Decision ID: 56ef11ff-31e6-4520-82a5-8eb60d6b6097
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A. Die Beschwerdeführerin suchte am 11. November 2022 gemeinsam mit
ihrer Schwerster B._ (N [...]) – deren Beschwerde ebenfalls am
Bundesverwaltungsgericht hängig ist (Verfahrensnummer [...]) – in der
Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informations-
system (CS-VIS) ergab, dass Spanien ihr ein Schengen-Visum mit Gültig-
keitsdauer vom 6. Oktober 2022 bis 19. November 2022 ausgestellt hatte.
B.
Die Vorinstanz gewährte der Beschwerdeführerin am 28. November 2022
das rechtliche Gehör (Dublin-Gespräch) zu einem allfälligen Nichteintre-
tensentscheid und einer Überstellung nach Spanien.
Zu einer Überstellung nach Spanien äusserte sie sich ablehnend. Sie be-
gründete dies damit, dass es ihr in der Schweiz gefalle, insbesondere die
Natur und die Art und Weise, wie hier mit Frauen umgegangen werde. Ihren
Gesundheitszustand betreffend gab sie an, dass es ihr sehr gut gehe.
C.
Am 29. November 2022 ersuchte das SEM die spanischen Behörden um
Übernahme der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 12 Abs. 2 der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem
Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten
Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-
VO). Diesem Gesuch wurde am 5. Dezember 2022 entsprochen.
D.
Mit Verfügung vom 6. Dezember 2022 (eröffnet am 7. Dezember 2022) trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte die
Überstellung nach Spanien und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz
auf die einer allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende
aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kanton C._ mit
dem Vollzug der Wegweisung.
E.
Mit gemeinsamer Beschwerde vom 14. Dezember 2022 an das
Bundesverwaltungsgericht beantragten die Beschwerdeführerin und ihre
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Schwester (Verfahrensnummer [...]), die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben, auf ihr Asylgesuch sei einzutreten und das Asylverfahren in
der Schweiz durchzuführen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses und um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung sowie um Erlass eines Vollzugsstopps im Sinne einer
vorsorglichen Massnahme.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führerin ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 3 AsylG und
Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne einen Schriftenwechsel und mit summarischer Begründung,
zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.4 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
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Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.
Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als zustän-
diger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen
Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines soge-
nannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in Kapitel III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-
staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.
4.1 Verfügt der Antragsteller über ein gültiges Visum, so ist der das Visum
erteilende Mitgliedstaat für die Prüfung des Antrags auf internationalen
Schutz zuständig, es sei denn, dass das Visum im Auftrag eines anderen
Mitgliedstaats im Rahmen einer Vertretungsvereinbarung gemäß Artikel 8
der Verordnung (EG) Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft erteilt
wurde. In diesem Fall ist der vertretene Mitgliedstaat für die Prüfung des
Antrags auf internationalen Schutz zuständig. (Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-
VO).
4.2 Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerin mit dem
zentralen Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab, dass die spanische
Vertretung in Indien ihr am 4. Oktober 2022 ein Schengen-Visum mit Gül-
tigkeit vom 6. Oktober 2022 bis 19. November 2022 ausgestellt hatte. Das
SEM ersuchte deshalb die spanischen Behörden am 29. November 2022
um Aufnahme der Beschwerdeführerin (und ihrer Schwester) gestützt auf
Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO. Diese stimmten dem Gesuch um Übernahme
am 5. Dezember 2022 zu, weshalb die grundsätzliche Zuständigkeit Spa-
niens gegeben ist, was die Beschwerdeführerin denn auch nicht bestreitet.
5.
5.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
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Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.2 Spanien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben. Unter diesen Umständen ist die Anwendung von
Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
6.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
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6.2 Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die spanischen Behörden würden sich weigern, sie aufzunehmen
und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln
der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Wie bereits dargelegt, bestehen keine
Hinweise darauf, dass Spanien seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen
aus der EMRK, der FoK und der FK sowie dem Zusatzprotokoll der FK
nicht nachkommt. Der Beschwerdeführerin steht es nach erfolgter Über-
stellung nach Spanien offen, dort um Asyl nachzusuchen und damit Zu-
gang zu den asylrechtlichen Aufnahmestrukturen zu erhalten.
Der Vollständigkeit halber ist denn festzuhalten, dass die Asylgründe der
Beschwerdeführerin und ihrer Schwester B._ (N [...]) nicht Gegen-
stand des vorliegenden Verfahrens sind, weshalb auf ihre diesbezüglichen
Vorbringen in der Beschwerdeschrift nicht weiter einzugehen ist. Gleiches
gilt für die pauschal geltend gemachte Abhängigkeit zwischen den Schwes-
tern, zumal die Beschwerde von B._ (N [...]; Verfahrensnummer
[...]) mit heutigem Datum abgewiesen wurde und die Schwestern demnach
gemeinsam nach Spanien zurückkehren können.
6.3 Hinweise auf die in der Beschwerdeschrift geltend gemachte Vulnera-
bilität der Beschwerdeführerin finden sich in den Akten nicht. Nach ihrem
Gesundheitszustand gefragt, gab sie an, es gehe ihr sehr gut (vgl. A11/2).
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Spanien über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet,
den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die zumin-
dest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von
Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu
machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit beson-
deren Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe
(einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Betreuung)
zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie).
6.4 Nach dem Gesagten ist die Überstellung nach Spanien unter Beach-
tung der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig zu
erkennen, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf das
Asylgesuch der Beschwerdeführerin in Anwendung der Ermessensklausel
gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ersichtlich sind. Der Vollständigkeit
halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein
Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst zu wählen
(vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
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6.5 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die-
sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine
Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Un-
terschreiten des Ermessens zu entnehmen.
7.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten und
hat zu Recht die Überstellung nach Spanien angeordnet. Nach dem
Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Die Gesuche um Anordnung
superprovisorischer Massnahmen, um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sind mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache gegenstandslos
geworden.
8.
8.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden
Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
8.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem
Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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