Decision ID: 2905556b-921e-5fde-800c-7107ccbc89fe
Year: 2015
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Regierungsrat des Kantons Zürich (Vorinstanz) entschied mit Be-
schluss vom 13. März 2013 (RRB 278/2013) über die Genehmigung von
Tarifverträgen von Zürcher Spitälern und setzte für Zürcher Spitäler, für
welche kein behördlich genehmigter Tarifvertrag vorlag, mit Wirkung ab
1. Januar 2012 Tarife fest. Unter anderem setzte die Vorinstanz im ange-
fochtenen Beschluss die Tarife der Adus Medica AG für die 62 im Rubrum
aufgeführten Krankenversicherungen hoheitlich wie folgt fest:
– Basisfallwert (Fallpauschale für Schweregrad 1.0,
inklusive Investitionsanteil)
Dispositiv-Ziffer I. 21 CHF 9'280.-
– Tagespauschale für unbewertete DRG
Dispositiv-Ziffer III. CHF 2'533.-.
Bei der Bestimmung der Tarife der nicht-universitären Zürcher Spitäler ging
die Vorinstanz von einem Vergleich der schweregradbereinigten Fallkosten
(ohne Anlagenutzungskosten) dieser Spitäler aus (Benchmarking). Ge-
stützt auf die von der Gesundheitsdirektion ermittelten Fallkosten 2010 der
öffentlichen und öffentlich subventionierten Zürcher Spitäler ermittelte die
Vorinstanz die für das Benchmarking relevanten Betriebskosten. Dazu wa-
ren Kostenanteile, welche nicht von der obligatorischen Krankenpflegever-
sicherung (OKP) zu tragen sind, auszuscheiden (Mehrkosten und Arztho-
norare für die Behandlung von Zusatzversicherten, Kalkulatorische Zinsen
auf dem Umlaufvermögen, Kosten von Behandlungen, welche nicht über
SwissDRG-Fallpauschalen vergütet werden, Kosten gemeinwirtschaftli-
cher Leistungen, insbesondere der Forschung und universitären Lehre).
Abzüge wegen Überkapazitäten oder Intransparenz wurden nicht vorge-
nommen. Aufgrund der jeweiligen benchmarking-relevanten Betriebskos-
ten, der Fallzahlen und des Schweregrades (Case Mix) ermittelte die Vo-
rinstanz die schweregradbereinigten Fallkosten (benchmarking-relevanter
Basiswert) jedes Spitals. Der benchmarking-relevante Basiswert des Spi-
tals auf dem 40. Perzentil wurde als Benchmark bestimmt (CHF 8'408.-).
Unter Berücksichtigung diverser Zuschläge (Anlagenutzungskosten
[10 %], Teuerung von 2010 bis 2012 [0.76 %], Korrekturen aufgrund der
strukturierten Besoldungsrevision im Kanton Zürich [0.73 %] und für Fall-
zusammenführungen [1%]; Gesamtzuschlag [12.49 %]) errechnete die Vo-
rinstanz für das Jahr 2012 und für die nicht-universitären Spitäler einen
Referenzwert von CHF 9'460.- (vgl. zum Benchmarking BVGE 2014/36
C-2267/2013, C-3614/2013
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[betreffend dasselbe Anfechtungsobjekt]). Innerhalb der Kategorie «nicht-
universitäre Spitäler» differenzierte die Vorinstanz zwischen Spitälern mit
allgemein zugänglicher Notfallstation einerseits und Spezialkliniken ohne
Notfallstation mit Leistungsauftrag für elektive Behandlungen andererseits.
Der Basisfallwert für Spitäler mit Notfallstation wurde auf CHF 9'480.- und
derjenige für Spitäler ohne Notfallstation (darunter die Adus Medica AG)
auf CHF 9'280.- festgesetzt.
B.
Am 22. April 2014 liess die Adus Medica AG zusammen mit der Limmatkli-
nik, vertreten durch Rechtsanwalt Prof. Dr. iur. Tomas Poledna, Be-
schwerde erheben (Akten im Beschwerdeverfahren C-2267/2013 Nr.
[BVGer C-2267/2013 act.] 1). Sie beantragte – unter Kosten- und Entschä-
digungsfolgen - die Aufhebung der Dispositiv-Ziffer I. 21 des angefochte-
nen Beschlusses (Festsetzung des Basisfallwertes der Adus Medica AG)
und die Festsetzung eines Basisfallwertes in der Höhe von CHF 9'480.-.
Im Wesentlichen machte das Spital geltend, die ungleiche Festsetzung der
Tarife für Spitäler mit und ohne Notfallstation sei rechtswidrig und system-
fremd.
C.
Im Namen von 47 im Rubrum aufgeführten Krankenversicherern liess die
Einkaufsgemeinschaft tarifsuisse, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur.
Vincent Augustin, am 22. April 2013 Beschwerde gegen 22 Zürcher Spitä-
ler erheben (Akten im Beschwerdeverfahren C-2259/2013 [im Folgenden:
BVGer C-2259/2013 act.] 1). Tarifsuisse beantragte bezüglich der Adus
Medica AG die Aufhebung der Dispositiv-Ziffer I. des RRB 278/2013 und
die Festsetzung des Basisfallwertes auf CHF 8'974.- (Beschwerdean-
trag 1). Im Weiteren sei Dispositiv-Ziffer III. des angefochtenen Beschlus-
ses bezüglich Tagespauschalen für unbewertete DRG aufzuheben, und
diese sei auf höchstens CHF 2'006.- festzusetzen (Beschwerdeantrag 2).
Zur Begründung ihrer Anträge liess tarifsuisse im Wesentlichen ausführen,
der festgesetzte Tarif sei unwirtschaftlich, in verschiedener Hinsicht seien
die benchmarking-relevanten Fallkosten bundesrechtswidrig ermittelt wor-
den, ein einheitlicher Rechnungslegungsstandard und eine ausreichende
Transparenz der Kosten- und Leistungsdaten sei nicht gegeben, es seien
Intransparenzabzüge vorzunehmen. Der beim Benchmarking von der Vo-
rinstanz gewählte Effizienzmassstab auf dem 40. Perzentil sei bundes-
rechtswidrig; diesbezüglich sei der Empfehlung der Preisüberwachung zu
folgen, oder der Benchmark sei höchstens beim 25. Perzentil anzusetzen.
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 7
Der Tarif dürfe höchstens die transparent ausgewiesenen Kosten der Leis-
tung decken, selbst wenn ein Spital an sich wirtschaftlich arbeite und seine
schweregradbereinigten Fallkosten (benchmarking-relevanter Basiswert)
unter dem Benchmark lägen.
D.
Die im Rubrum unter den Nummern 48 bis 60 aufgeführten Krankenversi-
cherungen (nachfolgend: Einkaufsgemeinschaft HSK oder HSK) haben mit
der Limmatklinik AG Tarifverträge abgeschlossen, welche vom Regie-
rungsrat genehmigt wurden. Betreffend die Adus Medica AG lagen hinge-
gen keine genehmigten Verträge vor. Da der Kreis der ins Verfahren einzu-
beziehenden Krankenversicherungen für die beiden Spitäler nicht derselbe
war, trennte die Instruktionsrichterin die Beschwerdeverfahren der Limmat-
klinik AG und der Adus Medica AG mit Zwischenverfügung vom
22. Mai 2013 (BVGer C-2267/2013 act. 5). Das Verfahren betreffend die
Adus Medica AG wurde unter der Geschäftsnummer C-2267/2013 und be-
treffend die Limmatklinik AG unter der Geschäftsnummer C-2844/2013
weitergeführt.
E.
Im Verfahren C-2259/2013 erhielten die Vorinstanz sowie die Spitäler Ge-
legenheit, eine Vernehmlassung respektive Beschwerdeantwort einzu-
reichen (BVGer C-2259/2013 act. 2).
E.a Mit Vernehmlassung vom 30. Mai 2013 beantragte die Vorinstanz die
Abweisung der Beschwerde der tarifsuisse (BVGer C-2259/2013 act. 16).
E.b Von der Adus Medica AG wurde keine Beschwerdeantwort eingereicht.
F.
Der mit Verfügung vom 28. Mai 2013 (BVGer C-2267/2013 act. 6) bei der
Adus Medica AG eingeforderte und auf CHF 6'000.- bestimmte Kostenvor-
schuss ging am 30. Mai 2013 beim Gericht ein (BVGer C-2267/2013 act.
8).
G.
Im Verfahren C-2267/2013 erhielten die Vorinstanz sowie die Krankenver-
sicherungen Gelegenheit, eine Vernehmlassung respektive Beschwerde-
antwort einzureichen (BVGer C-2267/2013 act. 6).
G.a Mit Beschwerdeantwort vom 18. Juni 2013 (BVGer C-2267/2013
act. 9) nahm die Einkaufsgemeinschaft HSK zur Beschwerde des Spitals
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 8
Stellung. Sie beantragte die Aufhebung der Dispositiv-Ziffer I. 21 des an-
gefochtenen RRB 278/2013 und die Neufestsetzung des Basifallwertes auf
CHF 9'200.-.
G.b In ihrer Vernehmlassung vom 11. Juni 2013 (eingegangen beim
BVGer am 21. Juni 2015; BVGer C-2267/2013 act. 10) beantragte die Vo-
rinstanz die Abweisung der Beschwerde der Adus Medica AG. Sie machte
geltend, die Tarifdifferenzierung zwischen Spitälern mit und ohne Notfall-
station sei sachgerecht und verwies im Wesentlichen auf ihre Argumenta-
tion im angefochtenen Beschluss.
G.c Mit Beschwerdeantwort vom 28. Juni 2013 (BVGer C-2267/2013
act. 11) beantragte tarifsuisse die Abweisung der Beschwerde des Spitals.
Tarifsuisse bemängelte die Festsetzung unterschiedlicher Tarife für Spitä-
ler mit und ohne Notfallstation, lehnt jedoch die vom Spital beantragte Ta-
riferhöhung ab.
G.d Von den Krankenversicherungen Assura-Basis SA und
SUPRA 1846 SA wurden keine Beschwerdeantworten eingereicht.
H.
Der mit Verfügung vom 27. Juni 2013 (BVGer C-2259/2013 act. 24) bei der
Einkaufsgemeinschaft tarifsuisse eingeforderte und auf CHF 8'000.- be-
stimmte Kostenvorschuss ging am 1. Juli 2013 beim Gericht ein
(BVGer C-2259/2013 act. 25).
I.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Juni 2013 trennte die Instruktionsrichterin
das Beschwerdeverfahren der tarifsuisse gegen die Adus Medica AG vom
Verfahren C-2259/2013 ab und führte es unter der Nummer C-3614/2013
weiter (BVGer C-2259/2013 act. 24).
J.
Mit Zwischenverfügung vom 16. Juli 2013 vereinigte die Instruktionsrichte-
rin die Verfahren unter den Geschäftsnummern C-2267/2013 und
C-3614/2013 (Akten des Bundesverwaltungsgerichts in den vereinigten
Verfahren [im Folgenden: BVGer-act.] 12).
K.
Der im Verfahren C-1698/2013 eingeholte Bericht der SwissDRG AG vom
16. September 2013 (inkl. Beilagen zur Berechnungsmethode, zur Erhe-
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 9
bung 2010 und betreffend Plausibilisierungen) wurde im vorliegenden Ver-
fahren zu den Akten genommen und den Verfahrensbeteiligten mit Verfü-
gung vom 3. Oktober 2013 zugestellt (BVGer-act. 14).
L.
Auf Einladung der Instruktionsrichterin reichte die Preisüberwachung am
7. November 2013 ihre Stellungnahme ein (BVGer-act. 15). Sie führte aus,
von einer Preisdifferenzierung zwischen Spitälern mit und ohne Notfallsta-
tion sei abzusehen. Für die Adus Medica AG empfahl die Preisüberwa-
chung, einen Basisfallwert von maximal CHF 8'974.- festzusetzen.
M.
Auf Einladung der Instruktionsrichterin nahm am 16. Dezember 2013 das
Bundesamt für Gesundheit (BAG) als Fachbehörde Stellung (BVGer-
act. 21) und führte aus, die Differenzierung der Tarife zwischen Spitälern
mit und ohne Notfallstation sei abzulehnen. Soweit systematische Unter-
schiede zwischen elektiven und notfallmässigen Leistungen bestehen soll-
ten, wäre die Tarifstruktur anzupassen.
N.
Die Verfahrensbeteiligten erhielten Gelegenheit, zu den eingereichten Be-
richten Stellung zu nehmen (BVGer-act. 18).
N.a Am 28. Januar 2014 reichte die Einkaufsgemeinschaft HSK ihre Stel-
lungnahme ein und teilte mit, sie halte an ihren Anträgen fest
(BVGer act. 25).
N.b Am 31. Januar 2014 reichte die Vorinstanz ihre Stellungnahme ein
(BVGer-act. 26).
N.c Mit Eingabe vom 3. Februar 2014 teilte die Adus Medica AG mit, sie
verzichte auf eine eingehende Stellungnahme und verwies auf ihre Be-
schwerde (BVGer-act. 27).
N.d Tarifsuisse bestätigte mit Eingabe vom 5. Februar 2014 die gestellten
Beschwerdeanträge (BVGer-act. 28).
O.
Mit Instruktionsverfügung vom 18. Februar 2014 (BVGer-act. 29) wurde
der Schriftenwechsel unter Vorbehalt weiterer Instruktionsmassnahmen
abgeschlossen.
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 10
P.
Mit Teilurteil vom 18. Juni 2015 (erster Teilentscheid; BVGer-act. 31) wurde
die Beschwerde C-3614/2013 der tarifsuisse, soweit sie die Tagespau-
schale der Adus Medica AG betrifft (Antrag 2), teilweise gutgeheissen. Dis-
positiv-Ziffer III. des angefochtenen Regierungsratsbeschlusses wurde
aufgehoben. Der Antrag auf Festsetzung der Tagespauschale durch das
Gericht wurde abgewiesen. Betreffend die Tagespauschale wurde die Sa-
che zur erneuten Durchführung des Festsetzungsverfahrens an die Vo-
rinstanz zurückgewiesen.
Q.
Mit Verfügung vom 30. Juni 2015 wurden die Beschwerde führenden Par-
teien eingeladen, innert 30 Tagen ab Erhalt der Verfügung Schlussbemer-
kungen einzureichen und mitzuteilen, ob an der Beschwerde festgehalten
werde (BVGer-act. 35).
Q.a Tarifsuisse teilte am 28. Juli 2015 mit, sie ziehe ihre Beschwerde zu-
rück und halte an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde des Spitals
fest (BVGer-act. 38).
Q.b Die Adus Medica AG liess sich innerhalb der Frist nicht vernehmen.
Sie ersuchte mit Eingabe vom 1. September 2015 um Erstreckung der Frist
(BVGer-act. 40). Das Gesuch wurde mit Verfügung vom 4. Septem-
ber 2015 abgewiesen (BVGer-act. 41).
R.
Auf die weiteren Vorbringen der Verfahrensbeteiligten und die eingereich-
ten Akten wird, soweit für die Entscheidfindung erforderlich, im Rahmen
der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 11

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Prozessvoraussetzungen und Kognition
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier
Kognition, ob die Prozessvoraussetzungen gegeben sind und auf eine Be-
schwerde einzutreten ist.
1.1.1 Den angefochtenen RRB 278/13 vom 13. März 2013 hat die Vo-
rinstanz gestützt auf Art. 47 Abs. 1 KVG erlassen. Gemäss Art. 53 Abs. 1
KVG kann gegen Beschlüsse der Kantonsregierungen nach Art. 47 KVG
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde geführt werden. Das Bun-
desverwaltungsgericht ist deshalb zur Beurteilung der Beschwerde zustän-
dig (vgl. auch Art. 90a Abs. 2 KVG).
1.1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich ge-
mäss Art. 37 VGG und Art. 53 Abs. 2 Satz 1 KVG grundsätzlich nach den
Vorschriften des VwVG. Vorbehalten bleiben allfällige Abweichungen des
VGG und die besonderen Bestimmungen des Art. 53 Abs. 2 KVG.
1.1.3 Anfechtungs- und Streitgegenstand ist der RRB 278/13 vom
13. März 2013, mit welchem der Regierungsrat den Basisfallwert gemäss
SwissDRG Version 1.0 inklusive Investitionskostenzuschlag und Anteil des
Wohnkantons der Adus Medica AG für die 62 im Rubrum aufgeführten
Krankenversicherungen mit Wirkung ab 1. Januar 2012 hoheitlich fest-
setzte.
1.1.4 Sowohl die Adus Medica AG als auch tarifsuisse sind primäre Adres-
satinnen des angefochtenen Beschlusses und zur Beschwerde legitimiert
(vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG).
1.1.5 In beiden Verfahren wurden die Kostenvorschüsse rechtzeitig geleis-
tet (BVGer C-2267/2013 act. 8; BVGer C-2259 act. 25).
1.1.6 Auf die frist- und formgerecht erhobenen Beschwerden ist einzutre-
ten (vgl. Art. 50 Abs. 1, Art. 52 Abs. 1 und Art. 63 Abs. 4 VwVG).
1.2 Die Beschwerdeführerinnen können im Rahmen des Beschwerdever-
fahrens die Verletzung von Bundesrecht unter Einschluss des Missbrauchs
oder der Überschreitung des Ermessens, die unrichtige oder unvollstän-
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Seite 12
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie die Unange-
messenheit des Entscheids beanstanden (Art. 49 VwVG). Im Kontext von
Tarifstreitigkeiten prüft das Bundesverwaltungsgericht mit umfassender
Kognition, welche aber mit Zurückhaltung ausgeübt wird (vgl. Art. 53 Abs.
2 Bst. e KVG; BVGE 2014/3 E. 1.4 und BVGE 2014/36 E. 1.5).
1.3 Die Einkaufsgemeinschaft HSK hat den vorinstanzlichen Beschluss
nicht angefochten, beantragt in ihrer Beschwerdeantwort jedoch die Aufhe-
bung des vorinstanzlichen Tariffestsetzungsentscheides (Rechtsbegehren
1) und die Festsetzung eines tieferen Tarifs als der vom Regierungsrat be-
schlossene (Rechtsbegehren 2).
1.3.1 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass weder das VwVG noch das
KVG das Institut der Anschlussbeschwerde kennen (Urteil BVGer C-
4961/2010 vom 18. September 2013 E. 2.2 m.w.H.). Der Einbezug der Ge-
genpartei in den Schriftenwechsel darf nicht dazu führen, dass ein Verfü-
gungsadressat, der die Beschwerdefrist unbenutzt verstreichen liess,
nachträglich eigene Rechte geltend machen kann (SEETHALER/PLÜSS, in:
Praxiskommentar VwVG, 2009, Art. 57 N 12; vgl. auch Urteil BVGer C-
4190/2013 vom 25. November 2014 E. 1.5 m.w.H.). Zudem sieht Art. 53
Abs. 2 Bst. a KVG abweichend von der Verfahrensordnung des VwVG vor,
dass neue Tatsachen und Beweismittel nur soweit vorgebracht werden dür-
fen, als erst der angefochtene Beschluss dazu Anlass gibt, und neue Be-
gehren unzulässig sind. Auch in Beschwerdeverfahren nach Art. 53 Abs. 1
KVG anwendbar ist hingegen der in Art. 12 VwVG verankerte Grundsatz,
wonach das Bundesverwaltungsgericht den rechtserheblichen Sachverhalt
von Amtes wegen festzustellen hat und nicht an die Beweisanträge der
Parteien gebunden ist (BVGE 2014/3 E. 1.5.2 m.H., 2014/36 E. 1.5). Das
Verhältnis der Novenregelung (Art. 53 Abs. 2 Bst. a KVG) und des Grund-
satzes der Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen (Art. 12 VwVG) ist in
dem Sinne zu interpretieren, dass Art. 53 Abs. 2 Bst. a KVG zwar den Un-
tersuchungsgrundsatz im Beschwerdeverfahren nicht aufhebt, diesen je-
doch in den Hintergrund treten lässt. Das Bundesverwaltungsgericht wird
daher nur ‒ aber immerhin ‒ in besonderen Fällen ergänzende Sachver-
haltsabklärungen vornehmen. Der Untersuchungsgrundsatz führt jedoch
nicht dazu, dass die Novenregelung nach Art. 53 Abs. 2 Bst. a KVG nicht
oder nur beschränkt anwendbar wäre. Daher können sich die Parteien im
Beschwerdeverfahren nur auf neue Tatsachen und Beweismittel berufen,
soweit erst der angefochtene Beschluss dazu Anlass gibt (BVGE 2014/3
E. 1.5.4). Den Antrag eines Beschwerdegegners zulasten der Beschwer-
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deführerin (reformatio in peius) nimmt das Bundesverwaltungsgericht re-
gelmässig lediglich als prozessuale Anregung an die Beschwerdeinstanz
entgegen (BVGE 2010/24 E. 3.3, C-4961/2010 E. 2.2, C-4190/2013
E. 1.5). Solche Anträge können indessen Kostenfolgen nach sich ziehen
(BVGE 2010/24 E. 3.3).
1.3.2 Die Rechtsbegehren 1 und 2 der HSK zielen auf eine reformatio in
peius und sind rechtsprechungsgemäss lediglich als prozessuale Anre-
gung an das Bundesverwaltungsgericht entgegenzunehmen.
2.
Anwendbares Recht
2.1 Am 1. Januar 2009 ist die KVG-Revision zur Spitalfinanzierung (Ände-
rung vom 21. Dezember 2007, AS 2008 2049) in Kraft getreten. Per 1. Ja-
nuar 2012 wurde der Systemwechsel bei der Spitalfinanzierung vollzogen
(vgl. Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 21. Dezember 2007
[Spitalfinanzierung]). Der angefochtene Beschluss ist somit aufgrund des
revidierten KVG und dessen Ausführungsbestimmungen zu beurteilen.
2.2 Spitäler sind nach Art. 39 Abs. 1 (in Verbindung mit Art. 35) KVG zur
Tätigkeit zu Lasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP)
zugelassen, wenn sie die Dienstleistungs- und Infrastrukturvoraussetzun-
gen gemäss Bst. a-c erfüllen, der von einem oder mehreren Kantonen ge-
meinsam aufgestellten Planung für eine bedarfsgerechte Spitalversorgung
entsprechen (Bst. d) und auf der nach Leistungsaufträgen in Kategorien
gegliederten Spitalliste des Kantons aufgeführt sind (Bst. e).
2.3 Gemäss Art. 43 KVG erstellen die (zugelassenen) Leistungserbringer
ihre Rechnungen nach Tarifen oder Preisen (Abs. 1). Tarife und Preise wer-
den in Verträgen zwischen Versicherern und Leistungserbringern (Tarifver-
trag) vereinbart oder in den vom Gesetz bestimmten Fällen von der zustän-
digen Behörde festgesetzt. Dabei ist auf eine betriebswirtschaftliche Be-
messung und eine sachgerechte Struktur der Tarife zu achten (Abs. 4). Die
Vertragspartner und die zuständigen Behörden achten darauf, dass eine
qualitativ hoch stehende und zweckmässige gesundheitliche Versorgung
zu möglichst günstigen Kosten erreicht wird (Abs. 6). Der Bundesrat kann
Grundsätze für eine wirtschaftliche Bemessung und eine sachgerechte
Struktur sowie für die Anpassung der Tarife aufstellen. Er sorgt für die Ko-
ordination mit den Tarifordnungen der anderen Sozialversicherungen
(Abs. 7).
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 14
2.4 Parteien eines Tarifvertrages sind einzelne oder mehrere Leistungser-
bringer oder deren Verbände einerseits sowie einzelne oder mehrere Ver-
sicherer oder deren Verbände anderseits (Art. 46 Abs. 1 KVG). Der Tarif-
vertrag bedarf der Genehmigung durch die zuständige Kantonsregierung
oder, wenn er in der ganzen Schweiz gelten soll, durch den Bundesrat
(Art. 46 Abs. 4 Satz 1 KVG). Die Genehmigungsbehörde prüft, ob der Ta-
rifvertrag mit dem Gesetz und dem Gebot der Wirtschaftlichkeit und Billig-
keit in Einklang steht (Art. 46 Abs. 4 Satz 2 KVG). Kommt zwischen Leis-
tungserbringern und Versicherern kein Tarifvertrag zustande, so setzt die
Kantonsregierung nach Anhören der Beteiligten den Tarif fest (Art. 47
Abs. 1 KVG).
2.5 Art. 49 KVG trägt den Titel "Tarifverträge mit Spitälern". Obwohl sich
diese Bestimmung nach ihrem Wortlaut (nur) an die Tarifparteien richtet,
sind die darin verankerten Grundsätze auch bei einer hoheitlichen Festset-
zung im Sinne von Art. 47 KVG zu beachten (BVGE 2014/3 E. 2.7).
2.5.1 Nach Abs. 1 des Art. 49 KVG vereinbaren die Vertragsparteien für die
Vergütung der stationären Behandlung einschliesslich Aufenthalt und Pfle-
geleistungen in einem Spital (Art. 39 Abs. 1) oder einem Geburtshaus
(Art. 29) Pauschalen. In der Regel sind Fallpauschalen festzulegen. Die
Pauschalen sind leistungsbezogen und beruhen auf gesamtschweizerisch
einheitlichen Strukturen. Die Vertragsparteien können vereinbaren, dass
besondere diagnostische oder therapeutische Leistungen nicht in der Pau-
schale enthalten sind, sondern getrennt in Rechnung gestellt werden. Die
Spitaltarife orientieren sich an der Entschädigung jener Spitäler, welche die
tarifierte obligatorisch versicherte Leistung in der notwendigen Qualität ef-
fizient und günstig erbringen.
2.5.2 Die gestützt auf Art. 49 Abs. 2 KVG von den Tarifpartnern und den
Kantonen eingesetzte SwissDRG AG ist für die Erarbeitung und Weiterent-
wicklung der Tarifstruktur zuständig. Die Tarifstruktur und deren Anpassun-
gen sind vom Bundesrat zu genehmigen (Art. 49 Abs. 2 Satz 5 KVG). Die
ab 1. Januar 2012 im akutsomatischen Bereich anwendbare Version 1.0
der Tarifstruktur SwissDRG wurde vom Bundesrat am 6. Juli 2011 geneh-
migt (vgl. Medienmitteilung des Bundesrates vom 6. Juli 2011 "Bundesrat
genehmigt die neue Tarifstruktur SwissDRG").
2.5.3 Laut Art. 49 Abs. 3 KVG dürfen die Vergütungen nach Abs. 1 keine
Kostenanteile für gemeinwirtschaftliche Leistungen enthalten. Dazu gehö-
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Seite 15
ren insbesondere die Aufrechterhaltung von Spitalkapazitäten aus regio-
nalpolitischen Gründen (Bst. a) sowie die Forschung und universitäre
Lehre (Bst. b).
2.5.4 Die Spitäler verfügen über geeignete Führungsinstrumente; insbe-
sondere führen sie nach einheitlicher Methode zur Ermittlung ihrer Be-
triebs- und Investitionskosten und zur Erfassung ihrer Leistungen eine Kos-
tenrechnung und eine Leistungsstatistik. Diese beinhalten alle für die Be-
urteilung der Wirtschaftlichkeit, für Betriebsvergleiche, für die Tarifierung
und für die Spitalplanung notwendigen Daten. Die Kantonsregierung und
die Vertragsparteien können die Unterlagen einsehen (Art. 49 Abs. 7 KVG).
2.5.5 Gemäss Art. 49 Abs. 8 KVG ordnet der Bundesrat in Zusammenar-
beit mit den Kantonen schweizweit Betriebsvergleiche zwischen Spitälern
an, insbesondere zu Kosten und medizinischer Ergebnisqualität. Die Spi-
täler und die Kantone müssen dafür die nötigen Unterlagen liefern. Der
Bundesrat veröffentlicht die Betriebsvergleiche.
2.6 Gestützt auf Art. 43 Abs. 7 KVG hat der Bundesrat Art. 59c KVV erlas-
sen (in Kraft seit 1. August 2007; AS 2007 3573). Nach dessen Abs. 1 prüft
die Genehmigungsbehörde (im Sinne von Art. 46 Abs. 4 KVG), ob der Ta-
rifvertrag namentlich folgenden Grundsätzen entspricht: Der Tarif darf
höchstens die transparent ausgewiesenen Kosten der Leistung decken
(Bst. a). Der Tarif darf höchstens die für eine effiziente Leistungserbringung
erforderlichen Kosten decken (Bst. b). Ein Wechsel des Tarifmodells darf
keine Mehrkosten verursachen (Bst. c). Gemäss Art. 59c Abs. 3 KVV sind
diese Grundsätze bei Tariffestsetzungen nach Art. 47 KVG sinngemäss an-
zuwenden.
3.
Grundsatzurteile zum neuen Spitalfinanzierungsrecht
3.1 Streitig ist die vorinstanzliche Festsetzung eines Basisfallwerts für die
leistungsbezogenen und auf der SwissDRG-Tarifstruktur Version 1.0 beru-
henden Fallpauschalen (Art. 49 Abs. 1 Satz 2 und 3 KVG). In zwei Grund-
satzurteilen hat das Bundesverwaltungsgericht verschiedene auch im vor-
liegenden Verfahren umstrittene Fragen beurteilt (BVGE 2014/3, BVGE
2014/36).
3.2 Im System der neuen Spitalfinanzierung bilden die individuellen Kosten
eines Spitals die Grundlage für das Benchmarking beziehungsweise für die
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Seite 16
Ermittlung der benchmarking-relevanten Betriebskosten und der schwere-
gradbereinigten Fallkosten (benchmarking-relevanter Basiswert). Der Ba-
sisfallwert hat aber nicht diesen Kosten zu entsprechen, da kein Kostenab-
geltungsprinzip gilt. Die frühere – gestützt auf aArt. 49 Abs. 1 KVG entwi-
ckelte – Praxis zu den anrechenbaren Kosten ist nicht mehr anwendbar
(BVGE 2014/3 E. 2.8.5). Effizienzgewinne von Spitälern (mit einem bench-
marking-relevanten Basiswert unterhalb des gesetzeskonform bestimmten
Benchmarks) sind nicht unzulässig (BVGE 2014/3 E. 2.9.4.4 und 2.9.5).
Art. 59c Abs. 1 Bst. a KVV, wonach der Tarif höchstens die transparent
ausgewiesenen Kosten der Leistung decken darf, ist in dem Sinne geset-
zeskonform auszulegen, dass es sich bei den "ausgewiesenen Kosten der
Leistung" nicht um die individuellen Kosten des Spitals, dessen Tarif zu
beurteilen ist, handelt, sondern um die Kosten des Spitals, welches den
Benchmark bildet (und an dessen Tarif sich die Spitaltarife gemäss Art. 49
Abs. 1 Satz 5 KVG zu orientieren haben; BVGE 2014/3 E. 2.10.1).
3.3 Die Tarifbestimmung nach Art. 49 Abs. 1 Satz 5 KVG erfolgt aufgrund
eines Vergleichs mit anderen Spitälern, welche die versicherte Leistung in
der notwendigen Qualität effizient und günstig erbringen. Zur Ermittlung
und Auswahl dieser als Referenz massgebenden Spitäler ist grundsätzlich
ein Fallkosten-Betriebsvergleich notwendig (vgl. BVGE 2014/36 E. 3.6 und
E. 6.7).
3.4 Die Bestimmung, wonach Betriebsvergleiche nur unter vergleichbaren
Spitälern durchzuführen sind (aArt. 49 Abs. 7 KVG) ist im revidierten Recht
nicht mehr enthalten. Die möglichst hohe Transparenz und breite Ver-
gleichbarkeit der Spitaltarife gehörte zu den Zielsetzungen der Gesetzes-
revision. Das System der einheitlichen Tarifstruktur eröffnet grundsätzlich
die Möglichkeit von Betriebsvergleichen über die Grenzen der Spitaltypen
und -kategorien hinaus (BVGE 2014/36 E. 3.8).
3.5 In BVGE 2014/36 wird dargelegt, welche Voraussetzungen zur Ver-
gleichbarkeit der Fallkosten idealtypisch gegeben sein müssen (E. 4) und
welche dieser Voraussetzungen noch fehlen beziehungsweise verbessert
werden müssen (E. 5). Zu den Voraussetzungen, die fehlen beziehungs-
weise verbessert werden müssen, gehören insbesondere die schweizweit
durchzuführenden Betriebsvergleiche zu Kosten (Art. 49 Abs. 8 KVG), die
Vereinheitlichung der Kosten- und Leistungsermittlung (Art. 49 Abs. 7
KVG) und die Verfeinerung der Tarifstruktur. Hinsichtlich der künftigen
Preisbildung ist es unabdingbar, dass die Verpflichtung zur Erstellung der
Betriebsvergleiche, insbesondere hinsichtlich der Kosten, baldmöglichst
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 17
umgesetzt wird. Auch in der Einführungsphase ist jedoch eine auf die vom
Gesetzgeber angestrebten Ziele ausgerichtete Preisbestimmung erforder-
lich. Den Tarifpartnern, Festsetzungs- und Genehmigungsbehörden ver-
bleibt die Möglichkeit, ersatzweise auf möglichst aussagekräftige vorhan-
dene Daten abzustellen und erkannte Mängel mit sachgerechten Korrek-
turmassnahmen zu "überbrücken". Vor diesem Hintergrund wird das Bun-
desverwaltungsgericht – zumindest in der Phase der Einführung der leis-
tungsbezogenen Fallpauschalen – den Vorinstanzen bei der Umsetzung
der Preisbildungsregel nach Art. 49 Abs. 1 Satz 5 KVG beziehungsweise
bei der Durchführung des Benchmarkings einen erheblichen Spielraum
einzuräumen haben. Erscheint das Vorgehen der Vorinstanz als vertretbar,
ist der Entscheid selbst dann zu schützen, wenn andere Vorgehensweisen
als besser geeignet erscheinen, die vom Gesetzgeber angestrebten Ziele
zu erreichen (BVGE 2014/36 E. 5.4, vgl. auch BVGE 2014/3 E. 10.1.4).
3.6 Weiter prüfte das Gericht, welche Korrekturmassnahmen in einer Über-
gangsphase sachgerecht und vertretbar sein können (BVGE 2014/36
E. 6). So kann beispielsweise die Auswahl einer repräsentativen Teilmenge
(Stichprobe) vertretbar sein, obwohl für den Betriebsvergleich idealerweise
von der Grundgesamtheit aller akutsomatischen Spitäler auszugehen wäre
(E. 6.1). Zur Bildung von Benchmarking-Gruppen (z.B. nach Spitalkatego-
rie) hat das Gericht unter anderem erwogen, eine solche stehe im Wider-
spruch zur Grundidee eines schweizweiten, möglichst breit abgestützten
Betriebsvergleichs (E. 6.6.1). Es stellte fest, dass für die zukünftige Ent-
wicklung in der Preisfindungspraxis die Kategorisierung wenig zielführend
sei, zumal bereits die Kategorienbildung Probleme verursache (E. 6.6.4).
Dennoch könne in einer Einführungsphase der Entscheid einer Kantonsre-
gierung, für spezielle Spitäler (z.B. Universitätsspitäler) auf einen eigenen
Betriebsvergleich abzustellen, geschützt werden (E. 6.6.6). Zudem ist bei
der Preisgestaltung unter Umständen der spezifischen Situation der Leis-
tungserbringer Rechnung zu tragen, so, dass – ausgehend von einem Re-
ferenzwert – aus Billigkeitsgründen differenzierte Basisfallwerte verhandelt
oder festgesetzt werden müssen (vgl. dazu BVGE 2014/36 E. 6.8, s.a.
E. 3.4 und E. 22.3 ff.).
4.
Das Beschwerdeverfahren C-3614/2013 (Beschwerde der tarifsuisse) ist,
soweit es nicht durch das Teilurteil vom 18. Juni 2015 erledigt wurde, zu-
folge des Beschwerderückzuges vom 28. Juli 2015 gegenstandslos gewor-
den und abzuschreiben.
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 18
5.
Umstritten ist die Differenzierung der Tarife von Spitälern mit Notfallstation
und Spitälern ohne Notfallstation.
5.1 Die Vorinstanz setzte den Basisfallwert für Spitäler mit Notfallstation bei
CHF 9'480.- und denjenigen der Spitäler ohne Notfallstation auf
CHF 9'280.- fest. Die Mehrheit der DRG komme sowohl bei Notfallpatien-
tinnen und -patienten als auch bei Elektivpatientinnen und -patienten zur
Anwendung. Deren Kostengewicht sei durch den jeweiligen Mix der Not-
fall- und Elektivbehandlungen bestimmt worden. Spitäler, welche Notfälle
behandeln würden, müssten zusätzliche Leistungen erbringen. Empirische
Analysen zeigten, dass Spitäler ohne Notfallstation tiefere Fallkosten aus-
wiesen. Die mit der Führung einer Notfallstation verbundenen Mehrkosten
würden durch das SwissDRG-System unvollständig abgebildet. Da die
«gemischten DRG» auch bei Spitälern ohne Notfallstation verwendet und
vergütet würden, erhielten solche Spitäler systematisch zu hohe Vergütun-
gen. Aufgrund von statistischen Auswertungen der GD mit den Patien-
ten- und Kostendaten der nicht-universitären Spitäler errechnete die Vo-
rinstanz für Spitäler ohne Notfallstation einen Abschlag von
CHF 200.- (Notfallabschlag). Mit einem Zuschlag von CHF 20.- auf den
Basisfallwert wurden die durch den Notfallabschlag eingesparten Mittel
wieder auf alle nicht-universitären Spitäler verteilt.
5.2 Die Adus Medica AG bemängelt die Tarifdifferenzierung für Spitäler mit
und ohne Notfallstation als systemfremd sowie rechtswidrig und beantragt
für ihr Spital denjenigen Tarif, den die Vorinstanz für Spitäler mit Notfallsta-
tion festgesetzt hatte (CHF 9'480.-). Zur Begründung führt sie im Wesent-
lichen aus, die Notfalldienste seien gemeinwirtschaftliche Leistungen im
Sinne von Art. 49 Abs. 3 KVG. Die Vergütung dieser Leistungen sei von
den Tarifverträgen zwischen den Leistungserbringern und Versicherern im
Rahmen der Fallpauschalen ausgenommen. Die Leistungen der Notfallsta-
tion seien nicht stationäre, sondern ambulante. Diese seien grundsätzlich
nach den Regeln zur Finanzierung der ambulanten Leistungen (nach der
Tarifstruktur TARMED) abzurechnen. Wenn die Notfallstation durch die am-
bulanten Tarife nicht kostendeckend finanziert werde, könne der Kanton
Beiträge leisten.
5.3 Die Vorinstanz führt in ihrer Vernehmlassung aus, die Notfallversor-
gung im Zusammenhang mit einem stationären Aufenthalt sei über die Ta-
rife für stationäre Leistungen zu vergüten. Die Kosten der stationären Not-
fallbehandlungen seien in die Kostengewichte der Tarifstruktur SwissDRG
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 19
eingerechnet. Die Adus Medica AG dürfe und müsse gemäss der Zürcher
Spitalliste keine Notfallstation führen, was die Festsetzung eines tieferen
Tarifs rechtfertige. Folgte man der Argumentation der Adus Medica AG,
würde dies zu einer Senkung aller Tarife und nicht zur beantragten Tarifer-
höhung für das Beschwerde führende Spital führen.
5.4 Die HSK bestreitet insbesondere die Haltung der Adus Medica AG, wo-
nach die Kosten der Notfallbehandlungen als ambulante Leistungen zu
vergüten seien. Wenn ein Patient nach erfolgter Notfallbehandlung als sta-
tionär aufgenommen würde, seien die Notfallversorgungsleistungen vom
System der SwissDRG-Fallpauschalen nach Art. 49 Abs. 1 KVG erfasst
und abgegolten.
5.5 Auch tarifsuisse macht geltend, die Notfall- und Bereitschaftsdienste
der Spitäler seien gemeinwirtschaftliche Leistungen im Sinne von Art. 49
Abs. 3 KVG. Deren Kosten seien nicht von der obligatorischen Kranken-
pflegeversicherung (OKP), sondern von der öffentlichen Hand zu tragen.
Die korrekte Ausscheidung der Kosten der Notfalldienste führe aber zu ei-
ner erheblichen Reduktion der Baserate.
5.6 Sowohl die Preisüberwachung als auch das BAG lehnen die Tarifdiffe-
renzierung zwischen Spitälern mit und ohne Notfallstation ab. Die Preis-
überwachung führt aus, die Kosten der Notfallstation seien in den Kosten-
gewichten der Tarifstruktur berücksichtigt. Die Bereitschaftsdienste der
Spitäler mit Notfallstation seien in der Tarifberechnung der Preisüberwa-
chung mit einer tieferen Sollauslastung berücksichtigt. Der Betrieb einer
Notfallstation liege auch im Eigeninteresse des Spitals.
5.7 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich mit der Differenzierung der Ta-
rife zwischen Spitälern mit und ohne Notfallstation auseinandergesetzt
(BVGE 2014/36 E. 21; vgl. auch Urteil des BVGer C-2290/2013 und
C-3619/2013 vom 16. Juni 2015 E. 7).
5.7.1 Das Gericht erkannte, dass stationäre Behandlungen bei einem me-
dizinischen Notfall als OKP-Pflichtleistungen und durch die Fallpauschalen
abzugelten sind (BVGE 2014/36 E. 21.3.1). Entsprechend sind auch die
Kosten dieser Notfallbehandlungen für die Tarifberechnung relevant, und
die Ausscheidung solcher Kostenanteile als gemeinwirtschaftliche Leistun-
gen wäre nicht sachgerecht (BVGE 2014/36 E. 21.3.2).
5.7.2 Um Notfälle versorgen zu können, benötigt ein Spital erhöhte Flexi-
bilität und dauernd freie Aufnahmekapazitäten. Spitäler ohne Notfallstation
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 20
müssen demgegenüber keine organisatorischen Vorkehren für dringende
Fälle treffen. Dies führt beim Spital, welches sich ausschliesslich auf Elek-
tivbehandlungen ausrichten kann, notwendigerweise zu einer Effizienzstei-
gerung und zu tieferen Betriebskosten (BVGE 2014/36 E. 21.3.3). Auch die
Mehrkosten der Spitäler mit Leistungsauftrag zum Betrieb einer Notfallsta-
tion sind im stationären Bereich durch die Fallpauschalen abzugelten
(BVGE 2014/36 E. 21.3.4).
5.7.3 Da die Tarifstruktur SwissDRG 1.0 noch ungenügend zwischen Not-
fallbehandlungen und Elektivbehandlungen differenziert, würden Spitäler,
welche ausschliesslich Elektivbehandlungen anbieten, systematisch privi-
legiert. Eine Anpassungen respektive Weiterentwicklungen der Tarifstruk-
tur (Art. 49 Abs. 2 KVG) unter diesem Aspekt wäre wünschenswert. Das
Bundesverwaltungsgericht erkannte, der Entscheid der Vorinstanz, für Spi-
täler mit und ohne Notfallaufnahme je unterschiedliche Basisfallwerte fest-
zusetzen, bedeute keinen systemwidrigen Eingriff in die Tarifstruktur und
sei zumindest in der Einführungsphase vertretbar (BVGE 2014/36
E 21.4.1).
5.7.4 Zur Quantifizierung der Differenzierung stützt sich die Vorinstanz auf
Statistiken über die Fallkostenunterschiede von Spitälern mit und ohne
Notfallstationen und über die Verteilung von Elektiv- und Notfallpatientin-
nen und -patienten in den Spitälern mit Notfallstation. Die Berechnung der
Vorinstanz ist nachvollziehbar und ist nicht zu beanstanden (BVGE
2014/36 E. 21.5).
5.8 Die Festsetzung des Basisfallwertes der nicht-universitären Zürcher
Spitäler mit Notfallstation bei CHF 9'480.- und des Basisfallwertes der Zür-
cher Spitäler ohne Notfallstation bei CHF 9'280.- ist im Grundsatz nicht zu
beanstanden (BVGE 2014/36 E. 21.5; vgl. auch Urteil des BVGer
C-2273/2013 und C-3615/2013 vom 8. Juni 2015 E. 8; Urteil C-2290/2013
E. 7.3). Gründe, davon abzuweichen, bestehen auch vorliegend nicht. Die
Adus Medica AG verfügt über einen Leistungsauftrag für das Basispaket
für elektive Leistungserbringer, welcher die Führung einer Notfallstation
ausschliesst (Zürcher Spitalliste 2012 Akutsomatik [gültig ab 1. Januar
2012] und Strukturbericht zur Spitalplanung 2012 des Kantons Zürich vom
September 2011, S. 26 f. < http://www.gd.zh.ch > Themen > Behörden &
Politik > Spitalplanung / Spitallisten > Akutsomatik >, abgerufen am
19. August 2015). Für die Adus Medica AG ist von einem Betrag von
CHF 9'280.- auszugehen.
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 21
6.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Vorinstanz den Ba-
sisfallwert der Adus Medica AG im Rahmen ihres Ermessens auf den Be-
trag von CHF 9'280.- festsetzen durfte. Die von der Adus Medica AG ge-
stellten Anträge sind abzuweisen.
7.
Zu befinden ist abschliessend über die Verfahrenskosten und Parteient-
schädigungen.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt die Verfahrenskosten in der
Regel der unterliegenden Partei. Unterliegt diese nur teilweise, so werden
die Verfahrenskosten ermässigt (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Wird ein Verfahren
gegenstandslos, so werden die Verfahrenskosten in der Regel jener Partei
auferlegt, deren Verhalten die Gegenstandslosigkeit bewirkt hat (Art. 5 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Den Vo-
rinstanzen werden keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2
VwVG). Die Spruchgebühr richtet sich nach Umfang und Schwierigkeit der
Streitsache, Art der Prozessführung und finanzieller Lage der Parteien (vgl.
Art. 63 Abs. 4bis VwVG; zur Qualifikation als vermögensrechtliche Streitig-
keit vgl. BVGE 2010/14 E. 8.1.3). Das für die Kostenverteilung massge-
bende Ausmass des Unterliegens ist aufgrund der gestellten Rechtsbegeh-
ren zu beurteilen (MICHAEL BEUSCH, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kom-
mentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2008,
Rz. 13 zu Art. 63). Dabei ist auf das materiell wirklich Gewollte abzustellen
(MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs-
gericht, 2. Aufl. 2013, S. 256, Rz. 4.43).
7.2 Das Beschwerdeverfahren C-3614/2013 wurde (gleichzeitig mit dem
Beschwerdeverfahren C-3620/2013) vom Beschwerdeverfahren
C-2259/2013 abgetrennt. Im ersten Teilentscheid vom 18. Juni 2015 wurde
festgehalten, über die Verfahrenskosten und die Parteientschädigungen
sei im zweiten Teilurteil zu befinden. Mit ihrem Antrag auf Aufhebung des
Festsetzungsbeschlusses und Festsetzung auf höchstens CHF 2'006.- be-
treffend die Tagespauschale obsiegt tarifsuisse teilweise. Durch den Rück-
zug des Antrages betreffend die Festsetzung des Basisfallwerts hat ta-
rifsuisse zur Vereinfachung des Beschwerdeverfahrens beigetragen; sie
hat jedoch die Verfahrenskosten für den einschlägigen Verfahrensaufwand
zu tragen. Die Verfahrenskosten im abgetrennten Verfahren werden auf
CHF 1'800.- bestimmt. Tarifsuisse werden Verfahrenskosten in der Höhe
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 22
von CHF 1'200.- auferlegt. Von Adus Medica AG sind CHF 600.- zu tragen.
Da tarifsuisse im (von C-2259/2013 abgetrennten) Verfahren C-3614/2013
keinen Kostenvorschuss geleistet hat, sind ihr CHF 1'200.- in Rechnung zu
stellen.
7.3 Die Beschwerde der Adus Medica AG ist vollumfänglich abzuweisen.
Die Verfahrenskosten im Verfahren C-2267/2013 werden auf CHF 4'000.-
bestimmt und der Adus Medica AG auferlegt. Dieser Betrag wird dem Kos-
tenvorschuss (CHF 6'000.-) entnommen. Vom Restbetrag von CHF 2'000.-
werden CHF 600.- zur Begleichung der Verfahrenskosten im Verfahren
C-3614/2013 verwendet (vgl. E. 7.2). CHF 1'400.- sind der Adus Medica
AG zurückzuerstatten.
7.4 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG hat die obsiegende Partei Anspruch auf
eine Parteientschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und ver-
hältnismässig hohen Kosten (vgl. auch Art. 7 ff. des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Obsiegt die Partei nur teil-
weise, so ist die Parteientschädigung entsprechend zu kürzen (Art. 7
Abs. 2 VGKE), wobei auch die Verursachung der Gegenstandslosigkeit zu
berücksichtigen ist (Art. 15 i. V. m. Art. 5 und 7 Abs. 2 VGKE). Die Entschä-
digung wird der Körperschaft oder autonomen Anstalt auferlegt, in deren
Namen die Vorinstanz verfügt hat, soweit sie nicht einer unterliegenden
Gegenpartei auferlegt werden kann (Art. 64 Abs. 2 VwVG). Zwar sieht Art.
64 Abs. 3 VwVG vor, dass die Parteientschädigung nur einer unterliegen-
den Gegenpartei, welche sich mit selbständigen Begehren am Verfahren
beteiligt hat, auferlegt werden kann. Nach der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung kann bei der Entschädigungsregelung jedoch von der Voraus-
setzung, dass die Gegenpartei ausdrücklich Antrag gestellt hat, abgesehen
werden, wenn deren Interesse am Verfahrensausgang auf der Hand liegt
(BGE 128 II 90 E. 2c; vgl. auch BGE 123 V 159 E. 4b; Urteil des Bundes-
gerichts 2C_572/2012 vom 27. März 2013 E. 4).
7.5 Im Beschwerdeverfahren C-3614/2013 hat tarifsuisse durch Rückzug
des ersten Rechtsbegehrens die teilweise Gegenstandslosigkeit bewirkt.
Bezüglich des zweiten Rechtsbegehrens obsiegt sie teilweise. Tarifsuisse
hat Anspruch auf eine reduzierte Parteientschädigung. Da der Rechtsver-
treter keine Kostennote eingereicht hat, ist die Parteientschädigungen auf-
grund der Akten festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 Satz 2 VGKE). Dabei ist zu
beachten, dass die Beschwerde C-2259/2013 der tarifsuisse gegen meh-
C-2267/2013, C-3614/2013
Seite 23
rere Spitäler gerichtet ist und im abgetrennten Verfahren C-3614/2013 le-
diglich der Tarif der Adus Medica AG beurteilt wird. Für tarifsuisse erscheint
eine Parteientschädigung in der Höhe von CHF 600.- (inkl. MWST und Aus-
lagen) angemessen. Da die Adus Medica AG bezüglich des zweiten
Rechtsbegehrens der tarifsuisse als materiell notwendige Gegenpartei un-
terliegt, ist ihr die an tarifsuisse zu leistende Parteientschädigung aufzuer-
legen (vgl. E. 7.4). Adus Medica AG hat in diesem Verfahren keine Be-
schwerdeantwort eingereicht und keinen Anspruch auf eine Parteientschä-
digung.
7.6 Im Beschwerdeverfahren C-2267/2013 unterliegt die Adus Medica AG
als Beschwerdeführerin. Tarifsuisse obsiegt mit ihrem Antrag auf Abwei-
sung der Beschwerde vollumfänglich und hat Anspruch auf eine Parteient-
schädigung. Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht. Be-
achtlich ist, dass im Verfahren C-3620/2013 eine Beschwerdeantwort mit
gleichem Inhalt eingereicht wurde. Eine Parteientschädigung in der Höhe
von CHF 2'000.- erscheint angemessen. Diese ist der Adus Medica AG
aufzuerlegen (Art. 64 Abs. 2 VwVG). Die Versicherungen der Einkaufsge-
meinschaft HSK haben sich nicht anwaltlich vertreten lassen, und die Kran-
kenversicherungen Assura-Basis SA und SUPRA 1846 SA haben sich nicht
am Beschwerdeverfahren beteiligt. Die Beschwerdegegnerinnen 48 – 62
haben keinen Anspruch auf Parteientschädigung.
8.
Die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundes-
gericht gegen Entscheide auf dem Gebiet der Krankenversicherung, die
das Bundesverwaltungsgericht gestützt auf Art. 33 Bst. I VGG in Verbin-
dung mit Art. 53 KVG getroffen hat, ist gemäss Art. 83 Bst. r BGG unzuläs-
sig. Der vorliegende Entscheid ist endgültig.
Das Dispositiv folgt auf der nächsten Seite.
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