Decision ID: 5bb1a8b1-114c-4542-9753-b4a420301084
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg erhob am 20. Januar 2020
Anklage gegen den Beschuldigten wegen mehrfacher Schändung. Sie
beantragte, dass der Beschuldigte dafür zu einer unbedingten
Freiheitsstrafe von 30 Monaten zu verurteilen sei. Weiter beantragte sie
den Widerruf des dem Beschuldigten mit Urteil des Strafgerichts Basel-
Stadt vom 13. Juni 2017 bedingt gewährten Strafvollzugs sowie eine
Landesverweisung für die Dauer von sieben Jahren.
2.
Mit Urteil des Bezirksgerichts Rheinfelden vom 26. Mai 2021 wurde der
Beschuldigte der mehrfachen Schändung schuldig gesprochen und dafür
mit einer Gesamtstrafe von 30 Monaten bestraft, wobei im Umfang von
15 Monaten der bedingte Strafvollzug gewährt wurde. Weiter wurde der
Beschuldigte für die Dauer von sieben Jahren des Landes verwiesen.
3.
3.1.
Gegen das ihm am 21. Juni 2021 zugestellte Urteil meldete der
Beschuldigte gleichentags die Berufung an. Das begründete Urteil wurde
ihm am 8. September 2021 zugestellt.
3.2.
Mit Berufungserklärung vom 27. September 2021 beantragte der
Beschuldigte einen Freispruch vom Vorwurf der mehrfachen Schändung.
Eventualtier sei auf die Aussprechung einer Landesverweisung zu
verzichten. Zudem beantragte er für die ungerechtfertigte
Untersuchungshaft vom 10. bis 19. Oktober 2018 eine Entschädigung von
insgesamt Fr. 3'000.00.
3.3.
Der Beschuldigte reichte am 15. November 2021 vorgängig zur
Berufungsverhandlung seine Berufungsbegründung ein.
3.4.
Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg verzichtete mit Eingabe
vom 18. November 2021 auf die Erstattung einer vorgängigen Berufungs-
antwort und verwies auf die Ausführungen im Urteil vom 26. Mai 2021.
3.5.
Die Berufungsverhandlung fand am 24. Juni 2022 zusammen mit dem
Berufungsverfahren des ebenfalls beschuldigten B. (SST.2021.226) statt.
- 3 -

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Der Beschuldigte beantragt mit Berufung einen vollständigen Freispruch
von Schuld und Strafe. Damit ist das vorinstanzliche Urteil – mit Ausnahme
der Entscheide über die beschlagnahmten Gegenstände – vollumfänglich
angefochten und zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
Gemäss Anklage habe sich die Privatklägerin C. am Sonntag, 4. März 2018
um ca. 3:00 Uhr in der Wohnung von B., dem Cousin des Beschuldigten,
in Q. befunden. Zuvor seien diese beiden zusammen von einem Club in R.
in reichlich alkoholisiertem Zustand mit dem Taxi nach Q. gefahren. Im Club
in R. sei auch bereits der Beschuldigte gewesen. B. habe an C. zwei Mal
den Geschlechtsverkehr vollzogen während diese in einem komaähnlichen
Zustand befunden und von diesen Übergriffen nichts mitbekommen habe.
In der Folge habe B. den Beschuldigten angerufen und zu sich nach Q.
bestellt, wo letzterer um ca. 6:00 Uhr eingetroffen sei und ebenfalls zweimal
den Geschlechtsverkehr an der wehrlosen C. vorgenommen habe. Diese
sei nach wie vor in einem komaähnlichen Zustand gewesen und habe von
diesen Handlungen nichts mitbekommen. B. habe während diesen
Übergriffen im Nebenzimmer geschlafen.
Am Morgen nach dem Erwachen sei C. bewusst geworden, was sich
vorgängig zugetragen habe, nachdem ihr der Beschuldigte und B. vom
vorgängigen, mehrmaligen und nach ihrer Auffassung einvernehmlichen
Geschlechtsverkehr erzählt hätten.
Damit habe sich der Beschuldigte der mehrfachen Schändung gemäss
Art. 191 StGB schuldig gemacht.
2.2.
Gemäss Art. 191 StGB macht sich der Schändung strafbar, wer eine
urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis
ihres Zustandes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer
anderen sexuellen Handlung missbraucht. Als widerstandsunfähig gilt nach
konstanter Rechtsprechung, wer nicht im Stande ist, sich gegen ungewollte
sexuelle Kontakte zu wehren. Art. 191 StGB schützt Personen, die einen
zur Abwehr ausreichenden Willen zum Widerstand gegen sexuelle
Übergriffe nicht oder nicht sinnvoll bilden, äussern oder betätigen können.
Es genügt, dass das Opfer vorübergehend zum Widerstand unfähig ist. Die
Gründe für die Widerstandsunfähigkeit können dauernder oder vorüber-
gehender, chronischer oder situationsbedingter Natur sein. Erforderlich ist,
dass die Widerstandsfähigkeit ganz aufgehoben und nicht nur
- 4 -
beeinträchtigt oder eingeschränkt ist (BGE 133 IV 49 E. 7.2; BGE 119 IV
230 E. 3a). Eine Bewusstlosigkeit im Sinne eines komatösen Zustands ist
nicht vorausgesetzt. Widerstandsunfähigkeit kann etwa auch vorliegen,
wenn sich eine Person alkohol- und müdigkeitsbedingt nicht oder nur
schwach gegen die an ihr vorgenommenen Handlungen wehren kann.
Subjektiv ist Vorsatz erforderlich, wobei Eventualvorsatz genügt (Urteil des
Bundesgerichts 6B_232/2016 vom 21. Dezember 2016 E. 2.2 mit
Hinweisen).
2.3.
2.3.1.
Vorweg ist festzuhalten, dass C. konstant aussagte, sich an jene Nacht und
die vorgefallenen Handlungen in der Wohnung von B. nicht mehr erinnern
zu können, sie also ein Blackout bekommen hätte und entsprechend auch
keinerlei Aussagen zum Vorgefallenen machen könne (vgl.
Untersuchungsakten [UA] act. 132; Gerichtsakten [GA] act. 57). Gemäss
ihren Aussagen sei das Letzte, woran sie sich erinnern könne, dass sie im
Club D. in Richtung der Tanzfläche gegangen sei (UA act. 423; GA act. 53)
resp. sich noch mit zwei oder einem Mann unterhalten habe (UA act. 132).
Sie habe keine Drogen genommen, nur Alkohol getrunken (UA act. 423;
GA act. 55). Sie vermute, dass sie K.O.-Tropfen erhalten habe (UA
act. 137; GA act. 56).
Mangels eines zeitnahen Bluttests durch C. nach dem Vorfall liegen keine
sachlichen Beweismittel vor, welche über ihren Alkoholisierungsgrad
Aufschluss geben könnten, sowie darüber, ob sich noch weitere
Substanzen (Drogen, «K.O.-Tropfen») in ihrem Körper befunden haben.
Hinweise über den physischen und psychischen Zustand von C. an jenem
Abend können neben den Aussagen des Beschuldigten und des ebenfalls
beschuldigten B. noch die Zeugenaussagen von E. und F. liefern (vgl. dazu
unten). Sodann lassen sich ebenfalls aus dem Zustand von C. am nächsten
Morgen sowie aus ihren diesbezüglichen Aussagen gültige Rückschlüsse
auf ihren Zustand am Vorabend ziehen.
2.3.2.
Unbestritten und soweit erstellt ist aufgrund der Aussagen der
Beschuldigten selber, dass es zwischen C. und dem Beschuldigten zwei
Mal zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr gekommen ist, wobei der
Beschuldigte beim ersten Mal auf die Brüste und beim zweiten Mal in die
Vagina von C. ejakuliert hatte (UA act. 198). Ebenfalls unbestritten ist, dass
B. bereits zuvor zweimal mit C. Geschlechtsverkehr hatte (UA act. 218).
2.3.3.
Der Beschuldigte bestreitet, dass sich C. während des
Geschlechtsverkehrs in einem Zustand der Widerstandsunfähigkeit
befunden habe. Gemäss seinen Aussagen habe er C. bereits im Club D. in
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- 5 -
R. an der Bar angetroffen, als diese gerade mit E. gesprochen habe. Sie
habe sich als «Spitzname.» vorgestellt. Sie – der Beschuldigte und B.
zusammen mit C. – hätten dann in der Raucherlounge zusammen
geraucht. Später sei er mit dem Taxi nach Hause nach S. gefahren, da
habe ihn B. angerufen und gesagt, er solle zu ihm nach Q. kommen, «sie»
(gemeint ist C.) wolle einen Dreier, weshalb er um ca. 6:00 Uhr nach Q.
gefahren sei. Er habe dann mit C. «normale Gespräche» geführt, unter
anderem habe er sie gefragt, was der Drogenkonsum bei ihr bewirke,
worauf sie geantwortet habe, sie sei dann einfach aufgestellter und
hyperaktiv (UA act. 191 ff.; GA act. 95 ff.; Protokoll Berufungsverhandlung,
S. 29).
Gemäss den Aussagen von B. sei C. zwar angetrunken gewesen, «so
locker, so easy», aber sie sei nicht bewusstlos gewesen, sondern auch
aktiv. Sie hätten zusammen «rumgemacht» und sich ausgezogen. C. habe
an ihm «herumgefummelt», ihre Hände seien an seinem Körper und in
seinem Schritt gewesen. Sie hätten auch zusammen gesprochen, unter
anderem habe er sie gefragt, ob sie schon einen «Dreier» gehabt habe,
was diese verneinte. Da habe er etwas auf sie eingeredet, worauf C. dann
gesagt habe, dann solle er seinem Kollegen anrufen, was er dann getan
habe (UA act. 216 ff.; GA act. 87 f.).
E. wurde delegiert als Zeuge einvernommen (UA act. 443 ff.). Dabei gab er
an, den Beschuldigten und B. vom Sehen her zu kennen und zu grüssen,
aber er habe nicht viel Kontakt zu ihnen. C. kenne er auch nicht richtig. Er
habe am 3./4. März 2018 alle drei zufälligerweise im Club D. getroffen. Mit
C. habe er sich kurz unterhalten. Sie sei «voll besoffen» gewesen, damit
meine er, sie habe Alkohol im Blut gehabt, sie sei fröhlich und glücklich
gewesen und habe getanzt. Anlässlich der erstinstanzlichen
Hauptverhandlung erklärte E. sodann jedoch, dass der Beschuldigte und
B. gute Kollegen von ihm seien (GA act. 70). C. kenne er etwas von früher.
Im Club D. an jenem Abend hätten sie sich kurz gesehen und sich gegrüsst.
Sie sei so gewesen, wie man ist, wenn man Alkohol getrunken habe (GA
act. 71).
F., eine damalige Freundin von C., erklärte, dass sie an jenem Abend bei
sich zuhause Alkohol getrunken hätten, bevor sie in den Club D. gegangen
seien. Sie selber habe auch einen Filmriss von jener Nacht und sie habe
bemerkt, dass sie geweitete Pupillen gehabt habe, weshalb sie nicht
ausschliessen könne, dass sie unter Drogeneinfluss gestanden habe. Sie
könne sich nur noch daran erinnern, dass sie in Richtung der Tanzfläche
gegangen seien, danach habe sie C. nicht mehr gesehen resp. könne sich
nicht mehr erinnern (UA act. 456; GA act. 64 f.).
- 6 -
2.3.4.
C. und die beiden Beschuldigten wurden im Rahmen der
Berufungsverhandlung vom 24. Juni 2022 erneut einlässlich ein-
vernommen. Das Obergericht konnte dadurch einen persönlichen Eindruck
ihres Aussageverhaltens und ihrer Persönlichkeit gewinnen und Unklar-
heiten plausibel klären bzw. nachvollziehbar auflösen.
Es ist damit in einem ersten Schritt festzuhalten, dass gemäss den
Zeugenaussagen von keinem Zustand der Widerstandsunfähigkeit von C.
im Club D. auszugehen ist. Zwar war C. zweifellos alkoholisiert, jedoch
liegen keine Hinweise vor, dass sie beispielsweise hätte gestützt oder gar
getragen werden müssen. Auch sei sie imstande gewesen, eine
Konversation zu führen, ohne dass dabei ein besonders verwaschenes
Sprechen oder Lallen aufgefallen wäre. Weiter ist festzuhalten, dass
aufgrund der vorliegenden Aktenlage konkrete Hinweise fehlen, dass C. im
Club D. sogenannte K.O.-Tropfen verabreicht erhalten hätte.
In einer Gesamtbetrachtung liegen allerdings gewichtige Indizien vor,
welche auf eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit von C. hindeuten. So ist
es nicht erklärlich, weshalb sie beim Verlassen des Club D. ihre Tasche,
worin sich ihre persönlichen Gegenstände und insbesondere ihr
Portemonnaie befanden (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 11),
zurückgelassen hat. C. sagte glaubhaft aus, dass sie ihre Tasche noch nie
irgendwo zurückgelassen hätte (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 5),
zumal sich zeigte, dass C. kein Geld auf sich trug (vgl. UA act. 133;
Protokoll Berufungsverhandlung, S. 13), was es noch unwahrscheinlicher
macht, dass sie in einem klaren Zustand mit dem ihr unbekannten B. in ein
Taxi nach Q. eingestiegen sein soll, ohne Geld für ihre Rückfahrt
mitzuführen. Auch ist das für C. untypische Verhalten, sich von ihrer
Kollegengruppe ohne Mitteilung zu entfernen (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 8), ein Anzeichen auf eine sich anbahnende
Unfähigkeit, willensgemäss zu handeln. Dies steht sodann im Einklang mit
den Aussagen des Zeugen E. und der Beschuldigten, dass C. auch im Club
D. weiterhin – wohl alkoholische – Getränke zu sich nahm und
wahrnehmbar betrunken war (UA act. 448; GA act. 71, 88 und 98).
Es ist damit davon auszugehen, dass C. bereits während der Taxifahrt mit
B. zu dessen Wohnung in Q. nicht mehr gänzlich funktioniert hat. Umso
mehr muss sodann spätestens im Zeitpunkt des ersten
Geschlechtsverkehrs zwischen C. und B. von einer Widerstandsunfähigkeit
von C. aufgrund des Alkoholkonsums und der sich daraus entwickelten
Müdigkeit ausgegangen werden. Möglicherweise war auch noch ein
Drogenkonsum im Spiel. Anders lässt sich nicht erklären, dass C., welche
bei der Befragung vor Obergericht glaubhaft und überzeugend ausführte,
panische Angst vor Geschlechtskrankheiten zu haben (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 15), mit ihr unbekannten Männern gleich
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mehrfach ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt hat. Auch ihr
Verhalten am nächsten Morgen, ihre Bestürztheit über das Vorgefallene
und dass sie Geld für die Pille danach verlangte (vgl. UA act. 133 und 203;
Protokoll Berufungsverhandlung, S. 5), zeigen deutlich auf, dass sie bei
erstellter Widerstandsfähigkeit nicht in ungeschützten Geschlechtsverkehr
einwilligen würde. Es ist unter diesen Umständen nicht nur von einer
alkoholbedingten herabgesetzten Hemmschwelle auszugehen, sondern
klarerweise von einem Zustand, welcher es C. verunmöglichte, einen
klaren Willen zu fassen und entsprechend zu handeln.
Nach dem eben Ausgeführten erschliesst sich, dass die Aussagen von B.,
dass er mit C. normal kommuniziert habe, diese ebenfalls aktiv beim
Geschlechtsverkehr gewesen sei und diesen sogar initiiert habe,
Schutzbehauptungen sind, zumal seine diesbezüglichen Schilderungen
sehr detailarm und pauschal gehalten sind (vgl. UA act. 217 ff.; GA act. 87
ff.; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 21). Selbst wenn sich diese
Ungenauigkeiten bis zu einem gewissen Grad mit der verstrichenen
Zeitdauer zwischen dem Vorfall und der Einvernahmen von B. erklären
lassen, so ist dennoch auffällig, dass B. keinerlei konkrete Angaben zum
Kennenlernen, zur Taxifahrt, welche immerhin rund eine halbe Stunde
dauerte, und zu den besprochenen Themen zwischen ihm und C. machen
konnte (vgl. Protokoll Berufungsverhandlung, S. 21).
Der Beschuldigte selber führte zwar etwas ausführlicher aus, dass er bei
seinem Eintreffen bei B. mit C. gesprochen habe (UA act. 198; GA act. 96)
und konnte auch mehr Einzelheiten in Bezug auf das Kennenlernen im Club
D. schildern (UA act. 199; GA act. 95 f.; Protokoll Berufungsverhandlung,
S. 28). Doch sind auch seine Ausführungen zum, seiner Aussage nach
einvernehmlichen, Geschlechtsverkehr wiederum sehr pauschal: Es sei
zuerst zu Oralverkehr gekommen, er habe C. gefragt, ob sie verhüte, was
diese bejaht habe und beim zweiten Mal sei es zu vaginalem
Geschlechtsverkehr gekommen, wobei er in C. ejakuliert habe (UA act. 197
f.). Wie bereits ausgeführt, ist nicht nachvollziehbar oder erklärbar, dass C.
in ungeschützten Geschlechtsverkehr eingewilligt hat und sogar noch,
entgegen der Tatsache, bestätigt hätte, dass sie verhüte. Entsprechende
Aussagen des Beschuldigten sind derart abwegig, dass diese klarerweise
Schutzbehauptungen sind. Dies lässt wiederum nur den Schluss zu, dass
sich C. während des Geschlechtsverkehrs mit dem Beschuldigten in einem
Zustand befand, welches es ihr verunmöglichte, einen Willen zu bilden und
danach zu handeln. Dass dieser Zustand für den Beschuldigten auch
erkennbar war, ergibt sich zweifellos aus seinen wenig glaubhaften
Schilderungen, wie der Geschlechtsverkehr abgelaufen sei resp. der
Tatsache, dass es sich unmöglich auf diese Weise abgespielt haben kann.
- 8 -
2.3.5.
In das oben Ausgeführte reihen sich sodann schlüssig die Vorkommnisse
am nächsten Morgen ein. C. gab wiederholt an, schockiert gewesen zu
sein, als ihr die Beschuldigten erzählten, was in der Nacht geschehen sei
(UA act. 132 f. und 425 ff.; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 5 und 13).
Auch ihr weiteres Verhalten, insbesondere das längere Verweilen in der
Wohnung von B., zusammen mit den beiden Beschuldigten, lässt sich ohne
weiteres durch ihren Schockzustand erklären. C. führte denn auch aus,
dass sie weder genau wusste, wo sie war, noch hatte sie Geld dabei und
ihr Handy hatte nicht mehr viel Akku (vgl. UA act. 428; Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 5). Auch versuchte sie durch Erfragen Licht in
ihre nicht vorhandene Erinnerung zu bringen (vgl. Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 13 f.), was in einer solchen Situation
verständlich und nachvollziehbar ist.
Sodann schilderte sowohl der Beschuldigte als auch B. übereinstimmend,
dass C. nach Kokain gefragt habe (UA act. 196 und 225). Dies wird von C.
verneint und sie wies darauf hin, dass im Gegenteil die Beschuldigten ihr
Kokain angeboten hätten (UA act. 438). Es lässt sich nicht abschliessend
klären, wer Kokain konsumieren wollte oder danach gefragt hat. Dies ist
aber für die vorliegend zu beantwortenden Fragen ohnehin unerheblich und
mögen die glaubhaften Aussagen von C., soweit diese überhaupt für die
Erstellung des Sachverhalts herangezogen werden können, nicht in Zweifel
zu ziehen.
2.3.6.
Zusammenfassend ist aufgrund verschiedener Indizien und Hinweise als
erstellt zu erachten, dass sich C. im Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs mit
dem Beschuldigten in einem Zustand der Widerstandsunfähigkeit befunden
hat, bedingt durch ihren Alkoholkonsum zusammen mit der einsetzenden
Müdigkeit, möglicherweise auch einem Drogenkonsum. Dieser Zustand
verunmöglichte es C. überhaupt in ungeschützten Geschlechtsverkehr
einzuwilligen, was dem Beschuldigten hat klar sein müssen. Er hat die
Widerstandsunfähigkeit von C. ausgenutzt und zweimal den
Geschlechtsverkehr an ihr vollzogen, wobei er mindestens einmal in die
Vagina von C. ejakuliert hat.
Gemäss Anklage hat der zweite Geschlechtsverkehr «gleich im Anschluss»
an die erste Ejakulation stattgefunden. Mithin erscheinen die Penetrationen
aufgrund ihres zeitlich, örtlich und sachlich sehr engen Zusammenhangs
als verbundenes und auf denselben Willensentschluss des Beschuldigten
zurückgehendes Geschehen, so dass bei einer Gesamtbetrachtung von
einer natürlichen Handlungseinheit auszugehen ist (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_1245/2018 vom 20. Mai 2019 E. 3 mit Hinweisen). Der
alleinige Umstand, dass der Beschuldigte zum Samenerguss gekommen
ist, verleiht den unmittelbar nacheinander folgenden Penetrationen keine
- 9 -
selbständige Bedeutung, welche die Annahme einer mehrfachen
Tatbegehung rechtfertigen würde. Das vorinstanzliche Urteil ist in diesem
Punkt von Amtes wegen zu korrigieren (Art. 404 Abs. 2 StPO).
Der Beschuldigte hat sich demnach der Schändung gemäss Art. 191 StGB
schuldig gemacht und ist entsprechend zu bestrafen, ohne dass Art. 49
Abs. 1 StGB zur Anwendung gelangen würde.
3.
3.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten – als Gesamtstrafe mit einer
Widerrufsstrafe – zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten
verurteilt.
3.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.
3.3.
Der Täter, der eine Schändung begeht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn
Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 191 StGB). Das Gericht misst die
Strafe innerhalb des ordentlichen Strafrahmens nach dem Verschulden zu
(Art. 47 Abs. 1 StGB). Ausgangspunkt für die Strafzumessung bildet die
Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2
StGB). Der Straftatbestand der Schändung schützt die sexuelle
Selbstbestimmung von Personen, die nicht in der Lage sind, sich gegen
sexuelle Zumutungen zu wehren (Urteil des Bundesgerichts 6B_518/2020
vom 15. September 2021 E. 1.3; BGE 133 IV 49 E. 7.2).
Der Beschuldigte hat am Sonntagmorgen, 4. März 2018 um ca. 06.00 Uhr
an C., die im damaligen Zeitpunkt unfähig war, sich gegen einen
unerwünschten Sexualkontakt zu wehren, kurz nacheinander zweimal den
ungeschützten Geschlechtsverkehr vollzogen, wobei er einmal zum
Samenerguss in der Vagina von C. gekommen ist.
Beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Ejakulation in der Vagina von
C. handelt es sich im weiten Spektrum möglicher sexueller Handlungen
gegenüber einem zum Widerstand unfähigen Opfer um eine schwer-
wiegende Form der Schändung mit einer sehr hohen Eingriffsintensität, hat
der Beschuldigte C. doch zusätzlich der Gefahr einer Geschlechtskrankheit
und einer ungewollten Schwangerschaft ausgesetzt. Entsprechend schwer
wiegt die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung und Integrität und
damit einhergehend das Verschulden. Nichts zu seinen Gunsten kann der
Beschuldigte daraus ableiten, dass C. beim Geschlechtsakt nicht physisch
- 10 -
verletzt worden ist. Das Fehlen eines zur Erfüllung des objektiven
Tatbestands nicht notwendigen Umstandes wirkt sich vielmehr neutral aus.
Der Tatbestand der Schändung setzt voraus, dass das Opfer unfähig war,
sich gegen die sexuellen Handlungen zu wehren. Der vorliegend zur Erfül-
lung des Tatbestands wesentliche Umstand, dass es sich bei C. aufgrund
ihres damaligen Zustands um ein vulnerables Opfer gehandelt hat, kann
sich deshalb nicht zusätzlich verschuldenserhöhend auswirken.
Der Schändung ist eine (rein) sexuelle sowie egoistische Motivation im-
manent, was für sich allein nicht verschuldenserhöhend zu berücksichtigen
ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.194/2001 vom 3. Dezember 2002
E. 7.4.2). Der Beschuldigte verfügte jedoch über ein sehr hohes Mass an
Entscheidungsfreiheit. Je leichter es aber für den Beschuldigten gewesen
wäre, die sexuelle Selbstbestimmung von C. zu respektieren, desto schwe-
rer wiegt die Entscheidung dagegen und damit einhergehend das Ver-
schulden (vgl. BGE 117 IV 112 E. 1 mit Hinweisen). Auch ein allfälliger
Einfluss von Alkohol und Drogen haben sein hohes Mass an
Entscheidungsfreiheit nicht wesentlich einschränken können. Es liegen
denn auch keine Hinweise für eine eingeschränkte Einsichts- oder
Steuerungsfähigkeit vor. Vielmehr hat er dadurch, dass er sich kurz vor
06.00 Uhr morgens zur Wohnung seines Cousins begeben und dort gleich
zweimal nacheinander an der zum Widerstand unfähigen C. den
Geschlechtsverkehr vollzogen hat, dass er genau wusste, was er tat.
Insgesamt ist in Relation zum Strafrahmen von bis zu 10 Jahren Freiheits-
strafe und den in diesem Rahmen denkbaren Erscheinungsformen von
Schändungen von einem mittelschweren bis schweren Verschulden und
einer dafür angemessenen Strafe von vier Jahren Freiheitsstrafe
auszugehen.
3.4.
Im Rahmen der Täterkomponente fällt die Vorstrafe des Beschuldigten
straferhöhend ins Gewicht. Er wurde am 13. Juni 2017 vom Strafgericht
Basel-Stadt wegen einfacher Körperverletzung, geringfügiger
Sachbeschädigung, Widerhandlungen gegen das Waffengesetz sowie
Fahrens in fahrunfähigem Zustand zu einer bedingten Freiheitsstrafe von
9 Monaten, einer bedingten Geldstrafe von 14 Tagessätzen und einer
Busse von Fr. 500.00 verurteilt. Auch wenn es sich dabei nicht um
einschlägige Delikte handelt, so hat der Beschuldigte doch gezeigt, dass er
nicht genügende Lehren aus seinem Fehlverhalten gezogen hat (BGE 136
IV 1 E. 2.6.2). Es ist jedoch zu beachten, dass aus dem täterbezogenen
Strafzumessungskriterium der Vorstrafen nicht indirekt ein tatbezogenes
Kriterium gemacht wird. Mithin dürfen diese Vorstrafen nicht wie
eigenständige Delikte gewürdigt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_510/2015 vom 25. August 2015 E. 1.4).
- 11 -
Der Beschuldigte hat zwar zugegeben, mit C. zweimal nacheinander
Geschlechtsverkehr gehabt zu haben und dabei auch in ihr zum
Samenerguss gekommen zu sein. Er hat jedoch von Anfang an vehement
bestritten, dass sich C. in einem zum Widerstand unfähigen Zustand
befunden habe. Zwar musste sich der Beschuldigte nicht selbst belasten
(vgl. Art. 113 Abs. 1 StPO). Unter diesen Umständen ist aber auch eine
erhebliche Strafminderung, wie sie bei einem geständigen, einsichtigen
und reuigen Täter möglich ist, ausgeschlossen. Daran ändert auch nichts,
dass er sich grundsätzlich kooperativ verhalten hat.
Weitere strafzumessungsrelevante Faktoren sind nicht ersichtlich resp.
wirken sich neutral aus. Insbesondere ist nicht von einer besonderen
Strafempfindlichkeit auszugehen. Es liegt im Zweck des Freiheitsentzugs,
eine Härte zu bewirken. Eine erhöhte Strafempfindlichkeit lässt sich nur bei
aussergewöhnlichen Umständen bejahen (statt vieler: Urteil des
Bundesgerichts 6B_18/2022 vom 23. Juni 2022 E. 2.6.1 mit Hinweisen).
Solche sind vorliegend nicht gegeben.
Insgesamt überwiegen die negativen Faktoren deutlich. Die
Täterkomponente ist im Umfang von drei Monaten straferhöhend zu
berücksichtigen.
3.5.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze des Beschleunigungsgebots
wiederholt dargelegt (statt vieler: Urteile des Bundesgerichts
6B_1003/2020 vom 21. April 2021 E. 3.3.1 sowie 6B_855/2020 vom 25.
Oktober 2021 E. 1.5.4; BGE 143 IV 373). Darauf kann verwiesen werden.
Der Beschuldigte wurde am 10. Oktober 2018 festgenommen, für
zehn Tage in Untersuchungshaft versetzt und ein erstes Mal ein-
vernommen (UA act. 26 ff.). Aufgrund seiner Aussagen wurde das
Verfahren am 17. Oktober 2018 auch gegen B. eröffnet (UA act. 123) und
dieser wurde am 19. Oktober 2018 an seinem Wohnort angehalten und zur
Einvernahme mitgenommen (UA act. 397 ff.). Weitere Verfahrens-
handlungen bis zur Anklageerhebung am 20. Januar 2020 beinhalteten vor
allem die erneute Einvernahme der Privatklägerin C. und der Zeugen E.
und F. im April 2019. Diese Lücke von 11 Monaten zwischen den letzten
Einvernahmen und der Anklageerhebung erscheint nicht mehr
angemessen lange, zumal der Vorwurf gegen den Beschuldigten erheblich
war. Sodann wurde von der Vorinstanz ohne ersichtliche Gründe erst über
ein Jahr nach der Anklageerhebung zur Hauptverhandlung im Mai 2021
vorgeladen.
- 12 -
Insgesamt rechtfertigt die mehrfache, jedoch weder einzeln noch
insgesamt nicht sehr schwer wiegende Verletzung des Beschleunigungs-
gebots, eine Reduktion der Strafe um drei Monate.
3.6.
Zusammengefasst erachtet das Obergericht unter Berücksichtigung der
Verletzung des Beschleunigungsgebots eine Freiheitsstrafe von 4 Jahren
dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
für angemessen.
Da jedoch nur der Beschuldigte ein Rechtsmittel erhoben hat, bleibt es
aufgrund des Verschlechterungsverbots (Art. 391 Abs. 2 StPO) bei der von
der Vorinstanz ausgefällten Freiheitsstrafe von 30 Monaten. Diese im
Hinblick auf das Verschulden sehr mild erscheinende Strafe kann unter
keinem Titel weiter herabgesetzt werden.
3.7.
Die Vorinstanz hat die von ihr als Gesamtstrafe ausgesprochene
Freiheitsstrafe von 30 Monaten teilbedingt bei einem vollziehbaren und
einem bedingt zu vollziehenden Anteil von je 15 Monaten bei einer
Probezeit von 3 Jahren ausgesprochen.
Das Gericht kann den Vollzug einer Freiheitsstrafe von mindestens einem
Jahr und höchstens drei Jahren nur teilweise aufschieben, wenn dies
notwendig ist, um dem Verschulden genügend Rechnung zu tragen (Art. 43
Abs. 1 StGB). Sodann müssen die materiellen Voraussetzungen für die
Gewährung des bedingten Strafvollzugs gemäss Art. 42 StGB erfüllt sein,
d.h. dass bei einer eigentlichen Schlechtprognose auch der teilbedingte
Vollzug ausgeschlossen ist (BGE 134 IV 1 E. 5.3.1). Wurde der Täter
innerhalb der letzten fünf Jahre vor der Tat zu einer bedingten oder
unbedingten Freiheitsstrafe von mehr als sechs Monaten verurteilt, ist ein
Aufschub nur zulässig, wenn besonders günstige Umstände vorliegen (vgl.
Art. 42 Abs. 2 StGB).
Der Beschuldigte wurde mit Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt vom
13. Juni 2017 zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 9 Monaten verurteilt,
weshalb die Gewährung des teilbedingten Strafvollzugs nur bei Vorliegen
besonders günstiger Umstände infrage kommt. Dass solche Umstände
beim Beschuldigten vorliegen würden, hat bereits die Vorinstanz zurecht
verneint (vorinstanzliches Urteil, E. 4.1), im Widerspruch dazu dann aber
dennoch eine teilbedingte Strafe ausgefällt. Tatsächlich wäre dem
Beschuldigten, der die vorliegend zu beurteilende Schändung nicht einmal
ein Jahr nach seiner Verurteilung durch das Strafgericht Basel-Stadt
begangen hat und der weder Einsicht noch Reue zeigt bei einer
Gesamtwürdigung aller wesentlichen Umstände gar eine eigentliche
Schlechtprognose zu stellen. Aufgrund des Verschlechterungsverbots
- 13 -
bleibt es jedoch bei der von der Vorinstanz ausgesprochenen teilbedingten
Freiheitsstrafe. Aufgrund des erheblichen Verschuldens und der dem
Beschuldigten zu stellenden Schlechtprognose, ist der zu vollziehende
Anteil mit der Vorinstanz auf das Maximum von 15 Monaten festzusetzen.
Den verbleibenden Zweifeln an der Legalbewährung des Beschuldigten ist
mit der Vorinstanz mit einer erhöhten Probezeit von 3 Jahren Rechnung zu
tragen.
3.8.
Die ausgestandene Untersuchungshaft von 10 Tagen (10. Oktober 2018
bis 19. Oktober 2018) ist auf die Freiheitsstrafe anzurechnen (Art. 51
StGB). Nachdem die ausgestandene Untersuchungshaft vollständig auf die
ausgefällte Freiheitsstrafe angerechnet wird, entfällt ein Genugtuungs-
anspruch des Beschuldigten (Art. 431 Abs. 2 StPO e contrario).
3.9.
Die Vorinstanz hat den mit Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt vom 13. Juni
2017 für die Freiheitsstrafe von 9 Monaten und die Geldstrafe von
14 Tagessätzen à Fr. 30.00 gewährte bedingte Strafvollzug widerrufen und
hinsichtlich der Freiheitsstrafe eine Gesamtstrafe gebildet.
Begeht der Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder
Vergehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben
wird, so widerruft das Gericht die bedingte Strafe oder den bedingten Teil
der Strafe (Art. 46 Abs. 1 StGB). Nach Art. 46 Abs. 5 StGB darf der Widerruf
nicht mehr angeordnet werde, wenn seit dem Ablauf der Probezeit drei
Jahre vergangen sind. Massgebend für die Einhaltung der Frist nach
Art. 46 Abs. 5 StGB ist das Urteil der Berufungsinstanz, soweit es das
erstinstanzliche Urteil auch betreffend den Widerruf ersetzt (vgl. BGE 143
IV 441 E. 2.2).
Die mit Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt vom 13. Juni 2017 angesetzte
Probezeit von 2 Jahren ist am 13. Juni 2019 verstrichen. Die dreijährige
Frist gemäss Art. 46 Abs. 5 StGB ist im heutigen Zeitpunkt somit bereits
abgelaufen. Nach dem Gesagten ist ein Widerruf vorliegend nicht mehr
möglich, womit auch die Bildung einer Gesamtstrafe entfällt.
4.
4.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten für sieben Jahre des Landes
verwiesen. Der Beschuldigte beantragt, es sei auf die Anordnung einer
Landesverweisung zu verzichten und begründet dies damit, dass einerseits
ein schwerer persönlicher Härtefall vorliege und zudem – entgegen der
Vorinstanz – sein persönliches Interesse an einem Verbleib in der Schweiz
das öffentliche Interesse an der Landesverweisung bei weitem überwiege
(Berufungsbegründung, S. 15 f.).
- 14 -
4.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Landesverweisung nach
Art. 66a StGB unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR zu
Art. 8 EMRK wiederholt dargelegt (BGE 146 IV 311; BGE 146 IV 172; BGE
146 IV 105; BGE 146 II 1; BGE 145 IV 455; BGE 145 IV 364; BGE 145 IV
161; BGE 144 IV 332; statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_513/2021
vom 31. März 2022). Darauf kann verwiesen werden.
4.3.
Der Beschuldigte ist kosovarischer Staatsangehöriger. Er hat sich der
Schändung gemäss Art. 191 StGB schuldig gemacht und damit eine
Katalogtat gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. h StGB begangen. Der Beschuldigte
ist damit grundsätzlich für die Dauer von 5 bis 15 Jahren des Landes zu
verweisen.
Von der Anordnung der Landesverweisung kann ausnahmsweise unter
den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass sie (1) einen
schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und (2) die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen
der Ausländerin am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a
Abs. 2 erster Satz StGB). Dabei ist der besonderen Situation von
Ausländern Rechnung zu tragen, die in der Schweiz geboren oder
aufgewachsen sind (Art. 66a Abs. 2 zweiter Satz StGB).
Von einem schweren persönlichen Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2
StGB ist bei einem Eingriff von einer gewissen Tragweite in den Anspruch
des Ausländers auf das in Art. 13 BV und Art. 8 EMRK verankerte Recht
auf Achtung des Privat- und Familienlebens auszugehen. Art. 66a StGB ist
EMRK-konform auszulegen. Die Interessenabwägung im Rahmen der
Härtefallklausel von Art. 66a Abs. 2 StGB hat sich daher an der
Verhältnismässigkeitsprüfung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu orientieren.
Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte (EGMR) sind bei der Interessenabwägung im Rahmen von Art. 8
EMRK insbesondere Art sowie Schwere der Straftat, die Dauer des
Aufenthalts im Aufnahmestaat, die seit der Tat verstrichene Zeit sowie das
Verhalten des Betroffenen in dieser Zeit und der Umfang der sozialen,
kulturellen und familiären Bindungen im Aufnahme- sowie im Heimatstaat
zu berücksichtigen. Die Konvention verlangt, dass die individuellen
Interessen an der Erteilung beziehungsweise am Erhalt des Anwesenheits-
rechts und die öffentlichen Interessen an dessen Verweigerung gegen-
einander abgewogen werden (Urteil des Bundesgerichts 6B_1318/2020
vom 19. Mai 2022 E. 1.2.3 mit Hinweisen).
- 15 -
4.4.
4.4.1.
Der 29-jährige Beschuldigte ist nach dem Kosovo-Krieg 1999 mit 6 1⁄2
Jahren in die Schweiz gekommen. Er hat hier den Kindergarten und die
obligatorische Schule besucht. Eine erste Lehre als Automobilfachmann
hat er nicht abgeschlossen. Die zweite Lehre als Metallbauer hat er
erfolgreich abgeschlossen und anschliessend auch auf diesem Beruf
gearbeitet (UA act. 11). Inzwischen arbeitet er bei seinem Cousin im H. als
Automobilverkäufer und erwirtschaftet sich so seinen Lebensunterhalt
(Protokoll Berufungsverhandlung, S. 27). Der Beschuldigte hat keine
Schulden (vgl. eingereichter Betreibungsregisterauszug); im Gegenteil
verfügt er über Vermögen von rund Fr. 40'000.00 (vgl. eingereichte
Steuerunterlagen). Der Beschuldigte wohnt mit seinen Eltern in einer
Mietwohnung (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 27). Er verfügt über die
Niederlassungsbewilligung C (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 27;
MIKA-Akten, act. 65). Seit 1 1⁄2 Jahren hat er eine Freundin, welche
Schweizerin ist (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 27 f.). Der
Beschuldigte spricht einwandfrei Schweizerdeutsch und kann sich auf
Albanisch gut verständigen – er verbringt jedes Jahr Ferien im Kosovo
(Protokoll Berufungsverhandlung, S. 28). Mit der dortigen Kultur ist er
durchaus vertraut. Der Beschuldigte ist nach eigenen Angaben gesund
(Protokoll Berufungsverhandlung, S. 27), womit keine gesundheitlichen
Probleme einer Ausweisung entgegenstehen würden. Schliesslich ist auch
aufgrund seiner in der Schweiz erworbenen beruflichen Fähigkeiten davon
auszugehen, dass er im Kosovo, dessen Kultur und Sprache er kennt, nicht
nur gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich Fuss fassen könnte, zumal
er dabei von seiner Familie und Verwandtschaft, auch wenn diese nicht
mehr im Kosovo leben, unterstützt werden könnte. Der nicht verheiratete
und kinderlose Beschuldigte verfügt in der Schweiz über keine eigene
Kernfamilie. Zu seinen Eltern und zu seiner Freundin kann der Kontakt mit
den modernen Kommunikationsmitteln und Besuchen aufrechterhalten
werden.
Der Beschuldigte hat sich der Schändung und somit einer schweren
Straftat schuldig gemacht. Dabei hat er ein nicht unerhebliches Mass an
krimineller Energie offenbart und sich skrupellos über die sexuelle
Selbstbestimmung und Integrität von C. hinweggesetzt. Dafür wird er zu
einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt, wobei darauf
hinzuweisen ist, dass das Obergericht ohne Geltung des
Verschlechterungsverbots eine höhere Freiheitsstrafe ausgefällt hätte,
welche sodann unbedingt ausgefallen wäre. Im Rahmen der
Landesverweisung und ausländerrechtlich ist denn auch bereits ab einer
Verurteilung von zwei Jahren von einem schweren Verstoss gegen die
schweizerische Rechtsordnung auszugehen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_1044/2019 vom 17. Februar 2020 E. 2.6). Es gilt weiter
zu beachten, dass bei der Interessenabwägung betreffend die
- 16 -
Landesverweisung andere, strengere Kriterien und Massstäbe
entscheidend sind, als bei der Prüfung der Bewährungsaussichten (Urteil
des Bundesgerichts 6B_513/2021 vom 31. März 2022 E. 1.5.3).
Erschwerend kommt hinzu, dass der Beschuldigte die vorliegend zu
beurteilende Schändung noch während der laufenden Probezeit gemäss
Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt, mit welchem er wegen einfacher
Körperverletzung, Sachbeschädigung, Widerhandlungen gegen das
Waffengesetz sowie Fahrens in fahrunfähigem Zustand u.a. zu einer
bedingten Freiheitsstrafe von 9 Monaten verurteilt worden ist, begangen
hat und obwohl er mit Verfügung vom 8. August 2017 vom Amt für Migration
und Integration explizit verwarnt wurde, dass er sich zukünftig
wohlverhalten müsse, ansonsten der Widerruf seiner Niederlassungs-
bewilligung und die Wegweisung aus der Schweiz drohe. Dies zeigt
deutlich, dass nicht einmal eine drohende Landesverweisung den
Beschuldigten zu einer Verhaltensänderung zu bewegen und von einer
weiteren und zudem schwereren Deliktsbegehung abzuhalten vermochte.
An seiner Legalbewährung bestehen denn auch ganz erhebliche Zweifel,
zumal der Beschuldigte weiterhin jegliches deliktische Verhalten bestreitet
und keinerlei Einsicht und Reue zeigt. Angesichts der begangenen
schweren Straftat, der sehr ungewissen Legalbewährung und der vom
Beschuldigten an den Tag gelegten Gleichgültigkeit gegenüber der
Schweizerischen Rechtsordnung und fremden Rechtsgütern ist insgesamt
von einer hohen Gefährlichkeit des Beschuldigten für die öffentliche
Sicherheit auszugehen, womit ein entsprechend hohes öffentliches
Interesse an der Landesverweisung gegeben ist.
4.4.2.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Lebensmittelpunkt
des in der Schweiz aufgewachsenen und noch bei seinen Eltern
wohnenden Beschuldigten zweifellos in der Schweiz liegt. Er hat sich hier
– mit Ausnahme der vorliegend zu beurteilenden Straftat und der Vorstrafe
auf dem Jahre 2017 – grundsätzlich erfolgreich integriert. Mithin ist bei
einer Gesamtbetrachtung von einem gewichtigen Interesse des
Beschuldigten an einem Verbleib in der Schweiz auszugehen, womit ein
persönlicher Härtefall zu bejahen ist. Auch wenn sich der Beschuldigte seit
der Schändung wohl verhalten hat, überwiegt jedoch das sehr hohe
öffentliche Interesse an einer Wegweisung das persönliche Interesse des
Beschuldigten an einem Verbleib in der Schweiz, zumal seine
Resozialisierungschancen im Kosovo, wo er regelmässig zu Besuch ist,
durchaus intakt erscheinen. Den Kontakt zu seinen Eltern und zu seiner
Freundin kann er ohne Weiteres mit den modernen Kommunikationsmitteln
oder Besuchen im Heimatland aufrechterhalten. Die Landesverweisung ist
nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK gerechtfertigt und deshalb anzuordnen.
- 17 -
4.5.
Die Landesverweisung dauert zwischen 5 und 15 Jahren. Die Vorinstanz
hat diese auf 7 Jahre festgesetzt.
Der Beschuldigte wird vorliegend wegen Schändung und somit einer
schweren Straftat zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten
verurteilt. Auch an dieser Stelle ist erneut darauf hinzuweisen, dass das
Obergericht eine höhere und unbedingte Freiheitsstrafe ausgefällt hätte.
Der uneinsichtige und nicht reuige Beschuldigte hat ein hohes Mass an
krimineller Energie gezeigt und es bestehen erhebliche Bedenken an
seiner Legalbewährung. Mithin besteht ein sehr hohes öffentliches
Interesse an seiner Wegweisung, welches es auch unter Beachtung des
gewichtigen persönlichen Interesses des Beschuldigten an einem Verbleib
rechtfertigt, die Dauer der Landesverweisung über dem Minimum von
5 Jahren anzusetzen. Die von der Vorinstanz für die Dauer von 7 Jahren
angeordnete Landesverweisung kann deshalb nicht herabgesetzt werden.
Eine Erhöhung der Dauer ist aufgrund des Verschlechterungsverbots
jedoch ausgeschlossen.
4.6.
Der Beschuldigte wird zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt
und es wird eine obligatorische Landesverweisung angeordnet.
Entsprechend ist davon auszugehen, dass er eine Gefahr für die öffentliche
Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 24 Ziff. 2 SIS-II-Verordnung
darstellt. Gründe, welche eine Ausschreibung im SIS als
unverhältnismässig erscheinen lassen würden, sind keine ersichtlich (vgl.
BGE 147 IV 340; BGE 146 IV 172 E. 3.2). Somit ist die Ausschreibung der
Landesverweisung im Schengener Informationssystem (SIS) anzuordnen.
4.7.
Zusammenfassend ist somit eine obligatorische Landesverweisung für die
Dauer von 7 Jahren anzuordnen und diese ist im SIS auszuschreiben. Die
Berufung des Beschuldigten erweist sich in diesem Punkt als unbegründet.
5.
Die Vorinstanz hat der Privatklägerin C. Schadenersatz in Höhe von
Fr. 1'050.00 und eine Genugtuung von Fr. 5'000.00, unter solidarischer
Haftbarkeit mit B., zugesprochen (vorinstanzliches Urteil, E. 7).
In der Berufung des Beschuldigten finden sich für den Fall der ganz oder
teilweisen Abweisung der Berufung im Strafpunkt keine Ausführungen zum
von der Vorinstanz zugesprochenen Schadenersatz und der Genugtuung.
Darauf ist somit nicht weiter einzugehen bzw. es kann auf die unbestritten
gebliebenen Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4
StPO), zumal hinsichtlich der adhäsionsweise geltend gemachten
- 18 -
Zivilforderungen die Dispositionsmaxime gilt und vom Beschuldigten ein
substanziertes Bestreiten verlangt würde.
6.
6.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte
erwirkt mit seiner Berufung insofern einen für ihn günstigeren Entscheid,
als dass er aufgrund der Annahme einer Handlungseinheit nicht der
mehrfachen Schändung schuldig gesprochen wird und zudem kein
Widerruf des mit Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt vom 13. Juni 2017
gewährten bedingten Strafvollzugs erfolgt. Damit wird der angefochtene
Entscheid jedoch nur unwesentlich abgeändert (vgl. Art. 428 Abs. 2 lit. b
StPO), zumal es bei der vorinstanzlich ausgesprochenen Strafe bleibt. Im
Übrigen ist die Berufung des Beschuldigten denn auch abzuweisen. Unter
diesen Umständen rechtfertigt es sich, dem Beschuldigten die auf ihn im
Verhältnis zum ebenfalls Beschuldigten B. anteilsmässig entfallenden (vgl.
Art. 418 Abs. 1 StPO) obergerichtlichen Verfahrenskosten im Umfang von
Fr. 4'000.00 – von insgesamt Fr. 8'000.00 (§ 18 VKD) – vollumfänglich
aufzuerlegen.
6.2.
Die amtliche Verteidigerin des Beschuldigten ist für das obergerichtliche
Verfahren gestützt auf ihre Kostennote, ergänzt um die effektive Dauer der
Berufungsverhandlung von 4 Stunden aus der Staatskasse zu
entschädigen. Die geltend gemachten Kosten von Fr. 1.00 pro Kopie
(insgesamt 36 Stück) sind auf Fr. 0.50 pro Kopie (§ 13 Abs. 3 AnwT) zu
kürzen. Bei einem Aufwand von 33.16 Stunden à Fr. 200.00, Auslagen von
Fr. 104.90 und der gesetzlichen Mehrwertsteuer von 7.7% resultiert somit
eine Entschädigung von insgesamt gerundet Fr. 7'260.00 (Art. 135 StPO
i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT).
Ausgangsgemäss ist diese Entschädigung vom Beschuldigten, der über
massgebliche Vermögenswerte verfügt, sofort zurückzufordern (Art. 135
Abs. 4 lit. a StPO).
7.
7.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selbst einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person
die Verfahrenskosten, wenn sie verurteilt wird.
Die vorinstanzliche Kostenverlegung erweist sich als zutreffend und bedarf
keiner Korrektur. Der Beschuldigte wird verurteilt und hat deshalb die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 428 Abs. 3 i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO).
- 19 -
7.2.
Die der amtlichen Verteidigerin für das erstinstanzliche Verfahren
zugesprochene Entschädigung von Fr. 14'718.25 ist mit Berufung nicht
angefochten worden, weshalb darauf im Berufungsverfahren nicht mehr
zurückgekommen werden kann (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018
vom 28. Januar 2019).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten sofort zurückzufordern
(Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
7.3.
Die Privatklägerin C., die sich im erstinstanzlichen Verfahren anwaltlich hat
vertreten lassen, hat gegenüber dem Beschuldigten Anspruch auf
angemessene Entschädigung für notwendige Aufwendungen im Verfahren,
wenn sie obsiegt (Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO). Die ihr für das
erstinstanzliche Verfahren zugesprochene Entschädigung ist im
Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb darauf nicht
zurückzukommen ist.
8.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).