Decision ID: 90a42bab-43c8-4808-b885-7479aafbcd31
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend mehrfachen Amtsmissbrauch etc.
Berufung gegen die Urteile des Bezirksgerichtes Dietikon vom 12. Dezember
2013 (DG130004 und DG130005)
- 2 -
_
Anklagen:
Die Anklageschriften der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 21. Januar
2013 (Urk. 20 und 21) sind diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz (A._):
1. Der Beschuldigte ist schuldig
- des mehrfachen Amtsmissbrauchs im Sinne von Art. 312 StGB
- der Freiheitsberaubung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
- der mehrfachen Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB sowie des Ver-
suchs dazu im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB
- der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1
StGB
- des Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB
- des mehrfachen geringfügigen Vermögensdelikts (Sachentziehung) im
Sinne von Art. 141 in Verbindung mit Art. 172ter Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 16 Monaten Freiheitsstrafe und einer
Busse von Fr. 500.–.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf
2 Jahre festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
- 3 -
5. Auf die Zivilansprüche des Privatklägers wird nicht eingetreten.
6. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 2'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 700.– hälftige Gebühr Strafuntersuchung gem. § 4 GebV StrV
7. Die Verfahrenskosten (bestehend aus der Gerichtsgebühr und der hälftigen
Untersuchungsgebühr) werden dem Beschuldigten auferlegt. Allfällige weite-
re Auslagen bleiben vorbehalten.
Urteil der Vorinstanz (B._):
1. Der Beschuldigte ist schuldig
- des mehrfachen Amtsmissbrauchs im Sinne von Art. 312 StGB
- der Freiheitsberaubung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
- der mehrfachen Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB sowie des Ver-
suchs dazu im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB
- der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1
StGB
- des Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB
- des mehrfachen geringfügigen Vermögensdelikts (Sachentziehung) im
Sinne von Art. 141 in Verbindung mit Art. 172ter Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 16 Monaten Freiheitsstrafe und einer
Busse von Fr. 500.–.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf
2 Jahre festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
- 4 -
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
5. Auf die Zivilansprüche des Privatklägers wird nicht eingetreten.
6. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 2'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 700.– hälftige Gebühr Strafuntersuchung gem. § 4 GebV StrV
7. Die Verfahrenskosten (bestehend aus der Gerichtsgebühr und der hälftigen
Untersuchungsgebühr) werden dem Beschuldigten auferlegt. Allfällige weite-
re Auslagen bleiben vorbehalten.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten 1:
(Urk. 98 S. 1)
1. Freispruch in Abweisung der Berufung des Geschädigten und in voll-
umfänglicher Aufhebung des erstinstanzlichen Urteils.
2. Vormerk des Verzichts auf Schadenersatz.
Dem Beschuldigten sei eine Genugtuung zuzuerkennen, deren Be-
messung dem Gericht überlassen wird.
3. Gesamte Kosten inkl. Kosten der Verteidigung: auf Staatskasse zu
nehmen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten 2:
(Urk. 100 S. 2)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Dietikon vom 12. Dezember 2013 sei
vollumfänglich aufzuheben und es sei in Gutheissung der Berufungs-
klage der Berufungskläger von sämtlichen Vorwürfen freizusprechen.
- 5 -
2. Es sei dem Berufungskläger Schadenersatz in Höhe seiner Verteidi-
gungskosten zuzusprechen.
3. Die gesamten Verfahrenskosten seien auf die Staatskasse zu nehmen.
4. Ausgangsgemäss sei auf das Schadenersatz- und Genugtuungsbe-
gehren des Privatklägers nicht einzutreten.
c) Der Privatklägerschaft:
(Urk. 101 S. 2)
1. Auf die Zivilansprüche des Privatklägers sei einzutreten und sie seien
zu behandeln.
2. Die Beschuldigten seien zu verpflichten, dem Privatkläger CHF 901.25
Schadenersatz zu bezahlen. Für die weiteren heute noch nicht bezif-
ferbaren Schadensposten sei festzustellen, dass die Beschuldigten un-
ter solidarischer Haftbarkeit dem Grundsatze nach zu Schadenersatz
verpflichtet sind.
Eventualiter sei der Staat zu verpflichten, dem Privatkläger CHF 901.25
Schadenersatz zu bezahlen und für die weiteren heute noch nicht be-
zifferbaren Schadensposten sei festzustellen, dass der Staat dem
Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist.
3. Die Beschuldigten seien zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genug-
tuung in richterlichem Ermessen, mindestens aber CHF 6'000.00 nebst
Zins zu 5 % seit dem 25. Juni 2011 zu bezahlen.
Eventualiter sei dem Privatkläger von der Staatskasse eine Genugtu-
ung in richterlicher festzusetzender Höhe zuzusprechen, mindestens
aber CHF 6'000.00 nebst Zins zu 5 % seit dem 25. Juni 2011.
4. Die Kosten des erst- und zweitinstanzlichen Verfahren seien i.S. von
Art.428 StPO den Beschuldigten aufzuerlegen, die Kosten der unent-
- 6 -
geltlichen Rechtsvertretern des Privatklägers seien auf die Staatskasse
zu nehmen.
d) Der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich:
(Urk. 103 S. 1 f.)
1. Die Berufungen der Beschuldigten B._ und A._ seien abzu-
weisen.
2. Die Urteile des Bezirksgerichts Dietikon vom 12. Dezember 2013 seien
zu bestätigen.
3. Die Beschuldigten seien schuldig zu sprechen:
- des mehrfachen Amtsmissbrauchs im Sinne von Art. 312 StGB
- der Freiheitsberaubung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
- der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs.
1 StGB
- des Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB
- des mehrfachen geringfügigen Vermögensdelikts (Sachentzie-
hung) im Sinne von Art. 141 in Verbindung mit Art. 172ter Abs. 1
StGB.
4. Der Beschuldigte B._ sei zu bestrafen mit 16 Monaten Freiheits-
strafe und einer Busse von CHF 500.–.
5. Der Beschuldigte A._ sei zu bestrafen mit 16 Monaten Freiheits-
strafe und einer Busse von CHF 500.–.
6. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sei bei beiden Beschuldigten aufzu-
schieben und die Probezeit auf zwei Jahre anzusetzen. Die Busse sei
zu bezahlen.
- 7 -
7. Bezahlen die Beschuldigten die Busse schuldhaft nicht, so trete an de-
ren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
8. Auf die die Zivilansprüche des Geschädigten sei nicht einzutreten.
9. Die Verfahrenskosten seien den Beschuldigten aufzuerlegen.
_

Erwägungen:
I.
1. Mit Urteilen vom 12. Dezember 2013 sprach das Bezirksgericht Dietikon
die Beschuldigten A._ und B._ des mehrfachen Amtsmissbrauchs und
weiterer Delikten schuldig und bestrafte sie mit je 16 Monaten Freiheitsstrafe be-
dingt und einer Busse von Fr. 500.–. Auf die Zivilforderungen des Privatklägers
trat es nicht ein (Urk. 54 und 88/50).
Gegen die Urteile meldeten die Beschuldigten mit Eingaben vom 12. De-
zember 2013 Berufung an (Urk. 42 und 72/41). Die Berufungserklärungen folgten
unterm 24. April 2014 und 12. Mai 2014 (Urk. 55 und 88/53). Demnach verlangen
beide Beschuldigten einen vollumfänglichen Freispruch unter Übernahme der
Kosten auf die Staatskasse und Erstattung einer Entschädigung.
Ebenfalls Berufung gegen beide Urteile meldete am 19. Dezember 2013 der
Privatkläger an (Urk. 44 und 72/43). Seine schriftlichen Berufungserklärungen
sind mit dem 9. Mai 2014 datiert und am 12. Mai 2014 eingegangen (Urk. 57 und
88/52). Kleinere Korrekturen zu diesen Berufungserklärungen reichte der Privat-
kläger mit Eingabe vom 15. Mai 2014 nach (vgl. Urk. 60 und 61 sowie 88/54 und
72/55). Er verlangte eine Erhöhung des Strafmasses für die Beschuldigten und ih-
re Verurteilung auch wegen schwerer Körperverletzung und weiterer Straftatbe-
- 8 -
stände. Ebenso hielt er sinngemäss an seinen Schadenersatz- und Genugtuungs-
forderungen in Höhe von je 4 Mio. Fr. zuzüglich Zins fest. Mit Präsidialverfügung
vom 16. Mai 2014 wurde seinem Antrag (Urk. 56 und 88/51) entsprochen, und es
wurde ihm für das Berufungsverfahren eine unentgeltliche Rechtsvertreterin be-
stellt (Urk. 63 und 88/57). Diese schränkte mit Eingabe vom 11. Juni 2014 die Be-
rufung des Privatklägers auf die Zivilansprüche ein (Urk. 67 und 68 sowie 88/62
und 88/63).
Anschlussberufungen wurden keine erhoben, auch nicht von der Staatsan-
waltschaft, die anfänglich erklärte, sich am weiteren Verfahren nicht aktiv beteili-
gen zu wollen (Urk. 76 und 88/64). Mit Beschluss vom 5. September 2014 wurden
die beiden Berufungsverfahren miteinander vereinigt (Urk. 70 und 88/66).
2. Mit Eingaben vom 10. September 2014 sowie 6. und 13. November 2014
stellten die Beschuldigten und mit Eingabe vom 21. Oktober 2014 auch der Pri-
vatkläger Beweisanträge (Urk. 73, 74, 82, 84 und 85). Darüber wurde einstweilen
mit Beschlüssen vom 6. Oktober 2014 und vom 18. November 2014 entschieden
(Urk. 78 und 86). Stattgegeben wurde dem Antrag auf Vornahme eines Augen-
scheins am Tatort; dieser fand vorgängig der Berufungsverhandlung statt (vgl.
Prot. II S. 6 ff.). Das Gericht holte zudem beim Hausarzt des Privatklägers, Dr.
D._, ergänzende Auskünfte ein (vgl. Urk. 79 und 81); ferner wurde der Pri-
vatkläger obligatorisch zur Berufungsverhandlung vorgeladen. Die weiter bean-
tragten Beweisergänzungen wurden einstweilen abgelehnt. Mit Eingabe vom
5. Dezember 2014 (Urk. 94) reichte die Verteidigung des Beschuldigten 1 weitere
Unterlagen zu den Akten, darunter ein Gutachten von Prof. E._ (Urk. 95/2).
3. Im Anschluss an den Augenschein wurde am 9. Dezember 2014 der
erste Teil der Berufungsverhandlung durchgeführt mit der Befragung der Be-
schuldigten und den Parteivorträgen (Prot. II S. 10 ff.).
Am 12. Dezember 2014 beschloss das Berufungsgericht weitere Beweiser-
gänzungen (Urk. 104). So zog es die IV- und die Strafakten des Privatklägers bei
(Urk. 108 und 111) und entschied, F._ und Dr. D._ als Zeugen zu befra-
gen. Ein Gesuch der Vertreterin des Privatklägers um Verschiebung der auf den
- 9 -
16. Juni 2015 terminierten Fortsetzung der Berufungsverhandlung (samt Befra-
gung zweier Zeugen) vom 11. Februar 2015 wurde mit Präsidialverfügung vom
Folgetag abgewiesen (Urk. 181). Zusätzliche Beweisanträge der Parteien (vgl.
Urk. 109, 116, 132, 135, 138 und 139) sowie ein Antrag des Privatklägers um
Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem Verfahren (Urk. 137) wurden mittels Be-
schluss vom 22. Mai 2015 einstweilen abgewiesen (Urk. 141).
Nachdem der Privatkläger mit Eingaben vom 16. und 24. April 2015
(Urk. 133 und 134/1) und seine unentgeltliche Vertreterin mit Schreiben vom
21. Mai 2015 (Urk. 140) entsprechende Gesuche gestellt hatten, wurde Letztere
mit Präsidialverfügung vom 26. Mai 2015 aus ihrem Mandat entlassen (Urk. 142).
4. Die Fortsetzung der Berufungsverhandlung fand am 16. Juni 2015 statt
(vgl. Prot. II S. 75 ff.). Vorgängig dazu machten die Verteidiger am 8. Juni 2015
Voreingaben zu den vom Gericht beigezogenen bzw. von ihnen ins Recht geleg-
ten weiteren Unterlagen betreffend den Privatkläger (Urk. 144 und 147). Anläss-
lich der Verhandlung vom 16. Juni 2015 wurden der Privatkläger ergänzend ein-
vernommen sowie F._ und der Hausarzt des Privatklägers, Dr. D._, als
Zeugen angehört (Prot. II S. 77 ff.). Anschliessend wurde den Parteien Gelegen-
heit gegeben, zum Beweisergebnis Stellung zu nehmen. Dabei hielten die Vertei-
diger wie schon in der Verhandlung vom 9. Dezember 2014 an ihren bisherigen
Beweisanträgen fest (Prot. II S. 14 und S. 76 sowie Urk.158 S. 2). Zur Begrün-
dung wurden keine von den schriftlichen Eingaben wesentlich divergierenden Ar-
gumente vorgebracht. Damit besteht keine Veranlassung, anders als bisher über
diese Anträge zu entscheiden. Sie sind folglich als entbehrlich abzuweisen. Die
von den Verteidigern eingereichten Dokumente, insbesondere das (private) Er-
gänzungsgutachten von Prof. E._ (Urk. 152), sind zu den Akten zu nehmen.
Auch die von RA X2._ angeregte ad-hoc-Befragung von Prof. E._ (Prot.
II S. 76) erweist sich angesichts der Zeugenaussage von Dr. D._ als nicht
mehr erforderlich, und es ist deshalb davon abzusehen.
Nach Abschluss der Berufungsverhandlung mit den Schlussworten der Be-
schuldigten erweist sich der Fall als spruchreif.
- 10 -
II. Erstellung des Sachverhalts
1. Die Staatsanwaltschaft wirft den Beschuldigten in separaten, aber inhalt-
lich deckungsgleichen Anklagen vom 21. Januar 2013 vor, als Beamte der Stadt-
polizei G._ am 24. Juni 2011 im Schrebergarten des Privatklägers an der
H._-Strasse in G._ bzw. in dessen Nähe mehrere Delikte begangen zu
haben, so mehrfachen Amtsmissbrauch, Freiheitsberaubung, mehrfache Nöti-
gung, einfache Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Sachentziehung. Die
Beamten sollen in gleichmassgeblichem Zusammenwirken bei Planung und
Durchführung den Privatkläger in dessen Gartenhäuschen während rund 10 Minu-
ten festgehalten haben und dabei mit tätlicher Gewalt gegen ihn vorgegangen
sein. Auch hätten sie den Privatkläger dabei mehrfach genötigt und ihm den
Schlüssel sowie das Mobiltelefon weggenommen und ihn später vom Ort vertrie-
ben. Mit diesem Vorgehen hätten sie die ihnen anvertraute staatliche Macht be-
wusst zweckentfremdet eingesetzt und den Privatkläger unrechtmässig diszipli-
niert und gedemütigt. Einige Zeit später seien die Beschuldigten zum Schreber-
garten des Privatklägers zurückgekehrt und hätten in dessen Abwesenheit und
ohne Berechtigung das umfriedete Grundstück nochmals betreten (Urk. 20 und
Urk. 72/21).
Dem eigentlichen Tatgeschehen war ein Nachbarschaftsstreit zwischen dem
Privatkläger und den Zeugen I._ und J._ vorausgegangen. Dabei begab
sich der Privatkläger mit einer Giesskanne zum Schrebergarten der genannten
Zeugen und wollte wegen der ihn störenden Rauchentwicklung das Feuer in de-
ren Kamin löschen. Es kam daraufhin zu einer handgreiflichen Auseinanderset-
zung zwischen dem Privatkläger und dem Zeugen I._. In der Folge holte die
weitere Zeugin K._ unter Hinweis darauf, dass der Zeuge I._ angegrif-
fen worden sei, die beschuldigten Polizisten, welche sich zufällig in einem nahe-
gelegenen Café aufhielten, ins Schrebergartenareal, wo sie den Privatkläger an-
trafen.
2. Die Beschuldigten bestreiten nahezu vollständig, sich gegenüber dem
Privatkläger so verhalten zu haben, wie es ihnen die Anklagen vorwerfen. Insbe-
- 11 -
sondere verneinten sie in ihren beiden Einvernahmen, dass sie das Gartenhaus
des Privatklägers überhaupt betreten hätten (A._ in Urk. 4/1 S. 6 und 4/3
S. 4; B._ in Urk. 5/1 S. 6 und 5/3 S. 5). Weiter hielten sie daran fest, dass es
ausser dem Packen des Privatklägers an beiden Armen und seinem Führen vom
Sitzplatz vor seinem Häuschen zum nahe parkierten Polizeiauto (zwecks Über-
prüfung seiner Personalien) zu keinen weiteren Körperkontakten gekommen sei
(Urk. 4/1 S. 6 und 8, 4/3 S. 8, 5/1 S. 6 und 7 f., 5/3 S. 5). Von ihnen als zutreffend
anerkannt ist jedoch, dass sie wegen der Vorgeschichte auf das Schrebergarten-
areal gerufen, dort mit den obgenannten Zeugen gesprochen und anschliessend
den Privatkläger überprüft und zur Ruhe ermahnt hätten. Beide Beschuldigten er-
klärten weiter, dass der Privatkläger ihr Erscheinen zuerst ignoriert habe und er
anfangs auch nicht zum Polizeiauto habe mitkommen wollen. Auch habe er eine
"Schimpftirade" auf sie losgelassen bzw. ziemlich aggressive Kraftausdrücke ge-
braucht und er habe mit den Händen gestikuliert (Urk. 4/1 S. 3 und 5-7, 5/1 S. 3
und 5 f.). Gemäss Aussage des Beschuldigten B._ soll der Privatkläger wäh-
rend der Überprüfung seiner Personalien keine Gelegenheit ausgelassen haben,
um auf jede nur erdenkliche Weise zu provozieren (Urk. 5/1 S. 3). Was den Vor-
wurf angeht, die Beschuldigten hätten sich nach einiger Zeit nochmals auf das
vom Privatkläger gepachtete Grundstück begeben, so gab dies der Beschuldigte
B._ in der zweiten Einvernahme zu; er sei auch in das dortige Metallgehäuse
getreten und sei kurz die Leiter hinunter gegangen, um zu schauen, was dort sei;
die Tür dazu sei offen gestanden (Urk. 5/3 S. 3). Auch der Beschuldigte A._
räumte die Möglichkeit ein, dass er und B._ das Gelände nochmals betreten
hätten (vgl. Urk. 4/3 S. 2 f.). Beide betonten jedoch, dass es Routine und normal
sei, dass man dort, wo es Ärger gegeben habe, nochmal vorbeischaue, ob nun al-
les in Ordnung sei (Urk. 4/3 S. 2 f. und 5/3 S. 3 oben). In der Berufungsverhand-
lung blieben die Beschuldigten bei ihren bisherigen Aussagen (Prot. II S. 24 ff.
und S. 132 f.)
Die Anklagebehörde stützte sich vor Vorinstanz im Wesentlichen auf die
Schilderung des Geschehens, welche der Privatkläger sehr ausführlich in seiner
Strafanzeige vom 22. September 2011 (Urk. 1) und ergänzend mit seinen Aussa-
gen als Auskunftsperson (Urk. 6/1+2) gemacht hatte, ferner auf ärztliche Befunde
- 12 -
über seine Verletzungen (Urk. 7/1 und 9/8). Daneben lagen Zeugenaussagen von
mehreren Drittpersonen vor (Urk. 6/4-7), die sich zum Kern des Tatgeschehens –
von der Rückkehr der Polizisten aufs Gartenareal abgesehen (vgl. Zeuge L._
in Urk. 6/7 S. 4) – jedoch nicht direkt zu äussern vermochten.
3. Die Vorinstanz analysierte das Aussageverhalten der die Vorwürfe be-
streitenden Beschuldigten und qualifizierte es bei beiden als anpasserisch, ste-
reotyp, blass und zum Teil lebensfremd; das Bezirksgericht hegte deshalb im Er-
gebnis starke Zweifel am Wahrheitsgehalt der bestreitenden Aussagen. Die
Schilderungen des Privatklägers hingegen erachtete die Vorinstanz als äusserst
detailliert, plastisch und folglich trotz einiger Widersprüche und Warnsignale als
durchaus glaubhaft. Für die Vorinstanz ergab sich "zwingend" der Schluss, dass
der Privatkläger das Verhalten der Beschuldigten wahrheitsgemäss wiedergege-
ben hatte; verbleiben würden höchstens theoretische Zweifel am Tatgeschehen.
Das Bezirksgericht hielt deshalb den Anklagesachverhalt für erstellt. Es schränkte
lediglich ein, dass sich die genaue Anzahl und die Heftigkeit der Ohrfeigen, wel-
che die Beschuldigten gemäss Anklageziffer 2 dem Privatkläger ausgeteilt hätten,
nicht genau erstellen liessen, was – so die Vorinstanz weiter – jedoch nicht zent-
ral sei, da das Verletzungsbild auf Stösse, Schläge, Tritte und auf das Festhalten
sowie auf das Ziehen am Finger zurückzuführen sei und die vorgängige Ausei-
nandersetzung mit dem Nachbar I._ als Ursache ausgeschlossen werde
könne (Urk. 54 S. 22 f.; Urk. 72/50 S. 23).
4. Richtig ist, dass, was den Kern der Anklagen angeht, im Wesentlichen
Aussage gegen Aussage steht.
a) Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des Privatklägers wies die Vorinstanz zu
Recht darauf hin, das dieser seine Schilderung erst in den staatsanwaltschaftli-
chen Einvernahmen und nicht bereits beim Verfassen seiner Strafanzeige unter
Hinweis auf die Strafandrohungen von Art. 303 bis 305 StGB gemacht hat. In den
angefochtenen Urteilen wurde sodann als Warnsignal erwähnt, dass der Privat-
kläger den Beschuldigten zu Unrecht unterstellt habe, dass sie nur auf eine Pro-
vokation seinerseits gewartet hätten, um den Taser gegen ihn abzufeuern
(Urk. 54 und 72/50, je S. 18; Urk. 6/2 S. 8). Des Weiteren hielt die Vorinstanz zu-
- 13 -
treffend die Abneigung des Privatklägers gegen die Beschuldigten fest. Dies muss
richtigerweise als Abneigung gegen die Polizei ganz generell verstanden werden
(vgl. Urk. 18/3, wonach der Privatkläger bezogen auf die Beschuldigten, ohne
aber noch ihre Identität zu kennen, geäussert habe: "Schicken Sie mir nur eine
Knarre, dann lege ich die beiden um!"; siehe auch seine dies wiederholende Aus-
sage in Urk. 6/2 S. 2; die Beschuldigten betitelte er sodann regelmässig etwa als
"Bullen", "Arschlöcher", "Tublä", "Drecksäcke", "huere Habasch", vgl. etwa Urk. 1
sowie Urk. 6/1 S. 5 und 6/2 S. 2; vgl. ferner die IV-Akten des Privatklägers in
Urk. 111, Dokumente vom 7.8.09 und 16.10.09).
Zutreffend hat die Vorinstanz des Weiteren auf das grosse finanzielle Inte-
resse des Privatklägers am Ausgang des Verfahrens hingewiesen, welches sich
in seinen exorbitant hohen Zivilansprüchen manifestiert, die er – dies ist anzufü-
gen – gleich auch noch gegen die als Verfahrenszeugen aufgetretenen Garten-
nachbarn, welche die Polizei herbei gerufen hatten, richtete (vgl. Urk. 16/3: Zivil-
klage über 4 Mio. Fr. Schadenersatz und gleichviel Genugtuung).
Wenn die Vorinstanz die Glaubwürdigkeit des Privatklägers insgesamt als
vermindert bezeichnete, so ist dies richtig, allerdings fällt die entsprechende Ein-
schränkung angesichts der Übertreibungs- und Dramatisierungstendenzen des
Privatklägers, die sich zum Teil auch mit Bezug auf die erlittenen Verletzungen
manifestierten (vgl. u.a. seine Aussagen in Urk. 6/1 S. 7 oben und Urk. 6/2 S. 3),
und angesichts seiner starken Voreingenommenheit gegenüber der Polizei weit
grösser aus, als es noch die Vorinstanz annahm, welche diese in unverständlicher
Weise als "insgesamt nicht übermässig" bezeichnete (Urk. 54 und 72/50, je
S. 10). Im gleichen Zusammenhang ist auch der in den IV-Akten des Privatklägers
festgehaltene Verdacht auf eine "anhaltend wahnhafte Störung F22.8" nicht zu
übersehen (Urk. 111 unterm 16.10.09), welche Störung auch als Querulanten-
Wahn definiert wird. Trotz dieser negativeren Einschätzung der Glaubwürdigkeit
des Privatklägers können seine Aussagen nicht von vorneherein als gänzlich un-
glaubhaft eingestuft werden. Es kann dem Privatkläger aber auch nicht einfach al-
les geglaubt werden, wie es die Vorinstanz letztlich getan hat. Vielmehr ist zu dif-
ferenzieren, und es ist der Grad der Überzeugungskraft einer jeden seiner die Be-
- 14 -
schuldigten belastenden Aussagen davon abhängig zu machen, ob sie bar jeder
Objektivierbarkeit im Raume steht oder ob sich Beweiselemente finden lassen,
welche die Plausibilität und Kohärenz der konkreten Aussage zu unterstützen
vermögen.
b) Mit Bezug auf die Beschuldigten ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass
keine Anhaltspunkte gegeben sind, die von vorneherein gegen deren Glaubwür-
digkeit sprechen würden. Einzig ihre prozessuale Stellung als Beschuldigte lässt
ihre Aussagen mit einer gewissen Zurückhaltung würdigen. Entscheidender ist bei
ihnen ohnehin die Glaubhaftigkeit der konkreten Aussagen und weniger die gene-
relle Glaubwürdigkeit. Auch bei den Beschuldigten gilt jedoch, dass bei zusätzli-
cher Stütze einer bestimmten Aussage durch Beweismittel oder Indizien diese je-
denfalls an Plausibilität gewinnt.
5. Die Vorinstanz hat die Aussagen der beiden Beschuldigten anlässlich de-
ren je zwei Einvernahmen richtig wiedergegeben und unter dem Aspekt der
Glaubhaftigkeit weitgehend zutreffend beurteilt, weshalb vorab darauf verwiesen
werden kann (Urk. 54 und 72/50, je S. 11-17). Mit ihr ist festzuhalten, dass das
Zusammentreffen der Polizisten mit dem Privatkläger nicht mehr als reiner Routi-
ne-Einsatz bezeichnet werden kann. Die Polizisten wurden vom Privatkläger, den
sie als "Randständigen" einschätzten, nach ihrer Darstellung heftig beschimpft
und dieser habe, so zumindest der Beschuldigte A._ (Urk. 4/1 S. 3), auch
gespuckt und gemäss dem Beschuldigten B._ (Urk. 5/1 S. 3) zudem keine
Provokation ausgelassen, was alles angesichts der notorischen Polizeifeindlich-
keit des Privatklägers und seiner damaligen Angetrunkenheit sowie seines auch
bei anderer Gelegenheit manifestierten Ausfällig-Werdens nicht überrascht und
durchaus glaubhaft erscheint, auch wenn er es bestreitet (Urk. 6/1 S. 14, 6/2
S.16). Auch hat sich der Privatkläger zuerst offenbar geweigert, zwecks Perso-
nenkontrolle zum Polizeifahrzeug zu gehen, und musste letztlich von den Polizis-
ten an den Armen dorthin geführt werden. Sodann ist unbestritten, dass ihm we-
gen nicht korrekter Meldeverhältnisse eine Busse von Fr. 70.– auszustellen war,
deren sofortige Begleichung von Seiten der Polizei schriftlich quittiert wurde. Auch
haben die Polizisten den Privatkläger, wie sie selber aussagten, "in den Senkel
- 15 -
gestellt", damit er gegenüber den Nachbarn Ruhe gebe. Des weiteren sind die
Beschuldigten nach einiger Zeit nochmals auf das Grundstück zurückgekehrt, um,
wie sie erklärten, zu schauen, ob nun alles in Ordnung sei. Der Privatkläger war
bei dieser Gelegenheit nicht mehr vor Ort.
Angesichts dieser eher speziellen Vorgänge ist es nicht verständlich, wie
beide Beschuldigte im ersten Verhör nichts von der Ausstellung der Busse und
ebenso wenig etwas von ihrer späteren Rückkehr an den Ort erwähnt haben. Sie
räumten beides erst in der zweiten Befragung ein, als dies beweismässig bereits
erstellt war (Urk. 4/3 S. 2 f.; 5/3 S. 2 ff.). Der Grund für das Nichterwähnen der
Rückkehr an den Tatort könnte zwar darin gelegen haben, dass sich die Beschul-
digten bewusst waren, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war: So
hatten sie keinen Durchsuchungsbefehl und Gefahr war auch nicht im Verzug.
Grund für das Nichterwähnen dieses Vorgangs kann aber auch einfach sein, dass
eine solche Nachkontrolle für sie tatsächlich Routine war und beim Fehlen weite-
rer besonderer Vorkommnisse in nachvollziehbarer Weise in den Hintergrund ge-
raten ist. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz kann deshalb vom Nichterwäh-
nen der Rückkehr zur Örtlichkeit nicht zwingend etwas Nachteiliges für die Be-
schuldigten abgeleitet werden.
Anders ist das anfängliche Verschweigen der Ausstellung der Busse zu wer-
ten: Auf dem Durchschlag aus dem entsprechenden Quittungs-Büchlein des Be-
schuldigten A._ (Urk. 9/10) ist ersichtlich, dass dessen darunter angebrachte
Unterschrift gut leserlich ist und demnach sein Name daraus klar hervorgeht. Das
Original der Bussenquittung, das der Privatkläger am 6. Januar 2012 der Staats-
anwaltschaft brachte und deshalb aktenkundig ist (eine Kopie in Urk. 8 und das
Original in Urk. 113/1), präsentiert sich jedoch mit abgetrennter Unterschrift des
Beschuldigten A._ und ebenso mit abgetrennter Belegsnummer. Fragt sich,
wer diese Verstümmelung der Quittung bewerkstelligt hat. Angesichts dessen,
dass der Privatkläger die (wahren) Namen der Polizisten anfangs nicht kannte
und sich nach dem Vorfall über ein halbes Jahr um die Eruierung derselben bzw.
um die Identität der beiden Polizisten bemühte, ist auszuschliessen, das er selber
es war, der die Unterschrift des Polizisten (und weiter auch die Belegsnummer)
- 16 -
von der Originalquittung abgetrennt hat (vgl. dazu Urk. 1, Blätter 1 und 6; Urk. 3
S. 6: "C._ konnte keinen Namen der Stadtpolizisten nennen. Jedoch machte
er Angaben zu den Signalementen"; Urk. 6/1 S. 3 unten: "Der eine hatte dann ge-
sagt: M._ von der Polizei. Da bin ich mir nicht ganz sicher", vgl. weiter auch
a.a.O. S. 11 f.; vgl. sodann die Telefonnotizen vom 21.1.12 und 3.5.12 in
Urk. 18/2+3). Somit müssen es die Beschuldigten gewesen sein, die den Quit-
tungsbeleg verstümmelt haben. Dies hat denn auch der Privatkläger wiederholt so
behauptet (Urk. 6/1 S. 7 f.; Urk. 6/2 S. 14 f.). Folglich hat der Polizist A._
zwar die Bezahlung der Busse quittiert und den entsprechenden Durchschlag
vorerst in seinem Quittungsbüchlein belassen. Er hat alsdann auch den Geldbe-
trag der Stadtkasse in G._ abgeliefert, aber er wollte offenbar nicht, dass der
Privatkläger aufgrund des ihm überlassenen Originals der Quittung seine Identität
zurückverfolgen könne. Dies zeigt klar, dass er (und damit auch sein den Vorgang
absichernder Kollege B._) als Folge ihres Einsatzes im Schrebergarten et-
was von Seiten des Privatklägers zu befürchten hatten.
Damit aber ist einerseits die Sachdarstellung der Beschuldigten, wonach der
Polizeieinsatz vom 24. Juni 2011 absolut ordentlich und ohne besondere Vor-
kommnisse abgelaufen sei, widerlegt. Zum andern gewinnt dadurch die Sachdar-
stellung des Privatklägers im Kern an Überzeugungskraft. Dies kann aber immer
noch nicht heissen, dass demzufolge seine Depositionen mit Bezug auf jedes ein-
zelne Detail als glaubhaft zu taxieren wären – zu angeschlagen ist seine Glaub-
würdigkeit. Immerhin ist aber nunmehr davon auszugehen, dass der Privatkläger
am 24. Juni 2011 anlässlich der Begegnung mit den Beschuldigten Opfer eines
unerlaubten Übergriffs (welcher Art auch immer) geworden ist. Die Verheimli-
chungstaktik beider Beschuldigten im Zusammenhang mit der Ausstellung und
Quittierung der Busse, ferner auch ihr tunliches Vermeiden eines Eintrags des
Einsatzes im Polizeijournal (vgl. Urk. 3 S. 6; Urk. 5/1 S. 2) lassen sich anders
nicht erklären.
6. Um erstellen zu können, was am 24. Juni 2011 im Gartenhaus des Pri-
vatklägers tatsächlich passierte, ist als Erstes näher auf das Verletzungsbild ein-
zugehen, welches der Privatkläger, als er vier Tage später erstmals seinen Haus-
- 17 -
arzt aufsuchte, gemäss ärztlichem Zeugnis aufwies (Urk. 7/1; vgl. auch Urk. 9/8
und Urk. 81). Dabei ist insbesondere zu prüfen, ob sich als Ursache der festge-
stellten Verletzungen eine andere Erklärung als das Zusammentreffen des Privat-
klägers mit den beiden Beschuldigten finden lässt.
Dies ist beim Bluterguss am Jochbein des Privatklägers der Fall: nach sei-
nen eigenen Aussagen hat diese Verletzung nichts mit den Beschuldigten zu tun,
sondern stammt von der Auseinandersetzung mit dem Nachbarn I._ (Urk. 1
Blatt 3). Was sodann die Schürfwunden und Blutergüsse an beiden Armen des
Privatklägers angeht, so gaben beide Beschuldigten als naheliegende Erklärung
an, diese könnten auf das Packen des Privatklägers an den Armen und sein der-
artiges Führen zum Polizeiauto zurückgeführt werden. Dies erscheint durchaus
plausibel. Ein Teil der Verletzungen an den Armen des Privatklägers könnte aber
auch von der tätlichen Auseinandersetzung mit dem Nachbarn herrühren. Bleiben
die weiteren Schürfwunden und Hämatome an den Beinen, am Kreuzbein und am
Rippenbogen des Privatklägers. Auch hier kann die Ursache nicht mit Sicherheit
festgestellt werden. Sie könnte ebenfalls in der tätlichen Auseinandersetzung mit
dem Nachbarn I._ liegen. So hielt der Privatkläger in seiner Strafanzeige
fest, dass I._ ihn "gezehrt" und "gestossen" habe; des Weiteren habe
I._ den ausgestreckten Arm des Privatklägers "gekrallt" und habe versucht,
ihn "mit aller Kraft wegzudrücken respektive umzuwerfen". Nachher habe I._
begonnen, mit den Beinen auszuschlagen (Urk. 1, Blatt 3). In seinen Einvernah-
men wiederholte der Privatkläger diese Schilderung (Urk. 6/1 S. 2 f., 6/2 S. 5 f.).
Wie die Vorinstanz unter solchen Umständen kategorisch feststellen konnte, dass
die tätliche Auseinandersetzung mit dem Nachbarn I._ als Ursache für Ver-
letzungen des Privatklägers auszuschliessen sei (Urk. 54 und 72/50, je S. 23), ist
nicht verständlich. Die Schmerzen des Privatklägers bei der Bewegung der Hals-
wirbelsäule können ebenfalls nicht zwingend dem Kontakt mit den Beschuldigten
zugeordnet werden; gemäss Angabe seines Hausarztes wies der Privatkläger
nämlich einen Status nach einem Halswirbelsäulen-Schleuder-trauma aus frühe-
rer Zeit mit chronifizierten Schmerzen und einer Bewegungseinschränkung an der
Halswirbelsäule auf (vgl. insbesondere Urk. 81, aber auch Urk. 6/2 S. 15 unten).
Die Aktivierung der Schmerzen am Hals könnte im Übrigen nicht nur Folge des
- 18 -
Polizeieinsatzes gewesen sein, sondern durchaus auch auf die vorangegangene
tätliche Konfrontation mit dem Nachbarn I._ zurückgeführt werden.
So verbleiben als Verletzungen des Privatklägers, die von ihrer Art her nicht
auf den vorangegangenen Nachbarschaftsstreit zurückgeführt werden können
und für die sich auch keine andere Ursache finden lässt, einmal das hufeisenför-
mige Hämatom auf Magenhöhe. Die dafür von den Verteidigungen vorgebrachte,
eher abwegige Erklärung, wonach der Privatkläger auf eine Giesskanne gefallen
sei (Urk. 40 S. 19; 72/38 S. 17), hilft mangels entsprechender Anhaltspunkte nicht
weiter. Sodann hatte der Privatkläger einen verstauchten linken Zeigefinger. Bei-
de Verletzungen lastet er den Beschuldigten an, was trotz ihrer Bestreitung als
plausible Ursache in Frage kommt.
7. Im Folgenden ist in Beachtung der vorstehenden Erwägungen näher auf
den konkreten Sachverhalt der Anklageschriften einzugehen und zu prüfen, in-
wieweit sich die einzelnen inkriminierten Handlungen rechtsgenügend erstellen
lassen. Vorweg ist die Auffassung der Vorinstanz zu bestätigen (Urk. 54 und
72/50 je S. 20), wonach sich der Übergriff der Beschuldigten auf den Privatkläger
nicht im Freien, sondern einzig innerhalb seines Gartenhauses abgespielt haben
kann, ansonsten die Nachbarn, wie auch aus dem gerichtlichen Augenschein her-
vorging (Prot. II S. 8, sechste Protokollnotiz), etwas hätten sehen oder zumindest
hören müssen, was nach ihrer Aussage gerade nicht der Fall gewesen war.
a) Im Anklagepunkt der Freiheitsberaubung wird den Beschuldigten im Sin-
ne eines gemeinsamen Zusammenwirkens vorgeworfen, dass nach dem gemein-
samen Betreten des Gartenhauses der Beschuldigte B._ die Eingangstüre
"verriegelt" habe und die Beschuldigten den Privatkläger in den folgenden rund
zehn Minuten im Häuschen "festgehalten" beziehungsweise "eingesperrt" hätten.
Dazu ist vorerst festzuhalten, dass der Privatkläger die Polizisten in sein Häus-
chen hatte eintreten lassen (vgl. Urk. 6/1 S. 4), weshalb die Anklage diesbezüg-
lich auch keinen Hausfriedensbruch thematisiert. Sodann ist nicht erstellt, dass
der Privatkläger bekundet hätte, den Raum verlassen zu wollen oder er etwa die
Polizei des Ortes verwiesen hätte. Er selber schätzte den gemeinsamen Aufent-
halt in der Hütte auf "vielleicht ein paar Minuten" bzw. "nicht mal zehn Minuten
- 19 -
insgesamt" (Urk. 6/2 S. 16). Dass die Haustüre von innen mit dem Schlüssel ab-
geschlossen gewesen wäre, kann ebenfalls nicht angenommen werden, soll dem
Privatkläger doch gemäss der Anklagen der entsprechende Schlüssel erst am
Schluss abgenommen worden sein. Allerdings hat der Augenschein vor Ort bestä-
tigt, dass an der Innenseite der Türe des Gartenhäuschens ein Riegel angebracht
ist (Foto in Urk. 96/4). Ob dieser von den Polizisten nach dem Betreten des Ge-
bäudes arretiert worden ist, muss mangels Nachweises offen bleiben. Dieser Um-
stand wäre aber nicht entscheidend, denn es versteht sich von selbst, dass eine
Person bei einem Kontrollgespräch mit der Polizei oder bei der Austeilung einer
Busse und der Quittierung derselben für kurze Zeit am Ort zu verharren hat und
nicht einfach davon laufen darf. Und bei einer renitenten oder betrunkenen Per-
son darf die Polizei die Lage vorübergehend entsprechend absichern. Ein un-
rechtmässiges Festnehmen, Gefangenhalten oder ein anderes unerlaubtes Ent-
ziehen der Bewegungsfreiheit des Privatklägers ist damit noch nicht verbunden.
Der Tatbestand der Freiheitsberaubung kann somit verneint werden, weshalb die
Beschuldigten in diesem Punkte freizusprechen sind.
b) Die Beweislage hinsichtlich des Anklagevorwurfs, dass die Beschuldigten
dem Privatkläger abwechslungsweise in drei Serien je neun bis zwölf Ohrfeigen
ausgeteilt hätten, ist ebenfalls ungenügend. Bereits die Vorinstanz hat diesbezüg-
lich den Vorwurf relativiert und festgehalten, dass sich die Anzahl und die Heftig-
keit der Ohrfeigen nicht erstellen liessen. Auch vom Hausarzt des Privatklägers
wurden keine Auffälligkeiten am Kopf desselben oder an dessen Wangen festge-
stellt, die eine solche Kaskade an Ohrfeigen erwarten liessen; es wurde an sei-
nem Kopf einzig ein Bluterguss am Jochbein festgestellt, der jedoch, wie erwähnt,
nachweislich eine andere Ursache hatte. Allein aufgrund der belastenden Aussa-
gen des Privatklägers, der auch erklärte, die Beschuldigten hätten eben so ge-
schlagen, "dass man nichts sehen könnte" (Urk. 6/1 S. 5 oben), lassen sich folg-
lich die dutzendweisen Ohrfeigen nicht rechtsgenügend nachweisen. Dieser Vor-
wurf hat deshalb bei einer Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung auszu-
scheiden.
- 20 -
c) Ebenfalls zu einem Freispruch gelangen muss der Anklagevorwurf, wo-
nach der Beschuldigte A._ dem Privatkläger mit beiden Händen gegen die
Brust geschlagen habe, was bewirkt habe, dass der Privatkläger mit den Kopf ge-
gen die Seitenlehne eines Sofas geprallt sei. Auch diesbezüglich fehlen ärztliche
Feststellungen am Kopf und an der Brust des Privatklägers, die eine Zuordnung
dieses behaupteten Vorganges zulassen oder ihn wenigstens plausibler machen
würden.
d) Anders sind die in den Anklageschriften aufgeführten Vorgänge mit dem
Fusstritt von A._ in den Oberbauch des Privatklägers und mit dem vom glei-
chen Beschuldigten zusammen mit dem Mitbeschuldigten am Privatkläger prakti-
zierten Zurückbiegen dessen linken Zeigefingers zu beurteilen. Hier stellte der
Hausarzt des Privatklägers noch vier Tage später eine Schwellung und eine
Druckdolenz am Finger bzw. eine Verstauchung fest und ebenso ein hufeisenför-
miges, einem Schuhabsatz entsprechendes Hämatom in der Magengegend des
Privatklägers (Urk. 7/1 und 9/8). Diese ärztlichen Befunde stützen auf den ersten
Blick, auch wenn sie sehr kurz gehalten sind und keine bildlichen Wiedergaben
enthalten, die Darstellung des Privatklägers darüber, dass er und wie er diese
Verletzungen erlitten hat. Auf Nachfrage des Berufungsgerichts (Urk. 79) präzi-
sierte Dr. D._ seine Befunde in gewissen Punkten (vgl. Urk. 81).
Anlässlich des am 9. Dezember 2014 stattfindenden ersten Teils der Beru-
fungsverhandlung kritisierten beide Verteidiger die Feststellungen von Dr.
D._ (Urk. 98 S. 9 ff. und Urk. 100 S. 5 ff.). Sie stützten sich dabei auf ein (pri-
vates) Gutachten von Prof. E._, welches sie einreichten (Urk. 95/2). Darin
werden Zweifel daran geäussert, ob es sich beim hufeisenförmigen Abdruck auf
dem Bauch des Privatklägers überhaupt um ein Hämatom gehandelt habe und es
wird eine Selbstbeibringung dieser Verletzung ins Spiel gebracht (a.a.O. S. 2 und
8). Vom Gutachter wird sodann der Verletzungsmechanismus, der zur Schwellung
und Druckschmerzhaftigkeit über dem Mittelgelenk des linken Zeigefingers des
Privatklägers geführt habe, in Frage gestellt; die genannten Befunde hätten nach
seiner Auffassung nicht im Mittelgelenk, sondern in erster Linie im Grundgelenk
des Fingers auftreten sollen (a.a.O. S. 6).
- 21 -
Anlässlich der Fortsetzung der Berufungsverhandlung am 16. Juni 2015
reichten die Verteidiger ein ergänzendes weiteres Gutachten von Prof. E._
ein, welches die im ersten Gutachten vorgebrachte Kritik weiter vertieft (Urk. 152).
In der selben Verhandlung wurde Dr. D._ als Zeuge zu den Verletzungen
des Privatklägers befragt und dabei auch mit der von Prof. E._ in dessen
Gutachten vorgebrachten Kritik konfrontiert (Prot. II S. 104 ff.). Dr. D._ hielt
daran fest, dass es sich beim hufeisenförmigen Abdruck auf dem Oberbauch des
Privatklägers um eine Blutansammlung d.h. um ein Hämatom gehandelt habe und
nicht um eine Hautreizung. Das Hämatom sei blau-violetter Farbe gewesen und
habe nach seiner Erinnerung noch keine Abbauzeichen (Verfärbungen) gehabt.
Der Zeuge führte weiter aus, dass ein Hämatom zwischen einem und vier Tagen
brauche, um sich aufzubauen; zuerst gebe es eine Rötung, dann blute es ein und
es werde purpurn bis dunkelblau. Beim Abbau des Hämatoms nach fünf bis sie-
ben Tagen werde es grün und nach ein bis zwei Wochen gelb (a.a.O. S. 107 und
S. 114 ff.). Eine Selbstbeibringung hielt Dr. D._ aufgrund des gesamten Ver-
letzungsmusters als sehr unwahrscheinlich und die entsprechende Annahme von
Prof. E._ als an den Haaren herbeigezogen (a.a.O. S. 109).
Auch was den verletzten Zeigefinger der linken Hand des Privatklägers an-
geht, konnte Dr. D._ aufklärende Angaben machen. Das Grundgelenk eines
Fingers sei viel beweglicher als das Mittelgelenk. Bei Ersterem gebe es selten
Verletzungen. Viel mehr Probleme machten demgegenüber die Mittel- und End-
gelenke der Finger (a.a.O. S. 110). Dr. D._ erklärte auch, dass er den Finger
des Privatklägers in einer Klinik habe röntgen lassen und legte diesbezüglich den
Röntgenbericht vom 12. Juli 2011 vor (Urk. 157). Dieser bestätigt den Befund ei-
ner Weichteilschwellung im Bereich des Mittelgelenkes des zweiten Fingers links,
verneint jedoch eine Fraktur. Die damit erstellte Weichteilschwellung des Finger-
mittelgelenks und das Ausbleiben einer vergleichbaren Verletzung am Grundge-
lenk des Fingers korrespondiert mit der Demonstration und Aussage des Privat-
klägers anlässlich seiner ergänzenden Befragung vom 16. Juni 2015, wonach die
Beschuldigten beim Zurückbiegen seiner Fingerspitze das mittlere Fingergelenk
mit dem Daumen festgehalten hätten, womit der Finger, bis es schmerzt, nicht so
weit angehoben werden muss, wie wenn der ganze Finger hochbewegt würde
- 22 -
(Prot. II S. 77 f.). Das gleiche Detail hatte der Privatkläger bereits in seiner aus-
führlichen Strafanzeige erwähnt (vgl. Urk. 1 Blatt 8: "... der Lange drückt seine
linke Hand auf meine. Dann der Dicke mit der linken Hand nimmt meinen Zeige-
finger, zieht nach oben und mit dem Daumen nach unten...").
In der Verhandlung vom 16. Juni 2015 wurde zu den Verletzungen des Pri-
vatklägers ebenfalls F._ als Zeuge angehört (Prot. II S. 94-104). Dieser sagte
im Wesentlichen aus, dass er beim Privatkläger am Tag nach dem inkriminierten
Vorfall vorbeigegangen sei und dessen Hand gesehen habe, die schlimm ausge-
schaut habe; die Finger seien "so" geschwollen gewesen (a.a.O. S. 97). Auch ha-
be der Privatkläger sein T-Shirt angehoben und der Zeuge habe auf dessen
Brustkasten gesehen, dass alles rot gewesen sei und es einen Fussabdruck eines
Schuhs gehabt habe. Den Absatz habe man noch sehr gut sehen können (a.a.O.
S. 98).
F._ hinterliess vor Gericht einen sehr glaubwürdigen Eindruck. Er
machte detaillierte und differenzierte Ausführungen, die lebensnah und stimmig
wirken (vgl. Prot. II S. 94-104). Trotz seiner Bekanntschaft mit dem Privatkläger
besteht deshalb kein Anlass, an der Richtigkeit seiner Darstellung zu zweifeln.
Sowohl die Aussagen von Dr. D._ samt seinen fachkundigen Erläute-
rungen wie auch die Depositionen von F._ erscheinen durchaus glaubhaft
und überzeugend. Mit diesen Aussagen der Zeugen, welche diejenigen des Pri-
vatklägers zu stützen bzw. zu bestätigen vermögen, sind die von Prof. E._ in
seinen Gutachten gestreuten Zweifel ausgeräumt. Es erweist sich, dass das Hä-
matom auf dem Oberbauch des Privatklägers und die Schwellung an seinem lin-
ken Zeigefingers noch frisch waren, als sie am Tag nach der Konfrontation des
Privatklägers mit der Polizei vom Zeugen F._ gesehen wurden. Überdies
lässt sich für die Entstehung dieser beiden Verletzungen aufgrund der diesbezüg-
lich korrespondierenden Aussagen des Privatklägers und der Zeugen F._
und Dr. D._ und nachdem eine Selbstbeibringung ausgeschlossen werden
kann, keine andere plausible Erklärung als diejenige finden, die der Privatkläger
- 23 -
von Anfang an konstant von sich gegeben hat, nämlich dass sie ihm am Freitag,
dem 24. Juni 2011, von den Beschuldigten zugefügt worden sind. Bei dieser Be-
weislage sind die Anklagevorwürfe des Fingerbeugens und des Fusstritts in den
Bauch als rechtsgenügend erstellt anzusehen.
e) Ausser durch die Aussagen des Privatklägers werden die in den Ankla-
geschriften aufgeführten Nötigungsvorwürfe durch keine weiteren Beweismittel
oder Indizien gestützt. Dass die Beschuldigten den Privatkläger dazu gezwungen
haben sollen, der Liegenschaftsverwaltung einen Brief zu schreiben, wonach er
sich hier nicht mehr blicken lasse, macht von vornherein keinen Sinn. Anders wä-
re es, wenn der Privatkläger etwa zur Kündigung des Pachtvertrages gezwungen
worden wäre, was aber nicht der Fall war und vom Privatkläger nicht so behauptet
wird. Auch der weitere Vorgang, den Hausschlüssel in dasselbe Couvert zu legen
und es zu frankieren, ist als solches unverständlich und schwer zu glauben. Ein
Pachtvertrag kann in dieser Weise und zudem ausserterminlich ohnehin nicht
aufgelöst werden. Das Couvert und der Schlüssel sind denn auch nicht nachweis-
lich beim Adressaten angekommen oder sonstwie wieder aufgetaucht. Ausser der
Aussage des Privatklägers gibt es für diese nötigenden Handlungen der Beschul-
digten somit keinerlei Anhaltspunkte. Gleiches gilt für die vom Privatkläger be-
hauptete anschliessende Wegnahme des Couverts mit dem Schlüssel sowie sei-
nes Mobiltelefons. Beides ist auch als mehrfache geringfügige Sachentziehung
zur Anklage gebracht. Wie unter Ziff. II.4.a ausgeführt, ist die Verlässlichkeit der
Äusserungen des Privatklägers jedoch stark eingeschränkt. Folglich verbieten
sich nach dem Grundsatz in dubio pro reo entsprechende Verurteilungen.
f) Klar aufgebauscht erscheint auch die Darstellung des Privatklägers, wie
er anschliessend von den Polizisten in angeblich nötigender Weise zum "Verrei-
sen" aufgefordert und dann mit den Polizeifahrzeug ein Stück weit verfolgt worden
sei. Der Privatkläger war in G._ nicht angemeldet und er hat gegenüber den
Beschuldigten angedeutet, dass er im Schreberhaus nächtige, was nicht erlaubt
war. Somit hatten die Polizisten begründete Veranlassung, ihn aufzufordern, den
Ort zu verlassen und an seinen Wohnsitz, wo er offiziell angemeldet war, zurück-
zukehren. Wenn sie dies mit groben Worten taten und sich über eine Distanz von
- 24 -
ein paar hundert Metern auch vergewisserten, ob der Privatkläger der Aufforde-
rung nachkomme, so ist dies, wenn von der filmreifen, aber wenig nachvollziehba-
ren Dramatisierung durch den Privatkläger abstrahiert wird, noch nicht als gewalt-
same Vertreibung anzusehen, zumal selbst die Anklage nur von einem kurzfristi-
gen Vorgang spricht. Vom Privatkläger wird denn auch nicht behauptet, er sei bei
der Verfolgung durch den Polizeiwagen konkret gefährdet bzw. eigentlich zu et-
was gezwungen worden, vielmehr hielt er in seiner Strafanzeige selber fest, er
habe sich gedacht, dann mache ich halt ein "Spaziergängli" (vgl. Urk. 1 S. 10;
idem Urk. 6/2 S. 10). Bei nächster Gelegenheit kehrt er denn auch wieder in sein
Schreberhaus zurück. Es handelte sich bei diesem Vorgang somit vielmehr um
ein unhöfliches Verweisen des Privatklägers von der Örtlichkeit durch die Polizis-
ten, welche beim eigenen Verlassen des Gartenareals ohnehin dieselbe (einzige)
Strasse benützen mussten. Eine Gewaltanwendung oder die Androhung ernstli-
cher Nachteile ist dabei nicht erstellt. Auch hier hat folglich ein Freispruch zu er-
gehen.
g) Die Anklage wirft den diensthabenden Beschuldigten bezogen auf all die
Vorgänge im Schreberhaus und auf das anschliessende Vorgehen mehrfachen
Amtsmissbrauch vor. Inwieweit sie die staatliche Macht, die sie hatten, bewusst
zweckentfremdet eingesetzt haben, hängt vorliegend davon ab, ob dabei weitere
Straftatbestände erfüllt und damit unrechtmässig gehandelt worden ist. Darauf ist
im Rahmen der rechtlichen Würdigung einzugehen.
h) Bleibt als letzter Anklagevorwurf derjenige, dass der Beschuldigte
B._ in Absprache mit dem Mitbeschuldigten etwa eine halbe Stunde nach
dem Weggehen des Privatklägers dessen Grundstück erneut betreten und sich
auch Zutritt zu dem auf diesem Grundstück befindlichen "Bunker" des Gaswerkes
verschafft hätte, was als Hausfriedensbruch zu betrachten sei. Das Betreten und
Kontrollieren des "Bunkers" wird den Beschuldigten von der Anklage nicht aus-
drücklich vorgeworfen, jedoch das Betreten des Grundstücks, welches vom Pri-
vatkläger gepachtet war. Wie sich aus dem Augenschein vor Ort ergab, ist dieses
Grundstück gegen die Nachbarn K._ und ebenfalls gegen die Strasse einge-
friedet. Zugang dazu von der Strasse her ist im Normalfall durch ein Holztörchen
- 25 -
gegeben, welches mit einem Schloss versehen ist. Das Hausrecht des Privatklä-
gers umfasst gemäss Pachtvertrag auch den auf demselben Terrain befindlichen
sog. "Bunker", der früher eine Gasmessstation mit Unterkellerung war (vgl. den
Pachtvertrag in Urk. 91). Mangels Anwesenheit des Privatklägers hatten die Be-
schuldigten beim nochmaligen Betreten von dessen Grundstück keine Zutrittser-
laubnis.
III. Rechtliche Würdigung
Die Vorinstanz folgte bei der rechtlichen Würdigung des aus ihrer Sicht er-
stellten Anklagesachverhalts – mit Ausnahme von Anklageziffer 3, wo sie auf ver-
suchte, statt auf vollendete Nötigung erkannte – der Staatsanwaltschaft. Zu Recht
ist dabei aufgrund der Umstände von Mittäterschaft der beiden Beschuldigten
ausgegangen worden. Die vorstehenden Erwägungen haben nun aber gezeigt,
dass sich die Sachverhalte gemäss Anklageziffern 1 (Freiheitsberaubung), 4 und
6 (Nötigungen) sowie 5 (Sachentziehung) nicht rechtsgenügend und die Anklage-
ziffer 2 (Körperverletzung) nur zum Teil erstellen lassen. Verurteilungen wegen
Freiheitsberaubung, vollendeter Nötigungen und Sachentziehung haben deshalb
von vorneherein auszuscheiden.
Was sodann die mutwillige Verstauchung des linken Zeigefingers des Pri-
vatklägers mit der Folge mehrtägiger Schwellung und Druckdolenz angeht sowie
sein hufeisenförmiger und längere Zeit sichtbarer Bluterguss als Folge eines
Fusstritts in die Magengrube, welcher gar die Möglichkeit einer Zwölffingerdarm-
verletzung mitenthielt, so sind diese körperlichen Beeinträchtigungen gemäss An-
klageziffer 2 und 3 erstellt und aufgrund ihrer Auswirkungen nicht mehr als blosse
Tätlichkeiten, sondern der Vorinstanz folgend als einfache Körperverletzung zu
qualifizieren. Unter Verweis auf die diesbezüglich glaubhafte Aussage des Privat-
klägers ist sodann davon auszugehen, dass die schmerzhafte Beugung des Zei-
gefingers erfolgt ist, um ihn zur Preisgabe eines allfälligen Hanfversteckes zu be-
wegen. Da die Beschuldigten dabei nicht zum Ziel gekommen sind, ist die vor-
- 26 -
instanzliche Qualifikation dieses Vorgangs als Nötigungsversuch grundsätzlich
richtig.
Da die Beschuldigten bei den ihnen im Ergebnis anzulastenden Übergriffen
(Fusstritt in die Magengegend des Privatklägers und das Zurückbiegen dessen
Zeigefingers, damit er sein Drogenversteck preisgebe) als Polizisten im Dienst
gehandelt haben, kommt zusätzlich der Strafbestand des Amtsmissbrauchs ge-
mäss Art. 312 StGB zur Anwendung; die Beschuldigten haben ihre Amtsgewalt
missbraucht, indem sie den Privatkläger in ungebührlicher Weise drangsalierten
und verletzten, was unter keinem Titel erlaubt war.
Indem die Beschuldigten später ohne Erlaubnis des Privatklägers sein Areal
nochmals betraten, haben sie auch sein Hausrecht verletzt. Dazu sei vorweg auf
die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen (Urk. 54 und 88/50 S. 25
f. bzw. 26 f.). Wie diese richtig erkannte, lag kein Fall von § 20 des kantonalen
Polizeigesetzes vor. Diese Bestimmung regelt, dass der Polizei das Betreten pri-
vater Grundstücke dann gestattet ist, wenn dies "zur Erfüllung polizeilicher Aufga-
ben notwendig ist". Die polizeilichen Aufgaben sind in §§ 3-7 PolG definiert. Vor-
liegend wäre nur die Verhinderung oder Aufklärung einer Straftat oder die Abwehr
einer unmittelbar drohenden Gefahr in Betracht gekommen. Dafür bestand da-
mals aber keine dienstliche Notwendigkeit. Wie die Vorinstanz richtig festhielt
(a.a.O.), ging es den Beschuldigten vielmehr darum, allenfalls doch noch etwas
zu finden, was den Privatkläger belastet hätte. Bei einer so vagen Veranlassung
begehen aber auch Polizisten einen Hausfriedensbruch. Dies musste den Be-
schuldigten als Ordnungshütern zweifellos klar gewesen sein. Der entsprechende
Strafantrag wurde vom Privatkläger mit seiner Strafanzeige gestellt (Urk. 1). Der
Schuldspruch der Vorinstanz lässt sich somit bestätigen.
Während die Art. 123 und 186 StGB echt mit Art. 312 StGB konkurrieren,
wird die versuchte Nötigung durch Letzteren konsumiert (BSK StGB II-
Heimgartner, Art. 312 N 26). Folglich sind die Beschuldigten des mehrfachen
Amtsmissbrauchs im Sinne von Art. 312 StGB, der einfachen Körperverletzung im
Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB sowie des Hausfriedenbruchs im Sinne von
Art. 186 StGB zu verurteilen. Im Übrigen sind sie freizusprechen.
- 27 -
IV. Strafzumessung
1. Die Vorinstanz hat die allgemeinen Grundsätze der Strafzumessung zu-
treffend wiedergegeben. Auch hat sie richtigerweise den Amtsmissbrauch als
schwerstes Delikt betrachtet. Dafür hat sie bei beiden Beschuldigten eine Ein-
satzstrafe von zehn Monaten für angemessen gehalten. Aufgrund der weiteren
Delikte (Freiheitsberaubung, einfache Körperverletzung, mehrfache Nötigung des
Versuchs dazu und Hausfriedensbruch) erhöhte sie die Strafe um weitere sechs
Monate. Für die mehrfache geringfügige Sachentziehung schlug sie eine Busse
von Fr. 500.– hinzu.
Im Unterschied zum Urteil der Vorinstanz werden die Beschuldigten nun-
mehr bezüglich mehrerer zusätzlich zum Amtsmissbrauch vorgeworfener Delikte
freigesprochen. Da der Amtsmissbrauch im vorliegenden Fall letztlich in der Be-
gehung der anderen Delikte zu erblicken ist, hat sich sein Unrechtsgehalt gegen-
über den vorinstanzlichen Urteilen verringert. Er liegt jetzt noch in der im Dienst
begangenen doppelten Körperverletzung und in der anschliessenden Verletzung
des Hausrechts des Privatklägers. Die Malträtierung des Zeigefingers ist ange-
sichts der Darstellung des Privatklägers, wonach er zuerst zwar geschrien, dann
aber nur zweimal "Au" gesagt habe, und die Beschuldigten ihn dann losgelassen
hätten, nicht als eine längere Tortur anzusehen und deshalb weniger gravierend,
als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Schwerer wiegt der heftige Fusstritt
in den Bauch des Privatklägers. Aber auch die Missachtung des Hausrechts ist
bei Polizisten alles andere als eine Bagatelle.
Was die subjektive Tatschwere anbetrifft, erkannte die Vorinstanz richtig,
dass das Vorgehen der Beschuldigten direktvorsätzlich geschah. Auch räumte sie
zu Recht ein, dass – wie von den Beschuldigten ausgesagt – von Seiten des Pri-
vatklägers eine verbale Provokation vorgelegen habe. An Letzterem kann ange-
sichts der Aussage des Zeugen F._, dem der Privatkläger am Tag nach dem
Ereignis gesagt haben soll, er habe die Polizisten beschimpft und wahrscheinlich
schon Worte gebraucht, die sie nicht gerne gehört hätten (Prot. II S. 97 und 99),
kein Zweifel bestehen. Auch hat der Privatkläger andernorts wiederholt manifes-
- 28 -
tiert, welch unflätigen Umgangston er gegenüber Ordnungshütern zu üben pflegt
(vgl. vorne unter Ziff. II.4.a). Im Übrigen machen solche polizeilichen Übergriffe
keinen Sinn, wenn der Privatkläger sich ruhig und gefügig verhalten hätte, wie er
behauptet; vielmehr lassen sie sich sinnig nicht anders denn als Reaktionen auf
vorausgegangene Provokationen bzw. angetroffenen Widerstand erklären.
Die Erwägungen der Vorinstanz zum Tatmotiv der Beschuldigten bedürfen
ebenfalls einer Korrektur. Dieses lag entgegen ihrer Auffassung nicht primär in
der Erniedrigung des Privatklägers und in einem Frustabbau, sondern letztlich im
Versuch, als Polizisten dem Wunsch der Nachbarn, die vom Privatkläger drangsa-
liert worden waren, nachzukommen und den Störefried zur Ruhe und zur Ord-
nung zu rufen. Im Übrigen ging es den Beschuldigten darum, der von den Nach-
barn aufgeworfenen Frage, ob der Privatkläger Drogenhändler oder Hehler sei,
nachzugehen. Sie bezweckten somit primär keine egoistischen Ziele, sondern
verfolgten letztlich ihren Dienstauftrag, nur wählten sie dazu ungesetzliche Mittel,
was klar missbräuchlich war. Aus der Sicht der ganzen Palette möglicher Amts-
missbräuche, bei denen sich nicht selten sowohl Mittel wie Zweck als ungesetz-
lich erweisen, ist der vorliegende Amtsmissbrauch – so sehr er auch zu verurtei-
len ist – noch im unteren Viertel des möglichen Schweregrads anzusiedeln.
Darin, dass die Täterkomponente bei beiden Beschuldigten keine strafzu-
messungsrelevanten Auswirkungen entfaltet, kann der Vorinstanz gefolgt werden.
Als Einsatzstrafe für den mehrfachen Amtsmissbrauch erscheinen somit sieben
Monate als angemessen.
Die hinzutretenden weiteren Straftatbestände der einfachen Körperverlet-
zung und des Hausfriedensbruchs überschneiden sich wie erwähnt mit demjeni-
gen des Hauptdelikts, was zu einer Straferhöhung in geringerem Ausmasse führt.
Eine Anhebung der Einsatzstrafe um rund zwei Monate erscheint hier gerechtfer-
tigt. Im Ergebnis resultiert eine Sanktion in der Grössenordnung von neun Mona-
ten.
Die Beschuldigten sind nicht vorbestraft und auch ihr Verschulden ruft nicht
geradezu nach einer Freiheitsstrafe. Deshalb ist hier der Geldstrafe als Sanktion
- 29 -
Vorrang zu geben. Beide Beschuldigten sind somit mit 270 Tagessätzen Geldstra-
fe zu bestrafen. Eine zusätzliche Busse ist weder zwingend noch erforderlich.
Bei der Berechnung des Tagessatzes für die Geldstrafe sind die individuel-
len Verhältnisse eines jeden Beschuldigten zu berücksichtigen. Der Beschuldigte
A._ verdient monatlich netto Fr. 6'200.– (13x), ist verheiratet und hat zwei im
Haushalt lebende Kinder. Sein Frau verdient monatlich Fr. 3'433.–. Der Mietzins
kostet ca. Fr. 2'000.– (alles in Urk. 66). Im Ergebnis erscheint ein Tagessatz von
rund Fr. 130.– angemessen.
Der Beschuldigte B._ hat den Polizeiberuf verlassen und absolviert nun
eine Schulung als Finanzbuchhalter. Sein Nettoeinkommen im Monat beträgt le-
diglich Fr. 3'000.– (12x). Offenbar lebt er mit einer Partnerin zusammen, deren
Einkommen er auf jährlich Fr. 120'000.– schätzt. Fürs Wohnen im Haus seiner
Partnerin bezahlt er einen monatlichen Anteil von Fr. 1'600.–. Kinder hat er keine
(Prot. II S. 21 ff.; Urk. 88/61). Diese wirtschaftlichen Verhältnisse lassen einen
Tagessatz von Fr. 60.– als angemessen erscheinen.
2. Zum Vollzug der Sanktionen kann grundsätzlich auf die zutreffenden Er-
wägungen der Vorinstanz verwiesen werden, die analog auch für Geldstrafen gel-
ten. Der Vollzug der Geldstrafe ist somit bei beiden Beschuldigten aufzuschieben
bei Ansetzung je einer minimalen Probezeit.
V. Zivilpunkt
Die Auffassung der Vorinstanz ist zu bekräftigen, wonach es sich bei den
Schadenersatzbegehren und Genugtuungsforderungen des Privatklägers um An-
sprüche aus Staatshaftung handelt, welche in einem Strafprozess nicht adhäsi-
onsweise geltend gemacht werden können. Der Hinweis der Vertreterin des Pri-
vatklägers auf die diesbezügliche bundesgerichtliche Rechtsprechung (vgl.
Urk. 101 S. 14 f.) ist zwar zutreffend. So kommt das öffentliche Verantwortlich-
keitsrecht nur dann zur Anwendung, wenn ein Schaden in Ausübung der amtli-
chen Funktion und nicht bloss bei Gelegenheit der amtlichen Verrichtung verur-
- 30 -
sacht wird; verlangt wird ein funktioneller Zusammenhang zwischen der amtlichen
Stellung als öffentlicher Beamter oder Angestellter und der schädigenden Hand-
lung (BGE 130 IV 27 E. 2.3.2.; BGer 2P.224/2005 E. 3.4). Wichtig ist jedoch die
Feststellung, dass sich schädigendes Handeln immer ein Stück weit ausserhalb
der Amtspflicht vollzieht oder dieselbe vorsätzlich oder fahrlässig missachtet (er-
neut BGer 2P.224/2005 E. 3.4). Die Verurteilung der Beschuldigten schliesst mit-
hin eine Staatshaftung nicht aus. Vielmehr ist im vorliegenden Fall entscheidend,
dass die inkriminierten Handlungen allesamt zur Erreichung polizeilicher Ziele ge-
schahen und die Beschuldigten dabei auch stets als Polizisten in Erscheinung ge-
treten sind, womit der staatshaftungsrechtlich vorausgesetzte funktionelle Zu-
sammenhang mit der polizeilichen Arbeit gegeben ist. Auf die Begehren des Pri-
vatklägers ist deshalb im vorliegenden Strafverfahren nicht einzutreten.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Die Schuldsprüche der Vorinstanz gegen beide Beschuldigten wegen
Amtsmissbrauchs und weiterer Delikte werden in zweiter Instanz in Kern bestätigt.
Die vorinstanzlichen Kostendispositive (je Ziff. 6 und 7) sind deshalb zu bestäti-
gen.
Die Beschuldigten obsiegen mit ihren Berufungen teilweise im Schuld- und
Strafpunkt. Es bleibt jedoch gerade hinsichtlich der Hauptdelikte bei einer Verur-
teilung. Immerhin wird die Strafe fast um die Hälfte halbiert und es wird eine mil-
dere Strafart ausgefällt. Der Privatkläger unterliegt mit seiner Berufung gänzlich,
beschränkte diese jedoch lediglich auf den Zivilpunkt. Es rechtfertigt sich deshalb,
den beiden Beschuldigten je vier Neuntel der Berufungskosten aufzuerlegen, je-
doch ohne einen entsprechende Beteiligung an den Kosten der unentgeltlichen
Vertretung des Privatklägers. Der restliche Neuntel der Berufungskosten (ohne
die Kosten seiner unentgeltlichen Vertretung, die auf die Gerichtskasse zu neh-
men sind) hat der Privatkläger zu tragen. Angesichts seiner prekären finanziellen
Verhältnisse ist ihm dieser Kostenanteil jedoch zu erlassen. Bei diesem Ausgang
des Berufungsverfahrens sind keine Umtriebsentschädigungen zuzusprechen.
- 31 -