Decision ID: 5b5e21e5-72ed-5c72-92e1-ff07cf0d1879
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 7. Januar 2021 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte,
dass er am 12. Januar 2021 der im Bundesasylzenrum (BAZ) B._
tätigen Rechtsvertretungsorganisation Vollmacht erteilte,
dass er gemäss der Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac)
am (...) in Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist
ist und das SEM gestützt hierauf am 15. Januar 2021 die italienischen Be-
hörden um Übernahme des Beschwerdeführers ersuchte, die hierzu innert
Frist keine Stellung nahmen,
dass dem Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 14. Ja-
nuar 2021 das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Italiens
und zu seinem Gesundheitszustand gewährt wurde,
dass das SEM mit Verfügung vom 25. März 2021 auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht eintrat, dessen Wegweisung aus der Schweiz
nach Italien anordnete, eine Ausreisefrist ansetzte, den zuständigen Kan-
ton mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragte, die editionspflichtigen
Akten aushändigte und feststellte, der Beschwerde komme keine aufschie-
bende Wirkung zu,
dass die damalige Rechtsvertretung des Beschwerdeführers am 29. März
2021 ihr Mandatsverhältnis als beendet erklärte,
dass der Beschwerdeführer unter Beilage einer bereits aktenkundigen Ko-
pie (Il Questore della Provincia di Crotone) mit Eingabe vom 31. März 2021
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde einreichte,
dass er beantragte, es sei die Verfügung des SEM aufzuheben, die Flücht-
lingseigenschaft anzuerkennen, Asyl zu gewähren, die Unzulässigkeit, die
Unzumutbarkeit sowie die Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs fest-
zustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen,
dass er in prozessualer Hinsicht beantragte, es sei die unentgeltliche Pro-
zessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu
verzichten, ein amtlicher Rechtsbeistand einzusetzen und eventuell die
aufschiebende Wirkung wiederherzustellen,
E-1480/2021
Seite 3

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen des SEM entscheidet (vgl. dazu Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG
und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass sich die Kognition des Gerichts und die zulässigen Rügen im Asylbe-
reich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG richten,
dass der Beschwerdeführer zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist
(Art. 48 Abs. 1 VwVG), seine Eingabe den formellen Anforderungen an
eine Beschwerde genügt (Art. 52 Abs. 1 VwVG) und er seine Beschwerde
fristgerecht eingereicht hat (Art. 108 Abs. 3 AsylG), womit – unter nachfol-
gendem Vorbehalt – auf diese einzutreten ist,
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1,
2012/4 E. 2.2),
dass folglich die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft, der
Gewährung von Asyl sowie einer vorläufigen Aufnahme nicht Gegenstand
des vorliegenden Verfahrens bilden und insoweit auf die Beschwerde nicht
einzutreten ist (vgl. BVGE 2011/9 E. 5),
dass sich die Beschwerde – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensichtlich
unbegründet erweist, weshalb über diese in einzelrichterlicher Zuständig-
keit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten Richters
zu entscheiden ist (Art. 111 Bst. e AsylG),
dass gleichzeitig auf einen Schriftenwechsel zu verzichten und der Ent-
scheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
E-1480/2021
Seite 4
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass das SEM zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates
die Zuständigkeitskriterien nach der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Dublin-III-VO) prüft,
dass wenn diese Prüfung zur Feststellung führt, dass ein anderer Mitglied-
staat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, das SEM, nachdem
der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zu-
gestimmt hat – oder bei fingierter Zustimmung –, auf das Asylgesuch
grundsätzlich nicht eintritt (vgl. BVGE 2015/41 E. 3.1),
dass die Vorinstanz anhand der Zentraleinheit Eurodac zu Recht die Zu-
ständigkeit Italiens erkannte und die italienischen Behörden – gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO – um Übernahme ersuchte,
dass die italienischen Behörden das Ersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1
Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet liessen, womit sie ihre Zu-
ständigkeit implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass die Vorinstanz bei dieser Sachlage zu Recht von der Zuständigkeit
Italiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens aus-
ging,
dass die Beschwerdeausführungen und die Beschwerdebeilage nicht ge-
eignet sind, eine Verletzung der Zuständigkeitsbestimmungen darzutun,
dass es namentlich nicht von Belang ist, dass die italienischen Behörden
dem Ersuchen um Übernahme nicht explizit zugestimmt haben, da in die-
sem Fall davon auszugehen ist, dass dem Aufnahmegesuch stattgegeben
wurde, was die Verpflichtung Italiens nach sich zieht, den Beschwerdefüh-
rer aufzunehmen und angemessene Vorkehrungen für seine Ankunft zu
treffen (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
E-1480/2021
Seite 5
dass es auch nicht von Belang ist, dass der Beschwerdeführer in Italien
kein Asylgesuch gestellt hat, zumal die Dublin-III-VO den Schutzsuchen-
den kein Recht einräumt, den Antrag prüfenden Staat auszuwählen (vgl.
BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass damit die Grundlage für einen Nichteintretensentscheid in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG und die Anordnung einer Wegweisung
nach Italien gegeben ist,
dass sich der Beschwerdeführer mit der Begründung gegen eine Überstel-
lung nach Italien ausspricht, es sei ihm dort in der Quarantäne psychisch
sehr schlecht gegangen, er sei in einem verschmutzten, unwürdigen Camp
untergebracht worden, in welchem alle krank gewesen seien und es sei in
Italien sehr gefährlich, man werde eingesperrt oder lande auf der Strasse,
dass aufgrund der Aktenlage indessen keine Sachverhaltsumstände er-
sichtlich sind, die in rechtserheblicher Weise gegen eine Wegweisung in
den für ihn zuständigen Dublin-Vertragsstaat sprechen würden,
dass in dieser Hinsicht festzuhalten ist, dass Italien Signatarstaat der
EMRK (SR 0.101), des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zu-
satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist, wobei Ita-
lien nach Auffassung der Schweiz grundsätzlich seinen diesbezüglichen
völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt,
dass die Schweiz gleichzeitig davon ausgeht, Italien anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) und 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie), ergeben,
dass im letztgenannten Zusammenhang zwar nicht von der Hand zu wei-
sen ist, dass die in Italien herrschenden Aufnahmebedingungen schon wie-
derholt zu Klagen Anlass gaben, wozu sich das Bundesverwaltungsgericht
bereits mehrfach geäussert hat (vgl. BVGE 2015/4 E. 4, 2016/2 E. 5, 2017
VI/5 E. 8.4 und 2017 VI/10 E. 5 sowie BVGer-Urteil E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 [publiziert als Referenzurteil]),
E-1480/2021
Seite 6
dass sich allerdings auch damit nichts daran geändert hat, dass das Ge-
richt im Falle von Personen, die – wie der Beschwerdeführer – keine be-
sondere Verletzlichkeit erkennen lassen, ohne Einschränkung von der Zu-
lässigkeit der Überstellung nach Italien ausgeht,
dass die unsubstanziierten Mutmassungen in der Beschwerde hieran
nichts zu ändern vermögen und ebenfalls keinen Anlass zur Annahme ge-
ben, der Beschwerdeführer wäre in Italien ernsthaft gefährdet,
dass sich der Beschwerdeführer im Übrigen nötigenfalls an die italieni-
schen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen
auf dem Rechtsweg einfordern kann (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie),
dass sich – neben den staatlichen Strukturen – auch zahlreiche private
Hilfsorganisationen der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen
annehmen, bei denen er bei Bedarf ebenfalls um Unterstützung nachsu-
chen kann,
dass demgemäss kein Grund für einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch
respektive für eine Anwendung der Ermessensklausel nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO ersichtlich ist,
dass in diesem Zusammenhang festzustellen bleibt, dass sich das SEM
aufgrund der Aktenlage auf eine summarische Würdigung der vorliegenden
Sache unter dem Aspekt von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 beschränken durfte,
da es sich beim Beschwerdeführer gemäss Aktenlage – wie vom SEM zu
Recht erkannt – nicht um eine besonders verletzliche Person handelt,
dass nach dem Gesagten der Nichteintretensentscheid in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG in keinem Punkt zu bemängeln ist,
dass gleichzeitig die Anordnung der Wegweisung nach Italien der Syste-
matik des Dublin-Verfahrens entspricht und im Einklang mit der Bestim-
mung von Art. 44 (erster Satz) AsylG steht,
dass schliesslich der Vollständigkeit halber darauf hinzuweisen ist, dass
allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zusam-
menhang mit der COVID-19-Pandemie gemäss aktuellem Kenntnisstand
lediglich temporäre Vollzugshindernisse darstellen und daher am Ausgang
des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern vermögen (vgl. Urteil des
BVGer F-1829/2020 vom 9. April 2020 E. 5.2),
E-1480/2021
Seite 7
dass nach vorstehenden Erwägungen die angefochtene Verfügung zu be-
stätigen und die eingereichte Beschwerde als offensichtlich unbegründet
abzuweisen ist, soweit darauf einzutreten ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb die Anträge auf Wiederherstellung (recte wohl: Zuerkennung) der
aufschiebenden Wirkung und auf Erlass des Kostenvorschusses gegen-
standslos geworden sind,
dass die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG und um Beiordnung einer amtlichen Rechtsver-
beiständung im Sinne von Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG – ungeachtet der
Tatsache, dass entgegen den Angaben in der Beschwerdeschrift (vgl. Be-
schwerde S. 7) die Bedürftigkeit des Beschwerdeführers durch keine ent-
sprechende Bestätigung belegt wird – abzuweisen sind, da die Begehren
– wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu
bezeichnen sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Verfahrenskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen sind (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv: nächste Seite)
E-1480/2021
Seite 8