Decision ID: de93b3df-4df6-567f-9675-5c2520a98db8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Somalia eigenen Angaben zufolge im Jahr
2007 und lebte fortan in einem Flüchtlingslager in Äthiopien. Am 22. August
2015 habe er Äthiopien verlassen und sei über den Sudan, Libyen und
Italien am 15. Oktober 2015 in die Schweiz eingereist, wo er gleichentags
ein Asylgesuch stellte. Am 20. November 2015 wurde er summarisch be-
fragt. Nachdem der Beschwerdeführer in der Folge untertauchte, schrieb
das SEM sein Asylgesuch mit Verfügung vom 8. Juni 2017 ab, nahm das
Verfahren nach seinem Wiederauftauchen mit Verfügung vom 26. Juni
2017 jedoch erneut auf. Am 23. August 2018 wurde er einlässlich und am
17. Oktober 2018 ergänzend angehört.
Zur Begründung seines Gesuches gab er an der Befragung an, er sei mit
seiner Familie wegen des Krieges in Somalia nach Äthiopien geflüchtet und
habe dort mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in einem Flüchtlings-
lager gewohnt. An der Anhörung führte er aus, seine Eltern seien wegen
einer Landstreitigkeit in Somalia umgebracht worden, woraufhin er und
seine Geschwister mit einer Tante nach Äthiopien geflohen und dort als
Familie registriert worden seien. Äthiopien habe er verlassen, weil es im
Flüchtlingslager zu Konflikten zwischen den Clans gekommen sei.
Im Weiteren gab der Beschwerdeführer an, er habe als Kind einen Unfall
mit einer Kopfverletzung und einer Gehirnerschütterung erlitten. Seither
leide er an starken, besonders bei Wut auftretenden Kopfschmerzen. An
verschiedenen Stellen des Protokolls wurde auf vage gesundheitliche
Probleme bereits seit früher Kindheit hingewiesen, ohne dass diese konk-
ret hätten bezeichnet werden können.
B.
Mit Strafbefehl vom 27. März 2018 wurde der Beschwerdeführer unter an-
derem wegen mehrfacher Sachbeschädigung zu einer bedingten Geld-
strafe und einer Busse verurteilt, nachdem er am 11. Dezember 2017 in
der Asylunterkunft randaliert und bei der Polizeikontrolle am nächsten Tag
ein (...) eingeschlagen hatte (vgl. Akten des SEM A19).
C.
Mit staatsanwaltlicher Verfügung vom 31. Juli 2019 wurde ein im Zusam-
menhang mit einer Auseinandersetzung vom 18. September 2018 unter
anderem gegen den Beschwerdeführer geführtes Strafverfahren wegen
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einfacher Körperverletzung, eventuellem Angriff, Diebstahl und Sachbe-
schädigung eingestellt (vgl. kantonale Akten Aktenstück 140).
D.
Am 28. Oktober 2018 wurde der Beschwerdeführer in Haft genommen und
es wurde ein Strafverfahren wegen versuchter schwerer Körperverletzung
und eventueller schwerer Körperverletzung gegen ihn eröffnet, nachdem
er seinen Zimmergenossen (...) hatte (vgl. kantonale Akten Aktenstück
215).
E.
Mit Verfügung vom 7. Dezember 2018 lehnte das SEM das Asylgesuch des
Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug an.
Diese Verfügung wurde dem SEM am 21. Dezember 2018 von der Post als
nicht abgeholt zurückgesandt.
F.
Mit neu erlassener Verfügung vom 11. Januar 2019 – eröffnet am 15. Ja-
nuar 2019 – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab
und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug an.
G.
Mit Eingabe vom 13. Februar 2019 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seine damalige Rechtsvertreterin – gegen diesen Entscheid
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die vollum-
fängliche Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung.
Eventualiter wurde die Feststellung der Unzulässigkeit beziehungsweise
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und die Erteilung einer vorläu-
figen Aufnahme beantragt. In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG i.V.m.
aArt. 110a AsylG, (SR 142.31) und um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Februar 2019 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung gut, verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte die damalige Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein.
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I.
In seiner Vernehmlassung vom 14. März 2019 hielt das SEM vollumfäng-
lich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
J.
Mit Replik vom 4. April 2019 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehmlas-
sung des SEM Stellung.
K.
Nachdem der Beschwerdeführer am 13. August 2019 untergetaucht war,
wurde seine Rechtsvertreterin mit Zwischenverfügung vom 20. September
2019 aufgefordert, zu seinem Aufenthalt und dem fortdauernden Rechts-
schutzinteresse Auskunft zu geben. Mit Eingabe vom 4. Oktober 2019
führte diese aus, sie habe keine Kenntnis über den aktuellen Aufenthaltsort
des Beschwerdeführers. Aufgrund seines Gesundheitszustandes sei aber
von einem fortbestehenden Rechtsschutzinteresse auszugehen. Mit Ein-
gabe vom 14. Oktober 2019 ergänzte sie, dass sich der Beschwerdeführer
in Deutschland aufhalte und eine Rückkehr in die Schweiz absehbar sei.
L.
Mit Schreiben vom 13. November 2019 informierte das kantonale Migrati-
onsamt das Bundesverwaltungsgericht, dass der Beschwerdeführer im
Rahmen einer Auslieferung in die Schweiz zurückgeführt worden sei.
M.
Mit Schreiben vom 22. November 2019 ersuchte die damalige Rechtsver-
treterin um Entlassung als amtliche Rechtsbeiständin und um Einsetzung
der rubrizierten Rechtsvertreterin als neue amtliche Rechtsbeiständin. Mit
Zwischenverfügung vom 12. Dezember 2019 wurde diesem Antrag statt-
gegeben.
N.
Mit Eingabe vom 27. November 2019 teilte der Beschwerdeführer über
seine Rechtsvertreterin mit, er halte sich in der psychiatrischen Klinik in
B._ auf.
O.
Mit Eingaben vom 7. Februar 2020, 22. Mai 2020 und 20. Juni 2020 kün-
digte die Rechtsvertreterin neue Unterlagen zum Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers an.
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P.
Mit Eingabe vom 24. Juli 2020 wurde ein Arztbericht vom 11. Juni 2020 der
Psychiatrischen Universitätsklinik C._ zu den Akten gereicht.
Q.
Mit Eingabe vom 28. Juli 2020 teilte der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertreterin mit, das Strafverfahren (betreffend schwere Körperver-
letzung) sei abgeschlossen worden.
R.
Gemäss Aufforderung stellte das kantonale Migrationsamt seine Akten am
29. September 2020 dem Bundesverwaltungsgericht zur Einsicht zu.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die formellen Rügen des Beschwerdeführers sind vorab zu behandeln, da
sie gegebenenfalls zu einer Kassation führen könnten. In der Beschwerde
wird im Hauptantrag geltend gemacht, das SEM habe den rechterhebli-
chen Sachverhalt in Bezug auf den Gesundheitszustand des Beschwerde-
führers nicht richtig abgeklärt.
3.1 Das SEM hatte zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen
festgehalten, es bestünden erhebliche Zweifel an der persönlichen Glaub-
würdigkeit des Beschwerdeführers, insgesamt könnten seine Vorbringen
nicht geglaubt werden. So habe er an der Befragung angegeben, seine
Eltern würden in Äthiopien leben, während er an der Anhörung ausgesagt
habe, diese seien vor seiner Ausreise aus Somalia verstorben und er habe
mit seiner Tante in Äthiopien gelebt. Weiter seien substantiierte Darlegun-
gen zu seinem Leben in Somalia und der Ausreise aus diesem Land aus-
geblieben, wobei sein damals junges Alter von (...) Jahren und eine mut-
massliche Erkrankung als Kind die eklatanten Erinnerungslücken nicht zu
erklären vermöchten. Bezüglich des Wegweisungsvollzugs wurde ausge-
führt, der Beschwerdeführer habe die ihm obliegende Mitwirkungsplicht in
grober Weise verletzt und verunmögliche so eine Prüfung der Zulässigkeit,
Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. Deshalb sei ver-
mutungsweise davon auszugehen, es stünden einer Wegweisung an sei-
nen bisherigen Aufenthaltsort keine Vollzugshindernisse entgegen.
3.2 Zur Begründung der Rüge der mangelnden Sachverhaltsfeststellung
wurde in der Beschwerde ausgeführt, es fänden sich in den Anhörungen
immer wieder Hinweise auf eine unter Umständen verfahrensrelevante ge-
sundheitliche Beeinträchtigung des Beschwerdeführers. Dies sei auch von
der anwesenden Hilfswerksvertretung festgestellt worden. Es liege nun ein
psychiatrisches Gutachten vor, welches widerlege, dass die Widersprüche
und oberflächlichen Schilderungen im Asylverfahren auf einer Täu-
schungsabsicht beruhen würden. Vielmehr schienen diese Merkmale aus
der Sicht der betrauten Fachpersonen auf der psychischen Verfassung res-
pektive einer ernstzunehmenden psychischen Störung des Beschwerde-
führers zu fussen. Das genannte Gutachten werde sobald als möglich
nachgereicht. Die Vorinstanz hätte den Gesundheitszustand bereits nach
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den vielen Hinweisen in den beiden Anhörungen von Amtes wegen abklä-
ren müssen. Spätestens nach Vorliegen des Verdachts der genannten Di-
agnosen seien die Qualifikation der persönlichen Unglaubwürdigkeit des
Beschwerdeführers nicht mehr haltbar und die Umstände näher abzuklä-
ren.
3.3 Mit Eingabe vom 14. Februar 2019 reichte der Beschwerdeführer ein
Gutachten des (...) forensische Psychologie vom 1. Dezember 2018 zu
den Akten. Die Gutachter kamen zum Schluss, dass der Psychostatus des
Beschwerdeführers sehr auffällig sei, und äusserten den Verdacht auf eine
psychotische Symptomatik respektive eine Erkrankung aus dem schizo-
phrenen Formenkreis sowie auf eine posttraumatische Belastungsstörung
mit dissoziativen Zuständen. Es bestünden Hinweise auf eine erhebliche
Störung der Aufmerksamkeit. Der Beschwerdeführer erinnere sich in einem
Moment nicht an Dinge, in einem späteren habe er die Auskunft doch ge-
ben können. Er beschreibe Zustände, in denen sein Denken nicht richtig
funktioniere, sowie viele und langanhaltende Erinnerungslücken. Auch
während der Exploration habe er über lange Strecken geistig abwesend
gewirkt. Störungen der Zeitachse würden es ihm verunmöglichen, das Jahr
seiner Flucht oder sein Alter zu erinnern, als die Eltern getötet worden
seien sowie andere zentrale Lebensereignisse. Bei psychotischer Erkran-
kung aus dem schizophrenen Formenkreis sei unter anderem die Kargheit
seiner Schilderungen üblich.
3.4 Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung im Wesentlichen fest, der Un-
tersuchungsgrundsatz gelte nicht uneingeschränkt und finde seine Gren-
zen in der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person. Der Beschwerde-
führer habe seinen Gesundheitszustand im Verfahren als gut beschrieben
und nur über chronische Kopfschmerzen berichtet. Auch auf konkrete
Nachfrage hin habe er es unterlassen, allfällig vorhandene (psychische)
Beschwerden und etwaigen Bedarf an ärztlicher Behandlung geltend zu
machen. Bei den im Gutachten festgehaltenen Erkrankungen des Be-
schwerdeführers handle es sich um eine Verdachtsdiagnose, welche mit-
unter mit den einsilbigen Antworten des Beschwerdeführers begründet
worden sei. Gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
könne die genaue Ursache eines psychischen Leidens durch ein ärztliches
Zeugnis kaum je schlüssig nachgewiesen werden. Ebenso wenig vermöge
die posttraumatische Belastungsstörung eine Erklärung für die Ungereimt-
heiten und Widersprüche in den Aussagen des Beschwerdeführers zu lie-
fern. Diese bezögen sich nicht nur auf die traumatischen Erlebnisse an
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sich, sondern auf verschiedenste Elemente und Aspekte seiner Vorbrin-
gen. Zudem seien die Unglaubhaftigkeitselemente zu umfassend und wür-
den sich auch nicht allein durch verdrängte oder vergessene Sachverhalts-
umstände beziehungsweise Hemmungen in den Schilderungen erklären
lassen. Die Erklärung, der Beschwerdeführer sei aufgrund der Traumati-
sierung nicht in der Lage gewesen, detailliert, widerspruchsfrei und aus-
führlich zu berichten, müsse somit als Schutzbehauptung von der Hand
gewiesen werden.
3.5 In der Replik wurde dem entgegengehalten, die Mitwirkungspflicht
gelte im Gegensatz zur Erbringung von Beweisen im Ausland für in der
Schweiz feststellbare Sachverhaltselemente, wie beispielsweise den me-
dizinischen Nachweis geltend gemachter gesundheitlicher Einschränkun-
gen, nicht in gleichem Masse. Es sei insbesondere auch darauf hinzuwei-
sen, dass Asylsuchende in der Regel über wenig finanzielle Mittel verfügen
würden, wodurch gerade die Bezahlung medizinischer oder psychiatri-
scher Behandlungen nicht möglich sei. Eine Durchsicht der Akten zeige,
dass der Beschwerdeführer bereits in Somalia und im Flüchtlingslager bis
auch hier in der Schweiz diverse krankheitsbedingte Probleme gehabt
habe, wobei seine Schilderungen nahelegen würden, dass es sich um ein
psychisches Problem handeln könnte (vgl. A21 F23, F29ff., F35f., F69ff,
F117ff., F121ff.; A27 F142f.). Aufgrund der zahlreichen Hinweise im Ver-
fahren hätte der Vorinstanz auffallen müssen, dass eine psychische Beein-
trächtigung vorliege, zumal auch die Hilfswerksvertretung darauf hingewie-
sen habe. Auch den Strafbehörden sei scheinbar klar gewesen, dass eine
psychische Beeinträchtigung vorliege, hätten sie doch eine detaillierte Un-
tersuchung der psychischen Gesundheit des Beschwerdeführers in Auftrag
gegeben. Die Vorinstanz verkenne aber auch, dass, selbst wenn zuvor
keine Hinweise auf eine psychische Krankheit vorgelegen und sie den Un-
tersuchungsgrundsatz nicht verletzt hätte, die gesundheitliche Situation
des Beschwerdeführers im Rahmen des Beschwerdeverfahrens nun be-
legt worden sei, weshalb jetzt eine Auseinandersetzung mit den Auswir-
kungen dieser Krankheit auf das Aussageverhalten stattzufinden habe. Der
Beschwerdeführer habe vorliegend seine Mitwirkungspflicht nicht verletzt.
Wie sich dem Gutachten entnehmen lasse, kämen Fachpersonen zum
Schluss, dass seine Erinnerungslücken nicht vorgespielt seien, um eine
bessere Behandlung im Strafverfahren zu erwirken, sondern effektiv be-
stünden. Die Vorinstanz zweifle an der Korrektheit des Gutachtens, da da-
rin lediglich eine Verdachtsdiagnose gestellt werde. Da es sich aber um ein
fachliches Gutachten handle, müsse bis zu dessen Widerlegung von dem
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entsprechenden Krankheitsbild ausgegangen werden. Bei komplexen psy-
chiatrischen Krankheitsbildern müsse von Amtes wegen eine fachliche Un-
tersuchung von deren Auswirkungen auf die Asylvorbringen vorgenommen
werden.
3.6 Im Arztbericht vom 11. Juni 2020 der Psychiatrischen Universitätsklinik
C._, wurde die Diagnose der psychotischen Störung bei Erkran-
kung aus dem schizophrenen Formenkreis sowie des Verdachts auf eine
posttraumatische Belastungsstörung bestätigt. Der Beschwerdeführer sei
am 13. November 2019 auf eine der Sicherheitsstationen im (...) eingetre-
ten. Es sei von der Notwendigkeit einer mehrjährigen stationären Mass-
nahme auszugehen.
4.
4.1 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m.
Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige
und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sor-
gen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die
rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber
Beweis zu führen. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn
nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt
wurden, unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger
Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechtserheblichkeit einer
Tatsache zu Unrecht verneint wird, so dass diese nicht zum Gegenstand
eines Beweisverfahrens gemacht wird, oder weil Beweise falsch gewürdigt
worden sind. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenzen in der Mit-
wirkungspflicht des Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Im Be-
schwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht dürfen im Rahmen
des Streitgegenstandes bisher noch nicht gewürdigte, bekannte wie auch
bis anhin unbekannte neue Sachverhaltsumstände, die sich zeitlich vor
(sog. unechte Noven) oder erst im Laufe des Rechtsmittelverfahrens (sog.
echte Noven) zugetragen haben, vorgebracht werden. Gleiches gilt für
neue Beweismittel. Die Behörde muss mithin jederzeit Vorbringen zum
Sachverhalt entgegennehmen und berücksichtigen, falls sie diese für
rechtserheblich hält (vgl. Art. 32 Abs. 2 VwVG). Dass der Entscheidung
des Bundesverwaltungsgerichts derjenige Sachverhalt zugrunde zu legen
ist, wie er sich im Zeitpunkt der Entscheidung verwirklicht hat und bewiesen
ist, hängt entscheidend mit dem Untersuchungsgrundsatz und der mit Be-
zug auf die Überprüfung des Sachverhalts freien Kognition des Gerichts
zusammen (vgl. Art. 49 Bst. b VwVG). Für den Beschwerdeentscheid ist
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die im Zeitpunkt seiner Ausfällung bestehende Aktenlage massgeblich. Die
angefochtene Verfügung des SEM hat sich mithin auch gegenüber den im
Verlauf des Beschwerdeverfahrens dazugekommenen Tatsachen und Be-
weismitteln zu bewähren (vgl. BVGE 2012/21 E.5.1).
4.2 Vorliegend ist eine Verletzung der Pflicht zur Feststellung des vollstän-
digen Sachverhaltes festzustellen. Schon während des erstinstanzlichen
Verfahrens gab es Hinweise auf eine gesundheitliche Beeinträchtigung des
Beschwerdeführers. So gab er an den Anhörungen an, er habe als Kind
einen Unfall mit einer Kopfverletzung und einer Gehirnerschütterung erlit-
ten. Seither leide er an starken Kopfschmerzen. Auch die Hilfswerksvertre-
tung machte einen entsprechenden Hinweis. Auch aus weiteren Aussagen
des Beschwerdeführers ergeben sich verschiedene Hinweise auf medizi-
nische Probleme seit früher Kindheit. Am 11. Dezember 2017 randalierte
der Beschwerdeführer in der Asylunterkunft und schlug bei der Verhaftung
ein (...) ein. Dieser Vorfall zeigt auf, dass er bei Wutanfällen unter einem
starken Kontrollverlust leidet und ist als Hinweis auf psychische Beschwer-
den zu werten. Am 28. Oktober 2018 (...) der Beschwerdeführer einen Zim-
mergenossen (...). Das Opfer gab an, es sei kein Streit vorausgegangen
und der Beschwerdeführer habe ihn beim (...) einfach (...). Der Beschwer-
deführer gab an, sich nicht an die Tat erinnern zu können. Diese Sachver-
halte waren dem SEM bei Erlass seiner Verfügung vom 11. Januar 2019
bekannt beziehungsweise hätten diesem bei rechtsgenüglicher Abklärung
des Sachverhaltes bekannt sein müssen.
4.3 Auf Beschwerdeebene wurde nun ein forensisches Gutachten vom
1. Dezember 2018 zu den Akten gereicht, welches im Strafverfahren im
Zusammenhang mit dem (...)angriff erstellt wurde. Die Gutachter kamen
zum Schluss, dass der Psychostatus des Beschwerdeführers sehr auffällig
sei und äusserten den Verdacht auf eine psychotische Symptomatik res-
pektive eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis sowie auf
eine posttraumatische Belastungsstörung mit dissoziativen Zuständen. Es
bestünden Hinweise auf eine erhebliche Störung der Aufmerksamkeit mit
langanhaltenden Erinnerungslücken, wobei unter anderem die Kargheit
seiner Schilderungen üblich sei. Das SEM hielt dazu in seiner Vernehmlas-
sung fest, es handle sich lediglich um eine Verdachtsdiagnose. Der Be-
schwerdeführer habe seinen Gesundheitszustand im Verfahren als gut be-
schrieben, nur über chronische Kopfschmerzen berichtet und keine psychi-
schen Beschwerden geltend gemacht. Hierbei verkennt das SEM, dass die
angefochtene Verfügung sich auch gegenüber den im Verlauf des Be-
schwerdeverfahrens dazugekommenen Tatsachen und Beweismitteln zu
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bewähren hat, da für den Beschwerdeentscheid die im Zeitpunkt seiner
Ausfällung bestehende Aktenlage massgeblich ist (vgl. oben zit. BVGE
2012/21 E.5.1). Die Verdachtsdiagnose aus diesem Gutachten wurde in-
zwischen durch den Arztbericht vom 11. Juni 2020 der Psychiatrischen Uni-
versitätsklinik C._ bestätigt, wo der Beschwerdeführer am 13. No-
vember 2019 auf einer der Sicherheitsstationen eingetreten ist. Es sei von
der Notwendigkeit einer mehrjährigen stationären Massnahme auszuge-
hen. Gemäss Eingabe des Beschwerdeführers vom 28. Juli 2020 sei das
Strafverfahren abgeschlossen und festgestellt worden, dass er im Zustand
nicht selbstverschuldeter Schuldunfähigkeit gehandelt habe. Das entspre-
chende Urteil befindet sich aber weder bei den Akten des SEM noch bei
beigezogenen Akten des kantonalen Migrationsamtes. Vor diesem Hinter-
grund vermag der – im Grundsatz zutreffende – Hinweis der Vorinstanz,
eine Posttraumatische Belastungsstörung vermöge generell unsubstanti-
ierte Vorbringen und Widersprüche nicht zu erklären und sei auch kein Be-
weis für konkrete Ereignisse, nicht zu überzeugen. Der Beschwerdeführer
leidet offenbar an einer sehr schweren Erkrankung aus dem schizophrenen
Formenkreis, deren Einfluss auf eine mangelnde Substanz und Wider-
sprüchlichkeit zu klären sein wird. Auch wird sich die Frage stellen, inwie-
fern auf die Aussagen des Beschwerdeführers überhaupt abgestellt wer-
den kann und ob der Sachverhalt durch weitere Abklärungen, beispiels-
weise vor Ort geklärt, werden könnte.
4.4 Diesen Erwägungen gemäss ist durchaus denkbar, dass der Be-
schwerdeführer, wie in der Beschwerde ausgeführt, aufgrund seiner psy-
chischen Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis nicht in der
Lage war, widerspruchsfreie und klare Aussagen zu seinen Fluchtgründen
und seiner Herkunft zu machen. Der entsprechende Sachverhalt ist damit
nicht genügend geklärt worden. Es kann auch nicht ohne Berücksichtigung
dieser Sachumstände von einer groben Mitwirkungspflichtverletzung aus-
gegangen werden.
4.5 Schliesslich muss gegebenenfalls die wiederholte teils schwere Straf-
fälligkeit des Beschwerdeführers mit Blick auf eine Asylunwürdigkeit (vgl.
Art. 53 AsylG) oder den Ausschluss einer vorläufigen Aufnahme (vgl.
Art. 83 Abs. 7 AIG) einer eingehenden Prüfung unterzogen werden.
4.6 Nach dem Gesagten ist das SEM der aus dem Untersuchungsgrund-
satz erwachsenden Verpflichtung, den Sachverhalt richtig und vollständig
festzustellen, nicht nachgekommen.
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Seite 12
5.
Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht
in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück.
5.1 Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere
angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein
umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen feh-
lende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Be-
schwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus
prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber
nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5 m.w.H.).
5.2 Im vorliegenden Fall erscheint es aus prozessökonomischen Gründen
nicht angebracht, die fehlende Entscheidungsreife durch die Beschwer-
deinstanz herzustellen. Es ist nicht Aufgabe des Bundesverwaltungsge-
richts – welches in Asylsachen die einzige Beschwerdeinstanz ist – für eine
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Die voraussichtlich erforderlichen Abklärungen übersteigen bezüglich Um-
fang und Dauer den für das Gericht vertretbaren Aufwand. Relevant ist
auch, dass der Beschwerdeführer ansonsten einer Instanz verlustig ginge.
Somit erscheint es als angezeigt, die angefochtene Verfügung aufzuheben
und die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts sowie zur
rechtsgenüglichen Prüfung, Begründung und Entscheidung an die Vor-
instanz zurückzuweisen.
6.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die angefochtene
Verfügung des SEM vom 11. Januar 2019 ist aufzuheben und die Sache
zur vollständigen Feststellung des Sachverhaltes an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Bei diesem Verfahrensausgang erübrigt es sich, auf die weiteren
Begehren in der Beschwerde einzugehen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
8.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
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Seite 13
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Mit Eingabe 22. November 2019 wurde eine Aufstellung der bisherigen Auf-
wendungen der ehemaligen amtlichen Rechtsbeiständin eingereicht und
wurden diese auf 515 Minuten beziffert. Mit Zwischenverfügung vom
12. Dezember 2019 wurde die amtlichen Rechtsbeiständin antragsgemäss
entlassen und es wurde die rubrizierte Rechtsvertreterin als neue amtliche
Rechtsbeiständin eingesetzt. Im Nachgang kam es zu weiteren Verfah-
renshandlungen. Diese Umstände sind angemessen zu berücksichtigen.
Der Stundenansatz beträgt für nichtanwaltliche Vertreter und Vertreterin-
nen mindestens 100 und höchstens 300 Franken (Art. 10 VGKE). Die von
der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist demnach auf ins-
gesamt Fr. 2500.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 14