Decision ID: 2b4dcacc-e6b8-5fa6-8929-b2190a077a1e
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 30. Juni 2017 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an. Als gesundheitliche Einschränkungen nannte sie "Burnout
Syndrom" seit Dezember 2016 (IV-act. 1).
A.a.
Mit Bericht vom 30. August 2017 gab Dr. med. B._, FA Kinder- u. Jugend
psychiatrie u. Psychotherapeut FMH, an, bei der Versicherten liege eine depressive
Episode (F32.11) seit 13. Januar 2017 vor. Die Arbeitsfähigkeit werde durch eine
depressive Stimmung, Antriebslosigkeit und Schlafstörungen beeinträchtigt. Für
einfache Büroarbeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 20%. Als ergänzende
Bemerkung hielt Dr. B._ "Burn out" fest (IV-act. 17).
A.b.
Am 12. September 2017 berichtete Dr. med. C._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, Klinik D._, dem Krankentaggeldversicherer der Versicherten
über die konsiliarische Untersuchung vom 8. September 2017. In diesem Kurzbericht
stellte er die Diagnosen einer generalisierten Angststörung (F41.1) und einer
psychophysischen Erschöpfung, gegenwärtig teilweise remittiert (Z73.0). Dr. C._
empfahl eine antidepressive und beruhigende Psychopharmakotherapie und die
Fortsetzung der bereits etablierten Gesprächstherapie. Ab 1. Oktober 2017 könne von
einer 25%igen Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden, ab 1. November 2017 von einer
50%igen, ab 1. Dezember 2017 von einer 75%igen und ab 1. Januar 2018 von einer
vollen Arbeitsfähigkeit (act. G6.2/3-2 ff.).
A.c.
Mit Schreiben vom 22. Januar 2018 teilte der Krankentaggeldversicherer der
Rechtsschutzversicherung der Versicherten mit, wenn Dr. B._ den Empfehlungen von
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. C._ gefolgt wäre, wäre die Versicherte mit grosser Wahrscheinlichkeit inzwischen
weitgehend arbeitsfähig. Als Entgegenkommen werde das Taggeld noch bis zum
7. Januar 2018 ausgerichtet (act. G6.2/5-7).
Am 18. März 2018 kreuzte Dr. B._ auf dem Formular für den Verlaufsbericht an,
der Gesundheitszustand der Versicherten habe sich verbessert. Er stellte folgende
Diagnosen: depressive Episode, rezidivierend (F33.11), generalisierte Angststörung
(F41.1), psychophysische Erschöpfung als Reaktion auf Belastung (F43.8). Die
Versicherte habe seit 2016 zunehmende Versagensängste, Antriebsstörung,
vermindertes Leistungsvermögen, z.T. psychosomatische Reaktionen, Appetitlosigkeit,
Gewichtsverlust, Konzentrationsstörungen. Zurzeit betrage die Arbeitsunfähigkeit
100% (IV-act. 58-2).
A.e.
Vom 8. Januar 2018 bis 15. Juni 2018 erfolgte ein Belastbarkeitstraining und ab
16. Juni 2018 ein Aufbautraining bei der E._ in F._ (geplante Dauer: bis
14. Dezember 2018; vgl. Mitteilung vom 12. Juni 2018, IV-act. 64-1). Durch die
Trainings hätte die Versicherte ihre Arbeitsfähigkeit wieder zurückerlangen und bis auf
100% steigern sollen. Das Pensum von anfangs zwei Stunden an vier Tagen pro
Woche konnte zuerst nicht, danach nur sehr schleppend gesteigert werden (vgl. IV-act.
29, 32, 50, 52 f., 55 und 62 ff.). Während des Belastbarkeitstrainings erledigte die
Versicherte private Pendenzen. Im Aufbautraining arbeitete sie an einem Businessplan,
um die Wiederaufnahme ihrer selbständigen Erwerbstätigkeit vorzubereiten (vgl. IV-
act. 76-1). Während die Anwesenheit schliesslich auf bis zu sechs Stunden pro Tag
gesteigert werden konnte, schätzte die Versicherte ihre Leistungsfähigkeit auf bloss 20
bis 30% (vgl. IV-act. 77-7 f.).
A.f.
Mit Mitteilung vom 7. September 2018 brach die IV-Stelle die berufliche
Massnahme per 24. August 2018 ab (IV-act. 79). Die Eingliederungsverantwortliche
hielt dazu sinngemäss fest, bei einer Anwesenheit von theoretisch 70%, faktisch eher
50%, habe die Versicherte beim letzten Standortgespräch mitgeteilt, dass sie sich etwa
20 bis 30% arbeitsfähig fühle. Die Massnahme sei nach wie vor sehr wertvoll für die
Versicherte. Aufgrund permanenter Ausbremsung wegen privater Problematiken mache
jedoch aktuell eine Weiterführung der Massnahme keinen Sinn. Die gesetzten Ziele
könnten derzeit nicht erreicht werden. Die Versicherte benötige ihre Ressourcen für ihre
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Konflikte, sodass sie keine Kraft mehr habe, sich auf die Massnahme zu konzentrieren
(vgl. IV-act. 77-7 f.).
Am 26. September 2018 stellte Dr. B._ folgende Diagnosen: Generalisierte
Angststörung (F41.1), psychophysische Erschöpfung (Z73.0) und leichte depressive
Episode, rezidivierend (F33.01). Dies wirke sich durch geringe Belastbarkeit,
Konzentrationsstörungen, resignierte, depressive Stimmung, durch die Symptomatik
der Einengung, Überforderung und Unfähigkeit zu geregelter Arbeit aus. Die
Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit betrage 20 bis 30%. In einer ideal
adaptierten Tätigkeit sei die Arbeitsfähigkeit abhängig vom Auftreten der Symptomatik
(IV-act. 80).
A.h.
Mit Stellungnahme vom 5. Oktober 2018 hielt RAD-Arzt med. pract. G._ fest, laut
Dr. C._ hätte die Versicherte per Januar 2018 wieder eine volle Arbeitsfähigkeit
erreichen sollen. Stattdessen sei es zum Abbruch der beruflichen Massnahmen im
August 2018 gekommen, da die Versicherte lediglich eine Arbeitsfähigkeit von 20 bis
30% erreicht habe. Aus den Berichten der Eingliederungsberatung und von E._ gehe
jedoch hervor, dass die Versicherte stark durch psychosoziale Belastungen in
Anspruch genommen worden sei. Hierbei gehe es um den Sorgerechtsstreit mit dem
Vater ihres Kindes und Auseinandersetzungen mit der H._. Trotz unbefriedigendem
Therapieverlauf seien die medizinischen Massnahmen nicht ausgebaut worden und es
habe bisher weder eine tagesklinische noch eine stationäre psychiatrische Behandlung
stattgefunden. Auch erhalte die Versicherte keine Medikation. Aus den knapp
gehaltenen Befunden und Einschränkungen in den Arztberichten von Dr. B._ lasse
sich die hohe Arbeitsunfähigkeit nicht nachvollziehen. Zur Beurteilung des
Gesundheitszustands sei eine monodisziplinäre psychiatrische Begutachtung
angezeigt (IV-act. 83-3).
A.i.
Mit psychiatrischem Fachgutachten vom 30. November 2018 (nachfolgend:
Gutachten) stellte Prof. Dr. med. habil. I._, FMH Neurologie und FMH Psychiatrie und
Psychotherapie, folgende Diagnosen: St. n. Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion (F43.21) und St. n. psycho-physischem Erschöpfungssyndrom
(Z73.0), Anpassungsprobleme bei Veränderung der Lebensumstände (Z60.0) mit / bei
multiplen psychosozialen Belastungsfaktoren (IV-act. 88-45). Aus gutachterlicher Sicht
A.j.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könne die generalisierte Angststörung nicht nachvollzogen werden. Es handle sich
eindeutig um eine psychische Reaktion auf ein äusseres psychosoziales Ereignis mit
ängstlich-depressiver Verstimmung. Die Störung wäre als Anpassungsstörung (F43.2)
zu kategorisieren gewesen (IV-act. 88-42). Gemäss Aktenlage habe die Versicherte
zum 12. Januar 2017 bei einem depressiv gefärbten Erschöpfungssyndrom infolge
multipler psychosozialer Belastungen bei blander psychiatrischer
Krankenvorgeschichte eine Behandlung bei Dr. B._ aufgenommen. Weder den
Diagnosestellungen noch den Angaben zur Arbeitsunfähigkeit Dr. B._s könne gefolgt
werden. Der Kinder- und Jugendpsychiater habe ohne Angabe von nachvollziehbaren
Gründen ständig die Diagnosen gewechselt, gemäss ICD-10 nicht statthafte
Diagnosekombinationen benannt und trotz mitgeteilten Verbesserungen des
psychischen Gesundheitszustands die Arbeitsunfähigkeit erhöht. Eine medikamentöse
Behandlung sei ebenso wenig erfolgt, wie eine Intensivierung der Behandlung mittels
tagesklinischer oder stationär psychiatrischer Hospitalisation, was ebenfalls gegen die
attestierte Arbeitsunfähigkeit spreche. Bei anhaltenden psychosozialen Problemen der
Versicherten mit nachfolgenden Auswirkungen auf den psychischen
Gesundheitszustand hätten berufliche Wiedereingliederungsmassnahmen
abgebrochen werden müssen. Nun habe die Versicherte zahlreiche ihrer
psychosozialen Probleme lösen können, was zu einer signifikanten Verbesserung ihres
Gesundheitszustands geführt habe, sodass aktuell kein psychiatrisches Störungsbild
von Krankheitswert mehr diagnostiziert werden könne (IV-act. 88-47 und 88-43). Die
Versicherte habe sich in der Untersuchung kämpferisch-fordernd und ihre Interessen
mit Nachdruck vertretend gezeigt, sodass ein Erschöpfungssyndrom beim besten
Willen nicht beschreibbar sei. Die vorgetragene Kraft- und Energielosigkeit sei nicht
spürbar (IV-act. 88-48 und 88-39).
Mit Stellungnahme vom 7. Dezember 2018 erachtete RAD-Arzt G._ das
Gutachten als überzeugend. Ein St. n. Anpassungsstörung bzw. nach psycho-
physischem Erschöpfungssyndrom begründe ebenso wenig eine Arbeitsunfähigkeit wie
akzentuierte Persönlichkeitszüge, die bei der Versicherten schon immer vorgelegen
hätten und sie weder am Studium noch in der erfolgreichen Ausübung ihrer
Berufstätigkeit eingeschränkt hätten, bis es aufgrund der schweren psychosozialen
Belastungssituation zu einer Überforderung und Erschöpfung gekommen sei. Zu
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Beginn der Krankschreibung könne aus versicherungsmedizinischer Sicht dennoch von
einer kurzzeitig für die Arbeitsfähigkeit relevanten Anpassungsstörung ausgegangen
werden, welche inzwischen abgeklungen sei. Zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit könne
auf den Kurzbericht Dr. C._s abgestellt werden. Spätestens seit Januar 2018 habe
eine Arbeitsfähigkeit von 100% vorgelegen. Dass die Versicherte ihre Arbeitsfähigkeit
während der beruflichen Massnahmen nicht habe steigern können, sei rein auf
psychosoziale Belastungen zurückzuführen (IV-act. 89-3 f.).
Mit Mitteilung vom 10. Dezember 2018 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren
um berufliche Massnahmen ab (IV-act. 92). Nachdem die Versicherte eine
beschwerdefähige Verfügung verlangt hatte (IV-act. 93; vgl. auch IV-act. 95), wies die
IV-Stelle das Gesuch um berufliche Massnahmen mit Verfügung vom 14. Dezember
2018 ab. Bei der Versicherten bestehe in einer adaptierten wie auch in der bisherigen
Tätigkeit eine volle Arbeitsfähigkeit. Demnach würde kein Anspruch auf berufliche
Massnahmen bestehen (IV-act. 94).
A.l.
Gegen diese Verfügung erhob A._, vertreten durch Rechtsanwalt Adrian
Fiechter, am 30. Januar 2019 Beschwerde. Sie beantragt, die Verfügung vom 14.
Dezember 2018 sei vollumfänglich aufzuheben und es seien die beruflichen
Massnahmen weiterzuführen. Eventualiter sei die Sache zur Vornahme ergänzender
Abklärungen und anschliessend neuer Beurteilung an die Gegenpartei zurückzuweisen.
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Zur
Begründung führt sie aus, der Anspruch auf berufliche Massnahmen bestehe auch für
von einer Invalidität bedrohten Personen. Der Zeitpunkt des Eintretens einer allfälligen
Invalidität sei unerheblich. Die Beschwerdeführerin qualifiziere als eine von einer
Invalidität bedrohten Person. Dabei könne nicht ausschlaggebend sein, ob der
Gutachter die Beschwerdeführerin aktuell als arbeitsfähig erachte. Vielmehr müsse die
Untersuchung des Sachverhalts auch eine Prognose über den zukünftigen Verlauf
stellen. Bei ihr bestehe ein absehbares Risiko, eine überwiegende Wahrscheinlichkeit
hinsichtlich einer eintretenden Invalidität. Der Gutachter stelle nämlich die Diagnose
eines St. n. Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion und St. n.
psychophysischem Erschöpfungssyndrom. Vor diesem Hintergrund bestehe ohne
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berufliche Massnahmen die Gefahr einer zukünftigen Invalidität, sollte diese nicht
bereits teilweise vorliegen. Der Gutachter habe betreffend ihre Persönlichkeitszüge
keine definitive Diagnose gestellt. Es gehe deshalb nicht an, auf das Gutachten
abzustellen. Auch sei das Gutachten im Hinblick auf die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit und des daraus resultierenden Risikos einer Invalidität unvollständig.
So sei der Gutachter nur am Rande auf die generalisierte Angststörung eingegangen,
die sich aus den Akten ergebe. Die psychischen Einschränkungen würden sich fraglos
negativ auf ihre Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen, auswirken. Auch der Gutachter
stelle nicht in Abrede, dass anfänglich eine Störung von Krankheitswert bestanden
habe. Hinzu trete, dass die Erfolge im Belastbarkeitstraining nur sehr schleppend
eingetreten seien. Nachdem die Beschwerdeführerin gemäss dem Bericht von E._ im
Umfang von 40% arbeitsfähig sei, sei die Weiterführung der beruflichen Massnahmen
geeignet, den Eintritt einer Invalidität zu verhindern oder deren Folgen zu mildern. Auch
Dr. I._ bestätige, dass eine Unterstützung in Form von beruflichen Massnahmen
weiterhin sinnvoll sei (act. G1).
Mit Einverständnis der Beschwerdeführerin stellte die Beschwerdegegnerin
Prof. I._ am 25. März 2019 Ergänzungsfragen (IV-act. 106; siehe auch IV-act. 105).
Prof. I._ beantwortete diese Fragen insbesondere dahingehend, er habe auf der
Grundlage der ihm bekannten Fakten und seines eigenen Untersuchs bei knapp
zureichender Mitarbeit der Beschwerdeführerin keine gesundheitsbedingten Anzeichen
erkennen können, warum zukünftige Invalidität drohen würde. Vorbehandler hätten die
Diagnose einer generalisierten Angststörung benannt, sie aber nicht per Psychostatus
gemäss den Kriterien der ICD-10 nachvollziehbar gemacht. Er habe im Untersuch keine
Anzeichen einer Angststörung gefunden. Wenn der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin wünsche, dass er sich diagnostisch zur Persönlichkeit äussere,
müsse von einer Persönlichkeitsakzentuierung mit dissozialen Zügen (Z73.1)
ausgegangen werden. Gegen eine Persönlichkeitsstörung spreche eindeutig, dass die
Beschwerdeführerin trotz der dissozialen Anteile einen unauffälligen beruflichen
Werdegang mit Studium und Tätigkeit als J._ erfolgreich habe bewältigen können (IV-
act. 107-5 und 107-7). Bei der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung müsse immer
eine Störung der Ich-Strukturen vorliegen. Prof. I._ wies darauf hin, in seinem
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten festgehalten zu haben, dass eine wesentliche Störung der Ich-Strukturen
bei der Beschwerdeführerin nicht vorliege (IV-act. 107-6).
Mit Beschwerdeantwort vom 17. April 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Auf das Gutachten vom 30. November 2018 könne
abgestellt werden. Der Gutachter und der RAD-Arzt hätten Inkonsistenzen im
Aktenmaterial festgehalten. Bezugnehmend auf den Arztbericht von Dr. C._ vom
8. August 2018 (richtig: 12. September 2018) habe der Gutachter festgehalten, dass
der beschriebene Psychostatus nicht zur diagnostizierten generalisierten Angststörung
passe. Es handle sich um eine psychische Reaktion auf ein äusseres psychosoziales
Ereignis mit ängstlich-depressiver Verstimmung. Der Gutachter habe gesamthaft keine
Diagnose von psychiatrischen Störungsbildern bestehend auf der Grundlage von
ICD-10 stellen können. Er habe festgehalten, dass allfällig anfänglich eine
Anpassungsstörung mit vorwiegend depressivem Verstimmungszustand und ein
Erschöpfungssyndrom bestanden hätten, welche sich auf dem Boden multipler
psychosozialer Belastungsfaktoren entwickelt hätten. Nun liege keine psychiatrische
Störung von Krankheitswert mehr vor. Es sei nicht ersichtlich, inwiefern die
Beschwerdeführerin von einer Invalidität bedroht sein solle. Vielmehr sei den Akten zu
entnehmen, dass die psychosozialen Belastungen sich im Laufe der Zeit reduziert
hätten (act. G6).
B.c.
Mit Replik vom 7. Juni 2019 hielt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest.
Sie sei sehr wohl von Invalidität bedroht. Seit dem Aufbautraining bei E._ habe sich
ihr Gesundheitszustand verschlechtert, zumindest aber sei keine wesentliche
Verbesserung eingetreten. Ohne Weiterführung der Massnahmen werde ihr die
Möglichkeit einer Steigerung ihrer Erwerbsfähigkeit von Vornherein genommen. So
würde dem Grundsatz "Eingliederung vor Rente" nicht Genüge getan. Obwohl der
Gutachter von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit ausgehe, bestehe gemäss demselben
aktuell noch ein Anpassungsproblem. Auch aus diesem Grund sei es angezeigt, die
beruflichen und Integrationsmassnahmen weiterzuführen. Ohne diese liege in Zukunft
die Gefahr einer (zunehmenden) Arbeitsunfähigkeit vor. Sollte nicht ohnehin der
Anspruch auf berufliche Massnahmen und Integrationsmassnahmen als weiterhin
gegeben betrachtet werden, sei eine ergänzende und unabhängige Begutachtung
angezeigt. Im Belastbarkeitstraining sei ein gewisser Erfolg eingetreten. Daher wolle die
B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Zu prüfen ist vorliegend einzig der Anspruch auf berufliche Massnahmen, da jener
Verfügungsgegenstand ist. Betreffend die Ablehnung eines Rentenanspruchs hat die
Beschwerdeführerin nach Erhalt des entsprechenden Vorbescheides schriftlich erklärt,
diesen zu akzeptieren bzw. keinen Einwand zu erheben (act. G11.1).
2.
Beschwerdeführerin auch weiterhin an sich arbeiten, um ihre Situation zu verbessern.
Das Rentenverfahren betreffend akzeptiere sie den Vorbescheid vom 9. Mai 2019,
wonach das Leistungsbegehren abgewiesen werde. Das berufliche Fortkommen stehe
im Vordergrund (act. G11).
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (act. G17
i.V.m. act. G18).
B.e.
Die Beschwerdeführerin macht unter anderem geltend, das Gutachten sei
mangelhaft. Dies ist nachfolgend zu prüfen.
2.1.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit
Hinweisen). Im Sinne einer Richtlinie ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/
bb).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz und der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Die blosse Möglichkeit eines
bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat
vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen
Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360 E. 5b, 125 V
195 E. 2, je mit Hinweisen).
2.3.
Das Gutachten stützt sich unstreitig auf die vollständigen Vorakten sowie auf eine
persönliche Untersuchung, welche gemäss Prof. I._ zwei Stunden dauerte (vgl. IV-
act. 88-4 und 88-7 ff.). Keine Partei macht geltend, dass für die Begutachtung
Fachärzte aus anderen Fachgebieten hätten beigezogen werden müssen und auch aus
den Akten ergibt sich keine Notwendigkeit für solche Abklärungen. Das Gutachten
erfüllt somit die Anforderung, auf allseitigen Untersuchungen zu beruhen und in
Kenntnis der Vorakten erfolgt zu sein. Die Beschwerdeführerin hatte Gelegenheit, dem
Gutachter ihre Beschwerden vorzutragen (vgl. insbesondere IV-act. 88-26 ff. und IV-
act. 88-34). Prof. I._ setzte sich mit diesen ebenso auseinander wie mit jenen, welche
sich aus den Akten ergaben (vgl. hierzu beispielhaft IV-act. 88-42 ff.), sodass die
geklagten Beschwerden im Gutachten berücksichtigt wurden. Seine Beurteilung der
medizinischen Situation ist grundsätzlich begründet, nachvollziehbar und einleuchtend,
sodass das Gutachten als für die streitigen Belange umfassend erscheint (vgl. hierzu
insbesondere IV-act. 88-47 f.). Es bleibt zu prüfen, ob die Vorbringen der
Beschwerdeführerin am Beweiswert des Gutachtens Zweifel zu erwecken vermögen.
2.4.
Die Beschwerdeführerin bringt vor, der Gutachter habe keine definitive Diagnose
betreffend Persönlichkeitszüge gestellt. Sie bezieht sich damit auf die Ausführungen
Prof. I._s, wonach die akzentuierten Persönlichkeitszüge auffällig gewesen seien. Er
wolle es bei einer Beschreibung der Persönlichkeitszüge belassen, ohne eine definitive
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diagnose zu stellen (IV-act. 88-44). Die Beschwerdeführerin argumentiert, es gehe nicht
an, ohne abschliessende Beurteilung hinsichtlich einer auffälligen
Persönlichkeitsstörung auf das Gutachten abzustellen. Insofern müsse eine Ergänzung
erfolgen. Dem ist entgegenzuhalten, dass bei der Beschwerdeführerin eben gerade
keine Persönlichkeitsstörung vorliegt, wie sich aus den nachfolgenden Ausführungen
ergibt.
Der behandelnde Psychiater Dr. B._ hat keine entsprechende Diagnose
gestellt. Auch im Rahmen des vorliegenden Verfahrens äusserte er nichts dergleichen.
Er erklärte vielmehr, der negativen Beurteilung der Gesamtpersönlichkeit der
Beschwerdeführerin könne er aus langer Erfahrung nur widersprechen (act. G1.3).
2.5.1.
Dr. C._ hingegen beschrieb das Verhalten der Beschwerdeführerin anlässlich
des Untersuchs teilweise ähnlich wie Prof. I._. Er hielt insbesondere fest, im Affekt
wirke die Beschwerdeführerin stark innerlich angespannt, misstrauisch, leicht
dysphorisch gereizt, resigniert und verzweifelt, verängstigt, affektlabil (act. G6.2/3-3; im
Belastbarkeits- und Aufbautraining wird die Beschwerdeführerin zwar als freundlich
und respektvoll im Umgang beschrieben, es wird aber auch vermerkt, dass sie zu
Beginn der Massnahme den Kontakt zu anderen Teammitgliedern vermieden hat, vgl.
IV-act. 76-4). Inhaltlich hat Dr. C._ jedoch keine Hinweise auf Wahnideen,
Halluzinationen oder Ich-Störungen festgestellt. Er schloss prämorbide psychische
Probleme mit Krankheitswert inkl. Persönlichkeitsstörung sogar explizit aus
(act. G6.2/3-4).
2.5.2.
Prof. I._ fand klinisch Hinweise auf eine narzisstisch-strukturierte, zum Teil
unreif wirkende Persönlichkeitsakzentuierung. Die Ich-Strukturen seien intakt (IV-
act. 88-40). Gesamthaft würden keine psychiatrischen Störungsbilder auf der
Grundlage des ICD-10 bestehen (IV-act. 88-44). Damit brachte der Gutachter klar zum
Ausdruck, dass er bei der Beschwerdeführerin eine Persönlichkeitsakzentuierung,
jedoch keineswegs eine Persönlichkeitsstörung erblickte. Er bestärkte das erneut im
Rahmen der später an ihn gerichteten Ergänzungsfragen und erklärte dabei
sinngemäss, er habe die Diagnose einer Persönlichkeitsakzentuierung mit dissozialen
Zügen (Z73.1) im Gutachten bewusst nicht gestellt, weil sie sich nachteilig auf die
beruflichen Chancen der Beschwerdeführerin auswirken könne, die Arbeitsfähigkeit
aber nicht beeinträchtige (IV-act. 107).
2.5.3.
Somit ist bei der Beschwerdeführerin keine Persönlichkeitsstörung, sondern eine
blosse Persönlichkeitsakzentuierung, welche die Arbeitsfähigkeit zumindest in
quantitativer Hinsicht nicht beeinträchtigt, ausgewiesen. Das Gutachten ist insofern
2.5.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht unvollständig und muss demnach auch nicht ergänzt werden, damit darauf
abgestellt werden kann.
Die Beschwerdeführerin bringt sodann vor, der Gutachter sei zu Unrecht nur am
Rande auf die generalisierte Angststörung eingegangen.
2.6.
Diesbezüglich ist festzuhalten, dass der behandelnde Kinder- und
Jugendpsychiater Dr. B._ ursprünglich eine depressive Episode (F33.11), jedoch
keine Angststörung diagnostiziert hatte. Dass Dr. C._ später diese Diagnose stellte,
mag allenfalls damit zusammenhängen, dass Dr. B._ in einem Bericht vom 8. März
2017 schrieb: "A._ ist nicht in der Lage, ihrer Arbeit wegen der vorhandenen
Angststörung nachzugehen" (act. G6.2/2-7). Aber erst nachdem Dr. C._ eine
Angststörung diagnostiziert hatte, nahm Dr. B._ diese auch in seine
Diagnosenauflistung auf (vgl. IV-act. 58-2), wobei er die Angststörung nur als
Teilsymptomatik innerhalb der Hauptdiagnose der depressiven Episode erachtete
(act. G6.2/5-12).
2.6.1.
Dr. C._ begründete kaum, weshalb bei der Beschwerdeführerin eine
Angststörung vorliegen sollte. Er beschrieb lediglich, dass die Beschwerdeführerin
auch Existenzängste bekommen habe (act. G6.2/3-2), gab mithin die subjektiv
beklagten Beschwerden wieder. Zudem wirkte die Beschwerdeführerin gemäss
Dr. C._ zwar verängstigt, gleichzeitig aber auch stark innerlich angespannt,
misstrauisch, leicht dysphorisch gereizt, resigniert und verzweifelt sowie affektlabil
(act. G6.2/3-3). Die Angst bzw. Ängste scheinen daher anlässlich der Untersuchung
nicht im Vordergrund gestanden zu haben.
2.6.2.
Sowohl Prof. I._ als auch Dr. C._ gehen von psychosozialen Belastungen
und einem reaktiven Geschehen bei der Beschwerdeführerin aus. Prof. I._ konnte
jedoch die Diagnose der generalisierten Angststörung nicht nachvollziehen, sondern
kam zum Ergebnis, dass eine Anpassungsstörung (F43.2) zu diagnostizieren gewesen
wäre (vgl. act. G6.2/3-4 und IV-act. 88-42).
2.6.3.
Gemäss ICD-10 stellen bei den Angststörungen Manifestationen der Angst ohne
bestimmten Bezug auf eine Umgebungssituation die Hauptsymptome dar. Depressive
und Zwangssymptome, sogar einige Elemente phobischer Angst können vorhanden
sein, vorausgesetzt sie sind eindeutig sekundär oder weniger ausgeprägt. Bei der
generalisierten Angststörung ist die Angst generalisiert und anhaltend. Die
wesentlichen Symptome sind variabel, Beschwerden wie ständige Nervosität, Zittern,
Muskelspannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindelgefühle oder
2.6.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Oberbauchbeschwerden gehören zu diesem Bild (vgl. ICD-10, F41 und F41.1).
Vorliegend haben weder Dr. B._ noch Dr. C._ oder Prof. I._ dargetan, dass
Ängste als Symptome im Vordergrund stehen würden oder die oben erwähnten
Beschwerden, welche typische Anzeichen einer generalisierten Angststörung sind,
vorliegen würden. Auch im Schlussbericht von E._ werden – abgesehen von der
Erwähnung von Zukunftsängsten und finanziellen Sorgen (welche unter den gegebenen
Umständen verständlich und auf die aktuelle Situation bezogen waren) – keine Ängste
thematisiert. Das Gutachten überzeugt somit und es ist demnach mit Prof. I._ davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin nicht unter einer generalisierten
Angststörung leidet.
Auch die E-Mail Dr. B._s vom 30. Januar 2019 (act. G1.3) vermag das Gutachten
nicht zu erschüttern. Insbesondere ist die persönliche Untersuchung anlässlich einer
Begutachtung häufig auf wenige Stunden begrenzt. Die Tatsache, dass ein
behandelnder Facharzt regelmässig über einen viel längeren Zeitraum mit der
versicherten Person zu tun hat, führt nicht systematisch zu unverwertbaren
Ergebnissen im Rahmen einer naturgemäss viel kürzer dauernden Begutachtung. An
dieser Stelle sei erwähnt, dass Dr. B._ selbst mehrmals optimistische Prognosen
stellte, von einer Verbesserung des Gesundheitszustands ausging und die zuerst als
mittelgradig diagnostizierte depressive Episode zu einem späteren Zeitpunkt bloss
noch als leicht einstufte (vgl. IV-act. 58-2 und IV-act. 80 sowie act. G6.2/2-6).
2.7.
Nach dem Gesagten vermag die Beschwerdeführerin am Beweiswert des
Gutachtens keine Zweifel zu erwecken. Es ist deshalb darauf abzustellen. Demnach ist
die Beschwerdeführerin als vollständig arbeitsfähig sowohl in ihrer angestammten wie
auch in einer adaptierten Tätigkeit zu betrachten.
2.8.
Die Beschwerdeführerin macht sodann geltend, selbst wenn auf das Gutachten
abgestellt werde, sei sie zumindest von Invalidität bedroht, sodass sie Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen habe. Sie beruft sich dabei auf Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), welcher besagt, dass
Invalide oder von einer Invalidität bedrohte Versicherte Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen haben, soweit diese notwendig und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder
herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern und die Voraussetzungen für den
Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt. Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 ATSG). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise
Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei
langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder
Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG).
3.2.
Gemäss Art. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR
831.201) liegt drohende Invalidität vor, wenn der Eintritt einer Erwerbsunfähigkeit
überwiegend wahrscheinlich ist; der Zeitpunkt des Eintritts der Erwerbsunfähigkeit ist
unerheblich. Die blosse Möglichkeit bzw. Gefahr eines Invaliditätseintritts genügt in
Anbetracht der erwähnten Begriffsumschreibung nach wie vor nicht für die Annahme
einer drohenden Invalidität. Vielmehr muss der spätere Eintritt einer Erwerbsunfähigkeit
bzw. einer anderweitigen leistungsspezifischen Invalidität nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
feststehen; es muss damit zu rechnen sein. Der spätere Eintritt der Invalidität muss
nach wie vor – im Sinne einer überwiegenden Wahrscheinlichkeit – gewiss sein,
braucht aber im Gegensatz zur früheren Fassung nicht mehr in absehbar kurzer Zeit zu
erfolgen (Silvia Bucher, Eingliederungsrecht der Invalidenversicherung, Bern 2011,
S. 73 f.). Meyer/Reichmuth weisen darauf hin, dass die restriktive Fassung von Art. 8
Abs. 1 aIVG ein Schattendasein führte. Sie merken weiter an, es sei nicht anzunehmen,
dass Art. 1 IVV in der Praxis eine höhere Bedeutung erlangen werde. Dies
jedenfalls dann, wenn der darin enthaltene Begriff der Erwerbsunfähigkeit gleich
verstanden werde wie die Legaldefinition in Art. 7 Abs. 1 ATSG, die von
Erwerbsunfähigkeit erst dann spreche, wenn sie vorgängiger zumutbarer Behandlung
und Eingliederung widerstanden habe (Ulrich Meyer/Marco Reichmuth, Bundesgesetz
über die Invalidenversicherung [IVG], in: Hans-Ulrich Stauffer/ Basile Cardinaux [Hrsg.],
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 3. Aufl., Zürich/
Basel/Genf 2014, Art. 8 N 14).
3.3. novies
novies
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführerin argumentiert sinngemäss, ihr drohe Invalidität, weil bei ihr
ein St. n. Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion und St. n.
psychophysischem Erschöpfungssyndrom vorliege, eine anfängliche Störung auch von
Dr. I._ nicht in Abrede gestellt werde und nach wie vor ein Anpassungsproblem
vorliege. Diese Vorbringen machen eine drohende Invalidität nicht überwiegend
wahrscheinlich, und zwar aus folgenden Gründen.
3.4.
Die Tatsache allein, dass in der Vergangenheit eine Krankheit aufgetreten ist,
führt nicht pauschal dazu, dass ein wesentlich erhöhtes Risiko für eine künftige
Invalidität entsteht. Die Beschwerdeführerin ist gemäss Gutachten sowohl angestammt
als auch adaptiert zu 100% arbeitsfähig. Ihre Arbeitsfähigkeit ist demnach
vollumfänglich erhalten und ihr steht eine relativ breite Palette an beruflichen
Möglichkeiten offen. Auch ist nicht ersichtlich, inwiefern sich der Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin durch Weiterausübung der angestammten Tätigkeit
verschlechtern sollte (dies anders als wenn sich beispielsweise bei einem Bodenleger
abzeichnet, dass sich ein Rückenleiden bei Weiterausübung seiner Tätigkeit mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit verschlimmert).
3.4.1.
Zudem war die bisherige Behandlung der Beschwerdeführerin eher
niederschwellig. Insbesondere wurde bisher weder eine tagesklinische noch eine
stationäre psychiatrische Behandlung durchgeführt und hat die Beschwerdeführerin
keine nennenswerte medikamentöse Therapie erhalten. Dr. med. K._, Spezialarzt
FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, führte als beratender Arzt des
Krankentaggeldversicherers aus, Dr. B._ habe die medikamentöse Behandlung
gegenüber dem Krankentaggeldversicherer nicht angegeben. Erst Dr. C._ habe die
Medikation in Erfahrung gebracht. Keines der von ihm erwähnten Medikamente sei
geeignet, eine Depression zu behandeln. Depression und Angststörung seien bis zum
Zeitpunkt des Konsiliums nicht entsprechend diesen behandelt worden (act. G6.2/5-10
f.). Trotz mehrjähriger Gesprächstherapie bei Dr. B._ wurde der Beschwerdeführerin
offenbar nie eine psychopharmakologische Medikation verschrieben (vgl. IV-
act. 88-36).
3.4.2.
Die versicherte Person kann die Behandlung ihrer Krankheit in Absprache mit
ihrem Behandler weitgehend selbst bestimmen, solange keine Arbeitsunfähigkeit
vorliegt. Besteht eine Arbeitsunfähigkeit, unterliegt sie der im Sozialversicherungsrecht
allgemein gültigen Schadenminderungspflicht. Gemäss Art. 7 IVG muss die versicherte
Person alles ihr Zumutbare unternehmen, um die Dauer und das Ausmass der
Arbeitsunfähigkeit zu verringern und den Eintritt einer Invalidität zu verhindern. Sie
3.4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
muss an allen zumutbaren Massnahmen, die zur Erhaltung des bestehenden
Arbeitsplatzes oder zu einer Eingliederung ins Erwerbsleben oder in einen dem
Erwerbsleben gleichgestellten Aufgabenbereich dienen, aktiv teilnehmen. Dies sind
insbesondere medizinische Behandlungen nach Art. 25 des Bundesgesetzes über die
Krankenversicherung (KVG; SR 832.10; Art. 7 Abs. 1 und Abs. 2 lit. d IVG). Die
versicherte Person hat sich deshalb, wenn bei ihr eine Arbeitsunfähigkeit besteht, der
Behandlung zu unterziehen, die mit grösster Wahrscheinlichkeit zu einer schnellen
Besserung ihres Gesundheitszustandes führt.
Somit wären in erster Linie medizinische Massnahmen zu ergreifen, sollte sich
der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin verschlechtern (wofür derzeit aber
keine Anzeichen auszumachen sind). Bevor eine Invalidität angenommen würde, wäre
deshalb zuerst zu prüfen, ob nicht durch medizinische Behandlung eine Besserung des
Gesundheitszustands und damit verbunden der Arbeitsfähigkeit, bzw. der
Erwerbsfähigkeit erreicht werden könnte.
3.4.4.
Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, bei ihr bestehe gemäss Gutachter ein
Anpassungsproblem, begründet auch das keinen Anspruch auf berufliche
Massnahmen.
3.5.
Prof. I._ diagnostizierte bei der Beschwerdeführerin einen Status nach
Anpassungsstörung. Eine allfällige Störung (der Krankheitswert zukommen könnte) liegt
bei ihr demnach nicht mehr vor. Das Bundesgericht hat hierzu festgehalten, dass eine
Anpassungsstörung medizinisch gesehen per definitionem ein zeitlich begrenztes
Phänomen sei (Entscheid des Bundesgerichts vom 16. März 2017, 9C_87/2017).
3.5.1.
Zwar attestiert Prof. I._ der Beschwerdeführerin Anpassungsprobleme. Er hat
diesen – in Übereinstimmung mit der Rechtsprechung des Bundesgerichts – jedoch
keinen Krankheitswert beigemessen (vgl. IV-act. 88-45; siehe zu den Z-Diagnosen nach
ICD auch Entscheid des Bundesgerichts vom 20. September 2011, 8C_302/2011,
E. 2.3). Zudem ist nicht ersichtlich, inwiefern die Anpassungsprobleme der
Beschwerdeführerin die angestammte Tätigkeit verunmöglichen oder erschweren
würden. Im Gegenteil müsste die angestammte Tätigkeit als ideal adaptiert angeschaut
werden, weil ihr diese ermöglicht, ihr Arbeitspensum flexibel einzuteilen. Zudem wäre
es ihr bei ihrer Ausbildung ohne Weiteres möglich, eine unselbständige Tätigkeit
anzunehmen. Insofern besteht auch in dieser Hinsicht keinerlei Anlass für berufliche
Massnahmen.
3.5.2.
Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, sie habe schon an beruflichen
Massnahmen teilgenommen und davon profitiert. Würde die Ansicht der
3.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Beschwerdegegnerin zutreffen, hätte sie gar nicht an solchen Massnahmen teilnehmen
können (act. G11/5). Dem ist entgegenzuhalten, dass die beruflichen Massnahmen
jeweils gestützt auf den damaligen Wissensstand verfügt wurden. Nachdem nun
weitere Beweismittel wie das Gutachten vorliegen, hat die Beschwerdegegnerin zu
Recht gestützt auf sämtliche Unterlagen unter Berücksichtigung des neuen
Wissensstandes verfügt. Aus der Tatsache, dass die Beschwerdeführerin in der
Vergangenheit an beruflichen Massnahmen teilnehmen durfte, kann jedenfalls nicht auf
eine drohende Invalidität bzw. einen weitergehenden Anspruch auf berufliche
Massnahmen für die Zukunft geschlossen werden.
Die Beschwerdeführerin bringt sodann vor, der Erfolg der beruflichen Massnahmen
(Belastbarkeits- und Aufbautraining) sei nur sehr schleppend eingetreten, wie der
Schlussbericht von E._ dokumentiere. In jenem Bericht wird indes weitgehend das
subjektive Erleben der Beschwerdeführerin wiedergegeben (vgl. IV-act. 76). Zudem
wurde das Aufbautraining wegen IV-fremder, psychosozialer Faktoren und der
subjektiven Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin, wonach sie nur 20 bis 30%
arbeitsfähig sei, abgebrochen. Indizien, welche auf eine drohende Invalidität in
absehbarer Zukunft hindeuten, lassen sich weder dem Schlussbericht von E._ noch
den weiteren Akten betreffend Belastbarkeits- und Aufbautraining entnehmen.
3.7.
Schliesslich macht die Beschwerdeführerin geltend, Prof. I._ habe im Gutachten
selbst berufliche Massnahmen als sinnvoll erachtet. Dabei handle es sich nicht um
besonders kostenintensive Massnahmen, sodass die Verhältnismässigkeit gewahrt sei.
Es mag zutreffen, dass berufliche Massnahmen die Beschwerdeführerin unterstützen
und ihr den Wiedereinstieg in die Arbeitstätigkeit erleichtern würden. Auch die
Eingliederungsverantwortliche sprach davon, dass solche Massnahmen für die
Beschwerdeführerin sehr wertvoll wären. Ebenso empfahl Dr. B._ deren
Wiederaufnahme (act. G1.3). Es fehlt jedoch wie dargetan an den
Anspruchsvoraussetzungen für berufliche Massnahmen, da weder eine Invalidität
vorliegt noch mit überwiegender Wahrscheinlichkeit droht.
3.8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen.4.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
4.2.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte