Decision ID: 5d659fe9-22bf-5573-88e3-4917eebdaf10
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Michael Bührer, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
IV-Leistungen
Sachverhalt:
A.
A.a Die IV-Stelle erteilte dem an einer angeborenen Muskeldystrophie Becker
leidenden A._ mit einer Verfügung vom 14. Juli 2004 eine Kostengutsprache für die
erstmalige berufliche Ausbildung (Büropraktiker beim Ausbildungszentrum B._, IV-
act. 32). Diese Kostengutsprache wurde am 12. Juli 2005 ersetzt durch eine
Kostengutsprache für eine Ausbildung zum Kaufmann B-Profil (IV-act. 59). Sie
wiederum wurde am 13. November 2007 ergänzt durch die Übernahme der
behinderungsbedingten Mehrkosten eines sechsmonatigen Berufspraktikums (IV-act.
115). Das Ausbildungszentrum B._ teilte der IV-Stelle am 22. August 2008 mit, der
Versicherte habe die Lehrabschlussprüfung sehr gut bestanden. Er sei derzeit mit der
Stellensuche beschäftigt (IV-act. 133). Der zuständige Berufsberater notierte am 22.
April 2008 (IV-act. 135-3): "Stellenprozent (möchte selber 100%) bei wahrscheinlich
80%. Bei E.L. waren es 100%". Am 15. September 2008 hielt er fest (IV-act. 136), der
Versicherte könne für sämtliche kaufmännischen Bereiche eingesetzt werden; die
Arbeits- und Leistungsfähigkeit liege bei 100%. Als Kaufmann B könne der Versicherte
einen Jahresverdienst von Fr. 48'000.-- (Mindestsalär KV Schweiz) erreichen. Der Fall
sei aus berufsberaterischer Sicht abzuschliessen. In einer an den Versicherten
gerichteten Mitteilung vom 2. Oktober 2008 (IV-act. 138) hielt die IV-Stelle fest, die
erstmalige berufliche Ausbildung sei erfolgreich absolviert. Mit diesem Abschluss sei es
dem Versicherten möglich, ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen. Er sei
rentenausschliessend eingegliedert. Diese Mitteilung enthielt den Hinweis, dass der
Versicherte eine beschwerdefähige Verfügung verlangen könne.
A.b Der Versicherte füllte am 11. November 2009 eine Anmeldung zum
Leistungsbezug aus (IV-act. 145). Die im entsprechenden Formular gestellte Frage,
welche Versicherungsleistungen er beantrage, beantwortete er damit, dass er die
Rente ankreuzte. Die vorgegebene Alternative wären Massnahmen für die berufliche
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Eingliederung gewesen. Er gab im Anmeldeformular weiter an, er sei nichterwerbstätig
und er mache ein Selbststudium als Vorkurs für die BMS (AKAD). Die IV-Stelle teilte
ihm am 2. Dezember 2009 mit (IV-act. 152), sie habe ein erstes Rentengesuch mit der
Verfügung vom 2. Oktober 2008 abgewiesen. Auf sein neues Rentengesuch könne sie
nur eintreten, wenn er glaubhaft mache, dass sich sein Invaliditätsgrad inzwischen in
einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert habe. Sie setze ihm dazu eine Frist
bis 18. Dezember 2009. Der Versicherte teilte der IV-Stelle am 14. Dezember 2009 u.a.
mit (IV-act. 153), er habe im Dezember 2009 eine Weiterbildung zur Berufsmaturität an
der AKAD in Zürich begonnen. Der 18 Monate dauernde Berufsmaturakurs koste Fr.
11'980.-- (ohne den Vorkurs für Fr. 740.--). Er habe sich für Rentenleistungen
angemeldet, um diese Kosten tragen zu können. Am 15. März 2010 stellte er explizit
das Gesuch "um eine berufliche Integration seiner Person" (IV-act. 155). Mit einem
Vorbescheid vom 21. April 2010 teilte ihm die IV-Stelle mit, dass sie beabsichtige, sein
Gesuch um eine Erhöhung der Invalidenrente abzuweisen (IV-act. 159). Er beanspruche
eine Rentenleistung während der beruflichen Ausbildung. Medizinische Unterlagen, die
eine Verschlechterung des Gesundheitszustands belegen würden, seien nicht
eingereicht worden. Deshalb sei weiterhin von einer vollen Arbeitsfähigkeit als
kaufmännischer Angestellter auszugehen. Bei einem Valideneinkommen von Fr.
48'000.-- und einem zumutbaren Invalideneinkommen von ebenfalls 48'000.--
resultiere ein Invaliditätsgrad von 0%. Das Gesuch um Arbeitsvermittlung werde
separat geprüft werden. Der Versicherte wies am 26. Mai 2010 darauf hin, dass die
medizinischen Abklärungen, die eine Verschlechterung seines Gesundheitszustands
bescheinigen könnten, noch nicht abgeschlossen seien (IV-act. 160). Am 31. Mai 2010
teilte er mit, dass er einen Termin am Kinderspital Zürich (25. Juni 2010 erhalten habe
(IV-act. 162). Prof. Dr. med. C._ und Dr. med. D._ vom Kinderspital Zürich
berichteten der IV-Stelle am 1. Juni 2010 (IV-act. 164), aufgrund einer zunehmenden
Verschlechterung der Muskelkraft sei der Versicherte nur noch knapp gehfähig für
kurze Strecken. Er brauche Hilfe beim Aufstehen vom Stuhl. Klinisch seien Zeichen für
eine Kardiomyopathie zu erkennen. Der Gesundheitszustand habe sich gegenüber den
Vorberichten deutlich verschlechtert. Dr. med. E._ vom RAD notierte am 19.
November 2010 (IV-act. 166), abgesehen von der durch die Muskelschwäche
bedingten deutlich eingeschränkten Gehfunktion seien aktuell keine weiteren
relevanten funktionellen Einschränkungen vorhanden, die sich unmittelbar und
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erheblich auf eine kaufmännische Tätigkeit auswirken würden. Mit einer Verfügung vom
19. November 2010 verneinte die IV-Stelle einen Anspruch des Versicherten auf eine
Invalidenrente (IV-act. 167). Die Verfügungsbegründung entsprach weitgehend
derjenigen des Vorbescheids. Sie wurde nur ergänzt durch den Hinweis darauf, dass
die eingereichten medizinischen Unterlagen keine relevante Verschlechterung der
Arbeitsfähigkeit als kaufmännischer Angestellter belegten. Die IV-Stelle erklärte erneut,
dass sie das Gesuch um Arbeitsvermittlung separat prüfen werde.
B.
B.a Der Versicherte liess am 24. Januar 2011 Beschwerde erheben und die
Aufhebung der Verfügung vom 19. November 2010 sowie die Rückweisung der Sache
an die Beschwerdegegnerin zur Durchführung der gebotenen beruflichen Massnahmen
beantragen (act. G 3). Sein Rechtsvertreter führte zur Begründung sinngemäss aus, die
Beschwerdegegnerin habe den Grundsatz "Wiedereingliederung vor Rente" verletzt,
indem sie sich darauf beschränkt habe, sich mit der Frage zu befassen, ob ein
Rentenanspruch bestehe, ohne vorher zu prüfen, ob Eingliederungsmassnahmen in
Frage kämen. Möglicherweise habe die Beschwerdegegnerin die Anmeldung vom 11.
November 2009 zu wörtlich interpretiert. Der Beschwerdeführer habe dort nämlich nur
die Rente, nicht aber auch die Massnahmen für die berufliche Eingliederung als
beantragte Massnahme angekreuzt. Diese wörtliche Interpretation sei unzulässig, da
von Amtes wegen vorab berufliche Massnahmen hätten geprüft werden müssen. Im
Übrigen sei offensichtlich gewesen, dass der Beschwerdeführer nicht eine Rente,
sondern berufliche Massnahmen angestrebt habe. Er habe nämlich darauf
hingewiesen, dass er die Berufsmaturität erlangen wolle und dass er sich die Kosten
nicht leisten könne. Weiter wäre eine Arbeitsvermittlung zu prüfen gewesen. Trotz des
entsprechenden Hinweises in der angefochtenen Verfügung sei nicht erkennbar, dass
die Beschwerdegegnerin eine Arbeitsvermittlung initiiert, einen entsprechenden Antrag
geprüft oder sich anderweitig damit befasst hätte. Entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin sei am 2. Oktober 2008 kein Rentengesuch abgewiesen worden.
Der Beschwerdeführer habe nämlich bis dorthin gar kein Rentengesuch eingereicht
gehabt. Mit der Mitteilung vom 2. Oktober 2008 sei deshalb nur die berufliche
Eingliederung abgeschlossen worden. Damals sei kein Einkommensvergleich
vorgenommen worden. Entgegen der Androhung im Schreiben vom 2. Dezember 2009
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sei kein Nichteintretensentscheid, sondern ein materieller Entscheid gefällt worden.
Dieser beruhe insbesondere in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit auf einer ungenügenden
Sachverhaltsabklärung.
B.b Die Beschwerdegegnerin stellte am 14. März 2011 folgende Anträge: Es sei
festzustellen, dass der Beschwerdeführer einen Anspruch auf Arbeitsvermittlung habe.
Im Übrigen sei auf die Beschwerde nicht einzutreten; eventuell sei sie abzuweisen. Zur
Begründung führte die Beschwerdegegnerin aus, der Beschwerdeführer bekunde
aufgrund seiner Behinderung Mühe, eine Arbeitsstelle zu finden, weshalb er einen
Anspruch auf Arbeitsvermittlung habe. Die Mitteilung vom 2. Oktober 2008 sei formell
rechtskräftig. Es bestehe kein Anspruch auf eine Wiedererwägung. Es sei nicht nötig
gewesen, einen Einkommensvergleich vorzunehmen, da aufgrund der gelungenen
Eingliederung von einer vollen Arbeitsfähigkeit im erlernten Beruf habe ausgegangen
werden können. Der Grundsatz "Eingliederung vor Rente" sei nicht verletzt worden,
weil der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine Rente habe. Die angefochtene
Verfügung habe einzig den Rentenanspruch zum Gegenstand, weshalb sich der
Beschwerdeantrag nicht an den Anfechtungsgegenstand halte, so dass nicht auf ihn
eingetreten werden könne. Aufgrund der klaren Aussage der B._ Stiftung stehe fest,
dass der Beschwerdeführer an einem adaptierten Arbeitsplatz voll arbeitsfähig sei. Es
sei nur zu prüfen, ob nach der Mitteilung ein Revisionsgrund eingetreten sei. Ein
solcher sei aber nicht erkennbar.
B.c Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers beharrte am 31. März 2011 (act. G 8)
darauf, dass der IV-Berufsberater die Arbeitsfähigkeit am 15. September 2008 auf 80%
geschätzt habe und dass der Grundsatz "Eingliederung vor Rente" verletzt sei, weil die
Berufsmaturität als Weiterführung der beruflichen Eingliederung nicht geprüft worden
sei. Die Beschwerdegegnerin verkenne die Tragweite dieses Grundsatzes. Mit der
Anmeldung vom 11. November 2009 sei keine Berentung, sondern eine finanzielle
Unterstützung für die Weiterbildung verlangt worden. Bei der Bemessung des
zumutbaren Invalideneinkommens hätte zusätzlich zur Arbeitsunfähigkeit ein weiterer
Abzug vorgenommen werden müssen, da die Behinderung erhebliche Nachteile zur
Folge habe. Das Universitätsspital Zürich habe am 1. Juni 2010 eine deutliche
Verschlechterung des Gesundheitszustands angegeben und darauf hingewiesen, dass
eine neue Einschätzung der Berufsfähigkeit notwendig sei.
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B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 5. April 2011 auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
Sowohl im Vorbescheid als auch in der angefochtenen Verfügung hat die
Beschwerdegegnerin angegeben, dass sie einen allfälligen Anspruch des
Beschwerdeführers auf Arbeitsvermittlung separat prüfen werden. Daraus kann nur der
Schluss gezogen werden, dass mit der angefochtenen Verfügung nicht über einen
allfälligen Anspruch des Beschwerdeführers auf Arbeitsvermittlung entschieden worden
ist. Der Streitgegenstand eines Beschwerdeverfahrens kann nicht weiter sein als der
Gegenstand der angefochtenen Verfügung, weil das Versicherungsgericht sonst nicht
eine Verfügung auf ihre Rechtmässigkeit prüfen, sondern - unzulässigerweise - originär
über einen Leistungsanspruch entscheiden würde. Im vorliegenden Fall kann deshalb
nicht auf das - sinngemässe - gemeinsame Begehren der Parteien, dem
Beschwerdeführer sei eine Arbeitsvermittlung zuzusprechen, eingetreten werden.
Grundsätzlich könnten die Ausführungen des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers
in der Ziffer III/35 der Beschwerdeschrift als Rechtsverzögerungsbeschwerde in Bezug
auf die Zusprache der Arbeitsvermittlung interpretiert werden, denn es ist geltend
gemacht worden, dass eine Arbeitsvermittlung zu prüfen gewesen wäre. Damit hat der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers aber nur den aus seiner Sicht notwendigen
Inhalt der konkreten beruflichen Eingliederung umschreiben wollen. Es fehlt also die
Rüge, dass die Beschwerdegegnerin den Erlass einer Verfügung betreffend die
Arbeitsvermittlung in unzulässiger Weise verzögert habe. Demnach bildet die
Arbeitsvermittlung auch unter diesem Blickwinkel nicht Gegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens.
2.
Die Beschwerdegegnerin hat die Anmeldung vom 11. November 2009 als sogenannte
Neuanmeldung nach einer vorausgegangenen rechtskräftigen Abweisung gemäss
Art. 87 Abs. 4 IVV (seit 1. Jan. 2012 Art. 87 Abs. 3 IVV) betrachtet. Als mögliche
vorausgegangene Abweisung kommt nur die Mitteilung vom 2. Oktober 2008 in Frage,
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mit der die erstmalige berufliche Ausbildung zum Kaufmann abgeschlossen worden ist
und in der sich auch die folgende Aussage findet: "Mit diesem Abschluss ist es ihnen
möglich ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen". Tatsächlich handelte es
sich bei dieser Aussage nicht um das Dispositiv einer ein Rentengesuch abweisenden
Verfügung, sondern um die Begründung dafür, dass keine Weiterführung der
beruflichen Eingliederung geprüft wurde. Hätte die Beschwerdegegnerin ein - damals
gar nicht gestelltes - Rentengesuch abweisen wollen, dann hätte sie dazu nicht die -
unzulässige (Art. 51 Abs. 1 i.V.m. Art. 49 Abs. 1 ATSG) - Form der Mitteilung gewählt,
da ihr sehr wohl bekannt war, dass es sich bei einer Invalidenrente nicht um eine
unerhebliche Leistung handelte und dass deshalb die Mitteilung als Entscheidform gar
nicht in Frage kam. Fehlt es somit an einer vorausgegangenen Abweisung eines
Rentengesuchs, kann die Anmeldung vom 11. November 2009 auch keine
Neuanmeldung gemäss aArt. 87 Abs. 4 IVV gewesen sein. Da also kein Anwendungsfall
dieser Verfahrensbestimmung vorlag, hat es keine Eintretenshürde in der Form der
Glaubhaftmachung einer rentenrelevanten Veränderung des Invaliditätsgrads gegeben.
Trotzdem hat die Beschwerdegegnerin aufgrund ihres Irrtums über den Inhalt der
Mitteilung vom 2. Oktober 2008 angenommen, der Beschwerdeführer müsse eine
relevante Erhöhung des Invaliditätsgrads glaubhaft machen, damit sie auf sein
Rentengesuch eintreten könne. Sie hat den Beschwerdeführer deshalb in einem ersten
Schritt aufgefordert, die in der Anmeldung vom 11. November 2009 fehlende
Glaubhaftmachung einer relevanten Erhöhung des Invaliditätsgrads nachzuholen, hat
dann den Erlass einer Nichteintretensverfügung geplant, weil der Beschwerdeführer
keine Indizien für eine solche Erhöhung nachgereicht hat, und ist schliesslich zur
Auffassung gelangt, sie könne eintreten, weil der Beschwerdeführer zwar nicht die
erhebliche Erhöhung seines Invaliditätsgrads, dafür aber das Gegenteil, nämlich die
fehlende Veränderung seines Invaliditätsgrads, glaubhaft gemacht habe. Das lässt sich
zwar nicht mit dem Sinn und Zweck des aArt. 87 Abs. 4 IVV in Übereinstimmung
bringen, aber die Beschwerdegegnerin hat mit dieser fehlerhaften Anwendung des
aArt. 87 Abs. 4 IVV das unzulässige Abstellen auf diese Bestimmung kompensiert bzw.
faktisch korrigiert, denn sie ist auf die Anmeldung vom 11. November 2009 eingetreten.
Die Beschwerdegegnerin ist als Folge der Anwendung des aArt. 87 Abs. 4 IVV noch
einen weiteren Irrtum erlegen, indem sie begonnen hat, von einem Erhöhungsgesuch
des Beschwerdeführers zu sprechen. Die Anwendungsbereiche der aArt. 87 Abs. 4
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(Neuanmeldung) und aArt. 87 Abs. 3 (Revision) dürften wohl nicht richtig voneinander
abgegrenzt worden sein. Der Verweis in aArt. 87 Abs. 4 IVV auf aArt. 87 Abs. 3 IVV
kann nämlich nicht bedeuten, dass eine Anmeldung zum Rentenbezug gemäss Art. 29
Abs. 1 ATSG sich in ein Revisions- bzw. Erhöhungsgesuch gemäss Art. 17 Abs. 1
ATSG verwandelt, denn das Revisionsgesuch setzt notwendigerweise eine gestützt auf
eine frühere Zusprache laufende Rente voraus. Selbst wenn aArt. 87 Abs. 4 IVV also
anwendbar gewesen wäre, hätte die Beschwerdegegnerin nicht ein Erhöhungsgesuch,
sondern allenfalls eine Neuanmeldung zu prüfen gehabt. Bei richtiger Interpretation hat
die Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen Verfügung also das in der Anmeldung
vom 11. November 2009 gestellte Rentenbegehren abgewiesen.
3.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung, aber nicht die Zusprache einer Invalidenrente, sondern die Gewährung
beruflicher Eingliederungsmassnahmen beantragt, obwohl der Verfügungsgegenstand
doch in der Abweisung des Rentenbegehrens bestanden hat. Er hat dies mit einer
Missachtung des Grundsatzes "Eingliederung vor Rente" (vgl. U. Kieser, ATSG-
Kommentar, 2. A., Vorbemerkungen N. 47) begründet. Dabei hat er geltend gemacht,
der von der Beschwerdegegnerin gestützt auf Art. 16 ATSG angestellte
Einkommensvergleich sei in Bezug auf das zumutbare Invalideneinkommen falsch;
aufgrund einer reduzierten Arbeitsfähigkeit und der Notwendigkeit eines zusätzlichen
Abzugs vom statistischen Durchschnittslohn (ermittelt vom Berufsverband) liege es
erheblich unter dem von der Beschwerdegegnerin angerechneten Betrag. Er hat also
sinngemäss geltend gemacht, dass trotz der erfolgreichen Ausbildung zum Kaufmann
eine behinderungsbedingte Erwerbseinbusse von 40% oder mehr bestehen könne.
Dabei hat er übersehen, dass keine Umschulung zur Diskussion steht, bei der die
Validenkarriere (bisher ausgeübte Tätigkeit) zum vornherein feststeht und lediglich die
Invalidenkarriere mittels einer beruflichen Eingliederung "verbessert" werden soll, um
so das erzielbare Invalideneinkommen anzuheben und die behinderungsbedingte
Erwerbseinbusse zu senken. Bei der erstmaligen beruflichen Eingliederung ist zunächst
abzuklären, welche berufliche Ausbildung die versicherte Person absolviert hätte.
Sofern die gesundheitliche Situation das zulässt, endet die erstmalige berufliche
Eingliederung erst, wenn jenes Ausbildungsziel erreicht ist, das die versicherte Person
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im fiktiven "Gesundheitsfall" angestrebt hätte. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb die
Beschwerdegegnerin in ihrer Mitteilung vom 2. Oktober 2008 ohne weiteres unterstellt
hat, dass der Beschwerdeführer auch im fiktiven "Gesundheitsfall" nur eine Ausbildung
zum Kaufmann (B-Profil) absolviert hätte. Die inzwischen begonnene Ausbildung zur
Berufsmatura zeigt, dass der Beschwerdeführer nach einer höher qualifizierten
Berufsausbildung strebt. Es ist zu vermuten, dass dies auch im fiktiven
"Gesundheitsfall" nicht anders gewesen wäre. Die Beschwerdegegnerin hätte deshalb
vor dem Erlass der Mitteilung vom 2. Oktober 2008 abklären müssen, welches die
wahrscheinliche berufliche Ausbildung des Beschwerdeführers ohne den
Gesundheitsschadens gewesen wäre. Dann hätte sie die Leistungen im Rahmen der
erstmaligen beruflichen Ausbildung gemäss Art. 16 Abs. 1 IVG wohl nicht vorzeitig mit
der Lehrabschlussprüfung als Kaufmann abgebrochen. Damit ist zu vermuten, dass die
Validenkarriere des Beschwerdeführers nicht diejenige eines Kaufmanns (B-Profil) ist.
Mangels einer ausreichenden (wohl vor allem berufsberaterischen) Abklärung ist die
Validenkarriere nicht bekannt, so dass das Valideneinkommen nicht bestimmt werden
kann. Dies schliesst einen Einkommensvergleich zur Bestimmung des Invaliditätsgrads
aus. Die angefochtene Abweisung des Rentengesuchs ist demnach tatsächlich
rechtswidrig, aber entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters des
Beschwerdeführers nicht wegen einer Missachtung des Grundsatzes "Eingliederung
vor Rente", sondern aufgrund einer ungenügenden Abklärung des massgebenden
Sachverhalts. Da sich der Beschwerdeführer weiterhin in der beruflichen Ausbildung
befindet, kann die Invalidenkarriere noch nicht abschliessend definiert werden, so dass
auch das zumutbare Invalideneinkommen nicht bestimmt werden kann. Mit einer
Fachhochschul- oder einer Universitätsausbildung im Anschluss an die bestandene
Berufsmaturität könnte der Beschwerdeführer ein viel höheres Einkommen erzielen, als
die Beschwerdegegnerin berücksichtigt hat. Der Einwand, die erstmalige berufliche
Ausbildung sei mit der Mitteilung vom 2. Oktober 2008 beendet worden, ist nicht
stichhaltig, denn die Invalidenkarriere bestimmt sich nicht nach dem Inhalt dieser
beruflichen Eingliederungsmassnahme, sondern nach dem effektiv erreichten
Berufsabschluss. Selbst wenn für die Dauer der restlichen Berufsausbildung des
Beschwerdeführers von einem zumutbaren Invalideneinkommen als Kaufmann
ausgegangen würde, wäre es nicht möglich, einen Einkommensvergleich
durchzuführen, weil das Valideneinkommen nicht feststünde, denn auch bei einem
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"vorläufigen" Einkommensvergleich wäre die Validenkarriere als Kaufmann nicht
korrekt, weil der Beschwerdeführer ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung wohl eine
qualifiziertere Berufsausbildung absolviert hätte. Die Beschwerdegegnerin wird also
weitere Abklärungen im Zusammenhang mit der Prüfung des Rentenanspruchs
vorzunehmen haben.
4.
Der Beschwerdeführer hat in der Anmeldung vom 11. November 2009 als
beanspruchte Leistung nur die Rente angekreuzt. Dementsprechend hat die
Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen Verfügung nur das Rentenbegehren
abgewiesen. Nun hat der Beschwerdeführer aber in seiner (elektronischen) Eingabe
vom 14. Dezember 2009 geltend gemacht, dass er einen Berufsmatura-Kurs bei der
AKAD absolviere. Trotz der formal unrichtigen Vorgehensweise des Beschwerdeführers
hätte die Beschwerdegegnerin erkennen müssen, dass es sich dabei um ein (die
Anmeldung vom 11. November 2009 ergänzendes) Gesuch um die Übernahme der
behinderungsbedingten Mehrkosten dieser Weiterführung der erstmaligen beruflichen
Ausbildung handelte. Die Beschwerdegegnerin hat sich aber darauf beschränkt, einen
Rentenanspruch zu prüfen und zu verneinen. In Bezug auf das Gesuch um eine weitere
berufliche Eingliederung muss die Beschwerde als Rechtsverweigerungsbeschwerde
qualifiziert werden. Dabei handelt es sich nicht um ein voraussetzungslos zu prüfendes
Leistungsgesuch, denn am 2. Oktober 2008 ist die erstmalige berufliche Eingliederung
mit einer Mitteilung (Art. 51 Abs. 1 ATSG) beendet worden. Diese Mitteilung, die
angesichts der Weiterführung der beruflichen Ausbildung verfahrensrechtlich betrachtet
wohl nur als revisionsrechtliche Aufhebung (Art. 17 Abs. 2 ATSG) der früheren
Leistungszusprache für die Zukunft interpretiert werden kann, steht einer allfälligen
Bewilligung der Weiterführung der erstmaligen beruflichen Ausbildung als
unüberwindbares Hindernis entgegen. Darin unterscheidet sich die Mitteilung, die nicht
mehr durch das Begehren um den Erlass einer anfechtbaren Verfügung beseitigt
werden kann, nicht von einer nach dem unbenützten Ablauf der Rechtsmittelfrist
formell rechtskräftigen Verfügung. Dieses Hindernis kann nur durch eine
wiedererwägungsweise Aufhebung der Mitteilung vom 2. Oktober 2008 beseitigt
werden. Zwar besteht kein Anspruch auf eine Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG),
aber die Beschwerdegegnerin hätte zumindest über ein allfälliges Eintreten auf das
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Wiedererwägungsgesuch entscheiden müssen. Im Unterbleiben der Eintretensprüfung
ist die eigentliche Rechtsverweigerung zu erblicken. Die Sache ist deshalb zur Prüfung
des Eintretens auf das Wiedererwägungsgesuch betreffend die am 2. Oktober 2008
mitgeteilte Beendigung der erstmaligen beruflichen Eingliederung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Es hätte auch geltend gemacht werden können,
die Mitteilung vom 2. Oktober 2008 sei noch gar nicht rechtskräftig gewesen, als der
Beschwerdeführer am 14. Dezember 2009 sinngemäss die Übernahme der
behinderungsbedingten Mehrkosten der Ausbildung zur Berufsmatura beantragt habe.
Dieser Leistungsantrag sei deshalb als Gesuch um den Erlass einer positiven (d.h. -
anders als die Mitteilung vom 2. Oktober 2008 - einen weiteren Leistungsanspruch
bejahenden) anfechtbaren Verfügung zu interpretieren. Der Abschluss der erstmaligen
beruflichen Ausbildung nach dem Abschluss der KV-Lehre mittels einer Mitteilung war
rechtswidrig, denn der Beschwerdeführer war vorgängig nicht zu seinen weiteren
Ausbildungsplänen befragt worden und die Beschwerdegegnerin hatte ihn nicht
darüber informiert, dass sie mit dieser Mitteilung eine allfällige Weiterführung der
beruflichen Ausbildung nicht mehr als erstmalige berufliche Ausbildung übernehmen
würde. Unter diesen Umständen konnte die Beschwerdegegnerin nicht davon
ausgehen, dass der Beschwerdeführer mit der Einstellung der Leistungen
einverstanden sein würde. Dies wäre aber eine notwendige Voraussetzung der
Entscheidung in der Form einer Mitteilung gewesen (Art. 51 Abs. 1 i.V.m. Art. 49 Abs. 1
ATSG). Diese Rechtswidrigkeit verlängert die Frist, innert welcher der
Beschwerdeführer eine anfechtbare Verfügung verlangen kann, ohne gegen den
Grundsatz von Treu und Glauben zu verstossen und dadurch den Anspruch auf den
Erlass einer anfechtbaren Verfügung einzubüssen. Am 14. Dezember 2009, also mehr
als ein Jahr nach der Eröffnung der Mitteilung vom 2. Oktober 2008, ist diese Frist
allerdings abgelaufen gewesen, denn eine einjährige Frist ist ausreichend, auch wenn
die Mitteilung rechtswidrigerweise anstelle einer anfechtbaren Verfügung erlassen
worden ist. Die Frage, ob die Eingabe vom 14. Dezember 2009 tatsächlich als ein
Begehren um den Erlass einer anfechtbaren Verfügung verstanden werden muss, kann
unter diesen Umständen offen bleiben. Die Mitteilung vom 2. Oktober 2008 ist als
rechtskräftig zu betrachten.
5.
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Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerde, soweit auf sie eingetreten
werden kann, gutzuheissen ist. Die Sache ist zur weiteren Abklärungen entsprechend
dem oben Ausgeführten an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. In Bezug auf die
Kosten ist dieser Verfahrensausgang als Obsiegen des Beschwerdeführers zu werten.
Das Nichteintreten auf die Beschwerde betreffend Arbeitsvermittlung rechtfertigt
allerdings eine (geringe) Reduktion der Parteientschädigung. Diese wird auf Fr. 3'200.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt. Die unterliegende
Beschwerdegegnerin hat für die Gerichtskosten aufzukommen. Diese sind angesichts
des durchschnittlichen Verfahrensaufwands praxisgemäss auf Fr. 600.-- festzusetzen.
Der Kostenvorschuss ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP