Decision ID: b362d74b-5f12-4ce8-8d35-aeeab2650e32
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X wurde am Sonntag, 1. August 2010, um 15.40 Uhr auf der I-Strasse in M als
Lenker des Personenwagens "Toyota" mit dem amtlichen Kennzeichen SG 000 von der
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Polizei kontrolliert. Wegen geröteter Augen und enger Pupillen mit verzögerter
Lichtreaktion wurden ein Atemalkoholtest und ein Drogenschnelltest durchgeführt. Der
Atemlufttest fiel negativ, die Urinprobe positiv auf THC aus. In der polizeilichen
Befragung gab X an, seit 6 Jahren regelmässig Marihuana zu kiffen und in der Nacht
vom 31. Juli auf den 1. August 2010 zwischen 22.00 und 4.00 Uhr 4 Joints geraucht zu
haben. Er habe sich fahrfähig gefühlt und sei am Nachmittag "in der Gegend"
herumgefahren, nämlich von B über S, R und W zurück nach B und anschliessend
nach M. Die Analyse der X um 16.15 Uhr im Spital U abgenommenen Blutprobe ergab
einen THC-Gehalt von 7,3 μg/l.
B.- X wurde vom Untersuchungsamt U am 1. September 2010 wegen mehrfachen
Betäubungsmittelkonsums und Fahrens unter Drogeneinfluss zu einer bedingten
Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je Fr. 100.-- und zu einer Busse von Fr. 1'300.--
verurteilt. Die Bussenverfügung wurde unangefochten rechtskräftig. Das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen entzog X mit Verfügung
vom 8. Oktober 2010 den Führerausweis wegen Lenkens eines Motorfahrzeugs unter
Drogeneinfluss für die Dauer von 3 Monaten.
C.- Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamtes erhob X durch seinen Vertreter
mit Eingabe vom 25. Oktober 2010 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit
den Anträgen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sie die angefochtene Verfügung
aufzuheben und dem Rekurrenten der Führerausweis nicht zu entziehen. Auf die
Ausführungen zur Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete am 9. November 2010 auf eine
Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 25. Oktober 2010 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
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2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03)
ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung
ausgesprochen. Wer unter anderem wegen Betäubungsmitteleinflusses fahrunfähig ist
und in diesem Zustand ein Motorfahrzeug führt, begeht gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. c
SVG eine schwere Widerhandlung. Wer wegen Betäubungsmitteleinflusses nicht über
die erforderliche körperliche und geistige Leistungsfähigkeit verfügt, gilt nach Art. 31
Abs. 2 SVG während dieser Zeit als fahrunfähig und darf kein Fahrzeug führen. Art. 55
Abs. 7 lit. a SVG ermächtigt den Bundesrat, für die Fahrfähigkeit herabsetzende
Substanzen – mit Ausnahme von Alkohol, wo die Bundesversammlung den Grenzwert
in der Verordnung über Blutalkoholgrenzwerte (SR 741.13) auf 0,5 ‰ festgesetzt hat –
festzulegen, bei welchen Konzentrationen im Blut unabhängig von weiteren Beweisen
und individueller Verträglichkeit Fahrunfähigkeit angenommen wird. Die Fahrunfähigkeit
gilt gemäss Art. 2 Abs. 2 lit. a der Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11, abgekürzt:
VRV) als erwiesen, wenn im Blut des Fahrzeuglenkers Tetrahydrocannabinol (Cannabis;
abgekürzt: THC) nachgewiesen wird. Das Bundesamt für Strassen (abgekürzt: ASTRA)
hat gestützt auf Art. 2 Abs. 2 VRV nach Rücksprache mit Fachexperten Regeln über
den Substanznachweis erlassen. Gemäss Art. 34 lit. a der Verordnung des ASTRA vom
22. Mai 2008 zur Strassenverkehrskontrollverordnung (SR 741.013.1, abgekürzt: VSKV-
ASTRA) gilt THC nach Art. 2 Abs. 2 lit. a VRV als nachgewiesen, wenn der Wert von 1,5
μg/l erreicht oder überschritten ist.
3.- Die dem Rekurrenten am 1. August 2010 um 16.15 Uhr im Spital U abgenommene
und am 2. August 2010 im Labor des Instituts für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St.
Gallen analysierte Blutprobe wies einen THC-Gehalt von 7,3 μg/l auf. Im Rekurs wird
deshalb in tatsächlicher Hinsicht zu Recht nicht bestritten, dass der Rekurrent am
1. August 2010 um 15.40 Uhr in M einen Personenwagen mit einem über dem
Grenzwert von 1,5 μg/l gemäss Art. 2 Abs. 2 lit. a VRV in Verbindung mit Art. 34 lit. a
VSKV-ASTRA liegenden THC-Gehalt im Blut und damit unter Drogeneinfluss lenkte.
Hingegen wird im Rekurs unter Hinweis auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung
(BGE 130 IV 32, 124 II 559 E. 4b) und die Literatur geltend gemacht, aus dem THC-
Gehalt von 7,3 μg/l allein dürfe nicht auf eine Fahrunfähigkeit des Rekurrenten
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geschlossen werden. Beim Fahren unter Drogeneinfluss existiere nach dem derzeitigen
Stand der Wissenschaft kein gesicherter Erfahrungs- und Grenzwert für die
Fahrunfähigkeit. In diesem Bereich müsse daher die Fahrunfähigkeit wie bei der
Angetrunkenheit mit einer Blutalkoholkonzentration von weniger als 0,5 ‰ aufgrund
des erkennbaren äusseren Verhaltens des Fahrzeuglenkers im Einzelfall nachgewiesen
werden. Der Rekurrent sei nicht wegen einer auffälligen Fahrweise, Fahrfehlern oder
Ausfallerscheinungen, sondern anlässlich einer gewöhnlichen Polizeikontrolle
angehalten worden. Sein allgemeiner Zustand habe ausser den geröteten Augen und
den erweiterten Pupillen mit verlangsamter Lichtreaktion gemäss polizeilichen
Feststellungen und ärztlicher Untersuchung keine auf Fahrunfähigkeit hindeutenden
Unregelmässigkeiten aufgewiesen. Deshalb sei nicht nachgewiesen, der Rekurrent
habe das Fahrzeug in einem fahrunfähigen Zustand gelenkt. Somit könne ihm der
Führerausweis nicht entzogen werden.
4.- Gemäss Art. 55 Abs. 7 lit. a SVG (in der Fassung vom 14. Dezember 2001) kann der
Bundesrat für die Fahrfähigkeit herabsetzende Substanzen – mit Ausnahme von
Alkohol – festlegen, bei welchen Konzentrationen im Blut unabhängig von weiteren
Beweisen und individueller Verträglichkeit Fahrunfähigkeit im Sinn des Gesetzes
angenommen wird. Indem der Bundesrat in Art. 2 Abs. 2 Ingress in Verbindung mit lit. a
VRV bestimmt hat, die Fahrunfähigkeit gelte als erwiesen, wenn im Blut des
Fahrzeuglenkers THC (Cannabis) nachgewiesen wird, hat er – im Gegensatz zum
Alkohol, wo die Grenze für den unwiderlegbaren Nachweis der Fahrunfähigkeit bei
0,5‰ liegt – das Prinzip der "Nulltoleranz" umgesetzt (vgl. B. Liniger, "Der Alkohol hat
eine Lobby, die Drogen haben keine", in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2010,
St. Gallen 2010, S. 48; Sigrist / Eisenhart, Ein Paradoxon: Fahrunfähigkeit trotz
Wirkungslosigkeit, in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2006, St. Gallen 2006,
S. 57 ff.). Die beiden Bestimmungen traten am 1. Januar 2005 und damit nach der im
Rekurs erwähnten bundesgerichtlichen Rechtsprechung aus den Jahren 1998 (BGE
124 II 559) und 2004 (BGE 130 IV 32) in Kraft (vgl. AS 2004 S. 2849 ff.) in Kraft.
Das Prinzip der "Nulltoleranz" wird durch Art. 2 Abs. 2 VRV insoweit gemildert, als
das ASTRA nach Rücksprache mit Fachexperten festzulegen hat, ab welchem Gehalt
THC im Blut als nachgewiesen gelten darf. Nach Art. 34 lit. a VSKV-ASTRA ist dieser
Nachweis erbracht, wenn der THC-Gehalt 1,5 μg/l oder mehr beträgt. Kein Nachweis,
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sondern lediglich eine widerlegbare Vermutung der Fahrunfähigkeit liegt gemäss Art. 2
Abs. 2 VRV für Personen vor, welche eine oder mehrere der in Abs. 2 genannten
Substanzen gemäss ärztlicher Verschreibung einnehmen. Dementsprechend gilt
strassenverkehrsrechtlich die Fahrunfähigkeit unabhängig von weiteren Beweisen und
der individuellen Verträglichkeit grundsätzlich als nachgewiesen, wenn im Blut des
Fahrzeuglenkers ein THC-Gehalt von 1,5 μg/l oder mehr ermittelt wird. Das Gesetzes-
und Verordnungsrecht hat mithin die Rechtsprechung, wonach beim Fahren unter
Drogeneinfluss eine allfällige Fahrunfähigkeit aufgrund des konkreten Verhaltens des
Fahrzeuglenkers nachgewiesen werden muss (BGE 130 IV 32 E. 3.2), überholt.
Wird ein THC-Gehalt von 1,5 μg/l erreicht oder überschritten, ist – mit Ausnahme einer
Einnahme nach ärztlicher Verschreibung – die Situation mit jener vergleichbar, in der
eine Blutalkoholkonzentration von 0,5 ‰ oder mehr nachgewiesen wird. Auch dort gilt
die Fahrunfähigkeit als nachgewiesen, selbst wenn der Motorfahrzeuglenker keinerlei
Anzeichen einer alkoholbedingten Beeinträchtigung erkennen lässt (zum Problem der
fehlenden Erkennbarkeit einer Alkoholisierung vgl. Sigrist/Eisenhart, a.a.O., S. 55 ff.).
Da die Fahrunfähigkeit bei einem THC-Gehalt von 1,5 μg/l oder mehr unabhängig von
weiteren Beweisen und der individuellen Verträglichkeit nachgewiesen ist, ist nicht von
Belang, dass der Rekurrent anlässlich der Polizeikontrolle und der anschliessenden
ärztlichen Untersuchung keine Ausfallerscheinungen zeigte. Die Vermutung könnte
lediglich auf der Grundlage des Nachweises einer Einnahme von Cannabis nach
ärztlicher Verschreibung widerlegt werden. Eine solche macht der Rekurrent jedoch
nicht geltend. Dementsprechend erweist sich der Rekurs als unbegründet.
5.- Die von der Vorinstanz verfügte Entzugsdauer entspricht der Mindestentzugsdauer
von 3 Monaten gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG, die nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung zu Art. 16 Abs. 3 SVG selbst bei einer beruflichen Angewiesenheit des
Betroffenen auf den Führerausweis und bei einem ungetrübten automobilistischen
Leumund nicht unterschritten werden darf (vgl. BGE 132 II 234 E. 2.3 bezüglich eines
selbständig erwerbenden Taxichauffeurs) und im Rekurs auch nicht angezweifelt wird.
6.- Dementsprechend ist der Rekurs abzuweisen. Dem Verfahrensausgang
entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1
VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- ist angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der
ter
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Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu
verrechnen.