Decision ID: 971ebf20-a697-57d1-9a09-b970cd73294d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 2. September 2016 im Empfangs-
und Verfahrenszentrum (EVZ) des SEM in B._ um Asyl nach. Dort
wurde er am 13. September 2016 zu seiner Person, zu seinem Reiseweg
und summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Person
[BzP]). Am 14. Dezember 2018 hörte ihn das SEM ausführlich zu seinen
Asylgründen an (Anhörung).
A.b In Bezug auf seinen persönlichen Hintergrund machte er geltend, er
sei sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Ethnie und in C._
(Distrikt D._, Nordprovinz) bei seinen Eltern und mit (...) Geschwis-
tern aufgewachsen. Eine (...) lebe mittlerweile in E._ (Distrikt
F._, Nordprovinz), während die restlichen Familienmitglieder – mit
Ausnahme seines im Jahr 2009 verstorbenen (...) – nach wie vor im Distrikt
D._ wohnhaft seien.
A.c Zu seinen Gesuchsgründen brachte er im Wesentlichen vor, er sei am
25. Oktober 2006 von den LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) zwangs-
rekrutiert worden und habe nach Abschluss eines mehrmonatigen Trai-
nings sowie einer Ausbildung als Journalist ab Mitte 2007 in der Einheit
«(...)» in G._ (Distrikt H._, Nordprovinz) gedient. Aufgrund
dessen, dass er gut und schön habe schreiben können, habe er zwar sel-
ber nie am Gefecht teilgenommen, sei aber jeweils vor Ort gewesen, um
Kriegsrapporte zuhanden des oberen Kaders der LTTE zu verfassen. Nach
einem Spitalaufenthalt infolge einer Verletzung im Jahr 2007 respektive im
Jahr 2008 sei er zunächst nicht mehr zu seiner Einheit zurückgekehrt, aber
kurz darauf wieder zwangsrekrutiert worden und habe weiterhin Kriegs-
rapporte verfasst respektive sei er als Strafe für seine Desertion an den
Wachposten eingesetzt worden. Von dort aus sei er erneut desertiert und
habe sich bis Kriegsende bei seiner (...) an wechselnden Ortschaften ver-
steckt. Am 21. April 2009 habe er sich der sri-lankischen Armee in
I._ ergeben und die beiden folgenden Jahre in Rehabilitationshaft
verbracht, bevor er am 25. Dezember 2010 mit der Hilfe eines Parlamen-
tariers und gegen Bezahlung eines Geldbetrages freigelassen worden sei.
Danach habe er wöchentlich Unterschrift im Armeecamp von J._
leisten müssen, sei mehrmals verhört und vom CID (Criminal Investigation
Departement) überwacht worden. Aus den obgenannten Gründen habe er
sich einen Reisepass ausstellen lassen und Sri Lanka erstmals im August
2012 – mit der Hilfe eines Schleppers – verlassen. In der Folge habe er in
D-1170/2020
Seite 3
K._ ein Asylgesuch gestellt, welches er aufgrund der vermeintlichen
Verbesserung der politischen Lage im Heimatland später zurückgezogen
habe und im April 2014 nach C._ zurückgekehrt sei. Zwei Monate
nach seiner Rückkehr sei er von den heimatlichen Behörden von Neuem
angehalten und in ein Gefängnis nach L._ transferiert worden, wo
er nach den Gründen für seine Aus- und Einreise befragt, geschlagen und
seine Haut mit Zigaretten verbrannt worden sei. Nach einem Monat sei er
schliesslich freigelassen und in seinen Distrikt abgeschoben worden, wo er
wiederum wöchentlich habe Unterschrift leisten müssen und monatlich be-
fragt worden sei. Beziehungsweise hätten die heimatlichen Behörden be-
reits zwei bis drei Tage nach seiner Rückkehr von ihm wissen wollen, wo
er gewesen sei und weshalb er Sri Lanka verlassen habe. Er habe wiede-
rum wöchentlich Unterschrift leisten müssen, sei mehrmals verhört und
vom CID überwacht worden. Im Juni 2015 sei er vom CID erstmals ins
«Headoffice» nach L._ zu einer Befragung vorgeladen worden, was
sich nachfolgend ungefähr fünf Mal wiederholt habe. Diese Befragungen
hätten in der Regel einen Tag gedauert, zweimal habe er für zwei- bis drei
Tage dort bleiben müssen. Als ein ehemaliges und im gleichen Umfang
überwachtes LTTE-Mitglied vom CID verhaftet worden und seither unbe-
kannten Aufenthaltes sei, habe er sich aus Angst, dass ihn dasselbe
Schicksal ereile, zur erneuten Ausreise entschlossen. Respektive habe er
sich zur erneuten Ausreise entschlossen, nachdem ein ehemaliger Kollege
der LTTE (Bewegungsname: M._) verhaftet worden sei und sich
Angehörige des CID – erstmals in Begleitung von Mitgliedern der sri-lanki-
schen Polizei – kurze Zeit später bei seiner Familie zu Hause auch nach
ihm erkundigt hätten. Zum damaligen Zeitpunkt habe er sich gerade bei
seiner (...) aufgehalten und sei aus Angst, dass ihn das gleiche Schicksal
wie M._ ereile, direkt nach L._ gereist. Am 30. August 2016
habe er Sri Lanka – mit der Hilfe eines Schleppers und mit Reisepapieren
auf seinen Namen lautend – auf dem Luftweg verlassen. Nach der Ausreise
hätten sich die heimatlichen Behörden bei seiner Familie zu Hause nach
seinem Verbleib erkundigt.
A.d Zum Nachweis seiner Identität legte er seine sri-lankische Identitäts-
karte und seinen Geburtsschein (jeweils im Original) ins Recht. Zur Unter-
mauerung seiner Vorbringen reichte er die Todesurkunde seines (...) (in
Kopie), eine auf seinen Namen lautende Karte des internationalen Roten
Kreuzes (IKRK), eine vom IKRK ausgestellte Haftbestätigung vom 26. Ja-
nuar 2011 (jeweils im Original), eine undatierte Bestätigung des «Coordi-
nating Center for Rehabilitation» in G._ betreffend die erfolgreiche
D-1170/2020
Seite 4
Beendigung des Rehabilitationsprogramms (in Kopie), ein handschriftli-
ches Schreiben in singhalesischer Sprache vom 12. Juli 2015 (gemäss ei-
genen Angaben: eine Vorladung des CID), ein handschriftliches Schreiben
in tamilischer Sprache vom 29. Juni 2015 (gemäss eigenen Angaben: eine
Wohnsitzbestätigung des Dorfvorstehers) (jeweils im Original) sowie einen
in der Schweiz entfernten Splitter zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 27. Januar 2020 – tags darauf eröffnet – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug an.
C.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
27. Februar 2020 (Datum des Poststempels) – handelnd durch die rubri-
zierte Rechtsvertreterin – beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei
ihm unter Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren.
Eventualiter sei die Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses sowie um Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als
amtlichen Rechtsbeistand. Zudem sei festzustellen, dass die Beschwerde
aufschiebende Wirkung habe.
Der Beschwerde beigelegt war – nebst einer Kopie der angefochtenen Ver-
fügung, einer Vollmacht vom 13. Februar 2020 und einer Kostennote der
Rechtsvertreterin vom 27. Februar 2020 – ein Bericht «Gotabaya Rajapa-
ksa’s Präsidentschaft – Menschenrechte unter Beschuss» vom 2. Januar
2020. Gleichzeitig stellte er die Einreichung weiterer Beweismittel in Aus-
sicht.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 4. März 2020 stellte der Instruktionsrichter
fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess er die Gesuche um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung sowie der amtlichen Rechtsverbeistän-
dung – unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgeabhän-
D-1170/2020
Seite 5
gigkeitsbestätigung sowie unter Vorbehalt einer Veränderung der finanziel-
len Verhältnisse – gut und ordnete dem Beschwerdeführer diesfalls MLaw
Cora Dubach als amtlichen Rechtsbeistand bei. Ferner wurde dem Be-
schwerdeführer eine Frist angesetzt, um eine Fürsorgebestätigung nach-
zureichen oder einen Kostenvorschuss von Fr. 750.− zu leisten.
E.
Am 11. März 2020 liess der Beschwerdeführer fristgemäss eine Fürsorge-
abhängigkeitsbestätigung vom 5. März 2020 zu den Akten reichen.
F.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 16. März 2020 reichte der Be-
schwerdeführer ankündigungsgemäss weitere Beweismittel ins Recht:
- Zeugenvorladung («summons to a witness to give evidence») des
Magistrate’s Court J._ vom 2. September 2016 (ausgefüllt in
singhalesischer Sprache und im Original);
- Zeugenvorladung («summons to a witness to give evidence») des
Magistrate’s Court J._ vom 6. Januar 2020 (ausgefüllt in engli-
scher Sprache und im Original);
- Haftbefehl («warrant of arrest») des High Court J._ vom
20. Januar 2020 (ausgefüllt in englischer Sprache und in Kopie);
- Bestätigung einer Anzeigeerstattung bei der «Human Rights
Commission of Sri Lanka» vom 22. Januar 2020 (im Original).
G.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 14. Juli 2020 machte der Be-
schwerdeführer – nebst einer aktualisierten Kostennote seiner Rechtsver-
treterin desselben Datums – sodann eine Fotografie (gemäss eigenen An-
gaben: eine aus dem Jahr 2006 stammende Aufnahme von ihm in LTTE-
Uniform) sowie drei tamilische Presseartikel über die Situation in Sri Lanka
vom 26. April 2020, 9. Mai 2020 und 29. Juni 2020 aktenkundig. Gleichzei-
tig brachte er vor, seine (...) habe ihm mitgeteilt, dass er bereits die dritte
Gerichtsvorladung erhalten habe und im März 2020 bei seiner Familie zu
Hause von vier Personen in Polizeiuniform gesucht worden sei.
H.
Am 14. Dezember 2020 wurde das SEM zur Einreichung einer Vernehm-
lassung bis zum 29. Dezember 2020 eingeladen.
D-1170/2020
Seite 6
I.
Am 18. Januar 2021 liess sich das SEM innert erstreckter Frist zur Be-
schwerde vernehmen. Dazu nahm der Beschwerdeführer – handelnd
durch seine Rechtsvertreterin – mit Eingabe vom 19. Februar 2021 innert
erstreckter Frist Stellung. Dabei legte er fünf Fotografien (gemäss eigenen
Angaben: zwei private Aufnahmen aus dem Jahr 2006 und drei Aufnahmen
von ihm selbst – teils alleine, teils zusammen mit anderen Teilnehmern –
anlässlich einer politischen Aktion im März 2020) ins Recht. Gleichzeitig
reichte seine Rechtsvertreterin eine aktualisierte Kostennote desselben
Datums zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer ist als Verfü-
gungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108
Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Soweit in der Rechtsmitteleingabe die Feststellung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde beantragt wird, kann festgehalten werden, dass
dieser von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zukommt (vgl. Art. 6
AsylG i.V.m. Art. 55 Abs. 1 VwVG) und die Vorinstanz diese vorliegend
nicht entzogen hat.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
D-1170/2020
Seite 7
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.)
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen
an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG, noch denjenigen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG stand.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers bezüglich der Behelligungen durch
das CID nach seiner Rückkehr aus K._ im Jahr 2014 seien in we-
sentlichen Punkten zu wenig konkret, detailliert und differenziert dargelegt
worden und vermittelten den Eindruck, der Beschwerdeführer habe das
Geschilderte nicht selbst erlebt. Hinzu komme, dass er diesbezüglich im
Verlauf des Verfahrens zu wesentlichen Punkten unterschiedliche Angaben
gemacht habe. So habe er im Rahmen der BzP zu Protokoll gegeben, er
sei im Jahr 2015 während eines Monats in L._ inhaftiert worden, wo
man ihm mit Zigaretten Brandmarken auf der Haut zugefügt habe. An der
Anhörung habe er diese beiden Vorbringen nicht mehr erwähnt, sondern
lediglich von mehreren ein-, zwei- oder dreitägigen Befragungen in
L._ gesprochen. Als er im Laufe der Anhörung auf diesen Wider-
D-1170/2020
Seite 8
spruch aufmerksam gemacht worden sei, habe er plötzlich erklärt, zwei o-
der sogar drei Monate in L._ in Haft gewesen zu sein, was schliess-
lich eine dritte Version desselben Vorbringens darstelle. Darüber hinaus
seien seine in der Anhörung gemachten Aussagen rund um die angebli-
chen Befragungen im «Headoffice» des CID in L._ äusserst ober-
flächlich ausgefallen. Namentlich habe er den Grund für dieselben bloss
hypothetisch angegeben. So hätten die Befragungen stets dann stattge-
funden, wenn in seinem Heimatdorf etwas vorgefallen sei. Auch erstaune,
dass der Beschwerdeführer nicht konkret habe darlegen können, wo sich
das «Headoffice» in L._ befinde, obwohl er sich dort fünf- bis sechs-
mal eingefunden haben wolle. Nach dem Gesagten sei davon auszugehen,
dass sich der Beschwerdeführer auf einen konstruierten Sachverhalt und
nicht auf tatsächlich Erlebtes stütze. An dieser Einschätzung vermöge auch
die in diesem Zusammenhang eingereichte Vorladung des CID vom
12. Juli 2015 nichts zu ändern, zumal diese in handschriftlicher Form vor-
liege, was nicht für ein authentisches Dokument spreche.
Im Übrigen habe der Beschwerdeführer auch widersprüchliche Angaben
zur Dauer seiner Tätigkeit für die LTTE gemacht. An der BzP habe er dies-
bezüglich zu Protokoll gegeben, bis September 2007 bei den LTTE gewe-
sen zu sein. An der Anhörung habe er das Ende seiner LTTE-Tätigkeit hin-
gegen auf April 2007 respektive August 2007 respektive August 2008 da-
tiert. Ebenso seien diese chronologischen Unsicherheiten in Bezug auf die
Verletzung an den Beinen zu notieren. In diesem Zusammenhang habe er
einmal von August 2007 und ein anderes Mal von August 2008 gespro-
chen. Vor diesem Hintergrund könnten seine LTTE-Vorbringen nicht als
gänzlich überzeugend bezeichnet werden.
Soweit der Beschwerdeführer Vorbringen im Zusammenhang mit den
Überwachungsmassnahmen nach der Rehabilitationshaft bis zur Ausreise
nach K._ im Jahr 2012 geltend mache, stünden diese zeitlich und
sachlich nicht in einem hinreichenden Kausalzusammenhang zu seiner
vier Jahre später erfolgten Ausreise, weshalb sie asylrechtlich nicht rele-
vant seien.
Im Zusammenhang mit der Prüfung, ob der Beschwerdeführer im Falle der
Rückkehr nach Sri Lanka begründete Furcht vor künftigen Verfolgungs-
massnahmen im Sinne von Art. 3 AsylG hat, stellte die Vorinstanz mit Blick
auf die vom Bundesverwaltungsgericht im Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 festgelegten Risikofaktoren schliesslich fest, dass der Beschwerde-
führer ein Rehabilitationsprogramm durchlaufen habe. Gemäss offiziellen
D-1170/2020
Seite 9
Angaben sei das Ziel der Rehabilitationshaft sicherzustellen, dass ehema-
lige LTTE-Mitglieder «de-radikalisiert» und für die Integration in die Gesell-
schaft als Zivilpersonen vorbereitet würden. Rehabilitierte Personen wür-
den vielfach durch die Behörden überwacht, etwa durch Melde- oder Un-
terschriftenpflichten, Aufenthaltskontrollen sowie Befragungen. Diese
Überwachungsmassnahmen und damit verbundene Beeinträchtigungen
würden in der Regel kein asylrelevantes Ausmass erreichen. Vorliegend
habe der Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen können, nach seiner
Rehabilitation Opfer von Verfolgungsmassnahmen asylrelevanten Aus-
masses geworden zu sein. Allfällige, im Zeitpunkt der Ausreise bestandene
Risikofaktoren hätten folglich kein Verfolgungsinteresse auszulösen ver-
mocht. Überdies würden keine konkreten Anhaltspunkte dafür vorliegen,
dass sich dies seit seiner Ausreise aus Sri Lanka geändert hätte. Somit
bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, dass er bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein werde.
Auch die am 16. November 2019 durchgeführten Präsidentschaftswahlen
vermöge diese Einschätzung nicht umzustossen.
4.2 Der Beschwerdeführer rügt in der Rechtsmitteleingabe eine Verletzung
von Art. 7 AsylG sowie Art. 3 AsylG. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz
habe er die Verfolgung glaubhaft dargelegt und erfülle die Voraussetzun-
gen zur Anerkennung als Flüchtling.
Bezüglich der aufgeführten Widersprüche macht er unter Hinweis auf die
Rechtsprechung (Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 1993 Nr. 3 sowie Urteil des EGMR M.A.
gegen die Schweiz vom 18. November 2014 [Beschwerde Nr. 52589/13])
geltend, dass es nicht legitim sei, widersprüchliche Aussagen zwischen der
BzP und der Anhörung derart stark zu gewichten. Abgesehen davon seien
die aufgeführten Widersprüche – wie nachfolgend aufgezeigt – angesichts
der in Aussicht gestellten Beweismittel bezüglich eines hängigen Gerichts-
verfahrens betreffend LTTE-Aktivitäten obsolet oder liessen sich ohne Wei-
teres erklären. So habe ihm seine (...) viel zu spät mitgeteilt, dass er im
September 2016 – mithin kurz nach seiner Ausreise – eine gerichtliche Vor-
ladung erhalten habe. Sie habe ihn damals nicht zusätzlich beunruhigen
wollen. Als er im Januar 2020 aber das zweite Mal gerichtlich vorgeladen
worden sei, habe sie ihm schliesslich davon berichtet. Infolge des zweima-
ligen Nichterscheinens liege sodann ein Haftbefehl gegen ihn vor. Obwohl
es sich beim Haftbefehl um ein behördeninternes Dokument handle, habe
seine Familie eine Kopie davon erhalten. Die soeben zitierten Dokumente
D-1170/2020
Seite 10
werde er so bald als möglich nachreichen und bitte diesbezüglich um etwas
Geduld. Im Übrigen sei der Vorinstanz zwar darin beizupflichten, dass er
die Dauer seiner Tätigkeit für die LTTE nicht zweifelsfrei habe angeben
können. Allerdings habe er sowohl seine Aktivitäten (Verfassen von Kriegs-
rapporten) als auch die Örtlichkeiten genau widergeben können. Abgese-
hen davon, würden die eingereichten Dokumente des IKRK seine zweijäh-
rige Rehabilitationshaft belegen. Dieser Umstand und die nachzureichende
Foto von ihm in LTTE-Uniform sollten Beleg genug sein, dass er tatsächlich
bei der Bewegung gewesen und den von ihm angegebenen Tätigkeiten
nachgegangen sei.
Des Weiteren erfüllten die bereits erlittene Rehabilitationshaft mitsamt Fol-
ter und die daran anschliessende engmaschige Überwachung für sich ge-
nommen bereits das geforderte Mass einer asylrelevanten Verfolgung.
Im Zusammenhang mit der Frage, ob er über ein Risikoprofil verfüge, auf-
grund dessen er begründete Furcht vor künftiger Verfolgung habe, bringt
der Beschwerdeführer schliesslich vor, gleich mehrere der vom Bundes-
verwaltungsgericht im Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 festgelegten
Risikofaktoren zu erfüllen. Er habe glaubhaft machen können, aufgrund
seiner LTTE-Mitgliedschaft bereits mehrfach inhaftiert worden zu sein. Als
Rückkehrer aus K._ sei ihm sodann unterstellt worden, mit der dort
aktiven LTTE-Garde in Kontakt getreten zu sein. Zusätzlich werde ihm wei-
teres Wissen über die LTTE und deren Kader unterstellt. Er habe damals
die entscheidenden Informationen über die Stellungen des Krieges um
H._ zusammengetragen und direkt an N._ weitergeleitet.
Dies sei die Grundlage für die strategische Analyse und Weiterplanung des
Widerstandkampfes der LTTE gewesen. Aufgrund dieser Schlüsselfunktion
habe er mit vielen Kadern der LTTE zusammengearbeitet, wobei er wäh-
rend der Rehabilitationshaft nicht alle seine Kontaktpersonen preisgege-
ben habe. Aus den obgenannten Gründen sei – wie bereits erwähnt – ein
Gerichtsverfahren gegen ihn eröffnet worden. Ferner habe er in der
Schweiz an Märtyrergedenkfeiertagen teilgenommen und sei von einem
LTTE-Verein angeworben worden. Darüber hinaus habe sich seine Gefähr-
dungslage seit den Wahlen im November 2019 massiv verschärft, was der
eingereichte Bericht zu Sri Lanka belege. Diesen Umstand habe die
Vorinstanz nicht berücksichtigt. Dasselbe gelte für die Entführung einer An-
gestellten der Schweizer Botschaft in Colombo durch Unbekannte.
D-1170/2020
Seite 11
4.3 In der Vernehmlassung hält die Vorinstanz fest, dass die Beschwerde
und deren Ergänzungen keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweis-
mittel enthielten, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen
könnten. Die Zeugenvorladungen vom 8. September 2016 (recte: 2. Sep-
tember 2016) und 20. Januar 2020 (recte: 6. Januar 2020) sowie der Haft-
befehl vom 20. Januar 2020 würden lediglich in Form von leicht manipu-
lierbaren Kopien vorliegen, weshalb diesen Dokumenten ein geringer Be-
weiswert zukomme. Ferner würden die Ausführungen in der Beschwerde,
wonach der Beschwerdeführer bei den LTTE eine hohe Hierarchieposition
innegehabt haben solle, nicht zu überzeugen vermögen. Alleine aufgrund
der geschilderten Aufgaben und der darin eingeschlossenen mutmassli-
chen Kontakte mit ranghohen Mitgliedern könne nicht auf eine solche ge-
schlossen werden; eine solche sei von ihm bisher auch nicht geltend ge-
macht worden. Insgesamt sei es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
den zur Begründung seines Asylgesuchs vorgetragenen Sachverhalt in
den wesentlichen Punkten glaubhaft zu machen, auch wenn nicht ausge-
schlossen werden könne, dass er für die LTTE eine Tätigkeit in nieder-
schwelligem Rahmen ausgeübt habe. Schliesslich sei die in diesem Zu-
sammenhang zu den Akten gereichte Fotografie zu klein, um den Be-
schwerdeführer darauf zu erkennen; ausserdem fehle es an geeignetem
Vergleichsmaterial aus dem Jahr 2006.
4.4 Dem hält der Beschwerdeführer in der Replik entgegen, dass die ein-
gereichten Beweismittel bezüglich des hängigen Gerichtsverfahrens be-
treffend LTTE-Aktivitäten echt seien. Sodann sei unverständlich, weshalb
die Vorinstanz seine frühere LTTE-Mitgliedschaft – trotz seinen ausführli-
chen Schilderungen, den eingereichten Bestätigungen seiner Rehabilitati-
onshaft sowie der eingereichten Fotografie von ihm in LTTE-Uniform – in
Zweifel ziehe. Als Vergleichsmaterial reiche er zwei private Fotografien von
sich aus jener Zeit zu den Akten. Des Weiteren sei nicht erheblich, welche
Funktion er innerhalb der offiziellen Hierarchie der LTTE innegehabt habe,
sondern über welches Wissen er tatsächlich verfüge respektive welches
Wissen ihm von den sri-lankischen Behörden unterstellt werde. Aus die-
sem Grund greife das Argument der fehlenden hierarchischen Position vor-
liegend zu kurz und vermöge das bestehende staatliche Interesse an sei-
ner Person nicht in Zweifel zu ziehen. Ferner habe er sein exilpolitisches
Engagement weiter fortgeführt, was die eingereichten Fotografien von ei-
ner politischen Aktion im März 2020 belegten. Dieses exilpolitische Enga-
gement führe angesichts des Regierungswechsels zu einer Erhöhung des
zukünftigen Verfolgungsrisikos. Schliesslich hätten sich die sri-lankischen
Behörden sowohl bei seiner in E._ lebenden (...), bei seinen (...)
D-1170/2020
Seite 12
als auch seinen (...) nach ihm erkundigt, was die weiterhin bestehende
Verfolgungsgefahr deutlich zum Ausdruck bringe.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz in ihren Erwägungen zutreffend festgehalten
hat, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an
das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG respektive an die Asylrelevanz
gemäss Art. 3 AsylG nicht genügen. Auf die betreffenden Ausführungen in
der angefochtenen Verfügung und der Vernehmlassung (vgl. die Zusam-
menfassung der entsprechenden Erwägungen in E. 4.1 und 4.3 des vorlie-
genden Urteils) kann mit den nachfolgenden Ergänzungen weitgehend ver-
wiesen werden. Die Ausführungen auf Beschwerdeebene und die einge-
reichten Beweismittel halten dem nichts Stichhaltiges entgegen.
5.2 Mit der Vorinstanz ist zunächst festzustellen, dass die auf Beschwer-
deebene gemachten Ausführungen des Beschwerdeführers zu seiner Tä-
tigkeit bei den LTTE in Funktion und Umfang in den Protokollen keine
Stütze finden (vgl. A11 F32-49), auch wenn das Gericht die vergangenen
Verbindungen des Beschwerdeführers zu den LTTE – entgegen der
Vorinstanz – grundsätzlich nicht in Frage stellt (vgl. hierzu nachfolgend
E. 6.2).
5.3 Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers ist aufgrund der einge-
reichten Beweismittel (vgl. Prozessgeschichte, Bst. A.d) sodann unbestrit-
ten, dass er inhaftiert war und am 25. Dezember 2010 offiziell aus der Re-
habilitation entlassen wurde. Hinsichtlich der auf Beschwerdeebene gel-
tend gemachten Folter während der Rehabilitationshaft ist darauf hinzu-
weisen, dass die Gewährung des Asyls nicht dazu dienen kann, einen Aus-
gleich für vergangenes Unrecht zu schaffen, sondern vielmehr bezweckt,
Schutz vor künftiger Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4),
weshalb die Glaubhaftigkeit des entsprechenden Vorbringens vorliegend
offengelassen werden kann.
5.4 Die Vorinstanz hat weiter zutreffend festgehalten, dass die Vorbringen
des Beschwerdeführers, aufgrund seiner Vergangenheit bei den LTTE
nach der Entlassung aus der Rehabilitation seitens der sri-lankischen Be-
hörden asylrelevanten Nachteilen ausgesetzt gewesen zu sein, nicht asyl-
relevant respektive nicht glaubhaft sind.
D-1170/2020
Seite 13
Was die Überwachungsmassnahmen seitens der sri-lankischen Behörden
nach der Entlassung aus der Rehabilitation bis zur Ausreise nach
K._ im August 2012 anbelangt, ist festzustellen, dass ihm die An-
gehörigen der sri-lankischen Behörden keine konkreten Nachteile androh-
ten (vgl. A5 Ziff. 7.02; A11 F55), weshalb diese Überwachungsmassnah-
men die Intensität ernsthafter Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG nicht er-
reichen. Sodann waren letztere gemäss seinen Angaben auch nicht der
Grund für seine Ausreise aus Sri Lanka im August 2016 (vgl. A5 Ziff. 7.02;
A11 F64). Diese Vorbringen sind somit mangels Intensität und aufgrund
des fehlenden sachlichen sowie zeitlichen Kausalzusammenhangs – in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz und entgegen der auf Beschwerde-
ebene vertretenen Ansicht – nicht als asylrelevant zu werten.
Sodann ist der Vorinstanz Recht zu geben, dass die Schilderungen des
Beschwerdeführers bezüglich der Behelligungen durch das CID nach sei-
ner Rückkehr aus K._ im April 2014 bis zur Ausreise im August 2016
eindeutig gegensätzlich ausgefallen sind (vgl. A5 Ziff. 7.02; A11 F65-83,
F90-93). Es trifft zwar zu, dass einer Befragung zur Person nicht dasselbe
Gewicht wie einer Anhörung zukommt. Klar asylrelevante Aussagen, die in
der Erstbefragung von den späteren Aussagen abweichen, sind jedoch Wi-
dersprüche, die im Rahmen der Beweiswürdigung zu berücksichtigen sind
(Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskom-
mission [EMARK] 1993 Nr. 3 E. 3). Es sind keine Gründe ersichtlich, wes-
halb sich die Vorinstanz nicht auch auf die Ausführungen in der BzP hätte
stützen können. So berichtete der Beschwerdeführer bereits in dieser wort-
reich über seine Asylgründe (vgl. A5 Ziff. 7.01 und Ziff. 7.02) und bestätigte
die Wahrheit sowie Vollständigkeit seiner gemachten Angaben (vgl. A5
S. 7). Vor diesem Hintergrund hat die Vorinstanz die Aussagen in der BzP
zu Recht bei der Beweiswürdigung berücksichtigt. Im Übrigen hat die
Vorinstanz auch zu Recht festgehalten, dass die Ausführungen des Be-
schwerdeführers im Rahmen der Anhörung zu den angeblichen Befragun-
gen durch Angehörige des CID in L._ vage, detailarm und ohne
persönlichen Bezug ausgefallen sind (vgl. A11 F65-83). Mit dem nicht nä-
her substantiierten Festhalten am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen hält
der Beschwerdeführer der Argumentation der Vorinstanz nichts Konkretes
entgegen, weshalb die vorinstanzlichen Ausführungen in diesem Punkt
vollumfänglich zu bestätigen sind. Aufgrund der Aktenlage muss insgesamt
von einem konstruierten Vorverfolgungsvorbringen ausgegangen werden.
D-1170/2020
Seite 14
5.5 Weiter ist der Vorinstanz im Ergebnis zuzustimmen, dass das im Rah-
men der Beschwerde erstmals geltend gemachte Vorbringen des Be-
schwerdeführers, im Zusammenhang mit seinen LTTE-Aktivitäten sei nach
der Ausreise im August 2016 ein Gerichtsverfahren gegen ihn eröffnet wor-
den, ebenfalls als unglaubhaft zu erachten ist. Bereits der Umstand, dass
der Beschwerdeführer dieses Vorbringen erst auf Beschwerdeebene ein-
bringt, obwohl die erste Zeugenvorladung vom 2. September 2016 datiert,
erweckt den Eindruck, dass es sich dabei um eine nachgeschobene und
unglaubhafte Behauptung handelt. Die diesbezügliche Erklärung des Be-
schwerdeführers, dass ihn seine (...) viel zu spät darüber informiert habe,
um ihn nicht zu beunruhigen, vermag das Gericht nicht zu überzeugen.
Darüber hinaus erscheint es auch wenig plausibel, dass gegen den Be-
schwerdeführer erst am 20. Januar 2020 ein Haftbefehl ausgestellt worden
sein soll, mithin viereinhalb Jahre nach seiner Ausreise aus dem Heimat-
land, wäre er denn wirklich im September 2016 vorgeladen worden. Unge-
achtet dessen weisen die in diesem Zusammenhang eingereichten Doku-
mente (Zeugenvorladungen und Haftbefehl; vgl. Prozessgeschichte,
Bst. F.) diverse Unstimmigkeiten auf. So stimmt bei der zweiten Zeugen-
vorladung vom 6. Januar 2020 die verfügende Behörde («Magistrate's
Court») nicht mit dem Anlass der Vorladung («Fail to appear before H/C»,
mithin «High Court») überein. Vor diesem Hintergrund ist auch fraglich,
weshalb die erste Zeugenvorladung vom 2. September 2016 vom «Magist-
rate's Court» ausgestellt wurde. Ferner stammt der Haftbefehl vom 20. Ja-
nuar 2020 angeblich vom «High Court J._», obwohl nach Kenntnis-
stand des Gerichts in J._ kein High Court existiert (vgl. Urteil des
BVGer E-3160/2020 vom 18. Februar 2021 E. 6.5.3). Nach dem Gesagten
ist davon auszugehen, dass die besagten Dokumente nicht authentisch
sind. Die im Original eingereichten Vorladungen sind daher einzuziehen.
5.6 Im Weiteren ist auch die auf Beschwerdeebene eingereichte Bestäti-
gung einer Anzeigeerstattung bei der «Human Rights Commission of Sri
Lanka» vom 22. Januar 2020 (vgl. Prozessgeschichte, Bst. F.) nicht geeig-
net, eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung des Beschwerdeführers
seitens der heimatlichen Behörden zu belegen. Zum einen ist das Schrei-
ben – wenn überhaupt – nur geeignet zu beweisen, dass bei der «Human
Rights Commission of Sri Lanka» eine Anzeige eingereicht worden ist,
ohne dass sich jene jedoch zu deren Begründetheit äussern würde. Zum
anderen machte der Beschwerdeführer hierzu keinerlei Ausführungen.
D-1170/2020
Seite 15
5.7 Nach dem Gesagten ist auch die – letztmals in der Replik (vgl. oben
E. 4.4) – geltend gemachte anhaltende behördliche Suche nach seiner
Person als blosse Schutzbehauptung zu werten.
5.8 Zusammenfassend ist angesichts dieser zahlreichen Widersprüche
und Ungereimtheiten festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelingt, eine im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Sri Lanka bestehende oder
drohende asylrechtlich relevante Gefährdung glaubhaft zu machen.
6.
6.1 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist auch nicht davon auszuge-
hen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aus
anderen Gründen flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsmassnahmen
zu befürchten hätte.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hält im bereits zitierten Referenzurteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 fest, bestimmte Risikofaktoren (Eintrag in
die „Stop-List“, Verbindung zu den LTTE und exilpolitische Aktivitäten)
seien als stark risikobegründend zu qualifizieren, da sie unter den im Ent-
scheid dargelegten Umständen bereits für sich alleine genommen zur Be-
jahung einer begründeten Furcht führen könnten. Demgegenüber würden
das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente, eine zwangsweise respek-
tive durch die IOM begleitete Rückführung sowie gut sichtbare Narben
schwach risikobegründende Faktoren darstellen. Dies bedeute, dass diese
in der Regel, für sich alleine genommen keine objektiv relevante Furcht vor
ernsthaften Nachteilen zu begründen vermöchten. Jegliche glaubhaft ge-
machten Risikofaktoren seien in einer Gesamtschau und in ihrer Wechsel-
wirkung sowie unter Berücksichtigung der konkreten Umstände in einer
Einzelfallprüfung zu berücksichtigen, im Hinblick auf die Erwägung, ob mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfol-
gung bejaht werden müsse (vgl. a.a.O. E. 8.5.5).
Der Beschwerdeführer war Mitglied der LTTE und diente für einen Zeitraum
von weniger als einem Jahr in der Einheit «(...)» in G._, wo er
Kriegsrapporte zuhanden des oberen Kaders verfasste (vgl. A11 F32-49).
Allein aus dieser weit zurückliegenden und niederschwelligen Tätigkeit
lässt sich – unabhängig davon, welchen LTTE-Mitgliedern diese gedient
haben sollte – kein Risikoprofil herleiten. Dennoch ist dieses Element bei
der Evaluierung des Risikoprofils entsprechend zu würdigen. Als weiteres
Element kommt hinzu, dass der Beschwerdeführer nach dem Ende des
Krieges in Rehabilitationshaft genommen worden ist. Da er aber nicht
D-1170/2020
Seite 16
glaubhaft machen konnte, nach der Rehabilitation asylrelevanten Nachtei-
len ausgesetzt gewesen zu sein beziehungsweise dass ihm solche gedroht
hätten, kann diesem Element ebenfalls kein überwiegendes Gewicht bei-
gemessen werden; es tritt aber zu den anderen Elementen hinzu. In die
Gesamtwürdigung ist weiter der familiäre Hintergrund des Beschwerdefüh-
rers miteinzubeziehen. Soweit der Beschwerdeführer in der Eingabe vom
14. Juli 2020 diesbezüglich angibt, sein (...) sei ebenfalls bei den LTTE
gewesen (vgl. daselbst Ziff. 4), ist festzuhalten, dass dieses Vorbringen der
Angabe anlässlich der Anhörung, er sei als einziges Mitglied seiner Kern-
familie bei der Bewegung gewesen (vgl. A11 F25), widerspricht. Selbst
wenn diese Verbindung seines (...) zu den LTTE jedoch bestanden haben
sollte, ist ein Verfolgungsinteresse zu verneinen, zumal der Beschwerde-
führer nicht geltend macht, vor der Ausreise in diesem Zusammenhang
Nachteile erlitten zu haben. Was die erstmals auf Beschwerdeebene gel-
tend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten anbelangt, ist das Folgende
festzuhalten: Aus den schriftlichen Ausführungen des Beschwerdeführers
und den eingereichten Fotografien (vgl. Prozessgeschichte, Bst. I.) geht
nicht hervor, dass der Beschwerdeführer anlässlich der Kundgebungen
und Gedenkveranstaltungen eine andere Position als die eines Mitläufers
eines Demonstrationszugs eingenommen hätte. Eine solche exilpolitische
Tätigkeit erreicht die Schwelle der objektiv begründeten Furcht vor Nach-
teilen im Sinne von Art. 3 AsylG nicht, zumal davon auszugehen ist, dass
die sri-lankischen Behörden blosse „Mitläufer“ von Massenveranstaltungen
als solche identifizieren können und sie in Sri Lanka nicht als Gefahr wahr-
genommen werden. Es wird indessen vom Beschwerdeführer nicht näher
dargetan, inwiefern er sich durch dieses exilpolitische Wirken nun derart
exponiert haben soll, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka Furcht vor
einer asylrelevanten Verfolgung haben müsste. Des Weiteren ist auch nicht
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer auf einer „Stop-List“ ein-
getragen wäre, da er mit seinem eigenen Reisepass aus Sri Lanka ausrei-
sen konnte (vgl. A5 Ziff. 5.01). Was schliesslich die Narben am (...) und im
(...) betrifft (vgl. A11 F45, F51; Prozessgeschichte, Bst. A.d), handelt es sich
dabei lediglich um einen schwachen Risikofaktor. Unter Würdigung aller
Umstände ist somit nicht anzunehmen, dass der Beschwerdeführer von
den sri-lankischen Behörden zu jener kleinen Gruppe gezählt wird, die be-
strebt ist, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, und so
eine Gefahr für den sri-lankischen Einheitsstaat darstellt. Es ist somit nicht
anzunehmen, dass ihm persönlich im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka
ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen.
D-1170/2020
Seite 17
6.3 An dieser Einschätzung ändern – entgegen den Vorbringen auf Be-
schwerdeebene – sodann weder der Regierungswechsel vom 16. Novem-
ber 2019 noch die Mitte Dezember 2019 erfolgte Verhaftung einer sri-lan-
kischen Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Colombo etwas, da
diesbezüglich kein individueller Bezug zum Beschwerdeführer ersichtlich
ist. Gemäss Auskunft der Schweizerischen Botschaft sind im Zusammen-
hang mit der Entführung der Botschaftsmitarbeiterin keine Informationen in
Bezug auf Einzelpersonen – mithin auch nicht betreffend den Beschwer-
deführer – an die sri-lankischen Behörden gelangt, so dass keine Anhalts-
punkte auf eine erhöhte Gefährdungssituation hinweisen.
Hinsichtlich des Machtwechsels vom 16. November 2019 gilt festzuhalten:
Gotabaya Rajapaksa wurde zum neuen Präsidenten Sri Lankas gewählt
(vgl. Neue Zürcher Zeitung [NZZ], In Sri Lanka kehrt der Rajapaksa-Clan
an die Macht zurück, 17.11.2019; https://www.theguardian.com/world/
2019/nov/17/sri-lanka-presidential-candidate-rajapaksa-premadas-count-
continues, abgerufen am 8. März 2021). Er war unter seinem älteren Bru-
der, dem ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis
2015 an der Macht war, Verteidigungssekretär und wurde angeklagt, zahl-
reiche Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivis-
tinnen und Aktivisten begangen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern
für Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen im Zusammen-
hang mit dem Ende des Bürgerkrieges 2009 verantwortlich gemacht (vgl.
HANNAH ELLIS-PETERSEN, The Guardian, Gotabaya Rajapaksa elected pre-
sident of Sri Lanka, 17. November 2019 [https://www.theguar-
dian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-candidate-rajapaksa-
premadas-count-continues], und Human Rights Watch, World Report 2020
– Sri Lanka [https://www.hrw.org/world-report/2020/country-chapters/sri-
lanka], beide abgerufen am 8. März 2021). Kurz nach der Wahl ernannte
der neue Präsident seinen Bruder Mahinda zum Premierminister und berief
auch einen weiteren Bruder, Chamal Rajapaksa, in die Regierung. Die drei
Brüder kontrollieren in der neuen Regierung zahlreiche Ministerien und De-
partemente (vgl. HANNAH ELLIS-PETERSEN, The Guardian, Sri Lanka's pre-
sident Rajapaksa cements family power as brothers join cabinet, 22. No-
vember 2019 [https://www.theguardian.com/world/ 2019/nov/22/sri-lankas-
president-rajapaksa-cements-family-power-as-brothers-join-cabinet],
abgerufen am 8. März 2021). Beobachter sowie ethnische und religiöse
Minderheiten befürchten aufgrund dieser Macht der Familie Rajapaksa ver-
stärkte Repression und die vermehrte Überwachung von Menschenrechts-
aktivistinnen und -aktivisten, Journalistinnen und Journalisten, Oppositio-
D-1170/2020
Seite 18
nellen und regierungskritischen Personen (vgl. Schweizerische Flücht-
lingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt Ängste bei Minderheiten,
21. November 2019 [https://www.fluechtlingshilfe.ch/publikationen/im-fo-
kus/sri-lanka-regierungswechsel-weckt-aengste-bei-minderheiten], abge-
rufen am 8. März 2021).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst, beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt sie
bei der Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand durch-
aus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage für Perso-
nen, die bestimmte Risikofaktoren erfüllen, auszugehen (vgl. Referenzur-
teil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW,
Sri Lanka: Families of "Disappeard" Threatened, 16.02.2020). Zum heuti-
gen Zeitpunkt gibt es aber keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist im Ein-
zelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Personen
zu den Präsidentschaftswahlen vom 16. November 2019 respektive deren
Folgen besteht.
Im vorliegenden Fall sind den Akten keine Hinweise auf eine Verschärfung
der persönlichen Situation des Beschwerdeführers aufgrund dieser Ereig-
nisse zu entnehmen. Auch dem auf Beschwerdeebene angeführten Bericht
zur allgemeinen Lage in Sri Lanka (vgl. Prozessgeschichte Bst. C.) fehlt es
an persönlichem Bezug. Dasselbe gilt gemäss den schriftlichen Ausführun-
gen des Beschwerdeführers auch hinsichtlich den vorgelegten tamilischen
Presseartikeln (vgl. Prozessgeschichte Bst. G.). Die Anforderungen an die
Annahme einer begründeten Verfolgungsfurcht sind somit nicht gegeben.
6.4 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein
Asylgesuch folgerichtig abgelehnt hat.
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; BVGE 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung
wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet.
D-1170/2020
Seite 19
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
8.2.1 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist
– wie von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5
AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich viel-
mehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestim-
mungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
8.2.2 Sodann ergeben sich – in Übereinstimmung mit der Vorinstanz und
entgegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Ansicht – weder aus den
Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte da-
für, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis
des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener
des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine kon-
krete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im
Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008,
Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.).
D-1170/2020
Seite 20
Der EGMR hat sich wiederholt mit der Gefährdungssituation von Tamilen
auseinandergesetzt, die aus einem europäischen Land nach Sri Lanka zu-
rückkehren müssen (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom
19. September 2013, Beschwerde Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Ur-
teil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Däne-
mark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen
Grossbritannien, Urteil vom 17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07). Da-
bei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller Weise davon aus-
zugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine unmenschliche Be-
handlung. Vielmehr müssten im Rahmen der Beurteilung, ob Betroffene
ernsthafte Gründe für die Befürchtung hätten, die Behörden hätten an ihrer
Festnahme und weitergehende Befragung ein Interesse, verschiedene As-
pekte beziehungsweise persönliche Risikofaktoren in Betracht gezogen
werden (vgl. EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O, § 94).
Nachdem der Beschwerdeführer nicht darzutun vermochte, dass er be-
fürchten müsse, bei einer Rückkehr ins Heimatland die Aufmerksamkeit
der sri-lankischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevanten Aus-
mass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür, ihm
würde aus demselben Grund eine menschenrechtswidrige Behandlung in
drohen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt
den Wegweisungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen (vgl. dazu
BVGE 2011/24 E. 10.4 und das weiterhin einschlägige Referenzur-
teil E-1866/2015 E. 12.2). Dies gilt auch unter Berücksichtigung der jüngs-
ten politischen Entwicklungen in Sri Lanka (vgl. statt vieler Urteile des
BVGer D-2687/2019 vom 9. Februar 2021 E. 7.2.2 und E-6309/2018 E. 9.3
vom 6. November 2020). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegwei-
sung sowohl im Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt; dies gilt auch unter
Berücksichtigung der dortigen aktuellen Ereignisse (vgl. statt vieler Urteil
D-1170/2020
Seite 21
des BVGer D-5692/2019 vom 9. November 2020, E. 9.3.1). Gemäss nach
wie vor gültiger Rechtsprechung ist der Wegweisungsvollzug in die Ost-
und Nordprovinz weiterhin zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen
Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiä-
ren oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte
Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzur-
teile E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2 und D-3619/2016 vom 16. Ok-
tober 2017 E. 9.5).
8.3.2 Der Beschwerdeführer lebte seinen Angaben zufolge (mit Ausnahme
seiner Aufenthalte in G._, verschiedenen Rehabilitationscamps und
K._) seit Geburt in C._ (Distrikt D._, Nordprovinz
[vgl. A5 Ziff. 2.02; A11 F6-8]). Der Vollzug in dieses Gebiet ist im Lichte der
Rechtsprechung grundsätzlich zumutbar. Entgegen den Beschwerdeaus-
führungen hat die Vorinstanz sodann zu Recht festgehalten, dass im vor-
liegenden Fall auch keine individuellen Gründe gegen einen Wegwei-
sungsvollzug sprechen. Nach wie vor leben mehrere Familienmitglieder
des Beschwerdeführers in Sri Lanka ([...] [vgl. A5 Ziff. 3.01; A11 F18, F20]),
welche ihn bei einer Rückkehr und Wiedereingliederung in den Alltag in Sri
Lanka unterstützen und ihm eine gesicherte Wohnsituation bieten können.
Ferner ist aufgrund seiner guten Schulbildung davon auszugehen, dass er
zukünftig in der Lage sein wird, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten (vgl.
A5 Ziff. 1.17.04; A11 F24). Im Weiteren führte der Beschwerdeführer aus,
dass seine (...) im Besitz von eigenen Ländereien sei und es ihr wirtschaft-
lich gut gehe (vgl. A11 F11, F17). Es kann somit angenommen werden,
dass eine gewisse finanzielle Unterstützung durch letztere möglich ist. Fer-
ner ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr in eine medizinische Notlage gerät. Den vorinstanzlichen Akten
zufolge leidet er an keinen nennenswerten gesundheitlichen Problemen
(vgl. A5 Ziff. 8.02; A11 F96). Was die erstmals in der Beschwerde geltend
gemachten psychischen Probleme betrifft (vgl. daselbst Ziff. 34), ist festzu-
halten, dass sich eine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung of-
fenbar nicht als notwendig erwiesen hat, zumal diesbezüglich keine medi-
zinischen Unterlagen ins Recht gelegt wurden. Im Übrigen sind in Sri Lanka
bei psychischen Erkrankungen sowohl stationäre als auch ambulante Be-
treuungsmöglichkeiten verfügbar (vgl. hierzu Urteil des BVGer E-7137/
2018 vom 23. Januar 2019, E. 12.3 m.w.H.). Nach dem Gesagten erweist
sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar.
D-1170/2020
Seite 22
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem mit ver-
fahrensleitender Verfügung vom 4. März 2020 das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut-
geheissen wurde und nicht von einer veränderten finanziellen Lage auszu-
gehen ist, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
10.2 Ebenfalls mit Verfügung vom 4. März 2020 wurde dem Beschwerde-
führer die amtliche Rechtsverbeiständung im Sinne von aArt. 110a Abs. 1
Bst. a AsylG zugesprochen und seine Rechtsvertreterin als amtlicher
Rechtsbeistand eingesetzt. Sie reichte am 19. Februar 2021 letztmals eine
aktualisierte Kostennote zu den Akten, die einen zeitlichen Vertretungsauf-
wand von insgesamt 19.5 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 150.–
sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 254.– ausweist. Der geltend gemachte
zeitliche Aufwand erscheint angesichts der konkreten Verfahrensumstände
als zu hoch und ist auf 12 Stunden zu kürzen. Unter Berücksichtigung des
massgebenden Stundenansatzes von Fr. 150.– für nichtanwaltliche Vertre-
terinnen und Vertreter ist der Rechtsvertreterin demnach vom Bundesver-
waltungsgericht ein amtliches Honorar von Fr. 2’054.– (inkl. Auslagen) aus-
zurichten (vgl. Art. 12 und Art. 14 Abs. 2 VGKE). Das amtliche Honorar um-
fasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c
VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1170/2020
Seite 23