Decision ID: 60898bd1-54bf-59ac-bca6-11cfe76c3b13
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X, geb. 1949, bezieht eine IV-Rente und Ergänzungsleistungen. Für die
Steuerperiode 2010 wurde X für die Kantons- und Gemeindesteuern mit einem
steuerbaren Einkommen von Fr. 16'000.-- und ohne steuerbares Vermögen sowie für
die direkte Bundessteuer mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. 16'900.--
veranlagt. Dies führte zu einem Steuerbetrag von Fr. 599.80 für die Kantons- und
Gemeindesteuern 2010 und einem solchen von Fr. 25.35 für die direkte Bundessteuer
2010.
B.- Mit Schreiben ihres Rechtsvertreters vom 18. November 2011 ersuchte X unter
Beilage des Fragebogens betreffend Erlassgesuch um Erlass der Kantons- und
Gemeindesteuern sowie der direkten Bundessteuer des Jahres 2010. Das Kantonale
Steueramt lehnte den Erlass der Kantons- und Gemeindesteuern 2010 in der Höhe von
Fr. 599.80 sowie der direkten Bundessteuer 2010 in der Höhe von Fr. 25.35 mit
Entscheiden vom 13. Dezember 2012 ab.
C.- Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 29. Januar 2013 erhob X gegen den
Erlassentscheid betreffend Kantons- und Gemeindesteuern 2010 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, der angefochtene Erlassentscheid sei
aufzuheben und die Kantons- und Gemeindesteuern seien ihr unter Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege und -verbeiständung zu erlassen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge.
Mit Vernehmlassung vom 18. Februar 2013 beantragte die Vorinstanz die kostenfällige
Abweisung des Rekurses. Dazu nahm der Vertreter der Rekurrentin mit Eingabe vom 5.
April 2013 Stellung.
Mit verfahrensleitender Verfügung vom 22. Februar 2013 gewährte der zuständige
Abteilungspräsident der Rekurrentin die unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung. Als unentgeltlicher Vertreter wurde Rechtsanwalt Pascal
Baumgardt, St. Gallen, bestimmt.
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Auf die von den Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge gemachten
Ausführungen und die Akten wird, soweit notwendig, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 29. Januar 2013 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt die gesetzlichen Anforderungen (Art. 194 Abs. 1 und
Art. 224 Abs. 4 des Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG). Auf den Rekurs ist
einzutreten.
2.- Umstritten ist, ob die Voraussetzungen für einen Erlass der Kantons- und
Gemeindesteuern 2010 gegeben sind.
a) Die Rekurrentin macht zur Hauptsache geltend, bei den Entscheiden der
Verwaltungsrekurskommission und des Verwaltungsgerichts betreffend Erlass der
Kantons- und Gemeindesteuern bzw. direkten Bundessteuer des Jahres 2009 sei ein
Grundsatzurteil des Bundesgerichts vom 9. März 2011 offensichtlich unberücksichtigt
geblieben (vgl. BGE 137 II 328 bzw. Pra 2011 Nr. 103). In jenem Entscheid habe sich
das Bundesgericht mit der Problematik auseinandergesetzt, dass
Unterstützungsleistungen als steuerfrei erklärt würden und somit Personen, welche
über gleich hohe Einkünfte verfügten und somit wirtschaftlich gleich leistungsfähig
seien, unterschiedlich besteuert würden, je nachdem, ob sie Einkünfte aus einer
Erwerbstätigkeit oder aus Unterstützungsleistungen erzielten. Das Bundesgericht habe
zwar die Frage offen gelassen, ob darin eine Systemwidrigkeit zu erkennen sei, da es
gestützt auf Art. 190 BV an die bundesgesetzliche Lösung gebunden sei. Es sei aber
darauf zu achten, daraus entstehende Ungleichbehandlungen soweit als möglich zu
begrenzen. Auch wenn in jenem Entscheid nicht der Steuererlass, sondern die
Besteuerung von Unterstützungsleistungen aus privaten Mitteln Verfahrensgegenstand
gewesen sei, sei es doch um die Definition des Begriffs der Bedürftigkeit im
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Steuerrecht gegangen. Die Überlegungen des Bundesgerichts würden die Frage der
Berechnung des Existenzminimums bzw. des Notbedarfs betreffen und hätten daher
für das gesamte Steuerrecht Geltung. Sie seien nicht auf die Frage der steuerbefreiten
Einkünfte beschränkt, weshalb sie auch im vorliegenden Fall des Steuererlasses zu
berücksichtigen seien. Gleiches ergebe sich auch aus dem Grundsatz der Einheit der
Rechtsordnung. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb der Begriff der Bedürftigkeit
innerhalb des Steuerrechts unterschiedlich definiert und gehandhabt werden solle.
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung dürfe im Umfang des nach ELG
festzusetzenden Existenzminimums keine Besteuerung stattfinden. Dies schliesse nicht
aus, dass jeder steuerpflichtigen Person eine Minimalsteuer als Kopfsteuer auferlegt
werde. Dazu bedürfe es jedoch einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage. Für die
Berechnung des Existenzminimums der Rekurrentin könne grundsätzlich auf die
aktuellen Verfügungen der Ergänzungsleistungen verwiesen werden. Dies führe für
2010 zu Ausgaben von Fr. 39'042.-- und Einnahmen von Fr. 39'282.--. Vergrössere
sich die IV-Rente, verkleinerten sich (ausserordentliche) Ergänzungsleistungen. Ohne
Ergänzungsleistungen verfüge die Rekurrentin lediglich über das steuerbare
Einkommen aus der IV-Rente von Fr. 1'860.-- pro Monat. Würde sie nur über die IV-
Rente verfügen, wären ihr die Steuern klarerweise zu erlassen. Daraus folge, dass ihr
die Steuern nur deshalb nicht erlassen würden, da sie ordentliche und
ausserordentliche Ergänzungsleistungen beziehe. Dies widerspreche jedoch der
gesetzgeberischen Absicht, Bezüger von Ergänzungsleistungen nicht zu besteuern. Der
für den Erlass massgebliche wirtschaftliche Begriff der Bedürftigkeit dürfe nicht auf das
physische Überleben des Individuums und auch nicht auf das absolute
Existenzminimum allein beschränkt werden. Auch der betreibungsrechtliche Notbedarf
sei zu tief angesetzt. Wenn der Rekurrentin bei der Berechnung der
Ergänzungsleistungen ein höherer Grundbedarf von Fr. 1'587.50 zugestanden werde,
müsse dieser erhöhte Grundbedarf zwingend auch bei der Bedarfsberechnung für die
Beurteilung des Erlasses herangezogen werden, ansonsten die Steuerbefreiung von
Ergänzungsleistungen im Ergebnis systematisch wirkungslos wäre. Im Ergebnis
würden der Rekurrentin sonst Fr. 357.50 pro Monat besteuert, die sie steuerfrei
erhalten sollte. Dabei sei unerheblich, ob es sich vorliegend um die Steuerberechnung
oder den Steuerbezug handle. Die Ergänzungsleistungen bezweckten gerade, nach
Möglichkeit die Inanspruchnahme von Sozialhilfe zu vermeiden. Derselbe
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sozialpolitische Zweck solle auch mit dem Steuererlass erreicht werden. Die
Rechtsbegriffe der Bedürftigkeit, Notlage und grossen Härte würden sich allesamt auf
die wirtschaftlichen Verhältnisse der Betroffenene beziehen. Es müsse eine
wirtschaftliche Gesamtbetrachtung erfolgen. Die Ausführungen des Bundesgerichts zu
einer einheitlichen Ausdruckweise des Begriffs der Bedürftigkeit müssten auch für die
Begriffe der Notlage und grossen Härte gelten. Vor dem Entscheid des Bundesgerichts
zur Steuerfreiheit privater Unterstützungsleistungen habe als Kriterium für die
Unterscheidung von steuerbefreiten und steuerbaren Einkünften nach Art. 24 DBG
ebenfalls das betreibungsrechtliche Existenzminimum gegolten. In besagtem Urteil
habe das Bundesgericht festgehalten, dass bei Bezügern von Ergänzungsleistungen
gerade nicht das betreibungsrechtliche Existenzminimum massgebend sein dürfe.
Ähnlich verhalte es sich vorliegend. Gemäss Steuererlassverordnung seien die
betreibungsrechtlichen Richtlinien nur grundsätzlich anwendbar. Folglich könne es
auch Ausnahmen davon geben. Die gesetzliche Steuerbefreiung von
Ergänzungsleistungen gehe der Verordnung vor. Ergänzungsleistungen seien von
Gesetzes wegen unpfändbar, weshalb die Steuerbehörden gegenüber anderen
Gläubigern nicht schlechter gestellt seien. Die von der Vorinstanz errechnete freie
Quote ergebe sich folglich aus einer falschen und verfassungswidrigen Berechnung.
Dem hält die Vorinstanz entgegen, in dem von der Rekurrentin erwähnten Entscheid
des Bundesgerichts sei es um die Auslegung der steuerfreien Einkünfte gemäss Art. 24
lit. d DBG gegangen. Das Bundesgericht sei zum Ergebnis gelangt, dass alle
Unterstützungsleistungen aus privaten Mitteln steuerbefreit seien, die insgesamt und
zusammengerechnet mit den anderen Einkünften das anrechenbare Einkommen nach
Ergänzungsleistungsgesetz nicht übersteigen würden. Da der Begriff der Bedürftigkeit
im Erlassrecht, wo von Notlage und grosser Härte die Rede sei, nicht vorkomme,
könne es nicht um eine einheitliche Begriffsanwendung gehen. Von einer Verletzung
des Grundsatzes der Einheit der Rechtsordnung könne somit nicht gesprochen
werden. Zudem sei es in diesem Entscheid nicht um den Steuererlass, sondern um die
Abgrenzung der steuerbaren von den steuerfreien Einkünften gegangen.
Steuerveranlagung und Steuerbezug seien klar auseinanderzuhalten, was von der
Rekurrentin verkannt werde. Beim Erlass handle es sich um einen rechtlichen
Untergangsgrund der entstandenen Steuerforderung. Folglich habe der fragliche
Entscheid des Bundesgerichts keine Bedeutung für den vorliegenden Fall. Dass beim
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Steuererlass auf das betreibungsrechtliche Existenzminimum abgestellt werde,
entspreche herrschender Lehre und Rechtsprechung und sei in der Erlassverordnung
des Bundes explizit erwähnt. Dies sei sachlich richtig. Andere Gläubiger könnten den
Steuerschuldner für ihre Forderungen ebenfalls erfolgreich belangen, soweit das
betreibungsrechtliche Existenzminimum überschritten werde. Andernfalls wäre der
Staat gegenüber anderen Gläubigern benachteiligt. Die Rekurrentin sei insofern bereits
privilegiert, als bei ihr wesentliche Einkommensteile steuerfrei seien. Dass es eine
gesetzgeberische Absicht gebe, Bezüger von Ergänzungsleistungen überhaupt nicht zu
besteuern, sei unzutreffend und werde im Rekurs nicht näher begründet.
b) Gemäss kantonalem Steuergesetz kann Steuerpflichtigen, die in Not geraten sind
oder für welche die Bezahlung der Steuern, der Zinsen, der Bussen oder der Kosten
eine grosse Härte bedeutet, der geschuldete Betrag gestundet oder ganz oder
teilweise erlassen werden (Art. 224 Abs. 1 StG). Dem Wesen nach handelt es sich beim
Steuererlass um den nachträglichen Verzicht des Gemeinwesens auf einen ihm
zustehenden steuerrechtlichen Anspruch. Anlass dazu geben vor allem Rücksichten
auf die Person des Schuldners. Dieser soll aus humanitären, sozialpolitischen oder
volkswirtschaftlichen Gründen nicht in seiner wirtschaftlichen Existenz gefährdet
werden. Die Grundsätze einer gesetzmässigen Verwaltung und der Rechtsgleichheit
legen es allerdings nahe, dass der Gesetzgeber klare Vorgaben schafft. Die Tendenz,
den Steuererlass nicht mehr bloss dem freien Ermessen der zuständigen Behörde
anheim zu stellen, sondern von näher umschriebenen Voraussetzungen abhängig zu
machen und dann auch einen eigentlichen, durchsetzbaren Rechtsanspruch zu
begründen, setzt sich immer mehr durch. Aus Gründen der rechtsgleichen Behandlung
der Steuerpflichtigen muss der Steuererlass jedoch eine seltene Ausnahme bleiben,
welche nur unter bestimmten Voraussetzungen gewährt wird (Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts vom 11. Juni 2009, A-3663/2007, E. 2.2, publiziert in StR
2009 S. 672 ff.).
Während im Kanton St. Gallen keine näheren Vollzugsvorschriften auf Gesetzes- oder
Verordnungsstufe existieren, wird die Behandlung der Erlassgesuche auf Bundesebene
in der Verordnung des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD) über die
Behandlung von Erlassgesuchen für die direkte Bundessteuer (SR 642.121, abgekürzt:
Steuererlassverordnung) geregelt. Im Kanton St. Gallen sind weitere Erläuterungen dem
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St. Galler Steuerbuch zu entnehmen (StB 224 Nr. 1). Ziel und Zweck des
Erlassverfahrens ist gemäss Art. 1 Steuererlassverordnung eine langfristige und
dauernde Sanierung der wirtschaftlichen Lage der steuerpflichtigen Person. Der Erlass
hat der steuerpflichtigen Person und nicht ihren Gläubigern zugute zu kommen. Der
Steuererlass ist ausschliesslich im Zusammenhang mit der Steuervollstreckung zu
verstehen. Es kann nicht darum gehen, die Begründetheit einer Steuerforderung zu
prüfen und allenfalls die Veranlagung zu korrigieren. Das Erlassverfahren ersetzt weder
das Rechtsmittel-, noch das Revisionsverfahren (Art. 1 Abs. 2 Steuererlassverordnung).
Falls die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind, besteht ein Anspruch auf Erlass der
Steuerforderung (Art. 2 Abs. 1 Steuererlassverordnung). Dabei ist unerheblich, aus
welchem Grund die steuerpflichtige Person in die geltend gemachte Notlage geraten ist
(Art. 2 Abs. 2 Steuererlassverordnung, vorbehältlich Art. 10 Abs. 2
Steuererlassverordnung). Die Erlassbehörde berücksichtigt bei ihrem Entscheid die
gesamten wirtschaftlichen Verhältnisse der steuerpflichtigen Person. Massgebend ist
dabei in erster Linie die Situation im Zeitpunkt des Entscheides, daneben auch die
Entwicklung seit der Veranlagung, auf die sich das Erlassbegehren bezieht, sowie die
Aussichten für die Zukunft (Art. 3 Abs. 1 Steuererlassverordnung). Übliche
Schwankungen in den Einkommensverhältnissen der steuerpflichtigen Person werden
in der Veranlagung periodisch erfasst und bilden keinen Erlassgrund. Hat sich die
steuerpflichtige Person freiwillig ihrer Einkommensquellen oder Vermögenswerte
entäussert, so wird ein solcher Einkommens- oder Vermögensrückgang bei der
Beurteilung des Erlassgesuchs nicht berücksichtigt (Art. 12 Steuererlassverordnung).
Die Behörde überprüft, ob für die steuerpflichtige Person Einschränkungen in der
Lebenshaltung geboten und zumutbar sind oder gewesen wären. Solche gelten
grundsätzlich als zumutbar, wenn die Auslagen die nach den Ansätzen für die
Berechnung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums (Art. 93 des
Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs, SR 281.1, abgekürzt: SchKG)
sich ergebenden Lebenshaltungskosten übersteigen. Wäre eine fristgerechte Zahlung
im Zeitpunkt der Fälligkeit möglich gewesen, so ist dies im Erlassentscheid zu
berücksichtigen (Art. 3 Abs. 2 und 3 Steuererlassverordnung).
Eine Notlage im Sinn von Art. 224 Abs. 1 StG liegt vor, wenn der ganze geschuldete
Betrag in einem Missverhältnis zur finanziellen Leistungsfähigkeit der steuerpflichtigen
Person steht. Bei natürlichen Personen ist ein Missverhältnis insbesondere dann
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gegeben, wenn die Steuerschuld trotz Einschränkung der Lebenshaltungskosten auf
das Existenzminimum in absehbarer Zeit nicht vollumfänglich beglichen werden kann.
Massgebend ist dabei das betreibungsrechtliche Existenzminimum (Art. 3 Abs. 2
Steuererlassverordnung). In jedem Fall liegt eine Notlage vor bei Einkommens- und
Vermögenslosigkeit oder wenn die öffentliche Hand für die Lebenshaltungskosten der
steuerpflichtigen Person und deren Familie aufkommen muss (Art. 9
Steuererlassverordnung).
Der Begriff der grossen Härte wird in der Verordnung nicht näher definiert. Er lässt sich
indessen von der Notlage nicht scharf abgrenzen. Art. 9 Steuererlassverordnung
erwähnt unter dem Titel der Notlage auch Punkte, welche gleichzeitig als Element der
grossen Härte bezeichnet werden könnten, etwa das Missverhältnis zwischen dem
geschuldeten Betrag und der finanziellen Leistungsfähigkeit der steuerpflichtigen
Person (Zweifel/Athanas, Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bd. I/2b, 2.
Aufl. 2008, N 18 zu Art. 167 DBG). Im Unterschied zum DBG nennt Art. 224 Abs. 1 StG
die grosse Härte als selbständige Erlassvoraussetzung. Während das Kriterium der
Notlage einzig die wirtschaftliche Lage der steuerpflichtigen Person berücksichtigt,
können unter dem Aspekt der grossen Härte auch andere Umstände massgebend sein,
namentlich die Unbilligkeit (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar zum DBG,
2. Aufl. 2009, N 30 zu Art. 167 DBG).
c) Die Rekurrentin macht unter Bezugnahme auf die bundesgerichtliche
Rechtsprechung geltend, im Umfang des nach den Bestimmungen des
Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen festzusetzenden Existenzminimums dürfe
keine Besteuerung stattfinden. Im fraglichen Entscheid vom 9. März 2011
(2C_673/2010 bzw. Pra 100 Nr. 103) befasste sich das Bundesgericht mit der Frage, in
welcher Höhe Unterstützungen aus privaten Mitteln steuerfreie Einkünfte im Sinn von
Art. 24 lit. d DBG darstellten. Dabei führte es aus (vgl. E. 5.2), dass derjenige, der
solche steuerfreien Unterstützungsleistungen erhalte, sich in einer Notlage befinden
müsse. Dabei könne sich der wirtschaftliche Begriff der Bedürftigkeit nicht auf das
physische Überleben des Individuums und auch nicht auf das absolute
Existenzminimum alleine beschränken. Es könne auch nicht auf den Begriff des
betreibungsrechtlichen Existenzminimums abgestellt werden, der auch den Schutz der
Gläubigerinteressen bezwecke. Vielmehr sei es angebracht, das Existenzminimum, auf
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das sich Art. 24 lit. d DBG beziehe, beim massgeblichen Einkommen festzulegen, das
vom Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (SR 831.30, abgekürzt:
ELG) festgesetzt werde, wobei daran zu erinnern sei, dass dieser Betrag einen höheren
Schutz biete als derjenige des Betreibungsrechts. Zudem bezweckten die
Ergänzungsleistungen gemäss ELG gerade, nach Möglichkeit die Inanspruchnahme
der Sozialhilfe zu vermeiden und erfüllten somit den mit der Steuerbefreiung gemäss
Art. 24 lit. d DBG verfolgten sozialpolitischen Zweck.
Der von der Rekurrentin angeführte Entscheid des Bundesgerichts enthält keine
Erwägungen zur Frage des Steuerbezugs bzw. -erlasses. Es wird darin lediglich
festgehalten, dass private Unterstützungsleistungen bis zur Höhe der Leistungen
gemäss ELG nicht besteuert werden dürfen. Hinsichtlich des zu bestimmenden
Existenzminimums wird explizit auf Art. 24 lit. d DBG Bezug genommen. Eine
Ausweitung der Anwendung dieses Ansatzes auf das Erlassverfahren erscheint daher
nicht gerechtfertigt. Von einer gesetzgeberischen Absicht, die Bezüger von
Ergänzungsleistungen nicht zu besteuern, ist darin nirgends die Rede.
Definitionsgemäss ist jeder Bezüger von Ergänzungsleistungen auch Bezüger einer
AHV- oder IV-Rente, die steuerbares Einkommen darstellt. Die Rekurrentin bezog im
Jahr 2010 eine IV-Rente in der Höhe von Fr. 22'320.--. Daraus resultierte ein
steuerbares Einkommen von Fr. 16'000.--, welches gestützt auf Art. 50 Abs. 1 StG zu
einem Steuerbetrag von Fr. 599.80 führte (Kantons- und Gemeindesteuern).
Verfassungsrechtlich garantiert – in der alten Verfassung noch ungeschrieben, heute in
Art. 12 der Bundesverfassung (SR 101) – ist nur ein Minimum an staatlicher Leistung,
das für ein menschenwürdiges Dasein unabdingbar ist und vor einer unwürdigen
Bettelexistenz zu bewahren vermag. Bei der Konkretisierung des Rechts auf
Existenzsicherung steht dem kantonalen Gesetzgeber eine erhebliche Freiheit zu.
Verfassungsrechtlich kann lediglich verlangt werden, dass niemand durch eine
staatliche Abgabeforderung effektiv in seinem Recht auf Existenzsicherung verletzt
wird. Die Mindestleistungen nach ELG sind nicht gleichzusetzen mit dem
verfassungsrechtlichen Minimalanspruch auf Existenzsicherung. Letztlich schützt das
Betreibungsrecht davor, dass zugunsten staatlicher Steuerforderung in den Notbedarf
eingegriffen wird. Damit ist dem Verfassungsrecht Genüge getan (BGE 122 I 101).
Einen einheitlichen Begriff der Bedürftigkeit bzw. des Existenzminimums, der für das
Verfassungsrecht, das Steuerrecht, das Betreibungsrecht sowie auch für das
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Sozialhilfe- und das Sozialversicherungsrecht (zu letzterem zählt auch der Bereich
Ergänzungsleistungen, obwohl es sich um bedarfsabhängige Leistungen handelt, vgl.
BGer 2C_448/2007 vom 20. Februar 2008, E. 3.4) massgebend ist, gibt es nicht.
Ob eine Notlage vorliegt, ist gemäss ständiger Lehre und Rechtsprechung anhand des
betreibungsrechtlichen Notbedarfs zu prüfen. Die Tatsache, dass ein Steuerpflichtiger
Ergänzungsleistungen bezieht, stellt für sich allein genommen keinen Grund für einen
Steuererlass dar. Das Verwaltungsgericht hat dies mit Urteil vom 3. Juli 2012 bestätigt
und zudem ausgeführt, die Tatsache, dass die Steuerpflichtige ihren Unterhalt
ausschliesslich aus Mitteln der Invalidenrente sowie ordentlichen und
ausserordentlichen Ergänzungsleistungen bestreite, vermöge für sich allein genommen
keine Notlage im Sinn von Art. 224 Abs. 1 StG zu begründen. Ferner hat es eine
Erhöhung des betreibungsrechtlichen Grundbedarfs (Fr. 1'230.--) auf jenen gemäss
ELG (Fr. 1'560.--) ausdrücklich abgelehnt (Urteil vom 3. Juli 2012, E. 3.2). Die
Erwägungen des Bundesgerichts in seinem Entscheid vom 9. März 2011, die sich auf
die Steuerbarkeit von Unterstützungsleistungen wie auch Ergänzungsleistungen
beziehen, stehen dazu nicht im Widerspruch. Die Steuerbefreiung der
Ergänzungsleistungen bleibt auch nicht systematisch wirkungslos. Müsste die
Rekurrentin diese Einkünfte versteuern, würden sich ihr steuerbares Einkommen und
damit auch der daraus resultierende Steuerbetrag deutlich erhöhen. Es ist auch nicht
so, dass die Rekurrentin deswegen gezwungen ist, Sozialhilfe zu beziehen. Sie verfügt
über genügend finanzielle Mittel, um die Steuer zu entrichten (vgl. nachfolgend unter E.
2.d). Es erweist sich daher als rechtmässig, bei der Prüfung, ob eine Notlage im Sinn
von Art. 224 Abs. 1 StG vorliegt, die zwar nicht steuerbaren Einkünfte aus
Ergänzungsleistungen, die dem Empfänger zur Bestreitung seines Lebensunterhalts
jedoch zweifellos zur Verfügung stehen, mit einzubeziehen sowie den Notbedarf
anhand des betreibungsrechtlichen Existenzminimums festzulegen.
d) Gegen die Berechnung der Vorinstanz, wonach der Rekurrentin bei Einkünften von
Fr. 3'339.-- und Ausgaben von Fr. 3'151.25 pro Monat ein Überschuss von Fr. 187.75
verbleibt, um die Steuerschuld von Fr. 599.80 innerhalb von vier Monaten zu
begleichen, bringt diese keine Einwendungen vor. Die Berechnung erweist sich anhand
der Akten und unter Berücksichtigung des Urteils des Verwaltungsgerichts vom 3. Juli
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2012 (insbesondere zur Nichtberücksichtigung der Krankheitskosten) denn auch als
korrekt. Der Rekurs ist folglich abzuweisen.
e) Dies ändert letztlich aber nichts daran, dass die Steuerforderung wegen der
Unpfändbarkeit der IV-Rente und Ergänzungsleistungen (vgl. Art. 92 Ziff. 9a SchKG) auf
dem betreibungsrechtlichen Weg nicht vollstreckbar ist.
3.- a) Die amtlichen Kosten werden den Beteiligten nach Massgabe des Obsiegens und
Unterliegens auferlegt (Art. 95 Abs. 1 VRP). Folglich sind die amtlichen Kosten der
Rekurrentin aufzuerlegen. Angemessen erscheint eine Entscheidgebühr von Fr. 700.--
(vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Zufolge
unentgeltlicher Rechtspflege ist auf die Erhebung der amtlichen Kosten vorläufig zu
verzichten.
b) Zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung ist dem Vertreter der Rekurrentin,
Rechtsanwalt lic.iur. Pascal Baumgardt, eine Entschädigung zulasten des Staates
zuzusprechen, wobei das Honorar um einen Fünftel zu kürzen ist (Art. 31 Abs. 3 des
Anwaltsgesetzes, sGS 963.70). Der Vertreter der Rekurrentin reichte eine Kostennote
ein. Er macht darin einen Zeitaufwand von 15 Stunden geltend (act. 10). In der
Verwaltungsrechtspflege wird das Honorar nicht nach Aufwand, sondern pauschal
bemessen. Es beträgt vor Verwaltungsrekurskommission Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--
(Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten; sGS
963.75, abgekürzt: HonO). Innerhalb des Rahmens wird das Grundhonorar nach den
besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der
Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten,
bemessen (Art. 19 HonO). Angesichts der Art der Streitsache, des Umfangs der Akten
sowie des Aufwands für die Begründung des Rekurses erscheint eine Entschädigung
von Fr. 2'500.-- als angemessen. Hinzu kommen die Barauslagen von Fr. 78.-- sowie
die Mehrwertsteuer (Art. 28 und Art. 29 HonO). Folglich ist der Vertreter der Rekurrentin
vom Staat mit Fr. 2'000.--, was 80% entspricht, zuzüglich Barauslagen und
Mehrwertsteuer zu entschädigen.