Decision ID: 89ddfde0-9c31-4f8f-8436-6246317ca36a
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Baden erhob gegen den Beschuldigten am
2. Juli 2020 Anklage wegen mehrfacher Nötigung gemäss Art. 181 StGB,
mehrfachen Fahrens in fahrunfähigem Zustand gemäss Art. 91 Abs. 2
SVG, mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 und 2 lit. b StGB,
mehrfachen Missbrauchs einer Fernmeldeanlage gemäss Art. 179septies
StGB, mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen gemäss
Art. 292 StGB sowie wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG.
2.
2.1.
Mit Urteil vom 19. Januar 2021 sprach das Bezirksgericht Baden den
Beschuldigten vom Vorwurf des mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche
Verfügungen i.S.v. Art. 292 StGB betreffend den Zeitraum vom 15. April
2019 bis 21. Mai 2019 frei. Im Übrigen verurteilte es den Beschuldigten im
Sinne der Anklage, bestrafte ihn mit einer bedingten Geldstrafe von
50 Tagessätzen à Fr. 70.00, unter Anrechnung der Untersuchungshaft, mit
einer Probezeit von zwei Jahren und einer Busse in Höhe von Fr. 1'500.00.
Sie verpflichtete den Beschuldigten zudem, der Privatklägerin Fr. 800.00
Genugtuung zu bezahlen.
2.2.
Mit Eingabe vom 10. August 2021 erklärte die Staatsanwaltschaft
Berufung, wobei sich diese auf die Bemessung der Strafe beschränkte.
2.3.
Mit Berufungserklärung vom 2. August 2021 begründete der Beschuldigte
seine Berufung und beantragte, er sei mit Ausnahme des Ungehorsams
gegen amtliche Verfügungen gemäss Art. 292 StGB von Schuld und Strafe
freizusprechen, die Zivilforderung der Privatklägerin sei abzuweisen und
die Kosten seien der Staatskasse aufzuerlegen.
2.4.
Am 11. August 2021 ordnete der Verfahrensleiter das mündliche Verfahren
an und setzte der Staatsanwaltschaft Frist zur vorgängigen schriftlichen
Berufungsbegründung.
2.5.
Mit Eingaben vom 25. August 2021 verzichtete die Staatsanwaltschaft
darauf, einen Nichteintretensantrag zu stellen sowie Anschlussberufung zu
erklären und reichte die schriftliche Begründung ihrer Berufung ein.
- 3 -
2.6.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 8. September 2021 beantragte die
Staatsanwaltschaft die Abweisung der Berufung des Beschuldigten.
2.7.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 15. September 2021 beantragte der
Beschuldigte die Abweisung der Berufung der Staatsanwaltschaft.
2.8.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 27. September 2021 beantragte die
Privatklägerin die Abweisung der Berufung des Beschuldigten sowie die
Abweisung der Berufung der Staatsanwaltschaft.
2.9.
Mit Verfügung vom 10. November 2021 forderte der Verfahrensleiter den
Beschuldigten auf, seine behandelnden Ärzte vom Berufsgeheimnis zu
entbinden und zog beim Familiengericht Baden Akten bei.
2.10.
Mit Eingabe vom 17. November 2021 reichte der Beschuldigte die
unterzeichnete Entbindungserklärung ein.
2.11.
Mit Schreiben vom 19. November 2021 forderte die Verfahrensleitung die
Psychiatrische Dienste Aargau AG (nachfolgend PDAG) auf, die
Krankenakten des Beschuldigten einzureichen. Die PDAG reichte in der
Folge die Unterlagen ein.
2.12.
Am 7. Januar 2021 beauftragte der Verfahrensleiter Dr. med. C. und
Dr. med. D. mit der Erstellung eines Gutachtens über den Beschuldigten.
2.13.
In der Folge zog der Verfahrensleiter auf Antrag des Gutachters weitere
Akten bei, welche diesem zur Verfügung gestellt wurden.
2.14.
Mit Schreiben vom 20. April 2022 reichte Herr Dr. med. C. das Gutachten
ein.
2.15.
Mit Verfügung vom 5. August 2022 zeigte der Verfahrensleiter den Parteien
an, gemäss seiner vorläufigen Einschätzung falle die Anordnung einer
stationären Massnahme aus prozessualen Gründen ausser Betracht,
weshalb auf eine Verhandlung mit persönlicher Befragung des
Beschuldigten verzichtet werden könne. Nachdem alle Beteiligten in der
- 4 -
Folge ihre Zustimmung zum Wechsel in das schriftliche Verfahren mitgeteilt
hatten, ordnete der Verfahrensleiter mit Verfügung 19. August 2022 den
Wechsel in das schriftliche Verfahren an.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Die Berufung des Beschuldigten richtet sich gegen sämtliche Schuld-
sprüche sowie die Zivilforderung der Privatklägerin. Die Staatsanwaltschaft
richtet ihre Berufung einzig gegen die Strafzumessung und verlangt, der
Beschuldigte sei mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 9 Monaten und
einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen, bei einer Probezeit von je
zwei Jahren, sowie einer Busse von Fr. 1'500.00 zu bestrafen. Nicht an-
gefochten ist der vorinstanzliche Freispruch. In diesem Punkt ist das
vorinstanzliche Urteil nicht mehr zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
War der Täter zur Zeit der Tat nicht fähig, das Unrecht seiner Tat einzu-
sehen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln, so ist er gemäss Art. 19
Abs. 1 StGB nicht strafbar. Als Grund für die fehlende Einsichts- oder
Steuerungsfähigkeit wird eine schwere psychische Störung vorausgesetzt
(BOMMER FELIX/DITTMANN VOLKER, in: Basler Kommentar, Strafrecht I,
4. Auflage 2018, N 13 f. zu Art. 19 StGB). Kommt das Gericht gestützt auf
ein Gutachten zum Schluss, der Beschuldigte sei zum Tatzeitpunkt schuld-
unfähig gewesen, hat (unter Vorbehalt von Art. 19 Abs. 4 StGB) ein Sach-
urteil in Gestalt eines Freispruchs zu ergehen (BOMMER FELIX/DITTMANN
VOLKER, in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage 2018, N 44 zu
Art. 19 StGB).
2.2.
Die Vorinstanz verurteilte den Beschuldigten wegen mehrfacher Nötigung
gemäss Art. 181 StGB, mehrfachen Fahrens in fahrunfähigem Zustand
gemäss Art. 91 Abs. 2 SVG, mehrfachen Tätlichkeiten gemäss Art. 126
Abs. 1 und 2 lit. b StGB, mehrfachen Missbrauchs einer Fernmeldeanlage
gemäss Art. 179septies StGB, mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche
Verfügungen gemäss Art. 292 StGB sowie wegen mehrfacher Wider-
handlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1
BetmG im Sinne der Anklage. Zur Schuldunfähigkeit äusserte sich die
Anklage nicht. Die Vorinstanz hielt fest, dass keine Schuldausschluss-
gründe vorliegen würden (vorinstanzliches Urteil, E. 7 ff.).
2.3.
Über den Beschuldigten wurde am 20. April 2022 von Dr. med. C. ein
forensisch-psychiatrisches Gutachten erstellt. Darin wird festgehalten,
- 5 -
dass der Beschuldigte spätestens seit 2012 an den Symptomen einer
paranoiden Schizophrenie (ICD-10 F20.0) leide (Gutachten, S. 50 und 75).
Die paranoide Schizophrenie sei durch grundlegende Störungen von
Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affektlagen
gekennzeichnet. Der Beschuldigte habe vor, während und nach dem Zeit-
raum der vorgeworfenen Delikte unter diesen Symptomen gelitten
(Gutachten, S. 50). Der Beschuldigte habe ein sogenanntes Wahnsystem
entwickelt, wobei er unter Halluzinationen und Denkstörungen gelitten habe
(Gutachten, S. 51). Diese Wahnsymptomatik habe zu einem Eifersuchts-
wahn gegenüber seiner Ehefrau geführt (Gutachten, S. 51). Die vor-
geworfenen Taten in Form von Nötigungen, Tätlichkeiten, Missbrauch einer
Fernmeldeanlage sowie Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen seien
im Rahmen dieses Eifersuchtswahns zu interpretieren (Gutachten,
S. 51 f.). Die Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz und das
Fahren in fahrunfähigem Zustand sei mit dem Kokainkonsum des
Beschuldigten zu begründen. Auch dabei bestehe im Sinne einer
allgemeinen Enthemmung ein Zusammenhang mit der psychiatrischen
Erkrankung des Beschuldigten (Gutachten, S. 51 f.). Es gäbe keine
Hinweise auf einen relevanten Konsum von Suchtmitteln, weswegen die
Taten als Folge der Krankheitssymptome zu interpretieren seien
(Gutachten, S. 51 f.). Die paranoide Schizophrenie sei tatdynamisch
relevant gewesen. Durch das Wahnsystem mit paranoiden, bizarren und
unrealistischen Vorstellungen, Sinnestäuschungen und formalen Denkstör-
ungen sowie der doppelten Buchführung habe der Beschuldigte zeitweise
den Bezug zur Realität verloren (Gutachten, S. 53). Es sei daher davon
auszugehen, dass der Beschuldigte zum Zeitpunkt der Anlassdelikte keine
Einsichtsfähigkeit besass (Gutachten, S. 53 und 75). Aufgrund der
fehlenden Einsichtsfähigkeit erübrige sich die Frage der Steuerungs-
fähigkeit (Gutachten, S. 53). Zusammenfassend sei beim Beschuldigten in
Bezug auf die ihm zur Last gelegten Delikte von einer krankheitsbedingt
aufgehobenen Schuldfähigkeit auszugehen (Gutachten, S. 53).
2.4.
Der Beschuldigte weist den Inhalt des Gutachtens zurück (Stellungnahme
zum Gutachten PDAG, Ziff. 3a). Er bestreitet, unter einer paranoiden
Schizophrenie zu leiden. Er habe jedoch im Zeitpunkt der vorgeworfenen
Taten unter gesundheitlichen Problemen gelitten (Stellungnahme zum
Gutachten PDAG, Ziff. 2a). Er könne nicht beurteilen, ob er zum Tatzeit-
punkt einsichtsfähig gewesen sei. Er habe jedoch gar keine strafrechtlich
relevanten Taten begangen (Stellungnahme zum Gutachten PDAG,
Ziff. 2b).
2.5.
Das Gutachten ist vollständig, schlüssig und nachvollziehbar. Die Rüge des
Beschuldigten ist allgemeiner Natur und betrifft nicht das Gutachten an und
für sich. Vielmehr bestreitet er global, an einer paranoiden Schizophrenie
- 6 -
zu leiden. Vor dem Hintergrund, dass auch der Gutachter auf die doppelte
Buchführung beim Beschuldigten hingewiesen hat (vgl. Gutachten, S. 53),
sind dessen Bestreitungen nicht geeignet, den Inhalt des Gutachtens in
Frage zu stellen. Diesem liegt denn auch eine umfassende Auswertung der
über den Beschuldigten vorhandenen medizinischen Akten sowie eine
persönliche Exploration des Beschuldigten zugrunde. Die gutachterlichen
Schlussfolgerungen zur Frage der Schuldfähigkeit erscheinen in allen
Punkten schlüssig begründet und nachvollziehbar. Auf das Gutachten kann
folglich abgestellt werden. Gestützt darauf ist davon auszugehen, dass der
Beschuldigte im Tatzeitraum an einer schweren psychischen Störung in
Form einer paranoiden Schizophrenie litt, wobei zwischen dem
vorgeworfenen Verhalten des Beschuldigten und seiner paranoiden
Schizophrenie ein Zusammenhang besteht. Aufgrund seiner psychischen
Erkrankung war der Beschuldigte nicht fähig, das Unrecht seiner Tat
einzusehen und sein Handeln danach zu richten. Beim Beschuldigten liegt
daher in Bezug auf sämtliche Delikte eine Schuldunfähigkeit im Sinne von
Art. 19 Abs. 1 StGB vor. Der Beschuldigte ist infolge seiner Schuld-
unfähigkeit vollumfänglich freizusprechen.
3.
Trotz fehlender Schuldfähigkeit können laut Art. 19 Abs. 3 StGB
Massnahmen nach den Artikeln 59–61, 63, 64, 67, 67b und 67e StGB
angeordnet werden. Aufgrund des Verschlechterungsverbots (vgl. Art. 391
Abs. 2 StPO) ist jedoch die erstmalige Anordnung einer Massnahme im
Berufungsverfahren nicht möglich (BGE 148 IV 89, E. 4.4), zumal eine
solche von der Staatsanwaltschaft vorliegend weder im erstinstanzlichen
Verfahren noch im Berufungsverfahren beantragt worden ist. Die
Anordnung einer Massnahme fällt damit ausser Betracht. Damit erübrigt
sich auch die Durchführung einer Berufungsverhandlung.
4.
4.1.
Die Vorinstanz hat der Privatklägerin gestützt auf Art. 49 OR und nach
Massgabe der Aussagen des Beschuldigten hinsichtlich seiner
Vermögensverhältnisse eine Genugtuung von Fr. 800.00 zugesprochen
(vorinstanzliches Urteil, E. 21.4).
Der Beschuldigte rügt, die Privatklägerin habe keinen Anspruch auf
Genugtuung (Berufungserklärung, Ziff. II/21).
4.2.
4.2.1.
Art. 47 OR bestimmt, dass der Richter bei Körperverletzung der verletzten
Person unter Würdigung der besonderen Umstände eine angemessene
Geldsumme als Genugtuung zusprechen kann. Die Genugtuung bezweckt
den Ausgleich für erlittene Unbill, indem das Wohlbefinden anderweitig
- 7 -
gesteigert oder die Beeinträchtigung erträglicher gemacht wird. Bemes-
sungskriterien sind vor allem die Art und Schwere der Verletzung, die
Intensität und Dauer der Auswirkungen auf die Persönlichkeit der
betroffenen Person, der Grad des Verschuldens der haftpflichtigen Person
sowie ein allfälliges Selbstverschulden der geschädigten Person (BGE 132
II 117 E. 2.2.2; 127 IV 215 E. 2a; 125 III 412 E. 2a, je mit Hinweisen). Die
Festsetzung der Höhe der Genugtuung beruht auf richterlichem Ermessen
(Art. 4 ZGB).
4.2.2.
Nach Art. 54 Abs. 1 OR kann der Richter aus Billigkeit auch eine nicht
urteilsfähige Person, die Schaden verursacht hat, zu teilweisem oder
vollständigem Ersatz verurteilen. Art. 54 OR gilt auch in Bezug auf Genug-
tuungsansprüche (BGE 74 II 202 E. 8). Zur Beurteilung der Billigkeit sind
insbesondere die beidseitigen finanziellen Verhältnisse der Parteien im
Zeitpunkt des Urteils zu berücksichtigen. Der Umstand, dass die schä-
digende Person finanziell nicht besser situiert ist als die geschädigte
Person, führt meistens zum Schluss, dass die Billigkeitshaftung nicht
angenommen werden kann. Massgebend ist, dass die urteilsunfähige
Person nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügt (vgl. ROLAND
BREHM, in: Berner Kommentar, Obligationenrecht, Allgemeine Bestim-
mungen, Die Entstehung durch unerlaubte Handlungen Art. 41-61 OR,
5. Auflage 2021, N 19 und N 23 zu Art. 54 OR).
4.2.3.
Der Beschuldigte hat sich darüber ausgewiesen, dass er von den Sozialen
Diensten E. unterstützt wird und Betreibungen gegen ihn laufen (vgl.
Eingabe vom 17. August 2022). Unter diesen Umständen fällt eine
Billigkeitshaftung ausser Betracht, weshalb die Genugtuungsforderung der
Privatklägerin abzuweisen ist.
5.
5.1.
Wird die beschuldigte Person freigesprochen, so hat sie gemäss Art. 429
Abs. 1 lit. c StPO Anspruch auf Genugtuung für besonders schwere
Verletzungen ihrer persönlichen Verhältnisse. Der Begriff des Freiheits-
entzugs im Sinne von Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO muss nach bundes-
gerichtlicher Rechtsprechung im Lichte von Art. 51 StGB und Art. 110
Abs. 7 StGB ausgelegt werden. Ein Anspruch auf Genugtuung im Sinne
von Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO wird mithin regelmässig gewährt, wenn sich
die beschuldigte Person in Untersuchungs- oder Sicherheitshaft befand
(BGE 146 IV 231 E. 2.3.1). Das Bundesgericht erachtet bei kürzeren
Freiheitsentzügen Fr. 200.00 pro Tag als angemessene Genugtuung,
sofern nicht aussergewöhnliche Umstände vorliegen, die eine höhere oder
eine geringere Entschädigung rechtfertigen (Urteil des Bundesgerichts
6B_506/2015 vom 6. August 2018 E. 1.3.1).
- 8 -
5.2.
Der Beschuldigte wurde am 1. April 2019 um 02:50 Uhr von der
Kantonspolizei Aargau inhaftiert (UA act. 21 ff.) Aufgrund der aus-
gestandenen Untersuchungshaft von einem Tag hat der Beschuldigte
Anspruch auf die Leistung einer Genugtuung in Höhe von Fr. 200.00.
6.
6.1.
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Vorliegend wird
der Beschuldigte mangels Schuldfähigkeit vollumfänglich freigesprochen.
6.2.
Gemäss Art. 419 StPO können einer wegen Schuldunfähigkeit frei-
gesprochenen Person die Verfahrenskosten auferlegt werden, wenn dies
nach den gesamten Umständen billig erscheint. Die Billigkeit beurteilt sich
in Analogie zu Art. 54 Abs. 1 OR (BOMMER FELIX/DITTMANN VOLKER, in:
Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auflage 2018, N 50 zu Art. 19 StGB).
Die Billigkeitshaftung hat nicht schon dann zur Anwendung zu gelangen,
wenn die schuldunfähige beschuldigte Person über die erforderlichen Mittel
zur Bezahlung der Kosten verfügt; vielmehr müssen die finanziellen
Verhältnisse so gut sein, dass eine Kostenübernahme durch den Staat
stossend erscheint (DOMEISEN THOMAS, in: Basler Kommentar,
Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Auflage 2014, N 7 zu Art. 419
StPO; BOMMER FELIX/DITTMANN VOLKER, in: Basler Kommentar,
Strafrecht I, 4. Auflage 2018, N 50 zu Art. 19 StGB).
6.3.
Der Beschuldigte befindet sich in einer angespannten finanziellen Situation
(vgl. dazu E. 4.2.3). Nach den gesamten Umständen erscheint es daher
unbillig, dem Beschuldigten die Verfahrenskosten gestützt auf Art. 419
StPO aufzuerlegen, weshalb diese auf die Staatskasse genommen
werden.
6.4.
Der Beschuldigte war im vorliegenden Verfahren amtlich verteidigt. Der
amtliche Verteidiger machte mit Kostennote vom 17. August 2022 für das
Berufungsverfahren einen Aufwand von 19 Stunden à Fr. 200.00, Auslagen
in Höhe von Fr. 217.10 sowie die MwSt. von 7.7 % von insgesamt
Fr. 309.30, gesamthaft Fr. 4'326.40, geltend. Dies erweist sich angesichts
des Umfangs und der Bedeutung der vorliegenden Strafsache als
angemessen. Entsprechend ist die Obergerichtskasse anzuweisen, dem
amtlichen Verteidiger eine richterlich genehmigte Entschädigung in Höhe
von Fr. 4'326.40 (inkl. Auslagen und MwSt.) auszurichten.
- 9 -
Da dem Beschuldigten die Verfahrenskosten nicht auferlegt werden, entfällt
auch eine Rückforderung der Kosten der amtlichen Verteidigung (Art. 135
Abs. 4 lit. a StPO e contrario).
6.5.
Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin ist für das Berufungs-
verfahren ebenfalls aus der Staatskasse zu entschädigen, wobei ein
Stundenansatz von Fr. 200.00 zur Anwendung gelangt (Art. 138 Abs. 1
StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT).
Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin hat mit Kostennote vom
1. September 2022 einen Aufwand von 14.5 Stunden zu einem Stunden-
ansatz von Fr. 200.00 geltend gemacht. Dies führt unter Hinzurechnung der
Auslagen von Fr. 148.20 und der Mehrwertsteuer von Fr. 234.70 zu einem
Honorar von Fr. 3'282.90.
Gestützt auf Art. 30 Abs. 3 OHG erfolgt keine Rückforderung dieser
Entschädigung von der Privatklägerin (BGE 141 IV 262 E. 3; BGE 143 IV
154 E. 2.3.4).
7.
7.1.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind auch die erstin-
stanzlichen Verfahrenskosten auf die Staatskasse zu nehmen (Art. 428
Abs. 3 StPO i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO e contrario).
7.2.
Die Höhe der dem amtlichen Verteidiger für das erstinstanzliche Verfahren
zugesprochene Entschädigung von Fr. 7'042.95 ist mit Berufung nicht
angefochten worden, weshalb darauf im Berufungsverfahren nicht mehr
zurückgekommen werden kann. Die Entschädigung ist auf die Staatskasse
zu nehmen.
Da dem Beschuldigten die erstinstanzlichen Verfahrenskosten nicht
auferlegt werden, entfällt auch eine Rückforderung der Kosten der
amtlichen Verteidigung (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO e contrario).
7.3.
Die Entschädigung der unentgeltlichen Vertreterin der Privatklägerin für
das erstinstanzliche Verfahren von Fr. 2'476.20 (inkl. 7.7% MwSt.) ist im
Berufungsverfahren unangefochten geblieben. Die Entschädigung ist auf
die Staatskasse zu nehmen.
Eine Rückforderung von der Privatklägerin i.S.v. Art. 30 Abs. 3 OHG entfällt
in der vorliegenden Konstellation (vgl. BGE 143 IV 154).
- 10 -
8.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).