Decision ID: daa10b68-6e95-500c-a86e-6ba132024200
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer reichte am 31. März 2017 bei der Gemeinde Bönigen ein
generelles Baugesuch ein für den Abbruch des bestehenden I._Gebäudes sowie
den Neubau eines G._ Gebäudes und einer Einstellhalle auf Parzelle Bönigen
Grundbuchblatt Nr. H._. Die Parzelle liegt im Sektor K._ des
Uferschutzplans (USP) Nr. M._ und N._. Es gelten die Uferschutz- und
Überbauungsvorschriften 1-3 (UÜV). Das vom Beschwerdeführer gestellte generelle
Baugesuch betrifft nur die Fragen der baupolizeilichen Masse und der Abstände zu den
Nachbarparzellen, die Nutzung sowie die Zahl der Abstellplätze für PKW und Zweiräder.1
Die Gemeinde leitete das Gesuch an das Regierungsstatthalteramt weiter, welches
verschiedene Mängel beheben liess.2 Gegen das Bauvorhaben erhob unter anderem die
Erblasserin der Beschwerdegegnerschaft Einsprache. Am 9. August 2017 fand ein
Bereinigungsgespräch gemäss Art. 8 KoG3 zwischen der Gemeinde und dem
Regierungsstatthalteramt statt. Am 20. September 2017 stellte der Beschwerdeführer ein
separates Baugesuch für den Abbruch des bestehenden I._Gebäudes.4 Zudem
teilte der Beschwerdeführer mit, sein Projekt anpassen zu wollen und wünschte einen
Termin vor Ort, welcher am 11. Januar 2018 stattfand.5 Das Regierungsstatthalteramt
forderte den Beschwerdeführer mit Verfügung vom 14. Februar 2018 auf, das geänderte
Projekt nochmals zu überarbeiten, eine Volumenberechnung des bestehenden und des
neuen Gebäudes einzureichen und die eingereichten Pläne und Unterlagen zu verbessern.
Mit Schreiben vom 17. April 2018 reichte der Beschwerdeführer neue Pläne, eine
Parkplatzberechnung und ein angepasstes Baugesuchsformular ein. Demgemäss umfasst
das generelle Baugesuch neu den Neubau eines G._Gebäudes, 38 Parkplätze in
einer unterirdischen Einstellhalle sowie 19 Aussenparkplätze.6 Aufgrund von
Meinungsverschiedenheiten bezüglich des erlaubten Volumens und auf erneute Bitte des
Regierungsstatthalteramtes hin reichte der Beschwerdeführer am 9. Mai 2018 eine
Volumenberechnung ein. Das Regierungsstatthalteramt bezweifelte im Folgenden die
Bewilligungsfähigkeit des generellen Baugesuchs und gab dem Beschwerdeführer
1 Pag. 8 Vorakten Regierungsstatthalteramt 2 Pag. 97 Vorakten Regierungsstatthalteramt 3 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 4 Pag. 105 ff. Vorakten Regierungsstatthalteramt 5 Pag. 121 ff. und 225 ff. Vorakten Regierungsstatthalteramt 6 Pag. 2 ff. Vorakten Regierungsstatthalteramt
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Gelegenheit zur Überarbeitung des Projekts. Der Beschwerdeführer hielt daraufhin an
seinem generellen Baugesuch fest.7
Mit Verfügung vom 2. November 2018 erteilte das Regierungsstatthalteramt Interlaken-
Oberhasli den Bauabschlag.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 4. Dezember 2018 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die
Aufhebung des Bauabschlags vom 2. November 2018 und die Bewilligung des generellen
Baugesuchs vom 31. März 2017. Er bringt insbesondere vor, die geltenden Vorschriften
würden den geplanten, grösseren Neubau zulassen, da er innerhalb der Baulinien des
USP projektiert sei.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet8, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für
den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Prozessvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide – auch
Entscheide im generellen Baubewilligungsverfahren gemäss Art. 32d BauG9 – können
nach Art. 40 Abs. 1 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE
7 Pag. 176 ff. Vorakten Regierungsstatthalteramt 8 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 9 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen den
Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die
Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 10 KoG i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer,
dessen generelles Baugesuch abgewiesen wurde, ist durch den vorinstanzlichen
Gesamtentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form-
und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Gebäudemasse
a) Der Beschwerdeführer plant, das in die Jahre gekommene I._Gebäude
abzubrechen und (nebst Parkplätzen und einer Einstellhallte) ein neues
G._Gebäude zu erstellen. Gemäss den Berechnungen des Beschwerdeführers
hat das mehrgeschossige Hauptgebäude des bestehenden I._Gebäudes eine
Grundfläche von rund 280 m2 mit Anbauten von rund 350 m2; das freistehende
Nebengebäude hat eine Grundfläche von 185 m2. Das Gebäudevolumen beträgt rund
6'700 m3. Der geplante Neubau sieht beidseits des Hauptgebäudes angebaute einstöckige
Nebengebäude mit Flachdach im Westen vor. Anstelle des heute freistehenden
Nebengebäudes soll ein zurückversetzter Aufbau auf das Flachdach des angebauten
Nebengebäudes erfolgen, mit einem Teil des Flachdachs als Terrasse zur geplanten "5.5-
Zimmerwohnung". Das projektierte Hauptgebäude und die Nebengebäude haben gemäss
den Angaben des Beschwerdeführers eine Grundfläche von rund 540 m2 bzw. 620 m2 und
das Gebäudevolumen des Neubaus beträgt 11'740 m3.10 Das hier umstrittene Vorhaben
befindet sich innerhalb der Baulinien des USP. Es ist bedeutend grösser geplant als die
bestehenden Gebäude. Der Beschwerdeführer plant, praktisch die gesamte (leicht vom
See zurückversetzte) Fläche, auf der heute die bestehenden, schmaleren Gebäude und
Anbauten in lockerer Anordnung verteilt sind, gänzlich zu überbauen.11 Das
Regierungsstatthalteramt erteilte dem generellen Baugesuch den Bauabschlag. Es
begründete dies damit, die Zunahme des Gebäudevolumens von 75 % widerspreche Art. 8
Abs. 2 ÜUV.
10 Vgl. Flächen- und Volumenberechnungen auf pag. 143 f. der Vorakten Regierungsstatthalteramt; zu den bestehenden Bauten die Fotos in den Vorakten Überbauungsordnung I._Gebäude, in Faszikel 5 11 Vgl. die Situationspläne auf pag. 118 und 242 der Vorakten Regierungsstatthalteramt
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Der Beschwerdeführer ist der Ansicht, dass innerhalb der Baulinien frei gebaut werden
dürfe, ansonsten diese keinen Sinn machen würden. Ein neues G._Gebäude,
welches die Baulinien ausnütze, jedoch dem bisherigen Volumen entsprechen würde, wäre
geradezu absurd, da nur ein eingeschossiges Gebäude mit einem Satteldach möglich
wäre. Ein neues G._Gebäude mit den bisherigen Gebäudemassen könnte zudem
nicht wirtschaftlich betrieben werden, die Auslegung des Regierungsstatthalteramts
verletze daher die Wirtschaftsfreiheit. Die vorhandene Baustruktur diene nur als Inspiration.
Diesen Schluss zieht er insbesondere aus der Streichung eines ursprünglich vorhandenen
Teilsatzes von Art. 8 Abs. 2 ÜUV, wonach "Gebäudehöhe und Dachneigung bzw. –
aufbauten auf keinen Fall über das heutige Mass hinaus verändert werden können". Da die
Gemeinde diese Flexibilisierung bestätige, verletzte der angefochtene Entscheid auch die
Gemeindeautonomie. Gemäss Art. 2 ÜUV gelte das Baureglement (GBR) subsidiär. Da
sich Art. 8 ÜUV nicht über die Ausnützung respektive das Volume äussere, komme die
Ausnützungsziffer für die Hotelzone zur Anwendung (Art. 57 Abs. 1 GBR), welche das
Bauvorhaben einhalte.
Die Gemeinde, welche das vorliegende Bauprojekt unterstützt, führt in ihrer Stellungnahme
vom 10. Januar 2019 bzw. im beigelegten Schreiben vom 6. Juni 2018 aus, die Anpassung
von Art. 8 Abs. 2 ÜUV habe keine Verschärfung bezweckt, sondern eine Erleichterung und
Flexibilität. Der zweiten nachträglichen Änderung der USP habe ein konkretes
Bauvorhaben zugrunde gelegen. Die Baulinien seien diesem Projekt angepasst worden.
Ein G._Gebäude im bestehenden Volumen sei wohl kaum zu betreiben.
Die Beschwerdegegnerschaft bringt insbesondere vor, die Streichung des Teilsatzes
betreffe nur die Gebäudehöhe und Dachneigung bzw. Aufbauten. Im Übrigen sei die
restriktive Bestimmung beibehalten worden. Daher dürfe das Volumen nicht über das
bestehende Mass hinaus verändert werden. Mit der zweiten nachträglichen Änderung des
USP habe der Gemeinderat im gemischt-geringfügigen Verfahren die von der
Gemeindeversammlung im Juni 2013 beschlossene Anpassung des Uferschutzes
abgeändert, da ein reduziertes Gebäude ermöglicht werden sollte. Dabei sei der
Wirkungsbereich der Uferschutzzone gegen den See hin verschoben worden, was dem
Beschwerdeführer ermöglicht habe, seine Parzelle zu teilen und auf den hinten liegenden
Parzellen grössere Häuser zu bauen. Wenn der Beschwerdeführer nun das Gebäude auch
noch grösser als gesetzlich vorgesehen bauen dürfe, würde dies dem an der
Gemeindeversammlung vom 7. Juni 2013 geäusserten Volkswillen widersprechen und der
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Beschwerdeführer würde doppelt profitieren. Das geplante Vorhaben sei viel massiger und
erscheine grösser, zumal eine durchgehende Baute vorgesehen sei, während das heutige
Gebäude eine Lücke zum Nebengebäude aufweise. Damit widerspreche das Projekt der
Uferschutzgesetzgebung und insbesondere Art. 44 Abs. 2 GBR, wonach Durchblicken zum
See und der Aussicht vom See her spezielle Beachtung zu schenken sei.
b) Ausgangspunkt jeder Auslegung bildet der Wortlaut der Bestimmung. Ist der Text
nicht klar und sind verschiedene Interpretationen möglich, so muss nach seiner wahren
Tragweite gesucht werden unter Berücksichtigung aller Auslegungselemente, namentlich
des Zwecks, des Sinns und der dem Text zu Grunde liegenden Wertungen. Wichtig ist
ebenfalls der Sinn, der einer Norm im Kontext zukommt. Vom klaren, das heisst
eindeutigen und unmissverständlichen Wortlaut darf nur ausnahmsweise abgewichen
werden, wenn triftige Gründe dafür vorliegen, dass der Wortlaut nicht den wahren Sinn der
Bestimmung wiedergibt. Solche Gründe können sich aus der Entstehungsgeschichte der
Bestimmung, aus ihrem Grund und Zweck oder aus dem Zusammenhang mit andern
Vorschriften ergeben.12 Bei der Auslegung von kommunalen Erlassen ist zu beachten, dass
die Gemeinden in ihrer Ortsplanung im Rahmen der gesetzlichen Regelungen und der
übergeordneten Planung autonom sind (Art. 65 Abs. 1 BauG). Bei der Anwendung ihrer
eigenen Normen kommt ihnen deshalb ein Beurteilungsspielraum zu und die
Rechtsmittelinstanzen auferlegen sich gegenüber der Auffassung der Gemeinde
entsprechend eine gewisse Zurückhaltung. Beurteilungsspielraum geniessen die
Gemeinden allerdings nur bei der Wahl zwischen mehreren rechtlich haltbaren
Auslegungen einer Norm.13 Vorliegend hat die Gemeinde nicht als rechtsanwendende
Behörde über das Baugesuch entschieden, sondern dazu lediglich in Form eines Antrags
an die Baubewilligungsbehörde Stellung genommen. Gemäss der Rechtsprechung des
Verwaltungsgerichts kann sich die Gemeinde auch dann auf die Gemeindeautonomie
berufen, wenn sie nicht als rechtsanwendende Behörde über das Baugesuch entscheidet.14
c) Die streitbetroffene Parzelle liegt im Sektor K._ des USP Nr. M._
und N._. Dieser beinhaltet eine "Baulinie" (für mehrstöckige Gebäude), eine
"Baulinie Erdgeschoss" sowie eine "Baulinie Einstellhalle". Die Baulinien enthalten
grössere Flächen als die heute bestehenden Bauten. Zudem wurde die "Baulinie" (für
12 statt vieler BGE 137 III 470 E. 6.4; BVR 2012 S. 20 E. 3.1 13 BVR 2016 S. 79 E. 4.6 14 VGE 2018.84 vom 6.12.2018, E. 2.5
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mehrstöckige Gebäude) im Vergleich zu den bestehenden Gebäuden leicht vom See
zurückversetzt festgelegt.15 Die UÜV sehen vor: Art. 8: 1 Der Sektor D ist für Hotelbauten reserviert. 2 Gebäudemasse und Fassadengestaltung bzw. -gliederung, insbesondere auch Materialwahl
und Farbgebung, richten sich nach der heute vorhandenen Baustruktur. Seeseits der Baulinie
gilt ein Bauverbot für Hochbauten. 3 Zwecks Einbezug seeseitigen Terrassen im Restaurationsbetrieb sind zwischen der im Plan
eingezeichneten Baulinie und der Baulinie Erdgeschoss geschlossene Bauteile bis zu einer
Gesamthöhe von höchstens 3.6 m über dem massgebenden Terrain zulässig. Über
Terrassen, die das massgebende Terrain max. 1 m überragen, sind offene Bauteile wie
Überdachung, Tragkonstruktionen, Abschrankungen usw. bis zu einer Gesamthöhe von
gebäudeseitig maximal 4 m und seeseitig maximal 2.5 m über den Terrassen zulässig. Der
Bereich der Baulinie Einstellhalle ist für unter dem Terrain liegende Fahrzeugabstellplätze und
Nebenräume (unterirdische Bauten) bestimmt. 4 An- und Kleinbauten können nur auf der vom See abgewendeten Seite der bestehenden
Gebäude erstellt werden, damit der Durchblick zwischen den Gebäuden auf den See
gewährleistet bleibt. 5 [Gestaltung Gartenanlage]16
d) Gemäss Art. 8 Abs. 2 ÜUV haben sich die Gebäudemasse nach der heute
vorhandenen Baustruktur zu richten. Als Gebäudemasse gelten die Gebäudedimensionen
wie Höhe, Länge und Breite.17 Damit besagt Art. 8 Abs. 2 ÜUV unmissverständlich, dass
ein Neubau entsprechend den Gebäudedimensionen der heute bestehenden Bauten
gestaltet werden muss. Von diesem klaren Wortlaut darf nur abgewichen werden, wenn
triftige Gründe dafür vorliegen, dass der Wortlaut nicht den wahren Sinn der Bestimmung
wiedergibt. Solche Gründe können sich aus der Entstehungsgeschichte der Bestimmung,
aus ihrem Grund und Zweck oder aus dem Zusammenhang mit andern Vorschriften
ergeben.
15 Pag. 23 Vorakten Regierungsstatthalteramt 16 Pag. 36 Vorakten Regierungsstatthalteramt 17 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 13 N. 5 sowie Art. 57 GBR
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e) Als die Gemeinde die 1994 genehmigten Überbauungsvorschriften zum
Uferschutzplan Nr. N._ revidieren wollte, übernahm sie im Entwurf zum neuen Art.
8 ÜUV den vormals geltenden Art. 518 und sah folgenden Abs. 2 vor: 2 Gebäudemasse und Fassadengestaltung bzw. -gliederung, insbesondere auch Materialwahl
und Farbgebung, richten sich nach der heute vorhandenen Baustruktur; Gebäudehöhe und
Dachneigung bzw. –aufbauten können auf keinen Fall über das heutige Mass hinaus
verändert werden. Seeseits der Baulinie gilt ein Bauverbot für Hochbauten.19
Im Rahmen des Vorprüfungsverfahrens bemerkte das Amt für Gemeinden und
Raumplanung (AGR) zu dieser Fassung von Art. 8 Abs. 2 ÜUV: "Was wird mit
Formulierung "auf keinen Fall über das heutige Mass hinaus verändert werden" genau
bezweckt? Ist diese Formulierung tatsächlich sachdienlich, d.h. sind keine
"Verbesserungen" mit zweckdienlichen Abweichungen denkbar?"20 Im Folgenden strich die
Gemeinde den Teilsatz "Gebäudehöhe und Dachneigung bzw. –aufbauten können auf
keinen Fall über das heutige Mass hinaus verändert werden".21 Das AGR kommentierte die
Streichung des Teilsatzes mit der Bemerkung "Vorschrift nun offener und i.o."22 Der so
geändert Art. 8 Abs. 2 ÜUV wurde am 7. Juni 2013 durch die Gemeindeversammlung
beschlossen und am 27. Oktober 2016 durch das AGR genehmigt.23
Das AGR warf damit im Vorprüfungsverfahren die Frage auf, ob nicht Raum bestehen
sollte, um vom Mass der Gebäudehöhe und Dachneigung bzw. –aufbauten abzuweichen,
wenn damit eine bessere bauliche Lösung erzielt werden kann. Aufgrund dieses Hinweises
des AGR strich die Gemeinde den fraglichen Teilsatz und verzichtete damit darauf, dass
Gebäudehöhe und Dachneigung bzw. –aufbauten bei einem künftigen Bauvorhaben
identisch sein müssen. Damit entfällt das strikte Verbot, Gebäudehöhe und Dachneigung
bzw. –aufbauten über das heutige Mass zu verändern. Die Bestimmung sieht jedoch
weiterhin unmissverständlich vor, dass sich insbesondere Gebäudemasse nach der heute
18 Pag. 24 ff. Vorakten Regierungsstatthalteramt 19 Vgl. Ordner Teilrevision Uferschutzplanung, Faszikel 2, Entwurf Uferschutz- und Überbauungsvorschriften  vom Juli 2009 20 Ordner Teilrevision Uferschutzplanung, Faszikel 5, Problemübersicht Vorprüfungsverfahren vom 21. September 2010, Nr. 8 21 Vgl. Ordner Teilrevision Uferschutzplanung, Faszikel 6, Entwurf Uferschutz- und Überbauungsvorschriften  vom Februar 2011 22 Ordner Teilrevision Uferschutzplanung, Faszikel 7, Themenübersicht Vorprüfungsverfahren Phasen 1 und 2 vom 2. Mai 2012, Nr. 8 23 Vgl. Ordner Uferschutzplanung, Teil 1-3, Faszikel 3
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vorhandenen Baustruktur richten. Aus der Streichung dieses Teilsatzes kann daher nichts
abgeleitet werden bezüglich der Massgeblichkeit der Gebäudemasse der bestehenden
Baustruktur.
f) Baulinien bestimmen den erforderlichen Bauabstand nach den Verhältnissen im
Einzelfall und legen die Bauverbotszone fest. Sie gehen den allgemeinen gesetzlichen
Abstandsvorschriften oder reglementarischen Grenz- und Gebäudeabständen vor.24 Sie
ermöglichen, den Standort einer Baute innerhalb der Baulinien zu wählen, stehen jedoch
zusätzlichen Vorschriften über Bauweise und Baugestaltung nicht entgegen.25 Statt die
zulässigen Gebäudemasse im Einzelnen aufzuführen, verweist der heute geltende Art. 8
Abs. 2 ÜUV auf die Massgeblichkeit der bestehenden Gebäudedimensionen. Bereits der
ursprüngliche USP sah grosszügige Baulinien vor und beschränkte im damaligen Art. 5
ÜUV gleichzeitig insbesondere die zulässige Gebäudehöhe und die Gebäudemasse.26
Dass im USP (grosszügige) Baulinien bestehen, stellt daher ebenfalls keinen wichtigen
Grund dar, um vom klaren Wortlaut von Art. 8 Abs. 2 ÜUV abzuweichen.
g) Bei der zweiten nachträglichen Änderung Uferschutzplan Nr. M._ hat der
Gemeinderat eine neue Baulinie für eine unterirdische Einstellhalle im östlichen Teil der
Parzelle geschaffen, die Baulinien sowie den Wirkungsbereich des Uferschutzplans auf der
Südseite leicht angepasst und Art. 8 Abs. 3 ÜUV verändert: Neu sind höhere geschlossene
Bauteile zwecks Einbezug der seeseitigen Terrassen in den Restaurationsbetrieb
zulässig.27 Das AGR genehmigte diesbezüglich schlussendlich eine Erhöhung von 1 m auf
3.6 m über dem massgebenden Terrain.28 Art. 8 Abs. 2 ÜUV blieb hingegen unverändert.
Dass der zweiten nachträglichen Änderung Uferschutzplan Nr. M._ das
sogenannte reduzierte Projekt I._Gebäude zugrunde lag, welches Ähnlichkeiten
mit dem heutigen Projekt hat, ändert nicht die Bedeutung des unverändert gebliebenen Art.
8 Abs. 2 ÜUV.29 Hätte der Gemeinderat vom klaren Grundsatz der Massgeblichkeit der
bisherigen Gebäudemasse abweichen wollen, hätte er Art. 8 Abs. 2 ÜUV anpassen lassen
24 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band II, Bern 2017, Art. 96a-96d, N. 1 f. sowie Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 12 N. 3 25 Vgl. dazu Art. 13 BauG 26 Vgl. pag. 24 f. Vorakten Regierungsstatthalteramt 27 Vgl. Ordner Teilrevision Uferschutzplanung, Faszikel 10 28 Vgl. Ordner Uferschutzplanung, Teil 1-3, Faszikel 10 29 Vgl. Ordner Teilrevision Uferschutzplanung, Faszikel 10, Erläuterungsbericht vom 20. Juni 2014 sowie pag. 150 Vorakten Regierungsstatthalteramt
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müssen. Dies gilt umso mehr, als die Gemeindeversammlung vorher die
Überbauungsordnung I._Gebäude welche eine grössere Ausnutzung des
Geländes vorsah, klar abgelehnt hatte.30 Auf dem neuen Plan fehlen vermutlich wegen
dieser Ablehnung die vorher bestehende Linie um das gesamte Grundstück Nr.
H._ und der Hinweis darauf, dass dafür eine separate Überbauungsordnung
ausgearbeitet und separat zur Abstimmung gebracht wird. In der Folge wurde der südliche,
nicht dem Wirkungsbereich des Uferschutzplans unterstellte Teil der Parzelle Nr.
H._ abparzelliert und überbaut.31
Ob allenfalls über die bisherigen Gebäudemasse hinaus höhere geschlossene Bauteile
"zwecks Einbezugs der seeseitigen Terrassen in den Restaurationsbetrieb" möglich wären,
kann vorliegend offen bleiben. Denn das vorliegende Projekt sieht weit darüber hinaus
Vergrösserungen vor: So soll beispielsweise die Grundfläche des Hauptgebäudes fast
verdoppelt werden.32 Vor diesem Hintergrund muss auch nicht entschieden werden, ob
aufgrund einer entsprechenden Praxis der Gemeinde in der Hotelzone die Geschosszahl
frei gewählt werden kann.33
h) Zusammengefasst besagt Art. 8 Abs. 2 ÜUV unmissverständlich, dass ein Neubau
entsprechend den Gebäudedimensionen der heute bestehenden Bauten gestaltet werden
muss. Es bestehen vorliegend keine triftigen Gründe, um von diesem Wortlaut
abzuweichen. Eine Auslegung entgegen dem klaren Wortlaut ist rechtlich nicht haltbar.
Eine Verletzung der Gemeindeautonomie liegt daher nicht vor. Es ist auch nicht ersichtlich,
inwieweit der angefochtene Entscheid gegen die Wirtschaftsfreiheit verstossen sollte,
zumal diese keinen Anspruch auf eine Nutzung des Grundstücks vermittelt, die den
baurechtlichen Vorschriften widerspricht. Der angefochtene Entscheid bezweckt zudem
weder unter dem Deckmantel der Raumplanung einen Eingriff in den wirtschaftlichen
Wettbewerb noch wird die Wirtschaftsfreiheit ihres Gehaltes entleert.34
30 Vgl. Ordner Überbauungsordnung I._ 31 Vgl. pag. 242 Vorakten Regierungsstatthalteramt 32 Vgl. Flächen- und Volumenberechnungen auf pag. 143 f. der Vorakten Regierungsstatthalteramt. Vgl. zu den bestehenden Bauten die Fotos im Ordner Überbauungsordnung I._, in Faszikel 5 33 Vgl. dazu Rückseite pag. 134 Vorakten Regierungsstatthalteramt 34 Vgl. dazu BGE 142 I 162 E. 3.3; BGer 1C_191/2017 vom 23.6.2017, E. 5.5
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Die Gebäudedimensionen des geplanten Vorhabens richten sich nicht nach der
bestehenden Baustruktur, was sich bereits auf der Gegenüberstellung der vom
Beschwerdeführer errechneten Volumen ergibt: Das bestehende Volumen beträgt
6'700 m3, das Volumen des geplanten Neubaus 11'740 m3.35 Die Rügen des
Beschwerdeführers erweisen sich als unbegründet. Der Sachverhalt erscheint hinreichend
klar, so dass keine weiteren Beweismassnahmen nötig sind. Der Antrag auf einen
Augenschein und ein Gutachten der J._ wird daher abgewiesen. Das
Regierungsstatthalteramt hat zu Recht den Bauabschlag erteilt. Die Beschwerde wird
daher abgewiesen.
3. Verfahrenskosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'500.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV36).
b) Der Beschwerdeführer hat zudem der Beschwerdegegnerschaft die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Rechtsvertreters der
Beschwerdegegnerschaft gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Der Beschwerdeführer hat
somit der Beschwerdegegnerschaft die Parteikosten von Fr. 3'225.60 zu ersetzen.