Decision ID: 76b9c4ea-a6ae-5530-a193-78cfc463a142
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Mit Entscheid vom 18. September 2009, IV 2008/393, bestätigte das
Versicherungsgericht die angefochtene Abweisung des von A._ am 31. Oktober 2005
angemeldeten Rentengesuchs (siehe hierzu sowie zum entscheidrelevanten
Sachverhalt IV-act. 106; zur IV-Anmeldung siehe IV-act. 1). Das Gericht stützte sich in
medizinischer Hinsicht auf das polydisziplinäre (internistische, psychiatrische und
rheumatologische) ABI-Gutachten vom 31. Oktober 2006 (IV-act. 35). Darin
diagnostizierten die ABI-Gutachter mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: eine
leichtgradige depressive Episode (ICD-10: F33.0); ein chronisches
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom (ICD-10: M54.4); eine Epicondylopathia humeri
radialis links (ICD-10: M77.0) sowie einen Verdacht auf Karpaltunnelsyndrom links
(ICD-10: G56.0). Für leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigten sie eine psychisch
bedingte Arbeitsunfähigkeit von 20% (IV-act. 35-14 f.). Der Entscheid des
Versicherungsgerichts erwuchs in Rechtskraft.
A.b Die Versicherte meldete sich am 6. Juni 2011 erneut zum Bezug von IV-Leistungen
an. Sie brachte vor, ihr Gesundheitszustand habe sich körperlich und psychisch
verschlechtert (IV-act. 111 f.). Zur weiteren Begründung ihrer Wiederanmeldung reichte
sie Berichte vom behandelnden Dr. med. B._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 12. Oktober 2009 (IV-act. 116), vom behandelnden Dr. med.
C._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, vom 28. März 2011 (IV-act. 118) und ein
Privatgutachten von Dr. med. D._, Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
FMH, vom 28. Januar 2011 (IV-act. 117) ein. Dr. B._ berichtete, der
Gesundheitszustand der Versicherten habe sich seit der ABI-Begutachtung
verschlechtert. Es sei seit der Dekompensation der Persönlichkeitsstörung zu einer
anhaltend reduzierten psychischen Belastbarkeit der Versicherten gekommen, was zu
mehreren depressiven Dekompensationen und Chronifizierung der generalisierten
Angststörung und Neuausbruch einer Panikstörung geführt habe. Die Versicherte sei
weiterhin aus psychiatrischer Sicht 100% arbeitsunfähig (IV-act. 116). Dr. D._ ging
davon aus, die Versicherte leide an einer gravierenden Anpassungsstörung (ICD-10:
F43.2). Als Basis davon seien Probleme nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit
(ICD-10: Z61.5) zu verzeichnen. Die Anpassungsstörung sei derart chronifiziert und
vertieft, dass sogar Anzeichen einer andauernden Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F62)
in Betracht gezogen werden könnten. Für leidensangepasste Tätigkeiten verfüge die
Versicherte über eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 117-5 f.). RAD-Arzt Dr. med.
E._, Facharzt u.a. für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt das Privatgutachten von
Dr. D._ für mangelhaft. Dr. D._ habe u.a. keinen handwerklich sauberen
Psychostatus erhoben, der zu der Beschwerdeschilderung in einen konsistenten oder
nicht konsistenten Zusammenhang gebracht werde. Er trage sodann nichts vor, was
nicht schon durch andere Arztberichte oder im ABI-Gutachten vorgetragen worden sei
(Aktennotiz vom 9. Juni 2011, IV-act. 121).
A.c Im Verlaufsbericht vom 27. September 2011 nannte Dr. B._ als Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung
(ICD-10: F60.31) und eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode mit somatischen „Symptomen“ (ICD-10: F33.11). Bei der
Versicherten bestehe objektiv die Möglichkeit, eine 50%ige Arbeitsfähigkeit wieder zu
erlangen. Sie brauche aber zuerst ein mindestens dreimonatiges Arbeitstraining im
geschützten Rahmen. Erst danach könne von einer verwertbaren 50%igen
Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden (IV-act. 125). RAD-Arzt Dr. E._ hielt die
Ausführungen von Dr. B._ für plausibel und nachvollziehbar. Er empfahl die
Durchführung des von Dr. B._ vorgeschlagenen Arbeits- und Belastungstrainings
(Stellungnahme vom 3. Oktober 2011, IV-act. 126). Daraufhin erteilte die IV-Stelle
Kostengutsprache für eine Frühinterventionsmassnahme in Form einer
sozialberuflichen Rehabilitation in bei F._ für die Dauer vom 30. Januar 2012 bis 30.
April 2012 (50%iges Pensum in der Cafeteria; Mitteilung vom 6. Februar 2012, IV-act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
143; vgl. auch IV-act. 147). Des Weiteren gewährte sie Beratung und Unterstützung bei
der Stellensuche (Mitteilung vom 6. Februar 2012, IV-act. 144). Am 27. April 2012
erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für die Verlängerung der sozialberuflichen
Rehabilitationsmassnahme bis 29. Mai 2012 (IV-act. 149). Die sozialberufliche
Rehabilitationsmassnahme wurde am 18. Mai 2012 vorzeitig beendet. Im
Abschlussbericht vom 4. Juni 2012 führten die verantwortlichen Personen der F._
aus, die Versicherte habe eine durchschnittliche Arbeitsleistung von 50% (erbracht).
Durch Panikattacken und Atemnot habe sie vermehrt Pausen benötigt. Ihr würde es im
Gastgewerbe gefallen. Sie fühle sich aber psychisch noch gar nicht in der Lage, einer
Tätigkeit nachzugehen (IV-act. 153). Inzwischen befand sich die Versicherte seit 23.
Mai 2012 in stationärer Behandlung in der Klinik G._. Der stationäre Aufenthalt
dauerte bis 30. Juni 2012. Die behandelnden medizinischen Fachpersonen der Klinik
G._ diagnostizierten eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere
Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F33.2) und ängstlich-vermeidende
sowie emotional instabile „Persönlichkeitszüge“ (ICD-10: F61). Sie führten aus,
nachdem die Versicherte von einem Hund angefallen worden sei - ohne dabei verletzt
worden zu sein -, hätten Ängste zugenommen und sich der Zustand der Versicherten
akut verschlechtert. Sie hätte das Haus nicht mehr verlassen und auch nicht mehr ins
Arbeitstrainingsprogramm gehen können (Berichte vom 2. und 9. Juli 2012, IV-act. 159;
zum Hundevorfall vgl. auch act. G 1.2).
A.d Die IV-Stelle hielt weitere berufliche Massnahmen unter den gegebenen
Umständen nicht für angezeigt und wies das Leistungsbegehren um weitere berufliche
Massnahmen ab (Mitteilung vom 30. Juli 2012, IV-act. 161).
A.e In der Stellungnahme vom 29. August 2012 gelangte RAD-Arzt Dr. E._ zur
Auffassung, die Beurteilung der medizinischen Fachpersonen der Klinik G._ sei
widersprüchlich und nicht nachvollziehbar. Er empfahl daher die Einholung eines
Verlaufsberichts von Dr. B._ (IV-act. 162). Dieser berichtete, der Gesundheitszustand
der Versicherten habe sich trotz der stationären Behandlung und bei gleichgebliebenen
Diagnosen verschlechtert (Verschlechterung der depressiven Symptomatik und der
Dekompensation der Persönlichkeitsstörung). Sie sei deshalb in die psychiatrische
Tagesklinik H._ überwiesen worden (Verlaufsbericht vom 20. September 2012, IV-
act. 163). Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 11. Dezember 2012
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bidisziplinär (rheumatologisch und psychiatrisch) von den Dres. med. I._, Spezialarzt
FMH für Innere Medizin, speziell Rheumaerkrankungen, und J._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, begutachtet. Im Gesamtgutachten vom 11.
Dezember 2012 (Datum Posteingang IV-Stelle: 21. Januar 2013) erwähnten die
Gutachter als Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: ein chronifiziertes
lumbales Schmerzsyndrom mit Beinausstrahlung rechts ohne neurologische Ausfälle
bei Diskusprotrusionen/Anulusriss L3 bis S1, im MRI vom 28. November 2012 ohne
Nervenwurzelkompression (ICD-10: M21.2); einen Status nach cervikospondylogener
Armirritation links bei C4/5/6 degenerativer Diskusprotrusion/Spondylose mit
bildgebend möglicher Irritation der Nervenwurzel C5 und C6 links haltungsabhängig
(ICD-10: M47.8, M50.3); eine rezidivierend depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode ohne somatisches Syndrom (ICD-10: F33.10); eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit ängstlich vermeidenden, dependenten und emotional
instabilen Persönlichkeitszügen (ICD-10: F61), DD: andauernde
Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10: F62.0); Probleme nach
sexuellem Missbrauch in der Kindheit (ICD-10: Z61.5), DD: posttraumatische
Belastungsstörung (ICD-10: F43.1); anamnestisch: Panikstörung (ICD-10: F41.0).
Aufgrund des wenig auffälligen rheumatologischen Befunds in der aktuellen
Untersuchung und der bildgebenden Befunde sei somatisch für leidensangepasste
Tätigkeiten eine 80%ige Arbeitsfähigkeit anzunehmen. Aus psychiatrischer Sicht sei
von einer rund 50%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
auszugehen, die aktuell noch nicht verwertbar erscheine, sondern erst in 3 Monaten
aufgenommen werden könne bei bis dahin - sofern keine neue Traumatisierung
dazwischen komme - wieder anzunehmend stabilisierter psychischer Situation. Der
psychische Gesundheitszustand habe sich seit 2008 deutlich verschlechtert (IV-act.
180, insbesondere S. 22 ff.). Dr. J._ empfahl, in ca. 3 Monaten eine
Verlaufsbeobachtung und einen Beschwerdevalidierungstest durchzuführen (IV-act.
180-21). RAD-Arzt Dr. E._ beschrieb verschiedene Mängel an der Beurteilung durch
Dr. J._. Er empfahl, im März 2013 eine Nachevaluation bei Dr. J._ zu veranlassen,
der dann zu den kritischen Anmerkungen des RAD Stellung nehmen möge
(Stellungnahme vom 6. Februar 2013, IV-act. 181).
A.f Am 18. April 2013 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, sie erachte eine
medizinische Nachuntersuchung bei Dr. J._ in K._ als notwendig (IV-act. 186). Dr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B._ teilte der IV-Stelle anlässlich des Telefongesprächs vom 31. Mai 2013 mit, die
Versicherte könne krankheitsbedingt nicht nach K._ zur Untersuchung reisen. Sei
leide an einer sehr schweren Persönlichkeitsstörung und jede nur kleinste Belastung
führe zu einer Verschlechterung ihres psychischen Zustands (IV-act. 196; vgl. IV-act.
191). Daraufhin sagte die IV-Stelle die bei Dr. J._ geplante Nachuntersuchung ab (IV-
act. 197) und liess die Versicherte durch Dr. med. L._, Facharzt u.a. für Psychiatrie
und Psychotherapie, psychiatrisch begutachten (Untersuchungen vom 11. und 13.
September 2013). Dieser stellte die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung, nicht näher
bezeichnet (ICD-10: F60.9). Diese Diagnose habe Einfluss auf das Verhalten in der
Arbeit und das Leistungsverhalten. Sie bestehe wahrscheinlich seit dem jungen
Erwachsenenalter. Es seien keine Funktionsdefizite nachweisbar gewesen, die zu einer
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führten. Bei Phasen mit starker
Stimmungsveränderung könne in der Vergangenheit die Arbeitsfähigkeit kurzzeitig
vermindert gewesen sein. Retrospektiv könne anhand der vorliegenden Expertisen nur
sehr schwer eine eigene Beurteilung vorgenommen werden. Wahrscheinlich bestehe
das „aktuelle Leistungsbild“ seit mindestens August 2013. Einer sofortigen
Eingliederung stehe kein medizinischer Hinderungsgrund entgegen. Bei der
Untersuchung seien Inkonsistenzen zwischen Beschwerdeangaben und Angaben zu
Aktivitäten sowie zwischen Beschwerdeangaben und Befundtatsachen vorgekommen
(Gutachten vom 16. Oktober 2013, IV-act. 206). RAD-Arzt Dr. E._ hielt das Gutachten
von Dr. L._ für nachvollziehbar. Gestützt darauf sei seit mindestens Anfang August
2013 von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für die angestammte (Service-)Tätigkeit und
für leidensangepasste Tätigkeiten auszugehen (Stellungnahme vom 28. Oktober 2013,
IV-act. 207).
A.g Ausgehend von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit stellte die IV-Stelle der
Versicherten mit Vorbescheid vom 27. November 2013 die Abweisung des
Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 210). Dagegen erhob die Versicherte am 17. Januar
2014 Einwand (IV-act. 211). Am 18. Februar 2014 reichte sie weitere medizinische
Akten ein (IV-act. 213). Mit Schreiben vom 27. Februar 2014 legte sie ein von ihr in
Auftrag gegebenes Aktengutachten von Dr. med. M._, Facharzt Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, vom 25. Februar 2014 vor und beantragte die Übernahme der
Kosten für das Aktengutachten. Darin kam Dr. M._ im Wesentlichen zum Schluss,
das Gutachten von Dr. L._ könne zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht verwertet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden, weil tendenziöse Aussagen darin enthalten seien, Inkonsistenzen in der
Diagnostik vorlägen, sich Widersprüche und eine fehlende Nachvollziehbarkeit bei der
Darstellung der Funktionsbeeinträchtigungen und Ressourcen zeigten und eine
kritische Auseinandersetzung und Würdigung der Vorbefunde seit 2007 fehle. Sodann
seien alle erwähnten F4-Diagnosen in keinem der Gutachten sorgfältig exploriert und
nachvollziehbar bestätigt oder ausgeschlossen worden. Eine
Benzodiazepinabhängigkeit sei in keiner Berichterstattung in der erforderlichen Tiefe
diskutiert worden. Eine verwertbare Persönlichkeitsdiagnostik fehle (IV-act. 216). Hierzu
nahm Dr. L._ am 10. Juli 2014 Stellung und hielt unverändert an seiner Beurteilung
fest (IV-act. 224). RAD-Arzt Dr. E._ gelangte am 17. Juli 2014 zur Auffassung, dass
an der bisherigen Einschätzung von Dr. L._ festgehalten werden könne (IV-act. 225).
Am 4. September 2014 reichte die Versicherte eine als „Replik“ bezeichnete
Stellungnahme von Dr. M._ ein, worin sich dieser mit den neuen Ausführungen von
Dr. L._ vom 10. Juli 2014 auseinandersetzte. Zusammenfassend brachte er vor, es
fehle nach wie vor an einer plausiblen Begründung, weshalb sämtliche
Vorberichterstatter in deren Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vom Gutachten von Dr.
L._ so deutlich abgewichen seien (Bericht vom 22. August 2014, IV-act. 230). RAD-
Arzt Dr. E._ vertrat den Standpunkt, es bestehe keine Veranlassung, die ein
Abweichen der von Dr. L._ bescheinigten Arbeitsfähigkeit rechtfertige
(Stellungnahme vom 6. Oktober 2014, IV-act. 231). Am 10. Oktober 2014 verfügte die
IV-Stelle die Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 232).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 10. Oktober 2014 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 6. November 2014. Die Beschwerdeführerin beantragt darin deren
Aufhebung und es sei ihr eine Rente zu gewähren; unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen, einschliesslich der Erstattung von Gutachterkosten von Fr.
3‘372.60. Im Wesentlichen macht sie geltend, das Gutachten von Dr. L._ sei nicht
beweiskräftig. Sodann habe die Beschwerdegegnerin ausser Acht gelassen, dass Dr.
I._ aus somatischer Sicht eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt habe (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 9. Januar
2015 die Abweisung der Beschwerde. Sie bringt vor, die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von Dr. L._ sei beweiskräftig und aus psychiatrischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin nicht eingeschränkt. Hingegen sei in der angefochtenen
Verfügung zu Unrecht ausser Acht gelassen worden, dass gemäss Dr. I._ eine
20%ige Arbeitsunfähigkeit aus somatischer Sicht bestehe. Diese ändere aber nichts
daran, dass kein rentenbegründender Invaliditätsgrad bestehe (act. G 4).
B.c In der Replik vom 1. Juni 2015 hält die Beschwerdeführerin unverändert an der
Beschwerde fest. Ergänzend bringt sie vor, dass die Beurteilung von Dr. I._ auf einer
Untersuchung vom 11. Dezember 2012 beruhe und im Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung veraltet sei. Der Sachverhalt sei daher auch somatisch noch nicht spruchreif
(act. G 12).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 14).
B.e In der unaufgefordert eingereichten Eingabe vom 20. Oktober 2015 weist die
Beschwerdeführerin auf eine gutachterliche Expertise aus psychosomatisch-
psychiatrischer Sicht von Univ.-Prof. Dr. N._ vom Mai 2014 hin (act. G 16).
B.f Das Versicherungsgericht orientierte die Parteien am 15. Juni 2016 über seinen
Beschluss, ein psychiatrisches Gerichtsgutachten bei Dr. med. O._, Facharzt FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie, einzuholen (act. G 19). Die Beschwerdegegnerin
hat sich am 20. Juni 2016 mit der vorgesehenen Begutachtung ausdrücklich
einverstanden erklärt und um Berücksichtigung ihrer Ergänzungsfragen ersucht (act. G
20). Die Beschwerdeführerin liess die Frist für eine Stellungnahme unbenützt
verstreichen. Am 8. August 2016 beauftragte das Versicherungsgericht Dr. O._ mit
der Erstattung des psychiatrischen Gerichtsgutachtens (act. G 21).
B.g Am 20. Dezember 2016, 18. März und 20. Juni 2017 wurde die
Beschwerdeführerin von Dr. O._ untersucht. Zusätzlich fand am 4. Mai 2017 eine
neuropsychologische Untersuchung statt (zum Bericht über die neuropsychologische
Untersuchung vom 23. Mai 2017 siehe act. G 33.4). Dr. O._ stellt folgende
Diagnosen: eine rezidivierende depressive Störung, aktuell leichtgradige depressive
Episode (ICD-10: F33.0), differenzialdiagnostisch Bipolar-II-Störung (depressive und
hypomanische Episoden); eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1),
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zum Zeitpunkt der Begutachtung syndromal, sonst je nach Belastungen subsyndromal
(Schwelle zur Diagnosestellung nicht erreicht) und syndromal (Schwelle zur
Diagnosestellung erreicht); eine andauernde chronische Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41), entsprechend einer
somatischen Belastungsstörung (DSM-5: F45.1) mit leichtem Schweregrad,
überwiegend mit Schmerz. Aus der Sicht des Gutachters besteht spätestens seit dem
Jahr 2008 keine verwertbare Arbeitsfähigkeit für die angestammte Tätigkeit. In einer
optimal leidensangepassten Tätigkeit bestehe überwiegend wahrscheinlich eine
60%ige Arbeitsfähigkeit (Gerichtsgutachten vom 22. November 2017, act. G 33,
insbesondere S. 5 und S. 91 f.; zur Rechnung mit einem geltend gemachten Aufwand
von Fr. 25‘088.15 siehe act. G 34).
B.h Die Beschwerdegegnerin vertritt in ihrer Stellungnahme vom 10. Januar 2018 den
Standpunkt, dem Gerichtsgutachten sei voller Beweiswert einzuräumen. Sie stellt unter
Hinweis auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung sinngemäss die
invalidenversicherungsrechtliche Erheblichkeit der vom Gerichtsgutachter für
leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigten Arbeitsunfähigkeit in Frage (act. G 36).
Die Beschwerdeführerin bringt am 14. Februar 2018 vor, es bestünden keine Aspekte,
die geeignet wären, das Gerichtsgutachten grundlegend in Frage zu stellen. Des
Weiteren fordert sie einen Tabellenlohnabzug von 25% (act. G 39). In der Eingabe vom
21. Februar 2018 weist die Beschwerdeführerin auf den Entscheid des Bundesgerichts
vom 1. Dezember 2017, 8C_260/2017, E. 4.2.5 hin, wonach bei einem schlüssigen
Gutachten die darin formulierten Stellungnahmen zur Arbeitsfähigkeit zu übernehmen
seien und eine davon losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach Massgabe des
strukturierten Beweisverfahrens nicht stattzu¬finden habe (act. G 41; zur Kostennote
des Rechtsvertreters vom 7. März 2018 siehe act. G 43.1).

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der von der
Beschwerdeführerin am 6. Juni 2011 wieder angemeldete Rentenanspruch (IV-act. 111
f.). Nicht Anfechtungsgegenstand bildet demgegenüber deren Gesuch um
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kostenübernahme für die von ihr anlässlich des Verwaltungsverfahrens eingeholten
Privatexpertisen (act. G 1), das sie bereits im Verwaltungsverfahren - zumindest
hinsichtlich der Kosten für das Aktengutachten von Dr. M._ vom 25. Februar 2014
(IV-act. 216-1) - gestellt hatte. Die Beschwerdegegnerin hat sich hierzu weder im
Verwaltungs- noch Beschwerdeverfahren geäussert. Ein allfälliger Leistungsanspruch
für die im Verwaltungsverfahren eingereichten Privatexpertisen bestimmt sich nach Art.
45 Abs. 1 Satz 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1; vgl. auch Art. 78 Abs. 3 der Verordnung
über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.201]). Die geltend gemachten Auslagen
stellen keine im bzw. für das Beschwerdeverfahren angefallene Parteikosten im Sinn
von Art. 61 lit. g ATSG dar. Auf den Antrag um Übernahme der Kosten für die
Privatexpertisen ist daher mangels Anfechtungsgegenstands nicht einzutreten.
1.1 Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
1.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4 mit Hinweisen). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Bezüglich Gerichtsgutachten hat
die Rechtsprechung ausgeführt, das Gericht weiche "nicht ohne zwingende Gründe"
von den Einschätzungen der medizinischen Experten ab. Auch der Europäische
Gerichtshof für Menschenrechte hat diesbezüglich erwogen, der Meinung eines von
einem Gericht ernannten Experten komme bei der Beweiswürdigung vermutungsweise
hohes Gewicht zu (BGE 135 V 469 f. E. 4.4 mit Hinweisen).
1.3 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.4 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Zu beurteilen ist vorab die Frage, ob der medizinische Sachverhalt rechtsgenüglich
abgeklärt worden ist. Die Beweiskraft des Gerichtsgutachtens wird weder von der
Beschwerdegegnerin noch der Beschwerdeführerin in Zweifel gezogen (act. G 36 und
act. G 39, Rz 1 am Schluss).
2.1 Bei der Würdigung des psychiatrischen Gerichtsgutachtens (act. G 33) fällt ins
Gewicht, dass es auf eigenständigen gründlichen Abklärungen beruht und für die
streitigen Belange umfassend ist. Die medizinischen Vorakten wurden verwertet und
ausführlich diskutiert. Insbesondere hat sich der Gerichtsgutachter ausführlich und
schlüssig mit abweichenden Beurteilungen auseinandergesetzt. Die von der
Beschwerdeführerin geklagten Leiden wurden berücksichtigt und nachvollziehbar
gewürdigt. Im Einklang mit Dr. L._ (IV-act. 224-9 unten) verneinte der
Gerichtsgutachter hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit plausibel eine relevante Tragweite
des Benzodiazepinkonsums (act. G 33, S. 80 f.). Die Arbeitsfähigkeitsschätzung des
Gerichtsgutachters leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und
in der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Weiter bestehen keine
Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche Tatsachen nicht berücksichtigt worden
wären. Aus medizinischer Sicht ist deshalb davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin für die angestammte (Service-)Tätigkeit über keine Arbeitsfähigkeit
mehr verfügt (act. G 33, S. 89). Bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten hielt der
Gerichtsgutachter eine 60%ige Arbeitsfähigkeit für überwiegend wahrscheinlich (act. G
33, S. 90 f.). Hinsichtlich des seit dem 22. Juli 2008 eingetretenen Verlaufs (Datum der
vom Versicherungsgericht mit Entscheid vom 18. September 2009, IV 2008/393,
bestätigten Verfügung, IV-act. 88; vgl. auch act. G 21, Frage Ziff. 4) geht aus den
Ausführungen im Gerichtsgutachten hervor, dass sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin im Jahr 2008 verschlechtert hat (act. G 33, S. 94). Bis zum
Zeitpunkt der Gerichtsbegutachtungen trat aber keine weitere grundlegende
Verschlechterung mehr ein. Somit kann retrospektiv ebenfalls von einer 60%igen
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten ausgegangen werden (act. G 33, S.
90 und S. 93 f.). An dieser Sichtweise vermag auch die aufgrund ihrer Dauer nicht
rentenrelevante stationäre Hospitalisation in der Klinik G._ vom 23. Mai bis 30. Juni
2012 nichts zu ändern (IV-act. 159-6).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, es sei von einer Arbeitsfähigkeit von unter
60% für leidensangepasste Tätigkeiten auszugehen. Denn die Angabe des
Gerichtsgutachters, in einer angepassten Tätigkeit sei ein Rendement von 60% zu
erzielen, sei mit der Angabe ergänzt worden, sicher betrage die „Arbeitsunfähigkeit“ 40
und maximal 70%, wobei der Unsicherheitsgrad gegen unten etwas grösser sei (act. G
39, Rz 3). Dieser Betrachtungsweise kann schon deshalb nicht gefolgt werden, als sich
die von der Beschwerdeführerin wiedergegebene Aussage des Gerichtsgutachters
gerade nicht auf die „Arbeitsunfähigkeit“, sondern auf die Arbeitsfähigkeit bezogen hat.
So führte er an der von der Beschwerdeführerin referenzierten Stelle (act. G 33, S. 91,
Hervorhebungen gemäss Original) aus: „Das Unsicherheitsintervall ist aufgrund von -
im Längsschnitt wie vor allem im Querschnitt - nicht-authentischer Beschwerde-/
Leistungspräsentation und weiterer, nicht präzise quantifizierbarer medizin-/
invaliditätsfremder Faktoren entsprechend hoch (mindestens 40% AF, höchstens 70%
AF; nach unten ist der Unsicherheitsgrad etwas grösser, da aufgrund dieser
Einflussfaktoren verschiedene Beschwerden und Einschränkungen nicht validiert, nicht
plausibilisiert werden konnten, solche teilweise zwar möglich, aber nicht überwiegend
wahrscheinlich sind, [...].) Keinesfalls besteht eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in
optimal angepasster Tätigkeit, keinesfalls besteht eine volle Arbeitsfähigkeit in optimal
angepasster Tätigkeit“. Dass der Gerichtsgutachter die von ihm als überwiegend
wahrscheinlich angenommene 60%ige Arbeitsfähigkeit mit Ausführungen zur
möglichen Bandbreite und zum Unsicherheitsgrad ergänzt hat, vermag daran keine
Zweifel zu begründen. Zudem ist es die Aufgabe der Sachverständigen aufzuzeigen,
mit welcher Bestimmtheit eine Aussage gemacht werden kann und an welchen Stellen
allenfalls mit Hypothesen und Bandbreiten gearbeitet werden muss. Daher ist es
gerade ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Experte im Bereich diagnostisch nicht
eindeutiger und demzufolge einen Interpretationsspielraum eröffnender
Beschwerdebilder darauf verzichtet, eine Sicherheit vorzutäuschen, die es in solchen
Belangen von der Natur der Sache her nicht geben kann (Urteil des Bundesgerichts
vom 19. November 2007, I 961/06, E. 3.1 mit Hinweisen).
2.3 Zu beurteilen ist des Weiteren, ob die medizinische Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit den normativen Anforderungen an die Erwerbsunfähigkeit im Sinn von
Art. 7 Abs. 1 und 2 ATSG genügt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3.1 Der psychiatrische Gerichtsgutachter hat zunächst nachvollziehbar und in
umfassender Diskussion der Befunde, Funktionseinbussen und Ressourcen (zum
objektiven Potential siehe etwa act. G 33, S. 102 oben) sowie unter Einbezug einer
Konsistenz- und Plausibilitätsprüfung aus versicherungsmedizinischer Sicht dargelegt
(act. G 33, S. 61 ff. und S. 102 f; zum funktionellen Schweregrad siehe act. G 33, S. 82
ff.), dass die Beschwerdeführerin an selbstständigen psychischen Krankheiten leidet
(zum vielschichtigen Krankheitsbild siehe die vom Gerichtsgutachter erhobenen
Diagnosen in act. G 33, S. 92) und aufgrund der dadurch bedingten gesundheitlichen
Beeinträchtigungen einen teilweisen, aus objektiver Sicht nicht überwindbaren Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten im Sinn von Art. 7 Abs. 1 und Abs. 2 ATSG im Umfang von
40% erleidet.
2.3.2 Die vom Gerichtsgutachter namhaft gemachten und ausführlich diskutierten
Inkonsistenzen, Aggravations- bis Simulationstendenzen sowie invaliditätsfremden
Gesichtspunkte (act. G 33, S. 62 unten sowie S. 63 ff) hat er bei seiner aus objektiver
Sicht erfolgten Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit ausdrücklich ausgeklammert. Er hat
ausschliesslich „krankheitsbedingt plausibilisierten“ Funktionseinschränkungen bei der
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung Rechnung getragen (act. G 33, S. 91; siehe auch
vorstehende E. 2.2).
2.3.3 Der Gerichtsgutachter legte ausserdem u.a. gestützt auf eine Haaranalyse dar,
dass die Beschwerdeführerin eine weitgehend mit dem Leiden (bzw. dem
Leidensdruck) adäquate Inanspruchnahme von ambulanten, teilstationären und
stationären Behandlungen gezeigt habe. Die bisherigen psychiatrischen Behandlungen
seien zeitnah und eine erste medikamentöse Behandlung 1996 bereits im Rahmen der
ersten Scheidung erfolgt. Ab 2002 seien dann stationäre, ambulante und teilstationäre
Behandlungen gut dokumentiert, die, wenn sie stattfanden, jeweils engagiert und lege
artis durchgeführt worden seien. Eine Bestimmung von Medikamentenspiegeln sei
indessen bis zur vom Gericht veranlassten Begutachtung nicht erfolgt (act. G 33, S. 86
f. und S. 103; zu dem sich aus der in Anspruch genommenen Behandlung ergebenden
erheblichen Leidensdruck siehe act. G 33, S. 63). Aus den Therapievorschlägen des
Gerichtsgutachters (Weiterführung und Anpassung der bereits laufenden
psychiatrischen Behandlung, act. G 33, S. 101 f.; siehe auch act. G 33, S. 85 f.) ergibt
sich nichts, was die gutachterliche Beurteilung des Leidensdrucks der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin in Zweifel zieht. Dies gilt umso mehr, als sich der
Gerichtsgutachter davon keine grundlegende Veränderung des Gesundheitszustands
mit grundlegender Besserung der Leistungsfähigkeit, jedoch mindestens Erhalt des
bestehenden Zustandes, mit weiterer Stabilisierung verspricht (act. G 33, S. 101 unten
und S. 85).
2.3.4 Aus rechtlicher Sicht bestehen nach dem Gesagten keine Gründe, von der
Leistungsfähigkeitsbeurteilung im Gerichtsgutachten abzuweichen.
2.3.5 Was ihre somatischen Leiden anbelangt, so führt die Beschwerdeführerin ins
Feld, beruhe die angefochtene Verfügung auf veralteten Grundlagen und
ungenügenden medizinischen Abklärungen. Zur Begründung verweist sie auf die am
18. Februar 2014 eingereichten medizinischen Unterlagen (act. G 12, Rz 1). Gemäss
Bericht von Dr. med. P._, Spezialärztin FMH für Innere Medizin, vom 14. Januar 2014
geht aus somatischer Sicht lediglich ein „akuter“ grippaler Infekt hervor. Die Prüfung
der Lungenfunktion ergab Werte im unteren Normbereich (IV-act. 213-2 f.). Auch aus
dem Bericht der Frauenklinik des Kantonsspitals St. Gallen vom 25. November 2013
lässt sich kein Leiden entnehmen, das zu einer wesentlichen Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit geführt hätte. Vielmehr wird darin auf das Bestehen einer
psychosomatischen Problematik hingedeutet. Ein angebotenes psychosomatisches
Konsil wurde von der Beschwerdeführerin abgelehnt (IV-act. 213-4 f.). Der Bericht von
Dr. med. Q._, Facharzt für Neurochirurgie, vom 16. Dezember 2012 (IV-act. 213-9 f.)
erging kurz nach der Begutachtung von Dr. I._ vom 11. Dezember 2012, der sich u.a.
auf MRI-Ergebnisse von November 2012 stützte (IV-act. 180-13). Dr. Q._ beschreibt
keine objektiven Gesichtspunkte, die Dr. I._ ausser Acht gelassen hätte, geschweige
denn, die auf eine gesundheitliche Verschlechterung hindeuten. Für weitere somatische
Abklärungen betreffend den bis zum Verfügungserlass eingetretenen Sachverhalt
besteht demnach keine Veranlassung. Gestützt auf die Einschätzung von Dr. I._ ist
von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten auszugehen. Die
20%ige Einschränkung wurde von Dr. I._ mit dem Bedarf vermehrter Kurzpausen
infolge rascherer Ermüdung begründet (IV-act. 180-19). Dem vermehrten
Erholungsbedarf trägt der Gerichtsgutachter ebenfalls ausdrücklich Rechnung (act. G
33, S. 91), weshalb der von Dr. I._ bescheinigten 20%igen Arbeitsunfähigkeit in einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesamtwürdigung keine zusätzliche Auswirkung auf die psychiatrisch bescheinigte
40%ige Arbeitsunfähigkeit zukommt.
3.
Auf der Grundlage einer 60%igen Arbeitsfähigkeit verbleibt die Ermittlung des
Invaliditätsgrads anhand eines Einkommensvergleichs (Art. 16 ATSG). Es besteht kein
Anlass, von dem im Entscheid vom 18. September 2009, IV 2008/393, E. 4,
angewandten Prozentvergleich abzuweichen. Die Frage nach der Höhe eines allfälligen
Tabellenlohnabzugs liess das Versicherungsgericht damals ausdrücklich noch offen
(IV-act. 106-12). Die Beschwerdeführerin beantragt aufgrund ihres Alters, der
gesundheitlichen Einschränkungen und gesundheitsbedingten Anforderungen an einen
Arbeitsplatz einen Abzug von 25% (act. G 39, Rz 3). Im massgebenden Zeitpunkt der
angefochtenen Verfügung (10. Oktober 2014, IV-act. 232) war die 1964 geborene
Beschwerdeführerin (IV-act. 1-1) 50-jährig. Eine lohnwirksame Benachteiligung
aufgrund ihres relativ noch nicht weit fortgeschrittenen Alters bzw. der noch
verbleibenden langen Aktivdauer ist zu verneinen. Der Gerichtsgutachter nannte
folgende Aspekte, die für leidensangepasste Tätigkeiten zu berücksichtigen sind und
das Spektrum möglicher Tätigkeiten erheblich einschränken: eine reduzierte Flexibilität
und Umstellungsfähigkeit; eine Reduktion der Widerstands- und Durchhaltefähigkeit;
eine reduzierte Selbstbehauptungsfähigkeit (nur bezüglich Abgrenzung);
Vertretungsmöglichkeit bei nicht im Voraus absehbaren Absenzen; keine körperlich
schweren Tätigkeiten wegen der Schmerzproblematik (act. G 33, S. 93). Zumindest
einen Teil dieser qualitativen Einschränkungen hat der Gerichtsgutachter allerdings
bereits bei der quantitativen Arbeitsfähigkeitsbeurteilung berücksichtigt
(eingeschränkte Widerstands- und Durchhaltefähigkeit; zusätzlicher Pausenbedarf;
nicht voraussehbare Absenzen; act. G 33, S. 91). Diesen ist bei der Bemessung des
Tabellenlohnabzugs nicht mehr Rechnung zu tragen. Aus somatischer Sicht bestehen
zwar weitere qualitative Einschränkungen, die indessen einer leichten industriellen
Tätigkeit nicht entgegenstehen (IV-act. 180-19) und zu keiner lohnerheblichen
Einschränkung des noch offen stehenden Tätigkeitsspektrums führen. Insgesamt
erscheint ein Tabellenlohnabzug von 10% angemessen. Bei einer 60%igen
Restarbeitsfähigkeit und einem Tabellenlohnabzug von 10% resultiert ein
Invaliditätsgrad von 46% (40% + [60% x 10%]). Selbst bei Annahme eines Abzugs von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
15% ergäbe sich ein Invaliditätsgrund von weniger als 50% (40% + [60% x 15%] =
49%). Die Beschwerdeführerin hat damit einen Anspruch auf eine Viertelsrente (Art. 28
Abs. 2 IVG). Die Wiederanmeldung zum Leistungsbezug erfolgte am 6. Juni 2011 (IV-
act. 111-10), womit der Rentenanspruch am 1. Dezember 2011 beginnt (Art. 29 Abs. 1
IVG).
4.
4.1 In Gutheissung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten ist, ist die Verfügung
vom 10. Oktober 2014 aufzuheben und der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1.
Dezember 2011 eine Viertelsrente zuzusprechen. Zur Festsetzung und Ausrichtung der
Rentenleistung ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Aufgrund der Einholung eines
Gerichtsgutachtens und des damit verbundenen Zusatzaufwands erscheint eine
Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als
angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der von der Beschwerdeführerin geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihr zurückzuerstatten.
4.3 Die Kosten des psychiatrischen Gerichtsgutachtens von Fr. 25‘088.15 (act. G 34)
hat die Beschwerdegegnerin vollumfänglich zu tragen.
4.4 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat am 7. März 2018 eine Kostennote mit
einem Honorar bei einem Aufwand von 25.08 Stunden von insgesamt Fr. 7‘024.05
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) eingereicht (act. G 43.1). Der geltend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gemachte Aufwand erscheint angesichts des mehrfachen Schriftenwechsels und des
sehr umfangreichen, sehr differenzierten Gerichtsgutachtens angemessen.