephal und
pectoral links mit vielen vegetativen Begleitbeschwerden und ein das übliche
Altersausmass nicht wesentlich übersteigendes chronisches lumbospondylogenes
Syndrom bei degenerativen Veränderungen diagnostiziert (IV-act. 28-7/15). Zur
Arbeitsfähigkeit wurde im Gutachten vom 9. November 2005 ausgeführt, dass diese
vordergründig durch ein diffuses chronisches Schmerzsyndrom eingeschränkt sei,
welches nur zu einem kleineren Teil objektivierbar sei. Von wesentlicher Bedeutung
seien die psychosozialen Faktoren. Unter Beachtung aller Aspekte werde die
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit für körperlich leichte bis mittelschwere
rückenadaptierte Tätigkeiten auf 20 % geschätzt. Körperlich schwere Arbeiten seien
aufgrund des chronischen Schmerzsyndroms nicht mehr möglich (IV-act. 28-8/15).
A.b Mit Verfügung vom 4. Januar 2006 lehnte die IV-Stelle die Kostengutsprache für
berufliche Massnahmen ab (IV-act. 37). Gemäss den Abklärungen sei die Versicherte
angemessen eingegliedert. Berufliche Massnahmen seien daher nicht notwendig. Am
24. Januar 2006 erhob die Versicherte mündlich Einsprache gegen die Verfügung vom
4. Januar 2006 (IV-act. 38). Sie sei nicht in der Lage, ihre Anstellung gemäss den
Angaben im Gutachten im Rahmen von 80 % auszuführen. Ab Juni bis 8. November
2005 habe sie 50 % gearbeitet. Danach habe sie bis Mitte Januar 2006 aufgrund einer
Unterleibsoperation gar nicht gearbeitet. Mit Arztbericht vom 27. März 2006 teilte Dr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
med. B._ der IV-Stelle mit, dass die Patientin zur Zeit weiterhin zu 50 %, d.h.
halbtags, als Montagearbeiterin am Band bei der Firma A._ arbeite (IV-act. 49-1/3).
A.c Mit Entscheid vom 23. Mai 2006 wies die IV-Stelle die Einsprache gegen die
Verfügung vom 4. Januar 2006 betreffend berufliche Massnahmen ab (IV-act. 52). Die
am 9. November 2005 im Kantonalen Spital Heiden vorgenommene Hysterektomie
habe nur eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit zur Folge gehabt. Auch die
mittlerweile durchgeführte Facetteninfiltration würde keine zusätzliche
Arbeitsunfähigkeit begründen, sondern im günstigen Fall die Arbeitsfähigkeit sogar
positiv beeinflussen. Zusammenfassend wurde festgehalten, dass sich die Versicherte
subjektiv als nur 50 % arbeitsfähig erachte. Gestützt auf das MEDAS-Gutachten vom
9. November 2005 sei die Versicherte jedoch für körperlich leichte bis mittelschwere
rückenadaptierte Tätigkeiten zu 80 % arbeitsfähig. Die Versicherte sei grundsätzlich
erfolgreich eingegliedert. Somit seien keine beruflichen Massnahmen angezeigt. Die
Verfügung sei somit nicht zu beanstanden. Dieser Einspracheentscheid vom 23. Mai
2006 ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
B.
B.a Mit Eingabe vom 8. August 2006 ersuchte der Rechtsvertreter der Versicherten um
Durchführung weiterer Abklärungen. Dabei sei die funktionelle Leistungsfähigkeit an
einem angepassten Arbeitsplatz durch einen Arbeitsmediziner abklären zu lassen. Dies
sei umso mehr angezeigt, als das MEDAS-Gutachten ohne Einholung eines
Arbeitgeberberichts erstellt worden sei. Mit dem Ersuchen um weitere Abklärungen
wurde ein Schreiben der Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen vom 5. Juli 2006
eingereicht, in welchem zu Fragen der Versicherten Stellung genommen wurde (IV-act.
60 und 61). Dabei wurde zur Arbeitsfähigkeit der Versicherten insbesondere ausgeführt,
dass die körperliche Belastbarkeit aufgrund der radiologischen Befunde eingeschränkt
sei. Eine 100% objektivierte Beurteilung sei nie möglich. Auch sei eine getrennte
Bestimmung der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der körperlichen bzw.
psychischen Beschwerden nicht möglich. Gesamthaft gesehen sei die Patientin
mindestens 50% arbeitsfähig. Ob nun jedoch eine 50%-ige oder 80%-ige
Arbeitsfähigkeit bestehe, könne aus neurochirurgischer Sicht nicht ausreichend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beurteilt werden. Dies bleibe spezifischen arbeitsmedizinischen Tests an dafür
qualifizierten Instituten vorbehalten (IV-act. 61-2/2).
B.b Mit Vorbescheid vom 15. Februar 2007 wurde der Versicherten mitgeteilt, dass auf
ihr Gesuch vom 8. August 2006 nicht eingetreten werde. Aus dem Arztbericht der
Neurochirurgie würden sich keine neuen Aspekte ergeben, welche anlässlich der
MEDAS-Begutachtung nicht bereits bekannt gewesen seien (IV-act. 69). Eine erneute
Prüfung sei nur möglich, wenn glaubhaft dargelegt werde, dass sich die tatsächlichen
Verhältnisse nach dem Verfügungsdatum in einer für den Anspruch erheblichen Weise
verändert hätten. Eine andere Beurteilung des gleichen Sacherhalts sei nicht möglich.
Mit Eingabe vom 19. März 2007 liess die Versicherte Einwände gegen den Vorbescheid
erheben. Dabei wies sie insbesondere darauf hin, dass die Beantwortung der offenen
medizinischen Fragen auch im Hinblick auf die Beurteilung des sinngemäss gestellten
Rentenbegehrens von wesentlicher Bedeutung sei. Eine verlässliche Prüfung des
Leistungsbegehrens könne ohne die im neurochirurgischen Gutachten empfohlenen
arbeitsmedizinischen Abklärungen nicht durchgeführt werden. Unter diesen
Umständen könne offen bleiben, ob die Voraussetzungen einer Revision gegeben
seien. Am 21. Mai 2007 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid und trat
auf das Gesuch nicht ein (IV-act. 71).
C.
C.a Gegen die Nichteintretensverfügung vom 21. Mai 2007 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 20. Juni 2007. Die Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und die Streitsache sei zur materiellen Beurteilung des
Begehrens um Durchführung weiterer Abklärungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Dabei macht sie insbesondere geltend, die Rechtskraft einer
Verfügung beziehe sich auf den Sachverhalt im Zeitpunkt des Verfügungserlasses. Die
Frage der Revision bzw. der Abänderung stelle sich allerdings nur, wenn es um die
gleiche Sache gehe. Wenn mit einer Verfügung die Frage von beruflichen Massnahmen
geklärt worden sei und wenn die versicherte Person im Anschluss daran eine Rente
verlange, könne nicht von einer gleichen Sache gesprochen werden. Aus dem
Einspracheentscheid vom 23. Mai 2006 gehe klar hervor, dass lediglich der Anspruch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf berufliche Massnahmen geprüft worden sei. Ob und gegebenenfalls in welchem
Umfang sich die ärztlich festgestellte Einschränkung der funktionellen
Leistungsfähigkeit auf das Einkommen auswirke, sei gar nicht erst geprüft worden. Die
IV-Stelle habe zum Rentenanspruch somit noch nicht Stellung bezogen, obwohl sich
die Prüfung der Frage aufgrund der Aktenlage aufgedrängt habe. Die
Beschwerdegegnerin wäre verpflichtet gewesen, auf das Begehren materiell
einzutreten und im Rahmen ihrer Untersuchungspflicht zumindest zu prüfen, ob und
gegebenenfalls in welchem Rahmen sich mit Blick auf die vorliegende Aktenlage,
namentlich auch den neurochirurgischen Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom
5. Juli 2006, weitere medizinische Abklärungen aufdrängten (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 21. August
2007 die Abweisung der Beschwerde. Zwar rüge die Beschwerdeführerin zu Recht,
dass zu Unrecht nicht auf ihr Gesuch eingetreten worden sei, da bis anhin noch nie
über einen allfälligen Rentenanspruch verfügt worden sei. Da jedoch der vorliegende
Sachverhalt entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin eine Beurteilung der
Rentenfrage zulasse, sei eine Rückweisung der Streitsache nicht notwendig und würde
einzig zu einen prozessualen Leerlauf führen. Im Weitern wird ausgeführt, dass in
Bezug auf die Eingliederungsmassnahmen, für welche die Revisionsbestimmungen von
Art. 87 Abs. 3 IVV in analoger Weise gelten würden, keine erhebliche Veränderung
glaubhaft gemacht worden sei (act. G 4).
C.c In der Replik vom 31. August 2007 lässt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten. Zur Begründung führt sie insbesondere aus, dass im
verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren nur Rechtsverhältnisse überprüft bzw.
beurteilt werden können, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig
verbindlich in Form einer Verfügung Stellung genommen hat. Vorliegend habe die
Beschwerdegegnerin zur Rentenfrage noch gar nie in verbindlicher Verfügungsform
Stellung bezogen. Insoweit könne das Gericht gar nicht materiell-rechtlich zur
Rentenfrage Stellung beziehen, zumal es diesbezüglich an einem Anfechtungsobjekt
fehle. Daran würden auch prozessökonomische Gründe nichts ändern. Zudem sei auch
der Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt worden. Denn erstmals in der
Beschwerdeantwort werde das Nichteintreten damit begründet, dass ohnehin kein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenanspruch bestünde und deshalb aus prozessökonomischen Gründen gleich im
Beschwerdeverfahren über die Rentenfrage entschieden werden könne (act. G 6).
C.d In der Duplik vom 4. September 2007 verweist die Beschwerdegegnerin auf ihre
Ausführungen in der Beschwerdeantwort und hält fest, dass sie insofern zu Recht nicht
auf das Revisionsgesuch der Beschwerdeführerin eingetreten sei, als diese
Eingliederungsmassnahmen beantragt habe (act. G 8).
C.e Auf weitere Vorbringen der Parteien wird, sofern wesentlich, im Rahmen der

nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
467 E. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der streitigen Verfügung eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 121 V 366
E. 1b), sind vorliegend die bis zum 31. Dezember 2007 geltenden materiellen
Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Nach Art. 29 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 IVG hat sich bei der IV-
Stelle anzumelden, wer auf Leistungen der Versicherung Anspruch erhebt. Nach der
Rechtsprechung wahrt die versicherte Person mit der Anmeldung grundsätzlich alle
nach den Umständen vernünftigerweise in Betracht fallenden Leistungsansprüche,
selbst wenn sie diese im Anmeldeformular nicht ausdrücklich oder im einzelnen
aufführt. Die Abklärungspflicht der IV-Stelle erstreckt sich auf die nach dem
Sachverhalt und der Aktenlage im Bereich des Möglichen liegenden Leistungen.
Insoweit trifft die Verwaltung auch eine Verfügungspflicht. Macht die versicherte Person
später geltend, es bestehe abgesehen von der verfügungsmässig zugesprochenen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bzw. verweigerten Leistung noch Anspruch auf eine andere Versicherungsleistung und
sie habe sich hiefür rechtsgültig angemeldet, so ist nach den gesamten Umständen
des Einzelfalles im Lichte des Grundsatzes von Treu und Glauben zu prüfen, ob jene
frühere ungenaue Anmeldung auch den zweiten, allenfalls später substantiierten
Anspruch umfasst (BGE 121 V 196 neues Fenster Erw. 2, 111 V 264 Erw. 3b; Urteil Z.
vom 14. Juni 2005, I 10/05; Ueli Kieser, Das Verwaltungsverfahren in der
Sozialversicherung, Zürich 1999, S. 184).
2.2 Aus dem Verlauf des Administrativverfahrens und insbesondere aus dem
Verfügungstext geht hervor, dass nur der Anspruch auf berufliche Massnahmen
Gegenstand der Verwaltungsverfügung vom 4. Januar 2006 sowie des
Einspracheentscheids vom 23. Mai 2006 bildete. So trägt die Verfügung der IV-Stelle
(IV-act. 37) die Überschrift "Keine Kostengutsprache für berufliche Massnahmen".
Zudem hielt sie ausdrücklich fest, sie habe aufgrund des Gesuches den Anspruch auf
berufliche Massnahmen geprüft. Nach Art. 8 IVG hätten Invalide oder von einer
Invalidität unmittelbar bedrohte Personen Anspruch auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen, die notwendig und geeignet seien, die Erwerbsfähigkeit
wiederherzustellen, zu verbessern oder zu erhalten. Die Abklärungen hätten ergeben,
dass die Versicherte angemessen eingegliedert sei. Berufliche Massnahmen seien
daher nicht notwendig. Das Leistungsbegehren werde daher abgewiesen. Dass
dispositivmässig generell das "Leistungsbegehren" abgewiesen wurde, ändert nichts
daran, dass nur der Anspruch auf berufliche Massnahmen Gegenstand der Verfügung
bildete. Dasselbe gilt für den die Verfügung bestätigenden Einspracheentscheid vom
23. Mai 2006 (IV-act. 52).
3.
3.1 Am 8. August 2006 gelangte die Versicherte an die IV-Stelle und ersuchte um die
Durchführung weiterer Abklärungen (IV-act. 60-1/2). Dazu reichte sie eine
Stellungnahme der Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen vom 5. Juli 2006 ein
(IV-act. 61). Eine eingehende Abklärung der funktionellen Leistungsfähigkeit an einem
angepassten Arbeitsplatz sei angezeigt. Die IV-Stelle ist auf das Begehren mit der
Begründung nicht eingetreten, es seien mit dem neuen Gesuch keine neuen Tatsachen
geltend gemacht worden, welche nicht bereits beim Erlass der Verfügung vom 4.
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=I+581%2F05&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F121-V-195%3Ade&number_of_ranks=0#page196
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Januar 2006 bekannt gewesen seien (IV-act. 69 und 71). Die Beschwerdegegnerin hat
das Gesuch der Beschwerdeführerin vom 8. August 2006 unbestrittenermassen einzig
im Hinblick auf die bereits mit Verfügung vom 4. Januar 2006 und Einspracheentscheid
vom 23. Mai 2006 rechtskräftig entschiedene Frage der beruflichen Massnahme
beurteilt. Die Rentenfrage wurde bis zum Erlass der Nichteintretensverfügung vom 21.
Mai 2007 nicht abgeklärt, obwohl die Beschwerdeführerin in ihrem Einwand zum
Vorbescheid vom 15. Februar 2007 auch auf das sinngemäss gestellte
Rentenbegehren hingewiesen hat. Die Beschwerdegegnerin führt dazu erstmals in der
Beschwerdeantwort vom 21. August 2007 aus, sie sei zu Unrecht nicht auf das Gesuch
eingetreten, weil bis anhin noch nie über einen allfälligen Rentenanspruch verfügt
worden sei (act. G 4 Ziff. III.1 S. 3).
3.2 Nach Art. 87 Abs. 4 IVV wird, wenn eine Rente wegen eines zu geringen
Invaliditätsgrades verweigert wurde, eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die
Voraussetzungen gemäss Abs. 3 erfüllt sind. Danach ist vom Versicherten im Gesuch
glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch
erheblichen Weise geändert hat (vgl. hiezu BGE 109 V 114 neues Fenster Erw. 2, 264
Erw. 3). Dieselben Grundsätze gelten praxisgemäss in analoger Weise auch für
Eingliederungsleistungen (BGE 130 V 66 neues Fenster Erw. 2, 109 V 122 Erw. 3).
3.3 Mit Art. 87 Abs. 4 IVV soll verhindert werden, dass sich die Verwaltung nach
vorangegangener rechtskräftiger Rentenverweigerung immer wieder mit
gleichlautenden und nicht näher begründeten, d.h. keine Veränderung des
Sachverhalts darlegenden Gesuchen befassen muss (BGE 130 V 68 neues Fenster
Erw. 5.2.3, 117 V 200 Erw. 4b mit Hinweisen). Die von Verordnungsgeber und
Rechtsprechung (BGE 109 V 108 neues Fenster, 119 und 262) entwickelten Regeln zur
Behandlung von Neuanmeldungen nach Erlass einer rechtskräftigen
leistungsablehnenden Verfügung beziehen sich ihrem Sinn und Zweck nach nur auf
gleichlautende Leistungsgesuche (BGE 117 V 200 neues Fenster Erw. 4b mit
Hinweisen). Dagegen kann bei Geltendmachung eines andersartigen
Leistungsanspruchs, mithin eines anderweitigen Versicherungsfalles, die
Rechtsbeständigkeit der früheren Leistungsverweigerung dem Versicherten nicht
entgegengehalten werden. Verwaltung - und im Beschwerdefall das Gericht - haben
ein neuerliches, jedoch andersartiges (vom Gegenstand der vorangegangenen
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=I+581%2F05&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F109-V-108%3Ade&number_of_ranks=0#page114 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=I+581%2F05&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-V-64%3Ade&number_of_ranks=0#page66 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=I+581%2F05&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-V-64%3Ade&number_of_ranks=0#page68 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=I+581%2F05&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F109-V-108%3Ade&number_of_ranks=0#page108 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=I+581%2F05&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-V-198%3Ade&number_of_ranks=0#page200
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ablehnungsverfügung nicht erfasstes) Leistungsbegehren in tatsächlicher und
rechtlicher Hinsicht einer umfassenden Prüfung zu unterziehen. Es geht daher nicht an,
dass die Verwaltung nach einer früheren - mit der angemessenen Eingliederung
begründeten - Verweigerung beruflicher Eingliederungsmassnahmen auf ein
Rentenbegehren nicht eintritt mit der Begründung, die versicherte Person habe im
neuerlichen Gesuch keine leistungsrelevante Änderung der tatsächlichen Verhältnisse
geltend machen können (SVR 1999 IV Nr. 21 S. 63).
3.4 So verhält es sich auch mit Bezug auf die Beschwerdeführerin. Bei dem zumindest
sinngemäss geltend gemachten Anspruch auf eine Invalidenrente kann es sich nicht
um eine Neuanmeldung handeln, weil das von der Beschwerdegegnerin erwähnte, mit
Einspracheentscheid vom 23. Mai 2006 rechtskräftig abgeschlossene Verfahren, einzig
berufliche Massnahmen zum Gegenstand hatte, wogegen vorliegend der
Rentenanspruch streitig ist. Da die Beschwerdegegnerin – wie sie selber ausführt – bei
der gegebenen Sach- und Rechtslage somit zu Unrecht auf das Rentengesuch nicht
eingetreten ist, ist die Verfügung vom 21. Mai 2007 aufzuheben, und es ist die Sache
zur materiellen Beurteilung der Rentenfrage und entsprechender neuer Verfügung an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die von der Beschwerdegegnerin gegen
eine Rückweisung geltend gemachten prozessökonomischen Einwände vermögen
unter den vorliegenden Umständen nichts daran zu ändern.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Verfügung vom 21. Mai 2007 aufzuheben und die
Sache ist zur materiellen Beurteilung der Rentenfrage und entsprechender neuer
Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (ZAK 1987 S. 268 Erw. 5a). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vollumfänglich. Da sie gemäss Art. 3 Abs. 1 lit. b des st. gallischen
Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (sGS 350.1) Teil der Sozialversicherungsanstalt und damit Teil
einer selbständigen öffentlich-rechtlichen Anstalt ist, kommt Art. 95 Abs. 3 VRP
(Befreiung von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten) nicht zur Anwendung (vgl.
Urs Peter Cavelti/Thomas Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen –
dargestellt an den Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl., 2003, Rz 792). Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu
bezahlen.
4.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers verzichtete auf das
Einreichen einer Kostennote. Im vorliegenden Fall erscheint eine Parteientschädigung
von Fr. 3'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG