Decision ID: 208e9d77-6c83-5c7f-88fd-7f2496f50404
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im September 2018 zum Bezug von Ergänzungsleistungen an
(EL-act. III/29). Er wies darauf hin, dass das Verfahren betreffend eine Rente der
Invalidenversicherung noch hängig sei und dass er per 1. Oktober 2018 im Kanton
Thurgau wohnen werde. Die Sozialen Dienste B._ beantragten im September 2018
eine Drittauszahlung der Ergänzungsleistungen für die Zeit vom 1. September 2017 bis
zum 30. September 2018 (EL-act. III/23). Die EL-Durchführungsstelle wies den EL-
Ansprecher am 22. Oktober 2018 darauf hin, dass er sich für die Zeit ab dem 1.
Oktober 2018 im Kanton Thurgau zum Bezug von Ergänzungsleistungen anmelden
müsse (EL-act. III/20). Am 26. November 2018 forderte sie die Sozialen Dienste B._
auf, ein Formular für den Antrag auf eine Verrechnung der Nachzahlung auszufüllen
(EL-act. III/17). Am 3. Dezember 2018 beantragten die Sozialen Dienste B._ mittels
des entsprechenden Formulars die Verrechnung der zu erwartenden EL-Nachzahlung
im Betrag von 14’637 Franken im Umfang von 12’681.35 Franken (EL-act. III/15). Mit
einer Verfügung vom 6. Dezember 2018 sprach die EL-Durchführungsstelle dem EL-
Ansprecher für die Zeit vom 1. September 2017 bis zum 30. September 2018 eine
Ergänzungsleistung im Gesamtbetrag von 14’637 Franken zu (EL-act. III/11). In der
Verfügungsbegründung wies sie darauf hin, dass sie einen Teil der Nachzahlung direkt
mit einer Forderung der Sozialen Dienste B._ verrechnen werde, da diese
Vorschussleistungen erbracht hätten. Die Vollzugsanordnung im Dispositiv (Dispositiv-
Ziffer 3) lautete: „Die Nachzahlung von 14’637 Franken wird am 7. Dezember 2018 auf
A.a.
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das Konto A._ [...] überwiesen oder mit allfälligen offenen Forderungen verrechnet.
Im Fall einer Verrechnung erhalten Sie in den nächsten Tagen eine separate
Verrechnungsmitteilung“ (EL-act. III/11–2).
Im Februar 2019 teilten die Sozialen Dienste B._ der EL-Durchführungsstelle
telefonisch mit, dass die Verrechnung vergessen gegangen sei; offenbar hatte die EL-
Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung versehentlich vollständig dem EL-Bezüger
ausbezahlt. Ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle notierte (EL-act. III/7), der
Verrechnungsbetrag werde den Sozialen Diensten B._ als „KKs“ (Vergütung von
Krankheits- und Behinderungskosten) ausbezahlt. Anschliessend könne man diesen
Betrag vom EL-Bezüger zurückfordern. Mit einer Verfügung vom 28. Februar 2019
sprach die EL-Durchführungsstelle dem EL-Bezüger „Krankheits- und
Behinderungskosten“ im Betrag von 12’681.35 Franken zu, die sie direkt den Sozialen
Diensten B._ ausbezahlte (EL-act. III/6). Am 29. März 2019 liess der EL-Bezüger eine
Einsprache gegen die Verfügung vom 28. Februar 2019 erheben (EL-act. III/2). Seine
Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Auszahlung der Krankheits- und Behinderungskosten an ihn selbst, das Absehen von
einer Rückforderung von bereits erbrachten Leistungen sowie die Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren. Zur Begründung
führte sie aus, die Krankheits- und Behinderungskostenvergütung betreffe den EL-
Bezüger selbst. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb der entsprechende Betrag den
Sozialen Diensten B._ ausbezahlt werde. Die in der Verfügungsbegründung
angekündigte Rückforderung von Ergänzungsleistungen sei ebenfalls nicht
nachvollziehbar.
A.b.
Mit einer Verfügung vom 10. April 2019 forderte die EL-Durchführungsstelle vom
EL-Bezüger „Krankheits- und Behinderungskosten“ im Betrag von 12’681.35 Franken
zurück (EL-act. II/24). Zur Begründung führte sie an: „Mit dieser Verfügung korrigieren
wir einen von uns verursachten Fehler. Im Rahmen der Verfügung vom 6. Dezember
2018 wurde leider keine Verrechnung mit den Sozialen Diensten B._ vorgenommen,
obwohl diese Amtsstelle einen Anspruch auf 12’681.35 Franken geltend machte. Den
Ihnen zu viel ausbezahlten Betrag müssen wir zurückfordern. Aus systemtechnischen
Gründen müssen wir die Korrektur über die Krankheits- und Behinderungskosten zu
den Ergänzungsleistungen vornehmen. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir die
A.c.
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St.Galler Gerichte
durch diese notwendige Korrektur entstehende Rückforderung aus rechtlichen
Gründen trotzdem stellen müssen. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten
entschuldigen wir uns“. Am 10. Mai 2019 liess der EL-Bezüger auch gegen diese
Verfügung eine Einsprache erheben (EL-act. II/23). Seine Rechtsvertreterin beantragte
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, das Absehen von einer Rückforderung
und die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das
Einspracheverfahren. Zur Begründung führte sie aus, den EL-Bezüger treffe keine
Schuld daran, dass die Ergänzungsleistungen ihm selbst ausbezahlt worden seien. Das
Geld sei nicht mehr vorhanden. Für eine Rückforderung bestehe keine Grundlage. Die
EL-Durchführungsstelle vereinigte das Einspracheverfahren betreffend die Verfügung
vom 10. April 2019 mit jenem betreffend die Verfügung vom 28. Februar 2019 (EL-act.
II/21).
Am 9. Juli 2019 liess der EL-Bezüger geltend machen (EL-act. II/16), die
Verrechnung der Ergänzungsleistungen mit der Forderung der Sozialen Dienste B._
sei unzulässig, weil die Nachzahlung einen anderen Zeitraum als die Forderung der
Sozialen Dienste B._ betreffe. Die EL-Durchführungsstelle habe dem EL-Bezüger zu
Unrecht ein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet. Diesbezüglich erweise
sich die leistungszusprechende Verfügung als offensichtlich unrichtig, weshalb sie
wiedererwägungsweise korrigiert werden müsse. Für den Fall, dass dieser Antrag
respektive die Einsprachen gegen die Verfügungen vom 10. April 2019 und vom 28.
Februar 2019 abgewiesen würden, beantrage der EL-Bezüger den Erlass der
Rückforderung.
A.d.
Bereits am 5. Juni 2019 hatte die EL-Durchführungsstelle eine Verfügung erlassen,
mit der sie dem EL-Bezüger Krankheits- und Behinderungskosten im Gesamtbetrag
von 733.25 Franken vergütet, den entsprechenden Anspruch aber mit der offenen
Rückforderung von 12’681.35 Franken verrechnet hatte (EL-act. II/14). Offenbar hatte
der EL-Bezüger am 8. Juli 2019 eine Einsprache gegen diese Verfügung erhoben; das
entsprechende Einspracheverfahren wurde mit jenem betreffend die Verfügungen vom
10. April 2019 und vom 28. Februar 2019 vereinigt (EL-act. II/12). Die EL-
Durchführungsstelle teilte dem EL-Bezüger am 4. Oktober 2019 mit, dass sie auf sein
Wiedererwägungsgesuch nicht eintrete (EL-act. II/7). Mit einem Entscheid vom 27.
November 2019 „stellte“ die EL-Durchführungsstelle „fest“ (EL-act. II/6), dass der EL-
A.e.
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Bezüger Ergänzungsleistungen im Betrag von 12’681.35 Franken abzüglich eines
Betrages von 733.25 Franken zurückzuerstatten habe; „im Übrigen“ wies sie die
Einsprachen gegen die Verfügungen vom 28. Februar 2019, vom 10. April 2019 und
vom 5. Juni 2019 sowie das Gesuch um die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für
das (vereinigte) Einspracheverfahren ab. Zur Begründung führte sie an, die zunächst
versehentlich unterbliebene, mit den angefochtenen Verfügungen vom 28. Februar
2019 und vom 10. April 2019 nachgeholte Verrechnung sei rechtmässig, da die
gesetzlichen Voraussetzungen für diese Verrechnung erfüllt seien. Dieser
Einspracheentscheid erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Mit einer Verfügung vom 30. Januar 2020 wies die EL-Durchführungsstelle das
Erlassgesuch vom 9. Juli 2019 betreffend die nun formell rechtskräftige Rückforderung
ab (EL-act. II/4). Zur Begründung führte sie an, dem EL-Bezüger hätte auffallen
müssen, dass ihm nicht die ganze Nachzahlung zugestanden habe. Er hätte die EL-
Durchführungsstelle folglich auf ihr Versehen aufmerksam machen müssen. Da er die
Ergänzungsleistungen deshalb nicht gutgläubig bezogen habe, bestehe kein Anspruch
auf den Erlass der Rückforderung. Am 28. Februar 2020 liess der EL-Bezüger eine
Einsprache gegen diese Verfügung erheben (EL-act. II/2). Seine Rechtsvertreterin
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, den Erlass der
Rückforderung und die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das
Einspracheverfahren. Zur Begründung führte sie aus, der EL-Bezüger habe keinen
Überblick über die Sozialhilfeschulden gehabt, er sei mit den verschiedenen
Verfügungen der EL-Durchführungsstelle überfordert gewesen und er habe deren Inhalt
teilweise auch nicht verstehen können. Mit einem Entscheid vom 11. Juni 2020 wies
die EL-Durchführungsstelle die Einsprache und das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren ab (EL-act. I/3). Zur Begründung
führte sie an, die ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung habe einen
deutlichen Hinweis auf die geplante Verrechnung enthalten, weshalb dem EL-Bezüger
habe bewusst sein müssen, dass er keinen Anspruch auf die Auszahlung der ganzen
Nachzahlung an ihn selbst gehabt habe. Er hätte das Versehen folglich melden
müssen. Indem er dies nicht getan habe, habe er seine Sorgfaltspflichten verletzt, was
einen Erlass der Rückforderung ausschliesse.
A.f.
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B.

Erwägungen
1.
Am 13. Juli 2020 liess der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 11. Juni 2020 erheben (act. G 1).
Seine Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides, den Erlass der Rückforderung, die Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren und die Bewilligung
der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Beschwerdeverfahren. Zur
Begründung führte sie aus, der Beschwerdeführer habe einen Anspruch auf die
gesamten ihm zugesprochenen Ergänzungsleistungen gehabt. Für ihn sei nicht
erkennbar gewesen, dass die Nachzahlung teilweise mit einer Forderung der Sozialen
Dienste B._ hätte verrechnet werden müssen. Der Beschwerdeführer sei mit den
Details überfordert gewesen. Deshalb sei er auch im vorinstanzlichen
Einspracheverfahren auf eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung angewiesen
gewesen.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 30. Juli 2020 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 4).
B.b.
Am 5. Oktober 2020 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Beschwerdeverfahren bewilligt (act. G 9).
B.c.
Der Beschwerdeführer liess am 17. November 2020 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 13). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 14 f.).
B.d.
Der Beschwerdeführer hat seinen Wohnsitz im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung
im Kanton Thurgau gehabt. Bei einer sich nur am Wortlaut des Art. 58 Abs. 1 ATSG
orientierenden Auslegung müsste das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
seine örtliche Zuständigkeit verneinen, einen Nichteintretensentscheid erlassen und die
Beschwerde an das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau als Versicherungsgericht
überweisen. Zwar erscheint der Wortlaut des Art. 58 Abs. 1 ATSG als „klar“, weshalb
nach der bundesgerichtlichen Auffassung eine historische, systematische und
1.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/15
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teleologische Interpretation des Art. 58 Abs. 1 ATSG unterbleiben müsste. Aber auch
ein vermeintlich „klarer“ Wortlaut kann vom eigentlichen Sinn und Zweck der Norm
abweichen. Erst die historische, systematische und teleologische Auslegung zeigt, ob
der „klare“ Wortlaut den wahren Willen des Gesetzgebers zum Ausdruck bringt. Wäre
eine Diskrepanz zwischen einem „klaren“ Wortlaut und dem wahren Sinn und Zweck
einer Norm zum Vorneherein ausgeschlossen, könnte das (bekannte) Phänomen der
„unechten“ Gesetzeslücke gar nie auftreten. Tatsächlich tritt dieses Phänomen aber
bekanntermassen regelmässig auf. Auch der Art. 58 Abs. 1 ATSG enthält ganz
offensichtlich eine ausfüllungsbedürftige „unechte“ Gesetzeslücke, wie die folgenden
Ausführungen zeigen.
Den Materialien zum ATSG lässt sich entnehmen, dass der Art. 58 Abs. 1 ATSG
weitgehend dem früheren Art. 86 Abs. 3 KVG entspricht (der allerdings alternativ eine
örtliche Zuständigkeit am Sitz der Versicherung vorgesehen hatte). Mit dieser
(eingeschränkten) Anleihe an die frühere krankenversicherungsrechtliche Lösung hat
der historische Gesetzgeber den Grundsatz im ATSG verankern wollen, dass sich der
Gerichtsstand nach dem Wohnsitz der versicherten Person bestimmt (vgl. den Bericht
der Kommission des Nationalrates für soziale Sicherheit und Gesundheit vom 26. März
1999, BBl 1999 4620). Damit sollte nicht nur ein einheitliches Anknüpfungskriterium für
die örtliche Zuständigkeit geschaffen, sondern auch sichergestellt werden, dass sich
jenes Gericht mit einer Streitsache befasst, das dem zu beurteilenden Sachverhalt am
nächsten steht (vgl. dazu auch Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 58 N
9). An den eher seltenen Fall, dass die versicherte Person ihren Wohnsitzkanton kurz
vor der Beschwerdeerhebung wechselt, hat der historische Gesetzgeber aber offenbar
nicht gedacht.
1.2.
In systematischer Hinsicht ist massgebend, dass die
Bundessozialversicherungszweige einen unterschiedlich starken Bezug zum
kantonalen Recht aufweisen. Die erste Säule (AHV/IV), die Unfall- und die
Militärversicherung richten sich beispielsweise ausschliesslich nach Bundesrecht. Die
Familienzulagen sind dagegen weitgehend kantonalrechtlich geregelt; die
entsprechenden Bundesgesetze (FamZG; FLG) enthalten lediglich gewisse
vereinheitlichende Rahmenbestimmungen. Dementsprechend sieht der Art. 22 FamZG
vor, dass sich die örtliche Zuständigkeit zur Behandlung einer Beschwerde in
Abweichung vom Art. 58 Abs. 1 ATSG danach bestimmt, welche (kantonale)
Familienzulagenordnung anwendbar ist. Selbst das AHVG und das IVG sehen
allerdings trotz der fehlenden kantonalrechtlichen Bezüge vor, dass nicht das
Versicherungsgericht am Wohnsitz der versicherten Person, sondern jenes am Ort der
1.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/15
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verfügenden Ausgleichskasse beziehungsweise IV-Stelle örtlich zuständig ist. Die
jährliche Ergänzungsleistung ist zwar weitgehend bundesrechtlich geregelt. Die
Kantone können aber ergänzende Vorschriften betreffend die jährliche
Ergänzungsleistung erlassen, weshalb diese einen starken kantonalrechtlichen Bezug
aufweist. Die zweite Komponente der Ergänzungsleistung, die Vergütung von
Krankheits- und Behinderungskosten, richtet sich sogar fast ausschliesslich nach
kantonalem Recht. Das Bundesgesetz enthält nur einige Minimal- und
Rahmenvorschriften. Gesamthaft zeichnet sich das Ergänzungsleistungsrecht also
durch einen gewichtigen kantonalrechtlichen Bezug aus. In systematischer Hinsicht
drängt sich deshalb eine örtliche Zuständigkeitsregelung auf, die diesem Umstand
Rechnung trägt, denn andernfalls wäre ein kantonales Versicherungsgericht
gezwungen, anstelle des für es einzig massgebenden kantonalen Rechtes
ausserkantonale Bestimmungen anzuwenden, was verfassungsrechtlich gar nicht
zulässig wäre. Massgebendes Recht für ein kantonales Versicherungsgericht kann aber
nur das Bundesrecht und das Recht des eigenen Kantons sein; das Recht eines
anderen Kantons gehört dagegen nicht zum geltenden Recht. Das Verwaltungsgericht
des Kantons Thurgau als Versicherungsgericht kann weder berechtigt noch verpflichtet
sein, die Anwendung st. gallischen EL-Rechtes durch die EL-Durchführungsstelle des
Kantons St. Gallen auf ihre Gesetzmässigkeit zu überprüfen. Die
Zuständigkeitsordnung müsste im Ergänzungsleistungsrecht also so ausgestaltet sein,
dass die Anwendung von ausserkantonalem „Nicht-Recht“ vermieden würde. Sie
müsste folglich eher jener im Familienzulagenrecht (das ebenfalls stark
kantonalrechtlich geprägt ist) als jener im Unfall- oder Militärversicherungsrecht (das
ausschliesslich bundesrechtlich geregelt ist) entsprechen. Aus systematischer Sicht ist
das Fehlen einer entsprechenden Abweichung vom Grundsatz im Art. 58 Abs. 1 ATSG
somit als eine ausfüllungsbedürftige Gesetzeslücke zu qualifizieren.
Der Art. 58 Abs. 1 ATSG verfolgt zwei Ziele: Erstens will er ein einheitliches
Anknüpfungskriterium schaffen und zweitens will er einen engen sachlichen Bezug
zwischen dem Verwaltungs- und dem Beschwerdeverfahren herstellen. Hinsichtlich der
Schaffung eines einheitlichen Anknüpfungskriteriums spielt es keine Rolle, ob am
Wohnsitz der versicherten Person, am Sitz der Versicherung oder daran angeknüpft
wird, welches kantonale Recht zur Anwendung kommt. Jedes dieser Kriterien
ermöglicht eine einheitliche örtliche Zuständigkeitsordnung. Bezüglich des engen
sachlichen Bezuges hat der historische Gesetzgeber zwar dem Wohnsitz der
versicherten Person den Vorzug gegeben, womit er wohl hat erreichen wollen, dass
diese ein allfälliges Beschwerdeverfahren dort führen kann, wo sie sich am besten
auskennt. Dabei hat er aber offenbar übersehen, dass dieses von ihm gewählte
1.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/15
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Anknüpfungskriterium dann das angestrebte Ziel verfehlt, wenn die versicherte Person
ihren Wohnsitz erst kurz vor der Beschwerdeerhebung verlegt hat, weil sie dann ja
nicht am („gewohnten“) „alten“ Ort Beschwerde führen kann, sondern gezwungen ist,
sich am (noch „fremden“) „neuen“ Ort gegen einen Entscheid eines
Versicherungsträgers zu wehren. Die Anknüpfung am Wohnsitz der versicherten Person
im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung steht in einem solchen (eher ungewöhnlichen)
Fall also dem Sinn und Zweck des Art. 58 Abs. 1 ATSG diametral entgegen. In
sachlicher Hinsicht führt sie zum stossenden Ergebnis, dass das kantonale
Versicherungsgericht das Recht eines anderen Kantons anwenden müsste oder dass
es, was rein theoretisch ebenfalls in Frage käme, nach seinem eigenen einschlägigen
Recht einen Einspracheentscheid beurteilen müsste, der auf dem Recht eines anderen
Kantons beruhte, was zumindest aus der Sicht der Gleichbehandlung aller EL-Bezüger
jenes anderen Kantons zu unerträglichen Resultaten führen würde. Da die örtliche
Zuständigkeit der kantonalen Versicherungsgerichte für alle Fälle gleich geregelt sein
muss, muss das oben Ausgeführte auch dann gelten, wenn ein Beschwerdeverfahren
nur bundesrechtliche Bestimmungen beschlägt. Die teleologische Auslegung spricht
folglich ebenfalls für das Vorliegen einer (unechten) Gesetzeslücke.
Zusammenfassend lassen die historische, die systematische und die teleologische
Interpretation für den Fall, dass eine versicherte Person ihren Wohnsitz kurz vor der
Beschwerdeerhebung in einen anderen Kanton verlegt hat, nur die Lösung zu, dass
vom Wortlaut des Art. 58 Abs. 1 ATSG abgewichen wird. Das Bundesgericht hat dieses
Interpretationsergebnis zwar im Urteil 9C_260/2018 vom 18. Dezember 2018 als
unzutreffend verworfen, aber es hat seine Auffassung nicht sachlich, sondern bloss
damit „begründet“, eine Änderung der bundesgerichtlichen Praxis dränge sich nicht
auf. Im Urteil 9C_192/2019 vom 25. April 2019 hat es sich ebenfalls nicht mit der
Interpretation des Art. 58 Abs. 1 ATSG auseinandergesetzt. Die Begründung in jenem
Urteil hat sich im Wesentlichen in einem Verweis auf das Urteil 9C_260/2018 vom 18.
Dezember 2018 erschöpft. Ergänzend hat das Bundesgericht darauf hingewiesen, dass
die „zuständigen Instanzen darüber zu befinden“ hätten, wenn sich einmal tatsächlich
der Fall einstellen sollte, dass ein kantonales Versicherungsgericht ausserkantonales
Recht anzuwenden hätte. „Von der gesetzlich vorgegebenen Zuständigkeitsordnung
abzuweichen, weil in einem rein hypothetischen Einzelfall unter sehr besonderen
Umständen die im Entscheid des Versicherungsgerichtes [St. Gallen] geschilderte
Konstellation eintreten könnte“, verletze Bundesrecht. Diese Ausführungen zeigen,
dass das Bundesgericht nicht bereit gewesen ist, sich mit der Argumentation des St.
Galler Versicherungsgerichtes auseinander zu setzen, und dass es eine korrekte
Interpretation des Art. 58 Abs. 1 ATSG verweigert hat, obwohl in einer
1.5.
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2.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Auch beim Einspracheverfahren hat es
sich um ein („echtes“) Rechtsmittelverfahren gehandelt, was bedeutet, dass sich sein
Zweck in der Überprüfung der Verfügung vom 30. Januar 2020 auf deren
Rechtmässigkeit erschöpft hat, weshalb sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens hat entsprechen müssen. Mit ihrer Verfügung vom 30. Januar
2020 hat die Beschwerdegegnerin das Erlassbegehren des Beschwerdeführers
betreffend die am 10. April 2019 verfügte Rückforderung abgewiesen. Im
Verwaltungsverfahren, das mit dieser Verfügung abgeschlossen worden ist, haben nur
die Erlassvoraussetzungen geprüft werden können; die Rechtmässigkeit der
Rückforderungsverfügung vom 10. April 2019 ist dagegen nicht zu prüfen gewesen.
Auch in diesem Beschwerdeverfahren ist folglich nur zu prüfen, ob die
Beschwerdegegnerin das Erlassbegehren des Beschwerdeführers zu Recht
abgewiesen hat. Als zweiten Gegenstand hat der angefochtene Einspracheentscheid
(im Sinne einer sog. verfahrensleitenden Verfügung) eine Abweisung des Begehrens um
eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren beinhaltet. Die
Beschwerde richtet sich auch gegen diesen (verfahrensleitenden) Entscheid. Folglich
muss auch dieses Beschwerdeverfahren als zweiten Gegenstand die Prüfung der
Rechtmässigkeit der Verweigerung einer unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das
Einspracheverfahren beinhalten. Weil diese beiden Gegenstände – der Erlass der EL-
Rückforderung und die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das
Einspracheverfahren – wenn überhaupt nur einen „losen“ sachlichen Zusammenhang
aufweisen, handelt es sich um zwei eigenständige Streitgegenstände, was bedeutet,
dass es dem Beschwerdeführer frei steht, beide oder nur einen der beiden Entscheide
beim Bundesgericht anzufechten. Diesem Umstand wird mit einer Trennung der
Sachverhaltskonstellation wie der vorliegenden gewichtige Gründe gegen das
Abstellen auf den Wortlaut sprechen. Ein Bundesgerichtsurteil kann nur für den
konkreten Fall verbindlich sein. Für andere Fälle mit ähnlichen
Sachverhaltskonstellationen kann es dagegen keine formale Bindungswirkung
entfalten, sondern nur kraft einer überzeugenden Begründung „bindend“ sein. Weil die
erwähnten Urteile des Bundesgerichtes keine überzeugende Begründung enthalten,
muss aus den oben angeführten Gründen für die Behandlung der Beschwerde
(lückenfüllend) das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen zuständig sein. Auf die
fristgerecht erhobene Beschwerde ist deshalb einzutreten.
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Erwägungen und des Dispositivs entsprechend der beiden Streitgegenstände
Rechnung getragen.
3.
Die Besonderheit der hier zu beantwortenden Erlassfrage besteht darin, dass die
Rückforderung, deren Erlass strittig ist, nicht eine materielle Rückforderung, das heisst
eine Rückforderung von Ergänzungsleistungen ist, die der Beschwerdeführer bezogen
hätte, obwohl ihm diese von Gesetzes wegen nicht zugestanden hätte, sondern
vielmehr eine Rückforderung ist, die nur auf die Korrektur einer reinen
Vollzugshandlung abzielt: Die Beschwerdegegnerin hat die dem Beschwerdeführer
materiell zustehende Nachzahlung von Ergänzungsleistung nicht mit einer Forderung
der Sozialen Dienste B._ verrechnet, sondern vollständig dem Beschwerdeführer
ausbezahlt. Die Verfügungen vom 28. Februar 2019 und vom 10. April 2019, mit denen
die Beschwerdegegnerin diese Korrektur durchgeführt hat, scheinen zwar auf den
ersten Blick materielle Verfügungen gewesen zu sein, mit denen die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer vermeintlich eine Vergütung von
Krankheits- und Behinderungskosten zugesprochen, diese Zusprache dann aber
wieder rückgängig gemacht und den Betrag vom Beschwerdeführer zurückgefordert
hat. Der eigentliche Sinn und Zweck der beiden Verfügungen hat aber darin bestanden,
den Sozialen Diensten B._ doch noch den zur Verrechnung gestellten Betrag
auszuzahlen (Verfügung vom 28. Februar 2019) und diesen Betrag dann vom
Beschwerdeführer zurückzufordern (Verfügung vom 10. April 2019). Das lässt sich der
Begründung der beiden Verfügungen entnehmen, die offenbar nur deshalb in dieser
Weise ergangen sind, weil sich die Beschwerdegegnerin aus verwaltungstechnischen
Gründen nicht in der Lage gesehen hat, Verfügungen zu erlassen, die den wahren
Verfügungswillen klar zum Ausdruck gebracht hätten.
3.1.
Der Wortlaut des Art. 25 Abs. 1 ATSG lässt sowohl die Rückforderung zur
Korrektur einer fehlerhaften Vollzugshandlung als auch den Erlass einer solchen
Rückforderung zu, denn er knüpft ausdrücklich an den unrechtmässigen Bezug und an
den gutgläubigen Empfang von Leistungen an. Der klare Wortlaut stimmt mit dem Sinn
und Zweck des Art. 25 Abs. 1 ATSG überein. Die Rückforderung von unrechtmässig
bezogenen Leistungen bildet nämlich in aller Regel das vollzugsrechtliche Gegenstück
zu einer materiellen Korrekturverfügung betreffend einen vergangenen Zeitraum
(Wiedererwägung, sogenannt prozessuale Revision oder rückwirkende Revision), denn
während die materielle Korrekturverfügung auf die Wiederherstellung eines
gesetzmässigen materiell-rechtlichen Zustandes abzielt, bezweckt die Rückforderung
die Wiederherstellung eines vollzugsrechtlich rechtmässigen Zustandes, indem der EL-
3.2.
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Bezüger verpflichtet wird, die ihm von Gesetzes wegen nicht zustehenden bezogenen
Leistungen zurückzuerstatten. Der Erlass einer Rückforderung betrifft ebenfalls die
Vollzugsebene, denn die Erlassnorm (Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG) zielt nicht auf eine
materiell-rechtliche Rechtsanwendung ab, das heisst der Erlass einer Rückforderung
führt nicht zu einer „Re-Korrektur“ jener materiellen Korrekturverfügung, die die
Rückforderung ausgelöst hat, sondern er lässt lediglich die Rückforderung
„verschwinden“. Der ganze Art. 25 Abs. 1 ATSG betrifft also ausschliesslich Vorgänge
auf der Vollzugsebene, weshalb er auch für Fälle wie dem vorliegenden eine
ausreichende gesetzliche Grundlage bildet.
Der Erlass einer Rückforderung setzt nebst einer grossen finanziellen Härte den
guten Glauben beim unrechtmässigen Bezug der Ergänzungsleistungen voraus, was
bedeutet, dass der EL-Bezüger nicht um die Unrechtmässigkeit des EL-Bezuges
gewusst haben darf und dass er auch nicht darum hätte wissen müssen. Nach der
bundesgerichtlichen Auffassung ist der Erlass einer Rückforderung – über den allzu
engen Wortlaut des Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG hinausgehend – aber auch
ausgeschlossen, wenn der EL-Bezüger durch eine grobe Verletzung seiner Meldepflicht
(Art. 31 ATSG und Art. 24 ELV) oder der sogenannten (gesetzlich nicht ausdrücklich
geregelten) Kontroll- und Hinweispflicht den Fehler, der schliesslich zum
unrechtmässigen Leistungsbezug geführt hat, mitverursacht hat. Die Verfügung vom 6.
Dezember 2018, mit der die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer für einen
Zeitraum in der Vergangenheit (1. September 2017 bis 30. September 2018) eine
Ergänzungsleistung zugesprochen hat, hat eine detaillierte Berechnung des
Gesamtbetrages der Ergänzungsleistung enthalten. Der Beschwerdeführer hat anhand
dieser detaillierten Berechnung davon ausgehen können, dass ihm
Ergänzungsleistungen im Gesamtbetrag von 14’637 Franken zugestanden haben. Die
formal zum Verfügungsdispositiv gehörende Dispositivziffer 3 hat keine „definitive“
Vollzugsanordnung, sondern nur eine „Vorabinformation“ enthalten, die keine
rechtsgestaltende Anordnung gewesen ist und deshalb nicht ins Dispositiv hätte
aufgenommen werden dürfen: „Die Nachzahlung von 14’637 Franken wird am 7.
Dezember 2018 auf das Konto A._ [...] überwiesen oder mit allfälligen offenen
Forderungen verrechnet. Im Fall einer Verrechnung erhalten Sie in den nächsten Tagen
eine separate Verrechnungsmitteilung“ (EL-act. I/11–2). Der Beschwerdeführer musste
gestützt auf diese „Vorabinformation“ davon ausgehen, dass er entweder noch eine
(„definitive“) Verrechnungsmitteilung erhalten werde oder aber dass ihm der ganze
Betrag der Nachzahlung auf sein Bankkonto überwiesen werde. Die Überweisung des
gesamten Nachzahlungsbetrages auf das Bankkonto des Beschwerdeführers hat
folglich im Einklang mit der Ziffer 3 des Verfügungs-„Dispositivs“ gestanden. Hätte die
3.3.
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4.
Anders als für ein Beschwerdeverfahren kann eine unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für ein Einspracheverfahren gemäss dem Art. 37 Abs. 4 ATSG
nur bewilligt werden, wenn die Verhältnisse eine solche erfordern, was
rechtsprechungsgemäss nur der Fall ist, wenn sich schwierige rechtliche oder
tatsächliche Fragen stellen (vgl. etwa den Entscheid EL 2016/17 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 31. Januar 2017, E. 2.3, mit zahlreichen Hinweisen). Die
Beschwerdegegnerin hat mit ihrem verfahrensrechtlich nur schwer durchschaubaren
Vorgehen zwar eine unnötige Komplikation des Verfahrens verursacht, aber die
Kernfrage des Verfahrens, ob der Beschwerdeführer die Nachzahlung gutgläubig
empfangen habe, hat keine besonderen rechtlichen oder tatsächlichen Schwierigkeiten
aufgeworfen. Die anwaltliche Vertretung im Einspracheverfahren ist deshalb nicht
erforderlich im Sinne des Art. 37 Abs. 4 ATSG gewesen, weshalb sich die Abweisung
des entsprechenden Begehrens als rechtmässig erweist. Auch die sich gegen diesen
Teil des Einspracheentscheides richtende Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
5.
Verfügung nur diesen Hinweis betreffend die geplante, aber versehentlich vergessen
gegangene Verrechnung enthalten, müsste der gute Glaube bezüglich der
Überweisung der gesamten Nachzahlung auf das Bankkonto des Beschwerdeführers
bejaht werden. Nun hat die Beschwerdegegnerin aber in der Verfügungsbegründung
zusätzlich darauf hingewiesen, dass „ein Teil der Nachzahlung“ mit einer Forderung der
Sozialen Dienste B._ verrechnet werde. Anders als die vage „Vorabinformation“ im
Verfügungs-„Dispositiv“ ist dieser Hinweis bestimmt und „definitiv“ gewesen, auch
wenn die Beschwerdegegnerin den entsprechenden Teilbetrag nicht beziffert hat. Nach
dem Lesen dieses Hinweises hat dem Beschwerdeführer bewusst sein müssen, dass
die Beschwerdegegnerin jedenfalls nicht vorgesehen hat, ihm die gesamte
Nachzahlung auf sein Bankkonto zu überweisen, und dass deshalb mit dieser Zahlung
etwas nicht stimmen konnte. Dass er über die Höhe der Forderung des Sozialamtes
nicht Bescheid gewusst hat, ist unter diesen Umständen irrelevant gewesen. Folglich
hat er die Überweisung der gesamten Nachzahlung nicht gutgläubig im Sinne des Art.
25 Abs. 1 Satz 2 ATSG empfangen. Ein Erlass der Rückforderung ist deshalb
ausgeschlossen, weil die beiden Erlassvoraussetzungen des guten Glaubens und der
grossen Härte kumulativ erfüllt sein müssen. Damit erweist sich der angefochtene
Einspracheentscheid diesbezüglich als rechtmässig, weshalb die sich gegen den den
Erlass verweigernden Teil des Einspracheentscheides richtende Beschwerde
abzuweisen ist.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/15
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St.Galler Gerichte
Zusammenfassend ist die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen. Gerichtskosten sind
nach der gemäss dem Art. 82a ATSG massgebenden, bis zum 31. Dezember 2020
gültigen Fassung des Art. 61 lit. a ATSG nicht zu erheben. Der unterliegende
Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Zufolge der
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Beschwerdeverfahren
hat der Staat dem Beschwerdeführer eine Entschädigung auszurichten, die 80 Prozent
des erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Dieser ist hier
insgesamt als deutlich unterdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Fällen betreffend
Ergänzungsleistungen zu qualifizieren. Die Versicherungsrichterinnen und
Versicherungsrichter haben in einer Plenarsitzung vom 25. Mai 2021 beschlossen, die
durchschnittlichen Ansätze per sofort – aus Praktikabilitätsüberlegungen auch für
bereits hängige Fälle – um 500 Franken zu erhöhen, weshalb der durchschnittliche
Entschädigungsansatz für Ergänzungsleistungsfälle nun 3’500 Franken beträgt. Der
Staat hat die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers unter Berücksichtigung des
deutlich unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwandes mit 80 Prozent von 3’000
Franken, also mit 2’400 Franken, zu entschädigen. Davon entfallen 2’000 Franken auf
die Beschwerde gegen den materiellen Teil des angefochtenen Einspracheentscheides
und 400 Franken auf die Beschwerde betreffend die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Einspracheverfahren. Sollten es seine wirtschaftlichen
Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur Rückerstattung dieser
Entschädigung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).