Decision ID: 7a525048-77f3-515e-86d0-9581a96b1f13
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin reiste gemäss ihren Angaben am 14. Juni 2015
zusammen mit ihrem damaligen Lebenspartner (und heutigen Ehemann)
C._ (N [...]) in die Schweiz ein und stellte am gleichen Tag im Emp-
fangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) D._ ein Asylgesuch. Am 24.
Juni 2015 fand die Kurzbefragung der Beschwerdeführerin zur Person
(BzP) im EVZ und am 17. November 2016 sowie 9. August 2017 fanden
Anhörungen zu den Asylgründen statt.
B.
Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, sie sei in Asmara, Eritrea, geboren worden. Ihr Vater
habe die eritreische und ihre Mutter die äthiopische Staatsangehörigkeit
besessen. Sie gehe deshalb davon aus, dass sie eritreische Staatsange-
hörige sei. Nachdem beide Eltern verstorben seien, habe sie ab ihrem
(...) Lebensjahr bei ihrer Grossmutter mütterlicherseits in E._, Äthi-
opien gelebt. Ihre Grossmutter sei verstorben, als sie 13 oder 14 Jahre alt
gewesen sei und sie habe danach bei einer Frau namens "F._" ge-
wohnt (vgl. Protokoll erste Anhörung A15 S. 3 F10 f.). Respektive sie habe
bis kurz vor ihrer Ausreise bei ihrer Grossmutter gelebt und diese sei ver-
storben, als sie 20 oder 21 Jahre alt gewesen sei und sich im Sudan auf-
gehalten habe. Sie habe vom Tod der Grossmutter erst nach ihrer Einreise
in die Schweiz erfahren; "F._" sei eine Nachbarin gewesen, bei wel-
cher sie eine Zeit lang gelebt habe (vgl. Protokoll zweite Anhörung A24 S. 5
F38 ff. und S. 19 F186 ff.). Sie habe in Äthiopien viele Probleme gehabt,
weil ihr Vater Eritreer gewesen sei: Es sei ihr die Ausstellung eines Identi-
tätspapiers verweigert und sie sei manchmal wegen ihrer Herkunft von an-
deren Schulkindern und Nachbarn beschimpft worden. Im Alter von (...)
Jahren – respektive ungefähr im Jahr 2000 (äthiopischer Kalender; grego-
rianischer Kalender: 2007/2008) – sei sie nach G._ gegangen, um
Arbeit zu suchen. Auf ihrer Reise dorthin sei sie während dreier Tage fest-
gehalten worden, weil sie keine Identitätspapiere habe vorweisen können.
In G._ habe sie während etwa einem Jahr für eine ältere Dame als
Haushälterin gearbeitet. Dann habe sie einen Schlepper kennengelernt,
welcher sie im Jahr 2003 oder 2004 (äthiopischer Kalender; gregoriani-
scher Kalender: 2011/2012) in den Sudan gebracht habe (vgl. A24 S. 7
F67). Respektive sie sei im Alter von 18 oder 19 Jahren aus Äthiopien aus-
gereist (vgl. a.a.O. S. 21 F209). Dort habe sie sich während etwa dreier
Jahre in "H._", Khartum, aufgehalten und ihren Partner C._
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kennengelernt. Sie seien schliesslich gemeinsam über Libyen nach Italien
gereist.
C.
Am (...) und (...) wurden die beiden Kinder I._ und J._ der
Beschwerdeführerin in der Schweiz geboren.
D.
Mit Verfügung vom 30. August 2017 stellte das SEM fest, da die Beschwer-
deführerin keine Identitätspapiere eingereicht und widersprüchliche sowie
ungenaue Angaben zu ihrer Biographie und Herkunft gemacht habe, werde
davon ausgegangen, dass sie die schweizerischen Behörden über ihre
wahre Herkunft täusche. Ihre Personalien würden im ZEMIS voraussicht-
lich wie folgt geändert: Staatsangehörigkeit Äthiopien. Hierzu wurde ihr das
rechtliche Gehör gewährt.
E.
Mit Eingabe vom 8. September 2017 reichte die Beschwerdeführerin eine
Stellungnahme ein, in welcher sie an ihrer eritreischen Staatsangehörigkeit
festhielt.
F.
F.a Mit Verfügung vom 11. Dezember 2017 forderte die Vorinstanz die Be-
schwerdeführerin zur Beantwortung einer Reihe von Fragen zu ihren Fa-
milienangehörigen in Äthiopien auf.
F.b Mit Schreiben vom 22. Dezember 2017 beantwortete die Beschwerde-
führerin die Fragen der Vorinstanz.
G.
Ein am 23. Mai 2018 erstelltes DNA-Gutachten ergab, dass es sich bei
C._ um den biologischen Vater der beiden Kinder der Beschwerde-
führerin handelt.
H.
Mit Verfügung vom 3. September 2018 anerkannte das SEM C._
gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG (SR 142.31) als Flüchtling und gewährte
ihm Asyl. Die gemeinsamen Kinder I._ und J._ wurden ge-
mäss Art. 51 Abs. 1 AsylG in das Asyl ihres Vaters einbezogen und als
Flüchtlinge anerkannt.
E-5935/2018
Seite 4
I.
Mit Verfügung vom 14. September 2018 (eröffnet am 17. September 2018)
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an. Schliesslich wurde festgestellt, die Staats-
angehörigkeit der Beschwerdeführerin werde im Zentralen Migrationssys-
tem (ZEMIS) als "unbekannt" erfasst.
J.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung an das Bundesverwaltungsgericht vom
14. Oktober 2018 (Poststempel: 17. Oktober 2018) erhob die Beschwerde-
führerin Beschwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz und beantragte
die Aufhebung dieses Entscheids sowie die vollumfängliche Gutheissung
ihres Asylgesuchs, eventualiter die Aussetzung der Wegweisung und die
Anordnung der vorläufigen Aufnahme. Es sei festzustellen, dass gestützt
auf Art. 51 Abs. 1 AsylG ein Anspruch auf Einbezug in das ihrem Partner
gewährte Asyl bestehe. Ferner sei festzustellen, dass ihre Identität fest-
stehe und nur ihre Staatsangehörigkeit streitig sei. Das vorliegende Ver-
fahren sei zu sistieren, bis über die offenen Personenstandsfragen zivil-
rechtlich entschieden worden sei. Im Weiteren beantragte die Beschwerde-
führerin in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und Verbeiständung unter Beiordnung ihrer Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin und den Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses sowie die Offenlegung der Protokolle der
BzP-Befragung und der Anhörung ihres Lebenspartners.
K.
K.a Mit Zwischenverfügung vom 25. Oktober 2018 hiess der Instruktions-
richter die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG, um unentgeltliche Verbeiständung im Sinne von aArt. 110a
Abs. 1 AsylG sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses gut und setzte die bisherige Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin,
Advokatin Verena Gessler, als amtliche Rechtsbeiständin ein. Das Gesuch
um Sistierung des Beschwerdeverfahrens wurde unter Hinweis auf Art. 32
VwVG abgewiesen. Schliesslich wurde die Beschwerdeführerin aufgefor-
dert, innert Frist eine Einverständniserklärung ihres Lebenspartners hin-
sichtlich der Offenlegung seiner Verfahrensakten einzureichen.
K.b Mit Eingabe vom 5. November 2018 reichte die Beschwerdeführerin
die einverlangte Einverständniserklärung nach.
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Seite 5
L.
Mit Instruktionsverfügung vom 7. November 2018 überwies der Instruk-
tionsrichter die vorinstanzlichen Akten zur Gewährung der beantragten Ein-
sicht in die Aktenstücke A3/11 und A14/15 an die Vorinstanz und lud diese
gleichzeitig zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
M.
M.a Mit Eingabe vom 8. November 2018 an das Staatssekretariat für Mig-
ration beantragte die Beschwerdeführerin den Einbezug in das Asyl ihres
Partners gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG sowie die Bewilligung des proze-
duralen Aufenthalts bei ihrer Familie gemäss Art. 17 Abs. 2 AIG (SR
142.20).
M.b Das SEM teilte der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 12. No-
vember 2018 mit, die Frage ihres Einbezugs in die Flüchtlingseigenschaft
und das Asyl ihres Lebenspartners sei in der angefochtenen Verfügung ge-
prüft worden und damit Bestandteil des anhängig gemachten Beschwerde-
verfahrens weshalb die Eingabe vom 8. November 2018 ans Bundesver-
waltungsgericht übermittelt werde.
M.c Mit Eingabe an das SEM vom 15. November 2018 hielt die Beschwer-
deführerin daran fest, dass es sich bei der Eingabe vom 8. November 2018
um ein neues Gesuch handle, welches nicht Bestandteil des Beschwerde-
verfahrens sei.
N.
Am 12. November 2018 gewährte das SEM der Beschwerdeführerin die
verlangte Einsicht in die Verfahrensakten ihres Lebenspartners. Gleichzei-
tig hielt es im Rahmen einer Vernehmlassung an seiner Verfügung fest und
beantragte die Abweisung der Beschwerde.
O.
Mit Instruktionsverfügung vom 14. November 2018 wurden der Beschwer-
deführerin Kopien der Aktenstücke A3/12 und A14/15 sowie die Vernehm-
lassung der Vorinstanz zugestellt und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme
eingeräumt.
E-5935/2018
Seite 6
P.
Mit Eingabe der Rechtsvertretung an das Bundesverwaltungsgericht vom
13. Dezember 2018 wurde mitgeteilt, es seien beim Zivilkreisgericht
K._ Personenstandsfeststellungsklagen der Beschwerdeführerin
sowie ihres Lebenspartners anhängig gemacht worden, und es wurden
entsprechende Dokumente eingereicht (Verfügung des Zivilkreisgerichts
K._ vom 20. November 2018 betreffend die Beschwerdeführerin,
Personenstandsfeststellungsklage von C._ vom 30. November
2018, Verfügung des Zivilkreisgerichts K._ vom 4. Dezember 2018
betreffend C._).
Q.
Q.a Mit Verfügung vom 19. Dezember 2018 lud der Instruktionsrichter die
Vorinstanz zu einer ergänzenden Vernehmlassung und zur gutscheinen-
den Behandlung der Eingabe der Beschwerdeführerin vom 8. November
2018 ein.
Q.b In ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom 17. Januar 2019 stellte
sich die Vorinstanz auf den Standpunkt, das Gesuch der Beschwerdefüh-
rerin vom 8. November 2018 könne nicht entgegengenommen und geprüft
werden, da die Frage des Einbezugs in die Flüchtlingseigenschaft des
Partners bereits Gegenstand des hängigen Beschwerdeverfahrens sei und
die Verfahrenshoheit beim Bundesverwaltungsgericht liege.
Q.c Von dem ihr (mit Instruktionsverfügung vom 24. Januar 2019) einge-
räumten Recht zur Replik machte die Beschwerdeführerin keinen Ge-
brauch.
R.
Mit Eingaben an das Gericht vom 10. April 2019 und 16. September 2019
reichte die Beschwerdeführerin weitere Dokumente ein (Entscheide der
Gerichtspräsidentin des Zivilkreisgerichts K._ vom 7. März 2019
und des Gerichtspräsidenten des Zivilkreisgerichts K._ vom
27. März 2019, Familienausweis). Zudem informierte sie das Gericht über
ihre am (...) erfolgte Eheschliessung mit C._ und ersuchte um
Nachführung der Daten der betroffenen Personen.
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Seite 7
S.
Mit zwei separaten Verfügungen vom 28. Juni 2019 teilte das SEM der Be-
schwerdeführerin und ihrem Ehemann unter Bezugnahme auf eine Mittei-
lung des Zivilstandsamtes L._ betreffend die Änderung von Perso-
nalien im Zivilstandsregister und unter Hinweis auf die erhöhte Beweiskraft
von öffentlichen Registern gemäss Art. 9 ZGB mit, die Personalien der Be-
schwerdeführerin sowie der beiden gemeinsamen Kinder würden im
ZEMIS neu erfasst. Namentlich werde als Staatsangehörigkeit der Be-
schwerdeführerin neu "Eritrea" vermerkt.
T.
Mit Schreiben ihrer Rechtsvertreterin vom 3. Oktober 2019 ersuchte die
Beschwerdeführerin um Auskunft über den Verfahrensstand.
Diese Anfrage wurde vom Instruktionsrichter mit Schreiben vom 9. Oktober
2019 beantwortet und die Beschwerdeführerin wurde dabei auch von der
durch das SEM vorgenommenen Anpassung der Personalien (von ihr und
ihren Kindern) im ZEMIS in Kenntnis gesetzt.
U.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 12. Februar 2020 ersuchte die Be-
schwerdeführerin um beförderliche Behandlung ihres Beschwerdeverfah-
rens.
V.
Mit Schreiben vom 20. Februar 2020 ersuchte der Instruktionsrichter das
Zivilkreisgericht K._ um Auskunft darüber, ob die Beschwerdefüh-
rerin im Verfahren betreffend Feststellung der Identität vor dieser Behörde
Dokumente zum Beleg ihrer Identität eingereicht habe, sowie gegebenen-
falls um Gewährung der Einsicht in solche Unterlagen.
W.
Mit Schreiben des Instruktionsrichters vom 20. Februar 2020 wurde der
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin eine Kopie des Auskunftsersu-
chens an das Zivilkreisgericht zugestellt und sie darüber informiert, dass
weitere Abklärungen im Gange seien.
X.
Mit Schreiben vom 24. Februar 2020 teilte der Gerichtspräsident des Zivil-
kreisgerichts K._ dem Instruktionsrichter mit, der Entscheid dieses
Gerichts vom 27. März 2019 habe auf einer Beweisaussage gemäss
Art. 192 ZPO beruht; die Gesuchstellerin habe in diesem Verfahren keine
Identitätsdokumente eingereicht.
E-5935/2018
Seite 8
Y.
Y.a Mit Eingabe der M._ an das SEM vom 25. Februar 2020 wurde
ein erneutes Gesuch um Einbezug der Beschwerdeführerin in die Flücht-
lingseigenschaft ihres Ehemannes gestellt.
Y.b Mit Schreiben vom 9. März 2020 teilte die Vorinstanz der M._
mit, dass die Frage des Einbezugs der Beschwerdeführerin ins Asyl ihres
Ehemannes Gegenstand des beim Bundesveraltungsgericht anhängig ge-
machten Beschwerdeverfahrens sei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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Seite 9
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das Staatssekretariat Folgen-
des aus:
3.1.1 Es bestehe Anlass zu erheblichen Zweifeln an der von der Beschwer-
deführerin vorgebrachten Biographie und behaupteten Herkunft. Sie habe
widersprüchliche und unsubstanziierte Angaben gemacht zu ihren Wohn-
orten in Äthiopien, den Personen mit denen sie angeblich dort zusammen-
gelebt habe sowie zu ihren Sprachkenntnissen. Namentlich würden sich
ihre Aussagen zum Zeitpunkt des Todes ihrer Grossmutter und zum Auf-
enthaltsstatus ihrer Schwester widersprechen. Es entstehe der Eindruck,
sie versuche über ihre Biographie und wahre Herkunft zu täuschen. Ange-
sichts dessen, dass gemäss ihren Angaben ihre Verwandten mütterlicher-
seits (Mutter, Grussmutter, Tante, Schwester) äthiopische Staatsangehö-
rige seien, erstaune es, dass ihr eine Aufenthaltsregelung in Äthiopien ver-
weigert worden sein solle. Ihre Aussage, sie sei in Äthiopien nicht registriert
gewesen, beziehungsweise sie wisse nicht, wie ihr Aufenthalt geregelt ge-
wesen sei, sei ebenso überraschend, da sie angeblich mehrmals mit den
äthiopischen Behörden in Kontakt gestanden sei, ohne dass dies Konse-
quenzen für sie gehabt hätte. Die Beschwerdeführerin habe sich im Weite-
ren widersprüchlich zum Grund geäussert, aus welchem ihr äthiopische
Aufenthaltspapiere verweigert worden seien. Es stelle sich die Frage, wo-
her die äthiopischen Behörden Kenntnis von ihrer eritreischen Herkunft
hätten haben sollen. Es überrasche zudem, dass sie keine Bemühungen
zum Erhalt eritreischer Dokumente unternommen habe. Die Beschwerde-
führerin habe ferner sehr wenige Kenntnisse über ihren Vater und über ihr
angegebenes Heimatland Eritrea gezeigt, ohne dieses fehlende Wissen
überzeugend erklären zu können. Nicht nachvollziehbar sei auch, dass ihr
die Voraussetzungen für den Erwerb der äthiopischen Staatsangehörigkeit
nicht bekannt seien und sie sich nicht über die Möglichkeiten, ihren Aufent-
haltsstatus zu verbessern, informiert habe. Basierend auf die Bestimmun-
gen der äthiopischen Gesetzgebung über die Staatsangehörigkeit könne
mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass die Be-
schwerdeführerin Anspruch auf die äthiopische Staatsangehörigkeit habe.
Die Zweifel an ihrer eritreischen Staatsangehörigkeit würden dadurch ver-
stärkt, und es dränge sich der Schluss auf, dass sie in Äthiopien zumindest
registriert gewesen sei; dies umso mehr, als sie gemäss ihren Angaben
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Seite 10
18 oder 19 Jahre dort gelebt habe. Insgesamt habe die Beschwerdeführe-
rin ihre angebliche Biographie und Herkunft nach dem Massstab von Art. 7
AsylG nicht glaubhaft darzulegen vermocht, weshalb auf eine Prüfung der
Asylrelevanz der damit in Zusammenhang stehenden Vorbringen verzich-
tet werden könne.
3.1.2 Die Täuschung der Beschwerdeführerin über ihre Biographie und die
tatsächliche Herkunft stelle eine grobe Verletzung der Mitwirkungspflicht
dar. Damit verunmögliche sie eine Prüfung der Drittstaatenklausel sowie
der Flüchtlingseigenschaft in Bezug auf ihren Heimatstaat. Ebenso unmög-
lich sei es zu prüfen, ob es ihr und ihrer Familie zumutbar und möglich
sowie zulässig wäre, sich in ihrem Heimat- respektive Herkunftsstaat nie-
derzulassen. Unter diesen Umständen rechtfertige es sich nicht, die Be-
schwerdeführerin gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG in die Flüchtlingseigen-
schaft ihres Lebenspartners einzubeziehen. Den Akten seien keine An-
haltspunkte dafür zu entnehmen, dass ihr im Falle einer Rückkehr in ihren
effektiven Heimatstaat eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Be-
handlung drohe. Im Übrigen könnten weder Art. 8 EMRK noch die Bestim-
mungen des UNO-Pakts II über bürgerliche und politische Rechts zur An-
wendung kommen, wenn die Voraussetzungen des Familienasyls im Sinne
von Art. 51 Abs. 1 AsylG nicht erfüllt seien. Die Frage nach einem Anspruch
auf eine Aufenthaltsreglung als Partnerin respektive Mutter aufenthaltsbe-
rechtigter Personen wäre durch die zuständige kantonale Migrationsbe-
hörde zu prüfen. Es sei nicht Aufgabe der Asylbehörden, bei fehlenden Hin-
weisen nach allfälligen Wegweisungshindernissen zu forschen. Angesichts
der wahrheitswidrigen Herkunftsangaben der Beschwerdeführerin rechtfer-
tige es sich nicht, zu ihren Gunsten das Vorliegen von Wegweisungshin-
dernissen anzunehmen. Schliesslich könne zum heutigen Zeitpunkt nicht
davon ausgegangen werden, der Wegweisungsvollzug sei von vornherein
nicht möglich oder technisch nicht durchführbar. Es sei der Beschwerde-
führerin zuzumuten, die notwendigen Reisepapiere zu beschaffen.
3.2 Zur Begründung ihrer Beschwerde wies die Beschwerdeführerin zu-
nächst darauf hin, dass Personenstandsklagen von ihr und ihrem Lebens-
partner beim zuständigen kantonalen Zivilgericht in Vorbereitung seien. Die
Abstammung der beiden Kinder von ihrem Lebenspartner sei durch ein
DNA-Gutachten nachgewiesen worden. Dass ein aktives Zusammenleben
von ihr, ihren Kindern und ihrem Lebenspartner bestehe, sei unbestritten.
Der Vorwurf, sie habe ihre äthiopische Staatsangehörigkeit zu vertuschen
versucht, werde zurückgewiesen. Sie verfüge nur über eine geringe Schul-
bildung, weshalb nicht erstaunlich sei, dass sie die allgemeinen Fragen zu
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Seite 11
Eritrea und Äthiopien nicht oder nur schlecht habe beantworten können.
Die Vorinstanz habe zu Unrecht eine Prüfung ihrer Asylgründe unterlassen.
Ferner vermöge die Argumentation, mit welcher ihr das Familienasyl im
Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG verweigert worden sei, nicht zu überzeu-
gen. Das Familienasyl sei nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens.
Ein entsprechendes Gesuch, welches erst möglich geworden sei, nach-
dem ihr Lebenspartner mit Verfügung vom 3. September 2018 als Flücht-
ling anerkannt worden sei, sei bisher gar nicht gestellt worden, und habe
vom SEM demnach auch nicht behandelt werden können. Das vorliegende
Beschwerdeverfahren sei zu sistieren, bis die offenen Fragen durch die
Personenstandsfeststellungsklagen geklärt seien. Im Weiteren habe die
Vorinstanz ohne plausible Begründung eine Anwendbarkeit von Art. 8
EMRK verneint. Alle Familienmitglieder könnten aus der Europäischen
Menschenrechtskonvention sowie der Kinderrechtskonvention Rechte ab-
leiten.
3.3 In ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom 17. Januar 2019 führte die
Vorinstanz in Bezug auf die Frage des Familienasyls aus, wenn eine Per-
son die Voraussetzungen der Flüchtlingseigenschaft nicht selbstständig er-
fülle, werde subsidiär geprüft, ob die Voraussetzungen von Art. 51 Abs. 1
AsylG für die Zuerkennung der abgeleiteten Flüchtlingseigenschaft gege-
ben seien. Die Rüge der Beschwerdeführerin, dass eine Prüfung dieser
Frage nicht hätte erfolgen dürfen, könne nicht gehört werden. Trotz fehlen-
der expliziter Erwähnung im Dispositiv habe sich die angefochtene Verfü-
gung vom 14. September 2018 inhaltlich mit der Frage des Familienasyls
auseinandergesetzt und auch die Beschwerdeführerin habe sich in der Be-
schwerdeschrift damit befasst. Der Dispositivpunkt 1 der angefochtenen
Verfügung, wonach die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle, umfasse sowohl Art. 3 AsylG als auch Art. 51 AsylG. Es werde
insoweit nicht zwischen originär und derivativ erworbenem Asyl unterschie-
den. Demnach sei die Frage, ob die Voraussetzungen des Familienasyls
gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG gegeben seien, durchaus Gegenstand des
vorliegenden Asylverfahrens.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
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Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass sich den
Vorbringen der Beschwerdeführerin keine glaubhaften Anhaltspunkte dafür
entnehmen lassen, dass sie in der Vergangenheit Nachteile im Sinne von
Art. 3 AsylG erlitten hätte oder begründete Furcht hat, in Zukunft solche zu
erleiden. Der Vorwurf, die Vorinstanz habe ihre Asylbegehren nicht geprüft,
trifft nicht zu. Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung einlässlich und
überzeugend dargelegt, dass die Angaben der Beschwerdeführerin zu ih-
rer Biographie und Herkunft als unglaubhaft zu erachten seien und damit
auch ihren Asylvorbringen die glaubhafte Grundlage entzogen sei. Ihre
Vorbringen weisen insbesondere in Bezug auf die zeitliche Einordnung er-
hebliche Widersprüche auf, so namentlich in Bezug auf den Zeitpunkt des
Todes ihrer Grossmutter sowie ihrer Ausreise aus Äthiopien in den Sudan.
Zudem sind ihre Aussagen durchwegs unsubstanziiert und vage. Der Ver-
weis auf den geringen Bildungsgrad der Beschwerdeführerin in der
Beschwerdeeingabe vermag schon deshalb nicht zu überzeugen, weil sie
gemäss ihren Angaben in Äthiopien während neun Jahren die Schule
besuchte (vgl. A15 S. 3 F15). Zudem wären auch bei geringer Bildung
durchaus widerspruchsfreie und schlüssigere Angaben zu erwarten. Vor
diesem Hintergrund rechtfertigen sich erhebliche Zweifel an der von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten diskriminierenden Behandlung
durch die äthiopischen Behörden sowie durch Privatpersonen wegen ihrer
eritreischen Herkunft. Überdies könnte diesen behaupteten Behelligungen
mangels hinreichender Intensität auch keine asylrechtliche Relevanz
beigemessen werden. Solches wurde auch in der Beschwerdeschrift nicht
geltend gemacht, in welcher sie im Wesentlichen die Glaubhaftigkeit der
geltend gemachten eritreischen Staatsangehörigkeit behauptet und auf die
Frage des Familiennachzugs eingeht.
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Seite 13
5.2 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es der Beschwerdeführerin
nicht gelungen ist, eine im Sinne von Art. 3 AsylG relevante Verfolgung be-
ziehungsweise Verfolgungsgefahr nachzuweisen oder glaubhaft darzutun.
Die Vorinstanz hat demzufolge zu Recht ihre originäre Flüchtlings-
eigenschaft verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung ist nicht zu
beanstanden, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung einen deri-
vativen Asylanspruch der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 51 AsylG
geprüft hat, obwohl sie bis zum Abschluss des erstinstanzlichen Verfahrens
noch nicht ausdrücklich um Einbezug in das Asyl ihres Ehegatten ersucht
hatte. Ein Asylgesuch als Ersuchen um Schutzgewährung im weiten Sinne
(Art. 18 AsylG) umfasst sowohl Asylgründe im Sinne von Art. 3 AsylG als
auch die Gründe für das Familienasyl nach Art. 51 AsylG (vgl. Urteil des
BVGer D-5874/2016 vom 20. Dezember 2016 E. 5.5 m.w.H.). Dass die
Verneinung der Voraussetzungen des Familienasyls im Dispositiv der Ver-
fügung des SEM vom 14. September 2018 nicht ausdrücklich Erwähnung
fand, ist letztlich nicht ausschlaggebend, da die darin getroffene Feststel-
lung, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle
und ihr Asylgesuch abgewiesen werde (vgl. Dispositiv-Ziffern 1 und 2), so-
wohl originäre als auch abgeleitete Ansprüche umfasst. Entgegen der Auf-
fassung der Beschwerdeführerin bildet somit die Frage eines Anspruchs
auf Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft beziehungsweise das Asyl ihres
Ehemannes gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG Bestandteil des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens und ist nicht in einem separaten Verfahren zu prüfen.
Die an das SEM gerichteten Eingaben vom 8. und 15. November 2018
sind im Rahmen des vorliegenden Verfahrens zu würdigen.
6.2 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten von Flüchtlingen und
ihre minderjährigen Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl,
wenn keine besonderen Umstände dagegen sprechen. Letzteres Kriterium
dient gemäss ständiger Praxis insbesondere dem Zweck, Missbräuche zu
verhindern (vgl. Urteil des BVGer E-1683/2013 vom 21. April 2015 E. 6.2.2
m.w.H.). Dem Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft und der Asylgewäh-
rung entgegenstehende "besondere Umstände" sind unter anderem anzu-
nehmen, wenn der Flüchtling seinen Status derivativ erworben hatte, wenn
das Familienleben während einer längeren Zeit nicht mehr gelebt oder auf-
gegeben worden ist, oder wenn das einzubeziehende Familienmitglied
Bürger eines anderen Staates als der Flüchtling ist, die Familie in diesem
Staat nicht gefährdet ist, und es der ganzen Familie möglich und zumutbar
E-5935/2018
Seite 14
ist, in diesem Land zu leben (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/40 E. 3.4.4.3,
m.w.H. BVGE 2012/32 E. 5.1). Soll der Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft des Ehepartners aufgrund unterschiedlicher Nationalitäten verwei-
gert werden, ist – in hypothetischer Weise – zu prüfen, ob sich die ganze
Familie gegebenenfalls im Heimatland des nicht verfolgten Ehepartners
niederlassen könnte (vgl. Urteile des BVGer D-3339/2018 vom 18. Februar
2019 E. 4.3.1; E-1683/2013 vom 21. April 2015 E. 6.2.4 m.w.H.).
6.3 Weil dem Ehegatten der Beschwerdeführerin von der Vorinstanz mit
Verfügung vom 3. September 2018 Asyl (unter Feststellung der originären
Flüchtlingseigenschaft) gewährt wurde, sind die Grundvoraussetzungen
für ihren Einbezug gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG gegeben. Es stellt sich
aber im Weiteren die Frage, ob die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann
unterschiedliche Staatsangehörigkeiten besitzen und demnach besondere
Umstände vorliegen, die der Gewährung des Familienasyls entgegenste-
hen. Die Beweislast für das Vorliegen besonderer Umstände liegt bei den
Asylbehörden, wobei die betroffenen Personen aber eine Mitwirkungs-
pflicht haben (vgl. Urteil des BVGer E-6677/2014 vom 29. Dezember 2016
E. 4.5).
6.4 Die Beschwerdeführerin hat bei den Asylbehörden keine Identitätspa-
piere oder andere Beweismittel zum Beleg ihrer Staatsangehörigkeit zur
den Akten gereicht, und es sind auch keine Bemühungen zum Erhalt sol-
cher Dokumente aktenkundig. An ihrer Aussage, sie habe nie irgendwelche
Identitätspapiere besessen, rechtfertigen sich Zweifel, angesichts ihrer er-
heblich widersprüchlichen und vagen Angaben zum Zeitpunkt ihrer Aus-
reise aus Äthiopien und zu den Gründen, aus welchen ihr die äthiopischen
Behörden die Ausstellung von Identitätsdokumenten verweigert haben sol-
len. Auch die Aussagen der Beschwerdeführerin betreffend ihren Vater, von
dem sie ihre behauptete eritreische Staatsangehörigkeit ableitet, sind we-
nig konkret. Nach ihren Angaben hat sie ihn nie gekannt, und sie wisse von
ihm nur, dass er als Soldat im Unabhängigkeitskrieg gekämpft habe und
gestorben sei (vgl. Protokoll Zweitanhörung A24 S. 8 F78 f.). Angesichts
dieser vagen Angaben zu ihrer behaupteten eritreischen Herkunft sowie
des Umstands, dass sie angeblich seit früher Kindheit in Äthiopien lebte,
erstaunt es, dass die Beschwerdeführerin dort als Eritreerin wahrgenom-
men und behandelt worden sein soll. Es fällt zudem auf, dass sie bei der
Anhörung zu Protokoll gab, ihre Schwester N._ verfüge über einen
äthiopischen Ausweis (vgl. Protokoll erste Anhörung A15 S. 5 F33). Der
Umstand, dass die Beschwerdeführerin gemäss ihren Angaben im Jahr
(...) – mithin vor der formellen Unabhängigkeit Eritreas im Jahre 1993 –
E-5935/2018
Seite 15
geboren wurde, spricht jedenfalls dafür, dass sie im Zeitpunkt ihrer Geburt
die äthiopische Staatsangehörigkeit besass. Den Akten lassen sich keine
stichhaltigen Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass sie in der Folge kon-
krete Schritte im Hinblick auf die Anerkennung als eritreische Staatsange-
hörige unternommen hätte, welche zum Verlust der äthiopischen Staatsan-
gehörigkeit hätten führen können. Insgesamt ist demnach festzustellen,
dass die Argumente der Beschwerdeführerin zugunsten der von ihr be-
haupteten eritreischen Staatsangehörigkeit wenig stichhaltig sind und viel-
mehr auch Anhaltspunkte vorliegen, die für eine andere, namentlich die
äthiopische, Staatsangehörigkeit sprechen.
6.5
6.5.1 Zur Klärung der Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin vermö-
gen auch der Entscheid des Gerichtspräsidenten des Zivilkreisgericht
K._ vom 27. März 2019, mit welchem aufgrund der von der Be-
schwerdeführerin am 18. November 2018 eingereichten Personenstands-
feststellungsklage ihre Personalien festgestellt wurden, sowie die darauf-
folgende Eintragung im Zivilstandsregister nicht beizutragen.
6.5.2 Gemäss schriftlicher Auskunft des Gerichtspräsidenten des Zivil-
kreisgerichts K._ reichte die Beschwerdeführerin auch in diesem
Verfahren keine Identitätsdokumente ein und die Feststellung ihrer Perso-
nalien, mithin auch der Staatsangehörigkeit, im Urteil vom 27. März 2019
basierte auf ihrer Beweisaussage gemäss Art. 192 ZPO.
In der Folge wurde die Beschwerdeführerin mit den in diesem Urteil fest-
gestellten Personalien im Zivilstandsregister eingetragen.
6.5.3 Gemäss Art. 9 Abs. 1 ZGB erbringen öffentliche Register und öffent-
liche Urkunden für die durch sie bezeugten Tatsachen vollen Beweis,
solange nicht die Unrichtigkeit ihres Inhaltes nachgewiesen ist. Diese Be-
weisregel bezieht sich aber nur auf den Inhalt, den die Urkundsperson
durch eigene Wahrnehmung und Prüfung als richtig bescheinigen kann
(vgl. FLAVIO LARDELLI / MEINRAD VETTER, in: Basler Kommentar Zivilgesetz-
buch I, GEISER/FOUNTOULAKIS [Hrsg.], 6. Aufl., 2018, Art. 9 Rz. 24; IVO
SCHWANDER, in: KREN KOSTKIEWICZ/WOLF/AMSTUTZ/FANKHAUSER [Hrsg.],
ZGB-Kommentar, 3. Auflage 2016, Art. 9 Rz. 4; BGE 144 IV 13 E. 2.2.4
und 110 II 1 E. 3.a). Das Urteil des Gerichtspräsidenten des Zivilkreis-
gerichts K._ vom 27. März 2019 und demnach auch der Eintrag im
Zivilstandsregister basierten alleine auf den Aussagen der
Beschwerdeführerin, die mangels Vorliegens von Identitätsdokumenten
von den Urkundspersonen nicht überprüft werden konnten. Die kantonalen
E-5935/2018
Seite 16
Behörden waren einzig in der Lage festzustellen, dass die Beschwerdefüh-
rerin die entsprechenden Behauptungen geäussert hatte.
6.5.4 Überdies ist dem Eintrag der Staatsangehörigkeit im Zivilstandsregis-
ter generell kein Beweiswert im Sinne von Art. 9 Abs. 1 ZGB beizumessen,
weil dieser Eintrag der Identifizierung dient und nur Indiziencharakter hat
(vgl. Weisung Nr. 10.10.05.01 des Eidgenössischen Amts für das Zivil-
standswesen [EAZW] betreffend die Bezeichnung der Staatsangehörigkeit
von ausländischen Staatsangehörigen im schweizerischen Personen-
standsregister vom 15. Mai 2010 S. 3).
6.5.5 Im Übrigen fällt in diesem Zusammenhang auf, dass die Beschwer-
deführerin mit ihrer Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom
13. Dezember 2018 zwar eine Kopie der Personenstandsfeststellungs-
klage ihres damaligen Lebenspartners an das Zivilgericht zu den Akten
reichte (in deren Beilagenverzeichnis sein Asylentscheid erwähnt wird).
Demgegenüber wurde die – für das vorliegende Verfahren offenkundig
deutlich interessantere – Personenstandsfeststellungsklage der Beschwer-
deführerin nicht zu den Akten gegeben. Es steht für das Gericht deshalb
auch nicht fest, ob der Gerichtspräsident über jene Klage in Kenntnis des
Asylentscheids vom 14. September 2019 entschied, in welcher das SEM
die Zweifel an der Identität und Biografie der Beschwerdeführerin ausser-
ordentlich einlässlich begründet hatte. Dass der Zivilrichter beim SEM
Akteneinsicht beantragt oder um Auskunft über das Verfahren ersucht
hätte, ergibt sich aus den Akten N (...) ebenfalls nicht.
6.5.6 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass dem Vermerk der Staats-
angehörigkeit im Entscheid des Gerichtspräsidenten des Zivilkreisgerichts
K._ vom 27. März 2019 sowie im Zivilstandsregister schon aus for-
malen Gründen keine bindende Wirkung für die Asylbehörden im Rahmen
des vorliegenden Asylverfahrens beizumessen ist.
6.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin die von
ihr behauptete eritreische Staatsangehörigkeit weder belegt noch glaub-
haft gemacht hat.
E-5935/2018
Seite 17
6.7
6.7.1 Asylsuchende sind verpflichtet, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken. Sie müssen insbesondere ihre Identität offenlegen sowie Rei-
sepapiere und Identitätsausweise abgeben (Art. 8 AsylG und Art. 2a Asyl-
verordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]). Die sich aus
dem Untersuchungsgrundsatz ergebende Pflicht der Behörden, den für die
Beurteilung eines Asylgesuchs relevanten Sachverhalt von Amtes wegen
festzustellen, findet ihre Grenze unter anderem an der Mitwirkungspflicht
(Art. 8 AsylG, vgl. BVGE 2014/12 E. 6 S. 213 f.). Der Mitwirkungspflicht
kommt naturgemäss dann ein besonderes Gewicht zu, wenn die gesuch-
stellenden Personen – wie auch im Fall des Familienasyls – von entscheid-
wesentlichen Tatsachen bessere Kenntnis als die Behörden haben, welche
ohne Mitwirkung der Parteien gar nicht oder jedenfalls nicht mit vernünfti-
gem Aufwand erhoben werden könnten (vgl. BVGE 2007/30 E. 5.2.2
m.w.H.).
6.7.2 Die Aussagen der Beschwerdeführerin zu ihrer Staatsangehörigkeit
und Biographie erweisen sich als unsubstanziiert, ausweichend und wider-
sprüchlich, ohne dass sie diese Ungereimtheiten plausibel zu begründen
vermag. Es besteht deshalb Grund zur Annahme, dass sie ihre wahre Her-
kunft zu verschleiern versucht. Das Gericht gelangt in Übereinstimmung
mit der Vorinstanz zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin ihrer Mitwir-
kungspflicht gemäss Art. 8 AsylG nicht ausreichend nachgekommen ist.
Hierdurch hat sie eine Prüfung verunmöglicht, ob besondere, der Gewäh-
rung des Familienasyls gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG entgegenstehende
Umstände gegeben sind. Die Folgen der Verletzung der Mitwirkungspflicht
hat die Beschwerdeführerin zu tragen. Es ist demnach davon auszugehen,
dass die Voraussetzungen für einen Einbezug der Beschwerdeführerin in
die Flüchtlingseigenschaft und das Asyl ihres Ehemannes nicht gegeben
sind.
6.8 Nach dem Gesagten ist das Gesuch um Gewährung des Familienasyls
im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG abzuweisen.
7.
7.1 Mit Verfügung vom 28. Juni 2019 teilte die Vorinstanz (respektive eine
Aufenthaltssektion des SEM, die mit dem Asylverfahren zuvor nicht betraut
war) der Beschwerdeführerin – bezugnehmend auf eine Mitteilung des
Standesamts L._ sowie unter Verweis auf die erhöhte Beweiskraft
öffentlicher Register (Art. 9 ZGB) – mit, ihre Personalien im ZEMIS würden
E-5935/2018
Seite 18
angepasst. Unter anderem werde der Vermerk der Staatsangehörigkeit
von "Staat unbekannt" auf "Eritrea" geändert.
7.2 Gemäss Art. 54 VwVG geht die Behandlung der Sache, die Gegen-
stand der mit Beschwerde angefochtenen Verfügung bildet, mit Einrei-
chung der Beschwerde auf die Beschwerdeinstanz über. Mit der Rechts-
hängigkeit der Beschwerde übernimmt die Beschwerdeinstanz die Pro-
zessleitungsbefugnis, was bedeutet, dass sich grundsätzlich keine andere
Behörde als die zuständige Rechtsmittelinstanz mit der Angelegenheit be-
fassen darf; insbesondere wird der Vorinstanz die Herrschaft über den
Streitgegenstand entzogen und sie darf sich grundsätzlich nicht mehr mit
der Angelegenheit befassen (sogenannter Devolutiveffekt). Es ist der Vor-
instanz auch verwehrt, weitere prozessuale Anordnungen in der Streit-
sache zu treffen. Eine Ausnahme von diesem Grundsatz – und mithin ein
Durchbrechen respektive Aufschieben des Devolutiveffekts – bilden die
Regeln über die Wiedererwägung gemäss Art. 58 Abs. 1 VwVG. Diese Be-
stimmung sieht ausdrücklich vor, dass die Vorinstanz die angefochtene
Verfügung "bis zu ihrer Vernehmlassung" in Wiedererwägung ziehen darf
(vgl. BVGE 2011/30 E. 5). Eine im Widerspruch zur Devolutivwirkung er-
lassene Verfügung, ohne dass die Voraussetzungen von Art. 58 VwVG ge-
geben sind, ist nichtig (vgl. hierzu etwa REGINA KIENER, in: Christoph
Auer/Markus Müller/Benjamin Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl., Zürich 2019,
Rz. 1 ff., insbes. 12 zu Art. 54 m.w.H. auf Lehre und Praxis; HANSJÖRG
SEILER, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwal-
tungsverfahrensgesetz, 2. Aufl., 2016, Rz. 3 ff. zu Art. 54 VwVG; REGINA
KIENER / BERNHARD RÜTSCHE / MATHIAS KUHN, Öffentliches Verfahrens-
recht, 2. Aufl., 2015, Rz. 513, S. 129 und Rz. 1286 ff., S. 317 ff.; ALFRED
KÖLZ / ISABELLE HÄNER / MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Ver-
waltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1064 ff., S. 377 f.,
m.w.H.; BGE 132 II 21 E. 3.1, 130 V 138 E. 4.2 und 129 I 361 E. 2.1; BVGE
2011/30 E. 5).
7.3 Die Glaubhaftigkeit der von der Beschwerdeführerin bei den Asylbehör-
den angegebenen Staatsangehörigkeit wurde vom SEM in der angefoch-
tenen Verfügung bezweifelt und war auch Gegenstand der in der Be-
schwerdeeingabe vom 14. Oktober 2018 gestellten Rechtsbegehren.
Diese Frage ist mithin Bestandteil des im vorliegenden Beschwerdeverfah-
ren vom Bundesverwaltungsgericht zu prüfenden Sachverhalts. Die Vor-
instanz war nicht befugt, während Hängigkeit des vorliegenden Verfahrens
E-5935/2018
Seite 19
Verfügungen betreffend die Feststellung der Personalien der Beschwerde-
führerin zu treffen. Im Weiteren erging die Verfügung vom 28. Juni 2019
erst nach Abschluss der beiden Schriftenwechsel und somit in einem Zeit-
punkt, in dem eine Wiedererwägung der angefochtenen Verfügung vom
14. September 2018 gemäss Art. 58 Abs. 1 VwVG prozessual nicht mehr
möglich war.
7.4 Die Verfügung der Aufenthaltssektion I des SEM vom 28. Juni 2019 be-
treffend die Änderung der Personalien der Beschwerdeführerin im ZEMIS
erging nach dem Gesagten in Verletzung des Devolutiveffekts. Mangels
funktionaler Zuständigkeit des SEM ist die Nichtigkeit dieser Daten-
änderungsverfügung festzustellen.
7.5 An dieser Stelle ist der Vollständigkeit halber auch auf die Widersprüch-
lichkeit des prozessualen Verhaltens des SEM hinzuweisen, wenn die zu-
ständige Verfahrenssektion während des Rekursverfahrens konsequent
die Auffassung vertritt, die Beschwerdeführerin sei unbekannter Nationali-
tät, eine Aufenthaltssektion des SEM hingegen feststellt, die Beschwerde-
führerin sei eritreische Staatsangehörige und werde als solche im ZEMIS
eingetragen. Wäre das SEM im Verlauf des Beschwerdeverfahrens zur Er-
kenntnis gelangt, die Beschwerdeführerin sei tatsächlich Eritreerin, hätte
die Vorinstanz konsequenterweise das Gericht um die Eröffnung eines wei-
teren Schriftenwechsels ersuchen und den angefochtenen Asyl- und
Wegweisungsentscheid in diesem Rahmen wiedererwägungsweise (ganz
oder teilweise) aufheben müssen. Das Festhalten an der Verfügung vom
14. September 2019 und die Änderung des ZEMIS-Eintrags sind auch in-
haltlich offensichtlich unvereinbar.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG). Die Wegweisung aus der Schweiz wird gemäss Art. 32
Abs. 1 Bst. a AsylV 1 nicht verfügt, wenn die asylsuchende Person im
Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist.
Gemäss Lehre und Rechtsprechung ist der grundsätzliche Anspruch auf
Erteilung einer solchen ausländerrechtlichen Bewilligung dem Besitz
gleichgestellt (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4.2 m.w.H.).
E-5935/2018
Seite 20
8.2 Art. 14 Abs. 1 AsylG regelt das Verhältnis des Asylverfahrens zu ande-
ren ausländerrechtlichen Verfahren und setzt den Grundsatz des Vorrangs
des Asylverfahrens fest. Demnach kann eine asylsuchende Person ab Ein-
reichung des Asylgesuchs bis zur Ausreise nach einer rechtskräftig ange-
ordneten Wegweisung, nach einem Rückzug des Asylgesuchs oder bis zur
Anordnung einer Ersatzmassnahme bei nicht durchführbarem Vollzug kein
Verfahren um Erteilung einer ausländerrechtlichen Aufenthaltsbewilligung
einleiten, ausser es bestehe ein Anspruch auf deren Erteilung. Ist dies der
Fall, geht die Zuständigkeit, die Wegweisung aus der Schweiz zu verfügen,
von den Asylbehörden auf die kantonale Ausländerbehörde über, welche
über die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zu befinden hat (vgl. zum
Ganzen: BVGE 2013/37 E. 4.4 S. 579 f. sowie Entscheidungen und Mittei-
lungen der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
2001 Nr. 21 E. 8d S. 175 f.).
8.3 Ist die asylsuchende Person nicht im Besitze einer Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung, ist im Asyl- und Wegweisungsverfahren nach
dem Gesagten mit Blick auf die mögliche Zuständigkeit der kantonalen
Ausländerbehörde daher vorfrageweise zu prüfen, ob die asylsuchende
Person sich im Sinn von Art. 14 Abs. 1 AsylG auf einen grundsätzlichen
Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung berufen kann (vgl.
EMARK 2001 Nr. 21 E. 10 S. 177). Soweit nicht Gesetz oder Freizügig-
keitsabkommen einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung
vermitteln, fällt als Anspruchsgrundlage Art. 8 EMRK in Betracht, wobei
diesbezüglich die bundesgerichtliche Rechtsprechung massgeblich ist, wo-
nach eine intakte und tatsächlich gelebte Familienbande zu nahen Ver-
wandten bestehen muss, die über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht in der
Schweiz verfügt (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4, insbes. E. 4.4.2.2; EMARK
2001 Nr. 21 E. 8a und b S. 173 f. sowie E. 9 S. 176 f.; BGE 135 I 143
E. 1.3.1 S. 145 f., BGE 130 II 281 E. 3.1 S. 285 f.; EMARK 2005 Nr. 3
E. 3.1 S. 31 f.).
8.4 Die vorfrageweise Prüfung der Aktenlage ergibt, dass die Beschwerde-
führerin sich – neben einem allfälligen Anspruch aus Art. 44 AIG – auf einen
grundsätzlichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung ge-
stützt auf Art. 8 EMRK berufen können dürfte: Dem Ehemann wurde in der
Schweiz das originäre Asyl gewährt; er verfügt unter diesen Umständen
praxisgemäss über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Zudem
leben sie seit der Einreise in die Schweiz in einem gemeinsamen Haushalt,
und sie haben zwei gemeinsame Kinder. Gemäss Akten (vgl. namentlich
die Eingabe an das SEM vom 8. November 2018) liegt mutmasslich eine
E-5935/2018
Seite 21
enge, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung vor. Ob die Be-
schwerdeführerin sämtliche sich aus dem Gesetz und der Rechtsprechung
ergebenden Voraussetzungen für die Erteilung einer Aufenthaltsbewilli-
gung erfüllt, wird gegebenenfalls durch die kantonale Migrationsbehörde
zu prüfen sein.
8.5 Somit ist die durch das SEM angeordnete Wegweisung aufzuheben
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4.2.2; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
E-1002/2014 vom 5. März 2015 E. 4.5). Die kantonale Migrationsbehörde
ist für die Beurteilung einer allfälligen Wegweisung der Beschwerdeführerin
zuständig. Die Beschwerde ist folglich betreffend Anordnung der Wegwei-
sung gutzuheissen und die angefochtene Verfügung in diesem Punkt auf-
zuheben.
8.6 Die Prüfung der Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Voll-
zugs der Wegweisung ist damit nicht mehr Gegenstand des vorliegenden
Verfahrens, sondern wäre gegebenenfalls durch die kantonale Behörde zu
prüfen, falls sie – einen Aufenthaltsanspruch verneinend – die Wegweisung
der Beschwerdeführerin anordnen würde.
9.
Zusammenfassend ist die Beschwerde im Asylpunkt abzuweisen. Hinge-
gen ist die Beschwerde betreffend Wegweisung der Beschwerdeführerin
aus der Schweiz gutzuheissen und die Dispositivziffer 3 sowie die darauf
basierenden Dispositivziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung sind
aufzuheben.
10.
10.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63
Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin ist bezüglich ih-
rer Anträge auf Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und Asylgewäh-
rung unterlegen. Bezüglich der Aufhebung der Wegweisung hat sie ob-
siegt. Praxisgemäss bedeutet dies für die Kosten-/Entschädigungsfrage
ein hälftiges Obsiegen.
10.2 Nach dem Gesagten wäre der Beschwerdeführerin aufgrund ihres
bloss teilweisen Obsiegens ein reduzierter Anteil der Verfahrenskosten auf-
zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Zwischenverfügung
E-5935/2018
Seite 22
vom 25. Oktober 2018 ihr Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte
dafür bestehen, dass sich ihre finanzielle Lage seither massgeblich verän-
dert hat, wird auf die Auferlegung von Verfahrenskosten verzichtet.
11.
11.1 Sodann ist der vertretenen Beschwerdeführerin angesichts ihres teil-
weisen Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine praxisge-
mäss um die Hälfte reduzierte Entschädigung für die ihr notwendigerweise
erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die amtliche Rechtsbeiständin hat mit der Eingabe vom 10. April 2019 eine
Kostennote zu den Akten gereicht. Der darin geltend gemachte zeitliche
Aufwand von 14 Honorarstunden erscheint den konkreten Umständen des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens nicht vollumfänglich angemessen;
der notwendige Vertretungsaufwand ist – unter Berücksichtigung der Ein-
gaben nach Einreichung der Kostennote – auf insgesamt 12 Stunden zu
kürzen.
11.2 Die reduzierte Parteientschädigung, die durch das SEM zu vergüten
ist, ist auf der Basis des in der Honorarnote ausgewiesenen Stundenan-
satzes von Fr. 250.– somit auf insgesamt Fr. 1670.– (inkl. die Hälfte der
Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzulegen.
11.3 Mit der Instruktionsverfügung vom 25. Oktober 2018 wurde ausser-
dem das Gesuch der Beschwerdeführerin um amtliche Verbeiständung
gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 VwVG) und ihre Rechtsvertreterin als amt-
liche Rechtsbeiständin eingesetzt. Diese hat, soweit die Beschwerdeführe-
rin im Verfahren unterlegen ist, Anspruch auf Übernahme notwendiger-
weise erwachsenen Vertretungskosten durch das Bundesverwaltungsge-
richt (vgl. Art. 8–14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
11.4 Wie in der Zwischenverfügung vom 25. Oktober 2018 angekündigt,
ist bei anwaltlichen Rechtsbeiständen von einem Stundenansatz von ma-
ximal Fr. 220.– auszugehen. Demzufolge ist der amtliche Rechtsbeiständin
ein Gesamtbetrag von Fr. 1475.– (inkl. die Hälfte der Auslagen und Mehr-
wertsteueranteil) durch das Gericht zu vergüten.
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Seite 23