Decision ID: 25c48112-1bb4-51d0-9ec5-25b182455f7c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der damals minderjährige Beschwerdeführer, ein eritreischer Staats-
angehöriger tigrinischer Ethnie mit letztem Aufenthalt in B._ (Pro-
vinz C._), verliess Eritrea gemäss eigenen Angaben illegal im Feb-
ruar 2015 und gelangte über den Sudan, Libyen und Italien am 11. Au-
gust 2015 in die Schweiz. Am 13. August 2015 stellte er ein Asylgesuch.
Die Befragung zur Person fand am 28. August 2015 statt (BzP; Protokoll in
den SEM-Akten A13/12; nachfolgend: A13). Am selben Tag meldete das
SEM dem zuständigen Kanton den Beschwerdeführer als unbegleitete
minderjährige asylsuchende Person (UMA) und bat um Einleitung der ent-
sprechenden Schutzmassnahmen. Am 22. Juni 2016 wurde der Beschwer-
deführer in Anwesenheit seiner Vertrauensperson zu seinen Asylgründen
angehört (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten A28/20; nachfolgend:
A28).
A.b Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer anlässlich der
BzP im Wesentlichen aus, er habe von seiner Geburt bis zu seiner Ausreise
im Februar 2015 in B._ gelebt. Zwischen März und Mai 2014, als er
in der 9. Klasse gewesen sei, habe er während zwei Monaten unerlaubt in
der Schule gefehlt, weil er auf dem Land habe arbeiten müssen. Anfang
Juni 2014 habe er innerhalb einer Woche zwei schriftliche Aufgebote von
der Verwaltung erhalten. Mit dem ersten Aufgebot sei er aufgefordert wor-
den, zum Schuldirektor zu gehen. Dieser habe ihm zwar erlaubt, das Schul-
jahr zu beenden, für das 10. Schuljahr sei er aber suspendiert worden. Im
zweiten Aufgebot sei er aufgefordert worden, am nächsten Tag bei der Po-
lizei zu erscheinen. Er sei nicht hingegangen, vermute aber, dass er dort
das Aufgebot für den Militärdienst erhalten hätte. Letztmals habe er im
Juli 2014 die Schule besucht. Wegen seiner Angst, Militärdienst leisten zu
müssen, habe er sich zur Ausreise entschieden und im Februar 2015 das
Land illegal verlassen.
Bei der Anhörung machte er im Wesentlichen geltend, die Schule in der
9. Klasse im Jahr 2014 abgebrochen zu haben, er könne sich aber auf-
grund des Zeitablaufs nicht mehr an den Monat erinnern. Seine Mutter sei
damals erkrankt und sein Vater sei beruflich unterwegs gewesen, weshalb
er für eine Woche von der Schule ferngeblieben sei, um auf dem Feld zu
arbeiten. Als er zurück zur Schule habe gehen wollen, sei er von dort ver-
wiesen worden. Er sei am darauffolgenden Tag gemeinsam mit seinem Va-
ter erneut zur Schule gegangen, sei aber nach wie vor nicht zugelassen
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worden. Folglich habe er die 9. Klasse nicht abschliessen können und statt-
dessen für seine Familie weitergearbeitet. Erst das zehnte Schuljahr hätte
er wieder besuchen dürfen. Um bis dahin nicht in eine Razzia zu geraten,
habe er sich während insgesamt vier Monaten verstecken müssen. Eines
Tages habe seine Mutter eine Vorladung der Schuldirektion, welche vom
Gericht verfasst worden sei, für ihn entgegengenommen. Gemäss Anga-
ben seiner Mutter sei er darin aufgefordert worden, sich bei den Behörden
zu melden, weil er die Schule nicht mehr besuche. Daraufhin habe er sich
draussen aufgehalten, zumal er Angst gehabt habe, gefunden zu werden.
Als er dennoch eines Tages nach Hause habe gehen wollen, um Lebens-
mittel zu holen, habe im Dorf seiner Familie gerade eine Razzia stattgefun-
den. Er habe sich in einer Ecke versteckt, so dass die Soldaten an ihm
vorbeigegangen seien. Danach habe er noch die Lebensmittel geholt und
sich anschliessend für etwa zwei Monate im Wald versteckt, ohne entdeckt
zu werden. Nachdem er einmal die Ernte nach Hause gebracht und unge-
fähr zwei Tage später bei einer Hochzeitsfeier in der Nachbarschaft mitge-
holfen habe, sei er noch in derselben Nacht spontan mit seinem Freund
illegal aus Eritrea ausgereist, zumal seine Lebensumstände sehr schwierig
gewesen seien. So habe er in der Abwesenheit seines Vaters die alleinige
Verantwortung getragen und sämtliche Arbeiten eigenständig ausführen
müssen. Ausserdem habe er die Schule nicht mehr besuchen und sich
deswegen nicht mehr frei bewegen können, zumal er befürchtet habe, bei
einer Razzia aufgegriffen und dann militärisch ausgebildet zu werden. Kurz
vor der eritreisch-sudanesischen Grenze seien sie von Soldaten verfolgt
worden, die auch Schüsse abgegeben hätten. Es sei ihnen aber nichts zu-
gestossen und sie hätten den Sudan sicher erreicht. Bei einer Rückkehr
nach Eritrea befürchte er, inhaftiert zu werden.
A.c Hinsichtlich seiner Lebensumstände gab der Beschwerdeführer insbe-
sondere an, er habe nebst der Schule, als Ältester seiner Geschwister, sei-
ner Familie, die eine (...) und wenige Nutztiere besitze, bei landwirtschaft-
lichen Arbeiten helfen müssen. Seine Eltern, seine fünf jüngeren (...), seine
jüngere (...) und deren (...) lebten nach wie vor in B._, auch weitere
Verwandte wohnten noch in Eritrea. Sein Vater arbeite als (...) und sei im
Rahmen des Militärdienstes zweimal pro Woche als Dorfmilizionär einge-
setzt. Als solcher leiste er Wachtdienst, um die Abbrennung von Bäumen
zu verhindern.
A.d Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer Kopien seiner Taufur-
kunde sowie der Identitätskarten seiner Eltern zu den Akten.
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B.
Mit Verfügung vom 20. März 2018 – eröffnet am 26. März 2018 – verneinte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte
sein Asylgesuch vom 13. August 2015 ab. Gleichzeitig ordnete es seine
Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
C.
Der Beschwerdeführer gelangte mit Eingabe seiner damaligen Rechtsver-
treterin vom 20. April 2018 an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt
die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Anerkennung seiner
Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei er
vorläufig als Flüchtling aufzunehmen, subeventualiter sei die Unzulässig-
keit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs festzu-
stellen und er sei vorläufig aufzunehmen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und um unentgeltliche Rechtsverbeiständung in der Per-
son seiner damaligen Rechtsvertreterin.
D.
Mit Schreiben vom 11. April 2018 bestätigte die (...) des Kantons
D._ die Fürsorgeabhängigkeit des Beschwerdeführers.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 30. April 2018 stellte die Instruktionsrichterin
das Anwesenheitsrecht des Beschwerdeführers bis zum Verfahrensab-
schluss fest, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung sowie um Einsetzung seiner damaligen Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin gut und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer
Vernehmlassung ein.
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 14. Mai 2018 hält die Vorinstanz mit ergän-
zenden Bemerkungen an ihrer Verfügung vom 20. März 2018 fest und be-
antragt sinngemäss die Abweisung der Beschwerde.
G.
Innert erstreckter Frist reichte der Beschwerdeführer am 14. Juni 2018 eine
Replik ein.
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Seite 5
H.
Am 1. Juni 2020 ersuchte die bisherige Rechtsvertreterin des Beschwer-
deführers um Entlassung aus ihrem Amt als Rechtsbeiständin und um Ein-
setzung des neuen Rechtsvertreters Rechtsanwalt Michael Adamczyk,
Caritas Schweiz. Gleichzeitig erkundigte sie sich nach dem aktuellen Stand
des Beschwerdeverfahrens.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Juni 2020 entliess die Instruktionsrichterin
die bisherige Rechtsbeiständin aus ihrem Amt, bestellte dem Beschwerde-
führer den rubrizierten Rechtsvertreter als neuen amtlichen Rechtsbei-
stand und beantwortete die Anfrage nach dem Verfahrensstand. Ausser-
dem teilte sie dem Beschwerdeführer ihre Absicht mit, unter Umständen
wegen fehlender aktueller Bedürftigkeit die mit Zwischenverfügung vom
30. April 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung und amtliche
Rechtsverbeiständung wiederwägungsweise zu widerrufen. Sie gab ihm
dazu das rechtliche Gehör und stellte ihm ein Formular zur Abklärung sei-
ner finanziellen Verhältnisse zu.
J.
Mit Eingabe vom 12. Juni 2020 reichte der neu eingesetzte Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers eine rechtsgültige Vollmacht zu den Akten sowie
eine Bescheinigung der Fürsorgeabhängigkeit vom 9. Juni 2020 und eine
Abrechnung des kantonalen Sozialdienstes betreffend Unterstützungsleis-
tung für den Monat Juni 2020.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015 [SR 142.31]).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht (in der Folge:
BVGer) zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5
VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel –
und auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
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1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (vgl. aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.5 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezem-
ber 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer-
und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende
Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG über-
nommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbe-
zeichnung verwenden wird.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die we-
gen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und die weder
Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat
bestehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind. Vorbehalten bleibt die
Flüchtlingskonvention vom 28. Juli 1951 (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
Flüchtlingen wird kein Asyl gewährt, wenn sie erst durch ihre Ausreise aus
dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der
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Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG wurden (sog. Subjektive
Nachfluchtgründe; Art. 54 AsylG).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen,
die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüch-
lich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf ge-
fälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegen-
satz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Be-
schwerdeführers. Für die Glaubhaftmachung reicht es jedoch nicht aus,
wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der
gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die
vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. dazu ausführlich
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids befindet die Vor-
instanz die Vorbringen des Beschwerdeführers teilweise für unglaubhaft,
teilweise für nicht asylrelevant.
4.1.1 Zunächst erwägt sie unter dem Aspekt der Glaubhaftigkeit zum gel-
tend gemachten Schulverweis sowie zum Erhalt einer beziehungsweise
von zwei Vorladungen im Wesentlichen, die diesbezüglichen Angaben des
Beschwerdeführers an der BzP einerseits und der Anhörung andererseits
seien in zentralen Punkten widersprüchlich ausgefallen beziehungsweise
habe er die Erlebnisse an der Anhörung durchwegs anders geschildert als
an der BzP, weshalb seine stereotype Erklärung auf Vorhalt hin, bei der
BzP gestresst gewesen zu sein und diese sei auch nur kurz gewesen,
nichts bewirke. Es entstehe vielmehr der Eindruck, er habe sich an der
Anhörung gar nicht mehr an seine Aussagen an der BzP erinnern können.
Seine Schilderungen zu den Aufgeboten seien insgesamt vage und pau-
schal ausgefallen und liessen einen persönlichen Bezug vermissen. Es
wäre zu erwarten gewesen, dass er viel ausführlicher über die Vorladungen
hätte berichten können, er sei jedoch auch auf Nachfrage hin nicht konkre-
ter geworden. Zudem seien seinen diesbezüglichen Schilderungen keine
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überzeugenden Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, dass er nach den be-
sagten Vorladungen unmittelbar gefährdet gewesen wäre und somit hätte
ausreisen müssen. Im Weiteren habe seine Familie gemäss seinen Anga-
ben nach seiner Ausreise keine Probleme bekommen, was das Verfol-
gungsinteresse der eritreischen Behörden zusätzlich in Frage stelle. Auf
die Abhandlung weiterer Unglaubhaftigkeitselemente verzichtet das SEM
und es hält ergänzend fest, auch die Asylrelevanz dürfte nicht gegeben
sein, deren Prüfung erübrige sich aber angesichts der den Anforderungen
von Art. 7 AsylG nicht genügenden Vorbringen.
4.1.2 Unter dem Aspekt von Art. 3 AsylG hält das SEM zunächst fest, den
geltend gemachten Lebensbedingungen in Eritrea im Allgemeinen und sei-
ner familiären Situation im Besonderen fehle es an Asylrelevanz, zumal in
Eritrea viele Menschen gleichermassen von schwierigen Lebensbedingun-
gen betroffen seien.
Soweit der Beschwerdeführer dann geltend mache, er habe sich davor ge-
fürchtet, bei einer Razzia aufgegriffen zu werden und sich einmal konkret
verstecken müssen als eine solche stattgefunden habe, sei dies nicht er-
heblich. Eine relevante Furcht sei alleine mit Vermutungen nicht begründet.
Vielmehr müssten hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedro-
hung vorhanden sein, die auf einer objektiven Betrachtungsweise und nicht
auf dem subjektiven Empfinden der Betroffenen beruhten. Solche Indizien
seien in seinem Fall jedoch nicht gegeben. Gemäss eigenen Aussagen
habe er trotz der fehlenden gültigen Ausweispapiere nie Probleme gehabt.
Bis zur Ausreise sei es zu keinerlei direktem Behördenkontakt gekommen
und er sei nicht zum Militärdienst aufgeboten worden. Vor diesem Hinter-
grund sei sein Ausreiseentschluss eher als eine präventive Massnahme zu
erachten, als ein Entfliehen aus einer konkreten, unmittelbar bevorstehen-
den Gefährdungssituation. Folglich sei seine Furcht vor einer Verhaftung
durch die Behörden als unbegründet einzustufen.
Die geltend gemachte illegale Ausreise – deren Glaubhaftigkeit offengelas-
sen werden könne – vermöge gemäss bundesverwaltungsgerichtlicher
Rechtsprechung alleine keine Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten
Verfolgung zu begründen. Andere Anknüpfungspunkte, welche den Be-
schwerdeführer in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige
Person erscheinen lassen könnten, seien ebenfalls nicht ersichtlich, zumal
er keine Vorfluchtgründe habe glaubhaft machen können.
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4.2 Die Vollziehbarkeit der Wegweisung begründet das SEM mit fehlenden
Anhaltspunkten dafür, dass dem Beschwerdeführer mit hinreichender
Wahrscheinlichkeit bei der Rückkehr nach Eritrea eine durch Art. 3 EMRK
verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Auch unter dem Blickwinkel von
Art. 4 EMRK erweise sich der Vollzug der Wegweisung als zulässig. Be-
treffend eine allfällige konkrete Gefährdung lägen weder allgemeine noch
individuelle Gründe vor, die zur Unzumutbarkeit führen könnten. Letzteres
insbesondere da er im Heimatstaat über ein ausgedehntes und tragendes
Beziehungsnetz verfüge und auch Rückkehrhilfe beantragen könne, wes-
halb nicht von einer drohenden existenziellen Gefährdung ausgegangen
werden könne.
4.3 In seiner Beschwerdeschrift hält der Beschwerdeführer an der Glaub-
haftigkeit seiner Vorbringen hinsichtlich des geltend gemachten Schulabb-
ruchs sowie des Erhalts der Vorladungen fest. Da er die Einberufung in den
Militärdienst habe glaubhaft machen können, sei ihm Asyl zu gewähren.
Zumindest aber erfülle er die Flüchtlingseigenschaft aufgrund seiner illega-
len Ausreise und wegen des Aufgebots für den Militärdienst. Ausserdem
erweise sich der Vollzug der Wegweisung als unzulässig, unzumutbar und
unmöglich. Auf einzelne Einwände wird in den folgenden Erwägungen ein-
gegangen.
5.
5.1 Vorab ist folgendes festzuhalten:
Der Beschwerdeführer stellt zwar keinen Rückweisungsantrag. Im Rah-
men seiner Entgegnungen zur vom SEM festgestellten Unglaubhaftigkeit
des geltend gemachten Schulverweises und der Einberufung zum Militär-
dienst bringt er aber vor, die Vorinstanz habe sich im Rahmen der Gesamt-
würdigung viel zu stark auf die BzP gestützt, obwohl dieser lediglich sum-
marischer Charakter zukomme. Dies zumal dem entsprechenden Protokoll
zu entnehmen sei, dass ein gewisser Zeitdruck geherrscht habe, da die
Herkunfts- und Länderfragen nicht gestellt worden seien. Zudem sei bei
der Würdigung seiner Aussagen weder berücksichtigt worden, dass er zum
Zeitpunkt der BzP erst (...) Jahre alt gewesen sei noch habe das SEM die
Angaben, die für seine Glaubwürdigkeit sprächen, in die Gesamtwürdigung
einbezogen (vgl. Beschwerde Ziff. 4.3 S. 9 f.).
Zwar ist grundsätzlich richtig, dass den Aussagen an der BzP, nach lang-
jähriger Rechtsprechung, nur beschränkter Beweiswert zukommt und die
Widersprüche zwischen den Aussagen dort und jenen in der Anhörung nur
zur Begründung der Unglaubhaftigkeit herangezogen werden dürfen, wenn
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sie zentrale Punkte der Asylbegründung betreffen und sich nicht mit dem
summarischen Charakter der BzP erklären lassen. Gerade letzteres ist
aber vorliegend der Fall. Dies ergibt sich bereits aus den in der BzP einer-
seits und in der Anhörung andererseits stark voneinander abweichenden
Sachdarstellungen des Beschwerdeführers (vgl. Sachverhalt Bst. A.b). Das
SEM hält in seiner Vernehmlassung auch zu Recht fest, vorliegend sei die
BzP in wesentlichen Punkten gerade detailliert ausgefallen und es sei auch
nicht davon auszugehen, dass Zeitdruck geherrscht habe. Der Beschwer-
deführer sei ausführlich zu seinem schulischen Werdegang und seinen
Ausreisegründen befragt worden. Dass keine zusätzlichen Herkunfts- und
Länderfragen gestellt worden seien, habe sich im Asylentscheid nicht zu
seinem Nachteil ausgewirkt. Gegen Ende der BzP habe der Beschwerde-
führer bestätigt, dass er alle Gründe für sein Asylgesuch genannt habe.
Zudem habe er mittels Unterschrift bestätigt, dass ihm das Protokoll der
BzP rückübersetzt worden sei, weshalb anzunehmen sei, dass er allfällige
falsch protokollierte Angaben hätte korrigieren können.
Auch die Tatsache, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der BzP noch
minderjährig war, spricht vorliegend nicht entscheidend zu seinen Gunsten.
Zum einen war er bereits knapp (...)-jährig und damit nicht mehr sehr weit
von der Volljährigkeit entfernt, zum anderen hat die Befragerin, wie das
SEM zutreffend festhält, die Befragung unter Berücksichtigung des Aussa-
geverhaltens des minderjährigen Beschwerdeführers gelenkt (vgl. z.B. A13
Ziff. 1.17.04, wo sie danach fragt, wann der Beschwerdeführer zum letzten
Mal die Schule besucht habe und auf seine Antwort, er erinnere sich nicht,
nochmals nachfragt, wann er ungefähr zum letzten Mal in die Schule ge-
gangen sei). Dass der Beschwerdeführer bei der BzP nicht in einer guten
Verfassung gewesen sei, wie er dies in der Anhörung behauptet (vgl. A28
F91), geht aus dem Protokoll der BzP auch nicht hervor. Vielmehr fällt auf,
dass er den Fragen gerade dort gut zu folgen und sie verständlich sowie
klar zu beantworten vermochte. Es ist deshalb nicht zu beanstanden, dass
das SEM zur Begründung der Unglaubhaftigkeit des Schulabbruchs res-
pektive –verweises auf Widersprüche zwischen den Aussagen des Be-
schwerdeführers anlässlich der BzP und jenen an der Anhörung abstellt.
Der Verweis in der Replik auf das Urteil des BVGer
E-6368/2018 (recte: 2016) E. 2.5.3, wonach die summarische Befragung
einer UMA nicht als entscheidwesentlicher Verfahrensschritt qualifiziert
werden dürfe, wenn die UMA nicht von einer Vertrauensperson begleitet
worden sei, ist nicht geeignet, an dieser Einschätzung etwas zu ändern,
zumal die dortige Konstellation nicht mit der vorliegenden vergleichbar ist.
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Unabhängig vom Gesagten ist aber festzustellen, dass der Beschwerde-
führer selbst dann, wenn nur auf seine Aussagen anlässlich der Anhörung
abgestellt würde, weder eine asylrelevante Verfolgung noch eine begrün-
dete Furcht davor glaubhaft zu machen vermag (vgl. nachfolgende Erwä-
gungen). Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Anhörung des
damals immer noch minderjährigen Beschwerdeführers in Anwesenheit
seiner Vertrauensperson stattfand; ausserdem hat der Befrager die ent-
scheidenden Grundsätze für die Anhörung von UMA von Beginn an berück-
sichtigt (vgl. z.B. A28 F3) und er hat ihm mehrmals erklärt, weshalb und
inwiefern er an der BzP eine andere Geschichte erzählt habe, sowie ihm
die Gelegenheit gegeben, nun die tatsächlichen Erlebnisse und Ausreise-
gründe zu schildern (vgl. ebd. F87 ff. und wieder F106). Insgesamt ist damit
den formellen Vorgaben vollumfänglich Genüge getan.
5.2 Die Vorbringen im Rahmen der Anhörung qualifiziert das SEM zu Recht
als vage und pauschal. So ist unter anderem nicht nachvollziehbar, wes-
halb der Beschwerdeführer nicht in der Lage war, auch nur annähernd ei-
nen Zeitpunkt zu nennen, wann er die Schule abgebrochen habe (vgl. A28
F93 und insbes. F94). Oberflächlich und unstimmig ist auch seine Aussage,
seine Mutter habe ihm gesagt, im Aufgebot sei gestanden, er müsse zu
den Behörden, weil er die Schule nicht mehr besuche (ebd. F86) respek-
tive, eventuell sei das (zweite) Aufgebot eines gewesen, um ihn aufzufor-
dern, wieder die Schule zu besuchen (vgl. ebd. F86, F117) beziehungs-
weise er wisse gar nicht, was daringestanden habe, weil seine Mutter es
entgegengenommen habe (vgl. ebd. F129). Zu Recht erwägt das SEM, die
alleinige Vermutung, er hätte in den Militärdienst einberufen werden sollen,
genüge nicht, um eine begründete Furcht vor Verfolgung (in Folge der Re-
fraktion) darzutun. Bezeichnend ist zudem, dass der Beschwerdeführer,
trotz Aufforderung des SEM anlässlich der Anhörung vom 22. Juni 2016
(ebd. F130), bis heute die angebliche Vorladung nicht eingereicht hat – und
insbesondere auch inzwischen nicht mit Sicherheit über den Inhalt des Auf-
gebots Auskunft geben kann, obwohl er auch nach seiner Ausreise mit sei-
nen Eltern in Kontakt gestanden sei (ebd. F56 und F169) und es ihm offen-
bar möglich war, nach der BzP Kopien seiner Taufurkunde sowie der Iden-
titätskarten seiner Eltern zu beschaffen.
Zusammenfassend hat das SEM die Vorbringen des Beschwerdeführers
hinsichtlich seines Schulverweises sowie des Erhalts einer Vorladung zum
Eintritt in den Militärdienst zu Recht als unglaubhaft qualifiziert. Die Ein-
wände in der Beschwerde vermögen an dieser Einschätzung nichts zu än-
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dern, zumal die Mutter gemäss Darstellung in der Beschwerde nun plötz-
lich dem Beschwerdeführer nach Erhalt der Vorladung erklärt haben soll,
er müsse sich bei den Behörden melden und den Militärdienst antreten
(vgl. Beschwerde, Ziffer 2.3). Es ist auch nicht ersichtlich, welche Ele-
mente, die zu seinen Gunsten sprächen, zu Unrecht nicht berücksichtigt
worden wären. Wenn diesbezüglich auf die Aussagen zum Aufenthalt in
der Wildnis und der anschliessenden Ausreise verwiesen wird, ist dem ei-
nerseits zu entgegnen, dass er auch diesbezüglich deutlich seinen frühe-
ren Angaben widerspricht, wenn er nun plötzlich ausführt, sich zwei Tage
nach der Hochzeit entschlossen zu haben, die Flucht anzutreten, dies
nachdem er früher angegeben hatte, sie hätten sich spontan in derselben
Nacht zur Ausreise entschlossen und diese auch gleich angetreten (vgl.
A28 F140 ff.). Anderseits verkennt er, dass die Umstände der illegalen Aus-
reise vom SEM nicht bestritten, respektive die Frage der Glaubhaftigkeit
offengelassen worden ist. Es erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit
den einzelnen weiteren Einwänden auf Beschwerdestufe, da sie an der
aufgezeigten Einschätzung nichts zu ändern vermögen.
5.3 Zwar kann aufgrund des Alters des Beschwerdeführers tatsächlich
nicht ausgeschlossen werden, dass er bei einer Rückkehr nach Eritrea in
den Nationaldienst eingezogen würde (vgl. Referenzurteil D-2311/2016
vom 17. August 2017 E. 13.2). Allerdings ist die blosse Möglichkeit einer
Einziehung in den Nationaldienst asylrechtlich nicht relevant, zumal es sich
dabei nicht um eine Massnahme handelt, die aus einem Motiv nach Art. 3
Abs. 1 AsylG erfolgt (vgl. Referenzurteil des BVGer D-7898/2015 vom
30. Januar 2017 E. 5.1). Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, er sei auf-
grund des Schulabbruchs in erhöhtem Masse gefährdet, weil entspre-
chende Informationen an die Behörden, die für den Einzug in den Militär-
dienst zuständig seien, weitergeleitet würden (Beschwerde Ziff. 5.1.5), ver-
mag er auch daraus nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Unabhängig da-
von, dass seine Aussagen zum Schulabbruch oberflächlich und unstimmig
ausgefallen sind, fällt auf, dass der Beschwerdeführer nicht geltend macht,
die Behörden hätten ihn nach den Vorladungen im Jahr 2014 je wieder zu
kontaktieren versucht, weder vor noch nach der Ausreise.
5.4 Zusammenfassend vermag der Beschwerdeführer einen Kontakt mit
den Militärbehörden, aufgrund dessen von seiner Refraktion auszugehen
wäre, nicht glaubhaft zu machen. Die blosse Möglichkeit, aufgrund seines
Alters nach einer Rückkehr Nationaldienst leisten zu müssen, erweist sich
als nicht asylrelevant und die Furcht, möglicherweise im Rahmen einer
Razzia aufgegriffen zu werden, ist, selbst wenn sie verständlich ist, objektiv
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nicht begründet. Die vom Beschwerdeführer an der Anhörung ebenfalls als
zentrale Ausreisegründe betonten schwierigen Lebensbedingungen hat
das SEM zu Recht und mit der zutreffenden Begründung als nicht asylre-
levant qualifiziert, darauf kann verwiesen werden.
5.5 Gemäss aktueller Praxis des Gerichts reicht eine illegale Ausreise al-
lein zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht aus (vgl. Referenzur-
teil des BVGer D-7898/2015 E. 4.6–E. 5.1). Von einer begründeten Furcht
vor flüchtlingsrechtlich erheblichen Nachteilen sei nur dann auszugehen,
wenn zur illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukämen, welche die asyl-
suchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige
Person erscheinen liessen (vgl. a.a.O. E. 5.1 f.).
Gemäss den vorangegangenen Erwägungen vermochte der Beschwerde-
führer insbesondere nicht glaubhaft zu machen, dass er eine Vorladung für
den Militärdienst erhalten habe. Andere Anknüpfungspunkte, welche ihn in
den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen
lassen könnten, sind ebenfalls nicht ersichtlich. Aus diesen Gründen ist der
vom Beschwerdeführer vorgebrachten illegalen Ausreise – unabhängig
von der Frage von deren Glaubhaftigkeit – aus seinem Heimatstaat praxis-
gemäss keine flüchtlingsrechtliche Relevanz beizumessen.
5.6 Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt. Die
Vorbringen in der Beschwerde und der Replik vermögen an dieser Ein-
schätzung nichts zu ändern.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
E-2316/2018
Seite 14
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
7.2 Bei der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt
gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstan-
dard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Koordinationsentscheid
BVGE 2018 VI/4 mit der Frage befasst, ob der Vollzug der Wegweisung
auch angesichts einer drohenden Einziehung in den eritreischen National-
dienst als zulässig (Art. 83 Abs. 3 AIG) und zumutbar (Art. 83 Abs. 4 AIG)
qualifiziert werden könne. Beides hat das Gericht nach einer ausführlichen
Auswertung der zur Verfügung stehenden Länderinformationen mit den fol-
genden Erwägungen (E. 8.2) bejaht.
8.2
8.2.1 Die Verpflichtung eritreischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger,
Nationaldienst zu leisten, kann nach Auffassung des Gerichts nicht als Aus-
übung quasi-eigentumsrechtlicher Befugnisse gegenüber der betreffenden
Person durch den eritreischen Staat bezeichnet werden. Zudem kann,
auch wenn der Nationaldienst formal nicht befristet ist und sich teilweise
über Jahre erstreckt, nicht von jenem dauerhaften Zustand ausgegangen
werden, der für die Annahme von Leibeigenschaft vorausgesetzt wäre.
Beim eritreischen Nationaldienst handelt es sich demnach weder um Skla-
verei noch um Leibeigenschaft im Sinn von Art. 4 Abs. 1 EMRK (vgl. BVGE
a.a.O. E. 6.1 insbes. 6.1.4).
8.2.2 In seiner heutigen Ausgestaltung (namentlich angesichts seiner
Zweckentfremdung als Mittel zur Arbeitskraftbeschaffung für das gesamte
Wirtschaftssystem und der unabsehbaren Dauer) kann der eritreische Na-
tionaldienst nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts zwar nicht
als "übliche Bürgerpflicht" im Sinn von Art. 4 Abs. 3 Bst. d EMRK verstan-
den werden. Die Bedingungen im Nationaldienst sind folglich grundsätzlich
als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifizieren. Für die
Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs reicht diese Ein-
schätzung jedoch nicht aus. Vielmehr wäre hierfür erforderlich, dass durch
die Einziehung das ernsthafte Risiko einer flagranten Verletzung von Art. 4
E-2316/2018
Seite 15
Abs. 2 EMRK bestünde, der eritreische Nationaldienst mithin diese Bestim-
mung ihres essenziellen Inhalts berauben würde. Eine solche Situation
liegt indessen – auch unter Berücksichtigung der Dienstdauer, der niedri-
gen Besoldung und der Berichte über Misshandlungen und Übergriffe wäh-
rend der Dienstzeit – nach Auffassung des Gerichts nicht vor (vgl. a.a.O.
E. 6.1 insbes. 6.1.5).
8.2.3 In der Folge befasste sich das Bundesverwaltungsgericht in seinem
Koordinationsentscheid mit der Frage, ob bei einer Rückkehr nach Eritrea
aufgrund der Verhältnisse im Nationaldienst oder im Zusammenhang mit
einer allfälligen Inhaftierung – beispielsweise aufgrund einer illegalen Aus-
reise – eine Verletzung des konventionsrechtlichen Verbots von Folter oder
unmenschlicher Behandlung (Art. 3 EMRK) drohen könnte. In diesem Zu-
sammenhang ging das Gericht davon aus, dass in Eritrea Misshandlungen
und sexuelle Übergriffe während der Dienstzeit oder im Fall einer Inhaftie-
rung – auch für Frauen – nicht derart flächendeckend sind, dass jede nach
Eritrea zurückkehrende dienstpflichtige Person dem ernsthaften Risiko
ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden. Es bestehe daher
auch insoweit kein ernsthaftes Risiko von Folter oder einer unmenschli-
chen Behandlung (vgl. a.a.O. E. 6.1 insbes. 6.1.6 und E. 6.1.8).
8.2.4 Anschliessend stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, dass die
drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst mangels einer hin-
reichend konkreten Gefährdung auch nicht generell zur Feststellung der
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG
führe (vgl. a.a.O. E. 6.2).
8.3 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.3.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
E-2316/2018
Seite 16
Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach
Eritrea ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.3.2 Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhal-
tet die Verbote der Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der
Zwangs- oder Pflichtarbeit (Abs. 2 und 3).
Vorab ist festzuhalten, dass die Annahme einer Verletzung der genannten
Normen schon daran scheitern dürfte, dass aufgrund der Aktenlage nicht
hinreichende Hinweise dafür bestehen, der Beschwerdeführer würde um-
gehend nach seiner Rückkehr in den Heimatstaat in den Nationaldienst
eingezogen. Selbst wenn er aber möglicherweise einberufen würde, ste-
hen nach dem unter E. 8.2.1 und E. 8.2.2 Ausgeführten einerseits das Ver-
bot der Sklaverei und der Leibeigenschaft (Art. 4 Abs. 1 EMRK) dem Voll-
zug der Wegweisung nicht entgegen. Andererseits ist aufgrund der verfüg-
baren Quellen auch nicht davon auszugehen, es bestehe generell das
ernsthafte Risiko einer krassen Verletzung des Verbots der Zwangs- und
Pflichtarbeit während des Nationaldiensts (Art. 4 Abs. 2 EMRK). Dies gilt
selbst bei der Annahme, der Beschwerdeführer würde in den militärischen
Zweig des Nationaldienstes – inklusive Grundausbildung – eingezogen,
wobei diesbezüglich festzuhalten ist, dass das Gericht – gestützt auf ent-
sprechende Quellen – davon ausgeht, die überwiegende Zahl der dienst-
pflichtigen Personen arbeite in zivilen Bereichen des eritreischen National-
dienstes (vgl. a.a.O., E. 5.1.5).
Aus den Akten ergeben sich sodann keine Anhaltspunkte für die Annahme,
der Beschwerdeführer müsste bei einer Rückkehr in den Heimatstaat dort
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotene Strafe oder Behandlung befürchten. Die problematische allge-
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meine Menschenrechtssituation in Eritrea führt im heutigen Zeitpunkt pra-
xisgemäss nicht zur Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs.
8.4 Zusammenfassend hat das SEM den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig erachtet, wenn auch nicht überall mit treffender Begründung.
Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungsgericht
die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges im jüngsten Entscheid – auf-
grund des fehlenden Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz
und Eritrea – lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte, und die Zuläs-
sigkeit zwangsweiser Rückführungen ausdrücklich offenliess (vgl. BVGE
2018 VI/4 E. 6.1.7). Die Einwände in der Beschwerde unter Hinweis auf
verschiedene öffentlich zugängliche Berichte und Stellungnahmen vermö-
gen nichts zu bewirken, ganz abgesehen davon, dass sie auf eine angeb-
liche Begründung der angefochtenen Verfügung Bezug nehmen, die sich
dort nicht findet.
8.5 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.5.1 Wie bereits erwähnt, kam das Bundesverwaltungsgericht im genann-
ten BVGE 2018 VI/4 auch zum Schluss, dass die drohende Einziehung in
den Nationaldienst nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
führe (vgl. oben E. 8.2.4), weshalb diesbezüglich die Annahme einer kon-
kreten Gefährdung des Beschwerdeführers zu verneinen ist, sollte er bei
seiner (freiwilligen) Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werden.
8.5.2 Auch in der allgemeinen Lage in Eritrea oder in den individuellen Um-
ständen des Beschwerdeführers ist keine konkrete Gefährdung im Sinne
der massgeblichen Bestimmung anzunehmen.
Im Referenzurteil D-2311/2016 hatte sich das Bundesverwaltungsgericht
ausführlich mit der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Eritrea
beschäftigt. Dabei kam es nach Auswertung der zur Verfügung stehenden
Quellen zum Schluss, angesichts der dokumentierten Verbesserungen in
der Nahrungsmittel- und Wasserversorgung, im Bildungswesen sowie im
Gesundheitssystem Eritreas sei die frühere Praxis, wonach eine Rückkehr
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nur bei begünstigenden individuellen Umständen zumutbar sei (vgl.
EMARK 2005 Nr. 12), nicht länger berechtigt. Angesichts der schwierigen
allgemeinen – und insbesondere wirtschaftlichen – Lage des Landes
müsse bei Vorliegen besonderer individueller Umstände aber nach wie vor
von einer Existenzbedrohung ausgegangen werden (vgl. Referenzurteil
a.a.O. E. 17.2). Seit Ergehen dieses Urteils haben sich zwar in Eritrea wei-
tere Verbesserungen ergeben; namentlich haben Äthiopien und Eritrea im
Juli 2018 ein Friedensabkommen geschlossen (vgl. Neue Zürcher Zeitung:
Trotz Friedensabkommen in Eritrea – Asylpraxis bei Eritreern ändert sich
vorerst nicht, 11. Juli 2018); diese ändern aber vorläufig an der Einschät-
zung nichts.
Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen heute (...)-jährigen, al-
leinstehenden Mann, der gemäss seinen Angaben die Schule bis zur
9. Klasse besucht hat und über Arbeitserfahrung in der Landwirtschaft ver-
fügt. Die Familie hat unter anderem eine (...) besessen und davon leben
können, wenn auch nicht so gut wie teilweise andere Personen. Nebst den
Angehörigen der Kernfamilie hatte der Beschwerdeführer noch diverse an-
dere Verwandte angegeben, die im Heimatstaat lebten. In der Beschwerde
wird nur pauschal behauptet, seine Familie sei aus Eritrea geflüchtet und
befinde sich seit (...) 2017 im E._ (Beschwerde Ziff. 8 S. 24). Damit
ist die Annahme des SEM, der Beschwerdeführer verfüge in Eritrea über
ein Beziehungsnetz, noch nicht in Frage gestellt, zumal keinerlei Präzisie-
rungen hinsichtlich der Frage, welche Familienmitglieder genau das Land
verlassen hätten, gemacht werden. Insgesamt sind keine individuellen Um-
stände vorhanden, die für den Fall einer Rückkehr für den gemäss den
Akten gesunden Beschwerdeführer eine existenzielle Gefährdung bedeu-
ten würden.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.6 Die zwangsweise Rückführung abgewiesener Asylsuchender nach
Eritrea ist zurzeit generell nicht möglich. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit
des Wegweisungsvollzugs entgegen. Auch aus der UN-Sicherheitsratsre-
solution 2023 vom 5. Dezember 2011 kann der Beschwerdeführer im Hin-
blick auf die Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs nichts zu seinen Guns-
ten ableiten.
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Der Vollzug der Wegweisung ist deshalb auch als möglich zu bezeichnen
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist
(Art. 49 Bst. c VwVG). Es erübrigt sich, auf den weiteren Inhalt der Be-
schwerde näher einzugehen. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG). Aus den Unterlagen, welche der Beschwerdeführer im Rahmen
des rechtlichen Gehörs zur allfälligen wiederwägungsweisen Aufhebung
der Gutheissung der unentgeltlichen Prozessführung sowie der amtlichen
Rechtsverbeiständung vom 30. April 2018 am 12. Juni 2020 eingereicht
hat, geht hervor, dass er nach wie als bedürftig im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG zu gelten hat. Folglich sind keine Verfahrenskosten zu erheben und
der amtliche Rechtsbeistand ist mit einem Honorar zu entschädigen.
10.2 Die (damalige) Rechtsvertreterin machte in der Replik vom
14. Juni 2018 (S. 2) einen zeitlichen Vertretungsaufwand von insgesamt 10
Stunden geltend. Dieser scheint auch in Berücksichtigung der Eingaben
vom 1. und 12. Juni 2020 nicht vollumfänglich angemessen. Insbesondere
scheint der mit 7 Stunden veranschlagte Zeitaufwand für das Verfassen
der Beschwerde deutlich überhöht, zumal darin zu einem grossen Teil –
vor allem unter dem Aspekt des Wegweisungsvollvollzugs – lediglich pau-
schale Ausführungen gemacht werden, die keinen persönlichen Bezug
zum Beschwerdeführer herstellen. Bei Berücksichtigung dieser Umstände
und einem massgebenden Stundenansatz von Fr. 200.– ist das Honorar
der amtlichen Rechtsvertetung demnach auf insgesamt Fr. 1‘566.– (inklu-
sive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst.
c VGKE) festzusetzen. Dieser Betrag ist durch die Gerichtskasse zu ver-
güten.
(Dispositiv nächste Seite)
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