Decision ID: 57de8d61-5cac-44db-8e1c-57c7ed774b0e
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 20. August 2012 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er sei ein B._- Staatsangehöriger, er
sei am 1. September 2004 in die Schweiz eingereist und er lebe in einer eingetragenen
Partnerschaft mit einem Schweizer, die seit Oktober 2004 vertraglich geregelt und am
31. März 2010 eingetragen worden sei. Sein Hausarzt Dr. med. C._ berichtete am
27. August 2012 (IV-act. 14), der Versicherte leide an den Folgen einer HIV-Infektion,
die erstmals im November 2005 diagnostiziert worden sei. Seit dem Beginn der
Behandlung im Juli 2010 sei der Versicherte arbeitsunfähig gewesen. Ihm werde auch
künftig keine Erwerbstätigkeit zumutbar sein. Am 3. September 2012 liess Dr. C._ der
IV-Stelle medizinische Berichte zugehen (IV-act. 12). Das Spitalzentrum D._ hatte im
April 2010 über eine fünftägige stationäre Behandlung berichtet. In der Diagnoseliste
war eine HIV-Infektion Stadium A3 angeführt worden. Die Klinik für Allgemeine Innere
Medizin des Kantonsspitals St. Gallen hatte am 29. September 2010 über eine
zweiwöchige stationäre Behandlung berichtet. In der Diagnoseliste war eine HIV-
Infektion Stadium A3 angeführt worden. Die Klinik und Poliklinik für Innere Medizin des
Universitätsspitals Zürich hatte am 12. November 2010 über eine ambulante
Untersuchung berichtet. Die HIV-Infektion hatte sich nach wie vor im Stadium A3
befunden. Am 26. November 2010 hatte die Klinik für Nephrologie und
Transplantationsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen über eine einwöchige stationäre
Behandlung berichtet. In der Diagnoseliste war das Stadium der HIV-Infektion mit C3
(AIDS) angegeben worden. Am 28. Januar 2011 hatte die Klinik für Infektiologie und
Spitalhygiene des Kantonsspitals St. Gallen über mehrere ambulante Untersuchungen
im Dezember 2010 und Januar 2011 berichtet. Als Hauptproblem war eine ausgeprägte
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HIV-Encephalopathie angegeben worden. Die Ärzte hatten ausgeführt, der Versicherte
habe immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Nach kurzer Zeit habe er sich nicht
mehr erinnern können, was gerade besprochen worden sei. Er habe bei der letzten
Konsultation etwas weniger verlangsamt gewirkt. Das Gangbild sei aber weiterhin
unsicher gewesen. Man habe ihm empfohlen, eine geplante E._-reise zu verschieben.
In einem Bericht vom 15. August 2012 hatte die Klinik für Infektiologie und
Spitalhygiene des Kantonsspitals St. Gallen über eine leichte Verbesserung des
Gesundheitszustandes berichtet. Trotz dieser Besserung hatte nach Ansicht der
Fachärzte aber weiterhin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestanden.
A.b Mit einem Vorbescheid vom 8. November 2012 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit (IV-act. 20), dass sie die Abweisung seines Rentengesuchs vorsehe.
Zur Begründung führte sie aus, der Versicherte habe keine Beiträge entrichtet. Die
Partnerschaft sei erst nach der Diagnose der Erkrankung eingetragen worden. Die
versicherungsmässigen Voraussetzungen seien deshalb nicht erfüllt. Dagegen wandte
der Versicherte am 10. Dezember 2012 ein (IV-act. 21), sein Lebenspartner sei bis ins
Jahr 2007 erwerbstätig gewesen. Danach sei er pensioniert worden. In den Jahren
2004–2007, in denen eine vertragliche Vereinbarung über die Partnerschaft bestanden
habe, die aber noch nicht habe eingetragen werden können, müsse der Partner des
Versicherten mit seinen Beiträgen auch die Beiträge des Versicherten bezahlt haben.
Mit einer Verfügung vom 3. Januar 2013 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab (IV-
act. 22). Bezugnehmend auf die Eingabe des Versicherten vom 10. Dezember 2012
führte sie aus, ihre ergänzenden Abklärungen hätten ergeben, dass der Versicherte
bereits mit der Krankheit eingereist sei.
B.
B.a Am 1. Februar 2013 liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte
(nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom
3. Januar 2013 erheben (act. G 1). Seine Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung
der angefochtenen Verfügung, die Anerkennung der Beitragsberechtigung des
Beschwerdeführers und die Prüfung einer Rentenzusprache. Zur Begründung führte sie
aus, bis im Sommer 2010 sei es dem Beschwerdeführer gesundheitlich gut gegangen;
er sei voll arbeitsfähig gewesen, habe aber keine Arbeitsstelle gefunden. Vom Sommer
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bis zum Herbst 2010 habe sich sein Gesundheitszustand rapide verschlechtert. Die
Arbeitsfähigkeit sei gegen Ende 2010 auf null Prozent gesunken. Der Beschwerdeführer
sei nach seiner Einreise in die Schweiz die meiste Zeit nicht erwerbstätig gewesen. Er
sei davon ausgegangen, dass er die Voraussetzungen des Art. 3 Abs. 3 AHVG erfülle,
wonach die Beiträge einer versicherten Person als bezahlt gälten, wenn der Ehegatte
Beiträge von mindestens der doppelten Höhe des Mindestbeitrages bezahlt habe. Das
Bundesgericht habe im Urteil I 87/2000 vom 18. Februar 2003 festgehalten, dass einer
Person, der eine Rente der Invalidenversicherung mangels Erfüllung der
Mindestbeitragsdauer verweigert worden sei, die Möglichkeit eingeräumt werden
müsse, die Beiträge nachzuzahlen und so die Anspruchsvoraussetzungen nachträglich
noch zu erfüllen. Der Beschwerdeführer habe sich mit der zuständigen
Ausgleichskasse in Verbindung gesetzt, um seine Beitragslücken zu füllen. Aus den
medizinischen Berichten gehe hervor, dass der Beschwerdeführer nicht bereits mit der
Krankheit eingereist sei. Typischerweise verlaufe eine HIV-Infektion in den ersten
Jahren symptomlos. Im April 2010 sei beim Beschwerdeführer noch eine symptomlose
HIV-Infektion (Stadium A3) diagnostiziert worden. Erst im November 2010 sei das
Endstadium AIDS (Stadium C3) diagnostiziert worden. Die krankhafte Veränderung im
Gehirn und die Erkrankung des zentralen Nervensystems seien erst im September 2010
aufgetreten. Erst ab diesem Zeitpunkt habe eine – vollständige – Arbeitsunfähigkeit
vorgelegen.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 1. Mai 2013
die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, der IV-
interne regionale ärztliche Dienst (RAD) habe in einer Stellungnahme vom 29. April 2013
bestätigt, dass erst ab Juli 2010 vom Vorliegen einer invalidisierenden Krankheit
gesprochen werden könne. Angesichts des so genannten Wartejahres sei der
Versicherungsfall also im Juli 2011 eingetreten. In diesem Zeitpunkt sei die
Voraussetzung einer Mindestbeitragsdauer von einem Jahr nicht erfüllt gewesen.
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (Urteil I 810/05 vom 5. Februar 2007)
sei es nicht zulässig, die versicherungsmässigen Voraussetzungen nachträglich durch
eine rückwirkende Bezahlung von Beiträgen zu erfüllen. Die Partnerschaft des
Beschwerdeführers sei erst am 31. März 2010 eingetragen worden. In diesem
Zeitpunkt sei der Lebenspartner des Beschwerdeführers aber bereits alterspensioniert
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gewesen, weshalb er auch keine Beiträge mehr bezahlt habe. Der Beschwerdeführer
könne folglich aus dem Art. 3 Abs. 3 lit. a AHVG nichts zu seinen Gunsten ableiten.
B.c Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen forderte im März 2015 die
Akten der zuständigen Ausgleichskasse an (act. G 7 f.). Diesen liess sich entnehmen
(act. G 9.1), dass der Beschwerdeführer nachträglich ab dem 1. Januar 2009 als Nicht
erwerbstätiger erfasst worden war. Die entsprechenden Beitragsforderungen hatten
allesamt gemahnt und betrieben werden müssen. Der Beschwerdeführer hatte keine
Zahlung getätigt. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers reichte am 21. Juli 2015
eine Verfügung der Ausgleichskasse vom 14. Juli 2015 ein (act. G 11.1), mit der dem
Beschwerdeführer die AHV/IV/EO-Beiträge für die Jahre 2009–2015 erlassen worden
waren. Die Wohnsitzgemeinde des Beschwerdeführers hatte entsprechend die
Mindestbeiträge für den Beschwerdeführer bezahlt. Ein weiterer Schriftenwechsel fand
nicht statt.

Erwägungen
1.
1.1 Ausländische Staatsangehörige haben gemäss dem Art. 6 Abs. 2 IVG einen
Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung, solange sie ihren Wohnsitz und
ihren gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz haben und sofern sie beim Eintritt der
Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich
ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben. Der Anspruch
auf eine ordentliche Rente der Invalidenversicherung setzt gemäss dem Art. 36 Abs. 1
IVG voraus, dass beim Eintritt der Invalidität während mindestens drei Jahren Beiträge
geleistet worden sind. Die Invalidität gilt laut dem Art. 4 Abs. 2 IVG als eingetreten,
sobald sie die für die Begründung des Anspruchs auf die jeweilige Leistung
erforderliche Art und Schwere erreicht hat, was in Bezug auf einen Rentenanspruch der
Fall ist, sobald die Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder hergestellt, erhalten oder verbessert werden kann, während eines Jahres eine
Arbeitsunfähigkeit von durchschnittlich mindestens 40 Prozent bestanden hat und eine
Invalidität von mindestens 40 Prozent vorliegt (Art. 28 Abs. 1 IVG; vgl. BGE 119 V 98
E. 4a S. 102). Abweichende staatsvertragliche Regelungen gehen den Art. 6 und 36
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IVG vor, was aber vorliegend irrelevant ist, weil die Schweiz mit B._ kein
Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen hat.
1.2 Im Rahmen der 5. IVG-Revision ist der Art. 29 Abs. 1 IVG in Kraft getreten,
gemäss dem der Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung frühestens sechs
Monate nach der Anmeldung entsteht. Dabei handelt es sich nicht um eine Regelung
zur Verwirkung der Rentennachzahlung, wie sie im aArt. 48 Abs. 2 IVG noch enthalten
gewesen ist. Mit dieser Bestimmung kann der Gesetzgeber aber auch nicht den Eintritt
des rentenspezifischen Versicherungsfalles neu definiert haben, denn dafür hätte er
eine Ausnahme im Art. 4 Abs. 2 IVG kreieren müssen, laut dem die Invalidität als
eingetreten gilt, sobald sie die für die Begründung des Anspruchs auf die jeweilige
Leistung erforderliche Art und Schwere erreicht hat. Zudem würde dies bedeuten, dass
die Anmeldung zum Leistungsbezug neu ein zusätzliches Element der Definition der
rentenspezifischen Invalidität wäre, was einen unauflösbaren Widerspruch zu Art. 8
Abs. 1 ATSG und zu Art. 28 Abs. 1 IVG schaffen würde. Der Art. 29 Abs. 1 IVG kann
deshalb nur so interpretiert werden, dass damit der Rentenbeginn verschoben werden
soll. Der Zweck des mit einer derartigen Verschiebung bewirkten Leistungsverlustes
besteht darin, die Versicherten dazu zu bringen, sich so frühzeitig anzumelden, dass
die Chancen auf eine Reintegration in die Arbeitswelt noch hoch sind. Zur Frage, wann
der Versicherungsfall eingetreten ist, äussert sich Art. 29 Abs. 1 IVG folglich nicht.
Massgebend ist der Zeitpunkt, ab dem die Voraussetzungen des Art. 28 Abs. 1 IVG
erfüllt sind.
2.
2.1 Der Beschwerdeführer hat seinen Wohnsitz und seinen gewöhnlichen Aufenthalt
im September 2004 in die Schweiz verlegt. Gemäss dem Art. 1b IVG i.V.m. Art. 1a
Abs. 1 lit. a AHVG ist er ab diesem Zeitpunkt obligatorisch bei der
Invalidenversicherung versichert gewesen. Da er keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen
ist, hätte er Beiträge als Nichterwerbstätiger leisten müssen (Art. 2 IVG i.V.m. Art. 3
Abs. 1 AHVG). Allerdings ist keine entsprechende Anmeldung erfolgt, weshalb der
Beschwerdeführer keine Beiträge bezahlt hat. Im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses,
das allerdings bloss sechs Monate bestanden hat, sind im Jahr 2008 Beiträge auf
einem beitragspflichtigen Einkommen von 16’180 Franken erhoben worden (vgl. IV-
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act. 7 und 17). Auch nach dieser Zeit ist eine Erfassung des Beschwerdeführers als
Nichterwerbstätiger unterblieben. Wie sich den Akten entnehmen lässt, hat der
Beschwerdeführer im Spätsommer/Frühherbst 2011 die Voraussetzungen des Art. 28
Abs. 1 IVG erfüllt gehabt. In diesem Zeitpunkt hat er sich noch nicht zehn Jahre lang
ununterbrochen in der Schweiz aufgehalten. Auch hat er in diesem Zeitpunkt noch
nicht während eines vollen Jahres (und damit selbstverständlich auch nicht während
dreier Jahre) Beiträge bezahlt gehabt, womit er die versicherungsmässigen
Voraussetzungen für die Zusprache einer Invalidenrente nicht zu erfüllen scheint.
Mittlerweile hat sich der Beschwerdeführer aber bei der zuständigen Ausgleichskasse
als Nichterwerbstätiger angemeldet. Diese hat gestützt auf Art. 3 Abs. 1 IVG i.V.m.
Art. 16 Abs. 1 AHVG die Beiträge für die der Anmeldung vorangegangenen fünf
Kalenderjahre (2009–2014) eingefordert. Diese Beitragsforderung hat der
Beschwerdeführer allerdings nicht begleichen können, weshalb sie ihm erlassen
worden ist. Seine Wohnsitzgemeinde hat für ihn die Mindestbeiträge für einen
Nichterwerbstätigen bezahlt. Aktuell würde also ein Auszug aus dem individuellen
Beitragskonto des Beschwerdeführers Beiträge für die Monate April bis und mit
September 2008 sowie ab Januar 2009 und damit für mehr als ein Jahr vor dem
Erfüllen der Rentenanspruchsvoraussetzungen, aber nicht für drei volle
ununterbrochene Jahre ausweisen; effektiv bezahlt worden sind diese Beiträge
allerdings erst nach dem Eintritt des rentenspezifischen Versicherungsfalles. Damit
stellt sich die Auslegungsfrage, was gemeint ist, wenn im Art. 6 Abs. 2 IVG respektive
im Art. 36 Abs. 1 IVG verlangt wird, dass während eines bestimmten Zeitraums
Beiträge geleistet worden sind: Müssen die Beiträge effektiv vor dem Eintritt des
rentenspezifischen Versicherungsfalles bezahlt worden sein oder genügt es, wenn die
Beiträge noch rechtzeitig vor dem Eintritt der Verwirkungsfolge nachbezahlt werden?
2.2 Die von den Parteien angeführten Urteile des Bundesgerichtes I 87/2000 vom
18. Februar 2003 und I 810/05 vom 5. Februar 2007 helfen bei der Interpretation nicht
weiter. Im Urteil I 87/2000 vom 18. Februar 2003 ist eine andere Rechtsfrage
beantwortet worden. Die von jenem Urteil betroffene Versicherte war falsch respektive
unvollständig über die freiwillige Versicherung aufgeklärt worden, weshalb ihr aus
Vertrauensschutzgründen ein rückwirkender Anschluss an die freiwillige Versicherung
zugebilligt worden ist. Vorliegend ist kein Grund ersichtlich, weshalb der
Beschwerdeführer aus Vertrauensschutzgründen so gestellt werden sollte, als hätte er
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sich bei seiner Einreise in die Schweiz bei der zuständigen Ausgleichskasse
angemeldet. Im Urteil I 810/05 vom 5. Februar 2007 hat das Bundesgericht ohne eine
nachvollziehbare Begründung festgestellt, der Beschwerdeführer habe nicht während
eines vollen Jahres Beiträge geleistet, obwohl der Beschwerdeführer im März 1995 in
die Schweiz eingereist und das so genannte Wartejahr erst im Mai 1996 abgelaufen
war und obwohl sich dem Urteil des Bundesgerichtes nicht entnehmen lässt, dass der
Beschwerdeführer nach seiner Einreise in die Schweiz während mindestens einiger
Monate keine Beiträge bezahlt hätte (auch dem vorinstanzlichen Entscheid des Zürcher
Sozialversicherungsgerichtes IV.2005.00078 vom 23. September 2005 lässt sich
diesbezüglich nichts entnehmen).
2.3 Der Wortlaut des Art. 6 Abs. 2 IVG und des Art. 36 Abs. 1 IVG legt nahe, dass
die Beiträge bei der Erfüllung der Anspruchsvoraussetzungen effektiv bezahlt sein
müssen. Die genannten Normen erwähnen nämlich nicht die Beitragspflicht, sondern
die Beitragsleistung (die italienische Fassung ist deutlicher: „hanno pagato“). Die
grammatikalische Auslegungsmethode deutet also darauf hin, dass die Beiträge
effektiv vorher bezahlt sein müssen.
2.4 Bei der historischen Interpretation ist insbesondere von Bedeutung, dass die
Voraussetzungen des Art. 6 Abs. 2 IVG an die Stelle der ehemaligen
Versicherungsklausel getreten sind (vgl. BBl 1999 5000 f.). Damit hat der Gesetzgeber
den versicherungsrechtlichen Grundsatz, wonach eine Versicherung nur dann
leistungspflichtig wird, wenn eine Person im Zeitpunkt des Eintritts des
Versicherungsfalls bei ihr versichert gewesen ist, für die Invalidenversicherung
aufgehoben. Die Invalidenversicherung kann nun also auch leistungspflichtig werden,
wenn bei einer im entsprechenden Zeitpunkt nicht bei ihr versicherte Person ein
Versicherungsfall eintritt. In Bezug auf die Frage, ob die Beiträge im Zeitpunkt des
Eintrittes des Versicherungsfalls bereits effektiv bezahlt sein müssen oder ob in der
Vergangenheit nur eine Beitragspflicht bestanden haben muss, der nach dem Eintritt
des Versicherungsfalles noch nachgekommen wird, lässt sich daraus allerdings kein
weiterführender Schluss ziehen. Die Aufhebung des Erfordernisses eines zeitlichen
Zusammenhangs zwischen der Versicherteneigenschaft und dem Eintritt des
Versicherungsfalls stellt eine Relativierung des Versicherungsgedankens dar und dürfte
damit eher für das Ausreichen einer Beitragspflicht in der Vergangenheit sprechen. Weil
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sich die Aufhebung der Versicherungsklausel aber nur auf den früher notwendigen
zeitlichen Zusammenhang bezogen hat und der Gesetzgeber nicht etwa grundsätzlich
auf das Erfordernis einer Versicherungsunterstellung oder früherer Beitragszahlungen
verzichtet hat, ist der Versicherungsgedanke nicht vollständig aufgegeben worden.
Dies dürfte eher dafür sprechen, dass die Beiträge effektiv vor dem Eintritt des
Versicherungsfalles bezahlt worden sein müssen, denn in einer privaten Versicherung
wäre ein rückwirkender Anschluss nach der Verwirklichung des versicherten Risikos
mit dem Zweck, einen Anspruch auf die versicherten Leistungen zu erlangen,
undenkbar.
2.5 In systematischer Hinsicht ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der
Art. 3 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 Abs. 1 AHVG die Bezahlung von Beiträgen fordert, die
für einen vergangenen Zeitraum nicht erhoben worden sind, obwohl sie gesetzlich
geschuldet gewesen wären. Diese Beiträge müssen (wie auch die laufenden Beiträge)
gemäss dem Art. 3 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 15 Abs. 1 AHVG nötigenfalls gemahnt und
betrieben werden. Die Versicherten sind also gemäss der gesetzlichen Regelung
verpflichtet, Beiträge allenfalls auch rückwirkend zu bezahlen; sie müssen von der
zuständigen Ausgleichskasse nötigenfalls auf dem Betreibungsweg dazu gezwungen
werden. Auch diesbezüglich besteht ein wesensmässiger Unterschied zwischen der
Sozialversicherung und einer privaten Versicherung, denn die Art. 15 f. AHVG zeigen
deutlich, dass der Gesetzgeber bestimmt, wer für welchen Zeitraum Beiträge zu
bezahlen hat; die Versicherten können sich dieser Beitragspflicht nicht entziehen. Ist
eine entsprechende Nachzahlung geleistet worden, spielt es keine Rolle, dass die
Beiträge rückwirkend bezahlt worden sind; sie werden behandelt, als wären sie
rechtzeitig bezahlt worden. Mit Blick auf die Art. 15 f. AHVG (i.V.m. Art. 3 Abs. 1 IVG)
kann es bei der Anwendung der Art. 6 Abs. 2 IVG und Art. 36 Abs. 1 IVG also keine
entscheidende Rolle spielen, ob die Beiträge vor dem Eintritt des Versicherungsfalls
effektiv bezahlt worden sind oder ob sie nur an sich hätten bezahlt werden müssen,
aber nicht bezahlt worden sind.
2.6 Der Sinn und Zweck des Art. 6 Abs. 2 IVG und des Art. 36 Abs. 1 IVG ist es, als
Leistungsvoraussetzung eine Beziehung der Versicherten zur Invalidenversicherung zu
verlangen. Diese Beziehung muss nicht (mehr) die Versicherteneigenschaft im
Zeitpunkt des Eintrittes des Versicherungsfalls sein. Allerdings soll auch nicht
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gewissermassen jedermann einen Leistungsanspruch gegenüber der
Invalidenversicherung haben, auch wenn er oder sie nicht versichert ist. Mit Blick auf
die Ausgestaltung der Invalidenversicherung als „Volksversicherung“ hat sich der
Gesetzgeber dafür entschieden, einen die Versicherungsklausel wenigstens teilweise
ersetzenden Bezug der versicherten Person zur Invalidenversicherung zu verlangen,
nämlich die Schweizerbürgerschaft oder den Wohnsitz und den gewöhnlichen
Aufenthalt in der Schweiz im Zeitpunkt des Eintrittes des Versicherungsfalles. Auch
wenn die versicherte Person also in diesem Zeitpunkt nicht bereits versichert sein
muss, muss sie doch später, während der Zeit des Leistungsbezuges, zum Kreis der
Versicherten gehören. Als zweite Voraussetzung muss eine Person, die eine Leistung
der Invalidenversicherung beantragt, einen möglichen Leistungsanspruch im weitesten
Sinne „erkauft“ haben. Sie muss nämlich während mindestens eines vollen Jahres
Beiträge geleistet oder sich während mindestens zehn Jahren ununterbrochen in der
Schweiz aufgehalten haben, wobei der zweite Fall wohl insbesondere auf jene
Personen abzielen dürfte, deren Beiträge vom Ehegatten bezahlt werden (Art. 3 Abs. 3
AHVG). Der einzige Grund, der gegen die Zulässigkeit eines „nachträglichen Erkaufens“
eines Leistungsanspruchs sprechen könnte, wäre die Befürchtung, dass Personen erst
dann Beiträge leisten würden, wenn sie Leistungen der Invalidenversicherung
benötigten. Diese Befürchtung ist aber unbegründet, weil sich Personen nicht wie bei
privaten Versicherungen aus einem freien Entscheid der Invalidenversicherung
anschliessen oder beschliessen können, ihre Beiträge zu bezahlen oder die
Beitragszahlungen auszusetzen. Vielmehr erfolgen die Unterstellung unter die
(obligatorische) Versicherung und der Beitragsbezug hoheitlich, nötigenfalls auch
gegen den Willen der Versicherten. Die Beitragspflicht kann nicht ohne weiteres
umgangen werden. Dies müsste aber möglich sein, damit eine Person sich einen
Leistungsanspruch später „missbräuchlich“ „erkaufen“ könnte. Ein entsprechender
„Missbrauch“ liegt nämlich nur dann vor, wenn sich eine Person vorsätzlich der
Beitragspflicht hat entziehen, im Fall eines späteren Leistungsbedarfs dann aber eine
rückwirkende Beitragserhebung hat erwirken können, während sie gleichzeitig auch
unter den Anwendungsbereich des Art. 6 Abs. 2 IVG bzw. Art. 36 Abs. 1 IVG gefallen
ist und die übrigen versicherungsmässigen Voraussetzungen dieser Bestimmungen
erfüllt hat. Eine solche Sachverhaltskonstellation ist praktisch undenkbar. Dem
Beschwerdeführer kann jedenfalls nicht unterstellt werden, er habe sich – im Wissen
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um die Nachzahlungsmöglichkeit in einem etwaigen späteren Bedarfsfall – der
Beitragspflicht wissentlich und willentlich entzogen. Mangels eines
„Missbrauchspotentials“ ist also kein Grund ersichtlich, weshalb auf einer effektiven
Bezahlung der Beiträge vor dem Eintritt des Versicherungsfalles bestanden werden
müsste. Der Sinn und Zweck des Art. 6 Abs. 2 IVG bzw. des Art. 36 Abs. 1 IVG spricht
eindeutig gegen eine solche einschränkende Interpretation der Voraussetzung der
Leistung der Beiträge.
2.7 Zusammenfassend ist das Erfordernis der vor dem Eintritt des
Versicherungsfalls während mindestens eines vollen Jahres geleisteten Beiträge weit,
das heisst im Sinne einer entsprechenden Beitragspflicht zu interpretieren. Damit ist es
in seltenen Fällen wie dem vorliegenden möglich, diese Voraussetzung nachträglich,
durch eine Nachzahlung der Beiträge vor dem Eintritt der Verwirkung, noch zu erfüllen.
Der Umstand, dass der Beschwerdeführer die Beiträge nicht selbst bezahlt hat, ist
diesbezüglich irrelevant, denn sie sind auf jeden Fall bezahlt (vgl. Art. 11 Abs. 2 AHVG).
Somit gelten die Beiträge des Beschwerdeführers ab Januar 2009 als geleistet im
Sinne der Art. 6 Abs. 2 IVG und Art. 36 Abs. 1 IVG.
3.
3.1 Der Beschwerdeführer hat von April bis September 2008 gearbeitet. Der Auszug
aus seinem individuellen Beitragskonto vom 24. August 2012 (IV-act. 7) weist ein
beitragspflichtiges Einkommen von 16’180 Franken aus; als Beitragsmonate sind die
Monate April bis und mit September 2008 vermerkt. Der Beschwerdeführer scheint
folglich eine Beitragslücke für die Monate Oktober, November und Dezember 2008 (bis
zur rückwirkend erfüllten Beitragspflicht als Nichterwerbstätiger ab Januar 2009)
aufzuweisen.
3.2 Da der Beschwerdeführer im Jahr 2008 nur wenige Monate gearbeitet hat, gilt er
für das Jahr 2008 nicht als dauernd voll erwerbstätig (Art. 10 Abs. 1 AHVG; Art. 28
AHVV). Praxisgemäss gilt eine Erwerbstätigkeit erst als dauernd, wenn sie mindestens
neun Monate pro Kalenderjahr ausgeübt wird (vgl. die Wegleitung über die Beiträge der
Selbständigerwerbenden und der Nichterwerbstätigen in der AHV [WSN], Rz. 2035).
Folglich hätte er als Nichterwerbstätiger erfasst werden müssen. Mangels eines
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Renteneinkommens und eines Vermögens hätte er den Mindestbeitrag bezahlen
müssen (Art. 10 Abs. 1 AHVG; Art. 28 AHVV). Da die vom Arbeitgeber angelieferten
Beiträge im Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit aber diesen Mindestbeitrag (und
damit natürlich auch der Hälfte des Nichterwerbstätigenbeitrages) überschritten haben,
ist die Ausnahme des Art. 28 AHVV zur Anwendung gelangt. Dies hat zur Folge
gehabt, dass der Beschwerdeführer trotz der fehlenden dauernden Erwerbstätigkeit im
Sinne des Art. 10 Abs. 1 AHVG bzw. des Art. 28 AHVV als Erwerbstätiger hat erfasst
werden müssen. Als Nichterwerbstätiger hätte er seine Beiträge für das ganze Jahr
2008 bezahlt. Mit der Umqualifizierung zum Erwerbstätigen hat nicht die Schaffung
einer Beitragslücke für die Monate Januar, Februar, März, Oktober, November und
Dezember 2008 verbunden sein können, denn dies wäre stossend und liefe dem vom
Art. 28 AHVV verfolgten Zweck der Anrechnung eines möglichst hohen
beitragspflichtigen Einkommens zugunsten späterer Leistungen für die Versicherten
klar zuwider. Deshalb gilt der Grundsatz, dass eine versicherte Person, auf die der
Art. 28 AHVV anwendbar ist, immer für das ganze Jahr als beitragspflichtig gilt
(Rz. 2002 WSN). Soweit im IK-Auszug des Beschwerdeführers die Beitragspflicht auf
die Monate April bis und mit September 2008 beschränkt zu sein scheint, erweist sich
dies als falsch. Die Beitragspflicht hat für das ganze Jahr 2008 bestanden.
3.3 Das bedeutet, dass der Beschwerdeführer ab Januar 2008 ununterbrochen
Beiträge geleistet hat, nämlich für das ganze Jahr 2008 als Erwerbstätiger im Sinne des
Art. 28 AHVV und anschliessend nahtlos als Nichterwerbstätiger. Die
versicherungsmässigen Voraussetzungen für die Zusprache einer Rente der
Invalidenversicherung sind folglich beim Eintritt des Versicherungsfalles im
Spätsommer/Frühherbst 2011 – nach dem Ablauf des Wartejahres – erfüllt gewesen.
4. Die Parteien gehen übereinstimmend davon aus, dass der Beschwerdeführer ab
Juli 2010 vollständig arbeitsunfähig gewesen sei. Dies entspricht allerdings nicht den
Angaben in den medizinischen Berichten. Gemäss dem Bericht der Klinik für
Allgemeine Innere Medizin des Kantonsspitals St. Gallen vom 29. September 2010 hat
der Beschwerdeführer damals noch an einer HIV-Infektion Stadium A3 gelitten. Erst im
Bericht der Klinik für Nephrologie und Transplantationsmedizin des Kantonsspitals
St. Gallen vom 26. November 2010 waren eine HIV-Infektion Stadium C3 (AIDS) und
entsprechende Befunde, die eine Erwerbstätigkeit verunmöglicht haben, angegeben
bis
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worden. Noch am 12. November 2010 hatte die Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
des Universitätsspitals Zürich die Diagnose einer HIV-Infektion Stadium A3 angeführt,
wobei sich diese Diagnose wohl bereits damals als „veraltet“ erwiesen haben dürfte.
Jedenfalls vermögen die medizinischen Berichte den Ausbruch des AIDS und den
daraus resultierenden Verlust der Arbeitsfähigkeit für die Zeit vor November 2010 nicht
zu belegen. Ein Ausbruch des AIDS vor diesem Zeitpunkt ist mit anderen Worten zwar
plausibel, aber nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegt. Da von weiteren Abklärungen nicht erwartet werden kann,
dass sie den Beweis eines früheren Ausbruchs des AIDS noch erbringen könnten, liegt
eine Beweislosigkeit vor. Mangels einer spezifischeren gesetzlichen Grundlage hat der
Beschwerdeführer, der aus einem früheren Ausbruch des AIDS einen Vorteil für sich
ableiten will, die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen. Folglich hat das so genannte
Wartejahr erst im November 2010 zu laufen begonnen. Da die Erwerbsfähigkeit des
Beschwerdeführers angesichts der gravierenden Beeinträchtigungen des zentralen
Nervensystems durch berufliche Massnahmen nicht mehr hat beeinflusst werden
können, hat er die Voraussetzungen für die Ausrichtung einer Rente der
Invalidenversicherung (Art. 28 Abs. 1 IVG) im November 2011 erfüllt gehabt. Da er sich
aber erst im August 2012 zum Leistungsbezug angemeldet hat, ist der Rentenanspruch
gemäss dem Art. 29 Abs. 2 IVG erst am 1. Januar 2013 entstanden. Angesichts der
vollständigen Erwerbsunfähigkeit und damit eines zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommens von null Franken hat der Beschwerdeführer bei einem
(unabhängig von der Höhe des Valideneinkommens resultierenden) Invaliditätsgrad von
100 Prozent gestützt auf den Art. 28 Abs. 2 IVG einen Anspruch auf eine ganze Rente
der Invalidenversicherung. Da der für die Berechnung des Rentenbetrages erforderliche
Teil des Sachverhaltes noch nicht abgeklärt ist, kann dem Beschwerdeführer noch
nicht direkt eine entsprechende Rente zugesprochen werden. Praxisgemäss
beschränkt sich der vorliegende Entscheid daher auf die Feststellung, dass der
Beschwerdeführer ab dem 1. Januar 2013 einen Anspruch auf eine ganze Rente der
Invalidenversicherung hat; die Sache wird zur Vervollständigung der
Sachverhaltsabklärung, das heisst zur Ermittlung der Rentenbeträge an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
5. Die gemäss dem Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und angesichts des
durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
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Gerichtskosten sind der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer
wird der von ihm geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die
Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung
auszurichten, die angesichts des geringen Aktenumfangs und des damit verbundenen
leicht unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwandes auf 3’000 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt wird.