Decision ID: 81844ddd-47ac-5e3d-be4c-3bbd6ab49285
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer stellte am 2. November 2020 in der Schweiz ein
Asylgesuch.
A.b Am 25. November 2020 führte das SEM mit ihm im Bundesasyl-
zentrum B._ die Erstbefragung durch. Der Beschwerdeführer gab
dabei an, er sei ein Araber libyscher Staatsangehörigkeit und am (...) in
Tripolis geboren. Im Jahr 2017 habe er Libyen verlassen und sei über Tu-
nesien (Aufenthaltsdauer: ein Jahr), Algerien (neun Monate), Marokko (ein-
einhalb bis zwei Jahre), Spanien (sechs Monate) und Frankreich (drei Mo-
nate) am 1. November 2020 illegal in die Schweiz eingereist. Zur Begrün-
dung seines Asylgesuchs führte der Beschwerdeführer aus, er habe in Li-
byen keine Lebensperspektive gehabt und wolle in Europa seine
Zukunft aufbauen; er wolle lernen und ein Diplom erwerben. Er sei im
Heimatstaat nie politisch oder religiös aktiv gewesen und habe nie Prob-
leme mit Behörden, Organisationen oder Privatpersonen gehabt. Auf
entsprechende Frage hin gab der Beschwerdeführer an, bei einer Rück-
kehr nach Libyen hätte er nichts zu befürchten; er wolle aber trotzdem nicht
dorthin zurückgehen.
A.c Anlässlich dieser Erstbefragung gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer das rechtliche Gehör zu Ungereimtheiten betreffend seine persönli-
chen Lebensumstände und stellte in Aussicht, dass er im weiteren Verlauf
des Asylverfahrens als volljährig betrachtet und nicht weiter als Unbe-
gleiteter Minderjähriger Asylsuchender behandelt werde. Der Beschwerde-
führer bestritt dabei seine Volljährigkeit.
B.
Am 3. Dezember 2020 wurde der Beschwerdeführer von den Strafvoll-
zugsbehörden des Kantons C._ in Untersuchungshaft genommen
(wobei der Grund hierfür aus den Asylakten nicht hervorgeht); diese
Massnahme wurde in der Folge behördlich verlängert, letztmals bis zum
1. April 2021.
C.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Dezember 2020 teilte das SEM dem
Beschwerdeführer mit ein (zuvor eingeleitetes) Dublin-Zuständigkeits-
verfahren sei beendet worden und sein Asylgesuch werde in der Schweiz
geprüft.
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D.
Am 11. Januar 2021 hielt ein Experte der Fachstelle Lingua – nach einer
Evaluation der landeskundlich-kulturellen Kenntnisse und einer sprach-
wissenschaftlichen Analyse – in einem Bericht mit, der Beschwerdeführer
sei eindeutig nicht in Tripolis/Libyen sozialisiert worden (nachfolgend LIN-
GUA-Analyse).
E.
Im Rahmen der Gewährung des rechtlichen Gehörs zum Ergebnis der
LINGUA-Analyse hielt der Beschwerdeführer in seiner Eingabe vom
26. Januar 2021 an seiner Herkunft fest. Er führte aus, er habe absichtlich
bei diesem – telefonisch geführten – Gespräch nicht seinen libyschen
Dialekt verwendet und keine näheren Angaben zu seinem Alltag und
Wohnort im Heimatstaat gemacht, weil er in Libyen grosse Probleme habe
und befürchtet habe, der ihm unbekannte Befrager würde seine Aussagen
in den Heimatstaat weiterleiten. Zudem sei der Umstand, dass er nur die
ersten (...) Lebensjahre in Libyen verbracht habe, offensichtlich nicht ge-
nügend berücksichtigt worden. Er werde bei der Schwester seine Geburts-
urkunde bestellen und diese dem SEM unverzüglich vorlegen.
F.
Am 5. Februar 2021 unterbreitete das SEM der zugewiesenen Rechts-
vertretung den Entwurf des negativen Asyl- und Wegweisungsentscheids
zur Stellungnahme. Der Rechtsbeistand äusserte sich am 8. Februar 2021
zu diesem Entwurf und hielt fest, dass sein Mandant mit dieser Verfügung
nicht einverstanden sei und so rasch als möglich seine Geburtsurkunde
einreichen werde.
G.
Mit Verfügung vom 9. Februar 2021 – der zugewiesenen Rechtsvertretung
gleichentags eröffnet – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle
die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz an und beauftragte den Kanton C._
mit dem Wegweisungsvollzug. Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer
Einsicht in seine editionspflichtigen Asylakten und stellte fest, dass die
Personendaten im Zentralen Migrationssystem geändert würden (neues
Geburtsdatum, unbekannte Staatsangehörigkeit, wobei beide Daten mit
einem Bestreitungsvermerk versehen würden).
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H.
Am 9. Februar 2021 legte die zugewiesene Rechtsvertretung ihr Mandat
nieder.
I.
Den Asylentscheid vom 9. Februar 2021 focht der Beschwerdeführer mit
Eingabe vom 9. März 2021 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er bean-
tragte in seiner Formularbeschwerde, die vorinstanzliche Verfügung sei
aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzu-
treten. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Herstellung der aufschie-
benden Wirkung, die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Rechtsverbeiständung sowie die Befreiung von der Kostenvorschuss-
pflicht.
J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
10. März 2021 vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR 142.31]).
K.
Am 11. März 2021 bestätigte der Instruktionsrichter den Eingang der be-
schwerde und stellte fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfe.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
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daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asyl-
bereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-19-Verordnung
Asyl; SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Auf die Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten.
1.4 Der Beschwerdeführer beantragt in seiner Laienbeschwerde, das SEM
sei nach der Aufhebung der angefochtenen Verfügung durch das Gericht
anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Dazu ist festzustellen, dass
das SEM in der Verfügung vom 9. Februar 2021 auf das Asylgesuch ein-
getreten ist und dieses materiell geprüft hat. Angesichts der Beschwer-
debegründung ist zugunsten des Beschwerdeführers davon auszugehen,
dass er nicht die blosse Rückweisung der Sache an die Vorinstanz bean-
tragt, sondern auch einen reformatorischen Entscheid im Hauptpunkt
(Verneinung der Flüchtlingseigenschaft, Abweisung des Asylgesuchs,
Wegweisung) eventualiter auch mit Bezug auf den Vollzug der Wegwei-
sung (Feststellung der Undurchführbarkeit des Vollzugs und Anordnung
der vorläufigen Aufnahme).
1.5 Soweit die Herstellung der aufschiebenden Wirkung beantragt wird, ist
darauf nicht einzutreten, weil der vorliegenden Beschwerde schon von
Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zukommt (Art. 55 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung aus,
die vom Beschwerdeführer behauptete Minderjährigkeit müsse bei der vor-
liegenden Aktenlage als unglaubhaft qualifiziert werden. Er habe offen-
sichtlich falsche Altersangaben gemacht und damit über seine Identität ge-
täuscht. Zudem könne insbesondere aufgrund seiner vagen und unsub-
stanziierten Schilderungen des angeblichen Heimatorts Tripolis ausge-
schlossen werden, dass der Beschwerdeführer tatsächlich von dort
stamme. Soweit er im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur Begründung
dieser mangelhaften Aussagen geltend gemacht habe, er habe wegen des
jungen Alters zum Zeitpunkt der Ausreise respektive weil er einem Schlag
auf den Kopf erhalten habe sowie wegen der Kälte keine präziseren Anga-
ben machen können, müsse dies als reine Schutzbehauptung qualifiziert
werden. Auch die LINGUA-Analyse sei zum Schluss gekommen, dass er
mit Sicherheit nicht in Tripolis sozialisiert worden sei. Nachdem der
Beschwerdeführer auch seine Herkunft aus Libyen nicht habe glaubhaft
machen können, bestünden erhebliche Zweifel an den geltend gemachten
Fluchtgründen, die überdies flüchtlingsrechtlich nicht relevant seien.
Der Beschwerdeführer habe seine Mitwirkungspflicht im Asylverfahren in
grober Weise verletzt und über seine Identität getäuscht. Seine Herkunft
sei unbekannt und den Akten liessen sich (mit Bezug auf seinen tatsäch-
lichen Heimat- oder Herkunftsstaat) keine Hinweise auf das Vorliegen von
Wegweisungsvollzugshindernissen entnehmen.
4.2 Der Beschwerdeführer macht in seinem Rechtsmittel im Wesentlichen
geltend, seine Befragung durch das SEM und das telefonisch geführte
Gespräch (gemeint ist offenbar dasjenige im Hinblick auf das Erstellen der
LINGUA-Analyse) seien nicht korrekt abgelaufen; er sei dabei insbeson-
dere mit bizarren Fragen konfrontiert worden, die ihn teilweise verletzt und
verärgert hätten. Er habe erhebliche gesundheitliche Probleme und werde
deswegen momentan in der Untersuchungshaft behandelt. Er sei schon
mit (...) Jahren aus Libyen ausgereist. Nach längeren Aufenthalten in Tu-
nesien, Algerien, Marokko (wo er einen Unfall gehabt habe), Spanien und
Frankreich sei er in die Schweiz gekommen, weil dieses Land die Men-
schenrechte respektiere. Seine Eltern seien beide verstorben, und er
werde versuchen, neben seiner Geburtsurkunde auch ihre Todesurkunden
über die Schwester zu besorgen. Er bitte um eine zweite Chance, seine
Schutzbedürftigkeit darlegen zu können, und um eine weitere Anhörung mit
einem anderen SEM-Sachbearbeiter unter korrekten Bedingungen.
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5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Für die vom Beschwerdeführer behaupteten Irregularitäten bei der
Durchführung der ausführlichen Befragung vom 25. November 2020 oder
beim Erstellen der LINGUA-Analyse (vgl. Beschwerde S. 1 f.) ergeben sich
bei Durchsicht der Akten nicht die geringsten Hinweise. Dem Protokoll der
Befragung ist zu entnehmen, dass diese – in Anwesenheit des amtlichen
Rechtsbeistands des Beschwerdeführers – korrekt durchgeführt wurde.
Der Beschwerdeführer gab zu Beginn und am Ende der Befragung an, den
Übersetzer gut zu verstehen (vgl. A13 S. 3 und 13), und es ergeben sich
keine Anhaltspunkte für eine unzureichende Verständigung oder sprachli-
che Missverständnisse respektive dafür, dass er aus gesundheitlichen oder
anderen Gründen nicht in der Lage gewesen wäre, an der Anhörung (bzw.
der telefonischen Befragung für die LINGUA-Analyse) teilzunehmen.
Schliesslich darf ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass der
Rechtsbeistand bei einem irregulären Verfahrensgang energisch protes-
tiert hätte, entweder bereits an der Befragung seines Mandanten oder im
Rahmen der beiden späteren schriftlichen Stellungnahmen.
6.2
6.2.1 Nach Lehre und Praxis ist es grundsätzlich zulässig, dass die Vor-
instanz vorfrageweise über die Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend ge-
machten Minderjährigkeit befindet, wenn Zweifel an den Altersangaben der
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asylsuchenden Person bestehen, und das Verfahren, bei entsprechendem
Ergebnis dieser Vorprüfung, ohne Einhaltung der speziellen Verfahrens-
vorschriften zugunsten Unbegleiteter Minderjähriger Asylsuchender durch-
führt (vgl. bereits Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30). Mit Bezug auf das Beweis-
mass, dem Altersangaben zu genügen haben, ist von der allgemeinen Re-
gel von Art. 7 AsylG auszugehen, das heisst, die behauptete Minderjährig-
keit muss zumindest glaubhaft erscheinen. Das Glaubhaftmachen des be-
haupteten minderjährigen Alters ist im Rahmen einer Gesamtwürdigung in
einer Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte vorzunehmen, welche für oder
gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen; dabei gilt
der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Einfluss auf diese Glaubhaftig-
keitsprüfung haben auch die Aussagen zum Alter und zu den persönlichen
Lebensumständen durch den Asylsuchenden selber (vgl. a.a.O. E. 5.3.3 f.
und E. 6.4.1 ff. m.w.H.; statt vieler das Urteil BVGer E-5125/2020 vom
4. November 2020 E. 6.1).
6.2.2 Der Beschwerdeführer hat keine Ausweisdokumente oder Reisepa-
piere zu den Akten gereicht. Er gab bei seiner Befragung zunächst an, er
habe in seiner Heimat nie irgendein amtliches Dokument gehabt, das seine
Identität bestätigen könnte, wobei Reisepass, Identitätskarte, Geburtsur-
kunde und Schülerausweis exemplarisch erwähnt wurden (vgl. A13 S. 6 f.).
Später gab er demgegenüber zu Protokoll, bei seiner Schwester gebe es
ein Familienbüchlein (Carnet de famille), das er besorgen und einreichen
werde (vgl. a.a.O. S. 7). In den dreieinhalb Monaten seit dieser Ankündi-
gung wurde dieses Dokument ohne nachvollziehbare Begründung nicht
beigebracht. Hingegen liess er in den späteren Stellungnahmen zur
LINGUA-Analyse und zum negativen Verfügungsentwurf ankündigen, er
werde seine libysche Geburtsurkunde besorgen und nachreichen (vgl. A28
S. 2, A33 S. 1); in der Beschwerde wird dieser "acte de naissance"
– dessen Existenz in der Befragung noch bestritten worden war – ebenfalls
erwähnt (vgl. Beschwerde S. 2). Auch diese Urkunde wurde übrigens bis-
her nicht beigebracht.
6.2.3 Aus dem Protokoll der Befragung vom 25. November 2020 ergeben
sich erhebliche Widersprüche zu den familiären Verhältnissen. So gab der
Beschwerdeführer einerseits an, seine Eltern seien im Jahr (...) ver-
storben (vgl. A13 S. 5); andererseits will er das Heimatland im Jahr 2017
als (...)-Jähriger verlassen haben und bis zu dieser Ausreise mit seinen
Eltern und der Schwester in der Wohnung der Familie gelebt haben (vgl.
a.a.O.).
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Er gab ausserdem zunächst an, er habe neben seiner Schwester über-
haupt keine weiteren Verwandten in Libyen mehr (vgl. a.a.O. S. 6) um in
der Folge trotzdem drei Onkel und eine Tante und später auch noch Gross-
eltern mütterlicherseits zu erwähnen (vgl. a.a.O. S. 6 und S. 10).
6.2.4 Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer gemäss Akten mit Sicher-
heit nicht in Libyen sozialisiert worden ist (vgl. hierzu die nachfolgende
E. 6.3).
6.2.5 Schliesslich bleibt festzustellen, dass das äussere Erscheinungsbild
auf der Fotografie (vgl. A5) demjenigen eines erwachsenen Mannes ent-
spricht, der viele Jahre älter aussieht als ein (...)-Jähriger. Dies ist aller-
dings praxisgemäss nur als schwaches Indiz gegen die Glaubhaftigkeit der
behaupteten Minderjährigkeit zu werten (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.3).
6.2.6 In Würdigung der gesamten Aktenlage ist nach Ansicht des Gerichts
die vorinstanzliche Schlussfolgerung vertretbar, es sei dem Beschwerde-
führer nicht gelungen, seine Minderjährigkeit glaubhaft zu machen.
6.3
6.3.1 Anlässlich der Befragung vom 25. November 2020 beantwortete der
Beschwerdeführers die Fragen nach seinen Lebensumständen in Tripolis
vage und ausweichend; er benannte zudem auffälligerweise die Währung
Libyens falsch (Lira statt Dinar) und beschrieb die dreifarbige libysche
Flagge als "rot" (vgl. A13 S. 8 f.). Aufgrund der dadurch verursachten Zwei-
fel an den Herkunftsangaben gab das SEM eine Analyse der Fachstelle
LINGUA in Auftrag.
6.3.2 Angesichts der gänzlich ungenügenden landeskundlichen Kennt-
nisse sowie der sprachlichen Merkmale und Fähigkeiten des Beschwerde-
führers kam die sachverständige Person zum Schluss, dass seine Soziali-
sation eindeutig nicht in Tripolis/Libyen erfolgt sei. Diese Schlussfolgerung
wurde ausführlich und sehr überzeugend begründet. An der fachlichen
Qualifikation der sachverständigen Person bestehen keine Zweifel. Der
LINGUA-Analyse vom 27. Januar 2020 ist daher erhöhter Beweiswert bei-
zumessen werden (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1 m.w.H.).
6.3.3 Die inhaltlichen Entgegnungen des Beschwerdeführers zum Ergeb-
nis der LINGUA-Analyse vermögen offensichtlich nicht zu überzeugen. Ins-
besondere ist die Vorstellung nicht nachvollziehbar, ein Asylsuchender, der
geltend macht, aus Libyen zu stammen, würde bei der Prüfung seiner Her-
kunft absichtlich einen falschen Dialekt sprechen und keine Angaben zu
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den Lebensumständen in der Heimat machen, um gegenüber dem
LINGUA-Analysten seine Herkunft und seine Identität zu verheimlichen
(vgl. A28 S. 1).
6.3.4 Für das Gericht steht bei dieser Aktenlage fest, dass der Beschwer-
deführer nicht aus Tripolis (Libyen) stammt.
6.4 Das Gericht gelangt nach dem Gesagten in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz zum Schluss, dass der Beschwerdeführer nicht nur falsche An-
gaben zu seinem Alter gegenüber den Asylbehörden, sondern auch täu-
schende Angaben zu seiner Herkunft und seinem Aufenthaltsort vor der
Einreise in die Schweiz gemacht hat. Nachdem damit namentlich eine sinn-
volle Prüfung von Wegweisungshindernissen verhindert wird, stellt dieses
Verhalten eine grobe Verletzung der Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8
AsylG dar.
6.5 Unter diesen Umständen ist der Entscheid des SEM nicht zu beanstan-
den, in Anwendung von Art. 36 Abs. 1 AsylG von der Durchführung einer
eigentlichen Anhörung zu den Asylgründen abzusehen.
6.6 Zur Durchführung des beschleunigten Verfahrens (vgl. angefochtene
Verfügung S. 3 f.) äussert sich der Beschwerdeführer in seinem Rechtsmit-
tel nicht, weshalb weitere Ausführungen dazu unterbleiben können.
7.
Den vom Beschwerdeführer geltend gemachten Gründen für sein Asyl-
gesuch ist bei dieser Aktenlage jede Glaubhaftigkeitsgrundlage entzogen.
Zudem wären sie flüchtlingsrechtlich auch offensichtlich irrelevant.
Das SEM hat zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asyl-
gesuch abgewiesen.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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Seite 11
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Der Vollzug ist nicht möglich,
wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder in den Heimat- oder in den
Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht
werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.3 Die vorinstanzliche Qualifizierung des Wegweisungsvollzugs als zuläs-
sig, zumutbar und möglich (vgl. angefochtene Verfügung S. 10 f.) ist über-
zeugend und vollumfänglich zu bestätigen. Angesichts der vorstehenden
Erwägungen ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer es pflicht-
widrig unterlassen hat, bei der Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts mitzuwirken. Er hat praxisgemäss die Folgen seiner mangelhaften
Mitwirkung respektive der Verheimlichung seiner tatsächlichen persönli-
chen Verhältnisse insofern zu tragen, als vermutungsweise davon aus-
zugehen ist, dass keine flüchtlings- oder wegweisungsbeachtlichen
Gründe gegen eine Rückkehr an seinen bisherigen Aufenthaltsort beste-
hen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10). Diese Vermutungen vermag er offen-
sichtlich nicht zu widerlegen. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme
fällt damit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.‒
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, weil die Rechtsbe-
gehren sich als aussichtslos erwiesen haben. Demzufolge ist auch das Be-
gehren um Beigabe einer amtlichen Rechtsvertretung abzuweisen
(Art. 102m Abs. 1 und Abs. 4 Satz 2 AsylG). Der Antrag auf Befreiung von
der Kostenvorschusspflicht ist mit dem vorliegenden Direktentscheid ge-
genstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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