Decision ID: 7e7cf8f7-0c29-4fd8-9bfe-b0c8eedd2deb
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1970, war seit März
2001 in einem Pensum von 100 % als
ungelernter Hilfskoch tätig (Urk. 12/1 Ziff. 5.3-4
; Urk. 12/8 und Urk.
12/11 Ziff.
2.1
),
als er sich am 21. Januar 2020 unter Hinweis auf eine psychische
Erkrankung bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug anmeldete (Urk
. 12/1 Ziff. 6.1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte in der Folge medizinische (Urk. 12/17-19) und erwerbliche Abklärungen (Urk. 12/8, Urk. 12/11) und zog die Akten des Krankentaggeldversicherers bei (Urk. 12/5, Urk. 12/7, Urk. 12/13).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 12/23, Urk. 12/26, Urk. 12/32) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
26. November 2020 einen Leistungsanspruch des Versicherten (Urk. 12/39 = Urk
. 2).
2.
Der Versicherte erhob am 8. Januar 2021 Beschwerde gegen die Verfügung vom 26. November 2020 (Urk. 2) und beantragte die Gewährung der gesetzlichen Leis
tungen (berufliche Massnahmen und Rente), die Einholung eines gerichtlichen Gutachtens sowie eventuell die Rückweisung der Sache an die Beschwerdegeg
nerin zur weiteren Abklärung (Urk. 1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom 22. Februar 2021 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 11), was dem Beschwerdeführer am 6. April 2021 mitgeteilt wurde. Gleich
zeitig wurde
n
antragsgemäss (Urk. 1 S. 2 f.) die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung bewilligt (Urk. 13).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.
3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.4
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin führte in der angefochtenen Verfügung vom 26. Novem
ber 2020
a
us, der Beschwerdeführer sei seit dem 28. September 2019 in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt
(Urk.
2
S. 1)
. Während der durchgeführten statio
nären
Traumabehandlung
hätten
zwar
Symptome einer
p
osttraumatischen Belas
tungsstörung
festgestellt werden können, die Diagnose sei jedoch nicht bestätigt worden. Auch eine depressive Symptomatik lasse sich nicht nachvollziehen. Vor
dergründig würden erhebliche psychosoziale Belastungsfaktoren vorliegen, welche
jedoch durch die Invalidenversicherung nicht berücksichtigt werden könnten.
Aus versicherungsmedizinischer Sicht würden keine Diagnosen vorliegen, welche eine dauerhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zur Folge hätten. Trotz der vorliegenden Symptome habe der Beschwerdeführer über mehrere Jahre eine gute Funktionsfähigkeit bei der Arbeit bewiesen. Da er trotz der beklagten Trauma
tisierungen in die Türkei
habe
reisen können, seien offensichtlich eine Antriebs- und Reisefähigkeit gegeben. Im Einwand seien zudem aus psychiatrischer Sicht keine neuen, unberücksichtigten medizinischen Fakten oder Tatsachen vorge
bracht worden (S. 2).
In der Beschwerdeantwort vom 22. Februar 2021 legte die Beschwerdegegnerin ergänzend dar, durch die medizinische Aktenlage ergebe sich ein stimmiges und vollständiges Bild, welches hinreichend Klarheit über den rechtserheblichen Sachverhalt vermittle, weshalb auf das Einholen zusätzlicher Akten verzichtet werden könne. Der
Austrittsbericht der
Klinik
Y._
liefere keine neuen Erkennt
nisse, welche zu einer anderen Beurteilung führen könnten
(Urk. 11 S. 1 f. Ziff. 3).
2.2
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer geltend (Urk. 1), der Rentenent
scheid sei verfrüht ergangen. Er habe der Beschwerdegegnerin mitgeteilt, dass er sich in stationärer Behandlung befinde und der erste Termin bei der
Z._
am 13. November 2020 stattfinde. Weshalb die Beschwerdegegnerin die entsprechen
den Berichte nicht eingeholt und das Ergebnis der Behandlung bei der
Z._
nicht abgewartet habe, sei nicht nachvollziehbar (S. 7
Rz
20). Die medizinische Akten
lage könne nicht als vollständig im Sinne von inhaltlich und beweismässig den Anforderungen entsprechend betrachtet werden (S. 7 f.
Rz
21). Die angefochtene Verfügung basiere insbesondere auf der Beurteilung durch die RAD-Ärztin, wobei dieser keine eigenen Untersuchungsbefunde und keine vollständige Krankenge
schichte zugrunde liege und demnach auf einer unvollständigen Aktenlage be
ruhe (S. 8
Rz
22). Die RAD-Ärztin unterlasse es zu erwähnen, dass die abschliess
en
de Diagnostik aufgrund der eingeschränkten Sprachkenntnisse und zu kurzer Therapiedauer nicht möglich gewesen sei (S. 8 f.
Rz
24).
Die stationäre Behand
lung in der Klinik
Y._
habe zudem nach der Beurteilung durch die RAD-Ärztin stattgefunden, weshalb sie sich zu den Ergebnissen der Behandlung nicht habe äussern können (S. 9
Rz
26). Die Feststellung, dass Reisen ins Heimatland gegen eine
p
osttraumatische Belastungsstörung sprechen würden, sei vollkommen un
differenziert (S. 9
Rz
27). Es bestünden Zweifel an den Einschätzungen durch die RAD-Ärztin und die medizinischen Akten seien unvollständig, weshalb zusät
z
liche Abklärungen des medizinischen Sachverhaltes zu veranlassen seien (S. 9 f.
Rz
28).
2.3
Strittig und zu prüfen ist demnach der Leistungsanspruch des Beschwerdeführers und dabei insbesondere die Frage, ob der medizinische Sachverhalt
rechtsge
nüg
lich
abgeklärt wurde.
3.
3.
1
Der Hausarzt Dr. med.
A._
, Praktischer Arzt, diagnostizierte in seinem
Bericht vom 5. November 2019 eine Anpassungsstörung, eine Insomnie sowie e
ine Gonarthrose beidseits.
Seit dem 24. Mai 2019 sei der Beschwerdeführer voll
ständig arbeitsunfähig. Es finde eine psychiatrische Betreuung statt, jedoch keine
Medikamentenabgabe
(Urk. 12/5/11).
3.
2
Im Verlaufsbericht vom 6. Januar 2020 (Urk. 12/5/9-10) diagnostizierten
Sotirios
Gkounis
und Dr. med. Dipl.-Psych.
B._
, Fachärzte für Psy
chiatrie und Psychotherapie,
C._
,
eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom sowie eine posttraumatische Belastungsstörung (Ziff. 4). Im letzten Jahr habe es Veränderungen am Arbeitsplatz gegeben. Der Beschwer
deführer fühle sich vom neuen Vorgesetzten respektlos behandelt, weshalb Erin
ne
rungen an den Krieg in seiner Heimat, an Gewalt, Inhaftierung, Folterung, Flucht und Asylstatus wieder hochgekommen seien. Seit langem leide er an starken Schmerzen in den Beinen und Füssen sowie vegetativer Übererregung (Ziff. 2). Vom 12. November 2019 bis 21. Dezember 2019
habe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestanden (Ziff. 5). Derzeit sei auch in einer anderen Erwerbs
tätigkeit keine Arbeitsfähigkeit gegeben (Ziff. 6). Es sei eine stationäre Trauma
therapie vorgesehen. Es sei zukünftig mit einer Erhöhung der Arbeitsfähigkeit zu rechnen, aufgrund des chronischen Verlaufs sei jedoch von einer reduzierten Arbeitsfähigkeit auszugehen (Ziff. 10-11).
3.
3
Weiter nannten die Ärzte der
C._
in ihrem Bericht vom 2. März 2020 folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Urk. 12/17 Ziff. 2.5):
-
leicht- bis mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.01), differenzialdiagnostisch Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion (ICD-10 F43.21)
-
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
-
Verdacht auf anhaltende Schmerzstörung (ICD-10 F45.4)
Als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten die Ärzte so
dann eine Akzentuierung von Persönlichkeitszügen mit narzisstischen und
histri
onischen
Anteilen (ICD-10 Z73; Ziff. 2.6).
Der Beschwerdeführer leide aktuell an geminderter Konzentration, Gedankengrübeln, sich aufdrängenden Gedanken an
Missbrauch und Gewalt in der Vergangenheit oder durch kleine Trigger. Es be
stünden eine vegetative Übererregung, Nervosität, leichte Reizbarkeit, Reizüber
flu
tung, geringe Stresstoleranz, reduziertes Durchhaltevermögen, Ein- und Durch
schlafstörungen wegen der Schmerzen in Armen und Beinen sowie Kältegefühle (Ziff. 2.2). Es fänden psychotherapeutische Gespräche statt, ein Antidepressivum werde je nach Verlauf eingesetzt. In Absprache mit dem Hausarzt sollte ein Auf
enthalt in einer psychosomatischen Klinik organisiert werden, die stationäre Traumatherapie habe nichts gebracht (Ziff. 2.8). Gegenwärtig sei der Beschwerde
führer in seiner Tätigkeit als Hilfskoch vollständig arbeitsunfähig (Ziff. 3.1). Prog
nostisch sei von einer reduzierten Arbeitsfähigkeit auszugehen (Ziff. 2.7). Eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei während drei Stunden pro Tag zumutbar (Ziff. 4.2). Das Pensum solle langsam aufgebaut werden, über die Prognose sei keine Aussage möglich (Ziff. 4.3).
3.
4
In seinem Bericht vom 10. März 2020 diagnostizierte Dr.
A._
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, einen Verdacht auf posttraumatische Belastungs
störung sowie eine Insomnie (Urk. 12/18 Ziff. 2.5).
Der Beschwerdeführer leide an linksseitigen Schmerzen vom Fuss bis zum linken Oberkörper, beidseitigen Knie
schmerzen sowie einer depressiven Stimmung (Ziff. 2.4). Die verschiedenen The
rapien (Physiotherapie, Wassertherapie und Psychotherapie) seien weiterzufü
h
ren (Ziff. 2.8).
Bezüglich der Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Koch machte Dr.
A._
folgende Angaben (Ziff. 1.3):
24. bis 31. Mai 2019
100 % arbeitsunfähig
14. bis 23. Juni 2019
50 % arbeitsunfähig
30. August bis 6. September 2019
100 % arbeitsunfähig
18. bis 27. September 2019
50 % arbeitsunfähig
28. September bis 7. Oktober 2019
100 % arbeitsunfähig
14. Oktober bis 11. November 2019
100 % arbeitsunfähig
Fragen zur Eingliederung sowie zur Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätig
keit konnte Dr.
A._
nicht beantworten (Ziff. 4.1-3). Die Eingliederung werde durch physische und psychische Faktoren beeinflusst (Ziff. 4.4).
3.
5
Nach einem stationären Aufenthalt in der Klinik
D._ der i
ntegrierten Psy
chiatrie
Z._
vom 11. Dezember 2019 bis 22. Januar 2020 nannte
D
r. med.
E._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
in seinem Bericht vom 25. März 2020
(Urk. 12/19) die bekannten Diagnosen einer anhalten
den somatoformen Schmerzstörung sowie des Verdachts auf eine posttrau
ma
tische Belastungsstörung (Ziff. 2.5).
Der Beschwerdeführer berichte insbesondere von starken Schmerzen von den Füssen her in die Beine, manchmal bis in den
Oberkörper ausstrahlend. Aufgrund der Schmerzen sei er sehr angespannt
,
un
ruhig und erschöpft. Er leide unter starken Konzentrationsstörungen, ausserdem habe er weitere somatische Probleme. Obwohl der Antrieb nicht stark einge
schränkt sei, gelinge es ihm nicht mehr, Hobbies wie beispielsweise das Velo
fahren umzusetzen.
Er sei stark deprimiert und empfinde keine Freude mehr (Ziff. 2.2). Es hätten sich Hinweise auf eine
p
osttraumatische Belastungsstörung nach zahlreicher und anhaltender Folter im Gefängnis sowie diverser miterlebter Gewalttaten gegen Familienmitglieder und sein Volk gezeigt. Ausserdem gebe es
Hinweise auf eine auffällige Persönlichkeitsstruktur, beispielsweise schnelle Kränk
barkeit
und Einengung auf erlebte Ungerechtigkeit mit Verbitterung. In beiden Bereichen sei eine abschliessende Diagnostik aufgrund der eingeschränkten Sprachkenntnisse sowie der vorbeiredenden, weitschweifigen Erzählweise nicht möglich (Ziff. 2.5). Eine Prognose zur Arbeitsfähigkeit könne aufgrund zu kurzer Therapiedauer nicht gemacht werden (Ziff. 2.7). Es habe sich gezeigt, dass der Beschwerdeführer im
traumaspezifischen
Setting nicht habe profitieren können. Es sei nicht gelungen, einen Behandlungsauftrag oder ein Konzept der Wirkweise der Psychotherapie und eines psychosomatischen,
traumabezogenen
Schmerz
modells zu erarbeiten. Der Beschwerdeführer habe jedoch von der Physiotherapie und dem Sport profitiert
. Er scheine auf dieser Ebene besser abgeholt werden zu können, entsprechend werde ein Aufenthalt auf einer psychosomatischen Be
handlungsstation empfohlen (Ziff. 2.8). Vom 11.
Dezember 2019 bis 31. Januar 2020 sei der Beschwerdeführer vollständig arbeitsunfähig gewesen (Ziff. 1.3), weitere Angaben zur Arbeitsfähigkeit
seien
jedoch nicht
möglich
(Ziff. 3.1-6 und Ziff. 4.1-2). Grundsätzlich zeige der Beschwerdeführer viel Motivation für eine Beschäftigung und habe über Jahrzehnte trotz vorhandener, wenn auch gerin
gerer Symptomatik eine gute Funktionsfähigkeit bewiesen. Er sei erst vor
K
urzem krankgeschrieben worden. Die eingeschränkte Therapiefähigkeit wirke hingegen stark hinderlich. Genauere Prognosen könnten aufgrund der kurzen Therapie
dauer nicht gestellt werden (Ziff. 4.3). Die Eingliederung sei erschwert durch die geringen Sprachkenntnisse, die fehlende Schul- und Berufsbildung sowie die hohe Kränkbarkeit (Ziff. 4.4).
3.
6
RAD-Ärztin Dr. med.
F._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psycho
therapie, führte am 13. Mai 2020 insbesondere unter Bezug auf die Bericht
e
von Dr.
B._
sowie Dr.
E._
aus, anhand der eingereichten medizinischen Unter
lagen könnten keine versicherungsmedizinisch relevanten objektiven Befunde und daraus abgeleitete Diagnosen herangezogen werden, welche eine dauerhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründen könnten.
Eine leidensangepasste Tätigkeit, die nicht näher definiert worden sei, werde während drei Stunden täg
lich für zumutbar
gehalten, das Pensum könne langsam aufgebaut werden. Aus Sicht der Behandl
er
der
Z._
habe der Beschwerdeführer zudem trotz seiner seit Jahrzehnten vorhandenen, wenn auch geringen Symptomatik eine gute Funk
tions
fähigkeit bewiesen. Zudem würden erhebliche psychosoziale Belastungsfak
toren vorliegen.
Nachdem nur eine eingeschränkte Therapiefähigkeit bestehe, welche sich nicht nur in der stationären, sondern auch in der ambulanten psy
chiatrischen sowie der somatischen Behandlung zeige, könne die Auflage einer Schadenminderungspflicht nicht empfohlen werden (Urk. 12/22 S. 5).
3.
7
Nach einem Aufenthalt
vom 11. Juni bis 8. Juli 2020 in der
Kli
n
ik
Y._
, nannten die Ärzte in ihrem Bericht vom 8. Juli 2020 folgende Diagnosen (Urk. 3 S. 1):
-
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
posttraumatische Belastungsstörung mit Intrusionen, Flash-backs und Al
b
träumen (ICD-10 F43.1)
-
Akzentuierung von Persönlichkeitszügen mit narzisstischen Anteilen (ICD-10 Z73)
Bei Eintritt hätten die starken Schmerzen in beiden Knien im Vordergrund ge
standen, welche sich innerhalb der letzten Monate ausgebreitet und von der Schmerzintensität zugenommen hätten.
Schmerzbedingt leide der Beschwerde
führer unter einer massiven Schlaflosigkeit. Die Erschöpfung habe zu Konzen
trationsverlust, Antriebslosigkeit und Freudverlust geführt. Die Schmerzen be
stünden seit vielen Jahren, doch habe er sich bisher ausreichend kompensieren können. Vor dem Hintergrund einer schwierigen Vergangenheit mit Flucht aus Kurdistan, Folterung im Irak und Flash Backs gelinge es dem Beschwerdeführer nun nicht mehr, mit der Schmerzverstärkung zurecht zu kommen (S. 2).
Schmerz
bedingt habe der Beschwerdeführer nur einen zögerlichen Einstieg in den
Sta
tions
-
und Therapiealltag gefunden. Die massiven Schlafstörungen bei chronischen Schmerzen hätten im Fokus der interdisziplinären Behandlungen gestanden. Ressourcen zur Schmerzbewältigung seien für den Beschwerdeführer die Bewe
gung, das Gespräch, sein Glaube und Wärmebehandlungen. Eine beobachtete Aggravation der Schmerzen habe vom Behandlungsteam bei Ansprechen der The
matik und im Rahmen der Chefarztvisite festgestellt werden können. Die post
traumatische Belastungsstörung habe nach einem gelungenen Vertrauensaufbau von der betreuenden Psychologin fokussiert werden können. Dabei sei
en
die
chronische Suizidalität und die fehlenden Zukunftsperspektiven thematisiert worden. Während des stationären Aufenthaltes habe eine akute Selbst- und Fremd
g
efährdung ausgeschlossen werden können, jedoch sei eine weiterführende psy
chiatrisch-psychologische Betreuung dringend indiziert (S. 3). Der Beschwerde
führer habe am 8. Juli 2020 in stabilisiertem Allgemeinzustand in das häusliche Umfeld entlassen werden können. Vom 11. Juni bis 22. Juli bestehe eine voll
ständige Arbeitsunfähigkeit. Für die Zeit danach sei die Arbeitsfähigkeit durch den nachbehandelnden Arzt neu zu beurteilen. Es werde eine schrittweise Wieder
eingliederung in den Arbeitsmarkt nach Massgabe der Beschwerden empfohlen (S. 4).
3
.
8
Am 14. Oktober 2020 legte
RAD-Ärztin
Dr.
F._
weiter dar, aufgrund des genehmigten Auslandsaufenthaltes sei offensichtlich eine Antriebs- und Reise
fähigkeit gegeben und es bestünden offensichtlich trotz der beklagten Trauma
tisierungen keine Bedenken, in die Türkei zu reisen. Im Einwand seien aus psy
chiatrischer Sicht keine neuen, unberücksichtigten medizinischen Fakten oder Tatsachen vorgebracht worden (Urk. 12/37 S. 3).
4.
4.1
Den vorliegenden Akten lässt sich eine Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers
in der bisherigen Tätigkeit als Hilfskoch entnehmen (vgl. insbesondere E.
3.1-2,
E. 3.4), was auch von der Beschwerdegegnerin anerkannt wurde (E. 2.1). Zu prüfen
bleibt damit insbesondere die Arbeitsfähigkeit in einer behinde
rungs
an
gepassten Tätigkeit. Die Beschwerdegegnerin stützte sich dabei
auf die Würdi
gung der
vorliegenden
medizinischen Akten durch die RAD-Ärztin Dr.
F._
und ging davon aus,
es würden keine Diagnosen vorliegen, welche eine dauerhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zur Folge hätten (E. 2.1, E. 3.6, E. 3.8). Diese Beurteilung vermag jedoch nicht zu
überzeugen.
Die genannten Diagnosen einer depressiven Episode verschiedenen Ausmasses, einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie einer anhaltenden Schmerzstö
rung wurden von verschiedenen psychiatrischen Fachärzten unabhängig vonein
ander unter Angabe von Befunden und Symptomen gestellt. Es steht der Be
schwerdegegnerin damit nicht zu, lediglich gestützt auf die vorliegenden Berichte sowie insbesondere unter Hinweis auf eine nicht näher beschriebene Reise ins Heimatland des Beschwerdeführers das Vorliegen eines relevanten Gesundheits
schadens zu verneinen. Gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist viel
mehr für alle psychischen Erkrankungen ein strukturiertes, ergebnisoffenes Be
weis
verfahren anhand von Standardindikatoren durchzuführen (vgl. vorstehend E. 1.4).
4.2
Bei den Akten finden sich medizinische Berichte des Hausarztes Dr.
A._
, der behandelnden Ärzte der
C._
, der Klinik
D._
sowie der Klinik
Y._
. Dabei machte Dr.
A._
zwar Angaben zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Hilfskoch, konnte jedoch Fragen zur Eingliederung und Arbeits
fähigkeit in einer angepassten
Tätigkeit nicht beantworten (E. 3.1, E. 3.4). Seine Berichte sind demnach für die Beurteilung des vorliegenden Falles nicht aus
sagekräftig.
Was die Angaben der Ärzte der
C._
angeht, so hielten diese am 6. Januar 2020 zunächst fest, es sei auch in einer angepassten Tätigkeit keine Arbeitsfähigkeit gegeben. Zwar
gingen
sie
davon aus
, dass zukünftig mit einer Erhöhung der Arbeitsfähigkeit gerechnet werden könne, machten jedoch keine näheren An
gaben dazu (E. 3.2). Am 2. März 2020
erachteten
sie sodann eine Arbeitsfähigkeit von drei Stunden täglich in einer angepassten Tätigkeit
als zumutbar
, machten jedoch keinerlei Angaben
zum möglichen Belastungsprofil (E. 3.3).
Ebenso
machte
auch
der Arzt der Klinik
D._
nach
einem stationären Auf
enthalt im Dezember 2019 sowie Januar 2020
keine genaueren Angaben
. Unter Hinweis auf die zu kurze Therapiedauer äusserte sich Dr.
E._
nicht zur Arbeitsfähigkeit über die Dauer des stationären Aufenthaltes hinaus (E. 3.5). Das
selbe gilt für die Ärzte der Klinik
Y._
. In ihrem Bericht vom 8. Juli 2020 wiesen sie darauf hin, die Arbeitsfähigkeit für die Zeit nach dem stationären Aufenthalt sei durch den nachbehandelnden Arzt zu beurteilen und machten dement
spre
chend keine Angaben zur Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit (E. 3.7).
Insgesamt liegen damit weder Beurteilungen der Restarbeitsfähigkeit noch über
haupt Angaben zum möglichen Belastungsprofil vor.
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung haben Ärzte den Gesundheitszustand einer versicherten Person zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeit diese noch arbeitsfähig ist (vgl. vorstehend E
.
1.
3
). Es ist nicht Aufgabe einer Behörde beziehungsweise eines behördeninternen
Arztes, lediglich aufgrund der in den Akten beschriebenen Befunde festzulegen, welche Tätig
keiten dieser in welchem Umfang noch zugemutet werden können, zumal in aller Regel - wie auch im vorliegenden Fall - keine eigenen Untersuchungen durch
geführt werden.
4.3
Obschon
damit zusammenfassend
die vorliegenden Arztberichte keine überzeu
genden und nachvollziehbaren Angaben zum Belastungsprofil sowie zur weiteren Steigerung des
zumutbaren Arbeitspensums enthalten, verzichtete die Beschwer
de
gegnerin auf die Veranlassung einer psychiatrischen Begutachtung und holte lediglich bei den behandelnden Ärzten medizinische Berichte ein. Diese enthalten
jedoch zu wenige Angaben, um das von der Rechtsprechung vorgesehene Beweis
verfahren durchzuführen und insbesondere die vorgeschriebenen Standardindi
katoren zu prüfen.
Ein Beweisverfahren
ist jedoch
erforderlich und ein Abweichen davon nicht angezeigt: Es verhält sich vorliegend nicht so, dass genügend beweis
wertige fachärztliche Berichte (vgl. BGE 125 V 351) eine Arbeitsunfähigkeit in nachvollziehbar begründeter Weise verneinen; im Gegenteil liegt keine genü
gende fachärztliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vor (BGE 143 V 409 E. 4.5.3;
BGE 143 V 418 E. 7.1). Zudem liegen möglicherweise auch somatische Beschwer
den vor, welche den Beschwerdeführer in seiner Arbeitsfähigkeit
als Hilfskoch mit
beeinträchtigen (Schmerzen in den Beinen, vegetative Übererregung, vgl. E. 3.2-5). Der medizinische Sachverhalt erweist sich damit insgesamt als unge
nügend abgeklärt.
Die Sache ist daher an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
diese
weitere
medizinische Abklärungen
veranlasse,
gestützt auf welche
insbesondere
die Auswirkungen der festgestellten Beeinträchtigungen unter Berücksichtigung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung anhand der verschiedenen Standard
indikatoren einzelfallgerecht und ergebnisoffen beurteilt werden können.
Nach Vorliegen der notwendigen Angaben wird über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers neu zu befinden sein. Die Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 600.-- anzusetzen.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung einer Sache an die Ver
waltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten entsprechend dem Ausgang des Verfahrens
der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen sind.
5.2
Mit Honorarnote vom 22. April 2021 machte Rechtsanwältin Stephanie C. Ems einen Aufwand von 14.7 Stunden sowie Barauslagen von insgesamt Fr. 132.30, zuzüglich Mehrwertsteuer, geltend (Urk. 15).
Nach
Massgabe
von § 10 der Verordnung über die sozialversiche
rungsge
richt
lichen Gebühren, Kosten und Entschädigungen in Verbindung mit § 8 Abs. 1 der
Verordnung ist ein unnötiger Aufwand der unentgeltlichen Rechtsvertreterin nicht
zu ersetzen. In Anwendung dieser Bestimmung kann nicht der gesamte von der Rechtsvertreterin geltend gemachte Aufwand als entschädigungsberechtigt aner
kannt werden.
Als
unverhältnismässig
erweist sich der für das Aktenstudium sowie das Ver
fassen der Beschwerde angegebene Aufwand von insgesamt 10 Stunden (Urk. 15 S. 1). Die
Vorakten
weisen mit 42 Aktenstücken einen eher dünnen Umfang auf, und sind zudem nur zu einem Teil verfahrensrelevant. Für das Verfassen der Beschwerdeschrift, welche rund zehn Seiten umfasst (Urk. 1) sowie das erforder
liche Aktenstudium sind insgesamt fünf Stunden als angemessen zu erachten.
Somit sind anstatt der geltend gemachten 14.7 Stunden insgesamt 9.7 Stunden zu entschädigen, dies nebst den Barauslagen von Fr. 132.30, womit beim
praxis
gemässen
Stundenansatz von Fr. 220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) eine Entschä
digung von Fr. 2‘430.60 (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen ist. Diese ist der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.