Decision ID: 39a7b180-3ebd-5a53-9e25-70652c30b9a8
Year: 2006
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Mit Verfügung vom 22. April 2005 legte das kantonale Tiefbauamt (TBA) den
Kantonsbeitrag an den Unterhalt von Gemeindestrassen (inklusive Rad- und Wanderwege)
der Einwohnergemeinde Lauterbrunnen für die Jahre 2004 und 2005 fest. Aufgrund der
anrechenbaren Strassenlänge (Gemeindestrassen erster bis dritter Klasse plus 10 % der
Rad- und Wanderwege, die nicht über Strassen erster bis dritter Klassen führen) von
insgesamt 62'541 km bezifferte es den noch ausstehenden Betrag für das Jahr 2004 auf
Fr. 8'692.60. Den Betrag für das Jahr 2005 setzte es auf Fr. 167'700.40 fest.
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2. Gegen diese Verfügung erhob die Einwohnergemeinde Lauterbrunnen handelnd
durch den Gemeinderat am 23. Mai 2005 bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des
Kantons Bern (BVE) Verwaltungsbeschwerde. Als Begründung führte sie an, die
Gemeindestrasse Stechelberg – Trachsellauenen sei fälschlicherweise nicht in das
Gemeindestrassennetz erster bis dritter Klasse aufgenommen, sondern als
Viertklassfahrweg eingestuft worden. Sie habe seit 1997 für diese Strasse den
Unterhaltsbeitrag für Gemeindestrassen erster bis dritter Klasse erhalten. An der Strasse
seien keine baulichen Veränderungen vorgenommen worden, welche eine Rückstufung
rechtfertigen würden. Der Kantonsbeitrag an den Unterhalt der Gemeindestrassen sei
deshalb zu korrigieren.
3. In seiner Vernehmlassung vom 4. Juli 2005 beantragte das TBA die Abweisung der
Beschwerde. Es machte geltend, für die Einstufung der Strassen sei einzig das Kartenwerk
des Bundesamtes für Landestopografie massgebend. Die zur Zeit geltende
Strassenlängenstatistik basiere auf der Landeskarte 1:25'000 (Nachführungsstand
2000/01/02/03). Die Landeskarten würden in einem Rhythmus von ungefähr sechs Jahren
nachgeführt. Der in der Beschwerde der Einwohnergemeinde Lauterbrunnen erwähnte
Strassenabschnitt sei im Übersichtsplan 1 : 25'000 für die Strassenlängenstatistik 1997 als
Drittklassstrasse eingestuft gewesen. Im aktuellen Kartenwerk sei sie neu als Strasse
vierter Klasse eingestuft worden. Nach Ansicht des TBA entspricht die Strasse
grundsätzlich einer Drittklassstrasse. Ein Grund für die Rückstufung könne aber darin
liegen, dass die Strasse mit einem Fahrverbot belegt sei1.
4. Das mit der Instruktion des Verfahrens betraute Rechtsamt der BVE führte den
Schriftenwechsel durch. Es forderte sodann die Einwohnergemeinde Lauterbrunnen auf
mitzuteilen, ob die strittige Strasse eine Gemeindestrasse im Sinne der
Strassenbaugesetzgebung sei. Allfällige Beweismittel seien einzureichen.
5. In ihrer Stellungnahme vom 19. September 2005 führte die Einwohnergemeinde
Lauterbrunnen aus, auf der strittigen Strasse bestehe kein rechtskräftiges Fahrverbot,
1 Vgl. dazu Bundesamt für Landestopografie, Karten-Signaturen, Illustrierte Ergänzung zur Zeichenerklärung der Landeskarten (LK) der Schweiz
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welches vom Strassenverkehrsamt beziehungsweise dem Tiefbauamt des Kantons Bern
genehmigt worden sei. Die Strasse sei über 3 m breit und könne mit Lastwagen und
Tiefgängern befahren werden. Sie genüge damit den Anforderungen einer
Drittklassstrasse. Sie vermute, dass die beauftragte Person der Landestopographie bei der
Begehung teilweise die alte Strasse Stechelberg - Trachsellauenen befahren habe, welche
heute als Wanderweg diene. Die Gemeinde reichte Fotos der strittigen Strasse als
Beweismittel ein.
6. Die BVE orientierte die Beschwerdeführerin über die publizierte Praxis der
Rechtsmittelbehörden. Sie gab ihr Gelegenheit, die Beschwerde ohne Kostenfolge
zurückzuziehen. Die Beschwerdeführerin und das TBA erhielten die Gelegenheit,
Schlussbemerkungen einzureichen.
Auf die Rechtsschriften und Akten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Die Verfügung des TBA vom 22. April 2005 ist gemäss Art. 62 Abs. 1 Bst. a VRPG2
bei der BVE anfechtbar. Die Beschwerdeführerin rügt, die bezeichnete Strasse sei
fälschlicherweise als Strasse vierter statt dritter Klasse eingestuft worden. Die Berechnung
des Kantonsbeitrages sei deshalb unkorrekt erfolgt und zu korrigieren. Als Empfängerin
des fraglichen Beitrages hat sie ein schutzwürdiges Interesse an der Änderung der
angefochtenen Verfügung (Art. 65 Bst. a und Art. 12 Bst. b VRPG). Auf die form- und
fristgerecht eingereichte Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. Laut Art. 46 Abs. 1 SBG3 kann der Kanton an den Unterhalt und an den Winterdienst
aller Gemeindestrassen Beiträge leisten. Über Art und Bemessung der Beiträge und Leistungen des Kantons an die Strassenbaukosten stellt der Grosse Rat durch Dekret
2 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 3 Gesetz vom 2. Februar 1964 über Bau und Unterhalt der Strassen (Strassenbaugesetz, SBG; BSG 732.11)
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nähere Vorschriften auf (Art. 86 Abs. 1 SBG). Er setzt periodisch den Höchstbetrag der
jährlichen Beitragszusicherung fest (Art. 11 Abs. 3 SFD4). Laut Art. 12 Abs. 2 SFD sind
Gemeindestrassen einschliesslich der Rad- und Wanderwege gemäss kantonalem
Konzept oder kantonaler Richtplanung beitragsberechtigt. Es ist daher vorweg zu prüfen,
ob die umstrittene Strasse überhaupt eine Gemeindestrasse im Sinne dieser Bestimmung
darstellt.
a) Laut Art. 9 Abs. 1 SBG sind Gemeindestrassen die von den Gemeinden oder ihren
Unterabteilungen zum Zwecke der allgemeinen Benützung gebauten oder als solche
eingereihten Strassen sowie die gemäss dem Baugesetz im Gemeindeeigentum
stehenden Erschliessungsstrassen (Art. 5 Ziff. 3 und Art. 9 Abs. 1 SBG). Sie dienen dem
innern Verkehr im Gebiet einer Ortschaft oder verbinden Ortschaften, Weiler, Quartiere
unter sich, mit einer Nachbargemeinde, einer Staatsstrasse, Bahnstationen oder einer
andern Sammelstelle des Verkehrs (Art. 9 Abs. 2 SBG). Gemeindestrassen sind dem
Gemeingebrauch gewidmet, d.h. dass ihre Benützung im Rahmen der gesetzlichen
Vorschriften jedermann gestattet ist (Art. 9 Abs. 1 und Art. 10 in Verbindung mit Art. 50
SBG). Sie gelten somit als öffentliche Strassen (Art. 1 Bst. a, Art. 5 und Art. 9 SBG).
b) Der Beweis, dass es sich bei einer Strasse um eine Gemeindestrasse im Sinne von
Art. 9 Abs. 1 SBG handelt, kann zum Beispiel mittels Auszug aus dem Register im Sinne
von Art. 17 Abs. 2 SBG oder mittels Grundbuchauszug, Verkehrsrichtplan oder
Überbauungsordnung erbracht werden. Im vorliegenden Falle hat die Beschwerdeführerin
trotz ausdrücklicher Aufforderung durch die BVE keine Beweismittel vorgelegt. Sie hat den
Nachweis nicht erbracht, dass die strittige Strasse eine Gemeindestrasse ist.
Laut Art. 18 Abs. 1 VRPG stellen die Behörden den Sachverhalt von Amtes wegen fest.
Eingegrenzt wird diese Untersuchungspflicht durch die Mitwirkungspflicht der Parteien.5
Diese sind verpflichtet, zur Ermittlung des Sachverhalts beizutragen. Die instruierende
Behörde muss keine weiteren Abklärungen treffen, wenn eine Partei einen Sachumstand
ohne weiteres belegen könnte, dies aber unterlässt.6 Wer aus einer beweisbedürftigen
Tatsache etwas für seinen Rechtsstandpunkt ableiten will, trägt die Beweislast.7 Die
Beschwerdeführerin hat nicht belegt, dass es sich beim strittigen Strassenstück um eine
4 Strassenfinanzierungsdekret vom 12. Februar 1985 (SFD; BSG 732.123.42) 5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 18 N. 4 6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a. a. O., Art. 20 N. 1 7 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a. a. O., Art. 19 N. 3
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Gemeindestrasse im oben erwähnten Sinn handelt, obwohl sie über die nötigen
Beweismittel verfügen müsste. Die Strasse erfüllt daher die Voraussetzungen von Art. 46
Abs. 1 SBG und Art. 12 Abs. 2 SFD nicht. Sie ist somit von vornherein nicht
beitragsberechtigt, unabhängig davon, ob sie als Strasse erster bis dritter Klasse eingereiht
ist oder nicht.
c) Es besteht zudem ein Indiz dafür, dass es sich beim fraglichen Strassenstück nicht
um eine Gemeindestrasse im Sinne von Art. 9 Abs. 1 SBG handelt. Laut Angaben des TBA
ist die Strasse mit einem Fahrverbot belegt.8 Die Beschwerdeführerin nimmt dazu
folgendermassen Stellung:9 „Auf der Gemeindestrasse Stechelberg-Trachsellauenen
besteht zur Zeit kein rechtskräftiges Fahrverbot, welches vom Strassenverkehrsamt (...)
bzw. vom Tiefbauamt (...) genehmigt wurde.“ Sie macht jedoch nicht geltend, die Angaben
des TBA seien falsch, d.h. es habe überhaupt kein Fahrverbot. Die BVE hat keinen Anlass,
an den Angaben des TBA zu zweifeln. Sie geht davon aus, dass ein Fahrverbot besteht.
Einer Zustimmung des TBA (bzw. vor dem 1. Januar 2005 des Strassenverkehrsamts)
bedürfen Fahrverbote nur auf Strassen, die dem Gemeingebrauch tatsächlich offen stehen
(Art. 2 KSSV10 in Verbindung mit Art. 82 Abs. 3 SBG und Art. 5 Abs. 1 Bst. b KSSV). Das
deutet darauf hin, dass es sich bei diesem Fahrverbot um ein richterliches Verbot handelt
und dass das fragliche Strassenstück eine (nicht beitragsberechtigte) Privatstrasse im
Sinne von Art. 11 SBG ist.
3. Die Beitragsbemessung ist in Art. 13 SFD geregelt. Die Staatsbeiträge an den Unterhalt der Gemeindestrassen werden nach der Strassenlänge abgestuft (Art. 13 Abs. 5
Bst. a SFD). Massgebend für die Bemessung dieser Beiträge sind laut Art. 13 Abs. 5 Bst. b
SFD folgende Strassenlängen:
 Länge der Gemeindestrassen erster bis dritter Klasse gemäss Einstufung durch das
Bundesamt für Landestopografie (Bst. aa) und
 10 Prozent der Länge der Rad- und Wanderwege gemäss kantonalem Konzept oder
kantonaler Richtplanung, die nicht über Strassen erster bis dritter Klasse führen (Bst.
bb).
8 Vernehmlassung vom 4. Juli 2005, Ziff. 2.2 9 Stellungnahme vom 19. September 2005 10 Verordnung vom 20. Oktober 2004 über die Strassensignalisation (KSSV; BSG 761.151)
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Diese Kriterien zur Berechnung der Staatsbeiträge kamen erstmals für das Jahr 1996 zum
Tragen. Dem Gesetzgeber war es ein Anliegen, ein einfaches System zu schaffen, das
eine gerechte Verteilung der zur Verfügung stehenden Gelder sicherstellt, ohne dass der
Kanton selber alle notwendigen Prüfungen vorzunehmen hat. Er übernahm deshalb
Kriterien, die der Bund seit längerer Zeit für die Ausrichtung der Beiträge aus den
Mineralölsteuern an die Kantone anwendet (Strassenlängenstatistik, basierend auf den
Karten der Landestopografie). Da dieses System der Beitragsausrichtung auf der Ebene
Bund und Kantone seit Jahren gut funktionierte, hielt man es auch für eine angemessene
Lösung im Verhältnis zwischen Kanton und Gemeinden.
a) Massgebend für die Ermittlung der beitragsberechtigten Gemeindestrassen ist die
Landeskarte im Massstab 1:25'000. Als Grundlage dient die aktuelle
Strassenlängenstatistik, die das TBA nach den Weisungen des Bundesamtes für Statistik
erstellt. Das Abstützen auf die Einstufung in der Landeskarte 1:25'000 des Bundesamtes
für Landestopgraphie und auf die jeweils gültige Strassenlängenstatistik erscheint als
praktikable und einfach zu handhabende Lösung, die geeignet ist, eine einheitliche und
angemessene Beitragsausrichtung zu gewährleisten.11 Von den Bestimmungen des SFD
könnte im Einzelfall nur dann abgewichen werden, wenn die Anwendung der jeweils
gültigen Landeskarten zu willkürlichen, krass falschen und unsachlichen Ergebnissen
führen würde, beispielsweise wenn das Bundesamt für Landestopografie bei der
Feststellung der Strassenkategorien willkürlich vorginge und die Einstufung in der
betreffenden Gemeinde krass anders ausfiele als in anderen Gemeinden.
b) Laut der Broschüre „Karten-Signaturen“ des Bundesamts für Landestopografie von
2003 sind Strassen dritter Klasse mindestens 2.80 m breit, meistens mit einem Hartbelag
versehen und bei normalen Verhältnissen mit Lastwagen befahrbar. Sie erschliessen
Dörfer, Weiler und wichtige Einzelgebäude oder stellen wichtige Strassen für Land- und
Forstwirtschaft dar. Strassen vierter Klasse sind mindestens 1.80 m breit, bei normalen
Verhältnissen mit Personenwagen befahrbar, stellen gute Wege für die Forst- und
Landwirtschaft dar und sind möglicherweise mit einem Fahrverbot belegt. Aus diesen
Umschreibungen ergibt sich, dass es Überschneidungen und Grenzfälle zwischen den
Strassen dritter und vierter Klasse geben kann. Bei der Klassierung des Strassennetzes
gehen die Topografen des Bundesamtes nach einheitlichen topografischen Regeln vor. Für
die Beurteilung stehen klare Richtlinien bereit, welche für jede Klasse
11 RBR 2057 vom 9. September 1998 i.S. Gemeinde Melchnau; vgl. auch BVR 2000 S. 277 E. 2a
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Minimalanforderungen formulieren, die in jedem Fall erfüllt sein müssen. Als Kriterien für
die Klassierung werden der Ausbau der Strasse, die Verkehrsbedeutung und die lokale
grafische Darstellungsmöglichkeit im Kartenbild herangezogen.12 Die BVE erachtet es als
nicht wahrscheinlich, dass der zuständige Topograf anlässlich der Feldbegehung im
August 2000 die falsche Strasse besichtigt hat, wie die Beschwerdeführerin vermutet.
c) Gemäss der aktuellen Landeskarte 1:25'000 ist die strittige Strasse (neu) als Strasse
vierter Klasse eingestuft. Unter Berücksichtigung der oben erwähnten Kriterien kommt die
BVE gestützt auf die von der Beschwerdeführerin eingereichten Bilder zum Schluss, dass
die (neue) Klassierung der umstrittenen Strasse nachvollziehbar ist. Es liegt weder ein
krass falsches noch ein unsachliches Ergebnis vor. Zudem ist der BVE bekannt, dass das
Bundesamt für Landestopografie auch in anderen Gemeinden in vergleichbaren Fällen
Rückstufungen vorgenommen hat. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die
Einstufung überall nach den gleichen Kriterien vorgenommen worden ist. Gründe, die ein
Abweichen von der Einstufung durch das Bundesamt für Landestopografie rechtfertigen
könnten, sind daher keine vorhanden. Selbst wenn die strittige Strasse eine
Gemeindestrasse nach Art. 9 SBG wäre, dürfte sie daher bei der Bemessung der Beiträge
nicht berücksichtigt werden.
4. Zusammenfassend steht fest, dass die Beschwerde unbegründet ist. Bei diesem
Ausgang des Verfahrens gilt die Beschwerdeführerin als unterliegende Partei. Da sie in
ihren Vermögensinteressen betroffen ist, hat sie gestützt auf Art. 108 Abs. 1 und 2 VRPG
die Kosten dieses Beschwerdeverfahrens zu tragen. Diese werden auf Fr. 700.00 festgelegt. Parteikosten sind keine zu sprechen.