Decision ID: 46c9d4e2-2906-4f71-9897-9c87c16e08e0
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 2. Abteilung, vom 28. August 2019 (DG190119)
- 2 -
Anklage- bzw. Antragsschrift: (Urk. 17)
Die Anklage bzw. Antragsschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom
18. April 2019 ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 54 S. 38 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig (Dossier 1)
− der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB,
− der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB,
− der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB.
2. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte den Tatbestand der Nötigung im Sinne
von Art. 181 StGB im Zustand der nicht selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit im
Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB erfüllt hat (Dossier 2).
3. Der Beschuldigte wird für die Tatbestände gemäss Ziffer 1 bestraft mit 60 Tagen
Freiheitsstrafe (wovon 2 Tage durch Haft erstanden sind) sowie mit einer Busse
von Fr. 300.–.
4. Es wird eine stationäre Massnahme im Sinne von Art. 59 Abs. 1 StGB (Behandlung
von psychischen Störungen; paranoide Schizophrenie) angeordnet.
5. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird zum Zweck der stationären Massnahme
aufgeschoben.
Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so
tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
6. Dem Beschuldigten wird während der Dauer von drei Jahren verboten, mit den Pri-
vatklägerinnen 1 (B._) und 2 (C._) direkt oder über Drittpersonen auf ir-
gendeine Weise Kontakt aufzunehmen, sei es auf telefonischem, schriftlichem oder
elektronischem Weg, und sich den Privatklägerinnen 1 (B._) und 2 (C._),
- 3 -
ihrem Wohn-, Aufenthaltsort und Arbeitsort auf eine Distanz von weniger als 50 Me-
ter zu nähern.
7. Der Beschuldigte wird gemäss seiner Anerkennung verpflichtet, der Privatklägerin 2
(C._) Schadenersatz von Fr. 331.75 sowie eine Genugtuung von Fr. 300.– zu
bezahlen.
8. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 4'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'000.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 18'920.– Auslagen (Gutachten)
Fr. 66.25 Auslagen (Gutachten)
Fr. 17'286.45 amtliche Verteidigung (RA X._)
Fr. 4'798.45 unentgeltliche Rechtsvertretung (RA Y._)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, einschliesslich der-
jenigen der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Rechtsvertretung der
Privatklägerin 2 (C._), werden auf die Gerichtskasse genommen.
10. Der Antrag der Privatklägerin 1 (B._) auf Zusprechung einer Prozessentschä-
digung wird abgewiesen.
11. Mitteilungen)
12. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 158):
Die Ziffern 3, 4 und 5 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichts Zürich,
2. Abteilung vom 28. August 2019 seien aufzuheben bzw. wie folgt zu än-
dern:
- 4 -
1. A._ sei mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu CHF 30.-- so-
wie einer Busse von CHF 100.-- zu bestrafen, unter Anrechnung von
2 Tagen Haft.
2. Die Geldstrafe sei bedingt auszusprechen unter Ansetzung einer Pro-
bezeit von 2 Jahren.
3. Auf die Anordnung einer stationären Massnahme i.S.v. Art. 59 Abs. 1
StGB sei zu verzichten.
4. Für A._ sei eine ambulante Massnahme i.S.v. Art. 63 Abs. 1 StGB
anzuordnen mit den folgenden damit verbundenen Auflagen:
- die Einhaltung der ambulanten Therapie sei durch den Bewäh-
rungs- und Vollzugsdienst zu kontrollieren.
- die Medikamenteneinnahme und die Cannabisabstinenz sei durch
eine behandelnden Psychiater regelmässig mittels Blut-/und Urin-
proben überprüfen zu lassen.
- Es seien klare Weisungen betreffend Kontakt- und Rayonverbote
gegenüber den Privatklägerinnen zu erteilen, dass Herr A._
sich um eine geeignete Tagessstruktur bemüht.
5. Die Kosten des Berufungsverfahrens inkl. die Kosten der amtlichen
Verteidigung seien vollumfänglich auf die Gerichtskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 64):
(schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
- 5 -

Erwägungen:
1. Prozessverlauf
1.1. Mit Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 2. Abteilung, vom 28. August 2019
wurde der Beschuldigte der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125
Abs. 1 StGB, der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1
StGB sowie der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB
schuldig gesprochen und hierfür mit 60 Tagen Freiheitsstrafe sowie mit einer
Busse von Fr. 300.– bestraft. Sodann wurde festgestellt, dass der Beschuldigte
den Tatbestand der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB im Zustand der nicht
selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB erfüllt
hat und wurde eine stationäre Massnahme im Sinne von Art. 59 Abs. 1 StGB (Be-
handlung von psychischen Störungen; paranoide Schizophrenie) angeordnet. Der
Vollzug der Freiheitsstrafe wurde zum Zweck der stationären Massnahme aufge-
schoben. Schliesslich wurde dem Beschuldigten während der Dauer von drei Jah-
ren verboten, mit den Privatklägerinnen 1 und 2 direkt oder über Drittpersonen auf
irgendeine Weise Kontakt aufzunehmen und sich den Privatklägerinnen 1 und 2,
ihrem Wohn-, Aufenthalts- und Arbeitsort auf eine Distanz von weniger als 50 Me-
ter zu nähern (Urk. 54). Mit Beschluss vom gleichen Tag verlängerte die Vo-
rinstanz sodann die mit Verfügung des Zwangsmassnahmengerichts vom 22. Mai
2019 verlängerten Ersatzmassnahmen im Sinne eines Kontaktverbots gegenüber
der Privatklägerin 2 und im Sinne eines Rayonverbots bis zum 28. Februar 2020
bzw. längstens bis zur Eröffnung des zweitinstanzlichen Urteils durch das Ober-
gericht des Kantons Zürich (Urk. 47).
1.2. Gegen das Urteil meldete der Beschuldigte am 6. September 2020 recht-
zeitig Berufung an (Urk. 50). Das begründete Urteil wurde dem Beschuldigten am
1. November 2019 zugestellt (Urk. 53/4). Die Berufungserklärung des Beschuldig-
ten ging in der Folge fristgerecht ein (Urk. 56). Die Staatsanwaltschaft sowie die
Privatklägerinnen 1 und 2 verzichteten auf Anschlussberufung (Urk. 64, Urk. 65
und Urk. 67). Die ursprünglich auf den 9. April 2020 angesetzte Berufungsver-
handlung musste infolge des "Lockdowns" verschoben werden und fand am
- 6 -
21. September 2020 in Anwesenheit des Beschuldigten und seines Verteidigers
statt (Prot. II S. 17 ff.).
1.3. Mit Beschluss vom 24. September 2020 wurde beschlossen, das Beru-
fungsverfahren schriftlich fortzuführen, und bei Dr. med. D._ ein Ergän-
zungsgutachte zu dessen Gutachten vom 18. Februar 2019 (Urk. 163). Am
12. Oktober 2020 erfolgte der entsprechende Gutachtensauftrag (Urk. 169). Am
22. September 2020 und 28. Oktober 2020 erfolgten Eingaben der Privatklägerin
E._ (Urk. 162; Urk. 171). Mit Verfügung vom 29. Oktober 2020 wurde dem
Beschuldigten Frist angesetzt, um zur Eingabe der Privatklägerin vom 28. Okto-
ber 2020 Stellung zu nehmen (Urk. 175). Die entsprechende Eingabe des Be-
schuldigten datiert vom 11. November 2020 (Urk. 181). Anfangs November 2020
wurde sodann bei der Abteilung Bedrohungsmanagement der Stadtpolizei Zürich
ein Bericht eingeholt (Urk. 177; Urk. 178). Mit Verfügung vom 11. November 2020
wurde der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft Frist angesetzt, um zum Be-
richt Abteilung Bedrohungsmanagement der Stadtpolizei Zürich vom 9. November
2020 sowie zur Frage, ob weiterhin eine Notwendigkeit bestehe, eine Ergänzung
des Gutachtens vom 18. Februar 2019 einzuholen, Stellung zu nehmen (Urk.
179). Die entsprechenden Stellungnahmen gingen am 18. November 2020 resp.
19. November 2020 ein (Urk. 183; Urk. 184).
1.4. Mit Beschluss vom 23. November 2020 wurde der Gutachtensauftrag vom
12. Oktober 2020 an Dr. med. D._ revoziert und dem Beschuldigten sowie
der Staatsanwaltschaft Frist angesetzt, um eine abschliessende Stellungnahme
einzureichen (Urk. 186). Diese datieren vom 26. November 2020 (Urk. 189) resp.
16. Dezember 2020 (Urk. 192) und wurden mit Verfügung vom 17. Dezember
2020 je der Gegenseite sowie den Privatklägerinnen zugestellt (Urk. 197).
2. Berufungserklärung
2.1. In der Berufungsschrift ist anzugeben, welche Abänderungen des erstin-
stanzlichen Urteils verlangt werden (Art. 399 Abs. 3 lit. b StPO). Gemäss Art. 402
StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung.
- 7 -
2.2. Der Beschuldigte beschränkte seine Berufung auf die Höhe der Strafe
(Dispositiv-Ziffer 3), die Anordnung einer stationären Massnahme (Dispositiv-
Ziffer 4) sowie den Aufschub des Vollzugs der Freiheitsstrafe zum Zweck der sta-
tionären Massnahme und Bezahlung der Busse (Dispositiv-Ziffer 5) (Urk. 56).
2.3. Nachdem somit die Urteilsdispositiv-Ziffern 1 (Schuldsprüche), 2 (Fest-
stellung Begehung Nötigung im Zustand der nicht selbstverschuldeten Schuldun-
fähigkeit), 6 (Kontakt- und Rayonverbot), 7 (Schadenersatz/Genugtuung), 8-10
(Kosten- und Entschädigungsfolgen) nicht angefochten sind, ist vorab festzustel-
len, dass das vorinstanzliche Urteil in diesem Umfang in Rechtskraft erwachsen
ist.
3. Beweisanträge
3.1. Des Beschuldigten
3.1.1. Mit seiner Berufungserklärung stellte der Beschuldigte den Antrag, es sei
Dr. med. F._, sein derzeitiger behandelnder Psychiater, als sachverständiger
Zeuge zu seinen Empfehlungen für eine ambulante Massnahme im Sinne von Art.
63 Abs. 1 StGB vor der Berufungsinstanz zu befragen. Zur Begründung führte er
an, dass er seit April 2019 bei Dr. med. F._ in Therapie sei. Eine Prüfung der
Aktualität des amtlichen Gutachtens vom 18. Februar 2019 sei deshalb zwingend
notwendig (Urk. 56 S. 3). Mit Präsidialverfügung vom 23. Dezember 2019 wurde
der Beweisantrag abgewiesen (Urk. 72).
3.1.2. Mit Eingabe vom 16. März 2020 stellte der Beschuldigte den Antrag, es sei
das beigelegte forensisch-psychiatrische Gutachten von Dr. med. G._ vom
10. März 2020 zu den Gerichtsakten zu nehmen (Urk. 86 und Urk. 87). Mit Präsi-
dialverfügung vom 5. Mai 2020 wurde – nach Anhörung der Staatsanwaltschaft
(Urk. 99) – entschieden, das Gutachten zu den Akten zu nehmen (Urk. 100).
3.1.3. Auf die Beweisanträge des Beschuldigten resp. das zu den Akten ge-
nommene Gutachten wird im Rahmen der Beurteilung der Massnahme – soweit
erforderlich – zurückzukommen sein.
- 8 -
3.2. Der Privatklägerin 1 (B._)
3.2.1. Mit Eingaben vom 21. Juli 2020 (Urk. 125) und vom 10. August 2020
(Urk. 136) reichte die Privatklägerin 1 eine Fotografie (Urk. 126), zwei Videoauf-
nahmen (Urk. 127/1-2) sowie eine Postkarte (Urk. 138) ein mit dem Antrag, diese
als Beweismittel zuzulassen.
3.2.2. Mit Präsidialverfügungen vom 12. August 2020 resp. 27. August 2020
wurden die eingereichte Fotografie, die Videoaufnahmen und die Postkarte –
nach Gewährung des rechtlichen Gehörs des Beschuldigten und der Staatsan-
waltschaft (Urk. 128 und Urk. 139) – als Beweismittel zugelassen (Urk. 139 und
Urk. 146).
3.2.3. Mit Eingaben vom 22. September 2020 und 28. Oktober 2020 informierte
die Privatklägerin über einen weiteren Vorfall mit dem Beschuldigten (Urk. 162;
Urk. 171, Urk. 173).
3.2.4. Gemäss Art. 382 Abs. 2 StPO kann die Privatklägerschaft einen Entscheid
hinsichtlich der ausgesprochenen Sanktion nicht anfechten. Dies gilt sowohl für
die Strafe als auch für eine Massnahme (vgl. Zürcher Kommentar StPO-Lieber,
3. Aufl., Art. 382 N 17). Entsprechend steht es ihr auch nicht zu, sich im Beru-
fungsverfahren hierzu zu äussern. Jedoch schliesst dies nicht aus, Beweismittel
zu den Akten reichen zu können. So haben die Strafbehörden und auch das Ge-
richt im Berufungsverfahren von Amtes wegen alle für die Beurteilung der Tat und
der beschuldigten Person bedeutsamen Tatsachen abzuklären (Zürcher Kom-
mentar StPO-Wohlers, 3. Aufl., Art. 139 N 1). Dem Beschuldigten wurde sodann
Gelegenheit gegeben, sich zu den Eingaben der Privatklägerin und den einge-
reichten Urkunden zu äussern (vgl. Urk. 108, Urk. 128, Urk. 139, Urk. 175,
Urk. 179, Urk. 186). Diese waren/sind deshalb als Beweismittel zuzulassen.
3.2.5. Es wird nachfolgend bei der Prüfung der Massnahme – soweit relevant –
auf diese Beweismittel zurückzukommen sein.
- 9 -
4. Strafzumessung
4.1. Vorbemerkungen
4.1.1. Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten mit 60 Tagen Freiheitsstrafe
sowie mit einer Busse von Fr. 300.– (Urk. 54 S. 38).
4.1.2. Der Beschuldigte beantragt eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen à Fr. 30.–
sowie eine Busse von Fr. 100.– (Urk. 56 S. 2; Urk. 158 S. 1). Er macht geltend,
die Vorinstanz habe zu Unrecht eine Freiheitsstrafe ausgesprochen. Es werde
verkannt und ignoriert, dass er keine einzige Vorstrafe aufweise und für einen
Ersttäter im Alter von knapp 40 Jahren allein schon deshalb mit Sicherheit eine
Geldstrafe und keine Freiheitsstrafe die richtige Sanktion sein müsse. In Bezug
auf die Prognose sei ausdrücklich festzuhalten, dass er seit der einmaligen Tat im
Februar 2018 erwartungsgemäss keine weitere Körperverletzung mehr begangen
und sich somit bereits wieder 2 1⁄2 Jahre bewährt habe. Die Argumentation mit der
fehlenden Zahlungsmöglichkeit gehe vollständig ins Leere, würden doch in der
Praxis haufenweise Geldstrafen für Sozialhilfeempfänger ausgesprochen. Dazu
komme, dass er ein regelmässiges Einkommen aufgrund seiner IV habe und des-
halb sehr wohl in der Lage wäre, eine Geldstrafe bezahlen zu können. Weiter
bringt er vor, dass bezüglich der Strafzumessung der Vorinstanz nicht nachvoll-
ziehbar sei, dass die Einsatzstrafe für die fahrlässige Körperverletzung mit 90
Strafeinheiten in gleicher Höhe festgesetzt werde wie diejenige der einfachen
eventualvorsätzlichen Körperverletzung. Eventualvorsätzliches und fahrlässiges
Verhalten könne von vornherein nicht gleich behandelt werden. Schliesslich seien
die Voraussetzungen für eine bedingte Strafe gegeben (Urk. 158 S. 2 ff.).
4.1.3. Die Vorinstanz hat die Grundlagen der Strafzumessung korrekt wiederge-
geben. Es kann auf diese zutreffenden Ausführungen (Urk. 54 S. 17 ff.) verwiesen
werden. Sodann kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zum
Strafrahmen (Urk. 54 S. 19) verwiesen werden.
4.1.4. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung hat das Gericht in einem
ersten Schritt die Einzelstrafen für die konkreten Delikte festzulegen und an-
- 10 -
schliessend zu prüfen, aus welchen Einzelstrafen Gesamtstrafen zu bilden sind
(BGE 144 IV 217 E. 3.5.4.).
4.2. Strafzumessung in concreto
4.2.1. Der Beschuldigte hat sich der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von
Art. 125 Abs. 1 StGB, der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123
Ziff. 1 Abs. 1 StGB sowie der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126
Abs. 1 StGB strafbar gemacht. Als Ausgangspunkt für die Strafzumessung und
Festsetzung der Einsatzstrafe ist vom schwersten Delikt auszugehen. Die
schwerste vom Beschuldigte begangene Tat ist nach der abstrakt im Gesetz an-
gedrohten Strafe zu eruieren. Im vorliegenden Fall wird sowohl die fahrlässige
Körperverletzung (Art. 125 Abs. 1 StGB) als auch die einfache Körperverletzung
(Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB) mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe
bestraft. Es erscheint deshalb vorliegend angebracht, mit der Vorinstanz der An-
klageschrift folgend von der fahrlässigen Körperverletzung als Ausgangspunkt für
die Strafzumessung und Festsetzung der Einsatzstrafe auszugehen.
4.2.2. Fahrlässige Körperverletzung
Die Vorinstanz hat sich korrekt mit dem objektiven und subjektiven Tatverschul-
den des Beschuldigten auseinandergesetzt und das Tatverschulden mit zutref-
fender Begründung als gerade noch leicht qualifiziert. Es kann auf die entspre-
chenden Ausführungen der Vorinstanz (Urk. 54 S. 20) verwiesen werden. Mit der
Vorinstanz ist deshalb die Einsatzstrafe auf 90 Strafeinheiten festzusetzen. An-
gemerkt werden kann hierzu noch, dass entgegen der Ansicht der Verteidigung
(Urk. 158 S. 3) einer (bewusst) fahrlässig begangene Körperverletzung durchaus
ein gleich hohes Tatverschulden beigemessen werden kann wie einer eventual-
vorsätzlich begangenen Körperverletzung, wenn sich solches aufgrund des objek-
tiven und subjektiven Tatverschuldens aufdrängt, wie dies vorliegend aufgrund
der zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz (jeweils gerade noch leichte Tat-
verschulden, siehe auch nachfolgend) der Fall ist. Entgegen dem Vorgehen der
Vorinstanz führt dies jedoch nicht zu einer Asperation um 90 Strafeinheiten, son-
- 11 -
dern dazu, dass (auch) für die einfache Körperverletzung die Einzelstrafe auf 90
Strafeinheiten festzusetzen ist.
4.2.3. Einfache Körperverletzung
Die Vorinstanz hat sich korrekt mit dem objektiven und subjektiven Tatverschul-
den des Beschuldigten auseinandergesetzt und das Tatverschulden mit zutref-
fender Begründung als gerade noch leicht qualifiziert. Es kann auf die entspre-
chenden Ausführungen der Vorinstanz (Urk. 54 S. 20 f.) verwiesen werden. Ent-
sprechend wäre die Einzelstrafe für dieses Delikt ebenfalls auf 90 Strafeinheiten
festzusetzen.
4.2.4. Verminderte Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 2 StGB
4.2.4.1. Das vorliegende Gutachten kommt zum Schluss, dass beim Beschuldig-
ten bei den am 16. Februar 2018 begangenen Delikten aus gutachterlicher Sicht
nicht von einer Aufhebung der Steuerungsfähigkeit zu sprechen sei. Jedoch lasse
sich unter Berücksichtigung von kognitiver Verzerrung, Einengung des Bewusst-
seins auf ein Kränkungserleben und darauf folgende emotionale Überwältigung
von einer bis schwergradig verminderten Fähigkeit, einer an sich möglichen Ein-
sicht in das Verbotene seines Tuns zu folgen, sprechen (Urk. D1/7/9 S. 8 f.).
4.2.4.2. Nachdem der Beschuldigte somit in seiner Schuldfähigkeit deutlich her-
abgesetzt war, relativiert sich das Verschulden des Beschuldigten bezüglich der
begangenen Körperverletzungen massgeblich. Damit ist mit der Vorinstanz von
einem leichten Tatverschulden auszugehen und die Einzelstrafen für die fahrläs-
sige Körperverletzung und die einfache Körperverletzung auf je 40 Strafeinheiten
festzusetzen.
4.2.5. Täterkomponente
4.2.5.1. Hinsichtlich der persönlichen Verhältnisse und das Vorleben des Be-
schuldigten kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz (Urk. 54 S. 21
f.) verwiesen werden (vgl. Urk. 157 S. 1 f.). Aus den persönlichen Verhältnissen
- 12 -
des Beschuldigten kann nichts Relevantes für die Strafzumessung abgeleitet
werden.
4.2.5.2. Der Beschuldigte weist keine Vorstrafe auf (Urk. 149), was neutral zu
werten ist.
4.2.5.3. Wie die Vorinstanz sodann zutreffend festhält, zeigte sich der Beschuldig-
te sofort geständig und liess Einsicht und Reue erkennen. Es kann auf die zutref-
fenden Ausführungen der Vorinstanz (Urk. 54 S. 22) verwiesen werden. Das Ge-
ständnis ist deutlich strafreduzierend zu würdigen.
4.2.5.4. Schliesslich ist eine besondere Strafempfindlichkeit, die zu berücksichti-
gen wäre, nicht ersichtlich.
4.2.5.5. Insgesamt ergibt sich, dass es sich aufgrund der Täterkomponente recht-
fertigt, die Strafe auf je 25 Strafeinheiten zu reduzieren.
4.2.6. Wahl der Sanktionsart
4.2.6.1. Bestimmt es das Gesetz nicht anders, so beträgt die Geldstrafe mindes-
tens drei und höchstens 180 Tagessätze (Art. 34 Abs. 1 StGB). Die Mindestdauer
der Freiheitsstrafe beträgt drei Tage (Art. 40 Abs. 1 StGB).
4.2.6.2. Die Vorinstanz ging von einer verhältnismässig hohen Rückfallgefahr für
einfache Körperverletzungen aus, weshalb sie es als äusserst fraglich erachtete,
dass die Ausfällung einer Geldstrafe genüge, um den Beschuldigten von der
Begehung weiterer Vergehen abzuhalten. Sodann ging sie davon aus, dass eine
Geldstrafe voraussichtlich nicht vollzogen werden könnte und auch aus spezial-
präventiver Sicht einzig eine Freiheitsstrafe zweckmässig sei. Dementsprechend
sprach sie eine Freiheitsstrafe aus.
4.2.6.3. Hinsichtlich der fahrlässigen Körperverletzung und der einfachen Körper-
verletzung erscheint je für sich alleine betrachtet, wie ausgeführt, je eine Einzel-
strafe von 25 Strafeinheiten angemessen.
- 13 -
4.2.6.4. Eine Geldstrafe kann bis zu 180 Tagessätzen ausgesprochen werden
(Art. 34 Abs. 1 StGB). Das Gericht kann statt auf eine Geldstrafe auf eine Frei-
heitsstrafe erkennen, wenn eine solche geboten erscheint, um den Täter von der
Begehung weiterer Verbrechen und Vergehen abzuhalten oder eine Geldstrafe
voraussichtlich nicht vollzogen werden kann (Art. 41 Abs. 1 StGB). Grundsätzlich
ist somit bis 180 Strafeinheiten eine Geldstrafe auszusprechen. Eine Freiheits-
strafe darf nur dann ausgesprochen werden, wenn sie notwendig scheint, um
künftigen Straftaten vorzubeugen. Vernünftigerweise dürfte die positive Notwen-
digkeitsprognose nur bei (wiederholt) rückfälligen Tätern angenommen werden,
welche bereits mit (bedingten und unbedingten) Geldstrafen erfolglos vorbestraft
sind ("notorische Kleinkriminelle"). In solchen Fällen ist das Scheitern der Geld-
strafe individuell-konkret erwiesen; hier kann die spezialpräventive Notwendigkeit
der Freiheitsstrafe immerhin mit Fakten (Vorstrafen, Rückfälle) rational begründet
werden (BSK StGB I-Mazzucchelli, Art. 41 N 39a). Grundsätzlich gilt, dass die
Strafe umso schwerer ausfällt, je grösser das Verschulden ist (Mathys, Leitfaden
Strafzumessung, N 351).
4.2.6.5. Zwar kommt das Gutachten zum Schluss, dass die kurz-, mittel- und
längerfristige Wahrscheinlichkeit neuerlicher vergleichbarer Tathandlungen an
sich hoch sei. Jedoch resultiert diese legalprognostische Belastung in entschei-
dendem Ausmass aus den krankheitsbedingten Erlebens- und Verhaltensbereit-
schaft des Beschuldigten und nicht etwa aus einer persönlichkeitskennzeichnen-
den Gewaltbereitschaft oder dissozialer Haltung (Urk. D1/7/9 S. 115 f.). Die hohe
Rückfallgefahr ist somit auf die krankheitsbedingte Einschränkung der Steue-
rungsfähigkeit zurückzuführen. Die Anordnung einer Freiheitsstrafe gestützt auf
Art. 41 Abs. 1 lit. a StGB rechtfertigt sich deshalb nicht.
4.2.6.6. Eine Freiheitsstrafe kann ferner ausgesprochen werden, wenn eine Geld-
strafe voraussichtlich nicht vollzogen werden kann. Das Bundesgericht legt die
Voraussetzungen der Negativvollstreckungsprognose restriktive aus. Eine negati-
ve Vollstreckungsprognose ist nur mit Zurückhaltung anzunehmen, nicht zuletzt,
weil bei nicht Bezahlung der Geldstrafe an ihre Stelle die Ersatzfreiheitsstrafe tritt
(Art. 36 Abs. 1 StGB). Es besteht also kein Grund, den Entscheid über die Ersatz-
- 14 -
freiheitsstrafe vorzuverlegen, es sei denn, die fehlende Vollstreckbarkeit ist offen-
sichtlich (BSK StGB-Mazzucchelli, Art. 41 N 42a f.). Das Fehlen eines den Not-
bedarf überschiessenden Betrages macht die Vollstreckungsprognose nicht ohne
Weiteres negativ. Auch bei Mittellosigkeit darf die Vollziehbarkeit einer Geldstrafe
nicht ohne Weiteres als unwahrscheinlich gelten. Die Geldstrafe steht nämlich
auch für Mittellose zur Verfügung (BGE 134 IV 60).
4.2.6.7. Der Beschuldigte lebt in der Schweiz und bezieht eine IV-Rente und
Zusatzleistungen (Urk. 71/1). Er verfügt somit über ein regelmässiges Einkommen
und hat sodann keine Schulden (Urk. 71/1). Von einer zum Vornherein offensich-
tlicher Uneinbringlichkeit der Geldstrafe kann deshalb nicht ausgegangen werden.
4.2.6.8. Es ist somit sowohl für die fahrlässige Körperverletzung als auch für die
einfache Körperverletzung je eine Geldstrafe auszufällen. Ausgehend von der
Einsatzstrafe von 25 Tagessätzen für die fahrlässige Körperverletzung ist diese
Strafe für die einfache Körperverletzung in Anwendung des Asperationsprinzips
(Art. 49 Abs. 1 StGB) um 15 Tagessätze zu erhöhen und die Gesamtstrafe auf
40 Tagessätze festzusetzen.
4.2.7. Höhe des Tagessatzes
4.2.7.1. Die Höhe des Tagessatzes richtet sich nach den persönlichen und
wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters im Zeitpunkt des Urteils, namentlich
nach Einkommen und – soweit er davon lebt – Vermögen, ferner nach seinem
Lebensaufwand, allfälligen Familien- und Unterstützungspflichten und nach dem
Existenzminimum (Art. 34 Abs. 2 StGB). Ausgangspunkt für die Tagessatzbe-
rechnung ist das Einkommen, das dem Täter durchschnittlich an einem Tag zu-
fliesst. Abzuziehen ist, was gesetzlich geschuldet ist oder dem Täter wirtschaftlich
nicht zufliesst, so etwa die laufenden Steuern und die obligatorischen Versiche-
rungsbeiträge. Ausserdem ist das Nettoeinkommen um die Unterhalts- und Unter-
stützungsbeiträge zu reduzieren, soweit der Verurteilte ihnen tatsächlich nach-
kommt. Nicht zu berücksichtigen sind Schulden und in der Regel auch nicht die
Wohnkosten (BGE 134 IV 60 E. 6.).
- 15 -
4.2.7.2. Der Beschuldigte ist IV-Rentner und bezieht nebst seiner IV-Rente in Hö-
he von Fr. 1'580.– Ergänzungsleistungen in Höhe von Fr. 1'875.– (Urk. 38 S. 9;
Urk. 74/1-2). Er ist als ehrenamtlicher Buchhalter bei der reformierten Kirche ...
[Ortschaft] tätig. Eine bezahlte Arbeitsstelle hat er schon seit längerem nicht mehr
inne (Urk. 38 S. 10 f.; Urk. 71/1; Urk. 157 S. 1 f.). Der Beschuldigte ist seit 2004 in
psychiatrischer, insbesondere pharmatherapeutischer Behandlung (Urk. 7/9 S. 34
ff.). Seit 2015 sind zwölf Hospitalisationen im Sanatorium Kilchberg bekannt
(Urk. D1/7/9 S. 34 ff.). Der Beschuldigte lebt ansonsten alleine. Er ist nicht ver-
heiratet und hat keine Kinder. Sodann hat der Beschuldigte weder Vermögen
noch Schulden (Urk. 71/1; Urk. 157 S. 1 ff.).
4.2.7.3. Gestützt auf die finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten erscheint ein
Tagessatz von Fr. 30.– als angemessen.
4.2.8. Der Beschuldigte ist somit mit einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu
Fr. 30.– zu bestrafen. Die Untersuchungshaft ist mit 2 Tagen auf die Geldstrafe
anzurechnen (Art. 51 StGB).
4.3. Tätlichkeiten
4.3.1. Der Beschuldigte hat sich sodann der mehrfachen Tätlichkeiten im Sinne
von Art. 126 Abs. 1 StGB schuldig gemacht (Urk. 54 S. 38). Tätlichkeiten im Sinne
von Art. 126 Abs. 1 StGB sind Übertretungen und mit Busse bedroht (Art. 103
StGB). Das Gericht bemisst die Busse je nach den Verhältnissen des Täters so,
dass dieser die Strafe erleidet, welche seinem Verschulden angemessen ist. Bei
der Bemessung der Busse und der festzusetzenden Ersatzfreiheitsstrafe sind so-
dann auch die finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten, namentlich Einkom-
men und Vermögen, der Familienstand und die Familienpflichten sowie Beruf, Al-
ter und Gesundheit zu berücksichtigen (Art. 106 Abs. 3 StGB; BGE 129 IV 6
E. 6.1).
4.3.2. Der Beschuldigte schlug auf die Privatklägerin 2 ein und trat mit einem Fuss
ein oder zweimal leicht gegen deren Hüfte/Oberkörper. Anschliessend drückte er
der Privatklägerin sein Knie während weniger Minuten gegen den Kopf. Die Pri-
- 16 -
vatklägerin 2 erlitt durch diese Gewalteinwirkungen keine Verletzungen mit
Krankheitswert. Der Beschuldigte war sodann bezüglich dieser Delikte von An-
fang an geständig. Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte
auch diese Taten im Zustand einer bis schwergradig verminderten Schuldfähigkeit
beginn, die zu einer deutlichen Relativierung des Verschuldens führt.
4.3.3. Insgesamt ist in Würdigung aller relevanter Strafzumessungsgründe von
einem sehr leichten Verschulden des Beschuldigten auszugehen. Es rechtfertigt
sich deshalb, die Busse auf Fr. 200.– und die Ersatzfreiheitsstrafe im Falle der
Nichtbezahlung auf 2 Tage festzusetzen. Mangels Gleichartigkeit der Strafe
kommt eine Asperation nach Art. 49 Abs. 1 StGB nicht in Frage.
4.4. Vollzug der Strafe
4.4.1. Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe
von höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht
notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder
Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). Materiell wird das Fehlen einer un-
günstigen Prognose vorausgesetzt, wobei die günstige Prognose vermutet wird.
Für die Gewährung des bedingten Vollzuges genügt es, dass keine Befürchtung
besteht, der Täter werde sich in Zukunft nicht bewähren. Zur Beurteilung ist eine
Gesamtwürdigung aller Umstände vorzunehmen, wobei insbesondere Vorleben,
Leumund, Charaktermerkmale und Tatumstände einzubeziehen sind (Trechsel/
Pieth, in: PK StGB, 3. Aufl. 2018, N 7 f. zu Art. 42 StGB).
4.4.2. Im Rahmen der Strafzumessung wurde die Strafe des Beschuldigten auf
40 Tagessätze festgesetzt, womit die objektiven Voraussetzungen zur Gewäh-
rung des bedingten Strafvollzuges erfüllt sind. Wie nachfolgend noch zu zeigen
sein wird, ist (unstrittig) eine Massnahme anzuordnen, da die Strafe allein nicht
geeignet ist, der Gefahr weiterer Straftaten des Beschuldigten zu begegnen. Das
Gutachten attestiert dem Beschuldigten kurz-, mittel- und längerfristig eine ver-
hältnismässig hohe Rückfallgefahr für einfache Körperverletzungen und eine recht
hohe Wiederholungswahrscheinlichkeit für Stalking-ähnliches Verhalten (Urk.
D1/7/9 S. 101 ff., S. 115 f.). Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesge-
- 17 -
richts ist der bedingte (oder teilbedingte) Aufschub einer gleichzeitig mit einer
Massnahme ausgefällten Strafe ausgeschlossen, da die Anordnung der Mass-
nahme zugleich eine ungünstige Prognose bedeutet. Dies gilt nach der Recht-
sprechung auch, wenn eine ambulante Massnahme ausgesprochen wird (BGE
135 IV 180 E. 2.3).
4.4.3. Der Vollzug der Geldstrafe ist dementsprechend nicht aufzuschieben.
Sodann ist die Busse (von Gesetzes wegen) zu vollziehen (Art. 42 Abs. 1 StGB
e contrario).
4.5. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Beschuldigte mit
einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 30.– sowie mit einer Busse von
Fr. 200.– zu bestrafen ist. Dabei sind 2 Tagessätze durch Haft abgegolten.
5. Massnahme
5.1. Bezüglich Anklagesachverhalt B handelte der Beschuldigte im Zustand der
nicht selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit. Trotz tatbestandsmässigen Ver-
haltens darf bei fehlender Schuld keine Strafe ausgefällt werden. Zwar ist der Tä-
ter nicht strafbar, es können indessen bei erfüllten Voraussetzungen die im Ge-
setz vorgesehenen Massnahmen nach den Art. 59 ff. StGB angeordnet werden
(Art. 19 Abs. 1 und 3 StGB und Art. 374 Abs. 1 StPO). Wie bereits ausgeführt,
handelte der Beschuldigte bezüglich der ihm im Anklagesachverhalt A vorgewor-
fenen Taten sodann im Zustand einer bis schwergradig verminderten Schuldfä-
higkeit.
5.2. Nach Art. 56 StGB ist eine Massnahme anzuordnen, wenn eine Strafe al-
lein nicht geeignet ist, der Gefahr weiterer Straftaten des Täters zu begegnen, ein
Behandlungsbedürfnis des Täters besteht und die öffentliche Sicherheit dies
erfordert und die Voraussetzungen der einzelnen Massnahmen erfüllt sind. Die
Anordnung einer Massnahme setzt weiter voraus, dass der mit ihr verbundene
Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Täters im Hinblick auf die Wahrschein-
lichkeit und Schwere weiterer Straftaten nicht unverhältnismässig ist (Art. 56
StGB).
- 18 -
5.3. Die Vorinstanz ordnete für den Beschuldigten eine stationäre Massnahme
(Behandlung der paranoiden Schizophrenie) an (Urk. 54 S. 34, S. 38). Der Be-
schuldigte beantragt im vorliegenden Berufungsverfahren wie schon vor Vo-
rinstanz die Anordnung einer ambulanten Massnahme verbunden mit Auflagen.
Er macht geltend, dass eine stationäre Massnahme eine überaus schwerwiegen-
de und einschneidende Massnahme in seine persönliche Freiheit darstellen wür-
de, würde er doch bis zu fünf Jahre (mit theoretisch möglicher Verlängerung) psy-
chiatrisch "weggesperrt" und mit Medikamenten "stillgelegt". Da er kein gefährli-
cher Täter sei, vor dem die Öffentlichkeit geschützt werden müsse, und die An-
lasstaten eine solch einschneidende Massnahme nicht rechtfertigen würden, sei
eine Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB nicht verhältnismässig. Das Gutach-
ten überzeuge diesbezüglich überhaupt nicht. Es sei in aller Deutlichkeit darauf
hinzuweisen, dass er seit rund 15 Jahren mit der Diagnose der paranoiden Schi-
zophrenie lebe, und dass er mit Ausnahme der einen Tat am 16. Februar 2018
nie und zu keinem sonstigen Zeitpunkt je gewalttätig in Erscheinung getreten sei.
Seit dem Frühling 2019 habe er sich sehr positiv entwickelt. Im Rahmen des letz-
ten Aufenthalts in der geschlossenen Abteilung habe er wegen seiner Klaustro-
phobie eine depressive Episode entwickelt. Der geschlossene Rahmen sei für ihn
in keiner Weise geeignet, ihm die entsprechend benötigte Hilfe anzubieten
(Urk. 43 S. 6 ff.; Urk. 158 S. 2, S. 6 ff.).
5.4. Es wird seitens des Beschuldigten nicht in Frage gestellt, dass im Tatzeit-
punkt eine schweren psychische Störung im Sinne von Art. 59 StGB vorgelegen
hat und eine Solche auch nach wie vor vorliegt, dass die in schwerem Grade aus-
geprägte paranoide Schizophrenie gleichermassen eine kausale Bedeutung für
die von ihm begangenen Straftaten hat (Urk. 43 S. 5), er Hilfe braucht (Prot. I
S. 34; S. 41) und eine Massnahme anzuordnen ist (Urk. 43 S. 5; Urk. 158 S. 7;
Urk. 192). Strittig ist (einzig), ob eine stationäre oder ambulante Massnahme an-
zuordnen ist und ob eine stationäre Massnahme verhältnismässig ist.
5.5. Für die Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme ist er-
forderlich, dass der Täter psychisch schwer gestört ist, sein Verbrechen oder Ver-
gehen im Zusammenhang mit seiner psychischen Störung steht und im Zeitpunkt
- 19 -
des Entscheids die hinreichende Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich durch eine
solche Behandlung über die Dauer von fünf Jahren die Gefahr von weiteren, mit
der psychischen Störung in Zusammenhang stehenden Taten deutlich verringern
lässt (Art. 59 Abs. 1 StGB). Gemäss Art. 63 Abs. 1 StGB kann das Gericht, wenn
der Täter psychisch schwer gestört ist, anordnen, dass er nicht stationär, sondern
ambulant behandelt wird, wenn er eine mit Strafe bedrohte Tat verübt, die mit
seinem Zustand in Zusammenhang steht und wenn zu erwarten ist, dadurch lasse
sich der Gefahr weiterer mit dem Zustand des Täters in Zusammenhang stehen-
der Taten begegnen. Sind mehrere Massnahmen in gleicher Weise geeignet, ist
aber nur eine notwendig, so ordnet das Gericht diejenige an, die den Täter am
wenigsten beschwert (Art. 56a Abs. 1 StGB).
5.6. Das Gerichts stützt sich bei seinem Entscheid über die Anordnung einer
stationären oder einer ambulanten Massnahme zur Behandlung psychischer
Störungen nach Art. 59 und 63 StGB auf eine sachverständige Begutachtung
(Art. 56 Abs. 3 StGB). Es würdigt das Gutachten grundsätzlich frei. In Fachfragen
darf es aber nicht ohne triftigen Gründe von diesem abweichen und muss Ab-
weichungen begründen (BGE 136 II 539).
5.6.1. Bereits im Rahmen der Strafuntersuchung wurde von der Staatsanwalt-
schaft bei Dr. med. D._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ein
Gutachten in Auftrag gegeben. Dieses Gutachten (Urk. D1/7/9) ist sehr ausführ-
lich, inhaltlich detailliert und differenziert sowie in sich schlüssig. Sodann ergibt
sich aus dem Gutachten – entgegen dem Standpunkt der Verteidigung – ohne
weiteres und nachvollziehbar, warum der Gutachter (initial) die Anordnung einer
stationären Massnahme als unumgänglich betrachtet.
5.6.2. Das Gutachten hält fest, dass der Beschuldigte aktuell und tatzeitrelevant
an einer in schwerem Grade ausgeprägten paranoiden Schizophrenie gelitten ha-
be und immer noch leide. Gekennzeichnet sei sie auf der Symptomebene durch
Ich-Störungen im Sinne der Gedankenausbreitung, der Ich-Konsistenzstörung,
der Ich-Demarkationsstörung (als Form eines Depersonalisationserlebens), einer
Störung der Ich-Identität (mit transitivistischem und appersonierenden Erleben)
und eines Derealisationserlebens, durch wahnhaftes Erleben mit Wahnwahrneh-
- 20 -
mungen, Wahnstimmung, Wahneinfällen, ausgeprägter Wahndynamik, Bezie-
hungs-, Beeinträchtigungs-, Verfolgungs- und Grössenwahn mit ausgeprägter
Systematisierung, durch halluzinatorisches Erleben insbesondere im Sinne von
Körperhalluzinationen, durch formale Denkstörungen insbesondere im Sinne der
Inkohärenz, von Sperrungen, Vorbeireden und Gedankengedrängen und eine
durchgängige, durch das Krankheitserleben bestimmte Veränderung des sozialen
Verhaltens und der sozialen Leistungsfähigkeit. Seit ungefähr Ende 2017 sei wie-
der von einer Verschärfung der psychopathologischen Symptomatik zu sprechen,
ohne dass die jetzt gehäuften, vom Beschuldigten gewünschten und meist sehr
kurz dauernden Hospitalisationen mit einer Verbesserung seiner Compliance und
Therapieadhärenz verbunden gewesen seien (Urk. D1/7/9 S. 92 f.).
5.6.3. Das Gutachten führt sodann an, dass die statistische Rückfallrate für
einfache Körperverletzungen verhältnismässig hoch sei. Bezogen auf das Stal-
king-ähnliche seines Verhaltens müsse auch hier eine recht hohe statistische
Wiederholungswahrscheinlichkeit gesehen werden (Urk. D1/7/9 S. 101 ff.). Be-
züglich Massnahmeindikation hält das Gutachten fest, dass eine geeignete Be-
handlung unter Berücksichtigung der bisherigen Behandlungserfahrungen initial
durch eine längere stationäre Behandlung mit nicht nur psychopharmakologi-
schem (es bestehe insbesondere eine Indikation für die Anwendung des Neuro-
leptikums Clozapin, das allerdings nicht als Depotpräparat zur Verfügung stehe,
während dies z.B. für Olanzapin der Fall sei), sondern darüber hinaus multimoda-
lem Therapieansatz gekennzeichnet sei. Bei nachgewiesener entscheidender
Besserung der Störung, verlässlicher Compliance und deutlich verbesserter The-
rapieadhärenz habe eine langfristige Behandlungsfortführung in einem ambulan-
ten Rahmen zu folgen. Die Anordnung einer stationären therapeutischen Mass-
nahme im Sinne von Art. 59 StGB und deren Durchführung in einer forensisch-
psychiatrischen Fachklinik erscheine den vorliegenden Anforderungen an eine
geeignete Behandlung – nicht zuletzt auch auf dem Hintergrund der Erfahrungen,
die anlässlich therapeutischer Bemühungen in der Vergangenheit gewonnen wor-
den seien (ungenügende Hospitalisationsdauer, ungenügende Medikation, unge-
nügende Compliance und Therapieadhärenz) – und der sich stellenden gesund-
heitlichen und legalprognostischen Problematik angemessen. Aus gutachterlicher
- 21 -
Sicht sei festzuhalten, dass nur eine solche Behandlung geeignet sei, den sich
vorliegendenfalls stellenden therapeutischen Erfordernissen und dem Ziel einer
Verbesserung der Legalprognose zu genügen. Eine bloss ambulante Behandlung
stelle sich auf dem Hintergrund der bisherigen Therapieerfahrungen und auch der
aktuellen Einstellungen des Beschuldigten als klar ungenügend dar. Die Möglich-
keit einer strafvollzugsbegleitenden ambulanten Behandlung sei aus gutachterli-
cher Sicht nicht zu sehen, dies schon aufgrund des Missverhältnisses zwischen
allenfalls vorstellbarer Dauer einer vollziehbaren Freiheitsstrafe und notwendiger
Dauer jeder beim Beschuldigten sinnvollen Behandlung. Möglichkeiten der prakti-
schen Durchführung einer Massnahme würden sich für die initial stationäre Be-
handlung in einer forensisch-psychiatrischen Fachklinik, wie z.B. der Forensisch-
Psychiatrischen Klinik Rheinau, ergeben (Urk. D1/7/9 S. 118 f.).
5.6.4. Das Gutachten hält nachvollziehbar fest, dass die Einsicht des Beschuldig-
ten in die bei ihm vorliegende psychiatrische Erklärung trotz jahrelanger therapeu-
tischer Versuche und psychoedukativer Bemühungen, ihm eine solche Einsicht zu
ermöglichen, fehle. Zwar negiere er nicht, psychisch krank zu sein, sehe aber die
Begründung, warum bei ihm die Diagnose einer Schizophrenie gestellt werde, als
nicht zutreffend an. Den krankhaften Charakter seines Erlebens, das zu stören-
dem Verhalten führe und schwerwiegende Auswirkungen auf seine allgemeinen
Lebensvollzüge und seine soziale Situation habe, anerkenne er nicht, indem er
sein Verhalten eben mit dem als berechtigt und als Ausdruck der Wirklichkeit er-
lebten Wahn und dem lebensgefährlichen und bösartigen Tun seiner näheren o-
der ferneren Umgebung begründe. Die Selbstdarstellung des Beschuldigten sei
nur in Grenzen offen: Erklärtermassen verschweige er – insbesondere auch im
Rahmen stationärer Behandlungen – die subjektive Bedeutung seines tatsächli-
chen Erlebens, wenn es zum Beispiel darum gehe, das eigene Ziel eines raschen
Austritts zu erreichen. So könne er sich in dissimulierender Art als im Sinne der
therapeutischen Zielsetzung gebessert und weniger belastet beschreiben und
darstellen. Er verhalte sich auch insoweit bagatellisierend und abwehrend, als er
ein scheinbares Mass an Einsicht (bei fortbestehender Symptomatik) zeigen kön-
ne, das ihm helfe, an sich indizierte Behandlungsmassnahmen zu vermeiden, und
durch das er sich insbesondere auch eine Massnahme des Erwachsenenschut-
- 22 -
zes im Sinne einer Fürsorgerischen Unterbringung ersparen könne (Urk. D1/7/9
S. 101 ff.).
5.6.5. Der Gutachter weist sodann darauf hin, dass der Beschuldigte im Rahmen
seines bagatellisierenden und dissimulierenden Verhaltens jede aggressive Ver-
haltensbereitschaft von sich weise und ein aggressiv-gespanntes und auch dro-
hendes Verhalten negiere. Es würden sich hier – insbesondere im Zusammen-
hang mit der Krankheitssymptomatik selbst – mangelnde Frustrationstoleranz und
auch impulsiv anmutende Verhaltenszüge zeigen. Eine Auseinandersetzung mit
den ihm vorgeworfenen Tathandlungen finde kaum statt. Erkennbar sei das Be-
dauern über die gleichzeitig dann auch bagatellisierte Tathandlung gegen seine
Schwester, und in Hinblick auf die Privatklägerin 1 sei die Bedeutung seines
wahnhaften Erlebens so ausgeprägt, dass es bei gleichzeitiger Versicherung, der
Privatklägerin 1 nie etwas Böses antun zu können, seine Beschäftigung mit dem
eigenen Tatverhalten dominiere (Urk. D1/7/9 S. 104). Reale Therapiemöglichkei-
ten würden sich angesichts einer nicht hinreichenden Behandlungsbereitschaft,
einer ungenügenden Compliance, der Bagatellisierungs- und Dissimulationsten-
denz des Beschuldigten als eingeschränkt erweisen. Die realen Therapiemöglich-
keiten hätten sich in der Vergangenheit auch deshalb eingeschränkt erwiesen, als
seitens der Kliniken keine gesetzliche Möglichkeit gesehen worden sei, das the-
rapeutisch Indizierte auch durchzusetzen. Unter diesen Gesichtspunkten würden
sich heute reale Therapiemöglichkeiten initial am ehesten in einer für die Behand-
lung schizophrener Krankheitszustände geeignete forensische Fachklinik (und un-
ter den Bedingungen einer strafrechtlich geschützten Behandlungsanordnung)
und einer späteren, verpflichtenden ambulanten Weiterbehandlung ergeben (Urk.
D1/7/9 S. 105 f.).
5.6.6. Der Gutachter verweist sodann auf die Ablehnung insbesondere einer
indizierten langfristigen medikamentösen Behandlung durch den Beschuldigten
und die Unverbindlichkeit seiner ambulanten Behandlungsbereitschaft sowie die
krankheitsbedingt fehlende Bereitschaft, sich mit der eigenen Störung und ihrer
therapeutischen Beeinflussbarkeit (und mit den Chancen einer Behandlung)
realitätsgerecht auseinanderzusetzen. Von einer offenen, guten und vertrauens-
- 23 -
vollen Bindung an die Therapeuten könne trotz der Bedeutung, die der Beschul-
digte den ambulanten Konsultationen beigemessen habe, schon deshalb nicht
gesprochen werden, weil der Beschuldigte zwar auch dort über sein Krankheitser-
leben berichtet habe, gleichzeitig aber doch die Bedeutung der Erkrankung für
seine Lebensvollzüge und gezeigte Verhaltensauffälligkeiten zum Teil negiert,
zum Teil bagatellisiert habe (Urk. D1/7/9 S. 106).
5.6.7. Schliesslich weist der Gutachter darauf hin, dass die Einbindung des
Beschuldigten in die Familie, soweit erkennbar, zunehmend brüchig werde. Er
verfüge über keine tragfähige Partnerschaft, und seine sozialen Kontakte seien
zum Teil durch krankheitsbestimmtes Verhalten charakterisiert. Er verfüge über
keine konkreten und realistischen Pläne zur Lebensgestaltung und verfüge über
keine geregelte Tagesstruktur. Zwar sei Unterstützung möglich, doch zeige er
keine hinreichende Bereitschaft zur (therapeutischen) Mitarbeit. Von guten Kon-
trollmöglichkeiten lasse sich nicht sprechen, doch sei ihm der Zugang zu jenen
Adressaten eines belästigenden Verhaltens, zu denen eine hochspezifische Be-
ziehung bestehe, durch Rayon-, Annäherungs- und Kontaktverbote insofern er-
schwert, als er in der Vergangenheit durchaus gezeigt habe, dass er solchen Ver-
boten weitgehend, aber nicht zuverlässig zu folgen suche. Trotz ambulanter Be-
handlung und kurzdauernder Hospitalisationen sei angesichts der klar ungenü-
genden Behandlung von einer fehlenden langfristigen Nachsorge zu sprechen
(Urk. D1/7/9 S. 106). Der Beschuldigte sei heute nicht mehr zuverlässig in ein
prosoziales und unterstützendes soziales Netzwerk eingebunden. Er verfüge über
keine stabile intime Beziehung von guter Qualität, und obwohl ihm professionelle
Hilfe angeboten werde und er sie auch verhältnismässig regelmässig in Anspruch
nehme, verhindere er durch seine Haltung, dass sie für seine persönliche Situati-
on tatsächlich geeignet scheine. Der Beschuldigte lebe allein in einer nicht über-
wachten Wohnsituation, und eine Aufsicht sei nicht vorhanden (Urk. D1/7/9 S.
115).
5.6.8. Der Beschuldigte verwies vor Vorinstanz für seinen Standpunkt auf den
Therapiebericht über die bei Dr. F._ ambulant geführte Therapie. Dieser Be-
richt zeige auf, dass er – nach einem rund fünfwöchigen stationären Aufenthalt –
- 24 -
durch die ambulant geführte Therapie in überaus erfreulicher Art und Weise habe
stabilisiert werden können. Der Bericht bestätige, dass er sich der Notwendigkeit
der Medikamente voll bewusst sei, diese laborchemisch nachweislich einnehme
und die Termine bei Dr. F._ verlässlich und regelmässig wahrnehme. Aus
Sicht von Dr. F._ sei er seit Monaten für sein Umfeld in jeder Hinsicht trag-
und zumutbar, da dieser keine wesentliche Fremdgefährdung erkenne und da
zum jetzigen Zeitpunkt für eine Resozialisierung mit Hilfe der Weiterführung der
ambulanten Therapie beste Voraussetzungen vorhanden seien. Die unmissver-
ständliche klare Zielsetzung der langfristig ausgelegten Therapie sei eine Verhin-
derung einer erneuten Zuspitzung von psychotischen Symptomen und eine Ver-
zerrung der Realitätswahrnehmung. Dr. F._ empfehle unmissverständlich die
Weiterführung der bei ihm laufenden und bereits erfolgreich verlaufenden Thera-
pie. Eine stationäre Massnahme halte er für nicht sinnvoll (Urk. 43 S. 8 mit Ver-
weis auf Urk. 35).
5.6.9. Trotz des von der Vorinstanz angeordneten und vom Beschuldigten nicht
angefochtenen Kontakt- und Rayonverbots sowie des bestehenden zivilrechtli-
chen Kontaktverbotes versuchte der Beschuldigte am 25. Mai 2020 die Privatklä-
gerin 1 telefonisch an ihrem Arbeitsort zu kontaktieren (Urk. 105, Urk. 107). Be-
reits am 5. Mai 2020 sandte der Beschuldigte der Staatsanwaltschaft sowie den
Eltern der Privatklägerin 1 ein Schreiben mit dem Betreff "Anschlag auf Frau
B._ in Zürich, H._-platz" (Urk. 102, Urk. 104). Am 20. Juli 2020 passte
der Beschuldigte die Privatklägerin 1 sodann gegenüber von ihrem Wohnort ab,
weil er der Meinung war, dass die Welt untergehen würde und die Privatklägerin 1
daran mitschuldig sei, und liess, obwohl von der Privatklägerin 1 hierzu aufgefor-
dert, nicht von ihr ab. Im Verlaufe des Abends tauchte der Beschuldigte sodann
noch weitere Male bei ihrem Wohnort auf (Urk. 125 und Urk. 127/1). Weiter sand-
te der Beschuldigte der Privatklägerin 1 im August 2020 eine Karte (Urk. 138).
Dieses Verhalten des Beschuldigten widerlegte die Einschätzung von Dr.
F._, dass die ambulante Therapie erfolgreich verlaufe und der Beschuldigte
für sein Umfeld in jeder Hinsicht trag- und zumutbar sei. Es bestätigte jedoch die
Einschätzung des amtlich bestellten Gutachters, dass der Beschuldigte – zum
damaligen Zeitpunkt – im Rahmen eines ambulanten Settings ungenügend be-
- 25 -
treut ist. Aufgrund dieses Verhaltens des Beschuldigten ist ernsthaft in Frage ge-
stellt, dass der Beschuldigte – trotz eines fünfwöchigen stationären Aufenthalts
anfangs 2019 (vgl. Urk. 35) – im Rahmen der ambulanten Therapie genügend hat
stabilisiert werden können, er die notwendigen Medikamente regelmässig ein-
nimmt und die Notwendigkeit dieser regelmässigen Medikamenteneinnahme ein-
sieht.
5.6.10. Dr. F._ hielt sodann fest, dass er eine stationäre Massnahme nicht
für sinnvoll erachte. Er führte jedoch nicht an, dass ein stationärer Aufenthalt dem
Massnahmeziel zuwiderlaufen würde. Er führte auch nicht aus, warum er eine
stationäre Behandlung als nicht sinnvoll erachtet. Der Therapiebericht von Dr.
F._ vermag das sehr ausführlich begründete und in sich schlüssige Gutach-
ten nicht in Frage zu stellen (Urk. 35).
5.6.11. Im Berufungsverfahren verwies die Verteidigung für den Standpunkt des
Beschuldigten insbesondere auf das von der Verteidigung bei med. pract.
G._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie in Auftrag gegebene
Forensisch-Psychiatrische Gutachten vom 10. März 2020 (Urk. 87). Med. pract.
G._ stufte die Feststellung im amtlichen Gutachten, dass zum Tatzeitpunkt
eine chronisch verlaufende paranoide Schizophrenie vorgelegen habe, als korrekt
ein und bestätigte, dass beim Beschuldigten tatzeitnah eine paranoide Schizo-
phrenie mit kontinuierlichem Verlauf vorgelegen habe (Urk. 87 S. 48). Die Rück-
fallgefahr für Gewaltdelikte schätzte der Privatgutachter tatzeitnah als moderat bis
deutlich ein, was bedeute, dass Rückfälligkeit und Rückfallfreiheit etwa gleich
wahrscheinlich seien. Die Rückfallgefahr für einschlägige Nötigungsdelikte schätzt
der Privatgutachter tatzeitnah als deutlich ein, was bedeute, dass Rückfälligkeit
wahrscheinlicher sei als Rückfallfreiheit (Urk. 87 S. 52). Aktuell, d.h. im Zeitpunkt
der Erstellung des Gutachtens im März 2020 erachtete der Privatgutachter aus-
gehend von einem stabilen Zustand des Beschuldigten das Rückfallrisiko für Ge-
waltdelikte kurzfristig als gering und für Nötigung gering bis moderat (Urk. 87
S. 53 ff.). Hierzu ist anzumerken, dass insbesondere die Annahme, dass keine
aktive Wahndynamik mit emotionaler Beteiligung und entsprechendem Handels-
druck betreffend Kontaktaufnahmen zu den beiden Opfern mehr erkennbar ge-
- 26 -
worden sei (Urk. 87 S. 53), nicht mehr zutrifft. Wie ausgeführt (vgl. Ziffer 5.6.9.),
hatte der Beschuldigte im Sommer 2020 mehrmals den Kontakt zu den Privatklä-
gerinnen 1 und 2 gesucht (vgl. Ziffer 5.6.9.), und dies obwohl er bereit gewesen
sein soll, die Olanzapin-Dosis auf 20 mg täglich zu erhöhen (Urk. 87 S. 54). Es ist
deshalb äusserst fraglich, dass die (auch) vom Privatgutachter angenommene
Stabilisierung des Beschuldigten schon im Frühjahr 2020 erzielt werden konnte.
Der Privatgutachter führte denn auch an, dass der Beschuldigte nach wie vor
nicht dazu imstande sei, seine wahnhaften Denkinhalte als pathologisch zu klassi-
fizieren. Sodann hielt der Privatgutachter fest, dass zum Zeitpunkt der aktuellen
Begutachtung und gemäss Angaben des Therapeuten bereits in den Wochen zu-
vor die Wahninhalte beim Beschuldigten wieder etwas mehr in den Vordergrund
gerückt seien und im gutachterlichen Gespräch über den psychischen Zustand
und vor allem auf Konfrontation mit den Delikten hin leicht provozierbar gewesen
seien. Sodann sei der nach wie vor erfolgende – wenn auch eher schwach aus-
geprägte – Cannabiskonsum ungünstig, da dieser das Risiko einer psychotischen
Dekompensation erhöhe (Urk. 87 S. 53). Weiter hielt der Privatgutachter fest,
dass bezüglich der paranoiden Schizophrenie derzeit nicht mehr ein kontinuierli-
cher Verlauf vorliege, sondern eine unvollständige Remission. In Bezug auf seine
Fähigkeiten zur Selbstkontrolle im Sinne von vertieften Kenntnissen der eigenen
Deliktdynamik und eines adäquaten Umgangs mit Risikofaktoren seien wegen der
unveränderten Wahnsymptomatik und der bei ihm nicht vorhandenen Fähigkeit,
diese selbst zu erkennen, noch keine grösseren Fortschritte erreicht worden. Da
die Beschäftigung mit den Anlassdelikten zu einer verstärkten Auseinanderset-
zung mit der Wahnsymptomatik führen könne, sei eine Auseinandersetzung mit
deliktorientierten Therapieinhalten beim Beschuldigten sogar potenziell eher
schädlich als nützlich (Urk. 87 S. 54).
5.6.12. Zur Massnahme führte der Privatgutachter an, dass die Erfahrungen der
letzten zwölf Monate und dabei insbesondere die beim Beschuldigten zumindest
basal gegebene Krankheitseinsicht, die Zuverlässigkeit im Einhalten der Termine
beim Therapeuten, die inzwischen vertrauensvolle Beziehung zwischen Dr.
F._ und dem Beschuldigten, die reduzierte Beschäftigung mit Wahninhalten
und in der aktuellen Krise auch das Ausbleiben einer Wahndynamik, der Verzicht
- 27 -
auf weitere Kontaktaufnahmen mit den Opfern seit mehr als einem Jahr, die über-
prüfte zuverlässige Einvernahme der Medikation und in der aktuellen Krise sein
Einverständnis zur Dosiserhöhung des Olanzapins, das im Falle der Entstehung
einer Wahndynamik des Beschuldigten geäusserten Einverständnis betreffend ei-
ne freiwillige stationäre Behandlung, die inzwischen aufgebaute adäquate Tages-
struktur und die vorhandenen sozialen Kontakte seien als beachtlicher Behand-
lungserfolg zu bewerten. Alle diese Faktoren würden eindeutig dafür sprechen,
dass beim Beschuldigten die derzeitige ambulante Behandlung ausreiche, um
den aktuell vorhandenen Risiken zu begegnen. Probleme würden hingegen noch
in zwei Bereichen bestehen, indem durch die Behandlung lediglich eine unvoll-
ständige Remission mit weiterhin bestehender Wahnsymptomatik habe erreicht
werden können, und der Beschuldigte zudem weiterhin einen potenziell schädli-
chen Konsum von Cannabis betreibe. Bezüglich der Cannabisproblematik beste-
he jedoch gute Chancen, beim Beschuldigten im Rahmen einer gerichtlich ange-
ordneten ambulanten Behandlung durch eine Abstinenzauflage und eine Beschäf-
tigung mit der Problematik im Rahmen der Therapie eine anhaltende Abstinenz
von Cannabis zu erreichen. Dadurch stelle die Cannabisproblematik keinen
Grund dar, um nur eine stationäre Behandlung als Erfolg versprechend anzuse-
hen. Schliesslich wies der Privatgutachter darauf hin, dass eine Wahnsymptoma-
tik und insbesondere ein Wahnsystem mit zunehmender Dauer deren Bestehen
immer schlechter beeinflussbar werde. Das bedeute, dass mittels einer stationä-
ren Massnahme kaum eine anhaltende Verbesserung der Wahnsymptomatik er-
reicht werden könnte. Beim Beschuldigten müsse das Ziel darin bestehen, dass
er sich möglichst gut von den entsprechenden Inhalten distanzieren könne und
insbesondere keine Wahndynamik mit erhöhtem Handlungsdruck aufgrund affek-
tiver Belastungen entwickle. Dementsprechend sei die Chance, dass beim Be-
schuldigten mittels einer längeren stationären Behandlung eine wesentliche Ver-
änderung der Wahnsymptomatik erreicht werden könne, als gering anzusehen,
wodurch sich auch aus der unvollständigen Remission der Schizophrenie keine
Indikation für eine stationäre Behandlung ableiten lasse. Die ursprünglichen Ziele
einer solchen Behandlung seien in Form der Distanzierung vom Wahn, der Ak-
zeptanz der Medikation und der Einstellung des delinquenten Verhaltens bzw. das
- 28 -
sich Halten an das Kontaktverbot bereits erreicht worden. In einer stationären Be-
handlung seien lediglich geringe Vorteile zu sehen. Aus seiner Sicht sei inzwi-
schen eine ambulante Massnahme gemäss Art. 63 StGB ausreichend, um den
vom Beschuldigten ausgehenden Risiken angemessen zu begegnen (Urk. 87
S. 56 ff.).
5.6.13. Sodann reichte die Verteidigung kurz vor der Berufungsverhandlung einen
(neuen) Verlaufsbericht über die Behandlung des Beschuldigten von Dr. med.
F._ vom 15. September 2020 zu den Akten (Urk. 156). Diesem Bericht konn-
te entnommen werden, dass trotz der unvollständigen Remission des Wahns eine
über weite Strecken gute Behandlungscompliance, sehr verlässliche Terminwahr-
nehmung, zumindest teilweise Krankheitseinsicht, vor allem viel Wille zur sozialen
Teilrehabilitation und sozialen Anpassung bestanden habe. Sodann hielt Dr. med.
F._ fest, dass sich der Beschuldigte (nachdem zwischen dem 3. Juli und 21.
Juli 2020 keine Konsultationen stattgefunden hatten) seit 22. Juli 2020 bis ge-
genwärtig im Rahmen einer stationären Behandlung in der Klinik befinde und sich
der Beschuldigte um einen Wiederaufbau von Tagesstruktur und eine Vorberei-
tung seines Austritts aus der Klinik bemühe und freiwillig und verlässlich 15 mg
Olanzapin oral einnehme. Dr. med. F._ sprach sich erneut für eine ambulan-
te Massnahme aus (Urk. 156).
5.6.14. Insbesondere angesichts des von der Verteidigung eingereichten aktuel-
len Verlaufsbericht von Dr. med. F._ und des Umstands, dass seit der Be-
gutachtung durch den amtlich bestellten Gutachter Dr. D._ bereits ca. 1,5
Jahre vergangen sind, kam das Gericht zu Schluss, dass sich aufdränge, hinsicht-
lich der Notwendigkeit einer stationären bzw. einer ambulanten Massnahme eine
erneute Einschätzung durch einen vom Gericht zu beauftragenden Gutachter ein-
zuholen. Entsprechend wurde Dr. D._ mit Gutachtensauftrag vom 12. Okto-
ber 2020 beauftragt, den aktuellen und geistigen Zustand des Beschuldigten zu
beurteilen und zu beantworten, ob er angesichts der neuesten Entwicklungen an
seiner Empfehlung im Gutachten vom 18. Februar 2019 festhalte, wonach der
Beschuldigte stationär therapiert werden müsse, oder der angestrebte Therapie-
erfolg auch im Rahmen einer ambulanten Behandlung – gegebenenfalls mit stati-
- 29 -
onärer Einleitung im Sinne von Art. 63 Abs. 3 StGB – erzielt werden könne
(Urk. 170). Nachdem jedoch in der Folge die Privatklägerin 1 dem Gericht neue
Vorfälle zur Kenntnis brachte (Urk. 171 und Urk. 173) und die Verfahrensleitung
sowohl vom Beschuldigten als auch von externen Stellen mehrfach kontaktiert
worden war, wurde in Anwendung von Art. 389 Abs. 3 StPO beim Dienst Bedro-
hungsmanagement der Stadtpolizei Zürich ein Bericht über die aktuellen dort ak-
tenkundigen Vorfälle eingeholt (Urk. 177 und Urk. 178).
5.6.15. Der Mitteilung der Privatklägerin 1 und dem Bericht des Bedrohungs-
management der Stadtpolizei Zürich vom 9. November 2020 kann entnommen
werden, dass der Beschuldigte im Oktober 2020 zwei Mal gegen das Kontakt-
und Rayonverbot verstiess und er wiederholt bei verschiedenen Behörden/Stellen
Meldungen, die auf die Privatklägerin 1 Bezug nahmen, erstatte und die Privat-
klägerin 1 trotz des stationären Aufenthalts im Sommer/Herbst 2020 und der
ambulanten Therapie bei Dr. med. F._ eine zentrale Rolle in seinen
Wahnvorstellungen einnimmt und sich die Meldungen im Oktober 2020 in einer
beängstigender Weise häuften. Bei der Personenkontrolle am 23. Oktober 2020
wurde sodann beim Beschuldigten ein Rüstmesser in dessen linken Schuh si-
chergestellt. Weiter ergibt sich aus dem Bericht, dass am 23. Oktober 2020 (er-
neut) eine fürsorgerische Unterbringung verfügt wurde (Urk. 173 und Urk. 178).
Dieser folgte eine erneute (lediglich) kurz stationäre Behandlung in der PUK (Urk.
194/2).
5.6.16. Aufgrund dieser aktenkundigen Vorfällen lässt sich offenkundig erkennen,
dass die derzeitige ambulante Behandlung durch Dr. med. F._ nicht ausrei-
chend ist, um den Beschuldigten von seinen Wahnvorstellungen – insbesondere
in Bezug auf die Privatklägerin 1 – und der Kontaktaufnahme zur Privatklägerin 1
abbringen lässt. Vielmehr zeigte sich im Herbst 2020 erneut eine besorgniserre-
gende Häufung von Vorfällen und eine Verwahrlosung des Beschuldigten (vgl.
Eintrag vom 21. Oktober 2020, wonach der Beschuldigte ungepflegt sei und
streng rieche, Urk. 178 S. 3). Eine Stabilisierung und das sich Halten an das Kon-
taktverbot konnte mit der ambulanten Behandlung und dem rund drei bis vier Mo-
naten dauernden stationären Aufenthalt im Sommer/Herbst 2020 gerade nicht
- 30 -
nachhaltig erzielt werden. Bereits im Frühjahr/Sommer 2020 war es nach einem
zunächst erfreulichen Verlauf der ambulanten Therapie zu einer Verschlechterung
des Zustands des Beschuldigten gekommen, der letztlich in einem so grenzwerti-
gen Verlust der Adäquanz von Realitätswahrnehmung, Urteilsfähigkeit und
Selbststeuerung mündete, dass eine Behandlung unter Modalitäten des Fürsorge-
rischen Freiheitsentzugs notwendig geworden war (Urk. 156 S. 3). Eine empfoh-
lene Steigerung der Dosis von Olanzapin oder freiwillige Hospitalisation hatte der
Beschuldigten im Mai 2020 und im Juni 2020 abgelehnt (Urk. 156 S. 3). Vor die-
sem Hintergrund bestätigten die erneuten Vorfälle im Herbst 2020 die Einschät-
zung des amtlichen Gutachters, dass die Einsicht des Beschuldigten in die bei
ihm vorliegende psychiatrische Erklärung trotz jahrelanger therapeutischer Versu-
che und psychoedukativer Bemühungen, ihm eine solche Einsicht zu ermögli-
chen, fehlt und eine ambulante Behandlung selbst verbunden mit kurz dauernden
Hospitalisationen nicht zu einer Verbesserung der Compliance und Therapieadhä-
renz führt. Die Feststellungen des amtlichen Gutachters (Urk. D1/7/9 S. 118) sind
angesichts der neusten Entwicklungen weiterhin nachvollziehbar. Auch vom Pri-
vatgutachter wurde sodann festgehalten, dass durch die bisherige Behandlung
lediglich eine unvollständige Remission mit weiterhin bestehender Wahnsympto-
matik habe erreicht werden können (Urk. 87 S. 56 ff.). Demgegenüber erscheinen
die Feststellungen des Privatgutachters med. pract. G._ in seinem Gutachten
vom 10. März 2020, welcher während der 12 Monate vor der Gutachtenserstat-
tung eine reduzierte Beschäftigung mit Wahninhalten, das Ausbleiben einer
Wahndynamik sowie den Verzicht auf weitere Kontaktaufnahme mit den Opfern
festgestellt hat (Urk. 87 S. 56), nicht (mehr) zutreffend. Sodann wies auch med.
pract. G._ darauf hin, dass eine Wahnsymptomatik und insbesondere ein
Wahnsystem mit zunehmender Dauer deren Bestehen immer schlechter beein-
flussbar werde (Urk. 87 S. 56 ff.). Umso mehr drängt sich – insbesondere auch
unter Berücksichtigung der neusten Vorfälle und nach dem die bisherige Behand-
lung augenscheinlich nicht zielführend ist – die möglichst baldige Aufnahme der
vom amtlichen Gutachter aufgezeigte Massnahme mit initialer stationärer Be-
handlung auf. Sodann weist auch die Verteidigung darauf hin, dass der (vorüber-
gehende) stationäre Klinikaufenthalt in der PUK die Lage wieder verbessert habe,
- 31 -
auch wenn der Beschuldigte unter dem geschlossenen Regime der Behandlung
gelitten habe (Urk. 158 S. 10). Soweit die Verteidigung schliesslich auf den Be-
richt von Dr. med. F._ vom 8. Dezember 2020 verweist (Urk. 194/1), ist fest-
zuhalten, dass auch diesem nichts entnommen werden kann, dass das amtliche
Gutachten in Frage zu stellen vermag. Im Gegenteil hält auch Dr. med. F._
fest, dass sich seit April 2020 eine zunehmende Instabilität, gekennzeichnet vor
allem durch Zunahme von Wahndynamik, weiterhin durch Zunahme von formalen
Denkstörungen und nicht zuletzt durch Enthemmung der Kommunikation der
Wahninhalte zeige (Urk. 194/1 S. 1) und bestätigt damit, dass mit der bisherigen
Therapiebemühungen keine Stabilisierung des Beschuldigten erreicht werden
konnte.
5.6.17. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das Privatgutachten
und die Berichte von Dr. med. F._ das schlüssige und nachvollziehbare amt-
liche Gutachten von Dr. D._ (Urk. D1/7/9) nicht in Frage zu stellen vermögen
und diese keine Entwicklungen aufzeigen können, die ein Abrücken von den
Feststellungen und Schlussfolgerungen im amtlichen Gutachten rechtfertigen
würden. Wie die Vorfälle vom Sommer und die erneuten Vorfälle im Herbst 2020
zeigen, treffen die Ausführungen im amtlichen Gutachten, dass die Selbstdarstel-
lung des Beschuldigten nur in Grenzen offen sei und er ein scheinbares Mass an
Einsicht (bei fortbestehender Symptomatik) zeigen könne, um an sich indizierte
Behandlungsmassnahmen zu vermeiden (Urk. D1/7/9 S. 103), nach wie vor voll-
umfänglich zu. Lediglich unter dem Druck der anstehenden Berufungsverhand-
lung zeigte sich der Beschuldigte kooperativ und bemühte sich, im Kontakt nach
aussen, sich sozial anzupassen und möglichst nirgendwo mit dem Psychotischen
anzuecken (Urk. 87 S. 23). Wie die sich wiederholenden Vorfälle zeigen, fehlt es
jedoch nach wie vor an der erforderlichen Stabilisierung des Zustands des Be-
schuldigten. Auch Dr. F._ hielt denn gegenüber med. pract. G._ fest,
dass sich der Beschuldigte seit Anfang 2020 während der Konsultationen etwas
anders verhalte als zuvor. Die Wahnthemen seien für ihn wichtiger geworden.
Sodann führte er schon damals aus, dass die Delikte mit dem Beschuldigten nicht
vertieft besprochen werden könnten (Urk. 87 S. 31) und kam es nach der (freiwil-
ligen) stationären Behandlung ab Ende Juli bis im Herbst 2020 zu sich häufenden
- 32 -
Vorfällen, wobei einmal sogar ein Rüstmesser beim Beschuldigten sichergestellt
wurde.
5.6.18. Schliesslich kann angemerkt werden, dass Dr. F._ in seinem E-Mail
an med. pract. G._ festhielt, dass er das Gutachten von Dr. D._ durch-
gesehen habe. Dieses sei im Grund gut nachvollziehbar. Es würden sich keine
grob von seinem Bild der Situation abweichenden Einschätzungen finden lassen.
Unter den Behandlungsbedingungen im Stand Dezember 2018 hätten keine aus-
reichende Krankheitseinsicht, keine regelmässige Mitarbeit und letztlich keine
ausreichende Behandlung der zugrunde liegenden Krankheit bestanden, weshalb
eine schlechte Legalprognose bestehe, solange die Erkrankung nicht besser be-
handelt sei. Diese beiden Punkte aus dem Gutachten würden eigentlich stimmen
(Urk. 87 S. 22 f.). Soweit Dr. F._ festhielt, dass sich die Situation seit April
2019 anders darstelle (Urk 87 S. 23), kann auf obige Ausführungen verwiesen
werden. Zu seinem Standpunkt, dass eine stationäre Massnahme aus seiner
Sicht unverhältnismässig in ihrem Ausmass der Beeinträchtigung der alltäglichen
Lebensqualitäten und -freiheiten des Beschuldigten wäre, ist schliesslich festzu-
halten, dass die Verhältnismässigkeit nicht ausschliesslich personenbezogen auf
den Beschuldigten, sondern auch unter Berücksichtigung der Rückfallgefahr und
der dadurch bestehenden Gefährdung seiner potentiellen Opfer zu betrachten ist.
Auf die Verhältnismässigkeit ist nachfolgend zurückzukommen
5.6.19. Zusammenfassend kann abschliessend festgehalten werden, dass auf-
grund der schweren psychischen Störung des Beschuldigten einstweilen einzig
eine Behandlung im Rahmen einer initialen stationären Massnahme geeignet
erscheint und eine solche weiter auch erforderlich ist, um der Gefahr weiterer mit
dem Zustand des Beschuldigten in Zusammenhang stehender Taten zu begeg-
nen.
5.7. Massnahmewilligkeit
5.7.1. Der Beschuldigte widersetzt sich der Anordnung einer stationären Mass-
nahme (Urk. 158 S. 7). Gemäss dem Gutachter ist die Einsicht des Beschuldigten
in die bei ihm vorliegende psychische Störung nicht hinreichend. Demnach setze
- 33 -
sich der Beschuldigte nicht hinreichend mit den eigenen krankheitsbedingten
Verhaltensbereitschaften auseinander, vielmehr bagatellisiere er diese. Eine
stabile Bereitschaft des Beschuldigten, sich einer geeigneten Behandlung zu
unterziehen, bilde sich heute nicht ab. Weiter hält das Gutachten fest, dass es
aus gutachterlicher Sicht aber durchaus vorstellbar sei, dass bei einer zunächst
auch gegen den Willen des Beschuldigten angeordneten Behandlung und bei sich
darunter ergebender Verbesserung seines psychischen Gesundheitszustandes
die Weiterführung der Behandlung einverständig und erfolgversprechend möglich
sein werde (Urk. D1/7/9 S. 117 f.).
5.7.2. Im Einklang mit der forensisch-psychiatrischen Lehre sind an die Thera-
piewilligkeit nicht allzu strenge Anforderungen zu stellen. Statt der Motivation soll-
te von der betroffenen Person in der Anfangsphase lediglich eine gewisse Moti-
vierbarkeit verlangt werden (Urteil des Bundesgerichts 6P.73/2006 vom 29. Juni
2006, E.7.3). Erstes Ziel einer Therapie kann durchaus die Schaffung von Einsicht
und Therapiewilligkeit darstellen, was gerade im Rahmen stationärer Behandlun-
gen auch Aussicht auf Erfolg hat. Zu bedenken ist, dass eine mangelnde Einsicht
gerade zum Krankheitsbild vieler Störungen dazu gehört (BSK StGB I-Heer, Art. 9
N 78 ff.).
5.7.3. Die Massnahmewilligkeit ist gestützt auf die Erkenntnisse des amtlichen
Gutachters deshalb auch für die stationäre Massnahme zu bejahen.
5.8. Verhältnismässigkeit
5.8.1. Eine geeignete und erforderliche Massnahme kann unverhältnismässig
sein, wenn der mit ihr verbundene Eingriff im Vergleich zur Bedeutung des ange-
strebten Ziels unangemessen schwer wiegt. Es ist eine Abwägung vorzunehmen
zwischen dem Eingriff in die Freiheit des Beschuldigten auf der einen Seite und
dessen Behandlungsbedürftigkeit sowie der Wahrscheinlichkeit und der Schwere
weiterer Straftaten auf der anderen Seite (BSK StGB I-Heer, Art. 56 N 36). Ge-
mäss Verhältnismässigkeitsgebot ist bei geringem Verschulden und kurzer Frei-
heitsstrafe unter Umständen trotz Therapiebedürftigkeit von einer Massnahme
abzusehen. Indessen entscheidet gemäss Art. 59 StGB nicht das Strafmass, son-
- 34 -
dern die Frage, ob der mit dem Geisteszustand des Täters zusammenhängenden
Wahrscheinlichkeit schwerer Straftaten mit einer stationären Therapie begegnet
werden kann (BGer 6B_551/2014 vom 15. Juli 2014, E. 3.4).
5.8.2. Die Verteidigung erachtet die stationäre Massnahme als unverhältnismäs-
sig. Sie wendet ein, die stationäre Massnahme käme einer kleinen Verwahrung
gleich (Urk. 43 S. 6). Vom Beschuldigten gehe keine Gefährlichkeit bzw. Fremd-
gefährdung aus, deshalb fehle es von vornherein an der Legitimation und
Verhältnismässigkeit für eine solch überaus einschneidende Massnahme. Der
Beschuldigte zeige nicht die geringste Gewaltbereitschaft (Urk. 158 S. 7 ff.;
Urk. 181; Urk. 184; Urk. 192). Hierzu ist festzuhalten, dass der Gutachter aus-
führt, dass für die beim Beschuldigten vorhandene psychiatrische Störung allge-
meine Therapiemöglichkeiten als gut wirksam bekannt seien. Die Wirksamkeit der
Therapie sei an eine andauernde Medikamentation gebunden. Neben die phar-
makotherapeutische Behandlung würden im Rahmen wirksamer Behandlungen
und im Sinne eines multimodalen Therapieansatzes auch psycho- und soziothe-
rapeutische Verfahren treten, die einerseits auf den Umgang mit krankheitsbe-
dingten Behinderungen, integrative und rehabilitative Möglichkeiten und eine be-
friedigende und erfüllende Lebensführung trotz allenfalls weiter bestehender
krankheitsbedingter Beeinträchtigungen, aber auch auf therapeutische Compli-
ance und insbesondere Adhärenz abzielen würden (psychotherapeutische, kogni-
tive und milieutherapeutische Verfahren seien gleichzeitig auch geeignet, vorbe-
stehende und bestehende psychische und Verhaltensprobleme zu bearbeiten, die
sich als nicht entscheidend durch die Schizophrenie-Erkrankung bestimmt darstel-
len würden). Auch die psycho- und sozialtherapeutische Behandlung sei grund-
sätzlich langfristig angelegt (Urk. D1/7/9 S. 104 f.). Jedoch greift der Gutachter
auch auf, dass nach einer initial in einer für die Behandlung schizophrener Krank-
heitszustände geeignete forensische Fachklinik erfolgten Behandlung eine späte-
re (verpflichtende) ambulante Weiterbehandlung offen stehe (Urk. D1/7/9 S. 106).
Mit der (initialen) stationären Massnahme kann somit darauf hingearbeitet wer-
den, dass dem Beschuldigten langfristig erfolgreich geholfen werden kann – was
bisher aufgrund der vom Beschuldigten immer wieder veranlassten Selbstentlas-
sungen und immer wieder erfolgten Therapieunterbrüchen nicht gelang – und die
- 35 -
Massnahme mittelfristig in eine ambulante Massnahme wird überführt werden
können. Der Gutachter weist denn auch ausdrücklich darauf hin, dass die belas-
tenden prognostischen Faktoren, die unmittelbar oder mittelbar mit der beim Be-
schuldigten zu diagnostizierenden chronischen paranoiden Schizophrenie in Zu-
sammenhang stehen würden, unter der Voraussetzung nicht mehr erkennbar
würden, dass der Beschuldigte erfolgreich behandelt werde und rehabilitative und
integrative Massnahmen wirksam würden, eine ausreichende, wirksame und kon-
trollierte Medikation sichergestellt sei und sich die tatsächliche und entscheidende
Besserung seines Gesundheitszustandes objektivieren lasse (und ihre Einschät-
zung nicht nur auf Angaben des Beschuldigten beruhen würden) (Urk. D1/7/9 S.
117). Schliesslich zeigen die mit seinen Wahnvorstellungen zusammenhängen-
den Versuche des Beschuldigten, insbesondere wiederholt mit der Privatklägerin
1 – trotz bestehendem und von ihm grundsätzlich akzeptierten Kontakt- und Ra-
yonverbot – in Kontakt zu treten, dass der Rückfallgefahr im Rahmen einer nur
ambulanten Behandlung nicht entgegen gewirkt werden kann und das vom Be-
schuldigten absolvierte ambulante Therapiesetting bei Dr. F._ entgegen der
Darstellung der Verteidigung (Urk. 158 S. 7, S. 9 f.) gerade nicht erfolgreich ver-
laufen ist.
5.8.3. Der mit der Massnahme verbundene Freiheitsentzug soll in der Regel
höchstens fünf Jahre dauern (Art. 59 Abs. 4 StGB). Diese Dauer stellt per se ei-
nen erheblichen Eingriff in die persönliche Freiheit dar. Wie die Vorinstanz zutref-
fend festhält, äussert sich das Gutachten nicht explizit zur Länge der initialen sta-
tionären Behandlung. Es spricht lediglich von einer "längeren stationären Behand-
lung" (Urk. D1/7/9 S. 118). Wie ausgeführt und auch die Vorinstanz zutreffend
festhält, sind für schizophrene Erkrankungen wirksame Behandlungsverfahren
bekannt, sodass bei Mitwirkung des Patienten nicht zwingend mit einem langen
geschlossenen stationären Setting gerechnet werden muss und Vollzugslocke-
rungen in absehbarer Zeit nicht ausgeschlossen sind, wenn auch eine ambulante
Nachsorge unverzichtbar sein wird. Beim Beschuldigten besteht – wie ausgeführt
– eine deutlich belastete Legalprognose, wobei mit den Anlasstaten vergleichbare
Straftaten bei ungenügender Behandlung jederzeit wieder möglich sind. Wie die
Vorinstanz zutreffend festhält, hat der Beschuldigte der Privatklägerin 2 nicht un-
- 36 -
erhebliche Verletzungen – insbesondere eine Platzwunde am Hinterkopf – zuge-
fügt, die eine medizinische Versorgung nötig machten und es nur ein glücklicher
Zufall war, dass sich die Privatklägerin 2 nicht gravierendere Verletzungen zuzog.
Es kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 54 S. 33). Das Gefährdungspotential vergleichbarer erneuter solcher Hand-
lungen ist keinesfalls zu unterschätzen. Weiter setzte und setzt sich der Beschul-
digte bis heute wiederholt über die Rayon- und Kontaktverbote hinweg und suchte
(unerlaubt) insbesondere den Kontakt zu Privatklägerin 1 und kann nicht von ihr
ablassen (vgl. Urk. 202, in dem der Beschuldigte ersucht, dass Kontakt- und Ra-
yonverbot aufzuheben). Hierzu kann noch angemerkt werden, dass das Verhalten
des Beschuldigten gegenüber der Privatklägerin 1 keineswegs als lediglich lästig
bezeichnet werden kann. Die Auswirkungen eines nicht endenden Stalkings (Nö-
tigungen) dürfen nicht unterschätzt werden. Ein solches kann zu schweren psy-
chischen Schäden bei den Betroffenen führen. Sodann wurde beim Beschuldigten
bei einem seiner letzten Versuche, Kontakt mit der Privatklägerin 1 aufzunehmen,
ein Messer sichergestellt. Auch wenn der Beschuldigte bis heute gegenüber der
Privatklägerin 1 noch nicht handgreiflich geworden ist, kann die vom Beschuldig-
ten ausgehende Gefahr nicht ausgeblendet werden. So ist nicht nur die physische
sondern auch die psychische Unversehrtheit zu schützen. Von der Bevölkerung
zu verlangen, Stalking und die daraus hervorgehende Gefahr gravierender psy-
chischer Schädigungen trotz Interventionsmöglichkeiten dulden zu müssen, wür-
de denn das Gefühl der Rechtssicherheit der Bevölkerung auch empfindlich be-
einträchtigen. Sodann erachtet der Gutachter auch die Rückfallgefahr für einfache
Körperverletzungen als hoch.
5.8.4. Insgesamt kommt der stationären Behandelbarkeit aufgrund der vom
Beschuldigten ausgehenden Gefahr und der hohen Rückfallgefahr sowohl für
einfache Körperverletzungen als auch für Stalking-ähnliches Verhalten bei der
Interessenabwägung grösseres Gewicht zu als dem Eingriff in die Freiheitsrechte
des Beschuldigten. Vor dem Hintergrund der tatsächlich vorhandenen gut wirk-
samen Behandlungsmöglichkeiten erscheint die Anordnung einer stationären
Behandlung den Anforderungen an eine geeignete Behandlung und der sich
stellenden gesundheitlichen und legalprognostischen Problematik derzeit als an-
- 37 -
gemessen, um die Bereitschaft des Beschuldigten zu fördern, sich der dauerhaf-
ten medikamentösen Therapie zu unterziehen wie auch sich mit der eigenen Stö-
rung und ihrer therapeutischen Beeinflussbarkeit (und mit den Chancen einer Be-
handlung) realitätsgerecht auseinanderzusetzen. Dies erweist sich auch deshalb
mit dem Verhältnismässigkeitsgrundsatz vereinbar, weil gemäss dem psychiatri-
schen Gutachten bei entscheidender Besserung der Störung, verlässlicher Com-
pliance und deutlich verbesserter Therapieadhärenz die Behandlung in einem
ambulanten Rahmen fortgesetzt werden kann (Urk. D1/7/9 S. 106, 118) und dem-
entsprechend die stationäre Massnahme längerfristig in eine ambulante Mass-
nahme wird überführt werden können. Eine Behandlung der Erkrankung des Be-
schuldigten steht sodann in seinem wohlverstandenen Interesse, denn es wird
ihm mit dieser die Möglichkeit geboten, in einem kontrollierten Setting seine schi-
zophrene Erkrankung in absehbarer Zeit mit Aussicht auf Erfolg zu behandeln.
Die sich trotz ambulanter Behandlung und teilweisen kurzen stationären Aufent-
halten im vergangenen Jahr wiederholenden und letztlich sogar häufender Vorfäl-
le bestätigen die Auffassung des amtlichen Gutachters, dass nur eine initial länge-
re stationäre Behandlung (mit psychopharmakologischem und darüber hinaus
multimodalem Therapieansatz) geeignet ist, den sich stellenden therapeutischen
Erfordernissen und dem Ziel einer Verbesserung der Legalprognose zu genügen.
Auch Dr. med. F._ führt – auch wenn er in der Folge in einem gewissen Wi-
derspruch ausführt, dass auch eine längere stationäre Behandlung die Prognose
nicht verbessere und dass eine stationäre Massnahme ungeeignet sei – an, dass
zeitlich begrenzte stationäre Interventionen und Erhöhung der Medikation die Si-
tuation in nützlicher Zeit verbessern können (Urk. 156 S. 4). Sodann weist auch
Dr. med. F._ darauf hin, dass mehrere ungenutzte medikamentöse Optionen
verbleiben würden, die ein realistisches Potential hätten, die Wahndynamik und
die in Krisenzeiten schlechte Abgrenzungsfähigkeit positiv zu beeinflussen (Urk.
194/1 S. 3). Dies stützt die Empfehlung des amtlichen Gutachters, initial eine sta-
tionäre Massnahme anzuordnen, und bestätigt die Annahme, dass diese in ab-
sehbarer Zeit in eine ambulante Massnahme überführt werden kann. Aufgrund
des Scheiterns verschiedener ambulanter und auch kurzfristiger stationärer Inter-
ventionen aufgrund der bisher jeweils fehlenden Verpflichtung des Beschuldigten,
- 38 -
die Behandlung längerfristig weiterführen zu müssen, der krankheitsbedingt teil-
weise fehlenden Krankheitseinsicht und der fehlenden Einbindung und Kontroll-
möglichkeiten steht eine mildere Massnahme zurzeit nicht zur Verfügung. Die An-
ordnung einer stationären Massnahme ist deshalb mit Blick auf das Schutzbe-
dürfnis der Allgemeinheit als grundsätzlich verhältnismässig anzusehen.
5.8.5. Für den Beschuldigten ist somit eine stationäre Massnahme im Sinne von
Art. 59 StGB (Behandlung von psychischen Störungen [paranoiden Schizophre-
nie]) anzuordnen.
6. Kosten- und Entschädigungsfolgen
6.1. Grundsätzlich tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens
nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der
Beschuldigte obsiegt mit seiner Berufung hinsichtlich der Reduktion der Strafe,
unterliegt jedoch bezüglich der anzuordnenden Massnahme.
6.2. Gemäss Art. 419 StPO können auch einer schuldunfähigen Person bei
Einstellung oder Freispruch infolge Schuldunfähigkeit die Kosten auferlegt wer-
den, wenn dies nach den gesamten Umständen als billig erscheint. Vorausset-
zung dafür ist nicht die blosse Zahlungsfähigkeit des Beschuldigten. Vielmehr
müssen seine wirtschaftlichen Verhältnisse so gut sein, dass eine Kostenüber-
nahme durch den Staat stossend erscheinen würde (ZR 89 [1990] Nr. 128
S. 319). Entgegen seinem Wortlaut gilt Art. 419 StPO auch dann, wenn kein Frei-
spruch ergeht, sondern eine Massnahme angeordnet wird. Die Kostenauferlegung
nach Art. 426 Abs. 1 i.V.m. Abs. 5 StPO kommt dagegen nicht zur Anwendung
(BSK StPO-Bommer, Art. 375 N 24).
6.3. Angesichts der finanziellen Verhältnisse und der psychischen Erkrankung
des Beschuldigten rechtfertigt es sich, die Kosten des Berufungsverfahrens inklu-
sive Kosten der amtlichen Verteidigung auf die Gerichtskasse zu nehmen.
6.4. Der amtliche Verteidiger macht nebst seinen eigenen Aufwendungen unter
anderem Auslagen für das von ihm eingeholte Privatgutachten in Höhe von
Fr. 8'223.– geltend (Urk. 92, Urk. 94; Urk. 158 S. 12 ff.).
- 39 -
6.4.1. Im Rahmen der amtlichen Verteidigung sind diejenigen Aufwendungen ent-
schädigungspflichtig, die in einem kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der
Rechte im Strafverfahren stehen, soweit sie notwendig und verhältnismässig sind.
Nicht entschädigt werden eigene Ermittlungen, insbesondere wenn die Vertei-
digung sie durchführt, nachdem die Strafbehörde einen Antrag auf Erhebung der
Beweise abgelehnt hat (vgl. Merkblatt Amtliche Mandate in Strafuntersuchungen
gegen Erwachsene, Version 1.1.2016).
6.4.2. Die Verteidigung stellte in der Berufungserklärung den Antrag, es sei
Dr. med. F._, behandelnder Psychiater des Beschuldigten, als sachverstän-
diger Zeuge zu seinen Empfehlungen für eine ambulante Massnahme im Sinne
von Art. 63 Abs. 1 StGB vor Berufungsinstanz zu befragen (Urk. 56 S. 3). Dieser
Beweisantrag wurde mit Präsidialverfügung vom 23. Dezember 2019 abgewiesen.
Dabei wurde darauf hingewiesen, dass der Beschuldigte nicht geltend macht,
dass das Gerichtsgutachten unvollständig oder unklar sei oder Zweifel an der
Richtigkeit des Gutachtens bestünden und es dem Beschuldigten unbenommen
sei, anlässlich der Berufungsverhandlung einen aktuellen Bericht von Dr. med.
F._ einzureichen und abgelehnte Beweisanträge an der Berufungsverhand-
lung erneut gestellt werden können (Urk. 72). Obwohl das von der Staatsanwalt-
schaft im Rahme der Strafuntersuchung eingeholte Gutachten vom 18. Februar
2019 datiert, veranlasste die Verteidigung mit Schreiben vom 3. Oktober und 5.
November 2019 (vgl. Urk. 87) und damit einerseits nur etwas mehr als ein halbes
Jahr nach dem amtlichen Gutachten und andererseits noch vor Abweisung des
Beweisantrages im Berufungsverfahren ein Parteigutachten bei med. pract.
G._. Dies war vorschnell und unnötig, selbst wenn die Vorinstanz darauf
hinwies, dass von der Stellungnahme von Dr. med. F._ nicht von einem um-
fassenden Bericht der behandelnden Ärzte gesprochen werden könne (Urk. 158
S. 12). Hierzu kann angemerkt werden, dass der vor Vorinstanz eingereichte Be-
richt von Dr. med. F._ tatsächlich sehr kurz gehalten war (Urk. 35 1 Seite).
Dies im Unterschied zu dem im Berufungsverfahren eingereichten mehrseitigen
Verlaufsbericht von Dr. med. F._ (Urk. 156), womit die Verteidigung der "Rü-
ge" der Vorinstanz genügend Nachachtung schenkte. Der (berechtigte) Hinweis
der Vorinstanz rechtfertigt die Einholung eines eigentlichen Parteigutachtens
- 40 -
nicht. Insbesondere da einem solchen bekanntermassen nicht die gleiche Stel-
lung wie einem amtlichen Gutachten einzuräumen ist und dementsprechend
höchstens dazu führen kann, dass eine Ergänzung des amtlichen Gutachtens
einzuholen ist, und solche Gutachten erhebliche Kosten (vorliegend über
Fr. 8'000.–) generieren. Dies ist aber einzig für das Aufzeigen von seither erziel-
ten Fortschritten nicht erforderlich, sondern kann auch mit einem ausführlichen
aktuellen Verlaufsbericht bewirkt werden. Die Gutachtenskosten sind deshalb als
unnötige und unangemessene Kosten zu qualifizieren und nicht zu entschädigen.
Dasselbe gilt für die im Zusammenhang mit dem Parteigutachten getätigten Auf-
wände des Verteidigers (4.11.19 und 12.3.20). Der bis 14. September 2020
(vgl. Urk. 152) zu entschädigende Aufwand beläuft sich dementsprechend auf
1555 Minuten zuzüglich Fr. 231.30 Spesen zuzüglich Mehrwertsteuer (total
Fr. 6'389.85).
6.4.3. Im Übrigen sind die von der Verteidigung ab 15. September 2020 geltend
gemachten Aufwendungen und Kosten angemessen und ausgewiesen
(vgl. Urk. 195/2). Unter zusätzlicher Berücksichtigung des noch nicht geltend
gemachten Aufwands für Urteilstudium und Besprechung des Urteils mit dem
Beschuldigten ist das Honorar der amtlichen Verteidigung für das Berufungsver-
fahren auf insgesamt Fr. 13'800.– (inkl. MWSt.) festzusetzen.