Decision ID: 732fa861-5eca-44c4-81b2-bd77069595aa
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
H._,
Kläger,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Hochreutener, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
Stiftung Auffangeinrichtung BVG, Geschäftsstelle, Birmensdorferstrasse 198,
8003 Zürich,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beklagte,
Swiss Life, Vorsorgestiftung Aussendienst (VSA), Postfach, 8022 Zürich
Beigeladene 1,
Swiss Life, Fürsorgestiftung Generalagenten (GS), Postfach, 8022 Zürich,
Beigeladene 2,
betreffend
BVG-Unterstellung
Sachverhalt:
A.
A.a H._, Jahrgang 1957, war ab 1. Februar 2003 bei der A._ als CEO angestellt,
erst mit einem Arbeitspensum von 50%, ab 1. April 2003 mit einem solchen von 100%.
An der A._ war er massgeblich beteiligt. Sein Monatslohn betrug Fr. 20'000.-- brutto
(x13; act. G 6.2). Mit Schreiben vom 3. September 2003 teilte ihm der Verwaltungsrat,
damals bestehend aus dem Versicherten selbst und seiner Lebenspartnerin, mit, dass
der Lohn ab August 2003 wegen finanzieller Probleme nicht bezahlt werden könne (vgl.
act. G 1.4). Am 20. April 2004 wurde über die Arbeitgeberin der Konkurs eröffnet
(act. G 1.6).
A.b Am 15. Dezember 2005 verfügte die Stiftung Auffangeinrichtung BVG den
rückwirkenden Anschluss der Arbeitgeberin per 1. Januar 2004 (act. G 1.11). Mit
Wiedererwägungsverfügung vom 23. Oktober 2006 legte sie den Zwangsanschluss
rückwirkend auf den 1. März 2004 fest (act. G 1.23).
B.
B.a Nachdem sich der Versicherte und die Stiftung Auffangeinrichtung BVG über die
BVG-Unterstellung nicht einigen konnten, reichte Rechtsanwalt lic. iur. Roland
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hochreutener in Vertretung des Versicherten gegen die Stiftung am 23. Oktober 2007
beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen Klage ein. Die Beklagte sei zu
verpflichten, dem Kläger mit Wirkung ab 1. April 2005 eine volle Invalidenrente samt
Kinderrente entsprechend einem Invaliditätsgrad von 100% und gemäss den
anwendbaren reglementarischen Bestimmungen zu bezahlen, zuzüglich Zins zu 5% auf
den verfallenen Leistungen seit Klageeinleitung. Eventualiter sei der Kläger mit Wirkung
per 1. März 2004 der beruflichen Vorsorge der Beklagten zu unterstellen, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge. Die Beklagte habe sich ohne Angabe von nachvollziehbaren
Gründen geweigert, dem Kläger bzw. seinem Rechtsvertreter die volle Akteneinsicht zu
gewähren. Aufgrund der Gehörsverletzung müsse dem Rechtsvertreter zur Wahrung
des Gehörsanspruchs nach Einsichtnahme in das vollständige Dossier Gelegenheit zur
ergänzenden Stellungnahme eingeräumt werden. Ferner sei die Gehörsverletzung
ungeachtet des Verfahrensausgangs bei den Kostenfolgen zu berücksichtigen. Der
Kläger habe bei der konkursiten A._ ein BVG-pflichtiges Einkommen erzielt. Gemäss
der Rechtsprechung sei auf den vertraglich vereinbarten Lohn abzustellen, wenn dieser
aufgrund der Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers nicht mehr zur Auszahlung
gelange; dies, zumal ein Missbrauch vorliegend nicht ersichtlich und von der Beklagten
denn auch zu Recht nie eingewendet worden sei. Der Kläger habe einen die
Mindestschwelle deutlich übersteigenden AHV-Lohn erzielt und sei ab 1. Januar 2003
vorbehaltlos der obligatorischen beruflichen Vorsorge zu unterstellen. Aufgrund des
Zwangsanschlusses per 1. März 2007 (richtig: 2004) sei er bei der Beklagten versichert.
Auf das Argument, im Jahr 2004 sei gemäss IK-Auszug kein AHV-Einkommen
abgerechnet worden, könne nicht abgestellt werden. Die Illiquidität der Arbeitgeberin
bzw. die unterlassene Abrechnung von AHV- und BVG-Beiträgen durch diese könne
vorsorgerechtlich nicht zum Nachteil des Arbeitnehmers gereichen. Zudem sei klar,
dass aufgrund der seit Ende März 2004 ausgerichteten Krankentaggeldleistungen keine
AHV-Beiträge mehr hätten abgerechnet werden können (act. G 1).
B.b Die Beklagte beantragt mit Klageantwort vom 29. November 2007 die Abweisung
der Klage unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Sie sei nicht zur Erbringung von
Invalidenleistungen zuständig. Hinsichtlich der Pflicht zur Leistung von Invalidenrenten
sei die Zuständigkeit eines der beiden Vorversicherer festzustellen. Eventuell sei von
Amtes wegen festzustellen, ob die Rolle des Klägers bei der konkursiten Arbeitgeberin
inhaltlich als arbeitsvertragliches Verhältnis zu qualifizieren sei und ob der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsvertrag einen tatsächlich vollzogenen und gelebten Inhalt gehabt habe. Weiter
sei festzustellen, ob und zu welchen Teilen der Kläger Eigentümer der Arbeitgeberin
gewesen sei und deshalb dominierenden Einfluss genossen habe. Zu klären seien im
Übrigen die Höhe des vom Kläger tatsächlich bezogenen Lohns, der Zeitpunkt des
Endes der Lohnzahlungen und der Zeitpunkt der Beendigung des Arbeitsverhältnisses.
Der Begründung der Beklagten ist zu entnehmen, die IV-Stelle habe ihr die
Rentenverfügung vom 3. Mai 2007 nicht eröffnet, weshalb sie den Entscheid nicht
gegen sich gelten zu lassen brauche. Die Lohnzahlungen an den Kläger hätten nach
dessen eigener Darstellung im August 2003 geendet. Da der Zwangsanschluss bei der
Beklagten auf den 1. März 2004 gefallen sei, sei der Kläger von der Beklagten nicht
mehr erfasst worden, da kein BVG-pflichtiger Lohn bezahlt und ausgewiesen worden
sei. Mit gutem Grund sei die Beklagte davon ausgegangen, der Kläger sei nicht zu
versichern. Weil die Angaben der Firma über die bezahlten Löhne nicht zuträfen und
über den Zeitpunkt des Endes des Arbeitsvertrags keine Klarheit bestehe (Koinzidenz
mit Einstellung der Lohnzahlungen oder später), werde dem Gericht die Feststellung
der entsprechenden Sachverhalte von Amtes wegen beantragt. Lohnhöhe,
Lohnbezugsdauer, Zahlungsflüsse und Zeitpunkt der Beendigung des
Arbeitsverhältnisses seien mit den Mitteln, die der Beklagten zur Verfügung stünden,
nicht eindeutig rekonstruierbar. Weiter verweist die Beklagte darauf, dass die ersten
Arbeitsunfähigkeitsphasen, deren Ursache letztlich zur Invalidität geführt hätte, vor dem
Datum des Zwangsanschlusses eingetreten seien. Während der Vertragsdauer mit der
Arbeitgeberin sei der Kläger nur während maximal 11.5 von 19 Monaten
uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen. Sollte der Kläger bereits zum Zeitpunkt des
Zwangsanschlusses invalid gewesen sein, wäre er bei der Beklagten ohnehin nicht
mehr versicherbar. Neben dem sachlichen sei auch der zeitliche Zusammenhang in
Bezug auf die ehemalige Vorsorgeeinrichtung gegeben. Der Kläger habe in den
relevanten Jahren 2002 bis 2004 nie mehr eine volle Arbeitsfähigkeit erlangt. Vom
5. April 2002 bis am 31. März 2004 sei er kontinuierlich ganz oder teilweise
arbeitsunfähig gewesen. Der gescheiterte Einsatz für die konkursite Arbeitgeberin sei
von den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Ergebnissen her gesehen als
gescheiterter Arbeitsversuch zu werten. Der versuchte Neustart des Klägers mit dem
Kauf der A._ sei respektabel, ein Erfolg hingegen von Anfang an aus
gesundheitlichen Gründen unwahrscheinlich gewesen. Der Kläger habe keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hundertprozentige Leistung mehr erbracht. Betreffend Akteneinsicht sei festzuhalten,
dass für den Kläger Akten aus dem Umfeld der Firma deutlich leichter erhältlich zu
machen gewesen wären als für die Beklagte (act. G 6).
B.c Der Kläger liess in der Replik vom 9. Januar 2008 an seinen Anträgen festhalten.
Die Beklagte behaupte zu Unrecht, der IV-Entscheid sei ihr nicht eröffnet worden. Aus
dem Verteiler der IV-Verfügung vom 3. Mai 2007 gehe hervor, dass ihr die
massgebliche Verfügung korrekt zugestellt worden sei. Sie sei an die Feststellungen
der IV-Stelle in Bezug auf Rentenbeginn und Rentenhöhe gebunden. Das
Arbeitsverhältnis mit dem Kläger sei von der Konkursverwaltung per Ende Juli 2005
(richtig: 2004; vgl. act. G 1.8 S. 2) aufgelöst worden. Die Behauptung der Beklagten,
der entgeltliche Arbeitseinsatz des Klägers für die Arbeitgeberin habe bereits im August
2003 geendet, sei akten- und tatsachenwidrig. Die Stundung des Lohns sei allein im
Unternehmensinteresse erfolgt und dürfe dem Kläger im Zusammenhang mit der BVG-
Unterstellung nicht zum Nachteil gereichen. Mit den geltend gemachten Zweifeln am
Bestand des Arbeitsverhältnisses offenbare die Beklagte ein unprofessionelles
Vorgehen und eine unsachliche Argumentation. Sie habe sich zudem treuwidrig
verhalten, zumal sie den BVG-Anschluss per 1. Januar 2004 zunächst vorbehaltlos
bestätigt habe. Der Kläger sei beinahe während zwölf Monaten als Geschäftsführer der
konkursiten Arbeitgeberin zu 100% arbeitsfähig und erwerbstätig gewesen. Von einem
blossen Arbeitsversuch könne nicht gesprochen werden. Damit sei der zeitliche
Kausalzusammenhang zwischen der früheren und der ab 15. März 2004 wieder
aufgetretenen Arbeitsunfähigkeit unterbrochen. Die Frage der vollen Arbeitsfähigkeit
stehe wohl kaum in einem direkten Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Erfolg des
Unternehmens.
B.d In der Duplik vom 16. Januar 2008 hält die Beklagte an ihren bisherigen Anträgen
fest und beantragt zudem die Beiladung der in Frage kommenden Vorversicherer. Der
Beginn der einjährigen Wartefrist gemäss IVG sei auf den 1. April 2004 gefallen. Zu
diesem Zeitpunkt sei der Kläger folglich während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen. Wann allerdings
die Arbeitsunfähigkeit, die zur späteren Invalidität geführt habe, tatsächlich ihren
Anfang genommen habe, sage der IV-Entscheid nicht, denn hierbei handle es sich um
ein Sachverhaltsmerkmal, das aus Sicht der ersten Säule nicht entscheidrelevant und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von ihr deshalb nicht zu erheben sei. Durch das Gericht werde zu klären sein, wann die
für die Auslösung der Invalidenrente massgebliche Arbeitsunfähigkeit eingetreten sei
und welchem Vorsorgeträger der Kläger damals angeschlossen gewesen sei. Die
behauptete dauerhafte Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit werde bestritten. Zur
Höhe des zwischen dem Kläger und der Arbeitgeberin vereinbarten Lohns von
Fr. 260'000.-- führt die Beklagte aus, letztere sei schon im Zeitpunkt der Übernahme
durch den Kläger finanziell angeschlagen und hinsichtlich des Absatzes ihrer Produkte
chancenlos gewesen. In einem Betrieb, der bestenfalls als Sanierungs-, wenn nicht
gerade als Liquidationsfall betrachtet werden könne, verbiete sich ein Lohnbezug in
dieser Höhe. Die genannte Zahl habe keinen Bezug zur Realität und sei tatsächlich
auch nie erreicht worden. Das Gericht werde erwägen müssen, aus welchen
Beweggründen und mit welchen Zielen der Kläger zu einer Lohndeklaration im
genannten Umfang gelangt sei. Es könne grundsätzlich nicht angehen, dass die Höhe
zu erwartender künftiger Sozialversicherungsleistungen dadurch angehoben werde,
dass eine versicherte Person, die beruflich bereits nicht mehr voll einsatzfähig sei,
einen vor der Liquidation stehenden Betrieb erwerbe, als Inhaber ein erhebliches
Gehalt deklarieren lasse, das wirtschaftlich nicht tragbar sei, um sich nach dem
Niedergang der Firma auf eben diese fiktive Summe zu berufen (act. G 10).
C.
C.a Der zuständige Abteilungspräsident des Versicherungsgerichts stellte dem Kläger
mit Schreiben vom 24. Januar 2008 die Beiladung der für eine Leistungspflicht in Frage
kommenden Vorversicherer in Aussicht (act. G 11), womit sich der Kläger am
7. Februar 2008 einverstanden erklärte. Er sei bis 28. Februar 2003 bei der
Vorsorgestiftung Swiss Life für den Aussendienst (VSA) und der Fürsorgestiftung für die
Generalagenten im Aussendienst (GS) versichert gewesen. Mit Antritt der Arbeit bei der
A._ sei er über die Sammelstiftung der Swiss Life versichert gewesen (act. G 12).
C.b Die Vorsorgestiftung für den Aussendienst (VSA) und die Fürsorgestiftung für die
Generalagenten (GS) der Swiss Life wurden dem Verfahren am 4. April 2008 unter
Gewährung der Parteirechte beigeladen (act. G 13). Für die Beigeladenen nahm der
Rechtsdienst der Swiss Life am 5. Mai 2008 Stellung. Er beantragt die Abweisung des
Anspruchs des Klägers auf Invalidenleistungen gegen die Beigeladenen. Gemäss IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügung vom 3. Mai 2007 habe die einjährige Wartefrist am 1. April 2004 zu laufen
begonnen. Zu diesem Zeitpunkt sei der Kläger bereits seit über einem Jahr aus den
beigeladenen Stiftungen ausgetreten gewesen. Die Beigeladenen hätten die
entsprechenden Freizügigkeitsabrechnungen per 28. Februar 2003 vorgenommen. Der
Kläger, der nach Auffassung der Beigeladenen bereits früher, spätestens jedoch per
1. April 2003 ärztlich ausgewiesen wieder vollumfänglich arbeitsfähig gewesen sei,
habe in den rechtsverbindlichen Vergleich vom 22./29. März 2004 eingewilligt. Da der
Kläger den Beigeladenen als selbstständigerwerbender Generalagent freiwillig
beigetreten sei, habe er seine Vorsorgeverträge jederzeit wieder aufheben bzw. sogar
vollumfänglich liquidieren können. Art. 23 BVG sei daher für die Vorsorgeverträge nicht
relevant, da die in diesem Artikel vorgenommene obligatorische Haftungsverlängerung
nicht auf ausserobligatorische Vorsorgeverträge von Selbstständigerwerbenden
anwendbar sei. Der Kläger habe mit den Beigeladenen eine Vereinbarung per Saldo
aller Ansprüche abgeschlossen, weshalb ihm keinerlei Ansprüche gegen die
Beigeladenen mehr zuständen. Eine Verpflichtung der Beigeladenen zur Ausrichtung
von Invalidenleistungen sei schliesslich bereits deswegen auszuschliessen, weil der
Kläger gar keinen Anspruch gegen sie erhebe. Selbst wenn gestützt auf Art. 23 BVG
von einer Haftungsverlängerung der Beigeladenen ausgegangen würde, hätte der
Kläger keinerlei Invaliditätsansprüche gegen sie. Zur Zeit, in der der Kläger bei ihnen
versichert gewesen sei, sei keine massgebliche Arbeitsunfähigkeit im Sinn von Art. 23
BVG eingetreten. Somit könnten weder die Beigeladenen noch die BVG-
Sammelstiftung der Rentenanstalt zu Vorsorgeleistungen herangezogen werden.
Wegen der 11.5 Monate dauernden uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit des
Versicherten ab 1. April 2003 sei kein zeitlicher Konnex mit den Versicherungen der
Beigeladenen mehr gegeben. Der Kläger selber habe seine Leistungs- und
Arbeitsfähigkeit offensichtlich sehr hoch eingeschätzt, ansonsten er sich als
Verwaltungsratspräsident der Arbeitgeberin nicht solche Lohnsummen zugestanden
hätte. Dies stelle ein Indiz für die Wiedererlangung der vollen Arbeitsfähigkeit dar. Der
Gesundheitszustand des Klägers habe sich erst nach Eintritt des Konkurses
verschlechtert, mithin nicht mehr während der Dauer der Vorsorgeverträge bei der
Beigeladenen bzw. der BVG-Sammelstiftung der Rentenanstalt (act. G 15).
C.c In ihrer Stellungnahme vom 15. Mai 2008 hält die Beklagte an ihren Anträgen
gemäss Klageantwort fest und beantragt darüber hinaus die Rückweisung des Falls an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die IV-Stelle zur vertieften Abklärung und Revision sowie die Anordnung der
Beobachtung des Klägers bei seinen alltäglichen Verrichtungen. Gegebenenfalls werde
die Beklagte bei der IV-Stelle im Rahmen eines Amtshilfeverfahrens ein unabhängiges
Gesuch stellen. Die Beklagte verweist explizit darauf, dass der Kläger bis zum Konkurs
der Arbeitgeberin bei der BVG-Sammelstiftung der Rentenanstalt versichert gewesen
sei. Der Kläger habe am 29. März 2004 im Rahmen eines Vergleichs mit den
Beigeladenen verbindliche Vereinbarungen über seine Freizügigkeitsleistung getroffen.
Nachdem seine Arbeitsunfähigkeit im Wesentlichen auf persistenten Burnout-
Symptomen beruhend eingeschätzt werde, sei es ausgeschlossen, dass er am
29. März 2004 noch als Gesunder den Abgang seiner Vorsorgegelder sanktioniert
habe, schon am 1. April 2004 jedoch arbeitsunfähig gewesen sein könne. Weiter
bezweifelt die Beklagte die Qualität der psychiatrischen Gutachten bei den IV-Akten
und stellt sich auf den Standpunkt, an den IV-Entscheid nicht gebunden zu sein, weil
ihr dieser nicht eröffnet worden sei (act. G 17).
C.d Das Gericht verlangte am 5. August 2008 bei der IV-Stelle die IV-Akten, beim
Konkursamt, Zweigstelle Buchs, Auszüge aus der Lohnbuchhaltung der A._ und
beim Versicherten weitere Unterlagen betreffend die Gehaltszahlungen ein (act. G
19-21). Die IV-Akten wurden ihm am 11. August 2008 zugestellt (act. G 22). Am 8. Sep
tember 2008 teilte das Konkursamt, Zweigstelle Buchs, dem Gericht telefonisch mit,
die Akten der A._ würden extern gelagert und müssten direkt beim Lager, allenfalls
mit Hilfe des Konkursamts St. Gallen, eingefordert werden (act. G 23). Der
Rechtsvertreter des Versicherten reichte am 12. September 2008 die verlangten
Unterlagen ein (act. G 24). Die Parteien und die Beigeladenen verzichteten auf weitere
Stellungnahmen zu den eingeholten Akten (act. G 25-27).
C.e Auf weitere Vorbringen der Parteien wird – sofern entscheidwesentlich – im

Rahmen der Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die vorliegende Streitigkeit fällt gemäss Art. 73 des Bundesgesetzes über die berufliche
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40) in Verbindung mit
Art. 15 Abs. 2 der st. gallischen Verordnung über die Aufsicht über
Vorsorgeeinrichtungen und Stiftungen (sGS 355.1, in Kraft bis Ende 2007; ab 1. Januar
2008 Art. 15 Abs. 2 der verfahrensrechtlichen Bestimmungen betreffend die Aufsicht
über Vorsorgeeinrichtungen und Stiftungen [AVS; sGS 355.11]) in die sachliche
Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerichts (BGE 122 V 323, Erw. 2b; 120 V
18, Erw. 1a, je mit Hinweisen). Für die Frage, ob die invalidisierende Arbeitsunfähigkeit
des Klägers während des Arbeitsverhältnisses mit der A._ in Liquidation mit Sitz in
B._ oder zu einem anderen Zeitpunkt eingetreten ist, ist nach Art. 73 Abs. 3 BVG das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen auch örtlich zuständig. Auf die Klage ist
somit einzutreten.
2.
2.1 Arbeitnehmer, die das 17. Altersjahr überschritten haben und bei einem
Arbeitgeber einen Jahreslohn von mehr als Fr. 19'890.-- beziehen, unterstehen gemäss
Art. 2 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40) der obligatorischen Versicherung. Diese beginnt
mit dem Antritt des Arbeitsverhältnisses und endet unter anderem, wenn das
Arbeitsverhältnis aufgelöst oder der Mindestlohn unterschritten wird (Art. 10 Abs. 1 und
Abs. 2 lit. b und c BVG). Für die Risiken Tod und Invalidität bleibt der Arbeitnehmer
nach Art. 10 Abs. 3 BVG während eines Monats nach Auflösung des
Vorsorgeverhältnisses bei der bisherigen Vorsorgeeinrichtung versichert. Wird vorher
ein neues Vorsorgeverhältnis begründet, ist die neue Vorsorgeeinrichtung zuständig.
2.2 Nach Art. 7 Abs. 2 BVG in Verbindung mit Art. 5 Abs. 2 Satz 1 des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10)
gilt jedes Entgelt für in unselbstständiger Stellung auf bestimmte oder unbestimmte
Zeit geleistete Arbeit als massgebender Lohn. Was den Realisierungszeitpunkt
anbelangt, ist ein Einkommen – unabhängig davon, ob eine Auszahlung erfolgt ist –
grundsätzlich in jenem Moment als erzielt anzusehen, in dem der Rechtsanspruch
darauf erworben wird (AHI 1997 S. 28, Erw. 4b/cc mit Hinweisen; Entscheid B 11/01
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [seit Anfang 2007: Bundesgericht] vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. April 2002, Erw. 4a). Bezüglich massgebender Lohn stellt sich jedoch die Frage, ob
auf die Lohnzahlungen abzustellen ist, die der Versicherte effektiv bezogen hat oder
diejenigen, auf die er nach Arbeitsvertrag Anspruch hatte, ohne Rücksicht darauf, ob
und inwieweit er tatsächlich in den Genuss dieser Zahlungen gekommen ist. Nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichts zur Ermittlung des versicherten Verdienstes in der
Arbeitslosenversicherung, wo Art. 23 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR
837.0) ebenfalls auf den im Sinn der AHV-Gesetzgebung massgebenden Lohn
verweist, kann nicht unbesehen auf die arbeitsvertraglich festgelegten Löhne abgestellt
werden. Dies brächte die Gefahr missbräuchlicher Absprachen mit sich, indem fiktive
Löhne als vereinbart attestiert werden könnten, die in Wirklichkeit nicht zur Auszahlung
gelangt sind. Es ist daher für die Ermittlung des versicherten Verdienstes grundsätzlich
von den tatsächlichen Lohnbezügen, nicht von (höheren) vertraglichen Abmachungen
auszugehen (BGE 128 V 189 Erw. 3a/aa; Nussbaumer Thomas,
Arbeitslosenversicherung, in: SBVR-Meyer, Soziale Sicherheit, 2. Aufl., Basel 2007,
S. 2287 Rz. 365). Der versicherten Person obliegt die Beweislast dafür, dass die Löhne
tatsächlich bezahlt worden sind (höchstrichterlicher Entscheid C 5/06 vom 28. März
2006, Erw. 2 und 3). Diese Grundsätze können analog auch für die Bestimmung des
versicherten Lohns im Rahmen der beruflichen Vorsorge herangezogen werden,
insoweit es auch dort nicht angehen kann, dass fiktive Löhne versichert werden
(Beschwerde 11/01, Erw. 4; B 67/06 vom 9. Mai 2007, Erw. 3). Dabei darf vorliegend
nicht ausgeblendet werden, dass der Kläger faktisch gleichzeitig Arbeitgeber und
Arbeitnehmer und somit in der Lage war, sich selber einen hohen Lohn auszubezahlen,
der mit den realen Verhältnissen im Unternehmen nicht zu korrespondieren brauchte.
2.3 Die Beklagte beantragt dem Gericht festzustellen, ob und zu welchen Teilen der
Kläger Eigentümer der Arbeitgeberin gewesen sei und deshalb dominierenden Einfluss
genossen habe. Dass der Kläger massgeblich an der A._ beteiligt war und
dominierenden Einfluss hatte, ist unbestritten. Für die Frage, ob er formal als
Arbeitnehmer zu betrachten ist, spielt dies indessen keine Rolle. Das
Körperschaftsrecht basiert auf dem Grundsatz der vollständigen rechtlichen und
tatsächlichen Trennung der juristischen Person von ihren Mitgliedern in persönlicher
und vermögensmässiger Hinsicht. Auch eine weitgehende Identität der wirtschaftlichen
Interessen von Gesellschaft und Gesellschafter (etwa im Fall von
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=B+11%2F01&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F128-V-189%3Ade&number_of_ranks=0#page189
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einpersonengesellschaften) ist grundsätzlich unbeachtlich (mit Hinweisen auf die
Rechtsprechung Meier-Hayoz/Forstmoser, Schweizerisches Gesellschaftsrecht, 10.
Aufl., Bern 2007, § 2 Rz. 43). Nur in restriktiv gehaltenen Ausnahmefällen darf die hinter
der rechtlichen Form liegende wirtschaftliche Realität berücksichtigt werden, nämlich
dann, wenn die juristische Person von ihren Mitgliedern in rechtsmissbräuchlicher
Weise zur Erreichung unlauterer Zwecke verwendet wird. Lediglich in solchen Fällen
kann es zu einem Durchgriff, also einem Ausserachtlassen der eigenen Persönlichkeit
der juristischen Person, kommen (Meier-Hayoz/Forstmoser, a.a.O., § 2 Rz. 43 f.). Dass
die A._ vorgeschoben worden sein sollte zur Erreichung eines
rechtsmissbräuchlichen Zwecks, ist nach Lage der Akten unwahrscheinlich und wird
von der Beklagten auch nicht dezidiert vorgebracht. Sie selbst mutmasst vielmehr,
dass für das Engagement des Klägers bei der A._ "nachvollziehbare soziale
Beweggründe (Lohn, gesellschaftlicher Status, Interesse an kontinuierlicher
Beschäftigungslage und gesellschaftlichem Umgang) massgebend gewesen" sein
dürften und bezeichnet sein Handeln als respektabel (act. G 6, S. 8, Ziff. 7.6 letzter
Abschnitt). Für das vorliegende Verfahren hat der Kläger somit ohne weiteres als
Arbeitnehmer der A._ zu gelten. Am Rande bemerkt wäre zu beachten, dass selbst
im Fall eines Durchgriffs und folglich einer Qualifikation des Klägers als
selbstständigerwerbend nach Lage der Akten davon auszugehen wäre, dass er sich
der freiwilligen BVG-Versicherung nach Art. 4 Abs. 1 BVG hätte anschliessen wollen.
2.4 Die Beklagte wirft die Frage auf, ob das Arbeitsverhältnis des Klägers mit der
A._ nicht bereits bei Einstellung der Lohnzahlungen im August 2003 als beendet zu
betrachten sei. Dafür liefern die Akten jedoch keinerlei Anhaltspunkte. Die Zahlungen
wurden erklärtermassen wegen Zahlungsschwierigkeiten ausgesetzt; von einer
Auflösung des Arbeitsverhältnisses war von keiner Seite die Rede. Das Konkursamt
anerkannte denn auch richtigerweise Lohnforderungen des Klägers bis und Ende Juli
2004 (wobei es die Krankentaggeldzahlungen für die Monate April bis Juli 2004 in
Abzug brachte; act. G 1.1.8, S. 2), zumal der Konkurs des Arbeitgebers weder zu einer
automatischen Beendigung des Arbeitsverhältnisses führt noch von Seiten des
Arbeitgebers einen wichtigen Grund zur fristlosen Kündigung nach Art. 337 OR darstellt
(vgl. Streiff/von Kaenel, Arbeitsvertrag, 6. Aufl., 2006, N4 zu Art. 337a). Es ist also als
erwiesen zu betrachten, dass das Arbeitsverhältnis des Klägers mit der A._ bis Ende
Juli 2004 andauerte.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.5 Der Kläger vereinbarte mit der A._ gemäss Arbeitsvertrag vom 7. Januar 2003
ein Monatseinkommen von Fr. 20'000.-- brutto zuzüglich 13. Monatslohn.
Arbeitsbeginn mit einem Pensum von 50% sollte der 1. Februar 2003 sein. Per 1. April
2003 wurde eine Erhöhung des Arbeitspensums auf 100% vorgesehen (act. G 6.1.3,
S. 2). Nach einer kleinen Zahlung im Januar 2003 setzten die Lohnzahlungen gemäss
Lohnabrechnungen Ende Februar 2003 ein; die erste namhafte Zahlung wurde am
27. Februar 2003 auf dem Bankkonto des Klägers verbucht (act. G 24.1.28). Die
Lohnabrechnungen weisen ab April 2003 ein volles Pensum aus. Bis und mit Juli 2003
erwarb der Kläger gemäss Lohnabrechnungen (die allerdings bereits für Januar 2003
einen Anspruch aufweisen) Lohnansprüche in der Höhe von insgesamt über
Fr. 130'000.-- (act. G 1.1.2). Ausbezahlt wurden ihm in diesem Zeitraum Beträge über
gesamthaft Fr. 118'000.--. Zwischen September und Dezember 2003 erfolgten weitere
Zahlungen über gesamthaft Fr. 45'000.- (act. G 24.1.27-46). Aufgrund von
Zahlungsschwierigkeiten kam es gemäss Darstellung der A._ seit August 2003 zu
Lohnausständen gegenüber dem Kläger, die bis zur Beendigung des
Arbeitsverhältnisses nur noch ansatzweise beglichen werden konnten.
2.6 Für das vorliegende Verfahren braucht nicht geklärt zu werden, ob der Kläger ein
unangemessen hohes oder gar fiktives Einkommen erzielte bzw. vertraglich vereinbart
hatte, wie dies die Beklagte behauptet. Ebenfalls ist nicht Gegenstand dieses
Verfahrens, die exakte Höhe des versicherten Verdienstes des Klägers zu ermitteln. Die
entsprechenden Ausführungen der Beklagten sind nicht relevant. Ihre Empörung über
die Lohnhöhe des Klägers ist ohnehin nicht vollumfänglich nachvollziehbar, kommt bei
ihr doch ausschliesslich die Deckung der obligatorischen Versicherung in Frage,
sodass der zu versichernde koordinierte Lohn eine Höchstgrenze von im Jahr 2004
Fr. 75'960.-- kennt (Art. 8 BVG, Art. 5 BVV2). Die vom Gericht vorzunehmende Prüfung
hat sich vorderhand auf die Frage zu beschränken, ob der Kläger im massgeblichen
Zeitraum überhaupt ein BVG-pflichtiges Einkommen erzielt hat. Mit seinen
Bankkontoauszügen belegt der Kläger, seit Arbeitsaufnahme im Februar 2003 bis und
mit Juli 2003 die ihm gemäss Arbeitsvertrag zustehenden Lohnansprüche grösstenteils
– jedenfalls aber in der Höhe des höchsten versicherbaren koordinierten Lohns nach
Art. 8 Abs. 1 BVG – ausbezahlt bekommen zu haben. Ab August 2003 erfolgten bis zur
Konkurseröffnung im April 2004 nur noch geringfügige Zahlungen, die seine
vertraglichen Ansprüche bei weitem nicht deckten. Dies hat ihm jedoch nicht zum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nachteil zu gereichen. Für die Frage der Unterstellung unter das BVG-Obligatorium ist
ausreichend, dass er in den ersten Monaten nach Arbeitsaufnahme in der A._ ein
BVG-pflichtiges Einkommen erzielte. Bevor die AG in Zahlungsschwierigkeiten geriet,
wurde ihm das Einkommen effektiv ausbezahlt. Vor diesem Hintergrund war der
Realisationszeitpunkt eines das BVG-Obligatorium zumindest übersteigenden,
schliesslich aber nicht mehr ausbezahlten Einkommens der jeweilige letzte Tag des
Monats, dies bis zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses (vgl. act. G 6.1.3, S. 2, Ziff. 6).
2.7 Grundsätzlich war der Kläger ab Anstellungsbeginn bei der A._ also bei der
BVG-Sammelstiftung der Rentenanstalt (bei der die AG angeschlossen war) versichert.
Mit Wiedererwägungsverfügung vom 23. Oktober 2006 wurde die A._ in Liq.
rückwirkend per 1. März 2004 zwangsweise der Beklagten angeschlossen. Weil der
Kläger zu jenem Zeitpunkt bei der A._ gemäss der obigen Definition noch BVG-
pflichtiges Einkommen realisierte (wenn auch nicht ausbezahlt bekam, was jedoch
nicht wesentlich ist), war er vom Zwangsanschluss somit grundsätzlich betroffen.
Weder die Tatsache, dass die A._ den vereinbarten Lohn des Klägers insbesondere
ab August 2003 infolge Zahlungsschwierigkeiten nicht mehr vollständig bezahlte, noch
die vereinbarte Lohnhöhe selbst sind geeignet, eine Versicherungsdeckung des
Klägers bei der Beklagten zu verneinen.
3.
3.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die leistungsrelevante Arbeitsunfähigkeit des
Klägers zu einem Zeitpunkt eintrat, in dem er bei der Beklagten zu versichern war.
Nach der Rechtsprechung werden die Invalidenleistungen nach BVG von derjenigen
Vorsorgeeinrichtung geschuldet, der die ansprechende Person bei Eintritt des
versicherten Ereignisses angeschlossen ist. Dieser Zeitpunkt fällt mit dem Eintritt der
Arbeitsunfähigkeit zusammen, deren Ursache zur Invalidität geführt hat. Die
Versicherteneigenschaft muss nur bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit gegeben sein,
dagegen nicht notwendigerweise auch im Zeitpunkt des Eintritts oder der
Verschlimmerung der Invalidität. Für eine einmal aus – während der
Versicherungsdauer aufgetretenen – Arbeitsunfähigkeit geschuldete Invalidenleistung
bleibt die Vorsorgeeinrichtung somit leistungspflichtig, selbst wenn sich nach
Beendigung des Vorsorgeverhältnisses der Invaliditätsgrad ändert. Entsprechend bildet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dann auch der Wegfall der Versicherteneigenschaft keinen Erlöschungsgrund (BGE 118
V 35 Erw. 5; BGE 123 V 262 Erw. 1a). Auf diese Weise wird dem Umstand Rechnung
getragen, dass die versicherte Person meistens erst nach einer längeren Zeit der
Arbeitsunfähigkeit invalid wird. Damit kommt der Schutz der zweiten Säule zum
Tragen, wonach das Invaliditätsrisiko auch dann gedeckt sein muss, wenn es rechtlich
gesehen erst nach einer langen Krankheit eintritt, während der die leistungsbegehrende
Person unter Umständen dem Obligatorium nicht mehr unterstanden hat (BGE 118 V
35 Erw. 2a/bb; BGE 120 V 113 Erw. 2b).
3.2 Damit die frühere Vorsorgeeinrichtung leistungspflichtig bleibt, ist allerdings nicht
nur erforderlich, dass die Arbeitsunfähigkeit zu einer Zeit einsetzte, als die versicherte
Person ihr angeschlossen war, sondern auch, dass zwischen dieser Arbeitsunfähigkeit
und der Invalidität sowohl ein sachlicher als auch ein zeitlicher Zusammenhang
besteht. Der sachliche Zusammenhang ist gegeben, wenn der invalidisierende
Gesundheitsschaden der gleiche ist, wie er sich bereits während der Zugehörigkeit zur
früheren Vorsorgeeinrichtung manifestierte. Die zeitliche Konnexität setzt voraus, dass
zwischen der früheren Arbeitsunfähigkeit und der späteren Invalidität keine längere
Periode der Arbeitsfähigkeit liegt. Der zeitliche Zusammenhang ist unterbrochen, wenn
erst nach mehreren Jahren Arbeitsfähigkeit plötzlich ein gesundheitlicher Rückfall
eintritt, nicht aber, wenn eine Periode vorübergehender Arbeitsfähigkeit nur gerade
einige Monate betrug (BGE 120 V 112 Erw. 2b und c; 134 V 20, Erw. 3.2). Als
massgeblichen Zeitraum bezeichnet das Bundesgericht mit Blick auf Art. 88a Abs. 1
IVV drei Monate als Richtschnur (so etwa BGE 134 V 20, Erw. 3.2.1).
3.3 Eine berufsvorsorgerechtlich relevante Einbusse an funktionellem
Leistungsvermögen muss nach der Rechtsprechung arbeitsrechtlich in Erscheinung
treten, so etwa durch einen Abfall der Leistungen mit entsprechender Feststellung oder
gar Ermahnung von Seiten des Arbeitgebers oder durch gehäufte, aus dem Rahmen
fallende gesundheitlich bedingte Arbeitsausfälle. Eine erst nach Jahren rückwirkend
festgelegte medizinisch-theoretische Arbeitsunfähigkeit, ohne dass der frühere
Arbeitgeber die Leistungseinbusse bemerkt hätte, genügt nicht. Die vertraglich
festgesetzte Pflicht zur Erbringung von Arbeit und die dafür vorgesehene Entlöhnung
sowie weitere im Rahmen des Arbeitsverhältnisses getroffene Vereinbarungen sind in
der Regel als den realen Gegebenheiten entsprechend zu werten. Nur beim Vorliegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
besonderer Umstände darf die Möglichkeit einer von der arbeitsrechtlich zu Tage
tretenden Situation in Wirklichkeit abweichenden Lage – etwa in dem Sinn, dass ein
Arbeitnehmer zwar zur Erbringung einer vollen Arbeitsleistung verpflichtet war und
auch entsprechend entlöhnt wurde, tatsächlich aber doch keine volle Arbeitsleistung
hat erbringen können – in Betracht gezogen werden (Bundesgerichtsurteile 9C_182/07
vom 7. Dezember 2007, Erw. 4.1.3 mit Hinweisen; 9C_339/07 vom 5. März 2008,
Erw. 5.2). Derartige besondere Umstände sind mit äusserster Zurückhaltung
anzunehmen, da sonst die Gefahr bestünde, in Spekulationen zu verfallen mit der
Folge, dass der Versicherungsschutz des Arbeitnehmers vereitelt werden könnte,
indem dieser jeweils an die Vorsorgeeinrichtung des früheren Arbeitgebers verwiesen
würde. In diesem Zusammenhang gilt ebenfalls, dass die Leistungseinbusse auch und
vor allem dem Arbeitgeber aufgefallen sein muss (Urteil B 95/06 vom 4. Februar 2008,
Erw. 3.3), was bei vorliegend gegebener Konstellation, wo Arbeitgeber und
Arbeitnehmer weitgehend identisch sind, freilich schwierig zu erheben ist.
4.
Im vorliegenden Fall ist die Leistungspflicht der Beklagten gegeben, wenn die
Arbeitsunfähigkeit des Klägers, die schliesslich zum Eintritt der Invalidität führte, nach
dem 1. März 2004 eintrat und zudem die sachliche und zeitliche Konnexität zu bejahen
ist.
4.1 Nach Lage der medizinischen Akten war der Kläger von November 2002 bis Ende
Januar 2003 zu 75% und von Februar bis März 2003 zu 50% arbeitsunfähig. Eine
nächste Zeit der Arbeitsunfähigkeit ist erst wieder ab 15. März 2004 aktenkundig (vgl.
etwa act. G 22.1.42-3). Während knapp eines Jahres ist somit keine Arbeitsunfähigkeit
ausgewiesen. In diese Zeit fällt die Anstellung bei der A._. Der behandelnde
Psychiater Dr. med. C._, leitender Arzt der Klinik St. Pirminsberg für Psychiatrie,
Psychotherapie und Suchtbehandlung in Pfäfers, berichtete am 3. März 2005 von einer
Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion, aktuell schwere Episode. Erste
Symptome seien im Mai 2002 aufgetreten. Der Kläger sei von August 2002 bis zum
26. September 2003 in seiner Behandlung gestanden und habe diese ab 2. April 2004
erneut aufgenommen. Der Verlust der Stelle als Generalagent bei der SwissLife per
September 2002 sei für den Kläger ein harter Schlag gewesen. Dennoch hätten sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die psychosomatischen und die depressiven Symptome zunehmend verbessert. Ab
Anfang 2003 habe der Kläger zunächst 50%, dann wieder zu 100% in der A._
gearbeitet, mit gutem Erfolg. Am 26. September 2003 habe er in guter psychischer
Verfassung aus der ambulanten Behandlung entlassen werden können. Dr. C._
berichtet weiter, der Kläger habe ihn im April 2004 erneut konsultiert und über eine
Verschlechterung der psychischen Verfassung schon ab Ende 2003 berichtet mit
depressiven Momenten, Unzufriedenheit und Flucht in die Arbeit. Beim
Eröffnungsgespräch habe eine mässige Suizidalität bei trauriger und unzufriedener
Grundstimmung bestanden. Dr. C._ nennt zudem eine Selbstentwertungstendenz,
aggressive Äusserungen und Hoffnungslosigkeit. In den darauffolgenden Gesprächen
habe der Kläger teilweise recht verzweifelt gewirkt, viel geweint und suizidale
Äusserungen gemacht. Die Empörung über die unausweichliche Konkursanmeldung
habe zu Wutausbrüchen und Hilflosigkeit geführt. Seit April 2004 sei der Kläger nicht
mehr arbeitsfähig (act. G 22.1.4-2 f.).
4.2 Im Auftrag der Krankentaggeldversicherung erstattete Dr. med. D._, Facharzt
FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, am 17. Januar 2005 ein Gutachten. Er gibt
darin die Angaben des Klägers wieder, wonach dieser von der SwissLife in der
Börsenkrise 2002 durch Agentur-Zusammenlegung wegrationalisiert worden sei und
die ihm angebotene A._ mit 18 Angestellten gekauft habe, ohne sich genügend
informiert zu haben. Schnell habe er realisiert, dass die A._ Probleme gehabt habe
und alles veraltet gewesen sei. Er habe eine Vorwärts-Strategie versucht und
modernisiert, Geld aufgenommen und sich über Kooperationsmöglichkeiten mit
ausländischen Partnern informiert. Als er nach einer Anzahl Absagen keine weiteren
Geldmittel mehr habe einschiessen können, sei er zur Konkursanmeldung gezwungen
worden. Seit dieser geschäftlichen Krise Anfang 2004 habe er begonnen, sich
abzuschotten, an Angst und Burnout gelitten. Zwar sei er noch eine Zeitlang ins Büro
gegangen, in das er sich eingeschlossen habe, um den Tag tatenlos abzusitzen. Er
habe sich aus psychischen Gründen bis zur Deponierung der Bilanz nicht weiter um die
A._ kümmern können (act. G 22.1.5-3). In der Beurteilung hielt Dr. D._ fest, der
Kläger sei in keiner Weise hypochondrisch und profitiere nicht von einem
Krankheitsgewinn. Er dissimuliere eher, empfinde (als eigentlicher dynamischer
Erfolgsstreber und Macher) seine Krankheit mit ihrer relativen Immobilisierung und
Hilfeabhängigkeit als Kränkung und Versagen. Aktuell sei evident, dass der Kläger nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
arbeitsfähig sei (act. G 22.1.5-8). Dr. C._ berichtete am 21. Dezember 2005 von einer
Verbesserung des Gesundheitszustands und attestierte eine Arbeitsunfähigkeit von
75% (act. G 22.1.34).
4.3 Die IV-Stelle veranlasste eine psychiatrische Begutachtung bei Dr. med. E._,
Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie. Dieser hielt im Gutachten vom
28. Februar 2006 fest, mit der sich abzeichnenden Kündigung der SwissLife sei die
Burnout-Symptomatik mit Schlafstörungen, anhaltender Müdigkeit, Bauchschmerzen,
Hoffnungslosigkeit, Selbstentwertungsideen und Unzufriedenheit aufgebrochen. Zuvor
habe der Kläger entsprechende Symptome durch stetige Flucht in die Arbeit
überspielen können. Die Behandlung bei Dr. C._ habe in Form von wöchentlichen,
später zweiwöchentlichen Sitzungen, stattgefunden. Im Jahr 2003 habe die Stimmung
in Euphorie und Dissimulation umgeschlagen. Der Kläger habe sich nach einem
unüberlegten und nicht sorgfältig abgewogenen Kauf einer Drucksachenfirma und der
2003 definitiv vollzogenen Scheidung von der Ehefrau selbst überschätzt. Die
Symptomatik sei 2003 langsam abgeklungen bis zum Abschluss der psychiatrischen
Behandlung im September jenes Jahres. Insbesondere Schwindel, Rückzugsverhalten,
Resignation und Suizidalität hätten sich gebessert. Im Dezember 2003 sei es wieder zu
einer deutlichen Verschlechterung gekommen. Der Kläger sei im März 2004 wieder
schwer depressiv und suizidal in die Behandlung von Dr. C._ zurückgekehrt.
Dr. E._ beurteilte den Kläger als eine sich selbst überfordernde und zugleich selbst
überschätzende Persönlichkeit mit chronischer psychosozialer Belastungssituation.
Nach einer vorübergehenden Stabilisierung im Jahr 2003 durch Therapie und Beginn
einer neuen Partnerschaft sei es in den Jahren 2004 und 2005 zu sich verstärkenden
depressiven Einbrüchen gekommen (erst im Rahmen eines Burnout, dann
Anpassungsstörung, dann rezidivierende depressive Störung). Dr. E._ schätzte den
Kläger als weiterhin zu 75% arbeitsunfähig (act. G 22.1.42).
4.4 Aufgrund der aktenkundigen psychiatrischen Berichte kann als erstellt betrachtet
werden, dass der Kläger bereits im Jahr 2002 aus psychischen Gründen in seiner
Arbeitsfähigkeit relevant eingeschränkt war. Bei Abschluss des Arbeitsvertrags mit der
A._ im Januar 2003 war ebenfalls noch eine Arbeitsunfähigkeit von 50% gegeben.
Nach Lage der Akten erlangte der Kläger jedoch ab April 2003 wieder volle
Arbeitsfähigkeit. Die den Kläger zu jener Zeit behandelnden Ärzte, der Hausarzt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. med. F._ und der Psychiater Dr. C._, berichten von einer deutlichen
Verbesserung (act. G 22.1.16-6; 22.1.4-2 f.). Dr. C._ hielt am 3. März 2005 fest, der
Kläger habe schliesslich mit gutem Erfolg wieder zu 100% gearbeitet. Der Kläger wird
in den Akten verschiedentlich als Macher beschrieben (so etwa in act. G 22.1.5-8), der
sich zwar offenbar überstürzt für den Kauf der A._ entschieden hatte, dann aber
euphorisch für die AG tätig wurde. Dr. C._ berichtet vom Auftreten erster
Krankheitssymptome im Mai 2002 (act. G 22.1.4-2). Im Rahmen des damaligen
Burnouts und der übrigen Beschwerden hatten auch psychosoziale Belastungsfaktoren
eine Rolle gespielt. Mit dem Engagement für die A._, dem rechtlichen Abschluss der
früheren Ehe und dem Beginn einer neuen Partnerschaft gelang dem Kläger nach Lage
der Akten in nachvollziehbarer Weise eine gesundheitliche Verbesserung, die seine
Arbeitsfähigkeit wiederherstellte. Die psychiatrische Behandlung bei Dr. C._, die über
ein Jahr gedauert hatte, konnte per 26. September 2003 eingestellt werden. Die
behandelnden Ärzte weisen ab April 2003 keine Arbeitsunfähigkeit mehr aus. Es ist also
davon auszugehen, dass der Kläger während etwa eines Jahres wieder vollständig
arbeitsfähig war.
4.5 Offenbar auf Drängen seiner Lebenspartnerin suchte der Kläger im März 2004
seinen Hausarzt Dr. F._ auf, der ihn erneut an Dr. C._ überwies. Dr. F._ schrieb
ihn per 15. März 2004 voll arbeitsunfähig, Dr. C._, der die Behandlung am 2. April
2004 wieder aufnahm, per 1. April 2004 (act. G 22.1.2; 22.1.3). Anamnestisch berichten
die Akten, dass die Verschlechterung gegen Ende 2003/Anfang 2004 eingesetzt habe
(vgl. act. G 22.1.4-3; 22.1.5-3; 22.1.42-4). Dr. F._ setzte den Beginn der
Arbeitsunfähigkeit am 30. März 2004 dann jedoch rückwirkend lediglich per 15. März
2004 und nicht etwa auf ein früheres Datum fest. Auch die Äusserungen von Dr. C._
erlauben nicht den Rückschluss, dass der Kläger bereits vor März 2004 in seiner
Arbeitsfähigkeit relevant eingeschränkt gewesen wäre. Dr. C._ bestätigt die
Arbeitsunfähigkeit erst seit Wiederaufnahme der Behandlung am 2. April 2004 (act. G
22.1.4-2). Vor dem Hintergrund dieser Akten lässt sich nicht belegen, dass der Kläger
noch während der Versicherungsdeckung der BVG-Sammelstiftung der Rentenanstalt
(SwissLife), die bis Ende Februar 2004 bestand, in seiner Arbeitsfähigkeit relevant
eingeschränkt gewesen wäre. Eine Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit trat jedenfalls
nicht nach aussen in Erscheinung. Auch die Anmeldung bei der
Krankentaggeldversicherung erfolgte erst per 1. April 2004. Es ist folglich davon
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auszugehen, dass die Arbeitsunfähigkeit, die schliesslich zum Eintritt der Invalidität
führte, Anfang April 2004 einsetzte.
5.
5.1 Die A._ wurde der Beklagten rückwirkend per 1. März 2004 zwangsweise
angeschlossen. Die vorliegend relevante Arbeitsunfähigkeit des Klägers trat also
während der Dauer der Versicherungsunterstellung bei der Beklagten ein. Er ist folglich
für den sich ab Anfang April 2004 auf die Arbeitsfähigkeit relevant auswirkenden
Gesundheitsschaden bei ihr versichert.
5.2 Man könnte die Ansicht vertreten, dass es sich bei jenem Gesundheitsschaden
des Klägers um denselben handle, der bereits im Frühjahr 2002 aufgetreten war. Selbst
wenn dies medizinischerseits hinreichend belegbar wäre – was vorderhand zumindest
bei der aktuellen Aktenlage nicht der Fall ist –, so vermöchte eine solche sachliche
Konnexität zu den alten Vorsorgeeinrichtungen deren Versicherungsdeckung jedoch
nicht wieder aufleben zu lassen. Der kumulativ erforderliche zeitliche Zusammenhang
ist mit der etwa ein Jahr dauernden Arbeitsfähigkeit des Klägers nämlich jedenfalls
unterbrochen.
5.3 Die Beklagte weist darauf hin, dass der Kläger Ende März 2004 mit den
Beigeladenen einen Vergleich über seine Freizügigkeitsleistung abgeschlossen habe. Er
sei nicht mit dem Begehren in Erscheinung getreten, seine Freizügigkeitsleistung möge
wegen Eintritts eines Vorsorgefalls nicht ausgerichtet werden (act. G 17, S. 2). Darin
kann jedoch entgegen der Ansicht der Beklagten kein widersprüchliches Verhalten
erkannt werden. Am 22. März 2004 unterzeichnete der damalige Rechtsanwalt des
Klägers einen Vergleich, der nicht nur die Ansprüche gegenüber den Beigeladenen,
sondern auch gegenüber der SwissLife regelte. Im Vergleich ging es ausschliesslich um
die Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis, das per Ende September 2002 aufgelöst
worden war (vgl. act. G 15.3). In jener Zeit war nach Lage der Akten sowie
offensichtlich auch im Empfinden des Klägers kein Versicherungsfall eingetreten. Somit
lässt eine Arbeitsunfähigkeit des Klägers zum Zeitpunkt des Vergleichsabschlusses
keine Rückschlüsse zu. Am Rande bemerkt konnte der Kläger im März 2004 noch nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
voraussehen, dass er längerfristig arbeitsunfähig sein würde, hatte er die
psychiatrische Behandlung doch noch gar nicht wiederaufgenommen.
5.4 Die Beklagte behauptet wiederholt, an die rentenzusprechende IV-Verfügung
nicht gebunden zu sein, weil ihr diese nicht eröffnet worden sei. Gemäss Verteiler
wurde der Beklagten jedoch bereits der Vorbescheid vom 12. Dezember 2006 (act. G
22.1.64-3), die "Mittelung des Beschlusses" zuhanden der zuständigen
Ausgleichskasse vom 31. Januar 2007 (act. G 22.1.72) und schliesslich auch die
Verfügungen vom 3. Mai 2007 (act. G 22.1.75) eröffnet. Bei all diesen Unterlagen ist die
Beklagte auf dem Verteiler erwähnt, sodass es als unwahrscheinlich anmutet, dass sie
tatsächlich keines dieser Schreiben erhalten hat. Doch selbst wenn man davon
ausginge, dass keine Bindung der Beklagten an die Feststellungen der IV-Stelle
bestehen sollte, ändert sich das Ergebnis nicht. Wie die oben stehende selbstständige
Würdigung der medizinischen Akten ergab, beruht der Entscheid der IV-Stelle auf
sorgfältigen Abklärungen und stützt sich auf überzeugende medizinische Unterlagen,
sodass die allgemein gehaltene Kritik der Beklagten an der Qualität der Arbeit der IV-
Stellen insgesamt deplaziert erscheint. Die medizinischen Akten lassen – wie
ausführlich erläutert – den mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu erbringenden
Schluss zu, dass die Arbeitsunfähigkeit des Klägers, die schliesslich zur Invalidität
führte, während der Versicherungsunterstellung bei der Beklagten eintrat.
5.5 Die Beklagte rügt im Weiteren, aus den IV-Akten seien keine Bemühungen
ersichtlich, Wiedereingliederungsmassnahmen in Gang zu setzen. Insofern sei den
geltenden Bestimmungen wiederum nicht nachgelebt worden. Im Übrigen bezweifelt
die Beklagte, dass die damaligen ärztlichen Abklärungen den heutigen hohen
Anforderungen, die an rentenauslösende Gutachten bei Invalidität aus multiplen
psychischen Gründen zu stellen seien, genügen, wobei sie auf die Rechtsprechung bei
somatoformen Schmerzstörungen und Fibromyalgie hinweist. Sie beantragt die
Rückweisung des Falles an die IV-Stelle zur vertieften Abklärung und Revision sowie
zur Anordnung der Beobachtung des Klägers bei seinen alltäglichen Verrichtungen.
Diese Hinweise sowie der Antrag sind völlig unbehelflich. Der Kläger leidet weder an
einer somatoformen Schmerzstörung noch an einer Fibromyalgie. Die Tatsache, dass
die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit nicht zentral von somatischen Beschwerden
ausgelöst wurde, lässt keinesfalls eine analoge Anwendung der spezifischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsprechung zur somatoformen Schmerzstörung und Fibromyalgie zu. Im Übrigen
lässt der Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens die beantragte "Rückweisung"
der Sache an die IV-Stelle "zur vertieften Abklärung und Revision" offensichtlich nicht
zu. Bei der klaren medizinischen Aktenlage, wonach nicht nur der behandelnde
Psychiater, sondern auch zwei externe, von der Taggeldversicherung und der IV-Stelle
beigezogene, neutrale Gutachter zu weitgehend übereinstimmenden
Schlussfolgerungen gelangten, erscheint es nicht angebracht, den Kläger als
Simulanten hinzustellen.
6.
6.1 Gemäss Ziff. 4.1.1.2.3 der Allgemeinen Bestimmungen des Reglements der
Beklagten (zweiter Teil des Reglements) in der im Jahr 2004 gültigen Fassung besteht
bei einem Invaliditätsgrad von 66 2/3 % und mehr ein Anspruch auf eine volle
Invalidenrente. Selbst wenn man von einer verbleibenden Restarbeitsfähigkeit von
maximal 25% ausginge, weist der Kläger jedenfalls einen Invaliditätsgrad von über 66
2/3 % auf, sodass er Anspruch auf eine volle Invalidenrente hat.
6.2 Der Leistungsanspruch entsteht nach Ablauf der im Vorsorgeplan festgelegten
Wartefrist, frühestens aber nach Erschöpfung allfälliger Ansprüche aus einer
Krankentaggeldversicherung, die vom angeschlossenen Betrieb mindestens zur Hälfte
finanziert wurde und mindestens 80% des entgangenen Lohns ausbezahlt
(Ziff. 4.1.1.2.2 der Allgemeinen Bestimmungen des Reglements 2004). Gemäss Ziff. III/
B des Vorsorgeplans Arbeitnehmer (erster Teil des Reglements) wird die Invalidenrente
grundsätzlich mit der Invalidenrente der IV fällig. Im vorliegenden Fall bezog der Kläger
offenbar ab 1. April 2004 Krankentaggelder der La Suisse Versicherungen (vgl. act. G
22.1.5). Diesen gegenüber bescheinigte Dr. C._ mindestens bis Mai 2005 eine volle
Arbeitsunfähigkeit (act. G 22.1.6-2). Sollte es sich bei den La Suisse Versicherungen
um eine Taggeldversicherung im Sinn von Ziff. 4.1.1.2.2 der Allgemeinen
Bestimmungen des Reglements 2004 handeln, so käme ein nach dem 1. April 2005
liegender Beginn des Invalidenrentenanspruchs des Versicherten in Frage, dies jedoch
nur für den Fall, dass die Taggeldversicherung tatsächlich über den 1. April 2005
hinaus Taggeldleistungen erbracht haben sollte. Die Beklagte hat den
Anspruchsbeginn abzuklären.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.3 Im Allgemeinen sind in der Sozialversicherung auf Leistungen keine
Verzugszinsen geschuldet (BGE 117 V 351; BGE 113 V 50; seit 1. Januar 2003 vgl. die
Regelung in Art. 26 Abs. 2 ATSG). Im Bereich der beruflichen Vorsorge anerkennt die
Rechtsprechung jedoch die Pflicht zur Entrichtung von Verzugszinsen bei einer
verspäteten Überweisung von Freizügigkeitsleistungen sowie bei verspäteter
Auszahlung eines Alterskapitals oder bei Invalidenrenten (Hans-Ulrich Stauffer,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zur beruflichen Vorsorge, 1996, S. 27; Isabelle
Vetter-Schreiber, Berufliche Vorsorge, Kommentar, Zürich 2005, S. 136). Enthalten die
Statuten keine Bestimmung über die Höhe des Verzugszinses, beträgt dieser 5%
(Art. 104 Abs. 1 OR). Der Beginn der Zinspflicht richtet sich nach Art. 105 Abs. 1 OR,
wonach ein Schuldner, der mit der Entrichtung von Renten im Verzug ist, erst vom Tag
der Anhebung der Betreibung oder der gerichtlichen Klage an Verzugszinsen zu
bezahlen hat (BGE 119 V 133, Erw. 4 = Pra 83 (1994) Nr. 67). Im vorliegenden Fall hat
der Kläger am 23. Oktober 2007 die Klage eingeleitet; somit schuldet ihm die Beklagte
ab diesem Zeitpunkt Verzugszins zu 5% auf den ausstehenden Leistungen.
7.
7.1 Gemäss den obenstehenden Erwägungen ist die Klage gutzuheissen. Der Kläger
hat Anspruch auf eine volle Invalidenrente der Beklagten. Nachdem sich die Parteien
zur Leistungshöhe nicht äusserten, ist die Angelegenheit zur Berechnung der
Leistungen und zur Festsetzung des Leistungsbeginns an die Beklagte zu überweisen
(vgl. dazu BGE 129 V 450, Erw. 3.4).
7.2 Das Verfahren ist kostenlos (Art. 73 Abs. 2 BVG).
7.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat der Kläger Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Dem eher grossen
Aufwand, den der Rechtsvertreter des Klägers betreiben musste, erscheint eine
Parteientschädigung von Fr. 4'500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG