Decision ID: 9d23379a-a783-4f6a-b2d5-4584d0269725
Year: 2010
Language: de
Court: ZH_VG
Chamber: ZH_VG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: public_law

hat sich ergeben:
I.
Die kantonale Volksinitiative "für eine faire und ausgewogene Verteilung des Fluglärms um den Flughafen Zürich" (Verteilungsinitiative) verlangte eine Ergänzung von § 1 des Flughafengesetzes vom 12. Juli 1999 (LS 748.1) mit folgenden neuen Absätzen 2–4:
"Insbesondere ist eine faire und ausgewogene, die Rechtsgleichheit aller Menschen im Umkreis des Flughafens berücksichtigende Verteilung der Flugbewegungen mittels Zeitfenstern und Rotation anzustreben.
Abflüge ab den jeweiligen Abflugpisten sind zu verteilen, indem nach dem Start, sofern flugtechnisch möglich und zulässig, in Richtung Flugdestination zu fliegen ist.
Anflüge sind gemäss historischer Gegebenheiten grundsätzlich von Norden her auf die Pisten 14 oder 16 zu leiten. Die nicht über Deutschland durchzuführenden Anflüge sind, sofern flugtechnisch möglich und zulässig, unter Beachtung von Zeitfenstern und Rotation über schweizerisches Hoheitsgebiet auf die Pisten 14, 28, 32 und 34 zu verteilen."
Am 8. Juli 2009 setzte der Regierungsrat die Volksabstimmung über die Vorlage auf den 27. September 2009 fest. Der "Beleuchtende Bericht" des Regierungsrats wurde am 14. August 2009 im Amtsblatt des Kantons Zürich veröffentlicht (ABl 2009, 1479). Als Teil der Abstimmungszeitung ist er zudem an die Stimmberechtigten verschickt worden.
II.
Mit Eingabe vom 19. August 2009 erhob A im eigenen Namen sowie im Namen von "Initiativkomitee Fairflug" und "Fluglärmsolidarität" Stimmrechtsrekurs an den Regierungsrat. Er beantragte, den Beleuchtenden Bericht um jede nicht beweisbare Aussage zu bereinigen; jegliche als Vermutung oder Behauptung geäusserte Aussage habe zu unterbleiben. Sollte die Richtigstellung unterbleiben, sei die Volksabstimmung zu verschieben bzw. im Falle einer allfälligen Durchführung zu wiederholen. Der Regierungsrat wies den Rekurs am 23. September 2009 ab.
Die Stimmberechtigten des Kantons verwarfen die Initiative am 27. September 2009 mit 75,2 % Nein-Stimmen gegenüber 24,8 % Ja-Stimmen (www.wahlen.zh.ch
à
Abstimmungen).
III.
A.
Gegen die Rekursabweisung gelangten A, das "Initiativkomitee Fairflug" und "Fluglärmsolidarität" am 26. Oktober 2009 mit Beschwerde an das Verwaltungsgericht. Unter Hinweis auf die inzwischen erfolgte Ablehnung der Initiative ersuchten sie in Modifikation der Rekursanträge, die Abstimmung sei für ungültig zu erklären; der "Beleuchtende Bericht" sei objektiv und ausgewogen zu formulieren, insbesondere sei die Bemerkung zu unterlassen, eine Umsetzung der Fairflug-Verteilungsinitiative verstosse gegen geltendes Umweltrecht.
Zudem verlangten sie eine Parteientschädigung (Dossier VB.2009.00620; Beschwerde 2).
Der Regierungsrat beantragte am 27./30. November 2009, die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdeführer.
B.
Bereits am 16. September 2009 hatten A und die beiden genannten Organisationen beim Bundesgericht Beschwerde gegen den Regierungsrat "wegen Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung" erhoben. Darin ersuchten sie darum, den Regierungsrat anzuweisen, bezüglich der am 19. August 2009 eingereichten Stimmrechtsbeschwerde einen anfechtbaren Entscheid zu fällen. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei der Regierungsrat anzuweisen, die Abstimmung vom 27. September 2009 zu verschieben. Für das Verfahren verlangten sie eine Entschädigung (Dossier VB.2009.00509; Beschwerde 1).
Das Bundesgericht überwies die Eingabe mangels Zuständigkeit an das Verwaltungsgericht, wo sie am 23. September 2009 einging (vgl. BGr, 18. September 2009, 1C_418/2009, www.bger.ch). Mit verwaltungsgerichtlicher Präsidialverfügung vom 24. September 2009 wurde das Begehren um Erlass einer vorsorglichen Massnahme abgewiesen. Gleichentags überbrachte A dem Verwaltungsgericht eine weitere Eingabe, mit welcher er um superprovisorische Aussetzung bzw. Verschiebung der Abstimmung ersuchte. Der Abteilungsvorsitzende teilte A hierauf mit, dass diesem neuen Begehren ebenfalls nicht entsprochen werde.
Mit Blick auf die inzwischen erfolgte Abstimmung ersuchte der Regierungsrat am 29. September/1. Oktober 2009, dieses Verfahren als gegenstandslos geworden abzuschreiben, eventualiter die Beschwerde abzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdeführer.
Die Kammer

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Seit Inkrafttreten der Rechtsweggarantie per 1. Januar 2009 ist das Verwaltungsgericht für Beschwerden gegen Anordnungen auf dem Gebiet von Wahlen und Abstimmungen zuständig (vgl. Art. 86 Abs. 2 f. und Art. 88 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 130 Abs. 3 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110], §
5 der Verordnung des Regierungsrats über die Anpassung des kantonalen Rechts an das Bundesgesetz über das Bundesgericht vom 20. November 2006 [OS 61, S. 480 f.] in Verbindung mit § 41 Abs. 1 und § 43 Abs. 2
des Verwaltungsrechtspflegegesetzes vom 24. Mai 1959 [VRG, LS 175.2]; BGr, 29. Juni 2009, 1C_124/2009, E. 2, www.bger.ch; VGr, 4. November 2009, VB.2009.00385, E. 1.1, www.vgrzh.ch).
Für Beschwerden, mit welchen eine Rechtsverweigerung oder -verzögerung geltend gemacht wird, gilt derselbe Rechtsmittelweg wie in der Sache selbst (VGr, 21. Oktober 2009,
PB.2009.00020, E. 1.1 –
11. Mai 2005, PB.2005.00002, E. 1.1 f. [= RB 2005 Nr. 13]
–
21. März 2007, VB.2007.00076, E. 1.2 [je unter www.vgrzh.ch]; vgl. auch BGr, 18. September 2009, 1C_418/2009, E. 2.2, www.bger.ch).
1.2
Zur Beschwerde an das Verwaltungsgericht ist berechtigt, wer durch eine Anordnung berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Änderung oder Aufhebung hat (§ 70 in Verbindung mit § 21 lit. a VRG). Die Legitimation zum Stimmrechtsrekurs geht hingegen weiter. Sie kommt unter anderem sämtlichen Stimmberechtigten des betreffenden Wahl- oder Abstimmungskreises zu, ohne dass diese – wie von § 21 lit. a VRG gefordert – ein schutzwürdiges Interesse am Ausgang des Verfahrens geltend machen müssten (vgl. § 148 lit. a des Gesetzes über die politischen Rechte vom 1. September 2003 [GPR, LS 161]). Dass das Verwaltungsgericht neu als letzte kantonale Instanz über Beschwerden in Stimmrechtssachen entscheidet, darf nicht zu einer Einschränkung der Rechtsmittellegitimation in dem Sinn führen, dass die von § 21 lit. a VRG geforderten Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Vielmehr muss die Rechtsmittellegitimation auch im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sämtlichen Stimmberechtigten zukommen (VGr, 30.
April 2009, VB.2009.00055, E. 1.4, www.vgrzh.ch).
Neben den Stimmberechtigten sind gemäss § 148 lit. b GPR "Organisationen zur Wahrung ihrer eigenen Interessen oder, im Rahmen ihrer Zweckbestimmung, der Rechte ihrer Mitglieder" zum Rekurs legitimiert.
Initiativ- und Referendumskomitees sind jedenfalls dann legitimiert, wenn sie mit juristischer Persönlichkeit ausgestaltet sind (vgl. Michel Besson, Behördliche Information vor Volksabstimmungen, Bern 2003, S. 54; Christoph Hiller, Die Stimmrechtsbeschwerde, Zürich 1990, S. 230 ff., je mit Hinweisen).
1.2.1
Als Stimmberechtigter im Kanton Zürich ist der Beschwerdeführer 3 ohne Weiteres zur Beschwerde legitimiert.
1.2.2
Beim Beschwerdeführer 2 handelt es sich um einen Verein mit dem Zweck, die Interessen "der Einwohnerinnen und Einwohner der östlich des Flughafens gelegenen Gemeinden und aller anderen
Gemeinden, welche sich durch den Fluglärm und andere Emissionen gestört fühlen", zu vertreten (vgl. www.fluglaermsolidaritaet.ch)
. Der Beschwerdeführer 2 erscheint damit ebenfalls als rekurs- und beschwerdelegitimiert.
1.2.3
Der Regierungsrat hat den Beschwerdeführer 1, das Initiativkomitee Fairflug, als "ohne Weiteres zur Rekurserhebung legitimiert" bezeichnet. Soweit es sich hierbei nicht um eine juristische Person mit eigener Rechtspersönlichkeit handelt, ist die Auffassung des Regierungsrats wie folgt zu ergänzen: Gemäss § 122 GPR können nur Stimmberechtigte Komiteemitglieder sein. Sie haben der Direktion schriftlich Namen, Vornamen, Geburtsdatum und Adresse bekannt zu geben und ihre Mitgliedschaft durch eigenhändige Unterschrift zu bestätigen (§ 61 Abs. 1 der Verordnung über die politischen Rechte vom 27. Oktober 2004 [VPR, LS 161.1]). Die Mitglieder eines betroffenen Initiativkomitees sind daher als Stimmberechtigte je einzeln rechtsmittellegitimiert. Im Sinn einer Vereinfachung sind sie zudem unter dem Namen des Initiativkomitees gemeinsam zur Rekurs- bzw. Beschwerdeerhebung zuzulassen. Dies ändert allerdings nichts daran, dass das jeweilige Komitee – wohl als einfache Gesellschaft im Sinn von Art. 530 ff. des Obligationenrechts – die Gesamtheit der Mitglieder umfasst. Daraus folgt etwa, dass die Komiteemitglieder ein Rechtsmittel nur gemeinsam zurückziehen können oder für allfällige Prozesskosten gemeinsam haften.
1.2.4
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Legitimation für sämtliche drei Beschwerdeführer zu bejahen ist.
1.3
Mit Bezug auf die Beschwerde in der Hauptsache ist die Frage der Rechtzeitigkeit näher zu prüfen.