Decision ID: ad8ad2b4-e014-4a37-a5ab-e6ae48439c4d
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 29.09.2016 Art. 17 Abs. 1 ATSG: Rentenrevision infolge nachträglicher erheblicher Sachverhaltsänderung; erheblich verbesserter Gesundheitszustand, erhebliche Änderung der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 29. September 2016, IV 2014/80).
Besetzung
Versicherungsrichterin Christiane Gallati Schneider (Vorsitz), Versicherungsrichter
Joachim Huber, Versicherungsrichterin Miriam Lendfers; Gerichtsschreiber Markus
Jakob
Geschäftsnr.
IV 2014/80
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Marcel Aebischer,
Küng Rechtsanwälte & Notare AG, Haldenstrasse 10, 9200 Gossau SG,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Rentenrevision (Einstellung)
Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter) war zuletzt vom 1. März 1999 bis 31. August
2001 bei der B._ AG als Mitarbeiter in der Oberflächentechnik angestellt, wobei er
dieser Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen seit dem 30. November 2000 nicht mehr
nachging (IV-act. 6-1, 6-5). Am "26.02.2002" meldete sich der Versicherte zum Bezug
von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 1; 26. Februar 2002 fragliches
Datum, weil Eingangskontrolle bei der IV-Stelle am 31. Oktober 2001 erfolgte). Sein
Hausarzt, Dr. med. C._, Allgemeine Medizin FMH, attestierte dem Versicherten ab 30.
November 2000 eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit bei folgenden Diagnosen: Chronisch
persistierender Schmerz im Bereich des rechten oberen Sprunggelenks (OSG) bei
Status nach Arthroskopie und Curettage sowie Status nach Spongiosaplastik vom
rechten Tibiakopf wegen Taluszyste rechts; Status nach rechtsseitigem OSG-
Distorsionstrauma 06/99; Senkspreizfuss beidseits rechts betont; chronisches
Lumbovertebralsyndrom mit Spondylarthrose L4-S1; Wirbelfehlhaltung und muskuläre
Dysbalance; Anpassungsstörung mit gemischter affektiver Reaktion mittleren Grades
und Störung des Sozialverhaltens; Cervicocephales Syndrom mit Status nach HWS-
Distorsionstrauma (IV-act. 5-1). Dr. C._ stützte sich dabei auf den Austrittsbericht der
Klinik Valens vom 14. September 2001, wo sich der Versicherte stationär vom 15. bis
31. August 2001 aufgehalten hatte (IV-act. 5-15 ff.). Die Ärzte der Klinik Valens waren
von einer 100%-igen Arbeitsunfähigkeit des Versicherten für die bisherige Tätigkeit,
hingegen von einer 100%-igen Arbeitsfähigkeit für leichte bis maximal mittelschwere,
wechselbelastende Tätigkeiten ausgegangen (IV-act. 5-17). Vor diesem Hintergrund
leitete die IV-Stelle nach Rückfrage beim regionalen ärztlichen Dienst Ostschweiz
(nach¬folgend RAD; IV-act. 12) eine medizinische Abklärung in der Medas des
Kantonsspitals Basel (nachfolgend: Medas Basel) ein (IV-act. 14). Dr. med. D._,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie FMH, sowie die fallverantwortliche
Ärztin, Dr. med. E._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, gelangten in ihrem
Gutachten vom 16. Dezember 2002 zu folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit: 1. Anpassungsstörung mit verlängerter depressiver Reaktion sowie
Störung des Sozialverhaltens (ICD-10: F43.21); 2. Chronisches lumbovertebrales
Schmerzsyndrom nicht spezifizierbarer Ätiologie; 3. Chronisches zervikovertrebrales
Schmerzsyndrom unspezifischer Ätiologie und chronische Gesichts- und
Kopfschmerzen rechts seit Ohroperation 1997/98, exazerbiert seit 1999; 4. Chronische
Schmerzen im Bereich des OSG rechts bei OSG-Distorsion rechts am 1. Juni 1999,
Status nach Gelenksarthroskopie und Curettage sowie Spongiosaplastik vom rechten
Tibiakopf am 5. Januar 2001 (bei subchondral gelegener Knochenzyste in der medialen
Talusrolle sowie postoperativer Entrapment-Symptomatik des Hautnervs intermedius
dorsalis), beginnender Osteoarthrose talocalcanear und tibiotalar möglich sowie
mässigen Senkspreizfüssen beidseits (IV-act. 18-12). In der Gesamtbeurteilung leitete
Dr. E._ daraus eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit per 1. Dezember 2000 im
angestammten Beruf ab. Diese Einschätzung beruhe sowohl auf den psychiatrischen
wie auch auf den rheumatologischen Befunden. Aufgrund der psychiatrischen
Erkrankung bestehe zurzeit auch für alternative Tätigkeiten eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit. Aus rheumatologischer Sicht bestehe hingegen medizinisch-
theoretisch eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit für leichte bis mittelschwere
körperliche Verweistätigkeiten (IV-act. 18-12 f.). In der Folge sprach die IV-Stelle dem
Versicherten mit Verfügung vom 24. April 2003 eine ganze Invalidenrente ab 1.
Dezember 2001 zu (IV-act. 24 und 26).
A.b Eine Überprüfung im Jahr 2006 führte zu keiner Anpassung des Rentenanspruchs
(IV-act. 30 ff.).
B.
B.a Am 20. November 2012 eröffnete die IV-Stelle ein weiteres Verfahren zur
Überprüfung des Rentenanspruchs. Im dafür dem Versicherten zugestellten
Fragebogen gab dieser an, dass sich sein Gesundheitszustand in den letzten ein bis
zwei Jahren verschlechtert habe (IV-act. 37 ff.). Dr. C._ erklärte in einem Bericht vom
24. Dezember 2012, dass er nach wie vor von einer chronifizierten Anpassungsstörung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit verlängerter depressiver Reaktion sowie einer Störung des Sozialverhaltens, wie im
Medas-Gutachten Basel von Dr. E._ beschrieben, ausgehe. Der Versicherte sei in der
derzeitigen psychischen Verfassung nicht im Stande, einer Tätigkeit nachzugehen. Am
dringlichsten erscheine eine psychotherapeutische Begleitung, die jedoch bislang
abgelehnt worden sei (IV-act. 40-1 f.). Die IV-Stelle holte hierauf eine Stellungnahme
ihres RAD-Arztes med. prakt. F._ zu den Fragen ein, ob die rentenbegründende
Arbeitsunfähigkeit (festgestellt zum Referenzzeitpunkt) überwiegend mit einem Leiden
gemäss Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a begründet sei, ob daneben weitere, die
berufliche Leistungsfähigkeit einschränkende Gesundheitsschäden vorliegen würden
und ob medizinische Revisionsgründe oder Verbesserungspotenziale aus
medizinischer Sicht ersichtlich seien (IV-act. 45). Auf dessen Vorschlag veranlasste die
IV-Stelle eine Begutachtung beim Ärztlichen Begutachtungsinstitut GmbH (ABI), Basel,
unter anderem zur Beantwortung der Frage der invalidisierenden Wirkung einer
gegebenenfalls somatoformen Störung oder eines sonstigen vergleichbaren
syndromalen Zustands (IV-act. 42 ff., 46 f.). Das Gutachten wurde am 5. Juli 2013
erstattet und umfasste eine allgemeininternistische, psychiatrische, orthopädische
sowie neurologische Untersuchung. Die Gutachter stellten mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit die Diagnosen chronische Beschwerden im Bereich des rechten
Sprunggelenks sowie emotional instabile Persönlichkeit vom impulsiven Typus
(akzentuierte Züge, ICD-10: Z73.1). Die chronischen Nacken-/Schulterbeschwerden der
adominanten linken Seite sowie das chronische lumbovertebrale Schmerzsyndrom
wurden als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gestellt. Aus
interdisziplinärer Sicht wurde der Versicherte für leichte bis mittelschwere Tätigkeiten,
ohne interaktiv-kommunikative Anforderungen, zu 100% arbeits- bzw. leistungsfähig
erachtet. Lediglich körperlich schwer belastende Tätigkeiten wurden als ungeeignet
bezeichnet (IV-act. 51). Am 16. August 2013 nahm RAD-Arzt med. prakt. F._ auf
Ersuchen der IV-Stelle zum ABI-Gutachten Stellung (IV-act. 52).
B.b Mit Vorbescheid vom 28. August 2013 teilte die IV-Stelle dem Versicherten unter
Hinweis auf das ABI-Gutachten mit, es sei vorgesehen, die laufende Rente per Ende
des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats aufzuheben (IV-act. 55). Dagegen
liess der Versicherte durch Dr. C._ mit der Begründung Einwand erheben, dass im
ABI-Gutachten die psychischen Gründe offenbar nicht gewertet worden seien. Im
Vordergrund stehe nach wie vor eine schwere Anpassungsstörung mit verlängerter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressiver Reaktion sowie eine Störung des Sozialverhaltens (ICD10: F43.21). Im
derzeitigen Zustand sei der Versicherte auf dem freien Arbeitsmarkt nicht vermittelbar.
Die Anpassungsstörung sei noch in keiner Art und Weise überwunden und der
Versicherte bedürfe dringend psychiatrischer Hilfe (IV-act. 58). Am 7. Januar 2014
verfügte die IV-Stelle die Aufhebung der Invalidenrente (IV-act. 60).
C.
C.a Gegen diese Verfügung liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer),
vertreten durch Rechtsanwalt Marcel Aebischer, Gossau, mit Eingabe vom 7. Februar
2014 (act. G 1) und Ergänzung vom 29. April 2014 (act. G 5) Beschwerde erheben mit
dem Antrag, die angefochtene Verfügung vom 7. Januar 2014 sei aufzuheben und dem
Beschwerdeführer sei mindestens eine Viertelrente auszurichten, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Zusammen mit der Beschwerde und deren Ergänzung reichte
der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers unter anderem Berichte bzw. ein ärztliches
Zeugnis von Dr. C._ (act. G 1.3 - G 1.6), einen Austrittsbericht der Psychiatrischen
Klinik G._ vom 6. März 2014 (act. G 5.1) sowie eine Behandlungsbestätigung von Dr.
med. H._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Herisau, vom 29. April 2014
(act. G 5.2) ein.
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 19. Mai 2014 beantragte die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
C.c Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers verzichtete auf eine Replik (act. G 11).
C.d Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der

übrigen Akten, wird soweit entscheidnotwendig, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin am 7. Januar 2014 zu Recht im
Revisionsverfahren nach Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die Aufhebung der seit 1. Dezember
2001 ausgerichteten ganzen Rente der Invalidenversicherung verfügt hat.
2.
2.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40% auf eine Viertelsrente.
2.3 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer rentenbeziehenden Person erheblich, so wird
die Rente gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die
Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben. Anlass zu einer
Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die
geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen, eine
Änderung des Gesundheitszustands und der medizinisch-theoretischen
Arbeitsfähigkeit sowie der massgebenden Vergleichseinkommen (vgl. dazu Art. 16
ATSG; BGE 130 V 343 E. 3.5; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/
Genf 2015, Art. 17 N 28 ff.).
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
In formeller Hinsicht rügt der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers zu Unrecht die
unzulässige Einleitung eines Rentenrevisionsverfahrens durch die Beschwerdegegnerin
wie nachfolgend zu zeigen sein wird.
3.1
3.1.1 Es ist ihm zwar darin zuzustimmen, dass die im November 2012 von der
Beschwerdegegnerin eingeleitete Überprüfung des Rentenanspruchs u.a. unter dem
Titel von lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen der Änderung des Bundesgesetzes
über die Invalidenversicherung vom 8. März 2011 (6. IV-Revision, erstes
Massnahmenpaket; nachfolgend: SchlBest IVG) erfolgt ist. Mit dieser am 1. Januar
2012 in Kraft getretenen Schlussbestimmung hatte der Gesetzgeber eine rechtliche
Grundlage zur Anpassung laufender Renten geschaffen, die vor dem 1. Januar 2008
wegen "somatoformer Schmerzstörungen, Fibromyalgie und ähnlicher Sachverhalte"
zugesprochen worden waren. In der Botschaft hatte der Bundesrat ausgeführt, dass
eine Rente in Abweichung von Art. 17 ATSG auch dann anzupassen sei, wenn weder
eine wesentliche Veränderung des Gesundheitszustandes noch der erwerblichen
Verhältnisses vorliege, sofern die Überprüfung durch die IV-Stelle ergebe, dass eines
der vorgenannten Beschwerdebilder vorliege und gemäss Art. 7 ATSG als überwindbar
zu qualifizieren sei. Eine Herabsetzung oder Aufhebung dürfe allerdings nur nach
eingehender Prüfung des Sachverhalts (vgl. dazu BGE 130 V 352) erfolgen (BBl 2010
1911; vgl. auch Amtl. Bull. SR 2010 661 ff. und Amtl. Bull NR 2010 2116 ff.). Die
Überprüfung war innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten dieser Änderung
vorzunehmen. Bei lit. a Abs. 1 SchlBest IVG handelte es sich um ein zeitlich befristetes,
zusätzliches Korrekturinstrument für bestimmte formell rechtskräftige
Rentenverfügungen. Die Renten sollten aufgehoben oder herabgesetzt werden können,
wenn sie dieser nachträglichen Überprüfung nicht standhielten, und zwar auch dann,
wenn die Voraussetzungen für eine Rentenanpassung gemäss Art. 17 ATSG nicht
erfüllt waren. Es handelte sich also um eine Anpassung von Renten gestützt auf eine
(auf einer Bundesgerichtspraxis beruhenden) gesetzliche Ausnahmeregelung.
3.1.2 Ebenfalls zutreffend stellt der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers fest, dass
RAD-Arzt med. prakt. F._ am 29. Januar 2013 auf Anfrage der Beschwerdegegnerin
feststellte, dass die rentenbegründende Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht überwiegend mit einem Leiden gemäss lit. a Abs. 1 SchlBest IVG begründet
worden sei (IV-act. 45). Diese Beurteilung des RAD-Arztes wurde nachfolgend auch
von den ABI-Gutachtern bestätigt (IV-act. 51-23). Eine Rentenrevision gestützt auf die
besagte Schlussbestimmung fiel damit - wie von der Beschwerdegegnerin auch
angenommen - ausser Betracht.
3.2
3.2.1 Die Rentenrevision gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG stellt neben lit. a Abs. 1
SchlBest IVG ein eigenständiges Korrekturinstrument dar, um rechtskräftig
zugesprochene, laufende Invalidenrenten - anders als bei lit. a Abs. 1 SchlBest IVG -
einer nachträglichen Änderung des anspruchsbegründenden Sachverhalts anzupassen.
Entgegen der Annahme des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers wurde vorliegend
gleichzeitig auch ein Verfahren nach Art. 17 Abs. 1 ATSG durchgeführt. So fragte die
Beschwerdegegnerin RAD-Arzt med. prakt. F._, ob neben einem Leiden gemäss lit. a
Abs. 1 SchlBest IVG weitere Gesundheitsschäden Einschränkungen der beruflichen
Leistungsfähigkeit verursachen würden und ob Revisionsgründe ersichtlich seien (IV-
act. 45). Wie in Art. 17 Abs. 1 ATSG vorgesehen, erfolgt die Anpassung entweder auf
Gesuch hin oder - wie im konkreten Fall passiert - von Amtes wegen. Handelt der
Versicherungsträger von Amtes wegen, lässt er sich von einem vorgemerkten
Anpassungstermin leiten, der in der Verwaltungspraxis in einem ungefähren Abstand
von drei Jahren festgelegt wird (vgl. dazu KIESER, a.a.O., Art. 17 N 45 ff.; vgl. auch Art.
87 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]).
Unabhängig von einem solchen Termin erfolgt ferner die Abklärung, wenn der
Versicherungsträger Kenntnis von allenfalls anpassungsrelevanten Änderungen des
Sachverhalts erhält (vgl. dazu Art. 87 Abs. 1 lit. b IVV). Beim Beschwerdeführer war eine
Rentenüberprüfung durch die Beschwerdegegnerin letztmals im Jahr 2006 erfolgt (IV-
act. 30 ff.). Ein Revisionsverfahren von Amtes wegen im Jahr 2012 war damit zeitlich im
Rahmen der Verwaltungspraxis sicher geboten.
3.2.2 Der Gegenstand des Beweises eines revisionsbegründenden veränderten
Gesundheitszustandes oder einer veränderten medizinisch-theoretischen
Arbeitsfähigkeit (vgl. Erwägung 2.3) ergibt sich speziell aus den medizinischen
Unterlagen ärztlicher Sachverständiger (vgl. dazu SVR 2013 IV Nr. 44 S. 216 [Urteil
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8C_441/2012 vom 25. Juli 2013] E. 6.1.3 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom
30. September 2015, 8C_162/2015, E. 2.2). Es ist die Aufgabe des Arztes oder der
Ärztin, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in
welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person
arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage
für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch
zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen). Es gehört zu den
Aufgaben des RAD, sämtliche medizinischen Berichte unabhängig ihrer Herkunft
kritisch zu würdigen und bei erkanntem Abklärungsbedarf weitere Massnahmen
einzuleiten. RAD-Arzt med. prakt. F._ verneinte zwar ersichtliche Revisionsgründe,
erklärte jedoch abschliessend, dass unter anderem die 10 Jahre zuvor
rentenauslösende Diagnose "Anpassungsstörung mit verlängerter depressiver Reaktion
und Störung des Sozialverhaltens" eine Überprüfung des medizinischen Sachverhalts
impliziere und er eine erneute Begutachtung vorschlage. Angesichts dieser
Stellungnahme sah sich die Beschwerdegegnerin nachvollziehbarerweise dazu
veranlasst, den Beschwerdeführer einer Begutachtung zuzuführen, d.h. die
nachfolgende Anordnung der ABI-Begutachtung durch die Beschwerdegegnerin
erfolgte rechtmässig.
3.2.3 Im Sozialversicherungsrecht gilt generell das Untersuchungsprinzip (Art. 43 Abs.
1 ATSG). Der Untersuchungsgrundsatz besagt, dass die verfügende Instanz den
rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen, aus eigener Initiative und ohne
Bindung an die Vorbringen oder Beweisanträge der Parteien richtig und vollständig
abklären muss (THOMAS LOCHER, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl.
Bern 2014, § 70 N 3; KIESER, a.a.O., Art. 43 N 13; BGE 122 V 158 E. 1a). Die
Untersuchungen sind einzustellen, wenn die Akten vollständig sind, d.h. wenn die
inhaltlichen und beweismässigen Anforderungen, welche an die einzelnen Beweismittel
zu stellen sind, erfüllt sind und eine Würdigung dieser Beweismittel mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (vgl. dazu LOCHER, a.a.O., § 70 N.
58 f.) einen bestimmten Sachverhalt ergibt (KIESER, a.a.O., Art. 43 N 46). Nach der
Rechtsprechung bedarf es zu einer überzeugenden psychiatrischen Exploration in aller
Regel eines Gesprächs mit dem Patienten, ist doch gerade im Rahmen der Psychiatrie
der persönliche Eindruck von ausschlaggebender Bedeutung (Urteil des
Bundesgerichts vom 27. April 2015, 8C_721/2014, E. 7.3; vgl. auch RKUV 2001 Nr. U
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
438 S. 345 E. 3d, U 492/00). Die Stellungnahme von med. prakt. F._ stellte im
Gegensatz zum ABI-Gutachten lediglich eine Aktenbeurteilung dar. Einen persönlichen
Eindruck über den aktuellen Stand der psychischen Beschwerden im
Revisionszeitpunkt machte sich erst der psychiatrische ABI-Gutachter Dr. med. I._,
FMH Psychiatrie und Psychotherapie.
3.2.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin befugt war,
eine Überprüfung des Rentenanspruchs des Beschwerdeführers nach Art. 17 Abs. 1
ATSG vorzunehmen.
4.
Zu prüfen bleibt, ob das Ergebnis der ABI-Gutachter eine Revision im Sinne von Art. 17
Abs. 1 ATSG zu begründen vermag oder es sich nur um eine neue Beurteilung der
Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesundheitszustandes
auf die Arbeitsfähigkeit handelt, welche nicht zur Revision nach Art. 17 Abs. 1 ATSG
legitimiert (BGE 112 V 372 E. 2b mit Hinweisen).
4.1 Ob eine erhebliche Sachverhaltsänderung gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG eingetreten
ist, beurteilt sich durch Vergleich des Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der letzten, der
versicherten Person eröffneten rechtskräftigen Verfügung vorlag, die auf einer
materiellen Prüfung des Rentenanspruchs beruht, mit demjenigen zur Zeit der streitigen
Revisionsverfügung (BGE 133 V 108 E. 5.4). Änderungen des Gesundheitszustands
bilden den Regelfall der Rentenanpassung. Eine solche kann in einer neuen Diagnose
oder einer Verschlechterung oder Verbesserung des auf die gleiche medizinische
Ursache zurückzuführenden Gesundheitsschadens bestehen. Für eine Rentenrevision
müssen also neue Elemente tatsächlicher Natur vorliegen, welche nach der
ursprünglichen Rentenverfügung eingetreten und zum damals gegebenen Sachverhalt
hinzugekommen sind oder diesen verändert haben (KIESER, a.a.O., Art. 17 N 28; SVR
2004 IV Nr. 17, I 526/02, E. 2.4). Eine Änderung der medizinisch-theoretischen
Arbeitsfähigkeit kann auch ohne Entwicklung des Gesundheitszustands eintreten. Dies
verhält sich etwa so, wenn sich die betreffende Person an denselben gewöhnt oder
anpasst und daraus eine Veränderung der Arbeitsfähigkeit resultiert (KIESER, a.a.O.,
Art. 17 N 29).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Der ursprünglichen Rentenzusprache mit Verfügung vom 24. April 2003 (IV-act. 24
und 26) lagen im Wesentlichen das Gutachten der Medas Basel vom 16. Dezember
2002 (IV-act. 18) sowie der Austrittsbericht der Klinik Valens vom 14. September 2001
(IV-act. 5-15 ff.) zugrunde. Beide medizinischen Unterlagen führten als psychiatrische
Diagnosen eine Anpassungsstörung mit verlängerter depressiver Reaktion bzw.
gemischter affektiver Reaktion mittleren Grades sowie eine Störung des
Sozialverhaltens (ICD-10: F43.21) auf. Die Medas-Gutachter gingen aufgrund der
psychiatrischen Erkrankung des Beschwerdeführers von einer 100%-igen
Arbeitsunfähigkeit aus (IV-act. 18-13). In dem von der Beschwerdegegnerin der
rentenaufhebenden Verfügung vom 7. Januar 2014 (IV-act. 60) zugrunde gelegten ABI-
Gutachten vom 5. Juli 2013 (IV-act. 51) wird die psychiatrische Diagnose einer
emotional instabilen Persönlichkeit vom impulsiven Typus (akzentuierte Züge, ICD-10:
Z73.1) gestellt. Daraus resultiere nur eine marginale Einschränkung qualitativer Art der
Arbeitsfähigkeit, indem dem Beschwerdeführer nur noch Tätigkeiten ohne interaktiv-
kommunikative Anforderungen zumutbar seien, also keine Arbeiten als Securitas oder
Türsteher (IV-act. 51-11 Ziff. 4.1.5, und S. 21 Ziff. 6.2).
4.3 Nachfolgend ist zu prüfen, ob beim Beschwerdeführer - wie von der
Beschwerdegegnerin bzw. den ABI-Gutachtern vertreten - mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit von einer veränderten bzw. neuen gesundheitlichen
Situation auszugehen ist, aufgrund der nur noch die beschriebene geringe qualitative,
hingegen keine quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mehr bestehen soll.
4.4 Bei der Würdigung des ABI-Gutachtens fällt ins Gewicht, dass es die formellen
Kriterien an ein medizinisches Gutachten erfüllt. Es berücksichtigt insbesondere
sämtliche wesentlichen Akten, erhebt eine ausführliche Anamnese (IV-act. 51-8 f.),
basiert auf eigenständigen interdisziplinären Untersuchungen, insbesondere auf einer
psychiatrischen Abklärung, bzw. den gestützt darauf erhobenen Befunden sowie
vorgenommenen Beurteilungen und beantwortet die gestellten Fragen anschliessend
an die gutachterliche Diskussion (vgl. zum Aufbau eines Gutachtens UELI KIESER, Die
rechtliche Würdigung von medizinischen Gutachten, in: René SCHAFFHAUSER/FRANZ
SCHLAURI, Rechtsfragen der medizinischen Begutachtung in der Sozialversicherung,
St. Gallen 1997, S. 145 f.). Dasselbe gilt grundsätzlich auch für das frühere Medas-
Gutachten vom 16. Dezember 2002.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.5 Hinsichtlich der ursprünglich diagnostizierten Anpassungsstörung mit verlängerter
depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21) ist festzustellen, dass der psychiatrische
Gutachter des ABI, Dr. I._, in seinem Teilgutachten nicht eingewendet hat, die
damalige Diagnose habe nicht ihre Berechtigung gehabt bzw. sei unzutreffend
gewesen. Er erklärt jedoch, dass die damals als invalidisierend eingestufte
Anpassungsstörung aktuell nicht mehr bestehe (vgl. IV-act. 51-11 f.).
4.5.1 Zur Begründung wird von Dr. I._ angeführt, dass die Diagnose einer
Anpassungsstörung gemäss der ICD-10-Definition grundsätzlich nur für 6 Monate nach
dem auslösenden Ereignis gestellt werden könne. Anpassungsstörungen seien gemäss
ICD-10-Klassifikation vorübergehende Störungen, die in der Regel keine
Arbeitsunfähigkeit nach sich ziehen würden. So könne eine Anpassungsstörung (in der
Form einer längeren depressiven Reaktion [ICD-10: F43.21]) nicht länger als 2 Jahre
diagnostiziert werden. Gemäss HORST DILLING/HARALD J. FREYBERGER (Hrsg.),
Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen (7. Aufl. Bern 2014, S.
177 f.) zeichnet sich eine längere depressive Reaktion durch einen leichten depressiven
Zustand aus.
4.5.2 Laut Medas- und ABI-Gutachter wurde beim Beschwerdeführer durch die im
Juni 1999 erlittene Verletzung am rechten OSG ein Anpassungsprozess ausgelöst (vgl.
IV-act. 18-10, 18-26, 51-10). Bereits im Jahr 2002 diagnostizierten die Medas-
Gutachter eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion sowie Störung
des Sozialverhaltens (ICD-10: F43.21). Folglich fällt zum Zeitpunkt der revisionsweisen
Rentenüberprüfung bereits durch die zeitliche Komponente die Diagnose einer
Anpassungsstörung mit verlängerter depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21) ausser
Betracht.
4.6 Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, entwickelte sich nach der
Anpassungsstörung mit verlängerter depressiver Reaktion auch keine andere
arbeitsfähigkeitsrelevante Gesundheitsstörung. In Frage kämen insbesondere eine
mittelgradige oder schwere depressive Episode (ICD-10: F32.1/F32.2) bzw. eine
rezidivierende depressive Störung gegenwärtig mittelgradige oder schwere Episode
(ICD-10: F33.1 bis F 33.3; vgl. nachfolgende Erwägung 4.7) oder eine emotional
instabile Persönlichkeitsstörung impulsiven Typus (ICD-10: F60.30; vgl. nachfolgende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägung 4.9). Leicht depressive Personen (vgl. ICD-10: F32.0 und F33.0) bleiben trotz
der damit verbundenen Beschwerden, wie bedrückte Stimmung, teilweiser Verlust der
Spontaneität, Schlafstörungen und Verlust des Selbstvertrauens in der Regel
arbeitsfähig, sofern am Arbeitsplatz nicht besondere kreative Fähigkeit oder Flexibilität
und erhöhte Anforderungen an die kognitiven Funktionen gestellt werden (vgl. dazu
www.swiss-insurance-medicine.ch/tl_files/firstTheme/PDF%20Dateien/SIM
%20Zumutbare%20Arbeitstaetigkeit%20Broschuere_2013_D.pdf, abgerufen am 28.
Juli 2016).
4.7 Im vorliegenden Fall können - wie nachfolgend dargelegt wird - nicht einmal die
Symptome für einen leichten depressiven Zustand bzw. eine leichte Depression in der
erforderlichen Anzahl und Schwere mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als gegeben betrachtet werden.
4.7.1 Gemäss ICD-Klassifikation psychischer Störungen (vgl. DILLING/FREYBERGER,
a.a.O., S. 132 f., S. 140 f.) leidet die betroffene Person bei einer depressiven Episode
(leicht, mittelgradig oder schwer) unter einer gedrückten Stimmung und einer
Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit, sich zu freuen, das Interesse
und die Konzentration sind beeinträchtigt. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder
kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert.
Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Sogar bei der
leichten Form kommen Schuldgefühle oder Gedanken über die eigene Wertlosigkeit
vor. Die gedrückte Stimmung verändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf
Lebensumstände und kann von sogenannten "somatischen" Symptomen begleitet
werden wie Interessenverlust oder Unfähigkeit sich zu freuen, Früherwachen,
Morgentief, deutlicher psychomotorischer Hemmung, Agitiertheit, Appetit-, Gewichts-
und Libidoverlust (ICD-10: F32). Bezüglich der allgemeinen und spezifischen Kriterien,
welche für eine depressive Episode erfüllt sein müssen, siehe die Ausführungen auf S.
133 ff. und S. 141 ff. in DILLING/FREYBERGER, a.a.O..
4.7.2 Anlässlich der psychiatrischen Exploration von Dr. I._ vom 26. Juni 2013 wirkte
der Beschwerdeführer angespannt, unterschwellig aggressiv, beherrschte sich aber im
Untersuchungsgang. Er erwies sich bei klarem Bewusstsein, zeitlich, örtlich und
autopsychisch voll orientiert. Der Gedankengang entfaltete sich formal geordnet und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
inhaltlich unauffällig. Hinweise für ein psychotisches Geschehen konnten nicht
beobachtet werden, insbesondere konnten Wahnideen, Halluzinationen oder eine Ich-
Störung verneint werden. Die kognitiven Funktionen wie Wahrnehmung, Auffassung
und Gedächtnis erschienen in der grobklinischen Prüfung nicht beeinträchtigt. Auch die
höheren Ich-Funktionen wie Realitätsprüfung, Beziehungsfähigkeit, Urteilsfähigkeit,
Impulskontrolle und Willensbildung waren intakt. Konzentration und Aufmerksamkeit
konnte der Beschwerdeführer während der gesamten Untersuchungsdauer ohne
nachzulassen aufrechterhalten. Psychomotorisch präsentierte sich der
Beschwerdeführer weder agitiert noch gehemmt. Im Affekt zeigte er sich angespannt.
Ein eigentlicher bedrückter Affekt war nicht feststellbar. Es fehlten Merkmale für eine
depressive Störung, wie eine vitale Traurigkeit, ein zirkadianer Rhythmus, eine akute
Suizidalität oder auch eine Antriebsstörung. Das Gespräch mit dem Beschwerdeführer
gestaltete sich flüssig ohne Affektinkontinenzen oder affektive Blockierungen (IV-act.
51-9 f.). Die Aufzeichnungen von Dr. I._ im psychiatrischen Teilgutachten enthalten
ausserdem keine Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer ihm gegenüber über
Symptome einer Depression geklagt hätte (vgl. dazu IV-act. 51-10 Ziff. 4.1.4 und 51-11
Ziff. 4.1.7). Vor diesem Hintergrund ist es mit Blick auf die Beschreibung der
Depression in Erwägung 4.7.1 nachvollziehbar, dass der psychiatrische ABI-Gutachter
nicht vom Vorliegen einer leichten Depression ausgegangen ist.
4.7.3 Der Hinweis des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers auf den 1995
erlittenen, in suizidaler Absicht vorsätzlich herbeigeführten Autounfall (vgl. act. G 1, Ziff.
15) führt zu keinen anderen Erkenntnissen hinsichtlich des Vorliegens einer depressiven
Störung zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Revisionsverfügung. Die
Beschwerdegegnerin weist in der Beschwerdeantwort vom 19. Mai 2014 (act. G 7)
zutreffend darauf hin, dass den ABI-Gutachtern das besagte Ereignis bekannt gewesen
ist (vgl. dazu IV-act. 51-8). Offensichtlich hat ihm jedoch Dr. I._ keine massgebende
Bedeutung beigemessen, was in keiner Weise zweifelhaft erscheint. Der Autounfall,
den Dr. I._ übrigens als "etwas konstruiert wirkende Geschichte" bezeichnete (IV-act.
51-10 unten) lag im Zeitpunkt seiner Begutachtung beinahe zehn Jahre zurück und die
nachfolgenden medizinischen Akten enthalten keine Hinweise darauf, dass der
Autounfall oder allgemein wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid oder
ein suizidales Verhalten als diagnostisches Kriterium einer depressiven Episode
(ICD-10: F32.0: Diagnostische Kriterien, lit. C. Ziff. 3.) für den Beschwerdeführer jemals
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein massgebendes Thema gewesen wären. Wird ein solches Ereignis erst nach vielen
Jahren wieder gegenüber einem Arzt erwähnt, erscheinen psychische Folgen
desselben kaum wahrscheinlich.
4.8 Angesichts der Ausführungen in Erwägung 4.7 fällt die Einordnung des
Gesundheitszustands des Beschwerdeführers unter die im Vergleich zu einer leichten
Depression gravierendere mittelgradige oder schwere Depression (ICD-10: F32.1 bis
F32.3 und ICD-10: F33.1 bis 33.3) ausser Betracht (vgl. dazu DILLING/FREYBERGER,
a.a.O. S. 132 ff.). Die gleiche Schlussfolgerung ist zu ziehen hinsichtlich des Vorliegens
einer mittelgradigen oder schweren rezidivierenden depressiven Störung (ICD F33.1 bis
F33.3), denn diese Diagnosen setzen u.a. die Erfüllung der Kriterien für eine
mittelgradige bzw. schwere depressive Episode (ICD-10: F32.1 bis F32.3) voraus (vgl.
dazu DILLING/FREYBERGER, a.a.O. S. 140 f.), was hier nach der medizinischen
Aktenlage nicht zutrifft.
4.9 Nachfolgend ist das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung zu prüfen.
4.9.1 In Frage kommt allenfalls eine Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typus
gemäss ICD-10: F60.30. Definitionsgemäss müssten die allgemeinen Kriterien für eine
Persönlichkeitsstörung sowie weitere spezifische Eigenschaften oder Verhaltensweisen
erfüllt sein (vgl. DILLING/FREYBERGER, a.a.O., S. 234 f., S. 241).
4.9.2 Während der Untersuchung durch den psychiatrischen ABI-Teilgutachter Dr.
I._ präsentierte sich der Beschwerdeführer angespannt und unterschwellig aggressiv.
Dr. I._ vermutete eine Tendenz zu impulsiven Reaktionen und stellte fest, dass beim
Beschwerdeführer tatsächlich eine erhöhte Reizbarkeit, Ungeduld, Aggressivität und
Impulsivität nachempfunden werden könne. Der Beschwerdeführer schilderte ihm
gegenüber ebenso ein ungeduldiges und gereiztes Verhalten im familiären Umfeld (IV-
act. 51-10 Ziff. 4.1.4 und 4.1.7). Auch Dr. C._ hatte in seinem Bericht vom 24.
Dezember 2012 festgehalten, dass der Beschwerdeführer unter einem starken
Aggressionsverhalten leide (IV-act. 40). Das anhaltende Beschwerdebild des
Beschwerdeführers in Form eines aggressiven Verhaltens ordnet Dr. I._ (nur) der
Diagnose einer emotional instabilen Persönlichkeit vom impulsiven Typus (akzentuierte
Züge; ICD-10: Z73.1) zu. Diese Klassifizierung erscheint schlüssig und überzeugend.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Für eine Persönlichkeitsstörung eines impulsiven Typus gemäss ICD-10: F60.30 fehlt
es insbesondere an Hinweisen für eine schwere Störung mit deutlichen Abweichungen
von den kulturell erwarteten und akzeptierten Vorgaben ("Normen") hinsichtlich
Kognition, Affektivität, Impulskontrolle und Bedürfnisbefriedigung sowie die Art des
Umganges mit anderen Menschen und die Handhabung zwischenmenschlicher
Beziehungen (F60 G1. Ziff. 1. bis 4.). Weiter ist den medizinischen Akten nicht zu
entnehmen, dass die Abweichung beim Beschwerdeführer stabil, von langer Dauer ist
und im späten Kindesalter oder der Adoleszenz begonnen hat (F60 G4.; DILLING/
FREYBERGER, a.a.O. S. 234 ff.; IV-act. 18-23 ff.). Die Beurteilung von Dr. I._, dass
das Beschwerdebild des Beschwerdeführers nur eine qualitative Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zur Folge hat, indem ihm Tätigkeiten mit einem
hohen Mass an zwischenmenschlichen Interaktionen nicht zu empfehlen seien (IV-act.
51-11 Ziff. 4.1.5), jedoch keine Einschränkung des Arbeitsfähigkeitsgrades vorliege, ist
nachvollziehbar.
4.10 Zusammenfassend ist soweit festzuhalten, dass das psychiatrische Teilgutachten
von Dr. I._ in sich schlüssig und nachvollziehbar erscheint. Gestützt darauf ist seit
der ursprünglichen Rentenzusprache insofern von einem erheblich verbesserten
Gesundheitszustand und einer relevanten Sachverhaltsänderung im Sinn von Art. 17
Abs. 1 ATSG auszugehen, als im Begutachtungszeitpunkt mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit weder von einer Anpassungsstörung mit
verlängerter depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21) noch von einer anderen
Gesundheitsstörung mit allfälliger Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (wie eine
mittelgradige oder schwere Episode einer depressiven Störung [ICD-10: F32.1/F32.2]
oder eine emotional instabile Persönlichkeitsänderung des impulsiven Typus (ICD-10:
F60.30) ausgegangen werden kann.
4.11
4.11.1 Die vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit der Beschwerde bzw.
Beschwerdeergänzung eingereichten ärztlichen Unterlagen, insbesondere der
Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik G._ vom 6. März 2014 (act. G 5.7) sowie
das Schreiben von Dr. C._ vom 6. Dezember 2013 (act. G 1.3), vermögen an dieser
Beurteilung nichts zu ändern. Die besagten Unterlagen enthalten zwar weiterhin die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diagnose einer Anpassungsstörung mit verlängerter depressiver Reaktion und Störung
des Sozialverhaltens (ICD-10: F43.21), vermögen aber diesbezüglich nicht zu
überzeugen, denn für die gestellte Diagnose (sowie die entsprechenden Diagnosen bei
chronifizierten Zuständen über zwei Jahre) fehlen die entsprechend erhobenen
Befunde.
4.11.2 Das Schreiben von Dr. C._ an das Psychiatrische Zentrum J._ stellt keinen
eigentlichen Untersuchungsbericht dar, sondern betrifft die Organisation bzw.
Einleitung einer stationären psychiatrischen Behandlung des Beschwerdeführers in der
Psychiatrischen Klinik G._. Das Schreiben beschränkt sich auf die blosse Erwähnung
der Diagnose ohne jegliche Begründung oder die Erhebung entsprechender aktueller
Befunde. Der behandelnde Hausarzt verweist im Sinne einer Anamnese auf die
Rentenzusprechung seit Dezember 2002, die misslungene Anbindung des
Beschwerdeführers an eine psychiatrische Betreuung, die Betroffenheit der ganzen
Familie von der Problematik des Beschwerdeführers, die Panik in der Familie unter
dem Eindruck einer Rentenkürzung und macht schliesslich die Notwendigkeit einer
psychiatrischen Behandlung des Beschwerdeführers deutlich. Die genannten Punkte
stellen keine aktuellen medizinischen Überlegungen diagnostischer Art dar und können,
soweit sie die Familie und nicht den Beschwerdeführer betreffen, ohnehin nicht als
Grundlage für dessen Gesundheitszustand gelten. Im Übrigen ist davon auszugehen,
dass Dr. C._ ohne kritische medizinische Hinterfragung bzw. eigene Überprüfung
einfach nur die frühere Diagnose der Medas wiedergab (vgl. auch act. G 1.4). In seinem
Bericht vom 24. Dezember 2012 hat Dr. C._ ausführlicher zum Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers Stellung genommen, hat darin jedoch ebenfalls keine
depressiven Symptome oder Persönlichkeitsveränderungen beschrieben (IV-act. 40).
4.11.3 In der Psychiatrischen Klinik G._ wurde der psychopathologische Status des
Beschwerdeführers bei Eintritt und Austritt erhoben und im Austrittsbericht
festgehalten. Im Gegensatz zu Dr. I._ stellten die untersuchenden Ärzte der
Psychiatrischen Klinik G._ bei Eintritt und Austritt eine mittelgradige Konzentrations-
und Gedächtnisstörung fest. Im formalen Denken war der Beschwerdeführer
vorbeiredend sowie eingeengt auf seine schwierige finanzielle Situation. Er zeigte
weiter ein leichtes Misstrauen, jedoch keine Zwänge und keinen Wahn.
Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen waren nicht eruierbar. Im Affekt gab sich der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer bei Eintritt und Austritt rat- und hoffnungslos, affektarm und
reduziert schwingungsfähig, dysphorisch gereizt und teils aggressiv. Bei Austritt wurde
er zudem mittel- bis schwergradig deprimiert wahrgenommen. Weiter war der
Beschwerdeführer sowohl bei Eintritt als auch bei Austritt im Antrieb reduziert und
psychomotorisch unruhig. Die untersuchenden Ärzte stellten ausserdem einen sozialen
Rückzug fest. Bei Eintritt gab der Beschwerdeführer zwar Suizidgedanken an, konnte
sich jedoch von Suizidalität distanzieren. Bei Austritt wurde eine akute Suizidalität
verneint. Im Rahmen der Behandlung wurden schliesslich Insuffizienzgefühle sowie
Schlafstörungen festgestellt. Beim Beschwerdeführer wurde eine antidepressive
medikamentöse Therapie durchgeführt, ohne eine wesentliche Verbesserung der
Beschwerdesymptomatik zu erzielen. Seine Arbeitsfähigkeit wurde bei Austritt auf
100% geschätzt. Der von den Ärzten der Psychiatrischen Klinik G._ bei Austritt
erhobene Befund eines im Affekt mittel- bis schwergradig deprimierten Seins
überzeugt nicht, da entsprechend schwerwiegende Befunde nicht erhoben wurden.
Nicht nachvollziehbar bleibt aber letztlich auch die von den Ärzten der Psychiatrischen
Klinik G._ gestellte Diagnose einer Anpassungsstörung (vgl. dazu Erwägung 4.5).
Eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit oder zumindest eine invalidisierende
Arbeitsunfähigkeit würden sodann wegen einer gegebenenfalls leichten Depression
unwahrscheinlich erscheinen (vgl. Erwägung 4.6). Die von den ABI-Gutachtern für den
Beschwerdeführer als zumutbar betrachteten leichten bis mittelschweren
Hilfsarbeitertätigkeiten ohne zwischenmenschliche Interaktionen sollten vom
Beschwerdeführer zu 100% oder zumindest im Rahmen eines nicht invalidisierenden
Arbeitsfähigkeitsgrades auszuüben sein. Angesichts der vorangehenden Darlegungen
erscheint die Beweiskraft des Austrittsberichts der Psychiatrischen Klinik G._
insgesamt ungenügend, weshalb der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers nicht gefolgt werden kann. Zusammenfassend ist damit
festzustellen, dass der Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik G._ nicht in Frage
zu stellen vermag, dass sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers - wie im
ABI-Gutachten beschrieben - seit der ursprünglichen Rentenzusprache wesentlich
verbessert hat.
4.12 Soweit der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers einwendet, die ABI-Gutachter
würden sich nicht mit der Thematik der fehlenden Behandlungswilligkeit des
Beschwerdeführers aus kulturellen und familiendynamischen Gründen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auseinandersetzen, würden ihm dies jedoch vorwerfen, weil er sich entgegen ärztlicher
Empfehlung bereits im Jahr 2002 nicht in psychiatrische Behandlung begeben habe, ist
darin kein Zusammenhang zu den vorstehenden Erwägungen hinsichtlich Diagnostik
einer Anpassungsstörung mit verlängerter depressiver Reaktion bzw. einer depressiven
Störung zu sehen. Ferner ist anzufügen, dass psychosoziale und soziokulturelle
Belastungsfaktoren als invaliditätsfremde Faktoren vom sozialversicherungsrechtlichen
Standpunkt aus unbeachtlich sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 30. März 2011,
9C_1041/2010, E. 5.1). Die ABI-Gutachter hätten sich mithin zu dieser Thematik
ohnehin nur in dem Sinne zu äussern gehabt, als es um eine Abgrenzung der
invalidisierenden von den invaliditätsfremden Faktoren gegangen wäre.
5.
5.1 Zusammenfassend ist mithin festzuhalten, dass der Beschwerdeführer aus
psychiatrischer Sicht in einer leidensangepassten Tätigkeit ohne hohes Mass an
zwischenmenschlichen Interaktionen zu 100% arbeitsfähig oder zumindest nicht in
invalidisierendem Masse arbeitsunfähig ist. Es ist folglich seit der ursprünglichen
Rentenzusprache von einem erheblich verbesserten psychischen Gesundheitszustand
bzw. einer erheblichen Änderung der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit und
damit von einer relevanten Sachverhaltsänderung im Sinn von Art. 17 Abs. 1 ATSG
auszugehen ist.
5.2 Die somatische Gesundheitssituation des Beschwerdeführers hat im Rahmen der
Prüfung der Rentenrevision gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG keine Relevanz. Die
ursprüngliche Rentenzusprache beruhte einzig auf der psychischen und nicht auf der
somatischen Gesundheitssituation des Beschwerdeführers. Der somatische
Gesundheitszustand könnte mithin nur durch eine Verschlechterung eine Bedeutung
für die Rente bekommen. Eine solche ist jedoch aufgrund der Akten auszuschliessen.
Im Medas-Gutachten sowie im ABI-Gutachten wird einheitlich festgehalten, dass beim
Beschwerdeführer insbesondere wegen einer verminderten Belastbarkeit des rechten
OSG für körperlich andauernd schwere Tätigkeiten von einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit auszugehen sei. Für körperlich leichte bis mittelschwere
Verrichtungen unter Wechselbelastung sei hingegen eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit anzunehmen. Das wiederholte Heben und Tragen von Lasten über 15
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kg sowie das Überwinden von Leitern, Treppen und unebenem Grund sollten dabei
vermieden werden (IV-act. 18-13 Ziff. 6.1.4, IV-act. 51-16 Ziff. 4.2.5). Die ABI-Gutachter
stellen aufgrund der vorliegenden Aktenlage zutreffend fest, dass sich die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers aus somatischer Sicht nicht wesentlich
verändert habe und die aktuelle Arbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht seit Jahren
bestätigt werde (IV-act. 51-22 Ziff. 6.3). Diese Schlussfolgerung ist von Seiten des
Rechtsvertreters des Beschwerdeführers unbestritten und lässt erkennen, dass sich
der somatische Gesundheitszustand mit überwiegender Wahrscheinlichkeit seit der
ursprünglichen Rentenzusprache nicht verschlechtert hat.
5.3 Dem Beschwerdeführer ist damit insgesamt in somatisch und psychisch
leidensangepassten Tätigkeiten eine Arbeitsfähigkeit von 100% zumutbar. Zumindest
ist nicht von einer invalidisierenden Arbeitsunfähigkeit auszugehen (vgl. Erwägungen
4.8 bis 4.104). Der medizinische Sachverhalt ist als in diesem Sinne erstellt zu
betrachten.
6.
Die Beschwerdegegnerin geht hinsichtlich der 100%-igen Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten von der Möglichkeit der Selbsteingliederung aus.
6.1 Nach der Rechtsprechung können nach einem langjährigen Rentenbezug
ausnahmsweise Erfordernisse des Arbeitsmarkts der sofortigen Anrechnung einer
medizinisch vorhandenen Leistungsfähigkeit und medizinisch möglichen
Leistungsentfaltung entgegenstehen. Dies ist dann der Fall, wenn aus den Akten
einwandfrei hervorgeht, dass die Verwertung eines bestimmten Leistungspotenzials
ohne vorgängige Durchführung befähigender Massnahmen allein durch
Eigenanstrengung der versicherten Person nicht möglich ist. Diese Rechtsprechung ist
allerdings auf Fälle beschränkt worden, in denen die (revisions- oder
wiedererwägungsweise) Rentenherabsetzung bzw. -aufhebung eine versicherte Person
betrifft, die das 55. Altersjahr zurückgelegt oder die Rente seit mehr als 15 Jahren
bezogen hat (Urteil des Bundesgerichts vom 23. Juli 2015, 8C_90/2015, E. 4 mit
Hinweisen). Massgebender Zeitpunkt ist das Datum der rentenaufhebenden Verfügung
(BGE 141 V 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.2 Im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung (7. Januar 2014, IV-act. 60) bezog der
Beschwerdeführer (erst) seit 12 Jahren eine ganze Rente (Rentenbeginn am 1.
Dezember 2001, IV-act. 24). Zudem hatte der 1973 geborene Beschwerdeführer im
Zeitpunkt der Rentenaufhebung das 55. Altersjahr noch nicht erreicht. Dies bedeutet
gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung, dass die Rentenaufhebung nicht erst
nach einer erwerbsbezogenen Abklärung und/oder Durchführung von
Eingliederungsmassnahmen Platz greifen kann, sondern eine (sofortige)
Selbsteingliederung zumutbar ist. Dafür sprechen zudem die Umstände, dass der
Beschwerdeführer für leichte bis mittelschwere körperliche Tätigkeiten (wieder) über
eine vollständige oder höchstens kaum eingeschränkte Arbeitsfähigkeit verfügt und
hauptsächlich seine subjektive Krankheitsüberzeugung deren Verwertung
entgegensteht. Die ABI-Gutachter hielten fest, berufliche Massnahmen könnten
aufgrund der ausgeprägten subjektiven Krankheits- und Behinderungsüberzeugung
nicht vorgeschlagen werden (IV-act. 51-22 Ziff. 6.7). Insgesamt steht damit beim
gegebenen medizinischen Zumutbarkeitsprofil der Verwertbarkeit der hierfür noch
vorhandenen Arbeitsfähigkeit trotz langjährigen Rentenbezugs ohne vorgängige
Durchführung befähigender Massnahmen nichts entgegen (vgl. Urteil vom 15. Mai
2015, 9C_680/2014, E. 6.2.4).
7.
7.1 Zu bestimmen bleibt der Invaliditätsgrad im Rahmen eines Einkommensvergleichs
(Art. 16 ATSG). Da für die Herabsetzung der Rente der Verfügungszeitpunkt
massgebend ist, sind Einkommensentwicklungen bis zum Jahr 2014 zu
berücksichtigen.
7.2 Zur Bestimmung des Valideneinkommens des Beschwerdeführers ist auf seinen
bisherigen Lohn als Mitarbeiter in der Oberflächentechnik bei der B._ AG abzustellen,
ist doch davon auszugehen, dass er diese Tätigkeit bei intakter Gesundheit nach wie
vor ausüben würde. Nach Angaben der früheren Arbeitgeberin erzielte der
Beschwerdeführer im Jahr 2001 ein Jahreseinkommen von Fr. 56'550.-- (13 x Fr.
4'350.--, IV-act. 6). Da es sich um das Einkommen aus dem Jahr 2001 handelt, haben
aufgrund der Lohnentwicklung Zuschläge von 1.6%, 1.3%, 0.9%, 0.9%, 1.1%, 1.6%,
2.2%, 2.1%, 0.7%, 1.0%, 0.8%, 0.8% und 0.7% (Bundesamt für Statistik, Entwicklung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und Reallöhne, 1976-2015,
Nominallohnindex Männer) zu erfolgen, womit für das Jahr 2014 ein Valideneinkommen
von Fr. 66'091.-- resultiert.
7.3 Da der Beschwerdeführer keine ihm an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit
aufgenommen hat, rechtfertigt es sich, das Invalideneinkommen gestützt auf die
Tabellenlöhne gemäss LSE zu ermitteln, und zwar anhand des über den Durchschnitt
aller Wirtschaftszweige von Männern mit einfachen Tätigkeiten körperlicher und
handwerklicher Art erzielten Lohnes, der sich im Jahr 2012 auf Fr. 5'210.-- pro Monat
belief (LSE 2012, Bundesamt für Statistik, TA1, Total, Niveau 1), woraus sich ein
Jahreseinkommen von Fr. 62'520.-- ergibt. Aufgerechnet auf die betriebsübliche
wöchentliche Arbeitszeit von 41.7 (2014, Total) und angepasst an die
Nominallohnentwicklung 2014 (+ 0.8%, + 0.7%) ergibt sich ein Jahreseinkommen von
Fr. 66'158.--. Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen
Durchschnittswerten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert allenfalls zu
kürzen. Mit dem sogenannten Leidensabzug wurde ursprünglich berücksichtigt, dass
versicherte Personen, welche in ihrer letzten Tätigkeit körperliche Schwerarbeit
verrichteten und nach Eintritt des Gesundheitsschadens auch für leichtere Arbeiten
nunmehr beschränkt einsatzfähig sind, in der Regel das entsprechend
durchschnittliche Lohnniveau gesunder Hilfsarbeiter nicht erreichen. Der ursprünglich
nur bei Schwerarbeitern zugelassene Abzug entwickelte sich in der Folge zu einem
allgemeinen behinderungsbedingten Abzug, wobei die Rechtsprechung dem Umstand
Rechnung trug, dass auch weitere persönliche und berufliche Merkmale der
versicherten Person wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder
Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Höhe des
Lohnes haben können. Ein Abzug soll aber nicht automatisch, sondern nur dann
erfolgen, wenn im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person
wegen eines oder mehrerer dieser Merkmale ihre gesundheitlich bedingte
(Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit
unterdurchschnittlichem Einkommen verwerten kann. Bei der Bestimmung der Höhe
des Abzuges ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das
Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu
schätzen und insgesamt auf höchstens 25% des Tabellenlohns zu begrenzen (vgl. zum
Ganzen BGE 126 V 75; Urteil des Bundesgerichts vom 29. Februar 2012, I.2010.00805,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E. 6.4). Die Beschwerdegegnerin gewährte keinen Abzug. Aufgrund des
Krankheitsbilds des Beschwerdeführers mit einem gewissen Aggressionspotenzial
dürfte es jedoch für ihn schwerer sein, auf dem Arbeitsmarkt für Hilfsarbeiter eine Stelle
zu finden als für eine gesunde Person, womit im Fall einer Anstellung auch mit einer
Lohneinbusse zu rechnen wäre. Rechnung zu tragen ist auch der Tatsache, dass der
Durchschnittslohn der Männer seit der LSE 2012 im Kompetenzniveau 1 im Verhältnis
zur Nominallohnentwicklung spürbar höher ist als derjenige der Männer in der LSE
2010 im Anforderungsniveau 4. Diese Tatsache ist offenbar mit einer erhöhten
Gewichtung von Schwerarbeiterlöhnen bzw. von körperlich herausfordernden Arbeiten
über alle Sektoren zu begründen (vgl. in TA1 2012 die Legende zur Definition von
Tätigkeiten des Kompetenzniveaus 1 "Einfache Tätigkeiten körperlicher oder
handwerklicher Art"). Nachdem der Beschwerdeführer gerade keine körperlich
schweren Arbeiten mehr ausüben kann, wäre auch dem vorgenannten Umstand bei der
Festlegung des Tabellenlohnabzugs Rechnung zu tragen. Angemessen erscheint
vorliegend ein Tabellenlohnabzug von 15%.
7.4 Selbst bei einer grosszügigen Zugrundelegung einer psychisch bedingt um 20%
eingeschränkten Arbeitsfähigkeit (vgl. dazu Erwägungen 4.6, 4.9 und 4.12.4) bliebe
jedoch bei einer Gegenüberstellung von Valideneinkommen und Invalideneinkommen
der Invaliditätsgrad unter den für einen Rentenanspruch vorausgesetzten 40% (nämlich
bei rund 32%).
8.
Die Beschwerde ist mithin abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig.
Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint angemessen. Diese ist dem unterliegenden
Beschwerdeführer aufzuerlegen unter Anrechnung des von ihm bezahlten
Kostenvorschusses von Fr. 600.--. Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung.