Decision ID: 0235b4ab-8215-542b-a195-7a2d158db4da
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer gelangte gemäss eigenen Angaben am 15. Novem-
ber 2019 in die Schweiz und suchte am 27. November 2019 um Asyl nach.
Er wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region Ostschweiz zugewie-
sen. Am 3. Dezember 2019 wurde er zu seiner Person und zum Reiseweg
befragt (Personalienaufnahme) und am 16. Januar 2020 vertieft zu seinen
Asylgründen angehört.
Er begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen damit, dass er somali-
scher Staatsangehöriger sei und dem Subclan der B._ angehöre,
welcher in den Provinzen C._ und D._ verbreitet sei. In den
letzten zwölf Jahren habe er für verschiedene NGOs gearbeitet. Die letzten
vier Jahre habe er in Mogadischu gelebt und sei für E._ als (...)
tätig gewesen. Nachdem vom 21. August 2019 an bei ihm mehrere Anrufe
von einer unbekannten Telefonnummer eingegangen seien, welche er vor-
erst nicht beachtet habe, habe er am 28. August 2019 trotzdem einmal ei-
nen solchen Anruf entgegengenommen. Der Anrufer habe mitgeteilt, dass
die Al-Shabaab mit ihm sprechen wolle. Er sei nicht darauf eingegangen
und habe das Gespräch beendet. Einen weiteren Anruf am 8. September
2019 habe er nicht beantwortet. Nachdem er am 30. September 2019 zwei
weitere Anrufe von einer anderen Telefonnummer nicht entgegengenom-
men habe, sei eine Textnachricht mit folgendem Inhalt von diesem Absen-
der eingegangen: "Bruder, es ist Al-Shabaab, der dich anruft, antworte auf
dein Telefon." Daraufhin habe er einen ihm bekannten Mitarbeiter der Te-
lekommunikationsfirma (...) kontaktiert, der ihm Informationen zu den bei-
den Telefonnummern habe geben können. Ihm sei nie mitgeteilt worden,
weshalb die Al-Shabaab ihn zu einer Kontaktaufnahme habe zwingen wol-
len, er vermute aber, dass sie es auf Listen von Firmen, zu welchen er im
Rahmen seiner Arbeit Zugang habe, abgesehen habe, um damit Geld von
diesen erpressen zu können. Einen weiteren Anruf eine Woche später
habe er ebenfalls nicht beantwortet, woraufhin er eine Textnachricht folgen-
den Inhalts erhalten habe: "Wir wissen, wo du dich in Mogadischu befin-
dest. Wir werden dich finden." Aus Angst vor Konsequenzen wegen der
verweigerten Kontaktaufnahme habe er Mogadischu am 8. Oktober 2019
verlassen und sei zuerst nach F._ zu seiner Mutter und dann zu
seinem Bruder gereist. Da er auch in dieser Zeit weitere Drohnachrichten
erhalten habe, habe er sich zur Ausreise entschlossen. Am 2. November
2019 sei er mit seinem Pass und einem Laissez-Passer der Vereinten Na-
tionen (engl. United Nations; UN) auf dem Luftweg von Mogadischu über
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Nairobi nach Amsterdam und von dort nach Turin gereist. Von Italien sei er
per Bahn in die Schweiz gelangt.
Er reichte seinen Pass und seine Identitätskarte, einen Eheschein und Ge-
burtsurkunden seiner Kinder, eine Lohnabrechnung, einen Arbeitsvertrag
aus dem Jahre 2016, eine Fotografie seines Arbeitsausweises sowie Aus-
drucke einer Anrufliste und eines Chatverlaufs zu den Akten.
Am 23. Januar 2020 unterbreitete das SEM dem Beschwerdeführer den
Entscheidentwurf zur Stellungnahme, worauf er mit Schreiben vom glei-
chen Tag explizit verzichtete.
B.
Mit Verfügung vom 27. Januar 2020 stellte das SEM fest, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte sein Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug
an.
C.
Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 3. Februar 2020
wurde vom Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-624/2020 vom 24. Feb-
ruar 2020 gutgeheissen, soweit die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfü-
gung beantragt wurde, und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen.
D.
D.a Nach Zuweisung in das erweiterte Verfahren hörte das SEM den Be-
schwerdeführer am 23. Juni 2020 ergänzend zu den Asylgründen an.
D.b Mit Schreiben vom 24. Juni 2020 liess der Beschwerdeführer Bezug
nehmend auf die ergänzende Anhörung einen Tweet bezüglich der Tötung
eines Cousins durch Al-Shabaab, zwei Medienberichte über kürzlich er-
folgte gezielte Ermordungen von Feinden der Terror-Miliz in Puntland sowie
einen Zeitungsbericht betreffend illegale Steuereintreibung durch diese
einreichen.
D.c Mit Schreiben vom 14. Juli 2020 forderte das SEM den Beschwerde-
führer auf, einen aktuellen Personal Action Report ab Januar 2019 und alle
vorhandenen Dokumente bezüglich seiner Kündigung einzureichen sowie
Auskunft über die im Zusammenhang mit seiner Ausreise von ihm organi-
sierte Teilnahme an einem Weiterbildungskurs für UN-Mitarbeiter in Italien
zu geben. Zudem verlangte das SEM detaillierte Auskünfte zu Datum und
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Zweck der Ausstellung des UN-Laissez-Passer sowie zum Grund eines
zweimonatigen Aufenthalts des Beschwerdeführers in Mauritius vor dem
Erhalt der Telefonanrufe. Schliesslich wurde ihm das rechtliche Gehör zu
einem Widerspruch in seinen Aussagen gewährt.
D.d Dazu nahm der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 16. Juli 2020 und
Nachtrag vom 17. Juli 2020 Stellung und reichte entsprechende Unterla-
gen ein.
E.
Mit Verfügung vom 24. Juli 2020 – eröffnet am 27. Juli 2020 – stellte das
SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
fülle, lehnte sein Asylgesuch erneut ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz sowie den Vollzug an.
F.
Dagegen erhob der Beschwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter mit Ein-
gabe vom 25. August 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, verbunden mit der
Gewährung von Asyl. Eventualiter sei er in der Schweiz vorläufig aufzu-
nehmen. Als Beweismittel lagen folgende Unterlagen bei: Bestätigung von
A.N.O. (Mitarbeiter von ... Telecom; nachfolgend: Telecom-Mitarbeiter);
unter www.xinhuanet.com publizierter Zeitungsartikel vom 1. Juni 2019 be-
treffend die Tötung des UN-Mitarbeiters M.A.K.; Medienartikel betreffend
illegale Steuereintreibung und einen Terror-Anschlag der Al-Shabaab;
E._-Schreiben vom 25. November 2019 (Kündigungsbestätigung);
Personal Action Report; E._-Lohnabrechnungen betreffend Okto-
ber 2019 und Januar bis Oktober 2019; zwei Medienartikel von Aljazeera
vom 30. März 2020 und 17. Mai 2020 betreffend Ermordung von zwei Gou-
verneuren durch Al-Shabaab in Puntland.
G.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte den Eingang der Beschwerde
mit Schreiben vom 26. August 2020.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 23. September 2020 teilte die Instruktionsrich-
terin dem Beschwerdeführer mit, er dürfe den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten, und forderte ihn auf, bis zum 8. Oktober 2020 einen
Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 750.— zu leisten. Dieser wurde am
2. Oktober 2020 bezahlt.
http://www.xinhuanet.com/
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I.
Mit Instruktionsverfügung vom 9. Oktober 2020 wurde die Vorinstanz zur
Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
J.
In ihrer Vernehmlassung vom 21. Oktober 2020 hielt die Vorinstanz vollum-
fänglich an ihren Erwägungen fest und schloss sinngemäss auf Abweisung
der Beschwerde.
K.
Mit Instruktionsverfügung vom 23. Oktober 2020 wurde dem Beschwerde-
führer die vorinstanzliche Vernehmlassung zugestellt und ihm Gelegenheit
zur Einreichung einer Replik eingeräumt.
L.
Der Beschwerdeführer nahm mit Eingabe vom 9. November 2020 zur Ver-
nehmlassung des SEM Stellung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG, Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung seiner Verfügung hielt das SEM fest, die Vorbringen
des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit
gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, so dass deren Asylrelevanz nicht geprüft
werden müsse.
So stelle die eingereichte Anrufliste kein taugliches Beweismittel für die gel-
tend gemachte Bedrohungslage dar. Dasselbe gelte bezüglich des eben-
falls ins Recht gelegten ausgedruckten Chatverlaufs der erhaltenen Droh-
nachrichten. Daran ändere nichts, dass der Beschwerdeführer die Identität
der beiden Anrufer mithilfe eines Telecom-Mitarbeiters habe ausfindig ma-
chen können, zumal fraglich bleibe, wie A.N.O. in den Besitz überraschend
vieler Angaben insbesondere über den ersten Anrufer habe gelangen kön-
nen. Auch die eingereichten Zeitungsartikel zum generellen Vorgehen von
Al-Shabaab und der Twitter-Chatverlauf zum Tod des angeblichen Cousins
des Beschwerdeführers seien nicht geeignet beziehungsweise untauglich,
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um die persönliche flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung glaubhaft dar-
zulegen. Mit den zusätzlich nachgereichten Unterlagen bezüglich der An-
stellung und legalen Ausreise des Beschwerdeführers habe dieser sein bis
zu diesem Zeitpunkt bestehendes Anstellungsverhältnis bei den UN bele-
gen können, darüber hinaus seien den Dokumenten keine Hinweise auf
Vorfluchtgründe zu entnehmen. Vielmehr stehe lediglich fest, dass er So-
malia legal – mit dem Einverständnis seines Arbeitgebers und unter Ver-
schleierung der vorgebrachten Ausreisegründe vor diesem – im Rahmen
eines Weiterbildungsangebots in Italien verlassen habe.
Die Erklärungen des Beschwerdeführers für sein überraschendes Verhal-
ten bezüglich der angeblichen Drohanrufe und Drohnachrichten – er habe
sich zu keinem Zeitpunkt an seinen Arbeitgeber, die UN, gewandt respek-
tive diese über die Vorfälle weder informiert noch um Hilfe gebeten – seien
unplausibel. Ebenso wenig habe er plausibel darzulegen vermocht, wes-
halb er sich seiner SIM-Karten und Mobiltelefone nicht entledigt habe. So-
dann erachtete das SEM als überaus befremdlich und nicht situationsbe-
zogen, dass er seinen früheren Arbeitgeber bis zum Erlass der angefoch-
tenen Verfügung über die angeblichen Hintergründe seiner Kündigung und
seinen aktuellen Aufenthaltsort nicht in Kenntnis gesetzt habe. Ausserdem
bleibe offen, wie er seinen Arbeitgeber so kurzfristig – unter Verschleierung
der vorgebrachten Gründe – von der Notwendigkeit einer Fortbildung im
entfernten Ausland und einer weiteren längeren Abwesenheit von der Ar-
beitsstelle überzeugt haben wolle.
Der Beschwerdeführer habe in der Anhörung angegeben, bezüglich der
Anrufe und Textnachrichten nur den Telecom-Mitarbeiter gefragt zu haben,
wem die Telefonnummer gehöre und wer ihm die Nachrichten schicke. In
Widerspruch dazu habe er in der ergänzenden Anhörung erklärt, er habe
seine Eltern und seinen Bruder angerufen, da er selbst nicht gewusst habe,
was er machen könnte. Sein Bruder habe ihm geraten, bei (...) Telecom
nachzufragen. Seine schriftliche Erklärung zu diesem Vorhalt, wonach es
sich um ein Missverständnis handle, vermöge nicht zu überzeugen. Des
Weiteren seien seine Aussagen in Bezug auf seine Reaktion nach den er-
haltenen Drohnachrichten nicht konsistent. Seine Antwort in der ergänzen-
den Anhörung, wonach er ein Huawei-Mobiltelefon mit Dual-SIM benützt
habe, sei als Schutzbehauptung zu werten, da er zuvor wiederholt zwei
Mobiltelefone erwähnt habe. Ausserdem habe er sich widersprüchlich dazu
geäussert, bei welcher Gelegenheit er seine Ehefrau über den Hintergrund
seiner Ausreise informiert habe.
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4.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, der Telecom-Mitarbeiter,
der die Identitäten der Anrufer habe ausfindig machen können, habe den
vorgebrachten Sachverhalt schriftlich bestätigt, wobei er auf das diesbe-
züglich eingereichte Schreiben von A.N.O. verwies. Dieser habe sich im
Übrigen (unter Angabe seiner Telefonnummer) ausdrücklich bereit erklärt,
seine Identität dem Gericht telefonisch zu bestätigen, sofern diese Infor-
mation vertraulich behandelt werde. Der erste Anrufer sei A.N.O. bekannt
gewesen, da es sich offenbar um einen lokalen Geschäftsmann gehandelt
habe. Aufgrund dessen habe A.N.O. auch gewusst, dass der Anrufer be-
reits im Gefängnis gewesen sei und mit der Al-Shabaab in Verbindung
stehe. Über den zweiten Anrufer habe er weniger Angaben machen kön-
nen, da hinter der Telefonnummer nur sehr wenige Details gespeichert ge-
wesen seien, was sehr ungewöhnlich sei. Unter den gegebenen Umstän-
den fehlten entgegen den Ausführungen der Vorinstanz jegliche Hinweise
darauf, dass der Beschwerdeführer die Textnachrichten gefälscht haben
könnte. Vielmehr sprächen die genannten Begebenheiten dafür, dass die
Textnachrichten echt seien. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt,
dass auch gerade die abstrakte Formulierung der Textnachrichten sowie
die Tatsache, dass immer zuerst ein Anruf getätigt worden und erst im An-
schluss eine Textnachricht erfolgt sei, ein starkes Indiz für die Echtheit sei.
Hätte der Beschwerdeführer die Textnachrichten selber geschrieben, hätte
er mit Sicherheit konkretere Drohungen formuliert und nicht eine derart
komplizierte Vorgehensweise frei erfunden. Somit sei festzuhalten, dass
die Drohungen von einer unbekannten Drittperson ausgesprochen worden
seien. Der Beschwerdeführer habe ausreichend Grund zur Annahme ge-
habt, dass es sich bei um ein Mitglied einer Terrormiliz gehandelt habe.
Kurze Zeit bevor er durch die Al-Shabaab bedrängt worden sei, habe sich
eine vergleichbare Situation bei M.A.K., einem Mitarbeiter des gleichen Ar-
beitgebers, ereignet. M.A.K. habe das Schutzprogramm der UN in An-
spruch nehmen wollen und die dafür verantwortlichen Personen über die
Bedrohungslage in Kenntnis gesetzt. Erstaunlicherweise sei es der UN
nicht möglich gewesen, in nützlicher Zeit dem Mitarbeiter den verlangten
Schutz zu gewähren, und dieser sei kurze Zeit später getötet worden. Dies-
bezüglich verwies er auf den eingereichten Zeitungsartikel vom 1. Juni
2019. Dieser Vorfall sei dem Beschwerdeführer sehr wohl präsent gewe-
sen und er habe guten Grund zur Annahme gehabt, dass die Al-Shabaab-
Miliz auch bei seinem Arbeitgeber über Kontaktpersonen verfüge. Er habe
daher damit rechnen müssen, dass eine Kontaktierung des Arbeitgebers
ihm noch grössere Probleme machen könnte.
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Als sich der Beschwerdeführer in den Norden Somalias begeben habe, um
die Entwicklung der Bedrohungslage abzuwarten, sei ihm klargeworden,
dass die einzige Möglichkeit die Ausreise aus Somalia sei, um der Verfol-
gung der Al-Shabaab zu entfliehen. Er habe deshalb nach einem Grund
gesucht, um auf legale Weise das Land verlassen zu können. So habe er
im Internet nach einer geeigneten Weiterbildung recherchiert, wobei deren
Ort für ihn irrelevant gewesen sei und er lediglich nach der nächstmögli-
chen Gelegenheit, das Land verlassen zu können, gesucht habe. So habe
er den Kurs in Italien gefunden. Daher habe er sich aktiv an den Supervisor
sowie den Head of HR (Human Resources) seines Arbeitgebers gewandt,
um die legale Ausreise für Weiterbildungszwecke bestätigen zu lassen. Er
habe sich bis am 24. Oktober 2019 in den Ferien befunden. Diese habe er
bis Mitte November verlängert. Am 7. November 2019 habe er sein Arbeits-
verhältnis gekündigt. Die Kündigung sei am 12. Dezember 2019 wirksam
geworden, weshalb der Arbeitgeber den Beschwerdeführer erst zu diesem
Zeitpunkt wieder zurückerwartet habe. Die restlichen Tage (bis zum 18. De-
zember 2019) habe er mit einem restlichen Ferienguthaben kompensiert.
Entgegen dem Asylentscheid vom 24. Juli 2020 wirkten die Ausführungen
des Beschwerdeführers zum Weiterbildungsprogramm nicht "zurechtge-
legt." Dem SEM sei entgegenzuhalten, dass der Beschwerdeführer ledig-
lich einen ausreichenden Grund habe anbringen müssen, um nach Europa
reisen zu können. Ein Weiterbildungsprogramm stelle einen solchen Grund
dar. Aus unzähligen Weiterbildungsprogrammen der UN habe er daher ein
beliebiges ausgewählt, welches möglichst bald stattgefunden habe. Dieser
Entscheid habe somit durchaus spontan getroffen werden können.
Er habe auch in den Ferien insbesondere für seinen Arbeitgeber erreichbar
sein und für diesen beispielweise einige berufliche Telefongespräche füh-
ren müssen. Das Entledigen von SIM-Karten und Telefon hätte insofern
sein Problem nicht gelöst, als die Al-Shabaab ihn auch mit einer neuen
Nummer hätte ausfindig machen können.
Nachdem er sich dazu entschlossen habe, das Land zu verlassen, habe er
seine Frau und Kinder an einen Ort bringen wollen, von dem er gewusst
habe, dass sie bestmöglich geschützt seien. So habe er seine Familie in
F._ getroffen und sei gemeinsam mit ihr nach G._ gereist,
wo die Mutter seiner Frau lebe.
Seine Frau habe er erst zu einem späteren Zeitpunkt informiert. Vor seiner
Ausreise habe er seiner Frau mitgeteilt, dass er das Land verlassen müsse.
Über die Bedrohung habe er sie am 24. Oktober 2019 aufgeklärt. Die
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ganze Geschichte und insbesondere die konkreten Gründe habe er ihr je-
doch erst erzählt, als er in der Schweiz gewesen sei. So erscheine doch
verständlich, dass er seine Familie nur Schritt für Schritt in die Bedrohungs-
lage involviert habe.
4.3 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung vom 21. Oktober 2020 im
Wesentlichen fest, dass sich die vom Beschwerdeführer eingereichten Zei-
tungsartikel zum generellen Vorgehen der gewalttätigen radikalislamischen
Gruppe Al-Shabaab nicht dazu eigneten, eine persönliche flüchtlingsrecht-
lich relevante Verfolgung glaubhaft darzulegen. Auch änderten diese Zei-
tungsartikel nichts an der Einschätzung, dass eine Wegweisung nach Punt-
land generell zulässig und zumutbar sei. Die Bestätigung des vermeintli-
chen Mitarbeiters der (...) Telecom sei als Gefälligkeitsschreiben einer
nicht weiter bekannten Drittperson zu werten. Augenscheinlich sei das Do-
kument lediglich im Programm Word verfasst worden. Ein solches Schrei-
ben lasse sich ohne Weiteres selbst herstellen oder verändern. Deshalb
könne ihm kein Beweiswert zugesprochen werden. Eine Bestätigung der
Identität des Verfassers via der in der Beschwerde angegebenen Telefon-
nummer sei weder möglich noch zielführend. Das vom Beschwerdeführer
vorgebrachte Freundschafts- respektive Vertrauensverhältnis zum getöte-
ten UN-Mitarbeiter M.A.K. stellte das SEM in Frage. Insbesondere habe
der Beschwerdeführer unterschiedliche Todesdaten von M.A.K. genannt.
Zudem habe er in der Anhörung zu Protokoll gegeben, dass M.A.K. auch
für die E._ gearbeitet habe, wogegen im eingereichten Zeitungsar-
tikel festgehalten werde, dass M.A.K. am 29. Mai 2019 von Unbekannten
auf offener Strasse getötet worden sei, weil er für das United Nations
Security Management System (UNDSS) gearbeitet habe. Mehr sei zum
Vorfall nicht bekannt. Es sei nicht klar, woher der Beschwerdeführer seine
Informationen über die dem Mord vorausgegangene Erpressung durch die
AI-Shabaab, die Reaktion von M.A.K. sowie die vermeintliche Untätigkeit
des UNDSS habe. Dass der Entschluss des Beschwerdeführers, sich nicht
an seinen Arbeitgeber, sondern an einen Mitarbeiter von (...) Telecom zu
wenden, bei ihm keine Sicherheitsbedenken auszulösen vermocht habe,
wirke befremdend, habe er doch in der Anhörung zu verstehen gegeben,
dass auch (...) Telecom so unterwandert sei, dass die AI-Shabaab jederzeit
seinen aktuellen Mobiltelefon-Standort abrufen könne.
4.4 In seiner Replik vom 9. November 2020 entgegnete der Beschwerde-
führer, die Vorinstanz suche offensichtlich aktiv nach vermeintlichen Wider-
sprüchen in seinen Aussagen und versuche, ihn als unglaubwürdig darzu-
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stellen. Zudem nahm er detailliert Stellung zu den Ausführungen in der Ver-
nehmlassung und hielt zusammenfassend fest, dass mit den vorgebrach-
ten und tauglichen Beweismitteln sehr wohl eine glaubhafte Bedrohungs-
lage als auch eine nachvollziehbare Reaktion darauf habe dargestellt wer-
den können. Die Vorinstanz versuche in kleinen Ungereimtheiten, welche
er in der Replik nachvollziehbar erklärt habe, das Haar in der Suppe zu
finden.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Beschwerdeführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit
der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Bei der Be-
urteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen den Beschwerdeführer sprechen. Glaubhaft
ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen.
Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt
der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte
wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sach-
verhaltsdarstellung sprechen (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/3 E. 6.5.1;
2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.2 Vorliegend kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass
die Vorbringen des Beschwerdeführers insgesamt – trotz gewisser Zweifel
– als glaubhaft zu bewerten sind. Dabei gilt es insbesondere darauf hinzu-
weisen, dass der Beschwerdeführer seine Vorbringen ausgesprochen aus-
führlich und detailreich schilderte, wobei seine Aussagen in der Anhörung
vom 16. Januar 2020 auch überwiegend mit denjenigen in der ergänzen-
den Anhörung vom 23. Juni 2020 übereinstimmen. Zudem enthalten sie
zahlreiche Realkennzeichen. So schilderte er beispielsweise sehr ein-
drücklich seine grosse Angst, welche der Erhalt der ersten Textnachricht
von Al-Shabaab bei ihm auslöste, wie er in seiner Ratlosigkeit zunächst
seine Eltern und seinen Bruder anrief (vgl. A40 F8–14, F19 f.) und darauf-
hin Überlegungen dazu anstellte, wie er sich verhalten soll beziehungs-
weise welche Möglichkeiten ihm in seiner Lage offenstanden. Die verein-
zelten Elemente, welche gemäss der angefochtenen Verfügung gegen die
Glaubhaftigkeit der Aussagen sprechen, vermögen diese detailreichen Er-
zählungen nicht aufzuwiegen. Dem Beschwerdeführer von der Vorinstanz
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Seite 12
vorgeworfene Punkte, die der allgemeinen Erfahrung oder der Logik des
Handelns widersprechen würden, vermochte dieser bereits anlässlich sei-
ner Anhörungen plausibel zu erklären. Dazu merkt er auf Beschwerde-
ebene zutreffend an, dass es sehr viel Phantasie bräuchte, um eine Bedro-
hungslage wie die vorliegende zu konstruieren, und er sich diesfalls mit
Sicherheit einen viel weniger abstrakten Sachverhalt zurechtgelegt und
insbesondere in die Textnachrichten viel konkretere Drohungen eingefloch-
ten hätte. Es liegen auch keine konkreten Anhaltspunkte für die Annahme
der Vorinstanz vor, dass die Anrufe und Textnachrichten von einer beliebi-
gen Drittperson ausgegangen sein könnten oder gar der Beschwerdeführer
sich diese Nachrichten selbst mittels eines zweiten Mobiltelefons zuge-
schickt haben könnte. Vielmehr hat der in einer höheren Position bei der
E._ tätige Beschwerdeführer, der bei Investitionen beziehungs-
weise bei der Vergabe von finanziell interessanten Aufträgen an Firmen
mitwirkte und dessen Kontaktdaten auf der Webseite der E._ er-
sichtlich waren, anlässlich seiner Anhörungen schlüssig dargelegt, wes-
halb er ausreichend Grund zur Annahme hatte, dass hinter den Anrufen
und Drohnachrichten die Terrormiliz Al-Shabaab stand. Ausserdem be-
stand für ihn keinerlei Grund, eine solche Bedrohungslage selbst zu kon-
struieren, um aus Somalia ausreisen zu können. Des Weiteren begründete
er unter Hinweis auf den ihm bekannten UN-Mitarbeiter M.A.K., der kurze
Zeit vorher in vergleichbarer Bedrohungslage das Schutzprogramm der UN
in Anspruch genommen habe und trotzdem getötet worden sei, nachvoll-
ziehbar, weshalb er sich nicht an seinen Arbeitgeber gewandt hat. Zwar
verwies das SEM in diesem Zusammenhang zu Recht auf verschiedene
Unstimmigkeiten. So trifft zu, dass er zwei verschiedene Todesdaten von
M.A.K. nannte. Bezüglich des in der Anhörung vom 16. Januar 2020 ge-
nannten Datums (... 2020) ist aber nicht auszuschliessen, dass es sich
um einen Versprecher beziehungsweise um einen Verschrieb handelt, zu-
mal M.A.K. laut dem eingereichten Zeitungsartikel am (...) getötet worden
ist. Jedenfalls spricht nicht gegen die Glaubhaftigkeit des Vorbringens,
dass der Beschwerdeführer, nachdem in den beiden Anhörungen vonei-
nander abweichende Todesdaten protokolliert worden waren, diesbezüg-
lich ein Beweismittel nachreichte, in dem wiederum ein anderes Datum
steht. Zudem erwähnte er, dass M.A.K. bei der E._ gearbeitet habe
(vgl. A17 F50), wobei er in der ergänzenden Anhörung präzisierte, dass
dieser bei der E._ in der Abteilung Sicherheit tätig gewesen sei (vgl.
A40 F8, F81). Auch die Annahme in der Replik, dass die E._ Mitar-
beiter des UNDSS im Mandatsverhältnis beschäftige, kann nicht von der
Hand gewiesen werden. Sodann wird in der Replik zu Recht darauf ver-
wiesen, dass der Beschwerdeführer anlässlich der ergänzenden Anhörung
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Seite 13
mehrere UN-Mitarbeiter erwähnte, welche seitens der Al-Shabaab bedroht
worden waren. In der Replik wird weiter zutreffend ausgeführt, dass dem
Beschwerdeführer weitere Einzelheiten zum Fall von M.AK., wenn nicht
von diesem selbst, so doch deshalb bekannt seien, weil dieser für die
E._ tätig gewesen sei. Daran vermag nichts zu ändern, dass der
Beschwerdeführer einräumte, nicht alle Details zu kennen, zumal M.A.K.
in der Abteilung Sicherheit und nicht am Standort Mogadischu gearbeitet
habe (vgl. A40 F81). Vor diesem Hintergrund erscheint plausibel, dass der
Beschwerdeführer seinen Arbeitgeber beziehungsweise die UN nicht über
seine Bedrohungssituation informierte. Was den Vorhalt des SEM anbe-
langt, er habe in der Anhörung vom 16. Januar 2020 erklärt, ausser mit
dem Telecom-Mitarbeiter mit niemandem über die Textnachrichten gespro-
chen zu haben, und in Widerspruch dazu in der ergänzenden Anhörung zu
Protokoll gegeben, nach dem Erhalt der ersten Textnachricht seine Eltern
und seinen Bruder angerufen zu haben, der ihm geraten habe, bei (...)
Telecom für Informationen zum Absender nachzufragen, vermochte er die-
sen Widerspruch in seiner schriftlichen Stellungnahme vom 16. Juli 2020
entgegen der Vorinstanz plausibel damit zu erklären, dass er die ihm ge-
stellte Frage in dem Sinne missverstanden habe, ob er ausserhalb seiner
Familie, zum Beispiel in seinem beruflichen Umfeld, jemanden um Hilfe
bezüglich der Drohungen gebeten habe. Sodann ist nachvollziehbar, dass
sich der Beschwerdeführer trotz Bedenken, dass auch (...) Telecom von
der Al-Shabaab unterwandert sein könnte, zwecks Beschaffung von Infor-
mationen zu den Telefonnummern der Anrufer und Absender der Droh-
nachricht an A.N.O. wandte, zumal es sich bei diesem um seine Kontakt-
person handelte, die für das Internet der E._ zuständig und ihm
deshalb persönlich bekannt war und vertrauenswürdig erschien (vgl. A40
F24, F98 f.). In Würdigung dieser Umstände ist die als Beweismittel einge-
reichte Bestätigung von A.N.O., Head of accounts (UN & NGOs) bei (...)
Telecom, entgegen der Vorinstanz durchaus geeignet, die Glaubhaftigkeit
dieses Vorbringens zu bekräftigen. Sodann kann aus den Akten entgegen
den Ausführungen der Vorinstanz bezüglich des Vorbringens des Be-
schwerdeführers, er benütze ein Dual-SIM-Mobiltelefon, nicht auf eine
Schutzbehauptung geschlossen werden. Zudem vermochte er plausibel
darzulegen, weshalb es ihm nichts genützt hätte, wenn er sich seiner SIM-
Karten entledigt und sein Mobiltelefon unter Angabe der Daten einer ande-
ren Person neu registriert hätte. Schliesslich erscheint auch das vom Be-
schwerdeführer geschilderte weitere Vorgehen, vom Verlassen Moga-
dischus über die Treffen mit seinen Familienangehörigen im Norden des
Landes, die Organisation der Ausreise unter dem Vorwand eines Weiterbil-
dungskurses, für den er sich in Italien anmeldete, bis zur Kündigung seines
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Arbeitsvertrags mit der E._ erst nach seiner Ankunft in der Schweiz,
wo er auch seine Familie vollständig über die Gründe seiner Ausreise in-
formierte, insgesamt als glaubhaft. So zeichnen sich diese Schilderungen
bei der jeweiligen Anhörung namentlich durch ihre logische Konsistenz und
inhaltlich stimmige Darstellung, ihren quantitativen Detailreichtum, ihre
raum-zeitliche Verknüpfungen sowie die Schilderung von Interaktionen,
Komplikationen, unverstandenen Handlungselementen und eigenen psy-
chischen Vorgängen im Sinne von Realkennzeichen aus. Dabei ist insbe-
sondere darauf hinzuweisen, dass vom Moment an, als die vom Beschwer-
deführer nach der ersten Textnachricht Anfang Oktober 2019 eingeholten
Informationen auf die Al-Shabaab als Urheber schliessen liessen und diese
in der zweiten Nachricht schrieben, sie wüssten, dass er sich in Moga-
dischu befinde, und würden ihn finden, woraufhin er die Hauptstadt tags
darauf verliess und in den Norden Somalias reiste, bis zu seiner nicht leicht
zu bewerkstelligenden Ausreise aus Somalia am 2. November 2019 nur ein
Monat verging, wobei er sich während dieser Zeit im Rahmen seiner Mög-
lichkeiten dem Zugriff der Terror-Miliz zu entziehen versuchte. Ausserdem
vermochte er in der jeweiligen Anhörung die Gründe für sein konkretes Vor-
gehen überzeugend darzulegen, wenn dieses nach Ansicht des SEM der
allgemeinen Erfahrung oder der Logik des Handelns widersprach.
5.3 Nach Abwägung der Argumente, die für die Glaubhaftigkeit, und denje-
nigen, die dagegen sprechen, kommt das Bundesverwaltungsgericht ins-
gesamt zum Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit, die zu beurteilende Ver-
folgungsgeschichte entspreche in den wesentlichen Punkten den Tatsa-
chen, höher ist, als die – wenn auch nicht restlos auszuschliessende –
Möglichkeit, sie sei vom Beschwerdeführer bloss konstruiert worden. Bei
einer Gesamtbeurteilung aller massgeblichen Aspekte überwiegen die für
die Richtigkeit der Asylvorbringen des Beschwerdeführers sprechenden
Elemente gegenüber den Unglaubhaftigkeitsindizien. Dem Beschwerde-
führer ist es demnach gelungen, den zur Begründung seines Asylgesuches
vorgetragenen Sachverhalt in den wesentlichen Punkten glaubhaft zu ma-
chen.
6.
6.1 In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer auf-
grund des von ihm glaubhaft dargelegten Sachverhalts die Flüchtlingsei-
genschaft erfüllt, ihm mithin Asyl zu gewähren ist.
6.2 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
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ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die
Verfolgungsfurcht muss zum Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell
sein. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen
dem Ausreisezeitpunkt und dem Zeitpunkt des Asylentscheids sind des-
halb zugunsten und zulasten der Asylsuchenden zu berücksichtigen (vgl.
dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; BVGE 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je
m.w.H.).
6.3 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich –
aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger
Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk-
lichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten
Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der be-
troffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver-
gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub-
jektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 mit weiteren Hinweisen).
6.4 Das Bundesverwaltungsgericht hielt in E. 7.1 des Kassationsurteils
D-624/2020 vom 24. Februar 2020 zutreffend fest, dass sich bereits aus dem
Wortlaut der Textnachrichten konkrete Hinweise – im Sinne konkreter Dro-
hungen – auf eine Verfolgung ergeben ("Wir wissen, wo du bist in Moga-
dishu. Die Muslime werden dich bald finden, du Ungläubiger." [Nachricht
vom 7. Oktober]; "Wir kennen dein Haus [ ... ]. Die Mujaheddin werden kom-
men, wenn Gott will." [Nachricht vom 12. Oktober]; 'Wir sind überall, musst
du wissen, wir lassen solche Ungläubigen wie dich nicht in Ruhe, wenn Gott
will." [Nachricht vom 22. Oktober]; "Du wirst von uns hören." [Nachricht vom
31. Oktober]), und, sollten die Drohungen glaubhaft sein, eine begründete
Furcht vor Vergeltungsaktionen der Al-Shabaab zu bejahen wäre, wobei es
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bezüglich der Asylrelevanz solcher Drohungen auf E. 6.4 des Urteils des
Bundesverwaltungsgerichts D-2206/2017 vom 1. Juli 2019 verwies. Hin-
sichtlich des Verfolgungsmotivs führte das Gericht in seinem Kassationsur-
teil weiter aus, dass die Vorinstanz die Asylrelevanz zu Unrecht verneint
habe. Zwar treffe zu, dass die von der Al-Shabaab geforderten Informationen
finanziellen Interessen dienen würden. Dies lasse sich aber nicht zwingend
auf die Vergeltungsmassnahmen übertragen, welche gegen den – in den
Textnachrichten als Ungläubigen bezeichneten – Beschwerdeführer ergrif-
fen würden. Vielmehr wären diese Rachehandlungen für die verweigerte
Kooperation zumindest teilweise von politischen Motiven getragen, da die
Weigerung als oppositioneller Akt aufgefasst werde, wodurch die Verfolgung
asylrelevant werde (vgl. a.a.O.; E. 7.3). Sodann hielt das Kassationsurteil
bezüglich der vom SEM in seiner Verfügung vom 27. Januar 2020 bejahten
innerstaatlichen Fluchtalternative in Puntland fest, dass fraglich sei, ob die
Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit der dortigen Behörden bejaht werden
könnte, eine fundierte Erörterung dieser Frage fehle und das SEM, sollte es
die Glaubhaftigkeit bejahen, das Asylgesuch aber unter Berufung auf die
Schutzfähigkeit und Schutzwilligkeit der somalischen Behörden respektive
auf eine innerstaatliche Fluchtalternative ablehnen, dies substanziiert zu be-
gründen hätte (vgl. a.a.O., E. 7.2 und E. 8.3). Indem das SEM in der ange-
fochtenen Verfügung beziehungsweise in der Vernehmlassung den Vollzug
der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Puntland als zulässig und
zumutbar erachtete, bejahte es implizit die Schutzfähigkeit und Schutzwillig-
keit der dortigen Behörden. Indessen ist aufgrund der Ausführungen des Be-
schwerdeführers vorliegend nicht davon auszugehen, dass er in Puntland
wirksam vor der Verfolgung durch die Al-Shabaab geschützt wäre (vgl. aus-
führlich zu den Anforderungen an eine innerstaatliche Schutzalternative:
BVGE 2011/51; zur aktuellen Situation in Puntland vgl. Referenzurteil des
BVGer E-6310/2017 vom 15. Januar 2020 E. 11.2.2). So ergibt sich aus den
Textnachrichten und den Aussagen des Beschwerdeführers, dass die Al-
Shabaab nebst der Telefonnummer über weitgehende Kenntnisse ihn betref-
fend, wie etwa den Wohnort oder den Wechsel des Aufenthaltsortes, auch
in Puntland, verfügt, weshalb nicht ohne Weiteres angenommen werden
kann, dass sich dort eine Verfolgung vereiteln liesse (vgl. A 17 F76 f., A40
F66, F93). Darüber hinaus hat er Fälle von gezielten Tötungen durch die Al-
Shabaab in Puntland, darunter auch ein Cousin von ihm im Hafen von
F._ (vgl. A40 F67), dokumentiert. Auch zum heutigen Zeitpunkt ist
seine Furcht vor Verfolgung begründet, zumal sich die Situation in Somalia
seit seiner Ausreise im November 2019 nicht massgeblich verändert hat. Vor
diesem Hintergrund ist von einer andauernden und konkreten Gefährdung
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des Beschwerdeführers durch die Al-Shabaab auszugehen, welche als asyl-
relevant im Sinne von Art. 3 AsylG zu werten ist. Daran vermag nichts zu
ändern, dass der Beschwerdeführer nicht mehr für die E._ tätig ist,
zumal er weiterhin über Informationen verfügt, die sich zu verschaffen für die
Al-Shabaab von erheblichem Interesse sind. Angesichts der Verhältnisse in
Somalia ist auch nicht davon auszugehen, dass er durch die staatlichen Be-
hörden Schutz vor dieser Verfolgung erlangen könnte. Eine innerstaatliche
Schutzalternative ist für ihn nicht ersichtlich. Der Beschwerdeführer erfüllt
demzufolge die Flüchtlingseigenschaft. Den Akten sind schliesslich keine
Hinweise auf Gründe im Sinne von Art. 53 AsylG zu entnehmen, weshalb
dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren ist.
7.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die angefochtene
Verfügung des SEM vom 24. Juli 2020 ist aufzuheben. Der Beschwerde-
führer ist als Flüchtling anzuerkennen und das SEM anzuweisen, ihm Asyl
zu gewähren.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der am 2. Oktober 2020 geleistete Kosten-
vorschuss von Fr. 750.– ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
9.
9.1 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 37 VGG kann der
obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädi-
gung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen
Kosten zugesprochen werden (vgl. Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendigen
Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung wird
in Anwendung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung
der massgeblichen Bemessungsfaktoren (insbesondere auch des Umstan-
des der bereits vorhandenen Aktenkenntnisse des Rechtsvertreters) dem-
nach von Amtes wegen auf insgesamt Fr. 1'500.– festgelegt.
(Dispositiv nächste Seite)
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