Decision ID: 0af636ce-fff2-4636-9f30-11ad54400e1b
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Am 5. Oktober 2020 erhob die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach Anklage
gegen den Beschuldigten wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller
Nötigung.
1.2.
Mit Urteil vom 24. März 2021 erkannte das Bezirksgericht Zurzach:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der versuchten Vergewaltigung i.S.v. Art. 190 Abs. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB
2. Er wird hierfür in Anwendung der in Dispositiv-Ziff. 1 genannten Gesetzesbestimmung sowie gestützt auf Art. 40 und Art. 47 StGB verurteilt zu einer Freiheitsstrafe von 2 1⁄2 Jahren.
3. Dem Beschuldigten wird für den Vollzug der ausgefällten Freiheitsstrafe gestützt auf Art. 42 i.V.m. Art. 43 StGB der teilbedingte Vollzug gewährt. Die Freiheitsstrafe von 2 1⁄2 Jahren ist im Umfang von sechs Monaten unbedingt zu vollziehen, im Umfang von zwei Jahren aufgeschoben.
Die Probezeit für den bedingten Teil der Strafe wird gemäss Art. 44 Abs. 1 StGB auf drei Jahre festgesetzt.
4. Die Dauer der Untersuchungshaft (23. Mai 2020 bis 26. Juni 2020) von insgesamt 35 Tagen wird gestützt auf Art. 51 StGB auf die Freiheitsstrafe angerechnet.
5. Der Beschuldigte wird gestützt auf Art. 66a Abs. 1 lit. h StGB für die Dauer von acht Jahren aus der Schweiz weggewiesen. Die Landesverweisung ist für den Schengen-Raum gültig und entsprechend im SIS einzutragen.
6. Die von der Kantonspolizei Aargau (Stützpunkt Q.) sichergestellte und bei der Kriminaltechnik (Polizeikommando) lagernde Kleidung wird der Zivil- und Strafklägerin [A.L.] innert zwei Monaten nach Rechtskraft des Urteils auf erstes Verlangen zurückgegeben.
7. 7.1. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin [A.L.] eine Genugtuung in Höhe von CHF 3'000.00 zuzüglich Zins zu 5 % seit 13. Mai 2020 zu bezahlen.
7.2. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Zivil- und Strafklägerin (lic. iur. Renate Senn, Rechtsanwältin, Baden) eine Entschädigung für die notwendigen Aufwendungen im Straf- und Zivilpunkt in richterlich genehmigter Höhe von CHF 7'317.70 (Honorar inkl. Auslagen und MwSt.) zu bezahlen.
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8. 8.1. Die Verfahrenskosten bestehen aus: a) der Gerichtsgebühr von CHF 3'000.00 b) der Anklagegebühr von CHF 2'150.00 c) den Kosten für die amtliche Verteidigung von CHF 14'465.20 d) den Dolmetscherkosten von CHF 294.00 e) den Untersuchungskosten von CHF 1'825.00
Total CHF 21'734.20
8.2. Dem Beschuldigten werden die Gebühren gemäss lit. a und b sowie die Kosten gemäss lit. e im Gesamtbetrag von CHF 6'675.00 auferlegt.
8.3. Die Dolmetscherkosten gemäss lit. d im Umfang von CHF 294.00 gehen zu Lasten des Staates (Art. 426 Abs. 3 lit. b StPO).
8.4. Die Gerichtskasse wird angewiesen, dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten (lic. iur. Matthias Fricker, Rechtsanwalt, Muri) dessen richterlich genehmigtes Honorar von CHF 14'465.20 (inkl. Auslagen und MwSt.) zu entrichten (Kosten gemäss lit. c).
Der Beschuldigte ist verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die amtliche Verteidigung zurückzuzahlen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO).
9. Über die Tragung der Vollzugskosten, unter Einschluss der Kosten der ausgestandenen und auf die Strafe angerechneten Haft, entscheidet die Vollzugsbehörde.
2.
2.1.
Mit Berufungserklärung vom 2. Juli 2021 beantragte der Beschuldigte, er
sei von Schuld und Strafe freizusprechen. Weiter beantragte er die
Abweisung der Zivilforderung der Privatklägerin, eventualiter deren
Verweisung auf den Zivilweg.
2.2.
Am 25. August 2021 reichte der Beschuldigte vorgängig zur
Berufungsverhandlung seine schriftliche Berufungsbegründung ein.
2.3.
Mit vorgängiger schriftlicher Berufungsantwort vom 15. September 2021
beantragte die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach die Abweisung der
Berufung.
2.4.
Mit vorgängiger schriftlicher Berufungsantwort vom 16. September 2021
beantragte die Privatklägerin die Abweisung der Berufung.
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2.5.
Am 29. September 2021 reichte der Beschuldigte eine freigestellte
Stellungnahme zu den Berufungsantworten der Staatsanwaltschaft Brugg-
Zurzach sowie der Privatklägerin ein.
2.6.
Die Berufungsverhandlung fand am 14. Februar 2022 statt. Der
Beschuldigte hielt an seinen mit Berufungserklärung gestellten Anträgen
fest. Die Staatsanwaltschaft beantragte die Abweisung der Berufung.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung, er sei von Schuld und Strafe
freizusprechen. Nicht angefochten und somit nicht zu überprüfen ist die
Herausgabe der sichergestellten Kleidungsstücke an die Privatklägerin
A.L. (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
Die Vorinstanz hat den in der Anklageziffer I. zur Anklage erhobenen
Sachverhalt gestützt auf die Aussagen von A.L. als erstellt erachtet und
den Beschuldigten der versuchten Vergewaltigung gemäss Art. 190 Abs. 1
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen (vorinstanzliches Urteil
E. 3 f.). Weiter hat die Vorinstanz den objektiven wie auch den subjektiven
Tatbestand der sexuellen Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB als erfüllt
erachtet und festgehalten, dass der Tatbestand der sexuellen Nötigung
durch denjenigen der versuchten Vergewaltigung konsumiert werde,
weshalb kein Schuldspruch betreffend die sexuelle Nötigung erfolge
(vorinstanzliches Urteil E. 4).
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung, er sei vollumfänglich
freizusprechen (Berufungserklärung S. 2). Dies begründet er im
Wesentlichen damit, dass die sexuellen Handlungen einvernehmlich erfolgt
seien (Berufungsbegründung S. 4).
2.2.
Die Anklage wirft dem Beschuldigten vor, am 13. Mai 2020, gegen
14.00 Uhr, im Küchenvorraum seines Imbissbetriebs, dem J., A.L. sexuell
genötigt und versucht zu haben, sie zu vergewaltigen.
Dazu sei es gekommen, nachdem der Beschuldigte in der Nacht vom
12. auf den 13. Mai 2020 mit A.L. via «WhatsApp» ein Treffen für den
13. Mai 2020, 14.00 Uhr, in seinem Imbissbetrieb vereinbart habe. Dabei
habe er A.L. eine Anstellung mit einem 50%-Pensum in seinem Betrieb
- 5 -
angeboten. A.L., die sich aufgrund ihrer knappen finanziellen Verhältnisse
unbedingt eine feste Arbeitsstelle gewünscht habe, habe eingewilligt und
sei zum vereinbarten Zeitpunkt im Imbissbetrieb erschienen. Der
Beschuldigte habe sich mit ihr in den Küchenvorraum im Inneren des
Lokals begeben, welches während der Zimmerstunde geschlossen
gewesen sei. Sie hätten sich einander gegenüber auf Barhocker gesetzt
und das Gespräch sei zunächst über die in Aussicht gestellte Stelle geführt
worden. Der Beschuldigte habe sie um Fotoaufnahmen ihres Ausweises
gebeten, welche sie ihm um 14.15 Uhr via «WhatsApp» übermittelt habe.
In der Folge habe er A.L. gefragt, ob sie seine Freundin sein wolle und ihn
befriedigen könne. Währenddessen habe er sie näher zu sich gezogen,
einen ihrer Unterschenkel ergriffen, diesen auf sein Bein gelegt und
begonnen, ihren Unterschenkel zu streicheln/massieren. A.L. habe diese
Frage verneint und ihr Bein weggezogen, woraufhin der Beschuldigte ihre
Oberschenkel berührt und in Richtung Intimbereich zu massieren
begonnen habe. A.L. habe ihm mit ihrer Hand auf die Finger geschlagen
und sei aufgestanden, um den Raum zu verlassen. Dabei habe der
Beschuldigte sie jedoch von hinten an einem Arm ergriffen, sie mit dem
Rücken zu sich gezogen und mit der freien Hand ihre Leggins samt
Unterhose bis zur Mitte ihrer Oberschenkel heruntergezogen. Während er
sie mit einer Hand am Arm festgehalten bzw. seinen Arm von hinten um
ihren Oberkörper gelegt und sie so im Griff gehalten habe, habe er ihr mit
der anderen Hand an ihr Gesäss, unter der Oberbekleidung an die linke
Brust, den Bauch und an die Scheide gefasst. Dabei habe er ihr ins Ohr
geflüstert, dass sie einen wunderschönen Arsch habe, woraufhin er mit
seiner freien Hand seine eigene Hose heruntergezogen, sein Glied
entblösst und dieses wiederholt von hinten zwischen ihren Beinen
durchgestossen/durchgerieben habe. Dabei habe er versucht, A.L. nach
vorne runter zu beugen, indem er sie mit einer Hand an der Hüfte
festgehalten und sie mit der anderen Hand an ihrem Rücken runtergedrückt
habe. Da sie sich dagegen gesperrt habe, sei es dem Beschuldigten nicht
gelungen, sie nach vorne zu beugen und mit seinem Penis in ihre Scheide
einzudringen. Deshalb habe sich der Beschuldigte, A.L. weiterhin
festhaltend, bis zum Samenerguss selbst befriedigt, woraufhin er von ihr
abgelassen habe. Im Anschluss daran habe er A.L. mitgeteilt, dass sie
niemandem davon erzählen solle, da es ihnen beiden schaden würde,
woraufhin er ihr Fr. 100.00 in den Ausschnitt gesteckt und angegeben
habe, dies sei für sie.
Der Beschuldigte habe während des fünf- bis zehnminütigen Vorgangs
wiederholt geäussert, dass er es in zwei Minuten hätte, wenn sie mitma-
chen würde und dass er unglücklich in der Ehe sei, sowie «komm schon»,
«lass es zu», «es geht so schnell» und «wir brauchen das». A.L. habe
wiederholt «nein», «hör auf» und «lass los» geäussert und habe versucht
sich zu sperren, den Beschuldigten bzw. seine Arme von sich
wegzustossen und ihre Unterbekleidung hochzuziehen, was ihr jedoch
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nicht gelungen sei. Sie sei aufgrund der Situation verängstigt gewesen und
habe versucht, sich so ruhig wie möglich zu verhalten. Aufgrund des festen
Griffs des Beschuldigten und seines aggressiven Tons habe sie sich vor
weiterer und stärkerer Gewalt gefürchtet, sollte sie sich intensiver zur Wehr
setzen. In der Nähe habe sich ein Küchenmesser befunden, dessen
Einsatz sie bei Gegenwehr befürchtet habe.
Der Beschuldigte habe gewusst, dass A.L. an psychischen Problemen leide
und auf die Invalidenversicherung angewiesen sei. Daher habe er ihre
Geldnot und ihren Wunsch nach einer festen Arbeitsstelle gekannt. Ihm sei
bewusst gewesen, dass das Anbieten eines Arbeitsvertrages geeignet sei,
A.L. zu sich zu locken. Auch habe er in dem früheren Schriftverkehr und
Gesprächen seit Dezember 2019 seinen Wunsch nach sexuellem Kontakt
angesprochen und wiederholt sexuelle Anspielungen gemacht. A.L. habe
einen sexuellen Kontakt stets vehement verneint. Er habe deshalb bereits
vorgängig gewusst, dass sie keinen sexuellen Kontakt gewünscht habe,
wobei er aber zumindest damit gerechnet habe. Dennoch habe er sich ihr
am 13. Mai 2020 genähert, habe sie festgehalten und trotz den
Verneinungen und der Abwehr weitergemacht, um an ihr die sexuellen
Handlungen und letztlich den Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen zu
vollziehen (Anklage Ziff. I).
2.3.
Der Vergewaltigung gemäss Art. 190 Abs. 1 StGB macht sich strafbar, wer
eine Person weiblichen Geschlechts zur Duldung des Beischlafs nötigt,
namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie unter psychischen
Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht. Die von der
Rechtsprechung (auch in Bezug auf Art. 189 Abs. 1 StGB) geforderte
Gegenwehr des Opfers meint eine tatkräftige und manifeste
Willensbezeugung, mit welcher dem Täter unmissverständlich klargemacht
wird, mit sexuellen Handlungen nicht einverstanden zu sein (Urteil des
Bundesgerichts 6B_145/2019 vom 28. August 2019 E. 3.2.3.). Eine
versuchte Tatbegehung gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB liegt vor, wenn der
Täter, nachdem er mit der Ausführung eines Verbrechens oder Vergehens
begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende führt oder der zur
Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt oder dieser nicht
eintreten kann.
Der sexuellen Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB macht sich strafbar,
wer eine Person zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder einer anderen
sexuellen Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt
anwendet, sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig
macht.
- 7 -
2.4.
2.4.1.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraus-
setzungen der angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für den
Beschuldigten günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO).
Im Rahmen der Aussageanalyse wird geprüft, ob die aussagende Person
unter Berücksichtigung der Umstände, ihrer intellektuellen Leistungs-
fähigkeit und ihrer Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen
Erlebnishintergrund machen könnte. Weiter ist nach möglichen
Fehlerquellen zu forschen, die etwa darin bestehen können, dass die
aussagende Person über ein Motiv zur Falschaussage verfügt oder
Umstände vorhanden sind, welche die Aussage beeinflusst haben könnten.
Schliesslich ist zu untersuchen, ob es Übereinstimmungen oder
Widersprüche zu anderen Beweisen gibt. Bei der Glaubhaftigkeits-
beurteilung ist immer davon auszugehen, dass die Aussage auch nicht
realitätsbegründet sein kann. Ergibt die Prüfung, dass diese Unwahr- bzw.
Nullhypothese mit den erhobenen Fakten nicht mehr in Übereinstimmung
stehen kann, so wird sie verworfen. Es gilt dann die Alternativhypothese,
dass die Aussage wahr ist (BGE 133 I 33 E. 4.3).
2.4.2.
Aufgrund der nachfolgend dargelegten Gründe bestehen vor dem
Hintergrund der Nullhypothese erhebliche Zweifel daran, dass sich der
Sachverhalt so zugetragen hat, wie er in der Anklage umschrieben wird:
Der Beschuldigte bestreitet nicht, dass er A.L. am 13. Mai 2020 an ihrem
Gesäss angefasst und sich währenddessen selbst befriedigt hat. Er macht
jedoch geltend, dass diese sexuellen Handlungen einvernehmlich erfolgt
seien (Berufungsbegründung S. 4; UA act. 382; 385). Aufgrund dessen
sind die Aussagen in erster Linie in Bezug auf die Zwangssituation sowie
die währenddessen stattgefundenen Gespräche und Abwehrhandlungen
zu untersuchen.
Es handelt sich vorliegend um ein Vieraugendelikt, bei welchem die
Aussagen des Beschuldigten und von A.L. gegeneinander abzuwägen
sind. Als objektives Beweismittel konnte – nebst weiteren Chatverläufen –
der «WhatsApp»-Chatverlauf zwischen dem Beschuldigten und A.L.
sichergestellt werden. Da A.L. den Vorfall am 22. Mai 2020 und somit erst
neun Tage später bei der Polizei meldete (UA act. 276), wurde keine
körperliche Untersuchung vorgenommen, weshalb weder ein Arztbericht
vorliegt noch Spuren an ihr sichergestellt werden konnten. Nebst dem
Beschuldigten und A.L. wurden die Ehefrau des Beschuldigten, C., der
damalige Lebenspartner von A.L., F.H., sowie die Adoptivmutter und der
- 8 -
Adoptivvater von A.L., D.L. und E.L., einvernommen. Nachdem C. und E.L.
weder Angaben zum Kernvorwurf noch zu anderen relevanten Tatsachen
machen konnten, sondern höchstens zum allgemeinen Verhalten des
Beschuldigten oder von A.L., führen ihre Aussagen generell zu keinem
Erkenntnisgewinn. In Bezug auf die vorliegenden Vorwürfe kann deshalb
nicht auf die Aussagen dieser beiden Drittpersonen abgestellt werden.
2.4.3.
Die Vorinstanz hat die Aussagen des Beschuldigten und von A.L.
ausführlich und detailliert zusammengefasst. Darauf kann vorab verwiesen
werden (vorinstanzliches Urteil E. 3.2.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Bei A.L. ist – entgegen dem Vorbringen des Beschuldigten
(Berufungsbegründung S. 11) – keine fehlende Aussagetüchtigkeit
auszumachen. Es ergeben sich keine Hinweise darauf, dass sie nicht dazu
in der Lage sein sollte, ein bestimmtes Geschehnis wahrzunehmen, über
einen gewissen Zeitraum im Gedächtnis zu behalten und verbal
wiederzugeben. Zwar leidet sie eigenen Angaben zufolge, wie auch
gemäss den Austrittsberichten der Klinik K. vom 16. Dezember 2019,
2. Juni 2020 und 19. Januar 2021 an einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, ICD-10 F60.31 (UA act. 401;
UA act. 258 ff.). Mit dem Austrittsbericht vom 2. Juni 2020 wurde eine akute
Belastungsreaktion, ICD-10 F43.0 (UA act. 258), und im Austrittsbericht
vom 19. Januar 2021 eine posttraumatische Belastungsstörung, ICD-10
F43.1 (GA act. 63), diagnostiziert. Auswirkungen dieser Erkrankungen auf
ihre Aussagetüchtigkeit sind jedoch nicht ersichtlich. So hat A.L. zu
Protokoll gegeben, im Mai 2020 generell das Medikament «ABILIFY»
(UA act. 406) und auch am Tag des Vorfalls ihre Medikamente
eingenommen zu haben (UA act. 429). Der Wirkstoff des Medikaments
«ABILIFY» hat eine antipsychotische, sedierende sowie zusätzlich
antidepressive Wirkung und dämpft psychomotorische Erregungszustände
und verringert Spannungen, Wahn, Halluzination, Denkstörungen und Ich-
Störungen (vgl. Beipackzettel «ABILIFY»). A.L. hat denn auch angegeben,
sich vor dem Vorfall recht gut gefühlt und an diesem Tag keinen Einfluss
ihrer Krankheit auf ihr Verhalten bemerkt zu haben (UA act. 429). Im
Austrittsbericht vom 2. Juni 2020, welcher über den Berichtszeitraum vom
23. bis 29. Mai 2020 Auskunft gibt, wurde betreffend den Psychostatus von
A.L. festgehalten, dass sie bewusstseinsklar und zu allen Qualitäten voll
orientiert sei. Ihr Lang- und Kurzzeitgedächtnis seien unauffällig und ihre
Auffassung ungestört. Es hätten weder Sinnestäuschungen, inhaltliche
Denkstörungen oder Ich-Störungen vorgelegen (UA act. 259).
Hinzukommt, dass aus den Aussagen von A.L. klar hervorgeht, dass sie
zwischen ihren geschilderten Wahrnehmungsstörungen und der
Schilderung des Vorfalls abzugrenzen weiss und im Übrigen die von ihr im
Zusammenhang mit ihrer Krankheit geschilderten Gestalten, welche sie
jeweils sieht, in keiner Weise mit ihrer Schilderung des Vorfalls vergleichbar
- 9 -
sind. So hat sie angegeben, aufgrund ihrer Erkrankung einerseits
abwertende Stimmen zu hören, welche ihr mitteilen würden, dass sie zu
nichts nütze und sich umbringen solle. Sie höre die Stimme ihres Vaters,
wonach sie eine schlechte Tochter sei und die Adoption ein Fehler
gewesen sei. Sie höre auch die Stimme ihres früheren Partners, die ihr
sage, dass er sie nicht mehr liebe. Sodann hat sie die Gestalten, die sie
sehe, als schwarze, zwei bis zweieinhalb Meter grosse Gestalten
beschrieben, bei denen der Kopf direkt in den Körper übergehe und die
über lange Arme und Beine verfügen und wie ein «Slenderman» aussehen
würden. Weiter sehe sie auch ihren Götti, welcher sich das Leben
genommen habe, in den Bäumen hängen (UA act. 417). Folglich ist nicht
davon auszugehen, dass die emotional instabile Persönlichkeitsstörung
vom Borderline-Typ sich betreffend den vorliegend zu untersuchenden
Vorfall vom 13. Mai 2020 auf die Aussagetüchtigkeit von A.L. ausgewirkt
haben könnte. Mithin ist von einer uneingeschränkten Aussagetüchtigkeit
von A.L. auszugehen.
Die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung hat keinen
Erkenntniswert in Bezug auf die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen. Eine
solche Diagnose beruht auf den Aussagen einer Person, die ihrem Arzt von
einem traumatischen Erlebnis und von dessen Folgen berichtet. Die
Richtigkeit der Diagnose hängt regelmässig davon ab, ob die Schilderung
zutrifft bzw. das belastende Ereignis überhaupt stattgefunden hat. Es liefe
deshalb auf einen logischen Zirkelschluss hinaus, wenn man die Aussagen
eines Opfers im Strafprozess bereits deshalb als glaubhaft oder
unglaubhaft einstufen würde, weil diesem eine posttraumatische
Belastungsstörung diagnostiziert wurde.
2.4.4.
Gemäss der Anklage soll der Beschuldigte die sexuelle Nötigung resp. die
versuchte Vergewaltigung am 13. Mai 2020 begangen haben. A.L. hat
ihren eigenen Angaben zufolge erstmals am 20. oder 21. Mai 2020 ihrem
damaligen Lebenspartner, F.H., vom Vorfall berichtet (UA act. 401; 412).
F.H. hat bestätigt, dass A.L. ihm ungefähr eine Woche oder zehn Tage
nach dem Vorfall von diesem berichtet habe. Dies habe sie kurz vor der
Anzeigeerstattung gemacht (Protokoll Berufungsverhandlung S. 4). Die
Meldung bei der Kantonspolizei erstattete A.L. am 22. Mai 2020 und somit
neun Tage nach dem Vorfall (UA act. 275 f.).
Die Aussagen von A.L. weisen mehrere relevante Ungereimtheiten und
Widersprüche auf. So hat sie an ihrer ersten Einvernahme angegeben,
nach dem Vorfall keinen Kontakt mehr zum Beschuldigten aufgenommen
zu haben (UA act. 412). Dies widerspricht jedoch den «WhatsApp»-
Nachrichten, welche sie dem Beschuldigten am 13., 14. und 20. Mai 2020
gesendet hat, um ihn zu fragen, ob er wegen der Arbeitsstelle schon mehr
wisse und um ihm mitzuteilen, zu welchen Zeitpunkten sie nicht erreichbar
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sei, falls er sie brauche (UA act. 298). Weiter hat sie erstmals an der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung ausgesagt, bereits ungefähr vier Tage
nach dem Vorfall realisiert zu haben, dass sie doch nicht für den
Beschuldigten arbeiten wolle. Dies habe sie gemerkt, bevor sie ihren Eltern
und F.H. vom Vorfall erzählt habe, weil sie wieder mehr Albträume und
Panikattacken gehabt habe (GA act. 33). Dies widerspricht jedoch der am
20. Mai 2020 und somit eine Woche nach dem Vorfall versendeten
«WhatsApp»-Nachricht, mit welcher sie beim Beschuldigten nachgefragt
hat, ob er schon etwas Neues wegen der Arbeitsstelle wisse (UA act. 298).
Aufgrund dieser Nachricht kann A.L. nicht geglaubt werden, dass sie
bereits ungefähr vier Tage nach dem Vorfall realisiert habe, dass sie doch
nicht beim Beschuldigten arbeiten wollte. Die vorgenannte Angabe von A.L.
widerspricht denn auch ihrer Aussage, wonach es F.H. gewesen sei, der
sie zur Anzeigeerstattung bewogen habe (UA act. 412 f.; UA act. 432).
Auch in Bezug auf das Kerngeschehen liegen – entgegen dem Vorbringen
von A.L. (Berufungsantwort S. 4) – mehrere Widersprüche in ihren
Aussagen vor. So hat sie an ihrer zweiten Einvernahme – nachdem sie an
ihrer ersten Einvernahme noch angegeben hatte, durch den Vorfall nicht
verletzt worden zu sein (UA act. 406) – zum ersten Mal erwähnt, dass sie
an ihrer linken Brust einen blauen Fleck habe, welcher nach dem Vorfall
aufgetaucht und mittlerweile nur noch schwach sichtbar sei (UA act. 427).
Da die erste Einvernahme von A.L. am 23. Mai 2020 und somit zehn Tage
nach dem Vorfall stattfand, wäre zu erwarten gewesen, dass sie diesen
blauen Fleck in dem Zeitpunkt bereits angegeben hätte, da ein solches
Hämatom in diesem Zeitpunkt bereits sichtbar gewesen wäre. Auch
betreffend die Berührungen ihrer Scheide durch den Beschuldigten liegen
keine übereinstimmenden Aussagen vor. So hat A.L. an ihrer ersten
Einvernahme ausgesagt, der Beschuldigte habe sie an ihrer Scheide
berührt. Er habe mit seiner Hand an ihrer Scheide herumgespielt oder diese
gesucht (UA act. 405 f.). Als sie an ihrer zweiten Einvernahme gefragt
wurde, was der Beschuldigte genau mit seiner Hand an ihrer Scheide
gemacht habe, gab sie – ihrer ersten Aussage widersprechend an – dass
er nicht etwas getroffen habe und sie deshalb nicht wisse, was er mit seiner
Hand vorgehabt habe (UA act. 424). An der Berufungsverhandlung führte
sie aus, dass der Beschuldigte mit seinen Händen ihre Scheide angefasst
habe. Sie gab an, nicht mehr zu wissen, ob er ihre Scheide dabei lediglich
oberflächlich berührt habe oder mit seinen Fingern in diese eingedrungen
sei (Protokoll Berufungsverhandlung S. 26 f.; 32). Sodann hat sich A.L. in
Bezug auf ihr Verhalten während der Vornahme der sexuellen Handlungen
widersprochen. So hat sie anlässlich ihrer ersten Einvernahme zuerst
angegeben, versucht zu haben den Beschuldigten an seinen Armen
wegzuschieben, ihm einmal auf seine Hände geschlagen und ihn an der
Brust weggeschoben zu haben (UA act. 405). Noch in derselben
Einvernahme hat sie dem widersprechend angegeben, sich nicht körperlich
gewehrt zu haben, weil sie nicht gewollt habe, dass etwas Schlimmeres
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passiere. Während der Selbstbefriedigung des Beschuldigten habe sie sich
ruhig verhalten, weil sie Angst gehabt habe (UA act. 407). An der
Berufungsverhandlung führte sie sodann – ihren ersten Aussagen
widersprechend – aus, während den sexuellen Handlungen nicht gross
etwas gemacht zu haben, unter Schock gestanden zu haben und dass sie
keinen Muskel mehr haben bewegen können (Protokoll
Berufungsverhandlung S. 26). Zur Frage, ob der Beschuldigte während des
Vorfalls gemerkt habe, dass sie die sexuellen Handlungen nicht wollte,
führte A.L. aus, dass er dies mit etwas Menschenkenntnis hätte merken
können, weil sie nichts gemacht und teilweise versucht habe, sich zu
sperren. Aufgrund dessen hätte der Beschuldigte merken müssen, dass sie
die sexuellen Handlungen nicht wollte. Zur Frage, ob sie sich gewehrt habe,
führte sie lediglich aus, dem Beschuldigten eins auf die Finger gegeben zu
haben. Weitere Abwehrhandlungen erwähnte sie – entgegen ihrer ersten
Einvernahme – nicht (Protokoll Berufungsverhandlung S. 38). Gewisse
Aspekte des Kerngeschehens wurden von A.L. demnach unterschiedlich
geschildert.
Sodann widersprechen die Aussagen von A.L. vereinzelt den
Gesetzmässigkeiten des menschlichen Gedächtnisses. So führte sie
erstmals an ihrer zweiten Einvernahme aus, dass der Beschuldigte ihren
Unterschenkel auf sein Bein gelegt habe, bevor er begonnen habe, ihren
Unterschenkel zu massieren (UA act. 423). Ebenfalls erstmals führte sie an
ihrer zweiten Einvernahme aus, dass der Beschuldigte mit seiner linken
Hand ihre linke Brust angefasst habe (UA act. 423), nachdem sie an ihrer
ersten Einvernahme lediglich angegeben hatte, dass er mit einer Hand an
ihre linke Brust gefasst habe (UA act. 404; 406). An der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung gab A.L. sodann zum ersten Mal an, dass der
Beschuldigte während des Vorfalls gesagt habe, dass sie mit ihrer Hand an
sein Glied fassen und ihm bei seiner Arbeit helfen solle (GA act. 31). Nach
den Gesetzmässigkeiten des menschlichen Gedächtnisses wäre im Laufe
der Zeit eher eine Abnahme anstatt einer Zunahme der Erinnerungen zu
erwarten.
2.4.5.
2.4.5.1.
Es bleibt auf mögliche Motive von A.L. für eine bewusste Falschaussage
einzugehen. Im Vordergrund steht ein Rachemotiv, welches nachfolgend
geprüft wird.
Auffällig ist, dass der Tag der Meldung des Vorfalls bei der Polizei, nämlich
der Freitag, 22. Mai 2020 (UA act. 276), ebenfalls demjenigen Tag
entspricht, an welchem der Beschuldigte A.L. darüber in Kenntnis setzen
wollte, ob sie die Arbeitsstelle erhalten würde (UA act. 429; 298). A.L. hat
an der Berufungsverhandlung zwar angegeben, dass sie vom
Beschuldigten am Freitag, dem 15. Mai 2020 eine Absage betreffend die
- 12 -
Arbeitsstelle erhalten habe, wobei sie sich jedoch betreffend das genaue
Datum nicht mehr sicher war (Protokoll Berufungsverhandlung S. 28).
Nachdem sie sich am 20. Mai 2020 beim Beschuldigten per «WhatsApp»-
Nachricht darüber erkundigt hatte, ob er wegen der Arbeitsstelle schon
etwas Neues wisse (UA act. 297), ist davon auszugehen, dass der
Beschuldigte A.L. am darauffolgenden Freitag, dem 22. Mai 2020 mitgeteilt
hat, dass sie die Arbeitsstelle nicht erhalte. Dafür spricht auch die
«WhatsApp»-Nachricht des Beschuldigten vom 20. Mai 2020, mit welcher
er A.L. mitgeteilt hat, dass er am Freitag mehr wissen werde (UA act. 297).
Relevant und an dieser Stelle hervorzuheben ist, dass A.L. somit im
Zeitpunkt der Strafanzeige bereits eine Absage betreffend die Arbeitsstelle
erhalten hatte, was sie an der Berufungsverhandlung bestätigt hat (vgl.
Protokoll Berufungsverhandlung S. 29). Aufgrund dessen könnte ein
mögliches Motiv für eine Falschaussage darin erblickt werden, dass A.L.,
nachdem der Beschuldigte ihr eröffnet hatte, dass sie die Arbeitsstelle im
J. doch nicht, wie erhofft, erhalten würde, sich mit der Meldung bei der
Polizei rächen wollte. Somit ist ein Grund ersichtlich, weshalb sie den
Beschuldigten zu Unrecht belasten und sich selber den Strapazen eines
Strafverfahrens aussetzen sollte. Es erscheint dem Obergericht vorstellbar,
dass A.L. gerade im Hinblick auf den von ihr erhofften Arbeitsvertrag wie
auch aufgrund der in Aussicht stehenden Fr. 100.00 am 13. Mai 2020 mit
den vorgenommenen sexuellen Handlungen einverstanden war und dann
im Nachhinein, als ihr bewusst wurde, dass sie die Arbeitsstelle nicht
erhalten würde, den intimen Kontakt zum Beschuldigten bereut und ihrem
Unmut darüber mit der Anzeigeerstattung freien Lauf gelassen hat. Damit
lässt sich – entgegen dem Vorbringen von A.L. (Berufungsantwort S. 4) –
ein Motiv für eine Falschaussage nicht von der Hand weisen. Nichts
anderes geht aus ihren Aussagen an der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung hervor, wonach sie froh sei, dass eine Chance bestehe,
dass der Beschuldigte bestraft werde, weil es ihr Ziel sei, dass er nicht
einfach ungestraft davonkomme (GA act. 29). Hervorzuheben ist, dass A.L.
an der Berufungsverhandlung zu Protokoll gegeben hat, dass sie die
Arbeitsstelle beim Beschuldigten trotz des Vorfalls angenommen hätte,
wenn sie eine Zusage erhalten hätte (Protokoll Berufungsverhandlung
S. 31). Diese Aussage lässt stark vermuten, dass A.L., bei einem Erhalt der
Arbeitsstelle, von einer Anzeigeerstattung abgesehen hätte.
2.4.5.2.
Auch die nach dem Vorfall zwischen A.L. und dem Beschuldigten
verschickten «WhatsApp»-Nachrichten lassen Zweifel daran aufkommen,
dass A.L. nicht mit den sexuellen Handlungen einverstanden gewesen sein
soll. So geht aus diesen hervor, dass sie dem Beschuldigten, auf seine
Anfrage hin, am 13. Mai 2020, um 14.32 Uhr sowie 14.37 Uhr und somit
nur wenige Minuten nach dem Vorfall Fotoaufnahmen ihrer Identitätskarte
gesendet hat (UA act. 299). Sie hat diesbezüglich zu Protokoll gegeben,
dem Beschuldigten nach dem Vorfall von Zuhause aus nochmal
- 13 -
Fotoaufnahmen ihrer Identitätskarte geschickt zu haben, weil die zuvor
durch F.H. gemachten Aufnahmen qualitativ nicht die Besten gewesen
seien (UA act. 429). Aus dem Chatverlauf ist weiter ersichtlich, dass sie am
13. Mai 2020, um 15.48 Uhr, von sich aus den Beschuldigten mit der Bitte
kontaktiert hat, er solle sich bei ihr melden, sobald er bezüglich der
Arbeitsstelle etwas Neues wisse (UA act. 298; 430). Sodann hat sie ihm
tags darauf mitgeteilt, dass sie ungefähr bis 19.30 Uhr nicht erreichbar sei,
falls er sie brauche. Dies habe sie gemacht, weil sie an diesem Abend
eigentlich bei ihm hätte aushelfen sollen, jedoch einen Termin bei ihrer
Therapeutin gehabt habe (UA act. 298; 430). Auch am 20. Mai 2020
kontaktierte A.L. von sich aus den Beschuldigten, um nachzufragen, ob er
schon etwas Neues wisse. Daraufhin teilte der Beschuldigte ihr mit, dass
er am Freitag mehr wissen werde und fragte sie, ob sie mit ihm eine
Zigarette rauchen wolle, was sie verneinte, da es bereits zu spät
(01.28 Uhr) sei. Danach wünschten sich beide gegenseitig eine gute Nacht
(UA act. 298). Unter der Annahme, dass es tatsächlich zu einer sexuellen
Nötigung resp. einer versuchten Vergewaltigung gekommen ist, erscheint
das Verhalten von A.L. nicht nachvollziehbar. So wäre in diesem Fall
grundsätzlich zu erwarten, dass sie sich von ihrem Wunsch, für den
Beschuldigten zu arbeiten, gelöst und den Kontakt zu diesem vollständig
unterbunden hätte, anstatt mehrmals nachzufragen, ob er bezüglich der
Arbeitsstelle schon mehr wisse und ihm zusätzlich auch noch eine gute
Nacht zu wünschen. Das Verhalten von A.L. erscheint nach dem
gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung als
höchst ungewöhnlich. So hätte A.L. – wäre es tatsächlich zu den
angeklagten Delikten gekommen – bei jedem Arbeitseinsatz befürchten
müssen, dass es erneut zu denselben oder ähnlichen Vorfällen kommen
könnte. Der Argumentation der Staatsanwaltschaft, wonach A.L. trotz des
Vorfalls beim Beschuldigten habe arbeiten wollen, weil sie die Hoffnung
gehabt habe, das Erlebte zu verdrängen (Plädoyer der Staatsanwaltschaft
an der Berufungsverhandlung S. 3 f.), kann nicht gefolgt werden. So ist
davon auszugehen, dass die Arbeitsverrichtung beim Beschuldigten
gerade verhindert hätte, dass A.L. den Vorfall hätte verdrängen können,
wäre sie doch ständig mit dem Beschuldigten wie auch mit dem Ort des
Geschehens konfrontiert worden. Das Versenden der Fotoaufnahmen der
Identitätskarte unmittelbar nach dem Vorfall zeigt sodann, dass A.L. in
diesen Zeitpunkten noch in der Lage war, Nachrichten zu versenden.
Aufgrund der von ihr geschilderten Folgen des Vorfalls, wie beispielsweise
die Selbstverletzung am selben oder am folgenden Tag (GA act. 31;
UA act. 429) und ihr Suizidversuch im Februar 2021, welche auf etwas
Vorgefallenes rückschliessen lassen, erscheint es nicht gänzlich
nachvollziehbar, dass A.L. nur wenige Minuten nach dem Vorfall noch dazu
in der Lage war, durch den Beschuldigten gestellte Anforderungen für den
Erhalt der erhofften Arbeitsstelle zu erfüllen.
- 14 -
Die vor dem Vorfall zwischen A.L. und dem Beschuldigten verschickten
«WhatsApp»-Nachrichten (vgl. UA act. 288 ff.) vermögen nicht
nachzuweisen, dass die am 13. Mai 2020 vorgefallenen sexuellen
Handlungen ohne das Einverständnis von A.L. vorgenommen wurden, da
daraus nichts in Bezug auf den konkreten Vorfall abgeleitet werden kann.
2.4.5.3.
Sodann wirft die Aussage von A.L., wonach sie sich den Zeitrahmen des
Vorfalls genau eingeprägt habe, weil sie sich gedacht habe, dass es
eventuell von Vorteil sein könnte (UA act. 403), Fragen auf. Da sie – ihren
eigenen Angaben zufolge – unmittelbar nach dem Vorfall noch vorgehabt
habe, beim Beschuldigten zu arbeiten und niemandem von den
Geschehnissen erzählen wollte und folglich auch nicht vorhatte, den Vorfall
bei den Strafverfolgungsbehörden zu melden, erweckt ihr Verhalten den
Anschein, als hätte sie sich vorbehalten, den Vorfall zu einem späteren
Zeitpunkt – nämlich im Falle einer Absage betreffend die Arbeitsstelle –
doch noch anzuzeigen.
2.4.5.4.
Ebenfalls auffällig sind die späte Erstbekundung des Vorfalls sowie die
unterschiedlichen Begründungen von A.L. für diese späte Erstbekundung
resp. Anzeigeerstattung. Geht man davon aus, dass sich der in der Anklage
umschriebene Sachverhalt tatsächlich so zugetragen hat, wäre zu erwarten
gewesen, dass A.L., wenn auch nicht sofort der Polizei, zumindest ihrem
damaligen Lebenspartner, F.H., oder anderen ihr nahestehenden
Personen, wie beispielsweise ihren Eltern oder ihrer besten Freundin,
zeitnah von den Geschehnissen berichtet hätte. Da F.H. zuhause war, als
A.L. am 13. Mai 2020 nach Hause kam (UA act. 410; 452), hätte denn
grundsätzlich auch die Möglichkeit bestanden, diesem sogleich von der
sexuellen Nötigung resp. der versuchten Vergewaltigung zu berichten. A.L.
hat die Tatsache, dass sie ungefähr eine Woche lang niemanden über den
Vorfall informiert hat, an ihrer ersten Einvernahme zuerst damit begründet,
dass sie und F.H. den in Aussicht stehenden Arbeitslohn gut hätten
brauchen können, da sie beide vom Sozialamt abhängig seien (UA act.
401). Im späteren Verlauf ihrer ersten Einvernahme begründete sie die
Tatsache, dass sie den Vorfall nicht direkt bei der Polizei gemeldet habe
damit, dass sie Angst und keine Beweise gehabt habe (UA act. 412 f.). An
ihrer zweiten Einvernahme bestätigte sie, dass sie aufgrund der in Aussicht
stehenden Arbeitsstelle so getan habe, als wäre nichts passiert. Damit
habe sie sich selber und F.H. einen riesigen Gefallen machen wollen, weil
es um Fr. 2'000.00 gegangen sei, die sie monatlich hätte verdienen
können. Sie habe trotz des Vorfalls wegen des Geldes beim Beschuldigten
arbeiten wollen (UA act. 430 f.). Zusätzlich sagte sie erstmals aus, dass sie
auch gedacht habe, dass es nichts bringe, so spät noch eine Anzeige zu
erstatten (UA act. 432). An der vorinstanzlichen Hauptverhandlung
bestätigte sie, sich nach einer Arbeitsstelle gesehnt, Geld benötigt und dies
- 15 -
als ihre einzige Chance gesehen zu haben. Sie gab an, dass sie in dem
Moment fast alles für Geld gemacht hätte, ausser sich zu prostituieren. Dies
habe sie noch nie gemacht. Sodann habe sie ihren Eltern bereits erzählt
gehabt, eine Arbeitsstelle in Aussicht zu haben (GA act. 32). An der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung führte sie zwei neue Gründe für die
späte Berichterstattung aus. Einerseits gab sie an, sich zuerst nicht getraut
zu haben, Anzeige zu erstatten, da sie aufgrund ihrer Vergangenheit
gewusst habe, dass man resp. ihre Eltern ihr nicht glauben würden. Dies,
weil sie früher viel gelogen habe (GA act. 29). F.H. habe sie deshalb nichts
gesagt, weil sie nicht gewusst habe, wie er darauf reagieren würde, da er
Aggressionsprobleme habe und schnell ausraste (GA act. 31). An der
Berufungsverhandlung begründete A.L. die späte Anzeigeerstattung
erstmals damit, sich für den Vorfall geschämt und Angst davor gehabt zu
haben, ihre Beziehung würde dadurch zu Bruch gehen (Protokoll
Berufungsverhandlung S. 28). Zusammenfassend ist festzustellen, dass
A.L. insgesamt acht verschiedene Gründe dafür angegeben hat, weshalb
sie den Vorfall so lange für sich behalten hat.
2.4.5.5.
Auch zur Frage, was resp. wer A.L. zur Anzeigeerstattung bewogen habe,
liegen verschiedene Angaben vor. An ihrer ersten, wie auch an ihrer
zweiten Einvernahme hat A.L. ausgesagt, dass es F.H. gewesen sei, der
sie schlussendlich zur Anzeigeerstattung bewogen habe, indem er ihr
gesagt habe, dass sie eine Anzeige erstatten solle (UA act. 412 f.;
UA act. 432). Sie habe ihn schliesslich deshalb über den Vorfall informiert,
weil er ihr angemerkt habe, dass etwas nicht stimme und deshalb verlangt
habe, dass sie vollkommen ehrlich zu sein habe (UA act. 412). An der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung gab sie dem widersprechend an, dass
sie auf jeden Fall auch ohne Ermunterungen von anderen Personen
Anzeige erhoben hätte (GA act. 29). Ebenfalls an der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung führte sie sodann erstmals aus, dass für sie in
demjenigen Zeitpunkt, in welchem sie von einer Freundin erfahren habe,
dass diese ebenfalls schlechte Erfahrungen mit dem Beschuldigten
gemacht habe, festgestanden sei, dass sie Anzeige erstatten müsse. Sie
habe ihre Freundin gebeten, betreffend den Vorfall, welcher schon drei
oder vier Jahre zurückliege, ebenfalls Anzeige zu erheben, was diese
jedoch abgelehnt habe (GA act. 33). Damit hat sie erneut ihrer früher
gemachten Aussage, wonach die Ermunterungen durch F.H. der Grund für
die Meldung bei der Polizei gewesen seien, widersprochen.
2.4.5.6.
Zu berücksichtigen sind auch die zwischen A.L. und der Mutter von F.H.,
G.H., verschickten «WhatsApp»-Nachrichten. So schrieb G.H. am
28. Mai 2020 folgende Nachricht: «Asoni hoff scho, dass sie da was chönd
mache. Und na vil meh hoffi, das der nümm uf die idee chömed. Aso
vorallem du, din körper für gäld wele verchaufe. Du bisch meh wärt wie jede
- 16 -
franke. Jnd holed euch bitte hilf was sfinanzielle aabelangt. Das der lernet
demit umgoh.». Darauf erwiderte A.L.: «i ha mi ned wele verkaufe i h nur
de arbetsvertrag welle ha», woraufhin G.H. folgendes antwortete: «Aha...
ha gmeint sig sowas wie der schomal gmacht hend, wäg bildli vertigge.
[...]» (UA act. 335). An der Berufungsverhandlung führte A.L.
diesbezüglich aus, dass sie vor dem Vorfall zusammen mit F.H. mehrmals
Nacktbilder von ihr unbekannten Personen aus dem Internet
heruntergeladen habe. Sie habe sich als diese Personen ausgegeben und
diese verkauft. Dadurch hätten sie in zwei Monaten einen Gewinn von
Fr. 100.00 bis Fr. 200.00 erwirtschaftet, was für sie aufgrund ihrer
desolaten finanziellen Verhältnisse ein sehr hoher Betrag gewesen sei
(Protokoll Berufungsverhandlung S. 24 und 33). Der frühere Verkauf von
Nacktbildern durch A.L. steht zwar nicht mit dem vorliegend zu
untersuchenden Vorfall in Verbindung und vermag nicht nachzuweisen,
dass sie am 13. Mai 2020 mit den vorgefallenen sexuellen Handlungen
einverstanden war. Dies zeigt jedoch die bei A.L. – zumindest damals –
bestehende Grundeinstellung auf, damit einverstanden zu sein,
Nacktbilder, bei denen die Käufer jeweils dachten, dass A.L. darauf
abgebildet sei, zu verkaufen, um damit Geld zu verdienen. Folglich hatte
A.L. in den Zeitpunkten des Verkaufs der Nacktbilder keine Probleme
damit, dass andere Personen – nämlich die Käufer der Bilder – in ihr
jemanden sahen, der sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt erbrachte.
Aus der vorgenannten «WhatsApp»-Nachricht von G.H. geht weiter hervor,
dass diese – welche A.L. gut kannte, da sie mit ihr bereits zusammengelebt
hatte (Protokoll Berufungsverhandlung S. 12) – A.L. denn auch zutraute,
diese würde ihren Körper verkaufen, um an Geld zu gelangen. Selbst die
Mutter von A.L., D.L., gab an der Berufungsverhandlung an, dass sie
befürchte, dass ihre Tochter Nacktaufnahmen von sich verkauft habe, da
solche Aufnahmen von A.L. in ihrer damaligen Schule aufgetaucht seien
(Protokoll Berufungsverhandlung S. 16 f.). Aufgrund dessen erscheint es
nicht unwahrscheinlich, dass A.L., im Hinblick auf den Erhalt der von ihr
dermassen erhofften Arbeitsstelle, mit den am 13. Mai 2020
vorgenommenen sexuellen Handlungen hätte einverstanden sein können.
2.4.5.7.
Auch die «WhatsApp»-Nachrichten, welche A.L. an einen ihrer Freunde
namens I. versendet hat, lassen Zweifel daran entstehen, dass die
sexuellen Handlungen nicht in ihrem Einverständnis erfolgt sein sollen. So
hat A.L. ihrem Kontakt I. am 28. Mai 2020 folgende Nachricht zukommen
lassen: «vorallem iwie gib ich mir die schuld». Auf die daraufhin von I.
erhaltene Nachricht: «Du bisch ned schuld du chasch nix defür»,
entgegnete sie: «ich weiss au ned vlt hani falschi signal gsendet ach ka»
(UA act. 327). Zu diesen Nachrichten befragt, gab sie an, dass sie sich die
Schuld für das, was passiert sei gebe und dass sie sich Gedanken dazu
mache, dass der Beschuldigte möglicherweise irgendetwas falsch
aufgefasst haben könnte, wobei sie jedoch nicht wisse, was das sein
- 17 -
könnte (UA act. 433). An der Berufungsverhandlung gab sie erstmals an,
sich deshalb die Schuld am Vorfall zu geben, da sie denke, dass es nicht
so weit gekommen wäre, wenn sie sich gewehrt hätte. Sodann bestätigte
sie auf entsprechende Nachfrage hin, dass sie vermutet habe, dem
Beschuldigten falsche Signale, die ihm hätten Hoffnungen machen können,
gesendet zu haben (Protokoll Berufungsverhandlung S. 29 f.).
2.4.5.8.
A.L. hat angegeben, dass sie sich vor dem Vorfall manchmal sporadisch
mit dem Beschuldigten getroffen habe, um mit ihm Kaffee zu trinken
(UA act. 422). Weiter habe sie sich einmal in seinem Lokal ihre Schultern
von ihm massieren lassen. Wann dies passiert sei und ob noch weitere
Personen anwesend gewesen seien, wusste sie nicht mehr (UA act. 434;
Protokoll Berufungsverhandlung S. 37). Diese Aussagen zeigen klar, dass
A.L. – entgegen ihrer Aussage, wonach sie jeweils einen Schritt zurück
gemacht habe, wenn der Beschuldigte sich ihr genähert habe (UA act. 432)
– mit den vorgenannten privaten Treffen und Berührungen und somit
zumindest mit gewissen Annäherungen des Beschuldigten einverstanden
war.
2.4.5.9.
Schliesslich bleibt festzuhalten, dass aufgrund der Tatsache, dass A.L. im
Strafverfahren adhäsionsweise Zivilansprüche stellt (vgl. GA act. 62)
theoretisch auch finanzielle Motive für eine Falschaussage denkbar wären.
Diesbezüglich hat D.L. zu Protokoll gegeben, dass es ihr komisch
vorgekommen sei, dass A.L. nach dem Vorfall das Thema Schadenersatz
angesprochen habe. In diesem Moment hätten bei D.L. die Alarmglocken
geläutet und sie sei hellhörig geworden, weil es sie erstaunt habe, dass
plötzlich von Geld die Rede gewesen sei. D.L. gab weiter an, A.L. nichts
unterstellen zu wollen, jedoch zu wissen, dass diese und F.H. in der
Vergangenheit gerade aufgrund ihrer ständigen Geldnot schon etwas
hätten aushecken können, wenn sie zusammen gewesen seien. Die beiden
seien jeweils sehr fantasievoll gewesen, wenn es darum gegangen sei,
Geld zu beschaffen (Protokoll Berufungsverhandlung S. 16; UA act. 465).
A.L. bestätigte denn auch an der Berufungsverhandlung, dass sie und F.H.
zusammen auf viele blöde Ideen gekommen seien, wenn es darum
gegangen sei, Geld zu verdienen (Protokoll Berufungsverhandlung S. 24).
Sodann erscheint erwähnenswert, dass D.L. angegeben hat, dass sie und
ihr Mann, E.L., aufgrund vergangener Erfahrungen festgestellt hätten, dass
A.L. des Öfteren nicht die Wahrheit sage, weshalb sie jeweils das, was sie
ihnen anvertraue, überprüfen würden, wenn dies möglich sei (Protokoll
Berufungsverhandlung S. 17; UA act. 462).
Zusammenfassend liegen somit mehrere Hinweise auf Motive für eine
Falschaussage vor.
- 18 -
2.4.6.
Insgesamt ist in Würdigung der Aussagen von A.L. – entgegen dem
Vorbringen der Staatsanwaltschaft (Plädoyer der Staatsanwaltschaft an
der Berufungsverhandlung S. 3) – nicht ausgeschlossen, dass diese ihre
die versuchte Vergewaltigung resp. sexuelle Nötigung betreffenden
Aussagen ohne realen Erlebnishintergrund gemacht hat. Die Annahme,
dass ihre Aussagen gerade nicht realitätsbegründet sind (Nullhypothese)
lässt sich vorliegend nicht umstossen. Zusammenfassend lässt sich somit
nicht erstellen, dass die vom Beschuldigten vorgenommenen sexuellen
Handlungen gegen den ausdrücklichen Willen von A.L. erfolgt sind.
2.4.7.
Der Tatvorwurf lässt sich sodann auch anhand der bestreitenden Aussagen
des Beschuldigten nicht erstellen. Zwar mutet es auf den ersten Blick
seltsam an, dass er an seinen beiden ersten Einvernahmen angegeben
hat, dass es zu keinem sexuellen Kontakt mit A.L. gekommen sei (UA
act. 349 f.; 361 f.) und erst anlässlich seiner dritten Einvernahme vom
11. Juni 2020 eingestanden hat, dass es – mit dem Einverständnis von A.L.
– zu den durch ihn eingestandenen sexuellen Handlungen gekommen sei
(UA act. 373). Dieses Verhalten erweckt den Anschein, als hätte der
Beschuldigte etwas zu verbergen gehabt. Seine dafür vorgebrachte
Erklärung, wonach er sich einerseits zuerst geschämt habe, so offen über
die sexuellen Handlungen zu reden (UA act. 373) und andererseits nicht
gewollt habe, dass seine Frau von der ganzen Sache erfahre (UA act. 390;
GA act. 40), erscheint nachvollziehbar. Es könnte sich dabei aber genauso
gut um eine Verteidigungsstrategie gehandelt haben. Immerhin sah sich
der Beschuldigte mit dem Vorwurf einer versuchten Vergewaltigung sowie
einer sexuellen Nötigung konfrontiert. Sein Aussageverhalten lässt daher
für sich alleine jedenfalls keine Rückschlüsse darauf zu, ob die sexuellen
Handlungen gegen den Willen von A.L. stattgefunden haben. Sodann
konnte er auch für das Obergericht nachvollziehbare Gründe dafür
angeben, weshalb A.L. ihn fälschlicherweise einer versuchten
Vergewaltigung resp. einer sexuellen Nötigung anschuldigen sollte. So gab
er an, er vermute, dass A.L. ihn aus Rachegründen, weil sie Geld gebraucht
und deshalb bei ihm habe arbeiten wollen und nun wütend auf ihn sei, bei
der Polizei angezeigt habe (UA act. 348; 352).
2.4.8.
In Würdigung der gesamten Umstände bestehen erhebliche und
unüberwindbare Zweifel daran, dass sich der Sachverhalt so zugetragen
hat, wie er in der Anklage umschrieben wird. Der Beschuldigte ist deshalb
von Schuld und Strafe freizusprechen. Seine Berufung erweist sich damit
als begründet.
- 19 -
3.
Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen, so hat
sie Anspruch auf Genugtuung für besonders schwere Verletzungen ihrer
persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug (Art. 429
Abs. 1 lit. c StPO). Die Strafbehörde prüft den Anspruch von Amtes wegen
(Art. 429 Abs. 2 StPO). Das Bundesgericht erachtet bei ungerechtfertigten
Inhaftierungen eine Genugtuung von Fr. 200.00 pro Tag als angemessen,
sofern nicht aussergewöhnliche Umstände vorliegen, die eine höhere oder
eine geringere Entschädigung rechtfertigen (Urteil des Bundesgerichts
6B_491/2020 vom 13. Juli 2020 E. 2.3.2.).
Der Beschuldigte befand sich vom 23. Mai 2020 (UA act. 28) bis
26. Juni 2020 (UA act. 150; 172; 279) und somit während insgesamt
35 Tagen in Untersuchungshaft. Aussergewöhnliche Umstände liegen
nicht vor. Es ist ihm deshalb eine Genugtuung von Fr. 7'000.00
zuzusprechen.
4.
Nachdem der Beschuldigte vorliegend von Schuld und Strafe
freigesprochen wird, sind die Voraussetzungen für eine obligatorische
Landesverweisung gemäss Art. 66a Abs. 1 StGB nicht erfüllt.
5.
Das Gericht entscheidet über die anhängig gemachte Zivilklage, wenn es
die beschuldigte Person freispricht und der Sachverhalt spruchreif ist
(Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO).
Aufgrund des mit vorliegendem Urteil ergehenden vollumfänglichen
Freispruchs entfällt die Grundlage für die Zusprechung einer Genugtuung
oder von Schadenersatz, weshalb die Zivilforderung der Privatklägerin A.L.
abzuweisen ist.
6.
6.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei
im Berufungsverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon
ab, in welchem Ausmass ihre vor Obergericht gestellten Anträge
gutgeheissen wurden (Urteil des Bundesgerichts 6B_330/2016 vom
10. November 2017 E. 4.3). Sind mehrere beteiligte Personen
kostenpflichtig, so werden die Kosten anteilsmässig auferlegt (Art. 418
Abs. 1 StPO).
Der Beschuldigte obsiegt mit seiner Berufung vollumfänglich. Die
Staatsanwaltschaft und die Privatklägerin A.L. unterliegen. Bei diesem
Ausgang rechtfertigt es sich, die obergerichtlichen Verfahrenskosten von
- 20 -
Fr. 6'000.00 (§ 18 VKD) zur einen Hälfte auf die Staatskasse zu nehmen
und zur anderen Hälfte der unterliegenden Privatklägerin, die sich aktiv am
Berufungsverfahren beteiligt und die Abweisung der Berufung beantragt
hat, aufzuerlegen. Die in Art. 30 Abs. 1 OHG statuierte Kostenfreiheit gilt
im Berufungsverfahren nicht, weshalb auch die Privatklägerin
entsprechend dem Ausgang kostenpflichtig wird (Urteil des Bundesgerichts
6B_370/2016 vom 16. März 2017 E. 1.2 mit Hinweis auf BGE 141 IV 262
E. 2.2). Zufolge der ihr gewährten unentgeltlichen Rechtspflege ist ihr
dieser Betrag einstweilen vorzumerken.
6.2.
Der amtliche Verteidiger ist für das Berufungsverfahren gestützt auf seine
anlässlich der Berufungsverhandlung eingereichte Kostennote mit
gerundet Fr. 4'000.00 aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 135
Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT; § 13 AnwT).
Der Kostenentscheid präjudiziert die Entschädigungsfrage (BGE 147 IV
47). Ausgangsgemäss ist auf eine Rückforderung dieser Entschädigung
vom Beschuldigten zu verzichten. Nach der Rechtsprechung des Bundes-
gerichts besteht sodann – trotz Unterliegens im Berufungsverfahren – keine
gesetzliche Grundlage, diese Entschädigung der Privatklägerin
aufzuerlegen (BGE 145 IV 90 E. 5).
6.3.
Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin ist für ihren Aufwand im
Berufungsverfahren gestützt auf ihre Kostennote vom 14. Februar 2022,
jedoch ohne den auf das erstinstanzliche Verfahren entfallenden Aufwand
sowie den – aufgrund ihrer krankheitsbedingten Dispensation von der
Berufungsverhandlung – geschätzten Aufwand von insgesamt 5 Stunden
für die Teilnahme an der Berufungsverhandlung und die Hin- und Rückreise
mit gerundet Fr. 1'600.00 aus der Staatskasse zu entschädigen.
Gestützt auf Art. 30 Abs. 3 OHG hat die Privatklägerin die Kosten für die
unentgeltliche Vertretung im Berufungsverfahren nicht zurückzuerstatten,
da es nicht bereits im erstinstanzlichen Verfahren zu einem Freispruch
gekommen ist (BGE 143 IV 154 Regeste).
6.4.
6.4.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Ausgangsgemäss sind die erstinstanzlichen
Verfahrenskosten vollumfänglich auf die Staatskasse zu nehmen (Art. 426
Abs. 1 StPO e contrario).
- 21 -
6.4.2.
Die dem amtlichen Verteidiger für das erstinstanzliche Verfahren
zugesprochene Entschädigung von Fr. 14'465.20 (inkl. Mehrwertsteuer)
erscheint hoch. Diese ist mit Berufung jedoch nicht angefochten worden,
weshalb darauf im Berufungsverfahren nicht mehr zurückgekommen
werden kann (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar
2019 E. 2.3). Nachdem der Kostenentscheid die Entschädigungsfrage
präjudiziert, ist auf eine Rückforderung dieser Entschädigung vom
Beschuldigten zu verzichten.
6.4.3.
Wird die beschuldigte Person, die sich nicht durch einen amtlichen
Verteidiger, sondern durch einen freigewählten Verteidiger verteidigen
lässt, ganz oder teilweise freigesprochen, so hat sie Anspruch auf
Entschädigung ihrer Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer
Verfahrensrechte (Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO). Entschädigungspflichtig sind
jene Bemühungen, die in einem kausalen Zusammenhang mit der
Wahrung der Rechte im Strafverfahren stehen und die notwendig und
verhältnismässig sind (BGE 141 I 124 E. 3.1).
Eine Entschädigung des Beschuldigten betreffend seine Aufwendungen für
seinen freigewählten Verteidiger, Rechtsanwalt Philipp Müller, für die Zeit
vom 8. Juni 2020 (UA act. 497) bis 12. Februar 2021 (GA act. 17), fällt
vorliegend ausser Betracht, nachdem sich die Bemühungen des
freigewählten Verteidigers – aufgrund der bereits vorliegenden amtlichen
Verteidigung des Beschuldigten (Einsetzung von Rechtsanwalt Fricker als
amtlicher Verteidiger am 23. Mai 2020; vgl. UA act. 491) – nicht als
notwendig erweisen.
6.4.4.
Die der unentgeltlichen Vertreterin zugesprochene Entschädigung für das
erstinstanzliche Verfahren ist unangefochten geblieben, weshalb ihr eine
Entschädigung von Fr. 7'317.70 aus der Staatskasse auszurichten ist.
Gestützt auf Art. 30 Abs. 3 OHG hat die Privatklägerin die Kosten für die
unentgeltliche Vertretung im erstinstanzlichen Verfahren nicht
zurückzuerstatten.
7.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).
- 22 -