Decision ID: 515ee3f0-a91a-5230-8ead-6ce6a62df45c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 18. September 2020 in die Schweiz ein
und ersuchte am 1. Oktober 2020 um Asyl. Ein Abgleich mit der Fingerab-
druck-Datenbank Eurodac ergab, dass er bereits am 6. August 2015 in Dä-
nemark und am 28. Dezember 2015 in Deutschland Asyl beantragt hatte.
Anlässlich der Befragung vom 8. Oktober 2020 wurde dem Beschwerde-
führer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid
und der Möglichkeit einer Überstellung nach Dänemark oder Deutschland
gewährt, welche gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asyl-
gesuchs zuständig seien. Die grundsätzliche Zuständigkeit dieser Mitglied-
staaten wurde vom Beschwerdeführer nicht bestritten. Jedoch machte er
geltend, in Deutschland sei sein Asylgesuch im Juni oder Juli 2020 abge-
lehnt worden und er habe sich unterschriftlich zur Ausreise verpflichten
müssen. In der Schweiz lebe seine Lebenspartnerin und die zwei gemein-
samen Kinder. Er möchte sich nicht von ihnen trennen.
B.
Das SEM ersuchte am 9. Oktober 2020 Dänemark und am 19. Oktober
2020 Deutschland um Rückübernahme des Beschwerdeführers gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO. Dänemark lehnte das Gesuch ab, die
deutschen Behörden entsprachen diesem am 22. Oktober 2020.
C.
Mit Verfügung vom 18. November 2020 (eröffnet am 23. November 2020)
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die
Überstellung nach Deutschland, welches gemäss Dublin-III-VO für die Be-
handlung seines Asylgesuchs zuständig ist. Gleichzeitig verfügte das SEM
den Vollzug der Wegweisung nach Deutschland und stellte fest, einer all-
fälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu.
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D.
Mit Beschwerde vom 30. November 2020 (Poststempel gleichentags) an
das Bundesverwaltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer, die vor-
instanzliche Verfügung sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzu-
treten. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der
aufschiebenden Wirkung sowie der unentgeltlichen Prozessführung.
E.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 1. Dezember 2020 setzte das
Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Überstellung per sofort einst-
weilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
1.2 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
2.
Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
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Seite 4
3.
3.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung dieses
Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan-
trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapi-
tel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.3. Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen, dessen Antrag abgelehnt
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wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat
oder der sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufent-
haltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder auf-
zunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO).
4.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-Vo
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht).
5.
5.1. Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 28. Dezember 2015 in Deutsch-
land ein Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die deut-
schen Behörden am 19. Oktober 2020 um Wiederaufnahme des
Beschwerdeführers gestützt auf Art. 23 Dublin-III-VO, welche dem Gesuch
am 22. Oktober 2020 zustimmten.
Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Deutschland ein Asylgesuch ein-
gereicht zu haben. Er macht jedoch geltend, die Vorinstanz habe im Über-
nahmegesuch an die deutschen Behörden den Sachverhalt entgegen
Art. 23 Dublin-III-VO nicht vollständig dargelegt. Seit 2012 führe er mit sei-
ner Lebenspartnerin eine Beziehung – teilweise auf Distanz – und habe mit
ihr zwei gemeinsame Kinder. Seine Lebenspartnerin habe am 18. Oktober
2019 ein Gesuch um Familienzusammenführung gestellt und am 2. Sep-
tember 2020 hätten sie gemeinsam ein Gesuch um seinen Einbezug in die
Flüchtlingseigenschaft seiner Lebenspartnerin ersucht. Über diese Gesu-
che sei noch nicht entschieden worden. Die Vorinstanz habe es unterlas-
sen, im Übernahmegesuch an die deutschen Behörden auf seine Lebens-
partnerin und die zwei gemeinsamen Kinder sowie auf die hängigen Gesu-
che in der Schweiz hinzuweisen. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz sei
die Beziehung zu seiner Lebenspartnerin als dauerhaft einzustufen. Die
Vorinstanz wäre aufgrund dieser Beziehung und der zwei gemeinsamen
Kinder gehalten gewesen, einen Selbsteintritt vorzunehmen.
5.2. Gemäss Art. 23 Abs. 4 Dublin-III-VO ist für ein Wiederaufnahmege-
such ein Standardformblatt zu verwenden, das Beweismittel oder Indizien
im Sinne der beiden Verzeichnisse nach Art. 22 Absatz 3 und/oder sach-
dienliche Angaben aus der Erklärung der betroffenen Person enthalten
muss, anhand deren die Behörden des ersuchten Mitgliedstaats prüfen
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können, ob ihr Staat auf Grundlage der in dieser Verordnung festgelegten
Kriterien zuständig ist.
5.3. Dem Übernahmeersuchen an die deutschen Behörden vom 19. Okto-
ber 2020 ist zu entnehmen, dass die Vorinstanz die Lebenspartnerin und
die gemeinsamen Kinder des Beschwerdeführers nicht erwähnte und auch
nicht auf das hängige Gesuch um Familienzusammenführung hinwies. Im
Übernahmeersuchen an Dänemark vom 9. Oktober 2020 erwähnte sie
diese Faktoren noch.
5.4. Das Bundesverwaltungsgericht hat bereits im Urteil D-1787/2013 vom
8. August 2013 (bezüglich Art. 17 Abs. 3 Dublin-II-VO) festgehalten, ein mit
dem Formblatt gestelltes Übernahmeersuchen müsse alle Informationen
enthalten, anhand derer die Behörden des ersuchten Staats prüfen kön-
nen, ob ihr Staat gemäss den in der Verordnung definierten Kriterien zu-
ständig sei (E. 5). Dies gilt auch in Bezug auf Art. 23 Abs. 4 Dublin-III-VO
(vgl. Urteile D-6935/2016 vom 24. Januar 2017 E. 5.3 und F-1696/2019
vom 10. Mai 2019 E. 7.2). Das SEM wäre somit gemäss Art. 23 Abs. 4
Dublin-III-VO verpflichtet gewesen, den deutschen Behörden mitzuteilen,
dass die Lebenspartnerin des Beschwerdeführers sowie die zwei gemein-
samen Kinder in der Schweiz leben und ein Gesuch um Familienzusam-
menführung hängig ist. Mit der Informationspflicht gemäss Art. 22 Dublin-
III-VO soll der ersuchte Mitgliedstaat in die Lage versetzt werden zu prüfen,
ob er gemäss der Dublin-III-VO zuständig ist. Diese Pflicht entfällt nicht
dadurch, dass der ersuchende Staat eine Beziehung als nicht dauerhaft im
Sinne von Art. 8 EMRK einschätzt (vgl. D-6935/2016 E. 5.3).
5.5. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM den Sachverhalt
nicht richtig festgestellt hat und die deutschen Behörden auf wesentliche
sachdienliche Angaben und Beweismittel nicht hingewiesen hat.
6.
6.1. Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück.
6.2. Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere
dann angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und
ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen
fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Be-
schwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus
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prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber
nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5 mit weiteren Hinweisen).
6.3. Vorliegend wurde der Sachverhalt unrichtig festgestellt, und die deut-
schen Behörden wurden auf wesentliche Umstände, die für die Beurteilung
ihrer Zuständigkeit von Bedeutung sein könnten, nicht hingewiesen, wes-
halb eine Heilung nicht in Betracht kommt. Auf die weiteren Vorbringen des
Beschwerdeführers (Selbsteintritt der Vorinstanz gestützt auf Art. 8 EMRK)
ist bei diesem Ausgang des Verfahrens nicht einzugehen.
7.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Sache zur vollständigen und richtigen Erhebung des
rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Die Vorinstanz wird ein erneutes Wiederaufnahmegesuch
an die deutschen Behörden zu stellen und diesen mitzuteilen haben, dass
der Beschwerdeführer in der Schweiz eine Lebenspartnerin sowie zwei ge-
meinsame Kinder hat und ein Gesuch um Familiennachzug hängig ist.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (Art.
63 Abs. 1 und 2 VwVG). Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Par-
teientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewie-
sene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG han-
delt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG ent-
schädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG).
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