Decision ID: 03b5b03b-9706-45d0-abb3-0f8de07bd64d
Year: 2001
Language: de
Court: ZH_VG
Chamber: ZH_VG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: public_law

I. A bezieht seit dem 1. Januar 2000 wirtschaftliche Hilfe. Weil die Sozialkommission der Gemeinde X erhebliche Zweifel an dessen vollumfänglicher Arbeits- und Transportunfähigkeit hegte, liess sie den Sozialdienst der Gemeinde am 23. November 2000 A auffordern, sich einer vertrauensärztlichen Untersuchung zu unterziehen. Da dieser der Aufforderung nicht nachkam, verfügte der Delegierte der Sozialkommission für wirtschaftliche Hilfe am 15. Januar 2001, die Unterstützung von Fr. 895.- monatlich werde vorläufig bis zum 31. März 2001 weitergeführt; A wurde wiederum aufgefordert, sich für eine Begutachtung durch den Vertrauensarzt der Sozialkommission zur Verfügung zu halten. Sollte dieser sich der Untersuchung widersetzen, so würde die Unterstützung ab dem 1. März 2001 eingestellt.
II. Am 14. Februar 2001 erhob A gegen die genannte Verfügung Rekurs an den Bezirksrat W und beantragte namentlich, auf die vertrauensärztliche Untersuchung sei zu verzichten. Der Bezirksrat wies das Rechtsmittel mit Beschluss vom 29. März 2001 ab, soweit er darauf eintrat. Er erwog im Wesentlichen, mit der Gewährung wirtschaftlicher Hilfe könnten insbesondere Auflagen und Weisungen betreffend ärztliche Untersuchung oder Behandlung verbunden werden. Da die SUVA dem Rekurrenten lediglich eine Monatsrente aufgrund einer 15%-igen Erwerbsunfähigkeit ausrichte und auch Beobachtungen des Sozialdienstes Zweifel an dessen Arbeits- und Transportunfähigkeit hätten aufkommen lassen, rechtfertige sich die Anordnung einer vertrauensärztlichen Untersuchung vorliegend ohne Weiteres. Es liege im Interesse der Behörde, genaue Informationen über den Gesundheitszustand des Rekurrenten erhältlich zu machen, um dem Resultat entsprechend reagieren zu können. – Grundsätzlich sei es zwar unzulässig, Unterstützungsleistungen nicht zu gewähren oder einzustellen. Falls jedoch der Bezüger sich weigere, die zur Bedarfsbemessung nötigen Angaben beizubringen, müsse die Behörde erhebliche Zweifel an dessen Bedürftigkeit haben und dürfe die Hilfe verweigern.
III. A wandte sich am 18. Juli 2001 mit Beschwerde an das Verwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung von Ziffer 5 der Verfügung der Beschwerdegegnerin, die Abänderung von Ziffer 7 der genannten Verfügung dahin gehend, dass die wirtschaftliche Hilfe auch für den Zeitraum ab dem 31. März 2001 unabhängig von einer Einwilligung des Beschwerdeführers in die vertrauensärztliche Untersuchung weiter auszurichten sei, sowie die Bestellung von Rechtsanwalt B als dessen unentgeltlichen Rechtsbeistand.
Der Bezirksrat W beantragte am 30. Juli 2001 Abweisung der Beschwerde. Denselben Antrag stellte die Gemeinde X mit Beschwerdeantwort vom 3. August 2001.

Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1. a) Gemäss § 19c Abs. 2 des Verwaltungsrechtspflegegesetzes vom 24. Mai 1959/ 8. Juni 1997 (VRG) ist gegen Rekursentscheide der Bezirksräte die Beschwerde an das Verwaltungsgericht zulässig, wenn sie nicht (durch spezielle Gesetzesnorm) ausgeschlossen ist. Da eine solche derogierende Norm vorliegend fehlt (vgl. § 47 des Sozialhilfegesetzes vom 14. Juni 1981, SHG), sind sachliche und funktionelle Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts gegeben.
b) Die Beschwerde richtet sich zum Einen gegen die Anordnung einer vertrauensärztlichen Untersuchung des Beschwerdeführers. Obwohl nicht vollständig klar ist, welches Ziel die Beschwerdegegnerin damit verfolgt, ist davon auszugehen, dass damit der Sachverhalt ermittelt werden soll, auf Grund dessen dann allenfalls weitere Anordnungen gegenüber dem Beschwerdeführer getroffen werden. Dispositiv-Ziffer 5 der ursprünglichen Verfügung stellt damit einen Zwischenentscheid im Sinn von § 48 Abs. 2 VRG dar, der nur anfechtbar ist, wenn er einen Nachteil zur Folge hat, der sich später voraussichtlich nicht mehr beheben lässt. Diese Voraussetzung ist vorliegend erfüllt, da die Untersuchung einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Beschwerdeführers beinhaltet, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt (VGr, 5. Juni 2000, VB.2000.00074; vgl. RB 2000 Nr. 76). Auf die Beschwerde ist somit in diesem Punkt einzutreten.
c) Mit der Anordnung der vertrauensärztlichen Untersuchung verbunden wurde in der gleichen Dispositiv-Ziffer die Ankündigung, die wirtschaftliche Hilfe ab dem 1. März 2001 einzustellen, falls der Beschwerdeführer sich dieser widersetzen sollte. Dieser Punkt stellt keine blosse Androhung dar, die in der Regel nicht anfechtbar ist (Alfred Kölz/Jürg Bosshart/Martin Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 2. A., Zürich 1999, § 19 N. 14), sondern eine bedingte Anordnung, wobei der Eintritt der Bedingung vom Verhalten des Beschwerdeführers abhängt. Hätte dieser nicht Rekurs erhoben, wären die Leistungen ohne weiteren Entscheid eingestellt worden. Somit ist auch insoweit auf die Beschwerde einzutreten.
d) Der Beschwerdeführer bezog bisher monatliche Unterstützung im Umfang von knapp Fr. 900.-, die ihm mit der angefochtenen Verfügung bedingt entzogen wurde. Entsprechend der Praxis des Verwaltungsgerichts wäre damit von einem Streitwert der Angelegenheit von knapp Fr. 11'000.- auszugehen (Kölz/Bosshart/Röhl, § 38 N. 5; RB 1998 Nr. 21). Da jedoch primär die Anordnung einer vertrauensärztlichen Untersuchung des Beschwerdeführers strittig ist, der kein Streitwert zukommt, hat vorliegend nach § 38 VRG die Kammer zu entscheiden.
2. Bezüglich der Rechtmässigkeit der ursprünglichen Verfügung fragt sich zunächst – und von Amtes wegen –, ob dem Delegierten für wirtschaftliche Hilfe der Sozialkommission X die Zuständigkeit zukommt, anstelle der Kollegialbehörde zu entscheiden. Eine solche Kompetenz kann sich nicht auf § 67 des Gemeindegesetzes vom 6. Juni 1926 (GemeindeG) stützen, da die fragliche Anordnung weder formeller Natur, noch dringlich oder von geringer Bedeutung im Sinn dieser Bestimmung war. Die Zuständigkeit des Delegierten kann sich somit nur auf § 57 GemeindeG stützen. Danach kann die Gemeindeordnung den Behörden gestatten, die Besorgung bestimmter Geschäfte einzelnen oder mehreren Mitgliedern zu übertragen. Die Gemeindeordnung muss somit nicht selbst festlegen, welchen Behördemitgliedern solche Befugnisse übertragen werden, sondern kann sich mit einer allgemein gehaltenen Ermächtigung an die Exekutivbehörden begnügen (H. R. Thalmann, Kommentar zum Zürcher Gemeindegesetz, 3. A., Wädenswil 2000, § 57 Rz. 1.1). Eine solche enthält die Gemeindeordnung X vom 28. September 1997 (GemeindeO) in § 29 Abs. 1. Abs. 3 dieser Bestimmung ist zu entnehmen, dass Einsprachen gegen Organe der Kommissionen innert 30 Tagen bei der Gesamtkommission einzureichen sind, und nimmt damit auf § 57 Abs. 3 GemeindeG Bezug.
Ob die Sozialkommission entsprechende Befugnisse durch förmlichen Beschluss (Thalmann, § 57 Rz. 1.3) an den Delegierten für wirtschaftliche Hilfe delegiert hat, ist nicht aktenkundig, kann aber, da die angefochtene Verfügung ohnehin aus materiellen Gründen aufzuheben ist (E. 3 f.), offen bleiben.