Decision ID: c66b0760-e70e-59c7-8f60-3468dab51ec1
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die A._ GmbH (nachfolgend: Steuerpflichtige) bezweckt gemäss
Eintrag im Handelsregister insbesondere das Führen eines Übersetzungs-
büros. Die Steuerpflichtige ist seit dem 1. Januar 2005 im Register der
mehrwertsteuerpflichtigen Personen bei der Eidgenössischen Steuerver-
waltung (ESTV) eingetragen. Am 18. Mai 2005 wurde ihr die Abrechnung
nach der Saldosteuersatzmethode mit einem Saldosteuersatz von 6 % be-
willigt.
B.
Anlässlich einer Kontrolle stellte die ESTV fest, dass die Steuerpflichtige
zum einen in den Steuerperioden 2010-2013 mehrwertsteuerlich nicht ab-
gerechnete Übersetzungsdienstleistungen aus dem Ausland bezogen und
zum anderen in den Steuerperioden 2012-2013 steuerbare Umsätze nicht
deklariert hatte. Gestützt auf diesen Befund machte die ESTV gegenüber
der Steuerpflichtigen mit Ergänzungsabrechnung (EA) Nr. [...] vom 20. Mai
2015 für das 2. Semester 2010 eine Mehrwertsteuernachforderung von
Fr. 5'635.- zuzüglich Verzugszins geltend. Mit der gleichentags erlassenen
Einschätzungsmitteilung (EM) Nr. [...] setzte die ESTV die Steuerforderung
für die Steuerperioden 2011-2013 auf insgesamt Fr. 78'472.- fest; zugleich
forderte sie von der Steuerpflichtigen die Bezahlung der sich auf
Fr. 21'303.- belaufenden Differenz zwischen dieser Steuerforderung und
der (seitens der Steuerpflichtigen) deklarierten Steuer zuzüglich Verzugs-
zins.
C.
Mit Schreiben vom 11. Juni 2015 bestritt die Steuerpflichtige diese Steuer-
nachforderungen. Überdies stellte sie (für den Fall des Bestehens dieser
Forderungen) ein Erlassgesuch.
D.
Die ESTV hielt mit Verfügung vom 17. November 2016 fest, dass auf das
Erlassgesuch nicht eingetreten werde, die Bestreitung unbegründet sei
und die Steuerpflichtige folglich die in der EA und der EM vom 20. Mai 2015
genannten Nachforderungsbeträge samt Verzugszins zu bezahlen habe.
E.
Auf eine von der Steuerpflichtigen am 13. Dezember 2016 erhobene Ein-
sprache hin bestätigte die ESTV (nachfolgend auch: Vorinstanz) mit Ein-
spracheentscheid vom 11. Januar 2017 die erwähnte Verfügung.
A-904/2017
Seite 3
F.
Mit Beschwerde vom 10. Februar 2017 beantragt die Steuerpflichtige
(nachfolgend auch: Beschwerdeführerin) sinngemäss, unter Aufhebung
des Einspracheentscheids der Vorinstanz vom 11. Januar 2017 sei auf die
Nachforderung von Mehrwertsteuern zu verzichten und eventualiter seien
die von der ESTV geltend gemachten Steuerschulden zu erlassen. Sube-
ventualiter verlangt die Steuerpflichtige, der Berechnung der von ihr für die
Steuerperioden 2010-2015 geschuldeten Mehrwertsteuern sei ein «ange-
messener Pauschalsteuersatz [recte: Saldosteuersatz] von 3,75 %» zu-
grunde zu legen (Beschwerde, S. 2). Die Beschwerdeführerin fordert
schliesslich die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.
G.
Mit Schreiben vom 28. Februar 2017 zog die Beschwerdeführerin ihr Ge-
such um unentgeltliche Rechtspflege zurück.
H.
Mit unaufgefordert eingereichtem Schreiben vom 8. Mai 2017 hält die Be-
schwerdeführerin sinngemäss an den in der Sache gestellten Beschwer-
deanträgen fest.
I.
Die Vorinstanz beantragt mit Vernehmlassung vom 9. Juni 2017, die Be-
schwerde sei unter Kostenfolge zulasten der Beschwerdeführerin und
ohne Zusprechung einer Parteientschädigung vollumfänglich abzuweisen
und der Einspracheentscheid sei zu bestätigen.
J.
Die Beschwerdeführerin erklärt mit Stellungnahme vom 7. Juli 2017 insbe-
sondere, sie würde von ihren (materiellen) Begehren nur Abstand nehmen,
wenn ihr die Vorinstanz für den Fall des Eintrittes der Rechtskraft der streit-
betroffenen Steuernachforderungen infolge Rückzugs der Beschwerde
«doch noch ein [...] tragbares Angebot über einen Erlass und eine Raten-
zahlung» unterbreite (S. 5 der Stellungnahme). Sie beantragt überdies, die
ESTV sei, falls eine rückwirkende Anpassung des Saldosteuersatzes nicht
mehr möglich sei, zu verpflichten, zukünftig eine «Differenzierung» bzw.
einen besonderen Saldosteuersatz für Übersetzungsdienstleister mit freien
Mitarbeitenden einzuführen.
A-904/2017
Seite 4
K.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten und die eingereichten Ak-
ten wird – soweit sie entscheidwesentlich sind – in den folgenden Erwä-
gungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
1.1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das
Bundesverwaltungsgericht (Verwaltungsgerichtsgesetz, VGG, SR 173.32)
beurteilt dieses Gericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des
Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren
(Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG, SR 172.021). Der vorliegend ange-
fochtene Einspracheentscheid der ESTV bildet eine solche Verfügung.
Eine Ausnahme nach Art. 32 VGG ist nicht gegeben. Die Vorinstanz ist eine
Behörde im Sinne von Art. 33 VGG. Das Bundesverwaltungsgericht ist da-
her für die Beurteilung der Beschwerde zuständig.
1.1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin des angefochtenen Ein-
spracheentscheids zu dessen Anfechtung legitimiert (vgl. Art. 48 Abs. 1
VwVG). Es steht zudem fest, dass sie nach wie vor an ihren in der Sache
gestellten Anträgen festhält:
Zum einen hat die Vorinstanz bis heute nicht in Aussicht gestellt, der Be-
schwerdeführerin die streitigen Steuernachforderungen im Fall des Eintrit-
tes ihrer Rechtskraft zu erlassen oder diesbezüglich eine Ratenzahlung zu
gewähren. Das in der Stellungnahme der Beschwerdeführerin vom 7. Juli
2017 genannte «Angebot über einen Erlass und eine Ratenzahlung»
wurde also nicht unterbreitet. Zum anderen hat die Beschwerdeführerin
auch keinen (vorbehaltlosen) Rückzug ihres Rechtsmittels erklärt.
1.1.3 Soweit das (Subeventual-)Begehren, es sei der Berechnung der ge-
schuldeten Mehrwertsteuern ein «angemessener Pauschalsteuersatz
[recte: Saldosteuersteuersatz] von 3,75 %» zugrunde zu legen, Steuerpe-
rioden nach dem 31. Dezember 2013 betrifft, ist auf die Beschwerde nicht
einzutreten. Diese Steuerperioden können nämlich nicht Gegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens sein, weil sie weder Gegenstand des
vorinstanzlichen Verfahrens bildeten noch es nach richtiger Gesetzesaus-
A-904/2017
Seite 5
legung hätten sein sollen (vgl. zum Streitgegenstand bei der nachträgli-
chen Verwaltungsrechtspflege anstelle vieler Urteil des BVGer
A-1675/2016 und A-1681/2016 vom 12. April 2017 E. 3.1; ALFRED KÖLZ et
al., Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, N. 686 ff.).
Aus dem gleichen Grund nicht einzutreten ist auf den Eventualantrag der
Beschwerdeführerin, die ESTV sei zu verpflichten, zukünftig eine «Diffe-
renzierung» bzw. einen besonderen Saldosteuersatz für Übersetzungs-
dienstleister mit freien Mitarbeitenden einzuführen.
1.1.4 Mit den genannten Einschränkungen (E. 1.1.3) ist auf die im Übrigen
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (vgl. Art. 50 Abs. 1 und
Art. 52 Abs. 1 VwVG) einzutreten.
1.2 Ob die vorliegende, erst nach Ablauf der 30-tägigen Beschwerdefrist
(vgl. Art. 50 Abs. 1 VwVG) eingereichte Stellungnahme der Beschwerde-
führerin vom 8. Mai 2017 als unzulässige Verbesserung oder Ergänzung
der Beschwerdebegründung aus dem Recht zu weisen ist, kann dahinge-
stellt bleiben. Wie im Folgenden ersichtlich wird, ändert nämlich die Be-
rücksichtigung dieser Stellungnahme nichts am Ausgang des Verfahrens.
2.
2.1 Gemäss Art. 130 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101) erhebt der Bund eine
Mehrwertsteuer. Nach der Belastungskonzeption der Mehrwertsteuer zielt
diese auf den «nicht unternehmerischen Endverbrauch im Inland» ab
(vgl. Art. 1 Abs. 1 Satz 2 MWSTG sowie Urteil des BGer 2C_1076/2015
vom 9. Dezember 2016 E. 2.1).
Die Erhebungskonzeption der Mehrwertsteuer kommt im System der
Netto-Allphasensteuer mit Vorsteuerabzug zum Ausdruck (Art. 1 Abs. 1
Satz 1 MWSTG). Aus Praktikabilitätsgründen erfolgt der Bezug der Mehr-
wertsteuer auf Stufe der leistungserbringenden Personen, obschon nicht
diese, sondern die leistungsbeziehenden Personen die Destinatäre der
Mehrwertsteuer sind (BGE 142 II 488 E. 2.2.2, mit Hinweisen; Urteil des
BGer 2C_1076/2015 vom 9. Dezember 2016 E. 2.1).
Die Steuer wird auf den im Inland von steuerpflichtigen Personen gegen
Entgelt erbrachten Leistungen (Inlandsteuer), auf dem Bezug von Leistun-
gen von Unternehmen mit Sitz im Ausland durch Empfänger und Empfän-
gerinnen im Inland (Bezugsteuer) und auf Einfuhren von Gegenständen
A-904/2017
Seite 6
(Einfuhrsteuer) erhoben (Art. 1 Abs. 2 MWSTG). Die Erhebung erfolgt nach
den Grundsätzen der Wettbewerbsneutralität, der Entrichtungs- und Erhe-
bungswirtschaftlichkeit sowie der Überwälzbarkeit (Art. 1 Abs. 3 MWSTG).
2.2
2.2.1 Dienstleistungen von Unternehmen, die ihren Sitz im Ausland haben
und nicht im Register der steuerpflichtigen Personen eingetragen sind, un-
terliegen der Bezugsteuer, sofern sich der Ort der Leistung im Inland befin-
det (Art. 45 Abs. 1 Bst. a MWSTG, vgl. auch E. 2.1 am Ende). Für die Be-
zugsteuerpflicht wird zudem vorausgesetzt, dass die betreffende Dienst-
leistung eine (objektiv) steuerbare Leistung bildet (Urteil des BGer
2C_1076/2015 vom 9. Dezember 2016 E. 4.1). Nicht der Bezugsteuer un-
terliegen folglich steuerausgenommene Leistungen im Sinne von Art. 21
MWSTG und steuerbefreite Leistungen im Sinne von Art. 23 MWSTG
(vgl. Art. 109 Abs. 1 der Mehrwertsteuerverordnung vom 27. November
2009 [MWSTV, SR 641.201]).
Steuerpflichtig ist (soweit vorliegend relevant) der Empfänger der Leis-
tung im Inland, sofern er entweder nach Art. 10 MWSTG steuerpflichtig ist
oder – bei gegebenen weiteren Voraussetzungen – im Kalenderjahr
für mehr als Fr. 10'000.- der Bezugsteuer unterliegende Leistungen bezieht
(Art. 45 Abs. 2 Bst. a und b MWSTG). Es kommen die ordentlichen Steu-
ersätze zur Anwendung (Art. 46 in Verbindung mit Art. 24 f. MWSTG; zum
Steuersatz siehe auch hinten E. 5.8).
2.2.2 Sinn der Bezugsteuer ist die Realisierung des aus der Wettbewerbs-
neutralität fliessenden Bestimmungslandprinzips im internationalen Ver-
hältnis. Wettbewerbsvorteile für ausländische Anbieter sollen damit ver-
mieden werden. Die Bezugsteuer trägt zur lückenlosen Erfassung der Leis-
tungen am Ort des Verbrauchs bei (ALOIS CAMENZIND et al., Handbuch zum
Mehrwertsteuergesetz [MWSTG], 3. Aufl. 2012, N. 2092). Mittels der Be-
zugsteuer werden Leistungen, die aus dem Ausland bezogen werden, auf
die gleiche Weise mit der Steuer belastet, wie wenn sie im Inland (von einer
steuerpflichtigen Person) bezogen worden wären. Der Unterschied besteht
insbesondere darin, dass die Steuer direkt beim Leistungsempfänger er-
hoben wird und nicht beim leistungserbringenden Unternehmen, das dann
die Steuer auf den Leistungsempfänger überwälzt. Die deklarierte Bezugs-
teuer kann als Vorsteuer geltend gemacht werden, wenn die Leistungen
weiterveräussert werden (Art. 28 Abs. 1 Bst. b MWSTG; vgl. zum Ganzen
Urteile des BVGer A-756/2014 vom 26. Juni 2014 E. 2.2, A-5126/2012 vom
1. Oktober 2013 E. 2.3.1).
A-904/2017
Seite 7
3.
3.1 Hinsichtlich des Ortes der Dienstleistung greift im Regelfall das Emp-
fängerortprinzip (vgl. Art. 8 Abs. 1 MWSTG). Danach gilt als Ort einer
Dienstleistung der Ort, an dem der Empfänger der Dienstleistung den Sitz
seiner wirtschaftlichen Tätigkeit oder eine Betriebsstätte hat, für welche
die Dienstleistung erbracht wird, oder in Ermangelung eines solchen Sitzes
oder einer solchen Betriebsstätte der Wohnort oder der Ort seines üblichen
Aufenthalts. Das Empfängerortsprinzip steht aber unter dem Vorbehalt,
dass kein Fall von Art. 8 Abs. 2 MWSTG vorliegt.
3.2 Ob eine Tätigkeit in mehrwertsteuerlicher Hinsicht als selbständig oder
unselbständig zu qualifizieren ist, bestimmt sich rechtsprechungsgemäss
aufgrund einer umfassenden Würdigung sämtlicher einschlägiger Faktoren
(Urteile des BGer 2C_554/2010 vom 21. September 2011 E. 2.2,
2C_426/2008 und 2C_432/2008 vom 18. Februar 2009 E. 2.2,
2C_430/2008 vom 18. Februar 2009 E. 2.2). Dabei hat die Beurteilung der
Tätigkeit in erster Linie nach wirtschaftlichen, tatsächlichen Kriterien zu er-
folgen (sog. «wirtschaftliche Betrachtungsweise»). Die zivil- bzw. vertrags-
rechtliche Sicht ist nicht entscheidend, hat aber immerhin Indizwirkung
(vgl. Urteil des BVGer A-5431/2015 vom 28. April 2016 E. 2.2.4, mit weite-
ren Hinweisen).
Wichtige Indizien für die selbständige Ausübung einer Tätigkeit sind insbe-
sondere das Handeln und Auftreten in eigenem Namen gegenüber Dritten,
das Tragen des unternehmerischen Risikos (Gewinn und Verlust), die
Wahlfreiheit, eine Aufgabe anzunehmen oder nicht, und die Freiheit, die
Erfüllung der Aufgaben selbständig organisieren zu können. Eine Rolle
spielen können ferner die Beschäftigung von Personal, die Vornahme er-
heblicher Investitionen, eigene Geschäftsräumlichkeiten, verschiedene
und wechselnde Auftraggeber sowie die betriebswirtschaftliche und ar-
beitsorganisatorische Unabhängigkeit (statt vieler: BGE 138 II 251 E. 2.4.2;
Urteile des BGer 2C_1001/2015 vom 5. Juli 2016 E. 3.4, 2C_554/2010 vom
21. September 2011 E. 2.2; Urteil des BVGer A-3050/2015 vom 6. Oktober
2015 E. 2.2.1).
Weitere – aber nicht allein ausschlaggebende – Indizien für die mehrwert-
steuerliche Behandlung einer Tätigkeit bildet ferner die Art der Abrechnung
der Sozialversicherungsbeiträge (statt vieler: Urteil des BGer 2A.47/2006
vom 6. Juli 2006 E. 3.2). Aufgrund der verschiedenen Zielsetzungen der
betreffenden Rechtsgebiete können sich jedoch zwischen der Beurteilung
A-904/2017
Seite 8
nach mehrwertsteuerlichen Überlegungen und jener nach sozialversiche-
rungsrechtlichen Regeln Abweichungen ergeben. Es ist somit durchaus
möglich, dass ein und dieselbe Person in den verschiedenen Bereichen
unterschiedlich eingestuft wird. Letztlich ist angesichts des Wesens
der Mehrwertsteuer als allgemeine Verbrauchsteuer der Begriff der Selb-
ständigkeit eher weit zu verstehen (zum Ganzen: Urteile des BVGer
A-565/2014 vom 27. August 2014 E. 2.2.2, A-6180/2012 vom 3. September
2013 E. 2.2.2 f.; vgl. auch DANIEL RIEDO, Vom Wesen der Mehrwertsteuer
als allgemeine Verbrauchsteuer und von den entsprechenden Wirkungen
auf das schweizerische Recht, 1999, S. 115, 174 f.).
4.
Die Veranlagung und Entrichtung der Mehrwertsteuer erfolgt nach dem
Selbstveranlagungsprinzip (vgl. Art. 71 MWSTG; CAMENZIND et al., a.a.O.,
N. 43 und 86). Dies bedeutet vorab, dass der Leistungserbringer für die
Feststellung seiner Mehrwertsteuerpflicht selbst verantwortlich ist und sich
gegebenenfalls unaufgefordert anzumelden hat (Art. 66 Abs. 1 MWSTG;
vgl. Urteile des BGer 2A.109/2005 vom 10. März 2006 E. 2.1, 2A.304/2003
vom 14. November 2003 E. 3.5). Bei festgestellter Steuerpflicht hat die
steuerpflichtige Person innert 60 Tagen nach Ablauf der Abrechnungsperi-
ode selbst und unaufgefordert über ihre Umsätze sowie Vorsteuern abzu-
rechnen und den geschuldeten Mehrwertsteuerbetrag an die ESTV abzu-
liefern (vgl. Art. 71 und Art. 86 Abs. 1 MWSTG). Das Selbstveranlagungs-
prinzip wurde per 1. Januar 2010 zwar leicht gelockert (BGE 140 II 202
E. 5.4; Urteil des BGer 2C_678/2012 vom 17. Mai 2013 E. 2.1; Urteil des
BVGer A-351/2014 vom 10. Juli 2014 E. 4.1); auch unter dem neuen Recht
ist die steuerpflichtige Person jedoch für die Feststellung der Mehrwert-
steuerpflicht bzw. -forderung verantwortlich (vgl. Urteile des BGer
2C_1077/2012 vom 24. Mai 2014 E. 2.1; Urteile des BVGer A-788/2015
vom 24. Dezember 2015 E. 2.2.2, A-589/2014 vom 27. August 2014
E. 2.6.1).
5.
5.1 Nach der im Jahr 2010 gültig gewesenen Fassung von Art. 37 Abs. 1
MWSTG konnte, wer als steuerpflichtige Person jährlich nicht mehr als
Fr. 5 Mio. steuerbaren Umsatz tätigte und im gleichen Zeitraum nicht mehr
als Fr. 100'000.- Mehrwertsteuer – berechnet nach dem massgebenden
Saldosteuersatz – zu bezahlen hatte, nach der Saldosteuersatzmethode
abrechnen (vgl. AS 2009 5225). In der seit dem 1. Januar 2011 geltenden
Fassung dieser Bestimmung betragen die entsprechenden Schwellen-
werte Fr. 5,02 Mio. und Fr. 109'000.- (AS 2010 2055).
A-904/2017
Seite 9
Bei Anwendung der Saldosteuersatzmethode ist die Steuerforderung durch
Multiplikation des Totals aller in einer Abrechnungsperiode erzielten steu-
erbaren Entgelte, einschliesslich Steuer, mit dem von der ESTV bewilligten
Saldosteuersatz zu ermitteln (Art. 37 Abs. 2 MWSTG).
5.2 Die Abrechnung nach der Saldosteuersatzmethode ist bei der ESTV zu
beantragen (vgl. Art. 37 Abs. 4 Satz 1 MWSTG). Trotz Wahlrechtes der
steuerpflichtigen Person muss der jeweils anzuwendende Saldosteuer-
satz von der ESTV vorgängig bewilligt werden (vgl. Urteil des BVGer
A-5126/2012 vom 1. Oktober 2013 E. 2.2.1.1, mit Hinweisen; MICHAEL
BEUSCH, in: Felix Geiger/Regine Schluckebier [Hrsg.], MWSTG Kommen-
tar, 2012, Art. 37 N. 18). Wie bereits erwähnt, ist die Steuerforderung bei
Abrechnung nach der Saldosteuersatzmethode von Gesetzes wegen mit
dem von der ESTV bewilligten Saldosteuersatz zu ermitteln (Art. 37 Abs. 2
MWSTG). Auf Verordnungsstufe ist ebenfalls festgehalten, dass die steu-
erpflichtigen Personen ihre Tätigkeiten zu den von der ESTV bewilligten
Saldosteuersätzen abrechnen müssen (Art. 84 Abs. 1 MWSTV). Nach
Art. 84 Abs. 2 MWSTV hat die steuerpflichtige Person mit der ESTV Kon-
takt aufzunehmen, wenn eine Tätigkeit aufgegeben, eine neue aufgenom-
men oder eine Neuzuteilung der Saldosteuersätze aufgrund einer Ände-
rung der Umsatzanteile der Tätigkeiten notwendig wird.
5.3 Gemäss Art. 37 Abs. 4 Satz 1 MWSTG ist die Abrechnung nach der
Saldosteuersatzmethode während mindestens einer Steuerperiode beizu-
behalten. Ein Wechsel von der Saldosteuersatzmethode zur effektiven Me-
thode ist jeweils auf Beginn einer Steuerperiode möglich (vgl. Art. 34
Abs. 4 Satz 3 MWSTG). Nach Ablauf einer Steuerperiode ist ein Wechsel
von der Saldosteuersatzmethode zur effektiven Methode für diese Steuer-
periode ausgeschlossen (vgl. Art. 81 Abs. 1 Satz 1 MWSTV e contrario;
Urteil des BVGer A-5126/2012 vom 1. Oktober 2013 E. 2.2.1.4).
Die steuerpflichtigen Personen konnten mit Inkrafttreten des MWSTG auf
den 1. Januar 2010 (vgl. Art. 116 Abs. 2 MWSTG) von den in diesem Ge-
setz vorgesehenen Wahlmöglichkeiten erneut Gebrauch machen (Art. 114
Abs. 1 Satz 1 MWSTG). Insbesondere hatte jede steuerpflichtige Person
die Möglichkeit, per 1. Januar 2010 von der Saldosteuersatzmethode zur
effektiven Abrechnungsmethode zu wechseln (vgl. FELIX GEIGER, in:
ders./Schluckebier [Hrsg.], a.a.O., Art. 114 N. 6). Voraussetzung für einen
solchen Wechsel war, dass die steuerpflichtige Person der ESTV innert
90 Tagen ab Inkrafttreten des neuen Rechts schriftlich meldete, zur effek-
tiven Methode wechseln zu wollen (vgl. Art. 114 Abs. 1 und 2 MWSTG in
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Seite 10
Verbindung mit Art. 81 Abs. 1 MWSTV). Gemäss Art. 114 Abs. 2 MWSTG
wird im Fall des unbenutzten Ablaufes dieser Frist «vermutet», dass die
steuerpflichtige Person «ihre bisherige Wahl beibehält, sofern dies recht-
lich weiterhin möglich ist».
5.4 Die Saldosteuersatzmethode stellt eine administrative Vereinfachung
für die Steuerpflichtigen hinsichtlich Buchhaltung und Steuerabrechnung
dar (vgl. Urteil des BVGer A-5126/2012 vom 1. Oktober 2013 E. 2.2.1.1):
Zum einen hat die Abrechnung der Steuer bei Anwendung der Saldosteu-
ersatzmethode nur halbjährlich zu erfolgen (vgl. Art. 35 Abs. 1 Bst. b
MWSTG). Zum anderen muss der Steuerpflichtige bei Anwendung dieser
Methode die Steuerforderung nicht wie bei der effektiven Abrechnungsme-
thode (vgl. Art. 36 Abs. 2 MWSTG) als tatsächliche Differenz zwischen dem
Total der geschuldeten Inlandsteuer, der Bezugsteuer sowie der im Verla-
gerungsverfahren deklarierten Einfuhrsteuer zum einen und dem Vorsteu-
erguthaben zum anderen ermitteln. Stattdessen hat er gegenüber der
ESTV seine Umsätze mit einem pauschalisierten Steuersatz abzurechnen
(vgl. Art. 37 Abs. 2 MWSTG). Dadurch erübrigen sich die genaue Ermitt-
lung und die separate Verbuchung der Vorsteuern (CAMENZIND et al.,
a.a.O., N. 1875).
Der Saldosteuersatz berücksichtigt die branchenübliche Vorsteuerquote
(Art. 37 Abs. 3 Satz 1 MWSTG). Er basiert auf branchen-, nicht auf be-
triebsspezifischen Gesichtspunkten (Urteil des BVGer A-5126/2012 vom
1. Oktober 2013 E. 2.2.1.2, mit Hinweis). Die Vorsteuerquote wird von der
ESTV nach Konsultation der betroffenen Branchenverbände festgelegt
(Art. 37 Abs. 3 Satz 2 1. Halbsatz MWSTG). Aufgrund der Pauschalierung
mittels branchenüblicher Vorsteuerquote ist der Saldosteuersatzmethode
eine gewisse Ungenauigkeit zwingend immanent (Urteil des BVGer
A-5126/2012 vom 1. Oktober 2013 E. 2.2.1.2; zum früheren Recht: Urteil
des BGer 2A.520/2003 vom 29. Juni 2004 E. 9.2). Auch ist möglich, dass
eine sog. «taxe occulte» entsteht, wenn dem Steuerpflichtigen höhere Vor-
steuern entstanden sind als durch den Saldosteuersatz abgegolten wer-
den. Zwar bezweckt die Mehrwertsteuer die Besteuerung des nicht unter-
nehmerischen Endverbrauchs im Inland (Art. 1 Abs. 1 MWSTG), so dass
eine «taxe occulte» verhindert werden sollte, doch handelt es sich bei die-
sem Prinzip und den in Art. 1 Abs. 3 MWSTG genannten Grundsätzen
(vgl. E. 2.1) bloss um Leitlinien für den Gesetzgeber und die rechtsanwen-
den Behörden. Diese Leitlinien sind zwar insbesondere bei der Auslegung
der einschlägigen Bestimmungen zu beachten; aus ihnen ergeben sich
A-904/2017
Seite 11
aber keine subjektiven Rechte der Steuerpflichtigen. Sie bedeuten im Rah-
men der Rechtsanwendung nur, aber immerhin, dass dann, wenn verschie-
dene Auslegungen möglich sind, jene zu bevorzugen ist, die diesen Leitli-
nien am besten entspricht (siehe zum Ganzen Urteil des BVGer
A-5126/2012 vom 1. Oktober 2013 E. 2.2.1.2, mit Hinweisen; vgl. auch
BEAT KÖNIG, Die unternehmerische Tätigkeit als Voraussetzung des Vor-
steuerabzuges, 2016, S. 16 f., mit Hinweisen).
5.5 Dass der Abzug der Vorsteuer bereits in den Saldosteuersätzen ent-
halten ist, steht auch in der MWST-Info Nr. 12 «Saldosteuersätze»
(vgl. Ziff. 1.2 MWST-Info Nr. 12; Ziff. 1.2). Gleiches hält der Bundesrat in
der Botschaft zum neuen Mehrwertsteuergesetz fest (Botschaft des Bun-
desrates vom 25. Juni 2008 zur Vereinfachung der Mehrwertsteuer,
BBl 2008 6885 ff., 6982). Er führt zudem aus, dass es sich bei den Saldo-
steuersätzen um Durchschnittssätze handle und es dem einzelnen Steuer-
pflichtigen frei stehe, die effektive Abrechnungsmethode zu wählen, wenn
er der Ansicht sei, damit besser zu fahren (BBl 2008 6981). Er hält aus-
drücklich fest, viele Steuerpflichtige würden die effektive Abrechnungsme-
thode wählen, weil sie so die Vorsteuern vollumfänglich geltend machen
könnten (BBl 2008 6982). Die Abrechnung nach der Saldosteuersatzme-
thode wird denn auch lediglich als verfahrenstechnisch einfachere, nicht
aber als für den Steuerpflichtigen wertmässig günstigere Methode be-
schrieben (vgl. BBl 2008 6981 f., 7029, 7033). Der Bundesrat hält in der
Botschaft zwar auch fest, die nach Saldosteuersätzen abrechnenden Steu-
erpflichtigen sollten gegenüber den nach der effektiven Methode abrech-
nenden Steuerpflichtigen weder bevorzugt noch benachteiligt werden. Aus
dem Umstand, dass es sich um Durchschnittssätze handelt, folgt aber
gleichzeitig, dass dieses Ziel des Bundesrates nur annäherungsweise er-
reicht werden kann und sich im Einzelfall durchaus Abweichungen ergeben
können (vgl. E. 5.4). Bezeichnenderweise weist der Bundesrat in diesem
Kontext auch darauf hin, dass die Saldosteuersatzmethode nicht in erster
Linie der Steueroptimierung dienen soll (BBl 2008 6982; siehe zum Gan-
zen Urteil des BVGer A-5126/2012 vom 1. Oktober 2013 E. 2.2.1.3, mit
Hinweisen zum früheren Recht).
5.6 Es gilt – wie soeben erwähnt – zu verhindern, dass das Instrumenta-
rium der Abrechnung nach Saldosteuersätzen für Zwecke der Steueropti-
mierung missbraucht und sein eigentlicher Sinn (administrative Erleichte-
rung) in den Hintergrund gedrängt wird. Es kann daher nicht angehen, dass
der Steuerpflichtige am Ende der Steuerperiode berechnet, ob sich für ihn
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Seite 12
die Abrechnung nach dem Saldosteuersatz lohnt oder nicht, und er abhän-
gig davon den Entscheid trifft, ob er für diese Periode zur effektiven Ab-
rechnungsart zurückwechselt. Ein rückwirkender Widerruf der vereinfach-
ten Abrechnungsart nach Ablauf der Steuerperiode ist daher (wie bereits
erwähnt) ausgeschlossen (siehe zum Ganzen Urteil des BVGer
A-5126/2012 vom 1. Oktober 2013 E. 2.2.1.4, mit Hinweisen).
5.7 Der Saldosteuersatz für Übersetzungsbüros betrug im Jahr 2010 6,4 %
(Anhang zur Verordnung der ESTV vom 8. Dezember 2009 über die Höhe
der Saldosteuersätze nach Branchen und Tätigkeiten, AS 2009 6815
[nachfolgend: aVO Saldosteuersätze]); seit dem 1. Januar 2011 beträgt er
6,1 % (Anhang zur Verordnung der ESTV vom 6. Dezember 2010 über die
Höhe der Saldosteuersätze nach Branchen und Tätigkeiten
[SR 641.202.62; nachfolgend: VO Saldosteuersätze]).
5.8 Art. 91 MWSTV hält fest, dass steuerpflichtige Personen, die nach der
Saldosteuersatzmethode abrechnen und Leistungen von Unternehmen mit
Sitz im Ausland nach Art. 45-49 MWSTG beziehen, die Bezugsteuer (halb-
jährlich) zum entsprechenden gesetzlichen Steuersatz entrichten müssen.
Dies erscheint folgerichtig, denn wäre die Leistung von einem inländischen
steuerpflichtigen Unternehmen erbracht worden, wäre diese Steuer auf
den Leistungsempfänger überwälzt worden (Urteil des BVGer A-5126/2012
vom 1. Oktober 2013 E. 2.3.2). In Ziff. 5 der MWST-Info Nr. 12 wird darauf
hingewiesen, dass die Bezugsteuer bei Anwendung der Saldosteuersatz-
methode zum gesetzlichen Steuersatz, d.h. in aller Regel zum Normalsatz
abzurechnen ist.
6.
Gemäss Art. 92 Abs. 1 MWSTG kann die ESTV der steuerpflichtigen Per-
son in den in Bst. a-c dieser Vorschrift genannten Fällen rechtskräftig ver-
anlagte Steuern ganz oder teilweise erlassen. Die ESTV kann gemäss
Art. 92 Abs. 2 MWSTG zudem im Rahmen eines gerichtlichen Nachlass-
verfahrens einem Steuererlass zustimmen bzw. auf die Sicherstellung ihrer
Forderung verzichten.
Von der ihm mit Art. 92 Abs. 6 MWSTG (in der zurzeit noch geltenden Fas-
sung) eingeräumten Kompetenz, die Voraussetzungen und das Verfahren
für den Steuererlass näher zu regeln, hat der Bundesrat bis jetzt noch kei-
nen Gebrauch gemacht (vgl. Urteil des BVGer A-2388/2017 vom 28. Sep-
tember 2017 E. 3.1. Per 1. Januar 2018 wird diese Vorschrift aufgehoben
[Änderung des MWSTG vom 30. September 2016, AS 2017 3575 ff.]).
A-904/2017
Seite 13
7.
7.1 Im vorliegenden Fall hat die Beschwerdeführerin in den Steuerperioden
2010-2013 Übersetzungsarbeiten von im Ausland wohnhaften, nicht im Re-
gister der Mehrwertsteuerpflichtigen eingetragenen Personen in Anspruch
genommen und ist namentlich zu klären, ob sie in diesem Zusammenhang
Bezugsteuern nachzuentrichten hat (zu den Steuerperioden nach dem
31. Dezember 2013 vgl. E. 1.1.3). Die Verfahrensbeteiligten gehen zu
Recht davon aus, dass die Voraussetzungen für die Bezugsteuerpflicht er-
füllt wären und damit Mehrwertsteuern nachzuentrichten wären, soweit die
erwähnten Übersetzungsarbeiten im Rahmen von selbständigen Tätigkei-
ten im mehrwertsteuerlichen Sinne erbracht worden wären. Gegebenen-
falls hätte nämlich die im Inland nach Art. 10 MWSTG steuerpflichtige Be-
schwerdeführerin steuerbare Dienstleistungen von nicht im Register der
steuerpflichtigen Personen eingetragenen Unternehmen mit Sitz im Aus-
land bezogen und hätte sich der Ort dieser Dienstleistungen gemäss dem
Empfängerortsprinzip am Sitz der wirtschaftlichen Tätigkeit der Beschwer-
deführerin in der Schweiz befunden (es liegt unbestrittenermassen keine
derjenigen Konstellationen vor, bei welchen gemäss Art. 8 Abs. 2 MWSTG
vom Empfängerortsprinzip abzuweichen ist [vgl. zum Ort von Dienstleis-
tungen E. 3.1]).
7.2
7.2.1 Der mehrwertsteuerlichen Würdigung der in Frage stehenden Über-
setzungsarbeiten ist der aktenkundige «Rahmenvertrag für die Zusam-
menarbeit» (nachfolgend: Rahmenvertrag) zugrunde zu legen. Denn es
wird nicht in Abrede gestellt, dass diese Arbeiten in Erfüllung von Verträgen
ausgeführt wurden, welche diesem Rahmenvertrag entsprechen.
7.2.2 Im Rahmenvertrag ist von der Beschwerdeführerin als «Auftraggebe-
rin» und vom Übersetzer als «Auftragnehmer» die Rede. Ausdrücklich fest-
gehalten wird zudem, dass mit dem Rahmenvertrag kein Anstellungsver-
hältnis geschaffen werde und der «Auftragnehmer» «als selbständiger Un-
ternehmer» handle. Als anwendbar erklärt werden sodann die werkvertrag-
lichen und auftragsrechtlichen Vorschriften des Schweizerischen Obligati-
onenrechts (Art. 363 ff. und Art. 394 ff. des Bundesgesetzes vom 30. März
1911 betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
[Fünfter Teil: Obligationenrecht], OR, SR 220).
Aus diesen Regelungen des Rahmenvertrages geht klar hervor, dass die
Übersetzungsarbeiten zivilrechtlich nicht im Rahmen von Arbeitsverhältnis-
A-904/2017
Seite 14
sen erstellt wurden. Dies bildet ein Indiz für die Annahme, dass die Über-
setzungsarbeiten im Rahmen von in mehrwertsteuerlicher Hinsicht selb-
ständigen Tätigkeiten geleistet wurden (vgl. E. 3.2 Abs. 1).
7.2.3 Die in erster Linie massgeblichen wirtschaftlichen, tatsächlichen Ver-
hältnisse sprechen vorliegend in Einklang mit der erwähnten Vertragsge-
staltung dafür, dass die Übersetzer in mehrwertsteuerlicher Hinsicht selb-
ständig erwerbstätig waren (vgl. zu den massgebenden Indizien E. 3.2):
Zum einen fällt ins Gewicht, dass die Übersetzer gemäss dem Rahmen-
vertrag unter Vorbehalt des Verbotes der Unterschreitung einer gewissen
Mindestmenge an zu übersetzenden Zeilen frei waren, Aufgaben anzuneh-
men oder nicht (vgl. Ziff. II des Rahmenvertrages).
Zum anderen waren die Übersetzer – soweit ersichtlich – frei, ihren Arbeits-
ort (bzw. genauer den Ort ihres physischen Aufenthaltes im Zeitpunkt der
Leistungserbringung) zu bestimmen: Gemäss dem Rahmenvertrag hatten
die Übersetzer die «Aufträge [...] entweder persönlich am Sitz der Auftrag-
geberin oder gegebenenfalls über Fernzugriff auf deren Server bzw. den
von der A._ GmbH gemieteten File-Share-Servern zu erbringen»
(Ziff. I des Rahmenvertrages). Dies bedeutet, dass die hier in Frage ste-
henden Übersetzer bei Erbringung ihrer Leistungen insbesondere nicht in
Räumlichkeiten der Beschwerdeführerin physisch anwesend sein mussten
(vgl. dazu auch Beschwerde, S. 4, wonach die im Ausland wohnhaften Be-
troffenen die Übersetzungsarbeiten «im Prinzip über das Internet» erbracht
hätten).
7.2.4 Zwar spricht für eine beschränkte Einbindung in die Arbeitsorganisa-
tion der Beschwerdeführerin, dass im Rahmenvertrag eine für Auftragsver-
hältnisse eher atypische Regelung eines Urlaubsanspruches der Überset-
zer enthalten ist. Abgesehen von dieser Regelung und gewissen Restrikti-
onen zum Schutz der zu bearbeitenden Daten (vgl. Ziff. I des Rahmenver-
trages) waren die Übersetzer aber – entsprechend dem hiervor Ausgeführ-
ten (vgl. E. 7.2.3) – in betrieblicher und arbeitsorganisatorischer Hinsicht
weitgehend frei. Insbesondere fehlte es an einer Regelung fester Arbeits-
zeiten. Von einer rechtserheblichen Eingliederung der Übersetzer in die Ar-
beitsorganisation der Beschwerdeführerin kann bei einer Würdigung der
gesamten Umstände keine Rede sein.
A-904/2017
Seite 15
7.2.5 Selbst wenn die Übersetzer Weisungen der Beschwerdeführerin zu
befolgen gehabt hätten, könnte daraus nicht auf unselbständige Tätigkei-
ten geschlossen werden: Auch ein selbständig Beauftragter ist verpflichtet,
den Weisungen des Auftraggebers zu folgen. Eine massgeblich für eine
unselbständige Tätigkeit sprechende Weisungsgebundenheit läge deshalb
nur vor, wenn diese aus der Eingliederung in die Arbeitsorganisation folgen
würde (vgl. REGINE SCHLUCKEBIER, in: Geiger/Schluckbier [Hrsg.],
a.a.O., Art. 10 N. 42). Wie aufgezeigt (vgl. E. 7.2.4), fehlt es aber vorlie-
gend gerade an einer massgeblichen Eingliederung in die Arbeitsorganisa-
tion der Beschwerdeführerin.
7.2.6 Ins Bild, dass die streitbetroffenen Tätigkeiten der im Ausland wohn-
haft gewesenen Übersetzer mehrwertsteuerrechtlich als selbständige Tä-
tigkeiten zu qualifizieren sind, passt nicht zuletzt, dass diese Personen in
der in Frage stehenden Zeitspanne unbestrittenermassen sozialversiche-
rungsrechtlich als Selbständigerwerbende behandelt wurden (vgl. E. 3.2
Abs. 2).
7.3
7.3.1 Nach dem Gesagten steht fest, dass die von der Beschwerdeführerin
in Anspruch genommenen Übersetzungsarbeiten im Rahmen von mehr-
wertsteuerrechtlich gesehen selbständigen Tätigkeiten erbracht wurden.
Letzteres gilt – wie im Folgenden aufgezeigt wird – auch bei Berücksichti-
gung der mit den vorstehenden Erwägungen weder ausdrücklich noch im-
plizit widerlegten Vorbringen der Beschwerdeführerin.
7.3.2 Sinngemäss macht die Beschwerdeführerin insbesondere geltend,
auf den aktenkundigen Rahmenvertrag könne nicht abgestellt werden,
weil dessen Ausgestaltung einzig dem Umstand geschuldet sei, dass die
Sozialversicherungsbehörden ab Inkrafttreten neuer Sozialversicherungs-
abkommen die Qualifikation der Arbeit ihrer im Ausland wohnhaften Über-
setzer als unselbständige Tätigkeit nicht mehr akzeptiert hätten und des-
halb – anders als bei den in den Schweiz wohnhaften Übersetzern der Be-
schwerdeführerin – der Abschluss von «ganz normalen Heimarbeitsverträ-
gen» nicht mehr möglich gewesen sei (vgl. Stellungnahme der Beschwer-
deführerin vom 7. Juli 2017, S. 4).
Auf welche Gründe die konkrete Ausgestaltung der Rahmenbedingungen
der streitbetroffenen Übersetzertätigkeiten zurückzuführen ist, ist entgegen
der Darstellung der Beschwerdeführerin vorliegend nicht relevant. Ent-
scheidend ist einzig, dass aufgrund der Aktenlage davon auszugehen ist
A-904/2017
Seite 16
und auch nicht in Abrede gestellt wird, dass die Übersetzer ihre Tätigkeiten
in Übereinstimmung mit Verträgen ausübten, welche dem vorliegenden
Rahmenvertrag entsprechen, und diese Tätigkeiten aus der massgebli-
chen tatsächlichen und wirtschaftlichen Sicht mehrwertsteuerlich als selb-
ständig qualifizieren.
7.3.3 Nach sinngemäss geäusserter Ansicht der Beschwerdeführerin ist
(auch) zu berücksichtigen, dass ihre im Ausland wohnhaft gewesenen
Übersetzer vor Inkrafttreten der erwähnten Sozialversicherungsabkommen
sozialversicherungsrechtlich als unselbständig erwerbend zu qualifizieren
gewesen seien und dies behördlicherseits anerkannt gewesen sei. Auch
dürfe – so die Beschwerdeführerin – nicht ausser Acht gelassen werden,
dass die für sie tätigen Übersetzer mit Wohnsitz in der Schweiz von den
Sozialversicherungsbehörden (nach wie vor) als unselbständig Erwerbstä-
tige behandelt würden.
Aus diesen Vorbringen lässt sich schon deshalb nichts zugunsten der Be-
schwerdeführerin ableiten, weil (a) die sozialversicherungsrechtliche Be-
handlung einer Tätigkeit von der mehrwertsteuerrechtlichen Qualifikation
abweichen kann, (b) diese Behandlung nur ein einziges, nicht allein aus-
schlaggebendes Indiz für die Beurteilung der mehrwertsteuerrechtlichen
Selbständigkeit einer Tätigkeit bildet (vgl. E. 3.2 Abs. 2) und (c) vorliegend
weitere, schon für sich allein eine Qualifikation als selbständige Erwerbs-
tätigkeit rechtfertigende Indizien gegeben sind (vgl. E. 7.2.2 ff.). Es spielt
deshalb keine Rolle, ob die – ohnehin nicht näher substantiierten – Aus-
führungen der Beschwerdeführerin zur Art der Abrechnung der Sozialver-
sicherungsbeiträge zutreffen.
7.4 Es erweist sich nach dem Gesagten, dass die Vorinstanz zu Recht an-
genommen hat, dass die Beschwerdeführerin Bezugsteuern nachzu-
entrichten hat.
8.
8.1 Zu klären ist sodann, ob die Beschwerdeführerin rückwirkend auf den
1. Januar 2010 die Berechnungsmethode wechseln kann, also statt nach
der Saldosteuersatzmethode nach der effektiven Abrechnungsmethode
vorgehen kann (vgl. dazu nachfolgend E. 8.2). Ein solcher Wechsel würde
es ihr ermöglichen, die Steuerforderung nach der Differenz zwischen der
geschuldeten Inlandsteuer, der Bezugsteuer sowie der im Veranlagungs-
verfahren deklarierten Einfuhrsteuer einerseits und dem Vorsteuergutha-
A-904/2017
Seite 17
ben anderseits abzurechnen (vgl. E. 5.4). Nach Darstellung der Beschwer-
deführerin würde daraus eine wesentliche Reduktion der Steuerforderung
resultieren.
8.2 Die Beschwerdeführerin hat vorliegend nicht innert 90 Tagen nach
(dem am 1. Januar 2010 erfolgten) Inkrafttreten des neuen Rechts gegen-
über der Vorinstanz schriftlich gemeldet, zur effektiven Methode wechseln
zu wollen. Dementsprechend wird nach dem Wortlaut von Art. 114 Abs. 2
MWSTG «vermutet», dass sie per 1. Januar 2010 und jedenfalls für die
Steuerperiode 2010 ihre bisherige Wahl der Saldosteuersatzmethode, de-
ren Anwendung (neurechtlich) weiterhin rechtlich zulässig war, beibehalten
hat (vgl. E. 5.3).
Die Beschwerdeführerin hat ihre Wahl der Saldosteuersatzmethode auch
in den weiteren im Streit liegenden Steuerperioden 2011-2013 beibehalten.
Erst nach dem 31. Dezember 2013 hat sie erstmals einen Wechsel zur
effektiven Methode beantragt. Die von der Beschwerdeführerin für die
Steuerperioden 2010-2013 gewollte rückwirkende Anwendung der effekti-
ven Methode ist ausgeschlossen. Dies entspricht nicht nur dem klaren
Wortlaut der vorliegend einschlägigen Vorschriften, sondern auch dem
Umstand, dass die Regelung der Saldosteuersatzmethode – auch nach
dem erklärten Willen des Gesetzgebers – eine administrative Erleichterung
und nicht in erster Linie die Schaffung von Steueroptimierungsmöglichkei-
ten bezweckt (vgl. E. 5.3 und 5.5). Da der Sinn der hier einschlägigen Best-
immungen bereits durch ihren Wortlaut klar wird und dieser Sinn durch den
Willen des Gesetzgebers sowie den Gesetzeszweck gestützt wird, bleibt
für die Wahl zwischen verschiedenen möglichen Auslegungen kein Raum.
Schon aus diesem Grund lässt sich im vorliegenden Kontext – anders als
dies in der Beschwerde suggeriert wird – aus der Belastungskonzeption
der Mehrwertsteuer und den in Art. 1 MWSTG verankerten Grundsätzen
nichts ableiten (vgl. auch Urteil des BVGer A-5126/2012 vom 1. Oktober
2013 E. 3.3).
8.3
8.3.1 Die Beschwerdeführerin verlangt (eventualiter), es sei der Berech-
nung der für die Steuerperioden 2010-2013 geschuldeten Mehrwertsteuern
ein «angemessener Pauschalsteuersatz [recte: Saldosteuersatz] von
3,75 %» zugrunde zu legen. Ihrer Ansicht nach würde sich bei Anwendung
dieses Saldosteuersatzes im vorliegenden Fall in etwa derjenige Steuer-
betrag ergeben, welcher bei einer Abrechnung nach der effektiven Me-
thode resultiert hätte.
A-904/2017
Seite 18
8.3.2 Wie ausgeführt, haben die nach der Saldosteuersatzmethode ab-
rechnenden steuerpflichtigen Personen nach der Ordnung im MWSTG und
nach der MWSTV die von der ESTV bewilligten Saldosteuersätze anzu-
wenden (vgl. E. 5.2). Die steuerpflichtige Person muss daher denjenigen
Saldosteuersatz (oder diejenigen Saldosteuersätze) heranziehen, dessen
(oder deren Anwendung) ihr die ESTV bewilligt hat.
Vorliegend wurde der Beschwerdeführerin mit Bewilligung vom 27. April
2005 die Abrechnung nach der Saldosteuersatzmethode unter Anwendung
des Saldosteuersatzes für Übersetzungsbüros erlaubt. Weil die Beschwer-
deführerin während den hier im Streit liegenden Steuerperioden nicht den
Willen geäussert hat, zur effektiven Methode zu wechseln, ist diese Bewil-
ligung nach wie vor insoweit massgebend, als der jeweilige, mittels Verord-
nung festgelegte (und von der Beschwerdeführerin seinerzeit beantragte)
Saldosteuersatz für Übersetzungsbüros gelten muss. Nachdem die Be-
schwerdeführerin während den hier streitbetroffenen Steuerperioden 2010-
2013 den am 18. Mai 2005 bewilligten Saldosteuersatz gegenüber der
ESTV nicht in Frage gestellt hat (und sie sich während dieser Zeitspanne
insbesondere auch nicht aus den in Art. 84 Abs. 2 MWSTV genannten
Gründen [vgl. dazu E. 5.2] mit der Vorinstanz in Verbindung gesetzt hat),
besteht kein Spielraum, um vom Saldosteuersatz für Übersetzungsbüros
von 6,4 % (Steuerperiode 2010) bzw. 6,1 % (Steuerperioden 2011-2013)
abzuweichen.
8.3.3 Am hiervor (E. 8.3.2) gezogenen Schluss können die Vorbringen der
Beschwerdeführerin nichts ändern:
8.3.3.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der gewährte Saldosteu-
ersatz entspreche nicht der tatsächlichen Vorsteuerbelastung von Überset-
zungsunternehmen wie demjenigen der Beschwerdeführerin. Es verstosse
gegen Art. 1 MWSTG und führe zu einer mit dem Prinzip der Besteuerung
nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nicht vereinbaren Wettbe-
werbsverzerrung, solchen Unternehmen einzig die Wahl zu geben, zu die-
sem auch für «Freelanceübersetzer» ohne Mitarbeiter geltenden Sal-
dosteuersatz abzurechnen oder sich stattdessen für die effektive Methode
zu entscheiden. Dies gelte umso mehr, als für Kleinstunternehmen wie das-
jenige der Beschwerdeführerin eine Abrechnung nach der effektiven Me-
thode mit einem unverhältnismässigen administrativen Aufwand verbun-
den sei (vgl. Beschwerde, S. 5; siehe dazu auch Stellungnahme der Be-
schwerdeführerin vom 8. Mai 2017, S. 2).
A-904/2017
Seite 19
Die Beschwerdeführerin bringt mit diesen Ausführungen sinngemäss vor,
das Fehlen eines besonderen Saldosteuersatzes für Übersetzungsunter-
nehmen, die bezugsteuerpflichtige Übersetzungsdienstleistungen aus dem
Ausland in Anspruch nehmen, sei rechtsverletzend. Ob dieser Standpunkt
zutrifft, muss aber jedenfalls im vorliegenden Verfahren nicht geklärt wer-
den. Denn – wie gezeigt – ergibt sich schon aus dem einschlägigen Ver-
fahrensrecht, dass die Beschwerdeführerin nicht (nachträglich) einen an-
deren Saldosteuersatz als den notabene von ihr selbst ursprünglich bean-
tragten und von der ESTV (generell) für Übersetzungsbüros vorgesehenen
anwenden darf. Die diesbezüglichen Vorschriften sind eindeutig und ste-
hen auch im Einklang mit dem vom Gesetzgeber verfolgten Zweck, den
steuerpflichtigen Personen mit der Saldosteuersatzmethode die Möglich-
keit einer administrativen Vereinfachung und nicht in erster Linie ein Instru-
ment zur Steueroptimierung zu bieten. Eine von den vorstehenden Ausfüh-
rungen abweichende Auslegung und Anwendung dieser Vorschriften
drängt sich deshalb – wie bei der Frage, ob der Beschwerdeführerin ein
nachträglicher Wechsel zur effektiven Methode zu erlauben ist – selbst un-
ter Berücksichtigung der Belastungskonzeption der Mehrwertsteuer
(vgl. Art. 1 Abs. 1 Satz 2 MWSTG) und der in Art. 1 Abs. 3 MWSTG festge-
haltenen Grundsätze nicht auf (vgl. E. 2.1, 5.4 und 8.2). Im Übrigen kann
der Grundsatz der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähig-
keit von Art. 127 Abs. 2 BV am Ergebnis der hiervor vorgenommenen Wür-
digung nur schon deshalb nichts ändern, weil die (ausschliessliche) An-
wendung des von der ESTV bewilligten Saldosteuersatzes in einem Bun-
desgesetz (bzw. in Art. 37 Abs. 2 MWSTG), also in einer gemäss dem An-
wendungsgebot von Art. 190 BV ohne Rücksicht auf eine allfällige Verfas-
sungswidrigkeit bindenden Weise vorgeschrieben ist (vgl. dazu auch Ur-
teile des BVGer A-1407/2006 vom 30. Januar 2008 E. 3.3, A-1377/2006
vom 20. März 2007 E. 3.4).
8.3.3.2 Die Beschwerdeführerin macht ferner geltend, sie sei in gutem
Glauben gewesen, alles richtig zu machen (Stellungnahme vom 7. Juli
2017, S. 3). Sie erklärt, sie hätte, wenn sie um die Bezugsteuerpflicht ge-
wusst hätte, von Beginn weg die effektive Methode gewählt (Stellung-
nahme vom 8. Mai 2017, S. 2). Sie rügt sinngemäss, sie sei seitens der
ESTV nicht hinreichend über die Bezugsteuerpflicht und die daraus er-
wachsenden Konsequenzen bei Anwendung der Saldosteuersatzmethode
informiert worden (vgl. Stellungnahme vom 7. Juli 2017, S. 2).
A-904/2017
Seite 20
Anscheinend nimmt die Beschwerdeführerin an, dass ihre mangelnde
Kenntnis der Bezugsteuerpflicht und der Folgen der von ihr gewählten Ab-
rechnungsmethode dazu führe, dass sie nicht an den von der ESTV bewil-
ligten Saldosteuersteuersatz für Übersetzungsbüros gebunden sei. Damit
verkennt sie jedoch, dass nach einem allgemeinen Grundsatz niemand
Vorteile aus seiner eigenen Rechtsunkenntnis ableiten kann (vgl. etwa
BGE 124 V 215 E. 2b/aa, 111 V 405 E. 3). Der von der Beschwerdeführerin
sinngemäss behauptete Irrtum, die bezogenen Übersetzungsdienstleistun-
gen unterlägen in der vorliegenden Konstellation nicht der Bezugsteuer,
bildet im Übrigen einen blossen Motivirrtum, welcher von vornherein nichts
an der gesetzlich vorgesehenen Steuerbarkeit ändern kann (vgl. Urteil des
BVGer A-1377/2006 vom 20. März 2007 E. 3.3).
Bei der Mehrwertsteuer als Selbstveranlagungssteuer kommt dem Steuer-
pflichtigen zudem eine erhöhte Verantwortung zu (vgl. E. 4). Aus dem
Selbstveranlagungsprinzip folgt insbesondere, dass alleine die steuer-
pflichtige Person für die Wahl der Abrechnungsmethode verantwortlich ist
und sie die Konsequenzen einer getroffenen Wahl zu tragen hat. Es ist
nicht Aufgabe der ESTV, ihr im konkreten Fall die steuerlichen Vor- und
Nachteile aufzuzeigen bzw. für sie gar eine Steuerplanung vorzunehmen.
Die Beschwerdeführerin kann deshalb aus dem behaupteten Irrtum und
der angeblich ungenügenden Information durch die ESTV für sich keinerlei
Rechte ableiten. Insbesondere ergibt sich daraus nicht das Recht, einen
tieferen Saldosteuersatz als denjenigen für Übersetzungsbüros von 6,4 %
(Steuerperiode 2010) bzw. 6,1 % (Steuerperioden 2011-2013) anzuwen-
den (vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer A-1377/2006 vom 20. März 2007
E. 3.3, mit Hinweisen).
8.3.3.3 Die Beschwerdeführerin stellt sich sodann auf den Standpunkt,
dass die Vorinstanz unter den vorliegenden Umständen «auf der Basis der
tatsächlichen Werte eine faire Ermessenseinschätzung» hätte machen sol-
len (vgl. dazu Stellungnahme vom 7. Juli 2017, S. 3).
Eine Ermessenseinschätzung durch die ESTV hat nach Art. 79 Abs. 1
MWSTG nur dann zu erfolgen, wenn keine oder nur unvollständige Auf-
zeichnungen vorliegen (Verstoss gegen die formellen Buchführungsvor-
schriften) oder wenn die ausgewiesenen Ergebnisse mit dem wirklichen
Sachverhalt offensichtlich nicht übereinstimmen. Es wird vorliegend aber
weder behauptet noch ist aktenkundig, dass die für eine Ermittlung der
Steuerforderung nach der Saldosteuersatzmethode relevanten Aufzeich-
nungen der Beschwerdeführerin fehlen oder unvollständig sind. Ebenso
A-904/2017
Seite 21
wenig ist ersichtlich, dass diese Aufzeichnungen Ergebnisse ausweisen,
welche offensichtlich im Widerspruch zum tatsächlichen, für die Bestim-
mung dieser Steuerforderung nach der Saldosteuersatzmethode rechtser-
heblichen Sachverhalt stehen. Unter diesen Umständen besteht kein
Raum für eine Ermessenseinschätzung. Namentlich kann die Ermes-
senseinschätzung nicht dazu dienen, eine der behaupteten tatsächlichen
Vorsteuerbelastung der Beschwerdeführerin entsprechende Besteuerung
nach der Saldosteuersatzmethode zu ermöglichen.
8.3.3.4 Was die Beschwerdeführerin mit ihren Hinweisen auf ein anderes
Übersetzungsunternehmen mit schweizerischen und österreichischen
Kunden (Stellungnahme vom 7. Juli 2017, S. 5) zu ihren Gunsten abzulei-
ten sucht, ist unerfindlich. Soweit die Beschwerdeführerin damit fordern
sollte, sie sei gleich wie dieses Unternehmen zu behandeln, wäre ihr ent-
gegenzuhalten, dass zwischen dem von ihr geschilderten Sachverhalt und
der vorliegenden Konstellation schon insofern ein rechtswesentlicher Un-
terschied besteht, als die Beschwerdeführerin – anders als das genannte
Unternehmen – in Österreich über keinen Firmensitz verfügt. Eine Beru-
fung auf das Gleichbehandlungsgebot von Art. 8 Abs. 1 BV, wonach Glei-
ches nach Massgabe seiner Gleichheit gleich (sowie Ungleiches
nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich) zu behandeln ist
(vgl. BGE 129 I 1 E. 3.2.4), verfängt aus diesem Grund von vornherein
nicht.
8.4 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass die Besteuerung
zum Saldosteuersatz von 6,4 % (Steuerperiode 2010) bzw. 6,1 % (Steuer-
perioden 2011-2013) für die Beschwerdeführerin – wie sie vorbringt – är-
gerlich oder wirtschaftlich belastend sein kann. Selbst wenn die Beschwer-
deführerin dadurch in finanzielle Schwierigkeiten geraten sollte, kann dies
(selbst unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismässigkeit
[vgl. Art. 5 Abs. 2 BV]) nicht dazu führen, dass zu ihren Gunsten in rechts-
ungleicher Weise von den anwendbaren Vorschriften abgewichen wird.
9.
9.1 Der von der ESTV nachgeforderte Betrag (von insgesamt Fr. 26'938.-
Mehrwertsteuer) setzt sich zusammen aus Fr. 24'285.- Bezugsteuer auf
dem Bezug nicht abgerechneter Übersetzungsdienstleistungen sowie
Fr. 2'653.- Inlandsteuer auf noch nicht versteuerten, in den Steuerperioden
2012-2013 erzielten Umsätzen (Beträge gerundet; vgl. Akten Vorinstanz,
act. 5 f.).
A-904/2017
Seite 22
Der Betrag der nachgeforderten Bezugsteuer von Fr. 24'285.- wurde in
rechnerischer Hinsicht nicht substantiiert bestritten. Die Vorinstanz hat die
Berechnung dieses Betrages richtigerweise unter Anwendung des Normal-
satzes vorgenommen (vgl. E. 5.8).
Die angeordnete Nacherhebung von Fr. 2'653.- Inlandsteuer beruht
auf dem Umstand, dass die Beschwerdeführerin in ihren Abrechnungen
betreffend die Steuerperioden 2012-2013 die Mehrwertsteuer nicht in
die Steuerbemessungsgrundlage miteinbezogen hat, obschon dies bei ei-
ner Abrechnung nach der Saldosteuersatzmethode nach Art. 37 Abs. 2
MWSTG geboten ist (vgl. dazu auch FELIX GEIGER, in: ders./Schlucke-
bier [Hrsg.], a.a.O., Art. 24 N. 24). Diese Nacherhebung von Inlandsteuern
erscheint – auch in kalkulatorischer Hinsicht – als korrekt. Die Beschwer-
deführerin macht denn auch diesbezüglich vor dem Bundesverwaltungs-
gericht keine Ausführungen.
Soweit ersichtlich zu Recht unbestritten ist auch, dass die Beschwerdefüh-
rerin, soweit (a) die Bezugsteuerpflicht betreffend die bezogenen Überset-
zungsdienstleistungen zu bejahen ist, (b) der Saldosteuersatz für Überset-
zungsbüros zur Anwendung kommt und (c) kein Steuererlass zu gewähren
ist, auf dem Nachforderungsbetrag von Fr. 5'635.- ab dem 28. Februar
2011 und auf dem Nachsteuerbetrag von Fr. 21'303.- ab dem 31. Dezem-
ber 2012 Verzugszinsen zu bezahlen hat.
9.2 Der von der Beschwerdeführerin bereits vor der ESTV für den Fall
des Bestehens einer Nachleistungspflicht beantragte Steuererlass kann
vorliegend nicht gewährt werden, weil die in Frage stehenden Steuern noch
nicht – namentlich nicht durch einen in Rechtskraft erwachsenen Ein-
spracheentscheid oder mit einem in Rechtskraft erwachsenen Urteil
(vgl. Art. 43 Abs. 1 Bst. a MWSTG) – rechtskräftig festgesetzt wurden und
auch kein gerichtliches Nachlassverfahren pendent ist (vgl. E. 6).
Die Beschwerdeführerin scheint in ihrer Stellungnahme vom 7. Juli 2017
nicht mehr in Abrede stellen zu wollen, dass vorliegend ein Steuererlass im
Sinne von Art. 92 Abs. 1 MWSTG mangels bereits rechtskräftiger Festset-
zung der streitbetroffenen Steuerforderung(en) ausgeschlossen ist (anders
dagegen noch Beschwerde, S. 7). Sollte sie geltend machen wollen, die
Beschränkung der Erlassmöglichkeiten auf die in Art. 92 Abs. 1 und 2
MWSTG genannten Konstellationen sei in ihrem Fall unhaltbar (vgl. dazu
Beschwerde, S. 7), würde sie ins Leere stossen. Denn ein Steuererlass ist
A-904/2017
Seite 23
schon mit Blick auf die gebotene rechtsgleiche Behandlung der Steuer-
pflichtigen (vgl. Art. 8 Abs. 1 BV) ausnahmslos nur dann zulässig, wenn er
gesetzlich vorgesehen ist. Undenkbar ist deshalb insbesondere ein «gna-
denweiser» Erlass über den gesetzlich geregelten hinaus (vgl. Urteil des
BVGer A-2388/2017 vom 28. September 2017 E. 3.2.1; MICHAEL BEUSCH,
Der Untergang der Steuerforderung, 2012, S. 188, mit weiteren Hinwei-
sen).
10.
Ergänzend ist anzumerken, dass der Sachverhalt genügend erstellt ist und
das Bundesverwaltungsgericht überzeugt ist, dass die hiervor gezogenen
Schlüsse durch weitere Beweiserhebungen nicht umgestossen würden. Da
nach dem Gesagten die tatsächliche Vorsteuerbelastung der Beschwerde-
führerin nicht zu ihren Gunsten berücksichtigt werden kann (vgl. E. 8), lässt
sich in antizipierter Beweiswürdigung auf die Einholung der mit der Stel-
lungnahme der Beschwerdeführerin vom 8. Mai 2017 in Aussicht gestellten
Jahresabschlüsse und Abrechnungen verzichten, selbst wenn aus letzte-
ren Dokumenten – wie die Beschwerdeführerin behauptet – die tatsächli-
che Vorsteuerbelastung bzw. die Mehrwertsteuerbelastung bei Anwendung
der effektiven Methode zu entnehmen wäre (vgl. zur antizipierten Beweis-
würdigung BGE 134 I 140 E. 5.3, 131 I 153 E. 3; Urteile des BVGer
A-5198/2016 vom 5. April 2017 E. 2.2.3, A-3935/2014 vom 27. April 2015
E. 4.10). Nichts anderes gilt in Bezug auf die Offerte des erwähnten Unter-
nehmens mit schweizerischen und österreichischen Kunden, welche die
Beschwerdeführerin nach ihrer Darstellung zur Verfügung halten soll:
Selbst wenn aus dieser Offerte zu entnehmen wäre, dass dieses Unterneh-
men die Mehrwertsteuer vermeidet, liesse sich daraus nichts für den vor-
liegenden Fall ableiten. Wie aufgezeigt, gestaltet sich nämlich der hier zu
beurteilende Fall rechtswesentlich anders als die von der Beschwerdefüh-
rerin skizzierte Lage des genannten Unternehmens (vgl. E. 8.3.3.4).
11.
Nach dem Gesagten erweist sich der vorinstanzliche Entscheid als rechts-
konform. Die dagegen erhobene Beschwerde ist, soweit darauf einzutreten
ist, abzuweisen.
12.
12.1 Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin die Verfahrenskosten
zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG. Art. 92 Abs. 5 MWSTG, wonach das Steu-
ererlassverfahren grundsätzlich kostenfrei ist, gilt rechtsprechungsgemäss
nur im Verfahren vor der ESTV [Urteil des BVGer A-2388/2017 vom
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28. September 2017 E. 6.1, mit Hinweisen]). Die Kosten sind auf Fr. 2'000.-
festzusetzen (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 4 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der von der Beschwerdefüh-
rerin geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 3'000.- ist im Umfang
von Fr. 2'000.- für die Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden und
im Betrag von Fr. 1'000.- nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegenden
Urteils zurückzuerstatten.
12.2 Angesichts ihres Unterliegens steht der Beschwerdeführerin von
vornherein keine Parteientschädigung zu (Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbin-
dung mit Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario).
13.
Soweit dieser Entscheid den Erlass von Mehrwertsteuern betrifft, kann er
nicht mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das
Bundesgericht weitergezogen werden (vgl. Art. 83 Bst. m des Bundesge-
setzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [Bundesgerichtsgesetz,
BGG, SR 173.110]).
(Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.)
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