Decision ID: 2f68da93-e544-5da5-8750-4faff91711a7
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte zusammen mit seiner Lebenspartnerin
(Verfahrensnummer F-4495/2021) am 13. August 2021 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerab-
druck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 10. August 2021 in Slowe-
nien um Asyl ersucht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 3. September 2021 das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit der Überstellung unter anderem nach Slowenien, dessen Zu-
ständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage
komme. Der Beschwerdeführer führte aus, nicht dorthin zurückkehren zu
wollen. Er habe bereits in Griechenland zwei Jahre verloren. Er wolle nicht,
dass sein ganzes Leben eine Reise sei, bei der er nie ankomme. Zum me-
dizinischen Sachverhalt befragt, gab er an, er sei gesund.
C.
Die slowenischen Behörden hiessen das Gesuch der Vorinstanz vom
30. August 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18
Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO), am 7. September 2021 gut.
D.
Am 5. Oktober 2021 (eröffnet am selben Tag) trat das SEM auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Überstellung nach
Slowenien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Am 12. Oktober 2021 (Poststempel) gelangte der Beschwerdeführer an
das Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylge-
such einzutreten. Eventualiter sei die Sache zwecks rechtsgenüglicher
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Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung am die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Im Sinne vorsorglicher Massnahmen sei der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde sei anzuweisen,
von einer Überstellung nach Slowenien abzusehen, bis das Bundesverwal-
tungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden
habe. Des Weiteren ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Schliesslich seien die Akten seiner Lebenspartnerin beizuziehen und die
Verfahren zu koordinieren.
F.
Am 13. Oktober 2021 ordnete die Instruktionsrichterin einen superproviso-
rischen Vollzugsstopp an.
G.
Neben den vorinstanzlichen Akten des Beschwerdeführers zog das Bun-
desverwaltungsgericht die Akten seiner Lebenspartnerin (Verfahrensnum-
mer F-4495/2021) bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 31 ff.
VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs.
1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offen-
sichtlich erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Nachdem die slowenischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-
III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zu-
gestimmt haben, ist die Zuständigkeit Sloweniens grundsätzlich gegeben.
3.3. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
4.
4.1. Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs.
1 erster Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), auszuüben ist.
4.2. Der Beschwerdeführer führt an, er dürfe nicht von seiner schwangeren
Lebenspartnerin getrennt werden. Die Verfahren müssten koordiniert wer-
den, damit es nicht zu einer Verletzung von Art. 8 EMRK komme.
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Mit Urteil vom heutigen Tag wird auch die Beschwerde der Lebenspartnerin
des Beschwerdeführers (Verfahrensnummer F-4495/2021) abgewiesen
und ihre Wegweisung nach Slowenien bestätigt. Der Beschwerdeführer
wird somit nicht von seiner Lebenspartnerin getrennt, weshalb sich die Prü-
fung von Art. 8 EMRK erübrigt.
4.3. Der Beschwerdeführer macht geltend, er würde mit seiner Lebenspart-
nerin und seinem ungeborenen Kind in Slowenien in eine existentielle Not-
lage geraten. Asylsuchende hätten in Slowenien nur erschwert Zugang
zum Arbeitsmarkt.
4.4. Slowenien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es ist somit anzunehmen, dass dieser Staat die Rechte, die
sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments
und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren
für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog.
Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz
beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. Die
Vorbringen des Beschwerdeführers sind ferner rein abstrakter Natur, hat er
Slowenien doch verlassen, bevor er überhaupt die Möglichkeit gehabt
hatte, eine Arbeit anzutreten, was erst nach neun Monaten nach Einrei-
chung des Asylgesuchs möglich gewesen wäre (Asylum Information Data-
base [AIDA], Country Report: Slovenia [2019 update], < https://asylumineu-
rope.org/wp-content/uploads/2020/03/report-download_aida_si_2019up-
date.pdf >, S. 56, abgerufen am 14.10.2021). Zudem sind die Schwierig-
keiten beim Zugang zum Arbeitsmarkt – wie der Beschwerdeführer im Üb-
rigen selbst ausführt – nicht auf die spezifischen Bedingungen in Slowenien
zurückzuführen, sondern hängen mit mangelnden Sprachkenntnissen, feh-
lenden Ausbildungsnachweisen etc. und damit mit der Situation von Asyl-
suchenden im Generellen zusammen (vgl. dazu auch AIDA, Country Re-
port: Slovenia [2019 update], < https://asylumineurope.org/wp-content/up-
loads/2020/03/report-download_aida_si_2019update.pdf >, S. 56 ff). Der
Beschwerdeführer vermag nicht darzutun, dass die ihn bei einer Rückfüh-
rung zu erwartenden Bedingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer
Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta bzw. Art. 3 EMRK führen
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könnten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung der ihm zu-
stehenden Aufnahmebedingungen könnte er sich im Übrigen nötigenfalls
an die slowenischen Behörden wenden und seine Rechte auf dem Rechts-
weg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
4.5. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers besteht auch kein An-
lass, die Sache an die Vorinstanz zwecks vollständiger Sachverhaltsabklä-
rung zurückzuweisen. Inwiefern die Vorinstanz die Umstände der Lebens-
partnerin des Beschwerdeführers im vorliegenden Verfahren mangelhaft
berücksichtigt haben soll, legt der Beschwerdeführer nicht dar und ist auch
nicht ersichtlich (vgl. dazu auch das Urteil vom heutigen Tag F-4495/2021).
Der Eventualantrag auf Rückweisung der Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz ist deshalb abzuweisen.
4.6. Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin-III-
VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die
Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten, noch
liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen wür-
den.
5.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat die Wegweisung nach Slowenien angeordnet.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 13. Oktober 2021 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos
geworden.
7.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65
Abs. 1 VwVG) ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorste-
henden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Ver-
fahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
8.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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