Decision ID: be0b5301-3013-5ac9-85a6-04c0cff60b58
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 26. Februar 2021 in der Schweiz ein
Asylgesuch ein. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Da-
tenbank am 2. März 2021 ergab, dass er am 6. Oktober 2020 in Österreich
um Asyl ersucht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 9. März 2021 rechtliches
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit ei-
ner Überstellung nach Italien oder Österreich, deren Zuständigkeit für die
Behandlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Be-
schwerdeführer erklärte, er habe sich das letzte Mal vom Mai 2019 bis zum
2. Oktober 2020 in Italien aufgehalten. Dort lebten seine Ex-Frau und sein
Sohn. Er sei im Besitze eines "Permesso soggiorno famigliare", gültig bis
2019, gewesen. In Österreich habe er sich vier Monate aufgehalten. Dort
habe man ihm gesagt, dass Italien für ihn zuständig sei. Eine Woche nach
der Anhörung vom 2. Februar 2021 habe er einen negativen Asylentscheid
erhalten, den er nicht angefochten habe.
C.
Die österreichischen Behörden lehnten das Gesuch des SEM vom
12. März 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO), noch am gleichen Tag mit der Begründung ab, dass
Italien im Zuge eines Dublinverfahrens aufgrund Verfristung zuständig ge-
worden sei. Sie hätten am 21. Dezember 2020 Italien die Verfristung mit-
geteilt. Am 10. März 2021 sei Italien über die Aussetzung aufgrund unbe-
kannten Aufenthaltes (des Beschwerdeführers) informiert worden.
D.
Ebenfalls noch am 12. März 2021 gelangte das SEM an die italienischen
Behörden und ersuchte sie um Übernahme des Beschwerdeführers im
Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO.
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E.
Nachdem die italienischen Behörden innert Monatsfrist zum Übernahme-
ersuchen des SEM keine Stellungnahme abgegeben hatten, trat das SEM
mit Verfügung vom 13. April 2021 (eröffnet am 16. April 2021) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Überstellung
nach Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 23. April 2021 (Postaufgabe) gelangte der
Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur korrekten Be-
stimmung der Zuständigkeit und zur rechtsgültigen Anfrage auf Basis der
korrekten rechtlichen Grundlage an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der
Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und im Sinne einer
superprovisorischen vorsorglichen Massnahme seien die Vollzugsbehör-
den unverzüglich anzuweisen, von einer Überstellung nach Italien abzuse-
hen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschieben-
den Wirkung entschieden habe. Ferner ersuchte er um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege.
G.
Am 26. April 2021 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen super-
provisorischen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechterheblichen Sachverhalts gerügt wer-
den (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich
begründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit
Zustimmung eines zweiten Richters bzw. einer zweiten Richterin (Art. 111
Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit sum-
marischer Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in
Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-
führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl.
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im
Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen ei-
nes Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber
grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt
(vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
3.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge-
stellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-VO aufzuneh-
men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO). Er ist ferner verpflichtet, einen
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Antragsteller, der während der Antragsprüfung, nach dem Rückzug des An-
trags während der Antragsprüfung oder nach der Ablehnung des Antrags
in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag stellt oder sich in einem ande-
ren Mitgliedstaat ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel
23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b-d Dublin-III-VO).
3.4 In Beschwerdeverfahren gegen Überstellungsentscheide können sich
Asylsuchende auf die richtige Anwendung sämtlicher objektiver Zuständig-
keitskriterien der Dublin-III-VO berufen, insbesondere auf Bestimmungen,
die einen Zuständigkeitsübergang infolge Fristablaufs vorsehen (vgl.
BVGE 2017 VI/9 E. 5 [insb. E. 5.3.2] m.w.H.).
4.
Das SEM unterbreitete den italienischen Behörden am 12. März 2021 ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO ein Aufnahmegesuch im Sinne
von Art. 23 Abs. 1 Dublin-III-VO, weshalb es davon ausging, dass die Ant-
wortfrist gemäss Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO nach einem Monat – am
12. April 2021 – abgelaufen war. Demnach sei die Zuständigkeit zur Durch-
führung des weiteren Verfahrens am 13. April 2021 an Italien übergegan-
gen.
5.
Der Beschwerdeführer bringt in seiner Rechtsmitteleingabe insbesondere
vor, bei den Anfragen des SEM an die österreichischen und italienischen
Behörden würden auf den entsprechenden Formularen die elektronische
Unterschrift und das Datum fehlen. Sie seien somit nicht rechtsgültig. Fer-
ner sei das SEM bei der Anfrage an die italienischen Behörden von einem
Wiederaufnahmeverfahren ausgegangen, was aber nicht korrekt sei. Da
die Zuständigkeit Italiens auf dem im Jahre 2019 abgelaufenen Aufent-
haltstitel des Beschwerdeführers basiere, handle es sich um ein Aufnah-
meverfahren, wobei die Frist zur Stellungnahme des angefragten Mitglied-
staats zwei Monate betrage. Indem das SEM von einer einmonatigen Frist
ausgegangen sei, sei die Zuständigkeit am 13. April 2021 (noch) nicht auf
Italien übergangen.
6.
6.1 Zwar trifft es zu, dass die Formulare für die Anfragen an die österrei-
chischen und italienischen Behörden selbst weder datiert sind noch eine
elektronische Unterschrift enthalten. Die Anfragen wurden jedoch per
E-Mail (signiert und verschlüsselt) am 12. März 2021 gemacht, was aus
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den jeweiligen Sendebestätigungen hervorgeht (SEM-act. 16/2 und 20/2).
Demnach sind diese Anfragen in formeller Hinsicht nicht zu beanstanden.
6.2 Zu Recht macht der Beschwerdeführer jedoch geltend, dass es sich
vorliegend um ein Aufnahmeverfahren handelt, wobei die Vorinstanz ge-
stützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO ein Aufnahmegesuch im Sinne von
Art. 21 Abs. 1 Dublin-III-VO hätte stellen müssen. Denn er besass in Italien
bis 2019 einen Aufenthaltstitel, dessen Ablauf weniger als zwei Jahre zu-
rückliegt. Auch hat er seither das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten nicht
verlassen. Ein Asylgesuch in Italien – eine Konstellation nach Art. 18 Abs. 1
Bst b bis d Dublin-III-VO, die den Anwendungsbereich der Bestimmungen
der Art. 23 bis 25 Dublin-III-VO über das Wiederaufnahmeverfahren geöff-
net hätte – hatte er hingegen nie gestellt. Somit ging die Vorinstanz fälsch-
licherweise davon aus, die italienischen Behörden hätten die für das Wie-
deraufnahmeverfahren geltende, einmonatige Antwortfrist ungenutzt ab-
laufen lassen, weshalb die Verantwortung für das Asylgesuch am 13. April
2021 auf Italien übergegangen sei (vgl. Art. 25 Dublin-III-VO). Die in Art. 22
Abs. 7 Dublin-III-VO geregelte, analoge Frist für die Beantwortung von Auf-
nahmegesuchen ist nämlich wesentlich länger bemessen und beträgt zwei
Monate beziehungsweise – bei explizit als dringlich erklärten und entspre-
chend begründeten Fällen – einen Monat. Die vorliegend massgebende
zweimonatige Frist läuft erst am 12. Mai 2021 ab, weshalb die Vorinstanz
zu Unrecht von einer Übernahme der Zuständigkeit infolge Verfristung aus-
ging, auf das Asylgesuch nicht eintrat und die Wegweisung des Beschwer-
deführers nach Italien verfügte (vgl. auch Urteil des BVGer F-1038/2021
vom 15. März 2021 S. 6).
7.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, die angefochtene Verfügung auf-
zuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Dabei wird die Vorinstanz vor einem neuen Entscheid in der Sache
die Angelegenheit mit den italienischen Behörden klären müssen, denn
diese wurden am 14. April 2021 fälschlicherweise darüber in Kenntnis ge-
setzt, Italien sei infolge ungenutzt abgelaufener Antwortfrist als verantwort-
licher Mitgliedstaat zu betrachten (SEM-act. 23/1).
8.
Mit diesem Urteil wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung der Beschwerde gegenstandslos.
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9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG), weshalb es sich erübrigt, über das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege zu befinden. Dem vertretenen
Beschwerdeführer ist ferner keine Parteientschädigung zuzusprechen, da
es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung
im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach
Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater
AsylG).
10.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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