Decision ID: 48b993b7-7b11-5b94-97cd-4b172bbfc116
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 18. November 2020 in der Schweiz um
Asyl (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1).
B.
Am 25. November 2020 nahm die Vorinstanz die Personalien des Be-
schwerdeführers auf und am 30. November 2020 gewährte sie ihm rechtli-
ches Gehör, unter anderem zur Zuständigkeit Kroatiens für die Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten Nichtein-
tretensentscheid sowie zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat
(SEM-act. 10 und 13).
C.
Mit Verfügung vom 23. Februar 2021 – eröffnet am 1. März 2021 – trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Kroatien an und
forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz spätestens am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz
auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende auf-
schiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton Solothurn mit dem
Vollzug der Wegweisung (SEM-act. 29).
D.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am
8. März 2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte,
die Verfügung vom 23. Februar 2021 sei vollumfänglich aufzuheben und
die Vorinstanz anzuweisen, sich für sein Asylgesuch für zuständig zu er-
achten. Eventualiter sei die Verfügung zur rechtsgenüglichen Sachver-
haltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht beantragte er, der Beschwerde sei im Sinne einer vorsorglichen
Massnahme die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbe-
hörde unverzüglich anzuweisen, von seiner Überstellung nach Kroatien ab-
zusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die aufschiebende Wir-
kung entschieden habe. Zudem ersuchte er um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
E.
Am 9. März 2021 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in elekt-
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ronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den Voll-
zug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus (BVGer-
act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Der Be-
schwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
Die grundsätzliche (Aufnahme-) Zuständigkeit Kroatiens zur Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens des Beschwerdeführers ist vorlie-
gend gegeben und unbestritten (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG; Art. 13
Abs. 1 der Verordnung [EU] Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist [nachfolgend:
Dublin-III-VO]; Art. 3 Abs. 1, Art. 18 Abs. 1 Bst. a und Art. 21 Dublin-III-VO).
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4.
Der Beschwerdeführer stellt in Abrede, in Kroatien Zugang zu einem fairen
Asylverfahren zu haben.
4.1. Das Bundesverwaltungsgericht geht derzeit grundsätzlich nicht davon
aus, Asylverfahren und Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Kro-
atien wiesen systemische Schwachstellen auf (Urteile des BVGer
D-644/2021 vom 18. Februar 2021 E. 7.2.2; E-7092/2017 vom 25. Januar
2021 E. 10.2; F-4368/2020 vom 14. Januar 2021 E. 7.2; D-5691/2020 vom
9. Januar 2021 E. 6.2; E-5910/2020 vom 10. Dezember 2020 E. 7.2,
m.w.H.; betr. "Push-Back"-Problematik noch offen gelassen in
E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 E. 5.7 f.). Die Vorinstanz kam im angefoch-
tenen Entscheid nach umfassender Prüfung und Darlegung der Situation
von asylsuchenden Personen und insbesondere von Dublin-Rückkehrern
in Kroatien zum Schluss, dass die Vorwürfe über Unregelmässigkeiten bei
der kroatischen Grenzpolizei im Umgang mit Migrantinnen und Migranten
Dublin-Rückkehrende nicht betreffen und dass letztere grundsätzlich Zu-
gang zu einem rechtstaatlichen Asyl- und Wegweisungsverfahren haben
Diese Auffassung wird vom Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich be-
stätigt (vgl. Urteile des BVGer D-644/2021 E. 7.2.3; D-5691/2020 vom
9. Januar 2021 E. 6.2.3; F-5436/2020 vom 10. November 2020 E. 5.3).
Das Bundesverwaltungsgericht geht praxisgemäss nicht davon aus, Kroa-
tien verletze seine völkerrechtlichen Verpflichtungen oder verstosse syste-
matisch gegen die Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuer-
kennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (vgl. statt vieler:
Urteile F-4368/2020 E. 7.3; D-5691/2020 E. 6.2.3; F-5436/2020 E. 5.4).
4.2. Vorliegend ist zwar zu konstatieren, dass der Beschwerdeführer in
Kroatien nicht daktyloskopiert wurde. Dies kann jedoch damit erklärt wer-
den, dass er Kroatien höchstwahrscheinlich lediglich durchqueren wollte
(vgl. Urteile des BVGer F-5436/2020 E. 5.4; F-4456/2020 vom 15. Septem-
ber 2020 E. 6.5). Dass ihm der Zugang zum Asylverfahren in Kroatien ge-
gen seinen Willen verweigert worden wäre, ist nicht ersichtlich und wird
von ihm auch nicht substantiiert behauptet. Sodann lässt der Beschwerde-
führer ausser Acht, dass er den kroatischen Behörden unter einem Alias-
Namen – in Ungarn war er unter einem weiteren Alias-Namen registriert
(SEM-act. 20) – durchaus bekannt war und diese deshalb dem Aufnahme-
gesuch entsprochen haben (vgl. SEM-act. 28). Die kroatischen Behörden
sind daher gemäss Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-Verordnung verpflichtet, den
noch zu stellenden Antrag des Beschwerdeführers auf internationalen
Schutz zu prüfen.
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4.3. Somit ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerecht-
fertigt. Ein konkretes und ernsthaftes Risiko dafür, dass die kroatischen
Behörden sich weigern würden, den Beschwerdeführer aufzunehmen und
seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der
Verfahrensrichtlinie zu prüfen, ist vorliegend nicht dargetan.
5.
Gegen die mit Verfügung vom 23. Februar 2021 angeordnete Überstellung
nach Kroatien bringt der Beschwerdeführer weiter vor, er werde damit einer
Gefahr für seine Gesundheit ausgesetzt, weil die medizinische Versorgung
für psychische Erkrankungen in Kroatien mangelhaft und er dort vom regu-
lären staatlichen Gesundheitswesen ausgeschlossen sei.
5.1. Im persönlichen Gespräch vom 30. November 2020 äusserte der Be-
schwerdeführer, Probleme mit den Beinen und seit 2017 ein «kompliziertes
Problem» mit den Hoden zu haben. Psychisch gehe es ihm nicht gut, da er
Angstgefühle und Komplexe bekommen habe (SEM-act. 13). In seiner
Rechtsmitteleingabe vom 8. März 2021 verweist der Beschwerdeführer
weiter auf sein medizinisches Datenblatt. Aus einem Eintrag vom 22. De-
zember 2020 geht hervor, dass er an ausgeprägten Rückenschmerzen im
Lendenwirbelsäulen-Bereich leidet, wogegen ihm Schmerzmittel verab-
reicht wurden. Am 26. Januar 2021 wurden im Datenblatt dann Beschwer-
den am linken Arm festgehalten, bei einem Status nach einer Fraktur vor
zehn Jahren. Der behandelnde Arzt trug am 16. Februar 2021 die Diagnose
eines depressiven Syndroms sowie alte Wunden am Brustkorb und an den
oberen Extremitäten von einem Suizidversuch vor drei Jahren ein. Zudem
solle der Beschwerdeführer angegeben haben, zeitweise Gefühle des Le-
bensüberdrusses zu haben, jedoch keine Medikamente einnehmen, son-
dern eine Psychotherapie absolvieren zu wollen (SEM-act. 26).
5.2. Die physischen und psychischen Gesundheitsbeeinträchtigungen des
Beschwerdeführers sind nicht derart gravierend, dass von einer Überstel-
lung nach Kroatien abgesehen werden müsste. Kroatien verfügt über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur sowie über ein genügendes Ange-
bot für psychische Betreuung (vgl. anstelle vieler Urteile D-644/2021 E. 7.3;
E-7092/2017 E. 10.2; F-4368/2020 E. 7.3; D-5691/2020 E. 6.3.4;
F-5436/2020 E. 6.2). Die vom Beschwerdeführer angeführten Berichte von
Médecins du Monde Belgique vom Februar 2019, beziehungsweise von
Border Crossing Spielfeld vom November 2016 vermögen dies nicht zu wi-
derlegen (vgl. dazu bereits die Urteile F-4368/2020 E. 6.2 und E. 7.3;
E-5910/2020 E. 8.4.1; F-4456/2020 E. 6.6). Hinweise dafür, dass Kroatien
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dem Beschwerdeführer eine adäquate medizinische Behandlung verwei-
gern würde, sind nicht zu erkennen. Zu Recht rügt der vertretene Be-
schwerdeführer denn auch nicht, seine Überstellung nach Kroatien ver-
letze Art. 3 EMRK (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. De-
zember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Einer all-
fälligen im Wegweisungszeitpunkt auftretenden Suizidalität wäre im Rah-
men der Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (Urteile des BVGer
D-5691/2020 E. 6.3.3; F-1829/2020 vom 9. April 2020 E. 4.5).
5.3. Bei dieser Ausgangslage, bei der der Beschwerdeführer mitunter nicht
als besonders vulnerable Person bezeichnet werden kann, war die Vor-
instanz weder gehalten, seinen Gesundheitszustand, noch seine bedürf-
nisgerechte Unterbringung in Kroatien näher abzuklären (BGE 136 I 229
E. 5.3; 134 I 140 E. 5.3; Urteile des BVGer E-7092/2017 E. 10.2;
D-5691/2020 E. 6.2.3; E-6105/2019 vom 12. Dezember 2019 E. 6.2.2). Der
Eventualantrag auf Rückweisung zur Sachverhaltsabklärung an die Vor-
instanz ist abzuweisen.
6.
Der angefochtene Entscheid verletzt weder Art. 3 EMRK, noch eine an-
dere, die Schweiz bindende, völkerrechtliche Bestimmung. Eine gesetzes-
widrige Ermessensausübung der Vorinstanz ist nicht ersichtlich. Demzu-
folge ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz von dem in Art. 17
Abs. 1 Dublin-III-VO und in Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) verankerten Selbsteintrittsrecht
keinen Gebrauch gemacht hat. Zu Recht ist sie auf das Asylgesuch nicht
eingetreten und hat die Überstellung nach Kroatien verfügt. Die Be-
schwerde ist abzuweisen. Der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden
Wirkung erweist sich mit der Ausfällung des vorliegenden Urteils als ge-
genstandslos.
7.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
8.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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