Decision ID: 313eef63-1af6-572b-b732-7783ffa992cb
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reiste am 11. Dezember 2019 in die Schweiz
ein und suchte gleichentags um Asyl nach. Am 16. Dezember 2019 wurde
ihm gemäss Art. 102h Asylgesetz vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31)
eine Rechtsvertretung zugewiesen. Am 19. Dezember 2019 wurden seine
Personalien aufgenommen (PA, SEM-Akten 1058456, A10).
A.b Am 30. Dezember 2019 führte die Vorinstanz mit dem Beschwerdefüh-
rer ein persönliches Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (Neufassung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013;
nachfolgend: Dublin-III-VO) durch. Dabei gab der Beschwerdeführer an, er
sei von «Menschenschleppern» zunächst nach Italien und später nach
Deutschland gebracht worden. In Italien habe er ein Asylgesuch gestellt,
als er aus dem Boot gestiegen sei. Er habe jeweils nachts arbeiten müssen
und sei am Tag eingeschlossen worden. Da er gewisse Dinge nicht habe
machen wollen, habe er Probleme bekommen. In Deutschland sei er vor
den «Menschenschleppern» geflohen und habe ein Asylgesuch gestellt.
Als er einmal vom Zentrum nach draussen gegangen sei, sei er erneut auf-
gegriffen worden und habe lange für den Fluchtversuch gebüsst (SEM-Ak-
ten A13).
B.
B.a Am 8. Januar 2020 ersuchte die Vorinstanz die deutschen Behörden
um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Bst. b
Dublin-III-VO (SEM-Akte A15).
B.b Die Zustimmung der deutschen Behörden erfolgte am 16. Januar
2020. Gleichzeitig wurde seitens der deutschen Behörden festgehalten,
eine Überstellung habe von Montag bis Donnerstag bis 14.00 Uhr und frei-
tags bis 11.00 Uhr zu erfolgen. Ferner seien die Einzelheiten zum Transfer
mindestens sieben beziehungsweise bei physischen oder psychischen
Einschränkungen oder besonderen Vorkehrungen zehn Tage im Voraus
mitzuteilen (SEM-Akte A22).
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Seite 3
C.
C.a Am 16. Januar 2020 führte die Vorinstanz mit dem Beschwerdeführer
eine Anhörung hauptsächlich zum Thema des geltend gemachten Men-
schenhandels durch (SEM-Akte A20).
C.b Am 21. Januar 2020 wurde dem Beschwerdeführer mitgeteilt, er sei
als potenzielles Opfer einer Straftat im Zusammenhang mit Menschenhan-
del nach Artikel 4 Bst. a des Übereinkommens vom 16. Mai 2005 zur Be-
kämpfung des Menschenhandels (SR 0.311.543) erkannt worden, weshalb
ihm eine Bedenkzeit von 30 Tagen (bis 21. Februar 2020) für die Zusam-
menarbeit mit den Behörden eingeräumt werde.
C.c Am 17. Februar 2020 ersuchte die Rechtsvertretung des Beschwerde-
führers um Verlängerung der Bedenkzeit, da dieser zunehmend psychisch
instabil sei.
C.d Am 21. Februar 2020 wurde der Einschätzungsbericht der Fachstelle
für Frauenhandel und Frauenmigration Zürich (FIZ) vom 20. Februar 2020
über den Beschwerdeführer zu den Akten gereicht (SEM-Akte A36).
C.e Das SEM verlängerte die Bedenkzeit am 24. Februar 2020 bis zum
16. März 2020.
C.f Die unterzeichnete Erklärung der Zustimmung zur Zusammenarbeit
des Beschwerdeführers mit den Strafbehörden datiert vom 16. März 2020.
D.
Am 27. März 2020 stellte die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers ei-
nen Antrag auf Selbsteintritt der Schweiz auf dessen Asylgesuch gemäss
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO.
E.
E.a Am 22. April 2020 ersuchte die Vorinstanz die deutschen Behörden ge-
stützt auf Art. 34 Dublin-III-VO um weitere Informationen zum Beschwer-
deführer.
E.b Die Auskunft der deutschen Behörden erfolgte am 8. Mai 2020.
F.
F.a Am 11. Mai 2020 wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör
dazu gewährt, dass Deutschland für die Durchführung des Asylgesuchs als
zuständig erachtet werde (SEM-Akte A61).
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F.b Mit Stellungnahme zum rechtlichen Gehör vom 22. Mai 2020 teilte die
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers der Vorinstanz mit, die zwi-
schenzeitlich eingereichten Arztberichte bezüglich des Beschwerdeführers
zeigten, dass das in den Akten der deutschen Behörden dargelegte Krank-
heitsbild den Befunden der hiesigen Untersuchungen entspreche. Der Be-
schwerdeführer leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung mit ei-
ner depressiven Symptomatik, Albträumen und Schlaflosigkeit. Er fühle
sich in Deutschland durch die Menschenhändler bedroht und habe grosse
Angst vor einer Rückkehr nach Deutschland (SEM-Akte A67).
G.
G.a Am 27. Mai 2020 trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers nicht ein und wies ihn in den nach Dublin-III-VO zustän-
digen Staat, Deutschland, weg (SEM-Akte A73).
G.b Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
H.
Am 3. Juli 2020 antworteten die deutschen Behörden auf eine offenbar
gleichentags gestellte Anfrage auf Überstellung der schweizerischen Be-
hörden. Die deutschen Behörden forderten in ihrer Antwort weitere Infor-
mationen zum Beschwerdeführer und insbesondere zu dessen gesund-
heitlicher Verfassung, ansonsten nicht über die Überstellung entschieden
werden könne (SEM-Akten A80). Die Anfrage der schweizerischen Behör-
den befindet sich nicht in den dem Gericht zugänglichen Akten.
I.
In den Akten finden sich «ärztliche Berichte im Rückkehrbereich» datierend
vom 10. und 14. Juli 2020 (SEM-Akten A81 f.). Die Transferankündigung
an Deutschland mittels «Standardformular für die Übermittlung von Daten
vor einer Überstellung nach Art. 31 Abs. 4 der Dublin-III-VO» datiert eben-
falls vom 14. Juli 2020 (SEM-Akten A84).
J.
Am 15. Juli 2020 meldeten die deutschen Behörden dem SEM per Faxmit-
teilung, mit dem Vermerk «Storno / Cancellation», der angekündigte Über-
stellungstermin für den 16. Juli 2020 könne nicht akzeptiert werden, da die
Terminankündigung im vorliegenden Fall sehr kurzfristig erfolgt sei. Im Ver-
fahren mit vulnerablen Personen, was hier der Fall sei, werde um zeitnahe
Ankündigung und Übermittlung der Gesundheitsdaten (mindestens zehn
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Arbeitstage vor dem geplanten Überstellungstermin) gebeten, um die be-
teiligten Dienststellen rechtzeitig verständigen sowie die erforderlichen me-
dizinischen Vorkehrungen treffen zu können (SEM-Akte A89).
K.
In den Akten befindet sich ein Vermerk, dass der Beschwerdeführer seit
dem 15. Juli 2020 als verschwunden gelte (SEM-Akten A87).
L.
Am 16. Juli 2020 teilte das SEM den deutschen Behörden mit, die Über-
stellung könne nicht innert der sechsmonatigen Frist erfolgen, da der Be-
schwerdeführer untergetaucht sei, und ersuchte deshalb um Verlängerung
der Überstellungsfrist auf 18 Monate gemäss Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO.
M.
In einer weiteren Notiz der Vorinstanz vom 16. Juli 2020 wird festgehalten,
der Beschwerdeführer sei am 16. Juli 2020 um 13.24 Uhr wiederaufge-
taucht.
N.
Am 27. Juli 2020 teilte das SEM dem Beschwerdeführer auf seine mündli-
che Anfrage vom 22. Juli 2020 hin mit, seine Überstellung nach Deutsch-
land sei noch ausstehend und habe bis am 16. Juli 2021 zu erfolgen.
O.
Mit Schreiben vom 19. August 2020 ersuchte die Rechtsvertretung des Be-
schwerdeführers um Mitteilung des Grundes für die Verlängerung der
Überstellungsfrist und Erlass einer beschwerdefähigen Verfügung. Seitens
des Migrationsamtes sei ihm mitgeteilt worden, die Überstellung sei ver-
fristet. Am 28. August 2020 wurde die Anfrage erneuert.
P.
Mit Verfügung vom 24. September 2020 stellte die Vorinstanz fest, die Zu-
ständigkeit für die Prüfung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers sei
nicht auf die Schweiz übergegangen. Die Überstellungsfrist nach Deutsch-
land bestehe bis zum 16. Juli 2021.
Q.
Dagegen liess der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 28. September
2020 durch seine Rechtsvertreterin Beschwerde erheben und beantragen,
der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und sein Asylverfahren sei in
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der Schweiz zu prüfen. Der vorliegenden Beschwerde sei die aufschie-
bende Wirkung zuzuerkennen und der Vollzug der Wegweisung sei ab so-
fort zu sistieren. Es sei ihm für das vorliegenden Beschwerdeverfahren die
unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und ihm ein unentgeltlicher
Rechtsbeistand in der Person der die Beschwerde Unterzeichnenden zu
bestellen. Eventualiter sei die Bezahlung der Verfahrenskosten sowie ei-
nes Kostenvorschusses zu erlassen.
Als Beweismittel wurden die Korrespondenz zwischen der ehemaligen
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers und den kantonalen Migrations-
behörden und ein Bericht der B._ ([...]) datierend vom 28. April
2020 zu den Akten gereicht.
R.
Mit Instruktionsverfügung vom 7. Oktober 2020 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, sie verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung
ein.
S.
Die Vernehmlassung der Vorinstanz, worin diese mit einigen Ergänzungen
an ihren Ausführungen in der angefochtenen Verfügung festhält, datiert
vom 22. Oktober 2020 und ging am 27. Oktober 2020 bei Gericht ein.
T.
Die Replik des Beschwerdeführers datiert vom 11. Oktober [recte: Novem-
ber] 2020.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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1.2 Die Beschwerde richtet sich gegen eine Verfügung des SEM, mit der
festgestellt wird, dass die Zuständigkeit zur Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens nicht auf die Schweiz übergegangen sei. Die Ver-
fügung beantwortet das entsprechende Feststellungsbegehren des Be-
schwerdeführers vom 19. August 2020, welches mit Eingabe vom 28. Au-
gust 2020 erneuert wurde.
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 50
und 52 VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz
teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung in
Asylsachen auf Verletzung von Bundesrecht sowie unrichtige und unvoll-
ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts hin (Art. 106
Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Die Vorinstanz hielt in der angefochtenen Verfügung fest, die Zustän-
digkeit zur Prüfung des Asylgesuchs sei nicht auf die Schweiz übergegan-
gen.
Der Beschwerdeführer sei ab dem 15. Juli 2020, dem Tag vor Ablauf der
Überstellungsfrist, für einige Zeit nicht im Sinne der Rechtsprechung effek-
tiv erreichbar gewesen. Dies habe dazu geführt, dass die Überstellungsfrist
nach Deutschland gemäss Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO auf 18 Monate (bis
zum 16. Juli 2021) verlängert worden sei.
3.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, das SEM vertrete
fälschlicherweise die Auffassung, die Überstellungsfrist sei wegen Unter-
tauchens des Beschwerdeführers auf 18 Monate verlängert worden. Der
Aufenthaltsort des Beschwerdeführers sei den Behörden jederzeit bekannt
gewesen. Er sei weder untergetaucht noch flüchtig gewesen und habe
nichts unternommen, um dem Vollzug seiner Wegweisung nach Deutsch-
land entgegenzustehen. Damit habe sich die Überstellungsfrist nicht ver-
längert, sei abgelaufen und folglich sei die Schweiz für die Behandlung des
Asylgesuchs zuständig. Diese Meinung habe zunächst auch das zustän-
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dige Migrationsamt vertreten und die damalige Rechtsvertretung des Be-
schwerdeführers entsprechend informiert. Im Zeitpunkt des fraglichen Te-
lefonats am 17. Juli 2020 sei dem betreffenden Mitarbeiter des Migrations-
amts nicht bekannt gewesen, dass das SEM den Beschwerdeführer kurz-
zeitig als verschwunden registriert habe.
Der Beschwerdeführer sei am 15. Juli 2020 nach C._ gereist, habe
sich beim dortigen BAZ gemeldet, sei registriert worden und habe für die
Nacht einen Schlafplatz erhalten. Er habe weder geplant gehabt, dort zu
übernachten noch anderweitig in C._ zu bleiben, weshalb er auch
seine Sachen in seinem Zimmer in der Unterkunft in D._ gelassen
habe. Der Beschwerdeführer habe an diesem Tag Stimmen gehört, die ihm
gesagt hätten «keep walking». Er habe sich auch im Zug nicht hingesetzt,
sondern sei durch die Waggons gegangen. Es sei aktenkundig, dass der
Beschwerdeführer an einer posttraumatischen Belastungsstörung mit einer
depressiven Symptomatik leide. Seine Krankheit könne zu Verwirrtheit und
lückenhaften Erinnerungen führen. In C._ sei er weiter planlos
durch die Gegend gelaufen. Er erinnere sich nicht, ob er mit jemandem
mitgegangen oder jemandem gefolgt sei, habe sich aber schliesslich vor
dem BAZ wiedergefunden. Dort sei er von Securitas-Angestellten ange-
sprochen und hineingebeten worden. Er habe seine Situation erklärt, man
habe Unterlagen zu seinen Personalien ausgefüllt und ein Foto von ihm
gemacht. Nachdem telefonische Abklärungen mit seiner Unterkunft getätigt
worden seien, sei ihm ein Schlafplatz für die Nacht gegeben worden. Am
nächsten Tag sei er ohne Fahrkarte nach E._ zurückgefahren. Er
sei kontrolliert und bestraft worden.
Es sei nicht aktenkundig, ob am 15. Juli 2020 überhaupt ein Ausschaf-
fungsversuch des Beschwerdeführers geplant gewesen sei. Da er zudem
im BAZ F._ registriert worden sei, sei nicht nachvollziehbar, wie er
durch die offiziell registrierte Übernachtung in einem anderen BAZ hätte
die Überstellung vereiteln können. Er sei nicht flüchtig im Sinne von Art. 29
Abs. 2 Dublin-III-VO gewesen und habe die Überstellung nicht verhindert.
3.3 Die Vorinstanz hielt in der Vernehmlassung fest, der Beschwerdeführer
sei ab dem 12. Mai 2020 bis zum 18. August 2020 im BAZ D._ un-
tergebracht gewesen und habe die Ausgangsregeln stets eingehalten. Auf-
grund der bekannten psychischen Leiden sei er in medizinischer Betreu-
ung gewesen. Lediglich vom 15. Juli auf den 16. Juli 2020 habe er die zu-
gewiesene Unterkunft über Nacht verlassen.
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Die Aussage des Beschwerdeführers, wonach er sich am 15. Juli 2020 ins
BAZ F._ begeben habe, sei geprüft worden. Ein solch ausseror-
dentlicher Aufenthalt sei weder im System noch im Dossier nachvollzieh-
bar.
Der Beschwerdeführer hätte den Vollzug auch dann verhindert, wenn eine
Anmeldung im BAZ F._ stattgefunden hätte, da die eher zufällige
Meldung im BAZ F._ den Vollzug durch die (...) Polizei- und Migra-
tionsbehörden vor Ablauf der Überstellungsfrist verunmöglicht hätte, da er
sich im relevanten Zeitraum ausserhalb deren Zuständigkeitsbereich, im
Kanton H._, befunden habe.
Für die Vollzugsvorbereitung sei es von erheblicher Bedeutung, wo sich die
betroffene Person befinde. Der Vollzug werde von den kantonalen Behör-
den und nicht vom SEM organisiert. Es wiesen alle Indizien darauf hin,
dass der Beschwerdeführer am 15. Juli 2020 in bewusster Absicht versucht
habe, sich dem Vollzug zu entziehen. Er habe um die Vollzugsvorbereitun-
gen gewusst, da am 10. und 14. Juli 2020 zusammen mit ihm Arztberichte
zum Zweck des Vollzugs erstellt worden seien. Der Vollzug sei dabei aus-
drücklich thematisiert worden.
3.4 In der Replik wird festgehalten, es sei unbestritten, dass sich der Be-
schwerdeführer in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2020 nicht in der Un-
terkunft in D._ aufgehalten habe. Im fraglichen Zeitraum habe er
sich im BAZ F._ befunden, wo ihm ausdrücklich mitgeteilt worden
sei, die Unterkunft in D._ sei angerufen worden, er könne die Nacht
im BAZ F._ verbringen. Es sei lebensfremd und unrealistisch, dass
eine Person, die sich der Überstellung entziehen wolle, sich in ein BAZ
begebe, wahrheitsgetreue Angaben mache, dort regulär übernachte und
dann wieder in die eigentliche Unterkunft zurückkehre. Der Beschwerde-
führer habe nicht vorgehabt, sich dem Vollzug der Wegweisung zu entzie-
hen, sonst hätte er dies schon früher getan.
Es werde ausdrücklich in Frage gestellt, dass für die Nacht vom 15. auf
den 16. Juli 2020 überhaupt eine Ausschaffung geplant gewesen sei. Der
Beschwerdeführer hätte bis 20.00 Uhr in der Unterkunft sein müssen. Es
sei zweifelhaft, dass eine Ausschaffung innerhalb von höchstens vier Stun-
den möglich gewesen wäre. Ohne diese reale Möglichkeit falle jedoch die
Bestrafung des Beschwerdeführers mit einer Verlängerung der Überstel-
lungsfrist dahin. Die letzten vier Stunden seien sicherlich nicht, wie die
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Seite 10
Vorinstanz angebe, von erheblicher Bedeutung für die Vollzugsvorbereitun-
gen durch die kantonalen Behörden gewesen. Bereits vor 20.00 Uhr, als
der Beschwerdeführer sich in der Unterkunft hätte einfinden müssen, sei
festgestanden, dass in jener Nacht keine Ausschaffung stattfinden würde.
Dies habe auch das kantonale Migrationsamt gewusst, weshalb es kurz
darauf darüber informiert habe, die Überstellungsfrist sei abgelaufen. Dass
es sich dabei um einen Irrtum gehandelt habe, sei erst später vertreten
worden, als die Vorinstanz vorgebracht habe, der Beschwerdeführer sei
verschwunden gewesen. Dem kantonalen Migrationsamt sei die Abwesen-
heit des Beschwerdeführers bekannt gewesen, es habe aber trotzdem an-
genommen, die Überstellungsfrist sei abgelaufen.
Es wäre sachfremd, grob unverhältnismässig und eindeutig rechtswidrig,
wenn die Überstellungsfrist des aktenkundig akut psychisch kranken Be-
schwerdeführers und Opfers von Menschenhandel wegen seiner Anwe-
senheit im BAZ F._ während vier Stunden in der Nacht vom 15. auf
den 16. Juli 2020 auf 18 Monate verlängert würde, wenn der Vollzug weder
tatsächlich möglich noch geplant gewesen sei. Die Voraussetzungen für
eine Verlängerung lägen daher nicht vor.
4.
4.1 Vorliegend ist festzustellen, dass eine konkrete Überstellungsanfrage
der schweizerischen Behörden an die deutschen Behörden offenbar am
3. Juli 2020 erfolgte, denn gemäss Angabe auf der fraglichen Fax-Nach-
richt antworteten die deutschen Behörden auf die «heutige» Anfrage.
Deutschland forderte weitere Informationen zum Beschwerdeführer, wel-
che von der Schweiz erst am 14. Juli 2020 versendet wurden. Am 15. Juli
2020 meldeten die deutschen Behörden, der Überstellungstermin vom
16. Juli 2020 könne nicht akzeptiert werden. Von deutscher Seite war be-
reits mit der Zustimmung der Wiederaufnahme am 16. Januar 2020 mitge-
teilt worden, die Einzelheiten zum Transfer seien mindestens sieben bezie-
hungsweise bei physischen oder psychischen Einschränkungen oder be-
sonderen Vorkehrungen zehn Tage im Voraus mitzuteilen. Dementspre-
chend reagierten die deutschen Behörden mit der Stornierungs-Meldung
vom 15. Juli 2020, worin sie mitteilten, die Terminankündigung sei im vor-
liegenden Fall sehr kurzfristig, lediglich einen Tag vor der geplanten Über-
stellung erfolgt. Die Übermittlung der weiteren Informationen und Arztbe-
richte durch die schweizerischen Behörden am 14. Juli 2020 erfolgte daher
zu spät.
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Seite 11
Aufgrund der Stornierungs-Meldung der deutschen Behörden vom 15. Juli
2020 wussten die zuständigen schweizerischen Vollzugsbehörden, dass
eine Überstellung des Beschwerdeführers nach Deutschland am 16. Juli
2020 nicht – wie zunächst geplant – möglich sein würde. Dementspre-
chend sind den Akten auch keine Vorbereitungshandlungen seitens der
Vollzugsbehörden für eine Überstellung zu entnehmen. Diesbezüglich
wendet der Beschwerdeführer denn auch zu Recht ein, dass im fraglichen
Zeitrahmen seiner Abwesenheit von seiner zugewiesenen Unterkunft gar
keine Überstellung hätte stattfinden sollen. Die Vorinstanz argumentiert
diesbezüglich insoweit ebenfalls richtig, als der Beschwerdeführer mit sei-
ner Abwesenheit eine Überstellung verhindert hätte, wäre eine solche zu
diesem Zeitpunkt konkret geplant gewesen. Unter dieser Konstellation (sie
hätten den Beschwerdeführer in seiner Unterkunft in D._ tatsäch-
lich abholen wollen und er wäre nicht vor Ort anzutreffen gewesen) hätte
er als «flüchtig» im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO gegolten (vgl.
dazu Urteile des BVGer D-4594/2016 vom 9. Januar 2017 E. 4.3, E-
1668/2010 vom 14. Februar 2011 E. 6.2). Entscheidend ist allerdings im
vorliegenden Fall, dass ab dem 15. Juli 2020 feststand, dass es den Voll-
zugsbehörden gar nicht möglich gewesen wäre, den Beschwerdeführer am
16. Juli 2020 nach Deutschland zu überstellen. Nachdem für den massge-
blichen Zeitpunkt keine Überstellung geplant gewesen war, konnte der Be-
schwerdeführer eine solche auch nicht vereiteln.
Ergänzend ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass die Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers fälschlicherweise davon auszugehen scheint, eine
Überstellung hätte nur bis zum 15. Juli 2020 (um 24.00 Uhr) stattfinden
können. Eine ordentliche Überstellung wäre bis und mit dem letzten Tag
der Frist möglich gewesen. Theoretisch am 16. Juli 2020 bis um 24.00 Uhr
im vorliegenden Fall, aufgrund der Vorgaben der deutschen Behörden, bis
um 14.00 Uhr.
4.2 Aus der Korrespondenz der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers
mit dem Migrationsamt ergibt sich zudem, dass die für eine Überstellung
zuständigen Behörden nicht wussten, dass der Beschwerdeführer zwi-
schenzeitlich verschwunden war. Der Rechtsvertretung war am 17. Juli
2020 vom zuständigen Migrationsamt telefonisch mitgeteilt worden, dass
die Überstellung des Beschwerdeführers gescheitert sei. Diese Aussage
sei in guten Treuen gemacht worden, da dem betreffenden Mitarbeiter im
Zeitpunkt des Telefongesprächs nicht bekannt gewesen sei, dass der Be-
schwerdeführer kurzzeitlich als verschwunden registriert worden sei. Dem
Migrationsamt war offenbar der Grund für die Verlängerung der Frist nicht
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Seite 12
bekannt und es erhielt eine entsprechende Meldung vom SEM erst am
27. Juli 2020 (vgl. Mailverkehr Beschwerdebeilage 5). Damit wird noch ein-
mal bestätigt, dass zum fraglichen Zeitpunkt keine Überstellung des Be-
schwerdeführers geplant war, die durch seine Abwesenheit hätte verhin-
dert werden können.
5.
Aus dem Gesagten folgt, dass es den schweizerischen Behörden nicht ge-
lungen ist, den Beschwerdeführer innert der in Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO
vorgesehenen Frist nach Deutschland zu überstellen. Die Tatsache, dass
der Beschwerdeführer die Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2020 nicht in der
ihm zugewiesenen Unterkunft verbracht hat, vermag daran nichts zu än-
dern. Es ist damit festzustellen, dass die Überstellungsfrist gemäss Art. 29
Abs. 1 Dublin-III-VO abgelaufen ist. Gemäss Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO
ist Deutschland damit nicht mehr zur Wiederaufnahme des Beschwerde-
führers verpflichtet und die Zuständigkeit ist auf die Schweiz übergegan-
gen. Das SEM hat das nationale Asylverfahren durchzuführen.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
6.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung Art. 64 VwVG und Art. 7 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm not-
wendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine
Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten
aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE).
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 8–13
VGKE) ist dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundes-
verwaltungsgericht zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von
Fr. 700.– auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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