Decision ID: 4f1dfa36-63a9-4855-a565-a21e1c8d5bf1
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 23. August 2018 in der Schweiz
um Asyl nach. Am 4. September 2018 fand die Befragung zur Person (BzP)
und am 8. Januar 2019 die Anhörung statt, an welchen sie im Wesentlichen
ausführte, sie sei afghanische Staatsbürgerin, gehöre der Ethnie Hazara
an und habe von Geburt an bis zu ihrer Ausreise in Teheran, Iran, gelebt
und dort die Schule mit Matura abgeschlossen. Im (...) 2015 sei sie mit
ihrer Familie in die Schweiz gereist, wo sie um Asyl nachgesucht habe. Auf
der Reise in die Schweiz sei die Familie an der Grenze zur Türkei von ihrer
Grossmutter getrennt worden. Diese sei nach Afghanistan deportiert wor-
den. Um die Grossmutter in Afghanistan zu unterstützen, habe die Familie
im Juni 2016 ihr Asylgesuch in der Schweiz zurückgezogen und sei zur
Grossmutter nach Afghanistan zurückgereist. In B._ hätten sie ein
Haus eines Bekannten ihrer Grossmutter gemietet. Bei diesem habe es
sich um eine einflussreiche Persönlichkeit namens C._ gehandelt.
Sein Sohn, der 40 Jahre alte D._, sei verheiratet gewesen und habe
(...) Kinder gehabt. C._ habe etwa einen Monat nach der Ankunft
der Familie in B._ ihren Vater aufgesucht und bei diesem für seinen
Sohn um ihre Hand angehalten. Da ihr Vater, ebenso sie selber, gegen
diese Hochzeit gewesen sei, weil D._ viel älter gewesen sei und sie
nicht geliebt habe, habe dieser das Begehren mehrere Male zurückgewie-
sen, worauf C._ diesem mit seiner Macht gedroht habe. Eines Ta-
ges sei es zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen ihrem Vater
und D._ gekommen, in welcher dieser unter anderem mit einer
Waffe auf ihren Vater gezielt und in den Boden und in die Luft geschossen
habe. Daraufhin habe er in die Gassen gerufen, dass dieses Haus ihm ge-
höre. Herbeigeeilte Nachbaren hätten ihrem Vater erklärt, dass nach die-
sen Worten niemand anderes mehr als D._ das Anrecht habe, ihr
Haus zu betreten und um ihre Hand anzuhalten. Aufgrund dieser Drohge-
bärden sei ihr Vater gemeinsam mit ihr und ihrer Schwester zu seiner Tante
nach E._ gefahren, wo sie übernachtet hätten. Ihre Mutter und ihre
Grossmutter seien zurückgeblieben und seien von D._ aufgesucht
und geschlagen worden. Ihr Vater habe sie dann zu sich geholt und ge-
meinsam mit ihr und ihrer Schwester seien sie zu einer anderen Tante ge-
fahren und hätten sich bei ihr zirka eine Woche versteckt. Während dieses
Aufenthalts habe ihr Vater von einem Bekannten vom Sicherheitsamt das
Foto eines Dokuments über sein Telefon erhalten. Bei diesem handle es
sich um eine Vorladung, gemäss welcher die Kriminalpolizei von der
Staatsanwaltschaft aufgefordert worden sei, ihren Vater festzunehmen.
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Darin werde ihm vorgeworfen, nachdem er zum Christentum konvertiert
sei, sei er aus Europa zurückgekehrt und habe missioniert. Im Weiteren sei
in dieser Vorladung erwähnt, dass ein Ausreiseverbot gegen ihn verfügt
worden sei. Sodann seien sie am gleichen Tag in Richtung Kandahar und
weiter in den Iran gereist, wo sie ihre Grossmutter bei einem Verwandten
zurückgelassen hätten. Von dort seien sie über die Türkei nach Griechen-
land und weiter per Flug mit gefälschten Ausweisen in die Schweiz einge-
reist.
A.b Vorinstanzlich reichte die Beschwerdeführerin eine Kopie eines Haft-
befehls für ihren Vater sowie ein afghanisches Registrierungsdokument mit
Ausstellungsdatum 2004 zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 1. April 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh-
rerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Den Vollzug der Wegwei-
sung schob es wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Auf-
nahme auf. Im Weiteren beauftragte es den Kanton F._ mit der Um-
setzung der vorläufigen Aufnahme.
C.
C.a Mit Eingabe vom 4. Mai 2020 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, die angefochtene Ver-
fügung sei in den Ziffern 1–3 aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft
festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Flüchtlingsei-
genschaft festzustellen und sie als Folge davon von Amtes wegen vorläufig
aufzunehmen. Subeventualiter sei die Sache zur Ergänzung des Sachver-
halts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht bean-
tragte sie, es sei ihr die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und
der Unterzeichnende als unentgeltlicher Rechtsvertreter beizuordnen.
Der Beschwerde legte die Beschwerdeführerin die angefochtene Verfü-
gung, eine gültige Vollmacht vom 2. Mai 2020, eine Sendungsnachverfol-
gung, den Auftrag betreffend Mandat und eine Honorarvereinbarung vom
1. April 2019, eine Anzeige betreffend Mandatsübergabe vom 12. Novem-
ber 2019 sowie eine Bescheinigung von Sozialhilfebezug der Gemeinde
F._ vom 30. April 2020 bei.
C.b Mit Zwischenverfügung vom 11. Mai 2020 wies die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um
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Seite 4
Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands ab und forderte die Be-
schwerdeführerin auf, einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten. Der
Kostenvorschuss wurde innert Frist geleistet.
D.
Das Beschwerdeverfahren der Eltern sowie der Geschwister der Be-
schwerdeführerin wird unter der Geschäftsnummer E-2339/2020 geführt.
Diese Akten werden für das vorliegende Verfahren beigezogen.
E.
Mit Eingaben vom 11. Mai 2020, 28. Mai 2020, 6. Juni 2020, 10. Juni 2020,
20. Juni 2020, 25. Juli 2020, 29. September 2020, 5. Oktober 2020,
16. November 2020, 17. November 2020, 27. November 2020, 17. No-
vember (recte: Dezember) 2020, 3. Februar 2021, 10. Februar 2021,
12. Februar 2021, 6. April 2021, 21. April 2021 und 17. November 2021
liess die Beschwerdeführerin eine Vielzahl von Beweismitteln bezüglich
des vorliegenden Verfahrens und des Verfahrens E-2339/2020 zu den Ak-
ten reichen. Auf diese Beweismittel wird, wo nötig, in den Erwägungen ein-
gegangen.
F.
Mit Eingabe vom 28. Juni 2021 informierte der Rechtsvertreter Rechtsan-
walt lic. iur. Michael Adamczyk das Gericht über die Beendigung seines
Mandats und die Mandatsübergabe an MLaw Natalie Marrer. Eine gültige
Vollmacht für die neue Rechtsvertreterin wurde am 5. Juli 2021 nachge-
reicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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Seite 5
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
4.1
In der Beschwerde wird eine formelle Rüge erhoben, welche vorab zu be-
urteilen ist, da diese bei berechtigtem Vorbringen zur Kassation der ange-
fochtenen Verfügung führen kann.
4.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach stellt
die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich nöti-
genfalls der unter Art. 12 Bst. a–e VwVG aufgelisteten Beweismittel. Dieser
Grundsatz gilt indes nicht uneingeschränkt; er findet seine Grenzen an der
Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). Dazu gehört un-
ter anderem, die Identität offenzulegen, vorhandene Identitätspapiere ab-
zugeben und an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken.
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Seite 6
4.3 Die Rüge der Verletzung der Untersuchungspflicht ist unbegründet. Ei-
nerseits setzt sich die Beschwerdeführerin in keiner Weise mit dieser Rüge
auseinander, begründet mithin nicht, welche Untersuchungshandlungen ih-
rer Meinung nach unterlassen oder nicht korrekt durchgeführt worden sind,
andererseits ist auch durch das Gericht keine Untersuchungspflichtverlet-
zung zu erblicken. Dass die Vorinstanz die Akten anders würdigt als die
Beschwerdeführerin, ist sodann nicht eine Frage der Verletzung der Unter-
suchungspflicht, sondern betrifft die materielle Würdigung der Vorbringen.
Nach dem Gesagten ist die Vorinstanz ihrer Pflicht, den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen (vgl. Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12
VwVG), in rechtsgenüglicher Weise nachgekommen. Der Untersuchungs-
grundsatz wurde folglich nicht verletzt, weswegen eine Rückweisung an
die Vorinstanz ausser Betracht fällt.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
Beschwerdeführerin. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtig-
keit der Sachverhaltsdarstellung der Beschwerdeführerin sprechen, über-
wiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen.
Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfol-
gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanti-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tat-
sächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Origi-
nalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft
wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, wi-
dersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der
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Seite 7
Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung al-
ler Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhal-
tes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwür-
digkeit usw.), die für oder gegen die Beschwerdeführerin sprechen. Glaub-
haft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente über-
wiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der
Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten
Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge-
brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1)..
6.
6.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung aus, das Vor-
bringen, C._ und sein Sohn D._ hätten grossen Druck auf
den Vater der Beschwerdeführerin ausgeübt, um diese gegen ihren Willen
zur Heirat freizugeben, sei unglaubhaft. Die Familie C._ verfüge
über offensichtlich konservative und den afghanischen Traditionen ver-
pflichtete Werte. Dies sei dadurch erkennbar, dass die Beschwerdeführerin
und ihre Schwester von der Frau von C._ während eines Abendes-
sens wegen der Art des Kopftuchtragens zurechtgewiesen worden seien.
Die Beschwerdeführerin brachte diesbezüglich vor, sie habe sich zu jener
Zeit stark an den westlichen Lebensstil und die westlichen Werte gewöhnt,
sodass ihr C._s Einstellung völlig fremd erschienen sei. Es können
deshalb nicht nachvollzogen werden, weshalb die Familie C._ darin
keinen Hinderungsgrund für eine Ehe zwischen der Beschwerdeführerin
und ihrem Sohn gesehen habe, zumal es für einen konservativen Muslim
wie C._ nicht statthaft sei, seinen Sohn mit einer «Ungläubigen» zu
verheiraten. Zudem sei erstaunlich, dass die Beschwerdeführerin sieben
bis acht Monate im Haus von C._ gelebt habe, während ihr Vater
einem immer grösser werdenden Druck ausgesetzt gewesen sei und es
keine Anzeichen gegeben habe, dass sie in dieser Zeit aus dem Haus habe
ausziehen wollen.
Die Vorinstanz hegt im Weiteren Zweifel hinsichtlich der Begründung der
Beschwerdeführerin für den Rückzug des Asylgesuchs im Jahr 2016. So
habe sie angegeben, von ihrer Grossmutter aufgrund ihrer Gebrechlichkeit
bei der Ausreise am (...) 2015 aus dem Iran getrennt worden zu sein, wobei
diese nach Afghanistan deportiert worden sei. Bei der BzP im August 2015,
also fast (...) Monate nach ihrer Ausreise, habe die Beschwerdeführerin
respektive hätten ihre Familienmitglieder aber mit keinem Wort erwähnt,
dass ihre Grossmutter auf der Reise verlorengegangen sei. Sie habe an-
gegeben, diese würde sich im Iran und nicht etwa in Afghanistan aufhalten.
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Seite 8
Im Weiteren sei erstaunlich, dass die Beschwerdeführerin sich trotz der
grossen Gewissensnot, da sich ihre Grossmutter ganz allein in Afghanistan
aufgehalten habe, erst nach weiteren sechs Monaten zum Asylrückzug ent-
schlossen habe. Die Mutter der Beschwerdeführerin habe jedoch anläss-
lich der BzP vom 24. September 2018 angegeben, die Grossmutter der
Beschwerdeführerin sei in Teheran wohnhaft und im Besitze eines Aufent-
haltspasses. Im Lichte dieser Ungereimtheiten komme die Vermutung auf,
dass die Grossmutter der Beschwerdeführerin den Iran gar nie verlassen
habe, wobei der wahre Grund des Asylrückzuges offengelassen werden
könne.
6.2 Dem hält die Beschwerdeführerin im Wesentlichen entgegen, ihre Aus-
führungen seien sehr detailliert und umfangreich ausgefallen und mit Re-
alkennzeichen versehen. Sie habe mehrmals weinen müssen und habe
teils in direkter Rede vorgetragen.
Zu den einzelnen Vorhalten der Vorinstanz führt die Beschwerdeführerin
weiter aus, gegenüber ihrem Vater habe C._ einmal erwähnt, dass
sein Sohn jetzt mächtiger und gebildeter sei, seine Frau hingegen ungebil-
det. Sein Sohn wolle sich nun auf ein höheres Niveau begeben und wolle
dafür ebenfalls eine Frau mit höherem Niveau heiraten. Das Interesse des
Sohnes von C._ an ihr hinge offensichtlich mit sozialen Überlegun-
gen, aber auch mit echter Sympathie für sie zusammen. C._ habe
auch ein grosses Interesse an den Verhältnissen in Europa gezeigt, welche
die Familie durch ihren Aufenthalt in der Schweiz erlebt habe. Auch hätten
sie und ihre Schwester Sprachlehrbücher und andere Bücher aus der
Schweiz mitgebracht; C._ habe sogar ein Buch über die Einführung
des Christentums mit nach Hause genommen, auch wenn er bereits Kritik
an der religiösen Einstellung der Familie geübt habe. Zudem sei bis zum
«Nein» ihr Vaters C._ nicht bedrohlich aufgetreten.
Betreffend den Vorhalt der Vorinstanz zum Rückzug des Asylgesuches im
Jahr 2016 führte die Beschwerdeführerin aus, ihre Mutter habe im Zeit-
punkt der BzP noch keine sichere Kenntnis von den Geschehnissen be-
treffend ihre Grossmutter gehabt und es habe, aufgrund der summarischen
Form der BzP, nicht erwartet werden dürfen, dass diese das Verlorengehen
ihrer Mutter habe erwähnen müssen. Die Familie habe mit der Rückreise
noch zugewartet, da sie habe abwarten wollen, ob ihre Grossmutter auf-
grund der offenen Grenzen in Griechenland es ohne die Hilfe der Familie
nach Europa schaffen würde.
E-2342/2020
Seite 9
7.
7.1 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbringen der Beschwerdeführerin in Be-
zug auf ihre Asylgründe zu Recht als unglaubhaft qualifiziert hat. Es kann
vorab auf die in wesentlichen Teilen zutreffenden Erwägungen der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen werden.
7.2 Auch nach Ansicht des Gerichts wirken die Vorbringen der Beschwer-
deführerin zu den Gründen ihrer Ausreise, namentlich zu den Problemen
zwischen C._ respektive zwischen D._ und ihrem Vater
nicht nachvollziehbar.
7.3 Das Gericht kommt weiter zum Schluss, dass auf der einen Seite der
Vorinstanz nicht zu folgen ist, wonach es nicht nachvollziehbar sei, dass
C._ und sein Sohn D._ ein derart grosses Interesse an der
Beschwerdeführerin gehabt haben sollten. Diesbezüglich ist festzustellen,
dass aus der Tatsache, nach welcher die Beschwerdeführerin und ihre Fa-
milie einer «westlicheren» Bewegung angehörten, nicht zu schliessen ist,
dass der Sohn von C._, welcher aus einer konservativeren Familie
stammt, sich für sie nicht hätte interessieren sollen. Auf der anderen Seite
sind die Vorbringen der Beschwerdeführerin über weite Strecken nicht
plausibel. Es erscheint unlogisch, dass C._ derart hartnäckig be-
strebt gewesen sein soll, seinen Sohn mit ihr verheiraten zu wollen. Eher
wäre in diesem Zusammenhang zu erwarten gewesen, dass er aufgrund
deren Weigerung die Beschwerdeführerin mit ihrer Familie unmittelbar aus
dem Haus geworfen hätte. In Bezug auf den behaupteten Übergriff auf die
Mutter der Beschwerdeführerin ist auf die entsprechenden Ausführungen
im Verfahren E-2339/2020 zu verweisen.
Betreffend die Begründung für den Rückzug des Asylgesuches im Jahr
2016 ist auf die angefochtene Verfügung zu verweisen. Die Ausführungen
in der Beschwerde, die Mutter der Beschwerdeführerin habe zum Zeitpunkt
der BzP noch keine sichere Kenntnis davon gehabt, dass ihre Mutter nach
Afghanistan deportiert worden sei, weswegen dies nicht erwähnt worden
sei, mutet seltsam an. Es wäre zu erwarten, dass ein solch einschneiden-
des Erlebnis, hätte es sich tatsächlich so zugetragen, durch die Familien-
mitglieder an der BzP im August 2015 erwähnt worden wäre. Somit sind
die Umstände des Rückzugs des Asylgesuches und der Ausreise aus der
Schweiz im Jahr 2016 nicht glaubhaft gemacht worden.
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Seite 10
7.4 Im Übrigen ist festzuhalten, dass die Macht von C._, von wel-
chem die Beschwerdeführerin und ihre Familie behaupten, dieser sei der
damaligen Regierung nahegestanden und habe dadurch eine politische
Macht innegehabt, nach der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021
erheblich zu relativieren sein dürfte und daher nicht davon auszugehen ist,
dass dieser der Beschwerdeführerin bei ihrer (derzeit hypothetischen)
Rückkehr (weiterhin) nachstellen würde.
7.5 Die auf Beschwerdeebene am 6. Juni 2020 und am 27. November
2020 eingereichten Fotos sind mangels Datierung und rechtsgenüglicher
Identifizierung der darauf ersichtlichen Personen zur Beweisführung unge-
eignet. Folglich wird nicht weiter darauf eingegangen.
7.6 Zusammenfassend folgt, dass in Würdigung der gesamten Aspekte
wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sach-
verhaltsdarstellung sprechen. Das SEM hat das Asylgesuch nach dem Ge-
sagten zu Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung vom 1. April 2020 die
vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeordnet.
Demnach erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zu-
mutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
E-2342/2020
Seite 11
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerdefüh-
rerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Der einbezahlte Kostenvorschuss ist zur Begleichung der Ver-
fahrenskosten zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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