Decision ID: aed9290a-bb0f-4a7b-9fd8-85e5f0eeb63f
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
W._,
Beschwerdeführerin,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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St.Galler Gerichte
betreffend
Hilflosenentschädigung
Sachverhalt:
A.
W._ (Jahrgang 1924) wurde durch ihren Sohn am 17. September 2009 zum Bezug
einer Hilflosenentschädigung angemeldet. Sie lebte seit dem 4. August 2004 im
Seniorenzentrum A._. In dem zum Anmeldeformular gehörenden Fragebogen wurde
angegeben, der Versicherten müsse seit dem 1. Juni 2005 beim An- und Ausziehen der
Stützstrümpfe und seit dem 1. Dezember 2008 generell beim An- und Ausziehen
geholfen werden. Seit dem 1. März 2008 benötige sie mehrmals täglich Unterstützung
beim Aufstehen und Absitzen. Beim Essen (immer auf dem Zimmer) müsse seit dem
1. März 2008 die Nahrung zerkleinert werden. Bei der Körperpflege benötige die
Versicherte seit dem 1. Dezember 2008 umfassende Hilfe. Vorher habe sie nur Hilfe
beim Duschen benötigt. Seit dem 19. April 2009 benötige die Versicherte auch beim
Verrichten der Notdurft Hilfe. Schliesslich müsse ihr seit dem 1. September 2006 bzw.
dem 1. März 2008 bei der Fortbewegung und bei der Pflege gesellschaftlicher Kontakte
geholfen werden. Die Versicherte benötige eine dauernde medizinisch-pflegerische
Hilfe in der Form des mehrmals täglich notwendigen Verabreichens von Medikamenten
und des An- und Ausziehens der Kompressionsstrümpfe. Ausserdem müsse die
Versicherte stündlich einmal kontrolliert werden, um ihr die Alltagsbewältigung zu
ermöglichen. Vorher habe die Versicherte einen Telealarm gehabt, den sie sehr oft
ohne Grund betätigt habe. Dr. med. B._ bestätigte diese Angaben am 23. August
2009.
B.
Am 30. Oktober 2009 erfolgte eine telefonische Abklärung. Die Pflegeverantwortliche
des Heimes gab gemäss dem entsprechenden Protokoll an, die Versicherte sei sehr
vergesslich und pflege sehr wenig oder gar keinen Kontakt mit Mitbewohnern. Ab Juni
2005 habe ihr hauptsächlich beim An- und Ausziehen der Stützstrümpfe geholfen
werden müsse. Seit ca. Dezember 2008 benötige sie beim An- und Ausziehen
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umfassend Hilfe, weil die körperlichen Einschränkungen und die Schmerzen zu gross
seien. Seit März 2008 sei es der Versicherten nicht mehr möglich, selbständig von
einem gewöhnlichen Stuhl aufzustehen oder sich hinzusetzen. Sie könne auch nicht
mehr selbständig zu Bett gehen. Beim Essen sei die Versicherte mehrheitlich
selbständig. Sie sei in der Lage, mit dem Löffel oder der Gabel selbständig zu essen.
Sie könne auch noch mit dem Messer umgehen (z.B. ein Butterbrot streichen). Auch
weiche Nahrung könne sie noch mit dem Messer zerkleinern. Zum Trinken müsse sie
aufgefordert werden, worauf sie dann selbständig trinke. Bei der Körperpflege sei die
Versicherte seit Juni 2005 auf Hilfe angewiesen. Seit April 2009 benötige sie auch Hilfe
beim Verrichten der Notdurft. Innerhalb des Heimes sei die Versicherte auf eine
ständige Begleitung angewiesen. Die Pflege gesellschaftlicher Kontakte sei ihr nicht
mehr möglich. Eine ständige persönliche Überwachung in einem über das Heimübliche
hinausgehenden Ausmass sei nicht notwendig. Die Medikamente würden von den
Pflegepersonen vorbereitet und abgegeben. Sie müssten wegen der Vergesslichkeit
der Versicherten unter Kontrolle eingenommen werden. Die Auskunft erteilende
Pflegeverantwortliche bestätigte am 14. November 2009 unterschriftlich die Richtigkeit
des Protokolls der telefonischen Abklärung. Mit einer Verfügung vom 3. Dezember
2009 sprach die Ausgleichskasse der Versicherten ab 1. März 2009 eine
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades zu. Sie ging davon aus, dass die
Versicherte in fünf alltäglichen Lebensverrichtungen hilflos sei.
C.
Die Versicherte erhob am 16. Dezember 2009 Einsprache gegen diese Verfügung. Sie
machte geltend, sie sei auch beim Essen als sechster alltäglicher Lebensverrichtung
auf regelmässige und erhebliche Hilfe angewiesen. Wegen der Arthrose seien die
Hände und die Finger nämlich kraftlos und schmerzempfindlich. Deshalb könne sie
feste Speisen (z.B. Fleisch, Apfel) nicht mehr zerschneiden. Am Morgen müsse das
Essen ans Bett gebracht werden, weil sie nur rechtzeitig im Speisesaal sein könnte,
wenn sie sich ausserordentlich früh wecken liesse. Wegen der massiven Störung ihres
Kurzzeitgedächtnisses müsse sie zum Trinken aufgefordert werden. Die
Ausgleichskasse wies die Einsprache am 1. Februar 2010 ab. Sie machte geltend, die
Versicherte könne das Messer durchaus noch einsetzen, nur nicht mehr zum
Zerschneiden von zähen oder harten Lebensmitteln. Darin sei kein Bedarf nach einer
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regelmässigen Hilfe zu erblicken. Es sei zumutbar, nicht dauernd harte oder zähe
Speisen zu sich zu nehmen, d.h. auf weichere Speisen auszuweichen. Ebenso
zumutbar sei es, das Morgenessen im Zimmer einzunehmen, so dass der grosse
Aufwand für das Ankleiden erst nach dem Essen anfalle. In einer internen
Stellungnahme vom 5. Januar 2010 hatte die Ausgleichskasse zudem festgehalten, die
meisten älteren Menschen müssten aufgefordert werden, genügend zu trinken. Das
gehöre zum heimüblichen Überwachungs- und Betreuungsrahmen.
D.
Die Versicherte erhob am 19. Februar 2010 Beschwerde gegen diesen
Einspracheentscheid. Sie beantragte die Zusprache einer Entschädigung bei einer
schweren Hilflosigkeit. Zur Begründung verwies sie darauf, dass ihr
behinderungsbedingt beim Morgenessen durch den Zimmerservice Mehrkosten
entstünden. Ausserdem sei der Essensalltag durch die Unfähigkeit, feste Speisen zu
zerkleinern, erheblich eingeschränkt. Für die Erfüllung normaler Essenswünsche sei
eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe notwendig. Teilweise finde die Hilfeleistung
auch bei eingeschränktem und angepasstem Angebot regelmässig statt. Sie führe sich
nur dann die notwendige Flüssigkeitsmenge zu, wenn sie immer wieder aufgefordert
werde zu trinken. Demnach bestehe auch bei der alltäglichen Lebensverrichtung
"Essen" eine anspruchsbegründende Hilflosigkeit.
E.
Die Ausgleichskasse beantragte am 26. Februar 2010 die Abweisung der Beschwerde.

Erwägungen:
1.
Als hilflos gilt eine Person, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für
alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen
Überwachung bedarf (Art. 9 ATSG). Bezüger von Altersrenten haben einen Anspruch
auf eine Hilflosenentschädigung, wenn sie wenigstens mittelgradig hilflos sind (Art.
43bis Abs. 1 AHVG). Für die Bemessung der Hilflosigkeit sind die Bestimmungen der
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Invalidenversicherung sinngemäss anwendbar (Art. 43bis Abs. 5 AHVG). Die
Hilflosigkeit gilt als schwer, wenn die versicherte Person in allen alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen
ist und wenn sie überdies der dauernden Pflege oder der persönlichen Überwachung
bedarf (Art. 37 Abs. 1 IVV). Die alltäglichen Lebensverrichtungen sind das An- und
Auskleiden, das Aufstehen/Absitzen/Abliegen, das Essen (Nahrungsaufnahme), die
Körperpflege, das Verrichten der Notdurft und die Fortbewegung (vgl. Rz 8010 des
Kreisschreibens des Bundesamtes für Sozialversicherung über Invalidität und
Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung, KSIH). Eine dauernde persönliche
Überwachungsbedürftigkeit liegt vor, wenn eine versicherte Person nicht allein
gelassen werden kann, so dass ständig (allenfalls mit kleinen Unterbrüchen) eine
Drittperson anwesend sein muss (vgl. Rz 8035 KSIH). Die dauernde Pflege bzw. die
medizinische oder pflegerische Hilfeleistung beinhaltet beispielsweise das tägliche
Verabreichen von Medikamenten oder das Anlegen einer Bandage (vgl. Rz 8032 KSIH).
2.
Gemäss den überzeugenden und von der Beschwerdeführerin auch nicht in Frage
gestellten Angaben der Pflegeverantwortlichen des Heimes A._ besteht kein Bedarf
nach einer dauernden und persönlichen Überwachung. Die Heimorganisation ist ohne
weiteres in der Lage, den Überwachungsbedarf der Beschwerdeführerin ohne
zusätzlichen Aufwand zu befriedigen. Das An- und Ausziehen der
Kompressionsstrümpfe gehört zur Pflege und nicht zur alltäglichen Lebensverrichtung
"An- und Ausziehen", denn es handelt sich um eine medizinisch begründete
Massnahme. Allerdings fehlt der Hilfe beim An- und Ausziehen der
Kompressionsstrümpfe die Erheblichkeit, da der Aufwand nicht wesentlich höher ist als
derjenige, der beim An- und Ausziehen gewöhnlicher Strümpfe entsteht. Auch dem
Bereitstellen und der Kontrolle der Einnahme der Medikamente fehlt die Erheblichkeit,
da es sich um eine Leistung handelt, die im Rahmen der Betreuungsarbeit der
Heimangestellten erledigt werden kann, ohne nennenswerten Mehraufwand zu
verursachen. Die Beschwerdeführerin ist also weder dauernd persönlich
überwachungsbedürftig noch dauernd pflegebedürftig. Damit fehlt eine der kumulativ
zu erfüllenden Voraussetzungen einer schweren Hilflosigkeit nach Art. 37 Abs. 1 IVV.
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Damit steht fest, dass die Beschwerdeführerin nur mittelgradig hilflos ist, so dass die
Beschwerde abgewiesen werden muss.
3.
Selbst wenn die Beschwerdeführerin dauernd persönlich überwachungsbedürftig und/
oder dauernd pflegebedürftig wäre, läge nur eine mittelgradige Hilflosigkeit vor. Die
Beschwerdegegnerin hat nämlich zu Recht einen regelmässigen erheblichen Bedarf
nach Hilfe bei der alltäglichen Lebensverrichtung "Essen" verneint. Dass die
Beschwerdeführerin nur dann das Morgenessen im Speisesaal einnehmen kann, wenn
sie sich zu einer unzumutbar frühen Zeit wecken lässt, bewirkt keinen erheblichen
Bedarf nach Hilfe beim Essen. Es ist der Beschwerdeführerin zumutbar, das
Morgenessen im Zimmer einzunehmen. Das bedeutet nicht, dass ihr das Morgenessen
ans Bett gebracht werden muss (vgl. 8019 KSIH), denn sie kann sich im eigenen
Zimmer ohne weiteres im Morgenmantel an den Tisch setzen. Auch die
krankheitsbedingte Unfähigkeit, mit dem Messer harte oder zähe Speisen zu
zerkleinern, schafft keinen regelmässigen und erheblichen Bedarf nach Hilfe. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat bereits in einem Urteil vom 7.
Dezember 2006 (AHV-H 2006/2) darauf hingewiesen, dass eine Hilfe beim Zerkleinern
harter oder zäher Speisen zwar erheblich, aber nicht regelmässig notwendig sei, weil
es zumutbar sei, nicht täglich solche Speisen zu sich zu nehmen, sondern zur
Vermeidung der Hilflosigkeit auf leicht zu zerkleinernde Gerichte auszuweichen. Die
Notwendigkeit, die Beschwerdeführerin immer wieder zum Trinken aufzufordern, ist
zwar dauernd vorhanden, aber die entsprechende Hilfe ist nicht erheblich, weil es sich
um eine selbstverständliche Aufgabe aller Personen handelt, die betagte Menschen
betreuen. Diese Aufgabe ist in das Betreuungssystem integriert, d.h. sie gehört zur
täglichen Versorgung der betagten Menschen mit Trinksame. Die Beschwerdegegnerin
hat somit zu Recht eine Hilflosigkeit der Beschwerdeführerin bei der alltäglichen
Lebensverrichtung "Essen" verneint. Die Beschwerdeführerin ist in fünf alltäglichen
Lebensverrichtungen und damit nur mittelgradig hilflos. Selbst wenn die
Beschwerdeführerin persönlich überwachungsbedürftig oder dauernd pflegebedürftig
wäre, müsste die Beschwerde also abgewiesen werden.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53