Decision ID: 05a4cbaa-1d9c-477e-9690-aa16da498279
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im August 2015 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe eine Berufslehre zum
Strassenbauer mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis absolviert und er habe
später den eidgenössischen Fachausweis als Personalberater erlangt. Die frühere
Arbeitgeberin des Versicherten berichtete im Februar 2016 (IV-act. 25), dieser habe von
Ende März 2013 bis Ende September 2014 als Qualitätskontrolleur für sie gearbeitet.
Sie habe das Arbeitsverhältnis aufgelöst, weil die Arbeitsleistung des Versicherten nicht
ihren Erwartungen entsprochen habe. Der Jahreslohn habe 63’700 Franken betragen.
Eine andere Arbeitgeberin hatte bereits im November 2015 angegeben (IV-act. 14), der
Versicherte sei in der Zeit von September 2012 bis Ende September 2013 als
Taxichauffeur für sie tätig gewesen. Ab März 2013 sei er dieser Tätigkeit nur noch
teilweise nachgegangen. Ab Oktober 2013 sei er nicht mehr zur Arbeit erschienen. Er
sei auch telefonisch nicht mehr erreichbar gewesen. Der im Jahr 2013 ausbezahlte
Lohn habe sich auf 16’181.65 Franken belaufen. Der Handchirurg Dr. med. B._ teilte
im Mai 2016 mit (IV-act. 28), der Versicherte leide an einem chronifizierten
Schmerzsyndrom, an beidseitigen Schulterschmerzen, an Schmerzen in den Händen
und in den Handgelenken, an einer beidseitigen, rechtsbetonten Rhizarthrose sowie an
einer psychosozialen Konfliktsituation. Im Vordergrund stünden die Schmerzen in den
Händen bei objektivierten Arthrosen. Diese verunmöglichten die Weiterführung der
zuletzt ausgeübten Tätigkeit als aktiv mitarbeitender Teamleiter in einem
Reinigungsunternehmen. Eine der Behinderung angepasste Tätigkeit wäre dem
Versicherten uneingeschränkt zumutbar. Als mögliche und realisierbare Umschulung
wäre der Einsatz als Car- oder Bus-Chauffeur sinnvoll. Im Juni 2016 notierte Dr. med.
C._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), angesichts des chronischen
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzsyndroms in den Händen und Schultergelenken sowie der bisher nicht näher
bekannten psychischen Problematik müsse der Wunsch des Versicherten nach einer
Umschulung zum Chauffeur kritisch gesehen werden (IV-act. 30). Im September 2016
wies Dr. B._ darauf hin, dass der Versicherte oft im Freiwilligen-Dienst längere
Strecken für Personentransporte fahre und dabei keine Probleme mit den Armen und
Händen bekunde (IV-act. 38). Die psychiatrische Klinik D._ hatte im August 2014
über eine stationäre Behandlung im Zeitraum vom 7. Mai 2014 bis zum 26. Juni 2014
berichtet (IV-act. 52). Die Ärzte hatten festgehalten, dass der Versicherte an
Anpassungsstörungen in der Form einer kurzen depressiven Reaktion, an Störungen
durch Kokain bei einem schädlichen Gebrauch sowie (verdachtsweise) an einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und emotional instabilen
Anteilen leide. Er habe in den vergangenen Jahren ein viel zu hohes Arbeitspensum
bewältigt. Aufgrund der Dauerbelastung sei er in eine depressive Entwicklung
gerutscht. Etwa einmal pro Monat habe er mit Kollegen exzessiv Kokain konsumiert.
Ursprünglich habe er Strassenbauer gelernt. Er habe aber nur drei Jahre in diesem
Beruf gearbeitet. Danach sei er in einem Informatikbetrieb angelernt worden. Später sei
er als Bauleiter im Tiefbau und anschliessend als Service-Techniker tätig gewesen.
Nach einem Stellenverlust habe er eine Technikerschule besucht. Er habe sich als
arbeitslos melden müssen, sei dann aber selbst vom regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum als Personalberater angestellt worden. Etwa ab dem Jahr
2008 sei er im Bereich Produktmanagement einer Bauabteilung tätig gewesen. An
jenem Arbeitsplatz sei er ausgegrenzt worden. Zu Weihnachten 2008 habe er die
Kündigung erhalten. Seit April 2013 sei er als „Chef Unterhalt“ für eine
Reinigungsunternehmung tätig. Die Klinik E._ hatte im August 2014 über eine knapp
einmonatige stationäre Behandlung im Juli 2014 berichtet und angegeben (IV-act. 55),
der Versicherte leide an einer Anpassungsstörung (mit Angst und depressiver Reaktion
gemischt), an einer generalisierten Angststörung sowie an einer psycho-physischen
Erschöpfung. Bis Ende September 2014 werde er noch vollständig arbeitsunfähig sein.
Sein psychischer Gesundheitszustand sei aber besserungsfähig. Im Dezember 2016
gab die Klinik E._ an (IV-act. 54), der psychische Zustand des Versicherten habe sich
im Laufe der Jahre 2015 und 2016 deutlich gebessert. Die letzte Konsultation sei im
April 2016 erfolgt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Mit einem Vorbescheid vom 29. März 2017 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit, dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens vorsehe (IV-act. 62). Zur
Begründung führte sie an, der Versicherte sei zwar ab April 2014 nur noch reduziert
arbeitsfähig gewesen. Die Gesundheitsbeeinträchtigung sei aber nur vorübergehend
gewesen. Ab April 2016 sei wieder von einer stabilen uneingeschränkten
Arbeitsfähigkeit auszugehen. Am 10. April 2017 wandte der Versicherte ein, die
Annahme einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit sei tatsachenwidrig (IV-act. 64). Am
8. Juni 2017 notierte die RAD-Ärztin Dr. med. C._ (IV-act. 70), Dr. B._ habe
telefonisch angegeben, dass sich nur noch die Handbeschwerden auf die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten auswirkten. Für leidensadaptierte Tätigkeiten sei eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu attestieren. Mit einer Verfügung vom 29. Juni
2017 wies sie auch das Rentenbegehren ab (IV-act. 74).
A.b.
Am 9. August 2017 erhob der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 29. Juni 2017 (act. G 1). Er beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Einholung eines interdisziplinären
Gutachtens und eventualiter die Zusprache einer Rente. Zur Begründung führte er aus,
die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe bislang noch kein Gutachten
eingeholt. Der Sachverhalt erweise sich deshalb in medizinischer Hinsicht als
ungenügend abgeklärt. Die Beschwerdegegnerin habe auch nicht erklären können,
welche konkrete Tätigkeit dem Beschwerdeführer überhaupt noch zugemutet werden
könne. Schliesslich habe sie den „Leidensabzug“ vergessen.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 31. August 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie an, der medizinische Sachverhalt sei
umfassend abgeklärt worden. Der Beschwerdeführer habe sich im Jahr 2013 freiwillig
mit einem im Vergleich zu den Vorjahren tiefen Lohn von 32’500 Franken begnügt.
Dieser Betrag sei als Valideneinkommen zu berücksichtigen. Da für leidensadaptierte
Tätigkeiten eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit bestehe, könnte der
Beschwerdeführer ein dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne
entsprechendes Einkommen von 65’654 Franken erzielen. Die Vergleichseinkommen
seien bis auf eine Differenz von fünf Prozent zu „parallelisieren“. Unter
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
Berücksichtigung eines „Leidensabzugs“ von zehn Prozent resultiere ein
Invaliditätsgrad von lediglich sechs Prozent.
Am 4. September 2017 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt (act. G 6).
B.c.
Am 6. November 2017 ersuchte der Beschwerdeführer um eine Sistierung des
Beschwerdeverfahrens (act. G 10). Er machte geltend, dass er zivilrechtlich gegen
seine letzte Arbeitgeberin vorgehen wolle und dass der Ausgang jenes Verfahrens für
die Festsetzung des Valideneinkommens von Bedeutung sein könnte. Mit einer
Verfügung vom 4. Dezember 2017 sistierte das Versicherungsgericht das
Beschwerdeverfahren (act. G 14).
B.d.
Am 26. März 2018 teilte der Beschwerdeführer mit, dass er das Verfahren gegen
die ehemalige Arbeitgeberin aus verschiedenen Gründen nicht weitergeführt habe (act.
G 15). Am 3. April 2018 schlug das Versicherungsgericht dem Beschwerdeführer vor,
die Verfahrenssistierung bis zum rechtskräftigen Abschluss eines zweiten
Beschwerdeverfahrens betreffend beruflichen Massnahmen aufrecht zu erhalten (act. G
16). Der Beschwerdeführer erklärte sich damit einverstanden (act. G 17).
B.e.
Am 26. Februar 2019 wies der Beschwerdeführer darauf hin (act. G 25), dass er im
Auftrag der Beschwerdegegnerin durch die SMAB AG begutachtet werde.
Wahrscheinlich werde er nach dem Abschluss des Verwaltungsverfahrens betreffend
berufliche Massnahmen erneut eine Beschwerde erheben müssen. Das
Versicherungsgericht behielt das Beschwerdeverfahren deshalb vorerst weiterhin
sistiert (act. G 26). Da das Verwaltungsverfahren betreffend berufliche Massnahmen am
20. September 2019 durch eine abweisende Verfügung abgeschlossen worden war,
hob das Versicherungsgericht die Verfahrenssistierung mit einer Verfügung vom 10.
Dezember 2019 auf (act. G 27).
B.f.
Der Beschwerdeführer reichte keine Replik ein (vgl. act. G 29 f.).B.g.
Im Juni 2018 hatte die Beschwerdegegnerin im Verwaltungsverfahren betreffend
berufliche Massnahmen einen allgemeinen Funktionsbeschrieb für einen in einem
C.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum tätigen Personalberater eingeholt (IV-act. 106
f.). Am 27. Juni 2018 hatte sie ein Assessmentgespräch durchgeführt (IV-act. 109).
Dabei hatte der Beschwerdeführer angegeben, dass er arthrosebedingte Schmerzen in
den vorderen Fingergliedern verspüre, wenn er die Finger einsetzen müsse. Er habe
sein Leben umgestellt und versuche nun, möglichst alles mit den Handinnenflächen zu
tun, um die Finger zu schonen. Er habe sich verschiedene Hilfsmittel wie eine
Schlüsselverlängerung, einen Glasöffner, spezielle Messer, spezielle Wäscheklammern
etc. zugelegt. Seit drei Jahren arbeite er als Fahrer für freiwillige Fahrdienste. Als LKW-
Chauffeur könne er nicht arbeiten, weil ein LKW-Chauffeur nicht nur fahren, sondern
jeweils auch noch andere Arbeiten (insb. Be- und Entladen) ausführen müsse. Als Bus-
Chauffeur könnte er dagegen arbeiten, weil er fast alles mit der Handinnenfläche tun
könne. Er habe einmal probehalber Platz auf einem Chauffeursitz genommen und sich
von einem Kollegen alles zeigen lassen. Eine Tätigkeit als Fahrlehrer könne er sich
wegen der hohen Investitionskosten und dem mit der anschliessenden Selbständigkeit
verbundenen Risiko nicht vorstellen. Auch als Taxichauffeur könne er nach einem
Überfall im Jahr 2013 unmöglich wieder arbeiten. Den Beruf Personenchauffeur gebe
es nicht. Als Personalberater könne er wegen des hohen Anteils an administrativen
Arbeiten nicht mehr tätig sein. Auch die Tätigkeit als Qualitätskontrolleur erachte er als
unzumutbar. Die RAD-Ärztin Dr. C._ hatte am 8. August 2018 notiert (IV-act. 110), die
im Juni 2018 eingeholte Funktionsbeschreibung für einen Personalberater lasse keine
ausreichenden Rückschlüsse auf die Belastungen jener Tätigkeit zu. Die
Beschwerdegegnerin werde noch ein Belastungsprofil einholen müssen. Eine
Eingliederungsverantwortliche hatte am 16. November 2018 festgehalten (IV-act. 121),
Personalberater könnten beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum oder bei einem
privaten Stellenvermittler angestellt sein. In beiden Bereichen sei der Anteil der
Schreibarbeit sehr hoch, wie telefonische Angaben bei einem Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum und bei einem privaten Stellenvermittler ergeben hätten.
Der Zeitanteil der Arbeiten am PC und der Schreibtätigkeiten belaufe sich bei einem
privaten Stellenvermittler auf etwa 80 Prozent. Auch bei der Tätigkeit für ein Regionales
Arbeitsvermittlungszentrum müssten hauptsächlich Schreibarbeiten ausgeübt werden.
Dabei spiele es keine Rolle, ob der Mitarbeiter als Personalberater oder im
Arbeitgeberservice tätig sei, weil der Schreibanteil in beiden Bereichen gleich hoch sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Handchirurg Dr. B._ hatte in einem Telefongespräch mit der RAD-Ärztin Dr.
C._ im Dezember 2018 angegeben (IV-act. 133), der klinische Untersuchungsbefund
sei „relativ blande“, aber der Beschwerdeführer gebe Schmerzen bei repetitiven
Bewegungen an. Das Greifen sei kein Problem. Ein Arbeitstraining zur Testung der
Einschränkungen und Fähigkeiten sei zu begrüssen. Am 11. Februar 2019 hatte die
Beschwerdegegnerin die SMAB AG mit der Erstellung eines bidisziplinären –
orthopädischen und psychiatrischen – Gutachtens beauftragt (IV-act. 141). Das
Gutachten war am 30. April 2019 erstellt worden (IV-act. 149). Die Sachverständigen
hatten festgehalten, bei der orthopädisch-traumatologischen Untersuchung hätten sich
keine Schwellungen oder Querdruckschmerzen im Bereich der Fingergrundgelenke,
der Fingermittelgelenke oder der Fingerendgelenke gezeigt. Sämtliche Fingergelenke
seien reizlos und frei beweglich gewesen. Die Handfunktionen und die grobe Kraft
seien vollständig erhalten gewesen. In den aktuellen Röntgenaufnahmen beider Hände
hätten sich eine unveränderte Rhizarthrose rechts sowie eine normale Darstellung der
Fingergelenke und der übrigen Gelenke in der rechten Hand ohne einen Nachweis von
sonstigen über das altersphysiologische Mass hinausgehenden Degenerationen
gezeigt. Folglich bestehe aus orthopädisch-traumatologischer Sicht kein Anhalt für die
in den Akten erwähnte Heberden- und Bouchard-Arthrose beidseits. Auch ansonsten
sei der objektive klinische Befund unauffällig gewesen. Insbesondere hätten keine
relevanten Einschränkungen im Bereich der rechten Schulter festgestellt werden
können. Zusammenfassend bestehe aus orthopädisch-traumatologischer Sicht keine
Erkrankung des Stütz- und Bewegungsapparates mit einer relevanten Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit. Auf psychiatrischem Gebiet hätten keine Symptome,
Beeinträchtigungen, Defizite oder Phänomene mit Krankheitswert erhoben werden
können, weshalb keine psychiatrische Diagnose zu stellen sei. Der
psychopathologische Befund sei vollkommen unauffällig ausgefallen. Aus
bidisziplinärer Sicht seien nur eine mässige rechtsbetonte Rhizarthrose beidseits, eine
Fasciitis plantaris rechts bei einem Senk-Spreizfuss beidseits sowie ein Übergewicht zu
diagnostizieren. Keine dieser Diagnosen wirke sich auf die Arbeitsfähigkeit aus.
Aufgrund von degenerativen Veränderungen seien maximal körperlich leichte bis
mittelschwere Tätigkeiten zu empfehlen. Da die Laborergebnisse entgegen der
Aussage des Beschwerdeführers für einen phasenweise erhöhten Alkoholkonsum und
auch für einen Cannabiskonsum sprächen, sollte vorsichtshalber von Tätigkeiten im
C.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Das Versicherungsgericht hat das Beschwerdeverfahren betreffend die das
Bereich der Personenbeförderung und von Tätigkeiten mit einem leichten Zugang zu
Alkoholika (z.B. in der Gastronomie) Abstand genommen werden. Für die Zeit ab
August 2014 sei sowohl für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Qualitäts-Kontrolleur als
auch für leidensadaptierte Tätigkeiten eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu
attestieren. Die RAD-Ärztin Dr. C._ hatte das Gutachten der SMAB AG grundsätzlich
als überzeugend erachtet, aber die folgenden Rückfragen empfohlen: „Bitte
beschreiben Sie die degenerativen Veränderungen, welche zur Formulierung von
Adaptionskriterien führen! Beziehen sich diese Adaptionskriterien auch auf die
Belastung der Finger/Hände? Bitte nehmen Sie Stellung zur Arbeitsfähigkeit in der
Tätigkeit als Personalberater gemäss dem Belastungsprofil vom 16. November 2018
mit repetitiven Belastungen der Finger/Hände durch PC-Arbeit!“ (IV-act. 150). Die
entsprechenden Rückfragen der Beschwerdegegnerin waren von den
Sachverständigen am 19. Juni 2019 wie folgt beantwortet worden (IV-act. 152): Die
radiologisch sichtbaren degenerativen Veränderungen im Bereich der rechten Hand
und der rechten Schulter hätten zwar keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers in der bisherigen, als körperlich leicht angegebenen Tätigkeit als
Qualitäts-Kontrolleur, aber im Rahmen des eingeschätzten Belastungsprofils seien
aufgrund dieser degenerativen Veränderungen maximal körperlich leichte bis
mittelschwere Tätigkeiten (Heben und Tragen von Lasten bis maximal 15kg) empfohlen
worden, um den derzeitigen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nicht zu
gefährden. Auch Tätigkeiten, die ein ständiges kraftvolles Zugreifen der rechten Hand
erforderten, seien aufgrund der vorhandenen Rhizarthrose rechts als ungeeignet zu
qualifizieren. Die repetitiven Belastungen der Finger/Hände bei der PC-Arbeit seien
davon nicht betroffen, da beim Beschwerdeführer radiologisch keinerlei
Degenerationen im Bereich der Fingergrundgelenke, der Fingermittelgelenke und der
Fingerendgelenke vorlägen. Die RAD-Ärztin Dr. C._ hatte gestützt auf diese
Ausführungen am 26. Juni 2019 notiert, dass auch für die Tätigkeit als Personalberater
von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit auszugehen sei (IV-act. 153).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenbegehren des Beschwerdeführers abweisende Verfügung vom 29. Juni 2017 für
die Dauer eines zweiten Beschwerdeverfahrens betreffend berufliche Massnahmen
sistiert. Diese Verfahrenssistierung ist nicht etwa deshalb erfolgt, weil das
Versicherungsgericht die beiden Beschwerdeverfahren hätte vereinigen wollen, denn
die Verfahren weisen keinen ausreichend engen sachlichen Zusammenhang auf.
Vielmehr ist das Versicherungsgericht implizit davon ausgegangen, dass das nach
einer Rückweisung wieder aufgenommene Verwaltungsverfahren betreffend berufliche
Massnahmen neue Akten produzieren werde, die auch für das Rentenverfahren
massgebend sein und in diesem Beschwerdeverfahren gewürdigt werden könnten,
auch wenn diese Akten aus dem an sich nicht massgebenden Zeitraum nach der
Eröffnung der angefochtenen Rentenverfügung vom 29. Juni 2017 stammen würden.
Dem seit langen Jahren im Sozialversicherungsrecht tätigen Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers ist bewusst gewesen, dass die Rentenverfügung an sich bereits
deshalb hätte aufgehoben werden müssen, weil sie verfrüht, nämlich vor dem
Abschluss der Sachverhaltsermittlung, ergangen ist, aber er hat sich dennoch mit der
Verfahrenssistierung einverstanden erklärt, wobei ihm bewusst sein musste, dass das
Versicherungsgericht die Verletzung der Untersuchungspflicht später unter
Berücksichtigung der zwischenzeitlich im Verfahren betreffend berufliche Massnahmen
erstellten Akten „heilen“ würde. Er hat sich folglich mit dem damit einhergehenden
„Ignorieren“ des Verfahrensmangels (der verfrühten Verfügung betreffend das
Rentenbegehren des Beschwerdeführers) einverstanden erklärt. Damit hat er zum
Ausdruck gebracht, dass er eine rasche Erledigung der Sache einer Rückweisung der
Streitsache an die Beschwerdegegnerin vorgezogen hat. Deshalb ist die im
Verwaltungsverfahren begangene Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1
ATSG) zu „ignorieren“ und der Rentenanspruch des Beschwerdeführers ist unter
Berücksichtigung der zwischenzeitlich erstellten neuen Akten materiell zu prüfen.
Allerdings ist dem Umstand, dass die Beschwerdegegnerin mit dem verfrühten
Abschluss des Rentenverfahrens ein unnötiges Beschwerdeverfahren provoziert hat, in
Anwendung des Verursacherprinzips bei den Kosten- und Entschädigungsfolgen
Rechnung zu tragen.
2.
Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität
wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
Der Beschwerdeführer hat ursprünglich eine Ausbildung zum Strassenbauer
absolviert. Diesen Beruf hat er aber nur kurz ausgeübt. Anschliessend hat er sich dazu
entschlossen, eine zweite Ausbildung zum Personalberater zu absolvieren. In diesem
Beruf ist er über eine längere Zeit tätig gewesen. Zuletzt hat er zwar als Qualitäts-
Kontrolleur für eine Reinigungsfirma gearbeitet, aber dabei hat es sich nicht um eine
Tätigkeit gehandelt, die in Bezug auf die fachliche Qualifikation und wohl auch in Bezug
auf das Lohnniveau mit jener eines Personalberaters vergleichbar gewesen wäre. Der
Umstand, dass der Beschwerdeführer seit längerer Zeit nicht mehr als Personalberater
gearbeitet hat, hat nicht dazu geführt, dass er diese Tätigkeit nun nicht mehr ausüben
könnte, denn der zwischenzeitliche technologische Fortschritt dürfte den
Wiedereinstieg in die Tätigkeit eines Personalberaters, wenn überhaupt, dann nur
minimal erschweren. Der Beschwerdeführer hätte seine erlernten Fähigkeiten also ohne
die Gesundheitsbeeinträchtigung uneingeschränkt ausnützen können. Die
Validenkarriere besteht folglich in der Ausübung des erlernten Berufs eines
Personalberaters, weshalb das erzielbare Valideneinkommen dem
Durchschnittseinkommen eines ausgebildeten Personalberaters entspricht.
2.2.
Die Sachverständigen der SMAB AG haben über zuverlässige Angaben zu den
konkreten Belastungen der vom Beschwerdeführer erlernten Tätigkeit als
Personalberater verfügt, denn die Beschwerdegegnerin hat ihnen die Ergebnisse ihrer
sorgfältigen Abklärungen zu den konkreten Belastungen eines Personalberaters zur
Verfügung gestellt. Die Sachverständigen haben den Beschwerdeführer eingehend
untersucht. Der massgebende, umfassend erhobene und umschriebene objektive
klinische Befund ist sowohl in somatischer als auch in psychiatrischer Hinsicht
weitgehend unauffällig gewesen. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers besteht
kein Hinweis darauf, dass die Sachverständigen der SMAB AG den massgebenden
Befund unvollständig erhoben hätten. Sie haben den Beschwerdeführer umfassend
untersucht, sie haben aktuelle Röntgenbilder anfertigen lassen und sie haben die
Vorakten eingehend gewürdigt. Der für ihre Beurteilung massgebende medizinische
Sachverhalt ist von ihnen folglich vollständig erhoben worden. Für die Beurteilung sind
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Die Gerichtskosten sind angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf
600 Franken festzusetzen. In Anwendung des Verursacherprinzips (Art. 95 Abs. 2 VRP)
sind diese Kosten der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen, denn sie hat ihre
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) und damit eine „wesentliche
Verfahrensvorschrift“ im Sinne des Art. 95 Abs. 2 VRP verletzt und dadurch dieses
Beschwerdeverfahren provoziert, weshalb sie die Kosten dafür zu tragen hat. Die
Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer in Anwendung des
nicht in erster Linie die bildgebenden, sondern die klinischen Befunde entscheidend
gewesen. Allerdings sind die bildgebenden Befunde ohnehin ebenso weitgehend
unauffällig wie die klinischen Befunde gewesen. Wie der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers zu Recht geltend gemacht hat, lässt sich von der Diagnose einer
Rhizarthrose kein direkter Schluss auf die Arbeitsfähigkeit ziehen, weil die Diagnose für
sich allein noch nichts über den Schweregrad der Erkrankung aussagt. Für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung sind deshalb die objektiven klinischen Befunde, also
insbesondere die Einschränkungen der Beweglichkeit oder der Kraft, aber auch die
objektivierbaren Schmerzen massgebend. Diese Befunde sind hier gemäss den
überzeugenden Darlegungen der Sachverständigen der SMAB AG minimal gewesen. In
ihrem Gutachten und in ihrer ergänzenden Stellungnahme haben die Sachverständigen
der SMAB AG ausgehend von dieser weitgehend unauffälligen Befundlage mit einer
überzeugenden Begründung dargelegt, dass dem Beschwerdeführer ein weites
Spektrum von Tätigkeiten ohne Einschränkungen zugemutet werden kann und dass
der Beschwerdeführer insbesondere auch den erlernten Beruf als Personalberater
weiterhin uneingeschränkt ausüben kann. In den gesamten Akten finden sich keine
Hinweise, die wesentliche Zweifel an dieser Arbeitsfähigkeitsschätzung wecken
würden. Gestützt auf das Gutachten der SMAB AG steht deshalb mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der
Beschwerdeführer in seinem erlernten Beruf als Personalberater trotz der
Gesundheitsbeeinträchtigung uneingeschränkt arbeitsfähig ist. Der Beschwerdeführer
kann folglich trotz seiner Gesundheitsbeeinträchtigung weiterhin einen
durchschnittlichen Lohn eines Personalberaters erzielen, weshalb das zumutbarerweise
erzielbare Invalideneinkommen dem Valideneinkommen entspricht. Mittels eines
sogenannten „Prozentvergleichs“ ergibt sich ein Invaliditätsgrad von null Prozent. Die
Abweisung des Rentenbegehrens erweist sich damit im Ergebnis als rechtmässig,
weshalb die gegen die Verfügung vom 29. Juni 2017 erhobene Beschwerde
abzuweisen ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verursacherprinzips auch eine Parteientschädigung auszurichten. Da der für dieses
Beschwerdeverfahren massgebende Sachverhalt weitgehend identisch mit jenem im
vorangegangenen Beschwerdeverfahren IV 2017/283 gewesen ist und da der Aufwand
des Rechtsvertreters in jenem Beschwerdeverfahren bereits entschädigt worden ist, ist
der in diesem Beschwerdeverfahren zu entschädigende erforderliche
Vertretungsaufwand als unterdurchschnittlich zu qualifizieren. Die Parteientschädigung
wird deshalb auf 2’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festgesetzt.