Decision ID: 2fb38dd7-8da4-520b-acbe-3f6ad42e058d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die schweizerische Staatsangehörige A._ wurde am (...) 1975
in Deutschland geboren und ist dort aufgewachsen, bis sie im Jahr 1988
mit ihren Eltern und Geschwistern in die Schweiz zog, wo sie die Real-
schule abschloss und anschliessend ohne Berufsausbildung erwerbstätig
war. Im Jahr 1998 zog sie wieder nach Deutschland, ehe sie 2006 mit ihrem
Ehemann und den beiden gemeinsamen Kindern (geboren 2002 und 2004)
erneut in die Schweiz zurückkehrte (IV-act. 2, IV-act. 6 S. 2). Im November
2007 erfolgte die Scheidung (IV-act. 1). Von 1. April 2008 bis 31. August
2009 war sie in einem Pensum von 30 % als Sigristin für eine reformierte
Kirchgemeinde tätig (IV-act. 10). Ab 1. Februar 2010 arbeitete sie zunächst
in einem Pensum von 20 % und ab 1. Juni 2010 in einem Pensum von
40 % als Jugendarbeiterin für eine katholische Kirchgemeinde (IV-act. 18
S. 2).
A.b Am 27. Dezember 2010 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf
eine psychische Erkrankung erstmals bei der IV-Stelle des Kantons
B._ zum Leistungsbezug an (IV-act. 2). Nach erfolgten Abklärungen
lehnte diese insbesondere gestützt auf einen psychiatrischen Untersu-
chungsbericht des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 31. Januar
2012 (IV-act. 15) einen Leistungsanspruch mit unangefochten gebliebener
Verfügung vom 30. August 2012 ab. Zur Begründung hielt sie fest, dass die
Versicherte gemäss den Abklärungen ohne Gesundheitsschaden in einem
Pensum von 80 % arbeiten würde und die restlichen 20 % in einem Aufga-
benbereich tätig wäre. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Sigristin und
in anderen angepassten Tätigkeiten sei sie noch zu 60 % arbeitsfähig. Im
Haushalt sei sie zu 13.4 % eingeschränkt. Daraus ergebe sich ein nicht
anspruchsbegründender Invaliditätsgrad von 22.68 % (IV-act. 31).
B.
B.a Die Versicherte zog am 31. März 2014 wieder nach Deutschland (IV-
act. 41) und war ab 1. August 2015 als Grenzgängerin als kirchliche Ju-
gendarbeiterin und Katechetin in einer katholischen Kirchgemeinde im
Kanton B._ in einem Pensum von 80 % erwerbstätig (IV-act. 58).
Nachdem sie sich im September 2016 im Bett das Knie verdreht hatte,
wurde sie von ihrem Hausarzt ab 6. Oktober 2016 krankgeschrieben (IV-
act. 46 S. 2). Nach einer am 14. November 2016 durchgeführten Kniearth-
roskopie (IV-act. 46 S. 4) nahm sie ihre Erwerbstätigkeit im Rahmen eines
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Arbeitsversuchs am 16. Januar 2017 wieder zu 50 % auf, ehe sie ab
21. Juni 2017 erneut zu 100 % krankgeschrieben wurde (IV-act. 46 S. 32,
IV-act. 58). In der Folge nahm sie ihre Erwerbstätigkeit nicht mehr auf (das
Arbeitsverhältnis wurde später von der Arbeitgeberin infolge interner Um-
strukturierungen per 31. Juli 2018 aufgelöst [IV-act. 58]).
B.b Nach einer Meldung zur Früherfassung durch ihren Arbeitgeber am
23. Mai 2017 (IV-act. 33) meldete sich die Versicherte mit dem am 24. Juli
2017 datierten amtlichen Formular (Eingang: 11. August 2017 [IV-act. 39
und 43]) unter Hinweis auf ein seit 6. Oktober 2016 bestehendes komple-
xes regionales Schmerzsyndrom (CRPS) im Knie, Fuss, Schienbein und
Oberschenkel erneut bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug
an (IV-act. 39). In der Folge klärte die kantonale IV-Stelle die erwerblichen
Verhältnisse sowie die gesundheitliche Situation ab und holte insbeson-
dere Berichte behandelnder Ärzte und ein polydisziplinäres Gutachten des
C._ vom 20. Dezember 2018 ein, in dem eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit und anderen leidensangepass-
ten Tätigkeiten attestiert wurde (IV-act. 86). Nach einer Stellungnahme des
RAD vom 18. Januar 2019 (IV-act. 90 S. 8) stellte die kantonale IV-Stelle
am 28. Januar 2019 vorbescheidweise die Abweisung des Leistungsbe-
gehrens in Aussicht (IV-act. 94).
B.c Dagegen liess die anwaltlich vertretene Versicherte am 21. März 2019
Einwände erheben (IV-act 102), woraufhin die kantonale IV-Stelle sie am
9. Juli 2019 vom RAD chirurgisch-orthopädisch untersuchen liess (Unter-
suchungsbericht vom 25. Juli 2019 [IV-act. 107]). Nach einer Stellung-
nahme der Versicherten vom 5. September 2019 (IV-act. 111) und Durch-
führung eines Einkommensvergleichs (IV-act. 114) stellte ihr die kantonale
IV-Stelle mit Vorbescheid vom 11. Oktober 2019 die Zusprache einer rück-
wirkend von 1. Februar 2018 bis 31. Mai 2018 (recte: 2019) befristeten
ganzen Invalidenrente in Aussicht (IV-act. 117). Dagegen liess die Versi-
cherte am 31. Oktober 2019 erneut Einwände erheben und beantragen, ihr
sei auch nach Ende Mai 2019 eine ganze Rente zuzusprechen (IV-
act. 124). Nach Einholung eines Haushaltabklärungsberichts vom 6. April
2020 (IV-act. 129) und Durchführung eines neuen Einkommensvergleichs
(IV-act. 137) sprach die IV-Stelle für Versicherte im Ausland (nachfolgend:
IVSTA oder Vorinstanz) gestützt auf die Feststellungen der kantonalen IV-
Stelle der Versicherten mit Verfügung(en) vom 19. Juni 2020 eine ganze
Rente vom 1. Februar 2018 bis 30. September 2019 (IV-Grad: 90 %) und
eine Viertelsrente ab 1. Oktober 2019 (IV-Grad 42 %) zu (IV-act. 144, IV-
act. 145).
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Seite 4
C.
Gegen diese Verfügung(en) liess die Versicherte durch ihre Rechtsvertre-
terin mit Eingabe vom 17. August 2020 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht erheben mit dem Rechtsbegehren, es sei ihr auch nach dem
1. Oktober 2019 eine ganze Rente zuzusprechen (BVGer-act. 1).
D.
Der mit Zwischenverfügung vom 20. August 2020 bei der Beschwerdefüh-
rerin eingeforderte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.– (BVGer-
act. 2) wurde am 24. August 2020 geleistet (BVGer-act. 4).
E.
Die Vorinstanz beantragt in ihrer Vernehmlassung vom 28. September
2020 die Abweisung der Beschwerde. Sie verwies auf eine Stellungnahme
der kantonalen IV-Stelle vom 23. September 2020, in der diese auf eine
Stellungnahme zur Beschwerde verzichtete (BVGer-act. 6).
F.
Mit verfahrensleitender Verfügung vom 15. Oktober 2020 wurde der Schrif-
tenwechsel abgeschlossen (BVGer-act. 7).
G.
Mit verfahrensleitender Verfügung vom 25. Januar 2022 teilte der Instruk-
tionsrichter der Beschwerdeführerin mit, dass im gegenwärtigen Verfah-
rensstand unpräjudiziell, unter Vorbehalt des materiellen Entscheids, erwo-
gen werde, die Beschwerde insoweit gutzuheissen, als die angefochtenen
Verfügungen vom 19. Juni 2020 aufgehoben würden und die Sache an die
Vorinstanz zurückgewiesen werde, damit diese den Sachverhalt in medizi-
nischer Hinsicht weiter abkläre und eine neue Verfügung erlasse. Durch
die Rückweisung sei die Frage, ob und gegebenenfalls in welchem Umfang
und für welche Zeitperiode ein Rentenanspruch bestehe, (wieder) offen,
weshalb sich neue Abklärungsergebnisse nicht bloss zu Gunsten, sondern
auch zu Ungunsten der Beschwerdeführerin auswirken könnten. Der Be-
schwerdeführerin wurde – in Nachachtung der Rechtsprechung nach BGE
137 V 314 E. 3.2.4 – die Möglichkeit eingeräumt, zur beabsichtigten Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz zur Durchführung ergänzender Ab-
klärungen und anschliessendem Erlass einer neuen Verfügung Stellung zu
nehmen und ihre Beschwerde allenfalls zurückzuziehen (BVGer-act. 8).
Mit Eingabe vom 3. Februar 2022 liess die Beschwerdeführerin durch ihre
Rechtsvertreterin mitteilen, dass an der Beschwerde festgehalten werde
(BVGer-act. 9).
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Seite 5
H.
Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften ist – soweit
erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]). Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der angefoch-
tenen Verfügung der Vorinstanz durch diese besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Abänderung, weshalb
sie zur Erhebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 59 ATSG [SR 830.1];
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Nachdem auch der Kostenvorschuss rechtzeitig ge-
leistet wurde (Art. 63 Abs. 4 VwVG), ist auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde einzutreten (Art. 60 ATSG; Art. 50 Abs. 1 und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Gemäss Art. 40 Abs. 2 IVV (SR 831.201) ist bei Grenzgängern die
IV-Stelle, in deren Tätigkeitsgebiet diese eine Erwerbstätigkeit ausüben,
zur Entgegennahme und Prüfung der Anmeldungen zuständig. Dies gilt
auch für ehemalige Grenzgänger, sofern sie bei der Anmeldung ihren
ordentlichen Wohnsitz noch in der benachbarten Grenzzone haben und der
Gesundheitsschaden auf die Zeit ihrer Tätigkeit als Grenzgänger zurück-
geht. Die Verfügungen werden von der IVSTA erlassen.
2.2 Da die Beschwerdeführerin bei Eintritt des geltend gemachten Gesund-
heitsschadens als Grenzgängerin mit Wohnsitz in Deutschland im Kanton
B._ einer Arbeit nachging und zum Anmeldungszeitpunkt in
Deutschland Wohnsitz hatte, war die IV-Stelle des Kantons B._ für
die Entgegennahme und Prüfung der Anmeldung zuständig. Die angefoch-
tene Verfügung vom 19. Juni 2020 wurde sodann zu Recht von der IVSTA
erlassen. Der Umstand, dass die Vorinstanz die rückwirkend abgestufte
Rente in zwei separaten Verfügungen gleichen Datums eröffnet hat, ist in
anfechtungs- und streitgegenständlicher Hinsicht irrelevant. Für die ge-
richtliche Überprüfbarkeit macht es keinen Unterschied, ob die Vorinstanz
eine oder mehrere Verfügungen redigiert und eröffnet hat. Materiell liegt
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nur eine Verfügung vor (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.3.2 und 2.3.4). Recht-
sprechungsgemäss bildet die Verfügung über eine abgestufte Invaliden-
rente insgesamt den Streitgegenstand und unterliegt integral der gerichtli-
chen Prüfung, selbst wenn nur einzelne Punkte davon bestritten sind (BGE
125 V 413 E. 2d; 131 V 164 E. 2.2; Urteil des BGer 9C_50/2011 vom 25.
Mai 2011 E. 2.2). Folglich bildet die Verfügung, mit der die Vorinstanz der
Beschwerdeführerin eine ganze Rente vom 1. Februar 2018 bis 30. Sep-
tember 2019 und eine Viertelsrente ab 1. Oktober 2019 zugesprochen hat,
das Anfechtungsobjekt und damit die Begrenzung des Streitgegenstandes
des vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1).
Nachdem das erste Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin mit Verfü-
gung der kantonalen IV-Stelle abgewiesen worden war, ist vorliegend der
Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine schweizerische Invalidenrente
im Rahmen einer Neuanmeldung Prozessthema.
3.
3.1 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 19. Juni 2020) eingetretenen Sachverhalt ab
(BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verän-
dert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsver-
fügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b).
3.2 Die Beschwerdeführerin ist Schweizer Staatsangehörige. Aufgrund ih-
res Wohnsitzes in Deutschland besteht in räumlicher Hinsicht ein internati-
onaler Sachverhalt mit Bezug zur EU, weshalb das Freizügigkeitsabkom-
men vom 21. Juni 1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und die Regelwerke der
Gemeinschaft zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit ge-
mäss Anhang II des FZA, insbesondere die für die Schweiz am 1. April
2012 in Kraft getretenen Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 (SR
0.831.109.268.1) und Nr. 987/2009 (SR 0.831.109.268.11), zu beachten
sind. Seit dem 1. Januar 2015 sind auch die durch die Verordnungen (EU)
Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in
den Beziehungen zwischen der Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten an-
wendbar. Das Vorliegen einer anspruchserheblichen Invalidität beurteilt
sich indes auch im Anwendungsbereich des FZA und der Koordinierungs-
vorschriften nach schweizerischem Recht (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; Ur-
teil des BGer 9C_573/2012 vom 16. Januar 2013 E. 4).
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Seite 7
4.
Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung hat,
wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG) und beim
Eintritt der Invalidität während der gesetzlich vorgesehenen Dauer Beiträge
an die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV) geleis-
tet hat, das heisst während mindestens drei Jahren laut Art. 36 Abs. 1 IVG.
Die Beschwerdeführerin hat unbestrittenermassen während mehr als drei
Jahren Beiträge an die schweizerische AHV/IV geleistet (vgl. IK-Auszug
[IV-act. 76]), so dass die Voraussetzung der Mindestbeitragsdauer für den
Anspruch auf eine ordentliche Invalidenrente erfüllt ist.
5.
5.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchti-
gung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte,
volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich
zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6
ATSG).
5.2 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherte Anspruch auf eine
Rente, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungs-
massnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (Bst. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min-
destens zu 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (Bst. b), und nach Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Bst. c). Art. 29 Abs. 1 IVG
sieht vor, dass der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Mo-
naten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1
ATSG, jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des 18. Alters-
jahrs folgt, entsteht.
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Seite 8
5.3 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG (in der bis 31. Dezember 2021 geltenden
Fassung) besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versi-
cherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertelsrente. Nach Art. 29
Abs. 4 IVG werden Renten, die einem Invaliditätsgrad von weniger als
50 % entsprechen, nur an Versicherte ausgerichtet, die ihren Wohnsitz und
gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben, soweit nicht
zwischenstaatliche Vereinbarungen eine abweichende Regelung vorse-
hen. Eine solche Ausnahme gilt seit dem 1. Juni 2002 für Staatsangehörige
eines Mitgliedstaates der EU und der Schweiz, sofern sie in einem Mitglied-
staat der EU Wohnsitz haben (Art. 7 VO [EG] 883/2004; BGE 130 V 253
E. 2.3 und 3.1).
5.4 Wurde eine Rente wegen eines fehlenden oder zu geringen Invalidi-
tätsgrades bereits einmal verweigert, so wird eine neue Anmeldung nur ge-
prüft, wenn die versicherte Person glaubhaft macht, dass sich der Grad der
Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat
(Art. 87 Abs. 2 und 3 IVV). Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein,
so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die
von der versicherten Person glaubhaft gemachte Veränderung des Invali-
ditätsgrades auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger
Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen
(SVR 2011 IV Nr. 2 E. 3.2).
5.5 Nach Art. 17 Abs. 1 ATSG ist die Rente bei einer erheblichen Änderung
des Invaliditätsgrades von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zu-
kunft entsprechend zu erhöhen, herabzusetzen oder aufzuheben. Revisi-
onsbegründend kann unter anderem eine Änderung des Gesundheitszu-
standes oder der erwerblichen Auswirkungen sein (BGE 141 V 9 E. 2.3).
Nach Art. 88a Abs. 1 IVV ist bei einer Verbesserung der Erwerbsfähigkeit
oder der Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, die anspruchs-
beeinflussende Änderung für die Herabsetzung oder Aufhebung der Leis-
tung von dem Zeitpunkt an zu berücksichtigen, in dem angenommen wer-
den kann, dass sie voraussichtlich längere Zeit andauern wird; sie ist in
jedem Fall zu berücksichtigen, nachdem sie ohne wesentliche Unterbre-
chung drei Monate angedauert hat und voraussichtlich weiterhin andauern
wird (vgl. BGE 133 V 67 E. 4.3.3). Ob eine anspruchsbegründende Ände-
rung in den für den Invaliditätsgrad erheblichen Tatsachen eingetreten ist,
beurteilt sich im Neuanmeldungsverfahren – analog zur Rentenrevision
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Seite 9
nach Art. 17 Abs. 1 ATSG – durch Vergleich des Sachverhaltes, wie er im
Zeitpunkt der letzten materiellen Beurteilung und rechtskräftigen Ableh-
nung bestanden hat, mit demjenigen zur Zeit der streitigen neuen Verfü-
gung (BGE 133 V 108 E. 5.3; 130 V 71 E. 3.2.3).
5.6 Art. 17 Abs. 1 ATSG gilt auch im Rahmen der rückwirkenden Zuspre-
chung einer befristeten und/oder abgestuften Rente, also dort, wo rückwir-
kend aus einem einheitlichen Beschluss der IV-Stelle heraus gleichzeitig
für verschiedene Zeitabschnitte Renten unterschiedlicher Höhe zuerkannt
oder allenfalls aufgehoben werden. In solchen Fällen ist der Sachverhalt
zum Zeitpunkt des Beginns der Rente mit demjenigen anlässlich der Her-
auf- oder Herabsetzung beziehungsweise der Aufhebung der Rente zu ver-
gleichen (BGE 125 V 413 E. 2d; Urteil des BGer 9C_320/2021 vom 1. Sep-
tember 2021 E. 2.2). Wird rückwirkend eine abgestufte oder befristete
Rente zugesprochen, sind einerseits der Zeitpunkt des Rentenbeginns und
anderseits der in Anwendung der Dreimonatsfrist von Art. 88a Abs. 1 IVV
festzusetzende Zeitpunkt der Rentenherabsetzung oder -aufhebung die
massgebenden Vergleichszeitpunkte (Urteil des BGer 8C_87/2009 vom
16. Juni 2009 E. 2.2).
5.7 Zur Beurteilung sozialversicherungsrechtlicher Leistungsansprüche
bedarf es verlässlicher medizinischer Entscheidungsgrundlagen (BGE 134
V 231 E. 5.1). Für die Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit stützt sich die
Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen, die von
ärztlichen und gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu
stellen sind. Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurtei-
len und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich wel-
cher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die strei-
tigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1;
125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
5.8 Der Beweiswert eines zwecks Rentenrevision bzw. Neuanmeldung er-
stellten Gutachtens hängt wesentlich davon ab, ob es sich ausreichend auf
das Beweisthema – erhebliche Änderung(en) des Sachverhalts – bezieht.
Einer für sich allein betrachtet vollständigen, nachvollziehbaren und
schlüssigen medizinischen Beurteilung, die im Hinblick auf eine erstmalige
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Seite 10
Beurteilung der Rentenberechtigung beweisend wäre, mangelt es daher in
der Regel am rechtlich erforderlichen Beweiswert, wenn sich die (von einer
früheren abweichende) ärztliche Einschätzung nicht hinreichend darüber
ausspricht, inwiefern eine effektive Veränderung des Gesundheitszustan-
des stattgefunden hat. Vorbehalten bleiben Sachlagen, in denen es evident
ist, dass die gesundheitlichen Verhältnisse sich verändert haben. Dabei ist
zu berücksichtigen, dass weder eine im Vergleich zu früheren ärztlichen
Einschätzungen ungleich attestierte Arbeitsunfähigkeit noch eine unter-
schiedliche diagnostische Einordnung des geltend gemachten Leidens ge-
nügt, um auf einen verbesserten Gesundheitszustand zu schliessen; not-
wendig ist vielmehr eine veränderte Befundlage (Urteil des BGer
8C_703/2020 vom 4. März 2021 E. 5.2.1.1 mit Hinweisen).
5.9 Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG einge-
holten Gutachten von medizinischen Sachverständigen, die den Anforde-
rungen der Rechtsprechung entsprechen, darf das Gericht vollen Beweis-
wert zuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässig-
keit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 2.2.2; 135 V 465 E. 4.4).
Auf Berichte des RAD kann rechtsprechungsgemäss nicht abgestellt wer-
den, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüs-
sigkeit bestehen (BGE 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7; Urteil
des BGer 9C_743/2015 vom 19. September 2016 E. 4.1).
6.
Die Vorinstanz ist auf die Neuanmeldung der Beschwerdeführerin vom
11. August 2017 eingetreten und hat ihr nach einer materiellen Prüfung mit
der angefochtenen Verfügung vom 19. Juni 2020 eine rückwirkend abge-
stufte Rente zugesprochen. Die Eintretensfrage ist damit vom Bundesver-
waltungsgericht nicht zu beurteilen (BGE 109 V 108 E. 2b). Die Vorinstanz
ist (stillschweigend) davon ausgegangen, dass im massgebenden Ver-
gleichszeitraum zwischen der leistungsverneinenden Verfügung vom
30. August 2012 und der angefochtenen Verfügung vom 19. Juni 2020 eine
anspruchsrelevante Veränderung in den tatsächlichen Verhältnissen ein-
getreten ist. Die angefochtene Verfügung über die im Sinne einer Reduk-
tion abgestufte Rente umfasst einerseits die Zusprechung der Leistung und
andererseits deren Herabsetzung. Letztere setzt wiederum voraus, dass
ein Revisionsgrund im Sinn von Art. 17 ATSG vorliegt (siehe oben E. 5.6),
was umstritten ist.
6.1 Die Vorinstanz hielt im Begründungsteil der angefochtenen Verfügung
fest, dass der Beschwerdeführerin gemäss der Beurteilung des RAD die
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Seite 11
bisherige Tätigkeit als Katechetin wie auch jede andere Tätigkeit seit
14. November 2016 nicht mehr zumutbar sei. Eine Abklärung vor Ort habe
ergeben, dass sie im Haushalt zu 39.25 % eingeschränkt sei. Die gesund-
heitliche Situation der Beschwerdeführerin habe sich danach verbessert,
weshalb ihr seit 9. Juli 2019 eine den gesundheitlichen Einschränkungen
optimal angepasste Tätigkeit gemäss der Einschätzung des RAD wieder in
einem 57.5 %-Pensum zumutbar sei. Eine solche Tätigkeit entspreche mit
geringen Anpassungen der bisherigen Tätigkeit als Katechetin. Es werde
empfohlen, die Physio- und Schmerztherapie weiterzuführen.
6.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass die Vorinstanz nicht be-
gründet habe, weshalb sich ihr Gesundheitszustand seit dem 9. Juli 2019
(Untersuchung beim RAD) verbessert haben soll. Im Vorbescheid sei gar
noch von einer Zustandsverbesserung ab der Entlassung aus der Therapie
in (...) ausgegangen worden. Das stehe im Widerspruch zur Einschätzung
des Zentrums D._. Die RAD-Ärzte seien auch nicht auf die aufgrund
der Medikamente (unter anderem Opioide) bestehenden Konzentrations-
probleme eingegangen, die gegen das Unterrichten von Kindern sprechen
würden. Auch könne sie sich nicht aussuchen, wann sie sich aufgrund der
Schmerzen hinlegen müsse. Eigentlich müsste sie sich eine Stunde vor
Unterrichtsbeginn hinlegen, damit sie dann allenfalls die Kraft habe, eine
Stunde zu unterrichten. Sie habe selber keine gesundheitliche Verbesse-
rung erfahren. Vielmehr würden die Schmerzen immer mehr auch in den
Fuss ziehen. Seit Mai 2020 trage sie auch eine dynamische Fussheber-
Orthese aus Karbon, da sie den linken Fuss nicht mehr kontrollieren könne.
Auch seien Verschlechterungen der linken Hüfte feststellbar. Ein allfälliges
Leistungsprofil, welches in der Verfügung nicht umschrieben sei, würde
bestenfalls für eine Tätigkeit in einer geschützten Werkstatt reichen, jedoch
auch dort müsste eine angepasste Infrastruktur (Rollstuhl, Ruhemöglich-
keit in einem Bett) gegeben sein. Die wirtschaftliche Verwertbarkeit einer
allfälligen Arbeitsfähigkeit sei nicht ersichtlich und sicher nicht bei einer Ar-
beit, die bei 100 % zu einem Lohn von Fr. 92'000.– führe. Zum RAD-Unter-
suchungsbericht führt die Beschwerdeführerin aus, dass die Untersu-
chungssituation für sie ausgesprochen schwierig und unangenehm gewe-
sen sei. Dies habe bereits damit begonnen, dass kein rollstuhlgängiger
Raum vorbereitet worden sei. Man habe sie mit dem Rollstuhl die Treppe
hinauftragen müssen. Ferner sei es ihrer Mutter verboten worden, bei der
Untersuchung dabei zu sein, was sehr bemühend gewesen sei, da zwei
männliche Ärzte die Untersuchung vorgenommen hätten. Schliesslich
habe auch nicht alles, was besprochen worden sei, Eingang in den Bericht
gefunden.
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Seite 12
7.
Die rentenablehnende Verfügung vom 30. August 2012 beruhte auf der An-
nahme einer Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin im angestamm-
ten Beruf als Sigristin von 60 % und einer Einschränkung im Haushalt von
13.4 %. Sie basierte in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen auf folgen-
den ärztlichen Einschätzungen:
7.1 Laut einem Bericht der Klinik E._ vom 10. März 2008 war die
Beschwerdeführerin dort vom 3. November bis 24. Dezember 2007 und
vom 30. Dezember 2007 bis 7. Februar 2008 in stationärer Behandlung.
Als Diagnosen wurden dissoziative Anfälle (F44.5), ein Depersonalisati-
onssyndrom (F48.1) und eine leichte depressive Episode (F32.0) genannt.
Es wurde berichtet, dass die Zuweisung aufgrund von Selbstverletzungen
und psychogenen Anfällen erfolgt sei (IV-act. 6).
7.2 Die RAD-Ärztin Dr. med. F._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, diagnostizierte in ihrem Untersuchungsbericht vom
31. Januar 2012 eine nicht näher bezeichnete dissoziative Störung (ICD-
10: F44.9) und ein anamnestisches Depersonalisationssyndrom (ICD-10:
F48.1). Sie hielt fest, dass mit der Diagnose der dissoziativen Störung ein
Gesundheitsschaden ausgewiesen sei. Unter Zunahme von externen Be-
lastungsfaktoren, wie zeitlichem Stress sowie unter Zunahme der externen
emotionalen Reizexposition sei eine erneute Gefahr der Dekompensation
in dissoziative Zustände und selbstschädigendes Verhalten gegeben. Aus
diesem Grunde könne zum aktuellen Zeitpunkt von einer Arbeitsunfähigkeit
von ca. 40 % in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Sigristin sowie in an-
gepasster Tätigkeit ausgegangen werden, dies seit mindestens April 2008.
Aktuell seien keine weiteren medizinischen Abklärungen notwendig. Eine
Schadenminderungspflicht sei nicht aufzuerlegen, die Beschwerdeführerin
befinde sich in fachgerechter Behandlung (IV-act. 15).
8.
Bei Erlass der angefochtenen Verfügung vom 19. Juni 2020 lagen im We-
sentlichen die folgenden ärztlichen Einschätzungen des Gesundheitszu-
stands der Beschwerdeführerin und dessen Auswirkungen auf die Arbeits-
und Leistungsfähigkeit vor.
8.1 Aus den Akten ergibt sich, dass sich die Beschwerdeführerin in der
Nacht auf den 28. September 2016 im Bett das Knie verdreht und danach
über einschiessende Schmerzen im linken Knie geklagt habe. Die Beweg-
lichkeit des Knies sei schmerzbedingt stark eingeschränkt gewesen (IV-
C-4118/2020
Seite 13
act. 45 S. 6). Im MRT des linken Knies vom 18. Oktober 2016 wurde eine
Meniskusläsion festgestellt (IV-act. 45 S. 8). Am 14. November 2016 wurde
im Zentrum G._ ambulant eine Arthroskopie (Knorpelglättung) am
linken Knie durchgeführt. Postoperativ habe das Bein wieder vollständig
gestreckt werden können (IV-act. 45 S. 10 f.).
8.2 Der behandelnde Orthopäde Prof. Dr. med. H._ hielt in seinem
Bericht vom 14. Dezember 2016 fest, dass die arthroskopische Revision
am 14. November 2016 wohl keinen wesentlichen Effekt erbracht habe.
Das klinische Bild imponiere wie eine initiale CRPS (komplex regionales
Schmerzsyndrom; «complex regional pain syndrom»). Auch die Befunde
des angefertigten Röntgenbilds könnten einem initialen CRPS zuzuordnen
sein. Das angefertigte MRT (IV-act. 36 S. 7) ergebe keinesfalls eine Indi-
kation zu einer erneuten operativen Intervention (IV-act. 36 S. 2). Am 18.
Januar 2017 berichtete Prof. Dr. med. H._, dass er nach wie vor
davon ausgehe, dass bei der Beschwerdeführerin eine Veränderung im
Sinne einer initialen CRPS am Kniegelenk vorliege (IV-act. 46 S. 9).
8.3 Dr. med. I._, Fachärztin für Innere Medizin, hielt in ihrem Bericht
vom 13. Januar 2017 fest, dass eine periphere arterielle Verschlusskrank-
heit (PAVK) und eine tiefe Beinvenenthrombose links ausgeschlossen wer-
den könnten (IV-act. 45 S. 14 f.).
8.4 Aufgrund von der Beschwerdeführerin geklagten anhaltenden Schmer-
zen, die vom Knie an abwärts die ganze untere Extremität betroffen und
auch in den Oberschenkel ausgestrahlt hätten, wurde sie an das interdis-
ziplinäre Schmerzzentrum des Klinikums J._ verwiesen. Dort wur-
den am 3. Mai 2017 chronische Schmerzen im linken Knie, ein Zustand
nach Arthroskopie 11/2016 sowie der Verdacht auf ein CRPS diagnostiziert
(IV-act. 45 S. 18). Am 8. Mai 2017 wurde eine Ganzkörper-Skelettszintigra-
phie durchgeführt, die keinen Hinweis auf ein CRPS ergab (IV-act. 45 S.
16).
8.5 Im IV-Arztbericht vom 23. August 2017 hielt der Hausarzt Dr. med.
K._ fest, es bestehe der Verdacht auf einen Morbus Sudeck nach
Kniedistorsion links (CRPS). Als Religionslehrerin sei die Beschwerdefüh-
rerin seit 6. Oktober 2016 bis auf weiteres zu 100 % arbeitsunfähig. Ein
Wiedereingliederungsversuch von Januar bis April 2017 mit 14 Stunden
pro Woche (anstatt 32 Stunden pro Woche) sei abgebrochen worden (IV-
act. 45).
C-4118/2020
Seite 14
8.6 Im IV-Arztbericht des behandelnden Orthopäden Prof. Dr. med.
H._ vom 29. August 2017 wurden folgende Diagnosen genannt: In-
stabilität und Schwellzustand sowie Hyperthermie des linken Kniegelenks
bei lateralem Hyperkompressionssyndrom der Patella, Bone bruise im Be-
reich des körperfernen Femurs, leichte Knorpelschäden im Kniegelenk und
Verdacht auf CRPS linkes Kniegelenk. Da ihm der aktuelle klinische und
röntgenologische Untersuchungsbefund nicht bekannt sei, könne er zur Ar-
beitsfähigkeit keine Stellung nehmen (IV-act. 47).
8.7 Im Bericht des interdisziplinären Schmerzzentrums des Klinikums
J._ vom 29. August 2017, wo die Beschwerdeführerin von 30. Au-
gust bis 15. September 2017 an einem stationären multimodalen Behand-
lungsprogramm teilnahm, wurden folgende Diagnosen genannt:
– Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(F45.41)
– CRPS Typ 1 linkes Bein (M89.06, R20.8)
– Zustand nach Arthroskopie im November 2016 nach Kniedistorsion links und
lnnenmeniskusläsion (Z98.8)
– Beinschmerzen links (M25.56)
– Kontaktanlässe mit Bezug auf das Berufsleben, lange Krankschreibung (Z56)
– Schmerzbedingte Ein- und Durchschlafstörungen (G47.0)
– Muskuläre Dysbalance (M62.99), Hüftschmerzen rechts
– Gehbeschwerden, nur mit Gehstöcken mobilisierbar (R26.2)
Im Bericht wurde erwähnt, dass die Beschwerdeführerin einen Rollstuhl für
längere Strecken erhalten habe, um eine Entlastung des linken Beins zu
erreichen, ohne den Bewegungsradius einzuschränken. Eine Wiederauf-
nahme der Berufstätigkeit sei bis auf weiteres schwer möglich (IV-act. 53
S. 6 ff.).
8.8 Im IV-Arztbericht vom 19. Oktober 2017 hielt Dr. med. L._ vom
interdisziplinären Schmerzzentrum des Klinikums J._ als Diagno-
sen eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen
Faktoren, ED 07/2017 (ICD-10: F45.41) ein CRPS Typ I linkes Bein mit
schmerz- und funktionsbedingter deutlicher Beeinträchtigung der Mobilität
(ICD-10: M89.06, R20.8, R26.2), ein Neglect Symptombeginn 11/2016
nach Distorsionstrauma und Arthroskopie und schmerzbedingte Ein- und
C-4118/2020
Seite 15
Durchschlafstörungen (ICD-10: G47.0) fest. Es bestehe eine Arbeitsunfä-
higkeit von 100 % von April 2017 bis 31. Dezember 2017. Für die Einschät-
zung der Arbeitsfähigkeit ab 1. Januar 2018 sei eine erneute Beurteilung
notwendig (IV-act. 53).
8.9 Die Beschwerdeführerin absolvierte vom 12. bis 27. April 2018 eine sta-
tionäre multimodale Behandlung im interdisziplinären Schmerzzentrum
des Klinikums J._. Im Bericht vom 27. April 2018 wurden folgende
Diagnosen genannt (IV-act. 72):
– Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(F45.41)
– CRPS Typ 1 linkes Bein, ED Ende 2016 (M89.06, R20.8)
– Zustand nach Arthroskopie 11/2016 nach Kniedistorsion links und lnnen-
meniskusläsion (Z98.8)
– Beinschmerzen links (M25.56)
– Kontaktanlässe mit Bezug auf das Berufsleben, lange Krankschreibung (Z56)
– Schmerzbedingte Ein- und Durchschlafstörungen (G47.0)
– Hüftschmerzen rechts bei muskulärer Dysbalance (M62.99)
– Gehbeschwerden, nur mit Gehstöcken mobilisierbar (R26.2)
– Anamnestisch Panikattacken (F41.0)
8.10 Im weiteren Verlauf wurde die Beschwerdeführerin im Auftrag der kan-
tonalen IV-Stelle von Fachärzten der C._ in den Disziplinen Ortho-
pädie/Traumatologie, Innere Medizin, Psychiatrie und Neurologie polydis-
ziplinär begutachtet (IV-act. 86).
8.10.1 Im Gutachten vom 20. Dezember 2018 wurde keine Diagnose mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt. Unter Berücksichtigung aller Fach-
disziplinen wurden die folgenden Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeits-
fähigkeit aufgeführt:
– Unklare Funktionsstörung linkes Kniegelenk nach Kniegelenksdistorsion
27.09.2016 und arthroskopisch assistierter Knorpelglättung retropatellar vom
14.11.2016
– Nikotinabusus
– Übergewicht (BMI 27 kg/m2)
C-4118/2020
Seite 16
8.10.2 In der interdisziplinären Gesamtbeurteilung wurde festgehalten,
dass die Diagnose CRPS anhand der vorliegenden und dokumentierten
Befunde nicht bestätigt werden könne. Aus orthopädischer Sicht ergebe
sich nur eine funktionsbeschreibende Diagnose, ohne die eigentliche Ätio-
logie sicher zu kennen. Ein neurologisches Störungsbild, das zu den von
der Beschwerdeführerin beschriebenen Einschränkungen führe, bestehe
nicht. Eine psychiatrische Erklärung für die Beschwerden gebe es eben-
falls nicht. Die Gutachter kamen zum Schluss, dass in der angestammten
Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 100 % bestehe. Die seit dem 6. Oktober
2016 attestierte Arbeitsunfähigkeit von 100 % in der bisherigen Tätigkeit
könne aus polydisziplinärer Sicht nicht nachvollzogen werden. Bei der bis-
herigen Tätigkeit handle es sich um eine Lehrtätigkeit, die auch im Sitzen
bei gleichzeitiger Ausstattung und Anwendung moderner Techniken durch-
geführt werden könne. Eine Einschränkung in einer leidensadaptierten Tä-
tigkeit sei nicht begründbar. In Tätigkeiten im Haushalt sei die Beschwer-
deführerin aus medizinischer Sicht nicht eingeschränkt. Es sei ihr zumut-
bar, 42.5 Stunden pro Woche einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, auch
wenn sie im Aufgabenbereich (Haushalt) beansprucht sei.
8.11 Mit ihrem Einwand vom 21. März 2019 reichte die Beschwerdeführe-
rin den Austrittsbericht des Zentrums D._ vom 21. Februar 2019
betreffend eine stationäre schmerztherapeutische Behandlung vom 10. Ja-
nuar bis 21. Februar 2019 ein. Dr. med. M._, Facharzt für Orthopä-
die, hielt als Diagnose ein CRPS Grad I linkes Knie/Bein (G90.51) mit hoch-
gradiger Bewegungs- und Belastungseinschränkung (Chronifizierungs-
grad III, MPSS) fest. Im Rahmen der sozialmedizinischen Epikrise wurde
festgehalten, dass die zuletzt ausgeübte Tätigkeit mit breitgefächerten Auf-
gaben eine Vielzahl von Tätigkeitsmerkmalen bedingen würde, die nicht
mehr dem Leistungsvermögen der Beschwerdeführerin entsprächen (vor
allem langes Sitzen, Fortbewegen im Rollstuhl über Stufen bzw. auf Unter-
gründen, die erschütterungsbedingt schmerzverstärkend seien, hohe Kon-
zentrationsfähigkeit, die durch die zentralwirksamen Analgetika stark be-
einträchtigt sei). Quantitativ liege das Leistungsvermögen bei unter drei
Stunden. Qualitativ wären allenfalls noch leichte Tätigkeiten im Sitzen zu-
mutbar, ohne Erschütterungen bei Fortbewegung mit dem Rollstuhl, die
Möglichkeit zum Einlegen betriebsunüblicher Pausen mit Erholungsmög-
lichkeit im Liegen und ohne erhöhte Anforderungen an Konzentration oder
mnestischen Fähigkeiten. Quantitativ liege das Leistungsvermögen bei un-
ter drei Stunden. Im Augenblick bestehe kein ausreichendes Leistungsver-
mögen, um regelmässig Erwerbstätigkeiten von wirtschaftlichem Wert zu
verrichten (IV-act. 103 S. 2 ff.).
C-4118/2020
Seite 17
8.12 Die RAD-Ärzte Dr. med. N._, Facharzt für Chirurgie, Orthopä-
dische Chirurgie und Traumatologie, und Dr. med. O._, Facharzt für
Chirurgie, hielten in ihrem Untersuchungsbericht vom 25. Juli 2019 als Di-
agnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eine hochgradige Bewe-
gungs- und Belastungseinschränkung des linken Beines bei CRPS I nach
Arthroskopie linkes Knie (11/2016) und Status nach Kniedistorsion links
(UT: 09/2016) fest. Ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit bestehe ein
Status nach Hysterektomie (2016). In ihrer bisherigen Tätigkeit als Kate-
chetin mit dem geschilderten Aufgabenbereich bestehe keine Arbeitsfähig-
keit seit November 2016. In einer angepassten Tätigkeit (sitzend ausge-
übte rollstuhlgerechte leichte Tätigkeiten ohne Heben und Tragen von Las-
ten, ohne Knien, Kriechen, Hocken Kauern) sei seit 22. Februar 2019 (Ent-
lassung aus der stationären Behandlung des Zentrums D._) eine
Arbeitsfähigkeit von 70 % gegeben. Die Arbeitsunfähigkeit von 30 % sei
der Schmerzhaftigkeit im linken Bein sowie der Verlangsamung bei der
Ausübung der Tätigkeiten geschuldet. Von November 2016 bis zum
21. Februar 2019 habe auch in angepasster Tätigkeit eine Arbeitsunfähig-
keit von 100 % bestanden (IV-act. 107).
8.13 Der RAD-Arzt Dr. med. P._, Facharzt für Chirurgie, Orthopädi-
sche Chirurgie und Traumatologie, hielt in seiner internen Stellungnahme
vom 27. November 2019 fest, er empfehle, eine Arbeitsfähigkeit in einer
angepassten Tätigkeit erst ab dem 9. Juli 2019 anzunehmen. Weiter emp-
fehle er, bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit für die wöchentlich je
zwei Einheiten Physio- und Ergotherapie einen zusätzlichen Pausenbedarf
von durchschnittlich einer Stunde pro Tag (fünf Stunden pro Woche =
12.5 %) zu berücksichtigen. Die Konzentrationsschwierigkeiten durch Me-
dikamentenwirkung werde in der Leistungsminderung von 70 % mitberück-
sichtigt (IV-act. 138 S. 4 f.).
8.14 Mit ihrer Beschwerde reichte die Beschwerdeführerin einen neuen
Bericht von Dr. med. K._ vom 12. August 2020 ein. Dieser bestä-
tigte die Diagnosen einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen
und psychischen Faktoren (Chronifizierungsgrad III, MPSS) und eines
CRPS Typ I linkes Bein (Morbus Sudeck). Die Beschwerdeführerin habe
am 5. Mai 2020 aufgrund einer Fussheberschwäche eine dynamische Car-
bonfussheber-Orthese erhalten, da sie den linken Fuss nicht mehr unter
Kontrolle habe. Weiter habe sich durch das CRPS der Zustand der linken
Hüfte verschlechtert. Hier würden ein vermehrter Brennschmerz und eine
Druckempfindlichkeit auftreten. Auch hier könne ein erneutes CRPS kaum
noch ausgeschlossen werden (BVGer-act. 1 Beilage 17).
C-4118/2020
Seite 18
9.
Zu prüfen ist, ob die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zu Recht
davon ausging, dass die Beschwerdeführerin von 14. November 2016 bis
8. Juli 2019 in ihrer angestammten Tätigkeit als Katechetin und auch in
jeder anderen Tätigkeit in ihrer Arbeitsfähigkeit zu 100 % eingeschränkt
gewesen, ihr aber aufgrund einer Verbesserung des Gesundheitszustan-
des seit 9. Juli 2019 eine den gesundheitlichen Einschränkungen optimal
angepasste Tätigkeit wieder in einem Pensum von 57.5 % zumutbar sei
bzw. ob sie den medizinischen Sachverhalt rechtsgenüglich abgeklärt hat.
9.1 Die Vorinstanz stellte in medizinischer Hinsicht massgeblich auf die
Einschätzung ihres RAD vom 25. Juli 2019 ab, wonach die Beschwerde-
führerin an einer hochgradigen Bewegungs- und Belastungseinschränkung
des linken Beines bei CRPS I leide, die ihre Leistungs- und Arbeitsfähigkeit
einschränke. Beim RAD-Bericht vom 25. Juli 2019 handelt es sich um ei-
nen Untersuchungsbericht nach Art. 49 Abs. 2 IVV und um kein Gutachten
im Sinn von Art. 44 ATSG; sein Beweiswert ist aber mit jenem von Gutach-
ten vergleichbar, sofern er den von der Rechtsprechung umschriebenen
Anforderungen an ein ärztliches Gutachten genügt (Urteil des BGer
8C_157/2021 vom 8. Juni 2021 E. 2.2). Ein solcher Bericht muss insbe-
sondere in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden sein
und in der Beschreibung der medizinischen Situation und der Zusammen-
hänge einleuchten; die Schlussfolgerungen sind zu begründen. Die RAD-
Ärztinnen und -Ärzte müssen sodann über die im Einzelfall gefragten per-
sönlichen und fachlichen Qualifikationen verfügen (Urteil des BGer
8C_638/2020 vom 15. März 2021 E. 2.2.2 mit Hinweisen). Der RAD-Bericht
vom 25. Juli 2019 beruht auf eigenen fachärztlich-orthopädischen Untersu-
chungen und erging in Kenntnis der medizinischen Vorakten. Zu klären ist,
ob er auch inhaltlich zu überzeugen vermag bzw. ob geringe Zweifel an der
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit am Ergebnis der versicherungsinternen
ärztlichen Beurteilung bestehen.
9.2 Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann an-
spruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchtigung
ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 141 V 281
E. 2.1). Vor dem Hintergrund, dass im Gutachten der C._ vom
20. Dezember 2018 keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig-
keit gestellt und das Vorliegen eines CRPS ausdrücklich verneint wurde,
ist zunächst zu prüfen, ob die vom RAD gestellte CRPS-Diagnose über-
zeugt.
C-4118/2020
Seite 19
9.2.1 Mit dem Begriff «CRPS» (auch komplexes bzw. chronisches regiona-
les Schmerzsyndrom oder Morbus Sudeck) wird in der Medizin ein post-
traumatisches Krankheitsbild beschrieben, das sich, von einem blanden
Trauma ausgelöst, schnell zu heftigen Schmerzen von brennendem und
invalidisierendem Charakter wandelt, dem sich motorische, trophische und
sensomotorische Funktionseinschränkungen zugesellen; typisch ist, dass
eine ganze Extremität oder eine grosse Körperregion betroffen ist. Auslö-
sende Ursachen können unter anderem Gelenksdistorsionen aber auch
beispielsweise ein Herzinfarkt sein. Die Diskrepanz zwischen dem eigent-
lichen, als Bagatelle anzusehenden auslösenden Trauma und den sich da-
ran anschliessenden Folgen ist als dramatisch zu bezeichnen. Ätiologie
und Pathogenese der CRPS sind unklar (Urteil des BGer 8C_673/2017
vom 27. März 2018 E. 5). Wenn es bei der Schädigung zu einer nachweis-
baren Verletzung grösserer peripherer Nerven kommt, spricht man von
CRPS II, andernfalls von CRPS I (Leitlinie der deutschen Gesellschaft für
Neurologie «Diagnostik und Therapie komplexer regionaler Schmerzsyn-
drome [CRPS]», 2018, S. 9). Das CRPS ist eine neurologisch-orthopä-
disch-traumatologische Erkrankung und ein organischer bzw. körperlicher
Gesundheitsschaden (Urteile des BGer 8C_232/2012 vom 27. September
2012 E. 5.3.1; 8C_1021/2010 vom 19. Februar 2011 E. 7). Klinische Zei-
chen bzw. Symptome eines CRPS sind schwer lokalisierbare brennende
Schmerzen (z.B. Allodynie, Hyperalgesie) kombiniert mit sensiblen, moto-
rischen und autonomen Störungen (u.a. Ödeme, Temperatur- und
Schweisssekretionsstörung, evtl. trophische Störung der Haut, Nagelver-
änderungen, lokal vermehrtes Haarwachstum, vgl. Urteil des BGer
8C_123/2018 vom 18. September 2018 E. 4.1.2 mit Hinweis auf Pschy-
rembel, Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 1623).
9.2.2 Gemäss der Leitlinie der deutschen Gesellschaft für Neurologie «Di-
agnostik und Therapie komplexer regionaler Schmerzsyndrome [CRPS]»
aus dem Jahr 2018 (abrufbar unter: www.awmf.org/leitlinien) erfordert die
Stellung der Diagnose CRPS eine grosse Sorgfalt. Die folgenden vier Kri-
terien («Budapest-Kriterien») müssen erfüllt sein, wobei ein besonderes
Augenmerk auf das vierte Kriterium zu legen ist:
1) Anhaltender Schmerz, der durch das Anfangstrauma nicht mehr erklärt wird.
2) Die Patienten müssen über jeweils mindestens 1 Symptom aus 3 der 4 fol-
genden Kategorien in der Anamnese berichten:
a. Hyperalgesie (Überempfindlichkeit für Schmerzreize); «Hyperästhesie»
(Überempfindlichkeit für Berührung, Allodynie)
b. Asymmetrie der Hauttemperatur; Veränderung der Hautfarbe
C-4118/2020
Seite 20
c. Asymmetrie des lokalen Schwitzens; Ödem
d. Reduzierte Beweglichkeit, Dystonie, Tremor, «Paresen» (im Sinne von
Schwäche); Veränderungen von Haar- oder Nagelwachstum
3) Bei den Patienten müssen jeweils mindestens 1 Symptom aus 2 der 4 fol-
genden Kategorien zum Zeitpunkt der Untersuchung vorliegen:
a. Hyperalgesie auf spitze Reize (z.B. Zahnstocher); Allodynie; Schmerz bei
Druck auf Gelenke/Knochen/Muskeln
b. Asymmetrie der Hauttemperatur; Veränderung der Hautfarbe
c. Asymmetrie des lokalen Schwitzens; Ödem
d. Reduzierte Beweglichkeit, Dystonie, Tremor, «Paresen» (im Sinne von
Schwäche); Veränderungen von Haar- oder Nagelwachstum
4) Eine andere Erkrankung erklärt die Symptomatik nicht hinreichend.
Die Diagnose CRPS ist eine klinische Diagnose. Deshalb sind die Anam-
neseerhebung sowie die klinische und neurologische Untersuchung die
entscheidenden Schritte in der Diagnosefindung. Im Prinzip gilt, dass für
die Diagnosestellung ärztlich erhobene und dokumentierte Befunde wich-
tiger sind als die alleinige Beschwerdeschilderung. Ein wesentliches Merk-
mal des CRPS ist, dass die Symptome «generalisieren», d.h. fast die ge-
samte distale betroffene Extremität erfassen. Man muss fordern, dass die
Diagnose CRPS in zeitlichem Zusammenhang mit dem Trauma erfolgt. Ein
sinnvoller Zeitraum dabei wären ca. 2-3 Monate, dann müssen die Diagno-
sekriterien erfüllt sein (Leitlinie der deutschen Gesellschaft für Neurologie
«Diagnostik und Therapie komplexer regionaler Schmerzsyndrome
[CRPS]», 2018, S. 10). Obwohl in den Diagnosekriterien nicht unbedingt
gefordert, sollte die Hauttemperatur mit geeigneten Instrumenten gemes-
sen werden, alle anderen Symptome werden klinisch beurteilt. Um Punkt 4
beantworten zu können, müssen differenzialdiagnostisch insbesondere fol-
gende Erkrankungen, die ein CRPS vortäuschen können, ausgeschlossen
sein: Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Entzündungen
(z.B. erregerbedingte Arthritiden, Infektionen nach Operationen, Polyneuri-
tiden, Polyradikulitiden, Plexusschädigungen), thromboembolische Erkran-
kungen, Kompartment- und Nervenkompressionssyndrome. Hierzu dienen
unter anderem auch laborchemische Untersuchungen. Das CRPS selbst
ist nicht durch Auffälligkeiten bei Routinelaborparametern wie z.B. CRP-
Erhöhung oder BSG-Beschleunigung gekennzeichnet. Oft nicht einfach ist
die Abgrenzung von den Folgen psychischer Erkrankungen, vor allem bei
Vorliegen einer dissoziativen Störung mit autoagressiven Handlungen. Der
C-4118/2020
Seite 21
Verlauf der Erkrankung sollte mit in der Schmerztherapie üblichen Metho-
den unter Einschluss von Schmerzquantifizierung, Funktionsparametern
(Kraft, Bewegungsumfang, Umfangsmessung) und vegetativen Funktions-
störungen dokumentiert werden (Leitlinie der deutschen Gesellschaft für
Neurologie «Diagnostik und Therapie komplexer regionaler Schmerzsyn-
drome [CRPS]», 2018, S. 12 f.).
9.2.3 Ein CRPS zu diagnostizieren, ist unbestritten schwierig, da keine (ge-
naue, zuverlässige) Methode existiert, um die Erkrankung eindeutig fest-
zustellen. Es ist daher zwingend auf die dargelegten Prüfkriterien abzustel-
len (vgl. Urteile des BVGer C-5111/2015 vom 27. Juni 2018 E. 6.2;
C-117/2015 vom 23. Juni 2016 E. 5.3.7). Die medizinischen Sachverstän-
digen haben die Diagnose einer CRPS daher so zu begründen, dass die
Rechtsanwender nachvollziehen können, dass die Diagnosekriterien tat-
sächlich eingehalten sind. Für die Nachvollziehbarkeit der Diagnosefin-
dung ist erforderlich, dass von der medizinischen Fachperson wenigstens
kurz darlegt wird, welche der charakterisierenden Kriterien inwiefern und
wie ausgeprägt gegeben sind.
9.3 Die RAD-Ärzte gehen im Untersuchungsbericht vom 25. Juli 2019 da-
von aus, dass ein durch die Budapester-Kriterien nachgewiesenes CRPS I
sicherlich vorliege. Sie führten aus, die klinischen Symptome würden
knapp drei Jahre nach der Operation für das Vorliegen einer floriden
CRPS I sprechen. Bei der Untersuchung vom 9. Juli 2019 hätten sich eine
erhebliche Temperaturdifferenz zwischen dem linken und dem rechten
Bein bis 5 Grad, eine Schwellung des linken Unterschenkels sowie des
linken Oberschenkels mit einer Umfangvermehrung bis 3 cm sowie glän-
zende berührungsempfindliche Haut des Unterschenkels gefunden. Bei
der gesamthaften Betrachtung habe bei der RAD-Untersuchung eine er-
heblich schmerzhafte Einschränkung der Gebrauchsfähigkeit des linken
Beines bestanden. Die sogenannten Budapester-Kriterien für das Vorlie-
gen eines CRPS I seien erfüllt.
9.4 Gemäss den oben dargelegten Diagnosekriterien ist erforderlich, dass
keine andere Erkrankung vorliegt, welche die Symptomatik erklärt (Krite-
rium 4). Laut den Leitlinien muss auf dieses Kriterium, wie erwähnt, ein
besonderes Augenmerk gelegt werden. Die RAD-Ärzte liessen die Frage,
ob es keine andere Diagnose gibt, welche die Schmerzen erklärt, aber ex-
plizit unbeantwortet. Sie führten in diesem Zusammenhang zwar aus, dass
sich das Augenmerk auf andere Erkrankungen richte, die ebenfalls vorlie-
gen könnten. Sie gingen davon aus, dass das berichtete Schmerzsyndrom
C-4118/2020
Seite 22
ohne weiteres auch durch Erkrankungen im Bereich der Lendenwirbel-
säule, durch Verwachsungen im abdominellen Bereich nach der Hysterek-
tomie oder durch eine psychiatrische Erkrankung bedingt sein könnte. Eine
weitere Abklärung durch Kernspintomographie der LWS, Abdomen- und
Computertomografie bzw. neuropsychologische Untersuchung werde drin-
gend vorgeschlagen. Abschliessend hielt der RAD fest, dass die Abklärung
einer weiteren Erkrankung mit ähnlicher Symptomatik (lumbaler Band-
scheibenvorfall, abdominelle Verwachsungen nach gynäkologischer Ope-
ration, Selbstbeschädigung) noch erfolgen werde. Die RAD-Ärzte haben
damit verschiedene in Frage kommende Differentialdiagnosen genannt,
ohne diese aber weiter zu diskutieren bzw. abzuklären. Für eine gesicherte
CRPS-Diagnose müssten zunächst spezifische Differentialdiagnosen ge-
prüft und ausgeschlossen werden, wobei im vorliegenden Fall angesichts
der Anamnese auch der Beizug eines psychiatrischen Sachverständigen
unerlässlich erscheint. Insgesamt ist es nicht nachvollziehbar, weshalb die
RAD-Ärzte die Diagnose eines CRPS gestellt haben, obwohl sie in Bezug
auf eines der anerkannten Diagnosekriterien einen dringenden Abklä-
rungsbedarf erkannt und spezifische Differentialdiagnosen nicht ausge-
schlossen haben. Die von den RAD-Ärzten gestellte CRPS-Diagnose ba-
siert damit auf einem unvollständig abgeklärten medizinischen Sachverhalt
und überzeugt nur schon aus diesem Grund nicht.
9.5 Was die übrigen Diagnosekriterien (siehe oben E. 9.2.2) anbelangt, so
erachteten die RAD-Ärzte diese gemäss dem Prüfraster im Untersu-
chungsbericht vom 25. Juni 2019 alle als erfüllt. Sie haben es aber unter-
lassen, dies jeweils zu begründen und die vorliegenden Symptome der Di-
agnosekriterien 2 und 3 spezifisch zu bezeichnen. Für die CRPS-Diagnose
müssen die jeweiligen Symptome sowohl anamnestisch wie auch im Zeit-
punkt der Untersuchung vorliegen.
9.5.1 Die RAD-Ärzte gingen davon aus, dass in den Berichten des interdis-
ziplinären Schmerzzentrums des Klinikums J._ vom 27. April 2018
und des Zentrums D._ vom 21. Februar 2019 eine chronische
Schmerzstörung beim CRPS I des linken Beines ausführlich belegt werde.
Auf den Inhalt dieser Berichte, insbesondere auf die darin beschriebenen
Beschwerden und Befunde, gingen die RAD-Ärzte jedoch nicht ein. Es trifft
zwar zu, dass von den behandelnden Ärzten ein CRPS diagnostiziert und
mehrfach bestätigt wurde, entsprechende klinische Zeichen wie rötlich-
blaue Hautfärbung, Differenzen der Hauttemperatur, auffälliger Haarwuchs
– bei Angabe starker Schmerzen und Funktionsstörungen – wurden jedoch
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nur diskret bzw. vereinzelt beschrieben (etwas glänzende Haut, Schwell-
neigung nach mechanischen Reizen). Es fehlt dem RAD-Bericht daher
auch an einer nachvollziehbaren Begründung bezüglich der anamnestisch
vorliegenden Symptome und damit auch an einer Rekonstruktion des
Krankheitsverlaufs.
9.5.2 Im klinischen Untersuchungsbefund beschrieben die RAD-Ärzte am
gesamten linken Unterschenkel eine massive Schwellung mit stark glän-
zender und kühler Haut im Bereich der Tibiavorderkante und eine deutliche
Kapselschwellung am linken Sprunggelenk. Die Umfangmessungen erga-
ben am Unterschenkel 15 cm unterhalb des inneren Gelenkspaltes rechts
37 cm und links 39 cm, der kleinste Umfang am Unterschenkel betrug
rechts 23 cm und links 24.5 cm. Die im klinischen Befund beschriebene
kühle Haut im Bereich des Schienbeins ist anhand der vorgenommenen
Temperaturmessung nicht nachvollziehbar, ergab diese im Bereich des Un-
terschenkels eine Differenz von lediglich 0.2 Grad. Deutliche Temperatur-
unterschiede wurden dagegen an den Füssen gemessen, was im klini-
schen Untersuchungsbefund und der Beurteilung dagegen nicht erwähnt
wurde. Eine Überempfindlichkeit auf Schmerzreize oder Berührungen
wurde im Rahmen der klinischen Untersuchung soweit ersichtlich nicht
überprüft, da die Beschwerdeführerin aufgrund starker Schmerzen eine
Untersuchung des linken Beins nicht zuliess. Es ist daher davon auszuge-
hen, dass die RAD-Ärzte eine Überempfindlichkeit allein gestützt auf die
subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin und nicht aufgrund objektiv
erhobener Untersuchungsbefunde bejaht haben. Zudem liess sich auch
die demonstrierte Unmöglichkeit der aktiven Streckung des Knies nicht mit-
tels einer passiven Bewegungsprüfung überprüfen bzw. objektivieren, wes-
halb auch das Vorliegen dieses Symptoms nicht überprüfbar ist resp. nicht
feststeht.
9.6 Die RAD-Ärzte wiesen in ihrem Untersuchungsbericht vom 25. Juli
2019 zudem auf einige Inkonsistenzen hin. So seien bei der Beschwerde-
führerin das Auskleiden und anschliessend das Ankleiden flüssig möglich
gewesen. Sie habe 60 Minuten im Rollstuhl problemlos sitzen können. Das
Gehen sei in der Untersuchungssituation auch ohne Gehstöcke möglich
gewesen. Eine Auseinandersetzung mit diesen Inkonsistenzen bzw. eine
Konsistenzprüfung haben die RAD-Ärzte aber nicht vorgenommen, was
gerade im vorliegenden Fall unverzichtbar ist, da sie sich bei der Diagno-
sestellung massgeblich auf subjektive Angaben der Beschwerdeführerin
abstützten. Gerade bei Schmerzen, einer schwierig zu objektivierenden
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Körperstörung, ist vor einer abschliessenden Beurteilung des Gesund-
heitsschadens und der allenfalls daraus fliessenden Arbeitsunfähigkeit
eine Konsistenzprüfung erforderlich (vgl. dazu AWMF-Leitlinie für die ärzt-
liche Begutachtung von Menschen mit chronischen Schmerzen, 4. Aufl.
2017, abrufbar unter: www.awmf.org/leitlinien). Dabei genügt es nicht, In-
konsistenzen im Bericht nur zu benennen, diese sind vielmehr im Rahmen
der versicherungsmedizinischen Beurteilung bzw. der Konsistenz- und
Plausibilitätsprüfung zu diskutieren und einzuordnen (vgl. EBNER ET AL.,
Begutachtungsleitlinie Versicherungsmedizin, 2020, S. 19; abrufbar unter:
www.swiss-insurance-medicine.ch). Die Herleitung der CRPS-Diagnose
durch den RAD ist auch vor diesem Hintergrund nicht schlüssig und nach-
vollziehbar begründet.
9.7 Hinsichtlich der diagnostischen Einordnung der Schmerzen, der daraus
allenfalls resultierenden Funktionseinschränkungen und der Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit – der zentralen Grundlage für die Invaliditätsbemes-
sung – bestehen überdies erhebliche und nicht miteinander in Einklang zu
bringende Differenzen zwischen der Einschätzung des RAD vom 25. Juli
2019 (Untersuchung am 9. Juli 2019) und dem polydisziplinären Gutachten
vom 20. Dezember 2018 (Untersuchungen am 14. September, 20. Sep-
tember und 2. Oktober 2018), das ebenfalls auf eingehenden fachärztli-
chen Untersuchungen der Beschwerdeführerin basiert und in Kenntnis der
Vorakten erging.
9.7.1 Im orthopädischen C._-Teilgutachten von Dr. med.
Q._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, wurde festgehalten, dass die Beschwerdeführerin
eine passive Untersuchung des linken Beins nicht zugelassen habe. Weder
die Funktionen des Hüftgelenks, des Kniegelenks noch des Sprunggelenks
hätten passiv überprüft werden können. Die objektiv gewonnenen Unter-
suchungsbefunde am linken Bein wie Umfangmasse und klinisch erschei-
nender Aspekt seien unauffällig gewesen. Es liessen sich keine signifikante
Umfangsverminderung der Beinmuskulatur und auch keine Schwellung
des Kniegelenks nachweisen. Die Tophik des linken Beines erscheine ge-
genüber dem rechten Bein regelrecht. Zudem seien beide Beine gleich-
mässig sonnengebräunt. Die Fusssohle links weise eine deutliche Verhor-
nung auf, die über eine hohe Gangaktivität Zeugnis ablege. Zudem sei die
Compliance bei der Untersuchung eingeschränkt gewesen. Aus orthopädi-
scher Sicht bestünden erhebliche Zweifel an einer CRPS-Diagnose. Diese
würde aktuell nicht durch die typischen Symptome bestätigt. Für die Diag-
nosestellung eines CRPS sei der klinische Befund massgeblich, der eine
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ausgeprägte Schwellung, Veränderung des Hautkolorits (bläulich, livide),
Veränderungen der Hauttemperatur und lokal vermehrte Schweissbildung
(sogenannte Budapest-Kriterien) aufweisen müsste. Keines dieser Krite-
rien sei aber jemals dokumentiert worden. Die objektiven Messungen der
Beinumfänge hätten keine signifikante Beinumfangsdifferenz ergeben. Der
C._-Gutachter wies zudem auf verschiedene Inkonsistenzen hin.
So toleriere die Beschwerdeführerin trotz vorliegender Allodynie der linken
unteren Extremität UV-Strahlung, die ihr Hautkolorit sommerlich bräune.
Klinisch habe sich seitengleich eine ausgeprägte Beschwielung der Fuss-
sohlen gezeigt, die auf eine hohe Stand- oder Gangaktivität hinweise. Die-
ser Widerspruch (zu den Angaben und dem Verhalten der Beschwerdefüh-
rerin) lasse sich nicht auflösen. Der neurologische Gutachter hielt zudem
fest, dass das Auftreten der Beschwerdeführerin und der neurologische
Befund in einem nicht auflösbaren Widerspruch zueinander stünden. Die
Parese der unteren Extremität, welche sie bei der Kraftprüfung angegeben
habe, korreliere nicht mit dem unbeobachteten Bewegungsablauf (zügiges
An- und Auskleiden, Aussteigen aus dem Rollstuhl).
9.7.2 Der RAD hat sich mit der bezüglich der Diagnosestellung und der
Frage einer allfälligen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit diametral abwei-
chenden Einschätzung im C._-Gutachten, bei dem es sich um ein
im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholtes Gutachten externer Spezial-
ärzte handelt, welchem grundsätzlich voller Beweiswert zuerkannt wird, so-
lange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise spre-
chen (vgl. E. 5.9 hiervor), nicht eingehend auseinandergesetzt. Die RAD-
Ärzte haben nur darauf hingewiesen, dass die C._-Gutachter keine
Temperaturmessung vorgenommen, aber trotzdem eine Überwärmung des
linken Beins verneint hätten. Weiter hielt der RAD fest, dass der
C._-Gutachter zwar hervorgehoben habe, dass das linke Bein der
Beschwerdeführerin aufgrund der Schmerzen kaum anzufassen gewesen
sei, seiner Ansicht nach aber dennoch keine Gesundheitsschädigung vor-
liege. Aufgrund dieser knappen Ausführungen lassen sich die bestehenden
Abweichungen zwischen den beiden fachärztlichen Einschätzungen für ei-
nen medizinischen Laien nicht nachvollziehen, dies auch deshalb, weil sich
die RAD-Ärzte zu diskrepanten Befunden (z.B. abweichende Umfänge des
linken Beins, unterschiedlicher Befund betreffend Beschwielung des linken
Fusses) nicht erklärend geäussert haben. Damit enthält der RAD-Untersu-
chungsbericht keine angemessene, nachvollziehbare Auseinandersetzung
mit der abweichenden Meinung der Vorgutachter der C._, so stellt
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dies ein weiteres (konkretes) Indiz gegen die Zuverlässigkeit ihrer Ein-
schätzung dar (vgl. Urteil des BGer 9C_288/2020 vom 10. März 2021 E.
3.4).
9.8 Schliesslich vermag auch die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch
die RAD-Ärzte nicht zu überzeugen. Zunächst haben sie im Untersu-
chungsbericht vom 25. Juli 2019 nicht nachvollziehbar begründet, weshalb
die Beschwerdeführerin ihrer Ansicht nach im Zeitraum von November
2016 bis zur Entlassung aus der stationären Schmerztherapie am 21. Feb-
ruar 2019 vollständig arbeitsunfähig gewesen und danach ab 22. Februar
2019 in angepassten Tätigkeiten wieder zu 70 % arbeitsfähig sein soll.
Auch der Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. med. P._ vom 27. No-
vember 2019, in der die Arbeitsfähigkeit (von 70%) in einer angepassten
Tätigkeit erst ab 9. Juli 2019 (Datum der Untersuchung beim RAD) ange-
nommen wurde, lässt sich keine entsprechende Begründung entnehmen.
Weiter fehlt es mit Blick darauf, dass die im Sinne einer Reduktion abge-
stufte Rente eines Revisionsgrundes im Sinn von Art. 17 ATSG bedarf, an
einer Feststellung einer anspruchsrelevanten Verbesserung des Gesund-
heitszustandes der Beschwerdeführerin. Der RAD-Untersuchungsbericht
äussert sich nicht zur Entwicklung des Beschwerdebildes und der Befund-
lage. Vielmehr beschränkten sich die RAD-Ärzte darauf, den gegenwärti-
gen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin zu beschreiben und zu
analysieren, ohne diesen in Beziehung zu den medizinischen Vorakten und
den dort gesetzten Anknüpfungstatsachen zu bringen. Der RAD legte da-
mit nicht in hinreichender Weise dar, inwiefern eine effektive Veränderung
der gesundheitlichen Situation am 21. Februar 2019 bzw. 9. Juni 2019
stattgefunden haben soll. Allein aus dem Umstand, dass die Beschwerde-
führerin am Ende der Rehabilitation angab, die Schmerzen im linken Bein
hätten sich von anfangs durchschnittlich NRS 7-8 zuletzt auf 5-6 gebessert
(wobei immer wieder belastungsabhängige Spitzen von bis NRS 9 auftre-
ten würden), lässt nicht auf eine anspruchsrelevante Verbesserung des
Gesundheitszustands schliessen, insbesondere weil sich aus dem Aus-
trittsbericht des Zentrums D._ vom 21. Februar 2019 keinerlei ob-
jektiv fassbaren Hinweise auf eine massgebende Veränderung des ge-
sundheitlichen Zustandes der Beschwerdeführerin ergeben. Insgesamt ist
die Einschätzung damit auch im Hinblick auf die Feststellung einer revisi-
onsbegründenden Veränderung des Gesundheitszustandes nicht beweis-
kräftig.
9.9 Aus dem Dargelegten folgt, dass die Herleitung der CRPS-Diagnose
des RAD sowie dessen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit insgesamt nicht
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nachvollzogen werden kann, womit (zumindest geringe) Zweifel an der
Schlüssigkeit der versicherungsinternen Beurteilung gegeben sind. Hierzu
ist auch festzuhalten, dass die blosse Möglichkeit eines Gesundheitsscha-
dens im Sinne einer klinisch nicht hinreichend gesicherten Annahme für
dessen Bejahung nicht genügt (Urteil des BGer 8C_95/2019 vom 3. Juni
2019 E. 5.2). Für die Leistungsbeurteilung kann somit nicht auf den Unter-
suchungsbericht des RAD vom 25. Juli 2019 und die ergänzende Stellung-
nahme des RAD-Arztes Dr. med. P._ vom 27. November 2019 ab-
gestellt werden.
9.10 Eine abschliessende Beurteilung des Leistungsanspruchs ist auch
gestützt auf das polydisziplinäre C._-Gutachten nicht möglich. In
Bezug auf die Beurteilung einer CRPS bestehen – wie sich aus den obigen
Ausführungen ergibt – nicht aufgelöste Diskrepanzen zwischen den Beur-
teilungen der C._-Gutachter und den RAD-Ärzten, was konkrete
Zweifel an den Ergebnissen im C._-Gutachten weckt. Der orthopä-
dische Gutachter hat zudem den Ausschluss der Diagnose CRPS nur sehr
knapp begründet und hat die Diagnosekriterien nicht systematisch abgear-
beitet. Er ist auch nicht genügend detailliert auf die ausführlichen Berichte
der stationären Schmerztherapien, insbesondere der darin erhobenen Be-
funde, eingegangen. Wie der RAD zudem zu Recht darauf hinweist, hat
der C._-Gutachter einen Temperaturunterschied verneint, ohne
eine entsprechende Messung durchgeführt zu haben. Weiter fehlt es im
psychiatrischen C._-Gutachten an einer Auseinandersetzung mit
den orthopädisch und neurologisch nicht erklärbaren massiven Schmerzen
der Beschwerdeführerin. Insbesondere zur in den Vorakten dokumentier-
ten Diagnose einer Schmerzverarbeitungsstörung hat sich der Experte des
C._ mit keinem Wort geäussert. Auch die von der Beschwerdefüh-
rerin beklagten kognitive Störungen (Konzentration- und Gedächtnisstö-
rung) als Folge der Schmerzen und der starken Medikamente hat er nur
sehr oberflächlich abgehandelt. Weiter hat er die vom orthopädischen und
neurologischen Gutachter festgestellten Inkonsistenzen nicht diskutiert
und eingeordnet.
9.11 Schliesslich erlauben auch die Berichte des interdisziplinären
Schmerzzentrums des Klinikums J._ vom 3. Mai 2017 und 29. Au-
gust 2017 sowie des Zentrums D._ vom 21. Februar 2019 keine
abschliessende Beurteilung des Leistungsanspruchs, da diese den Anfor-
derungen an beweiswertige medizinische Entscheidgrundlagen nicht ge-
nügen. Insbesondere enthalten sie keine begründete Einschätzung der Ar-
beitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit. Abgesehen davon ist auch
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dem Grundsatz Rechnung zu tragen, dass Berichte der behandelnden
Ärzte wegen deren auftragsrechtlichen Vertrauensstellung zum Patienten
mit Vorbehalt zu würdigen sind. Das gilt für den allgemein praktizierenden
Hausarzt wie für den behandelnden Spezialarzt und erst recht für den
schmerztherapeutisch tätigen Arzt mit seinem besonderen Vertrauensver-
hältnis und dem Erfordernis, den geklagten Schmerz zunächst bedin-
gungslos zu akzeptieren (Urteil des Bundesgerichts 8C_913/2013 vom
11. April 2014, E. 4.4.3).
10.
Zusammenfassend erweist sich der Sachverhalt bis zum Erlass der ange-
fochtenen Verfügung vom 19. Juni 2020 in medizinischer Hinsicht nicht
rechtsgenügend abgeklärt. Demzufolge ist es nicht möglich, mit dem im
Sozialversicherungsrecht erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu beurteilen, ob und gegebenenfalls in welcher Höhe
und ab wann die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Rente der Invali-
denversicherung hat.
10.1 Da die angefochtene Verfügung gestützt auf eine unvollständige
Sachverhaltsabklärung ergangen ist, ist die Sache in Anwendung von
Art. 61 Abs. 1 VwVG zur Vornahme der notwendigen medizinischen Abklä-
rungen und hernach neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Diese Rückweisung an die Vorinstanz erfolgt in Übereinstimmung mit der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung, gemäss welcher eine Rückweisung
an die IV-Stelle insbesondere im Falle einer notwendigen Erhebung einer
bisher vollständig ungeklärten Frage möglich ist (BGE 137 V 210
E. 4.4.1.4), was vorliegend insbesondere in Bezug auf die laut RAD drin-
gend erforderliche Abklärung weiterer Erkrankungen (Diagnosekriterium
4), die ähnliche Symptomatiken wie ein CRPS zeigen, der Fall ist. Auch die
Frage nach dem Vorliegen einer allfälligen Schmerzstörung ist noch völlig
ungeklärt. Überdies würde den Verfahrensbeteiligten mit dem Verzicht auf
ein Administrativgutachten im Verwaltungsverfahren der doppelte Instan-
zenzug nicht gewahrt (vgl. Urteil des BVGer C-1882/2017 vom 3. April
2018 E. 6.1).
10.2 Aufgrund des Ausgeführten ist die Vorinstanz in Anwendung von
Art. 61 Abs. 1 VwVG anzuweisen, nach Aktualisierung und Vervollständi-
gung der medizinischen Akten eine interdisziplinäre Begutachtung der Be-
schwerdeführerin zu veranlassen. Mit Blick auf die im Raum stehenden
Befunde und Diagnosen erscheinen Expertisen in den Fachbereichen In-
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nere Medizin, Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie (letztere insbeson-
dere unter Berücksichtigung der Standardindikatoren gemäss bundesge-
richtlicher Rechtsprechung [BGE 143 V 418; 143 V 409; 141 V 281]) erfor-
derlich. Ob neben den genannten Fachdisziplinen auch noch weitere Spe-
zialisten beizuziehen sind, ist dem pflichtgemässen Ermessen der Gutach-
ter zu überlassen, zumal es primär ihre Aufgabe ist, aufgrund der konkreten
Fragestellung über die erforderlichen Untersuchungen zu befinden (vgl.
dazu BGE 139 V 349 E. 3.3; Urteil des BGer 8C_124/2008 vom 17. Okto-
ber 2008 E. 6.3.1).
10.3 Die polydisziplinäre Begutachtung hat vorliegend in der Schweiz zu
erfolgen, da die Abklärungsstelle mit den Grundsätzen der schweizeri-
schen Versicherungsmedizin vertraut sein muss (vgl. dazu Urteil des BGer
9C_235/2013 vom 10. September 2013 E. 3.2; statt vieler Urteil des BVGer
C-3864/2017 vom 11. März 2019 E. 7.5 m.w.H.) und vorliegend keine
Gründe ersichtlich sind, die eine Begutachtung in der Schweiz als unver-
hältnismässig erscheinen liessen. Im Weiteren ist die Gutachterstelle – vor-
liegend unter Ausschluss des C._ – nach dem Zufallsprinzip ge-
mäss Zuweisungssystem «SuisseMED@P» zu ermitteln (vgl. dazu BGE
139 V 349 E. 5.2.1 und Art. 72bis Abs. 2 IVV) und der Beschwerdeführerin
sind die ihr zustehenden Mitwirkungsrechte einzuräumen (vgl. BGE 137 V
210 E. 3.4.2.9).
10.4 Im Ergebnis ist die Beschwerde dahingehend gutzuheissen, dass die
Verfügung(en) vom 19. Juni 2020 aufzuheben und die Sache an die
Vorinstanz zurückzuweisen ist, damit diese nach erfolgter Abklärung im
Sinne der Erwägungen über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf
Leistungen der schweizerischen Invalidenversicherung neu verfüge.
11.
11.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis i.V.m.
Art. 69 Abs. 2 IVG), wobei das Bundesverwaltungsgericht gemäss Art. 63
Abs. 1 VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei
auferlegt. Eine Rückweisung gilt praxisgemäss als Obsiegen der Be-
schwerde führenden Partei (BGE 141 V 281 E. 11.1), weshalb der Be-
schwerdeführerin keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. Der einbe-
zahlte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.– ist ihr nach Eintritt der
Rechtskraft des vorliegenden Urteils auf ein von ihr bekannt zu gebendes
Konto zurückzuerstatten. Der Vorinstanz sind ebenfalls keine Verfahrens-
kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
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11.2 Die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat bei diesem Verfah-
rensausgang gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf
eine Parteientschädigung zu Lasten der Verwaltung. Die Rechtsvertreterin
hat keine Kostennote eingereicht, weshalb die Entschädigung aufgrund der
Akten festzusetzen ist (Art. 14 Abs. 2 Satz 2 VGKE). Unter Berücksichti-
gung des Verfahrensausgangs, des gebotenen und aktenkundigen Auf-
wands, der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des vorlie-
gend zu beurteilenden Verfahrens sowie in Anbetracht der in vergleichba-
ren Fällen gesprochenen Entschädigungen ist eine Parteientschädigung
von pauschal Fr. 2’800.– gerechtfertigt.
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