Decision ID: b2bd341d-b981-5512-bcd4-99a0f776fb89
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Mit Schreiben vom 4. Mai 2018 wurde A. von der Steuerverwaltung Appenzell
Ausserrhoden (nachfolgend: Steuerverwaltung) ein erstes Mal gemahnt, die
Steuererklärung 2017 einzureichen, da die Frist zu deren Einreichen abgelaufen sei. Weiter
wurde er auf die Möglichkeit der Beantragung einer Fristverlängerung hingewiesen und
darauf aufmerksam gemacht, dass bei Nichteinreichen der Steuererklärung eine
Veranlagung nach Ermessen vorgenommen und allenfalls eine Busse ausgesprochen
werde. Im Übrigen sei jede weitere Mahnung kostenpflichtig (act. 8.2).
B. Am 22. Juni 2018 wurde A. ein zweites Mal gemahnt, die Steuerklärung 2017 einzureichen
und es wurde ihm hierzu Frist bis zum 12. Juli 2018 gesetzt. Im Übrigen wurde er erneut
auf die Unterlassungsfolgen sowie die Voraussetzungen für die Anfechtung einer
Ermessensveranlagung hingewiesen (act. 8.3).
C. Mit Schreiben vom 6. Juli 2018 wurde A. eine Fristverlängerung zur Einreichung der
Steuererklärung 2017 bis 31. Dezember 2018 gewährt (act. 8.4).
D. Am 16. April 2019 wurde A. für die Direkte Bundessteuer 2017 nach Ermessen veranlagt
(act. 8.5).
E. Am 10. September 2019 reichte A. die Steuererklärung 2017 ein. Deren Eingang wurde von
der Steuerverwaltung bestätigt (act. 8.6).
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F. Im Einspracheentscheid vom 26. September 2019 führte die Steuerverwaltung aus, dass
mit dem Einreichen der Steuererklärung 2017 am 10. September 2019 Einsprache gegen
die Veranlagungsverfügung betreffend die Steuerperiode 2017 erhoben worden sei.
Letztere Verfügung sei seit langem rechtskräftig. A. mache weder einen Hinderungsgrund
betreffend Fristeinhaltung geltend noch die rechtzeitige Nachholung des Versäumten.
Daher sei auf die Einsprache nicht einzutreten (act. 8.7).
G. Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die von A. am 11. Oktober 2019
(Postaufgabe: 14. Oktober 2019) erhobene Beschwerde an das Obergericht Appenzell
Ausserrhoden. Er stellt sich auf den Standpunkt, dass er zum Zeitpunkt der Fälligkeit der
Eingabe der Steuererklärung aufgrund seines Spitalaufenthaltes und der anschliessenden
Rehabilitation nicht im Stande gewesen sei, eine solche einzureichen. Seiner Einschätzung
nach sei er frühestens ca. Oktober 2018 wieder in der Lage gewesen, sich um
administrative Belange zu kümmern. Durch die damals bevorstehende
Gerichtsverhandlung seien seine persönlichen Ressourcen jedoch stark gebunden
gewesen und es habe ihm die Unterstützung gefehlt. Erst durch den Eintritt in die
Strafanstalt Saxerriet habe er diese erhalten, um administrative Notwendigkeiten mit der
angemessenen Sorgfalt zu erledigen (act. 1).
H. Mit Vernehmlassung vom 25. November 2019 beantragt die Steuerverwaltung die Ab-
weisung der Beschwerde. Sie stellt sich im Wesentlichen auf den Standpunkt, A. habe die
Einsprachefrist klar nicht eingehalten. Dem der Beschwerde beigelegten Austrittsbericht
des Kantonsspitals St. Gallen sei zu entnehmen, dass seine Verletzung und der
Spitalaufenthalt erst nach Ablauf der Einsprachefrist Mitte Mai 2019 (sic!) erfolgt sei (act. 7).
I. Mit Replik vom 10. Dezember 2019 hielt A. an seinem Standpunkt fest. Er sei in der Zeit vor
seiner Selbstverletzung aufgrund persönlicher Probleme nicht in der Lage gewesen, sich
mit administrativen Dingen wie einer Steuererklärung zu beschäftigen. Nach seiner
Verletzung sei er bis Januar 2019 mit seiner Genesung beschäftigt gewesen. Zudem sei er
Anfang Dezember 2018 zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt worden, welche er
Mitte Juni 2019 angetreten habe (act. 10).
J. Die Steuerverwaltung verzichtete stillschweigend auf eine Duplik. Auch die Eidgenössische
Steuerverwaltung, Hauptabteilung Direkte Bundessteuer, verzichtete stillschweigend auf
eine Stellungnahme.
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K. Auf weitere Einzelheiten im Sachverhalt und in den Akten sowie die Vorbringen der Par-
teien in den Rechtschriften wird, soweit für die Beurteilung entscheidrelevant, in den nach-
folgenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen
1. Formelles
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form- und
Fristerfordernisse erfüllt sind. Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
2. Materielles
2.1
In materieller Hinsicht geht es um die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf die vom
Beschwerdeführer sinngemäss erhobene Einsprache gegen die Ermessensveranlagung
eingetreten ist oder nicht.
2.2
Aus den Akten geht hervor, dass der Beschwerdeführer erstmals am 4. Mai 2018 zur
Einreichung der Steuererklärung ermahnt wurde mit der Empfehlung, allenfalls eine
Fristverlängerung zu beantragen sowie mit der Androhung, bei Nichteinreichen der Steuer-
erklärung eine Veranlagung nach Ermessen vorzunehmen. Vom 29. Mai 2018 bis 23. Juni
2018 war der Beschwerdeführer im Kantonsspital St. Gallen hospitalisiert mit
anschliessendem Rehabilitationsaufenthalt (act. 2.2 und act. 2.3). Am 22. Juni 2018
erfolgte die zweite Mahnung, verbunden mit der vorerwähnten Androhung sowie der
Erklärung, welche Voraussetzungen bei der Anfechtung einer Ermessensveranlagung zu
beachten sind. Am 6. Juli 2018 wurde dem Beschwerdeführer auf dessen Wunsch hin eine
Fristverlängerung bis 31. Dezember 2018 gewährt.
Am 16. April 2019 wurde der Beschwerdeführer für die Direkte Bundessteuer 2017 nach
Ermessen veranlagt und ihm die Veranlagungsverfügung samt Rechtsmittelbelehrung
zugesandt. Am 10. September 2019, mithin rund drei Monate nach Ablauf der dem
Beschwerdeführer mit der Veranlagungsverfügung eröffneten Einsprachefrist, ging bei der
Steuerverwaltung die Steuererklärung 2017 ein. Mit der Eingangsbestätigung der
Steuerverwaltung vom 16. September 2019 wurde dem Beschwerdeführer mitgeteilt, dass
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von der Steuerkommissärin geprüft werde, ob die Steuererklärung 2017 als Einsprache
gegen die Ermessensveranlagung behandelt werden könne. Letzteres wurde im
Einspracheentscheid vom 26. September 2019 zwar bejaht, doch wurde mangels
Geltendmachung eines Hinderungsgrundes betreffend Fristeinhaltung sowie mangels
rechtzeitiger Nachholung des Versäumten nicht auf die Einsprache eingetreten.
2.3
Vorliegend ist aufgrund der Akten und der Vorbringen der Parteien grundsätzlich
unbestritten, dass der Beschwerdeführer mit Einreichung der Steuererklärung 2017 am
10. September 2019 die gesetzliche 30-tägige Einsprachefrist gegen die
Ermessensveranlagung vom 16. April 2019 versäumt hat (Art. 132 Abs. 1 des
Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 über die direkte Bundessteuer [DBG, SR
642.11]).
Zu prüfen ist somit, ob die versäumte Frist nach Massgabe von Art. 133 Abs. 3 DBG
wiederherzustellen ist.
2.3.1
Auf verspätete Einsprachen wird nur eingetreten, wenn die steuerpflichtige Person nach-
weist, dass sie durch Militär- oder Zivildienst, Krankheit, Landesabwesenheit oder andere
erhebliche Gründe an der rechtzeitigen Erhebung der Einsprache verhindert war und dass
die Einsprache innert 30 Tagen nach Wegfall der Hinderungsgründe eingereicht wurde
(Art. 133 Abs. 3 DBG).
2.3.2
Der Steuerpflichtige – beziehungsweise dessen gesetzlicher oder vertraglicher Vertreter
sowie gegebenenfalls dessen Hilfspersonen – muss aufgrund erheblicher Gründe an der
Einhaltung der Frist gehindert worden sein. Das Gesetz nennt ausdrücklich
Hinderungsgründe, jedoch ist diese Aufzählung nicht abschliessend. Entscheidend ist stets,
dass der Grund den Steuerpflichtigen beziehungsweise seinen Vertreter objektiv daran
gehindert hat, die Frist einzuhalten, und dieser nicht mehr in der Lage gewesen ist,
rechtzeitig die nötigen Schritte zur Fristwahrung zu unternehmen. Dazu gehört
beispielsweise die Unterrichtung der Behörde von der bevorstehenden Abwesenheit, damit
laufende Fristen erstreckt werden können oder in der Abwesenheit keine Verfügungen oder
Entscheide zugestellt werden (ZWEIFEL/HUNZIKER, in: Zweifel/Beusch [Hrsg.],
Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, 3. Aufl. 2017, N. 19 zu Art. 133 DBG mit
zahlreichen Hinweisen).
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Der Säumige hat die versäumte Rechtshandlung innert 30 Tagen nach Wegfall des
Hinderungsgrundes nachzuholen, beispielsweise die Steuererklärung beizubringen.
Schliesslich obliegt dem Säumigen der Nachweis des Hinderungsgrundes und der
rechtzeitigen Nachholung des Versäumten (ZWEIFEL/HUNZIKER, a.a.O., N. 20 und N. 21 zu
Art. 133 DBG).
2.3.3
Massgebend zur Prüfung der Frage der Wiederherstellung ist vorliegend somit der
unmittelbare Zeitraum nach dem Versand der Ermessensveranlagung vom 16. April 2019.
Aus dem vom Beschwerdeführer eingereichten Vollzugsausweis der Strafanstalt Saxerriet
ergibt sich, dass der Vollzugsbeginn am 4. Mai 2019 war und der Eintritt in die Strafanstalt
am 17. Juni 2019 erfolgte (act. 11.1). Zwar ist aufgrund der Ausführungen des
Beschwerdeführers ohne weiteres nachvollziehbar, dass er sich auch im Jahr 2019
– sowohl in gesundheitlicher als auch persönlicher Hinsicht – noch in einer schwierigen
Lebenssituation befand. Dass es dem Beschwerdeführer im April/Mai 2019, nach Eingang
der Ermessensveranlagung, nicht mehr möglich gewesen ist, seine steuerlichen
Angelegenheiten selbst zu erledigen beziehungsweise eine Vertrauensperson oder einen
Dritten damit zu beauftragen, lässt sich den Akten nicht entnehmen und erscheint auch
unwahrscheinlich. Insbesondere, da ihn der bevorstehende längere Gefängnisaufenthalt
ohnehin dazu zwang beziehungsweise ihn dazu hätte veranlassen müssen, die Behörden,
mit denen er in Kontakt stand, von der bevorstehenden Abwesenheit zu informieren oder
aber wie erwähnt einen Vertreter zu bestimmen, der während seines Gefängnisaufenthaltes
seine administrativen Angelegenheiten übernahm. Kein Hinderungsgrund für die
Organisation einer Vertretung beziehungsweise für das rechtzeitige Einreichen einer
Einsprache gegen die Ermessensveranlagung vom 16. April 2019 wäre auch dann
gegeben, wenn ihm zwischen Eingang der Ermessensveranlagung und Vollzugsbeginn am
4. Mai 2019 nicht die vollen 30 Tage Einsprachefrist zur Verfügung gestanden hätte, jedoch
erfolgte der effektive Eintritt in die Strafanstalt offenbar am 17. Juni 2019
(ZWEIFEL/HUNZIKER, a.a.O., N. 19 zu Art. 133 DBG ).
Zusammenfassend hat die Vorinstanz zu Recht das Gesuch um Fristwiederherstellung
abgewiesen. Somit ist die Beschwerde abzuweisen.
3. Kosten- und Entschädigungsfolgen
3.1
Beim vorliegenden Verfahrensausgang sind die Gerichtskosten dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen, wobei sich die Höhe der Kosten nach dem kantonalen Recht bestimmt
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(Art. 144 Abs. 1 und Abs. 5 DBG i.V.m. Art. 11 der Verordnung über die Durchführung des
Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer [bGS 625.11]). Das Obergericht erhebt für
seine Urteile in Verwaltungssachen Gebühren bis Fr. 5'000.-- (Art. 4a des Gesetzes vom
25. April 1982 über die Gebühren in Verwaltungssachen [bGS 233.2]) Innerhalb des
Gebührenrahmens sind die Gebühren nach dem Zeit- und Arbeitsaufwand, der Bedeutung
des Geschäfts sowie nach dem Interesse und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der
Gebührenpflichtigen zu bemessen (Art. 53 Abs. 1 i.V.m. Art. 20 des Gesetzes vom
9. September 2002 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG, bGS 143.1]; vgl.
RICHNER/FREI/KAUFMANN/MEUTER, Handkommentar zum DBG, 3. Aufl. 2016, N. 3 zu
Art. 144 DBG). Im vorliegenden Fall erscheint die in vergleichbaren Fällen übliche Gebühr
von Fr. 800.-- als angemessen. Der beim Beschwerdeführer erhobene Kostenvorschuss
für das vorliegende Verfahren von Fr. 800.-- ist daran anzurechnen.
3.2
Der Vorinstanz beziehungsweise der Eidgenössischen Steuerverwaltung werden
unabhängig vom Verfahrensausgang keine Entschädigungen zugesprochen (Art. 144
Abs. 4 und Abs. 5 DBG i.V.m. Art. 64 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember
1968 über das Verwaltungsverfahren [Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG, SR 172.021]
i.V.m. Art. 53 Abs. 3, Art. 59 und Art. 24 Abs. 3 lit. a VRPG).
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