Decision ID: ac8dee69-b71f-460e-92d5-ed17388a0392
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Linda Keller, Waisenhausstrasse 17, Postfach,
9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A._ erlitt am 21. November 2004 bei einem Autounfall in B._ eine Milzruptur und
eine beidseitige Rippenserienfraktur. Am 28. November 2004 nahm das Spital
Rorschach eine Splenektomie vor. Der Kreisarzt der SUVA hielt am 3. Februar 2005
fest, es lägen klinisch ausgezeichnete Befunde abdominal und im Bereich des Thorax
vor. Die fehlende Konsolidierung der caudalen neunten Rippe sei harmlos. Es sei mit
einer spontanen Schmerzfreiheit innert wenigen Wochen zu rechnen. Mit einer
Verfügung vom 8. Juli 2005 stellte die SUVA die Ausrichtung von
Versicherungsleistungen ein. Am 22. August 2008 teilte der Versicherte der SUVA mit,
dass er sich wegen des Unfalls vom 21. November 2004 wieder in ärztlicher
Behandlung befinde (Dossier Fremdakten). Die Klinik Valens hatte dem Kantonsspital
St. Gallen am 11. Juli 2008 berichtet, der Versicherte sei vom 16. Juni bis 15. Juli 2008
zur Rehabilitation hospitalisiert gewesen (IV-act. 6-5 bis 6-12). Die Diagnosen lauteten:
Thorakospondylogenes und abdominelles sowie auch zervikozephales
Schmerzsyndrom linksbetont nach Autounfall 2004 (mit/bei neuropathischer
Schmerzkomponente abdominal nach Splenektomie und Rippenserienfraktur,
sonographisch Abdomen ohne Hinweis auf Narbenbruch oder Hernia umbilicalis,
lediglich kleine Verkalkungsherde im Unterhautgewebe, Spannungskopfschmerzen,
degenerative Veränderungen der HWS bei möglicher foraminaler Einengung C5/6 und
C6/7, Haltungsinsuffizienz bei Wirbelsäulenfehlform und muskulärer Dysbalance),
psychologische Faktoren und Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifizierten
Krankheiten sowie leichtgradige, nicht erosive Refluxkrankheit. Im Bericht der Klinik
Valens wurde weiter ausgeführt, alle Tests zur Beurteilung der arbeitsbezogenen
körperlichen Leistungsfähigkeit seien durchgeführt worden. Beim Eintritt hätten diese
im Bereich einer leichten bis mittelschweren Arbeit gelegen. Der Versicherte sei zwar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bereit gewesen, ein gewisses Mass an unvermeidbaren Schmerzen zu tolerieren, aber
er habe sämtliche Tests aufgrund von verstärkten Bauchschmerzen abgebrochen, so
dass die funktionelle Limite jeweils nicht habe beobachtet werden können. Dies sei als
Selbstlimitierung interpretiert worden. Mit der Zielsetzung einer Senkung der
Haltungsinsuffizienz und einer Einflussnahme in bezug auf die Schmerzausprägung sei
ein Ergonomietrainingsprogramm durchgeführt worden. Aufgrund der auffälligen
Schmerzsituation und des Verhaltens der Versicherten sei eine psychosomatische
Untersuchung erfolgt. Es sei aber keine psychiatrische Diagnose gestellt worden. Die
abdominelle Schmerzsituation habe nicht beeinflusst werden können. Zumutbar sei
eine mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeit mit Gewichtsbelastungen bis 22,5 kg.
In der bisherigen Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 50%. Nach vier Wochen
sollte eine Neuevaluation durch den Hausarzt erfolgen zwecks Steigerung der
Arbeitsfähigkeit auf 100%. Am 7. Oktober 2008 nahm das Spital Rorschach eine
Exzision eines praefaszialen Lipoms vor (IV-act. 6-1).
B.
Bereits am 29. August 2008 hatte sich der Versicherte für eine Früherfassung bei der
IV-Stelle angemeldet (IV-act. 1). Diese forderte ihn am 21. Oktober 2008 auf, das
reguläre Anmeldeformular auszufüllen (IV-act. 7). Der Versicherte reichte dieses
Formular am 20. November 2008 ein. Dr. med. C._ vom RAD hielt am 26. November
2008 den Inhalt eines mit Dr. med. D._, Arzt für Allgemeine Medizin, geführten
Telefongesprächs fest (IV-act. 15,17). Dr. D._ hatte die folgenden Diagnosen
angegeben: St. n. Autounfall 11/2004 mit Rippenserienfraktur, Milzruptur (St. n.
Splenektomie), St. n. Hernioplastik bei Nabelhernie (Narbenhernie 16.09.08),
generalisiertes Schmerzsyndrom mit im Vordergrund stehenden abdominellen
Schmerzen, lumbales und zervikales Schmerzsyndrom (Diskopathie L4/5), noch nicht
näher bezeichnete psychische Problematik (Abklärung bei Dr E._). Er hatte weiter
berichtet, seit dem 13. Mai 2008 bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100%. Der
Versicherte sei in psychiatrischer Behandlung bei Dr. med. E._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH. Ausserdem laufe eine neurochirurgische Abklärung wegen der
lumbalen Beschwerden. Als Folge eines generalisierten Schmerzsyndroms bestehe
eine eingeschränkte körperliche Belastbarkeit. Eine leichte adaptierte Tätigkeit in
ruhiger Arbeitsatmosphäre könnte versuchsweise zu 50% aufgenommen werden. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F._AG teilte der IV-Stelle am 3. Dezember 2008 mit (IV-act. 24), der Versicherte sei
als Maschinenführer Extrusion tätig. Die wöchentliche Arbeitszeit im Betrieb betrage 43
Std. Der Lohn belaufe sich seit Januar 2008 auf Fr. 84'150.- jährlich. Dr. E._
berichtete der IV-Stelle am 19. Dezember 2008, sie behandle den Versicherten seit
dem 14. Februar 2008 (integrierte psychiatrische Behandlung in zweiwöchentlichen
Abständen). Sie gab folgende Diagnosen an: anhaltende depressive Störung auf dem
Hintergrund eines generalisierten Schmerzsyndroms (ICD-10 F38.8), somatoforme
autonome Funktionsstörung des oberen Gastrointestinaltrakts (ICD-10 F45.31) und
andauernde Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom (ICD-10
F62.8). Sie führte weiter aus, der Versicherte klage über intensivste und andauernde
Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen und über ein Brummen in den Ohren. Er isoliere
sich zunehmend, habe sich als Persönlichkeit verändert, sei am liebsten allein und fühle
sich lust- und kraftlos. Er frage sich, wie lange er noch die Kraft habe, um die
Schmerzen auszuhalten. Bei intensiveren Schmerzen reagiere er bereits panisch.
C.
Die IV-Stelle beauftragte am 20. Februar 2009 die ABI Ärztliches Begutachtungsinstitut
GmbH mit einer interdisziplinären Abklärung (IV-act. 35). Das Gutachten (IV-act. 49)
wurde am 24. August 2009 erstattet.
C.a Der psychiatrische Sachverständige Dr. med. G._, FMH Psychiatrie und
Psychotherapie, berichtete, aus der Sicht seines Fachgebiets liessen sich das Ausmass
der Beschwerden und die subjektive Krankheitsüberzeugung, nicht mehr arbeiten zu
können, durch die somatischen Befunde nicht hinreichend objektivieren, so dass eine
psychische Überlagerung der geklagten Schmerzen angenommen werden müsse.
Diagnostisch handle es sich um eine Schmerzverarbeitungsstörung. Für die
differentialdiagnostisch in Betracht zu ziehende Diagnose einer Somatisierungsstörung
fehlten schwere psychosoziale und emotionale Belastungsfaktoren. Es handle sich
auch nicht um ein ausschliessliches Rentenbegehren. Der Versicherte leide unter
depressiven Verstimmungen. Er erhalte eine antidepressive Medikation und eine
schmerzmodulierende Basismedikation mit einem Antiepileptikum, das bei
neuropathischen Schmerzen indiziert sei. Daneben erhalte er Benzodiazepin und ein
Hypnotikum, das er nach seinen Angaben in konstanter Dosierung einnehme. Gegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Schmerzen nehme er Analgetika, wobei er eine deutlich übermässige Einnahme
verneine. Der Medikamentenspiegel des verordneten Antidepressivums habe im
therapeutischen Bereich gelegen. Der Versicherte nehme es aber nicht zu festen
Tageszeiten ein. Im Untersuchungszeitpunkt habe eine leichte depressive Störung mit
depressiven Verstimmungen, erhöhter Ermüdbarkeit, Antriebsstörung und
Schlafstörungen bestanden. Die Symptomatik habe sich verstärkt entwickelt, seitdem
es nach der Arbeitsniederlegung zu einem Verlust von Strukturen und Lebensinhalten
und zu einer angespannten finanziellen Situation gekommen sei. Diagnostisch handle
es sich um eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion. Im Haushalt
helfe der Versicherte kaum mit. Er beschäftige sich mit Spaziergängen und er lege sich
zuhause auch hin. Er habe deutlich weniger Kontakt zu Kollegen. Innerhalb der Familie
bestehe hingegen eine gute Beziehungssituation. Er fahre kürzere Strecken selbst mit
dem Auto. Autoreisen in die Heimat seien ihm möglich. Aus psychiatrischer Sicht
bestehe seit der Arbeitsniederlegung im August 2008 eine Arbeitsunfähigkeit von 20%.
Ursache sei die Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion. Es liege keine
mittelgradige oder gar schwere psychische Störung vor. Der Versicherte sei nicht
suizidal, er leide nicht unter deutlichen Konzentrationsstörungen und es fehlten
Hinweise auf unbewusste Konflikte. Es liege auch kein primärer Krankheitsgewinn vor.
Die komplexen Ich-Funktionen seien nicht deutlich schwer gestört und es fehlten
auffällige Persönlichkeitszüge, so dass die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nicht
gestellt werden könne. Die Arbeitsfähigkeit sei durch die Depression leichtgradig
eingeschränkt. Für die von Dr. E._ gestellte Diagnose einer andauernden
Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom fehlten die schweren
chronischen Schmerzen und spezifischen Symptome wie Passivität mit vermindertem
Interesse, dysphorische Verstimmungen, hochgradige Abhängigkeit und
Anspruchshaltung gegenüber anderen. Zwar träfen diese Symptome auf den
Versicherten zum Teil zu, aber er habe durchaus auch Interessen. So reise er
beispielsweise regelmässig nach B._. Beschwerliche Autoreisen seien ihm also trotz
subjektiv starker Schmerzen möglich. Er erhalte eine antidepressive Medikation, die er
zwar einnehme, aber nicht in einer konstanten Dosierung und auch nicht zu einer
bestimmten Tageszeit. Er begründe seine Arbeitsunfähigkeit hauptsächlich mit den
Schmerzen, leide aber nicht unter einer schweren chronischen Erkrankung. Die
Selbstlimitierung und die Inkonsistenzen seien typisch für eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzverarbeitungsstörung. Weil nicht mehr nur im gastrointestinalen Bereich
Schmerzen bestünden, sei von einer Symptomausweitung auszugehen. Die
Arbeitsunfähigkeit von 20% bestehe seit der Arbeitsniederlegung, weil die
psychosozialen Belastungen mit dem Verlust der Strukturen und Lebensinhalte und mit
der angespannten finanziellen Situation die depressive Symptomatik verstärkt hätten.
Es bestehe eine komorbide leichte depressive Störung.
C.b Der neurologische Sachverständige, Dr. med. H._, FMH Neurologie, führte aus,
gemäss den Angaben des Versicherten stünden die chronischen Nacken-, Kopf- und
Rückenschmerzen im Vordergrund. Zusätzlich komme es beim Bücken zu Schmerzen
im Bauch. Verschiedene Therapien hätten keine Besserung gebracht. Im Gegenteil
seien die Schmerzen immer schlimmer geworden. Der Versicherte berichte auch über
Sensibilitätsstörungen und über eine erhöhte Druckempfindlichkeit, die sich jedoch bei
Ablenkung nicht hätten reproduzieren lassen. Ausserdem habe er eine ausgeprägte
Schwäche bei der Kraftprüfung an allen Extremitäten mit der Provokation von
Bauchschmerzen gezeigt. So sei es ihm im Sitzen nicht möglich gewesen, die
Fussheber adäquat zu aktivieren, da dies zu Bauchschmerzen führe. Später sei der
Fersengang aber problemlos durchführbar gewesen. Dieses Verhalten spreche für eine
erhebliche funktionelle Überlagerung, wenngleich sich eine gewisse neuropathische
Schmerzkomponente nicht ausschliessen lasse. Im Bereich der HWS habe sich eine
stark limitierte Beweglichkeit gezeigt. Bei der Prüfung der passiven Beweglichkeit sei
es zu Schmerzantizipationen und Gegenhalten gekommen, so dass die Befunde
schwierig zu interpretieren seien. Auffällig sei die Angabe einer generalisierten
Druckempfindlichkeit bei an und für sich gut entspannter Nackenmuskulatur.
Bildgebend fänden sich mässig ausgeprägte degenerative Veränderungen im mittleren
HWS-Bereich, vorwiegend C5/6 und C6/7. Dabei komme es zu foraminalen
Einengungen von C6 links und C7 rechts. Eine Spinalkanalstenose sei aber nicht
nachweisbar. Die weitere klinische Untersuchung habe keine Anhaltspunkte für ein
klinisches Korrelat der im MRI dargestellten foraminalen Einengungen ergeben. Es
fehlten Hinweise auf ein radikuläres Reiz- bzw. sensomotorisches Ausfallsyndrom oder
für eine Störung der langen Bahnen. Hinsichtlich der lumbalen Rückenschmerzen seien
keine radikulären Schmerzausstrahlungen vorhanden und bei der klinischen
Untersuchung fehlten Hinweise auf ein radikuläres Reiz- oder sensomotorisches
Ausfallsyndrom. Der lokale Befund im Bereich der LWS sei schwierig zu interpretieren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen, weil der Versicherte beim Nachvornebeugen auch starke Bauchschmerzen
angegeben habe. Auffällig sei das starke Waddellzeichen gewesen. Der Versicherte
habe nämlich im Liegen bereits bei geringfügigem Anheben des gestreckten Beins
stärkste lumbale Schmerzen angegeben, während der Langsitz problemlos möglich
gewesen sei. Bei der Untersuchung habe der Versicherte nur leichtgradige
Schwindelbeschwerden angegeben. Die funktionellen Tests für das Gleichgewicht
seien weitgehend unauffällig gewesen. Relevante Einschränkungen hätten nicht
festgestellt werden können. Relevant für die Arbeitsfähigkeit seien die chronischen
Bauchschmerzen sowie die chronischen Nacken- und Kopfschmerzen. Der Versicherte
habe trotz der Bauchschmerzen noch längere Zeit zu 100% gearbeitet, weshalb die
geltend gemachte Verschlechterung aus somatisch-neurologischer Sicht schwer
nachvollziehbar sei. Die operativen Eingriffe mit laparoskopischem Hernienverschluss
hätten bei einem chirurgisch erfolgreichen Operationsresultat keine Besserung
gebracht. Trotzdem seien gewisse Beschwerden in diesem Bereich nachvollziehbar.
Deshalb seien Tätigkeiten, die ein repetitives Vornüberbeugen beinhalteten, nicht mehr
zumutbar. Die Tragelimite liege bei 10 kg. Hinsichtlich der Nacken- und Kopfschmerzen
sei der Versicherte für leichte bis mittelschwere körperlich belastende Tätigkeiten
vollzeitlich arbeitsfähig. Das früher diagnostizierte subklinische motorische
Karpaltunnelsyndrom bds. sei nicht mehr festzustellen gewesen. Dasselbe gelte für die
früher beschriebenen sensiblen Ausfälle im Versorgungsgebiet des Nervus medianus
bds.
C.c Der multidisziplinäre Konsensus ergab folgende Diagnosen: Anpassungsstörung
mit längerer depressiver Reaktion, zervikozephales Schmerzsyndrom, abdominelles
Schmerzsyndrom mit neuropathischer Schmerzkomponente bei St. n. Splenektomie
und Rippenfraktur 2004, chronisches lumbales Schmerzsyndrom sowie - ohne Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit - Schmerzverarbeitungsstörung, St. n. umbilialer Hernienplastik,
anamnestisch leichtgradige, nicht erosive Refluxkrankheit, Verdacht auf Kolon irritabile,
leichte Hepatopathie unklarer Aetiologie, latente Hypothyreose, Coxalgien links
unklarer Aetiologie, anamnestisch Tinnitus bds. Als Ergebnis der
Konsensusbesprechung gaben die Sachverständigen an, für körperlich schwere
Tätigkeiten (zu denen auch die bisherige Erwerbstätigkeit gehöre) und Tätigkeiten mit
repetitivem Bücken bestehe seit dem 16. Mai 2008 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit.
Vom 21. November 2004 bis 10. März 2005 habe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für jegliche Tätigkeit bestanden. Für körperlich adaptierte Tätigkeiten bestehe aus
psychiatrischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 80%. Die Diskrepanz zur
Selbsteinschätzung des Versicherten resultiere wohl aus dem Umstand, dass der
Versicherte davon ausgehe, er könne erst wieder arbeiten, wenn er vollständig gesund
sei und überhaupt keine Schmerzen mehr habe. Zudem bestünden bei
Schmerzverarbeitungsstörungen stets höhere Selbstlimitierungen, als es medizinisch-
theoretisch insbesondere im Sinn der Willensanstrengung zumutbar sei.
D.
Die IV-Stelle verglich ein Valideneinkommen von Fr. 84'150.- mit einem zumutbaren
Invalideneinkommen von Fr. 62'707.-. Letzteres setzte sich zusammen aus dem
Durchschnittslohn (Zentralwert) gemäss der vom Bundesamt für Statistik
herausgegebenen Lohnstrukturerhebung, von der IV-Stelle auf 43
Wochenarbeitsstunden umgerechnet Fr. 63'384.-, davon 80% Fr. 50'707.-, und aus
einer Schichtzulage von Fr 12'000.-. Das ergab einen Invaliditätsgrad von 25% (IV-act.
61). Gestützt auf dieses Ergebnis des Einkommensvergleichs teilte die IV-Stelle dem
Versicherten in einem Vorbescheid vom 11. Dezember 2009 mit, dass sie beabsichtige,
sein Rentengesuch abzuweisen (IV-act. 64). Der Versicherte liess am 4. Februar 2010
sinngemäss einwenden (IV-act. 70), er habe einen Anspruch auf eine Invalidenrente
basierend auf einem Invaliditätsgrad von wenigstens 40%. Ausserdem seien weitere
medizinische Abklärungen zur Ermittlung seines Arbeitsfähigkeitsgrads notwendig. Zur
Begründung machte die Rechtsvertreterin des Versicherten geltend, aufgrund der
langjährigen Beschwerden, der Notwendigkeit einer psychiatrischen Behandlung auch
für die Zukunft und der allgemein schlechten Gemütslage sei die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ nachvollziehbar, während die Einschätzung
durch das ABI nicht überzeuge. Sollte der Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._
nicht gefolgt werden, seien auf jeden Fall weitere Abklärungen notwendig. Das
Einkommen habe 2007 Fr. 87'594.- und 2006 Fr. 87'133.- betragen. Der Durchschnitt
von Fr. 87'363.50 sei als Valideneinkommen in den Einkommensvergleich einzusetzen.
Bei der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens habe die IV-Stelle den
Tabellenlohn zu Recht auf 43 Std. umgerechnet. Allerdings hätte sie den Lohn nicht um
die Schichtzulage erhöhen dürfen. Deshalb betrage das zumutbare
Invalideneinkommen nur Fr. 50'707.-, woraus ein Invaliditätsgrad von 42% resultiere.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 10. Februar 2010 erstellte die IV-Stelle eine Verfügung, mit der sie das
Leistungsbegehren des Versicherten ablehnen wollte (IV-act. 71). Diese Verfügung
wurde aber nicht eröffnet, sondern "gestoppt", weil sie vor der Würdigung der
Stellungnahme des Beschwerdeführers vom 4. Februar 2010 erstellt worden war. Dr.
C._ vom RAD hielt am 12. Februar 2010 fest, am Gutachten des ABI könne
festgehalten werden (IV-act. 74). Mit einer Verfügung vom 15. Februar 2010 wies die
IV-Stelle das Leistungsbegehren des Versicherten ab. Diese Verfügung enthielt eine
Stellungnahme zum Einwand vom 4. Februar 2010 und die Bemerkung, dass am
Entscheid festgehalten werde (IV-act. 75).
E.
Der Versicherte liess am 16. März 2010 gegen die Verfügung vom 15. Februar 2010
Beschwerde erheben und die Zusprache einer Invalidenrente, basierend auf einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40%, sowie die Anordnung weiterer medizinischer
Abklärungen zur Feststellung seines Arbeitsfähigkeitsgrads beantragen (act. G1). Zur
Begründung führte seine Rechtsvertreterin aus, gemäss einem Bericht von Dr. E._
vom 4. März 2010 habe sich die Arbeitsfähigkeit im Zeitverlauf verschlechtert. Dr. E._
habe einen Arbeitsversuch vorgeschlagen, bei dem der Beschwerdeführer zwei
Stunden pro Tag in einem geschützten Rahmen arbeiten würde. Den von Dr. E._
gestellten Diagnosen liege eine längere Beobachtungszeit zugrunde. Deshalb sei davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer stärker in seiner Arbeitsfähigkeit
eingeschränkt sei, als die Beschwerdegegnerin annehme. Die Einschätzung durch die
Sachverständigen des ABI und deren Ausführungen dazu, weshalb die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ nicht richtig sein solle, vermöchten nicht zu
überzeugen. Deshalb sei auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ abzustellen.
Gemäss dem IK-Auszug müsse von einem Valideneinkommen von Fr. 87'363.50
ausgegangen werden. Das zumutbare Invalideneinkommen sei anhand eines
Tabellenlohns zu ermitteln. Allerdings dürfe keine Schichtzulage von Fr. 1000.-
monatlich hinzugerechnet werden. Das zumutbare Invalideneinkommen betrage
demnach Fr. 50'707.-. Das entspreche einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%.
F.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die IV-Stelle beantragte am 11. Mai 2010 die Abweisung der Beschwerde (act. G4). Zur
Begründung machte sie insbesondere geltend, die Angaben von Dr. E._ seien nicht
schlüssig, denn beim erhobenen psychopathologischen Befund leuchte die
angegebene vollständige Arbeitsunfähigkeit nicht ein. Dr. E._ habe aus der
"dramatisch" präsentierten Schmerzproblematik eine volle Arbeitsunfähigkeit
abgeleitet. Die Arbeitsfähigkeit müsse aber anhand objektiver Faktoren ermittelt
werden. Dr. E._ beschreibe einzig aetiologisch-pathogenetisch unerklärliche
syndromale Leidenszustände, denen wegen fehlender Objektivität keine
invalidisierende Wirkung zukommen könne. Das Gutachten des ABI sei im somatischen
Bereich schlüssig. Die psychiatrisch festgelegte Arbeitsfähigkeit stehe hingegen nicht
im Einklang mit der höchstrichterlichen Rechtsprechung, laut der eine leichte
depressive Störung nicht invalidisierend sei, zumal es sich bei depressiven
Verstimmungen nicht um ein selbständiges, von der Schmerzverarbeitungsstörung
losgelöstes Leiden handle. Die Schmerzverarbeitungsstörung sei nicht invalidisierend,
weil eine psychische Komorbidität fehle und weil auch keine anderen Faktoren
gegeben seien, die den Beschwerdeführer an einer zumutbaren Willensanstrengung für
die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit hindern könnten. Deshalb sei von einer
Arbeitsfähigkeit von 100% auszugehen. In diesem Punkt könne vom Gutachten des
ABI abgewichen werden, ohne diesem im restlichen Teil den Beweiswert
abzusprechen. Da der Beschwerdeführer als Maschinenführer und nicht als
Schichtführer tätig gewesen sei, müsse von einem Valideneinkommen von Fr. 84'150.-
ausgegangen werden. Der massgebende Tabellenlohn belaufe sich auf Fr. 59'979.-
Das entspreche einem Invaliditätsgrad von 29%.
G.
Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers wandte am 7. Juni 2010 ein, dem
Gutachten des ABI sei zu entnehmen, dass eine psychische Überlagerung der
geklagten Schmerzen vorliege, dass der Beschwerdeführer unter depressiven
Verstimmungen leide und dass er sich in psychiatrisch-psychotherapeutischer
Behandlung befinde. Zudem bestehe eine antidepressive und schmerzmodulierende
Medikation. Aufgrund der daraus resultierenden Ermüdbarkeit, der Schlafstörungen,
der Antriebsstörungen und der depressiven Verstimmungen sei nachvollziehbar, dass
eine Verlangsamung bei der Arbeit und ein erhöhter Pausenbedarf bestünden. Wenn
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf das Gutachten des ABI abgestellt würde, müsste von einer Arbeitsfähigkeit von
80% ausgegangen werden. Bei diesem Arbeitsfähigkeitsgrad resultiere ein
Invaliditätsgrad von 43%.
H.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 11./14. Juni 2010 auf eine Duplik (act. G8).

Erwägungen:
1.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads ist gemäss Art. 16 ATSG das Einkommen,
das die versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung
der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine
ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Die Ermittlung des Validen- und des zumutbaren
Invalideneinkommens setzt die vorgängige Definition der Validen- und der
Invalidenkarriere voraus. Im Fragebogen zur Früherfassung (vgl. IV-act. 4) ist
angegeben worden, der Beschwerdeführer sei vor dem Unfall als Maschinenführer tätig
gewesen. Die letzte Tätigkeit sei diejenige eines Schichtführers gewesen. In der
Anmeldung zum Leistungsbezug (vgl. IV-act. 11) hat der Beschwerdeführer mitgeteilt,
er sei Maschinenführer-Schichtführer. Die F._AG hat in ihrem Bericht (vgl. IV-act. 14)
festgehalten, vor dem Eintritt des Gesundheitsschadens, nämlich bis 28. Februar 2009
(richtig: 2008), habe der Beschwerdeführer als Schichtführer gearbeitet. Ab dem 1.
März 2008 sei er dann als Maschinenführer tätig gewesen. Der Lohn habe sich seit
dem 1. Januar 2008 auf Fr. 84'150.- (13x Fr. 5550.- zuzüglich 12x Fr. 1000.-) belaufen.
Ob dies so zu deuten ist, dass der Beschwerdeführer krankheitsbedingt vom
Schichtführer zum Maschinenführer zurückgestuft worden ist, kann offen bleiben, denn
der Beschwerdeführer hat offensichtlich trotz der Veränderung per 1. März 2008
weiterhin denselben Lohn erhalten. Zudem enthalten die Akten keinen Hinweis darauf,
dass der Beschwerdeführer geplant hätte, den Arbeitsplatz zu wechseln. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Validenkarriere ist deshalb diejenige eines Schichtführers bei der F._AG und das
Valideneinkommen ist anhand des an diesem Arbeitsplatz erzielbaren
beitragspflichtigen Bruttolohns zu ermitteln. Als Folge der Gesundheitsbeeinträchtigung
kann der Beschwerdeführer diese Tätigkeit (und auch diejenige des Maschinenführers)
nicht mehr ausüben; er ist hier vollständig arbeitsunfähig. Die Invalidenkarriere
bestimmt sich deshalb einerseits nach den medizinischen Vorgaben an eine
behinderungsadaptierte Erwerbstätigkeit und andererseits nach den beruflichen
Kenntnissen und Erfahrungen des Beschwerdeführers. Dieser hat zwar gemäss seinen
eigenen Angaben gegenüber den Sachverständigen des ABI nach der Grundschule die
Verkehrsschule besucht, hat aber anschliessend keinen Beruf erlernt. In der Schweiz ist
er immer nur als Hilfsarbeiter tätig gewesen. Ihm fehlen also die beruflichen Kenntnisse,
die es ihm erlauben würden, einer qualifizierten Berufstätigkeit nachzugehen. Als
Invalidenkarriere kommt deshalb zunächst nur eine Tätigkeit als Hilfsarbeiter in Frage.
Solle der Vergleich zwischen dem Valideneinkommen als Schichtführer bei der F._AG
und dem zumutbaren Invalideneinkommen in einer behinderungsadaptierten Hilfsarbeit
allerdings eine Erwerbseinbusse von 40% oder mehr ergeben und somit ein
Rentenanspruch im Raum stehen, so müsste in Erfüllung des Grundsatzes
"Eingliederung vor Rente" (vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., Vorbemerkungen N.
47) vorab eine (sogenannt höherwertige, d.h. das berufliche Niveau anhebende)
berufliche Eingliederung des Beschwerdeführers geprüft und gegebenenfalls
durchgeführt werden, mit der bei unverändertem Arbeitsfähigkeitsgrad ein Einkommen
erzielt werden könnte, das weniger als 40% unter dem Valideneinkommen als
Schichtführer läge. Die Beschwerdegegnerin hätte also zunächst die
Umschulungsfähigkeit und dann gegebenenfalls (im Rahmen einer Berufsberatung) die
in Frage kommenden Umschulungsmöglichkeiten zu prüfen. Die Akten enthalten keinen
Hinweis darauf, dass der Beschwerdeführer offenkundig nicht umschulungsfähig wäre,
so dass nicht in antizipierender Beweiswürdigung angenommen werden kann, es
bestehe gar keine Möglichkeit, dem Beschwerdeführer die erforderlichen
Berufskenntnisse zu vermitteln. Demnach hängt es vom Ergebnis eines "vorläufigen"
Einkommensvergleichs ab, ob die Sache zur Prüfung und gegebenenfalls zur
Durchführung einer beruflichen Eingliederung an die Beschwerdeführerin
zurückzuweisen ist. Bei diesem Vergleich ist von jener Invalidenkarriere auszugehen,
die keinerlei berufliche Eingliederung voraussetzt, nämlich eine behinderungsadaptierte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hilfsarbeit. Behinderungsadaptiert ist im vorliegenden Fall eine Tätigkeit, wenn sie
körperlich leicht bis höchstens mittelschwer ist, wenn sie kein repetitives Bücken
beinhaltet, wenn keine Gewichte über 10 kg gehoben oder getragen werden müssen
und wenn es dem Beschwerdeführer möglich ist, entsprechend seiner jeweiligen
psychischen Verfassung das Arbeitstempo zu reduzieren oder vermehrt Pausen
einzuschalten.
2.
2.1 Auf dem allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt finden sich in allen
Branchen adaptierte Arbeitsplätze. Das erlaubt es, das "vorläufige" zumutbare
Invalideneinkommen ausgehend vom Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne aller Branchen
zu ermitteln. Gemäss der Tabelle TA1 im Anhang zu der vom Bundesamt für Statistik
herausgegebenen Lohnstrukturerhebung 2008 hat sich der massgebende Zentralwert
auf Fr. 4935.- belaufen. Dieser Betrag ist praxisgemäss von 40 Wochenarbeitsstunden
auf den schweizerischen Durchschnitt von 41,6 Std. (also nicht auf 43 Std., wie die
Beschwerdegegnerin angenommen hat) umzurechnen. Es resultiert ein Einkommen von
Fr. 5132.40 bzw. Fr. 61'589.-. Die Schichtzulage bildete Teil der Validenkarriere. Die
Invalidenkarriere besteht aber in irgendeiner adaptierten Hilfsarbeit, die keine
Schichtarbeit umfasst. Zudem ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
aufgrund der Art seiner Gesundheitsbeeinträchtigung längerfristig gar nicht fähig ist,
einer Schichtarbeit nachzugehen. Wäre der Beschwerdeführer in einer adaptierten
Hilfsarbeit zu 100% arbeitsfähig, würde sich das zumutbare Invalideneinkommen also
auf Fr. 61'589.- belaufen. Effektiv ist der Beschwerdeführer aber nicht voll arbeitsfähig,
wobei sich die Parteien über das Mass der Arbeitsunfähigkeit nicht einig sind. Die
Beschwerdegegnerin geht von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 80% aus. Dabei stützt
sie sich auf das Gutachten des ABI, in dem für eine adaptierte Tätigkeit aus
somatischer Sicht keine Einschränkung, aus psychiatrischer Sicht jedoch eine
Arbeitsunfähigkeit von 20% angegeben worden ist. Diese Einschätzung beruht auf
einer umfassenden und objektiven Einschätzung durch unabhängige Sachverständige
und ist deshalb grundsätzlich geeignet, den massgebenden Arbeitsfähigkeitsgrad mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Der
Beschwerdeführer begründet seine Auffassung, vollständig arbeitsunfähig zu sein, nur
mit der Beeinträchtigung seiner psychischen Gesundheit. Nur in seiner Stellungnahme
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 4. Februar 2010 zum Vorbescheid hat er darauf hingewiesen, dass er
ununterbrochen Schmerzmittel einnehmen müsse und dass sich seine Schmerzen seit
Mai 2008 deutlich verschlimmert hätten. Er hat aber nicht geltend gemacht, dass er
allein deswegen schon arbeitsunfähig sei. Er hat seine Argumentation auf die Angaben
seiner behandelnden Psychiaterin Dr. E._ abgestützt. Diese hatte am 19. Dezember
2008 angegeben (vgl. IV-act. 27), die Behandlung habe am 14. Februar 2008 begonnen
und die vollständige Arbeitsunfähigkeit bestehe seit dem 27. August 2008. Der
Beschwerdeführer leide an einer anhaltenden depressiven Störung, an einer
somatoformen Schmerzstörung (oberer Gastrointestinaltrakt) und an einer
andauernden Persönlichkeitsstörung. Nur wenige Monate vorher und nur wenige
Wochen vor dem von Dr. E._ angegebenen Eintritt der Arbeitsunfähigkeit hat die
Klinik Valens in ihrem Austrittsbericht nach einer mehrwöchigen Rehabilitation
festgehalten, es sei keine psychiatrische Diagnose fassbar gewesen und es bestehe
eine Arbeitsfähigkeit von 50%, die innert weniger Wochen auf 100% gesteigert werden
könne. Wenn die von Dr. E._ angegebenen Diagnosen zutreffen würden und wenn
auch die Arbeitsfähigkeitsschätzung korrekt wäre, müsste sich die psychische
Situation des Beschwerdeführers innerhalb von sechs Wochen drastisch verschlechtert
haben. Dr. E._ hat nichts Derartiges angegeben. Der psychiatrische Sachverständige
des ABI hat dazu ausgeführt, die Symptome einer anhaltenden Persönlichkeitsstörung
seien nicht gegeben. Die bestehenden Symptome seien vielmehr typisch für eine
Schmerzverarbeitungsstörung. Die Schlafstörungen seien teilweise darauf
zurückzuführen, dass der Beschwerdeführer auch tagsüber schlafe. Dieser nehme zwar
Antidepressiva, aber nicht in einer konstanten Dosierung und auch nicht zu einer
bestimmten Tageszeit (woraus der psychiatrische Sachverständige offenbar den
Schluss gezogen hat, dass die Depression nur schwach ausgeprägt sei). Im Gutachten
des ABI findet sich also eine detaillierte, objektive und damit überzeugende Kritik an
den Angaben von Dr. E._, die als nicht stichhaltig qualifiziert werden. Dr. E._ hat
sich in ihrer Stellungnahme zur Kritik des psychiatrischen Sachverständigen des ABI
darauf beschränkt, auf die lange Behandlungsdauer im Gegensatz zur "zeitlich
begrenzten Untersuchung" durch den Sachverständigen des ABI hinzuweisen; eine
inhaltliche Auseinandersetzung mit den gegen ihre Auffassung vorgebrachten
Argumenten fehlt aber. Der Verweis auf die Therapiedauer beruht auf der
(erfahrungsgemäss immer wieder geäusserten) Meinung, dass damit die Beurteilung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Arbeitsfähigkeit notwendigerweise präziser sei, weil der Gesundheitszustand
besser bekannt sei. Diese Meinung unterstellt, dass eine Begutachtung als
"Momentaufnahme" zum vornherein nicht ausreiche, um den Gesundheitszustand des
Exploranden korrekt zu erfassen und gestützt darauf eine verlässliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung abzugeben. Ihr ist entgegen zu halten, dass die lange
Behandlungsdauer oft gerade das Gegenteil bewirkt, indem sie dem behandelnden
Arzt den Blick auf den objektiven Zustand verstellt, weil sich das lange Zeit konsequent
demonstrierte Bild des schwer kranken, nicht heilbaren und völlig arbeitsunfähigen
Patienten davor geschoben hat. Das Fehlen jeglicher Auseinandersetzung mit der Kritik
im Gutachten des ABI lässt vermuten, dass auch Dr. E._ nicht über den objektiven
Gesundheitszustand, sondern über die subjektive Selbsteinschätzung des
Beschwerdeführers berichtet hat. Das bedeutet, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung
von Dr. E._ die Überzeugungskraft jener der Sachverständigen des ABI nicht zu
erschüttern vermag.
2.2 Nun hat aber auch die Beschwerdegegnerin die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
Sachverständigen des ABI als falsch bezeichnet. Sie hat nämlich im
Beschwerdeverfahren geltend gemacht, es sei dem Beschwerdeführer zumutbar, seine
Krankheits- und Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung vollständig zu überwinden und zu
100% einer adaptierten Erwerbstätigkeit nachzugehen. Damit hat sich die
Beschwerdegegnerin auf die mit BGE 130 V 352 ff. und BGE 131 V 49 ff. begründete
höchstrichterliche Rechtsprechung berufen, mit der dem Kriterium der zumutbaren
Willensanstrengung zur Überwindung der Krankheits- und
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung erst die ihm zukommende Bedeutung eingeräumt
worden ist. Zu prüfen ist deshalb, ob bei der Anwendung der entsprechenden Kriterien
tatsächlich eine vollständige Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers anzunehmen ist,
wie die Beschwerdegegnerin geltend macht, oder ob die Sachverständigen des ABI die
ihnen bekannten Kriterien nicht korrekt angewendet und eine nicht überwindbare
Teilarbeitsunfähigkeit angegeben haben. Grundsätzlich ist bei den bestehenden
Diagnosen einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion und einer
Schmerzverarbeitungsstörung von der Überwindbarkeit der Krankheits- und
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung auszugehen. Die Vermutung der Überwindbarkeit gilt
praxisgemäss als widerlegt, wenn eine mitwirkende, psychisch ausgewiesene
Komorbidität erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer vorliegt oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenn andere qualifizierte Umstände mit der erforderlichen Intensität und Konstanz
bestehen (vgl. BGE 130 V 354 f.). Der Beschwerdeführer leidet an einer
Anpassungsstörung mit einer längeren depressiven Reaktion und an einer
Schmerzverarbeitungsstörung. Letztere ist vom psychiatrischen Sachverständigen des
ABI als nicht arbeitsfähigkeitsrelevant eingestuft worden, damit kann es sich nicht um
eine mitwirkende relevante Komorbidität handeln. Dasselbe gilt für die längere
depressive Reaktion, da es sich dabei nur um eine Folge der Anpassungsstörung
handelt. Die körperlichen Begleiterkrankungen weisen ebenfalls nicht jene Schwere auf,
die nötig wäre, um die Überwindbarkeitsvermutung zu widerlegen. Das zeigt sich darin,
dass sie für sich allein nur eine qualitative, aber keine quantitative Arbeitsunfähigkeit zu
bewirken vermögen. Der Beschwerdeführer hat sich auch nicht in allen Belangen des
Lebens zurückgezogen, selbst wenn er im Haushalt nicht mithilft und sich von seinen
Kollegen zurückgezogen hat. Die Beziehungen innerhalb der Familie sind nämlich gut,
der Beschwerdeführer fährt weiterhin selbst Auto und weilt in den Ferien oft in seinem
Herkunftsland. Von einem primären Krankheitsgewinn kann offenkundig nicht
gesprochen werden und es fehlt auch eine intensive, aber definitiv gescheiterte
Therapie. Die Vermutung der Überwindbarkeit der Krankheits- und
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung ist also nicht umgestossen. Gemäss den Angaben im
psychiatrischen Teil des Gutachtens leidet der Beschwerdeführer aber an depressiven
Verstimmungen, an einer erhöhten Ermüdbarkeit, an einer Antriebsstörung und an
Schlafstörungen (wobei letztere allerdings teilweise darauf zurückzuführen sind, dass er
sich auch tagsüber niederlegt). Es ist nachvollziehbar, dass er dadurch in seiner
Arbeitsweise verlangsamt und auf vermehrte Pausen angewiesen ist. Entgegen der
Auffassung der Beschwerdegegnerin ist deshalb davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer seine Krankheits- und Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nur im Ausmass von 80% durch eine zumutbare
Willensanstrengung überwinden kann. Bei der Ermittlung des zumutbaren
Invalideneinkommens ist deshalb von einer Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Hilfsarbeit von lediglich 80% auszugehen.
2.3 Ausgehend vom Durchschnittseinkommen von Fr. 61'589.- resultiert bei einem
Beschäftigungsgrad von 80% ein Jahreseinkommen von Fr. 49'271.-. Nun weist der
Beschwerdeführer auf dem Markt für adaptierte Hilfsarbeiten aber verschiedene
Konkurrenznachteile gegenüber gesunden zu 80% tätigen Arbeitnehmern auf. Dazu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gehören etwa die Unfähigkeit, Überstunden zu leisten oder vorübergehend an einem
nicht adaptierten Arbeitsplatz tätig zu sein, die (allenfalls auch nur Schein-) Gefahr
überdurchschnittlicher Krankheitsabsenzen und der Bedarf nach besonderer
Rücksichtnahme seitens der Vorgesetzten und der Arbeitskollegen bei kurzfristig
schwankender Leistungsfähigkeit. Zusammen mit der statistisch ausgewiesenen
überproportionalen Leistungseinbusse bei reduziertem Beschäftigungsgrad (vgl. die
Lohnstrukturerhebung 2006, S. 16, Tabelle T2*) erscheint praxisgemäss ein
zusätzlicher Abzug von 15% als angemessen. Damit beläuft sich das zumutbare
Invalideneinkommen auf Fr. 41'880.-. Die Beschwerdegegnerin hat das
Valideneinkommen anhand der Lohnangaben der F._AG bemessen (Fr. 84'150.-). In
den Jahren 2006 und 2007 hat der Beschwerdeführer einen leicht höheren
beitragspflichtigen Lohn erzielt. Mit dem von der Beschwerdegegnerin angenommenen
Valideneinkommen resultiert aus dem "vorläufigen" Einkommensvergleich ein
Invaliditätsgrad von 50%, beim Durchschnitt aus den Jahren 2006 und 2007 ein
solcher von 53%. Unabhängig von der Bestimmung des Valideneinkommens liegt also
eine Erwerbseinbusse von mehr als 40% vor. Das bedeutet, dass die
Beschwerdegegnerin das Verwaltungsverfahren zu Unrecht mit einer Abweisung des
Rentenbegehrens abgeschlossen hat. Aufgrund des Resultats des "vorläufigen"
Einkommensvergleichs ist der berufliche Eingliederungsbedarf ausgewiesen. Die
angefochtene Verfügung ist deshalb wegen der Verletzung des Grundsatzes
"Eingliederung vor Rente" aufzuheben und die Sache ist zur Weiterführung des
Verwaltungsverfahrens mit dem Ziel einer rentenausschliessenden beruflichen
Eingliederung des Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Die Beschwerdegegnerin wird erst dann wieder über das Rentengesuch des
Beschwerdeführers verfügen können, wenn die berufliche Eingliederung
abgeschlossen ist oder wenn die weiteren Abklärungen ergeben sollten, dass keine
rentenrelevante berufliche Eingliederung möglich ist.
3.
Im Sinn der vorstehenden Ausführungen ist die Verfügung vom 15. Februar 2010
aufzuheben und die Sache ist zur Weiterführung des Verwaltungsverfahrens an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Rückweisung ist im Hinblick auf den
Anspruch auf eine Parteientschädigung praxisgemäss als vollumfängliches Obsiegen
zu werten. Der Beschwerdeführer hat deshalb einen Anspruch auf eine volle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Parteientschädigung. Diese bemisst sich nach der Bedeutung der Streitsache und nach d
er Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g ATSG). Da es sich unter Berücksichtigung
dieser beiden Kriterien um einen durchschnittlichen Fall handelt, ist die
Parteientschädigung praxisgemäss auf Fr. 3500.- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzusetzen. Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die
Gerichtsgebühr bemisst sich nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG).
Dieser rechtfertigt eine Gebühr von Fr. 600.-, die durch die unterliegende
Beschwerdegegnerin zu bezahlen ist. Der in gleicher Höhe geleistete Vorschuss ist
dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP