Decision ID: a95e8e11-fd49-5838-8682-b7ce547e618d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom (...) Mai 2016 gewährte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer in der Schweiz Asyl.
B.
B.a Mit Schreiben vom 27. November 2016 (Eingang beim SEM am 1. De-
zember 2016) teilte der Beschwerdeführer dem SEM mit, er habe am 7. Juli
2016 für seine Ehefrau, B._, geboren am (...), und seine drei Kinder
C._, geboren am (...), D._, geboren am (...), sowie
E._, geboren am (...), ein Gesuch um Familienzusammenführung
eingereicht. Die erwähnten Familienangehörigen befänden sich in
F._ und seien dort telefonisch erreichbar. Er wäre dankbar, wenn
sein Gesuch bald geprüft würde.
B.b Mit Schreiben vom 22. Dezember 2016 teilte das SEM dem Beschwer-
deführer mit, sein Gesuch sei nicht eingetroffen, und ersuchte ihn, dieses
inklusive Unterlagen erneut einzureichen.
B.c Bezugnehmend auf das Schreiben des SEM teilte er diesem am 5. Ja-
nuar 2017 (Eingang SEM am 6. Januar 2017) per Einschreiben mit, er sei
verunsichert, da er die Sendung persönlich am Postschalter abgegeben
habe, und reichte eine Kopie des Gesuchs vom 7. Juli 2016 zu den Akten.
Zudem führte er aus, dass seine Frau vom (...) Militär festgenommen wor-
den sei. Sie sei im (...) eine und im (...) zwei Wochen im Gefängnis gewe-
sen. Sie lebe in ständiger Angst, nach Eritrea deportiert zu werden. Ab-
schliessend ersuchte er um wohlwollende Prüfung des Gesuchs.
Gemäss Kopie des Gesuchs um Familienzusammenführung vom 7. Juli
2016 wurde zu dessen Begründung unter Angabe der Personalien der er-
wähnten Familienangehörigen für diese die Bewilligung zur Einreise in die
Schweiz beantragt. Die Geburtsurkunden der Kinder und die Heiratsur-
kunde seien bereits beim SEM im Original hinterlegt. Die Familienangehö-
rigen befänden sich in F._. Der Beschwerdeführer sei seit dem
(...) Mai 2016 als Flüchtling anerkannt und im Besitz einer Aufenthaltsbe-
willigung B.
C.
Mit Verfügung vom 25. Januar 2017 bewilligte das SEM die Einreise in die
Schweiz nicht und lehnte das Gesuch um Familienzusammenführung ab.
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D.
Mit Eingabe vom 27. Februar 2017 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seinen Rechtsvertreter – gegen diesen Entscheid beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die Verfügung des
SEM sei aufzuheben und der Ehefrau sowie den drei Kindern die Einreise
in die Schweiz zwecks Familienzusammenführung zu bewilligen. In pro-
zessualer Hinsicht wurde beantragt, es sei die unentgeltliche Rechtspflege
zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten.
Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung, eine Vollmacht und
eine Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit bei.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 3. März 2017 wurde das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung unter Vorbehalt der Veränderung
der finanziellen Lage des Beschwerdeführers gutgeheissen und auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Gleichzeitig wurde das SEM
eingeladen, bis zum 20. März 2017 eine Vernehmlassung einzureichen.
F.
F.a Die Vernehmlassung des SEM vom 15. März 2017 wurde dem Be-
schwerdeführer am 20. März 2017 unter Gewährung des Replikrechts zur
Kenntnis gebracht.
F.b Die Replik des Beschwerdeführers datiert vom 27. März 2017
G.
Mit Schreiben vom 11. April 2018 (Eingang beim BVGer am 16. April 2018)
fragte der Rechtsvertreter nach dem Verfahrensstand und ersuchte um pri-
oritäre Behandlung des Verfahrens, da sein Mandant erheblich unter den
Folgen der Perspektivlosigkeit und der Unsicherheit leide, die das lange
Warten auf einen Entscheid mit sich bringe. Ausserdem vermisse der Be-
schwerdeführer seine Familie sehr und wünsche sich nichts mehr, als wie-
der mit dieser vereint zu sein.
Dieses Schreiben wurde am 18. April 2018 vom damals zuständigen In-
struktionsrichter beantwortet.
H.
Mit nicht datiertem Schreiben (Eingang beim BVGer am 21. Januar 2019)
teilte der Beschwerdeführer mit, dass die aktuelle Situation im G._
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und besonders in der Hauptstadt F._, wo sich seine Familie auf-
halte, unruhig sei und demnächst gefährlich werden könnte. Deshalb seien
er und seine Familie besorgt. Aufgrund der schwierigen Lage im
G._ ersuche er, die Beschwerde zu prüfen.
I.
Aus organisatorischen Gründen innerhalb der Abteilung IV wurde das Ver-
fahren am 2. August 2019 auf Richter Jürg Marcel Tiefenthal übertragen.
J.
Mit Schreiben vom 2. August 2019 (Eingang beim BVGer am 8. August
2019) wiederholte der Rechtsvertreter seine Anfrage und sein Ersuchen
vom 11. April 2018.
Dieses Schreiben wurde am 8. August 2019 vom Instruktionsrichter beant-
wortet.
K.
Mit Schreiben vom 4. September 2020 erkundigte sich der Rechtsvertreter
nach dem Stand des Verfahrens und ersuchte um dessen prioritäre Be-
handlung. Zudem wies er in diesem Zusammenhang unter Beilage einer
ärztlichen Stellungnahme vom 5. August 2020 darauf hin, dass der Be-
schwerdeführer suizidgefährdet sei.
L.
Mit Instruktionsverfügung vom 19. November 2020 wurde dem Rechtsver-
treter mitgeteilt, dass das Verfahren aus organisatorischen Gründen zur
weiteren Behandlung auf Richterin Nina Spälti Giannakitsas übertragen
und, unter Hinweis auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
E-273/2018 vom 22. Juli 2020 (Koordinationsurteil betreffend Familienzu-
sammenführung aus dem Ausland [Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG
{SR 142.31}], zur Publikation vorgesehen) prioritär behandelt werde. Zu-
dem wurde dem Beschwerdeführer Frist zur Stellungnahme bezüglich des
Kontakts mit seinen Familienangehörigen im G._ angesetzt.
M.
Nach erstreckter Frist hielt der Beschwerdeführer in seiner Stellungnahme
vom 17. Dezember 2020 fest, dass er den Kontakt zu seinen Familienan-
gehörigen zu keinem Zeitpunkt abgebrochen habe und insbesondere mit
seiner Ehefrau in ständigem Kontakt stehe. Zudem habe er seine Familie
im Jahr 2018 im G._ besucht. Einen für das Jahr 2020 geplanten
Familienbesuch habe er aufgrund der Corona-Krise verschieben müssen.
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Dazu reichte er eine Kopie seines Reiseausweises mit sudanesischem Ein-
reisestempel von (...) 2018, (...) Familienfotografien und Listen von (...) Te-
lekommunikationsdienstleistern betreffend Kontaktnachweise (Telefon,
SMS, Messenger) zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl –
namentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn keine
besonderen Umstände dagegensprechen. Wurden die anspruchsberech-
tigten Personen nach Absatz 1 durch die Flucht getrennt und befinden sie
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sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51
Abs. 4 AsylG). Die Erteilung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 4
AsylG setzt eine vorbestandene Familiengemeinschaft, die Trennung der
Familie durch die Flucht sowie die fest beabsichtigte Familienvereinigung
in der Schweiz voraus (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5, BVGE 2017 VI/4 E. 3.1
und E. 4.4.2, BVGE 2012/32 E. 5).
3.2 Die Trennung der Familiengemeinschaft muss demnach kausal mit je-
nen Umständen zusammenhängen, welche zur Flucht aus dem Heimat-
land Anlass gegeben haben. Ausnahmsweise kann auch dann von einer
im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG relevanten Trennung ausgegangen wer-
den, wenn nicht die Flucht eines Familienmitglieds ins Ausland als solche,
sondern andere zwingende Gründe zur Trennung der Familiengemein-
schaft geführt haben (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5.2).
3.3 Wer um die Erteilung einer Einreisebewilligung zwecks Familienasyls
ersucht, hat die Zugehörigkeit des nachzuziehenden Angehörigen zur Fa-
miliengemeinschaft, die zum Zeitpunkt der Flucht vorbestandene Familien-
gemeinschaft, die Trennung der Familie durch die Flucht sowie die fest be-
absichtigte Familienvereinigung beider Anspruchsberechtigten nachzuwei-
sen oder zumindest glaubhaft zu machen (Art. 7 AsylG; Botschaft des Bun-
desrates vom 4. Dezember 1995 zur Totalrevision des Asylgesetzes sowie
zur Änderung des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der
Ausländer, BBl 1996 II 70).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, die Gewährung
einer Familienzusammenführung, das heisst die Erteilung einer Einreisbe-
willigung gestützt auf Art. 51 Abs. 4 AsylG, bedinge, dass der Flüchtling vor
der Ausreise in einem gemeinsamen Haushalt mit dem Mitglied seiner Fa-
milie, für das die Familienzusammenführung verlangt werde, gelebt habe
und die Personen durch die Flucht getrennt worden seien. Eine Trennung
durch Flucht setze eine Familienverbindung voraus, die bereits vor der
Flucht bestanden haben müsse und aufgrund einer Zwangssituation abge-
brochen worden sei. Als Flucht werde in erster Linie die Ausreise aus dem
Heimatstaat erachtet und diese sei demnach abgeschlossen, sobald die
betreffende Person in einen Drittstaat einreise. Das Familienasyl nach
Art. 51 Abs. 1 AsylG diene weder der Aufnahme von neuen respektive von
zuvor noch gar nicht gelebten familiären Beziehungen, noch der Wieder-
aufnahme von zuvor abgebrochenen Beziehungen.
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Den Asylakten des Beschwerdeführers sei zu entnehmen, dass er Eritrea
im (...) 2014 verlassen habe und in den G._ gereist sei. Im (...) Mo-
nat 2015 seien seine Ehefrau und seine Kinder auch in den G._
gereist, wo sie ab dem (...) Monat 2015 gemeinsam als Familie für etwa
zwei Monate gelebt hätten. Daraus folge, dass die selbständige Weiter-
reise des Beschwerdeführers und demnach die Trennung von seiner Ehe-
frau und seinen Kindern nicht aus einer Zwangssituation, sondern aus sei-
nem freiwilligen Handeln, den G._ verlassen zu wollen, erfolgt sei.
Dies entspreche somit keiner Flucht. Demnach seien die Voraussetzungen
für die Anwendung von Art. 51 Abs. 4 AsylG nicht erfüllt.
Da der Beschwerdeführer in der Schweiz über eine Aufenthaltsbewilligung
B verfüge, stehe es ihm hingegen offen, bei der kantonalen Migrationsbe-
hörde ein Gesuch um Familiennachzug gestützt auf das Gesetz über die
Ausländerinnen und Ausländer vom 16. Dezember 2005 (AuG) einzu-
reichen.
4.2 In der Beschwerde wurde dem entgegengehalten, das SEM habe das
Gesuch um Familienzusammenführung mit der Begründung abgelehnt,
dass die selbständige Weiterreise des Beschwerdeführers und demnach
die Trennung von seiner Ehefrau und seinen Kindern nicht aus einer
Zwangssituation, sondern aus seinem freiwilligen Handeln, den G._
verlassen zu wollen, erfolgt sei, weshalb die Familiengemeinschaft angeb-
lich nicht durch Flucht aufgelöst worden sei. Dass die Familie nach seiner
Flucht in den G._ ebenfalls dorthin geflohen sei, werde nicht bestrit-
ten und gehe offensichtlich aus den Anhörungsprotokollen hervor. Nicht
nachvollziehbar sei aber die Behauptung der Vorinstanz, dass die Flucht
des Beschwerdeführers durch die Einreise in den G._, bei dem es
sich um einen unsicheren Drittstaat handle, beendet worden sei und so-
wohl seine Ausreise aus Eritrea als auch aus dem G._ nicht aus
einer Zwangslage erfolgt seien. Unter Hinweis auf das Urteil des Bundes-
verwaltungsgerichts E-5101/2014 vom 12. Januar 2015 würden nach
Art. 51 Abs. 1 AsylG – unter dem Titel Familienasyl – namentlich die Ehe-
gatten und die minderjährigen Kinder von Flüchtlingen ihrerseits als Flücht-
linge anerkannt und erhielten in der Schweiz Asyl, wenn keine besonderen
Umstände dagegen sprechen würden. In diesem Sinne bestimme Art. 51
Abs. 4 AsylG in Verbindung mit Abs. 1 dieser Gesetzesbestimmung, dass
jenen Personen, die einen Anspruch auf Einbezug in die Flüchtlingseigen-
schaft und die Gewährung von Asyl hätten, auf Gesuch hin die Einreise in
die Schweiz zu bewilligen sei, wenn sie sich noch im Heimatstaat befänden
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oder erst einen Drittstaat erreicht hätten. Ihnen sei – im Sinne des Famili-
ennachzugs – die Einreise in die Schweiz zu bewilligen, jedoch nur dann,
wenn eine Trennung durch die Fluchtumstände stattgefunden habe.
Bei der Beurteilung, ob die Familiengemeinschaft durch die Flucht des Be-
schwerdeführers getrennt worden sei, sei entgegen der Vorinstanz auf die
Situation in Eritrea – dem Heimatstaat des Beschwerdeführers – und nicht
auf diejenige in einem unsicheren Drittstaat abzustellen. Vorliegend sei die
in Eritrea bereits bestandene Familiengemeinschaft durch die dortigen
asylrelevanten Probleme des Beschwerdeführers und seine damit einher-
gehende Flucht aus diesem Staat getrennt worden. Daran vermöge die
Tatsache, dass sich die Familie im G._ wieder getroffen habe,
nichts zu ändern. Fakt sei jedenfalls, dass er und seine Familie bereits in
Eritrea in einer Familiengemeinschaft zusammen gewesen seien, und es
sei allein auf die Gegebenheiten in Eritrea abzustellen, nicht auf diejenigen
im G._ oder in irgendeinem anderen Drittland.
4.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, dass die Flucht mit der
Ausreise aus dem Heimatstaat als abgeschlossen zu betrachten sei. Dem-
nach sei die Tatbestandsvoraussetzung von Art. 51 Abs. 4 AsylG "Tren-
nung durch die Flucht" nicht gegeben, wenn der Beschwerdeführer nach
einem Aufenthalt im G._ alleine weitergereist sei. Diesbezüglich
wies das SEM auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-4076/2015
vom 6. Juli 2015 E. 3.4 hin. Er habe mit seiner Familie während circa
zweier Monate im G._ zusammengelebt. Daraufhin sei er freiwillig
allein weitergereist, weil die Reise als Familie zu gefährlich gewesen sei
und die finanziellen Mittel nicht für alle gereicht hätten. Die Trennung der
Familiengemeinschaft sei demzufolge weder durch Flucht noch unfreiwillig
erfolgt. Im Übrigen verwies das SEM auf seine Erwägungen in der ange-
fochtenen Verfügung, an denen es vollumfänglich festhielt.
4.4 In seiner Replik verwies der Beschwerdeführer zwecks Vermeidung un-
nötiger Wiederholungen auf seine Ausführungen in der Beschwerdeschrift.
Er betonte insbesondere nochmals, dass bei der Beurteilung, ob die Fami-
liengemeinschaft durch die Flucht des Beschwerdeführers getrennt worden
sei, auf die Situation im Heimatstaat Eritrea und nicht auf diejenige in einem
unsicheren Drittstaat abzustellen sei.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer verfügt über den Asylstatus, weshalb seine
Kernfamilie, um die es vorliegend geht, grundsätzlich vom Familienasyl im
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Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG profitieren kann. Dies gilt auch für die inzwi-
schen volljährig gewordene Tochter des Beschwerdeführers, da in diesem
Zusammenhang praxisgemäss der Zeitpunkt der Gesuchstellung, das
heisst vorliegend der 7. Juli 2016, ausschlaggebend ist. Dass der Be-
schwerdeführer mit seiner Ehefrau und seinen drei Kindern in Eritrea eine
vorbestandene Familiengemeinschaft bildete, wird vom SEM zu Recht
nicht bestritten. Aufgrund der Aktenlage ist davon auszugehen, dass er und
seine Ehefrau am (...) die Ehe schlossen (vgl. act. [...]) und die Familie bis
(...) 2014, ab welchem Zeitpunkt er sich im Zusammenhang mit seinen
Fluchtgründen in seinem Heimatstaat versteckt hielt, zusammenlebte, be-
vor er am (...) 2014 die Flucht nach H._ antrat (vgl. a.a.O., [...], act.
[...]). Gemäss seinen Angaben verliessen seine Familienangehörigen ihren
Heimatstaat im (...) 2015 und trafen im (...) 2015 im G._ ein, wo die
Familie während circa zweier Monate zusammenlebte, bevor er die Wei-
terreise über I._ nach Europa antrat (vgl. act. [...], act. [...]).
5.2 Die Ausreise des Beschwerdeführers aus Eritrea ohne seine Familie
führte zu einer ersten Trennung der Familie durch die Flucht im herkömm-
lichen Sinne. Allerdings hat sich die Familie in der Folge vorübergehend im
G._ getroffen, woraufhin eine erneute Trennung erfolgte. Die Tren-
nung der Familie in einem Drittstaat stellt jedoch gemäss jüngster Recht-
sprechung eine mögliche Konstellation des Anwendungsbereichs von
Art. 51 Abs. 4 AsylG dar. Das Erfordernis der «Trennung durch die Flucht»
setzt einzig voraus, dass zwischen der nachzugsberechtigten Person und
dem anspruchsberechtigten Familienmitglied im Zeitpunkt der Flucht eine
Familiengemeinschaft bestanden haben muss, welche im Heimat- oder
Drittstaat getrennt wurde (vgl. dazu die ausführliche Begründung im Urteil
des BVGer E-273/2018 vom 22. Juli 2020 E. 8.4 [zur Publikation vorgese-
hen]). Der Argumentation des SEM, am Erfordernis der «Trennung durch
die Flucht» fehle es bereits deshalb, weil die Flucht mit der Ankunft im Dritt-
staat G._ abgeschlossen sei, kann demnach nicht gefolgt werden.
5.3 Hingegen kann die Trennung im Drittstaat einen besonderen Umstand
im Sinne von Art. 51 Abs. 1 i.V.m. Abs. 4 AsylG darstellen, welcher der Fa-
milienzusammenführung entgegensteht. Befindet sich die Familie in einem
Drittstaat und erfolgt von dort zunächst die Weiterreise nur eines Familien-
mitglieds, ist zu prüfen, ob die alleinige Weiterreise des Familienmitglieds
auf die Auflösung der Familiengemeinschaft gerichtet und damit freiwillig
war, oder aus objektiven, aus den Fluchtumständen resultierenden Grün-
den erfolgte (vgl. a.a.O., E. 9.4).
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5.3.1 Hinsichtlich der Prüfung des Vorliegens besonderer Umstände ist
vorweg festzuhalten, dass vorliegend die Flucht mit der Ausreise aus dem
Heimatstaat beziehungsweise Ankunft im Drittstaat G._ entgegen
den Ausführungen der Vorinstanz nicht als abgeschlossen betrachtet wer-
den kann. So wurde weder vom Beschwerdeführer vorgebracht noch lässt
die Aktenlage darauf schliessen, dass die Familienangehörigen ihr Anwe-
senheitsverhältnis in diesem Staat legalisieren konnten (vgl. Sachverhalt
Bst. B.c). Sodann erfolgte die Trennung der Familiengemeinschaft entge-
gen der Vorinstanz nicht freiwillig. So entschied sich der Beschwerdeführer
deshalb zur alleinigen Weiterreise, weil diese zum einen für die fünfköpfige
Familie zu gefährlich gewesen wäre und zum anderen die finanziellen Mit-
tel für eine gemeinsame Weiterreise gefehlt hätten (vgl. act. [...]). Gerade
die Gefährlichkeit der illegalen Reise über I._ und das Mittelmeer
ist allgemein bekannt und es scheint für das Gericht überaus nachvollzieh-
bar, dass der Beschwerdeführer seine Frau und die drei minderjährigen
Kinder diesen Gefahren nicht aussetzen wollte. Vorliegend kann daher
nicht darauf geschlossen werden, dass die alleinige Weiterreise des Be-
schwerdeführers auf die generelle Aufgabe der Familiengemeinschaft ge-
richtet war. Dies wird auch durch dessen weiteres Verhalten nach der
Flucht bestätigt. Den Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer
den Kontakt zu seiner Familie nach der Trennung aufrechterhielt. So gab
er zu Protokoll, dass es anfänglich schwierig gewesen sei, den telefoni-
schen Kontakt herzustellen (vgl. act. [...]). Nachdem ihm am (...) Mai 2016
in der Schweiz Asyl gewährt worden war, stellte er am 7. Juli 2016 zeitnah
ein Gesuch um Familienzusammenführung mit seiner Ehefrau und den drei
gemeinsamen Kindern. Dass die Eheleute auch heute noch in Kontakt ste-
hen und ihre Familiengemeinschaft auch räumlich wieder aufnehmen wol-
len, wird durch die Eingaben vom 11. April 2018, 21. Januar 2019, 2. Au-
gust 2019, 4. September 2020 und 17. Dezember 2020 (vgl. Sachverhalt
Bstn. G, H, J, K und M) unterstrichen. Aufgrund der gesamten Aktenlage
ist nicht der Schluss zu ziehen, die Eheleute hätten eine mehr als nur vo-
rübergehende Trennung der Familiengemeinschaft beabsichtigt oder diese
gar aufgeben wollen. Schliesslich bestehen keine Hinweise auf ein miss-
bräuchliches Verhalten des Beschwerdeführers oder seiner Ehefrau. Es
liegen somit keine „besonderen Umstände“ vor, die einer Familienzusam-
menführung entgegenstehen.
5.4 Zusammenfassend erweist sich als glaubhaft, dass der Beschwerde-
führer vor seiner Ausreise aus Eritrea mit seiner Ehefrau und den Kindern
eine familiäre Gemeinschaft bildete, die auf ihrer Flucht getrennt wurde und
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dass die Beziehung danach nicht abgebrochen wurde sowie ein gemein-
samer Wille besteht, die Familiengemeinschaft auch räumlich wieder auf-
zunehmen.
6.
Die angefochtene Verfügung ist daher in Gutheissung der Beschwerde auf-
zuheben. Das SEM ist anzuweisen, B._, geboren am (...),
C._, geboren am (...), D._, geboren am (...), und
E._, geboren am (...), die Einreise in die Schweiz zu bewilligen und
sie in das dem Beschwerdeführer gewährte Asyl miteinzubeziehen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwen-
dung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendi-
gerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechtsvertreter
hat keine Kostennote eingereicht, weshalb der notwendige Vertretungsauf-
wand aufgrund der Akten festzusetzen ist (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Unter
Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren (Art. 8, 9 und
11 VGKE) ist die Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 1'000.– (inkl. Aus-
lagen) festzusetzen. Dieser Betrag ist dem Beschwerdeführer durch das
SEM zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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