Decision ID: 100f5686-5c13-5f24-8867-a3000079cfc6
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin (geb. (...), Eritrea) reiste am 11. Juli 2012 in die
Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl ersuchte. Mit Verfügung vom
6. Februar 2014 stellte das damalige Bundesamt für Migration BFM (heute:
Staatssekretariat für Migration SEM) fest, die Beschwerdeführerin erfülle
die Flüchtlingseigenschaft, lehnte jedoch ihr Asylgesuch ab und ordnete
die Wegweisung aus der Schweiz an. Letztere wurde wegen Unzulässig-
keit nicht vollzogen und zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufge-
schoben (Akten der Vorinstanz, Asylakten [SEM-A-act.] 1, 14).
B.
Am 5. November 2018 reichte die Beschwerdeführerin beim SEM ein Ge-
such um Erteilung humanitärer Visa für ihre zwei sich damals in einem
Flüchtlingslager in Äthiopien befindenden Töchter ein. Das SEM verwies
mit Schreiben vom 16. November 2018 auf die Zuständigkeit der Schwei-
zer Auslandsvertretungen zur Entgegennahme und Prüfung entsprechen-
der Visumsgesuche und machte die Beschwerdeführerin auf die Möglich-
keit der Einreichung eines Gesuchs um Familiennachzug aufmerksam
(SEM-A-act. unpaginiert).
C.
Am 4. April 2019 reichte die Beschwerdeführerin beim Migrationsamt des
Kantons D._ ein Gesuch um Familiennachzug ihrer beiden Töchter
(geb. (...) und (...)) ein (Akten der Vorinstanz, Dossier Familiennachzug,
[SEM-B-act.] 1).
D.
Die kantonale Migrationsbehörde übermittelte die Unterlagen am 11. Juni
2019 an das SEM (nachfolgend: Vorinstanz) und führte in ihrer Stellung-
nahme aus, dass lediglich eine 1.5-Zimmer-Wohnung zur Verfügung stehe,
welche für einen Dreipersonenhaushalt als nicht ausreichend bezeichnet
werden müsse. Die Gesuchstellerin sei zudem aus gesundheitlichen Grün-
den nicht erwerbstätig, weshalb sie vollumfänglich von der Sozialhilfe un-
terstützt werde (SEM-B-act. 2).
E.
Am 14. August 2019 teilte die Beschwerdeführerin der Vorinstanz mit, dass
sich die Situation ihrer Kinder in Äthiopien verschärft habe (SEM-B-act. 7).
F-5418/2020
Seite 3
F.
Am 13. September 2019 teilte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin mit,
dass sie beabsichtige, das Familiennachzugsgesuch mangels Erfüllung
der Voraussetzungen der bedarfsgerechten Wohnung und der Sozialhil-
feunabhängigkeit abzulehnen. Es werde zudem aufgrund ihrer Äusserun-
gen nicht von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen. Ferner
sei das Gesuch in Bezug auf die ältere Tochter als verspätet anzusehen.
Gleichzeitig gewährte sie der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör
(SEM-B-act. 8).
G.
Die Beschwerdeführerin machte mit Eingabe vom 4. Oktober 2019 von ih-
rem Äusserungsrecht Gebrauch (SEM-B-act. 9).
H.
Am 2. März 2020 (Eingang SEM) reichte die Beschwerdeführerin ein Arzt-
zeugnis der (...) Kliniken E._ vom 27. Februar 2020 ein. Darin wird
bestätigt, dass die Beschwerdeführerin zu 100 % arbeitsunfähig sei
(SEM-B-act. 10).
I.
Mit Schreiben vom 2. April 2020 wies die Vorinstanz die Beschwerdeführe-
rin darauf hin, dass das Arztzeugnis vom 27. Februar 2020 keine abschlies-
sende Beurteilung ihres Gesundheitszustands zulasse und forderte diese
auf, einen ausführlichen Arztbericht einzureichen. Aus dem Bericht habe
hervorzugehen, auf welcher Grundlage ihre Arbeitsunfähigkeit angenom-
men werde. Zudem seien sämtliche, seit der Einreise in die Schweiz erhal-
tenen ärztlichen Berichte einzureichen und es sei mitzuteilen, ob ein IV-
Anspruch geprüft worden sei (SEM-B-act. 11).
J.
Die (...) Kliniken E._ stellten der Vorinstanz am 30. April 2020 einen
Arztbericht vom 16. April 2020 zu (SEM-B-act. 12). Am 25. Juni 2020 über-
mittelte das Kantonsspital F._ der Vorinstanz einen Sprechstunden-
bericht vom 20. Mai 2020 (SEM-B-act. 13).
K.
Mit Verfügung vom 2. Oktober 2020 lehnte die Vorinstanz das Gesuch um
Familiennachzug und Einbezug in die vorläufige Aufnahme zugunsten der
beiden Töchter ab (SEM-B-act. 14).
F-5418/2020
Seite 4
L.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin am 3. November 2020 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die angefoch-
tene Verfügung aufzuheben, das Gesuch um Einbezug in die vorläufige
Aufnahme gutzuheissen und die Einreise für die nachzuziehenden Kinder
zu bewilligen. Weiter ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
(Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
M.
Mit Zwischenverfügung vom 10. November 2020 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut
(BVGer-act. 2).
N.
Am 12. November 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen Arztbericht
der (...) Kliniken E._ vom 10. November 2020 zu den Akten
(BVGer-act. 3). Eine Kopie des Berichts wurde dem Bundesverwaltungs-
gericht zudem am 13. November 2020 durch die E._ direkt zuge-
stellt (BVGer-act. 4).
O.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 7. Dezember 2020
auf Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 6). Die Beschwerdeführerin
liess sich hierzu nicht mehr vernehmen.
P.
Aus organisatorischen Gründen wurde anstelle des bisherigen Instrukti-
onsrichters die vorsitzende Richterin im Spruchkörper eingesetzt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM betreffend Familiennachzug gemäss Art. 85
Abs. 7 AIG unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht
(Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
F-5418/2020
Seite 5
1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 50 und 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes sowie – falls nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begrün-
dung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2).
3.
Gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG können Ehegatten und ledige Kinder unter
18 Jahren von in der Schweiz vorläufig aufgenommenen Personen und
vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen frühestens drei Jahre nach Anord-
nung der vorläufigen Aufnahme nachgezogen und in diese eingeschlossen
werden. Voraussetzung dafür ist, dass sie zusammenwohnen (Bst. a), dass
eine bedarfsgerechte Wohnung vorhanden ist (Bst. b), dass die Familie
nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist (Bst. c), sie sich in der am Wohnort
gesprochenen Landessprache verständigen können (Bst. d) und die nach-
ziehende Person keine jährlichen Ergänzungsleistungen nach dem Bun-
desgesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und In-
validenversicherung vom 6. Oktober 2006 (ELG, SR 831.10) bezieht oder
wegen des Familiennachzugs beziehen könnte (Bst. e). Diese Bestimmung
wird in materieller Hinsicht in der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über
Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE, SR 142.201) konkreti-
siert. Gemäss Art. 74 Abs. 3 VZAE ist ein Familiennachzugsgesuch inner-
halb von fünf Jahren zu stellen, sobald die zeitlichen Voraussetzungen ge-
mäss Art. 85 Abs. 7 AIG erfüllt sind; geht es um den Nachzug von Kindern
im Alter von über zwölf Jahren, muss das Gesuch innerhalb von zwölf Mo-
naten nach diesem Zeitpunkt eingereicht werden. Ein nachträglicher Fami-
liennachzug ist nur aus wichtigen familiären Gründen möglich (Art. 74
Abs. 4 VZAE).
F-5418/2020
Seite 6
4.
4.1 Die Vorinstanz führt in ihrer Verfügung zunächst aus, in Bezug auf die
nachzuziehenden Kinder seien keine rechtsgenüglichen Identitätsdoku-
mente eingereicht worden, weshalb unklar sei, ob es sich bei ihnen tat-
sächlich um die Kinder der Beschwerdeführerin handle. Da das Gesuch
um Familiennachzug aber mangels Erfüllung der Voraussetzungen nach
Art. 85 Abs. 7 Bst. b und c AIG (Vorhandensein einer bedarfsgerechten
Wohnung und Unabhängigkeit von der Sozialhilfe) abzulehnen sei, könne
die Frage des ungeklärten Abstammungsverhältnisses offenbleiben. Eine
1.5-Zimmer-Wohnung sei für eine dreiköpfige Familie nicht bedarfsgerecht.
Zwar gebe die Beschwerdeführerin an, das Sozialamt werde ihr eine grös-
sere Wohnung zur Verfügung stellen, sobald die Kinder in der Schweiz
seien. Diese Zusicherung, im Falle einer Bewilligung des Familiennach-
zugs trotz fehlendem Erwerbseinkommen in eine bedarfsgerechte Woh-
nung umzuziehen, vermöge das Kriterium jedoch nicht zu erfüllen. Dieses
könne vielmehr nur so verstanden werden, dass die benötigte Wohnung
auch aus eigenen Mitteln finanziert werden müsse. Die Sozialhilfeunab-
hängigkeit der Beschwerdeführerin sei jedoch klarerweise nicht gegeben.
Dass die Beschwerdeführerin aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeits-
fähig sei, könne aufgrund ihrer eigenen widersprüchlichen Angaben sowie
der nicht ausreichend detaillierten Arztberichte nicht gehört werden. Selbst
wenn ihre Arbeitsfähigkeit teilweise eingeschränkt sein sollte, fehle es am
Nachweis, dass sie im Hinblick auf eine Teilzeitstelle alles ihr Zumutbare
unternommen habe. Ferner könne sie sich mangels einer gelebten famili-
ären Beziehung auch nicht auf Art. 8 EMRK berufen. Im Lichte von Art. 96
AIG erweise sich die Verweigerung des Familiennachzugs angesichts ihrer
erheblichen und fortgesetzten Sozialhilfeabhängigkeit schliesslich als ver-
hältnismässig.
4.2 Die Beschwerdeführerin bringt dagegen im Wesentlichen vor, sie habe
der Vorinstanz UNHCR-Ausweise, einen Taufschein, Fotografien und
handschriftliche Briefe ihrer Kinder eingereicht. Weitere Identitätsausweise
seien nicht vorhanden. Sie sei aber bereit, einen DNA-Test zur Klärung des
Abstammungsverhältnisses zu machen. Weiter sei es ihr aus gesundheit-
lichen Gründen nicht möglich, auf dem freien Arbeitsmarkt tätig zu sein und
sich von der Sozialhilfe zu lösen. Die Sozialhilfeabhängigkeit dürfe ihr da-
her nicht angelastet werden, vielmehr sei es ihr aus unverschuldeten Grün-
den nicht möglich, diese Voraussetzung zu erfüllen. Es fehle ihr damit auch
die Möglichkeit, ohne Unterstützung der Sozialhilfe eine bedarfsgerechte
Wohnung anzumieten. Ihr deswegen den Familiennachzug zu verweigern,
sei eine Diskriminierung von ihr als kranke Person.
F-5418/2020
Seite 7
5.
5.1 Der von der Beschwerdeführerin angebotene DNA-Test zum Nachweis
des Abstammungsverhältnisses zwischen ihr und den nachzuziehenden
Kindern braucht nicht abgenommen zu werden, da die Beschwerde – wie
nachfolgend darzulegen ist – ohnehin abzuweisen ist.
5.2 Die Beschwerdeführerin lebt derzeit in einer 1.5-Zimmer-Wohnung. Sie
behauptet jedoch nicht, dass es sich dabei um eine angemessene Woh-
nung für drei Personen handle, sondern macht geltend, dass ihr bei einer
allfälligen Bewilligung des Familiennachzugs vom Sozialamt eine grössere
Wohnung zur Verfügung gestellt würde und gibt an, künftig mit ihren nach-
zuziehenden Kindern zusammenwohnen zu wollen. Nach der Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts ist die Voraussetzung der bedarfs-
gerechten Wohnung damit als erfüllt zu betrachten, da ihr nicht zugemutet
werden kann, sich bereits im Zeitpunkt der Gesuchstellung um familien-
adäquate Räumlichkeiten zu kümmern (vgl. Urteile des BVGer
F-4731/2018 vom 11. Mai 2020 E. 5.1; F-6727/2017 vom 9. September
2019 E. 7; F-4990/2018 vom 3. April 2019 E. 6).
5.3 Die Voraussetzung nach Art. 85 Abs. 7 Bst. d AIG, wonach sich die
nachzuziehenden Personen in der am Wohnort gesprochenen Landes-
sprache verständigen können, findet bei ledigen Kindern unter 18 Jahren
wie in casu keine Anwendung (Art. 85 Abs. 7ter AIG).
5.4
5.4.1 Unabhängigkeit von der Sozialhilfe im Sinn von Art. 85 Abs. 7 Bst. c
AIG wird in der Praxis angenommen, wenn die Eigenmittel das Niveau er-
reichen, ab dem gemäss Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für
Sozialhilfe (SKOS) kein Anspruch auf Sozialhilfe (mehr) besteht. Diese De-
finition ist angesichts der mit zu berücksichtigenden statusspezifischen
Umstände von anerkannten Flüchtlingen – ob mit oder ohne Asyl – jedoch
zu relativieren. So ist bei der Beurteilung der Fürsorgeunabhängigkeit zwar
von den aktuellen Verhältnissen auszugehen, die wahrscheinliche finanzi-
elle Entwicklung – einschliesslich der Verdienstmöglichkeiten aller Famili-
enmitglieder – aber auf längere Sicht ebenfalls in Betracht zu ziehen. De-
ren mutmassliches und zu den Lebenshaltungskosten der Familie beitra-
gendes Einkommen ist daran zu messen, ob und in welchem Umfang es
als tatsächlich realisierbar erscheint. Von daher kann es sich im Hinblick
auf das öffentliche Interesse rechtfertigen, den Nachzug von Familienan-
gehörigen zu verweigern, wenn damit die Gefahr des fortgesetzten und er-
F-5418/2020
Seite 8
heblichen Bezugs von Sozialhilfe einhergeht. Unternimmt die gesuchstel-
lende Person demgegenüber alles ihr Zumutbare, um auf dem Arbeits-
markt Fuss zu fassen und so für sich und ihre Familie den Unterhalt be-
streiten zu können, kann dies den an den Familiennachzug gestellten An-
forderungen genügen. Dies gilt selbst dann, wenn der Betreffende inner-
halb der für den Familiennachzug geltenden Frist unverschuldet keine den
Familienunterhalt sichernde Situation zu schaffen vermag, sich der Fehl-
betrag jedoch in vertretbarer Höhe hält und in absehbarer Zeit ausgegli-
chen werden kann (BGE 139 I 330 E. 4.1 f.; BVGE 2017 VII/4 E. 5.2).
5.4.2 Die Beschwerdeführerin lebt seit 2012 in der Schweiz und wurde im
Jahr 2014 als Flüchtling vorläufig aufgenommen. Seit ihrer Einreise in die
Schweiz war sie nie erwerbstätig und bezieht seither vollumfänglich Sozi-
alhilfe. Seit August 2016 nimmt sie zwar jeweils morgens an einem Be-
schäftigungsprogramm für stellensuchende Personen sowie Langzeitar-
beitslose teil (vgl. Bestätigungsschreiben der G._ AG vom 12. Ok-
tober 2020 [Beschwerdebeilage 2 zu BVGer-act. 1]). Es ist ihr allerdings
bis heute nicht gelungen, auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.
Dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert, ist nicht wahrscheinlich.
Ebenso unwahrscheinlich ist, dass die nachzuziehenden Töchter, welche
mittlerweile nicht mehr beziehungsweise nur noch knapp im schulpflichti-
gen Alter, jedoch überhaupt nicht integriert sind, in naher Zukunft einer Er-
werbstätigkeit nachgehen könnten. Angesichts der langjährigen, vollstän-
digen Abhängigkeit der Beschwerdeführerin von der Sozialhilfe muss zu-
dem angenommen werden, dass die bereits angehäufte Schuld eine be-
trächtliche Höhe aufweist. Es ist somit von einer fortgesetzten und erhebli-
chen Fürsorgeabhängigkeit der Beschwerdeführerin im Sinne der oben zi-
tierten Rechtsprechung (vgl. E. 5.4.1) auszugehen.
5.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Kriterium gemäss Art. 85
Abs. 7 Bst. c AIG nicht vorliegt, weshalb die gesetzlichen Voraussetzungen
für den Einbezug in die vorläufige Aufnahme nicht erfüllt sind.
6.
Es stellt sich die Frage, ob gestützt auf Art. 8 EMRK ein Anspruch auf Fa-
miliennachzug besteht und ob gegebenenfalls ein Eingriff hinsichtlich der
Verweigerung des Familiennachzugs gestützt auf Art. 8 Ziff. 2 EMRK ge-
rechtfertigt ist.
6.1 Art. 8 Ziff. 1 EMRK garantiert den Schutz des Familienlebens, welches
in erster Linie die Kernfamilie, das heisst die Gemeinschaft der Ehegatten
F-5418/2020
Seite 9
mit ihren minderjährigen Kindern, umfasst (vgl. BGE 144 II 1 E. 6.1; 135 I
143 E. 1.3.2; 129 II 11 E. 2). Die Garantie kann verletzt sein, wenn einer
ausländischen Person, deren Familienangehörige in der Schweiz weilen,
die Anwesenheit untersagt und damit das Familienleben vereitelt wird. Das
in Art. 8 EMRK beziehungsweise Art. 13 BV geschützte Recht ist berührt,
wenn eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung einer
gefestigt anwesenheitsberechtigten Person beeinträchtigt wird, ohne dass
es dieser möglich beziehungsweise zumutbar wäre, ihr Familienleben an-
dernorts zu pflegen (BGE 144 II 1 E. 6.1). Gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung können sich auch solche Personen auf Art. 8 EMRK be-
rufen, die kein gefestigtes Aufenthaltsrecht haben, deren Anwesenheit in
der Schweiz jedoch faktisch als Realität hingenommen wird beziehungs-
weise aus objektiven Gründen hingenommen werden muss (vgl. Urteil des
BGer 2C_360/2016 vom 31. Januar 2017 E. 5.2 m.H.; BVGE 2017 VII/4
E. 6.2). Bei anerkannten Flüchtlingen, denen die vorläufige Aufnahme ge-
währt wurde, ist in der Regel von einem faktischen Aufenthaltsrecht auszu-
gehen (vgl. BVGE 2017 VII/4 E. 6.3).
6.2 Entgegen der Vorinstanz kann vor dem Hintergrund, dass die Be-
schwerdeführerin in der Schweiz als (vorläufig aufgenommener) Flüchtling
anerkannt wurde sowie angesichts der Tatsache, dass eine Aufhebung ih-
res rechtlichen Status in absehbarer Zukunft nicht anzunehmen ist, ein fak-
tisches Aufenthaltsrecht der Beschwerdeführerin angenommen werden.
Ob sich die Beschwerdeführerin angesichts der ungeklärten Identität der
nachzuziehenden Kinder auf Art. 8 Ziff. 1 EMRK berufen kann, kann offen
bleiben, da – wie nachfolgend darzulegen ist – der Eingriff in das Recht auf
Achtung des Familienlebens gestützt auf Art. 8 Ziff. 2 EMRK gerechtfertigt
wäre.
6.3 Der Anspruch auf Achtung des Familienlebens gemäss Art. 8 Ziff. 1
EMRK gilt nicht absolut. Der Eingriff in das geschützte Rechtsgut ist statt-
haft, soweit er gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen Gesell-
schaft notwendig ist für die nationale oder öffentliche Sicherheit, für das
wirtschaftliche Wohl des Landes, zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur
Verhütung von Straftaten, zum Schutz der Gesundheit oder der Moral oder
zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer (Art. 8 Ziff. 2 EMRK). Die
Konvention verlangt, dass die individuellen Interessen an der Erteilung
bzw. am Erhalt des Anwesenheitsrechts und die öffentlichen Interessen an
dessen Verweigerung sorgfältig gegeneinander abgewogen werden (BGE
143 I 21 E. 5.1; 142 II 35 E. 6.1; 140 I 145 E. 3.1; 139 I 330 E. 2.2; 135 I
143 E. 2.1; Urteil des EGMR El Ghatet gegen Schweiz vom 8. November
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=suv&query_words=%22Gerichtsschreiberin+Genner%22+%22Art.+8+Ziff.+2+EMRK%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-I-21%3Ade&number_of_ranks=0#page21 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=suv&query_words=%22Gerichtsschreiberin+Genner%22+%22Art.+8+Ziff.+2+EMRK%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-I-21%3Ade&number_of_ranks=0#page21 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=suv&query_words=%22Gerichtsschreiberin+Genner%22+%22Art.+8+Ziff.+2+EMRK%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F142-II-35%3Ade&number_of_ranks=0#page35 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=suv&query_words=%22Gerichtsschreiberin+Genner%22+%22Art.+8+Ziff.+2+EMRK%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-I-145%3Ade&number_of_ranks=0#page145 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=suv&query_words=%22Gerichtsschreiberin+Genner%22+%22Art.+8+Ziff.+2+EMRK%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-I-330%3Ade&number_of_ranks=0#page330 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=suv&query_words=%22Gerichtsschreiberin+Genner%22+%22Art.+8+Ziff.+2+EMRK%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F135-I-143%3Ade&number_of_ranks=0#page143 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=suv&query_words=%22Gerichtsschreiberin+Genner%22+%22Art.+8+Ziff.+2+EMRK%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F135-I-143%3Ade&number_of_ranks=0#page143
F-5418/2020
Seite 10
2016 [56971/10] § 53). Von besonderem Gewicht erscheint, ob die be-
troffenen Personen aufgrund ihres migrationsrechtlichen Status vernünf-
tigerweise davon ausgehen durften, ihr Familienleben künftig im Konventi-
onsstaat pflegen zu können. Ist dies nicht der Fall, bedarf es besonderer
beziehungsweise aussergewöhnlicher Umstände ("exceptional circum-
stances"), damit Art. 8 EMRK den einzelnen Staat verpflichten kann, die
Anwesenheit von Familienangehörigen zu dulden (vgl. zum Ganzen statt
vieler BGE 139 I 330 E. 2.2 f. sowie Urteile des EGMR Jeunesse gegen
Niederlande vom 3. Oktober 2014 [Nr. 12738/10] § 100 ff., Biraga und an-
dere gegen Schweden vom 3. April 2012 [Nr. 1722/10] § 49 ff., Darren
Omoregie und andere gegen Norwegen vom 31. Juli 2008 [Nr. 265/07]
§ 57 sowie Konstatinov gegen Niederlande vom 26. April 2007
[Nr. 16351/03] § 48). Soweit Kinder betroffen sind, ist dem Kindeswohl im
Sinne einer Leitmaxime eine gewichtige Bedeutung zuzumessen, wobei
auch wiederum die einzelfallspezifischen Umstände, namentlich das Alter,
die Situation im Heimatstaat und die Abhängigkeit zu den Eltern massge-
blich sind (vgl. statt vieler die Urteile des EGMR El Ghatet gegen Schweiz
vom 8. November 2016 [Nr. 56971/10] § 46 f., Jeunesse § 73 ff., § 109 so-
wie Nunez gegen Norwegen vom 28. Juni 2011 [Nr. 55597/09] § 78 ff.,
§ 84).
6.3.1 Das öffentliche Interesse an der Verweigerung des Familiennach-
zugs besteht im vorliegenden Fall darin, eine allzu grosse beziehungs-
weise zusätzliche Belastung der öffentlichen Finanzen zu vermeiden. Wie
bereits dargelegt, ist die Beschwerdeführerin bis heute vollständig sozial-
hilfeabhängig und es ist davon auszugehen, dass sich diese Abhängigkeit
bei einer Gutheissung des Gesuchs auf unbestimmte Zeit verschärfen
würde (vgl. E. 5.4). Nachfolgend ist näher zu prüfen, inwiefern die Be-
schwerdeführerin diesen Umstand selbst verschuldet.
6.3.1.1 Nach Ansicht der Vorinstanz ist die Sozialhilfeabhängigkeit der Be-
schwerdeführerin nicht beziehungsweise nicht vollständig auf ihren ge-
sundheitlichen Zustand zurückzuführen. Es sei nicht erstellt, dass die Be-
schwerdeführerin seit ihrer Einreise in die Schweiz dauerhaft und vollum-
fänglich arbeitsunfähig sei. Ein erster Anhaltspunkt, dass die Beschwerde-
führerin gesundheitliche Probleme habe, ergebe sich aus einer hausärztli-
chen Bestätigung vom 27. Juli 2016, wonach sie an schweren Depressio-
nen und Ängsten leide. Trotz expliziter Aufforderung, sämtliche Arztbe-
richte seit ihrer Einreise in die Schweiz im Jahr 2012 einzureichen, seien
jedoch erst ab November 2018 wieder ärztliche Konsultationen aktenkun-
F-5418/2020
Seite 11
dig; dem Arztbericht vom 14. Januar 2019 sei zu entnehmen, dass die Be-
schwerdeführerin am 8. November 2018 erstmals psychiatrische Behand-
lung in Anspruch genommen habe. Die in der Folge weiter eingereichten
ärztlichen Berichte vom 30. September 2019, 27. Februar 2020 und
16. April 2020, wonach sie zu 100 % arbeitsunfähig sei, könnten aufgrund
mangelnder Ausführlichkeit nicht zum Nachweis ihrer vollständigen Ar-
beitsunfähigkeit herangezogen werden. Auch mit Blick auf den auf Be-
schwerdeebene neu eingereichten Arztbericht vom 10. November 2020
bleibe unklar, wie die medizinischen Fachkräfte – ausgehend von einer er-
heblichen Beeinflussung der Arbeitsfähigkeit durch die affektiven, kogniti-
ven und psychomotorischen Störungen – ohne weitere Begründung eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 % ableiteten. Die Beschwerdeführerin verstri-
cke sich zudem in Widersprüche, zumal sie einerseits angebe, vollständig
arbeitsunfähig zu sein, und andererseits mitteile, auf Arbeitssuche zu sein.
Ferner sei sie täglich vier Stunden in einem Beschäftigungsprogramm tätig,
was ebenfalls gegen eine vollständige Arbeitsunfähigkeit spreche. Die Be-
schwerdeführerin müsste in der Lage sein, auch auf dem freien Arbeits-
markt teilzeitlich erwerbstätig zu sein beziehungsweise die im Beschäfti-
gungsprogramm erbrachten Leistungen auf dem freien Arbeitsmarkt anzu-
wenden.
6.3.1.2 Die Beschwerdeführerin wendet dagegen ein, die Vorinstanz neh-
me zu Unrecht an, sie habe erst seit dem Jahr 2018 ernsthafte Gesund-
heitsprobleme. Seit sie in der Schweiz angekommen sei, habe sie ver-
sucht, hier Fuss zu fassen; es sei ihr aber von Anfang an gesundheitlich
nicht gut gegangen. Sie habe dauerhafte Schmerzen im Kopf und im Un-
terleib gehabt, kaum schlafen können und sei unkonzentriert, müde und
traurig gewesen. Der Gedanke an ihre Kinder habe sie Tag und Nacht be-
schäftigt. Da es ihr immer schlechter gegangen sei, habe ihre Hausärztin
sie im November 2018 an das Universitätsspital H._ überwiesen.
Die von ihr eingereichten Arztberichte bestätigten seit der ersten gründli-
chen Untersuchung im Jahr 2018, dass sie nicht arbeitsfähig sei und dass
die Prognose bei einem chronischen Verlauf und einem komplexen Krank-
heitsbild ungünstig sei. Die Arztberichte stammten von seriösen Kliniken
und es sei nicht gerechtfertigt, diese als zu wenig fundiert oder ausführlich
zu erachten. Es sei weiter auch unangebracht, wenn ihr die Vorinstanz vor-
werfe, dass sie sich bezüglich ihrer Aussagen zur Arbeitssuche in Wider-
sprüche verwickle. Ihre Bemühungen, trotz der gesundheitlichen Ein-
schränkungen aktiv zu sein, dürften ihr nicht entgegengehalten werden,
sondern müssten vielmehr positiv gewertet werden.
F-5418/2020
Seite 12
6.3.1.3 Zum Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ist den Akten
Folgendes zu entnehmen: Aus einem dem Familiennachzugsgesuch bei-
gelegten Arztzeugnis vom 14. Dezember 2018 geht zunächst hervor, dass
sich die Beschwerdeführerin am 8. November 2018 erstmals auf Initiative
ihrer Hausärztin in der psychosomatischen Abteilung des Universitätsspi-
tals H._ vorstellte. Dort wurden eine mittelgradige depressive Epi-
sode, anteilige somatoforme Schmerzstörung und ein dringender Verdacht
auf posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert (Beilage 7 zu SEM-
B-act. 1). In einer Bescheinigung vom 14. Januar 2019 wies der behan-
delnde Arzt darauf hin, dass noch diverse Abklärungen laufen würden, wo-
bei unabhängig von den daraus folgenden Ergebnissen davon ausgegan-
gen werden müsse, dass bei der Beschwerdeführerin die kognitive Leis-
tungsfähigkeit stark reduziert und die Arbeitsfähigkeit nicht gegeben sei
(Beilage 8 zu SEM-B-act. 1). In der Folge wurde die Beschwerdeführerin
an die (...) Kliniken E._ überwiesen, wo sie sich seit dem 10. Januar
2020 in Behandlung befindet. Sowohl in zwei ärztlichen Zeugnissen vom
30. September 2019 und 27. Februar 2020 wie auch in einem ausführliche-
ren Arztbericht vom 16. April 2020 wird ihr attestiert, dass sie auf dem of-
fenen Arbeitsmarkt zu 100 % arbeitsunfähig sei. Die Diagnose laute auf
posttraumatische Belastungsstörung sowie anhaltende somatoforme
Schmerzstörung, wobei Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Intru-
sionen, Schlafstörungen, deprimierte Stimmung, Affektlabilität und
Schmerzen die Arbeitsfähigkeit erheblich beeinflussten. Es bestehe ein
komplexes komorbides Störungsbild, weswegen eher von einer ungünsti-
gen Prognose auszugehen sei (SEM-B-act. 10 und 12). Diese Aussagen
werden sodann im jüngsten, auf Beschwerdeebene eingereichten Arztbe-
richt vom 10. November 2020 bestätigt (BVGer-act. 3).
6.3.1.4 Angesichts der diversen eingereichten Arztberichte kann vorlie-
gend nicht ernsthaft in Frage gestellt werden, dass die Beschwerdeführerin
seit November 2018 an gesundheitlichen Problemen leidet und zumindest
nicht vollständig arbeitsfähig ist. Allerdings ergeben sich erhebliche Zweifel
an ihren Vorbringen, wonach diese gesundheitlichen Einschränkungen be-
ziehungsweise ihre vollständige Arbeitsunfähigkeit bereits seit ihrer Ein-
reise in die Schweiz bestehen sollen. So mangelt es – abgesehen von ei-
nem der Vorinstanz im Jahr 2016 kommentarlos eingereichten Arztzeugnis,
worin der Hausarzt in einem Satz bestätigt, die Beschwerdeführerin leide
«an schweren Depressionen und Ängsten» – für den Zeitraum zwischen
2012 und Ende 2018 nicht nur an Belegen für diese Behauptung. Es ist
überdies nachgewiesen und auch unbestritten, dass die Beschwerdefüh-
F-5418/2020
Seite 13
rerin seit 2016 bis heute täglich vier Stunden in einem Beschäftigungspro-
gramm tätig ist. Dass sie nicht arbeitsfähig sei, wird der Beschwerdeführe-
rin erstmals im Januar 2019, also knapp fünf Jahre nach ihrer vorläufigen
Aufnahme in der Schweiz, von ärztlicher Seite attestiert, weshalb davon
ausgegangen werden muss, dass ihr die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
zuvor grundsätzlich zumutbar gewesen wäre. In ihrem Gesuch um huma-
nitäre Visa für die Kinder vom November 2018 sowie im Gesuch um Fami-
liennachzug vom April 2019 gab sie denn auch noch an, (bisher erfolglos)
auf Arbeitssuche zu sein. Nebst ihrer Tätigkeit im Beschäftigungspro-
gramm der G._ AG scheint sie zudem regelmässig als Freiwillige in
der Kirche beim Mittagstisch mitzuhelfen (vgl. Referenzschreiben vom
21. Februar 2019 [Beilage 9 zu SEM-B-act. 1]). Vor diesem Hintergrund
muss trotz der eingereichten Arztberichte eine vollständige Arbeitsunfähig-
keit der Beschwerdeführerin verneint werden.
Es wird nicht in Abrede gestellt, dass der Beschwerdeführerin aufgrund ih-
res Gesundheitszustands nicht sämtliche Tätigkeiten offenstehen. Ange-
sichts dieser Ausgangslage erscheint gerade der Erwerb von Sprachkennt-
nissen für die berufliche Integration umso wichtiger. Dass ihre Fähigkeiten
diesbezüglich zu wünschen übrig lassen, legt sie allerdings (unter Verweis
auf ihren Gesundheitszustand) bereits selbst dar. Trotz expliziter Aufforde-
rung der Vorinstanz sind den Akten zudem keinerlei Unterlagen zu entneh-
men, welche Versuche der Beschwerdeführerin dokumentieren würden,
sich in den freien Arbeitsmarkt zu integrieren. Selbst in Berücksichtigung
ihres Status als vorläufig aufgenommener Flüchtling und ihres gesundheit-
lichen Zustands muss folglich darauf geschlossen werden, dass sich die
Beschwerdeführerin über all die Jahre hinweg auch nicht im Rahmen ihrer
effektiven Möglichkeiten um eine Integration in den Arbeitsmarkt bemüht
beziehungsweise alles in ihrer Kraft Stehende getan hat, um der finanziel-
len Abhängigkeit von der Sozialhilfe zu entgehen oder sie wenigstens zu
mindern.
6.3.1.5 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin ihre jetzige Situa-
tion massgeblich selbst zu verantworten. Es bleibt damit dabei, dass aus
der starken, andauernden Belastung der öffentlichen Hand ein grosses öf-
fentliches Interesse an der Verweigerung des Familiennachzugs resultiert.
6.3.2 Das demgegenüber geltend gemachte private Interesse der Be-
schwerdeführerin am Zusammenleben mit ihrer Familie in der Schweiz wird
relativiert durch den Umstand, dass sie ihr Heimatland gemäss eigenen
Angaben im Juli 2011 verliess. Sie erklärte ihre Flucht dadurch, dass sie
F-5418/2020
Seite 14
nach dem Verschwinden ihres Ehemanns verhaftet worden sei. Aus Furcht
habe sie Eritrea nach ihrer Freilassung verlassen und ihre fünf Kinder – die
zwei Töchter sowie drei weitere Söhne, welche später verschollen seien –
bei ihrer Schwester zurücklassen müssen. Erst durch ihre illegale Ausreise,
die angesichts des rechtskräftig abgewiesenen Asylgesuchs als freiwillig
erfolgt gilt, schuf die Beschwerdeführerin subjektive Nachfluchtgründe (vgl.
SEM-A-act. 14). Mit der Entscheidung zur Ausreise nahm sie unweigerlich
eine langfristige Trennung von ihrer Familie in Kauf, da sie mit der Gewäh-
rung eines uneingeschränkten Familiennachzugs nicht rechnen konnte
(vgl. Urteil Konstatinov § 48).
Die Töchter – bei Unterstellung eines tatsächlichen Kindsverhältnisses –
seien Angaben der Beschwerdeführerin zufolge im Jahr 2013 mit ihren Brü-
dern in den Sudan zu einer Bekannten geflohen. Ihre Söhne seien 2015
spurlos verschwunden. Die Töchter seien zwei Jahre später zusammen mit
der Bekannten beim Versuch der Ausreise von Grenzbeamten eingesperrt
und für ein Jahr gefangen gehalten worden. Schliesslich habe der Bruder
der Beschwerdeführerin, welcher aus Norwegen angereist sei, die Kinder
freikaufen und bei einer alten Frau in Addis Abeba unterbringen können. In
ihrer Rechtsmitteleingabe von 3. November 2020 macht die Beschwerde-
führerin geltend, die Kinder wohnten nach wie vor dort, wobei aufgrund des
Gesundheitszustands der Frau unsicher sei, wie lange die Unterkunft noch
zur Verfügung stehen werde. In einem Schreiben vom 14. August 2019
teilte die Beschwerdeführerin der Vorinstanz hingegen mit, die alte Frau sei
bereits verstorben. Ungeachtet dieser Ungereimtheiten darf angenommen
werden, dass ihnen angesichts ihres Alters – insbesondere der älteren,
heute bereits 20-jährigen Tochter – eine weitgehende Selbständigkeit zu-
geschrieben werden kann. Zudem ist vor diesem Hintergrund mit der Vo-
rinstanz davon auszugehen, dass beide hierzulande auf erhebliche Integ-
rationsschwierigkeiten stossen dürften. Auch wenn nicht verkannt wird,
dass sie sich in Äthiopien in einer schwierigen Situation befinden dürften,
ist gleichzeitig nicht ausser Acht zu lassen, dass sie ferner beim UNHCR
in Äthiopien angemeldet sind (Beilage 1 zu SEM-B-act. 1). Gemäss eige-
nen Abgaben seien sie zwar aufgrund von Angriffen betrunkener Äthiopier
aus dem dortigen Lager zurück zu der alten Frau geflohen. Es ist jedoch
mindestens davon auszugehen, dass sie dort nicht völlig auf sich alleine
gestellt sind. Soweit mit den erwähnten Ausführungen der Beschwerdefüh-
rerin schliesslich eine Gefährdung der sich im Ausland befindenden Kinder
geltend gemacht wird, ist die Beschwerdeführerin darauf hinzuweisen,
F-5418/2020
Seite 15
dass solche Gründe grundsätzlich nicht im Rahmen dieses Rechtsmittel-
verfahrens zu würdigen sind (vgl. Urteil des BVGer F-244/2019 vom
16. November 2020 E. 7.7).
6.4 Nach Abwägung aller Faktoren ergibt sich, dass die geltend gemachten
privaten Interessen am Familiennachzug zwar nachvollziehbar sind, das
starke öffentliche Interesse an dessen Verweigerung jedoch nicht aufzu-
wiegen vermögen. Die Verweigerung des Familiennachzugs hält gegebe-
nenfalls vor Art. 8 Ziff. 2 EMRK stand beziehungsweise ist verhältnismäs-
sig im Sinn von Art. 96 Abs. 1 AIG. Im Übrigen bestehen keine völkerrecht-
lichen Verpflichtungen, welche einen absoluten Anspruch auf Bewilligung
des Familiennachzugs begründen könnten (vgl. BGE 139 I 330 E. 1.3.1
m.H. zum Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht-
linge [FK, SR 0.142.30]).
7.
Bei einer dauerhaften Arbeitsunfähigkeit kann sich in besonderen Konstel-
lationen die Frage stellen, ob die Verweigerung des Familiennachzugs eine
Verletzung von Art. 14 EMRK i.V.m. Art. 8 EMRK darstelle. Nach der Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist dies der Fall, wenn einer
Person die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit aufgrund gesundheitlicher
Probleme verunmöglicht wird und daher auf eine nicht selbstverschuldete
Fürsorgeabhängigkeit geschlossen werden muss (BVGer Urteil E-
1339/2010 vom 24. Juli 2013; siehe auch Urteil D-1993/2015 vom 21. April
2017). Wie bereits aufgezeigt, kann vorliegend allerdings nicht davon aus-
gegangen werden, dass die Beschwerdeführerin ihre Sozialhilfeabhängig-
keit nicht mindestens teilweise selbst zu verantworten hat (vgl.
E. 6.3.2.1 ff.). Damit ist dem Vorwurf einer Diskriminierung (Art. 14 EMRK)
die Grundlage entzogen.
8.
Vor diesem Hintergrund kann schliesslich offen gelassen werden, ob in Be-
zug auf die ältere Tochter, deren Gesuch unbestrittenermassen nach Ab-
lauf der Nachzugsfristen eingereicht wurde, die Voraussetzungen für den
nachträglichen Familiennachzug erfüllt wären (Art. 74 Abs. 4 VZAE; vgl.
E. 3 in fine).
9.
Nach dem Gesagten erweist sich die Verweigerung des Familiennachzugs
gestützt auf Art. 85 Abs. 7 AIG sowie unter Berücksichtigung von Art. 8
F-5418/2020
Seite 16
EMRK und anderweitiger völkerrechtlicher Verpflichtungen als rechtmässig
(Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen.
10.
Bei diesem Verfahrensausgang wären der Beschwerdeführerin grundsätz-
lich die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 5 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihr aber
mit Zwischenverfügung vom 10. November 2020 die unentgeltliche
Rechtspflege gewährt wurde (Art. 65 Abs. 1 VwVG), ist sie von der Pflicht
zur Bezahlung von Verfahrenskosten befreit.
11.
Auf die Erteilung einer Bewilligung nach Art. 85 Abs. 7 AIG besteht landes-
rechtlich kein Anspruch (Art. 83 Bst. c Ziff. 3 BGG), es sei denn, das Völ-
kerrecht räume einen Anspruch ein (Art. 83 Bst. c Ziff. 2 e contrario). Dies
ist der Fall, wenn in vertretbarer Weise dargetan wird, dass potenziell ein
solcher Anspruch besteht (BGE 139 I 330 E. 1.1). Im vorliegenden Fall
wurde der Anspruch grundsätzlich bejaht, weshalb nicht auszuschliessen
ist, dass das Urteil der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenhei-
ten unterliegt.
(Dispositiv nächste Seite)
F-5418/2020
Seite 17