Decision ID: 82c9328b-54d6-5f02-bf3d-ad97ff75c869
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
a. W.O. ist seit 1975 Eigentümer des Grundstücks Nr. 000, Grundbuch X. Es ist nach
dem Zonenplan der Gemeinde X. vom 29. April 1999 der Landwirtschaftszone
zugewiesen, wobei der östliche Bereich als Wald ausgeschieden ist. Das Grundstück
ist mit einem zweigeschossigen Wohnhaus, einer Garage, einer grossen Remise (Vers.
Nr. 0001) sowie einem Kleintierstall überbaut. An der südöstlichen Ecke des
Wohnhauses befindet sich eine überdachte Pergola. Der Gartenbereich westlich der
Pergola ist mit einer Rasenfläche, befestigten Wegen, einer Kiesrondelle,
Bepflanzungen (Büsche und Bäume), einem Maschendrahtzaun sowie als Sichtschutz
einbetonierten Betonplatten gestaltet. In diesem Gartenteil befindet sich ein mit einem
Runddach überdecktes Aussenschwimmbad.
Am 6. Februar 1973 hatte der Gemeinderat X. - ohne die kantonale Zustimmung
einzuholen - auf dem Grundstück Nr. 000 einen Anbau mit einer Brutto-Nebenfläche
von 183 m an der Ostseite der Remise bewilligt (nachstehend: Baubewilligung von
1973). Am 6. Januar 1976 erteilte der Gemeinderat - wiederum ohne eine kantonale
Zustimmung einzuholen - die Baubewilligung für einen Umbau mit Erweiterung des
Wohnhauses. Dabei wurden das Ober- und das Dachgeschoss der am Wohnhaus
angebauten Scheune zu Wohnraum mit einer anrechenbaren Brutto-Geschossfläche
von 112 m und einer Brutto-Nebenfläche von 84 m umgebaut. Zudem wurde ein
neues Untergeschoss erstellt. Am 10. Oktober 1977 erteilte der Gemeinderat - ohne
eine kantonale Zustimmung einzuholen - die Baubewilligung für den Neubau einer
Garage mit einer Grundfläche von 69 m Brutto-Nebenfläche (nachstehend:
Baubewilligung von 1977), und am 30. April 1981 erteilte er - wiederum ohne eine
kantonale Zustimmung einzuholen - die Baubewilligung für den Neubau eines
Kleintierstalls mit einer Grundfläche von 9 m Brutto-Nebenfläche. Am 30. Juni 1983
erteilte der Gemeinderat die Baubewilligung für den Neubau eines
Aussenschwimmbads mit einer Grundfläche von 49 m Brutto-Nebenfläche, wobei das
damals zuständige kantonale Amt für Wasser- und Energiewirtschaft (AWE) diesem
Bauvorhaben am 27. Juni 1983 zugestimmt hatte. Am 4. März 1991 erteilte der
Gemeinderat eine Baubewilligung für einen nordseitigen Wohnhausanbau. Das Umbau-
und Erweiterungsvorhaben sah ausserhalb des Gebäudevolumens eine Erweiterung
der anrechenbaren Brutto-Geschossfläche um 69 m und der Brutto-Nebenfläche um
2
2 2
2
2
2
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
85,69 m vor. Das damals zuständige Amt für Umwelt (AFU) erteilte am 28. Januar
1991 die kantonale Zustimmung. Für dasselbe Bauvorhaben stellte W.O. ein
Korrekturgesuch, wonach die ausserhalb des Gebäudevolumens geplante Erweiterung
der anrechenbaren Brutto-Geschossfläche anstatt 69 m neu 77,62 m betragen sollte.
Dieses Korrekturgesuch genehmigte der Gemeinderat am 27. Mai 1991, nachdem das
AFU diesem zugestimmt hatte.
b. Am 29. Mai 2006 stellte W.O. bei der Gemeinde X. ein nachträgliches Baugesuch für
den Umbau des rund 75 m grossen, nordöstlichen Bereichs des Wohnhaus-
Erdgeschosses in eine "Wellness-Quelle" sowie für die Abparzellierung des
Grundstücks. Mit raumplanungsrechtlicher Teilverfügung vom 17. Juli 2007 verweigerte
das Amt für Raumentwicklung und Geoinformation (AREG) die Zustimmung. Es stellte
fest, das Wohnhaus sei vor dem 1. Juli 1972 nicht mehr landwirtschaftlich genutzt
worden (Ziff. 1) und es sei formell und materiell rechtswidrig (Ziff. 3). Die Zustimmung
zur Baubewilligung für den Umbau des Wohnhauses werde im Sinne der Erwägungen
verweigert (Ziff. 4). Das AREG stellte weiter fest, die Remise (Vers.-Nr. 0001), die
Garage sowie der Kleintierstall seien formell und materiell rechtswidrig (Ziff. 3); die
nachträgliche Zustimmung zu den Baubewilligungen des Gemeinderates von 1973
(Anbau an der Ostseite der Remise), 1976 (Umbau der am Wohnhaus angebauten
Scheune zu Wohnraum), 1977 (Neubau einer Garage) und 1981 (Neubau eines
Kleintierstalls) werde im Sinne der Erwägungen verweigert (Ziff. 2). Schliesslich verfügte
das AREG, zur Sicherung des Verbots der baulichen Nutzungserweiterung werde als
öffentlich-rechtliche Eigentumsbeschränkung zulasten des Grundstücks Nr. 000 ein
Verbot der baulichen Nutzungserweiterung nach der Raumplanungsverordnung (SR
700.1; RPV) angeordnet (Ziff. 5a). Diese Eigentumsbeschränkung sei zulasten des
Grundstücks Nr. 000 mit "Beschränkungen, Auflagen und Bedingungen nach RPV" im
Grundbuch anzumerken (Ziff. 5b). Die zuständige Gemeindebehörde sei beauftragt und
ermächtigt, die Anmerkung im Grundbuch anzumelden (Ziff. 5c), und sie habe nach Art.
130 Abs. 2 des Baugesetzes (sGS 731.1, BauG) die Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustandes anzuordnen (Ziff. 6). Das AREG führte zur Begründung aus,
die vom Gemeinderat zugestandenen Erweiterungen am Wohnhaus, der Anbau an der
Ostseite der Remise, die Garage und der Kleintierstall seien formell und materiell
rechtswidrig; die fraglichen Bauten würden das nach damaligem Recht zulässige
Erweiterungskontingent von 25 Prozent deutlich überschreiten, und auch das nach
2
2 2
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
heutigem Recht zulässige Kontingent von 30 Prozent oder 100 m werde überschritten.
Das AREG wies darauf hin, der Ausbau des Erdgeschosses im Wohnhaus sei nicht
Gegenstand des Bauvorhabens gewesen, das der Gemeinderat am 6. Januar 1976
bewilligte; der damalige Projektplan habe im Bereich der "Wellness-Quelle" einen Stall
bzw. ein Futterlager ausgewiesen. Ein gewerblicher Vorbestand sei nicht nachweisbar.
Die nun vorgenommene vollständige Zweckänderung in eine "Wellness-Quelle" sei
nicht mehr mit dem Kriterium der teilweisen Änderung vereinbar, weshalb hierfür keine
nachträgliche Zustimmung erteilt werden könne. Auf einen Rückbau des Wohnhauses
und der Remise sowie auf einen Abbruch der Garage könne verzichtet werden, da die
Frist für ein nachträgliches baupolizeiliches Einschreiten 30 Jahre betrage. Die
zuständige Gemeindebehörde werde jedoch den Rückbau der "Wellness-Quelle"
anzuordnen haben. Mit Beschluss vom 5. November 2007 verweigerte die
Baukommission X. unter Hinweis auf die Teilverfügung des AREG vom 17. Juli 2007 die
nachträgliche Bewilligung für die Umnutzung und den Umbau der Räume im
Erdgeschoss des Wohnhauses in eine "Wellness-Quelle". Sie erwog, die kantonale
Beurteilung vom 12. Dezember 2006, die am 19. Juli 2007 eröffnet worden sei, bilde
einen Bestandteil des Entscheids; sie beinhalte die raumplanungsrechtliche
Teilverfügung des AREG vom 17. Juli 2007 sowie die Verfügung über
Gewässerschutzmassnahmen des AFU vom 23. August 2006 (lit. A, Abs. 1). Das Verbot
der baulichen Nutzungserweiterung sei als öffentlich-rechtliche
Eigentumsbeschränkung im Grundbuch anzumerken und werde mit dem Entscheid
angemeldet (lit. A, Abs. 2). Zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes des
Erdgeschosses des Wohnhauses Vers.-Nr. 000 werde eine Frist bis längstens 1.
Dezember 2008 gesetzt (lit. B, Ziff.
Mit Entscheid vom 23. Dezember 2008 wies das Baudepartement den von W.O.
erhobenen Rekurs gegen lit. A des Dispositivs im Beschluss der Baukommission vom
5. November 2007 ab und hiess den gegen lit. B. 1. gerichteten Rekurs gut (Ziff. 1). Es
hob lit. B. 1. des Dispositivs auf und wies die Streitsache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurück (Ziff. 2). Diesen Rekursentscheid bestätigte das Verwaltungsgericht
mit Entscheid B 2009/4 vom 13. April 2010 in materieller Hinsicht und korrigierte die
Aufteilung der amtlichen Kosten des Rekursverfahrens. Dieser Entscheid erwuchs in
Rechtskraft.
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
c. Am 19. November 2010 reichte W.O. ein Baugesuch für den Ersatz des Wellblech-
Dachs einer Dachhälfte der Remise Vers.-Nr. 0001 durch ein neues Blechdach ein (act.
G 10/11/2). Während der öffentlichen Auflage des Gesuchs gingen keine Einsprachen
ein. Mit Teilverfügung vom 24. April 2013 stellte das AREG fest, dass die
Baubewilligungen von 1973 und 1977 für die Erweiterungen der Remise in formelle
Rechtskraft erwachsen seien (Ziff. 1) und die Remise seit jeher nichtlandwirtschaftlich
genutzt werde (Ziff. 2). Die Zustimmung zur Baubewilligung werde erteilt (Ziff. 3; act. G
10/11/12). Unter Hinweis auf diese Teilverfügung erteilte die Baukommission X. mit
Beschluss vom 27. Mai 2013 die Bewilligung für die Dachsanierung der Remise (Ziff. 1).
Gleichzeitig stellte sie fest, dass die Baubewilligungen von 1973 und 1977 in formelle
Rechtskraft erwachsen seien (Ziff. 2) und die Remise seit jeher nichtlandwirtschaftlich
genutzt werde (Ziff. 3; act. G 10/11/15).
Am 5. Oktober 2013 reichte W.O. ein weiteres Baugesuch ein, welches den teilweisen
Abbruch der LKW-Garage und der Werkstatt (Nr. 0001) sowie die Übertragung der
gewerblichen Nutzung der LKW-Garage auf die gewerbliche Nutzung des Wohnhauses
zum Gegenstand hatte. Die Stiftung WWF Schweiz erhob am 18. November 2013
Einsprache gegen das Bauvorhaben (act. G 10/12/4). Sodann erhob sie am 31. März
2014 Rekurs beim Baudepartement mit dem Antrag, es sei Ziff. 1 der
raumplanungsrechtlichen Teilverfügung vom 24. April 2013 sowie Ziff. I.A.2 der
Baubewilligung vom 27. Mai 2013 aufzuheben (act. G 10/1 und 10/9). Mit Entscheid
vom 18. Juni 2015 hiess das Baudepartement den Rekurs im Sinn der Erwägungen gut
(Ziff. 1) und hob die Baubewilligung vom 27. Mai 2013 mitsamt der Teilverfügung des
AREG vom 23. April 2013 auf (act. G 2).
B.
a. Gegen diesen Entscheid erhob Rechtsanwalt Markus Frei, St. Gallen, für W.O.
Beschwerde vom 9. Juli 2015 mit den Rechtsbegehren, der Entscheid sei aufzuheben
(Ziff. 1), es seien die Rechtsbegehren gemäss Rekursantwort vom 27. Mai/24. Oktober
2014 zu schützen und die Erteilung der Baubewilligung vom 27. Mai 2013 gestützt auf
die Teilverfügung des AREG vom 24. April 2013 zu bestätigen; eventualiter sei die
Sache zu neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen (Ziff. 2), unter Kosten-
und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerin, eventualiter zulasten des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Staates (Ziff. 3; act. G 1). In der Beschwerdeergänzung vom 28. August 2015 bestätigte
und begründete der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers die gestellten
Rechtsbegehren (act. G 5).
b. In der Vernehmlassung vom 21. September 2015 beantragte die Vorinstanz
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf den angefochtenen
Entscheid und nahm ergänzend zu Vorbringen in der Beschwerde Stellung (act. G 9).
Die Beschwerdegegnerin stellte in der Vernehmlassung vom 10. November 2015 das
Rechtsbegehren, die Beschwerde sei abzuweisen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zulasten des Beschwerdeführers (act. G 16). Die
Beschwerdebeteiligte verzichtete auf eine Stellungnahme (vgl. act. G 18).
c. Mit Eingabe vom 14. Dezember 2015 bestätigte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers seine Rechtsbegehren und Ausführungen (act. G 21).
d. Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten in den Eingaben des vorliegenden
Verfahrens wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2.
2.1. Baugesuch und Unterlagen sind während vierzehn Tagen zur Einsicht aufzulegen
(Art. 82 Abs. 3 des Baugesetzes, sGS 731.1, BauG). Allfällige Einsprachen sind innert
der erwähnten Frist schriftlich und mit Begründung der zuständigen Gemeindebehörde
einzureichen (vgl. Art. 83 Abs. 1 BauG). Gemäss Art. 12b des Bundesgesetzes über
den Natur- und Heimatschutz (NHG; SR 451) müssen Verfügungen und Gesuche den
beschwerdeberechtigten Organisationen durch schriftliche Mitteilung oder durch
Veröffentlichung im Bundesblatt oder im kantonalen Publikationsorgan zur Kenntnis
gebracht werden. Sinn und Zweck von Art. 12b NHG ist es sicherzustellen, dass das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verbandsbeschwerderecht effektiv gewährleistet ist (BGer 1C_630/2014 vom 18.
September 2015, E. 2.3.2, in: URP 2016 S. 25). Die Veröffentlichung muss so gefasst
sein, dass sich die Organisationen ein Bild von Art und Tragweite des geplanten
Vorhabens machen können (BGer 1C_301/2016 vom 4. Januar 2017, E. 3.5 mit
Hinweisen).
2.2. In der Rekursvernehmlassung vom 11. Juli 2014 hatte das AREG ausgeführt,
selbst nach Kenntnisnahme der raumplanungsrechtlichen Teilverfügung vom 24. April
2013 sowie der Baubewilligung vom 27. Mai 2013 im Rahmen einer
Akteneinsichtnahme im Jahr 2013 und auch nach Zustellung derselben durch den
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers Ende 2013 habe die Beschwerdegegnerin kein
Rechtsmittel ergriffen. Offensichtlich erst aufgrund ihres Desinteresses an einer
einvernehmlichen Lösung im Rahmen des aktuellen Baugesuchs (vom 5. Oktober 2013)
betreffend Rückbau und Verlegung der Gewerberäumlichkeiten habe sie den Rekurs
eingereicht. Mangels Einhaltung der Rekursfrist sei auf den Rekurs nicht einzutreten
(act. G 10/14). Die Vorinstanz hielt hierzu im angefochtenen Entscheid fest, die
Beschwerdebeteiligte habe der Beschwerdegegnerin die Bauanzeige vom 6. Dezember
2010 zwar vorschriftsgemäss zugestellt. Die Formulierung in der Bauanzeige
(„Dachsanierung über LKW-Garage und Werkstatt Vers.-Nr. 0001“) habe es der
Beschwerdegegnerin jedoch nicht erlaubt, den eigentlichen Gegenstand des
Baugesuchs zu erkennen. Die vom AREG angeführte Akteneinsichtnahme im Jahr 2013
werde von der Beschwerdegegnerin nicht erwähnt. Rückwirkend sei aber weder ein
genauer Zeitpunkt feststellbar, noch sei ermittelbar, von welchen Dokumenten die
Beschwerdegegnerin anlässlich dieser Akteneinsicht tatsächlich Kenntnis erhalten
habe. In der Einsprache vom 18. November 2013 (betreffend Baubewilligung
„Teilabbruch Gewerbehalle Vers.-Nr. 0001, Therapieräume im Gebäude Vers-Nr. 000:
Umbau/Umnutzung“; act. G 10/12/4) habe die Beschwerdegegnerin hingegen darauf
hingewiesen, dass der Nachweis für eine ununterbrochene und rechtmässige
gewerbliche Nutzung fehle. Im Nachgang zum Augenschein vom 20. Dezember 2013
habe die Beschwerdegegnerin mit E-Mail vom 29. Januar 2014 und mit Schreiben vom
13. Februar 2014 um Zustellung der Unterlagen betreffend LKW-Garage und Werkstatt
Nr. 0001 ersucht. Die Unterlagen - darunter die Teilverfügung vom 24. April 2013 (act.
G 10/11/12) und die Baubewilligung vom 27. Mai 2013 (act. G 10/11/15) - seien der
Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 13. März 2014 (Eingang 17. März 2014)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zugestellt worden. Damit könne offenbleiben, ob die Teilverfügung vom 24. April 2013
bereits mit E-Mail „DOC24121324122013093126.pdf“ - diese Bezeichnung erlaube
keine Rückschlüsse auf den Datei-Inhalt - vom 24. Dezember 2014 zugegangen sei.
Zudem wäre für die Beschwerdegegnerin allein aufgrund der Teilverfügung vom 24.
April 2013 auch nicht feststellbar gewesen, ob die Beschwerdebeteiligte auch die
Baubewilligung erteilt habe. Die Rechtsmittelfrist habe somit erst am 17. März 2014 zu
laufen begonnen und sei mit dem am 31. März 2014 erhobenen Rekurs eingehalten
worden (act. G 2).
2.3. Der Beschwerdeführer bestätigt im vorliegenden Verfahren seinen Standpunkt,
dass auf den Rekurs nicht hätte eingetreten werden dürfen, nachdem dieser am 31.
März 2014 verspätet erhoben worden sei. Von der Teilverfügung des AREG vom 24.
April 2013 habe die Beschwerdegegnerin bereits am 24. Dezember 2013 Kenntnis
erhalten. Als Beweismittel reicht der Beschwerdeführer einen USB-Stick ein (act. G
6.1). An der Baubewilligung vom 27. Mai 2013 habe sich die Beschwerdegegnerin zu
Recht gar nie gestört (act. G 5 und G 21). Die Vorinstanz vermerkt hierzu, dass der
USB-Stick ihr bei Erlass des Entscheids nicht bekannt gewesen sei. Selbst wenn zu
Unrecht auf den Rekurs eingetreten worden wäre, wäre die Nichtigkeit der
Baubewilligung vom 27. Mai 2013 und der Teilverfügung vom 24. April 2013
aufsichtsrechtlich festzustellen gewesen. Die erteilte Baubewilligung beruhe auf der
nichtigen Feststellung, die Bewilligung der Remise sei formell rechtmässig. Die
gesamthafte Aufhebung der Baubewilligung und der Teilverfügung sei eine Folge dieser
nichtigen Feststellung. Zudem habe der Beschwerdeführer mit der gesamthaften
Aufhebung der Verfügungen rechnen müssen, nachdem ihm die Anträge der
Beschwerdegegnerin bekannt gewesen seien (act. G 9).
2.4. Es entspricht einem allgemeinen, aus dem Grundsatz von Treu und Glauben und
dem Vertrauensschutz (Art. 5 Abs. 3 und Art. 9 der Bundesverfassung [BV]; SR 101)
abgeleiteten Rechtsgrundsatz, dass einer Partei aus einer mangelhaften Eröffnung kein
Nachteil erwachsen darf (BGE 117 Ia 297, E. 2 mit Hinweisen). Allerdings wird von der
betroffenen Person verlangt, dass sie ihrerseits nach Treu und Glauben handelt: Sie
darf nicht einfach zuwarten, sondern muss verfahrensrechtliche Einwendungen so früh
wie möglich, das heisst nach Kenntnisnahme eines Mangels bei erster Gelegenheit,
vorbringen. Dies gilt auch bei mangelhafter Publikation oder Anzeige gemäss Art. 12b
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=1C_301%2F2016&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-IA-297%3Ade&number_of_ranks=0#page297
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
NHG (vgl. BGer 1C_630/2014, a.a.O., E. 3.1 mit Hinweisen; BGer 1C_301/2016, a.a.O.,
E. 3.5.2). Die Zeitspanne, welche die Betroffenen verstreichen lassen dürfen, ohne ihres
Vertrauensschutzes verlustig zu gehen, hängt davon ab, wann sie vom missliebigen
Entscheid auf andere Weise sichere Kenntnis erhalten haben. Blosse Gerüchte oder
vage Hinweise reichen dazu nicht. Erst wenn der Rechtsuchende im Besitz aller für die
erfolgreiche Wahrung seiner Rechte wesentlichen Elemente ist, also namentlich auch
die Entscheidgründe kennt, rechtfertigt es sich, von ihm eine Anfechtung innerhalb der
jeweiligen Rechtsmittelfrist zu verlangen (L. Neubühler in: Auer/Müller/Schindler [Hrg.],
Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, Zürich/St. Gallen 2008,
Rz. 11 f. zu Art. 38 VwVG). Der Betroffene darf den Beginn des Fristenlaufs aber nicht
beliebig hinauszögern. Wenn er einmal von der ihn berührenden Verfügung Kenntnis
erhalten hat, muss er nach Treu und Glauben dafür besorgt sein, den genauen Inhalt
der Verfügung zu erfahren. Er hat sich insbesondere danach zu erkundigen, wenn
Anzeichen für die Erteilung einer Baubewilligung vorliegen (VerwGE B 2009/71 vom 18.
März 2010, E. 2.4.1 mit Hinweis auf GVP 2006, Nr. 125).
2.5.
2.5.1. Zutreffend ist, dass die Formulierung in der Bauanzeige vom 19. November 2010
(„Dachsanierung über LKW-Garage und Werkstatt Vers.-Nr. 0001“; act. G 10/11/2) es
der Beschwerdegegnerin nicht erlaubte, den eigentlichen Gegenstand des Baugesuchs
(d.h. die Sanierung des Dachs einer ausserhalb der Bauzone liegenden Remise mit
gleichzeitiger Feststellung der formellen Rechtmässigkeit der Baute selbst) zu
erkennen. In solchen Fällen verletzt es nicht Treu und Glauben, erst dann Einsprache
zu erheben, wenn Art und Tragweite des Bauvorhabens bekannt sind (vgl. BGer
1C_301/2016, a.a.O., E. 3.5.3). Mit Bezug auf die vom AREG erwähnte
Akteneinsichtnahme durch die Beschwerdegegnerin im Jahr 2013 lassen sich entgegen
der Auffassung der Vorinstanz ihr Zeitpunkt und ihr Inhalt eruieren. Das AREG reichte
nämlich mit Vernehmlassung vom 11. Juni 2014 ein Schreiben an die
Beschwerdegegnerin vom 5. September 2013 ein. Darin werden jedoch die
Teilverfügung vom 24. April 2013 und die Baubewilligung vom 27. Mai 2013 nicht
erwähnt. Hieraus lässt sich somit für die vorliegend streitige Frage der Fristeinhaltung
nichts ableiten. Hingegen reichte der Beschwerdeführer, bezugnehmend auf die
Feststellung im vorinstanzlichen Entscheid, wonach die Bezeichnung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
DOC2411213-24122013093126.pdf keine Rückschlüsse auf den Inhalt der mit E-Mail
vom 24. Dezember 2013 zugestellten Datei erlaube (act. G 2 E. 3.9), einen USB-Stick
ein. Das Verwaltungsgericht hat dieses Beweismittel im vorliegenden Verfahren
entgegenzunehmen und zu würdigen (vgl. VerwGE B 2013/254 vom 28. Juli 2015, E.
4.2. mit Hinweis auf B 2013/8, B 2013/137 vom 22. Mai 2013, E. 1.5.3,
www.gerichte.sg.ch); letzteres jedenfalls soweit, als dies für den Entscheid überhaupt
relevant ist.
2.5.2. Die Frage, ob die Zustellung der Teilverfügung vom 24. April 2013 mit E-Mail
vom 24. Dezember 2013 aufgrund des nachgereichten Beweismittels als belegt zu
gelten hat - die Beschwerdegegnerin bestreitet den Erhalt des Mails (act. G 16 Ziff. 13)
-, kann offen bleiben. Denn soweit sich der Rekurs der Beschwerdegegnerin vom 31.
März 2014 gegen diese Verfügung richtete, war er nicht verspätet, da das Rechtsmittel
hiergegen sich nach dem Gesamtentscheid der Gemeinde, d.h. nach der