Decision ID: 7875567a-1edc-50b8-a3d0-64d161c833bc
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die aus Syrien stammende Beschwerdeführerin (geb. 1968) reiste im
März 2014 in die Schweiz ein und ersuchte für sich und ihre drei minder-
jährigen Söhne (geb. 2000, 2002 und 2007) um Asyl. Mit Verfügung vom
3. November 2015 lehnte das SEM die Asylgesuche ab und verfügte die
Wegweisung aus der Schweiz, ordnete jedoch wegen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges die vorläufige Aufnahme an. Zwei weitere Söhne
(geb. 1994 und 1995) befinden sich ebenfalls in der Schweiz.
B.
Am 3. August 2017 reichte die Beschwerdeführerin in anwaltlicher Vertre-
tung beim SEM ein Gesuch um Familiennachzug und Einbezug in die vor-
läufige Aufnahme zu Gunsten ihres in Syrien religiös angetrauten Eheman-
nes B._ (geb. 1964) ein, welcher in Italien über eine Aufenthalts-
bewilligung verfüge (gültig bis 13. April 2019). In der Folge leitete das SEM
das Gesuch am 22. August 2017 zuständigkeitshalber an den Migrations-
dienst des Kantons C._ weiter. Die kantonale Behörde stellte am
3. November 2017 fest, dass die zeitlichen Voraussetzungen für einen Fa-
miliennachzug nicht erfüllt seien und übermittelte das Gesuch an die Vor-
instanz zum Negativentscheid.
C.
Mit Schreiben vom 15. November 2017 gewährte die Vorinstanz der Be-
schwerdeführerin das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Ablehnung ihres
Gesuchs. Mit Eingabe vom 25. November 2017 reichte sie eine Stellung-
nahme ein. Am 4. Dezember 2017 legte die Beschwerdeführerin weitere
Dokumente zu den Akten.
D.
Mit Verfügung vom 7. Februar 2018 lehnte die Vorinstanz das Gesuch der
Beschwerdeführerin um Familiennachzug und Einbezug in die vorläufige
Aufnahme zugunsten deren Ehemannes ab und eröffnete die Verfügung
direkt der Beschwerdeführerin. Mit Rechtsmitteleingabe vom 28. Februar
2018 reichte jene ohne Rechtsvertretung eine Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht ein. Als Beweismittel legte sie eine gemeinsame Stel-
lungnahme des Hausarztes Dr. med D._, der Einwohnergemeinde
E._ und der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde E._
vom 28. Februar 2018 ins Recht.
F-1263/2018
Seite 3
E.
Mit Schreiben vom 14. und 22. Februar 2018 rügte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin die fehlerhafte Eröffnung der vorinstanzlichen Verfü-
gung.
F.
Die Vorinstanz erliess am 23. Februar 2018 eine neue Verfügung, welche
diejenige vom 7. Februar 2018 ersetzte und stellte diese dem Rechtsver-
treter zu. Darin lehnte sie erneut das Gesuch vom 3. August 2017 um Fa-
miliennachzug und Einbezug in die vorläufige Aufnahme ab.
G.
Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin – handelnd durch
ihren Rechtsvertreter – mit Eingabe vom 20. März 2018 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der vorinstanzli-
chen Verfügung sowie die Gutheissung ihres Gesuchs um Familiennach-
zug und Einbezug in die vorläufige Aufnahme. In prozessualer Hinsicht er-
suchte sie um Erlass der Prozesskosten. Als Beweismittel reichte sie eine
Fürsorgebestätigung vom 23. Februar 2018 ein.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 27. März 2018 verschob das Bundesverwal-
tungsgericht den Entscheid über das Gesuch um unentgeltliche Prozess-
führung auf einen späteren Zeitpunkt und lud die Vorinstanz zur Vernehm-
lassung ein.
I.
In der Vernehmlassung vom 24. April 2018 hielt die Vorinstanz an ihrer Ver-
fügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
J.
Mit Beschwerdeergänzung vom 11. April 2019 zeigte der neue Rechtsver-
treter der Beschwerdeführerin die Übernahme des Mandats an, legte eine
Vollmacht zu den Akten, wies auf den Ablauf der dreijährigen Karenzfrist
hin und beantragte einen weiteren Schriftenwechsel. In der Folge lud das
Bundesverwaltungsgericht die Vorinstanz am 17. April 2019 zu einem
zweiten Schriftenwechsel ein.
K.
In der ergänzenden Vernehmlassung vom 14. Mai 2019 schloss die
Vorinstanz wiederum auf Abweisung der Beschwerde.
F-1263/2018
Seite 4
L.
Am 19. Juni 2019 reichte die Beschwerdeführerin replizierend einen Kon-
toauszug der PostFinance AG vom 1. März 2019, eine aktuellere Fürsor-
gebestätigung vom 14. Juni 2019 sowie verschiedene Unterlagen ihre
Söhne (Arbeitsverträge, Lohnabrechnungen) und ihren Schwiegervater
(Arztbericht) betreffend zu den Akten.
M.
Die Vorinstanz duplizierte am 31. Juli 2019, die Beschwerdeführerin reichte
ihre Triplik am 16. September 2019 ein.
N.
Am 7. Oktober 2019 stellte der Ehemann der Beschwerdeführerin in der
Schweiz ein Asylgesuch. Anlässlich des Dublin-Gesprächs führte er aus,
er sei bereits vor drei Jahren zu seiner Familie in die Schweiz gereist und
halte sich seither hierzulande auf. Mit Verfügung vom 6. April 2020 trat das
SEM auf sein Asylgesuch nicht ein, da er in Italien als Flüchtling anerkannt
worden sei, und verfügte die Überstellung sowie den Vollzug der Wegwei-
sung dorthin. Eine dagegen erhobene Beschwerde hiess das Bundesver-
waltungsgericht teilweise gut und hob die vom SEM verfügte Wegweisung
auf. Das Gericht hielt fest, bei Vorliegen eines Gesuchs um Familiennach-
zug sei eine Wegweisung nicht anzuordnen, bis über dieses Gesuch ent-
schieden worden sei (vgl. Urteil des BVGer D-2088/2020 vom 2. Juli 2020).
O.
Die unterzeichnende Richterin hat vorliegendes Verfahren im August 2020
vom vormaligen Instruktionsrichter übernommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen der Vorinstanz betreffend Familiennachzug im Sinne von
Art. 85 Abs. 7 des Ausländergesetzes vom 16. Dezember 2005 (AuG,
SR 142.20, seit 1. Januar 2019: Ausländer- und Integrationsgesetz [AIG];
vgl. dazu E. 3 hiernach) sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt anfechtbar (Art. 112 Abs. 1 AuG i.V.m. Art. 31 ff. VGG). Dieses ent-
scheidet in der vorliegenden Materie endgültig (vgl. Art. 83 Bst. c Ziff. 3
BGG).
F-1263/2018
Seite 5
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde
legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes sowie – falls nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Be-
gründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus an-
deren als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
Am 1. Januar 2019 hat das Ausländergesetz eine Teilrevision und Na-
mensänderung erfahren (Änderung des AuG vom 16. Dezember 2016,
AS 2018 3171). Parallel dazu sind entsprechende Anpassungen der Ver-
ordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbs-
tätigkeit (VZAE, SR 142.201, AS 2018 3173) in Kraft getreten. Eine gesetz-
liche Übergangsregelung fehlt, weshalb aufgrund allgemeiner Grundsätze
über das anwendbare Recht entschieden werden muss. Mangels vorherr-
schenden öffentlichen Interesses an einer unmittelbaren Anwendung der
neuen Bestimmungen ist vorliegend das AuG in seiner bis zum 31. Dezem-
ber 2018 geltenden Fassung massgebend. Dasselbe gilt für die VZAE, die
ebenfalls in der bis dahin geltenden Version zitiert wird (vgl. Urteil des
BVGer F-1975/2018 vom 30. April 2020 E. 3 m.H.).
4.
Gemäss Art. 85 Abs. 7 AuG können Ehegatten und ledige Kinder unter
18 Jahren von in der Schweiz vorläufig aufgenommenen Personen und
vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen frühestens drei Jahre nach Anord-
nung der vorläufigen Aufnahme nachgezogen und in diese eingeschlossen
werden. Voraussetzung dafür ist, dass sie zusammenwohnen (Bst. a), eine
F-1263/2018
Seite 6
bedarfsgerechte Wohnung vorhanden ist (Bst. b) und die Familie nicht auf
Sozialhilfe angewiesen ist (Bst. c). Diese Voraussetzungen müssen kumu-
lativ erfüllt sein. Diese Bestimmung wird in materieller Hinsicht in Art. 74
VZAE konkretisiert. Gemäss dessen Abs. 3 ist ein Familiennachzugsge-
such innerhalb von fünf Jahren zu stellen, sobald die zeitlichen Vorausset-
zungen gemäss Art. 85 Abs. 7 AuG erfüllt sind; geht es um den Nachzug
von Kindern im Alter von über zwölf Jahren, muss das Gesuch innerhalb
von zwölf Monaten nach diesem Zeitpunkt eingereicht werden. Ein nach-
träglicher Familiennachzug ist nur aus wichtigen familiären Gründen mög-
lich (Art. 74 Abs. 4 VZAE).
5.
5.1 Die Vorinstanz führt zur Begründung ihres ablehnenden Entscheids im
Wesentlichen aus, die gesetzlichen Voraussetzungen von Art. 85 Abs. 7
AuG seien nicht erfüllt, da die Karenzfrist von drei Jahren noch nicht abge-
laufen sei und die Beschwerdeführerin kein Einkommen erziele. Der Er-
werb ihres Sohnes genüge nicht, um den Grundbedarf gemäss Richtlinien
der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) für eine sechs-
köpfige Familie von Fr. 2'586.– zuzüglich weiterer Kosten zu decken. Die
Beschwerdeführerin könne sich zudem nicht auf Art. 8 EMRK berufen; mit
einem Aufenthalt von knapp vier Jahren als vorläufig aufgenommene Aus-
länderin ohne Flüchtlingseigenschaft verfüge sie weder über ein gefestig-
tes noch ein faktisches Anwesenheitsrecht.
5.2 In ihrer Beschwerde führt die Beschwerdeführerin an, sie sei aufgrund
der Pflegebedürftigkeit ihrer Schwiegereltern, der Betreuung ihrer Kinder
sowie der schwierigen Arbeitsmarktsituation für Personen mit einem
F-Ausweis zurzeit nicht erwerbstätig. Mit grosser Wahrscheinlichkeit sei je-
doch davon auszugehen, dass sich die finanzielle Situation der Familie
durch den Nachzug des Ehemannes verbessern würde, da dessen Chan-
cen für eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt gut seien. Die Vorinstanz
habe fälschlicherweise ausschliesslich auf die aktuelle Fürsorgeabhängig-
keit abgestellt, ohne sich dabei mit den kurz- und mittelfristigen beruflichen
und finanziellen Perspektiven der Beschwerdeführerin auseinanderzuset-
zen. Aufgrund der fortschreitenden Integration der Familie sei von einem
faktischen Anwesenheitsrecht auszugehen. Das Familienleben könne in
absehbarer Zeit nur in der Schweiz gelebt werden, weshalb die dreijährige
Wartefrist im Hinblick auf Art. 8 Abs. 1 EMRK nicht verhältnismässig sei.
Ferner hätten es die Behörden versäumt, die Asylgesuche der Familie in
der Schweiz und in Italien zu koordinieren.
F-1263/2018
Seite 7
5.3 In der Vernehmlassung hält die Vorinstanz fest, die Beschwerdeschrift
enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, weshalb
sie vollumfänglich an ihren Erwägungen festhalte.
5.4 In der Beschwerdeergänzung weist die Beschwerdeführerin darauf hin,
dass die dreijährige Karenzfrist nunmehr abgelaufen sei, weshalb sich eine
erneute Prüfung der Voraussetzungen aufdränge. Die Situation der Familie
habe sich in den letzten Jahren erneut stark verändert, was zu berücksich-
tigen sei.
5.5 Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels hält die Vorinstanz fest, das
Gesuch sei nicht nur wegen der zwischenzeitlich verstrichenen Wartefrist,
sondern auch aufgrund der Sozialhilfeabhängigkeit der Familie gemäss
Art. 85 Abs. 7 Bst. c AuG abgewiesen worden. Eine Änderung der Situation
der Familie sei nicht ersichtlich und werde von der Beschwerdeführerin
auch nicht näher dargelegt.
5.6 Replizierend bringt die Beschwerdeführerin vor, die Mutter von
B._ sei nun verstorben und sein Vater sei alt und pflegebedürftig.
Bereits diese Konstellation müsse zur Gutheissung des Familiennachzu-
ges führen. Weiter sei die Familie schrittweise in der Lage, sich von der
Sozialhilfe zu lösen. Es würden nur noch die zwei jüngeren Kinder
(geb. 2002 und 2007) bei der Beschwerdeführerin wohnen, womit lediglich
ein Budget für drei Personen zu berücksichtigen sei. Mit seiner nach der
Einreise in der Schweiz anzutretenden Erwerbstätigkeit könne ihr Ehe-
mann den entsprechenden Grundbedarf decken. Sodann zeichne sich das
Ende der Unterstützung ihres bald volljährigen Sohnes ab. Das Familien-
nachzugsgesuch sei jedoch auch aufgrund des persönlichen Härtefalls und
insbesondere gestützt auf Art. 8 EMRK gutzuheissen.
5.7 In ihrer Duplik führt die Vorinstanz an, die Beschwerdeführerin gehe
weiterhin keiner Erwerbstätigkeit nach und beziehe immer noch Sozialhilfe.
Trotz Reduktion auf einen Vierpersonenhaushalt könne mangels Einkom-
mens weiterhin keine der Ausgaben gedeckt werden. Selbst wenn sich die
Ausgaben für die Kernfamilie noch einmal reduzieren würden, gebe es
keine Hinweise, dass die Beschwerdeführerin in naher Zukunft eine Er-
werbstätigkeit aufnehmen werde. Ein hypothetisches Einkommen in unbe-
kannter Höhe könne auch nicht in Bezug auf den in Italien aufenthaltsbe-
rechtigten Ehemann berücksichtigt werden, da dieser hier keine konkrete
Stelle in Aussicht habe. Die zwischenzeitliche Aufenthaltsdauer der Be-
F-1263/2018
Seite 8
schwerdeführerin von fünfeinhalb Jahren ändere nichts am fehlenden fak-
tischen Anwesenheitsrecht, weshalb sie sich weiterhin nicht auf Art. 8
EMRK berufen könne.
5.8 Abschliessend legt die Beschwerdeführerin triplizierend dar, es sei ih-
rem Ehemann nicht möglich, ohne Aufenthaltsrecht in der Schweiz eine
Anstellung zu suchen, geschweige denn eine schriftliche Zusicherung hier-
für zu erhalten. Die Entwicklung ihrer Familie verlaufe aber weiterhin aus-
gesprochen positiv und dies sei entsprechend zu würdigen.
6.
Die Beschwerdeführerin rügt, die Asylverfahren in der Schweiz (Beschwer-
deführerin und ihre Kinder) und in Italien (Ehemann) hätten koordiniert wer-
den sollen. Die rechtskräftig abgeschlossenen Asylverfahren sind jedoch
nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung und damit auch nicht des
vorliegenden Verfahrens, weshalb nicht weiter auf die Rüge einzugehen
ist.
7.
7.1 Vorliegend ist unbestritten, dass die zeitlichen Voraussetzungen von
Art. 85 Abs. 7 AuG und Art. 74 Abs. 3 VZAE für den Familiennachzug in-
zwischen erfüllt sind. Wie es sich mit der bedarfsgerechten Wohnung ver-
hält, kann offenbleiben, da diese Voraussetzung zum Zeitpunkt der Einrei-
chung des Gesuchs noch nicht erfüllt zu sein braucht (vgl. Urteil des BVGer
F-7288/2014 vom 5. Dezember 2016 E. 5.2). Die Vorinstanz lehnte das
Gesuch in der zweiten Vernehmlassung vom 14. Mai 2019 und ihrer Duplik
vom 31. Juli 2019 ausschliesslich wegen der Sozialhilfeabhängigkeit der
Beschwerdeführerin ab. Zu prüfen bleibt demnach, wie es sich mit besag-
tem Erfordernis verhält (Art. 85 Abs. 7 Bst. c AuG).
7.2 Die Beschwerdeführerin gelangte im Frühjahr 2014 als Asylsuchende
in die Schweiz. Gemäss eigenen Angaben ging sie während ihres gesam-
ten bisherigen Aufenthalts nie einer Erwerbstätigkeit nach. Vielmehr ist ihre
Familie der eingereichten Sozialhilfebescheinigung des Vereins Asyl
F._ vom 14. Juni 2019 zufolge seit dem 19. Juni 2015 auf
Sozialhilfe angewiesen und wird vollumfänglich unterstützt (vgl. BVGer-
act. 10, Beilage 7). Die Beschwerdeführerin führt ihre Erwerbslosigkeit im
Wesentlichen auf die Pflege und Betreuung ihrer Schwiegereltern und Kin-
der zurück. Die Betreuung ihres pflegebedürftigen Schwiegervaters und
der bereits verstorbenen Schwiegermutter ist dahingehend zu relativieren,
F-1263/2018
Seite 9
als mit Unterstützung ihrer Söhne bei der Pflege ein gewisses Arbeitspen-
sum daneben durchaus möglich scheint. Die Kinderbetreuung steht der
Forderung der beruflichen Integration nicht entgegen, da gemäss SKOS-
Richtlinien eine Erwerbstätigkeit oder eine Teilnahme an einer Integrations-
massnahme spätestens erwartet wird, wenn ein Kind das erste Lebensjahr
vollendet hat (vgl. SKOS-Richtlinien 2020, C.1.3). Weiter ist dem Umstand
Rechnung zu tragen, dass sich der Ehemann der Beschwerdeführerin ge-
mäss eigenen Aussagen seit dem Jahr 2016 in der Schweiz aufhält und
bei seiner Familie lebt (vgl. Urteil des BVGer D-2088/2020 vom 2. Juli 2020
S. 2). Bemühungen der Beschwerdeführerin, die dadurch bewirkte Entlas-
tung zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu nutzen, sind nicht aktenkun-
dig. Aus den eingereichten Lohnabrechnungen der Söhne kann ebenfalls
nichts zu ihren Gunsten abgeleitet werden, da diese nicht mehr mit der
Beschwerdeführerin zusammen in einem Privathaushalt leben und allfäl-
lige relevante Unterstützungsleistungen der erwerbstätigen Söhne an die
Mutter nicht ersichtlich sind. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Be-
schwerdeführerin auch unter Berücksichtigung ihres Status als vorläufig
Aufgenommene, ihrer Rolle als zeitweise alleinerziehende Mutter und ihres
Engagements für ihre Schwiegereltern nicht alles ihr Zumutbare unternom-
men hat, um sich beruflich zu integrieren.
Vor dem beschriebenen Hintergrund bestehen keine realistischen Aussich-
ten, dass die Beschwerdeführerin ihre finanzielle Lage in Zukunft verbes-
sert. Mangels Erwerbstätigkeit dürfte sie selbst nach dem Auszug ihres
zweitjüngsten Sohnes von der Sozialhilfe abhängig bleiben. Die behaup-
tete Entlastung der Sozialhilfe im Falle eines Verbleibs ihres Ehemannes
in der Schweiz ist nicht ausreichend konkret. Dieser leidet gemäss eigenen
Aussagen sodann an gesundheitlichen Beschwerden und ist auf ärztliche
sowie medikamentöse Behandlung angewiesen (vgl. Urteil D-2088/2020
S. 6 Bst. T). Eine Zusicherung für eine feste Arbeitsstelle liegt nicht vor. Ein
rein hypothetisches Einkommen des Nachzuziehenden muss jedoch mit
einer gewissen Wahrscheinlichkeit realisierbar sein; Anhaltspunkte dazu
liegen nicht vor. Damit ist im Falle eines Familiennachzugs von einer fort-
gesetzten und erheblichen Sozialhilfeabhängigkeit auszugehen.
7.3 Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass die Voraussetzung
der fehlenden Sozialhilfeabhängigkeit gemäss Art. 85 Abs. 7 Bst. c AuG
vorliegend nicht erfüllt ist.
F-1263/2018
Seite 10
8.
Zu prüfen bleibt, ob die Verweigerung des Familiennachzugs mit dem An-
spruch auf Schutz des Familienlebens im Sinne von Art. 8 EMRK vereinbar
ist.
8.1 Art. 8 Ziff. 1 EMRK garantiert den Schutz des Familienlebens, welches
in erster Linie die Kernfamilie, das heisst die Gemeinschaft der Ehegatten
mit ihren minderjährigen Kindern, umfasst (vgl. BGE 135 I 143 E. 1.3.2 und
129 II 11 E. 2). Die Garantie kann verletzt sein, wenn einer ausländischen
Person, deren Familienangehörige in der Schweiz weilen, die Anwesenheit
untersagt und damit das Familienleben vereitelt wird. Das in Art. 8 EMRK
beziehungsweise Art. 13 BV geschützte Recht ist gemäss Rechtsprechung
des Bundesgerichts berührt, wenn eine nahe, echte und tatsächlich ge-
lebte familiäre Beziehung einer gefestigt anwesenheitsberechtigten Person
beeinträchtigt wird, ohne dass es dieser möglich beziehungsweise zumut-
bar wäre, ihr Familienleben andernorts zu pflegen (BGE 144 II 1 E. 6.1;
143 I 21 E. 5.1; 139 I 330 E. 2.1). Die Beziehung zu Familienmitgliedern
ausserhalb der Kernfamilie fällt nur bei einer besonderen Nähe oder einem
besonderen Abhängigkeitsverhältnis unter den erweiterten Schutzbereich
von Art. 8 Ziff. 1 EMRK (vgl. zum Ganzen BGE 144 II 1 E. 6.1; 144 I 266
E. 3.3). Von einer gefestigten Anwesenheitsberechtigung wird bei Vorlie-
gen des Schweizer Bürgerrechts, einer Niederlassungsbewilligung oder ei-
ner Aufenthaltsbewilligung, die ihrerseits auf einem gefestigten Rechtsan-
spruch beruht, ausgegangen (BGE 135 I 143 E. 1.3.1; 130 II 281 E. 3.1).
In Ausnahmefällen können sich auch Personen auf Art. 8 Abs. 1 EMRK
berufen, deren Anwesenheit rechtlich nicht geregelt ist beziehungsweise
die allenfalls über kein (gefestigtes) Aufenthaltsrecht verfügen, deren An-
wesenheit aber faktisch als Realität hingenommen wird beziehungsweise
die aus objektiven Gründen hingenommen werden muss (vgl. BGE 138 I
246 E. 3.3.1; BGE 130 II 281 E. 3.2.2).
8.2 Die mit dem Nachzuziehenden religiös angetraute Beschwerdeführerin
und ihr jüngster, minderjährige Sohn, welche beide unbestrittenermassen
der Kernfamilie angehören, befinden sich seit März 2014 in der Schweiz
und erhielten am 3. November 2015 die vorläufige Aufnahme. Gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung verfügen sie somit nicht über ein ge-
festigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Angesichts der kurzen Dauer ih-
res Aufenthalts hierzulande kann nicht davon ausgegangen werden, dass
es sich bei dieser Konstellation um eine Ausnahmesituation im vorerwähn-
ten Sinn handelt. In Bezug auf die volljährigen Söhne fällt eine Berufung
auf Art. 8 Ziff. 1 EMRK ebenfalls ausser Betracht, da sie nicht mehr zur
F-1263/2018
Seite 11
Kernfamilie zählen und auch keine besonders nahe Beziehung oder ein
besonderes Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Vater im Sinn der zitierten
Rechtsprechung geltend gemacht wird. Gleiches gilt bezüglich des Vaters
von B._, dessen Pflege im Übrigen durch die anderen Familienmit-
glieder gewährleistet werden kann. Die Beschwerdeführerin kann sich da-
mit nicht auf Art. 8 EMRK berufen.
9.
Nach dem Gesagten erweist sich die Abweisung des Familiennachzugsge-
suchs gestützt auf Art. 85 Abs. 7 AuG als rechtmässig (Art. 49 VwVG). Die
Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Verfahrensausgang würde die Beschwerdeführerin grund-
sätzlich kostenpflichtig (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit der Rechtsmitteleingabe
ersuchte sie jedoch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
Das Bundesverwaltungsgericht verschob mit Zwischenverfügung vom
27. März 2018 den Entscheid darüber auf einen späteren Zeitpunkt.
10.2 Gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG kann eine Partei, die nicht über die er-
forderlichen Mittel verfügt und deren Begehren nicht als aussichtslos er-
scheinen, auf Gesuch hin von der Bezahlung von Verfahrenskosten befreit
werden. Da die vorliegende Beschwerde nicht als aussichtslos zu bezeich-
nen war und die prozessuale Bedürftigkeit aktenmässig erstellt ist, ist das
Gesuch um Befreiung von den Verfahrenskosten gutzuheissen. Demnach
ist auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
F-1263/2018
Seite 12