Decision ID: ba9b98d6-cfa8-4258-8e7f-b1308c5ae71c
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, II. Abteilung, vom 9. Juli 2019 (DG190019)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 21. März
2019 (Urk. 25/4) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der / des:
− versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in  mit Art. 22 Abs. 1 StGB
− Vergehens gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
− mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG (Zeitraum vom 10. Juni 2016 bis 15. Mai 2017)
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 10 Jahren Freiheitsstrafe (wovon
785 Tage durch Haft und vorzeitigen Strafvollzug erstanden sind) sowie ei-
ner Busse von Fr. 1'000.–.
3. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen.
4. Es wird eine ambulante Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB während des
Vollzugs der Freiheitsstrafe angeordnet.
5. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
23. August 2016 unter Ansetzung einer Probezeit von 4 Jahren gewährte
bedingte Vollzug für eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 110.– wird
widerrufen und es wir der Vollzug dieser Geldstrafe angeordnet.
6. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 29. Mai 2017 beschlagnahmten Gegenstände werden zuhanden der
Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland (2017/28399 in Sachen gegen
B._) freigegeben:
1) A010'387'721, 1 Mobiltelefon, Apple iPhone 3, schwarz, in schwarzem
Etui, Marke Bugatti, sichtbarer Schaden vorhanden
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2) A010'387'798, 1 Mobiltelefon, Nokia, blau
3) A010'387'801, 1 Mobiltelefon, Samsung Galaxy 3, in schwarzem Etui,
defektes Display
4) A010'387'812, 1 Mobiltelefon, Motorola
5) A010'387'823, 1 Mobiltelefon, Samsung Galaxy, defektes Display
6) A010'387'834, 1 Mobiltelefon, HTC, schwarz, zerkratztes Display
7) A010'387'856, 1 Mobiltelefon, Nokia
8) A010'387'867, 1 Mobiltelefon, HTC silberfarben, Umrandung defekt
9) A010'387'878, 1 Mobiltelefon, Samsung, schwarz
10) A010'387'889, 1 Mobiltelefon, Nokia, schwarz
11) A010'388'337, 1 Laptop, Acer, Seriennummer ...
12) A010'388'382, 1 Tablet, Samsung, schwarz, Seriennummer ...
13) A010'388'393, 1 Tablet, Samsung, weiss, Display zersprungen, Se-
riennummer ...
14) A010'388'428, 1 Laptop, Toshiba, schwarz, inkl. Netzkabel, Serien-
nummer ...
15) A010'388'439, 1 externe Festplatte, WD
16) A010'388'462, 1 Anhänger mit 2 USB-Sticks
17) A010'388'484, 1 USB-Stick, "Ast-Imitation"
18) A010'388'495, 1 USB-Stick, Multan
19) A010'388'508, 1 USB-Stick, Sunrise
20) A010'388'519, 1 USB-Stick, EMTEC
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21) A010'388'520, 1 USB-Stick, "Bewerber-Muster"
22) A010'388'531, 1 Postcard, IBAN ..., ltd. auf B._
23) A010'388'542, 1 SIM-Karte, Orange, in Plastiketui
24) A010'388'553, 1 Mini-SD-Karte, Nokia, 1 GB, mit Adapter
25) A010'388'564, 1 Mini-Kamera, Minox
26) A010'388'586, 1 Portemonnaie, schwarz, enthaltend:
a. 1 Führerausweis, ltd. auf D._ b. 1 ID-Karte, NR. ..., ltd. auf D._ c. 1 Medicard, H._, ltd. auf D._ d. 1 Halbtax, ltd. auf E._ e. 3 Schlüssel, klein f. diverse Visitenkarten, Fotos, etc.
27) A010'388'600, 1 Notizzettel mit handschriftlichen Notizen betreffend
Google Konto
28) A010'388'622, 1 Schlüsselbund mit fünf Schlüsseln
29) A010'388'644, 1 Schlüsselbund mit drei Schlüsseln
30) A010'383'627, 1 Rucksack, enthaltend:
a. A010'383'638, 1 Mobiltelefon, Samsung b. A010'383'649, 1 Mobiltelefon, Samsung c. A010'419'871, 1 Ausländerausweis C, ltd. auf B._, ZH ... d. A010'419'882, 1 Agenda 2017 e. A010'419'917, 1 Apple iPod, inkl. Ladegerät und Kopfhörer, Beats
by Dr. Dre f. A010'419'939, Bargeld, CHF 20.00 g. A010'419'951, 1 Sonnenbrille h. A010'420'027, 1 Schlüsselbund mit 6 Schlüsseln i. A010'420'038, diverse Kleinware j. A010'419'804, 1 Portemonnaie, schwarz
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7. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 30. Mai 2017 beschlagnahmten Gegenstände werden zuhanden der
Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland (2017/28399 in Sachen gegen
B._) freigegeben:
1) A010'387'345, Hanf, 1 Gramm brutto
2) A010'387'378, Hanf, 8 Gramm brutto
3) A010'387'696, 1 Beutel, weisses Pulver enthaltend
4) A010'388'666, Betäubungsmittelutensilien, 1 Feinwaage DX-150, 1
Feinwaage silberfarben, 1 Hanfmühle
8. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Graubünden vom
23. Juni 2017 beschlagnahmten Gegenstände werden zuhanden der
Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland (2017/28399 in Sachen gegen
B._) freigegeben:
1) A010'419'826, Bargeld 100 Euro
2) A010'421'075, 1 Mobiltelefon Apple iPhone 6S, SIM-Karten -Nr. ...
9. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 7. Juni
2017 beschlagnahmte Tatwaffe
− A010'468'293, Pistole "Walther PPK", Kaliber 7.65 mm Browning, Seri-
en-Nr. ..., mit eingelegtem Magazin und 2 Patronen
wird eingezogen und ist nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils durch die
Kantonspolizei Zürich zu vernichten.
10. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
20. April 2018 beschlagnahmte
− Krankengeschichte A._, erstellt von Dr. med. F._
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wird nach Eintritt der Rechtskraft des Urteiles an Dr. med. F._ heraus-
gegeben.
11. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
5. November 2017 beschlagnahmte
− A010'993'427, Mobiltelefon "Apple iPhone 7", schwarz, IMEI unbe-
kannt, Display defekt, mit eingelegter SIM-Karte (Rufnummer ...)
wird nach Eintritt der Rechtskraft des Urteiles an G._ herausgegeben.
Wird dieser Gegenstand nicht innerhalb von 60 Tagen herausverlangt, so
wird der endgültige Verzicht angenommen.
12. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 5. November 2017 beschlagnahmten Gegenstände
1) A010'420'914, Pfefferspray gross "RSG-8"
2) A010'421'713, 3 Klappmesser (2 schwarz, 1 silberfarben)
3) A010'391'272, 1 Pullover weiss, mit Blutanhaftungen
werden eingezogen und nach Eintritt der Rechtskraft der
Bezirksgerichtskasse zur Vernichtung überlassen.
13. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 5. November 2017 beschlagnahmten Gegenstände
1) A010'421,677, Postkundenkarte, Karten-Nr. .... ltd. auf A._
2) A010'421'688, Visa-Karte, ltd. auf A._
werden dem Beschuldigten nach Eintritt der Rechtskraft des Urteiles her-
ausgegeben.
Werden diese Gegenstände nicht innerhalb von 60 Tagen herausverlangt,
so wird der endgültige Verzicht angenommen.
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14. Der nicht beschlagnahmten, jedoch bei den Akten liegenden, durch die Kan-
tonspolizei Zürich temporär am Tatort eingesetzten Ersatzschlosszylinder
wird nach Eintritt der Rechtskraft des Urteiles an die Kantonspolizei Zürich,
EG-LL, zur gutscheinenden Verwendung herausgegeben.
15. Die Zivilansprüche des Privatklägers werden auf den Zivilweg verwiesen.
16. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 8'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 12'500.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 1'400.– Kosten Haftprüfungsverfahren (UB180067-O)
Fr. 52'477.50 Auslagen (Gutachten und Berichte, ex Gutachten Haaranaly- se) Fr. 10'410.– Telefonkontrolle
Fr. 1'588.45 Auslagen
Fr. 449.– Auslagen (Gutachten Haaranalyse)
Fr. 15'531.– Auslagen Polizei
Fr. 4'124.65 Entschädigung RA Z._ (unentgeltlicher Rechtsbeistand)
Fr. 10'854.70 Entschädigung RA Y._ (unentgeltlicher Rechtsbeistand)
Fr. 41'400.– amtl. Verteidigungskosten (inkl. MWST)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
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17. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt; davon ausgenommen sind die Kosten der
amtlichen Verteidigung, welche einstweilen und unter dem Vorbehalt von
Art. 135 Abs. 4 StPO von der Gerichtskasse übernommen werden.
18. Es wird festgestellt, dass der Staat gegenüber der C._ AG für Schaden
aus dem Polizeieinsatz vom 16. Mai 2017 gestützt auf Art. 434 StPO dem
Grundsatz nach schadenersatzpflichtig ist.
Zur genauen Feststellung des Schadens wird die C._ AG auf den Zivil-
weg verwiesen.
Berufungs- und Anschlussberufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 119 S. 2 f.)
"Unter Aufhebung der Dispositiv-Ziff. 1 - 5, 16 und 17 des Urteils des Be-
zirksgerichts Bülach vom 9. Juli 2019 (DG190019) sei wie folgt zu entschei-
den:
2. A._ sei vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne
von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB freizusprechen.
3. A._ sei des einfachen Vergehens gegen das Waffengesetz im Sin-
ne von Art. 33 Abs. 1 WG schuldig zu sprechen und dafür mit einer
Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu bestrafen.
4. A._ sei der mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes
im Sinne von Art.19a Ziff. 1 BetmG schuldig zu sprechen und dafür mit
einer Busse von CHF 500.00 zu bestrafen.
5. Von der Anordnung einer ambulanten Behandlung im Sinne von Art. 63
StGB sei abzusehen.
6. Von einem Widerruf des mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Win-
terthur/Unterland vom 23. August 2016 angeordneten bedingten Voll-
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zugs einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu CHF 110.00 sei abzuse-
hen.
7. Die Zivilansprüche des Privatklägers seien auf den Zivilweg zu verwei-
sen.
8. A._ sei für die von ihm erstandene Überhaft eine angemessene
Genugtuung zuzusprechen.
9. A._ sei eine Entschädigung für seine Anwaltskosten in der Höhe
der heute eingereichten Honorarnote zuzusprechen.
10. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien auf die Gerichtskasse zu
nehmen, und die übrigen Verfahrenskosten seien zu einem Zehntel
A._ aufzuerlegen und zu neun Zehntel auf die Gerichtskasse zu
nehmen."
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich:
(Urk. 118 S. 2, sinngemäss)
Bestrafung des Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren sowie
einer Busse von Fr. 1'000.–. Im Übrigen Bestätigung des vorinstanzlichen
Urteils.
c) Des Vertreters des Privatklägers 1:
(Urk. 112 S. 2 f.)
"1. Dispositiv-Ziffer 15 des angefochtenen Urteils sei vollumfänglich aufzu-
heben und
1.1. der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger im Sinne
einer Teilklage Schadenersatz in der Höhe von einstweilen
CHF 488.80 zuzüglich 5% Zins seit 15. Mai 2017 zu bezahlen;
1.2. ferner sei festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber dem
Privatkläger dem Grundsatz nach schadenersatzpflichtig ist und
die Geltendmachung weiterer Schadenersatzforderung vorbehal-
ten wird;
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1 .3. eventualiter zu vorstehenden Anträgen Ziffern 1.1 und 1.2 sei der
Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger eine in Anwen-
dung von Art. 42 Abs. 2 OR durch den Richter zu schätzende
Geldsumme als Schadenersatz zu bezahlen;
1.4. schliesslich sei der Beschuldigte zu verpflichten, CHF 80'000.00
als Genugtuung zuzüglich Zins von 5% seit dem 15. Mai 2017,
abzüglich der ihm von der H._ Versicherungen AG zuge-
sprochenen Integritätsentschädigung von CHF 51'870.00, zu be-
zahlen. Eine Mehrforderung bleibt ausdrücklich vorbehalten;
2. Dispositiv-Ziffer 16 des angefochtenen Urteils sei teilweise aufzuheben
und die Entschädigung des unentgeltlichen Rechtsbeistandes des Pri-
vatklägers, Rechtsanwalt Y._, für das Vorverfahren und das vo-
rinstanzliche Verfahren gemäss der eingereichten Honorarnote vom 5.
Juli 2019 auf CHF 13'871.30 (inkl. MwSt.) festzusetzen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MwSt.) gemäss dem
Ausgang des Verfahrens."
_

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
1. Am 15. Mai 2017 um 22.20 Uhr ging bei der Einsatzzentrale der Kantons-
polizei Zürich ein Notruf ein, wonach an der I._-Strasse 1 in J._ ein
Schuss gefallen sei. Bei dieser Schussabgabe wurde der Privatkläger 1, B._
(nachfolgend "Privatkläger"), schwer verletzt. In der Folge wurde der Beschuldigte
am 16. Mai 2017 um 13.48 Uhr als Tatverdächtiger festgenommen und anschlies-
send in Untersuchungshaft versetzt, welche mehrmals verlängert wurde (Urk.
1/13 S. 8 und 18/1/1 sowie 18/2/4, 18/4/3, 18/5/4, 18/6/7, 18/7, 18/8/5). Am 29.
August 2018 wurde dem Beschuldigten durch die Anklagebehörde der vorzeitige
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Straf- und Massnahmevollzug bewilligt (Urk. 18/11/3). Nach durchgeführter Unter-
suchung erhob die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich, nunmehr Staats-
anwaltschaft I des Kantons Zürich (fortan Staatsanwaltschaft), am 21. März 2019
Anklage gegen den Beschuldigten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, Ver-
gehen gegen das Waffengesetz sowie Übertretung des Betäubungsmittelgeset-
zes (Urk. 25/4).
2. Dem vorinstanzlichen Urteil kann die Prozessgeschichte betreffend das
erstinstanzliche Verfahren entnommen werden (Urk. 82 S. 6, Art. 82 Abs. 4
StGB). Die vorinstanzliche Hauptverhandlung fand am 9. Juli 2019 statt (Prot. I
S. 6 ff.).
3. Mit eingangs wiedergegebenem Urteil vom 9. Juli 2019 (Urk. 82 S. 41 ff.)
sprach das Bezirksgericht Bülach, II. Abteilung, den Beschuldigten der versuchten
Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB zum
Nachteil des Privatklägers B._ und des Vergehens gegen das Waffengesetz
im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG sowie der mehrfachen Übertretung des Be-
täubungsmittelgesetzes im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG schuldig. Es bestrafte
den Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren unter Anrechnung von
785 Tagen erstandener Haft und vorzeitigem Strafvollzug sowie zusätzlich mit ei-
ner Busse von Fr. 1'000.– unter Festsetzung einer Ersatzfreiheitsstrafe von 10
Tagen. Weiter ordnete das erstinstanzliche Gericht eine ambulante Behandlung
im Sinne von Art. 63 StGB während des Vollzugs der Freiheitsstrafe an. Ferner
wurde die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
23. August 2016 unter Ansetzung einer Probezeit von 4 Jahren gewährte beding-
te Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 110.– widerrufen. Weiter wurden zahlrei-
che Gegenstände, Betäubungsmittel und -utensilien sowie 100 Euro zuhanden
der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland (2017/28399 in Sachen gegen
B._) freigegeben. Es erfolgten sodann weitere Entscheide betreffend be-
schlagnahmte Gegenstände wie Tatwaffe (Einziehung zur Vernichtung), Kran-
kengeschichte des Beschuldigten (Rückgabe an Dr. F._), Mobiltelefon (Her-
ausgabe an G._) sowie weitere Gegenstände wie Pfefferspray, 3 Klappmes-
ser und ein Pullover mit Blutanhaftungen (Einziehung und Vernichtung). Die Zivil-
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klage des Privatklägers wurde auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen. Gegen
dieses Urteil meldete der Beschuldigte über seine Verteidiger fristgerecht Beru-
fung an (Urk. 66 und 68). Nach Zustellung des begründeten Urteils legitimierte
sich Rechtsanwalt lic. iur. X2._ mit Vollmacht als weiterer erbetener Verteidi-
ger des Beschuldigten (Urk. 73 f.).
4. Mit Eingabe vom 6. Januar 2020 erstattete der erbetene Verteidiger,
Rechtsanwalt lic. iur. X2._, namens des Beschuldigten fristgerecht die Beru-
fungserklärung (Urk. 84). Der amtliche Verteidiger, Rechtsanwalt MLaw
X1._, erstattete mit Eingabe vom 7. Januar 2020 ebenfalls eine Berufungser-
klärung namens des Beschuldigten (Urk. 85). Auf sein Ersuchen wurde Rechts-
anwalt MLaw X1._ in der Folge mit Präsidialverfügung vom 26. Februar 2020
als amtlicher Verteidiger entlassen (Urk. 94), nachdem er mit Eingabe vom 24.
Januar 2020 mitgeteilt hatte, das Vertrauensverhältnis zum Beschuldigten sei un-
widerruflich gestört und die notwendige Verteidigung sei durch zwei erbetene Ver-
teidiger gewahrt (Urk. 89).
5. Ebenfalls mit Präsidialverfügung vom 26. Februar 2020 wurde den Parteien
Frist zur Anschlussberufung angesetzt (Urk. 96). Am 5. März 2020 erstattete die
Staatsanwaltschaft Anschlussberufung (Urk. 98) und mit Eingabe vom 23. März
auch der Privatkläger (Urk. 100). Am 9. April 2021 fand die Berufungsverhandlung
statt, anlässlich welcher die Parteien die eingangs aufgeführten Anträge stellten
(Prot. II S. ff.). Das Verfahren erweist sich als spruchreif.
II. Prozessuales
1. Berufungsanträge
Der erbetene Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt lic. iur. 1.1.
X2._, beantragte in der Berufungserklärung einen vollumfänglichen Frei-
spruch von den Vorwürfen der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art.
111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, des Vergehens gegen das Waf-
fengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG sowie der mehrfachen Übertre-
tung des Betäubungsmittelgesetzes im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG.
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Schliesslich stellte er den Antrag, die Kosten des vorliegenden Verfahrens seien
auf die Gerichtskasse zu nehmen und dem Beschuldigten sei eine angemessene
Entschädigung und Genugtuung zu bezahlen (Urk. 119 S. 2 f.).
Die Staatsanwaltschaft beschränkte ihre Anschlussberufung auf die Be-1.2.
messung der Strafe (Urk. 98 S. 1 f.).
Der Privatkläger liess durch seinen unentgeltlichen Rechtsbeistand die 1.3.
Verweisung seiner Zivilansprüche auf den Zivilweg (Dispositiv-Ziffer 15) und die
festgesetzte Höhe der Entschädigung des unentgeltlichen Rechtsbeistandes,
Rechtsanwalt Y._, für das Vorverfahren und das vorinstanzliche Verfahren
(Dispositiv-Ziffer 16) anfechten (Urk. 100 S. 3).
2. Umfang der Berufung
Demzufolge blieben die Dispositiv-Ziffern 14 (Herausgabe Ersatzschlosszylinder
an die Kantonspolizei Zürich), 6 - 13 (Entscheide über beschlagnahmte Sachen)
sowie 18 (Feststellung der Schadenersatzpflicht des Staates gegenüber der
C._ AG dem Grundsatze nach) unangefochten. Die Rechtskraft dieser Ziffern
ist vorab mit Beschluss festzustellen.
III. Sachverhalt
A. Anklagepunkt versuchte vorsätzliche Tötung
1. Anklagesachverhalt
Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 15. Mai 2017 abends um 22.15 1.1.
Uhr die in seinem Pullover mitgeführte geladene Tatwaffe ergriffen und in Rich-
tung des Privatklägers, der sich beim Fenster im gleichen Raum am Pult befun-
den habe und eventuell gerade aufgestanden sei, gehalten und einen Schuss ab-
gefeuert zu haben. Dadurch habe der Privatkläger verschiedene Verletzungen
(Weichteilverletzung am Oberarm, Durchschuss mit mehrteiligem Bruch der rech-
ten Kieferhöhle, Jochbeinbruch rechts, Bruch des rechten knöchernen Augenhöh-
lenbodens sowie der mittleren Wand, Durchschuss durch die Siebbeinzellen,
Bruch der Nasescheidewand und Durchschuss durch die mittlere und äussere
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knöcherne Augenhöhlenwand links) erlitten und sein linkes Auge sei zerstört wor-
den, weshalb eine intensivmedizinische Notfallversorgung notwendig geworden
sei.
Der Beschuldigte habe gewusst, dass sich in Kopf und Oberkörper le-1.2.
benswichtige und heikle Organe, insbesondere Hirn, Herz, Lunge, Leber, aber
auch grosse Blutgefässe befinden. Dieser habe auch gewusst, dass ein Schuss in
Richtung des Opfers diese Organe verletzen und das Opfer töten könnte, was er
durch den bewusst und gezielt gegen den Privatkläger abgefeuerten Schuss habe
erreichen wollen. Eventualiter habe der Beschuldigte das Opfer schwer und le-
bensgefährlich verletzen wollen und habe dabei den Tod von B._ in Kauf ge-
nommen.
2. Beweisgrundsätze
Die Vorinstanz hat die massgeblichen Beweisgrundsätze, insbesondere zur Regel
"in dubio pro reo", zur Aussagenwürdigung und zur Glaubwürdigkeit der zur Tat-
zeit am Tatort anwesenden Personen (Beschuldigter, Privatkläger, K._ und
M._) ausführlich und zutreffend dargelegt, so dass zur Vermeidung von Wie-
derholungen darauf verwiesen werden kann (Urk. 82 S. 7 ff. Ziff. 1.1. - 1.3.).
3. Äusserer Sachverhalt
Standpunkt des Beschuldigten und vorhandene Beweismittel 3.1.
a) Vorab ist festzuhalten, dass die Verletzungen des Privatklägers so, wie sie in
der Anklage aufgeführt sind, unbestritten sind (vgl. dazu Urk. 9/2).
b) Der Beschuldigte anerkannte im Laufe der Untersuchung und vor Vorinstanz,
dass er am 15. Mai 2017 die Tatwaffe hervorgenommen und in der Hand gehalten
habe (vgl. Urk. 82 S. 9 mit zahlreichen Aktenstellen, insbesondere Urk. 3/4 S. 11
f. und Prot. I S. 13). Der Beschuldigte macht geltend, es sei ein Unfall gewesen,
es habe sich anschliessend plötzlich ein Schuss gelöst; dieser sei in die Wand in
die Ecke gegangen. Er habe niemanden verletzen wollen, er habe keinen Grund
gehabt, jemanden zu verletzen; er könne nicht sagen, wie sich dieser Schuss ge-
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löst habe, er habe auf niemanden gezielt. Er sei so "drauf" gewesen, er habe 6
Gramm Kokain und 6 verschiedene Medikamente drin gehabt, im Blut, im Kopf
und Körper. Er habe Angst und Panik gehabt. Es sei ein Kollege von ihm gewe-
sen und es tue ihm sehr leid (Urk. 3/4 S. 11f., Urk. 3/13 S. 8 und Prot. I S. 13 f.).
Wie der amtliche Verteidiger vor Vorinstanz vorbrachte, weichen die Aussagen
des Beschuldigten zum objektiven Tatgeschehen somit in zwei Punkten von der
Darstellung in der Anklage ab: Der Beschuldigte macht geltend, er habe die Pisto-
le nicht in einer Tasche seines Pullovers, sondern in einer mitgeführten Umhänge-
tasche mitgebracht. Ferner habe er die Pistole nicht in Richtung des Privatklägers
gehalten (Urk. 57 S. 10). Insbesondere bestreitet der Beschuldigte demnach,
dass er auf den Privatkläger zielte respektive die Waffe auf diesen richtete.
Anlässlich der Berufungsverhandlung machte der Beschuldigte keine Aussagen
mehr zur Sache (Prot. II S. 19 f.).
c) Nachfolgend sind deshalb die massgeblichen Beweismittel aufzuzeigen und
anschliessend zu würdigen. Es sind dies die Aussagen des Beschuldigten selbst
(Ziff. 3.2.), aller am Tatort anwesenden Personen (Ziff. 3.3.) sowie weiterer Per-
sonen, die sachdienliche Angaben machen konnten (Ziff. 3.4.) und weitere Be-
weismittel wie verschiedene Berichte und Gutachten (Ziff. 3.5.).
Aussagen des Beschuldigten 3.2.
a) Anlässlich der Hafteinvernahme vom 16. Mai 2017 (Urk. 3/1, Uhrzeit: 17:39
Uhr) gab der Beschuldigte an, im Laufe des Tages mehrmals zur Wohnung an der
I._-Strasse gegangen zu sein und (M._) habe ihm ein Gramm Kokain
organisiert. K._ habe auf seine Anfrage über WhatsApp versucht, nochmals
zwei Gramm für ihn zu organisieren. Er habe dort in der Wohnung auf dem Sofa
auf K._ gewartet; dann sei ein Typ mit einem Rucksack (Privatkläger
B._) in der Wohnung erschienen. Als K._ zurück gekommen sei, habe
er Koks vom Typen mit dem Rucksack genommen und ihm zwei Gramm gege-
ben. Er habe dann zwei oder drei Linien genommen, es sei starke Ware gewesen.
Er sei etwas da gewesen und dann habe er "bamm" gehört, jemand habe ge-
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schrien, er sei drauf gewesen und dann weg gerannt und raus (Urk. 3/1 S. 6 ff.).
Er sei sich so am Bücken gewesen und habe nichts gesehen, er habe keine Ah-
nung, was da abgelaufen sei, er (K._) sei ein Drogendealer, er wisse nicht,
mit wem er Probleme habe, er sei drauf gewesen und habe sich gesagt, er müsse
weg. Er sei dann über den Balkon und auf die andere Seite gerannt, anschlies-
send nach J._, nach J._, er habe K._ angerufen, dieser habe nicht
abgenommen, er habe dann beim Solarium in J._ auf dessen Rückruf gewar-
tet. Danach sei er kurz zuhause gewesen und habe die Tabletten (Xanox, Dormi-
cum, Venerol und Lyrica und Ritalin) und die Sonnenbrille geholt. Sein Freund
L._ habe ihn dann abgeholt (Urk. 3/1 S. 9 ff.). Der Beschuldigte stellte so-
dann - wie schon erwähnt - in Abrede, eine Faustfeuerwaffe zu besitzen, Messer
schon, aber keine Waffe. Damit konfrontiert, M._ habe gesagt, er habe im
rechten Augenwinkel gesehen, wie er eine Waffe hervorgenommen habe, worauf
K._ gesagt habe "mach keinen Scheiss" und dann habe es geknallt, fragte
der Beschuldigte ungläubig "Ich?" und gab an, die würden träumen, dass er eine
Waffe habe. Auf Vorhalt, zum Abfeuern habe er schwarze gutsitzende Handschu-
he benützt, die sich zum Abfeuern eignen würden, erklärte der Beschuldigte, er
besitze nur kurze Handschuhe für das Training, er könne sich nicht erinnern, wo
diese sich befänden, da er diese schon lange nicht mehr benützt habe (Urk. 3/1
S. 13 f.).
b) In der Einvernahme vom 28. Juni 2017 (Urk. 3/4) schilderte der Beschuldigte
zunächst detailliert den Tagesablauf des 15. Mai 2017 (6 Uhr aufgestanden, ers-
tes Mal zur Wohnung K._, um Koks zu holen, Geld besorgen, nochmals zur
Wohnung K._, um Kokain abzuholen, das M._ besorgt hatte, Telefonate
erledigen zuhause wegen Krankentaggeldern und SVA etc., Cafeteriabesuch, 11
Uhr essen beim Chinesen, wobei der Beschuldigte sich sogar erinnerte, was er zu
Mittag gegessen hatte, Urk. 3/4 S. 4 ff.). Dann führte er aus, welche Medikamente
und Drogen er im Verlauf des Tages besorgte und konsumierte und dass er mit
K._ hin und her schrieb, damit dieser ihm noch mehr Kokain besorgen könn-
te (Urk. 3/4 S. 8 ff.). Schliesslich gab er an, er habe noch sechs Dormicum ge-
nommen, da er Herzrasen gehabt habe, zu viel Koks, Morphium und Ritalin. Er
sei zu Fuss gegangen, wie im Traum, so sei er drauf gewesen. Es habe dort (in
- 18 -
der Wohnung K._) mal einen Fall gegeben, deshalb sei er immer mit Hand-
schuhen reingegangen, wenn er dort gewesen sei, er bestätigte auf Nachfrage,
dass er am Tatabend schwarze Fingerhandschuhe aus Stoff getragen habe. Er
habe diese dann fortgeworfen. Er beschrieb, wie das Opfer herein gekommen und
beim Tisch gestanden sei. Dann sei K._ hereingekommen und auch die
Hunde. Er habe eine Linie gezogen und dann habe das Opfer "buff" gemacht, ha-
be den Rucksack abnehmen wollen. Er habe Angst und Paranoia bekommen, er
habe die Knarre hervorgenommen und es habe einen Schuss gegeben. Er wisse,
dass der Schuss in die Wand gegangen sei. Er sei davon gerannt, habe die Waffe
weg geworfen, nicht weit von dort und dann auch die Handschuhe weg geworfen.
Er habe solche Angst gehabt, er habe niemanden verletzen wollen. Er wisse nicht
mehr, von wem er die Waffe habe, das sei vor einem Monat gewesen. Er wisse
nicht einmal, wie die Waffe funktioniere, habe sie immer in der Tasche mit dem
Handy, dem Koks und den Medikamenten dabei gehabt, habe sie sozusagen ver-
gessen. Er habe niemanden verletzen wollen, habe niemanden erschossen, auf
niemanden gezielt. Gefragt, woher er die Munition habe, erklärte der Beschuldig-
te, er habe sie (die Pistole) nie aufgemacht, er wisse nicht einmal, wie man sie
aufmache, er könne nicht mit einer Knarre umgehen (Urk. 3/4 S. 10 ff.). Er könne
sich nicht erinnern, je das Magazin herausgenommen und die Waffe geladen zu
haben. Diese habe er immer in einer Umhängetasche so über den Oberkörper ge-
tragen, die Knarre sei da immer drin gewesen, er habe immer alles dabei. Auf die
Frage, was er mit der Waffe genau gemacht habe, erklärte der Beschuldigte, er
wisse es nicht mehr, er habe gezittert und habe nicht zielen können, es seien vie-
le Leute da gewesen, er habe Angst und Panik gehabt (Urk. 3/4 S. 13 f.).
c) In der Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft vom 11. Juli 2018 (Urk. 3/13)
stellte der Beschuldigte richtig, er habe nicht gesagt, dass er die Waffe nicht gela-
den habe, sondern er habe die Waffe nicht einmal manipuliert, er wisse nicht wie
viele Patronen... er wisse nicht, weshalb er die Waffe gehabt habe, er habe diese
in der ... Bar an der N._-Strasse von einem Mann erhalten, der von ihm Ko-
kain gewollt habe. Auf Vorhalt, dass an der Munition im Patronenlager seine DNA
gefunden worden sei, somit müsse er die Munition mindestens einmal in der Hand
- 19 -
gehalten haben, erklärte der Beschuldigte, er könne das wirklich nicht sagen
(Urk. 3/13 S. 5).
d) Im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 8. Februar 2019
erklärte der Beschuldigte, er habe die Waffe einfach in den Busch geworfen, er
habe sie nicht versteckt, sondern sie hingeschmissen, wenn er sie hätte verste-
cken wollen, hätte er sie woanders versteckt. Auch die Handschuhe habe er am
gleichen Ort runter fallen lassen. Er sei dann links gerannt, die Strasse rechts,
über die Brücke in J._, dann in Richtung O._-Strasse, er habe das
schon gesagt (Urk. 3/15 S. 2 f.).
f) Schliesslich sei an dieser Stelle festzuhalten, dass die von der Verteidigung als
nicht verwertbar gerügte Einvernahme vom 7. November 2017 (Urk. 3/8; vgl.
Urk. 119 S. 5) keine (zusätzlichen) belastenden Aussagen enthält, die für die Er-
stellung des Sachverhaltes notwendig wären bzw. die nicht ohnehin schon aus
den übrigen unbestrittenermassen verwertbaren Einvernahmen hervorgehen.
Entsprechend erübrigt sich eine weitergehende Auseinandersetzung mit der Un-
verwertbarkeitsrüge der Verteidigung.
Aussagen der am Tatort anwesenden Personen 3.3.
a) Der Privatkläger B._
aa) Der Privatkläger wurde nach der Schussabgabe hospitalisiert und konnte erst
am 18. Mai 2017 nachmittags erstmals im Universitätsspital Zürich einvernommen
werden (Urk. 4/1 S. 1ff.): Er gab an, es gehe ihm den Umständen entsprechend,
er könne sich an die Ereignisse erinnern. Viel könne er nicht erzählen, er habe
plötzlich einen Knall gehört und sei schon am Boden gelegen, es sei sehr schnell
gegangen. Es sei in der Wohnung von K._ passiert, er habe übers Wochen-
ende auf dessen Hunde aufgepasst und sei am Montagabend in der Wohnung
angekommen, um mit K._ (wohl K._) abzurechnen wegen dem Hunde-
hüten. Der andere sei auch schon da gewesen. Er habe sich in der Wohnung an
den Tisch gesetzt, wo er sich einen Joint gedreht habe. Der Albaner, er nenne ihn
A'._, und er hätten diskutiert. Irgendwann sei dann K._ nach Hause ge-
- 20 -
kommen und dann sei schon der Knall gekommen. Er verstehe es nicht, sie hät-
ten keinen Streit gehabt. Dieser A'._ müsse auf ihn geschossen haben. Er
sei auf einem Stuhl gesessen, K._ irgendwo bei der Tür und der andere sei
glaub rechts von ihm auf einem roten Stuhl gesessen. Er habe ihn vielleicht vier
Mal zuvor gesehen, immer bei K._, er denke, dieser sei unter Einfluss von
Kokain gestanden, er habe ihn noch gefragt, ob er eine Linie wolle, aber er habe
diese verneint. Er könne sich nicht erklären, weshalb er angeschossen worden
sei. Auch M._ sei noch in der Wohnung gewesen, dieser habe ihn am Sonn-
tag abgelöst beim Hundeaufpassen.
Die Verteidigung rügt im Rahmen des Berufungsverfahrens die Verwertbarkeit
dieser Einvernahme vom 18. Mai 2017 (Urk. 119 S. 5). Wie sich sogleich zeigen
wird, enthalten diese Aussagen des Privatklägers nichts wesentlich Belastendes,
das sich nicht auch aus seinen übrigen (anerkanntermassen verwertbaren) Aus-
sagen ergäbe (vgl. nachfolgende Erwägung), sondern eher entlastende Momente
(keinen Streit gehabt, Einfluss von Kokain). Die einzige vermeintlich belastende
Aussage, wonach "dieser A'._ [der Beschuldigte] auf ihn geschossen haben
müsse", wurde vom Privatkläger zum einen erkennbar als Mutmassung geschil-
dert und geht zum andern ohnehin nicht über das hinaus, was der Beschuldigte
bereits selber zugibt, mithin dass der Schuss von ihm gekommen sei. Die Frage
der Verwertbarkeit dieser Einvernahme zu Ungunsten des Beschuldigten kann vor
diesem Hintergrund offen bleiben, ist daraus doch nichts für ihn Belastendes ab-
zuleiten.
bb) In der Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft am 6. Oktober 2017 sagte der
Privatkläger in Anwesenheit des Beschuldigten sowie dessen Verteidiger aus. Er
gab an, am Montag 15. Mai 2017 sei er lange zuhause gewesen, er habe noch-
mals geschlafen und sei so um 19 bis 19.30 Uhr aufgestanden. In der Wohnung
K._ sei er so ca. um 21.40/22.00 Uhr angekommen. Es seien dort mehrere
Leute gewesen, A'._, P._ (M._), Q._ und R._ sowie
S._. Die Stimmung sei gedämpft, relativ angespannt gewesen, wahrschein-
lich, weil sie alle konsumiert hätten, er wisse auch nicht (Urk. 4/2 S. 3 ff.). Sie hät-
ten zuerst ein bisschen geredet, dann sei er an den Tisch gegangen, um sich ei-
- 21 -
nen Joint zu drehen. Irgendwann seien Q._ und R._ aufgestanden um
zu gehen, nicht lange, nachdem er gekommen sei. A'._ und P._ seien
noch dort gewesen. Irgendwann sei dann K._ gekommen. Er wisse jetzt nicht
mehr, ob er den Joint schon angeraucht oder ihn dann angezündet habe. Die
Hunde seien zu K._ gerannt, er sei aufgestanden und habe gesagt: "gut,
K._, schön bist Du da." Dann sei der Schuss gefallen, er sei dann auf dem
Stuhl gesessen. Nochmals dazu befragt, wo er zur Zeit der Schussabgabe positi-
oniert gewesen sei, erklärte der Privatkläger, er sei am Tisch gesessen, habe den
Joint gedreht, sei aufgestanden als K._ reingekommen sei, habe den Joint
angezündet und sei getroffen worden. Zur Zeit der Schussabgabe sei er gestan-
den, er sei am Anzünden gewesen (Urk. 4/2 S. 6 ff.). Zum möglichen Motiv be-
fragt, erklärte B._, er habe den Schützen mehrmals abgewiesen, als dieser
mehr Stoff gewollt habe. Sie seien beide Kunden von K._ gewesen, der Be-
schuldigte habe gedacht, dass er auch verkaufe. Von Freitag auf Samstag habe
er diesem etwas von seinem eigenen Bedarf geschenkt, K._ habe ihm ge-
sagt, dass er dann die zwei Gramm, die er A'._ gebe, zahlen würde (Urk. 4/2
S. 9 ff., S. 14). Ein paar Tage vor dem Ereignis habe er gehört, dass A'._ ei-
ne Waffe habe, dieser habe mal so etwas erzählt; daran habe er aber keinen Ge-
danken verschwendet, ob er an diesem Tag eine Waffe dabei gehabt habe, habe
er nicht gewusst. Mit dem möglichen Motiv konfrontiert, A._ sei stark abhän-
gig gewesen, habe mehrere Male am Tag genervt und unbedingt mehr Stoff ge-
braucht, worauf dann endlich K._ gekommen sei, ihm aber kein Kokain habe
geben wollen, weil dieser nicht genug Geld gehabt habe, der Privatkläger ihm
aber Kokain versprochen hätte und der Beschuldigte deshalb ausgerastet sei und
geschossen habe, erklärte B._, er denke eher, dass K._ ihm etwas ver-
sprochen habe und der Schuss K._ hätte treffen sollen, die Abstände seien
klein, K._ sei vielleicht einen Meter entfernt von ihm gestanden. Der Schuss
sei nicht unmittelbar gefallen, nachdem der Schütze nach Kokain gefragt und
nichts erhalten habe; dieser habe ihn ganz zu Beginn gefragt, nachher sei er ein-
fach auf dem Stuhl gesessen, es habe keine Anzeichen auf Streit gegeben und
auf einmal sei der Schuss gefallen (Urk. 4/2 S. 11 ff.)
b) K._
- 22 -
aa) Der Wohnungsinhaber K._, der nach der Schussabgabe unverzüglich
den Polizeinotruf verständigt hatte, schilderte als Auskunftsperson am 16. Mai
2017, frühmorgens (Beginn der Einvernahme: 01:14 Uhr), d.h. nur wenige Stun-
den nach der Tat, den Tatablauf wie folgt (Urk. 5/1): Er sei übers Wochenende
weg gewesen und habe für drei Tage seine Hunde M._ und B._ zur Be-
treuung anvertraut. Nach seiner Rückkehr an die I._-Strasse 1 in J._
habe ihm M._ die Wohnungstüre geöffnet, die Hunde seien ihm entgegen
geschossen und hätten ihn freudig begrüsst. Daraufhin sei er zum Hundebett ge-
gangen und habe sich niedergekniet und die Hunde mit Küsschen noch fertig be-
grüsst. Dann habe er einen Schuss gehört, er sei völlig überrascht gewesen.
Nach dem Schuss habe der, welcher geschossen habe, die Waffe wieder in der
frontseitigen Jackentasche verstaut, dies habe er gesehen. Danach habe dieser
sich gekehrt und habe die Wohnung verlassen. Dies habe er ziemlich zackig ge-
macht. Ziemlich gleichzeitig habe es Schreie und Blut von B._ gegeben,
massive Blutungen. Als nächstes habe ihm M._ sein Telefon gegeben, damit
er ohne Zeitverlust die Notfallnummer habe wählen können, weil sein eigenes Te-
lefon noch in der Reisetasche gewesen sei (Urk. 5/1 S. 2). Diese Schusswaffe
habe der Beschuldigte auch schon früher vereinzelte Male mitgebracht, drei Mal
sicher, es sei aber schwer zu beurteilen, da er diese nicht immer offen getragen
habe. Er habe die Waffe zum Angeben und Prahlen gezeigt (a.a.O. S. 7). Es sei
zu 1000 Prozent klar, dass dieser A._ geschossen habe, weil er gesehen
habe, dass dieser die Pistole weg gesteckt habe (S. 8). A._ habe einen ruhi-
gen und überlegten Eindruck auf ihn gemacht. Dieser trinke keinen Alkohol und er
denke nicht, dass dieser unter Drogen gestanden sei, das müsste er aber selber
sagen. Er habe zwei Gesichter und habe ihm schon gedroht, dass er etwas ma-
chen würde, wenn er wiederum keine Betäubungsmittel erhalte (S. 9). K._
gab an, es sei einfach Wahnsinn, ein völliges Rätsel, weshalb dieser das gemacht
habe. Er habe ohne Vorwarnung geschossen, die Waffe eingesteckt und einfach
ohne etwas die Wohnung wieder verlassen. Vom Winkel her, sei es nicht möglich,
dass der Schuss ihm gegolten hätte (S. 11 f. sowie Skizze im Anhang).
bb) Am 6. Oktober 2017 fand die staatsanwaltschaftliche Einvernahme von
K._ als Auskunftsperson in Anwesenheit des Beschuldigten und dessen amt-
- 23 -
lichem Verteidiger sowie in Anwesenheit des Privatklägers und dessen Rechts-
beistand statt (Urk. 5/11). Dieser gab an, der Privatkläger B._ habe einmal im
Monat bei ihm im Hundedienst gearbeitet und der Beschuldigte sei sein Sicher-
heitsdienst gewesen. Bei der Wohnung, in der die Tat stattgefunden habe, habe
es sich um ein Büro gehandelt und dieses habe nur dem Betäubungsmittelverkauf
gedient. M._ sei auch im Hundedienst und auch im Verkauf tätig gewesen.
Am fraglichen 15. Mai 2017 sei er von Österreich kommend um 22.14 Uhr bei
seiner Wohnung angekommen. Um 22.17 Uhr sei die Schussabgabe erfolgt und
um 22.19 Uhr die Alarmierung der Polizei (Urk. 5/11 S. 3 f.). Beim Betreten der
Wohnung habe er gespürt, dass es Probleme gebe, M._ habe die Tür geöff-
net, er habe ihn nur ansehen müssen, dann habe er gewusst, woran sie seien, er
sei rein gegangen und habe gespürt, es sei nicht gut. Er habe A'._ angese-
hen und gewusst, dass er eine Waffe dabei habe, da er dann immer die Hände in
der Tasche des Anorak oder des Kapuzenpullis habe. An jenem Tag habe er ei-
nen schwarzen Anorak, so einen dünnen Trainer mit Tasche vorne getragen, es
sei alles schwarz gewesen, auch schwarze Handschuhe, das sei üblich gewesen,
wenn er mit einer Waffe herumlaufe. Der Beschuldigte habe ihm auch früher
schon seine Waffe gezeigt, dies erstmals im Februar 2017, als dieser ihn im
Rahmen eines Betäubungsmittelverkaufes als sein Sicherheitsmann begleitet ha-
be (a.a.O. S. 6 ff.). Nach seiner Ankunft in der Wohnung habe er alle begrüsst,
A'._ ganz kurz, dann sei er zu seinen Hunden gegangen und habe sich hin-
gekniet. Das sei ein Fehler gewesen, er hätte ihm besser einfach zwei Linien offe-
riert, dann wäre wohl alles nicht passiert. Dieser sei im roten Stuhl gesessen, vis-
a-vis B._ im Stuhl vor dem Pult, letzterer sei mit dem Oberkörper in Richtung
A'._ abgedreht gewesen. Er hätte nie erwartet, dass er schiessen würde:
"Plötzlich: 'Tagg' zieht die Waffe und schiesst. Es war eine Bewegung, zieht die
Waffe und schiesst." (a.a.O., S. 8 f.). Sein Blick sei auf die Tiere gerichtet gewe-
sen, bis er (der Schütze) sich angefangen habe zu bewegen, er habe gesehen,
dass er sich bewege, dann sei schon der Schuss gefallen. Auf die Frage, ob er
das Ziehen der Waffe gesehen habe, erklärte K._, der zunächst "Zielen" ver-
standen hatte, das Ziehen habe er nicht gesehen, im Blickwinkel habe er einfach
gesehen...und zeigte dies, indem er die rechte Hand vor sich streckte, als ob er
- 24 -
mit einer Handfeuerwaffe zielen würde. A'._ habe den Schuss abgegeben.
Vielleicht sei er derart verärgert auf B._ gewesen, weil ihm dieser die zwei
Linien nicht gegeben habe, die er verlangt gehabt habe. Dann sei er (A'._)
aufgestanden und rausgegangen, worauf er (K._) ihm gefolgt sei. M._
habe ihn dann zurück gehalten. Er habe sofort die Polizei verständigt über die
Nummer 117 (S. 10).
cc) Mit Blick auf die staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 17. Mai 2017
(Urk. 5/3) rügt die Verteidigung anlässlich der Berufungsverhandlung die Unver-
wertbarkeit infolge Aushöhlung der Teilnahmerechte. Nachdem diese Einvernah-
me, wie sich aus den obigen Darlegungen zu den unbestrittenermassen verwert-
baren Einvernahmen ergibt, keine zusätzlichen belastenden Momente enthält, die
sich nicht bereits aus den anerkanntermassen verwertbaren Einvernahmen erge-
ben würden, braucht auf diese Rüge nicht weiter eingegangen zu werden.
c) M._
aa) Am 16. Mai 2017 wurde M._ gegen Mittag, mithin nur etwas mehr als 12
Stunden nach der Tat (Beginn der Einvernahme: 11.46 Uhr) durch die Kantonspo-
lizei Zürich als Auskunftsperson einvernommen (Urk. 5/2). Zu diesem Zeitpunkt
befanden sich die Ermittlungen noch im frühen Anfangsstadium und die Strafun-
tersuchung wurde noch gegen Unbekannt geführt (vgl. Urk. 5/2 S. 1 Frage 2). Der
spätere Beschuldigte befand sich in dieser Phase noch auf der Flucht und konnte
erst um 13.48 Uhr gleichentags – mithin nach dieser Einvernahme von M._
als Auskunftsperson – im Rahmen einer Polizeikontrolle festgenommen werden
(Urk. 18/1/1). Eine Gewährung des Teilnahmerechts des Beschuldigten, deren
Unterbleiben die Verteidigung heute als Unverwertbarkeitsgrund rügt (Urk. 119
S. 6), war somit bereits faktisch nicht möglich und dies zudem aus Gründen, die
vom Beschuldigten selber zu vertreten sind. Die Rüge erweist sich entsprechend
als unbegründet und die besagte Einvernahme als verwertbar.
M._ gab in dieser Einvernahme an, er habe die Hunde von K._ gehütet
und von Sonntag auf Montag in dessen Wohnung übernachtet. Die Nacht vorher
sei B._ dort gewesen und habe auf die Hunde aufgepasst. Wenige Minuten
- 25 -
vor 22.20 Uhr sei K._ nach Hause gekommen, dannzumal seien B._
und der Mann, der auf K._ gewartet habe, sowie er selbst in der Wohnung
gewesen, sie seien also vier Personen gewesen. Der Mann habe den Eindruck
gemacht, dass er nicht gut gelaunt sei. K._ habe seine Hunde begrüsst,
B._ sei weiter vorne im Stuhl am Fenster gesessen. Er habe in diesem Mo-
ment K._ beobachtet, wie er seine Hunde begrüsst habe und plötzlich habe
es einen Knall gegeben. Er habe im rechten Augenwinkel gesehen, dass eine
Waffe beim unbekannten Mann raus gekommen sei, dann habe K._ gesagt:
"Mach keinen Scheiss" und dann habe es geknallt. Der Mann habe einen Kapu-
zenpullover mit einer Bauchtasche getragen, in die man die Hände reinstecken
kann, er habe die Waffe vorher nicht gesehen und er habe diese Waffe aus dieser
Bauchtasche genommen. Er habe mit dem gestreckten Arm, die Waffe in der
Hand, in Richtung B._ oder den Schreibtisch gezielt. Auf Frage, wer sich in
Zielrichtung aufgehalten habe, erklärte M._, B._, K._ sei auch dort
gewesen, dieser habe sich über das Hundebett gebückt, er könne nicht sagen, ob
die Waffe auf B._ oder auf K._ gerichtet gewesen sei. Weiter berichtete
dieser, es habe sich um eine Pistole gehandelt, schwarz, mit metallischem Ober-
teil, nicht verchromt, sondern eher matt, anthrazit. Es sei ihm noch aufgefallen,
dass der unbekannte Mann schwarze Handschuhe getragen habe. Die Hunde
hätten laut gebellt, K._ habe gesagt, "mach etwas", worauf er auf seinem Te-
lefon den Notruf eingestellt und das Telefon dann K._ hingehalten habe.
Dann sei er weg gelaufen. Zu diesem Zeitpunkt sei der unbekannte Mann schon
weg gewesen, er sei ganz ruhig weggegangen. Er habe geschossen, sei aufge-
standen und sei dann gegangen, habe den Raum verlassen (Urk. 5/2 S. 2 ff.). Am
Montagabend sei zuerst B._ kurz vor 22 Uhr gekommen, danach der Unbe-
kannte, den er auch hereingelassen habe. Er habe gedacht, dieser habe mit
K._ abgemacht, was er auch bestätigt habe. Der Mann sei nicht bester Lau-
ne gewesen und sehr wortkarg. Es sei dann so abgelaufen, wie er geschildert ha-
be. M._ beschrieb genau, was der Beschuldigte getragen habe und wieder-
holte, dass er bei der Schussabgabe gesehen habe, dass er dünne, schwarze
Handschuhe aus Hi-Tech Material getragen habe. Er sei sich sicher, dass er die-
se Handschuhe an der Türe noch nicht getragen habe (a.a.O., S. 5 ff.). Schliess-
- 26 -
lich gab M._ noch an, die Schussabgabe habe seiner Meinung nach sicher
nicht B._ gegolten, dieser habe nichts damit zu tun gehabt. Der unbekannte
Mann habe seines Erachtens auf K._ schiessen wollen, B._ sei einfach
zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen (a.a.O. S. 9).
bb) Am 6. Oktober 2017 wurde M._ bei der Staatsanwaltschaft in Anwesen-
heit des Beschuldigten und dessen amtlichem Verteidiger sowie in Anwesenheit
des Privatklägers und dessen Rechtsbeistand als Auskunftsperson befragt (Urk.
5/12). Er gab an, er habe A._ bei K._ schon gesehen, er habe diesem
im Auftrag von K._ zweimal Drogen verkauft, wenn er in K._s Abwesen-
heit dessen Stellvertretung gemacht habe. B._ habe an diesem Tag auf die
Hunde aufgepasst. Am Sonntag sei Muttertag gewesen und er habe diese Aufga-
be für B._ übernommen und in der Wohnung, Büro genannt, übernachtet.
Am Montag habe er mehrere Leute abgewiesen und gesagt, sie sollten auf Herr
K._ warten. Auch dem Mann, der A'._ genannt werde, habe er mehr-
mals gesagt, er solle kommen, wenn K._ auf 22 Uhr zurück komme (a.a.O.,
S. 4 f.). B._ sei kurz vor 21.30 oder 22 Uhr gekommen, A'._ ca. um
21.45 Uhr und K._ ca. um 22.05 Uhr, sie seien zu viert in der Wohnung ge-
wesen. Vorher seien noch andere Besucher da gewesen. A'._ sei ziemlich
sauer gewesen, weil er lange habe warten müssen, er sei angespannt gewesen.
Er selbst sei in der Ecke auf der Couch gesessen, A'._ auf dem Stuhl,
B._ auf dem Stuhl vor dem Pult. Die Hunde seien in ihrem Bett gewesen ne-
ben dem Stuhl respektive Pult. K._ sei gekommen und habe B._ be-
grüsst, ihn nur mit einem Blick oder einem Hallo oder so, dann habe er die Hunde
begrüsst. Darauf habe es geknallt und vorher sei noch die Waffe auf B._ ge-
richtet gewesen. Dieser habe auf das Pult geschaut, K._ habe gesagt:
"A'._, mach keinen Scheiss!" Er habe noch gesehen, wie K._ die Hände
in seine Richtung ausgestreckt habe. Nicht genau gesehen habe er, wie der Be-
schuldigte die Waffe gezogen habe, aber irgendwann sei die Hand da gewesen,
er habe seinen Augen nicht getraut. Danach gefragt, wo sein Blick gewesen sei,
als es geknallt habe, gab M._ an, er habe auf A'._ geschaut, der sich
nach dem Schuss langsam erhoben habe und rausgegangen sei. Dann habe er
die Schreie von B._ gehört, die Hunde hätten ganz laut gebellt. Er habe dann
- 27 -
sofort den Notruf gewählt und K._ das Telefon gegeben wegen der Adresse.
Er habe panische Angst gehabt, nochmals festgenommen zu werden und habe
Ohrensausen gehabt und gezittert (S. 6 ff.). Weiter dazu befragt, ob er den
Schuss als solches, also die Bewegung der Waffe gesehen habe, erklärte dieser,
er habe die Waffe gesehen, sein Fokus sei aber erst mit dem Knall auf die Waffe
gefallen. A'._ habe mehrere Male nach Kokain gefragt, wenigstens eine Linie
gewünscht. Auf nochmalige Frage des Verteidigers betreffend den Ausruf
K._s: "mach keinen Scheiss", der selber angegeben habe, er habe nicht ge-
sehen, wie der Beschuldigte die Waffe gezogen habe, erklärte M._ noch-
mals, er könne sich nur erinnern, dass K._ dies gerufen habe, er sei unten
bei den Hunden gewesen, habe sich dann erhoben, abgedreht und dann habe er
das gehört, dann habe es einen Knall gegeben. Danach gefragt, ob er gesehen
habe, dass der Beschuldigte mit der Pistole auf den Geschädigten gezielt habe,
erklärte M._, er wisse, dass die Waffe in seine (B._) Richtung gezeigt
habe, von ihm (seiner Position) aus gesehen sei es aber nicht feststellbar gewe-
sen, ob er auf B._ direkt gezielt habe (S. 9 f.).
Aussagen weiterer Personen 3.4.
a) L._
aa) Der frühere Arbeitgeber des Beschuldigten, bei dem er als Security gearbeitet
hatte, erklärte am 18. Mai 2017 gegenüber der Polizei (Urk. 6/1), dass er am
15. Mai 2017 abends ca. um 23 Uhr einen Anruf vom Beschuldigten erhalten ha-
be, der durcheinander gesprochen habe. Der habe irgendetwas gesagt wie "ich
habe Scheisse gebaut". Er sei angegriffen worden und hätte sich verteidigen
müssen. Er habe "abgedrückt", er habe in die Wand geschossen und dass der
andere von Wandsplittern verletzt sein könnte. Er sei nicht sicher gewesen, ob
dies eine Phantasie gewesen sei, dass er zu viele Tabletten geschluckt habe, er
sei komplett neben den Schuhen gewesen (Urk. 6/1 S. 2 ff.). Die Pistole habe er
nicht dabei gehabt, er habe so eine Handbewegung gemacht, wie wenn er sie
fortgeworfen hätte. Die anderen seien auch bewaffnet gewesen, sie hätten die
Waffen auch gezogen, aber er sei schneller gewesen. Am Morgen habe der Vater
- 28 -
A'._ abgeholt, sie hätten gesagt, sie gingen zum Anwalt und dann zur Polizei
(Urk. 6/1 S. 4 ff.).
Auch hier ist zur von der Verteidigung erhobenen Rüge der Unverwertbarkeit auf-
grund Nichtgewährung des Teilnahmerechtes des Beschuldigten darauf hinzu-
weisen, dass diese nichts wesentlich Belastendes enthält, das sich nicht bereits
aus der späteren (anerkanntermassen verwertbaren) Einvernahme ergäbe (vgl.
nachfolgende Erwägung). Im Übrigen enthalten die Aussagen von L._ für
den Beschuldigten durchaus entlastende Momente (vgl. dazu insbesondere unten
E. III.3.6.b).
bb) Auch anlässlich der Einvernahme als Auskunftsperson vom 1. November
2017 bestätigte L._ in Anwesenheit des Beschuldigten, dieser habe ihm in
der Tatnacht telefoniert und gesagt, er habe Scheisse gebaut, ob er vorbei kom-
men könne (Urk. 6/21 S. 2 f.). Als er gekommen sei, sei er voll neben den Schu-
hen gewesen, komisch, verängstigt, weiss im Gesicht und er habe riesengrosse
Pupillen gehabt. Er habe gesagt, er sei in J._ gewesen und habe Personen-
schutz gemacht, da sei die Situation eskaliert. Die anderen hätten ihn angegriffen,
eine Waffe gezogen und er hätte sich verteidigen müssen, er habe in die Wand
geschossen. Klare Antworten darauf, wer ihn angegriffen habe, habe er nicht ge-
wusst. Sie hätten lange geredet, es sei ihm wichtig gewesen, dass dieser sich be-
ruhige. Der Beschuldigte habe Beruhigungsmittel von ihm verlangt und er habe
ihm zwei "Tramesta" gegeben. Im Hosensack habe dieser auch eine Schachtel
Medikamente gehabt (S. 4 f.).
b) T._
In der Einvernahme vom 1. November 2017 gab T._ als Auskunftsperson –
nachdem er am 4. Oktober 2017 schon einmal polizeilich als Beschuldigter be-
fragt worden war (vgl. dazu Urk. 6/16) – im Beisein des Beschuldigten sowie des-
sen Verteidigers sowie des unentgeltlichen Rechtsbeistands des Privatklägers zu
Protokoll, er habe den Privatkläger ca. eine halbe Stunde vorher mit einem ande-
ren Kollegen zur Wohnung an der I._-Strasse 1 gefahren. Dieser habe
Schulden bei K._ gehabt und mit Hundedienst abgearbeitet. A._, den er
- 29 -
als A'._ kenne, habe über eine Schusswaffe verfügt, die hätten sie alle schon
mal dort gesehen, ein paar Tage bevor das mit B._ passiert sei (Urk. 6/20 S.
2 ff.). Als er selbst einmal Hundedienst gehabt habe, sei A'._ gekommen und
habe etwas gewollt. Er habe ihm aber nichts gegeben, weil er nicht verkauft habe.
Da habe A'._ ihn dann etwas bedroht, er habe ihm den Föhn (gemeint
Schusswaffe) gezeigt und gesagt, er solle nicht mit ihm spielen, dabei habe er in-
direkt auf ihn gezielt, das heisse, er habe einfach die Waffe gezogen und dies ge-
sagt. Dann habe er die Waffe wieder eingesteckt in die Tasche seines Hoodie und
sei gegangen. Ein paar Tage später sei er nochmals kurz dort gewesen und habe
den Hundedienst an U._ abgegeben, A'._ habe Stress gemacht und
herum geschrien, wo K._ sei; dabei habe er die Waffe nur kurz gesehen,
A'._ sei mit der Hand immer im Pulli drin gewesen, er habe es dann gewusst,
weil es das letzte Mal auch so ausgesehen habe. Meist sei dieser ganz ruhig ge-
wesen, bei den Vorfällen habe er den Eindruck gehabt, dass dieser gar nicht er
selbst gewesen sei. Bei der Waffe habe es sich um eine Pistole gehandelt (a.a.O.
S. 5 ff., S. 9).
c) V._
aa) Die ebenfalls an der I._-Strasse 1 in J._/J._ wohnhafte
V._ meldete sich am 6. Juni 2017 bei der Polizei und überbrachte eine
Schusswaffe, die sie beim Heckenschneiden leicht versteckt gefunden hatte. Da-
mals hatte sie offenbar angegeben, die Waffe sei leicht versteckt unter den Stei-
nen gelegen (Urk. 1/7 S. 1). Der Fundort ist auf den Fotos im Anhang zum Rap-
port vom 7. Juni 2017 sowie aus den Fotos im Anhang zur Zeugeneinvernahme
ersichtlich (Urk. 1/7 Fotos im Anhang, Urk. 6/38).
bb) V._ gab als Zeugin am 8. Februar 2019 (Urk. 6/37) – in Beisein des Be-
schuldigten und seines Verteidigers – zu Protokoll, sie habe damals am 6. Juni
2017 die Studen etwas gestutzt, da habe sie den Revolver gesehen und gedacht,
sie dürfe ihn nicht anfassen und habe ein Tüchlein genommen. Es habe eine Ga-
rage neben dem Block und daneben habe es eine Hecke, die Waffe sei am Bo-
den neben dem Gebüsch gelegen, sie sei dann mit der Pistole auf die Gemeinde
in J._, da sei die Stadtpolizei. Später habe sie noch ein Paar Handschuhe
- 30 -
gefunden, es sei ein bisschen versteckt gewesen. Die Waffe sei verborgen im
Gebüsch unter dem Laub gewesen, schon versteckt. Man habe sie von aussen
nicht gesehen, sie habe sie dann beim Abschneiden der Staude gefunden. Der
Griff sei auf der Strassenseite und der Lauf weg von der Strasse gelegen. Die
Handschuhe seien oben im Gebüsch drin aufeinander gelegen, auch versteckt,
die seien reingetan worden, nicht bloss auf das Gebüsch geworfen (Urk. 6/37 S. 3
ff.).
Weitere Beweismittel 3.5.
a) Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin
aa) Gemäss dem Gutachten zu Haaranalysen des Beschuldigten vom 28. Juni
2017 wurden zwei Haarsegmente entsprechend ungefähr den Zeiträumen Mitte
Dezember 2016 bis Ende Februar 2017 und Ende Februar bis Mitte Mai 2017 un-
tersucht. Es konnten die Wirkstoffe Tramadol (enthalten in verschiedenen starken
Schmerzmitteln wie Tramal oder Zaldiar) und Methylpheniadat (in Präparaten wie
Concerta oder Ritalin zur Behandlung von ADHS enthalten oder als Aufputschmit-
tel missbraucht), Kokain und Amphetamin sowie die Designerdrogen MDMA und
MDA nachgewiesen werden.
Die Konzentrationen des Wirkstoffes Tramadol waren in beiden Zeiträumen im
oberen Bereich bekannter Vergleichswerte. Hingegen sprachen die entsprechen-
den Werte für einen deutlich verringerten durchschnittlichen Cocain-Konsum im
Zeitraum Ende Februar bis Mitte Mai 2017, der im Zeitraum Mitte Dezember 2016
bis Ende Februar 2017 noch sehr stark gewesen war. Ein Amphetaminkonsum
konnte für den Zeitraum Ende Februar bis Mitte Mai 2017 gar nicht nachgewiesen
werden. Ein nennenswerter MDMA und MDA Konsum konnte für den späteren
Zeitraum Ende Februar bis Mitte Mai 2017 ausgeschlossen werden, in der ersten
Phase dürfte es ein schwacher oder vereinzelter Konsum gewesen sein. Hinge-
gen war die Konzentration an Methylphenidat im ersten Zeitraum im obersten Be-
reich der bekannten Vergleichswerte, im zweiten Segment und somit in der Zeit-
phase Ende Februar bis Mitte Mai 2017 signifikant tiefer, was vereinbar sei mit ei-
- 31 -
nem deutlich reduzierten Methylphenidatkonsum als auch mit dem sogenannten
Auswuchsphänomen infolge eines Konsumabbruchs (Urk. 10/9).
Im Ergänzungsgutachten vom 2. August 2017 hielt der forensisch toxikologische
Gutachter fest, die im Haar eingelagerte Menge einer Substanz gebe nur Aus-
kunft über einen durchschnittlichen Konsum im entsprechenden Zeitintervall des
untersuchten Segments, bezogen auf den 15. Mai 2017 lasse sich dadurch weder
belegen noch ausschliessen, dass der Beschuldigte in den Tagen vor und nach
diesem Datum Kokain und Methylphenidat konsumiert habe (Urk. 10/11).
bb) Gemäss dem Protokoll der ärztlichen Untersuchung war der Beschuldigte
nach Einschätzung des untersuchenden Arztes am 16. Mai 2017 um 16 Uhr, mit-
hin ca. 18 Stunden nach der Schussabgabe, nicht beeinträchtigt (Urk. 10/12).
cc) Hingegen kommt der Gutachter des Pharmakologisch-Toxikologischen Gut-
achtens vom 2. August 2017 aufgrund der Analyseergebnisse in der Zusammen-
fassung am Anfang des Gutachtens zur Einschätzung, der Beschuldigte habe im
Zeitpunkt des Ereignisses deutlich unter der Wirkung von Cocain, Benzodiazepi-
nen, Zolpidem, Methylphenidat/Dexmethylpheniadat und Mirtazapin gestanden.
Eine zusätzliche Wirkung durch die nachgewiesene Einnahme/ Applikation der
Substanzen Citalopram/Escitalopram und Dihenhydramin habe nicht bewiesen
werden können (Urk. 10/14 S. 1). Bei der Aufschlüsselung nach einzelnen Stoffen
wurde bei Cocain eine Wirkung bejaht, bei den Benzodiazepinen wurde festgehal-
ten, dass die Konzentrationen im therapeutischen Bereich lägen. Für den Wirk-
stoff Zolpidem (Schlafmittel Stilnox und Zoldorm) wurde sodann bei einer Kon-
zentration im niedrig therapeutischen Bereich nur eine schwache Wirkung ange-
nommen sowie für die ermittelte Konzentration an Methylpheni-
dat/Dexmethylphenidat (Ritalin, Concerta etc.) angegeben, diese liege im thera-
peutischen Bereich (Urk. 10/14 S. 3 ff.).
b) Berichte und Gutachten des Forensischen Institutes Zürich
aa) Untersuchungsbericht vom 14. September 2017
- 32 -
Dem Untersuchungsbericht des Forensischen Instituts Zürich vom 14. September
2017 (Urk. 13/8) ist zu entnehmen, dass auf der an der I._-Strasse 1 aufge-
fundenen Pistole Walther PPK keine Finger- oder Handflächenabdruckspuren
sichtbar gemacht werden konnten. Hingegen liessen sich biologische Spuren fin-
den und teilweise auswerten. Die Auswertung der DNA-Spurenträger ab der Tat-
hülse ergab ein DNA-Mischprofil, zu dem mindestens vier Personen beigetragen
hatten: Der Beschuldigte konnte aufgrund seines DNA-Profils als anteiliger Spu-
rengeber nicht ausgeschlossen werden. Mit der Spur ab der Munition aus dem
Patronenlager konnte ein Mischprofil erstellt werden. Als Spurenverursacher
konnte der Beschuldigte identifiziert werden (Urk. 13/6 S. 4, Urk. 13/8 S. 6 f. und
Urk. 13/12; zum Einwand der Verteidigung betreffend fehlender schriftlicher Auf-
tragserteilung bezüglich Urk. 13/8 vgl. hiernach).
bb) Spurenbericht
Kurz nach dem Vorfall rückten Mitarbeiter des Forensischen Instituts Zürich
zwecks Spurensicherung zum Tatort aus. Darüber wurde unter anderem der Spu-
renbericht vom 18. Mai 2017 erstellt (Urk. 13/1), in welchem festgestellt wurde,
dass am Tatort keine Abprallspuren eines Projektils gefunden werden konnten.
Ob die im Spurenbericht enthaltene Aussage, dass es plausibel scheine, dass ein
Projektil vom eingesetzten Kaliber beim Durchdringen eines Oberarms und eines
Schädels so viel Energie verliere, dass es anschliessend keine sichtbaren Ab-
prallspuren auf einer Oberfläche hinterlasse (Urk. 13/1 S. 3), noch unter deskripti-
ve Tatsachenfeststellungen, oder bereits unter fachkundige Interpretation fällt, die
gemäss Verteidigung die formell korrekte Erstellung eines Gutachtens bedurft hät-
te (Urk. 119 S. 9), braucht nicht weiter untersucht zu werden, wurde doch gerade
über die Frage, ob der Privatkläger von einem Querschläger/Abpraller oder von
einem Direktschuss getroffen wurde, im Februar 2018 ohnehin ein Gutachten er-
stellt (dazu sogleich). Überdies bewirkt die von der Verteidigung gerügte Verlet-
zung von Ordnungsvorschriften (insbesondere schriftlicher Auftrag gem. Art. 184
Abs. 2 StPO) – wie dies die Verteidigung in ihrem Plädoyer unter Verweis auf
BGE 141 IV 423 E. 3.2 f. auch gleich selber anführt – ohnehin nicht die Unver-
wertbarkeit von Gutachten durch Sachverständige.
- 33 -
cc) Gutachten "Schusswaffentechnische Untersuchung"
Im Gutachten vom 13. Februar 2018 (Urk. 13/18) wurden die Untersuchungen
und Resultate im Zusammenhang mit den zu prüfenden Fragen einlässlich be-
schrieben. Da der Beschuldigte geltend gemacht hatte, der Schuss sei in die
Wand gegangen, wurde eine mögliche Abprallstelle an der Zimmertür (Spur Nr. 3)
sorgfältig untersucht und beurteilt. Mit überzeugender Begründung kamen die mit
der Ausarbeitung des Gutachtens betrauten Personen zum Schluss, die Spuren
würden ausserordentlich stark dafür sprechen, dass es sich bei Spur Nr. 3 nicht
um eine Abprallstelle handle. Sonst im Raum seien keine Hinweise für eine Ab-
prallstelle gefunden worden, jedoch auf der Innenseite des Augenhöhlenrandes
des Privatklägers. Dies sowie das übrige Spurenbild – insbesondere auch das
Verletzungsbild beim Privatkläger sowie die Deformation des Projektils – würden
gesamthaft ausserordentlich stark dafür sprechen, dass der Privatkläger an sei-
nem rechten Arm durch ein Projektil als Direkttreffer und nicht durch einen Quer-
schläger getroffen worden sei, welches anschliessend durch seinen Kopf hin-
durchgedrungen und an einem unbekannten Ort im Raum angeprallt und am
Fundort liegen geblieben sei (Urk. 13/18 S. 6 ff.,12 f.). Die Stellung des Opfers
könne so gewesen sein, wie im Gutachten rekonstruiert (vgl. Urk. 13/18 An-
hang 3); es würden aber auch leicht andere, abweichende Körperhaltungen
ebenso passen, sofern die (Wund-)Kanäle in Übereinstimmung gebracht werden
könnten. So seien verschiedene Biegungen und/oder Drehungen des Oberkör-
pers mit fixierter Relativposition Arm-Kopf für eine passende Schussposition mög-
lich (Urk. 13/18 S. 13). Ein Vergleich der Tatwaffe mit der Waffe, die auf einem
gelöschten Foto auf dem Handy des Beschuldigten vorgefunden worden war,
ergab sodann, dass die übereinstimmenden individuellen Spuren ausserordentlich
stark dafür sprechen, dass es sich um ein und dieselbe Waffe handelt (a.a.O.
S. 12).
Wenn die Verteidigung in ihrem Plädoyer rügt, das Gutachten vom 13. Februar
2018 sei durch Dr. W._ erstellt worden, wobei es Hinweise gebe, dass dieser
bereits bei der Erstellung des Spurenberichts vom 18. Mai 2017 mitgewirkt hätte
und entsprechend im Sinne von Art. 56 lit. b StPO vorbefasst gewesen sei
- 34 -
(Urk. 119 S. 10 f.), ist sie damit nicht zu hören: Zum einen gilt ein beigezogener
Sachverständiger nach einer ersten Äusserung als Experte mit Blick auf allfällige
weitere Expertisen in der gleichen Sache nicht bereits als unzulässig vorbefasst.
So steht gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung nichts entgegen, einen ge-
setzeskonform bestellten forensischen Experten über den gleichen Sachverhalt
mehrmals als Gutachter zu befragen bzw. auch für ergänzende oder vertiefende
Arbeiten als Sachverständigen beizuziehen, solange dieser sich im Rahmen des
ersten Bezugs oder "Vorberichts" nicht bereits in der Sache weitgehend festgelegt
hat (Urteil 1B_551/2019 vom 19. August 2020 E. 4.4.4). Zum andern ist vorlie-
gend festzuhalten, dass von einer massgeblichen Mitwirkung Dr. W._ am
früheren Spurenbericht ohnehin nicht auszugehen ist, wurde der Spurenbericht
doch gerade nicht von jenem, sondern vielmehr von AA._ und AB._ er-
stellt und unterzeichnet (Urk. 13/1 S. 1 und 6). Entsprechend ist in der von der
Verteidigung besonders hervorgehobenen Formulierung des Staatsanwalts im
Gutachtensauftrag, als dieser – an Dr. W._ gerichtet – auf "Ihren Spurenbe-
richt vom 18. Mai 2017" Bezug nahm (Urk. 13/11 S. 1; Urk. 119 S. 10 f.), auch
kein erheblicher Hinweis auf eine Mitwirkung Dr. W._s am Spurenbericht zu
erkennen. Vielmehr dürfte der Ursprung der vom Staatsanwalt gewählten Formu-
lierung mit der Funktion Dr. W._s als Fachbereichsleiter Kriminaltechnik zu-
sammenhängen und der Verweis auf den Spurenbericht als Bezugnahme auf ei-
nen von "seiner" Institution bzw. Fachabteilung erstellten Bericht zu verstehen
sein. Dafür spricht deutlich, dass die ursprüngliche Aufforderung zur "Ergänzung
des Spurenberichts" noch nicht an Dr. W._, sondern an das "Forensische
Institut Zürich" adressiert und gerichtet war und die Anrede sich an die Mitarbeiter
des FOR generell richtete (vgl. S. 13/9 S. 1, siehe Adresszeile sowie Anrede
"Sehr geehrte Damen und Herren – Ich beziehe mich auf Ihren Spurenbericht
vom 18. Mai 2017..."). Das Gutachten ist ohne Weiteres verwertbar.
Würdigung 3.6.
a) Der Beschuldigte stellt sich wie dargelegt auf den Standpunkt, er habe an je-
nem Abend plötzlich Angst und Paranoia bekommen, weshalb er die Waffe her-
vorgenommen und worauf sich versehentlich ein Schuss gelöst habe. Das Aus-
- 35 -
sageverhalten des Beschuldigten weist dabei verschiedene Auffälligkeiten auf:
Einerseits passte er teilweise seine Angaben den Erkenntnissen aus dem Unter-
suchungsverfahren an. So stritt er anfänglich vehement ab, überhaupt eine Waffe
zu besitzen. Dies war klar falsch, konnte doch festgestellt werden, dass der Be-
schuldigte die Tatwaffe schon seit einiger Zeit besass, da diese identisch war mit
einer von ihm mutmasslich an seinem Wohnort fotografierten Waffe. Und auch
betreffend das Tragen von Handschuhen ergab sich ein Widerspruch insofern, als
der Beschuldigte in der ersten Einvernahme in Abrede stellte, solche getragen zu
haben und später berichtete, er habe diese in der Wohnung K._ jeweils an-
gehabt, um keine Spuren zu hinterlassen für den Fall einer neuerlichen Haus-
durchsuchung durch die Polizei an diesem Drogenhandelsplatz. Ebenso wollte er
sich nach über einem Monat plötzlich doch erinnern (vgl. die Ausführungen des
früheren Verteidigers in Urk. 57 S. 11), die Pistole zufällig – ohne sich dessen
noch bewusst zu sein – in seiner Umhängetasche dabei gehabt zu haben, quasi
wie einen anderen Gegenstand des täglichen Bedarfs. Ferner gibt sich der Be-
schuldigte gänzlich unwissend in Bezug auf den Umgang mit Waffen bzw. insbe-
sondere der Tatwaffe. So gab er etwa an, er habe die Waffe nie "aufgemacht", er
wisse gar nicht, wie das gehe. Er habe diese nach der Übernahme an der
N._-Strasse nicht gross geprüft, in die Bauchtasche gelegt und vergessen
und nie rausgenommen vor dem Vorfall, er habe sie nicht geladen. In der vo-
rinstanzlichen Hauptverhandlung hielt er dafür, es könne sein, dass diese geladen
gewesen sei, als er sie übernommen habe (Prot. S. 21 f.). Die Darstellung des
Beschuldigten erscheint zum einen lebensfremd, wenn er behauptet, die Tatwaffe
über Wochen mit sich geführt zu haben, ohne sich nur im geringsten darum zu
kümmern, ob diese geladen und gesichert bzw. ungesichert und somit gefährlich
war. Auf der anderen Seite konnten die DNA-Spuren, die ab der Patrone im Pat-
ronenlager der Tatwaffe gewonnen wurden, dem Beschuldigten zugeordnet wer-
den. Somit steht fest, dass er die Pistole selbst geladen hatte. Er wusste somit
klar über den Ladezustand der Waffe Bescheid, was auch im Zusammenhang mit
der Erstellung des subjektiven Sachverhalts respektive der Prüfung des subjekti-
ven Tatbestandes bei der rechtlichen Würdigung von Bedeutung ist. Verschiede-
ne Personen (K._ und T._) schilderten sodann, dass der Beschuldigte
- 36 -
die Waffe schon früher drohend eingesetzt bzw. diese herumgezeigt und damit
geprahlt habe. Somit war der Beschuldigte keineswegs so ungeübt im Umgang
mit Waffen, wie er im Rahmen des vorliegenden Strafverfahrens vorgab. All dies
weckt bereits gewisse Zweifel an der Version des Beschuldigten, nach welcher er
nicht bewusst geschossen haben will, sondern sich beim ungeschickten Herum-
hantieren bzw. Hervornehmen der Waffe versehentlich ein Schuss in die Wand
gelöst habe. Hinzu kommen sodann noch die weiteren Feststellungen, mit wel-
chen die Version des "Schiessunfalls" des Beschuldigten zur reinen Schutzbe-
hauptung verkommt. So sagten sowohl K._ als auch M._ übereinstim-
mend aus, beobachtet zu haben, dass der Beschuldigte die Waffe in Richtung des
Privatklägers gehalten habe bzw. seinen Arm mit der Waffe in der Hand in dessen
Richtung gestreckt habe. Der Beschuldigte wurde sodann anlässlich der vo-
rinstanzlichen Hauptverhandlung vom Vorsitzenden aufgefordert, den Abzug der
Pistole zu betätigen. Dabei stellte sich heraus, dass bei nicht vorgespanntem Zu-
stand der Abzug ziemlich stark gezogen werden muss, bevor ein Schuss ausge-
löst wird. Der Vorsitzende stellte entsprechend fest, dass die Waffe nicht einfach
so losgehe (Prot. I S. 18). Auch dies spricht gegen eine versehentliche Schuss-
abgabe. Die vom Beschuldigten gemachte Aussage, der Schuss sei in die Wand
gegangen, konnte anhand der Spurensicherung sowie dem Gutachten zur Unter-
suchung möglicher Abprallspuren widerlegt werden. Im Einklang damit sprach
auch die Untersuchung der Schussverletzungen des Privatklägers dafür, dass es
sich um einen Direkttreffer und nicht um einen Abpraller gehandelt hatte. Eine un-
kontrollierte Schussabgabe, das heisst ein Unfallgeschehen, wie es der Beschul-
digte geltend macht, erscheint deshalb nahezu unmöglich. Schliesslich ist die
Version des Beschuldigten bis zu einem gewissen Grad auch in sich widersprüch-
lich, wenn er gegenüber den Strafbehörden angab, aus Angst und Panik zwecks
Selbstverteidigung zur Waffe gegriffen zu haben, er aber dann gerade nicht habe
schiessen wollen, sondern die Schussauslösung ein Unfall gewesen sein soll.
Insgesamt ist nach dem Gesagten die Aussage des Beschuldigten, wonach er die
Waffe weder auf jemanden gerichtet noch gezielt hatte und er auch nicht gewollt
abgedrückt habe, sondern der Schuss sich versehentlich beim Hervornehmen der
Waffe, von der er keine Ahnung gehabt habe, gelöst habe, als Schutzbehauptung
- 37 -
zu qualifizieren. Anhand der Gesamtheit des Beweisbildes hat vielmehr als erstellt
zu gelten, dass der Beschuldigte die Waffe auf bzw. in Richtung des Privatklägers
gerichtet und abgedrückt hatte, wobei der Schuss den Privatkläger im Sinne eines
Direkttreffers zunächst am rechten Arm und schliesslich am Kopf getroffen hatte.
b) Der Beschuldigte macht – wie gesehen – geltend, er sei derart stark unter dem
Einfluss von Drogen und Medikamenten gestanden, dass er aufgrund der ent-
standenen Unruhe bei der Heimkehr von K._ in Angst und Panik bzw. Para-
noia geraten sei und deshalb zur Waffe gegriffen habe. An Details konnte oder
wollte sich der Beschuldigte nicht mehr erinnern, gab aber wiederholt an, er sei
stark verladen bzw. "so drauf" gewesen.
Wie oben ausgeführt stand der Beschuldigte gemäss dem Pharmakologisch-
Toxikologischen Gutachten vom 2. August 2017 im Zeitpunkt des Ereignisses
deutlich unter der Wirkung von Cocain, Benzodiazepinen, Zolpidem, Methylpheni-
dat/Dexmethylpheniadat und Mirtazapin, dies jedoch vorbehältlich eines Nach-
konsums. Der Beschuldigte gab in der ersten Einvernahme selber an, er habe
nach der Tat zuhause Tabletten geholt (Urk. 3/1 S. 9 f.). Weiter bestätigte
L._, dass der Beschuldigte Tabletten dabei hatte und ersterer gab diesem of-
fenbar zwei Temesta, weil er so aufgeregt war (Urk. 6/9 S. 5 und Urk. 6/21 S. 4).
Ein gewisser Nachkonsum ist deshalb sehr wahrscheinlich. Wie bereits die Vo-
rinstanz ausführte (Urk. 82 S. 12), war der Beschuldigte aufgrund seines bis we-
nige Monate vor der Tat (vgl. das Resultat betreffend 2. Segment entsprechend
dem Zeitraum von zweieinhalb Monaten bis Ende Februar 2017) sehr starken
Konsums von Kokain, Benzodiazepinen etc. die Einnahme sehr hoher Dosen ge-
wohnt und kannte den Effekt bei Mischkonsum von verschiedenen Substanzen.
Dafür spricht auch, dass der Beschuldigte wegen starken Entzugserscheinungen
vom Untersuchungsgefängnis vorübergehend ins Berner Inselspital zur Behand-
lung verlegt werden musste. Andererseits wies die Vorinstanz aber auch zurecht
darauf hin, dass der Beschuldigte offenbar im Durchschnitt in den letzten zweiein-
halb Monaten deutlich weniger konsumiert hatte als in den Monaten davor. Fest-
zuhalten ist allerdings nochmals, dass diese aus der Haaranalyse gewonnenen
Erkenntnisse über diese Analyse des Drogenkonsums des Beschuldigten in ei-
- 38 -
nem mehrmonatigen Zeitraum vor der Tat wie dargelegt kein verlässliches Mittel
darstellen, um den Grad der Intoxikation oder das Ausmass seines Rauschzu-
standes bzw. seiner tatsächlichen Beeinträchtigung zum Tatzeitpunkt festzustel-
len. Insgesamt ist zugunsten des Beschuldigten deshalb davon auszugehen, dass
er im Tatzeitpunkt deutlich unter dem Einfluss von Kokain sowie der Wirkstoffe
Benzodiazepin und Methylphenidat/Dexmethylphenidat stand.
Zwar wies bereits die Vorinstanz auf verschiedene Elemente hin, welche gegen
die Version des Beschuldigten sprechen, wonach plötzlich aufkommende pani-
sche bzw. paranoide Einbildungen, ausgelöst durch den übermässigen Mischkon-
sum von Drogen und Medikamenten, ihn dazu bewegt hätten, die Pistole zu be-
händigen. So wies sie etwa auf sein auffälliges selektives Erinnerungsvermögen
hin (Urk. 82 S. 11 Ziff. 2.3.1 und 2.3.2.): Demnach war der Beschuldigte in der
Lage, erstaunlich genaue und bis in Kleinigkeiten gehende Angaben zu machen,
was vor und nach der Schussabgabe geschah. So konnte er seinen Tagesverlauf
(u.a. Telefonate mit SVA, wo und was im Restaurant getrunken und gegessen)
detailliert beschreiben sowie genaue Auskünfte zu seinem Drogen- und Medika-
mentenkonsum erteilen. Ferner konnte er auch seinen Fluchtweg nach der Tat,
inklusive Ort und Umstände des Versteckens der Pistole sowie das Wegwerfens
der Handschuhe, relativ genau angeben. Schliesslich ist dem erstinstanzlichen
Gericht grundsätzlich auch darin beizupflichten, dass von den im Tatzeitpunkt
unmittelbar mit dem Beschuldigten in Kontakt stehenden Personen – allerdings
mit Ausnahme von L._ (dazu sogleich) – nicht über ein speziell auffälliges
Verhalten bzw. über eine erkennbar starke Beeinträchtigung berichtet worden war
(Urk. 82 S. 12 Ziff. 2.3.4.). Mit der Vorinstanz bestehen also gewichtige Hinweise
darauf, dass die Schussabgabe des Beschuldigten nicht primär durch seinen into-
xikierten Zustand bedingt war. Nichtsdestotrotz kann nicht ausser Acht gelassen
werden, dass auch gewisse Aspekte der Abläufe kurz vor und auch nach der
Schussabgabe gerade für die Version des Beschuldigten sprechen: Zu nennen ist
etwa das – soweit erstellbar – gänzlich fehlende Motiv des Beschuldigten für eine
derartige Tat bzw. der fehlende äussere Anlass, der sein Handeln als absolut irra-
tional erscheinen lässt. So gaben alle Anwesenden übereinstimmend an, dass es
keinen Streit mit dem Beschuldigten gegeben habe. Wenngleich vereinzelte
- 39 -
Äusserungen dahin gingen, dass der Beschuldigte etwas "hässig" gewirkt habe,
waren sich alle darüber einig, dass die Schussabgabe absolut überraschend bzw.
völlig aus dem Nichts heraus erfolgte. Es ist tatsächlich nicht ersichtlich, wieso der
Beschuldigte eine solche Tat ohne Not und ohne ersichtlichen Anlass vor den Au-
gen mehrerer Zeugen begehen würde. Auch bei den vereinzelt geäusserten Er-
klärungsversuchen der Befragten, wonach ein mögliches Motiv gewesen sein
könnte, dass der Privatkläger dem Beschuldigten kein kostenloses Kokain habe
abgeben wollen, wäre nicht erklärbar, weshalb der Beschuldigte diesfalls mit dem
Einsatz der Schusswaffe bis zum Eintreffen von K._ (und damit eines weite-
ren Zeugen) gewartet hätte, obwohl er sich zuvor mit dem späteren Opfer bereits
seit längerem im gleichen Raum aufgehalten hatte. Und schliesslich gibt es im-
merhin auch noch einen Zeugen – L._ – welchem sich der Beschuldigte kurz
nach der Tat anvertraut hatte und diesem erzählt habe, dass er "Scheisse" gebaut
und abgedrückt habe, dies aber weil er angegriffen worden sei und sich habe ver-
teidigen müssen. Gemäss L._ sei der Zustand des Beschuldigten völlig ver-
wirrt, durcheinander, komplett neben den Schuhen und von irrationalen Reaktio-
nen (plötzliches Lachen) begleitet gewesen. Er sei sich teilweise nicht sicher ge-
wesen, ob der Beschuldigte phantasiere oder von tatsächlichen Ereignissen be-
richtete (Urk. 6/9 S. 2 f.).
Schliesslich wird im psychiatrischen Gutachten vom 12. Februar 2018 sodann ei-
ne durch den vom Beschuldigten konsumierten Substanzcocktail ausgelöste
Mischintoxikation mit psychotischen Symptomen, welche mit derartigen Wahnvor-
stellungen, wie sie der Beschuldigte schilderte, einhergehen kann, zumindest
nicht ausgeschlossen (Urk. 12/15 S. 80). Fakt ist immerhin, dass der Zeitpunkt,
welchen der Beschuldigte später dahingehend beschrieb, dass er plötzlich viele
Leute gesehen hatte und deshalb Angst und Panik bekommen habe, mit jenem
äusseren Geschehen einhergeht, als durch das Eintreffen von K._, welcher
stürmisch von seinen beiden Hunden begrüsst wurde, tatsächlich einigermassen
plötzlich eine gewisse Dynamik bzw. Aufregung im kleinen Raum aufgekommen
sein dürfte, in welchem sich die vier Personen sowie die zwei Hunde K._s
befanden. Und soweit der Gutachter dafür hält, dass gerade das Verhalten des
Beschuldigten unmittelbar nach der Tat – insbesondere das Tragen von Hand-
- 40 -
schuhen am Tatort bzw. zur Schussabgabe sowie die noch vorhandene Fähigkeit,
zu flüchten und Waffe und Handschuhe zu beseitigen – eher gegen die Version
des Beschuldigten sprechen würde, ist dem entgegenzuhalten, dass gerade auch
die vermeintlich überlegte Beseitigung der Tatmittel wiederum gewisse irrationale
Momente beinhalteten. So spricht einerseits die unmittelbare Nähe zum Tatort, in
welcher der Beschuldigte die Tatwaffe beseitigt hatte, und andererseits der Um-
stand, dass er die Handschuhe, welche zwangsläufig mit seinen Spuren (insbe-
sondere DNA) bzw. allenfalls auch mit Schmauchspuren von der Schussabgabe
kontaminiert gewesen sein mussten, am selben Ort wie die Tatwaffe deponiert
hatte.
Nach dem Gesagten ergeben sich anhand verschiedener Beweismittel zwar
durchaus Zweifel an der Version des Beschuldigten, wonach er aufgrund einer
plötzlich auftretenden intoxikationsbedingten paranoiden bzw. panischen Hand-
lung zur Waffe griff und einen Schuss auf den Privatkläger abgab. Bei einer Ge-
samtwürdigung der Beweislage lässt sich diese mit Blick auf die Frage nach einer
allfälligen Einschränkung seiner Schuldfähigkeit für ihn teilweise entlastende
Sachverhaltsvariante aber vernünftigerweise nicht ausschliessen, sodass – dem
Grundsatz in dubio pro reo folgend – von dieser für den Beschuldigten günstige-
ren Sachverhaltsvariante ausgegangen werden muss.
c) Zusammengefasst ist erstellt, dass der Beschuldigte die Waffe auf den Privat-
kläger gerichtet und abgedrückt hat. Insoweit erweist sich der Sachverhalt im Sin-
ne der Anklageschrift als rechtsgenügend erstellt. Im Übrigen ist allerdings in du-
bio pro reo davon auszugehen, dass der Beschuldigte aufgrund der erheblichen
Intoxikation zum Tatzeitpunkt aus einer plötzlich auftretenden paranoiden bzw.
panischen Reaktion heraus unvermittelt einen Schuss auf den Privatkläger abge-
geben hatte.
4. Subjektiver oder innerer Sachverhalt
In subjektiver Hinsicht wird dem Beschuldigten zunächst direkter Vorsatz vorge-
worfen und eventualiter, dass er dem Privatkläger eine schwere Körperverletzung
habe beibringen wollen und dabei den Eintritt des Todes in Kauf genommen habe
- 41 -
(vgl. oben Ziffer III.A.1.2). In der Untersuchung sowie vor Vorinstanz und auch an-
lässlich der Berufungsverhandlung gab der Beschuldigte an, er habe den Privat-
kläger nicht verletzen wollen, hätte er jemand umbringen wollen, hätte er in den
Kopf geschossen oder einen zweiten oder dritten Schuss abgegeben (Urk. 82
S. 14 mit Verweisen, Prot. I S. 23). Der Beschuldigte bestreitet damit den subjek-
tiven Sachverhalt. Auf diesen ist im Rahmen der rechtlichen Würdigung näher
einzugehen (vgl. hiernach Ziffer IV.A.3.).
B. Anklagepunkt Vergehen gegen das Waffengesetz
Die Vorinstanz erachtete bei diesem Anklagvorwurf unter Hinweis auf das Ankla-
geprinzip nur eine einfache Begehung in der Anklageschrift als genügend um-
schrieben (Urk. 82 S. 16). Der Beschuldigte zeigte sich geständig, die Tatwaffe
am 15. Mai 2017 auf sich getragen und über keine gültige amtliche Tragebewilli-
gung verfügt zu haben (Prot. I S. 26 f.; Berufungsanträge Beschuldigter Ziffer 2).
Damit ist das einmalige Waffentragen ohne Bewilligung am 15. Mai 2017 erstellt.
C. Anklagepunkt mehrfache Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes
Der Beschuldigte war diesbezüglich in der Untersuchung und vor Vorinstanz ge-
ständig (Urk. 82 S. 17 mit Verweisen). Auch anlässlich der Berufungsverhandlung
ergab sich in Anbetracht der Anträge des Beschuldigen, in welchen dieser selber
eine Verurteilung wegen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes verlangt,
nichts anderes. Der Sachverhalt ist entsprechend so, wie in der Anklage be-
schrieben, als erstellt zu erachten.
IV. Rechtliche Würdigung
A. Versuchte vorsätzliche Tötung
1. Vorbemerkung
Die Vorinstanz führte aus, dass vorliegend aufgrund des erstellten Sachverhalts
die besonderen Voraussetzungen weder des privilegierten Spezialtatbestandes
des Art. 113 StGB (Totschlag) noch die qualifizierte Norm von Art. 112 StGB
(Mord) erfüllt sind (Urk. 82 S. 17 f.). Dem ist beizupflichten, selbst wenn wie dar-
- 42 -
gelegt zu Gunsten des Beschuldigten davon ausgegangen werden muss, dass er
aus einer intoxikationsbedingten panischen Reaktion heraus auf den Privatkläger
geschossen hatte, ändert dies doch nichts daran, dass er ohne jeglichen äusse-
ren Anlass wie Streit oder Kränkung und damit bei objektiver Bewertung aus der
Warte eines Durchschnittsmenschen der Rechtsgemeinschaft und nach den zum
Tatzeitpunkt vorliegenden äusseren Umständen in keiner Weise nachvollziehbar
oder entschuldbar agierte. In Frage kommt somit nur das Grunddelikt der vorsätz-
lichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB, welche die vorsätzliche Verursachung
des Todes eines Menschen voraussetzt, wobei Eventualvorsatz genügt.
2. Objektiver Tatbestand
Nachdem der Privatkläger den Angriff schwer verletzt überlebte, der tatbe-2.1.
standsmässige Erfolg der Tötungsdelikte gemäss Art. 111 StGB mithin ausblieb,
kommt von vornherein nur eine versuchte vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB in Betracht, was nachfolgend
zu prüfen ist. Auf die entsprechenden Ausführungen der Vorinstanz betreffend
den objektiven Tatbestand kann zur Vermeidung von Wiederholungen vorab voll-
umfänglich verwiesen werden (Urk. 82 S. 19; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die dem Be-
schuldigten zur Last gelegten Verletzungen des Privatklägers erfüllen sodann den
objektiven Tatbestand der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122
StGB. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes besteht zwischen einer
versuchten vorsätzlichen Tötung und der damit einhergehenden, durch dieselbe
Handlung verursachten (einfachen oder schweren) Körperverletzung unechte
Konkurrenz (MATHYS, Leitfaden Strafzumessung, 2. Aufl. 2019, S. 50 Rz. 123 mit
Verweis auf BGE 137 IV 113).
Der Vorinstanz ist insbesondere darin beizupflichten, dass der Privatkläger 2.2.
durch die Schussabgabe in Richtung des Kopfes oder des Oberkörpers ohne wei-
teres hätte getötet werden können. So ist es dem Zufall zuzuschreiben und auf
die rasche medizinische Hilfe zurückzuführen, dass der Privatkläger keine tödli-
chen Verletzungen erlitt. Das sich durch den Oberarm und Kopf bohrende Projek-
til war geeignet, schwerste Verletzungen zum Beispiel am Hirn oder Blutgefässen
zu verursachen, was ohne weiteres hätte zum Tod führen können (Urk. 82 S. 19).
- 43 -
Mit Ausnahme des letztlich glücklicherweise ausgebliebenen tatbestands-2.3.
mässigen Erfolges hat der Beschuldige durch sein Handeln den objektiven Tatbe-
stand von Art. 111 StGB somit erfüllt, wobei wie gesehen eine versuchte Tatbe-
gehung gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB vorliegt.
3. Subjektiver Tatbestand
Die Vorinstanz begründete nachvollziehbar, weshalb vorliegend kein direk-3.1.
ter Vorsatz anzunehmen ist (Urk. 82 S. 19 f. Ziff. 1.3.2.). Die Staatsanwaltschaft
argumentiert in ihrer Anschlussberufungserklärung, es könne der Vorinstanz nicht
gefolgt werden, wenn sie festhalte, es gäbe keinerlei Anhaltspunkte für eine Pla-
nung der Tat oder eine eindeutige Tötungsabsicht. Es sei davon auszugehen,
dass der Beschuldigte in sitzender Position die mitgeführte, geladene Waffe ge-
zückt, gegen B._ gezielt und einen Schuss in dessen Richtung abgegeben.
Daraufhin habe er die Wohnung ruhig wirkend verlassen. Von der äussern Hand-
lung her sei auf einen direkten Tötungsvorsatz ersten Grades und nicht bloss auf
Eventualvorsatz zu erkennen (Urk. 98 S. 2; Urk. 118 S. 3). Dass es sich entgegen
den Behauptungen des Beschuldigten nicht um einen Unfall bzw. eine nur verse-
hentliche Schussabgabe gehandelt hatte, wurde bereits erstellt (oben E. III.3.6.a).
Eine fahrlässige Tatbegehung scheidet – wie bereits die Vor-instanz zutreffend
festhielt (Urk. 82 S. 19 f. Ziff. 1.3.3.) – mithin aus. Erstellt werden konnte entspre-
chend, dass der Beschuldigte die Waffe auf bzw. zumindest in Richtung des Pri-
vatklägers richtete und abdrückte. Nachdem keine Hinweise auf eine vorherge-
hende Planung der Tat vorliegen und sodann die genauen Absichten des Be-
schuldigten hinsichtlich seines Handelns in dieser Situation nicht restlos geklärt
werde können, kann zugunsten des Beschuldigten nicht davon ausgegangen
werden, dass er den Privatkläger gezielt töten wollte bzw. dass die Tötung des
Privatklägers sein direktes Handlungsziel darstellte. Entsprechend ist in dubio pro
reo nicht auf einen direkten Tötungsvorsatz zu schliessen. Es ist deshalb nachfol-
gend zu prüfen, ob Eventualvorsatz zu bejahen ist.
Die Vorinstanz hat die bundesgerichtliche Rechtsprechung zum Eventual-3.2.
vorsatz aufgezeigt (Urk. 82 S. 20 f. Ziff. 1.3.4. und 1.3.7), darauf kann vorab ver-
wiesen werden. Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichts ist
- 44 -
Eventualvorsatz gegeben, wenn der Täter den Eintritt des Erfolgs beziehungswei-
se die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil er
den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er
ihm auch unerwünscht sein (Urteil des Bundesgerichts vom 15. Februar 2013,
6B_655/2012 E. 3.4.1 mit Verweisen u.a. auf BGE 138 V 74 E. 8.4.1). Für den
Nachweis des Vorsatzes kann sich das Gericht – soweit der Täter nicht geständig
ist – regelmässig nur auf äusserlich feststellbare Indizien und auf Erfahrungsre-
geln stützen, die ihm Rückschlüsse von den äusseren Umständen auf die innere
Einstellung des Täters erlauben. Zu den äusseren Umständen, aus denen der
Schluss gezogen werden kann, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in
Kauf genommen, zählt auch die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der
Tatbestandsverwirklichung und die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung. Je
grösser dieses Risiko ist und je schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, des-
to eher darf gefolgert werden, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in
Kauf genommen (BGE 135 IV 12 E. 2.3.2 und BGE 134 IV 26 E. 3.2.2 mit Hinwei-
sen). Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn
sich dem Täter der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängt, dass die
Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme
des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE137 IV 1 E. 4.2.3; BGE 133 IV 222
E. 5.3; je mit Hinweisen). Eventualvorsatz kann indessen auch vorliegen, wenn
der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs nicht in diesem Sinne sehr wahr-
scheinlich, sondern bloss möglich war. Doch darf nicht allein aus dem Wissen des
Täters um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlos-
sen werden. Vielmehr müssen weitere Umstände hinzukommen (BGE 133 IV 9 E.
4.1 mit Hinweisen). Solche Umstände liegen namentlich vor, wenn der Täter das
ihm bekannte Risiko nicht kalkulieren und dosieren kann und das Opfer keine
Abwehrchancen hat (BGE 133 IV 1 E. 4.5 mit Hinweisen, Urteil des Bundesge-
richts 6B_132/2015 vom 21. April 2015 E. 2.2.2).
Wie die Vorinstanz zutreffend ausführte, ist die "Wissenskomponente" oh-3.3.
ne weiteres erfüllt, nachdem allgemein bekannt ist und auch im Gutachten des
IRM nochmals ausdrücklich festgehalten wurde, dass eine Schussabgabe auf ei-
nen Menschen prinzipiell tödlich sein kann (Urk. 82 S. 20 F. Ziff. 1.3.5). Dies ist
- 45 -
namentlich dann zu bejahen, wenn der Schuss auf den Oberkörper und Kopf ab-
gefeuert wird: So stellt es Allgemeinwissen dar und bedarf keiner besonderen
kognitiven Fähigkeiten oder medizinischer Vorkenntnisse, dass sich in Brust und
Bauch eines Menschen lebenswichtige Strukturen (Organe und Blutgefässe) be-
finden. Ebenso darf die Eignung eines Projektils zur Verursachung lebensgefähr-
licher Verletzungen und dadurch den Tod zu bewirken, als allgemein bekannt vo-
rausgesetzt werden. Weiter befinden sich auch im Hals lebenswichtige Strukturen
wie Blutgefässe und die Luftröhre, deren Verletzung mit einer Schusswaffe geeig-
net ist, lebensgefährliche Folgen und damit den Tod zu verursachen. Erst recht
muss dies für den Kopf gelten, wo sich das Hirn, gleichsam das Lebenszentrum,
und wichtige Gefässe befinden. Auch dies stellt Allgemeinwissen dar und ist dem
Beschuldigten anzurechnen.
Es kann sodann zur "Willenskomponente" zunächst wiederum auf die zutreffen-
den Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 82 S. 19 ff. Ziff. 1.3.8.
und 1.3.9.): Zusammengefasst ist nochmals daran zu erinnern, dass der Beschul-
digte die Waffe schon bei früheren Gelegenheiten mit sich geführt und auch Drit-
ten gezeigt hatte, er mithin in der Tatnacht nicht das erste Mal mit einer Pistole
hantierte. Weiter wusste er um den Ladezustand der Pistole und richtete diese
gegen den Privatkläger (vgl. oben E. III.3.6.a). Nachdem von einer versehentliche
Schussauslösung wie dargelegt nicht auszugehen ist, muss auf ein willentliches
Betätigen des Abzugs geschlossen werden. Wer eine geladene Pistole in Rich-
tung eines Menschen hält, der sich in kurzer Entfernung befindet, und den Abzug
zieht, nimmt fraglos in Kauf diesen tödlich zu verletzen. Der Eventualvorsatz ist
somit erstellt.
4. Fazit
Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass keine Rechtfertigungsgründe er-4.1.
sichtlich sind, namentlich liegen keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, dass der Be-
schuldigte unmittelbar vor der Schussabgabe tatsächlich in irgend einer Form an-
gegriffen worden wäre und er sich hätte verteidigen müssen. Wie dargelegt sind
aufgrund der Aussagen der dannzumal anwesenden Personen (B._,
K._ und M._) keine äusseren Umstände ersichtlich, die objektiv Anlass
- 46 -
zu einer vermeintlichen Bedrohung gegeben hätten. Das nachmalige Opfer sass
am Pult und drehte sich einen Joint und erhob sich, als K._ zurück kam und
seine Hunde mit Küsschen begrüsste; der Privatkläger war dabei seinen Joint an-
zuzünden. M._ sass auf dem Sofa. Es lag somit keine vermeintliche Bedro-
hungssituation vor.
Weiter war die Einsichtsfähigkeit erhalten und – auch dann, wenn wie vor-4.2.
liegend zu Gunsten des Beschuldigten von einer panischen Reaktion aufgrund ei-
ner hochgradigen Intoxikation auszugehen ist – die Steuerungsfähigkeit zwar
massiv eingeschränkt, aber nicht aufgehoben. Damit ist die Schuldfähigkeit des
Beschuldigten gemäss dem psychiatrischen Gutachten zu bejahen (Urk. 12/15
S. 80 f. sowie S. 85 f.).
Demzufolge ist der Beschuldigte der (eventual-)vorsätzlichen versuchten 4.3.
Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schul-
dig zu sprechen.
B. Weitere Delikte
1. Vergehen gegen das Waffengesetz
In der Anklageschrift wurde dem Beschuldigten mehrfaches Vergehen gegen das
Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG vorgeworfen. Wie bereits er-
wähnt, erachtete die Vorinstanz nur eine einfache Begehung in der Anklageschrift
als genügend umschrieben. Gemäss den Ausführungen zum Sachverhalt ist er-
wiesen, dass der Beschuldigte am 15. Mai 2017 die Schusswaffe "Walther PPK",
Kaliber 7.65 mm Browning, ohne die dafür notwendige Bewilligung mit sich getra-
gen hat. In Bestätigung des vorinstanzlichen Schuldspruchs ist der Beschuldigte
demzufolge wegen Vergehens gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33
Abs. 1 lit. a WG schuldig zu sprechen.
2. Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
Gemäss den Erwägungen zum Sachverhalt ist erstellt, dass der Beschuldigte im
Zeitraum zwischen Sommer 2016 und 15. Mai 2017 regelmässig Kokain, Amphe-
- 47 -
tamine, MDMA und Morphium konsumierte. Das Verhalten des Beschuldigten
wurde durch die Vorinstanz als mehrfache Übertretung gegen das Betäubungs-
mittelgesetz im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG gewürdigt (Urk. 82 S. 24). Auch
dieser Schulspruch ist zu bestätigen mit der Präzisierung, dass die Verurteilung
unter Berücksichtigung der verjährungsrechtlichen Bestimmungen den Konsum
ab 10. Juli 2016 und nicht ab 10. Juni 2016 betrifft (3 Jahre vor Urteilsfällung
durch das erstinstanzliche Gericht).
V. Strafzumessung
1. Strafrahmen
1.1. Vorsätzliche Tötung wird mit Freiheitsstrafe von 5 bis 20 Jahren bestraft
(Art. 111 StGB i.V.m. Art. 40 StGB).
1.2. Die tat- und täterangemessene Strafe für eine einzelne Tat ist grundsätz-
lich innerhalb des ordentlichen Strafrahmens festzusetzen. Der vom Gesetzgeber
vorgegebene ordentliche Rahmen ermöglicht in aller Regel, für eine einzelne Tat
die angemessene Strafe festzulegen. Er versetzt den Richter namentlich in die
Lage, die denkbaren Abstufungen des Verschuldens zu berücksichtigen. Dieser
ist nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die für die
betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart bzw. zu milde er-
scheint. Die Frage einer Unterschreitung des ordentlichen Strafrahmens kann sich
stellen, wenn verschuldens- bzw. strafreduzierende Faktoren zusammentreffen,
die einen objektiv an sich leichten Tatvorwurf weiter relativieren, so dass eine
Strafe innerhalb des ordentlichen Rahmens dem Rechtsempfinden widerspräche.
Die verminderte Schuldfähigkeit allein führt deshalb grundsätzlich nicht dazu, den
ordentlichen Strafrahmen zu unterschreiten. Dazu bedarf es weiterer, ins Gewicht
fallender Umstände, die das Verschulden als besonders leicht erscheinen lassen
(BGE 136 IV 55 E. 5.8). Da vorliegend – wie die Vorinstanz ebenfalls zutreffend
erwogen hat (Urk. 82 S. 24) – keine weiteren solchen Umstände erkennbar sind,
bleibt es beim vorgenannten Strafrahmen von 5 bis 20 Jahren Freiheitsstrafe.
- 48 -
2. Gesamtstrafe
2.1. Hat der Täter durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen
für mehrere gleichartige Strafen erfüllt, so verurteilt ihn das Gericht zu der Strafe
der schwersten Straftat und erhöht sie angemessen.
2.2. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist die Bildung einer Ge-
samtstrafe in Anwendung des Asperationsprinzips nach Art. 49 Abs. 1 StGB nur
möglich, wenn das Gericht im konkreten Fall für jeden einzelnen Normverstoss
gleichartige Strafen ausfällt (sog. "konkrete Methode"). Dass die anzuwendenden
Strafbestimmungen abstrakt gleichartige Strafen androhen, genügt nicht. Geld-
strafe und Freiheitsstrafe sind keine gleichartigen Strafen im Sinne von Art. 49
Abs. 1 StGB (Urteil 6B_1031/2019 vom 1. September 2020 E. 2.4.2.; BGE 144 IV
313 E. 1.1.1; BGE 142 IV 265 E. 2.3.2; 138 IV 120 E. 5.2 S. 122; 137 IV 57 E.
4.3.1 S. 58). Der Vorinstanz ist beizupflichten, wenn sie sinngemäss ausführt,
dass für den Verstoss gegen das Waffengesetz für sich alleine gesehen auch die
Ausfällung einer Geldstrafe als angemessene Strafe in Frage käme (Urk. 82 S.
25). Nachdem aber vorliegend dieses Nebendelikt in engem Zusammenhang mit
dem Hauptdelikt der vorsätzlichen Tötung steht, rechtfertigt sich ebenfalls das
Aussprechen einer Freiheitsstrafe. Indessen wird bei der Strafzumessung zu be-
rücksichtigen sein, dass gemäss dem Erkenntnis der Vorinstanz nur ein einmali-
ger Vorfall zu bestrafen ist.
2.3. Für die Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz ist zwingend eine
Busse bis zu Fr. 10'000.– auszusprechen (Art. 106 Abs. 1 StGB), wie auch die
Vorinstanz festgehalten hat (Urk. 82 S. 25).
3. Strafzumessungskriterien
3.1. Gemäss Art. 50 StGB hat das Gericht die für die Zumessung der Strafe er-
heblichen Umstände und deren Gewichtung festzuhalten. Es hat seine Überle-
gungen in den Grundzügen wiederzugeben, sodass die Strafzumessung nach-
vollziehbar ist (BGE 144 IV 313 E. 1.2 S. 319; 142 IV 365 E. 2.4.3 S. 270 f.; 136
IV 55 E. 5.5 S. 59 ff.; je mit Hinweisen).
- 49 -
Die Vorinstanz hat die Kriterien der Strafzumessung zutreffend aufgezeigt
(Urk. 82 S. 25 f.). Darauf und auf die aktuelle Rechtsprechung des Bundesge-
richts zur Strafzumessung (Urteile des Bundesgerichts 6B_1038/2017 vom
31. Juli 2018 und 6B_619/2019 vom 11. März 2020 E. 3.3.; BGE 136 IV 55, E. 5.4
ff.; 135 IV 130, E. 5.3.1; 132 IV 102, E. 8.1; je mit Hinweisen) kann verwiesen
werden. Richtig wurde festgehalten, dass zwischen der Tat- und Täterkomponen-
te sowie der objektiven und subjektiven Tatschwere zu unterscheiden ist. Bei der
Tatkomponente ist als Ausgangspunkt die objektive Schwere des Delikts festzu-
legen. Dabei ist anhand des Ausmasses des Erfolgs sowie aufgrund der Art und
Weise des Vorgehens zu beurteilen, wie stark das strafrechtlich geschützte
Rechtsgut beeinträchtigt wurde. Ebenfalls von Bedeutung ist die kriminelle Ener-
gie, wie sie durch die Tat und die Tatausführung offenbart wird (Urteil des Ober-
gerichts Zürich SE090044 vom 7. April 2010 E. 3.1.1.). Die Täterkomponente
kann für alle Delikte gesamthaft gewürdigt werden (Urteil des Bundesgerichts
6B_865/2009 vom 25. März 2010 E. 1.6.1.).
4. Tatkomponente versuchte vorsätzliche Tötung
4.1. Objektive Tatschwere
a) Die Vorinstanz führte aus, der Beschuldigte habe sich mit der versuchten Tö-
tung zum Nachteil des Privatklägers eines der schwersten Delikte des Strafrechts
schuldig gemacht, in dem er mit einer Pistole auf diesen geschossen habe. Au-
genscheinlich seien im Spektrum aller möglichen tatbeständlichen Handlungen
brutalere Vorgehensweisen denkbar. Es sei jedoch zu berücksichtigen, dass
durch den Einsatz einer Schusswaffe die Chance, eine Tötung herbei zu führen,
als hoch bis sehr hoch eingeschätzt werden müsse. Dem kann beigepflichtet wer-
den. Die Schussabgabe kam sodann ohne Vorwarnung für das Opfer und ohne
dass der Privatkläger einen nachvollziehbaren Anlass gegeben hätte, völlig über-
raschend.
b) Zudem seien – so die Vorinstanz – die tatsächlichen Folgen der Tat zu berück-
sichtigen, der Privatkläger habe beim angeklagten Vorfall schwere Verletzungen
erlitten. Dem Umstand, dass mit dem Tötungsversuch gleichzeitig eine Körperver-
- 50 -
letzung eintrat, ist zusammen mit den übrigen Tatumständen bei der Strafzumes-
sung Rechnung zu tragen (MATHYS, a.a.O., S. 50 N 123 f.). Die Schussabgabe
führte zu einem Durchschuss des Oberarms und einem Durchschuss des Mittel-
gesichts. Dabei erlitt der Privatkläger einen mehrteiligen Bruch der rechten Kie-
ferhöhle, einem Jochbeinbruch, einem Bruch des rechten Augenhöhlenbodens
und einem Bruch der Nasenscheidewand. Zudem führte der Durchschuss zur
Zerstörung des linken Augapfels (Urk. 9/3 S. 3). Der linke Augapfel des Privatklä-
gers konnte nicht gerettet, sondern musste entfernt und durch eine Prothese er-
setzt werden. Das führte zu einem dauernden Verlust des räumlichen Sehens und
damit zu erheblichen Einschränkungen bei der Alltagsbewältigung (Urk. 9/3 S. 7).
Diese Folgen werden den Privatkläger zeitlebens begleiten und ihn täglich an die
Tatnacht, die sein Leben dauerhaft veränderte, erinnern. Wie dessen Rechtsbei-
stand in der vor Vorinstanz schriftlich eingereichten Begründung der Zivilansprü-
che plausibel ausführte und mit einem Bericht des behandelnden Psychiaters be-
legte, wurde der Privatkläger durch das einschneidende Ereignis traumatisiert und
litt im Berichtszeitpunkt unter verschiedenen Beschwerden (Vergesslichkeit, Un-
ruhe, Vermeiden von Menschenansammlungen und diffusen Ängsten), die zu-
mindest teilweise auf das Tatgeschehen zurückzuführen sind (Urk. 60 S. 9 und
Urk. 61/2; Urk. 112 S. 4).
Insgesamt qualifizierte die Vorinstanz das Tatverschulden für die mutmasslich
vollendete Tötung als mittelschwer bis gar schwer (Urk. 82 S. 27). Diese Qualifi-
kation ist nach Ansicht der Berufungsinstanz leicht zu milde ausgefallen und ist
als eher schwer zu bezeichnen. Für die vollendete vorsätzliche Tötung wäre die
Einsatzstrafe entsprechend bei rund 14 Jahren Freiheitsstrafe anzusiedeln gewe-
sen.
c) Dass es beim Tatversuch blieb, kann strafmildernd berücksichtigt werden
(Art. 22 Abs. 1 StGB). Beim vollendeten Versuch ist für die Bestimmung des
Ausmasses der Strafreduktion die Nähe des Erfolges von Bedeutung. Sie hat um-
so geringer auszufallen, je näher der tatbestandsmässige Erfolg und je schwerer
die tatsächlichen Folgen der Tat waren (BGE 121 IV 49 E. 1b S. 54). Zwar ist der
Vorinstanz darin beizupflichten, dass es weitgehend dem Zufall zu verdanken ist
- 51 -
und auch der raschen medizinischen Hilfe, dass der Privatkläger nicht den Tod
fand (Urk. 92 S. 27 f.). Ein nur leicht anderer Schussverlauf hätte jedenfalls im
Kopf ohne weiteres tödliche Verletzungen bewirken können. Der Taterfolg der Tö-
tung als wesentliche Voraussetzung der hohen Strafdrohung lag damit objektiv
sehr nahe. In Anbetracht dessen sowie der Folgen der Tat, mithin dass der Pri-
vatkläger schwer verletzt wurde und wie dargelegt bleibende Beeinträchtigungen
davontrug, ist der Umstand, dass es vorliegend beim Versuch blieb und der Be-
schuldigte jedenfalls von weiteren Schussabgaben absah, als der Privatkläger
verletzt Schreie ausstiess, nur – aber immerhin – leicht verschuldensmindernd zu
gewichten. Es ist deshalb von einem mittelschweren bis schweren objektiven Tat-
verschulden auszugehen und die Einsatzstrafe auf 12 1⁄2 Jahre anzusetzen.
Subjektives Tatverschulden 4.4.
a) Auf der Ebene des subjektiven Tatverschuldens stellt sich die Frage, wie weit
dem Täter die objektive Tatschwere persönlich zugerechnet werden darf. Ausser-
dem spielen unter diesem Titel je nach Tatbestand etwa die Willensrichtung, mit
welcher der Täter gehandelt hat, die Beweggründe und Motive des Schuldigen,
eine Rolle (MATHYS, a.a.O., S. 57 ff.).
b) Das eventualvorsätzliche Handeln wirkt sich leicht zugunsten des Beschuldig-
ten aus. Wie dargelegt, ist vorliegend in dubio pro reo zu Gunsten des Beschul-
digten davon auszugehen, dass die Schussabgabe zwar gewollt, allerdings aus
einer intoxikationsbedingten schweren Beeinträchtigung in Form einer plötzlichen
panischen Handlung erfolgte. Anders als die Vorinstanz ist – wie bereits dargelegt
(oben E. IV.4.2.) – gestützt auf das psychiatrische Gutachten somit von einer
schweren Verminderung der Schuldfähigkeit auszugehen (Urk. 12/15 S. 86). Es
erscheint entsprechend gerechtfertigt, die Strafe um rund die Hälfte zu reduzie-
ren.
c) Insgesamt ergibt sich aufgrund der subjektiven Tatschwere – unter Berücksich-
tigung des eventualvorsätzlichen Handelns sowie insbesondere der stark vermin-
derten Schuldfähigkeit in Anbetracht des weiten Strafrahmens von fünf Jahren bis
- 52 -
20 Jahre Freiheitsstrafe ein leichtes Verschulden und eine Einsatzstrafe von
sechs Jahren Freiheitsstrafe.
5. Tatkomponente Vergehen gegen das Waffengesetz
Die Vorinstanz hat den Strafrahmen richtig aufgezeigt und berücksichtigt, dass
der Beschuldigte eine geladene Waffe mit hohem Gefährdungspotential auf sich
trug, die durch das Verstecken an einem öffentlich zugänglichen Ort nach der Tat
eine Gefahr für die dortigen Anwohner und insbesondere für spielende Kinder
schaffte (Urk. 82 S. 29 f.). Von der zuvor bei der versuchten vorsätzlichen Tötung
noch berücksichtigte schwere Verminderung der Schuldfähigkeit ist hier nicht
bzw. jedenfalls nicht in diesem Ausmass auszugehen, erfolgte das hiermit bestraf-
te Mitnehmen bzw. Tragen der Waffe doch keineswegs aus einer panischen Re-
aktion des Beschuldigten heraus. Mit der Vorinstanz wäre für dieses Delikt ent-
sprechend bei einer isolierten Betrachtung von 9 Monaten Freiheitsstrafe auszu-
gehen. Nachdem dieser Straftatbestand in engem Zusammenhang mit der ver-
suchten vorsätzlichen Tötung zu sehen ist, erweist sich eine Straferhöhung von 5
Monaten auf gesamthaft sechs Jahre und fünf Monate Freiheitsstrafe als ange-
messen.
6. Täterkomponenten
Hierzu hat die Vorinstanz weitestgehend zutreffende Erwägungen gemacht, ins-
besondere was das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse, das Nachtatver-
halten und die Wirkung der Strafe auf das Leben des Beschuldigten anbelangt. Es
ist ihr beizupflichten. dass sich diese neutral auf die Strafzumessung auswirken.
Es kann mit einer Korrektur auf diese verwiesen werden (Urk. 82 S. 30 ff.): Die
Vorstrafe des Beschuldigten wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln der
Staatsanwaltschaft Baden vom 5. November 2013, 20 Tagessätze zu Fr. 50.– be-
dingt, Probezeit zwei Jahre (Urk. 88 und Urk. 108) liegt schon länger zurück und
ist geringfügig. Die weitere bedingte Verurteilung des Beschuldigten zu 30 Ta-
gessätzen zu Fr. 110.– Geldstrafe bei einer Probezeit von vier Jahren betrifft
ebenfalls eine Verkehrsregelverletzung. Sie ist nicht einschlägig und vergleichs-
- 53 -
weise auch geringfügig. Entsprechend erscheint für die Vorstrafen eine nur mar-
ginale Straferhöhung von einem Monat auf sechseinhalb Jahre angemessen.
Die Verteidigung verweist in ihrer Eventualbegründung auf die lange Verfahrens-
dauer, wobei sie insbesondere die Zeitabstände zwischen der Verhaftung des
Beschuldigten und der Anklageerhebung einerseits und zwischen dem erst- und
dem zweitinstanzlichen Urteil andererseits als unnötig lange bemängelt (Urk. 119
S. 22 f.). Eine Verletzung des Beschleunigungsgebots ist darin in Anbetracht des
Umfangs und der Bedeutung des Falles zwar noch nicht zu erkennen. Nichtsdes-
totrotz ist der in ihrer Gesamtheit mittlerweile doch relativ langen Verfahrensdauer
von mittlerweile fast vier Jahren mit einer leichten Strafreduktion Rechnung zu
tragen. Dies rechtfertigt unter Einbezug einer gewissen Reue des Beschuldigten
sowie seines tadellosen Verhaltens im Strafvollzug (vgl. Prot. II S. 17 f. und S. 25
f. i.V.m. Urk. 120) eine Strafreduktion von gesamthaft sechs Monaten.
7. Zusammenfassung Freiheitsstrafe
Zusammengefasst erweist sich somit für die versuchte vorsätzliche Tötung und
das Vergehen gegen das Waffengesetz eine Bestrafung des Beschuldigten mit
sechs Jahren Freiheitsstrafe als angemessen. Der Beschuldigte befindet sich seit
dem 16. Mai 2017 in Haft und anschliessend im vorzeitigen Strafvollzug
(Urk. 18/1-9, 11 und Urk. 76). Die vom Beschuldigten erstandene Haft respektive
die Zeit im vorzeitigen Strafvollzug im Umfang von 1'425 Tagen ist an die Frei-
heitsstrafe anzurechnen (Art. 51 StGB).
8. Übertretung Betäubungsmittelgesetz
Die Vorinstanz hat die Strafzumessung für den Betäubungsmittelkonsum sorgfäl-
tig vorgenommen und angesichts des relativ langen und intensiven Konsums die
Busse moderat auf Fr. 1'000.– festgesetzt (Urk. 82 S. 33). Diese ist zu bestätigen.
Die Busse ist gemäss Art. 105 Abs. 1 StGB zu vollziehen. Praxisgemäss ist der
Umwandlungssatz von 1 Tag Ersatzfreiheitsstrafe pro Fr. 100.– Busse anzuwen-
den, sodass die Ersatzfreiheitsstrafe auf 10 Tage festzusetzen ist.
- 54 -
VI. Widerruf
Hierzu kann vollumfänglich auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz
verwiesen werden (Urk. 82 S. 34 f.). Der bedingte Vollzug der von der Staatsan-
waltschaft Winterthur/Unterland vom 23. August 2016 ausgefällten Geldstrafe von
30 Tagessätzen zu Fr. 110.– ist zu widerrufen (Urk. 82 S. 34 f.).
VII. Massnahme
Auch betreffend die Voraussetzungen für die Anordnung einer Massnahme und
dass diese beim Beschuldigten, der gemäss dem psychiatrischen Gutachten
mehrere Abhängigkeitssyndrome aufweist (Urk. 12/15 S. 85), erfüllt sind, sind die
Erwägungen der Vorinstanz zutreffend (Urk. 82 S. 35 f.). Anlässlich der Beru-
fungsverhandlung beantragte der Verteidiger des Beschuldigten zwar eine Aufhe-
bung der ambulanten Massnahme (Urk. 119 S. 24). Demgegenüber führte der
Beschuldigte in der Befragung zur Person aus, mit der Massnahme einverstanden
zu sein und diese fortführen zu wollen (Prot. II S. 19). Nachdem der Beschuldigte
die Fortführung der ambulanten Massnahme während des Strafvollzugs befürwor-
tet, ist die von der Vorinstanz angeordnete ambulante Massnahme im Sinne von
Art. 63 Abs. 1 StGB zu bestätigen; diese kann während des Strafvollzugs durge-
führt werden.
VIII. Zivilforderungen
1. Vorbemerkung
Vor Vorinstanz ging die Eingabe des Rechtsvertreters des Privatklägers 1.1.
vom 5. Juli 2019 (Datum des Poststempels) zu den Anträgen und Begründung der
Zivilforderung offenbar erst am 9. Juni 2019, d.h. am Tag der Hauptverhandlung
beim Gericht ein (Urk. 59 und 60). Die Post wurde erst nach Beginn der bereits
auf 08.30 Uhr angesetzten Hauptverhandlung intern verteilt (Urk. 62). Dies führte
dazu, dass weder der Beschuldigte noch die Anklägerin zum Antrag des Privat-
klägers Stellung nehmen konnte. Entsprechend wurde die Eingabe des Privatklä-
gers nicht mehr berücksichtigt und wurden seine Forderungen mangels hinrei-
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chender Begründung auf den Zivilweg zu verwiesen (Urk. 82 S. 38 f. mit Verweis
auf Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO).
Mit der Anschlussberufung focht der unentgeltliche Rechtsbeistand des 1.2.
Privatklägers die Verweisung der Zivilansprüche auf den Zivilweg an, ersuchte im
Sinne einer Teilklage um Zusprechung von Schadenersatz in der Höhe von
einstweilen Fr. 488.80 zuzüglich Zins seit 15. Mai 2017 und beantragte die Fest-
stellung, dass der Beschuldigte dem Privatkläger dem Grundsatz nach schaden-
ersatzpflichtig ist sowie die Zusprechung einer eine Genugtuung von Fr. 80'000.–
abzüglich einer allfälligen Integritätsentschädigung der H._. Ferner ersuchte
der Vertreter des Privatklägers in Abänderung von Ziffer 16 des vorinstanzlichen
Urteils um Entschädigung der Kosten für die unentgeltliche Geschädigtenvertre-
tung des Privatklägers gemäss eingereichter Honorarnote vom 5. Juli 2019 im Be-
trag von Fr. 13'871.30 aus der Staatskasse (Urk. 100 S. 3).
Im Hinblick auf die Berufungsverhandlung reichte Rechtsanwalt lic. iur. 1.3.
Y._ seine Anschlussberufungsbegründung und Beilagen schriftlich (am Vor-
tag per E-Mail, am Verhandlungstag per Post) ein, in welcher er an seinen bishe-
rigen Anträgen festhielt (Urk. 112 und Urk. 113/1 - 8).
2. Zeitpunkt der Geltendmachung
Der Beschuldigte stellt sich im Berufungsverfahren auf den Standpunkt, die 2.1.
Forderungen des Privatklägers seien von vornherein bereits deshalb ohne Weite-
res auf den Zivilweg zu verweisen, da die Eingabe des Privatklägervertreters, in
welcher dieser seine Zivilforderungen (teilweise) beziffert und begründet, verspä-
tet erfolgt sei und eine nachträgliche Bezifferung und Begründung im Berufungs-
verfahren nicht möglich sei (Urk. 119 S. 25).
Auf die Umstände, wie der vorinstanzliche Entscheid zur vollständigen 2.2.
Verweisung der Zivilforderung auf den Zivilwege zustande kam, wurde bereits
eingangs hingewiesen (hiervor E. VIII.1.1.). Daraus ergibt sich, dass die fragliche
Eingabe des Privatklägervertreters am Tag der Hauptverhandlung beim Bezirks-
gericht einging. Der von der Vorinstanz in der nachträglichen Urteilsbegründung
- 56 -
angeführte Umstand, dass die Post erst nach Beginn der bereits auf 08.30 Uhr
angesetzten Hauptverhandlung intern verteilt wurde, mag zwar zutreffen und ist
aus organisatorischen Gründen auch durchaus nachvollziehbar. Dies ändert al-
lerdings nichts daran, dass die Eingabe beim Bezirksgericht noch vor Beginn der
Hauptverhandlung (Eingang gem. Urk. 62 um 08.00 Uhr), jedenfalls aber noch vor
Abschluss der Parteivorträge beim Gericht einging (vgl. Prot. I S. 45: Beginn der
Parteivorträge um 09.55 Uhr). Die Begründung und Bezifferung der Zivilforderung
des Privatklägers ist mithin im Sinne von Art. 123 Abs. 2 StPO, gemäss welchem
die Bezifferung und Begründung spätestens im Parteivortrag zu erfolgen habe, als
rechtzeitig erfolgt zu betrachten und somit – auch im Berufungsverfahren – be-
achtlich. Vor diesem Hintergrund erübrigt sich eine vertiefte Auseinandersetzung
mit der auch von der Verteidigung aufgeworfenen und vom Bundesgericht bislang
offen gelassenen Frage, ob die Zivilforderung auch noch im Berufungsverfahren
nachträglich beziffert werden könne.
3. Schadenersatz
Mit Blick auf die bezifferte Schadenersatzforderung von Fr. 488.80 lässt der 3.1.
Privatkläger ausführen, dass er sich zum Zeitpunkt der Tat im Mai 2017 im Rah-
men eines Integrationsprogrammes für Erwerbslose befand dabei monatlich
Fr. 400.– verdiente. Diese Tätigkeit habe er aufgrund des Unfalls, seit welchem er
komplett arbeitsunfähig sei, aufgeben müssen. Nachdem sich das stattdessen
ausgerichtete Krankentaggeld infolge Arbeitsunfähigkeit auf nur Fr. 10.50 pro Tag
und damit auf Fr. 324.– (Monate mit 30 Kalendertagen) bzw. Fr. 334.80 (Monate
mit 31 Kalendertagen) belaufen habe, ergebe sich der Schaden aus der Differenz
der beiden Einkommensbeträge. Für die Monate Juni - Dezember 2017 macht der
Privatkläger entsprechend den Betrag von Fr. 488.80 geltend (Urk. 60 S. 13 f.;
Urk. 112). Der Beschuldigte bestreitet – abgesehen von bereits verworfenen
grundsätzlichen Einwand betreffend verspätete Geltendmachung – die Forderung
des Privatklägers im Berufungsverfahren nicht weiter. Die Forderung erweist sich
sodann als plausibel und ist anhand der eingereichten Urkunden ausgewiesen
(Urk. 61/1-5). Auch der Kausalzusammenhang zwischen diesem Schadensposten
mit der widerrechtlichen und schuldhaft verübten Tat des Beschuldigten ist als er-
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stellt zu erachten (vgl. auch Urk. 61/3 S. 2). Die Forderung von Fr. 488.80 ist so-
mit gutzuheissen und der Beschuldigte zum entsprechenden Ersatz zu verpflich-
ten.
Hinsichtlich des weiteren Schadens lässt der Privatkläger ausführen, dieser 3.2.
würde ebenfalls aus Einkommensausfall bestehen, den er – zusätzlich zum mit
Fr. 488.80 bezifferten Betrag – in Anbetracht der anhaltenden Arbeitsunfähigkeit
erlitten habe resp. auch in Zukunft noch erleiden werde, welcher aber zum heuti-
gen Zeitpunkt aufgrund des ungewissen Heilungsverlaufs des Privatklägers noch
nicht abschätzbar bzw. bezifferbar sei (Urk. 60 S. 12 f.). Die dem Privatkläger
durch die Tat des Beschuldigten zugefügten (physischen) Verletzungen, insbe-
sondere die bleibende Schädigung durch Verlust des Augenlichts links, ergeben
sich bereits aus der Strafuntersuchung und sind unbestritten (vgl. oben
E. III.3.1.a). Gemäss Bericht von Dr. med. AC._ (Urk. 61/1) leidet der Be-
schuldigte ferner auch an psychischen Beeinträchtigungen durch den Vorfall, wo-
rauf im Rahmen der Strafzumessung bereits hingewiesen wurde (oben
E. V.4.1.b). Dass der Privatkläger aufgrund der durch den Beschuldigten wider-
rechtlich zugefügten Schussverletzung im Nachgang der Tat arbeitsunfähig war,
ergibt sich ferner aus den vom ihm im Rahmen der erstinstanzlichen Verhandlung
eingereichten Unterlagen (Urk. 61/1 ff.). Insoweit steht einer grundsätzlichen
Feststellung der Schadenersatzpflicht im Sinne von Art. 126 Abs. 3 StPO für
durch die Tat vom 15. Mai 2017 verursachten Vermögensschäden nichts im We-
ge. Infolge mangelnder Substantiierung bzw. Spruchreife insbesondre im Hinblick
auf Art, Dauer, Umfang und Kausalität der durch den Vorfall hervorgerufenen Ein-
kommenseinbussen sind seine weiteren Schadenersatzforderungen zur Feststel-
lung des genauen Umfangs aber auf den Zivilweg zu verweisen.
4. Genugtuung
Anspruchsvoraussetzungen und Berechnungsgrundsätze 4.1.
a) Bei Tötung eines Menschen oder Körperverletzung kann das Gericht unter
Würdigung der besonderen Umstände dem Verletzten oder den Angehörigen des
Getöteten eine angemessene Geldsumme als Genugtuung zusprechen (Art. 47
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OR). Ohne Zweifel sind vorliegend die Anspruchsvoraussetzungen erfüllt (vgl. da-
zu BK OR-BREHM, 4. Auflage, Bern 2013, Art. 47 OR, N 12 ff.), da der Beschuldig-
te durch die Schussabgabe auf den Privatkläger den Verlust eines Auges und
dadurch eine schwere Körperverletzung verursacht und somit ein absolutes
Rechtsgut des Privatklägers verletzt hat. Wie gesehen sind keine Rechtferti-
gungsgründe ersichtlich, so dass die Widerrechtlichkeit gegeben ist.
b) Der Zweck der Genugtuung besteht darin, dass durch eine schadenersatzun-
abhängige Geldleistung ein gewisser Ausgleich für den erlittenen physischen und
seelischen Schmerz (immaterielle Unbill) geschaffen wird. Die Schwierigkeit liegt
darin, dass in Geld etwas abgegolten werden soll, was ganz allgemein nicht und
erst recht nicht mit Geld messbar ist. Die Genugtuung ist auch keine Ersatzstrafe;
sie soll vielmehr Mittel zum Ausgleich des Gefühls erlittenen Unrechts sein und
dem Opfer eine gewisse Befriedigung verschaffen. Sie orientiert sich weder an
der Einkommens- noch an der Vermögenssituation des Opfers oder des Täters.
Die Berechnung der Genugtuung hat nach der Rechtsprechung einzelfallweise zu
erfolgen und die gesamten Umstände zu berücksichtigen. Massgebende Kriterien
zur Bemessung sind die Art und Schwere der Verletzung, die Intensität und Dauer
der Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Betroffenen, ein allfälliges Selbstver-
schulden des Geschädigten sowie der Grad des Verschuldens des Haftpflichti-
gen. Das Bundesgericht betont, dass die Festsetzung der Höhe der Genugtuung
eine Entscheidung nach Billigkeit sei und deren Bemessung nicht nach schemati-
schen Massstäben erfolgen dürfe. In der Regel wird die Präjudizienvergleichsme-
thode herangezogen. Das Bundesgericht schliesst jedoch nicht aus, die Bewer-
tung der immateriellen Beeinträchtigung in zwei Phasen vorzunehmen: in einer
objektiven Berechnungsphase mit einem Basisbetrag als Orientierungspunkt und
einer nachfolgenden Phase, in der die Besonderheiten des Einzelfalles berück-
sichtigt werden. Dabei kann im Sinne eines Richtwerts zur Bewertung der objekti-
ven Schwere der Beeinträchtigung auf die Integritätsentschädigung, welche nach
der Skala über die Integritätseinbusse gemäss Unfallversicherungsverordnung
(Anhang 3 UVV) bemessen wird, abgestellt werden (vgl. LANDOLT, Genugtuungs-
recht, 2. Auflage, Zürich/St. Gallen 2020, S. 115 ff. mit Verweisen, insbesondere
auf BGE 132 II 117 E. 2.2. sowie BK OR-BREHM, Art. 47 N 4 ff.).
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Beeinträchtigungen des Privatklägers 4.2.
a) Wie bereits oben beim Schadenersatz ausgeführt, erfolgte die schriftliche Ein-
gabe des Vertreters des Privatklägers vor Vorinstanz rechtzeitig, konnte jedoch
den Parteien aus praktischen Gründen nicht zur Stellungnahme vorgelegt werden
(Urk. 82 S. 38). Inhaltlich blieben die Vorbringen des Geschädigtenvertreters
(Urk. 60 sowie 112) seitens der Verteidigung im Berufungsverfahren unbestritten.
Gemäss der Darstellung des Rechtsvertreters des Privatklägers im erstinstanzli-
chen Verfahren musste sich dieser mehreren Operationen unterziehen, was sich
aus den eingereichten Operationsberichten ergibt. Er leide auch aktuell noch kör-
perlich und psychisch an den Folgen des Ereignisses. Die Verletzungen hätten
gemäss den Feststellungen des Institutes für Rechtsmedizin ohne weiteres zum
Tod führen können. Das Leben des Privatklägers habe sich nach dem Vorfall
komplett verändert, er könne nicht arbeiten und lebe zurückgezogen aufgrund
seiner Ängste. Die Chancen auf ein normales Leben seien ihm mit dem Ereignis
genommen worden. Er lebe für immer mit der Augenprothese und den damit ein-
hergehenden Konsequenzen (Urk. 60 S. 15 und Urk. 61/1-2, 6-8).
b) Die Schussabgabe führte – wie bereits bei der Strafzumessung ausgeführt – zu
zwei Verletzungen, nämlich einem Durchschuss des Oberarms und einem Durch-
schuss des Mittelgesichts. Dabei erlitt der Privatkläger einen mehrteiligen Bruch
der rechten Kieferhöhle, einen Jochbeinbruch, einen Bruch des rechten Augen-
höhlenbodens und einen Bruch der Nasenscheidewand. Zudem führte der Durch-
schuss zur Zerstörung des linken Augapfels (Urk. 9/3 S. 3). Der linke Augapfel
des Privatklägers konnte nicht gerettet, sondern musste entfernt und durch eine
Prothese ersetzt werden. Das verursachte einen dauernden Verlust des räumli-
chen Sehens und damit erhebliche Einschränkungen bei der Alltagsbewältigung
(Urk. 9/3 S. 7).
- 60 -
Festsetzung der angemessenen Genugtuung 4.3.
a) Der vom unentgeltlichen Rechtsbeistand im vorinstanzlichen Verfahren einge-
reichte Vorbescheid der H._ vom 31. Mai 2019 bezifferte den Integritäts-
schaden auf 35 % entsprechend Fr. 51'870.– (Urk. 61/9). Gemäss der im Hinblick
auf die Berufungsverhandlung erfolgten Eingabe des Rechtsvertreters des Privat-
klägers wurde der Entscheid der H._ im Umfang von Fr. 51'870.– rechtskräf-
tig (Urk. 112 S. 4). Dementsprechend passte der Vertreter den Antrag auf Zu-
sprechung einer Genugtuung von Fr. 80'000.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 15.
Mai 2017, abzüglich der von der H._ Versicherungen AG zugesprochenen
Integritätsentschädigung von Fr. 51'870.– an (Urk. 112 S. 2).
b) Für die Festsetzung der Genugtuungssumme ist als Orientierungspunkt und im
Sinne eines Richtwertes von einer Basisgenugtuung von 35 % von der vollen In-
tegritätsentschädigung Fr. 148'200.– gemäss Art. 22 Abs. 1 UVV auszugehen,
entsprechend der von der H._ zugesprochenen Summe Fr. 51'870.–. Nebst
dem Verlust eines Auges (gemäss der massgeblichen SUVA Tabelle 11 Integri-
tätsentschädigung gemäss UVG, Integritätsschaden bei Augenverletzungen, be-
trägt der Integritätsschaden bei einseitigem Verlust des Sehvermögens mit Bul-
busverlust 35 %) litt der Privatkläger nach dem Vorfall auch unter psychischen
Beeinträchtigungen. Dies erscheint aufgrund der Tatumstände absolut nachvoll-
ziehbar: Der Privatkläger wurde aus heiterem Himmel und ohne dem Beschuldig-
ten den geringsten Anlass gegeben zu haben, von diesem schwer verletzt. Die
Sinnlosigkeit dieser Tat, die ohne erkennbaren Grund erfolgte, dürfte die Verar-
beitung des Geschehenen erschwert und damit die immaterielle Unbill zusätzlich
erhöht haben. Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass die Rechtsprechung
einen Verschuldenszuschlag in Fällen versuchter Tötungsdelikte bejaht (LANDOLT,
a.a.O. S. 131 f., insbesondere Rz 464) ist sodann eine angemessene Erhöhung
der Basisgenugtuung angezeigt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Beschul-
digte nicht etwa fahrlässig, sondern eventualvorsätzlich handelte und das Tatver-
schulden des Beschuldigten lediglich im weiten, bis zu 20 Jahre Freiheitsstrafe
reichenden Strafrahmen als leicht eingestuft wurde.
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c) Angesichts der gesamten Umstände erweist sich eine Genugtuung in der Höhe
von Fr. 75'000.– nebst 5 % Zins seit 15. Mai 2017 als der Intensität der erlittenen
Unbill und dem Verschulden des Beschuldigten angemessen. Der Vertreter des
Privatklägers führte aus, der Genugtuungsanspruch in der Höhe einer zugespro-
chenen Integritätsentschädigung gehe auf den Unfallversicherer über und sei da-
her vom Betrag der Genugtuung in Abzug zu bringen (Urk. 60 S. 15). Gemäss An-
trag des Geschädigtenvertreters ist folglich die von der H._ zugesprochene
Summe von Fr. 51'870.– von der Genugtuung in Abzug zu bringen.
IX. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens
Der Vertreter des Privatklägers ersuchte in Abänderung von Ziffer 16 des 1.1.
vorinstanzlichen Urteils um Entschädigung der Kosten für die unentgeltliche Ge-
schädigtenvertretung des Privatklägers gemäss eingereichter Honorarnote vom
5. Juli 2019 im Betrag von Fr. 13'871.30 aus der Staatskasse (Urk. 100 S. 3). Die
mittlerweile dem Berufungsgericht zur Verfügung gestellte Honorarnote
(Urk. 110/2) weist den geltend gemachten Aufwand aus; dieser erscheint zudem
angemessen. Demzufolge ist die Festsetzung der Entschädigung durch die Vor-
instanz im Betrag von Fr. 10'854.70 aufzuheben und die Entschädigung für
Rechtsanwalt Y._ als unentgeltlicher Rechtsbeistand des Privatklägers für
die Untersuchung und das erstinstanzliche Verfahren neu auf Fr. 13'871.30 fest-
zusetzen. Nachdem die Auszahlung von Fr. 10'854.70 bereits erfolgt ist (Urk.
116), ist die Kasse des Bezirksgerichtes Bülach anzuweisen, den Differenzbetrag
von Fr. 3'016.60 an Rechtsanwalt lic. iur. Y._ auszubezahlen.
Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person die Verfahrens-1.2.
kosten, wenn sie verurteilt wird. Ausgangsgemäss ist die vorinstanzliche Kosten-
auflage somit zu bestätigen. Davon ausgenommen sind die Kosten der amtlichen
Verteidigung, jedoch ist eine Rückforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorzu-
behalten.
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Gemäss Art. 426 Abs. 4 StPO trägt die beschuldigte Person die Kosten der 1.3.
unentgeltlichen Verbeiständung der Privatklägerschaft sodann nur, wenn sie sich
in günstigen Verhältnissen befindet. Die Vorinstanz hielt fest, die Kosten für die
unentgeltliche Verbeiständung der Privatklägerschaft könnten unter den gleichen
Voraussetzungen zurückgefordert werden, wie jene für die amtliche Verteidigung.
Folglich seien dem Beschuldigten diese Kosten aufzuerlegen und sodann unter
Vorbehalt der Rückzahlungspflicht gemäss Art. 138 Abs. 2 StPO in Verbindung
mit Art. 135 Abs. 4 StPO einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen (Urk. 82
S. 40). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist die bedürftige beschul-
digte Person grundsätzlich zur Kostentragung zu verurteilen, gleichzeitig sei je-
doch im Urteil festzuhalten, dass die Kosten für die amtliche Verteidigung und die
unentgeltliche Verbeiständung der Privatklägerschaft unter Vorbehalt der Rück-
zahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO einstweilen auf die Gerichtskasse
genommen würden (Urteile des Bundesgerichts 6B_123/2014 vom 2. Dezember
2014 E. 6.3, nicht publ. in BGE 141 IV 10 mit Hinweis auf Urteile 6B_150/2012
vom 14. Mai 2012 E. 2.1; 6B_112/2012 vom 5. Juli 2012 E. 1.2 f.; je mit Hinwei-
sen). Die Kostenauflage der Vorinstanz ist demzufolge zu bestätigen.
2. Berufungsverfahren
Die Kosten des Berufungsverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ih-2.1.
res Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Vorliegend unterliegt der
Beschuldigte im Hauptpunkt seiner Berufung, mithin den Schuldspruch wegen
versuchter vorsätzlicher Tötung. Immerhin obsiegt er aber teilweise mit Blick auf
das gegenüber dem vorinstanzlichen Urteil nunmehr geringere Strafmass. Die
Staatsanwaltschaft unterliegt mit ihrer Anschlussberufung betreffend Erhöhung
der Strafe vollständig. Demgegenüber dringt der Privatkläger mit seinen Anträgen
weitestgehend durch. Er unterliegt nur marginal mit Blick auf die geringfügig tiefe-
re Genugtuungssumme. Insgesamt erscheint es bei diesem Ausgang des Verfah-
rens angemessen, die Kosten des Berufungsverfahrens dem Beschuldigten zu
drei Vierteln aufzuerlegen und im Übrigen auf die Staatskasse zu nehmen.
Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 5'000.– festzule-2.2.
gen.
- 63 -
Der frühere amtliche Verteidiger des Beschuldigten wurde mit Beschluss 2.3.
vom 29. Mai 2020 mit Fr. 719.40 aus der Gerichtskasse entschädigt (Art. 135
Abs. 1 StPO). Diese Kosten sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Die Rückzahlungspflicht des Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO ist im
Umfang von drei Vierteln vorzubehalten.
Dem Beschuldigten ist für das Berufungsverfahren eine reduzierte Entschä-2.4.
digung im Umfang von einem Viertel aus der Gerichtskasse zu bezahlen. Der er-
betene Verteidiger Rechtsanwalt X2._ in seiner Kostennote einen Aufwand
von Fr. 18'365.– geltend gemacht (Urk. 119A). Der geltend gemachte Aufwand
erscheint – mit Ausnahme der zu hoch veranschlagten Kopien (praxisgemäss
Fr. 0.50 statt Fr. 1.– pro Kopie) – insgesamt angemessen. Ausgangsgemäss ist
dem Beschuldigen für das Berufungsverfahren mithin eine reduzierte Parteient-
schädigung von Fr. 4'700.– aus der Gerichtskasse zusprechen (Art. 436 Abs. 2
StPO).
Der unentgeltliche Vertreter des Privatklägers ist ebenfalls aus der Gerichts-2.5.
kasse zu entschädigen (Art. 138 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 135 Abs. 1 StPO sowie
§ 2 ff. AnwGebV). Der mit Kostennote vom 7. April 2021 (Urk. 111) für das Beru-
fungsverfahren geltend gemachte Vertretungsaufwand erscheint angemessen.
Der Privatkläger und sein Vertreter haben auf Teilnahme an der Berufungsver-
handlung verzichtet (Urk. 112; Prot. II S. 7). Der Aufwand für das Studium des vorliegenden Entscheids samt angemessener Nachbesprechungszeit ist bereits in
der Kostennote enthalten. Demzufolge ist Rechtsanwalt lic. iur. Y._ als un-
entgeltlicher Rechtsvertreter des Privatklägers im vorliegenden Berufungsverfah-
ren antragsgemäss (inkl. Spesen und MwSt.) mit Fr. 1'837.30 zu entschädigen.
Die Kosten sind definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen.
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