Decision ID: b6aa2997-e896-4c3d-a01d-3d6ac796fb8c
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 19. September 2013 nach einem Bandscheibenvorfall
wegen Rückenproblemen zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung bei der
IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (act. G3.1/4). Nachdem die IV-Stelle diverse
Arztberichte eingeholt sowie berufliche Massnahmen abgewiesen hatte (vgl. IV-act. 42
und 46) und der Versicherte im August 2014 stationär in den Kliniken Valens behandelt
worden war (IV-act. 65-14), gab die IV-Stelle ein polydisziplinäres Gutachten bei der
Swiss Medical Assessment- and Business-Center AG Bern (nachfolgend: SMAB) in
Auftrag. Die SMAB-Gutachter kamen zum Schluss, dass der Versicherte in
angepasster Tätigkeit zu 80% arbeitsfähig sei (IV-act 91-20).
A.b In der Folge holte die IV-Stelle zur Bestimmung des Valideneinkommens
verschiedene Unterlagen ein, insbesondere den Arbeitsvertrag des Versicherten mit
seiner letzten Arbeitgeberin (B._ AG; IV-act. 98) sowie die
Veranlagungsberechnungen der Staats- und Gemeindesteuern von 2008 bis 2014 (IV-
act. 106 f.).
A.c Mit Vorbescheid vom 31. März 2016 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Ablehnung seines Rentengesuchs in Aussicht und gab ihm Gelegenheit zur
Stellungnahme (IV-act. 110). Am 8. Juni 2016 liess der Versicherte, nun vertreten durch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsanwalt Simon Näscher, die Ausrichtung einer Invalidenrente auf der Grundlage
eines angepassten Einkommensvergleichs beantragen (IV-act. 116).
A.d Mit Verfügung vom 25. Oktober 2016 lehnte die IV-Stelle das Gesuch um
Invalidenrente ab. Zur Begründung führte sie aus, für die Ermittlung des
Valideneinkommens sei auf das Einkommen vor Eintritt des invalidisierenden Leidens
(4. Februar 2013) abzustellen. Weil stark schwankende Einkommen vorliegen würden,
sei das Durchschnittseinkommen zwischen 2008 und 2012 massgebend. Zugunsten
des Versicherten werde das Jahr 2011 ausser Acht gelassen. Die Jahre 2013 und 2014
seien nicht zu berücksichtigen. Der überwiegende Teil des Einkommens 2013 resultiere
aus den ausgerichteten Krankentaggeldern. Das Einkommen 2014 sei von der
Steuerbehörde ermessensweise geschätzt worden. Ermessensveranlagungen könnten
von vornherein nicht für die Ermittlung des Valideneinkommens verwendet werden, weil
die ermittelten steuerbaren Einkommen erheblich vom tatsächlich erzielten Einkommen
abweichen könnten. Zudem habe die Steuerbehörde die Krankentaggelder
berücksichtigen müssen, die keinen Bestandteil des Valideneinkommens bilden
würden. Im Weiteren könne nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit angenommen
werden, dass das Arbeitsverhältnis bei der B._ AG mit dem hohen festgelegten
Fixlohn und den hohen angekündigten Provisionen von Dauer und Bestand gewesen
wäre. Diese sei in Liquidation, stehe bei der FINMA auf der Warnliste und habe
Beiträge an die Ausgleichskasse nicht bezahlt. Weil der Versicherte nicht mehr arbeite,
werde das Invalideneinkommen anhand der Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes
für Statistik berechnet. Aufgrund der langen Tätigkeit des Versicherten in der Finanz-
und Versicherungsbranche und seiner Angaben zum Valideneinkommen sei trotz des
Umstandes, dass er dafür keine formale Ausbildung durchlaufen habe, auf das
Kompetenzniveau 2 der Tabellenlöhne auf dem Gebiet der Finanz- und
Versicherungsdienstleistungen abzustellen. Ein Leidensabzug sei nicht vorzunehmen,
weil dem Versicherten körperlich leichte bis mittelschwere wechselbelastende
Tätigkeiten vollumfänglich zumutbar seien. Die gesundheitlichen Einschränkungen
seien mit der attestierten Arbeitsfähigkeit von 80% in einer adaptierten Tätigkeit bereits
grosszügig berücksichtigt worden. Aus dem Einkommensvergleich resultiere ein
Invaliditätsgrad von 16%. Der Versicherte habe somit keinen Anspruch auf eine
Invalidenrente (IV-act. 134).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde vom 28. November 2016. Der
Beschwerdeführer lässt unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der
Beschwerdegegnerin beantragen, die Verfügung vom 25. Oktober 2016 sei
vollumfänglich aufzuheben und ihm sei eine Invalidenrente auf der Grundlage eines
Invaliditätsgrades von mindestens 50% auszurichten. Ihm sei die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren. Zur Begründung lässt der Beschwerdeführer ausführen, er
habe eine Ausbildung zum Motorradmechaniker absolviert. Nebenberuflich habe er bei
der C._ angefangen und sei so in die Finanzbranche gekommen. Seit 2003 habe er
die D._ Finance geführt. Wegen seiner Aussendiensttätigkeit habe er die meiste Zeit
mit Autofahren verbracht. Insbesondere bei längerem Sitzen leide er unter starken
Rückenschmerzen. Eine Wiederaufnahme der bisherigen Tätigkeit als
Vermögensverwalter sei aus orthopädischen Gründen und mit Hinweis auf die
Rückenpathologie ungünstig. Auch bei einer angepassten Tätigkeit seien
orthopädische Beschwerden nicht gänzlich vermeidbar, sodass seine Produktivität
beeinträchtigt sei. Zumutbar seien Tätigkeiten mit einem vollen Pensum bei einer
Minderung der Leistungsfähigkeit von 20%. Für die Ermittlung des Valideneinkommens
seien die Jahre 2012 und 2014 zu berücksichtigen. Stelle man auf die Zeitspanne von
2008 bis 2014 ab, ergebe sich ein Valideneinkommen von Fr. 133'000.-- (gerundet).
Dabei handle es sich um die tatsächlich ausbezahlten und nicht um die dem
Beschwerdeführer tatsächlich zustehenden, viel höheren Gehälter. Da diese noch viel
höher ausgefallen wären, müsste auch ein höheres Valideneinkommen angenommen
werden. Ursache für die Probleme der B._ AG (auf der Warnliste der FINMA /
Liquidation) sei lediglich seine Arbeitsunfähigkeit. Sie wären nicht eingetreten, wenn er
nicht arbeitsunfähig geworden wäre. Da er nicht über eine Ausbildung in der Finanz-
und Versicherungsbranche verfüge, dürfe nicht auf das Kompetenzniveau 2 abgestellt
werden, sondern müsse vom Kompetenzniveau 1 ausgegangen werden. Es ergebe
sich ein Invalideneinkommen von Fr. 68'665.--. Selbst wenn vom Kompetenzniveau 2
ausgegangen würde, betrüge das Invalideneinkommen lediglich Fr. 77'702.--. Bei allen
Einkommensvergleichen anhand seiner Zahlen resultiere ein Invaliditätsgrad über 40%,
sodass Anspruch auf eine Rente bestehe. Das gelte erst recht nach einem
angemessenen Tabellenlohnabzug von 15% (act. G1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 9. Dezember 2016 beantragt die

Beschwerdegegnerin unter Verweis auf die Erwägungen der angefochtenen Verfügung
die Abweisung der Beschwerde (act. G3).
B.c Mit Schreiben vom 13. Dezember 2016 wies die Verfahrensleitung den
Beschwerdeführer darauf hin, dass die eingereichten Unterlagen keine prozessuale
Bedürftigkeit belegten (act. G5). Am 15. Februar 2017 zog der Beschwerdeführer das
Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege zurück (act. G8).
Erwägungen
1.
1.1 Das SMAB-Gutachten vom 31. August 2015 berücksichtigt die geklagten
Beschwerden und die aktenkundigen Befunde. Objektive Gesichtspunkte, welche an
der gutachterlichen Beurteilung Zweifel erwecken, werden nicht dargetan. Mit den
Parteien ist daher darauf abzustellen und davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer in einer Tätigkeit im Aussendienst verbunden mit der Notwendigkeit
des häufigen und längerfristigen Autofahrens nicht mehr, in einer adaptierten Tätigkeit
aber zu 80% arbeitsfähig ist (IV-act. 91-19 f.).
1.2 Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Berechnung
des Invaliditätsgrades und damit verbunden der Rentenanspruch des
Beschwerdeführers.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 16 ATSG). Als
Erwerbseinkommen gelten mutmassliche jährliche Erwerbseinkommen, von denen
Beiträge gemäss dem Bundesgesetz über die Alters- und Hinterlassenenversicherung
(AHVG; SR 831.10) erhoben würden. Nicht dazu gehören insbesondere Leistungen des
Arbeitgebers für den Lohnausfall infolge Unfall oder Krankheit bei ausgewiesener
Arbeitsunfähigkeit (Art. 25 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die Invalidenversicherung
[IVV; SR 831.201]).
2.3 Für den Einkommensvergleich sind die Verhältnisse im Zeitpunkt des
frühestmöglichen Beginns des Rentenanspruchs massgebend, wobei Validen- und
Invalideneinkommen auf zeitidentischer Grundlage zu erheben und allfällige
rentenwirksame Änderungen der Vergleichseinkommen bis zum Verfügungserlass zu
berücksichtigen sind (BGE 129 V 222 E. 4.1 f. mit Hinweisen).
2.4 Vorliegend hat sich der Beschwerdeführer im September 2013 zum Bezug von
Leistungen bei der Beschwerdegegnerin angemeldet. Die Arbeitsfähigkeit in der
Tätigkeit als Aussendienstmitarbeiter ist seit November 2013 nicht mehr gegeben (vgl.
SMAB-Gutachten, IV-act. 91-18), wobei bereits ab 4. Februar 2013 eine relevante
Arbeitsunfähigkeit bestand (vgl. IV-act. 16, 25 und 27-2). Das Wartejahr gemäss Art. 28
Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) endete
somit im Februar 2014, sodass ein allfälliger Rentenanspruch frühestens ab diesem
Zeitpunkt besteht. Der Einkommensvergleich ist somit für das Jahr 2014 vorzunehmen.
3.
3.1 Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was die versicherte
Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte, nicht aber,
was sie bestenfalls hätte verdienen können. Auch wenn dieses Einkommen nicht ohne
Weiteres mit dem ohne Invalidität erzielbaren Einkommen gleichzusetzen ist, wird in
der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer
Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erstellt sein (MEYER/REICHMUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 3.
Aufl., Zürich/Basel/Genf 2014, Art. 28a N 49; BGE 129 V 222 E. 4.3.1 und BGE 131 V
51 E. 5.1.2). In der Regel wird dabei auf das tatsächlich bezogene Einkommen (und
nicht auf den vertraglich vereinbarten höheren Lohn) abgestellt. Zulässig ist auch, aus
dem nach Eintritt der gesundheitlichen Beeinträchtigung noch erzielten Einkommen auf
das Valideneinkommen zu schliessen, sofern anzunehmen ist, dass die betreffende
Person ohne Gesundheitsschaden in einem Vollpensum prozentual hochgerechnet den
gleichen Lohn erzielen würde (vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Auflage, Bern/
St. Gallen/Zürich 2015, Art. 16 N 22 ff.). Bei starken und verhältnismässig kurzfristig in
Erscheinung tretenden Einkommensschwankungen ist für den Validenlohn auf den
während einer längeren Zeitspanne erzielten Durchschnittsverdienst abzustellen
(MEYER/REICH¬MUTH, a.a.O., Art. 28a N 68).
3.2 Die Invalidenversicherung gewährt als Erwerbsunfähigkeitsversicherung
grundsätzlich nur Versicherungsschutz für eine übliche, normale erwerbliche Tätigkeit.
Sehr hohe Einkommen können nur dann berücksichtigt werden, wenn sie aufgrund
einer hohen Qualifikation oder eines besonders intensiven zeitlichen Einsatzes
(Mehrfachbeschäftigung) erwirtschaftet wurden und mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit weiterhin erzielt worden wären (UELI KIESER, a.a.O., Art. 16 N 22
ff.; MEYER/REICHMUTH, a.a.O. Art. 28a N 51). Ist es nicht möglich, zur Bestimmung
des Valideneinkommens vom zuletzt vor Invaliditätseintritt erzielten Lohn auszugehen
oder liegen keine konkreten Anhaltspunkte für dessen Bestimmung vor, dann ist auf
Erfahrungs- und Durchschnittswerte, insbesondere auf die vom Bundesamt für Statistik
periodisch herausgegebene Schweizerische Lohnstrukturerhebung (nachfolgend: LSE)
zurückzugreifen (MEYER/REICHMUTH, a.a.O., Art. 28a N 55 f.).
3.3 Das Einkommen des Beschwerdeführers war vor Eintritt des Gesundheitsschadens
beträchtlichen Schwankungen unterworfen. Es ist deshalb auf einen Durchschnittswert
abzustellen. Der Beschwerdeführer möchte für die Festsetzung des
Valideneinkommens das Einkommen aus den Jahren 2013 und 2014 gemäss
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Lohnausweis 2013 der B._ AG sowie der Veranlagungsberechnung (nach Ermessen)
der Steuerbehörden für das Jahr 2014 miteinbeziehen.
3.4 Zwar kann unter Umständen ein nach Eintritt der gesundheitlichen
Beeinträchtigung erzieltes Einkommen bei der Ermittlung des Valideneinkommens
berücksichtigt werden. Vorliegend erscheint dies aber nicht angebracht, und zwar aus
folgenden Gründen. Der Arbeitsvertrag mit der B._ AG (nachfolgend: Arbeitgeberin)
datiert vom 1. Oktober 2012. Beginn des Arbeitsverhältnisses war der 1. Januar 2013
(IV-act. 98). Bereits einen Monat nach Vertragsbeginn, ab 4. Februar 2013, war der
Beschwerdeführer bis am 22. April 2013 zu 100%, danach zu 75% und zeitweise
wieder zu 100% arbeitsunfähig geschrieben (act. G3.2/1-4 und 2-5 ff.). Die
Krankentaggeldversicherung der Arbeitgeberin richtete für 700 Tage, bis 3. Februar
2015, Leistungen im Gesamtbetrag von Fr. 357'840.85 aus (act. G3.2/4). Die
Arbeitgeberin soll das Arbeitsverhältnis per 31. Januar 2015 gekündigt haben (vgl. IV-
act. 91-11). Der Beschwerdeführer war also nur in einem sehr kleinen Umfang bzw. für
sehr kurze Zeit tatsächlich für die Arbeitgeberin tätig. Zudem wurde über die
Arbeitgeberin kurz nach Ende des Arbeitsverhältnisses der Konkurs eröffnet. Allein der
vertraglich vereinbarte Fixlohn von jährlich Fr. 260'000.-- war im Vergleich zu den
Löhnen der anderen Angestellten sodann ausserordentlich hoch (vgl. act. G3.3). Der
Fixlohn des Beschwerdeführers (zu dem im Falle der Arbeitsfähigkeit noch
beträchtliche Provisionen dazu gekommen wären) war wesentlich mehr, als der
Beschwerdeführer je zuvor verdient hatte. Der Beschwerdeführer war ursprünglich
Präsident des Verwaltungsrates der Arbeitgeberin und seit Januar 2011 einziges
Mitglied des Verwaltungsrates mit Einzelunterschrift (siehe Handelsregisterauszug, act.
G3.3). Den Arbeitsvertrag hat der Beschwerdeführer sowohl als Arbeitnehmer als auch
als Vertreter der Arbeitgeberin unterzeichnet. Es ist daher davon auszugehen, dass die
Anstellung zu derart vorteilhaften Konditionen und für diese lange Dauer trotz
weitgehender Arbeitsunfähigkeit aufgrund der arbeitgeberähnlichen Position des
Beschwerdeführers zustande gekommen ist. Jedenfalls ist nicht belegt, dass das
vertragliche Einkommen das Erwerbspotential bzw. die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers widerspiegelt. Nachdem das
Valideneinkommen dem Betrag entsprechen soll, welcher die versicherte Person als
Gesunde tatsächlich verdient hätte, kann das Einkommen für die Jahre 2013 und 2014,
welches nach dem Gesagten auf arbeitsmarktfremden Beweggründen beruht, für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dessen Ermittlung nicht berücksichtigt werden. Es sei angemerkt, dass bei der
Ermittlung des Valideneinkommens nur die tatsächlich ausbezahlten (nicht die
vertraglich vereinbarten) Löhne berücksichtigt werden und Leistungen infolge Unfall
oder Krankheit, mithin also auch die Auszahlungen einer Krankentaggeldversicherung,
nicht dazugerechnet werden (Art. 25 Abs. 1 lit. a IVV).
3.5 Der Beschwerdeführer stellt sodann auf die Zahlen des Auszugs aus dem
Individuellen Konto (nachfolgend: IK-Auszug) ab (IV-act. 55), während die
Beschwerdegegnerin sich auf die Angaben der Steuerbehörden (IV-act. 106 f.) stützt.
3.6 Der Beschwerdeführer hat seine Steuererklärung selbst ausgefüllt und die
Steuerbehörden haben diese soweit ersichtlich nicht vertieft überprüft. So haben sie
der Beschwerdegegnerin auf die Nachfrage, wie sich das Einkommen aus dem Jahr
2013 zusammensetze, lediglich geantwortet, der Beschwerdeführer habe diesen
Betrag deklariert (IV-act. 120-1). In den Jahren 2010 und 2014 fanden sodann mangels
Mitwirkung des Beschwerdeführers Ermessensveranlagungen statt (IV-act. 106-4 und
107-6). Das Bundesgericht hat für Selbständigerwerbende festgehalten, angesichts der
in Art. 25 Abs. 1 IVV vorgesehenen Gleichstellung der invalidenversicherungsrechtlich
massgebenden hypothetischen Vergleichseinkommen mit den AHV-rechtlich
beitragspflichtigen Erwerbseinkommen könne das Valideneinkommen zumeist
aufgrund der IK-Einträge bestimmt werden (Urteil des Bundesgerichts vom 30. August
2018, 9C_229/2018, E. 2.1). Es ist deshalb auch vorliegend auf die Zahlen gemäss IK-
Auszug abzustellen, zumal die AHV-Beiträge sich daran orientiert haben und die
Angaben in der Steuererklärung offenbar nicht weiter überprüft worden sind bzw. das
Einkommen mangels Mitwirkung lediglich geschätzt worden ist.
3.7 Der Beschwerdeführer bringt vor, das Einkommen gemäss IK-Auszug für das Jahr
2012 sei, da es während lediglich acht Monaten erzielt worden sei, auf zwölf Monate
hochzurechnen. Er tut aber nicht dar, aus welchen Gründen er im Jahr 2012 vier
Monate lang kein Einkommen erwirtschaftet haben soll. Bereits 2011 erzielte der
Beschwerdeführer gemäss IK-Auszug keinerlei Einkommen. Einkommen und
Beschäftigungsgrad schwankten je nach Jahr stark. Eine Hochrechnung des
Jahreseinkommens 2012 ist deshalb nicht angezeigt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.8 Die Beschwerdegegnerin hat bei ihrer Berechnung das Jahr 2011 ausser Acht
gelassen, weil der Beschwerdeführer in jener Zeit keinerlei Einkommen erzielt habe. Der
Beschwerdeführer äussert sich nicht zu diesem kompletten Lohnausfall. Im Jahr zuvor
hatte er ein ausserordentlich hohes Einkommen erwirtschaftet - mit Abstand das
höchste Einkommen zwischen 2003 und 2012. Als Arbeitgeberin über jenen Zeitraum
wird im IK-Auszug die D._ AG angegeben (IV-act. 55). Der Beschwerdeführer hatte
bei dieser Aktiengesellschaft eine arbeitgeberähnliche Stellung inne. Er konnte daher
auch auf seine Lohnhöhe Einfluss nehmen. Nachdem er sich im Jahr 2010 sehr hohe
Löhne ausbezahlt hatte, erwirtschaftete er im Jahr 2011 offenbar kein Einkommen. Dies
ist angesichts der stark schwankenden Einkommen des Beschwerdeführers mit zu
berücksichtigen. Nach dem Gesagten ist für die Ermittlung des Valideneinkommens
nicht nur auf die letzten fünf, sondern auf die letzten zehn Jahre (2003 bis 2012)
abzustellen, wobei auch das Jahr 2011 miteinzubeziehen ist. Die Löhne gemäss IK-
Auszug sind sodann der Entwicklung der Nominallöhne anzupassen und entsprechend
zu indexieren. Zu diesem Zweck sind sie durch den für das jeweilige Jahr aktuellen
Nominallohnindex zu teilen und mit dem Nominallohnindex von 2'220 für das Jahr 2014
zu multiplizieren.
IK-Auszug Nom.Lohnindex indexiert
2003 CHF 34'184 1'958 CHF 38'758.16
2004 CHF 139'364 1'975 CHF 156'652.19
2005 CHF 71'788 1'992 CHF 80'004.70
2006 CHF 97'966 2'014 CHF 107'986.36
2007 CHF 130'000 2'047 CHF 140'986.81
2008 CHF 120'000 2'092 CHF 127'342.26
2009 CHF 130'000 2'136 CHF 135'112.36
2010 CHF 214'707 2'151 CHF 221'594.39
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2011 CHF 0 2'171 CHF 0.00
2012 CHF 108'648 2'188 CHF 110'237.00
total CHF 1'046'657 CHF 1'118'674.23
Durchschnitt CHF 104'666 2'220 CHF 111'867.42
Der Durchschnittswert beläuft sich damit auf rund Fr. 111'867.-- und ist folglich
annähernd so hoch wie der Tabellenlohn für Finanzdienstleistungen im
Kompetenzniveau 3 (Fr. 118'144.-- gestützt auf TA1_tirage_skill_level, Ziffer 64,66 der
LSE 2014 [Fr. 9'444.-- x 12 / 40 x 41.7]).
4.
4.1 Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Ist
kein effektives Erwerbseinkommen gegeben, namentlich, weil die versicherte Person
nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich
zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der
Rechtsprechung statistische Werte, insbesondere die LSE, beigezogen werden (BGE
139 V 592 E. 2.3). Das Bundesgericht erachtet es hierbei als unzulässig, auf die
statistischen Daten nach Grossregion abzustellen; es müssen also jeweils die
gesamtschweizerischen Tabellenlöhne berücksichtigt werden (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 25. April 2012, 8C_744/2011, E. 5.2 mit Hinweisen).
4.2 Berufserfahrung allein kann in der heutigen Arbeitswelt, wo praktisch in allen
Bereichen ein Diplom oder Aus- und Weiterbildungen verlangt werden, die fehlende
anerkannte Berufsausbildung in der Regel nicht aufwiegen (MEYER/REICHMUTH,
a.a.O., Art. 28a N 58). In besonderen Fällen, namentlich dann, wenn eine versicherte
Person über Jahre hinweg erfolgreich tätig war, hat das Bundesgericht die Allgemein-
und Berufserfahrung jedoch berücksichtigt. So hat es beispielsweise einem
Versicherten ohne anerkannte Ausbildung aber mit langjähriger Erfahrung als Lehrer an
einer Privatschule ein Einkommen eines Primarlehrers an öffentlichen Schulen als
Valideneinkommen angerechnet (Urteil des Bundesgerichts vom 20. Juni 2000, I
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
483/98) und festgehalten, dass ein Versicherter mit langjähriger Führungserfahrung im
Baugewerbe (Vorarbeiter / Gruppenführer) in einer anderen Branche eine Position
erreichen könne, die dem LSE-Anforderungsprofil 3 zuzuordnen sei (Urteil des
Bundesgerichts vom 31. Januar 2011, 9C_759/2010, E. 3.4). Im Urteil vom 21. Juni
2011, 8C_167/2011, E. 5.2 entschied das Bundesgericht, die Schul- und Berufsbildung
eines im mittleren Alter stehenden Versicherten entspreche zwar nicht derjenigen, die
im Regelfall mit Anforderungsniveau 3 assoziiert werde, die Allgemein- und
Berufserfahrung sei aber mit den Jahren höher zu werten. Der Versicherte hatte sich in
verschiedenen Branchen bewährt und einen grossen Erfahrungsschatz gewonnen, was
auch aus seinem Einkommen ersichtlich war. In einem anderen Fall hatte eine
Hilfsarbeiterin vor Eintritt der Invalidität überdurchschnittliche Begabung und
Fähigkeiten gezeigt und diese Qualifikationen mit Eintritt des Gesundheitsschadens
nicht verloren, sodass beim Einkommensvergleich auf das Anforderungsniveau 3 der
LSE abgestellt wurde (Urteil des Bundesgerichts vom 9. Oktober 2012, 9C_544/2012,
E. 4.3).
4.3 Der Beschwerdeführer rügt, die Beschwerdegegnerin habe für das
Invalideneinkommen zu Unrecht auf das Kompetenzniveau 2 der LSE abgestellt, da er
über keine Ausbildung in der Finanz- und Versicherungsdienstleistungsbranche
verfüge. Dem kann nicht gefolgt werden. Der Beschwerdeführer arbeitet seit seinem
25. Lebensjahr in der Finanzbranche. Er war als Vermögensverwalter tätig und gab an,
sich selbst zum Broker weiterqualifiziert zu haben, in seiner Berufstätigkeit eigentlich
sehr erfolgreich gewesen zu sein und eine Beraterfunktion anzustreben (vgl. IV-act.
18-3; 32-2; 65-14 f. und 91-11). Er kann auch weiterhin in der Finanzbranche tätig sein,
sowohl als Vermögensverwalter als auch als Finanzberater. Nur die Tätigkeit im
Aussendienst ist nicht mehr zumutbar. Der Beschwerdeführer kann somit die
gewonnene Berufserfahrung weiterhin verwerten. Nachdem er über zehn Jahre in
dieser Branche tätig gewesen ist, überwiegt seine Erfahrung eine allfällige Ausbildung.
Dies muss umso mehr gelten, als sein durchschnittliches Einkommen zwischen 2003
und 2012 sogar fast den Tabellenlohn für Finanzdienstleistungen im Kompetenzniveau
3 erreichte. Dem Beschwerdeführer ist deshalb bei einer Restarbeitsfähigkeit von 80%
ein Invalideneinkommen von Fr. 80'094.-- anzurechnen (Fr. 8'003.-- / 40 Stunden x
41.7 Stunden x 12 Monate / 100 x 80 gemäss TA1_tirage_skill_level, Ziffer 64,66 der
LSE 2014).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4 Der Beschwerdeführer macht einen Tabellenlohnabzug von 15% geltend. Mit dem
Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich beeinträchtigte
Personen, die selbst bei leichten Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind, im Vergleich zu
voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren arbeitnehmenden Personen
lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen
rechnen müssen. Es hängt von sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen
des konkreten Einzelfalls (leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre,
Nationalität, Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad) ab, ob und in welchem
Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind. Bereits in der Beurteilung der
medizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche Einschränkungen dürfen
nicht zusätzlich in die Bemessung des Abzugs einfliessen und so zu einer doppelten
Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen. Der Einfluss sämtlicher Merkmale auf
das Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen
(Urteil des Bundesgerichts vom 20. April 2018, 9C_833/2017, E. 2.2; BGE 134 V 327 E.
5.2).
4.5 Vorliegend rechtfertigt sich kein Tabellenlohnabzug. Die leidensbedingten
Einschränkungen des Beschwerdeführers wurden bereits im SMAB-Gutachten
berücksichtigt und haben in einem um 20% verminderten Rendement resultiert. Der
Beschwerdeführer wurde 2014 erst 37 Jahre alt. Die Anzahl Dienstjahre ist im
Tätigkeitsgebiet des Beschwerdeführers gegenüber der ausgewiesenen Erfahrung
nicht von entscheidender Bedeutung und das Arbeitspensum des Beschwerdeführers
(100% Anwesenheit, 80% Leistungsfähigkeit) ist nicht reduziert, sodass sich auch ein
Teilzeitabzug nicht aufdrängt. Andere Umstände, die einen Abzug begründen würden,
sind nicht ersichtlich.
5.
5.1 Bei einem Valideneinkommen von Fr. 111'867.-- und einem Invalideneinkommen
von Fr. 80'094.-- liegt ein Invaliditätsgrad von 28% vor ([Fr. 111'867 - Fr. 80'094] x
100 / Fr. 111'867). Der Beschwerdeführer hat somit keinen Rentenanspruch.
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren ist
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom
Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG).
Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden
Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie
vollumfänglich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Der von ihm geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm daran anzurechnen. Ausgangsgemäss hat der
Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.