Decision ID: ba31d778-6b02-59eb-9c9b-524386509081
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Juni 1998 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Zentrum für
medizinische Begutachtung (ZMB) im August 2000 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-
act. 33). Die Sachverständigen führten aus, die Versicherte leide an einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung, an einer chronischen Lumboischialgie rechts (bei
Discushernie L5/S1 mit leichter Kompression der Nervenwurzel S1) sowie an
respiratorischen Beschwerden bei einer bekannten Allergie auf Milben und
Entenfedern. Aus orthopädischer Sicht sei die Versicherte in leidensadaptierten
Tätigkeiten „praktisch normal“ arbeitsfähig. In psychiatrischer Hinsicht stehe das
depressiv-adyname Verhalten der Versicherten im Vordergrund. Erhebliche
psychosoziale Faktoren würden das Krankheitsbild wesentlich mitbestimmen. Das
psychiatrische Leiden beeinträchtige die Arbeitsfähigkeit zu etwa einem Drittel. Mittels
geeigneter somatischer und psychiatrischer Massnahmen (konsequentes Training der
Rücken- und Bauchmuskulatur, Beinlängenkorrektur, straffe, eventuell kognitiv
strukturierte psychiatrische Führung, aggressivere antidepressive Behandlung) könne
die Arbeitsfähigkeit prognostisch auf etwa 80 Prozent gesteigert werden. Aktuell liege
die Arbeitsfähigkeit gesamthaft in einer dem Rücken adaptierten Tätigkeit bei 50
Prozent. Die quantitative Einschränkung stehe im Zusammenhang mit dem
psychiatrischen Leiden. Mit einer Verfügung vom 20. Dezember 2001 (IV-act. 59)
sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung ab dem 1. August 1999 eine
Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 48 Prozent zu (am 19. September 2002
wurde eine Härtefallrente zugesprochen; IV-act. 70). Das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen hiess einen dagegen erhobenen Rekurs mit einem Entscheid vom
27. März 2003 (IV 2002/19; vgl. IV-act. 78) gut und sprach der Versicherten eine halbe
Rente bei einem Invaliditätsgrad von 55 Prozent zu.
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A.b Im Februar 2012 eröffnete die IV-Stelle ein Anpassungsverfahren im Sinne der
Schlussbestimmungen zur Änderung des IVG im Rahmen des ersten
Massnahmenpaketes der 6. IVG-Revision („IV-Revision 6a“). Die Versicherte, ihr
Hausarzt und der behandelnde Psychiater gaben an, der Gesundheitszustand der
Versicherten habe sich seit der Rentenzusprache nicht wesentlich verändert (vgl. IV-
act. 110 und 121). Im August 2012 führte ein Arzt des IV-internen regionalen ärztlichen
Dienstes (RAD) aus, es liege ein so genanntes pathogenetisch-ätiologisch unklares
syndromales Beschwerdebild ohne nachweisbare organische Genese im Sinne der
Schlussbestimmungen IV-Revision 6a vor (IV-act. 122). Mit einer Verfügung vom 26.
November 2012 hob die IV-Stelle die laufende halbe Rente auf das Ende des der
Zustellung der Verfügung folgenden Monats auf (IV-act. 133). Das Versicherungsgericht
hiess eine gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde mit einem Entscheid vom 15.
Januar 2014 teilweise gut (IV 2013/4; vgl. IV-act. 148). Es führte aus, die
Rentenaufhebung gestützt auf die Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a wäre zwar
grundsätzlich zulässig gewesen, doch sei der aktuelle Gesundheitszustand der
Versicherten nicht ausreichend abgeklärt worden. Der Hausarzt der Versicherten habe
nämlich in einem Bericht vom Februar 2009 eine Discusdegeneration mit Protrusion auf
der Höhe L4/5 und Einengung des Recessus lateralis links sowie auf der Höhe L4/S1
median bis paramedian rechts, möglicherweise mit Tangierung der Nervenwurzel S1
rechts erwähnt. Weil der orthopädische Sachverständige des ZMB in seinem
Teilgutachten lediglich auf eine kleine mediale und rechtslaterale Discushernie L5/S1
mit leichter Kompression der Nervenwurzel S1 hingewiesen habe, bestehe ein Grund
zur Annahme, der Gesundheitszustand der Versicherten habe sich seit der
Rentenzusprache verschlechtert. Diesbezüglich drängten sich weitere Abklärungen auf.
Das Versicherungsgericht hob die Verfügung vom 26. November 2012 deshalb auf und
wies die Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle zurück.
A.c Am 24. März 2014 berichtete der Hausarzt der Versicherten (IV-act. 149–1 ff.),
dieser sei aufgrund ihrer Lumboischialgie, ihrer depressiven Verstimmung und einer
Eisenmangelanämie nur noch eine leidensadaptierte Tätigkeit im Umfang von 45
Prozent zumutbar. Gemäss den beigelegten Berichten (IV-act. 149–9 ff.) war im
September 2013 ein MRI der Wirbelsäule angefertigt worden, das einen im Vergleich zu
einem im Jahr 2008 erstellten MRI unveränderten Befund gezeigt hatte; im Oktober
2013 war der Versicherten ein Eisenpräparat injiziert worden. Am 16. Juni 2014
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berichtete der behandelnde Psychiater (IV-act. 154), die Versicherte leide seit dem Jahr
2003 an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig
mittelgradigen Episode und somatischen Symptomen, an einer ängstlichen
Persönlichkeitsstörung, an einem chronifizierten lumbo-sacralen Syndrom sowie an
einem Asthma bronchiale. Eine leidensadaptierte Tätigkeit sei ihr zu 50 Prozent
zumutbar. Der RAD-Arzt empfahl am 28. Juli 2014 die Einholung eines polydisziplinären
Gutachtens (IV-act. 158). Am 3. November 2014 erstattete die medizinische
Abklärungsstelle (MEDAS) Ostschweiz ein solches Gutachten (IV-act. 165). Die
Sachverständigen führten aus, die Versicherte leide an chronischen
lumbospondylogenen Rückenschmerzen, an einer muskulären Dysbalance der Lenden-
Becken-Beinregion sowie unter anderem – ohne wesentliche Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit – an einem allergischen Asthma bronchiale, an einem Status nach einer
Eisenmangelanämie, an einer chronischen Schmerzstörung, an einer leichten
depressiven Störung im Rahmen der Schmerzproblematik und an akzentuierten
ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitszügen. Aus internistischer und aus
psychiatrischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt. In psychiatrischer
Hinsicht sei dem Umstand Rechnung zu tragen, dass sich die Rechtslage verändert
habe und die im Jahr 2000 vom ZMB diagnostizierten psychischen Beeinträchtigungen
nun keine Arbeitsunfähigkeit mehr begründeten. Aus orthopädischer Sicht sei aufgrund
der Schmerzen respektive des daraus resultierenden Bedarfs nach vermehrten Pausen
und wegen der Verlangsamung von einer Einschränkung von 20 Prozent auszugehen.
Der Versicherten seien nur noch leidensadaptierte Tätigkeiten zumutbar. Der RAD-Arzt
erachtete das Gutachten am 10. November 2014 als überzeugend (IV-act. 167). Eine
Sachbearbeiterin notierte am 21. November 2014 (IV-act. 168), der Invaliditätsgrad
betrage neu null Prozent. Da die Rentenaufhebungsverfügung am 26. November 2012
erlassen worden sei, sei die Zweijahresfrist für berufliche Massnahmen (gemeint wohl
im Sinne von lit. a Abs. 3 der Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a) bereits
verstrichen.
A.d Mit einem Vorbescheid vom 25. November 2014 teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit, dass sie die Rente aufheben werde (IV-act. 169). Dagegen liess die Versicherte
einwenden (IV-act. 174), sie habe die Rente damals wegen ihrer Allergie und wegen der
Rückenproblematik erhalten. Eine 6a-Revision sei deshalb unzulässig. Irritierend sei,
dass die Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz die Beschwerden trotz der massiv
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deformierten Wirbelsäule und trotz der von blossem Auge erkennbaren Discushernie
als „PÄUSBONOG“-Leiden abgetan hätten. Wenn die Rente aber gestützt auf die
Schlussbestimmungen der IV-Revision 6a aufgehoben werde, müsse gestützt auf diese
Schlussbestimmungen ein Eingliederungsversuch durchgeführt und eine zweijährige
Übergangsrente ausgerichtet werden. Daran könne der Umstand, dass seit dem Erlass
der aufgehobenen ersten Verfügung vom November 2012 zwei Jahre vergangen seien,
nichts ändern. Es könne nicht sein, dass die IV-Stelle mit ihrem Vorpreschen, die Rente
„manu militari“ und ohne Begutachtung aufzuheben, sich von der gesetzlichen Pflicht,
die Rente während zwei Jahren zu bezahlen, einfach „entschlagen“ könne. Dies sei
krass rechtsmissbräuchlich und stelle eine Verletzung der EMRK-Garantien dar. Am 12.
März 2015 verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem Vorbescheid vom 25. November 2014
(IV-act. 176). Das Dispositiv lautete: „Die Rente wurde bereits aufgehoben. Die
Aufhebung erfolgte zu Recht“. Bezugnehmend auf die Einwände der Versicherten
führte sie aus, sie habe dieser bereits am 13. Juni 2012 berufliche Massnahmen
angeboten. Die Versicherte habe aber kein Interesse daran gezeigt. Die
Aufhebungsverfügung sei dann am 26. November 2012 ergangen. Einer Beschwerde
sei die aufschiebende Wirkung entzogen worden, weshalb die Beschwerdeerhebung
allein die maximale Dauer von zwei Jahren ab dem Zeitpunkt der Aufhebungsverfügung
nicht unterbrochen habe. Die Frist sei verstrichen.
B.
B.a Am 27. April 2015 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 12. März 2015 und die Weiterausrichtung der bisherigen Rente sowie
eventualiter die Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur Durchführung
einer erneuten Begutachtung unter Einschluss eines Pneumologen/Dermatologen. Zur
Begründung führte er aus, das Vorgehen der IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) sei rechtsmissbräuchlich. Sie könne die Rente nicht ohne jede
Abklärung aufheben und sich dann später darauf berufen, die Zweijahresfrist sei nun
bereits verstrichen. Die Beschwerden der Beschwerdeführerin könnten aber ohnehin
nicht als „PÄUSBONOG“-Leiden abgetan werden, denn selbst die Sachverständigen
der MEDAS Ostschweiz hätten auf degenerative Veränderungen der Wirbelsäule sowie
auf ein allergisches Asthma bronchiale hingewiesen. Wenn ein Hausarzt sich als
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internistischer Sachverständiger betätige und wenn er dann noch „derart alt“ wie der
vorliegend mit der internistischen Begutachtung beauftragte Sachverständige sei, fehle
ihm die notwendige Fachkompetenz, um die Tragweite der allergischen Beschwerden
vollumfänglich zu erfassen. Deshalb müsse die Beschwerdeführerin erneut
polydisziplinär unter Mitwirkung eines Dermatologen/Pneumologen begutachtet
werden. Der Vorwurf der Beschwerdegegnerin, die Beschwerdeführerin sei nicht
arbeitswillig, gehe fehl, denn diese habe schon schriftlich um berufliche Massnahmen
ersucht, bevor das Parlament die IV-Revision 6a überhaupt behandelt habe.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 16. Juni 2015 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, das Versicherungsgericht habe
bereits verbindlich entschieden, dass die Aufhebung der Rente in Anwendung der
Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a grundsätzlich zulässig gewesen sei.
Bezüglich der Eingliederung sei auf die angefochtene Verfügung zu verweisen, wobei
allerdings nicht am 13. Juni 2012, sondern am 13. September 2012 berufliche
Massnahmen angeboten worden seien. Die Beschwerdeführerin habe darauf nicht
reagiert. Das Gutachten der MEDAS Ostschweiz sei nachvollziehbar und überzeugend.
Die Beschwerdeführerin habe eine sehr gute Lungenfunktion gezeigt. Ein geklagter
Juckreiz am ganzen Körper habe nicht objektiviert werden können. Angesichts der
blanden pneumologischen und dermatologischen Befundlage habe kein Anlass zur
Durchführung einer entsprechenden Consiliarbegutachtung bestanden.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 17. August 2015 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 7). Zur Begründung führte sie ergänzend aus, das Verfahren sei zu sistieren, bis
neue Richtlinien der Fachgesellschaften zur Änderung der Rechtsprechung des
Bundesgerichtes bezüglich der so genannten syndromalen Leiden vorlägen. Die
Beschwerdeführerin habe schon am 14. November 2010 um die Gewährung von
beruflichen Massnahmen ersucht. Die Beschwerdegegnerin könne dies nicht einfach
ignorieren. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 9).

Erwägungen
1.
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Die Beschwerdegegnerin scheint davon ausgegangen zu sein, dass ihre Verfügung
vom 26. November 2012 nach wie vor Rechtswirkungen entfalte. Sie hat nämlich in der
angefochtenen Verfügung vom 12. März 2015 nicht etwa die Rente (erneut)
aufgehoben, sondern diese mit einem Feststellungsdispositiv versehen: „Die Rente
wurde bereits aufgehoben. Die Aufhebung erfolgte zu Recht“. Dabei hat sie verkannt,
dass die Verfügung vom 26. November 2012 vom Versicherungsgericht explizit
aufgehoben worden ist (vgl. die Ziff. 1 des Dispositivs des Entscheides IV 2013/4 vom
15. Januar 2014). Die Beschwerdegegnerin hätte also das Dispositiv der
angefochtenen Verfügung anders formulieren müssen. Da sich der Verfügung vom 12.
März 2015 aber eindeutig entnehmen lässt, was der eigentliche Verfügungswille der
Beschwerdegegnerin gewesen ist – nämlich die Rentenaufhebung gestützt auf die
Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a –, kommt der falschen Formulierung im
Dispositiv keine entscheidende Bedeutung zu.
2.
2.1 Gemäss der lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a werden
Renten, die bei pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern
ohne nachweisbare organische Genese zugesprochen worden sind, herabgesetzt oder
aufgehoben, wenn die Voraussetzungen des Art. 7 ATSG nicht erfüllt sind. Bei dieser
Übergangsbestimmung handelt es sich um ein neues, zusätzliches Korrekturinstrument
für bestimmte, formell rechtskräftige Rentenverfügungen. Der Gesetzgeber hat einen
Bedarf gesehen, laufende Renten, auf die die in BGE 130 V 352 eingeführte
Bundesgerichtspraxis zu den somatoformen Schmerzstörungen anzuwenden wäre,
nachträglich einer Überprüfung im Sinne dieser Praxis zu unterziehen. Die Renten
sollen aufgehoben oder herabgesetzt werden können, wenn sie dieser nachträglichen
Überprüfung nicht standhalten, und zwar auch dann, wenn weder die Voraussetzungen
für eine Revision im Sinne des Art. 17 ATSG noch jene für eine so genannt prozessuale
Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) oder eine Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2 ATSG) erfüllt
sind. Es handelt sich also um eine Anpassung von Renten an eine geänderte
Bundesgerichtspraxis.
2.2 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat sich auf den Standpunkt gestellt,
dass kein Anwendungsfall der oben erwähnten Norm vorliege, weil die Rente nicht
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aufgrund einer somatoformen Schmerzstörung, sondern wegen eines Asthma
bronchiale und wegen objektivierbaren Rückenbeschwerden zugesprochen worden sei.
Diese Argumentation geht fehl, denn bereits im Entscheid IV 2013/4 vom 15. Januar
2014 (E. 2.1) ist ausführlich begründet festgestellt worden, dass es sich vorliegend um
einen Anwendungsfall der Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a handelt. Die
Behauptung des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin ist aktenwidrig, denn dem
Gutachten des ZMB lässt sich ohne weiteres entnehmen, dass die von den
Sachverständigen damals attestierte Arbeitsunfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten ihren
Grund ausschliesslich in der somatoformen Schmerzstörung gehabt hat.
2.3 Allerdings hat sich die Rechtslage seit dem Entscheid IV 2013/4 – erneut –
geändert. Das Bundesgericht hat nämlich in seinem Leitentscheid BGE 141 V 281 die
im BGE 130 V 352 begründete Rechtsprechung, wonach Versicherte ihre Schmerzen
vermutungsweise „überwinden“ könnten, aufgegeben. Die Schlussbestimmungen zur
IV-Revision 6a beziehen sich deshalb nun auf eine überholte Änderung der
Rechtsprechung. Auch wenn der BGE 141 V 281 als eine gewichtige Kehrtwende bei
der Würdigung von so genannten syndromalen Leiden in IV-Verfahren gefeiert wird,
dürfte diese Rechtsprechungsänderung jedoch in der Praxis keine weitreichenden
Folgen zeitigen. Das Bundesgericht hat zwar die Überwindbarkeitsvermutung
aufgegeben, aber gleichzeitig deutlich gemacht, dass es nach wie vor („im Zuge der
objektivierten Betrachtungsweise“; vgl. BGE 141 V 281 E. 372 S. 296) davon ausgehe,
eine versicherte Person gelte als valid, bis das Gegenteil bewiesen sei. Neu wird zwar
nicht mehr anhand eines Kriterienkataloges geprüft, ob die „Überwindung“ der
Schmerzen ausnahmsweise unzumutbar sei. Dieser Kriterienkatalog ist durch einen
Indikatorenkatalog ersetzt worden, der es im Einzelfall erlauben soll, die Vermutung der
Validität zu widerlegen. An der Sichtweise des Bundesgerichtes in Bezug auf
syndromale Leiden und am Vorgehen im Einzelfall hat sich also weniger geändert, als
auf den ersten Blick vermutet werden könnte. Es verwundert daher nicht, dass das
Bundesgericht deutlich festgehalten hat: „Des Weiteren bringt diese Änderung der
Rechtsprechung keine Abkehr von der (zu lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen zur
IV-Revision 6a ergangenen) Rechtsprechung gemäss BGE 139 V 547“ (BGE 141 V 281
E. 3.72 S. 295). Der BGE 141 V 281 hat also die Rechtslage nicht derart gravierend
verändert, dass eine Anwendung der Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a nun
ausgeschlossen wäre. Die bedeutendste Änderung dürfte in der Notwendigkeit einer
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Prüfung der neu in den Fokus getretenen verbliebenen Ressourcen aus medizinischer
Sicht erblickt werden. Dies erfordert, dass medizinische Gutachten sich neu zu diesen
Ressourcen respektive (allgemeiner formuliert) zu den Indikatoren äussern. Die
Würdigung von medizinischen Gutachten hat entsprechend nicht mehr unter dem
Blickwinkel der „Überwindbarkeitsvermutung“ und den dazu gehörenden
Ausnahmekriterien, sondern aus der „moderneren“ objektivierten Betrachtungsweise
anhand der relevanten Indikatoren zu erfolgen. Bei der Anwendung der
Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a kommt dem BGE 141 V 281 also letztlich nur
insofern eine Bedeutung zu, als die Überprüfung nicht mehr anhand der veralteten
Richtlinien gemäss dem BGE 130 V 352, sondern nun anhand der „modernisierten“, im
BGE 141 V 281 dargelegten Variante zu erfolgen hat.
2.4 Das Gutachten der MEDAS Ostschweiz vom 3. November 2014 ist noch vor der
erwähnten Rechtsprechungsänderung erstellt worden und hat sich dementsprechend
nicht am BGE 141 V 281, sondern noch am BGE 130 V 352 orientiert. Das bedeutet
allerdings nicht, dass es nun zur Ermittlung des relevanten Sachverhaltes untauglich
wäre. Massgebend ist, ob es die gemäss dem BGE 141 V 281 relevanten Fragen
beantwortet. Es muss also Ausführungen zur Ausprägung der diagnoserelevanten
Befunde und Symptome, zum Behandlungserfolg respektive zur Behandlungsresistenz,
zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Persönlichkeitsstruktur, zu den grundlegenden
psychischen Funktionen, zum sozialen Kontext und zur Konsistenz enthalten (vgl. BGE
141 V 281 E. 4 S. 296 ff.). Die Sachverständigen der MEDAS Ostschweiz haben die von
ihnen in den jeweiligen persönlichen Untersuchungen der Beschwerdeführerin
erhobenen Befunde detailliert festgehalten und ihre Diagnosen überzeugend anhand
dieser Befunde sowie der anamnestischen Angaben in den Vorakten begründet. Die
psychiatrische Sachverständige hat sich eingehend mit der Persönlichkeitsentwicklung
und der Persönlichkeitsstruktur der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt und sich
ausführlich zu den erhaltenen Funktionen respektive zu den Ressourcen geäussert. Sie
hat auch zur Behandlung der vergangenen Jahre, zum sozialen Kontext und zur
Konsistenz Stellung genommen. Das Gutachten der MEDAS Ostschweiz enthält also
alle Angaben, die gemäss dem BGE 141 V 281 in einem polydisziplinären Gutachten
beim Vorliegen einer syndromalen Störung enthalten sein müssen. Für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung haben die Sachverständigen allerdings nicht konsequent
auf diese (eigenen) Angaben abgestellt, sondern sich vielmehr von den so genannten
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Foerster’schen Kriterien gemäss dem BGE 130 V 352 leiten lassen. Dem
psychiatrischen Teilgutachten lässt sich entnehmen, dass die psychiatrische
Sachverständige die Foerster’schen Kriterien als nur teilweise erfüllt, die
„ausnahmsweise anzunehmende Unzumutbarkeit einer willentlichen Überwindbarkeit
der Schmerzen“ folglich verneint und deshalb eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit
attestiert hat (vgl. IV-act. 165–22). Dem Gutachten lässt sich nicht entnehmen, ob die
Sachverständigen dieselbe Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben hätten, wenn sie
sich nicht am BGE 130 V 352, sondern am BGE 141 V 281 orientiert hätten. Das
Gutachten der MEDAS Ostschweiz enthält folglich keine überzeugende
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Dies hätte der Beschwerdegegnerin auffallen müssen,
denn ihr sind die Änderung der Rechtsprechung und die neuen Anforderungen an
polydisziplinäre Gutachten bekannt gewesen. Dennoch hat sie weder eine Rückfrage
an die Sachverständigen gerichtet noch eine weitere Begutachtung in Auftrag gegeben,
sondern vielmehr trotz der ungenügenden Aktenlage die Rente aufgehoben. Dadurch
hat sie ihre Untersuchungspflicht verletzt (Art. 43 Abs. 1 ATSG). Es kann nicht die
Sache des Versicherungsgerichtes sein, dieses Versäumnis nachzuholen und die
ureigenste Aufgabe der Verwaltung – die Sachverhaltsabklärung – für diese
durchzuführen. Die in Verletzung der Untersuchungspflicht ergangene und deshalb
rechtswidrige Verfügung ist deshalb aufzuheben und die Sache ist zur Fortsetzung der
Sachverhaltsabklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.
Die Rückweisung einer Sache zur weiteren Abklärung gilt hinsichtlich der Kosten- und
Entschädigungsfolgen rechtsprechungsgemäss als vollständiges Obsiegen der
Beschwerde führenden Partei. Folglich hat die unterliegende Beschwerdegegnerin die
Gerichtskosten zu tragen, die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes
auf 600 Franken festzusetzen sind. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete
Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten. Der angemessene
Vertretungsaufwand erweist sich als unterdurchschnittlich, da der Rechtsvertreter mit
der Sache bereits aufgrund des früheren Beschwerdeverfahrens bestens vertraut
gewesen ist und da seither nur wenige Akten hinzugekommen sind. Die
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Parteientschädigung ist deshalb auf 2’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzusetzen.