Decision ID: c8258b63-0be5-5c03-863a-b7e4e03c298a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ersuchte am 22. März 2021 in der Schweiz um
Asyl. Anlässlich der Personalienaufnahme vom 24. März 2021, des Dublin-
Gesprächs vom 26. März 2021, der Anhörung vom 8. April 2021 (nachfol-
gend: erste Anhörung) und der ergänzenden Anhörungen im erweiterten
Verfahren vom 18. Mai 2021 (nachfolgend: zweite Anhörung) und 16. Juni
2021 (nachfolgend: dritte Anhörung) gab sie im Wesentlichen an, sie sei
kurdischer Ethnie und stamme aus B._. Sie habe das Gymnasium
abgeschlossen. Im Jahr 2009 oder 2010 hätten sich ihre Eltern scheiden
lassen und sie habe mit ihrer Mutter zuerst in C._ und später in
D._ gewohnt. Ihre ältere Schwester habe nach der Scheidung bei
ihrem Vater gelebt, zu ihr habe sie keinen Kontakt mehr. Ihre Mutter habe
im Jahr 2010 oder 2011 wieder geheiratet. Es sei häufig zu Streitereien
gekommen, da ihr Stiefvater sie zu Hause nicht geduldet habe und nicht
für sie habe sorgen wollen. Im Jahr 2014 oder 2015 habe er ihre Mutter
geschlagen, weshalb sie mit ihrer Mutter für eine Nacht Schutz gesucht
hätten bei einer Freundin respektive bei ihrer Tante. Am darauffolgenden
Tag sei ihre Mutter wieder zu ihrem Stiefvater zurückgekehrt; sie selber
habe beschlossen, zu ihrem Vater und ihrer Grossmutter väterlicherseits
nach B._ zu ziehen. Ihr Vater sei Anhänger der Partei "(...)" (AKP).
Sie sei von ihm und ihrer Grossmutter unterdrückt worden. Etwa einen Mo-
nat nach dem Umzug habe er sie geschlagen, weil sie sich mit ihrer Mutter
getroffen habe. Sie sei daraufhin zur Polizei gegangen, diese habe jedoch
nichts unternommen. Ihr Vater habe von ihr verlangt, dass sie ein Kopftuch
trage, ihr verboten, nach dem Gymnasium ein Studium zu beginnen und
Kontakt zu ihrer Mutter zu haben. Im April 2018 sei sie für zwei Wochen
nach Deutschland zu ihrer Grossmutter mütterlicherseits gereist. Ungefähr
Ende Januar 2021 habe ihr Vater ihr verkündet, dass er sie zwangsverhei-
raten wolle und sie mit einer Waffe bedroht. Am darauffolgenden Tag sei
sie mit Hilfe ihrer Mutter nach Istanbul zu ihrem Cousin gefahren und am
14. März 2021 aus der Türkei ausgereist.
Die Beschwerdeführerin reichte ein Schuldiplom, einen angeblichen
Whats-App Schreibverlauf ihrer Eltern (beides in Kopie inklusive Überset-
zung), ihre türkische Identitätskarte (im Original), die Adresse ihrer Mutter
und einen Arztbericht vom 9. April 2021 ein.
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B.
Mit Verfügung vom 2. Juli 2021 (eröffnet am 6. Juli 2021) verneinte die Vor-
instanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asyl-
gesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Voll-
zug an.
C.
Mit Eingabe vom 5. August 2021 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, die Verfügung der
Vorinstanz vom 2. Juli 2021 sei vollumfänglich aufzuheben, ihre Flücht-
lingseigenschaft sei festzustellen und es sei ihr Asyl zu gewähren. Eventu-
aliter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sa-
che zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Ent-
scheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei die unentgeltliche
Prozessführung zu bewilligen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten und RAin MLaw LL.M. Aileen Kreyden als unentgeltliche
Rechtsbeiständin zu bestellen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die Be-
schwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Ausländerrecht richtet
sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG)
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ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine unvollständige Abklärung des rechts-
erheblichen Sachverhaltes und eine Verletzung der Begründungspflicht.
Hierbei handelt es sich um formelle Rügen, welche vorab zu beurteilen
sind, da sie allenfalls geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen
Verfügung zu bewirken.
3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör nach Art. 29 Abs. 2 BV ergibt sich
für die Behörden die Pflicht, ihren Entscheid ausreichend und nachvollzieh-
bar zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG; BGE 145 IV 99 E. 3.1). Die Be-
gründung muss so abgefasst sein, dass der Betroffene den Entscheid in
voller Kenntnis der Sache an die höhere Instanz weiterziehen kann. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (BGE 143 III 65 E. 5.2).
3.3 Die Beschwerdeführerin begründet die Verletzung der Pflicht zur voll-
ständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts da-
mit, sie sei in der Türkei Opfer frauenspezifischer Gewalt geworden und
habe seit ihrer Ankunft in der Schweiz medizinische Beschwerden geäus-
sert. Trotz dieser Hinweise und ohne Abwarten des bevorstehenden Arzt-
termins sei am 8. April 2021 die erste Anhörung durchgeführt worden. In-
dem sich die Vorinstanz in ihrer Argumentation insbesondere auf aus der
ersten Anhörung hervorgehende Widersprüche berufe, habe sie ihre psy-
chische Belastungssituation nicht berücksichtigt. Weiter sei es zu einem
Widerspruch in ihren Aussagen hinsichtlich des Zeitpunkts des Umzugs
von ihrer Mutter zu ihrem Vater gekommen, da bei ihrer Aussage, sie habe
bis zur ersten Klasse der Sekundarschule bei ihrer Mutter gewohnt, ein
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Übersetzungsfehler erfolgt sei. Zudem dränge sich angesichts der anhal-
tenden negativen Entwicklung in Bezug auf die Schutzwilligkeit der türki-
schen Behörden eine Neubeurteilung auf. Zum Nachweis der anhaltenden
Suche ihres Vaters nach ihr habe sie eine Whats-App Nachricht von ihm
an ihre Mutter eingereicht. Die Vorinstanz habe auf eine Botschaftsabklä-
rung verzichtet, um mittels der Telefonnummer den Absender ausfindig zu
machen.
Dem Protokoll lassen sich keine Unregelmässigkeiten entnehmen, wonach
sich die Beschwerdeführerin trotz einer möglichen psychischen Belastung
wegen des Erlebten nicht hätte verständlich ausdrücken können; ihre Ant-
worten sind in sich stimmig. In der Anhörung wird zwar angemerkt, dass
sie an einigen Stellen geweint hat. Sie gab hingegen nicht zu verstehen,
dass die Anhörung abgebrochen werden müsse. Die Rüge des Überset-
zungsfehlers ist unbegründet, hat sie doch in der Anhörung erklärt, sie ver-
stehe die dolmetschende Person gut. Im Protokoll lassen sich auch keine
Hinweise finden, wonach entsprechende Verständigungsprobleme bestan-
den hätten. Schliesslich wurde ihr das Protokoll rückübersetzt und sie be-
stätigte dessen Inhalt unterschriftlich als richtig und vollständig. Eine Prü-
fung der Schutzwilligkeit der türkischen Behörden und eine Botschaftsab-
klärung drängen sich aufgrund der als unglaubhaft eigestuften Verfolgung
durch den Vater nicht auf. Somit liegt keine Verletzung der Pflicht zur voll-
ständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts vor.
3.4 Die Beschwerdeführerin macht eine Verletzung der Begründungspflicht
geltend, indem die Argumentation der Vorinstanz in diversen Punkten le-
diglich die Plausibilität anzweifle. Zudem würden die von der Vorinstanz
geltend gemachten Widersprüche nicht ihre Kernvorbringen betreffen,
diese seien über weite Strecken detailliert und widerspruchsfrei.
Die Beschwerdeführerin widerspricht sich erheblich in ihren Kernvorbrin-
gen zur Zwangsheirat und zur Unterdrückung durch ihren Vater. Die Vor-
instanz hat die geltend gemachte Verfolgung durch ihren Vater angemes-
sen gewürdigt, sich in der Begründung mit sämtlichen wesentlichen Vor-
bringen auseinandergesetzt und kam zum Schluss, dass sie unglaubhaft
sind. Der blosse Umstand, dass die Vorinstanz in ihrer Würdigung zu einer
anderen Auffassung als die Beschwerdeführerin kommt, ist keine Verlet-
zung der Begründungspflicht, sondern eine Frage der materiellen Beurtei-
lung.
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Seite 6
3.5 Insgesamt besteht keine Veranlassung, die Sache aus formellen Grün-
den aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbezügli-
che Rechtsbegehren ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rech-
nung zu tragen (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, die Vorbringen der
Beschwerdeführerin hinsichtlich der Aufenthaltszeiten bei ihren Eltern, der
besuchten Schulen, des Aufsuchens eines Schutzortes nach dem Vorfall
mit ihrem Stiefvater im Jahr 2014 oder 2015, der Intensität der Unterdrü-
ckung durch ihren Vater, des Reisegrundes zu ihrer Grossmutter mütterli-
cherseits nach Deutschland im Jahr 2018, der geheimen Treffen mit ihrer
Mutter, insbesondere die weiten Fahrten zu ihr nach D._, und der
Bedrohung durch ihren Vater mit einer Waffe ungefähr Ende Januar 2021
seien widersprüchlich. Ihre Schilderungen zur Zwangsheirat seien sehr all-
gemein und rudimentär ausgefallen. Zudem erscheine es seltsam, dass sie
wenig über ihre Schwester wisse. Es erschliesse sich nicht, weshalb sie,
trotz Hinweisen durch die Polizei, keinen Arztbericht angefordert habe, um
gegen ihren Vater Anzeige zu erstatten. Vor ihrer Ausreise habe sie sich
eineinhalb Monate bei ihrem Cousin in Istanbul aufgehalten, weshalb nicht
davon auszugehen sei, dass ihr Vater sie suche.
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5.2 Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie habe zu Beginn der Anhörungen
mitgeteilt, dass sie Mühe mit der Angabe von Daten habe. Sie habe kon-
stante Aussagen zum Zeitpunkt des Umzugs zu ihrem Vater gemacht. Bei
der Frau, bei welcher sie nach dem Vorfall mit ihrem Stiefvater im Jahr
2014 oder 2015 für eine Nacht Schutz gesucht hätten, handle es sich um
eine Freundin der Mutter, welche sie mit Tante anspreche. Ihr Vater habe
sie anfangs weniger unterdrückt, weshalb sie ihre Mutter auch in
D._ habe treffen können. Hinsichtlich einer Zwangsehe sei imma-
nent, dass die zur Ehe gezwungene Person nicht an der Entscheidung über
den Eheschluss beteiligt sei. Ihre Ausführungen zum bestehenden Druck
durch ihren Vater seien nachvollziehbar. Zur Eskalation des Streits mit ih-
rem Vater wegen der Zwangsheirat und zur Bedrohung mit der Waffe habe
sie detaillierte Aussagen gemacht. Ihre Anzeige bei der türkischen Polizei
sei nicht entgegengenommen worden, weshalb nicht von der Schutzwillig-
keit des türkischen Staates auszugehen sei. Um von ihrem Vater nicht ent-
deckt zu werden, habe sie vor ihrer Ausreise bei ihrem Cousin in Istanbul
versteckt gelebt. Die eingereichte Whats-App Nachricht ihres Vaters an
ihre Mutter würde beweisen, dass ihr Vater sie noch immer suche.
6.
6.1
Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffenden Erkenntnis ge-
langt, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin widersprüchlich, sub-
stanzarm und allgemein ausgefallen sind. Es darf von der Beschwerdefüh-
rerin erwartet werden, dass sie die Hauptelemente der Asylvorbringen
nachvollziehbar und widerspruchslos schildern kann. Ihre Ausführungen zu
ihren Wohnorten im Zusammenhang mit ihren Eltern und den besuchten
Schulen sind widersprüchlich. So gab sie anlässlich der ersten Anhörung
an, sie habe die Primarschule, die Sekundarschule und das Gymnasium in
B._ abgeschlossen, zum Vater sei sie zum Ende des Gymnasiums
gezogen, als sie ungefähr 17 Jahre alt gewesen sei. Abgeschlossen habe
sie das Gymnasium im Jahr 2019. An der zweiten Anhörung gab sie an,
während der gesamten Gymnasialzeit von vier Jahren bei ihm gewohnt zu
haben. Anlässlich der dritten Anhörung erklärte sie hingegen, sie habe bis
zur ersten Sekundarschule ungefähr im Jahr 2015 oder 2016 bei ihrer Mut-
ter in D._ gewohnt. Später gab sie an, sie sei erst nach der Sekun-
darschule zu ihrem Vater nach B._ gezogen. Die Unklarheiten las-
sen sich nicht mit ihren angeblichen Schwierigkeiten von Datumsangaben
erklären, weil sie unabhängig der Angaben von Daten hätte wissen müs-
sen, wo sie während der Sekundarschule und der Gymnasialzeit gewohnt
hat. Der beschwerdeweise Erklärungsversuch, sie habe lediglich einmal
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geäussert, dass sie bis zur ersten Klasse der Sekundarschule bei der Mut-
ter gewohnt und ansonsten konstante Aussagen gemacht habe, kann nicht
gehört werden, da es ihr nicht gelingt, die weiteren Widersprüche hinsicht-
lich der Aufenthaltsorte während der Ausbildungszeit zu erklären. Sie
konnte weiter nicht widerspruchsfrei angeben, ob es sich bei der Frau, bei
welcher sie mit ihrer Mutter nach dem Vorfall mit ihrem Stiefvater im Jahr
2014 oder 2015 für eine Nacht Schutz gesucht habe, um eine Freundin
oder um eine Tante gehandelt hat. In der ersten Anhörung sprach sie aus-
drücklich von einer "verwandten Frau". Ihrer Erklärung in der Beschwerde,
indem sie in der ersten Anhörung angegeben habe, ihre Tante mütterlicher-
seits lebe in der Schweiz und sie habe zur Tante väterlicherseits keinen
Kontakt, habe sie indirekt klargestellt, dass es sich bei der Frau nicht um
eine "echte" Tante handle, kann nicht gefolgt werden. Es kann nicht aus-
geschlossen werden, dass sie nicht noch über weitere Tanten in der Türkei
verfügt. Gemäss ihren Angaben in der zweiten Anhörung sei sie ungefähr
ein bis zwei Monate nach dem Umzug durch ihren Vater bereits intensiv
unterdrückt worden. Vor diesem Hintergrund ist nicht nachvollziehbar, wie
es möglich gewesen sein soll, dass sie im Jahr 2018 zwei Wochen nach
Deutschland zu ihrer Grossmutter mütterlicherseits reisen durfte. Konfron-
tiert mit der Unstimmigkeit gab sie in der dritten Anhörung an, die Unter-
drückungen seien damals noch nicht sehr intensiv gewesen. Beschwerde-
weise vermag sie diesen Widerspruch nicht aufzulösen. Weiter ergeben
sich erhebliche Unstimmigkeiten hinsichtlich der Treffen mit ihrer Mutter.
Es bestehen nicht nur Widersprüche in ihren Aussagen, wo die Besuche
stattgefunden haben, sondern auch hinsichtlich ihrer Angaben im Zusam-
menhang mit den Arbeitszeiten ihres Vaters und den Unterdrückungen. So
erklärte sie in der zweiten Anhörung, sie habe nicht abschätzen können,
wann ihr Vater von der Arbeit nach Hause kommen würde, das sei immer
zu verschiedenen Uhrzeiten gewesen. Deshalb sei sie einige Male erwischt
worden, als sie sich mit ihrer Mutter getroffen habe. Diese Angaben passen
jedoch nicht zu ihren Aussagen in der ersten und der dritten Anhörung, wo-
nach ihr Vater immer von 8.00 bis 18.00 oder 19.00 Uhr respektive immer
gearbeitet habe. Ihre Aussage, anfangs seien Treffen mit ihrer Mutter mög-
lich gewesen, da die Unterdrückung noch nicht intensiv gewesen sei, wi-
derspricht zudem ihren Angaben in der dritten Anhörung, wonach er sie
bereits einen Monat nach dem Umzug erwischt habe und handgreiflich ge-
worden sei. Danach sei er alle zwei bis drei Tage handgreiflich geworden.
Weiter ist nicht nachvollziehbar, weshalb sie im Jahr 2014 oder 2015 trotz
Aufforderung der Polizei zur Anzeigeerstattung gegen ihren Vater es unter-
liess, einen Arztbericht einzureichen. Ihre Begründung in der Beschwerde,
sie sei davon ausgegangen, dass eine Anzeige auch mit einem Arztbericht
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keinen Erfolg haben würde, kann nicht gehört werden. Hätte sie ihren Vater
tatsächlich anzeigen wollen, so ist davon auszugehen, dass sie einen Arzt
aufgesucht hätte. Bezüglich der Zwangsheirat bestehen Widersprüche in
ihren Aussagen dazu, wie häufig sie den besagten Mann gesehen hat und
dem angeblichen Vorfall, als ihr Vater ihr die Zwangsheirat mitgeteilt und
sie mit einer Waffe bedroht hat. In der ersten Anhörung machte sie geltend,
sie habe den Mann immer wieder bei ihnen ein- und ausgehen sehen. In
der dritten Anhörung erklärte sie, den Mann nur drei Mal gesehen zu ha-
ben. Sie sei nach der Drohung in ihr Zimmer gegangen. Kurze Zeit darauf
machte sie hingegen geltend, die Drohung habe in ihrem Zimmer stattge-
funden. Sie hätten in einem grossen Haus gewohnt. In der zweiten Anhö-
rung erklärte sie jedoch, sie hätten nur zwei Zimmer bewohnt, weshalb sie
mit ihrer Grossmutter in einem Zimmer geschlafen habe. Ein eigenes Zim-
mer habe sie nie gehabt.
Obwohl es sich um einschneidende Ereignisse und den Hauptgrund für
ihre Ausreise handelt, bestehen zahlreiche erhebliche Widersprüche in ih-
ren Aussagen. Es gelingt ihr somit nicht, die Zwangsheirat und die an-
schliessende Bedrohung mit der Waffe durch ihren Vater glaubhaft darzu-
legen, weshalb auch ihre Angaben zu seiner Suche nach ihr während ihres
Aufenthalts bei ihrem Cousin in Istanbul als unglaubhaft einzustufen sind.
Darüber hinaus verstrickt sie sich auch hier in einem weiteren Widerspruch.
In der ersten Anhörung gab sie an, sie könne überall hingehen, ihr Vater
würde sie finden. Konfrontiert mit dem Widerspruch, weshalb sie bei ihrem
Cousin trotz eineinhalbmonatigem Aufenthalt nicht gefunden worden sei,
konnte sie diesen nicht erklären. Ihre Argumentation in der Beschwerde, er
habe sie nicht finden können, weil sie sich bei ihrem Cousin versteckt auf-
gehalten habe, ist als nachgeschoben zu qualifizieren. Insgesamt sind ihre
Vorbringen als unglaubhaft einzustufen. An dieser Einschätzung vermögen
auch die eingereichten Beweismittel nichts zu ändern. Der handgeschrie-
bene Zettel mit der Adresse ihrer Mutter sagt lediglich aus, wo ihre Mutter
wohnt. Das Schuldiplom ist auf den 6. Juli 2017 datiert, was ihrer Aussage
widerspricht, sie habe das Gymnasium im Jahr 2019 abgeschlossen. Die
Whats-App Nachricht ist nicht fälschungssicher und genügt nicht zum Be-
weis einer Verfolgung durch ihren Vater.
6.2 Insgesamt hat die Beschwerdeführerin keine asylrelevanten Nachteile
erlitten und es besteht auch kein Hinweis darauf, dass ihr eine künftige
asylrelevante Verfolgung drohen würde. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch
der Beschwerdeführerin somit zu Recht abgewiesen.
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Seite 10
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt. Die
Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
8.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. Vorliegend kommt der Beschwerdeführerin keine Flücht-
lingseigenschaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von
Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwend-
bar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allge-
meinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3
BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Aus den Akten ergeben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass die
Beschwerdeführerin für den Fall einer Ausschaffung in die Türkei dort mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Der Vollzug der
Wegweisung ist zulässig.
8.3 Nach Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind.
In der Türkei herrscht, namentlich nach der Niederschlagung des Militär-
putschversuches vom 15./16. Juli 2016, keine landesweite Situation allge-
meiner Gewalt, die zur Annahme führen müsste, ein Wegweisungsvollzug
sei unzumutbar. (vgl. E-1948/2018 E. 8.3.2). Sodann lassen auch keine
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Seite 11
individuellen Gründe auf eine konkrete Gefährdung der Beschwerdeführe-
rin in ihrem Heimatland schliessen. Sie ist jung und hat einen Abschluss
des Berufsgymnasiums als Krankenschwester. Sie verfügt mit ihrer Mutter
und ihrem Cousin über ein familiäres Beziehungsnetz. Es ist davon auszu-
gehen, dass sie bei einer Rückkehr wieder bei ihrer Familie wohnen kann
und diese sie bei ihrer sozialen und wirtschaftlichen Wiedereingliederung
unterstützen wird. Aufgrund der Unglaubhaftigkeit ihrer Asylgründe ist da-
von auszugehen, dass ihr Vater, ihr Stiefvater und ihre Schwester ebenfalls
zu ihrem intakten familiären Beziehungsnetz gehören. Auch gesundheitli-
che Gründe sprechen vorliegend nicht gegen einen Wegweisungsvollzug.
Gemäss dem eingereichten Arztbericht leide die Beschwerdeführerin an
Panickattacken, wirke unruhig und habe Schlafprobleme, weshalb sie me-
dikamentös behandelt werde. Der Zugang zu Gesundheitsdiensten, Bera-
tungsstellen und Behandlungseinrichtungen für psychische Leiden sowie
zu modernen Psychopharmaka ist namentlich in türkischen Gross- und
Provinzhauptstädten gewährleistet (vgl. Referenzurteil des BVGer
E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 7.3.5.3). Dies auch unter Berücksichti-
gung der allenfalls erschwerten Situation aufgrund der Corona-Pandemie.
Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch in individueller Hin-
sicht als zumutbar.
8.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeichnen,
weil es der Beschwerdeführerin obliegt, sich bei der zuständigen Vertre-
tung des Heimatstaats die für eine Rückkehr notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; BVGE 2008/34 E. 12).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Die gestellten Rechtsbegehren erweisen sich als aussichtslos, wes-
halb die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Beiordnung einer amtlichen Rechtsbeiständin ungeachtet einer allfälligen
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Seite 12
prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG;
Art. 102m AsylG).
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch
um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit vorliegendem
Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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