Decision ID: 01a67532-4ec9-455b-91a5-b538d4c7e925
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erlangte den Führerausweis für Personenwagen (Kategorie B) am 23. April 1997,
jenen für Lastwagen (Kategorie C) am 1. März 2016 und jenen für Personentransporte
(Kategorie D) am 7. Juli 2016. Am 7. Juni 2005 wurde er verwarnt. Wegen Missachtens
des Vortritts wurde ihm der Führerausweis vom Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
des Kantons St. Gallen am 14. Juli 2009 für einen Monat entzogen. Eine weitere
Verwarnung folgte am 10. August 2012 (Überschreiten der Geschwindigkeit). Mit
Verfügung vom 25. August 2014 entzog ihm das Strassenverkehrsamt den
Führerausweis wegen leichter Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften
für einen Monat, nachdem er die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn
von 120 km/h um 28 km/h überschritten hatte.
B.- Am Dienstag, 1. November 2016, ca. 17.15 Uhr, fuhr X als Chauffeur eines
Gelenkbusses von A in Richtung Autostrasse. Bei der Abzweigung B bog er nach links
in Richtung C ab. Dabei kam es zu einer Kollision mit einem entgegenkommenden
Personenwagen. An beiden Fahrzeugen entstand Sachschaden von zusammen rund
Fr. 3'500.–.
Das Strassenverkehrsamt leitete wegen des Vorfalls vom 1. November 2016 ein
Administrativmassnahmeverfahren gegen X ein. Es gewährte ihm mit Schreiben vom
28. Dezember 2016 das rechtliche Gehör und stellte ihm dabei einen
Führerausweisentzug für die Dauer eines Monats in Aussicht. Nachdem der Betroffene
sich nicht hatte vernehmen lassen, entzog ihm das Strassenverkehrsamt mit Verfügung
vom 27. Januar 2017 den Führerausweis für einen Monat wegen mittelschwerer
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften (Missachten des Vortritts). Mit
Schreiben vom 4. Februar 2017 (Datum des Poststempels) ersuchte X das
Strassenverkehrsamt um Verschiebung des Ausweisentzuges bis Ende Juli 2017. Mit
Verfügung vom 6. Februar 2017 wurde der Vollzugsaufschub bewilligt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.- Mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 6. Februar 2017 wurde das
Strafverfahren gegen X wegen Verletzung von Verkehrsregeln eingestellt. X wandte sich
daraufhin mit Schreiben vom 13. Februar 2017 an das Strassenverkehrsamt mit den
Fragen, weshalb gegen ihn vor Abschluss des Strafverfahrens eine
Administrativmassnahme verfügt worden sei und was die Einstellungsverfügung nun für
den Führerausweisentzug bedeute. Das Strassenverkehrsamt leitete das Schreiben an
die Verwaltungsrekurskommission weiter, welche die Eingabe als Rekurs in das
Geschäftsverzeichnis aufnahm.
Mit Schreiben vom 15. März 2017 teilte die Vorinstanz mit, dass sie nach
Einsichtnahme in die Strafakten an ihrer Verfügung festhalte. Am 30. März 2017
verzichtete sie auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Die zuständigkeitshalber von der Vorinstanz als Rekurs
überwiesene Eingabe vom 13. Februar 2017 ist rechtzeitig eingereicht worden. Sie
erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41
lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1,
abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Umstritten ist, ob der Vorfall vom 1. November 2016 eine mittelschwere
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften darstellt.
a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03, abgekürzt:
OBG) ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine
Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a
SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG).
Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes
Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob
und wird dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder
in Kauf genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine
mittelschwere Widerhandlung liegt vor, wenn durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen wird (Art. 16b
Abs. 1 lit. a SVG). Von einer mittelschweren Widerhandlung ist immer dann
auszugehen, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten und nicht alle
qualifizierenden einer schweren Widerhandlung erfüllt sind (vgl. BBl 1999 S. 4487).
b) Vor dem Abbiegen nach links ist den entgegenkommenden Fahrzeugen der Vortritt
zu lassen (Art. 36 Abs. 3 SVG). Wer zur Gewährung des Vortritts verpflichtet ist, darf
den Vortrittsberechtigten in seiner Fahrt nicht behindern (Art. 14 Abs. 1 Satz 1 der
Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt: VRV). Während früher bereits eine
Behinderung angenommen wurde, wenn der Berechtigte seine Fahrt nicht
gleichmässig und ungestört fortsetzen konnte, fasst die Rechtsprechung den Begriff
heute enger; sie bejaht eine Behinderung, falls der Berechtigte seine Fahrweise brüsk
ändern muss, das heisst vor, auf oder kurz nach einer Verzweigung zu brüskem
Bremsen, Beschleunigen oder Ausweichen gezwungen wird, gleichgültig, ob es zu
einem Zusammenstoss kommt oder nicht (BGE 114 IV 146). Mit dieser Auslegung
wurde den besonderen Verhältnissen bei hohem Verkehrsaufkommen Rechnung
getragen. Das Bundesgericht führte aber auch aus, dass dies nicht zur Entwertung des
Vortrittsrechts – einer Grundregel des Strassenverkehrs – führen dürfe. Eine erhebliche
Behinderung sei daher unter dem Gesichtspunkt von Art. 14 Abs. 1 VRV nur
ausnahmsweise zu verneinen.
c) aa) Nach Strassenverkehrsdelikten befindet das Strafgericht über die strafrechtlichen
Sanktionen (Freiheitsstrafe, Geldstrafe, Busse) und die Verwaltungsbehörde in einem
separaten Verfahren über Administrativmassnahmen (insbesondere
Führerausweisentzug, Verwarnung). Die Zweispurigkeit des Verfahrens ist zulässig,
kann aber – bei fehlender Koordination – dazu führen, dass derselbe Lebensvorgang zu
voneinander abweichenden Sachverhaltsfeststellungen von Verwaltungs- und
Justizbehörden führt und die erhobenen Beweise abweichend gewürdigt und rechtlich
beurteilt werden. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat die Verwaltungsbehörde im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Interesse von Rechtseinheit und Rechtssicherheit gemäss konstanter
bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich mit ihrem Entscheid zuzuwarten,
bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Denn das Strafverfahren bietet durch die
verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die umfassenderen persönlichen
und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die weiterreichenden prozessualen
Befugnisse besser Gewähr dafür, dass das Ergebnis der Sachverhaltsermittlung näher
bei der materiellen Wahrheit liegt als im nicht durchwegs derselben Formstrenge
unterliegenden Verwaltungsverfahren. Massgeblich ist also grundsätzlich der
Sachverhalt, wie er im Strafverfahren festgestellt wurde. Die Verwaltungsbehörde darf
von den tatsächlichen Feststellungen im Strafurteil nur dann abweichen, wenn sie
Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter
unbekannt waren oder die er nicht beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt,
deren Würdigung zu einem anderen Entscheid führt, wenn die Beweiswürdigung durch
den Strafrichter den feststehenden Tatsachen klar widerspricht, oder wenn der
Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht sämtliche
Rechtsfragen abgeklärt hat, namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln
übersehen hat (BGE 124 II 103 E. 1c; Urteil der Verwaltungsrekurskommission
IV-2012/126 vom 21. März 2013, im Internet abrufbar unter: www.gerichte.sg.ch).
bb) In tatsächlicher Hinsicht ist folglich auf den in der Einstellungsverfügung der
Staatsanwaltschaft vom 6. Februar 2017 festgestellten Sachverhalt abzustellen,
wonach der Lenker des am Unfall beteiligten Personenwagens den abbiegenden Bus
aus einer Distanz von ca. 110 Metern erblickte, sein Fahrzeug vorerst aber nur leicht
verlangsamte. Erst als er realisierte, dass sich das Abbiegemanöver aufgrund der
Länge des Gelenkbusses verzögerte, bremste er stärker ab und leitete schliesslich eine
Vollbremsung ein. Trotzdem prallte er mit der Fahrzeugfront gegen das rechte Rad der
hintersten Achse des Busses (act. 3).
d) aa) In Bezug auf die rechtliche Würdigung des Sachverhalts ist die
Verwaltungsbehörde dann an das Strafurteil gebunden, wenn die rechtliche Beurteilung
sehr stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, die der Strafrichter besser kennt
als die Verwaltung, etwa wenn er den Beschuldigten persönlich einvernommen hat
(BGE 119 Ib 158 E. 3c, mit Hinweisen; 136 II 447 E. 3.1). Folglich ist die
Verwaltungsbehörde in Fällen, wo der Strafrichter seine Verfügung lediglich aufgrund
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eines Polizeirapports und ohne untersuchungsrichterliche Einvernahme des
Betroffenen oder von Zeugen erlassen hat, nicht an die rechtliche Qualifikation des
Sachverhalts im Strafverfahren gebunden. Die Verwaltungsbehörde hat dabei aber
auch den Grundsatz der Vermeidung widersprüchlicher Urteile gebührend zu
berücksichtigen (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_413/2014 vom 30. März 2015
E. 2.2 mit Hinweis auf 1C_424/2012 vom 15. Januar 2013 E. 2.3). Dies gebietet der
Verwaltungsbehörde grundsätzlich, sich einer vertretbaren Ermessensausübung des
Strafrichters anzuschliessen, auch wenn sie das Verschulden selber anders beurteilen
würde (BGer 1C_746/2013 vom 12. Dezember 2013 E. 3.4).
bb) Der Strafrichter erwog, dass dem Rekurrenten unter den gegebenen Umständen
kein Vorwurf gemacht werden könne, obwohl er grundsätzlich vortrittsbelastet
gewesen sei. Entscheidend sei insbesondere, dass der 18,75 m lange Gelenkbus für
ein Abbiegemanöver deutlich mehr Zeit benötige als ein Personenwagen. Hinzu
komme, dass unmittelbar nach der Abzweigung bei der Bahnüberführung ein relativ
schmaler Durchgang folge, der eine lange und breite Fahrzeugkomposition wie den
Bus zu einer besonders vorsichtigen (langsamen) Fahrweise zwinge. Es sei davon
auszugehen, dass diese besonderen Umstände dem in der Umgebung wohnhaften
Unfallbeteiligten bekannt gewesen seien. Im Hinblick auf den Vertrauensgrundsatz
habe jener somit nicht leichthin annehmen können, seine Fahrt ohne deutliche
Verlangsamung in Richtung C fortsetzen zu können, zumal er den abbiegenden Bus
bereits von weitem, aus einer Distanz von ca. 110 m, erblickt und somit reichlich Zeit
gehabt hätte, seine Geschwindigkeit der gegebenen Verkehrssituation anzupassen.
Insbesondere sei jeder Fahrzeugführer verpflichtet, abzubremsen oder gar anzuhalten,
wenn sich ein Hindernis auf seiner Fahrbahn befinde und dieses rechtzeitig erkennbar
sei (act. 3).
cc) Die Vorinstanz ging in der angefochtenen Verfügung noch vor Abschluss des
Strafverfahrens davon aus, dass der Rekurrent mit dem Gelenkbus einem
entgegenkommenden Fahrzeug den Vortritt nicht gewährt und dadurch einen
Verkehrsunfall verursacht habe. Auch nach Kenntnisnahme der Einstellungsverfügung
hielt sie an dieser Würdigung fest (act. 7). Zutreffend ist, dass keine Bindung der
Administrativmassnahmenbehörden an die rechtliche Würdigung des Strafrichters
besteht, da dieser ohne untersuchungsrichterliche Einvernahme der Betroffenen und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Auskunftsperson lediglich auf den Polizeirapport abstellte. Entgegen der Ansicht
der Vorinstanz führt indessen eine eigene rechtliche Würdigung des Sachverhalts –
wenn auch mit anderer Begründung – zum gleichen Ergebnis. Beim Linksabbiegen in
Richtung C war der Rekurrent bezüglich des entgegenkommenden Verkehrs
grundsätzlich vortrittsbelastet (Art. 36 Abs. 3 SVG). Er durfte folglich allfällige
vortrittsberechtigte Lenker nicht in ihrer Fahrt behindern (Art. 14 Abs. 1 VRV). Als der
Rekurrent zum Abbiegemanöver ansetzte, sah er, dass ein Fahrzeug die Autostrasse in
Richtung A verliess (act. 11/18). Auch der Lenker jenes Fahrzeugs erkannte gemäss
eigener Aussage, dass der Bus nach links (aus seiner Sicht nach rechts) abbog. Das
Manöver war angesichts der Tatsache, dass gute Sichtverhältnisse herrschten und es
bereits dunkel war, zudem ohne weiteres gut erkennbar. Der Lenker des
Personenwagens befand sich dabei auf Höhe der Signale "Einfahrt verboten" und
damit rund 110 m vom Haltebalken der Linksabbiegespur entfernt (vgl. Polizeirapport,
act. 11/16).
Anders als etwa bei der Missachtung eines Rotlichts, wo eine klare und zwingende
Verhaltensregel verletzt wird, muss der Fahrzeuglenker, der nach links abbiegen will,
selber abschätzen, ob und wann er sein Abbiegemanöver ohne Behinderung
entgegenkommender Verkehrsteilnehmer einleiten kann. Zu berücksichtigen ist sodann
weiter, dass es im Interesse eines flüssigen Verkehrs auch nicht wünschbar ist,
übermässig lange vor Abzweigungen zu warten, um weit entfernte vortrittsberechtigte
Fahrzeuge passieren zu lassen (BGer 2A.585/2004 vom 11. Januar 2005 E. 4.4 und
4.5). Namentlich bei besonders schwierigen Situationen des Wartepflichtigen kann es
wünschbar sein, dass ihm ein Vortrittsberechtigter durch Verlangsamen der Fahrt das
Einbiegen ermöglicht, wenn dies ohne Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer
geschehen kann. Bei der Beurteilung, ob eine Behinderung vorliegt, sind verschiedene
Interessen zu berücksichtigen wie die Rechtssicherheit durch einfache und klare
Regeln, die Verkehrsflüssigkeit auf den vortrittsberechtigten Fahrbahnen sowie
besonders schwierige Situationen der Vortrittsbelasteten (BGer 1C_403/2016 vom
27. März 2013 E. 2.1).
Der Rekurrent ging bei Einleitung des Manövers davon aus, dieses abschliessen zu
können, bevor das entgegenkommende Fahrzeug die Abzweigung erreichen würde,
was bei einer Entfernung von rund 110 m und bei zulässiger Höchstgeschwindigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von 80 km/h nicht von Vornherein als vollends unrealistisch erscheint. Kommt hinzu,
dass die überblickbare Strecke bei der Abzweigung maximal rund 165 m beträgt (vgl.
act. 11/29). Wenn nun ein Bus, der für das Abbiegemanöver aus dem Stillstand heraus
doch einige Zeit benötigt, zwingend warten müsste, bis kein Fahrzeug
entgegenkommt, wäre dies dem Verkehrsfluss äusserst abträglich, ist doch die
Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb der Fahrzeit von knapp acht Sekunden für diese
Strecke (165 m) bereits wieder ein neues Fahrzeug aus der Gegenrichtung auftaucht,
im Feierabendverkehr sehr hoch. Für den wartepflichtigen Rekurrenten lag damit eine
besonders schwierige Situation vor. Der entgegenkommende Lenker erkannte gemäss
eigenen Angaben bereits früh, dass der Bus nach links abbog und dabei seine
Fahrbahn beanspruchte. Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, auf das von ihm
frühzeitig erkannte Abbiegemanöver des Busses mit rechtzeitigem und genügendem
Abbremsen zu reagieren. Ein brüskes Bremsen wäre nicht nötig gewesen. Ein
unmittelbar nachfolgender Fahrzeuglenker sagte als Auskunftsperson nämlich aus, er
habe den abbiegenden Bus ebenfalls erkannt und noch gedacht, dass der
voranfahrende Personenwagen (des Rekurrenten) recht zügig unterwegs sei. Es sei ihm
nicht aufgefallen, dass jener Lenker gebremst hätte. Seiner Meinung nach habe dieser
erst kurz vor der Kollision reagiert und versucht, nach links auszuweichen. Zudem
erklärte er, dass er selbst nur etwas verlangsamen und nicht einmal bremsen hätte
müssen, um den Bus passieren zu lassen (act. 11/24 f.). Gemäss Angaben der Polizei
bestätigte eine zweite Auskunftsperson diese Angaben exakt. Wenn auf die Aussage
der Auskunftsperson, die keinen Anlass hatte, bewusst die Unwahrheit zu sagen,
abgestützt wird, hätte ein Wegnehmen des Gases oder ein frühes leichtes Abbremsen
ausgereicht, um eine Kollision zu verhindern. Dies zeigt sich auch daran, dass das
Abbiegemanöver im Zeitpunkt der Kollision beinahe abgeschlossen war; denn der
Rekurrent fuhr in die hinterste Achse des Gelenkbusses. Davon, dass der Rekurrent mit
seinem Fahrmanöver den entgegenkommenden Lenker zu einem brüsken Bremsen
oder Ausweichen gezwungen und damit erheblich behindert hätte, kann unter diesen
Umständen nicht die Rede sein. Vielmehr passte jener Lenker seine Geschwindigkeit
nicht den Umständen an und verursachte dadurch den Unfall. Deswegen wurde er
auch mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft vom 13. Januar 2017 zu einer Busse von
Fr. 300.– verurteilt. In Übereinstimmung mit dem Strafrichter liegt deshalb auf Seiten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Rekurrenten keine Verkehrsregelverletzung vor, weshalb auch keine
Administrativmassnahme zu verfügen ist.
e) Der Rekurs ist somit gutzuheissen und die angefochtene Verfügung der Vorinstanz
vom 27. Januar 2017 ersatzlos aufzuheben.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Angemessen erscheint eine Entscheidgebühr von
Fr. 1'200.– (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Ein
Kostenvorschuss wurde nicht erhoben.