Decision ID: 875611eb-9b65-43a5-898a-4f09f94fc4d4
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ erlitt am 23. September 2007 im Rahmen eines Motorradunfalls ein
Polytrauma (vgl. Suva-act. 1, 41, 49 und 347; zu den Diagnosen vgl. Suva-act. 305-2
ff.). Die Suva anerkannte ihre Leistungspflicht und erbrachte die gesetzlichen
Versicherungsleistungen (Heilbehandlungen und Taggelder). Am 20. Dezember 2011
sprach sie dem Versicherten bei einer Integritätseinbusse von 60 Prozent (50 Prozent
wegen völliger Gebrauchsunfähigkeit der linken oberen Extremität [vgl. Suva-
act. 303-17, 306-35], 10 Prozent wegen minimaler bis leichter neuropsychologischer
Funktionsstörung [vgl. Suva-act. 303-17]) eine Integritätsentschädigung von 64’080
Franken zu (Suva-act. 335). Mit einer Verfügung vom 27. August 2012 sprach sie ihm
mit Wirkung ab dem 1. September 2012 eine monatliche Rente von 2’399.50 Franken
und eine Teuerungszulage von 69.60 Franken zu (Suva-act. 421). Der Betrag der
Invalidenrente entsprach einem Invaliditätsgrad von 45 Prozent. Eine dagegen
erhobene Einsprache (Suva-act. 429) wurde abgewiesen (Entscheid vom 3. Dezember
2012, Suva-act. 445).
A.b Am 9. September 2012 zog sich der Versicherte bei einem Treppensturz eine
Schulterkontusion rechts zu (vgl. Suva-act. 427 und 489 [eingeordnet nach act. 427];
462). Die Suva richtete dem Versicherten für die Folgen dieses Unfalls (geführt unter
Unfall-Nummer 15.81804.12.8) in Ergänzung zur Rente ein Taggeld aus (vgl. Suva-
act. 541, ferner 433; offenbar per Ende Februar 2013 vorübergehend eingestellt, Suva-
act. 465; vgl. auch das Besprechungsprotokoll vom 3. Mai 2013 in Suva-act. 484, in
dem der Unfall Nr. 15.81804.12.8 als abgeschlossen bezeichnet wurde). Am
27. November 2012 wurde der Versicherte an der rechten Schulter operiert (Suva-
act. 442). Es wurde eine Arthroskopie mit subacromialer Dekompression/
Acromioplastik und eine Metallentfernung und Exotosenabtragung Clavicula
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorgenommen. Im Januar 2013 stürzte der Versicherte erneut auf die rechte Schulter
(vgl. Suva-act. 460; 469-2). Am 7. Mai 2013 wurde erfolglos eine Metallentfernung am
rechten Vorderarm versucht (Suva-act. 486). Am 15. Mai 2013 kam es auf dem Balkon
der Wohnung des Versicherten zu einem nochmaligen Sturz auf die rechte Schulter
(Suva-act. 493; in Suva-act. 496 wird von einem Sturz auf den rechten Ellbogen
berichtet; offenbar Unfall-Nummer 15.80943.13.2, vgl. Suva-act. 502-1).
A.c Am 23. Juli 2013 erkundigte sich die Suva beim behandelnden Arzt, Dr. med.
B._, Spital C._, nach dem Grund für die von ihm – weiterhin – attestierte
vollständige Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 506). Dieser antwortete am 26. Juli 2013
(Suva-act. 507), dass der Versicherte am 15. Juli 2013 noch über stärkere Schmerzen
geklagt habe. Ab Anfang August 2013 sei dem Versicherten die Wiederaufnahme der
Arbeit im Rahmen seiner früheren Beschäftigung aber wohl wieder zumutbar.
Anlässlich eines Telefonates teilte der zuständige Sachbearbeiter der Suva dem
Versicherten am 2. August 2013 mit, dass die Suva ihm noch bis Ende Juli 2013
„zuvorkommenderweise“ ein Taggeld in Ergänzung zur Rente ausrichten werde (Suva-
act. 509). Am 8. August 2013 berichtete Dr. B._ (Suva-act. 510), dass der Versicherte
wieder über etwas vermehrte Schmerzen in der rechten Schulter und im Vorderarm
geklagt habe. Nach wie vor Hauptproblem sei aber das linke Knie. Aufgrund der
Gesamtsituation sei ihm die Rückkehr zur Arbeit noch nicht möglich. Am 5. November
2013 wurde eine operative Kreuzbandersatzplastik im linken Knie durchgeführt (Suva-
act. 522). Am 2. Dezember 2013 liess der Versicherte um die Zustellung der
Taggeldabrechnungen ab dem 1. Februar 2012 und um eine Begründung für die
Einstellung des Taggeldes ab dem 1. August 2013 und bis zum 3. November 2013
ersuchen (Suva-act. 534). Am 20. Dezember 2013 teilte die Suva dem Versicherten mit
(Suva-act. 541), dass sie ihm ab sofort kein Taggeld mehr ausrichten könne. Sie habe
nach der Rentenzusprache per 1. September 2012 aufgrund des in der
Nachdeckungsfrist erlittenen Unfalls vom 8. September 2012 ein Taggeld in Ergänzung
zur Rente ausgerichtet. Dieser Taggeldanspruch habe am 30. November 2012 geendet.
Am 27. November 2012 sei die Operation an der rechten Schulter erfolgt, die als
Rückfall qualifiziert worden sei. Deshalb sei ab dem 1. Dezember 2012 weiterhin ein
Taggeld ausgerichtet worden. Gemäss dem Art. 23 Abs. 8 UVV hätten Rentner aber bei
Rückfällen keinen Taggeldanspruch. Die Taggelder ab dem 1. Dezember 2012 seien
also irrtümlich ausgerichtet worden. Am 8. Januar 2014 erliess die Suva eine Verfügung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Suva-act. 548), mit der sie vom Versicherten die im Zeitraum vom 1. Dezember 2012
bis zum 31. Juli 2013 und die im Zeitraum vom 4. bis zum 30. November 2013
ausgerichteten Taggelder von total 25’473.40 Franken zurückforderte.
B.
B.a Am 31. Januar 2014 liess der Versicherte eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 8. Januar 2014 erheben (Suva-act. 558). Sein Rechtsvertreter führte aus, die
Taggelder seien gerade nicht irrtümlich ausbezahlt worden. Der Sachbearbeiter habe
nämlich in einer Telefonnotiz vom 2. August 2013 festgehalten, dass die Suva das
Taggeld in Ergänzung zur Rente noch bis Ende Juli 2013 zuvorkommenderweise
übernehme. Die Rückforderung sei vor diesem Hintergrund treuwidrig. Dies gelte auch
für die im November 2013 ausgerichteten Taggelder, denn wenn schon die Taggelder
bis Ende Juli 2013 zuvorkommenderweise und damit freiwillig geleistet worden seien,
dann erst recht auch die Taggelder für den November 2013. Es passe ins Bild des
Case Managements, dass der Case Manager bewusst auf eine Aufteilung der
Versicherungsleistungen auf die verschiedenen Unfälle verzichtet und so den
Versicherten im Glauben gelassen habe, er erhalte die Leistungen nach Massgabe der
gesetzlichen Vorgaben, mithin nicht unrechtmässig. In diesem Zusammenhang könne
auch die kreisärztliche Empfehlung nicht übergangen werden, wonach im Rahmen
eines stationären Aufenthaltes die im Gutachten vom 6. Oktober 2011 festgehaltene
Zumutbarkeitsbeurteilung überprüft werden sollte. Der Case Manager habe dies dem
Versicherten am 2. August 2013 zugesichert, bislang aber nichts unternommen, obwohl
der Versicherten ebenfalls am 2. August 2013 erklärt habe, er erachte sich als
vollständig arbeitsunfähig und halte die Ausrichtung einer ganzen Rente für das
Vernünftigste. Im Ergebnis werde die Aufhebung der Verfügung vom 8. Januar 2014
beantragt.
B.b Mit einem Entscheid vom 13. Februar 2014 hiess die Suva die Einsprache
teilweise gut (Suva-act. 569). Sie führte aus, das durch die telefonische Auskunft vom
2. August 2013 begründete Vertrauen des Versicherten sei zu schützen. Die bis zum
31. Juli 2013 ausgerichteten Taggelder seien daher nicht zurückzufordern. Am 2. Mai
2013 sei dem Versicherten mitgeteilt worden, dass der Versicherungsfall betreffend
den Sturz vom 9. September 2012 als abgeschlossen betrachtet werden könne, weil
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
alle vergangenen Untersuchungen auf das Unfallereignis vom 23. September 2007
zurückzuführen seien. Aus dieser Mitteilung hätte der Rechtsvertreter des Versicherten
als versierter UVG-Experte schliessen müssen, dass gemäss Art. 23 Abs. 8 UVV keine
weiteren Taggelder mehr geschuldet gewesen wären. Im Weiteren ergäben sich aus
der Telefonnotiz vom 2. August 2013 klare Vorbehalte gegen weitere Taggeldzahlungen
durch die Suva. Unter dem Titel „Treu und Glauben“ sei daher von einer
Taggeldrückforderung für den Zeitraum vom 4. bis zum 30. November 2012 (richtig:
2013) nicht abzusehen. Die Rückforderung reduziere sich folglich auf 2’300.45 Franken.
Das sinngemäss gestellte Erlassgesuch werde geprüft, wenn die Rückforderung
rechtskräftig geworden sei.
C.
C.a Am 19. März 2014 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 13. Februar 2014 erheben
(act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des Einspracheentscheides
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Suva (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) sowie die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der
Beschwerde. Zur Begründung führte er an, die streitigen Taggeldzahlungen seien im
Zusammenhang mit einer Operation erfolgt, deren Kosten die Beschwerdegegnerin
übernommen habe. Der Kreisarzt habe vorgängig bezüglich der Unfallkausalität
ausgeführt, dass die Behandlung in einem Zusammenhang mit dem Unfall vom
23. September 2007 stehe. Damit stehe die grundsätzliche Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin fest. Die nachträglich vorgebrachte Begründung der
Beschwerdegegnerin, es handle sich um einen Rückfall, für den sie keine
Leistungspflicht treffe, überzeuge nicht. Bereits in den Berichten des Luzerner
Kantonsspitals aus dem Jahr 2007 sei die Kreuzbandproblematik angesprochen
worden. Es sei absehbar gewesen, dass sich diesbezüglich medizinische Eingriffe
aufdrängten. Es könne somit nicht im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
von einem „Wiederaufflackern einer vermeintlich geheilten Schädigung“ gesprochen
werden. Der Grundfall sei mit anderen Worten entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin noch gar nicht abgeschlossen gewesen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 2. Mai 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie aus, dass der Grundfall mit der
Rentenzusprache per 1. September 2012 abgeschlossen worden sei. Erst am 15. Juli
2013 habe Dr. B._ eine Instabilität am linken Knie erwähnt. Eine MRI-Untersuchung
vom 16. Juli 2013 habe eine Insuffizienz des vorderen Kreuzbandes gezeigt, was eine
Kreuzbandersatzplastik erfordert habe. Es handle sich dabei um einen Rückfall zum
Unfall vom 23. September 2007. Die Knieproblematik links sei zwar schon vom
Kantonsspital Luzern und vom Paraplegikerzentrum Nottwil erwähnt worden. Bei der
Verlaufsuntersuchung vom 1. September 2008 hätten aber keinerlei Probleme am
linken Knie mehr festgestellt werden können. Gemäss der orthopädischen Expertise
der Rehaklinik Bellikon vom 6. Oktober 2011 sei das linke Knie damals unverändert
normal und stabil gewesen. Es liege also ein klassischer Rückfall vor, womit kein
Taggeldanspruch bestanden habe. Für die Anwendung des Art. 25 Abs. 1 ATSG sei es
irrelevant, ob die Leistungsausrichtung bewusst oder irrtümlich erfolgt sei.
Entscheidend sei, ob es sich um rechtmässige oder um unrechtmässige Leistungen
gehandelt habe.
C.c Mit einem Entscheid vom 12. Mai 2014 (UV 2014/20 Z) stellte das
Versicherungsgericht die aufschiebende Wirkung der Beschwerde wieder her.
C.d Am 15. September 2014 liess der Beschwerdeführer an seinen Anträgen
festhalten (act. G 6). Sein Rechtsvertreter machte geltend, dass es sich bei den
Beschwerden am linken Knie nicht um einen Rückfall handle, weil sich diese gemäss
den medizinischen Akten über die Jahre entwickelt hätten und weil der
Beschwerdeführer deswegen nachweislich schon mehrfach gestürzt sei. Dieser
unfallbedingte Gesundheitsschaden habe sich also über die Jahre kontinuierlich
verschlechtert. Es handle sich nicht um ein Wiederaufflackern einer vermeintlich
geheilten Schädigung. Die Beschwerdegegnerin habe nach dem 31. Juli 2013 keine
Taggelder mehr ausgerichtet. Erst ab dem 4. November 2013 habe sie – ganz bewusst
– wieder Taggelder ausgerichtet. Eine Rückforderung sei deshalb ausgeschlossen. Der
Rechtsvertreter legte seiner Eingabe eine Kopie eines Schreibens der
Beschwerdegegnerin vom 2. Juli 2014 betreffend eine interdisziplinäre Begutachtung
bei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.e Die Beschwerdegegnerin wies am 14. Oktober 2014 darauf hin (act. G 8), dass
sie ebenfalls an ihren Anträgen festhalte. Das Schreiben vom 2. Juli 2014 betreffe die
von ihr eingeleitete Rentenrevision. Dies habe mit der vorliegenden Streitsache nichts
zu tun.
C.f Am 1. September 2015 liess der Beschwerdeführer das Gutachten der
Universitätsklinik Balgrist vom 1. Juni 2015 (act. G 10.1) einreichen und darauf
hinweisen, dass die Sachverständigen einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen
dem Unfall vom 23. September 2007 und den Knieproblemen links aufgezeigt hätten
(act. G 10). Die Beschwerdegegnerin nahm am 11. September 2015 dazu Stellung
(act. G 12). Auf eine Rückfrage des Versicherungsgerichtes hin (act. G 14) teilte der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am 16. Oktober 2015 mit, dass der
Beschwerdeführer im letzten Quartal des Jahres 2013 weder einen Lohn erzielt noch
eine Arbeitslosenentschädigung erhalten habe (act. G 15).

Erwägungen
1.
1.1 Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer per 1. September 2012
eine Invalidenrente zugesprochen. Gemäss dem Art. 16 Abs. 2 UVG hat ab diesem
Zeitpunkt kein Anspruch mehr auf ein Taggeld bestanden. Zudem hat die Ablösung des
Taggeldes durch die Invalidenrente quasi die Beendigung des
Versicherungsverhältnisses zwischen den Parteien eingeläutet, denn gemäss dem
Art. 3 Abs. 2 UVG endet das Versicherungsverhältnis mit dem 30. Tag, an dem der
Anspruch auf mindestens den halben Lohn aufhört, wobei die Invalidenrente anders als
das Taggeld nicht als Lohn gilt (vgl. Art. 7 UVV). Die Zusprache eines Taggeldes nach
dem Ablauf dieser Nachdeckungsfrist fällt nur noch unter den (engen) Voraussetzungen
des Art. 21 Abs. 3 UVG in Betracht.
1.2 Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer nach der Rentenzusprache
für drei Zeiträume ein Taggeld ausgerichtet, nämlich von September 2012 bis zum
30. November 2012, für die Zeit vom 1. Dezember 2012 bis zum 31. Juli 2013 sowie für
die Zeit vom 4. bis zum 30. Novebber 2013. Das Taggeld für den ersten Zeitraum hat
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sie offenbar aufgrund einer Arbeitsunfähigkeit wegen der durch den Treppensturz vom
9. September 2012 (Unfall-Nummer 15.81804.12.8) ausgelösten Schulterkontusion
rechts ausgerichtet. Das Taggeld für den zweiten Zeitraum hat sie im Zusammenhang
mit der Operation an der rechten Schulter vom 27. November 2012 (Suva-act. 442)
erbracht, die sie offenbar als Rückfall zum Unfall vom 23. September 2007 gewertet hat
(Suva-act. 541). Die im dritten Zeitraum erbrachten Taggelder standen im
Zusammenhang mit der Knie-Operation vom 5. November 2013 (Suva-act. 522).
1.3 Obwohl laut dem Art. 49 Abs. 1 ATSG über Leistungen, die erheblich sind,
schriftlich Verfügungen erlassen werden müssen und obwohl Taggeldleistungen –
zumindest solche für mehrere Tage oder im vierstelligen Bereich – zweifelsohne als
erhebliche Leistungen zu qualifizieren sind, hat die Beschwerdegegnerin über die
Taggeldleistungen in den erwähnten Zeiträumen nicht formell verfügt. Wohl aus
prozessökonomischen Gründen hat sie in der Rückforderungsverfügung die Zeiträume
1. Dezember 2012 bis 31. Juli 2013 einerseits und 4. bis 30. November 2013
andererseits zusammengefasst. Inhaltlich sind darin zwei Verfügungen zu erblicken
(Rückforderung von Taggeld wegen Arbeitsunfähigkeit nach Schulter-Operation vom
27. November 2012 einerseits und nach Knie-Operation vom 5. November 2013
andererseits). Gegen beide wurde Einsprache erhoben. Die Beschwerdegegnerin hat
wiederum aus prozessökonomischen Gründen beide Zeiträume in einem
Einspracheentscheid behandelt. Darin wurde die Einsprache gegen die Rückforderung
der von 1. Dezember 2012 bis 31. Juli 2013 ausgerichteten Taggelder gutgeheissen
und jene gegen die Rückforderung der von 4. bis 30. November 2013 ausgerichteten
Taggelder abgewiesen. Gegen diesen zweiten Teil richtet sich die vorliegend zu
beurteilende Beschwerde. Vom Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens ist
folglich lediglich die Rückforderung für den Zeitraum 4. bis 30. November 2013 erfasst.
1.4 Nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist die Frage des Erlasses der
Rückforderung gestützt auf Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG. Die Gutgläubigkeit eines
allfällig unrechtmässigen Leistungsbezugs ist also entgegen der Ansicht des
Rechtsvertreters des Beschwerdeführers im vorliegenden Verfahren irrelevant.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die unbestritten von 4. bis 30. November 2013 bezahlten Taggelder wurden ohne
formelle Verfügungsgrundlage ausgerichtet. Es ist folglich von einer formlosen De-
facto-Verfügung auszugehen, die grundsätzlich dennoch rechtskraftfähig ist (vgl. zur
Rechtskraftsfähigkeit einer unrechtmässigerweise nicht in Verfügungsform gekleideten
Leistungsverweigerung innert eines Jahres BGE 134 V 145). Der Beschwerdeführer
hatte sich weder betreffend die Bezugsdauer (betreffend Beginn und Ende) noch die
Höhe des Taggelds einverstanden erklärt, sondern vielmehr wiederholt Akteneinsicht
und eine Begründung verlangt (so in Bezug auf die Taggeldeinstellung per Ende Juli
2013 am 29. Oktober 2013 und am 28. November 2013 [Suva-act. 518, 532], nach der
Auszahlung der Taggelder für November 2013 am 2. und 16. Dezember 2013 sowie am
8. Januar 2014 [Suva-act. 534, 538, 551]). Dies sowie die kurze Zeit nach der
Auszahlung bereits am 8. Januar 2014 erlassene Rückforderungsverfügung führen
dazu, dass die formlose (und damit formwidrige) Zusprache der Taggelder für 4. bis
30. November 2013 nicht rechtskräftig geworden ist. Aus verfahrensrechtlicher Sicht
konnte die Beschwerdegegnerin sie daher voraussetzungslos widerrufen, sie war dafür
nicht auf einen der drei im Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) vorgesehenen Rückkommenstitel
angewiesen (Anpassung nach Art. 17 ATSG, sog. prozessuale Revision nach Art. 53
Abs. 1 ATSG, Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG). Die Verfügung vom
8. Januar 2014 ist – entgegen ihrem Wortlaut, aber nach dem erkennbaren
Verfügungswillen – dahingehend zu interpretieren, dass sie nicht nur die
Rückforderung, sondern zwingend auch die dieser zugrunde liegende Korrektur, die
Verneinung eines Taggeldanspruchs im Zeitraum 4. bis 30. November 2013, beinhaltet
hat. Folglich ist im vorliegenden Verfahren zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin einen
Taggeldanspruch im Zeitraum 4. bis 30. November 2013 zu Recht verneint hat. Die
Rückforderung selbst stützte die Beschwerdegegnerin auf Art. 25 Abs. 1 ATSG (vgl. zur
Rückforderbarkeit auch von nicht rechtskräftig zugesprochenen Leistungen gestützt
auf Art. 25 ATSG m.w.H. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, N 7 zu Art. 25).
3.
3.1 Die Knie-Operation und die damit verbundene Arbeitsunfähigkeit des
Beschwerdeführers im November 2013 gingen auf den Unfall vom 23. September 2007
zurück; der Kausalzusammenhang ist von den Parteien zu Recht unbestritten. Da dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer per 1. September 2012 eine Rente zugesprochen worden ist, hat
sein Taggeldanspruch bezüglich des Unfalls vom 23. September 2007 geendet (Art. 16
Abs. 2 UVG). Ein allfälliger „neuer“ Taggeldanspruch hat nur noch unter den
Voraussetzungen des Art. 21 Abs. 3 UVG entstehen können. Diese Bestimmung
gewährt dem Rentenbezüger Anspruch auf Pflegeleistungen und Kostenvergütungen
nach Art. 10 bis 13 bei Rückfällen und Spätfolgen sowie bei der vom Versicherer
angeordneten Wiederaufnahme der ärztlichen Behandlung. Nach Satz 2 erhält der
Rentenbezüger, der während der Durchführung einer Heilbehandlung eine
Verdiensteinbusse erleidet, ein Taggeld, das nach dem letzten vor der neuen
Heilbehandlung erzielten Verdienst bemessen wird.
3.2 Eine Voraussetzung für den Anspruch auf ein Taggeld zusätzlich zur bereits
ausgerichteten Invalidenrente ist vorliegend also grundsätzlich, dass eine
Heilbehandlung aus einem der drei in Art. 21 Abs. 3 genannten Gründe (Rückfall,
Spätfolge, veranlasste Behandlungswiederaufnahme) vorgenommen wurde (siehe
allerdings die überzeugende Forderung von Maurer, wonach einem Rentenbezüger, der
einen Verdienstausfall erleidet, immer – also wohl auch bei einer Verschlechterung des
ursprünglichen, unfallkausalen Leidens – und nicht nur bei den drei benannten Gründen
ein Taggeld zu entrichten sei, Alfred Maurer, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl., 1989, S. 387). Ob die Knieproblematik links bzw. die
Operation vom 5. November 2013 einen der drei in Art. 21 Abs. 3 UVG explizit
genannten Gründe darstellt (bzw. gegebenenfalls welchen) oder ob auch bei anders
begründeten Verdienstausfällen ein Taggeldanspruch besteht, braucht vorliegend
jedoch nicht näher geprüft zu werden, wie sich nachfolgend ergibt.
3.3 Art. 21 Abs. 3 UVG setzt für einen Taggeldanspruch zwingend eine – effektive –
Verdiensteinbusse voraus (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichts 8C_619/2010 vom
16. Mai 2011 E. 5.4; für einen Anwendungsfall ferner das Urteil 8C_34/2008 vom
7. November 2008; vgl. auch die Botschaft des Bundesrates vom 18. August 1976 zum
UVG, BBl 1976 III 141, S. 192, in der der unmittelbar vor der Behandlung erzielte
Verdienst als massgebend bezeichnet wird). Wie beim (gewöhnlichen)
Taggeldanspruch eines Nichtrentenbezügers nach Unfall ist also auch hier – in
Nachachtung des Schadenausgleichsgedankens – vorausgesetzt, dass ein
Versicherungsverhältnis im Sinn von Art. 1a ff. UVG bzw. ein versicherter Verdienst (vgl.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Art. 15 UVG) besteht. Der Beschwerdeführer hat bestätigt, dass er im letzten Quartal
des Jahres 2013 weder einen Lohn erzielt noch eine Arbeitslosenentschädigung
erhalten hat. Die Behandlung der Unfallfolgen im November 2013 hat folglich keinen
effektiven Verdienstausfall zur Folge gehabt, weshalb gemäss dem Art. 21 Abs. 3 UVG
kein Taggeldanspruch hat entstehen können.
3.4 Der Beschwerdeführer hat nach dem Treppensturz vom 9. September 2013
wiederum Taggelder bezogen. Nach Lage der Akten scheint er der Auffassung zu sein,
dass er seither durchgehend, also über Juli 2013 hinaus, einen Taggeldanspruch hat
(vgl. die Telefonnotiz vom 2. August 2013 [Suva-act. 509], ferner Nachfragen seines
Rechtsanwalts vom 29. Oktober 2013 [Suva-act. 518], 28. November 2013 [Suva-
act. 532], 2. und 16. Dezember 2013 [Suva-act. 534; 538]). Wie es sich damit verhält,
ist nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. Wäre allerdings eine durchgehende
Arbeitsunfähigkeit seit September 2012 zu bejahen, dann wäre unter Umständen
relevant, ob der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des Treppensturzes einen konkreten
Verdienst erzielt bzw. wegen der Folgen des Sturzes einen Verdienstausfall erlitten hat.
Dann wäre nämlich das Kriterium der Verdiensteinbusse nach Art. 21 Abs. 3 UVG erfüllt
und der Beschwerdeführer könnte im November 2013 grundsätzlich noch immer einen
Anspruch auf ein neben der Teilrente auszurichtendes Taggeld haben. Nach Lage der
Akten ist ein Verdienstausfall durch die Folgen des Treppensturzes im September 2012
jedoch nicht ausgewiesen. Zwar wurde in einem Verlaufsprotokoll der Berufsberatung
der IV-Stelle des Kantons Zürich bereits in einem Eintrag vom 8. November 2011 ein
Arbeitsversuch bei der Firma D._ in E._ erwähnt. Am 10. August 2012 wurde in
jenem Protokoll festgehalten, der mit Suva-Taggeldern finanzierte Arbeitsversuch bei
dieser Unternehmung werde vom Case-Manager der Suva begleitet und man hoffe auf
eine Anstellung im Rahmen von 30-40% (Suva-act. 436). Der Suva-Case-Manager
hatte in einem Protokoll über eine Besprechung mit dem Versicherten vom 17. Juli
2012 festgehalten, der Versicherte habe sein Arbeitspensum bei Herrn F._ (gemäss
Handelsregisteramt des Kantons Zürich Verwaltungsratsmitglied der D._, damals mit
Sitz in G._) gesteigert (Suva-act. 406). Am 30. Oktober 2012 wurde festgehalten, der
Vertrag mit der Firma F._ liege „seit dem neuen Ereignis“ (gemeint ist der
Treppensturz vom 9. September 2012) beim Rechtsanwalt des Beschwerdeführers zur
Kontrolle. Es sei also noch kein Vertrag unterschrieben und kein Lohn bezahlt worden
(Suva-act. 433). Demnach ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer durch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Folgen des Treppensturzes vom September 2012 keinen Verdienstausfall erlitten hat
(vgl. auch die Hinweise zur Berufsanamnese in den Gutachten der Universitätsklinik
Balgrist, Zürich, act. G 10.1 S. 30, G 10.2 S. 45, G 10.3 S. 9). Selbst wenn also aus
medizinischer Sicht durchgehend auch von August bis November 2013 eine relevante
Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen wäre – was nicht geprüft werden muss –, so scheitert
der Taggeld-Anspruch von Vornherein wiederum daran, dass der Beschwerdeführer
auch im September 2012 keine Verdiensteinbusse erlitten hat.
3.5 Die Parteien haben über die Anwendbarkeit von Art. 23 Abs. 8 UVV bzw. dessen
Tragweite für den vorliegenden Fall diskutiert. Der Verordnungsgeber hat in Art. 23
Abs. 8 UVV angeordnet, dass bei Rückfällen der unmittelbar zuvor bezogene Lohn,
mindestens aber ein Tagesverdienst von zehn Prozent des Höchstbetrages des
versicherten Tagesverdienstes, massgebend sei, ausgenommen bei Rentnern der
Sozialversicherung. Ob diese Bestimmung als Ausnahmeregelung zu Art. 21 Abs. 3
UVG zu verstehen ist (obwohl systematisch im Abschnitt „versicherter Verdienst“ und
nicht im folgenden Abschnitt „Taggeld“ eingeordnet), indem in gewissen Fällen
entgegen dieser Gesetzesvorschrift für den Taggeldanspruch kein effektiver
Verdienstausfall erforderlich ist, und ob der Verordnungsgeber zum Erlass einer so zu
verstehenden Ausnahmeregelung überhaupt legitimiert wäre, braucht vorliegend nicht
näher überprüft zu werden. Denn wie die Beschwerdegegnerin in der
Beschwerdeantwort (Ziff. 4.2/a) zu Recht vorbringt, fällt der Beschwerdeführer als
Rentner der Sozialversicherung ohnehin nicht unter die Mindestgrenze des
massgebenden Lohnes gemäss Art. 23 Abs. 8 UVV. Weitere Ausführungen hierzu
erübrigen sich somit.
4.
4.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen hat der Beschwerdeführer für den
vorliegend interessierenden Zeitraum vom 4. bis 30. November 2013 keinen Anspruch
auf ein die Rente ergänzendes Taggeld. Folglich hat die Beschwerdegegnerin die ein
solches Taggeld zusprechende, noch nicht rechtskräftig gewordene De-facto-
Verfügung zu Recht implizit widerrufen und den ausgerichteten Betrag in der
unbestritten gebliebenen Höhe von Fr. 2‘300.45 zurückgefordert. Der diese
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rückforderung bestätigende Einspracheentscheid ist nicht zu beanstanden, weshalb
die Beschwerde abzuweisen ist.
4.2 Gerichtskosten sind gemäss dem Art. 61 lit. a ATSG keine zu erheben. Der
unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.