Decision ID: a8ba35c2-ef82-4a54-9360-29d6e9b99861
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprecher Marco Büchel, LL.M., c/o K & B Rechtsanwälte,
Freudenbergstrasse 24, Postfach 213, 9240 Uzwil,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Im Rahmen eines ersten, abgewiesenen Gesuchs um berufliche
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung hatte die B._ in Gossau am
16. Dezember 2004 angegeben, A._ habe im Jahr 2003 als Maschinist/
Blechbearbeiter einen Lohn von Fr. 64'668.-- erhalten (IV-act. 12). A._ (Jg. 1963)
meldete sich am 7. Februar 2007 erneut zum Bezug von IV-Leistungen (berufliche
Eingliederungsmassnahmen, Invalidenrente) an (IV-act. 42). Im Gesuchsformular gab er
u. a. an, er sei Metallbauschlosser (ungelernt). Dr. med. C._, Spezialarzt FMH für
Chirurgie, speziell Handchirurgie, berichtete der IV-Stelle am 8. Mai 2007 (IV-act. 53),
beim Versicherten seien folgende Diagnosen erhoben worden: St. n. Operation der
Dupuytren-Kontraktur rechts 1997 und links 2003, chronischer Schmerzzustand beider
Hohlhände linksbetont, beidseitiges Schulter-Arm-Hand-Syndrom linksbetont,
rechtsbetonte Schmerzen der Fusssohlen (bei Spreizfüssen, beginnender M.
Ledderhose und Hyperkeratose), Persönlichkeitsveränderungen bei chronischem
Schmerz, leichte Depression, V. a. Neurodystrophie und Zervikalsyndrom. Dr. C._
führte aus, mit der rechten Hand sei der Versicherte trotz Restbeschwerden wenig
behindert. In der linken Hand bestünden chronische neurogene Schmerzen, die den
Versicherten invalidisierten. In der angestammten Tätigkeit (Metallbauschlosser)
bestehe keine Arbeitsfähigkeit mehr. Dr. med. D._, Facharzt für Anästhesie und
Schmerztherapie, von der Klinik E._ berichtete am 13. August 2007 (IV-act. 55), als
Metallbaumonteur sei der Versicherte seit Februar 2007 zu 100% arbeitsunfähig. In
einer adaptierten Tätigkeit könnte er vier bis acht Stunden täglich arbeiten. Dr. med.
F._ und Dr. med. G._ vom Psychiatrischen Zentrum H._ berichteten am 29.
August 2007 (IV-act. 56), der Versicherte leide an einer Anpassungsstörung mit
längerer depressiver Reaktion (DD: leichte bis mittelgradige depressive Episode) vor
dem Hintergrund chronischer Schmerzen und an einem chronischen Schmerzsyndrom.
Das depressive Syndrom sei besserungsfähig. Die Arbeitsunfähigkeit betrage aufgrund
des psychischen Zustands allein 20%, interdisziplinär 50%.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.b Am 23. Januar/27. Februar 2008 erfolgte eine bidisziplinäre RAD-Untersuchung.
Dr. med. I._, Facharzt für Rheumatologie, Physikalische Medizin und Rehabilitation,
Innere Medizin, hielt am 27. Februar 2008 fest (IV-act. 66-7 ff.), der Versicherte sei nach
einer Phase der Arbeitslosigkeit ab Juni 2007 zu 100% bei der Firma J._ angestellt
gewesen. Seit September 2007 betrage der Beschäftigungsgrad aber nur noch 60%.
Der Versicherte habe stehend eine Presse mit einem Pedal bds. zu bedienen. Die
Presse bearbeite Metallteile von durchschnittlich 5 kg (max. 10 kg). Diese Metallteile
würden von Hand in die Maschine eingeführt. Der Versicherte habe angegeben, er
müsse wegen der eingeschränkten Beweglichkeit der Hände vorsichtig mit der
Maschine umgehen. Der ursprüngliche Beschäftigungsgrad an diesem Arbeitsplatz von
100% sei zuviel gewesen. Gemäss den Angaben des Versicherten habe sich der
Gesundheitszustand seit 2003 nicht wesentlich verändert. Dr. I._ qualifizierte die
Tätigkeit an der Presse als adaptiert. Er gab an, der hauptsächliche
Gesundheitsschaden sei in den Händen lokalisiert: Einschränkung der
Fingerbeweglichkeit rechts mehr als links, insbesondere aufgrund von
Extensionsdefiziten in PIP's und einer Verminderung der Daumenabduktion. Die
Handkraft sei beidseitig mittelgradig vermindert. Bei den Schmerzen in den Händen
handle es sich um Narbenschmerzen. Diese stünden aber nicht im Vordergrund. Die
Befunde hätten eine Einschränkung der Beweglichkeit und eine Reduktion der
Geschicklichkeit, des Arbeitstempos und der Kraftentwicklung zur Folge. Die
Leistungsfähigkeit für manuelle Arbeiten sei also klar reduziert. Mittelschwere bis
schwere Arbeiten seien nicht mehr zumutbar. Bei leichten Tätigkeiten sei die
Leistungsfähigkeit um 40% reduziert. Das Fussleiden schränke die Arbeitsfähigkeit
nicht zusätzlich ein. Seit Mai 2006 habe sich der Gesundheitszustand signifikant
verschlechtert (schleichende Progredienz). Da der Versicherte an der aktuellen
Arbeitsstelle den Beschäftigungsgrad von 100% auf 60% reduziert habe, könne der
Zeitpunkt der Verschlechterung entsprechend festgelegt werden: September 2007. In
der angestammten Tätigkeit (Montage von Metallfenstern) bestehe ab September 2007
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Aus der Sicht des RAD sei der Versicherte bei der
Firma J._ optimal eingegliedert. Dr. med. K._, Fachärztin Psychiatrie und
Psychotherapie, berichtete am 14. März 2008 (IV-act. 66-1 ff.), der Versicherte sei ein
halbes Jahr im Psychiatrischen Zentrum H._ ambulant behandelt worden. Die
Behandlung sei im August 2007 beendet worden. Die aktuelle Diagnose laute: Zustand
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion, gegenwärtig remittiert.
Anamnestisch könne eine früher vorhandene depressive Störung, Angststörung oder
Persönlichkeitsstörung ausgeschlossen werden. Aus rein psychiatrischer Sicht bestehe
eine Arbeitsfähigkeit von 100%. In der interdisziplinären Stellungnahme (IV-act. 66-15)
hielten Dr. K._ und Dr. I._ insbesondere fest, die Frage nach der Arbeitsfähigkeit im
administrativen Bereich könne nicht beantwortet werden. Diese Frage müsse von einer
Eingliederungsfachperson beantwortet werden, weil sie auf die Eignung einer Person
im Bürobereich abziele. Der Sachbearbeiter der IV-Stelle notierte am 10. April 2008 (IV-
act. 67), das Wartejahr werde im September 2008 ablaufen. Dann sei ein neues
Arztzeugnis einzuholen. Mit einem Vorbescheid vom 14. April 2008 teilte die IV-Stelle
dem Versicherten mit, sie beabsichtige, sein Gesuch um berufliche
Eingliederungsmassnahmen abzuweisen, da er am konkreten Arbeitsplatz angemessen
eingegliedert sei (IV-act. 73). Die anfallenden Arbeiten an diesem Arbeitsplatz seien
leidensangepasst. Die entsprechende Verfügung erging am 16. Mai 2008 (IV-act. 82).
Sie erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.c Am 25. August 2008 wurde dem Versicherten per 31. Oktober 2008 gekündigt (IV-
act. 84). Dr. D._ berichtete am 11. September 2008 (IV-act. 85), eine leichte Tätigkeit
sei bis sechs Stunden täglich zumutbar. Dabei sei die Leistung allerdings um 40%
eingeschränkt. Eine entsprechende Beschäftigung des Versicherten setze eine grosse
Toleranz des Arbeitgebers voraus. Dr. L._ vom RAD empfahl am 15. Dezember 2008
eine Verlaufsuntersuchung im RAD (IV-act. 87). Dr. I._ führte in seinem
rheumatologischen Untersuchungsbericht aus (IV-act. 91), neu sei ein Diabetes mellitus
diagnostiziert worden. Der Versicherte habe angegeben, dass die Beweglichkeit der
Hände schlechter und die Schmerzen in den Füssen schlimmer geworden seien.
Ausserdem habe er Schmerzen in der unteren Wirbelsäule. Seit Januar 2009 arbeite er
in einem Restaurant, hauptsächlich in der Küche. Er arbeite 5,5 Std. pro Tag und
verdiene damit Fr. 2'500.--. Ein grösseres Pensum sei krankheitsbedingt nicht möglich.
Dr. I._ ging davon aus, dass der Diabetes mellitus die Arbeitsfähigkeit nicht
beeinträchtige. Im Bereich der Hände habe sich der Gesundheitszustand nicht
verschlechtert. Dasselbe gelte für die Füsse. Die Funktionsfähigkeit der Wirbelsäule sei
in allen Bereichen so gut, dass eine adaptierte Tätigkeit voll ausgeführt werden könne.
Es gelte weiterhin eine Arbeitsfähigkeit von 60% adaptiert. Medizinisch spreche nichts
gegen die neue Tätigkeit, wenn die Gewichtslimite eingehalten werde. Am 13. März
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2009 gab der Versicherte an, er habe bei der M._ bei einem Beschäftigungsgrad von
60% Fr. 2'700.-- (x13) verdient (IV-act. 94). In der N._ verdiene er Fr. 1'500.-- bei
einem Beschäftigungsgrad von 50%. Ein Vertreter der N._ gab am 20. April 2009 an
(IV-act. 98), der Versicherte sei von Januar bis März 2009 als Geschäftsführer mit
einem Beschäftigungsgrad von 50% angestellt gewesen. Der Lohn habe Fr. 2'500.--
(x12) betragen. Der Versicherte selbst teilte am 20. Mai 2009 mit (IV-act. 102), er
verdiene seit dem 1. April 2009 Fr. 2'500.--. Er helfe in der Küche und beim Service.
Ausserdem mache er den Einkauf mit dem Pw. Ein Handelsregisterauszug wies ihn als
Gesellschafter und Geschäftsführer der Z._ GmbH aus (IV-act. 103).
A.d Eine Abklärung an Ort und Stelle am 16. September 2009 ergab (IV-act. 115),
dass der Versicherte die N._ neu als Selbständigerwerbender führte. Gemäss seinen
eigenen Angaben arbeitete er täglich 4 - 6 Std. mit verminderter Leistungsfähigkeit. Er
bezog dafür einen Lohn von Fr. 2'500.--. Seine Aufgabe umfasste den Einkauf,
Vorbereitungsarbeiten, die Mithilfe in der Küche und die Gästebetreuung mit teilweise
Servicearbeiten. Er beschäftigte zwei Personen im Service zu je 50%, einen Pizzaiolo
zu 50% und einen Allrounder zu 80-100%. Der Versicherte gab weiter an, die
Auslastung sei nicht befriedigend. Die Löhne habe er bisher immer zahlen können, aber
mit den übrigen Rechnungen sei er im Rückstand. Dr. L._ gab am 12. Januar 2010 an
(IV-act. 116), die neue Tätigkeit in der N._ könne als angepasst angesehen werden.
Die IV-Stelle stellte ein Valideneinkommen von Fr. 69'116.-- (auf das
Nominallohnniveau 2008 aufgewertetes Einkommen 2003 von Fr. 64'668.-- bei der
B._) einem durchschnittlichen Hilfsarbeitereinkommen von Fr. 36'881.-- (60% von Fr.
61'468.--) gegenüber und ermittelte so einen Invaliditätsgrad von 46,64% (IV-act. 117
f.). Mit einem Vorbescheid vom 15. Januar 2010 kündigte sie dem Versicherten die
Zusprache einer Viertelsrente ab September 2008 an (act. 120). Der Versicherte liess
am 4. Februar 2010 einwenden (IV-act. 124), vom Durchschnittseinkommen von
Fr. 61'468.-- hätten zusätzlich 10% abgezogen werden müssen, weil er nur noch
leichte, wechselbelastende Arbeiten ausführen könne. Weitere 10% hätten abgezogen
werden müssen, weil er nur noch teilzeitlich arbeiten könne. Das ergebe ein
zumutbares Invalideneinkommen von Fr. 29'505.-- und einen Invaliditätsgrad von 57%.
Dr. I._ gab am 15. Februar 2010 an (IV-act. 126), die Leistung von 60% könne nicht
während fünf Stunden, sondern nur während des ganzen Tages erbracht werden. Mit
einer Verfügung vom 24. März 2010 sprach die IV-Stelle dem Versicherten ab 1. März
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2010 eine Viertelsrente zu (IV-act. 132). Am 7. Mai folgte die Zusprache einer
Viertelsrente für die Zeit von September 2008 bis Februar 2010 (IV-act. 135). Die IV-
Stelle hielt in den beiden Verfügungen u.a. fest, ein Teilzeitabzug sei ausgeschlossen,
weil die Restarbeitsfähigkeit ganztags umgesetzt werde.
B.
B.a Der Versicherte liess am 4. Mai 2010 Beschwerde gegen die Verfügung vom
24. März 2010 erheben und die Zusprache einer Dreiviertelsrente beantragen (act. G 1).
Sein Rechtsvertreter machte geltend, nach der Praxis des Bundesgerichts lasse auch
ein ganztägiger Arbeitseinsatz bei reduzierter Leistungsfähigkeit einen Teilzeitabzug zu.
Aufgrund der Auslastung des Arbeitsplatzes liege eine lohnmässig relevante
Erschwernis für die Verwertung des Restarbeitsfähigkeit vor. Der Teilzeitabzug betrage
mindestens 10%. Hinzu komme ein allgemeiner Abzug vom Tabellenlohn, der u. a.
durch ein höheres Krankheitsrisiko und durch die schlechten Deutschkenntnisse
begründet sei. Ausserdem seien die Hände nur noch bedingt funktionsfähig. Dies
rechtfertige einen Abzug von 15%. Bei einem Gesamtabzug von 25% resultiere ein
zumutbares Invalideneinkommen von Fr. 27'660.--, so dass ein Invaliditätsgrad von
60% bestehe. Am 20. Mai 2010 liess der Beschwerdeführer auch gegen die Verfügung
vom 7. Mai 2010 Beschwerde erheben (act. G 3).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 19. Juli 2010 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Sie machte geltend, auf den Lohn, den der Beschwerdeführer
sich selbst auszahle, könne nicht abgestellt werden. Deshalb sei auf einen Tabellenlohn
zurückzugreifen. Ein Teilzeitabzug sei nicht zulässig, weil der Beschwerdeführer in der
Lage sei, vollzeitlich mit reduzierter Leistung zu arbeiten. Ein angeblich grösseres
Risiko, krankheitsbedingt der Arbeit fernbleiben zu müssen, könne nicht als
Abzugsgrund anerkannt werden. Dasselbe gelte für schlechte Deutschkenntnisse. Das
Valideneinkommen betrage Fr. 69'244.--, das zumutbare Invalideneinkommen Fr.
33'257.--. Das entspreche einem Invaliditätsgrad von 48%.
B.c Der Beschwerdeführer liess am 7. September 2010 einwenden (act. G 8), er sei
nicht in der Lage gewesen und er sei auch jetzt nicht in der Lage, seine reduzierte
Arbeitsfähigkeit in einem Vollpensum zu verwerten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 10. September 2010 auf eine
Stellungnahme (act. G 10).

Erwägungen:
1.
Die Beschwerdegegnerin ist davon ausgegangen, dass das sogenannte Wartejahr (Art.
28 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG, SR 831.20])
im September 2007 zu laufen begonnen habe. Sie kann also nicht auf die
Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers in der Tätigkeit für die B._ abgestellt
haben, denn hier war der Beschwerdeführer schon bedeutend früher, nämlich ab
Oktober 2003 in einem erheblichen Ausmass arbeitsunfähig (vgl. IV-act. 13). Diese auf
den letzten Arbeitsplatz bei der B._ bezogene Arbeitsunfähigkeit hat in der Folge
unverändert angehalten. Da der Beschwerdeführer aber in einer adaptierten Tätigkeit
wieder zu 100% gearbeitet hat, ist keine rentenrelevante Invalidität eingetreten.
Gemäss dem rheumatologischen Bericht des RAD (vgl. IV-act. 66-13) ist erst ab
September 2007 auch in einer adaptierten Erwerbstätigkeit eine erhebliche
Arbeitsunfähigkeit (40%) aufgetreten, so dass eine rentenbegründende Invalidität
vorgelegen hat. Da der Beschwerdeführer zu diesem Zeitpunkt immer noch bezogen
auf den letzten Arbeitsplatz bei der B._ zu 100% arbeitsunfähig gewesen ist, hat er
von September 2006 bis September 2007 das Wartejahr erfüllt. Dass er in einer
adaptierten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig gewesen ist, spielt in diesem
Zusammenhang keine Rolle, da der Satz 2 des Art. 6 ATSG - der höchstrichterlichen
Rechtsprechung gemäss (vgl. das Bundesgerichtsurteil vom 23. Oktober 2003, I
392/02, Erw. 4.2.2) - nicht anwendbar ist. Die Beschwerdegegnerin ist somit zu
Unrecht davon ausgegangen, dass das Wartejahr erst am 31. August 2008 erfüllt
gewesen sei. Weil das Wartejahr bereits im September 2007 erfüllt gewesen ist,
besteht seit dem 1. September 2007 ein Anspruch auf eine Invalidenrente. Der
Beschwerdeführer hat sich bereits im Februar 2007 zum Rentenbezug angemeldet.
Intertemporalrechtlich ist nicht die seit dem 1. Januar 2008 geltende Regelung in Art.
29 Abs. 1 IVG, sondern die altrechtliche Lösung in aArt. 29 Abs. 1 IVG (allenfalls in
Verbindung mit aArt. 48 Abs. 2 IVG) anwendbar (vgl. die IV-Rundschreiben Nr. 253 und
Nr. 300 des Bundesamtes für Sozialversicherungen). Die Frage nach dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anwendbaren Recht hätte allerdings grundsätzlich unbeantwortet bleiben können, denn
beide Regelungen sehen für den vorliegenden Fall einen allfälligen Rentenbeginn ab 1.
September 2007 vor.
2.
2.1 Dr. I._ hat in seinem Bericht vom 14. März 2008 (vgl. IV-act. 66) angegeben, der
(damalige) Arbeitsplatz in der Metallbearbeitung sei adaptiert gewesen, so dass von
einer optimalen beruflichen Eingliederung des Beschwerdeführers ausgegangen
werden könne. Gleichzeitig hat er angegeben, bei dieser Arbeit sei eine einwandfreie
Funktion der Hände zur Erbringung einer vollen Leistung unabdingbar. Die Ursache der
angegebenen Arbeitsunfähigkeit von 40% muss also in der Beeinträchtigung der
Hände bestanden haben (eingeschränkte Beweglichkeit, Reduktion der
Geschicklichkeit, des Arbeitstempos und der Kraftentwicklung). Dr. I._ hat denn auch
angegeben, die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers für manuelle Arbeiten sei
reduziert. Der allgemeine und ausgeglichene Arbeitsmarkt weist Tätigkeiten auf, in
denen der Beschwerdeführer seine Restarbeitsfähigkeit trotz der Beeinträchtigung
seiner Hände verwerten könnte. Die Beschwerdegegnerin ist demnach zu Recht davon
ausgegangen, dass eine adaptierte Tätigkeit leichte manuelle Tätigkeiten beinhalte.
2.2 Die Beschwerdegegnerin hat als Invalidenkarriere eine Hilfsarbeit angenommen.
Sie hat nicht geprüft, ob es dem Beschwerdeführer möglich und zumutbar sei, eine
sogenannt höherwertige Umschulung zu absolvieren, um durch ein Lohnniveau, das
über demjenigen an der letzten Arbeitsstelle liegen würde, die Arbeitsunfähigkeit von
40% so weit zu kompensieren, dass die behinderungsbedingte Erwerbseinbusse
weniger als 40% ausmachen würde. Der Einspracheentscheid vom 6. März 2006 (vgl.
IV-act. 39), mit dem die Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers
auf berufliche Eingliederungsmassnahmen verneint hatte, stünde einer höherwertigen
Umschulung nicht entgegen, denn seither hat sich der massgebende Sachverhalt
erheblich verändert. Im übrigen ist fraglich, ob die Verneinung eines
Umschulungsanspruchs einer Umschulung in Erfüllung des Grundsatzes
"Eingliederung vor Rente" (vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., Vorbemerkungen N.
47) im Weg stehen kann. Der Beschwerdeführer ist Jahrgang 1963, so dass eine
qualifizierte Berufsausbildung, selbst wenn sie mehrere Jahre dauern würde, durchaus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verhältnismässig wäre, denn die anschliessend verbleibende erwerbliche
Aktivitätsdauer würde zehn Jahr oder mehr betragen. Eine adaptierte, höherwertige
Erwerbstätigkeit würde unabhängig davon, ob sie schwergewichtig technischer oder
schwergewichtig administrativer Natur wäre, erhebliche intellektuelle Anforderungen
stellen. Der Beschwerdeführer müsste als erstes die schulischen und sprachlichen
Voraussetzungen für eine solche Ausbildung schaffen. Dies wäre zwar - als Vorstufe
der eigentlichen qualifizierten Berufsausbildung - ohne weiteres verhältnismässig, aber
es bestehen erhebliche Zweifel, ob der Beschwerdeführer die dazu sowie für die
anschliessende Berufsausbildung notwendigen intellektuellen Fähigkeiten mitbringt.
Der Beschwerdeführer hat sich zwar im Lauf seines Arbeitslebens bis zur Kündigung
durch die Aepli & C. Metallbau gewisse Kenntnisse und Erfahrungen angeeignet, die es
ihm erlaubt haben, ein über dem durchschnittlichen Hilfsarbeiterlohn liegendes
Erwerbseinkommen zu erzielen. Das ändert aber nichts daran, dass er immer als
Hilfsarbeiter tätig gewesen ist. Nichts deutet darauf hin, dass er je eine berufliche
Fortbildung absolviert und auch nur angestrebt hätte. Es gibt auch kein Indiz dafür,
dass er versucht hätte, sich administrativ weiterzubilden. Er scheint auch nie versucht
zu haben, in der B._ eine Führungsfunktion zu übernehmen. Wäre er befähigt
gewesen, sich in irgendeiner Weise qualifiziert weiterzubilden, so hätte er das wohl
auch versucht, denn sein Verhalten nach der Kündigung durch die B._ zeigt, dass er
durchaus leistungsbewusst ist und auch einen gewissen Ehrgeiz aufweist. Formal hat
der Beschwerdeführer nun zwar eine Leitungsfunktion in einem Gastronomiebetrieb
übernommen, aber seinem Tätigkeitsbeschrieb lässt sich entnehmen, dass er diese
Funktion nicht oder nur teilweise erfüllt. Im übrigen stellt das Leiten und Administrieren
eines solchen Kleinstbetriebes keine hohen intellektuellen Anforderungen, so dass sich
daraus nicht der Schluss ziehen lässt, der Beschwerdeführer wäre in der Lage
gewesen, sich erfolgreich einer qualifizierten beruflichen Umschulung zu unterziehen.
Unter diesen Umständen kann trotz des Fehlens einer berufsberaterischen Abklärung
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen
werden, dass der Beschwerdeführer mit einer höherwertigen Umschulung gescheitert
wäre. Deshalb ist die Möglichkeit einer Überwindung der Invalidität mittels einer
beruflichen Eingliederung im Ergebnis zu Recht gar nie ins Auge gefasst worden. Mit
der angefochtenen Verfügung ist der Grundsatz "Eingliederung vor Rente" also nicht
verletzt worden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Die Invalidenkarriere des Beschwerdeführers ist von der Beschwerdegegnerin
nicht anhand der effektiv ausgeübten Tätigkeit als Geschäftsführer eines kleinen
Gastronomieunternehmens definiert worden. Die Beschwerdegegnerin hat diese
Erwerbstätigkeit also - entgegen der in der Notiz vom 12. Januar 2010 festgehaltenen
Auffassung des RAD - als nicht adaptiert qualifiziert. Diese Einschätzung ist korrekt,
denn in einem Kleinbetrieb geht es nicht ohne die tätige Mithilfe des Geschäftsführers,
der - zusätzlich zu seinen Administrativ- und Leitungsfunktionen - immer dort aushelfen
muss, wo der eigentlich zuständige Mitarbeiter gerade nicht kann oder nicht da ist.
Dazu ist der Beschwerdeführer insbesondere aufgrund seiner Handbeschwerden nicht
geeignet. Hinzu kommt, dass sich der Gastronomiebetrieb in einer Aufbauphase
befindet, so dass gar nicht feststeht, ob der Betrieb überhaupt in der Lage ist, soviel
Ertrag abzuwerfen, dass der vom Beschwerdeführer sich selbst ausgerichtete "Lohn"
finanziert werden kann. Ebensowenig ist bekannt, ob der "Lohn" leistungskonform ist.
Der Beschwerdeführer ist selbstverständlich frei in seiner Entscheidung, ob er die
verbliebene Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit oder in einer anderen, zwar
sofort offen stehenden, aber nicht adaptierten Tätigkeit verwerten will. Für den
Einkommensvergleich ist aber auf jeden Fall jenes Einkommen als Invalideneinkommen
zu betrachten, das in einer adaptierten Tätigkeit auf dem allgemeinen und
ausgeglichenen Arbeitsmarkt erzielt werden könnte.
3.
Der Einkommensvergleich hat anhand des Jahres 2007 zu erfolgen, da ein
Rentenanspruch ab September 2007 zur Diskussion steht. Der Beschwerdeführer hat
gemäss den Angaben der B._ im Jahr 2003 Fr. 64'668.-- verdient. Die vom
Bundesamt für Statistik herausgegebenen Lohnentwicklungen 2005 (Anhang Tabelle
T1.93) und 2008 (Anhang Tabelle T1.05) zeigen, dass dieser Lohn bis 2007 auf
Fr. 67'713.-- angestiegen wäre. Dieser Betrag ist als Valideneinkommen in den
Einkommensvergleich einzusetzen. Der Durchschnittslohn der Hilfsarbeiter aller
Branchen hat sich im Jahr 2007 auf Fr. 60'167.-- belaufen (vgl. die Zusammenfassung
der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen in Anhang
2 der von der Informationsstelle AHV/IV herausgegebenen Textausgabe IVG 2012). Bei
einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 60% entspricht das einem Einkommen von Fr.
36'100.--. Dr. I._ vom RAD hat am 15. Februar 2010 angegeben, die Leistung von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
60% könne bei einer Präsenz während eines Normarbeitstages erbracht werden (vgl.
IV-act. 126). Daraus hat die Beschwerdegegnerin den Schluss gezogen, dass der
Beschwerdeführer keinen überproportionalen Lohnnachteil zu gewärtigen habe, da er
ja nicht teilzeitlich arbeite. Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung (vgl. das Urteil
vom 4. April 2012, 8C_20/2012), aber entgegen der Lehre (vgl. Ph. Geertsen, Der
Tabellenlohnabzug, in: JaSo 2012, Jahrbuch zum Sozialversicherungsrecht, S. 148 ff.)
ist diese Auffassung richtig. Im vorliegenden Fall kann deshalb nicht von einem
überproportionalen Lohnnachteil des Beschwerdeführers bei Teilzeitarbeit
ausgegangen werden. Allerdings weist der Beschwerdeführer die üblichen
Konkurrenznachteile eines gesundheitlich angeschlagenen Arbeitnehmers auf
(Unfähigkeit, Überstunden zu leisten bzw. zu mehr als 60% zu arbeiten, Unfähigkeit, an
einem nicht-adaptierten Arbeitsplatz eingesetzt zu werden, reale oder auch nur
befürchtete Gefahr überproportionaler Krankheitsabsenzen usw.), so dass sich ein
zusätzlicher Abzug vom Tabellenlohn rechtfertigt. Die Nachteile sind aber entgegen der
Auffassung des Beschwerdeführers bei weitem nicht so ausgeprägt, dass sie die
Ausnützung des Maximalabzugs von 25% rechtfertigen würden. Ein zusätzlicher Abzug
von 10% erscheint als angemessen. Das zumutbare Invalideneinkommen beträgt somit
Fr. 32'490.--. Bei einem Valideneinkommen von Fr. 67'713.-- resultiert eine
behinderungsbedingte Erwerbseinbusse von Fr. 35'223.--. Das entspricht einem
Invaliditätsgrad von abgerundet 52%.
4.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und dem Beschwerdeführer ist mit Wirkung
ab September 2007 eine halbe Invalidenrente mit den entsprechenden Kinderrenten
zuzusprechen. Die Sache ist zur Festsetzung der Rentenbeträge, zur Prüfung einer
allfälligen Kürzung der Kinderrente(n) und der Drittauszahlung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Bei diesem Verfahrensausgang unterliegt die
Beschwerdegegnerin vollumfänglich, so dass sie dem Beschwerdeführer eine
Parteientschädigung zu bezahlen und die Gerichtsgebühr zu entrichten hat. Die Höhe
der Parteientschädigung richtet sich nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g ATSG). Unter Berücksichtigung dieser beiden
Kriterien ist von einem durchschnittlichen Fall auszugehen, so dass praxisgemäss eine
Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angemessen erscheint. Die Höhe der Gerichtsgebühr richtet sich nach dem
Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Auch dieser ist als durchschnittlich zu
qualifizieren, so dass die Gerichtsgebühr praxisgemäss auf Fr. 600.-- festzusetzen ist.
Der vom Beschwerdeführer in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss ist
zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht