Decision ID: 57a232b2-8b7b-4593-bb5a-b7c84389329e
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 20. August
2014 (DG140032)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 10. April
2014 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 34).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 90 S. 34 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie
− der mehrfachen einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 4 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 126 Tage durch
Haft erstanden sind.
Es wird vorgemerkt, dass sich der Beschuldigte seit dem 28. November 2013 im
vorzeitigen Strafvollzug befindet.
3. Es wird eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB
(Behandlung von psychischen Störungen) angeordnet.
4. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin 1,
B._, aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatz-
pflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfangs des Schadenersatzanspruchs
wird die Privatklägerin 1 auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 1, B._, Fr. 5'000.– als
Genugtuung zu bezahlen.
5. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin 2,
C._, aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatz-
pflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfangs des Schadenersatzanspruchs
wird die Privatklägerin 2 auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
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Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 2, C._, Fr. 4'000.–
zuzüglich 5 % Zins ab 29. Juni 2013 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag
wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
6. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin 3,
D._, aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatz-
pflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfangs des Schadenersatzanspruchs
wird die Privatklägerin 3 auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
7. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 4'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 16'104.80 Auslagen Vorverfahren
Fr. 9'180.65 Kosten für amtliche Verteidigung (RA Y._)
Fr. 8'055.00 Kosten der Kantonspolizei Zürich
Fr. 3'000.00 Gebühr für die Führung der Strafuntersuchung
Fr. 4'311.80 unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin 2
Fr. 940.00 Kosten für die Befragung des Gutachters an der HV
Fr. 45'592.25
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
8. Die Gutachtenskosten im Betrag von Fr. 15'974.80, die Kosten für die Befragung
des Gutachters an der Hauptverhandlung von Fr. 940.– sowie die Kosten für die
unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin 2 im Betrag von Fr. 4'311.80
werden auf die Gerichtskasse genommen. Die übrigen Kosten der Untersuchung
und des gerichtlichen Verfahrens, einschliesslich derjenigen der amtlichen Verteidi-
gung, werden dem Beschuldigten auferlegt, diejenigen der amtlichen Verteidigung
indessen einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt
vorbehalten.
9. Das Begehren der Rechtsbeiständin der Privatklägerin 2 auf eine Prozessentschä-
digung von Fr. 4'943.05 inklusive Spesen und 8 % Mehrwertsteuer für ihre Aufwen-
dungen als Zivilklägerin, wird abgewiesen.
10. (Mitteilungen)
11. (Rechtsmittel)"
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Schlussanträge im Berufungsverfahren:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 133 S. 1):
1. Herr A._ sei der mehrfachen einfachen Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
2. Herr A._ sei mit einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten zu bestrafen, un-
ter Anrechnung der entstandenen Haft von 771 Tagen (inkl. vorzeitigem
Straf- bzw. Massnahmeantritt).
3. Es sei eine Massnahme für junge Erwachsene gemäss Art. 61 StGB anzu-
ordnen.
Verfahrens- Eventualantrag
Es seien im Hinblick auf die Wahl der anzuordnenden Massnahme weitere
Abklärungen vorzunehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 134 S. 1):
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 20. August 2014 sei grund-
sätzlich zu bestätigen, mit folgender wesentlicher Ausnahme:
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 5 1⁄2 Jahren, unter An-
rechnung der bisher erstandenen Haft von 126 Tagen (berechnet bis zum
28.11.2013) bzw. 770 Tagen (berechnet bis zum heutigen Tag, also inkl.
vorzeitigen Strafvollzug) zu bestrafen.
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Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 20. August 2014 wurde der
Beschuldigte der versuchten schweren sowie der mehrfachen einfachen Körper-
verletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB sowie Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen und mit 4 Jahren
Freiheitsstrafe bestraft, wovon bis zum 28. November 2013 126 Tage durch Haft
erstanden waren. Ferner wurde davon Vormerk genommen, dass sich der Be-
schuldigte seit dem 28. November 2013 im vorzeitigen Strafvollzug befindet. Wei-
ter wurde eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB
angeordnet. Sodann stellte die Vorinstanz fest, dass der Beschuldigte den Privat-
klägerinnen 1 bis 3 dem Grundsatz nach schadenersatzpflichtig sei und verwies
diese zur Feststellung des genauen Umfangs auf den Weg des Zivilprozesses.
Ferner verpflichtete sie den Beschuldigten, der Privatklägerin 1 eine Genugtuung
von Fr. 5'000.– sowie der Privatklägerin 2 eine solche von Fr. 4'000.– zuzüglich
5 % Zins ab 29. Juni 2013 zu bezahlen. Im Mehrbetrag wurde das Genugtuungs-
begehren der Privatklägerin 2 abgewiesen. Schliesslich wurden die Kosten der
Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens – mit Ausnahme der Gutachtens-
kosten, der Kosten für die Befragung des Gutachters an der Hauptverhandlung
sowie der unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Privatklägerin 2 – dem Beschul-
digten auferlegt. Die Kosten der – für die Dauer vom 28. November 2012 bis zum
30. Januar 2014 bestellten und hernach aufgrund der Bestellung einer Wahlver-
teidigung widerrufenen (vgl. Urk.20/18) – amtlichen Verteidigung wurden einstwei-
len auf die Gerichtskasse genommen, unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht
des Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
1.2. Das Urteil wurde gleichentags mündlich eröffnet und kurz begründet
(Prot. I S. 52 ff.). Mit Eingabe vom 22. August 2014 ersuchte die erbetene Vertei-
digerin darum, dem Beschuldigten den vorzeitigen Massnahmeantritt zu bewilli-
gen (Urk. 72). Nach eingeholter Empfehlung des Gutachters betreffend die opti-
male Ausgestaltung der Massnahme (Urk. 73) sowie erfolgter Stellungnahme der
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Staatsanwaltschaft (Urk. 76, Urk. 80), wurde dem Gesuch des Beschuldigten um
vorzeitigen Massnahmeantritt mit Verfügung des vorinstanzlichen Vorsitzenden
vom 1. September 2014 entsprochen (Urk. 77). Die Verteidigung verzichtete
einstweilen auf eine Stellungnahme und behielt sich diese für das Berufungs-
verfahren vor (Urk. 79).
1.3. Mit Eingabe vom 1. September 2014 liess der Beschuldigte fristgerecht
Berufung gegen das Urteil vom 20. August 2014 anmelden (Urk. 81). Nach
Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 87) reichte die Verteidigung dem Ober-
gericht am 29. Dezember 2014 ebenfalls fristgerecht die Berufungserklärung ein
(Urk. 92). Darin werden auch Beweisanträge gestellt: die Verteidigung beantragt
die (erneute) Einvernahme des Gutachters, Dr. med. E._, Facharzt FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie, Zert. Forensischer Psychiater SGFP, als sach-
verständigen Zeugen sowie die Einholung eines Obergutachtens. Ferner bean-
tragt sie den Beizug der Akten des Amtes für Justizvollzug.
1.4. Nach Zustellung der Berufungserklärung an die übrigen Parteien erklärte
die Staatsanwaltschaft am 13. Februar 2015 Anschlussberufung und beantragte,
es seien die Beweisanträge des Beschuldigten abzuweisen (Urk. 99). Die Privat-
klägerinnen liessen sich nicht verlauten. Nachdem der Beschuldigte sowie die
Privatklägerinnen Gelegenheit zur Stellungnahme zur Eingabe der Staats-
anwaltschaft erhalten hatten (Urk. 101), wurden die Beweisanträge auf erneute
Einvernahme des Gutachters sowie auf Einholung eines neuen Gutachtens mit
Präsidialverfügung vom 19. März 2015 einstweilen abgewiesen. Die Akten des
Amtes für Justizvollzug wurden beigezogen (Urk. 103).
1.5. Am 18. Juni 2015 wurde auf den 3. September 2015 zur Berufungs-
verhandlung vorgeladen (Urk. 106). Mit Eingabe vom 30. Juli 2015 erklärte die
unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin 2 den Verzicht auf Teilnahme an der
Berufungsverhandlung und reichte eine Stellungnahme zu den Anträgen des Be-
schuldigten sowie ihre Honorarnote ein (Urk. 111 – 113). Mit Eingabe vom
14. August 2014 liess der Beschuldigte mitteilen, dass er sich nunmehr von
Rechtsanwalt lic. iur. X._ vertreten lasse (Urk. 114). Im Hinblick auf die Beru-
fungsverhandlung ersuchte das hiesige Gericht mit Schreiben vom 17. August
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2015 die Forensisch-Psychiatrische Abteilung der Justizvollzugsanstalt
Pöschwies (nachfolgend: FPA) um die Einreichung eines Führungsberichtes be-
treffend den Beschuldigten im vorzeitigen Massnahmevollzug (Urk. 118). Mit Ein-
gabe vom 31. August 2015 reichte die zuständige Sozialarbeiterin der FPA einen
Vollzugsbericht ein (Urk. 127 und 127/A).
1.6. Auf entsprechendes Gesuch hin wurde dem Beschuldigten mit Präsidial-
verfügung vom 28. August 2015 mit Wirkung ab dem 27. August 2015 in der Per-
son seines bisher erbetenen Verteidigers, Rechtsanwalt lic. iur. X._, ein amt-
licher Verteidiger bestellt (Urk. 122 und 124).
1.7. Mit Eingabe vom 1. September 2015 reichte der Beschuldigte eine Orien-
tierungskopie seiner Beschwerdeschrift an das Verwaltungsgericht Zürich betref-
fend die Anfechtung der Verfügung der Direktion der Justiz und des Innern des
Kantons Zürich vom 30. Juni 2015 ein (Urk. 129 - Urk. 131). Die angefochtene
Verfügung, mit welcher der Rekurs des Beschuldigten betreffend die Vollzugsre-
gelung des vorzeitigen Massnahmevollzugs abgewiesen worden war, reichte das
Amt für Justizvollzug (nachfolgend: JUV) – gestützt auf den angeordneten Akten-
beizug – dem Obergericht bereits mit Eingabe vom 8. Juli 2015 ein (Urk. 108 -
110). Ebenso im Rahmen des Aktenbeizugs reichte das JUV am 24. August 2015
dem Obergericht eine an sie gerichtete Stellungnahme des Psychiatrisch-
Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich (nachfolgend PPD) vom 22. April
2015 betreffend die Indikation der Unterbringung des Beschuldigten in der Foren-
sisch Psychiatrischen Abteilung der Justizvollzugsanstalt Pöschwies (nachfol-
gend: FPA) ein (Urk. 120).
1.8. Zur heutigen Berufungsverhandlung erschienen sind der Beschuldigte, sein
amtlicher Verteidiger sowie der zuständige Staatsanwalt. Vorfragen waren keine
zu entscheiden (Prot. II S. 7 f.). Beweisanträge wurden zunächst keine gestellt
(Prot. II S. 10). Nach geltend gemachter Verletzung des Anklageprinzips durch die
Verteidigung erhielt die Staatsanwaltschaft in Anwendung von Art. 379 StPO
i.V.m. Art. 333 Abs. 1 StPO Gelegenheit, die Anklageschrift zu präzisieren oder zu
ergänzen (Prot. II S. 12). Auch wenn die Staatsanwaltschaft hierzu grundsätzlich
keine Veranlassung sah, nahm sie die ihr eingeräumte Möglichkeit zur Ergänzung
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wahr (Prot. II S. 12 ff., 15). Daraufhin stellte die Verteidigung den Beweisantrag,
wonach medizinisch-forensische Abklärungen zu treffen seien, welche Aufschluss
über die Gefährlichkeit der dem Beschuldigten vorgeworfenen Kampfsituation ge-
ben sollten. Ferner stellte der Verteidiger den Verfahrensantrag, es sei der vorzei-
tige Antritt einer Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB aufzuheben und es sei
stattdessen der vorzeitige Antritt einer Massnahme nach Art. 61 StGB anzuord-
nen. Eventualiter sei der Beschuldigte aus der Sicherheitshaft zu entlassen und
es sei ihm im Sinne einer Ersatzmassnahme die Weisung zu erteilen, sich in einer
für den Vollzug einer Massnahme für junge Erwachsene geeigneten Institution
aufzuhalten, bis über den weiteren Verlauf des Verfahrens entschieden werde
(Prot. II S. 18 ff.). Ferner beantragte die Verteidigung für den Fall, dass nicht wie
beantragt eine Massnahme für junge Erwachsene angeordnet würde, einen Ver-
fahrenseventualantrag betreffend weitere Abklärungen (Urk. 133 S. 1). Die
Staatsanwaltschaft beantragte, die seitens der Verteidigung gestellten Ver-
fahrensanträge abzuweisen (Prot. II S. 21 ff.). Über den Beweisantrag der Ver-
teidigung wurde im Rahmen der Beweiswürdigung entschieden. Das vorliegende
Urteil erging im Anschluss an die Berufungsverhandlung (Prot. II S. 24 ff.). Nach
Eröffnung des Urteils hat die Verteidigung den Verfahrensantrag betreffend den
vorzeitigen Massnahmeantritt einer Massnahme nach Art. 61 StGB sowie den
damit zusammenhängenden Eventualantrag zurückgezogen (Prot. II S. 28).
2. Umfang der Berufung
2.1. Der Beschuldigte beschränkt seine Berufung auf den Schuldspruch bezüg-
lich der versuchten schweren Körperverletzung samt der damit einhergehenden
Strafe (inkl. Strafzumessung). Stattdessen sei er wegen mehrfacher einfacher
Körperverletzung mit einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten zu bestrafen. Nach-
dem er im Rahmen der Berufungserklärung – anstelle der stationären therapeuti-
schen Massnahme – noch die Anordnung einer ambulanten Massnahme mit
gleichzeitigem Aufschub der Freiheitsstrafe beantragt und eine Massnahme für
junge Erwachsene nur im Sinne eines Eventualantrages in Betracht gezogen
hatte (Urk. 92), verlangte er an der Berufungsverhandlung die Anordnung einer
Massnahme für junge Erwachsene gemäss Art. 61 StGB im Sinne der Haupt-
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anträge (Urk. 133 S. 1). Die Staatsanwaltschaft beantragt grundsätzlich die Bestä-
tigung des vorinstanzlichen Urteils und beschränkt ihre Anschlussberufung auf
das Strafmass, welches ihrer Auffassung nach auf 5 1⁄2 Jahre zu erhöhen sei
(Urk. 99, Urk. 134 S. 1). Die Privatklägerin 2 verzichtete auf eine Stellungnahme
zur Strafhöhe und beantragte die Bestätigung der vorinstanzlich angeordneten
stationären Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB (Urk. 111).
2.2. Die nicht angefochtenen Punkte (Dispositivziffern 1 [soweit den Schuld-
spruch bezüglich der mehrfachen einfachen Körperverletzung betreffend], 4, 5, 6,
7, 8 und 9) sind in Rechtskraft erwachsen (vgl. Prot. II S. 8 ff.; Art. 399 Abs. 3 in
Verbindung mit Art. 402 und 437 StPO). Das ist vorab vorzumerken.
3. Prozessuales
3.1. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten hinsichtlich des im Rah-
men des Berufungsverfahrens zu beurteilenden Hauptdeliktes vor, sich durch das
in der Anklageschrift umschriebene Verhalten einer einfachen Körperverletzung,
oder aber im Sinne eines Eventualstandpunktes, einer versuchten schweren Kör-
perverletzung schuldig gemacht zu haben. Dabei wird in der Anklageschrift zu-
nächst der äussere Ablauf des Tatgeschehens in der Weise beschrieben, wie er
sich nach Auffassung der Staatsanwaltschaft gestützt auf die Ergebnisse des Un-
tersuchungsverfahrens zugetragen haben soll. In einem zweiten Schritt wird das
Verletzungsbild der Privatklägerin umschrieben. Sodann wird dem Beschuldigten
in subjektiver Hinsicht vorgeworfen, dass er anlässlich seines Handelns um die
Möglichkeit der hervorgerufenen Verletzungen gewusst und diese auch in Kauf
genommen habe. Eventualiter wird dem Beschuldigten wiederum gestützt auf das
zuvor umschriebene Tatgeschehen vorgeworfen, dass der Beschuldigte anläss-
lich seines Handelns gewusst habe, dass er der Privatklägerin 1 mit den Fuss-
tritten und Knietritten gegen den Kopf und das Gesicht Verletzungen hätte beifü-
gen können, welche für Letztere zu lebensgefährlichen Folgen oder bleibenden
Schäden hätten führen können, welche der Beschuldigte durch sein Vorgehen
zumindest in Kauf genommen habe (Urk. 34 S. 3).
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3.2. Die Verteidigung rügt eine Verletzung des Anklageprinzips und macht gel-
tend, es sei gestützt auf die Anklageschrift völlig unklar, welche Tatbestands-
varianten von Art. 122 StGB erfüllt sein sollen bzw. welche Verletzungen der Be-
schuldigte bei seinem Vorgehen in Kauf genommen haben soll. Zum einen werde
mit der von der Staatsanwaltschaft gewählten Formulierung ein Verhalten um-
schrieben, das per se gar nicht strafbar sei. Zum anderen handle es sich bei der
Formulierung, wonach der Beschuldigte "Verletzungen hätte beifügen können,
welche für Letztere zu lebensgefährlichen Folgen oder bleibenden Schäden hät-
ten führen können", nicht um eine Sachverhaltsbehauptung, mit welcher die
Merkmale des Straftatbestandes konkretisiert werde (Urk. 133 S. 2 ff., Prot. II
S. 18).
3.3. Die Staatsanwaltschaft erachtet diesen Standpunkt als überspitzt formalis-
tisch. Der Auffassung, wonach die Anklageschrift ein Verhalten umschreibe, dass
per se gar nicht strafbar sei, sei entschieden zu widersprechen. Selbstverständ-
lich dürfe der Eventualstandpunkt, welcher sich eben einzig auf den subjektiven
Tatbestand beziehe, nicht ohne das gelesen und verstanden werden, was vor
dem Eventualstandpunkt zum Hauptstandpunkt ausgeführt worden sei. Der im
Hinblick auf die Eventualanklage in subjektiver Hinsicht umschriebene Vorwurf
enthalte sowohl die zur Erfüllung des subjektiven Tatbestandes erforderliche Wis-
sens- als auch Willenskomponente einer versuchten schweren Körperverletzung.
Ferner sei völlig klar, was gemeint sei, wenn dem Beschuldigten vorgeworfen
werde, Verletzungen mit lebensgefährlichen Folgen in Kauf genommen zu haben.
Auch wenn die Staatsanwaltschaft betont, dass ihrer Auffassung nach die ur-
sprünglich Fassung der Anklageschrift den Anforderungen des Anklageprinzips
zweifellos entspreche, ergänzte sie diese nach eingeräumter Möglichkeit durch
die Verfahrensleitung anlässlich der Berufungsverhandlung nach dem Motto
"Nützt es nicht so schadet es nicht" (Prot. II S. 12 ff.). Neu lautet die seitens der
Verteidigung aufgegriffene Passage: "(...) welche für Letztere zu unmittelbar le-
bensgefährlichen Folgen, namentlich Schädelhirnverletzungen oder einer Hirn-
blutung hätten führen können, in welcher Situation die Möglichkeit des Todes-
eintrittes sich mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte verdichten oder zu bleibenden
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Schäden hätte führen können" (Änderungen durch kursive Schrift hervorgehoben,
Prot. II S. 15).
3.4. Hinsichtlich des Vorwurfes der einfachen Körperverletzung wird die Wah-
rung des Anklageprinzips durch die Verteidigung nicht in Frage gestellt. Es kann
der Staatsanwaltschaft aber auch uneingeschränkt gefolgt werden, wenn sie dafür
hält, dass sich eine Ergänzung der Anklageschrift auch hinsichtlich des Vorwurfes
betreffend die versuchte schwere Körperverletzung nicht als nötig erweist. Es trifft
zwar zu, dass die Anklageschrift in ihrer ursprünglichen Form nicht explizit um-
schreibt, welche Verletzungen mit lebensgefährlichen Folgen der Beschuldigte mit
seinem zuvor umschriebenen Verhalten in Kauf genommen haben soll. Die An-
klageschrift ist aber nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Umgren-
zung des Prozessgegenstandes und der Information der beschuldigten Person,
damit diese die Möglichkeit hat, sich zu verteidigen. Gemäss Art. 350 Abs. 1 StPO
ist das Gericht an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt, nicht aber
an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebehörde gebunden (Bundes-
gerichtsentscheid 6B_654/2014 vom 14.10.2015, E. 1.3). Unter dem Gesichts-
punkt der Informationsfunktion des Anklageprinzips ist vor diesem Hintergrund
massgebend, dass die beschuldigte Person genau weiss, was ihr angelastet wird,
damit sie ihre Verteidigungsrechte angemessen ausüben kann. Ungenauigkeiten
in den Angaben sind solange nicht von entscheidender Bedeutung, als für die
beschuldigte Person keine Zweifel darüber bestehen können, welches Verhalten
ihr vorgeworfen wird (Bundesgerichtsentscheid 6B_803/2014 vom 15.01.2015,
E. 1.3, BGE 133 IV 235 E. 6.2 f.). Den Sachverhalt verbindlich festzustellen, ist
Aufgabe des Gerichts (Bundesgerichtsentscheid 6B_716/2014 vom 17.10.2014,
E. 2.3). Beim Versuch erfüllt der Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerk-
male und manifestiert seine Tatentschlossenheit, ohne dass alle objektiven Tat-
bestandsmerkmale verwirklicht sind (BGE 137 IV 113 E. 1.4.2). Vorgeworfen wird
dem Beschuldigten im Eventualstandpunkt eine eventualvorsätzlich begangene
versuchte schwere Körperverletzung und damit eine im Verhältnis zur (vollende-
ten) einfachen Körperverletzung qualifizierte Form der versuchten Tatbegehung.
Damit bleibt der Vorwurf hinsichtlich des äusseren Sachverhaltes gleich, entspre-
chend ist auch die entsprechende Umschreibung in der Anklageschrift identisch.
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Gerade weil eben zur Begehung eines Versuchs nicht alle objektiven Tatbe-
standsmerkmale erfüllt sein müssen oder können, weil der Erfolg eben gerade
nicht in der qualifizierten Form eingetreten ist, reicht es völlig aus, wenn in der
Anklageschrift betreffend den Eventualstandpunkt der Vorwurf hinsichtlich des
subjektiven Tatbestandes hinreichend umschrieben ist. Genau dies hat die
Staatsanwaltschaft auch in der ursprünglichen Formulierung der Anklageschrift
getan, wenn sie dem Beschuldigten vorwirft, anlässlich seines Handelns (Fuss-
tritte und Knietritte gegen den Kopf und das Gesicht der Privatklägerin) um die
Möglichkeit lebensgefährlicher Folgen gewusst zu haben und solche durch sein
Vorgehen zumindest in Kauf genommen zu haben. Damit ist völlig klar, was dem
Beschuldigten auch im Eventualstandpunkt gemäss Anklageschrift der Staatsan-
waltschaft sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht vorgeworfen wird.
Es gehört zum Allgemeinwissen, dass Tritte gegen den Kopf unter Umständen
zu lebensgefährlichen Verletzungen führen können (Bundesgerichtsentscheid
6B_222/2014 vom 15.07.2014, E. 1.4). Entgegen der Ansicht der Verteidigung
(Urk. 133 S. 3 f.) ist es zur Wahrung der Verteidigungsrechte nicht nötig, die einer
möglichen Lebensgefahr zugrunde liegenden medizinischen Vorgänge zu
nennen, zumal sich der Erfolg bei einer versuchten Tatbegehung ja gerade nicht
verwirklicht. Damit zielt das Vorbringen der Verteidigung betreffend die Verletzung
des Anklageprinzips (auch in Bezug auf die ursprüngliche Formulierung)
ins Leere.
3.5. Damit erweist sich auch der seitens der Verteidigung gestellte Beweis-
antrag auf die Einholung eines forensisch-medizinischen Gutachtens als obsolet,
wurde dieser doch gerade im Hinblick auf die ergänzte Anklageschrift gestellt
(Prot. II S. 18 f.). Ohnehin aber besteht keine Veranlassung, ein medizinisches
Gutachten in dem vom Verteidiger beantragten Sinne einzuholen. Die Verteidi-
gung will durch das Gutachten geklärt haben, ob in der dem Beschuldigten vor-
geworfenen Situation die für eine eventualvorsätzliche Tatbegehung erforderliche
Risikosituation tatsächlich bestanden habe und der Beschuldigte um dieses Ri-
siko wissen musste, was dann wiederum den Schluss eines Eventualvorsatzes
zulassen würde. Hierzu will er die Heftigkeit der Schläge durch die tatsächlich er-
littenen Verletzungen objektiviert haben (Prot. II S. 18 f.). Den für diesen Zweck
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beantragte Fragekatalog an einen forensisch-medizinischen Experten erweist sich
aber als gänzlich ungeeignet. Nach dem Wortlaut des Gesetzes ist es ja geradezu
charakteristisch für die versuchte Tatbegehung, wenn der zur Erfüllung der Tat
gehörende Erfolg nicht eintritt (vgl. Art. 22 Abs. 1 StGB). Entscheidend für die Be-
urteilung des Tatvorwurfes ist damit nicht das tatsächlich eingetretene Ver-
letzungsbild, sondern vielmehr, was für Folgen der Beschuldigte aufgrund seiner
Tritte für möglich gehalten und in Kauf genommen hatte (Bundesgerichts-
entscheid 6B_1250/2013 vom 24. 04.2015, E. 1.4.1). Diese Frage vermag eine fo-
rensisch-medizinische Risikobeurteilung aber nicht zu beantworten.
4. Sachverhalt
4.1. Im Rahmen der – einzig noch strittigen – Thematik betreffend die versuchte
schwere Körperverletzung zum Nachteil der Privatklägerin 1 (B._) wird dem
Beschuldigten gemäss Anklagesachverhalt betreffend den äusseren Sachverhalt
im Wesentlichen kurz zusammengefasst vorgeworfen, am 4. Oktober 2012 kurz
vor 21:00 Uhr auf der ...strasse in F._ von hinten auf die Privatklägerin 1 zu-
gerannt zu sein und diese auf Höhe der Hausnummer 25 körperlich angegriffen
zu haben. Dabei habe er von hinten mit beiden Händen auf deren Kopf gepresst
und sie zu Boden gedrückt. Sodann habe er die nunmehr rücklings auf dem Bo-
den liegende Privatklägerin 1 fest am Handgelenk haltend zwei bis vier Meter zum
neben der Strasse gelegenen Holzhäuschen gezerrt und sich im Bereich der
Hausecke auf sie geworfen, an ihrer Gurtschnalle gezerrt und ihr den Mund zuge-
halten. Die Privatklägerin 1 habe sich daraufhin mit Händen und Füssen versucht
gegen den Beschuldigten zur Wehr zu setzen und ihm in die Hand gebissen. Da-
raufhin habe sich der Beschuldigte links neben die Privatklägerin 1 gestellt und ihr
sowohl mit dem Fuss als auch mit dem Knie je mindestens zwei Male gegen den
Kopf, insbesondere auch gegen das Gesicht getreten. Dabei habe sich die Privat-
klägerin eine leichte Hirnerschütterung, mehrere Blutergüsse an der linken Schlä-
fe, an der linken Wange, an der Oberlippe sowie an der Bindehaut des linken Au-
ges sowie am Hinterkopf, am linken Unterarm und am linken Knie zugezogen.
Das habe eine Arbeitsunfähigkeit für die Dauer einer Woche nach sich gezogen.
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4.2. Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass der Beschuldigte den – für das
vorliegende Berufungsverfahren massgebenden – äusseren Anklagesachverhalt
bereits im Laufe der ersten Einvernahme grossmehrheitlich eingestanden hat
(Urk. 90 S. 8 mit Verweis auf Urk. 4/1 S. 7 ff.). Dies nach Vorhalt des Ergebnisses
der DNA-Spurenauswertung, wonach der Beschuldigte als Spurenverursacher
identifiziert werden konnte (Urk. 13/3 S. 2). Einzig die ihm vorgeworfenen
Kniestösse stritt er zu diesem Zeitpunkt noch ab (Urk. 4/1 S. 10). Auch anlässlich
der Hafteinvernahme, der Einvernahmen vor Staatsanwaltschaft sowie anlässlich
der Hauptverhandlung brachte er noch gewisse Vorbehalte betreffend die
Kniestösse an, räumte aber ein, dass dies – wenn auch schwer vorstellbar –
schon möglich sei (Urk. 4/3 S. 5, Urk. 4/4 S. 2, Prot. I S. 16). Auch die Verteidi-
gung erachtete es unter den gegebenen Umständen als erstellt, dass Tritte nicht
nur mit den Füssen, sondern auch mit dem Knie erfolgten (Urk. 90 S. 10 mit Ver-
weis auf Urk. 68 S. 7). Damit anerkannte der Beschuldigte den ihm zur Last ge-
legte äussere Sachverhalt in Bezug auf die Privatklägerin 1 vollumfänglich, wie
dies die Vorinstanz zutreffend dargelegt hat (Urk. 4/2 S. 2 f., 4/3 S. 5, Urk. 90
S. 9). Der Beschuldigte anerkennt auch das in der Anklageschrift umschriebene
Verletzungsbild der Privatklägerin 1 (Urk. 4/2 S. 5, Urk. 4/3 S. 4, Urk. 4/4 S. 2).
Auch anlässlich der Hauptverhandlung sowie Berufungsverhandlung blieb der
Beschuldigte bei seinem Geständnis betreffend den äusseren Sachverhalt (Prot. I
S. 11 ff., Urk. 132 S. 16 f.).
4.3. Aus diesen Gründen und mit den zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz
(Urk. 90 S. 7 – 10) – insbesondere auch unter dem Hinweis, dass das Geständnis
des Beschuldigten mit der Aktenlage übereinstimmt –, ist der äussere Sachverhalt
so erstellt, wie er von der Staatsanwaltschaft zur Anklage gebracht worden ist
(Urk. 34 S. 2 f.).
4.4. Anklagegemäss ist damit davon auszugehen, dass der Beschuldigte die
Privatklägerin 1 (mindestens) zweimal mit dem Fuss bzw. Schuh gegen den Kopf
getreten und (mindestens) zweimal mit dem Knie gegen den Kopf gestossen hat.
Nichts zu entnehmen ist dem Anklagesachverhalt zur Heftigkeit der Fuss- und
- 15 -
Knietritte gegen den Kopf der Privatklägerin 1 sowie über das Schuhwerk des Be-
schuldigten.
4.4.1 Die Vorinstanz ging davon aus, dass der Beschuldigte bei seinen Fusstritten
bzw. Kniestössen gegen den Kopf und insbesondere das Gesicht "mit einer
gewissen Wucht" vorgegangen war (Urk. 90 S. 12, 14). Sie schliesst dies aus
dem seitens des Beschuldigten beschriebenen Gemütszustand, wonach dieser
"frustriert und aggressiv" gewesen sei und "rot" gesehen habe (Urk. 90 S. 12 mit
Verweis auf Prot. I S. 17).
4.4.2 Die Verteidigung stellte die Heftigkeit der Fusstritte und Kniestösse an der
Hauptverhandlung zur Diskussion und hielt auch anlässlich der heutigen Beru-
fungsverhandlung an dieser Auffassung fest (Urk. 68 S. 5, Urk. 133 S. 7 f., Prot. II
S. 10 f.). Sie macht geltend, dass über die Heftigkeit der Tritte nichts bekannt sei.
Zugunsten des Beschuldigten sei daher davon auszugehen, dass es sich um
nicht heftige Schläge gehandelt habe. Ebensowenig gehe aus den Akten hervor,
was für Schuhe der Beschuldigte in der Tatnacht getragen habe, weshalb – man-
gels gegenteiliger Hinweise – von keinem schweren Schuhwerk auszugehen sei.
Anderes ergebe sich auch nicht aus den Aussagen der Privatklägerin 1. Im Rah-
men der Aussagewürdigung sei insbesondere zu berücksichtigen, dass die
staatsanwaltschaftliche Einvernahme der Privatklägerin 1 erst nach mehr als ei-
nem Jahr nach der Tat erfolgt sei. Ebenso sei zu vergegenwärtigen, dass das Er-
innerungsvermögen der Privatklägerin 1 bei der zweiten Einvernahme subjektiv
gefärbt gewesen sei. Die detailgetreueren tatnäheren Aussagen anlässlich der
polizeilichen Einvernahme würden sich in wesentlichen Punkten von der späteren
Einvernahme vor der Staatsanwaltschaft unterscheiden, was sich wohl damit er-
klären lasse, dass die Privatklägerin offensichtlich von einem sexuell motivierten
Übergriff ausgegangen sei, was sie in der Folge nachhaltig psychisch beeinflusst
haben müsse. Ferner sei darauf hinzuweisen, dass die Privatklägerin keine ge-
nauen Angaben über die Art und Weise der Trittausführung gemacht und sich
auch nicht über die Heftigkeit derselben geäussert habe (Urk. 68 S. 5 ff., Urk. 133
S. 7. f.). Insbesondere spreche auch das objektive Verletzungsbild eher gegen
qualifizierende Umstände, also gegen besonders gefährliches Schuhwerk oder
- 16 -
gegen eine speziell gefährliche Art des Tretens. Fussballtechnisch gesprochen
sei von einem leichten Pass mit dosierter Einsetzung des Fusses auszugehen. In
Bezug auf die Knietritte spreche sodann schon das biomechanische Verständnis
des Verteidigers gegen die Annahme einer Heftigkeit, sei doch der Beschuldigte
neben der am Boden liegenden Privatklägerin gestanden (Urk. 133 S. 7 f., Prot. II
S. 11).
4.4.3 Es trifft zwar zu, wenn die Verteidigung ausführt, dass die Privatklägerin 1
anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme aussagte, dass ihre Brille
davongeflogen sei, als der Beschuldigte gegen ihre Kopfseite getreten habe
(Urk. 3/2 S. 6), während sie gegenüber der Polizei noch ausgesagt hatte, diese
während des Gerangels verloren zu haben. Entgegen der Verteidigung (Urk. 78
S. 6) kann daraus allerdings kein Widerspruch abgeleitet werden, schliessen sich
diese Aussagen doch gegenseitig nicht aus. Nicht gefolgt werden kann der Ver-
teidigung sodann, wenn sie ausführt, dass die Privatklägerin 1 anlässlich der poli-
zeilichen Einvernahme keinerlei Angaben zur Heftigkeit der Tritte gemacht habe
und daraus ableiten will, dass diese demnach nicht besonders heftig gewesen
sein konnten (Urk. 78 S. 6). Die Privatklägerin 1 erklärte bereits anlässlich der po-
lizeilichen Einvernahme, dass die Kniestösse und Fusstritte gegen ihren linken
Vorderkopf "sehr stark" geschmerzt hätten und sie das Gefühl gehabt habe, dass
ihr Kopf davon "zerdrückt" würde. Sie habe auch Angst vor etwaigen Knochen-
brüchen gehabt (Urk. 3/1 S. 7). Dies zeugt schon davon, dass die Tritte und
Stösse – zumindest nach der Wahrnehmung der Privatklägerin 1 – von erhebli-
cher Intensität gewesen sein mussten. Jedenfalls unterscheidet sich diese Sach-
darstellung vom Grad der Einwirkung her nicht wesentlich von den an der späte-
ren Einvernahme gemachten Aussagen, wonach der Beschuldigte "mit seinem
Schuh richtig fest" auf ihren Kopf getreten habe bzw. es sich um einen "heftigen"
Tritt gehandelt habe (Urk. 3/2 S. 5 f.). Die Privatklägerin 1 machte damit entgegen
der Verteidigung durchaus Angaben zur Heftigkeit der Tritte. Hingegen ist der
Verteidigung zu folgen, dass den Aussagen der Privatklägerin 1 keine Hinweise
über die Beschaffenheit der Schuhe des Beschuldigten entnommen werden kön-
nen. Sie wurde diesbezüglich auch nicht befragt. Zu Recht weist die Verteidigung
sodann darauf hin, dass sich die Privatklägerin – wie dies aus ihren Einvernah-
- 17 -
men hervorgeht – während des Angriffs tatsächlich in der Annahme befunden
hatte, Opfer eines sexuellen Übergriffs zu werden, sich seither in einer Trauma-
therapie befindet und gemäss den Protokollnotizen an der staatsanwaltschaftli-
chen Einvernahme emotional aufgewühlt war (Urk. 3/1 S. 3; Urk. 3/2 S. 4 ff.).
Ebenso ist nicht zu verkennen, dass der durch die Privatklägerin während dem
Angriff gewonnene Eindruck, Opfer eines sexuellen Übergriffs zu werden, deren
Aussageverhalten beeinflusst haben muss, machte sie hierzu doch ausführliche
Angaben bzw. wurde sie auch – etwa zum versuchten Öffnen des Reisverschlus-
ses – eingehend befragt (Urk. 3/1 S. 3-6; Urk. 3/2 S. 5 ff.). Eine Dramatisierung
der Vorkommnisse in Bezug auf den für das vorliegende Berufungsverfahren re-
levante Tatvorwurf ist daraus aber – entgegen der Verteidigung (Urk. 78 S. 6 f.) –
nicht abzuleiten. Vielmehr blieben die (wenigen) Aussagen zur Heftigkeit der Tritte
konstant. Auch sonst erscheinen die Aussagen der Privatklägerin von Zurück-
haltung geprägt bzw. ist nicht zu erkennen, dass sie den Beschuldigten unnötig zu
belasten versuchte. Vielmehr hielt sie bei beiden Einvernahmen daran fest, dass
der Beschuldigte sie nicht "begrapscht" sondern "einfach angegriffen, getreten
und geschlagen" habe (Urk. 3/1 S. 5 f., 10; Urk. 3/2 S. 10).
4.4.4 Den im Untersuchungsverfahren sowie vor Vorinstanz gemachten Aussagen
des Beschuldigten sind weder direkte Aussagen über die Heftigkeit der Fusstritte
und Kniestösse noch zur Beschaffenheit des von ihm zum Tatzeitpunkt getrage-
nen Schuhwerks zu entnehmen. Erst anlässlich der Berufungsverhandlung wurde
er hierzu befragt, woraufhin er angab, Turnschuhe getragen und sicher nicht mit
voller Kraft zugetreten zu haben. Es sei eher ein "Pässli" gewesen und nicht so,
als ob er einen Fussball weggekickt habe, auch wenn er dies nicht auf das
Gramm genau habe dosieren können (Urk. 132 S. 16 f.). An der polizeilichen Ein-
vernahme erklärte der Beschuldigte: "Ich bin einfach unkontrolliert ausgerastet
und habe auf den nächstbesten Passanten eingeschlagen (...)" (Urk. 4/1 S. 7).
Sein Verstand habe in diesem Moment wie ausgesetzt und er habe nicht reali-
siert, was er getan habe. Er habe nur gemerkt, dass sich die Person stark ge-
wehrt habe, was seine Wut noch gesteigert habe. Er habe nur einen Gedanken
gehabt, "alles (die ganze Wut) rauszulassen". An eine Entschlussfassung könne
er sich nicht erinnern. Er habe wohl einfach seinen Verstand abgeschaltet, um
- 18 -
sich nicht mehr zu nerven, was wie ein Tagtraum funktioniere, man sei dann ab-
wesend. Zusammen mit dem ganzen Frust habe er dann wohl die Kontrolle ver-
loren und nur noch im Affekt gehandelt. Sein Kopf sei "ausgeschaltet" gewesen.
Etwas gedacht habe er sich nicht, es sei einfach alles unkontrolliert passiert. Fer-
ner hielt er dafür: "Meine Wahrnehmung war zu diesem Zeitpunkt verschwom-
men, verzerrt. Ich nahm alles nur "passiv" wahr. Ich befand mich quasi abgekap-
selt in meiner eigenen Welt, war mit mir und meinem quälenden Frust befasst.
Soweit ich weiss, habe ich geschlagen, gestossen und getreten." Wo die Tritte
"gelandet" seien, könne er nicht sagen. Er könne sich nicht daran erinnern, diese
gezielt gegen den Kopf der Privatklägerin gerichtet zu haben, vielmehr seien die
Bewegungen ungezielt erfolgt. Er sei sich nicht richtig bewusst gewesen, was er
da getan habe. Er habe aber bemerkt, dass sich sein Gegenüber gewehrt habe,
weshalb er auch weiter gemacht habe. Irgendwann habe dann sein Verstand wie-
der eingesetzt. Er habe dann bemerkt, in eine Schlägerei verwickelt zu sein, wo-
raufhin er geflohen sei. Er habe möglichst schnell Abstand gewinnen wollen, weil
er befürchtet habe, dass sein Verstand wieder hätte aussetzen können und er
dann unkontrolliert hätte weiter machen wollen (Urk. 4/1 S. 10 f.). Diese Sachdar-
stellung bestätigte er auch anlässlich der Hafteinvernahme (Urk. 4/2 S. 9). Die
Richtigkeit der Aussagen der Privatklägerin 1 stellte er zu keinem Zeitpunkt in
Frage, abgesehen davon, dass er stets betonte, kein sexuelles Motiv für den
Übergriff gehabt zu haben und sich nicht am Reisverschluss der Privatklägerin zu
schaffen gemacht habe. Insbesondere anerkennt er, der Privatklägerin 1 die von
ihr geschilderten Verletzungen zugefügt zu haben (Urk. 4/2 S. 3, 5 f.; Urk. 4/3
S. 2, 4 f.; Urk. 90 S. 10, Urk. 132 S. 17).
4.4.5 Gemäss ärztlichem Befund erlitt die Privatklägerin 1 unter anderem eine
leichte Gehirnerschütterung sowie multiple Blutergüsse an der linken Schläfe, der
linken Wange, der Oberlippe und an der Bindehaut des linken Auges, was auf
mehrere Schläge gegen den Kopf hindeute. Abgesehen von einer einwöchigen
Arbeitsunfähigkeit seien physisch keine bleibenden Schädigungen zu erwarten
(Urk. 12/4 S. 1, Urk. 12/8). Dieses Verletzungsbild bestätigt die Aussagen der Pri-
vatklägerin, wonach die Tritte und Stösse gegen den linken Vorderkopf erfolgten,
was vom Beschuldigten denn auch anerkannt wird (vgl. vorstehende Erw. 4.2).
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Gestützt auf die Aussagen der Privatklägerin 1 und des Beschuldigten sowie de-
ren Übereinstimmung mit dem ärztlichen Befund gilt die Vermutung der Verteidi-
gung, wonach die Verletzung am Auge wohl eher davon stamme, dass der Be-
schuldigte die Privatklägerin zu Boden gedrückt habe (Urk. 68 S. 5), als widerlegt.
Schon aufgrund der leichten Hirnerschütterung sowie der multiplen Blutergüssen,
insbesondere derjenigen an der Bindehaut sowie an der linken Schläfe, muss
– entgegen der Auffassung der Verteidigung (Urk. 133 S. 7 f.) – von einer nicht
unerheblichen Einwirkung auf den Kopfbereich der Privatklägerin ausgegangen
werden, was auch vereinbar mit den Aussagen der Privatklägerin 1 ist. Insbeson-
dere der Umstand, dass die Tritte des Beschuldigten gegen den Kopf der Privat-
klägerin 1 gemäss seinen Angaben im Untersuchungsverfahren völlig unkon-
trolliert gewesen seien, lässt keinen anderen Schluss zu. Jedenfalls machte der
Beschuldigte während des gesamten Untersuchungsverfahrens und auch vor Vor-
instanz in keiner Weise geltend, dass er sich bei den mehrfachen Fusstritten und
Kniestössen auch nur die geringste Zurückhaltung auferlegt hätte. Erst anlässlich
der Berufungsverhandlung erklärte er, dass es schon einen Unterschied mache,
ob er jetzt mit voller Wucht aushole oder nicht. Einigermassen, wenn auch nicht
auf das Gramm genau, habe er es schon dosieren können. Er habe sicher nicht
mit voller Wucht zugetreten (Urk. 132 S. 17). Wie gesehen verglich er seinen
Kraftaufwand mit jenem bei einem Pass während eines Fussballspiels (vgl. vor-
stehende Erw. 4.4.4). Selbst unter Berücksichtigung dieser Aussagen kann nicht
von einem unerheblichen Kraftaufwand ausgegangen werden. Damit ist die vor-
instanzliche Erwägung, wonach der Beschuldigte "mit einer gewissen Wucht" auf
den Kopf der Privatklägerin eingewirkt haben musste (Urk. 90 S. 12), sicher nicht
falsch. Mangels gegenteiliger Hinweise und insbesondere auch aufgrund der ver-
gleichsweise gering ausgefallenen (physischen) Verletzungen ist – mit der Vertei-
digung – allerdings davon auszugehen, dass der Beschuldigte kein schweres
Schuhwerk getragen hatte.
4.5. Steht – wie vorliegend – der Vorwurf einer versuchten eventualvorsätzli-
chen Tatbegehung im Raum, kommt der Frage, wie intensiv die Tritte tatsächlich
waren, aber ohnehin nur untergeordnete Bedeutung zu. Entscheidend ist viel-
mehr, welche Folgen der Beschuldigte aufgrund seiner Tritte für möglich gehalten
- 20 -
und in Kauf genommen hatte (Bundesgerichtsentscheid 6B_1250/2013 vom
24.04.2015, E. 1.4.1). Was der Täter wusste und wollte bzw. in Kauf nahm, gehört
zum subjektiven Tatbestand. Es geht dabei um einen inneren Vorgang, auf den
nur anhand einer Würdigung des äusseren Verhaltens des Täters sowie allenfalls
weiterer Umstände geschlossen werden kann. Die Feststellung des subjektiven
Tatbestands ist damit Bestandteil der Sachverhaltsabklärung. Da in diesem Be-
reich Tat- und Rechtsfragen sehr eng miteinander verbunden sind, drängt sich re-
gelmässig auf, diese Fragen lediglich einmal, unter dem Aspekt der rechtlichen
Würdigung zu behandeln. Hiezu ist deshalb auf die folgenden Erwägungen zu
verweisen.
5. Rechtliche Würdigung
5.1. Es steht ausser Diskussion, dass das Handeln des Beschuldigten zum
Nachteil der Privatklägerin 1 eine einfache Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 1 StGB zur Folge hatte, was auch die Verteidigung anerkennt
(Urk. 92 S. 2, Urk. 68 S. 8, Urk. 92 S. 2, Urk. 133 S. 1).
5.2. Zwischen den Parteien umstritten ist jedoch die weitergehende Frage, ob
sich der (Eventual-)Vorsatz des Beschuldigten auf eine schwere Körperverletzung
im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB bezogen hat und er deswegen des Versuchs
zur Erfüllung dieses Tatbestandes verurteilt werden muss. Die Vorinstanz ist dem
Eventualantrag der Staatsanwaltschaft gefolgt und hat den Beschuldigten bezüg-
lich des für das Berufungsverfahren massgebenden Tatvorwurfs der versuchten
schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen (Urk. 34 S. 3; Urk. 67 S. 1, 4; Urk. 90
S. 11 ff., 34). Die Verteidigung verlangt (auch) berufungsweise, dass lediglich ein
Schuldspruch wegen einfacher Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB zu erfolgen habe (Urk. 68 S. 1, 3 ff., Urk. 92 S. 2, Urk. 133 S. 1).
5.3. Die Vorinstanz hat die Tatbestandsmerkmale der schweren Körper-
verletzung und die Voraussetzungen, wann von einem Versuch auszugehen ist,
zutreffend umrissen (Urk. 90 S. 11 f.). Darauf kann verwiesen werden (Art. 82
Abs. 4 StPO).
- 21 -
5.4. Ebenso hat die Vorinstanz zutreffend dargelegt, wann von einem Eventual-
vorsatz auszugehen ist und hat diesen in nachvollziehbarer Weise und unter Ver-
weis auf die einschlägige Rechtsprechung von der bewussten Fahrlässigkeit ab-
gegrenzt (Urk. 90 S. 11, 13). Auch hierauf kann vorab verwiesen werden (Art. 82
Abs. 4 StPO).
5.5. Vor Vorinstanz machte die Verteidigung noch geltend, dass der Beschul-
digte im Sinne eines Allgemeinwissens und gemäss eigenen Aussagen zwar wis-
se, was bei Fusstritten gegen den Kopf passieren kann, dieses Wissen aber im
Tatzeitpunkt nicht habe abrufen können. Es liege demnach ein klassischer Fall
bewusster Fahrlässigkeit vor. Dabei verwies die Verteidigung auf die Aussage des
Beschuldigten, wonach man sich der Folgen solchen Handelns natürlich erst im
Nachhinein klar werde (Prot. I S. 46 mit Verweis auf Prot. I S. 17). Auch im Beru-
fungsverfahren stellte sich die Verteidigung auf den Standpunkt, dass dem Be-
schuldigten keine eventualvorsätzliche Tatbegehung nachgewiesen werden kön-
ne (vgl. nachfolgende Erw. 5.7), ohne aber geltend zu machen, der Beschuldigte
habe bewusst fahrlässig gehandelt, was indessen einleuchtet, ist doch in objekti-
ver Hinsicht unbestrittenermassen von einer einfachen Körperverletzung auszu-
gehen und ist doch eine versuchte fahrlässige Tatbegehung gar nicht möglich.
5.6. Soweit die Verteidigung unter Verweis auf die Aussage des Beschuldigten
ausführt, dass die Kombination aus Medikamenten und Alkohol wie zu einem
Kurzrausch bzw. zu einem "Aussetzer" geführt habe, weshalb davon auszugehen
sei, dass der Beschuldigte damals unter keinen Umständen habe abrufen können,
was bei einem Tritt auf den Kopf passieren kann (Prot. I S. 46), spricht sie das
Thema des Verschuldens an. Dass dieses aber in einem derartigen Masse be-
einträchtigt gewesen wäre, dass von einer (vollständigen) Schuldunfähigkeit im
Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB ausgegangen werden müsste, macht die Verteidi-
gung indessen selbst nicht geltend und wäre im Übrigen auch nicht ersichtlich.
Eine allfällige verminderte Schuldfähigkeit ist im Rahmen der Strafzumessung zu
berücksichtigen.
5.7. Die Verteidigung stellt sich auf den Standpunkt, dass die Annahme einer
versuchten schweren Körperverletzung schon daran scheitere, dass es vorliegend
- 22 -
an – neben den Fusstritten hinzukommenden – Elementen fehle, welche die An-
nahme einer versuchten schweren Körperverletzung rechtfertigen würden
(Urk. 68 S. 4, Urk. 133 S. 6 ff.). Es ist richtig, dass eine versuchte schwere Kör-
perverletzung nicht leichthin anzunehmen ist. Ebenso trifft zu, dass bei der sei-
tens der Verteidigung zitierten Rechtsprechung für die Annahme einer versuchten
schweren Körperverletzung neben der eigentlichen Tathandlung (Fusstritt) jeweils
noch ein aggravierendes Moment vorgelegen hat, wie zum Beispiel die Heftigkeit
der Tritte, die Wehrlosigkeit des Opfers, die Traktierung mit Gegenständen, der
objektive Schweregrad der Verletzungen oder die Einwirkung mehrerer Personen
(Urk. 68 S. 4 und Urk. 133 S. 7 mit Verweis auf Bundesgerichtsentscheide
6B_954/2010 vom 10.03.2011, 6B_45/2013 vom 18.07.2013 und 6B_222/2014
vom 15.07.2014, Urk. 133 S. 7 mit zusätzlichem Hinweis auf 6B_132/2015 vom
21.04.2015). Dies ist aber auch vorliegend der Fall, wie nachfolgend aufzuzeigen
sein wird.
5.7.1 Zunächst ist zu berücksichtigen, dass es sich unbestrittenermassen um
mehrfache Fusstritte sowie Kniestösse gegen den linken Vorderkopf bzw. die
Schläfe der am Boden liegenden Privatklägerin 1 handelte. Diesbezüglich ist mit
der Staatsanwaltschaft darauf hinzuweisen, dass es sich bei der Kopfregion um
eine besonders sensible Region des menschlichen Körpers handelt (Prot. II
S. 15). Sodann ist erstellt, dass die Privatklägerin 1 zwar versucht hatte sich zu
wehren, dieser Abwehrversuch aber erfolglos geblieben ist, erklärte doch der Be-
schuldigte von sich aus, dass ihn die Gegenwehr nur noch aggressiver gemacht
beziehungsweise diese seine Wut nur noch gesteigert habe (Urk. 4/1 S. 9, Prot. I
S. 16). In diesem Zusammenhang ist mit der Staatsanwaltschaft zu betonen, dass
sich nicht nur der Beschuldigte, sondern auch die – über den völlig unerwarteten
Angriff erschrockene – Privatklägerin 1 in einem emotionalen Ausnahmezustand
befunden haben muss, was eine wirksame Abwehr zusätzlich erschwerte (Prot. II
S. 15). Zudem ist gemäss erstelltem Sachverhalt davon auszugehen, dass die
Fusstritte "mit einer gewissen Wucht" erfolgten beziehungsweise von einem nicht
unerheblichen Kraftaufwand des Beschuldigten auszugehen ist (vgl. Erw. 4.4.1 –
4.4.5).
- 23 -
5.7.2 Mit der Vorinstanz ist sodann davon auszugehen, dass der Beschuldigte
weiss, was passieren kann, wenn man mit dem Fuss gegen den Kopf eines Men-
schen tritt, hat er doch anlässlich der Hauptverhandlung erklärt, dass solche Tritte
unter anderem zu Schädelverletzungen und Hirnblutungen, schlimmstenfalls mit
Todesfolge, führen könnten. Gemäss eigenen Angaben verfügte der Beschuldigte
auch in der Tatnacht über dieses Wissen (Urk. 90 S. 12 f.; Prot. I S. 16 f.).
5.7.3 Allerdings ist der Verteidigung beizupflichten, wenn sie darauf hinweist, dass
bei der an der Hauptverhandlung gestellten Frage betreffend die möglichen Fol-
gen nicht definiert worden ist, ob von heftigen Tritten die Rede war (Prot. I S. 16,
46, Urk. 133 S. 7). Daraus lässt sich aber nichts zugunsten des Beschuldigten ab-
leiten:
Gemäss der – seitens der Verteidigung zitierten – Rechtsprechung kann der Tat-
bestand der versuchten schweren Körperverletzung unter anderem dann als er-
füllt gelten, wenn jemand einem am Boden liegenden Opfer mit voller Wucht mit
dem Fuss gegen den Kopf tritt (vgl. Bundesgerichtsentscheid 6B_954/2010 vom
18.07.2013). Gestützt auf diese Ausgangslage hat die Vorinstanz zu Recht ange-
nommen, dass die Vorgehensweise des Beschuldigten aufgrund der konkreten
Tatumstände als versuchte schwere Körperverletzung qualifiziert werden muss.
Dies, obwohl der Beschuldigte gemäss erstelltem Sachverhalt "lediglich" "mit ei-
ner gewissen Wucht" zugetreten hatte (vgl. Erw. 4.4.5). Wie gesehen (Erw. 4.4.4)
ist der Beschuldigte gemäss eigenen Aussagen einfach ausgerastet, hat mindes-
tens vier Mal auf den Kopf des nächstbesten Passanten eingetreten und dabei
seinen Verstand "abgeschaltet". Er habe sich nichts dabei gedacht und seine Be-
wegungen seien ungezielt gewesen. Auch anlässlich der Hauptverhandlung er-
klärte er, dass es sich um eine Kurzschlusshandlung gehandelt habe (Prot. I
S. 15). In diesem Gemütszustand konnte er unmöglich in der Lage sein, die In-
tensität seiner wiederholten Tritte und Kniestösse derart zu steuern, dass er den
Eintritt schwerer Verletzungen hätte ausschliessen können. Daran ändert auch
nichts, wenn er anlässlich der Berufungsverhandlung beschönigend geltend
machte, dass er die Wucht seiner Tritte schon einigermassen habe steuern könne
(vgl. Urk. 132 S. 17). Der während des gesamten Verfahrens durch den Beschul-
- 24 -
digten selbst beschriebene emotionale Zustand während der Tatbegehung spricht
eindeutig gegen einen bewusst dosierten Krafteinsatz. Dafür spricht auch die
Aussage des Beschuldigten, wonach die (versuchte) Gegenwehr der Privatkläge-
rin – anstatt ihn von seinem Vorhaben abzubringen – noch mehr Aggressionen in
ihm ausgelöst habe (Prot. I S. 16). Gestützt auf die Aussagen des Beschuldigten
ist davon auszugehen, dass er sich im Moment seines Handelns – trotz vorhan-
denem Wissen über die Möglichkeit eines Erfolgseintritts einer schweren Körper-
verletzung – überhaupt keine Gedanken über die Folgen seines Angriffs und da-
mit auch nicht über die Heftigkeit seiner Tritte gegenüber der am Boden liegenden
Privatklägerin gemacht hatte. Entgegen der Darstellung der Verteidigung kann un-
ter diesen Umständen aber nicht die Rede davon sein, dass der Beschuldigte
– allenfalls aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit – hätte darauf vertrauen können,
dass sich die Gefahr lebensgefährlicher Verletzungen nicht verwirklichen würde.
Wer völlig unkontrolliert und ohne jegliche Zurückhaltung mit den Schuhen
– wenn auch mit leichtem Schuhwerk – mehrmals auf den Kopf einer auf dem
Boden liegenden Person eintritt, ihr hernach in gleicher Art und Weise auch noch
Kniestösse verabreicht und sich dabei auch durch Gegenwehr nicht davon ab-
bringen, sondern vielmehr provozieren lässt, kann gar nicht anders, als den De-
liktserfolg einer schweren Körperverletzung (z.B. Lebensgefahr, Verstümmelung
eines wichtigen Organs, arge und bleibende Entstellung des Gesichts) ernstlich in
Rechnung zu stellen. Er lässt es offensichtlich "drauf ankommen". Der Beschul-
digte hat sich daher mit seiner Vorgehensweise für die mögliche Rechtsgüterver-
letzung entschieden. Denn die Wahrscheinlichkeit des Erfolgseintritts musste sich
ihm als so gross aufdrängen, dass seine Vorgehensweise nicht anders denn als
Inkaufnahme des als möglich erkannten Erfolgs ausgelegt werden kann, was er
überdies anlässlich der Hauptverhandlung auch eingestand (vgl. Urk. 90 S. 14 mit
Verweis auf Prot. I S. 17). Die Vorgehensweise des Beschuldigten erlaubte allen-
falls noch die Hoffnung, die Sache werde glimpflich ausgehen. Der Beschuldigte
musste es letztlich aber Glück oder Zufall überlassen, ob sich die Gefahr verwirk-
lichen werde oder nicht, da er bei seiner Vorgehensweise das Risiko gar nicht
kontrollieren konnte. Entgegen der Verteidigung kann jedenfalls nicht aufgrund
von früheren Impulsdurchbrüchen des Beschuldigten, welche glücklicherweise
- 25 -
glimpflich ausgegangen waren, darauf geschlossen werden, dass der Beschuldig-
te auch in der vorliegenden Konstellation nicht "komplett die Kontrolle verloren
habe" (Prot. II S. 11). Die blosse Hoffnung auf das Ausbleiben des tatbestands-
mässigen Erfolgs schliesst eine Inkaufnahme im Sinne eventualvorsätzlicher Tat-
begehung anders als das – auch bloss leichtsinnige – Vertrauen jedoch nicht aus.
Es bedeutet lediglich, dass der Erfolgseintritt als solcher unerwünscht ist (vgl.
BGE 130 IV 58 E. 8.3, Bundesgerichtsentscheid 6B_132/2015 vom 21.04.2015,
E. 2.3.1), was indessen nicht gegen die Annahme eines Eventualvorsatzes
spricht.
5.8. Die Vorinstanz hat die Vorgehensweise des Beschuldigten damit zu Recht
als eventualvorsätzliche versuchte schwere Körperverletzung qualifiziert (Urk. 90
S. 11 ff.). Entgegen der Vorbringen der Verteidigung ändert daran auch der Um-
stand nichts, dass die Privatklägerin den Angriff mit vergleichsweise geringen Ver-
letzungen überstanden hatte (Urk. 68 S. 4 f., Urk. 133 S. 7 f.), liegt es doch ge-
rade in der Natur der Sache, dass der tatbestandliche Erfolg bei einem Versuch
(regelmässig) nicht eintritt (Bundesgerichtsentscheid 6B_222/2014 vom
15.07.2014, E. 1.4). Für die Frage der Tatbestandsmässigkeit unerheblich ist fer-
ner das Vorbringen der Verteidigung, wonach der Beschuldigte von sich aus von
der Privatklägerin abgelassen habe (Urk. 68 S. 7), hatte er zu diesem Zeitpunkt
den Tatbestand der versuchten schweren Körperverletzung doch bereits erfüllt
(vgl. Bundesgerichtsentscheid 6B_132/2015 vom 21.04.2015, E. 2.3.3).
5.9. Der Beschuldigte ist damit in Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils der
versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
6. Strafzumessung
6.1. Die Vorinstanz hat die Grundsätze, nach welchen eine Strafe zuzumessen
ist, richtig zusammengefasst (Urk. 90 S. 15 f.). Zur Vermeidung von Wieder-
holungen kann darauf verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
- 26 -
6.2. Neben dem im vorliegenden Berufungsverfahren zu beurteilenden Haupt-
delikt der versuchten eventualvorsätzlichen schweren Körperverletzung hat die
Vorinstanz den Beschuldigten wegen zweier Nebendelikte der mehrfachen einfa-
chen Körperverletzung schuldig gesprochen (Urk. 90 S. 34, Dispositivziffer 1). Da
die Parteien den Schuldspruch bezüglich dieser Delikte nicht angefochten haben,
ist Dispositivziffer 1 des vorinstanzlichen Urteils im vorgenannten Umfang in
Rechtskraft erwachsen (vgl. Erw. 2).
6.3. Die Vorinstanz hat bei dieser Ausgangslage eine Freiheitsstrafe von
4 Jahren festgesetzt und ist damit dem Eventualantrag der Staatsanwaltschaft ge-
folgt (Urk. 90 S. 21 und Urk. 34 S. 5, Urk. 76 S. 1). Berufungsweise verlangt nun
der leitende Staatsanwalt im Rahmen seiner Anschlussberufung eine vergleichs-
weise höhere Strafe, mit der Begründung, dass dem hinterhältigen Vorgehen des
Beschuldigten und der aufgrund der Nebendelikte vorzunehmenden Strafschär-
fung nicht genügend und angemessen Rechnung getragen worden sei (Urk. 99
S. 2). Anlässlich der Berufungsverhandlung beantragte er eine Freiheitsstrafe von
5 1⁄2 Jahren. Er betonte, dass mit diesem Strafmass der seitens des Beschuldigten
an den Tag gelegten, selten hohen kriminellen Energie im Zusammenhang mit
den serienmässig begangenen Angriffen auf völlig unbekannte junge Frauen
Rechnung getragen werden könne. Ebenso verweist die Staatsanwaltschaft auf
den Umstand, dass das Vorgehen des Beschuldigten die Frauen allesamt in Pa-
nik, Angst und Schrecken versetzt habe, auch bezüglich einer vermeintlichen
Vergewaltigung (Urk. 134 S. 4). Der Beschuldigte hingegen verlangt (auch) beru-
fungsweise eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten, dies aufgrund der Auffassung,
wonach er sich nicht der versuchten schweren Körperverletzung, sondern aus-
schliesslich der (mehrfachen) einfachen Körperverletzung schuldig gemacht habe
(Urk. 92 S. 2, Urk. 133 S. 9 f.).
6.4. Wie dies die Vorinstanz richtig erkannt hat, ist bei einem versuchten Delikt
zunächst eine Einsatzstrafe für das (mutmasslich) vollendete Delikt festzusetzen
und hernach eine Reduktion infolge des Versuchs vorzunehmen (Urk. 90 S. 17 f.,
vgl. auch BGE 136 IV 55 E. 5.7). In der Folge ist die hypothetische Einsatzstrafe
wegen den zusätzlich begangenen Delikten in Anwendung des Asperations-
- 27 -
prinzips im Sinne einer Gesamtwürdigung angemessen zu erhöhen (Urk. 90
S. 15, vgl. auch Bundesgerichtsentscheid 6B_274/2013 vom 5.09.2013, E. 1.2.2).
Auf die diesbezüglichen Erwägungen im vorinstanzlichen Urteil kann verwiesen
werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Ebenso kann der Vorinstanz uneingeschränkt ge-
folgt werden, wenn sie festhält, dass die tat- und täterangemessene Strafe (bei
Fehlen aussergewöhnlicher Umstände) innerhalb des ordentlichen Strafrahmens
der (schwersten) anzuwendenden Strafbestimmung festzusetzen ist (Urk. 90
S. 115 f). Damit ist die Strafe grundsätzlich innerhalb eines Strafrahmens von bis
zu 10 Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe nicht unter 180 Tagessätzen zu be-
messen (Art. 122 Abs. 4 StGB).
6.5. In Bezug auf die objektive Tatschwere der (mutmasslich) vollendeten
schweren Körperverletzung ist zu sehen, dass die völlig unkontrollierten und un-
dosierten Fusstritte und Kniestösse gegen den linken Vorderkopf der Privatkläge-
rin 1 ohne Weiteres zu lebensgefährlichen Verletzungen oder bleibenden Schä-
den hätten führen können. Mit der Vorinstanz fällt erschwerend ins Gewicht, dass
der Beschuldigte die körperlich unterlegene Privatklägerin 1 in der Dunkelheit oh-
ne jegliche Veranlassung und völlig unvermittelt von hinten angegriffen hat. Zu
Recht weist die Staatsanwaltschaft diesbezüglich auf das hinterhältige Vorgehen
des Beschuldigten bzw. auf das überraschende Moment hin (Urk. 99 S. 2,
Urk. 133 S. 4), was von der Vorinstanz strafschärfend berücksichtigt worden ist
(Urk. 90 S. 16). Um sicher zu gehen, dass der Angriff auf die Privatklägerin 1 von
möglichen Passanten unentdeckt blieb, zerrte er sie zu einem Holzhäuschen ne-
ben der Strasse, was die Privatklägerin zusätzlich verängstigt haben muss und in
ihr die naheliegende Befürchtung ausgelöst hatte, Opfer einer Vergewaltigung zu
werden, zumal der Beschuldigte sich an ihrem Gurt zu schaffen gemacht hatte.
Wiederum mit der Vorinstanz zeigt sich die verwerfliche Vorgehensweise des Be-
schuldigten auch darin, dass er sich durch die (versuchte) Gegenwehr der in Pa-
nik versetzten Privatklägerin von seinem Vorhaben in keiner Weise hat abbringen
lassen, sondern diese ihn vielmehr veranlasst hatte, noch heftiger auf die Privat-
klägerin einzuwirken. Andererseits hat der Beschuldigte gemäss erstelltem Sach-
verhalt "lediglich" zwei Fusstritte und zwei Kniestösse ausgeteilt und dann von
sich aus von der Privatklägerin abgelassen, worauf die Verteidigung zutreffend
- 28 -
hinweist (Urk. 133 S. 9). Schon aus dem Verletzungsbild der Privatklägerin ergibt
sich, dass die Tritte und Stösse in tatsächlicher Hinsicht – wenn auch nicht mit
unerheblichem Kraftaufwand – dennoch nicht mit voller Wucht erfolgten. Auch
wenn durchaus brutalere Verletzungsmethoden – z.B. auch unter Einsatz ge-
fährlicher Tatmittel – vorstellbar sind, ist zu vergegenwärtigen, dass es sich beim
Kopfbereich eines Menschen um eine besonders sensible Körperregion handelt
und insbesondere Verletzungen der Hirnregion folgenschwere Beeinträchtigungen
nach sich ziehen können. Auf einer Skala aller denkbaren schweren Körper-
verletzungen wäre ein solcher Erfolg damit im Bereich des mittelschweren Ver-
schuldens anzusiedeln.
6.6. In subjektiver Hinsicht ist mit der Vorinstanz auf das höchst egoistische
Motiv des Beschuldigten hinzuweisen (Urk. 90 S. 17). Nur weil der Beschuldigte
– ohne erkennbaren Grund – "genervt" war und seinen Frust loswerden wollte,
nahm er sozusagen nach dem Zufallsprinzip die nächstbeste Gelegenheit wahr
und liess seine Aggressionen völlig unkontrolliert an der ihm völlig unbekannten
Passantin aus. Dies zeugt von einer erheblichen Geringschätzung der körper-
lichen und psychischen Integrität anderer Personen.
Andererseits ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass die eventualvorsätzliche
Tatbegehung diesen Schuldvorwurf geringer erscheinen lässt (Urk. 90 S. 17,
BGE 136 IV 55 E. 5.6). Ferner ist zugunsten des Beschuldigten von einem relativ
spontanen Tatentschluss auszugehen.
6.7. Sodann ist der Vorinstanz – und auch den Parteien (Urk. 68 S. 9, Urk. 133
S. 10, Urk. 134 S. 3) – zu folgen, wenn sie dem Beschuldigten unter Verweis auf
das nach dem vorliegend zu beurteilenden Hauptdelikt erstellte psychiatrische
Gutachten von Dr. med. E._ vom 29. Juli 2013 aufgrund der in tatsächlicher
Hinsicht festgestellten leichtgradig eingeschränkten Steuerungsfähigkeit eine sich
auch in rechtlicher Hinsicht auswirkende leichtgradig eingeschränkte Schuldfähig-
keit im Sinne von Art. 19 Abs. 2 StGB zuerkannte (Urk. 90 S. 17). Auf die zutref-
fenden Erwägungen kann – unter Verweis auf die einschlägige Rechtsprechung
(vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.6 und 5.7) – vollumfänglich verwiesen werden (Art. 82
Abs. 4 StPO).
- 29 -
6.8. Wenn die Vorinstanz dafür hält, dass das objektive Tatverschulden für das
mutmasslich vollendete Delikt in subjektiver Hinsicht leicht relativiert wird, kann
dies so übernommen werden (Urk. 90 S. 17). Wenn die Vorinstanz dann zum
Schluss kommt, dass nach Würdigung der Tatkomponenten für das mutmasslich
vollendete Delikt und damit unter Berücksichtigung der eventualvorsätzlichen Tat-
begehung sowie der leicht verminderten Schuldfähigkeit von einem "nicht mehr
leichten" Verschulden auszugehen sei, erweist sich das unter Berücksichtigung
der vorgenannten Erwägungen als eher milde.
6.9. Als hypothetische Einsatzstrafe für die mutmasslich vollendete schwere
Körperverletzung rechtfertigt sich mithin eine Freiheitsstrafe von 4 Jahren. Die
von der Vorinstanz angesetzte hypothetische Einsatzstrafe von 3 1⁄2 Jahren
(Urk. 90 S. 18) erweist sich demgegenüber als etwas tief.
6.10. Schliesslich hat die Vorinstanz zutreffend in Betracht gezogen, dass es
beim vollendeten Versuch geblieben ist, was sich im Sinne einer Reduzierung der
(hypothetischen) Einsatzstrafe auszuwirken habe (Urk. 90 S. 18). Aufgrund der
konkreten Umstände erweist sich die seitens der Vorinstanz vorgenommene Re-
duktion in quantitativer Hinsicht allerdings als etwas zu gering, worauf auch die
Verteidigung und auch die Staatsanwaltschaft verweisen (Urk. 133 S. 9, Urk. 134
S. 3):
Vorliegend lag der tatbestandsmässige Erfolg – namentlich die schwerwiegende
Beeinträchtigung der körperlichen Integrität durch Frakturen, Gehirnerschütte-
rung, Koma, Hirnblutungen usw. (vgl. hierzu BGE 136 IV 49 E. 4.2) – weit ent-
fernt. Die Privatklägerin 1 befand sich zu keiner Zeit in Lebensgefahr. Vielmehr
blieben die tatsächlichen Folgen der Tat zumindest in physischer Hinsicht ver-
gleichsweise gering, was sich verschuldensmindernd auswirken muss. Allerdings
muss festgehalten werden, dass der Beschuldigte aufgrund seiner völlig unkon-
trollierten und undosierten Vorgehensweise (vgl. hierzu Erw. 5.7.3) nicht viel von
sich aus für den glimpflichen Ausgang beigetragen hat. Vielmehr oblag es – mit
der Vorinstanz (Urk. 90 S. 16 f.) – letztlich dem Zufall, in welcher Art und Weise er
den Kopf der Privatklägerin mit seinem Fuss beziehungsweise Knie traktierte,
weshalb er keinesfalls den Eintritt schwerer Verletzungen ausschliessen konnte.
- 30 -
Immerhin ist ihm – wiederum mit der Vorinstanz (Urk. 90 S. 17) und der Vertei-
digung (Urk. 133 S. 9) – aber zugute zu halten, dass er nach (mindestens) vier
Tritten beziehungsweise Stössen von sich aus von der Privatklägerin 1 abgelas-
sen hatte. Ebenso ist in tatsächlicher Hinsicht zu berücksichtigen, dass die Tritte
und Stösse nicht mit voller Wucht erfolgten, was sich bereits am Verletzungsbild
zeigt. Zusammenfassend muss sich der Umstand, dass sich die tatsächlichen
Folgen bei Weitem nicht tatbestandsmässig im Sinne von Art. 122 Abs. 1 StGB
erweisen, trotz der völlig unkontrollierten und undosierten Vorgehensweise des
Beschuldigten merklich verschuldensmindernd auswirken. Für das schwerste
(versuchte) Delikt ist von einer Einsatzstrafe von rund 3 Jahren auszugehen.
6.11. Wegen den zusätzlich begangenen einfachen Körperverletzungen zu Las-
ten der Privatklägerin 2 und 3 ist die hypothetische Einsatzstrafe angemessen zu
erhöhen. Zu Recht weist die Vorinstanz auf die Ähnlichkeit betreffend die Vor-
gehensweise hin (Urk. 90 S. 18). Darauf kann vollumfänglich verwiesen werden
(Art. 82 Abs. 4 StPO). Augenfällig ist – wiederum mit der Vorinstanz (Urk. 90
S. 18 f.) und auch der Staatsanwaltschaft (Urk. 134 S. 4) –, dass sich auch diese
zwei weiteren Übergriffe gegen junge, ihm körperlich unterlegene Frauen richte-
ten, was für eine gewisse Systematik bei der Opferauswahl spricht, auch wenn
der Beschuldigte dies durchwegs bestreitet (Urk. 4/1 S. 8 f., 11; Urk. 4/3 S. 10 ff.,
Urk. 132 S. 13, 15). Jedenfalls hält auch der Gutachter dafür, dass diese Selekti-
vität für eine Kontrolle seines aggressiven Drangs spreche, welchen er jeweils
erst auslebe, wenn sich eine entsprechende Gelegenheit biete (Urk. 90 S. 19 mit
Verweis auf Urk. 23/18 S. 13 f.).
Bezüglich der objektiven Tatschwere dieser beiden Delikte ist auf die in phy-
sischer Hinsicht vergleichsweise gering ausgefallenen Verletzungsfolgen ohne
bleibende Schädigungen hinzuweisen (Urk. ND 1/12; Urk. ND 1/14/1; Urk. ND
2/11/1-4, 8 und Urk. 90 S. 7 f.). Über die genaue Vorgehensweise betreffend die
Körperverletzungen, namentlich die Art und Weise, wie er die Schläge und oder
Tritte ausgeführt hat, ist wenig bekannt (vgl. Urk. ND 1/3-6, Urk. ND 2/5, Urk. ND
2/6). Gleich wie beim Hauptdelikt fällt aber auch hinsichtlich der Nebendelikte er-
schwerend ins Gewicht, dass der Beschuldigte die ihm körperlich unterlegenen
- 31 -
und arglosen Frauen ohne jegliche Veranlassung, wiederum in der Dunkelheit
und völlig unvermittelt, von hinten angegriffen hat und diese so in höchstem Mas-
se verängstigt haben muss, was auch die Staatsanwaltschaft betont (Urk. 134
S. 4). Die objektive Tatschwere wiegt keinesfalls mehr leicht.
In subjektiver Hinsicht ist betreffend die Nebendelikte auf den direkten Vorsatz
hinzuweisen. In Bezug auf das Motiv kann auf die Erwägungen hinsichtlich der
subjektiven Tatschwere betreffend das Hauptdelikt (vgl. Erw. 6.6) verwiesen wer-
den.
Wiederum ist dem Beschuldigten aufgrund der durch das – nach dem bekannt-
werden der beiden Nebendelikte – ergänzte psychiatrische Gutachten von
Dr. med. E._ vom 22. Januar 2014 aufgrund der in tatsächlicher Hinsicht
festgestellten leichtgradig eingeschränkten Steuerungsfähigkeit eine sich auch in
rechtlicher Hinsicht auswirkende leichtgradig eingeschränkte Schuldfähigkeit im
Sinne von Art. 19 Abs. 2 StGB zuzuerkennen (Urk. 23/18 S. 13), was leicht ver-
schuldensmindernd zu berücksichtigen ist.
Die objektive Tatschwere wird damit in subjektiver Hinsicht leicht relativiert. Ge-
samthaft betrachtet ist damit betreffend die Nebendelikte von einem nicht mehr
leichten Verschulden auszugehen. Wenn die Vorinstanz die für das Hauptdelikt
festgesetzte Strafe zu Folge Aspiration um 1 1⁄2 Jahre auf 4 1⁄2 Jahre erhöht, kann
dies gestützt auf die vorstehenden Erwägungen so übernommen werden (Urk. 90
S. 19).
6.12. Die persönlichen Verhältnisse ergeben sich aus der zusammenfassenden
Wiedergabe im vorinstanzlichen Urteil (Urk. 90 S. 19 f.). Nachdem der sich seither
in Haft bzw. im vorzeitigen Vollzug befindliche Beschuldigte auch anlässlich der
heutigen Berufungsverhandlung nichts Neues vorgebracht hat, kann auf diese
Ausführungen und auch auf diejenigen im Hauptgutachten verwiesen werden
(Art. 82 Abs. 4 StPO, Urk. 23/11 S. 27 ff.). Die Vorinstanz hat das Vorleben des
Beschuldigten leicht strafmindernd berücksichtigt (Urk. 90 S. 20). Dem kann bei-
gepflichtet werden. Eine weitergehende Berücksichtigung ist aber nicht angezeigt.
Auch Personen die in widrigen Verhältnissen aufwuchsen, haben sich an die
- 32 -
Rechtsordnung zu halten und tun dies in aller Regel auch. Soweit sich die schwie-
rige Jugend des Beschuldigten auf seine Persönlichkeitsstörung ausgewirkt ha-
ben sollte, ist dies bereits im Rahmen der verminderten Schuldfähigkeit berück-
sichtigt worden. Ebenso rechtfertigt es sich – entgegen der Auffassung der Ver-
teidigung (Urk. 133 S. 10) – nicht, dem Beschuldigten einzig aufgrund des jugend-
lichen Alters eine nochmalige Reduktion zu gewähren. Soweit sich das jugendli-
che Alter auf das Verhalten des Beschuldigten ausgewirkt hatte, wurde dies be-
reits bei den persönlichen Verhältnissen und in gewissem Umfang auch bei der
verminderten Schuldfähigkeit berücksichtigt. Eine nochmalige Reduktion alleine
gestützt auf das jugendliche Alter rechtfertigt sich schon deshalb nicht, weil es
auch einem jugendlichen Erwachsenen völlig klar sein muss, dass Übergriffe auf
die körperliche Integrität anderer Personen völlig inakzeptabel und verboten sind.
Dies umso mehr, wenn es sich bei den Angegriffenen um völlig unbeteiligte und
unterlegene Passanten handelt. Zudem kennt Art. 48 StGB – dies im Unterschied
zum früheren Recht (Art. 64 alinea 9 aStGB) – den Strafmilderungsgrund der
noch nicht vollen Einsicht aufgrund des jugendlichen Alters nicht.
6.13. Zu Recht hat die Vorinstanz das Geständnis des Beschuldigten strafmin-
dernd berücksichtigt. Auch wenn der Beschuldigte die Tatvorwürfe betreffend das
Hauptdelikt und das Nebendelikt bezüglich der Privatklägerin 3 erst nach Vorhalt
des Ergebnisses der DNA-Spurenauswertung eingestanden hatte, erfolgte dies
dennoch bereits in den ersten Einvernahmen (vgl. Erw. 4.2 und Urk. 1/5 S. 7 f.,
Urk. 2/6 S. 7 f.). Auch die zunächst abgestrittenen Kniestösse gestand er – mit
gewissen Vorbehalten – ab der Hafteinvernahme ein (vgl. Erw. 4.2). Den Tatvor-
wurf betreffend das Delikt gegenüber der Privatklägerin 2 anerkannte er sodann
auch ohne entsprechende Identifizierung mittels DNA-Spurenauswertung
(Urk. 1/5 S. 3 f., Urk. 2/6 S. 3 f.).
Nicht gefolgt werden kann der Vorinstanz, wenn sie dem Beschuldigten unter dem
Titel Reue und Einsicht überhaupt keine Strafminderung zubilligt (Urk. 90 S. 19).
Der Beschuldigte zeigte sich von Beginn weg reuig und beteuerte, dass es ihm
insbesondere leid tue, die Privatklägerinnen in ihrer psychischen Integrität verletzt
zu haben (Urk. 4/1 S. 12, Urk. 4/2 S. 13, Urk. 4/3 S. 2, 6, 13; Prot. I S. 52). Auch
- 33 -
wenn es mit der Vorinstanz keiner grossen Reflektionsfähigkeit bedarf, das Un-
recht in Taten einzusehen, die ohne jegliche Veranlassung an völlig Unbeteiligten
begangen werden, ist dem Beschuldigten – mit der Verteidigung (Urk. 68 S. 10,
Urk. 133 S. 9) – gleichwohl zugute zu Halten, dass er das Ausmass seiner Ver-
fehlung erkennt. Zusammen mit dem Geständnis muss sich dies merklich straf-
mindernd auswirken.
6.14. Nicht gefolgt werden kann der Verteidigung, wenn sie unter Verweis auf
den Führungsbericht (Urk. 62) dafür hält, dass das tadellose Verhalten des Be-
schuldigten während der Untersuchungshaft beziehungsweise des vorzeitigen
Straf- bzw. Massnahmevollzuges zu seinen Gunsten zu würdigen sei (Urk. 68
S. 10, Urk. 133 S. 9). Vielmehr kann ein diesbezüglich korrektes Verhalten vo-
rausgesetzt werden (Bundesgerichtsentscheid 6B_974/2009 vom 18.02.2010,
E. 5.5).
6.15. Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft (Urk. 95). Deutlich straferhöhend fällt
aber der Umstand ins Gewicht, dass der Beschuldigte noch während laufender
Strafuntersuchung betreffend das Hauptdelikt und trotz laufender Begutachtung
und Psychotherapie gleich zweimal einschlägig rückfällig geworden ist.
6.16. Wenn die Vorinstanz dafür hält, dass bezüglich der Täterkomponenten die
Umstände zugunsten des Beschuldigten leicht überwiegen, kann dem gefolgt
werden. Mit der Vorinstanz (Urk. 90 S. 21) erscheint es damit in Würdigung aller
Strafzumessungsgründe angemessen, den Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe
von 4 Jahren zu bestrafen.
6.17. An diese Freiheitsstrafe sind die bis zum vorzeitigen Massnahmeantritt am
11. November 2014 durch Haft sowie vorzeitigem Strafvollzug erstandenen
473 Tage anzurechnen (Art. 51 StGB, Urk. 22/29, Urk.31, Urk. 105/28 S. 2). Die
Anrechnung des mit dem vorzeitigen Massnahmeantritt verbundenen Freiheits-
entzuges wird gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung nicht von Art. 51
StGB erfasst, sondern erfolgt regelmässig im Rahmen der (späteren) Aufhebung
der Massnahme (Art. 62c Abs. 2 StGB i.V.m. Art. 57 Abs. 3 StGB, Bundes-
- 34 -
gerichtsentscheid 6B_967/2010 vom 22.05.2011, E. 5; vgl. auch BSK-StGB I,
Heer, 3. Auflage 2013, N 10 zu Art. 57).
7. Strafvollzug und Massnahme
7.1. Die Vorinstanz hat gestützt auf das Hauptgutachten vom 29. Juli 2013 so-
wie das Ergänzungsgutachten vom 22. Januar 2014 eine stationäre therapeuti-
sche Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB angeordnet (Urk. 90 S. 27 f., 34) und
ist damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt (Urk. 67 S. 2). Im Rahmen
der Berufungserklärung beantragte die Verteidigung wie bereits vor Vorinstanz die
Anordnung einer ambulanten Massnahme im Sinne von Art. 63 StGB, unter Auf-
schub des Strafvollzugs. Eventualiter beantragte sie eine Massnahme für junge
Erwachsene im Sinne von Art. 61 StGB (Urk. 68 S. 1, Urk. 92 S. 2). An der Beru-
fungsverhandlung änderte die Verteidigung ihre Anträge dahingehend ab, dass
sie nunmehr die Anordnung einer Massnahme für junge Erwachsene im Sinne
von Art. 61 StGB als Hauptantrag stellte (Urk. 133 S. 1). Weiterhin ablehnend
stellt sich die Verteidigung – wie bereits vor Vorinstanz – gegenüber einer statio-
nären therapeutischen Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB, welche sie als
"Labyrinth ohne Ausgang" bezeichnet (Urk. 47 S. 5 ff., Urk. 68 S. 11 ff., Urk. 90
S. 25, Urk. 133 S. 17).
7.2. In Bezug auf die allgemeinen Ausführungen zu den Voraussetzungen der
Anordnung einer Massnahme kann vorweg auf die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 90 S. 22).
7.3. Der Entscheid des Gerichts betreffend die Anordnung einer Massnahme
muss sich gemäss Art. 56 Abs. 3 StGB in jedem Fall auf ein sachverständiges
Gutachten abstützen, das sich über die Notwendigkeit und Erfolgsaussichten ei-
ner Behandlung, die Art und die Wahrscheinlichkeit zukünftig zu erwartender
Straftaten sowie über die konkreten Vollzugsmöglichkeiten zu äussern hat. Es
muss aufzeigen, ob die Straftat mit dem besonderen körperlichen oder geistigen
Zustand des Betroffenen in Zusammenhang steht (psychische Störung, Alkohol-
oder Drogenabhängigkeit, gestörte Persönlichkeitsentwicklung). Der Experte hat
ferner eine Kriminal- oder Gefährlichkeitsprognose zu erstellen (Art. 56 Abs. 3
- 35 -
lit. b StGB), d.h. das allgemeine (Verübung einer beliebigen Straftat) und spezifi-
sche (bezogen auf eine spezifische Deliktsgruppe) Rückfallrisiko des Täters zu
ermitteln (Schwarzenegger/Hug/Jositsch, Strafrecht II, 8. Aufl. 2007, S. 156 ff.).
Ausgehend davon hat der Experte die Notwendigkeit und die Erfolgsaussichten
einer Behandlung darzulegen sowie die konkreten Möglichkeiten ihres Vollzugs
abzuklären (Art. 56 Abs. 3 lit. a und lit. c StGB).
7.4. Die Verteidigung kritisiert die vorinstanzliche Anordnung einer stationären
therapeutischen Massnahme nach Art. 59 StGB. Für den Fall, dass berufungs-
weise nicht wie beantragt eine Massnahme für junge Erwachsene im Sinne von
Art. 61 StGB angeordnet werde, beantragt sie, dass im Hinblick auf die Wahl der
anzuordnenden Massnahme weitere Abklärungen vorzunehmen seien (Urk. 133
S. 10, Prot. II S. 21).
7.5. Wie die Verteidigung unter Verweis auf die bundesgerichtliche Rechtspre-
chung ausführte, ist eine Ergänzung eines Gutachtens dann einzuholen, wenn die
gutachterlichen Feststellungen als unvollständig oder mangelhaft erachtet werden
oder das Gutachten aus anderen Gründen wenig überzeugend erscheint. Will das
Gericht sich auf die Beurteilung eines anderen Experten stützen, ist dies nur zu-
lässig, wenn sich dessen Beurteilungen hinsichtlich Fundiertheit und Überzeu-
gungskraft als überzeugender erweisen als die ursprüngliche gutachterliche Beur-
teilung (Urk. 133 S. 10 mit Verweis auf Urk. 131 S. 6 mit Hinweisen). Unstreitig ist,
dass sich das Gericht beim Entscheid des Gerichts betreffend die Anordnung ei-
ner Massnahme zwingend auf ein sachverständiges Gutachten abstützen muss
(Art. 56 Abs. 3 StGB). Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts darf in
Fachfragen von diesen gutachterlichen Feststellungen nur dann abgewichen wer-
den, "wenn wirklich gewichtige zuverlässig begründete Tatsachen oder Indizien
dessen Überzeugungskraft erheblich erschüttern" (Bundesgerichtsentscheid
6B_829/2013 vom 6.05.2015, E. 4.1). Darauf verweist sowohl die Vorinstanz als
auch die Verteidigung (Urk. 90 S. 27 mit Hinweisen, Urk. 133 S. 10 mit Verweis
auf Art. 131 S. 6).
7.6. Die Vorinstanz hat zutreffend dargelegt, dass die gesetzlichen Vor-
aussetzungen für die Anordnung einer Massnahme im Sinne von Art. 56 ff. StGB
- 36 -
erfüllt sind (Urk. 90 S. 22). Darauf kann vorab verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4
StPO). Dass der Beschuldigte massnahmebedürftig und massnahmefähig ist,
steht unstreitig fest (Urk. 67 S. 7 ff., Urk. 68 S. 10 ff., Urk. 133 S. 10 ff.). Der Be-
schuldigte zeigt sich grundsätzlich auch massnahmewillig, was sich insbesondere
auch am Umstand zeigt, dass dem Beschuldigten auf sein Gesuch hin der vor-
zeitige Massnahmevollzug bewilligt worden ist (Urk. 77). Bereits zu Beginn des
Verfahrens zeigte er die Bereitschaft für eine ambulante Massnahme (Urk. 4/2
S. 11, Urk. 4/4 S. 6). Eine stationäre Massnahme lehnte er zunächst allerdings ab
(Urk. 4/4 S. 6 f.). Anlässlich der Hauptverhandlung erklärte er, eine Massnahme
für junge Erwachsene machen zu wollen. Insbesondere wichtig sei für ihn, dass er
schrittweise auf die Freiheit vorbereitet werde und seine Lehre abschliessen kön-
ne (Prot. I S. 31 f.). Auch an der Berufungsverhandlung erklärte sich der Beschul-
digte mit einer Therapie für junge Erwachsene im Sinne von Art. 61 StGB ein-
verstanden, sprach sich aber nach wie vor gegen die Anordnung einer stationären
therapeutischen Massnahme aus. Als Begründung brachte er vor, dass die In-
sassen in der FPA mindestens doppelt so alt seien wie er. Ferner erachte er es
als hart, wenn seine erste Strafe im Erwachsenenstrafrecht zugleich eine 59-er
Massnahme sei. Er kenne die Statistiken und habe im Fernsehen auch schon Do-
kumentationen gesehen und einiges in den Zeitungen gelesen. Aufgrund der ge-
setzlich vorgesehenen Dauer und Verlängerungsmöglichkeit einer stationären
therapeutischen Massnahme befürchte er, dass eine solche nie enden und er so
den Anschluss draussen verlieren würde (Urk. 132 S. 11 f.).
7.7. Fest steht damit, dass sich die Anordnung einer Massnahme als zwingend
notwendig erweist. Strittig hingegen ist, welche Massnahme anzuordnen ist, um
den Bedürfnissen des Beschuldigten sowie der Öffentlichkeit am Besten gerecht
zu werden.
7.8. Soweit sich die Verteidigung auf den Standpunkt stellt, dass es für die An-
ordnung einer Massnahme nach Art. 59 StGB schon an der Voraussetzung einer
schweren psychischen Störung fehle, kann dem gestützt auf die gutachterlichen
Feststellungen nicht gefolgt werden. Es trifft nicht zu, wenn die Verteidigung vor-
bringt, dass der Gutachter eine Persönlichkeitsstörung verneint habe und bereits
- 37 -
für einen Laien evident sei, dass die massgeblichen Kriterien des ICD-10 nicht er-
füllt seien (Urk. 133 S. 10). Vorab ist anzumerken, dass die Einschätzung eines
Laien betreffend die Diagnostik nicht von Relevanz sein kann. Sodann ist zu be-
tonen, dass der Gutachter bereits in seinem ursprünglichen Gutachten und noch
vor dem Bekanntwerden der zwei weiteren, nunmehr durch die Vorinstanz bereits
abgeurteilten Nebendelikte beim Beschuldigten ein ausgeprägtes ADHS des Er-
wachsenenalters mit ausgeprägter Impulsivität (ICD-10: F 90.0) sowie akzentuier-
te dissoziale Persönlichkeitszüge diagnostiziert hatte (vgl. Urk. 90 S. 22 mit Ver-
weis auf Urk. 23/11 S. 44/45). In dem – aufgrund der zutage getretenen zwei
Rückfalltaten erstellten – Ergänzungsgutachten sah der Gutachter dann eine der-
art ausgeprägte Gesamtproblematik des Beschuldigten, dass sie "bereits mit einer
deutlichen Persönlichkeitsstörung gleichgesetzt werden könne". Das gute An-
sprechen auf Concerta weise aber darauf hin, dass die Impulsivität im Bereich
des ADHS und nicht bei einer emotional instabilen Persönlichkeitsproblematik zu
verorten sei (Urk. 23/18 S. 13, 23). Mit der Vorinstanz ist weiter hervorzuheben,
dass der Gutachter an der Hauptverhandlung das Störungsbild des Beschuldigten
ausdrücklich als schwer bezeichnete. Er hielt dafür, dass man als Gutachter bei
jungen, unreifen Personen noch einen gewissen Spielraum habe, ob man bereits
die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung stellen wolle, oder ob man, quasi um
eine unnötige Stigmatisierung zu vermeiden, noch von Akzentuierung spreche,
insbesondere auch in der Hoffnung, dass man therapeutisch noch so viel beugen
könne, dass es im Erwachsenenalter nicht so weiter gehe. Der Schweregrad der
Störung sei allerdings einer Persönlichkeitsstörung gleichzusetzen. Andere Gut-
achter würden bei der vorliegenden Konstellation sogleich von Beginn weg eine
Persönlichkeitsstörung diagnostizieren und auf den Begriff der Akzentuierung ver-
zichten. Die beim Beschuldigten festzustellende Impulsivität erweise sich als sehr
zeitstabil und zeige sich in verschiedenen Lebensbereichen des Beschuldigten.
Entsprechend könne man – je nach verfolgtem Ansatz des Gutachters – durchaus
von einer Persönlichkeitsstörung sprechen (Prot. I S. 37). Damit erweist sich das
Vorliegen einer psychischen Störung in dem vom Gesetz verlangten Umfang (vgl.
Art. 59 Abs. 1 lit. a StGB sowie Art. 63 Abs. 1 StGB) als gegeben.
- 38 -
7.9. Bei der Erstellung des Hauptgutachtens ist der Umstand nicht bekannt ge-
wesen, dass der Beschuldigte bereits zweimal einschlägig rückfällig geworden
war. Demnach hat sich der Beschuldigte eben – entgegen der ursprünglichen An-
nahme im Hauptgutachten (Urk. 23/11 S. 48, 50) – keinesfalls seit längerer Zeit
rückfallfrei verhalten (Urk. 90 S. 24). Bereits im Hauptgutachten wurde aber da-
rauf hingewiesen, dass bei einer einschlägigen Rückfälligkeit die empfohlene am-
bulante Massnahme in einem geschützten Rahmen weiterzuführen und die Not-
wendigkeit einer Umwandlung in eine stationäre Massnahme nach Art. 59 StGB
zu reflektieren wäre (Urk. 23/11 S. 49). Mit der Vorinstanz ist zu betonen, dass
sich die beim Beschuldigten nach (ursprünglicher) gutachterlicher Einschätzung
vorhandene Stabilität, Problemeinsicht und Distanzierung von der damaligen Tat-
handlung während der Begutachtung als Fassade herausgestellt hatte. Dies zeige
nach Einschätzung des Gutachters auch das Geschick des Beschuldigten auf,
welches er sich über viele Jahre durch sozialpädagogische Interventionen in pro-
fessionellem Betreuungssetting angeeignet habe (Urk. 90 S. 24 mit Verweis auf
Urk. 23/18 S. 15). Gerade auch deshalb sprach sich der Gutachter bereits im
Hauptgutachten in klarer Weise gegen die Anordnung einer Massnahme für ju-
gendliche Erwachsene im Sinne von Art. 61 Abs. 1 StGB aus (Urk. 23/11 S. 48,
50). Zum einen begründete er dies mit den durch den Beschuldigten in der Ver-
gangenheit bereits durchlaufenen aber (zumindest teilweise) erfolglos gebliebe-
nen Behandlungen mit ähnlichen Schwerpunkten, namentlich im Bereich der So-
zialpädagogik (Urk. 23/11 S. 50; Urk. 23/18 S. 16; Prot. I S. 39, 42). Zum anderen
wies er darauf hin, dass der Beschuldigte gerade bei Einbettung in eine dissoziale
Peer-Group und generell bei Überforderung durch die soziale Einbettung bei nie-
derschwelliger Provozierbarkeit instabiler werde und eher zu Gewalthandlungen
neige (Urk. 23/11 S. 48, 50). Zwar solle der Beschuldigte im Massnahmevollzug
durchaus gefordert werden. So könnten die Vollzugserfahrungen auch als Mass-
stab für Therapieerfolge hinsichtlich Impulskontrolle genutzt werden. Allerdings
scheine die Einbettung in ein Erwachsenenklientel für die Reifung des Beschul-
digten förderlicher (Urk. 23/18 S. 16). An dieser Einschätzung hielt der Gutachter
auch anlässlich der Hauptverhandlung fest (Prot. I S. 39 f.). Dort führte er auch
aus, dass bei einer stationären Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB die Belas-
- 39 -
tungserprobungen besser und die Vollzugslockerungen mindestens genauso gut
seien, wie bei einer Massnahme für junge Erwachsene im Sinne von Art. 61
StGB, wo aber der "therapeutisch gesetzte Stress" im Sinne der Einbettung in die
Peer-Group negativ ins Gewicht falle. Die Kultur, die Atmosphäre sei mit Erwach-
senen eine deutlich andere und biete mehr Struktur. Dem Beschuldigten gehe es
besser, wenn er sich in Ruhe fokussieren könne, und diese Ruhe habe er eher im
Erwachsenenbereich. Wichtig sei mehr Kontrolle, und die richtige Medikation,
damit man sehe, ob der Beschuldigte unter solchen Bedingungen besser funktio-
niere (Prot. I S. 40 ff.).
7.10. Aufgrund der veränderten Ausgangslage konnte der Gutachter im Er-
gänzungsgutachten nur noch sehr bedingt an der Empfehlung festhalten, eine
ambulante Massnahme nach Art. 63 StGB auszusprechen, wobei nunmehr nur
noch eine strafvollzugsbegleitende Massnahme als geeignet erachtet wurde
(Urk. 23/18 S. 15). Der aufgrund der mehrfachen Rückfälligkeit und der nunmehr
deutlich bis hohen Rückfallgefahr (Urk. 23/18 S. 14, 17; Prot. I S. 39) zwingend
als notwendig erachtete geschützte Rahmen müsse – vor Entlassung und am-
bulanter Weiterbehandlung – über einen Zeithorizont von mindestens 1.5 bis
2 Jahren effektiver Therapiedauer gewährleistet sein. Der Beschuldigte bedürfe
einer eingehenden psychotherapeutischen und insbesondere auch medika-
mentösen deliktpräventiven Behandlung; insbesondere die Kombination mit
Mood-Stabilizern sollte versucht werden. Nur so könne eine tragfähige Besserung
der Legalprognose erzielt werden. Dabei zu berücksichtigen sei, dass bis zum ei-
gentlichen Massnahmebeginn auch bei vorzeitigem Massnahmeantritt mit mehre-
ren Monaten wegen administrativer Abläufe wie Abklärungen zu rechnen wäre.
Könne auch in dieser Zeit keine signifikante Besserung der belasteten Legalprog-
nose erreicht werden, wäre an eine Umwandlung in eine stationäre Massnahme
im Sinne von Art. 59 StGB zu denken. Erweise sich der Strafrest als zu kurz, sei
schon zu Beginn eine solche zu favorisieren (Urk 23/18 S. 15 ff., Prot. I S. 41).
7.11. Wie Dr. E._ immer wieder klar und nachvollziehbar betont, ist er der
Ansicht, dass der Beschuldigte ungenügend und/oder falsch mediziert sei. An der
Hauptverhandlung erklärte er auf Vorhalt der damals aktuellen Medikamente
- 40 -
(36 mg Concerta morgens und mittags, 1 mg Risperdal abends): "Das sind nicht
diese Medikamente, welche ich meine. Das Risperdal ist im Rahmen des ADHS
dafür da, um ein bisschen ruhiger zu werden. Das heisst, der Beschuldigte ist im
Sinne einer Deliktsprävention weiterhin nicht mediziert. Das ist das, was ich be-
fürchtet habe und das finde ich schade" (Prot. I S. 40). Die Wichtigkeit der optima-
len medikamentösen Einstellung und der gleichzeitigen Einbettung derselben in
eine psychotherapeutische Behandlung betonte der Gutachter auch in seinem
Schreiben an den vorinstanzlichen Vorsitzenden betreffend die optimale Aus-
gestaltung der Massnahme im Zusammenhang mit dem vorzeitigen Massnahme-
antritt des Beschuldigten. Angezeigt erscheine eine Medikation mit Mood-
Stabilizern wie Lithium, Carbamazepin oder Valproat, evtl. auch eine Kombination
aus dieser Medikamentengruppe und zudem möglicherweise eine Einstellung auf
Neuroleptika in einer Dosierung, die antiaggressiv wirke. Gesamthaft erachtete er
die bisherige Medikation bezüglich ADHS als nicht ausreichend; eine spezifisch
auf die Impulskontrollproblematik ausgerichtete Medikation sei dringend erforder-
lich (Urk. 73). Umso mehr erstaunt es, dass – gemäss den Angaben des Be-
schuldigten an der Berufungsverhandlung – die Medikation bis heute nicht ange-
passt worden ist, was angesichts des bewilligten vorzeitigen Massnahmeantritts in
der Verantwortung des Justizvollzugs läge. Abgesehen vom Concerta und dem
Risperdal erhält der Beschuldigte offenbar keine weiteren Medikamente im vor-
zeitigen Massnahmevollzug (Urk. 132 S. 20).
7.12. Gestützt auf die in jeder Hinsicht nachvollziehbaren und überzeugenden
gutachterlichen Ausführungen kommt lediglich die Anordnung einer stationären
therapeutischen Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB oder eine vollzugsbeglei-
tende ambulante Massnahme in Frage. Damit steht nach Auffassung des Gutach-
ters die Anordnung einer Massnahme für junge Erwachsene nach Art. 61 StGB
– entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 133 S. 16 ff.) – ausser Diskussion:
7.13. Wie gesehen (vgl. vorstehende Erw. 7.9), erachtete der Gutachter bereits
im Hauptgutachten eine Massnahme für junge Erwachsene als nicht zielführend.
Auch in dem aufgrund der Rückfälle notwendig gewordenen Ergänzungsgutach-
ten und auch anlässlich der Hauptverhandlung hielt die Verteidigung mit gleich
- 41 -
bleibender Begründung an seiner Auffassung, wonach eine Massnahme für junge
Erwachsene nicht geeignet sei, fest. Die diesbezüglichen differenzierten und kla-
ren Aussagen von Dr. E._ überzeugen vollumfänglich. Es besteht keine Ver-
anlassung, von den schlüssigen Folgerungen des Gutachters abzuweichen. Ins-
besondere kann der Verteidigung nicht gefolgt werden, wenn sie dafür hält, dass
der Gutachter von falschen Prämissen ausgegangen sei. Die Verteidigung wendet
sich gegen die gutachterliche Argumentation, wonach die Umgebung eines Er-
wachsenenklientels und die damit einhergehende Umgebung für den Beschuldig-
ten förderlicher sei als ein milieutherapeutisches Setting unter Gleichaltrigen
(Urk. 133 S. 14 f.). Diese abweichende Meinung der Verteidigung vermag aller-
dings die fachkundige Auffassung des Gutachters in keiner Weise erschüttern.
Daran ändert auch nichts, wenn die Verteidigung in seinem Plädoyer die Meinung
eines sich nicht zur Erkennung gebenden "versierten Kenners der forensischen
Praxis" zitiert, welcher die Auffassung des Verteidigers teilt (vgl. Urk. 133
S. 19 ff.). Mit der Staatsanwaltschaft (Prot. II S. 18) erweist es sich als problema-
tisch, wenn die auf einer ausführlichen Exploration des Beschuldigten beruhenden
Schlussfolgerungen eines gerichtlich bestellten Gutachters von jemandem in Fra-
ge gestellt werden, der den Beschuldigten zuvor nie getroffen hat und sich auch
namentlich nicht zu erkennen geben will. Offenbar hat sich dieser Unbekannte
seine Meinung aufgrund der ihm vorgelegten Akten gebildet, wie er dies im Rah-
men seiner Ausführungen selbst zu erkennen gab (Urk. 133 S. 21). Ferner muss
die Qualifikation des angeblich "versierten Kenners" offen bleiben, erfolgte doch
seine Stellungnahme in anonymisierter Form. Diesen Ausführungen kann dem-
nach keinesfalls eine Bedeutung beigemessen werden, die über eine Partei-
behauptung hinausginge. Es ist absolut nachvollziehbar, wenn der Gutachter die
Einbettung der vorab medikamentösen Therapie des Beschuldigten in ein ruhige-
res, strukturierteres und stabileres Erwachsenenumfeld für den Beschuldigten
förderlicher erachtet und deshalb eine Massnahme gestützt auf Art. 61 StGB eben
gerade nicht empfiehlt. Damit kann der Verteidigung nicht gefolgt werden, wenn
sie davon ausgeht, dass der Gutachter nur gestützt auf die – nach Auffassung
des Verteidigers komplett falschen – Vorstellungen betreffend die Vollzugs-
modalitäten die Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme einer
- 42 -
grundsätzlich ebenfalls geeigneten Massnahme für junge Erwachsene vorzieht
(Urk. 133 S. 16 ff.). Die diesbezügliche Argumentation des Beschuldigten zielt ins
Leere.
7.14. Ebenso nicht gefolgt werden kann der Verteidigung, wenn sie dafür hält,
dass aufgrund der unterschiedlichen Experteneinschätzungen ein eigentliches
Argumentationschaos herrsche (Urk. 133 S. 19):
7.14.1 Mit diesem Vorbringen nimmt die Verteidigung Bezug auf das parallel lau-
fende verwaltungsrechtliche Verfahren betreffend die Unterbringung des Beschul-
digten im Rahmen des vorzeitigen Massnahmevollzugs (vgl. Urk. 129 S. 10 mit
Verweis auf Urk. 131). Ausgangslage ist, dass der vorzeitige Massnahmeantritt
gestützt auf die Verfügung vom 25. Februar 2015 rückwirkend per 11. November
2014 in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Vollzug gesetzt wurde
(Urk. 105/28). Da sich der Beschuldigte zu dieser Zeit bereits auf der FPA befun-
den hatte, wurde implizit auch darüber verfügt, auf welcher Abteilung der vorzeiti-
ge Massnahmevollzug durchzuführen ist (Urk. 110 S. 6). Damit wurde der Be-
schuldigte genau auf derjenigen Abteilung untergebracht, von welcher gemäss
gutachterlicher Empfehlung ausdrücklich abgeraten worden war (Urk. 73). Nach-
dem auf das Gesuch des Beschuldigten um Wiedererwägung der Verfügung nicht
eingetreten worden war, wurde auch der gegen die Verfügung erhobene Rekurs
mit Verfügung der Direktion der Justiz und des Innern vom 30. Juni 2015 abge-
wiesen (Urk. 110). Dabei stützte sich die Direktion der Justiz und des Innern vor-
ab auf einen Bericht des PPD's, in welchem sich die stellvertretende Chefärztin
nach entsprechender Aufforderung der Bewährungs- und Vollzugsdienste zur
Frage geäussert hatte, ob und weshalb eine Platzierung des Beschuldigten im
Setting der FPA aus therapeutischer Sicht eher indiziert sei, als eine Unter-
bringung beispielsweise im Massnahmezentrum G._ (Urk. 110 S. 4 f.,
Urk. 120 S. 1). Darin wurde im Vergleich zum Gutachten von Dr. E._ – zu-
mindest in der Terminologie – eine leicht abweichende Diagnose gestellt (Kombi-
nierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen und narzisstischen Zügen, ICD-10:
F61.0, ADHS des Erwachsenenalters, ICD-10: F90.0). Aufgrund dieser abwei-
chenden diagnostischen Beurteilung wurde sodann die Empfehlung des Gutach-
- 43 -
ters zur Therapie sowie Verbesserung der Legalprognose in Frage gestellt. Der
PPD erachtete "die im Gutachten vorab als wenig geeignet bezeichneten Behand-
lungsansätze" als wesentliche Elemente der zwingend notwendigen Therapie der
Persönlichkeitsstörung. Anders als der Gutachter (vgl. vorstehende Erw. 7.11)
ging die stellvertretende Chefärztin in ihrer Stellungnahme davon aus, dass der
Beschuldigte bei Begehung des zweiten und dritten Anlassdeliktes (ND 1 und 2)
im Hinblick auf sein ADHS bereits adäquat behandelt worden sei. Wiederum in
Abweichung der gutachterlichen Feststellungen stellte sich die stellvertretende
Chefärztin sodann auf den Standpunkt, dass der Beschuldigte die Anlassdelikte
geplant habe und diese eben – entgegen der Auffassung des Gutachters (vgl.
vorstehende Erw. 7.8) – gerade nicht impulsiv erfolgt seien. Daraus schloss sie,
dass der "im Gutachten einzig empfohlene Behandlungsansatz – eine medika-
mentöse Behandlung der Impulsivität" als nicht ausreichend erachtet werden
könne. Ferner ist der Stellungnahme des PPD's zu entnehmen, dass "ihre eige-
nen Abklärungen" keine Anhaltspunkte ergeben hätten, welche eine Behandlung
des Beschuldigten auf der FPA kontraindiziert erscheinen liessen. Vielmehr er-
achteten sie die FPA als für den Beschuldigten "bestens eingerichtet" (Urk. 120
S. 4).
7.14.2 Es trifft zu, wenn die Verteidigung vorbringt, dass sich die Auffassungen
des Gutachters und jene des PPD's betreffend die Einschätzungen hinsichtlich
des sinnvollen Therapiekonzepts diametral widersprechen (Urk. 133 S. 13). Da-
raus kann aber keineswegs abgeleitet werden, dass die auf der Exploration des
Beschuldigten beruhende ausführliche und differenzierte gutachterliche Ein-
schätzung von Dr. E._ in Zweifel gezogen werden müsste oder der Ergän-
zung bedürfte. Die Überzeugungskraft eines Gutachtens wird nicht einfach durch
das blosse Gegenüberstellen einer anderen Auffassung ins Wanken gebracht.
Die Einschätzung des PPD's liefert weder zuverlässig begründete Tatsachen
noch Indizien, welche geeignet wären, das Gutachten von Dr. E._ in seiner
Überzeugungskraft zu erschüttern. Insbesondere trifft es nicht zu, dass der Gut-
achter als einziger Behandlungsansatz eine medikamentöse Behandlung der Im-
pulsivität empfiehlt. Vielmehr betont der Gutachter ausdrücklich auch die Notwen-
digkeit einer eingehenden psychotherapeutischen Behandlung (vgl. vorstehende
- 44 -
Erw. 7.10). Wie auch die Verteidigung in ihrer Beschwerdeschrift an das Verwal-
tungsgericht moniert, bleibt sodann völlig unklar, auf welche Quellen sich der PPD
bzw. die stellvertretende Chefärztin bei ihrer Beurteilung gestützt hat und ob
überhaupt Explorationsgespräche mit dem Beschuldigten durchgeführt worden
sind. Aufgrund dieses Umstandes kommt denn auch die Verteidigung zum
Schluss, dass ein solcher Bericht nicht geeignet ist, Empfehlungen eines Gutach-
tens auszuhebeln (Urk. 131 S. 8 f.). Gleiches muss aber auch für die seitens der
Verteidigung eingeholte Drittmeinung eines Unbekannten gelten.
7.14.3 Dass der Bericht des PPD's nicht die Qualität einer für die gerichtliche
Massnahmeanordnung vorausgesetzte sachverständige Begutachtung im Sinne
von Art. 56 Abs. 3 StGB aufweisen kann, ergibt sich schon aus dem Umstand,
dass der behandelnde Arzt nicht als Gutachter beigezogen werden darf. Vielmehr
sind an die Unabhängigkeit des Sachverständigen hohe Anforderungen zu stellen
(Trechsel/Borer, StGB PK, 2. Auflage 2013, Art. 56 N 11, 17). Aber auch sonst
gibt es – entgegen der Ansicht der Verteidigung – keine Veranlassung, von den
detaillierten, differenzierten und ausführlich begründeten gutachterlichen Fest-
stellungen des gerichtlich bestellten Gutachters abzuweichen. Davon, dass der
Bericht des PPD's das Gutachten von Dr. E._ derart erschütterte, dass das-
selbe ganz grundsätzlich in Frage gestellt werden müsste, kann keine Rede sein.
Damit fallen weitere Abklärungen betreffend die Wahl der anzuordnenden Mass-
nahme, wie sie die Verteidigung beantragt hat, ausser Betracht.
7.14.4 Wenn sich aber die Empfehlungen des Gutachters in sich schlüssig er-
weisen, ist nicht einzusehen, weshalb die Empfehlung des Gutachters hinsichtlich
der optimalen Ausgestaltung der angeordneten Massnahme, wonach eine Unter-
bringung in der FPA eben gerade nicht angezeigt erscheine (vgl. Urk. 73 S. 2),
nicht berücksichtigt werden sollte. Auch wenn der Massnahmevollzug unbestritte-
nermassen der Vollzugsbehörden obliegt und die Bestimmung der geeigneten
Einrichtung zu ihren Kernkompetenzen zu zählen sind, ist auch gemäss der
Rechtsprechung des zürcherischen Verwaltungsgerichts nur bei Vorliegen von
triftigen Gründen von gerichtlichen Vollzugsempfehlungen abzuweichen (Verwal-
- 45 -
tungsgerichtsentscheid des Kantons Zürich VB.2014.00726 vom 13.05.2015, E. 2
und 3; Beschwerde am Bundesgericht noch hängig).
7.15. Die Vorinstanz hat sich – nach Prüfung der entsprechenden Voraus-
setzungen und unter Verweis auf die überzeugenden Überlegungen des Gutach-
ters – für die Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme im Sinne
von Art. 59 StGB entschieden und dies nachvollziehbar begründet (Urk. 90
S. 27 f.). Darauf kann vollumfänglich verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
Auch die Staatsanwaltschaft sowie die Verteidigung gingen anlässlich der Haupt-
verhandlung davon aus, dass nach gutachterlicher Einschätzung eine stationäre
therapeutische Massnahme indiziert sei (Prot. I S. 41, 45, 49 f.).
7.16. Der Entscheid für eine stationäre therapeutische Massnahme überzeugt
insbesondere aufgrund des Umstandes, dass im Rahmen einer stationären
Therapie optimal auf die Behandlungsbedürfnisse des Beschuldigten einge-
gangen werden kann, wie dies der Gutachter an der Hauptverhandlung betonte
(Prot. I S. 41).
Dass hierfür geeignete Einrichtungen bestünden, bestätigte der Gutachter durch-
wegs und verwies diesbezüglich sowohl auf die Pöschwies als auch das Mass-
nahmezentrum G._ (Urk. 23/18 S. 16). In einem späteren Schreiben betref-
fend die optimale Ausgestaltung der Massnahme fügte er – wie gesehen – als
weitere mögliche Einrichtung noch die Massnahmestation in H._ an und hielt
präzisierend fest, dass die Justizvollzugsanstalt Pöschwies zwar geeignet sei,
nicht aber die dortige FPA (Urk. 73 S. 2). Damit stehen unstreitig geeignete Voll-
zugsorte zur Verfügung, wobei die konkrete Anstaltswahl – dies aber in Berück-
sichtigung der klaren gutachterlichen Äusserung – von der Vollzugsbehörden vor-
zunehmen sein wird (Bundesgerichtsentscheid 6B_967/2010 vom 22.03.2011,
E. 6.5, vgl. auch vorstehende Erw. 7.14.4). Weiter spricht für die Anordnung einer
stationären therapeutischen Massnahme die grosse Flexibilität in der Behand-
lungsplanung (Urk. 23/18 S. 16). Demnach könne nach einer ersten intensiveren
Phase mit einer medikamentösen Optimierung recht zügig in die Lockerung über-
gegangen werden. So könne man erkennen, wie der Beschuldigte auf die Medika-
mentation anspreche und wie er sich in der Freiheit zu Recht finde (Prot. I S. 41).
- 46 -
Eine stationäre therapeutische Massnahme sei sodann auch gegen den Willen
des Beschuldigten erfolgsversprechend. Allerdings würde dies gemäss gutachter-
licher Einschätzung eine Verlängerung der Interventionsdauer bedeuten
(Urk. 23/18 S. 18). Wie der Gutachter sodann darauf hinweist, sichert eine statio-
näre therapeutische Massnahme den zeitlichen Rahmen, um mit einer eingehen-
den psychotherapeutischen und insbesondere auch medikamentösen delikt-
präventiven Behandlung die Legalprognose des Beschuldigten mit genügenden
Erfolgsaussichten zu verbessern (Urk. 23/18 S. 15 f, Prot. I S. 41). Auf die ent-
sprechende Vollzugsdatenlage verwies der Gutachter denn auch in seinem späte-
ren Schreiben betreffend die Empfehlung bezüglich der optimalen Ausgestaltung
der angeordneten Massnahme aus gutachterlicher Sicht (Urk. 73). Dies muss
heute umso mehr gelten. Würde vom Aufschub der Freiheitsstrafe abgesehen,
verbliebe bis zum 2/3-Termin einer allfälligen bedingten Entlassung nur noch ge-
rade etwas mehr als ein halbes Jahr, befindet sich der Beschuldigte bis und mit
heute doch bereits seit mehr als zwei Jahren (770 Tage) in Haft beziehungsweise
im vorzeitigen Straf-/Massnahmevollzug. Ebenso ist in Betracht zu ziehen, dass
aus dem seitens des Obergerichts beigezogenen Vollzugsbericht vom 31. August
2015 hervorgeht, dass die deliktspezifische Arbeit mit dem Beschuldigten – der
sich zwar seit November 2014 in der FPA aufhält –, "aufgrund seiner kurzen Auf-
enthaltsdauer" erst anlaufe (Urk. 127/A).
7.17. Damit erweist sich eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne
von Art. 59 StGB als die geeignetste Form zur optimalen Erreichung des Mass-
nahmezwecks, namentlich durch medikamentöse Einstellung sowie einer ein-
gehender deliktpräventiver Behandlung durch forensisch erfahrene Therapeuten
(vgl. zum Inhalt der Therapie Urk. 3/18 S. 17).
7.18. Die Massnahme ist kumulativ zur grundsätzlich zu vollziehenden Frei-
heitsstrafe anzuordnen, welche allerdings von Gesetzes wegen zugunsten der
Massnahme aufgeschoben wird (Art. 57 Abs. 1 und 2 StGB).
7.19. Die erkennende Kammer kommt nicht umhin, die Vorgehensweise des
Bewährungs- und Vollzugsdienstes bzw. des PPD zu kritisieren:
- 47 -
7.19.1. Dr. med. E._ (ein gemäss der Verordnung über psychiatrische und
psychologische Gutachten in Straf- und Zivilverfahren [PPGV] zugelassener Gut-
achter) erstellte im Auftrag der Staatsanwaltschaft am 29. Juli 2013 ein umfas-
sendes, rund 50-seitiges Gutachten (Urk. 23/11). Weil nach Erstattung des Gut-
achtens weitere Delikte des Beschuldigten bekannt wurden, erstellte Dr. med.
E._ am 22. Januar 2014 wiederum im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein Er-
gänzungsgutachten (Urk. 23/18). Zusätzlich wurde Dr. med. E._ anlässlich
der Hauptverhandlung vom 20. August 2014 als Gutachter befragt (Prot. I S. 34 -
44). Schliesslich äusserte sich der Gutachter Dr. med. E._ mit Brief vom 27.
August 2014 (Urk. 73) gegenüber der Vorinstanz in Nachachtung von Art. 56 Abs.
3 lit. c StGB zu einem möglichen Vollzugsort. Dabei hielt der Gutachter dafür,
dass für den Vollzug einer Massnahme nach Art. 59 StGB das Massnahmezent-
rum G._ oder die Massnahmestation H._, jedoch weniger das Psychiat-
riezentrum I._ (aufgrund des dortig anderen Fokus) in Frage kämen. Zudem
schrieb der Gutachter ausdrücklich folgendes: "Die JVA Pöschwies ist geeignet,
wobei Herr A._ explizit nicht auf die Abteilung FPA platziert werden sollte.
Das dortige Aufenthaltsprofil ist im konkreten Fall des Exploranden nicht ange-
zeigt" (Urk. 73 S. 2).
Mit Präsidialverfügung der Vorinstanz wurde dem Beschuldigten der vorzeitige
Massnahmeantritt bewilligt (Urk. 77).
Mit Brief vom 23. September 2014 (Urk. 105/15) gelangten die Bewährungs- und
Vollzugsdiente (BVD) an die Forensisch-Psychiatrische Abteilung FPA der Justiz-
vollzugsanstalt Pöschwies mit der Anfrage, ob die FPA die stationäre Behandlung
des Beschuldigten übernehmen könne.
Am 2. Oktober 2014 teilte die damalige Verteidigung gestützt auf die Aus-
führungen des amtlich bestellten Gutachters dem BVD mit, dass ein vorzeitiger
Massnahmeantritt in der FPA nicht in Frage komme. Erneut wurde auf andere
mögliche Vollzugsorte hingewiesen (Urk. 105/18).
Am 3. Oktober 2014 wurde seitens des BVD eine "Risikosprechstunde" durchge-
führt. Dabei wurde über die gutachterlichen Feststellungen und Einschätzungen
referiert. Abschliessend wurde im Bericht folgendes festgehalten (Urk. 105/19 S. 4
unten): "Nach Sichtung der uns zur Verfügung stehenden Informationen schlies-
- 48 -
sen [wir] uns den Ausführungen im Gutachten (2013) an. Das Risiko für Gewalt-
delikte mit möglicherweise schweren Opferschädigungen ist bei RS im Vergleich
zur Normalbevölkerung erheblich erhöht (es ist von einem mindestens mittelgra-
digen Risiko auszugehen). Es ist deshalb eine Triagierung in der SMV3 indiziert".
Vom 20. November 2014 datiert die "ROS-Abklärung", wobei weitgehend die Er-
kenntnisse der Amtsgutachten referiert werden. Dann wurde ein "Fallkonzept" er-
stellt. Wiederholt wurde in dieser Abklärung darauf hingewiesen, dass man sich
den Einschätzungen des Gutachters Dr. med. E._ anschliesse (Urk. 105/23).
Im Vollzugsplan vom 25. November 2014 wurde dann – ohne weitere Be-
gründung – als Mittel zur Erreichung der formulierten Ziele ausgeführt, der Vollzug
der Massnahme erfolge in der FPA (Urk. 105/24; Vollzugsplan).
Am 25. Februar 2015 erliess der BVD eine Verfügung, mit welcher der vorzeitige
Straf- und Massnahmeantritt geregelt wurde (Urk. 105/28). Ohne nähere Be-
gründung wurde festgehalten, dass der Beschuldigte am 11. November 2014 "in
die FPA habe übertreten können" und dass der PPD mit der Durchführung der
stationären Massnahme beauftragt werde.
Am 18. März 2015 reichte die Verteidigung des Beschuldigten beim Amt für Jus-
tizvollzug ein Wiedererwägungsgesuch ein mit dem Ziel, dass der Beschuldigte
die Massnahme nicht in der FPA, sondern in einer vom amtlichen Gutachter
Dr. med. E._ empfohlenen Institution absolvieren könne (Urk. 105/30).
Mit Schreiben vom 19. März 2015 ersuchte die Fallverantwortliche des BVD Frau
Dr. med. J._, Leiterin der Abteilung für Risiko- und Interventionsabklärungen,
um eine Stellungnahme, warum der Beschuldigte entgegen der Empfehlung von
Dr. med. E._ doch in der FPA untergebracht worden sei (Urk. 105/31). Einer
Aktennotiz vom 19. März 2015 des BVD (Urk. 105/32) ist folgender Passus zu
entnehmen: "Auf Nachfrage teilen sowohl Dr. med. J._ als auch dipl. psych.
K._ der FPA mit, dass die Unterbringung von A._ auf der FPA der JVA
Pöschwies aufgrund seines Störungsbildes und seines Interventionsbedarfs in
hohem Masse indiziert erscheine und einer Versetzung ins MZ G._ deutlich
vorzuziehen sei. Die Empfehlung des Gutachters Dr. med. E._ in dessen
Stellungnahme vom 27. August 2014, in welcher dieser explizit von einer Unter-
bringung auf der FPA abrät und stattdessen eine Platzierung im MZ G._
- 49 -
empfiehlt, werde seitens des PPD inhaltlich als nicht nachvollziehbar empfunden".
Es wurde vereinbart, dass der PPD diesbezüglich eine Stellungnahme zur not-
wendigen Unterbringungs- bzw. Therapieform verfassen werde.
Mit Verfügung vom 20. März 2015 (Urk. 105/33) trat der BVD auf das Wieder-
erwägungsgesuch des Beschuldigten nicht ein mit der Begründung, es liege in
der Kompetenz der Vollzugsbehörde zu entscheiden, in welcher Institution eine
Massnahme vollzogen werde, wobei die Platzierung des Beschuldigten in der
FPA "gestützt auf die professionelle Risiko- und Interventionsabklärung des PPD"
vorgenommen worden sei. Der Beschuldigte rekurrierte gegen diesen Entscheid
an die Direktion der Justiz und des Innern.
Am 22. April 2015 erstattete Dr. med. J._ vom PPD dem BVD Bericht dar-
über, warum sie den Beschuldigten in der FPA platziert hätten (Urk. 120). In die-
sem Bericht wurden die Diagnosen einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit
dissozialen und narzisstischen Zügen (ICD-10: F61.0) sowie einer Aufmerksam-
keits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung des Erwachsenenalters (ICD-10: F90.0) ge-
stellt und dann folgendes ausgeführt (Urk. 120 S. 2): "Mit dieser diagnostischen
Beurteilung weichen wir in Teilen von der gutachterlichen Beurteilung ab, indem
wir eine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Daraus folgt auch eine von den
Empfehlungen des Gutachters abweichende Einschätzung der notwendigen
Therapie".
Mit Verfügung der Direktion der Justiz und des Innern vom 30. Juni 2015 wurde
der Rekurs des Beschuldigten gegen den Nichteintretensentscheid auf sein Wie-
dererwägungsgesuch abgewiesen (Urk. 110). Immerhin wurde im Rekursent-
scheid darauf hingewiesen, dass der BVD bezüglich der Platzierung in der FPA
das rechtliche Gehör des Beschuldigten verletzt habe, weil im Entscheid des BVD
nicht begründet worden sei, warum der Beschuldigte entgegen der Empfehlung
des amtlichen Gutachters in der FPA platziert worden sei (Urk. 110 S. 6).
7.19.2. Wie bereits vorstehend erwähnt, ist es der gesetzliche Auftrag des amtli-
chen Gutachters, in seinem Gutachten auch zu den Möglichkeiten des Vollzugs
einer Massnahme Stellung zu nehmen (Art. 56 Abs. 3 lit. c StGB). Dieser Aufgabe
ist Dr. med. E._ nachgekommen. Er hat mit einleuchtender und nachvoll-
ziehbarer Begründung dargelegt, warum eine Platzierung des Beschuldigten in
- 50 -
der FPA nicht in Frage kommen könne.
Aus Sicht der erkennenden Kammer ist offenkundig, dass der BVD die Empfeh-
lung entweder nicht kannte oder er sich darüber hinwegsetzte, als er den Be-
schuldigten in der FPA platzierte. Weder der Aktennotiz vom 19. März 2015 des
BVD (Urk. 105/32) noch dem Bericht von Dr. med. J._ vom 22. April 2015
(Urk. 120) kann entnommen werden, aus welchen Gründen der PPD eine vom
amtlichen Gutachter abweichende Diagnose stellte (sofern es sich bei näherer
Betrachtung tatsächlich um eine andere Diagnose und nicht nur um eine Nuancie-
rung der Diagnose handelt). Es besteht der beklemmende Eindruck, man habe
seitens des BVD und PPD nachträglich eine Begründung konstruiert, um zu recht-
fertigen, warum der Beschuldigte entgegen der Empfehlung des amtlichen Gut-
achters in der FPA platziert worden war. Nachdem der BVD den PPD mit dem
Vollzug der Massnahme beauftragt hatte, kann es auch nicht sein, dass der PPD
ein "Vollzugsgutachten" bzw. einen Bericht erstattet, in welchem eigene Diagno-
sen gestellt werden, deren Abweichen von den gutachterlich gestellten Diagnosen
auch nicht ansatzweise genügend begründet wurden. Diese Vorgehensweise wi-
derspricht klarerweise Art. 56 Abs. 4 StGB, dürfen doch jene, die einen Täter be-
handeln, keine Begutachtung vornehmen, sofern es um Delikte gemäss Art. 64
Abs. 1 StGB geht. Der BVD und der PPD massen sich hier Kompetenzen an, die
ihnen in dieser Weise nicht zustehen. Würde die Vorgehensweise des BVD und
PPD in der hier ausgestalteten Ausprägung hingenommen, würde dies letztlich
bedeuten, dass auf amtlich angeordnete Gutachten verzichtet werden könnte. Es
kann und darf nicht sein, dass fundierte und nachvollziehbare Diagnosen eines
amtlichen Gutachters, der sich intensiv mit dem Beschuldigten beschäftigt hat,
nachträglich vom PPD so umgedeutet werden, dass der Vollzug einer Mass-
nahme in einer Institution vorgenommen wird, die wiederum dem "Herrschafts-
bereich" des PPD untersteht.
8. Kosten- und Entschädigungsfolgen
8.1. Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ih-
res Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Vorliegend unterliegen
sowohl der Beschuldigte mit seiner Berufung als auch die Staatsanwaltschaft mit
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ihrer Anschlussberufung vollständig. Ausgangsgemäss und in Gewichtung der
Themen, die von den jeweiligen Berufungsklägern zum Gegenstand des Rechts-
mittelverfahrens gemacht worden sind (der Beschuldigte: Schuldspruch wegen
versuchter schwerer Körperverletzung und damit verbundene Folgeentscheide;
Staatsanwaltschaft: Strafzumessung), sind die Kosten des Berufungsverfahrens,
mit Ausnahme der Kosten der amtlichen Verteidigung (RA X._ ab
27.08.2015) und derjenigen der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerin 2,
zu vier Fünfteln dem Beschuldigten aufzuerlegen und zu einem Fünftel auf die
Gerichtskasse zu nehmen.
8.2. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung
der Privatklägerin 2 sind zu einem Fünftel definitiv und zu vier Fünfteln einstweilen
auf die Gerichtskasse zu nehmen. Im Umfang dieser vier Fünfteln bleibt die
Rückzahlungspflicht des Beschuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 sowie Art. 138
Abs. 1 StPO vorbehalten.