Decision ID: 14a052de-5684-5772-a401-188b943397ff
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
Eigenen Angaben zufolge verliess A._ (nachfolgend: die Beschwer-
deführerin), eine äthiopische Staatsangehörige der Ethnie der Oromo, am
29. September 2017 ihr Heimatland. Am 17. Oktober 2017 reiste sie ge-
meinsam mit ihrer Schwester und deren Tochter (N [...]) in die Schweiz ein
und stellte gleichentags ein Asylgesuch.
B.
Am 23. Oktober 2017 wurde die Beschwerdeführerin im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) des (...) zu ihren Personalien und ihrem Reise-
weg befragt (MIDES Personalienaufnahme).
C.
Mit Eingabe vom 27. Oktober 2017 teilte die Rechtsvertreterin der Be-
schwerdeführerin der Vorinstanz mit, dass sich anlässlich des Erstge-
sprächs deutliche Hinweise darauf ergeben hätten, dass die Beschwerde-
führerin Opfer von Menschenhandel geworden sei.
D.
Am 31. Oktober 2017 fand ein Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rats vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) statt.
E.
Am 17. November 2017 wurde der Beschwerdeführerin das rechtliche Ge-
hör zu einer allfälligen Überstellung nach Frankreich gewährt.
F.
Nachdem die französischen Behörden am 12. Januar 2018 gestützt auf
Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO einer Übernahme zugestimmt hatten, trat das
Staatssekretariat für Migration (SEM) mit Verfügung vom 30. Januar 2018
auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein und ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz nach Frankreich sowie den Vollzug an.
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Seite 3
G.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid vom 30. Januar 2018 erhob die Be-
schwerdeführerin mit Eingabe vom 7. Februar 2018 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Mit Urteil D-769/2018 vom 21. März 2018
wurde die Beschwerde gutgeheissen, die Verfügung vom 30. Januar 2018
aufgehoben und die Vorinstanz angewiesen, auf das Asylgesuch einzutre-
ten sowie das ordentliche Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen.
II.
H.
Mit Zuweisungsentscheid vom 12. April 2018 wurde die Beschwerdeführe-
rin in das erweiterte Verfahren aufgenommen. Am 23. Juli 2019 fand die
Bundesanhörung statt.
I.
I.a In Bezug auf ihren Lebenslauf brachte die Beschwerdeführerin vor, sie
sei in B._ geboren und habe dort bis zu ihrer Ausreise gelebt. Die
letzten Jahre vor ihrer Ausreise habe sie jedoch ständig das Quartier ge-
wechselt. Nach ihrem Schulabschluss habe sie im Jahr 2008/2009 am (...)
eine Ausbildung als (...) absolviert und in der Folge ungefähr zwei Jahre in
diesem Beruf gearbeitet. Danach habe sie eine Weiterbildung als (...) ab-
geschlossen. Aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit habe sie keine Be-
willigung zur selbständigen Tätigkeitsausübung erhalten, um ein eigenes
(...) führen zu können. Deshalb sei sie nach ihrer Heirat im Jahr 2015 kei-
ner Arbeit mehr nachgegangen. Sie habe einen Sohn, welcher seit ihrer
Ausreise bei der Schwiegermutter im Süden Äthiopiens lebe.
I.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen an, sie und alle Oromo würden in ihrem Heimatland aufgrund
ihrer Ethnie diskriminiert, benachteiligt und beleidigt. Nach dem Tod ihres
Vaters 2016 hätten sie und ihre Familienangehörigen aus Angst fast alle
drei Monate ihren Wohnsitz gewechselt.
Am 2. Oktober 2016 hätten sie, ihr Ehemann und ihre beiden Schwestern
am Ireecha-Fest in C._ teilgenommen. Es seien mehrere Tausend
Personen anwesend gewesen, als die Bundespolizei begonnen habe,
Schüsse auf die Menschen abzufeuern. Insgesamt seien mehr als tausend
Personen erschossen oder von der Menge niedergetrampelt worden. An-
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schliessend habe die Bundespolizei wahllos zahlreiche Menschen verhaf-
tet und in Fahrzeugen in ein Lager gebracht. Die Beschwerdeführerin sei
verhaftet und während insgesamt dreizehn Tagen unter prekären Bedin-
gungen festgehalten worden. Nach dem Unterzeichnen eines Schreibens
mit einem ihr unbekannten Inhalt sei sie freigekommen, habe jedoch unter
Kontrolle der Behörden gestanden. Im Mai 2017 seien drei Polizisten bei
ihnen zu Hause aufgetaucht und hätten sie genötigt, in der Kebele (Ver-
waltungsbezirk) ein weiteres Schreiben zu unterzeichnen. In der Folge
habe sie Angst bekommen und sich entschlossen, auszureisen. Vor ihrer
Ausreise habe sie ihren kleinen Sohn einer Bekannten in Obhut gegeben,
damit diese ihn sicher zu ihrer Schwiegermutter nach D._ bringe.
Man habe auch ihren Ehemann mehrmals grundlos verhaftet, anschlies-
send jedoch wieder freigelassen. Er sei ein Sympathisant von Ginbot7 ge-
wesen, und sein Vater sei getötet worden, weil er dieser Partei angehört
habe. Ihr Ehemann sei eine Woche vor ihrer eigenen Ausreise in den Su-
dan ausgereist, um kurze Zeit später aufgrund der dortigen Unruhen wie-
der nach Äthiopien zurückzukehren. Seither habe sie keinen Kontakt mehr
zu ihm und wisse auch nicht, wo er sich aufhalte.
Ende September 2017 sei sie mit einem Schlepper namens E._
ausgereist. Da dieser und der Schlepper ihrer Schwester und ihrer Nichte
(N [...], D-2321/2020) zusammengearbeitet hätten, sei sie in eine Woh-
nung in Frankreich gebracht worden, wo sich bereits ihre Schwester mit
deren Tochter aufgehalten hätten. Dort seien sie (die Beschwerdeführerin)
und ihre Schwester mehrmals von den Schleppern vergewaltigt sowie ge-
schlagen worden. Zudem seien andere Männer in die Wohnung gekom-
men, um sie und ihre Schwester zu fotografieren und Videoaufnahmen von
ihnen zu machen. Tagsüber hätten sie Kleider anderer Leute waschen und
bügeln müssen. Eines Tages sei ihnen die Flucht geglückt, als sich nur
einer der Schlepper in der Wohnung aufgehalten und geduscht habe. Mit
der Hilfe von Passanten hätten sie schliesslich in die Schweiz gelangen
können.
Nebst ihrem Geburtsschein legte die Beschwerdeführerin folgende Arzt-
und Fachberichte ins Recht:
- Bericht der psychiatrisch-psychologischen Poliklinik vom 21. Novem-
ber 2017,
- Kurzberichte der FiZ (Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration),
vom 20. Dezember 2017, vom 9. April 2018 sowie vom 5. März 2020,
D-2319/2020
Seite 5
- Bericht des Notfallpsychiaters vom 22. Januar 2018,
- Untersuchungsbericht der Psychiatrischen Universitätsklinik
F._ vom 27. März 2018,
- Berichte der Gemeinschaftspraxis G._ vom 27. August und
24. September 2018.
Auf die weiteren Ausführungen der Beschwerdeführerin wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
J.
Mit Verfügung vom 31. März 2020 – eröffnet am 6. April 2020 – stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
sowie deren Vollzug.
K.
Die Beschwerdeführerin focht mit Eingabe vom 1. Mai 2020 (Datum Post-
stempel) die vorinstanzliche Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht an
und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und ihr sei
die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit beziehungsweise wegen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu gewähren. Als Eventualan-
trag stellte sie das Begehren, die Sache sei zur vollständigen Sachverhalts-
abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Weiter beantragte sie, dass
ihr Beschwerdeverfahren mit dem Beschwerdeverfahren D-2321/2020 ih-
rer Schwester (N [...]) koordiniert zu behandeln sei. In prozessualer Hin-
sicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung so-
wie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter bean-
tragte sie die Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin.
L.
Mit Verfügung vom 11. Mai 2020 wurde die Beschwerdeführerin aufgefor-
dert, ihre finanzielle Situation offenzulegen. Dem Ersuchen um koordinier-
tes Behandeln der Beschwerde mit jener ihrer Schwester wurde stattgege-
ben. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, eine Vernehmlassung ein-
zureichen.
M.
Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen Arzt-
bericht der Gemeinschaftspraxis G._ vom 9. Mai 2020 ein.
D-2319/2020
Seite 6
N.
Mit Eingabe vom 18. Mai 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine Für-
sorgebestätigung ein.
O.
Die Vorinstanz hielt mit ihrer Vernehmlassung vom 26. Mai 2020, welche
der Beschwerdeführerin am 28. Mai 2020 zur Kenntnis gebracht wurde,
vollumfänglich an ihren Erwägungen fest. Der Beschwerdeführerin wurde
gleichzeitig die Möglichkeit zu einer Replik eingeräumt.
P.
Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 12. Juni 2020.
Q.
Mit Eingabe vom 15. Juni 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen ärzt-
lichen Kurzbericht vom 15. Juni 2020 zu den Akten.
R.
Mit Eingabe vom 6. Juli 2020 erfolgte eine weitere Eingabe mit Hinweis auf
die neusten Entwicklungen in Äthiopien.
S.
Am 28. Dezember 2020 reichte die Beschwerdeführerin zwei weitere Arzt-
berichte – beide vom 17. Dezember 2020 – ins Recht.
T.
Mit Eingabe vom 12. August 2021 liess die Beschwerdeführerin eine Ver-
fahrensstandanfrage einreichen.
U.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren auf die
gemäss Rubrum vorsitzende Richterin umgeteilt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
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Seite 7
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül-
tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asyl-
gesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des
Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [BGG,
SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig ent-
scheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmungen gilt für das
vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Das vorliegende Verfahren wird mit dem Verfahren der Schwester respek-
tive der Nichte der Beschwerdeführerin (D-2321/2020, N [...]) koordiniert
behandelt.
4.
Formell wurde das gesamte Dispositiv der streitgegenständlichen Verfü-
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gung angefochten (vgl. Rechtsbegehren 1). Inhaltlich beanstandete die Be-
schwerdeführerin jedoch nur den Vollzug der Wegweisung beziehungs-
weise die Dispositivziffern 4 bis 6 der vorinstanzlichen Verfügung. Prozess-
gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet deshalb ledig-
lich die Frage des Vollzugs der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1 bis 3
der angefochtenen Verfügung sind damit in Rechtskraft erwachsen.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration vom 16. Dezember 2005 [AIG, SR 142.20]).
Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind alternativer Na-
tur: Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als
undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl.
BVGE 2009/51 E. 5.4).
5.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.3 Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein re-
duziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände
und Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft
gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist,
sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind.
Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der
Inhalt der Aussagen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As-
pekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte
Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Ge-
samtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhalts-
darstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objekti-
vierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
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Seite 9
massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG).
6.
6.1 Zur Begründung ihres Entscheids führte die Vorinstanz in Bezug auf
den Vollzug der Wegweisung aus, die Beschwerdeführerin habe nicht
nachweisen können, dass bei einer Rückkehr nach Äthiopien konkrete Hin-
weise vorliegen würden, dass sie ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 und Art. 4 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und
Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK, SR 0.101) ausgesetzt
wäre. Der Umstand, dass sie in der Vergangenheit ausgebeutet worden
sei, sei kein ausreichender Grund, um ein reales Risiko einer schlechten
Behandlung bei einer Rückkehr geltend zu machen, weshalb sich ein Weg-
weisungsvollzug im Hinblick auf Art. 3 und 4 EMRK als zulässig erweise.
Sodann gebe es unter dem Gesichtspunkt der Zumutbarkeit weder allge-
meine noch individuelle Wegweisungshindernisse. Die Vorinstanz hielt
fest, die Beschwerdeführerin verfüge mit ihrer Schwester und ihrer Schwie-
germutter über ein soziales Beziehungsnetz in Äthiopien. Bezüglich ihres
Ehemannes habe sie lediglich ungenaue Angaben über dessen Ver-
schwinden geben können und es erscheine, dass sie damit ihre tatsächli-
che soziale Situation habe verschleiern wollen. Deshalb sei davon auszu-
gehen, dass sie in ihrem Heimatland über ein tragfähiges soziales Bezie-
hungsnetz, eine gesicherte Wohnsituation sowie über berufliche Wieder-
eingliederungsmöglichkeiten verfüge, zumal sie eine Ausbildung als (...)
und eine Weiterbildung als (...) gemacht habe, welche ihr eine Integration
in den äthiopischen Arbeitsmarkt ermöglichten. Auch aus medizinischer
Sicht sei eine Wegweisung als zumutbar zu qualifizieren. Behandlungs-
möglichkeiten von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen
(PTBS) würden in der Privatklinik Lebeza Psychiatry Speciality Clinic in
B._ zur Verfügung stehen. Zu deren Finanzierung könne die medi-
zinische Rückkehrhilfe in Anspruch genommen werden. Zudem könnten
sie auch ihre im Ausland lebenden Familienangehörigen unterstützen. Da
ihre aktuelle Therapie wegen einer (...) bis Mitte August 2020 andauere,
werde die Ausreisefrist dementsprechend angepasst.
6.2
6.2.1 In ihrer Beschwerdeschrift hielt die Beschwerdeführerin dem entge-
gen, dass die Vorinstanz ihr zu Unrecht vorgeworfen habe, sie habe nicht
nachweisen können, bei einer Rückkehr nach Äthiopien ernsthaften Nach-
teilen oder einer nach Art. 3 und Art. 4 EMRK verbotenen Handlung aus-
gesetzt zu sein. Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs
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Seite 10
für Menschenrechte (EGMR) verbiete Art. 3 EMRK auch eine Abschie-
bung, wenn die betroffene Person aufgrund fehlender angemessener Be-
handlungsmöglichkeiten oder wegen fehlendem Zugang zu Behandlungen
einer ernsthaften, rapiden und irreversiblen Verschlechterung ihres Ge-
sundheitszustands ausgesetzt würde, die intensives Leiden oder eine we-
sentliche Verringerung der Lebenserwartung nach sich ziehen würden. Da-
von sei vorliegend auszugehen. Ihre schwere sowie komplexe Traumati-
sierung bestehe neben der sexuellen Ausbeutung in Frankreich auch aus
belastenden Erlebnissen im Heimatland, wobei sie bereits dort einem enor-
men psychischen Druck ausgesetzt gewesen sei. Aufgrund der Diskrimi-
nierungen gegen Oromo habe sie sich auch keine berufliche Existenz auf-
bauen können, sie habe mitansehen müssen, wie ihr Vater aufgrund von
Folterungen ums Leben gekommen sei und sei neben der dauernden
Überwachung durch die äthiopischen Behörden während rund zwei Wo-
chen inhaftiert gewesen. Zudem sei der ständige Wohnortswechsel hinzu-
gekommen. Die behandelnde Psychotherapeutin habe im Bericht vom
24. September 2018 bestätigt, dass sie (die Beschwerdeführerin) unter
mehreren traumatischen Erlebnissen leide. Diese Einschätzung gehe auch
aus dem Bericht der FiZ vom 21. Februar 2020 hervor. Daneben halte der
Bericht der Gemeinschaftspraxis G._ vom 24. September 2018
fest, dass eine fachgerechte sowie spezialisierte Weiterbehandlung in je-
dem Fall indiziert seien, da ansonsten ein Abgleiten in eine schwere De-
pression sowie Suizidalität mit Klinikaufenthalt drohe. Dem weiteren
Schreiben der Gemeinschaftspraxis G._ vom 27. August 2019
lasse sich entnehmen, dass eine Verbesserung der Symptome noch nicht
in Sicht sei und eine allfällige Rückkehr nach Äthiopien eine Retraumati-
sierung sowie die bis anhin erfolgte Stabilisierung zunichtemachen würde
und in diesem Fall eine schwere Depression mit Suizidgefahr zu erwarten
sei. Aus dem Bericht der FiZ vom 21. Februar 2020 gehe hervor, dass sie
eine ambulante engmaschige Betreuung benötige. Nach der negativen
Entscheidseröffnung habe sich ihr Zustand zudem erneut verschlechtert.
6.2.2 Angesichts der verschiedenen Arzt- und Fachberichte – insbeson-
dere vor dem Hintergrund, dass von verschiedenen Fachpersonen suizi-
dale Neigungen bei der Beschwerdeführerin festgestellt worden seien und
sie deswegen bereits Anfang 2018 in die Psychiatrische Universitätsklinik
F._ eingewiesen worden sei – erscheine es nicht nachvollziehbar,
dass die Vorinstanz eine Wegweisung als zulässig erachtet habe. Das Aus-
mass der gesundheitlichen Konsequenzen würde vorliegend eine derartige
Schwere erreichen, dass eine Verletzung von Art. 3 EMRK zu bejahen und
eine Wegweisung als unzulässig zu betrachten sei.
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Seite 11
6.2.3 Ferner würden bei einer Rückkehr nach Äthiopien Stigmatisierung,
Diskriminierung sowie soziale Ausgrenzung drohen. Gemäss verschiede-
nen Berichten sei die Mehrzahl von rückkehrenden Frauen nach Äthiopien
mit schwierigen kulturellen Rahmenbedingungen konfrontiert, dies auch
bei Vorhandensein einer höheren Ausbildung. Um Zugang zu einem Ar-
beitsplatz zu erhalten, benötige man genügend finanzielle Ressourcen und
familiäre Kontakte, aber auch unter diesen Umständen sei es bei guter
Qualifikation für eine Äthiopierin sehr schwierig, eine nicht unterbezahlte
Stelle zu erhalten. Einer Studie zufolge würden äthiopische Frauen, welche
aus dem Ausland zurückkehren würden, stigmatisiert, indem man ihnen
unterstellen würde, im Ausland ein lockeres Sexualleben geführt zu haben.
Für eine alleinstehende Frau mit einem Kind, einem mehrjährigen Ausland-
aufenthalt sowie mit einer fehlenden familiären Unterstützung und einer
sehr schlechten psychischen Verfassung wäre eine Wiedereingliederung
im Heimatland äusserst schwer zu realisieren. Dieser psychische Druck,
welchem sie bei einer Rückkehr unterstellt wäre, erreiche das Ausmass
einer unmenschlichen Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK.
6.2.4 Weiter sei unter dem Gesichtspunkt der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs festzuhalten, dass gemäss Rechtsprechung zwar von der
generellen Zumutbarkeit des Vollzugs nach Äthiopien ausgegangen wer-
den könne, jedoch die Situation von alleinstehenden Frauen besonders zu
beachten sei. Neben einer anzunehmenden Stigmatisierung verfüge die
Beschwerdeführerin über kein familiäres Netz im Heimatland. Eine Wieder-
eingliederung in die Arbeitswelt sei nicht realistisch, zumal ihr bereits früher
aufgrund ihrer Ethnie eine Bewilligung zur selbständigen Erwerbstätigkeit
verwehrt worden sei. Sodann gehe aus dem Bericht der FiZ vom 21. Feb-
ruar 2020 hervor, dass bereits eine Integration in die Arbeitswelt in der
Schweiz gescheitert sei, da sie schnell überfordert gewesen und in eine
erneute Krise gestürzt sei. Vor dem Hintergrund ihrer Erkrankung könne
keineswegs von einem nachhaltigen Einstieg in die Berufswelt gesprochen
werden.
Schliesslich habe die Beschwerdeführerin, entgegen der Argumentation
der Vorinstanz, nicht versucht, ihre wahre soziale Lage zu verschleiern,
sondern habe tatsächlich keinen Kontakt mehr zu ihrem Ehemann und
gehe davon aus, dass dieser entweder ausgereist sei oder sich in einem
Kloster verstecke. Des Weiteren habe sie niemals erwähnt, dass er seit
seiner Flucht jemals Kontakt mit ihrer Schwester aufgenommen habe, sie
habe vielmehr eine Ordensschwester gemeint, weshalb sie auch vermute,
D-2319/2020
Seite 12
dass er sich in einem Kloster befinden könnte. Es sei abwegig, ihr zu un-
terstellen, dass sie aus strategischen Überlegungen versucht habe zu ver-
schleiern, wo sich ihr Ehemann befinde. Abschliessend sei festzustellen,
dass sie über kein solides Sozialnetz verfüge, zumal lediglich eine einzige
Schwester in Äthiopien lebe, deren Ehemann zudem immer noch als ver-
misst gelte. Die Schwiegermutter und ihr kleiner Sohn würden in
D._ leben, ein Gebiet im Süden Äthiopiens. Unter diesen Voraus-
setzungen erscheine es fraglich, inwiefern sie sich als alleinstehende Mut-
ter mit psychischen Erkrankungen nachhaltig in die äthiopische Gesell-
schaft wiedereingliedern und eine nahtlose Behandlung ihrer schweren
posttraumatischen Belastungsstörung – auch unter dem Aspekt der gere-
gelten Finanzierung – erhältlich machen könne.
Auf die im Beschwerdeverfahren eingereichten Arztzeugnisse wird an ge-
gebener Stelle eingegangen.
7.
7.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug der Wegweisung für Aus-
länderinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder
Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemei-
ner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Dieser Arti-
kel findet auch Anwendung auf Personen, welche nach ihrer Rückkehr we-
gen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit in
völlige Armut geraten würden, dem Hunger und somit einer ernsthaften
Verschlechterung des Gesundheitszustands, der Invalidität oder gar dem
Tod ausgeliefert wären (vgl. BVGE 2014/26, E. 7.5. und BVGE 2011/24
E.11.1 m.w.H.). In Äthiopien herrscht zwar kein Krieg. Die sozioökonomi-
sche Situation alleinstehender Frauen ist jedoch nach wie vor als sehr
schwierig zu bezeichnen. In seinem Urteil BVGE 2011/25 hat sich das Bun-
desverwaltungsgericht insbesondere zur sozioökonomischen Situation al-
leinstehender Frauen in Äthiopien geäussert. Das Urteil hält fest, dass nicht
verheiratete, alleinlebende Frauen von der Gesellschaft – auch der städti-
schen – nicht akzeptiert würden. Namentlich gehe die Gesellschaft davon
aus, dass solche Frauen auf der Suche nach sexuellen Abenteuern seien.
Für alleinstehende Frauen sei es daher schwierig, ohne Hilfe von Bekann-
ten eine Wohnung zu finden. Die Arbeitslosigkeit von Frauen in B._
liege zwischen 40% und 55%. Begünstigende Faktoren, welche die Wahr-
scheinlichkeit erhöhten, dass eine Frau in Äthiopien einer eigenständigen
Erwerbstätigkeit nachgehen könne, seien eine höhere Schulbildung, ein
Leben in der Stadt, finanzielle Mittel, Unterstützung durch ein soziales
Netzwerk und der Zugang zu Informationen. Ohne diese begünstigenden
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Seite 13
Voraussetzungen blieben Frauen oft nur Arbeiten, welche gesundheitliche
Risiken bergen würden, so beispielsweise in der Prostitution oder in Haus-
halten, wo sie regelmässig verschiedenen Formen der Gewalt ausgesetzt
seien. Gemäss Praxis sind zur Erlangung einer sicheren Existenzgrund-
lage jedoch begünstigende Faktoren wie finanzielle Mittel, berufliche Fä-
higkeiten sowie ein intaktes Beziehungsnetz erforderlich (vgl. BVGE 2011/
25 E. 8.4 f.; bestätigt in Referenzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019
E. 12.2; Urteil des BVGer D-6622/2019 vom 14. Oktober 2020 E. 8.4 f.).
7.2 Auch wenn sich die Situation in Äthiopien in den letzten Jahren hin-
sichtlich der Arbeitslosigkeit etwas verbessert hat, haben Frauen immer
noch wesentlich beschränktere Arbeitsmöglichkeiten als Männer und ver-
dienen für dieselbe Arbeit im Schnitt nur die Hälfte des Salärs von männli-
chen Arbeitnehmern. Besonders schwierig gestaltet sich die Stellensuche
für Frauen ohne Universitätsabschluss. Ebenfalls ist sexuelle Gewalt und
Diskriminierung gegenüber Frauen und Mädchen in Äthiopien nach wie vor
weit verbreitet, wobei das politische System und das Justizsystem Opfer
sexueller Gewalt kaum unterstützen. Aus dem Ausland zurückkehrende
Frauen, welche alleinerziehend sind und alleine ohne einen Ehemann le-
ben, gelten grundsätzlich als suspekt und werden in der äthiopischen Ge-
sellschaft stark stigmatisiert. Oftmals wird ihnen unterstellt, im Ausland ein
lockeres Liebesleben geführt und ihr Geld dort mit Prostitution erworben zu
haben. Diese Stigmatisierung erschwert eine erfolgreiche Reintegration er-
heblich (vgl. Urteil des BVGer D-6622/2020 vom 14. Oktober 2020 E. 8
m.w.H.). Trotz des wirtschaftlichen Booms der letzten Jahre hat sich insbe-
sondere an der grundsätzlichen Benachteiligung von Frauen in der äthio-
pischen Gesellschaft sowie insbesondere in der äthiopischen Wirtschaft
nichts Wesentliches geändert (vgl. Urteil des BVGer E-2118/2015 vom
3. Juli 2017 E. 7.3.4 m.w.H.). Äthiopien ist eine konservative Gesellschaft,
und Frauen sind einem hohen Mass gesellschaftlicher und beruflicher Dis-
kriminierung ausgesetzt. Auch wenn Frauen offiziell Zugang zur Polizei und
zum Gerichtssystem haben, führen die gesellschaftlichen Normen oft dazu,
dass sie dieses Recht selten in Anspruch nehmen. Zudem wird die Schuld
an sexuellen Übergriffen, wie Vergewaltigungen, den betroffenen Frauen
angelastet und diese werden in der Folge gesellschaftlich sowie innerhalb
der Familie stigmatisiert (vgl. Urteil des BVGer D-6622/2020 vom 14. Ok-
tober 2020 E. 8.5 m.w.H.).
7.3 Seit der Covid-19-Pandemie – aber auch teilweise dem Konflikt in der
Tigray-Region geschuldet – hat sich die wirtschaftliche Lage erneut massiv
D-2319/2020
Seite 14
verschlechtert. Gemäss der Weltbank führt die Covid-19-Pandemie in Äthi-
opien zu höheren Preisen von Grundnahrungsmitteln, gestiegener Arbeits-
losigkeit, langsamerem Wirtschaftswachstum und vermehrter Armut
(vgl. The World Bank, Ethiopia – Overview, https://www.worldbank.org/en/
country/ethiopia/overview#1, abgerufen am 7. Dezember 2021). Die Nicht-
regierungsorganisation Care kommt in einer Studie zum Schluss, dass die
Mehrheit der befragten Teilnehmerinnen seit Beginn der Pandemie signifi-
kant weniger Lohn erhalte oder gar die Anstellung verloren habe. Alleinste-
hende Frauen, die einen Haushalt führten, und Frauen, die bereits vor der
Covid-19-Pandemie arm oder nahe der Armutsgrenze gelebt hätten, seien
am stärksten gefährdet. Zudem würden unter der massiv gestiegenen Ar-
beitslosigkeit in erster Linie Frauen leiden. Des Weiteren geht aus der Stu-
die hervor, dass aufgrund der stark angestiegenen Lebensmittelpreise oft
ein Mangel an genügender, täglicher Nahrung bestehe (vgl. Care Ethiopia,
A Study on the Impact of COV1D-19 on Women and Girls in Ethiopia, Juni
2021, https://www.careevaluations.org/wp-content/uploads/EUTF-Impact-
of-COVID-19-Research-Report-Sept-06-2021.pdf; Yitbarek, Kiddus et al.,
Barriers and Facilitators for Implementing Mental Health Services into the
Ethiopian Health Extension Program: A Qualitative Study, in: Risk Manage-
ment and Healthcare Policy, 19. März 2021: S. 1199–1210, https://
www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7989539/pdf/rmhp-14-1199.pdf,
abgerufen am 7. Dezember 2021).
7.4 In Bezug auf die medizinische Situation in Äthiopien gaben verschie-
dene Quellen an, dass sich die Gesundheitsversorgung zwar verbessert
habe, jedoch fänden diese Fortschritte auf tiefem Niveau statt, wobei kon-
kret in Bezug auf die psychiatrische Versorgung im Jahr 2017 auf die Ge-
samtbevölkerung von rund 100 Millionen 70 bis höchstens 100 ausgebil-
dete Psychiater fielen und die meisten in Addis Ababa praktizierten.
Ebenso mangle es dem Gesundheitssystem an psychiatrischem Pflege-
personal und anderen Fachkräften für psychische Gesundheit, da oft das
Interesse an einer solchen Ausbildung nicht vorhanden sei (vgl. The World
Bank, Data – Ethiopia, https://data.worldbank.org/country/ethiopia; Univer-
sity of Toronto, Transforming health care in Ethiopia: U of T's collaboration
with Addis Abeba University takes centre stage, https://www.utoronto.ca/
news/transforming-health-care ethiopia-u-t-s-collaboration-addis-ababa-
university-takes-centre-stage; https:// www.fluechtlingshilfe.ch/filead-
min/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderberichte/Afrika/Aethio-
pien/200529_ETH_soins_psychiatriques_fr.pdf; Yitbarek, Kiddus et al.,
Barriers and Facilitators for Implementing Mental Health Services into the
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7989539 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7989539
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Ethiopian Health Extension Program: A Qualitative Study, in: Risk Man-
agement and Healthcare Policy, 19. März 2021: S. 1199–1210,
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7989539/pdf/rmhp-14-
1199.pdf, alle abgerufen am 7. Dezember 2021). Regelmässig würden in
Äthiopien Personen mit psychischen Erkrankungen stark stigmatisiert, was
oft zur Folge habe, dass ihnen eine medikamentöse Versorgung vorenthal-
ten bleibe (vgl. The Ethiopian Herald, Mental health care within reach,
http://www.ethpress.gov.et/herald/index.php/news/national-news/item/
7963-mental-health-care-withinreach; https://www.fluechtlingshilfe.ch/file-
admin/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderberichte/Afrika/Aethio-
pien/200529_ETH_soins_psychiatriques_fr.pdf S.10; Young Lives [Uni-
versity of Oxford], Understanding Violence Affecting Children in Ethiopia: a
Qualitative Study; https://www.younglives.org.uk/files/YL-WP188%20revi-
sed_0.pdf, alle abgerufen am 7. Dezember 2021). Aufgrund der Covid-19-
Pandemie seien die freien Plätze in öffentlichen Spitälern, in welchen psy-
chiatrische oder psychologische Dienstleistungen angeboten würden,
massiv zurückgegangen, wohingegen die Zahl der psychisch erkrankten
Personen seit der Pandemie aufgrund des Notstands deutlich zugenom-
men habe (vgl. Tilahun, Mikyas, Treating Patients with Mental Illness
during COVID-19: An Initial Experience using Telemedicine in Ethiopia, in:
World Social Psychiatry, 2 (3), 2020: S. 233-234, https://www.worldsocpsy-
chiatry.org/temp/WorldSocPsychiatry23233 6909746_191137.pdf, alle ab-
gerufen am 7. Dezember 2021).
8.
8.1 Einleitend stellt das Gericht fest, dass vorliegend keine Zweifel darüber
bestehen, dass die Beschwerdeführerin Opfer von Menschenhandel ge-
worden ist. Dies wird neben ihren überzeugenden Schilderungen (vgl.
act. A19/14), welche mit den Ausführungen ihrer Schwester zu diesem
Punkt übereinstimmen, durch die eingereichten Arzt- und Fachberichten
bestätigt und im Übrigen auch von der Vorinstanz nicht bestritten. Hinge-
gen finden sich in den Protokollen keine konkreten Anhaltspunkte dafür,
dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in ihr Heimatland Gefahr
laufen würde, erneut Opfer von Menschenhandel zu werden, zumal es ihr
nicht gelungen ist, eine drohende Verfolgung bei einer allfälligen Rückkehr
ins Heimatland durch ihre Schlepper stichhaltig darzulegen. Ihre Annahme,
ihre Peiniger hätten Verbindungen zu den heimatlichen Behörden und
diese könnten in einen allfälligen Menschenhandel verstrickt sein, weil sie
die Passkontrollen am Flughafen mit dem Schlepper habe problemlos pas-
sieren können, erweist sich als nicht schlüssig, zumal ein problemloses
http://www.ethpress.gov.et/herald/index.php/news/national-news/item/%207963-mental-health-care-withinreach http://www.ethpress.gov.et/herald/index.php/news/national-news/item/%207963-mental-health-care-withinreach https://www.fluechtlingshilfe.ch/ https://www.worldsocpsychiatry.org/temp/WorldSocPsychiatry23233%206909746_191137 https://www.worldsocpsychiatry.org/temp/WorldSocPsychiatry23233%206909746_191137
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Passieren der Grenzkontrolle auch aus anderen Gründen, wie etwa durch
Schmiergeldzahlungen, erfolgen kann (vgl. act. A19/14, F122).
8.2 Die Vorinstanz zweifelte die von der Beschwerdeführerin geschilderten
familiären respektive sozialen Umstände im Heimatland an und stellte sich
auf den Standpunkt, dass sehr wohl ein tragfähiges Beziehungsnetz vor-
handen sei. Der Ehemann der Beschwerdeführerin habe keinen Grund ge-
habt, sich zu verstecken, da er über kein politisches Profil verfüge, weil sich
die politische Situation seit dem Amtsantritt von Abiy Ahmed massgeblich
verändert habe. Der vorinstanzlichen Argumentation ist einerseits entge-
genzuhalten, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin bereits im Okto-
ber 2017, also vor der Ernennung von Abiy Ahmed als Premierminister und
der Streichung von Ginbot7 aus der Terroristenliste, welche durch die Auf-
hebung des Ausnahmezustands 2018 einherging (vgl. etwa Urteil des
BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019), Äthiopien verliess und seither als
verschwunden gilt. Anderseits schliesst auch die in der Folge erfolgte poli-
tische Umwälzung nicht aus, dass der Ehemann aus anderen, nichtpoliti-
schen Gründen verschwunden ist. Zwar ist der Vorinstanz insofern zuzu-
stimmen, als dass die Aussagen der Beschwerdeführerin zum Verschwin-
den ihres Ehemannes etwas knapp ausgefallen sind. Diese sind jedoch als
durchaus glaubhaft einzustufen (vgl. act. A19/14, F43 und 46; A66/28, F45-
49, F199-201), dies auch unter Berücksichtigung, dass ihr Erzählstil im All-
gemeinen insgesamt eher kurz und einsilbig wirkt, weshalb nicht lediglich
aufgrund der einfach gehaltenen Aussagen auf Unglaubhaftigkeit ge-
schlossen werden kann. Ihre Schilderungen weisen insgesamt keine Wi-
dersprüche auf und sind im Allgemeinen in sich stimmig und stimmen mit
denen ihrer Schwester überein. Das Gericht sieht sich nicht veranlasst, an
ihren Ausführungen zu den Familienverhältnissen zu zweifeln und geht da-
von aus, dass neben ihrer Schwester, welche in B._ lebt, nur noch
die Schwiegermutter, welche sich um den Sohn der Beschwerdeführerin
kümmert und in D._, im Süden des Landes, wohnhaft ist, in Äthio-
pien lebt und die übrigen Familienangehörigen sich im Ausland befinden
(vgl. act. A19/14, F18-24, F43, F46f.; F63; act. A 66/28, F16-24, F28-36,
F38, F61-66). Das Gericht kommt deshalb zum Schluss, dass die Be-
schwerdeführerin ihre familiäre Situation in Äthiopien glaubhaft darzulegen
vermochte. Angesichts dieser Faktoren und der persönlichen Umstände
der Beschwerdeführerin ist nachfolgend zu prüfen, ob ihre soziale und wirt-
schaftliche Wiedereingliederung in ihr Heimatland Äthiopien gelingen
könnte.
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9.
9.1 Die Beschwerdeführerin führte aus, 2008 respektive 2009 eine Ausbil-
dung als (...) absolviert und in der Folge während zwei Jahren als solche
gearbeitet zu haben. Nach der Eheschliessung sei jedoch nur noch ihr Ehe-
mann für ihren Lebensunterhalt aufgekommen (vgl. act. A66/28, F50-56,
F67, F69-70). Die persönliche Situation der Beschwerdeführerin stellt sich
somit wie folgt dar: Sie ist in B._ aufgewachsen, hat dort eine Aus-
bildung absolviert, ist verheiratet und Mutter eines inzwischen sechsjähri-
gen Sohnes, welcher zurzeit bei seiner Grossmutter im Süden Äthiopiens
lebt. Kurz vor ihrer Ausreise ist ihr Ehemann verschwunden und sie hat
seither keine Nachrichten von ihm respektive über seinen Aufenthaltsort.
Sie hat insgesamt seit rund zehn Jahren nicht mehr auf ihrem Beruf gear-
beitet und 2017 – also vor rund vier Jahren – ihr Heimatland verlassen.
Sodann ist auf ihr beschränktes familiäres Netzwerk hinzuweisen. Als al-
leinstehende Mutter wird sie damit nicht auf ein intaktes Beziehungsnetz
zurückgreifen können. Aufgrund ihrer kurzen Arbeitserfahrung von unge-
fähr zwei Jahren und der fehlenden relevanten Beziehungen kann sie sich
kaum darauf verlassen, im von einer ausserordentlich hohen Arbeitslosig-
keit betroffenen Land eine neue Anstellung als (...) zu finden. Auch wenn
sie eine Anstellung finden würde, ist kaum davon auszugehen, dass damit
ihr Lebensunterhalt und derjenige ihres Sohnes finanziert werden könnten.
Die Situation am aktuellen Wohnort der Schwiegermutter und ihres Sohnes
im Süden Äthiopiens dürfte sich für sie als alleinerziehende Frau kaum ein-
facher gestalten. Sodann ist anzunehmen, dass seit dem Ausbruch der Co-
vid-19-Pandemie von noch schwierigeren Bedingungen auszugehen ist.
9.2 In einem nächsten Schritt ist die gesundheitliche Situation der Be-
schwerdeführerin zu beleuchten. Sie ist seit 2018 in psychotherapeutischer
Behandlung. Bereits am 21. November 2017 war im Rahmen eines psychi-
atrischen Konsiliums der psychiatrisch-psychologischen Polyklinik der
F._ eine PTBS (ICD-10 F43.1) diagnostiziert, eine Behandlung
empfohlen und die Einnahme des Antidepressivums (...) verschrieben wor-
den. Von 2. bis 5. Februar 2018 musste sie stationär untergebracht und im
März 2018 wegen akuter Suizidalität in eine Schutzwohnung transferiert
werden (vgl. Schreiben der Rechtsvertretung vom 19. März 2018). Des
Weiteren wurde von verschiedenen Fachpersonen bestätigt, dass sie unter
mehreren traumatischen Erlebnissen leide (vgl. Bericht der FiZ vom
21. Februar 2020; Arztbericht vom 24. September 2018). Daneben geht
aus dem Bericht der Gemeinschaftspraxis G._ vom 24. September
2018 hervor, dass eine Weiterbehandlung in jedem Fall notwendig sei, an-
sonsten ein Abgleiten in eine schwere Depression sowie Suizidalität mit
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Seite 18
einem weiteren Klinikaufenthalt drohe. Eine allfällige Rückkehr nach Äthi-
opien berge die konkrete Gefahr einer Retraumatisierung (vgl. Arztbericht
der Gemeinschaftspraxis G._ vom 27. August 2019). Der Arztbe-
richt vom 17. Dezember 2020 bestätigt erneut sowohl die PTBS, als auch
die depressive Störung der Beschwerdeführerin sowie die notwendigen re-
gelmässigen Therapiesitzungen. Auch wenn die Möglichkeit besteht, dass
die Beschwerdeführerin sich in einer spezialisierten Klinik für psychische
Erkrankungen behandeln lassen und für die relativ hohen Kosten medizi-
nische Rückkehrhilfe beantragen kann, bleibt es zweifelhaft, dass sie unter
den gegebenen Umständen in absehbarer Zeit tatsächlich arbeitsfähig
wäre und dem gesellschaftlichen Druck als alleinerziehende Mutter stand-
halten könnte.
9.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es sich bei der Beschwerde-
führerin um eine alleinstehende Frau handelt, welche zwar über eine Aus-
bildung, jedoch kaum Arbeitserfahrung verfügt. Auch kann sie nicht auf ein
intaktes (familiäres) Beziehungsnetz zurückgreifen, welches ihr behilflich
sein und sie unmittelbar nach ihrer Rückkehr unterstützen könnte. Des
Weiteren erscheint es äusserst fraglich, ob es ihr aus gesundheitlichen
Gründen in absehbarer Zeit möglich sein wird zu arbeiten. Durch diese er-
schwerten Bedingungen muss sie zusätzlich aufgrund ihres längeren Aus-
landsaufenthalts mit einer grundsätzlichen Stigmatisierung als alleinste-
hende Frau in der männerdominierten äthiopischen Gesellschaft rechnen.
Ihr psychisches Krankheitsbild erschwert ausserdem eine potentielle Rein-
tegration massgeblich. Nach den vorstehenden Erwägungen und in Anbe-
tracht der schwierigen Situation von Frauen in Äthiopien sowie ihrer äus-
serst schlechten gesundheitlichen Verfassung ist davon auszugehen, dass
die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Äthiopien einer konkreten
Gefährdung ausgesetzt wäre und in eine existentielle Notlage geraten
würde. Unter Würdigung aller massgeblichen Umstände des vorliegenden
Einzelfalls erweist sich der Vollzug der Wegweisung als unzumutbar.
9.4 Da die Wegweisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl.
BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748), sind die Zulässigkeit und die Möglichkeit des
Vollzugs nicht mehr zu prüfen (vgl. E. 5.1 hiervor). Ein Grund für einen
Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme nach Art. 83 Abs. 7 AIG liegt fer-
ner nicht vor.
10.
Die angefochtene Verfügung verletzt demnach Bundesrecht und ist nicht
angemessen. Die Beschwerde ist gutzuheissen, und die Dispositivziffern
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4, 5 und 6 der angefochtenen Verfügung vom 31. März 2020 sind aufzuhe-
ben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, die Beschwerdeführerin wegen Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzuneh-
men.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
12.
Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die
ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten
(Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin der Beschwerdefüh-
rerin hat mit Eingabe vom 1. Mai 2020 eine Kostennote zu den Akten ge-
reicht. Angesichts der Aktenlage und der sich im Verfahren D-2321/2020
gleich stellenden Rechtsfragen erscheint der geltend gemachte Aufwand
von 14.5 Stunden als zu hoch und ist entsprechend auf 9.5 Stunden zu
kürzen. Betreffend die weiteren Aufwände wurde keine Kostennote einge-
reicht. Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich jedoch aufgrund der
Akten zuverlässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen
verzichtet werden kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Der Beschwerdefüh-
rerin ist somit eine Parteientschädigung zu Lasten der Vorinstanz in der
Höhe von Fr. 2'380.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) zuzuspre-
chen.
(Dispositiv nächste Seite)
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