Decision ID: 79428e5a-a458-52d3-b0cd-3071335cc49b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess die Türkei eigenen Angaben zufolge zu-
sammen mit seinen Eltern (N [...]; D-5602/2020) am 26. Juni 2017 und ge-
langte in einem Lastwagen über ihm unbekannte Länder am 29. Juni 2017
in die Schweiz, wo er gleichentags ein Asylgesuch stellte. Am 3. Juli 2017
wurde er summarisch befragt und am 9. Juli 2019 einlässlich angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuches gab er im Wesentlichen an, sie seien
als Kurden von den Behörden unter Druck gesetzt worden. Er habe den
kurdischen Kulturverein besucht und sich an Protesten, Wahlen und Feiern
beteiligt. Im Jahr 2013 habe sich seine Schwester der PKK (Partiya
Karkerên Kurdistanê; Arbeiterpartei Kurdistans) angeschlossen und sei in
die Berge gegangen. Seine Mutter sei diese in den Bergen besuchen ge-
gangen. Die Schwester sei im Jahr 2014 auch im Fernsehen gezeigt wor-
den. Danach sei seine Mutter regelmässig von der Polizei angerufen wor-
den. Sein Vater sei einmal auf den Posten mitgenommen und gefoltert wor-
den. Er selber sei von der Polizei auf dem Weg zur Schule einmal nach
seiner Schwester befragt worden. Nach deren Tod sei die Trauerfeier durch
die Polizei gestürmt und ihr Haus durchsucht worden. Dabei sei sein Vater
geschlagen worden. Seine Mutter habe ein Zeitungsinterview zu seiner
Schwester gegeben. Eine Woche nach der Hausdurchsuchung hätten sie
ihren Wohnort verlassen und seien später ausgereist. Da er damals min-
derjährig gewesen sei, habe er keine Wahl gehabt, als mit seinen Eltern
mitzureisen. Sie hätten ihm erklärt, wenn man in der Türkei einen Märty-
rertod in der Familie habe, gebe es keinen Lebensraum mehr. In der
Schweiz habe er an Demonstrationen teilgenommen und davon Aufnah-
men in den sozialen Medien veröffentlicht. Deshalb werde sein Name auf
faschistischen türkischen Seiten erwähnt. Schliesslich erwähnte er, dass in
der Türkei (...) verboten worden sei und er (...). Wenn er jemandem davon
erzählen würde, würde er unter Umständen Probleme erhalten.
B.
Mit Verfügung vom 26. Februar 2020 wies das SEM das Asylgesuch des
Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz so-
wie den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 30. März 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen diese
Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde (Verfahren
D-1787/2020). Dabei reichte er diverse Beweismittel zu Strafverfahren zu
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den Akten, welche inzwischen gegen ihn und seinen Vater in der Türkei
eingeleitet worden seien.
D.
Am 20. April 2020 hob das SEM im Rahmen eines Schriftenwechsels die
Verfügung vom 26. Februar 2020 auf und nahm das erstinstanzliche Ver-
fahren wieder auf.
E.
Mit Entscheid vom 29. April 2020 schrieb das Bundesverwaltungsgericht
das Beschwerdeverfahren als gegenstandslos geworden ab.
F.
Mit Verfügung vom 8. Oktober 2020 – eröffnet am 9. Oktober 2020 – stellte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zufolge Vor-
liegens subjektiver Nachfluchtgründe fest, wies dessen Asylgesuch aber
ab.
G.
Mit Eingabe vom 9. November 2020 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seine Rechtsvertreterin – gegen diesen Entscheid beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der Zif-
fern 2 und 3 der angefochtenen Verfügung sowie die Asylgewährung. In
formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Rechts-
pflege und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 25. November 2020 stellte die Instruktions-
richterin fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung gut, verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte die rubrizierte
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein.
I.
In ihrer Vernehmlassung vom 8. Dezember 2020, welche dem Beschwer-
deführer am 11. Dezember 2020 zur Kenntnis gebracht wurde, hielt die
Vorinstanz vollumfänglich an ihren Erwägungen fest und beantragte die
Abweisung der Beschwerde.
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J.
Am 22. Dezember 2020, 27. Januar 2021 und 6. April 2021 machte der
Beschwerdeführer weitere Eingaben.
K.
Am 6. Juni 2021 wurde eine abschliessende Kostennote zu den Akten ge-
reicht.
L.
Am 2. Juli 2021 teilte die Rechtsvertreterin mit, dass sie auch die Vertre-
tung des Bruders des Beschwerdeführers (N [...]) – welcher am 1. März
2021 wieder in die Schweiz eingereist war – übernommen habe. Dieser
erhielt am 9. Juli 2021 in der Schweiz Asyl.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung seiner Verfügung hielt das SEM im Wesentlichen fest,
staatliche Verfolgungsmassnahmen seien nur asylrelevant, wenn sie eine
gewisse Intensität erreichen würden. Der Beschwerdeführer mache ledig-
lich geltend, die Behörden hätten ihn zweimal nach den Aktivitäten und
dem Aufenthaltsort seiner Schwester befragt, ohne dass dies weitere Kon-
sequenzen gehabt habe. Auch die von seinen Eltern geltend gemachten
Verfolgungsmassnahmen, so die Mitnahme seines Vaters und die Haus-
durchsuchung, seien nicht intensiv genug gewesen. In Bezug auf das En-
gagement seiner Schwester sei festzuhalten, dass sich die Menschen-
rechtssituation in der Türkei seit dem Jahr 2015 verschlechtert habe. In
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bestimmten Einzelfällen komme es zu Reflexverfolgungen von Familienan-
gehörigen, damit sich die gesuchten Personen stellen würden. Gemäss
Rechtsprechung liege eine Reflexverfolgung nur in besonderen Situatio-
nen vor, wenn eine Person selber schon Nachteile erlitten habe, in Ver-
dacht stehe, mit einem Aktivisten auf der Flucht oder im Ausland in Kontakt
zu stehen oder selber politisch aktiv zu sein. Das SEM gehe deshalb in der
Regel davon aus, dass Verwandte von inhaftierten oder bereits anderweitig
verfolgten Personen nicht Opfer von Reflexverfolgungen würden. Zudem
würden behördliche Untersuchungen gegenüber Verwandten von politisch
unerwünschten Personen in der Regel kein asylrelevantes Ausmass an-
nehmen. Vor diesem Hintergrund und angesichts der vom Beschwerdefüh-
rer geltend gemachten Untersuchungsmassnahmen sei seine Furcht vor
zukünftiger Verfolgung unbegründet. Es sei nicht davon auszugehen, dass
er aufgrund seines familiären Umfeldes in naher Zukunft Ziel von schweren
Reflexverfolgungen werden könnte. Zudem habe die letzte Befragung
durch die Polizei im Jahr 2015 stattgefunden, er sei aber erst im Jahr 2017
ausgereist.
In Bezug auf die geltende gemachte (...) sei festzuhalten, dass er deswe-
gen in der Türkei keine Verfolgung erlitten habe. Zudem würden (...)-Per-
sonen nicht verfolgt und (...) sei nicht verboten. Seine Befürchtungen seien
überdies lediglich hypothetisch und er mache diesbezüglich keine konkre-
ten Vorbringen geltend.
Aufgrund der exilpolitischen Aktivitäten des Beschwerdeführers sei aber in
Anbetracht der zu den Akten gereichten Beweismittel und der gesamten
Umstände davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in die Türkei
ernsthafte Nachteile zu befürchten habe. Deshalb erfülle er die Flüchtlings-
eigenschaft gemäss Art. 3 AsylG. Von der Asylgewährung sei er aber ge-
mäss Art. 54 AsylG auszuschliessen.
4.2 Der Beschwerdeführer erhob zusammen mit seinen Eltern Be-
schwerde. In der Beschwerdeschrift wurde ausgeführt, die Beschwerde-
führenden hätten glaubhaft dargelegt, dass sie vor ihrer Ausreise ins Visier
der Behörden geraten seien. Seit sich ihre Tochter beziehungsweise die
Schwester der PKK angeschlossen habe, habe das Regime systematisch
Druck auf die Familie ausgeübt. Mit ihrem Märtyrertod hätten sich die Ver-
folgungshandlungen bis zur Unerträglichkeit intensiviert. Sie hätten mas-
sive Eingriffe in ihre physische und psychische Integrität erlebt. Sie seien
systematisch schweren und wiederholten Eingriffen in ihre Menschen-
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rechte ausgesetzt gewesen und diese Eingriffe hätten eine derartige Inten-
sität erreicht, dass ihnen die Führung eines menschenwürdigen Lebens in
der Türkei nicht mehr möglich gewesen sei. Dass ihre Angst vor staatlichen
Massnahmen bereits zum Zeitpunkt der Ausreise objektiv begründet gewe-
sen sei, untermauere sodann auch die gegenwärtige Situation der zurück-
gekehrten Familienmitglieder. Ihre Tochter beziehungsweise die Schwester
habe sich auch durch ihre Heirat nicht dem behördlichen Druck entziehen
können und werde immer wieder befragt. Ihr Sohn beziehungsweise der
Bruder werde verfolgt, habe untertauchen müssen und suche zurzeit nach
Ausreisemöglichkeiten. Zu berücksichtigen sei sodann, dass sie aufgrund
angeblicher Propaganda für die Terrororganisation PKK gesucht würden.
In diesem Zusammenhang würden die türkischen Behörden auch nicht da-
vor zurückschrecken, die in der Türkei verbleibenden Familienangehörigen
weiter unter Druck zu setzen. Es bestünden somit auch Anhaltspunkte, wel-
che die Furcht vor zukünftiger Verfolgung objektiv als begründet erschei-
nen lassen würden.
4.3 In der Vernehmlassung wurde auf die Ausführungen in der angefoch-
tenen Verfügung verwiesen.
4.4 Die Eingaben vom 22. Dezember 2020, 27. Januar 2021 und 6. April
2021 betrafen lediglich die Eltern des Beschwerdeführers, weshalb vorlie-
gend darauf nicht weiter eingegangen wird.
5.
5.1 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die
Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein
(vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je m.w.H.).
5.2 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur
Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
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reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr-
scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei-
lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE
2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
5.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass die Wahrschein-
lichkeit, Opfer einer Reflexverfolgung zu werden, in der Türkei vor allem
gegeben ist, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet wird
und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, jemand stehe mit dem Ge-
suchten in engem Kontakt. Das Risiko erhöht sich zusätzlich, wenn ein
nicht unbedeutendes politisches Engagement der reflexverfolgten Person
für illegale politische Organisationen hinzukommt beziehungsweise ihr sei-
tens der Behörden unterstellt wird. Ein Regelverhalten der türkischen Be-
hörden lässt sich jedoch nicht ausmachen; vielmehr hängen die Wahr-
scheinlichkeit einer Reflexverfolgung und deren Intensität stark von den
konkreten Umständen des Einzelfalls ab. Hinter einer Reflexverfolgung
kann auch nur die Absicht liegen, die gesamte Familie für Taten eines Fa-
milienmitglieds zu bestrafen, in der Vermutung, dessen politische Ansich-
ten und Ziele würden von den engeren Angehörigen geteilt, beziehungs-
weise mit dem Zweck, sie so einzuschüchtern, dass sie sich von oppositi-
onellen kurdischen Gruppierungen fernhalten (vgl. D-1400/2021 vom
16. August 2021 E. 5.5, D-627/2014 vom 27. Juni 2014 E. 5.7 [teilweise
publiziert als BVGE 2014/21] und allgemein zur Reflexverfolgung BVGE
2010/57 E. 4.1.3 letztere m. H. a. EMARK 2005 Nr. 21).
5.4 Die türkischen Behörden gehen seit dem gescheiterten Putschversuch
im Juli 2016 und der darauffolgenden Verhängung des Ausnahmezustands
(welcher im Juli 2018 faktisch aufgehoben wurde) rigoros gegen tatsächli-
che und vermeintliche Regimekritiker und Oppositionelle vor. Dabei sind
fingierte Terrorismusanklagen sowie übermässig lange und willkürliche In-
haftierungen an der Tagesordnung. Tausende von Leuten sehen sich auf-
grund ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien mit gegen sie eingeleiteten
Strafuntersuchungen und Anklagen konfrontiert. Die türkische Justiz ist
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ebenfalls politischem Druck ausgesetzt, was eine faire und unabhängige
Prozessführung praktisch unmöglich macht (vgl. Urteil des BVGer
D-6937/2019 vom 11. November 2020 E. 5.3. m. H. a. D-3375/2018 vom
31. Juli 2019 E. 4.3.6).
5.5 Die Vorinstanz ist von der vollumfänglichen Glaubhaftigkeit der im Rah-
men des vorinstanzlichen Verfahrens geltend gemachten Fluchtgründe
ausgegangen. Auch das Bundesverwaltungsgericht sieht keine Veranlas-
sung, an den geltend gemachten Ereignissen zu zweifeln. Vielmehr stellt
sich nachfolgend die Frage, ob daraus für den Zeitpunkt der Ausreise eine
asylrechtlich relevante Verfolgungssituation abzuleiten ist.
5.6 Dem SEM ist zwar insoweit rechtzugeben, dass die kurzen Befragun-
gen des Beschwerdeführers durch die türkischen Behörden als nicht genü-
gend intensiv zu bezeichnen sind. Entgegen den weiteren Ausführungen in
der angefochtenen Verfügung sind aber die Nachteile, welche die Familie
des Beschwerdeführers in der Türkei durch die Behörden erlitten hat, nach-
dem das Engagement seiner Schwester für die PKK im Fernsehen publik
gemacht wurde, als genügend intensiv im asylrechtlichen Sinne zu qualifi-
zieren. Diesbezüglich ist auf das am gleichen Tag ergehende Urteil
D-5602/2020 zu verweisen. Dabei war der Beschwerdeführer insbeson-
dere von der gewaltsamen Auflösung der Beerdigung der Schwester und
der Hausdurchsuchung mitbetroffen. So wurde der Grossanlass von meh-
reren hundert Personen mit Polizeigewalt aufgelöst und es mussten Am-
bulanzen aufgeboten werden. Im Anschluss wurde die Familie zu Hause
von der Polizei erwartet. Nachdem die Mutter des Beschwerdeführers ein
Interview zu ihrer Tochter in einer politischen Zeitschrift gegeben hatte,
kam es zu einer erneuten Hausdurchsuchung, bei der die Eltern des Be-
schwerdeführers körperlich misshandelt wurden. Vor diesem Hintergrund
und angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer auch selber schon
persönlich von der Polizei angegangen und sein Vater von dieser gefoltert
wurde, ist nachvollziehbar, dass er in Zukunft weitere beziehungsweise in-
tensivere Nachteile befürchtete. Nach dem Gesagten war der Beschwer-
deführer vor seiner Ausreise aus der Türkei ernsthaften Nachteilen ausge-
setzt beziehungsweise hatte zumindest begründete Furcht vor solchen.
5.7 Weiter ist der Frage nachzugehen, ob die Furcht vor weiterer Verfol-
gung im Zeitpunkt der Ausreise noch begründet war. Der Beschwerdefüh-
rer ist zusammen mit seiner Familie gemäss deren Angaben kurz bezie-
hungsweise spätestens drei Monate nach der Hausdurchsuchung im Ok-
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tober 2016 als letzter Verfolgungsmassnahme von seinem Wohnort weg-
gegangen und hat danach versteckt gelebt. Im Januar 2017 seien sie mit
ihren offiziellen Pässen aus- und nach einem Tag wieder eingereist. End-
gültig ausgereist seien sie im Juni 2017, also neun Monate nach den Er-
eignissen. Gemäss ihren Angaben haben sie sich während dieser Zeit aber
stets versteckt bei Verwandten aufgehalten. Insgesamt kann nicht davon
ausgegangen werden, dass das Verfolgungsinteresse der türkischen Be-
hörden nach dem Tod der Schwester geendet hat, zumal es sich zunächst
exzessiv gesteigert hat. So kann wie erwähnt, hinter einer Reflexverfolgung
auch die Absicht liegen, die gesamte Familie für Taten eines Familienmit-
glieds zu bestrafen, in der Vermutung, dessen politische Ansichten und
Ziele würden von den engeren Angehörigen geteilt, beziehungsweise mit
dem Zweck, sie so einzuschüchtern, dass sie sich von oppositionellen kur-
dischen Gruppierungen fernhalten. Hinzu kommt, dass sich der Beschwer-
deführer für die Kurdenfrage engagierte. Dass er also zusammen mit den
übrigen Familienmitgliedern als Unterstützer der Ideologie der PKK in den
Fokus der Behörden geraten ist, erscheint überwiegend wahrscheinlich,
und eine Furcht vor ernsthaften Nachteilen ist auch angesichts der Vorge-
schichte der Familie objektiv begründet. Überdies gilt es zu betonen, dass
diverse Verwandte auch nach deren Ausreise verschiedene Male nach die-
sen befragt wurden. Dass die Sicherheitskräfte die Familie in den Fokus
genommen haben, zeigen insbesondere auch die Strafverfahren, welche
in der Türkei gegen den Beschwerdeführer und auch gegen seinen Vater
und seinen Bruder wegen ihrer Facebook-Aktivitäten eingeleitet wurden.
5.8 Zwar erstaunt es, dass der Beschwerdeführer im Januar 2017 trotz der
Furcht vor ernsthaften Nachteilen nach einer ersten Ausreise nach Italien
noch am gleichen Tag wieder nach Istanbul zurückreiste, weil die Familie
getrennt worden war. Dies spricht an sich nicht für eine ernsthafte Furcht
vor Verfolgung. Auf der anderen Seite ist zu berücksichtigen, dass er mit
der Unterstützung einer Schlepperorganisation reiste, die über massgebli-
che Kontakte am Flughafen verfügen dürfte. Ausserdem machte er nicht
geltend, er sei zu diesem Zeitpunkt aktiv gesucht worden oder es habe ein
Ausreiseverbot gegen ihn bestanden. Vielmehr befürchtete er den Weiter-
gang der erlebten Verfolgungsmassnahmen im Zusammenhang mit der
Schwester beziehungsweise deren Intensivierung. Allein dieses Verhalten
kann angesichts der vorgängigen Erwägungen insgesamt nicht zum
Schluss führen, die Furcht vor ernsthaften Nachteilen sei im Zeitpunkt der
Ausreise nicht mehr objektiv begründet gewesen. Dies gilt ebenso für den
Aufenthalt von einigen Monaten in Istanbul, zumal sich die Familie dort
nicht registriert, sondern bei Verwandten aufgehalten hat.
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5.9 Aufgrund dieser Überlegungen ist die Furcht des Beschwerdeführers
im Zeitpunkt seiner Ausreise vor weiteren Verfolgungsmassnahmen durch
die türkischen Sicherheitskräfte, namentlich auch angesichts der bereits
erlebten Vorkommnisse aufgrund der heutigen Aktenlage objektiv nachvoll-
ziehbar und somit als begründet im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG zu er-
achten. Da die befürchteten Nachteile von den türkischen Sicherheitskräf-
ten ausgehen, welche auf dem Territorium der Türkei die Staatsmacht re-
präsentieren, ist im vorliegenden Fall auch nicht vom Bestehen einer si-
cheren innerstaatlichen Schutzalternative auszugehen. Angesichts der po-
litischen Entwicklungen in der Türkei in den letzten Jahren und des gegen
den Beschwerdeführer angestrengten Strafverfahrens ist die Furcht vor
Verfolgung auch heute noch aktuell. Aufgrund der Aktenlage besteht weiter
kein Grund zur Annahme einer Asylunwürdigkeit der Beschwerdeführen-
den im Sinne von Art. 53 AsylG.
6.
Diesen Erwägungen gemäss ist die Beschwerde gutzuheissen, die ange-
fochtene Verfügung vom 8. Oktober 2020 aufzuheben und das SEM anzu-
weisen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
8.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die bei den Akten liegende Kostennote erscheint den Verfahrensumstän-
den als angemessen. Sie umfasst allerdings ebenfalls den Aufwand für das
Beschwerdeverfahren der Eltern (D-5602/2020), weshalb die Entschädi-
gung im vorliegenden Verfahren anteilmässig zu kürzen ist. Die von der
Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist demnach auf
Fr. 1695.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9
Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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