Decision ID: 3e3ebefb-76f6-4ab1-a4ac-30cdd77ef66a
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 4. Abteilung - , vom 7. Mai 2021 (GB210035)
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Anklage:
Die Anklage (Strafbefehl) der Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis vom 1. Februar
2021 (Urk. 19) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 52 S. 32 ff.)
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB
sowie
− der mehrfachen Übertretung der Chauffeurverordnung im Sinne von
Art. 21 Abs. 1 ARV i.V.m. Art. 8 Abs. 3 ARV.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je
CHF 80.–, entsprechend CHF 2'400.– und mit einer Busse von CHF 300.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
5. Der Entschädigungsantrag von Rechtsanwältin lic. iur. X2._ betreffend
ihre Aufwendungen als unentgeltliche Rechtsvertreterin der Privatklägerin
wird abgewiesen.
6. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf Fr. 1'500.–.
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
7. Die Kosten gemäss vorstehender Ziffer sowie die Kosten des Strafbefehls
(Unt. Nr.: A-6/2020/10019313) vom 1. Februar 2021 in Höhe von
Fr. 3'667.05 werden dem Beschuldigten auferlegt.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 69 S. 1 f.)
1. Es sei Dispositivziffer 1 des Urteils des Bezirksgerichts Zürich vom
7. Mai 2021 (Geschäfts-Nr. GB210035) aufzuheben und es sei der Be-
schuldigte vom Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne
von Art. 125 StGB freizusprechen.
2. Die Verfahrenskosten seien auf die Staatskasse zu nehmen.
3. Dem Beschuldigten sei eine angemessene Entschädigung aus der
Staatskasse im Betrag von mindestens Fr. 9'610.40 (inkl. MwSt.) zuzu-
sprechen.
b) Der Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis:
Keine Anträge
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Mit Urteil vom 7. Mai 2021 sprach das Bezirksgericht Zürich, 4. Abteilung -
Einzelgericht, den Beschuldigten der fahrlässigen Körperverletzung und der mehr-
fachen Übertretung der Chauffeurverordnung schuldig. Es bestrafte ihn mit einer
bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 80.– sowie mit einer
Busse von Fr. 300.– und regelte die Kosten- und Entschädigungsfolgen (Urk. 52
ff.).
2. Gegen das mündlich eröffnete Urteil (Prot. I S. 18 ff.) meldete der Beschul-
digte rechtzeitig Berufung an (Urk. 43; Art. 399 Abs. 1 StPO). Das begründete Ur-
teil wurde der Verteidigung am 16. September 2021 zugestellt. Mit Eingabe vom
4. Oktober 2021 liess der Beschuldigte der erkennenden Kammer rechtzeitig die
schriftliche Berufungserklärung einreichen (Urk. 54; Art. 399 Abs. 3 i.V.m. Art. 90
StPO).
3. Mit Präsidialverfügung vom 6. Oktober 2021 wurde der Staatsanwaltschaft
und der Privatklägerin eine Kopie der Berufungserklärung zugestellt und Frist für
Anschlussberufung angesetzt (Urk. 56). Weder die Privatklägerin noch die
Staatsanwaltschaft liessen sich innert Frist vernehmen (Urk. 57/1-2). Rechtsan-
wältin lic. iur. X2._ ersuchte mit Eingabe vom 12. Oktober 2021 darum, aus
ihrer Funktion als unentgeltliche Rechtsvertretung der Privatklägerin entlassen zu
werden (Urk. 58). Ferner reichte der Beschuldigte aufforderungsgemäss das Da-
tenerfassungsblatt ein (Urk. 60). Mit Präsidialverfügung vom 8. November 2021
wurde der Privatklägerin die unentgeltliche Rechtspflege entzogen und Rechts-
anwältin lic. iur. X2._ als unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin
entlassen (Urk. 63).
4. Am 12. Januar 2021 wurde sodann zur Berufungsverhandlung auf den
3. Juni 2022 vorgeladen (Urk. 65). Anlässlich der Berufungsverhandlung liess der
Beschuldigte die eingangs aufgeführten Anträge stellen (Prot. II S. 4).
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II. Prozessuales
1. Gemäss Art. 402 StPO in Verbindung mit Art. 437 StPO wird die Rechtskraft
des angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Der Beschuldig-
te verlangt mit seiner Berufung einen Freispruch vom Vorwurf der fahrlässigen
Körperverletzung mit entsprechender Anpassung der Strafzumessung sowie der
Kostenverlegung und der Entschädigungsansprüche (Urk. 54 S. 2; Urk. 69 S. 1 f.;
Prot. II S. 4). Die von der Verteidigung an sich nicht beanstandete Busse gilt im
Rahmen der angefochtenen Strafe als mitangefochten. Nicht angefochten und in
Rechtskraft erwachsen ist der vorinstanzliche Entscheid damit lediglich hinsicht-
lich der Dispositivziffern 1, 2. Spiegelsprich (Schuldspruch betreffend mehrfache
Übertretung der Chauffeurverordnung), 5 (Abweisung Entschädigung unentgeltli-
che Vertretung der Privatklägerin) und 6 (Entscheidgebühr), was vorab mittels
Beschluss festzustellen ist.
2. Da die Staatsanwaltschaft kein Rechtsmittel erhoben hat, greift das Verbot
der reformatio in peius (Art. 391 Abs. 2 StPO).
3. Die Privatklägerin liess mit Eingabe vom 27. April 2021 den Antrag stellen,
ihre Zivilforderungen seien auf den Zivilweg zu verweisen (Urk. 33 S. 2). Diesbe-
züglich führte die Vorinstanz aus, die Privatklägerin habe weder eine konkrete Zi-
vilforderung gestellt noch einen Entscheid über das Bestehen der Zivilforderung
dem Grundsatz nach [verlangt]. Zur genauen Feststellung des allfälligen Beste-
hens bzw. des Umfangs des Schadenersatz- und Genugtuungsanspruchs sei sie
auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen (Urk. 52 S. 31 E. 4). Eine entspre-
chende Dispositivziffer dazu fehlt jedoch, womit auch kein formeller Entscheid
über den Antrag der Privatklägerin vorliegt. Dabei handelt es sich um ein offen-
kundiges Versehen, das mit vorliegendem Entscheid zu korrigieren ist. Von einer
Rückweisung an die Vorinstanz kann abgesehen werden, da dies keinen derart
gravierenden Mangel darstellt, dass eine Rückweisung zur Wahrung der Partei-
rechte unumgänglich erscheinen würde (BGE 143 IV 408 E. 6.1.). Zudem würde
dies das Verfahren nur unnötig verzögern und einem überstrengen Formalismus
gleichkommen.
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III. Sachverhalt
1. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, er habe am 16. Juni 2020 um ca.
17.40 Uhr auf der A1 Richtung Bern den LKW Volvo mit dem Kontrollschild ZH 1
von der ersten Überholspur nach rechts auf die Normalspur gewechselt, wobei er
den Spurwechsel mittels Blinker angezeigt habe. Dabei habe er unabsichtlich,
aber krass pflichtwidrig den rechts neben ihn auf der Normalspur fahrenden PW
BMW mit dem Kontrollschild ZH 2, gelenkt durch die Privatklägerin B._,
übersehen, da er sich nicht rechtsgenügend über die Aussenspiegel vergewissert
habe, dass sich kein Fahrzeug neben ihm befinde. Der PW wäre dabei über die
Aussenspiegel erkennbar gewesen. In der Folge sei der Beschuldigte auf der
Normalspur mit dem korrekt auf der Normalspur fahrenden PW BMW kollidiert,
worauf der PW BMW um 90 Grad gedreht, vor den LKW gedrückt, rund 170 Meter
vor dem LKW hergeschoben und danach in die linke Leitplanke geschleudert
worden sei. Dabei habe der Beschuldigte der PW-Lenkerin B._ einen Spei-
chenbruch im rechten Handgelenk, ein Schleudertrauma und eine Brustkorbprel-
lung zugefügt (Urk. 19 S. 3). Der Beschuldigte soll sich daher der fahrlässigen
Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB schuldig gemacht haben.
2. Es ist unbestritten, dass es am 16. Juni 2020 zur Kollision zwischen dem
vom Beschuldigten gelenkten LKW und dem PW der Privatklägerin kam. Vom
Beschuldigten und der Privatklägerin liegen jedoch unterschiedliche Schilderun-
gen in Bezug auf das Unfallgeschehen vor. Der Beschuldigte stellte sich während
des gesamten Vorverfahrens wie auch im erstinstanzlichen Verfahren auf den
Standpunkt, die Spur nicht gewechselt zu haben, da es noch Fahrzeuge auf der
Spur gehabt habe, und bezeichnete konstant die Privatklägerin als Unfallverursa-
cherin (Urk. 5/1 S. 4; Urk. 5/2 S. 2 ff.; Prot. I S. 11 ff.). Anlässlich der Berufungs-
verhandlung blieb der Beschuldigte bei dieser Darstellung (Prot. II S. 12 ff.).
3. Die Vorinstanz hat die Grundsätze der Sachverhaltsfeststellung und der Be-
weiswürdigung zutreffend dargelegt, die Beweismittel vollständig aufgezählt und
sich zur Glaubwürdigkeit der aussagenden Personen überzeugend geäussert. Auf
ihre Ausführungen kann verwiesen werden (Urk. 52 S. 8 f., S. 15 ff.; Art. 82 Abs. 4
StPO). Namentlich kam sie auch zutreffend zum Schluss, dass sämtliche Be-
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weismittel verwertbar sind, was uneingeschränkt auch für die Aussagen der Pri-
vatklägerin gilt. Wurde eine Person als beschuldigte Person einvernommen und
stellt sich im Laufe des Verfahrens – wie vorliegend – heraus, dass sie zu Unrecht
verdächtig worden ist, muss das Verfahren gegen sie durch Einstellung, Nichtan-
handnahme oder Freispruch rechtskräftig erledigt werden. Aussagen, die sie in ih-
rer Rolle als beschuldigte Person nach entsprechender Belehrung tätigte, können,
soweit das Verfahren gegen andere mitbeschuldigte Personen weitergeführt wird,
gegen diese als Beweismittel verwertet werden (DONATSCH/LIEBER/SUMMERS/
WOHLERS [HRSG.], StPO Kommentar, 3. Aufl. 2020, Art. 158 N 41). Das Verfahren
gegen B._ wegen fahrlässiger Körperverletzung etc. betreffend den hier in-
teressierenden Vorfall wurde mit Verfügung vom 1. Februar 2021 eingestellt
(Urk. 16). Zuvor wurde sie jeweils als beschuldigte Person einvernommen. In die-
ser Parteirolle ist sie einzig auf das Aussage- und Mitwirkungsverweigerungsrecht
hinzuweisen (Art. 113 StPO und Art. 158 Abs. 1 StPO). Diese Hinweise sind er-
folgt (Urk. 6/1 S. 2 und Urk. 6/2 S. 2).
4. Im angefochtenen Urteil wurden die Aussagen des Beschuldigten, der Pri-
vatklägerin B._ sowie des Zeugen C._ korrekt zusammengefasst sowie
der Inhalt der massgebenden Sachbeweismittel (Plan- und Fotodokumentation)
wiedergegeben und im Wesentlichen mit überzeugender Begründung zutreffend
gewürdigt (Urk. 52 S. 10 ff.), worauf verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4
StPO). Die nachstehenden Erwägungen erfolgen bloss ergänzend zur punktuellen
Verdeutlichung und Vertiefung unter Einbezug neuer Ausführungen im Beru-
fungsverfahren.
4.1. Mit der Vorinstanz ist zunächst festzuhalten, dass kein Anlass besteht, an
der Validität der Plandokumentation zu zweifeln (Urk. 52 S. 16; Art. 82 Abs. 4
StPO). Die aus der Fotodokumentation erfassten Abriebspuren bzw. Pneu-
druckspuren in der Plandokumentation lassen sich zwar dahingehend interpretie-
ren, dass der Beschuldigte einen Spurwechsel vornahm und eine Kollision auf der
Spur der Privatklägerin erfolgte, was gegen die vom Beschuldigten vertretene
Version eines Spurwechsels der Privatklägerin sprechen würde (Urk. 11/3;
Urk. 11/4). Insbesondere die Abrieb- bzw. Pneudruckspuren 180 bis 170 Meter
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vor Stillstand des LKWs (Urk. 11/3 Bild 3-4) legen diese Interpretation nahe, da
dort 3 Abriebspuren auf der rechten Spur erkennbar sind. Fachkundige Angaben
dazu, wie die Abriebspuren zu interpretieren sind und welche Schlüsse sie zulas-
sen, fehlen jedoch. Es steht nicht fest, wie besagte Spuren entstanden sind und
welchem Fahrzeug sie zugeordnet werden können. Sie erweisen sich daher nur
als wenig aussagekräftig und sind als ambivalentes Beweismittel nicht geeignet,
die Darstellung des Beschuldigten zu entkräften. Da sich der Sachverhalt indes-
sen gestützt auf die weiteren vorhanden Beweismittel erstellen lässt, wie sich
nachfolgend zeigen wird, erübrigt sich die Einholung eines verkehrstechnischen
oder unfallanalytischen Gutachtens.
Die Einholung eines verkehrstechnischen Gutachtens erweist sich damit nicht als
notwendig, da sich der Sachverhalt gestützt auf die vorhandenen Beweismittel er-
stellen lässt.
4.2. Zur Frage, wer den Unfall verursacht habe, äusserte sich der Beschuldigte
konstant und bezeichnete bereits kurz nach dem Unfall bei seiner Einvernahme
als polizeiliche Auskunftsperson die Privatklägerin als Unfallverursacherin. Abge-
sehen von der eigentlichen Kollision ist die Schilderung des Beschuldigten insbe-
sondere in Bezug auf die Vorbereitung eines Spurwechsels sowie sein Verhaltens
vor und nach der Kollision relativ detailliert und erscheint grundsätzlich plausibel.
So hielt er auf die Aufforderung hin, seine Sicht des Geschehens zu schildern,
fest, dass er sich auf einen Spurwechsel habe vorbereiten wollen. Er habe keine
Eile gehabt, da er genau wisse, wo er durchfahren müsse und wo die Verzwei-
gung komme. Er habe immer 10 Mal geschaut, ob er sicher den Fahrstreifen
wechseln könne. Ob er den Blinker gestellt habe oder nicht, wisse er nicht mehr.
Aber selbst wenn, dann habe er diesen wieder ausgeschaltet, da noch Fahrzeuge
auf dem Fahrstreifen gewesen seien, auf welchen er habe wechseln wollen
(Urk. 5/1 S. 2 F/A 14). Bezüglich seine Reaktion auf die Kollision führte er aus, er
habe sofort nachgedacht, wie er am besten reagieren könne. Da er gewusst ha-
be, dass er viel Ladung habe, habe er ganz sanft angefangen zu bremsen
(Urk. 5/1 S. S. 2 F/A 15). Diese Umschreibung seiner Gedankengänge und Über-
legungen wirkt durchaus lebensnah. Seine Darstellung ist für sich betrachtet auch
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nicht unplausibel und der Unfall könnte sich tatsächlich so zugetragen haben. Die
Schadensbilder an den beiden Fahrzeugen schliessen dies jedenfalls nicht aus
(Urk. 11/3 Bilder 24-27, 30-34). In Bezug auf die Kollision waren seine Aussagen
hingegen eher blass und wenig konkret. Das mag zum einen daran liegen, dass
die eigentliche Kollision nur wenige Sekunden dauerte und derart turbulente Ge-
schehen naturgemäss schwierig zu rekapitulieren sind. Andererseits scheint er
gemäss eigenen Angaben die Kollision gar nicht recht wahrgenommen zu haben.
So will er bemerkt haben, dass etwas von rechts nach links komme und er dieses
berührt habe. Das Auto sei zuerst vor ihm gewesen und dann vor ihm verschwun-
den (Urk. 5/1 S. 2 F/A 15). Auch hielt er fest, die Kollision irgendwie schon wahr-
genommen zu haben, aber es habe nicht nach einem Crash geklungen (Urk. 5/1
S. 3 F/A 24).
Welche Schritte er bereits ausgeführt hatte, um die Spur zu wechseln, bezeichne-
te er zu Beginn nicht eindeutig. So erklärte er zunächst, nachdem das Auto vor
ihm verschwunden sei, habe er alle Bemühungen, den Fahrstreifen zu wechseln,
abgebrochen (Urk. 5/1 S. 2 F/A 15). Welche Bemühungen dies konkret waren
bzw. ob sich diese im Setzen des Blinkers erschöpften, führte er nicht näher aus.
Es drängt sich jedenfalls die Vermutung auf, dass er im Zeitpunkt der Kollision be-
reits zum Spurwechsel ansetzte, d.h. die Linie zur rechten Spur mit seinem LKW
schon überquerte. Erst nach dem Ablauf seiner Vorbereitung auf den Fahrstrei-
fenwechsel befragt, gab er an, er schaue in den Frontspiegel, dann in den Seiten-
spiegel und dann noch in den Weitwinkelspiegel. Zuerst stelle er den Blinker. Er
sei sich aber nicht sicher, ob er den Blinker wieder ausgeschaltet habe, da er
noch gesehen habe, dass es noch Fahrzeuge auf der Spur gehabt habe (Urk. 5/1
S. 3 F/A 18). Ob er tatsächlich schon zum Spurwechsel angesetzt hatte, stellte er
erst später klar, indem er festhielt, seiner Meinung nach habe sie (die Privatkläge-
rin) angefangen, die Spur zu wechseln und dies viel zu nahe bei seinem Fahr-
zeug. Dann sei es zur Berührung gekommen. Er könne es sich nicht anders vor-
stellen. Er sei ja schnurgerade in der Spur gewesen. Es sei ja nicht anders mög-
lich gewesen (Urk. 5/1 S. 4 F/A 29). Auf die Frage, ob er die Spur je verlassen
habe, seit dem Zeitpunkt, als er sich auf den Spurwechsel vorbereitet habe, er-
klärte er ferner, sobald er etwas im Spiegel sehe, könne er gar keinen Wechsel
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mehr machen. Er wisse ja, was alles passieren könne. Da sei er wie blockiert,
dass er keinen Fahrstreifenwechsel machen könne. Er würde sie als schuldig be-
zeichnen. Er wisse genau, dass er bei der Autobahnauffahrt an ihr vorbeigefahren
sei. Er glaube, dass sie dann beschleunigt habe und zu früh den Fahrstreifen ha-
be wechseln wollen (Urk. 5/1 S. 4 F/A 30 f.). Dabei fällt auf, dass er die Frage
nach dem Spurwechsel nicht mit einem klaren "Ja" oder "Nein" beantwortete,
sondern verallgemeinernd blieb. Mit der Vorinstanz ist zudem eine gewisse Beto-
nung auf sein eigenes vorbildliches Verhalten im Strassenverkehr nicht von der
Hand zu weisen (vgl. Urk. 5/1 S. 2 F/A 9 ff., F/A 21; insbesondere F/A 14: "[...] Ich
schaue immer 10 Mal, ob ich sicher den Fahrstreifen wechseln kann. [...]"). Das ist zwar
menschlich nachvollziehbar. Dass er sich insgesamt kaum selbstkritisch äusserte,
dagegen aber nicht davor zurückschreckte, die Privatklägerin zu belasten und sie
und den Zeugen der Lüge zu bezichtigen (vgl. Urk. 5/1 S. 4 F/A 31; Urk. 5/2 S. 2
F/A 7, F/A 10, S. 4 F/A 17 f.), ist als Lügensignal zu werten und wirkt sich ent-
sprechend negativ auf die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen aus.
In den weiteren Einvernahmen vor der Staatsanwaltschaft und der Vorinstanz
blieb er im Wesentlichen bei seinen bisherigen Ausführungen und damit grund-
sätzlich konstant, insbesondere was seine Belastung der Privatklägerin anbelangt
(Urk. 5/2 S. 2 ff.; Prot. I S. 10 ff.). Darüber hinaus wies sein Aussageverhalten je-
doch einige Auffälligkeiten und Widersprüchlichkeiten auf. Wie die Vorinstanz zu-
treffend festhielt, vermochte der Beschuldigte auf Vorhalt von Sachbeweismitteln
und den ihn belastenden Aussagen der Privatklägerin und des Zeugen, die seiner
Version widersprechen, keine plausible Erklärung vorbringen (vgl. Urk. 52 S. 20;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Exemplarisch zeigt sich dies in Bezug auf die Aussagen des
Zeugen, die dem Beschuldigten vorgehalten wurden. Danach gefragt, was er zu
dessen Aussage, er (der Beschuldigte) habe einen Spurwechsel nach rechts ge-
macht, sage, erklärte er lediglich, zu wissen, dass der Zeuge hinter dem BMW ge-
fahren sei. Sofort nach dem Unfall habe er [der Zeuge] angefangen zu reden. Er
glaube, der Zeuge habe einen blauen Volvo gehabt und diesen viel weiter vorne
auf dem PW auf den Pannenstreifen parkiert. Weiter gab er bei der Staatsanwalt-
schaft zu Protokoll, er habe den Zeugen im Rückspiegel gesehen. Er sei sich
100% sicher, dass der Zeuge auf der Normalspur hinter dem BMW gefahren sei.
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Der Zeuge sei dann zum BMW gerannt, um der Privatklägerin zu helfen. Er selbst
habe ein grosses Teil von der Gegenfahrbahn (gemeint ist wohl die linke der drei
Spuren) beseitigt. Schliesslich hielt er noch fest, der Zeuge habe ihm gesagt, er
habe alles gesehen, er (der Beschuldigte) sei nicht schuldig (Urk. 5/2 S. 3 F/A 12
f.). Letzteres widerspricht aber klar den Aussagen des Zeugen, die dem Beschul-
digten vorgehalten wurde. Zudem hielt der Beschuldigte im Widerspruch dazu vor
Vorinstanz selber fest, der Zeuge habe ihn schon damals am Unfallort verurteilt
und gesagt, er (der Beschuldigte) sei schuld (Prot. I S. 13). Bei anderer Gelegen-
heit gab er auch an, so wie es der Zeuge beschrieben habe, könne es nur wie in
einem Videogame passieren (Urk. 5/2 S. 4 F/A 18), ohne dies jedoch näher aus-
zuführen. Auch vor Vorinstanz wurde er darauf angesprochen, dass die Privatklä-
gerin und der Zeuge eine andere Version geschildert hätten, worauf er festhielt, er
könne sich dies nicht erklären. Er sei anwesend gewesen, als die Zeugen Aussa-
gen gemacht hätten. Ihm sei erklärt worden, wie es zu diesem Unfall gekommen
sei und die Zeugen hätten seine Version zum Unfallereignis bestätigt (Prot. I
S. 13). Sodann erklärte er, es stehe ihm vielleicht nicht zu, gegen den Zeugen zu
reden, und warf die Frage nach dessen Verhalten auf. Wenn es nach ihm ginge,
würde er den Zeugen ganz genau unter die Lupe nehmen, weil dieser auch nach-
geholfen haben könnte, das die Privatklägerin die Kontrolle verloren habe,
dadurch vor seinen LKW gekommen und es so zur Kollision gekommen sei. Er
bestätigte auf entsprechende Frage, den Zeugen anzuzweifeln, weil dieser auch
ein Interesse daran haben könnte, einen Verstoss gegen die Strassenverkehrs-
ordnung zu verschweigen (Prot. I S. 13). Auf die anschliessende Frage, ob er ein
solches Verhalten des Zeugen habe feststellen können, machte er Ausführungen
dazu, wann er den Volvo des Zeugen wahrgenommen habe, ohne auf die Frage
zu antworten. Nachdem die Frage wiederholt wurde, hielt er schliesslich fest, er
könne nicht sagen, ein falsches Verhalten des Zeugen festgestellt zu haben
(Prot. I S. 13 f.). Neben dem Umstand, dass der Beschuldigte suggerierte, der
Zeuge habe sich nicht konform verhalten und ihn damit in einem schlechten Licht
erscheinen lassen wollte, ist ebenso bezeichnend, dass er auf näheres Befragen
zu seinen eigenen Angaben äusserst ausweichende Antworten gab.
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In ähnlicher Weise reagierte der Beschuldigte auf Vorhalt der Sachbeweismittel.
Zur Plandokumentation und der Position der Pneuspuren gab er zu Protokoll, er
habe nach dem Unfall immer wieder versucht, zu reflektieren. Er sei unter Schock
gestanden. Es sei schlimm zu sehen, wie etwas vor den Lastwagen komme. Er
sei sich sicher, dass sie von rechts nach links gefahren sei und beschleunigt ha-
be. Er habe auf der rechten Seite keine Beschädigungen am Fahrzeug gehabt
(Urk. 5/2 S. 2 f. F/A 10). Zu den ihm vorgehaltenen Fotos wollte er sich nicht äus-
sern (Urk. 5/2 S. 3 F/A 11). Darauf angesprochen, dass er gemäss Unfallrekon-
struktion den PW der Privatklägerin rechts neben sich und danach vor sich in den
Spiegel hätte sehen müssen, erwiderte er, ohne direkt auf den Vorhalt zu antwor-
ten, er habe genügend Zeit auf seiner Spur gehabt, da er erst später nach rechts
habe müssen. Der BMW sei sehr schnell vor sich gekommen. Die Front des LKW
[gemeint ist wohl der BMW] sei beschädigt worden, als er in die Leitplanke gefah-
ren sei. Er habe keine Erklärung, weshalb die Reifenspuren auf der rechten Spur
seien (Urk. 5/2 S. 4 F/A 21). Vor Vorinstanz stellte er sich zudem auf den Stand-
punkt, der Unfall könne in Wahrheit gar nicht so passiert sein, wie er geschildert
werde. Das sei physikalisch gar nicht möglich. Eine Erklärung dafür, weshalb dies
aus seiner Sicht nicht möglich sein soll, lieferte er jedoch nicht.
Was seine Wahrnehmungen des BMW der Privatklägerin anbelangt, erklärte er
zunächst von sich aus, diesen erst kurz vor dem Stillstand zum ersten Mal wahr-
genommen zu haben (Urk. 5/1 S. 3 F/A 19). Auf entsprechende Frage gab er im
Anschluss indessen an, er denke, an dem BMW vorbeigefahren zu sein. Er sei
schneller als sie gefahren (Urk. 5/1 S. 3 F/A 20). Bei der staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme erklärte er demgegenüber sehr detailliert, wo sich der BMW befun-
den habe, als er ihn gesehen habe: Der BMW sei ca. 50 cm hinter der Fahrerka-
bine gewesen sei. Er habe ihn im rechten Hauptspiegel gesehen (Urk. 5/2 S. 3
F/A 16). Insofern sind seine Angaben in dieser Hinsicht widersprüchlich, weshalb
es höchst fraglich erscheint, dass er den BMW tatsächlich sah. In dieser Hinsicht
überzeugen seine unmittelbar nach dem Ereignis getätigten Depositionen, wo-
nach er lediglich gesehen habe, wie etwas von rechts nach links gekommen sei,
am ehesten, zumal seine Erinnerungen zu diesem Zeitpunkt noch frisch waren.
Jedenfalls hielt der Beschuldigte selbst fest, dass es an der Front des LKWs kei-
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nen toten Winkel hat: "An der LKW-Front ist ein toter Winkel ausgeschlossen, wenn man vorschriftsgemäss schaut und einen Spurwechsel frühzeitig vorbereitet, dann sieht
der LKW-Fahrer genau, was um ihn herum ist" (Prot. I S. 16). Gemäss seinen Anga-
ben musste er die Privatklägerin neben sich also sehen. Dies wird auch durch das
Ergebnis der Unfallrekonstruktion bestätigt (Urk. 11/3 Bilder 39 ff.), weshalb da-
rauf abzustellen ist.
Anlässlich der Berufungsverhandlung führte er wiederum aus, die Privatklägerin
habe den Fehler gemacht, dass sie überholt habe. Er sei von Beginn weg auf der
mittleren Spur gefahren. Dort fahre er eigentlich immer. Es sei am Anfang der Au-
tobahn gewesen, wo es noch 3 Spuren gegeben habe. Dort habe auch der Unfall
stattgefunden. Danach gefragt, was seiner Ansicht nach der Fehler der Privatklä-
gerin gewesen sei, erwiderte er weit ausholend, aber ohne konkret auf die Frage
zu antworten, er sei auf der mittleren Spur der Autobahn gewesen. Er habe nicht
nur einmal, sondern mehrmals in den Spiegel bzw. nach rechts und links ge-
schaut. Er habe auch gesehen, dass sich Autos von der linken Seite genähert
hätten, also habe er auch nach links geschaut. Als er nach rechts geschaut habe,
habe er gesehen, dass die Privatklägerin komme. Er habe jedoch gedacht, dass
sie an ihm vorbeifahre oder ihre Geschwindigkeit verlangsamen würde. Er habe
dann den Blinker gesetzt, damit er nach rechts einspuren könne. Jedoch habe er
dann gespürt, dass es einen Knall geben werde. Er habe es schon gespürt. Er
habe dann die Motorbremse angewandt. Er sei sehr schockiert gewesen, als der
Unfall passiert sei. Er habe niemanden in Gefahr bringen wollen, also sei er auf
dieser Spur geblieben. Er habe sein Lenkrad so fest gedrückt, dass er gar nicht
anders gekonnt habe. Er habe zuerst die Motor-, dann die Fuss- und die Not-
bremse bedient.
Worin seiner Ansicht nach der Fehler der Privatklägerin lag, geht aus seinen An-
gaben nicht hervor, worauf er auch hingewiesen wurde. Dazu hielt er lediglich
ausweichend fest, eigentlich wisse die Privatklägerin das am besten und die
Staatsanwaltschaft wisse das auch. Er sei dabei gewesen, als sie ausgesagt ha-
be. Er finde, es sei nicht nötig, das nochmals zu sagen. Auf die Aussagen der Pri-
vatklägerin und des Zeugen angesprochen, wonach er einen Spurwechsel vorge-
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nommen habe und auf die Spur der Privatklägerin gekommen sei, äusserte er
sich erneut zunächst verallgemeinernd. So erklärte er, kein Chauffeur habe den
Luxus, die Spur zu wechseln, wenn er sehe, dass jemand von hinten rechts oder
links komme. Sodann blieb er dabei, den Spurwechsel nicht angefangen, sondern
ihn lediglich vorbereitet zu haben. Der Beschuldigte bleibt in Bezug auf die eigent-
liche Kollision erneut vage und zwar vager, als es bei einer faktenbasierten Schil-
derung zu erwarten wäre. Es wird nicht klar, was seiner Ansicht nach genau pas-
siert ist bzw. wie es konkret zur Kollision kam. Zudem schilderte er, wie er dies
bereits früher tat, vor allem sein eigenes Verhalten bzw. was er machte (Prot. II
S. 13 ff.).
4.3. Im Polizeirapport vom 6. Juli 2020 ist als einzige Auskunftsperson C._
aufgeführt und vermerkt, dass dieser hinter dem Lastwagen gefahren sei und den
Unfall habe beobachten können (Urk. 1 S. 3). C._ wurde am 16. Juni 2020
um 18.24 Uhr, d.h. nur kurze Zeit nach der Kollision als polizeiliche Auskunftsper-
son befragt und am 12. November 2020 durch die Staatsanwaltschaft als Zeuge
einvernommen (Urk. 7/1; Urk. 7/2). Er gab konstant zu Protokoll, dass der Be-
schuldigte mit dem LKW einen Spurwechsel auf den Normalstreifen machte und
mit dem PW der Privatklägerin kollidierte (Urk. 7/1 S. 2; Urk. 7/2 S. 3 f.). Dabei
legte er seine Wahrnehmungen überzeugend und nachvollziehbar dar. Auch legte
er Unsicherheiten offen und hielt auch fest, wenn er etwas nicht beobachten
konnte. Namentlich erklärte er, davon auszugehen, der BMW und der LKW seien
auf den Spuren, auf denen sie gewesen seien, auf die Autobahn gekommen. Ge-
sehen habe er dies aber nicht. Er gab auf entsprechende Frage ferner an, nicht
gesehen zu haben, dass der BMW den LKW rechts überholt habe (Urk. 5/2 S. 3
F/A 13 f.). Seine Aussagen sind insgesamt sehr sachlich und nicht übertrieben.
Anhaltspunkte dafür, dass er den Beschuldigten zu Unrecht belastete, finden sich
keine. So hob er von sich aus gar die aus seiner Sicht positive Reaktion des Be-
schuldigten nach der Kollision in Bezug auf das langsame Bremsen hervor
(Urk. 5/1 S. 3 F/A 7). Auf seine glaubhaften Angaben kann abgestellt werden. Vor
diesem Hintergrund sind die Aussagen des Beschuldigten, was den Zeugen an-
belangt, wenig überzeugend und als Versuch zu werten, die Aufmerksamkeit von
sich auf den Zeugen zu lenken. Dass er in Frage stellt, ob dieser sich verkehrsre-
- 15 -
gelkonform verhalten hat und nicht allenfalls einen Kontrollverlust der Privatkläge-
rin verursacht haben könnte, findet keine Stütze bei den vorhandenen Beweismit-
teln. Entgegen der Verteidigung (Urk. 39 S. 11) sind die Aussagen des Zeugen
sodann keineswegs widersprüchlich. Namentlich sagte er nicht, dass die Privat-
klägerin am LKW vorbeifuhr, lediglich, dass der erste Kontakt in der Mitte des
BMWs stattgefunden habe (Urk. 7/1 S. 2 F/A 3). Gemäss seinen Angaben war
damit zwar ein Teil des BMWs vor dem LKW. Dies stimmt indessen einerseits mit
dem Schadensbild und den Aussagen der Privatklägerin, wonach sie noch eine
Flucht nach vorn versuchte (vgl. nachfolgend Ziffer 4.4.), überein. Andererseits ist
dies nicht mit "überholen" bzw. "vorbeifahren" gleichzusetzen. Wenn der Zeuge
dies also auf entsprechende Frage verneinte, stellt dies keinen Widerspruch dar.
4.4. Die Privatklägerin gab bei ihrer polizeilichen Einvernahme als beschuldigte
Person vom 22. Juni 2020, mithin wenige Tage nach dem Unfall zu Protokoll, zum
Unfallhergang an, sie sei auf dem rechten Fahrstreifen gefahren und plötzlich sei
es auf ihrer linken Fahrzeugseite dunkel geworden, da dort ein Lastwagen gefah-
ren sei. Der Lastwagen habe sie fast überholt, ein Teil seines Fahrzeugs sei noch neben ihr auf dem Fahrstreifen gewesen. In dieser Position habe er den rechten
Blinker eingeschaltet. Der Lastwagen sei seitlich auf ihr Fahrzeug zugekommen,
sie sei sich nicht mehr ganz sicher, aber sie glaube, dass der Lastwagen zwei
Anhänger gehabt habe. Sie habe sich gedacht, wenn sie jetzt bremsen würde,
würde er mit dem letzten Anhänger auf ihr Auto prallen und sie wäre so in Le-
bensgefahr. Sie habe dann in den Sportmodus ihres Fahrzeugs geschaltet und
Vollgas gegeben. Da sie dem Lastwagen nicht habe entwischen können, habe
dieser den hinteren Teil ihres Fahrzeug berührt, wobei ihr Auto um 90 Grad vor
den Lastwagen gedreht worden sei. Als sich ihr Fahrzeug quer vor dem Lastwa-
gen befunden habe, sei dieser einfach weitergefahren und habe sie vor sich her-
geschoben, so dass sie schlussendlich auf dem linken Fahrstreifen gelandet sei
(Urk. 6/1 S. 2 F/A 6). Ihre Darstellung ist detailliert und wirkt erlebt, namentlich
was den Hinweis auf die Verdunkelung sowie ihre Gedankengänge bezüglich ih-
rer Überlebenschancen anbelangt. Entgegen der Verteidigung (Urk. 69 S. 9) wi-
derspricht ihre Aussage bezüglich das Dunkelwerden keineswegs ihrer Angabe,
dass es Nachmittag und sonnig gewesen sei. Letzteres äusserte sie in Bezug auf
- 16 -
die Witterung und nicht im Zusammenhang mit dem Ablauf der Kollision (vgl.
Urk. 6/2 S. 3 F/A 10). Auf die Frage, wie weit auf ihren Fahrstreifen der Lastwa-
gen gekommen sei, als sie sich entschlossen habe, Gas zu geben und ihn wieder
zu überholen, erklärte sie, sie wisse es nicht in Metern, aber seine Räder seien
schon auf ihrem Fahrstreifen gewesen. Ausserdem sei der rechte Blinker einge-
schaltet gewesen, was darauf hingedeutet habe, dass er die Spur wechseln wür-
de. Der Blinker habe ihr das Leben gerettet, denn so habe sie gewusst, was er
tun wollte. Danach gefragt, ob sie noch versucht habe, den Lastwagenchauffeur
mittel Hupen auf sich aufmerksam zu machen, erwiderte sie, nein, sie habe nicht
gehupt. Es sei auch nicht nötig gewesen, er habe sie ja gesehen, als er sie über-
holt habe (Urk. 6/1 S. 2 F/A 8). Auch diese Angaben wirken grundsätzlich plausi-
bel. Ihre zu Beginn der Einvernahme gemachte Aussage, wonach nachvollziehbar
sei, dass sie keine Spur habe wechseln müssen, da sie die Ausfahrt F._ ha-
be nehmen müssen, korrigierte sie zu einem späteren Zeitpunkt und erklärte
schlüssig, dass an der Stelle des Unfalls noch kein Fahrstreifenwechsel nötig war
(Urk. 6/1 S. 3 F/A 11). Wie der einvernehmende Polizeibeamte ihr vorhielt, wäre
das erst einige Kilometer weiter gekommen, was sich auch mit den Bildern der
Fotodokumentation deckt, wo keine entsprechende Anzeigetafel, die einen baldi-
gen Fahrstreifenwechsel erforderlich gemacht hätte, erkennbar ist (vgl. Urk. 11/3).
Ein grober Widerspruch ist entgegen der Verteidigung darin nicht zu sehen
(Urk. 39 S. 7), zumal die Privatklägerin im Bereich des Unfalls noch keinen Spur-
wechsel vornehmen musste.
Wie beim Beschuldigten wirkte auch die Privatklägerin darum bemüht, sich als
vorbildliche Autofahrerin zu präsentieren (vgl. Urk. 6/1 S. 3 F/A 18 f. und 21). Sie
äusserte sodann ebenfalls keine Selbstkritik, sondern belastete den Beschuldig-
ten, was die Glaubhaftigkeit ihrer Angaben tangiert. Es ist sodann nicht auszu-
schliessen, dass sie aufgrund der bevorstehenden Anerkennung ihres ... Führe-
rausweises [des Staates D._] und da sie offenbar ihr Fahrzeug mit Gips lenk-
te, grundsätzlich ein Interesse daran hatte, von sich abzulenken. Konkrete An-
haltspunkte dafür, dass sie sich bei ihrer Aussage von diesen sachfremden Moti-
ven tatsächlich leiten liess, liegen hingegen keine vor. Zudem blieben ihre Aussa-
gen, was das eigentliche Kerngeschehen betraf, konstant. Wie schon bei der Po-
- 17 -
lizei wies sie namentlich darauf hin, hätte der Beschuldigte den Blinker nicht ge-
stellt, wäre sie gestorben, da sie dadurch realisiert habe, was er vorhabe (Urk. 6/2
S. 3 F/A 10 f.; Urk. 6/1 S. 7). Bei dieser Feststellung handelt es sich um ein be-
sonderes Detail, was dafür spricht, dass sie tatsächlich Erlebtes schildert. Weiter
führte sie aus, als sie realisiert habe, dass er die Spur wechseln wolle, sei sie
schockiert gewesen. In dem Moment habe es so ausgesehen, als habe der LKW
zwei Anhänger. Sie habe angefangen zu schreien. Wiederum erklärte sie, nicht
gebremst zu haben, weil sie Angst habe, dass er sie mit den Anhängern erwi-
schen würde. Sie habe ein wenig beschleunigt, weil sie sich dadurch selber aus
der Situation habe retten wollen. Sodann nannte sie erneut eine Besonderheit, in-
dem sie darauf verwies, dass sie ihr Fahrzeug in den Sportmodus umstellte
(Urk. 6/2 S. 3 F/A 12 f.).
Soweit die Verteidigung auf Ungereimtheiten in den Angaben der Privatklägerin
hinsichtlich der Geschwindigkeit verweist (Urk. 39 S. 8), gilt zu bemerken, dass es
sich bei den Aussagen sämtlicher Beteiligter in Bezug auf die gefahrenen Ge-
schwindigkeiten um Schätzungen handelte, die sich in einem Bereich von 60 bis
95 km/h bewegen (vgl. Urk. 5/1 S. 3 F/A 17; Urk. 5/2 S. 4 F/A 18; Urk. 6/1 S. 2
F/A 10, 22; Urk. 6/2 S. 2 F/A 9; Urk. 7/1 S. 3 F/A 6; Urk. 7/2 S. 3 F/A 11). Mensch-
liche Geschwindigkeitsschätzungen sind naturgemäss immer unscharf, da es sich
um eine Kombination von Entfernungsschätzung und Zeitschätzung handelt, wel-
che ebenfalls oftmals subjektiv sind und meist überschätzt werden. Insofern sind
die Angaben sämtlicher Beteiligter betreffend Geschwindigkeit mit Vorsicht zu ge-
niessen, gerade auch angesichts des dynamischen und turbulenten Geschehens,
welches ein Unfall auf einer Autobahn mit sich bringt. Wenn der Zeuge die Ge-
schwindigkeit des Beschuldigten auf 80 km/h schätzte, schliesst das somit unab-
hängig der Geschwindigkeitsangaben der Privatklägerin nicht aus, dass der Be-
schuldigte gemäss ihren Angaben schneller als sie fuhr (Urk. 6/2 S. 3 F/A 10).
Demgegenüber ist der Verteidigung darin zuzustimmen, dass die Privatklägerin
erstmals bei der Staatsanwaltschaft erwähnte, dass der LKW noch weiter be-
schleunigt habe (Urk. 39 S. 9). Dabei handelt es sich um ein neues Detail, dass
den insgesamt stimmigen Ablauf, den die Privatklägerin konstant schilderte, je-
doch nicht zu durchbrechen vermag. Auch die von der Verteidigung angespro-
- 18 -
chenen Differenzen in Bezug auf ihre Reaktion, namentlich dass sie einmal erklär-
te, Vollgas gegeben zu haben, während sie bei anderer Gelegenheit "ein wenig
beschleunigt" haben will (Urk. 39 S. 9), erscheint einzeln betrachtet tatsächlich
widersprüchlich. Sie blieb jedoch konstant dabei, in den Sportmodus geschaltet
und beschleunigt zu haben, um sich aus der Gefahrenlage zu retten. Welchen
Einfluss dies auf den Unfallhergang hatte, verbleibt dabei, ausgehend von ihrer
Version der Darstellung auch nicht unklar. Der Schaden am Fahrzeug der Privat-
klägerin lässt sich vielmehr mit ihren Angaben ohne Weiteres in Einklang bringen.
Zu einem anderen Ergebnis führen auch die weiteren von der Verteidigung ange-
führten Unschärfen in den Aussagen der Privatklägerin nicht. Namentlich ist der
Zeitpunkt, in dem sie den Blinker sah, im Nachhinein schwierig zu rekapitulieren
und in Zusammenhang mit der genauen Position des LKWs zu bringen, gerade
bei zwei sich mit hoher Geschwindigkeit fortbewegenden Objekten. In diesen Un-
stimmigkeiten sind jedenfalls keine groben Widersprüche und damit Lügensignale
zu erkennen. Nicht gefolgt werden kann der Verteidigung sodann, wenn sie fest-
hält, die Privatklägerin habe nie ausgesagt, dass der Lastwagen auf ihre Spur ge-
kommen sei und sie sei konkreten Fragen danach immer ausgewichen (Urk. 39
S. 9). So erwähnte sie bei der Staatsanwaltschaft explizit, sie sei überzeugt, dass
der Beschuldigte sie beim Spurwechsel überhaupt nicht gesehen habe (Urk. 6/2
S. 3 F/A 15). Aus ihren Schilderungen insgesamt, die überdies mit der Darstellung
des Zeugen übereinstimmen, wird klar, dass sie selbst keinen Spurwechsel vor-
nahm. Damit bestätigte sie ihre Angabe bei der Polizei, wo sie ebenfalls aussagte,
dass sie selbst keinen Spurwechsel vorgenommen habe (Urk. 6/1 S. 4 F/A 24).
4.5. Was die im Anklagesachverhalt festgehaltenen Verletzungen der Privatklä-
gerin anbelangt, ist mit der Vorinstanz zu konstatieren, dass der Speichenbruch
sich aufgrund des Arztberichts vom 12. Juni 2020 nicht als Unfallfolge erstellt
werden kann, da sie bereits im Unfallzeitpunkt wegen einer undislozierten distalen
Radiusfraktion rechts in ärztlicher Behandlung war und deshalb einen Gips trug
(Urk. 8/1; Urk. 52 S. 17 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Der Vorinstanz ist sodann entge-
gen der Verteidigung (Urk. 69 S. 2 ff.) darin zuzustimmen, dass das Schleuder-
trauma und die Brustkorbprellung gestützt auf die Arztberichte wie auch die An-
gaben der Privatklägerin auf den Unfall zurückgeführt werden können (Urk. 52
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S. 17; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die Privatklägerin wurde zu den Umständen, die zum
Speichenbruch führten, nie befragt. Entsprechend ist nicht bekannt, ob dieser auf
einen Sturz oder ähnliches zurückzuführen ist. Das ist vorliegend aber auch nicht
wesentlich. Im Bericht des Spitals Limmattal vom 12. Juni 2020 über die unfallchi-
rurgische Sprechstunde ist als Diagnose der Verdacht auf eine undislozierte dista-
le Radiusfraktur vom 2. Juni 2020 festgehalten. Weitere Verletzungen werden
nicht aufgeführt (Urk. 8/1). Demgegenüber differenziert der Austrittsbericht vom
19. Juni 2020 zwischen der Diagnose HWS Distorsion Grad 2 (Schleudertrauma)
sowie BWS- und Thoraxkontusion (Brustkorbprellung), wobei diese Verletzungen
unter dem Titel "Verkehrsunfall vom 16. Juni 2020" aufgeführt werden, und dem
Verdacht auf undislozierte distale Radiusfraktur rechts vom 2. Juni 2020 sowie
dem Verdacht auf eine symptomatische Ovarialzyste. Weiter wird unter "Verlauf"
aufgeführt, dass es sich um eine notfallmässige Rettungsdienstzuweisung nach
Verkehrsunfall handelte. Die Patientin sei am 16. Juni 2020 am Nachmit-
tag/Abend mit dem PKW nach Hause gefahren und dabei auf der Autobahn mit
ca. 80 km/h von einem Lastwagen hinten rechts touchiert worden, wobei sich ihr
Auto quer vor den Lastwagen gestellt habe. Sodann wird festgestellt, dass ge-
mäss Privatklägerin keine Bewusstlosigkeit, keine Kopfschmerzen und keine
Übelkeit vorgelegen hätten, sie jedoch Schmerzen in der Hals- und Brustwirbel-
säule gehabt habe (Urk. 8/4 S. 1). Der Umstand, dass der Bericht vom 12. Juni
2020 kein Schleudertrauma und keine Brustkorbprellung aufführen, diese jedoch
im späteren Bericht als Folge des Verkehrsunfall diagnostiziert wurden (Urk. 8/4
S. 1), spricht klar dafür, dass diese Verletzungen auch tatsächlich aus der ankla-
gegenständlichen Kollision herrühren und nicht ebenfalls vorbestehend waren.
Hierfür spricht auch, dass das Verletzungsbild aufgrund der allgemeinen Le-
benserfahrung mit einem Verkehrsunfall in Einklang gebracht werden kann. Es ist
allgemein bekannt, dass ein Schleudertrauma durch plötzliche, ruckartige Beu-
gung und Überstreckung des Kopfes infolge einer unerwarteten Krafteinwirkung
entsteht. Eine solch unerwartete Krafteinwirkung wird üblicherweise bei einem
heftigen Aufprall, wie bspw. der Kollision eines Fahrzeugs mit einer Leitplanke,
ausgelöst. Auch lässt sich die Brustkorbprellung auf die getragene Sicherheitsgur-
te zurückführen. Darüber hinaus schilderte die Privatklägerin überzeugend, wie es
- 20 -
um ihre Wirbelsäule ganz heiss geworden sei und sie Schmerzen im Nacken- und
Halsbereich gehabt habe (Urk. 6/1 S. 2). Die Privatklägerin behauptete entgegen
der Verteidigung sodann nicht, sie sei bewusstlos geworden. Sie hielt lediglich
fest, dass dies beinahe geschehen sei. Insofern stimmen ihre Angaben mit denje-
nigen im Arztbericht vom 19. Juni 2020 überein. Somit lassen sich das Schleuder-
trauma und die Brustkorbprellung auf die Kollision vom 16. Juni 2020 zurückfüh-
ren und sind als erstellt zu erachten.
5. Im Ergebnis ergibt die gesamthafte Würdigung aller relevanten Beweismittel
– insbesondere aufgrund der glaubhaften Aussagen des Zeugen – dass die Kolli-
sion bei Fahrt beider Unfallbeteiligter und aufgrund des Spurwechsels durch den
Beschuldigten stattgefunden haben muss. Der Privatklägerin gelang es dabei
nicht, durch Beschleunigung der Kollision auszuweichen. Wenngleich auch die
Aussagen der Privatklägerin gewisse Ungereimtheiten aufweisen, erweist sich die
Darstellung des Beschuldigten tendenziell als weniger glaubhaft und überzeugt
nicht. Zwar wäre eine Kollision aufgrund eines Fahrstreifenwechsels der Privat-
klägerin theoretisch möglich. Diese theoretische Möglichkeit genügt jedoch nicht,
die den Beschuldigten belastenden Momente auszuräumen. Entgegen der Vertei-
digung liegt keine "Aussage gegen Aussage"-Situation vor, bei der eine deutlich
höhere Validität der Aussagen der Privatklägerin erforderlich wäre. In vorliegender
Konstellation werden die Aussagen der Privatklägerin zusätzlich durch die glaub-
haften Aussagen eines unbeteiligten Dritten gestützt. Demnach bestehen keine
Zweifel daran, dass sich der Sachverhalt – mit Ausnahme des Speichenbruchs –
so wie in der Anklage umschrieben, zugetragen hat.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Die Staatsanwaltschaft würdigte das Verhalten des Beschuldigten als fahr-
lässige Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB durch Verletzung der
Verkehrsregel gemäss Art. 34 Abs. 3 SVG (Urk. 19). Dem folgend sprach die Vo-
rinstanz den Beschuldigten wegen fahrlässiger Körperverletzung im Sinne von
Art. 125 Abs. 1 StGB schuldig (Urk. 52 S. 2). Die Verteidigung macht im Beru-
fungsverfahren eine unrichtige Rechtsanwendung in Bezug auf die Fahrlässigkeit
- 21 -
durch die Vorinstanz geltend, wobei sie sich auf den Standpunkt stellt, dass sich
aufgrund der im Recht liegenden Beweismittel kein Verstoss gegen Art. 34 Abs. 3
SVG erstellen lasse (Urk. 69 S. 10 f.).
2. Der einfachen fahrlässigen Körperverletzung macht sich schuldig, wer fahr-
lässig einen Menschen am Körper oder an der Gesundheit schädigt (Art. 125
Abs. 1 StGB). Dies setzt das unvorsätzliche Bewirken des tatbestandsmässigen
Erfolgs der einfachen Körperverletzung, den Kausalzusammenhang zwischen
Handlung und Erfolg (natürliche Kausalität), die Missachtung einer Sorgfaltspflicht
sowie die Relevanz der Sorgfaltspflichtverletzung für den Erfolgseintritt voraus
(DONATSCH/ HEIMGARTNER/ISENRING/WEDER, StGB-Kommentar, 21. Aufl. 2022,
Art. 12 N 14 ff., Art. 123 N 1 ff.; DONATSCH/TAG, Strafrecht I – Verbrechenslehre,
9. Aufl. 2013, § 31 f.).
2.1. Der tatbestandsmässige Erfolg liegt bei der fahrlässigen einfachen Körper-
verletzung nach Art. 125 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 123 StGB im Eintritt
der Schädigung des Körpers oder der Gesundheit eines Menschen, wobei die
Verletzung weder die Voraussetzungen von Art. 122 StGB (schwere Körperverlet-
zung) noch diejenigen von Art. 126 StGB (Tätlichkeit) erfüllt. Das Gesetz verlangt
eine gewisse minimale Beeinträchtigung der körperlichen oder gesundheitlichen
Integrität, damit überhaupt erst von einer Tätlichkeit oder einer Körperverletzung
gesprochen werden kann. Bloss vorübergehende, unwesentliche Störungen des
Wohlbefindens oder geringfügige pathologische Veränderungen sind damit nicht
ausreichend, um die Strafbarkeit zu begründen (NIGGLI/WIPRÄCHTIGER [HRSG.],
Basler Kommentar StGB, 4. Aufl., Basel 2018, VorArt. 122 N 16 f.; STRATEN-
WERTH/JENNY/BOMMER, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil I, 7. Aufl., § 3
N 2 und N 7 f.).
Die Privatklägerin erlitt aufgrund des Unfalls nachweislich ein Schleudertrauma
und eine Brustkorbprellung (vgl. E.III.5 vorstehend). Gemäss Austrittsbericht des
Spital Limmattal war die Privatklägerin rund 2 Tage zur Überwachung hospitali-
siert (Urk. 8/4 S. 1 f.). Sodann war sie vom 16. Juni 2020 bis 30. Juni 2020 auf-
grund des Unfalls arbeitsunfähig und ihr wurde aufgrund des Schleudertraumas
Physiotherapie verordnet (Urk. 8/4; 8/5; 8/7). Gemäss ihren eigenen Angaben hat-
- 22 -
te sie aufgrund ihrer Verletzungen Schmerzen im Hals- und Nackenbereich und
erlitt eine Verschiebung des Brustbeins sowie eine Entzündung im Hirn. Sie gab
zudem zu Protokoll, ununterbrochen Schmerzen im Hinterkopf zu haben. Zum
Zeitpunkt ihrer staatsanwaltschaftlichen Einvernahme befand sie sich sodann
noch in Physiotherapie (Urk. 6/1 S. 4 f. F/A 30; Urk. 6/2 S. 3 F/A 15). Die von der
Privatklägerin erlittenen Verletzungen stellen damit keine nur harmlose und ledig-
lich das gesellschaftlich tolerierte Mass übersteigende Einwirkung auf den Körper
dar, sondern sind als Schädigung des Körpers im Sinne von Art. 123 StGB zu
qualifizieren.
2.2. Gemäss Art. 12 Abs. 3 StGB handelt fahrlässig, wer die Folge seines
Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf keine
Rücksicht nimmt. Im Strassenverkehr richtet sich der Umfang der zu beachtenden
Sorgfalt nach dem Strassenverkehrsgesetz und den dazu gehörenden Verord-
nungen. Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts stellt die Über-
tretung einer solchen Vorschrift – bei Eintritt eines entsprechenden tatbestands-
mässigen Erfolgs – regelmässig auch eine pflichtwidrige Unvorsichtigkeit im Sinne
von Art. 12 Abs. 3 StGB dar (BGE 116 IV 306 E. 1a). Als Grundregel gilt, dass
sich jede Person im Verkehr so verhalten muss, dass sie andere in der ordnungs-
gemässen Benützung der Strasse weder behindert noch gefährdet (Art. 26 Abs. 1
SVG).
2.2.1. Dem Beschuldigten wird vorliegend vorgeworfen, bei seinem Fahrstreifen-
wechsel unabsichtlich, aber krass pflichtwidrig im Sinne von Art. 34 Abs. 3 SVG
die rechts neben ihm fahrende Privatklägerin übersehen zu haben, da er sich
nicht genügend über die Aussenspiegel vergewissert habe, dass sich kein Fahr-
zeug neben ihm befand.
2.2.2. Gemäss Art. 34 Abs. 3 SVG hat der Fahrzeugführer, der seine Fahrrichtung
ändern will, wie zum Abbiegen, Überholen, Einspuren und Wechseln des Fahr-
streifens, auf den Gegenverkehr und auf die ihm nachfolgenden Fahrzeuge Rück-
sicht zu nehmen. Ein Fahrspurwechsel ist nicht erst bei einer Gefährdung, son-
dern bereits bei einer Behinderung des übrigen Verkehrs untersagt. Derjenige,
der sein Fahrzeug in den Verkehr einfügen, wenden oder rückwärts fahren will,
- 23 -
darf andere Strassenbenützer nicht behindern; diese haben den Vortritt (Art. 36
Abs. 4 SVG; vgl. Art. 14 Abs. 1 VRV). Entsprechendes gilt beim Wechseln des
Fahrstreifens. Wer diesen ändern will, ist vortrittsbelastet (Urteile des Bundesge-
richts 6B_1190/2019 vom 11. Februar 2020, 6B_735/2020 vom 18. August 2021
E. 3.2.2., 1C_403/2016 vom 27. März 2017 E. 2.1, 6B_453/2012 vom 19. Februar
2013 E. 2.2.1 und 6B_10/2011 vom 29. März 2011 E. 2.2.1 mit Hinweis).
Der Beschuldigte hat gemäss erstelltem Sachverhalt einen Fahrstreifenwechsel
vollzogen, wobei er gegenüber dem rechten Fahrstreifen vortrittsbelastet war. Ein
Spurwechsel darf erst vorgenommen werden, wenn alle Vorkehren getroffen wur-
den, um den sich daraus ergebenden Gefahren begegnen zu können. Bei einer
Situation wie der vorliegenden muss der Fahrzeuglenker durch aufmerksame Be-
obachtung des rückseitigen Verkehrs die Gewissheit erlangen, dass er nicht mit
einem andern Verkehrsteilnehmer kollidieren könnte. Der Beschuldigte übersah
offensichtlich den auf der rechten Fahrspur fahrende vortrittsberechtigte BMW der
Privatklägerin. Dies obwohl er ausführte, die erforderlichen Kontrollblicke gemacht
zu haben (vgl. Urk. 5/1 S. 1 F/A 14; S. 2 F/A 18; Prot. I S. 11). Er hätte, wie auch
die Unfallrekonstruktion gezeigt hat, bei der erforderlichen Aufmerksamkeit und
genügender Rücksichtnahme auf nachfolgende Fahrzeuge vor dem Fahrstreifen-
wechsel die neben ihm fahrende Privatklägerin gesehen. Gerade diesem Bereich,
der nicht ohne weiteres überblickbar ist, hätte er besondere Aufmerksamkeit
schenken müssen (Phänomen des sichttoten Winkels; vgl. auch BGE 143 IV 138
E. 2.2.2.; 127 IV 34 E. 2b; Urteile des Bundesgerichts 1C_32/2011 vom 4. Juli
2011 E. 2.1; 6B_443/2013 vom 18. Dezember 2013 E. 3.4, je mit Hinweisen).
Dieser Pflicht kam er aber offenbar nur ungenügend nach, ansonsten er die Pri-
vatklägerin hätte sehen können und müssen. In der Folge schnitt er der korrekt
auf der rechten Fahrspur fahrenden Privatklägerin den Weg ab, was schliesslich
zur Kollision führte. Dies stellt im Sinne von Art. 12 Abs. 3 StGB eine Sorgfalts-
pflichtwidrigkeit dar, womit diese Voraussetzung des Tatbestandes erfüllt ist.
2.3. Nicht jedes sorgfaltspflichtwidrige Verhalten ist der beschuldigten Person
auch tatsächlich im konkreten Fall anzulasten. Vielmehr muss ein Zusammen-
hang zwischen der objektiv gegebenen Sorgfaltspflichtwidrigkeit und dem Delikts-
- 24 -
erfolg bestehen. Zu prüfen sind dabei die Vorhersehbarkeit, die Vermeidbarkeit
sowie der Schutzzweck der Norm, die verletzt wurde (vgl. DONATSCH/TAG, Straf-
recht I – Verbrechenslehre, a.a.O., S. 339 ff., 351 ff.; Urteil des Bundesgerichts
6B_250/2012 E. 3.2.1). Ein (pflichtwidriges) Verhalten ist im natürlichen Sinne
kausal, wenn es nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch der eingetrete-
ne Erfolg entfiele. Dieses Verhalten braucht nicht die alleinige oder unmittelbare
Ursache des Erfolgs zu sein. Mit dieser Bedingungsformel (conditio sine qua non)
wird ein hypothetischer Kausalzusammenhang untersucht und dabei geprüft, was
beim Weglassen bestimmter Tatsachen geschehen wäre. Ein solchermassen
vermuteter natürlicher Kausalverlauf lässt sich nicht mit Gewissheit beweisen,
weshalb es genügt, wenn das Verhalten des Täters mindestens mit einem hohen
Grad an Wahrscheinlichkeit oder mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
die Ursache des Erfolgs bildete (Urteil des Bundesgericht 1B_322/2017 vom
24. August 2017 E. 2.5; BGE 135 IV 56 E. 2.1f.; BGE 130 IV 7 E. 3.2; BGE 121 IV
286 E. 3; BGE 116 IV 306 E. 2a mit Hinweisen). Für die Bedingungs- oder Äqui-
valenztheorie sind alle Bedingungen, die überhaupt zum Eintritt des Erfolgs bei-
tragen, gleichwertig (Urteile des Bundesgerichts 6B_885/2013 vom 24. März 2014
E. 2.6; 6B_461/2012 vom 6. Mai 2013 E. 5.4; 6B_183/2010 vom 23. April 2010
E. 3). Massgebend für die objektive Zurechnung ist, dass der jeweilige
Beschuldigte durch sein Verhalten eine Bedingung für den konkreten Erfolg ge-
setzt hat (BGE 135 IV 56 E. 3.1.2).
2.3.1. Zunächst ist zu prüfen, ob der zum Erfolg führende Geschehensverlauf an-
gesichts der konkreten Umstände in seinen wesentlichen Zügen für den Beschul-
digten voraussehbar war, d.h. ob für ihn voraussehbar war, dass der Fahrstrei-
fenwechsel zu einer Kollision mit einem Personenwagen mit Verletzungsfolgen
führen konnte. Dabei muss in Beachtung der massgeblichen Adäquanz das fragli-
che Verhalten geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Er-
fahrungen des Lebens den eingetretenen Erfolg herbeizuführen oder mindestens
zu begünstigen. Das Verhalten der beschuldigten Person braucht dabei nicht die
einzige oder unmittelbare Ursache der Schädigung zu sein. Die Voraussehbarkeit
wird nur dann verneint, wenn ganz aussergewöhnliche Umstände wie das Mitver-
schulden eines Dritten als Mitursachen hinzutreten, mit denen die beschuldigte
- 25 -
Person schlechthin nicht rechnen musste und die derart schwer wiegen, dass sie
als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des Erfolgs erscheinen und so
alle anderen mitverursachenden Faktoren – namentlich das Verhalten des jeweili-
gen Beschuldigten – in den Hintergrund drängen (BGE 135 IV 56 E. 2.1; 130 IV 7
E. 3.2.; vgl. DONATSCH/TAG, Strafrecht I – Verbrechenslehre, a.a.O., S. 352 ff.).
2.3.2. Ein Fahrstreifenwechsel ist nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und
den allgemeinen Erfahrungen des Lebens geeignet, zu einem Verkehrsunfall mit
den wie von der Privatklägerin erlittenen Verletzungen zu führen. Irgendwelche
mitverursachenden Faktoren, namentlich solche, die das Verhalten des Beschul-
digten in den Hintergrund drängen (BGE 129 IV 284 f. E. 2.1) oder den adäquaten
Kausalzusammenhang unterbrechen würden, sind nicht erkennbar. Namentlich ist
ein verkehrsregeldwidriges Verhalten der Privatklägerin nicht ersichtlich, womit
der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem sorgfaltspflichtwidrigen Han-
deln des Beschuldigten und den Verletzungen der Privatklägerin gegeben ist.
Selbst wenn man davon ausginge, dass der Privatklägerin das Lenken eines
Fahrzeugs mit einem Unterarmgips nicht erlaubt war (vgl. Urk. 69 S. 7), würde
sich dies nicht auf das Verschulden des Beschuldigten auswirken. Das Strafrecht
kennt keine Verschuldenskompensation (Urteil 6B_826/2011 vom 13. April 2012
E. 2.4). Darüber hinaus schilderte der Zeuge nichts, was auf eine auffällige Fahr-
weise oder einen Kontrollverlust der Privatklägerin hindeuten würde. Ein Fahr-
spurwechsel zählt zu den riskanten Fahrmanövern im Strassenverkehr. Gerade
auf einer Autobahn birgt ein solcher aufgrund der hohen Fahrgeschwindigkeiten
ein erhebliches Risiko. Es ist immer damit zu rechnen und daher besonders da-
rauf zu achten, ob sich auf einer parallel verlaufenden Fahrspur ein anderes
Fahrzeug befindet. Der Beschuldigte hätte aufgrund seiner Kenntnisse und Fä-
higkeiten als Lastwagenchauffeur, der berufsmässig fährt und regelmässig Fahr-
streifenwechsel vorzunehmen hat, voraussehen können, dass er durch sein
Fahrmanöver einen Unfall verursachen und andere Verkehrsteilnehmer gefährden
bzw. verletzen könnte.
2.4. Der Erfolg wäre vermeidbar gewesen, wenn er nach dem hypothetischen
Kausalverlauf bei pflichtgemässem Verhalten des Beschuldigten ausgeblieben
- 26 -
wäre (Urteil 6B_250/2012 vom 1. November 2012 E. 3.2.1; BGE 130 IV 7 E. 3.2.;
127 IV 34 E. 2a), beziehungsweise wenn dieser grundsätzlich die Möglichkeit ge-
habt hätte, durch sein Verhalten den Eintritt des voraussehbaren Erfolgs zu ver-
meiden (DONATSCH/TAG, Strafrecht I – Verbrechenslehre, a.a.O., S. 364 f.).
Der Beschuldigte hat sich wie erwähnt nicht oder zumindest nur ungenügend vor
dem Fahrstreifenwechsel vergewissert, ob er diesen gefahrlos durchführen kann
und schenkte dem nachfolgenden Verkehr zu wenig Aufmerksamkeit. Wenn sich
der Beschuldigte (im Sinne einer Prüfung des hypothetischen Kausalverlaufes)
verkehrsregelkonform verhalten und im fraglichen Zeitpunkt vom Spurwechsel
abgesehen hätte (weil er die Privatklägerin bei pflichtgemässer Aufmerksamkeit
bemerkt hätte), wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zur
Kollision und zu den Verletzungen der Privatklägerin gekommen. Diese wären al-
so vermeidbar gewesen. Somit steht ausser Zweifel, dass sich bei pflichtgemäs-
sem und regelkonformem Verhalten des Beschuldigten die Kollision und damit die
Verletzungen des Privatklägerin vollständig hätten vermeiden lassen.
3. Das Verhalten des Beschuldigten, mithin seine pflichtwidrige Unvorsichtig-
keit war (adäquat) kausal für die Kollision mit der Privatklägerin und ihren daraus
resultierenden Verletzungen. Dabei war der Unfall und damit einhergehend die
Körperverletzung für ihn (grundsätzlich) voraussehbar und vermeidbar. Demnach
ist sowohl der objektive als auch der subjektive Tatbestand der fahrlässigen Kör-
perverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB erfüllt. Mangels Rechtfertigungs-
und Schuldausschlussgründen ist der Beschuldigte entsprechend schuldig zu
sprechen. Ein zusätzlicher Schuldspruch wegen einer Verkehrsregelverletzung
kommt mangels im Anklagesacherhalt umschriebener konkreter Gefährdung wei-
terer Menschen nicht Betracht (Urk. 52 S. 25).
V. Strafzumessung
1. Für die fahrlässige Körperverletzung sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe
bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe von drei bis maximal 180 Tagessätzen vor
(Art. 125 Abs. 1 StGB und Art. 34 Abs. 1 StGB). Die Vorinstanz sprach eine Geld-
strafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 80.– aus. Da der Beschuldigte keine Vorstrafen
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aufweist und das Tatverschulden, wie noch aufzuzeigen sein wird, im untersten
Bereich liegt, erweist sich die Sanktionsart der Geldstrafe als angemessen. Die
Ausfällung einer schärferen Sanktionsart kommt aufgrund des Verschlechte-
rungsverbots gemäss Art. 391 Abs. 2 StPO indessen ohnehin nicht in Betracht.
Für die mehrfache Übertretung der Chauffeurverordnung im Sinne von Art. 21
Abs. 1 ARV i.V.m. Art. 8 Abs. 3 ARV ist eine Busse auszusprechen.
2. Die Strafe ist grundsätzlich innerhalb des vom Gesetzgeber vorgesehenen
ordentlichen Strafrahmens der anzuwendenden Strafbestimmung festzusetzen.
Dieser kann zwar entsprechend der Regelung der Art. 47 ff. StGB nach oben bzw.
nach unten erweitert werden, dies jedoch nur, wenn aussergewöhnliche Umstän-
de vorliegen (BGE 136 IV 55 E. 5.3.), welche vorliegend nicht gegeben sind. In-
nerhalb des Strafrahmens ist die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu
bemessen, wobei sein Vorleben und seine persönlichen Verhältnisse sowie die
Wirkung der Strafe auf sein Leben zu berücksichtigen sind (Art. 47 Abs. 1 StGB;
vgl. zu den Einzelheiten BGE 123 IV 49 E. 2, BGE 136 IV 55 E. 5.3.).
2.1. Hinsichtlich der objektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass die Sorgfalts-
pflichtverletzung des Beschuldigten zur Kollision mit einem Personenwagen führ-
te. Der Beschuldigte, welcher berufsmässig täglich als Lastwagenchauffeur un-
terwegs ist, missachtete eine elementare Verkehrsregel, welcher erhebliche Be-
deutung zukommt und deren Missachtung gerade auf Autobahnen häufig zu
schweren Unfällen führt. Für ihn als Lastwagenchauffeur gelten erhöhte Anforde-
rungen, da ein Lastwagen auch eine grössere Gefahrenquelle für andere Ver-
kehrsteilnehmer darstellt. Aufgrund der verhältnismässig hohen Geschwindigkeit
zeigt sich denn auch ein deutliches Schadensbild an den beteiligten Fahrzeugen,
welches auf einen recht heftigen Zusammenstoss hinweist. Das Fahrzeug der
Privatklägerin wurde über mehrere Meter vor dem LKW hergeschoben und geriet
schlussendlich in die Mittelleitplanke. Dabei erlitt die Privatklägerin ein Schleuder-
trauma und eine Brustkorbprellung, was zu einem zweitägigen Spitalaufenthalt,
Schmerzen und einer rund zweiwöchigen Arbeitsunfähigkeit führte. Zudem war
eine länger andauernde Physiotherapie erforderlich. Die Verletzungen waren da-
mit durchaus beachtlich, innerhalb sämtlicher bei diesem Delikt denkbaren Beein-
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trächtigungen jedoch nicht sehr gravierend. Es war sodann reines Glück, dass die
Privatklägerin nicht noch erheblicher verletzt wurde und keine weiteren Verkehrs-
teilnehmer betroffen waren. Wie die Vorinstanz jedoch zutreffend ausführte, ist
ihm lediglich eine ganz kurze Unaufmerksamkeit vorzuwerfen (Urk. 52 S. 27).
Dass er sich im Übrigen verkehrsregelkonform verhielt und ein normales Fahrver-
halten an den Tag legte (vgl. Urk. 52 S. 27), ist neutral zu werten. Zu seinen
Gunsten ist zu gewichten, dass er seine ganze Professionalität einsetzte, um
Schlimmeres zu verhindern. So konnte er mit seiner bedachten Reaktion (das
langsame Bremsen) verhindern, dass es zu grösseren Schäden kam. Objektiv ist
das Verschulden des Beschuldigten als leicht zu qualifizieren.
2.2. Bei der subjektiven Tatschwere ist zu beachten, dass der Beschuldigte un-
bewusst fahrlässig handelte und die Gefahr der Tatbestandsverwirklichung nicht
bedachte. Es liegen sodann keine Anhaltspunkte dafür vor, dass er etwa in be-
wusster Kenntnis der Gefahr auf das Ausbleiben des Erfolgs vertraut hat. Den-
noch wäre es von ihm als Berufschauffeur und Lenker eines Lastwagens mit An-
hänger zu erwarten gewesen, sich vor dem Fahrspurwechsel die Gewissheit zu
verschaffen, dass er dadurch keinen anderen Verkehrsteilnehmer behinderte oder
gefährdet, wodurch der Unfall hätte vermieden werden können. Die subjektiven
Tatkomponenten vermögen das objektive Tatverschulden insgesamt leicht zu re-
duzieren. Die Einsatzstrafe ist entsprechend auf 60 Tagessätze Geldstrafe anzu-
setzen.
2.3. Zu den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten ist bekannt, dass er
am tt. Juli 1970 im D._ [Staat in Europa] geboren wurde, dort bei seinen El-
tern und mit seinen (Stief-)Geschwistern aufwuchs und 1996 in die Schweiz über-
siedelte. Er ist im Besitz der Aufenthaltsbewilligung C. Er ist verheiratet und hat
drei Kinder. Seit nunmehr 6 Jahren arbeitet er als Chauffeur und ist derzeit bei der
E._ angestellt. Sein monatliches Nettoeinkommen bei einem Beschäfti-
gungsgrad von 100% beträgt rund Fr. 5'700.– zzgl. 13. Monatslohn. Seine Ehe-
frau erzielt monatlich ein Einkommen von ca. Fr. 4'000.–. Zwei seiner drei Kinder
(Jahrgang 2000, 2002 und 2004) sind in der Lehre, während eine Tochter bereits
Vollzeit arbeitstätig ist. Alle Kinder wohnen noch bei ihm zuhause. Er muss mo-
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natlich Fr. 1'600.– bis Fr. 1'800.– Miete bezahlen und Fr. 600.– bis Fr. 700.– an
Krankenkassenprämien, wobei davon auch die Prämien seiner Ehefrau und sei-
ner Kinder erfasst sind. An Steuern zahlt er rund Fr. 480.– bis Fr. 500.– pro Mo-
nat. Abgesehen von einem Mercedes S Klasse weist er kein Vermögen auf, hat
hingegen Schulden in der Höhe von maximal Fr. 20'000.–, die er in monatlichen
Raten von Fr. 200.– abbezahlt (Urk. 5/2 S. 5 f.; Prot. I S. 8; Urk. 60; Prot. II
S. 6 ff.). Aus dem Werdegang und den persönlichen Verhältnissen des Beschul-
digten lassen sich keine strafzumessungsrelevanten Faktoren ableiten.
2.4. Der Beschuldigte weist keine Vorstrafen auf (Urk. 53) und ist nicht gestän-
dig. Zu seinen Ungunsten spräche grundsätzlich, dass er einen etwas getrübten
Leumund im Strassenverkehr aufweist, wobei die Führerausweisentzüge schon
sehr lange zurückliegen. Im Jahr 2018 musste er sodann noch wegen mangeln-
der Betriebssicherheit seines Fahrzeugs verwarnt werden (Urk. 15/4). Die Täter-
komponenten wirken sich insgesamt gerade noch strafzumessungsneutral aus.
2.5. Für das heute zu beurteilende Delikt würde sich eine Geldstrafe von 60 Ta-
gessätzen als gerechtfertigt erweisen. Dem steht jedoch das Verschlechterungs-
verbot entgegen, weshalb es bei der vorinstanzlich ausgesprochenen Geldstrafe
von 30 Tagessätzen bleibt.
3. Das Bundesgericht hat die Kriterien für die Bemessung der Geldstrafe in
einem Grundsatzentscheid festgehalten (BGE 134 IV 60). Es bestimmt die Höhe
des Tagessatzes nach den persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen des
Täters im Zeitpunkt des Urteils, namentlich nach Einkommen und Vermögen,
Lebensaufwand, allfälligen Familien- und Unterstützungspflichten sowie nach dem
Existenzminimum (Art. 34 Abs. 2 StGB). Der Tagessatz soll dem Teil des tägli-
chen wirtschaftlichen Einkommens des Beschuldigten entsprechen, auf den er
nicht zwingend angewiesen ist. Ausgangspunkt für die Bemessung bildet das Ein-
kommen, das dem Täter durchschnittlich an einem Tag zufliesst, ganz gleich, aus
welcher Quelle die Einkünfte stammen. Denn massgebend ist die tatsächliche
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit (BGE 134 IV 60 E. 6.1). Zum Einkommen zäh-
len ausser den Einkünften aus selbständiger und unselbständiger Arbeit nament-
lich die Einkünfte aus einem Gewerbebetrieb, aus der Land- und Forstwirtschaft
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und aus dem Vermögen (Miet- und Pachtzinsen, Kapitalzinsen, Dividenden usw.),
ferner privat- und öffentlichrechtliche Unterhalts- und Unterstützungsbeiträge,
Renten, Sozialversicherungs- und Sozialhilfeleistungen sowie Naturaleinkünfte.
Was gesetzlich geschuldet ist oder dem Täter wirtschaftlich nicht zufliesst, ist
abzuziehen, so die laufenden Steuern, die Beiträge an die obligatorische Kran-
ken- und Unfallversicherung sowie die notwendigen Berufsauslagen bzw. bei
Selbständigerwerbenden die branchenüblichen Geschäftsunkosten (BGE 134 IV
60 E. 6.1). Ein Tagessatz beträgt gemäss Art. 34 Abs. 1 StGB in der Regel min-
destens Fr. 30.– und höchstens Fr. 3'000.–. Ausnahmsweise, wenn die persönli-
chen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters dies gebieten, kann der Tages-
satz bis auf Fr. 10.– gesenkt werden. Das Gericht bestimmt die Höhe des Tages-
satzes nach den persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters im
Urteilszeitpunkt. Damit ist das Urteil der letzten Tatsacheninstanz gemeint, d.h.
jene Instanz, vor welcher neue Tatsachen noch berücksichtigt werden können. Ist
die Tagessatzhöhe im Rechtsmittelverfahren neu festzusetzen, so ist somit der
Zeitpunkt des Rechtsmittelurteils massgebend (NIGGLI/WIPRÄCHTIGER [HRSG.],
Basler Kommentar StGB, 4. Aufl., Basel 2018, Art. 34 N 50).
In Anbetracht der vorstehend dargelegten finanziellen Verhältnisse rechtfertigt es
sich, die Höhe des Tagessatzes auf Fr. 80.– festzusetzen.
4. Die von der Vorinstanz für die Übertretungen festgesetzte Busse von
Fr. 300.– erweist sich auch unter Berücksichtigung der aktuellen finanziellen Ver-
hältnissen als seinem Verschulden angemessen und ist zu bestätigen.
5. Die Vorinstanz gewährte dem Beschuldigten hinsichtlich der Geldstrafe den
bedingten Vollzug und legte die Probezeit auf 2 Jahre fest (vgl. Urk 52 S. 30).
Diese Beurteilung ist im Lichte der gesetzlichen Bestimmung von Art. 42 Abs. 1
und 2 StGB nicht zu beanstanden, zumal dem Beschuldigten innerhalb der letzten
5 Jahre vor der Tat keine Freiheitsstrafe von mehr als 6 Monaten auferlegt wor-
den ist. Umstände, die für eine eigentlich Schlechtprognose sprechen, liegen trotz
des etwas getrübten Leumunds im Strassenverkehr nicht vor. Entsprechend ist
der Vollzug der Geldstrafe in Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils aufzu-
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schieben und die Probezeit für den nicht vorbestraften Beschuldigten auf 2 Jahre
festzusetzen. Die Busse ist zu bezahlen (Art. 105 Abs. 1 StGB).
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss ist das erstinstanzliche Kostendispositiv (Dispositivziffer
7) zu bestätigen.
2. Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Mit dem heutigen Urteil un-
terliegt der Beschuldigte vollumfänglich. Ihm sind daher die Kosten des Beru-
fungsverfahrens aufzuerlegen. Bei diesem Verfahrensausgang besteht kein Raum
für eine Prozessentschädigung an den Beschuldigten.