Decision ID: e8912331-d0a1-5fa9-9b3e-8642eacd4167
Year: 2007
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
J._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Braun, Oberdorfstrasse 6, Postfach,
8887 Mels,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente (Wiedererwägung)
Sachverhalt:
A.
J._ meldete sich am 11. Juni 2002 zum Bezug von IV-Leistungen an. Dr. med. A._
berichtete der IV-Stelle am 22. Juni 2002, die Versicherte habe nach einem Autounfall
über neurasthenische Beschwerden geklagt, die somatisch nicht fassbar gewesen
seien. Er habe der Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 50% attestiert und sie dem
Psychiater überwiesen. Der behandelnde Psychiater Dr. med. B._ berichtete der IV-
Stelle am 18. Dezember 2002, er könne eine Arbeitsunfähigkeit von 50% bestätigen.
Die Versicherte leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung nach einem
Verkehrsunfall. Ihr Gesundheitszustand sei stationär bis besserungsfähig. Mit einer
Verfügung vom 12. März 2003 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung ab
1. Februar 2002 bei einem Invaliditätsgrad von 50% eine halbe Invalidenrente zu. Diese
Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
B.
In einem von der SUVA in Auftrag gegebenen polydisziplinären Gutachten berichtete
die Klinik Valens am 20. Juli 2004 u.a., es liege eine atypische Depression vor, die eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit zur Folge habe. Gestützt auf dieses Abklärungsergebnis
beantragte die Versicherte am 9. September 2004 die revisionsweise Überprüfung ihres
Rentenanspruchs. Dr. med. B._ berichtete der IV-Stelle am 24. September 2004, die
Diagnose habe sich nicht geändert und der Gesundheitszustand der Versicherten sei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stationär. Eine Erwerbstätigkeit sei noch im Rahmen von drei bis vier Stunden täglich
zumutbar.
C.
Das von der IV-Stelle mit einer polydisziplinären Abklärung beauftragte ABI Basel führte
in einem Gutachten vom 24. Februar 2006 aus, die internistische Untersuchung habe
ergeben, dass die Versicherte die verordneten Antidepressiva nicht einnehme. Aus
orthopädischer Sicht bestehe für körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Die psychiatrische Abklärung habe eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung aufgezeigt, die von leichten depressiven Verstimmungen
und von unklaren Ängsten begleitet werde. Diese seien aber nicht so schwerwiegend,
dass sie die Diagnose einer Depression oder einer Angststörung rechtfertigen würden.
Es liege weder eine posttraumatische Belastungsstörung noch eine atypische
Depression vor. Aus psychiatrischer Sicht sei die Versicherte uneingeschränkt
arbeitsfähig. Abschliessend wiesen die Gutachter des ABI darauf hin, dass das
Ergebnis ihrer Abklärungen auch im somatischen Bereich deutlich vom Ergebnis der
Untersuchung durch die Klinik Valens abweiche. Die unterschiedlichen klinischen
Befunde erklärten die diskrepante Beurteilung der Arbeitsfähigkeit.
D.
Der zuständige Arzt des RAD Ostschweiz hielt am 12. Mai 2006 fest, an machen
Stellen des ABI-Gutachtens würden früher gestellte Diagnosen angezweifelt. Es sei
anzunehmen, dass die Gutachter hier den ihnen zugeteilten Bereich verlassen hätten.
Nachdem die retrospektive Beurteilung selbst von den ABI-Gutachtern als unsicher
eingestuft werde, sei dieser Teil des Gutachtens wenig aussagekräftig. An der
Glaubwürdigkeit der Vorgutachten sei nicht zu zweifeln. Sowohl in somatischer als
auch in psychiatrischer Hinsicht sei eine Verbesserung festzustellen. Mit einer
Verfügung vom 23. Mai 2006 stellte die IV-Stelle die laufende halbe Invalidenrente mit
Wirkung ab dem Ende des auf die Verfügungseröffnung folgenden Monats ein.
E.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Versicherte liess am 22. Juni 2006 Einsprache erheben und beantragen, es sei ihr
weiterhin eine ganze, eventualiter eine halbe Invalidenrente zuzusprechen. Zur
Begründung liess sie ausführen, bei der Untersuchung durch das ABI sei es zu
Differenzen zwischen ihr und den Gutachtern gekommen. Diese Differenzen seien in
die Beurteilung eingeflossen, weshalb das Gutachten tendenziös sei. Das ABI habe
eine neurologische Abklärung unterlassen, obwohl dies für die gesundheitliche
Beurteilung zentral gewesen wäre. Bei den Untersuchungen habe ein neutraler
Dolmetscher gefehlt. Zudem sei die psychiatrische Untersuchung nicht vollständig
gewesen, was zu einer falschen Interpretation der Befunde geführt habe. Schliesslich
sei die psychiatrische Diagnose auch nicht nachvollziehbar begründet worden. Es sei
kein medizinischer Revisionsgrund ausgewiesen. Abzustellen sei auf das Gutachten
der Klinik Valens. Bei einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 100% bestehe ein Anspruch
auf eine ganze Rente. Dr. med. B._ hatte am 10. Juni 2006 gegenüber dem
Rechtsvertreter der Versicherten angegeben, das Gutachten der Klinik Valens weise
einen Mangel auf, es sei nämlich kein neutraler Dolmetscher beigezogen worden.
Familienangehörige dolmetschten erfahrungsgemäss kaum, sondern neigten dazu, ihre
eigenen Meinungen oder Beobachtungen in die Anamnese zu projizieren, was
manchmal irreführend sein könne. Der Psychiater der Klinik Valens habe eine atypische
Depression diagnostiziert. Wenn man die posttraumatische Belastungs-/
Anpassungsstörung ausblende, scheine diese Diagnose anhand der damaligen
Symptomatologie akzeptabel zu sein. Die vom Psychiater der Klinik Valens attestierte
Arbeitsunfähigkeit von 100% könne bestätigt werden. Der Grad der Arbeitsfähigkeit
habe im Lauf der Zeit tatsächlich variiert und er sei zum Teil von nichtmedizinischen
bzw. unfallfremden Gründen beeinflusst gewesen. Der Psychiater des ABI habe sich
nicht mit dem Unfalltrauma auseinandergesetzt, weil er von einem Bagatellunfall
ausgegangen sei. Die nach dem Unfall geklagten Beschwerden hätten ihn nicht
interessiert. Die Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung könne
zwar akzeptiert werden, aber sie sei nur ein Teil des psychischen Zustandes und
deshalb wenig brauchbar für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit. Der Hausarzt habe
inzwischen eine Erhöhung der Efexor-Dosis vorgeschlagen, also könne wohl nicht von
einem leicht depressiven Zustand gesprochen werden.
F.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der zuständige Arzt des RAD Ostschweiz hielt dazu fest, die Ausführungen von Dr.
med. B._ seien widersprüchlich. Er kritisiere zwar, dass die Klinik Valens keinen
Dolmetscher beigezogen habe, aber gleichzeitig gebe er dem Gutachten der Klinik
Valens mehr Gewicht als demjenigen des ABI. Von Seiten des RAD werde an der
Qualität des Gutachtens der Klinik Valens nicht gezweifelt. Das gelte auch für die
psychiatrische Diagnose und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Es gehe
darum zu beurteilen, ob durch das Gutachten des ABI eine Verbesserung des
Gesundheitszustandes ausgewiesen sei. Zwar könne über das Vorliegen einer PTSD
nach einem Bagatellunfall diskutiert werden, aber es sollte nicht nach Jahren am
sorgfältigen Gutachten des Psychiaters der Klinik Valens gezweifelt werden. Das ABI
habe den Verlauf der Krankheitsentwicklung plastisch dargestellt: Keine
Einschränkungen mehr in der körperlichen Untersuchung, Fehlen einer mittelschweren
oder schweren Depression, sehr klare Beschreibung des Krankheitskonzepts der
Versicherten mit deutlicher Abgrenzung des sekundären Krankheitsgewinns, deutliche
Abgrenzung der Nervosität in der Untersuchungssituation von den Symptomen mit
Krankheitswert. Aus somatischer Sicht sei eine wesentliche Verbesserung seit 2004
ausgewiesen. Medizinisch seien die gegen eine Verbesserung des psychischen
Zustandes vorgebrachten Argumente aufgrund der Laborresultate, der Aktualität, der
Sorgfalt der Erstellung und der Nachvollziehbarkeit des Ergebnisses des ABI-
Gutachtens nicht nachvollziehbar.
G.
Die IV-Stelle wies die Einsprache am 15. September 2006 ab. Zur Begründung führte
sie aus, das Gutachten der Klinik Valens überzeuge nicht. Der Psychiater habe keine
eigentlichen depressiven Befunde erheben können, so dass die aus einer atypischen
Depression abgeleitete vollständige Arbeitsunfähigkeit nicht nachvollziehbar sei, zumal
die Rechtsprechung selbst bei mittelgradigen Depressionen keine invalidisierende
Wirkung annehme. Auch die behauptete Arbeitsunfähigkeit von 50% sei nicht
ausgewiesen. Der Einwand von Dr. med. B._, aufgrund einer unvollständigen
Befragung der Versicherten hätten keine Symptome eines Psychotraumas in Erfahrung
gebracht werden können, sei nicht stichhaltig, denn die Gutachter des ABI hätten über
die Unfallbeschreibung im Gutachten der Klinik Valens verfügt. Die von Dr. med. B._
diagnostizierte posttraumatische Belastungsstörung sei nicht ausgewiesen, denn eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
solche Diagnose setze ein belastendes Ereignis mit aussergewöhnlicher Bedrohung
oder katastrophenartigem Ausmass voraus, das bei fast jeder Person eine tiefe
Verzweiflung hervorrufen würde. Die Versicherte habe aber nur einen Bagatellunfall
erlitten. Dass die Versicherte nicht an invalidisierenden psychischen Beschwerden
leide, ergebe sich auch daraus, dass sie die verschriebenen Psychopharmaka nicht
einnehme und somit nicht unter einem grossen Leidensdruck stehe. Erfahrungsgemäss
sagten behandelnde Ärzte eher zugunsten ihrer Patienten aus. Die Rechtsprechung
gehe davon aus, dass behandelnde Fachärzte das Ergebnis eines Gutachtens nur in
Frage stellen könnten, wenn sie objektiv feststellbare Gesichtspunkte vorbrächten, die
im Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben und geeignet seien, zu einer
abweichenden Beurteilung zu führen. Derartige Gesichtspunkte fehlten hier. Im ABI-
Gutachten sei zu Recht geltend gemacht worden, dass bereits im Zeitpunkt der
erstmaligen Rentenzusprache keine Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. Deshalb sei
zweifelhaft, ob eine im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG relevante
Sachverhaltsveränderung eingetreten sei. Diese Frage könne aber offen bleiben, da die
Renteneinstellung mit der substituierten Begründung einer Wiedererwägung der
ursprünglichen Rentenzusprache gerechtfertigt werden könne. Die ursprüngliche
Rentenzusprache habe sich nämlich auf einen Bericht von Dr. med. B._ gestützt, in
dem zu Unrecht die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung angegeben
worden sei. Zudem seien dort keine psychiatrischen Befunde angegeben worden,
welche die Arbeitsfähigkeitsschätzung gestützt hätten. Es hätten damals also zwingend
weitere medizinische Abklärungen vorgenommen werden müssen. Weil sie sich auf
einen unvollständig abgeklärten Sachverhalt gestützt habe, sei die ursprüngliche
Rentenzusprache zweifellos unrichtig gewesen.
H.
Die Versicherte liess am 17. Oktober 2006 Beschwerde gegen diesen
Einspracheentscheid erheben. Sie stellte den Antrag, der angefochtene
Einspracheentscheid sei aufzuheben und es sei ihr weiterhin eine ganze, eventualiter
eine halbe Invalidenrente zuzusprechen. Ausserdem ersuchte sie um die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung. Zur Begründung ihres Hauptantrages liess die
Versicherte ausführen, die Aufhebung der Renten werde neu ausschliesslich mit einer
Wiedererwägung begründet. Die Wiedererwägung setze voraus, dass die ursprüngliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügung zweifellos unrichtig gewesen sei. Dies wiederum setze voraus, dass nur ein
einziger Schluss, nämlich derjenige auf eine Unrichtigkeit möglich sei. Diese
Voraussetzung sei im vorliegenden Fall nicht erfüllt. Dr. med. B._ sei nicht von einer
posttraumatischen Belastungsstörung, sondern von einer posttraumatischen
Anpassungsstörung ausgegangen. Ausserdem habe er festgestellt, dass sie an
Kopfschmerzen, Nackenverspannung, Schmerzen bis in die Schultern, Schwindel und
Brechreiz gelitten habe. Daraus habe er eine Arbeitsunfähigkeit von 50% abgeleitet.
Diese Einschätzung sei im Gutachten der Klinik Valens bestätigt worden, wobei
allerdings von einer Arbeitsunfähigkeit von 100% ausgegangen worden sei. Demnach
sei die Verfügung vom 12. März 2003 nicht zweifellos unrichtig gewesen. Trotzdem
stelle sich die Frage, ob nicht ein Anspruch auf eine ganze statt auf eine halbe Rente
bestanden habe. Der entsprechende Antrag sei von der IV-Stelle bisher nicht geprüft
worden. Das ABI-Gutachten enthalte nach eigener Einschätzung der Gutachter erst ab
dem Zeitpunkt der Begutachtung (17. Januar 2006) eine verlässliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Im übrigen sei dieses Gutachten tendenziös und deshalb
zur Beurteilung des Rentenanspruchs untauglich. Es sei auch unvollständig, denn es
hätte eine neurologische Abklärung erfolgen müssen. Weiter habe es an einem
neutralen Dolmetscher gefehlt, die psychiatrische Abklärung sei unvollständig
gewesen, so dass die Befunde falsch interpretiert worden seien, und schliesslich seien
die psychiatrischen Diagnosen nicht nachvollziehbar begründet worden.
I.
Die IV-Stelle beantragte am 24. Oktober 2006 die Abweisung der Beschwerde.
J.
Die Versicherte bestätigte am 26. Oktober 2006, dass die Rechtschutzversicherung
diesen Fall nicht decke. Sie gab ausserdem an, das einzige Einkommen seien die IV-
Rente und die PK-Invalidenrente ihres Ehemannes. Am 30. Oktober 2006 verzichtete
die Versicherte auf eine Replik.

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführerin hat am 9. September 2004 darum ersucht, ihre Rente zu
überprüfen. Obwohl das Gutachten der Klinik Valens (insbesondere dessen
psychiatrischer Teil) mit dem Hinweis darauf, dass sich der Gesundheitszustand seit
2001 kaum gebessert habe, eine Überprüfung der ursprünglichen Rentenzusprache,
d.h. eine Wiedererwägung der Verfügung vom 12. März 2003 nahegelegt hätte,
interpretierte die Beschwerdegegnerin das Gesuch vom 9. September 2004 nur als
Revisionsgesuch nach Art. 17 Abs. 1 ATSG. Deshalb forderte sie beim behandelnden
Psychiater auch nur einen Verlaufsbericht an. Die anschliessende Anfrage der
Sachbearbeiterin beim RAD Ostschweiz vom 8. November 2004 betraf nur eine
mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes und damit eine allfällige
Erhöhung des Arbeitsunfähigkeitsgrades. Der Gutachterauftrag an das ABI vom 1.
März 2005 enthielt zwar eine Frage nach dem Verlauf der Arbeitsfähigkeit seit dem
Unfall. Die Verwertung des Ergebnisses dieser Begutachtung zeigt aber, dass für die
Beschwerdegegnerin immer nur die Frage relevant gewesen ist, ob sich die
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin nach der Zusprache der halben Rente
verändert habe. Der RAD Ostschweiz hat zwar am 12. Mai 2006 zur Kenntnis
genommen, dass im Gutachten des ABI die früheren psychiatrischen
Arbeitsfähigkeitsschätzungen angezweifelt wurden. Die Beschwerdegegnerin hat dies
aber nicht zum Anlass genommen, um parallel zum laufenden
Rentenrevisionsverfahren auch noch ein gegen die Rentenverfügung vom 12. März
2003 gerichtetes Wiedererwägungsverfahren zu eröffnen. Der RAD Ostschweiz hat
darauf hingewiesen, dass der psychiatrische Gutachter des ABI mit der Kritik an
früheren Arbeitsfähigkeitsschätzungen über den Gutachterauftrag hinausgegangen sei,
und er hat die entsprechenden Ausführungen des psychiatrischen Gutachters als
wenig überzeugend qualifiziert. Darin kann aber keine Eröffnung eines
Wiedererwägungsverfahrens erblickt werden (zumal das Fazit der Stellungnahme des
RAD Ostschweiz gelautet hat: "Verbesserung des GZ ausgewiesen"), denn damit war
nicht die Absicht verbunden, die Verfügung vom 12. März 2003 auf ihre Richtigkeit zu
prüfen. Dem entspricht auch der Wortlaut der Verfügungsbegründung: "Die
Abklärungen haben ergeben, dass sich Ihr Gesundheitszustand seit der Verfügung vom
12.03.2003 verbessert hat, und somit ein medizinischer Revisionsgrund vorliegt". Dies
alles zeigt, dass die Beschwerdegegnerin das Gesuch vom 9. September 2004 als
reines Rentenrevisionsgesuch interpretiert und nur nach einer allfälligen Veränderung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Sachverhalts nach der Zusprache der halben Rente geforscht hat. Die Verfügung
vom 23. Mai 2006 ist deshalb eine Rentenrevisionsverfügung gewesen, die Einstellung
der laufenden halben Invalidenrente hat sich ausschliesslich auf Art. 17 Abs. 1 ATSG
gestützt. Auch die Einsprache vom 22. Juni 2006 hat sich dementsprechend auf die
Frage beschränkt, ob eine revisionsweise Einstellung der laufenden halben Rente
zulässig sei, denn sinngemäss ist geltend gemacht worden, die revisionsrechtlich
relevante Sachverhaltsveränderung bestehe nicht in der vom ABI behaupteten, effektiv
gar nicht vorhandenen vollen Arbeitsfähigkeit, sondern in der im Gutachten der Klinik
Valens ermittelten vollständigen Arbeitsunfähigkeit.
2.
Im angefochtenen Einspracheentscheid hat die Beschwerdegegnerin dann aber - ohne
jede Vorwarnung an die Beschwerdeführerin - eine Wiedererwägung der
ursprünglichen Rentenzusprache vom 12. März 2003 vorgenommen und angeordnet,
dass kein Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe. Sie hat der Beschwerdeführerin
keine Möglichkeit eingeräumt, vorgängig zu einer solchen Auswechslung des
Verfahrensgegenstandes Stellung zu nehmen. Selbst wenn damit tatsächlich nur die
Begründung der Rentenaufhebung ausgewechselt worden wäre, wie die
Beschwerdegegnerin annimmt, hätte der Beschwerdeführerin doch die Möglichkeit
eingeräumt werden müssen, sich vorgängig zur Rechtmässigkeit einer
Wiedererwägung der Rentenzusprache vom 12. März 2003 zu äussern. Durch die
Verweigerung dieser Möglichkeit zur Stellungnahme konnte sich die
Beschwerdeführerin erst gegenüber dem Versicherungsgericht erstmals zur
Wiedererwägungsproblematik äussern. Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin also das rechtliche Gehör verweigert. Dies würde an sich die
Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides rechtfertigen. Da die
Beschwerdeführerin aber darauf verzichtet hat, sich im Beschwerdeverfahren auf die
Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör zu berufen, ist davon auszugehen,
dass sie weit mehr an einem Entscheid in der Sache selbst als an einem rein formalen
Obsiegen, d.h. an einer Rückweisung an die Beschwerdegegnerin zum Erlass eines
neuen (wohl inhaltlich wieder gleich lautenden) Einspracheentscheides nach
vorgängiger Gewährung des rechtlichen Gehörs interessiert ist. Unter diesen
Umständen muss die Verletzung des rechtlichen Gehörs als geheilt gelten, denn es
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
handelt sich dabei um einen reinen Anspruch, über dessen gerichtliche
Geltendmachung die Beschwerdeführerin frei entscheiden kann.
3.
Es ist somit zu prüfen, ob die wiedererwägungsweise Aufhebung der formell
rechtskräftigen Zusprache einer Invalidenrente vom 12. März 2003 in einem
Einspracheentscheid, der nur eine revisionsweise verfügte Aufhebung dieser laufenden
Invalidenrente zum Anfechtungsgegenstand hatte, rechtmässig ist. Die
Beschwerdegegnerin ist davon ausgegangen, dass sie bei unverändertem Dispositiv
(Aufhebung der laufenden Invalidenrente ex nunc) nur die Revisionsbegründung durch
eine Wiedererwägungsbegründung ersetze. Sie hat sich dabei auf die
höchstrichterliche Rechtsprechung berufen, die annimmt, das Gericht könne eine
mangels einer nachträglichen Sachverhaltsveränderung zu Unrecht ergangene
Revisionsverfügung mit der substituierten Begründung schützen, die ursprüngliche
Rentenzusprache sei zweifellos unrichtig und die Berichtigung von erheblicher
Bedeutung (vgl. etwa BGE 125 V 368 ff. m.H.). Die Beschwerdegegnerin ist also davon
ausgegangen, dass diese Praxis ohne weiteres auf das verwaltungsinterne
Rechtsmittel der Einsprache übertragen werden könne. Sie hat aber übersehen, dass
sich die mit der Beurteilung einer Einsprache gegen die eigene Revisionsverfügung
befasste Verwaltung in einer ganz anderen Situation befindet als ein Gericht, das eine
revisionsrechtlich unzulässige Aufhebungsverfügung zu beurteilen hat. Die Verwaltung
kann parallel zum hängigen Einspracheverfahren ein gegen die ursprüngliche,
möglicherweise zweifellos unrichtige Rentenzusprache gerichtetes
Wiedererwägungsverfahren eröffnen. Sie kann das Einspracheverfahren bis zur
rechtskräftigen Erledigung dieses Wiedererwägungsverfahrens sistieren. Kommt es zu
einer wiedererwägungsweisen Aufhebung der ursprünglichen Rentenzusprache, so ist
das hängige Einspracheverfahren als gegenstandslos abzuschreiben. Der versicherten
Person steht auch gegen die Wiedererwägungsverfügung das Rechtsmittel der
Einsprache zur Verfügung, so dass ein solches Vorgehen der Verwaltung für die
versicherte Person jedenfalls keinen grösseren Nachteil bedeutet als die Auswechslung
des Verfahrensgegenstandes im Rahmen des gegen die revisionsweise
Rentenaufhebung gerichteten Einspracheverfahrens. Der Verfahrensaufwand ist auch
für die Verwaltung nicht höher, denn bei der Auswechslung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfahrensgegenstandes beinhaltet die zwingend notwendige Gewährung des
rechtlichen Gehörs vor dem Erlass des Einspracheentscheides de facto die
Möglichkeit, materiell nochmals - nun ausgerichtet auf die Wiedererwägung - eine
Einsprache zu formulieren. Anders als bei einer gerichtlichen Beurteilung besteht für die
Verwaltung also keine Notwendigkeit, im Einspracheverfahren die unzulässige
revisionsweise Rentenaufhebung durch eine wiedererwägungsweise Rentenaufhebung
zu ersetzen. Die Verwaltung kann ohne weiteres den verfahrensrechtlich korrekten Weg
gehen und eine einspracheweise anfechtbare Wiedererwägungsverfügung erlassen.
Dies schliesst es aus, in Abweichung von Art. 49 Abs. 1 ATSG die Wiedererwägung der
ursprünglichen Rentenzusprache nicht zu verfügen, sondern sie direkt in einen
Entscheid über eine Einsprache einfliessen zu lassen, die sich nur gegen eine
Revisionsverfügung richtet, und damit im Ergebnis der versicherten Person in bezug
auf die Wiedererwägung das Rechtsmittel der Einsprache vorzuenthalten. Aus diesem
Grund muss der angefochtene Einspracheentscheid insoweit, als er eine
Wiedererwägung der Rentenverfügung vom 12. März 2003 anordnet, als rechtswidrig
aufgehoben werden, ohne dass die materielle Berechtigung der Wiedererwägung zu
prüfen ist. Der Beschwerdegegnerin steht es deshalb frei, ein gegen die Verfügung vom
12. März 2003 gerichtetes Wiedererwägungsverfahren zu eröffnen und durch eine
Verfügung abzuschliessen, denn das vorliegende Urteil beinhaltet ja keinen Entscheid
über die materielle Zulässigkeit einer wiedererwägungsweisen Aufhebung der
Verfügung vom 12. März 2003.
4.
Selbst wenn die bundesgerichtliche Praxis auch auf Einspracheentscheide Anwendung
finden könnte, müsste der angefochtene Einspracheentscheid in seinem
Wiedererwägungsteil aufgehoben werden. Diese Praxis beruht nämlich auf einem
Irrtum darüber, was effektiv substituiert würde. Das Bundesgericht geht implizit davon
aus, dass das Dispositiv der angefochtenen Rentenrevisionsverfügung durch die
Begründungssubstitution nicht tangiert sei, weil nur die Begründung ausgewechselt
werde. Dahinter steht die Auffassung, dass sich das Dispositiv der
Rentenrevisionsverfügung und dasjenige der Wiedererwägung ex nunc auf die
Festsetzung des (neuen) Rentenbetrages und des Wirkungszeitpunktes beschränkten.
Das Bundesgericht übersieht, dass die Wiedererwägungsverfügung eine frühere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenverfügung aufhebt, die Rentenrevisionsverfügung eine frühere Rentenverfügung
aber nur ablöst, ihr für die Vergangenheit also die Wirksamkeit belässt. Das Dispositiv
der Rentenrevisionsverfügung ist also tatsächlich beschränkt auf den (neuen)
Rentenbetrag und den Wirkungszeitpunkt. Eine Aufhebung der früheren Verfügung
muss nicht angeordnet werden. Etwas anderes gilt für das Dispositiv des
Wiedererwägungsentscheides. Findet die Aufhebung der früheren Rentenverfügung
nicht Eingang in das Dispositiv des Wiedererwägungsentscheides, so bleibt die frühere
Rentenverfügung wirksam und verbindlich, was das Wirksamwerden des
Wiedererwägungsentscheides ausschliesst. Die Begründung des
Wiedererwägungsentscheides vermag offensichtlich für sich allein keine Aufhebung der
früheren Rentenverfügung zu bewirken. Das Dispositiv des eine angefochtene
Rentenrevisionsverfügung ersetzenden Wiedererwägungsentscheides muss also
lauten: 'Die ursprüngliche rentenzusprechende Verfügung vom ... wird
wiedererwägungsweise aufgehoben und der versicherten Person wird eine Rente von
Fr. x zugesprochen' bzw.: 'Die ursprüngliche rentenzusprechende Verfügung vom ...
wird wiedererwägungsweise aufgehoben und das Rentengesuch vom ... wird
abgewiesen'. Entgegen der Annahme des Bundesgerichts wird somit nicht nur die
Begründung der angefochtenen Rentenrevisionsverfügung, sondern auch das
Verfügungsdispositiv ausgewechselt, wenn die Rechtsmittelinstanz die Rentenrevision
durch eine Wiedererwägung (ex nunc) ersetzt. Es kann sich nicht nur um eine
Begründungssubstitution handeln. Hinter der Veränderung des Dispositivs steht die
Auswechslung des Verfahrensgegenstandes, d.h. die angefochtene
Rentenrevisionsverfügung wird integral durch einen Wiedererwägungsentscheid
ersetzt. Aus dem für die Wiedererwägung typischen Widerruf der früheren
Leistungsverfügung folgt zudem, dass eine Wiedererwägung gar nicht ex nunc wirken
kann, wie in der Lehre überzeugend nachgewiesen worden ist (vgl. Ralph Jöhl, Zur
Praxis der substituierten Begründung der Wiedererwägung bei zu Unrecht ergangenen
Anpassungsverfügungen, AJP 2004 S. 1001 ff.). Die sogenannte "Wiedererwägung ex
nunc" ist im Ergebnis also nichts anderes als ein von Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG nicht
gedeckter und deshalb rechtswidriger Verzicht auf die Rückerstattung zu Unrecht
ausgerichteter Leistungen (vgl. die Erw. 1c des Urteils des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 3. Dezember 2007, IV 2006/181).
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schliesslich bleibt festzuhalten, dass der angefochtene Einspracheentscheid selbst
dann als rechtswidrig aufzuheben wäre, wenn er eine Wiedererwägung beinhalten
könnte. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin macht eine unzureichende
Sachverhaltsabklärung allein eine formell rechtskräftige Rentenzusprache nämlich nicht
zweifellos unrichtig. Sie bietet nur Anlass, ein Wiedererwägungsverfahren zu eröffnen.
Ein materieller Entscheid über eine allfällige wiedererwägungsweise Aufhebung der
formell rechtskräftigen Rentenzusprache ist erst dann möglich, wenn anhand der
nachgeholten, damals zu Unrecht unterbliebenen Sachverhaltsabklärung feststeht,
dass die Rentenzusprache zweifellos unrichtig war, denn diese zusätzliche
Sachverhaltsabklärung kann durchaus auch ergeben, dass die formell rechtskräftige
Rentenzusprache eben doch richtig war. Der angefochtene Einspracheentscheid wäre
also selbst dann aufzuheben, wenn er als Wiedererwägungsentscheid zulässig wäre.
6.
Die Verfügung vom 23. Mai 2006 hatte ausschliesslich die revisionsweise Aufhebung
der laufenden Invalidenrente zum Gegenstand. Die dagegen gerichtete Einsprache der
Beschwerdeführerin ist von der Beschwerdegegnerin nicht behandelt worden. Im
angefochtenen Einspracheentscheid hat die Beschwerdegegnerin nämlich nur eine
wiedererwägungsweise Aufhebung der laufenden Invalidenrente angeordnet, womit sie
die mit der Einsprache aufgeworfene Frage, ob tatsächlich ein die Aufhebung
rechtfertigender Revisionsgrund gegeben sei, hat offen lassen können. Da die
wiedererwägungsweise Einstellung der laufenden Invalidenrente mit dem vorliegenden
Urteil aufgehoben wird, muss die Einsprache, die sich gegen die am 12. März 2003
verfügte revisionsweise Einstellung der laufenden Invalidenrente richtet, durch die
Beschwerdegegnerin noch mittels eines Einspracheentscheides beurteilt werden. Die
mit dem Wechsel von der Revision zur Wiedererwägung verbundene Annahme der
Beschwerdegegnerin, die gegen die Aufhebungsverfügung vom 23. Mai 2006
gerichtete Einsprache sei gegenstandslos, erweist sich nämlich aufgrund des
vorliegenden Urteils als unrichtig. Die Sache muss deshalb zur Behandlung der gegen
die Aufhebungsverfügung vom 23. Mai 2006 gerichteten Einsprache an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden.
7.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Sinne der vorstehenden Ausführungen ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen
und die Sache ist zur Behandlung der Einsprache bzw. zum Erlass eines neuen
Einspracheentscheides an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Gerichtskosten
sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG i.V.m. lit. b der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des IVG vom 16. Dezember 2005). Die Rückweisung zur Behandlung der
Einsprache ist in Analogie zur Praxis betreffend die Rückweisung zur weiteren
Sachverhaltsabklärung in bezug auf den Anspruch auf eine Parteientschädigung als
vollumfängliches Obsiegen zu betrachten, denn auch hier gilt, dass bei einer
Rückweisung "alle Rechte im Hinblick auf eine beanspruchte Leistung gewahrt
bleiben" (ZAK 1987 S. 269 Erw. 5a). Unter diesen Umständen ist das Gesuch der
Beschwerdeführerin um die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
praxisgemäss als gegenstandslos zu betrachten. Die Parteikosten bemessen sich nach
der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g
ATSG). Unter Berücksichtigung dieser Kriterien erscheint eine Entschädigung von Fr.
3500.- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht