Decision ID: fe476487-b94d-4d64-980b-beec59e0a3f2
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: EL-Bezüger) erhielt seit längerer Zeit eine Ergänzungsleistung
zu seiner Invalidenrente. Im Mai 2017 vollendete er sein 65. Altersjahr. Damit endete
sein Anspruch auf eine Invalidenrente. An deren Stelle trat eine leicht höhere
Altersrente der AHV. Seiner Pensionskasse gegenüber hatte der EL-Bezüger die Wahl
zwischen einer Altersrente und einer Kapitalauszahlung. Er wählte die
Kapitalauszahlung. Diese erfolgte per 1. Juni 2017 (Dossier 2 act. 53). Die EL-
Durchführungsstelle nahm eine Revision der laufenden Ergänzungsleistung per 1. Juni
2017 vor. Die bundesrechtliche Anspruchsberechnung wies nur auf der
Einnahmenseite Veränderungen auf: Die bisherige Invalidenrente der Pensionskasse
entfiel, die Altersrente der AHV trat an die Stelle der bisherigen IV-Rente und die
Anrechnung des von der Pensionskasse ausbezahlten Kapitals hatte zur Folge, dass
neu ein sog. Vermögensverzehr anzurechnen war; die EL-Durchführungsstelle
berücksichtigte keinen Vermögensertrag. Die Ergänzungsleistung stieg per 1. Juni 2017
an (Dossier 2 act. 47). Die entsprechende Revisionsverfügung erging am 26. Juni 2017
(Dossier 2 act. 49).
A.a.
Der EL-Bezüger machte am 1. September 2017 gegenüber der EL-
Durchführungsstelle geltend (Dossier 2 act. 46-1), mit einer Altersrente von Fr. 904.--
monatlich und einer Ergänzungsleistung von 605.-- monatlich könne er nicht leben. Die
Kapitalauszahlung der Pensionskasse habe er komplett hergeben müssen, um
Schulden zu tilgen. Die EL-Durchführungsstelle forderte ihn auf, die folgenden
Unterlagen einzureichen: Nachweis der Schuldenzahlung, Nachweis der Steuerzahlung
A.b.
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infolge der Auszahlung, Kontobelege aller Konten nach Zahlung der Schulden (Dossier
2 act. 42). Der EL-Bezüger führte am 21. November 2017 aus, die Schuldenzahlung sei
innerhalb der Familie erfolgt (Dossier 2 act. 39-2). Da er das Geld ohne Beleg
bekommen habe, habe er es auch ohne Beleg zurückbezahlt. Zudem habe er bei
Freunden langjährige Schulden bezahlt. Das sei "rein auf Vertrauensbasis" geschehen.
Die Steuerrechnung werde er noch bekommen. Er habe "keinen Rappen mehr von der
BVG-Auszahlung". Für ihn sei es Ehrensache gewesen, das Geld innerhalb der Familie
und an die Freunde zurückzugeben. Er legte einen Auszug aus seinem Privatkonto bei
der Raiffeisenbank bei, der einen Saldo von Fr. 78.69 auswies (Dossier 2 act. 39-3). Die
EL-Durchführungsstelle machte den EL-Bezüger am 24. November 2017 darauf
aufmerksam, dass das Vermögen in der EL-Anspruchsberechnung nicht angepasst
werden könne, wenn er nicht Nachweise für seine Schulden und für deren Tilgung
einreiche (Dossier 2 act. 38-1). Sie ersuchte ihn, die entsprechenden Nachweise bis
zum 3. Januar 2018 einzureichen. Da der EL-Bezüger diese Frist unbenützt
verstreichen liess, erliess die EL-Durchführungsstelle am 15. Januar 2018 eine
Verfügung, mit der sie das bisher als effektiv vorhanden qualifizierte Vermögen in ein
hypothetisches Vermögen (Fr. 180'920.--) verwandelte und mit der sie zudem neu
einen hypothetischen Vermögensertrag (Fr. 180.--) berücksichtigte (Dossier 2 act. 27
f.). Zur Begründung führte die EL-Durchführungsstelle in dieser Verfügung aus, sie
müsse von einem Vermögensverzicht ausgehen, weil keine Belege für die Schulden
und für deren Rückzahlung eingereicht worden seien. Die Anpassung erfolge
zugunsten des EL-Bezügers ab dem 1. Februar 2018. Der EL-Bezüger erhob eine
Einsprache gegen diese Verfügung (Dossier 2 act. 24). Er machte insbesondere
geltend, er sei nicht verpflichtet, seine Familie zu belasten betreffend
Schuldenrückzahlung. Er könne jederzeit belegen, dass er absolut kein Vermögen
habe. Die EL-Durchführungsstelle wies die Einsprache am 8. Mai 2018 ab (Dossier 2
act. 16). Sie begründete dies damit, dass der EL-Bezüger trotz einer entsprechenden
Aufforderung keine Belege für die behauptete Schuldentilgung eingereicht oder die
Schuldentilgung auf eine andere Art und Weise glaubhaft gemacht habe. Damit sei er
seiner Beweispflicht nicht nachgekommen. Aus diesem Grund könne er sich nicht auf
den gegebenen Vermögensstand berufen. Er müsse sich das "verschwundene"
Vermögen und den "darauf entfallenden" Ertrag anrechnen lassen. Deshalb sei zu
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Recht von einem Vermögensverzicht ausgegangen worden. Dieser
Einspracheentscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Die AHV-Ausgleichskasse hatte die Altersrente des EL-Bezügers am 7. Mai 2018
rückwirkend ab 1. Juni 2017 herabgesetzt (Dossier 2 act. 17). Mit einer Verfügung vom
9. Mai 2018 (Dossier 2 act. 12) revidierte die EL-Durchführungsstelle die laufende
Ergänzungsleistung rückwirkend ab 1. Juni 2017, ab 1. Januar 2018 und ab 1. Februar
2018. Die Anspruchsberechnung ab Februar 2018 (Dossier 2 act. 14) umfasste auf der
Ausgabenseite die Prämienpauschale Krankenversicherung von Fr. 5'016.--, das
gesetzliche Mietzinsmaximum von Fr. 13'200.-- und die gesetzliche
Lebensbedarfspauschale für eine alleinstehende Person von Fr. 19'290.-- und auf der
Einnahmenseite den Vermögensverzehr von Fr. 14'349.--, die AHV-Altersrente von Fr.
10'524.-- und den hypothetischen Ertrag aus dem hypothetischen Vermögen von Fr.
180.--. Daraus resultierte ein monatlicher EL-Anspruch von Fr. 1'038.-- (wovon Fr.
418.-- direkt der Krankenversicherung des EL-Bezügers ausbezahlt wurden).
A.c.
Mit einer Verfügung vom 20. Dezember 2018 (Dossier 2 act. 10) erhöhte die EL-
Durchführungsstelle die laufende Ergänzungsleistung per 1. Januar 2019 von bisher Fr.
1'038.-- auf Fr. 1'144.-- monatlich (wovon Fr. 426.-- direkt der Krankenversicherung
ausbezahlt wurden). Die entsprechende Anspruchsberechnung (Dossier 2, act. 8) wies
auf der Ausgabenseite eine höhere Prämienpauschale Krankenversicherung von Fr.
5'112.-- (bisher Fr. 5'016.--), ein unverändertes Mietzinsmaximum von Fr. 13'200.-- und
eine höhere Lebensbedarfspauschale von Fr. 19'450.-- (bisher Fr. 19'290.--) aus. Auf
der Einnahmenseite der Anspruchsberechnung wurden ein tieferer Vermögensverzehr
von Fr. 13'349.-- (bisher Fr. 14'349.--), eine höhere Altersrente von Fr. 10'608.-- (bisher
Fr. 10'524.--) und ein tieferer hypothetischer Ertrag aus dem hypothetischen Vermögen
von Fr. 85.-- (bisher Fr. 180.--) berücksichtigt.
A.d.
Der EL-Bezüger erhob am 3. Januar 2019 eine Einsprache gegen diese Verfügung
(Dossier 2 act. 6). Er machte geltend, er habe keinen Franken Vermögen und sei
deshalb voll und ganz auf die Ergänzungsleistung angewiesen. Er hoffe, dass die
Berechnung endlich korrigiert werde. Die EL-Durchführungsstelle wies die Einsprache
am 14. März 2019 mit der Begründung ab, im Einspracheentscheid vom 8. Mai 2018
habe sie die Anrechnung eines hypothetischen Vermögens angeordnet (Dossier 2 act.
A.e.
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B.
3). Da der EL-Bezüger "keine weiteren Belege einreicht oder auf eine andere Art und
Weise den Vermögensrückgang durch Schuldenzahlung glaubhaft macht", müsse er
sich das "verschwundene" Vermögen und den entsprechenden Ertrag anrechnen
lassen. Da der EL-Bezüger mit seinem Sohn zusammenwohne, sei nur die Hälfte des
Mietzinses berücksichtigt worden. Aber auch damit sei das Mietzinsmaximum
überschritten gewesen. Die angefochtene Verfügung sei rechtmässig.
Gegen diesen Entscheid erhob der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
am 1. April 2019 Beschwerde (act. G. 1). Er machte geltend, dass er mit dem Entscheid
nicht einverstanden sei, weil die Rückzahlung seiner Schulden an seine Familie
"gerichtlich abgehandelt" worden sei. Es sei doch selbstverständlich, dass diejenigen
das Geld erhalten hätten, die ihm über die Jahre geholfen hätten. Er könne von der ihm
zugesprochenen Ergänzungsleistung nicht leben.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am
15. April 2019 mit Verweis auf die Erwägungen im Einspracheentscheid die Abweisung
der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
Der Beschwerdeführer machte am 20. Mai 2019 sinngemäss geltend, es könne
nicht sein, dass er nun eine Gerichtsbusse von Fr. 5'000.-- bezahlen solle, weil er mit
der Auszahlung seiner Pensionskasse zuerst die Schulden bei seiner Familie bezahlt
habe (act. G 5).
B.c.
In seiner Eingabe vom 6. November 2020 (Postaufgabe: 9. November 2020) hielt
der Beschwerdeführer fest, das Bundesgericht habe soeben ein Urteil gefällt, welches
seine Einsprache betreffe (act. G 7): "Man kann keine Abzüge machen von Vermögen
das nicht verfügbar ist. Und genau das ist ja bei mir der Fall." Dieses Urteil sei im
Entscheid zu berücksichtigen. Im Urteil 9C_135/2020 vom 30. September 2020 war
das Bundesgericht zum Schluss gekommen, dass der Anspruch auf Auszahlung des
Guthabens eines Freizügigkeitskontos bei einer rückwirkenden Zusprache einer ganzen
Rente der Invalidenversicherung mit deren Rechtskraft entstehe. Erst ab diesem
Zeitpunkt könne das Guthaben als verzehrbarer Vermögenswert angerechnet werden
(Erw. 5.5).
B.d.
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Erwägungen
1.
In ihrer Verfügung vom 20. Dezember 2018 (Dossier 2 act. 10) hat die
Beschwerdegegnerin ausgeführt, die Berechnungsgrundlage habe sich geändert,
weshalb die Ergänzungsleistungen neu hätten berechnet werden müssen. Unter "neu
berechnet" könnte eine umfassende Neuberechnung verstanden werden, wie sie bei
einer Anwendung der sog. Kalenderjahrpraxis des Bundesgerichts (vgl. etwa BGE 128
V 39 E. 3b) erfolgen müsste. Damit wäre nämlich − wie bei der erstmaligen Zusprache
einer Ergänzungsleistung – eine vollumfängliche Überprüfung der allgemeinen
Anspruchsvoraussetzungen, aller anerkannten Ausgaben und aller anrechenbaren
Einnahmen verbunden, weil die vorausgehende Verfügung vom 9. Mai 2018 (Dossier 2
act. 12) bis zum 31. Dezember 2018 befristet, d.h. nur für die Zeit bis Ende des Jahres
2018 verbindlich gewesen wäre. Ein Vergleich mit dem Wortlaut der Verfügungen der
Beschwerdegegnerin, die in Anwendung des Art. 17 Abs. 2 ATSG eine Anpassung der
laufenden Ergänzungsleistung unter dem Jahr angeordnet haben, zeigt aber, dass
jeweils dieselbe Formulierung wie in der Verfügung vom 20. Dezember 2018 verwendet
worden ist. Daraus folgt, dass die Beschwerdegegnerin mit dieser Verfügung gestützt
auf den Art. 17 Abs. 2 ATSG eine Revision per 1. Januar 2019 vorgenommen hat. Sie
ist also davon ausgegangen, dass die Verbindlichkeit der Verfügung vom 9. Mai 2018
nicht bis zum 31. Dezember 2018 befristet gewesen ist und deshalb ab 1. Januar 2019
unverändert verbindlich geblieben wäre, wenn keine Veränderungen in den
anerkannten Ausgaben und den anrechenbaren Einnahmen des Beschwerdeführers
eingetreten wären, die eine Anpassung erfordert hätten. Mit der Verfügung vom 20.
Dezember 2018 hat die Beschwerdegegnerin also nur den Veränderungen Rechnung
getragen, die per 1. Januar 2019 eingetreten sind, nämlich der Erhöhung der
Prämienpauschale Krankenversicherung und der Lebensbedarfspauschale, der
Reduktion des Vermögensverzehrs und des hypothetischen Ertrages aus dem
hypothetischen Vermögen und der Erhöhung der AHV-Altersrente. Die Veränderung
des hypothetischen Vermögens bzw. des daraus resultierenden Verzehrs hat auf einer
ebenfalls hypothetischen Sachverhaltsveränderung beruht, nämlich auf der jährlichen
Verminderung des hypothetischen Vermögens um Fr. 10'000.--, die in Art. 17a ELV
angeordnet wird. Die Verfügung vom 20. Dezember 2018 ist also eine reine
Revisionsverfügung (Art. 17 Abs. 2 ATSG) gewesen.
1.1.
Im angefochtenen Einspracheentscheid vom 14. März 2019 (Dossier 2 act. 3) hat
die Beschwerdegegnerin dann aber nicht mehr gestützt auf den Art. 17 Abs. 2 ATSG
1.2.
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entschieden. Sie hat vielmehr die seit langem bestehende Lücke in der Kenntnis des
effektiven Sachverhalts im Zusammenhang mit der Kapitalauszahlung der
Pensionskasse und deren angeblicher Verwendung zur Schuldentilgung nochmals
gewürdigt und dann unter die entsprechenden Gesetzesbestimmungen subsumiert.
Auch in Bezug auf den anerkannten Mietzins hat sie erneut eine Würdigung des längst
bekannten Sachverhalts vorgenommen, ohne allerdings zu einem anderen Ergebnis zu
kommen. Das Ergebnis der Subsumtion unter die hier massgebende
Gesetzesbestimmung ist deshalb wieder dasselbe gewesen wie früher. Im
angefochtenen Einspracheentscheid hat die Beschwerdegegnerin dem
Beschwerdeführer also – anders als in der Verfügung vom 20. Dezember 2018 – nicht
gestützt auf den Art. 17 Abs. 2 ATSG, sondern in Anwendung der sog.
Kalenderjahrpraxis des Bundesgerichts, wieder eine Ergänzungsleistung von Fr.
1'144.-- monatlich zugesprochen und deshalb die Einsprache abgewiesen. Selbst
wenn die sog. Kalenderjahrpraxis des Bundesgerichts gesetzmässig wäre, müsste der
angefochtene Einspracheentscheid aber als rechtswidrig aufgehoben werden. Wenn
die Verbindlichkeit der Verfügung vom 9. Mai 2018 am 31. Dezember 2018 geendet
hätte, hätte sich die Beschwerdegegnerin bei der "erstmaligen" Zusprache einer
Ergänzungsleistung ab dem 1. Januar 2019 nämlich nicht darauf beschränken dürfen,
ihre lückenhafte Sachverhaltskenntnis betreffend die Verwendung der
Kapitalauszahlung der Pensionskasse einfach als gegeben hinzunehmen und sich auf
die Subsumtion eines fiktiven Sachverhalts, nämlich eines Verzichts auf das
entsprechende Vermögen, unter die Art. 11 Abs. 1 lit. g i.V.m. Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG
zu beschränken. Sie hätte vielmehr in Erfüllung ihrer Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs.
1 Satz 1 ATSG) versuchen müssen, den Beschwerdeführer (allenfalls in Anwendung
von Art. 43 Abs. 3 ATSG) zur Mitwirkung bei der Abklärung der Verwendung der
Kapitalauszahlung zu bewegen oder, wenn dies nicht gelungen wäre, die
Familienmitglieder und die Freunde des Beschwerdeführers als Zeugen zu befragen.
Sie hätte weiter abklären müssen, ob der Beschwerdeführer tatsächlich nur mit einer
Person zusammenlebte. Sie hätte ausserdem nachforschen müssen, ob dem
Beschwerdeführer allenfalls weitere, bisher nicht berücksichtigte anrechenbare
Einnahmen zuflossen. Warum der Untersuchungsgrundsatz bzw. der Art. 43 Abs. 1
Satz 1 ATSG bei der Anwendung der sog. Kalenderjahrpraxis des Bundesgerichts (mit
Ausnahme der Ermittlung der Veränderungen des Sachverhalts auf den Beginn des
Kalenderjahres) "ausgeschaltet" gewesen sein soll, so dass sich die erstmalige
Festsetzung der Ergänzungsleistung auf den 1. Januar 2019 auf eine Subsumtion des
vorjährigen Sachverhalts hat beschränken können, ist von der Beschwerdegegnerin
nicht erklärt worden. Tatsächlich gibt es dafür auch keine Begründung, denn es kann
nicht der Willkür der EL-Durchführungsstellen überlassen sein, bei der Festsetzung
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einer Ergänzungsleistung auf den Beginn jedes Kalenderjahres den
Untersuchungsgrundsatz gar nicht oder nur für willkürlich ausgewählte einzelne
Einnahmen- oder Ausgabenpositionen anzuwenden. Eine solche Auslegung des Art. 43
Abs. 1 ATSG ist offensichtlich unhaltbar, selbst wenn die sog. Kalenderjahrpraxis des
Bundesgerichts gesetzmässig wäre.
Nach der Auffassung des Bundesgerichts soll es sich bei der Ergänzungsleistung
um eine auf das Kalenderjahr bezogene Versicherung handeln, weshalb jede Verfügung
in zeitlicher Hinsicht nur für das laufende Kalenderjahr Rechtsbeständigkeit soll
entfalten können. Dies bedeutet nach der Auffassung des Bundesgerichts, dass die
Grundlagen zur Berechnung der Ergänzungsleistung im Rahmen der jährlichen
Überprüfung per 1. Januar ohne jede Bindung an die früher verwendeten
Berechnungsfaktoren von Kalenderjahr zu Kalenderjahr neu sollen festgelegt werden
müssen (vgl. den bereits genannten BGE 128 V 39 E. 3b). Gemäss Art. 3 Abs. 1 ELG
bestehen die Ergänzungsleistungen aus der jährlichen Ergänzungsleistung (lit. a) und
der Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten. Der Bundesrat hat in seiner
Botschaft zur 3. EL-Revision zu dieser Bestimmung ausgeführt, "die neue
Berechnungsart, welche im Gesetz verankert wird (Ausgaben minus Einnahmen), bietet
Gelegenheit zu regeln, woraus die Ergänzungsleistungen, für welche die Kantone
Subventionen erhalten, bestehen. [...]. Durch den Begriff "jährlich" wird unterstrichen,
dass es um eine Jahresberechnung geht. [...]. Die jährliche Ergänzungsleistung wird
jedoch periodisch wiederkehrend, nämlich monatlich, ausbezahlt" (Botschaft über die
3. Revision des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur AHV und IV [3. EL-
Revision] vom 20. November 1996, BBl 1997 I 1197, S. 1211). Der Begriff "jährlich"
bezieht sich also nach der Intention des historischen Gesetzgebers nur auf die Art der
Berechnung der Ergänzungsleistungen: Die Ergänzungsleistungen sind aufgrund von
auf zwölf Monate umgerechneten anrechenbaren Einnahmen und anerkannten
Ausgaben festzusetzen. Historisch betrachtet hat der Begriff "jährliche
Ergänzungsleistung" also keine verfahrensrechtliche Bedeutung. Auch die
systematische Interpretation spricht gegen eine Beschränkung der Wirksamkeit von
EL-Verfügungen auf die Zeit bis zum Ende des entsprechenden Kalenderjahres, denn
das Sozialversicherungsrecht sieht für Dauerleistungen, die auf einem auf unbestimmte
Zeit anhaltenden anspruchsbegründenden Sachverhalt beruhen, immer eine
unbefristete Leistungszusprache vor. Eine hiervon abweichende Ausnahme hätte daher
explizit im ELG statuiert werden müssen. Zudem ist es aus systematischer Sicht nicht
nachvollziehbar, weshalb das Wort "jährlich" bzw. der Wortteil "Jahres-" in den
materiellen Normen des ELG eine rein verwaltungsverfahrensrechtliche Regelung
beinhalten soll. Auch die teleologische Interpretation spricht gegen die sog.
1.3.
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2.
Kalenderjahr-Praxis, da mit der Revision (Art. 17 Abs. 2 ATSG i.V.m. Art. 25 ELV), der
sog. prozessualen Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) und der Wiedererwägung (Art. 53
Abs. 2 ATSG) ein umfassendes Instrumentarium zur Korrektur fehlerhafter
Dauerverfügungen vorhanden ist, so dass offensichtlich keine verfahrensrechtliche
Notwendigkeit für eine Beschränkung der Rechtsbeständigkeit einer EL-Verfügung bis
zum Ablauf des Kalenderjahres besteht (zum Ganzen vgl. Ralph Jöhl/Patricia Usinger-
Egger, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: Ulrich Meyer (Hrsg.), Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Band XIV, Soziale Sicherheit, 3. Auflage, Basel 2016, Rz. 15
ff.; vgl. auch den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
29. Mai 2018, EL 2017/17 E. 2.2 [aufgehoben durch den Entscheid des Bundesgerichts
vom 30. Januar 2019, 9C_480/2018]). Die Kalenderjahr-Praxis des Bundesgerichts ist
somit gesetzwidrig. Die Rechtsbeständigkeit einer EL-Verfügung ist also nicht bis zum
Ablauf des entsprechenden Kalenderjahres beschränkt.
Bei der Beurteilung der Einsprache des Beschwerdeführers hätte sich die
Beschwerdegegnerin also darauf beschränken müssen zu prüfen, ob die angefochtene
Revisionsverfügung rechtmässig war. Da sich das Revisionsverfahren gemäss Art. 17
Abs. 2 ATSG auf die Anpassung der laufenden Leistung an eine Veränderung des
anspruchsbegründenden Sachverhalts beschränkt (vgl. Ralph Jöhl, Die Revision nach
Art. 17 ATSG, in: JaSo 2012, S. 153 ff.), hätte im Einspracheentscheid untersucht
werden müssen, ob alle Veränderungen von Ausgaben- und Einnahmenpositionen per
1. Januar 2019 richtig erfasst worden waren. Da das nicht geschehen, ist es hier
nachzuholen:
2.1.
Die Beschwerdegegnerin hat auf der Ausgabenseite der Anspruchsberechnung
neu eine jährliche Prämienpauschale für die Krankenversicherung von Fr. 5'112.--
berücksichtigt. Der jährliche Pauschalbetrag hat der kantonalen/regionalen
Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung (inkl.
Unfalldeckung) zu entsprechen (Art. 10 Abs. 3 lit. d des Bundesgesetzes über
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung, ELG, SR
831.30). Der Kanton St. Gallen hat drei Prämienregionen, B._ gehört zur
Prämienregion 2 (Verordnung des EDI über die Prämienregionen, SR 832.106). Die
regionale Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung für
Erwachsene hat sich im Jahr 2019 im Kanton St. Gallen für die Prämienregion 2 auf Fr.
5'112.-- belaufen (Art. 3 lit. b der Verordnung des EDI über die Durchschnittsprämien
2019 der Krankenpflegeversicherung für die Berechnung der Ergänzungsleistungen, SR
2.2.
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831.309.1). Die Höhe der ab 1. Januar 2019 berücksichtigten Prämienpauschale
erweist sich somit als korrekt.
Gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. a Ziff. 1 ELG (Stand am 1. Januar 2019) wird bei zu
Hause lebenden, alleinstehenden Personen seit dem 1. Januar 2019 ein Betrag von
Fr. 19'450.-- für den allgemeinen Lebensbedarf anerkannt. Die Beschwerdegegnerin
hat den jährlichen Betrag für den Lebensbedarf somit zu Recht per 1. Januar 2019 von
Fr. 19'290.-- auf Fr. 19'450.-- erhöht.
2.3.
Als Einnahmen angerechnet wird bei Altersrentnern ein Zehntel des
Reinvermögens, soweit es bei alleinstehenden Personen Fr. 37'500.-- übersteigt (Art.
11 Abs. 1 lit. c ELG). Angerechnet werden auch Vermögenswerte, auf die verzichtet
worden ist (Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG). Gemäss Art. 17a Abs. 1 ELV wird der
anzurechnende Betrag von Vermögenswerten, auf die verzichtet worden ist, jährlich um
Fr. 10'000.-- vermindert. Der Wert des Vermögens im Zeitpunkt des Verzichts ist
unverändert auf den 1. Januar des Jahres, das auf den Verzicht folgt, zu übertragen
und dann jeweils nach einem Jahr zu vermindern (Abs. 2). Für die Berechnung der
jährlichen Ergänzungsleistung ist der verminderte Betrag am 1. Januar des
Bezugsjahres massgebend (Abs. 3). Der Beschwerdeführer hat das BVG-Kapital von
Fr. 180'920.-- am 1. Juni 2017 ausbezahlt erhalten. Bereits am 1. September 2017 hat
er der Beschwerdegegnerin mitgeteilt, dass er die gesamte Kapitalauszahlung benötigt
habe, um Schulden zurückzuzahlen. Die Beschwerdegegnerin hat das anrechenbare
hypothetische Vermögen somit zu Recht erstmals per 1. Januar 2019 um Fr. 10'000.--
auf Fr. 170'998.-- reduziert. Ob es korrekt gewesen ist, dem Beschwerdeführer ab 1.
Februar 2018 ein hypothetisches Vermögen von Fr. 180'920.-- anzurechnen, kann im
vorliegenden Verfahren nicht überprüft werden, denn der EL-Anspruch ab 1. Februar
2018 ist mit dem Einspracheentscheid vom 8. Mai 2018 rechtskräftig festgesetzt
worden. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist lediglich der EL-Anspruch ab 1.
Januar 2019. Die Höhe des hypothetischen Vermögens könnte nur überprüft werden,
wenn bezüglich des angerechneten hypothetischen Vermögens per 1. Januar 2019
eine Sachverhaltsveränderung eingetreten wäre (siehe Erw. 1), was nicht der Fall
gewesen ist. Daher ist auch der Verweis des Beschwerdeführers auf das Urteil
9C_135/2020 des Bundesgerichts vom 30. September 2020 nicht zielführend. Der
Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass es sich darüber hinaus entgegen der
Meinung des Beschwerdeführers um völlig unterschiedliche Fälle gehandelt hat. Im
Verfahren vor dem Bundesgericht ist strittig gewesen, ob das Guthaben eines
Freizügigkeitskontos bei einer rückwirkenden Zusprache einer ganzen Invalidenrente
und Ergänzungsleistungen in der Berechnung des Ergänzungsleistungsanspruchs
2.4.
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ebenfalls rückwirkend als (verzehrbares) Vermögen entsprechend Art. 11 Abs. 1 lit. c
ELG zu berücksichtigen ist (Erw. 3). Im Gegensatz zum vorliegenden Verfahren ist es
also nicht um die Anrechnung eines hypothetischen Vermögens (respektive eines
Vermögensverzichts) nach Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG gegangen. Unter Berücksichtigung
des unverändert gebliebenen Sparguthabens von Fr. 78.-- hat das anrechenbare
Brutto-Vermögen (inkl. hypothetisches Vermögen) ab 1. Januar 2019 Fr. 170'998.--
betragen. Davon ist der Freibetrag von Fr. 37'500.-- abzuziehen. Von den verbliebenen
Fr. 133'498.-- ist 1/10 als Vermögensverzehr, d.h. Fr. 13'349.-- anzurechnen. Die
Beschwerdegegnerin hat den anrechenbaren Vermögensverzehr somit korrekt
ermittelt.
Gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. d ELG werden als Einnahmen auch Renten, Pensionen
und andere wiederkehrende Leistungen, einschliesslich der Renten der AHV und der IV,
angerechnet. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer neu ab 1. Januar
2019 eine Altersrente von Fr. 10'608.-- jährlich (bisher Fr. 10'524.--) angerechnet. Da
die Beschwerdegegnerin Zugang zur Rentendatenbank hat, muss davon ausgegangen
werden, dass dieser Betrag korrekt ist. Jedenfalls sind die AHV/IV-Renten per 1. Januar
2019 der aktuellen Preis- und Lohnentwicklung angepasst worden (Schweizerische
Eidgenossenschaft > Der Bundesrat > Publikationen & Service > Medienmitteilungen;
www. bsv.admin.ch/bsv/de/home/publikationen-und-service/medieninformationen/
nsb-anzeige seite.msg-id-72247.html, besucht am 13. Oktober 2020). Der
Beschwerdeführer bezieht lediglich eine Teilrente, da er keine volle Beitragsdauer
aufweist (nur 32 statt 44 Jahre, siehe EL-act. 17, D. 2). Seine AHV-Rente wird anhand
eines durchschnittlichen Jahreseinkommens von Fr. 15'510.-- berechnet, d.h. bei einer
vollen Beitragsdauer hätte seine Rente ab 1. Januar 2019 Fr. 1'216.-- pro Monat
betragen (Bundesamt für Sozialversicherungen BSV, Monatliche Vollrenten, Skala 44,
gültig ab 1. Januar 2019; www.ahv-iv.ch/Portals/0/adam/AHV-IV/
UKITLCbXa0m6pzqnUd0Qnw/Document/skala44_2019.pdf, besucht am 13. Oktober
2020). Bei einer Beitragsdauer von 32 Jahren muss die AHV-Rente des
Beschwerdeführers, wie von der Beschwerdegegnerin berücksichtigt, ab 1. Januar
2019 also Fr. 884.-- pro Monat resp. Fr. 10'608.-- pro Jahr betragen (Fr. 1'216.-- / 44 x
32).
2.5.
Als Einnahmen angerechnet werden auch Einkünfte aus beweglichem und
unbeweglichem Vermögen, auf die verzichtet worden ist (Art. 11 Abs. 1 lit. b i.V.m. lit. g
ELG). Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer ab 1. Januar 2019 neu
einen hypothetischen Ertrag aus dem hypothetischen Vermögen von Fr. 85.-- (bisher
Fr. 180.--) angerechnet. Zur Bestimmung des hypothetischen Ertrages ist
2.6.
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3.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. a ATSG).