Decision ID: 47a05616-1d76-43da-add8-c24107c51d42
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Hinderung einer Amtshandlung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung - , vom 5. November 2012 (GG120174)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 13. Juli 2012 ist die-
sem Urteil beigeheftet (Urk. 10).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der Hinderung einer Amtshandlung im Sinne
von Art. 286 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu
Fr. 50.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird nicht aufgeschoben.
4. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'000.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. Kosten der Kantonspolizei
Fr. 1'000.00 Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. Auslagen Untersuchung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 41 S. 1 f.)
1. Der Beschuldigte A._ sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
2. Es sei ihm eine angemessene Umtriebsentschädigung und Genugtu-
ung auszurichten.
3. Die Kosten der erbetenen Verteidigung des vorliegenden Verfahrens
sowie auch des vorinstanzlichen Verfahrens seien auf die Gerichtskas-
se zu nehmen.
4. Die Kosten der Strafuntersuchung, des vorinstanzlichen Verfahrens wie
auch des vorliegenden Verfahrens seien auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl:
(schriftlich, Urk. 32)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
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Erwägungen:
1. Vorbemerkungen
1.1. Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 7. Abteilung - Einzelgericht, vom
5. November 2012 wurde der Beschuldigte A._ der Hinderung einer Amts-
handlung im Sinne von Art. 286 StGB schuldig gesprochen und mit einer unbe-
dingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 50.– bestraft (Urk. 28 S. 25).
Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte noch vor Schranken durch seinen Ver-
teidiger Berufung anmelden (Prot. I. S. 17). Ebenfalls fristgerecht reichte die Ver-
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teidigung nach Erhalt des begründeten Entscheids am 4. Februar 2013 die Beru-
fungserklärung ein (Urk. 29). Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl verzichtete auf
die Erhebung einer Anschlussberufung und beantragte die Bestätigung des ange-
fochtenen Urteils (Urk. 32).
1.2. Die Berufung wurde nicht beschränkt (Urk. 29). Entsprechend ist das erst-
instanzliche Urteil bisher in keinem Punkt in Rechtskraft erwachsen.
1.3. Das Verfahren erweist sich als spruchreif. Da der Beschuldigte ohnehin
freizusprechen ist, erübrigt es sich, auf seine erneut gestellten Beweisanträge
(Urk. 29 S. 3 ff., Urk. 37; Urk. 41 S. 72; Prot. II S. 5 und 23) einzugehen.
1.4. Die Verteidigung macht geltend, es bestehe der dringende Verdacht, dass
die am angeklagten Vorfall beteiligten Polizisten Straftaten (namentlich Amts-
missbrauch) begangen hätten, und fordert die Anhebung einer Strafuntersuchung
(Urk. 41 S. 77 Ziff. 14). Die Staatsanwaltschaft wird zu prüfen haben, ob im Lichte
der nachstehenden Erwägungen nach dem in dieser Konstellation massgeblichen
Grundsatz in dubio pro duriore Anlass zur Eröffnung einer Strafuntersuchung be-
steht.
2. Prozessuales
2.1. Die Verteidigung bringt in ihrem Plädoyer verschiedene Einwendungen ge-
gen die Untersuchungsführung vor und leitet daraus die Unverwertbarkeit von
Beweismitteln ab (Urk. 41 passim).
Dazu ist vorauszuschicken, dass dem Beschuldigten ein Delikt gegen die öffentli-
che Gewalt vorgeworfen wird. Bei dieser Konstellation kommt der Beachtung der
rechtsstaatlichen Grundsätze im Hinblick auf das Fairnessgebot und die Waffen-
gleichheit eine besonders grosse Bedeutung zu, zumal der Beschuldigte im vor-
liegenden Verfahren anfangs nicht anwaltlich vertreten war.
Es erscheint daher im Lichte von Art. 56 lit. b StPO bzw. mit Blick auf den An-
spruch des Beschuldigten auf eine unabhängige Untersuchungsführung als frag-
würdig, dass der Beschuldigte durch den am Vorfall vom 11. August 2011 beteilig-
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ten und später als Zeugen einvernommenen Polizeibeamten B._ befragt
wurde (Urk. 3; vgl. Keller, in Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, Art. 56 N 20), zumal für die Befragung
trotz offenkundiger – und bekannter (vgl. den Rapport, Urk. 1 S. 1) – Verständi-
gungsprobleme kein Dolmetscher aufgeboten worden war (vgl. dazu Urk. 41
S. 33 f. Ziff. 5 f.).
Der vom selben Polizisten B._ erstellte Wahrnehmungsbericht (Urk. 2) ist als
schriftlicher Bericht i.S. von Art. 145 StPO zu würdigen. Sein Beweiswert ist je-
doch im Hinblick auf seine nachträgliche Erstellung, die von der Verteidigung mo-
niert wird (Urk. 41 S. 37 f. Ziff. 12), deutlich eingeschränkt.
Der in Bezug auf die erste Einvernahme vom 15. November 2011 (Urk. 5/1) ge-
gen die Staatsanwältin erhobene Vorwurf der Parteilichkeit (vgl. Urk. 41 S. 49
Ziff. 10), erscheint angesichts der im Protokoll dokumentierten Fragen nicht völlig
aus der Luft gegriffen. Diese Mängel wurden vom Beschuldigten bereits damals
sinngemäss gerügt (Urk. 5/1 S. 2), der das Protokoll im Übrigen nicht unterzeich-
nete, so dass ihm dieses nicht entgegen gehalten werden kann.
Die Einvernahme der beteiligten Polizisten als Zeugen anstatt als Auskunftsper-
sonen, die vom Verteidiger ebenfalls beanstandet wird (Urk. 41 S. 45 f. Ziff. 3 ff.),
entsprach hingegen offenkundig der damaligen Einschätzung der Staatsanwältin,
welche die Verfahrensleitung innehatte, so dass diese Aussagen - unabhängig
von der Berechtigung dieser Auffassung - nach wie vor verwertbar sind (Donatsch
in Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafpro-
zessordnung, Art. 178 StPO N 15).
2.2. Der Verteidiger sieht sodann das Anklageprinzip verletzt, indem die ankla-
gegegenständliche Hinderung einzig durch die in einer Klammer angeführte
Handlung – (Verhaftung) – umschrieben werde. Die Erheblichkeit der Hinderung
werde in keiner Weise umschrieben und dargetan. Fraglich sei dabei, ob die Ver-
haftsaktion überhaupt eine Amtshandlung gewesen sei und ob sie innerhalb der
Amtsbefugnis gelegen habe (Urk. 41 S. 56 f.).
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Indem die Anklageschrift die gemäss Anklagebehörde durch den Beschuldigten
angeblich behinderte Amtshandlung, wenn auch knapp, benennt, genügt sie der
Umgrenzungs- und Informationsfunktion, die ihr das Anklageprinzip zuweist. Es
wird somit abzuklären sein, ob die Verhaftung – und nur die Verhaftung, eine Stö-
rung der Personenkontrolle ist demgegenüber nicht Gegenstand der Anklage – ef-
fektiv behindert wurde. In diesem Zusammenhang wird sodann, als Vorausset-
zung einer Verurteilung, abzuklären sein, ob die Verhaftung vorliegend als
(rechtmässige) Amtshandlung im Sinne des eingeklagten Tatbestandes zu qualifi-
zieren ist. Dies beschlägt aber nicht primär das Anklageprinzip, welches entspre-
chend durch die gewählte Formulierung somit nicht (zulasten des Beschuldigten)
verletzt wurde, denn der Beschuldigte kann aus der Anklageschrift jedenfalls er-
sehen, was ihm konkret vorgeworfen wird, und er kann sich gestützt auf diese In-
formationen auch wirksam verteidigen.
3. Zur Sache
3.1. Das angeklagte Delikt der Hinderung einer Amtshandlung schützt das rei-
bungslose Funktionieren der staatlichen Organe und steht damit im Spannungs-
feld zwischen Gehorsamspflicht und Widerstandsrecht der durch diese Organe
Angesprochenen (Trechsel / Vest, StGB PK, 2. A., Vor Art. 285 N 1; BSK Straf-
recht II - Heimgartner, 3. A., Vor Art. 285 N 2). Lehre und Rechtsprechung haben
dazu im Wesentlichen folgende Kriterien entwickelt: Führt ein örtlich und sachlich
zuständiger Beamter eine Amtshandlung (vgl. zur Begriffsdefinition die zutreffen-
den Ausführungen der Vorinstanz, Urk. 28 S. 20) aus, so besteht grundsätzlich
kein unmittelbares Widerstandsrecht, es sei denn, die Amtshandlung unterliege in
qualifizierter Weise materiellen Rechtsmängeln (formelle Rechtsmängel genügen
in der Regel unter keinem Titel). Bei der Beurteilung der Frage, ob ein Mangel
genügend gravierend ist, soll insbesondere auf die Schwere des Eingriffs in Frei-
heitsrechte und Rechtsgüter abgestellt werden. Eine Widersetzung gegen Amts-
handlungen ist nach der Rechtsprechung zulässig, wenn deren Widerrechtlichkeit
offensichtlich ist, Rechtsmittel keinen wirksamen Schutz erwarten lassen und der
Widerstand der Bewahrung oder Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes
dienen. Die fehlende Nichtigkeit bildet dogmatisch die Voraussetzung des Tatbe-
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standsmerkmals der Amtshandlung, was zur Folge hat, dass ein diesbezüglicher
Irrtum als Sachverhaltsirrtum zu behandeln ist (BGE 98 IV 41, 45; BGE 103 IV 75;
BSK Strafrecht II - Heimgartner, 3. A., Vor Art. 285 StGB N 18 ff.; Trechsel / Vest,
StGB PK, 2. A., Vor Art. 285 N 18 ff.).
3.2. Die Vorinstanz hat die Anhaltung und Kontrolle des Beschuldigten unter
Art. 215 StPO subsumiert. Diese Norm steht im Zusammenhang mit der Aufklä-
rung einer bereits konkret bekannten Straftat, verfolgt mithin strafprozessuale
Zwecke. Daneben ist auch eine Anhaltung aus sicherheitspolizeilichen Motiven,
basierend in der Regel auf kantonalem Polizeirecht zulässig (Schmid, StPO PK,
Art. 215 N 7), wobei in der Praxis ein fliessender Übergang von präventiver (si-
cherheitspolizeilicher) zu repressiver (gerichtspolizeilicher) Tätigkeit stattfindet.
Ob die Anhaltung konkret auf dem anwendbaren kantonalen Polizeigesetz basiert
oder strafprozessual begründet ist, bestimmt sich nach Sinn und Zweck der Mass-
nahme. In der Regel werden sicherheitspolizeiliche Überlegungen im Vordergrund
stehen (BSK StPO - Albertini / Armbruster, Art. 215 N 5 f.). Eine Anhaltung be-
zweckt die betroffene Person zu kontrollieren, um ihre Identität festzustellen und
zu prüfen, ob nach ihr gefahndet wird. Sie erfolgt in der Regel an Ort und Stelle,
umfasst aber auch die Verbringung einer Person auf den Polizeiposten, falls die
Umstände dies erfordern bzw. als verhältnismässig erscheinen lassen.
Das kantonale Polizeigesetz vom 23. April 2007 (PolG; LS 550.1) regelt Perso-
nenkontrollen unter § 21 in Verbindung mit § 3 PolG. Konkretisiert wurde dies zu-
dem in der zum Tatzeitpunkt in Kraft stehenden Allgemeinen Polizeiverordnung
der Stadt Zürich vom 30. März 1977 (APV; in Kraft bis 31. Dezember 2011). Ge-
mäss deren Art. 5 ist jedermann verpflichtet, den Polizeiorganen auf Verlangen
die Personalien anzugeben, Ausweise vorzulegen oder auf andere Weise seine
Identität feststellen zu lassen. Können die notwendigen Abklärungen (Feststellung
der Identität, Abklärung, ob nach der Person gefahndet wird) vor Ort nicht eindeu-
tig oder nur mit erheblichen Schwierigkeiten vorgenommen werden, darf die Poli-
zei die angehaltene Person zu einer Dienststelle bringen. Hierbei darf die Polizei
zur Erfüllung ihrer Aufgaben im Rahmen der Verhältnismässigkeit unmittelbaren
Zwang anwenden und geeignete Einsatzmittel und Waffen einsetzen (§ 13 PolG).
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3.3. Vorliegend wird dem Beschuldigten an keiner Stelle vorgeworfen, er sei im
Zusammenhang mit einem konkreten Delikt angehalten worden. Die beteiligten
Beamten machen "polizeitaktische Gründe" geltend (Urk. 5/3 S. 3), ohne weiter
ins Detail zu gehen (gemäss Polizeirapport blickten die zwei Männer "verdächtig
in Richtung Boden", Urk. 1 S. 2; vgl. auch Urk. 2 S. 2, 5/5 S. 2 und 5/8 S. 3: vgl.
dazu Urk.41 S. 19 f. Ziff. 5 f.). Vor diesem Hintergrund scheint die Anhaltung pri-
mär sicherheitspolizeilich begründet gewesen zu sein, so dass die Grundlage
nicht in der StPO zu suchen wäre, denn (nur) das kantonale Polizeigesetz erlaubt
Kontrollen auch ohne Sachzusammenhang zu einem bereits bekannten Delikt aus
präventiven Gründen.
Alle Beteiligten sagten grundsätzlich übereinstimmend aus, dass der Beschuldigte
zunächst bei der polizeilichen Kontrolle kooperiert habe. So habe er sofort seinen
Ausweis übergeben und auch nicht gegen die weitere Personenkontrolle (Leibes-
visitation) opponiert. Des Weiteren habe er auch bereitwillig seine blaue Tasche
übergeben, welche in der Folge durch den Beamten C._ durchsucht worden
sei (Urk. 5/1 S. 2 f., 5/3 S. 3, 5/5 S. 3 f., 5/8 S. 4 und Urk. 21 S. 3 f.).
Damit ist einstweilen festzuhalten, dass die Identität des Beschuldigten den Poli-
zeibeamten bekannt war und sie bereits festgestellt hatten, dass er weder auf sich
noch in seiner Tasche irgendwelche Gegenstände bei sich hatte, nach welchen
gefahndet wurde (vgl. § 21 PolG), denn beides war ja einlässlich durchsucht wor-
den, wobei sich auch hier fragen liesse, ob das Polizeigesetz für die einlässliche
Durchsuchung/Leibesvisitation überhaupt eine genügende Grundlage bot (vgl.
BGE 139 IV 128 E. 1.2 ff.). Mithin bestand offensichtlich kein Anlass, die Kontrolle
auf dem Polizeiposten fortzusetzen.
Nach der Durchsuchung der Tasche nahm die Situation offenbar eine Wendung,
worauf es zur Eskalation kam, welche Gegenstand dieses Verfahrens ist: Der Be-
schuldigte störte sich daran, dass der Polizist C._ seinen Rucksack, in dem
sich seine Schulbücher befanden, "auf den Boden geschmissen" (Prot. II S. 12)
habe. Als er nach einigen unfreundlichen Worten die Tasche an sich nahm, um
sie auf dem Dach des Streifenwagens abzustellen, wie er geltend macht, griffen
die Polizisten ein. Sie brachten ihn zu Boden und legten ihm Handschellen an,
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wobei sie Pfefferspray einsetzten (Urk. 5/1 S. 3, 5/3 S. 4 f., 5/5 S. 4, 5/8 S. 4;
Urk. 5/10 S. 3 f. und Urk. 21 S. 3).
3.4. Gemäss Art. 217 StPO ist eine vorläufige Festnahme durch die Polizei
grundsätzlich im Zusammenhang mit der (mutmasslichen) Begehung eines Ver-
gehens oder Verbrechens zulässig. Ist eine Übertretung Verfahrensgegenstand,
ist eine vorläufige Festnahme angesichts des dabei tangierten verfassungsmässi-
gen Rechts auf persönliche Freiheit (Art. 10 Abs. 2 BV) und des ebenfalls Verfas-
sungsrang geniessenden Verhältnismässigkeitsgrundsatzes (Art. 36 Abs. 3 BV)
nur statthaft, wenn der Täter bei der Übertretung auf frischer Tat ertappt bzw. un-
mittelbar danach angetroffen wird und (alternativ) entweder seine Personalien
nicht bekannt gibt (Art. 217 Abs. 2 lit. a StPO), nicht in der Schweiz wohnt und
keine Sicherheit für die zu erwartende Busse leistet (ebenda lit. b) oder die Fest-
nahme nötig ist, um die Person von weiteren Übertretungen abzuhalten (ebenda
lit. c). Dass sich der Beschuldigte vor seiner Verhaftung eines Verbrechens oder
Vergehens schuldig oder auch bloss verdächtig gemacht hätte, wird ihm nirgends
vorgeworfen und ist den Akten auch nicht zu entnehmen. Zwar stellt die Hinde-
rung einer Amtshandlung ihrerseits ein Vergehen dar, welches zu einer Verhaf-
tung berechtigen könnte. Es wäre jedoch zirkelschlüssig und damit unzulässig,
wenn das Verhalten des Beschuldigten zugleich zur Begründung für die Fest-
nahme herangezogen und als Hinderung der Festnahme (i.S. einer Amtshand-
lung) qualifiziert würde.
Im Grunde genommen hatte sich der Beschuldigte – wenn überhaupt – einer
Übertretung schuldig gemacht (Nichtbefolgen einer polizeilichen Anweisung ge-
mäss Art. 3 in Verbindung mit Art. 37 APV), wobei zu keinem Zeitpunkt zur Dis-
kussion stand, dass er flüchten oder aus der Tasche deliktische Gegenstände
oder Waffen behändigen wolle, denn diese war schliesslich vorgängig bereits
durch C._ durchsucht worden. Eine derartige Übertretung vermöchte jedoch
eine Verhaftung nicht zu rechtfertigen, war doch die Identität des in der Schweiz
wohnhaften Beschuldigten den Beamten bereits bekannt. Und selbst wenn sich
der Beschuldigte trotz entsprechender Anweisung weiterhin geweigert hätte, sei-
ne bereits durchsuchte Tasche wieder herzugeben (laut eigener Aussage wollte
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er sie nicht festhalten, sondern auf dem Dach des Einsatzfahrzeuges deponie-
ren), wäre dadurch die öffentliche Ordnung, Sicherheit und Sittlichkeit nicht derart
beeinträchtigt worden, dass eine Verhaftung als verhältnismässig anzusehen ge-
wesen wäre (vgl. Weder, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, Art. 217 N 29). Das hierbei gewählte Vor-
gehen der Polizeibeamten (Wegreissen der Tasche, zu Boden führen des Be-
schuldigten, Sprayeinsatz und Fesselung) war zudem offenkundig unverhältnis-
mässig. Eine "mildere" Vorgehensweise wurde jedoch laut der Aussage von
C._ gar nicht erst in Betracht gezogen (vgl. Urk. 5/3 S. 5: "in dieser Situation
gibt es kein Deeskalieren, es ging einfach seinen Weg").
Überschreitet ein Beamter im Rahmen seiner Amtshandlung sein Ermessen und
verletzt damit – wie dies vorliegend offenkundig der Fall war – den Grundsatz der
Verhältnismässigkeit polizeilicher Eingriffe, ist diese Amtshandlung als rechtswid-
rig zu qualifizieren (BGE 98 IV 41, 45). Nachdem gegen den Realakt der Verhaf-
tung ein Rechtsmittel von vornherein keinen wirksamen Schutz bieten kann und
die Gegenwehr des Beschuldigten (diese bestand auch gemäss Darstellung der
Polizisten einzig im Sperren der Arme unter dem Körper bzw. dem Versuch, sich
wieder aufzurichten, nachdem er zu Fall gebracht worden war; vgl. dazu unten
3.6) nicht über das hinausging, was zur Bewahrung bzw. Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustandes angemessen war, ist ihm ein Widerstandsrecht zuzubil-
ligen. Mithin handelte er nicht tatbestandsmässig im Sinne von Art. 286 StGB und
ist entsprechend vom Vorwurf der Hinderung einer Amtshandlung freizusprechen.
3.5. Während die Polizisten von Berufs wegen mit den rechtlichen Vorausset-
zungen einer Verhaftung vertraut sind, konnte der Beschuldigte als juristischer
Laie nicht wissen, ob in dieser Situation ein genügender Grund für eine Festnah-
me bestand. Er bestreitet dies sinngemäss, indem er geltend macht, die Kontrolle
seines Ausweises, die äusserliche Durchsuchung und die Kontrolle seiner Tasche
sei abgeschlossen gewesen, als es zum Konflikt um die Tasche gekommen sei
(Urk. 5/10 S. 3 oben).
Die Frage, ob die Kontrolle abgeschlossen war, lässt sich vermutlich nicht eindeu-
tig klären, sondern die Antwort hängt davon ab, wie die Begriffe definiert werden,
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was letztlich eine Rechtsfrage ist. Vermutlich war die Kontrolle in dem Sinn noch
nicht abgeschlossen, als der Beschuldigte nach Meinung der Polizisten solange
vor Ort bleiben sollte, bis sie auch seinen Begleiter kontrolliert hatten. Möglicher-
weise war auch das Ergebnis der Ausweisabfrage noch ausstehend. Es gibt je-
doch keine Anhaltspunkte dafür und wird auch nirgendwo geltend gemacht, dass
die Kontrolle des Beschuldigten später fortgesetzt werden sollte. Dass der Be-
schuldigte nach seiner Verbringung auf die Wache erneut kontrolliert wurde, lässt
keine Rückschlüsse darauf zu, dass vor dieser - aus damaliger Sicht unvorherge-
sehenen - Wendung eine Fortsetzung der Kontrolle geplant war.
Der Beschuldigte hatte sich während der Personen- und Effektenkontrolle koope-
rativ gezeigt; etwas anderes wird nirgendwo geltend gemacht (vgl. dazu oben
3.3). Die von der Polizei beobachtete Verärgerung (Urk. 1 S. 2), welche er vor Ge-
richt wenig überzeugend in Abrede stellte (Urk. 21 S. 4; Prot. II S. 19), ändert
nichts daran. Dass er davon ausging, dass die Kontrolle, was ihn betraf, abge-
schlossen war, als er die Tasche vom Boden aufhob, lässt sich nicht widerlegen.
Eine anderslautende Äusserung bei der ersten staatsanwaltschaftlichen Befra-
gung (Urk. 5/1 S. 3) steht im Widerspruch zu anderen Aussagen in der gleichen
Befragung (Urk. 5/1 S. 4) und ist ohnehin zu seinen Lasten nicht verwertbar, weil
er dieses Protokoll nicht unterzeichnete (vgl. dazu Prot. II S. 20 f.).
Auch wenn man - abweichend von der hier vertretenen Auffassung (vgl. oben
3.4) - eine Verhaftung nicht als offensichtlich unverhältnismässige Reaktion auf
das Verhalten des Beschuldigten betrachten würde, war diese Konsequenz für ihn
nicht absehbar: Er hatte seinen Ausweis vorgewiesen und eine Leibesvisitation
und die Durchsuchung seiner Tasche über sich ergehen lassen, ohne dass etwas
Verdächtiges festgestellt worden war. Vor diesem Hintergrund musste er nicht mit
einer Verhaftung rechnen, als er nach seiner Tasche griff. Folglich war ihm auch
nicht bewusst, dass er mit seinem anschliessenden Widerstand eine Amtshand-
lung behinderte. Es fehlte ihm somit am Tatvorsatz.
Und selbst stellte man sich auf den Standpunkt, dass die Feststellung, wann die
Kontrolle abgeschlossen sei, in der Kompetenz der Polizei liege, so dass ihre
Sichtweise allein massgeblich wäre, änderte das nichts an dieser Beurteilung, da
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sich der Beschuldigte in diesem Fall darauf berufen könnte, er habe sich über den
Umstand geirrt, dass die Kontrolle noch nicht abgeschlossen war, und er sei da-
mit einem Sachverhaltsirrtum i.S. eines Irrtums über ein rechtlich geprägtes Ele-
ment des Sachverhalts erlegen (Art. 13 StGB).
3.6. Die Anklageschrift wirft dem Beschuldigten als Tathandlung vor, er habe
sich gegen das Festhalten durch Sperren der Arme zu wehren begonnen, nach-
dem er zu Boden gegangen war, habe er sich wieder aufzurichten versucht, und
zuletzt habe er sich durch das Sperren der Arme unter seinem Oberkörper massiv
gegen das Anlegen des Schliesszeugs zur Wehr gesetzt, so dass der Einsatz von
Pfefferspray erforderlich gewesen sei (Urk. 10 S. 2).
Der Beschuldigte anerkennt, dass er sich nach seinem (unfreiwilligen) Sturz am
Boden mit den Händen aufgestützt habe, und sein Verteidiger räumt ein, dass er
möglicherweise die Hände auf der Brust verschränkt habe (Urk. 41 S. 5 Ziff. 6). Im
Übrigen macht er geltend, er habe Gleichgewichtsbewegungen gemacht, um sein
Gleichgewicht wieder zu finden, als er gestossen worden sei (Urk. 5/10 S. 3).
Art. 286 StGB stellt auch den sogenannten passiven Widerstand (kritisch zu die-
sem Begriff Stratenwerth / Bommer, Strafrecht BT II, 6. A., § 49 Rz. 10) unter
Strafe, wobei völlige Passivität - unter dem Vorbehalt von Art. 292 StGB - nicht
strafbar ist, sondern ein gewisses Mass an Tätig-Werden und aktivem Störverhal-
ten erforderlich ist (Heimgartner, BSK, Art. 286 StGB N 9). Wo die Schwelle liegt,
ab welcher Ungehorsam nach Art. 286 StGB strafbar wird, lässt sich nur konkret
im Einzelfall bestimmen. So entschied das Bundesgericht in einem Sachverhalt, in
dem es ebenfalls um die Hinderung einer Festnahme ging, der Beschwerdeführer
habe Art. 286 StGB erfüllt, indem er "durch Fuchteln mit den Händen dem Anle-
gen der Zange sich widersetzt" habe (BGE 74 IV 57, E. 4).
Wie die einleitende Wiedergabe zeigt, liegen die Darstellungen der Beteiligten
diesbezüglich nicht allzu weit auseinander und unterscheiden sich in erster Linie
in der Deutung der dahinter stehenden Absicht: hat sich der Beschuldigte (mas-
siv) gewehrt, indem er sich sperrte, oder versuchte er nur, sein Gleichgewicht zu
bewahren bzw. wiederzuerlangen, als ihn die Polizisten gezielt zu Fall brachten?
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Die Polizisten hielten eine sogenannte kooperative Verhaftung anscheinend nicht
für möglich und entschieden deshalb, die Verhaftung am Boden vorzunehmen
(vgl. Urk. 5/3 S. 5). Zu diesem Zweck brachten sie den Beschuldigten "mit ange-
messenem Körpereinsatz" zu Boden (Urk. 5/5 S. 5). Ob sie die Verhaftung an-
kündigten, ist strittig (Prot. II S. 18 f.): Der Polizist C._ macht geltend, es sei
eine entsprechende Ankündigung erfolgt, wobei er allerdings davon ausgeht dass
der Beschuldigte diese nicht verstanden habe, weil sie auf Schweizerdeutsch er-
folgt sei (Urk. 5/3 S. 6). Es ist dem Beschuldigten daher zugute zu halten, dass er
durch den angesprochenen Körpereinsatz überrascht wurde, was wohl auch ei-
nen Teil der Effektivität dieser Techniken (vgl. Urk. 5/3 S. 5 unten) ausmacht und
beabsichtigt war.
Dass der Beschuldigte nicht völlig bewegungslos blieb, sondern auf den physika-
lischen Impuls, den er durch die handgreifliche Intervention der Polizisten emp-
fing, mit aktiven Bewegungen reagierte, was die Polizisten als Behinderung erleb-
ten, ist nachvollziehbar. Es ist nicht zwingend, dass sich der Beschuldigte damit
verteidigen wollte, sondern vielleicht handelte es sich dabei auch bloss um Refle-
xe. Diese Unsicherheit, welche den Vorsatz beschlägt, lässt sich mit den vorhan-
denen Beweisen nicht befriedigend ausräumen, was nach dem Grundsatz in du-
bio pro reo ebenfalls zu einem Freispruch führt.
Unter welchen Umständen das dem Beschuldigten vorgeworfene Verhalten - dass
er sich zuerst mit den Händen aufstützte und anschliessend die Hände unter sei-
nem Oberkörper verbarg - überhaupt dazu geeignet wäre, um den Tatbestand
von Art. 286 StGB zu erfüllen, und ob solche Umstände hier gegeben waren,
kann bei diesem Ergebnis offen bleiben.
4. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Nachdem der Beschuldigte im Berufungsverfahren vollumfänglich obsiegt, hat er
keine Kosten zu tragen und ist ihm eine angemessene Entschädigung zuzuspre-
chen. Wie nur schon der äussere Umfang des zweitinstanzlichen Plädoyers
(Urk. 41) zeigt, betrieb die Verteidigung einen sehr grossen Aufwand, der letztlich
von Erfolg gekrönt war, was aber nicht heisst, dass er auch verhältnismässig und
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angemessen i.S. von Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO war. Wie der Verteidiger selbst
einräumte, zielten seine Ausführungen teilweise über diesen Fall hinaus (vgl.
Urk. 41 S. 7 Ziff. 9). Die für die Verteidigung im Berufungsverfahren geltend ge-
machten Aufwendungen von über 55 Stunden (Urk. 42) können daher nicht voll-
umfänglich entschädigt werden, sondern sind auf einen Betrag zu reduzieren, der
ungefähr den vor der Vorinstanz geltend gemachten Aufwendungen (Urk. 22) ent-
spricht, so dass am Ende für das ganze Verfahren eine Prozessentschädigung
von Fr. 15'000.-- (Mehrwertsteuer eingeschlossen) resultiert.