Decision ID: d7f14ba7-ef70-4d53-9662-b11257ff8900
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._, geboren 1957, war während zehn Jahren von Januar 1990 bis Januar 2000 für die Y._ (vormals Z._) als kaufmännische Mitarbeiterin tätig und als solche zuerst bei der damaligen
Elvia
Versicherungen und nach der Fusion bei der
Allianz Suisse
Versiche
rungs
-Gesellschaft AG
(nachfolgend: Allianz), gemäss dem Bundesge
setz über die Unfallversicherung (UVG) gegen Un
fälle, unfallähnliche
Körperschä
di-
gun
gen
und Berufskrankheiten versichert (Urk. 9/11/1, Urk. 9/11/7). Im Juni 2002 wurde die Y._ im Konkursverfahren aufgelöst (vgl. Han
delsregistereintrag des Handelsregisteramtes des Kantons Zürich, CHE-100.704.053). Anfang 2013 wurden bei der Versicherten Harn
blasen
karzinome festgestellt (Urk. 3/11 S. 1, Urk. 9/3), die am 5. Februar 2013 operativ entfernt wurden (Urk. 9/6). Am 3. Februar 2014 wurde wegen Rezidiven eine weitere Operation mit
Cystektomie
und Ersatzblase durchgeführt (Urk. 3/11 S. 1, Urk. 9/10).
Mit Schreiben vom 29. Januar 2014 hatte sich die Versicherte bei der Allianz zum Bezug von Leistungen für die Folgen einer Berufskrankheit angemeldet (Urk. 9/11/1, Urk. 9/11/7). Gestützt auf die von der Allianz bei der Suva einge
holte Stellungnahme von Dr. med. A._ (respektive hernach B._, Urk. 9/43/1 S. 2), Fachärztin für Arbeitsmedizin, von der Arbeits
medizin der Suva vom 15. April 2014 (Urk. 9/22/1) und auf die technische Expositionsbeurteilung der Suva, Abteilung Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, Bereich Chemie, vom 10. April 2014 (Urk. 9/22/2) stellte die Allianz mit Verfügung vom 26. August 2014 fest, dass das Blasenleiden der Versicherten nicht durch eine Berufskrankheit verursacht worden sei, und ver
neinte eine Leistungspflicht (Urk. 9/27). Die von der Versicherten am 26. Sep
tember 2014 (Urk. 9/31) dagegen
erhobene Einsprache wies die Allianz mit Ein
sprache-
entscheid
vom 2. Oktober 2015 ab (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 4. November 2015 Be
schwerde und beantragte, es seien die Verfügung vom 26. August 2014 und der ange
fochtene
Einspracheentscheid
vom 2. Oktober 2015 aufzuheben, ihre Bla
senerkrankung sei als Berufskrankheit anzuerkennen und die Beschwerde
gegnerin sei zu verpflichten, die gesetzlichen und allfälligen vertraglichen Leistungen zu erbringen (Urk. 1 S. 2). Die Beschwerdegegnerin schloss in der Beschwerdeantwort vom 20. Januar 2016 auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 8 S. 2). Im zweiten Schriftenwechsel hielten die Parteien an ihren Anträgen fest (Replik vom 11. Mai 2016, Urk. 15 S. 2, Duplik vom 19. Juli 2016, Urk. 22 S. 2).

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am 9. November 2016 verabschiedeten geänderten Bestim
mungen des Bundes
gesetzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verord
nung über die Unfall
versicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen,
die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt verwirklicht hat
(vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen
sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Die hier zu beurteilende K
rankheit ist vor dem 1. Januar 2017 ausge
brochen, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
2.
2.1
Gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG werden bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten Versicherungsleistungen gewährt.
2.2
2.2.1
Nach Art. 9 Abs. 1 UVG gelten a
ls Berufskrankheiten Krankheiten (Art. 3
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
), die bei der beruflichen Tätigkeit aus
schliesslich oder vorwiegend durch schädigende Stoffe oder bestimmte Arbeiten verursacht worden sind. Der Bun
desrat erstellt die Liste dieser Stoffe und Arbeiten sowie der arbeitsbedingten Erkrankungen (Art. 9 Abs. 1 UVG).
Auf der Grundlage
dieser Delegationsnorm
und gestützt auf Art. 14 UVV
hat der Bundesrat in Anhang I zur UVV eine Liste dieser Stoffe und Arbeiten sowie der arbeitsbedingten Erkrankungen aufgestellt. Beweismässig muss dargetan sein, dass die versicherte Person an ihrer Arbeitsstätte der Einwirkung eines auf der Liste angeführten Stoffes ausgesetzt war und dass diese Einwirkung aus
schliesslich oder überwiegend eine Krankheit verursacht
beziehungsweise
ver
schlim
mert hat (RKUV 1988 Nr. U 61 S. 447, U 98/87 E.
1b; Urteil
e
des Bundesgerichts 8C_429/2013 vom 6.
November 2014 E. 5.1
und
8C_420/2007 vom 29. Januar 2008 E.
4.
3).
Gemäss Rechtsprechung ist das Erfordernis eines Kausalzusammenhangs dann erfüllt, we
nn die Krankheit
im Verhältnis zu allen anderen mitbeteiligten Ursachen
zu mehr als 50 %
durch einen im Anhang I zur UVV erwähnten
schädigenden Stoff verursac
ht worden ist (BGE 133 V 421 E. 4.1, 119 V 200 E. 2b, 114 V 109 E. 3c;
Urteil
des Bundesgerichts 8C_429/2013 vom 6. Novem
ber 2014 E. 5.2
).
Dies muss mit dem im Sozialversicherungsgericht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen (
Urteil
des Bun
des
gerichts
8C_420/2007 vom 29. Januar 2008
E. 5 und E. 5.3).
2.2.2
Als Berufskrankheiten gelten laut Art. 9 Abs. 2 UVG auch andere Krankheiten, von denen nachgewiesen wird, dass sie ausschliesslich oder stark überwiegend durch berufliche Tätigkeit verursacht worden sind.
Diese Generalklausel bezweckt, allfällige Lücken zu schliessen, die dadurch ent
stehen könnten, dass die
bundesrätliche
Liste gemäss An
hang I zur UVV entweder einen schädigenden Stoff, der eine Krankheit verursachte, oder eine Krankheit nicht aufführt, die durch die Arbeit verursacht wurde (BGE 119 V 200 E. 2b mit Hinweis). Nach der Rechtsprechung ist die Voraussetzung des „aus
schliesslichen oder stark überwiegenden" Zusammenhangs gemäss Art. 9 Abs. 2 UVG erfüllt, wenn die Berufskrankheit (
im Verhältnis zu allen anderen mitbeteiligten Ursachen
) mindestens zu 75 % durch die berufliche Tätigkeit verur
sacht worden ist (BGE 126 V 183 E. 2b, 119 V 200 E. 2b, 114 V 109 E. 3c; RKUV 2000 Nr. U 408 S. 407).
2.2.3
Für den Beweis im Einzelfall
spielt es nach der Rechtsprechung zu Art. 9 UVG
eine entscheidende Rolle, ob und inwie
weit die Medizin, je nach ihrem Wissensstand in der fraglichen Disziplin, über die Genese einer Krankheit im Allgemeinen Auskunft zu geben oder (noch) nicht zu geben ver
mag.
Und zwar ist der (positive
) Beweis auf qualifizierte Ursächlichkeit im Einzel
fall
recht
sprechungsgemäss dann ausgeschlossen, wenn
aufgrund medizinischer For
schungsergebnisse ein Erfah
rungs
wert dafür besteht, dass eine berufsbe
dingte Entstehung eines be
stimmten Leidens von seiner Natur her nicht nachgewiesen werden kann. Sind dage
gen die allgemeinen
medizinischen Erkenntnisse mit dem gesetzlichen Erfor
dernis einer quali
fizierten Verursachung des Leidens durch eine berufliche Tätigkeit vereinbar, besteht Raum für nähere Abklärungen zwecks Nachweises des qualifizierten Kausalzusammenhangs im Einzelfall (BGE 126 V 183 E. 4c
;
Urteil
des Bundes
gerichts 8C_429/2013 vom 6. November 2014 E. 5.2
).
Erst im Rahmen einer solchen Kausalitätsbeurteilung im Einzelfall werden die früheren und aktuellen Arbeitsbedingungen sowie die individuellen Faktoren der Person berücksichtigt. Dabei wird das relative Risiko im Rahmen der Dosis-Wirkungs-Beziehung für die im Einzelfall bestehenden Expositionen für die Beurteilung herangezogen (
vgl. Factsheet Berufs
krankheiten, Abteilung Arbeitsmedizin
der Suva, Version März 2013, S.
2 [abrufbar unter www.suv
a.ch/arbeitsmedizin-factsheets]
).
Für die Wahrscheinlichkeitsbeurteilung aufgrund epidemiologischer Unter
suchungsergebnisse
dagegen
ist massgebend, inwieweit das Erkrankungsrisiko aufgrund der Exposition gegenüber bestimmten schädigenden Stoffen
(respek
tive auf
grund der konkreten beruflichen Tätigkeit)
erhöht ist. Dabei ist auf das sog. relative Risiko abzustellen, d.h. auf das Verhältnis der Erkrankungswahr
scheinlichkeit zwischen exponierten und nicht exponierten Personen innerhalb einer bestimmten Bevölkerung und Zeiteinheit
(Urteil des Bundesgerichts U 293/99 vom 11. Mai 2000 E. 4b)
.
D
er Nachweis eines qualifizierten Kausalzusammenhanges (
Anteil
von
min
destens 75 %)
im Sinne von Art. 9 Abs. 2 UVG kann
allgemein beispiels
weise
dann
nach der medizinischen Empirie
nicht geleistet werden, wenn
wegen der weiten Verbreitung einer Krankheit in der Gesamtbevölkerung
es ausge
schlos
sen ist, dass die
eine bestimmte versicherte Berufstätigkeit ausübende Person zumindest
vier Mal häufiger
von einem Leiden betroffen ist als die Bevölkerung im Durchschnitt
(
BGE 126 V 183 E. 4c
). Die Anerkennung im Einzelfall scheidet in einem solchen Fall aus.
Dies gilt
auch für die in Art. 9 Abs. 1 UVG gere
gelten Fälle, wobei
diesfalls
das
relative Risiko mehr
als zwei
betragen
muss (Urteil des Bundesgerichts U 26/07
vom 28. Januar 2008
E
. 4.2 mit Hin
weisen, BGE 126 V 183 E. 4c), da nur so nach der massgeblichen Formel „relatives Risiko - 1 / relatives Risiko = ätiologischer Anteil“ die gesetzlich geforderte ätiologische Fraktion von mehr als 50 % (vorwiegende Verursachung) erreicht wird (2 - 1 : 2 = 0,5 oder 50 %; vgl. Urteil des Bundesgerichts U 293/99 vom 11. Mai 2000 E. 4b; vgl. auch Factsheet Berufs
krankheiten,
a.a.O
, S. 2).
2.3
2.3.1
Für den
so qualifizierten
Kausalzusammenhang
trägt
die versicherte Person
die Beweislast, wenn ein solcher Zusammenhang trotz pflicht
gemässer Abklärung des Sachverhalts
(Art. 43 Abs. 1 ATSG)
nicht bewiesen werden kann (vgl. RKUV 1988 Nr. U 61 S. 450 f. E. 1b mit Hinweisen;
Urteil des Bundes
gerichts U 557/06 vom 4. Oktober 2007 E. 2
).
Es gilt der Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (
BGE 126 V 353 E. 5b
mit Hinweisen; vgl. BGE 130 III 321 E. 3.2 und 3.3; vgl. auch
Urteil
des Bun
des
gerichts
8C_420/2007 vom
29. Januar 2008
E. 5 und E. 5.3)
I
m Sozialversicherungsprozess tragen die Parteien
aufgrund des herrschenden Untersuchungsgrundsatzes (Art. 61
lit
. c ATSG; vgl. BGE 138 V 218 E. 6)
in der Regel eine Beweis
last nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Ent
scheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen ge
bliebenen Sach
verhalt Rechte ableiten wollte
(
BGE 138 V 218 E. 6 mit Hin
weisen,
117 V 261 E. 3b).
2.3.2
Eine Umkehr der Beweislast tritt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nur
ausnahmsweise dann ein, wenn eine Partei einen Beweis aus Gründen nicht erbringen kann, welche nicht von ihr, sondern von der Behörde zu verant
worten sind (
BGE
92 I 253 E. 3
, 138 V 218 E. 8.1.1 mit Hinweisen).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin stellte sich im angefochtenen
Einspracheentscheid
(Urk. 2) gestützt auf die Stellungnahmen der Suva vom 10. und 15. April 2014 (Urk. 9/22/1-2) sowie vom 17. September 2015 (Urk. 9/43/1-2) auf den Standpunkt, aufgrund der technischen und medizinischen Abklärungen sei eine vorwiegend berufliche Ursache für die Blasenkrebserkrankung unwahr
schein
lich, weshalb davon ausgehen sei, dass es sich dabei um keine Berufs
krankheit gemäss Art. 9 UVG handle. Und zwar könne mit überwiegender Wahrschein
lichkeit ausgeschlossen werden, dass die Beschwerde
führerin bei ihrer Tätigkeit als kaufmännische Leiterin im Druckereibetrieb der
Y._
von Januar 1990 bis Juli 2000 schädigenden blasenkrebs
fördernden Stoffen aus
gesetzt gewesen sei. Insbesondere seien aufgrund des im Siebdruckverfahren verwendeten Farbsystems eine Exposition mit dem Listenstoff aromatischer Aminen nach An
hang I zu Art. 9 Abs. 1 UVG nicht anzu
nehmen. Auch eine krebserzeugende Wirkung von Binde- und Lösungs
mitteln sowie weiterer behaupteter Stoffe respektive deren Verwendung im Druckereibetrieb ab 1990 sei nicht wahr
scheinlich. Würde von der Verwendung krebserzeugender Substanzen im ehemaligen Betrieb ausgegangen, wäre zudem der qualifizierte Kausalitäts
nachweis zu erbringen, dass die Blasenkrebserkrankung durch die berufliche Tätigkeit während den Jahren 1990 bis 2000 bedingt sei. Die Beschwerde
führerin sei aber für die Büroarbeiten zuständig gewesen und habe in der Produktion oder der Auslieferung geholfen. Ab September 1994 habe sie zudem infolge Rückenbeschwerden bei einem Invaliditätsgrad von 50 % bis im Jahr 2000 eine halbe Rente der Invaliden
ver
sicherung bezogen. Dabei könne offen bleiben, ob sie dennoch tatsächlich mit Farbe und Lösungsmitteln in Berührung gekommen sei. Denn Blasenkrebs sei eine vergleichsweise häufige Diagnose, welche nur in seltenen Fällen eine plausible berufliche Ursache kenne. Die meisten Blasenkarzinome seien unklarer Ätiologie und es sei höch
stens eine mögliche, aber nicht überwiegend wahr
scheinliche Ver
ursachung der Blasen
krebser
kran
k
ung durch Lösungsmittel anzu
nehmen. Die Beweislast liege bei der Beschwerdeführerin und es sei ihr der Beweis nicht gelungen, dass im ehe
maligen Betrieb krebsauslösende Stoffe verwendet worden seien. Von weiteren gutachterlichen Abklärungen seien keine neuen Erkennt
nisse zu erwarten, zumal aufgrund der
Geschäftsaufgabe der
Y._
nicht mehr eruiert werden könne, welche Stoffe tatsächlich verwendet worden seien und inwiefern die Beschwerdeführerin mit diesen im Rahmen ihrer Bürotätigkeit in Berührung gekommen sei (Urk. 2 S. 4 ff.).
3.2
Die Beschwerdeführerin wendet dagegen ein (Urk. 1 S. 4 ff., Urk. 15 S. 3 ff.), es treffe nicht zu, dass sie als administrative Leiterin keiner spezifischen Mittel
exposition ausge
setzt gewesen sei. Denn alle (inzwischen abgerissenen) Ge
schäfts
räumlichkeiten hätten sich innerhalb einer Fläche von rund 200 m
2
im Erdgeschoss befunden, das mit Ausnahme eines kleinen Werkbüros von zirka 12 m
2
, das provisorisch mittels dünner Gipsplatten auf drei Seiten gebaut worden sei, nicht unterteilt gewesen sei. Die Schiebetüre zu diesem
Werkbüro
, in dem sie über 10 Jahre tätig gewesen sei, sei in der Regel offen gehalten worden und sei auch als Trocken-Ecke für frisch bedruckte Kleinteile oder zur Stapelung von bedruckten T-Shirts benutzt worden. Zusätzlich habe es eine Dunkelkammer gegeben, wo die Siebdruckfilme hergestellt worden seien und wo ebenfalls gesundheitsschädliche Chemi
kalien in grossen Mengen zum Einsatz gekommen seien, die trotz Abluftkanal immer auch in der Luft gewesen seien. Da es sich um einen Familienbetrieb gehandelt habe, habe sie auch bei der Produktion mitgeholfen, wenn Engpässe bestanden hätten. Insbesondere habe sie oft aus
geholfen, Plakate oder T-Shirts, Blachen, Tafeln aus Polystyrol etc. zum Trock
nen auf den Trocknungswagen auszulegen. Auch habe sie oft direkt an den Druck
maschinen mit den Druckern Aufträge und Korrekturen vor Ort be
sprechen müssen. Es habe keine separate Lüftung/Abtrennung als Schutz vor den Farb- und Lösungsmitteldämpfen gegeben. Im Gegensatz zu den Druckern habe sie zu keiner Zeit einen Mundschutz oder Schutzhandschuhe getragen, weshalb sie im Ver
gleich mit diesen in erhebliche
rem Masse exponiert gewesen sei. Es habe im Betrieb immer „zum Himmel gestunken“, was auch
ein guter Kunde, der Arzt sei und die Luft als „sicher ungesund“ bezeichnet habe, be
zeugen könne.
Ferner habe sie schon vor ihrer Festanstellung (ab Januar 1990), und zwar schon in den Jugendjahren, immer wieder an Randstunden und an den Wochenenden bei der Produktion und in der Admini
stration mitgeholfen. Ihre Exposition gegenüber verschiedensten Gefahren
stoffen habe somit mehr als
10 Jahre gedauert. Sie habe zunehmend auch an diffusen Beschwerden gelitten. Bereits mit 25 Jahren habe sie an akzentuierten Rückenschmerzen mit nächt
lichem Aufwachen gelitten. Später seien auch Probleme mit den Ohren, Druck und Schwellungsgefühl sowie Unsicherheit beim Gehen mit diversen Stürzen aufgetreten. Vom 6. September 1999 bis 2. Oktober 2013 sei sie regelmässig bei ihrer damaligen Hausärztin wegen Kopf
schmerzen, starkem Schwindel mit Übelkeit und Bronchialasthma in Behand
lung gestanden. Sie habe somit an eigentlichen Vergiftungssymptomen gelitten, auch wenn dies damals noch nicht erkannt worden sei. Nach Aufgabe ihrer Tätigkeit im Familienbetrieb hätten sich diese Beschwerden, insbesondere das Bronchial
asthma stark zurückgebildet.
Im Siebdruck betrage der Farbauftrag das Mehrfache gegenüber anderen Druckverfahren. Zum Einsatz gekommen seien im Betrieb zum Beispiel PVC- und
Poly
styrolfarben
, Farben für Mattdruck, Seidenglanz, und Glanzdruck,
2-Kom
ponentenfarben, Textil- und Spezialfarben. Es seien nicht nur Plakate, Kleber und Schilder bedruckt worden, sondern auch Textilien. Bei diesem Druck
verfahren seien andere Farben verwendet worden. Der Fokus liege indes nicht so sehr auf den Farben mit aromatischen Aminen als klar kanzerogenen Stoffen, sondern vor allem auch auf den fässerweise - rund vier Fässer pro
Jahr - verwendeten Lösungsmitteln. Eine Offsetdruckerei benötige im Vergleich höchstens einige Literdosen pro Jahr. Es seien Verdünner,
Verzögerer
und Beschleuniger und zwar vor allem Nitroverdünner, Keton, Aceton und des
öfteren
auch
Cyclahexanon
oder Spezial
reiniger der Farbenlieferanten benutzt worden. Nitroverdünner, wie sie im betreffenden Druckereibetrieb in sehr grossen Mengen verwendet worden seien, würden Gemische aus verschie
densten Lösungsmitteln darstellen. Dies führe zu komplexen und schwierig zu beurteilenden Vergiftungsbildern. Lösungsmittel, und insbesondere Nitrover
dünner würden die folgenden gefährlichen Stoffe gemäss dem Listenanhang 1 zu Art. 9 Abs. 1 UVG enthalten: Aceton, Benzol, N-Hexan, Styrol, Toluol,
Trich
lorethylen
und Xylol. Für diese Stoffe hätten maximale Arbeitsplatz
konzen
trationen bestanden. Insbesondere Toluol, Aceton, Benzol und
Naphthastoffe
(Erdöl) seien alle Blasenkanzerogen. Früher sei Toluol auch in Siebdruckfarben als Lösungsmittel beigefügt worden.
Die Beschwerdegegnerin berufe sich gestützt auf die Stellungnahmen der Arbeitsmedizinerin und des internen Chemikers der Suva vor allem auf den BK-Report 2011 (Aromatische Amine, Eine Arbeitshilfe in Berufskrank
heiten-Feststellungsverfahren – Report der Unfallversicherungsträger und des IFA –; herausgegeben von der DGUV), wonach die Siebdruckerei nicht zu den gefah
ren
stoffexponierten Betrieben gehöre. Es sei jedoch immer vorab die indivi
duelle Exposition abzuklären. Es treffe nicht zu, dass es im Siebdruck keine Berufskrankheiten geben könne. Insbesondere seien gemäss dem BK-Report,
S. 74 f., auch im Siebdruck
azofarb
stoffhaltige
Farben verwendet worden, wobei etwa 4-Chlor-o-tolouidin bei Pigmenten zum Einsatz gekommen seien.
Einen gesicherten Einfluss auf die Erkrankung an Harnblasenkarzinomen
hätten gemäss aktuellem Wissens
stand insbesondere 2-Naphtylamin (s-
Nap
htylamin
), 4-Aminodiphenyl,
Ben
zidin
und 4-Chlor-o-toluidin (4-Chlor-2-methylanilin). In Tierexperimenten hätten sich 19 weitere aromatische Amine als krebs
erregend gezeigt. Aus löslichen Azofarbstoffen könnten durch Stoffwechsel
vorgänge wieder
aroma
tische Amine freigesetzt werden. Zu beacht
en sei auch, dass primäre aroma
tische Amine, welche für di
e Her
stellung bestimmter Pigmente verwendet würden, als Verunreinigungen in Druckfarben vorhanden sein könnten.
Die Beschäftigten im Druckerei
gewerbe, und auch im Siebdruck, seien zum Teil noch immer gegenüber einer Vielzahl kanzerogener Substanzen wie Blei, orga
nische und anorganische Pigmente, Papierstaub, poly
zyklische aromatische Kohlen
wasserstoffe,
Acryl
ante
, Lösungsmittel und Asbest exponiert. Im Sieb
druck würden nebst Farb
stoffen auch anorganische und organische Pig
mente eingesetzt. Die Rasterfarben für den Vierfarbendruck und Lasurfarben würden meist organische Pigmente beinhalten. Die im Siebdruck verwendeten Lösungs
mittelgemische würden durch Einatmen und Aufnahme über die Haut in den menschlichen Körper gelangen, was auch über kontaminierte Kleidung oder über die Gas- und Dampfphase eines Lösungsmittels geschehen könne; letzteres bei 2-Metho
xyethanol, 2-Ethoxyethanol, polyzyklische aromatische Kohlen
wasserstoff
verbindungen, DMF, Schwefelkohlenstoff oder N-
Methylpyrrolidon
. Ausserdem seien einige Lösungsmittel in der Grenzwertliste der Suva in der Kategorien C1 bis C3 eingestuft worden, so Benzol (C1),
Trichlorethen
und Chloroform (C2) sowie Dichlormethan und
Tetra
chlorethen
(C3).
Da der Familien
betrieb Y._ nicht mehr existiere, befinde sie sich in einem eigentlichen Beweis
notstand. Zur Klärung der Stoffexposition und der Druck
verfahren müsse eine schriftliche Auskunft bei den Hauptlieferanten, nämlich bei der C._ und bei der D._ sowie bei den vormaligen Betriebsinhabern (vor Mai 1997 der Vater und ab Mai 1997 der Bruder der Beschwerdeführerin) eingeholt werden. Ausserdem sei die Frage der Exposition der Stoffe mittels Fachgutachten zu klären. Solche Abklärungen hätten von der Beschwerdegegnerin schon längst gemacht werden müssen. Im Falle einer ergebnislosen Abklärung sei zu beachten, dass der betreffende Familienbetrieb unter die
gefährlichen Betriebe nach UVV falle, was eine zwingende Suva-Unterstellung bedeutet hätte. Wie sich aus Art. 92, 87 f. UVG und Art. 66 f., 70-89, 92-100 der
Verordnung über die Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten
(VUV) ergebe, würden der obligatorischen Un
fall
versicherung als Durchführungsorgan des Arbeitnehmerschutzes eigent
liche Abklärungs- und Kontrollpflichten obliegen. Die Suva respektive die
Be
schwerdegegnerin hätten nach Art. 84 UVG und Art. 60-69 VUV den Betrieb periodisch überprüfen müssen und es hätten Schadstoffmessungen zur Ermitt
lung der MAK-Werte (Maximale-Arbeitsplatz-Konzentrations-Werte) durchge
führt werden müssen, da Siebdruckbetriebe zu jener Zeit gefährliche Stoffe und Erzeugnisse verwendet hätten. Darüber hätten Berichte erstellt werden müssen. Die Suva als delegierte Durchführungsanstalt der Beschwerdegegnerin habe den Betrieb gemäss Aussage des früheren Betriebsinhabers nie besucht. Da dies ver
säumt worden sei, liege eine Verletzung zwingender Arbeitnehmerschutzpflich
ten durch die Beschwerdegegnerin vor und sie sei dafür verantwortlich, dass Beweise zu den verwendeten Stoffen und Schadstoffexpositionen fehlen wür
den. Es treffe sie eine gesetzliche Garantenpflicht. Es sei daher von einer Be
weislastumkehr wegen Verletzung der Beweissicherungspflichten auszugehen. Es sei überwiegend wahrscheinlich respektive es müsse von ihr nicht bewiesen werden, dass sie kanzerogenen Stoffen mit einem Expositionsrisiko bei Arbeiten im Siebdruck von mehr als 50 % ausgesetzt gewesen sei, sondern dies sei von der Beschwerdegegnerin zu widerlegen. Sie sei darauf zu behaften, dass sie keine weiteren Expertisen zur Klärung wolle.
Im Übrigen würden alle behandelnden Urologen die Ansicht vertreten, dass die berufliche Exposition der Beschwerdeführerin höchstwahrscheinlich Hauptur
sache für die Blasenkrebserkrankung sei. Zudem könne der medizinische Risiko
faktor von chronischen Blasenentzündungen ausgeschlossen werden, sie rauche
nicht und sei keine Alkoholikerin. Auch liege das durchschnittliche Erkran
kungsalter normalerweise über 70 Jahren. Dass sie somit jung erkrankt sei, sei ein Indiz für eine expositionsbedingte Erkrankung. Sodann betrage die mini
male Expositionszeit fünf Jahre, was ebenfalls erfüllt sei (Urk. 1 S. 4 ff., Urk. 15 S. 3 ff.).
3.3
Streitig und zu prüfen ist, ob
die Beschwerdeführerin für die bei ihr Anfang 2013
festgestellte
Harnblasenkrebserkrankung
(Urk. 3/11, Urk. 9/3-6), welche zweifellos den Krankheitsbegriff nach Art. 3 ATSG erfüllt,
unter dem Titel Berufs
krankheit
nach Art. 9 Abs. 1 oder Abs. 2 UVG Leistungen der
obliga
torischen Unfall
versicherung beanspruchen kann.
4.
4.1
Die Annahme einer Berufskrankheit im Sinne einer arbeitsbedingten Erkran
kung
nach Art. 9 Abs. 1 UVG („durch bestimmte Arbeiten verursacht“)
ist
ohne Weiteres
auszuschliessen, weil die gesundheitlichen Beeinträchtigungen
auf
grund der Harnblasenkrebserkrankung
ein
deutig nicht durch eine in der Dop
pelliste von Ziff. 2 des Anhangs I zur UVV erwähnten Arbeit verursacht worden sind.
Daher kommt
die
für die Listenkrankheiten und -a
rbeiten be
stehende natürliche Vermutung für ein
e Berufskrankheit (BGE 126 V 183
E.
4a) vor
liegend nicht zum Tragen
.
Eine Berufskrankheit ist hier daher nur anzunehmen, wenn deren aus
schliess
liche oder vorwiegende Verursachung durch einen Listenstoff (Art. 9 Abs. 1 UVG und Ziff. 1 des Anhangs I zur UVV) nachgewiesen ist, oder aber die Voraussetzung des ausschliesslich oder stark überwiegenden Zusammenhangs gemäss Art. 9 Abs. 2 UVG vorliegt.
Dabei ist eine allfällige
Anerkennung anderer Krankheitsbilder im Rahmen der Generalklausel nach Art. 9 Abs. 2 UVG gegenüber
Art. 9 Abs. 1 UVG
subsidiär
(BGE 126 V 183 E. 4b)
.
4.2
Vor der
Beweisprüfung der qualifizierten Kausalität im Einzelfall gilt es
recht
sprechungs
gemäss
(BGE 126 V 183 E. 4c; Urteil des Bundesgerichts 8C_429/2013 vom 6.
November
2014 E. 5.2)
zunächst zu
klären
, ob
nach
medizinische
n
For
schungs
ergebnisse
n
Erfahrungswerte
bestehen, die
für eine berufsbedingte Ent
stehung einer Harn
blasen
krebserkrankung
im Sinne einer qualifizierten Ver
ursachung sprechen.
Sofern der Nachweis eines qualifizierten Kausalzusammenhanges nach der medizinischen Empirie allgemein nicht geleistet werden kann, scheidet die Anerkennung im Einzelfall aus.
Soweit die Beschwerdeführerin (Urk. 15 S. 21) - und ferner auch der be
handelnde Urologe Dr. E._ (Bericht vom 23. 11 2015, Urk. 16/4 S. 5) - das Erfordernis von mehr als 50 % nach Art. 9 Abs. 1 UVG auf das
Beweismass
beziehen, ist festzuhalten, dass dies keine gesetzliche
Beweismassregel
darstellt. Vielmehr muss auch diese gesetzliche Voraus
setzung (ebenso wie jene von mindestens 75 % nach Art. 9 Abs. 2 UVG) mit dem im Sozial
ver
sicherungsrecht üblichen
Beweismass
der über
wiegenden Wahr
scheinlichkeit (
BGE 126 V 353 E. 5b mit Hinweisen; vgl. BGE 130 III 321 E. 3.2 und 3.3)
bewiesen sein (vgl.
Urteil
e
des Bun
des
gerichts
8C_420/2007 vom 29. Januar 2008
E. 5 und E. 5.3 sowie
8C_465/2011
vom 7. September 2011
E. 7.2).
Mithin muss überwiegend wahrscheinlich
sein, dass der Harnblasenkrebs der
Be
schwerde
führerin
vor
wiegend, das
heisst
im Verhältnis zu allen anderen mit
beteiligten Ursachen zu mehr als 50 %, durch einen Listenstoff nach Ziff. 1 Anhang 1 zur UVV oder (subsidiär) überwiegend (
≥
75 %) durch die berufliche Tätigkeit verursacht wurde.
Entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführerin
ist dabei nicht in jedem Fall vorab die individuelle Exposition abzuklären (Urk. 1 S. 8), sondern
massgeblich
ist vor
erst, wie ausgeführt, ob der bestimmte Stoff (Art. 9 Abs. 1 UVG in Ver
bindung Ziff. 1 Anhang I zu UVV) respektive die berufliche Tätigkeit (Art. 9 Abs. 2 UVG) aufgrund des relativen Erkrankungsrisikos nach
allgemeiner wissen
schaftlicher Erkenntnis überhaupt für eine vorwiegende (> 50 %) respektive überwiegende (
≥
75 %) Verursachung in Frage kommt (vgl.
E.
5
f.
nachfolgend). In Bezug auf Art. 9 Abs. 1 UVG muss dazu das relative Erkran
kungsrisiko (im Verhältnis zu nicht exponierten Personen) mehr als 2 und hinsichtlich Art. 9 Abs. 2 UVG muss das relative Erkrankungsrisiko (im Ver
hältnis zu nicht in den betreffenden Berufen tätige Personen) mindestens 4 betragen (vgl. E. 2.3.1, 2.2.3 hiervor).
4.3
Zur Diskussion stehen körperschädigende Stoffe aus Farben und Lösungs
mit
teln, welche in einem Druckereibetrieb wie jenem der Z._
respektive
Y._ verwendet wurden, wobei hier überhaupt nur solche beacht
lich sind, welche nach gesicherten wissenschaftlichen Erfah
rungs
werten und Erkenntnissen Harnblasenkrebs beim Menschen (mit-)verur
sachen können.
Massgeblich
dabei ist der Zeitraum von Januar 1990 bis Januar 2000, in welchem die
Beschwerdeführerin
unstrittig
als kauf
männische Mitarbeiterin
für die
Z._
respektive (ab Dezember 1997)
Y._
tätig war
(Urk. 1 S. 3, Urk. 9/11/1)
. Eine, wie von der
Beschwerdeführerin
geltend gemachte berufliche Tätigkeit und Stoffexposition vor 1990 (Urk. 15 S. 3) ist für die Frage der Kausalität nicht beachtlich, da für Tätigkeiten vor diesem Zeitpunkt (vom 1. Oktober 1974 bis 31. August 1977 als kaufmännische Angestellte und vom 1. August 19981 bis 1. Mai 1982 als Aushilfe; Urk. 16/1-2) keine Versicherung bei der
Beschwerdegegnerin
bestanden hatte (Urk. 22 S. 2 f.).
5.
5.1
Als potentiell schädigende Stoffe
fallen
grundsätzlich aromatische Amine
in Betracht, welche in der Liste von
Ziff. 1 des Anhangs I zur UVV
derzeit noch unter dem Begriff „
Arylamine
“ aufgeführt sind (vgl. zur voraussichtlich auf April 2018 in Kraft tretenden
Änderung der Be
griffe: Erläuternder Bericht des Bundesamtes für Gesundheit [BAG] zur „Änderung der UVV, Anpassung von Anhang 1 [Liste der Berufskrankheiten]“, vom Mai 2017, S. 4;
www.admin.ch
/ch/d/gg/pc/documents/2889/UVV-Berufskrankheiten_Erl.-Bericht_de.pdf
).
5.2
5.2.1
Dazu ist dem Factsheet „Aromatische Amine und Blasenkrebs“ der Suva, Ab
teilung Arbeitsmedizin, zu entnehmen, es sei wissenschaftlich anerkannt, dass die Expo
sition gegenüber aromatischen Aminen Harnblasenkrebs auslösen könne, wobei arbeits
medizinisch auch polyzyklische aromatische Kohlen
wasser
stoffe (PAH oder PAK), seltener Derivate fossiler Öle oder Arsen, bedeutsam seien. Die Erkrankungsinzidenz steige ab dem vierten Lebensjahrzehnt deutlich an und erreiche zwischen 70 und 75 Jahren ein Maxi
mum. Aromatische Amine würden unter anderem die Ausgangssubstanzen zur Erzeugung von Azofarb
stoffen bilden. Gewisse Azofarb
stoffe könnten durch chemische, enzymatische oder bakterielle Spaltung der Azogruppe abgebaut werden, weshalb diese Azo
farbstoffe als krebser
zeugend gelten würden. Deren Gebrauch sei heute je nach Anwendungsgebiet in vielen Ländern eingeschränkt oder verboten. Die Latenz
zeit zwischen Exposition und Auftreten der Erkrankung könne Jahrzehnte dauern, so in den anerkannten Fällen ca. 20 Jahre. Aromatische Amine würden vorwiegend durch die Haut und durch Inhalation von Dämpfen sowie Staub auf
genommen. Als gesicherte humane Karzinogene würden
2-Naphthylamin,
Benzidin
, 4-Amino-Diphenyl (synonym
4-Aminobiphenyl) und das 4-Chlor
-
ortho-
Toluidin (4-COT; synonym 2-Amino-5-Chlortoluol,
5-CAT)
gelten.
Sie
seien
in der Schweizer
Grenzwert
liste in die krebserzeugende Kategorie C1 eingestuft
(S. 1 ff.)
.
Diese Stoffe würden heute nicht mehr eingesetzt (S. 7).
Gegen
über aromatischen
Aminen
seien
Beschäftigte der Farb- und Gummi
industrie, Maler, Lackierer, Coiffeure,
Arbeitnehmende in der Leder- und
Textil
färbung oder Angestellte in der Teer-, Pech
und
Bitumenproduktion exponiert. Die krebserzeugenden aro
matischen Amine
seien
bei vielen
Anwen
dungen schon lange ersetzt worden
(S. 5).
Die aktuelle epidemiologische Studienlage erlaube es aktuell nicht, bei den aromatischen Aminen belastbare Dosis-Risiko-Beziehungen zur Berechnung der ätiologischen Fraktion herzuleiten (S. 9). Bei Malern sei nach einer Genfer Studie der 70er und 80er Jahre bezüglich einer Exposition in den 40er bis 60er Jahren ein um 70 % erhöhtes Harnblasenkrebsrisiko festgestellt worden.
Eine Studie
aus dem Jahr
2010
sei dagegen nurmehr
zum Schluss
gekommen
, dass das relative Risiko bei Malern, an Blasenkrebs zu erkranken,
1.4 (<10 Jahre Exposition)
beziehungsweise
1.8 (>10 Jahre Exposition)
betrage
[14], und ein WHO
-
Bericht
aus dem Jahre 2007
habe
von einer 20-25
% erhöhten Wahr
scheinlichkeit des Auftretens
von Blasenkrebs bei Malern
berichtet.
Coiffeure
hätten
gemäss
einer 2010 erschienen
en
Metaanalyse ein um den Faktor 1.3 leicht
erhöhtes Blasenkrebsrisiko
gezeigt
.
Sofern
mit Azofarbstoffen enthalten
den Haarfärbemitteln mehr
als 10 Jahre gearbeitet worden sei, habe
das relative Risiko 1.7
betragen
. Ein erhöhtes
Harnblasenkrebsrisiko
sei
bei
Coiffeusen
/Coif
feuren anzunehmen, welche früher, d.h. bis in
die 60er und zum Teil 70er Jahre, Haarfärbemittel mit aromatischen Aminen ohne Schutzhandschuhe
aufgetragen
hätten
. Bei der Verwendung der heutigen Haarfärbemittel
sei
nicht
mehr von einem erhöhten Blasenkrebsrisiko für
Coiffeusen
/Coiffeure auszugehen (S. 5).
Harnblasenkrebs stelle einen der häufig
sten Krebserkrankungen dar und die Ätiologie eines Blasentumors bleibe in 80 % der Fälle unbekannt. Die häufigste bekannte Ursache, mithin von den restlichen 20 % der Fälle, sei das Rauchen, da der Teer aromatische Amine und PAK enthalte. Seltenere Ursachen seien chronische Harnwegsinfekte und Bilharziose (=
Schistosomiasis
, eine
pa
rasitäre Infektionskrankheit) sowie famil
iär gehäufte Blasenkrebserkrankungen (S. 1 f.).
5.2.2
Nichts anderes ergibt sich
auch
aus den nachfolgenden wissenschaftlichen Berichten.
Aus dem BK-Report
„Aromatische Amine, E
ine Arbeitshilfe in Berufskrank
heiten-Feststellungsverfahren – Report der Unfallversicherungsträger und des IFA –
„
3. aktualisierte Auflage des BK-Reports 1/2009, Juni 2014,
heraus
gegeben von der Deutschen Gesetz
lichen Unfallversicherung, DGUV (abrufbar unter www. publikationen.dguv.de; nachfolgend: BK-Report 2014), auf welche sich auch die von der
Beschwerdegegnerin
eingeholten Stellungnahmen der Suva beziehen (Urk. 9/22/1-2, Urk. 9/43/1-2), geht hervor,
nicht j
edes Pigment, das in Dru
ckfarben
, so insbe
sondere auch im Siebdruckverfahren,
verwendet werde, sei ein
Azopigment
und nicht jedes
Azopigment
werde auf der Basis krebser
zeugender aromatischer Amine herge
stellt.
Azopigmente
seien aufgru
nd ihrer Unlöslichkeit weder hautgängig noch sei eine Zersetzung in freie aroma
tische Amine auf der Ha
ut
zu erwarten.
Insgesamt schloss der Bericht darauf, dass Drucker und Druckerhelfer beim Umgang mit Farben, die organische Bunt
pigmente enthalten, nach dem heutigen Stand der Kenntnisse sowohl heute als auch in der Vergangenheit nicht gegenüber krebserzeugenden aroma
tischen Aminen exponiert gewesen seien. Dies treffe auf die weit überwiegende Anzahl von Druckverfahren und insbesondere auf den Buch-, Offset-, Sieb- und Illu
strations
tiefdruck zu, da stets pigmentierte Farbsysteme Verwendung gefunden hätten. Lediglich bei der historischen Verwendung von Farbstoff
systemen - was, wie sich aus dem Zusammenhang des Berichtes ergibt, jedenfalls die Zeit vor 1990 betrifft - sei eine Einzelfallprüfung zur Ermittlung der individuellen Gegebenheiten unerlässlich (S. 122).
Die Autoren Klaus
Golka
, Peter Jürgen
Goebell
und Albert Wolfgang
Rettenmeier
sodann hielten in ihrem Bericht
Ätiologie und Prävention des Harnblasenkarzinoms, in: Deutsches Ärzteblatt 2007/1
04,
S. A719-A723
, fest, dass Zigarettenrauchen der mit
Abs
tand wichtigste Risikofaktor sei, und dass die berufliche Exposition, vor allem gegenüber krebserzeugenden aromatischen Aminen sowie bestimmten Azo
farbstoffen, ein zweiter wichtiger Risikofaktor sei. Gefährdet seien vor allem Beschäftigte bei der Herstellung dieser Stoffe
und - wenn auch deutlich geringer - Personengruppen, die diese Stoffe verarbeiteten.
Benzidin
, welches vor allem zur Herstellung zahlreicher Azofarbstoffe benötigt worden sei, sei aufgrund der früheren Produktions
mengen am bedeutsamsten. Von erheblicher praktischer Bedeutung sei, dass krebserzeugende aromatische Amine, die als Kupplungs
komponente bei der Farbstoffherstellung verwendet worden seien, aus löslichen, das
heisst
bioverfügbaren Farbstoffen im menschlichen Organismus wieder frei
gesetzt werden könnten, wohingegen nicht lösliche Azofarbstoffe (Pigmente) kein Erkrankungsrisiko darstellten. Berufe mit erheblicher dermaler und/oder inhalativer Exposition gegenüber krebserzeugenden Azofarbstoffen, wie zum Beispiel Färber in der Textil- und Lederindustrie, wiesen ein erhöhtes Harn
blasenkarzinomrisiko auf. In allen vier bislang in Deutschland durchgeführten Fall-Kontroll-Studien sei ein erhöhtes Erkrankungsrisiko auch für Maler und Lackierer beobachtet worden. Eine Gefährdung habe meist jedoch nur bei Expositionen vor
1
9
6
0 bestanden. Als weitere Branchen, bei denen ein deutlich erhöhtes Risiko für Harnblasenkrebs durch aromatische Amine und Azofarb
stoffe bestehe, nannten die Autoren die Gummiindustrie, Kokereien und Berufe mit massiver Exposition gegenüber Verbrennungsprodukten. Ein erhöhtes Risiko bestehe bei Teerexposition (Dachdecker,
Strassenbau
), im Steinkohle
berg
werk, bei Tätigkeiten mit hoher Exposition gegenüber Spreng
stoff und als Schorn
steinfeger, des Weiteren in
der chemischen Reinigung und bei Friseuren, wobei die früher verwendeten Produkte allerdings nicht mit den gegen
wärtig erhältlichen zu vergleichen seien (S. A719 ff.;
www.aerzteblatt.de/pdf/104/11
/a719.pdf
).
In einer neueren multizentrischen Fall-Kontroll-Studie von 2013, welche in einem Bericht des deutschen ärztlichen Sachverständigenbeirates „Berufskrank
heiten“ zuhanden des Deut
schen Bundes
ministeriums für Arbeit und Soziales mit dem Titel
„Schleimhaut
veränderungen, Krebs oder andere Neubildungen der Harnwege durch poly
zyklische aroma
tische Kohlenwasserstoffe bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis von mindestens 80 Benzo(a)
pyren
-Jah
ren [(
μg
/m3) x Jahre]“
aufgeführt wurde, habe bei Beschäftigten mit einer hohen Einwirkung durch aromatische Amine das relative Risiko bei 1,37, und bei Beschäftigten mit einer hohen PAK-Einwirkung bei 1,5 gelegen (S. 6; abruf-bar unter:
www.baua.de/DE/Angebote/Rechtstexte-und-Tech
nische-Regeln/
Berufskrankheiten/Merkblaetter.html
).
5.3
5.3.1
Wie sich diesen wissenschaftsbasierten Berichten entnehmen lässt, ist erwiesen, dass gewisse aroma
tische Amine grundsätzlich als kanzero
gen gelten und Harnblasenkrebs erzeugen können. Jedoch ergaben die Studien eine erhebliche Gefährdung durch solche Stoffe insbesondere vor und in den 60er sowie teilweise in den 70er Jahren. Keine der wissenschaftlichen Studien ergab ein berufliches relatives Erkrankungs
risiko
betreffend
Harnblasenkreb
s
in der hier relevanten Zeit ab 1990 von mehr al
s 2 aufgrund einer Expo
sition
gegenüber
aromatischen Aminen respek
tive
Azofarben
. Dies gilt aufgrund des hiervor zitierten BK-Reports 2014 erst recht in Bezug auf das Druckereigewerbe
.
Dies bedeutet, dass der gesetzlich geforderte ätiolo
gische Anteil an der Erkrankungs
verursachung von mehr als 50 % (2 - 1 : 2 = 0,5 oder 50 %; vgl. E. 2.3.1 hiervor) durch diese Stoffe ab 1990 ausgeschlossen ist.
Dr. B._ von der Arbeitsmedizin der Suva erklärte in der Stellung
nahme vom 17. September 2015 dementsprechend denn auch schlüssig, dass Blasenkrebs eine vergleichsweise häufige Diagnose darstelle und nur in seltenen Fällen eine plausible berufliche Ursache dafür gegeben sei. Die meisten Blasen
karzinome seien unklarer Ätiologie und es gebe zahlreiche Fälle von Blasen
krebs, bei denen die wenigsten den Beurteilungskriterien einer Berufs
krankheit ent
sprechen würden. Aufgrund der technischen und medizinischen Abklärungen sei eine vorwiegend berufliche Ursache unwahrscheinlich (Urk. 9/43/1). Dies ist überzeugend und es ist deshalb davon auszugehen.
5.3.2
Was die
Beschwerdeführerin
dagegen vorbringt, führt zu keiner anderen Be
trach
tungsweise. So ist es zwar richtig, dass ein relatives Risiko von über 1 eine Relevanz hat (Urk. 15 S. 20), nämlich für die Feststellung einer über
durch
schnittlichen Gesundheitsbelastung, was zur Prävention
massgeblich
ist. Jedoch ist in Bezug auf die gesetz
liche Anforderung einer - im Verhältnis zu allen anderen Ursachen - vor
wiegenden respektive über
wiegenden beruflich be
dingten Verur
sachung von Harnblasen
krebs erst dann eine Relevanz gegeben, wenn das relative Risiko mehr als 2 (Art. 9 Abs. 1 UVG) respektive mindestens 4 (Art. 9 Abs. 2 UVG) beträgt.
Zu beachten ist dabei, dass das relative Erkrankungsrisiko beispiels
weise bei Malern von 1.8 (in späteren Jahren, jedenfalls in der Zeit nach den 60er Jahren) nicht bereits eine vorwiegende Verursachung (> 50 %) im Sinne des Gesetzes bedeutet. Son
dern es gilt die Formel 1,8 - 1 : 1,8 = 0,44 oder 44 % (vgl. E. 2.3.1 hiervor). Die Schlussfolgerung des behandelnden Urologen Dr. E._
gemäss
dem Bericht vom 23. Novem
ber 2015 (Urk. 16/4 S.
5
), auf den sich die Beschwerde
führerin stützt (Urk. 15 S. 18 ff.), das Expositionsrisiko im Siebdruck könne wohl durchaus mit jenem von Coiffeuren und Malern ver
gleichen werden, welches mit dem Faktor
1,7 = 70 % angegeben werde, geht dement
sprechend insofern fehl, als 1,7 das relative Risiko betrifft und bezüglich Art. 9 UVG nicht 70 % sondern 41 % (1,7 - 1 : 1,7 = 0,41 oder 41 %) bedeutet. Somit kann daraus keinesfalls auf einen vor
wiegenden (> 50 %) und erst recht nicht auf einen über
wiegenden (
≥
75 %) beruflichen Ursachenanteil bei Druckern geschlossen werden, da dazu ein relatives Risiko von mehr als 2 (2 - 1 : 2 = 0,5 oder 50 %) respektive mindestens 4 (4-1 : 4 = 0,75 oder 75 %) gegeben sein müsste.
Das von Dr. E._ (Urk. 16/4 S. 4) erwähnte um 70 % erhöhte Harnblasen
krebs-Erkrankungsrisiko für Maler, welches er mit jenem der Siebdrucker ver
glich, betrifft im Übrigen das Ergebnis einer Genfer Studie aus den 70er und 80er Jahren und bezog sich auf Arbeits
bedingungen der hier nicht relevanten 40er bis 60er Jahre (vgl. Suva-Factsheet „Aromatische Amine und Blasenkrebs“, S. 5). Der von ihm daraus fälschlicherweise abgeleitete „Faktor 1,7“ wäre, wie dargelegt, nicht ausreichend.
5.3.3
Ebenfalls nichts zu ihren Gunsten vermag die
Beschwerdeführerin
aus den Ein
wänden abzuleiten, es würden auch im Siebdruck nebst Farb
stoffen sowohl anor
ganische als auch organische Pigmente eingesetzt (Urk. 15 S. 10) und auch im Sieb
druck seien
azofarbstoff
haltige
Farben mit kanzerogenen Pigmenten ver
wendet worden, wobei etwa 4-Chlor-o-toluidin bei Pigmenten zum Einsatz gekommen sei (Urk. 1 S. 9). Dasselbe gilt für die allgemeinen Feststellungen,
aus löslichen Azo
farbstoffen könnten durch Stoffwechselvorgänge wieder
(kanzero
gene)
aroma
tische Amine freigesetzt werden (Urk. 15 S. 19) und primäre aromatische
Amine könnten als Verun
reini
gungen in Druckfarben vorhanden sein (Urk. 1 S. 10).
Die vier aromatischen Amine
2-Naphthylamin,
Benzidin
, 4-Amino-Diphenyl (synonym
4-Aminobiphenyl) und 4-Chlor
-
ortho-
Toluidin (4-COT; synonym 2-Amino-5-Chlortoluol,
5-CAT)
, welche wissen
schaftlich gesichert für den Men
schen eine (Harnblasen-)krebserzeugende Wirkung haben und daher in der
Schweizer
Grenzwertliste in die krebs
erzeugende Kategorie C1 eingestuft
sind, wurden nicht mehr eingesetzt (Factsheet, aromatische Amine und Blasen
krebs, a.a.O., S. 4 und S. 7). Die
Beschwerdegegnerin
weist in der Duplik zu Recht darauf hin (Urk. 22 S. 8), dass die Produktion dieser Stoffe teilweise bereits ab den 50er-Jahren, von
4-Chlor
ortho-
Toluidin
schliesslich
1986 einge
stellt wurde (vgl. BK-Report 2014, S. 68 f., S. 71 und S. 74).
Dazu ist auch auf die Stellung
nahme des Suva-Chemikers vom 7. Septem
ber 2015 zu ver
weisen (Urk. 9/43/2). Danach gebe es bereits lange vor den „
Reach
“- Regelwerken (Verordnung [EG] Nr. 1907/2006 [REACH-Verordnung]; Urk. 3/5 S. 4) entsprechende Verbote (Urk. 9/43/2 S. 2). Sodann führt der Suva-Chemiker - was auch den hiervor zitierten fachlichen Berichten, insbesondere dem BK-Report 2014, S. 71 und S. 119 ff., zu ent
nehmen ist - nachvoll
ziehbar aus, dass aus Azofarbstoffen zwar
aromatische Amine frei
gesetzt würden, jedoch längst nicht alle aromatischen Amine als krebserzeugend ein
gestuft seien. Drucker und Druckerhelfer seien beim Umgang mit Farben, die organische Buntpigmente enthalten hätten, jedenfalls nicht gegenüber krebs
erzeugenden aromatischen Aminen exponiert gewesen. So könne bei
Azo
pigmenten
nicht von einer Bioverfügbarkeit ausge
gangen wer
den, sie seien aufgrund ihrer Unlöslichkeit weder hautgängig noch sei eine Zersetzung in freie aromatische Amine auf der Haut zu erwarten. Der Einwand, dies treffe nicht zu, beziehe sich auf eine seltene Ausnahme, welche gerade für den vorliegenden Fall nicht zutreffe. Denn die Freisetzung von aromatischen Aminen aus
Azopig
menten
sei nur unter sehr speziellen Bedin
gungen bei wenigen
Azopigmenten
beobachtet worden.
Ausser
dem
sei die Produktion mit Farbstoffen aus krebs
erzeugenden aroma
tischen Aminen bereits viel früher zurückgefahren worden. So seien seit 1971 in der BRD keine Farb
stoffe auf Basis von
Benzidin
mehr hergestellt worden (Urk. 9/43/2 S. 1 f.).
Auf diese überzeugende und durch die wissenschaftliche Literatur gestützte Ein
schätzung
gemäss
den Suva-Stellungnahmen ist abzustellen. Ein erhebliches Expo
sitionsrisiko im Druckereigewerbe ab 1990 durch harnblasenkrebs
erzeu
gende aromatische Amine ist damit
auszu
schliessen
.
5.3.4
Ebenfalls nicht gefolgt werden kann ferner der Schluss
folgerung von Dr. E._, dass der Siebdruck als Ableger der Färbeindustrie anzusehen sei, wo das höchste berufliche Blasenkrebsrisiko angesiedelt sei. Das hier relevante Druck
ereigewerbe gehört nicht zur farbchemischen In
dustrie und zu Textil
färbereien im engeren Sinn und wurde in keinem der wissenschaftlichen Berichte zu aromatischen Aminen und Harnblasenkrebs als typische gefährdete Branche aufge
führt. Aufgrund des BK-Reports 2014 (S. 119 ff.) und der Stellungnahmen des Suva-Chemikers (Urk. 9/22/2, Urk. 9/43/2), wonach bei den meisten Druck
verfahren, insbesondere auch beim
Siebdruck, pigmentierte und nicht kanzero
gene Farbsysteme verwendet worden seien, ist davon auszugehen, dass Ange
stellte in Siebdruckereien im Gegensatz zu Angestellten in Färbereien gerade nicht speziell ge
fährdet waren, dies gilt insbesondere für die hier
massgebliche
Zeit ab 1990.
Des Weiteren sind auch dem Bericht des behandelnden Urologen Dr. E._ vom 23. November 2015 (Urk. 16/4) keine anderen/neuen wissenschaft
lichen Erkenntnisse zu den aromatischen Aminen zu ent
nehmen.
6.
6.1
Die Beschwerdeführerin nennt sodann Lösungsmittel als weitere relevante gesundheits
schädliche Stoffe, die in Druckereien
und auch von ihrer damaligen Arbeit
geberin in erheblichen Mengen verwendet worden seien. Insbe
sondere seien
Nitroverdünner, Keton(e), Aceton,
Cyclohexanon
sowie
Glykol
ether
ver
wendet worden. Nitro-Verdünnungsmittel würden
gemäss
dem Sicher
heitsblatt
gemäss
EG Verordnung Nr. 1907/2006 (REACH; Urk. 3/7)
Toluol, Aceton und Ethylacetat
sowie die Lösungsmittel
Naphtha
(Erdöl) enthalten. Für diese Stoffe hätten Grenzwerte bestanden und davon seien
Toluol, Aceton und die Naphtha
blasenkanzerogen (Urk. 1 S. 16 f., Urk. 15 S. 10 ff.). Im Sinne von Art. 9 UVG sei sie durch die folgenden gefährlichen Stoffe mit maximaler Arbeitsplatz
konzentration exponiert gewesen:
Aceton, Benzol, N-Hexan, Styrol, Toluol,
Trichlorethen
(=
Trichlorethylen
) und Xylol.
Von diesen Stoffen sei insbe
sondere
Benzol und Toluol
blasenkanzerogen
(Urk. 15 S. 14 f.)
.
Ausserdem
seien einige Lösungsmittel in de
r Grenzwertliste der Suva in den
Kategorien C1 bis C3 eingestuft worden, so Benzol (C1),
Trichlorethen
und Chloroform (C2) sowie Dichlormethan und
Tetra
chlorethen
(C3; Urk. 1 S. 17 f.). Bei den folgen
den im Siebdruck verwendeten Stoffen könne eine Resorption durch direkten Haut
kontakt, kontaminierte Kleider oder über die Gas-
und Dampfphase eines Lösungsmittels geschehen: 2-Metho
xyethanol, 2-Ethoxyethanol, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffverbindungen (PAK), Dimethylformamid (DMF), Schwefelkohlenstoff oder N-
Methylpyrrolidon
(Urk. 15 S. 13).
Nach Aussage
ihres
Vater
sei früher auch Toluol in Siebdruck
farben als Lösungsmittel beigefügt worden (Urk. 15 S. 14 f.).
Gemäss
dem Bericht von Dr. E._ vom 23.
November
2015 (Urk. 16/4 S. 2) sei ein Zusammenhang (zwischen der Tätigkeit als admini
strative Leiterin in der väterlichen Siebdruckerei von 1990 bis 2000 und ihrer Krebserkrankung) stark zu vermuten, wenn darunter auch Anilin-Farbstoffe respektive Beta-
Naphthylamin
(=
ß
-
Naphthylamin
, 2-Naph
thylamin, 2-Amino
naphthalin
),
(also) aromatische Amine etc. (
vgl. dazu
E. 5
hier
vor
) und die Farblöse
mittel Benzol, Xylol, Toluol oder
Nitrobenzol
benutzt worden seien (Urk. 15 S. 18).
Die Beschwerdegegnerin bestreitet, dass diese Stoffe kanzerogen für Harn
blasen
krebs seien (Urk. 8 S. 5 f., Urk. 22 S. 6 ff.).
Die
Beschwerdegegnerin
hielt zu Recht fest, dass es nicht ausreiche, wenn ein in Frage kommender Stoff kanzerogen sei, sondern es müsse überwiegend wahr
scheinlich sein, dass dieser Stoff Blasenkrebs verursache (Urk. 8 S. 6).
6.2
6.2.1
Im Factsheet „Organische Lösungsmittel“ der Suva, Abteilung Arbeits
medizin, Version Januar 2013 (abrufbar unter:
www.suva.ch/material/dokumentationen/
o
rganische%20loesungsmittel
) werden als organische Lösungsmittel die folgen
den genannt: Kohlenwasserstoffe (
n-Hexan
,
Benzine
,
Petrol
,
Benzol
,
Xylol
, Toluol,
Styrol
), h
alogenierte
Kohlenwasserstoffe (
u.a.
Trichlo
rethen
,
Tetra
chlorethen
,
1,1,1-Trichlorethan
, Dichlormethan,
Tetrachlorkohlenstoff
),
Alko
hole
(u.a.
Methanol
,
Ethanol
),
Glykole
,
Ketone
(
Aceton
, Methylethylketon, Methyl-
Isobutylketon
),
Nitroverbindungen
(
Trinitrotoluol
), Aminoverbindungen (
Anilin
,
β
-
Naphthylamin
,
Benzidin
), Amide und
Kohlenstoff-Schwefelv
er
bin
dungen Schwefelkohlenstoff (vgl. Tabelle 1, S. 2). Als Folgen der Exposition durch orga
nische Lö
sungsmittel wurden im Factsheet zwar Krankheitsbilder der Haut, der Atemwege, des Nervensystems und der inneren Organe Leber, Niere sowie Herz festgehalten. Schädigungen der Harn
blase durch diese Stoffe finden sich jedoch keine (S. 6 ff.). Einzige Ausnahme bildet die Erwähnung von Harnblasenkrebs im Zu
sammenhang mit den bereits besprochenen a
romatische
n
Amine
n (S. 11).
6.2.2
Zu Benzol wird im Factsheet namentlich ausgeführt, es
erhöh
e
bei lang
jähriger, chronischer Expo
sition das Risiko für Leukämien
(insbesondere
AML)
,
Non-Hodgkin-Lymphome,
myelodysplastische
Syndrome und
myelo
proliferative
Erkran
kungen
(BMAS). Die Dosis-Wirkungsbeziehungen
seien
am deutlichsten für die Leukämien
(mit Ausnahme der
Chronische
n
myeloische
n
Leukämie
,
CML) und die
myelodysplastischen
Syndrome.
Nitro- und Amino
verbindungen von Benzol und seinen Homologen wie Trinitrotoluol, Trinitro
phenol,
Anilin und
Benzidin
seien
Methämo
globin
bildner. Gut bekannt
sei
auch deren leberzellschädigende
Wirkung.
In der Schweiz
gelte
seit vielen Jahren ein weit
gehendes Benzol
verbot, allerdings
werde
Benzol
weiterhin für organische Synthesen gebraucht und komm
e
in Autokraftstoffen als Antiklopfmittel
vor
(S. 10 f.)
.
Unter dem Titel „
Nitro- und Aminoverbindungen von Benzol und seinen Homo
logen
“ ist dem Factsheet zu entnehmen, dass
Nitro- und Aminover
bindungen wie das Trinitrotoluol, Trinitrophenol, Anilin und
Benzidin
Methä
mo
globinbildner
(
mit Entwicklung einer
Methämoglobinämie
und Anämie
) seien
. Gut bekannt
sei
auch die leberzellschädigende Wirkung. Aromatische Amine könn
t
en Blasenkrebs, welcher
in der Schweiz die zweithäufigste als Berufs
-
krankheit anerkannte
Krebsart darstelle, verursachen (S. 11).
Somit kommen bezüglich Benzol und seiner Homologe, wozu auch Xylol, Toluol und Styrol gehören (vgl. S. 2), allein die hiervor bereits be
sprochenen a
ro
matische
n
Amine
als Ursache für Harnblasenkrebs in Frage. I
m Factsheet der Arbeitsmedizin Suva "Benzol und
seine Gefährdung", Version
Oktober 2011 (
www.suva.ch/material/dokumentationen/benzol
), wird zudem fest
gehalten,
Dosis-Risikobeziehungen könn
t
en aufgrund der neueren Untersuchungen
erst
für Leukämien und
myelodysplastische
Syndrome belegt werden
(S. 5). Ein Risiko für Harnblasenkrebs wurde nicht aufgeführt.
6.2.3
Von den weiteren von der
Beschwerdeführerin
genannten Stoffen wurden ferner die Gesundheitsrisiken zu den Stoffen
Dimethyl
formamid (DMF)
,
Dichlor
methan
, n-Hexan, Schwefel
kohlenstoff (Kohlen
stoffdisulfid), Styrol,
Tetra
chlorethen
,
Chloroform (
Trichlormethan
)
, Toluol,
Trichlorethen
(=
Trichlor
ethylen
), im Einzelnen im Factsheet „organische Lösungsmittel“ aufgeführt (S. 11 f.), wozu die Blasenschädigung jedoch nicht gehört. Insbesondere wurden die wegen ihrer kanzerogenen Wirkung in die drei
C-Klassen
der
Grenzwertliste der
Suva
eingestuften Stoffe (Benzol [
C1
],
Trichlorethen
und Chloroform [C2]
sowie Dichlormethan und
Tetrachlorethen
[C3])
nicht wegen des Risikos einer Harn
blasenkrebserkrankung dort aufgenommen, sondern wegen des Risikos für andere Krebserkrankungen.
Bezüglich
Cyclohexanon
sodann besteht
gemäss
der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA der DGUV (
www.dguv.de/ifa/gestis/gestis-stoffdatenbank/index.jsp
) zwar ein begründeter Verdacht auf ein kanzerogenes Potential. Dieser werde jedoch von anderen Expertengremien nicht als be
gründet angesehen.
Ausserdem
wurden lediglich Schilddrüsentumore bei Tier
versuchen erwähnt.
Zu Aceton (
Propanon bzw. Dimethylketon
) ist der GESTIS-Stoffdatenbank zu ent
nehmen, dass die
vor
liegenden dermalen Studien an Nagern keine Hin
weise auf ein tumor
initiierendes oder tumorpromovierendes Potential
ergeben hätten. Auch andere Tests an Nagern seien negativ gewesen.
Bei den Stoffen
Ethylenglykol
und
2-Ethoxyethanol (
Ethylenglykolmono
ethyl
ether
)
wurde in der GESTIS-Stoffdatenbank festgehalten, dass i
n Studien an Ratten und Mäusen kein kanzerogenes Potential nachweisbar
gewesen sei, und zu
Ethylacetat
, dass keine Daten bezüglich
Kanzerogenitiät
verfügbar seien. Dasselbe geht aus dem GESTIS-Eintrag zu
2-Metho
xyethanol
(
Ethylenglykol
monomethylether
) hervor. Bezüglich
N-
Methylpyrrolidon
(N-Methyl-2-pyrro
lidon)
hätten Mäuse mit der höchsten verabreichten Dosis Lebertumore ent
wickelt, was für den Menschen indes als irrelevant beurteilt worden sei.
6.2.4
Polyz
y
k
lische aromatische Kohlenwasserstoffe
(PAK =
Polycyclic
Aromatic
Hydrocarbons
, PAH)
schliesslich
, welche aus min
destens zwei miteinander ver
bundenen Benzolringen bestehen, wobei Naphtha
lin mit zwei Benzolringen der einfachste PAK ist, kommen in der Umwelt als komplexe Gemische aus mehr als hundert verschiedenen Ver
bindungen vor (vgl. Polyz
y
k
lische
A
romatische
Koh
lenwasserstoffe
, November 2016, des Bun
desamtes für Gesundheit;
www.bag.admin.ch/bag/de/home/themen/mensch-gesundheit/chemikalien/
c
hemi
kalien-a-z.html
).
Gemäss
der GESTIS-Stoffdatenbank hätten sich
mehrere PAK mit 4-6 Ringen im Tierversuch als kanzerogen erwiesen. Es scheine, ein besonders ausgeprägtes diesbezügliches Potential würden die PAK
Dibenz
(
a,h
)
anthracen
, 3-Methyl
cholanthren und Benzo(a)
pyren
(
BaP
) besitzen.
In der w
issenschaftliche
n
Begründung für die Berufskrankheit „Schleim
haut
veränderungen, Krebs oder andere Neubildungen der Harnwege durch poly
zyklische aromatische Kohlenwasserstoffe bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis von mindestens 80 Benzo(a)
pyren
-Jahren [(
μg
/m3) x Jahre]“
des
Ärztlich
en
Sachverständigenbeirat
es
„Berufskrankheiten“ beim
(Deutschen)
Bundes
ministerium für Arbeit und Soziales
(
www.baua.de
/DE/
Angebote/
Rechtstexte-und-Technische-Regeln/Berufskrankheiten/pdf/Begruendung-Blasen
krebs-PAK.pdf?_blob=publicationFile&v=6
) wurde die toxi
kologische Bewertung durch PAK-Stoffe, insbesondere
BaP
untersucht. PAK werde inhalativ und über die Haut aufgenommen. Als Branche mit PAK-Einwirkung wurde auch die Druckindustrie, und zwar aufgrund der Tätigkeit „Verarbeitung von PAK-haltigen Druckfarben“ aufgeführt (S. 1 f.). Weiter ist der wissen
schaftlichen Begründung allerdings zu entnehmen, dass die syste
matische Review von
Bosetti
al. (2007) über die bis im Jahr 2005 ver
öffent
lichten Kohortenstudien in Branchen mit PAK-Einwirkung zum Ergebnis ge
kommen sei, dass das Risiko für die Entwicklung eines Harnblasenkrebses weniger kon
sistent erhöht sei als das Risiko für die Entwicklung eines Bronchialkarzinoms.
Das Risiko für Harnblasenkrebs sei mit
Ausnahme der Beschäftigten in der Her
stellung von Generatorgas in den meisten Branchen nur
mässig
gradig
er
höht. Ein relatives Risiko über 2 bestand nur in der Branche der
Generatorgasher
stellung
(S. 4 f.). In verschiedenen Fall-Kontrollstudien sei festgestellt worden, dass bei hohen PAK-Einwirkungen ein um den Faktor 1,27 respektive 1,5 er
höhtes Harnblasenkrebsrisiko bestehe (S. 6). Bei den Kohortenstudien, bei denen der Zusammenhang zwischen der kumulativen PAK-Dosis und dem Harn
blasen
risiko untersucht worden sei, sei etwa in Aluminiumherstellenden Betrieben in der höchsten Dosisklasse das Risiko um den Faktor 1,6 erhöht und lediglich bei einem mindestens 30-jährigen Zeitraum vor der Tumordiagnose, innerhalb dessen die PAK-Dosis unberücksichtigt geblieben sei, sei das Harnblasen
krebsrisiko signifikant um den Faktor 2,0 erhöht gewesen. Bei Schornstein
fegern habe sich erst bei einer Tätigkeit von mehr als 20 Jahren ein relatives Risiko von über 2 gezeigt (Urk. 6 ff.).
Damit ist festzuhalten, dass gewisse PAK, die im Übrigen als solche nicht auf der Stoffliste nach Ziff. 1 Anhang I zur UVV aufgeführt sind, zwar ein aus
geprägtes krebserzeugendes Potential haben und auch Harnblasenkrebs verur
sachen können. Jedoch ist ein relevantes erhöhtes relatives Risiko, daran zu erkranken, von mehr als 2 nur bei der höchsten Belastung und bei mehr als 20 Jahren Exposition anzunehmen. Ein relatives Risiko von mehr als 2 (Art. 9 Abs. 1 UVG, wobei es hier schon an der Listenstoff-Voraussetzung mangelt) und erst recht von mindestens 4 im Druckereigewerbe bei einer (gegebenenfalls) Exposition von 10 Jahren kann gänzlich ausgeschlossen werden. Daher wäre auch eine qualifizierte Kausalität von PAK bezüglich der Harnblasenkrebs
erkran
kung der
Beschwerdeführerin
ausgeschlos
sen.
6.3
6.3.1
Die Suva-Arbeitsmedizinerin Dr. B._ hielt in der Stellung
nahme vom 17. September 2015 sodann zutreffend fest, dass im Factsheet „Organische Lösungs
mittel“ nicht speziell auf Blasenkrebs eingegangen worden sei. Es sei eine höchstens mögliche, aber nicht über
wiegend wahr
scheinliche Verur
sachung anzunehmen. Namentlich führe Benzol nicht zu Blasenkrebs, sondern zu Krebsen der blut
bildenden Organe,
Trichlorethen
führe zu Nierenzell
karzinomen und über die Kanzerogenität des Löse
mittels Cyclohexan
seien
gemäss
der Stoffdatenbank
Gestis
(
Institut für Arbeits
schutz
[IFA]
der
Deut
schen Gesetz
lichen Unfall
ver
sicherung [DGUV];
www.dguv.de/ifa/
gestis
/
index.jsp
) keine ausreichenden An
gaben verfügbar. Es gehe hier aber um Blasenkrebs und nicht um jeden möglichen Krebs. Dies gelte auch in Bezug auf den Punkt 15 der
Einspracheschrift
(Urk. 9/43/1; In der Einsprache wurde be
hauptet,
Chromatschichten
hätten ein krebserzeugendes Potential, Urk. 9/31 S. 6).
6.3.2
Der Suva-Chemiker erklärte in der Stellungnahme vom 7. September 2015
aus
serdem
schlüssig, dass Cyclohexan weder nach der
Verordnung über den Schutz vor gefährlichen Stoffen und Zubereitungen
(Chemikalienverordnung,
ChemV
)
noch nach der Grenzwertliste der Suva als krebserzeugend eingestuft worden sei. Auch in der
Gestis
-Gefahrstoffdatenbank seien keine Informationen über eine mögliche Kanzerogenität verfügbar. Die Verwendung von Benzol sei seit 1975
ausser
für Forschungszwecke und in geringer Konzentration in Motoren
treibstoffen verboten. Chloroform sei
ausser
in chemischen Labors praktisch nicht als Lösungsmittel verwendet worden.
Trichlorethen
und
Tetrachlorethan
seien vor allem für Reinigungs- und Entfettungszwecke sowie Dichlormethan sei als Abbeizmittel verwendet worden. Als Siebreiniger seien Alkohole, Ketone und Ester eingesetzt worden. Diese Arten von Lösungsmitteln seien auch die Basis von lösungsmittelhaltigen Druckfarben. Bei
Chromat
schichten
und schwer
metallhaltigen Farben könne es nicht zu einer Exposition gekommen sein, da sie weder staub- noch dampfförmig in die Luft und auch bei Haut
kontakt nicht herausgelöst werden könnten (Urk. 9/43/2 S. 2 f.).
6.4
Nach dem Gesagten und aufgrund dieser Ausführungen der Suva-Experten ist festzuhalten, dass bei gewissen organischen Lösungsmitteln und auch bei gewissen PAK zwar eine krebs
erzeugende Wirkung wissen
schaft
lich anerkannt ist, jedoch sind organ
spezifische Unterschiede der kanzerogenen Potentiale zu beachten. Ein wissen
schaftlich anerkannter Zusammenhang mit Harnblasen
krebs besteht bei organischen Lösungsmitteln mit Ausnahme gewisser aroma
tischer Amine und gewisser PAK nicht. Hinzu kommt, dass selbst wenn bei den hiervor genannten Stoffen - nebst gewisser aroma
tischer Amine und gewisser PAK - wissen
schaftlich anerkannt wäre, dass sie Harnblasenkrebs verursachen könnten, damit noch nicht die gesetzliche Voraussetzung der qualifizierten Kausalität im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVG mit einem
relativen Risiko von mehr als 2 erfüllt wäre. Letzteres ist jedenfalls bezüglich der betreffenden aromatischen Amine und PAK-Stoffe in der Druckereibranche nicht überwiegend wahrscheinlich.
7.
7.1
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die allgemeinen medizinischen Erkennt
nisse mit einer qualifizierten Kausalität der in Frage kommenden Stoffe im Druckereigewerbe, insbe
sondere im Siebdruckgewerbe, ab 1990 im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVG bezüglich Harnblasenkrebs nicht vereinbar sind, was eine Einzelfallanerkennung von vorne
herein
ausschliesst
. Dasselbe gilt erst Recht in Bezug auf die höhere Anforderung von Art. 9 Abs. 2 UVG.
Unerheblich sind damit die speziellen Umstände im Einzelfall, welche das Harnblasenkrebsrisiko
ausserhalb
der beruflichen Tätigkeit erhöhen könnten; so die von Dr. E._ im Bericht vom 23. November 2015 zur Begründung des Kausal
zusammenhangs genannte Latenzzeit von mehr als 13 Jahren, die gesunde Lebensweise (kein Nikotin, Sport; Urk. 16/4 S. 5) sowie das von Dr. med. F._, Fachärztin für Allgemeine Medizin, im Bericht vom 30.
Oktober
2015 bestätigte Fehlen von chronischen Blasenentzündungen zwischen 1999 und 2012 (Urk. 3/9). Es erübrigen sich sodann Aus
führungen zur strittigen Frage der Umkehr der Beweislast.
Es ist somit davon auszugehen, dass es sich beim Blasenleiden der
Be
schwerdeführerin
nicht um eine
Berufskrankheit
im Sinne von
Art
. 9
UVG handelt
, weshalb eine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin zu verneinen ist.
7.2
7.2.1
Sämtliche weiteren Vorbringen der
Beschwerdeführerin
vermögen daran nichts zu ändern. Dies gilt auch und insbesondere unter Berücksichtigung des
Um
standes, dass die
Beschwerde
führerin
nicht als Drucker oder Druckerhelfer, sondern als kaufmännische Angestellte in einem Büro in der Werkhalle einer Siebdruckerei gearbeitet hat. Die
Beschwerdegegnerin
weist im Übrigen zu Recht darauf hin (Urk. 22 S. 6), dass die
Beschwerdeführerin
von Januar 1990 bis Januar 2000 vorwiegend im Teilzeitpensum (zu 20-75 %, ab 1995 maximal zu 50 %) erwerbstätig war, und zwar vorerst (bis 1992) vor allem wegen der minderjährigen Tochter und ab deren Schulalter wegen gesundheitlicher Beschwerden (Rückenschmerzen mit Schwindel und Erbrechen; Urk. 23A S. 2).
Ob es sich bei diesen Beschwerden und bei den ab September 1999 von Dr. med. F._, Fachärztin für Allgemeine Medizin, behandelten Migräne, Schwindel mit Übelkeit und Bronchialasthma (Bericht vom 30. 10 2015, Urk. 3/9) um damals nicht als solche erkannte Vergiftungssymptome zufolge der Arbeitsplatz
bedingungen gehandelt habe, wie die Be
schwerde
führerin behauptet, ist nicht
massgeblich
. Denn, wie hiervor aufgezeigt wurde, bedeutet eine Exposition gegenüber giftigen Stoffen nicht auch eine Exposition gegen
über Harnblasen
krebs verur
sachenden Stoffen, bei denen überdies ein relatives Risiko von über 2 besteht. Zudem bestanden die akuten Rücken
beschwerden
gemäss
dem Bericht von Dr. med. G._, Spezialarzt für Neurologie, vom 7. April 1995 bereits seit der Kindheit und ab dem 25. Alters
jahr seien extrem akzentuierte Rücken
beschwerden mit nächt
lichem Erwachen und
kollaps
ähnlichem
Zustand aufgetreten. Der ganze Rücken sei
steiff
wie ein Brett gewesen und sie habe Begleiterscheinungen mit Schwindel und Übelkeit gehabt (Urk. 9/1 S. 1). Eine allfällige Exposition wäre hier jedoch ohnehin erst ab 1990
massgeblich
.
7.2.2
Nach dem Gesagten bedarf es keiner zusätzlicher Abklärungen und es ist daher von ergänzenden
Beweismassnahmen
- entgegen den diesbezüglichen Vor
bringen der Beschwerdeführerin (Urk.
1
, Urk. 15) -
abzusehen (antizipierte Beweiswürdigung;
BGE 124 V 90 E. 4b, 122 V 157 E. 1d, 136 I 229 E. 5.3; Urteil des Bundesgerichts 8C_320/2014 vom 14. August 2014 E. 11
).
8.
Die Beschwerdegegnerin hat den An
spruch der
Beschwerdeführerin
auf Leistun
gen für eine
Berufskrankheit
mit
Einspracheentscheid
vom
2. Oktober 2015
(Urk. 2) somit zu Recht ver
neint, weshalb die dagegen erho
bene Beschwerde abzu
weisen ist.