Decision ID: 8f574425-df92-5957-8c44-ff303914bd39
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
B.
Am 6. Januar 2020 erhob X._ (Beschwerdeführerin) beim Verwaltungsgericht
Beschwerde gegen den Entscheid des Departements des Innern (Vorinstanz) vom 12.
Dezember 2019. Sie stellte den Antrag auf Aufhebung der Ziff. 1 des Entscheids der
Vorinstanz und Übernahme der Kosten gemäss der Leistungsabrechnung der A._
Krankenkasse AG vom 6. März 2019. Zudem beantragte sie die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne eines Verzichts auf Gerichtskostenvorschüsse.
Der Abteilungspräsident verzichtete mit Schreiben vom 8. Januar 2020 auf die
X._, Jahrgang 1990, wurde nach einem Unterbruch ab 1. April 2018 sozialhilferechtlich
von der politischen Gemeinde Y._ unterstützt. Da X._ ab dem 4. Februar 2019 an
einer beruflichen Eingliederungsmassnahme der IV-Stelle teilnahm und ihr dafür ein
Taggeld der Invalidenversicherung (IV) zugesprochen wurde (Verfügung der IV-Stelle
vom 18. Januar 2019, act. 6/4/5), konnte sie per 28. Februar 2019 von der Sozialhilfe
abgelöst werden (Kontoauszug der Sozialhilfe, act. 6/4/3).
A.a.
Mit E-Mail vom 16. April 2019 ersuchte X._ die Sozialen Dienste Y._ um Übernahme
der Kosten gemäss Leistungsabrechnung der A._ Krankenkasse AG vom 6. März
2019 für Behandlungen im Zeitraum vom 4. bis 25. Februar 2019 in der Höhe von CHF
109.45 (act. 6/4/1 und 6/4/6). Die Sozialen Dienste Y._ lehnten die Kostenübernahme
mit Verfügung vom 31. Mai 2019 ab. Sie führten aus, dass bei der Übernahme von
Arztrechnungen bzw. medizinischen Kosten auf das Rechnungsdatum und nicht auf
das Behandlungsdatum abgestellt werde (act. 6/4/9). Den dagegen erhobenen Rekurs
wies das Departement des Innern mit Entscheid vom 12. Dezember 2019 ab.
A.b.
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Erhebung eines Kostenvorschusses und stellte gleichentags die Gegenstandslosigkeit
des entsprechenden Antrags fest.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 15. Januar 2020 auf Abweisung
der Beschwerde und verwies auf die Ausführungen im angefochtenen Entscheid. Mit
Eingabe vom 7. Februar 2020 ersuchte die politische Gemeinde Y._
(Beschwerdegegnerin) ebenfalls um Abweisung der Beschwerde, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge.
Auf die Erwägungen des angefochtenen Entscheids und die Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit für
den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...)
2.
Nach Art. 2 Abs. 1 des Sozialhilfegesetzes (sGS 381.1, SHG) bezweckt persönliche
Sozialhilfe, der Hilfebedürftigkeit vorzubeugen, deren Folgen nach Möglichkeit zu
beseitigen oder zu mildern und die Eigenverantwortung und die Selbsthilfe der
Hilfebedürftigen sowie ihre soziale und berufliche Integration zu fördern. Gestützt auf
das in der Sozialhilfe massgebende Subsidiaritätsprinzip wird Sozialhilfe geleistet,
soweit keine Hilfeleistung durch unterstützungspflichtige Verwandte oder andere Dritte
gewährt wird oder diese nicht rechtzeitig verfügbar ist und kein Anspruch auf
Sozialversicherungsleistungen oder auf Sozialhilfe nach der besonderen Gesetzgebung
besteht (Art. 2 Abs. 2 SHG). Anspruch auf finanzielle Sozialhilfe hat, wer für seinen
Lebensunterhalt nicht hinreichend oder nicht rechtzeitig aus eigenen Mitteln
aufkommen kann (Art. 9 Abs. 1 SHG). Finanzielle Sozialhilfe umfasst Geld- und
Sachleistungen sowie Kostengutsprachen. Sie wird rechtzeitig gewährt (Art. 10 Abs. 1
und 2 SHG). Zur materiellen Grundsicherung gehören nebst dem Grundbedarf für den
Lebensunterhalt und den Wohnkosten auch die medizinische Grundversorgung (G.
Wizent, Sozialhilferecht, Zürich/St. Gallen 2020, Rz. 479 und S. 193 ff.; Richtlinien der
Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) Kapitel B).
Das Sozialhilferecht kennt eine Reihe von fundamentalen Prinzipien. Das
Bedarfsdeckungs-, Tatsächlichkeits- und Gegenwärtigkeitsprinzip, das
2.1.
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2.3.
Die Beschwerdeführerin bemerkt zu Recht, dass sie sich noch während des Bezugs
der finanziellen Sozialhilfe im Februar 2019 in die ärztlichen Behandlungen gemäss der
Leistungsabrechnung begeben hatte. Damit entstand die Forderung zwar grundsätzlich
Individualisierungs-, Final- und Subsidiaritätsprinzip skizzieren die Sozialhilfe als
konkrete, gegenwärtige, individuelle, verschuldensunabhängige und nachrangige Hilfe
(Wizent, a.a.O., S. 145 ff.; F. Wolffers, Grundriss des Sozialhilferechts, 2. Aufl. 1999,
S. 69 ff.). Als bedarfsorientierte Sozialleistung wird die Sozialhilfe für eine gegenwärtige
Notlage ausgerichtet. Der grundlegende Lebensbedarf kann nur in dem Augenblick
befriedigt werden, in welchem er besteht. Somit haben grundsätzlich nur gegenwärtig
mittellose Personen Anspruch auf Sozialhilfe (Wizent, a.a.O., S. 160). In Bezug auf die
zeitliche Übernahme von Kostenbeteiligungen und Arztrechnungen ist unter
Berücksichtigung dieser Prinzipien grundsätzlich auf das Rechnungs- und nicht auf das
Behandlungsdatum abzustellen, ausser es wurde vorgängig eine Kostengutsprache
erteilt (Wizent, a.a.O., S. 160, Fussnote 418).
Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin von der
Beschwerdegegnerin bis zum 28. Februar 2019 sozialhilferechtlich unterstützt wurde
(act. 6/4/3). Die Beschwerdeführerin war am 4., 15. und 25. Februar 2019 in ärztlicher
Behandlung. Die Leistungsabrechnung betreffend diese Behandlungen stellte die A._
Krankenkasse AG der Beschwerdeführerin am 6. März 2019 zu mit einer Zahlungsfrist
von 30 Tagen (act. 6/4/6).
Die Vorinstanz und die Beschwerdegegnerin erachten für die Übernahme der
Arztrechnungen den Rechnungszeitpunkt als massgebend. Da die Beschwerdeführerin
ab dem 1. März 2019 nicht mehr durch die Sozialhilfe unterstützt worden sei, könne die
Rechnung vom 6. März 2019 nicht über die Sozialhilfe vergütet werden.
Dagegen beharrt die Beschwerdeführerin auf dem Standpunkt, dass die
Arztbehandlungen noch während ihrer Unterstützungszeit stattgefunden hätten und
daher zu übernehmen seien. Als die Auszahlung ihrer Waisenrente und der gleichzeitig
ausbezahlten Ergänzungsleistungen eingestellt worden sei, sei ihr ausdrücklich erklärt
worden, dass bundesrechtlich geregelt sei, dass für den Sozialversicherungsschutz
und die Sozialhilfe nicht das Datum der Rechnung, sondern das Datum der ärztlichen
Behandlung massgebend sei, damit Doppelauszahlungen verhindert werden könnten.
Dies sei auch vorliegend im Verhältnis zu den ihr damals ausbezahlten IV-Taggeldern
der Fall.
2.2.
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im Zeitpunkt der Behandlung, jedoch wurde sie erst später, am 6. März 2019, in
Rechnung gestellt. Beglichen werden konnte die Rechnung folglich erst ab dem Datum
der Rechnungsstellung. Zu den grundlegenden Prinzipien in der Sozialhilfe gehören –
wie bereits in E. 2.1 erwähnt – das Bedarfsdeckungs- und Gegenwärtigkeitsprinzip.
Demnach ist bei der Sozialhilfe immer die gegenwärtige wirtschaftliche Situation einer
Person ausschlaggebend. Ab 1. März 2019 wurde die Beschwerdeführerin nicht mehr
durch die Sozialhilfe unterstützt, da ihr ab diesem Zeitpunkt IV-Taggelder ausbezahlt
wurden und sie aus sozialhilferechtlicher Sicht nicht mehr bedürftig war.
Dementsprechend ist die erst nach der Leistungseinstellung der Sozialhilfe am 6. März
2019 ausgestellte und damit erst ab diesem Datum zur Zahlung innert 30 Tagen fällig
gewordene Rechnung nicht von der Beschwerdegegnerin zu übernehmen.
Die von der Beschwerdeführerin vorgebrachten Einwände betreffend allfällige
Doppelzahlungen aufgrund der ausbezahlten IV-Taggelder bzw. dem ihrer Meinung
nach gültigen Sozialversicherungsrecht sind nicht ohne Weiteres verständlich und
nachvollziehbar. Der Beschwerdeführerin wurden im Zeitpunkt der Rechnungsstellung
der A._ Krankenkasse AG im März 2019 IV-Taggelder ausbezahlt. Diese IV-Taggelder
während einer beruflichen Eingliederungsmassnahme dienen grundsätzlich dazu, den
invaliditätsbedingten Erwerbsausfall zu decken. Im Unterschied zur Sozialhilfe wird bei
der Berechnung der IV-Taggelder nicht auf den allgemeinen Lebensbedarf
(Grundbedarf für den Lebensunterhalt, Unterkunft und medizinische Grundversorgung)
abgestellt, sondern grundsätzlich auf das zuletzt erzielte Einkommen vor Eintritt der
Invalidität (grosses Taggeld; sofern noch in der ersten beruflichen Ausbildung kleines
Taggeld [siehe Verfügung der IV-Stelle St. Gallen vom 18. Januar 2019, act. 6/4/5]; Art.
22 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [SR 831.20, IVG], sowie
Berechnung Art. 17 ff. der Verordnung über die Invalidenversicherung [SR 831.201,
IVV], siehe auch Kreisschreiben über die Taggelder der Invalidenversicherung, KSTI,
https://sozialversicherungen.admin.ch/de/ unter: IV/Grundlagen IV/individuelle
Leistungen/Kreisschreiben). Nachdem die Beschwerdeführerin im März 2019 nicht
mehr auf Sozialhilfe angewiesen war, hätte das IV-Taggeld damit für die Bestreitung
ihres Lebensunterhalts ausreichen sollen. Dazu gehört auch die Bezahlung der
strittigen Leistungsabrechnung. Denn im Gegensatz zur Sozialhilfe kann bei einem
Anspruch auf IV-Taggeld bei der IV-Stelle nicht zusätzlich eine Abgeltung für
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Krankheitskosten gefordert werden. Inwiefern sich daraus also ein Problem bezüglich
Doppelzahlungen ergeben soll, erschliesst sich nicht. Allerhöchstens könnte eine
allfällige Doppelzahlung im Zusammenhang mit zum IV-Taggeld ausbezahlten
Ergänzungsleistungen bzw. der Vergütung der Krankheits- und Behinderungskosten
über die Ergänzungsleistungen (Art. 14 des Bundesgesetzes über
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung [SR
831.30, ELG]) entstehen. Die allgemeinen Voraussetzungen für einen Anspruch auf
Ergänzungsleistungen sind in Art. 4 ELG definiert. Unter anderem müsste eine
versicherte Person ununterbrochen während mindestens sechs Monaten ein Taggeld
der IV beziehen (Art. 4 Abs. 1 lit. c ELG). Im vorliegend massgebenden Zeitpunkt im
März 2019 erfüllte die Beschwerdeführerin diese Anspruchsvoraussetzungen nicht.
Somit kann sich die Frage einer allfälligen Doppelzahlung durch die Sozialhilfe und der
Ergänzungsleistungen gar nicht stellen. Die Beschwerde erweist sich demnach als
unbegründet und ist abzuweisen.
3.
Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von CHF
1‘000 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12,
GKV).
Es sind keine ausseramtlichen Kosten zuzusprechen (Art. 98 Abs. 1 und Art. 98 VRP).
Der Beschwerdegegnerin steht kein Kostenersatz zu (vgl. VerwGE B 2019/117 vom
19. Dezember 2019 E. 5.3, VerwGE B 2017/59 vom 23. März 2018 E. 7, R. Hirt, Die
Regelung der Kosten nach st. gallischem Verwaltungsrechtspflegegesetz, St. Gallen
2004, S. 176 ff., A. Linder, in: Rizvi/Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege, Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2020, N 20 zu Art. 98
VRP), und die Beschwerdeführerin ist unterlegen und hat auch keinen entsprechenden
Antrag gestellt.