Decision ID: b4fd7320-e99c-4de5-8d6f-fb4582c4ffd9
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1960, war von April 1999 bis Dezember 2008 in leitender Stellung bei
Y._
AG tätig, wobei der letzte effektive Ar
beitstag der 19. Dezember 2007 war (Urk.
6
/9). Am 10. April 2009 (Urk.
6
/2) mel
dete sie sich wegen psychischen Problemen und Rückenbeschwerden bei der In
validenversicherung an. Ab 1. April 2010 war sie bei der
Z._
_
als
Director
HR
Operations
tätig (Urk.
6
/26).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, sprach der Versi
cherten mit Ver
fügung vom 9. Mai 2011 eine ganze Rente ab Oktober 2009 und eine
Viertels
rente
ab April 2010 zu (Urk.
6
/38). Diese Verfügung erwuchs unan
ge
fochten in Rechtskraft.
Im Jahr 2012 erfolgte eine Rentenrevision (Urk.
6
/50). Nach durchgeführtem
Vor
bescheidverfahren
(Urk.
6
/55) hob die IV-Stelle die bislang ausgerichtete Rente mit Verfügung vom 9. April 2013 auf (Urk.
6
/56). Auch diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
1.2
Per 30. Juni 2014 verlor die Versicherte ihre Anstellung bei der
Z._
, wobei der letzte Arbeitstag der 23. August 2013 war (Urk.
6
/86/2). Am 13. No
vember 2014 (Urk.
6
/80) machte die Versicherte eine Verschlechterung geltend. Die IV-Stelle trat auf das Gesuch ein
und
verneinte mit Verfügung vom 30. Sep
tember 2016 einen Leistungsanspruch der Versicherten (Urk.
6
/256
). Die dagegen am 3
1.
Oktober 2016 erhobene Beschwerde (
Urk.
6/263/3-27) wies das hiesige Gericht mit Urteil vom 1
3.
April 201
8 im Verfahren Nr. IV.2016.01203 ab (
Urk.
6/284
), was vom Bundesgericht mit Urteil vom
6.
November 2018
im Ver
fahren 8C_445/201
8 bestätigt wurde (
Urk.
6/298).
Mit Verfügung vom 1
8.
Februar 2016 (
Urk.
6/201) verneinte die IV-Stelle einen Anspruch der Versicherten auf Übergangsleistungen gemäss
Art.
32 des Bundes
gesetzes über die Invalidenversicherung (IVG). Dies wurde vom hiesigen Gericht
ebenfalls
mit Urteil vom 1
3.
April 20
1
8 im Verfahren Nr. IV.2016.00347 bestätigt (
Urk.
6/283).
1.3
Am
5.
Oktober 2018
machte die Versicherte eine Verschlechterung geltend (
Urk.
6/289).
Mit Vorbescheid vom 1
8.
Januar 2019 (
Urk.
6/304) stellte die IV-Stelle in Aussicht, auf das neue Gesuch nicht einzutreten, wogegen die Versi
cherte Einwände erhob (
Urk.
6/314;
Urk.
6/320;
Urk.
6/328
;
Urk.
6/331). Die IV-Stelle nahm unter anderem ein im Auftrag der Taggeldversicherung erstattetes
bidisziplinäres
Gutachten (
Urk.
6/330/3-88 =
Urk.
6/337/10-95) zu den Akten und
trat mit Verfügung vom 1
5.
November 2019 auf das neue Leistungsbegehren nicht ein (
Urk.
6/333 =
Urk.
2).
2.
Am 2
3.
Dezember 2019 erhob die Versicherte Beschwerde gegen die Verfügung vom 1
5.
November 2019 (
Urk.
2) und beantragte
deren Aufhebung und die Ver
pflichtung der Beschwerdegegnerin, auf die Neuanmeldung, eventuell betreffend berufliche Massnahmen, einzutreten (
Urk.
1 S. 2). Die Beschwerdegegnerin bean
tragte mit Beschwerdeantwort vom 3
1.
Januar 2020 die Abweisung der Be
schwerde (
Urk.
5), was der Beschwerdeführerin am
3.
Februar 2020 mitgeteilt wurde (
Urk.
7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades
verweigert, so wird nach Art.
87 Abs.
3
der Verordnung über die Invalidenversicherung (
IVV
)
eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn
die Voraussetzungen gemäss Abs.
2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den An
spruch erheblichen Weise geändert hat.
Ergibt die Prüfung
durch die Verwaltung, dass die
Vorbringen der versicherten Person nicht glaubhaft sind, so erledigt sie das Gesuch ohne weitere Abklärungen durch Nichteintreten.
Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versi
cherten Person glaubhaft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tat
sächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie be
i einem Revi
sionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (BGE
117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festge
stellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auc
h dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E.
2b
).
1.4
Mit
Art.
87
Abs.
3 in Verbindung mit
Abs.
2 IVV soll verhindert werden, dass sich die Verwaltung nach vorangegangener rechtskräftiger Leistungsverweige
rung immer wieder mit gleich lautenden und nicht näher begründeten, das heisst keine Veränderung des Sachverhalts darlegenden Gesuchen befassen mu
ss (BGE 109 V 108 E. 2a, 262 E.
3). Hingegen kann diese
Eintretensvorschrift
nicht da
hingehend ausgelegt werden, dass die glaubhaft zu machende Änderung gerade jenes Anspruchselement betreffen muss, welches die Verwaltung der früheren rechtskräftigen Leistungsabweisung zugrunde legte. Vielmehr muss es genügen, wenn die versicherte Person zumindest die Änderung eines Sachverhalts aus dem gesamten für die Rentenberechtigung erheblichen Tatsachenspektrum glaubwür
dig dartut. Trifft dies zu, ist die Verwaltung verpflichtet, auf das neue Leistungs
begehren einzutreten und es in tatsächlicher (wie selbstverständlich auch in rechtlicher) Hinsicht allsei
tig zu prüfen (BGE 117 V 198 E.
3a und E
. 4b; vgl. auch BGE 130 V 64 E.
5.2, 7
1 E.
2.2 mit Hinweisen).
Nach Eingang einer Neuanmeldung ist die Verwaltung zunächst zur Prüfung ver
pflichtet, ob die Vorbringen der versicherten Person überhaupt glaubhaft sind;
verneint sie dies, so erledigt sie das Gesuch ohne weitere Abklärungen durch Nichteintreten. Dabei wird sie unter anderem zu berücksichtigen haben, ob die frühere Verfügung nur kurze oder schon längere Zeit zurückliegt, und dement
sprechend an die Glaubhaftmachung höhere oder weni
ger hohe Anforderungen stellen
. Insofern steht ihr ein gewisser Beurteilungsspielraum zu, den das Gericht grundsätzlich zu respektieren hat. Daher hat das Gericht die Behandlung der
Ein
tretensfrage
durch die Verwaltung nur zu überprüfen, wenn das Eintreten streitig ist, das heisst wenn die Verwaltung gestützt auf
Art.
87
Abs.
3
der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
Nichteintreten beschlossen hat und die ver
sicherte Person deswegen Beschwerde führt; hingegen unterbleibt eine richterli
che Beurteilung der
Eintretensfrage
, wenn die Verwaltung auf die Neuanmeldung ei
ngetreten ist (BGE 109 V 108 E.
2b
mit Hinweisen;
vgl. auch BGE 130 V 64 E. 5.2, 7
1 E.
2.2 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete den angefochtenen Entscheid (
Urk.
2) wie folgt: Aus ärztlicher Sicht habe keine Veränderung des körperlichen Zustandes festgestellt werden können und es liege kein neuer medizinischer Sachverhalt vor. Psychiatrisch bestünden bereits bekannte Diagnosen. Vorübergehende depressive Verschlechterungen seien bei einer depressiven Störung die Regel. Von einer dau
erhaften Verschlechterung, was für die Rentenleistung von oberster Relevanz sei, sei gegenwärtig nicht auszugehen. Gemäss dem von der Taggeldversicherung ein
geholten Gutachten könne gegenwärtig noch nicht von einem Scheitern der am
bulanten Behandlung oder gar von Chronizität der depressiven Episode gespro
chen werden. Nach der empfohlenen Anpassung der medikamentösen Behand
lung sei ab Dezember 2019 von einer vollen Arbeitsfähigkeit in der zuletzt aus
geübten Tätigkeit auszugehen. Eine Verschlechterung lasse sich nicht ableiten
(S. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte geltend (
Urk.
1), das psychiatrisch-neurologische Gutachten belege klar, dass sie in der angestammten Tätigkeit nicht mehr und in einer angepassten Tätigkeit zu 70
%
, mit einem zusätzlich reduzierten Rendement von 20
%
, mithin zu 50
%
arbeitsfähig sei. Weiter halte der Gutachter fest, dass die Beschwerdeführerin bei der beruflichen Wiedereingliederung in eine optimal angepasste Tätigkeit entsprechende Unterstützung von der Beschwerdegegnerin benötige (S. 5
Ziff.
7). Im Vergleich dazu hätten im Jahr 2016 keine psychiatri
schen Erkrankungen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vorgelegen, und es habe eine somatische Einschränkung von 10
%
in der angestammten Tätigkeit vorge
legen (S.
7
Ziff.
12 und 13). Seither seien die Befunde aus näher
dargeleg
-
ten
Gründen teilweise unverändert, aber stärker ausgeprägt (S. 9
Ziff.
16 und
S. 10 ff.). Eine Veränderung sei glaubhaft gemacht worden. Da man sich jederzeit für berufliche Massnahmen anmelden könne, ohne eine Veränderung glaubhaft ma
chen zu müssen, sei die Beschwerdegegnerin anzuweisen, auf das diesbezügliche Gesuch einzutreten (S.
23 ff.).
2.3
Streitig und zu prüfen ist,
ob die Beschwerdeführerin eine erhebliche
Verände
rung
des Sachverhalts
glaubhaft gemacht hat und die Beschwerdegegnerin dem
entsprechend auf das neue Leistungsgesuch einzutreten hat.
Berufliche Massnah
men bilden mangels entsprechender Verfügung nicht Gegenstand des vorliegen
den Verfahrens, weshalb auf den diesbezüglichen Antrag der Beschwerdeführerin (
Urk.
1 S. 2) nicht einzutreten ist.
3.
3.1
Hinsichtlich der Aktenlage, die der
anspruchsverneinende
n
Verfügung vom 3
0.
September 2016 (
Urk.
6/256)
zugrunde lag, kann auf die Darstellung im Urteil des hiesigen Gerichts vom 1
3.
April 2018
im Verfahren
Nr.
IV.2016.01203 (
Urk.
6/284)
verwiesen werden. Darin wurde dem Gutachten von
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
6.
Februar 2015 (
Urk.
6/101/1-21), und dem
polydisziplinären Gutachten der Neurologie
B._
vom
3.
Februar 2016 (
Urk.
6/193) Beweiswert beigemessen, weshalb diese Berichte nachfolgend wiedergegeben werden.
3.2
Dr.
A._
erstattete am 6. Februar 2015 unter Berücksich
tigung der Akten und nach Unter
suchung der Beschwerdeführerin ein Gutachten zuhanden
der Tag
geld
versicherung (Urk. 6
/101/1-21). Er nannte folgende Diagnosen (S. 17):
-
Anpassungsstörung mit Beeinträchtigung von anderen Gefühlen - Ärger, Anspannung, Depression, Sorgen u.a. (ICD-10 F43.23) mit und bei
-
Status nach Arbeitsplatzkonflikt
-
prädisponierenden Persönlichkeitszügen
-
Erschöpfungssyndrom (ICD-10 Z73.0) mit und bei
-
multiplen psycho-sozialen Belastungsfaktoren
-
Störung durch Hypnotika und
Benzodiazepine, schädlicher Ge
brauch/Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F12.1)
Es lägen folgende psychosoziale Gründe vor, die in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichem Ausmass das Krankheitsgeschehen und den Krankheitsver
lauf beeinflussten: Arbeitsplatzverlust, psychische Erkrankung der Tochter, feh
lendes soziales Umfeld, Existenzsorgen (S. 19). Die Berichte von Dr.
C._
(vgl.
Urk.
6/50;
Urk.
6/52,
Urk.
6/72/8-10;
Urk.
6/84/3-5)
wiesen einige Ungereimthei
ten auf. Auffällig sei, dass zweimal eine plötzliche schwere depressive Episode nach jeweils erfolgter Kündigung eingetreten sei und die Wiedergenesung zeitnah mit dem Finden einer neuen Stelle gestanden habe. Auch die multiplen psycho-sozialen Einfluss- und Stressfaktoren – alleinerziehende Mutter einer psychisch kranken Tochter bei 100%iger Berufstätigkeit in einer Kaderposition, Vorge
schichte bei
Y._
, Weiterbildung auf uni
versitärem Niveau, stattgehabter Hausbau - auf das Krankheitsgeschehen würden in den Berichten von Dr.
C._
kaum berücksichtigt (S. 15 unten f.).
Dies heisse nicht, dass bei der Versicherten nach der erfolgten Kündigung nicht auch ein depressives Erleben vorhanden gewesen sei. Die Einordung als Anpas
sungsstörung sei allerdings zunächst ausreichend. Während der Untersuchung selbst hätten jedoch psychopathologisch die Beeinträchtigung der Wachheit, der Konzentration und des formalen Gedankengangs im Vordergrund gestanden. Dies sei am ehesten auf den Gebrauch von Benzodiazepinen und Hypnotika zurück
zuführen (S. 16).
Versicherungspsychiatrisch problematisch sei, dass von der Beschwerdeführerin nahezu ausschliesslich Selbstangaben zu den Beschwerden und dem Aktivitäts
niveau vorlägen, die zudem teilweise widersprüchlich seien. So wäre bei einer schweren depressiven Episode eine Reise nach Portugal nicht möglich, auch das Führen eines Kraftfahrzeuges sei bei den
angegebenen Orientierungs-,
Kon
zentrations
- und Gedächtnisstörungen bei erhöhter Müdigkeit zu hinterfragen, das gleiche gelte für die Stellensuche via Headhunter. Angesichts der Schwere
der genannten Diagnose wäre eher eine stationär-psychiatrische Behandlung
als ein Rehabilitationsaufenthalt zur Linderung von Rückenbeschwerden
(vgl. Urk. 7/84/10) zu erwarten gewesen. Gänzlich weit hergeholt sei die Diagnose ei
ner posttraumatischen Belastungsstörung; weder seien ein entsprechendes Trauma - eine Kündigung genüge nicht -
noch die entsprechenden psycho
patho
logischen Befunde ausgewiesen (S. 16).
Eine höhere Arbeitsunfähigkeit sei nicht zu plausibilisieren. Medizinisch-theore
tisch könne spätestens per 1. März 2015 in der bisherigen Tätigkeit als HR-Managerin eine volle Arbeitsfähigkeit angenommen werden. Der Benzodiazepin- und
Hypnotikakonsum
spreche nicht dagegen, zumal die Beschwerdeführerin an
scheinend auch in der Vergangenheit trotz Konsum eine Arbeitsleistung von 100 % während Jahren habe erbringen können. Eine krankheitsbedingte Arbeits
unfähigkeit von 100 % seit August 2013 sei versicherungspsychiatrisch nicht plausibel (S. 20).
3.3
Die Ärzte der Neurologie
B._
erstatteten ihr polydisziplinäres Gut
achten am 3. Februar 2016 unter Berücksichtigung der Akten, Erhebung der Anamnese und Durchführung einer internistischen, neurologischen, ortho
pä
di
schen und psychiatrischen Untersuchung (Urk. 6/193) und stellten folgende Dia
gnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 53):
-
Funktionseinschränkung der Wirbelsäule bei ausgeprägter
Kyphoskoliose
Folgende Diagnosen hätten keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 53):
-
rezidivierende depressive Störung, derzeitig remittiert (ICD-10 F33.4)
-
postoperative thorakale
Syrinxbildung
mit Reflexsteigerung an den unte
ren Extremitäten
-
minime
senso
-motorische radikuläre Symptomatik L5 rechts bei degene
rativer
Foraminalstenose
L5/S1 rechts
-
Hallux
valgus beidseits
-
arterielle Hypertonie
-
Übergewicht
-
atopische Diathese mit trockenen Augen und
Lidekzem
Die Beschwerdeführerin habe anlässlich der Begutachtung mitgeteilt, sie beur
teile ihre Chancen, erneut eine Führungsposition im Personalwesen eines grösse
ren Unternehmens bekleiden zu können, skeptisch, dies aufgrund der allgemein ho
hen Anforderungen insbesondere hinsichtlich der Stressresistenz und Fähigkeit zum Multitasking (S. 8 Ziff. 2.8). Ihre Psyche sei derzeit einiger
massen stabil
(S. 9 Ziff. 2.12). Die letzte Tätigkeit bei der
Z._
sei mit viel Reisetätigkeit verbunden gewesen. Mit ihren jetzigen Beschwerden könne sie sich gar keine berufliche Tätigkeit vorstellen, sie hoffe jedoch auf Besserung, um irgendwann wieder mit einem kleinen Pensum beginnend zu arbeiten (S. 16 Ziff. 7.7-2.8).
Dr. med.
D._
,
Facharzt für Neurologie,
führte in seinem Teilgutach
ten aus, es bestehe eine beidseitige Reflexsteigerung an den Beinen, welche für eine Schädigung der langen Rückenmarksbahnen im Rahmen der postoperativen thorakalen
Syrinxbildung
spreche. Zusätzlich bestehe eine radikuläre Symptoma
tik mit inkompletter L5-Symptomatik rechts, welche die leichte Fuss- und
Zehen
heberparese
und die begleitenden Sensibilitätsstörungen (derzeit ohne akute Wur
zelkompressionssymptomatik) erkläre. Ursächlich sei diesbezüglich die bildge
bend im April 2015 dargestellte
Foraminalstenose
L5/S1 heranzuziehen. Im da
maligen Befund sei bereits eine mögliche Irritation der Wurzel L5 rechts beschrie
ben worden. Die Schmerzen seien dadurch erklärbar, sollten jedoch medikamen
tös ausreichend beherrschbar sein. Die Ausfall
sympto
matik sei ausgesprochen bland. So sei das Gangbild flüssig, sicher und
hinkfrei
. Die Beschwerdeführerin könne sogar
ohne Angaben von Schmerzen auf einem Bein hüpfen und es be
s
tünden auch keine akuten Wurzel
kompressionen im klinischen Neurostatus
(S. 20-21 Ziff. 5). Die letzte Tätigkeit im Personal-Management mit gewissen Frei
heiten in der Zeiteinteilung und im Körperpositionswechsel entspreche im We
sentlichen be
reits einer angepassten, rücken
gerechten Tätigkeit, so dass keine Ar
beitsunfä
higkeit aus neurologischen Grün
den attestiert werden könne (S. 21 Ziff. 6.1).
Dr. med.
E._
,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatolo
gie des Bewegungsapparates,
hielt in seinem Teilgutachten fest, anlässlich der Untersuchung sei der
kyphoskoliosebedingt
e
verkürzte Rumpf der Beschwerde
führerin aufgefallen. Es liege ein erheblicher
Kyphoseknick
am Brust-Lenden
übergang vor. Dieser sei entsprechend den am Untersuchungstag vorgelegten Röntgenbildern knöchern versteift, so dass eine Progredienz diesbezüglich nicht mehr zu erwarten sei. Die
Kyphoskoliose
sei weitestgehend fixiert; die noch mög
liche Mobilität der Wirbelsäule finde im mittleren und oberen Brust- und Hals
wirbelsäulenbereich sowie im unteren Lendenwirbelsäulenbereich statt. Naturge
mäss sei das Seitneigen und Rotieren des Rumpfes als Ganzes erheblich einge
schränkt. Eine typische vertebragene Nervenwurzel
reizsymptomatik sei am Un
tersuchungstag bis auf die Sensibilitätsminderung am rechten Fussaussenrand nicht feststellbar gewesen. Es liege allenfalls eine minimale
Fussheberschwäche
rechts vor, wobei der Beschwerdeführerin jedoch der Zehenspitzen- und Fersen
gang problemlos möglich seien (S. 31 f.).
Zeitweise trete bei längerem Sitzen eine ausstrahlende Schmerzsymptomatik ins rechte Gesäss auf. Unzumutbar seien Tätigkeiten mit häufigem schweren Heben, Tragen und Bewegen von Lasten sowie Tätigkeiten mit Zwangshaltung für die Wirbelsäule und Heben und Tragen von Lasten von mehr als 5 kg, ebenso Tätig
keiten mit ununterbrochenem Sitzen (S. 32). Die bisherigen vielfältigen Arbeits
unfähigkeitszeiten seien fast ausschliesslich auf eine depressive Symptomatik zu
rückzuführen gewesen (S. 33).
Zur bisherigen beruflichen Tätigkeit befragt, habe die Beschwerdeführerin ange
geben, dass es ihr durchaus möglich gewesen sei, die Körperstellung vom Sitzen zum Stehen (Stehpult) und auch zum Umhergehen zu wechseln. Allerdings habe es sich in ihrer führenden Pos
ition nicht geziemt, die Körper
haltung den entspre
chenden Beschwerden anzupassen, weshalb sie „über die Schmerzen hinaus" ge
arbeitet habe. Dr.
E._
hielt dazu fest, dass es sich dabei um keine körperlich belastende Tätigkeit gehandelt habe. Aus ortho
pädischer Sicht sei die ange
stammte Tätigkeit
leidensangepasst und habe Anforderungen gestellt, wie sie überwiegend auch im
normalen Lebensalltag bewältigt werden müssten und nach Angaben der Beschwerdeführerin auch bewältigt werden könnten, wenngleich mit Entwicklung von Schmerz
empfindungen im Verlauf des Tages. Die Tätigkeit im Büro dürfte kaum messbar beeinträchtigt sein, sehe man von der Entwicklung der Kreuzschmerzen nach längerem Sitzen ab. Dies berücksichtigt, betrage die Arbeitsfähigkeit 90 % (S. 34).
Dr. med.
F._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt fest (S. 47 unten f.), es ergäben sich aus Anamnese und Befund die Diagnose einer derzeit remittierten rezidivierenden depressiven Störung. Es sei spätestens ab De
zember 2015 eine weitgehend vollständige Remission anzunehmen. So sprächen die anamnestischen Angaben dafür, dass
seit diesem Zeitpunkt die Fähig
keit sich zu freuen und die affektive Schwingungsfähigkeit gebessert seien. Insofern sei davon auszugehen, dass seit dem 26. November 2015 (dem letzten Befund des Behandlers) eine eindrückliche Besserung eingetreten sei. Im Zeitpunkt der Be
gutachtung fehle eine gedrückte Stimmung, eine Antriebsverminderung, eine Ap
petitstörung, eine Verminderung des Selbstwertgefühls und die diagnostischen Kriterien einer Depression seien nicht mehr nachweisbar. Auffällig sei, dass die Beschwerdeführerin eine Behinderung präsentiere, die nicht im Einklang mit Ver
haltensbeobachtungen und klinischen Befunden stehe und daher nicht plausibel sei. Die gutachterl
iche Konsistenzprüfung habe Hin
weise auf nicht im geklagten U
mfang vorhandene Funktionsbeein
trächtigungen ergeben, nämlich Diskrepan
zen zwischen massiven subjektiven Beschwerden und der erkennbaren psychi
schen Beeint
rächtigung in der Untersuchungs
situation, zwischen schwerer sub
jektiver Beeinträchtigung und dem weitgehend intakten psychosozialen Funk
tionsniveau bei der Alltagsbewältigung sowie eine Inkonsistenz zwischen subjek
tiver Beschwerdeschilderung und den objektiven Befunden (S. 50).
Dass der behandelnde Psychiater auch weiterhin noch eine Arbeitsunfähigkeit von 80 % bis Februar 2016 bescheinige, könne anhand der aktuellen psychiatri
schen Begutachtung nicht nachvollzogen werden. Da Aggravationshinweise be
stünden, lasse sich die Arbeitsfähigkeit nicht ausschliesslich psychiatrisch be
gründen (S. 52).
Im interdisziplinären Konsens kamen die Gutachter zum Schluss, dass ab Dezem
ber 2015 aus orthopädischen Gründen eine Arbeitsunfähigkeit von 90 % in der angestammten Tätigkeit bestehe. Orthopädisch, neurologisch und allgemeininter
nistisch sei keine versicherungsmedizinisch relevante Änderung eingetreten. Aus psychiatrischer Sicht sei ab April 2010 eine Besserung eingetreten. Im Mai 2014 sei es zu einer erneuten depressiven Episode gekommen mit voller Arbeitsunfä
higkeit.
Ab November 2015 habe eine Arbeitsfähigkeit von 50 % und ab Dezem
ber 2015 von 100 % bestanden (S. 56 Ziff. 3.1 und Ziff. 4).
3.4
Dazu hielt das Ge
richt folgendes fest (
Urk.
6/284
E. 5.4
f.
):
«
Diese psychosozialen Faktoren strich Dr.
A._
in seinem Gutachten nachvoll
ziehbar heraus und zeigte auch auf, dass zweimal eine plötzliche depressive Epi
sode nach jeweils erfolgter Kündigung eingetreten war und die Wiedergenesung zeitnah mit dem Finden einer neuen Stelle eintrat. Dies entspricht der psychoso
zial
en Genese der psychischen Beein
trächtigung der Beschwerdeführerin.
Dies folgt nicht zuletzt aus dem Umstand, dass die Beschwerdeführerin die bisher bei der
Z._
innegehabte Stelle nicht aus gesundheitlichen Gründen verlor, der Behandlungsbeginn bei Dr.
C._
aber am 23. August 2013, dem Tag der Kün
digung, erfolgte. Dr.
A._
legte schlüssig dar, dass eine Anpassungsstörung vorlag und keine schwere depressive Episode. Bei einer Anpassungsstörung han
delt es sich grundsätzlich für sich allein
nicht
um ein
invalidisierendes Leiden (
...
).
Dr.
A._
ging von voller Arbeits
fähigkeit der Beschwerdeführerin ab 30. Juni 2014 aus, erachtete jedoch aus versicherungspsychiatrischer Sicht eine volle krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit seit August 2013 als nicht plausibel.
Dem ist zu folgen; die Arbeits
unfähigkeit ist, wie dargelegt, im Wesentlichen auf psychosoziale Faktoren zurückzuführen, welche - wie die vorübergehende An
passungsst
örung - aus invaliden
versicherungsrechtlicher Sicht unbeachtlich sind.
Anlässlich der am 26. und 27. Januar 2016 durchgeführten Begutachtung bei der Neurologie
B._
hielt die Beschwerdeführerin fest, sie könne sich mit ihren jetzigen Beschwerden gar keine berufliche Tätigkeit vorstellen, sie hoffe jedoch auf Besserung, um irgendwann wieder mit einem kleinen Pensum begin
nend zu arbeiten (vgl. vorstehend E. 4.12). Zu diesem Zeitpunkt war jedoch bereits klar, dass sie am 1. März 2016 eine neue Vollzeitstelle im angestammten Bereich antreten würde. Offenkundig teilte sie diesen Umstand den Gutachtern nicht mit, was nur auf bewuss
te versicherungstechnische Über
legungen zurückgeführt wer
den kann. Angesichts dieses Versäumnisses mutet es seltsam an, dass sie dem neurologischen Gutachter Befangenheit vorwirft, weil ihm der Bericht von Dr.
G._
(vorstehend E. 4.11) nicht vorlag, zumal er dazu nachträglich Stel
lung nahm (vgl. vorstehend E. 4.13). Vielmehr bestätigt sich im Lichte dieser Si
tuation die Schlüssigkeit der Begutachtung, wie nachfolgend zu zeigen ist.
Das Gutachten der Neurologie
B._
erging unter Berücksichtigung der Akten, Erhebung der Anamnese und Durchführung der notwendigen Unter
su
chungen. Die Schlussfolgerungen wurden nachvollziehbar begründet und darge
legt. Es vermag damit den praxisgemässen Anforderungen an eine medizi
nische Expertise zu genügen, weshalb darauf abgestellt werden kann.
Dr.
D._
stellte eine beidseitige Reflexsteigerung an den Beinen fest, welche für eine Schädigung der langen Rückenmarksbahnen im Rahmen der postope
rativen thorakalen
Syrinxbildung
spreche. Zusätzlich erhob er eine radikuläre Sympto
matik, welche die leichte Fuss- und
Zehenheberparese
und die begleiten
den Sen
sibilitätsstörungen erkläre. Er hielt fest, dass die Schmerzen dadurch erklärbar, aber auch medikamentös beherrschbar seien, und dass die Aus
fallsymptomatik ausgesprochen bland sei. Dies stimmt mit dem Umstand überein, dass die Be
schwerdeführerin ihren im August 2015 gestellten Antrag auf Umbau ihres Autos (Umrüstung von Gas- und Bremspedal; Urk. 6/127-128) am 21. Januar 2016 zu
rückzog, da sie dank des Einsatzes von Therapien und Medikamenten wieder in der Lage sei, Auto zu fahren (vgl. Urk. 6/188). Dennoch hielt sie anlässlich der Begutachtung fest, sie könne nicht mehr länger Auto fahren (S. 16 des Gutach
tens), und sie habe Schwierigkeiten, die Pedale zu bedienen (S. 9 Mitte). Dr.
D._
stellte ein flüssiges, sicheres und
hinkfreies
Gangbild fest, und die Beschwerde
führerin war sogar fähig, ohne Angaben von Schmerzen auf einem Bein zu hüp
fen. Im klinischen Neurostatus waren keine Wurzelkompressionen feststellbar. Dr.
D._
stellte aufgrund dieser Befunde aus neurologischer Sicht keine Arbeits
unfähigkeit in der letzten Tätigkeit fest, was zu überzeugen vermag.
Aus orthopädischer Sicht stellte Dr.
E._
aufgrund der Skoliose und Kyphose der Beschwerdeführerin eine naturgemässe Einschränkung in der Beweglichkeit fest, und es trete zeitweise bei längerem Sitzen eine ausstrahlende Schmerz
symp
tomatik ins rechte Gesäss auf, was sich auf das Belastungsprofil auswirke. Unzu
mutbar seien Tätigkeiten mit häufigem schweren Heben, Tragen und Bewegen von Lasten sowie Tätigkeiten mit Zwangshaltung für die Wirbelsäule und Heben und Tragen von Lasten von mehr als 5 kg, ebenso Tätigkeiten mit ununterbro
chenem Sitzen. Dr.
E._
erachtete die bisherige Tätigkeit trotz dieses Belas
tungsprofils als angepasst, da es der Beschwerdeführerin durchaus möglich ge
wesen sei, die Körperstellung zu verändern. Dr.
E._
trug der im Verlauf des Tages einsetzenden Schmerzentwicklung mit einer Einschränkung der Arbeitsfä
higkeit im Umfang von 10 % Rechnung.
Dr.
F._
stellte ab Dezember 2015 eine weitgehende Remission der psychi
schen Beschwerden fest; es sei seit dem 26. November 2015, dem letzten Befund des Behandlers, eine eindrückliche Besserung eingetreten. Dies ist angesichts der an diesem Tag erfolgten
Arbeitsvertragsunterzeichung
ohne Weiteres nachvoll
ziehbar. Dr.
F._
fiel auf, dass die Beschwerdeführerin eine Behinderung präsentiere, die n
icht im Einklang mit Verhaltens
beobachtungen und klinischen Befunden stehe und daher nicht plausibel sei. Er stellte Diskrepanzen zwischen massiven subjektiven Beschwerden und der erkennbaren psychischen Beeinträch
tigung fest, ebenso
zwischen schwerer psychischer Beeinträchtigung und dem weitgehend intakten psychosozialen Funktionsniveau bei der Alltagsbewälti
gung. Zudem sah er Inkonsistenzen zwischen subjektiver Beschwerdeschilderung und den objektiven Befunden. Dr.
F._
ging von Aggravationshinwei
sen aus, was angesichts des vor
stehend Gesagten schlüss
ig ist, verschwieg die Be
schwer
deführerin doch die auf den 1
. März 2016 vorgesehene Arbeits
aufnahme.
In der Konsensbesprechung erachteten die Gutachter die Beschwerdeführerin ab Dezember 2015 in der angestammten Tätigkeit aus orthopädischen Gründen als zu 10 % eingeschränkt. Orthopädisch, neurologisch und internistisch sei keine Veränderung eingetreten. Aus psychiatrischer Sicht sei es im Mai 2014 zu einer vollen Arbeitsunfähigkeit gekommen, ab November 2015 habe eine Arbeitsfähig
keit von 50 % und ab Dezember 2015 von 100 % bestanden.
Während der orthopädischen Beurteilung gefolgt werden kann, lässt sich dies hinsichtlich der attestierten Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen zwi
schen Mai 2014 und November 2015 aufgrund des vorstehend Gesagten nicht bejahen; vielmehr ist aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht mit überwie
gender Wahrscheinlichkeit k
eine psychisch bedingte Arbeitsun
fähigkeit ausge
wiesen (...).
Somit ist in somatischer Hinsicht eine geringe Verschlechterung im Umfang von 10 % e
ingetreten.
»
3.5
Zur invalidenversicherungsrechtlichen Relevanz dieser Einschätzung hielt
d
as hiesige Gericht fest (E. 5.9 ff.
):
«Zusammenfassend ist festzuhalten, dass seit der rentenaufhebenden Verfügung vom 9. April 2013 in psychischer Hinsicht keine, jedoch in somatischer Hinsicht eine geringfügige Verschlechterung der Arbeitsfähigkeit eingetreten ist. Es stellt sich die Frage, ob dies versicherungsrechtlich relevant ist.
Gemäss orthopädischem
Medas
-Gutachten sind der Beschwerdeführerin Tätigkei
ten mit häufigem schweren Heben, Tragen und Bewegen von Lasten sowie Tätig
keiten mit Zwangshaltung für die Wirbelsäule und Heben und Tragen von Lasten von mehr als 5 kg, ebenso Tätigkeiten mit ununterbrochenem Sitzen nicht mehr zumutbar.
Dr.
E._
erachtete die bisherige Tätigkeit als leidensangepasst. Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie habe durchaus ihre Körperstellung ver
ändern, ein Stehpult verwenden und umhergehen können. Aber es habe sich in ihrer Stellung nicht „geziemt", seine Körperhaltung anzupassen. Anlässlich der Hauptverhandlung hielt sie fest, in ihrer früheren Anstellung habe sie keine Zeit für Pausen oder Essen gehabt, es habe Zeitdruck geherrscht und sie habe viel reisen müssen, wobei nicht immer ein Stehpult vorhanden gewesen sei. Es habe viele
Sitzungen von acht, neun Stunden am Stück gegeben, wo man nicht auf
stehen und den Rücken habe entspannen können, und es sei auch nicht so, dass alle sitzen und eine Person stehen könne. Es handle sich bei der
H._
Gruppe um eine internationale Firma mit weltweit 33'000 Mitarbeitern. Sie sei für die gesamte Schweiz zuständig, das seien 9'400 oder 9'600 Mitarbeiter.
Die Beschwerdeführerin hat bislang, von April 1999 bis Dezember 2008, in lei
tender Stellung bei
Y._
AG gearbeitet sowie von
1.
April 2010 bis 3
0.
Juni 2014 bei
Z._
, ebenfalls in leitender Stellung. Trotz seit der Kindheit bestehender Rückenproblematik war sie fähig, diese anspruchsvollen Tä
tigkeiten jahrelang auszuüben. Beide Anstellungen verlor sie nicht aus gesund
heitlichen Gründen, weshalb der Wechsel in die heutige, geringer entlöhnte und nach ihrer Darstellung weniger anspruchsvolle Tätigkeit bei der
H._
AG nicht auf gesundheitliche Gründe zurückzuführen ist. Vielmehr ist davon auszu
gehen, dass sie, wäre ihr die Stelle bei
Z._
nicht gekündigt worden, diese weiterhin ausgeübt hätte. Auch ist nicht auszuschliessen, dass die „gerin
gere" Tätigkeit bei der
H._
AG aufgenommen wurde, weil der Stellenmarkt für höhere Kadertätigkeiten wie die bisherigen vergleichsweise klein ist, weshalb die Beschwerdeführerin möglicherweise auch aus IV-fremden Gründen keine ver
gleichbare Stelle mehr gefunden hätte. Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, dass sie die Anstellung bei
Z._
gegenüber der Invalidenversicherung tatsachenwidrig als im Vergleich zu ihrer Tätigkeit bei
Y._
deutlich unter ihren Qualifikationen und viel weniger
anspruchvoll
beschrieb, und auch aktuell ihre Tätigkeit bei der
H._
AG als gegenüber der letzten Tätigkeit bei
Z._
erneut als viel weniger anspruchsvoll darstellte. Dies erschwert die Beur
teilung der tatsächlich ausgeübten Tätigkeit und schliesst nicht aus, dass die Be
schwerdeführerin diesbezüglich situativ unterschiedliche Angaben macht. Wie es sich damit verhält, kann jedoch offen bleiben. Denn wenngleich nachvollziehbar ist, dass das idealerweise einzuhaltende Belastungsprofil dem Reisen und Koffer
schleppen (wobei technische Hilfsmittel, die Inanspruchnahme von Hilfe bis hin zum Personentransport durch den Flughafen sowie Flugreisen in der Business Class im Rahmen der Schadenminderungspflicht als zumutbar erscheinen) und langen Sitzungen nicht immer zu entsprechen vermag, stehen somit doch we
sentliche andere, nicht gesundheitliche Faktoren im Vordergrund, nämlich ge
wisse Gepflogenheiten der Geschäftswelt, in der sich die Beschwerdeführerin be
wegte. Solche allein können keine Invalidität verursachen: Dass es bei Sitzungen und allgemein im höheren Kader unüblich ist, „Schwäche zu zeigen", hat grund
sätzlich nicht die Invalidenversicherung zu verantworten.
Invalidität (
Art.
4
Abs.
1 IVG) ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8
Abs.
1 ATSG). Dem Be
griff
der Invalidität liegen folgende Kriterien zugrunde: Gesundheitliche Beein
trächtigung (medizinisches Element), Auswirkungen auf die Fähigkeit, erwerblich oder im Aufgabenbereich tätig zu sein (wirtschaftliches Element im weiteren Sinne), Zusammenhang zwischen dem medizinischen und dem wirtschaftlichen Element sowie Dauer der Beeinträchtigung (zeitliches Element; Kieser, ATSG-Kommentar,
3.
Aufl. 2015, N 7 zu
Art.
8 ATSG).
Art.
8 IVG bezieht sich auf die in
Art.
7 ATSG definierte Erwerbsunfähigkeit: Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Abs.
1). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berück
sichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
Der Unterschied zwischen Erwerbsunfähigkeit und Invalidität liegt in einem zeit
lichen Kriterium. Nur diejenige Erwerbsunfähigkeit, die voraussichtlich bleibt
o
der längere Zeit dauert, gilt als Invalidität (Kieser, a.a.O., N 11 zu
Art.
8 ATSG).
Art.
7 ATSG thematisiert nicht eine tatsächliche Erwerbseinbusse, sondern den Verlust von Erwerbsmöglichkeiten.
Bezugspunkt der Erwerbsunfähigkeit ist der allgemeine Arbeitsmarkt. Das Inva
liden
versicherungsgesetz versichert demnach Erwerbsunfähigkeit auf dem all
gemeinen Arbeitsmarkt, nicht Berufsunfähigkeit im Sinne der Unfähigkeit, den bisherigen Beruf weiterhin auszuüben. Der Begriff der Berufsinvalidität ist dem IVG fremd. Die fehlende Versicherung von Berufsinvalidität führt überall dort zur Verneinung der Invalidenrentenberechtigung, wo es der versicherten Person ge
lingt, in einer der gesundheitlichen Beeinträchtigung angepassten zumutbaren (Verweis-) Tätigkeit ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen (Mey
-
er/Reichmuth, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung,
3.
Auflage 2014,
Rz
9 zu
Art.
4 IVG).
Vorliegend verhält es sich so, dass die Beschwerdeführerin wei
terhin ihren ange
stammten Beruf als Head HR ausübt. Zwar bestehen Unterschiede in Bezug auf Reisen und Hektik. Es handelt sich jedoch ebenfalls um eine körperlich grund
sätzlich leichte Tätigkeit mit gro
sser Verantwortung und Führungs
aufgaben, mit
hin um die angestammte Tätigkeit. Einziger Unterschied ist, soweit ersichtlich, die geringere Hektik, Reisetätigkeit und Sitzungsfrequenz und -dauer. Die Argu
mentation der Beschwerdeführerin zielt somit auf eine Berufsinvalidität ab, wel
che, wie dargelegt, nicht versichert ist. Nachdem kein rechtsgenüglicher, über
wiegend
wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen dem Verlust der bisherigen Stellen b
eziehungsweise der geringer ent
löhnten Arbeit bei der
H._
Gruppe
und der gesundheitlichen Beein
trächtigung besteht, ist
eine Invalidität zu verneinen.
»
Diese Beurteilung wur
de vom Bundesgericht
nicht in Frage gestellt
.
4.
4.1
Zur Glaubhaftmachung einer Verschlechterung stützte sich die Beschwerdefüh
rerin auf folgende Berichte:
P
ract
. med.
I._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, stellte in seinem am 3
1.
Juli 2018 zuhanden der Taggeldversicherung erstatteten Bericht (
Urk.
6/290/5-9) die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, gegen
wärtig mittelgradige Ausprägung (ICD-10 F33.1). Als Nebendiagnosen nannte er (S. 1):
-
ausgeprägtes Schmerzereignis bei degenerativen Veränderungen
-
Syringomyelie des thorakalen
Myelons
-
Zustand nach Operation der
Kyphoseskoliose
im Kindesalter
-
postoperative Syringomyelie untere Brustwirbelsäule (BWS)
-
kongenitale
Kyphosenskoliose
mit nicht segmentierten
Vertebrae
Th10-Th12
-
mässig ausgeprägt chronische neurogene
Schädigung in der Lendenwir
be
l
(LW)
4
-
und LW5-versorgten Muskulatur rechts
-
schwere rechtsseitige spinale Impulsleitungsstörung
Die Auffassung sei leicht, das Konzentrationsvermögen
und die Merkfähigkeit
seien mittelgradig und die Anpassungsfähigkeit sei
deutlich eingeschränkt
(S. 3
Ziff.
7).
Die Beschwerdeführerin
leide unter einer weinerlich depressiven Stim
mungslage, reduziertem
Antrieb, eingeschränkter Schwingu
ngsfähigkeit
zum de
pressiven Pol hin. Die Auffassung, Konzentration und Merkfähigkeit seien
leicht reduziert
. Sie
berichte
über Schlafstörungen, Grübelneigungen, Gedankenkreisen, sozialen Rückzug, Verlust von Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen (S. 1 f.
Ziff.
2). Eine Aussage zur Wiederaufnahme der Tätigkeit könne zum aktuellen Zeitpunkt nicht gegeben werden; die Beschwerdeführerin sei aktuell sicherlich zu 100
%
arbeitsunfähig in jeder Tätigkeit (S. 3 f.
Ziff.
8).
4.2
Prof.
Dr.
J._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates,
stellte mit Bericht vom 1
4.
September 2018 (
Urk.
6/290/1-2)
gestützt auf eine bildgebende Untersuchung vom
6.
September 2018 (
Urk.
6/318)
folgende Diagnosen (S. 1):
-
persistierende
Fussheberschwäche
rechts bei foraminaler Stenosierung L5/S1 rechts
-
schwergradige
Kyphoskoliose
mit und bei
-
nicht segmentierten
Vertebrae
T10-T12 mit ausgeprägtem ossärem Gibbus
-
Status nach
Kyphoskolioseoperation
im Kindesalter mit postoperative
r
Pa
raplegie
-
postoperative Syringomyelie der unteren BWS
-
subfusionelle
Stenosierung L3/4 sowie foraminale Stenose L5/S1 beidseits rechtsbetont
In Zusammenschau aller Zusatzuntersuchungen sei aktuell kein chirurgisches Vorgehen im Hinblick auf die
Fussheberparese
erforderlich, da nun chronische neurogene Umbauzeichen bestünden und mit einer Erholung durch eine Dekom
pression im Moment nicht zu rechnen sei. Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit sei die Patientin in ihrer leitenden Funktion als HR-Verantwortliche mit der Notwen
digkeit einer internationalen Reisetätigkeit aktuell 100
%
arbeitsunfähig. In An
betracht der schwergradigen spinalen Veränderungen und der zunehmenden al
tersbedingten Dekompression der Muskulatur seien rezidivierende Schmerzepiso
den unvermeidlich. Therapeutisch sei die Situation nur marginal verbesserbar
(S. 2).
4.3
Dr.
med.
K._
, Fachärztin für Orthopädische Chirurgie und Trau
matologie des Bewegungsapparates, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führte am 2
0.
Dezember 2018 (
Urk.
6/303/3) aus, es sei aufgrund des Berichts von Prof.
J._
keine wesentliche Veränderung des somatischen Gesundheitszustandes aus
gewiesen.
Zur psychiatrischen Situation führte RAD-Arzt
dipl.
med.
L._
, Fach
arzt für Neurologie und für Psychiatrie und Psychotherapie, am 2
1.
Dezember 2018 (
Urk.
6/303/3) aus,
pract
. med.
I._
vermische im psychopathologi
schen Befund körperliche und psychische Symptome. Der gegenwärtige Befund entspreche einer leichten depressiven Episode, da auch bereits eine leichte Ver
besserung der Schlafstörungen eingetreten sei. Es liege ein fast identischer Be
fundbericht wie im Bericht vom 2
6.
November 2015 vor. Vorübergehende depres
sive Verschlechterungen seien bei einer depressiven Störung die Regel und über
wiegend wahrscheinlich durch den erneuten Stellenverlust bedingt. Von einer dauerhaften Verschlechterung sei nicht auszugehen.
4.4
N
ach Erlass
des
Vorbescheid
s
wurden der Beschwerdegegnerin folgende Berichte eingereicht:
Pract
. med.
I._
hielt in seinem zuhanden der Taggeldversicherung am 2
6.
November 2018 erstatteten Verlaufsbericht (
Urk.
6/319) bei unveränderter Di
agnose fest, der Zustand sei ungefähr gleich geblieben. Hinzugekommen sei die massive Angst, dass die Patientin aufgrund des schlechten körperlichen Zustan
des ihre Gehfähigkeit ganz verlieren könnte und eine Operation dann nicht mehr möglich sei, womit ihr dann eine Lähmung und Rollstuhlzukunft drohe
(S. 3
Ziff.
4). Sie sei auch in einer angepassten Tätigkeit vollständig arbeitsunfähig
(S. 3
Ziff.
9).
Mit Schreiben vom
9.
März 2019 (
Urk.
6/316) hielt
pract
. med.
I._
fest,
aus medizinischer Sicht sei der Fall absolut klar, und jeder, der an der Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit seiner Patientin zweifle, habe sich sicherlich nicht mit dem Fall beschäftigt. Aufgrund der enormen körperlichen Einschränkungen mit daraus resultierenden Schmerzen komme es bei der Beschwerdeführerin immer wieder zu massiven psychischen Problemen. Auch hätten die ganzen Untersu
chungen gezeigt, dass ihre Nervenleitungen immer wieder kurzfristig unterbro
chen würden, weshalb es zu Stürzen komme, was eine massive Gefährdung dar
stelle. Sie halte sich deshalb beim Treppenlaufen links und rechts am Geländer fest und habe extra ihr Haus umbauen lassen. Es sei absolut unverständlich, wenn in Fällen, in denen absolut klar sei, dass eine massivste Erkrankung vorliege, plötzlich die Krankheit nicht mehr die führende Rolle habe. Weiter liege eine Schweigepflichtverletzung hinsichtlich der Zustellung von Dokumenten an die ehemalige Arbeitgeberin vor.
4.5
Dr.
med.
M._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und für Rheumatologie,
hielt mit Stellungnahme vom 2
5.
März 2019 (
Urk.
6/317
=
Urk.
6/337/167-168
) fest,
die Patientin beschreibe eine Verschlechterung ihrer Situation in den letzten zwei Jahren, was absolut nachvollziehbar sei, auch wenn dies nicht immer in bildgebenden oder neurographischen Untersuchungen in glei
chem Ausmass dokumentiert werden könne. Die Beschwerdeführerin habe stets dank grosser Selbstdisziplin, unter Nutzung all ihrer Ressourcen und mit Verzicht auf viel Freizeit ihre Arbeit gemeistert. In ihrem Beruf als HR-Leiterin
bei der
H._
sei sie beruflich sehr oft im Flugzeug unterwegs gewesen und habe mit minimalen Ruhepausen im Ausland Sitzungen und Workshops halten müs
sen. Es sei unvermeidlich, dass es zu einer zunehmenden altersbedingten Dekom
pensation der Muskulatur komme, welche sich auf der Basis dieser schweren Sko
liose umso schwerwiegender auswirke (S. 1). So beschreibe die Patientin dazu passend eine langsame Verschlechterung der Schmerzen und der Kraft. Aufgrund der zunehmenden nächtlichen Schmerzen bestehe ein massiver Schlafmangel mit Konzentrationsstörungen und verlangsamtem Arbeitspensum. Morgens könne sie nur gebückt stehen und gehen und es dauere mittlerweile eine Stunde, bis sie in der Lage sei, sich etwas
aufzurichten. Während ihrer Tätigkeit sei sie deshalb jeweils zwei Stunden früher aufgestanden. Auch dies sei 2016 noch nicht so ge
wesen. Die zweite Verschlechterung betreffe den rechten Fuss, wo sich die Sensi
bilität von anfänglich nur die Zehen betreffend mittlerweile über den ganzen Fuss bis zum Knie ausdehne, was eine zunehmende Gangunsicherheit zur Folge habe. Gerade die abnehmende Muskelkraft und die Kraftausdauer könnten bildgebend nicht genügend festgehalten werden. Auch könne das zunehmende Einsinken des Körpers bei längerem Stehen, Gehen oder Sitzen nicht widerspiegelt werden. Zu
sammenfassend könne von einer Verschlechterung der Gesamtsituation mit Ab
nahme der Kraft und Kraftausdauer und somit einer Zunahme der Schmerzen und der Notwendigkeit für Erholungsphasen gesprochen werden. Die Beschwerdefüh
rerin habe über einen längeren Zeitraum bei der
H._
zwei Jobs gemacht (Leitung der Abteilung HR und
Einführung eines SAP-Projektes),
obwohl das im Stellenbeschrieb ursprünglich nicht so vorgesehen gewesen sei.
Sie sei in ihrem Beruf nicht mehr arbeitsfähig und es sei mit einer weiteren Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu rechnen (S. 2).
4.6
In seinem am
5.
September 2019 zuhanden der Taggeldversicherung erstatteten psychiatrisch-neurologischen Gutachten (
Urk.
6/330/3-88) stellte
Dr.
med.
N._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
sowie für Neuro
logie
,
folgende
Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (S. 79
Ziff.
6.1.1):
-
schwergradige
Kyphoskoliose
mit und bei
-
rhythmisch
segmemtierten
Vertebrae
T10-T12 mit ausgeprägtem ossä
rem Gibbus
-
Status nach
Kyphoskolioseoperation
im Kindesalter mit und bei
-
postoperativer Paraplegie mit diskreten Residuen
-
postoperativer Syringomyelie der unteren Brustwirbelsäule
-
ausgeprägte sekundäre degenerative Veränderungen der Wirbelsäule mit Betonung der Lendenwirbelsäule mit und bei
-
Wurzelreizsyndrom L5 rechts
-
Myelonschädigung
(Rückenmarkschädigung
)
als Folge der nachgewie
senen Syringomyelie mit rechts betonter Monoparese des Beines und geringer Spastik
-
mittelgradige depressive Episode im Rahmen einer rezidivierenden depres
siven Störung (ICD-10 F33.1)
Die folgende Diagnose habe keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (S. 80
Ziff.
6.1.2):
-
Probleme verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung im Sinne von perfektionistisch und leistungsorientiert akzentuierten Persön
lichkeitszügen (ICD-10 Z73.1)
In der zuletzt ausgeübten anspruchsvollen Tätigkeit, die vor allem häufige Ge
schäftsreisen mit Langstreckenflügen voraussetze, darüber hinaus ein längeres Verbleiben in einer fixierten Position, beispielsweise im Rahmen von längeren Meetings, sei die Beschwerdeführerin
aus neurologischer Sicht
nicht arbeitsfähig. Sie habe Schwierigkeiten, die für ihre berufs
spezifischen Anforderungen früher erbrachte körperliche Aktivität aufzubringen. Sie sei jedoch in der Lage, unter bestimmten Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel häufigeren Erholungspausen, körperliche Aktivität aufzubringen. In einer leidensangepassten Tätigkeit, leicht wechselbelastend ohne Tragen von Lasten, ohne Tätigkeiten mit repetitiven Ro
tationsb
ewegungen des Oberkörpers, ohne das längere Verharren in
vornüberge
neigter
Haltung, ob stehend oder sitzend, sei die Beschwerdeführerin aus neuro
logischer Sicht bezogen auf ein Arbeitspensum von 100
%
zu 70
%
arbeitsfähig bei um 20
%
reduziertem Rendement, was einer effektiven Leistungsfähigkeit von 50
%
entspreche (S. 81 unten f.).
Aus psychiatrischer Sicht
sei die Beschwerdeführerin in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit zu 50
%
arbeitsfähig. Nach Anpassung der vorgeschlagenen medizini
schen Massnahmen sei ab Dezember 2019 von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit auszugehen. In einer Tätigkeit ohne Über
nahme von Verantwortung, mit reduziertem Kundenkontakt, ohne Übernahme von Leitungsfunktionen wäre die Beschwerdeführerin zu 70
%
arbeitsfähig (S. 82 Mitte).
In der zuletzt ausgeübten Erwerbstätigkeit bei der
H._
AG als Leiterin HR
Shared
Services sei seit der krankheitsbedingten Aufgabe der Tätigkeit am 2
3.
April 2018 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen (S. 82 unten). In einer somatisch angepassten Tätigkeit sei sie aus
bidisziplinärer
Sicht zu 70
%
arbeitsfähig bei um 20
%
reduziertem Rendement, was einer effektiven Arbeits
fähigkeit von 50
%
entspr
e
ch
e
(S. 83 oben).
4.7
RAD-Arzt
Dr.
med.
O._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und
Dr.
K._
nahmen am 1
8.
Oktober 2019 (
Urk.
6/332/3) erneut Stellung und hielten fest,
das
bidisziplinäre
Gutachten sei schlüssig und nachvollziehbar und es könne darauf abgestellt werden. Aus somatischer Sicht sei keine wesentliche Veränderung des Zustandes festzustellen. Psychiatrisch sei die Diagnose bereits bekannt gewesen. Vorübergehende depressive Verschlechte
rungen seien bei einer depressiven Störung die Regel. Von einer dauerhaften Ver
schlechterung sei gegenwärtig nicht auszugehen. Nach der empfohlenen Anpas
sung der medikamentösen Behandlung sei ab Dezember 2019 mit einer vollen Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit auszugehen. Zusammenfas
send
lasse sich anhand des
bidisziplinären
Gutachtens kein neuer medizinischer Sachverhalt ableiten.
5.
5.1
Mit dem Beweismass des Glaubhaftmachens im Sinne des
Art.
87
Abs.
2 und 3 IVV sind herabgesetzte Anforderungen an den Beweis verbunden: Die Tatsachen
änderung muss nicht nach dem im Sozialversicherungsrecht sonst üblichen Be
weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 353 E. 5b) erstellt sein. Es genügt, dass für das Vorhandensein des geltend gemachten rechtserheb
lichen Sachumstandes wenigstens gewisse Anhaltspunkte bestehen, auch wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, bei eingehender Abklärung werde sich die behauptete Änderung nicht erstellen lassen. Erheblich ist eine Sachverhaltsänderung, wenn angenommen werden kann, der Anspruch auf eine (höhere) Invalidenrente sei begründet, falls sich die geltend gemachten Umstände als richtig erweisen sollten (Urteil des Bundesgerichts 8C_844/2012 vom
5.
Juni 2013 E. 2.3
; vgl. auch BGE 130 V 64 E. 5.2, 130 V 71 E. 2.2
).
5.2
Im Zeitpunkt der anspruchsverneinenden Verfügung vom 3
0.
September 2016 beziehungsweise des Urteils vom 1
3.
April 2018 war aus medizinischer Sicht von einer Arbeitsfähigkeit von 90
%
aus somatischen Gründen und von einer Arbeits
fähigkeit von 100
%
aus psychischen Gründen auszugehen. Die rechtliche Wür
digung ergab jedoch eine volle Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit (vgl. vorstehend E.
3.5).
Aus den Akten (vgl.
Urk.
6/337/115) und dem Handels
register des Kantons Zug (www.zg.chregister.ch) ergeben sich zudem Hinweise auf eine Tätigkeit der Beschwerdeführerin für die
P._
GmbH mit Sitz in
Q._
, deren alleinige Gesellschafterin sie ist.
5.3
Im Vergleich
zu der früheren Situation
erachtete
pract
. med.
I._
die Be
schwerdeführerin
aktuell
aus psychiatrischer Sicht als in jeder Tätigkeit vollstän
dig arbeitsunfähig (vgl. vorstehend E. 4.1, E. 4.4). Bereits in seinem Urteil vom 1
3.
April 2018 hielt das hiesige Gericht zu den Berichten von
pract
. med.
I._
fest,
dass dieser seine Einschätzung im Wesentlichen auf anamnestische An
gaben der Beschwerdeführerin stützte (vgl. E. 5.5 des Urteils). Zudem
stützte
med.
pract
.
I._
seine aktuelle E
inschätzung auch auf somatische
Diagnosen
(vgl. vorstehend E. 4.1), deren Beurteilung
nicht in sein Fachgebiet fällt. Seine Stellungnahme vom
9.
März 2019 (vorstehend E. 4.4) zeigt sod
ann geradezu exemplarisch
, dass
Hausärzte
beziehungsweise regelmässig behandelnde Spezial
ärzte (vgl. Urteil des Bundesgerichts I 55
1/06 vom
2.
April 2007 E. 4.2)
mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen
. Dieser Erfahrungstatsache hat das Gericht Rechnung zu tragen, zumal
med.
pract
.
I._
mit diesem Schreiben wie auch demjenigen vom
1
9.
Dezember 2019 (
Urk.
6/339) seine Rolle des behandelnden Therapeuten
verliess
und sich zum Vertreter der Beschwerdeführerin im Verfah
ren machte
.
Eine relevante Verschlechterung ist gestützt auf die Angaben von
pract
. med.
I._
nicht glaubhaft gemacht worden.
5.4
Prof.
J._
stellte im Wesentlichen dieselben
somatischen
Diagnosen, die auch anlässlich der Begutachtung
durch die Ärzte der Neurologie
B._
im Februar 2016 gestellt worden waren (vgl. vorstehend E. 4.2 und 3.3)
, was RAD-Fachärztin
Dr.
K._
bestätigte
(vgl. vorstehend E.
4.3)
.
Prof.
J._
stützte seine Beurteilung
einer vollen Arbeitsunfähigkeit
auf die Angaben der Beschwer
deführerin, wonach sie in ihrer Funktion als HR-Verantwortliche inte
rnationale Reisen tätigen müsse
.
Nachdem das hiesige Gericht feststellte, dass die Notwendigkeit von internationalen Reisen - welche die Beschwerdeführerin anlässlich der Verhandlung vom 2
3.
Mai 2017 für die Tätigkeit bei der
H._
AG ver
neint hatte (vgl. Protokoll;
Urk.
6/277/3-11 S. 7 ff.) - einer vollen Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit nicht entgegensteht, sondern vielmehr unter eine nicht versicherte Berufsinvalidität fällt, kann der Beurteilung durch Prof.
J._
nicht gefolgt werden.
Hierzu ist
auch
festzuhalten, dass
die Beschwerdeführerin
nach Lage der Akten ihre Anstellung nicht aus gesundheitlichen Gründen
verlo
r
en hat, denn i
m Zeitpunkt der Freistellung am 1
5.
Januar 2018
(vgl.
Urk.
6/290/20 unten;
Urk.
6/282/4-6) bestand keine Arbeitsunfähigkeit. Eine sol
che wurde erst ab dem 2
3.
April 2
018 gemeldet (
Urk.
6/287
;
Urk.
6/290/20
)
. Es ist nicht ersichtlich, ob Prof.
J._
dieser Umstand bekannt war. Jedoch ist davon auszugehen, dass Prof.
J._
das Gutachten der Neurologie
B._
nicht vorlag
, was sich ebenfalls auf die Aussagekraft seiner Beurteilung auswirkt. Eine tatsächliche Verschlechterung beschrieb
Prof.
J._
nicht
.
5.5
Die gleichen Bemerkungen sind zum Bericht von
Dr.
M._
anzubringen
, die sich in ihrer
Stellungnahme
vom 2
5.
März 2019
(vorstehend E. 4.5)
einzig auf die Angaben der Beschwerdeführerin stützte.
Bei diesem Schreiben handelt es sich ohnehin nicht um einen Arztbericht im Rechtssinn, da keine Befunde ge
nannt werden, die die Einschätzung einer vollen Arbeitsfähigkeit plausibel er
scheinen liessen.
5.6
Das Gutachten von
Dr.
N._
(vorstehend E. 4.6) erging zuhanden der Taggeld
versicherung und ohne Miteinbezug
der
Gutachten von
Dr.
A._
und der Neu
rologie
B._
(vgl.
S. 42
des Gutachtens). Dies stellt die Aussagekraft dieses Gutachtens erheblich in Frage. Hinzu kommt, dass auch
Dr.
N._
gestützt auf die anamnestischen Angaben von einer
angestammten
Tätigkeit mit häufigen Geschäftsreisen mit Langstreckenflügen ausging, was
nicht
belegt ist, ebenso we
nig wie die Notwendigkeit eines Verbleibens in fixierter Position. Auch diesbe
züglich ist auf die Beurteilung des Gerichts zu den Anforderungen an die ange
stammte
Tätigkeit
der Beschwerdeführerin
zu verweisen (vgl. vorstehend E. 3.5).
Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin - aktenwidrig - gegenüber dem Gut
achter angab, sie habe die letzte Tätigkeit bei der
H._
AG krankheitsbe
dingt am 2
3.
April 2018 aufgeben müssen (vgl.
S. 45 oben des Gutachtens).
Ins
besondere aber nannte
Dr.
N._
im Vergleich zur früheren Aktenlage im Wesent
lichen unveränderte Diagnose und legte nicht dar,
weshalb
dennoch
neu
lediglich eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
in Tätigkeiten gemäss Belastungsprofil (
leicht
,
wechselbelastend ohne Tragen von Lasten, ohne Tätigkeiten mit repetitiven Ro
tationsbewegungen des Oberkörpers, ohne das längere Verharren in
vornüberge
neigter
Haltung
) besteht. D
ieses Belastungsprofil
wurde bereits im Gutachten der Neurologie
B._
genannt (keine Tätigkeiten
mit häufigem schweren Heben, Tragen und Bewegen von Lasten sowie Tätigkeiten mit Zwangshaltung für die Wirbelsäule und Heben und Tragen von Lasten von mehr als 5 kg, ebenso Tätigkeiten mit ununterbrochenem Sitzen
; vorstehend E. 3.3).
Was die Einschätzung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit aus psychischen Gründen angeht, so ist mit
der Beschwerdegegnerin von einer vorübergehenden Erkran
kung auszugehen.
Dr.
N._
erhob
zudem
Befunde von eher geringem Schwere
grad: Gedrückte Stimmung, leicht verminderte Modulationsfähigkeit und Psycho
motorik, leicht reduzierter Antrieb, Vortragen generalisierter Ängste, Zukunfts- und Exis
tenzängste und sozialer Rückzug. Er
legte
nicht dar
, aufgrund welcher Befunde diese
doch substantielle
Arbeitsunfähigkeit anzunehmen sei.
Wie in BGE 145 V 361 dargelegt, ist in allen Fällen durch die Verwaltung beziehungsweise das Gericht zu prüfen, ob und inwieweit die ärztlichen Experten ihre Arbeitsun
fähigkeitsschätzung unter Beachtung der massgebenden Indikatoren (Beweisthe
men) hinreichend und nachvollziehbar begründet haben. Dazu ist erforderlich, dass die Sachverständigen den Bogen schlagen zum vorausgehenden medizi
nisch-psychiatrischen Gutachtensteil (mit Aktenauszug, Anamnese, Befunden, Diagnosen usw.), das heisst sie haben im Einzelnen Bezug zu nehmen auf die in ihre Kompetenz fallenden erhobenen medizinisch-psychiatrischen Ergebnisse fachgerechter klinischer Prüfung und Exploration. Ärztlicherseits ist also sub
stanziiert darzulegen, aus welchen medizinisch-psychiatrischen Gründen die er
hobenen Befunde das funktionelle Leistungsvermögen und die psychischen Res
sourcen in qualitativer, quantitativer und zeitlicher Hinsicht zu schmälern ver
mögen. Der psychiatrische Sachverständige hat darzutun, dass, inwiefern und in
wieweit wegen der von ihm erhobenen Befunde die beruflich-erwerbliche Ar
beitsfähigkeit eingeschränkt ist, und zwar - zu Vergleichs-, Plausibilisierungs- und Kontrollzwecken - unter Miteinbezug der sonstigen persönlichen, familiären und sozialen Aktivitäten der rentenansprechenden Person (E. 4.3
).
5.7
Eine anspruchsrelevante Verschlechterung wurde
nach dem Gesagten
somit nicht glaubhaft gemacht.
Damit erweist sich der angefochtene Entscheid als rechtens. Dies führt zur Ab
weisung der Beschwerde.
6.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichts
kos
ten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert fest
zule
gen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG), ermessensweise auf Fr.
8
00.-- anzusetzen und
aus
gangsgemäss
der
unterliegenden
Beschwerdeführerin aufzuerlegen.