Decision ID: 3be130a7-3f40-579a-b521-cddf72ecfba3
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die – damals noch kinderlosen – Konkubinatspartner A._
(nachfolgend: Beschwerdeführer) und B._ (nachfolgend: Be-
schwerdeführerin) suchten am 11. Juli 2016 in der Schweiz um Asyl nach.
A.b Mit separaten Verfügungen vom 19. August 2016 trat das SEM in An-
wendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf die Asylgesuche
nicht ein, verfügte die Wegweisung in den für sie zuständigen Dublin-Mit-
gliedstaat Ungarn und ordnete den Vollzug an.
A.c Gegen diese Verfügungen erhoben die Beschwerdeführenden Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
A.d Am (...) brachte die Beschwerdeführerin ihr erstes gemeinsames Kind,
den Sohn C._, zur Welt.
A.e Mit Urteilen D-5374/2016 und D-5392/2016 vom 29. Juni 2017 hiess
das Bundesverwaltungsgericht die am 6. September 2016 eingereichten
Beschwerden insofern gut, als es die Sache zur weiteren Abklärung und
erneuten Entscheidung an das SEM zurückwies.
B.
B.a Mit Verfügung vom 27. März 2019 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asylge-
suche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Voll-
zug an.
B.b Gegen diesen Entscheid erhoben die Beschwerdeführenden mit Ein-
gabe vom 30. April 2019 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
B.c Am (...) kam das zweite gemeinsame Kind, die Tochter D._, zur
Welt.
B.d Das Bundesverwaltungsgericht wies die am 30. April 2019 angeho-
bene Beschwerde mit Urteil D-2046/2019 vom 13. August 2020 ab. Zur
Begründung wurde – soweit für das vorliegende Verfahren von Interesse –
ausgeführt, der Wegweisungsvollzug erweise sich sowohl in den Iran als
auch nach Bosnien und Herzegowina als zulässig, zumutbar und möglich.
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Die Beschwerdeführerin verfüge über eine gute Schulbildung und der Be-
schwerdeführer über langjährige berufliche Erfahrung als (...); ausserdem
besässen sie sowohl im Iran als auch in Bosnien und Herzegowina famili-
äre Beziehungsnetze, weshalb ihnen der Aufbau einer neuen wirtschaftli-
chen Existenz möglich sein sollte. Schliesslich litten die Beschwerdefüh-
renden den Akten zufolge an keinen nennenswerten gesundheitlichen
Problemen, und auch unter dem Aspekt des Kindeswohls sei der Vollzug
der Wegweisung als zumutbar zu erachten.
C.
Mit Wiedererwägungsgesuch vom 5. November 2020 ersuchten die Be-
schwerdeführenden das SEM durch ihre neu bevollmächtigte Rechtsver-
treterin um vorläufige Aufnahme. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei der
Wegweisungsvollzug bis zum Entscheid in der Sache auszusetzen und es
sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses beziehungsweise auf die
Auferlegung von Verfahrenskosten zu verzichten.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, am 23. Januar 2020
sei beim Kind C._ die Diagnose eines frühkindlichen (...) gestellt
worden. Im August habe C._ einen Platz im (...) in D._ er-
halten. Ein Abbruch der bereits begonnenen transdisziplinären, aus Heil-
pädagogik, Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie bestehenden För-
derung würde gemäss der zuständigen Chefärztin die bisher erzielten Fort-
schritte zunichtemachen und die Entwicklung von C._ massiv ge-
fährden. Aufgrund des schlechten Zustandes ihres Kindes befinde sich
auch die Beschwerdeführerin seit dem 8. April 2020 wegen psychischer
Beschwerden in ambulanter Behandlung; überdies erhalte sie wegen
(...)schmerzen Therapien. Damit hätten sich nach der Rechtskraft des Ent-
scheids neue Beweismittel ergeben, welche den Wegweisungsvollzug un-
zumutbar erscheinen liessen, da ein solcher das Kindeswohl von C. verlet-
zen würde. Bei einer Rückkehr in den Iran oder nach Bosnien und Herze-
gowina würde ihm eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung im
Sinne von Art. 3 EMRK drohen, da seine Erkrankung dort nicht sachge-
mäss behandelt werden könnte.
Gleichzeitig wurden verschiedene, im Beilagenverzeichnis zum Wiederer-
wägungsgesuch (vgl. S. 12) einzeln aufgeführte medizinische Unterlagen
und Länderberichte zu den Akten gegeben.
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Seite 4
D.
Das SEM setzte den Vollzug der Wegweisung mit Schreiben vom 12. No-
vember 2020 einstweilen aus.
E.
Mit Verfügung vom 28. Dezember 2020 – eröffnet am 30. Dezember 2020
– wies das SEM das Wiedererwägungsgesuch ab. Er erklärte die Verfü-
gung vom 27. März 2017 als rechtskräftig und vollstreckbar, wies das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ab, erhob eine
Gebühr in der Höhe von Fr. 600.– und stellte fest, dass einer allfälligen
Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.
F.
Gegen diesen Entscheid erhoben die Beschwerdeführenden durch ihre
Rechtsvertreterin mit Eingabe vom 28. Januar 2021 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht und beantragten die Aufhebung der SEM-Ver-
fügung vom 28. Dezember 2020. Es sei die Unzumutbarkeit und Unzuläs-
sigkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und ihre vorläufige Auf-
nahme in der Schweiz anzuordnen. Eventuell sei die angefochtene Verfü-
gung aufzuheben und die Sache zur korrekten Erteilung des rechtlichen
Gehörs sowie zur vollständigen und korrekten Abklärung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrecht-
licher Hinsicht wurde sinngemäss um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
ersucht. Ausserdem sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zuzu-
erkennen und die vollziehenden Behörden seien anzuweisen, auf Vollzugs-
handlungen zu verzichten.
Zur Stützung der in der Beschwerdeschrift enthaltenen Ausführungen lies-
sen die Beschwerdeführenden unter anderem ein Empfehlungsschreiben
des "(...)" in D._ vom 22. Januar 2021, eine das Kind C._
betreffende Stellungnahme der (...) vom gleichen Tag sowie eine am 21.
Januar 2021 von "(...)" Pratteln ausgestellte Nothilfebestätigung zu den
Akten geben.
G.
Mit Verfügung vom 29. Januar 2021 setzte die Instruktionsrichterin den
Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.
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Seite 5
H.
Am 2. Februar 2021 teilte die Rechtsvertreterin dem Bundesverwaltungs-
gericht mit, der psychische Zustand der Beschwerdeführerin habe sich auf-
grund der anhaltenden Belastungssituation verschlechtert, und reichte ei-
nen diese betreffenden, am 19. Januar 2021 von der (...) ausgestellten
Bericht ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist – im Umfang der nachfolgenden Erwägungen – einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
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aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summa-
risch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist der Vorin-
stanz innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes
schriftlich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfah-
ren nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG
(Art. 111b Abs. 1 AsylG).
5.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (vgl. zum so-
genannten „qualifizierten Wiedererwägungsgesuch“ BVGE 2013/22 E. 5.4
m.w.H.). Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Tatsachen
und Beweismittel abstützen, die erst nach Abschluss eines Beschwerde-
verfahrens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei
der Vorinstanz einzubringen (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a
[letzter Satz] BGG; BVGE 2013/22).
5.3 Vorliegend machten die Beschwerdeführenden gesundheitliche Prob-
leme des Kindes C._ und seiner Mutter geltend und ersuchten ge-
stützt darauf um vorläufige Aufnahme der Familie in der Schweiz. Aus den
Akten beziehungsweise aus den Beilagen zum Wiedererwägungsgesuch
ergibt sich, dass das Kind C._ bereits am (...) von der Kinderärztin
an die (...)-Sprechstunde der (...) (vgl. Bericht der [...] vom 15. Januar
2020) und später zur weiteren Behandlung dem (...) in D._ über-
wiesen wurde, wo es seit August 2020 Ergotherapie, Logopädie und heil-
pädagogische Früherziehung erhält. Wieso die gesundheitlichen Probleme
und auch die bereits erfolgten Behandlungen von C._ nicht schon
im Verlauf des ordentlichen Verfahren vorgebracht worden waren, er-
schliesst sich dem Bundesverwaltungsgericht nicht. Das SEM hat den
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grundsätzlichen Anspruch der Beschwerdeführenden auf Behandlung ih-
res Wiedererwägungsgesuchs vom 5. November 2020 indes nicht in Ab-
rede gestellt und ist auf dieses eingetreten. Das Bundesverwaltungsgericht
hat somit nachfolgend zu prüfen, ob das SEM in zutreffender Weise das
Bestehen der geltend gemachten Wiedererwägungsgründe verneint und
an seiner ursprünglichen Verfügung festgehalten hat, wobei Gegenstand
des vorliegenden Verfahrens ausschliesslich der Wegweisungsvollzug der
Beschwerdeführenden nach Bosnien und Herzegowina oder in den Iran
beziehungsweise die Frage, ob die Beschwerdeführenden glaubhaft ma-
chen können, dass sich die diesbezügliche Sachlage seit Abschluss des
ersten Verfahrens erheblich verändert hat. Für die Beurteilung der Durch-
führbarkeit des Wegweisungsvollzugs ist praxisgemäss der sich im Urteils-
zeitpunkt präsentierende Sachverhalt massgebend.
6.
6.1 Die Vorinstanz legte in ihrem ablehnenden Wiedererwägungsentscheid
vorab die in der Eingabe der Beschwerdeführenden vom 5. November
2020 enthaltenen Vorbringen dar und führte im Weiteren aus, den ärztli-
chen Berichten könne in der Tat entnommen werden, dass die begonnene
transdisziplinäre Förderung als unverzichtbar angesehen werde, um
C._ angemessen zu fördern. Um eine dringende medizinische Be-
handlung, welche zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz
absolut notwendig sei, handle es sich dabei jedoch nicht. Auch bei der Be-
schwerdeführerin sei aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme im Fall ei-
ner Rückkehr nach Bosnien und Herzegowina beziehungsweise in den Iran
nicht von einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des
Gesundheitszustandes auszugehen. Hinsichtlich der Behandelbarkeit ei-
ner frühkindlichen Autismus-Störung in Bosnien und Herzegowina sei da-
rauf hinzuweisen, dass ambulante Behandlungen durch einen pädiatri-
schen Neurologen möglich seien, und im Frühjahr 2021 in der nordostbos-
nischen Stadt Tuzla auch ein Zentrum für die Behandlung von (...) eröffnet
werden solle. Im Iran seien ambulante Behandlungen ebenfalls möglich,
und es existiere in Teheran auch seit 2018 ein Zentrum für Kinder mit einer
(...)-Erkrankung. Den Beschwerdeführenden sei zwar insofern Recht zu
geben, dass (...)-spezifische Intensivtherapien wohl weder in Bosnien und
Herzegowina noch im Iran in der Weise zur Verfügung stünden wie in der
Schweiz. Das vermöge aber nichts daran zu ändern, dass davon ausge-
gangen werden könne, dass C._, wenn auch unter erschwerten Be-
dingungen, der Zugang zur erforderlichen medizinischen Behandlung ge-
währleistet sei und auch erhältlich gemacht werden könne. Der Wegwei-
sungsvollzug sei auch unter Berücksichtigung des Kindeswohls und der in
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diesem Zusammenhang angerufenen Kinderrechtskonvention nicht unzu-
mutbar, zumal den Beschwerdeführenden die Möglichkeit offenstehe, zur
Überbrückung medizinische Rückkehrhilfe in Anspruch zu nehmen.
6.2 In der Beschwerdeschrift (vgl. S. 5–12) werden im Wesentlichen die
bereits im Wiedererwägungsgesuch enthaltenen Vorbringen wiederholt
und auf die dort eingereichten Unterlagen verwiesen. Bei der im August
2020 begonnenen medizinischen Behandlung von C._ handle es
sich um eine neue Tatsache, die erst nachträglich eingetreten sei und wel-
che im ordentlichen Verfahren noch nicht habe geltend gemacht werden
können. Sodann wird geltend gemacht, gemäss dem neusten Bericht der
Leiterin des (...)-Zentrums vom 22. Januar 2021 zeige C._ schon
bei kleinen Veränderungen ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten. Es sei
daher unabdingbar, die Förderung in der gebotenen Intensität und multi-
modalen Fachlichkeit ohne Unterbruch fortzusetzen. Die aktuelle Intensiv-
behandlung sei das einzige Hilfsmittel, C._ später seinem Potential
entsprechend zu schulen und auszubilden. Eine Umstellung wäre für ihn
derart verstörend, dass eine Förderung über unbestimmte Zeit nicht mög-
lich wäre; die Wegnahme dieses Hilfsmittels würde somit eine Verletzung
des Kindeswohls darstellen. Auch in der Stellungnahme der (...) vom 22.
Januar 2021 werde festgehalten, dass C._ an einer schweren Form
von frühkindlichem (...) leide und die im August 2020 bestehende Behand-
lung durch das (...) deutlich nicht ausreichend gewesen sei. Ein Abbruch
der jetzigen Behandlung würde seine Entwicklung gefährden und seine
Prognose massiv verschlechtern, wobei bereits das Herausreissen aus der
gewohnten sicheren Umgebung und Tagesstruktur mit dem Kindeswohl
nicht vereinbar wäre. Schliesslich wird gerügt, die Vorinstanz habe sich we-
der einlässlich mit den gesundheitlichen Problemen von C._ noch
mit dem Kindeswohl auseinandergesetzt, und eine vertiefte Prüfung der
eingereichten Beweismittel unterlassen. Die angefochtene Verfügung
müsste daher – sollte sie nicht schon aufgrund der thematisierten Recht-
verletzungen aufgehoben und von der Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs ausgegangen werden – wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs
und der unvollständigen und unrichtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts an die Vorinstanz zurückgewiesen werden (vgl. Beschwerde
S. 12 f.).
In dem am 2. Februar 2021 nachgereichten Bericht der (...) vom 19. Januar
2021 wird festgehalten, die Beschwerdeführerin beklage belastungsbezo-
gene depressive Beschwerden mit Gefühl der Überforderung, Antriebsre-
duktion, innerer Unruhe, Niedergestimmtheit und erhöhter Reizbarkeit. Der
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Seite 9
Erhalt eines weiteren negativen Asylentscheids, die Erziehung der beiden
Kinder und auch ihre finanzielle Situation seien sehr belastend. Zwar könne
sie sich derzeit glaubhaft von Suizidalität distanzieren, doch könne sich
dieser Zustand bei allfälliger Instabilität oder Veränderung sehr schnell ver-
schlechtern. Es werde daher eine integrierte ambulante psychiatrisch-psy-
chotherapeutische Behandlung sowie im Rahmen dessen eine unterstüt-
zende Begleitung im Hinblick auf das Asylverfahren und weiteren sozial-
organisatorischen Aspekten empfohlen.
6.3
6.3.1 Die formellen Rügen der Verletzung des rechtlichen Gehörs sowie
der unvollständigen und unrichtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts sind vorab zu beurteilen, da sie allenfalls geeignet sein könn-
ten, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
6.3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043).
6.3.3 Entgegen der in der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung hat
sich das SEM in seiner Verfügung vom 28. Dezember 2020 (vgl. Ziff. IV)
sehr wohl mit den gesundheitlichen Problemen des Kindes C._ und
seiner Mutter, die vom SEM nicht in Frage gestellt wurden, auseinander-
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Seite 10
gesetzt, und sich dabei insbesondere auch mit den Behandlungsmöglich-
keiten in Bosnien und Herzegowina und im Iran befasst, wobei es nicht nur
auf verschiedene Quellen verwies, sondern explizit auch das Kindeswohl
in seine Erwägungen einfliessen liess. Der blosse Umstand, dass die Be-
schwerdeführenden die Auffassung des SEM nicht teilen, ist keine Verlet-
zung der Begründungspflicht beziehungsweise des Anspruchs auf rechtli-
ches Gehör, sondern eine materielle Frage. Dasselbe gilt auch für den Vor-
wurf der unvollständigen und unrichtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts, richtet sich dieser im Kern doch nicht gegen die Sachver-
haltsfeststellungen der Vorinstanz, sondern gegen die rechtliche Würdi-
gung der Vorbringen und eingereichten Beweismittel.
6.3.4 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als
unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formel-
len Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die dies-
bezüglichen, eventualiter gestellten Rechtsbegehren sind somit abzuwei-
sen.
6.4
6.4.1 Im ordentlichen Asylverfahren wurde der Vollzug der Wegweisung
der Beschwerdeführenden sowohl nach Bosnien und Herzegowina als
auch in den Iran als zulässig, zumutbar und möglich erachtet, wobei SEM
und Bundesverwaltungsgericht aber – wie vorstehend (E. 4.3) dargelegt –
damals noch keine Kenntnis von der gesundheitlichen Beeinträchtigung
des Kindes C._ hatten und diese somit auch nicht würdigen konn-
ten.
6.4.2 Aus gesundheitlichen Gründen kann nur dann auf Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG geschlossen
werden, wenn eine dringend notwendige Behandlung im Heimatland
schlicht nicht zur Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und
lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustands, zur In-
validität oder gar zum Tod der betroffenen Person führt, wobei Unzumut-
barkeit jedenfalls nicht vorliegt, wenn im Heimatstaat eine nicht dem
schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung mög-
lich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3; 2009/52 E. 10.1; 2009/51 E. 5.5;
2009/28 E. 9.3.1; 2009/2 E. 9.3.2).
Wie in der angefochtenen Verfügung zutreffend festgestellt wurde, ist vor-
liegend aufgrund der Aktenlage weder in Bezug auf das Kind C._
noch auf dessen Mutter von einer solchen Situation auszugehen. Aus den
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Seite 11
dem Gericht vorliegenden Unterlagen ergibt sich zwar, dass C._ an
einer schweren Form von frühkindlichem (...) leidet und am (...) in
D._ eine umfassende Behandlung und Förderung erhält, welche
durch die Ausreise der Beschwerdeführenden aus der Schweiz abgebro-
chen werden müsste. Trotz des sowohl Bosnien und Herzegowina als auch
im Iran vorhandenen Behandlungsangebots (vgl. angefochtene Verfügung
S. 4, 1. und 2. Abschnitt) muss davon ausgegangen werden, dass
C._ dort nicht eine derart intensive und umfassende Förderung er-
halten wird wie derzeit am (...) und die mit der Ausreise und dem Wechsel
der Behandlung einhergehenden Veränderungen seiner Entwicklung nicht
förderlich sein dürften. Es bestehen indessen keine Anhaltspunkte, dass
die Ausreise nach Bosnien und Herzegowina oder in den Iran bei ihm zu
einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesund-
heitszustandes führen würden, und auch unter dem Aspekt des Kindes-
wohls erscheint der Wegweisungsvollzug nicht unzumutbar, ist C._
doch noch nicht einmal (...)jährig und somit – wie bereits im Urteil
D-2046/2019 vom 13. August 2020 bemerkt wurde – noch in erster Linie
an seinen Eltern orientiert. Entgegen der Darstellung in der Beschwerde
besteht kein Anspruch auf bestmögliche Behandlung, auch wenn eine sol-
che wünschenswert ist. Die in der Beschwerde (vgl. S. 8–12) enthaltenen
Einwendungen vermögen daran nichts zu ändern.
Sodann ist nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin auf die aktuell
unsichere und durch die Behinderung von C._ zusätzlich belastete
Situation mit depressiven Beschwerden (Schlafstörungen, Gefühl der
Überforderung, Antriebsreduktion, innere Unruhe und erhöhte Reizbarkeit)
reagiert. Die in den sich bei den Akten befindenden Berichten erwähnten
gesundheitlichen Störungen lassen indessen ebenfalls nicht auf die Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs schliessen, zumal diese – falls not-
wendig – auch in Bosnien und Herzegowina oder im Iran behandelt werden
könnten.
6.4.3 Ohne die Schwierigkeiten bei einer Rückkehr entweder in die Heimat
des Beschwerdeführers oder der Beschwerdeführerin zu verkennen, ver-
mögen die im Rahmen des Wiedererwägungsverfahrens vorgelegten Do-
kumente und die Vorbringen der Beschwerdeführenden in diesem Verfah-
ren aufgrund des Gesagten keine veränderte Sachlage zu begründen, die
eine von der bisherigen Beurteilung abweichende Würdigung der Frage
der Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs zulassen würde. Es ist
weiterhin nicht davon auszugehen, die Beschwerdeführenden würden bei
einer Rückkehr nach Bosnien und Herzegowina oder in den Iran in eine
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Seite 12
existenzielle Notlage geraten, die als konkrete Gefährdung im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG zu werten wäre.
6.4.4 Schliesslich sind den Akten auch keine Hinweise zu entnehmen, dass
sich die Sachlage in Bezug auf die Frage der Zulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs erheblich verändert haben könnte, wobei zur Vermeidung
von Wiederholungen zunächst auf die im Urteil D-2046/2019 vom 13. Au-
gust 2020 (E. 11.3 und 11.4) enthaltenen Ausführungen verwiesen werden
kann. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin
und ihres Kindes können sodann nicht als derart gravierend bezeichnet
werden, als dass damit die hohe Schwelle zur Annahme der Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzuges, mithin eines „real risk“ im Sinne der Recht-
sprechung, erreicht würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien
vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
6.5 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Vorbringen
und Beweismittel im Wiedererwägungsverfahren nicht geeignet sind, zu ei-
ner Anpassung der Verfügung des SEM vom 27. März 2019 zu führen. Das
SEM hat das Wiedererwägungsgesuch vom 5. November 2020 in zutref-
fendem Umfang geprüft und zu Recht abgelehnt. Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
7.
Angesichts des vorliegenden Endentscheides erweist sich das Begehren
um Zuerkennung der aufschiebenden Wirkung als gegenstandslos, und die
am 29. Januar 2021 verfügte einstweilige Aussetzung des Vollzugs der
Wegweisung fällt dahin.
8.
8.1 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
(Art. 63 Abs. 4 VwVG) ist mit vorliegendem Direktentscheid gegenstands-
los geworden.
8.2 Die Beschwerdebegehren der Beschwerdeführenden erwiesen sich
nach dem Gesagten als aussichtslos, weshalb das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung – ungeachtet der nachgewiesenen Be-
dürftigkeit – abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 1'500.– festzusetzen (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008
D-398/2021
Seite 13
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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