Decision ID: d802bbc9-4d9d-5cf9-aecc-df9e54ca5318
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess gemäss eigenen Angaben seinen Heimat-
staat Ende (...) 2018, wonach er sich bis (...) 2019 in Indien und anschlies-
send bis zum (...) 2020 in Nigeria aufgehalten habe. Von dort sei er
schliesslich am (...) oder (...) Januar 2020 nach Europa geflogen. Am
20. Februar 2020 reiste er in die Schweiz ein und ersuchte selbentags um
Asyl (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 11 Ziff. 5; 15 F2).
B.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der EURODAC-Datenbank ergab,
dass der Beschwerdeführer am 27. Januar 2020 in Italien daktyloskopiert
worden war (SEM-act. 8-9). Gestützt darauf gewährte ihm das SEM am
2. März 2020 anlässlich des Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) das rechtliche
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit ei-
ner Überstellung nach Italien. Der Beschwerdeführer gab an, er wolle nicht
nach Italien, die Schweiz sei ein besseres Land und er hätte hier die bes-
seren Chancen. Er leide an Schlafstörungen, schlechten Träumen und
ständigen Schmerzen. Er sei bei den LTTE gewesen. An einigen Stellen
seines Körpers habe er Splitter von Handgranaten und von einer Explo-
sion. Er sei (...) seine Geschlechtsorgane (...) und im Gefängnis sexuell
belästigt und gefoltert worden. Die Folterungen und sexuellen Übergriffe
seien 2009 nach Kriegsende passiert, 2018 sei er erneut festgenommen
und gefoltert worden. Die Granatsplitter habe er seit den Jahren 2007 und
2008. Er fügte an, er würde sich gerne in psychologische Betreuung bege-
ben (SEM-act. 15).
C.
Am 3. März 2020 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO (SEM-
act. 18). Diesem Gesuch wurde am 18. März 2020 entsprochen (SEM-
act. 22).
D.
Mit Verfügung vom 1. April 2020 (tags darauf eröffnet [SEM-act. 29]) trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
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das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte dessen
Überstellung nach Italien. Gleichzeitig ordnete es den Vollzug der Wegwei-
sung nach Italien an und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen
den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu (SEM-act. 25).
E.
Hiergegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 9. April 2020 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte die Aufhebung
der vorinstanzlichen Verfügung. Auf sein Asylgesuch sei einzutreten, even-
tualiter sei die Sache zur vollständigen Feststellung des Sachverhaltes an
die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte er das
Absehen von Vollzugshandlungen bis zum Entscheid über das Rechtsmit-
tel, die Gewährung der aufschiebenden Wirkung und der unentgeltlichen
Prozessführung sowie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
F.
Mit Zwischenverfügung vom 15. April 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut und verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig erteilte sie der Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung (BVGer-act. 3).
G.
Mit Eingabe vom 19. Mai 2020 reichte der Beschwerdeführer zusätzliche
Unterlagen zu den Akten (BVGer-act. 4).
H.
Auf den weiteren Akteninhalt wird – soweit rechtserheblich – in den Erwä-
gungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Bei Beschwerden gegen Nichteintretens-
entscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Be-
gründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurtei-
lungskompetenz der Beschwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage be-
schränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten
ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines so-
genannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die Kriterien des
Kapitels III nach dem Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien,
d.h. in der dort aufgeführten Rangfolge, anzuwenden (vgl. Art. 7 Abs. 1
Dublin-III-VO).
3.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag ge-
stellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-VO aufzuneh-
men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO).
3.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht).
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4.
4.1 Den Akten ist zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer vor
seiner Einreise in die Schweiz in Italien aufgehalten hatte, wo er am 27. Ja-
nuar 2020 daktyloskopiert worden war. Das SEM ersuchte die italienischen
Behörden am 3. März 2020 gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO um
seine Aufnahme (SEM-act. 15). Diese stimmten dem Gesuch am 26. März
2020 zu (SEM-act. 20). Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit
gegeben.
4.2 Der Beschwerdeführer bestreitet die Zuständigkeit Italiens denn auch
nicht. Er macht jedoch geltend, dass er aufgrund seiner gesundheitlichen
Beschwerden auf Zugang zum Gesundheitssystem angewiesen sei. Er
leide unter anderem an einer posttraumatischen Störung mit depressiver
Symptomatik, Gastritis und den Folgen operativer Behandlungen an (...).
In den vergangenen zwölf Monaten sei er wegen psychischer Probleme in
Behandlung gewesen, er fühle sich zudem krank, schwitze in der Nacht,
leide seit mehr als drei Wochen an Husten und generell an Abgeschlagen-
heit, Müdigkeit, Schwächegefühl, Depressionen, Freudlosigkeit, Lustlosig-
keit, Glieder- und Rückenschmerzen und sein Urin sei dunkel. Nachts
könne er nicht gut schlafen, da er Einschlafprobleme, Albträume und Angst
im Dunkeln habe. Aufgrund seiner Erkrankungen und seines geschwäch-
ten Gesundheitszustands gehöre er zur Covid-19-Risikogruppe. Wegen
der kompletten Überlastung müsse davon ausgegangen werden, dass das
italienische Gesundheitssystem noch einige Monate benötigen werde, um
sich zu stabilisieren. Angesichts der momentanen Lage, der Zukunftsprog-
nosen und der Unsicherheit in Bezug auf Covid-19 erscheine eine Über-
stellung nach Italien innerhalb der nächsten sechs Monate nicht realistisch.
Die Schweiz habe daher aufgrund der Covid-19-Situation in Italien sowie
generell aufgrund des schlechten Gesundheitszustands des Beschwerde-
führers gemäss Art. 17 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben.
Eventualiter sei die Sache zur vollständigen Aufklärung des Sachverhaltes
an die Vorinstanz zurückzuweisen, da sie sich nicht genügend mit der
Frage nach einer adäquaten, lückenlosen medizinischen und psychologi-
schen Betreuung in Italien auseinandergesetzt habe.
4.3 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
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(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben. Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger
Rechtsprechung davon aus, dass das italienische Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende – trotz punktueller Schwachstel-
len – keine systemischen Mängel aufweisen, die eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4
der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden (vgl. Referenzurteil
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). Die Anwendung von Art. 3
Abs. 2 Dublin-III-VO ist jedenfalls nicht gerechtfertigt.
4.4
4.4.1 Hingegen bleibt die Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17
Abs. 1 Dublin-III-VO, respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landes-
recht konkretisierenden – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) zu prüfen, gemäss
welcher das SEM das Asylgesuch «aus humanitären Gründen» auch dann
behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zu-
ständig wäre.
4.4.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist im Referenzurteil E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 unter anderem zum Schluss gekommen, dass vul-
nerable Personen in Italien mit mangelhaftem oder verzögertem Zugang
zu Unterbringung und medizinischer Versorgung rechnen müssen. Bei der
Überstellung vulnerabler Personen sind daher vorab Zusicherungen der
italienischen Behörden hinsichtlich angemessener Unterbringung und me-
dizinischer Versorgung einzuholen (vgl. insbesondere E. 6.2.9 des zitierten
Referenzurteils).
4.4.3 Die Akten zeichnen nur ein oberflächliches Bild von der gesundheitli-
chen Verfassung des Beschwerdeführers. Am 25. Februar 2020 wurde er
vom BAZ Altstätten zur medizinischen Abklärung einem Arzt zugewiesen.
Dieser stellte am 26. Februar 2020 als Hauptdiagnose den Verdacht auf
eine posttraumatische Störung mit depressiver Symptomatik sowie auf
eine Gastritis. Für seine Magenprobleme wurde dem Beschwerdeführer
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Esomeprazol, für seine psychischen Beschwerden das Neuroleptikum
Quetiapin und das Antidepressivum Seralin verschrieben. In der am
25. Februar 2020 erfolgten migrationsmedizinischen Abklärung gab der
Beschwerdeführer an, sich in den letzten zwölf Monaten wegen psychi-
scher Probleme in medizinische Behandlung begeben zu haben und dass
er sich momentan krank fühle. Er leide unter anderem an Abgeschlagen-
heit, Müdigkeit, Depressionen, Freudlosigkeit sowie Glieder- und Rücken-
schmerzen. Zudem berichtete er von Schlafproblemen, d.h. Einschlafprob-
lemen, Alpträumen und Angst im Dunkeln (SEM-act. 17). Zuletzt merkte die
Rechtsvertreterin in ihrer Eingabe vom 19. Mai 2020 an, gemäss ihrem
Eindruck erscheine der Beschwerdeführer noch zurückhaltender, äusserst
depressiv und er scheine abgenommen zu haben (BVGer-act. 4).
4.4.4 Trotz dieser Anzeichen für eine posttraumatische Belastungsstörung,
die in Zusammenhang mit allfällig erlittener sexueller Gewalt, Folter und
Verletzungen aus dem Bürgerkrieg stehen könnten, hat die Vorinstanz
keine weiteren Abklärungen vornehmen lassen. So bat der Beschwerde-
führer anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs am 2. März 2020
um psychologische Betreuung (SEM-act. 15). Auch seine Rechtsvertrete-
rin ersuchte per E-Mail vom 2. März 2020 um umgehende psychologische
Betreuung und eine entsprechende fachärztliche Begutachtung. Das SEM
teilte ihr diesbezüglich am 29. April 2020 jedoch mit, dass keine fachärztli-
che beziehungsweise psychiatrische Abklärung vorgenommen worden sei
und dass aktuell keine weiteren Massnahmen eingeleitet würden, da man
das bundesverwaltungsgerichtliche Urteil abwarte (BVGer-act. 4 Beilagen
10-11). Gemäss der angefochtenen Verfügung stellt die Vorinstanz sich auf
den Standpunkt, dass kein akuter medizinischer Notfall während der Dauer
des Aufenthaltes im BAZ aktenkundig geworden sei. Es könne deshalb
festgestellt werden, dass keine Verletzung von Art. 3 EMRK drohe. Auch
eine medizinische Notlage könne ausgeschlossen werden (SEM-act. 25
S. 4).
4.4.5 Der Vorinstanz ist insoweit zuzustimmen, dass aus den Akten nicht
explizit hervorgeht, ob und wie akut die gesundheitlichen Probleme des
Beschwerdeführers sind. Dass es sich bei ihm nicht um eine gesunde Per-
son handeln kann, geht hingegen aus den Akten – insbesondere der mig-
rationsmedizinischen Befragung, der Wahrnehmung des rechtlichen Ge-
hörs und der ärztlichen Kurzdiagnose vom 26. Februar 2020 – klar hervor.
Der Beschwerdeführer hat denn auch zweimal ausdrücklich um ärztliche –
namentlich psychiatrisch-psychologische – Betreuung ersucht. Besonders
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ins Gewicht fällt der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstö-
rung, die eine medikamentöse Behandlung mit einem Antidepressivum und
einem Neuroleptikum notwendig machte. Aufgrund dieser zahlreichen Hin-
weise aus den bereits vorhandenen Akten hätte die Vorinstanz bei ihrem
Entscheid berücksichtigen müssen, dass beim Beschwerdeführer insbe-
sondere hinsichtlich des diagnostizierten Verdachts auf eine posttraumati-
sche Belastungsstörung ernstzunehmende gesundheitliche Einschränkun-
gen vorliegen. Es ist allgemein bekannt, dass sich eine posttraumatische
Belastungsstörung gerade auch in einer emotionalen Taubheit, Schlafprob-
lemen, stillem Leiden und Depressionen äussern kann. Nur weil diese das
Innenleben betreffenden Symptome äusserlich schwieriger wahrnehmbar
sind, lässt dies nicht den Schluss zu, dass sie weniger akut seien oder
keine Notlage darstellen können. Eine unbehandelte posttraumatische Be-
lastungsstörung (und zudem in einem instabilen Umfeld) kann nicht ohne
fachmedizinische Behandlung geheilt werden, weshalb die Begründung
der Vorinstanz, die medizinischen Vorbringen des Beschwerdeführers wür-
den keine medizinische Notlage darstellen, verfehlt ist. Im Gegenteil hätte
auf Basis der Aktenlage näher abgeklärt werden müssen, ob er als vul-
nerable Person einzustufen ist, deren Vollzugshindernisse eingehender
hätten abgeklärt werden müssen.
4.4.6 Insgesamt ist festzustellen, dass die Vorinstanz es trotz klarer Hin-
weise aus den Akten auf eine gesundheitliche Beeinträchtigung und Vulne-
rabilität des Beschwerdeführers unterlassen hat, sich mit dessen gesund-
heitlichem Zustand hinreichend auseinanderzusetzen beziehungsweise
den medizinischen Sachverhalt genügend abzuklären. Die Vorinstanz ist
dazu anzuhalten, umfassende medizinische sowie aktuelle Arztberichte
einzuholen, aus denen hervorgeht, welche physischen und psychischen
Beschwerden vorliegen und wie deren Behandlungsverlauf auszusehen
hat. Die von der Vorinstanz selbst in Auftrag gegebene ärztliche Zuweisung
vom 25. Februar 2020 und die daraufhin vorgenommene ärztliche Kurzun-
tersuchung genügen hierfür nicht. Anhand der aktualisierten medizinischen
Fakten wird von der Vorinstanz zu prüfen sein, wie sich diese im Kontext
zur neuen Rechtsprechung zur Überstellung nach Italien verhalten. Basie-
rend auf der Rechtsprechung wird auch abzuklären sein, ob vorliegend
adäquate Therapiemöglichkeiten sowie angemessene Unterbringungs-
möglichkeiten in Italien vorhanden sind oder aber im Sinne von Art. 17
Abs. 1 Dublin-III-VO der Selbsteintritt zu prüfen ist (siehe auch Urteile des
BVGer F-2792/2020 vom 5. Juni 2020 S. 5 ff.; D-4228/2019 vom 30. März
2020 E. 6.4).
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4.5 Nach den erfolgten Erwägungen ist die Beschwerde im Eventualantrag
gutzuheissen und die Sache im Sinne der Erwägungen zur vollständigen
und richtigen Sachverhaltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuweisen
(vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Da der Beschwerdeführer auf Rechtsmittelebene
durch die ihm zugewiesene Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102f Abs. 1
i.V.m. Art. 102h Abs. 3 AsylG vertreten wird, ist ihm keine Parteientschädi-
gung zuzusprechen.
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