Decision ID: ae989121-d559-54d3-8d20-e09843c88cb5
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die im Jahre 1975
geborene
X._
war seit dem 1.
Januar 2015
bei der
Y._
als Nachtwache angestellt und als solche
bei der
Suva
obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert
(Urk. 12
/1)
.
Bei einer hef
tigen Auffahrtskollision zog sie sich am 1
5.
Februar 2018 eine HWS-Distorsion zu; die Erstbehandlung erfolgte im
Z._
, wo die Versicherte am 1
5.
und 1
6.
Februar 2018 in stationärer Behandlung stand (Urk. 12/16/2).
Mit Schreiben vom 2
2.
Februar 2018 anerkannte die Suva ihre Leistungspflicht für die Folgen des Unfalls vom 1
5.
Februar 2018 (
Urk.
12/6). Die biomechanische Kurzbeurteilung vom 2
3.
August 2018 ergab eine kollisionsbedingte Geschwin
digkeits
änderung in Vorwärtsrichtung von
35 bis 39 km/h (
Urk.
12/108 S. 3).
In der Folge klärte die Suva den medizinischen Sachverhalt in neurologischer Hin
sicht ab (versicherungsinterner Bericht vom 1
8.
Dezember 2018; Urk. 12/159). Ab dem 1
9.
März 2019 weilte die Versicherte zur Rehabilitation an der
A._
, wobei die Kostengutsprache einmalig bis zum 2
2.
Mai 2019 verlän
gert wurde (
Urk.
12/256,
Urk.
12/268
). Eine versicherungsinterne psychiatrische Beurteilung erfolgte am 1
2.
Mai 2019
(
Urk. 12/273).
Für die Zeit ab dem 2
3.
Mai 2019 übernahm
die
Sanitas
Winterthur die Kosten für die weiter andauernde sta
tionäre Behandlung an der
A._
, wobei den Akten eine Kosten
gutsprache zumindest bis zum 2
8.
Juli 2019 zu entnehmen ist (
Urk.
3/4 ff.).
1.2
Mit Verfügung vom
2
8.
Mai 2019
teilte die Suva
mangels Vorliegens adäquater Unfallfolgen
die Leistungseinstellung
per 2
3.
Mai 2019 mit (Urk. 12
/289) und hielt an dieser Einschätzung mit
Einspracheentscheid
vom 2
3.
Juli 2019 fest (Urk. 12/305 =
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der Vertreter der Versicherten am 1
6.
September 2019 Beschwerde und beantragte, es sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerde
führerin weiterhin die Taggeldleistungen zu erbringen; eventualiter sei ein gerichtliches Gutachten bei der
B._
in
C._
zur Frage der Unfallkausalität der gesundheitlichen Beschwerden erstellen zu lassen; unter Kos
ten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin (Urk. 1 S. 2). Im Rahmen der Beschwerdeergänzung vom
9.
Oktober 2019 beantragte der Ver
treter der Beschwerdeführerin die Erstellung des Gutachtens bei der
D._
(
Urk.
6 S. 2), weiter reichte er einen neuropsychologischen Abklä
rungsbericht vom
8.
Oktober 2019 zu den Akten (
Urk.
7).
Mit Beschwerdeantwort vom
4.
November 2019 beantragte die Beschwerdegeg
nerin die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
11), was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom
5.
November 2019 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
13). Mit Schreiben vom
9.
Dezember 2019 reichte der Vertreter erneut den neuropsycho
logischen Abklärungsbericht vom
8.
Oktober 2019 zu den Akten (
Urk.
14 f.); die
Beschwerdegegnerin verzichtete in der Folge auf eine weitergehende Stellung
nahme (
Urk.
18).
Mit Schreiben vom 1
0.
März 2020 reichte der Vertreter der Beschwerdeführerin einen neurologischen Abklärungsbericht vom 3
1.
Januar 2020 ein (
Urk.
19 f.); die Beschwerdegegnerin beantragte in ihrer Stellungnahme vom 1
1.
Mai 2020 weiterhin die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
23).
Mit Schreiben vom 1
5.
De
zember 2020 stellte der Vertreter der Beschwerdeführerin die Anhebung einer Rechtsverzögerungsbeschwerde in Aussicht und reichte die Honorarnote ein (Urk. 24 f.).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 6
des
Bundesgesetz
es
über die Unfallversicherung (UVG)
werden – soweit das Gesetz nichts
anderes
bestimmt – die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (Abs. 1). Die Versicherung erbringt ihre Leistungen auch
bei folgenden
Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind (Abs. 2): Knochenbrüche (
lit
. a), Verrenkungen von Gelenken (
lit
. b), Meniskus
risse (
lit
. c), Muskelrisse (
lit
. d), Muskelzerrungen (
lit
. e), Sehnenrisse (
lit
. f), Band
läsionen (
lit
. g) und Trommelfellverletzungen (
lit
. h). Ausserdem erbringt die Ver
sicherung ihre Leistungen für Schädigungen, die der verunfallten Person bei der Heilbehandlung zugefügt werden (Abs. 3).
1.2
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwi
schen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhanden
sein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare
Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Ver
waltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
anspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.3
Die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und der infolge eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule auch nach Ablauf einer gewissen Zeit nach dem Unfall weiterbestehenden gesundheitlichen Beein
trächtigungen, die nicht auf organisch nachweisbare Funktionsausfälle zurück
zuführen sind, hat nach der in BGE 117 V 359 begründeten Rechtsprechung des Bundesgerichts in analoger Anwendung der Methode zu erfolgen, wie sie für psy
chische Störungen nach einem Unfall entwickelt worden ist (vgl. BGE 123 V 98 E. 3b, 122 V 415 E. 2c). Es ist im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall eine massgebende Bedeutung für die Entstehung der Arbeits- beziehungsweise der Erwerbsunfähigkeit zukommt. Das trifft dann zu, wenn er eine gewisse Schwere aufweist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt. Demnach ist zunächst zu ermitteln, ob der Unfall als leicht oder als schwer zu betrachten ist oder ob er dem mittleren Bereich angehört. Auch hier ist der adäquate Kausalzu
sammenhang zwischen Unfall und gesundheitlicher Beeinträchtigung bei leichten Unfällen in der Regel ohne Weiteres zu verneinen und bei schweren Unfällen ohne Weiteres zu bejahen, wogegen bei Unfällen des mittleren Bereichs weitere Kriterien in die Beurteilung mit einzu
beziehen sind. Je nachdem, wo im mittleren Bereich der Unfall einzuordnen ist und abhängig davon, ob einzelne dieser Kri
terien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sind, genügt zur Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein Kriterium oder müssen mehrere herange
zogen werden.
Als Kriterien nennt die Rechtsprechung hier:
-
besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalles;
-
die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen;
-
fortgesetzt spezi
fisch
e, belastende ärztliche Behandlung;
-
erhebliche Beschwerden;
-
ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
-
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
-
erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen.
Diese Aufzählung ist abschliessend. Anders als bei den Kriterien, die das Bundes
gericht in seiner oben zitierten Rechtsprechung (BGE 115 V 133) für die Beurtei
lung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und einer psy
chischen Fehlentwicklung für relevant erachtet hat, wird bei der Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall mit Schleudertrauma der Halswirbelsäule und den in der Folge eingetretenen Beschwerden auf eine Differenzierung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet, da es bei Vorliegen eines solchen Traumas nicht entscheidend ist, ob Beschwerden medizinisch eher als organischer und/oder psychischer Natur bezeichnet werden (BGE 134 V 109; RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff., 1999 Nr. U 341 S. 409 E. 3b, 1998 Nr
. U 272 S. 173 E. 4a; BGE 117 V
359 E. 5d/
aa
und 367 E. 6a).
1.4
Die Beurteilung der Adäquanz in denjenigen Fällen, in denen die zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule gehörenden Beein
trächtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zu einer ausgeprägten psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten, ist nach der Praxis des Bundesgerichts nicht nach den für das Schleudertrauma in BGE 117 V 359 entwickelten Kriterien, sondern nach den in BGE 115 V 133 für psychische Fehl
entwicklungen nach einem Unfall aufgestellten Kriterien vorzunehmen (BGE 127 V 102 E. 5b/
bb
, 123 V 98 E. 2a, RKUV 1995 Nr
. U 221 S. 113 ff., SVR 1995 UV
Nr. 23 S. 67 E. 1; ferner BGE 134 V 109 E. 10.2 f.).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete den angefochtenen
Einspracheentscheid
damit, dass
gestützt auf die Beurteilung von
Dr.
med.
E._
, Facharzt FMH für Neurologie (Suva Versicherungsmedizin), die von der Beschwerdeführerin noch geltend gemachten Beschwerden nicht mehr überwiegend wahrscheinlich auf den Unfall vom 1
5.
Februar 2018 zurückgeführt werden könnten (
Urk.
2 S. 5). Bezüg
lich der Adäquanzprüfung sei davon auszugehen, dass die Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit dem Schleudertrauma gegenüber der psychischen Problema
tik ganz im Hintergrund stehen würden, sodass der adäquate Kausalzusammen
hang praxisgemäss unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung
nach Unfall zu beurteilen sei (S. 5). Der Unfall sei dabei als
mittelschwer im engeren Sinn zu qualifizieren. Vorliegend könne dem Unfallereignis in Prüfung der entsprechenden Kriterien keine massgebende Bedeutung für die Entstehung der psychischen Störungen im Sinne
der
zitierten Rechtsprechung beigemessen werden, weshalb der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und den psychischen Störung
en verneint werden müsse (S. 7, vgl. auch
Urk.
11).
2.2
Demgegenüber machte der Vertreter der Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, dass
gestützt auf die Einschätzung von
Dr.
med.
F._
, Facharzt für Neurologie und Verhaltensneurologie,
zertifizierter medizinischer Gutachter SIM,
davon auszugehen sei, dass die Beschwerdeführerin beim Unfall eine trau
matische Hirnverletzung erlitten habe, was bei der Heftigkeit des Aufpralls auch nicht verwunderlich sei (
Urk.
1 S. 3). Weiter sei die Beschwerdeführerin im Rah
men des Aufenthalts an der
A._
aufgrund einer
Lamotrigin
-Vergiftung, an welcher sie fast gestorben wäre, für drei Wochen stationär im
G._
in Behandlung gewesen, meist auf der Intensivstation. Die folgen
den Adäquanz-Kriterien seien erfüllt: Besondere Schwere der erlittenen Verlet
zung, belastende ärztliche Behandlung, erhebliche Beschwerden, ärztliche Fehl
behandlung, schwieriger Verlauf und erhebliche Komplikationen. Das Kriterium der erheblichen Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesenen Anstrengungen könne noch gar nicht beurteilt werden (S. 4).
Im Rahmen der Beschwerdeergänzung vom
9.
Oktober 2019 führte der Vertreter der Beschwerdeführerin weiter aus, dass aufgrund der nun erfolgten neuropsy
chologischen Abklärungen davon auszugehen, dass seine Mandantin einen Hirn
schaden habe, der sicher Folge des Unfalls sei (
Urk.
6 S. 3). Für die weitere Abklärung sei ein interdisziplinäres Gutachten in Auftrag zu geben (Urk. 14, vgl. auch
Urk.
19).
3.
3.1
Dr.
F._
diagnostizierte in seinem
neurologischen Bericht vom 18.
Sep
tember 2018 ein chronisches
postkommotionelles
Syndrom mit kognitiven, affektiven und vegetativen
Symptomen, chronische
migräneartigen Kopfschmer
zen sowie eine
Meralgia
parästhetica
. Sehr wahrscheinlich habe die Beschwerde
führerin bei der heftigen Auffahrkollision auch eine traumatische Hirnverletzung erlitten – formal leichten Grades – aber in der Auswirkung auf den Alltag doch schwer. Heute
würden
vor allem kognitive und affektive Störungen die Alltags
bewältigung
beeinträchtigen
. Es würden fluktuierende
Affektlabilitäten
sowie Störungen der Aufmerksamkeit, des sprachlichen Ausdrucks, des Gedächtnisses
und exekutive Störungen bestehen. Die eigene Befragung über den Unfallhergang – 5-6 Monate nach dem Unfall – habe eine unzusammenhängende Wiedergabe der Ereignisse ergeben. Sehr wahrscheinlich sei von einer posttraumatischen Am
nesie als Folge einer leichten traumatischen Hirnverletzung auszugehen (
Urk.
12/121 S. 6).
3.2
Dr.
med.
H._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
stellte
in seinem Bericht vom 2
4.
November 2018
die folgenden Diagnosen
(
Urk.
12/144 S. 1)
:
-
Verdacht auf organisch
affektive (ICD-10 F06.3) und organisch kognitive Störung (ICD-10 F06.7)
-
Iatrogene Opiatabhängigkeit (ICD-10 F11.22)
-
Chronisches
zervikozephales
Schmerzsyndrom (ICD-10 M54) bei HWS-Stauchung nach Autoauffahrunfall am 1
5.
Februar 2018 mit Erstbehand
lung im
Z._
Ausgehend von einem anamnestisch unauffälligen prämorbiden Funktionsniveau seien scheinbar nach dem Ereignis vom 1
5.
Februar 2018 erhebliche neurologi
sche (Artikulationsstörungen), neuropsychologische (
apparente
Störungen der Exekutivfunktionen) sowie psychiatrische (erhebliche affektive Labilität bis zur Suizidalität) Beeinträchtigungen aufgetreten, welche derzeit näher abgeklärt wür
den, wobei eine
primär
organische Ursache
nicht auszuschliessen sei (S. 2).
3.3
Dr.
E._
äusserte sich in seiner neurologischen Beurteilung vom 1
8.
Dezem
ber 2018 dahingehend, dass
sich
die Beschwerdeführerin am 1
5.
Februar 2018 überwiegend wahrscheinlich eine leichte Distorsion der Halswirbelsäule zugezo
gen habe. Die Beschwerden in Form von Nacken- und Kopfschmerzen seien höchstens bis zu einem Zeitpunkt von drei Monaten nach dem Unfall begründbar. Die heute geltend gemachten Beschwerden könnten nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrschein
lichkeit auf den Unfall vom 15.
Februar 2018 zurückgeführt werden (
Urk.
12/159 S. 6).
3.4
Dr.
phil.
I._
, Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP,
J._
,
führte in ihrem Bericht vom
8.
Oktober 2019 aus, dass sich ein sehr unausgeglichenes neuropsychologisches Resultatprofil gezeigt habe mit mehr
heitlich unauffälligen bis sogar überdurchschnittlichen Leistungen bis in einzel
nen Bereichen schweren Auffälligkeiten. Im Vordergrund sei von bis mittelschwe
ren Auffälligkeiten in der Affekt-, Antriebs-, Verhaltens- und Selbstregulation auszugehen. Im kognitiven Bereich würden sich Einschränkungen bis schwerer
Art in den exekutiven Funktionen zeigen, mit Störungen des figural-folgerichti
gen Denkens, verminderter Handlungsorganisation und vor allem Handlungs
kontrolle
, Stö
rungen der
Aufmerksamkeit mit Störungen der räumlichen Aufmerk
samkeit, der geteilten Aufmerksamkeit und Störungen der selektiven Auf
merk
samkeit sowie im auditiv-verbalen Lernen von Einzelinformationen und in der auditiven Aufnahme eines Textes. Hoch auffällig seien
die planerisch-motori
schen Fähigkeiten beim schnellen Sprechen sowie bei den schnellen sensomoto
rischen Reaktionszeiten mit instabiler
Händigkeit
. Spezifisch komme es in der Sprache zu Auffälligkeiten semantischer Art sowie beim schnellen Sprechen teil
weise zu Stottern. Eine kognitive Antwortverzerrung am ehesten im Sinne einer psychischen Leistungshemmung sei möglich, dürfte aber aus neuropsychologi
scher Sicht nicht im Vordergrund stehen. Es würden auf Hirnfunktionsebene Dis
soziationen ersichtlich, wobei eine Überaktivierung des rechten und Unterakti
vierung des linken Frontalhirns vorliegen könnte. Diese Dysfunktion sei auch
auf
der motorischen Ebene gegeben.
I
nsgesamt
sei
von einer mittelgradigen neu
ropsychologischen Funktionsstör
ung mit im Vordergrund stehenden
dysexekuti
vem
Syndrom und Auffälligkeiten in der Affekt-, Antriebs-, Verhaltens- und Selbstregulation auszugehen. Eine hirnorganische Komponente im Sinne von Dissoziationen auf Hirnfunktionsebene scheine neben einer psychischen Leis
tungshemmung wahrscheinlich.
Aufgrund der neuropsychologischen Funktions
störung sei von einer Einschränkung der alltags- und arbeitsbezogenen Leis
tungsfähigkeit von 50 bis 70
%
auszugehen (
Urk.
7 S. 4 f.).
3.5
In seinem Bericht vom 3
1.
Januar 2020 (Konsultation vom 2
5.
November 2019)
diagnostizierte
Dr.
F._
ein chronisches, belastungsabhängiges
postkom
motionelles
Syndrom mit kognitiven, affekti
ven und vegetativen Symptomen;
m
igräne
Auren ohne Migräne sowie chronische Kopfschmerzen (Spannungstyp;
Urk.
20 S. 4).
Anfang September 2019
sei die Beschwerdeführerin
aus der
A._
ausgetreten
; s
ie habe von den Therapieangeboten wenig profitie
ren können
(S. 1). Die linksseitige Wahrnehmungsstörung mit
Dysästhesien
ohne klare Eigenschaften eines sensiblen
Hemisyndroms
habe sich erheblich gebessert. Geblieben seien vor allem Störungen der kognitiven Leistungen und Veränderun
gen ihrer Stimmung sowie häufige Albträume
(S. 4)
. Gestützt auf die neuropsy
chologische Abklärung sei von einer
Dysbalance
der frontalen und parietalen Hirnregion auszugehen. Seines Erachtens lasse sich der Unfallmechanismus und die erlittene Hirntraumatisierung als Teilursache dieser
Dysbalance
der Hemi
sphären nicht wegdenken ohne an den Verlauf der kognitiven Leistungseinbusse der vergangenen 1 3⁄4 Jahre (seit dem Unfall) grundlegend andere Erwartungen zu stellen. Die verzögerte, nun aber einsetzende langsame Besserung der kogni
tiven Leistungen sei mit einer Funktionsstörung gut vereinbar. Welchen Einfluss
das prämorbide geistige Leistungspotential und möglicherweise eine entwick
lungsbedingte Vulnerabilität durch die psychischen Traumatisierungen hätten, sei schwierig abzuschätzen. Es bleibe aber hervorzuheben, dass die Anamnese keine vergleichbaren Phasen früherer reduzierter Funktionsfähigkeit im Alltag
aufwei
sen würden, welche in Iso
lation (ohne Unfall) den psychophysischen Verlauf der vergangenen 1 3⁄4 Jahre erklären könnten (S. 6 f.).
4.
4.1
Hinsichtlich der Beurteilung der medizinischen Aktenlage ist anzumerken, dass
d
en Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte nach der Rechtsprechung Beweiswert zu
kommt
, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchs
frei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3b/
bb
/
ee
). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fach
personen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gutachten unabhängiger Sachver
stän
diger. Soll ein Versicherungsfall ohne Ein
holung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweis
würdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssig
keit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 8C_348/2016 vom 9. Dezember 2016 E. 2.4).
4.2
4.2.1
Gemäss
Suva-Versicherungsmediziner
Dr.
E._
zog sich die Beschwerdefüh
rerin
beim Unfall
lediglich
eine
leichte Distorsio
n der Halswirbelsäule zu
, wobei höchstens für die Dauer von drei Monaten von unfallkausalen Beschwerden aus
zugehen
sei.
Dem
hausärztlichen Bericht von
Dr.
med.
K._
, Facharzt für Allgemeinmedizin, vom 1
0.
Mai 2018 sind dabei die folgenden Diagnosen/Befunde zu entnehmen:
Cervikocephales
Beschleunigungstrauma Grad III mit Nackenbeschwerden;
Cervikalgie
; Schmerzausstrahlung Nacken, Schulter, Oberarm; Gedächtnisstörun
gen; Erinnerungslücken. Es bestehe ein protrahierter Heilungsverlauf infolge star
ker belastungsabhängiger Kopf- und Nackenschmerzen (
Urk.
12/28
/1-2
).
Auch wenn
von der stossbedingten Geschwindigkeitsänderung nicht per se auf die Schwere der Verletzungen geschlossen werden kann, überraschen die Fest
stellungen von
Dr.
K._
bei einem Delta-v von 35-39 km/h nicht
(Urk.
12/58/4)
. Weiter ist bereits dem
Schleudertraumafragebogen
vom 2
0.
Feb
ruar 2018 zu entnehmen, dass von einem Beschle
unig
ungstrauma Grad III auszugehen ist. So wurden insbesondere Parästhesien an der linken Körperseite fest
ge
halten; weiter wurde auf das Vorliegen von Gedächtnisstörungen
sowie auf kognitive Einschränkungen hingewiesen (
Urk.
12/28/3-5).
Allein aufgrund der echtzeitlichen Angaben in den ersten drei Monaten nach dem Unfall ergeben sich zumindest geringe Zweifel an der Einschätzung von
Dr.
E._
.
4.2.2
Dass die Einschätzung von
Dr.
E._
den erlittenen Verletzungen nicht gerecht wird, ergibt sich auch aufgrund der Einschätzung von
Dr.
F._
. So hielt dieser insbesondere fest, dass sehr wahrscheinlich von einer posttraumatischen Amnesie als Folge einer leichten traumatischen Hirnverletzung auszugehen
sei (vgl. E. 3.5). Weiter ist gestützt auf die neuropsychologische Abklärung von
Dr.
phil.
I._
von einer mittelgradigen neuropsychologischen Funktionsstö
rung auszugehen. Eine hirnorganische Komponente im Sinne von Dissoziationen auf Hirnfunktionsebene scheine neben einer psychischen Leistungshemmung wahrscheinlich (vgl. E. 3.4).
Auch die Einschätzungen von
Dr.
F._
sowie von
lic
. phil.
I._
stellen die Beurteilung von
Dr.
E._
qualifiziert in Frage.
Zur Klärung
der Ursache der festgestellten mittelgradigen neuropsychologischen Funktionsstörung sowie der vermuteten Hirnschädigung
– welche nach Einschätzung der genannten Fachpersonen zumindest teilweise auf den Unfall vom 1
5.
Februar 2018 zurück
zuführen ist -
erscheint dabei eine umfassende versicherungsexterne Begutach
tung unumgänglich.
Dabei gilt es insbesondere zu prüfen, ob der Unfall zu einer strukturell nachweisbaren, organischen Hirnschädigung geführt hat. Auch wenn ein solcher Nachweis nicht gelingen sollte, ist dem Verdacht bezüglich eines leichten Schädelhirntraumas sowie den Ursachen für die neuropsychologische Funktionsstörung im Hinblick auf die anwendbare Praxis (Psychopraxis oder
Schleudertraumapraxis
) auf den Grund zu gehen.
4.3
Zusammenfassend erscheint es zwecks fundierter Beurteilung der Sachlage ange
zeigt, die Sache zur unabhängigen externen Begutachtung an die Beschwerde
gegnerin zurückzuweisen.
5.
Die Rückweisung einer Sache kommt einem Obsiegen der Beschwerdeführerin gleich. Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin demnach zu verpflichten, der Beschwerdeführerin eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, wel
che in Anwendung von
Art.
61
lit
. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwi
erigkeit des Prozesses
sowie nach Einsicht in die Honorarnote vom 1
5.
Dezember 2020
(Urk. 25) festzusetzen ist.
Bei einem geltend gemachten Aufwand in der Höhe von 10.35 Stunden ergibt sich bei einem gerichtsüblichen Stundenansatz von
Fr.
220.-- pro Stunde eine Entschädigung von
Fr.
2'277.--, was nach Berücksichtigung der Barauslagen in der Höhe von
Fr.
96.-- sowie der Mehrwertsteuer zu einer Prozessentschädigung in der Höhe von
Fr.
2'555.70 führt.