Decision ID: 154edc7d-90b8-55cb-afcd-c2eb3f72f0df
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._, geboren am (...) 1961, französischer Staatsangehöriger
(nachfolgend: Versicherter oder Beschwerdeführer), ist verwitwet und hat
zwei erwachsene Kinder (geboren 1993 und 1996). Der gelernte Schreiner
lebt in Frankreich und arbeitete seit Januar 1991 in der Schweiz als Grenz-
gänger, zuletzt seit Februar 1997 als Cabinet CNC & Machines Operator 2
(Möbelschreiner für Innenausstattung von Luxusflugzeugen) bei der
B._ AG in (...) (Akten der Vorinstanz [IV] 6, 14, 22.2). Am 23. Mai
2016 kündete die Arbeitgeberin den Arbeitsvertrag per 31. August 2016
und stellte den Arbeitnehmer ab dem 23. Mai 2016 frei (IV 33.2-3).
B.
B.a Am 8. Juli 2015 meldete die Arbeitgeberin den Versicherten bei der
Krankentaggeldversicherung der C._ als krank seit 11. Mai 2015 an
(IV 1.5, 1.11). Nachdem dieser ab Juni 2015 wieder an den Arbeitsplatz
zurückgekehrt war (mit Unterbrüchen), war er ab 7. Dezember 2015 unun-
terbrochen zu 100 % krank geschrieben (IV 1.4 = 10.3, 1.9).
B.b Die C._ leistete die vertraglich vereinbarten Taggelder. In sei-
nem Plausibilitätsgutachten vom 7. Juni 2016 stellte Dr. D._, Fach-
arzt für Urologie und Allgemeinmedizin, zu Handen der Krankentaggeld-
versicherung die (Arbeits-)Diagnosen unklare gastroenterologische
Schmerzen und Halswirbelsäulenschmerzen (DD: Diskushernie HWS mit
Ausstrahlung). Zur Arbeitsfähigkeit führte er aus, aus allgemeinmedizini-
scher Sicht sehe er in der bisherigen Tätigkeit keine Einschränkungen für
eine Arbeitsaufnahme, wobei eine gastroenterologische und eine neurolo-
gische Abklärung zu empfehlen seien. Tätigkeiten mit extrem körperlicher
Belastung (wie bspw. im Strassenbau) seien gegebenenfalls aufgrund der
Wirbelsäulenschmerzen zu vermeiden. Die Prognose sei unklar (IV 33.13-
14).
B.c In der Folge teilte die Krankentaggeldversicherung dem Versicherten
am 27. Juli 2016 mit, er sei gemäss ihrer medizinischen Abklärung ab sofort
zu 100 % arbeitsfähig. Sie stelle deshalb in Berücksichtigung einer Über-
gangszeit die Taggelder per 1. September 2016 ein (IV 33.4). An dieser
Auffassung hielt sie in der Folge fest (IV 26 = 33.10 und 30 = 33.11).
C.
C-4005/2017
Seite 3
C.a Auf Veranlassung der Krankentaggeldversicherung vom 28. April 2016
(IV 10.18) meldete sich der Versicherte am 4. Mai 2016 bei der IV-Stelle
E._ (nachfolgend auch: IV-E._) zum Leistungsbezug an. Er
gab darin eine nicht weiter definierte gesundheitliche Beeinträchtigung seit
27. Mai 2015 an (IV 6).
C.b In seiner Stellungnahme vom 2. Juni 2016 zu Handen der IV-Stelle
führte der behandelnde Hausarzt Dr. F._ als Diagnosen eine Oeso-
phagitis und diffuse Abdominalschmerzen (ab 4/2015), Lumbalsakral-
Schmerzen rechts (ab 9/2015), eine reaktive Depression (ab 02/2016) und
eine Neuralgie der oberen Extremitäten (ab 03/2016) auf und verwies auf
verschiedene spezialärztliche Untersuchungen. Der Versicherte sei als
Schreiner nicht arbeitsfähig. Zur Zeit könne er seine Arbeitstätigkeit nicht
wieder aufnehmen (IV 18.2 ff.). In der Folge wurden weitere Arztzeugnisse
mit Arbeitsunfähigkeit von 100 % bis auf Weiteres beziehungsweise von
Juni 2016 – 25. Oktober 2016, ausgestellt von Dr. F._, eingereicht
(IV 24.1-4, 25.5, 29.1, 33.15). Ausserdem bestätigte der Psychiater
Dr. G._ die Konsultation des Patienten vom 25. August 2016
(IV 25.1 = 29.4 = 33.17 = 38.2).
C.c Mit Schreiben vom 30. Januar 2017 teilte die IV-E._ dem Ver-
sicherten mit, er habe wegen seiner Anmeldung bei der Arbeitslosenversi-
cherung in Frankreich keinen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen
der Invalidenversicherung. Sie prüfe aber seinen Anspruch auf eine Invali-
denrente (IV 32 = 35).
C.d Am 1. März 2017 nahm Dr. H._, Fachärztin für innere Medizin
FMH, zertifizierte Gutachterin SIM des Regionalärztlichen Dienstes
I._ (nachfolgend: RAD) Stellung zum Kurzgutachten von
Dr. D._ vom 7. Juni 2016 sowie den Beurteilungen des Hausarztes
Dr. F._ und den weiteren eingereichten medizinischen Akten. Sie
führte im Wesentlichen aus, die Einschätzung im Gutachten von
Dr. D._ könne in der Gesamtschau übernommen werden. Sie sei
medizinisch nachvollziehbar. Auf weitere Abklärungen könne verzichtet
werden. Eine volle Arbeitsfähigkeit sei ausgewiesen (IV 36.2-3).
C.e Mit Vorbescheid vom 22. März 2017 stellte die IV-E._ dem Ver-
sicherten die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht mit der Be-
gründung, er sei seit Dezember 2015 arbeitsunfähig gewesen. Seit 7. Juni
2016 bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mehr. Die gesetz-
C-4005/2017
Seite 4
liche einjährige Wartefrist sei somit nicht erfüllt (IV 37). Nachdem der Be-
schwerdeführer – vertreten durch das Comité de protection des travailleurs
frontaliers Européens – am 11. April 2017 verschiedene medizinische Un-
terlagen nebst einer Vollmacht eingereicht hatte (IV 38 f.) und die IV-Stelle
am 25. April 2017 eine Frist zur Verbesserung der Einwendung gesetzt
hatte (IV 40), reichte der Versicherte am 11. April (recte wohl: [unlesbares
Datum] Mai) 2017 eine unbefristete Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von
Dr. F._ vom 9. Mai 2017 ein (IV 41). Mit Verfügung vom 8. Juni 2017
hielt die IV-Stelle für Versicherte im Ausland IVSTA (nachfolgend: Vor-
instanz) an der Abweisung des Leistungsbegehrens fest mit der Begrün-
dung, die gesetzliche einjährige Wartefrist sei nicht erfüllt (IV 43.3-6).
D.
D.a Mit Eingabe vom 13. Juli 2017 (Poststempel) reichte der Beschwerde-
führer – weiter vertreten durch das Comité de protection des travailleurs
frontaliers Européens – Beschwerde gegen die Verfügung der IVSTA vom
8. Juni 2017 ein. Er teilte mit, er sei mit diesem Entscheid nicht einverstan-
den und beantrage die Neubeurteilung der Sache. Er begründete die Be-
schwerde damit, dass die ärztlichen Zeugnisse ihm eine 100 %-ige Arbeits-
unfähigkeit bescheinigten. Aus medizinischen Gründen könne er nicht ope-
riert werden und seine Gesundheit könne sich infolgedessen nicht verbes-
sern (Beschwerdeakten [B-act.] 1).
D.b Am 17. August 2017 ging der auferlegte Kostenvorschuss von
Fr. 800.– bei der Gerichtskasse ein (B-act. 4).
D.c In ihrer Vernehmlassung vom 10. Oktober 2017 beantragte die Vor-
instanz – unter Bezugnahme auf die Stellungnahme der IV-E._ vom
6. Oktober 2017 – die Abweisung der Beschwerde (B-act. 6).
D.d Mit prozessleitender Verfügung vom 16. Oktober 2017 schloss der In-
struktionsrichter den Schriftenwechsel ab (B-act. 7).
E.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien sowie auf die eingereichten
Unterlagen wird – soweit für die Entscheidfindung erforderlich – in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.
C-4005/2017
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG und Art. 69
Abs. 1 Bst. b IVG (SR 831.20) sowie Art. 5 VwVG beurteilt das Bundesver-
waltungsgericht Beschwerden von Personen im Ausland gegen Verfügun-
gen der IVSTA. Eine Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor.
1.2 Nach Art. 37 VGG richtet sich das Verfahren vor dem Bundesverwal-
tungsgericht nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt.
Indes findet das VwVG aufgrund von Art. 3 Bst. dbis VwVG keine Anwen-
dung in Sozialversicherungssachen, soweit das ATSG (SR 830.1) anwend-
bar ist.
1.3 Der Beschwerdeführer hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom-
men; er ist durch die ihn betreffende Verfügung berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Anfechtung (Art. 59 ATSG).
1.4 Da die Beschwerde frist- und knapp formgerecht eingereicht wurde, ist
auf die Beschwerde einzutreten (Art. 60 ATSG, Art. 52 VwVG).
2.
2.1 Gemäss Art. 40 Abs. 2 IVV (SR 831.201) ist bei Grenzgängern die
IV-Stelle, in deren Tätigkeitsgebiet diese eine Erwerbstätigkeit ausüben,
zur Entgegennahme und Prüfung der Anmeldungen zuständig. Dies gilt
auch für ehemalige Grenzgänger, sofern sie bei der Anmeldung ihren or-
dentlichen Wohnsitz noch in der benachbarten Grenzzone haben und der
Gesundheitsschaden auf die Zeit ihrer Tätigkeit als Grenzgänger zurück-
geht. Die Verfügungen werden von der IVSTA erlassen.
2.2 Da der Beschwerdeführer bei Eintritt des geltend gemachten Gesund-
heitsschadens als Grenzgänger mit Wohnsitz in Frankreich im Kanton
E._ einer Arbeit nachging und zum Anmeldungszeitpunkt in (...),
Frankreich, Wohnsitz hatte, war die IV-E._ für die Entgegennahme
und Prüfung der Anmeldung zuständig und wurde die angefochtene Verfü-
gung vom 8. Juni 2017 zu Recht von der IVSTA erlassen.
C-4005/2017
Seite 6
3.
Nachfolgend ist das anwendbare Recht zu prüfen:
3.1
3.1.1 Der Beschwerdeführer ist französischer Staatsangehöriger mit
Wohnsitz in Frankreich, weshalb das am 1. Juni 2002 in Kraft getretene
Freizügigkeitsabkommen (FZA, SR 0.142.112.681) zu beachten ist. Nach
Art. 1 Abs. 1 des auf der Grundlage des Art. 8 FZA ausgearbeiteten und
Bestandteil des Abkommens bildenden (Art. 15 FZA) Anhangs II ("Koordi-
nierung der Systeme der sozialen Sicherheit") des FZA in Verbindung mit
Abschnitt A dieses Anhangs wenden die Vertragsparteien untereinander
insbesondere die Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 des Rates vom 14. Juni
1971 zur Anwendung der Systeme der sozialen Sicherheit auf Arbeitneh-
mer und Selbstständige sowie deren Familienangehörige, die innerhalb der
Gemeinschaft zu- und abwandern (SR 0.831.109.268.1; nachfolgend: Ver-
ordnung Nr. 1408/71), und die Verordnung Nr. 574/72 oder gleichwertige
Vorschriften an. Diese sind am 1. April 2012 durch die Verordnungen (EG)
Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April
2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit sowie (EG)
Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Sep-
tember 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Ver-
ordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozi-
alen Sicherheit abgelöst worden.
3.1.2 Nach Art. 4 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004, haben Personen, für
die diese Verordnung gilt, die gleichen Rechte und Pflichten aufgrund der
Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats wie die Staatsangehörigen dieses
Staates. Dabei ist im Rahmen des FZA auch die Schweiz als "Mitglied-
staat" im Sinne dieser Koordinierungsverordnungen zu betrachten (Art. 1
Abs. 2 Anhang II des FZA).
3.1.3 Laut Art. 46 Abs. 3 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 ist eine vom
Träger eines Mitgliedstaats getroffene Entscheidung über den Grad der In-
validität eines Antragstellers für den Träger jedes anderen in Betracht kom-
menden Mitgliedstaats verbindlich, wenn die in den Rechtsvorschriften die-
ser Mitgliedstaaten festgelegten Definitionen des Grads der Invalidität in
Anhang VII dieser Verordnung als übereinstimmend anerkannt sind. Letz-
teres ist mit Bezug auf das Verhältnis zwischen Frankreich und der
Schweiz nicht der Fall. Eine entsprechende Regelung sah auch Art. 40
Abs. 4 und Anhang V der Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 vor.
C-4005/2017
Seite 7
Soweit das FZA beziehungsweise die auf dieser Grundlage anwendbaren
gemeinschaftsrechtlichen Rechtsakte demnach keine abweichenden Be-
stimmungen vorsehen, richtet sich die Ausgestaltung des Verfahrens – un-
ter Vorbehalt der beiden Grundsätze der Gleichwertigkeit sowie der Effek-
tivität – sowie die Prüfung der Anspruchsvoraussetzungen einer schweize-
rischen Invalidenrente grundsätzlich nach der innerstaatlichen Rechtsord-
nung (BGE 130 V 257 E. 2.4). Entsprechend bestimmt sich vorliegend der
Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Rente der Invalidenversiche-
rung ausschliesslich nach dem innerstaatlichen schweizerischen Recht,
insbesondere nach dem IVG, der IVV (SR 831.201), dem ATSG sowie der
ATSV (SR 830.11).
3.2 In materiell-rechtlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechts-
sätze massgebend, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden
Tatbestandes Geltung haben, wobei nach ständiger Praxis auf den im Zeit-
punkt des Erlasses des angefochtenen Verwaltungsaktes (hier: Verfügung
vom 8. Juni 2017) eingetretenen Sachverhalt abgestellt wird (BGE
130 V 329 E. 6, 129 V 1 E. 1.2 mit Hinweisen). Tatsachen, die jenen Sach-
verhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer
neuen Verwaltungsverfügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b).
Bei den Bestimmungen des IVG und der IVV ist auf die Fassung gemäss
den am 1. Januar 2008 in Kraft getretenen Änderungen (5. IV-Revision;
AS 2007 5129 und AS 2007 5155) abzustellen. Soweit ein Anspruch auf
Rente ab dem 1. Januar 2012 zu prüfen ist, sind weiter die mit dem ersten
Massnahmenpaket der 6. IV-Revision zu diesem Zeitpunkt in Kraft getre-
tenen Gesetzesänderungen zu beachten (IVG in der Fassung vom
18. März 2011 [AS 2011 5659], IVV in der Fassung vom 16. November
2011 [AS 2011 5679]). Sofern sich die einschlägigen Bestimmungen ma-
teriell nicht verändert haben, werden im Folgenden – falls nichts Gegentei-
liges vermerkt – die Bestimmungen in der ab 1. Januar 2008 gültig gewe-
senen Fassung zitiert.
4.
4.1 Die Beschwerdeführenden können im Rahmen des Beschwerdever-
fahrens die Verletzung von Bundesrecht unter Einschluss des Missbrauchs
oder der Überschreitung des Ermessens, die unrichtige oder unvollstän-
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie die Unange-
messenheit des Entscheids rügen (Art. 49 VwVG).
C-4005/2017
Seite 8
4.1.1 Die Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes hat nach dem
Untersuchungsgrundsatz von Amtes wegen zu erfolgen (Art. 12 VwVG).
Auch das sozialversicherungsrechtliche Verfahren ist vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 43 ATSG). Danach hat die Verwaltung und im
Beschwerdeverfahren das Gericht von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des erheblichen Sachverhalts zu sorgen (vgl. BGE
136 V 376 E. 4.1.1). Der Untersuchungsgrundsatz gilt indessen nicht un-
beschränkt; er findet sein Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien
(BGE 125 V 195 E. 2, BGE 122 V 158 E. 1a, je mit weiteren Hinweisen).
Die Parteien tragen demnach in der Regel insofern eine objektive Beweis-
last, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener
Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte
ableitet (BGE 117 V 261 E. 3b; 115 V 133 E. 8a).
4.2 Im Sozialversicherungsprozess hat das Gericht seinen Entscheid, so-
fern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit
eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht.
Das Gericht hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es
von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste wür-
digt (BGE 126 V 360 E. 5b, 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
Führen die von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärungen die Verwal-
tung oder das Gericht bei pflichtgemässer Beweiswürdigung zur Überzeu-
gung, ein bestimmter Sachverhalt sei als überwiegend wahrscheinlich zu
betrachten und es könnten weitere Beweismassnahmen an diesem fest-
stehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so ist auf die Abnahme weiterer
Beweise zu verzichten (antizipierte Beweiswürdigung; UELI KIESER, Das
Verwaltungsverfahren in der Sozialversicherung, 1999, S. 212, Rz. 450;
vgl. auch BGE 122 V 157 E. 1d, 122 II 464 E. 4a, 120 Ib 224 E. 2b).
4.3 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde,
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit oder Unmöglichkeit, sich im bis-
herigen Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 8 Abs. 1 und 3 ATSG). Nach
Art. 4 IVG kann die Invalidität Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder
Unfall sein (Abs. 1); sie gilt als eingetreten, sobald sie die für die Begrün-
dung des Anspruchs auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und
Schwere erreicht hat (Abs. 2). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträch-
tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursach-
te und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende gan-
ze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht
http://links.weblaw.ch/BGE-126-V-353 http://links.weblaw.ch/BGE-125-V-193 http://links.weblaw.ch/BGE-122-V-157 http://links.weblaw.ch/BGE-122-II-464 http://links.weblaw.ch/BGE-120-IB-224
C-4005/2017
Seite 9
kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Eine Er-
werbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht über-
windbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG; der am 1. Januar 2008 in Kraft getretene
Abs. 2 hat den Begriff der Erwerbsunfähigkeit nicht modifiziert [BGE 135 V
215 E. 7.3]). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der kör-
perlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teil-
weise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare
Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in
einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG).
4.4 Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherten Anspruch auf eine
Rente, welche ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgaben-
bereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (Bst. a), und die zu-
sätzlich während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnitt-
lich zu mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind und
auch nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG)
sind (Bst. b und c).
4.5 Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Ren-
te, wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Drei-
viertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditäts-
grad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertels-
rente. Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach Ablauf von sechs
Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29
Abs. 1 ATSG, jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des
18. Altersjahres folgt (Art. 29 Abs. 1 IVG). Laut Art. 29 Abs. 4 IVG werden
jedoch Renten, die einem Invaliditätsgrad von weniger als 50 % entspre-
chen, nur an Versicherte ausgerichtet, die ihren Wohnsitz und gewöhn-
lichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben, was laut Recht-
sprechung eine besondere Anspruchsvoraussetzung darstellt (vgl. BGE
121 V 264 E. 6c). Eine Ausnahme von diesem Prinzip gilt seit dem 1. Juni
2002 für Schweizer Bürger und Staatsangehörige der EU, denen bereits
ab einem Invaliditätsgrad von 40 % eine Rente ausgerichtet wird, wenn sie
– wie der Beschwerdeführer – in einem Mitgliedstaat der EU Wohnsitz
haben.
C-4005/2017
Seite 10
4.6
4.6.1 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung
(und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärzt-
liche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen
haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es dabei, den Gesundheits-
zustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig
ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für
die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zu-
gemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen).
4.6.2 Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel
zu würdigen sind. Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfah-
ren gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versi-
cherungsträger und Sozialversicherungsgerichte die Beweise frei, das
heisst ohne förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss
zu würdigen. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich weder
die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten
oder in Auftrag gegebenen Berichte (vgl. Urteil des EVG I 268/2005 vom
26. Januar 2006 E. 1.2, mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3.a).
4.6.3 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend,
ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Un-
tersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle-
gung der Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situ-
ation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertinnen und Ex-
perten begründet sind (vgl. BGE 125 V 351 E. 3a und E. 3b/cc mit Hinwei-
sen). Die Rechtsprechung erachtet es als mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung vereinbar, Richtlinien für die Beweiswürdigung in Bezug
auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten aufzustellen
(vgl. hierzu BGE 125 V 352 E. 3b; AHI 2001 S. 114 E. 3b; Urteil des BGer
I 128/98 vom 24. Januar 2000 E. 3b). So ist den im Rahmen des Verwal-
tungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärzte, welche auf-
grund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Ein-
sicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Be-
weiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuver-
lässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353 E. 3b/bb, mit weiteren
Hinweisen). In Bezug auf Berichte von Hausärzten darf und soll der Richter
C-4005/2017
Seite 11
der Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass Hausärzte mitunter im Hin-
blick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher
zu Gunsten ihrer Patienten aussagen.
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweis-
wert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet so-
wie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverläs-
sigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt in einem An-
stellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf
mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen. Gleiches gilt,
wenn ein frei praktizierender Arzt von einer Versicherung wiederholt für die
Erstellung von Gutachten beigezogen wird (RKUV 1999 U 332 S. 193 E. 2a
bb; SVR 2008 IV Nr. 22 S. 70 E. 2.4). Es bedarf vielmehr besonderer Um-
stände, welche das Misstrauen in die Unparteilichkeit der Beurteilung ob-
jektiv als begründet erscheinen lassen. Bestehen hingegen Zweifel an der
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen, ist eine
versicherungsexterne medizinische Begutachtung im Verfahren nach
Art. 44 ATSG oder ein Gerichtsgutachten anzuordnen (vgl. BGE 135 V 465
E. 4.4 und BGE 122 V 157 E. 1d; vgl. auch BGE 125 V 351 E. 3b/ee sowie
UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 43 Rz. 55).
5.
Angefochten ist die Verfügung der IVSTA vom 8. Juni 2017, in welcher der
Leistungsantrag des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente abgewie-
sen wurde. Durch das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen ist deshalb der
Rentenanspruch des Beschwerdeführers.
5.1 Aus den Akten gehen folgende, für das vorliegende Verfahren rele-
vante medizinische Unterlagen untersuchender oder behandelnder Ärzte
hervor:
 Röntgen Thorax und Abdomen, Dr. J._, Radiologe, Centre d’imagerie
médicale, vom 12.05.2015 (IV 29.14 = 38.10 = B-act. 2.14);
 Echographie Abdomen, Dr. J._, Radiologe, Centre d’imagerie médi-
cale, vom 26.05.2015 (IV 25.4 = 29.13 = 33.16 = 38.8 = B-act. 2.13);
 Doppler-Echo, Dr. K._, Gefässmedizin, vom 29.05.2015 (IV 18.7);
 CT Abdomen-Becken, ohne und mit Kontrastmittel, Dr. M._, Centre
d’imagerie médicale, vom 29.06.2015 (Untersuchung vom 26.06.2015,
IV 10.8 = 24.7 = 29.12 = 38.7 = B-act. 2.12);
 Erster ärztlicher Bericht, Dr. F._, Allgemeine Medizin, vom 03.08.2015
(IV 1.2);
C-4005/2017
Seite 12
 Bericht Koloskopie und Gastroskopie, Dr. L._ vom 21.10.2015
(IV 18.8);
 Pathologie, Resultate Magenbiopsie vom 21.10.2015, Praxis Dr. N._
an Dr. L._ (IV 10.6-7 = 24.5-6 = 29.9-10 = 33.19-20 = 38.5-6 =
B-act. 2.11 [nur 1. S.]);
 CT Abdomen-Becken, Dr. M._, Centre d’imagerie médicale, vom
08.02.2016 (Untersuchung vom 05.02.2016, IV 18.9 = B-act. 2.10);
 MRI lumbo-sakral, Dr. M._, Centre d’imagerie médicale, vom
23.02.2016 (Untersuchung vom 22.02.2016, IV 10.9 = 18.10 = 24.10 = 29.16
= 38.4 = B-act. 2.9);
 MRI rechtes Knie, Dr. M._, Centre d’imagerie médicale, vom
26.02.2016 (Untersuchung vom 25.02.2016, IV 10.10 = 24.9 = 29.17 = 33.18
= 38.3 = B-act. 2.8)
 Stellungnahme Dr. F._, Allgemeine Medizin, vom 17.03.2016 (IV 1.3-
4, = 10.2-3)
 EMG, Dr. O._, Neurologe, vom 01.04.2016 (IV 18.11-12);
 MRI HWS vom 20.05.2016, Dr. M._, Centre d’imagerie médicale (Un-
tersuchung vom 19.05.2016, IV 15.7 = 18.13 = 24.11 = 29.15 = 33.12 = 38.9
= B-act. 2.7);
 Ärztlicher Bericht, Dr. F._, Allgemeine Medizin, vom 02.06.2016
(IV 18.2 ff.);
 „Plausibiliätsgutachten“, Dr. D._, Facharzt für Urologie und Allgemein-
medizin, vom 07.06.2016 (IV 33.13-14);
 Arbeitsunfähigkeitszeugnisse 100 % (je für einen Monat), Dr. F._, vom
25.05.2016 (IV 24.4), vom 28.6.2016 (IV 24.3), vom 26.07.2016 (IV 24.2),
vom 29.08.2016 (IV 25.5), vom 26.09.2016 (IV 28.17) und vom 25.10.2016
(IV 29.1);
 Arbeitsunfähigkeitszeugnisse 100 % (unbefristet), Dr. F._, vom
09.08.2016 (IV 24.1 = 33.15) und vom 26.06.2017 (B-act. 2.3);
 Konsultation vom 25.08.2016, Dr. G._, Psychiater (IV 25.1 = 29.4 =
33.17 = 38.2 = B-act. 2.6);
 RAD I._, Dr. H._, Fachärztin für innere Medizin, zertifizierte
Gutachterin SIM, Beurteilung vom 01.03.2017 (IV 36.2-3);
 Überweisung an den Gastroenterologen, Dr. F._, vom 09.05.2017
(IV 41.2; B-act. 2.5);
 Rezept für Medikamente, Dr. L._, vom 18.05.2017 (B-act. 2.4);
 Ärztliche Kurzbescheinigung, Dr. L._, Facharzt für Gastroenterologie,
vom 06.07.2017 (B-act. 2.1 = 2.2).
5.2 In seinem Bericht an die Krankentaggeldversicherung vom 17. März
2016 führte der Hausarzt Dr. F._ aus, er behandle den Patienten
seit dem 12. Mai 2015 wegen Bauchschmerzen. Anfänglich habe er keine
Diagnose gestellt. Die Gastroskopie und die Koloskopie seien normal ge-
wesen, wie auch die Thorax- und Abdomen-Computertomographie. Der
C-4005/2017
Seite 13
Patient habe ausserdem seit September 2015 Lumbosakralschmerzen
rechts mit discoradikulären Blockaden (conflit disco-radiculaire) gemäss
MRI vom 23. Februar 2016. Der Patient sei vorerst nicht arbeitsfähig. Er
bestätigte ausserdem volle Arbeitsunfähigkeiten des Patienten jeweils für
den Zeitraum vom 11.5.-31.5.2015, 7.6.-30.6.2015, 28.9.-18.10.2015,
23.10.-1.11.2015 und ab 7.12.2015-17.1.2016 (IV 1.3-4, 10.2-3).
5.3 Am 2. Juni 2016 führte Dr. F._ zu Handen der IV-Stelle die Di-
agnosen Oesophagitis und diffuse Abdominalschmerzen ab April 2015,
Schmerzen lumbal-sakral rechts ab September 2015, eine reaktive De-
pression ab Februar 2016 und Neuralgien der oberen Extremitäten ab März
2016 auf. Die Arbeitskapazität sei reduziert beim Tragen von Lasten und
repetitiven Arbeiten. Der Gesundheitszustand sei invalidisierend für seine
Tätigkeit als Schreiner. Aus medizinischer Sicht sei die bisherige Arbeitstä-
tigkeit zu 50 % möglich, die Leistungsfähigkeit sei wegen der Schmerzen
eingeschränkt. Die Einschränkungen könnten mit Schmerzmitteln reduziert
werden, dies sei aber verbunden mit den Risiken Schläfrigkeit und Schwin-
delgefühl. Zur Zeit könnten die Arbeitstätigkeit nicht wieder aufgenommen
und die Arbeitsfähigkeit nicht verbessert werden (IV 18.2 ff.).
5.4 In seinem „Plausibilitätsgutachten“ zu Handen der Krankentaggeldver-
sicherung führte der Facharzt für Urologie und Allgemeinmedizin
Dr. D._ am 7. Juni 2016 gestützt auf seine Untersuchung aus, der
Explorand gebe als aktuelle Beschwerden an, er leide seit Mai 2015 an
massiven Verstopfungsproblemen, Durchfall und Bauchschmerzen. Er ha-
be auch an Gewicht verloren. Jetzt habe er aufgrund der diätetischen
Massnahmen mit Umstellung auf Gemüse wieder 4 kg zugenommen. Er
berichtete weiter, dass er wegen der Beschwerden der Halswirbelsäule,
der ganzen Wirbelsäule und der Bauchproblematik nicht arbeiten könne.
Sobald er Schmerzmittel einnehme, würde die abdominale Problematik mit
Krämpfen zunehmen. Bezüglich der Halswirbelproblematik klage er über
eine Ausstrahlung in den rechten Arm. Ausserdem gebe er seit Jahren be-
stehende Knieschmerzen an. Bei seinen objektiven Befunden führte der
Gutachter aus, die Bewegungen des Exploranden erschienen flüssig. Die
Wirbelsäule sei ohne Klopfschmerz. Beim Abdomen stelle er keinen Druck-
schmerz fest, die Nierenlager seien beidseits klopfschlag-indolent. Er
stellte weiter eine unauffällige Darmperistaltik fest und beobachtete keine
Beinödeme. Zu den vorgelegten medizinischen Akten führte er aus, der
histologische Befund der Magenschleimhautbiopsie von Oktober 2015
zeige eine mässige chronische Gastritis ohne Nachweis von Helicobacter
Pylori.
C-4005/2017
Seite 14
Der Gutachter stellte die (Arbeits)-Diagnosen unklare gastroenterologische
Schmerzen und Halswirbelsäulenschmerzen (Differenzialdiagnose Dis-
kushernie HWS mit Ausstrahlung). Zur Arbeitsfähigkeit führte er aus, aus
allgemeinmedizinischer Sicht sehe er in der bisherigen Tätigkeit keine Ein-
schränkungen für eine Arbeitsaufnahme, wobei eine gastroenterologische
und eine neurologische Abklärung zu empfehlen sei. Tätigkeiten mit extrem
schwerer körperlicher Belastung seien aufgrund der Wirbelsäulenbe-
schwerden zu vermeiden. Zu Therapie und Prognose führte er aus, diese
seien unklar (IV 33.21 f.).
5.5 Dr. H._, Fachärztin für Innere Medizin FMH, vom RAD, stützte
sich in ihrer Kurzbeurteilung vom 1. März 2017 auf die Beurteilungen von
Dr. F._ vom 3. (recte: 17.) März 2016 (IV 1.3-4), vom 2. Juni 2016
(IV 18) und vom 9. August 2016 (IV 24.1), auf diverse weitere Arztberichte
(eingereicht mit dem Bericht vom 2. Juni 2016), den Bericht von
Dr. G._ vom 25. August 2016 (IV 25.1) und das „Plausibilitätsgut-
achten“ von Dr. D._ vom 7. Juni 2016 (oben E. 5.4). Sie stellte keine
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Als Diagnosen ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellte sie chronische Abdominal-
schmerzen, zervikale Schmerzen rechts, Diskushernie L4/5 und L5/S1
rechts, eine reaktive Depression und eine Neuralgie fest. In der ange-
stammten Tätigkeit und in Verweistätigkeiten sei der Versicherte vom
28. September 2015 (gemäss Arztbericht von Dr. F._ [vgl. IV 1.4])
bis 7. Juni 2016 (Untersuchung von Dr. D._) zu 100 % arbeitsunfä-
hig gewesen.
Zu den Abdominalschmerzen führte sie aus, sowohl die Gastroskopie als
auch die Kolonoskopie vom 21. Oktober 2015 seien unauffällig. Auch in der
weiteren Abklärung habe kein organisches Substrat gefunden werden kön-
nen. Was die (von Dr. F._ diagnostizierte) reaktive Depression be-
treffe, werde vom behandelnden Psychiater keine Arbeitsunfähigkeit attes-
tiert. Zu den Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule führte sie aus, das
MRI vom 19. Mai 2016 zeige zwar altersentsprechende Veränderungen,
aber keine Nervenwurzelkompression. Im Gutachten würden keine patho-
logischen Befunde erhoben, sodass die Einschätzung von Dr. D._
in der Gesamtschau übernommen werden könne. Sie sei medizinisch
nachvollziehbar. Zusammenfassend führte die Ärztin aus, die aktuelle Do-
kumentation sei genügend, weshalb auf weitere Abklärungen verzichtet
werden könne. Eine volle Arbeitsfähigkeit ab 7. Juni 2016 sei ausgewiesen
(IV 36.2-3).
C-4005/2017
Seite 15
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht in seiner Beschwerde geltend, es beste-
he bei ihm eine ärztlich bescheinigte hundertprozentige Arbeitsunfähigkeit.
Er könne aus medizinischen Gründen nicht operiert werden, weshalb sich
seine Gesundheit nicht verbessern könne (vgl. B-act. 1).
6.2 Die Vorinstanz stützt ihre Abweisung des Rentenbegehrens im We-
sentlichen auf die Beurteilung der RAD-Ärztin Dr. H._, Fachärztin
Allgemeine Innere Medizin. Diese stützte sich ihrerseits auf das „Plausibi-
litätsgutachten“ von Dr. D._, Facharzt Urologie, welches für die
Krankentaggeldversicherung des Beschwerdeführers erstellt wurde. Bei
der Stellungnahme von Dr. H._ handelt es sich um eine reine Ak-
tenbeurteilung, eine persönliche Untersuchung des Beschwerdeführers
durch Dr. H._ beim RAD I._ hat nicht stattgefunden.
6.3 Das „Plausibilitätsgutachten“ von Dr. D._ beruht zwar auf einer
persönlichen Untersuchung des Beschwerdeführers, erweist sich aber als
knapp und wenig substantiiert. Unklar ist auch, in welche medizinischen
Vorakten der Gutachter Einsicht hatte. Die gestellten Diagnosen „Unklare
gastroenterologische Schmerzen“ und „Halswirbelsäulenschmerzen DD
Diskushernie HWS mit Ausstrahlung“ wurden nicht mit ICD-Codes verse-
hen. Es fehlt auch eine Diagnose in Hinsicht auf die Beschwerden an der
Lendenwirbelsäule (vgl. Beurteilung Dr. M._ vom 23. Februar 2016
mit MRI vom 22. Februar 2016; festgestellte degenerative Veränderungen
der unteren Wirbelsäule mit Discopathien L4-L5 und L5-S1 [mit entzündli-
chen Aspekten der benachbarten Wirbelköperplatten bei L5-S1] sowie Dis-
kushernien L4-L5 paramedial rechts und L5-S1 postero-lateral rechts ab-
steigend mit korrespondierenden disco-radikulären Konflikten [z.B.
IV 10.9]). Zudem fallen die gestellten Diagnosen in gastroenterologischer
und in orthopädisch/neurologischer Hinsicht nicht in das Fachgebiet des
Gutachters Dr. D._. Dieser war sich dessen bewusst, weshalb er
Abklärungen durch entsprechende Fachärzte empfohlen hat. Das „Plausi-
bilitätsgutachten“ genügt demnach nicht den Anforderungen an eine hinrei-
chende medizinische Abklärung und kann deshalb nicht als hinlängliche
Beurteilungsgrundlage für den Bericht der RAD-Ärztin Dr. H._, wel-
che im Übrigen (ebenfalls) nicht in den erforderlichen Fachgebieten spezi-
alisiert war und den Beschwerdeführer nicht persönlich untersucht hat, ge-
nügen.
Hinsichtlich der Sachverhaltsprüfung ist daran zu erinnern, dass die Vor-
instanz gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz verpflichtet ist, den
C-4005/2017
Seite 16
rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen richtig und vollständig ab-
zuklären (siehe oben 4.1.1 und BGE 136 V 3.7.6 E. 4.1.1). Daran ändert
nichts, dass der Beschwerdeführer in seinen Eingaben – ausser den fach-
ärztlichen Untersuchungsberichten – wenig begründete Beurteilungen und
reine Arbeitsunfähigkeitszeugnisse seines Hausarztes einreichte, denen
nur ein geringer Beweiswert zuzuerkennen ist, und aus den Akten auch
keine (fachärztliche und oder physiotherapeutische) Behandlung ersicht-
lich ist.
6.4 Zu den medizinischen Unterlagen kann demnach Folgendes festgehal-
ten werden.
6.4.1 Der Beschwerdeführer bringt hauptsächlich vor, seine Arbeitsunfä-
higkeit ergebe sich aus gastroenterologischen Beeinträchtigungen, er kön-
ne aber nicht operiert werden. In den Akten hierzu finden sich die Untersu-
chungen vom 21. Oktober 2015 (Kolonoskopie und Gastroskopie), die ge-
mäss den beurteilenden Ärzten wie auch dem Hausarzt unauffällige Ergeb-
nisse erbrachten (IV 18.8, sowie Bericht des Pathologen IV 10.6 f.; vgl.
IV 1.3, 33.13-14, 36.2-3). Auch der Facharztbericht von Dr. L._ vom
6. Juli 2017 mit der Diagnose Syndrome de l’intestin irritable (Reizdarmsyn-
drom), der eine Behandlung bestätigt (B-act. 2.1 = 2.2, 2.4 [Rezept für Me-
dikamente]), bringt im Hinblick auf die Beurteilung des Sachverhalts keine
Klärung, zumal dieser Bericht nach dem hier zu beurteilenden Zeitraum bis
zum 8. Juni 2017 (siehe oben E. 3.2) verfasst wurde. Es wird auch nicht
angegeben, welche Operation von den behandelnden Ärzten in Betracht
gezogen werde und weshalb diese nicht möglich sei. Unklar bleibt ebenso,
wie die Leiden behandelt werden und ob diese Behandlung erfolgreich sei.
Aus den Akten ergibt sich demnach eine Diskrepanz zwischen den geklag-
ten Beschwerden und den somatisch fassbaren Gründen für die Ein-
schränkungen. Da beim Beschwerdeführer jedoch ohne Zweifel eine dau-
erhafte gastroenterologische Erkrankung bestand und weiterhin vorzulie-
gen scheint, können daraus keine abschliessenden Schlüsse zu seiner ge-
sundheitlichen Einschränkung gezogen werden.
6.4.2 Auch was die in den Akten beschriebenen Befunde in orthopädisch-
neurologischer Hinsicht betreffend den Bewegungsapparat des Beschwer-
deführers (Hals- [mit allfälliger Ausstrahlung in die oberen Extremitäten]
und Lendenwirbelsäule, beide Knie) betrifft, finden sich – abgesehen von
den zahlreich eingereichten radiologischen Untersuchungsberichten – we-
der fachärztliche Angaben zum Umfang der Beeinträchtigungen noch An-
C-4005/2017
Seite 17
gaben zu deren Behandlung (beispielsweise physiotherapeutisch, medika-
mentös etc.) und der damit einhergehenden Arbeitsfähigkeit, weshalb der
Sachverhalt sich auch diesbezüglich als ungenügend abgeklärt erweist.
6.4.3 In psychischer Hinsicht diagnostiziert der Hausarzt Dr. F._
eine reaktive Depression (ohne Angaben zu deren Schwere [IV 18.2]). Wei-
tere Angaben zur Beeinträchtigung des Beschwerdeführers in seiner Ar-
beitsfähigkeit aus psychischen Gründen können daraus nicht abgeleitet
werden, wobei zu beachten ist, dass der Hausarzt dem Beschwerdeführer
bereits aus somatischen Gründen eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % be-
scheinigt. Aus dem Bericht des Psychiaters Dr. G._ vom 25. August
2016 (IV 25.1) kann – wie der RAD an sich zutreffend feststellte – einzig
entnommen werden, dass der Beschwerdeführer ihn an dem Tag konsul-
tierte. Es wird nicht erwähnt, ob sich der Beschwerdeführer in regelmässige
fachärztliche Behandlung begibt oder durch den Hausarzt psychopharma-
kologisch behandelt wird. Aus den Tatsachen, dass der Beschwerdeführer
einen Psychiater konsultierte und der Hausarzt eine Depression diagnosti-
zierte, ergeben sich indessen massgebende Hinweise dazu, dass beim Be-
schwerdeführer neben den aus somatischer Sicht beschriebenen Be-
schwerden auch eine relevante psychische Beeinträchtigung vorliegen
könnte, weshalb die Sache sich auch in dieser Hinsicht als ungeklärt er-
weist.
6.5
6.5.1 Aus diesen Erwägungen folgt, dass der rechtserhebliche medizini-
sche Sachverhalt im vorliegenden Verfahren nicht genügend abgeklärt
wurde (vgl. Art. 43 ff. ATSG und Art. 12 VwVG), weshalb sich die angefoch-
tene Verfügung nicht als rechtmässig erweist. Sie ist deshalb aufzuheben
und die Sache ist zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. Da die geltend gemachten gesundheitlichen Einschränkungen weder
in orthopädisch-neurologischer noch in gastroenterologischer und psychi-
scher Hinsicht hinreichend abgeklärt wurden, steht einer Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen nichts entgegen (vgl.
BGE 137 V 210 E. 4.4.1, E. 4.4.1.4).
6.5.2 Die Vorinstanz hat über die ungenügende Sachverhaltsabklärung in
gesundheitlicher Hinsicht hinaus auch keine genügenden Abklärungen zur
verbleibenden Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers getätigt. Nach-
dem bereits Dr. D._ den Beschwerdeführer in schweren Tätigkeiten
als nicht mehr arbeitsfähig bezeichnet hat und in den Akten weitere Be-
C-4005/2017
Seite 18
richte liegen, wonach der Beschwerdeführer als Schreiner nicht mehr ar-
beitsfähig sei, ist nach der durchgeführten Sachverhaltsprüfung durch die
Vorinstanz weiter zu klären, welche Tätigkeiten in welchem Umfang dem
Beschwerdeführer (noch) zumutbar sind. Unter diesen Umständen fällt die
Einholung eines Gerichtsgutachtens ausser Betracht.
6.5.3 Die angefochtene Verfügung ist deshalb aufzuheben und die Sache
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Diese wird den Sachverhalt interdiszi-
plinär in gastroenterologischer, orthopädischer, neurologischer sowie psy-
chiatrischer Hinsicht mittels einer persönlichen Untersuchung des Be-
schwerdeführers in der Schweiz durch die genannten Fachärzte abzuklä-
ren haben. Dabei beachtlich ist, dass die vorhandenen gastroenterologi-
schen Untersuchungen aus dem Jahr 2015 (IV 10.6-7, 18.8) nicht mehr
dem aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers entsprechen
dürften. Die Angelegenheit erfordert eine interdisziplinäre Betrachtung, zu-
mal es beim Zusammenwirken von physischen und psychischen Beein-
trächtigungen, wie sie beim Beschwerdeführer vorzuliegen scheinen, nicht
gerechtfertigt ist, die psychischen und somatischen Befunde isoliert abzu-
klären (vgl. Urteil des BGer 8C_168/2008 vom 11. August 2008 E. 6.2.2 mit
Verweis auf 8C_189/2008 vom 4. Juli 2008, E. 5, und I 130/06 vom 9. Mai
2007, E. 8.4, je mit Hinweisen).
6.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer mit seiner
sinngemässen Beschwerde, sein IV-Leistungsanspruch sei nicht genü-
gend abgeklärt worden, durchdringt. Die angefochtene Verfügung ist dem-
nach aufzuheben und die Sache zur ergänzenden Klärung des Sachver-
halts (Einholung einer interdisziplinären Abklärung in der Schweiz in den
Disziplinen Gastroenterologie, Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie),
zur anschliessenden Prüfung der verbleibenden Erwerbsfähigkeit und zur
Festsetzung eines allfälligen Leistungsanspruchs und neuer Verfügung zu-
rückzuweisen.
7.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG
die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei. Dem bei die-
sem Ausgang des Verfahrens obsiegenden Beschwerdeführer (BGE 132
V 215 E. 6) sind demnach keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Der am
17. August 2017 geleistete Kostenvorschuss von Fr. 800.– ist ihm nach
C-4005/2017
Seite 19
Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf ein von ihm zu bezeichnendes
Konto zurückzuerstatten.
Der unterliegenden Vorinstanz werden keine Verfahrenskosten auferlegt
(Art. 63 Abs. 2 VwVG).
7.2 Dem obsiegenden, nichtanwaltlich vertretenen Beschwerdeführer steht
eine von der Vorinstanz zu entrichtende Parteientschädigung zu (vgl.
Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Unter Berücksichtigung des Verfahrensausgangs,
des gebotenen und aktenkundigen Aufwands und unter Beachtung, dass
im vorliegend zu beurteilenden Verfahren nach der Untersuchungsmaxime
zu entscheiden war, ist eine Parteientschädigung von Fr. 400.– (inkl. Aus-
lagen, ohne Mehrwertsteuer [vgl. dazu Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts C-6173/2009 vom 29. August 2011 mit Hinweis]; Art. 9 Abs. 1 in Ver-
bindung mit Art. 10 Abs. 2 VGKE) gerechtfertigt.
Die unterliegende Vorinstanz hat keinen Anspruch auf eine Parteientschä-
digung (Art. 7 Abs. 3 VGKE).
C-4005/2017
Seite 20