Decision ID: addc105e-8261-5e9f-a929-186ec349671a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger von Algerien – am
3. Oktober 2020 um die Gewährung von Asyl in der Schweiz nachsuchte,
dass das SEM die Behandlung seines Asylgesuches im Bundesasylzent-
rum (BAZ) B._ an die Hand nahm,
dass er am 16. Oktober 2020 zu seiner Person, zum Verbleib seiner Reise-
und Identitätspapiere und zu seinem Reiseweg befragt wurde,
dass er am 2. November 2020 den Mitarbeitenden der im BAZ B._
tätigen Rechtsvertretungsorganisation Vollmacht erteilte, womit er wäh-
rend des erstinstanzlichen Verfahrens über den Beistand der ihm zugewie-
senen Rechtsvertretung verfügte,
dass am 4. November 2020 ein sogenanntes Dublin-Gespräch stattfand,
dass im Nachgang dazu ein Dublin-Verfahren eingeleitet, das Verfahren
aber später vom SEM als beendet erklärt wurde,
dass am 3. Februar 2021 die Anhörung zu den Gesuchsgründen stattfand,
dass der Beschwerdeführer seinen Angaben zufolge aus der Stadt
C._ stammt, wo weiterhin sowohl seine Eltern als auch seine (...)
Geschwister lebten und wo er ab 2006 auch ein eigenes Geschäft geführt
habe,
dass sein Geschäft allerdings keinen Erfolg gehabt habe, weshalb er es
geschlossen und danach seine Heimat verlassen habe,
dass er zwischen 2008 und 2017 in verschiedenen europäischen Ländern
gelebt habe, insbesondere ab 2009 in Deutschland wo er geheiratet und
zwischen 2013 und 2017 über ein Aufenthaltsrecht verfügt habe,
dass er das Aufenthaltsrecht infolge Scheidung verloren habe und Ende
Februar/Anfang März 2017 respektive 2018 nach C._ zurückge-
kehrt sei,
dass er sich jedoch nach der Rückkehr in die Heimat mit einer hohen Steu-
erschuld konfrontiert gesehen habe, weil sein bereits 2008 aufgegebenes
Geschäft nie formell abgemeldet worden sei,
D-1158/2021
Seite 3
dass er befürchte, wegen der Steuerschuld könnte das elterliche Haus vom
Finanzamt beschlagnahmt werden beziehungsweise ihm Gefängnis drohe,
dass er deshalb – nach nur drei Monaten Aufenthalt – seine Heimat wieder
verlassen habe,
dass er nach seiner Ausreise zunächst in Paris gelebt habe, wo er aber
zuletzt wegen der Corona-Krise keine Arbeit mehr gefunden habe,
dass er zudem während seines Aufenthalts in Paris von jenen Leuten be-
droht worden sei, welche ihn 2008 mit dem Boot nach Spanien gebracht
hätten und dann wegen ihrer Schleppertätigkeit ins Gefängnis gekommen
seien,
dass das SEM dem Beschwerdeführer am 10. Februar 2021 einen Ent-
scheidentwurf zukommen liess, zu welchem er noch am gleichen Tag durch
seine Rechtsvertretung Stellung nahm,
dass das SEM mit Verfügung vom 12. Februar 2012 – gleichentags eröff-
net– feststellte, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und sein Asylgesuch ablehnte, verbunden mit der Anordnung der
Wegweisung aus der Schweiz und des Wegweisungsvollzuges nach Alge-
rien,
dass es gemäss Aktenlage in der Nacht zuvor im BAZ B._ zu einer
Auseinandersetzung mit Tätlichkeiten gekommen war, an welcher einer-
seits der Beschwerdeführer und andererseits Mitarbeitende des BAZ-Si-
cherheitsdienstes beteiligt waren und es diesbezüglich zu einem Polizei-
einsatz kam,
dass die zugewiesene Rechtsvertretung am 16. Februar 2021 das Man-
datsverhältnis als beendet erklärte,
dass der Beschwerdeführer am 15. März 2021 gegen den Asyl- und Weg-
weisungsentscheid selbständig Beschwerde erhoben hat,
dass er in seiner Eingabe die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl
beantragt, eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit, Unzumutbar-
keit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzuges und die Anordnung ei-
ner vorläufigen Aufnahme in der Schweiz, subeventualiter die Sistierung
D-1158/2021
Seite 4
des Verfahrens und allenfalls die Erteilung einer Aufenthalts- oder Kurz-
aufenthaltsbewilligung zwecks Teilnahme am hängigen Strafverfahren,
dass er in prozessualer Hinsicht namentlich um Gewährung der unentgelt-
lichen Rechtspflege, um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht und um
Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes ersucht,
dass dem Gericht die vorinstanzlichen Akten seit dem 16. März 2021 in
elektronischer Form vorliegen (Art. 109 Abs. 3 AsylG [SR 142.31]),

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen des SEM entscheidet (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG und
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG; Art. 6 AsylG),
dass sich die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen
Rügen im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG richten (vgl. BVGE 2014/26 E. 5),
dass der Beschwerdeführer legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und sich
seine Eingabe als frist- und formgerecht erweist (Art. 108 Abs. 1 AsylG
i.V.m. Art. 10 Covid-19-Verordnung Asyl [SR 142.318]; Art. 52 Abs. 1
VwVG), weshalb auf die Beschwerde – unter Vorbehalt der nachfolgenden
Erwägungen – einzutreten ist,
dass der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde vorab eine Sistierung
des Verfahrens beantragt, da er nach der Auseinandersetzung im BAZ
B._ als Opfer respektive Geschädigter am Strafverfahren teilneh-
men wolle, welches gegen die an der Auseinandersetzung beteiligten Mit-
arbeitenden des BAZ-Sicherheitsdienstes eingeleitet worden sei,
dass er in diesem Zusammenhang einbringt, es könnte ihm allenfalls auch
eine Kurzaufenthaltsbewilligung im Sinne von Art. 32 Abs. 1 Bst. d VZAE
(SR 142.201) erteilt werden, da von einem gewichtigen öffentlichen Inte-
resse an der Aufklärung der Sache auszugehen sei,
D-1158/2021
Seite 5
dass auf das letztgenannte Begehren nicht einzutreten ist, da eine Kurz-
aufenthaltsbewilligung nicht Gegenstand des vorliegenden Asylbeschwer-
deverfahrens bilden kann,
dass die Frage nach einer allfälligen strafrechtlichen Prüfung der Ausei-
nandersetzung im Übrigen für das vorliegende Asylbeschwerdeverfahren
ohne Belang ist, weshalb das Begehren um eine Sistierung des vorliegen-
den Verfahrens abzuweisen ist,
dass sich die Beschwerde sodann – wie nachfolgend aufgezeigt – als of-
fensichtlich unbegründet erweist, soweit darauf einzutreten ist, weshalb
über die Beschwerde in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung
eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin zu entscheiden ist
(Art. 111 Bst. e AsylG),
dass gleichzeitig auf einen Schriftenwechsel zu verzichten und der Ent-
scheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG),
dass die Schweiz Flüchtlingen grundsätzlich Asyl gewährt (Art. 2 Abs. 1
AsylG), wobei Flüchtlinge Personen sind, die in ihrem Heimat- oder Her-
kunftsstaat wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu ei-
ner bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauun-
gen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben,
solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG),
dass das SEM in der angefochtenen Verfügung zum Schluss gelangt ist,
der Beschwerdeführer habe weder mit den Vorbringen über seine Steuer-
schulden noch mit jenen über seine Furcht vor Nachstellungen vonseiten
seiner vormaligen Schlepper – beziehungsweise vonseiten eines dieser
Männer – eine asylrelevante Verfolgung geltend gemacht,
dass es sich bei der Einforderung von Steuerschulden um einen rechts-
staatlich legitimen Vorgang handle und aufgrund der Aktenlage auch nichts
dafür spreche, dass die behördliche Forderung darauf abgezielt hätte, ihn
aus einem der Gründe nach Art. 3 Abs. 1 AsylG zu treffen, zumal auch er
die Forderung der Finanzbehörde als legitim bezeichnet habe,
dass die geltend gemachte Bedrohungslage vonseiten eines Dritten nicht
asylrelevant sei, weil sich der Beschwerdeführer diesbezüglich an die hei-
matlichen Behörden wenden könne, von deren Schutzwilligkeit und -fähig-
keit ausgegangen werden dürfe,
D-1158/2021
Seite 6
dass der Beschwerdeführer zum letztgenannten Punkt einwendet, im Zu-
sammenhang mit der Bedrohungslage vonseiten seines Schleppers könne
nicht von der Schutzfähigkeit und -willigkeit der Behörden ausgegangen
werden, da die Korruption der algerischen Behörden geradezu notorisch
sei und es sich bei seinem Verfolger um einen Mann mit breitem Netz und
ausreichenden finanziellen Mitteln handle,
dass dieses Vorbringen im Wesentlichen als blosse Schutzbehauptung zu
erkennen ist, welche nicht geeignet ist, die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz über die grundsätzliche Schutzfähigkeit und -willigkeit der alge-
rischen Behörden gerade auch im konkreten Sachverhaltszusammenhang
– auf welche anstelle einer Wiederholung zu verweisen ist – zu erschüttern,
dass auch im Übrigen auf die zutreffenden Erwägungen des SEM zu ver-
weisen ist und das SEM nach dem Gesagten zu Recht die Flüchtlingsei-
genschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt hat,
dass die Anordnung der Wegweisung im Einklang mit den gesetzlichen
Bestimmungen steht und zu bestätigen ist, da der Beschwerdeführer ins-
besondere weder über einen Aufenthaltstitel für die Schweiz noch über
eine Anspruchsgrundlage auf Erteilung eines solchen verfügt (Art. 44 [ers-
ter Satz] AsylG; BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.),
dass somit zu prüfen bleibt, ob es Gründe gibt, die dem Vollzug der Weg-
weisung entgegenstehen, da das SEM eine vorläufige Aufnahme von Aus-
ländern anzuordnen hat, wenn sich der Vollzug der Wegweisung als unzu-
lässig, unzumutbar oder unmöglich erweist (Art. 44 [zweiter Satz] AsylG
i.V.m. Art. 83 Abs. 1–4 Ausländer- und Integrationsgesetz [AIG,
SR 142.20]),
dass sich der Vollzug der Wegweisung in Beachtung der massgeblichen
völker- und landesrechtlichen Bestimmungen als zulässig erweist (Art. 83
Abs. 3 AIG), da nach vorstehenden Erwägungen weder Hinweise auf eine
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung bestehen (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
Art. 33 Abs. 1 FK [SR 0.142.30]), noch konkrete Anhaltspunkte für eine in
der Heimat drohende menschenrechtswidrige Behandlung im Sinne von
Art. 25 Abs. 3 BV, von Art. 3 FoK (SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK
ersichtlich sind,
dass der Wegweisungsvollzug auch als zumutbar zu erkennen ist (Art. 83
Abs. 4 AIG), da weder die in Algerien herrschenden Verhältnisse noch in-
dividuelle Umstände gegen eine Rückkehr in die Heimat sprechen,
D-1158/2021
Seite 7
dass der Beschwerdeführer zwar einwendet, der Wegweisungsvollzug sei
als unzulässig, unzumutbar und auch unmöglich zu erkennen, weil ihm in
der Heimat nicht nur die Nachstellungen vonseiten seines Schleppers
drohten, sondern weil er wegen seiner Steuerschulden auch noch Haft und
die Pfändung des elterlichen Hauses zu gewärtigen habe,
dass er bereits jetzt schwer unter seiner psychischen Gesundheit zu leiden
habe und sich diese in der Haft zweifelsohne massiv verschlechtern würde,
dass er in diesem Zusammenhang die Haftbedingungen in Algerien als
prekär und menschenunwürdig erklärt, auf einen Arztbericht vom 13. Feb-
ruar 2021 verweist, wie auch auf einen erst noch anstehenden Arzttermin
bei einem Psychiater oder Psychologen, und er im Weiteren geltend macht,
auch seine Familie werde nicht in der Lage sein, ihn während und nach
seiner Haft zu unterstützen,
dass allerdings aufgrund der Aktenlage zunächst nichts dafür spricht, dass
der Beschwerdeführer in seiner Heimat wegen seiner Steuerschulden tat-
sächlich Haft zu gewärtigen hätte, zumal er dieses Vorbringen im Rahmen
der Anhörung erst sehr spät und auch dann nur im Sinne einer blossen
Mutmassung eingebracht hat (vgl. Protokoll der Anhörung, F. 99),
dass seinen Angaben zufolge nämlich vonseiten der Behörden noch nicht
einmal ein Verfahren zum Eintreiben der offenen Steuerforderung eingelei-
tet worden ist, geschweige denn, dass die Forderung von den Behörden
überhaupt schon festgesetzt worden wäre (vgl. a.a.O., F. 89–95),
dass aber ohnehin selbst im Falle einer drohenden Haftstrafe auch in Be-
rücksichtigung der gesundheitlichen Probleme nicht von der Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs auszugehen wäre,
dass der Beschwerdeführer zwar nach dem Dublin-Gespräch auch in der
Anhörung von gesundheitlichen Problemen berichtet hat, darunter neben
seinen Zahnproblemen und seinen Depressionen, an welchen er seit sei-
ner Scheidung leide, auch über seinen Alkoholismus, welchen er zeitweilig
zu bekämpfen versucht habe (vgl. a.a.O., F. 65 und F. 70–74),
dass jedoch weder aufgrund seiner dort gemachten Ausführungen noch
seiner Beschwerdevorbringen noch der übrigen Aktenlage Anlass zur An-
nahme besteht, betreffend seine gesundheitlichen Probleme bestehe ein
konkreter Behandlungsbedarf, welcher nicht auch in seiner Heimat abge-
deckt werden könnte,
D-1158/2021
Seite 8
dass an dieser Stelle schliesslich festzuhalten bleibt, dass es sich beim
Beschwerdeführer um einen bereits (...)-jährigen Mann mit langjähriger
Berufserfahrung handelt, welcher den Kontakt zur Heimat respektive zu
seiner Familie nie abgebrochen hat und an seinem Heimatort über ein
überdurchschnittlich grosses und damit tragfähiges Beziehungsnetz ver-
fügt,
dass nach dem Gesagten die Vorbringen über die angebliche Unzulässig-
keit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges auch nicht im Ansatz
zu überzeugen vermögen,
dass der Wegweisungsvollzug schliesslich auch als möglich zu erkennen
ist (Art. 83 Abs. 2 AIG), da der Beschwerdeführer verpflichtet ist, sich bei
der dafür zuständigen Vertretung seines Heimatstaates die für seine Rück-
kehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG;
BVGE 2008/34 E. 12),
dass nach diesen Feststellungen das SEM zu Recht den Vollzug der Weg-
weisung angeordnet hat,
dass nach vorstehenden Erwägungen die angefochtene Verfügung zu be-
stätigen und die eingereichte Beschwerde als offensichtlich unbegründet
abzuweisen ist,
dass mit vorliegendem Urteil in der Hauptsache das Gesuch um Befreiung
von der Kostenvorschusspflicht (gemäss Art. 63 Abs. 4 VwVG) gegen-
standslos geworden ist,
dass das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG) und amtlichen Verbeiständung (nach
Art. 102m Abs. 1 AsylG) abzuweisen ist, da sich die Beschwerde nach dem
Gesagten als von Anfang an aussichtslos erwiesen hat,
dass demnach die Kosten des Verfahrens von Fr. 750.– dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-1158/2021
Seite 9