Decision ID: 6c17e131-042e-5842-87e2-e3264a30e1fb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer gelangte zusammen mit seinen (Nennung Ver-
wandte) und seinem (Nennung Verwandter) B._ (N_) am
(...) in die Schweiz, wo er am (...) um Asyl ersuchte. Zur Begründung
machte er geltend, er sei ursprünglich Ajnabi gewesen und seit dem Jahre
(...) syrischer Staatsangehöriger. Er habe studiert, ohne von den syrischen
Militärbehörden in den Militärdienst eingezogen worden zu sein. Nach Ab-
schluss seiner Schule im Jahr (...) sei er freiwillig den C._ – dem
(...) Flügel der D._ – beigetreten. Seine Familienangehörigen hät-
ten schon längere Zeit mit den C._ sympathisiert. Für diese habe
er im Gebiet von E._ einen (Nennung Tätigkeit) geleistet. (Nennung
Zeitpunkt) sei er allerdings in (...) Gebiete geschickt worden, wo er an
Kampfhandlungen hätte teilnehmen sollen. Da er Angst um sein Leben ge-
habt habe und keine Menschen habe töten wollen, habe er sich gegenüber
seinem Vorgesetzten gegen einen solchen Einsatz ausgesprochen und
vergeblich darum ersucht, in der Umgebung seines Dorfes eingesetzt zu
werden. Während des folgenden Urlaubs habe er seinem (Nennung Ver-
wandter) davon erzählt, woraufhin dieser ihn ins Dorf F._ gebracht
habe. Dort habe er sich bis zur Ausreise (Nennung Zeitpunkt) versteckt
gehalten. Da er nicht mehr zum Dienst zurückgekehrt sei, hätten ihn Leute
der D._ respektive der C._ sowohl in seinem Dorf als auch
in E._, im Haus seines (Nennung Verwandter), gesucht. Auf Nach-
frage seines (Nennung Verwandter) habe das (Nennung Institution) schrift-
lich bestätigt, dass er (der Beschwerdeführer) seit dem (...) gesucht werde.
Er habe befürchtet, dass er militärisch verurteilt oder wieder in die (...) Ge-
biete geschickt würde. Auch habe er sich vor den islamistischen Organisa-
tionen wie dem G._ und der H._ gefürchtet. Die C._
habe davor gewarnt, es könnten sich darunter Personen befinden, die ge-
gen sie arbeiten würden. Zudem habe er Angst gehabt, von den syrischen
Behörden in den regulären Militärdienst eingezogen zu werden. Er sei des-
halb nicht nach I._ gegangen, um sich ein Dienstbüchlein ausstel-
len zu lassen, wie es seine Pflicht gewesen wäre.
A.b Mit Verfügung vom 21. April 2016 stellte das SEM fest, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte sein Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung an. Der Wegweisungsvollzug wurde
zugunsten einer vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit aufgescho-
ben. Die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde wurde mit Urteil
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des Bundesverwaltungsgerichts D-3185/2016 vom 30. November 2017 in
Ermangelung asylrechtlich relevanter Verfolgungsgründe abgewiesen.
B.
Am 22. Februar 2018 reichten der Beschwerdeführer und seine (Nennung
Verwandte) beim SEM eine als "neues Asylgesuch" bezeichnete Eingabe
samt (Nennung Beweismittel) ein, welche als qualifiziertes Wiedererwä-
gungsgesuch entgegengenommen wurde. Mit Verfügung vom 25. April
2018 trat das SEM nicht darauf ein. Diese Verfügung erwuchs unangefoch-
ten in Rechtskraft.
C.
Mit Eingabe vom 18. März 2019 reichten die (Nennung Verwandte) des
Beschwerdeführers ein Mehrfachgesuch bei der Vorinstanz ein und bean-
tragten darin die Anerkennung als Flüchtlinge und die Feststellung der Un-
zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. Mit Verfügung vom 11. April 2019
stellte das SEM fest, dass sie die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllten,
lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung an. Gleichzeitig
wurde festgehalten, dass die angeordnete vorläufige Aufnahme weiterhin
bis zu deren Aufhebung oder Erlöschen bestehe. Das Bundesverwaltungs-
gericht hiess die am 30. April 2019 dagegen erhobene Beschwerde mit Ur-
teil D-2044/2019 vom 23. September 2019 gut und anerkannte die (Nen-
nung Verwandte) des Beschwerdeführers als Flüchtlinge.
D.
Mit Eingabe vom 28. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer ein zwei-
tes Asylgesuch ein. Zur Begründung machte er geltend, das Bundesver-
waltungsgericht habe im Urteil D-2044/2019 vom 23. September 2019 die
Flüchtlingseigenschaft seiner (Nennung Verwandte) festgestellt. Das Ge-
richt sei namentlich zum Schluss gekommen, dass das exilpolitische En-
gagement seines (Nennung Verwandter) dessen – bereits vorher vorhan-
denes – politisches Profil weiter akzentuiere, und dass bei einer Rückkehr
eine Gefährdung in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise überwiegend
wahrscheinlich sei. Nebst dem exilpolitischen Engagement sei auch der
persönliche Hintergrund seines (Nennung Verwandter) berücksichtigt wor-
den, so namentlich die jahrzehntelange oppositionelle politische Tätigkeit
in Syrien und die Herkunft aus einer politischen Familie. Zudem seien zwei
der (Nennung Verwandte) bereits vor Ausbruch des Bürgerkriegs ins Visier
der syrischen Behörden geraten und von Angehörigen verschiedener Si-
cherheitsdienste gesucht worden. Beide würden heute als anerkannte
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Flüchtlinge in der Schweiz leben. Die als asylrelevant qualifizierte exilpoli-
tische Aktivität seines (Nennung Verwandter) und dessen prominente Rolle
in der D._ führe für ihn – als Angehörigen eines mutmasslich Op-
positionellen – vorliegend zur Feststellung einer drohenden Reflexverfol-
gung. Dabei sei auch seine gesamte familiäre Situation (Herkunft aus einer
politischen Familie) zu berücksichtigen. Er habe bei einer Rückkehr be-
gründete Furcht, bereits bei der Einreise nach Syrien identifiziert, festge-
nommen und befragt zu werden. Schon bei diesem Prozess dürften ihm
angesichts des bekanntermassen rigorosen Vorgehens der syrischen Be-
hörden gegen Regimegegner ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG drohen. Sobald er nach Syrien zurückkehre, würde er zum Instru-
ment des Regimes, um seinen politisch aktiven (Nennung Verwandter)
(und wohl auch seine [Nennung Verwandte]) unter Druck zu setzen res-
pektive zu bestrafen.
E.
Mit Verfügung vom 9. März 2020 stellte die Vorinstanz fest, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte sein zweites
Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung an. Gleichzeitig wurde fest-
gehalten, dass die angeordnete vorläufige Aufnahme weiterhin bis zu de-
ren Aufhebung oder Erlöschen bestehe.
F.
Der Beschwerdeführer erhob gegen diesen Entscheid mit Eingabe vom
8. April 2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Dabei bean-
tragte er, es sei die angefochtene Verfügung in den Dispositivziffern 1 bis
3 aufzuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu
gewähren. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses sowie um Beiordnung seines Rechtsvertreters als unentgeltlicher
Rechtsbeistand.
Der Beschwerde lag (Nennung Beweismittel) bei.
G.
Mit Verfügung vom 15. April 2020 hiess die Instruktionsrichterin das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und wies das Gesuch um un-
entgeltliche Rechtsverbeiständung ab.
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Seite 5
H.
In seiner Vernehmlassung vom 30. April 2020 – diese wurde dem Be-
schwerdeführer am 8. Mai 2020 zur Kenntnis gebracht – hielt das SEM
unter Verweis auf seine bisherigen Erwägungen fest, die Beschwerde-
schrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, wel-
che eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG
[SR 142.31]).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutre-
ten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
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Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2012/5 E. 2.2).
3.3 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft nach
Art. 3 AsylG ist nicht allein die Situation im Zeitpunkt der Ausreise, sondern
insbesondere auch die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides. So ist
gegebenenfalls auch eine asylsuchende Person als Flüchtling anzuerken-
nen, die erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise – aufgrund ob-
jektiver oder subjektiver Nachfluchtgründe – im Falle einer Rückkehr in ih-
ren Heimat- oder Herkunftsstaat in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise
verfolgt würde. Objektive Nachfluchtgründe sind dann gegeben, wenn
äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss
nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von Verfolgung be-
drohten Person ist in diesen Fällen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerken-
nen und Asyl zu gewähren. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar
die Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach
Art. 54 AsylG zum Asylausschluss. Personen, welche subjektive Nach-
fluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, werden hinge-
gen als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1
m.w.H.).
4.
4.1 Zur Begründung ihrer ablehnenden Verfügung führte die Vorinstanz im
Wesentlichen aus, der Beschwerdeführer fürchte wegen des politischen
Profils seines (Nennung Verwandter) im Falle einer Rückkehr nach Syrien
eine Reflexverfolgung. Das Bundesverwaltungsgericht sei im Urteil
D-2044/2019 vom 23. September 2019 betreffend seine (Nennung Ver-
wandte) zum Schluss gekommen, dass das exilpolitische Engagement sei-
nes (Nennung Verwandter) dessen bereits vorher vorhandenes politisches
Profil akzentuiere, weshalb bei einer Rückkehr nach Syrien eine Gefähr-
dung in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise überwiegend wahrscheinlich
sei. Im Unterschied zu seinem (Nennung Verwandter) verfüge der Be-
schwerdeführer jedoch nicht über ein bereits im Heimatstaat vorhandenes
Risikoprofil. So sei er gemäss Aktenlage kein Dienstverweigerer der syri-
schen Armee und haben auch keinerlei politische Aktivitäten vorzuweisen,
die von der syrischen Regierung als Bedrohung wahrgenommen werden
könnten. Im Weiteren sei das Bundesverwaltungsgericht im Falle seiner
(Nennung Verwandte) explizit nicht von Reflexverfolgung ausgegangen,
sondern habe ihr die Flüchtlingseigenschaft gestützt auf Art. 51 Abs. 1
AsylG derivativ zugesprochen. Angesichts dessen, dass er analog zu sei-
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ner (Nennung Verwandte) über kein vorbestandenes politisches Profil ver-
füge, sei auch in seinem Fall nicht von drohender Reflexverfolgung infolge
des Profils seines (Nennung Verwandter) auszugehen. Sodann sei der
Vollständigkeit halber darauf hinzuweisen, dass den (Nennung Verwandte)
des Beschwerdeführers (...) (N_) und (...) (N_) in der
Schweiz Asyl gewährt worden sei. Von deren Profilen lasse sich indes
keine ihm drohende Reflexverfolgung ableiten. Gemäss der Rechtspre-
chung bedürfe es im Syrien-Kontext konkreter Anhaltspunkte für die An-
nahme einer objektiv begründeten Furcht vor Reflexverfolgung. Seine
(Nennung Verwandte) hätten Syrien im Jahr (...) verlassen und mit Verfü-
gung vom (...) in der Schweiz Asyl erhalten. Er habe sich nach der Ausreise
seiner (Nennung Verwandte) noch (Nennung Dauer) in Syrien aufgehalten,
ohne dass er dort in dieser Zeit aufgrund des Profils seiner (Nennung Ver-
wandte) ernsthafte Nachteile erlitten oder ihm solche gedroht hätten. Zu
betonen sei vielmehr, dass er den Status eines Ajnabi (in Syrien als Aus-
länder registrierter Kurde) gehabt und im Rahmen des präsidialen Dekrets
vom 7. April 2011 die syrische Staatsangehörigkeit erlangt habe. Der Er-
werb der syrischen Staatsangehörigkeit stelle einen weiteren Hinweis da-
rauf dar, dass er bei den syrischen Behörden nicht negativ verzeichnet ge-
wesen sei. Somit lägen keine konkreten Anhaltspunkte vor, um eine objek-
tiv begründete Furcht vor Reflexverfolgung infolge des Profils seiner (Nen-
nung Verwandte) zu bejahen. Seine Vorbringen würden den Anforderun-
gen an die Flüchtlingseigenschaft insgesamt nicht standhalten.
4.2 In der Beschwerde machte der Beschwerdeführer vorweg geltend, das
SEM habe – entgegen der ständigen Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts, wonach eine Gesamtschau der potentiellen Verfolgungsfak-
toren vorzunehmen sei und einzelne Elemente nicht isoliert betrachtet wer-
den dürften – keine solche Gesamtschau der drohenden Verfolgung im
Rückkehrfall vorgenommen, sondern jeweils gesondert eine Verfolgungs-
gefahr wegen des Profils seines (Nennung Verwandter) einerseits und we-
gen des Profils seiner in der Schweiz lebenden (Nennung Verwandte) an-
dererseits verneint. Es sei denn auch nicht anzunehmen, dass die syri-
schen Behörden die einzelnen Sachverhaltselemente separat betrachten
würden, um die Regimefeindlichkeit einer Person einzuschätzen, sondern
ebenso eine Gesamtbetrachtung der über die betroffene Person bekann-
ten Informationen vornähmen. Sodann hielt der Beschwerdeführer – unter
Hinweis auf die Rechtslage und die Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
betreffend Reflexverfolgung in Syrien – an seiner Reflexverfolgung infolge
der mittlerweile gerichtlich als asylrelevant qualifizierten exilpolitischen Ak-
tivität seines (Nennung Verwandter) und dessen prominenten Rolle in der
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D._ und seiner Herkunft aus einer politischen Familie fest. Diesbe-
züglich verwies er auf die Parallelen zur Fallkonstellation im Verfahren
D-4736/2017 vom 13. November 2017, worin die geäusserte subjektive
Furcht vor Nachstellungen des syrischen Regimes beziehungsweise vor
einer menschenrechtswidrigen Behandlung im Rahmen der bei einer
Rückkehr vorkommenden Sicherheitsüberprüfung objektiv nachvollziehbar
sei (E. 7.2.4). Auch im dortigen Verfahren seien die Vorfluchtgründe des
Beschwerdeführers für nicht asylrelevant befunden worden und habe die-
ser Syrien ohne Papiere und illegal verlassen. Er sei – wie im anderen Ver-
fahren auch – der (Nennung Verwandter) eines behördennotorischen Op-
positionellen und stamme aus einer politischen Familie und mithin seien
seine (Nennung Verwandte) ebenso als Regimegegner bekannt. Er habe
demnach begründete Furcht, schon bei einer Einreise nach Syrien identifi-
ziert und von den syrischen Behörden respektive Geheimdiensten festge-
nommen und befragt zu werden. Angesichts des bekanntermassen rigoro-
sen Vorgehens der syrischen Behörden gegen (vermutete) Regimegegner
und deren Angehörige drohten ihm ernsthafte Nachteile im Sinne von Art.
3 AsylG. Insgesamt dürfte die Gefahr einer asylrelevanten Verfolgung im
Vergleich zum Verfahren D-4736/2017 sogar noch höher sein. Sein (Nen-
nung Verwandter) habe – im Unterschied zur zitierten Fallkonstellation, wo
die objektiven Nachfluchtgründe soweit ersichtlich wegen politischer Akti-
vitäten des (Nennung Verwandter) des dortigen Beschwerdeführers in Sy-
rien festgestellt worden seien – gerade auch mit dem exilpolitischen Enga-
gement in die Schweiz weitere Aufmerksamkeit der syrischen Behörden
auf sich gezogen. Die syrischen Behörden hätten demnach ein aktuelles
Interesse, seinen (Nennung Verwandter) zum Schweigen zu bringen oder
diesen anderweitig unter Druck zu setzen. Vor diesem Hintergrund würden
die Erwägungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung ins Leere
stossen. Der Verweis auf die Einschätzung betreffend seine (Nennung Ver-
wandte) sei insofern nicht erheblich, als aus dem Urteil nicht ersichtlich sei,
ob eine solche drohende Reflexverfolgung hinsichtlich seiner (Nennung
Verwandte) überhaupt geprüft worden sei, obwohl bei ihr eine Reflexver-
folgung ebenfalls zu bejahen wäre. Schliesslich würde sie als (Nennung
Verwandtschaftsgrad) eines dem Regime bekannten Oppositionellen zwei-
felsohne auch Opfer staatlicher Verfolgung. Dem trage das ihr erteilte Fa-
milienasyl eben auch Rechnung. Im syrischen Kontext seien aber auch
volljährige Kinder einer Gefahr ausgesetzt, weil die Behörden Familienan-
gehörige benutzen würden, um Regimegegnern habhaft zu werden oder
diese unter Druck zu setzen. Entgegen der Fallkonstellation im von der Vo-
rinstanz zitierten Urteil D-3846/2015 sei er mit seinen (Nennung Ver-
wandte) illegal aus Syrien ausgereist und habe nie über einen syrischen
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Pass verfügt. Zudem sei er dem Militärdienst ferngeblieben. Entscheidend
sei aber, dass sein (Nennung Verwandter) auch in jüngster Zeit wegen sei-
ner Aktivitäten auf dem Radar der syrischen Sicherheitskräfte präsent sei.
Entsprechend aktuell sei der Verfolgungswille der syrischen Behörden ge-
genüber dessen Familienangehörigen. Das Argument der Vorinstanz, wo-
nach er wegen seiner (Nennung Verwandte) in Syrien vor seiner Ausreise
keine ernsthaften Nachteile erlitten habe, weshalb es an konkreten An-
haltspunkten für eine objektiv begründete Furcht vor Reflexverfolgung
mangle, überzeuge nicht. Im syrischen Kontext drohe eben gerade auch
im Fall einer Rückkehr eine flüchtlingsrechtlich relevante Bedrohung, weil
die Sicherheitsbehörden die Flughäfen überwachen und unliebsame Rück-
kehrer bereits dort abfangen würden. Er würde angesichts seines Profils
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit identifiziert. In der Folge
würde ihm entweder eine regimekritische Haltung unterstellt oder er würde
wegen der Verwandtschaft zu seinen (Nennung Verwandte) und seinem
(Nennung Verwandter) im Sinne von Sippenhaft bedroht oder als Druck-
mittel zur Bestrafung oder Bedrohung der politisch aktiven Verwandten
missbraucht.
5.
5.1 Im Zusammenhang mit der geltend gemachten Reflexverfolgung ist
festzuhalten, dass die in Syrien herrschende politische und menschen-
rechtliche Lage durch das Bundesverwaltungsgericht gewürdigt wurde
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.2 sowie Referenzurteil des BVGer D-5779/2013
vom 25. Februar 2015 E. 5.3 und 5.7.2). Es ist durch eine Vielzahl von
Berichten belegt, dass die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem
Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen tatsächliche oder vermeintli-
che Regimegegner mit grösster Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorge-
hen. Personen, die sich regimekritisch betätigt haben, sind in grosser Zahl
von Verhaftung, Folter und willkürlicher Tötung betroffen. Mit anderen Wor-
ten haben Personen, die durch die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte
als Gegner des Regimes identifiziert werden, eine Behandlung zu erwar-
ten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG gleichkommt. Diese Feststellung gilt auch heute noch.
Die Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer
Oppositioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen do-
kumentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung
erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Per-
son für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um
Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine
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Seite 10
Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu
erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehö-
rige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen auf-
grund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Perso-
nen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische
Armee und Milizen) setzen dabei die Strategie der Reflexverfolgung gezielt
ein (vgl. Urteil des BVGer E-734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2 ff.).
Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Reflexverfolgung zu werden, besteht
vor allem dann, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet
wird und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, dass zur gesuchten Per-
son ein enger Kontakt besteht. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn
ein nicht unbedeutendes politisches Engagement der reflexverfolgten Per-
son hinzukommt oder ihr unterstellt wird (vgl. Entscheidungen und Mittei-
lungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21
E. 10.1). Für die Annahme einer Reflexverfolgung ist daher – entgegen der
im angefochtenen Entscheid vertretenen Ansicht – das Vorliegen eines vor-
bestandenen politischen Profils bei der reflexverfolgten Person nicht erfor-
derlich.
5.2 Im Falle einer Rückkehr nach Syrien hätte der Beschwerdeführer damit
zu rechnen, dass er durch Angehörige der syrischen Sicherheitskräfte ei-
ner einlässlichen Kontrolle unterzogen wird (vgl. Urteil des BVGer
D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.3.1 [als Referenzurteil publiziert]).
Obschon der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Ausreise aus Syrien
(Nennung Zeitpunkt) nicht aktuell verfolgt war und auch keine begründete
Furcht vor Verfolgung hegen musste (vgl. Urteil des BVGer D-3185/2016
vom 30. November 2017 E. 4), gilt es zu prüfen, ob ihm heute für den Fall
einer (hypothetischen) Rückkehr nach Syrien aufgrund sich nach der Aus-
reise ergebender Risikofaktoren im Sinne von objektiven Nachfluchtgrün-
den eine begründete Furcht vor Verhaftung und Folter und mithin ernsthaf-
ten asylrechtlich relevanten Nachteilen zu attestieren ist.
5.3 Aus den Akten der (Nennung Verwandte) des Beschwerdeführers ist
ersichtlich, dass dessen (Nennung Verwandter) im Jahr (...) während (Nen-
nung Dauer) inhaftiert war und bis (Nennung Zeitpunkt) einer Meldepflicht
unterstand. Unbestritten sind dessen langjährige Tätigkeiten für die
D._ sowie die Mitgliedschaft im (Nennung Gremium). Das Bundes-
verwaltungsgericht erachtete in seinem Urteil D-3183/2016 vom 30. No-
vember 2017 (E. 5) die seinen (Nennung Verwandter) betreffenden Ereig-
nisse mangels zeitlichen und sachlichen Zusammenhangs zwischen den
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geltend gemachten Verfolgungsmassnahmen und der Ausreise aus Syrien
zwar als asylrechtlich nicht beachtlich, es kam jedoch zum Schluss, dass
sein (Nennung Verwandter) nicht zuletzt aufgrund jahrzehntelanger politi-
scher Tätigkeit den syrischen Behörden zumindest als oppositionell einge-
stellte Person bekannt gewesen sein müsse. Dies umso mehr, als sein
(Nennung Verwandter) aus einer politischen Familie stamme. Hinzu
komme, dass die als anerkannte Flüchtlinge in der Schweiz lebenden
(Nennung Verwandte) ebenfalls bereits vor dem Ausbruch des Bürger-
kriegs ins Visier der syrischen Behörden geraten seien und die Sicherheits-
dienste sich wiederholt beim (Nennung Verwandter) nach deren Verbleib
erkundigt hätten. Im Urteil D-2044/2019 vom 23. September 2019 stellte
das Bundesverwaltungsgericht sodann fest, dass der (Nennung Verwand-
ter) des Beschwerdeführers seit dessen Flucht in die Schweiz erwiesener-
massen für die D._ in einer Führungsfunktion umfangreiche exilpo-
litische Tätigkeiten ausübt. Es kam daher zum Schluss, dass diese Tätig-
keiten das bereits im Heimatstaat vorhandene Profil akzentuieren würden
und er dadurch aus der Sicht des syrischen Regimes als potenzielle Be-
drohung wahrgenommen werde. Das Bundesverwaltungsgericht bejahte
für den Fall einer Rückkehr eine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung
und anerkannte den (Nennung Verwandter) – und gestützt auf Art. 51 Abs.
1 AsylG die (Nennung Verwandte) – als Flüchtlinge.
5.4 Der Beschwerdeführer verliess Syrien (Nennung Zeitpunkt). Das Bun-
desverwaltungsgericht geht – wie in E. 5.2 vorstehend erwähnt – davon
aus, dass syrische Staatsangehörige und staatenlose Kurden syrischer
Herkunft nach einem längeren Auslandaufenthalt bei der Wiedereinreise
regelmässig einer einlässlichen Überprüfung durch syrische Sicherheits-
kräfte unterzogen werden. Dabei würde festgestellt, dass der Beschwerde-
führer das dienstpflichtige Alter erreicht hat und somit grundsätzlich militär-
dienstpflichtig ist sowie, dass er Syrien vor einigen Jahren illegal verliess.
Sodann gelangte er bei der Überprüfung seines familiären Hintergrundes
insbesondere auch deshalb in den Fokus der syrischen Behörden, weil es
sich bei ihm um den (Nennung Verwandtschaftsgrad) eines politisch enga-
gierten, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit mittlerweile gesuchten op-
positionellen syrischen Staatsangehörigen handelt, der aus der Sicht des
syrischen Regimes als potenzielle Bedrohung wahrgenommen wird. Daher
ist seine Befürchtung, er werde von den syrischen Behörden einer genauen
Prüfung unterzogen und müsse seinerseits befürchten, ernsthaften Nach-
teilen an Leib und Leben ausgesetzt zu werden, begründet. So ist im heu-
tigen Zeitpunkt insbesondere mit Blick auf das Verfolgungsinteresse der
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Seite 12
syrischen Behörden an seinem nach wie vor (exil)politisch aktiven (Nen-
nung Verwandter) davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr nach
Syrien als Mitglied einer politisch oppositionell tätigen Familie eingestuft
und zwecks weiterer Abklärungen beziehungsweise Befragungen den sy-
rischen Geheimdiensten übergeben würde. Angesichts der nach wie vor
unveränderten Verhältnisse in Bezug auf die Repressionen der syrischen
Regierung gegenüber Oppositionellen und ihren Familien ist die vom Be-
schwerdeführer geäusserte subjektive Furcht vor Nachstellungen des syri-
schen Regimes beziehungsweise vor einer menschenrechtswidrigen Be-
handlung im Rahmen der bei einer Rückkehr stattfindenden Sicherheits-
überprüfung objektiv nachvollziehbar.
5.5 Mit Blick auf die Reflexverfolgung im syrischen Kontext (vgl. vorstehend
E. 5.1) ist anzunehmen, dass der Beschwerdeführer für den (hypotheti-
schen) Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat seines (Nennung Verwand-
ter) wegen ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet be-
fürchten muss (vgl. BVGE 2007/19 E. 3.3), zumal sich die Lage in Syrien
bis heute nicht entscheidend verbessert hat. Eine innerstaatliche Schutz-
alternative steht ihm somit nicht offen. Er erfüllt demnach originär die
Flüchtlingseigenschaft. Aus den Akten ergeben sich überdies keine An-
haltspunkte für eine Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53 AsylG. Dem Be-
schwerdeführer ist somit Asyl zu gewähren.
6.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung
vom 9. März 2020 ist aufzuheben, der Beschwerdeführer als Flüchtling an-
zuerkennen und das SEM anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]) eine Entschädigung für die ihm
erwachsenen notwendigen Kosten zuzusprechen. Es wurde keine Kosten-
note eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Ak-
ten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in
Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist dem
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19
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Seite 13
Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von
insgesamt Fr. 1500.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzu-
sprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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