Decision ID: 24731bc7-3eba-5d47-afe1-29f4def719d2
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
E._, geb. 2007, besuchte in der Politischen Gemeinde Z._ in den Schuljahren
2012/13 und 2013/14 den Kindergarten. Aufgrund der Mühe, sich im Kindergartenalltag
zurechtzufinden, wurde E._ im September 2012 schulpsychologisch abgeklärt. In
einem nonverbalen Intelligenzverfahren zeigte sich ein deutlich unter dem Durchschnitt
liegendes kognitives Potenzial. Weiter wurde festgestellt, dass E._, dessen
Muttersprache Albanisch ist, sprachliche und motorische Schwierigkeiten habe und
eine geringe Konzentrationsfähigkeit aufweise (act. 10/6a/1). E._ wurde deshalb ab
Januar 2013 von einer schulischen Heilpädagogin begleitet. Zudem besuchte er ab
August 2013 regelmässig eine Logopädie-Therapie (act. 10/6a/2).
Ab Beginn des Schuljahres 2014/15 wurde E._ nicht der Regel-, sondern der
Einführungsklasse im Primarschulhaus B._ in Z._ zugewiesen (act. 10/6a/4 und 5). In
der Einführungsklasse wird der Schulstoff der 1. Regelklasse auf zwei Jahre verteilt und
der anschliessende Übertritt in die 2. Regelklasse angestrebt (vgl. act. 10/6a/5).
Anlässlich eines Standortgesprächs am Ende der 2. Einführungsklasse wurde
festgehalten, dass E._ die Lernziele der 1. Regelklasse nicht erreicht habe (act. 10/6a/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8). In der Folge wurde E._ in allen Promotionsfächern von den Lernzielen befreit, und
es wurden individuelle Lernziele ab Beginn der 2. Regelklasse verfügt (act. 10/6a/9).
Bezüglich der Logopädie-Therapie wurde vorerst eine Pause eingelegt (act. 10/6a/8).
Ab Januar 2017 besuchte E._ zusätzlich eine Ergotherapie (act. 10/6a/10).
Im Rahmen der Planung der weiteren Beschulung in der Mittelstufe kam der
Schulpsychologische Dienst im Februar 2018 zum Schluss, dass E._ zwar grosse
individuelle Fortschritte erzielt und sich zu einem offenen und lernwilligen Jungen
entwickelt habe. Jedoch zeige die schulpsychologische Untersuchung bei E._ ein
deutlich unterdurchschnittliches kognitives Potenzial. Er sei weiterhin auf eine intensive
Begleitung beim Lernen angewiesen. Auf eine Zuweisung in die Heilpädagogische
Schule U._ könne jedoch momentan verzichtet werden. Ein schulisches Setting im
Rahmen seiner Sonderschulbedürftigkeit sei indes unabdingbar (act. 10/6a/10). Für die
4. Regelklasse wurde ihm deshalb ein Sondersetting im Einzelfall bewilligt (act. 10/6a/
12). Dies bedeutete, dass E._ beim schulischen Lernen sowohl von den Lehrpersonen
als auch vom Schulischen Heilpädagogen intensiv begleitet und unterstützt wurde (vgl.
act. 10/6a/13).
Im Mai 2019, gegen Ende der 4. Klasse, erfolgten weitere schulpsychologische
Untersuchungen. Im Ergebnis wurde festgehalten, dass die letzten Abklärungen keine
erwähnenswerten kognitiven Verbesserungen mehr zeigten. Die intellektuellen
Fähigkeiten von E._ schienen sich einzupendeln und es müsse von einem Potential im
Rahmen einer generellen Lernbehinderung ausgegangen werden. Die Unterschiede
zwischen E._s Leistungen und denjenigen seiner Klassenkameraden würden indes
immer grösser. Damit E._ weiterhin Fortschritte machen könne, sei er auf eine
intensive heilpädagogische Begleitung angewiesen. Es stelle sich die Frage, ob diese
an der öffentlichen Schule in diesem Rahmen noch gewährleistet werden könne. Den
Eltern seien daher die Vorzüge der Heilpädagogischen Schule U._ dargelegt worden.
Während sich die Eltern bis anhin mit den sonderpädagogischen Massnahmen für E._
stets einverstanden zeigten, brachten sie nun entschieden zum Ausdruck, dass sie eine
Beschulung E._s in der Heilpädagogischen Schule U._ ablehnten (act. 10/6a/13). Im
Rahmen von Gesprächen mit der Vorsteherin des Departements Bildung und Sport der
Politischen Gemeinde Z._ wiederholten sie sowohl im Juni (act. 10/6a/14) also auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im November 2019 (act. 10/6a/15), dass E._ ein ganz normaler Junge sei, der einfach
etwas mehr Zeit benötige. Er gehöre nicht an die Heilpädagogische Schule U._.
Da die vorerwähnten schulpsychologischen Untersuchungen kurz vor den
Sommerferien 2019 stattfanden, kamen die verantwortlichen Personen überein, dass
E._ die 5. Regelklasse noch im Primarschulhaus B._ in Z._ beginnen könne. Danach
solle die Beschulung in der Heilpädagogischen Schule U._ angegangen und E._ und
seine Eltern auf diesen Wechsel vorbereitet werden. Die Schule habe die Eltern darüber
informiert, dass E._ in dieser Übergangszeit nicht mehr die Förderung erhalten werde,
auf die er eigentlich angewiesen wäre. Die Eltern zeigten sich damit einverstanden
(act. 10/6a/16).
Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs (act. 10/6a/17) stellte das Departement
Bildung und Sport der Politischen Gemeinde Z._ mit Verfügung vom 6. Januar 2020
fest, dass bei E._ ein besonderer Bildungsbedarf vorliege, dem in der öffentlichen
Schule nicht hinreichend Rechnung getragen werden könne. Es bestätigte ferner die
Notwendigkeit einer geeigneten und weitergehenden Massnahme und verfügte den
Besuch einer Sonderschule. Es wies E._ ab Beginn des Schuljahres 2020/21 für die
Beschulung der Heilpädagogischen Schule U._ zu (act. 10/6a/19).
B.
Die Eltern von E._, nun anwaltlich vertreten, erhoben gegen diese Zuweisung mit
Eingabe ihres Rechtsvertreters am 17. Januar 2020 Rekurs beim Erziehungsrat (seit
1. Juni 2020 Bildungsrat; act. 10/1).
Gestützt auf Bericht und Antrag ihrer Fachkommission vom 2. April 2020 (act. 10/9), die
Stellungnahme des Rechtsvertreters der Eltern von E._ vom 16. April 2020 (act. 10/11)
und die eingeholte Vernehmlassung (act. 10/6) wies der Präsident des Bildungsrates
den Rekurs am 15. Juli 2020 ab (act. 2).
C.
E._ und dessen Eltern F._ und K._ (Beschwerdeführer) erhoben gegen den am
15. Juli 2020 zugestellten (richtig: versandten) Entscheid des Bildungsrates (Vorinstanz)
mit Eingabe vom 22. Juli 2020 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Sie beantragen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei der vorinstanzliche Entscheid aufzuheben
und E._ sei zu erlauben, die 6. Klasse im Primarschulhaus B._ in Z._ zu besuchen
und abzuschliessen (act. 1).
Mit Vernehmlassung vom 12. August 2020 (act. 9) beantragte die Vorinstanz unter
Verweis auf den angefochtenen Entscheid vom 15. Juli 2020 die Abweisung der
Beschwerde unter Kostenfolge. Das Departement Bildung und Sport der Politischen
Gemeinde Z._ (Beschwerdegegnerin) verzichtete stillschweigend auf eine
Stellungnahme.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen der
Beschwerdeführer zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). E._ und seine Eltern,
deren Begehren, E._ sei nicht der Heilpädagogischen Schule, sondern der
6. Regelklasse zuzuteilen, im vorinstanzlichen Verfahren abgewiesen wurde, sind zur
Erhebung des Rechtsmittels befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP;
Art. 301 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 304 Abs. 1 des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches, SR 210; BGer 2C_787/2013 vom 10. Dezember 2013 und
2C_824/2019 vom 31. Januar 2020 je E. 1.2 mit Hinweis auf BGE 119 Ia 178 E. 2b). Die
Beschwerde gegen den am 15. Juli 2020 versandten Rekursentscheid wurde mit
Eingabe vom 22. Juli 2020 rechtzeitig erhoben und erfüllt in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und
Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Beschwerdeführer rügen, die Vorinstanz habe den Sachverhalt in verschiedener
Hinsicht unrichtig und unvollständig festgestellt: Bei den Untersuchungen, die dem
Schulpsychologischen Bericht vom 14. Juni 2019 zugrunde lägen, seien
mathematische Anforderungen getestet worden, die gar nicht zu den Lernzielen von
E._ gehörten (dazu nachfolgend Erwägung 2.1); der Bericht der vorinstanzlichen
Fachexpertin vom 2. April 2019 gebe nur Wahrnehmungen Dritter wieder und enthalte
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine Eigenleistung; die vorinstanzliche Fachexpertin habe festgehalten, dass E._ in
der Mathematik Mühe habe, was sie jedoch gar nicht habe feststellen können, da am
Tag ihres Schulbesuchs gar kein Mathematik-Unterricht stattgefunden habe; die
Fachexpertin habe die Eltern nur ungenügend angehört und fälschlicherweise
festgehalten, dass E._ das einzige Kind in seiner Klasse sei, das in ein Sondersetting
eingebunden sei (dazu nachfolgend Erwägung 2.2); E._ habe immer wieder positive
Rückmeldungen erhalten, was mit einer Sonderschulbedürftigkeit in einem gewissen
Widerspruch stehe (dazu nachfolgend Erwägung 2.3) und es liege keine aktuelle
Einschätzung von E._s schulischer Situation vor (dazu nachfolgend Erwägung 2.4).
Wie nachfolgend gezeigt wird, sind sämtliche Sachverhaltsrügen unbegründet. Der
Vorinstanz kann deshalb nicht vorgeworfen werden, sie habe auf einen unrichtigen und
unvollständigen Sachverhalt abgestellt.
2.1.
Der Schulpsychologische Bericht vom 14. Juni 2019 (act. 10/6a/13) basiert auf
Untersuchungen von E._, die im Mai 2019 stattgefunden haben. Die
Beschwerdeführer bringen vor, dabei seien mathematische Anforderungen getestet
worden, welche gar nicht zu den Lernzielen von E._ gehört hätten. E._ habe deshalb
gar keine Chance gehabt, vernünftige Ergebnisse zu erzielen (act. 1, S. 3).
Das Ziel der vorerwähnten Untersuchungen war zu klären, ob das zu dieser Zeit
bestehende Sondersetting auch für das folgende Schuljahr eine optimale Lösung für
E._ darstelle (act. 10/6a/13). Folglich ging es bei diesen Abklärungen nicht darum zu
prüfen, ob E._ seine Lernziele erreicht hat oder nicht. Dass diese Abklärungen
möglicherweise Bezug nahmen auf gewisse (individuell gesetzte) Lernziele ist möglich.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Ergebnisse der Untersuchungen nicht
aussagekräftig wären.
2.2.
Die Beschwerdeführer machen geltend, die vorinstanzliche Fachexpertin gebe lediglich
Wahrnehmungen und Behauptungen Dritter wieder. Der Bericht des
Schulpsychologischen Dienstes vom 14. Juni 2019 sei von der Fachexpertin eins-zu-
eins und unreflektiert übernommen worden (act. 1, S. 4). Es trifft zu, dass die
vorinstanzliche Fachexpertin E._ nicht schulpsychologisch untersucht hat. Daraus
kann indessen nicht geschlossen werden, die Vorinstanz habe den Sachverhalt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unvollständig abgeklärt. Die Aufgabe der Fachexpertin besteht vielmehr darin, das
Ergebnis der Untersuchung durch den Schulpsychologischen Dienst anhand ihrer
eigenen Erhebungen (Gespräche mit den Lehr- und anderen Betreuungspersonen und
den Eltern) und eigenen unmittelbaren Feststellungen (Besuch des Unterrichts) sowie
unter Berücksichtigung weiterer aktenkundiger Untersuchungsergebnisse mit Blick auf
die umstrittene Zuweisungsverfügung des Kindes zu überprüfen. Dieser Aufgabe ist die
vorinstanzliche Fachexpertin umfassend nachgekommen und die von ihr im Bericht
abgegebene Einschätzung ist in sich schlüssig und nachvollziehbar (vgl. act. 10/9).
Die Beschwerdeführer bringen weiter vor, die vorinstanzliche Fachexpertin habe in
ihrem Bericht in Erwägung 3 sinngemäss festgehalten, sie habe anlässlich ihres
Schulbesuchs festgestellt, dass E._ im Bereich der Mathematik auf dem Stand der
2. Primarklasse sei. Jedoch habe während des erwähnten Schulbesuchs gar kein
Mathematik-Unterricht stattgefunden (act. 1, S. 4). Hierzu ist festzuhalten, dass den
Erwägungen nicht nur der damalige Schulbesuch zugrunde liegt, sondern vielmehr
auch Gespräche mit Lehr- und Fachpersonen und den Eltern von E._ sowie eine
aktenkundige Vorgeschichte. Aus den dadurch gewonnenen Erkenntnissen kam die
Fachexpertin zum Schluss, dass E._ im Bereich der Mathematik erhebliche
Schwierigkeiten aufweise, gar lediglich auf dem Stand der 2. Primarklasse sei. Die
Fachexpertin hat aber weder explizit noch implizit vorgebracht, dass sie diese
Schwierigkeiten im Bereich der Mathematik einzig aufgrund ihres Schulbesuchs
festgestellt habe.
Die Beschwerdeführer sind der Ansicht, dass die vorinstanzliche Fachexpertin die
Eltern zwar angehört, deren Argumente aber gänzlich unberücksichtigt und
unkommentiert gelassen habe. Die Meinung der Eltern zähle offenbar nicht (act. 1,
S. 4). Wie bereits erwähnt, hat die Fachexpertin mit verschiedenen Personen
Gespräche geführt. Alle diese Gespräche, und damit auch dasjenige mit E._s Eltern,
hat sie in ihrem Bericht vorerst unkommentiert wiedergegeben. Die Gespräche – sowie
der Schulbesuch und die aktenkundige Vorgeschichte – wurden dann von der
Fachexpertin am Schluss des Berichts unter dem Titel "Erwägungen" gewürdigt. In
Erwägung 4 nimmt sie Bezug auf das Gespräch mit E._s Eltern, indem sie festhält,
dass der von E._s Eltern vorgeschlagene Besuch einer Kleinklasse der Oberstufe C._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in Z._ aus fachlicher Sicht nicht unterstützt werden könne. E._ wäre dort überfordert.
Damit hat die Fachexpertin die Ansicht der Eltern sehr wohl in ihre Einschätzung
einfliessen lassen.
Die Beschwerdeführer bringen an, dass die vorinstanzliche Fachexpertin
fälschlicherweise – auf Seite 3 ihres Berichts – festgehalten habe, dass E._ als
einziges Kind in ein Sondersetting eingebunden sei. Das sei jedoch nicht der Fall. In
dieser Klasse würden nach Wissen der Eltern gleich mehrere Kinder mit Sonder- und
Zusatzbetreuung unterstützt (act. 1, S. 4). E._s Eltern scheinen zwischen dem
Sondersetting im Einzelfall, wie es ihrem Sohn zuteilwird, und niederschwelligeren
sonderpädagogischen Massnahmen, mit welchen andere Kinder in seiner Klasse
zusätzlich in ihrer schulischen Entwicklung unterstützt werden, nicht zu unterscheiden.
Zutreffend ist, dass in E._s Klasse noch weitere Kinder integriert und unterschiedlich
lernzielbefreit sind. Dies hat die Fachexpertin in ihrem Bericht auch so festgehalten
(act. 10/9, S. 3). E._ braucht jedoch viel weitergehende Hilfe und Begleitung als diese
Kinder, weshalb er als Einziger seiner Klasse auf ein Sondersetting, wie das auf ihn
angewandte, angewiesen war und ist.
2.3.
Die Beschwerdeführer bringen gleich mehrmals vor, dass E._ immer wieder attestiert
worden sei, er habe grosse Fortschritte gemacht (act. 1, S. 3 ff.). Auch sei ein Vortrag
von ihm, der coronabedingt im Fernunterricht vorbereitet und per Video der Lehrperson
übermittelt worden sei, mit der Bemerkung "Wow!! E._, das hast du super gemacht"
kommentiert worden (act. 4.3). Die Beschwerdeführer bringen damit, wenn nicht
explizit, so jedoch implizit, zum Ausdruck, dass es für sie nicht nachvollziehbar ist,
wieso E._ trotz verschiedenen positiven Rückmeldungen von Lehr- und Fachpersonen
nun doch der Heilpädagogischen Schule U._ zugewiesen wurde. Sie übersehen
jedoch, dass das Erzielen grosser, individueller Fortschritte eines Kindes nicht
zwingend im Widerspruch zu seiner allfälligen Sonderschulbedürftigkeit steht. Ein Kind
kann durchaus grosse Fortschritte machen und trotzdem – aufgrund des Vergleichs mit
den stufenüblichen Leistungen und den zu erreichenden Bildungszielen einer Klasse –
einen besonderen Bildungsbedarf aufweisen, dem in einer Regel- oder Kleinklasse
nicht mehr hinreichend begegnet werden kann (vgl. Art. 35 Abs. 1 und 3 des
Volksschulgesetzes; sGS 213.1, VSG).
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.4.
Die Beschwerdeführer beanstanden, dass der Bericht des Schulpsychologischen
Dienstes vom Juni 2019, auf den sich die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid
stützte, zeitlich zu weit zurückliege, um eine aktuelle Sonderschulverfügung begründen
zu können (act. 1, S. 3). Implizit bringen sie damit vor, dass es erforderlich gewesen
wäre, die Beurteilung nach angemessener Zeit zu aktualisieren.
Vorab ist darauf hinzuweisen, dass sich die Vorinstanz in ihrem Entscheid vom 15. Juli
2020 nicht nur auf den Bericht des Schulpsychologischen Dienstes vom Juni 2019
stützte, sondern auch auf den Bericht ihrer Fachkommission vom April 2020. Die
Abklärungen zu diesem Bericht haben im Februar und März 2020 stattgefunden. Eine
rund viermonatige Entwicklung von E._ in der Regelklasse blieb damit
unberücksichtigt. Es lässt sich zwar nicht gänzlich ausschliessen, dass sich die
tatsächlichen Verhältnisse bis zum Entscheid der Vorinstanz in einer Weise
veränderten, welche insbesondere eine aussagekräftigere Beurteilung der schulischen
Zukunft von E._ in der Regelklasse gestützt auf die Feststellungen der Lehrpersonen
ermöglicht hätten. Insoweit ist der Vorwurf, die Vorinstanz, welche den Sachverhalt im
Zeitpunkt ihrer Entscheidung von Amtes wegen zu ermitteln und zu beurteilen hat (vgl.
VerwGE B 2011/9 vom 7. Dezember 2011 E. 4.5.2; Looser/Looser-Herzog, in: Rizvi/
Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Praxiskommentar,
Zürich/St. Gallen 2020, N 25 zu Art. 46 VRP), habe den Sachverhalt unvollständig
abgeklärt, nicht gänzlich haltlos. Indes zeigt bereits die aktenkundige schulische
Entwicklung E._s, welche dem angefochtenen Entscheid zugrunde liegt, dass die
Unterschiede zwischen E._s Leistungen und derjenigen seiner Klassenkameraden
trotz Sondersetting nicht kleiner, sondern im Gegenteil grösser geworden sind.
Nach Abschluss des Rekursverfahrens eingetretene Tatsachen (echte Noven) sind im
Beschwerdeverfahren grundsätzlich nicht zu berücksichtigen. Soweit allerdings die
Rechtsstreitigkeit nicht bereits von einer richterlichen Behörde überprüft worden ist,
verlangt die verfassungsrechtliche Rechtsweggarantie (vgl. Art. 29a der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, SR 101, BV; Art. 77 Abs. 1
der Kantonsverfassung, sGS 111.1, KV), dass das Verwaltungsgericht auf die
tatsächlichen Verhältnisse im Zeitpunkt seines Entscheides abstellt (vgl. Looser/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Looser-Herzog, a.a.O., N 16 zu Art. 61 VRP). Unter Berücksichtigung der Sommer- und
Herbstferien (5. Juli bis 9. August und 27. September bis 18. Oktober 2020) liegt mit
dem Zeugnis der 5. Primarklasse (Schuljahr 2019/20) eine aktuelle Beurteilung von
E._s schulischer Situation vor. Es kann deshalb darauf verzichtet werden, einen
Bericht von den jetzigen Lehrpersonen von E._ einzuholen, wie das von den
Beschwerdeführern verlangt wird (act. 1, S. 3). Auf die aktuelle schulische Situation von
E._ wird in der rechtlichen Würdigung eingegangen.
3.
3.1.
Für das Schulwesen sind die Kantone zuständig (Art. 62 Abs. 1 BV). Sie haben einen
ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunterricht zu gewährleisten (Art. 19 und
Art. 62 Abs. 2 BV). Dieser muss angemessen und geeignet sein; er soll genügen, um
die Schüler sachgerecht auf ein selbstverantwortliches Leben im modernen Alltag
vorzubereiten. Die Kantone sorgen in diesem Rahmen auch für eine ausreichende
Sonderschulung aller behinderten Kinder und Jugendlichen bis längstens zum
vollendeten 20. Altersjahr (Art. 62 Abs. 3 BV). Die Grundschulung muss ihren
besonderen Bedürfnissen angepasst sein (Art. 20 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen;
Behindertengleichstellungsgesetz, SR 151.3, BehiG). Soweit dies möglich ist und dem
Wohl der betroffenen Kinder und Jugendlichen entspricht, fördern die Kantone ihre
Integration in die Regelschule (Art. 20 Abs. 2 BehiG). Der integrierten Sonderschulung
ist gegenüber der separativen Sonderschulung grundsätzlich der Vorrang einzuräumen
(vgl. Art. 8 Abs. 2 BV und Art. 20 Abs. 2 BehiG; Art. 24 Abs. 1 des Übereinkommens
über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, SR 0.109). Eine durch
angemessene Fördermassnahmen begleitete Integration von Kindern und Jugendlichen
mit besonderem Bildungsbedarf in der Regelschule trägt dieser Vorgabe – unter
Vorbehalt allenfalls gegenläufiger öffentlicher Interessen – soweit möglich am
zweckmässigsten Rechnung; es wird dadurch der Kontakt zu Gleichaltrigen ohne
solchen Bedarf erleichtert, der Ausgrenzung diesen gegenüber entgegengewirkt, das
wechselseitige Verständnis bzw. die schulische Vielfältigkeit gefördert und damit die
gesellschaftliche Eingliederung frühzeitig erleichtert (vgl. BGer 2C_590/2014 vom
4. Dezember 2014 E. 5.3.1). Der verfassungsrechtliche Anspruch umfasst nur ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angemessenes, erfahrungsgemäss ausreichendes Bildungsangebot an öffentlichen
Schulen. Ein darüber hinausgehendes Mass an individueller Betreuung, das theoretisch
immer möglich wäre, kann mit Rücksicht auf das staatliche Leistungsvermögen nicht
eingefordert werden. Der verfassungsmässige Anspruch auf unentgeltlichen
Grundschulunterricht gebietet mit anderen Worten nicht die optimale bzw. geeignetste
überhaupt denkbare Schulung von behinderten Kindern. Eine Abweichung vom
"idealen" Bildungsangebot ist zulässig, wenn sie der Vermeidung einer erheblichen
Störung des Unterrichts, der Berücksichtigung der finanziellen Interessen des
Gemeinwesens oder dem Bedürfnis der Schule an der Vereinfachung der
organisatorischen Abläufe dient und die entsprechenden Massnahmen
verhältnismässig bleiben (vgl. BGer 2C_590/2014 vom 4. Dezember 2014 E. 4.2.2). Im
Rahmen dieser Grundsätze verfügen die Kantone praxisgemäss über einen erheblichen
Gestaltungsspielraum (Art. 46 Abs. 3 BV; vgl. zum Ganzen BGE 141 I 9 E. 3.2 und 3.3
mit zahlreichen Hinweisen).
Der Kanton St. Gallen konkretisiert diesen Auftrag in Art. 34 ff. des Volksschulgesetzes
(BGer 2C_703/2016 vom 29. August 2016 E. 2.1). Sonderpädagogische Massnahmen
unterstützen Kinder mit besonderem Bildungsbedarf, namentlich mit
Schulschwierigkeiten, Verzögerungen oder Beeinträchtigungen in der Entwicklung,
Behinderungen oder besonderen Begabungen (Art. 34 Abs. 1 VSG). Die Massnahmen
orientieren sich am Bedarf der Kinder in Erfüllung des Erziehungs- und
Bildungsauftrags, unter Berücksichtigung des Aufwandes von Schulträger und Kanton
(Art. 35 Abs. 1 VSG). Art. 35 VSG beschreibt die Grenze der integrativen
Sonderschulung: Schülerinnen und Schüler mit besonderem Bildungsbedarf besuchen
die Regelklasse oder Kleinklasse, wenn sie vom Unterricht profitieren und das soziale
Gefüge der Klasse wahrnehmen können, der Besuch für die Erfüllung des Erziehungs-
und Bildungsauftrags geeignet, erforderlich und zumutbar ist und nicht überwiegende
Interessen der Klasse oder des Umfeldes entgegenstehen (Abs. 1); der Kanton sorgt für
behinderungsspezifische Beratung und Unterstützung (Abs. 2); sind die
Voraussetzungen nach Abs. 1 der Bestimmung nicht erfüllt, besuchen Schülerinnen
und Schüler mit besonderem Bildungsbedarf eine Sonderschule (Abs. 3).
Übereinstimmend mit den bundesrechtlichen Vorgaben bekräftigt das gesetzliche
Konzept inhaltlich den Vorrang des Kindeswohls, das heisst den Anspruch eines
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kindes mit ausgewiesenem Bedarf auf eine ausgewiesene Massnahme. Bei der
Thematik Integration/Separation führen der Vorrang des Kindeswohls sowie die
Grundsätze der Verhältnismässigkeit und Rechtsgleichheit zu den beiden Prinzipien
"So viel Integration wie möglich, so viel Separation wie nötig" und "Je intensiver und
spezifischer der besondere Bildungsbedarf, desto eher Separation". Zum einen soll für
Kinder mit starker Behinderung beziehungsweise intensivem besonderem
Bildungsbedarf der Sonderschulbesuch angeordnet und vollzogen werden. Zum
andern sollen Kinder, deren Behinderung den Unterricht in der Regelschule zulässt
oder deren Sonderschulbedürftigkeit diskutabel ist, vermehrt in der Regelschule
belassen werden (vgl. Botschaft und Entwurf der Regierung zum XIV. Nachtrag zum
Volksschulgesetz, in: ABl 2013 S. 308 ff., S. 312). Die Schulträger sind berechtigt und
verpflichtet, ihren Kindern das bestmögliche Förderangebot zu verschaffen. Dies
schliesst aus, dass sie die sonderpädagogischen Massnahmen im operativen Einzelfall
nach vorrangig systemsteuernden Kriterien vergeben; einem Kind mit einem
ausgewiesenen Bedarf kann eine ausgewiesene sonderpädagogische Massnahme
nicht mit dem Argument vorenthalten werden, der Pensenpool sei ausgeschöpft (vgl.
Botschaft, a.a.O., S. 361). Das Konzept geht aber nicht davon aus, dass Kinder mit
schwerer Behinderung, für die unzweifelhaft ein Sonderschulbesuch angezeigt ist, als
Sonderschüler in der Regelschule betreut und gefördert werden. Einerseits ist für
Kinder mit eindeutiger geistiger Behinderung der Besuch einer Sonderschule
unumgänglich, anderseits kann gegenüber einem Kind mit einer leichteren
Lernbehinderung situativ von der Anordnung des Sonderschulbesuchs abgesehen
werden. Im Rahmen des Sonderpädagogik-Konzeptes sind für diese Kinder die
Voraussetzungen zu konkretisieren, unter denen auf die Sonderschulzuweisung
verzichtet werden kann. Die Voraussetzungen sind allerdings restriktiv zu umschreiben;
eine Beschulung von Kindern mit kognitiven Beeinträchtigungen stösst in der
Regelschule rasch an Grenzen (vgl. Botschaft, a.a.O., S. 369 ff.).
3.2.
3.2.1.
Ausgangspunkt der Beurteilung ist der Bericht des Schulpsychologischen Dienstes
vom 14. Juni 2019 (act. 10/6a/13). Ein Teil der darin getroffenen Feststellungen
hinsichtlich der praktischen Fähigkeiten von E._ ist aufgrund des Umstandes, dass er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich seither weiterentwickelt hat, zumindest in Teilen wohl überholt. Indessen haben
sich darin enthaltene allgemeine Einschätzungen, wie ein deutlich
unterdurchschnittliches kognitives Potenzial, ein erheblicher Rückstand in der
Mathematik, sprachliche Schwierigkeiten, Mühe im abstrakt-logischen Denken, eine
geringe Konzentrationsfähigkeit sowie das Erfordernis einer intensiven
heilpädagogischen Begleitung einerseits, aber auch sein gutes Lernverhalten und sein
Engagement anderseits, schon früher abgezeichnet. So wurde bereits im Jahr 2012
(act. 10/6a/1) – und in den nachfolgenden Jahren – festgehalten, dass E._ auf eine
intensive Betreuung und Unterstützung angewiesen sei. Ein deutlich unter dem
Durchschnitt liegendes kognitives Potential wurde in den Jahren 2012, 2015 und 2018
vermerkt. Ebenso wurde wiederholt festgehalten, dass E._ eine geringe
Konzentrationsfähigkeit, grosse Mühe in der Mathematik und beim logischen-
vernetzten Denken und erhebliche Sprachschwierigkeiten habe. Positiv wurde
mehrmals vermerkt, dass E._ im Rahmen seiner Möglichkeiten grosse, individuelle
Fortschritte gemacht habe, ein gutes Lernverhalten zeige und motiviert sei.
Das Ergebnis der von E._s Eltern initiierten pädiatrischen Untersuchung des
Kinderspitals vom April 2016 geht in die gleiche Richtung wie die Einschätzungen des
Schulpsychologischen Dienstes. Das Kinderspital diagnostizierte bei E._ eine
Entwicklungsretardierung im Bereich einer Lernbehinderung, deutliche Schwächen im
Bereich der Sprachentwicklung, dem visuell-räumlichen und mathematischen Denken,
aber auch ein gutes Lernverhalten (act. 10/6a/8). Diese Einschätzungen haben sich –
wie nachfolgend gezeigt wird – bestätigt.
3.2.2.
Beim Schulbesuch in der 6. Regelklasse am 28. Februar 2020 stellte die vorinstanzliche
Fachexpertin fest, dass E._ sehr interessiert und aufmerksam wirke. Er habe einen
Text mit recht guter Lesetechnik vorgelesen. Beim selbständigen Ausfüllen eines
Lückentextes konnte er jedoch nur drei Wörter aufschreiben. Obwohl ihm die Lehrerin
in einer eins-zu-eins-Situation das dem Lückentext zugrundeliegende Thema nochmals
erklärt habe, sei er rasch wieder angestanden. Ausserdem finde zwischen E._ und den
anderen Kindern keine Interaktion statt. Während einer Gruppenarbeit habe er
beispielsweise keinen Blickkontakt zu seinen Teamkameraden gesucht (act. 10/9, S. 3
f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die beiden Lehrpersonen, die am Tag des Schulbesuchs unterrichtet hatten,
berichteten, dass E._ gerne zur Schule komme. Neues Wissen eigne er sich vor allem
durch Antrainieren und Auswendiglernen an. Daher zeige er beim Erlernen von
fremdsprachigen Wörtern gute Resultate. Die grössten Schwierigkeiten habe er in der
Mathematik. Allgemein brauche E._ viel unterstützende Hilfe, zusätzliche Erklärungen
und Wiederholungen. Er lasse sich nicht auf Interaktionen mit seinen
Klassenkameraden ein und rede auch nicht mit ihnen (act. 10/9, S. 4 f.).
Die Schulpsychologin führte aus, dass E._s Entwicklungsdefizite seit dem
Kindergarten dokumentiert und immer wieder mit den Eltern besprochen worden seien.
E._ könne sich Lernstoff zwar kurzfristig sehr gut merken, Verknüpfungen könne er
jedoch nicht herstellen. E._ würde an der Heilpädagogischen Schule U._ diejenige
Unterstützung erhalten, die er benötige (act. 10/9, S. 5).
3.2.3.
Das Schulzeugnis (act. 4.1 und 4.2) zeigt, dass E._ in der 5. Regelklasse in den
Fächern Deutsch, Mathematik und Natur/Mensch/Gesellschaft von den Lernzielen
befreit war und stattdessen individuelle Lernziele verfolgte. In den Fächern Gestalten,
Musik und Medien/Informatik erzielte er jeweils die Note 4, in Bewegung und Sport die
Note 3.5, in Englisch und Französisch jeweils die Note 4.5. Beim Fach Ethik/Religionen/
Gemeinschaft/Schule ist – wie in der entsprechenden Weisung vorgesehen – der
Vermerk "besucht" angebracht (vgl. Ziff. 2.1 der Weisungen zur Beurteilung in der
Schule vom 16. Januar 2008, www.sg.ch > Bildung & Sport > Volksschule > Rechtliche
Grundlagen - Weisungen, Gesetze etc. > Weisungen und Reglemente).
Es ist zwar erfreulich, dass E._ in den Fächern Englisch und Französisch jeweils eine
genügend bis gute Note erzielen konnte. Gesamthaft ergeben sich aus dem bei den
Akten liegenden Zeugnis jedoch keine neuen Einschätzungen, die von den in E. 3.2.1 f.
aufgeführten abweichen würden. E._ ist in drei von fünf promotionsrelevanten Fächern
von den Lernzielen befreit, was bedeutet, dass er die Stufenziele in diesen Fächern
auch mit Unterstützung nicht erreichen konnte. Auch die nicht-promotionsrelevanten
Fächer sind mit den Noten 3.5 und 4 nicht in einem Bereich, der die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sonderschulbedürftigkeit in Frage stellen, gar seine Belassung in der Regelschule mit
sich bringen könnte.
3.2.4.
Zusammenfassend ergibt sich, dass E._ für die Erzielung schulischer Fortschritte auf
eine umfassende individuelle heilpädagogische Betreuung und Unterstützung
angewiesen ist. Bereits im Kindergarten zeigte sich ein deutlich unter dem
Durchschnittsbereich liegendes Potential. Die intensive heilpädagogische Begleitung,
die Logo- und Ergotherapie, der Besuch der Einführungsklasse und die
Lernzielbefreiung in allen Promotionsfächern ab der 2. Regelklasse haben zwar dazu
geführt, dass E._ grosse, individuelle Fortschritte machen konnte. Trotzdem wurde in
der 4. Regelklasse ein schulisches Setting im Rahmen einer Sonderschulbedürftigkeit
unabdingbar. Trotz dieser intensiven Unterstützung wurde der Unterschied von E._s
Leistungen gegenüber denjenigen seiner Mitschülerinnen und Mitschüler immer
grösser. Auch schienen sich E._s intellektuelle Fähigkeiten auf einem tiefen Niveau
einzupendeln, womit – in Übereinstimmung mit den Abklärungen des Kinderspitals –
von einer generellen Lernbehinderung ausgegangen werden musste. Der Aufwand für
seine individuelle Unterstützung wird weiter zunehmen, auch im Hinblick darauf, dass
es in absehbarer Zeit für ihn darum gehen wird, einen Einstieg in die Berufswelt zu
finden.
3.2.5.
Die Beschwerdeführer machen geltend, dass E._ einzig Mühe habe, die
Anforderungen im Fach Mathematik zu erfüllen. In allen anderen Fächern, insbesondere
auch in Deutsch und den Fremdsprachen, erziele er gute Noten und habe überhaupt
keine Mühe, dem Unterricht zu folgen. So habe er vor Weihnachten 2019 in zwei
Französischtests je die Note 6 erzielt (act. 1, S. 3).
Im Fach Deutsch ist E._ von den Lernzielen befreit. Es mag sein, dass er in den eigens
für ihn erstellten Prüfungen gute Noten erzielt hat. Diese sind aber für die Frage, ob
eine Sonderschulbedürftigkeit vorliegt, nur sehr beschränkt aussagekräftig, da der
Prüfungsstoff auf seine individuellen Lernziele abgestimmt war und nicht den regulären
Stufenlernzielen entsprochen hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Um zu belegen, dass E._ auch im Fach Französisch keine Schwierigkeiten hat, haben
die Beschwerdeführer bereits im Rekursverfahren Kopien von drei Französischtests
eingereicht, bei denen Wörter abgefragt wurden (act. 10/1a/3-5). E._ erzielte dabei
gute Resultate. Wie die Vorsteherin der Beschwerdegegnerin zu Recht geltend machte
(act. 10/6, S. 2 f.), ist dieser Umstand vor dem Hintergrund zu sehen, dass Französisch
ab der 5. Primarklasse unterrichtet wird und der Einstieg in dieses Fach mit einfachen
Aufgaben erfolgte. Wie in den schulpsychologischen Abklärungen immer wieder
erwähnt, ist das Auswendiglernen eine Stärke von E._. Alle die ins Recht gelegten
Ergebnisse von Prüfungen sind in diesem Bereich einzustufen. Wenn E._ das Gelernte
später verknüpfen und anwenden muss, ist – aufgrund der Erfahrungen in der
Vergangenheit – davon auszugehen, dass er dabei wieder auf viel zusätzliche
Unterstützung angewiesen sein wird.
Nebenbei ist festzuhalten, dass die gelegentliche Erzielung guter Noten in Fällen wie
dem vorliegenden eine Sonderschulbedürftigkeit nicht ausschliesst.
3.2.6.
Die Beschwerdeführer bringen vor, dass E._ nicht gleich behandelt werde wie Kinder
mit vergleichbaren Schulnoten. Der verwaltungsrechtliche Anspruch auf
Gleichbehandlung verlange aber, dass Rechte und Pflichten der Betroffenen nach dem
gleichen Massstab festgesetzt werden. Das sei vorliegend nicht gemacht worden
(act. 1, S. 5).
Inwiefern hier das Gleichbehandlungsgebot verletzt sein soll, vermögen die
Beschwerdeführer nicht rechtsgenüglich aufzuzeigen. Sie nehmen weder Bezug auf
konkrete Noten anderer Schüler noch führen sie aus, was sie unter "vergleichbare
Noten" verstehen. Von der mangelnden Substantiierung abgesehen, ist es offenkundig,
dass die schulische Situation von E._ – dem individuelle Lernziele gesetzt worden sind
und der als Einziger seiner Klasse in ein (derart weitgehendes) Sondersetting
eingebunden ist – gerade nicht mit Schülerinnen und Schülern der Regelklasse
vergleichbar ist.
3.2.7.
Zusammengefasst erweist sich die Beschwerde als vollumfänglich unbegründet. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin hat E._ zu Recht ab Schuljahresbeginn 2020/21 der
Heilpädagogischen Schule U._ zugewiesen. Die Zuweisung ist mit der Abweisung der
Beschwerde vollziehbar, weil eine allfällige Beschwerde an das Bundesgericht keine
aufschiebende Wirkung hat.
4.
Bei diesem Verfahrensausgang gehen die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens
zulasten der Beschwerdeführer (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
CHF 1'500 erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung; sGS
941.12). Sie ist mit dem von den Beschwerdeführern in der gleichen Höhe geleisteten
Kostenvorschuss zu verrechnen. Ausseramtliche Kosten sind den unterliegenden
Beschwerdeführern nicht zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1 und 98 VRP).