Decision ID: 721349cb-16cf-5e7a-96d8-a1c60e7f9681
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge am
17. Februar 2016 und gelangte über die Vereinigten Arabischen Emirate,
Russland und weitere ihm unbekannte Länder am 2. März 2016 in die
Schweiz, wo er gleichentags ein Asylgesuch stellte. Am 9. März 2016
wurde er summarisch befragt (Befragung zur Person, nachfolgend BzP)
und am 23. Januar 2018 zu seinen Asylgründen einlässlich angehört.
Zur Begründung gab er dabei im Wesentlichen an, er sei tamilischer Ethnie
und stamme aus B._ im Distrikt Jaffna (Nordprovinz), wo er seit sei-
ner Geburt bis 1995 mit seiner Familie gelebt habe. Aufgrund des Krieges
sei die Familie 1995 ins Vanni-Gebiet gezogen. Sein jüngerer Bruder sei
ein Kämpfer bei den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gewesen und
damals im Krieg gestorben. Sein älterer Bruder habe Videoaufnahmen ge-
macht. Er selber habe dort während fünf Jahren für die LTTE auf dem (...).
Viele Leute hätten ihn gekannt. Das auf diese Weise eingenommene Geld
habe er bei der Finanzabteilung der LTTE in C._ abgeliefert. Im
Jahr 2000 sei er mit seiner Familie zurück nach B._ gezogen. Er
habe als (...) und (...) gearbeitet. Von 2000 bis 2002 habe er zudem in
D._ (Katar) gearbeitet. Bis im Jahr 2013 habe er keine Probleme
gehabt. Am 17. Juni 2013 seien mehrere Soldaten zu ihm nach Hause ge-
kommen. Die Soldaten hätten ihn geschlagen, wovon er sich eine Kopfver-
letzung zugezogen habe. Sie hätten das Haus durchsucht, seine Identitäts-
karte mitgenommen und ihn aufgefordert, im Camp zu erscheinen. Er habe
am nächsten Tag nicht ins Camp gehen können, sondern sei erst nach drei
Tagen hingegangen. Bei der Befragung im Camp habe man ihm vorgewor-
fen, LTTE-Gelder zu besitzen. Er habe gesagt, dass er Tagelöhner sei und
kein Geld habe. Er habe auf einem Blatt unterschrieben und so die Vor-
würfe anerkannt. Man habe Geld von ihm verlangt. Am selben Tag habe
man ihm die Identitätskarte zurückgegeben und ihn freigelassen. Nach sei-
ner Freilassung hätten Freunde von ihm mehrfach berichtet, er würde von
Soldaten verfolgt werden. Er selber habe diese Verfolgung nicht bemerkt.
Aufgrund der Berichte seiner Freunde habe er Angst gehabt, im Dorf zu
bleiben, und sei nach G._ gezogen. Dort habe er in einer Werkstatt
gearbeitet. Am 25. Dezember 2015 hätten ihn die Behörden bei seinen El-
tern zuhause gesucht. Seine Eltern hätten diesen mitgeteilt, dass er 2013
das Land verlassen habe. Aus Angst sei er am 17. Februar 2016 über den
Flughafen G._ ausgereist und nach E._ geflogen. Ab De-
zember 2015 hätten die Behörden ihn nicht mehr gesucht. In der Schweiz
D-1587/2020
Seite 3
habe er einmal an einer Kundgebung in F._, dem Mullivaikal-Ge-
denktag, teilgenommen.
Der Beschwerdeführer reichte seine am (...) 2012 in G._ ausge-
stellte sri-lankische Identitätskarte ein.
B.
Mit tags darauf eröffneter Verfügung vom 19. Februar 2020 stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und
lehnte dessen Asylgesuch vom 2. März 2016 ab. Gleichzeitig verfügte es
die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und ordnete den
Vollzug der Wegweisung an.
C.
C.a Mit Eingabe vom 18. März 2020 erhob der Beschwerdeführer durch
seinen Rechtsvertreter gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde. Er beantragte, es sei die angefochtene Verfügung we-
gen der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör, eventuell wegen
der Verletzung der Begründungspflicht, eventuell zur Feststellung des voll-
ständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts aufzuheben und
die Sache sei zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Even-
tuell sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm in der Schweiz
Asyl zu gewähren. Eventuell sei die Verfügung betreffend die Dispositivzif-
fern 3 und 4 aufzuheben und es sei die Unzulässigkeit oder zumindest die
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen.
C.b In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, es sei der Spruchkör-
per bekanntzugeben und zu bestätigen, dass dieser zufällig ausgewählt
worden sei, andernfalls seien die objektiven Kriterien für die Auswahl des
Spruchkörpers bekanntzugeben.
C.c Mit der Beschwerde wurden ein 90-seitiger vom Rechtsvertreter ver-
fasster Länderbericht zu Sri Lanka vom 23. Januar 2020, zwei identische
Kopien eines Orientierungsschreibens an H._ betreffend ein
Schreiben an I._, ein Datenträger mit den Beilagen zum Bericht
vom 23. Januar 2020 und 26. Februar 2020, ein Bericht der Neuen Zürcher
Zeitung (Sri Lanka: Der Rajapaksa-Clan kehrt an die Macht zurück) vom
17. November 2019, eine Foto-Dokumentation über LTTE-Mitstreiter des
Beschwerdeführers, ein teilweise geschwärztes Lagebild des SEM vom
16. August 2016 und eine interne Mitteilung des SEM vom 6. November
D-1587/2020
Seite 4
2018 zur aktuellen Situation und zum weiteren Vorgehen im Fall N (...)
eingereicht.
D.
Mit Verfügung vom 1. April 2020 stellte die Instruktionsrichterin des Bun-
desverwaltungsgerichts fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang
des Beschwerdeverfahrens in der Schweiz abwarten, und gab ihm – unter
Vorbehalt allfälliger Wechsel bei Abwesenheiten – die Zusammensetzung
des Spruchkörpers bekannt. Gleichzeitig forderte sie ihn auf, innert sieben
Tagen ab Erhalt der Verfügung eine Beschwerdeverbesserung einzu-
reichen.
E.
Am 9. April 2020 reichte der Beschwerdeführer die Beschwerdeverbesse-
rung fristgerecht ein.
F.
Mit Verfügung vom 26. August 2020 forderte die Instruktionsrichterin den
Beschwerdeführer auf, bis zum 10. September 2020 einen Kostenvor-
schuss in der Höhe von Fr. 1’500.– einzuzahlen.
G.
Der Beschwerdeführer zahlte am 10. September 2020 den verlangten Kos-
tenvorschuss ein und ersuchte um Mitteilung, wer die Spruchkörperbildung
mit welcher Methode vorgenommen habe und ob manuell in das Spruch-
körpergenerierungssystem eingegriffen worden sei. Ferner machte er Aus-
führungen zu den neusten Entwicklungen in Sri Lanka. Er reichte eine Ko-
pie der Seite 3 der Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts
vom 23. Juli 2020 aus dem Verfahren D-3427/2020, einen Zusatzbericht
(Stand vom 10. April 2020) und einen Rapport über die Situation in Sri
Lanka vom 11. April bis 26. Juni 2020 auf einem Datenträger ein.
H.
Mit Eingabe vom 5. Januar 2021 reichte der Beschwerdeführer ein «Diag-
nosis Ticket» vom 18. Juni 2013 von Dr. J._ vom (...) ein.
I.
Am 9. März 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Anzeige seiner Eltern
bei der Human Rights Commission of Sri Lanka (HRC) im Original vom
23. Oktober 2020 ein.
D-1587/2020
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerechte beziehungsweise verbesserte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist, vor-
behältlich nachfolgender Einschränkungen, einzutreten.
2.
2.1 Im Zusammenhang mit der Spruchkörperbildung beantragt der Be-
schwerdeführer, dass Auskunft darüber zu erteilen sei, ob in den Automa-
tismus der Spruchkörperbildung eingegriffen wurde. Die automatisierte Ge-
schäftsverteilung und Verfahrensabwicklung am Bundesverwaltungsge-
richt betreffen gerichtsinterne Arbeitsschritte. Diesbezüglich ist auf die gel-
tende Praxis (Teilurteil des BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai 2018 E. 4.3)
und die betreffenden Bestimmungen des Geschäftsreglements vom
17. April 2008 für das Bundesverwaltungsgericht (VGR; SR. 173.320.1) zu
verweisen. Auf diesen Antrag ist daher nicht einzutreten. Bei dieser Aus-
gangslage ist auch auf den weiteren Teilantrag, im Falle eines Eingriffs die
objektiven Kriterien bekannt zu geben, nicht einzutreten (vgl. statt vieler:
Urteil des BVGer E-2110/2020 vom 11. Juni 2020 E. 2). Soweit darüber
hinaus um Bekanntgabe der Person, die diese Auswahl getroffen hat, er-
sucht wird, ist auf diesen Antrag ebenfalls nicht einzutreten, da dieses Aus-
kunftsersuchen in engem Zusammenhang mit den vorstehend erwähnten
D-1587/2020
Seite 6
Anträgen steht beziehungsweise deren vorgängige Behandlung bedingt
(vgl. Urteil des BVGer E-3931/2020 vom 22. März 2021 E. 3).
2.2 Dem Antrag auf Bekanntgabe des Spruchgremiums wurde in der In-
struktionsverfügung vom 1. April 2020 entsprochen.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben (Ver-
letzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör inklusive Verletzung der Be-
gründungspflicht, unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtser-
heblichen Sachverhalts). Diese sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls
geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewir-
ken.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
D-1587/2020
Seite 7
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
5.3
5.3.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, das SEM habe den Sach-
verhalt nicht richtig festgestellt, indem es die neusten Länderinformationen
nicht beachtet habe, wonach Personen mit einem Profil wie dem des Be-
schwerdeführers bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aus dem Exil (insbe-
sondere aus der Schweiz) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt seien. Zudem sei es erschre-
ckend, dass das SEM nicht einmal ansatzweise versuche, die von ihm er-
wähnten Quellen, korrekt zu würdigen. Das SEM gehe nicht auf einzelne
konkrete Artikel ein, sondern stelle lediglich die Schlussfolgerung in den
Raum, wonach in der Zeitung angeblich nicht über grosse Veränderungen
der Situation im tamilisch geprägten Norden und Osten Sri Lankas berich-
tet worden sei. Eine Überprüfung der Berichterstattung des Tamil Guardian
offenbare allerdings das Gegenteil. Eine korrekte Würdigung dieser Be-
richterstattung hätte zu dem Schluss führen müssen, dass sich die Situa-
tion seit den Präsidentschaftswahlen sehr wohl verschlechtert habe. Die
nachweislich falsche Einschätzung der aktuellen Lage in Sri Lanka und die
faktenwidrige Argumentation in der angefochtenen Verfügung würden eine
schwere Verletzung der Begründungspflicht darstellen. Es sei somit nicht
nur unter dem Titel der unvollständigen und unrichtigen Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts sowie der Beweiswürdigung, sondern
auch unter dem Titel der Verletzung der Begründungspflicht zu rügen, dass
das SEM die gut dokumentierte politische und menschenrechtliche Situa-
tion in Sri Lanka nicht berücksichtigt habe. Der Beschwerdeführer sei er-
neut betreffend die neu geltend gemachten Sachverhalte sowie angesichts
der aktuellen neuen Gefährdungslage durch die Machtergreifung der Raja-
paksas anzuhören. Zudem habe das SEM offenzulegen, auf welche Quel-
len es sich bei der Beurteilung der aktuellen Lage in Sri Lanka stütze.
5.3.2 Vorliegend hat das SEM die individuellen Asylgründe des Beschwer-
deführers vor dem Hintergrund der aktuellen Lage genügend abgeklärt und
den Sachverhalt hinreichend festgestellt. Es hat auch hinreichend begrün-
det, weshalb es die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers unter
Berücksichtigung der aktuellen Lage in Sri Lanka verneint und eine Rück-
kehr des Beschwerdeführers für zulässig und zumutbar erachtet. Alleine
der Umstand, dass das SEM zum einen in seiner Länderpraxis zu Sri
Lanka einer anderen Linie folgt, als vom Beschwerdeführer vertreten, und
D-1587/2020
Seite 8
es zum anderen aus sachlichen Gründen auch zu einer anderen Würdi-
gung der Gesuchsvorbringen gelangt, als vom Beschwerdeführer verlangt,
und Quellen anders interpretiert, spricht weder für eine ungenügende
Sachverhaltsfeststellung noch stellt dies eine Verletzung der Begründungs-
beziehungsweise Beweiswürdigungspflicht dar. Unter diesen Umständen
besteht kein Grund eine erneute Anhörung zu veranlassen; der Beweisan-
trag auf erneute Anhörung ist abzuweisen. Der Beweisantrag, das SEM
habe die Quellen, auf welche es sich stütze, offenzulegen, ist ebenfalls ab-
zuweisen. Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung öffentlich zugäng-
liche Quellen aufgeführt.
5.3.3 Hinsichtlich des Vorbringens, das Bundesverwaltungsgericht habe
die Fehlerhaftigkeit des Lagebilds des SEM vom 16. August 2016 festzu-
stellen, da dieses Lagebild in zentralen Teilen als manipuliert anzusehen
sei, indem es sich in wesentlichen Teilen auf nicht existierende oder nicht
offengelegte Quellen stütze, weshalb die angefochtene Verfügung aufzu-
heben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen sei, kann dieser
Argumentation und den damit verbundenen Anträgen offensichtlich nicht
gefolgt werden. Im genannten Zusammenhang wurde bereits in mehreren
vom nämlichen Rechtsvertreter geführten Verfahren (vgl. etwa Urteil des
BVGer D-6394/2017 vom 27. November 2017 E. 4.1) festgestellt, dass
diese länderspezifische Lageanalyse des SEM öffentlich zugänglich ist.
Der Rechtsvertreter reichte sie selber ein. Darin werden neben nicht na-
mentlich genannten Gesprächspartnern und anderen nicht offengelegten
Referenzen überwiegend sonstige öffentlich zugängliche Quellen zitiert.
Damit ist trotz der teilweise nicht im Einzelnen offengelegten Referenzen
dem Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör ausreichend
Genüge getan. Die Frage, inwiefern sich ein Bericht auf verlässliche und
überzeugende Quellen abstützt, ist keine formelle Frage, sondern gegebe-
nenfalls im Rahmen der materiellen Würdigung der Argumente der Par-
teien durch das Gericht zu berücksichtigen.
5.4
5.4.1 Weiter wird in der Beschwerde geltend gemacht, anlässlich der An-
hörung sei keine einzige Frage zum Gesundheitszustand des Beschwer-
deführers gestellt worden, weshalb der Wegweisungsvollzug auch nicht
angemessen habe gewürdigt werden können. Anlässlich einer Bespre-
chung mit dem Rechtsvertreter am 11. März 2020 habe der Beschwerde-
führer über Angstzustände und Schlafstörungen geklagt. Dabei habe der
Beschwerdeführer angegeben, dass er Albträume habe und von Verfol-
D-1587/2020
Seite 9
gung durch die Behörden in Sri Lanka träume. Diese Panikattacken wür-
den ihn seit seiner Flucht begleiten. Es sei zu prüfen, ob zwingende Gründe
im Sinne einer Langzeittraumatisierung infolge der erlittenen Gewalt beim
Beschwerdeführer vorlägen, die zu einer Bejahung der Flüchtlingseigen-
schaft führen würden, oder ob die Rückkehr infolge der Langzeittraumati-
sierung unzulässig oder unzumutbar sei. Da das SEM keine solche Prü-
fung vorgenommen habe, sei auch in diesem Punkt der rechtserhebliche
Sachverhalt weder vollständig noch korrekt abgeklärt worden. Sollte die
Sache nicht kassiert werden, sei eine angemessene Frist zur Einreichung
eines Arztberichts anzusetzen.
5.4.2 Es trifft zu, dass der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung zu
seinem Gesundheitszustand nicht befragt wurde. Bei der BzP gab der Be-
schwerdeführer jedoch auf entsprechende Nachfrage an, es gehe ihm ge-
sundheitlich gut (vgl. Akte A3/10 Ziff. 8.02). Nach der BzP machte der Be-
schwerdeführer keinerlei Eingaben, die auf gesundheitliche Probleme hät-
ten schliessen lassen, weshalb der Befrager bei der Anhörung davon aus-
gehen durfte, er sei weiterhin gesund. Auch nach der Anhörung bis zum
Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung wurden keine Arzt-
berichte oder andere Dokumente eingereicht, welche darauf hingewiesen
hätten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gut gehe. Es bestand deshalb
kein Anlass für das SEM, auf den Gesundheitszustand des Beschwerde-
führers in der angefochtenen Verfügung im Zusammenhang mit dem Weg-
weisungsvollzug näher einzugehen. Bis anhin wurde – auch auf Beschwer-
deebene – kein Arztbericht eingereicht, welcher gesundheitliche Beein-
trächtigungen des Beschwerdeführers belegen würde. Der Beschwerde-
führer hatte bis zum Urteilszeitpunkt hinreichend Gelegenheit und im Rah-
men der ihm obliegenden Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG) auch die Oblie-
genheit, weitere Beweismittel einzureichen. Dies hat er offensichtlich nicht
getan. Es besteht demnach keine Veranlassung, eine Frist zur Einreichung
eines Arztberichtes anzusetzen. Der entsprechende Beweisantrag ist ab-
zulehnen.
5.5
5.5.1 Die weitere Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs begründet
der Beschwerdeführer mit dem Erlass der Verfügung durch eine andere
Person als diejenige, welche die Anhörung durchgeführt habe. Dadurch
habe die Vorinstanz das Gutachten von Prof. Dr. Walter Kälin missachtet.
5.5.2 Bei dem vom Beschwerdeführer zitierten Rechtsgutachten handelt es
sich lediglich um eine Empfehlung von Prof. Dr. Walter Kälin an das SEM,
D-1587/2020
Seite 10
aus welcher der Beschwerdeführer keine Ansprüche für sich ableiten kann.
Dasselbe gilt für die Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014. Über-
dies ist nicht ersichtlich, inwiefern ihm aus der Behandlung seines Falles
durch verschiedene Personen ein Nachteil entstanden sein soll. Aus dem
Anspruch auf rechtliches Gehör ergeben sich keine Vorgaben für die Vor-
instanz, die Verfügung müsse durch die befragende Person verfasst wer-
den. Die Rüge geht somit fehl.
5.6 In der Beschwerde wird schliesslich der Antrag gestellt, es sei abzuklä-
ren, ob der Name des Beschwerdeführers auf dem Mobiltelefon der ent-
führten Schweizerischen Botschaftsangestellten zu finden sei. Diesbezüg-
lich kann dem Beschwerdeführer mitgeteilt werden, dass sich gemäss Aus-
kunft der Botschaft keine Daten über sich in der Schweiz aufhaltende, asyl-
suchende Personen aus Sri Lanka auf dem beschlagnahmten Mobiltelefon
der vom Sicherheitsvorfall betroffenen lokalen Angestellten der Schweizer
Botschaft befanden und auch anderweitig keine Informationen in Bezug auf
die erwähnten Personen an Dritte gelangten.
5.7 Die formellen Rügen erweisen sich demzufolge als unbegründet, wes-
halb keine Veranlassung besteht, die angefochtene Verfügung aus formel-
len Gründen aufzuheben und die Sache an das SEM zurückzuweisen. Die
diesbezüglichen Rechtsbegehren und Beweisanträge sind abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2012/5 E. 2.2).
D-1587/2020
Seite 11
7.
7.1 Das SEM lehnte das Asylgesuch mit der Begründung ab, die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers seien einerseits nicht glaubhaft und würden
andererseits der Asylrelevanz entbehren.
Im Einzelnen führte das SEM aus, es sei aus dem vom Beschwerdeführer
geschilderten Sachverhalt – vorausgesetzt, dieser habe sich wie behauptet
zugetragen – nicht ersichtlich, dass er zum Zeitpunkt der Ausreise aus Sri
Lanka eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes
gehabt habe. Er habe sich nach G._ begeben, um sich der (mögli-
chen) Verfolgung durch die Armee an seinem Wohnort – B._ – zu
entziehen. Über zwei Jahre, das heisst zwischen Juni 2013 und Dezember
2015, habe man ihn nicht verfolgt beziehungsweise nicht gesucht. Am
Weihnachtstag 2015 hätten Behörden bei seinen Eltern zuhause nach ihm
gesucht und das Haus durchsucht. Es gebe keine Hinweise darauf, dass
die Behörden von seinem Aufenthaltsort in G._ Kenntnis gehabt
hätten. Seinen Aussagen zufolge hätten sie ihn nach Dezember 2015 zu-
dem kein weiteres Mal gesucht. Vor diesem Hintergrund habe für ihn kein
Anlass zur Annahme bestanden, dass sich eine Verfolgung mit beachtli-
cher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen würde.
Sein Aufenthalt in G._ habe dem Zweck gedient, sich vor einer
möglichen Verfolgung in B._ zu entziehen. Die Situation in
G._ sei für ihn im Dezember 2015 nicht gefährlicher als im Juni
2013 gewesen. Nach der Suche nach ihm in B._ am Weihnachtstag
2015 sei er weitere zwei Monate am selben Ort in G._ geblieben.
In dieser Zeit sei weder in G._ noch an seinem angestammten
Wohnort in B._ noch etwas Nennenswertes passiert. Im Übrigen
lasse die Suche von Dezember 2015 – sofern sich diese tatsächlich zuge-
tragen habe – nicht auf eine asylrelevante Verfolgung schliessen. Die Be-
hörden hätten im Haus nach mutmasslichem Geld der LTTE gesucht, aber
nichts gefunden. Da sie beziehungsweise die Soldaten ihn, wie geltend ge-
macht, im Juni 2013 nach maximal einem Tag Befragung hätten gehen las-
sen, sei nicht ohne Weiteres ersichtlich, dass ihm eine Verfolgung drohe.
Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Verfolgung durch Armeean-
gehörige beziehungsweise Behörden könne im Übrigen nicht geglaubt
werden. In manchen zentralen Punkten habe er im Laufe des Verfahrens
unterschiedliche Angaben gemacht. Andere Elemente widersprächen der
allgemeinen Erfahrung oder der Logik des Handelns. In der BzP habe er
angegeben, im Juni 2013 seien mehrere Soldaten, manche seien auch in
zivil gewesen, zu ihm nach Hause gekommen (vgl. Akte A3/10 Ziff. 7.01).
D-1587/2020
Seite 12
In der Anhörung vom 23. Januar 2018 habe er demgegenüber gesagt, alle
Soldaten seien in Uniform gekommen (vgl. Akte A11/17 F72). Gemäss sei-
nen Aussagen in der BzP hätten Soldaten ihn nach seiner Freilassung ver-
folgt (vgl. Akte A3/10 Ziff. 7.01). Laut seiner Schilderung in der Anhörung
hätten ihn zwei Personen auf einem Motorrad verfolgt. Er habe diese bei-
den Personen nicht gesehen. Lediglich Freunde aus seinem Dorf hätten
das gesehen. Aufgrund der Aussagen seiner Freunde habe er Angst ge-
habt, im Dorf zu bleiben (vgl. Akte A11/17 F43). Er sei darauf nach
G._ gegangen. Es sei schwerlich nachvollziehbar, dass er bloss
aufgrund der vagen Aussagen seiner Freunde (vgl. Akte A11/17 F67 f.,
F94, F133 ff.) Angst bekommen und B._ verlassen habe, vor allem
auch, weil er selber von der Verfolgung nichts mitbekommen habe. Es sei
weiter nicht vorstellbar, dass ungefähr drei seiner Freunde die angebliche
Verfolgung drei bis vier Mal bemerkt haben sollen (vgl. Akte A11/17
F133 ff.), während er selber nichts davon mitbekommen habe. Schliesslich
laufe auch das angebliche Vorgehen der sri-lankischen Behörden der all-
gemeinen Erfahrung beziehungsweise der Logik des Handelns zuwider.
Diese hätten ihn nach der Befragung am selben Tag gehen lassen und ihm
die Identitätskarte zurückgeben. Danach habe man ihn beobachtet. Dieser
Beobachtung habe er sich durch den Weggang nach G._ entzogen.
Auf sein Untertauchen hätten die Behörden über zwei Jahre nicht reagiert.
Erst im Dezember 2015 seien sie wieder bei ihm erschienen, was nicht
nachvollziehbar sei. Hätten die Behörden tatsächlich ein Interesse an ihm
gehabt und ihn – nach der Einvernahme im Juni 2013 – weiter beschattet,
hätten sie auf seinen plötzlichen Weggang nach G._ rascher rea-
giert. Aus dem Gesagten folge, dass die geltend gemachte Verfolgung
durch die sri-lankische Armee beziehungsweise durch die Behörden auch
nicht glaubhaft sei.
Weiter hätten allfällige, im Zeitpunkt der Ausreise des Beschwerdeführers
bestehende Risikofaktoren kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lanki-
schen Behörden auszulösen vermocht. Es sei aufgrund der Aktenlage nicht
ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nunmehr in den
Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter Weise verfolgt werden
solle. Auch die am 16. November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl mit
dem Sieg von Gotabaya Rajapaksa vermöge diese Einschätzung nicht um-
zustossen. Voraussetzung für die Annahme einer Verfolgungsgefahr auf-
grund der Präsidentschaftswahlen sei ein persönlicher Bezug der asylsu-
chenden Person zu eben diesem Ereignis respektive dessen Folgen. Dafür
reiche es nicht aus, pauschal auf politische Entwicklungen der jüngeren
D-1587/2020
Seite 13
Vergangenheit oder mögliche Zukunftsszenarien zu verweisen. Stattdes-
sen sei eine hinreichende Subsumption im Einzelfall notwendig. Vorliegend
sei kein Bezug auf die Entwicklungen ab Dezember 2019 genommen wor-
den. In der Anhörung vom Januar 2018 habe der Beschwerdeführer aus-
gesagt, er habe in der Schweiz einmal an einer Kundgebung teilgenom-
men. Es habe sich um den Mullivaikal-Gedenktag in F._ gehandelt.
Es sei nicht ersichtlich, dass ihm deswegen bei der Rückkehr nach Sri
Lanka ernsthafte Nachteile drohen würden. Seinen Aussagen sei zudem
kein politisches Interesse zu entnehmen. An der Kundgebung habe er le-
diglich teilgenommen, weil ein Tamile ihn darauf hingewiesen habe, dass
die Fahrt nach F._ gratis sei (vgl. Akte A11/17 F127). Somit bestehe
kein begründeter Anlass zur Annahme, dass er bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein werde.
7.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, die Schil-
derungen des Beschwerdeführers würden bei einem persönlichen Kontakt
mit ihm einen sehr glaubhaften Eindruck erwecken, zumal er diese extrem
detailliert, gefühlvoll und lebhaft wiedergebe. Das SEM hänge beinahe die
gesamte Argumentation für die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen an zwei
an den Haaren herbeigezogenen Widersprüchen auf: Aus dem Umstand,
dass er im Jahr 2015 einmalig gesucht worden sei und die Behörden an-
sonsten keine Kenntnis seines Aufenthaltsortes in G._ gehabt hät-
ten, hätte sich die Wahrscheinlichkeit einer Verfolgung nicht verwirklicht.
Dieser Gedankengang sei weder nachvollziehbar noch plausibel. Er habe
sich nach den Übergriffen im Jahr 2013 nach G._ abgesetzt. Dort
sei er untergetaucht und habe versteckt gelebt. Dass er während dieser
Zeit Aushilfsarbeiten in einer Werkstatt verrichtet habe, stehe dazu nicht im
Widerspruch. Er habe de facto «undercover» in G._ gelebt und
durch die Aushilfstätigkeit quasi jeden Tag sein Leben riskiert. Zudem sei
seine Angst berechtigt. Denn wie befürchtet, sei weiterhin nach ihm ge-
sucht worden. Anders sei es nicht zu erklären, dass 2015 erneut Soldaten
bei seiner Familie vorbeigekommen seien. Dass er nach der Kenntnis über
die erneute Suche nach ihm im Dezember 2015 noch zwei Monate in
G._ geblieben sei, bevor er geflüchtet sei, sei zudem ebenfalls plau-
sibel und stehe der Glaubhaftigkeit seiner Verfolgung in keiner Weise ent-
gegen. Eine Flucht brauche immerhin eine gewisse Vorbereitungszeit, sei
dies aus finanziellen wie auch aus organisatorischen Gründen. Es könne
beim besten Willen nicht nachvollzogen werden, weshalb eine asylrele-
vante Verfolgung deshalb unwahrscheinlich sei, weil die Behörden beim
Beschwerdeführer zuhause kein Geld gefunden hätten.
D-1587/2020
Seite 14
In Bezug auf seine LTTE-Tätigkeit habe der Beschwerdeführer in der Zwi-
schenzeit einige Beweismittel erhältlich machen können. Dabei handle es
sich um Fotos seiner Mitstreiter und deren Todesnachweise. Diesbezüglich
lasse er eine Dokumentation mit seinen handschriftlichen Erklärungen zu-
kommen.
Er sei selbst für die LTTE tätig gewesen und weise familiäre Verbindungen
zu diesen auf. Er sei (...) gewesen. Im Rahmen seiner Arbeitstätigkeit habe
er zudem Kontakt zu ehemaligen LTTE-Mitgliedern gehabt. Es sei nahelie-
gend, dass diese ehemaligen LTTE-Mitglieder von den sri-lankischen Be-
hörden überwacht worden seien. Sein Bruder sei Kämpfer bei den LTTE
gewesen und im Krieg gefallen. Damit sei ein Hochrisikofaktor erfüllt. Der
Beschwerdeführer sei wiederholt ins Visier der sri-lankischen Behörden ge-
raten. Zudem sei er befragt, zusammengeschlagen und gesucht worden
und habe sich schliesslich mit seiner Ausreise dem Zugriff der sri-lanki-
schen Behörden entzogen. Dies werde mit an Sicherheit grenzender Wahr-
scheinlichkeit Niederschlag in den Akten der sri-lankischen Behörden ge-
funden haben. Es sei somit davon auszugehen, dass er sich auf einer
Stopp- oder Watch-Liste befinde. Damit sei ein weiterer Risikofaktor erfüllt.
Er halte sich bereits über eine lange Zeit in der Schweiz – einem Hort des
tamilischen Separatismus – auf. Er verfüge über keine gültigen Einreise-
papiere. Die ersten beiden genannten Risikofaktoren seien als stark einzu-
stufen, während die zwei anderen eher genereller Natur seien, aber auch
für sich alleine genommen eventuell zu einer asylrelevanten Verfolgung in
Sri Lanka führen könnten. In ihrer Kumulation ergebe sich jedenfalls, dass
die Risikofaktoren nach geltender Rechtsprechung zwingend zu einer Be-
jahung der Flüchtlingseigenschaft führen müssten. Besonders hervorgeho-
ben werden müsse vor allem, dass vor dem Hintergrund der fundamental
neuen Ausgangslage die einzelnen Risikofaktoren verstärkt Geltung hät-
ten, da sich mit dem Wiedereinzug von Mahinda Rajapaksas in das zweit-
höchste Exekutivamt das Verfolgungsrisiko massiv verstärkt habe. Der Be-
schwerdeführer erfülle somit klar die Flüchtlingseigenschaft und es müsse
ihm Asyl gewährt werden.
8.
8.1 Insofern in der Beschwerde ausgeführt wird, das SEM hänge beinahe
die gesamte Argumentation betreffend die Unglaubhaftigkeit der Vorbrin-
gen an zwei an den Haaren herbeigezogenen Widersprüchen auf, trifft dies
so nicht zu. Das SEM legte nebst den Widersprüchen dar, inwiefern die
geltend gemachte Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden der allge-
D-1587/2020
Seite 15
meinen Erfahrung und der Logik des Handelns widersprechen. Zudem wer-
den in der Beschwerde die widersprüchlichen Aussagen zwischen den An-
gaben anlässlich der BzP und der Anhörung bezüglich der Anzugsordnung
der Soldaten, welche den Beschwerdeführer 2013 aufgesucht hätten, und
wer ihn nach der Freilassung verfolgt habe, nicht ansatzweise aufgelöst.
Selbst wenn davon ausgegangen wird, dass der Beschwerdeführer im Jahr
2013 für eine Befragung für einen Tag mit seiner Mutter in ein Camp hat
gehen müssen, konnte er nicht glaubhaft darlegen, dass er danach von
den sri-lankischen Behörden weiteren Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt war. So ist davon auszugehen, dass eine Person, welche von Freun-
den erfahren hat, dass sie von den Behörden verfolgt wird, sich vorsichtig
und mit höchster Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bewegen würde. Der
Beschwerdeführer gab jedoch an, dass er noch einige weitere Tage als (...)
gearbeitet habe. Dabei sei ihm nie etwas aufgefallen (vgl. Akte A11/17 F97
f., F133 ff.). Es ist sodann nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdefüh-
rer bloss aufgrund dieser Beobachtungen seiner Freunde seinen Wohnort
und die Familie Richtung G._ verlassen hat, ohne dass er über-
haupt ein weiteres Mal von den Behörden angehalten oder zu Hause auf-
gesucht worden ist. Der Beschwerdeführer meinte anlässlich der Anhörung
denn auch, er habe sowieso nach G._ gehen wollen (vgl. Akte
A11/17 F99 f.). Gegen eine Beobachtung des Beschwerdeführers durch
die sri-lankischen Behörden nach dessen Freilassung im Jahr 2013 spricht
zudem, dass er erst wieder im Jahr 2015 zu Hause gesucht worden sein
soll. Hätten die sri-lankischen Behörden ein ernsthaftes Interesse am Be-
schwerdeführer gehabt, weil er LTTE-Gelder versteckt haben soll, und
wäre er deshalb unter Beobachtung gestanden, hätten die sri-lankischen
Behörden seinen Weggang früher bemerkt und ihn nicht erst zwei Jahre
später bei seinen Eltern gesucht. Unter diesen Umständen kann dem Be-
schwerdeführer nicht geglaubt werden, dass er nach seiner Befragung im
Jahr 2013 von den sri-lankischen Behörden verfolgt worden ist.
8.2 Geht man davon aus, dass der Beschwerdeführer im Jahr 2013 allen-
falls in einem anderen Zusammenhang befragt worden ist, hat das SEM
zutreffend ausgeführt, dass der Beschwerdeführer im Ausreisezeitpunkt
keine begründete Furcht vor einer Verfolgung durch die sri-lankischen Be-
hörden hatte. Der Beschwerdeführer zog nach der Befragung bei den sri-
lankischen Behörden im Jahr 2013 von B._ nach G._ zu ei-
nem Freund. In der Zeit bei seinem Freund in G._ ist ihm nichts
zugestossen. Dass er, wie von ihm anlässlich der Anhörung angegeben,
während dieser zweier Jahre in G._ die (...) nie verlassen habe und
D-1587/2020
Seite 16
nie nach draussen gegangen sei (vgl. Akte A11/17 F105), ist unwahrschein-
lich. Selbst wenn sich im Dezember 2015 die sri-lankischen Behörden in
einem anderen Zusammenhang nach ihm erkundigt haben sollten, haben
sich gemäss seinen Angaben auch danach keine Ereignisse mehr zuge-
tragen (vgl. Akte A11/17 F138). Vor diesem Hintergrund ist nicht davon aus-
zugehen, dass er im Ausreisezeitpunkt im Februar 2016 ernsthaften Nach-
teilen ausgesetzt war oder begründete Furcht hatte, solchen Nachteilen
ausgesetzt zu werden.
8.3 Insofern der Beschwerdeführer Fotos seiner Mitstreiter bei den LTTE
mit handschriftlichen Erklärungen einreichte, ist festzustellen, dass diese
Dokumentation nichts an der Feststellung der Unglaubhaftigkeit der gel-
tend gemachten Verfolgung zu ändern vermag. Das SEM bestritt gar nicht,
dass der Beschwerdeführer zwischen 1995 und 2000 für die LTTE als (...)
gearbeitet hat und sein Bruder als LTTE-Kämpfer in dieser Zeit gefallen ist.
Auch das Bundesverwaltungsgericht bezweifelt dies nicht. Bezüglich des
eingereichten Diagnosis Tickets vom 18. Juni 2013 bestätigt dieses einen
Spitalbesuch des Beschwerdeführers aufgrund von Schmerzen. Im Wider-
spruch zu den Angaben des Beschwerdeführers führt der Arzt darin aber
aus, er sei von einer unbekannten Person attackiert worden und nicht von
mehreren Soldaten. Dieses Beweismittel vermag deshalb die unglaubhafte
Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden ebenfalls nicht zu belegen.
Insofern in der eingereichten Anzeige der Eltern bei der HRC vom 23. Ok-
tober 2020 ausgeführt wird, dass uniformierte Personen sich am 23. Sep-
tember 2020 nach dem Beschwerdeführer erkundigt hätten, ergibt dies we-
nig Sinn vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig ausgeführt wird, die Uni-
formierten hätten gewusst, der Beschwerdeführer befinde sich im Ausland.
Die Anzeige vermag jedenfalls nicht zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu
führen. Bei den übrigen eingereichten Berichten und Dokumenten ist nicht
ersichtlich, inwiefern diese einen direkten Bezug zum Beschwerdeführer
haben sollen; diese sind daher ebenfalls nicht geeignet die festgestellte
Unglaubhaftigkeit der Verfolgung umzustossen.
8.4 Dem Beschwerdeführer ist es somit nicht gelungen, eine ihm im Zeit-
punkt seiner Ausreise drohende flüchtlingsrechtlich relevante Gefähr-
dungslage nachzuweisen oder glaubhaft darzutun.
9.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
D-1587/2020
Seite 17
Lanka vorgenommen (vgl. dort E. 8) und festgestellt, dass aus Europa res-
pektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht gene-
rell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt
seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung
des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Ver-
haftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei
handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeint-
lichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, die Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und das Vorliegen
früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im
Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu
den LTTE (sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.1 -
8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden
unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspa-
piere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka
zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation für Mig-
ration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sicht-
baren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O.,
E. 8.4.4 und 8.4.5). Es ist im Einzelfall abzuwägen, ob die konkret glaubhaft
gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der be-
treffenden Person ergeben. Dabei ist in Betracht zu ziehen, dass insbeson-
dere jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen
im Sinn von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden
zugeschrieben wird, dass sie bestrebt sind, den tamilischen Separatismus
wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
9.2 Wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt, ist es unglaubhaft,
dass der Beschwerdeführer in Sri Lanka vor seiner Ausreise von den sri-
lankischen Behörden verfolgt worden ist. Soweit er für die LTTE in den
Jahren 1995 bis 2000 im Vanni-Gebiet als (...) tätig gewesen sei, ist darauf
hinzuweisen, dass zu jenem Zeitpunkt die LTTE das Vanni-Gebiet kontrol-
lierten und auch die Verwaltung stellten. Insofern arbeiteten zu jenem Zeit-
punkt viele Bürger für die LTTE. Da diese lange zurückliegende Tätigkeit
zu keiner Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden bis zum Ausreise-
zeitpunkt führte, wird dies auch kaum bei einer allfälligen Rückkehr der Fall
sein. Hierfür spricht auch, dass der Beschwerdeführer nach der Tätigkeit
als (...) für die LTTE Sri Lanka bereits einmal im Jahr 2000 über den Flug-
hafen G._ verlassen hatte und 2002 zurückgekehrt war, ohne dass
es zu Problemen mit den sri-lankischen Behörden gekommen wäre (vgl.
Akte A11/17 F14, F28). Angesichts dessen, dass seine Familie noch in Sri
D-1587/2020
Seite 18
Lanka lebt, ist nicht davon auszugehen, dass der Umstand, dass ein Bru-
der Kämpfer bei den LTTE gewesen war, und ein anderer angeblich für
diese Filmaufnahmen gemacht hatte, für den Beschwerdeführer eine Ge-
fahr bei einer Rückkehr begründen könnte, zumal sich der Bruder, der Film-
aufnahmen machte, weiterhin in Sri Lanka aufhält. Zudem ist der Be-
schwerdeführer im Besitz seiner Identitätskarte. Die einmalige Teilnahme
an einer exilpolitischen Veranstaltung in der Schweiz führt nicht dazu, dass
er als Regimegegner ins Visier der sri-lankischen Behörden gelangt ist. Es
besteht deshalb kein Anlass zur Annahme, er würde im Falle der Rückkehr
die Aufmerksamkeit der heimatlichen Behörden in einem flüchtlingsrecht-
lich relevanten Mass auf sich ziehen. Allein die Zugehörigkeit des Be-
schwerdeführers zur tamilischen Ethnie, seine mehrjährige Landesabwe-
senheit sowie die Asylgesuchstellung in einem tamilischen Diasporaland
reichen nicht aus, um im Falle einer Rückkehr von Verfolgungsmassnah-
men auszugehen (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 E. 8.5.2). Weiter sind Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt (vgl. E-1866/2015 E. 8.3). Die Aus-
führungen, dass der Beschwerdeführer als Mitglied einer bestimmten sozi-
alen Gruppe respektive als Angehöriger der Risikogruppe von Personen,
die aus der Schweiz – einem tamilischen Diasporazentrum – nach längerer
Zeit zurückkehrten, verfolgt würde, geht daher fehl.
Dies gilt auch unter Berücksichtigung der aktuellen politischen Lage in Sri
Lanka. Die Präsidentschaftswahlen von November 2019 und daran an-
knüpfende Ereignisse vermögen diese Einschätzung nicht in Frage zu stel-
len (vgl. dazu im Einzelnen: Urteil des BVGer E-1156/2020 vom 20. März
2020 E. 6.2). Es besteht zudem kein persönlicher Bezug des Beschwerde-
führers zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive de-
ren Folgen. Auch aus den auf Beschwerdeebene eingereichten zahlrei-
chen Dokumenten zur allgemeinen Lage und politischen Situation in Sri
Lanka vermag der Beschwerdeführer keine auf seine Person bezogene
konkrete Gefährdung darzulegen. Objektive Nachfluchtgründe, bei denen
eine Gefährdung entstanden ist, aufgrund von äusseren, nach der Ausreise
eingetretenen Umständen, auf die der Betreffende keinen Einfluss nehmen
konnte (vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.), liegen vorliegend nicht vor. Es
sind auch sonst keine Anhaltspunkte ersichtlich, dass der Beschwerdefüh-
rer im aktuellen politischen Kontext in Sri Lanka in den Fokus der sri-lanki-
schen Behörden geraten ist und mit asylrelevanter Verfolgung zu rechnen
hat, weshalb er keine Verfolgung oder begründete Furcht vor zukünftiger
D-1587/2020
Seite 19
Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu ma-
chen vermag.
9.3 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers abgelehnt hat.
10.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
11.
11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
11.2
11.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30],
Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984
gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende
Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiter-
reise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder
einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83
Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumut-
bar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situatio-
nen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage
konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist –
D-1587/2020
Seite 20
unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu ge-
währen. Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin
oder der Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch
in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83
Abs. 2 AIG).
11.2.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung mit zutreffender
Begründung erkannt, dass der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
Nichtrückschiebung mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keine
Anwendung findet und keine anderweitigen völkerrechtlichen Vollzugshin-
dernisse erkennbar sind. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts lassen weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch
die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungs-
vollzug als unzulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 12).
An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der aktuellen Ent-
wicklungen in Sri Lanka festzuhalten. Der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte (EGMR) hat zudem wiederholt festgestellt, dass nicht ge-
nerell davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe in Sri Lanka
eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoeinschätzung müsse im Ein-
zelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des EGMR R.J. gegen Frankreich
vom 19. September 2013, Nr. 10466/11, Ziff. 37; neueren Datums bestätigt
in J.G. gegen Polen vom 11. Juli 2017, Nr. 44114/14). Aus den Akten erge-
ben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit per-
sönlich gefährdet wäre. Der Vollzug der Wegweisung ist zulässig.
11.3
11.3.1 Aktuell herrscht in Sri Lanka weder Krieg noch eine Situation allge-
meiner Gewalt. Der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz Sri Lankas ist
zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien
(insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 13.2). An
dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der aktuellen Entwick-
lungen in Sri Lanka festzuhalten.
11.3.2 Der Beschwerdeführer lebte hauptsächlich in B._ im Distrikt
Jaffna (Nordprovinz). Ein Vollzug in diese Provinz ist im Lichte der Recht-
sprechung zumutbar. In vorliegendem Fall sprechen sodann keine indivi-
duellen Gründe gegen einen Wegweisungsvollzug. Der Beschwerdeführer
besuchte zwölf Jahre die Schule bis zum A-Level (vgl. Akte A11/17 F117)
D-1587/2020
Seite 21
und arbeitete zwei Jahre in D._ als (...). Nach seiner Rückkehr ar-
beitete er als (...) und für ein Bauunternehmen als (...). Damit verdiente er
gemäss seinen Angaben mehr als genug zum Leben (vgl. Akte A11/17 F12,
F38 ff.). Aufgrund seiner schulischen Ausbildung und beruflichen Erfahrun-
gen wird es ihm möglich sein, sich im Heimatland eine Existenz aufzu-
bauen. In B._ verfügt der Beschwerdeführer mit seinen Eltern, drei
Geschwistern und weiteren Verwandten über ein weitreichendes Bezie-
hungsnetz und eine gesicherte Wohnsituation (vgl. Akte A11/17 F31 ff.).
Insofern in der Beschwerde erstmals gesundheitliche Probleme (Angstzu-
stände, Schlafstörungen, Albträume und Panikattacken) geltend gemacht
werden, sind diese einerseits durch keinen Arztbericht belegt worden. An-
dererseits ist festzuhalten, dass psychische Beschwerden in Sri Lanka be-
handelbar wären (vgl. Urteile des BVGer D-7355/2016 vom 11. Februar
2019 E. 11.5.2 m.w.H. und D-5221/2018 vom 24. Juni 2019 E. 9.7). Nach
dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht als unzu-
mutbar.
11.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
11.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Es erübrigt sich, auf den weiteren Inhalt der
Beschwerde und die eingereichten Beweismittel – die sich ganz überwie-
gend auf die generelle Situation in Sri Lanka beziehen, ohne einen indivi-
duellen Bezug zum Beschwerdeführer zu haben – noch näher einzugehen.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten zufolge der sehr um-
fangreichen Beschwerde mit zahlreichen Beilagen ohne individuellen Be-
D-1587/2020
Seite 22
zug zum Beschwerdeführer praxisgemäss auf insgesamt Fr. 1'500.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Zur Begleichung der Verfahrenskosten ist der am 10. Sep-
tember 2020 in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1587/2020
Seite 23