Decision ID: f9240794-f8e9-5e4e-9af3-5930df61796f
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die sri-lankischen Beschwerdeführenden tamilischer Ethnie seien bis Feb-
ruar 2009 in F._ (Mullaitivu District, A3 S. 5) registriert gewesen.
Gemäss Angaben in der Beschwerde verliessen sie am 11. Mai 2009 ihr
Heimatland und wurden am 26. Mai 2009 in Chennai (Indien) als Flücht-
linge registriert. Am 24. November 2015 seien sie von Indien in die Schweiz
geflüchtet (vgl. Beschwerde S. 13 f.), wo sie tags darauf mit ihren beiden
Kindern um Asyl nachsuchten. Am 11. Dezember 2015 wurden sie dem
Kanton (...) zugewiesen. Das jüngste Kind wurde am 25. August 2016 in
der Schweiz geboren.
B.
B.a Der Beschwerdeführer A._ und die Beschwerdeführerin
B._ wurden am 10. Dezember 2015 zu ihrer Person getrennt be-
fragt (BzP). Am 12. Juni 2017 wurden beide eingehend zu ihren Asylgrün-
den angehört; für beide Beschwerdeführenden wurden die einlässlichen
Anhörungen am 7. Juli 2017 fortgesetzt. Der Beschwerdeführer sei bis
1995 in G._ (Jaffna District) wohnhaft gewesen und habe die
Schule mit dem O-Level abgeschlossen. Die Beschwerdeführerin sei im
Mannar District aufgewachsen und habe ihre Ausbildung mit einem Ba-
chelor (...) abgeschlossen; später habe sie als (...) und (...) gearbeitet.
Den Aufenthalt in Indien von 2009 bis 2015 gaben die Beschwerdeführen-
den in den Befragungen noch nicht bekannt.
B.b Der Beschwerdeführer sei zwischen 1995 und 2006 in H._
(Mullaitivu District) registriert gewesen (A3 S. 5). Dort habe er zwei Jahre
Backsteine bearbeitet (A35 F4 und 6). Um für seine Mutter und seinen jün-
geren Bruder aufkommen zu können, habe er ungefähr Mitte 1998 begon-
nen, für die LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) tätig zu sein (A35
F7 ff.). Er habe Passierscheine das Vanni-Gebiet betreffend und Identitäts-
karten der Reisenden zunächst in H._ und später (Ende 1998 bis
im Jahr 2000) an einem Checkpoint im (...) District kontrolliert (A3 S. 8 f.;
A31 F7; A35 F23 ff.). 2001 sei der Weg nach Mannar geschlossen worden,
weshalb er ab dem Jahr 2002 respektive 2003 (bis 2005) am Checkpoint
in (...) (Vavuniya District) und gleichzeitig als Krankheitsvertretung in der
Prüfzentrale in (...) (Kilinochchi District) gearbeitet habe (A35 F28 ff.). Im
Jahr 2006 sei auch der Weg nach Omanthai geschlossen worden; gleich-
zeitig seien zahlreiche Rekrutierungen durchgeführt worden. Um einer sol-
chen zu entgehen, habe er zwischen 2007 und anfangs 2009 bei einem
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Verwandten Schutz gesucht. Dieser habe in der Verwaltung (der LTTE, A3
S. 9) gearbeitet und ihm eine Arbeit als Chauffeur (Transport von Nah-
rungsmitteln etc.) angeboten, ferner habe er auch Fässer mit Treibstoff in
die Erde vergraben (A35 F47 ff.). Als die sri-lankische Armee das Vanni-
Gebiet eingenommen habe, sei er – im März 2009 – in I._ gewesen
und habe nicht mehr für die LTTE gearbeitet (A35 F59 ff.).
Im März 2009 habe sich das Ehepaar, welches im November 2006 in (...)
geheiratet habe (A3 S. 3; A4 S. 3), mit seinem damals (...) Sohn
C._ der sri-lankischen Armee gestellt (A30 F57; A35 F63). In
Omanthai sei der Beschwerdeführer am gleichen Tag acht Stunden auch
über seine Tätigkeit für die LTTE befragt worden, anschliessend seien sie
ins Camp J._ bei (...) (Vavuniya District) gebracht worden. Sie hät-
ten ihm gesagt, er werde später im Camp nochmals verhört (A30 F58 ff.;
A35 F69 ff.). Nach sechs Tagen habe ein Onkel der Beschwerdeführerin
sie freikaufen können (A4 S. 7; A35 F69 f.). Anschliessend seien sie bei
diesem Onkel untergekommen.
B.c Die Beschwerdeführenden gaben in allen Anhörungen zu Protokoll, sie
hätten sich nach dem Camp für eine längere Zeit bei diesem Onkel in (...)
(Vavuniya District) versteckt (A3 S. 5; A4 S. 5; A30 F64 ff.; A31 F8 f. und
21 ff.). Zwischen 2012 und bis zur Ausreise Mitte Oktober 2015 hätten sie
sich in (...) (Mannar District) und in (...) bei F._ (Anmerkung des
Gerichts) verborgen (A3 S. 5; A4 S. 5). Sie hätten immer versteckt gelebt;
der Beschwerdeführer sei mehrmals gesucht worden; letztmals hätten ihn
sri-lanksiche Sicherheitskräfte, die mit einem Van gekommen seien, im Au-
gust 2015 gesucht, dann aber von einer Festnahme abgesehen. Erst da-
raufhin seien die Beschwerdeführenden aus Sri Lanka ausgereist (A3
S. 8 f., A4 S. 7 f.; A30 F30, 51 f., 58 bis 131; A31 F 9 ff., 14 bis 80; A35
F 80 ff.; A36 F3 ff.).
B.d Die Beschwerdeführerin brachte aus persönlicher Sicht vor, sie habe
in Sri Lanka beide Eltern verloren, ihre Geschwister seien verschollen, sie
selber sei einmal durch einen Bombensplitter verletzt worden und habe
grosses Leid erlebt. Sie habe aber nie persönlich Schwierigkeiten mit den
sri-lankischen Behörden gehabt, nur ihr Ehemann (A4 S. 7; A30 F10; A36
F3).
B.e Anlässlich der Anhörungen wurden folgende unübersetzte Dokumente
zu den Akten gereicht (A30 F3 ff. und A32): eine Todesbescheinigung des
Vaters der Beschwerdeführerin, ein Foto mit seinem Leichnam sowie ein
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Zeitungsartikel über dessen Ermordung (im Jahr 1985); eine blaue sowie
eine rosa Flüchtlingskarte aus dem J._-Camp und ein Arztbericht
bezüglich der (...) der Beschwerdeführerin.
C.
Am 3. Februar 2016 reichten die Beschwerdeführenden folgende Doku-
mente zu den Akten der Vorinstanz (A14, teilweise mit Übersetzung): Aus-
züge aus dem Geburtsregister von Sri Lanka der Beschwerdeführerin (ge-
boren am [...] in [...]), des Beschwerdeführers (geboren am [...] in [...])
sowie ihres ältesten Sohnes C._; Auszug aus dem Eheregister des
Ehepaars und ihre Identitätskarten.
D.
Am 7. Juli 2017 wurden die Beschwerdeführenden von der Vorinstanz auf-
gefordert, bezüglich des [Krankheit] der Tochter ein Arztzeugnis einzu-
reichen. Daraufhin wurden je ein ärztlicher Bericht von Dr. med. (...) (Kin-
der- und Jugendarzt) vom 19. Juli 2017 sowie von Dr. med. (...) (Praxis für
[...]) vom 12. Januar 2017 dem SEM eingereicht (Eingangsstempel SEM:
20. Juli 2017).
E.
Mit Verfügung vom 5. Dezember 2017, eröffnet am 6. Dezember 2017,
lehnte das SEM die Asylgesuche der Beschwerdeführenden ab, wies sie
aus der Schweiz weg und ordnete den Wegweisungsvollzug an. Auf Details
dieses Entscheides wird – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägun-
gen eingegangen.
F.
Am 15. Dezember 2017 beantragte der Rechtsvertreter beim SEM voll-
ständige Akteneinsicht. Mit Verfügung vom 20. Dezember 2017 wurde ihm
antragsgemäss Einsicht in alle, auch in unwesentliche und den Beschwer-
deführenden bereits bekannte Akten gewährt. Die Einsichtnahme in die so-
genannten «internen Akten» sowie in die Dokumente anderer Behörden
wurde abgelehnt.
G.
Mit Eingabe vom 5. Januar 2018 erhoben die Beschwerdeführenden beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragten dabei, das Ge-
richt habe unverzüglich darzulegen, welche Gerichtspersonen mit der Be-
handlung der vorliegenden Sache betraut würden, und zu bestätigen, dass
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diese Gerichtspersonen zufällig ausgewählt worden seien. Den Beschwer-
deführenden sei eine vollständige Einsicht in die gesamten vorinstanzli-
chen Akten des ehemaligen Mitarbeiters beziehungsweise Bekannten des
Beschwerdeführers, K._ (N [...], recte: N [...]), zu gewähren und
eine angemessene Frist zur Beschwerdeergänzung anzusetzen. Das SEM
sei anzuweisen, sämtliche nicht öffentlich zugängliche Quellen seines La-
gebilds vom 16. August 2016 zu Sri Lanka dem Rechtsvertreter offenzule-
gen und eine angemessene Frist zur Beschwerdeergänzung anzusetzen.
Es sei ferner festzustellen, dass die angefochtene Verfügung den Anspruch
der Beschwerdeführenden auf gleiche und gerechte Behandlung verletze
und aus diesem Grund nichtig respektive ungültig sei. Eventualiter sei die
Verfügung wegen der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör auf-
zuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, respektive sei
die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Feststellung
des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts und zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden festzustellen und ihnen
Asyl zu gewähren. Eventualiter seien die Ziffern 4 und 5 der angefochtenen
Verfügung aufzuheben und die Unzulässigkeit oder zumindest die Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen.
Falls das Gericht die Sache nicht an die Vorinstanz zurückweise, sondern
materiell behandle, wurden in der Beschwerde weitere Beweisanträge (vgl.
Beschwerde S. 42 f.) gestellt.
In sachverhaltsmässiger Hinsicht wurde neu geltend gemacht, die Be-
schwerdeführenden hätten Sri Lanka bereits im Mai 2009 verlassen und
anschliessend bis 2015 in Chennai/Indien gelebt.
Zur Stützung der Vorbringen der Beschwerdeführenden legte der Rechts-
vertreter der Rechtsmitteleingabe unter anderem eine Stellungnahme vom
18. Oktober 2016 zum Lagebild des SEM vom 16. August 2016 (verfasst
durch sein Advokaturbüro; vgl. Beweismittel 5), eine vom Rechtsvertreter
besorgte Zusammenstellung von Länderinformationen zur aktuellen Lage
von Sri Lanka (Stand 12. Oktober 2017, inkl. Anhang; vgl. Beweismit-
tel 24), ein Rechtsgutachten von Prof. Dr. Walter Kälin zuhanden des SEM
vom 23. Februar 2014 (vgl. Beweismittel 7) sowie folgende Unterlagen (je-
weils nur Kopien, ohne Übersetzungen) bei:
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 ein Mitarbeiterausweis des Beschwerdeführers der Grenzwach-
stelle der LTTE (gültig vom [...] 2005 bis [...] 2007; vgl. Beweismit-
tel 9),
 ein Schreiben in tamilischer Sprache von L._ vom
25. Dezember 2017 sowie ein Urteil der «Cour nationale du droit
d’asile» vom 28. Februar 2013 (vgl. Beweismittel 10 f.),
 eine Fotografie des Bruders des Beschwerdeführers in LTTE-Uni-
form und eine Kopie dessen LTTE-Ausweises (vgl. Beweismit-
tel 12 f.),
 Registrierungsbestätigungen der Beschwerdeführenden als
Flüchtlinge in Tamil Nadu (Indien) vom 4. August 2009 sowie der
Chennai City Police vom 27. Oktober 2009 (vgl. Beweismit-
tel 14 ff.),
 die Geburtsurkunde der Tochter D._ vom (...) und ein Aus-
weises vom 8. Juni 2011 die pre-school in Chennai des Sohnes
C._ betreffend (vgl. Beweismittel18 f.),
 der indische Führerausweis des Beschwerdeführers vom 4. Mai
2012, ein Mietvertrag aus Indien vom 25. Oktober 2013 (vgl. Be-
weismittel 20 f.) sowie zwei undatierte Fotos des Beschwerdefüh-
rers mit einer LTTE-Fahne in Zürich (vgl. Beweismittel 22 f.).
Auf Details dieser Rechtsmitteleingabe wird – soweit entscheidwesentlich
– in den Erwägungen eingegangen.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Januar 2018 wurde die Zusammenset-
zung des damaligen Spruchgremiums (dieses änderte später; vgl. Bst. K)
bekannt gegeben. Die Anträge auf Einsicht in das Asyldossier N (...) sowie
auf Ansetzung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung
wurden gutgeheissen. Das SEM wurde aufgefordert, die Einsichtnahme zu
behandeln. Hingegen wurden die Gesuche um Offenlegung der nicht öf-
fentlich zugänglichen Quellen des Lagebilds des SEM vom 16. August
2016 zu Sri Lanka und um Ansetzung einer Frist zur Einreichung einer dies-
bezüglichen Beschwerdeergänzung abgewiesen. Letztlich wurden die Be-
schwerdeführenden aufgefordert, einen Kostenvorschuss der Gerichts-
kasse einzuzahlen.
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Dieser Kostenvorschuss wurde fristgerecht am 1. Februar 2018 einbezahlt.
I.
Mit Eingabe vom 8. Februar 2018 informierte der Rechtsvertreter, dass die
Akten des Verfahrens N (...) (recte: N [...]) bis zum damaligen Zeitpunkt
nicht bei ihm eingetroffen seien, weshalb es ihm nicht möglich gewesen
sei, fristgerecht eine Beschwerdeergänzung einzureichen. Ferner wurde
festgestellt, dass die Zufälligkeit der Zusammensetzung des Spruchgremi-
ums nicht bestätigt worden und dass das wiederholte Nichtgewähren der
Einsicht in die nicht öffentlich zugänglichen Quellen des SEM durch das
Gericht unverständlich und befremdend sei, weshalb das Gericht erneut
ersucht werde, das SEM aufzufordern, diese Quellen offenzulegen. In der
Eingabe wurden ausführliche Kommentierungen zum Lagebild des SEM
gemacht, und dieses wurde, als geschwärzte Kopie, zu den Akten gereicht.
J.
Mit Eingabe vom 5. März 2020 wurde als Update zur Ländersituation in Sri
Lanka ein vom Rechtsvertreter verfasster Bericht zur aktuellen Lage dieses
Landes (Stand 23. Januar 2020, inkl. Anhang) zu den Akten gereicht (vgl.
Beweismittel 50). Die Verschlechterung der Situation erfordere zwingend
eine vollständige materielle Neuprüfung der Sache. Die Beschwerdefüh-
renden hätten aufgrund der neunjährigen Tätigkeit des Beschwerdeführers
und der Mitgliedschaft seines jüngeren Bruders bei den LTTE eine klare
Verbindung zu dieser Organisation. Es sei offensichtlich, dass der Name
des Beschwerdeführers aufgrund dieser Gegebenheit auf der sogenannten
«Watch-List» respektive «Stop-List» aufgeführt sei. Ausserdem sei seine
separatistische Haltung aufgrund dieser Umstände, des langjährigen Auf-
enthalts der Beschwerdeführenden in Indien und in der Schweiz sowie der
exilpolitischen Tätigkeit des Beschwerdeführers klar erkennbar. Letztlich
sei aufgrund der Entführung einer Angestellten der schweizerischen Bot-
schaft in Colombo (im November 2019) abzuklären, ob die Namen der Be-
schwerdeführenden auf dem Mobiltelefon der Angestellten zu finden und
welche Daten dieses Mobiltelefons von den sri-lankischen Behörden abge-
griffen worden seien.
K.
Mit Verfügung vom 28. August 2020 wurde dem Rechtsvertreter die Zu-
sammensetzung des neuen Spruchgremiums bekannt gegeben. Ausser-
dem wurde die Vorinstanz angewiesen, ihm unverzüglich die einsichtsfähi-
gen Akten des Dossiers N (...) zukommen zu lassen und fristgerecht eine
Vernehmlassung dem Gericht einzureichen.
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L.
Mit Verfügung vom 11. September 2020 liess das SEM dem Rechtsvertre-
ter die einsichtsfähigen Akten des Dossiers N (...) zukommen.
M.
Am 11. September 2020 nahm das SEM zur Beschwerde (und den weite-
ren Eingaben) Stellung. Diese Vernehmlassung wurde dem Rechtsvertre-
ter am 15. September 2020 zur Kenntnisnahme zugestellt.
N.
Mit Eingabe vom 18. September 2020 wies der Rechtsvertreter auf politi-
sche Entwicklungen in Sri Lanka hin und stellte dem Gericht einen weite-
ren, vom Rechtsvertreter ausgearbeiteten Rapport zur Ländersituation
(vom 11. April bis 26. Juni 2020, inkl. Anhang) zu.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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Seite 9
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist – unter Vorbehalt (vgl. E. 3.3) – einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde wurden diverse formelle Rügen erhoben, welche
vorab zu beurteilen sind, da sie – sofern begründet – allenfalls geeignet
wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
Die Beschwerdeführenden rügten insbesondere eine Verletzung des An-
spruchs auf gleiche und gerechte Behandlung sowie auf rechtliches Gehör
und eine unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts.
3.2 Soweit die Beschwerdeführenden die vom SEM nicht gewährte Ein-
sicht in die Akten N (...) rügten, wurde mit Verfügung der Instruktionsrich-
terin vom 28. August 2020 das SEM ein weiteres Mal aufgefordert, Einsicht
in diese Akten zu gewähren; dieser Aufforderung ist die Vorinstanz am
11. September 2020 nachgekommen. Zwar hat das Gericht den Beschwer-
deführenden in der Folge keine erneute Frist zur Stellungnahme angesetzt;
diese haben indessen bis heute auch nicht von sich aus Stellung genom-
men, während sie in anderweitigem Kontext im Verlauf des Beschwerde-
verfahrens wiederholt, gestützt auf Art. 32 Abs. 2 VwVG, unaufgefordert er-
gänzende Eingaben eingereicht haben (so namentlich die Eingaben vom
5. März 2020 [vgl. Bst. J] und 18. September 2020 [vgl. Bst. N]). In beiden
erwähnten Eingaben wurde im Übrigen auf die Akten N (...), die weiterhin
noch nicht zugestellt seien, beziehungsweise die in der Zwischenzeit am
11. September 2020 zugestellt worden waren, keinerlei Bezug genommen.
3.3 Ferner wurde das aktuelle Spruchgremium den Beschwerdeführenden
bereits mit Verfügung vom 28. August 2020 bekannt gegeben. Auf den An-
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trag auf Mitteilung betreffend die Bildung des Spruchkörpers ist nicht ein-
zutreten (vgl. hierzu Teilurteil BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai 2018
E. 4.2 f.).
3.4 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1 und BVGE
2009/35 E. 6.4.1 m.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
3.4.1 Die Beschwerdeführenden monierten, ihr Anspruch auf rechtliches
Gehör sei aufgrund der verkürzt durchgeführten BzP verletzt worden, da
sie sich nicht frei und mit der notwendigen Ausführlichkeit zu ihren Flucht-
gründen hätten äussern können. Problematisch sei dies, weil die Aussagen
der BzP zur Begründung der Unglaubhaftigkeit der gesamten Asylvorbrin-
gen herangezogen worden seien.
Zunächst ist festzuhalten, dass die BzP beider Beschwerdeführenden re-
lativ ausführlich ausgefallen ist. Auch wenn sich in den Protokollen A3 und
A4 jeweils unter Ziffer 7.01 tatsächlich der Vermerk «Aus Kapazitätsgrün-
den verkürzte Befragung der Asylgründe» findet, kann doch festgehalten
werden, dass allein die Protokollierung der geltend gemachten Gesuchs-
gründe bei beiden Beschwerdeführenden insgesamt je eine volle A4-Seite
umfasst (A3 S. 8 f., A4 S. 7 f.).
Ferner ist vorab festzuhalten, dass beide Beschwerdeführenden bereits in
der BzP an verschiedenen Stellen und in ausführlicher Weise Angaben zu
Protokoll gegeben haben, die sich heute eingestandenermassen als un-
wahr und erfunden erweisen (angeblicher Aufenthalt in Sri Lanka bis 2015,
keine Auslandaufenthalte, keine Asylgesuche in einem anderen Land so-
wie zwischen 2009 und 2015 angeblich erlebte Verfolgungshandlungen
[vgl. A3 S. 5, 7 und 8 f.; A4 S. 5, 6 und 7 f.]).
Gemäss Rechtsprechung dürfen Widersprüche für die Beurteilung der
Glaubhaftigkeit herangezogen werden, wenn klare Aussagen in der BzP in
wesentlichen Punkten der Asylbegründung von den späteren Aussagen in
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der Anhörung diametral abweichen oder wenn bestimmte Ereignisse oder
Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt werden,
nicht bereits anlässlich der BzP zumindest ansatzweise erwähnt werden
(vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs-
kommission [EMARK] 1993 Nr. 3). In der angefochtenen Verfügung stellte
die Vorinstanz einzig eine Divergenz zwischen den Protokollen der BzP
und denjenigen der Anhörungen beider Eheleute bezüglich der Zeit zwi-
schen 2009 (nach dem Aufenthalt im Camp) und 2015 fest (vgl. S. 5 der
Verfügung). Diese Erwägung des SEM ist indes aus heutiger Sicht nicht
mehr relevant (respektive die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen hat sich in
der Zwischenzeit erhärtet), da die Beschwerdeführenden in ihrer Be-
schwerde selber einräumten, es sei dem SEM zuzustimmen, dass es ihnen
nicht gelungen sei, ihren angeblichen sechsjährigen Aufenthalt in Sri Lanka
nach dem Camp plausibel, substantiiert und widerspruchsfrei erklären zu
können (vgl. Beschwerde S. 13). Insofern ist diesbezüglich keine Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs feststellbar. Die Rüge erweist sich demnach
als unbegründet.
3.4.2 Des Weiteren kritisierten die Beschwerdeführenden die fehlende zeit-
liche Nähe zwischen der BzP und den Anhörungen, welche erst rund 1.5
Jahre nach den Befragungen stattgefunden hätten. Trotz dieser längeren
Zeitspanne werfe das SEM den Beschwerdeführenden als einen von drei
Punkten seiner Glaubhaftigkeitsprüfung vor, dass gewisse Aussagen in
den jeweiligen Interviews widersprüchlich ausgefallen seien. Mit einem sol-
chen Vorgehen missachte das SEM auch eine zentrale Empfehlung sei-
tens Prof. Dr. Walter Kälin (vgl. Beweismittel 7).
Es ist zwar durchaus wünschenswert, wenn zwischen BzP und Anhörung
nur ein relativ kurzer Zeitraum liegt. Es gibt jedoch keine zwingende, mit
Rechtsfolgen versehene gesetzliche Verpflichtung des SEM, die Anhörung
innerhalb eines gewissen Zeitraums nach der BzP durchzuführen. Bei dem
von den Beschwerdeführenden zitierten Rechtsgutachten handelt es sich
zudem lediglich um eine Empfehlung von Prof. Dr. Walter Kälin an das
SEM, aus welcher die Beschwerdeführenden keine Ansprüche ableiten
können. Die Frage, ob Widersprüche in den Aussagen allenfalls mit der
Zeitspanne zwischen BzP und Anhörung begründet werden können, ist im
Rahmen der materiellen Beurteilung zu erörtern. Die Rüge, eine Zeit-
spanne von 18 Monaten stelle (generell) eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs dar, geht fehl (vgl. statt vieler Urteil BVGer D-2130/2017 vom
14. Oktober 2020 E. 5.4.3). Inhaltlich kann betreffend den von der Vorin-
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stanz festgestellten Widerspruch auf das zuvor Gesagte verwiesen werden
(vgl. E. 3.4.1).
3.5 Weiter machten die Beschwerdeführenden eine unrichtige oder unvoll-
ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts geltend. Dies
bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten-
widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt
worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechts-
wesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.5.1 Unvollständig respektive unrichtig sei im vorliegenden Fall die Sach-
verhaltsfeststellung, weil das SEM nicht alle für die Entscheidung wesent-
lichen Sachumstände berücksichtigt habe. Die Vorinstanz habe es unter-
lassen, das Verfolgungsrisiko zufolge der LTTE-Verbindungen (auch in Be-
zug auf den Bruder [vgl. Beweismittel 12 f.] und auf L._ [vgl. Be-
weismittel 10 f.]) und der exilpolitischen Tätigkeit des Beschwerdeführers
sowie der Wohnsitznahme und Berufstätigkeit der Beschwerdeführenden
im Vanni-Gebiet in der Endphase des Bürgerkrieges vollständig abzuklä-
ren. Darüber hinaus habe die Vorinstanz die aktuelle Situation in Sri Lanka
unvollständig und nicht korrekt abgeklärt und das von ihr erstellte Lagebild
vom 16. August 2016 genüge den Anforderungen an korrekt erhobene
Länderinformationen nicht. Die Sachverhaltsabklärungen betreffend die
allgemeine Verbesserung der Menschenrechtslage in Sri Lanka durch die
Vorinstanz seien ebenfalls falsch. Ferner wurden in der Beschwerdeschrift
die zu erwartende Papierbeschaffung beim sri-lankischen Generalkonsulat
in Genf, der standardmässige behördliche «Backgroundcheck», die Rück-
schaffungsfälle vom November 2016 und des Jahres 2017 sowie die an-
gebliche Fehlerhaftigkeit von aktuellen Entscheiden des SEM und des
Bundesverwaltungsgerichts hervorgehoben.
3.5.2 Zunächst ist festzustellen, dass die Beschwerdeführenden die Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der materiellen Würdigung
der Sache vermengen. Die Vorinstanz hielt in der angefochtenen Verfü-
gung alle wesentlichen – soweit es ihr möglich war – Sachverhaltselemente
fest und würdigte die Ausführungen der Beschwerdeführenden vor dem
Hintergrund der (damals aktuellen) Lage. Alleine der Umstand, dass die
Vorinstanz zum einen in ihrer Länderpraxis zu Sri Lanka einer anderen Li-
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nie folgt, als von den Beschwerdeführenden vertreten, und sie zum ande-
ren aus sachlichen Gründen auch zu einer anderen Würdigung der Vor-
bringen gelangt, als von den Beschwerdeführenden verlangt, spricht nicht
für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung, sondern stellt eine inhalt-
liche Kritik an der materiellen Würdigung der Vorinstanz dar.
3.5.3 Im Einzelnen gilt überdies festzuhalten, dass das SEM die vorge-
brachten asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen seitens der sri-lanki-
schen Behörden – die Befragung des Beschwerdeführers im Camp
J._ sowie die Suche nach den Beschwerdeführenden nach dem
sechstägigen Aufenthalt im Camp bis zur angeblichen Ausreise im Oktober
2015 – gewürdigt und als unglaubhaft qualifiziert hat. Folglich musste es
nicht die Asylrelevanz der Vorbringen prüfen. In der Zwischenzeit haben
die Beschwerdeführenden in ihrer Beschwerde eingeräumt, dass wesent-
liche Teile ihrer Vorbringen, die sie beide in der BzP sowie je in zwei Anhö-
rungen zu Protokoll gegeben haben, nicht der Wahrheit entsprechen. Inso-
fern erweist sich die Rüge des angeblich von der Vorinstanz nicht korrekt
erstellten Sachverhalts von vornherein als unhaltbar.
Hinsichtlich der erst auf Beschwerdeebene vorgebrachten Mitgliedschaft
des jüngeren Bruders bei den LTTE sowie der angeblichen Beherbergung
von ehemaligen LTTE-Mitgliedern im Haus der Beschwerdeführenden in
Chennai haben diese in der Beschwerde selber eingestanden, diesbezüg-
lich sei dem SEM kein Vorwurf einer ungenügenden und unvollständigen
Sachverhaltsabklärung zu machen (vgl. Beschwerde S. 22 und 24). Zu-
dem wäre es aufgrund der Mitwirkungspflicht nach Art. 8 AsylG Sache der
Beschwerdeführenden, allfällige exilpolitische Aktivitäten, konkrete Prob-
leme wegen Verbindungen zu den LTTE oder der Wohnsitznahme im
Vanni-Gebiet darzulegen. Soweit ergangene Entscheide des SEM sowie
des Bundesverwaltungsgerichts in anderen, nicht die Beschwerdeführen-
den betreffenden Verfahren kritisiert wurden (vgl. Beschwerde S. 41 f.), ist
darauf nicht näher einzugehen. Folglich bleibt festzuhalten, dass der (da-
mals bekannte) rechtserhebliche Sachverhalt vom SEM richtig und voll-
ständig festgestellt wurde.
3.5.4 Was die angebrachten Befürchtungen im Hinblick auf die Vorsprache
auf dem sri-lankischen Generalkonsulat betrifft, ist ebenfalls keine unrich-
tige Sachverhaltsfeststellung durch das SEM festzustellen. Es ist auf das
Grundsatzurteil BVGE 2017 VI/6 E. 4.3.3 zu verweisen, wonach es sich bei
der Ersatzreisepapierbeschaffung um ein standardisiertes, lang erprobtes
E-159/2018
Seite 14
und gesetzlich geregeltes Verfahren handelt. Nur aufgrund der Datenüber-
mittlung der schweizerischen Behörden an die sri-lankischen Behörden
und der Nennung des (unglaubhaften) Ausreisegrundes anlässlich einer
Vorsprache auf dem sri-lankischen Generalkonsulat ist bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka nicht mit einer asylrelevanten Verfolgung zu rechnen. Folg-
lich hatte das SEM diesbezüglich keine weiteren Sachverhaltsabklärungen
zu tätigen (vgl. statt vieler Urteil BVGer D-2130/2017 vom 14. Oktober
2020 E. 5.4.4).
3.5.5 Letztlich ist der Antrag auf Ansetzung einer angemessenen Frist zur
Einreichung der Asylakten von L._ (vgl. Beschwerde S. 20) abzu-
lehnen, da bereits gewisse Akten dieses Verfahrens eingereicht wurden
(vgl. Beweismittel10 f.) und die Beschwerdeführenden seit Eröffnung des
Beschwerdeverfahrens im Januar 2018 genügend Zeit gehabt hätten, im
Rahmen der angesetzten Freist zur Beschwerdeergänzung (vgl. Bst. H) o-
der später gestützt auf Art. 32 Abs. 1 VwVG verspätete ausschlaggebende
Parteivorbringen dem Gericht einzureichen.
3.6 Die Beschwerdeführenden monierten, das SEM habe den zentralen
Anspruch auf Rechtsgleichheit verletzt, indem die angefochtene Verfügung
zwar das Kürzel «Sase» enthalte, jedoch kein Rückschluss darauf gezo-
gen werden könne, welcher Sachbearbeiter respektive welche Sachbear-
beiterin für diesen Entscheid verantwortlich sei. Dieser schwere Mangel
formeller Natur sei mit Blick auf die Rechtsprechung unheilbar.
3.6.1 Gemäss dem verfassungsmässigen Grundsatz von Art. 29 Abs. 1 BV
hat eine Person in einem Verwaltungsverfahren Anspruch auf gleiche und
gerechte Behandlung und somit auch auf eine rechtmässig zusammenge-
setzte, zuständige und unbefangene Behörde. Dieser Anspruch setzt die
Bekanntgabe der personellen Zusammensetzung der Behörde voraus, wo-
bei eine Bekanntgabe in irgendeiner Form ausreicht, beispielsweise wenn
deren Namen dem Betroffenen gar nicht persönlich mitgeteilt werden,
diese jedoch einer allgemein zugänglichen Publikation wie etwa in einem
amtlichen Blatt, einem Staatskalender oder einem Rechenschaftsbericht
der Behörde entnommen werden können. Durch seine Praxis, die Namen
der Personen, welche an den Verfügungen mitwirken, nicht offenzulegen,
verletzt das SEM den Anspruch aus Art. 29 Abs. 1 BV (vgl. BVGE 2019
VI/6 E. 8.1 m.w.H.).
3.6.2 Hinsichtlich des Kürzels «Sase», welches für (...) steht, erschliesst
sich der Name der Mitarbeiterin des SEM aus allgemein zugänglichen
E-159/2018
Seite 15
Quellen nicht, was einer Verletzung der vorgenannten Verfahrensrechte
gleichkommt. Der formelle Mangel wird allerdings dadurch relativiert, dass
diese Mitarbeiterin des SEM für die Beschwerdeführenden keine vollkom-
men unbekannte Person ist, da diese ihr bereits in den Anhörungen per-
sönlich begegnet waren (vgl. Kürzel auf allen Anhörungsprotokollen, je-
weils S. 1); dass für die Beschwerdeführenden «nicht nachvollziehbar
(sei), wer (die Verfügung) überhaupt erlassen hat» (vgl. Beschwerde
S. 15), trifft somit jedenfalls nicht zu. Es ist folglich davon auszugehen,
dass sich die Gründe für etwaige Einwände gegen deren Involvierung be-
reits aufgrund diesen Begegnungen ergeben hätten und auch hätten gel-
tend gemacht werden können, zumal die jeweiligen Anhörungen am
12. Juni und 7. Juli 2017 stattfanden und seither über drei Jahre verstri-
chen sind, ohne dass sich die Beschwerdeführenden veranlasst gesehen
hätten, in der Folge substantiierte Einwände gegen die betreffende Person
geltend zu machen oder sich an die Vorinstanz zu wenden, um die Offen-
legung des Namens zu verlangen. Auch mit seinem Akteneinsichtsgesuch
an das SEM hat der Rechtsvertreter nicht um Bekanntgabe des Namens
der lediglich mit Kürzel bekannten Mitarbeiterin ersucht (vgl. Aktenein-
sichtsgesuch vom 15. Dezember 2017 [A45]). In BVGE 2019 VI/6 E. 8.4
erwog das Gericht schliesslich, die abgehandelten formellen Mängel seien
nicht als krass zu bezeichnen. Die Vorinstanz wurde sodann darauf hinge-
wiesen, dass ihre Praxis, die Namen der Sachbearbeiter respektive Sach-
bearbeiterin systematisch nicht offenzulegen, nicht rechtmässig und daher
anzupassen sei (vgl. a.a.O. E. 8.4). Vor diesem Hintergrund besteht vorlie-
gend insgesamt keine Grundlage, den angefochtenen Entscheid als nichtig
zu erklären oder die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen (vgl. Urteile
BVGer D-6759/2017 vom 24. September 2020 E. 5.2.3 und E-1277/2018
vom 3. April 2018 E. 4.1).
3.7 Der Antrag der Beschwerdeführenden, das SEM sei anzuweisen, ihnen
sämtliche nicht öffentlichen Quellen des Lagebildes der Vorinstanz vom
16. August 2016 zu Sri Lanka offenzulegen, wurde bereits im Rahmen des
Beschwerdeinstruktionsverfahrens abgewiesen (vgl. Bst. H). Es besteht
kein Anlass hierauf zurückzukommen (vgl. statt vieler Urteile BVGer D-
6759/2017 vom 24. September 2020 E. 5.2.2 und D-4191/2018 vom 8. Au-
gust 2018 E. 5, je m.w.H.).
3.8 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die diesbe-
züglichen Rechtsbegehren sind somit abzuweisen.
E-159/2018
Seite 16
4.
4.1 Die Beschwerdeführenden stellten für den Fall einer materiellen Beur-
teilung ihrer Beschwerde durch das Bundesverwaltungsgericht folgende
Beweisanträge (vgl. Beschwerde S. 42 f.):
4.1.1 Ihnen sei eine angemessene Frist zur Einreichung weiterer Beweis-
mittel betreffend Unterlagen anzusetzen, welche belegen würden, dass
frühere Arbeitskollegen in Sri Lanka verfolgt worden seien und hätten flie-
hen müssen. Angesichts der vorliegenden Akten und des festgestellten
Sachverhalts sieht sich das Gericht nicht veranlasst, eine Frist für die Ein-
holung von Unterlagen ehemaliger Arbeitskollegen des Beschwerdefüh-
rers anzusetzen, zumal er solche Parteivorbringen auch gestützt auf
Art. 32 Abs. 1 VwVG schon längst hätte beibringen können. Der Antrag auf
Fristansetzung zur Einreichung weiterer Unterlagen ist demnach abzuwei-
sen.
4.1.2 Ferner seien die Beschwerdeführenden durch eine Person, welche
über genügend Länderhintergrundinformationen verfüge, zu ihren Asyl-
gründen anzuhören. Dieses Begehren ist abzuweisen, da sie bereits je-
weils zweimal zu ihren Asylgründen angehört wurden und somit genügend
Gelegenheit gehabt haben, ihre Vorbringen im Rahmen ihrer Mitwirkungs-
pflicht gemäss Art. 8 AsylG darzulegen. Dass sie in allen Anhörungen, in
Verletzung ihrer Wahrheitspflicht, eingestandenermassen unrichtige Anga-
ben zu der Zeit von 2009 bis 2015 gemacht haben, ist offenkundig kein
Grund dafür, dass eine neue Anhörung durchzuführen wäre.
4.1.3 Schliesslich sei die Vernehmlassung des SEM vom 8. November
2017 des Verfahrens D-4749/2017 (recte: D-4794/2017) vor dem Bundes-
verwaltungsgericht beizuziehen, in der das SEM eingestanden habe, dass
jeder zurückgeschaffte Tamile am Flughafen in Colombo einer mehrstufi-
gen intensiven Überprüfung und Befragung unterzogen werde und die von
der Schweiz im Rahmen der Papierbeschaffung übermittelten Daten zur
Vorbereitung der Verfolgung verwendet würden (vgl. Beschwerde S. 44 f.).
Dieser Beweisantrag ist zum einen insofern gegenstandslos geworden,
nachdem die Beschwerdeführenden die fragliche Vernehmlassung im Ver-
lauf des Beschwerdeverfahrens selber eingereicht haben (vgl. Eingabe
vom 8. Februar 2018 und Beweismittel 48). Zum andern ist festzuhalten,
dass die fragliche Vernehmlassung und die damit verknüpften Vorbringen
des Rechtsvertreters der Beschwerdeführenden schon in anderen Verfah-
ren wiederholt gewürdigt worden sind; auf die entsprechenden Entscheide
kann hier verwiesen werden (vgl. z.B. Urteile BVGer D-1701/2018 vom
E-159/2018
Seite 17
3. Juni 2020 E. 5.2, D-1984/2018 vom 7. Mai 2020 E. 8.4 und E-110/2018
vom 17. April 2020 E. 9.2).
4.2 In der Beschwerdeergänzung vom 5. März 2020 wurde schliesslich der
Antrag gestellt, es sei abzuklären, ob die Namen der Beschwerdeführen-
den auf dem Mobiltelefon der (im November 2019) entführten schweizeri-
schen Botschaftsangestellten zu finden seien.
Dieser Antrag ist abzuweisen, zumal eine Verbindung der Beschwerdefüh-
renden zu dieser Botschaftsmitarbeiterin nicht substanziiert dargelegt wird
und sich entsprechendes auch nicht aus den Akten ergibt (vgl. diesbezüg-
lich z.B. Urteile BVGer D-6941/2019 vom 9. November 2020 E. 6 und D-
6759/2017 vom 24. September 2020 E. 6.3).
Weitere Abklärungen drängen sich ferner auch deshalb nicht auf, weil ge-
mäss dem Gericht vorliegenden diesbezüglichen Abklärungen sich keine
Daten über sich in der Schweiz aufhaltende, asylsuchende Personen aus
Sri Lanka auf dem beschlagnahmten Mobiltelefon der vom Sicherheitsvor-
fall betroffenen lokalen Angestellten der Schweizer Botschaft befanden und
auch anderweitig keine personenbezogenen Informationen an Dritte ge-
langten (vgl. Urteile BVGer D-2130/2017 vom 14. Oktober 2020 E. 6.2 und
D-5377/2019 vom 14. April 2020 E. 4.5).
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-159/2018
Seite 18
6.
6.1 Zur Begründung seiner abweisenden Verfügung führte das SEM aus,
dass die Beschwerdeführenden bereits zu den Ereignissen im Jahr 2009
widersprüchliche Angaben gemacht hätten. Der Beschwerdeführer habe
ausgesagt, dass damals Personen des CID (Criminal Investigation Depart-
ment) zu ihm gekommen seien und ihn befragt hätten. Dabei habe er an-
gegeben, dass er für die LTTE gearbeitet habe (A3 S. 8; A35 F70). Er sei
jedoch nicht mitgenommen worden, weil sich die Beschwerdeführerin den
Sicherheitskräften vor die Füsse geworfen und geweint habe. Aus Mitleid
hätten sie den Beschwerdeführer gehen lassen (A3 S. 8; A35 F71). Die
Beschwerdeführerin habe indes vorgebracht, dass ihr Ehemann nicht zu-
gegeben habe, für die LTTE gearbeitet zu haben, weswegen er nicht in das
Rehabilitationsprogramm gekommen sei (A4 S. 7). Angesprochen auf die-
sen Widerspruch habe der Beschwerdeführer diesen nicht auflösen kön-
nen (A35 F89).
Weitere Vorbringen der Beschwerdeführenden, welche die Zeit nach dem
Aufenthalt im Camp J._ betroffen hätten, wurden vom SEM in Zwei-
fel gezogen (vgl. S. 5 f. der Verfügung). Es erübrigt sich jedoch, diese Er-
wägungen an dieser Stelle wiederzugeben, da diese Vorbringen mit der
Beschwerde widerrufen wurden und ab der Zeit nach dem Campaufenthalt
ein neuer Sachverhalt, nämlich der Aufenthalt in Indien seit 2009 bis zur
Ausreise im Jahr 2015, dargelegt wurde.
Insgesamt, so das SEM in seiner Verfügung, würden die Vorbringen den
Anforderungen an die Glaubhaftigkeit (Art. 7 AsylG) nicht standhalten, so
dass deren Asylrelevanz (Art. 3 AsylG) nicht zu prüfen sei.
Bezüglich der begründeten Furcht, welche anhand sogenannter Risikofak-
toren (vgl. Referenzurteil BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016) zu prüfen
sei, hielt das SEM fest, dass die Kontrollmassnahmen am Herkunftsort –
eine Befragung von Rückkehrern, die illegal ausgereist seien und die über
keine gültigen Identifikationsdokumente verfügen würden, und ein allfälli-
ges Eröffnen eines Strafverfahrens wegen illegaler Ausreise – grundsätz-
lich kein asylrelevantes Ausmass annehmen würden. Gestützt auf den für
das SEM dannzumal bekannten Sachverhalt sei nicht glaubhaft, dass die
Beschwerdeführenden vor ihrer Ausreise asylrelevanten Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt gewesen seien. Allfällige, im Zeitpunkt der Aus-
reise bestehende Risikofaktoren würden kein Verfolgungsinteresse der sri-
lankischen Behörden aufzeigen. Es sei aufgrund der Aktenlage nicht er-
sichtlich, weshalb die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Sri
E-159/2018
Seite 19
Lanka in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter Weise ver-
folgt würden.
6.2 Gegen diese Erwägungen wurde in der Beschwerde wie folgt argumen-
tiert:
6.2.1 Das SEM habe in seiner Verfügung die Glaubhaftigkeit der vorge-
brachten Ereignisse bei der Festnahme durch die sri-lankischen Behörden
im Jahr 2009 verneint. Diesbezüglich sei mit aller Deutlichkeit auf die im
vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Flüchtlingskarten (A32) hinzu-
weisen, welche belegen würden, dass die Beschwerdeführenden im März
2009 im (...) Camp in (...) inhaftiert gewesen seien. Durch diese Beweis-
mittel sei auch klar, dass es dem Beschwerdeführer gelungen sei, nicht als
LTTE-Mitglied identifiziert zu werden, weil sie nicht dem Rehabilitationspro-
gramm zugeführt worden seien. Auch sei durch die französischen Asylak-
ten von L._ (vgl. Beweismittel 11) bewiesen, dass andere Verwal-
tungsangestellte der LTTE offenbar erst in einer späteren Phase vom
Camp separiert worden seien (vgl. Beschwerde S. 46 f.).
Ferner sei festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin an der stundenlan-
gen Befragung des Beschwerdeführers nicht zugegen gewesen sei, wes-
halb ihre diesbezüglichen Aussagen nur vom Hörensagen seien. Ob die
Behörden die Beschwerdeführenden aufgrund der Intervention der Be-
schwerdeführerin oder zufolge der Aussagen des Beschwerdeführers nicht
dem Rehabilitationsprogramm zugeführt hätten, könne dahingestellt blei-
ben (vgl. Beschwerde S. 49 f.).
6.2.2 Ausserdem sei belegt, dass der Beschwerdeführer 1998 den LTTE
beigetreten und über Jahre für diese Organisation tätig gewesen sei. Zu
diesem Zweck habe er eine entsprechende LTTE-Uniform getragen und
einen Ausweis erhalten (vgl. Beweismittel 9). Folglich sei er in der Öffent-
lichkeit als Repräsentant der LTTE aufgetreten. Ausserdem sei davon aus-
zugehen, dass die langjährige Tätigkeit für die LTTE Niederschlag in deren
Akten gefunden habe, welche von der sri-lankischen Armee beschlag-
nahmt und ausgewertet worden seien. Im März 2009 hätten sich die Be-
schwerdeführenden in (...) den sri-lankischen Behörden gestellt. Nach ih-
rer Registrierung sei der Beschwerdeführer während acht Stunden befragt
worden. Dabei habe er eingestanden, für die LTTE tätig, jedoch kein Mit-
glied gewesen zu sein. Nach der Befragung seien sie dem Camp
J._ zugewiesen worden. Aufgrund einer Erkrankung ihres Sohnes
sei die Familie nach einer Woche ins Spital transferiert worden, von wo aus
E-159/2018
Seite 20
sie den Onkel der Beschwerdeführerin kontaktiert hätten. Dieser habe
durch Bestechung ihre Freilassung organisieren können. Bis zu ihrer Aus-
reise nach Indien im Mai 2009 hätten sie sich beim besagten Onkel ver-
steckt (vgl. Beschwerde S. 12 f., 20 ff. sowie 48). Die Beschwerdeführen-
den hätten diese Flucht nach Indien verschwiegen, da sie befürchtet hät-
ten, sonst dorthin zurückgeschickt zu werden (vgl. Beschwerde S. 14). In
Chennai seien ihnen im Oktober 2009 Registrierungspapiere als Flücht-
linge ausgestellt worden. Dort hätten sie in ihrem seit November 2013 ge-
mieteten Haus tamilische Flüchtlinge aufgenommen, bei denen es sich teil-
weise um hochrangige LTTE-Mitglieder gehandelt habe. Aus diesem
Grund sei der Beschwerdeführer im Jahr 2015 von Angehörigen der Q-
Branch der Tamil Nadu Police wiederholt befragt, belästigt und erpresst
worden; er müsse befürchten, dass die sri-lankischen Behörden über die
Ereignisse informiert worden seien. Aufgrund dieses Drucks seien sie
schliesslich im November 2015 von Indien in die Schweiz geflüchtet (vgl.
Beschwerde S. 13 f., 23 f. sowie 48 und Beweismittel 14 ff.).
6.2.3 Gestützt auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
(vgl. Referenzurteil BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016) bestünden fer-
ner für die Beschwerdeführenden diverse Risikofaktoren. Zwischen dem
Beschwerdeführer und den LTTE bestehe eine Verbindung (vgl. hierzu
auch das Verfahren von L._ [vgl. Beschwerde S. 20 f. und Beweis-
mittel 10 f.]), zumal auch sein jüngerer Bruder – wie auf Beschwerdeebene
erstmals erwähnt wurde – ein Mitglied der LTTE gewesen sei (vgl. Beweis-
mittel 12 f.). Ausserdem seien die Beschwerdeführenden aufgrund ihres
mehrjährigen Wohnsitzes und ihrer Berufstätigkeit im Vanni-Gebiet ge-
mäss UNHCR-Richtlinien zur Feststellung des internationalen Schutzbe-
darfs sri-lankischer Asylsuchender vom 21. Dezember 2012 gefährdet.
Ferner seien die exilpolitische Tätigkeit des Beschwerdeführers, der lang-
jährige Aufenthalt der Beschwerdeführenden im Ausland sowie der Um-
stand, dass sie keine gültigen Einreisepapiere besitzen würden, gemäss
Rechtsprechung als Risikofaktor anzuerkennen (vgl. Beschwerde S. 19 ff.
und 54 f.).
6.2.4 Letztlich bleibe anzufügen, dass der Vater der Beschwerdeführerin
1985 von Soldaten der sri-lankischen Armee erschossen worden und ihre
Mutter 2010 nach einem Bombenangriff gestorben sei. Ein Bruder und eine
Schwester der Beschwerdeführerin seien verschollen. Diese Umstände
habe das SEM nicht in Zweifel gezogen (vgl. Beschwerde S. 43).
E-159/2018
Seite 21
6.2.5 Insofern seien die Beschwerdeführenden als Flüchtlinge anzuerken-
nen und es sei ihnen in der Schweiz Asyl zu gewähren.
6.3 Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung lediglich fest, die Beschwer-
deschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel,
welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten, wes-
halb es auf seine Erwägungen verweise, an welchen es vollumfänglich
festhalte.
6.4 Mit Eingabe vom 18. September 2020 machten die Beschwerdeführen-
den generell auf die Entwicklung in Sri Lanka aufmerksam.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz die Asylgesuche der Beschwerdeführenden
zu Recht abgelehnt hat. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass das Bun-
desverwaltungsgericht an die Begründung der Vorinstanz nicht gebunden
ist (Art. 62 Abs. 4 VwVG) und auf Beschwerdeebene eine Substitution der
Motive vornehmen kann.
7.2 Aufgrund der Erwägungen des SEM ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer, nachdem sie sich im März 2009 den sri-lankischen Be-
hörden gestellt hätten, acht Stunden von Sicherheitskräften des CID be-
fragt wurde (A30 F58 ff.; A35 F69 ff.). Unklarheit herrscht, aus welchem
Grund der Beschwerdeführer nicht dem Rehabilitierungsprogramm zuge-
führt worden sei. Festzuhalten ist aber, dass aus den Protokollen klar her-
vorgeht, dass er die Fragen der Sicherheitskräfte wahrheitsgetreu – soweit
dies zu beurteilen ist – beantwortet hat. So habe er ihnen erzählt, dass er
für die LTTE – ohne Mitglied gewesen zu sein – tätig gewesen sei, indem
er Passierscheine kontrolliert habe (A3 S. 8; A35 F70 und 89). Aufgrund
der Aussagen ist nicht davon auszugehen, dass er während der Befragung
durch die Sicherheitskräfte misshandelt worden wäre. Sie hätten sogar mit
ihrem kranken (...) Sohn in ein Spital gehen können (A31 F10), was nicht
für eine unkorrekte Behandlung seitens der Behörden spricht. Die alleinige
Befragung des Beschwerdeführers durch das CID ist mangels Intensität
als nicht asylrelevant zu bezeichnen (Art. 3 AsylG). Auch dass sie in der
Folge eine asylrelevante Verfolgung hätten begründet befürchten müssen,
geht aus den Aussagen nicht hervor.
Bezüglich der Verwandten der Beschwerdeführerin, welche im Bürgerkrieg
umgekommen oder immer noch verschollen sind, bleibt anzufügen, dass
E-159/2018
Seite 22
diese Geschehnisse, auch wenn sie bei den Hinterbliebenen schlimme
Narben hinterlassen, mangels flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgungs-
massnahmen nicht asylrelevant sind.
Nach dem Gesagten ist der Schluss zu ziehen, dass die Beschwerdefüh-
renden bezogen auf den Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Sri Lanka im Mai
2009 von keiner asylrelevanten Verfolgung bedroht waren.
7.3 Was die in der Beschwerde (auch aufgrund neuer Vorbringen) geltend
gemachten Verfolgungsbefürchtungen betrifft, ist deren Glaubhaftigkeit zu
verneinen.
7.3.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im
Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Ent-
scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar-
stellung der Gesuchstellerin sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung
für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen
Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie
und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits-
gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn-
zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere
Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins-
besondere bei wechselnden, widersprüchlichen oder gesteigerten Vorbrin-
gen. Unglaubhaft sind ferner nachgeschobene Vorbringen. Bei der Beur-
teilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen einen Gesuchsteller sprechen. Glaubhaft ist
eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen.
Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt
der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte
wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sach-
verhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2).
7.3.2 Asylsuchende sind verpflichtet, an der Feststellung des Sachverhalts
mitzuwirken (Art. 8 AsylG). Indem die Beschwerdeführenden während des
ganzen vorinstanzlichen Verfahrens – in dessen Verlauf beide nach den
BzP vom SEM je zweimal angehört wurden – an Vorbringen festhielten, die
E-159/2018
Seite 23
nicht der Wahrheit entsprechen, haben sie es zugelassen, dass ihre per-
sönliche Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen ist. Ihre diesbezügliche Er-
klärung, sie befürchteten, nach Indien zurückgeschickt zu werden (vgl. Be-
schwerde S. 14), ist nicht geeignet, diese Bedenken zu beseitigen. Die erst
in der Beschwerde vorgetragenen Vorbringen müssen als unentschuldigt
nachgeschoben bezeichnet werden.
7.3.3 Es wurde in der Beschwerde aufgezeigt, dass die Beschwerdefüh-
renden im Mai 2009 nach Indien geflüchtet sind und sich in Chennai ein
neues Leben aufgebaut haben. Sie machen geltend, ab November 2013
hätten dort ihre Probleme begonnen, weil sie in ihrem gemieteten Haus
tamilische Flüchtlinge – darunter auch hochrangige ehemalige LTTE-Mit-
glieder – aufgenommen hätten. Deswegen sei der Beschwerdeführer von
Angehörigen der Q-Branch der Tamil Nadu Polizei wiederholt befragt, be-
lästigt und erpresst worden, und er müsse befürchten, dass die Vorfälle
auch den sri-lankischen Behörden bekannt gemacht worden seien (vgl. Be-
schwerde S. 23 f.). Diesbezüglich ist zunächst festzustellen, dass dieses
Vorbringen nicht glaubhaft erscheint, weil es erst auf Beschwerdeebene
vorgebracht wurde und folglich nachgeschoben wirkt, zumal die diesbe-
zügliche Erklärung der Beschwerdeführenden nicht nachvollziehbar ist.
Auch die hierzu eingereichten Beweismittel belegen lediglich den Aufent-
halt der Beschwerdeführenden in Indien und ihre dortige Aufnahme und
Eingliederung, aber keine Probleme mit den indischen Behörden (vgl. Be-
weismittel 14 ff.). Auch dafür, dass aus Indien hätten belastende Informati-
onen über die Beschwerdeführenden an die sri-lankischen Behörden ge-
langen sollen, bestehen keine Anhaltspunkte; es handelt sich lediglich um
unbelegte Mutmassungen der Beschwerdeführenden; eine begründete
Furcht vor zukünftiger Verfolgung wird damit nicht dargelegt.
7.4 Auch im heutigen Zeitpunkt ist eine begründete Furcht vorm zukünfti-
ger Verfolgung nicht zu bejahen.
7.4.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen (vgl. a.a.O. E. 8) und festgestellt, dass aus Europa
respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht ge-
nerell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausge-
setzt seien (vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurtei-
lung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von
Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren (vgl.
ausführlich a.a.O. E. 8.4). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret
E-159/2018
Seite 24
glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefähr-
dung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass
insbesondere jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften
Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lanki-
schen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt sind, den tamili-
schen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O. E. 8.5.1). Die
Prüfung entlang der genannten Risikofaktoren ist auch heute weiterhin
massgeblich (vgl. z.B. Urteile BVGer D-6759/2017 vom 24. September
2020 E. 10.3 und E-2017/2020 vom 5. Oktober 2020 E. 9.2.3).
7.4.2 Die Beschwerdeführenden erfüllen – wie nachfolgend dargelegt –
kein Risikoprofil, welches sie in den Fokus der sri-lankischen Behörden ge-
raten liesse.
Zunächst ist keine derartige Verbindung des Beschwerdeführers zu den
LTTE festzustellen, die ihn in Zukunft in Gefahr bringen sollte. Er brachte
an zahlreichen Protokollstellen vor, dass er zwar für die LTTE tätig gewe-
sen sei (A3 S. 8; A31 F7; A35 F13, 26, 42 ff., 70 und 89), jedoch sei er nie
Mitglied dieser Organisation gewesen und habe für seine Tätigkeit keine
Verantwortung getragen, sondern sei nur ein unbewaffnetes Vollzugsorgan
gewesen. Auch wenn er eine Uniform getragen habe, was angesichts sei-
ner Tätigkeit an den erwähnten Checkpoints als Erkennungsmerkmal auch
sinnreich erscheint, und für seine Tätigkeit entlöhnt worden sei, deutet dies
lediglich auf eine bezahlte Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers hin und
zeugt weder davon, dass er ein Anhänger der LTTE gewesen sei und deren
Ziele mitgetragen habe, noch dass sein Name in irgendwelchen ihrer Lis-
ten erwähnt worden sei. Ausserdem habe er an diesen Checkpoints nur bis
im Jahr 2005 Passierscheine kontrolliert, dann – weil die Strasse von
Omanthai geschlossen worden sei – habe er sich für ein Jahr zurückgezo-
gen. Vermutlich auch um sich einer Zwangsrekrutierung zu entziehen,
habe er begonnen, als Chauffeur für die LTTE zu arbeiten (A35 F47). Auch
dies bedeutet, dass er die einfachere Arbeit einem aufopfernden Dienst-
einsatz vorgezogen hat. Zudem war er nur bis zum Jahr 2005 in Uniform
für Aussenstehende sichtbar; bis zu seiner Ausreise im Mai 2009 hat er
aufgrund dieser sichtbaren Tätigkeit keine ernsthaften Nachteile erlebt.
Des Weiteren hat er gemäss seinen Aussagen während der achtstündigen
Befragung durch Angehörige der sri-lankischen Behörden erwähnt, dass er
für die LTTE tätig gewesen sei (A35 F70 und 89), dies scheint indes für die
Behörden kein Grund gewesen zu sein, ihn einem Rehabilitationspro-
gramm zuzuführen. Ausserdem hätten sie nach sechs Tagen mit ihrem
E-159/2018
Seite 25
kranken Sohn in ein Spital gehen können, was ebenfalls nicht darauf hin-
deutet, dass der Beschwerdeführer von den Behörden als grosse Gefähr-
dung wahrgenommen wurde.
Die eingereichten Beweismittel sind nicht geeignet, zu einer anderen Be-
urteilung zu gelangen: Die Kopie eines unübersetzten Mitarbeiterauswei-
ses (vgl. Beweismittel 9) belegt nicht, dass der Beschwerdeführer eine Ver-
bindung zu den LTTE gehabt habe, die ihn aus heutiger Sicht in Sri Lanka
als exponiert darstellen und in Gefahr bringen könnte. Der Ausweis sei im
Übrigen vom 31. März 2005 bis zum 1. April 2007 gültig gewesen; dies wi-
derspricht den Aussagen des Beschwerdeführers, er sei 2005 respektive
2006 nicht für die LTTE tätig gewesen (A35 F27 und 47); diesbezüglich
bestehen somit Ungereimtheiten. Bezüglich des französischen Asylverfah-
rens von L._ (vgl. Beweismittel 10 f.) ist darauf hinzuweisen, dass
dieser einerseits gefasst – während die Beschwerdeführenden sich freiwil-
lig den Behörden gestellt hätten – und anderseits als LTTE-Verwaltungs-
kader identifiziert worden sei (vgl. Beschwerde S. 20 f. und Beweismit-
tel 11). Dessen Situation lässt sich demnach mit jener des Beschwerdefüh-
rers nicht vergleichen.
Zusammenfassend lässt sich aufgrund der vor mehr als zehn Jahren aus-
geübten niederschwelligen Tätigkeiten des Beschwerdeführers für die
LTTE kein aktuelles Verfolgungsinteresse des sri-lankischen Staates her-
leiten. Dass man den Beschwerdeführer verdächtigen sollte, er gehöre zu
jenen, die den tamilischen Separatismus wiederaufleben lassen wollen, ist
aufgrund der Aktenlage nicht begründet.
Hinsichtlich der Tätigkeit respektive Mitgliedschaft seines Bruders bei den
LTTE wurden unterschiedliche Aussagen gemacht. Einerseits sei der Bru-
der bei dieser Organisation gewesen (A35 F10), anderseits habe er nicht
für die LTTE gearbeitet (A35 F15) respektive der Beschwerdeführer sei der
einzige gewesen, der die finanzielle Verantwortung getragen und deswe-
gen für die LTTE gearbeitet habe (A35 F17 und 20). Der Beschwerdeführer
gab explizit zu Protokoll, die vorherige Aussage, der Bruder sei bei den
LTTE gewesen, sei unzutreffend und er habe die Frage missverstanden
(A35 F16). Erst auf Beschwerdeebene wurde demgegenüber offenbart,
dass der Bruder in Wirklichkeit ein Mitglied der LTTE gewesen sei. Dies ist
als nachgeschoben zu werten; die hierzu vorgebrachte Erklärung, andere
Tamilen in der Schweiz hätten den Beschwerdeführer instruiert, betreffend
den Bruder unrichtige Angaben zu machen (vgl. Beschwerde S. 22), er-
scheint stereotyp; es wird auch nicht nachvollziehbar, aus welchem Grund
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Seite 26
ein solcher Ratschlag hätte erteilt (und beherzigt) werden sollen. Die Ko-
pien einer Fotografie des Bruders in einer LTTE-Uniform und seines LTTE-
Ausweises (vgl. Beweismittel 12 f.) sind letztlich nicht geeignet, eine Ge-
fährdung des Beschwerdeführers seines Bruders wegen zu belegen, zu-
mal bloss als Kopien vorgelegte Unterlagen die Möglichkeit von Manipula-
tionen bergen.
7.4.3 Hinsichtlich der auf Beschwerdeebene vorgebrachten exilpolitischen
Tätigkeit (vgl. Beschwerde S. 26 und 44 ff.) wird eine solche nicht substan-
ziiert aufgezeigt. Was die angebliche Exponierung in Indien durch Beher-
bergung von LTTE-Angehörigen betrifft, ist auf E. 7.3.3 zu verweisen. Be-
treffend das geltend gemachte exilpolitische Engagement in der Schweiz
werden lediglich zwei Fotografien eingereicht, die angeblich den Be-
schwerdeführer an einer Demonstration zeigen sollen (vgl. Beschwerde
S. 26 und Beweismittel 22 f.). Auf den Bildern ist aber lediglich der Be-
schwerdeführer allein vor einer Hauswand, mit einer LTTE-Flagge in der
Hand, abgebildet. Der Kontext einer Demonstration ist nicht erkennbar und
es ist unklar, ob diese Szene nicht eigens zwecks Einreichung der Bilder
mit der Beschwerde aufgenommen wurde. Von einer relevanten exilpoliti-
schen Tätigkeit ist jedenfalls nicht auszugehen.
7.4.4 Ferner ist Folgendes betreffend die angeblich fehlenden Identitätspa-
piere festzustellen: Aufgrund der indischen Unterlagen darf angenommen
werden, dass die Beschwerdeführenden am (...) Mai 2009 auf dem Luft-
weg («by air») in Chennai angekommen sind und sich mit einem Reisepass
(«details of passport» sowie «details of visa») ausgewiesen haben (vgl.
Beweismittel 15 ff.). Insofern sind die Aussagen, dass sie nie einen Reise-
pass besessen haben (A3 S. 6 und A4 S. 6), zu bezweifeln und es darf
angenommen werden, dass sie legal und unproblematisch aus Sri Lanka
ausgereist sind. Wo sich diese Reisepässe derzeit befinden, ist unklar.
Selbst wenn sie jedoch ohne Reisepässe respektive mit temporären Rei-
sedokumenten nach Sri Lanka zurückkehren müssten, würde dies zwar al-
lenfalls bei der Wiedereinreise in Sri Lanka zu einem «Background-Check»
führen. Es muss damit gerechnet werden, dass sie nach dem Verbleib ihrer
Reisepapiere und zum Grund ihrer Ausreise befragt und überprüft werden.
Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie wegen der fehlenden
Reisepässe gebüsst werden, wobei ein entsprechendes Vorgehen der sri-
lankischen Behörden aber keine flüchtlingsrechtliche Relevanz entfaltet
(vgl. Referenzurteil BVGer E-1866/2015 vom 25. Juli 2016 E. 8.4.4). Nach
dem Gesagten ist nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführen-
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Seite 27
den im Falle einer Rückkehr in ihr Heimatland dort Massnahmen zu be-
fürchten haben, welche über eine einfache Kontrolle hinausgehen, und sie
wegen des Profils des Beschwerdeführers von den Behörden als Bedro-
hung wahrgenommen werden könnten.
7.4.5 Weiter wurde der Beschwerdeführer nie wegen einer Straftat ange-
klagt oder verurteilt und verfügt somit nicht über einen Strafregistereintrag.
Dass er auf einer sogenannten «Stop-List» aufgeführt sei, erscheint auf-
grund des Gesagten und insbesondere aufgrund der Annahme, dass die
Beschwerdeführenden mit ihren eigenen Reisepässen aus Sri Lanka aus-
gereist sind (vgl. E. 7.4.4), als unwahrscheinlich. Ferner kann allein aus der
tamilischen Ethnie und der langjährigen Landesabwesenheit keine Gefähr-
dung abgeleitet werden.
7.4.6 Unter Würdigung aller Umstände ist somit anzunehmen, dass die Be-
schwerdeführenden von der sri-lankischen Regierung nicht zu jener klei-
nen Gruppe gezählt werden, die bestrebt ist, den tamilischen Separatismus
wiederaufleben zu lassen und so eine Gefahr für den sri-lankischen Ein-
heitsstaat darstellt. Es ist nicht davon auszugehen, dass ihnen persönlich
im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 AsylG drohen würden. Dies ergibt sich auch nicht aus den auf Be-
schwerdeebene eingereichten Dokumenten, Berichten und Länderinfor-
mationen.
7.5 Die Vorinstanz hat die Asylgesuche der Beschwerdeführenden zu
Recht abgelehnt und das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft verneint.
7.6 An dieser Einschätzung ändern auch die jüngsten politischen Entwick-
lungen in Sri Lanka nichts, dies betrifft insbesondere den Ausgang der Prä-
sidentschaftswahlen im November 2019 und den darauf folgenden Regie-
rungswechsel. Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Rajapaksa zum
neuen Präsidenten Sri Lankas gewählt. Gotabaya Rajapaksa war unter
seinem älteren Bruder Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015 Präsi-
dent war, Verteidigungsminister und wurde in diesem Zusammenhang
zahlreicher Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Ak-
tivistinnen und Aktivisten angeklagt. Zudem wird er von Beobachtern für
Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen im Zusammenhang
mit dem Ende des Bürgerkrieges 2009 verantwortlich gemacht (vgl. HAN-
NAH ELLIS-PETERSEN, The Guardian, Gotabaya Rajapaksa elected presi-
dent of Sri Lanka, 17. November 2019 [https://www.theguar-
dian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-candidate-rajapaksa-
E-159/2018
Seite 28
premadas-count-continues], und Human Rights Watch, World Report 2020
– Sri Lanka [https://www.hrw.org/world-report/2020/country-chapters/sri-
lanka], beide abgerufen am 9. November 2020). Kurz nach der Wahl er-
nannte der neue Präsident seinen Bruder Mahinda zum Premierminister
und berief auch einen weiteren Bruder, Chamal Rajapaksa, in die Regie-
rung. Die drei Brüder kontrollieren in der neuen Regierung zahlreiche Mi-
nisterien und Departemente (vgl. HANNAH ELLIS-PETERSEN, The Guardian,
Sri Lanka's president Rajapaksa cements family power as brothers join ca-
binet, 22. November 2019 [https://www.theguardian.com/world/
2019/nov/22/sri-lankas-president-rajapaksa-cements-family-power-as-
brothers-join-cabinet], abgerufen am 9. November 2020). Beobachter so-
wie ethnische und religiöse Minderheiten befürchten aufgrund dieser
Macht der Familie Rajapaksa verstärkte Repression und die vermehrte
Überwachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Journalis-
tinnen und Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen Perso-
nen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel weckt
Ängste bei Minderheiten, 21. November 2019 [https://www.fluechtlings-
hilfe.ch/publikationen/im-fokus/sri-lanka-regierungswechsel-weckt-a-
engste-bei-minderheiten], abgerufen am 9. November 2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst und beobachtet die Entwicklungen laufend. Zwar ist beim derzei-
tigen Kenntnisstand eine Akzentuierung der Gefährdungslage für Perso-
nen mit gewissen Risikofaktoren möglich (vgl. z.B. Human Rights Watch,
Sri Lanka: Families of «Disappeared» Threatened, 16. Februar 2020,
[https://www.hrw.org/news/2020/02/16/sri-lanka-families-disappeared-
threatened], abgerufen am 9. November 2020). Vorliegend besteht jedoch
kein persönlicher Bezug der Beschwerdeführenden zur Präsidentschafts-
wahl vom 16. November 2019 respektive zu deren Folgen. Dafür, dass seit
dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen oder Rück-
kehrer tamilischer Ethnie aus der Schweiz generell, das heisst ohne wei-
tere individuelle Gefährdungskomponente, einer Verfolgungsgefahr ausge-
setzt wären, gibt es derzeit keine Anzeichen (vgl. auch Urteile BVGer E-
2017/2020 vom 5. Oktober 2020 E. 9.2.1, D-6759/2017 vom 24. Septem-
ber 2020 E. 10.3 und D-3441/2017 vom 10. September 2020 E. 5.3). Des-
halb ändern diese Umstände nichts an der Risikoeinschätzung betreffend
die Beschwerdeführenden.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
E-159/2018
Seite 29
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
9.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den
E-159/2018
Seite 30
Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr («real risk»)
nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschie-
bung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil
EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§ 124 ff. m.w.H.).
Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegwei-
sungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil BVGer E-
1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2 sowie statt vieler Urteil BVGer E-
2017/2020 vom 5. Oktober 2020 E. 12.2.3 m.w.H.). Es ergeben sich aus
den Akten auch keine konkreten Hinweise darauf, dass die Beschwerde-
führenden bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit Massnahmen zu befürchten hätten, die über einen so genannten
«Background Check» (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In-
und Ausland) hinausgehen würden, oder dass sie persönlich gefährdet wä-
ren. Daran vermögen der Regierungswechsel vom November 2019 sowie
die seither veränderte Lage in Sri Lanka nichts zu ändern.
9.2.3 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich im Sinne der asyl- als auch
der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
E-159/2018
Seite 31
9.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Das Bundesverwal-
tungsgericht geht weiterhin davon aus, dass der Wegweisungsvollzug in
die Nordprovinz zumutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumut-
barkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder
sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkom-
mens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil BVGer
E-1866/2015 E. 13.2). Auch der Wegweisungsvollzug ins Vanni-Gebiet, wo
die Beschwerdeführenden vor ihrer Ausreise gelebt haben wollen, gilt als
zumutbar (vgl. Referenzurteil BVGer D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017
E. 9.5). Diese Einschätzung bleibt auch nach den aktuellen Entwicklungen
in Sri Lanka und insbesondere auch nach den Parlamentswahlen vom
5. August 2020 weiterhin zutreffend (vgl. dazu im Einzelnen Urteile BVGer
D-7353/2017 vom 24. Juni 2020 E. 11.3.1 und D-2130/2017 vom 14. Ok-
tober 2020 E. 9.3.2).
9.3.2 Sodann sind auch keine individuellen Gründe erkennbar, welche ge-
gen die Rückkehr der Beschwerdeführenden nach Sri Lanka sprechen
könnten. In (...) besitzen sie ein Grundstück (A35 F121 f.) und in
G._ (Jaffna District) wohnt die Mutter des Beschwerdeführers in ih-
rem eigenen Haus (A3 S. 5 und A35 F109 ff.). Ausserdem verfügen sie
über ein näheres Beziehungsnetz in ihrer Heimat; so leben dort beispiels-
weise der Onkel der Beschwerdeführerin, der sie bereits vor ihrer Ausreise
unterstützt hat und (...) Läden besitzt (A35 F123), ihre Schwester (A4 S. 5)
sowie weitere Onkel und Tanten. Des Weiteren hat die Beschwerdeführerin
ihre Ausbildung mit einem Bachelor (...) abgeschlossen und als (...) und
(...) gearbeitet (A4 S. 4). Auch der Beschwerdeführer hat die Schule mit
dem O-Level beendet und anschliessend jahrelang gearbeitet (A3 S. 4). Es
ist folglich nicht davon auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr in ihre
Heimat in eine existentielle Notlage geraten würden.
9.3.3 Das vorgebrachte [Krankheit] der Tochter stellt kein medizinisches
Vollzugshindernis dar. Gemäss Arztbericht vom 12. Januar 2017 [medizini-
sche Feststellungen] diagnostiziert, welche indes keine weiteren Massnah-
men erfordern würden. Auch im Bericht des Kinderarztes vom 19. Juli 2017
wird festgehalten, es sei keine Behandlung notwendig (A38).
9.3.4 Schliesslich ist bei der Anordnung des Wegweisungsvollzugs, wenn
Kinder betroffen sind, im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindes-
E-159/2018
Seite 32
wohl ein Gesichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich insbe-
sondere aus einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4
AIG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November
1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des
Kindswohls sind sämtliche Umstände zu würdigen, die im Hinblick auf eine
Wegweisung wesentlich erscheinen (vgl. statt vieler Urteil BVGer E-
4597/2020 vom 20. Oktober 2020 E. 11.2.2 m.w.H.). Wichtig ist namentlich
der Grad der erfolgten Integration des Kindes oder der Kinder bei einem
längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade die Dauer des Aufenthaltes in
der Schweiz ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse
einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor
zu werten. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das
unmittelbare persönliche Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu
berücksichtigen, sondern auch dessen übrige soziale Einbettung. Die Ver-
wurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung im Sinne einer Ent-
wurzelung im Heimatland haben, die unter Umständen die Rückkehr dort-
hin als unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2014/20 E. 8.3.6; 2009/51
E. 5.6 und 2009/28 E. 9.3.2 je m.w.H.).
Im Beschwerdeverfahren werden betreffend die Kinder der Beschwerde-
führenden und deren Integration in der Schweiz (z.B. Schulsituation) keine
Vorbringen dargelegt. Das jüngste Kind der Beschwerdeführenden wurde
in der Schweiz geboren, es ist heute (...) Jahre alt und noch im Vorschul-
alter, und es darf davon ausgegangen werden, dass es sich noch haupt-
sächlich im Rahmen seiner Familie bewegt. Die beiden älteren Kinder sind
heute (...) und (...) Jahre alt; sie leben nunmehr seit fünf Jahren in der
Schweiz und haben sich möglicherweise in der Schule und in allfälligen
Freizeitaktivitäten mit Kolleginnen und Kollegen zu einem gewissen Grad
in die Schweizer Verhältnisse integriert. Dennoch dauert der Aufenthalt in
der Schweiz noch nicht derart lang, als dass bei einem Wegweisungsvoll-
zug bereits deshalb von einer Entwurzelung ausgegangen werden müsste.
Auch für die beiden älteren Kinder ist davon auszugehen, dass in ihrem
Alter die Kernfamilie und die Beziehung zu den beiden Eltern und zu den
eigenen Geschwistern weiterhin die wichtigste soziale Bindung darstellt.
Zweifellos wird eine Rückkehr nach Sri Lanka für alle Kinder mit gewissen
Eingewöhnungsschwierigkeiten einhergehen; diese sind jedoch nicht als
derart gravierend zu erachten, als dass davon ausgegangen werden
müsste, das Kindeswohl stehe dem Vollzug der Wegweisung entgegen
(vgl. z.B. Urteil BVGer D-7226/2018 vom 25. Februar 2020 E. 5.3.6).
E-159/2018
Seite 33
9.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Es erübrigt sich, auf die weiteren einge-
reichten Beweismittel – die sich allesamt auf die generelle Situation in Sri
Lanka beziehen, ohne einen individuellen Bezug zu den Beschwerdefüh-
renden zu haben – noch näher einzugehen. Die Beschwerde ist abzuwei-
sen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerdefüh-
renden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und praxisgemäss angesichts
der ausserordentlichen umfangreichen Beschwerdeeingaben und der Ein-
reichung zahlreicher Beweismittel ohne einen direkten Bezug zu den Be-
schwerdeführenden auf insgesamt Fr. 1500.– festzusetzen (Art. 1-3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der bereits
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 750.– wird diesem Betrag angerech-
net, womit noch ein Restbetrag von Fr. 750.– zu bezahlen bleibt.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 34