Decision ID: b17ad2fe-decb-52e4-9ed1-a93c76a3c9f5
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit BGE 141 II 182 ff. (Urteil 2C_882/2014 vom 13. April 2015) erkannte
das Bundesgericht, dass im Zusammenhang mit Radio- und Fernsehemp-
fangsgebühren keine Mehrwertsteuerpflicht besteht.
B.
Mit Schreiben vom 9. Juli 2015 ersuchte A._ die Billag AG (im Fol-
genden: Billag oder Erstinstanz) unter Berufung auf das genannte Bundes-
gerichtsurteil um Rückerstattung der von ihm «ab Ende Januar 2007 [im
Zusammenhang mit Radio- und Fernsehempfangsgebühren] bezahlten
Mehrwertsteuer» und um «die Bezahlung der aufgelaufenen Zinsen» (S. 1
des Schreibens). Wie dem Anhang zu diesem Rückerstattungsgesuch zu
entnehmen ist, beschlägt die verlangte Rückerstattung seitens der Erstin-
stanz unter dem Titel «Mehrwertsteuer» in Rechnung gestellte Zahlungen
im Gesamtbetrag von Fr. 45.35.
Im Gesuch erklärt A._ ferner, er behalte sich eine weitergehende
Rückforderung vor, falls nachgewiesen werden könne, «dass eine arglis-
tige Täuschung im Hinblick auf die Mehrwertsteuerpflicht bezüglich der Ra-
dio- / TV-Gebühren vorliegt» (S. 1 des Gesuches).
C.
Mit Verfügung vom 30. Oktober 2015 wies die Billag das Begehren
A._s um Rückerstattung der bezahlten Mehrwertsteuerbeträge ab.
D.
Gegen diese Verfügung erhob A._ (nachfolgend: Beschwerdefüh-
rer) am 30. November 2015 Beschwerde. Er beantragt, unter Aufhebung
der angefochtenen Verfügung sei die Erstinstanz anzuweisen, ihm die im
Zusammenhang mit Radio- und Fernsehempfangsgebühren unter dem Ti-
tel «Mehrwertsteuer» ab Ende Januar 2007 gemachten Zahlungen zuzüg-
lich Zins zurückzuerstatten. Zudem erklärt er, es bleibe eine «weitere Rück-
forderung vorbehalten», sofern im Laufe des Verfahrens «ein rechtswidri-
ges Verhalten» im Hinblick auf die Einforderung der Mehrwertsteuer im Zu-
sammenhang mit den Radio- und Fernsehempfangsgebühren nachgewie-
sen werden könne (vgl. Beschwerde, S. 1). Ferner fordert der Beschwer-
deführer eine Parteientschädigung zulasten der Erstinstanz.
In beweisrechtlicher Hinsicht beantragt der Beschwerdeführer, es seien
schriftliche Auskünfte des Bundesamtes für Kommunikation (nachfolgend:
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Seite 3
BAKOM oder Vorinstanz), der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV)
und der Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR; nach-
folgend: SRG) zur tatsächlichen Erhebung der Mehrwertsteuer im Zusam-
menhang mit den Radio- und Fernsehempfangsgebühren seit dem Jahre
1995 einzuholen (Beschwerde, S. 2 f.).
Die Vorinstanz leitete das bei ihr eingereichte Rechtsmittel mit Schreiben
vom 3. Dezember 2015 zur Behandlung als Sprungbeschwerde an das
Bundesverwaltungsgericht weiter.
E.
Mit Eingabe vom 11. Dezember 2015 liess die SRG um Beiladung zum
vorliegenden Verfahren ersuchen. Nach Gewährung des rechtlichen Ge-
hörs wies das Bundesverwaltungsgericht das Beiladungsgesuch mit Zwi-
schenentscheid vom 10. März 2016 ab.
Die SRG erhob gegen diesen Zwischenentscheid am 28. April 2016 beim
Bundesgericht Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten (Ver-
fahren 2C_373/2016).
F.
Die neu rechtsvertretene Erstinstanz liess mit Eingabe vom 11. April 2016
erklären, dass sie auf die Einreichung einer einlässlichen Vernehmlassung
verzichte. Sie machte zudem geltend, dass sie bei der Erhebung der streit-
betroffenen Mehrwertsteuerbeträge lediglich Stellvertreterin des BAKOM
gewesen sei und folglich nicht Schuldnerin allfälliger diesbezüglicher Rück-
erstattungsansprüche sein könne.
G.
Das BAKOM stellte mit Vernehmlassung vom 13. April 2016 den Antrag,
die Beschwerde sei abzuweisen.
H.
Mit Instruktionsverfügung vom 21. April 2016 gab das Bundesverwaltungs-
gericht der ESTV Gelegenheit, als Fachbehörde eine Stellungnahme ein-
zureichen.
Am 23. Mai 2016 reichte die ESTV eine Stellungnahme sowie ein von ihr
verfasstes, an das BAKOM gerichtetes Schreiben vom 23. August 2013
ein.
A-7678/2015
Seite 4
I.
Die Vorinstanz verzichtete mit Schreiben vom 24. Juni 2016 auf die Einrei-
chung einer Stellungnahme.
J.
Der Beschwerdeführer hält mit Schreiben vom 26. Juni 2016 unter Einrei-
chung weiterer Unterlagen an seiner Beschwerde fest.
K.
Die Erstinstanz liess sich innert der ihr angesetzten Frist nicht erneut ver-
nehmen (vgl. Instruktionsverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom
26. Mai 2016).
L.
Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2016 sistierte das Bundesverwal-
tungsgericht das Verfahren bis zum Abschluss des bundesgerichtlichen
Verfahrens 2C_373/2016 betreffend die Frage der Beiladung der SRG.
M.
Mit Urteil 2C_373/2016 vom 17. November 2016 wies das Bundesgericht
die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten der SRG vom
28. April 2016 ab.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Dezember 2016 ordnete das Bundesver-
waltungsgericht an, dass das Verfahren fortgesetzt werde. Zugleich räumte
es den Verfahrensbeteiligten eine Frist zur freigestellten Stellungnahme
ein.
O.
Die Vorinstanz hält mit Eingabe vom 21. Dezember 2016 an ihrem Antrag
auf Abweisung der Beschwerde fest.
Der Beschwerdeführer und die Erstinstanz liessen sich in der angesetzten
Frist bis 9. Januar 2017 nicht vernehmen.
P.
Auf die weiteren Eingaben der Verfahrensbeteiligten, ihre Vorbringen und
die vorliegenden Akten wird, soweit erforderlich, in den folgenden Erwä-
gungen eingegangen.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
1.1.1 Mit Blick auf den Umstand, dass der Beschwerdeführer die von ihm
unter dem Titel «Mehrwertsteuer» ab Ende Januar 2007 an die Erstinstanz
bezahlten Beträge in seinem Rückerstattungsgesuch vom 9. Juli 2015 auf
insgesamt Fr. 45.35 beziffert, muss der vorliegende Beschwerdeantrag auf
Rückerstattung der ab Ende Januar 2007 unter dem Titel «Mehrwert-
steuer» geleisteten Zahlungen zuzüglich Zins als Antrag auf Rückerstat-
tung des erwähnten Betrages von insgesamt Fr. 45.35 zuzüglich Zins ver-
standen werden.
1.1.2 Der Beschwerdeführer erklärt, es bleibe eine weitere Rückforderung
vorbehalten, falls im Laufe des Verfahrens «nachgewiesen werden kön-
nen, dass ein rechtswidriges Verhalten im Hinblick auf die Einforderung der
Mehrwertsteuer auf den Radio- / TV-Gebühren vorliegt» (Beschwerde,
S. 1). Der Beschwerdebegründung lässt sich dabei entnehmen, dass der
Beschwerdeführer mit einem entsprechenden rechtswidrigen Verhalten
(einzig) eine unzulässige Weiterleitung der als «Mehrwertsteuer» von den
Gebührenpflichtigen eingenommenen Beträge an die SRG meint (Be-
schwerde, S. 4 f.).
Der vom Beschwerdeführer erklärte «Vorbehalt» kann nach Treu und Glau-
ben nicht als sinngemäss gestellter Antrag auf Rückerstattung anderer als
der hiervor genannten Zahlungen im Betrag von insgesamt Fr. 45.35 ver-
standen werden. Denn namentlich angesichts des Umstandes, dass der
Beschwerdeführer schon bei der Erstinstanz einen im Wesentlichen gleich-
lautenden Vorbehalt angebracht hat, kann dieser «Vorbehalt» nur dahinge-
hend verstanden werden, dass sich der Beschwerdeführer damit die Mög-
lichkeit der Einreichung eines allfälligen weiteren Rückerstattungsgesu-
ches bei der Erstinstanz offenhalten will. An dieser Beurteilung kann auch
der Umstand nichts ändern, dass der Beschwerdeführer seinen Beweisan-
trag auf Einholung von schriftlichen Auskünften beim BAKOM, der ESTV
und der SRG im Zusammenhang mit dem erwähnten «Vorbehalt» stellt.
Anzumerken ist, dass das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung
eines Begehrens auf Rückerstattung anderer als der hiervor genannten
Zahlungen im Betrag von insgesamt Fr. 45.35 ohnehin funktional nicht zu-
ständig wäre.
A-7678/2015
Seite 6
1.2 Wie bereits in E. 1.1 ff. der Zwischenverfügung vom 10. März 2016
ausgeführt wird, ist die Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts zur
Behandlung der vorliegenden Sprungbeschwerde zu bejahen.
Der Beschwerdeführer ist als Adressat der angefochtenen Verfügung der
Erstinstanz vom 30. Oktober 2015 zur Erhebung der Beschwerde berech-
tigt (vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auch hat er dieses Rechtsmittel frist- und
formgerecht eingereicht (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG) und den
Kostenvorschuss rechtzeitig geleistet (vgl. Art. 21 Abs. 3 VwVG).
1.3 Auf die Sprungbeschwerde ist nach dem Gesagten einzutreten.
1.4 Das Gericht kann auf die Abnahme von Beweisen verzichten, wenn es
aufgrund bereits abgenommener Beweise seine Überzeugung gebildet hat
und ohne Willkür annehmen kann, diese werde durch weitere Beweiserhe-
bungen nicht geändert (sog. antizipierte Beweiswürdigung; BGE 134 I 140
E. 5.3, mit Hinweis).
Dem Beweisantrag des Beschwerdeführers, es seien schriftliche Auskünfte
des BAKOM, der ESTV und der SRG zur tatsächlichen Erhebung der
Mehrwertsteuer im Zusammenhang mit den Radio- und Fernsehempfangs-
gebühren seit dem Jahre 1995 einzuholen, ist – selbst wenn er im vorlie-
genden Verfahren streitbetroffene Mehrwertsteuerbeträge betreffen sollte
(vgl. dazu E. 1.1.2) – in antizipierter Beweiswürdigung nicht stattzugeben.
Denn es muss als erstellt gelten, dass die vom Beschwerdeführer als
«Mehrwertsteuern» an die Billag bezahlten Beträge nicht als Steuern an
die SRG weitergeleitet wurden. Bezeichnenderweise unwidersprochen ge-
blieben sind nämlich die Ausführungen der ESTV, wonach das BAKOM als
mehrwertsteuerpflichtige Person die auf den Empfangsgebühren in Rech-
nung gestellten Mehrwertsteuern stets mit der Steuerbehörde abgerechnet
hat (vgl. S. 4 der Stellungnahme der ESTV vom 23. Mai 2016). Ebenso
wenig bestritten wurde im vorliegenden Verfahren die Darstellung im Zwi-
schenentscheid des Bundesverwaltungsgerichts vom 10. März 2016, dass
die vom Beschwerdeführer bezahlten Mehrwertsteuerbeträge zweifelsfrei
der ESTV zugeflossen sind (E. 5.3.3 des Zwischenentscheids; vgl. zum
Ganzen auch Urteil des BGer 2C_373/2016 vom 17. November 2016
E. 4.2).
1.5 Verwaltungsverordnungen wie bspw. die MWST-Info, Merkblätter,
Richtlinien, Kreisschreiben etc. sind Meinungsäusserungen der Verwaltung
über die Auslegung der anwendbaren Gesetzesbestimmungen. Sie dienen
A-7678/2015
Seite 7
der Sicherstellung einer einheitlichen, gleichmässigen und sachrichtigen
Praxis des Gesetzesvollzugs (BVGE 2010/33 E. 3.3.1, 2007/41 E. 3.3; MI-
CHAEL BEUSCH, Was Kreisschreiben dürfen und was nicht, in: Der Schwei-
zer Treuhänder [ST] 2005, S. 613 ff.). Als solche sind sie für die als eigent-
liche Adressaten figurierenden Verwaltungsbehörden verbindlich, wenn sie
nicht klarerweise einen verfassungs- oder gesetzeswidrigen Inhalt aufwei-
sen (MICHAEL BEUSCH, in: Martin Zweifel/Michael Beusch [Hrsg.], Kom-
mentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über die direkte
Bundessteuer [DBG], 3. Aufl. 2017, Art. 102 N. 15 ff.). Nicht verbindlich sind
sie für Justizbehörden, wobei diese die Verwaltungsverordnungen bei ihrer
Entscheidung allerdings mitberücksichtigen sollen, sofern diese eine dem
Einzelfall angepasste und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren
gesetzlichen Bestimmungen zulassen. Hierbei darf eine Verwaltungsver-
ordnung unter keinen Umständen als alleinige Grundlage für die wie auch
immer ausgestaltete steuerliche Erfassung eines Sachverhalts dienen bzw.
von der gesetzlichen Ordnung abweichen (ausführlich: Urteile des BVGer
A-5065/2015 vom 9. Mai 2016 E. 1.5.2, A-1382/2015 vom 11. August 2015
E. 1.3, A-5534/2013 vom 5. November 2014 E. 2.7.1, A-5017/2013 vom
15. Juli 2014 E. 3.1).
2.
2.1
2.1.1 Am 1. Januar 2010 sind das Bundesgesetz vom 12. Juni 2009 über
die Mehrwertsteuer (MWSTG, SR 641.20) und die Mehrwertsteuerverord-
nung vom 27. November 2009 (MWSTV, SR 641.201) in Kraft getreten. Die
neuen Verfahrensbestimmungen finden auf sämtliche im Zeitpunkt des In-
krafttretens hängige Verfahren sofort Anwendung (vgl. Art. 113 Abs. 3
MWSTG). In materieller Hinsicht bleiben die bisherigen Vorschriften auf
alle während ihrer Geltungsdauer eingetretenen Tatsachen, entstandenen
Rechtsverhältnisse und erbrachten Leistungen anwendbar (Art. 112 Abs. 1
und 2 MWSTG).
Der vorliegende Sachverhalt untersteht nach dem Gesagten in Bezug auf
sich stellende materiell-rechtliche Fragen des Mehrwertsteuerrechts, so-
weit er die Zeit ab Ende Januar 2007 bis 31. Dezember 2009 betrifft, dem
am 1. Januar 2001 in Kraft getretenen Bundesgesetz vom 2. September
1999 über die Mehrwertsteuer (aMWSTG, AS 2000 1300) sowie der dazu-
gehörigen Verordnung vom 29. März 2000 (aMWSTGV, AS 2000 1347),
und mit Bezug auf die Zeit danach dem MWSTG und der MWSTV.
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Seite 8
2.1.2 Nach den allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln sind in mate-
riell-rechtlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massge-
bend, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Sachverhalts
Geltung haben (BGE 132 V 215 E. 3.1.1, 130 V 329 E. 2.3).
Für die Frage des vorliegend streitigen, die Zeit ab Ende Januar 2007 bis
9. Juli 2015 betreffenden Rückerstattungsanspruches in materieller Hin-
sicht nicht anwendbar sind vor diesem Hintergrund die Gesetzesänderun-
gen, welche am 1. Juli 2016 mit der auf den 26. September 2014 datieren-
den Änderung des Bundesgesetzes vom 24. März 2006 über Radio und
Fernsehen (RTVG, SR 784.40) in Kraft getreten sind (vgl. dazu AS 2016
2131 ff.), und die auf den 1. Juli 2016 in Kraft gesetzte, am 25. Mai 2016
vorgenommene Änderung der Radio- und Fernsehverordnung vom 9. März
2007 (RTVV, SR 784.401; vgl. zu dieser Änderung AS 2016 2151 ff.). So-
weit im Folgenden auf Vorschriften des Radio- und Fernsehrechts Bezug
genommen wird, sind deshalb jeweils die vor Inkrafttreten dieser Rechts-
änderungen gültig gewesenen Bestimmungen gemeint.
2.2 Der Mehrwertsteuer unterliegen durch steuerpflichtige Personen im In-
land gegen Entgelt erbrachte Lieferungen von Gegenständen bzw. im In-
land gegen Entgelt erbrachte Dienstleistungen, sofern diese Umsätze nicht
ausdrücklich von der Steuer ausgenommen sind (vgl. Art. 5 Bst. a und b
aMWSTG bzw. Art. 18 Abs. 1 MWSTG). Damit überhaupt eine steuerbare
Leistung vorliegt, muss sie im Austausch mit einem Entgelt erfolgen
(sog. «Leistungsaustauschverhältnis» oder «Leistungsverhältnis»).
2.3
2.3.1 Aufgrund der im Mehrwertsteuerrecht der Rechnung zukommenden
Bedeutung hat sich in konstanter Rechtsprechung zum aMWSTG der
Grundsatz «fakturierte Mehrwertsteuer gleich geschuldete Mehrwert-
steuer» entwickelt; dieser Grundsatz gilt selbst für den Fall, dass die Steuer
fälschlicherweise fakturiert worden ist oder auf der Gutschrift erscheint
bzw. es sich bei den Leistungserbringern oder den Leistungsempfängern
um nicht Steuerpflichtige handelt (vgl. dazu BGE 131 II 185 E. 5; Urteil des
BGer 2C_285/2008 vom 29. August 2008 E. 3.3; Urteile des BVGer
A-3497/2015 vom 25. Februar 2016 E. 3.2.1, A-6743/2009 vom 3. Mai 2010
E. 3.2).
2.3.2 Im neuen Mehrwertsteuerrecht ist mit Art. 27 Abs. 2 MWSTG für die
hiervor genannte Praxis eine gesetzliche Grundlage geschaffen worden
(Urteil des BGer 2C_411/2014 vom 15. September 2014 E. 2.3.7; Urteil des
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Seite 9
BVGer A-3497/2015 vom 25. Februar 2016 E. 3.2.2, mit Hinweis). Danach
schuldet die ausgewiesene Steuer, wer in einer Rechnung eine Steuer aus-
weist, obwohl er zu deren Ausweis nicht berechtigt ist, oder wer für eine
Leistung eine zu hohe Steuer ausweist, es sei denn, es erfolgt eine Kor-
rektur der Rechnung (Art. 27 Abs. 2 Bst. a MWSTG), oder – was gegenüber
dem bisherigen Recht und der diesbezüglichen Praxis eine Neuerung dar-
stellt – er weist nach, dass dem Bund kein Steuerausfall entstanden ist
(Art. 27 Abs. 2 Bst. b MWSTG).
2.4 Die steuerpflichtige Person steht in einem Subordinationsverhältnis zur
Eidgenossenschaft, welche durch die ESTV vertreten ist. Dieses Rechts-
verhältnis bildet das sog. Steuerrechtsverhältnis, das eine Erscheinung
des öffentlichen Rechts bildet (vgl. BVGE 2015/15 E. 1.2; BÉATRICE BLUM,
in: Felix Geiger/Regine Schluckebier [Hrsg.], MWSTG Kommentar, 2012,
Art. 66 N. 1). Materieller Teil dieses Steuerrechtsverhältnisses ist das Steu-
erschuldverhältnis, das insbesondere die Steuerforderung des Gemeinwe-
sens zum Gegenstand hat (vgl. zum Begriff des Steuerschuldverhältnisses
MARKUS REICH, Steuerrecht, 2. Aufl. 2012, § 5 N. 4 ff.).
2.5
2.5.1 Die Mehrwertsteuersystematik ist grundsätzlich auf die Überwälzbar-
keit der Steuer vom steuerpflichtigen Leistungserbringer auf den Leis-
tungsempfänger ausgerichtet (vgl. Art. 1 Abs. 2 aMWSTG bzw. Art. 1 Abs. 3
Bst. c MWSTG). Die eigentliche Überwälzung der Steuer richtet sich dabei
freilich nach den Verhältnissen am Markt und gemäss Art. 6 Abs. 1 MWSTG
nach privatrechtlichen Vereinbarungen. Dies gilt auch nach der Rechtspre-
chung zum früheren Recht (vgl. Urteil des BGer 2A.326/2002 vom 2. Juni
2003 E. 5.2; Urteil des BVGer A-6180/2012 vom 3. September 2013
E. 2.6). Art. 6 Abs. 2 MWSTG sieht dementsprechend vor, dass zur Beur-
teilung von Streitigkeiten über die Steuerüberwälzung die Zivilgerichte zu-
ständig sind.
2.5.2 Das Bundesgericht führt in BGE 140 II 80 ff. aus, der Gesetzgeber
habe bei der Schaffung von Art. 6 MWSTG «die typische Situation (Privat-
autonomie) vor Augen» gehabt und wohl nicht bedacht, dass das Leis-
tungsverhältnis öffentlich-rechtlicher Natur sein könne. Gestützt auf diese
Überlegung kommt es zum Schluss, dass der Erstinstanz betreffend Mehr-
wertsteuerfragen im Zusammenhang mit der Erhebung von Radio- und
Fernsehempfangsgebühren Verfügungskompetenz zukommt und insofern
der öffentlich-rechtliche Rechtsweg zu beschreiten ist. Mit Art. 6 MWSTG
A-7678/2015
Seite 10
soll nach Auffassung des Bundesgerichts (nur) rein deklaratorisch festge-
halten werden, dass bei mehrwertsteuerlich relevanten Leistungsverhält-
nissen die ESTV nicht zuständig ist, sich zur Frage der Überwälzung zu
äussern (s. zum Ganzen BGE 140 II 80 E. 2.5.4).
In materieller Hinsicht gibt dieses Urteil – obschon damit nur über die Zu-
ständigkeitsordnung zu befinden war – zwingend vor, dass sich die Über-
wälzung der Mehrwertsteuer dann, wenn die steuerbaren Leistungen auf
dem öffentlichem Recht beruhen, nach diesem Recht richtet (vgl. die Re-
geste von BGE 140 II 80).
3.
3.1 Analog zu den privatrechtlichen Regeln über die ungerechtfertigte Be-
reicherung (Art. 62 ff. OR) gilt auch im Verwaltungsrecht als allgemeiner
Rechtsgrundsatz, dass aus einem nicht verwirklichten oder nachträglich
weggefallenen Grund erfolgte Zuwendungen (bzw. rechtsgrundlos er-
brachte Leistungen) zurückzuerstatten sind (BGE 139 V 82 E. 3.3.2, 138 V
426 E. 5.1, 135 II 274 E. 3.1, 124 II 570 E. 4b; Urteile des
BGer 2C_678/2012 vom 17. Mai 2013 E. 2.3, 8C_79/2012 vom 10. Mai
2012 E. 4.1; Urteil des BVGer A-5361/2013 vom 17. Dezember 2015
E. 3.9; MICHAEL BEUSCH, Der Untergang der Steuerforderung, 2012, S. 62;
FRITZ GYGI, Verwaltungsrecht, 1986, S. 287; ULRICH HÄFELIN et al., Allge-
meines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N. 148 ff.; PIERRE MOOR/ETIENNE
POLTIER, Droit administratif, Band II, 3. Aufl., 2011, S. 168; MARIANNE RY-
TER SAUVANT, Allgemeine Rechtsgrundsätze – Analogien zum Privatrecht,
2005, S. 26 f., S. 189 f.). Ungerechtfertigt sind insbesondere Leistungen,
auf welche materiell-rechtlich kein Anspruch besteht (BGE 124 II 570 E. 4b,
98 V 274 E. 2).
3.2 Eine Leistung ist nicht rechtsgrundlos erbracht worden, wenn sie auf-
grund einer zwar materiell-rechtlich falschen, aber rechtskräftigen Verfü-
gung erfolgt ist und sofern kein Grund besteht, auf diese Verfügung zurück-
zukommen (BGE 124 II 570 E. 4c, 111 V 329 E. 1).
3.3 Gemäss Art. 63 OR kann, wer eine Nichtschuld freiwillig bezahlt hat,
das Geleistete nur dann zurückfordern, wenn er nachzuweisen vermag,
dass er sich über die Schuldpflicht im Irrtum befand. Mit diesem zusätzli-
chen Erfordernis ist für den Bereich der sog. Leistungskondiktion eine ge-
genüber der allgemeinen Regel von Art. 62 OR abweichende Spezialrege-
lung festgelegt (BGE 123 III 101 E. 3a).
A-7678/2015
Seite 11
Die Regeln des Zivilrechts sind auf individualisierbare Einzelfälle zuge-
schnitten. Sie können nicht in jeder Hinsicht unbesehen auf das öffentliche
Recht übertragen werden, namentlich wenn es sich um Rechtsbeziehun-
gen im Bereich der Massenverwaltung handelt. Es ist deshalb im Bereich
des öffentlichen Rechts – anders als nach Art. 63 OR – nicht in allen Kons-
tellationen ein zwingendes Erfordernis für die Zulässigkeit einer Leistungs-
kondiktion, dass die einen Anspruch aus ungerechtfertigter Bereicherung
geltend machende Privatperson individuell nachweist, dass sie sich über
den Bestand der Schuld geirrt oder die Leistung versehentlich erbracht hat
(vgl. zum Ganzen BGE 124 II 570 E. 4e).
3.4 Gemäss Art. 64 OR, der bei der Anwendung des allgemeinen Rechts-
grundsatzes der Rückerstattung rechtsgrundlos erbrachter Leistungen
grundsätzlich analog anwendbar ist (vgl. Urteil des BGer 2C_534/2013
vom 17. Oktober 2013 E. 5.3 f.), kann die Rückerstattung insoweit nicht
gefordert werden, als der Empfänger nachweisbar zur Zeit der Rückforde-
rung nicht mehr bereichert ist, es sei denn, dass er sich der Bereicherung
entäusserte und hierbei nicht in gutem Glauben war oder doch mit der
Rückerstattung rechnen musste.
4.
4.1 Im öffentlichen Recht ist die Frage der Verjährung von Amtes wegen zu
berücksichtigen, sofern das Gemeinwesen Gläubiger der Forderung ist
(vgl. BGE 133 II 366 E. 3.3, 106 Ib 357 E. 3a, 101 Ib 348; Urteil des BGer
2C_88/2012 vom 28. August 2012 E. 4.3.5). Ist ein Privater Gläubiger,
muss die Verjährung hingegen nur auf Einrede des Staates hin beachtet
werden (HÄFELIN et al., a.a.O., N. 775 f.).
4.2 Nach einem allgemeinen Rechtsgrundsatz sind öffentlich-rechtliche
Geldforderungen mit Beginn des Verzuges grundsätzlich zu verzinsen (Ur-
teil des BVGer A-4873/2014 vom 21. Oktober 2015 E. 9.1; HÄFELIN et al.,
a.a.O., N. 191).
5.
Mit der Erhebung der Empfangsgebühr beauftragt ist die Schweizerische
Erhebungsstelle für Radio- und Fernsehempfangsgebühren (Art. 69 RTVG
in der hier massgebenden Fassung [vgl. E. 2.1.2]; Art. 65 RTVV in der hier
massgebenden Fassung [vgl. E. 2.1.2]). Die Eidgenossenschaft hat die Bil-
lag im Rahmen einer Beleihung mit der Funktion als Schweizerische Erhe-
bungsstelle für Radio- und Fernsehgebühren betraut (vgl. BGE 140 II 80
A-7678/2015
Seite 12
E. 2.5.1). Zwischen dem Eidgenössischen Departement für Umwelt, Ver-
kehr, Energie und Kommunikation (UVEK) und der Billag besteht ein ent-
sprechender Leistungsauftrag (vgl. Urteil des BVGer A-4130/2013 vom
11. September 2013).
6.
6.1 Vor Ergehen von BGE 141 II 182 ff. fakturierte die Billag als Gebühren-
erhebungsstelle unbestrittenermassen zusammen mit den Empfangsge-
bühren jeweils Mehrwertsteuern.
In der damaligen Rechtsprechung zum Radio- und Fernsehrecht wurden
die Radio- und Fernsehempfangsgebühren als Entgelt für die Einräumung
des Rechts zum Empfang in- und ausländischer Fernseh- oder Radiopro-
gramme und damit als Regal- bzw. Konzessionsabgaben betrachtet
(vgl. BGE 121 II 183 E. 3 und 4a, 109 Ib 308 E. 2, 3 und 5; Urteile des
BGer 2C_320/2009 vom 3. Februar 2010 E. 3.2, 2A.200/2006 vom
22. September 2006 E. 2.3). In Einklang mit dieser Qualifikation ging die
ESTV seinerzeit im Zusammenhang mit den Radio- und Fernsehemp-
fangsgebühren von einem mehrwertsteuerlichen (Dienst-)Leistungsver-
hältnis zwischen dem BAKOM und dem Gebührenpflichtigen aus. Auf die-
ser Grundlage hielt die ESTV etwa in der vom 1. Januar 2008 bis 31. De-
zember 2009 gültig gewesenen Wegleitung 2008 zur Mehrwertsteuer fest,
dass die vom BAKOM «vereinnahmten Konzessionsgelder» steuerbar sind
bzw. im Zusammenhang mit diesen Geldern von steuerbaren Umsätzen
auszugehen ist (vgl. Ziff. 336 der Wegleitung). Ferner erklärte sie in der
MWST-Branchen-Info 13 Telekommunikation und elektronische Dienstleis-
tungen, die Erlöse aus Empfangsgebühren für Radio- und Fernsehpro-
gramme, welche der SRG und den anderen lokalen sowie regionalen Sen-
dern vom BAKOM zugeteilt würden, seien ein Entgelt für die steuerbare
Einräumung eines Rechts (vgl. Ziff. 4.10.1 der MWST-Branchen-Info 13).
6.2 Das Bundesgericht befasst sich in BGE 141 II 182 ff. mit einer Über-
wälzungsstreitigkeit. Denn im betreffenden Fall geht es um einen gebüh-
renpflichtigen Empfänger von Radio- und Fernsehempfangsgebühren, wel-
cher sich gegen die Verpflichtung zur Zahlung von Mehrwertsteuerbeträ-
gen im Zusammenhang mit Gebührenrechnungen der Billag wehrte.
Das Bundesgericht erklärt in E. 6.4 und 6.7 des Urteils, dass im Lichte der
in seinem Entscheid dargelegten «aktuellen Rechtslage» an der Qualifika-
tion der Empfangsgebühr als Regalabgabe nicht mehr festgehalten werden
könne und diese Gebühr stattdessen eher als Zwecksteuer oder Abgabe
A-7678/2015
Seite 13
sui generis zu qualifizieren sei. Das Gericht nimmt dabei Bezug auf die
Entwicklung des Radio- und Fernsehrechts bis und mit dem Erlass des am
1. April 2007 in Kraft getretenen neuen RTVG (vgl. E. 6.3.2 ff. des Urteils).
Es kommt namentlich mit Blick auf den Ausschluss der Qualifikation der
Empfangsgebühr als Regalabgabe zum Schluss, dass im Zusammenhang
mit dieser Gebühr mangels mehrwertsteuerlichen Leistungsaustausches
keine (objektive) Mehrwertsteuerpflicht besteht (E. 6.7 ff. des Urteils). Ge-
stützt auf diese Begründung heisst es die Beschwerde des Gebühren-
pflichtigen gut, soweit es darauf eintritt (vgl. E. 6.9 des Urteils).
7.
7.1 Im vorliegenden Fall ist über die Rückerstattung von Beträgen zu be-
finden, die seitens der Billag unter dem Titel «Mehrwertsteuer» im Zusam-
menhang mit Radio- und Fernsehempfangsgebühren in Rechnung gestellt
worden waren und vom Beschwerdeführer bezahlt wurden. Die Angelegen-
heit bildet dabei eine Überwälzungsstreitigkeit, da es um die Frage geht,
ob dem Beschwerdeführer vom BAKOM als (vermeintlichem) Steuersub-
jekt (vermeintlich) geschuldete Mehrwertsteuern (via die Billag) weiterbe-
lastet werden durften und diese Weiterbelastung im Falle ihrer Unzulässig-
keit rückgängig zu machen ist. Die zu beurteilende Rückerstattungsforde-
rung steht unbestrittenermassen nicht im Zusammenhang mit einem Steu-
errechtsverhältnis, dem der Beschwerdeführer unterworfen war oder ist
(vgl. zum Begriff des Steuerrechtsverhältnisses E. 2.4).
7.2 Da das Verhältnis der Erstinstanz zu den Gebührenpflichtigen nach
bundesgerichtlicher Rechtsprechung uneingeschränkt öffentlich-rechtli-
chen Charakter trägt (BGE 140 II 80 E. 2.5.1), richtet sich die Frage der
Überwälzung allfälliger Mehrwertsteuern im Zusammenhang mit Radio-
und Fernsehempfangsgebühren auf den Gebührenpflichtigen – jedenfalls
nach der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung – entgegen dem
ausdrücklichen Wortlaut von Art. 6 Abs. 1 MWSTG nach dem öffentlichen
Recht. Dementsprechend ist auch für die mit der Beschwerde geforderte
Rückerstattung der streitbetroffenen, unter dem Titel «Mehrwertsteuern»
bezahlten Beträge an den Beschwerdeführer das öffentliche Recht mass-
gebend.
Mit Blick auf das Fehlen eines Steuerrechtsverhältnisses zum Beschwer-
deführer (vgl. E. 7.1) gehen die Verfahrensbeteiligten zu Recht überein-
stimmend davon aus, dass das Mehrwertsteuerrecht selbst keine An-
spruchsgrundlage für die geforderte Rückerstattung enthält.
A-7678/2015
Seite 14
7.3 Der Beschwerdeführer macht indessen insbesondere geltend, ein An-
spruch auf Rückerstattung der von ihm bezahlten Beträge ergebe sich aus
dem allgemeinen Rechtsgrundsatz, wonach rechtsgrundlos erbrachte
Leistungen zurückgefordert werden können. Im Folgenden wird daher zu
prüfen sein, ob nach diesem allgemeinen Rechtsgrundsatz (vgl. E. 3) ein
Rückerstattungsanspruch des Beschwerdeführers besteht.
8.
Zu prüfen ist zunächst, ob vorliegend im Sinne des erwähnten Rechts-
grundsatzes eine Leistung rechtsgrundlos erbracht wurde (vgl. E. 3.1 f.).
8.1 Gemäss BGE 141 II 182 ff. bezahlt bzw. leistet ein Radio- und Fern-
sehempfänger dann ohne Rechtsgrund Beträge als vermeintliche «Mehr-
wertsteuern» an die Billag bzw. das BAKOM, wenn es im Zusammenhang
mit der Empfangsgebühr an einem mehrwertsteuerlichen Leistungsaus-
tausch fehlt. Denn in diesem Urteil, das – wie ausgeführt – eine Überwäl-
zungsstreitigkeit betrifft (vgl. E. 6.2), schliesst das Bundesgericht bezeich-
nenderweise allein gestützt auf die Verneinung eines mehrwertsteuerlichen
Leistungsverhältnisses auf die Unzulässigkeit der Überwälzung von Mehr-
wertsteuern auf den Gebührenpflichtigen. Folglich kann nach der bundes-
gerichtlichen Rechtsprechung der mehrwertsteuerliche Grundsatz «faktu-
rierte Mehrwertsteuer gleich geschuldete Mehrwertsteuer» nicht herange-
zogen werden, um eine Leistungspflicht des Radio- und Fernsehempfän-
gers gegenüber der Billag oder dem BAKOM zu begründen.
Vor diesem Hintergrund ist nachfolgend (in E. 8.2) zu klären, ob ein mehr-
wertsteuerlicher Leistungsaustausch im Zusammenhang mit den Radio-
und Fernsehempfangsgebühren in Bezug auf die hier streitbetroffene Zeit-
spanne fehlte. Wäre dies der Fall, hätte der Beschwerdeführer die vorlie-
gend streitigen Beträge ohne Rechtsgrund an die Billag bzw. das BAKOM
geleistet.
8.2
8.2.1 Aus BGE 141 II 182 ff. und der darin enthaltenen Verweisung auf
das Radio- und Fernsehrecht gemäss dem RTVG in der hier massgeben-
den, bis zum 30. Juni 2016 gültig gewesenen Fassung (vgl. E. 2.1.2) ist
abzuleiten, dass jedenfalls seit Inkrafttreten dieses Gesetzes am 1. April
2007 im Zusammenhang mit Radio- und Fernsehempfangsgebühren bis
zum 30. Juni 2016 keine Mehrwertsteuerpflicht aufgrund eines Leistungs-
verhältnisses mehr bestand.
A-7678/2015
Seite 15
In Bezug auf den hier ebenfalls interessierenden kleinen Zeitraum von
Ende Januar bis Ende März 2007 galt noch das frühere Bundesgesetz vom
21. Juni 1991 über Radio und Fernsehen (aRTVG, AS 1992 601 ff., mit
späteren Änderungen). Zwar hatte das Bundesgericht im Urteil BGE 141 II
182 ff. nicht darüber zu befinden, ob auch mit Bezug auf die frühere Emp-
fangsgebühr im Sinne des aRTVG vom Fehlen eines mehrwertsteuerlichen
Leistungsverhältnisses auszugehen ist. Indessen weist das Bundesgericht
in diesem Urteil darauf hin, dass gemäss dem aRTVG der Empfang der an
die Allgemeinheit gerichteten Programme nicht mehr – wie früher – einer
Konzessionspflicht unterstellt ist und das Gericht trotz dieser geänderten
Rechtslage etwa in BGE 121 II 183 ff. die Empfangsabgabe weiterhin als
Regalabgabe qualifiziert hat (vgl. BGE 141 II 182 E. 6.3.3 f.). Im Kontext
der weiteren Erwägungen des Urteils steht denn auch fest, dass (auch) die
Empfangsgebühr im Sinne des aRTVG nach richtigem Verständnis nicht
als Regalabgabe zu qualifizieren ist. Darüber hinaus ist aus dem Urteil
zwingend zu schliessen, dass auch im Zusammenhang mit der Empfangs-
gebühr des aRTVG kein mehrwertsteuerlicher Leistungsaustausch mit
dem Gebührenpflichtigen angenommen werden kann.
Nach dem Gesagten hätte das BAKOM im Zusammenhang mit den vorlie-
gend in Frage stehenden Radio- und Fernsehempfangsgebühren nicht auf-
grund eines mehrwertsteuerlichen Leistungsverhältnisses Mehrwertsteu-
ern entrichten müssen.
8.2.2 Am hiervor (E. 8.2.1) gezogenen Schluss kann auch der Umstand
nichts ändern, dass die Empfangsgebühr nach der früheren Rechtspre-
chung als Regalabgabe betrachtet wurde:
Soweit die Empfangsgebühr in der Rechtsprechung als Regalabgabe qua-
lifiziert wurde, betraf dies nämlich einzig das Radio- und Fernsehrecht. Nur
im aufgehobenen Urteil des BVGer A-850/2014 vom 20. August 2014
E. 6.2 wurde für die Beurteilung mehrwertsteuerlicher Probleme an diese
Qualifikation angeknüpft (dabei wurde freilich die Frage offengelassen, ob
die Rechtsnatur der Abgabe in der früheren radio- und fernsehrechtli-
chen Rechtsprechung richtig bestimmt worden ist). Es bestand folglich in
der Judikatur keine Praxis, wonach in mehrwertsteuerlicher Hinsicht von
einer Qualifikation der Radio- und Fernsehempfangsgebühren als Regal-
abgaben auszugehen und dementsprechend in diesem Zusammen-
hang ein mehrwertsteuerlicher Leistungsaustausch zu bejahen ist.
A-7678/2015
Seite 16
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz (Vernehmlassung des BAKOM
vom 13. April 2016, S. 12) kann eine solche Rechtsprechung auch nicht
darin erblickt werden, dass in der Judikatur verschiedentlich Beschwerden
gegen die Beseitigung von Rechtsvorschlägen durch die Billag – nota
bene – ohne ausdrückliche Thematisierung von Mehrwertsteuerfragen ab-
gewiesen wurden und die damit bestätigten Forderungsbeträge regelmäs-
sig – wenn auch in den Urteilen nicht als solche ausgewiesene – Mehrwert-
steuerbeträge mitumfassten, denn in den betreffenden Fällen wurden je-
weils einzig die Empfangsgebühren, nicht aber die Mehrwertsteuern be-
stritten (vgl. etwa Urteile des BVGer A-466/2014 vom 20. Juni 2014,
A-4481/2010 vom 8. Dezember 2010). Auch soweit etwa im Urteil des
BVGer A-4463/2011 vom 29. November 2011 E. 4.6 erklärt wird, die von
der Billag für drei Monate auf Fr. 115.50 bezifferte Höhe der Empfangsge-
bühren sei zutreffend, weil die Mehrwertsteuer zu berücksichtigen sei, lässt
sich nicht von einer Praxis sprechen, nach welcher im Zusammenhang mit
Radio- und Fernsehempfangsgebühren trotz (was massgebend ist) fehlen-
den Leistungsaustausches Mehrwertsteuern zu überwälzen sind. In letzte-
rem Urteil wurde nämlich nicht ausgeführt, weshalb die Mehrwertsteuer ge-
schuldet sein soll, sondern nur rein rechnerisch der Gesamtbetrag der For-
derung bestätigt.
8.2.3
8.2.3.1 Entsprechend den vorstehenden Erwägungen ist als erstellt zu be-
trachten, dass es im Zusammenhang mit den vorliegend in Frage stehen-
den Radio- und Fernsehempfangsgebühren nach vom Bundesgericht als
richtig erkannter Rechtsanwendung an einem mehrwertsteuerlichen Leis-
tungsverhältnis fehlte. Daran kann – wie im Folgenden ersichtlich wird –
auch der Umstand nichts ändern, dass die ESTV in ihrer «Verwaltungspra-
xis» im Zusammenhang mit diesen Gebühren von steuerbaren Umsätzen
sprach (vgl. E. 6.1) und sie diese Betrachtung (erst) aufgrund von BGE 141
II 182 ff. geändert (bzw. aufgegeben) haben dürfte.
8.2.3.2 Gemäss der Rechtsprechung zum Mehrwertsteuerrecht von 1999
findet im Falle einer Änderung der Verwaltungspraxis die neue Praxis nur
dann rückwirkend Anwendung, wenn der Steuerpflichtige bei der korrekten
Abrechnung jeweils einen Vorbehalt angebracht hat, aus welchem eindeu-
tig zu entnehmen ist, dass er mit der angewendeten Praxis nicht einver-
standen ist (vgl. Urteil des BGer 2C_678/2012 vom 17. Mai 2013 E. 2.4;
zum Mehrwertsteuerrecht von 1994 schon Urteil des BVGer A-1422/2006
vom 23. Oktober 2007 E. 2.2.2). Diese Rechtsprechung gründete auf dem
mehrwertsteuerrechtlichen Selbstveranlagungsprinzip (vgl. Art. 46 f.
A-7678/2015
Seite 17
aMWSTG), wonach der Steuerpflichtige die Verantwortung für die richtige
und vollständige Versteuerung seiner Umsätze trägt (vgl. Urteil des BVGer
A-1422/2006 vom 23. Oktober 2007 E. 2.2.2). Gemäss dieser Judikatur
bringt der Steuerpflichtige mit der vorbehaltlosen Zahlung zum Ausdruck,
dass er mit der geltenden Praxis einverstanden ist (vgl. auch zum Folgen-
den NIKLAUS HONAUER/LINDA GRAFF BRAKEMEIER, Praxisänderungen –
Praxispräzisierungen, in: ST 2008, S. 721 ff., S. 722; DORIAN ZARDIN et
al., Rückforderung zu Unrecht bezahlter MWST, in: ST 2004, S. 119 ff.,
S. 121 f., mit Rechtsprechungshinweisen). Wurden Mehrwertsteuern vor-
behaltlos bezahlt, wurde dementsprechend angenommen, dass mangels
Bezahlung einer Nichtschuld kein Anspruch des Steuerpflichtigen auf
Rückerstattung gegenüber dem Fiskus besteht, wenn sich nachträglich
herausstelle, dass für die Zahlung keine rechtliche Grundlage bestand.
Zwar besteht mit Blick auf diese mehrwertsteuerrechtliche Rechtsprechung
allenfalls die Möglichkeit, dass das BAKOM von der ESTV die Beträge,
welche es im Zusammenhang mit den Radio- und Fernsehempfangsge-
bühren unter dem Regime des aMWSTG als (vermeintlich) geschuldete
Mehrwertsteuern abgeliefert hat, nicht oder nicht mehr vollumfänglich zu-
rückverlangen kann. Auch würde Entsprechendes gegebenenfalls in Be-
zug auf die für die Zeitspanne ab dem 1. Januar 2010 vom BAKOM der
ESTV entrichteten Beträge gelten, wenn unter dem MWSTG von einem
Grundsatz der Nichtrückwirkung von Praxisänderungen auszugehen wäre
(vgl. für einen solchen Grundsatz im neuen Mehrwertsteuerrecht BÉATRICE
BLUM, in: Geiger/Schluckebier [Hrsg.], a.a.O., Art. 65 N. 18; CAMENZIND et
al., a.a.O., N. 2158; a. M. anscheinend MARLISE RÜEGSEGGER, Ausge-
wählte Aspekte des neuen Verfahrensrechts, in: ASA 79 S. 85 ff., S. 87 ff.).
Weil der Beschwerdeführer als vermeintlicher Leistungsempfänger aus-
serhalb des vermeintlichen Steuerrechtsverhältnisses zur ESTV stand und
steht, kommt ein allfälliges Verbot rückwirkender mehrwertsteuerlicher Pra-
xisänderungen hinsichtlich der hier zu klärenden Rückerstattungsfrage
aber von vornherein nicht zur Anwendung. Mangels Beteiligung an einem
Steuerrechtsverhältnis als Mehrwertsteuerpflichtiger galt für den Be-
schwerdeführer auch das mehrwertsteuerrechtliche Selbstveranlagungs-
prinzip nicht. Da ihm mit anderen Worten keine Verantwortung für die kor-
rekte und vollständige Mehrwertsteuerdeklaration des BAKOM zukam, be-
steht kein Grund zur Annahme, dass er mit einer vorbehaltlosen Zahlung
der vermeintlichen Mehrwertsteuerbeträge an die Billag in für ihn verbind-
licher Weise kundgetan hat, die frühere Verwaltungspraxis der ESTV zu
A-7678/2015
Seite 18
akzeptieren. Ohnehin musste der ausserhalb eines Mehrwertsteuerrechts-
verhältnisses stehende Beschwerdeführer die frühere Verwaltungspraxis
der ESTV nicht kennen. Folglich kann das BAKOM gegen einen Anspruch
dieses Gebührenpflichtigen auf Rückerstattung der bezahlten «Mehrwert-
steuerbeträge» wegen ungerechtfertigter Bereicherung nicht mit Erfolg ein-
wenden, es hätte die Mehrwertsteuer «in Übereinstimmung mit der dama-
ligen Verwaltungspraxis der ESTV» deklariert sowie abgeliefert
(vgl. BGE 124 II 570 E. 4g). Das Risiko, dass diese Verwaltungspraxis nicht
gesetzeskonform ist, trägt mit anderen Worten allein das BAKOM und nicht
der (vermeintliche) Leistungsempfänger.
Ob das BAKOM Anlass hatte, die frühere Praxis der Steuerverwaltung in
Frage zu stellen (vgl. dazu S. 6 der Stellungnahme der ESTV vom 23. Mai
2016), ist in diesem Kontext irrelevant. Denn für einen Anspruch auf Rück-
erstattung ohne Rechtsgrund erbrachter Leistungen in Analogie zu
Art. 62 ff. OR bedarf es keines Verschuldens des Bereicherten (vgl. zum
privatrechtlichen Anspruch aus ungerechtfertigter Bereicherung BGE 129
III 422 E. 4; HERMANN SCHULIN, in: Heinrich Honsell et al. [Hrsg.], Basler
Kommentar, Obligationenrecht I, Art. 1-529 OR, 6. Aufl. 2015, Art. 62
N. 10e).
8.2.4 Es ergibt sich somit, dass das BAKOM – soweit vorliegend interes-
sierend – nicht aufgrund eines mehrwertsteuerlichen Leistungsverhältnis-
ses zur Entrichtung von Mehrwertsteuern im Zusammenhang mit den Ra-
dio- und Fernsehempfangsgebühren verpflichtet war.
8.3
8.3.1 Aus dem Gesagten folgt, dass materiell-rechtlich gesehen kein
Rechtsgrund bestand, die streitbetroffenen Mehrwertsteuern auf den Be-
schwerdeführer zu überwälzen.
8.3.2 Zu klären ist aber, ob die fraglichen Mehrwertsteuerbeträge ungeach-
tet der vorstehenden materiell-rechtlichen Würdigung vom Beschwerde-
führer als nicht rechtsgrundlos bezahlt gelten müssen, weil sie aufgrund
von (wenn auch materiell-rechtlich unrichtigen, aber) rechtskräftigen Ver-
fügungen geleistet wurden und kein Grund besteht, auf diese Verfügungen
zurückzukommen (vgl. E. 3.2).
Rechnungsstellungen besitzen rechtsprechungsgemäss regelmässig kei-
nen Verfügungscharakter (BVGE 2008/41 E. 6.4; RENÉ WIEDERKEHR/PAUL
RICHLI, Praxis des allgemeinen Verwaltungsrechts, Bd. I, 2012, N. 2297).
A-7678/2015
Seite 19
Da der Beschwerdeführer betreffend die Bezahlung der streitbetroffenen
Mehrwertsteuerbeträge unbestrittenermassen lediglich Rechnungen der
Billag erhalten hat, hat er diese Beträge nicht aufgrund von Verfügungen
geleistet.
Es steht somit fest, dass der Beschwerdeführer die im Streit liegenden,
gemäss den Rechnungen der Erstinstanz unter dem Titel «Mehrwert-
steuer» bezahlten Beiträge von insgesamt Fr. 45.35 ohne Rechtsgrund ge-
leistet hat.
9.
Zu prüfen bleiben die weiteren Voraussetzungen eines Rückerstattungsan-
spruchs wegen rechtsgrundlos erbrachter Leistungen.
9.1 Vorliegend kann aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung ohne wei-
teres davon ausgegangen werden, dass diejenigen Gebührenpflichti-
gen, welche den Rechnungen der Billag vertrauten und damit Mehrwert-
steuerbeträge an die Erstinstanz bezahlten, der Meinung waren, diese Be-
träge zu schulden. Unter diesen Umständen kann – anders als nach Art. 63
OR – nicht verlangt werden, dass die einzelnen Gebührenpflichtigen nach-
weisen, sich über den Bestand der Schuld geirrt oder die Leistung verse-
hentlich erbracht zu haben (vgl. E. 3.3). Ein solcher Nachweis ist denn auch
nicht vom Beschwerdeführer zu verlangen.
9.2 Das BAKOM bestreitet den vom Beschwerdeführer geltend gemachten
Rückforderungsanspruch unter Berufung auf die Entreicherungseinrede,
wie sie nach der analog anwendbaren Vorschrift von Art. 64 OR grundsätz-
lich zulässig ist (vgl. E. 3.4). Es macht geltend, die vom Beschwerdeführer
erhaltenen Mehrwertsteuerbeträge seien an die ESTV weitergeleitet wor-
den und von dort in erster Linie in die allgemeine Bundeskasse geflossen
sowie im Übrigen zweckgebunden (für AHV, IV, Prämienverbilligungen der
Krankenversicherung und Eisenbahngrossprojekte) verwendet worden.
Beim BAKOM sei somit keine Bereicherung mehr vorhanden.
Dieses Vorbringen ist nicht stichhaltig. Weil das BAKOM als Verwaltungs-
einheit der zentralen Bundesverwaltung (vgl. Art. 7 Abs. 1 Bst. d der Re-
gierungs- und Verwaltungsorganisationsverordnung vom 25. November
1998 [RVOV, SR 172.010.1]) nicht mit eigener Rechtspersönlichkeit aus-
gestattet ist und es folglich keinen vom Bund getrennt existierenden
Rechtsträger bildet, kann nämlich für die Frage, ob eine der Rückerstat-
A-7678/2015
Seite 20
tungspflicht entgegenstehende Entreicherung eingetreten ist, nicht ent-
scheidend sein, ob die vom Beschwerdeführer bezahlten Beträge auf Sei-
ten des Bundes beim BAKOM verblieben (was nicht der Fall ist; vgl. E. 1.4)
oder als Steuergelder vereinnahmt (sowie weitergeleitet) und verwendet
wurden.
Der Bund ist aufgrund des Umstandes, dass die Gelder dem Fiskus zuge-
kommen sind, (nach wie vor) insofern bereichert, als er die rechtsgrundlos
vereinnahmten Beträge für etwas verwenden konnte, was er sonst mit sei-
nen übrigen Mitteln finanziert hätte und hätte finanzieren müssen (sog. Er-
sparnisbereicherung; vgl. zu diesem Begriff SCHULIN, a.a.O., Art. 64 N. 5).
Selbstredend kann im Übrigen als bereicherte Person vorliegend nicht die
Billag betrachtet werden, da diese die Mehrwertsteuerbeträge als Gebüh-
renerhebungsstelle eingefordert und diese Beträge unbestrittenermassen
an das BAKOM weitergeleitet hat. Dementsprechend ist statt der Billag das
BAKOM als Schuldner des vorliegenden Anspruchs aus ungerechtfertigter
Bereicherung zu betrachten.
9.3 Zur Frage, ob ein (allfälliger) Anspruch aus ungerechtfertigter Bereiche-
rung verjährt ist, macht das BAKOM zwar Ausführungen in seiner Ver-
nehmlassung. Indessen bringt es bezeichnenderweise nicht vor, der vor-
liegend in Frage stehende Anspruch auf Rückerstattung von Fr. 45.35 sei
verjährt. Da ein öffentlich-rechtlicher Anspruch eines Privaten gegen den
Staat in Frage steht, ist vor diesem Hintergrund mangels Verjährungsein-
rede des Staates die Frage der Verjährung nicht von Amtes wegen zu prü-
fen (E. 4.1) und erübrigen sich somit diesbezüglich weitere Ausführungen.
10.
Gemäss dem Gesagten ist das BAKOM zu verpflichten, dem Beschwerde-
führer den unter dem Titel «Mehrwertsteuern» geforderten und rechts-
grundlos bezahlten Betrag von insgesamt Fr. 45.35 zurückzuerstatten.
11.
Entsprechend dem vorn erwähnten allgemeinen Rechtsgrundsatz ist die
dem Beschwerdeführer zustehende Rückerstattungsforderung zu verzin-
sen (vgl. E. 4.2).
Was die Höhe des Zinses betrifft, der bei Verzug in Bezug auf eine Forde-
rung auf Rückerstattung von rechtgrundlos auf den Gebührenpflichtigen
überwälzten Mehrwertsteuern im Zusammenhang mit Radio- und Fernseh-
A-7678/2015
Seite 21
empfangsgebühren zu entrichten ist, fehlt es sowohl im Mehrwertsteuer-
recht als auch im Radio- und Fernsehrecht an einer Regelung. Insbeson-
dere ist die mehrwertsteuerliche Ordnung eines (allfälligen) Vergütungszin-
ses bei der Rückvergütung von Mehrwertsteuern an die steuerpflichtige
Person nicht direkt anwendbar, weil es vorliegend um eine Überwälzungs-
streitigkeit geht, bei welcher der rückerstattungsberechtigte Beschwerde-
führer lediglich als (vermeintlicher) «Steuerträger», nicht jedoch als Steu-
erpflichtiger mit Mehrwertsteuern konfrontiert war (vgl. dazu auch Urteil
des BGer 2C_410/2008 vom 28. Oktober 2008 E. 3.4, wo eine mehrwert-
steuerrechtliche Vergütungszinspflicht auf der Rückvergütung der Mehr-
wertsteuer an den Abnehmer mit Wohn- oder Geschäftssitz im Ausland im
Vergütungsverfahren nach Art. 90 Abs. 2 Bst. b aMWSTG bezeichnender-
weise unter anderem mit der Begründung verneint wurde, dass die rücker-
stattungsberechtigte Person nicht mit der steuerpflichtigen Person iden-
tisch sei).
Vor diesem Hintergrund hat das Gericht – mangels Gewohnheitsrecht –
nach der Regel zu entscheiden, welche es als Gesetzgeber aufstellen
würde (vgl. Art. 1 Abs. 2 ZGB). Es kann zwecks Schliessung der (ech-
ten) Lücke auch auf Regelungen greifen, welche sich analog anwenden
lassen. Der Analogieschluss setzt freilich hinreichend gleichgelagerte Ver-
hältnisse voraus (BGE 132 V 32 E. 6.5.2, 130 V 71 E. 3.2.1; s. zum Ganzen
auch Urteil des BGer 2C_188/2010 und 2C_194/2010 vom 24. Januar
2011 E. 7.2.1).
Ob vorliegend die Höhe des Verzugszinses nach Privatrecht oder nach öf-
fentlichem Recht zu bestimmen ist, hängt davon ab, mit welcher Ordnung
hinreichende Gemeinsamkeiten für eine analoge Anwendung bestehen
(vgl. Urteil des BGer 2C_188/2010 und 2C_194/2010 vom 24. Januar 2011
E. 7.2.1; Urteil des BVGer A-4873/2014 vom 21. Oktober 2015 E. 9.3).
Zwar besteht in Art. 40 Abs. 2 RTVV in der hier massgebenden Fassung
(vgl. E. 2.1.2) in Verbindung mit Art. 70 Abs. 2 der Finanzhaushaltsverord-
nung vom 5. April 2006 (FHV, SR 611.01) eine Regelung der Verzinsung
der vom Bund eingenommenen, jedoch nicht ausgegebenen Gebührenan-
teile nach Art. 40 RTVG in der hier massgebenden Fassung (vgl. E. 2.1.2).
Danach bestimmt die Eidgenössische Finanzverwaltung die Zinssätze un-
ter Berücksichtigung der Marktverhältnisse sowie der Art und Dauer des
entsprechenden Guthabens (vgl. Art. 70 Abs. 2 FHV). Angesichts des Um-
standes, dass der vorliegend in Frage stehende Anspruch aus ungerecht-
fertigter Bereicherung einen allgemeinen Rechtsgrundsatz bildet, welcher
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Seite 22
grundsätzlich in analoger Anwendung von Art. 62 ff. OR zu konkretisieren
ist (vgl. E. 3.1), rechtfertigt es sich, in der hier zu beurteilenden Konstella-
tion nicht diese Zinsregelung oder mehrwertsteuerrechtliche Vorschriften,
sondern die privatrechtliche Bestimmung von Art. 104 Abs. 1 OR mit einem
Zinssatz von 5 % analog heranzuziehen.
12.
Nach dem Gesagten ist das BAKOM unter Gutheissung der Beschwerde
und Aufhebung der Verfügung der Erstinstanz vom 30. Oktober 2015 zu
verpflichten, dem Beschwerdeführer den unter dem Titel «Mehrwertsteuer»
bezahlten Betrag von Fr. 45.35 zuzüglich 5 % Zins ab Verzug zu bezahlen.
13.
13.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt die Verfahrenskosten in der
Regel der unterliegenden Partei (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Vorinstanzen wer-
den jedoch keine Kosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
Da vorliegend die Billag und das BAKOM unterliegen, sind keine Verfah-
renskosten zu erheben (vgl. auch Urteile des BVGer A-3982/2015 vom
4. Januar 2016 E. 8.1, A-6360/2009 vom 22. August 2011 E. 6). Der einbe-
zahlte Kostenvorschuss von Fr. 400.- ist dem Beschwerdeführer nach Ein-
tritt der Rechtskraft des vorliegenden Urteils zurückzuerstatten.
13.2 Ganz oder teilweise obsiegenden Parteien ist sodann von Amtes we-
gen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihnen erwachsene notwen-
dige oder verhältnismässig hohe Kosten zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1
VwVG in Verbindung mit Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der Beschwerdeführer ist nicht anwaltlich vertre-
ten, weshalb ihm keine Parteientschädigung zuzusprechen ist (Art. 8
Abs. 1 VGKE).
(Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.)
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