Decision ID: d5f189bd-599f-4b85-9e05-5b55759329bf
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Statutarischer Zweck der A._ GmbH (früher: B._ GmbH;
nun: A._ GmbH in Liquidation; nachstehend: Gesellschaft oder Be-
schwerdeführerin) war im Wesentlichen (...). Einziger Gesellschafter und
Geschäftsführer ist D._ (nachstehend: Geschäftsführer). Das Un-
ternehmensdomizil liegt seit dem (...) 2015 in (...), davor in (...) (Internet-
Handelsregisterauszug zur UID [...], abgerufen am 28. Oktober 2022).
B.
Anlässlich einer Domizilprüfung nahm die Steuerverwaltung des Kantons
Schwyz diverse Aufrechungen für das Steuerjahr 2012 vor. Mit Schreiben
vom 23. März 2015 übermittelte sie der Eidgenössischen Steuerverwaltung
ESTV (nachstehend: ESTV oder Vorinstanz) eine steueramtliche Meldung
(Akten der Vorinstanz [ESTV-act.] 3 f.).
C.
Die ESTV eröffnete der Gesellschaft am 10. Dezember 2015, sie gehe ge-
stützt auf die Veranlagungsverfügung für das Geschäftsjahr 2012 von geld-
werten Leistungen von insgesamt Fr. 694'472.– aus, die der Verrechnungs-
steuer unterlägen. Sie bemass die Verrechnungssteuer mit 35 % hiervon,
also Fr. 243'650.20, und forderte die Gesellschaft zur Bezahlung dieses
Betrages oder Erhebung von Einwänden innert Frist auf (ESTV-act. 5).
D.
Die Beschwerdeführerin liess mehrere Fristerstreckungen – zuletzt bis zum
30. März 2016 – beantragen, ohne sich aber in der Sache zu äussern
(ESTV-act. 6 bis 8). Auf die Mahnungen vom 9. und 27. September 2016
(ESTV-act. 9 f.) reagierte sie nicht.
E.
Die ESTV leitete die Betreibung ein. Der Zahlungsbefehl vom 24. Oktober
2016 konnte schliesslich am 16. August 2017 am Wohnsitz des Geschäfts-
führers zugestellt werden. Die Beschwerdeführerin erhob am selben Tag
Rechtsvorschlag (ESTV-act.11 f.).
F.
Mit Erstentscheid vom 27. September 2018 (ESTV-act. 13) verpflichtete
die ESTV die Beschwerdeführerin, ihr unverzüglich (Dispositiv-Ziff. 2)
Fr. 243'369.10 (Fr. 243'065.20 Verrechnungssteuer und Fr. 303.90 Betrei-
bungskosten) zu bezahlen (Dispositiv-Ziff. 1), zuzüglich 5 % Verzugszins
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ab dem 30. Januar 2013 auf dem Verrechnungssteuerbetrag von
Fr. 243'065.20 (Dispositiv-Ziff. 4). Die Verrechnungssteuer sei den Leis-
tungsbegünstigten zu überwälzen (Dispositiv-Ziff. 3). Schliesslich wurde
der Rechtsvorschlag aufgehoben (Dispositiv-Ziff. 5).
G.
Die Beschwerdeführerin liess am 27. Oktober 2017 Einsprache erheben
(ESTV-act. 14). Sie beantragte, der Erstentscheid sei aufzuheben und mit
einem neuen Entscheid sei zuzuwarten, bis das Verfahren bei der Steuer-
verwaltung des Kantons Schwyz abgeschlossen sei. Die ESTV forderte die
Beschwerdeführerin zur Erläuterung der geschäftlichen Zusammenhänge
der einzelnen aufgerechneten Leistungen auf (ESTV-act. 17). Nach einem
Vertreterwechsel und einer Fristerstreckung (ESTV-act. 18-21) liess die
Beschwerdeführerin ihre Erläuterungen der ESTV schliesslich am 4. April
2019 zukommen, mit Ergänzung am 24. Mai 2019 (ESTV-act. 22 f.).
H.
Mit Einspracheentscheid vom 13. Dezember 2019 (ESTV-act. 24, fortan
auch: angefochtener Entscheid) hiess die ESTV die Einsprache insoweit
gut, als der Beginn des Zinsenlaufs neu auf dem 31. Januar 2013 festge-
setzt wurde. Im Übrigen wies sie die Einsprache ab und bestätigte den an-
gefochtenen Erstentscheid.
I.
Die Beschwerdeführerin, nunmehr handelnd durch den Geschäftsführer,
erhob am 31. Januar 2020 gegen diesen Entscheid Beschwerde an das
Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragte im Wesentlichen, es sei der an-
gefochtene Entscheid aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Am 11. Februar 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine Kor-
rektur- respektive ergänzende Eingabe ein.
J.
Nachdem der Beschwerdeführerin Verfügungen des Gerichts mehrmals
nicht an die Domiziladresse zugestellt werden konnten, teilte der Ge-
schäftsführer am 7. Februar 2020 telefonisch und am 1. März 2020 schrift-
lich mit, es sei inskünftig seine Privatadresse zu verwenden. War telefo-
nisch von einer anstehenden Domizilverlegung dorthin die Rede, gab der
Geschäftsführer schriftlich eine «p.A.»-Adresse bei der an der nämlichen
Adresse domizilierten C._ GmbH an, deren einziger Gesellschafter
und Geschäftsführer wiederum er selber ist.
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Seite 4
K.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 17. März 2020 auf
Abweisung der Beschwerde.
L.
Am 17. März 2020, 09:15 Uhr eröffnete der Einzelrichter am Kantonsge-
richt Zug über die Beschwerdeführerin den Konkurs (...).
M.
Die Beschwerdeführerin, handelnd durch den Geschäftsführer, hielt in ihrer
Replik vom 6. April 2020 an den Anträgen auf Beschwerdeebene fest,
gleichermassen die Vorinstanz in ihrer Duplik vom 2. Juni 2020. Die Be-
schwerdeführerin triplizierte am 16. Juni 2020. Weder in der Replik noch
der Triplik wird die Konkurseröffnung erwähnt.
N.
Mit Entscheid des Einzelrichters am Kantonsgericht (Zug) vom 18. August
2021 wurde das Konkursverfahren mangels Aktiven eingestellt (...).
O.
Anlässlich einer Kontrolle bei Vorbereitung des Urteilsreferates wurde das
Bundesverwaltungsgericht des eröffneten Konkurses und des eingestellten
Konkursverfahrens gewahr. Mit Zwischenverfügung vom 3. August 2022
wurde die Beschwerdeführerin mitzuteilen aufgefordert, ob sie angesichts
der Sachlage die Beschwerde zurückziehen wolle. Verneinendenfalls solle
sie darlegen, inwieweit die Verfahrenshandlungen des Geschäftsführers
zwischen dem 17. März 2020 und dem 18. August 2021 von einer Voll-
macht seitens der Konkursverwaltung gedeckt waren und inwieweit die
Fortsetzung des Verfahrens dem Liquidiationszweck zudiene.
P.
Nach wiederholter Fristerstreckung liess sich die Beschwerdeführerin am
11. Oktober 2022 vernehmen. Sie stellte im Wesentlichen den Antrag, das
Beschwerdeverfahren sei weiterzuführen, stellte diverse Feststellungsbe-
gehren und beantragte, die aufschiebende Wirkung sei aufrecht zu erhal-
ten.
Q.
Am 12. Oktober 2022 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde gegen
die Zwischenverfügung vom 3. August 2022 an das Bundesgericht. Mit Ur-
teil 2C_455/2022 vom 22. November 2022 trat das Bundesgericht auf die
Beschwerde nicht ein.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Beschwerdeverfahren richtet sich nach den Bestimmungen des
Verwaltungsverfahrensgesetzes (VwVG, SR 172.201), soweit das Verwal-
tungsgerichtsgesetz (VGG, SR 172.32) nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier
Kognition, ob die Prozessvoraussetzungen vorliegen und auf eine Be-
schwerde einzutreten ist (vgl. Art. 37 VGG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 VwVG; vgl.
Urteil des BVGer A-2283/2018 vom 15. April 2019 E. 1.1 m.w.H.).
1.3 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes beurteilt das Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des
Verwaltungsverfahrensgesetzes. Die ESTV gehört als Behörde nach
Art. 33 VGG zu den Vorinstanzen des Bundesverwaltungsgerichts. Eine
das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt
nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich für die Beurteilung der
vorliegenden Sache zuständig.
1.4 Die Beschwerdeführerin hat sich am vorinstanzlichen Verfahren betei-
ligt. Sie ist mit der angefochtenen Verfügung formell beschwert – zur ma-
teriellen Beschwer und dem Rechtsschutzinteresse vergleiche nachste-
hend (E. 3). Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht
(Art. 50 Abs. 1, Art. 52 Abs. 1 VwVG), der eingeforderte Gerichtskosten-
vorschuss fristgerecht bezahlt (Art. 63 Abs. 4 i.V.m. Art. 21 Abs. 3 VwVG).
1.5 Die Beschwerde hat von Gesetzes wegen – von hier nicht einschlägi-
gen Ausnahmefällen abgesehen – aufschiebende Wirkung (Art. 51 Abs. 1
VwVG).
2.
2.1 Zu klären ist die Prozessführungsbefugnis des Geschäftsführers und
allfällige Folgen aus dem Resultat.
2.2
2.2.1 Mit der Konkurseröffnung wird die Gesellschaft mit beschränkter Haf-
tung aufgelöst (Art. 821 Abs. 1 Ziff. 3 des Obligationenrechts vom 30. März
1911 [SR 220; OR]). Die aufgelöste Gesellschaft tritt in Liquidation und die
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Seite 6
Befugnisse der Organe werden auf Handlungen beschränkt, die für die
Durchführung der Liquidation erforderlich sind, sofern sie nicht von ihrer
Natur her durch die Liquidatoren zu besorgen sind; im Falle der Auflösung
der Gesellschaft durch Konkurs besorgt die Konkursverwaltung die Liqui-
dation nach den Vorschriften des Bundesgesetzes vom 11. April 1889 über
Schuldbetreibung und Konkurs (SR 281.1; SchKG). Die Organe der Ge-
sellschaft behalten ihre Vertretungsbefugnis nur, soweit eine Vertretung
durch sie noch notwendig ist (Art. 738, Art. 739 Abs. 2, Art. 740 Abs. 5 OR
i.V.m. Art. 821a OR).
2.2.2 Zivilprozesse, in denen die Konkursitin Partei ist und die den Bestand
der Konkursmasse betreffen, werden mit Ausnahme dringlicher Fälle ein-
gestellt (Art. 207 Abs. 1 Satz 1 SchKG). Verwaltungsverfahren können un-
ter denselben Voraussetzungen eingestellt werden (Art. 207 Abs. 2
SchKG), d.h. die Frage der Einstellung ist ein Ermessensentscheid. Für die
Anordnung einer Einstellung kommen namentlich Verfahren betreffend öf-
fentlich-rechtliche Forderungen in Frage, die auf dem Schuldbetreibungs-
und Konkursweg geltend gemacht werden und sich als eigentliche Kon-
kursforderungen nicht von privatrechtlichen Ansprüchen unterscheiden
(WOHLFAHRT/MEYER HONEGGER, in: Staehelin/Bauer/Lorandi [Hrsg.], Bas-
ler Kommentar zum Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs,
Bd. II, 3. Aufl. [BSK-SchKG II], N. 6a zu Art. 207 SchKG mit Verweis auf
Urteil des BGer 2C_650/2011 vom 16. Februar 2012 E. 1.2.2 f.; zur struk-
turellen Nähe von Steuerprozessen zu Passivprozessen des Zivilrechts
vgl. WOHLFAHRT/MEYER HONEGGER in: BSK-SchKG II,- N. 23 zu Art. 207
SchKG).
2.2.3 Die Konkursverwaltung besorgt die zur Erhaltung und Verwertung der
Masse gehörenden Geschäfte und vertritt diese insbesondere auch vor
Gericht (Art. 240 SchKG). Der Wegfall der Prozessführungsbefugnis bei
Konkurseröffnung bildet das Gegenstück zum Verlust der Verfügungsbe-
fugnis des Gemeinschuldners über das Massevermögen im Sinn von
Art. 204 SchKG. Dies schliesst beispielsweise aus, dass der Gemein-
schuldner, trotz eröffneten Konkurses, die Beschwerde an das Bundesge-
richt erklärt (Urteil des BGer BGer 2C_650/2011 vom 16. Februar 2012
E. 1.2.2; WOHLFAHRT/MEYER HONEGGER, in: BSK-SchKG II, N. 23 zu
Art. 207 SchKG je m.w.H.).
2.2.4 Mit Einstellung des Konkurses endet die Zuständigkeit der Konkurs-
verwaltung zur Verwertung der Aktiven. Die Handlungsbefugnis der bishe-
rigen Organe der konkursiten Gesellschaft beschränkt sich bis zu deren
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Seite 7
Löschung im Handelsregister aber auf die Aufgabe der Liquidation der Ge-
sellschaft (Urteil des BGer 4A_163/2014 vom 16. Juni 2014, E. 2.1).
2.3 Die Beschwerdeführerin respektive deren Geschäftsführer macht in der
Eingabe vom 11. Oktober 2022 zur Frage seiner Prozessführungsbefugnis
mehreres geltend:
2.3.1 Die Beschwerdeführerin habe nach der Konkurseröffnung ein Verfah-
ren auf Wiederherstellung des Termins der Konkursverhandlung ange-
strengt und bis vor Bundesgericht durchgezogen. Im bundesgerichtlichen
Verfahren 5A_716/2020 sei mit Präsidialverfügung vom 30. September
2020 die aufschiebende Wirkung erteilt worden, womit die Beschwerdefüh-
rerin ab da bis zum (abschlägigen) Urteil des Bundesgerichts am 7. Mai
2021 nicht im Konkurs gewesen sei.
2.3.2 Die Beschwerde über die Steuerforderung der ESTV sei noch nicht
rechtskräftig entschieden. Damit gehöre diese Forderung, die ohnehin in
ursächlichem Zusammenhang mit der selbständigen Tätigkeit des Ge-
schäftsführers stehe, nicht zur Konkursmasse.
2.3.3 Das Konkursamt sei über das vorliegende Verfahren orientiert gewe-
sen. Daraus folge zum Ersten, dass das Konkursamt die Forderung der
ESTV nicht als zur Konkursmasse gehörig betrachtete. Aus der Rechtspre-
chung (konkret Urteil des BGer 5A_50/2015 vom 28. September 2015
E. 3.3) ergebe sich, dass die vollständige Durchführung des Konkursver-
fahrens den Abschluss hängiger Prozesse voraussetze. Zum Zweiten folge
daraus «konkludent» respektive «konkludent und in gutem Glauben» die
«Legitimation der Beschwerdeführerin zur Prozessführungsbefugnis auch
durch das Betreibungsamt Zug» (Eingabe, S. 8 und 12).
2.3.4 Bis zur Zwischenverfügung vom 3. August 2022 habe keine am Ver-
fahren beteiligte Instanz, insbesondere nicht das Bundesverwaltungsge-
richt, die Prozessführungsbefugnis des Geschäftsführers in Zweifel gezo-
gen. Dies, der Wortlaut der Zwischenverfügung wie auch der Umstand,
dass das Konkursamt nicht zu einer Stellungnahme eingeladen wurde, be-
stätigten seine Prozessführungsbefugnis.
2.4 Dazu fällt – in derselben Reihenfolge – Folgendes in Betracht:
2.4.1 Die Beschwerdeführerin wurde zum Nachweis der Prozessbevoll-
mächtigung des Geschäftsführers für die nach dem 17. März 2020 erfolg-
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Seite 8
ten Prozesshandlungen, namentlich also für die Replik und Triplik, aufge-
fordert. Diese datierten vom 6. April 2020 und vom 16. Juni 2020 (Sach-
verhalt, Bst. M). Ein Beleg, dass die Konkurseröffnung zu diesen Zeitpunk-
ten mittels aufschiebender Wirkung suspendiert gewesen wäre, liegt nicht
vor. Ein solcher ist nach dem bundesgerichtlichen Urteil 5A_716/2020 erst
ab dem 30. September 2020 ausgewiesen, umfasst den fraglichen Zeit-
raum also nicht. Im Übrigen behauptet die Beschwerdeführerin zwar, sie
habe die Forderung bezahlt, deren Vollstreckung seinerzeit zur Konkurser-
öffnung geführt habe. Ein formeller Widerruf des Konkurses im Sinne von
Art. 195 SchKG ist jedoch weder dem Handelsregister zu entnehmen, noch
wird ein solcher behauptet oder belegt.
2.4.2 Die Auffassung der Beschwerdeführerin, eine Forderung werde erst
mit deren rechtskräftiger Beurteilung zum Teil der Konkursmasse, geht am
Kern der Sache – nämlich am Charakter des Konkurses als «Generalexe-
kution» (vgl. HUNKELER, in: BSK SchKG II-, N. 1 f. zu Art. 197 SchKG) –
vorbei. Zur Konkursmasse gehören grundsätzlich – mit hier nicht interes-
sierenden Ausnahmen – sämtliche Aktiven (Art. 197 SchKG). Verbindlich-
keiten werden nicht ausserhalb des Konkursverfahrens geklärt, sondern in
dieses eingebettet (Art. 208 ff., Art. 232 ff., Art. 244 ff. SchKG; zu Art. 207
SchKG siehe vorne, E. 2.2.2). Ein hängiger Passivprozess (und ein diesem
strukturell ähnlicher Steuerprozess, vgl. vorne, E. 2.2.2) stellt ein potentiel-
les Passivum dar, wäre lege artis mittels einer Rückstellung in der Bilanz
auszuweisen gewesen und könnte systemkonform nur durch die Konkurs-
verwaltung geführt werden (Art. 240 SchKG; vorne, E. 2.2.3). Ein Weiter-
führen des Verfahrens abseits des Konkursverfahrens durch die bisherigen
Organe ist systemwidrig und kein Beleg dafür, dass der Passivprozess
nichts mit der Konkursmasse zu tun hat (siehe auch E. 2.4.4).
2.4.3 Die Darstellung, das Konkursamt als Konkursverwaltung sei über das
hängige Beschwerdeverfahren orientiert gewesen, ist nicht nachgewiesen
und darüber hinaus sogar aktenwidrig. Aus den vorgelegten Belegen ergibt
sich ein solches Wissen der Konkursverwaltung nicht, auch nicht ansatz-
weise. Vielmehr ist dem Schreiben des Konkursamtes an den Geschäfts-
führer vom 7. Oktober 2022 das Gegenteil zu entnehmen (vgl. Beilage 10
zur Eingabe vom 11. Oktober 2022: «Die Konkursverwaltung hatte weder
Kenntnis vom vorliegenden Verfahren, noch liegen ihr die von Ihnen bei
den Gerichten eingereichten Eingaben vor. Eine nachträgliche Genehmi-
gung ist daher nicht möglich»). Die Berufung auf das bundesgerichtliche
Urteil 5A_50/2015 verkennt die Unterschiede der Einzelfälle: In jenem Fall
ging es um den Konkursschluss in einem summarischen Konkursverfahren
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Seite 9
(Art. 231 SchKG). Vorliegend jedoch wurde das Verfahren mangels Aktiven
(und ohnehin in Unkenntnis des hängigen Verfahrens) eingestellt (Art. 230
SchKG), d.h. es wurde das eigentliche Konkursverfahren gar nicht erst be-
gonnen, weil die Aktiven voraussichtlich nicht einmal die Kosten eines sum-
marischen Verfahrens zu decken vermochten (Art. 230 Abs. 1 SchKG) und
kein Gläubiger innert Frist die Durchführung des Verfahrens (unter Sicher-
stellung dessen Kosten) verlangte (Art. 230 Abs. 2 SchKG).
2.4.4 Die Berufung auf eine konkludente Bevollmächtigung gestützt auf
den guten Glauben ist rechtsmissbräuchlich: Der Geschäftsführer liess das
Konkursamt ebenso im Unwissen über dieses Verfahren wie die Vorinstanz
und das Bundesverwaltungsgericht über den eröffneten Konkurs. Mit Blick
auf den Verfahrensverlauf resultierte dies daraus, dass er zum einen eine
Zustelladresse etablierte, die sicherstellte, dass Zustellungen des Gerichts
nicht an die Konkursverwaltung gingen, und diesem gegenüber zum an-
dern den Umstand der Konkurseröffnung bewusst verschwieg. Aus dieser
Verletzung der Mitwirkungspflicht kann die Beschwerdeführerin von vorn-
herein nichts zu ihren Gunsten ableiten (so der auf Art. 2 Abs. 2 ZGB ge-
stützte gemeinrechtliche Grundsatz «Nemo auditur propriam turpitudinem
allegans» [«niemand wird gehört, wenn er sich auf seine eigene Sittenwid-
rigkeit beruft»], der als allgemeiner Rechtsgrundsatz auch im öffentlichen
Recht Anwendung findet, vgl. BGE 143 II 8 E. 7.6; 109 II 20 E. 2b).
2.4.5 Gleiches gilt es zum Vorbringen zu sagen, keine der an diesem Ver-
fahren beteiligten Instanzen – zu denen die Konkursverwaltung ohnehin
nicht gehört – habe bislang die Prozessführungsbefugnis des Geschäfts-
führers hinterfragt. Daraus eine Bestätigung derselben ableiten zu wollen,
entspricht wiederum einer Berufung auf die eigene pflichtwidrige, auf Ver-
schleierung ausgerichtete Handlung. Wie der Geschäftsführer der Zwi-
schenverfügung vom 3. August 2022 eine Anerkennung seiner Prozess-
führungsbefugnis für die fragliche Periode entnehmen will, erschliesst sich
nicht.
2.5 Gemäss der bereits erwähnten Stellungnahme der Konkursverwaltung
Zug vom 7. Oktober 2022 (Beilage 10 zur Eingabe vom 11. Oktober 2022;
oben E. 2.4.2) hatte dieselbe von diesem Verfahren keine Kenntnis und
erteilt auch keine nachträgliche Vollmacht bezüglich der dort nicht bekann-
ten Replik und Triplik. Diese erfolgten folglich in vollmachtloser Stellvertre-
tung und sind mangels nachträglicher Genehmigung ohne Verbindlichkeit
für die Beschwerdeführerin (Art. 38 Abs. 1 OR). Sie sind nicht weiter be-
achtlich.
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Seite 10
3.
3.1
3.1.1 Die drei Eintretensvoraussetzungen von Art. 48 VwVG müssen ku-
mulativ erfüllt sein. Die formelle Beschwer (vorne, E. 1.4) ist notwendige,
aber nicht hinreichende Voraussetzung der Legitimation. Vorausgesetzt ist
ein schutzwürdiges Interesse an der Änderung oder Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG).
3.1.2 Dieses besteht im praktischen Nutzen, der sich ergibt, wenn die Be-
schwerdeführerin mit ihrem Anliegen obsiegt und dadurch ihre tatsächliche
oder rechtliche Situation unmittelbar beeinflusst werden kann. Die Be-
schwerde dient nicht dazu, abstrakt die objektive Rechtmässigkeit des
staatlichen Handelns zu überprüfen, sondern der Beschwerdeführerin ei-
nen praktischen Vorteil zu verschaffen. Das schutzwürdige Interesse muss
nicht nur bei der Beschwerdeeinreichung, sondern auch noch im Zeitpunkt
der Urteilsfällung aktuell und praktisch sein. Ausnahmsweise kann auf das
Erfordernis des aktuellen praktischen Interesses verzichtet werden, wenn
sich die aufgeworfenen Fragen unter gleichen oder ähnlichen Umständen
jederzeit wieder stellen können, eine rechtzeitige Überprüfung im Einzelfall
kaum je möglich wäre und die Beantwortung wegen deren grundsätzlicher
Bedeutung im öffentlichen Interesse liegt (zum Ganzen statt Vieler: BGE
141 II 14 E. 4.4, BVGE 2013/56 E. 1.3.1 je m.w.H.).
3.1.3 Fehlt eine Voraussetzung der Beschwerdeführung bei Einreichung
der Beschwerde, so ist darauf nicht einzutreten; fällt sie im Verlaufe des
Verfahrens dahin, so wird die Sache gegenstandslos und das Verfahren ist
abzuschreiben (BGE 139 II 404 E. 2.2; BVGE 2009/9 E. 3.3.1 je m.w.H.).
3.1.4 Feststellungsbegehren sind gegenüber Begehren auf Leistung oder
Gestaltung subsidiär; sie können nicht abstrakte, theoretische Rechtsfra-
gen zum Gegenstand haben, sondern nur konkrete Rechte oder Pflichten.
Sie sind nur zulässig, wenn das schutzwürdige Interesse nicht ebensogut
mit einer rechtsgestaltenden Verfügung gewahrt werden kann (BGE 126 II
300 E. 2c m.w.H.).
3.2 Die Beschwerdeführerin macht zu ihren Rechtsschutzinteressen, so-
weit nachvollziehbar, im Wesentlichen ein Interesse an einem rechtskräfti-
gen Entscheid über den Bestand der Forderung geltend. Die Forderung sei
infolge fehlerhafter Buchhaltung durch zwei konsekutive Treuhandfirmen
erhoben worden. Es bestünden folglich Haftungsansprüche, deren Sub-
A-648/2020
Seite 11
stantiierung den Entscheid über den Nichtbestand der Verrechnungssteu-
erforderung und damit die Mangelhaftigkeit der Buchhaltung voraussetze.
Der Geschäftsführer als Kapitalgeber sei auch privat an der Fortführung
des Verfahrens interessiert.
3.3 Dazu fällt Folgendes in Betracht:
3.3.1 Die Rechtsbegehren 2 bis 5 der Eingabe vom 11. Oktober 2022 sind
Feststellungsbegehren ohne eigenständigen Gehalt; sie sind Teil der Be-
gründung des Rechtsbegehrens 1 (gemäss welchem das Beschwerdever-
fahren gemäss Beschwerde vom 31. Januar 2020 fortzusetzen sei), die-
sem somit als Voraussetzung (im Verständnis der Beschwerdeführerin)
vorgelagert und gedanklich mitenthalten. Es besteht kein spezifisches In-
teresse, das eine Feststellung ausserhalb des Hauptantrags geböte. Auf
diese Begehren ist nicht einzutreten.
3.3.2 Dass die Beschwerdeführerin angeblich einen Haftungsprozess ge-
gen eine oder zwei Treuhandfirmen führen soll, ist nicht ersichtlich. Der-
gleichen folgt insbesondere nicht aus dem Schreiben der Rechtsschutzver-
sicherung vom 5. Februar 2016 an den Geschäftsführer (Beilage 24 zur
Eingabe vom 11. Oktober 2022); daraus ergibt sich einzig, dass jene die-
sem ein Schadenmeldeformular zustellte. Dass seither irgendetwas im
Sinne einer Inanspruchnahme der Treuhandgesellschaften geschehen
wäre, ist weder erkennbar noch ausgewiesen.
3.3.3 Ein Haftungsprozess widerspräche ohnehin dem Status der Gesell-
schaft, die nach mangels Aktiven geschlossenem Konkursverfahren ihrer
Löschung entgegendauert. Wollte die Gesellschaft Haftungsansprüche
geltend machen, hätte zumindest ein summarisches Konkursverfahren
(Art. 231 SchKG) durchgeführt werden müssen, in dem sich allenfalls ein
Gläubiger die Forderung hätte abtreten lassen können (Art. 260 SchKG).
Offenbar aber erachtete das Konkursamt die Gesellschaft respektive die-
ses potentielle Aktivum nicht als ausreichend werthaltig, um das Verfahren
durchzuführen (Art. 230 Abs. 1 SchKG). Auch fand sich kein Gläubiger –
auch nicht der Geschäftsführer –, der dies anders einschätzte und die Kos-
ten des Verfahrens sicherstellen mochte (Art. 230 Abs. 2 SchKG).
3.3.4 Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Beschwerdefüh-
rerin mehrfach ausführt, die Mangelhaftigkeit der Durchführung der Buch-
haltung ergebe sich auch aus nachträglichen Anpassungen seitens des
Steueramts Schwyz. Es ist nicht erkennbar, dass aufgrund dieses Umstan-
des Haftungsansprüche substantiiert geltend gemacht wurden.
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Seite 12
3.3.5 Das vorliegende Beschwerdeverfahren hat für die Beschwerdeführe-
rin keinen praktischen Nutzen mehr. Ihr verbleibender Zweck ist der der
Liquidation. Dieser diente selbst ein vollständiges Obsiegen nicht zu, hätte
es doch – von der Rückerstattung des Gerichtskostenvorschusses abge-
sehen – keinen Zufluss von Aktiven, sondern einzig eine Nichterhöhung
von Passiven zufolge.
3.3.6 Der Geschäftsführer als Privatperson ist nicht Partei in diesem Ver-
fahren. Seine eigenen Interessen sind für das Rechtsschutzinteresse der
Gesellschaft nicht von Belang.
3.4 Insgesamt ist ein aktuelles Rechtsschutzinteresse zu verneinen.
4.
Nach dem Gesagten ist das Beschwerdeverfahren als gegenstandslos ge-
worden abzuschreiben (E. 3.1.3), soweit darauf nicht bereits nicht einzu-
treten ist (E. 3.3.1).
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt die Verfahrenskosten der un-
terliegenden Partei (Art. 63 Abs. 1 Satz 1 VwVG). Wird ein Verfahren ge-
genstandslos, so werden die Verfahrenskosten in der Regel jener Partei
auferlegt, deren Verhalten die Gegenstandslosigkeit bewirkt hat. Ist das
Verfahren ohne Zutun der Parteien gegenstandslos geworden, so werden
die Kosten nach der Sachlage vor Eintritt des Erledigungsgrundes festge-
legt (Art. 5 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht, VGKE, SR
173.320.2).
5.2 Das Verfahren wird vorliegend aufgrund des Wegfalls des Rechts-
schutzinteresses gegenstandslos, also strukturell wegen eines Nichteintre-
tensgrundes (E. 3.1.3). Dieser wiederum gründet im Status der Beschwer-
deführerin. Die Beschwerdeführerin bewirkte damit die Gegenstandslosig-
keit, die Verfahrenskosten sind ihr aufzuerlegen. Sie werden aufgrund der
massgeblichen Regeln (Art. 1 ff. VGKE) und in Berücksichtigung des pro-
zessualen Verhaltens der Beschwerdeführerin auf Fr. 4'000.– festgesetzt
und dem geleisteten Gerichtskostenvorschuss von Fr. 8'500.– entnom-
men. Die restanzlichen Fr. 4'500.– werden der Beschwerdeführerin zurück-
erstattet.
5.3 Der als unterliegend geltenden Beschwerdeführerin steht keine Partei-
entschädigung zu (Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario).
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Seite 13
(Dispositiv nächste Seite)
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