Decision ID: 2ab47c04-8723-45df-8997-802c286aaf10
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Übertretung der Polizeiverordnung
Berufung gegen ein Urteil des Einzelgerichtes des Bezirkes Bülach vom 9. August 2012 (GC120034)
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Strafverfügung:
Die Strafverfügung des Stadtrichteramtes Kloten vom 6. Juni 2012 ist diesem Ur-
teil beigeheftet (Urk. 2/11).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der Übertretung der Polizeiverordnung der
Stadt Kloten im Sinne von deren Art. 95 in Verbindung mit deren Art. 77 lit. c
(Widerrechtliches Aufstellen von Taxifahrzeugen ohne Fahrgastauftrag auf
öffentlichem Grund).
2. Vom weiteren Vorwurf des Führens eines Taxibetriebes in Kloten ohne Be-
triebsbewilligung der Stadt Kloten im Sinne von Art. 71 i.V.m. Art. 31 der Po-
lizeiverordnung der Stadt Kloten wird der Beschuldigte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Busse von Fr. 250.–.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 2.5 Tagen.
5. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 600.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 330.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
6. Die Kosten werden dem Beschuldigten auferlegt.
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Berufungsanträge:
a) des Stadtrichteramtes Kloten:
(Urk. 20/1, sinngemäss)
1. Der Beschuldigte sei zusätzlich der Widerhandlung gegen Art. 31 und
Art. 71 PVO schuldig zu sprechen.
2. Die Busse sei auf Fr. 500.– festzusetzen.
b) des Beschuldigten:
(Urk. 24, sinngemäss)
Freispruch.
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Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Das Einzelgericht des Bezirkes Bülach sprach den Beschuldigten mit Urteil
vom 9. August 2012 des widerrechtlichen Aufstellens von Taxifahrzeugen ohne
Fahrgastauftrag auf öffentlichem Grund im Sinne von Art. 95 in Verbindung mit
Art. 77 lit. c der Polizeiverordnung der Stadt Kloten schuldig. Vom weiteren Vor-
wurf des Führens eines Taxibetriebes in Kloten ohne Betriebsbewilligung der
Stadt im Sinne von Art. 71 i.V.m. Art. 31 PVO sprach es ihn frei (Urk. 18). Es ver-
urteilte den Beschuldigten zu einer Busse von Fr. 250.– und setzte eine Ersatz-
freiheitsstrafe von 2.5 Tagen fest.
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2. Das Urteil wurde im Anschluss an die vorinstanzliche Hauptverhandlung
vom 9. August 2012 mündlich eröffnet (Prot. I S. 11). Der Beschuldigte meldete
am 17. August 2012 persönlich und fristgerecht bei der Vorinstanz Berufung an
(Urk. 12). Nach Erhalt des begründeten Urteils am 25. September 2012 (Urk. 15)
reichte er eine Berufungserklärung mit Poststempel vom 20. Oktober 2012 ein
(Urk. 21). Diese erfolgte aufgrund des Fristablaufs am 15. Oktober 2012 verspä-
tet. Der Beschuldigte äusserte sich trotz entsprechender Aufforderung in der Prä-
sidialverfügung vom 22. Oktober 2012 (Urk. 22) nicht zur Rechtzeitigkeit seiner
Berufungserklärung, sondern erhob mit Eingabe vom 13. November 2012 recht-
zeitig Anschlussberufung (Urk. 24). Dabei beantragte er einen Freispruch. Auf die
Berufung des Beschuldigten ist aufgrund der verspäteten Berufungserklärung
nicht einzutreten.
3. Der Stadt Kloten wurde das Urteilsdispositiv am 10. August 2012 zugestellt
(Urk. 9). Diese meldete mit Schreiben vom 14. August 2012 (Datum Poststempel)
Berufung an (Urk. 10). Nach Erhalt des begründeten Urteils am 24. September
2012 (Urk. 15) reichte das Stadtrichteramt am 8. Oktober 2012 rechtzeitig seine
Berufungserklärung ein (Urk. 20/1). Das Obergericht ordnete mit Beschluss vom
23. November 2012 das schriftliche Verfahren an und setzte dem Stadtrichteramt
Frist an, um seine Berufungsanträge zu stellen und zu begründen (Urk. 25). Die-
ses reichte am 4. Dezember 2012 ein Schreiben ein, in welchem es auf die Beru-
fungserklärung verwies (Urk. 27). Dem Beschuldigten wurde in der Folge mit Prä-
sidialverfügung vom 13. Dezember 2012 Frist zur Einreichung der Berufungsant-
wort sowie Begründung der Anschlussberufung angesetzt (Urk. 28). Dieser reich-
te verspätet (Fristablauf: 4. Januar 2013; Urk. 29/1) seine Eingabe vom
10. Januar 2013 (Urk. 31) ein, in welcher er an seiner Anschlussberufung fest-
hielt. Der Beschuldigte ist Laie und hatte bereits bei Erhebung der Anschlussberu-
fung einen Freispruch mit einer Kurzbegründung beantragt. Somit ist trotz Ver-
spätung auf seine Anschlussberufung einzutreten.
Die Vorinstanz erklärte mit Schreiben vom 19. Dezember 2012, grundsätzlich auf
eine Vernehmlassung zu verzichten, wies jedoch bezüglich der Eingabe der Beru-
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fungsklägerin auf Art. 398 Abs. 4 StPO – neue Behauptungen und Beweise – hin
(Urk. 30).
II. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
1. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 14. Oktober 2011, um ca. 23.10
Uhr an der äusseren ...strasse, ..., am Flughafen Zürich-Kloten bei den öffentli-
chen Parkfeldern sein Taxi in unmittelbarer Nähe der Taxistandplätze abgestellt
zu haben. Dabei habe die Taxikennlampe geleuchtet und den Passanten ein frei-
es Taxi signalisiert. Der Beschuldigte sei nicht im Besitz einer Taxibetriebsbewilli-
gung von Kloten, weshalb er dort keine Kunden anwerben oder sein Taxi in
Sichtweite von offiziellen Taxistandplätzen aufstellen dürfe (Urk. 2/11 S. 2).
2. Bilden ausschliesslich Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen
Hauptverfahrens, so kann mit der Berufung nur geltend gemacht werden, das Ur-
teil sei rechtsfehlerhaft oder die Feststellung des Sachverhaltes sei offensichtlich
unrichtig oder beruhe auf einer Rechtsverletzung. Neue Behauptungen und Be-
weise können nicht vorgebracht werden (Art. 398 Abs. 4 StPO).
3. Der Beschuldigte beantragt, er sei von allen Anklagepunkten freizusprechen,
er habe in keiner Art und Weise gegen das Gesetz verstossen (Urk. 24 und 31).
Dabei bezieht er sich weder auf die Rügegründe von Art. 398 Abs. 4 StPO, noch
begründet er seine Berufung substantiiert.
3.1 Die Vorinstanz hat sich ausführlich mit dem Fall befasst und ist in ihren
überzeugenden und fundierten Erwägungen zum Schluss gekommen, dass der
Beschuldigte des widerrechtlichen Aufstellens von Taxifahrzeugen ohne Fahr-
gastauftrag auf öffentlichem Grund schuldig zu sprechen sei. Sie hat sich ausführ-
lich mit der Argumentation des Beschuldigten, er habe sein Taxi als "besetzt" ge-
kennzeichnet und er habe eine Bestellung gehabt, befasst und diese nachvoll-
ziehbar als Schutzbehauptung qualifiziert. Auch mit der rechtlichen Argumentation
des Beschuldigten, die Polizeiverordnung der Stadt Kloten sei aufgrund des Bin-
nenmarktgesetzes nicht anwendbar, hat sie sich im Detail auseinandergesetzt.
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Diesen zutreffenden Ausführungen ist nichts beizufügen, es kann vollumfänglich
auf sie verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO; Urk. 18 S. 4-23).
3.2 Die Vorinstanz hat somit weder den Sachverhalt offensichtlich unrichtig fest-
gestellt, noch ist ihr Urteil rechtsfehlerhaft. Der Schuldspruch der Vorinstanz ist zu
bestätigen und der Beschuldigte des widerrechtlichen Aufstellens von Taxifahr-
zeugen ohne Fahrgastauftrag auf öffentlichem Grund im Sinne von Art. 95 in Ver-
bindung mit Art. 77 lit. c PVO schuldig zu sprechen.
4. Das Stadtrichteramt Kloten ficht den Freispruch der Vorinstanz vom Vorwurf
des Führens eines Taxibetriebes in Kloten ohne Betriebsbewilligung der Stadt im
Sinne von Art. 71 i.V.m. Art. 31 PVO an. Im Strafbefehl vom 6. Juni 2012 begrün-
dete das Stadtrichteramt den Verstoss damit, dass der Beschuldigte ein selbst-
ständiger Anschliesser der Taxizentrale "D._" sei. Da er nicht angestellt sei,
seien die Übertretungstatbestandsmerkmale von Art. 71 PVO erfüllt. Auf Art. 31
PVO wird im Strafbefehl nicht eingegangen (Urk. 2/11).
4.1 Das Stadtrichteramt macht geltend, der Beschuldigte habe sein Taxi in der
äusseren Vorfahrt bei der Ankunft des Flughafens parkiert, um Kunden anzuwer-
ben. Dabei sei es für ihn gewinnbringender, auf eine Betriebsbewilligung der Stadt
Kloten und das Mieten eines Taxistandplatzes zu verzichten. Die Plätze am Flug-
hafen seien stark frequentiert und finanziell sehr lukrativ und begehrt. Werde ein
öffentlich signalisierter Parkplatz in der äusseren Vorfahrtstrasse für das Betrei-
ben eines Gewerbes benutzt, sei dies eine über den Gemeingebrauch hinausge-
hende Inanspruchnahme und gemäss Art. 31 PVO bewilligungs- und gebühren-
pflichtig. Weiter bringt das Stadtrichteramt vor, dass verkannt worden sei, dass
die Firma "D._" unter anderem laut Website, elektronischem Telefonbuch
und offiziellem Schreibpapier auch mit dem Standort bzw. Filiale Zürich-Airport
und Kloten werbe, obwohl weder die Firma noch der Anschliesser Betriebsbewilli-
gungen von Kloten besitzen würden (Urk. 20/1).
4.2 Dem Beschuldigten wird im Strafbefehl das "Führen eines Taxibetriebes oh-
ne Betriebsbewilligung der Stadt Kloten" vorgeworfen. Aus dem im Strafbefehl
dargelegten Sachverhalt ergibt sich jedoch keine Grundlage für diesen Vorwurf.
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So wird dem Beschuldigten nicht vorgeworfen, dass er Kunden angeworben ha-
be. Es ist auch nicht von wiederholten Verstössen über eine gewisse Zeitdauer
die Rede, was jedoch Voraussetzung für die Annahme eines Betriebes wäre.
Zwar trifft es tatsächlich zu, dass die erste Einsprache des Beschuldigten auf
Briefpapier der "D._" geschrieben ist, und darauf unter anderen der Ort "Zü-
rich Airport" genannt wird (Urk. 2/3). Obwohl dieses Schreiben selbst nicht neu ist,
wurde erstmals in der Berufungserklärung behauptet, dass dies darauf hindeute,
dass der Beschuldigte in Kloten einen Taxibetrieb führe (Urk. 20/1 S. 2). Solch
neue Behauptungen sind im Berufungsverfahren gemäss Art. 398 Abs. 4 StPO
nicht zulässig, weshalb nicht näher darauf einzugehen ist.
Im Strafbefehl wird dem Beschuldigten nur das einmalige kurze Abstellen des
Fahrzeugs am Flughafen vorgeworfen (Urk. 11 S. 2). Daraus kann nicht ge-
schlossen werden, dass der Beschuldigte auf dem Gebiet der Stadt Kloten ein ei-
gentliches Gewerbe betreibt. Das Verhalten des Beschuldigten wird – wie die Vo-
rinstanz zutreffend ausgeführt hat (Urk. 18 S. 24) – bereits durch Art. 77 lit. c PVO
abgegolten. Da der Beschuldigte als selbstständiger Anschliesser von "D._"
zum Tatzeitpunkt im Besitz einer gültigen Taxibetriebsbewilligung der Gemeinde
E._ war, ist ihm unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, auf dem Gebiet
der Stadt Kloten zu fahren. Verstösse dagegen sind in Art. 77 PVO geregelt. Ins-
besondere Art. 77 lit. d PVO betreffend nicht in Kloten konzessionierte Taxis wäre
gar nicht notwendig, wenn die betreffenden Taxichauffeure jeweils ohnehin schon
gegen Art. 71 PVO verstossen würden.
4.3 Der Beschuldigte ist somit vom Vorwurf des Betreibens eines Taxibetriebes
ohne Betriebsbewilligung in Bestätigung des vorinstanzlichen Entscheides freizu-
sprechen.
III. Strafzumessung
1. Das Stadtrichteramt beantragt die Heraufsetzung der Busse auf Fr. 500.–,
da der Beschuldigte auch des Führens eines Taxibetriebes ohne Bewilligung
schuldig zu sprechen sei (Urk. 20/1 S. 2).
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2. Die Vorinstanz hat den Strafrahmen korrekt dargelegt und zutreffende Aus-
führungen zur Strafzumessung gemacht, auf welche verwiesen werden kann
(Urk. 18 S. 24 f.). Da der Beschuldigte auch heute vom Vorwurf des Führens ei-
nes Taxibetriebes ohne Bewilligung freizusprechen ist, liegt keine Deliktsmehrheit
vor. Mit der Vorinstanz ist von einem nicht mehr leichten Verschulden auszuge-
hen, da der Beschuldigte sein Taxi auf öffentlichem Grund aufgestellt hatte, ob-
wohl ihm bewusst war, dass dies nur dann gestattet ist, wenn er sein Fahrzeug
als "besetzt" gekennzeichnet ist oder die Kennzeichnung als Taxi entfernt wird. Im
Ergebnis erweist sich die durch die Vorinstanz ausgesprochene Busse von
Fr. 250.– als angemessene Sanktion.
3. Für den Fall der schuldhaften Nichtbezahlung der Busse ist eine Ersatzfrei-
heitsstrafe auszufällen (Art. 106 Abs. 2 StGB). Diese ist nach den Verhältnissen
des Täters so zu bemessen, dass sie seinem Verschulden angemessen ist
(Art. 106 Abs. 3 StGB), wobei dem Gericht bei der Bemessung ein weiter Ermes-
sensspielraum zusteht (BGE 134 IV 60 E. 7.3.3). Vorliegend erscheint eine Er-
satzfreiheitsstrafe von 2 Tagen bei schuldhafter Nichtbezahlung der Busse aus-
gehend von den finanziellen Verhältnissen des Beschuldigten als angemessen.
IV. Kosten
Ausgangsgemäss ist das vorinstanzliche Kostendispositiv (Ziff. 5 und 6) zu bestä-
tigen (Art. 426 Abs. 1 StPO). Sowohl der Beschuldigte als auch die Stadt Kloten
unterliegen im Berufungsverfahren vollumfänglich mit ihren Anträgen. Die Kosten
sind somit zur Hälfte dem Beschuldigten aufzuerlegen und zur anderen Hälfte auf
die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 428 Abs. 1 StPO). Mangels erkennbarer Um-
triebe ist dem Beschuldigten keine Prozessentschädigung zuzusprechen.