Decision ID: f999c172-6062-469a-9673-bc0ad679919f
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_005
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. Am 21. Juni 2021 reichte die Baugesellschaft C._ ein Baugesuch
(Nr. AX._) für den Neubau eines Mehrfamilienhauses inkl.
Windschutzverglasung und Solaranlage auf der in AS._ gelegenen
Parzelle D._ (Grundbuch B._) ein. Die Parzelle ist gemäss
Zonenplan der Zone für städtisches Wohnen gemäss Art. 59 des
kommunalen Baugesetzes (BG) zugewiesen. Das Baugesuch wurde am
25. Juni 2021 im kommunalen Amtsblatt publiziert, woraufhin bei der
Gemeinde verschiedene Einsprachen, unter anderem auch diejenige der
Stockwerkeigentümergemeinschaft (StWEG) "A._" (Parzelle
E._ in AS._), eingingen. In ihrer Einsprache vom 15. Juli 2021
machte die Stockwerkeigentümergemeinschaft "A._" namentlich
geltend, dass im Baugesuch die Bemessungslinie falsch definiert worden
sei. Zudem überrage das geplante Bauvorhaben die umliegenden
Gebäude um mindestens ein Geschoss. Dieser Effekt werde durch die
aufgesetzte Solaranlage noch verstärkt. Aufgrund ihrer Höhe ordne sich
die projektierte Baute nicht genügend in das Orts- und Landschaftsbild ein.
Der Neubau dürfe insbesondere das ortsbildprägende Bahnhofgebäude
nicht überragen. Die Bauherrschaft liess sich zu den eingegangenen
Einsprachen am 13. August 2021 vernehmen. Betreffend die Einsprache
der StWEG "A._" nahm sie Stellung und beantragte die Bewilligung
des Baugesuches sowie die Abweisung der Einsprache.
2. Am 23. November 2021, mitgeteilt am 17. Dezember 2021, bewilligte die
zuständige Behörde der Gemeinde B._ das Baugesuch für den
Neubau eines Mehrfamilienhauses auf der Parzelle D._ unter
Auflagen und wies die dagegen erhobenen Einsprachen ab.
3. Gegen diesen Entscheid erhob die StWEG "A._" (nachfolgend
Beschwerdeführerin") am 1. Februar 2022 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Sie beantragte in der
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Sache die Aufhebung des angefochtenen Entscheides vom 23. November
2021 unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Gemeinde
B._. In prozessualer Hinsicht beantragte sie, der Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu gewähren. Ihre Beschwerde begründete sie im
Wesentlichen damit, dass die Gemeinde das kommunale Baurecht
hinsichtlich der Festlegung der Bemessungslinie in einer sachlich nicht
vertretbaren und damit willkürlichen Art und Weise angewandt habe.
Weiter überrage das geplante Bauvorhaben die umliegenden Gebäude
um mindestens ein Geschoss, wobei dieser Effekt durch die aufgesetzte
Solaranlage noch verstärkt werde. Diese Situation lasse sich mit dem
Eingliederungsgebot nicht in Einklang bringen. Das Bauvorhaben erweise
sich somit als nicht bewilligungsfähig. Mit dem Begehren um
aufschiebende Wirkung möchte die Beschwerdeführerin verhindern, dass
mit einem vorzeitigen Baubeginn vollendete Tatsachen geschaffen
würden, die später nur noch erschwert oder gar nicht mehr rückgängig
gemacht werden könnten.
4. Die Baugesellschaft C._ als Bauherrschaft bzw. Baugesuchstellerin
des strittigen Projektes (nachfolgend Beschwerdegegnerin 2) beantragte
in ihrer Stellungnahme zur aufschiebenden Wirkung vom 14. Februar
2022, dass diese nicht zu gewähren sei. Dies unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdeführerin.
5. Die Gemeinde B._ (nachfolgend Beschwerdegegnerin 1) liess sich
am 14. Februar 2022 zur Beschwerde vom 1. Februar 2022 vernehmen.
Sie beantragte die kostenpflichtige Abweisung der Beschwerde. Gegen
die Gewährung der aufschiebenden Wirkung brachte sie keine
Einwendungen vor. Zur Sache führte sie – neben dem Verweis auf den
angefochtenen Entscheid vom 23. November 2021 – aus, dass es sich
vorliegend um einen Anwendungsfall von Art. 100 Abs. 3 BG handle. Die
geplante Baute liege an der Verzweigung der F._-Strasse und der
G._-Strasse. Bei der F._-Strasse handle es sich objektiv
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betrachtet um die eindeutig wichtigere Strasse. Die Ausnahmeregelung
von Art. 100 Abs. 2 BG müsse im Lichte des Ziels einer gewissen
Einheitlichkeit der Dimensionen von Gebäuden entlang der aufgeführten
Strassen alle Gebäude umfassen, welche mit einer Front an der
entsprechenden Strasse anliegend wahrgenommen werden könnten. Für
die Bestimmung des Hauptstrassenzuges spielten keine Rolle, wo genau
der Hauseingang liege oder die Zufahrt geplant sei. Ebenso wenig relevant
sei, wie weit sich ein Gebäude gegen hinten noch weiterziehe bzw. wie
lange diejenige Front sei, die am Nebenstrassenzug liege. Es genüge,
wenn ein Gebäude mit einer Front an einer im Ausnahmekatalog
aufgeführten Strasse liege. Als Hauptstrassenzug gelte somit die F._-
Strasse, weshalb gestützt auf Art. 100 Abs. 2 BG das Strassenniveau als
Bemessungslinie gelte. Hinsichtlich dem Vorwurf der fehlenden
Einordnung der geplanten Baute in das Orts- und Landschaftsbild
widersprach die Beschwerdegegnerin 1 der beschwerdeführerischen
Kritik und resümierte, dass das Vorhaben mit dem städtischen Charakter
von B._ durchaus vereinbar sei und sich einwandfrei in die
Umgebung mit den benachbarten, ebenfalls fünfstöckigen Gebäude
eingliedere.
6. Mit Verfügung vom 18. Februar 2022 wies der Instruktionsrichter das
Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung betreffend den Aushub
und den Bau sämtlicher unterirdischer Anlagen sowie oberirdischen
Anlagen bis und mit dem ersten Obergeschoss ab; soweit weitergehend
erkannte er der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu.
7. Die Beschwerdegegnerin 2 liess sich zur Sache am 22. Februar 2022
vernehmen. Sie beantragte die Abweisung der Beschwerde; unter Kosten-
und Entschädigungsfolge zzgl. MWST zu Lasten der Beschwerdeführerin.
Zur Begründung stellte sie sich im Wesentlichen auf den Standpunkt, dass
gar kein Ermessen bei der Auslegung von Art. 100 BG betreffend die
massgebende Bemessungslinie bestehe. Selbst wenn ein solches
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bestünde, hätte es aber die Gemeinde weder missbräuchlich noch
willkürlich angewendet. Bei den in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten
Strassen handle es sich um die bedeutendsten Strassen der Gemeinde
B._, weshalb der Gesetzgeber entschieden habe, dass sich die
Bemessungslinie daran zu orientieren habe. Dies habe einen wichtigen
gestalterischen Effekt im Hinblick auf die Einheitlichkeit der
Gebäudehöhen entlang dieser Strassen. Die F._-Strasse sei im
Verhältnis zur G._-Strasse von übergeordneter Bedeutung. Art. 100
BG sei unter Berücksichtigung der Hanglagen in B._ erlassen
worden, weil sich der Gesetzgeber der Niveauunterschiede –
insbesondere im Umfeld von vielen in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten
Strassen – bewusst gewesen und es gewollt gewesen sei, dass bei am
Hang stehenden Gebäuden die Bemessungslinie deutlich über dem
Querschnitt der Linie durch das gewachsene Terrain liege. Weiter wurden
mehrere, in der Gemeinde B._ gelegene Gestaltungsbeispiele von
Bauten an Strassen gemäss Art. 100 Abs. 2 BG dargestellt. Die
Beschwerdegegnerin 2 stellt weiter in Abrede, dass der Hauptstrassenzug
– wie von der Beschwerdeführerin geltend gemacht – anhand der
Ausgestaltung des konkreten Bauvorhabens bzw. der Wichtigkeit einer
Strasse für das konkrete Bauprojekt zu ermitteln sei. Dabei würde der mit
Art. 100 Abs. 2 BG bezweckte gestalterisches Effekt beeinträchtigt,
wonach entlang der bedeutendsten Strassen dieselbe Bemessungslinie
(Strassenniveau gemäss Art. 100 Abs. 2 BG) gelte, damit eine einheitliche
Gestaltung und ein homogenes Gesamtbild bewirkt werde. Betreffend die
Einordung des Bauvorhabens in das Orts- und Landschaftsbild wurde auf
die Anzahl von Stockwerken bei umliegenden Gebäuden hingewiesen und
ein merkliches Überragen des Bauprojektes in Abrede gestellt. Das
Bauvorhaben verstosse namentlich hinsichtlich der vorgeschriebenen
Höhe und Geschosszahl sowie auch in der Gestaltung nicht gegen
baugesetzliche Bestimmungen, was die Gemeinde im Rahmen des ihr
zustehenden, erheblichen Ermessenspielraumes richtig erkannt habe. Die
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Beschwerdegegnerin 2 wies ausserdem darauf hin, dass sich das
Verwaltungsgericht bei der Würdigung von örtlichen und ästhetischen
Verhältnissen Zurückhaltung auferlege und namentlich bei der
Einordnungsfrage die Autonomie der Gemeinde bei solchen
Entscheidungen von zentraler Bedeutung sei.
8. Die Beschwerdeführerin replizierte am 28. März 2022 mit unveränderten
Rechtsbegehren und vertiefte ihre Argumentation anhand der
Rechtsschriften der Beschwerdegegnerschaft punktuell.
9. Die Beschwerdegegnerin 2 hielten in ihrer Duplik vom 5. April 2022
ebenfalls unverändert an ihren Rechtsbegehren fest und entgegnete den
Vorbringen der Beschwerdeführerin.
10. Auch die Beschwerdegegnerin 1 hielt in ihrer Duplik vom 8. April 2022 an
ihren Anträgen fest. Sie bekräftigte dabei unter anderem, dass von einer
rechtswidrigen Auslegung bzw. faktischen Ignoranz von Art. 100 Abs. 3
BG oder einer Überschreitung des Ermessenspielraumes keine Rede sein
könne.
11. Am 27. April 2022 fand ein Augenschein vor Ort statt. Mit der Zusendung
des Protokolls forderte der Instruktionsrichter die Beschwerdeführerin
zudem auf, das Vorliegen einer Prozessführungsermächtigung zu
Gunsten der Verwaltung der Stockwerkeigentümergemeinschaft
aufzuzeigen.
12. Während die Beschwerdegegnerin 2 am 17. Mai 2022 auf die Einreichung
einer Stellungnahme zum Augenscheinprotokoll verzichtete, merkte die
Beschwerdeführerin in ihrem Schreiben vom 18. Mai 2022 eine
Präzisierung zu den Ausführungen ihres Rechtsvertreters am
Augenschein an. Zudem reichte sie das Protokoll der ausserordentlichen
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Stockwerkeigentümergemeinschaftsversammlung der
Beschwerdeführerin vom 11. Januar 2022 ein.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in ihren Eingaben, den
angefochtenen Bauentscheid vom 23. November 2021 sowie die weiteren
Akten, wird, sofern erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1.1. Vorliegend ist der (Bau-)Entscheid der kommunalen Baubehörde (vgl.
dazu Art. 16 Abs. 2 Ziffer 1 und Art. 150 BG i.V.m. Art. 4 Abs. 1 des
kommunalen Baugesetzes [BG]) der Beschwerdegegnerin 1 vom
23. November 2021, mitgeteilt am 17. Dezember 2021, angefochten,
worin die Beschwerdegegnerin 1 unter anderem die Einsprache der
Beschwerdeführerin vom 15. Juli 2021 abgewiesen (Dispositivziffer 3) und
zugleich die Baubewilligung für das Baugesuch Nr. 2021-0203 unter
Auflagen erteilt hat (Dispositivziffer 4 ff.). Dabei handelt es sich um einen
Entscheid einer Gemeinde welche nicht bei einer anderen Instanz
angefochten werden kann oder nach kantonalem oder eidgenössischem
Recht endgültig sind (vgl. Art. 49 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRG; BR 370.100] und Art. 163 BG). Somit ist
das Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden örtlich und sachlich
zuständig.
1.2. Die Beschwerdeführerin ist nach ihren eigenen Angaben die
Stockwerkeigentümergemeinschaft "A._", welche aus den
(Stockwerk-)Eigentümern der Stockwerkeigentumseinheiten H._ bis
I._ und J._ auf der – nordöstlich der Bauparzelle D._ –
gelegen Parzelle E._ besteht (siehe Einsprache vom 15. Juli 2021,
S. 2 in den Akten der Beschwerdeführerin [Bf-act.] 1). Die
Stockwerkeigentümergemeinschaft "A._" wird gemäss Beschwerde
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vom 1. Februar 2022 von der AU._ als Verwaltung der
Stockwerkeigentümergemeinschaft vertreten, welche wiederum den
vorliegend auftretenden Rechtsvertreter mandatiert hat (siehe Vollmacht
und Auftrag vom 14. Juli 2021 in Bf-act.). Der
Stockwerkeigentümergemeinschaft kommt zwar keine eigene
Rechtspersönlichkeit zu, sie ist aber im Rahmen ihrer
(gemeinschaftlichen) Verwaltungstätigkeit (beschränkt) prozessfähig. Die
Berechtigung der Gemeinschaft zum Auftreten in eigenem Namen wird in
der Lehre unter anderem für raumplanungsrechtliche Verfahren bejaht
(siehe BGE 142 III 551 E.2.2 f.; WERMELINGER, Das Stockwerkeigentum,
Art. 712a-712t ZGB, Zürcher Kommentar zum schweizerischen Zivilrecht,
2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2019, Art. 712l Rz. 124 ff. sowie Art. 712t
Rz. 45; BÖSCH, in: HONSELL/VOGT/GEISER [Hrsg.], Basler Kommentar zum
ZGB, Zivilrecht II [nachfolgend BSK ZGB II], 5. Aufl., Basel 2015, Art. 712l
Rz. 7 ff.; vgl. auch Art. 712l des Schweizerischen Zivilgesetzbuches [ZGB;
SR 210]). Wird (nur) im Namen der Stockwerkeigentümergemeinschaft,
vertreten durch ihre Verwaltung und allenfalls wiedervertreten durch einen
mandatierten Rechtsvertreter, ein verwaltungsgerichtliches Verfahren in
einer raumplanungsrechtlichen Angelegenheit eingeleitet, setzt dies
gemäss Art. 712t Abs. 2 ZGB eine spezifische
Prozessführungsermächtigung bzw. einen solchen Beschluss durch die
Stockwerkeigentümergemeinschaft voraus (vgl. Urteil des Bundesgerichts
1C_202/2020 vom 17. Februar 2021 E.1 m.H.a BGE 114 II 310 E.2 und
5A_913/2012 vom 24. September 2013 E.5.2.1 f.; Urteile des
Bundesgerichts 1C_307/2012 vom 15. November 2012 E.1.4,
1C_126/2008 vom 17. November 2008 E.1 und 1P.237/2001 vom 12. Juli
2001 E.2; PVG 2007 Nr. 36; Urteile des Verwaltungsgerichts [VGU] R 19
73, 74, 75, 76 vom 28. September 2021 E.1.2, R 16 41 vom 15. November
2016 E.1b und R 15 40 vom 12. November 2015 E.1b; Urteil des
Kantonsgerichts Graubünden ERZ 2014 318 vom 4. November 2014 E.4c;
Luzerner Gerichts- und Verwaltungsentscheide [LGVE] 2005 Nr. 5;
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WERMELINGER, a.a.O., Art. 712l Rz. 131 ff. sowie Art. 712t Rz. 45 f. und 54
ff.; BÖSCH, in: HONSELL/VOGT/GEISER [Hrsg.], BSK ZGB II, Art. 712l Rz. 13
und Art. 712t Rz. 6). Aufgrund der vorstehend erwähnten Umstände,
forderte der Instruktionsrichter die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom
6. Mai 2022 auf, das Vorliegen einer Prozessführungsermächtigung zu
Gunsten der Verwaltung der Stockwerkeigentümergemeinschaft
aufzuzeigen. Zusammen mit ihrer Stellungnahme zum Protokoll des
Augenscheins vom 27. April 2022 reichte diese das Protokoll über die
ausserordentliche Stockwerkeigentümerversammlung der
Stockwerkeigentümergemeinschaft "A._" vom 11. Januar 2022 ein.
Diesem lässt sich unter anderem entnehmen, dass der AU._ als
Verwaltung der Stockwerkeigentümergemeinschaft "A._" die
Prozessermächtigung erteilt wurde, um im Namen der
Stockwerkeigentümergemeinschaft Beschwerde gegen das Baugesuch
an der G._-Strasse (gemeint Parzelle D._) beim
Verwaltungsgericht (des Kantons Graubünden) einzureichen. Insofern ist
die als Beschwerdeführerin auftretende
Stockwerkeigentümergemeinschaft im vorliegenden Verfahren gültig
vertreten.
1.3. Diese ist zudem mit ihrem Antrag im Einspracheverfahren auf Abweisung
des Baugesuches bzw. Verweigerung der nachgesuchten Baubewilligung
(siehe Bf-act. 1 S. 2) unterlegen, womit sie (besonders) davon berührt ist
und ein schutzwürdiges Interesse (vgl. Art. 50 Abs. 1 VRG) an der
Aufhebung des angefochtenen Entscheides hat. Sie ist somit zur
Beschwerdeerhebung legitimiert. Die übrigen Prozessvoraussetzungen
geben zu keinen Bemerkungen Anlass, weshalb auf die Beschwerde vom
1. Februar 2022 einzutreten ist.
2. Gemäss Art. 51 Abs. 1 VRG können mit verwaltungsgerichtlicher
Beschwerde Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und
Missbrauch des Ermessens (lit. a), sowie die unrichtige oder
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unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts geltend
gemacht werden. Gemäss Art. 33 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die
Raumplanung (RPG; SR 700), sieht das kantonale Recht wenigsten ein
Rechtsmittel vor gegen Verfügungen, die sich auf das RPG und seine
kantonalen und eidgenössischen Ausführungsbestimmungen stützen.
Dabei gewährleistet es die Legitimation mindestens im gleichen Umfang
wie für die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das
Bundesgericht (siehe Art. 33 Abs. 3 lit. a RPG; vgl. auch Art. 111 Abs. 1
des Bundesgesetzes über das Bundesgericht [BGG; SR 173.110]) und die
volle Überprüfung durch wenigstens eine Rechtsmittelbehörde (siehe
Art. 33 Abs. 3 lit. b RPG).
2.1. Art. 50 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (BV; SR 101) gewährleistet die Gemeindeautonomie
nach Massgabe des kantonalen Rechts. Gemäss Art. 65 Abs. 1 der
Verfassung des Kantons Graubünden (KV; BR 110.100) ist die Autonomie
der Gemeinde ebenfalls im Rahmen des kantonalen Rechts gewährleistet.
Die Gemeinden sind in einem Sachbereich autonom, wenn das kantonale
Recht diesen nicht abschliessend ordnet, sondern ihn ganz oder teilweise
der Gemeinde überlässt und ihr dabei eine relativ erhebliche
Entscheidungsfreiheit einräumt. Dabei kann sich diese Autonomie sowohl
auf die Befugnis zum Erlass oder Vollzug eigener kommunaler
Vorschriften beziehen, als auch einen entsprechenden Spielraum bei der
Anwendung kantonaler oder eidgenössischer Vorschriften eröffnen. Im
Einzelnen ergibt sich der Umfang der kommunalen Autonomie aus dem
für den entsprechenden Bereich anwendbaren kantonalen Verfassungs-
und Gesetzesrecht (siehe zum Ganzen BGE 147 I 433 E.4.1, 147 I 136
E.2.1, 146 I 83 E.2.1; Urteile des Bundesgerichts 1C_687/2020 vom
13. Januar 2022 E.2.1, 1C_172/2020 vom 24. März 2021 E.3.2,
1C_573/2019 vom 29. September 2020 E.3.1, 1C_289/2019,
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1C_293/2019 vom 16. Januar 2020 E.2 und 1C_494/2018 vom 13. Juni
2019 E.2.1).
2.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 KRG ist die Ortsplanung Sache der Gemeinde und
sie erfüllen diese Aufgabe im Rahmen des übergeordneten Rechts
autonom, wobei sie namentlich die Grundordnung gemäss Art. 22 KRG zu
erlassen haben. Dabei bestimmen sie die Nutzung sowie die Grundzüge
der Gestaltung und Erschliessung des Gemeindegebietes (siehe Art. 22
Abs. 1 KRG). Das Baugesetz, als Bestandteil der Grundordnung (siehe
Art. 22 Abs. 2 KRG), regelt den örtlichen Bedürfnissen entsprechend in
den Bauvorschriften insbesondere die Gestaltung von Bauten und
Anlagen (siehe Art. 24 Abs. 2 Ziffer 2 KRG) und in den Zonenvorschriften
ist der Zonenzweck, die zulässige Art der Nutzung sowie in Bauzonen die
Regelbauweise zu bestimmen (siehe Art. 24 Abs. 3 KRG). Die
Regelbauweise umfasst gemäss Art. 25 KRG wenigstens das Mass der
Nutzung, die Bauweise sowie die Grenz- und Gebäudeabstände (Abs. 1).
Das Mass der Nutzung wird (in der Regel) durch Gebäudeabmessungen
und Nutzungsziffern bestimmt (Abs. 2, Satz 1). Art. 85 Abs. 1 KRG
statuiert, dass das Bauwesen Sache der Gemeinde ist, soweit das KRG
oder die Spezialgesetzgebung nichts anderes bestimmen. Das
Bundesgericht hat seit langem festgehalten, dass Bündner Gemeinden in
weiten Teilen der Raumplanung und des Bauwesens Autonomie zukommt
(vgl. zum Ganzen BGE 128 I 3 E.2b und 118 Ia 446 E.3c; Urteile des
Bundesgerichts 1C_172/2020 vom 24. März 2021 E.3.3, 1C_289/2019,
1C_293/2019 vom 16. Januar 2020 E.2.1, 1C_494/2018 vom 13. Juni
2019 E.2.4; VGU R 20 94 vom 16. November 2021 E.3.2, R 20 71 vom
28. September 2021 E.5.2 und R 19 73, 74, 75, 76 vom 28. September
2021 E.2.2 und R 19 80 vom 5. Januar 2021 E.2.1.3).
2.3. Das Bundesgericht geht davon aus, dass der Anwendungsbereich von
Art. 33 Abs. 2 f. RPG eröffnet wird, wenn es sich um Normen handelt,
welche den Auftrag, die Massnahmen und Verfahren der Raumplanung,
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wie im Bundesrecht in Art. 75 BV und dem RPG vorgesehen, näher
konkretisieren und damit der praktischen Verwirklichung zuführen. Eine
raumplanerische Funktion erfüllen dabei nicht nur die eigentlichen
Planungsmassnahmen, sondern auch alle Bauvorschriften, die der
planungsrechtlichen Zonenordnung erst ihren konkreten Inhalt geben. Die
baulichen Möglichkeiten in einer bestimmten Zone werden regelmässig
nicht nur durch die Bestimmung der zulässigen Nutzweise, sondern auch
durch Vorschriften über die einzuhaltende Ausnützung, die Abstände, die
Grösse der Bauten und die Überbauungsarten bestimmt. Diese
Vorschriften tragen regelmässig auch raumplanerische Züge und sind
deshalb ebenfalls als Ausführungsrecht im Sinne von Art. 33 Abs. 2 RPG
zu betrachten, solange nicht eine andere Zielsetzung klar im Vordergrund
steht. Keine raumplanerische Funktion kommt dagegen in der Regel den
vorwiegend technischen Normen, aber auch den Bestimmungen über die
Hygiene und innere Erschliessung der Räume sowie den
Ästhetikvorschriften zu (siehe Urteil des Bundesgerichts 1C_682/2017
vom 11. September 2017 E.6.2 m.H.a. BGE 118 Ib 26 E. 4b; vgl. auch
BGE 146 II 367 E.3.2.1 f.; Urteile des Bundesgerichts 1C_325/2021 vom
25. Oktober 2021 E.7.1, 1C_266/2020 vom 4. Januar 2021 E.3.3.1 und
1C_414/2010 vom 23. Dezember 2010 E.2.3.1; WALDMANN/HÄNNI,
Handkommentar RPG, Bern 2006, Art. 33 Rz. 19 und AEMISEGGER/HAAG,
in: Aemisegger/Moor/Ruch/Tschannen [Hrsg.], Praxiskommentar
RPG: Baubewilligung, Rechtsschutz und Verfahren, Zürich/Basel/Genf
2020, Art. 33 Rz. 53 ff.).
2.4. Aus Art. 110 BGG ergibt sich ferner, dass die unmittelbaren, kantonalen
gerichtlichen Vorinstanzen des Bundesgerichts das massgebende Recht
von Amtes wegen anzuwenden haben. Im Rahmen der Rechtsanwendung
von Amtes wegen ist es grundsätzlich auch die Aufgabe der Gerichte,
unbestimmte Rechtsbegriffe auszulegen und zu konkretisieren. Dies hat
im Rahmen der Rechtsanwendung von Amtes wegen im Normalfall sicher
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für eidgenössisches und kantonales Recht mit umfassender Kognition zu
erfolgen. Erst ein aufgrund dieser Auslegung festgestellter
Beurteilungsspielraum der Vorinstanz(en), erlaubt es der gerichtlichen
Instanz, sich bei der Überprüfung der Anwendung eines unbestimmten
Rechtsbegriffes oder der Angemessenheit in gewissen Bereichen – etwa
bei besonderem Fachwissen der Vorinstanz – im Einklang mit der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung zurückzuhalten (vgl. zum Ganzen
BGE 135 II 384 E.2.2.2 und 3.4.1 f.; Urteile des Bundesgerichts
1C_33/2021 vom 16. April 2021 E.2 m.H.a. Urteil des Bundesgerichts
1D_2/2013 vom 14. November 2013 E.2.3, 1C_128/2019 vom 25. August
2020 E.5.3, nicht publ. in: BGE 147 II 125 m.H.a. BGE 145 I 52 E.3.6,
1C_241/2019 vom 19. August 2019 E.2.2; vgl. für die Unterscheidung von
Ermessensspielräumen der Verwaltungsbehörde im Verhältnis zur
Auslegung von unbestimmten Rechtsbegriffen durch kantonale
Rechtsmittelinstanzen: DONATSCH, in: GRIFFEL [Hrsg.], Kommentar zum
Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 3. Aufl.,
Zürich/Basel/Genf 2014, § 20 Rz. 12 ff. und 49 ff. sowie § 50 Rz. 15 ff. und
28 ff.). Den kommunalen Behörden steht bei der Anwendung
unbestimmter Rechtsbegriffe namentlich dann ein Beurteilungs- bzw.
Ermessensspielraum zu, wenn Fragen zu beantworten sind, die lokale
Umstände betreffen, mit denen diese Behörden vertraut sind (siehe
BGE 145 I 52 E.3.6; Urteile des Bundesgerichts 1C_70/2021 vom
7. Januar 2022 E.6.4, 1C_643/2020 vom 7. Januar 2022 E.4.3,
1C_231/2020 vom 16. Dezember 2020 E.2.5 und 1C_494/2018 vom
13. Juni 2019 E.2.2).
2.5. Die Rechtsmittelinstanz hat sich also selbst im Anwendungsbereich von
Art. 33 Abs. 2 und Abs. 3 lit. b RPG – im Lichte von Art. 50 Abs. 1 BV –
eine gewisse Zurückhaltung bei der (Angemessenheits-)Überprüfung
eines angefochtenen Entscheids aufzuerlegen. Andererseits darf die
Rechtsmittelbehörde auch nicht erst dann tätig werden, wenn die
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vorinstanzliche Beurteilung unhaltbar bzw. willkürlich ist. So hat die
kantonale Rechtsmittelbehörde auch kommunale Entscheide, die in einem
Sachbereich mit (relativ) erheblichem kommunalem
Beurteilungsspielraum gefällt wurden daraufhin zu überprüfen, ob sie
übergeordnete, vom Kanton zu wahrende Interessen angemessen
berücksichtigen, die Entscheide gegen übergeordnetes Recht verstossen,
in Entscheiden betreffend die Auslegung eines unbestimmten
Rechtsbegriffes grundlos von Grundsätzen abgewichen wird, welche
Rechtsprechung und Lehre zur Auslegung dieser Begriffe entwickelt
haben, sich die Gemeinde von unsachlichen, dem Zweck dieser Regelung
fremden Erwägungen leiten lässt oder die Grundsätze der
Rechtsgleichheit und Verhältnismässigkeit verletzt (siehe BGE 146 II 367
E.3.1.4, 145 I 52 E.3.6; Urteile des Bundesgerichts 1C_70/2021 vom
7. Januar 2022 E.6.4, 1C_643/2020 vom 7. Januar 2022 E.4.3,
1C_593/2020 vom 12. Mai 2021 E.4.2, 1C_128/2019 vom 25. August
2020 E.5.3, nicht publ. in: BGE 147 II 125, 1C_368/2019 vom 9. Juni 2020
E.9.3, 1C_64/2019 vom 11. November 2019 E.3.5 und 1C_578/2016 vom
28. Juni 2017 E.4.4 ff.; VGU R 20 94 vom 16. November 2021 E.3.3 und
R 19 73, 74, 75, 76 vom 28. September 2021 E.2.2; AEMISEGGER/HAAG, in:
Aemisegger/Moor/Ruch/Tschannen [Hrsg.], Praxiskommentar
RPG: Baubewilligung, Rechtsschutz und Verfahren, Zürich/Basel/Genf
2020, Art. 33 Rz. 84). Dabei hat die kommunale Behörde, namentlich auch
bei Einordnungsentscheiden, spätestens im Beschwerdeverfahren ihre
massgeblichen Erwägungen dazu darzulegen, anderenfalls eine
Überlassung des Einordnungsentscheides an die kantonale
Rechtsmittelbehörde angenommen werden darf (vgl. Urteile des
Bundesgerichts 1C_349/2018 vom 8. Februar 2019 E.4.3 und
1C_116/2018 vom 26. Oktober 2018 E.4.4).
2.6. Die vorliegend im Wesentlichen zur Diskussion stehenden Art. 24 und 100
BG, stützen sich (heute) auf Art. 24 f. KRG, womit der
- 16 -
Beschwerdegegnerin 1 bei der Anwendung dieser Bestimmungen somit
ein nicht unerheblicher Beurteilungsspielraum zukommt (siehe dazu
bereits PVG 2003 Nr. 24 E.3b betreffend Art. 100 BG), soweit der
Entscheid weder unvertretbar und somit willkürlich ist, gegen
übergeordnetes Recht verstösst bzw. vom Kanton zu wahrende,
übergeordnete Interessen missachtet, der Entscheid betreffend die
Auslegung eines unbestimmten Rechtsbegriffes grundlos von
Grundsätzen abweicht, welche Rechtsprechung und Lehre zur Auslegung
dieser Begriffe entwickelt haben noch sich die Gemeinde von
unsachlichen, dem Zweck dieser Regelung fremden Erwägungen leiten
lässt oder die Grundsätze der Rechtsgleichheit und Verhältnismässigkeit
verletzt (vgl. BGE 146 II 367 E.3.1.4 und 145 I 52 E.3.6). Die gemäss
Art. 107 Abs. 2 Ziffer 5 KRG unmittelbar anwendbare (positive)
Ästhetikgeneralklausel gemäss Art. 73 Abs. 1 KRG (siehe dazu VGU R 19
92 vom 10. November 2021 E.6.3.1.1 und R 20 23 vom 26. Oktober 2021
E.2.4 m.H.a. Urteil des Bundesgerichts 1C_434/2012 vom 28. März 2013
E.3.3; vgl. auch bereits Urteil des Bundesgerichts 1A.11/2007 vom 16. Mai
2007 E.4.1 und 4.5), welche vom Wortlaut her strenger formuliert ist (siehe
dazu VGU R 17 37 vom 6. März 2018 E.3f), mindert vorliegend den
vorstehend erwähnten, der Beschwerdegegnerin 1 zustehenden
Beurteilungsspielraum aber nicht wesentlich (siehe VGU R 19 92 vom
10. November 2021 E.6.3.1.2 m.H.a. Urteil des Bundesgerichts
1C_128/2019 vom 25. August 2020 E.5.3, nicht publ. in: BGE 147 II 125
und BGE 145 I 52 E.3.6 sowie VGU R 11 50 vom 16. August 2011 E.5a;
vgl. auch BGE 145 I 52 E.3 betreffend § 238 des Planungs- und
Baugesetzes des Kantons Zürich [PBG ZH; LS 700.1]).
3. Ausgangspunkt der Auslegung eines Rechtssatzes bildet der Wortlaut der
Bestimmung (grammatikalisches Element). Ist der Wortlaut der
Bestimmung klar, d. h. eindeutig und unmissverständlich, darf davon nur
abgewichen werden, wenn ein triftiger Grund für die Annahme besteht, der
- 17 -
Wortlaut ziele am "wahren Sinn" der Regelung vorbei. Anlass für eine
solche Annahme können die Entstehungsgeschichte der Bestimmung
(historisches Element), ihr Zweck (teleologisches Element) oder der
Zusammenhang mit andern Vorschriften (systematisches Element)
geben. Nur für den Fall, dass der Wortlaut der Bestimmung unklar bzw.
nicht restlos klar ist und verschiedene Interpretationen möglich bleiben,
muss nach der wahren Tragweite der Bestimmung gesucht werden. Dabei
sind alle anerkannten Auslegungselemente zu berücksichtigen
(pragmatischer Methodenpluralismus). Auch eine solche Auslegung findet
ihre Grenzen aber am klaren Wortlaut und Sinn einer
Gesetzesbestimmung, indem der eindeutige Wortsinn nicht zugunsten
einer solchen Interpretation beiseitegeschoben werden darf. Bei der
Auslegung ist die sachlich richtige Entscheidung im normativen Gefüge,
ausgerichtet auf ein befriedigendes Ergebnis aus der ratio legis gefordert
(vgl. zum Ganzen BGE 147 I 136 E.2.3.2, 145 III 446 E.4.3.1, 143 I 272
E.2.2.3, 142 V 402 E.4.1 und 141 II 262 E.4.1; Urteile des Bundesgerichts
2C_68/2021 vom 22. Februar 2022 E.2.3.4, 1B_290/2021 vom 15. Juli
2021 E.2.2, 2C_186/2020 vom 28. Dezember 2020 E.4.3 und
2C_793/2017 vom 28. Januar 2020 E.2.4.1; VGU R 21 16 von 3. Mai 2022
E.3.5 und R 20 29 vom 24. Juni 2021 E.3.3.1).
3.1. Strittig ist vorliegend primär die Anwendung von Art. 100 BG. Dieser trägt
den Randtitel "Bemessungslinie" und findet sich im Titel "III.
Grundordnung", Kapitel "3. Zonen", Abschnitt "g) Zonenordnung" und
lautet folgendermassen:
"1 Die Bemessungslinie ist die Waagrechte durch den tiefsten sichtbaren Punkt der Fassade im gewachsenen Boden. Wo Niveaulinien festgelegt worden sind, gelten diese als Bemessungslinien. 2 Für Gebäude an folgenden Strassenzügen gilt das Strassenniveau als Bemessungslinie:
a) K._ („L._“ bis M._)
b) F._-Strasse
c) N._-Strasse
- 18 -
d) O._-Strasse (Einmündung F._-Strasse bis Einmündung AY.)
e) P._-Strasse
f) AY._-Strasse
g) Q._-Strasse
h) R._-Strasse
i) S._-Strasse (ab T._ bis U._-Strasse)
k) V._-Strasse
l) W._-Strasse
m) X._-Strasse
n) Y._-Strasse 3 Für Gebäude, die mit ihren Fronten an mehreren Strassen stehen, ist der Hauptstrassenzug massgebend."
3.2. Die Beschwerdeführerin macht im Wesentlichen geltend, die
Beschwerdegegnerin 1 habe beim strittigen Neubauprojekt die
Bemessungslinie nicht sachgerecht bzw. in unhaltbarer Weise definiert,
indem sie die für das Gebäude bedeutendere G._-Strasse nicht als
Hauptstrassenzug im Sinne von Art. 100 Abs. 3 BG definiert habe. Das
strittige Bauvorhaben liege im Bereich der Einmündung G._-Strasse
in die F._-Strasse. Die G._-Strasse gehöre im Gegensatz zur
F._-Strasse nicht zum Ausnahmekatalog von Art. 100 Abs. 2 BG. Für
Bauten an der F._-Strasse gelte also das Strassenniveau als
Bemessungslinie, während für Bauten an der G._-Strasse die
Waagrechte durch den tiefsten sichtbaren Punkt der Fassade im
gewachsenen Terrain massgebend sei. Infolge eines im Vergleich zum
Strassenniveau der F._-Strasse deutlichen tieferen Niveau des
gewachsenen Terrains auf der Parzelle D._, resultiere daraus ein
erheblicher Unterschied (in der absoluten Höhe des Gebäudes). Gemäss
Art. 100 Abs. 3 BG gelte für Gebäude, die mit ihren Fronten an mehreren
Strassen stünden, dass der Hauptstrassenzug massgebend sei. Der
Begriff des Hauptstrassenzuges werde im kommunalen Baugesetz nicht
näher definiert. Als Hauptstrassenzug müsse jene Strasse geltend, die für
das betreffende Bauvorhaben von grösserer Bedeutung sei. Mögliche
- 19 -
Kriterien seien die Anstosslänge der Fronten, die Ausrichtung des
Gebäudes und die (Lage der) Erschliessung des Gebäudes. Als
Hauptstrassenzug sei also jene Strasse zu verstehen, welche mit Blick auf
das fragliche Bauvorhaben die Hauptsächliche sei. Demgegenüber stelle
sich die Beschwerdegegnerin 1 im angefochtenen Entscheid vom
23. November 2021 auf den Standpunkt, dass die F._-Strasse als
Hauptstrasse der G._-Strasse übergeordnet sei, womit erstere als
Hauptstrassenzug zu gelten habe. In grammatikalische Hinsicht sei der
Sinn und Zweck des Artikels nicht eindeutig zu beantworten. Mit
Hauptstrassenzug seien sicher nicht nur Hauptstrassen im Sinne der
Erschliessungsgesetzgebung gemeint, weil nur die allerwenigsten
Kollisionsfälle Hauptstrassen beträfen. Sodann wäre für diesen Fall vom
Gesetzgeber sicherlich der Begriff der Hauptstrasse gewählt worden. In
grammatikalischer Hinsicht könne sich "Hauptstrassenzug" sowohl auf die
Bedeutung der Strasse in der Strassenhierarchie der Gemeinde beziehen,
als auch auf die Bedeutung der betroffenen Strasse auf das konkrete
Bauvorhaben. Die Bemessungslinie diene der höhenmässigen
Positionierung eines Gebäudes und sorge im Zusammenspiel mit anderen
baugesetzlichen Regulierungen wie Gebäudehöhen und -längen für eine
Einordung in das Orts- und Strassenbild. Bei der Lage eines Gebäudes an
mehreren Strassen könne diese Einordnung nur gelingen, wenn geprüft
werde, welche Strasse für das betreffende Bauvorhaben wichtiger sei bzw.
welche den "Hauptstrassenzug" bilde. Anhand verschiedener, abstrakter
Beispiel stellt sich die Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, dass
namentlich die Lage der (Haupt-)Front des Gebäudes (anhand derer
Länge) für die Einordung in das Orts- und Strassenbild massgeblich sei.
Dies gelte für Fälle, wo das Strassenniveau nicht dem gewachsenen
Terrain entspreche, also das Gelände abfallend oder ansteigend sei.
Art. 100 Abs. 3 BG mache als Kollisionsnorm nur Sinn, wenn der
Hauptstrassenzug mit Blick auf die Bedeutung der betreffenden Strasse
für das konkrete Bauvorhaben bestimmt werde. Die Auslegung der
- 20 -
Beschwerdegegnerin 1, wonach einzig die allgemeine Strassenhierarchie
(für die Bestimmung des Hauptstrassenzuges) massgebend sein solle,
führe zu einem sachlich nicht vertretbaren und willkürlichen Resultat.
Ausserdem vermöge eine solche Interpretation zahlreiche Konflikte gar
nicht zu lösen, da viele Strassen hierarchisch als Sammel- oder
Erschliessungsstrassen auf gleicher Stufe stünden und die Kollisionsnorm
(von Art. 100 Abs. 3 BG) damit gar keine Klärung schaffen würde. In all
diesen Fällen müsste die Baubehörde wohl andere Kriterien hinzuziehen,
um festzustellen welche Bemessungslinie nunmehr anwendbar wäre.
Dabei würde sich diese aber auf dünnem Eis bewegen, das das Baugesetz
keine weitere Kollisionsnorm enthalte. Art. 100 Abs. 3 BG führe nur dann
zu einem sachlich vertretbaren Ergebnis, wenn der Begriff des
"Hauptstrassenzug" so verstanden werde, dass mit Blick auf das konkrete
Bauvorhaben geeignete Kriterien ermittelt würden, welche Strasse für das
betreffende Bauvorhaben von grösserer oder hauptsächlicher Bedeutung
sei. Vorliegend führten die Elemente Anstosslängen der Fassadenfronten,
die Ausrichtung des Gebäudes sowie die Erschliessungssituation dazu,
dass die G._-Strasse den Hauptstrassenzug darstelle. Hingegen
seien keine Kriterien ersichtlich, welche für die F._-Strasse als
Hauptstrassenzug im Sinne von Art. 100 Abs. 3 BG sprächen, weil
Art. 100 Abs. 2 BG nicht anwendbar sei.
3.3. Die Beschwerdegegnerin 1 ist demgegenüber hauptsächlich der Ansicht,
dass das strittige Gebäude an einer in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten
Strasse liege und damit die Bemessungslinie entsprechend festzulegen
sei. Dies weil es sich bei der F._-Strasse im Vergleich zur G._-
Strasse eindeutig um den Hauptstrassenzug handle. Die
Beschwerdegegnerin 1 stellt somit für die Bestimmung des
Hauptstrassenzuges im Ergebnis auf die Bedeutung der Strasse im
Hinblick auf das Siedlungsgebiet ab. Art. 100 Abs. 2 BG hat gemäss deren
Angaben zum Ziel, eine gewisse Einheitlichkeit der Dimensionen entlang
- 21 -
der darin aufgeführten Strassen herzustellen. Damit müsse diese
Bestimmung aber alle Gebäude erfassen, welche mit einer Front an der
entsprechenden Strasse anliegend wahrgenommen werden könnten. Der
Gesetzgeber habe damit eine gewisse Wertung betreffend das Ortsbild
respektive möglichst einheitlicher Gebäudehöhen vorgenommen. Bei der
Entscheidung, welche Strasse den Hauptstrassenzug (im Sinne von
Art. 100 Abs. 3 BG) darstelle, könnten die von der Beschwerdeführerin
angeführten Kriterien (Lage Haupteingang oder Zufahrt; Situierung der
Baute bzw. wie weit sich eine Baute in die Tiefe zieht; wie lange die Front
beim Nebenstrassenzug ist bzw. die Länge der Anstossfläche) keine Rolle
spielen. Es genüge, wenn das Gebäude an einer in Art. 100 Abs. 2 BG
aufgeführten Strasse liege, zumal das Gebäude bzw. das "Strassenbild"
als Ganzes raumwirksam werde. Dies unabhängig davon, wo die
einzelnen Zugänge lägen oder ob das Gebäude noch eine längere
Fassade an einer Nebenstrasse aufweise. Die ausführlichen Beispiele der
Beschwerdegegnerin 2 in ihrer Stellungnahme vom 13. August 2021 zur
Einsprache (siehe dazu Akten der Beschwerdegegnerin 1 [Bg1-act.]),
namentlich der neue AA._, bestätigten diese Praxis. Art. 100 Abs. 3
BG sei dahingehend anwendbar, als dass die F._-Strasse als
Hauptstrassenzug gelte und somit gestützt auf Art. 100 Abs. 2 BG das
Strassenniveau dieser Strasse als massgebliche Bemessungslinie diene.
3.4. Die Beschwerdegegnerin 2 sieht in erster Linie gar keinen
Ermessenspielraum für die Beschwerdegegnerin 1, Art. 100 BG anders
anzuwenden als sie es vorliegend getan hat. Aber selbst wenn ein
Ermessen bestünde, wäre dieses seitens der Beschwerdegegnerin 1
jedenfalls sicher nicht missbräuchlich oder willkürlich angewandt worden.
Art. 100 Abs. 2 BG umfasse die für die Gemeinde B._ bedeutendsten
Strassen. Der Gesetzgeber habe entschieden, dass diese Strassen derart
wichtig seien, dass sich die Bemessungslinie an diesen zu orientieren
habe. Dies habe einen wichtigen gestalterischen Effekt. Die Regelung von
- 22 -
Art. 100 BG, insbesondere die Aufzählung in Absatz 2, sei vom
Gesetzgeber unter Berücksichtigung der Hanglagen in B._ erlassen
worden. Viele der in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten Strassen lägen nicht
in ebenem Gelände. Der Gesetzgeber sei sich der Niveauunterschiede
somit bewusst gewesen und es sei gewollt gewesen, dass sich damit
Gebäude ergäben, die im Hang stünden und deren Bemessungslinien
deutlich über dem Querschnitt der Linie durch das gewachsene Terrain
lägen. Die Beschwerdegegnerin 2 erwähnt in diesem Zusammenhang, wie
bereits in Rahmen ihrer Stellungnahme vom 13. August 2021 zur
Einsprache, verschiedene Gestaltungsbeispiele an in Art. 100 Abs. 2 BG
aufgeführten Strassen. Würde sich die Bemessungslinie des vorliegend
geplanten Gebäudes am (tiefer liegenden) gewachsenen Terrain
orientieren, würde der beabsichtigte Effekt entlang der F._-Strasse
zunichte gemacht. Bei den in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten Strassen
solle es gerade keine Rolle spielen, ob ein Gebäude evtl. nur mit einer
Ecke oder der Hauptfront an der übergeordneten (in Art. 100 Abs. 2 BG
erwähnten) Strasse stehe. Relevant sei die Sicht von der F._-Strasse
darauf. An der übergeordneten Strasse entstehe so eine Einheitlichkeit
und kein "auf und ab" der Gebäudehöhen. In der Gemeinde B._ sei
weiter zu beachten, dass die Wohnungsbauten mit ihren Balkonen und
Hauptwohnräumen in der Regel nach Süden ausgerichtet seien und nicht
nach der Strasse, an der sie lägen. Bei vorliegenden Bauvorhaben sei es
– infolge des Sonnenstandes und der Aussicht – sinnvoll, das
Mehrfamilienhaus nach Süden auszurichten. So wie dies im Übrigen auch
beim Mehrfamilienhaus der Beschwerdeführerin der Fall sei. Der Katalog
in Art. 100 Abs. 2 BG wäre hinfällig, wenn bei einer Konstellation wie der
vorliegenden nicht die F._-Strasse (für die Bemessungslinie)
massgebend wäre, womit die Auslegung von Art. 100 BG zu keinem
anderen Schluss führen könne. Die Beschwerdeführerin übersehe mit
ihrer Argumentation betreffend die Bestimmung des Hauptstrassenzuges
anhand der Wichtigkeit einer Strasse für das konkrete Bauvorhaben den
- 23 -
vom Gesetzgeber mit Art. 100 Abs. 2 BG beabsichtigten gestalterischen
Effekt (für das Orts- und Strassenbild). Denn entlang der bedeutendsten
Strassen gelte dieselbe Bemessungslinie, um eine einheitliche Gestaltung
und ein homogenes Gesamtbild zu bewirken. Dies wäre hingegen nicht
möglich, wenn sich der Hauptstrassenzug je nach Bedeutung für das
jeweilige Bauprojekt richten würde. Die Bemessungslinie habe sich
entsprechend dem Strassenniveau an der in Art. 100 Abs. 2 BG
aufgeführten F._-Strasse zu orientieren und es sei irrelevant, nach
welcher Strasse sich das geplante Gebäude ausrichte, welche Frontlänge
es aufweise, zu welcher Strasse es im Verhältnis stehe oder von welcher
Strasse eine Erschliessung erfolge. Die von der Beschwerdeführerin
illustrierten Beispiele beschäftigten sich nicht mit konkreten Fällen aus der
Gemeinde B._ und seien in ihrer Abstraktheit wenig hilfreich. Die
Beschwerdegegnerin 1 kenne hingegen nicht nur die Eigenheiten der
Gemeinde B._ bestens, sondern habe den vorliegenden Einzelfall
auch konkret analysiert und im Sinne einer einheitlichen Gestaltung
entlang der F._-Strasse Art. 100 BG korrekt angewandt. Duplicando
bekräftigte die Beschwerdegegnerin 2, dass die eigenständige
Beurteilung jeder einzelnen Situation im Hinblick auf verschiedene
angrenzende Strassen in der Tendenz die Entstehung von mehr
unterschiedlichen Bemessungslinien bewirke und es – entgegen der
Ansicht der Beschwerdeführerin – gerade nicht zur beabsichtigten
Einheitlichkeit komme. Die Beschwerdegegnerin 2 brachte auch noch
Beispiele vor, wo Gebäude mit ihren Fronten an gleichrangige
Strassenzüge angrenzen und wo auch ein Anwendungsbereich für
Art. 100 Abs. 3 BG bestehe. Dasselbe gelte für Gebäude, welche mit
mehreren Fronten an Strassen grenzten, die nicht in Art. 100 Abs. 2 BG
aufgeführt seien. Insofern hätte der Gesetzgeber auf Art. 100 Abs. 3 BG
nicht verzichten können.
- 24 -
3.5. Die Beschwerdegegnerin 1 führt im angefochtenen Entscheid vom
23. November 2021 und in ihrer Vernehmlassung 14. Februar 2022
nachvollziehbar aus, dass es sich bei der F._-Strasse im Vergleich
zur G._-Strasse um die (im Hinblick auf das gesamte
Siedlungsgebiet) bedeutendere Strasse handelt. Dem pflichtet die
Beschwerdegegnerin 2 bei und die Beschwerdeführerin stellt ebenfalls
nicht in Abrede, dass Art. 100 Abs. 2 BG die für die Gemeinde
bedeutenden Strassen auflistet. Bei der G._-Strasse handelt es sich
um eine (ansteigende) Querverbindung zwischen der F._-Strasse
und der N._-Strasse. Die F._-Strasse und ihre Fortsetzung, die
K._, durchquert hingegen das gesamte Siedlungsgebiet AS._
und AT._ (vgl. Stellungnahme der Beschwerdegegnerin 2 vom
22. Februar 2022, S. 4 sowie Fotos 8 ff. des Protokolls zum Augenschein
vom 27. April 2022). Die Beschwerdegegnerinnen sind dabei im
Wesentlichen der Ansicht, dass eine Einheitlichkeit der Strassenzüge nur
erreicht werden könne, wenn für alle Gebäude, welche mit einer Front an
eine solche (in Art. 100 Abs. 2 BG) aufgeführte Strasse grenzen bzw. die
mit einer Front an der entsprechenden Strasse anliegend wahrgenommen
werden können, die Bemessungslinie nach Art. 100 Abs. 2 BG festgelegt
wird. Die Beschwerdeführerin vertritt demgegenüber die Position, dass für
ein einheitliches Strassenbild gerade die konkrete Situation zu beurteilen
sei und verwies dazu auf ihre (abstrakten) Beispiele in der Beschwerde
vom 1. Februar 2022. Denn aus diesen Überlegungen sei in Art. 100
Abs. 3 BG eine "Ausnahme vom Ausnahmekatalog" in Art. 100 Abs. 2 BG
vorgesehen worden, um trotz Nähe zu einer in Art. 100 Abs. 2 BG
aufgeführten Strasse anhand weiterer Kriterien den Hauptstrassenzug im
Sinne von Art. 100 Abs. 3 BG anhand der Wichtigkeit der Strassen für das
konkrete Bauvorhaben zu bestimmen. Ansonsten hätte der Gesetzgeber
auf Absatz 3 von Art. 100 BG verzichten können und müssen, wenn für
alle Gebäude an in Art. 100 Abs. 2 BG aufgelisteten Strassen das
Strassenniveau als Bemessungslinie dienen soll. Letzterem hält aber die
- 25 -
Beschwerdegegnerin 2 mit zumindest einem ihrer in der vorstehenden
Erwägung 3.4 erwähnten Beispiele aber einen weiteren, überzeugenden
und plausiblen Anwendungsbereich von Art. 100 Abs. 3 BG entgegen.
Art. 100 Abs. 2 BG regelt nämlich nicht den Fall, wo eine Baute an zwei in
Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten Strassen zu stehen kommt (siehe dazu
auch der Schluss der nachfolgende Erwägung 3.6 und die Ausführungen
der Beschwerdegegnerin 1 in ihrer Duplik vom 8. April 2022).
Unbestrittenermassen ist die Festlegung der Bemessungslinie von
gewichtiger Bedeutung für das Orts- bzw. Siedlungs- und Strassenbild, da
– namentlich im Zusammenspiel mit den Zonenvorschriften über die Höhe
bzw. die Regelbauweise (siehe vorliegend Art. 105 i.V.m. Art. 93 BG
[Zonenschema] und Art. 101 BG) betreffend die Zone für städtisches
Wohnen nach Art. 59 BG – die zulässige Höhe einer Baute im Rahmen
der festgelegten Zonenvorschriften damit hinsichtlich ihrer (absoluten)
Höhe definiert wird. Nach einer nachvollziehbaren und plausiblen
Darstellung der Beschwerdegegnerinnen, sollen im Sinne des Orts- und
Strassenbildes also entlang der in Art. 100 Abs. 2 BG genannten, im
Rahmen einer gesamthaften Betrachtung des Siedlungsgebietes durch
den Gesetzgeber als besonders wichtig erachteten Strassen grosse
Unterschiede in der (absoluten) Höhe der Bauten vermieden werden bzw.
soll dies (beidseitig und) unabhängig vom Geländeverlauf in der Bautiefe
entlang der Strasse einheitlich festgelegt werden. Damit kann auch nach
Ansicht des Gerichts (für die Zukunft) ein beidseitiges, von
Strassenbenutzern wahrnehmbares homogenes Strassenbild hinsichtlich
der Gebäudehöhen erreicht werden. Dafür ist die Reglung von Art. 100
Abs. 2 BG gut geeignet, indem sie von der allgemeinen Methode zur
Festlegung der Bemessungslinie in Art. 100 Abs. 1 BG (Waagrechte durch
den tiefsten sichtbaren Punkt der Fassade im gewachsenen Boden) bei
gewissen, in Absatz 2 genannten Strassen (generell) abweicht und dort
das Strassenniveau als massgebliche Bemessungslinie definiert. Damit
wird die Festsetzung von spezifischen Niveaulinien im Generellen
- 26 -
Gestaltungsplan (GGP; siehe dazu Art. 109 Abs. 3 BG; vgl. auch Art. 43
Abs. 4 KRG) im ganzen Perimeter gemäss Art. 100 Abs. 2 BG obsolet.
3.6. Art. 100 Abs. 2 BG hält fest, dass für ein Gebäude an der F._-Strasse
deren Strassenniveau als Bemessungslinie gilt. Gemäss Abs. 3 dieser
Bestimmung ist für die Bemessungslinie der Hauptstrassenzug
massgebend, wenn das Gebäude mit seinen Fronten an mehreren
Strassen steht. Dabei kann man sich fragen, was mit Hauptstrassenzug
gemeint ist bzw. wie das Verhältnis von Art. 100 Abs. 3 zu Art. 100 Abs. 2
und Abs. 1 BG ist. Kann die Bestimmung des Hauptstrassenzuges dazu
führen, dass wieder die Bemessungslinie gemäss Art. 100 Abs. 1 BG
festgelegt werden muss, weil als Hauptstrassenzug eine Strasse gilt, die
nicht in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführt ist? Die Beschwerdeführerin bejaht
dies für den Fall, dass eine projektierte Baute mit ihren Fronten an mehr
als einer Strasse steht, wobei sie für die Gewährleistung einer guten
Einordnung einer Baute in das Orts- und Strassenbild einzig eine
Bemessung des Hauptstrassenzuges anhand der Ausgestaltung des
konkreten Bauprojektes als sachgerecht erachtet. Dem kann nicht gefolgt
werden. Art. 100 Abs. 2 BG statuiert eine Abweichung von Art. 100 Abs. 1
BG, wonach die Bemessungslinie – vorbehältlich definierter Niveaulinien
– die Waagrechte durch den tiefsten Punkt der Fassade im gewachsenen
Terrain bildet. Dies gilt für Fälle, wo ein Gebäude an einem Strassenzug
gemäss Art. 100 Abs. 2 lit. a bis n BG steht, wobei dann das
Strassenniveau als Bemessungslinie dient. Der Wortlaut von Absatz 2
deckt jedenfalls die vorliegende Anwendung von Art. 100 BG seitens der
Beschwerdegegnerin 1 auf den zu beurteilenden Fall ab, wird doch nur
davon gesprochen, dass ein Gebäude "an" den aufgezählten
Strassenzügen stehen muss und dann das Strassenniveau als
Bemessungslinie dient. Dies ist vorliegend der Fall, liegt doch die
Parzelle D._ und die darauf zu errichtende Baute – zumindest mit
ihrer kürzeren Front (auch) an der F._-Strasse (siehe Situationsplan
- 27 -
1:500 vom 18. Juni 2021 in Bg1-act.; siehe dazu auch die nachstehende
Erwägung 3.8). Wie in der vorstehenden Erwägung 3.5 bereits erwähnt,
dient Art. 100 Abs. 2 BG auch dem legitimen Ziel, an den vom
Gesetzgeber für das Orts- und Siedlungsbild als besonders wichtig
bestimmten Strassen ein einheitlicheres, homogeneres Orts- und
Siedlungsbild zu erreichen oder zumindest zu fördern. Das streitberufene
Gericht teilt in der vorliegenden Konstellation betreffend Art. 100 Abs. 3
BG die Ansicht der Beschwerdegegnerin 1, wonach der
"Hauptstrassenzug" in erster Linie unter Berücksichtigung der
gesetzgeberischen Wertungen in Art. 100 Abs. 2 BG zu bestimmen ist.
Dies namentlich im Hinblick auf das mit Art. 100 (Abs. 2) BG verfolgte
ortsplanerisches Ziel, eine (künftige) Vereinheitlichung der
Gebäudedimensionen (in der absoluten) Höhe für Parzellen anzustreben,
soweit sich die Gebiete in derselben Grundnutzungszone befinden
respektive diese dieselbe Anzahl zulässiger Geschosse bzw.
Gebäudehöhe gemäss Art. 93 BG i.V.m. Art. 101 und 105 BG aufweisen.
Dies hat auch den Vorteil, dass der Bauherrschaft nicht über die in ihrem
Herrschaftsbereich liegende Gestaltung des konkreten Bauvorhabens,
namentlich hinsichtlich der Fassadenlängen und/oder der Erschliessung,
eine Auswahl betreffend die Bemessungslinie im Sinne von Art. 100 BG
offen steht, obwohl die projektierte Baute als an einer in Art. 100 Abs. 2
BG aufgeführten Strasse anliegend wahrgenommen werden kann bzw.
diese (mit-)prägt. Soweit die Beschwerdeführerin die Auslegung von
Art. 100 Abs. 3 BG durch die Beschwerdegegnerin 1 weiter als
problematisch erachtet, weil sie viele Konflikte gar nicht lösen würde,
überzeugt dies ebenfalls nicht. Dabei führt die Beschwerdeführerin zudem
an, dass es fraglich sei, ob die Beschwerdegegnerin 1 weitere – im
Baugesetz – nicht genannte Kriterien hinzuziehen dürfte. Denn das
Baugesetz enthalte ja keine weitere Kollisionsnorm. Unklar bleibt, welche
Relevanz das beschwerdeführerische Vorbringen haben soll, wonach es
sich bei vielen Strassen um (im Generellen Erschliessungsplan [GEP])
- 28 -
festgesetzte Sammel- oder Erschliessungsstrassen handeln würde, die
hierarchisch auf gleicher Stufe stünden und die Interpretation der
Beschwerdegegnerin 1 keine Klärung bringen würde. Denn es geht ja
weder in der vorliegend beurteilten Situation (Baugrundstück liegt an zwei
Strassen, eine ist in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführt und die andere nicht),
noch in der weiteren Konstellation, wo die Beschwerdegegnerin 1 die
Anwendbarkeit von Art. 100 Abs. 3 BG bejaht (Baugrundstück liegt an
zwei oder mehr Strassen, welche in Art. 102 Abs. 2 BG aufgeführt sind)
alleine um die Hierarchiestufe der entsprechenden Strasse im GEP. Die
Aufnahme in Art. 100 Abs. 2 BG, hängt denn auch nicht ohne weiteres
davon ab, welcher Strassenkategorie eine Strasse zugeordnet ist. So ist
etwa sowohl die G._-Strasse als auch die N._-Strasse (siehe
Art. 100 Abs. 2 lit. c BG) im GEP gemäss den Geodaten des kantonalen
Geoportals als Sammel- und Erschliessungsstrasse ausgewiesen. Die
V._-Strasse (siehe Art. 100 Abs. 2 lit. k BG) und die X._-Strasse
(siehe Art. 100 Abs. 2 lit. m BG) sind wiederum als private
Erschliessungsstrasse festgesetzt. Bei der F._-Strasse (siehe
Art. 100 Abs. 2 lit. b BG) sowie der K._ ("L._" bis M._; siehe
Art. 100 Abs. 2 lit. a BG) handelt es sich um eine kantonale Hauptstrasse
gemäss dem Strassengesetz des Kantons Graubünden (StrG;
BR 807.100; siehe Art. 4 Abs. 2 StrG und Art. 2 Abs. 1 [...] gemäss der
Strassenverordnung des Kantons Graubünden [StrV; BR 807.110]). Wenn
die Beschwerdeführerin es als fraglich ansieht, dass die
Beschwerdegegnerin 1 für eine Bestimmung des Hauptstrassenzuges (im
Fall der Lage des Baugrundstückes an zwei oder mehr in Art. 100 Abs. 2
BG genannten Strassen) – mangels entsprechender Nennung bzw.
Kollisionsnorm im BG – weitere Kriterien für die Bestimmung des
Hauptstrassenzuges und dementsprechend zur Festlegung der
Bemessungslinie heranziehen dürfte, ist darauf hinzuweisen, dass für die
vorliegende Konstellation die von der Beschwerdeführerin
herangezogenen Kriterien (Anstosslänge der Fassaden, Ausrichtung der
- 29 -
Baute, Erschliessung) so auch nicht in Art. 100 Abs. 3 BG genannt sind,
sie aber trotzdem eine solche Auslegung favorisiert. In solchen Fällen (die
geplante Baute liegt [unter anderem] an zwei oder mehr in Art. 100 Abs. 2
BG aufgeführten Strassen) würde der Vorzug der Strasse gemäss Art. 100
Abs. 2 lit. a bis n BG infolge einer vom Gesetzgeber vorgenommenen
Gewichtung als Hauptstrassenzug für die Festlegung der
Bemessungslinie – im Unterschied zur vorliegend zu beurteilenden
Situation – nicht mehr in jedem Fall ausreichen, weil dann möglicherweise
mehrere, unterschiedliche Strassenniveaus gestützt auf Art. 100 Abs. 2
Ingress BG als Bemessungslinie in Frage kämen. Welche Kriterien die
Beschwerdegegnerin 1 dann aber heranzuziehen hätte, wenn ein
Bauvorhaben (unter anderem) an zwei oder mehr Strassen gemäss
Art. 100 Abs. 2 BG läge, muss hier aber ohnehin nicht abschliessend
beurteilt werden, da es nicht der zu beurteilenden Situation entspricht.
Immerhin kann aber doch gesagt werden, dass auch wenn die Aufnahme
in Art. 100 Abs. 2 BG nicht davon abhängt, welcher Kategorie eine Strasse
im GEP zugewiesen ist, daraus eine gewisse Wichtigkeit für den Verkehr
abgeleitet werden kann. Dies muss aber nicht zwingend mit der für das
Orts- und Siedlungsbild wichtigen Einordung der Baute in das Orts- und
Strassenbild korrespondieren, da die Zuordnung des GEP in erster Linie
erschliessungsrechtlicher Art ist (vgl. auch Art. 122 BG und Art. 45 KRG).
Es wäre jedenfalls durchaus nachvollziehbar, wenn auch zwischen den in
Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten Strassen Unterschiede untereinander in
ihrer Bedeutung für das Orts- und Siedlungsbild ausgemacht würden und
anhand ihres Einflusses bzw. Gewichtes für Prägung des Orts- und
Siedlungsgebietes hinsichtlich ihrer Wichtigkeit noch – unabhängig von
konkreten, vom Gesetzgeber vorgegebenen Gewichtungen – weiter zu
unterscheiden wären. So würde jedenfalls dem Ziel von Art. 100 BG, im
Einflussbereich von Strassen gemäss Art. 100 Abs. 2 BG eine möglichst
einheitliche bzw. homogene Gestaltung der (zulässigen) Gebäudehöhen
(zumindest für die Zukunft) zu erreichen, am besten Rechnung getragen.
- 30 -
Jedenfalls besser, als wenn auf das unter Umständen vom
Strassenniveau dieser Strassen unabhängige, gewachsene Terrain durch
den tiefsten sichtbaren Punkt der Fassade zurückgegriffen würde, so wie
dies die Beschwerdeführerin im Ergebnis anlässlich des Augenscheins
vom 27. April 2022 vorgebracht haben will bzw. gemäss den präzisierten
Ausführungen in ihrer Eingabe vom 18. Mai 2022, wonach es
ausgeschlossen sei, dass alle Strassen gemäss Katalog von Art. 100
Abs. 2 BG als Hauptstrassenzug gelten könnten. Nach dem vorstehend
Gesagten und entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin, könnte
Art. 100 Abs. 3 BG – unter Berücksichtigung des Regelungszwecks des
gesamten Art. 100 BG – auch für eine solche Situation durchaus eine
Lösung entnommen werden. Der kommunale Gesetzgeber hat jedenfalls
für eine solche Situation und der Wahl des Begriffes des
Hauptstrassenzuges sowie dem Verzicht auf eine detailliertere Reglung
der kommunalen, rechtsanwendenden Behörde sicher einen
Beurteilungsspielraum eingeräumt, welcher wie in der vorstehenden
Erwägungen 2.1 ff. erwähnt, von der Rechtsmittelbehörde grundsätzlich
zu respektieren wäre. Für die von der Beschwerdegegnerin 2 duplicando
ebenfalls als Anwendungsbereich von Art. 100 Abs. 3 BG zitierte
Konstellation, wo ein Gebäude mit seinen Fronten an zwei oder mehr,
nicht in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten Strassen liegt, ist aber noch zu
bemerken, dass die Bestimmung eines Hauptstrassenzuges in
Anwendung von Art. 100 Abs. 3 BG nach Ansicht des Gerichts nicht
erforderlich ist, da in solchen Fällen ja keine Abweichung gemäss Art. 100
Abs. 2 BG von Art. 100 Abs. 1 BG bzw. die Festlegung des
Strassenniveaus einer nicht in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten Strasse
als Bemessungslinie zur Diskussion steht. Aus diesem Umstand kann
aber nichts für die vorliegende Situation geschlossen werden, da das
Bauvorhaben auf der Parzelle D._ – wenn auch mit seiner kürzeren,
sichtbaren Front – (auch) an der F._-Strasse (siehe Art. 100 Abs. 2
lit. b BG) zu liegen kommt bzw. diese mitprägt.
- 31 -
3.7. Das vorstehend zum Beurteilungsspielraum, den der kommunale
Gesetzgeber der kommunalen, rechtsanwendenden Behörde einräumte,
Gesagte (vgl. auch bereits PVG 2003 Nr. 24 E.3b), gilt auch für die
vorliegende zu beurteilende Situation. Denn die Handhabung von Art. 100
Abs. 3 BG im Zusammenspiel mit Art. 100 Abs. 2 BG durch die
Beschwerdegegnerin 1, wonach bei Relevanz einer Strasse nach Art. 100
Abs. 2 BG neben einer nicht in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten Strasse
für das Bauvorhaben die Bemessungslinie anhand des Strassenniveaus
der Strasse gemäss Art. 100 Abs. 2 BG massgebend ist, weil es der
Hauptstrassenzug gemäss Art. 100 Abs. 3 BG darstelle, überzeugt und
bewegt sich jedenfalls noch in dem der Beschwerdegegnerin 1
zustehenden, auch verfassungsrechtlich geschützten
Beurteilungsspielraum, welcher besonders die Würdigung örtlicher
Verhältnisse voraussetzt und der der kommunale Gesetzgeber mit der
Regelung von Art. 100 BG durchaus einen nicht unerheblichen
Beurteilungsspielraum einräumte. Demgegenüber ist – wie in der
vorstehenden Erwägungen 3.5 f. dargelegt – nicht ersichtlich, dass die
vorliegende Handhabung von Art. 100 BG durch die
Beschwerdegegnerin 1 keine sachgerechten Lösungen ermöglicht oder
etwa den Zweck der Bestimmung aus sachfremden Gründen missachtet.
Für letzteres bestehen jedenfalls keine konkreten Hinweise. Ausserdem
ist darauf hinzuweisen, dass das Abstellen auf das Strassenniveau für die
Festlegung der Bemessungslinie im Sinne von Art. 100 BG bei
Anwendung von Art. 101 und Art. 105 BG der Bauherrschaft nicht immer
zum Vorteil gereicht und zu Lasten der Nachbarn geht. Läge nämlich das
gewachsene Terrain im Sinne von Art. 100 Abs. 1 BG höher als das
Strassenniveau nach Art. 100 Abs. 2 BG (allenfalls in Verbindung mit
Art. 100 Abs. 3 BG), bildete trotzdem das Strassenniveau gemäss Art. 100
Abs. 2 BG die massgebliche Bemessungslinie. Dies führte zu einem
tendenziell weniger hohen Gebäude, was aber durch die Homogenität der
(absoluten) Gebäudehöhen entlang der in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten
- 32 -
Strasse bedingt wäre. Dabei ist namentlich zu erwähnen, dass die
Beschwerdeführerin sich bei ihrer Argumentation auf die Prämisse
versteift, dass es für das Orts- und Strassenbild zwingend sei, dass für die
Bestimmung des Hauptstrassenzuges die Wahrnehmbarkeit einer Front
der geplanten Baute als anliegend an einer in Art. 100 Abs. 2 BG
genannten Strasse und somit auch deren Prägung nicht ausreichen dürfe,
um die Bemessungslinie auf diesem Strassenniveau festzulegen. Das
Gericht kann sich demgegenüber der beschwerdegegnerischen
Betrachtungsweise anschliessen, wonach eine Prägung des
Strassenbildes einer Strasse nach Art. 100 Abs. 2 BG durchaus auch bei
einer etwas von dieser Strasse rückversetzten Situierung der Baute oder
bei Lage der kürzeren Fassade an der in Art. 100 Abs. 2 BG genannten
Strasse eintreten kann und dabei mit der Festlegung der Bemessungslinie
auf dem Strassenniveau einen für den Strassenbenutzer (beidseitigen)
Eindruck der Homogenität der (zulässigen) Gebäudehöhen von Bauten
entlang dieser für das Orts- bzw. Siedlungs- und Strassenbild wichtigen
Strassen bewirkt (vgl. VGU R 11 68, 70, 71 vom 13. März 2012 E.7 und R
06 64 vom 1. September 2006 E.4c). Dass dieser legitime Zweck
insbesondere bei (tieferen) Alt- bzw. bestehenden Bauten noch nicht
vollständig zum Tragen kommt, kann eine entsprechende Auslegung von
Art. 100 BG durch die Beschwerdegegnerin 1 nicht hindern. Denn es liegt
in der Natur der Sache bzw. namentlich auch in der Besitzstandgarantie
begründet, dass eine Anpassung des Orts- und Siedlungsbildes immer ein
komplexer, sich über geraume Zeit erstreckender Prozess ist. Dies zumal
nunmehr mit der per 1. Mai 2014 in Kraft getretenen Revision des RPG
(RPG1) von 15. Juni 2012 namentlich auch eine verstärkt nach innen
gelenkte Siedlungsverdichtung und -entwicklung angestrebt wird (siehe
dazu etwa BGE 147 II 125 E.9.2 und 142 II 100 E.4.6; Urteile des
Bundesgerichts 1C_670/2021 vom 5. April 2022 E.4.2, 1C_300/2020 vom
1. Dezember 2020 E.2.5 und 1C_378/2019 vom 17. Juni 2020 E.9.1
m.H.a. BGE 145 I 52 E.4.4; VGU R 21 14 vom 29. März 2022 E.3.2). Dass
- 33 -
die Wirklichkeit, namentlich bei bestehenden Bauten, noch nicht mit einer,
einen legitimen Zweck anstrebenden, Bestimmung des BG übereinstimmt,
macht ein solches Ziel (auch unter einem gestalterischen Gesichtspunkt)
nicht unzulässig (vgl. bereits VGU R 17 9, 10, 11 und 12 vom
14. November 2017 E.9c; bestätigt mit Urteil des Bundesgerichts
1C_695/2017, 1C_696/2017, 1C_706/2017 vom 22. Februar 2019, vgl.
insb. E.6.2.2 f. des genannten Urteils des Bundesgerichts).
3.8. Bezogen auf den konkreten Fall bedeutet dies also, dass die
Beschwerdegegnerin 1 beim vorliegend zu beurteilenden Bauvorhaben
gestützt auf Art. 100 Abs. 3 BG i.V.m. Art. 100 Abs. 2 lit. b BG die
massgebende Bemessungslinie in nicht zu beanstandender Weise
ermittelt hat (siehe angefochtener Entscheid vom 23. November 2021,
S. 7 f.). In diesem Zusammenhang kann auch noch das von der
Beschwerdegegnerin 2 in ihrer Vernehmlassung fotografisch
dokumentierte Beispiel (siehe Stellungnahme der Beschwerdegegnerin 2
vom 22. Februar 2022, S. 5) auf Parzelle Z._ (AA._)
hingewiesen werden. Dieses Gebäude liegt sowohl an der K._ (siehe
Art. 100 Abs. 2 lit. a BG) als auch am AB._-Weg. Die
Parzelle Z._ liegt in der Zentrumszone nach Art. 58 BG, wo gemäss
Art. 93 BG grundsätzlich fünf Geschosse zulässig sind. Vom inneren
Zentrumsbereich nach Art. 121 BG ist die Parzelle nicht erfasst. Von der
K._ aus gesehen sind fünf Geschosse sichtbar und die kürzere
Fassadenseite liegt an der K._ (Foto links auf S. 5 der Stellungnahme
der Beschwerdegegnerin 2 vom 22. Februar 2022). Demgegenüber sind
bei einem Blick vom AB._-Weg – entlang der längeren Fassade – im
abfallenden Gelände deutlich mehr als fünf Stockwerke in der Höhe
sichtbar, weshalb ebenfalls von einer Festsetzung der Bemessungslinie
anhand der Strassenhöhe gemäss Art. 100 Abs. 2 BG i.V.m. Art. 100
Abs. 3 BG seitens der Beschwerdegegnerin 1 auszugehen ist, wobei die
K._ als Hauptstrassenzug beurteilt worden sein muss. Diese
- 34 -
Konstellation ist – entgegen der beschwerdeführerischen Behauptung –
mit der vorliegenden weitestgehend vergleichbar. Denn auch vorliegend
wird die Bemessungslinie anhand der in Art. 100 Abs. 2 lit. b BG
aufgeführten F._-Strasse bemessen, wobei aber die tendenziell
längere Fassade an der G._-Strasse liegt bzw. aufgrund der
Abrundung der Einmündung der G._-Strasse in die F._-Strasse
Richtung Südwesten die geplante Baute sogar auch noch teilweise auf der
kürzeren Fassadenseite umfasst (siehe Situationsplan 1:500 vom 18. Juni
2021 in Bg1-act.). Dass die Einmündung der G._-Strasse in die
F._-Strasse Richtung Südwesten die geplante Baute auf der kürzeren
Fassadenseite teilweise noch umschlingt, kann für die Beurteilung des
Erscheinungsbildes eines Gebäudes für den durchschnittlichen Betrachter
aber nicht entscheidend sein, wird doch in der (peripheren) Betrachtung
beim Passieren dieser Baute ein solcher Strassenradius keinen
massgeblichen Einfluss auf die Wahrnehmung der Baute auf der
Parzelle D._ als Anliegerbaute der F._-Strasse mit
entsprechender Prägung bzw. Bezug zu derselben haben. Ausserdem ist
beim Gebäude auf der Parzelle Z._ – mit Ausnahme von einigen
offenen (Kunden-)Parkplätzen – die hauptsächliche Erschliessung für
Fahrzeuge über den nicht in Art. 100 Abs. 2 BG aufgeführten AB._-
Weg realisiert, so wie dies bei der Parzelle D._ über die G._-
Strasse in vergleichbarer Weise der Fall ist. Allfällige (weitere)
Personenzugänge von der K._ her, wären jedenfalls mit der
gewerblichen Nutzung des Geschosses auf dem Niveau der K._ zu
erklären. Insofern ist auch nicht ersichtlich, weshalb die
Beschwerdegegnerin 1 aus Gründen der Rechtsgleichheit eine andere
Beurteilung von Art. 100 BG vornehmen müsste bzw. bestätigt dies die
von der Beschwerdegegnerin 1 bevorzugte Sichtweise von Art. 100 BG
zumindest in einem weiteren Fall. Gegenbeispiele, welche eine
abweichende, konstante Praxis zu Art. 100 BG seitens der
Beschwerdegegnerin 1 belegen würden, macht die Beschwerdeführerin
- 35 -
nicht geltend. Vielmehr beschränkte sie sich auch anlässlich des
Augenscheins vom 27. April 2022 darauf, die Vergleichbarkeit der von der
Beschwerdegegnerschaft angeführten Beispiele in Abrede zu stellen. Im
Rahmen des ihr in dieser Frage durchaus zustehenden
Beurteilungsspielraumes bei der Anwendung dieser Norm der
kommunalen Zonenvorschriften bzw. der Regelbauweise (vgl. Art. 24 f.
KRG) durfte die Beschwerdegegnerin 1 im Ergebnis ohne Verstoss gegen
die bundesgerichtlichen Beurteilungsmassstäbe gemäss den
vorstehenden Erwägungen 2.4 ff. sowie unter Berücksichtigung von
Art. 101 und 105 BG das Bauvorhaben als bewilligungsfähig beurteilen
(vgl. Plan 1:100 Fassaden vom 18. Juni 2021 in Bg1-act.). Der Entscheid
der Beschwerdegegnerin 1 ist somit diesbezüglich nicht zu beanstanden.
4. Weiter rügt die Beschwerdeführerin auch noch eine ungenügende
Einordnung in das Orts- und Landschaftsbild bzw. eine Verletzung von
Art. 24 BG und Art. 73 KRG. Denn das vorliegend geplante Bauvorhaben
überrage die umliegenden Gebäude um mindestens ein Geschoss, wobei
dieser Effekt durch die aufgesetzte, nicht in die Dachfläche integrierte
Solaranlage sogar noch verstärkt werde. Die Baute rage Solitär aus den
umgebenden Baustruktur heraus und dies lasse sich nicht mit dem
Eingliederungsgebot in Einklang bringen. Mit Blick auf die städtebauliche
Eingliederung müsse in jedem Fall dafür gesorgt werden, dass die Baute
inkl. flächendeckender technischer Aufbauten die maximale
Gebäudehöhe der umliegenden Gebäude und insbesondere "des
ortsbildprägenden Bahnhofsgebäudes" nicht überrage. Das Gebot der
Einheitlichkeit der Dimension von Gebäuden entlang einer in Art. 100
Abs. 2 BG aufgeführten Strasse rechtfertige nicht, dass die zur Diskussion
stehende Baute die umliegenden Bauten um mindestens ein Stockwerk
überrage.
4.1. Die Beschwerdegegnerin 1 ist hingegen der Ansicht, dass die geplante
Baute hinsichtlich ihrer Geschossigkeit der Zone für städtisches Wohnen
- 36 -
entspricht (siehe Art. 93 BG). Das Gebäude reiche somit nicht übermässig
oder gar störend über die übrigen Gebäude hinaus. Vielmehr entspreche
es in seiner Ausgestaltung als Mehrfamilienhaus mit Flachdach dem
Ortsbild von B._. Von einem Verstoss gegen Art. 24 BG könne nicht
die Rede sein. Es sei aus ästhetischer Sicht nicht erforderlich, die geplante
Höhe des neuen Gebäudes zu untersagen. Denn das Vorhaben sei mit
dem städtischen Charakter von B._ durchaus vereinbar und gliedere
sich einwandfrei in der Umgebung der ebenfalls (vier- bis) fünfstöckigen
Gebäude ein.
4.2. Die Beschwerdegegnerin 2 erachtet das geplante Bauvorhaben ebenfalls
als mit den Vorgaben von Art. 24 BG (und Art. 73 Abs. 1 KRG) vereinbar.
Dabei wies sie namentlich auch auf Bauten in der näheren Umgebung hin,
die ebenfalls fünf oder sogar teilweise sechsstöckig seien. Das vorliegend
zu beurteilende Bauvorhaben verstosse nicht gegen baugesetzliche
Bestimmungen und halte insbesondere die vorgeschriebene Höhe und
Geschosszahl ein. Auch in der Gestaltung als Mehrfamilienhaus mit
Flachdach gliedere es sich in die bestehende Reihe von
Mehrfamilienhäusern mit Flachdach ein. Der Beschwerdegegnerin 1 stehe
bei der Beurteilung ein erheblicher Ermessenspielraum zu und diese habe
zu Recht einen Verstoss gegen Art. 24 BG verneint. Die Bündner
Gemeinden seien in weiten Teilen des Bauwesens und der Raumplanung
autonom. Darum habe sich das Verwaltungsgericht insbesondere bei der
Überprüfung von kommunalen Entscheiden zurückzuhalten, wenn
ästhetische sowie örtliche Verhältnisse zu würdigen seien. Die Gemeinden
seien besser in der Lage, das kommunale Stil- und
Geschmacksempfinden zu berücksichtigen. Das Gericht dürfe nur
eingreifen, wenn dieser geschützte Beurteilungsspielraum missbraucht
oder überschritten werde. Vorliegend gebe es aber keinen Grund, weshalb
das Verwaltungsgericht – auch angesichts der zutreffenden Anwendung
von Art. 100 BG auf die vorliegende Situation durch die
- 37 -
Beschwerdegegnerin 1 – in den Spielraum der Gemeinde eingreifen
müsste.
4.3. Eingangs ist zu bemerken, dass generelle Ästhetikklauseln, wie sie in
Art. 24 BG und Art. 73 Abs. 1 KRG formuliert sind, nicht dazu führen
dürfen, dass die Zonenordnung generell ausser Kraft gesetzt würde und
etwa zur Erfüllung einer solchen Vorschrift, die zum Beispiel eine gute
Gesamtwirkung fordert, generell nur ein Geschoss weniger bewilligt wird
(siehe BGE 115 Ia 370 E.5 und 114 Ia 343 E.4b; Urteile des
Bundesgerichts 1C_117/2016, 1C_127/2016 vom 4. Juli 2016 E.3.3,
1C_138/2014 vom 3. Oktober 2010 E.8.1 und 1C_434/2012 vom 28. März
2013 E.3.3). Ausgeschlossen ist aufgrund deren eigenständigen
Bedeutung neben den Vorschriften der Regelbauweise bzw. Zonen- oder
Bauvorschriften aber auch nicht, dass sie im Einzelfall zu einer Reduktion
des nach der Zonenordnung zulässigen Bauens führen können (siehe
Urteile des Bundesgerichts 1C_465/2018 vom 18. Februar 2019 E.3.3,
1C_349/2018 vom 8. Februar 2019 E.4.2 und 1P.709/2004 vom 15. April
2005 E.2.3). Andererseits entspricht auch die Ausnützung der maximal
zulässigen Baumasse grundsätzlich einem öffentlichen Interesse der
schweizerischen Raumordnungspolitik, in dem damit das wichtige Ziel
verwirklicht wird, die Siedlungsentwicklung zur haushälterischen Nutzung
des Bodens nach innen zu lenken und kompakte Siedlungen zu schaffen
(siehe BGE 145 I 52 E.4.4; Urteile des Bundesgerichts 1C_378/2019 vom
17. Juni 2020 E.9.1, 1C_354/2019 vom 29. April 2020 E.9, je m.H.a.
BGE 145 I 52 E.4.4 und Urteil des Bundesgerichts 1C_116/2018 vom
26. Oktober 2018 E.5.3 m.H.a. BGE 142 II 100 E.4.6; vgl. auch Art. 1
Abs. 1 und Art. 1 Abs. 2 lit. a, abis und b sowie Art. 3 Abs. 3 RPG). Wie
bereits in den vorstehenden Erwägungen 2.1 ff. erwähnt, steht der
Beschwerdegegnerin 1 sowohl bei der Anwendung von Art. 24 BG als
auch Art. 73 Abs. 1 KRG ein Beurteilungsspielraum zu (vgl. auch bereits
Urteil des Bundesgerichts 1C_12/2013 vom 27. März 2014 E.2.5.2). In
- 38 -
einem älteren Entscheid zu Art. 73 Abs. 1 KRG verwendete das
Bundesgericht auch die Formulierung, wonach die Rechtsmittelinstanz ihr
Ermessen nicht an die Stelle desjenigen der kommunalen Behörde setzen
dürfe, wenn der Einordungsentscheid der kommunalen Behörde
nachvollziehbar sei, mithin auf einer vertretbaren Würdigung der
massgebenden Sachumstände beruhe (siehe Urteil des Bundesgerichts
1C_434/2012 vom 28. März 2013 E.3.3).
4.4. Am 27. April 2022 führte das Verwaltungsgericht einen Augenschein im
Umfeld der Parzelle D._ durch. Dabei wurden die Dimensionen des
Bauvorhabens, soweit es infolge des – gestützt auf die nur teilweise
gewährte aufschiebende Wirkung – bereits begonnene Bauvorhaben noch
ging, mit Bauvisieren ungefähr visualisiert. Betreffend die
Höhenvisualisierung wurde seitens der Beschwerdegegnerin 2
angemerkt, dass das Visier an diesem Standort relativ hoch wirke,
weshalb es besser auf der anderen Seite aufgestellt worden wäre, wenn
dies noch möglich gewesen wäre. Zudem wurde noch eine Visualisierung
zu den Akten gegeben, welche nach Angaben der Beschwerdegegnerin 2
vom Ingenieurbüro AC._, welches zugleich Geometer der Gemeinde
sei, als Grundlage für den Beschattungsnachweis erstellt worden sei
(siehe Protokoll zum Augenschein vom 27. April 2022 S. 7 und
Akteneinlage 3.a). Gestützt auf den dabei gewonnenen Eindruck kommt
das streitberufene Gericht zum Schluss, dass die Beschwerdegegnerin 1
zu Recht keine Anpassung bzw. Reduktion des projektierten Gebäudes
gestützt auf Art. 24 BG oder Art. 73 Abs.1 KRG verlangt hat. Denn es ist
mit den Beschwerdegegnerinnen zum einen einig zu gehen, dass die in
der Zone für städtisches Wohnen nach Art. 59 BG gelegene Bauparzelle
die (Zonen-)Vorschriften der Regelbauweise (vgl. dazu Art. 24 f. KRG)
einhält und die geplante Baute unbestrittenermassen zonenkonform ist.
Art. 93 BG bestimmt in der gennannten Zone fünf Geschosse als zulässig.
Weiter befindet sich die Parzelle D._ gemäss GGP im
- 39 -
Flachdachperimeter gemäss Art. 27 Abs. 1 BG. Dass die Gebäudehöhe
des projektierten Gebäudes unter Berücksichtigung von Art. 100 f. und
Art. 105 BG nicht eingehalten wäre, ist aufgrund der vorstehenden
Erwägungen 3.1 ff. – ebenso wie die Verletzung von anderen Vorschriften
der Regelbauweise – nicht ersichtlich. Andererseits zeigte der
Augenschein auch klar auf, dass die geplante Baute sich durchaus den
Vorgaben von Art. 73 Abs. 1 KRG sowie Art. 24 BG entsprechend in ihrer
Gesamtwirkung gut in die Umgebung (und Landschaft) einordnet. Die
Bauparzelle liegt im nordöstlichen Bereich von B._. Die geplante
Baute weist gemäss der am Augenschein zu den Akten gegebenen
Visualisierung bzw. des Fassadenplan vom 18. Juni 2021 eine (absolute)
Höhe an der südöstlichen Ecke von 1'578.35 bzw. 1'578.38 m.ü.M. auf
(siehe Akteneinlage 3.a und Plan 1:100 Fassaden vom 18. Juni 2021 in
Bg1-act.). Getrennt durch die G._-Strasse befindet sich in
nordöstlicher Richtung die Parzelle E._ der Beschwerdeführerin,
welche mit einer fünfgeschossigen Flachdachbaute überbaut ist und
ebenfalls in der Zone für städtisches Wohnen gelegen ist (siehe Foto 3 im
Protokoll zum Augenschein vom 27. April 2022). Gemäss der am
Augenschein zu den Akten gegebenen Visualisierung weist das Gebäude
eine (absolute) Höhe von 1'578.47 m.ü.M. am höchsten Punkt bzw. eine
solche von 1'576.25 m.ü.M an der südwestlichen Ecke auf (siehe
Akteneinlage 3.a). Nördlich und nordöstlich der Parzelle E._,
bestehen auf den Parzellen AD._ und AE._ in der Zone für
städtisches Wohnen zwei ältere vierstöckige Gebäude (siehe Fotos 11 f.
im Protokoll zum Augenschein vom 27. April 2022). Südwestlich der
Bauparzelle, ebenfalls in der Zone für städtisches Wohnen liegt die
Parzelle AF._, welche mit einem Gebäude mit vier sichtbaren
Geschossen überbaut ist, wobei aber das erste Geschoss erst relativ weit
(vgl. dazu Art. 101 Abs. 1 BG) über dem Strassenniveau der F._-
Strasse beginnt (C._ I, siehe Fotos 1 f., 7 und 10 im Protokoll zum
Augenschein vom 27. April 2022). Zu diesem Gebäude (C._ I) wurde
- 40 -
anlässlich des Augenscheins seitens der Beschwerdegegnerin 2
angemerkt, dass die Beschränkung auf diese vier Geschosse – bei einer
Bemessungslinie auf dem Strassenniveau der F._ – in einer
(privatrechtlichen) Vereinbarung mit dem vormaligen Eigentümer
begründet sei (siehe Protokoll zum Augenschein vom 27. April 2022 S. 7
und 12). Gemäss Visualisierung beträgt dort die (absolute) Höhe von
1'574.60 m.ü.M. (siehe Akteneinlage 3.a). (Nord-)Westlich der
Bauparzelle liegen die in der (maximal) viergeschossigen Zone für
Arbeiten und Wohnen gemäss Art. 63 BG gelegenen Parzellen AG._
und AH._. Die Parzelle AH._ ist mit einer grösseren Einstellhalle
für Nutzfahrzeuge sowie vorwiegend im abfallenden Gelände sichtbaren,
weiteren angebauten Stockwerken überbaut (siehe Fotos 10 und 14 im
Protokoll zum Augenschein vom 27. April 2022). Auf der Parzelle
AG._ befindet sich unter anderem ein mindestens dreigeschossiges
Gebäude (siehe Fotos 13 f. im Protokoll zum Augenschein vom 27. April
2022). In südlicher Richtung auf der anderen Seite der F._-Strasse
und den Bahngeleisen findet sich zuerst ein Parkplatz und schliesslich auf
der Südseite der AI._-Strasse die Parzelle AJ._, welche
ebenfalls der Zone für Arbeiten und Wohnen zugewiesen ist und mit
vierstöckigen Gebäuden überbaut ist (siehe Fotos 1 f., 7 f. und 13 im
Protokoll zum Augenschein vom 27. April 2022). In östlicher Richtung von
der Bauparzelle in etwas grössere Entfernung findet sich auf der
Parzelle AK._, welche in der Wohnzone AL._ gemäss Art. 60
BG liegt und gemäss Art. 93 BG eine Bebauung mit vier Geschossen
zuliesse, eine grössere Überbauung aus den Anfang 1970er-Jahren,
welche bis zu sechs Geschosse aufweist. Insofern ist entgegen der
Ansicht der Beschwerdeführerin nicht ersichtlich, dass vorliegend von
einer unzureichenden Einordnung in die bestehende resp. künftige
Bebauung ausgegangen werden müsste, die zu einer Reduktion der
Gebäudehöhe bzw. der Anzahl Geschosse der geplanten Baute auf der
Parzelle D._ führen müsste. Daran ändert nichts, dass etwa auf der
- 41 -
Parzelle AM._, auch in der Zone für Arbeiten und Wohnen gelegen,
noch eher niedrige, gewerbliche Baute vorbestehend ist (siehe Foto 9 im
Protokoll zum Augenschein vom 27. April 2022). Denn es ist durchaus
damit zu rechnen, dass bei künftigen Ersatzbauten die Nutzungsdichte
bzw. -intensität dieser Parzellen mit Blick auf die notwendige
Innenverdichtung erheblich gesteigert würde bzw. allenfalls sogar müsste
(vgl. dazu etwa auch Art. 19g KRG). Betreffend die ebenfalls kritisierte
Gestaltung der Solaranlage ist zu bemerken, dass diese gemäss
Planunterlagen als aufgeständerte Variante mit einer Ausrichtung nach
Nordwesten und Südosten realisiert werden sollen und mit ca. 1 m nicht
erheblich über die Oberkante des Dachrandes hinausragen sollen (siehe
Plan 1:100 Fassaden vom 18. Juni 2021 in Bg1-act.). Die Dachausführung
als Flachdach ist durch die Lage der Parzelle D._ im
Flachdachperimeter gemäss Art. 27 Abs. 1 BG vorgegeben. Zudem
besteht von der Liegenschaft der Beschwerdeführerin aus ein Blick auf die
Nordostfassade der fraglichen Baute und somit nur auf das Querprofil der
geplanten Solaranlage, womit keine eigentliche, sichthindernde
Barrierewirkung zu Lasten der Beschwerdeführerin zu befürchten ist. In
diesem Zusammenhang ist auch noch auf den per 1. Juli 2022 in Kraft
tretenden, revidierten Art. 32a Abs. 1bis lit. a der eidgenössischen
Raumplanungsverordnung (RPV; SR 700.1) hinzuweisen. Demnach
gelten Solaranlagen auf einem Flachdach auch dann als genügend
angepasst, wenn sie unter anderem die Oberkante des Dachrandes
höchstens um einen Meter überragen. Bei Erfüllung der weiteren
Voraussetzungen von Art. 32a Abs. 1bis lit. b und c RPV fallen zukünftig
auch solche derart aufgeständerten Anlagen unter den Begriff der
"genügend angepasste Solaranlagen" gemäss Art. 18a Abs. 1 RPG und
wären demensprechend wohl sogar infolge Bundesrechts von einer
Baubewilligungspflicht befreit (siehe AS 2022 357; JÄGER, in:
Aemisegger/Moor/Ruch/Tschannen [Hrsg.], Praxiskommentar
RPG: Baubewilligung, Rechtsschutz und Verfahren, Zürich/Basel/Genf
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2020, Art. 18a Rz. 11 ff.). Ungeklärt blieb hingegen trotz durchgeführtem
Augenschein, welches ortsbildprägende Bahnhofgebäude die
Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde vom 1. Februar 2022 bzw. in der
Einsprache vom 15. Juli 2021 meint, welches in der Höhe durch die
strittige Baute in jedem Fall nicht überragt werden dürfe. Anlässlich des
Augenscheins machte die Beschwerdeführerin dazu keine
weitergehenden Ausführungen. Der eigentliche Bahnhof AS._
befindet sich Luftlinie ca. 240 m in südwestlicher Richtung von der
Bauparzelle entfernt auf der auf der gegenüberliegenden Seite der
F._-Strasse gelegenen Parzellen AN._ und AO._.
Dazwischen liegt auf der Parzelle AP._ noch ein ebenfalls maximal
fünfstöckiges, ca. 95 m langes Gebäude parallel zur F._-Strasse
(siehe Fotos 8 und 13 ff. im Protokoll zum Augenschein vom 27. April
2022). Im weiteren Bereich des Bahnhofs AS._ finden sich gemäss
GGP zwei Bauten mit Schutzanordnungen. Zum einen auf der
Parzelle AV._ das Hotel AW._, klassifiziert als erhaltenswerte
Baute gemäss Art. 112 BG sowie die Baute auf der Parzelle AQ._,
klassifiziert als geschützte Baute gemäss Art. 111 BG. Letztere liegt aber
in südwestlicher Richtung auch bereits knapp 150 m entfernt von der
Bauparzelle (siehe Foto 9 im Protokoll zum Augenschein vom 27. April
2022). Dabei handelt es sich um eine zweistöckige, hauptsächlich
gewerblich genutzte Baute. Inwiefern diese Baute eine besondere
Rücksichtnahme von den umliegenden Bauten benötigt bzw. dies bei
bestehenden Bauten bereits der Fall sein soll, ist nicht ersichtlich (vgl.
auch die Fotos 8 f. und 13 ff. im Protokoll zum Augenschein vom 27. April
2022). So ist etwa die etwas von der F._-Strasse zurückversetzte
Baute auf der benachbarten, in der Zone für städtisches Wohnen gelegene
Parzelle AR._ (siehe Foto 9 im Protokoll zum Augenschein vom
27. April 2022) bereits wieder vier- bzw. teilweise fünfstöckig. Direkt auf
der anderen Seite der F._-Strasse bei der Parzelle AQ._, liegt
die Parzelle AP._, welche wie auch die Parzelle AQ._ zur
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Zentrumszone gemäss Art. 58 BG mit gemäss Art. 93 BG fünf zulässigen
Geschossen gehört. Dort steht dann wie bereits erwähnt ein knapp 100 m
langes und mehrheitlich fünf Stockwerke hohes Gebäude.
4.5. Insofern ist – auch unter Berücksichtigung des gewichtigen öffentlichen
Interesses an der Siedlungsentwicklung nach innen und damit
zusammenhängend der Beachtung des Grundsatzes der Gewährung der
vollen Regelbauweise, sofern nicht überwiegende (Orts- und
Landschaftsschutz-)Interessen ein Abweichen davon gebieten – nicht zu
beanstanden, wenn die Beschwerdegegnerin 1 im Rahmen des ihr,
namentlich auch infolge ihrer besonderen örtlichen Kenntnis,
zukommenden Beurteilungsspielraumes bei Einordnungsfragen bzw. der
Auslegung eines unbestimmten Rechtsbegriffes das Bauvorhaben im
Ergebnis als mit Art. 24 BG (und Art. 73 Abs. 1 KRG) vereinbar betrachtet
hat. Die Beschwerdegegnerin 1 hat somit die Baubewilligung zu Recht
erteilt und es gibt keinen Grund dafür, seitens des Verwaltungsgerichtes
gegen diesen Entscheid einzuschreiten.
5.1. Die Beschwerde erweist sich somit als unbegründet und ist abzuweisen.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens gehen die Gerichtskosten,
bestehend aus einer Staatsgebühr und den Kanzleiauslagen (Art. 75
Abs. 1 lit. a und b VRG), gestützt auf Art. 73 Abs. 1 VRG vollumfänglich
zu Lasten der Beschwerdeführerin. Die Staatsgebühr wird in Anwendung
von Art. 75 Abs. 2 VRG und in Anbetracht des Verfahrensaufwandes
sowie der Interessenlage der Beschwerdeführerin auf CHF 3'000.--
festgesetzt.
5.2. Bund, Kanton und Gemeinden sowie mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben
betrauten Organisationen wird gemäss Art. 78 Abs. 2 VRG in der Regel
keine Parteientschädigung zugesprochen, wenn sie in ihrem amtlichen
Wirkungskreis obsiegen. Davon abzuweichen besteht vorliegend kein
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Anlass, weshalb der obsiegenden Beschwerdegegnerin 1 keine
Parteientschädigung zusteht.
5.3. Demgegenüber hat gemäss Art. 78 Abs. 1 VRG die unterliegende
Beschwerdeführerin der obsiegenden Beschwerdegegnerin 2 die durch
das Verfahren verursachten Kosten zu ersetzen. Gemäss Art. 16a Abs. 2
des kantonalen Anwaltsgesetzes (BR 310.100) und Art. 2 Abs. 1 und 2
der Verordnung über die Bemessung des Honorars der
Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (Honorarverordnung, HV;
BR 310.250) i.V.m. Art. 19 des kantonalen Anwaltsgesetzes wird die
Parteientschädigung an die obsiegende Partei nach Ermessen des
Gerichts festgesetzt, wobei es grundsätzlich von dem in der Honorarnote
geltend gemachten (und als angemessen sowie für die Prozessführung
erforderlich zu betrachtenden) Aufwand sowie (üblichen) Stundenansatz
ausgeht. Der Rechtsvertreter der Beschwerdegegnerin 2 machte in seiner
Leistungsaufstellung vom 13. April 2022 betreffend den Zeitraum vom
26. Juli 2021 bis am 12. April 2022 insgesamt 27.75 h à CHF 250.-- zzgl.
Kleinspesenpauschale von 3 % und 7.7 % MWST geltend. Eine
Honorarvereinbarung über einen Stundenansatz von CHF 250.-- im Sinne
von Art. 4 Abs. 1 HV liegt in den Akten (siehe Akten der
Beschwerdegegnerin 2 [Bg2-act.] 1 S. 2). Die Honorarnote enthält in
zeitlicher Hinsicht aber auch Aufwendungen, welche das vorinstanzliche
Einspracheverfahren und nicht das vorliegende verwaltungsgerichtliche
Verfahren betreffen. Die geltend gemachten Aufwendungen können erst
ab Februar 2022 berücksichtigt werden. Unter Mitberücksichtigung des in
der Leistungsaufstellung bzw. der Honorarnote noch nicht
berücksichtigten Augenscheins vom 27. April 2022, erscheint insgesamt
eine Parteientschädigung von pauschal CHF 6'000.-- (inkl. Spesen und
MWST) als angemessen. Die Beschwerdeführerin hat die
Beschwerdegegnerin 2 in diesem Betrag aussergerichtlich zu
entschädigen.
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