Decision ID: 0c9b554b-f54e-4b44-a261-b3ff89b33536
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
M._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a M._, geboren 1959, meldete sich erstmals am 12. Oktober 1999 zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Insbesondere infolge chronischem
Schwindel war er in seiner damaligen Tätigkeit als Chauffeur ab 15. Juni 1998 100%
arbeitsunfähig. Nachdem der Versicherte ab 1. März 2000 eine neue Tätigkeit bei der
A._ AG, Kanalsanierungen, gefunden hatte und dort ein rentenausschliessendes
Einkommen erzielte, wurde ihm mit Verfügung vom 22. Februar 2001 für den Zeitraum
vom 1. Juni 1999 bis 29. Februar 2000 eine ganze IV-Rente ausgerichtet (IV-act. 32).
A.b Am 16. September 2005 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von IV-
Leistungen (Berufsberatung, Umschulung auf eine neue Tätigkeit, Rente) an (IV-act.
33). Dabei machte er geltend, seit November 2004 an einer Fussverletzung zu leiden,
welche sich immer mehr auf den Rücken auswirke. Das Arbeitsverhältnis als Monteur
bei der A._ AG wurde durch die Arbeitgeberin auf den 30. September 2005 aufgelöst,
wobei der letzte effektive Arbeitstag der 18. Januar 2005 war (IV-act. 44).
A.c Im Arztbericht vom 5. Oktober 2005 diagnostizierte Dr. med. B._, Orthopäde,
eine Lumboischialgie rechts bei Osteochondrose L4/5. Er hielt den Versicherten in
seiner bisherigen Tätigkeit als Monteur ab 18. Januar 2005 für 100% arbeitsunfähig (IV-
act. 43-3/9). Im Weitern führte Dr. B._ aus, dass die Leistungsfähigkeit in der
bisherigen Tätigkeit durch die stationäre Rehabilitation wieder sollte normalisiert
werden können. Möglich sei, dass auch nach der stationären Rehabilitation eine
Begrenzung der Belastung bezüglich Gewicht notwendig sei (IV-act. 43-7/9). Vom 16.
August bis 12. September 2005 hatte sich der Versicherte zur stationären
Rehabilitation in der Rheinburg-Klinik Walzenhausen aufgehalten. Im entsprechenden
Austrittsbericht vom
14. September 2005 wird festgestellt, dass der Versicherte in seiner bisher
ausgeführten Tätigkeit nicht mehr 100% arbeitsfähig sei. Wechselnd belastende
Tätigkeiten bei leichter körperlicher Arbeit mit sukzessiver Steigerung, beginnend ab
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
50%, wurden für durchaus möglich erachtet (IV-act. 45-6/17). Dr. med. C._n, der
Hausarzt des Versicherten, stellte in seinem Arztbericht vom 11. Oktober 2005
folgende Diagnosen (mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit):
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom rechts mit intermittierenden
Rückenbeschwerden, degenerative Veränderungen der LWS von LW3-S1,
Diskushernie L4/5 links, mässige Spondylarthrose. Der Gesundheitszustand sei
besserungsfähig. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit sei er unfallbedingt ab 3. Januar
und anschliessend krankheitsbedingt ab 19. Januar 2005 bis auf Weiteres zu 100%
arbeitsunfähig (IV-act. 45-1/17). Die Rehabilitation in der Rheinburg-Klinik habe eine
gewisse Besserung gebracht. Dennoch sei der Versicherte durch seine Schmerzen
sehr eingeschränkt. Aus hausärztlicher Sicht sei zunehmend eine ausgeprägte
psychische Überlagerung mit Schmerzverarbeitungsstörung zu erkennen (IV-act.
45-2/17). Im jetzigen Zeitpunkt scheine eine Arbeitssteigerung im angestammten Beruf
nicht möglich zu sein. An einem Arbeitsplatz mit fehlender Belastung und wechselnder
Position sei ohne weiteres eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit zu erwarten (IV-act.
45-3/17). Jede den Rücken nicht belastende Tätigkeit mit wechselnden Positionen sei –
primär in Teilzeit, mit allfälliger Steigerung – zumutbar. Infolge der zunehmend auch
psychischen Überlagerung scheine eine ausführliche Abklärung in einer MEDAS
sinnvoll zu sein (IV-act. 45-4/17). Aufgrund der Stellungnahme des regionalen ärztlichen
Dienstes (RAD) vom 27. Dezember 2005 (IV-act. 48) wurde bei der MEDAS
Zentralschweiz eine polydisziplinäre Begutachtung in Auftrag gegeben. Im MEDAS-
Gutachten vom 26. April 2007 wurden als Diagnosen mit wesentlicher Einschränkung
der zumutbaren Arbeitsfähigkeit ein chronisches lumbo- sowie zervikospondylogenes
Syndrom und eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (mit Panikstörung und
generalisierter Angststörung, subsyndromaler leichtgradiger Depression, residuellen
Sprunggelenk- und Knieschmerzen rechts sowie manifester Aggravation) gestellt. Als
Diagnosen ohne wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit wurden eine
Adipositas sowie eine arterielle Hypertonie erwähnt (IV-act. 58-22f./42). In Bezug auf
die Arbeitsfähigkeit wurde im Gutachten ausgeführt, dass der Versicherte in der zuletzt
ausgeübten Tätigkeit als Kanalisations-Monteur nicht mehr arbeitsfähig sei, wobei vor
allem die rheumatologischen und viel weniger die psychiatrischen Befunde limitierend
seien. Für eine körperlich leichte, wechselnd belastende Tätigkeit bestehe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausschliesslich aus psychiatrischen Gründen eine Arbeitsfähigkeit von 80% (IV-act.
58-23/42).
A.d In der Folge wurden von der IV-Stelle Eingliederungsabklärungen eingeleitet (IV-
act. 60). Im Fragebogen zur beruflichen Abklärung vom 24. Mai 2007 teilte der
Versicherte mit, dass er nicht bereit sei, eine Stelle anzutreten, an
Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen oder sich selbst regelmässig zu bewerben.
Wegen seiner Krankheit sei er nicht bereit, sich für einen Beruf zu bewerben (IV-act.
65-2/2). Dies bestätigte der Versicherte auch anlässlich eines Besuches des
Eingliederungsberaters vom 5. Juni 2007, welcher daraufhin mit Schlussbericht vom 8.
Juni 2007 den Fall abschloss, da sich der Versicherte subjektiv nicht arbeitsfähig fühle
(IV-act. 69).
A.e Am 5. Juli 2007 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass zur Zeit keine
Arbeitsvermittlung möglich sei und die Arbeitsvermittlung deshalb abgeschlossen
werde. Wenn sich die Verhältnisse ändern würden, könne ein neues Gesuch
eingereicht werden (IV-act. 77). Ebenfalls am 5. Juli 2007 wurde dem Versicherten bei
einem IV-Grad von 42% eine Viertelsrente mit Wirkung ab 1. Januar 2006 in Aussicht
gestellt (IV-act. 79). Mit Eingabe vom 3. September und Ergänzung vom 6. Oktober
2007 erhob der Versicherte Einwand gegen den Vorbescheid und beantragte die
Zusprechung mindestens einer halben Rente. Zur Begründung machte er geltend, es
sei bei der Festlegung des Invalideneinkommens von einem zu hohen Tabellenlohn
ausgegangen worden und zudem sei ein Leidensabzug von 25% zu gewähren (IV-act.
80 und 88). Am 9. November bzw. 13. Dezember 2007 verfügte die IV-Stelle
entsprechend dem Vorbescheid (IV-act. 90 bis 95).
B.
B.a Dagegen richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 6. Dezember 2007 mit dem
Antrag, die Verfügung vom 9. November 2007 sei aufzuheben und es sei dem
Beschwerdeführer mindestens eine halbe Invalidenrente zuzusprechen. Der
Beschwerdeführer bemängelt wie bereits im Einwand gegen den Vorbescheid einzig
die Festlegung des Invalideneinkommens und diesbezüglich insbesondere den
Umstand, dass die Beschwerdegegnerin lediglich einen Leidensabzug von 10%
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorgenommen habe. Es sei jedoch zwingend ein solcher von 25% zu gewähren. Dies
rechtfertige sich allein aufgrund der Tatsache, dass der Beschwerdeführer vor Eintritt
des Gesundheitsschadens körperlich schwere Arbeit verrichtet habe und jetzt nur noch
leichte Arbeit leisten könne (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 4. Februar
2008 die Abweisung der Beschwerde. Sie macht insbesondere geltend, dass keine
bedeutenden Einschränkungen des Leistungsvermögens vorhanden seien, die einen
höheren Abzug rechtfertigen würden. Zudem komme kein Teilzeitabzug in Frage (act.
G 4).
B.c Mit Eingabe vom 10. Juli 2008 reichte der Beschwerdeführer ein ärztliches Zeugnis
des Hausarztes Dr. C._ vom 30. Juni 2008 nach, mit welchem eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit seit dem 1. Januar 2005 bis auf weiteres attestiert wird (act. G 7).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
467 E. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der streitigen Verfügung (9. November 2007) eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist
(BGE 121 V 366 E. 1b), sind vorliegend die bis zum 31. Dezember 2007 geltenden
materiellen Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG).
Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder
geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für
einen allfälligen Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG
durch einen Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der
notwendigen und zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt wird zum Einkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie
nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG (bzw. Art. 28
Abs. 1 IVG in der bis Ende 2007 gültigen Fassung) besteht der Anspruch auf eine
ganze Invalidenrente, wenn der Versicherte mindestens zu 70%, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn er wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
2.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen).
2.3 Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und demnach zu
prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung des strittigen
Leistungsanspruches gestatten. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichts ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis
der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 Erw. 3a). Was
Parteigutachten anbelangt, rechtfertigt der Umstand allein, dass eine ärztliche
Stellungnahme von einer Partei eingeholt und in das Verfahren eingebracht wird, nicht
Zweifel an ihrem Beweiswert (ZAK 1986 S. 189 Erw. 2a in fine, BGE 122 V 161 Erw. 1c).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Daraus folgt indessen nicht, dass eine solche Expertise den gleichen Rang besitzt wie
ein vom Gericht oder von der IV-Stelle nach Massgabe des anwendbaren
Verfahrensrechts eingeholtes Gutachten. Trotz dieser beschränkten Bedeutung
verpflichtet es indessen, wie jede substantiiert vorgetragene Einwendung gegen eine
solche Expertise, das Gericht, den von der Rechtsprechung aufgestellten Richtlinien für
die Beweiswürdigung folgend, zu prüfen, ob es in rechtserheblichen Fragen die
Auffassungen und Schlussfolgerungen des vom Gericht oder von der IV-Stelle förmlich
bestellten Gutachters derart zu erschüttern vermag, dass davon abzuweichen ist (AHI
2001 S. 112, 115). In Bezug auf Atteste von Hausärzten darf und soll das Gericht der
Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass Hausärzte mitunter im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten
aussagen (BGE 125 V 351 Erw. 3b.cc; SVR 2001 IV Nr. 8 Erw. 3b.cc).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin stellte in der Beurteilung des Leistungsanspruchs auf die
Einschätzung im polydisziplinären Gutachten der MEDAS Zentralschweiz vom 26. April
2007 mit rheumatologischem und psychiatrischem Konsilium ab. Der Rheumatologe
diagnostizierte ein chronisches lumbospondylogenes Syndrom bei Fehlstatik und
generalisierten degenerativen Veränderungen, ein chronisches zervikospondylogenes
Syndrom bei degenerativen Veränderungen sowie – ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit – ein residuelles Schmerzsyndrom am rechten oberen Sprunggelenk
und rechten Knie ohne fassbares pathologisches strukturelles Korrelat. Bezüglich der
zuletzt ausgeübten, körperlich schweren und rückenhygienisch ungünstigen Tätigkeit
als Kanalisationsarbeiter sei der Versicherte aufgrund der Befunde am
Bewegungsapparat 100% arbeitsunfähig. Bei einer körperlich leichten,
wechselbelastenden Arbeit bestehe aus rheumatologischer Sicht keine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit (IV-act. 58-33/42). Der Psychiater kam zum Schluss, dass neben
einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung eine Panikstörung, eine
generalisierte Angststörung und eine subsyndromale (leichte) Depression feststellbar
seien. Aufgrund dieser Befunde sei das Selbstvertrauen, der Antrieb, die Konzentration
und die Ausdauer leicht beeinträchtigt. Der Versicherte könne zwar im Moment
aufgrund der psychischen Störungen zeitlich nur wenig eingeschränkt arbeiten, d.h.
eine Präsenzzeit von 90-100% sei möglich. Aber die Leistungen seien im Ausmass von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
etwa 20% eingeschränkt. Aus psychiatrischer Sicht könne sowohl für die bisherige als
auch für eine Verweistätigkeit von einer Arbeitsunfähigkeit von etwa 20% ausgegangen
werden (IV-cat. 58-41/42). Zusammenfassend wurde im Gutachten die Arbeitsfähigkeit
des Versicherten für eine körperlich leichte, wechselnd belastende Tätigkeit
ausschliesslich aus psychischen Gründen auf 80% veranschlagt (IV-act. 58-23/42).
3.2 Die MEDAS-Gutachter stützten ihre Beurteilung auf die Vorakten, auf die eigene
persönliche Befragung des Beschwerdeführers und die eigenen internistischen,
rheumatologischen und psychiatrischen Untersuchungen am 13. und 14. März 2007.
Dieses polydisziplinäre Gutachten erfüllt sämtliche rechtsprechungsgemässen Kriterien
der Beweistauglichkeit. Es ist für die strittigen Belange umfassend, beruht auf
allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt die beklagten Beschwerden und ist in
Kenntnis der Vorakten abgegeben worden. Zudem sind die Ausführungen in der
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation
einleuchtend und beinhalten begründete Schlussfolgerungen. Es sind keine Gründe
ersichtlich, weshalb nicht auf dieses Gutachten abgestellt werden sollte. Die
Schlussfolgerungen im Gutachten werden vom Beschwerdeführer denn auch nicht
konkret beanstandet. Das nachgereichte einfache Arztzeugnis des Hausarztes vom 30.
Juni 2008 bestätigt eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit ab 1. Januar 2005 bis auf
Weiteres (act. G 7.1.1), wobei unklar ist, auf welche Tätigkeiten sich diese Angabe
bezieht. Sollte damit die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Kanalisationsmitarbeiter
gemeint sein, stimmt diese Einschätzung mit den Schlussfolgerungen im MEDAS-
Gutachten überein. Für die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit kann diese Arbeitsunfähigkeitsbestätigung des Hausarztes nicht relevant sein.
3.3 Zusammenfassend ist aufgrund des polydisziplinären MEDAS-Gutachtens vom
26. April 2007 von einer Arbeitsfähigkeit im Umfang von 80% in einer
leidensangepassten, d.h. körperlich leichten, wechselnd belastenden Tätigkeit
auszugehen.
4.
Der Beschwerdeführer hat durch seine Beschwerde gegen die Verfügung vom 9.
November 2007 das gesamte Rechtsverhältnis "Rentenanspruch" zum Gegenstand
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seiner Beschwerde gemacht. Anfechtungsgegenstand bildet somit dieses
verfügungsweise festgelegte Rechtsverhältnis. Auch wenn – was die Regel ist –
lediglich einzelne Elemente der Rentenfestsetzung beanstandet werden, bedeutet dies
nicht, dass die unbestrittenen Teilaspekte in Rechtskraft erwachsen und demzufolge
der richterlichen Überprüfung entzogen sind. Die Beschwerdeinstanz prüft vielmehr von
den Verfahrensbeteiligten nicht aufgeworfene Rechtsfragen und nimmt allenfalls selber
zusätzliche Abklärungen vor (BGE 125 IV 415 E. 2; vgl. auch Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, N 50 zu Art. 61 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung). Die Ausführungen
der Beschwerdegegnerin, wonach der Beschwerdeführer in Bezug auf die nicht
bemängelten Punkte der Festlegung des IV-Grades "zu behaften" sei (act. G 4, Ziff. III/
1), sind demnach unzutreffend. Im Folgenden ist daher auch der Einkommensvergleich
und mithin auch das Valideneinkommen zu überprüfen.
5.
5.1 Unter dem Valideneinkommen ist jenes Einkommen zu verstehen, welches die
versicherte Person als Gesunde tatsächlich erzielen würde. Die Einkommensermittlung
hat so konkret wie möglich zu erfolgen. Massgebend ist, was die versicherte Person
aufgrund ihrer beruflichen Fähigkeiten und persönlichen Umstände unter
Berücksichtigung ihrer beruflichen Weiterentwicklung, soweit hiefür hinreichend
konkrete Anhaltspunkte bestehen, zu erwarten gehabt hätte. Da nach empirischer
Feststellung in der Regel die bisherige Tätigkeit im Gesundheitsfall weitergeführt
worden wäre, ist Anknüpfungspunkt für die Bestimmung des Valideneinkommens
häufig der zuletzt erzielte, der Teuerung sowie der realen Einkommensentwicklung
angepasste Verdienst. Entscheidend ist, was der Versicherte im massgebenden
Zeitpunkt nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunder
tatsächlich verdienen würde. Nicht auf den zuletzt erzielten Lohn kann abgestellt
werden, wenn dieser offensichtlich nicht dem Einkommen entspricht, das die
versicherte Person im Gesundheitsfall nach überwiegender Wahrscheinlichkeit in der
Lage gewesen wäre zu realisieren. Lässt sich aufgrund der tatsächlichen Verhältnisse
das ohne gesundheitliche Beeinträchtigung realisierte Einkommen nicht hinreichend
genau beziffern, ist auf Erfahrungs- und Durchschnittswerte abzustellen. Auf sie darf
jedoch im Rahmen der Invaliditätsbemessung nur unter Mitberücksichtigung der für die
Entlöhnung im Einzelfall gegebenenfalls relevanten persönlichen und beruflichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Faktoren abgestellt werden (Urteil des Bundesgerichts vom 27. Dezember 2006, I
173/06, Erw. 5.1 mit Hinweisen auf Rechtsprechung und Literatur).
5.2 Die Beschwerdegegnerin stellte beim Valideneinkommen offensichtlich auf die
Angaben der Arbeitgeberin im Fragebogen vom 10. Oktober 2005 ab. Damals führte
die A._ AG aus, der Beschwerdeführer würde heute für die zuletzt bei ihr ausgeübte
Tätigkeit Fr. 66'000.- verdienen (IV-act. 44). Darin noch nicht enthalten ist jedoch der
jeweils ausbezahlte 13. Monatslohn von Fr. 5'500.-, sodass sich das Jahreseinkommen
auf Fr. 71'500.- belaufen würde. Davon ist auch die Beschwerdegegnerin für das Jahr
2004 ausgegangen und berechnete unter Berücksichtigung der Lohnentwicklung bis
2007 ein massgebendes Valideneinkommen von Fr. 73'739.- (IV-act. 73). Indessen geht
aus den Akten hervor, dass der Beschwerdeführer in den Jahren zuvor – mit Ausnahme
des Jahres 2002 – jeweils Überstunden geleistet und daher ein deutlich höheres
Einkommen erzielt hatte (2000 [mit Arbeitsbeginn am 1. März, vgl. IV-act. 58-12/42 und
act. 38]: Fr. 82'820.-; 2001: Fr. 80'210.-; 2002: Fr. 71'500.-; 2003: Fr. 79'900.-; 2004:
Fr. 83'778.-; vgl. IV-act. 38 und act. 55-2 und 3/4). Dieser regelmässig erzielte
Mehrverdienst ist bei der Festsetzung des Valideneinkommens im Rahmen eines
Durchschnittswerts zu berücksichtigen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 16. Januar
2006, I 273/05, Erw. 3.1.2). Daraus ergibt sich ein massgebender durchschnittlicher
Jahresverdienst in der Zeit von März 2000 bis Ende 2004 von Fr. 82'388.- (Fr.
398'208.- : 58 Mte. x 12 Mte.).
5.3 Streitig ist im Rahmen der Invaliditätsbemessung die Höhe des Abzuges nach
BGE 126 V 75 ff. bei der Festsetzung des Einkommens nach Eintritt der Invalidität
(Invalideneinkommen), welches im vorliegenden Fall zu Recht anhand der vom
Bundesamt für Statistik herausgegebenen Schweizerischen Lohnstrukturerhebung
(LSE) ermittelt worden ist, zumal der Beschwerdeführer seine Resterwerbsfähigkeit
zurzeit nicht ausschöpft. Im Jahr 2004 verdienten Männer im Anforderungsniveau 4 bei
der betriebsüblichen durchschnittlichen Arbeitszeit von 41.6 Wochenstunden
Fr. 57'258.- (Fr. 4'588.- x 12 : 40h x 41.6h; vgl. LSE 2004, Tabelle TA1, S. 53). Da
davon auszugehen ist, dass sich das Validen- und Invalideneinkommen in etwa gleich
entwickeln werden, können die entsprechenden Einkommenszahlen aus
zurückliegenden Jahren ohne Anpassung an die teuerungsbedingte Lohnentwicklung
einander gegenübergestellt werden. Bei einer Arbeitsfähigkeit von 80% resultiert ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einkommen von Fr. 45'806.-. Die Beschwerdegegnerin hat zusätzlich einen
"Leidensabzug" von 10% anerkannt (IV-act. 71 und 73).
5.4 Der oftmals als "Leidensabzug" bezeichnete Abzug hat mit dem Leiden als
solchem nichts zu tun. Vielmehr sollen damit jene Nachteile ausgeglichen werden,
welche die versicherte Person mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung dadurch
erleidet, dass das Invalideneinkommen ausgehend von statistisch erhobenen
Durchschnittslöhnen ermittelt wird. Dies bewirkt - neben der Arbeitsunfähigkeit - auf
den realen Arbeitsmarkt bezogen nicht selten eine zusätzliche Lohneinbusse. Denn die
Durchschnittslöhne, die Ausgangsbasis zur Ermittlung des zumutbaren
Invalideneinkommens bilden, werden von gesunden Arbeitskräften erzielt. In
BGE 126 V 75 neues Fenster hat das Bundesgericht festgestellt, dass die Frage, ob
und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen
persönlichen und beruflichen Umständen des konkreten Einzelfalls (leidensbedingte
Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad) abhängig ist. Der Einfluss sämtlicher Merkmale auf das
Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen, d.h.
dass nicht für jedes Merkmal der entsprechende Abzug zu quantifizieren ist und die
einzelnen Abzüge zusammenzuzählen sind. Schliesslich ist der Abzug auf höchstens
25% zu begrenzen. Bei der Überprüfung des gesamthaft vorzunehmenden Abzugs darf
das Sozialversicherungsgericht sein Ermessen nicht ohne triftigen Grund an die Stelle
desjenigen der Verwaltung setzen; es muss sich somit auf Gegebenheiten abstützen
können, die seine abweichende Ermessensausübung als nahe liegender erscheinen
lassen.
5.5 Vorliegend ist zunächst zu berücksichtigen, dass teilzeitbeschäftigte Männer in der
Regel überproportional weniger verdienen als Vollzeitangestellte. Bei Arbeitsplätzen mit
dem Anforderungsniveau 4 entspricht die Lohneinbusse zwischen einem
Beschäftigungsgrad von mehr als 90% und einem solchen von 75 – 89% rund 6% (vgl.
z.B. Tabelle T2* der LSE 2006 S. 16). Es erscheint daher vorliegend ein Abzug vom
Tabellenlohn für diesen Nachteil bei Teilzeitbeschäftigung in der Höhe von rund 6%
angemessen (vgl. BGE 124 V 321 E. 3b.aa; AHI 1998 S. 175 E. 4b, S. 287 E. 3b). Dieser
Abzug rechtfertigt sich im Übrigen nicht nur bei Teilzeitarbeit als solcher, sondern auch
bei einem ganztägigen Einsatz bei reduzierter Leistungsfähigkeit (vgl. Urteil des
https://swisslex.westlaw.com/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=BGEx126xVx75_82&AnchorTarget=BGEx126xVx75
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesgerichts vom 8. Januar 2008, 9C_603/07, E. 4.2.3; vgl. auch Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 17. März 2009, IV 2007/268 Erw. 4.2.3). Das Gesagte
bedeutet nicht, dass der Beschwerdeführer nur einen statistisch ausgewiesenen
Lohnnachteil von ca. 6% bei Teilzeitarbeit erleiden würde. Er weist nämlich gegenüber
gesunden zu 80% beschäftigten Hilfsarbeitern eine Reihe von Konkurrenznachteilen
auf: Er stellt für einen potentiellen Arbeitgeber ein höheres Risiko krankheitsbedingter
Absenzen dar; er ist weniger flexibel, weil er nicht ohne weiteres vorübergehend an
einem anderen, nicht adaptierten Arbeitsplatz eingesetzt werden und weil er nicht bei
Bedarf den Beschäftigungsgrad vorübergehend erhöhen oder sogar Überstunden
leisten kann, und er benötigt mehr Rücksichtnahme seitens der Arbeitskollegen und
Vorgesetzten als ein gesunder Hilfsarbeiter in derselben adaptierten Tätigkeit. Diesen
Konkurrenznachteil gegenüber dem gesunden zu 80% beschäftigten Hilfsarbeiter muss
der Beschwerdeführer durch einen unterdurchschnittlichen Lohn kompensieren, damit
ein potentieller Arbeitgeber nicht zum vornherein einen der gesunden Konkurrenten für
einen adaptierten Arbeitsplatz auswählt. Der konkrete Konkurrenznachteil rechtfertigt
aber entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers keineswegs eine Ausnützung
der maximal zulässigen Abzugsmöglichkeit von 25%. Im Hinblick darauf, dass der
Beschwerdeführer in einer körperlich leichten Tätigkeit – mit Ausnahme des reduzierten
Beschäftigungsgrades – nicht zusätzlich eingeschränkt ist, hat die
Beschwerdegegnerin mit dem gewährten Abzug von insgesamt 10% die zu
erwartenden lohnmässigen Nachteile im Ergebnis angemessen berücksichtigt. Im
Rahmen der Ermessenskontrolle ist dieser Abzug von gesamthaft 10% nicht zu
beanstanden. Bei einem zumutbaren Arbeitspensum von 80% und unter
Berücksichtigung eines Abzugs von 10% ergibt sich ein Invalideneinkommen von Fr.
41'226.- (Fr. 57'258.- x 0,8 x 0,9).
5.6 Bei einem Valideneinkommen von Fr. 82'388.- und einem massgebenden
Invalideneinkommen von Fr. 41'226.- ergibt sich bei einer Lohneinbusse von Fr.
41'122.- ein Invaliditätsgrad von (gerundet; vgl. BGE 130 V 123 Erw. 3.2) 50%. Damit
besteht seit 1. Januar 2006, dem Ablauf der einjährigen Wartezeit (Art. 29 Abs. 1 lit b
IVG), welche mit dem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit im Januar 2005 (IV-act. 43-3/9, act.
45-1/17) begann, ein Anspruch auf eine halbe Rente der Invalidenversicherung.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
6.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gegen die Verfügung
vom 9. November 2007 gutzuheissen mit der Feststellung, dass der Beschwerdeführer
mit Wirkung ab 1. Januar 2006 Anspruch auf eine halbe Rente der
Invalidenversicherung hat.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1'000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-
erscheint als angemessen. Da die Beschwerdegegnerin unterliegt, hat sie die
Gerichtsgebühr von Fr. 600.- zu bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr.
600.00 wird dem Beschwerdeführer zurückerstattet.
6.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Der Beschwerdeführer war bis zur
Mandatsniederlegung am 14. November 2008 anwaltlich vertreten (act. G 9). Die
Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht
auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75)
pauschal Fr. 750.-- bis Fr. 7'500.--. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
verzichtete auf das Einreichen einer Kostennote. Im vorliegenden Fall wurde ein
einfacher Schriftenwechsel durchgeführt. Zudem enthält die Beschwerdeschrift die
identischen Ausführungen wie die Einwände im Vorbescheidsverfahren (IV-act. 96 und
act. G 1), was den Aufwand im Beschwerdeverfahren erheblich reduzierte. Und für die
Anwaltskosten im Vorbescheidsverfahren wurde dem Beschwerdeführer infolge
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung bereits eine
Parteientschädigung zugesprochen (IV-act. 93). Unter diesen Umständen erscheint
eine Parteientschädigung für das Beschwerdeverfahren von Fr. 2000.- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte