Decision ID: c59ac1aa-77c2-5c38-97f8-db74a9cc11b1
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ bezog seit dem Jahr 2011 eine Ergänzungsleistung zu einer Altersrente der
AHV, deren Betrag sich ab dem 1. Januar 2015 auf 722 Franken pro Monat belief (sog.
Minimalgarantie; vgl. EL-act. 52). Bei der Anspruchsberechnung hatte die EL-
Durchführungsstelle unter anderem ein Erwerbseinkommen der als Pflegefachfrau
tätigen Ehefrau von brutto 63’654 Franken beziehungsweise netto 49’632 Franken
berücksichtigt, was unter Berücksichtigung der sogenannten Privilegierung (nur zwei
Drittel des einen Freibetrag von 1’500 Franken übersteigenden Betrages) einer
anrechenbaren Einnahme von 32’088 Franken entsprach (EL-act. 50). Im August 2015
erfuhr die EL-Durchführungsstelle (EL-act. 49), dass die Ehefrau des EL-Bezügers ihre
Arbeitsstelle verloren hatte und dass sie nun eine Arbeitslosenentschädigung bezog.
Am 28. August 2015 reichte der EL-Bezüger unter anderem ein Kündigungsschreiben
seiner Ehefrau vom 30. Juli 2015 (EL-act. 48–3) und eine Aufhebungsvereinbarung vom
31. Juli 2015 betreffend den Arbeitsvertrag vom 7. Januar 2014 ein (EL-act. 48–4 f.).
Bereits am 5. Oktober 2015 wurde die Ehefrau des EL-Bezügers aber wieder – mit
Wirkung per 1. November 2015 – als Pflegefachfrau angestellt (EL-act. 45 f.). Mit einer
Verfügung vom 3. Dezember 2015 hob die EL-Durchführungsstelle die laufende
Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1. August 2015 zufolge eines
Einnahmenüberschusses auf; gleichzeitig sprach sie dem EL-Bezüger mit Wirkung ab
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dem 1. November 2015 wieder eine Ergänzungsleistung zu (EL-act. 39). Den
Berechnungsblättern zu dieser Verfügung liess sich entnehmen, dass die – nicht
privilegierte – Anrechnung der Arbeitslosenentschädigung anstelle eines
Erwerbseinkommens für die Monate August und September 2015 zu einem
Einnahmenüberschuss geführt hatte (EL-act. 40 f.). Schon am 21. Januar 2016 – noch
während der Probezeit – kündigte die Arbeitgeberin der Ehefrau das Arbeitsverhältnis
wegen einer „erschwerten Teamintegration“ (EL-act. 33–3). Für die Zeit ab Februar
2016 rechnete die EL-Durchführungsstelle wieder anstelle eines Erwerbseinkommens
eine Arbeitslosenentschädigung an (EL-act. 29), was zur Folge hatte, dass die laufende
Ergänzungsleistung mit einer Verfügung vom 23. April 2016 per 31. Januar 2016
aufgehoben wurde (EL-act. 28).
A.b Im September 2016 meldete sich A._ erneut zum Bezug von
Ergänzungsleistungen an (EL-act. 21). Er gab an, sowohl er als auch seine Ehefrau
seien selbständig erwerbstätig und verdienten je 12’000 Franken pro Jahr. Da die
Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel schlecht sei, entstünden beiden
Ehegatten pro Jahr Kosten im Betrag von je 1’500 Franken für die Nutzung des eigenen
Motorfahrzeuges für die Erwerbstätigkeit. Nebst diesen Einnahmen und der AHV-Rente
erzielten sie keine weiteren Einkünfte. Im Oktober 2016 forderte die EL-
Durchführungsstelle den EL-Ansprecher auf (EL-act. 19), eine Übersicht über sämtliche
Einnahmen und Ausgaben im Zusammenhang mit seiner im März 2016
aufgenommenen selbständigen Erwerbstätigkeit, eine Übersicht über sämtliche
Einnahmen und Ausgaben im Zusammenhang mit der von seiner Ehefrau im Juli 2016
aufgenommenen selbständigen Erwerbstätigkeit sowie Unterlagen zur „Höhe des
monatlichen Raumaufwandes“ seiner Ehefrau für die Ausübung ihrer selbständigen
Erwerbstätigkeit einzureichen und anzugeben, ob das seiner Ehefrau bisher
ausgerichtete Arbeitslosentaggeld (von maximal 400 × 170.50 Franken innert einer
Rahmenfrist bis zum 27. August 2017; vgl. EL-act. 31) eingestellt worden sei. Am 23.
Oktober 2016 reichte der EL-Ansprecher diverse Unterlagen ein (EL-act. 18): Das
regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) hatte am 21. Juli 2016 die Abmeldung der
Ehefrau von der Arbeitsvermittlung per 30. Juni 2016 zufolge der Aufnahme einer
selbständigen Erwerbstätigkeit bestätigt (EL-act. 17); der EL-Ansprecher hatte mit
seinem „Geschäft“ in der Zeit von März bis Oktober 2016 Einnahmen von 16’501
Franken bei Ausgaben von 13’249.19 Franken erzielt (EL-act. 15); die Ehefrau hatte mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ihrem „Geschäft“ Einnahmen von 1’742.50 Franken bei Ausgaben von 21’122.40
Franken (inkl. Raumaufwand von 200 Franken pro Monat) erzielt (EL-act. 14). Am 29.
November 2016 forderte die EL-Durchführungsstelle den EL-Ansprecher auf (EL-act.
13), anzugeben, weshalb sich seine Ehefrau selbständig gemacht und nicht weiter
versucht habe, in ein Angestelltenverhältnis zu kommen. Gleichzeitig wies sie den EL-
Ansprecher darauf hin, dass sie unter Umständen bei der EL-Anspruchsberechnung
die Anrechnung eines Verzichtes auf ALV-Taggelder prüfen werde. Daraufhin teilte der
EL-Ansprecher mit (EL-act. 12), seine Ehefrau könne sich als selbständige
Pflegefachfrau intensiver um die Probleme pflegebedürftiger Patienten kümmern und
ihre Weiterbildungen so zielgerichtet anwenden, was in den Pflegeheimen meistens aus
Zeitmangel nicht möglich sei. Die Aufnahme der selbständigen Erwerbstätigkeit sei
schon seit einiger Zeit geplant gewesen. Mit einer Verfügung vom 31. Dezember 2016
wies die EL-Durchführungsstelle das Leistungsbegehren ab (EL-act. 7). Zur
Begründung führte sie an, sie habe die kantonalen Durchschnittsprämien für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung, das gesetzliche Mietzinsmaximum sowie
die Lebensbedarfspauschale als Ausgaben und den auf ein Jahr hochgerechneten
Gewinn aus der selbständigen Erwerbstätigkeit des EL-Ansprechers, die AHV-Rente
sowie eine hypothetische Arbeitslosenentschädigung der Ehefrau als Einnahmen
berücksichtigt. Das habe einen Einnahmenüberschuss ergeben, der einen EL-Bezug
ausschliesse.
A.c Am 23. Januar 2017 erhob der EL-Ansprecher eine Einsprache gegen die
Verfügung vom 31. Dezember 2016 (EL-act. 5). Er machte geltend, er könne die
Anrechnung von gar nicht bezogenen Arbeitslosentaggeldern nicht nachvollziehen.
Zudem habe seine Ehefrau bis Ende Juni nur eine Arbeitslosenentschädigung von
insgesamt 16’769 Franken erhalten; die EL-Durchführungsstelle habe aber 40’725
Franken angerechnet. Bei der Anspruchsberechnung sei ausserdem nicht
berücksichtigt worden, dass das Ehepaar auf ein Motorfahrzeug angewiesen sei. Mit
einem Entscheid vom 30. Mai 2017 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab
(EL-act. 2). Zur Begründung führte sie aus, die Ehefrau des EL-Ansprechers habe sich
rund ein Jahr vor dem Ablauf der Rahmenfrist für den Bezug der
Arbeitslosenentschädigung vom Leistungsbezug abgemeldet. Darin sei ein Verzicht auf
den Weiterbezug der Arbeitslosenentschädigung zu erblicken, denn die
Verdienstaussichten bei der Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit seien in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aller Regel schlecht. Die Ehefrau hätte die Arbeitslosenentschädigung weiter beziehen
und parallel eine selbständige Erwerbstätigkeit aufbauen können. Schliesslich sei es
nicht der Sinn und Zweck der Ergänzungsleistungen, den Aufbau einer selbständigen
Erwerbstätigkeit zu finanzieren.
B.
B.a Am 30. Juni 2017 liess der nun anwaltlich vertretene EL-Ansprecher (nachfolgend:
der Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 30. Mai
2017 erheben (act. G 1). Seine Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheides und der Verfügung vom 31. Dezember 2016
sowie die Zusprache einer Ergänzungsleistung von 11’590.35 Franken für die Zeit vom
1. September 2016 bis zum 31. Dezember 2016 und einer jährlichen
Ergänzungsleistung von 34’771 Franken ab dem 1. Januar 2017. Zur Begründung
führte sie aus, das Vorhaben der Ehefrau, sich selbständig zu machen, sei beim
zuständigen RAV auf „geradezu enthusiastische Unterstützung“ gestossen. Die
Arbeitslosenversicherung habe deshalb weitere Taggelder zur Vorbereitung der
selbständigen Erwerbstätigkeit ausgerichtet. Die Ehefrau des Beschwerdeführers habe
also nicht auf Einnahmen verzichtet, sondern lediglich von ihrem Wahlrecht gemäss
dem Art. 71a AVIG Gebrauch gemacht. Laut der gesetzlichen Regelung seien die noch
nicht bezogenen Taggelder der Arbeitslosenversicherung nicht verloren. Falls die
Ehefrau weiterhin kein ausreichendes Erwerbseinkommen erzielen könne, werde sie die
selbständige Erwerbstätigkeit aufgeben. Dann werde sie die restlichen Taggelder noch
beziehen können. Wenn die Taggeldleistungen bereits jetzt – als Verzichtseinkommen –
bei der Anspruchsberechnung berücksichtigt würden, dürften sie später, beim
effektiven Bezug, nicht mehr berücksichtigt werden, denn ein und derselbe Anspruch
könne nicht zweimal als Einnahme angerechnet werden. Bei einer hypothetischen
Anrechnung wäre der Taggeldanspruch ab Juli 2017 erschöpft. Eventualiter müsse
dem Beschwerdeführer also spätestens ab Juli 2017 eine Ergänzungsleistung
ausgerichtet werden.
B.b Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 5. September 2017 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Der Gegenstand des mit der Verfügung vom 31. Dezember 2016 abgeschlossenen
Verwaltungsverfahrens und des mit dem angefochtenen Entscheid vom 30. Mai 2017
abgeschlossenen Einspracheverfahrens ist durch das im September 2016 vom
Beschwerdeführer eingereichte Gesuch um die Zusprache einer Ergänzungsleistung
definiert gewesen. Der Beschwerdeführer hatte zwar schon in einem früheren Zeitraum
im Kanton B._ und im Kanton St. Gallen Ergänzungsleistungen bezogen, aber im
September 2016 ist er kein EL-Bezüger mehr gewesen, weshalb es sich beim Gesuch
vom September 2016 um eine Neuanmeldung zum Leistungsbezug und nicht um ein
Revisionsgesuch gehandelt hat. Die Beschwerdegegnerin hat folglich sämtliche
Leistungsvoraussetzungen und Anspruchspositionen frei prüfen müssen. Da das
vorliegende Beschwerdeverfahren die Überprüfung der Rechtmässigkeit des
angefochtenen Einspracheentscheides bezweckt, muss sein Gegenstand zwingend
jenem des im September 2016 eröffneten und am 31. Dezember 2016 mit dem Erlass
der den Leistungsanspruch in der Zeit vom 1. September 2016 bis zum 31. Dezember
2016 und ab Januar 2017 beschlagenden Verfügung vom 31. Dezember 2016
abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen.
2.
2.1 Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht dem Betrag, um den die anerkannten
Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG). Der Zweck
der Ergänzungsleistung besteht also in der Deckung eines tatsächlichen finanziellen
Bedarfs. Dementsprechend gilt der Grundsatz, dass bei der Anspruchsberechnung die
tatsächlichen Ausgaben und Einnahmen zu berücksichtigen sind (Art. 10 f. ELG). Der
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG sieht eine Ausnahme von diesem Grundsatz vor: Bei der
Anspruchsberechnung sind auch Einnahmen und Vermögenswerte anzurechnen, auf
die verzichtet worden ist. Das bedeutet, dass real nicht (mehr) vorhandene
Vermögenswerte oder real nicht (mehr) erzielte Einnahmen so angerechnet werden, als
wären sie (noch) vorhanden beziehungsweise als würden sie (noch) erzielt. Statt auf
den tatsächlichen Sachverhalt (nicht vorhandenes Vermögen oder nicht erzielte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einnahme) wird also auf einen fiktiven Sachverhalt abgestellt, denn es wird fingiert, der
fragliche Vermögenswert sei (noch) vorhanden respektive die fragliche Einnahme werde
(noch) erzielt. In der Verwaltungspraxis wird eine entsprechende Fiktion als
hypothetisches Vermögen oder als hypothetisches Einkommen bezeichnet. Mit der
Anrechnung von hypothetischen Einnahmen kann verhindert werden, dass die
Allgemeinheit (die die Ergänzungsleistung über die Steuern finanziert) einen Bedarf
decken muss, der nur deshalb entstanden ist, weil der EL-Ansprecher oder der EL-
Bezüger auf einen Vermögenswert oder auf eine Einnahme verzichtet hat, mit dem
respektive mit der er diesen Bedarf aus eigenen Mitteln hätte decken können. Der Art.
11 Abs. 1 lit. g ELG will also einen EL-spezifisch betrachtet rechtsmissbräuchlichen
Bezug von Ergänzungsleistungen verhindern.
2.2 Die Ehefrau des Beschwerdeführers hat sich vor dem Ablauf der Rahmenfrist zum
Leistungsbezug und vor der Erschöpfung ihres Taggeldanspruchs vom Bezug einer
Arbeitslosenentschädigung abgemeldet, um eine selbständige Erwerbstätigkeit
aufzunehmen. Für die Beantwortung der Frage, ob darin eine Verzichtshandlung im
Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG zu erblicken ist, ist entscheidend, ob dieser Schritt
ökonomisch sinnvoll gewesen ist. Die Aussicht auf eine zukünftig erfolgreiche
selbständige Erwerbstätigkeit als Pflegefachfrau könnte nämlich ein vorübergehendes
Einnahmendefizit während der Aufbauphase unter Umständen rechtfertigen. Dieser
Aussicht sind die Chancen, als angestellte Pflegefachfrau ein existenzsicherndes
Einkommen erzielen zu können, gegenüberzustellen. Diese Chancen müssen
grundsätzlich als gut bezeichnet werden, denn die Ehefrau des Beschwerdeführers ist
gemäss ihren eigenen Angaben eine gut ausgebildete Pflegefachfrau mit einer
langjährigen Berufserfahrung, und auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt besteht
bekanntlich eine grosse Nachfrage nach ausgebildeten Pflegefachkräften. Jedoch
scheinen Umstände vorzuliegen, die diese Chancen mindern: Die Ehefrau des
Beschwerdeführers hat im Juli 2015 eine Arbeitsstelle nach lediglich eineinhalb Jahren
verloren (wobei die Gründe für die einvernehmliche Aufhebung des Arbeitsverhältnisses
nicht bekannt sind); kurze Zeit später ist ein weiteres Arbeitsverhältnis noch während
der Probezeit unter Hinweis auf eine „erschwerte Teamintegration“ gekündigt worden.
Anschliessend hat die Ehefrau während mehreren Monaten keine neue Anstellung mehr
gefunden. Die von ihr vorgebrachte Begründung für die Entscheidung, sich selbständig
erwerbstätig zu machen, deutet darauf hin, dass sie in wesentlichen Punkten andere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ansichten als ihre bisherigen und potentielle zukünftige Arbeitgeber zu vertreten
scheint, was ein Grund für die Stellenverluste und zugleich ein Indiz für eine erschwerte
Vermittelbarkeit sein dürfte. Die Chancen der Ehefrau des Beschwerdeführers, eine
Anstellung als Pflegefachfrau zu finden, haben im hier massgebenden Zeitraum also
wohl schlechter als jene einer „durchschnittlich vermittelbaren“ Pflegefachfrau
gestanden. Andererseits hat die Ehefrau des Beschwerdeführers als neu selbständig
erwerbstätige Pflegefachfrau zuerst einmal einen neuen Kundenkreis erschliessen
müssen. Die Taggelder der Arbeitslosenversicherung, die während der Aufbauphase
der selbständigen Erwerbstätigkeit ausgerichtet worden sind, haben zum Vorneherein
nicht für eine ausreichende Erschliessung eines genügend grossen Kundenkreises
ausreichen können. Auch im Anschluss hat noch während einer längeren Zeit mit einem
geringen Auftragsvolumen gerechnet werden müssen. In den ersten Monaten nach
dem Ablauf der vom RAV subven¬tionierten Aufbauphase hat die Ehefrau des
Beschwerdeführers nur einen Verlust erwirtschaftet. Die Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers hat ein Jahr nach der Aufnahme der selbständigen Erwerbstätigkeit
eingeräumt, dass es der Ehefrau bis dahin noch nicht gelungen war, einen
ausreichenden Kundenkreis zu erschliessen. Zur Begründung hat sie angeführt, dass
die strukturellen Begebenheiten in der Wohn- und Arbeitsregion der Ehefrau des
Beschwerdeführers ungünstig sein könnten. Die Aussichten, mittels der selbständigen
Erwerbstätigkeit ein existenzsicherndes Einkommen erzielen zu können, stehen
demnach deutlich schlechter als die Chancen, eine Anstellung als Pflegefachfrau zu
finden. Der Entscheid der Ehefrau des Beschwerdeführers, eine selbständige
Erwerbstätigkeit aufzubauen, ist unter diesen Umständen ökonomisch nicht sinnvoll
gewesen. Entgegen der Behauptung der Rechtsvertreterin hat das RAV das
entsprechende Gesuch der Ehefrau des Beschwerdeführers denn auch nicht „geradezu
enthusiastisch“ bewilligt. Daraus kann also nichts anderes abgeleitet werden.
Ergänzungsleistungsrechtlich ist der Entscheid, eine selbständige Erwerbstätigkeit
aufzunehmen, folglich als eine Verzichtshandlung im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG
zu qualifizieren, weshalb sich die Anrechnung einer hypothetischen
Arbeitslosenentschädigung von 40’725 Franken pro Jahr als rechtmässig erweist.
2.3 Die Frage, ob sich der Restanspruch auf weitere Taggeldleistungen der Ehefrau
des Beschwerdeführers im Zuge der Fiktion des Weiterbezuges der
Arbeitslosenentschädigung fiktiv reduziert, gehört nicht zum Gegenstand dieses
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeverfahrens. Selbst wenn der entsprechenden Argumentation der
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers gefolgt würde, wäre der Restanspruch im
hier massgebenden Zeitraum bis Ende Januar 2017 nämlich noch nicht erschöpft
gewesen. Im Sinne eines obiter dictum ist aber darauf hinzuweisen, dass keine Gründe
ersichtlich sind, die gegen eine entsprechend konsequente Anwendung der Fiktion
sprechen würden, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers ihren Restanspruch
nahtlos verbrauche. Der fiktive Verbrauch des Restanspruchs könnte sich allerdings
nur auf den Anspruch in dieser Rahmenfrist beziehen.
3.
3.1 Als Einnahmen sind nebst der hypothetischen Arbeitslosenentschädigung die
AHV-Rente des Beschwerdeführers und das Erwerbseinkommen anzurechnen, das
dieser mit seiner selbständigen Erwerbstätigkeit erzielt. Massgebend ist dabei das
Nettoeinkommen, also jener Teil der Einnahmen, der die Gewinnungskosten (unter
anderem für die Benutzung des eigenen Fahrzeugs) übersteigt. Das
Erwerbseinkommen ist privilegiert anzurechnen, das heisst es ist ein Freibetrag von
1’500 Franken vom Nettoeinkommen abzuziehen und vom Resultat ist nur ein Anteil
von zwei Dritteln als Einnahme anzurechnen. Das von der Beschwerdegegnerin
ermittelte Einnahmentotal von 59’273 Franken (inkl. eines Vermögensertrages von
einem Franken) ist korrekt. Ihm haben als Ausgaben die kantonalen
Durchschnittsprämien für die obligatorische Krankenpflegeversicherung, die
Mietausgaben beziehungsweise der gesetzliche Maximalbetrag für die Mietkosten und
die Lebensbedarfspauschale gegenüber gestanden, die sich gemäss der nicht zu
beanstandenden Berechnung der Beschwerdegegnerin auf 52’887 Franken (für die Zeit
von September bis und mit Dezember 2016) beziehungsweise auf 53’319 Franken (für
die Zeit ab Januar 2017) belaufen haben. Die Fahrspesen der Ehefrau können natürlich
nicht als Gewinnungskosten berücksichtigt werden, da ja fingiert wird, dass diese
weiterhin eine Arbeitslosenentschädigung bezieht. Das Ausgabentotal ist also im
gesamten massgebenden Zeitraum tiefer als das Einnahmentotal gewesen, weshalb
kein Anspruch auf eine Ergänzungsleistung bestanden hat. Der angefochtene
Einspracheentscheid erweist sich damit im Ergebnis als rechtmässig. Die Beschwerde
ist folglich abzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Der unterliegende
Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.