Decision ID: 48a8fbab-4435-4771-8bed-fdd493997e7e
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_HG
Chamber: ZH_HG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law

betreffend Forderung
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Inhaltsverzeichnis
Rechtsbegehren: .................................................................................................. 3 Sachverhalt und Verfahren .................................................................................... 3
A. Sachverhaltsübersicht ................................................................................ 3 B. Prozessverlauf ............................................................................................ 4
Erwägungen .......................................................................................................... 6 1. Tragweite der Rückweisung ........................................................................ 6 2. Zuständigkeit .............................................................................................. 7 3. Partei- und Prozessfähigkeit ....................................................................... 7 4. Gesamtgläubigerschaft ............................................................................. 13 5. Allgemeine Regressberechtigung ............................................................. 16 6. Voraussetzungen des Ersatzanspruchs des Geschädigten ...................... 17 7. Unfallhergang ........................................................................................... 17 8. Unfallereignis infolge des Betriebes einer Rohrleitungsanlage ................. 19 9. Regressprivileg ......................................................................................... 36 10. Gesundheitliche Beeinträchtigungen und Arbeitsfähigkeit .................... 56 11. Kausalität .............................................................................................. 57 12. Schadenersatzbemessung/Schadensberechnung/Regressansprüche . 57 13. Regresszins .......................................................................................... 57 14. Zusammenfassung der Tat- und Rechtsfragen ..................................... 57 15. Kosten- und Entschädigungsfolgen ....................................................... 58
Erkenntnis ........................................................................................................... 58
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Rechtsbegehren: (act. 1)
" Die Beklagte sei zu verpflichten, den Klägerinnen den Betrag von CHF 1'321'242.35 nebst Zins zu 5% auf CHF 1'315'340.00 seit 01.03.2014 zu bezahlen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen, einschliesslich , zu Lasten der Beklagten."
Sachverhalt und Verfahren
A. Sachverhaltsübersicht
a. Parteien und ihre Stellung
Bei der Klägerin 1 handelt es sich um die grösste Unfallversicherung der Schweiz.
Sie ist eine Sozialversicherung in der Rechtsform einer öffentlich-rechtlichen An-
stalt mit eigener Rechtspersönlichkeit und hat ihren Sitz in Luzern (Art. 61 UVG).
Die Klägerinnen 2 und 3 bilden (zusammen mit den Ergänzungsleistungen) die
erste Säule der Schweizerischen Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge
nach Art. 111 BV. Bei der Beklagten handelt es sich um eine Versicherungsge-
sellschaft in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft mit Sitz in ... [Ort]. Ihr Zweck
ist der Betrieb aller Arten von Versicherungs- und Rückversicherungsgeschäften
mit Ausnahme der direkten Lebensversicherung.
b. Prozessgegenstand
Mit der vorliegenden Klage machen die Klägerinnen gegenüber der Beklagten
Regressansprüche für von ihnen an B._ (nachfolgend Geschädigter) ausge-
richtete Sozialversicherungsleistungen geltend. Dieser erlitt am 8. September
2004 bei einem Arbeitsunfall in einem Abwasserkontrollschacht in C._ Ver-
brennungen, als sich darin befindliches Gas entzündete. Nach Auffassung der
Klägerinnen stammte das betreffende Gas aus einer lecken Gasleitung der bei
der Beklagten haftpflichtversicherten D._ AG (heute: E._ AG), womit
diese gestützt auf das Rohrleitungsgesetz für den Schaden des Geschädigten
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hafte. Dessen Verbrennungen seien zwar ausgeheilt, er habe aufgrund des Unfal-
les jedoch eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten, weswegen er auf
Dauer arbeitsunfähig sei. Die Beklagte beantragt Nichteintreten auf die Klage der
Klägerinnen 2 und 3, da diese nicht parteifähig seien. Im Übrigen beantragt sie
Klageabweisung. Sie bestreitet zum einen, dass das Gas aus Leitungen ihrer
Versicherten ausgetreten sei. Zum anderen verneint sie sowohl die psychischen
Beschwerden des Geschädigten als auch, dass diese adäquat durch den Unfall
verursacht worden seien. Zudem könne sich die E._ AG nach den Regeln
des Rohrleitungsgesetzes von der Haftung befreien, da der Geschädigte den Un-
fall grobfahrlässig herbeigeführt habe, indem er unter Missachtung der Sicher-
heitsvorschriften im Abwasserschacht geraucht habe. Schliesslich könne sie sich
auf das Regressprivileg der Arbeitgeberin des Geschädigten berufen.
B. Prozessverlauf
Am 5. Juni 2014 (Datum Poststempel) reichten die Klägerinnen die Klage mit obi-
gem Rechtsbegehren hierorts ein (act. 1). Mit Verfügung vom 12. Juni 2014 wur-
de den Klägerinnen Frist zur Zahlung eines Kostenvorschusses in der Höhe von
CHF 34'000.– angesetzt, welchen sie fristgerecht leisteten (act. 5 und 9). In der
Folge wurde der Beklagten Frist zur Einreichung der Klageantwort angesetzt
(act. 10). Mit Eingabe vom 15. September 2014 beantragte die Beklagte eine
"formlose Sistierung" des Verfahrens durch Abnahme der genannten Frist bis zum
Vorliegen der bundesgerichtlichen Urteilsbegründung im Fall 4A_260/2014
(act. 12), welcher Antrag am 16. September 2014 abgewiesen wurde (act. 13).
Am 24. September 2014 reichte die Beklagte die Klageantwort ein (act. 15). Am
12. März 2015 fand eine Vergleichsverhandlung statt, an der keine Einigung er-
zielt werden konnte (Prot. S. 8 f.). Mit Verfügung vom 16. März 2015 wurde ein
zweiter Schriftenwechsel angeordnet (act. 26). Die Replik datiert vom 2. Juni 2015
(act. 28), die Duplik vom 25. August 2015 (act. 32). Letztere wurde mit Verfügung
vom 26. August 2015 den Klägerinnen zugestellt (act. 34). Mit Datum vom
28. September 2015 reichten die Klägerinnen eine Stellungnahme zu den Noven
in der Duplik ein (act. 37). Die Beklagte stellte in Aussicht, im Rahmen der Partei-
vorträge an der Hauptverhandlung zur besagten Eingabe der Klägerinnen Stel-
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lung zu nehmen (act. 38). Mit Verfügung vom 18. Februar 2016 (act. 39) wurde
den Parteien Frist angesetzt zur Erklärung, ob sie auf die Durchführung der
mündlichen Hauptverhandlung – vorbehalten der Durchführung eines Beweisver-
fahrens – verzichteten. Mit Eingabe vom 26. Februar 2016 verlangte die Beklagte
die Durchführung einer mündlichen Hauptverhandlung (act. 41). Die Klägerinnen
erklärten, auf deren Durchführung zu verzichten (act. 43). Die Hauptverhandlung
fand am 4. April 2016 statt. Zulässige Noven wurden keine vorgebracht (Prot.
S. 16 f.). Mit Urteil vom 4. April 2016 verpflichtete das hiesige Gericht die Beklagte
zur Bezahlung von CHF 1'015'490.35, zuzüglich 5 % Zins auf CHF 864'637.15 ab
Urteilstag. Im Mehrbetrag wurde die Klage abgewiesen.
Gegen das genannte Urteil erhoben sowohl die Klägerinnen als auch die Beklagte
Beschwerde in Zivilsachen an das Bundesgericht. Die Beklagte beantragte, das
Urteil kostenfällig aufzuheben und die Klage abzuweisen; eventuell sei der Pro-
zess an das Handelsgericht zur Durchführung des Beweisverfahrens und neuer
Entscheidung zurückzuweisen. Demgegenüber verlangten die Klägerinnen im
Wesentlichen, in Abänderung des angefochtenen Urteils sei die Beklagte kosten-
fällig zu verpflichten, ihnen CHF 1'305'767.90 zuzüglich Zins von 5 % auf
CHF 1'087'238.15 ab 4. April 2016 zu bezahlen. Mit Urteil vom 15. Dezember
2016 vereinigte das Bundesgericht die beiden Beschwerdeverfahren, hob in teil-
weiser Gutheissung der Beschwerde der Klägerinnen und der Beschwerde der
Beklagten das Urteil vom 4. April 2016 auf und wies die Sache zur Neubeurteilung
der Klage an das hiesige Gericht zurück (Urteil des Bundesgerichts 4A_301/2016;
4A_311/2016 [fortan Rückweisungsentscheid] = act. 56). Das Verfahren des
Handelsgerichts wurde unter der Geschäftsnummer HG170033 fortgesetzt. Der
Prozess ist nunmehr spruchreif, weshalb das Urteil zu fällen ist (Art. 236 Abs. 1
ZPO). Am Urteil vom 4. April 2016 wirkte noch Rafael Rutgers als Gerichtsschrei-
ber mit, welcher in der Zwischenzeit das hiesige Gericht verlassen hat. An seiner
Stelle wirkt Gerichtsschreiber Dr. Moritz Vischer am vorliegenden Entscheid mit.
Eine solche personelle Veränderung ist, weil begründet, zulässig (vgl. BGE 142 I
93 E. 8.2). Seitens der Richterschaft hat sich der Spruchkörper nicht verändert.
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Erwägungen
1. Tragweite der Rückweisung
Heisst das Bundesgericht eine Beschwerde gut und weist es die Angelegenheit
zur neuen Beurteilung an die kantonale Instanz zurück, wird der Streit in jenes
Stadium vor der kantonalen Instanz zurückversetzt, in dem er sich vor Erlass des
angefochtenen Entscheids befand. Die kantonale Instanz hat ihre neue Entschei-
dung auf die rechtlichen Erwägungen des bundesgerichtlichen Entscheids zu
stützen. Sie hat sich von Bundesrechts wegen nur noch mit jenen Punkten zu be-
fassen, die das Bundesgericht kassierte. Die anderen Teile des Urteils haben Be-
stand und sind in das neue Urteil zu übernehmen. Irrelevant ist, dass das Bun-
desgericht mit seinem Rückweisungsentscheid formell in der Regel das ganze
angefochtene Urteil aufhebt. Entscheidend ist nicht das Dispositiv, sondern die
materielle Tragweite des bundesgerichtlichen Entscheids. Die neue Entscheidung
der kantonalen Instanz ist somit auf diejenige Thematik beschränkt, die sich aus
den bundesgerichtlichen Erwägungen als Gegenstand der neuen Beurteilung
ergibt. Das Verfahren wird nur insoweit neu in Gang gesetzt, als dies notwendig
ist, um den verbindlichen Erwägungen des Bundesgerichts Rechnung zu tragen
(BGE 135 III 334 E. 2 und 2.1; Urteil des Bundesgerichts 6B_824/2016 E. 5.2.1).
Betreffend die Beschwerde der Beklagten hält das Bundesgericht in seinem
Rückweisungsentscheid fest, dass das hiesige Gericht einerseits über die Be-
rücksichtigung des Regressprivilegs neu zu entscheiden habe, andererseits kam
es zum Schluss, dass die Vorinstanz ohne Willkür ein Gutachten (eventuell weite-
re Beweismassnahmen im Sinne der Erwägungen des bestehenden Gutachtens)
zu den medizinischen Folgen des Unfalls und der daraus resultierenden Arbeits-
unfähigkeit nicht habe verweigern können, womit die Sache zur Abnahme weite-
rer Beweise zurückzuweisen sei. Demzufolge erübrigten sich vorläufig Ausfüh-
rungen zum adäquaten Kausalzusammenhang (act. 56 E. 6 und 8.). In Bezug auf
die Beschwerde der Klägerinnen erachtet das Bundesgericht betreffend Behand-
lungskosten einen Betrag von CHF 24'893.25 als anerkannt und somit ausgewie-
sen (act. 56 E. 12). Im Übrigen bestätigte das Bundesgericht die Erwägungen des
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Urteils vom 4. April 2016, soweit es auf die Beschwerden der Parteien überhaupt
eintrat. Damit sind die Erwägungen des aufgehobenen Urteils vom 4. April 2016
mit den erwähnten Ausnahmen in den vorliegenden Entscheid zu übernehmen
und allenfalls um die bundesgerichtlichen Überlegungen zu ergänzen, sofern sich
nicht aufgrund der neu zu beurteilenden Sach- bzw. Rechtsfragen notwendige
Anpassungen ergeben.
2. Zuständigkeit
Die örtliche und sachliche Zuständigkeit des Handelsgerichts des Kantons Zürich
ist unbestritten und ergibt sich aus Art. 36 ZPO und Art. 6 Abs. 2 und 3 ZPO
i.V.m. § 44 lit. b GOG.
3. Partei- und Prozessfähigkeit
3.1. Rechtliche Grundlagen
Partei- und Prozessfähigkeit sind Prozessvoraussetzungen, bei deren Fehlen auf
die Klage nicht einzutreten ist (Art. 59 Abs. 1 und Abs. 2 lit. b. ZPO). Dabei ist par-
teifähig, wer rechtsfähig ist oder von Bundesrechts wegen als Partei auftreten
kann, und prozessfähig, wer handlungsfähig ist (Art. 66 f. ZPO).
3.2. Parteistandpunkte
Die Klägerinnen erklären, dass für die Klägerinnen 2 und 3 das Bundesamt für
Sozialversicherungen unter Mitwirkung der Ausgleichskassen und der IV-Stellen
die Rückgriffsansprüche geltend mache. Würde die Klägerin 1 das Rückgriffsrecht
ausüben, mache sie auch die Rückgriffsansprüche der Klägerinnen 2 und 3 gel-
tend. Die Klägerinnen 2 und 3 seien parteifähig und nach Art. 14 Abs. 1 ATSV da-
für zuständig, die Rückgriffsansprüche über das Bundesamt für Sozialversiche-
rungen geltend zu machen. Seit Inkrafttreten des ATSG per 1. Januar 2003 hätten
die Klägerinnen 2 und 3 denn auch zahlreiche Prozesse gegen die Beklagte ge-
führt, in welchen die Beklagte die Parteifähigkeit zu Recht nicht in Frage gestellt
habe (act. 28 Rz 2).
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Die Beklagte bestreitet die Parteifähigkeit der Klägerinnen 2 und 3. Sie bringt zu-
sammengefasst im Wesentlichen vor, dass gemäss Art. 72 ATSG einzig Versi-
cherungsträger in die Haftpflichtansprüche der Versicherten subrogierten. Die
Versicherungsträger der AHV seien seit Inkrafttreten des ATSG die Ausgleichs-
kassen, diejenigen der IV die IV-Stellen, welche jeweils als selbständige öffent-
lich-rechtliche Anstalten ausgestaltet seien. Die AHV und IV seien zwei unter-
schiedliche und funktional zu unterscheidende, gesetzlich bloss in der Leistungs-
koordination als vereinigt geltende Sparten des Sozialversicherungsrechts, hätten
keine Rechtspersönlichkeit und seien damit beide weder einzeln noch mit "/" ge-
meinsam aufgeführt parteifähig, auch wenn sie im Rubrum noch das Etikett "Eid-
genössisch" erhielten. Auch dem Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) und
seinem Bereich Regress fehle seit Inkrafttreten des ATSG in Regressprozessen
die Parteifähigkeit (inkl. Subrogationsfähigkeit), die Prozess- und die Postulations-
fähigkeit, weil es kein Versicherungsträger sei. Das BSV habe keine Rechtsper-
sönlichkeit, sondern sei als Verwaltungseinheit der Eidgenossenschaft zwar die
Fachbehörde für die soziale Sicherheit, aber Rechtsträger in zivilrechtlichen An-
gelegenheiten gegenüber natürlichen und juristischen Personen sei allein die Eid-
genossenschaft, vertreten durch den Bundesrat, allenfalls das Departement. Das
BSV sei gemäss der organisatorischen Regressordnung in Art. 14 Abs. 1 und 2
ATSV nur dann für die Geltendmachung von Regressforderungen der AHV oder
der IV zuständig und beauftragt, wenn kumulativ Ausgleichskassen bzw. IV-
Stellen (als Versicherungsträger mit Rechtspersönlichkeit) dabei mitwirkten und
kein Fall von Art. 14 Abs. 2 ATSV vorliege. Nach letzterer Bestimmung habe die
Klägerin 1, wenn sie wie vorliegend Rückgriffsansprüche geltend mache, im Auf-
trag des BSV auch Rückgriffsanspürche der Klägerinnen 2 und 3 geltend zu ma-
chen. Die Teilnahme der Klägerinnen 2 und 3 am Verfahren sei somit nicht nur
unzulässig, sondern auch völlig redundant. Der Bundesrat habe mit dieser Be-
stimmung dem BSV im vorliegenden Fall die Befugnis nach Art. 14 Abs. 1 ATSV,
mit den Sparten AHV und IV selber Rückgriffsrechte geltend zu machen und im
Prozess aufzutreten, entzogen. Ihr (der Beklagten) stehe somit einzig die Kläge-
rin 1 als Gegenpartei gegenüber (act. 15 Rz 4 ff.; act. 32 Rz 2 ff.).
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3.3. Parteifähigkeit der Klägerinnen 2 und 3
3.3.1. Ausgangslage
Während Partei- und Prozessfähigkeit der Klägerin 1 sowie der Beklagten ohne
Weiteres gegeben sind, stellt die Beklagte die Parteifähigkeit der Klägerinnen 2
und 3 sowie die Partei- und Prozessfähigkeit des BSV in Frage.
3.3.2. Situation bis zum Inkrafttreten des ATSG
Das Bundesgericht bestätigte in BGE 112 II 87 die Partei- und Prozessfähigkeit
der AHV und der IV in Regressprozessen. Konkret hielt es in Erwägung 1 des ge-
nannten Entscheides dazu fest:
"Ob und inwiefern eine Behörde Rechtspersönlichkeit hat und daher Träger eigener Rechte und Pflichten sein kann, oder ob sie selber als blosses Organ eines Rechtssubjektes anzusehen ist,  das jeweils massgebliche öffentliche Recht. Dazu ist hier vorweg festzuhalten, dass der  in Art. 48ter ff. AHVG die Alters- und Hinterlassenenversicherung selber als  bezeichnet, indem er sie und nicht etwa die Eidgenossenschaft in die Ansprüche des Versicherten und seiner Hinterlassenen eintreten lässt, wenn auf haftpflichtige Dritte  ist. Diese Ordnung gilt sinngemäss auch für die Eidgenössische Invalidenversicherung (Art. 52 IVG). Sie wird ergänzt durch die vom Bundesrat gestützt auf Art. 48sexies AHVG erlassenen  über die Ausübung des Regressrechtes (Art. 79quater AHVV); danach ist der Rückgriff im Einzelfall unter Mitwirkung der Ausgleichskassen durch das Bundesamt für Sozialversicherung  zu machen, das sich ferner im Falle konkurrierender Regressrechte mit der SUVA und der  zu verständigen hat, die nötigen Vereinbarungen treffen und den Rückgriff auch kantonalen Ausgleichskassen übertragen kann. Nach dieser gesetzlichen Ordnung ist die  der Klägerin über ihre Rolle und Vertretung in Streitigkeiten um Regressforderungen  nicht zu beanstanden. Sie entspricht dem Sinn und Zweck der angeführten Normen sowie praktischen Bedürfnissen und ist daher auch sachlich gerechtfertigt."
Das Bundesgericht hat sodann auch in seiner jüngeren Rechtsprechung die Par-
tei- und Prozessfähigkeit der AHV bzw. der IV in Regressprozessen nie verneint,
wobei – soweit ersichtlich – diesen Entscheiden Vorfälle zugrunde lagen, welche
sich vor Inkrafttreten des ATSG ereigneten (vgl. beispielhaft BGE 140 III 221,
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BGE 134 III 636 und Urteile des Bundesgerichts 4A_275/2013, 4A_404/2013,
4A_588/2014 sowie 4A_51/2014).
3.3.3. Situation heute
Am 1. Januar 2003 ist der neue allgemeine Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG) in Kraft getreten. Gemäss Art. 72 Abs. 1 ATSG tritt gegenüber einem Drit-
ten, der für den Versicherungsfall haftet, der "Versicherungsträger" in die Ansprü-
che der versicherten Person und ihrer Hinterlassenen ein. Der Begriff des Versi-
cherungsträgers ist im ATSG nicht definiert. Er bezieht sich auf diejenigen Behör-
den, Personen und Stellen, welche die Verwaltung der jeweiligen Sozialversiche-
rung vornehmen (KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl., Zürich 2015, Vorbemerkun-
gen N 99). Der Beklagten ist dahingehend zuzustimmen, dass Träger der AHV
und IV insbesondere die AHV-Ausgleichskassen bzw. die IV-Stellen sind, nicht
jedoch die Sozialversicherungen selber. Es stellt sich vorliegend jedoch die Fra-
ge, ob der Gesetzgeber mit der Einführung des Begriffs des Versicherungsträgers
in der deutschen Fassung von Art. 72 ATSG an der bis anhin bestehenden
Rechtslage etwas ändern wollte, mithin ob er die AHV und die IV vom Eintritt in
die Rechtsstellung des Geschädigten zugunsten der jeweiligen Versicherungsträ-
ger bewusst ausschliessen wollte. Gegen eine solche Betrachtung spricht aus
systematischer Sicht, dass weder den AHV-Ausgleichskassen noch den IV-
Stellen in den entsprechenden Gesetzen und Verordnungen eine Kompetenz zur
Geltendmachung von Regressansprüchen erteilt wurde (vgl. Art. 63 AHVG i.V.m.
Art. 128 ff. AHVV; Art. 57 IVG i.V.m. Art. 41 IVV). Dies zeigt, dass es nicht der
Wille des Gesetzgebers gewesen sein kann, an der herrschenden Rechtslage et-
was zu ändern. Vielmehr scheint hier einfach eine versicherungszweigneutrale
Formulierung gewählt worden zu sein. Diese Einschätzung wird auch durch die
Gesetzgebungsmaterialen gestützt. Diesen ist zwar zur Bedeutung der Verwen-
dung des Begriffes Versicherungsträger in Art. 72 Abs. 1 ATSG direkt nichts zu
entnehmen, es wird jedoch festgehalten, dass die Regelung dem geltenden Recht
entspreche (BBl 1999, 4653). Gegen den beklagtischen Standpunkt spricht so-
dann auch die Entstehungsgeschichte dieser Bestimmung (vgl. dazu act. 56 E. 3).
Weiter hat das Bundesgericht bereits im zitierten BGE 112 II 87 festgehalten,
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dass die Zuständigkeit der AHV bzw. der IV zur Geltendmachung von Regressan-
sprüchen einem praktischen Bedürfnis entspreche und daher sachlich gerechtfer-
tigt sei. Schliesslich geht das Verständnis der Beklagten zu sehr vom deutschen
Begriff "Versicherungsträger" aus. Die französischen und italienischen Begriffe
"assureur" und "assicuratore" – also Versicherer zeigen deutlicher, dass allein
wegen des Begriffs "Versicherungsträger" die Parteifähigkeit von AHV und IV als
Gesamtinstitutionen nicht ausgeschlossen ist (vgl. act. 56 E. 3).
Kommt hinzu, dass unter den Begriff des Versicherungsträgers die Gesamtheit
der organisatorischen Einheiten verstanden wird, die eine Sozialversicherung
durchführen. Danach bildet z.B. in der AHV jede Ausgleichskasse zusammen mit
den gemeinsamen Organen, wie z.B. dem AHV-Ausgleichsfond und der zentralen
Ausgleichsstelle, die Trägerschaft (SCARTAZZINI/HÜRZELER/MAURER, Bundessozi-
alversicherungsrecht, 4. Aufl., Basel 2012, § 11 lit. A). Vor diesem Hintergrund ist
fraglich, ob Art. 72 Abs. 1 ATSG allein selbst bei Annahme einer bewussten
Wortwahl des Gesetzgebers eine genügende gesetzliche Grundlage für die Gel-
tendmachung von Regressansprüchen durch die AHV-Ausgleichskassen bzw. die
IV-Stellen darstellt, da unklar bleibt, welches Organ der AHV/IV genau in welchem
Fall zu klagen hätte. Das Bundesamt für Justiz hielt dazu bereits in einem Gutach-
ten vom 13. Januar 1982 fest, dass die Aufgaben der AHV/IV im Aussenverhältnis
auf die einzelnen Organe verteilt seien, wobei für die meisten Forderungen der
AHV/IV gegenüber den Versicherten und Dritten der Gesetzgeber selbst regle,
welches Organ mit der Geltendmachung beauftragt werde. Die Möglichkeit des
einzelnen Organs, als selbständige Rechtsperson aufzutreten, beschränke sich
aber auf die ihm übertragenen Aufgaben. Keines der AHV/IV-Organe repräsentie-
re die Gesamtinstitution AHV/IV, womit sich auch nicht bestimmen lasse, wer die
AHV/IV zu vertreten habe, wenn dies nicht durch das Gesetz selbst geregelt wer-
de (VPB 1982 NR. 56 S. 311). Auch aus diesem Grund müssen AHV und IV als
Gesamtinstitutionen legitimiert sein, Regressansprüche (prozessual) geltend zu
machen.
Insgesamt ergibt die Auslegung von Art. 72 Abs. 1 ATSG damit, dass auch nach
Inkrafttreten des ATSG weiterhin die AHV und die IV als Gesamtinstitutionen Re-
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gressansprüche geltend zu machen haben und ihnen damit diesbezüglich Partei-
fähigkeit zukommt (so auch KIESER, a.a.O., Art. 72 Rz 15 f.; KRAUSKOPF, Der Re-
gressprozess - Der Regress der Sozialversicherung und der privaten Schadens-
versicherung, HAVE, Haftpflichtprozess 2013, S. 69 ff.). Daran ändert auch die
Regelung in Art. 14 Abs. 2 ATSV nichts, nach welcher die SUVA auch die An-
sprüche von AHV und IV geltend macht, wenn sie ihr Rückgriffsrecht ausübt. Die-
se Bestimmung schränkt nicht etwa die Klagelegitimation der AHV/IV ein, sondern
berechtigt die SUVA lediglich ex lege zu deren Vertretung im Regressprozess. Es
handelt sich dabei entgegen der Meinung der Beklagten nicht um eine Forde-
rungsabtretung zum Inkasso, sondern um eine Vertretung, welche die SUVA im
vorliegenden Verfahren denn auch wahrnimmt. Beachtlich erscheint schliesslich,
dass in Art. 14 ATSV nicht mehr von den Versicherungsträgern, sondern von der
AHV und der IV selber gesprochen wird, was deren Legitimation untermauert.
3.3.4. AHV/IV als unterschiedliche Parteien
Es stellt sich weiter die Frage, ob die AHV und die IV zusammen als eine Partei
zu betrachten sind oder ob jede Sozialversicherung eigenständig zu behandeln
ist. Auch wenn sich die AHV und die IV als Teil der ersten Säule zweifellos nahe-
stehen und sich in vielen Bereichen koordinieren, handelt es sich dennoch um
zwei unterschiedliche Sozialversicherungen, welche ihre Leistungen aufgrund
verschiedener Bundesgesetze ausrichten und je eigene Organe aufweisen. Wei-
ter haben sie auch je einen eigenen Ausgleichsfond. Es ist zwischen den Leistun-
gen der AHV und denjenigen der IV klar zu unterscheiden, was denn auch in der
Klageschrift so gemacht wird. Es existiert keine Gesamtinstitution "AHV/IV". Des-
halb kommt die Klagelegitimation für Regressansprüche und in diesem Rahmen
demnach die Parteifähigkeit der AHV und der IV je einzeln zu. Damit sind sie
auch im vorliegenden Prozess je einzeln Klägerinnen und entsprechend als Klä-
gerinnen 2 (IV) und 3 (AHV) im Rubrum aufzunehmen. Da es sich dabei nicht um
einen Parteiwechsel handelt und der Beklagten daraus kein rechtlicher Nachteil
erwächst, weil ihr von Beginn an offensichtlich (neben der Klägerin 1) die AHV
und die IV gegenüberstanden, welche ohnehin von der Klägerin 1 vertreten wer-
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den, ist dies ohne Weiteres zulässig und von Amtes wegen vorzunehmen (vgl. Ur-
teil des Bundesgericht 4P.184/2005 E. 3.1.).
3.4. Partei- und Prozessfähigkeit des BSV
Vorweg ist festzuhalten, dass das BSV im vorliegenden Verfahren nicht Partei ist,
womit sich die Frage nach dessen Parteifähigkeit erübrigt. Gestützt auf Art. 72
Abs. 5 ATSG hat der Bundesrat Ausführungsbestimmungen zur Ausübung des
Regressrechtes erlassen. Gemäss Art. 14 Abs. 1 ATSV macht für die AHV sowie
die IV das BSV unter Mitwirkung der Ausgleichskassen und der IV-Stellen die
Rückgriffsansprüche geltend. Damit ist das BSV von Bundesrechts wegen pro-
zessfähig. Darüber hinaus tritt das BSV im vorliegenden Prozess ohnehin gar
nicht in Erscheinung. Vielmehr werden die Klägerinnen 2 und 3 von der Klägerin 1
vertreten. Dieses Vertretungsverhältnis leitet sich direkt aus Art. 14 Abs. 2 ATSV
ab, womit die Klägerin 1 weder von den Klägerinnen 2 und 3 selber noch durch
das BSV mandatiert werden musste. Vor diesem Hintergrund erscheint es für das
vorliegende Verfahren gar nicht relevant, ob dem BSV Prozessfähigkeit zukommt,
solange es sich im Prozess nicht äussert.
3.5. Fazit
Die Klägerinnen 2 und 3 sind partei- und prozessfähig, das BSV zumindest pro-
zessfähig (vgl. dazu act. 56 E. 3).
4. Gesamtgläubigerschaft
4.1. Parteistandpunkte
Die Klägerinnen machen geltend, sie seien von Gesetzes wegen Gesamtgläubi-
ger und formulierten entsprechend ein gemeinsames Rechtsbegehren (act. 1
Rz 5).
Die Beklagte führt demgegenüber aus, es sei nicht so, dass die Klägerinnen Ge-
samtgläubiger seien, schon gar nicht von Gesetzes wegen, denn ein solches Ge-
setz sei unbekannt. Das klägerische Rechtsbegehren sei als Dispositiv gar nicht
vollstreckbar, da unklar sei, wer von den Klägerinnen wieviel von der Beklagten
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fordere. Art. 16 ATSV sei dabei bloss die Teilungsregel im Falle eines erfolgrei-
chen Regressinkassos durch die SUVA. Zutreffend sei, dass die Klägerin 1 aus
ihrer Aufgabe gemäss Art. 14 Abs. 2 ATSV ein gesamthaftes (nicht: gemeinsa-
mes) Rechtsbegehren stellen könne, was sie aber nicht von der Substantiie-
rungspflicht für alle Teilforderungen bzw. subrogierten Leistungen jeder Sparte
entbinde. Es sei zudem längst bekannt, dass eine Mehrheit von Gläubigern oder
gar eine Solidargläubigerschaft nicht einfach mittels Verordnung für Dritte verbind-
lich geschaffen werden könne, sondern nur mit einem Gesetz im formellen Sinne
(act. 15 Rz 5d).
4.2. Rechtliche Grundlagen
Nach Art. 16 ATSV sind mehrere am Rückgriff beteiligte Sozialversicherungen
Gesamtgläubiger und einander im Verhältnis der von ihnen zu erbringenden kon-
gruenten Leistungen ausgleichspflichtig. Die Gesamtgläubigerschaft ist eine Form
der gemeinschaftlichen Gläubigerschaft. Merkmal der gemeinschaftlichen Gläubi-
gerschaft ist, dass die gesamte Forderung mehreren Gläubigern ungeteilt zusteht,
und zwar gemeinschaftlich. Das bedeutet, dass alle Gläubiger die Forderung nur
gemeinsam geltend machen können. Umgekehrt kann der Schuldner sich nicht
durch Leistung an einen einzelnen Gläubiger befreien, sondern nur durch Ge-
samtleistung an alle Gläubiger (oder deren gemeinsamen Vertreter). Die Gesamt-
gläubigerschaft entspricht dem sachenrechtlichen Gesamteigentum und entsteht
nur, wenn die Gläubiger untereinander durch ein Gesamthandverhältnis verbun-
den sind (GAUCH/SCHLUEP, Schweizerisches Obligationenrecht, 10. Aufl., Band II,
N. 3672 ff.).
4.3. Würdigung
Dass mit den vorerwähnten Bestimmungen der ATSV tatsächlich eine Gesamt-
gläubigerschaft angeordnet werden sollte, wird in der Lehre entgegen dem an
sich klaren Wortlaut überwiegend verneint (HÜRZELER, § 36 Extrasystemische Ko-
ordination: Regress der Sozialversicherer auf Haftpflichtige, in: STEIGER SACK-
MANN/MOSIMANN, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band XI, Recht der Sozialen
Sicherheit, Basel 2014, Rz 36.49; KRAUSKOPF, a.a.O., S. 87; PRIBNOW/BENJAMIN,
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Haftpflicht- und Versicherungsrecht, 2012, S. 365; SCHMID, Entwicklungen im Ko-
ordinationsrecht / Ausgewählte Fragen zu Problemen bei der Durchsetzung der
Regressansprüche des Sozialversicherungsträgers, Tagungsbeiträge zum HAVE
Personenschadenforum 2012, S. 304 f.). BECK vertritt die Meinung, dass es sich
um eine Koordinationsgemeinschaft sozialversicherungsrechtlicher Art handelt
(BECK, Bundesgesetz über den ATSG, Referate der Tagungen vom 16. Septem-
ber sowie 6. Dezember 2002 in Luzern/Zürich, 2003, S. 149, Fn. 88). RUMO-
JUNGO geht davon aus, dass die mehreren Regressberechtigten nicht Gesamt-
gläubiger, sondern Solidargläubiger sind und im Aussenverhältnis somit eine So-
lidarforderung besteht (RUMO-JUNGO, ZBJV 138/2002 S. 433, Zusammenspiel
zwischen Haftpflicht und beruflicher Vorsorge unter Berücksichtigung des Vorent-
wurfs für die Haftpflichtrevision).
In Bezug auf die genannte Bestimmung und mit Blick auf die zitierte Lehre recht-
fertigt es sich, trotz des Wortlautes nicht von einer Gesamtgläubigerschaft auszu-
gehen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Gesetzgeber die Sozialversiche-
rer verpflichten wollte, ihre Regressansprüche immer gemeinsam geltend zu ma-
chen. Eine gewisse Koordinationsabsicht liegt Art. 14 Abs. 2 und Art. 16 ATSV in-
dessen offenkundig zugrunde. Der zweite Halbsatz von Art. 16 ATSV ("so sind sie [...] einander im Verhältnis der von ihnen zu erbringenden kongruenten Leistungen .") impliziert jedenfalls, dass die Sozialversicherer ihre Forderungen als eine einzige Forderung geltend machen können. Es erscheint daher naheliegend, dass
der Gesetzgeber bei mehreren regressierenden Sozialversicherern die Geltend-
machung der ganzen Regressforderung durch einen Sozialversicherer ermögli-
chen wollte. Es ist damit davon auszugehen, dass es sich um eine Solidargläubi-
gerschaft handelt, welche jeden Gläubiger berechtigt, ohne Mitwirkung der andern
das Ganze und nicht nur einen Teil der Leistung zu verlangen. Der Schuldner hat
dabei nur einmal zu leisten und wird dadurch befreit (GAUCH/SCHLUEP, a.a.O., N
3661). Eine Aufteilung der Forderungen auf die einzelnen Sozialversicherer im
Rechtsbegehren ist daher nicht erforderlich. Selbstverständlich entbindet dies die
regressierenden Sozialversicherer nicht, ihre Ansprüche hinreichend zu substanti-
ieren. Entgegen der Ansicht der Beklagten liegt mit Art. 16 ATSV i.V.m. Art. 72
- 16 -
Abs. 5 ATSG auch eine genügende gesetzliche Grundlage für die Solidargläubi-
gerschaft vor.
4.4. Fazit
Unter den Klägerinnen besteht kein Gesamthandverhältnis, womit sie nicht ge-
zwungen sind, eine ihnen zustehende Forderung gemeinsam einzuklagen. Dies
bedeutet aber nicht, dass sie die geforderten Leistungen im Rechtsbegehren auf-
teilen müssen. Aufgrund von Art. 16 ATSV ist davon auszugehen, dass die Kläge-
rinnen berechtigt sind, die gesamte Regressforderung in einem Rechtsbegehren
einzuklagen und später im Innenverhältnis auszugleichen, da die korrekte Auftei-
lung des Regresssubstrates auf die einzelnen Gläubiger, nicht im Verhältnis mit
dem Schuldner, sondern zwischen den Gläubigern unter sich zu geschehen hat
(vgl. dazu act. 56 E. 4, wobei das Bundesgericht die rechtliche Qualifikation des
Verhältnisses der Sozialversicherer offenlässt).
5. Allgemeine Regressberechtigung
Nach Art. 72 ATSG tritt der Versicherungsträger im Zeitpunkt des Ereignisses bis
auf die Höhe der gesetzlichen Leistungen in die Ansprüche der versicherten Per-
son ein, wobei mehrere Haftpflichtige für die Rückgriffsansprüche solidarisch haf-
ten. Dabei steht ein direktes Forderungsrecht der geschädigten Person gegen-
über dem Haftpflichtversicherer auch dem in ihre Rechte eingetretenen Versiche-
rungsträger zu. Die Klägerinnen stützen ihre Ansprüche auf das Rohrleitungsge-
setz (RLG), welches in Art. 37 Abs. 1 ein unmittelbares Forderungsrecht des Ge-
schädigten gegen den Haftpflichtversicherer vorsieht.
Da es sich bei der Beklagten unstrittig um den Haftpflichtversicherer der D._
AG nach Art. 35 RLG handelt, können die Klägerinnen grundsätzlich bis zur Höhe
ihrer gesetzlichen Leistungen direkt auf sie Regress nehmen, sofern die D._
AG gestützt auf das RLG dem Geschädigten aus seinem Unfall vom
8. September 2004 tatsächlich haftet. Dies ist nachfolgend zu prüfen.
- 17 -
6. Voraussetzungen des Ersatzanspruchs des Geschädigten
Der Ersatzanspruch des Geschädigten gegenüber der D._ AG stützt sich
gemäss den Klägerinnen auf das Rohrleitungsgesetz (RLG). Nach Art. 33 Abs. 1
RLG haftet der Inhaber einer Rohrleitungsanlage, wenn durch deren Betrieb oder
durch einen Mangel oder die fehlerhafte Behandlung einer nicht in Betrieb ste-
henden Anlage ein Mensch getötet oder in seiner Gesundheit geschädigt oder
Sachschaden verursacht wird. Weist der Inhaber nach, dass der Schaden durch
ausserordentliche Naturvorgänge, kriegerische Ereignisse oder durch grobes
Verschulden des Geschädigten verursacht wurde, ohne dass ihn selbst oder eine
Person, für die er verantwortlich ist, ein Verschulden trifft, wird er von der Haft-
pflicht befreit (Art. 33 Abs. 2 RLG).
Die D._ AG war unstrittig Inhaberin der in Betrieb stehenden Gasrohrlei-
tungsanlage in C._. Damit setzt eine Haftung der D._ AG bzw. der Be-
klagten als deren Haftpflichtversicherer positiv voraus, dass der Geschädigte
durch den Betrieb der Rohrleitungsanlage der D._ AG kausal in seiner Ge-
sundheit geschädigt wurde. Negative Voraussetzung einer Haftung ist zudem das
Fehlen von Entlastungs- bzw. Befreiungsgründen (vgl. dazu OFTINGER/STARK,
Schweizerisches Haftpflichtrecht, Band II/3, 4. Aufl., Zürich 1991, § 30 N 88 ff.;
FELLMANN, Schweizerisches Haftpflichtrecht, Band III, Bern 2015, § 21 Rz 191 ff.).
Das Vorliegen der genannten Voraussetzungen ist nachfolgend zu prüfen.
7. Unfallhergang
7.1. Vorbemerkung
Die Thematisierung des Unfallherganges gehört eigentlich ins Kapitel Kausalzu-
sammenhang, wird jedoch zur besseren Lesbarkeit des vorliegenden Urteils vor-
gezogen.
7.2. Unbestrittener Sachverhalt
Der Geschädigte war Arbeitnehmer der F._ AG, welche zusammen mit einer
Spezialfirma vom Tiefbauamt des Bezirkes C._ beauftragt worden war, die
Kanalisationsleitungen und die Schächte in der Hauptstrasse in C._ zu sa-
- 18 -
nieren und abzudichten. Am Unfalltag waren die Arbeiten an der Kanalisationslei-
tung selber abgeschlossen. Diese war abgedichtet und stand vollumfänglich wie-
der in Betrieb. Am Vormittag war anstelle eines abgebrochenen, alten Kontroll-
schachtes ein neuer Schacht mit Betonrohren auf ca. zwei Meter Höhe aufgebaut
und mit einem Konus versehen worden, wobei noch keine Schachtabdeckung an-
gebracht worden war. Nach der Mittagspause war der Geschädigte damit be-
schäftigt, die Fliessrinne am Schachtboden auszubilden und die Schachtfugen
abzudichten, wobei der Polier G._ und der Maschinist H._, beide eben-
falls Mitarbeiter der F._ AG, auf der Baustelle mitanwesend waren. Während
der Geschädigte im Schacht arbeitete, entzündete sich an einer Zigarette, welche
der Geschädigte rauchte, im Schacht befindliches Gas, wodurch Oberkörper und
Haare des Geschädigten Feuer fingen. Dieser konnte aus eigener Kraft bzw. mit
Hilfe seiner Arbeitskollegen aus dem Schacht steigen, wo das Feuer an seinem
Körper gelöscht werden konnte. Gleichzeitig kam es zu einer Gasexplosion (so
die Klägerinnen) bzw. zu einer Gasverpuffung (so die Beklagte), wodurch entlang
der Kanalisationsleitung an mehreren Stellen Schachtdeckel zumindest abgeho-
ben wurden.
7.3. Parteistandpunkte
Nicht einig sind sich die Parteien einzig über den genauen Unfallablauf und die
Heftigkeit der Gasentzündung. Die Klägerinnen schildern, dass es zu einer Stich-
flamme gekommen sei, durch die der Oberkörper und die Haare des Geschädig-
ten Feuer gefangen hätten. Dieser sei mit Hilfe zweier Kollegen aus dem Schacht
gelangt, wo das Feuer an seinem Körper gelöscht worden sei. Gleichzeitig sei es
zu einer heftigen Gasexplosion gekommen, wodurch verschiedene Schachtdeckel
in benachbarten Kanalisationsschächten hoch- und weggeschleudert worden sei-
en, so dass sie zu Schaden gekommen seien (act. 1 Rz 10). Die exakte pyrotech-
nische Bezeichnung des Unfalles sei nicht von Bedeutung (act. 28 Rz 8). Die Be-
klagte wendet dagegen ein, die wirkliche Abfolge der Ereignisse in den entschei-
denden Sekunden sei aufgrund der Aussagen der Beteiligten unklar und jeden-
falls nicht gesichert. Zudem bestreite sie das Vorliegen einer Explosion begrifflich.
Vielmehr habe es sich um eine Verpuffung gehandelt. Eine Explosion sei unter
- 19 -
den Bedingungen möglich, dass ein mit genügend Luft zündfähiges Gasgemisch
in einem geschlossenen Behälter mit einer Zündquelle reagiere, woraus eine Vo-
lumenausdehnung entstehe, der Behälter gesprengt werde und grosse Energie-
mengen freigesetzt würden. Die Verpuffung sei dagegen bloss eine Verbren-
nungsreaktion. Bei einer Verpuffung entstehe zwar auch eine Volumenerweite-
rung, aber kein massiver Druckaufbau wie bei einer Explosion. Eine Verpuffung
könne sich zudem fortpflanzen, weil der geschlossene Behälter fehle. Zutreffend
sei, dass durch die Verpuffung entlang der neuen Kanalisationsleitung an mehre-
ren Stellen Schachtdeckel zwischen dem Restaurant I._ (...strasse ...) und
dem Rand des Dorfplatzes (...strasse ...) abgehoben worden seien, ebenso in
einzelnen Häusern, die an die Kanalisationsleitung angeschlossen seien. Scha-
den sei dort allerdings nicht entstanden. Falsch sei, dass es durch die Verpuf-
fung/Explosion im Kanalisationsschacht zu Druckentlastungen in den Schächten
gekommen sei (act. 15 Rz 10.a; act. 32 Rz 43).
7.4. Würdigung
Der Unfallhergang ist in den wesentlichen Zügen unbestritten. Ob es sich nun um
eine Gasexplosion oder um eine Gasverpuffung handelte, ist für die Frage der
Haftung grundsätzlich nicht relevant. Denn es ist unstrittig, dass der Geschädigte
nicht durch die Wucht der Explosion aus dem Schacht geschleudert wurde. Eben-
so ist für eine Haftung unwesentlich, wann genau der Geschädigte seine Ver-
brennungen erlitt und wie er genau aus dem Schacht gelangte. Wo und wann ge-
nau der Geschädigte sich die Zigarette ansteckte, welche unstrittig das Gas ent-
zündete, spielt schliesslich höchstens bei der Frage des Selbstverschuldens eine
Rolle.
8. Unfallereignis infolge des Betriebes einer Rohrleitungsanlage
8.1. Parteistandpunkte
Die Klägerinnen führen in ihrer Klagebegründung zusammengefasst aus, es sei
zur Explosion gekommen, weil eine Gasleitung an der J._-Strasse in
C._ gebrochen gewesen sei. Durch den grossen Ringspalt des Rohrbruches
- 20 -
sei eine erhebliche Menge des Propan-/Luftgemisches, welches schwerer sei als
Luft, in den Erdboden ausgetreten und von dort über die noch nicht sanierte Ka-
nalisationsleitung bis zur Unfallstelle gelangt, wo es sich am tiefsten Punkt ge-
sammelt habe (act. 1 Rz 11).
Die Beklagte bestreitet in der Klageantwort diese Darstellung der Klägerinnen und
führt aus, diese basiere zwar auf dem Rapport der Kantonspolizei Schwyz und
dem Gutachten TISG, letzteres sei jedoch erst sieben Monate nach dem Unfall
vom 8. September 2004 erstellt worden. Bestritten werde, dass damals bereits ein
Rohrbruch der Gasleitung in der J._-Strasse bestanden habe und dass die-
ser die Ursache der Verpuffung gewesen sei, ferner dass ein Propan-
/Luftgemisch entzündet worden sei, und dass es beim J._-Strasse-
Rohrbruch in den Erdboden ausgetreten und über die Kanalisationsleitung zur
Unfallstelle gelangt sei, weil die Kanalisationsleitung noch nicht saniert gewesen
sei, und schliesslich dass sich Propangas an einem tiefsten Punkt gesammelt ha-
be (act. 15 Rz 11).
Diese Bestreitungen begründet die Beklagte im Wesentlichen damit, dass erst
viele Tage nach dem Unfall in einer Querstrasse ein Leck in einer Verbindungslei-
tung aus Grauguss gefunden worden sei. Dieses könne vor dem 8. September
2004 kaum bedeutend gewesen sein, da weder vom Werk ein Gasverlust regis-
triert worden sei, noch das TISG von Meldungen berichtet habe, dass es irgend-
wo nach Gas gerochen habe, obwohl dieses odoriert gewesen sei. Es sei nicht
auszuschliessen, dass der Rohrbruch die Folge der Verpuffung in der parallel lau-
fenden Kanalisationsleitung gewesen sei. Sofern der Bruch im Unfallzeitpunkt
schon bestanden habe, sei davon auszugehen, dass er durch das verdichtete
Erdreich gegenüber der sanierten, also dichten Kanalisationsleitung zureichend
abgedämmt gewesen sei. Es sei unterlassen worden, im Kanalisationssystem mit
Gasmessgeräten und Rohrleitungs-TV nach einer Quelle zu suchen. Eine Undich-
tigkeit des Gas-Netzwerkes, die sich auf den Gasgehalt im Kanalisationsnetz
auswirke, sei auch nicht leicht vorstellbar. Denn eine Kanalisationsleitung sei ge-
genüber dem umgebenden Erdreich dicht bzw. in den Strassenzügen sogar ver-
dichtet abgeschlossen. Es sei zudem nicht untersucht worden, ob "Kanalgase" ei-
- 21 -
ne Rolle gespielt hätten, wobei Methan (CH4) und Ammoniak (NH3) in Betracht
kämen. Da Propan erheblich schwerer sei als Luft und jede Kanalisation so ange-
legt sei, dass sie ein Gefälle aufweise, sei das Entstehen eines Propangas-Sees
im Kanalisationssystem [in] C._ undenkbar. Wahrscheinlicher sei eine Am-
moniak-, eventuell eine Methangasverpuffung. Eine Explosion eines Gemisches
von Propan mit Luft hätte eine viel stärkere Wirkung zeitigen müssen als das
blosse Abheben von Schachtdeckeln. Zudem würden aus früheren Zeiten etliche
Altlastendepots vermutet, die Gase produzieren und unkontrolliert in die Kanalisa-
tion absetzen könnten (act. 15 Rz 11 ff.).
Die Klägerinnen halten in der Replik daran fest, dass der Rohrleitungsbruch an
der J._-Strasse schon vor dem 8. September 2004 bestanden und das von
dort austretende Propangas sich am Boden des neu erstellten Kanalisations-
schachtes gesammelt habe, wo es sich entzündet und die Verbrennungsverlet-
zungen des Geschädigten hervorgerufen habe. Jede andere Ursache sei mit aus-
reichender Sicherheit auszuschliessen. Die Beklagte sei daran zu erinnern, dass
sie am 14. April 2008 gegenüber der Klägerin 1 erklärt habe (act. 3/6), dass die
D._ AG aus Art. 33 RLG hafte. Sie habe selber anerkannt, dass die Rohrlei-
tungsanlage dem Unfall zugrunde gelegen habe. Die Beklagte habe zwar keine
Haftung anerkannt, jedoch dass aus der Rohrleitung entweichendes Gas Unfall-
ursache gewesen sei. Auf dieses Zugeständnis sei die Beklagte zu behaften, und
wenn sie es heute in Frage stelle, handle sie treuwidrig. Schon im Schreiben vom
11. Januar 2006 (act. 3/7) habe die Beklagte eine Haftung aus RLG als wahr-
scheinlich bezeichnet. Das TISG sei nicht erst nach sieben Monaten, sondern be-
reits im vorläufigen Zwischenbericht vom 25. November 2004 zum Schluss ge-
kommen, im Kanalisationsschacht sei ein Brenngas/Luftgemisch entzündet wor-
den, so dass es zu einer heftigen Explosion gekommen sei. Die D._ AG ha-
be am 11. Oktober 2004 bestätigt, dass sie mehr als zwei Monate vor dem Unfall
festgestellt habe, dass Gasverluste und Messdifferenzen zugenommen hätten,
weswegen der Gasmeister bereits im Sommer 2004 mit einer systematischen
Lecksuche begonnen habe. Eine Bildung von Biogas sei nicht denkbar, da Bio-
gasbildung nur unter Sauerstoffausschluss möglich sei. Bei fliessendem Abwas-
ser sei aber immer ausreichend Sauerstoff in der Leitung vorhanden. Im Weiteren
- 22 -
sei der Gehalt an organischem Material im Abwasser viel zu niedrig, als dass sich
eine ausreichende Menge Biogas bilden könnte. Ebenso könne ausgeschlossen
werden, dass Ammoniak in grösseren Mengen in die Kanalisationsleitung gelangt
sei. Die Geruchsschwelle von Ammoniak liege unter 0.0005 Vol.-%, die untere
Explosionsgrenze hingegen bei 15.4 Vol-%. Wären auf der Baustelle dermassen
hohe Ammoniakkonzentrationen aufgetreten, welche eine Explosion denkbar ge-
macht hätten, hätte dies zu einem grösseren Polizei- und Chemiewehreinsatz und
zu einer Evakuation von Anwohnern geführt. Bei Ammoniak würden schon bei
Konzentrationen von 0.1 Vol.-% sofortige Hustenreizungen auftreten und bei Kon-
zentrationen von 0.17 Vol-% bestehe bereits akute Lebensgefahr für den Men-
schen. Schliesslich sei auch eine Methangasverpuffung auszuschliessen, da eine
Bildung von ausreichenden Mengen von Biogas ausgeschlossen werden könne.
Ebenso könne die These der Beklagten ausgeschlossen werden, der Rohrbruch
an der J._-Strasse sei nicht Ursache, sondern Folge des Unfalls gewesen.
Es sei nicht erklärlich, wie sich in der Kanalisationsleitung ein Druck hätte aufbau-
en können, der über die Distanz bis zur J._-Strasse einen Gasleitungsbruch
hätte zur Folge haben können, da es zu Druckentlastungen in den Schächten ge-
kommen sei, und noch weniger verständlich, wie die Kanalisationsleitung selber
im Bereich des Lecks der Gasleitung unbeschädigt geblieben sein könne, wenn
sich über diese Leitung die Druckwelle zur Bruchstelle an der Gasleitung ausge-
breitet haben soll. Beim Rohrbruch handle es sich um einen kompletten Rohr-
bruch mit einem erheblichen Spalt, aus dem wesentlich mehr Gas ausgeströmt
sei, als durch die Kanalisationsleitung habe abfliessen können. Aufgrund des
Dichtungsunterschiedes zur Luft sammle sich das Propan-/Luftgemisch an tiefen
Stellen, wie dem neu angelegten Schacht an der Hauptstrasse. Auch wenn durch
die abfallende Kanalisationsleitung ein Teil abfliesse, erkläre es die Grösse des
Bruches der Rohrleitung und die damit verbundenen Mengen an austretendem
Gas, das sich am Boden des neu erstellten Kanalisationsschachtes ein Propan-
/Luftgemisch angesammelt habe. Dass der Geschädigte das odorierte Propangas
nicht gerochen habe, liege darin begründet, dass für die Odorierung üblicherweise
leicht flüchtige, typisch riechende organische Schwefelverbindungen verwendet
- 23 -
würden, die nach faulen Eiern röchen. Dieser Geruch gleiche dem typischen Ab-
wassergeruch (act. 28 Rz 5 ff.).
Die Beklagte hält in der Duplik an ihren Einwendungen fest und erklärt zusam-
mengefasst, einen opinio-communis-Beweis als rechtsfehlerhaft abzulehnen. Es
sei unzulässig, die bloss gemutmasste Schlussfolgerung des TISG-Berichtes zum
Beweis zu erheben, da sich dieser nicht auf Erhebungen oder Messungen abstüt-
ze. Weiter ergänzt die Beklagte, dass das TISG von einem grossen Dauer-
Mandat der SUVA abhängig sei, weshalb dessen Bericht den Charakter eines
Parteigutachtens habe. Das TISG sei am Tag nach dem Unfallereignis am Unfall-
ort gewesen und hätte zwingend sogleich Messungen vornehmen oder Proben
entnehmen müssen. Solches habe die Klägerin in der Replik nicht geltend ge-
macht. Damit sei eine Verursachung durch Gas aus dem Netz der D._ AG
ausgeschlossen. Das stärkste Indiz dafür, dass auch andere Gase die Ursache
der Verpuffung gewesen sein könnten, liefere die Wahrnehmung des Geschädig-
ten selber, welcher berichtet habe, es habe nach Ammoniak gestunken. Gegen
eine Verpuffung von Propan spreche zudem der Umstand, dass vom odorierten
Propan in den Häusern an der K._-Gasse vor und nach dem Unfallereignis
nie ein Gasgeruch wahrgenommen worden sei. Da bei einem Rohrleitungs-Leck
Gas entlang der Anschlussrohre durchs Erdreich in die Häuser diffundiert wäre,
solches aber nicht gerochen worden sei, sei das ein schlüssiger Gegenbeweis.
Wäre das potente Brenngas Propan verpufft, wären die Schachtdeckel auch nicht
bloss abgehoben, sondern fortgeschleudert worden, und es wäre auch mit nam-
haften Schäden in den Häusern der K._-Gasse zu rechnen gewesen. Der
Brief vom 14. April 2008 (act. 3/6) enthalte keine Anerkennung, dass die Rohrlei-
tung dem Unfall zugrunde liege. Er enthalte eine Ablehnung der Haftung und en-
de mit einer Rückforderung. Es werde lediglich auf das TISG-Gutachten vom
15. April 2005 verwiesen. Wenn die Schreiben der Beklagten (act. 3/6, 3/7) den
Eindruck eines Zugeständnisses erweckt haben sollten, so sei dieser unberechtigt
gewesen. Der Zwischenbericht des TISG vom 25. November 2004 (act. 29/67)
enthülle die Zusammenkunft vom 19. November 2004 als "gemeinsame Bespre-
chung Suva/SVGW/TISG". Damit sei die Unfallursache quasi zur Verhandlungs-
sache zwischen der Klägerin 1, dem für den Unfall unzuständigen Verband
- 24 -
SVGW und dem TISG geworden. Die klägerische Annahme, ausgetretenes Gas
habe sich einen Weg in die Kanalisationsleitung gesucht, würde eine grössere
Undichtigkeit der Kanalisationsleitung in der Nähe des Gasrohrbruches in der
J._-Strasse als Eintrittspforte in die Kanalisation voraussetzen. Derlei sei
aber weder behauptet noch in den Beilagen vermerkt worden. Gemäss Auskunft
der E._ AG könne davon ausgegangen werden, dass es sich beim
Odorierungsmittel um ein Mercaptangemisch gehandelt habe. Es habe ein starker
(gasartiger) Fäkalgeruch geherrscht, womit ein starker Methananteil in der Luft im
Kanalisationsschacht erwiesen sei. Sie halte daran fest, dass eventuell Ammoniak
in zünd- bzw. abbrandfähiger Konzentration im Schacht vorhanden gewesen sei.
Die Prozentangaben der Klägerinnen würden sich offenbar auf die Explosions-
grenze beziehen und seien irrelevant (act. 32 Rz 33 ff.).
Die Klägerinnen nahmen mit Eingabe vom 28. September 2015 Stellung zu den
Dupliknoven (act. 37). Darin bestreiten sie, dass das Gutachten des TISG unsorg-
fältig und nur ein Parteigutachten sei. Das TISG führe die ihm übertragenen Auf-
gaben unabhängig und selbständig aus. Weiter bestreiten die Klägerinnen, dass
ein Propan-/Luftgemisch im Gefälle der Kanalisationsleitungsrohre Richtung Klär-
anlage geflossen wäre, dass der Bereich, in dem sich Brenngas befinde, der tiefs-
te in einem Rohrleitungssystem sei und dass die Verbrennung in der Mischzone
über dem Brenngas mit der Luft starte. Weiter bestreiten die Klägerinnen, dass
das Gas in der Gasleitung der E._ AG im Unfallzeitpunkt den starken Warn-
geruch von Mercaptan gehabt habe (act. 37 Rz 3 ff.).
8.2. Beweis
Gemäss Art. 8 ZGB hat, wo es das Gesetz nicht anders bestimmt, jene Partei das
Vorhandensein einer behaupteten Tatsache zu beweisen, die aus ihr Rechte ab-
leitet. Grundsätzlich ist das Verhältnis der anwendbaren materiellen Normen für
die Beweislastverteilung massgebend. Dieses bestimmt im Einzelfall, ob eine
rechtsbegründende, rechtsaufhebende bzw. rechtsvernichtende oder rechtshin-
dernde Tatsache zu beweisen ist. Wer einen Anspruch geltend macht, hat die
rechtsbegründenden Tatsachen zu beweisen. Demgegenüber liegt die Beweislast
für die rechtsvernichtenden oder rechtshindernden Tatsachen bei der Partei, wel-
- 25 -
che den Untergang des Anspruchs behauptet oder dessen Entstehung oder
Durchsetzbarkeit bestreitet (BGE 128 III 271 E. 2aa). Die beweisbelastete Partei
hat die zu beweisenden Tatsachen zu behaupten, weshalb mit der Beweislast die
Behauptungslast einhergeht. Die beweisfreie Partei trifft hingegen die Bestrei-
tungslast. Ein Aspekt der Behauptungs- ist die Substantiierungslast: Tatsachen-
behauptungen sind so konkret zu formulieren, dass sie einerseits ohne Weiteres
als Beweissatz formuliert und in eine allfällige Beweisverfügung aufgenommen
werden können, und andererseits substantiiertes Bestreiten möglich ist bzw. der
Gegenbeweis angetreten werden kann (LARDELLI, in: Basler Kommentar, Zivilge-
setzbuch I, 5. Aufl., Basel 2014, Art. 8 N 29 und 33). Der Behauptungsgegner hat
demgegenüber im einzelnen darzulegen, welche Tatsachenbehauptungen der
Gegenpartei er anerkennt und welche er bestreitet. Pauschale Bestreitungen rei-
chen zwar nicht aus, doch dürfen die Anforderungen an die Bestreitung nicht so
hoch angesetzt werden, dass im Ergebnis die Beweislast gewendet wird (WALTER,
in: Berner Kommentar, Bd. I/1, Einleitung, Art. 1-9 ZGB, Bern 2012, Art. 8 N 191
ff.).
Für den Hauptbeweis im Zivilprozess gilt grundsätzlich das Regelbeweismass des
strikten Beweises. Dieser ist erbracht, wenn das Sachgericht nach objektiven Ge-
sichtspunkten von der Wahrheit einer Behauptung und damit vom Vorliegen einer
Tatsache voll überzeugt ist. Dabei hat eine Tatsache nicht mit Sicherheit festzu-
stehen, sondern es genügt die an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit, selbst
wenn eine abweichende Möglichkeit nicht völlig auszuschliessen ist (WALTER,
a.a.O., Art. 8 N 134 ff.). Ausnahmen vom Regelbeweismass des strikten Bewei-
ses ergeben sich einerseits aus dem Gesetz und sind andererseits durch Recht-
sprechung und Lehre herausgearbeitet worden. Danach wird insbesondere eine
überwiegende Wahrscheinlichkeit als ausreichend betrachtet, wo ein strikter Be-
weis nicht nur im Einzelfall, sondern der Natur der Sache nach nicht möglich oder
nicht zumutbar ist und insofern eine Beweisnot besteht. Nach ständiger bundes-
gerichtlicher Rechtsprechung gilt das Beweismass der überwiegenden Wahr-
scheinlichkeit namentlich für den Nachweis des natürlichen bzw. hypothetischen
Kausalzusammenhangs (BGE 132 III 715 E. 3; BGE 128 III 271; BGE 107 II 269).
- 26 -
Vorliegend haben nach dem Gesagten die Klägerinnen das Unfallereignis zu be-
weisen. Dazu ist der Beweis erforderlich, dass es sich beim entzündeten Gas tat-
sächlich um ein Propan-/Luftgemisch aus den Leitungen der D._ AG handel-
te. Da unstrittig nach dem Unfall keine Messungen des Gasvorkommens an der
Unfallstelle vorgenommen wurden und dies heute auch nicht mehr nachgeholt
werden kann, müssen die Klägerinnen, um den Beweis erfolgreich zu führen,
rechtsgenügend darlegen, dass der Spalt in der Gasleitung an der J._-
Strasse bereits vor dem Unfall bestand und von dort Gas in die Kanalisationslei-
tung und schliesslich bis zum Kontrollschacht gelangte. Gelingt ihnen dieser Be-
weis, erscheint es an sich unerheblich, ob sich dieses Gas allenfalls noch mit Ka-
nalgasen vermischt haben könnte. Der Betrieb der Rohrleitungsanlage hätte dies-
falls den Unfall des Geschädigten zumindest mitverursacht, was für eine Haftung
der D._ AG nach RLG genügen würde. Das Vorliegen des eigentlichen Un-
fallereignisses, nämlich dass sich überhaupt aufgrund des Betriebes einer Rohr-
leitungsanlage ein Unfall ereignete, ist grundsätzlich strikt nachzuweisen (vgl. da-
zu Urteil des Bundesgerichts 4A_633/2011 E. 2). Der Beklagten steht demgegen-
über der Gegenbeweis offen, dass das fragliche Gas eine andere Herkunft hatte.
Die Klägerinnen stützen ihre Behauptungen in erster Linie auf das Gutachten des
Technischen Inspektorats des Schweizerischen Gasfaches TISG vom 15. April
2005 (act. 3/1; nachfolgend: TISG-Gutachten), den Bericht der Kantonspolizei
Schwyz vom 13. April 2005 (act. 3/2) sowie die Befragung als polizeiliche Aus-
kunftsperson von L._ durch die Kantonspolizei Schwyz (act. 3/4). Ferner rei-
chen sie den vorläufigen Bericht des TISG vom 25. November 2004 (act. 29/67),
das polizeiliche Befragungsprotokoll des Geschädigten (act. 3/3), eine Fotodoku-
mentation (act. 29/68) sowie Schreiben der D._ AG vom 11. Oktober 2004
(act. 3/14) bzw. der Beklagten vom 14. April 2008 (act. 3/6) sowie vom 11. Januar
2006 (act. 3/7) ins Recht. Schliesslich offerieren sie zu diesen Punkten ein techni-
sches/physikalisches bzw. ein technisches/physikalisches/chemisches Gutachten.
Die Beklagte nennt zum Beweis ihrer Darstellung der Unfallursache selber keine
Beweismittel. Einzig in Bezug auf den Beweiswert des TISG-Gutachtens offeriert
sie Urkunden bzw. Augenscheine im Internet (act. 33/40 und 33/41).
- 27 -
8.3. Würdigung
8.3.1. Ausgangslage
Unstrittig entzündete sich am 8. September 2004 im neu erstellten Kanalisations-
kontrollschacht in der Hauptstrasse von C._ Gas, was zu den Verletzungen
des Geschädigten führte. Weiter ist anerkannt, dass in der Folge in einer in Be-
trieb stehenden Gasleitung an der J._-Strasse ein beträchtlicher Spalt ge-
funden wurde. Schliesslich ist unbestritten, dass die D._ AG im Sommer
2004 unerklärliche Gasverluste und Messdifferenzen feststellte, weshalb ihr
Gasmeister daran war, eine systematische Lecksuche vorzunehmen, ohne jedoch
bis zum Unfalltag ein entsprechendes Leck gefunden zu haben (act. 1 Rz 31;
act. 15 Rz 31). Bereits diese Umstände machen es sehr wahrscheinlich, dass das
Gas, welches sich im Kontrollschacht entzündete, auch tatsächlich aus dem Be-
trieb der Rohrleitungsanlage der D._ AG stammte. Die von den Klägerinnen
eingereichten Beweismittel vermögen zudem die noch vorhandenen Zweifel zu
beseitigen:
8.3.2. TISG-Gutachten
Das TISG-Gutachten führt zur Unfallursache aus, dass das Zusammentreffen von
den folgenden drei wichtigen Fakten schliesslich zum Unfallereignis geführt habe:
Ein Rohrbruch in der Gasleitung J._-Strasse habe einen grösseren Gasaus-
tritt (Propan-/Luftgemisch, schwerer als Luft) ins Erdreich und von dort in die Ka-
nalisationsleitung bis zum Unfallort an der Hauptstrasse ermöglicht, die neu sa-
nierte Kanalisationsleitung in der Hauptstrasse habe fortan ein Entweichen des
Gas-/Luftgemisches in die Umgebung verunmöglicht und mit dem Anzünden der
Zigarette sei auch eine Zündquelle für die Zündung des explosiven
Gas-/Luftgemisches im Kanalisationsbauwerk gegeben gewesen (act. 3/1 S. 2).
Betreffend Unfallursachenabklärung führt das TISG weiter aus, in einer zweiten
Phase habe das D._ die Gasleitungen in der weiteren Umgebung der Unfall-
stelle untersucht und bei der Gaslecksuche und der Dichtheitsprüfung an der be-
stehenden Gasleitung in der J._-Strasse (Abschnitt M._-Strasse bis
Hauptstrasse) einen grösseren Rohrbruch an einer ND-Grauguss-Gasleitung
- 28 -
DN80 gefunden. Dieser ganze Leitungsabschnitt habe umgehend ausser Betrieb
genommen und saniert werden müssen. Durch den grossen Ringspalt des Rohr-
bruches dürften erhebliche Mengen des Propan-/Luftgemisches in den Erdboden
ausgetreten und von dort über die noch nicht sanierte Kanalisationsleitung bis zur
Unfallstelle gelangt sein. Ob sich das Propan-/Luftgemisch im Kanalisationsbau-
werk eventuell auch mit Kanalgasen vermischt habe, habe im Nachhinein nicht
mehr eruiert werden können (act. 3/1 S. 6). Diese Einschätzung des TISG zeigt
auf, dass die Ersteller des Gutachtens keinerlei Zweifel daran hatten, dass
Brenngas aus einem bereits bestehenden Spalt in der Gasleitung der D._
AG an der J._-Strasse am Ursprung des Unfalles des Geschädigten stand.
Der Beklagten ist zwar dahingehend zuzustimmen, dass die verwendete Formu-
lierung, Gas "dürfte" aus dem Spalt an der J._-Strasse ausgetreten und über
die Kanalisationsleitung an die Unfallstelle gelangt sein, darauf hinweist, dass die
TISG-Experten diesen Ablauf nicht mit absoluter wissenschaftlicher Sicherheit
feststellten und das Gutachten keine getätigten Messungen festhält. Dies zeigt je-
doch auch, dass die TISG-Experten bereits ohne eine solche Messung vom ge-
schilderten Geschehen überzeugt waren und es keinerlei Anlass dafür gab, an
diesem zu zweifeln und weitere Untersuchungen vorzunehmen. Der Unfallher-
gang passte für die Experten ohne Weiteres zu einer Entzündung eines Propan-
/Luftgemisches.
Der Beweiswert des TISG-Gutachtens wird von der Beklagten in verschiedener
Hinsicht beanstandet. Vorauszuschicken ist dazu, dass es sich beim TISG-
Gutachten nicht um ein vom Handelsgericht angeordnetes Gutachten handelt.
Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung sind Privatgutachten reine Partei-
behauptungen und keine Beweismittel (Urteil des Bundesgericht 4A_178/2015,
zur Publikation vorgesehen), wohingegen von einem Sozialversicherer im ent-
sprechenden Verfahren eingeholte Gutachten Fremdgutachten sind und grund-
sätzlich auch im Zivilprozess taugliche Beweismittel darstellen (BGE 140 III 24
E. 3.3.1.3). Dies gilt auch im Regressverfahren, in welchem ein Sozialversicherer
als Partei auftritt. Denn ein solcher handelt im Verwaltungsverfahren nicht als Par-
tei, sondern als zur Neutralität und Objektivität verpflichtetes Organ des Geset-
zesvollzugs. Solange kein Beschwerdeverfahren angehoben ist, läuft ohnehin ein
- 29 -
Einparteienverfahren. Nach dem Übergang zum Anfechtungsstreitverfahren wird
die Verwaltung zwar im prozessualen Sinne zur Partei; sie bleibt lite pendente in-
dessen weiterhin an die rechtsstaatlichen Grundsätze (Art. 5 BV) gebundenes,
der Objektivität und Neutralität verpflichtetes Organ. Daher hat sie nicht auch im
materiellen Sinn Parteieigenschaft (BGE 137 V 210 E. 2.2.2.). Die grundsätzliche
Verwertbarkeit des TISG-Gutachtens wird denn auch von keiner Partei in Frage
gestellt, und beide Parteien stützen gewisse ihrer Vorbringen auf das genannte
Gutachten.
Die Beklagte äussert sich zum TISG-Gutachten diskrepant. Auf der einen Seite
erklärt sie, es gebe in der Schweiz keine höhere Autorität als das TISG mit Dop-
pelunterschrift des Unfallexperten und des Inspektors, und stellt sich auf den
Standpunkt, die Klägerinnen müssten das TISG-Gutachten als strikten Beweis
des Nichtverschuldens der D._ AG am Unfall des Geschädigten vorbehaltlos
akzeptieren (act. 15 Rz 29), auf der anderen Seite führt sie aus, mit der durchge-
führten Untersuchung habe das TISG seine fachliche und methodische Autorität
bezüglich Kompetenz zur Unfallursachenforschung untergraben. Zudem sei das
TISG als Dauerauftragnehmer der Klägerin 1 mit dem entsprechenden Interesse
an der Erhaltung dieses Auftragsverhältnisses der Klägerin 1 subordiniert, was
das Gutachten beweiswertlos mache (act. 32 Rz 36 ff.). Demgegenüber führen
die Klägerinnen aus, die Abklärungen des TISG seien sorgfältig gewesen und bil-
deten eine genügende Grundlage für die gezogenen Schlüsse. Sollte das Gutach-
ten tatsächlich mangelhaft sein, hätte es innert beweistauglicher Weise verbessert
werden können, wenn die Beklagte das Gutachten bereits zum damaligen Zeit-
punkt in Frage gestellt hätte, was sie nicht getan, sondern es im Gegenteil mit
Schreiben vom 14. April 2008 als beweistauglich bezeichnet habe. Zudem führe
das TISG die ihm übertragenen Aufgaben unabhängig und selbständig aus. Die
Klägerin 1 habe im Sinne von Art. 51 VUV einen Vertrag mit dem Schweizeri-
schen Verein des Gas- und Wasserfachs (SVGW) abgeschlossen, der für das
TISG ein Pflichtenheft erstellt habe, aus welchem Organisation und Tätigkeiten
des TISG hervorgingen. Dieser Vertrag sei von der Eidgenössischen Koordinati-
onskommission für Arbeitssicherheit (EKAS) genehmigt worden (act. 37 Rz 3).
- 30 -
Zur Unabhängigkeit des TISG von den Klägerinnen ist auszuführen, dass es sich
dabei um das Inspektorat des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasser-
fachs (SVGW) handelt. In diesem Verein sind Gas- und Wasserversorgungsun-
ternehmen sowie weitere interessierte Parteien zusammengeschlossen. Von da-
her ist nicht ersichtlich, inwiefern das TISG ein grundsätzliches Interesse daran
gehabt haben könnte, ein Gutachten wider die Interessen der D._ AG zu er-
statten. Zudem attestiert das Gutachten der D._ AG, dass diese kein Ver-
schulden am Unfall treffe, was ebenfalls gegen ein abhängiges Parteigutachten
spricht. Allein die Tatsache, dass das Gutachten im Sozialversicherungsverfahren
von der Klägerin 1 in Auftrag gegeben wurde, vermag dessen Glaubwürdigkeit
nicht in Zweifel zu ziehen. Dies umso weniger als das TISG als entsprechende
Fachorganisation aufgrund des genehmigten Vertrages mit der Klägerin 1 unab-
hängig vom Inhalt des Gutachtens von dieser in anderen Fällen wieder zu be-
rücksichtigen gewesen wäre. Damit ist von der Unabhängigkeit der TISG-
Gutachter auszugehen.
Betreffend die fachliche und methodische Autorität des TISG in Bezug auf die Er-
stellung des vorliegenden Gutachtens ist auszuführen, dass es sich beim TISG
um ein von der schweizerischen Akkreditierungsstelle (SAS) als "Inspektionsstelle
Typ A für Gasanlagen" akkreditiertes Inspektorat handelt, das insbesondere auch
als Unfallexperte beigezogen werden kann (Quelle: http://www.svgw.ch/-
index.php?id=87). Die grundsätzliche Sachverständigkeit des TISG zur Untersu-
chung von Gasunfällen kann damit vorausgesetzt werden, was auch von der Be-
klagten an sich anerkannt wird. In Bezug auf die konkrete Unfallabklärung kann
dem TISG zudem kein unsorgfältiges Vorgehen vorgeworfen werden. Denn das
TISG wurde erst mit Schreiben vom 5. Oktober 2004, rund einen Monat nach dem
Unfall, von der Klägerin 1 mit der gasfachlichen Unfallabklärung beauftragt
(act. 3/1 S. 4). Zu diesem Zeitpunkt konnte das TISG offensichtlich keine Unter-
suchung mehr vornehmen, wie sie die Beklagte mit Verweis auf die Webseite der
Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle verlangt (vgl. act. 32 Rz 36).
Insbesondere waren unfallnahe Messungen und Spurensicherungen am Unfallort
nicht mehr möglich. Das TISG-Gutachten beruht demgegenüber immerhin auf Be-
fragungen der involvierten Mitarbeiter und Vorgesetzten der F._ AG, der
- 31 -
D._ AG und der N._ AG sowie auf einer Ortsbegehung der Unfallstelle
durch die TISG-Experten. Damit besteht kein Grund, die Untersuchungsmethodik
der unbestritten fachkundigen TISG-Experten in Frage zu stellen. Dass das TISG-
Gutachten nicht auf konkreten Messungen beruht, ist selbstverständlich bei der
Beweiswürdigung zu berücksichtigen und erklärt wohl auch die zum Teil zurück-
haltenden Schlussfolgerungen des TISG ["dürfte"]. Dafür, dem TISG-Gutachten
jedoch jeglichen Beweiswert abzusprechen, besteht kein Anlass. Daran vermag
auch nichts zu ändern, dass die Klägerinnen die beklagtische Behauptung nicht
bestreiten, dass das TISG von der D._ AG umgehend über das Schadener-
eignis orientiert worden und schon anderntags auf dem Unfallplatz erschienen sei
(act. 15 Rz 11a und 32 Rz 36). Denn die Beklagte führt nicht aus, dass das TISG
bereits zu diesem Zeitpunkt (bzw. überhaupt) von der D._ AG mit der Unfall-
ursachenabklärung betraut worden wäre. Es ist jedenfalls unbestritten, dass das
TISG zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Untersuchungen vornahm.
Da es sich bei den TISG-Experten auch nach der Ansicht der Beklagten um die
Schweizer Autoritäten im vorliegenden Fachbereich handelt und weder deren Un-
abhängigkeit noch die konkrete Gutachtenserstellung ungenügend erscheint,
kann auf das TISG-Gutachten abgestellt werden.
8.3.3. Weitere Beweismittel
Weiter ergaben auch die Ermittlungen der Kantonspolizei Schwyz, dass dem Lei-
tungsnetz der D._ AG Propangas aus Lecks entwichen und ebenfalls durch
Lecks in das Kanalisationsleitungsnetz im Dorf C._ gelangt sei. Als sich der
Geschädigte eine Zigarette rauchend im Schachtinnern hingekauert habe, sei es
zur Verpuffung des in der Kanalisationsleitung fliessenden Propangases gekom-
men (act. 3/2 S. 4). Die Kantonspolizei Schwyz hegte offensichtlich keinerlei Zwei-
fel daran, dass es sich beim entzündeten Gas um solches aus den Leitungen der
D._ AG gehandelt hat. Auch wenn dem Polizeibericht – mit Ausnahme der
getätigten Befragungen – nicht entnommen werden kann, auf welchen Grundla-
gen die Kantonspolizei Schwyz zu ihrer Einschätzung gelangte, spricht der Poli-
zeibericht doch klar für die Sachverhaltsdarstellung der Klägerinnen. Beim ge-
nannten Bericht handelt es sich um ein offizielles Ermittlungsergebnis des mit den
- 32 -
lokalen Gegebenheiten bestens vertrauten Hauptpostens C._ der Kantons-
polizei Schwyz, was bei der Beweiswürdigung entsprechend zu berücksichtigen
ist.
Auch L._, Tiefbauingenieur des Bezirks C._, bestätigte in seiner polizei-
lichen Einvernahme als Auskunftsperson, dass die Gasleitungen undicht seien.
Das Gas ströme wegen leichtem Überdruck aus den Lecks und fliesse in die de-
fekten Abwasserleitungen (act. 3/4 S. 2). Als lokaler Tiefbauingenieur des Bezirks
C._ ist insbesondere seine Beurteilung über den Zustand der Gas- und Ab-
wasserleitungen sowie seine Beurteilung über den Gasfluss relevant. Seine Aus-
sage widerlegt insbesondere das Argument der Beklagten, dass in C._ die
Gasleitungen durch verdichtetes Erdreich so abgedämmt gewesen seien, dass
trotz eines erheblichen Lecks kein Gas in die Kanalisationsleitung habe gelangen
können. Dies wäre L._ bekannt gewesen.
Zudem zeigen auch die eingereichten Schreiben der Beklagten bzw. der D._
AG deutlich auf, dass beide zum damaligen Zeitpunkt keinerlei Zweifel daran hat-
ten, dass Propan aus den Leitungen der D._ AG Ursache des Unfalls des
Geschädigten war. So erklärte die Beklagte im Schreiben vom 14. April 2008, zu
welchem Zeitpunkt das TISG-Gutachten längst bekannt war, dass ihre Versiche-
rungsnehmerin, die D._ AG, aus Art. 33 RLG hafte, wobei sie sich von der
Haftung befreien könne (act. 3/6). Die D._ AG selber erklärte bereits mit
Schreiben vom 11. Oktober 2004 an den SVGW bzw. das TISG, dass es eine Ex-
plosion gegeben habe, die durch Propan-Gas in einer Kanalisationsleitung verur-
sacht worden sei (act. 3/14). Im selben Schreiben führte die D._ AG zudem
aus, dass nachströmendes Gas in der Kanalisationsleitung abgesaugt worden sei.
Hätte die D._ AG nach dem Unfall auch nur mit der Möglichkeit gerechnet,
dass die Gasentzündung nicht mit dem Betrieb ihrer Gasleitungen in Zusammen-
hang stehen könnte, hätte sie dies zweifellos sofort vorgebracht, um sich zu ent-
lasten.
- 33 -
8.3.4. Einwendungen der Beklagten
Was die Beklagte dagegen einwendet, verfängt nicht. Insbesondere fehlen ir-
gendwelche Anzeichen dafür, dass der Rohrbruch der Gasleitung an der J._-
Strasse erst nach bzw. aufgrund der Gasentzündung entstanden sein könnte. Die
Beklagte bringt nicht vor, dass auch in der J._-Strasse bzw. in der M._-
Strasse Schachtdeckel abgehoben worden wären. Dies beschränkte sich gemäss
Polizeibericht auf die Hauptstrasse, was gegen einen hohen Druck in der Kanali-
sation in der M._-Strasse spricht (act. 3/2 S. 3). Weiter behauptet die Beklag-
te nicht, und ist denn auch nicht ersichtlich, wie ein allfälliger Überdruck in der
Kanalisationsleitung sich – trotz Entlastungen am Unfallort und entlang der
Hauptstrasse – derart durchs Erdreich hätte auswirken können, dass die Gaslei-
tung an der J._-Strasse geborsten wäre. Und dass die entsprechende Gas-
leitung aus einem anderen Grund genau in der Zeit zwischen dem Unfall und dem
Auffinden des Lecks gebrochen sein könnte, ist doch sehr unwahrscheinlich. Die
Beklagte widerspricht sich hier auch selber, wenn sie auf der einen Seite ausführt,
die Gasleitung sei durch dichtes Erdreich von der Kanalisationsleitung abge-
schirmt gewesen, und andererseits erklärt, das Leck sei durch die Gasentzün-
dung in der Kanalisation entstanden. Hier vertritt offenbar auch die Beklagte den
Standpunkt, dass das Erdreich zwischen Gas- und Kanalisationsleitung eben
doch nicht so hermetisch abgeschlossen gewesen sein kann. Damit ist davon
auszugehen, dass der Ringspalt in der Gasleitung an der J._-Strasse bereits
vor dem 8. September 2004 existierte.
Zudem anerkannte auch die Beklagte, es treffe zu, dass die D._ AG im
Sommer 2004 unerklärliche Gasverluste und Messdifferenzen festgestellt habe
(act. 15 Rz 31). Vor diesem Hintergrund ist ihre Bestreitung, dass vom Werk kein
bedeutender Gasverlust registriert worden sei, nicht stichhaltig. Und dass in
C._ vor dem Unfall niemand Gasgeruch wahrgenommen hat, spricht eben-
falls nicht gegen vorhandenes Gas in der Kanalisation. Denn da dieses schwerer
ist als Luft, erscheint durchaus wahrscheinlich, dass es durch die Kanalisationslei-
tungen fliessen konnte, ohne an die Oberfläche bzw. entlang den Leitungen in die
Häuser zu gelangen.
- 34 -
Weiter ist der Beklagten zwar zuzustimmen, dass sich im Kontrollschacht wohl
kein erheblicher Propangassee angesammelt haben kann, da das Gas durch die
Kanalisationsleitung wieder aus dem Schacht abfliessen konnte. Hätte sich eine
erhebliche Menge Propangas im Schacht angesammelt gehabt, wären die Kon-
sequenzen für den Geschädigten denn auch noch gravierender gewesen. Zudem
bestand der Kontrollschacht auch erst wenige Stunden, weshalb eine grössere
Gasansammlung unwahrscheinlich ist. Dies bedeutet aber nicht, dass nicht durch
permanentes Ausströmen von Propangas aus der Kanalisationsleitung in den ge-
nannten Schacht darin solches Gas in einer genügenden Menge vorhanden war,
um sich zu entzünden. Propangas ist unstrittig schwerer als Luft. Damit blieb aus
der Kanalisationsleitung ausströmendes Gas am Schachtboden und konnte sich
nicht nach oben verflüchtigen. Um wieder durch die Kanalisation aus dem
Schacht abfliessen zu können, musste das Gas zumindest durch die Fliessrinne
am Schachtboden durchströmen. Damit war es im Schacht vorhanden und konnte
sich an der Zigarette des Geschädigten auch entzünden. Das permanente Aus-
strömen von Gas aus der Kanalisationsleitung zeigt auch, dass offenbar andern-
orts auch permanent Gas in die Kanalisationsleitung eindrang. Wo – wenn nicht
an der J._-Strasse – dies gewesen sein soll, legt die Beklagte nicht dar.
Schliesslich überzeugen auch die Vorbringen der Beklagten betreffend alternativ
vorhandene Gase nicht. Wie Ammoniak konkret in die Kanalisationsleitungen ge-
langt sein soll, erklärt die Beklagte nicht. Die bloss denkbare Möglichkeit eines
entsprechenden Vorkommens bleibt theoretischer Natur. Dass der Geschädigte
teilweise davon sprach, er habe Ammoniakgeruch wahrgenommen, vermag in
keiner Weise dessen Vorkommen zu beweisen. Denn dass ein in Bezug auf Gase
Unkundiger den Fäkalgeruch einer Kanalisation als "Ammoniakgeruch" be-
schreibt, ist nicht erstaunlich. Dies zeigt auch, dass der Geschädigte ausführte, es
sei ein unvergesslicher und unverwechselbarer Geruch gewesen, schlimmer als
früher im Raubtierhaus des Zoos (act. 32 Rz 60). Im Zoo dürfte der Geschädigte
insbesondere den Uringeruch der Raubkatzen wahrgenommen haben, sicher
nicht eigentliches Ammoniak-Gas. Dieser starke Fäkalgeruch erklärt vielmehr,
dass der Geschädigte das unstrittig odorierte Propangas nicht als solches wahr-
nahm.
- 35 -
Was das behauptete Vorhandensein von Methan angeht, ist zu berücksichtigen,
dass der Kontrollschacht, in welchem sich die Gasentzündung ereignete, erst am
Vormittag des Unfalltages, mithin lediglich wenige Stunden vor dem Unfall über-
haupt errichtet und noch nicht mit einer Abdeckung versehen worden war. Damit
kann ausgeschlossen werden, dass sich in diesem Schacht selber über einen
längeren Zeitraum Methan hätte ansammeln können. Eine Ansammlung von Me-
than ist ohnehin auszuschliessen, da dieses Gas unstrittig leichter ist als Luft,
womit es aus dem offenen Kontrollschacht hätte entweichen können und müssen.
Die Fortpflanzung des Brandes durch die Kanalisationsleitung, welche sich in den
abgehobenen Schachtdeckeln entlang der Hauptstrasse in Richtung des gefun-
denen Spaltes an der J._-Strasse manifestierte, zeigt darüber hinaus, dass
die Kanalisationsleitung Richtung Spalt zu diesem Zeitpunkt über eine gewisse
Strecke mit Gas gefüllt gewesen sein muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in
einer in Betrieb stehenden Kanalisationsleitung, durch welche ständig Abwässer
fliessen, so viel Methan angesammelt haben könnte, dass es sich in der gesche-
henen Weise entzündet hätte, erscheint äusserst gering. Schliesslich verlässt die
Beklagte mit der Argumentation, dass allenfalls Phosphine von früher im Bereich
des Kanalisationsystems bestatteten Toten Unfallursache gewesen sein könnten
(act. 32 Rz 46), das Feld einer vernünftigen juristischen Argumentation.
Das Propan-/Luftgemisch bliebe zudem für den Unfall des Geschädigten auch
dann zumindest mitursächlich, wenn es sich tatsächlich mit Kanalgasen gemischt
haben sollte. Ein entsprechender Gegenbeweis, dass Kanalgas alleinige Ursache
für den Unfall des Geschädigten war, kann der Beklagten schon mangels offerier-
ter Beweismittel nicht gelingen.
8.4. Fazit
Insgesamt kann damit festgehalten werden, dass – mit Ausnahme der Beklagten
im vorliegenden Prozess – sämtliche involvierten Personen und Institutionen da-
von ausgehen, dass es Gas aus den Leitungen der D._ AG war, welches
sich im Kanalisationskontrollschacht entzündete. Auch wenn es theoretisch weite-
re denkbare Möglichkeiten gäbe, wie Gas in die Kanalisationsleitung gelangt sein
könnte, sind diese aufgrund der konkreten Umstände und den vorliegenden fach-
- 36 -
kundigen Einschätzungen – insbesondere derjenigen des TISG – alle so abwegig,
dass keine vernünftigen Zweifel mehr an dieser Einschätzung bestehen. Es ist
demnach davon auszugehen, dass aus dem Ringspalt in der Leitung der D._
AG an der J._-Strasse ein Propan-/Luftgemisch austrat, von dort in die Kana-
lisation gelangte und schliesslich bis zum Unfallort fliessen konnte, wo es sich
entzündete, was die Verletzungen des Geschädigten verursachte. Damit ist er-
stellt, dass der Unfall des Geschädigten auf den Betrieb der Rohrleitungsanlage
durch die D._ AG zurückzuführen ist. Es erübrigt sich daher, zusätzlich die
von den Klägerinnen offerierten gerichtlichen Gutachten einzuholen (vgl. dazu
act. 56 E. 7).
9. Regressprivileg
9.1. Rechtliches
Gemäss Art. 75 Abs. 2 ATSG steht dem Versicherungsträger ein Rückgriffsan-
spruch aus einem Berufsunfall gegen den Arbeitgeber der versicherten Person
nur zu, wenn dieser den Versicherungsfall absichtlich oder grobfahrlässig herbei-
geführt hat.
9.2. Parteistandpunkte
Die Beklagte stellt sich auf den Standpunkt, sie profitiere indirekt vom Regresspri-
vileg von Art. 75 Abs. 2 ATSG der Arbeitgeberin des Geschädigten, der F'._
AG (nachfolgend F._ AG), da diese für die Unfallfolgen des Geschädigten
grundsätzlich haftbar sei. Derjenige Anteil, den der haftpflichtrechtlich privilegierte
Arbeitgeber als Solidarschuldner zu verantworten habe, gehe zulasten des Sozi-
alversicherers und könne im Regress nicht dem verbleibenden Haftpflichtigen
überbürdet werden. Das Regressprivileg sei ein sozialversicherungsrechtliches
und kein zivilrechtliches Institut. Zwischen der F._ AG und der D._ AG
bestehe aus Haftpflichtrecht keine Solidarität und die Klägerinnen könnten diese
auch nicht begründen. Es bestehe kein Rechtsgrund dafür, dass die D._ AG
für eine Regressprivilegierte einstehen müsse, welche den Klägerinnen auch für
dieses Regressprivileg Prämien bzw. Beiträge abgeliefert habe (act. 15 Rz 15.b;
- 37 -
act. 32 Rz 70 ff.). Demgegenüber erklären die Klägerinnen, dass auch wenn einer
von zwei solidarisch Haftpflichtigen sich auf ein Regressprivileg nach Art. 75
Abs. 2 ATSG berufen könne, dem Sozialversicherer seine Subrogationsforderung
uneingeschränkt zustehe. Derjenige Haftpflichtige, der nicht privilegiert sei, könne
aus dem Regressprivileg zugunsten des anderen Haftpflichtigen nichts für sich
ableiten; umgekehrt könne der privilegierte Haftpflichtige jenem das Regressprivi-
leg im Rahmen von Art. 51 OR auch nicht entgegenhalten (act. 28 Rz 22).
9.3. Erwägungen des Bundesgerichts zum Regressprivileg (Rückweisungsent-
scheid E. 6)
Das Bundesgericht hält diesbezüglich für das hiesige Gericht verbindlich fest,
dass das Regressprivileg gemäss Art. 75 Abs. 2 ATSG bedeute, dass bei gege-
benen Voraussetzungen keine Forderung des Sozialversicherers gegenüber dem
Arbeitgeber bestehe. Auch ein interner Rückgriff des dem Sozialversicherer voll
leistenden Haftpflichtigen auf den Arbeitgeber sei sodann ausgeschlossen, da
sonst das Regressprivileg auf diesem Weg unterlaufen würde und der Arbeitgeber
des Vorteils, den er sich nach der Vorstellung des Gesetzgebers mit der Prämien-
leistung erkaufe, verlustig gehen würde (act. 56 E. 6.1.3.2 f.).
Es fehle eine innere Rechtfertigung dafür, dass sich die Sozialversicherer voll am
nicht privilegierten Haftpflichtigen schadlos halten könnten. Ihre Gegenleistung für
die das Privileg rechtfertigenden Prämienzahlungen sei die entsprechende Versi-
cherungsdeckung für die Arbeitnehmer. Bei einer vollen Regressmöglichkeit auf
den nicht privilegierten Haftpflichtigen wären die Sozialversicherer daher berei-
chert. Es erscheine jedenfalls wertungsmässig gerechtfertigt, dass der nicht privi-
legierte Haftpflichtige dem Sozialversicherer nur insoweit hafte, wie er im internen
Verhältnis mit dem Arbeitgeber den Schaden tragen müsse, wenn kein Re-
gressprivileg bestünde und demzufolge zwischen ihnen der interne Regress zwi-
schen Solidarschuldnern spielen würde (act. 56 E. 6.1.3.3). Dogmatisch lasse
sich das Regressprivileg des Mitverursachers als Reduktionsgrund für die Haftung
des nicht privilegierten Haftpflichtigen verstehen. Der Sozialversicherer müsse
sich den Vorteil anrechnen lassen, der seinen versicherten Arbeitgebern zuge-
standen werde. Es handle sich um einen Umstand aus dem Verantwortungsbe-
- 38 -
reich des Gläubigers, für den dieser im Sinne von Art. 44 Abs. 1 OR einzustehen
habe (act. 56 E. 6.1.3.4). Insgesamt erscheine es gerechtfertigt, das Regressprivi-
leg bei der Bemessung des Regressanspruchs des Sozialversicherers auf einen
Dritten zu berücksichtigen (act. 56 E. 6.1.3.5).
Gemäss Rückweisungsentscheid sei prozessual davon auszugehen, dass der
Sozialversicherer zunächst den ungekürzten Anspruch behaupten dürfe. Es sei
dann Sache des in Anspruch genommenen Haftpflichtigen darzulegen, in wel-
chem Ausmass sein Anteil wegen des Arbeitgeberprivilegs zu reduzieren sei
(act. 56 E. 6.2). Es genüge, wenn der Haftpflichtige die Tatsachen behaupte und
nachweise, die es dem Gericht erlaubten, den Betrag nach Art. 51 i.V.m. Art. 50
OR festzusetzen. Es sei nicht notwendig, dass er darlege, welcher Anteil des
Schadens seiner Meinung nach vom Arbeitgeber zu tragen gewesen wäre
(act. 56 E. 6.2.2).
Die Reduktion des Regressanspruches erfolge grundsätzlich, indem eine interne
Haftungsaufteilung zwischen den beiden Haftpflichtigen stattfinde, wie wenn das
Sonderrecht nicht spielen würde. Die sich aus dieser Operation ergebende Quote
des Privilegierten trage definitiv der subrogierende Versicherer, so dass der Dritt-
haftpflichtige nur für seinen internen Anteil geradestehe (E. 6.2.1). Mit Art. 72
Abs. 2 ATSG habe erreicht werden sollen, dass gegenüber dem Versicherungs-
träger gleich wie gegenüber dem Geschädigten je nach Gesetzesbestimmung
"echte" Solidarität (gem. Art. 50 OR und Regelungen in Spezialgesetzen, z.B.
Art. 60 SVG) oder "unechte" Solidarität (gem. Art. 51 OR) gelte. Gemäss Art. 34
RLG richte sich der Rückgriff unter den Haftpflichtigen bei einer Haftung nach
Rohrleitungsgesetz nach den Bestimmungen des Obligationenrechts über uner-
laubte Handlungen, was sich insbesondere auf Art. 51 OR beziehe (act. 56
E. 6.2.1).
Das Regressprivileg setze voraus, dass die Arbeitgeberin gegenüber dem Ge-
schädigten haftpflichtig sei, ohne dass ihr ein grobes Verschulden oder Absicht
vorgeworfen werden könne. Sofern der Beklagten dieser Nachweis gelinge, kön-
ne sie sich der Regressforderung der Klägerinnen insoweit widersetzen, als der
- 39 -
Schaden im internen Verhältnis ohne Regressprivileg von der Arbeitgeberin zu
tragen wäre (act. 56 E. 6.2.2).
9.4. Ausgangslage
Zusammengefasst bedeuten die soeben dargestellten, für das hiesige Gericht
verbindlichen Erwägungen des Bundesgerichts im Rückweisungsentscheid für
das vorliegende Verfahren das Folgende:
Es ist zunächst zu ermitteln, ob die F._ AG als Arbeitgeberin des Geschädig-
ten für dessen Schaden haftet, ohne dass sie den Versicherungsfall absichtlich
oder grobfahrlässig herbeigeführt hat. Nur in diesem Fall ist der Rückgriff der Klä-
gerinnen überhaupt eingeschränkt und nur dann könnte sich das Regressprivileg
auch auf die D._ AG bzw. die Beklagte auswirken.
Wird dies bejaht, ist in einem zweiten Schritt gemäss Art. 51 OR zu ermitteln, wer
im Innenverhältnis zwischen der F._ AG und der D._ AG welche Quote
zu tragen hat.
Ob und in welchem Umfang mehrere Haftpflichtige, die aus verschiedenen
Rechtsgründen haften, Rückgriff gegeneinander haben, wird durch richterliches
Ermessen bestimmt (Art. 51 Abs. 1 i.V.m. Art. 50 Abs. 2 OR), wobei nach Art. 51
Abs. 2 OR in der Regel in erster Linie derjenige den Schaden trägt, der ihn durch
unerlaubte Handlung verschuldet hat, an zweiter Stelle derjenige, der aus Vertrag
haftet, und in letzter Linie derjenige, der ohne eigene Schuld und ohne vertragli-
che Verpflichtung nach Gesetzesvorschrift haftbar ist.
Gemäss den vorstehenden Erwägungen, bestätigt in diesem Punkt durch das
Bundesgericht (act. 56 E. 7), haftet die D._ AG dem Geschädigten im
Grundsatze gestützt auf das Rohrleitungsgesetz. Dabei handelt es sich um eine
verschuldensunabhängige Kausalhaftung. Die F._ AG würde demgegenüber
– nach den beklagtischen Ausführungen – aus Arbeitsvertrag haften. Gemäss der
Stufenfolge von Art. 51 Abs. 2 OR hätte die F._ AG im Innenverhältnis ge-
genüber der kausalhaftpflichtigen D._ AG den gesamten Schaden zu tragen,
sollte sie dem Geschädigten tatsächlich aus Vertrag haften. Auf die D._ AG
- 40 -
entfiele diesfalls eine Quote von 0 % und die vorliegende Klage wäre vollumfäng-
lich abzuweisen.
Abzuklären bliebe indes, ob zur Kausalhaftung der D._ AG auch noch ein
Verschulden am Schaden des Geschädigten hinzu kommt, da die D._ AG in
diesem Fall bei Anwendung von Art. 51 Abs. 2 OR gegenüber einer aus Vertrag
haftbaren Person wiederum den gesamten Schaden zu tragen hätte. Das Re-
gressprivileg hätte in diesem Fall keinen Einfluss auf den Regressanspruch der
Klägerinnen.
Schliesslich stellte sich noch die Frage, ob auch die F._ AG neben der ver-
traglichen Haftung zusätzlich aus Art. 41 OR belangt werden könnte, wobei sie
diesfalls nur ein leichtes Verschulden am Schaden des Geschädigten treffen dürf-
te (bei grobem Verschulden entfiele das Regressprivileg ohnehin). Diesfalls wäre
die Stufenfolge von Art. 51 OR nicht relevant.
9.5. Behauptungs- und Beweislast
Nach der allgemeinen Regel von Art. 8 ZGB hat diejenige Partei eine Tatsache zu
behaupten und zu beweisen, aus der sie einen Anspruch ableitet.
Die Beklagte beruft sich auf das Regressprivileg der F._ AG, um ihre eigene
Haftungsquote zu verringern. Damit hat sie die Tatsachen darzulegen und zu be-
weisen, aus welchen auf ein solches Regressprivileg geschlossen werden kann.
Dafür hat sie insbesondere die Haftungsvoraussetzungen von Art. 328 OR darzu-
legen.
Auf der anderen Seite tragen die Klägerinnen die Behauptungs- und Beweislast
dafür, dass die D._ AG ein Verschulden trifft, insofern sie dadurch für die
Regressordnung nach Art. 51 OR etwas zu ihren Gunsten ableiten wollen.
9.6. Haftung der F._ AG
9.6.1. Parteibehauptungen
- 41 -
Zur Haftung der F._ AG erklärt die Beklagte in der Klageantwort, der Schlüs-
sel für die Verhütung dieses Gasunfalles habe ganz eindeutig beim Baugeschäft
F._ gelegen, worauf die Klägerinnen mit der Einreichung von act. 3/10 und
dem Hinweis auf die Pflichten eines Arbeitgebers in act. 1 Rz 18 zu Recht verwei-
sen würden. Die Verantwortlichen bei der F'._ AG hätten alle gebotenen
Vorsichts- und Schutzmassnahmen unterlassen, obwohl sie von der parallel zur
Kanalisation laufenden Gasleitung gewusst hätten (act. 15 Rz 15.a).
Die Klägerinnen bestreiten diese Ausführungen der Beklagten in der Replik nicht.
Vielmehr halten sie fest, dass es richtig sei, dass die Beklagte gemeinsam mit ei-
nem Dritten, d.h. dem Arbeitgeber, gegenüber dem Geschädigten hafte. Die Be-
klagte könne keinen Anteil ausscheiden, sondern habe für diesen solidarisch mit-
einzustehen (act. 28 Rz 21).
In der Duplik ergänzt die Beklagte, da die F._ AG mit ihrem Arbeitnehmer
B._ vertraglich verbunden sei und ihre Schutzpflichten aus Art. 328 OR nicht
erfüllt habe, hafte sie in zweiter Linie, bevor allenfalls das bei der Beklagten versi-
cherte D._ belangt werden könne (act. 32 Rz 69). Die Klägerinnen hätten
das Regressprivileg von B._s Arbeitgeberin F._ AG festgestellt und
würden damit implizit die Haftung derselben aus Art. 328 OR anerkennen, wofür
sie zwar subrogierten, aber durch das Regressprivileg am Regress gehindert
würden (act. 32 Rz 70). Speziell störend wäre eine solche Umlastung im vorlie-
genden Fall, weil dem privilegierten Arbeitgeber F._ AG mehrere Pflichtver-
letzungen anzulasten seien, während die Beklagte keine Pflichtverletzungen zu
verantworten habe, sondern rein kausal haften würde (act. 32 Rz 74).
Diese Ausführungen bestreiten die Klägerinnen in ihrer Novenstellungnahme vom
28. September 2015 nicht.
9.6.2. Würdigung
9.6.2.1. Haftungsvoraussetzungen
Nach Art. 328 OR hat der Arbeitgeber im Arbeitsverhältnis die Persönlichkeit des
Arbeitnehmers zu achten und zu schützen, auf dessen Gesundheit Rücksicht zu
- 42 -
nehmen und für die Wahrung der Sittlichkeit zu sorgen. Er hat zum Schutz von
Leben, Gesundheit und persönlicher Integrität der Arbeitnehmer die Massnahmen
zu treffen, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik an-
wendbar und den Verhältnissen des Betriebes oder Haushaltes angemessen
sind, soweit es mit Rücksicht auf das einzelne Arbeitsverhältnis und die Natur der
Arbeitsleistung ihm billigerweise zugemutet werden kann.
Die vertragliche Haftung des Arbeitgebers gegenüber einem Arbeitnehmer aus
Art. 97 OR setzt einen Schaden, eine Vertragsverletzung, einen genügenden
Kausalzusammenhang zwischen der Vertragsverletzung und dem Schaden sowie
ein Verschulden voraus, wobei sich die Vertragsverletzung auch aus Unterlas-
sungen ergeben kann, insb. aus der Nichterfüllung von Schutzpflichten (PORT-
MANN/RUDOLPH, in: Basler Kommentar, Obligationenrecht I, 6. Aufl., Basel 2015,
Art. 328 N 53).
9.6.2.2. Ausgangslage
Die Klägerinnen bestreiten die diesbezüglichen beklagtischen Äusserungen nicht,
sondern führen selber aus, dass neben der Beklagten auch die F._ AG hafte,
wobei sie diese Haftung als nicht relevant für das vorliegende Verfahren erachten.
Die Frage der Haftung als solche ist eine Rechtsfrage. Da das Gericht das Recht
von Amtes wegen anzuwenden hat (Art. 57 ZPO), ist es nicht an übereinstim-
mende rechtliche Ausführungen der Parteien gebunden. Es stellt sich vielmehr die
Frage, ob die tatsächlichen Ausführungen der Parteien genügen, damit auf eine
Haftung der F._ AG geschlossen werden kann. Dies ist nachfolgend zu prü-
fen. Dabei ist indes zu beachten, dass die Anerkennung der Haftung der F._
AG durch die Klägerinnen die Anforderungen an die Behauptungen der Beklagten
deutlich herabsetzen.
9.6.2.3. Arbeitsunfall
Die Klägerinnen führen selber in der Klage aus, dass der Geschädigte seit dem
Jahre 1986 bei der F._ AG beschäftigt gewesen sei, zunächst als Saisonnier,
ab 1. Januar 1999 in einem festen Arbeitsverhältnis als Bauarbeiter (act. 1 Rz 9).
- 43 -
Dies blieb unbestritten (act. 15 Rz 47) und davon geht auch die Beklagte aus (z.B.
act. 32 Rz 69). Sodann handelte es sich beim streitgegenständlichen Vorfall un-
strittig und ohne Weiteres um einen Arbeitsunfall.
9.6.2.4. Vertragsverletzung
Zu einer allfälligen Vertragsverletzung durch die F._ AG erklärt die Beklagte
lediglich sehr pauschal, die Verantwortlichen bei der F._ AG hätten – trotz
Kenntnis der parallel verlaufenden Gasleitung – alle gebotenen Vorsichts- und
Schutzmassnahmen unterlassen (act. 15 Rz 15.a) bzw. die F._ AG habe ihre
Schutzpflichten aus Art. 328 OR nicht erfüllt. Der F._ AG seien mehrere
Pflichtverletzungen anzulasten (act. 32 Rz 69 ff.). Was für Schutzpflichten wer bei
der F._ AG in welcher Weise verletzt haben soll, führt die Beklagte hingegen
nicht aus. Immerhin verweist sie auf die von den Klägerinnen eingereichte SUVA-
Broschüre (act. 3/10), zu welcher sie – allerdings unter dem Titel Selbstverschul-
den des Geschädigten – ausführt, dieser habe zu keinem Zeitpunkt eine Luftspü-
lung des Schachtes verlangt und trotz starkem Ammoniakgeruch im Schacht ge-
raucht. In act. 3/10 sei die allgemeine Sicherheitsregel enthalten, dass das Rau-
chen während der Arbeit in Schächten, Gruben und Kanälen zu unterlassen sei
(act. 15 Rz 18 ff.). Der Geschädigte und sein Equipenchef hätten als erfahrene
Tiefbauarbeiter in Schächten wissen müssen, dass der Arbeitsplatz des Geschä-
digten ausreichend hätte belüftet werden müssen (act. 32 Rz 83).
Es stellt sich die Frage, ob die Beklagte mit diesen zwar unsubstantiierten, jedoch
von den Klägerinnen nicht bestrittenen Ausführungen ihrer Behauptungslast ge-
nügend nachgekommen ist.
Nach Brönnimann wird der Behauptungslast durch das Anführen der gesetzlichen
Tatbestandsmerkmale genügt, wenn der Gegner nicht bestreitet, sofern die Sub-
sumtion unzweifelhaft ist (BRÖNNIMANN, Die Behauptungs- und Substanzierungs-
last im schweizerischen Zivilprozess, Diss Bern 1989, S 144). Dem ist zuzustim-
men. Die Beklagte behauptet, die F._ AG habe ihre Schutzpflichten nach
Art. 328 OR verletzt. Da klar ist, dass die Beklagte eine Haftung der F._ AG
für den Schaden des Geschädigten aus dem streitgegenständlichen Unfall ge-
- 44 -
stützt auf die genannte Bestimmung behauptet und die Klägerinnen diese Be-
hauptungen nicht bestreiten, war die Beklagte nicht gehalten, genauer auszufüh-
ren, um was für Schutzpflichten es sich gehandelt und auf welche Weise wer bei
der F._ AG dagegen verstossen haben soll. Aufgrund der Ausführungen zum
Selbstverschulden des Geschädigten scheint die Beklagte auch der F._ AG
bzw. dem Equipenchef des Geschädigten vorzuwerfen, kein Rauchverbot durch-
gesetzt und die Baustelle nicht genügend belüftet zu haben. Eine Verletzung einer
Schutzpflicht stellt eine Verletzung des Arbeitsvertrages dar. Mit ihren Ausführun-
gen ist die Beklagte ihrer Behauptungslast demnach noch genügend nachge-
kommen. Zudem muss davon ausgegangen werden, dass die Beklagte mit der
Geltendmachung einer Haftung der F._ AG nach Art. 328 OR implizit auch
eine Verletzung des Arbeitsvertrages behauptet hat.
9.6.3. Kausalzusammenhang und Schaden
Zum Kausalzusammenhang führt die Beklagte wiederum nur sehr pauschal aus,
der Schlüssel für die Verhütung dieses Gasunfalles habe ganz eindeutig beim
Baugeschäft F._ gelegen. Damit erklärt sie sinngemäss, dass die F._
AG durch die Einhaltung ihrer Schutzpflichten den Unfall des Geschädigten hätte
verhindern können und somit, dass deren Unterlassung natürlich kausal zum Un-
fall des Geschädigten geführt habe. Da diese Ausführungen unbestritten geblie-
ben sind und die Klägerinnen selber von einer Haftung ausgehen, kann der (na-
türliche) Kausalzusammenhang zwischen der Unterlassung der F._ AG und
dem Unfall des Geschädigten als genügend behauptet und – da unbestritten ge-
blieben – erstellt angesehen werden.
Demgegenüber bestreitet die Beklagte selber den geltend gemachten Schaden
des Geschädigten sowie auch die Kausalität zwischen dessen Unfall und den gel-
tend gemachten psychischen Beeinträchtigungen. Damit behauptet sie selber
auch nicht, dass durch die Pflichtverletzung der F._ AG dem Geschädigten
kausal ein Schaden entstanden sei. Dies gereicht der Beklagten indes vorliegend
nicht zum Nachteil, da die Klägerinnen die genau gleiche Kausalität und den sel-
ben geltend gemachten Schaden für die Begründung der Haftung der D._
AG behauptet haben. Gelingt es den Klägerinnen, den entsprechenden kausalen
- 45 -
Schaden zu beweisen, ist von dessen Bestehen im gesamten Verfahren – also
auch im vorliegenden Zusammenhang – auszugehen. Misslingt den Klägerinnen
der entsprechende Beweis, entfällt neben der Haftung der F._ AG auch die-
jenige der D._ AG, womit ein Regress auf die Beklagte ohnehin nicht in Fra-
ge käme. Nichts anderes gilt im Übrigen in Bezug auf die (Rechts-)Frage der
Adäquanz.
9.6.4. Verschulden
Bei der vertraglichen Haftung nach Art. 328 in Verbindung mit Art. 97 OR wird das
Verschulden vermutet. Die Klägerinnen hätten dieses entsprechend zu widerle-
gen gehabt. Dies haben sie nicht getan.
Schliesslich ist unerheblich, wer bei der F._ AG für die Einhaltung der
Schutzpflichten verantwortlich gewesen wäre und dies unterlassen hat. Waren es
keine Organe, deren Handlungen der F._ AG ohnehin anzurechnen wären
(Art. 55 ZGB), kommt Art. 101 OR zur Anwendung. Auch diese Haftung ist unter
die vertraglichen zu subsumieren (BREHM, in: Berner Kommentar, Die Entstehung
durch unerlaubte Handlungen, 4. Aufl., Bern 2013, Art. 51 N 58).
Ein Haftpflichtiger kann gleichzeitig aus mehreren Haftungsgründen für denselben
Schaden einstehen müssen. Wer durch eine objektiv unerlaubte Handlung eines
Vertragspartners schuldhaft bei der Vertragsausführung geschädigt wird, kann
sowohl aufgrund des Vertrages als auch gestützt auf Art. 41 OR klagen. Das Ver-
schulden bei einer unerlaubten Handlung ist gleich zu bewerten und zu bemessen
wie das Verschulden bei schlechter Vertragsausführung. Dementsprechend fällt
derjenige, der schuldhaft einen Vertrag schlecht erfüllt, indem er gleichzeitig eine
unerlaubte Handlung begeht, in die "erste Linie" von Art. 51 Abs. 2 OR. Das man-
gelnde Erbringen des Nichtverschuldensbeweises bedeutet nun aber umgekehrt
nicht, dass damit der Verschuldensbeweis erbracht wäre (BREHM, a.a.O., Art. 51
N 54 f und 82). Da keine der Parteien behauptet, geschweige denn Beweismittel
dafür nennt, dass die F._ AG ein Verschulden treffe, ist ein solches (weder
ein leichtes, noch ein grobes – welches das Regressprivileg entfallen liesse) zu
verneinen.
- 46 -
Schliesslich müsste ohnehin ein Organ der F._ AG ein Verschulden treffen,
damit dieses der Arbeitgeberin selber angerechnet werden könnte. Insofern dies
bei einer Hilfsperson zutreffen sollte, müssten die Klägerinnen, wenn sie sich auf
eine Verschuldenshaftung stützen wollten, gegen die Hilfsperson persönlich vor-
gehen.
9.6.5. Fazit
Die Beklagte behauptet zwar die Anspruchsvoraussetzungen für eine Haftung der
F._ AG nach Art. 328 OR nur sehr pauschal, da diese Ausführungen jedoch
unbestritten geblieben sind und die Klägerinnen sogar die Haftung der F._
AG explizit anerkennen, ist davon auszugehen, dass die Beklagte alle An-
spruchsvoraussetzungen genügend behauptet hat.
Da sich damit gemäss unbestrittenem Sachverhalt der Arbeitsunfall des Geschä-
digten nicht ereignet hätte und damit durch diesen auch kein Schaden entstanden
wäre, wenn die F._ AG bzw. deren Angestellte ihre Pflichten zum Schutz der
Persönlichkeit des Geschädigten eingehalten hätten, ist im vorliegenden Verfah-
ren davon auszugehen, dass die F._ AG für den (allfälligen) kausalen Scha-
den des Geschädigten nach Art. 328 OR haftet.
Eine (zusätzliche) Haftung aus Verschulden ist dagegen – mangels entsprechen-
der Behauptungen – zu verneinen.
9.7. Verschulden der D._ AG
9.7.1. Ausgangslage
Aufgrund der Regressordnung von Art. 51 OR ist vorliegend entscheidend, ob die
D._ AG ein Verschulden trifft, womit sie an erster Stelle haften würde und die
Klägerinnen voll auf die Beklagte Regress nehmen könnten, oder ob sie "bloss"
kausal haftpflichtig ist, in welchem Fall aufgrund des Regressprivilegs nicht auf sie
bzw. die Beklagte zurückgegriffen werden könnte.
9.7.2. Parteivorbringen
- 47 -
Die Klägerinnen erklären in der Klage, dass der Unfallexperte des TISG der
E._ AG bescheinigt habe, dass die verlangten periodischen Kontrollen
durchgeführt worden seien und das Gasverteilnetz bei Bedarf instand gesetzt
worden sei. Dies alleine begründe jedoch noch nicht die ausreichende Sorgfalt.
Zum einen habe das TISG festgestellt, dass die Protokollierung der periodischen
Kontrolle lückenhaft und verbesserungswürdig sei, womit zu fragen sei, wie der
Unfallexperte überhaupt habe feststellen können, dass bezüglich der Überwa-
chung des Netzes keine Sorgfaltspflichten verletzt worden seien. Zum anderen
habe die E._ AG bereits mehr als zwei Monate vor dem Unfall festgestellt,
dass die Gasverluste und die Messdifferenzen zugenommen hätten. Der Gas-
meister habe bereits im Sommer 2004 mit einer systematischen Lecksuche be-
gonnen, die aber keine erkennbaren Resultate gezeigt habe. Obwohl die E._
AG damit gewusst habe, dass im Leitungsnetz ein Leck gegeben sein müsse, und
sie gewusst habe, dass sich das austretende Gas durch die Kanalisation weiter
verbreiten und sich an der tiefsten Stelle sammeln würde, und obwohl sie gewusst
habe, dass mit der Kanalschachtsanierung an der Hauptstrasse an einem Ort ge-
arbeitet würde, wo sich solches austretendes Gas sammeln könnte, habe die
E._ AG zu keinem Zeitpunkt die F._ AG als verantwortlichen Bauunter-
nehmer oder aber das Tiefbauamt des Bezirks C._ informiert. Damit habe die
D._ AG ihre Sorgfaltspflichten verletzt (act. 1 Rz 27 ff.).
Die Beklagte verneint dagegen in der Klageantwort ein Verschulden der D._
AG. Der Betrieb des Gasnetzes werde von dieser sehr sorgfältig geführt. Die Klä-
gerinnen könnten keine Unsorgfalt substantiiert behaupten. Sodann habe das
TISG bestätigt, dass sie keine Verletzung der Sorgfaltspflicht hätten feststellen
können. Offenbar hätten sich die Kontrollen immerhin rekonstruieren lassen. Zwar
treffe es zu, dass die D._ AG aufgrund ihrer dauernden Netzüberwachung im
Sommer 2004 unerklärliche Gasverluste und Messdifferenzen festgestellt habe,
bestritten werde jedoch die simple Vorstellung der Klägerinnen, dass Gas entwi-
chen sei. In einem Gasnetz herrschten ständige Bewegungen, durch die Vertei-
lung bzw. die Bezüge und deren zeitliche Spitzen nach oben und unten sowie
durch Temperatur-, Feuchtigkeits- und Fliessrichtungswechsel im komprimier-
und expandierbaren Gas. Messungen seien demzufolge nie genau. Zudem liege
- 48 -
es in der Natur von Gasen, dass sie flüchtig seien. Alle technischen Massnahmen
in einem Gasnetz seien deshalb darauf angelegt, diese Probleme unter Kontrolle
zu behalten, aber eine absolute Genauigkeit sei nie möglich. Dennoch müsse
man jedem Anzeichen, dass das Gasnetz nicht zuverlässig dicht sei, nachgehen,
was der Gasmeister P._ getan habe. Es treffe zwar zu, dass Gasmeister
P._ über die Sanierungsarbeiten an der Kanalisation im Bild gewesen sei,
das für die Kanalisationssanierung verantwortliche Tiefbauamt umgekehrt von
den parallel verlaufenden Gasleitungen, doch habe Herr P._ nur anfänglich
an den Baubesprechungen teilgenommen. Es könne nicht von einer Begleitung
gesprochen werden, denn das sei nicht notwendig gewesen, da die Bauarbeiten
die Trasse der Gasleitungen nicht tangiert hätten. Die D._ AG bzw. ihr Gas-
meister hätten zwar im Unfallzeitpunkt nach der Möglichkeit eines Lecks oder ei-
ner anderen Erklärung für die in der Überwachung erkannten Schwankungen su-
chen müssen und auch gesucht, ein Wissen von einem Leck müsse aber bestrit-
ten werden. Dass der Gasmeister an der Bausitzung eine allgemeine Gaswar-
nung hätte herausgeben sollen, wäre übertrieben gewesen. Wenn er das bei je-
der Baustelle gemacht hätte, würde eine wirklich ernste Warnung nicht mehr ernst
genommen. Die Klägerinnen könnten nicht dartun, welche Sorgfaltspflicht die
D._ AG verletzt habe. Es habe keine Anzeichen dafür gegeben, dass im Be-
reich der Kanalisationsbaustelle Gas ausgetreten sei. Der Gasmeister P._
sei zwar in ärztlicher Behandlung, aber im Unfallzeitpunkt noch voll im Einsatz
gewesen (act. 15 Rz 27 ff.).
In der Replik erklären die Klägerinnen, den Ausführungen der Beklagten, es sei
eine falsche Vorstellung, dass Gas entwichen sei, stehe offenkundig entgegen,
dass die D._ AG eine Lecksuche unternommen habe. Wenn diese davon
ausgehe, es liege ein Leck vor, dann gehe sie also davon aus, dass durch dieses
Leck Gas entweiche, was ja auch logisch sei. Es bestehe nicht erst dann eine
Notwendigkeit, die an den Bauarbeiten an der Kanalisation von C._ beteilig-
ten Firmen zu informieren, wenn ein festes Wissen um ein Leck gegeben sei. Die
blosse Möglichkeit reiche aus, um eine Informationspflicht zu begründen, zumal
die D._ AG zugestandenermassen davon gewusst habe, dass Bauarbeiten
an der Kanalisation stattgefunden hätten. Aufgrund der unerklärlichen Gasverlus-
- 49 -
te und Messdifferenzen habe die reale Gefahr eines Lecks bestanden, weswegen
es eine überaus ernste Warnung gewesen wäre, bei den Kanalisationsarbeiten
auf diese Gefahr Rücksicht zu nehmen. Die D._ AG habe jedes Mal schon
dann eine Warnung auszusprechen, wenn auch nur die Möglichkeit einer ernst zu
nehmenden Gefahr bestehe, die von ihrer Rohrleitung ausgehe. Dass der Gas-
meister trotz schwerer Krankheit noch voll arbeitsfähig gewesen sei, widerspreche
den Ausführungen im Polizeirapport vom 13. April 2005. So oder anders treffe die
D._ AG ein Verschulden. Sofern Gasmeister P._ voll arbeitsfähig gewe-
sen sei, es aber unterlassen habe, die beteiligten Baufirmen über die Gefahr ei-
nes Gasaustrittes ins Erdreich und in die Kanalisation zu informieren, sei dieses
Verschulden der D._ AG ohne Weiteres zuzurechnen; sei er hingegen nicht
arbeitsfähig gewesen, so treffe die D._ AG ein Verschulden, nicht dafür ge-
sorgt zu haben, dass seine Aufgaben von einer Ersatzperson oder Ersatzorgani-
sation wahrgenommen worden seien. Die D._ AG habe es unterlassen, den
Ursachen der Gasverluste nachzugehen und die beteiligten Baufirmen über das
Risiko von Gasansammlungen auf der Baustelle zu informieren (act. 28 Rz 31 ff.).
In der Duplik erklärt die Beklagte sodann, der Umstand dass die D._ AG auf-
grund ihrer dauernden Netzüberwachung im Sommer 2004 unerklärliche Gasver-
luste und Messdifferenzen festgestellt und auch sofort reagiert habe, bedeute
entgegen der Meinung der Klägerinnen nicht, dass sie davon ausgegangen wäre
oder hätte davon ausgehen müssen, es müsse ein Leck vorliegen. Eine Undich-
tigkeit i.S. von Art. 32 RLG sei bis zum Fund an der J._-Strasse am
15. November 2004 trotz aller Anstrengungen nicht feststellbar gewesen. Sodann
macht die Beklagte geltend, die D._ AG sei im Konzessionsvertrag zum Be-
trieb des Gasnetzes und zur Belieferung der Kunden verpflichtet. Es sei also nicht
so, dass ein Gaswerk nach der Vermutung von Unstimmigkeiten im Gasnetz den
Haupthahn einfach zudrehen könne, sondern die Lieferpflicht bleibe, und die Su-
che nach Ursachen und eine allfällige Reparatur müssten wenn immer möglich
"unter Betrieb" erfolgen. Eine allgemeine Information von Herrn P._, er gehe
unerklärlichen Phänomenen im Netz nach, wäre für niemanden hilfreich gewesen,
denn das sei die tägliche Aufgabe des Gasmeisters: Netzüberwachung und Ana-
lyse sowie Behebung von Problemen. Das wüssten die Bausitzungsteilnehmer
- 50 -
aber schon, bevor sie am Tisch Platz nehmen würden. Die Bauarbeiten an der
Kanalisation hätten die Trasse der Gasleitungen gar nicht tangiert. Mit einem Kon-
flikt zwischen den Kanalisations-Sanierungsarbeiten und dem Gasnetz sei dem-
nach gar nicht zu rechnen gewesen. Es sei sodann lediglich darum gegangen,
den Kanalisationsschacht auszuwechseln, also um ein vertikales Bauteil. Es wer-
de bestritten, dass Gasmeister P._ nicht arbeitsfähig gewesen sei. Zwar sei-
en der D._ AG Gasverluste bekannt gewesen, diese hätten aber auch jen-
seits der Schnittstelle zu Verbrauchern entstanden sein können. Eine Orientierung
der an der Kanalisation beteiligten Baufirmen mit einem allgemeinen Gasalarm
wäre übertrieben und für diese nicht hilfreich gewesen, solange keine wenigstens
grobe räumliche Eingrenzung möglich und ausserhalb des Netzes überhaupt kein
Gasgeruch feststellbar gewesen sei (act. 32 Rz 86 ff.).
9.7.3. Würdigung
9.7.3.1. Ausgangslage
Die Klägerinnen werfen der D._ AG einerseits sinngemäss vor, dass sie ihr
Rohrleitungsnetz nicht genügend gewartet/kontrolliert hätte, indem sie die Ausfüh-
rungen des TISG aufgrund der festgestellten mangelhaften Protokollierung infrage
stellen. Andererseits führen sie aus, dass die D._ AG die F._ AG über
die von ihr festgestellten Gasverluste hätte informieren müssen. Beides wird von
der Beklagten bestritten.
9.7.3.2. Kontrollen / Instandsetzung der Gasleitung
Das TISG-Gutachten hält explizit fest, dass die Gutachter anhand von Stichpro-
benkontrollen im D._ festgestellt hätten, dass die verlangten periodischen
Kontrollen durchgeführt und das Gasverteilnetz bei Bedarf Instand gesetzt worden
sei. Eine Verletzung einer Sorgfaltspflicht beim D._ habe nicht festgestellt
werden können (act. 3/1 Rz 6.3).
Dies bestätigen auch die Klägerinnen in der Klagebegründung (act. 1 Rz 29). Sie
erklären einzig, es sei fraglich, wie der Unfallexperte angesichts einer lückenhaf-
ten Protokollierung dies überhaupt habe feststellen können (act. 1 Rz 30). Ausser
- 51 -
dieser pauschalen Kritik am TISG-Gutachten führen die Klägerinnen nichts aus,
was auf eine mangelhafte Kontrolle oder Instandsetzung der Anlage durch die
D._ AG schliessen lassen würde. Damit können sie die Feststellung des
TISG nicht in Zweifel ziehen. Es ist davon auszugehen, dass die TISG-Gutachter
die Kontrollen der D._ AG trotz der "lückenhaften und verbesserungswürdi-
gen" Protokollierung nachvollziehen konnten, ansonsten sie nicht auf eine so ein-
deutige Schlussfolgerungen gekommen wären.
Das TISG-Gutachten ist in dieser Hinsicht denn auch klar. Die Gutachter vernei-
nen ein Verschulden der D._ AG. Dass auf das TISG-Gutachten vollumfäng-
lich abgestellt werden kann, wurde sodann vom Bundesgericht bestätigt. Damit
kann vorliegend als bewiesen erachtet werden, dass die D._ AG ihren Pflich-
ten in Bezug auf Kontrolle und Instandhaltung des Gasnetzes nachgekommen ist.
Sodann offerieren die Klägerinnen neben dem TISG-Gutachten keine weiteren
Beweismittel zu dieser Frage. Hätten sie das TISG-Gutachten in diesem Punkt in
Frage stellen wollen, hätten sie ein neues Gutachten verlangen oder zumindest
die Zeugeneinvernahmen der Gutachter oder weiterer Personen offerieren müs-
sen. Dies haben sie nicht getan.
9.7.3.3. Warnung vor Gasverlust
Diesbezüglich ist unstrittig, dass die D._ AG im Sommer 2004 Messdifferen-
zen und Gasverluste feststellte und mit einer bis zum Unfallzeitpunkt erfolglosen
Lecksuche begonnen hatte. Während es die Klägerinnen aufgrund dieser Tatsa-
chen als erstellt erachten, dass die D._ AG zum Unfallzeitpunkt mit einem
Leck in ihren Leitungen rechnen musste und damit verpflichtet gewesen wäre, in
Leitungsnähe tätige Bauunternehmen entsprechend zu warnen, stellt die Beklagte
sich auf dem Standpunkt, dass die D._ AG nicht von einem Leck in den Gas-
leitungen ausgegangen sei und auch nicht mit einem solchen habe rechnen müs-
sen, da in einem Gasnetz aufgrund der flüchtigen Natur von Gasen ständig Be-
wegung herrsche und Messungen damit nie genau seien.
- 52 -
Wie dargelegt, tragen die Klägerinnen im vorliegenden Zusammenhang die Be-
weislast für ein Verschulden der D._ AG. Damit haben sie darzulegen, dass
es von dieser mindestens fahrlässig war, aufgrund der festgestellten Gasverluste
keine Warnung gegenüber der F._ AG auszusprechen. Vorwerfbar ist bei der
Fahrlässigkeit ein jeweils objektiv zu messender Mangel an Sorgfalt, wobei sich
Sorgfaltspflichten in erster Linie aus gesetzlichen Regelungen, die der Unfallver-
hütung und der Sicherheit dienen, sowie aus allgemein anerkannten Verhaltens-
regeln ergeben. Sodann kann auf den allgemeinen Gefahrensatz abgestellt wer-
den (KESSLER, in: Basler Kommentar Obligationenrecht I, 6. Aufl., Basel 2015,
Art. 41 N 48). Ist das Verschulden einer juristischen Person zu beurteilen, so ist
auf das Verschulden der Organe abzustellen (Art. 55 Abs. 2 ZGB; KESSLER,
a.a.O., Art. 41 N 46).
Gemäss Art. 32 RLG hat eine Unternehmung unverzüglich alle geeigneten Mass-
nahmen zu treffen, um das Entstehen oder die Ausbreitung eines Schadens zu
verhindern und entstandene Schäden oder Gefahren raschestens zu beheben,
wenn eine Rohrleitungsanlage undicht wird. Insbesondere sind das Bundesamt
und die von der Kantonsregierung bezeichnete Alarmstelle unverzüglich zu be-
nachrichtigen. Wussten die Verantwortlichen der D._ AG tatsächlich von ei-
ner Undichtigkeit ihrer Rohrleitungsanlage, hätten entsprechende Meldungen
demnach erfolgen müssen. Gleiches gilt für den Fall, dass sie aufgrund der fest-
gestellten Gasverluste von einer undichten Gasleitung hätten ausgehen müssen,
das Leck jedoch (noch) nicht entdeckt hätten.
Damit haben die Klägerinnen in rechtsgenügender Weise darzulegen und zu be-
weisen, dass ein Organ der D._ AG von einem Leck in der Rohrleitungsanla-
ge wusste oder zumindest mit einem solchen hätte rechnen müssen, und den-
noch die entsprechenden Stellen und die F._ AG über die Gefahrensituation
nicht informierte.
Nach Art. 55 Abs. 1 ZPO haben die Parteien dem Gericht die Tatsachen darzule-
gen, auf die sie ihre Begehren stützen, und die Beweismittel anzugeben. Die kon-
kreten Anforderungen an die Substantiierung der anspruchsbegründenden Tatsa-
chen ergeben sich einerseits aus den Tatbestandsmerkmalen der angerufenen
- 53 -
Norm und andererseits aus dem prozessualen Verhalten der Gegenpartei. Tatsa-
chenbehauptungen sind so konkret zu halten, dass ein gezieltes Bestreiten mög-
lich ist und der Gegenbeweis angetreten werden kann. Bestreitet der Prozess-
gegner das Vorbringen der behauptungsbelasteten Partei schlüssig und wider-
spruchsfrei, muss diese die rechtserheblichen Tatsachen nicht nur in den Grund-
zügen, sondern so umfassend und klar darlegen, dass darüber Beweis abge-
nommen werden kann. Nur hinreichend substantiierte Sachvorbringen begründen
einen Beweisanspruch (WALTER, a.a.O., Art. 8 N 199 f.; BGE 127 III 365 E. 2b mit
Hinweisen).
Die klägerischen Ausführungen beschränken sich auf die Aussage, dass Gasver-
luste festgestellt worden seien und mit einer Gaslecksuche begonnen worden sei,
weshalb die D._ AG mit einem Gasleck gerechnet habe. Nachdem die Be-
klagte in der Klageantwort und insbesondere in der Duplik bestreitet, dass allein
aufgrund dieser beiden (unstrittigen) Tatsachen darauf geschlossen werden kön-
ne, dass auch tatsächlich mit einer lecken Gasleitung habe gerechnet werden
müssen, und eine nicht unplausible Erklärung für ihren Standpunkt wiedergibt,
hätten die Klägerinnen substantiiert und detailliert dazulegen gehabt, wer bei der
D._ AG wann genau Gasverluste in welchem Umfang festgestellt hat bzw.
darüber in Kenntnis gesetzt wurde, damit die Frage einer Pflichtverletzung hätte
beurteilt werden können. Dies haben sie nicht gemacht.
So führen die Klägerinnen gar nicht aus, dass ein Organ der D._ AG über-
haupt von den Gasverlusten Kenntnis hatte oder hätte Kenntnis haben müssen.
Sie erklären nicht einmal, wer im Zeitpunkt des Unfalles bzw. in den Monaten zu-
vor überhaupt Organ bei der D._ AG war. Eine allfällige schuldhafte Missach-
tung einer Meldepflicht durch die D._ AG hätte jedoch nur bei Kenntnis (oder
selbst verschuldeter Unkenntnis) ihrer Organe über die konkrete Situation beste-
hen können. Entsprechend legen die Klägerinnen kein Verschulden der D._
AG dar.
Denn während für eine Befreiung von der Haftung nach Rohrleitungsgesetz ge-
mäss expliziter Bestimmung in Art. 33 Abs. 2 RLG auch keine Person, für welche
der Inhaber oder Eigentümer einer Rohrleitungsanlage verantwortlich ist, ein Ver-
- 54 -
schulden treffen darf und insofern eine auf gesetzlicher Regelung beruhende Ver-
schuldenszurechnung für Hilfspersonen besteht, ist für den Regress im Innenver-
hältnis mehrerer Haftpflichtiger nur das eigene Verschulden einer beteiligten Par-
tei relevant. Damit könnte ein allfälliges Verschulden von Gasmeister P._ der
D._ AG diesbezüglich nicht angerechnet werden.
Sodann können die Klägerinnen auch mit dem (bestrittenen) Vorwurf, dass die
D._ AG trotz einer (teilweisen) Arbeitsunfähigkeit von Gasmeister P._
nicht dafür gesorgt habe, dass dessen Aufgaben von einer Ersatzperson oder Er-
satzinstitution wahrgenommen worden seien, kein Verschulden der D._ AG
am Schaden des Geschädigten konstruieren. Denn Gasmeister P._ war un-
strittig zumindest noch in der Lage, Gasverluste festzustellen und mit einer Leck-
suche zu beginnen. Somit war er zweifellos auch noch dazu fähig, wenn nötig ei-
ne Gefährdungsmeldung an die F._ AG zu übermitteln. Eine andere Pflicht-
verletzung werfen dem Gasmeister auch die Klägerinnen nicht vor. Damit ist
selbst bei Annahme einer teilweisen Arbeitsunfähigkeit des Gasmeisters nicht er-
sichtlich, inwiefern die D._ AG für den Schaden des Geschädigten ein Ver-
schulden treffen sollte. Weiter haben die Klägerinnen ohnehin kein taugliches
Beweismittel für die Arbeits(un)fähigkeit bzw. den Gesundheitszustand des Gas-
meisters im relevanten Zeitpunkt genannt. Aus dem Polizeirapport der Kantonspo-
lizei Schwyz vom 13. April 2005 geht jedenfalls nicht mit der nötigen Sicherheit
hervor, dass er in einem solchen Grade arbeitsunfähig war, dass die D._ AG
seine Ersetzung nicht schuldhaft unterlassen konnte.
Hinzu kommt, dass die Klägerinnen auch die Umstände, welche eine Meldepflicht
auslösen könnten, nicht genügend darlegen. Sie hätten diesbezüglich insbeson-
dere zu behaupten gehabt, wie gross die festgestellten Gasverluste tatsächlich
waren. Dies wäre nötig gewesen, um Rückschlüsse auf eine allfällige Meldepflicht
ziehen zu können. Denn bei nur marginalen Gasverlusten muss ein Gaswerk
nicht von einem Leck in ihren Leitungen ausgehen, wohingegen sich bei grossen
Verlusten der entsprechende Schluss geradezu aufdrängt. Dazu liessen sich die
Klägerinnen jedoch nicht vernehmen. Sie hätten sodann zumindest taugliche Be-
weismittel dafür offerieren müssen, dass die Menge des entwichenen Gases hätte
- 55 -
festgestellt werden können. Auch dies haben die Klägerinnen unterlassen. Ohne
die Feststellung der entsprechenden Grundlagen ist es jedoch – auch für einen
Experten – nicht möglich, die Frage einer Pflichtverletzung zu beurteilen. Nur bei
Kenntnis über den Umfang der festgestellten Gasverluste könnte somit überhaupt
Beweis darüber geführt und beurteilt werden, ob das Unterlassen einer Gefähr-
dungsmeldung tatsächlich eine Pflichtverletzung darstellte. Auch aus diesem
Grund ist ein Verschulden der D._ AG nicht dargetan.
Schliesslich könnten die Klägerinnen, selbst wenn man ihre Behauptungen in die-
sen Punkten genügen lassen wollte, den entsprechenden Beweis dafür nicht er-
bringen, da sie keine tauglichen Beweismittel genannt haben. Der Umstand, dass
die D._ AG mit einer Lecksuche begann, zeigt zwar, dass ein Leck für mög-
lich gehalten wurde. Dies beweist aber nicht mit dem erforderlichen Mass, dass
sie tatsächlich hätte davon ausgehen müssen, dass wirklich ein Gasleck vorlag.
Ohne Anmassung von entsprechenden technischen Kenntnissen kann das hiesi-
ge Gericht dies nicht willkürfrei feststellen. Die unter diesem Titel offerierten Ur-
kunden sagen nichts über eine allfällige Meldepflicht der D._ AG aus. Viel-
mehr wird dieser im TISG-Gutachten explizit bescheinigt, dass sie kein Verschul-
den treffe. Ein (technisches/chemisches/physikalisches) Gutachten offerieren die
Klägerinnen sodann unter dem Titel des Verschuldens der D._ AG einzig zu
Randziffer 36 der Replik. In dieser Ziffer machen die Klägerinnen jedoch – wie
dargelegt – weder Behauptungen über die Menge des entwichenen Gases, noch
führen sie andere Umstände aus, aufgrund welcher das Vorliegen einer Melde-
pflicht für einen Gutachter beurteilbar würde.
Sodann wäre ein Verschulden der D._ AG für einen Regress auf die Beklag-
te im Innenverhältnis gar nicht relevant. Denn die Beklagte hat als Versicherer
gemäss Art. 35 RLG die Risiken einer Haftung nach den Art. 33 und 34 RLG zu
decken. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie gemäss dem Versicherungsver-
trag zusätzlich auch für schuldhaftes Verhalten im Sinne von Art. 41 OR einzu-
stehen hat. Dies wurde zumindest von keiner der Parteien vorgebracht. Damit
müsste auf die D._ AG selber Regress genommen werden, wenn man einen
aus Verschulden haftpflichtigen, der an erster Stelle der Regressordnung nach
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Art. 51 OR steht, ins Recht fassen wollte. Der Beklagten wäre ein solches nicht
anzurechnen. Und ein eigenes Verschulden der Beklagten am Schaden des Ge-
schädigten ist ohnehin zu verneinen.
9.8. Fazit
Nach dem Gesagten ist vorliegend davon auszugehen, dass die F._ AG als
Arbeitgeberin gegenüber dem Geschädigten aus dem Arbeitsvertrag haftbar ist.
Daneben haftet auch die D._ AG aus dem Rohrleitungsgesetz, ohne dass sie
zusätzlich ein Verschulden am eingetretenen Schaden trifft.
Nach der gesetzlichen Ordnung von Art. 51 Abs. 2 OR haftet damit die F._
AG an zweiter Stelle und die D._ AG (bzw. die Beklagte) erst an dritter Stel-
le. Somit beträgt die Quote, welche von der D._ AG bzw. der Beklagten zu
tragen ist, vorliegend 0 %. Für eine Abweichung von der Stufenfolge nach Art. 51
Abs. 2 OR besteht sodann kein Anlass, zumal das Bundesgericht – entgegen der
Lehrmeinung zur Vorwegtragung der Betriebsgefahr – an der wortlautgemässen
Anwendung dieser Bestimmung festgehalten hat (BGE 137 III 352). Dafür fehlt es
auch an genügenden Parteibehauptungen zum Verhältnis der beiden haftpflichti-
gen Parteien. Das Regressprivileg der F._ AG schlägt damit voll auf die Be-
klagte durch, womit ein Regress auf sie nicht möglich ist. Somit ist die Klage voll-
umfänglich abzuweisen.
10. Gesundheitliche Beeinträchtigungen und Arbeitsfähigkeit
Da die Klage nach dem Gesagten aufgrund der ausgedehnten Wirkung des Re-
gressprivilegs der F._ AG auf die Beklagte auch dann vollumfänglich abzu-
weisen wäre, wenn ein Regressanspruch der Klägerinnen grundsätzlich bestün-
de, kann vorliegend offen bleiben, welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen
der Geschädigte tatsächlich erlitten hat und wie sich diese auf seine Arbeitsfähig-
keit ausgewirkt haben. Somit ist die Einholung eines entsprechenden Gutachtens
vorliegend obsolet.
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11. Kausalität
Aufgrund der dargestellten Wirkung des Regressprivilegs erübrigen sich sodann
Ausführungen zur Kausalität. Festzuhalten bleibt, dass das Bundesgericht im
Rückweisungsentscheid auf die Rüge der Beklagten in Bezug auf das (verneinte)
Selbstverschulden des Geschädigten nicht eingetreten ist (act. 56 E. 9).
12. Schadenersatzbemessung/Schadensberechnung/Regressansprüche
Die diesbezüglichen Ausführungen entfallen. Zu bemerken ist immerhin, dass das
Bundesgericht in Bezug auf den Rentenschaden im Rückweisungsentscheid be-
stätigt hat, dass eine Subrogation der Klägerinnen unabhängig davon erfolge, ob
der Rentenschaden aus Finanzierungslücken bei der AHV oder solchen bei der
BVG-Rente resultiert (act. 56 E. 5).
13. Regresszins
Auch diesbezügliche Erwägungen sind obsolet. Anzumerken ist, dass das Bun-
desgericht im Rückweisungsentscheid nicht auf die Rüge der Beklagten eingetre-
ten ist, dass den Klägerinnen im aufgehobenen Entscheid ein Regresszins zuge-
sprochen worden war (act. 56 E. 10).
14. Zusammenfassung der Tat- und Rechtsfragen
Der Geschädigte erlitt am 8. September 2004 in einem Kanalisationskontroll-
schacht in C._ infolge einer Entzündung von Gas, welches aus der Rohrlei-
tungsanlage der D._ AG ausgetreten war, einen Unfall. Für dessen Folgen
haftet die Beklagte grundsätzlich gegenüber dem Geschädigten als Haftpflichtver-
sicherer der D._ AG kausal nach Art. 33 Abs. 1 RLG. Sodann ist davon aus-
zugehen, dass vorliegend neben der Beklagten auch die Arbeitgeberin des Ge-
schädigten, die F._ AG, für den Schaden des Geschädigten aus Arbeitsver-
trag haftet. Da letztere im Innenverhältnis mit der D._ AG bzw. der Beklagten
nach Art. 51 Abs. 2 OR den gesamten Schaden zu tragen hätte, profitiert die Be-
klagte gemäss den verbindlichen Erwägungen des Bundesgerichts im Rückwei-
sungsentscheid vollumfänglich vom Regressprivileg der F._ AG nach Art. 75
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Abs. 2 ATSG. Damit ist die Klage abzuweisen und es kann offen bleiben, ob der
Geschädigte tatsächlich kausal den geltend gemachten Schaden erlitten hat.
15. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Die Höhe der Gerichtskosten bestimmt sich nach der Gebührenverordnung des
Obergerichts (GebV OG) vom 8. September 2010 (Art. 96 ZPO i.V.m. Art. 199
Abs. 1 GOG) und richtet sich in erster Linie nach dem Streitwert bzw. nach dem
tatsächlichen Streitinteresse (§ 2 Abs. 1 lit. a GebV OG). Der Streitwert wird durch
das Rechtsbegehren bestimmt (Art. 91 ZPO) und beträgt vorliegend
CHF 1'321'242.35 (act. 1 S. 2). In Anwendung von § 4 Abs. 1 und 2 GebV OG
sind die Gerichtskosten unter Berücksichtigung des besonderen Zeitaufwandes
sowie der teilweise komplexen Rechtsfragen auf rund vier Drittel der Grundgebühr
festzusetzen und ausgangsgemäss den Klägerinnen – unter solidarischer Haftung
– aufzuerlegen. Sie sind (soweit möglich) vorab aus dem von der Klägerin 1 ge-
leisteten Vorschuss in Höhe von CHF 34'000.– zu decken (Art. 111 Abs. 2 ZPO).
Ausserdem haben die Klägerinnen als unterliegende Parteien – unter solidari-
scher Haftung – der Beklagten eine Parteientschädigung zu bezahlen (Art. 106
Abs. 1 ZPO). Die Höhe der Parteientschädigung wird nach der Anwaltsgebühren-
verordnung vom 8. September 2010 (AnwGebV) festgesetzt (Art. 105 Abs. 2 und
Art. 96 ZPO). Die Grundgebühr ist mit der Begründung oder Beantwortung der
Klage verdient, wobei auch die Teilnahme an der Hauptverhandlung abgedeckt
ist. Für die Teilnahme an zusätzlichen Verhandlungen und für jede weitere not-
wendige Rechtsschrift ist ein Zuschlag zu berechnen (§ 11 Abs. 1 und 2 Anw-
GebV). In Anbetracht der eingereichten Rechtsschriften und der durchgeführten
Vergleichsverhandlung (Prot. S. 8 f.) ist die Parteientschädigung in Anwendung
von §§ 2, 4 und 11 AnwGebV auf CHF 52'000.– festzusetzen.
Das Handelsgericht erkennt:
1. Die Klage wird abgewiesen.
2. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf CHF 45'000.–.
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3. Die Kosten werden den Klägerinnen – unter solidarischer Haftung – aufer-
legt und (soweit möglich) vorab aus dem von der Klägerin 1 geleisteten Kos-
tenvorschuss gedeckt.
4. Die Klägerinnen werden – unter solidarischer Haftung – verpflichtet, der Be-
klagten eine Parteientschädigung von CHF 52'000.– zu bezahlen.
5. Schriftliche Mitteilung an die Parteien.
6. Eine bundesrechtliche Beschwerde gegen diesen Entscheid ist innerhalb
von 30 Tagen von der Zustellung an beim Schweizerischen Bundesgericht,
1000 Lausanne 14, einzureichen. Zulässigkeit und Form einer solchen Be-
schwerde richten sich nach Art. 72 ff. (Beschwerde in Zivilsachen) oder
Art. 113 ff. (subsidiäre Verfassungsbeschwerde) in Verbindung mit Art. 42
und 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG). Der Streit-
wert beträgt CHF 1'321'242.35.