Decision ID: cde7244d-35dc-5f5e-8889-7a5a020aa0c7
Year: 2014
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung vom 31. März 2014 wies die schweizerische Vertretung in
C._ (nachfolgend: Vertretung) unter Verwendung des im Anhang VI
der Verordnung (EG) Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft
(Visakodex) vorgesehenen Formulars den Antrag des Beschwerdeführers
1 (Neffe des in der Schweiz wohnhaften Gastgebers und Beschwerde-
führer 2) vom 7. November 2013 um Erteilung eines Schengen-Visums mit
der Begründung ab, dass die vorgelegten Informationen über den Zweck
und die Bedingungen des beabsichtigten Aufenthalts nicht glaubhaft seien.
B.
Mit Eingabe vom 9. April 2014 liessen die Beschwerdeführer (Neffe
[Antragsteller] und Onkel [Gastgeber]) gegen diesen Entscheid durch ihren
Rechtsvertreter Einsprache beim BFM erheben.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, der Beschwerde-
führer 1 sei aufgrund der Kriegswirren aus Syrien in die Türkei geflohen.
Im Formularentscheid sei lediglich die Ziffer 8 angekreuzt worden, ohne
dass eine nähere Begründung vorliege. Das vorliegende Gesuch falle in
den Anwendungsbereich der Weisung vom 4. September 2013 betreffend
erleichterte Erteilung von Besucher-Visa für syrische Staatsangehörige
(COO.2180.101.7.266789/322.213/Syrien/2010/03648; nachfolgend: Wei-
sung Syrien). Zudem seien zuhanden der Vertretung auch etliche Doku-
mente eingereicht worden (insbesondere Einladungsschreiben, Unter-
bringungskapazitäten des Gastgebers, Familienbüchlein, Mietvertrag und
subsidiäre Garantie des Schweizerischen Roten Kreuzes).
C.
Mit Verfügung vom 12. Juni 2014 – eröffnet am 16. Juni 2014 – wies das
BFM die Einsprache der Beschwerdeführer ab und auferlegte die
Verfahrenskosten von Fr. 150.– dem Einsprecher.
Zur Begründung führte das BFM im Wesentlichen aus, angesichts der
sozio-ökonomischen Verhältnisse in seinem Heimatstaat müsste der
Beschwerdeführer 1 über aussergewöhnliche familiäre Bindungen und
Verpflichtungen verfügen, damit eine fristgerechte und anstandslose
Rückkehr als wahrscheinlich einzustufen wäre. Dass der Beschwerde-
führer 1 als junger lediger Mann trotz der in Syrien herrschenden Krise
nach Ablauf des Besuchervisums in sein Herkunftsland zurückkehren
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würde, sei, gerade auch in Anbetracht des Umstandes, dass er keine
substantiierten Angaben zu seiner beruflichen Tätigkeit gemacht habe,
nicht hinreichend dargelegt. Daher seien die Einreisevoraussetzungen für
ein einheitliches Schengen-Visum nicht erfüllt. Des Weiteren würden keine
besonderen namentlich humanitären Gründe vorliegen, die eine Einreise
in die Schweiz trotzdem als zwingend notwendig erscheinen liessen. Ein
Visum aus humanitären Gründen könne nur dann ausgestellt werden,
wenn die betreffende Person im Heimat- oder Herkunftsstaat unmittelbar,
ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet sei und sich in einer
besonderen Notsituation befinde, welche ein behördliches Eingreifen
zwingend erforderlich mache. Nach den länderspezifischen Kenntnissen
des BFM und den Abklärungen der Vertretung würden keine Elemente
vorliegen, die – im Vergleich zu allen anderen syrischen
Staatsangehörigen – auf eine besondere individuelle und konkrete
Gefährdung oder eine besondere Notlage schliessen liessen. Auch seien
keine anderen humanitären Gründe (hohes Alter oder Krankheit)
ersichtlich, welche zu einer anderen Einschätzung führen müssten.
Schliesslich komme auch die Weisung Syrien nicht zu Anwendung, da der
Beschwerdeführer 1 als volljähriger Neffe des Gastgebers nicht in den
Geltungsbereich dieser Ausnahmeregelung falle.
D.
Mit Eingabe des Rechtsvertreters vom 11. Juli 2014 erhoben die
Beschwerdeführer dagegen Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
und beantragten, die vorinstanzlichen Akten seien zur Einsichtnahme
zuzustellen und ihnen sei Gelegenheit zur Ergänzung der Beschwerde-
schrift zu geben. Der Beschwerdeführer 1 falle entgegen den Ausfüh-
rungen des BFM gemäss Wortlaut der Weisung Syrien klar in deren
Anwendungsbereich. Zudem gelte es vorliegend zu beachten, dass der
Beschwerdeführer in seinem Heimatstaat verpflichtet gewesen sei, der
syrischen Armee beizutreten. Er habe sich dem Einzug jedoch entzogen.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführer eine vom
Beschwerdeführer 1 bereits bei der Vertretung eingereichte Stellung-
nahme ein, wonach er sich keiner Konfliktpartei des syrischen Bürger-
krieges habe anschliessen wollen, seine Familie im Irak lebe und er gerne
zu seinem Onkel in die Schweiz reisen würde.
E.
Am 16. Juli 2014 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
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F.
Mit Verfügung vom 31. Juli 2014 wurden die Beschwerdeführer
aufgefordert, innert Frist eine Vollmacht zu den Akten zu reichen,
ansonsten auf die Beschwerde nicht eingetreten werde.
G.
Mit Eingabe vom 7. August 2014 reichten die Beschwerdeführer zwei
Vollmachten zu den Akten.
H.
Mit Verfügung vom 12. August 2014 verzichtete die Instruktionsrichterin auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses und überwies das Dossier dem
BFM zur Behandlung des Akteneinsichtsgesuches.
I.
Am 15. August 2014 gewährte das BFM den Beschwerdeführern Akten-
einsicht.
J.
Mit Verfügung vom 19. August 2014 wurde den Beschwerdeführern
Gelegenheit eingeräumt, innert Frist eine Beschwerdeergänzung zu den
Akten zu reichen.
K.
Mit Eingabe vom 21. August 2014 reichten die Beschwerdeführer eine
Beschwerdeergänzung zu den Akten und führten im Wesentlichen aus, aus
den vorinstanzlichen Akten gehe klar hervor, dass der Antrag auf Erteilung
eines Schengen-Visums im November eingereicht wurde, mithin die
Weisung Syrien anwendbar sei. Der Beschwerdeführer 1 gehöre als Sohn
des Bruders zum Kreis der Begünstigten. Die Voraussetzungen für die
erleichterte Erteilung eines Besucher-Visums seien erfüllt; eventualiter sei
die Sache zu allfälliger Aktenergänzung und Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
L.
Mit Eingabe vom 22. August 2014 reichten die Beschwerdeführer ein
Schreiben des Vaters respektive Bruders zu den Akten, wonach sich
nunmehr auch die Familie des Beschwerdeführers 1 (Eltern, Geschwister
und Grossmutter) in der Türkei befänden, die Lebensbedingungen sehr
schwierig seien und sie nicht in den Heimatstaat zurückkehren könnten.
Die Mutter des Beschwerdeführers 1 sei krank, leide an einer (...)krank-
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heit und (...). Der Eingabe waren zudem Kartenausschnitte aus Syrien
beigelegt.
M.
Mit Verfügung vom 26. August 2014 wurde dem BFM Gelegenheit
eingeräumt, innert Frist eine Vernehmlassung einzureichen.
N.
In seiner Vernehmlassung vom 4. September 2014 hielt das BFM
vollumfänglich an seiner Verfügung fest und führte im Wesentlichen aus,
der Beschwerdeführer 1 sei in der Türkei und daher nicht mehr unmittelbar
gefährdet. Zudem falle er nicht in den Geltungsbereich der Weisung Syrien.
O.
Mit Verfügung vom 8. September 2014 wurde den Beschwerdeführern
Gelegenheit eingeräumt, innert Frist eine Replik einzureichen. Diese Frist
ist ungenutzt verstrichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht unter
Vorbehalt der in Art. 32 VGG genannten Ausnahmen Beschwerden gegen
Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer in Art. 33 VGG
aufgeführten Behörde erlassen wurden. Darunter fallen unter anderem
Verfügungen des BFM, mit denen die Erteilung eines Schengen-Visums
verweigert wurde. In dieser Materie entscheidet das Bundesverwaltungs-
gericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
1.2 Sofern das VGG nichts anderes bestimmt, richtet sich das Verfahren
vor dem Bundesverwaltungsgericht nach dem VwVG (Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerdeführer sind gemäss Art. 48 Abs. 1 VwVG zur Be-
schwerde berechtigt. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist somit einzutreten (Art. 50 Abs. 1 und 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
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von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des
Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhaltes und – sofern nicht eine kantonale
Behörde als Beschwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit
gerügt werden (Art. 49 VwVG).
3.
Soweit in der Beschwerde respektive der Ergänzung der Beschwerde-
schrift vom 22. August 2014 ausgeführt wird, der Beschwerdeführer 2
habe einen Antrag für die gesamte Familie (Eltern, Geschwister und
Grossmutter des Beschwerdeführers 1) gestellt, weshalb darum ersucht
werde, dass all diesen Personen die Einreise bewilligt werde, ist
festzustellen, dass allfällige von diesen Personen eingereichte Anträge um
Erteilung von Visa nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens sind,
bezieht sich die Einsprache gegen die Visumsverweigerung vom 9. April
2014 und die sich darauf beziehende angefochtene Verfügung doch
ausdrücklich nur auf den Beschwerdeführer 1.
4.
4.1 Das schweizerische Ausländerrecht kennt weder ein allgemeines
Recht auf Einreise, noch gewährt es einen besonderen Anspruch auf
Erteilung eines Visums. Die Schweiz ist daher – wie andere Staaten auch
– grundsätzlich nicht verpflichtet, ausländischen Personen die Einreise zu
gestatten. Vorbehältlich völkerrechtlicher Verpflichtungen handelt es sich
dabei um einen autonomen Entscheid (vgl. BVGE 2009/27 E. 3 S. 342
m.w.H.).
Die im AuG und seinen Ausführungsbestimmungen enthaltenen Regel-
ungen über das Visumverfahren und über die Ein- und Ausreise gelangen
nur soweit zur Anwendung, als die Schengen-Assoziierungsabkommen
keine abweichenden Bestimmungen enthalten (vgl. Art. 2 Abs. 2–5 AuG).
4.2 Angehörige von Drittstaaten dürfen über die Aussengrenzen des
Schengen-Raums für einen Aufenthalt von höchstens drei Monaten je
Sechsmonatszeitraum einreisen, wenn sie im Besitz gültiger Reisedoku-
mente sind, die zum Grenzübertritt berechtigen. Gemäss Art. 4 der
Verordnung vom 22. Oktober 2008 über die Einreise und die Visum-
erteilung (VEV, SR 142.204) unterstehen Staatsangehörige gewisser
Länder zudem der Visumspflicht (vgl. Verordnung [EG] Nr. 539/2001 des
Rates vom 15. März 2001 zur Aufstellung der Liste der Drittländer, deren
Staatsangehörige beim Überschreiten der Aussengrenzen im Besitz eines
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Visums sein müssen, sowie der Liste der Drittländer, deren Staats-
angehörige von dieser Visumpflicht befreit sind).
4.3 Im Weiteren müssen Drittstaatsangehörige für den Erhalt eines
einheitlichen Schengen-Visums im Sinne von Art. 2 Abs. 3 Visakodex den
Zweck und die Umstände ihres beabsichtigten Aufenthalts belegen und
hierfür über ausreichende finanzielle Mittel verfügen. Namentlich haben sie
zu belegen, dass sie den Schengen-Raum vor Ablauf der Gültig-keitsdauer
des beantragten Visums wieder verlassen beziehungsweise Gewähr für
ihre fristgerechte Wiederausreise bieten. Ferner dürfen
Drittstaatsangehörige nicht im Schengener Informationssystem (SIS) zur
Einreiseverweigerung ausgeschrieben sein und keine Gefahr für die
öffentliche Ordnung, die innere Sicherheit, die öffentliche Gesundheit oder
die internationalen Beziehungen eines Mitgliedstaats darstellen (vgl. zum
Ganzen: Art. 5 Abs. 1 und Abs. 2 AuG; Art. 2 Abs. 1 VEV und Art. 5 Abs. 1
Schengener Grenzkodex [SGK; Verordnung {EG} Nr. 562/2006 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. März 2006 über einen
Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen,
ABl. L 105 vom 13. April 2006, zuletzt geändert durch Verordnung {EU} Nr.
610/2013, ABl. L 182 vom 29. Juni 2013], vgl. auch BVGE 2009/27 E. 5
und 6).
4.4 Der Beschwerdeführer 1 unterliegt als syrischer Staatsangehöriger der
Visumspflicht gemäss Art. 4 VEV bzw. der Verordnung (EG) Nr. 539/2001.
Im Beschwerdeverfahren wird nicht bestritten, dass die vom BFM in seiner
Verfügung vom 12. Juni 2014 dargelegten Voraussetzungen für die
Erteilung eines einheitlichen Schengen-Visums nicht gegeben sind.
Namentlich werden keine stichhaltigen Argumente dargelegt, welche die
Einschätzung des BFM in einem anderen Licht erscheinen liesse, wonach
in Anbetracht der aktuellen Situation in seinem Heimatstaat und der
spezifischen Umstände des Einzelfalls begründete Zweifel an der
Wiederausreise des Beschwerdeführers aus dem Schengenraum vor
Ablauf der Gültigkeit des beantragten Visums bestehen (vgl. Art. 32 Abs. 1
Bst. b Visakodex; zum Beweismass des begründeten Zweifels siehe BVGE
2014/1 E.4.4).
5.
5.1 Sind die Voraussetzungen für die Ausstellung eines einheitlichen
Schengen-Visums nicht erfüllt, kann ein Visum mit räumlich beschränkter
Gültigkeit erteilt werden, wenn der Mitgliedstaat es aus humanitären
Gründen, aus Gründen des nationalen Interesses oder aufgrund
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internationaler Verpflichtungen für erforderlich erhält (Art. 2 Abs.4 i.V.m.
Art. 25 Abs. 1 Bst. a Visakodex). Ein solches Visum ist grundsätzlich nur
für das Hoheitsgebiet des ausstellenden Staates gültig (vgl. Art. 25 Abs. 2
Visakodex). Unter denselben Voraussetzungen kann einer drittstaats-
angehörigen Person die Einreise an den Aussengrenzen gestattet werden
(vgl. Art. 5 Abs. 4 Bst. c SGK).
5.2 Eine Visumserteilung aus humanitären Gründen ist auf nationaler
Ebene in Art. 2 Abs. 4 i.V.m. Art. 12 Abs. 4 VEV normiert. Entsprechend der
genannten Bestimmung können das Eidgenössische Departement für
auswärtige Angelegenheiten (EDA) und das BFM im Rahmen ihrer
Zuständigkeiten im Einzelfall eine Einreise für einen Aufenthalt von
höchstens 90 Tagen aus humanitären Gründen oder zur Wahrung
nationaler Interessen oder internationaler Verpflichtungen bewilligen. Nach
der Aufhebung der Möglichkeit, bei einer Schweizer Auslands-vertretung
ein Asylgesuch einzureichen (im Rahmen der dringlichen Änderung des
Asylgesetzes vom 28. September 2012 [AS 2012 5359] zum
29. September 2012), hat die Vorschrift massgeblich an Bedeutung
gewonnen. Der Bundesrat hat in diesem Zusammenhang in seiner
Botschaft vom 26. Mai 2010 zur Änderung des Asylgesetzes unter Hinweis
auf die Wahrung der humanitären Tradition der Schweiz ausdrücklich
festgehalten, dass auch in Zukunft offensichtlich unmittelbar, ernsthaft und
konkret gefährdete Personen den Schutz der Schweiz erhalten sollen; dies
unter explizitem Verweis auf die bestehende Möglichkeit, um ein Visum
"aus humanitären Gründen" zu ersuchen (vgl. BBl 2010 4455, insbes.
4468, 4472, 4490). Zudem könne angesichts der einfacheren
Verfahrensabläufe bei Visagesuchen der administrative Aufwand gesenkt
werden, dies werde insbesondere dadurch erreicht, dass keine
asylrechtlichen Befragungen mehr stattfinden würden (BBl 2010 4490).
5.3 Der Begriff "humanitäre Gründe" ist weder in den Normen des SGK,
des Visakodex noch in der VEV näher bestimmt. In der genannten
Botschaft zur Änderung des Asylgesetzes umschreibt der Bundesrat
jedoch in genügend konkretisierender Weise, dass die Einreise in die
Schweiz durch eine Visumserteilung aus humanitären Gründen bewilligt
werden könne, wenn im Einzelfall offensichtlich davon ausgegangen
werden müsse, dass die betroffene Person im Heimat- oder Herkunftsstaat
unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet sei. Die
betroffene Person müsse sich in einer besonderen Notsituation befinden,
welche ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich mache und es
rechtfertige, ihr, im Gegensatz zu anderen Personen, ein Einreisevisum zu
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erteilen. Dies könne etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder bei
einer aufgrund der konkreten Situation individuellen Gefährdung gegeben
sein. Das Visumgesuch sei unter Berücksichtigung der aktuellen
Gefährdung, der persönlichen Umstände der betroffenen Person und der
Lage im Heimat- oder Herkunftsland sorgfältig zu prüfen (vgl. BBl. a.a.O,
S. 4468, 4472 und insbesondere 4490). Diese Ausführungen finden auch
ihren Niederschlag in den entsprechenden Weisung des BFM Nr. 322.126
"Visumsantrag aus humanitären Gründen" vom 25. Februar 2014
(nachfolgend: Weisung humanitäres Visum). Gemäss der Weisung
humanitäres Visum ist, sofern sich die Person bereits in einem Drittstaat
befinde, in der Regel davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr
bestehe.
5.4 Weisungen verfügen nicht über Gesetzeskraft und stellen kein eigen-
tliches Bundesrecht dar. Sie sind an die Vorgaben des internationalen -,
des Verfassungs-, Gesetzes- und Verordnungsrecht gebunden und tragen
zu einer einheitlichen und rechtsgleichen Praxis bei. Gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung sind Verwaltungsweisungen für die
Justizbehörden nicht verbindlich. Sofern sie eine dem Einzelfall ange-
passte und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen
Bestimmungen zulassen, sollte sie das Gericht bei seiner Entscheidung
mitberücksichtigen; andererseits hat ein Gericht von Weisungen abzu-
weichen, falls sie mit den anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen nicht
vereinbar sind (vgl. BGE 125 V 379 E. 1c; BGE 123 V 72 E. 4a; BGE 122
V 253 E. 3d, 363 E. 3c, je mit Hinweisen). Als blosse Auslegungshilfe bieten
Verwaltungsweisungen keine Grundlage, um zusätzliche ein-schränkende
materiell-rechtliche Anspruchserfordernisse aufzustellen (BGE 109 V 169
E. 3b). Damit übereinstimmend hielt das Bundesverwal-tungsgericht fest,
die Hauptfunktion einer Verwaltungsweisung bestehe darin, eine
einheitliche und rechtsgleiche Handhabung des Verwaltungs-rechts
sicherzustellen, indem diese Leitlinien und Gesichtspunkte zur
Konkretisierung des Verwaltungsermessens festlegen (BVGE 2011/1
E.6.4; vgl. PETER UEBERSAX, Einreise und Anwesenheit in: UEBERSAX et
al., Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rn. 7.109 f.).
5.5 Die Einreisevoraussetzungen sind beim Visumverfahren aus humani-
tären Gründen restriktiver als bei den (ehemals zulässigen) Auslandge-
suchen, bei denen Einreisebewilligungen nur sehr zurückhaltend erteilt
wurden beziehungsweise (bei den derzeit noch hängigen Verfahren)
werden (vgl. zur entsprechenden Praxis BVGE 2011/10 E. 3.3). Auf diesen
Umstand hatte auch der Bundesrat in der Botschaft vom 26. Mai 2010
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hingewiesen (vgl. BBl 2010 S. 4468, 4490). Der unbestimmte Rechtsbegriff
"humanitäre Gründe" ist jedoch sehr offen formuliert und erfasst potentiell
mehr Sachverhalte, als dies bei den Voraussetzungen im
Auslandsverfahren der Fall war. Im Vergleich zu den Auslandsver-fahren
ist die konkrete individuelle Gefährdung an kein Verfolgungsmotiv
geknüpft, weshalb vom Begriff humanitäre Gründe sowohl Gefährdungen
im Sinne von Art. 3 AsylG als auch Gefährdungen, die unter andere
völkerrechtliche Bestimmungen zu subsumieren wären (bspw. Art. 3
EMRK), erfasst werden können. Zentraler Aspekt der Gefährdungs-
beurteilung scheint einzig der unmittelbar, ernsthaft und konkret drohende
Eingriff in die fundamentalen Rechtsgüter Leib und Leben. Darüber
hinausgehend können Personen in den Genuss eines humanitären Visums
kommen, deren Gefährdung auf die allgemeine Situation im Heimat- oder
Herkunftsstaat zurückzuführen ist (bspw. Kriegsflüchtlinge oder
Naturkatastrophen).
Die angestrebte Reduktion der Einreisebewilligungen dürfte sich
grösstenteils aus dem – im Sinne einer nicht unumstösslichen Regelver-
mutung – Gefährdungsausschluss bei Aufenthalt der antragstellenden
Person in einem Drittstaat ergeben. Zudem sind lediglich Eingriffe in die
Rechtsgüter Leib und Leben relevant, womit Eingriffe in die Freiheit oder
Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken, nicht
erfasst werden. Auch kommt dem BFM im Rahmen der Visaerteilung ein
grosser Ermessensspielraum zu (vgl. UEBERSAX, a.a.O., Rn. 7.67 ff.).
Schliesslich lässt sich die Formulierung, dass von einer entsprechenden
Gefährdung offensichtlich ausgegangen werden müsse, den Schluss zu,
dass sich die Beweislast verschiebt und ein abge-schwächter
Untersuchungsgrundsatz gilt.
5.6 In der Beschwerdeschrift vom 11. Juli 2014 und der Beschwerde-
ergänzung vom 21. und 22. August 2014 wird im Wesentlichen
vorgebracht, der Beschwerdeführer 1 sei syrischer Staatsangehöriger und
halte sich momentan zusammen mit seiner Familie (Eltern, Geschwister
und Grossmutter) in C._ auf, wo die Situation äusserst schwierig
sei. Er dürfe nicht arbeiten und habe kein Geld.
5.7 Die Zahl der syrischen Flüchtlinge in der Türkei ist gemäss jüngeren
Zeitungsberichten auf mittlerweile 1.4 Millionen Personen angestiegen
(NZZ online, Krieg in Syrien, gefunden auf: <http://www.nzz.ch/
newsticker/fast-14-millionen-syrische-fluechtlinge-in-der-tuerkei-
1.18354941> zuletzt besucht am 23. Oktober 2014). Währenddem die
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Seite 11
türkische Regierung äusserst erfolgreich Flüchtlingslager aufgebaut hat,
welche sowohl hinsichtlich Qualität als auch Zugang zu Dienstleistungen
vorbildlich ausgestattet wurden, lebt die überwiegende Mehrheit der
syrischen Flüchtlinge – knapp 80 % – ausserhalb der Lager. Der Zugang
zu Arbeit, Ausbildung und Gesundheitsversorgung gestaltet sich für diese
Flüchtlinge sehr viel schwieriger (vgl. Brookings-Bern Project on Internal
Displacement, Syrian Refugees and Turkey's Challenges: Going Beyond
Hospitality, 12. Mai 2014, S. 15, gefunden auf: <http://www.refworld.org/
docid/53beb5aa4.html> [zuletzt besucht am 23. Oktober 2014]). Ein Ende
des Konfliktes in Syrien ist zurzeit nicht absehbar, weshalb eine freiwillige
Rückkehr der Mehrheit der Flüchtlinge in ihren Heimatstaat unwahr-
scheinlich ist. Um die arg beanspruchten Infrastrukturen der Nachbar-
staaten Syriens etwas zu entlasten, hat UNHCR im September 2013 einen
ersten Aufruf zur Aufnahme von 30'000 syrischen Flüchtlingen bis Ende
Jahr lanciert. Europäische Staaten haben 18'000 Plätze zur Verfügung
gestellt, darunter auch die Schweiz mit 500 (ohne erleichterte Besucher-
Visa für syrische Staatsangehörige) (vgl. UNHCR, Finding Solutions for
Syrian Refugees, Resettlement and Other Forms of Admission of Syrian
Refugees, 15. Oktober 2014, gefunden auf:
<http://www.unhcr.org/52b2febafc5.pdf> [zuletzt besucht am 23. Oktober
2014]).
5.8 Das Gericht stellt die schwierigen Lebensumstände des Beschwerde-
führers 1 in der Türkei nicht in Abrede. Dennoch schliesst sich das Gericht
den Ausführungen des BFM an, wonach im vorliegenden Verfahren keine
Gründe ersichtlich sind, die darauf hindeuteten, der Beschwerdeführer sei
unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet respektive
befinde sich in einer besonderen Notlage, welche ein behördliches
Eingreifen zwingend erforderlich erscheinen liesse. Dem
Beschwerdeführer 1 ist es nicht gelungen darzulegen, warum ihm als
jungen gesunden Mann gestützt Art. 2 Abs. 4 i.V.m. Art. 12 Abs. 4 VEV ein
Visum aus humanitären Gründen zu erteilen und die Einreise zu bewilligen
wäre.
6.
6.1 Am 4. September 2013 hat das BFM die Weisung Syrien an die
schweizerischen Auslandsvertretungen erlassen, in der – aufgrund der
Lage in Syrien – für Personen mit Verwandten in der Schweiz aus
humanitären Gründen von den ordentlichen Einreisevoraussetzungen
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abgewichen wird. Hinsichtlich des Adressatenkreises der Weisung Syrien
legt das BFM fest, dass es sich um Mitglieder der Kernfamilie, Verwandte
in auf- und absteigender Linie (und deren Kernfamilien) sowie Geschwister
(und deren Kernfamilie) von syrischen Staatsangehörigen, die in der
Schweiz mit B- oder C-Bewilligung leben oder bereits eingebürgert worden
sind, handeln müsse (Ziff. I Bst. a Weisung Syrien). Die Familienmitglieder
im Ausland müssten bei Einreichung des Gesuchs in Syrien wohnhaft sein
oder sich in einem Nachbarstaat von Syrien oder in Ägypten aufhalten und
erst nach dem Ausbruch der Krise in Syrien im März 2011 in eines dieser
Länder gereist sein. Auch dürften sie nicht im Besitz einer ordentlichen
Aufenthaltsbewilligung dieser Länder sein (Ziff. I Bst. b Weisung Syrien).
Abweichend von den geltenden Visa-Bestimmungen müsse bei den
Gesuchen aus diesem Personenkreis in Anbetracht der Lage in Syrien die
fristgerechte Wiederausreise sowie der Nachweis einer persönlichen,
unmittelbaren Gefährdung nicht vertieft geprüft werden. Auch seien die
finanziellen Voraussetzungen im Sinne von Art. 5 Abs. 1 Bst. b AuG nicht
zu prüfen (Ziff. II Weisung Syrien).
6.2 Am 4. November 2013 erliess das BFM zu Handen der
Auslandsvertretungen Erläuterungen zur Weisung Syrien, welche
Präzisierungen und Erläuterungen für die Umsetzung enthielten
(COO.2180.101.7.264810/322.125/Syrien/2012/01275, im Weiteren:
Erläuterungen Weisung Syrien). Die Erläuterungen Weisung Syrien
beinhalten namentlich Vorgaben hinsichtlich der Priorisierung der
Gesuche: Angesichts der hohen Antragszahlen sollten die Gesuche
identifiziert werden, welche aufgrund einer erhöhten Gefährdung und/oder
einer besonderen Betroffenheit der Gesuchstellenden prioritär zu
behandeln seien (vgl. Ziff. I/II Bst. c Präzisierung Weisung Syrien). Prioritär
seien insbesondere Gesuche von Personen zu behandeln, die
ausschliesslich zur Einreichung des Visumgesuchs in einen Nachbarstaat
von Syrien oder Ägypten eingereist seien und dort weder eine faktische
noch tatsächliche Aufenthaltsregelung besitzen würden (vgl. Ziff. I/II Bst. d
Präzisierung Weisung Syrien). Erst von untergeordneter Priorität seien
Gesuche jener Personen, die erst nach einer gewissen Frist nach Erhalt
des Visums von ihrem aktuellen Aufenthaltsort ausreisen wollten. Ferner
sei ein Einladungsschreiben des Verwandten in der Schweiz sowie die
Gewähr erforderlich, dass der Gastgeber die Gäste während des
bewilligungsfreien Aufenthalts bei sich beherbergen könne.
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6.3 Am 29. November 2013 hob das BFM die Weisung Syrien durch eine
neue Weisung (2013-11-29/135 Syrien II, im Folgenden: Weisung
Aufhebung) mit sofortiger Wirkung auf und verfügte, dass alle nach dem
29. November 2013 eingereichten Visaanträge wieder nach den
ordentlichen Einreisebestimmungen der VEV und den dazu erlassenen
Weisungen des BFM zu behandeln seien. Das BFM teilte diesbezüglich
mit, angesichts der bereits eingereisten 719 Personen, der erteilten 1'600
Visa sowie der weiteren rund 5000 reservierten Termine, um ein
Visumsgesuch zu stellen, habe sich die Massnahme mithin als effektiv
erwiesen und ihren Zweck erreicht; das EJPD gehe davon aus, dass die
meisten der Betroffenen mittlerweile ein Visum beantragt hätten. Gemäss
der Weisung Aufhebung seien nach dem 29. November 2013 eingereichte
Visagesuche per sofort wieder nach den ordentlichen
Einreisebestimmungen zu behandeln; Gesuche von Personen, die sich vor
dem 29. November 2013 angemeldet oder die vor diesem Datum ein
Visumsgesuch eingereicht hätten, seien weiterhin nach den Kriterien der
Weisung vom 4. September 2013 und der Erläuterungen vom 4. November
2013 zu bearbeiten. Massgeblich seien die Kriterien der präzisierten
Weisung, namentlich dürfe im Drittstaat kein Aufenthaltstitel bestehen und
die genügende Unterbringungskapazität beim Gastgeber müsse
nachweislich sichergestellt sein (vgl. Weisung Aufhebung Ziff. 2).
6.4 Nach Durchsicht der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass dem Beschwerdeführer 1 zu Recht kein erleichtertes
Besucher-Visum im Sinne der Weisung Syrien ausgestellt wurde. Wie der
Weisung Syrien zu entnehmen ist, beschränkt sich der Kreis der
Begünstigten auf Mitglieder der Kernfamilie (Ehegatten und Kinder bis 18
Jahre), Verwandte in auf- und absteigender Linie (und deren Kernfamilien)
sowie Geschwister (und deren Kernfamilien) von syrischen
Staatsangehörigen, die in der Schweiz mit B- oder C-Bewilligung leben
oder bereits eingebürgert worden sind (Ziff. I Bst. a Weisung Syrien).
Gemäss dem diesbezüglich klaren Wortlaut der Weisung Syrien ist der
Beschwerdeführer 1 als volljähriger Sohn des Bruders des Gastgebers
somit nicht dem Kreis der Begünstigten zuzurechnen. Die in der
Beschwerde gemachten Ausführungen, wonach der Beschwerdeführer 1
als Sohn des Bruders des Gastgebers sehr wohl in den Anwendungs-
bereich der Weisung Syrien falle, da er im Zeitpunkt der Antragstellung 18
Jahre alt gewesen sei, vermögen nicht zu überzeugen. Der juristische
Begriff der Familie, welcher dem vorliegend verwendeten Begriff der
Kernfamilie gleichzusetzen ist, umfasst im Asyl- und Ausländerrecht –
vorbehältlich besonderer Umstände – die Ehegatten oder Lebenspartner
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und die minderjährigen Kinder (vgl. statt vieler BVGE 2008/47 E. 4.1.2).
Gemäss ständiger Rechtsprechung ist ebenso klar, dass sich die
Minderjährigkeit nach schweizerischem Recht beurteilt (EMARK 1995 Nr.
24 E. 7). Der Beschwerdeführer 1 gehört, da er im Zeitpunkt der
Antragstellung bereits sein 18. Lebensjahr zurückgelegt hatte und somit im
Sinne der schweizerischen Rechtsordnung nicht mehr minderjährig war
(Art. 14 ZGB), nicht zur Kernfamilie der Geschwister des in der Schweiz
aufenthaltsberechtigten Gastgebers und somit nicht in den
Anwendungsbereich der Weisung Syrien.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt und angemessen ist. Die Beschwerde ist daher
abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 600.– (Art. 1–
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]) den Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG).
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