Decision ID: 1803e77e-429e-421d-9abf-a73264bf2f7e
Year: 2017
Language: de
Court: BL_KG
Chamber: BL_KG_001
Canton: BL
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Mit Urteil vom 2. Juni 2016 erklärte das Strafgerichtspräsidium Basel-Landschaft C._
der mehrfachen sexuellen Handlung mit einem Kind schuldig und verurteilte ihn zu einer be-
dingt vollziehbaren Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je CHF 190.‒, unter Anrechnung der am
11. Juni 2011 in Polizeigewahrsam verbrachten Zeit von 1 Tag, bei einer Probezeit von 2 Jah-
ren (Ziffer 1 des vorinstanzlichen Urteilsdispositivs). Demgegenüber wurde der Beurteilte von
der Anklage der mehrfachen Pornographie freigesprochen (Ziffer 2). Im Weiteren entschied der
Vorderrichter über die Sicherstellungen und Beschlagnahmen (Ziffer 3–4), verwies die unbezif-
ferte Entschädigungsforderung der Privatklägerin auf den Zivilweg (Ziffer 5) und sprach dem
Beurteilten in Anwendung von Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO eine reduzierte Parteientschädigung in
der Höhe von CHF 4'500.‒ zu (Ziffer 6). Schliesslich wurde festgestellt, dass die Verfahrenskos-
ten, bestehend aus den Kosten des Vorverfahrens von CHF 24'686.60, den Expertisekosten
des gerichtlichen Verfahrens von CHF 1'180.‒ sowie der Gerichtsgebühr von CHF 3'000.‒, ins-
gesamt CHF 28'866.60 betragen. Dem Beurteilten wurden hiervon in Anwendung von Art. 426
Abs. 1 StPO CHF 19'569.60 (CHF 16'389.60 der Kosten des Vorverfahrens, die ganzen Exper-
tisekosten des gerichtlichen Verfahrens von CHF 1'180.‒ sowie CHF 2'000.‒ der Gerichtsge-
bühr) auferlegt. Die übrigen Verfahrenskosten gingen zu Lasten des Staates (Ziffer 7).
B. Gegen das genannte Urteil meldete Advokat Dr. Markus Reich namens und im Auftrag
des Beschuldigten mit Schreiben vom 9. Juni 2016 die Berufung an. In seiner Berufungserklä-
rung vom 5. August 2016 liess der Berufungskläger Folgendes beantragen:
"1. Der Beschuldigte sei in teilweiser Aufhebung des erstinstanzlichen Urteiles
auch vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlung mit einem Kind freizu-
sprechen.
2. Die eingezogenen Gegenstände des Beschuldigten (1 Laptop X._ sowie
1 PC "Y._") seien diesem herauszugeben.
3. Die unbezifferte und nicht substantiierte Zivilforderung der Privatklägerin sei
abzuweisen.
4. Unter vollständiger o/e-Kostenfolge zu Lasten des Staates für das erst- und
zweitinstanzliche Verfahren."
C. Mit Eingabe vom 16. August 2016, welche bereits eine summarische Begründung ent-
hält, erklärte die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft anschlussweise Berufung und stellte fol-
gende Rechtsbegehren:
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"1. Es sei Ziffer 2 des erstinstanzlichen Urteils aufzuheben und der Beschuldigte in
(teilweiser) Abänderung von Ziffer 1 des erstinstanzlichen Urteils zusätzlich der
mehrfachen Pornographie schuldig zu erklären sowie zu einer bedingt vollzieh-
baren Freiheitsstrafe von 10 Monaten zu verurteilen.
2. Es seien in Aufhebung von Ziffer 3 des erstinstanzlichen Urteils A._ die
Kleider erst nach rechtskräftigem Abschluss des vorliegenden Verfahrens aus-
zuhändigen.
3. Es sei in Aufhebung von Ziffer 6 von der Ausrichtung einer Parteientschädigung
zu Gunsten des Beschuldigten abzusehen.
4. Es seien in (teilweiser) Abänderung von Ziffer 7 die Verfahrenskosten vollum-
fänglich zu Lasten des Beschuldigten zu verlegen.
5. lm Übrigen sei das erstinstanzliche Urteil zu bestätigen.
6. Unter o/e Kostenfolge."
D. Der Beschuldigte hielt mit Berufungsbegründung vom 4. November 2016 sowie An-
schlussberufungsantwort vom 6. Januar 2017 an seinen Rechtsbegehren gemäss Berufungser-
klärung vom 5. August 2016 fest.
E. Die Staatsanwaltschaft beantragte demgegenüber mit Berufungsantwort vom 9. Januar
2017 die vollumfängliche Abweisung der Berufung des Beschuldigten, unter o/e-Kostenfolge.
F. Was die wesentlichen verfahrensleitenden Verfügungen des Kantonsgerichts Basel-
Landschaft, Abteilung Strafrecht, betrifft, so wurde mit Verfügung vom 5. September 2016 fest-
gestellt, dass die Privatklägerin weder Berufung noch Anschlussberufung erhoben hat. Sodann
wurde mit Verfügung vom 7. November 2016 konstatiert, dass die Staatsanwaltschaft innert mit
Verfügung vom 5. September 2016 angesetzter Frist auf eine ergänzende Begründung ihrer
Anschlussberufungserklärung vom 16. August 2016 verzichtet hat. Schliesslich wurde mit Ver-
fügung vom 16. Januar 2017 festgestellt, dass die Privatklägerin innert angesetzter Frist auf
eine Berufungsantwort bzw. eine Anschlussberufungsantwort verzichtet hat. Mit gleicher Verfü-
gung wurden die Parteien zur kantonsgerichtlichen Hauptverhandlung geladen, wobei die Pri-
vatklägerin vom persönlichen Erscheinen vor dem Berufungsgericht dispensiert wurde.
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G. Anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Kantonsgericht, Abteilung Strafrecht, vom
25./26. April 2017 erscheinen der Beschuldigte mit seinem Verteidiger, Advokat Dr. Markus
Reich, die Vertreterin der Staatsanwaltschaft sowie als gesetzliche Vertreterin der Privatklägerin
B._. Die Parteien halten an den bereits gestellten Anträgen fest. Auf die Aussagen des zur
Person und zur Sache eingehend befragten Beschuldigten sowie die Parteivorträge wird, soweit

erforderlich, nachfolgend in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen
I. Formelles
[...]
II. Materielles
A. Allgemeines
[...]
B. Gegenstand der Berufung und der Anschlussberufung
Aufgrund der seitens der Parteien eingereichten Rechtsschriften sowie der anlässlich der
Hauptverhandlung gehaltenen Parteivorträge zeigt sich, dass grundsätzlich das gesamte Urteil
des Strafgerichtspräsidiums Basel-Landschaft vom 2. Juni 2016 zur Disposition steht. Ausge-
nommen hiervon sind einzig Dispositiv-Ziffer 4a, wonach festgestellt wird, dass die beschlag-
nahmte Videokassette VHS (Beschlagnahmeposition 7) nicht mehr auffindbar ist, sowie Dispo-
sitiv-Ziffer 7 bezüglich der festgelegten Höhe der Verfahrenskosten, nicht aber deren Auferle-
gung.
C. Fall 1: Sexuelle Handlung mit einem Kind
1. Verfahrensmängel
a) Seitens der Verteidigung werden – wie bereits vor der Vorinstanz – hinsichtlich des Vor-
wurfs der sexuellen Handlung mit einem Kind vorab eine ganze Reihe von Verfahrensmängeln
gerügt. Dies betrifft namentlich eine angebliche Vorverurteilung sowie eine Unterdrucksetzung
durch den polizeilichen Befrager D._ anlässlich der Einvernahmen vom 12. Juli 2011 und
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vom 21. August 2012. Sodann wird beanstandet, dass dem Beschuldigten entlastende Momen-
te, namentlich der kriminaltechnische Bericht der Polizei Basel-Landschaft vom 27. Juni 2011,
über lange Zeit vorenthalten, das Gebot der Fairness und Waffengleichheit (Recht auf Verteidi-
gung) sowie die Teilnahmerechte bezüglich der Videobefragungen der Privatklägerin vom
10. Juni 2011 sowie vom 20. September 2013 verletzt worden seien.
b) Die Vorinstanz erwog hinsichtlich der geltend gemachten Verfahrensrügen im Wesentli-
chen, die Teilnahmerechte des Beschuldigten an den ersten zwei Befragungen der Privatkläge-
rin seien zwar nur eingeschränkt gewahrt worden. Jedoch sei durch deren dritte Befragung am
1. Juni 2016 anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Strafgerichtspräsidenten den verfah-
rensrechtlichen Grundsätzen wie dem Fairnessgebot sowie dem Teilnahme- und Konfrontati-
onsrecht hinreichend Rechnung getragen worden. Aus diesem Grund seien auch die früheren
Aussagen der Privatklägerin im Rahmen der Beweiswürdigung vollumfänglich verwertbar.
c) Die Staatsanwaltschaft schliesst sich hinsichtlich der gerügten Verfahrensmängel den
nach ihrer Ansicht nach zutreffenden Feststellungen des Vorderrichters an.
1.1 Unzulässige Beeinflussung
a) Die gesetzliche Regelung von Art. 143 Abs. 4 und 5 StPO gibt der einvernehmenden
Person Richtlinien für die Gesprächsführung an die Hand, um Missverständnisse, sprachliche
Beeinflussungshandlungen und unvollständige Einvernahmen zu verhindern (vgl. GUNHILD
GODENZI, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 143 N 29). Wie bei allen Befragungen
sind auch bei der Einvernahme der beschuldigten Person nicht sämtliche Mittel erlaubt. So sind
gemäss Art. 140 Abs. 1 StPO Zwangsmittel, Gewaltanwendung, Drohungen, Versprechungen,
Täuschungen und Mittel, welche die Denkfähigkeit oder die Willensfreiheit einer Person beein-
trächtigen können, bei der Beweiserhebung untersagt. Durch solche unerlaubten Methoden
erlangte Aussagen unterliegen gemäss Art. 140 StPO einem absoluten Verwertungsverbot (vgl.
FRANZ RIKLIN, StPO Kommentar Schweizerische Strafprozessordnung mit JStPO, StBOG und
weiteren Erlassen, 2. Aufl. 2014, Vorbemerkungen zu Art. 157–161 N 6, mit zahlreichen Hin-
weisen).
In der StPO nicht explizit geregelt ist die Zulässigkeit von Suggestivfragen (abweichend noch
VE StPO Art. 154 Abs. 4: "Fragen und Vorhalte, denen nicht bewiesene Tatsachen zu Grunde
liegen, sind unzulässig." sowie § 46 Abs. 2 der StPO Basel-Landschaft, der verfängliche Fragen
untersagte). Unklare, mehrdeutige oder suggestiv angelegte Fragen, welche eine bestimmte
Antwort nahe legen oder eine bestimmte Erwartung des Vernehmenden erkennen lassen, sind
allerdings in Anbetracht des Gebots der Verfahrensfairness, der staatlichen Objektivitätspflicht
(Art. 6 Abs. 2 StPO) und des Grundsatzes von Treu und Glauben (Art. 3 Abs. 2 lit. a StPO) zu
unterlassen und jedenfalls dann als unzulässig zu qualifizieren, wenn sie auf eine Täuschung
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hinauslaufen. Dies ist bereits dann anzunehmen, wenn die betreffenden Fragen die beschuldig-
te Person zur Übernahme einer falschen Auffassung verleiten könnten (PETER
GOLDSCHMID/THOMAS MAURER/JÜRG SOLLBERGER, Kommentierte Textausgabe zur Schweizeri-
schen Strafprozessordnung, 2008, S. 122; FRANZ RIKLIN, a.a.O., Vorbemerkungen zu Art. 157–
161 N 6; GUNHILD GODENZI, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 143 N 33). Eine Ein-
vernahme ist zwar trotz unklarer oder suggestiv angelegter Fragen grundsätzlich verwertbar,
bei der Beweiswürdigung gilt es indes zu berücksichtigen, dass nur die sogenannte "Überhan-
gantwort", d.h. der Antwortteil, der über die in der Frage oder dem Vorhalt liegende Suggestion
hinausgeht, einen Beweiswert hat. Überdies hat das Gericht die Verpflichtung, den Beweiswert
der Aussagen besonders kritisch zu hinterfragen. Ergänzend können disziplinarische Mass-
nahmen gegen die einvernehmende Person wegen der Missachtung von Einvernahmevorschrif-
ten erwogen werden (vgl. GODENZI, a.a.O., Art. 143 N 34, mit zahlreichen Hinweisen; BGer
1C_513/2008 vom 3. April 2008, E. 5.4.3).
b) Bezüglich der vom Beschuldigten beanstandeten Einvernahmen vom 12. Juli 2011 so-
wie vom 21. August 2012 ist festzustellen, dass sich darin nicht nur vereinzelte Suggestivfragen
finden, sondern vom befragenden Polizeiwachtmeister über Seiten hinweg eine als klar unzu-
lässig zu beurteilende Befragungstechnik angewendet worden ist. Lediglich beispielhaft hierfür
seien die nachfolgenden Fragen hervorgehoben, welche besonders augenfällig als unstatthaft
erscheinen:
– "Denken Sie nicht auch, dass es nun langsam an der Zeit wäre, dass Sie endlich dazu stehen müss-
ten, dass Sie die damalige Situation nicht mehr unter Kontrolle hatten und so entgleitete, dass Sie Ih-
ren Gefühlen, aus welchem Grund auch immer, freien Lauf liessen?" (act. 383, Frage 24)
– "Wovor haben Sie Angst, dass Sie nicht mit der Wahrheit herausrücken?" (act. 383, Frage 25)
– "Es ist doch nicht in Ordnung, dass Sie die kleine A._ als Lügnerin hinstellen und Sie sich als
Verantwortlicher für diese Situation dahinter verstecken. Stehen Sie doch zu dem, was Sie gemacht
haben." (act. 383, Frage 26)
– "Für A._ wäre es doch sehr wichtig, dass sie weiss, dass man an ihrer Glaubwürdigkeit nicht
zweifelt und dass Sie dazu eingestanden haben, was nun mal passiert ist." (act. 385, Frage 29)
– "Wäre es nicht fair, wenn Sie nun endlich die Wahrheit sagen würden?" (act. 391, Frage 47)
– "Wieso bestreiten Sie den sexuellen Übergriff gegenüber A._ auch heute noch so vehement?
Dies hat doch jetzt nach der Auswertung Ihrer Datenträger keinen Sinn mehr. Die gesamten kinder-
pornographischen Bilder und Filme, welche Sie im Internet konsumierten und von uns auch doku-
mentiert werden konnten, zeigen es doch ganz klar und deutlich auf. Geben Sie sich doch nun end-
lich einen Stoss und gestehen Sie den vorgehaltenen Tatbestand endlich ein." (act. 465, Frage 34)
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– "Wieso können Sie nicht zu dem stehen, was Sie gemacht haben?" (act. 465, Frage 35)
– "Wieso bezichtigen Sie A._ somit als Lügnerin?" (act. 465, Frage 37)
Weil der Beschuldigte – trotz der in den zwei über ein Jahr auseinanderliegenden Einvernah-
men vom 12. Juli 2011 sowie vom 21. August 2012 angewandten, über weite Strecken unzu-
lässigen Befragungstechnik – schlussendlich dennoch kein Geständnis abgegeben hat, hat sich
die fehlerhafte Prozedur im vorliegenden Verfahren im Ergebnis nicht ausgewirkt. Dies ändert
jedoch nichts daran, dass es dieses Vorgehen, welches augenscheinlich weit über eine Befra-
gung "mit etwas Nachdruck", wie im polizeilichen Ermittlungsbericht vom 19. September 2011
stark beschönigend ausgeführt wurde (vgl. act. 105), hinausging, seitens der strafrechtlichen
Abteilung des Kantonsgerichts in aller Deutlichkeit zu kritisieren gilt. Von einer fairen Art der
Ermittlung kann bezüglich der Einvernahmen des Beschuldigten vom 12. Juli 2011 sowie vom
21. August 2012 keine Rede mehr sein. Gerade im Interesse einer effizienten Aufklärung von
Straftaten gilt es tunlichst zu vermeiden, dass Einvernehmende mit dem Ziel, ein Geständnis
eines Beschuldigten zu erwirken, den von der Rechtsordnung gesetzten Rahmen der zulässi-
gen Befragungstechniken verlassen.
1.2 Vorenthaltung des kriminaltechnischen Berichts der Polizei Basel-Landschaft vom
27. Juni 2011
a) Ferner bemängelt der Beschuldigte, dass ihm der kriminaltechnische Bericht der Polizei
Basel-Landschaft vom 27. Juni 2011 (und damit das negative Ergebnis der DNA-Auswertung
[act. 135 ff.]) nicht zeitnah, sondern erst nach rund 2 Jahren mitgeteilt worden sei.
b) Diese Rüge erweist sich aufgrund der Aktenlage als berechtigt, wobei keinerlei sachli-
chen Gründe für ein derart langes Vorenthalten der betreffenden Resultate gegenüber dem Be-
schuldigten ersichtlich sind. Demzufolge wäre der Beschuldigte in Beachtung des Fairnessge-
bots gemäss Art. 3 StPO nach Vorliegen des DNA-Gutachtens umgehend über dessen negati-
ves Ergebnis zu unterrichten gewesen.
1.3 Grundsatz von Treu und Glauben
a) Strafverfolgungsbehörden haben stets den Grundsatz von Treu und Glauben zu beach-
ten (vgl. Art. 3 Abs. 2 lit. a und b StPO). Daraus folgt primär, dass sich Verfahrensbetroffene,
insbesondere eine juristisch unerfahrene beschuldigte Person, grundsätzlich auf entsprechende
Erläuterungen und Hinweise seitens der zuständigen Strafbehörden verlassen dürfen (vgl.
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Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht
NIKLAUS SCHMID, Praxiskommentar StPO, 2. Aufl. 2013, Art. 3 N 2; WOLFGANG WOHLERS, Zür-
cher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 3 N 8, mit zahlreichen Hinweisen).
b) Der Beschuldigte wurde mit Schlussmitteilung der Staatsanwaltschaft vom 16. August
2013 darauf hingewiesen, dass die Strafuntersuchung abgeschlossen sei und voraussichtlich
ihm gegenüber ein Strafbefehl erlassen werde. Dies erwies sich in der Folge jedoch gleich in
doppelter Hinsicht als unzutreffend: Zum einen, weil die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage-
schrift vom 16. November 2015 eine Freiheitsstrafe von nunmehr 12 Monaten beantragt hat,
wobei die Maximalstrafe bei einem Strafbefehl gemäss Art. 352 Abs. 1 lit. d StPO bei 6 Mona-
ten Freiheitsstrafe liegt, und zum anderen, da am 20. September 2013 nochmals eine weitere
Videoeinvernahme mit der Privatklägerin durchgeführt worden ist. Auch wenn die Ankündigung
der Staatsanwaltschaft in ihrer Schlussmitteilung vom 16. August 2013 durch die Verwendung
der Formulierung "voraussichtlich" abgeschwächt worden ist, erweist sich deren Vorgehen den-
noch als widersprüchlich und insgesamt nur schwer nachvollziehbar, was mit Blick auf das Ge-
bot von Treu und Glauben (Art. 3 Abs. 2 lit. a und b StPO) zumindest als problematisch er-
scheint.
1.4 Kein Fall einer notwendigen Verteidigung
Als unbegründet erweist sich demgegenüber der Einwand der Verteidigung, die Staats-
anwaltschaft hätte von Anfang an – und nicht erst zufolge Auftretens der Staatsanwaltschaft vor
Gericht – von einem Fall notwendiger Verteidigung ausgehen und daher seit Verfahrensbeginn
dem Beschuldigten einen Anwalt zur Seite stellen müssen. Gemäss Art. 130 lit. b StPO muss
der Beschuldigte notwendigerweise verteidigt werden, wenn ihm eine Freiheitsstrafe von mehr
als einem Jahr droht. Es ist dabei von der Verfahrensleitung unverzüglich eine Verteidigung zu
bestellen (Art. 131 Abs. 1 StPO). Für eine notwendige Verteidigung genügt, dass eine entspre-
chende Sanktion droht. Dies bedeutet, dass sie entweder von der Staatsanwaltschaft beantragt
wird oder aber konkret zu erwarten, d.h. wahrscheinlich ist (vgl. Botschaft StPO, BBl 2006
S. 1178; VIKTOR LIEBER, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 130 N 16). Vorliegend hat
die Staatsanwaltschaft schlussendlich eine Freiheitsstrafe von 12 Monaten beantragt, weswe-
gen dem Beschuldigten keine über dieses Mass hinausgehende Sanktion konkret gedroht hat.
Zudem wurde der Beschuldigte zu Beginn jeder Einvernahme korrekterweise (vgl. Art. 158 Abs.
1 lit. c StPO) darauf hingewiesen, dass ihm jederzeit die Möglichkeit offen stehe, einen Anwalt
beizuziehen. Bei dieser Ausgangslage lag vorliegend zu keinem Zeitpunkt ein Fall einer not-
wendigen Verteidigung vor, weswegen der betreffende Einwand des Beschuldigten fehl geht.
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1.5 Verletzung der Teilnahmerechte
1.5.1 Allgemeines
a) Des Weiteren macht der Beschuldigte geltend, seine Teilnahmerechte seien im vorlie-
genden Verfahren mehrfach nicht gewahrt worden.
b) Nach Art. 147 Abs. 1 Satz 1 StPO haben die Parteien das Recht, bei Beweiserhebungen
durch die Staatsanwaltschaft und die Gerichte anwesend, d.h. im Einvernahmeraum physisch
präsent zu sein, und den einvernommenen Personen Fragen zu stellen. Eine belastende Zeu-
genaussage ist grundsätzlich nur verwertbar, wenn die beschuldigte Person während des Ver-
fahrens wenigstens einmal angemessene und hinreichende Gelegenheit hatte, das Zeugnis in
Zweifel zu ziehen und Fragen an den Belastungszeugen zu stellen. Dieser Anspruch wird als
Konkretisierung des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV) auch durch Art. 32 Abs. 2 BV ge-
währleistet (BGE 131 I 476, E. 2.2 S. 480; BGE 129 I 151, E. 3.1, mit Hinweisen). Damit die
Verteidigungsrechte gewahrt sind, muss der Beschuldigte namentlich in der Lage sein, die
Glaubhaftigkeit einer Aussage prüfen und den Beweiswert in kontradiktorischer Weise auf die
Probe stellen zu können (BGE 133 I 33, E. 2.2; 131 I 476, E. 2.2; 129 I 151, E. 4.2; je mit Hin-
weisen). Dies kann grundsätzlich entweder zum Zeitpunkt erfolgen, zu dem der Belastungszeu-
ge seine Aussage macht, oder auch in einem späteren Verfahrensstadium (BGE 131 I 476, E.
2.2; 125 I 127, E. 6b und 6c/aa, mit Hinweisen). Sind Beweise unter Verstoss gegen Art. 147
StPO erhoben worden, dürfen diese nach Art. 147 Abs. 4 StPO nicht zulasten einer nicht anwe-
senden Partei verwertet werden (vgl. WOLFGANG WOHLERS, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl.
2014, Art. 147 N 11; Botschaft StPO, BBl 2006 S. 1188).
c) Das Fragerecht der beschuldigten Person steht in einem fast unauflösbaren Konflikt mit
den möglichen Schutzmassnahmen zugunsten der zu befragenden Person. Ein wirksames Fra-
gerecht ist insbesondere dann gefährdet, wenn es nur im Sinne eines schriftlichen Stellens von
Ergänzungsfragen ausgeübt werden kann. Eine klarerweise untaugliche Kompensationsmass-
nahme stellt die Zulassung nur des Rechtsbeistandes unter Ausschluss der beschuldigten Per-
son zur Einvernahme dar, da die Verteidigung beim fraglichen Delikt nicht anwesend war und
bestimmte Details nur die beschuldigte Person wissen und nachfragen kann. Es erscheint als
unmöglich für die Partei, den Rechtsbeistand über ihr eventuelles Verhältnis zum Zeugen und
über eventuelle tatsächliche Begebenheiten und Hintergründe derart zu informieren, dass die-
ser auch bei unvorhergesehenen Aussagen des Zeugen die entsprechenden Fragen stellen
und Vorhalte anbringen könnte. Wer ein Konfrontationsrecht hat, kann aus einsichtigen Grün-
den nicht alle sich stellenden Ergänzungsfragen vorhersehen (vgl. NIKLAUS RUCKSTUHL/VOLKER
DITTMANN/JÖRG ARNOLD, Strafprozessrecht, unter Einschluss der forensischen Psychiatrie und
Rechtsmedizin sowie des kriminaltechnischen und naturwissenschaftlichen Gutachtens, 2011,
S. 127 N 377; ebenso DORRIT SCHLEIMINGER METTLER, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014,
Art. 147 N 25).
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d) Das Konfrontationsrecht der beschuldigten Person wird in gewissen Konstellationen
durch die Opferrechte eingeschränkt. Namentlich Art. 154 StPO sieht besondere Massnahmen
zum Schutz von Kindern als Opfer vor (vgl. BGer 6B_207/2012 vom 17. Juli 2012).
Als Opfer gilt gemäss Art. 116 Abs. 1 StPO die geschädigte Person, die durch die Straftat in
ihrer physischen, sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist.
Vorausgesetzt ist hierbei eine tatsächliche Verschlechterung des körperlichen bzw. geistigen
Zustandes. Die Beeinträchtigung muss von einer gewissen Schwere sein, wobei in erster Linie
der Grad der konkreten Betroffenheit der geschädigten Person massgebend ist (vgl. BGE 129
IV 95, 98, E. 3.1; BGE 125 II 265, 268, E. 4.a). An den Nachweis einer die Opferstellung be-
gründenden Straftat sind im Hinblick auf die Gewährung von strafprozessualen Opferschutz-
rechten allerdings keine hohen Anforderungen zu stellen. Es genügt vielmehr, dass eine
rechtswidrige Tatbestandsverwirklichung in Betracht fällt und in der Folge ein Strafverfahren
eröffnet worden ist (vgl. BGE 134 II 33, 37, E. 5.4; BGE 125 II 265, 270, E. 4.c/aa).
Diese genannten Voraussetzungen sind in casu bei der Privatklägerin erfüllt, weswegen diese
als Opfer zu betrachten ist und als solches im gegen den Beschuldigten geführten Verfahren
ein Recht auf Schutzmassnahmen im Sinne von Art. 152–154 StPO besitzt (vgl. Art. 117 Abs. 1
lit. c StPO).
e) Nach Art. 152 Abs. 3 StPO sind die Behörden verpflichtet, auf Verlangen des Opfers je-
des persönliche Zusammentreffen mit dem Beschuldigten zu vermeiden und insofern alle in
ihrem Machtbereich stehenden organisatorischen Massnahmen zu treffen (vgl. STEFAN
WEHRENBERG, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 152 N 17). Handelt es sich wie vor-
liegend um ein Opfer von Delikten gegen die sexuelle Integrität, hat eine direkte Gegenüberstel-
lung stets zu unterbleiben, wenn das Opfer dies verlangt, vorausgesetzt der Gehörsanspruch
des Beschuldigten kann dennoch gewährleistet werden (Art. 153 Abs. 2 StPO). Ist erkennbar,
dass die Einvernahme oder Gegenüberstellung für das Kind zu einer schweren psychischen
Belastung führen könnte, darf eine Gegenüberstellung mit der beschuldigten Person überdies
nur dann angeordnet werden, wenn das Kind die Gegenüberstellung ausdrücklich verlangt oder
der Anspruch der beschuldigten Person auf rechtliches Gehör auf andere Weise nicht gewähr-
leistet werden kann (Art. 154 Abs. 4 lit. a StPO; vgl. auch Art. 153 Abs. 2 StPO). An die Erkenn-
barkeit dürfen allerdings keine hohen Anforderungen gestellt werden. Im Zweifelsfall sind
Schutzmassnahmen zu treffen. Konkret bedeutet dies, dass der Anwendungsbereich von Art.
154 Abs. 4 StPO dann eröffnet ist, wenn eine schwere psychische Belastung nicht ausge-
schlossen werden kann (WOLFGANG WOHLERS, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014,
Art. 154 N 9). Es ist Aufgabe der zuständigen Strafverfolgungsbehörden und Gerichte, den Ge-
hörsanspruch der beschuldigten Person in angemessener Weise unter Berücksichtigung der
Interessen des Kindes zu erfüllen (BGE 129 I 151, E. 3.2).
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f) Gemäss der Rechtsprechung zum Konfrontationsanspruch des Beschuldigten kann
dessen Interessen in der Regel mit einer Simultanübertragung der Einvernahme in einen ande-
ren Raum hinreichend Rechnung getragen werden. Diese Massnahme ermöglicht dem Teil-
nahmeberechtigten, in unmittelbarem zeitlichen Konnex Ergänzungsfragen zu stellen und aus-
serdem selbst Mimik und Gestik des Einvernommenen wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
Durch den Ausschluss einzig der physischen Präsenz im Einvernahmeraum bei mittelbarer An-
wesenheit bleibt die Möglichkeit der Einflussnahme auf die Beweiserhebung grundsätzlich er-
halten, weshalb die Teilnahmerechte nach Art. 147 StPO keine wesentliche Einschränkung er-
fahren (vgl. DORRIT SCHLEIMINGER METTLER, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 147 N
23; sodann BGE 133 I 33, 41 ff., E. 3; BGer 6B_98/2014 vom 30. September 2014, E. 3.6).
1.5.2 Erste Videobefragung der Privatklägerin vom 10. Juni 2011
a) Am 10. Juni 2011 führte die Staatsanwaltschaft eine Videobefragungen mit der Privat-
klägerin durch, wobei der Beschuldigte hierüber nicht informiert worden ist. Dementsprechend
fand diese Einvernahme ohne Anwesenheit des Beschuldigten und ohne Verteidigung statt,
wobei es zusätzlich zu beachten gilt, dass der Beschuldigte zu diesem Zeitpunkt gar nicht an-
waltlich vertreten war. Die Videoaufzeichnung der betreffenden Einvernahme wurde dem Be-
schuldigten erst im Rahmen der Einvernahme vom 20. Juni 2013 – mithin mehr als 2 Jahre spä-
ter – vorgespielt. Somit wurde er erst in diesem Zeitpunkt mit den Angaben der ihn belastenden
Privatklägerin konfrontiert.
Es ist nicht ersichtlich, aus welchen Gründen die Staatsanwaltschaft dem damals nicht anwalt-
lich vertretenen Beschuldigten nicht das zur Wahrung der Teilnahmerechte bewährte Vorgehen
der audiovisuellen Übertragung in einen anderen Raum ermöglicht hat. Unter Verweis auf die
obigen Erwägungen (vgl. II.1.4.1) ist offensichtlich, dass vorliegend die Teilnahmerechte des
Beschuldigten bezüglich der Einvernahme vom 10. Juni 2011 in grundlegender Weise missach-
tet worden sind.
b) Wie bereits die Vorinstanz zutreffend festhielt (vgl. angefochtenes Urteil, S. 8 f.; Art. 82
Abs. 4 StPO), erweist sich die Auffassung der Staatsanwaltschaft, wonach das Verfahren wäh-
rend der ersten Videobefragung der Privatklägerin noch gar nicht eröffnet gewesen sei, weshalb
sie dem Beschuldigten das Teilnahmerecht an dieser Befragung noch nicht zugestanden habe,
als unzutreffend. Gemäss Art. 309 Abs. 1 StPO eröffnet die Staatsanwaltschaft eine Untersu-
chung, wenn sie durch die Polizei gemäss Art. 307 Abs. 1 StPO über schwere Straftaten sowie
über andere schwer wiegende Ereignisse informiert worden ist. Dabei ist unter dem Begriff der
Eröffnung eines Verfahrens nicht eine formelle, sondern eine materielle Eröffnung zu verstehen,
da der Eröffnungsverfügung nur eine deklaratorische Bedeutung zukommt. Eine staatsanwalt-
schaftliche Untersuchung gilt als eingeleitet, sobald sich die Staatsanwaltschaft mit dem Straf-
fall zu befassen beginnt. Ansonsten wäre es denkbar, alle Befragungen von Zeugen vor der
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formellen Verfahrenseröffnung vorzunehmen und den Beschuldigten dadurch von seinen Teil-
nahmerechten auszuschliessen (vgl. ESTHER OMLIN, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014,
Art. 309 N 6; NATHAN LANDSHUT/THOMAS BOSSHARD, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014,
Art. 309 N 10 f.). Das vorliegende Verfahren war somit bereits im Zeitpunkt des Organisierens
der Videobefragungen im materiellen Sinn eröffnet, weshalb das Teilnahmerecht des Beschul-
digten hinsichtlich der ersten Videobefragung der Privatklägerin vom 10. Juni 2011 klarerweise
bestanden hat.
c) Zum vornherein keinen Grund für das Unterbleiben einer indirekten Konfrontation bilden
räumliche Umstände oder eine mangelnde technische Infrastruktur. Fehlt die notwendige Instal-
lation im Gerichtsgebäude, so muss die Einvernahme in geeignete Räumlichkeiten verlegt wer-
den (vgl. BGer 6P.46/2000 vom 10. April 2001, E. 1c/bb am Ende).
d) Da die Teilnahmerechte des Beschuldigten somit vorliegend klar verletzt worden sind,
erweist sich die Einvernahme der Privatklägerin vom 10. Juni 2011 als substantiell mangelbe-
haftet.
1.5.3 Zweite Videobefragung der Privatklägerin vom 20. September 2013
a) Mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 2. September 2013 wurde der Beschuldigte
in Anwendung von Art. 149 Abs. 2 lit. b StPO, Art. 152 Abs. 3 StPO und Art. 154 Abs. 4 lit. a
StPO von der Teilnahme an der auf den 20. September 2013 terminierten Einvernahme der
Privatklägerin ausgeschlossen. Zur Begründung wurde seitens der Staatsanwaltschaft zusam-
mengefasst ausgeführt, die Privatklägerin habe darum ersucht, dass eine Begegnung mit dem
Beschuldigten vermieden werde. Es sei zudem erkennbar, dass die Einvernahme oder Gegen-
überstellung für die Privatklägerin zu einer schweren psychischen Belastung führen könnte.
Ferner wurde der Beschuldigte darauf hingewiesen, dass er sich zur Wahrung seiner Interessen
an der Einvernahme der Privatklägerin durch einen Rechtsanwalt vertreten lassen könne, wel-
cher für ihn auch allfällige Ergänzungsfragen stellen könnte (act. 587 f.).
b) Das Fragerecht ist dem Beschuldigten und seinem Verteidiger jeweils gemeinsam zu
gewähren (vgl. BGer 6B_324/2011 vom 26. Oktober 2011). Um sein Fragerecht wirksam aus-
üben zu können, muss der Beschuldigte nämlich in die Lage versetzt werden, die persönliche
Glaubwürdigkeit des Zeugen zu prüfen und den Beweiswert seiner Aussagen zu hinterfragen
(BGE 133 I 33, E. 3.1, mit Hinweisen). Die Mitwirkung des Beschuldigten kann für die Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit der Aussagen des Zeugen entscheidend sein, insbesondere wenn die-
ser über Vorgänge berichtet, an welchen beide beteiligt waren (vgl. Urteil 6B_45/2008 vom
2. Juni 2008, E. 2.4). Eine untaugliche Kompensationsmassnahme stellt daher die Zulassung
nur des Rechtsbeistandes unter Ausschluss der beschuldigten Person zur Einvernahme dar, da
die Verteidigung beim fraglichen Delikt nicht anwesend war und bestimmte Details nur der Be-
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schuldigte wissen und nachfragen kann (RUCKSTUHL/ DITTMANN/ARNOLD, a.a.O., N 377; ebenso
SCHLEIMINGER METTLER, a.a.O., Art. 147 N 25).
c) Mit Blick auf die dargelegten Anforderungen an das Teilnahmerecht erweist sich die von
der Staatsanwaltschaft gegenüber dem Beschuldigten gewährte Möglichkeit, lediglich im Vor-
aus allfällige Ergänzungsfragen stellen zu können sowie die alleinige Zulassung eines Verteidi-
gers klarerweise nicht als ausreichend. Der vollständige Ausschluss des Beschuldigten von der
Befragung erscheint vorliegend als umso verfehlter, da dieser im fraglichen Zeitpunkt noch gar
nicht anwaltlich vertreten war. Demnach ist zusammenfassend zu konstatieren, dass hinsicht-
lich der Einvernahme vom 20. September 2013 das Teilnahmerecht des Beschuldigten klar ver-
letzt worden ist, weswegen auch diese Befragung im Ergebnis als stark mangelbehaftet er-
scheint. Berechtigte Gründe, um den Beschuldigten bzw. dessen Vertreter von der Teilnahme
auszuschliessen, liegen – wie bereits bezüglich der Einvernahme der Privatklägerin vom
10. Juni 2011 – nach Auffassung der strafrechtlichen Abteilung des Kantonsgerichts keine vor.
1.5.4 Einvernahme vor dem Strafgerichtspräsidenten Basel-Landschaft vom 1. Juni
2016
a) Anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Strafgerichtspräsidenten Basel-Landschaft
wurde die Privatklägerin am 1. Juni 2016 ein drittes Mal bezüglich der Anklagevorwürfe befragt.
Der Vorderrichter ordnete die erneute Einvernahme der Privatklägerin mit Verfügung vom
31. Mai 2016 an, somit bloss einen einzigen Tag vor der anstehenden Hauptverhandlung.
b) Gemäss Art. 343 Abs. 2 StPO erhebt das Gericht im Vorverfahren nicht ordnungsge-
mäss erhobene Beweise nochmals. Darunter sind insbesondere solche Beweise zu verstehen,
bei deren Erhebung gesetzliche Vorschriften, wie beispielsweise die Teilnahmerechte nach
Art. 147 StPO, nicht beachtet worden sind. Will das Gericht solche (bei Missachtung von Teil-
nahmerechten grundsätzlich ungültigen, vgl. dazu Art. 147 Abs. 4 StPO) Beweise zur Grundla-
ge seines Entscheides erheben, ist es von Amtes wegen verpflichtet, die Beweisabnahme ord-
nungsgemäss zu wiederholen (vgl. BEAT GUT/THOMAS FINGERHUTH, Zürcher Kommentar StPO,
2. Aufl. 2014, Art. 343 N 28).
c) In Anwendung von Art. 343 Abs. 2 StPO erscheint die dritte Befragung der Privatklägerin,
welche vor dem Strafgerichtspräsidenten Basel-Landschaft erfolgte, somit als zulässig. Daran
vermag auch die gesetzliche Regelung von Art. 154 Abs. 4 lit. b StPO, wonach ein Kind wäh-
rend des gesamten Verfahrens in der Regel nicht mehr als zweimal einvernommen werden
darf, nichts zu ändern, denn bei dieser Bestimmung handelt es sich lediglich um eine Ord-
nungsvorschrift, aus der ein Beschuldigter nichts zu seinen Gunsten ableiten kann (vgl. STEFAN
WEHRENBERG, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 154 N 16 und 18).
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d) Der Beschuldigte konnte die Einvernahme vor dem Strafgerichtspräsidenten aus dem
Videoraum mitverfolgen und hatte überdies die Möglichkeit, Ergänzungsfragen zu stellen, wes-
wegen dem Fairnessgebot sowie dem Teilnahme- und Konfrontationsrecht anlässlich der dritten
Einvernahme der Privatklägerin hinreichend Rechnung getragen wurde. Die Einvernahme der
Privatklägerin vom 1. Juni 2016 ist demnach gültig und die betreffenden Aussagen der Privat-
klägerin erweisen sich grundsätzlich als verwertbar.
1.5.5 Reduzierter Beweiswert der gültigen Einvernahme vor dem Strafgerichtspräsiden-
ten Basel-Landschaft vom 1. Juni 2016
a) Problematisch erscheint im vorliegenden Fall allerdings, dass die Einvernahme vom
1. Juni 2016, an welcher der Beschuldigte erstmals sein Teilnahmerecht ausüben konnte, erst
5 Jahre nach dem angeklagten Vorfall vom 5. Juni 2011 stattgefunden hat. Die vor dem Straf-
gerichtspräsidenten befragte fast 17-jährige Privatklägerin hat in den 5 Jahren seit ihren ersten
Aussagen naturgemäss einen enormen persönlichen Entwicklungsschritt vollzogen. War sie
zum Zeitpunkt des angeklagten Sachverhalts ein 11-jähriges Kind, so ist sie nunmehr eine jun-
ge Frau kurz vor dem Erwachsenenalter, die einen wesentlichen Teil der Pubertät bereits
durchlaufen hat. Daraus resultiert, dass die Privatklägerin anlässlich der Einvernahme vor den
Schranken des Strafgerichts eine gänzlich andere Einstellung zum Thema der Sexualität ein-
nimmt, als zum Zeitpunkt, da sie ein 11-jähriges Mädchen war. Überdies ist davon auszugehen,
dass über die angeklagten Ereignisse in den vergangenen 5 Jahren in der Familie der Privat-
klägerin regelmässig gesprochen wurde, womit bewusste oder unbewusste Beeinflussungen
denkbar sind.
b) Im Entscheid 6B_369/2013 erwog das Bundesgericht, dass ergänzende Aussagen, wel-
che erst 4.5 bzw. 6 Jahre nach dem Vorfall zu Protokoll gegebenen werden, mit grosser Wahr-
scheinlichkeit nicht mehr als taugliches Beweismittel gelten können, denn dem Beschuldigten
sei damit die Möglichkeit verwehrt worden, seine Rechte rechtzeitig und wirksam wahrzuneh-
men. Der Einwand des Beschuldigten, es sei ihm keine angemessene Gelegenheit eingeräumt
worden, sein Fragerecht effektvoll auszuüben, wurde unter diesen Umständen vom Bundesge-
richt als berechtigt angesehen und das angefochtene Urteil zu neuer Beurteilung an die Vor-
instanz zurückgewiesen. Diese habe zu prüfen, ob sich eine Verurteilung auch ohne Berück-
sichtigung der beiden ergänzenden Einvernahmen begründen lasse (vgl. BGer 6B_369/2013
vom 31.Oktober 2013, E. 2.3.3, mit zahlreichen Hinweisen).
Vorliegend ist der Fall im Vergleich zum vorgenannten Bundesgerichtsentscheid zwar insofern
leicht anders gelagert, als nicht ein fünfjähriges Kind, sondern ein 11-jähriges, die ersten Aus-
sagen zu Protokoll gegeben hat. Der Umstand, dass es nach dem angeklagten Vorfall vom
5. Juni 2011 ganze 5 Jahre gedauert hat, bis erstmals eine Einvernahme unter Gewährung der
Teilnahmerechte des Beschuldigten stattgefunden hat, gilt es indessen mit Blick auf den Be-
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weiswert der gültigen Aussagen vor dem Strafgerichtspräsidenten im Rahmen der Beweiswür-
digung miteinbeziehen, was im Ergebnis zwar nicht zu einer Ungültigkeit, aber doch zu einer
substantiellen Reduktion des Beweiswerts der betreffenden Aussagen der Privatklägerin führt.
1.5.6 Verwertbarkeit der Videoeinvernahmen der Privatklägerin vom 10. Juni 2011 bzw.
vom 20. September 2013
a) Ausgehend von der grundsätzlichen Gültigkeit und Verwertbarkeit der Aussagen der
Privatklägerin vor dem Strafgerichtspräsidenten, stellt sich vorliegend des Weiteren die Frage,
ob die mangelbehafteten Videoeinvernahmen der Privatklägerin vom 10. Juni 2011 bzw. vom
20. September 2013 überhaupt (und gegebenenfalls in welchem Umfang) verwertbar sind. Mit-
hin geht es hierbei darum, ob die Wiederholung der Beweiserhebung unter Gewährung der
Teilnahmerechte den Beweiserhebungsmangel auch bezüglich des Inhalts der früher erhobe-
nen Beweise heilen kann.
b) Die Frage der Verwertbarkeit des bereits in Missachtung von Teilnahmerechten erhobe-
nen Beweises bei Wiederholung der Befragung ist nicht ausdrücklich gesetzlich geregelt und in
der Literatur umstritten. Mehrheitlich wird in der Lehre die Auffassung vertreten, die früheren
Aussagen unterlägen – zumindest wie vorliegend bei unberechtigter Verweigerung der Teil-
nahme – einem absoluten Verwertungsverbot. Ein einmal in Verletzung des Anwesenheits-
rechts erhobenes Beweismittel bleibe grundsätzlich unverwertbar, soweit es die abwesende
Person belastet. Ansonsten könnten nach Eröffnung der Strafuntersuchung Zeugen und Aus-
kunftspersonen zunächst in Abwesenheit der Parteien (und ihrer Rechtsbeistände) befragt und
erst in einem zweiten Schritt die Parteien (und ihre Rechtsbeistände) zugelassen werden. Dies
widerspreche aber der Waffengleichheit, einem kontradiktorischen Beweisverfahren und würde
die damit geforderte Simultaneität aus den Angeln heben (vgl. dazu ausführlich STEFAN
CHRISTEN, Anwesenheitsrecht im schweizerischen Strafprozessrecht mit einem Exkurs zur Vor-
ladung, Dissertation der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich 2009, 2010,
S. 169 ff.; sodann WOLFANG WOHLERS, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 147 N 11;
DORRIT SCHLEIMINGER METTLER, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 147 N 28).
Das Bundesgericht hat im Entscheid 6B_325/2011 zu dieser Thematik ausgeführt, mit der Wie-
derholung der Befragungen in Anwesenheit des Rechtsvertreters des Beschuldigten sei dem
Teilnahme- und Konfrontationsrecht in formeller Hinsicht Rechnung getragen worden. Dies be-
deute aber noch nicht, dass damit auch die früheren Befragungen uneingeschränkt verwertet
werden könnten. Dem Anspruch auf Wiederholung einer Beweiserhebung sei nur Genüge ge-
tan, wenn die nicht verwertbaren Beweise auf gesetzeskonforme Art neu erhoben würden. Der
konventionsrechtliche Konfrontationsanspruch (Art. 6 Ziffer 3 lit. d EMRK) verlange, dass der
Beschuldigte in die Lage versetzt werde, sein Fragerecht tatsächlich auszuüben und damit die
Glaubhaftigkeit einer Aussage infrage stellen zu können. Dies setze in aller Regel voraus, dass
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sich der Einvernommene in Anwesenheit des Beschuldigten (nochmals) zur Sache äussere. Bei
erneuten Aussagen zur Sache spreche allerdings nichts entgegen, im Rahmen einer Gesamt-
würdigung auch auf die Ergebnisse der früheren Beweiserhebung ergänzend zurückzugreifen.
Die Frage, ob bei widersprüchlichen Aussagen oder späteren Erinnerungslücken eines Zeugen
auf die ersten, in Abwesenheit des Beschuldigten erfolgten Aussagen abgestellt werden könne,
betreffe nicht die Verwertbarkeit, sondern die Würdigung der Beweise (Urteil 6B_325/2011 vom
22. August 2011, E. 2.3). Beschränke sich die Wiederholung der Einvernahme aber im Wesent-
lichen auf eine formale Bestätigung der früheren Aussagen, werde es dem Beschuldigten ver-
unmöglicht, seine Verteidigungsrechte wirksam wahrzunehmen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_369/2013 vom 31. Oktober 2013, E. 2.3; zudem BGer 6B_518/2014 vom 4. Dezember
2014, E. 4.2).
c) Zwar konnte sich die Privatklägerin vorliegend in den zentralen Punkten noch an den
Vorfall vom 5. Juni 2011 erinnern und machte anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Straf-
gerichtspräsidenten Aussagen hierzu. Allerdings fielen diese, im Vergleich zu ihren früheren, in
formeller Hinsicht mangelbehafteten Depositionen (Videoeinvernahmen der Privatklägerin vom
10. Juni 2011 bzw. vom 20. September 2013), deutlich weniger detailliert aus, weswegen nur
ein Teil der Anklagevorwürfe durch die Aussagen vor dem Strafgerichtspräsidenten abgedeckt
ist. Nicht mehr genannt wurden von der Privatklägerin namentlich das angeklagte Umarmen
des Beschuldigten ihr gegenüber von hinten mit beiden Armen sowie der Kuss auf ihre Wange.
Ebenso wurde beispielsweise das Hineinstopfen des Hosensacks durch den Beschuldigten von
der Privatklägerin vor dem Strafgerichtspräsidenten nicht mehr geschildert.
d) Zentral für das Beweisergebnis erscheinen im vorliegenden Fall die Aussagen der Pri-
vatklägerin anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Strafgerichtspräsidenten. Unter Beach-
tung der dargelegten bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. II.C.1.4.7.b) erweisen sich die
unter Verletzung der Verteidigungsrechte entstandenen Einvernahmen vom 10. Juni 2011 bzw.
vom 20. September 2013 indessen nicht zum Vornherein als vollkommen unverwertbar, son-
dern es erscheint zumindest nicht als ausgeschlossen, daraus indirekt einzelne Elemente im
Rahmen einer Gesamtwürdigung mitzuberücksichtigen.
1.6 Zwischenfazit
Nach Auffassung der strafrechtlichen Abteilung des Kantonsgerichts ist dem Berufungskläger
zusammenfassend somit insofern zuzustimmen, als es im vorliegenden Verfahren seitens der
Strafuntersuchungsbehörden eine ganze Reihe an gravierenden Verfahrensfehler zu beanstan-
den gilt.
Während die in den Ziffern II.C.1.1 bis 1.2 festgestellten mangelhaften Verfahrenshandlungen
schlussendlich – da der Beschuldigte dennoch kein Geständnis abgelegt hat – ohne weiterge-
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hende Konsequenzen geblieben sind, wirkt sich die mehrfache Verletzung der Teilnahmerechte
(vgl. Ziffer Il.C.1.5.1 ff.) in erheblichem Masse auf das vorliegende Verfahren und die nunmehr
vorhandenen bzw. fehlenden Beweismittel aus.
2. Tatsächliches und Rechtliches
2.1 a) Der Vorderrichter erwog in beweisrechtlicher Hinsicht, dass vorliegend keine objekti-
ven Beweise und Indizien vorhanden seien, welche den Tatvorwurf erhärten bzw. falsifizieren
würden. Bei den Aussagen der Privatklägerin sei aber nach den überzeugenden gutachterli-
chen Feststellungen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Erlebnisbezug auszugehen. Die
Privatklägerin habe anlässlich ihrer ersten Befragung sämtliche Übergriffe (Handlungen betref-
fend das Streicheln an der Scheide unter der Unterhose, mehrmalige Versuche durch den Ho-
sensack in Richtung der Scheide zu gelangen sowie die diesbezügliche Abwehr mit dem Unter-
arm, das Umarmen, das An-Sich-Drücken und den Kuss), beginnend mit dem gravierendsten
Übergriff, erzählt. Dass sie in den folgenden zwei Befragungen von sich aus nur noch den
schwerwiegendsten Übergriff betreffend die Unterhose geschildert habe, könne nicht als Wider-
spruch eingestuft werden. Die Einwände des Beschuldigten gegen einen Erlebnisbezug der
Aussagen der Privatklägerin blieben demgegenüber rein theoretischer Natur. Diese seien zwar
möglich, es gebe indessen, wie die Expertin vor den Schranken des Strafgerichts dargelegt
habe, keine Anhaltspunkte dafür, weder in den personellen Voraussetzungen der Privatklägerin
noch in deren Aussagen. Der Beschuldigte mache zwar auch objektive Umstände geltend, wel-
che gegen die Vornahme der von der Privatklägerin geschilderten sexuellen Übergriffe sprä-
chen. Diese Umstände würden die Tatausführung indessen nicht ausschliessen, zumal die
Übergriffe nach der Schilderung der Privatklägerin jeweils nur kurz dauerten. Dementsprechend
sei der Sachverhalt der Anklageschrift erstellt. In rechtlicher Hinsicht würdigte der Vorderrichter
das Verhalten des Beschuldigten als mehrfache sexuelle Handlung mit einem Kind gemäss
Art. 187 Ziffer 1 StGB.
b) Die Verteidigung stellt sich bezüglich des Vorwurfs der sexuellen Handlungen mit einem
Kind im Wesentlichen auf den Standpunkt, es bestehe vorliegend eine "Aussage-gegen-
Aussage-Situation", wobei die objektiven Beweise und Indizien, namentlich die Ergebnisse der
DNA-Probe sowie die Örtlichkeiten, klar gegen eine Täterschaft des Beschuldigten sprächen.
Das aussagepsychologische Gutachten vom 11. Juni 2014 vermöge an den Zweifeln an der
Schuld des Beschuldigten nichts zu ändern, selbst wenn dieses zum Schluss komme, dass sei-
tens der Privatklägerin mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Erlebnisbezug auszugehen sei.
Denn selbst das Vorhandensein lediglich einer hohen Wahrscheinlichkeit würde vorliegend ge-
rade nicht genügen, da für eine Verurteilung gemäss Lehre und Rechtsprechung eine an Ge-
wissheit grenzende Wahrscheinlichkeit verlangt werde.
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c) Die Staatsanwaltschaft erachtet demgegenüber die vorinstanzlichen Schlussfolgerungen
in jeder Hinsicht als zutreffend und schliesst sich diesen ohne Ergänzungen an.
2.2 a) Als sexuelle Handlungen im Sinne von Art. 187 Ziffer 1 StGB gelten Verhaltenswei-
sen, die für Aussenstehstehende nach ihrem äusseren Erscheinungsbild eindeutig sexualbezo-
gen sind. Die Handlungen müssen sich daher jedenfalls auf geschlechtsspezifische oder min-
destens erogene Körperteile beziehen. Küsse auf Mund oder Wange sowie Umarmungen stel-
len in der Regel keine sexuellen Handlungen dar, wohl aber Zungenküsse von Erwachsenen an
Kinder. Die Vornahme einer sexuellen Handlung gemäss Art. 187 Ziffer 1 Abs. 1 StGB erfordert
in jedem Fall einen körperlichen Kontakt mit dem Kind. Darunter fällt bereits das Betasten der
Geschlechtsorgane über den Kleidern (vgl. BGE 125 IV 58, E. 3b; STEFAN TRECHSEL/CARLO
BERTOSSA, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, Art. 187 N 13).
b) In einem Strafprozess sind an den Beweis von Täterschaft und Schuld hohe Anforde-
rungen zu stellen. Gemäss der aus Art. 8 und 32 Abs. 1 BV fliessenden und in Art. 6 Ziffer 2
EMRK verankerten Maxime "in dubio pro reo" ist bis zum gesetzlichen Nachweis ihrer Schuld
zu vermuten, dass die wegen einer strafbaren Handlung beschuldigte Person unschuldig ist
(BGE 127 I 40, BGE 120 Ia 31, E. 2b). Angesichts der in Art. 10 Abs. 1 StPO explizit statuierten
Unschuldsvermutung besteht somit Beweisbedürftigkeit, das heisst, der verfolgende Staat hat
dem Beschuldigten alle objektiven und subjektiven Tatbestandselemente nachzuweisen, wo-
raus folgt, dass der Beschuldigte seine Unschuld nicht zu beweisen hat (BGE 127 I 40 f.).
c) Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 10 Abs. 2 StPO) hat das urtei-
lende Gericht frei von Beweisregeln und nur nach seiner aus dem gesamten Verfahren gewon-
nenen persönlichen Überzeugung aufgrund gewissenhafter Prüfung darüber zu entscheiden, ob
es eine Tatsache für bewiesen hält. Das Gericht trifft sein Urteil unabhängig von der Anzahl der
Beweismittel, welche für eine bestimmte Tatsache sprechen, und ohne Rücksicht auf die Art
des Beweismittels. Auch besteht keine Rangfolge der Beweise. Massgebend soll allein deren
Stichhaltigkeit sein (CHRISTOF RIEDO/GERHARD FIOLKA/MARCEL ALEXANDER NIGGLI, Basler
Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 10 N 41 ff.).
Als Beweiswürdigungsregel besagt die Maxime "in dubio pro reo", dass sich der Strafrichter
nicht von der Existenz eines für den Beschuldigten ungünstigen Sachverhalts überzeugt erklä-
ren darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so verwirk-
licht hat. Die Beweiswürdigungsregel ist verletzt, wenn der Strafrichter an der Schuld des Be-
schuldigten hätte zweifeln müssen. Dabei sind bloss abstrakte und theoretische Zweifel nicht
massgebend, weil solche immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden
kann. Es muss sich um erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel handeln, das heisst um
solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen (BGE 124 IV 87, E. 2a; mit Verweis
auf BGE 120 Ia 31). Dem Sachgericht steht im Bereich der Beweiswürdigung ein erheblicher
Ermessensspielraum zu (BGE 134 IV 132, E. 4.2; BGE 129 IV 6, E. 6.1). Eine Verurteilung darf
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nur ergehen, wenn das Gericht über jeden vernünftigen Zweifel hinaus überzeugt ist, dass
sämtliche Strafbarkeitsvoraussetzungen in tatsächlicher Hinsicht vorliegen. Eine überwiegende
Wahrscheinlichkeit reicht hierfür nicht. Auf der anderen Seite ist eine absolute Gewissheit an-
gesichts der Unvollkommenheit der Erkenntnismittel und des menschlichen Urteilsvermögens
nicht erreichbar. Gefordert ist indessen ein sehr hoher Grad an Wahrscheinlichkeit, oft wird die
Formel "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" verwendet (vgl. ESTHER TOPHINKE,
Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 10 N 83, mit Hinweisen). Das Bundesgericht greift
auf Beschwerde hin nur ein, wenn das Sachgericht diesen missbraucht, insbesondere offen-
sichtlich unhaltbare Schlüsse zieht, erhebliche Beweise übersieht oder solche willkürlich ausser
Acht lässt (BGE 132 III 209, E. 2.1).
d) Im Rahmen der Beweiswürdigung ist die Aussage auf Glaubhaftigkeitsmerkmale bzw.
Lügensignale hin zu analysieren. Die Aussage ist gestützt auf eine Vielzahl von inhaltlichen
Realkennzeichen zu beurteilen, wobei zwischen inhaltlichen Merkmalen (Aussagedetails, Indi-
vidualität, Verflechtung), strukturellen Merkmalen (Strukturgleichheit, Nichtsteuerung, Wider-
spruchsfreiheit bzw. Homogenität) sowie Wiederholungsmerkmalen (Konstanz, Erweiterung)
unterschieden wird. Das Vorliegen von Realitätskriterien bedeutet, dass die betreffende Person
mit hoher Wahrscheinlichkeit über erlebnisfundierte Geschehnisse berichtet. Zwar besitzt jedes
Realitätskriterium für sich allein betrachtet meist nur eine geringe Validität, die Gesamtschau
aller Indikatoren kann jedoch einen wesentlich höheren Indizwert für die Glaubhaftigkeit der
Aussage haben, wobei sie in der Regel in solchen mit realem Erlebnishintergrund signifikanter
und ausgeprägter vorkommen als in solchen ohne (MARTIN HUSSELS, Von Wahrheiten und Lü-
gen – Eine Darstellung der Glaubhaftigkeitskriterien anhand der Rechtsprechung, forumpoenale
6/2012, S. 369 f.; ANDREAS DONATSCH, Zürcher Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 162 N 15;
NIKLAUS RUCKSTUHL/VOLKER DITTMANN/JÖRG ARNOLD, Strafprozessrecht, 2011, N 506 ff., mit
einer ausführlichen Darstellung der Realkriterien). Zunächst wird davon ausgegangen, dass die
Aussage gerade nicht realitätsbegründet ist, und erst wenn sich diese Annahme (Nullhypothe-
se) aufgrund der festgestellten Realitätskriterien nicht mehr halten lässt, wird geschlossen, dass
die Aussage einem wirklichen Erleben entspricht und wahr ist (BGE 133 I 33, E. 4.3; vgl. auch
BGE 129 I 49, E. 5 und 128 I 81, E. 2; zudem ANDREAS DONATSCH, Zürcher Kommentar StPO,
2. Aufl. 2014, Art. 162 N 15).
Im Bereich rechtfertigender Tatsachen trifft den Beschuldigten eine gewisse Beweislast. Seine
Behauptungen müssen plausibel sein; es muss ihnen eine gewisse Überzeugungskraft zukom-
men. Zumindest bedarf die Behauptung des Beschuldigten gewisser Anhaltspunkte, sei es in
Form konkreter Indizien oder einer natürlichen Vermutung für seine Darstellung, damit sie als
Entlastungstatsache dem Urteil zugrunde gelegt wird. Wenn die belastenden Beweise nach
einer Erklärung rufen, welche der Beschuldigte geben können müsste, dies jedoch nicht tut,
darf nach Massgabe des gesunden Menschenverstandes der Schluss gezogen werden, es ge-
be keine mögliche Erklärung und er sei schuldig. Nichts anderes kann gelten, wenn er zwar
eine Erklärung gibt, diese aber unglaubhaft oder gar widerlegt ist. Der Grundsatz "in dubio pro
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reo" zwingt somit nicht dazu, jede entlastende Angabe des Beschuldigten, für deren Richtigkeit
oder Unrichtigkeit kein spezifischer Beweis vorhanden ist, als unwiderlegt zu betrachten. Nicht
jede aus der Luft gegriffene Schutzbehauptung braucht durch einen hieb- und stichfesten Be-
weis widerlegt zu werden (vgl. BGer 6B_453/2011 vom 20. Dezember 2011, E. 1.6 und
6B_562/2010 vom 28. Oktober 2010, E. 2.1).
2.3 Bezüglich der bis zum vorliegend zu beurteilenden Vorfall von allen Parteien überein-
stimmend geschilderten guten Beziehung zwischen den Familien F._ und G._, dem Ta-
gesverlauf am 5. Juni 2011 sowie der Aussagen von B._, H._ sowie I._ kann vorab
auf die ausführliche und korrekte Zusammenfassung im angefochtenen Urteil verwiesen werden
(vgl. Urteil der Vorinstanz, S. 11–20; Art. 82 Abs. 4 StPO). Zudem stimmen die Aussagen des
Beschuldigten und der Privatklägerin, was den Tagesablauf betrifft, ebenfalls weitestgehend
überein. Einziger Unterschied bildet die entscheidende Frage, ob der Beschuldigte die ihm vor-
geworfenen sexuellen Handlungen vorgenommen hat oder nicht. Diesbetreffend kommt der
Beurteilung der Aussagen der Privatklägerin und des Beschuldigten hinsichtlich des Gesche-
hens ca. zwischen 18:00 Uhr bis ca. 21:30 Uhr im ehemaligen Kinderzimmer der Eheleute
F._ entscheidende Bedeutung zu.
2.4 Unter erstmaliger Gewährung der Teilnahmerechte des Beschuldigten schilderte die
nunmehr fast 17-jährige Privatklägerin am 1. Juni 2016 anlässlich der Hauptverhandlung vor
dem Strafgerichtspräsidenten die Vorfälle vom 5. Juni 2011 zum dritten Mal. Hinsichtlich der
dem Beschuldigten vorgeworfenen Handlungen gab sie im Wesentlichen zu Protokoll, sie habe
mit dem Beschuldigten damals am Computer gespielt, wobei er auf dem Stuhl und sie auf sei-
nem Schoss gesessen habe. Der Beschuldigte habe seine Hand zunächst auf ihr rechtes Bein
gelegt und sei in der Folge mit seiner Hand in ihre Hose und dann in ihre Unterhose hineinge-
gangen. Hierbei habe er sie – seitlich von rechts oben her kommend – an ihrem Geschlechtsteil
mehrmals angefasst. Dabei habe er sie immer wieder mit seinen Fingern angefasst und ge-
streichelt – auch innen zwischen den Schamlippen. Dies sei unangenehm gewesen und sie
habe nicht gewusst, wie sie reagieren sollte. Er sei aber mit dem Finger nicht hinein (in den Ge-
schlechtsteil) gegangen. Sie schätze, dass der Vorfall höchstens 5 Minuten gedauert habe, wo-
bei sie damals kein Zeitgefühl gehabt habe. Sie möge sich nicht mehr daran erinnern, ob das
Ganze vor oder nach dem Dessert stattgefunden habe. Der Vorfall sei mittlerweile 5 Jahre her.
Die Angelegenheit beschäftige sie zwar immer noch, aber sie wolle nun damit abschliessen und
keinen Kontakt mehr mit dem Beschuldigten (vgl. Protokoll der vorinstanzlichen Hauptverhand-
lung S. 39 ff., act. 1117 ff.).
Bezüglich der vorliegend ergänzend und hilfsweise mitzuberücksichtigenden, jedoch unter
Missachtung der Teilnahmerechte des Beschuldigten entstandenen und somit mangelbehafte-
ten Aussagen der Privatklägerin anlässlich der Videobefragungen vom 10. Juni 2011 und vom
20. September 2013 kann an dieser Stelle zunächst auf die korrekte Zusammenfassung der
http://www.bl.ch/kantonsgericht
Seite 21 http://www.bl.ch/kantonsgericht
Vorinstanz verwiesen werden (vgl. angefochtenes Urteil, S. 15 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Auf all-
fällige Abweichungen zu den Depositionen anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Strafge-
richtspräsidenten wird im Rahmen der Glaubwürdigkeitsbeurteilung eingegangen (vgl. II.C.2.7
ff.).
2.5 Ebenso kann hinsichtlich der Aussagen des Beschuldigten im Untersuchungsverfahren
und vor dem Strafgerichtspräsidenten zunächst auf die ausführliche Darstellung der Vorinstanz
verwiesen werden (vgl. angefochtenes Urteil, S. 18–21). Der Beschuldigte hat während des
gesamten Strafverfahrens konstant betont, die Privatklägerin in keinerlei Weise sexuell berührt
zu haben. Es könne höchstens sein, dass er beim Hineinstopfen der Hoseninnentasche unbe-
wusst zu nahe an den Intimbereich der Privatklägerin gekommen sei. Möglicherweise habe er
das Hineinstopfen des Hosensacks ein- bis zweimal versucht, bis die Privatklägerin es mit ih-
rem Unterarm versperrt habe (vgl. act. 1067). Währenddessen sei er aber nicht einmal mit der
ganzen Hand in ihrer Hosentasche gewesen (vgl. act. 375 ff.).
Anlässlich der kantonsgerichtlichen Hauptverhandlung bestreitet der Beschuldigte die ihm vor-
geworfenen sexuellen Handlungen erneut vehement (vgl. Protokoll der kantonsgerichtlichen
Hauptverhandlung [fortan Prot. KGer] S. 9 ff.). Hinsichtlich des Tagesablaufs vom 5. Juni 2011
schildert der Beschuldigte dabei zwei neue Aspekte: Zunächst gibt er zu Protokoll, die Privat-
klägerin sei schon bei der Ankunft in ihrer Wohnung wütend gewesen, weil sie und ihre
Schwester nicht jenen Weg gelaufen seien, welchen ihre Mutter ihnen vorgegeben habe. Weiter
sei ihm aufgefallen, dass die Privatklägerin auf der Tramfahrt zum Kino in Basel ohne für ihn
ersichtlichen Grund ganz alleine hinten Platz genommen habe.
2.6 a) Die Vorinstanz hat das von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK)
am 11. Juni 2014 erstellte aussagepsychologische Gutachten zur Frage der Glaubhaftigkeit der
Aussagen der Privatklägerin (act. 665–745) sowie die diesbezügliche ergänzende gutachterli-
che Stellungnahme vom 30. September 2014 ausführlich zusammengefasst (vgl. angefochte-
nes Urteil, S. 21–24; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die Expertin kommt dabei zusammengefasst zum
Schluss, dass bei den Aussagen der Privatklägerin mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem
Erlebnisbezug ausgegangen werden könne (act. 665 ff.). Allerdings könne nicht widerlegt wer-
den, dass auch eine erfundene Aussage eine ähnliche hohe Qualität hätte erreichen können
(act. 741). Die Sachverständige war überdies auch anlässlich der Hauptverhandlung vor dem
Strafgerichtspräsidenten anwesend, wohnte der nunmehr dritten Einvernahme der Privatkläge-
rin bei und kam zu keinem anderen Schluss. Sie führte aus, sie habe zum Gutachten, nachdem
was sie heute gehört habe, nichts zu ergänzen (act. 1129). Hinsichtlich einer absichtlichen
Falschbezichtigung sei festzuhalten, dass ein Motiv hierfür nicht erkennbar sei. Allerdings sei
nicht auszuschliessen, dass ein Beweggrund für eine Falschaussage auch unentdeckt bleiben
könnte (act. 1137 und 1139).
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b) Festzuhalten gilt es vorliegend allerdings, dass sich sowohl das Gutachten vom 11. Juni
2014 als auch das Ergänzungsgutachten vom 30. September 2014 auf die ersten zwei Video-
einvernahmen mit der Privatklägerin abstützen, welche – wie festgestellt wurde – zufolge Nicht-
gewährung der Teilnahmerechte des Beschuldigten stark mangelbehaftet sind. Unter Beach-
tung der dargelegten bundesgerichtlichen Rechtsprechung führt dies dazu, dass hinsichtlich
des aussagepsychologischen Gutachtens vom 11. Juni 2014 sowie dessen ergänzende gut-
achterliche Stellungnahme vom 30. September 2014 bloss indirekt einzelne Elemente im Rah-
men einer Gesamtwürdigung ergänzend mitberücksichtigt werden können. Die Feststellungen
der Expertin können demnach nur unter Beachtung der erwähnten gewichtigen Einschränkun-
gen in eine Gesamtwürdigung miteingezogen werden.
2.7 a) Die unter Wahrung der Teilnahmerechte des Beschuldigten erfolgten Aussagen der
Privatklägerin vor dem Strafgerichtspräsidenten fielen relativ detailliert, spontan und weitgehend
inhaltlich gleichbleibend aus, wobei allerdings der fragliche Sachverhalt bloss relativ kurz dauert
und eine eher geringe Komplexität aufweist. So schilderte sie beispielsweise, dass sie beim
ersten Mal gar nicht verstanden habe, was der Beschuldigte tat, weshalb sie nicht reagiert ha-
be. Aufgrund zahlreicher Realitätskriterien (Einzelheiten, Individualität, Homogenität, Konstanz)
sind die Aussagen der Privatklägerin anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung grund-
sätzlich als in sich stimmig zu bewerten. Dies gilt namentlich auch insoweit, als die Privatkläge-
rin mehrfach offenlegte, wenn sie etwas nicht mehr wusste (etwa, ob es auch nach dem Des-
sert zu sexuellen Berührungen kam [act. 1127] oder ob der Beschuldigte über der Hosentasche
ihre Scheide berührte [act. 1123 unten]) bzw. erklärte, wenn sie nicht mehr sicher war (vgl. act.
1125 oben).
Da erfahrungsgemäss mehrere Jahre nach einem Ereignis vor allem die Kernpunkte eines Ge-
schehens im Gedächtnis hängen bleiben, erscheint es als wenig erstaunlich, dass die Schilde-
rung der Übergriffe vor dem Strafgerichtspräsidenten im Vergleich zu den tatnäheren (aber auf-
grund der fehlenden Teilnahmemöglichkeit des Beschuldigten mangelbehafteten) Einvernah-
men der Privatklägerin vom 10. Juni 2011 bzw. vom 20. September 2013 deutlich weniger de-
tailliert ausgefallen sind.
b) Allerdings finden sich in den Aussagen der Privatklägerin auch gewisse Ungereimthei-
ten. So schilderte sie vor dem Strafgerichtspräsidenten, dass sie auf dem rechten Bein des Be-
schuldigten gesessen sei und dieser von rechts her mit seiner Hand in ihre Hose gegangen sei
(act. 1121). Demgegenüber sagte sie in den vorangehenden Videobefragungen aus, sie sei auf
dem Schoss bzw. dem linken Bein des breitbeinig auf dem Stuhl sitzenden Beschuldigten ge-
sessen (vgl. act. 239 und 291). Weiter fällt auf, dass die Aussagen der Privatklägerin bezüglich
der Anzahl der Übergriffe in den beiden Videobefragungen stark divergieren. In der ersten Be-
fragung sagte sie aus, es sei mehrmals, insgesamt ca. neunmal (ca. 3-mal vor dem Essen, ca.
4-mal nach dem Essen und ca. 2-mal nach dem Dessert) zu intimen Berührungen gekommen.
In der zweiten Befragung vermochte sie sich jedoch nur noch an einen Übergriff erinnern, wobei
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sie vermutete, sie seien nur einmal vor dem Dessert im Zimmer gewesen (act. 295). Vor dem
Strafgerichtspräsidenten gab sie schliesslich zu Protokoll, der Beschuldigte habe sie vor dem
Dessert mehrmals an ihrem Geschlechtsteil angefasst, wobei sie nicht mehr wisse, was nach
dem Dessert gewesen sei (act. 1121).
c) Insgesamt vermögen aber diese Ungereimtheiten unter Berücksichtigung der erhebli-
chen zeitlichen Abstände der Befragungen die Konsistenz der Aussagen der Privatklägerin zu-
mindest nicht in erheblichem Masse zu erschüttern. Den Kern der sexuellen Übergriffe schilder-
te sie jeweils gleich.
d) Es erscheint deshalb zusammenfassend für die strafrechtliche Abteilung des Kantonsge-
richts aufgrund der Aussagen der Privatklägerin als durchaus denkbar, dass sich der Vorfall so
wie von der Privatklägerin vor dem Strafgerichtspräsidenten geschildert zugetragen haben
könnte.
2.8 Was die Aussagen des Beschuldigten betrifft, welcher vor Kantonsgericht zum insge-
samt neunten Mal (vgl. Einvernahmen vom 11. Juni 2011 [act. 353 ff.], 12. Juli 2011 [act. 375
ff.], 13. Juni 2012 [act. 395 ff.], 21/.22. August 2012 [act. 449 ff.], 20. Juni 2013 [act. 551 ff.] 20.
November 2014 [act. 927 ff.], vor Strafgericht [act. 1051 ff.] sowie vor Kantonsgericht [Prot.
KGer S. 8 ff.]) befragt worden ist, so erweisen sich diese als konstant und widerspruchsfrei. Der
Beschuldigte hat in all den erwähnten Einvernahmen stets – trotz den festgestellten teilweise
unzulässigen Befragungsmethoden – konsequent betont, die Privatklägerin nie in irgendeiner
Weise sexuell berührt zu haben.
2.9 a) Die Auswertung der Unterhose der Privatklägerin, welche diese am 5. Juni 2011 ge-
tragen hat, durch das Institut für Rechtsmedizin der Universität Basel (IRM) hat ergeben, dass
das DNA-Profil des Beschuldigten in den sichergestellten DNA-Spuren nicht enthalten ist
(act. 129 ff., 137 ff.). Aus diesem Ergebnis kann allerdings per se nicht geschlossen werden,
dass der Beschuldigte die ihm vorgeworfenen Handlungen nicht vorgenommen hat, denn DNA-
Auswertungen müssen stets im Rahmen der Ermittlungsergebnisse und der gesamten Umstän-
de eines Falles gewürdigt werden. Während DNA-Spuren des Berufungsklägers an der Unter-
hose der Privatklägerin ein eindeutiger Beweis für einen Kontakt gewesen wären, belegt umge-
kehrt der fehlende Nachweis solcher Spuren noch nicht das Gegenteil, denn dies kann eine
Vielzahl an möglichen Ursachen haben. So könnte der Beschuldigte beispielsweise die Unter-
hose an einer anderen Stelle angefasst haben, als an derjenigen, an welcher die betreffende
Spur gesichert worden ist. Eine flächendeckende Spurensicherung ist erfahrungsgemäss in der
Praxis zum Vornherein kaum möglich. Dennoch gilt es, das Fehlen von DNA-Spuren als Indiz
für die Version des Beschuldigten zu werten.
b) Weitere Zweifel an der Täterschaft des Beschuldigten werden durch die konkrete örtli-
che Situation am Tatort genährt, welche sich als äusserst deliktsuntypisch und überdies in ho-
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hem Masse ungeeignet für sexuelle Übergriffe präsentiert. Zum Zeitpunkt der dem Beschuldig-
ten vorgeworfenen Handlungen befanden sich in der betreffenden Wohnung nebst dem Be-
schuldigten und der Privatklägerin auch deren Schwester H._ sowie die Tochter (J._)
und die Ehefrau des Beschuldigten (I._) in engster räumlicher Nähe. Gemäss den überein-
stimmenden Angaben aller sich in der Wohnung befindlichen und befragten Personen sassen
der Beschuldigte und die Privatklägerin auf einem Stuhl vor dem PC, wobei die beiden den Rü-
cken der offenen Türe und der restlichen Wohnung zugewandt hatten. Die Türe des Zimmers,
in welchem der Beschuldigte mit der Privatklägerin am PC spielte, war – diesbetreffend besteht
ebenfalls Einigkeit in den Depositionen aller Anwesenden – stets offen. Folglich war das Zim-
mer, in welchem sich der angeklagte Vorfall ereignet hat, sowohl von der Küche als auch vom
Ess- und Wohnzimmer jederzeit weitgehend frei einsehbar.
Zudem sind alle sich in der Wohnung befindlichen Personen mehrfach in den betreffenden
Raum hinein- und wieder hinausgegangen. Die Schwester der Privatklägerin gab zu Protokoll,
sie sei während des ganzen Abends vor und nach dem Abendessen immer wieder, ca. fünfmal,
im Computerzimmer gewesen und habe auch einmal kurz selbst am PC gespielt (vgl. act. 823
ff.). Diese für die angeklagte Tat doch äusserst ungünstigen Umstände schliessen es zwar nicht
aus, dass der Beschuldigte die ihm vorgeworfenen Handlungen dennoch vorgenommen haben
könnte. Allerdings hätte er für eine Tat in einer derart widrigen Konstellation ungemein tollkühn
und dreist agieren müssen. Der Beschuldigte wäre mithin einem enorm hohen Risiko ausge-
setzt gewesen, in flagranti von ihm ganz nahestehenden Bezugspersonen (seiner Ehefrau, sei-
ner Tochter sowie der Schwester der Privatklägerin) bei sozial in hohem Masse geächteten
sexuellen Handlungen mit einem Kind jederzeit erwischt zu werden.
c) Weiter gilt es als erschwerendes Element hinsichtlich des dem Beschuldigten vorgewor-
fenen Verhaltens zu beachten, dass dieser im Voraus gar nicht hätte wissen können, wie die
Privatklägerin auf seine Übergriffe reagieren würde. Insbesondere wäre es durchaus möglich
gewesen, dass die Privatklägerin nach den ersten sexuellen Berührungen sofort schreiend
durch die offene Türe zu den anderen sich in der Wohnung befindlichen Personen rennen und
diesen umgehend vom Vorfall erzählen würde. Auch unter diesem Aspekt wäre das Risiko, wel-
chem sich der Beschuldigte in der konkreten Situation ausgesetzt hätte, ein ganz erhebliches
gewesen.
d) Zwar ist ein Motiv für eine Falschbezichtigung seitens der Privatklägerin in casu auch
nach Ansicht der strafrechtlichen Abteilung des Kantonsgerichts, wie auch das ergänzend zu
beachtende aussagepsychologische Gutachten vom 11. Juni 2014 ausführt, prima vista nicht
erkennbar. Aus diesem Umstand kann aber nicht geschlossen werden, dass kein solches exis-
tiert. Gemäss den Aussagen der Expertin vor dem Strafgerichtspräsidenten kann ein solches
nämlich durchaus auch unentdeckt bleiben (act. 1137 f.). Es ist demnach zumindest vorstellbar,
dass ein solches von der Privatklägerin nicht offengelegt worden ist.
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e) Weiter kommt hinzu, dass die vom Beschuldigten geschilderte Episode mit dem Hinein-
stopfen des Hosensacks der Privatklägerin und deren anschliessendes Versperren mit ihrem
Unterarm auch gemäss den ersten Aussagen der Privatklägerin (vgl. act. 305) stattgefunden
hat, und es hierbei wohl zu Körperkontakten des Beschuldigten, als er ihr das Innenfutter des
Hosensacks wieder in die Hose stopfen wollte, gekommen war. Es erscheint daher als durch-
aus denkbar, dass die damals 11-jährige Privatklägerin die tatsächlichen körperlichen Berüh-
rungen des Beschuldigten anders interpretiert hat.
f) Sodann ist auffällig, dass ausgerechnet am betreffenden Tag das Thema Sexualität of-
fenbar latent vorhanden war. Einleitend schilderte die Privatklägerin vor dem Strafgerichtspräsi-
denten zum ersten Mal und insofern im Widerspruch zu ihren früheren Verlautbarungen, dass
sie nach dem gemeinsamen Kinobesuch mit ihrer Schwester, dem Beschuldigten und dessen
Ehefrau mit dem Tram auf dem Heimweg unterwegs an einem Erotikshop vorbeigefahren seien,
wobei sie in die Runde gefragt habe, warum nackte Puppen im Schaufenster zu sehen seien.
Darauf hätten die anderen gelacht und zu ihr gesagt, dass sie das noch nicht wissen müsse
(act. 1119 f.). Zudem gab I._, die Ehefrau des Beschuldigten, am 13. August 2014 als Zeu-
gin zu Protokoll, H._ habe ihr an diesem Abend davon erzählt, dass zurzeit in der Schule
das Thema "Sexualität" behandelt werde bzw. sie einen Aufsatz darüber schreiben müsse, als
die Privatklägerin einmal kurz in die Küche gekommen sei. Wie viel die Privatklägerin vom Ge-
sprochenen mitbekommen habe, wisse sie allerdings nicht (act. 769).
g) Ferner erscheint das Verhalten der damals 11-jährigen Privatklägerin, welche trotz der
angeblich erfolgten sexuellen Handlungen weiterhin den ganzen Abend lang und auch noch auf
dem Nachhauseweg, als sie von diesem Huckepack getragen werden wollte, die Nähe des Be-
schuldigten gesucht hat, als doch eher untypische Reaktion auf sexuelle Übergriffe. Zwar ver-
mag eine innere Überforderung dieses Verhalten psychologisch und viktimologisch bis zu einen
gewissen Grad zu erklären (vgl. dazu die Ausführungen der Expertin, act. 785). Dennoch wäre
es um einiges naheliegender gewesen, wenn die Privatklägerin es nach den ersten Vorfällen in
der Folge vermieden hätte, mit dem Beschuldigten alleine zu sein, um so weitere potentielle
sexuelle Übergriffe zu verhindern.
h) Schliesslich erscheint es als ziemlich erstaunlich, dass die übrigen Anwesenden in der
Wohnung an jenem Abend weder am Verhalten des Beschuldigten noch an demjenigen der
Privatklägerin irgendetwas Auffälliges bemerkt haben (vgl. insbesondere die Aussagen von
H._, act. 823 ff., und von I._, act. 767 ff.).
i) In Würdigung der oben relevierten Umstände erachtet es das Kantonsgericht somit nicht
als ausgeschlossen, dass sich der Vorfall gemäss der Version des Beschuldigten zugetragen
haben könnte.
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2.10 Zusammenfassend ergibt sich demnach folgendes Bild: Mangels objektiver Beweismittel
liegt eine klassische "Aussage gegen Aussage"-Konstellation vor, wobei sowohl die Version der
Privatklägerin als auch diejenige des Beschuldigten als grundsätzlich denkbare Varianten er-
scheinen, wie sich der Vorfall vom 5. Juni 2011 abgespielt haben könnte. Hierbei erachtet es
die strafrechtliche Abteilung des Kantonsgerichts als durchaus plausibel, dass der Beschuldigte
tatsächlich gegenüber der Privatklägerin die ihm vorgeworfenen sexuellen Handlungen vorge-
nommen hat. In Abwägung aller Umstände erscheint es sogar als leicht wahrscheinlicher, dass
der Beschuldigte diese effektiv begangen hat. Allerdings verbleiben nach Würdigung sämtlicher
vorliegender Beweismittel aufgrund der unter Ziffer II.C.2.9 relevierten Umstände eine ganze
Reihe massgeblicher, begründeter und unüberwindbarer Zweifel an der Verwirklichung des an-
geklagten und von der Vorinstanz angenommenen Sachverhalts. Hervorzuheben sind diesbe-
züglich vor allem die konkrete, für sexuelle Handlungen äusserst ungeeignete Situation am Tat-
ort (in räumlicher Hinsicht und aufgrund der permanenten Anwesenheit zahlreicher, dem Be-
schuldigten nahestehenden Personen mit offener Einsehbarkeit), das Verhalten der Privatkläge-
rin, welche nach dem Vorfall weiterhin die Nähe des Beschuldigten suchte, sowie der Umstand,
dass keine DNA des Beschuldigten auf der Unterhose der Privatklägerin gefunden werden
konnte. Mithin wird bei dieser Ausgangslage das für einen Schuldspruch erforderliche Beweis-
mass der mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit nicht erreicht, weswegen es in An-
wendung des strafprozessualen Grundsatzes "in dubio pro reo" nicht als hinreichend erstellt
erscheint, dass der Beschuldigte die ihm angelastete Tat begangen hat.
Folgerichtig ist das Urteil des Strafgerichtspräsidiums Basel-Landschaft vom 2. Juni 2016 in
Gutheissung der diesbezüglichen Berufung des Beschuldigten aufzuheben und der Beschuldig-
te vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlung mit einem Kind im Zweifel freizusprechen.
D. Fall 2: Mehrfache Pornographie
[...]
E. Einziehung
[...]
F. Fazit
[...]
III. Kosten
[...]
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