Decision ID: 7be11f3a-aaa7-4ed7-ba08-b7bbf6b5a743
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis der Kategorie B am 19. Juni 1987. Am 24. Februar
2014 wurde er wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand mit 0,58 Gewichtspromille
vom Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen verwarnt, weshalb er im
Informationssystem über die Verkehrszulassung (abgekürzt: IVZ; früher:
Administrativmassnahmen-Register) verzeichnet ist.
B.- Am Abend des 26. Juni 2019 schrieb X seiner Lebenspartnerin in der Nachrichten-
App Whatsapp, dass er 60 Schlaftabletten eingenommen habe und es für ihn nun in
Ordnung sei, zu sterben. Nachdem er auf zwei weitere Nachrichten seiner
Lebenspartnerin nicht reagiert hatte, fuhr diese zu seiner Wohnung, wo sie ihn
bewusstlos auf dem Sofa liegend vorfand. Die herbeigerufene Sanität nahm die
medizinische Erstversorgung vor und liess X per REGA-Helikopter ins Kantonsspital
St. Gallen überführen. Die zur gleichen Zeit eingetroffene Polizei fand neben X das leere
Verpackungsmaterial von 60 Schlaftabletten, auf der Kochinsel eine leere Flasche
Rotwein und im Abfalleimer drei leere Büchsen Bier. Gegenüber der Polizei gab die
Lebenspartnerin von X an, er habe seit mehreren Jahren ein Alkoholproblem, weshalb
es in der vierjährigen Beziehung immer wieder zu Spannungen komme. X habe bereits
zwei Wochen zuvor mit einem Suizid gedroht.
C.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen (nachfolgend
Strassenverkehrsamt) erhielt am 23. Juli 2019 Kenntnis von diesem Vorfall. Mit
Schreiben vom 25. Juli 2019 teilte es X mit, dass aufgrund des Berichts der
Kantonspolizei St. Gallen vom 16. Juli 2019 der Verdacht eines Alkoholproblems
bestünde. Es stellte deshalb eine verkehrsmedizinische Untersuchung in Aussicht und
gewährte X das rechtliche Gehör. Dazu nahm dieser mit Schreiben vom 2. August 2019
Stellung. Mit Verfügung vom 6. August 2019 ordnete das Strassenverkehrsamt eine
verkehrsmedizinische Untersuchung beim Institut für Rechtsmedizin (IRM) St. Gallen
an.
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D.- Dagegen erhob X mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 21. August 2019 Rekurs
bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) mit dem Antrag,
die Verfügung vom 6. August 2019 sei vollumfänglich aufzuheben; unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen. Das Strassenverkehrsamt verzichtete mit Schreiben vom
28. August 2019 auf eine Vernehmlassung.

Auf die Ausführungen im Rekurs wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der
Rekurs vom 21. August 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller
und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht an der Fahreignung des
Rekurrenten zweifelte und eine verkehrsmedizinische Untersuchung anordnete.
a) Die Vorinstanz begründet die Anordnung einer medizinischen
Fahreignungsuntersuchung mit dem Bericht der Kantonspolizei St. Gallen vom 16. Juli
2019. Dieser halte im Zusammenhang mit dem Suizidversuch vom 26. Juni 2019 fest,
dass seit mehreren Jahren ein Alkoholproblem vorliegen könnte.
Der Rekurrent führt dagegen aus, es sei richtig, dass er am 26. Juni 2019 in der
Absicht, sich das Leben zu nehmen, 60 Schlaftabletten Mirtazapin in Kombination mit
Alkohol eingenommen habe. Sein Leben habe dank seiner Lebenspartnerin und der
raschen Alarmierung der Rettungskräfte gerettet werden können. Die Aussage seiner
Lebenspartnerin, er habe ein Alkoholproblem, weise er aber entschieden zurück; diese
sei auch nicht unterschriftlich bestätigt. Beim Suizidversuch habe es sich um einen
erst- und einmaligen Vorfall gehandelt. Der Polizeirapport stütze sich im Wesentlichen
auf die Aussagen seiner Lebenspartnerin, welche diese im Schockzustand gemacht
habe. Zudem sei dieser erst am 16. Juli 2019 und damit drei Wochen nach dem Vorfall
bis
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verfasst worden, weshalb dessen Wahrheitsgehalt zweifelhaft sei. Der Bericht der
Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in A halte fest, dass er
während des gesamten stationären Aufenthalts keine Entzugssymptome aufgewiesen
oder eine dafür empfohlene Medikation benötigt habe, was den Verdacht eines
längerbestehenden, übermässigen Alkoholkonsums entkräfte. Es sei widersprüchlich,
dass die Vorinstanz an seiner Fahrfähigkeit zweifle und eine verkehrsmedizinische
Untersuchung angeordnet, ihm aber den Führerausweis nicht vorsorglich entzogen
habe.
b) Motorfahrzeugführer müssen nach Art. 14 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes
(SR 741.01, abgekürzt: SVG) über Fahreignung und Fahrkompetenz verfügen. Die
Fahreignung muss grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Bestehen
Zweifel an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer
Fahreignungsuntersuchung unterzogen (Art. 15d Abs. 1 SVG). Diese bestehen
namentlich dann, wenn einer der Umstände gemäss lit. a bis e vorliegt. Es handelt sich
dabei um Fahren in angetrunkenem Zustand mit einer Blutalkoholkonzentration von
1,6 Gewichtspromille oder mehr oder mit einer Atemalkoholkonzentration von 0,8 mg
Alkohol oder mehr pro Liter Atemluft (lit. a), Fahren unter dem Einfluss von
Betäubungsmitteln oder Mitführen von Betäubungsmitteln, die die Fahrfähigkeit stark
beeinträchtigen oder ein hohes Abhängigkeitspotenzial aufweisen (lit. b),
Verkehrsregelverletzungen, die auf Rücksichtslosigkeit schliessen lassen (lit. c), sowie
die Meldung einer kantonalen IV-Stelle nach Art. 66c des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (lit. d) oder eines Arztes, dass eine Krankheit vorliege, die das
sichere Führen von Motorfahrzeugen ausschliesst (lit. e). Die Liste in Art. 15d Abs. 1
SVG ist nicht abschliessend (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_445/2012 vom
26. April 2013 E. 3.2; BBl 2010 S. 8500). Sofern keiner der Sondertatbestände vorliegt,
kann eine Fahreignungsuntersuchung deshalb auch gestützt auf die Generalklausel in
Abs. 1 angeordnet werden.
Der Anlass für die Anordnung einer Fahreignungsabklärung kann somit vielfältig sein
und setzt nicht voraus, dass der die Fahreignung beeinträchtigende Umstand im
Zusammenhang mit der Teilnahme am Strassenverkehr festgestellt wurde. Sie kann
auch gestützt auf Informationen erfolgen, die eine (Alkohol-)Auffälligkeit ausserhalb des
Strassenverkehrs belegen (vgl. BGer 1C_111/2015 vom 21. Mai 2015 E. 4.6,
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1C_328/2013 vom 18. September 2013 E. 3.2, 1C_445/2012 vom 26. April 2013 E. 3.2).
Ein Verdacht auf eine fehlende Fahreignung besteht, wenn die Person nicht mehr in der
Lage ist, Alkoholkonsum und Strassenverkehr ausreichend zu trennen, oder wenn die
nahe liegende Gefahr besteht, dass sie im akuten Rauschzustand am motorisierten
Strassenverkehr teilnimmt (vgl. BGE 129 II 82 E. 4.1; Ph. Weissenberger, Kommentar
SVG und OBG, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2015, Art. 15d N 31). Von Bedeutung sind
deshalb die Konsumgewohnheiten der Person, ihre Vorgeschichte, ihr bisheriges
Verhalten im Strassenverkehr und ihre Persönlichkeit (BGer 1C_513/2015 vom
18. Februar 2016 E. 3.2). Dabei kommt der anordnenden Behörde ein gewisser
Ermessensspielraum zu. Voraussetzung ist allerdings immer, dass begründete,
ernsthafte Zweifel an der Fahreignung vorliegen und die Anordnung einer
Fahreignungsuntersuchung verhältnismässig ist (BSK SVG-Bickel, Basel 2014, Art. 15d
N 35; Weissenberger, a.a.O., Art. 15d N 6; BGer 1C_445/2012 vom 26. April 2013
E. 3.2).
c) Das Bundesgericht hat in folgenden Fällen die Notwendigkeit einer
Fahreignungsabklärung nach Vorfällen ausserhalb des Strassenverkehrs verneint: Bei
einer angetrunkenen, zu Hause auf dem Sofa vorgefundenen Person, die zwar sowohl
Alkohol als auch Hormontabletten konsumiert hatte, wobei weder Anzeichen dafür
bestanden, dass sie ihre Wechseljahrbeschwerden regelmässig mit einem solchen
Mischkonsum zu behandeln pflegte, noch dass sie sich in diesem Zustand ans Steuer
setzen würde (BGer 1C_748/2013 vom 16. Januar 2014 E. 4); bei einer stark
alkoholisierten Person (Blutalkoholwert von 1,99 Promille) mit einem makellosen
fahrerischen Leumund, die aufgrund eines Ehestreits in einem Restaurant vorläufig
festgenommen wurde, bei der aber weder der Verdacht bestand, dass sie aufgrund
ihrer privaten und beruflichen Probleme gewohnheitsmässig Alkohol konsumiere noch
dass sie Trinken und Fahren nicht zuverlässig trennen könne (BGer 1C_256/2011 vom
22. September 2011 E. 2.5); bei einer Person, die aufgrund des Genusses von Alkohol
und/oder einer leichten psychischen Störung in einen Zustand geriet, in dem sie
öffentliches Ärgernis erregte, wobei Indizien fehlten, wonach sie öfters viel Alkohol
trinken und in diesem Zustand am motorisierten Strassenverkehr teilnehmen würde
(BGer 1C_356/2011 vom 17. Januar 2012 E. 4); bei einer Person, die ausserhalb des
Strassenverkehrs mit 2,27 Gewichtspromille aufgegriffen wurde, obwohl sie bzgl.
Trunkenheitsfahrten einen getrübten automobilistischen Leumund aufwies, sich aber
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seit fünf Jahren keine einschlägige Widerhandlung mehr zu Schulden kommen
gelassen hatte (BGer 1C_144/2017 vom 2. Juni 2017 E. 3.1). Demgegenüber befand
das Bundesgericht, dass die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Abklärung bei
einer Person, die in der Wohnung ihres Vaters randaliert hatte, und bei der nicht
feststand, ob sie ihre Alkoholsucht überwunden hatte und psychisch ausreichend stabil
war, um zuverlässig Gewähr zu bieten, sich nicht im fahrunfähigen Zustand ans Steuer
zu setzen, nicht verfassungswidrig ist (BGer 1C_13/2017 vom 19. Mai 2017 E. 3.3).
d) Unbestritten ist vorliegend, dass der Rekurrent mit einer Mischintoxikation von
schlafanstossenden Medikamenten und Alkohol am 26. Juni 2019 versuchte, sich das
Leben zu nehmen. Dass er sich in diesem Zustand ans Steuer setzte oder dies auch
nur in Erwägung zog, wird von keiner Seite behauptet und es bestehen auch keine
konkreten Hinweise dafür. Der Polizeibericht vom 16. Juli 2019 hält zwar fest, dass die
Lebenspartnerin des Rekurrenten angab, er habe vermutlich aufgrund seiner
beruflichen Belastungen seit mehreren Jahren ein Alkoholproblem. Zudem ist der
Rekurrent wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand mit 0,58 Gewichtspromille am
24. Februar 2014 im IVZ verzeichnet. Allerdings ist dieser Vorfall mehr als 5 Jahre her
(vgl. Art. 16a Abs. 1 lit. b in Verbindung mit Abs. 3 SVG) und der Rekurrent hat sich
seither nichts mehr zu Schulden kommen lassen. Daraus kann geschlossen werden,
dass er in der Lage ist, Alkoholkonsum und Strassenverkehr ausreichend zu trennen.
Weiter geht aus der ärztlichen Stellungnahme der Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie A vom 16. August 2019 hervor, dass sich der Rekurrent vom 28. Juni
bis 25. Juli 2019 in stationärer psychiatrischer Behandlung befand. Die Oberärztin hält
fest, dass während dieses einmonatigen Aufenthalts die initiale Hypothese eines seit
längerem bestehenden, übermässigen Alkoholkonsums habe entkräftet werden
können, da er keine typischen Entzugssymptome aufgewiesen oder eine dafür
empfohlene Medikation benötigt habe. Die Aussagen der Lebenspartnerin des
Rekurrenten wurden damit nicht bestätigt und die weiteren konkreten Umstände liefern
ebenfalls keine Hinweise dafür, dass der Rekurrent an einer für den Strassenverkehr
relevanten Alkoholsucht leidet. Es liegen deshalb keine hinreichenden Anhaltspunkte
vor, die ernsthafte Zweifel an der Fahreignung des Rekurrenten wecken.
e) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Vorfall vom 26. Juni 2019 unter den
gegebenen Umständen nicht genügt, ernsthafte Zweifel an der Fahreignung des
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Beschwerdeführers zu wecken. Damit sind die Voraussetzungen für die Anordnung
einer verkehrsmedizinischen Untersuchung nicht erfüllt. Dementsprechend ist der
Rekurs gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz vom 6. August 2019
aufzuheben. Unter diesen Umständen ist auf die vom Rekurrenten zusätzlich
vorgebrachten Einwände, zwischen dem Vorfall und dessen Rapportierung durch die
Polizei sei zu viel Zeit verstrichen und es fehle an einer unterschriftlichen Einvernahme
der Lebenspartnerin, nicht näher einzugehen.
3.- a) Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.- erscheint
angemessen (Art. 7 Ziff. 112 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.
b) Der vollständig obsiegende Rekurrent liess sich anwaltlich vertreten. Er hat gemäss
Art. 98 Abs. 2 und 98 VRP Anspruch auf eine vollständige Entschädigung der
ausseramtlichen Kosten, soweit diese als notwendig und angemessen erscheinen. Der
Beizug eines Rechtsvertreters war im vorliegenden Rekursverfahren geboten.
Der Rechtsvertreter reichte eine Kostennote über Fr. 3'125.- inkl. MWSt ein. Im
Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale
ausgerichtet; der Rahmen liegt zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– (Art. 22 Abs. 1
lit. b der Honorarordnung, sGS 963.75; abgekürzt: HonO). Innerhalb dieses Rahmens
wird das Grundhonorar nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und
Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen
Verhältnissen der Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO). Umstritten war die Frage, ob
die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung zulässig war. Angesichts
des geringen Aktenumfangs und des eingeschränkten Prozessthemas mit
summarischem Charakter erscheint ein Honorar von Fr. 1'900.– als angemessen; dies
auch deshalb, weil sich weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht schwierige
Fragen gestellt haben. Damit ist gleichzeitig gesagt, dass das geltend gemachte
Honorar von knapp Fr. 2'800.- zu hoch ist. Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von
Fr. 76.– (4 % von Fr. 1'900.-; Art. 28 Abs. 1 HonO) und die Mehrwertsteuer von
Fr. 152.15 (7,7 % von Fr. 1'976.-; Art. 29 HonO). Die ausseramtliche Entschädigung
bis
bis
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beträgt damit insgesamt Fr. 2'128.15; entschädigungspflichtig ist der Staat
(Strassenverkehrsamt).