Decision ID: 9ad21b90-e6ae-5a92-ad00-a1105aeac9c0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Eigenen Angaben zufolge verliess die Beschwerdeführerin, eine eritrei-
sche Staatsangehörige, aus B._ stammend, im Jahr 1993 mit ihrer
Mutter ihr Heimatland und lebte bis 2007 in Äthiopien. Am 9. Dezember
2016 reiste sie in die Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch.
Am 14. Dezember 2016 wurde die Beschwerdeführerin im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) in C._ zu ihrer Person, ihrem Reiseweg
und summarisch zu ihren Asylgründen befragt (Befragung zur Person
[BzP]). Am 2. Oktober 2017 fand die Anhörung zu den Asylgründen und
am 14. Mai 2019 eine ergänzende Anhörung statt.
B.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs brachte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen vor, sie sei Eritreerin und 1993 mit ihrer Mutter aufgrund der
politischen Probleme ihres Vaters von B._ nach Äthiopien ausge-
reist und hätten sich in D._ niedergelassen. Ihren Vater habe sie
seither nie mehr getroffen und wisse nichts über seinen Verbleib. Nach
dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1994 respektive 1995, sei sie von einer äthi-
opischen Nachbarsfamilie aufgenommen worden, da sie keine weiteren
Verwandten gehabt habe. Diese Familie habe die Behörden der zuständi-
gen Kebele informiert und die Bewilligung erhalten, sie grosszuziehen.
Während sechs Jahren habe sie die Schule besuchen können, in ihrer Frei-
zeit habe sie jedoch im Haushalt helfen müssen. Danach sei ihr von den
Pflegeeltern verboten worden, weiterhin zur Schule zu gehen. Seit unge-
fähr ihrem zwölften Lebensjahr habe sie ganztags nur noch im Haushalt
gearbeitet, wobei sie schlecht behandelt worden sei und selten das Haus
habe verlassen dürfen. Eines Sonntags, als niemand zu Hause gewesen
sei, sei der Sohn der Familie plötzlich im Hause gewesen, habe sie verge-
waltigt und ihr in der Folge unter Schlägen damit gedroht, sie zu töten, falls
sie über diesen Vorfall erzählen würde. Dennoch habe sie dessen Mutter
davon erzählt, diese habe ihr jedoch nicht geglaubt. Zwei Wochen nach
der Vergewaltigung habe sie Äthiopien im März 2007 verlassen und sei in
den Sudan gereist, wo sie bis 2016 als Haushälterin und Verkäuferin gear-
beitet, sowie eine Schule für Englisch besucht habe. Aufgrund von Proble-
men mit den sudanesischen Behörden, Aufenthaltsbewilligungen zu erhal-
ten und wegen gestiegener Mietpreise habe sie sich entschlossen, in ein
Land auszureisen, wo man friedlich leben könne. In Äthiopien sei dies nicht
möglich gewesen und in Eritrea verfüge sie über keine ihr bekannten Ver-
wandten. Zudem müsse man dort auch als Frau Militärdienst leisten.
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Die Beschwerdeführerin reichte zwei Arztberichte – datiert vom 27. März
2018 und vom 7. Mai 2019 –, eine Liste mit Medikamenten, welche sie ein-
nehmen müsse sowie Röntgenaufnahmen von ihrem Hinterkopf zu den Ak-
ten.
C.
Mit Verfügung vom 13. November 2019 stellte das SEM fest, die Be-
schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asyl-
gesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Voll-
zug.
D.
Die Beschwerdeführerin focht mit Eingabe vom 13. Dezember 2019 die
Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragte,
die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und ihr sei infolge Unzuläs-
sigkeit oder Unzumutbarkeit die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Als
Eventualantrag stellte sie das Begehren, die Sache sei zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf
Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter beantragte sie die amtliche
Rechtsverbeiständung gemäss aArt. 110a lit. a und Abs. 3 AsylG
(SR:142.31).
E.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Dezember 2019 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und erhob keinen Kostenvorschuss.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Januar 2020 wurde MLaw Sophia Delgado
als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Gleichzeitig wurde die Vo-
rinstanz eingeladen, eine Vernehmlassung einzureichen.
G.
Mit Eingabe vom14. Januar 2020 liess sich die Vorinstanz vernehmen.
H.
Mit Eingabe vom 28. Februar 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine
Replik ein.
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I.
Am 16. Juni 2020 reichte die Beschwerdeführerin einen Arztbericht der (...)
– datiert vom 27. April 2020 – zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts Anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26, E.5).
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3.
Vorliegend beschränkt sich die Beschwerde auf die Frage des Vollzugs der
Wegweisung. Die Ablehnung der Flüchtlingseigenschaft und die Abwei-
sung des Asyls sind mangels Anfechtung demnach in Rechtskraft erwach-
sen. Prozessgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet vorliegend le-
diglich die Frage des Vollzugs der Wegweisung.
4.
4.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
4.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
5.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Dieser Artikel findet auch An-
wendung auf Personen, welche nach ihrer Rückkehr wegen der vorherr-
schenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit in völlige Armut ge-
raten würden, dem Hunger und somit einer ernsthaften Verschlechterung
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des Gesundheitszustands, der Invalidität oder gar dem Tod ausgeliefert
wären (vgl. BVGE 2014/26, E. 7.5. und BVGE 2011/24E.11.1; m.w.H.).
Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
6.
6.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Ent-
scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar-
stellung der Gesuchstellerin sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung
für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen
Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie
und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits-
gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekenn-
zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere
Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins-
besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach-
geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht
es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg-
lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der
Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen die Ge-
suchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn
die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es
demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber
in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um-
stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl.
BVGE 2012/5 E. 2.2).
6.2 Die Vorinstanz führte zur Begründung des Asylentscheides an, die Be-
schwerdeführerin habe ihre eritreische Staatsangehörigkeit nicht glaubhaft
darzulegen vermocht. Eritrea habe erst am 24. Mai 1993 die Unabhängig-
keit erlangt. Eine Teilnahme am Unabhängigkeitsreferendum wäre notwen-
dig gewesen, um die eritreischen Staatsangehörigkeit erhalten zu können.
Auch wenn ihre Eltern aus B._ stammen würden, habe sie bei ihrer
Geburt keine eritreische Staatsbürgerin sein können. Zudem habe sie
keine Dokumente eingereicht, welche ihre eritreische Nationalität belegen
würden. Aufgrund ihrer Aussagen sei vielmehr davon auszugehen, dass
sie äthiopische Staatsangehörige sei und versuche, ihre wahre Identität vor
den Schweizer Behörden zu verschleiern. Ihre gesundheitlichen Be-
schwerden sowie ihre fortgeschrittene Integration würden nichts an der
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Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs ändern. Sie habe ihre Mitwir-
kungs- und Wahrheitspflicht verletzt, weshalb ihre tatsächliche Herkunft als
nicht gesichert gelte und ihre Staatsangehörigkeit als unbekannt zu be-
trachten sei. Es müsse davon ausgegangen werden, dass sie in ihrem tat-
sächlichen Heimatland über ein familiäres und soziales Netz verfüge, wes-
halb der Vollzug der Wegweisung zulässig, zumutbar und möglich sei.
6.3 Einleitend hielt die Beschwerdeführerin fest, es gehe ihr aufgrund der
zahlreichen traumatischen Erlebnisse in Äthiopien und den verschiedenen
sexuellen Missbräuchen in Libyen psychisch weiterhin sehr schlecht und
sie versuche, nach dem Erhalt eines Termins bei einem Psychiater einen
aktuellen Arztbericht hinsichtlich ihres gesundheitlichen Zustands nachzu-
reichen. Des Weiteren sei es stossend, dass ihr vorgeworfen werde, sie
habe ihre eritreische Staatsangehörigkeit nicht glaubhaft machen können.
Da sie ihre Mutter im Alter von ungefähr vier Jahren verloren und ihren
Vater nie kennengelernt habe, könne sie nicht mehr über ihre eritreische
Herkunft erzählen, als sie bereits dargelegt habe. Auch wisse sie nicht, ob
sie über allfällige weitere Verwandte verfüge. Zudem habe sie nie eritrei-
sche Dokumente besessen und es sei ihr zu keiner Zeit die Möglichkeit
gegeben worden, solche zu beantragen, weshalb sie ihre Nationalität nicht
anhand von Dokumenten belegen könne. Ferner sei es nicht möglich, zu
beweisen, dass sie weder Äthiopierin noch Sudanesin sei. Sie anerkenne
es nicht, dass die Vorinstanz sie nicht als staatenlos bezeichne, sondern
ihre Herkunft als unbekannt deklariere. Wie aus einem Bericht der Schwei-
zerischen Flüchtlingshilfe (SFH) hervorgehe, sei es nicht korrekt, dass für
die Annahme der eritreischen Staatsbürgerschaft die Teilnahme am Refe-
rendum von 1993 notwendig gewesen sei. Insgesamt habe sie in den drei
Anhörungen detailreich, übereinstimmend und mit zahlreichen Realkenn-
zeichen versehen, ihr Leben in Äthiopien schildern können. Ferner habe
sie auch ausgeführt, weshalb es ihr nicht möglich gewesen sei, entspre-
chende Dokumente in der eritreischen Vertretung in Äthiopien oder in der
Schweiz zu beantragen, weshalb der Vorwurf der Vorinstanz, sie habe ihre
Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht verletzt, zurückzuweisen sei. Hinsicht-
lich der Prüfung der Vollzugshindernisse sei festzustellen, dass die Vo-
rinstanz lediglich in pauschaler Weise davon ausgegangen sei, sie verfüge
über ein familiäres und soziales Netz an ihrem angeblichen und tatsächli-
chen Herkunftsort, ohne dies individuell anhand verschiedener Faktoren
geprüft zu haben. Sie sei eine alleinstehende Frau mit ungenügender
Schulbildung und mangelnder Arbeitserfahrung, einem fehlenden sozialen
und familiären Netzwerk sowie mit einem labilen psychischen Gesund-
heitszustand, weshalb es gemäss Rechtsprechung nicht zumutbar sei,
nach Eritrea oder allenfalls nach Äthiopien zurückgeschickt zu werden. Sie
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würde in jeder Hinsicht in eine existenzielle Notlage geraten. Ferner sei
eine Wegweisung in den Sudan auch nicht zumutbar, da sie über keinen
gültigen Aufenthaltstitel in diesem Land verfüge. Schliesslich sei darauf
hinzuweisen, dass eine Wegweisung nach Eritrea gemäss bundesverwal-
tungsrechtlicher Rechtsprechung unzulässig sei, da sie noch keinen Mili-
tärdienst geleistet habe und deshalb neben einem Einzug ins Militär mit
einer vorgängigen und unverhältnismässigen Haftstrafe zu rechnen habe.
Ein Vollzug nach Eritrea würde zu einer Verletzung von Art. 3 der Konven-
tion zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) führen.
Der Nationaldienst stelle zudem eine Form von Zwangsarbeit im Sinne von
Art. 4 EMRK dar.
6.4 Die Vorinstanz äusserte sich in ihrer Vernehmlassung hinsichtlich der
Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin dahingehend, dass jene nicht
habe glaubhaft gemacht werden können. Auch wenn es – wie in der Be-
schwerdeschrift dargelegt – nicht möglich sei, ihre Staatsangehörigkeit an-
hand von Dokumenten zu belegen, weise dennoch nichts auf eine eritrei-
sche Staatsangehörigkeit hin.
6.5 In ihrer Replik monierte die Beschwerdeführerin, es sei inkorrekt zu be-
haupten, dass für das Erlangen der eritreischen Staatsbürgerschaft ledig-
lich die Teilnahme am Referendum vom 1993 notwendig gewesen sei. Be-
richten der SFH zufolge habe eine Direktive zur eritreischen und äthiopi-
schen Staatsbürgerschaft für Personen aus dem heutigen Eritrea existiert,
welche das Erlangen der äthiopischen Staatsbürgerschaft erheblich er-
schwert habe. Weiter dürfe die Vorinstanz aufgrund angeblich mangelnder
Glaubhaftigkeit hinsichtlich ihrer eritreischen Nationalität nicht ohne einen
anderen Nachweis von einer anderen beliebigen Nationalität ausgehen.
Bei der Prüfung eines allfälligen Wegweisungsvollzugs müssten die indivi-
duellen Faktoren geprüft werden. Sie sei eine alleinstehende Frau ohne
Berufsbildung, mangelnder Berufserfahrung und verfüge weder in Eritrea
noch in Äthiopien über ein familiäres oder soziales Netzwerk, weshalb ein
Wegweisungsvollzug als unzumutbar einzustufen sei, da sie bei einer
Rückkehr (in eines der beiden Länder) in eine existentielle Notlage geraten
würde. Schliesslich sei festzuhalten, dass sie zwar ihre eritreische Staats-
angehörigkeit nicht anhand von Dokumenten habe belegen können, jedoch
glaubhaft und widerspruchsfrei ihre gesamten Vorbringen habe schildern
können. Es sei unerklärlich, weshalb ihr die Vorinstanz eine Verletzung der
Mitwirkungspflicht vorwerfe.
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7.
7.1 In einem ersten Schritt ist auf die Frage der Staatsangehörigkeit der
Beschwerdeführerin einzugehen. Erzählungen ihrer Mutter und ihrer Pfle-
gefamilie zufolge sei sie 1990 in B._ (im heutigen Eritrea) geboren
und im Alter von drei Jahren mit ihrer Mutter nach D._ geflüchtet.
Ausgehend vom historischen Kontext konnte sie vor dem Unabhängig-
keitsreferendum von Eritrea im Mai 1993 demzufolge gar keine eritreische
Staatsangehörigkeit besessen haben, da bis zu diesem Zeitpunkt der erit-
reische Staat noch nicht existierte und die Provinz (des heutigen) Eritrea
zu Äthiopien gehörte. Demnach ist davon auszugehen, dass die Beschwer-
deführerin zum Zeitpunkt ihrer Geburt äthiopische Staatsangehörige war.
Die eritreische Staatsbürgerschaft konnte erstmals unter der Vorausset-
zung der Volljährigkeit und nach der Teilnahme an der Abstimmung des
Unabhängigkeitsreferendums beantragt werden (vgl. ALEXANDRA GEISER,
Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH Äthiopien/ Eritrea: umstrittene Her-
kunft, 2014, S.1). Aufgrund ihrer damaligen Minderjährigkeit konnte sie am
Referendum zur Unabhängigkeit von Eritrea nicht teilgenommen und somit
die eritreische Staatsbürgerschaft zu diesem Zeitpunkt nicht erlangt haben.
Aus den Akten ergeben sich zudem keine Hinweise darauf, dass ihre Mut-
ter vor deren Tod für sich oder ihre Tochter um die eritreische Staatsbür-
gerschaft ersucht hätte.
Nach dem Grenzkonflikt zwischen Eritrea und Äthiopien im Jahr 1998 fan-
den bis 2002 Deportationen durch die äthiopische Regierung statt. In den
folgenden Jahren hat sich die Situation der eritreisch-stämmigen Ausländer
auf rechtlicher Ebene verbessert (vgl. BVGE 2011/25 E. 5 m.w.H.; Urteil
des BVGer vom 1. Juli 2015, E-1472/2013, E. 6.6; ALEXANDRA GEISER,
Umstrittene Herkunft, a.a.O., S. 2 f. m.w.H.). Die äthiopische Direktive, wel-
che jedoch zeitlich von 2004 bis 2006/2007 limitiert gültig war, bezog sich
auf Personen eritreischer Herkunft, die seit der Unabhängigkeit Eritreas im
Jahr 1993 ununterbrochen in Äthiopien gelebt haben. Ihnen wurde die äthi-
opische Staatsbürgerschaft garantiert. Obwohl bei der Umsetzung oft Will-
kür herrschte, konnten viele eritreisch stämmige Personen ihre äthiopische
Staatsbürgerschaft beibehalten (vgl. ALEXANDRA GEISER, Umstrittene Her-
kunft, a.a.O., S. 4 f. m.w.H.). In diesem Zusammenhang ist auch auf Art. 3
und Art. 6 der äthiopischen Verfassung vom 22. August 1995 zu verweisen,
wonach jede Person mit einem oder zwei äthiopischen Elternteilen, welche
die äthiopische Staatsangehörigkeit haben, diese Staatsangehörigkeit be-
hält und alle Personen mit äthiopischen Eltern oder auch nur einem äthio-
pischen Elternteil automatisch als äthiopische Staatsangehörige gelten
(vgl. UK Home Office, Country of Origin Information Report, Ethiopia, Ja-
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nuar 2008, Rz. 31; Proclamation on Ethiopian Nationality vom 23. Dezem-
ber 2003 (Proclamation No. 378/2003); Urteil des BVGer E-1206/2013 vom
23. Dezember 2014 E. 4.4, m.w.H.).
Angesichts der Tatsache, dass Eritrea bis 1993 äthiopische Provinz war,
und somit alle Einwohnerinnen und Einwohner bis 1993 die äthiopische
Staatsangehörigkeit besassen, ist davon auszugehen, dass die Eltern der
Beschwerdeführerin als äthiopische Staatsangehörige gegolten haben und
die Beschwerdeführerin bei ihrer Geburt im Jahr 1990 über die äthiopische
Staatsangehörigkeit verfügt haben muss. Auch wenn der ihr unbekannte
Vater zwischenzeitlich die eritreische Staatsbürgerschaft erlangt haben
sollte – was aus den Akten jedoch nicht hervorgeht –, kann daraus nicht
geschlossen werden, dass sie ihre äthiopische Staatsbürgerschaft verloren
hätte.
Des Weiteren ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin ihren Anga-
ben zufolge nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1994 respektive 1995 von
der Nachbarsfamilie als Pflegekind aufgenommen und als eigene Tochter
ausgegeben wurde, während sechs Jahren die Schule besuchte und bis
zu ihrer Ausreise im März 2007 in der Kebele (...) in der Nähe der (...) in
D._ lebte. Die Beschreibungen ihrer Lebensumstände in
D._ wirken durchwegs detailliert, ihre Schilderungen zu ihrer Her-
kunft respektive ihrem Lebenslauf sind in allen drei Anhörungen als grund-
sätzlich übereinstimmend und insgesamt als glaubhaft zu qualifizieren (vgl.
act. A11/16, F29-31, F47; A17/20, F27-32, F37-39, F49-53). Aus den Akten
ist indes nicht zu entnehmen, dass sie oder ihre Pflegefamilie ihre eritrei-
sche Staatsbürgerschaft bis zum Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Äthiopien im
Jahr 2007 beantragt hätten, und es ist festzuhalten, dass sie nie behaup-
tete, jemals formell um die eritreische Staatsbürgerschaft ersucht zu ha-
ben.
7.2 Zusammenfassend ist angesichts der vorangehenden Erwägungen da-
von auszugehen, dass die Beschwerdeführerin über die äthiopische
Staatsangehörigkeit verfügt.
8.
8.1 Hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung stellte sich die Vorinstanz
auf den Standpunkt, die Beschwerdeführerin habe ihre Mitwirkungs- und
Wahrheitspflicht verletzt sowie versucht, die Asylbehörden offensichtlich
über ihre Identität zu täuschen. Ihre Staatsangehörigkeit gelte als nicht ge-
sichert und sei dementsprechend als unbekannt zu betrachten. Nach stän-
diger Rechtsprechung der Schweizerischen Asylrekurskommission und
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des Bundesverwaltungsgerichts sei es nicht Aufgabe der zuständigen Be-
hörden, bei fehlenden Hinweisen nach allfälligen Wegweisungshindernis-
sen zu forschen.
8.2 Der pauschalen Argumentation der Vorinstanz, es sei davon auszuge-
hen, dass die Beschwerdeführerin an ihrem tatsächlichen Herkunftsort
über ein familiäres und soziales Netz verfüge, ohne dies jedoch konkret
geprüft zu haben, kann vorliegend ebenso wenig gefolgt werden wie dem
Verweis auf die Rechtsprechung, es sei nicht die Aufgabe der Asylbehör-
den bei fehlenden Hinweisen nach allfälligen Wegweisungshindernissen
zu suchen. Zwar ist der Vorinstanz insofern beizupflichten, als dass die Be-
schwerdeführerin keine Beweismittel einreichte, die ihre Identität gemäss
Art.1a Bst. a i.V.m. Art. 2 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
(AsylV 1, SR 142.311) belegen würden, jedoch hat sie zu keiner Zeit ver-
sucht, einen Sachverhalt zu konstruieren oder ihre wahre Identität zu ver-
schleiern, sondern lediglich dargelegt, was ihr von ihrer Pflegefamilie im
Zusammenhang mit ihrem familiären Lebenslauf erzählt worden sei. Fer-
ner hat sie nie behauptet, formell um die eritreische Staatsbürgerschaft er-
sucht zu haben, sondern angegeben, bis zum Alter von sechzehn Jahren
an derselben Adresse in D._ gelebt zu haben und bei einer äthiopi-
schen Pflegefamilie aufgewachsen zu sein. Insofern ist nicht ersichtlich,
dass sie versucht haben soll, ihre wahre Identität zu verschleiern. Schliess-
lich ist es unerklärlich und inkongruent, weshalb die Vorinstanz in ihrer Ver-
fügung zuerst argumentierte, dass die Beschwerdeführerin wahrscheinlich
äthiopische Staatsangehörige sei, um sich danach im Wegweisungsvoll-
zugspunkt dahingehend zu äussern, dass keinerlei Hinweise auf ihre Iden-
tität bestehen würden, weshalb eine Prüfung der Wegweisungsvollzugs-
hindernisse im Rahmen der generellen Zumutbarkeitsprüfung unterlassen
werden könne. Vorliegend hätte es sich aufgedrängt, zumindest eine Prü-
fung der individuellen Wegweisungsvollzugshindernisse nach Äthiopien
vorzunehmen, zumal wesentliche Hinweise auf eine äthiopische Herkunft
hinweisen wie etwa die detaillierten Angaben zu ihrem langjährigen Aufent-
halt in D._ sowie die amharische Verfahrenssprache.
8.3 Angesichts der vorangehenden Erwägungen (vgl. E. 7.1 und E. 7.2) ist
zum heutigen Zeitpunkt von der äthiopischen Staatsangehörigkeit der Be-
schwerdeführerin auszugehen, weshalb sich die Prüfung der individuellen
Wegweisungsvollzugshindernisse nach Äthiopien aufdrängen. Diesbezüg-
lich kommt dem Bundesverwaltungsgericht die volle Kognition zu (vgl. E.2).
8.4 Die politische Situation in Äthiopien ist nicht von Krieg, Bürgerkrieg
oder einer Situation allgemeiner Gewalt geprägt, so dass eine Rückkehr
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Seite 12
von Personen zum heutigen Zeitpunkt grundsätzlich zumutbar ist (vgl.
BVGE 2011/25 E. 8.3). Zudem hat sich die gesamte Lage seit dem Amts-
antritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed im April 2018 generell verbessert.
8.5 Die die sozioökonomische Situation alleinstehender Frauen in Äthio-
pien ist jedoch nach wie vor als sehr schwierig zu bezeichnen. Die in BVGE
2011/25 festgelegten begünstigenden individuellen Voraussetzungen, wo-
nach alleinstehende Frauen nach Äthiopien zurückkehren können, ohne in
eine existenzbedrohende Lage zu geraten, gelten weiterhin und werden in
der aktuellen Rechtsprechung bestätigt (vgl. Referenzurteil des BVGer
D- 6630/2018 vom 6. Mai 2019, E. 12.2.).
Für alleinstehende Frauen, die nach Äthiopien zurückkehren, ist es nicht
leicht, sozialen Anschluss zu finden. Eine Wohnung zu finden, ist in der
Regel nur über Bekannte möglich. Die Arbeitslosigkeit von Frauen in Addis
Abeba wird auf 40 bis 55 % geschätzt. Begünstigende Faktoren, welche
die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine Frau in Äthiopien einer eigen-
ständigen Erwerbstätigkeit nachgehen kann, sind insbesondere eine hö-
here Schulbildung, das Leben in der Stadt, das Vorhandensein finanzieller
Mittel und die Unterstützung durch ein soziales Netzwerk. Ohne diese Vo-
raussetzungen bleiben Frauen oft nur Arbeiten, welche gesundheitliche Ri-
siken bergen, wie etwa in der Prostitution, in Haushalten, wo sie regelmäs-
sig verschiedenen Formen der Gewalt, auch sexueller, ausgesetzt sind
oder anderen Bereichen des informellen Arbeitsmarkts, welche mit einer
massiven Unterbezahlung einhergehen (vgl. BVGE 2011/25 E. 8.5
m.w.H.).
Auch wenn sich die Situation in den letzten Jahren hinsichtlich der Arbeits-
losigkeit etwas verbessert hat, haben Frauen immer noch wesentlich be-
schränktere Arbeitsmöglichkeiten als Männer und verdienen für dieselbe
Arbeit im Schnitt nur die Hälfte des Salärs von männlichen Arbeitnehmern
(vgl. https://www2.unwomen.org/-/media/field%20office%20africa/attach-
ments/ publications/2018/12/un%20women_gender%20statistics%20re-
port% 20 2017_final-compressed.pdf?la=en&vs=106, abgerufen am 6. Juli
2020). Besonders schwierig gestaltet sich die Stellensuche für Frauen
ohne Universitätsabschluss (vgl. U.S. Department of State, Country Re-
ports on Human Rights Practices for 2013 –Ethiopia,http: //www.state.gov/
j/drl-/rls/hrrpt/humanrightsreport/index.htm? year =2013&dlid=220113; Ko-
doma, Yuka (Institute of Developing Economies, Chiba, Japan), Relation-
ship between Young Women and Parents in Rural Ethiopia,
03.2013,https://ir.ide.go.jp/dspace/bitstream/2344/1233/1/ARRIDE_Dis-
https://www2.unwomen.org/-/media/field%20office%20africa/attachments/%20publications/2018/12/un%20women_gender%20statistics%20report%25%2020%202017_final-compressed.pdf?la=en&vs=106 https://www2.unwomen.org/-/media/field%20office%20africa/attachments/%20publications/2018/12/un%20women_gender%20statistics%20report%25%2020%202017_final-compressed.pdf?la=en&vs=106 https://www2.unwomen.org/-/media/field%20office%20africa/attachments/%20publications/2018/12/un%20women_gender%20statistics%20report%25%2020%202017_final-compressed.pdf?la=en&vs=106 http://www.state.gov/j/drl/rls/hrrpt/humanrightsreport/index.htm?%20year%20=2013&dlid=220113 http://www.state.gov/j/drl/rls/hrrpt/humanrightsreport/index.htm?%20year%20=2013&dlid=220113 https://ir.ide.go.jp/dspace/bitstream/2344/1233/1/ARRIDE_Discussion_No.404_kodama.pdf
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cussion_No.404_kodama.pdf). Ebenfalls ist sexuelle Gewalt und Diskrimi-
nierung gegenüber Frauen und Mädchen in Äthiopien nach wie vor weit
verbreitet, wobei das politische System und das Justizsystem Opfer sexu-
eller Gewalt kaum unterstützt (vgl. UN Women, UN Women Ethiopia –
Changing the lives of women and girls, 2018, https://africa.unwo-
men.org/en/digital-library/publications /2019 /01/un-women-in-ethiopia).
Aus dem Ausland zurückkehrende Frauen, welche unverheiratet sind und
alleine leben, gelten grundsätzlich als suspekt und werden in der äthiopi-
schen Gesellschaft stark stigmatisiert. Oftmals wird ihnen unterstellt, im
Ausland ein lockeres Liebesleben geführt und ihr Geld dort mit Prostitution
erworben zu haben. Diese Stigmatisierung erschwert erheblich eine erfolg-
reiche Reintegration (vgl. BEZA NISRANE, Home, but not at «home», rein-
tegration of unnscilled Ethiopian female return, https://research.ut-
wente.nl/en/publications/home-but-not-at-home-the-reintegration-of-unski-
lled-ethiopian-fem; abgerufen am 7. Juli 2020).
8.6 Angesichts dieser Faktoren und der persönlichen Umstände der Be-
schwerdeführerin ist nachfolgend zu prüfen, ob ihre soziale und wirtschaft-
liche Wiedereingliederung in ihre Heimat gelingen könnte.
8.7 Wie bereits obenstehend ausgeführt (vgl. E. 7.1), ist nicht daran zu
zweifeln, dass die Beschwerdeführerin ihre Jugend in D._ verbracht
hat. Zwar fallen ihre Angaben zu ihrer Arbeit und dem Leben bei der Pfle-
gefamilie insgesamt etwas knapp aus, jedoch sind verschiedene Real-
kennzeichen vorhanden, welche auf den Wahrheitsgehalt ihrer Schilderung
schliessen lassen, bei einer Pflegefamilie aufgewachsen zu sein. So hat
sie in nachvollziehbarer Weise dargelegt, wie sie als Waise respektive als
Halbwaise in die Pflegefamilie aufgenommen worden war, wo sie gelebt,
wie sie die Pflegemutter in der Kebele angemeldet sowie als eigene Toch-
ter ausgegeben hat. Weiter hat sie ihre vorhandenen Erinnerungen, welche
sie als Kleinkind an ihre Mutter hatte, thematisiert, aber auch geschildert,
wie sie sich ausgeschlossen gefühlt habe (vgl. act. A11/16, F44-45, F47-
49, F62, F75; A17/20, F61-63). Zudem hat sie in allen drei Anhörungen die
Namen der Pflegeeltern wiedergegeben und von ihnen als Respektperso-
nen gesprochen (vgl. act. A4/12, F2.01; A11/16, F80; A17/20, F36. F94).
Schliesslich ist es als glaubhaft zu werten, dass sie bereits früh in ihrer
Jugend ausgereist ist und mehre Jahre im Sudan gelebt hat. Hierfür spre-
chen insbesondere ihre Schilderungen im Zusammenhang mit dem Erhalt
respektive der Verlängerung ihrer Aufenthaltsbewilligung aus dem Sudan.
Der Bezug der Identitätskarte sei über «Kori» erfolgt und bei einer Nicht-
verlängerung habe es eine Busse von 1000 sudanesischen «Krush» gege-
ben (vgl. act. A11/16, F92, F95). Zudem habe Willkür bei den Polizisten
https://ir.ide.go.jp/dspace/bitstream/2344/1233/1/ARRIDE_Discussion_No.404_kodama.pdf https://africa.unwomen.org/en/digital-library/publications%20/2019 https://africa.unwomen.org/en/digital-library/publications%20/2019 https://research.utwente.nl/en/publications/home-but-not-at-home-the-reintegration-of-unskilled-ethiopian-fem https://research.utwente.nl/en/publications/home-but-not-at-home-the-reintegration-of-unskilled-ethiopian-fem https://research.utwente.nl/en/publications/home-but-not-at-home-the-reintegration-of-unskilled-ethiopian-fem
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geherrscht (vgl. act. A17/20, F140, F149). Die sudanesische Flüchtlings-
behörde Commission of Refugees (COR), welche eng mit dem UNHCR
zusammenarbeitet, stellt Ausweise für Flüchtlinge – auch Identitätskarten
genannt – aus, welche gegen ein geringes Entgelt von 7 bis 20 sudanesi-
schen Pfund – in willkürlicher Weise zwischen drei Monaten und fünf Jah-
ren – verlängerbar sind. Damit wird es einem Besitzer dieser Ausweise er-
möglicht, eine Arbeit – meist jedoch nur im informellen Sektor – zu finden.
Gemäss Berichten bestehe aufgrund der strengen Gesetze für Flüchtlinge
im Normalfall keine Niederlassungsfreiheit und sie würden in den vorgese-
henen Flüchtlingslagern residieren müssen. Jedoch würden es häufig die
meist minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge wagen, diesen strengen
Regelungen zu entgehen, und begäben sich vorwiegend nach Khartum,
um dort eine Arbeit zu finden (vgl. UN High Commissioner for Refugees
(UNHCR), No turning back; A review of UNHCR’s response to the protrac-
ted refugee situation in eastern Sudan, 11.2011, https://www.un-
hcr.org/4eb3e5ea9.pdf; UN Children's Fund (UNICEF), Child Notice Su-
dan, 2016; Lifos, Temarapport Sudan Marriage for the Eritrean and Ethio-
pian Diaspora in Khartoum, https://lifos.migrationsverket.se/doku-
ment?documentAttachmetId=43155; U.S. Committee for Refugees and
Immigrants (USCRI), World Refugee Survey 2009 – Sudan, 17.06.2009,
https://www.refworld.org/cgi-bin/texis/vtx/ rwmain?page =publisher&-
docid=4a40d2b285&skip=0&publisher=USCRI&type=ANUALREPORT&
coi-=SDN&querysi=Sudan&searchin=title&sort=date, alle abgerufen am
6. Juli 2020). Schliesslich bleibt zu erwähnen, dass die Beschwerdeführe-
rin vom Kreditsystem «Equb» erzählte (vgl. act. A17/20; F141), was neben
der Tatsache, dass sie angegeben hat, gut arabisch zu sprechen (vgl. act.
A4/12, F1.17.03), von einem längeren Aufenthalt im Sudan zeugt.
8.8 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es sich bei der Beschwerde-
führerin um eine alleinstehende Frau handelt, welche über eine spärliche
Schulbildung von lediglich sechs Jahren, über fehlende Ausbildung sowie
über blosse Arbeitserfahrung im informellen Sektor verfügt. Durch ihre
lange Landesabwesenheit von dreizehn Jahren kann nicht davon ausge-
gangen werden, dass sie auf ein soziales Netz zurückgreifen könnte. Auch
fehlt ein familiäres Netz, welches ihr behilflich sein könnte, ihr eine Wohn-
möglichkeit zur Verfügung zu stellen und sie unmittelbar nach ihrer Rück-
kehr zu unterstützen. Durch diese bereits äusserst erschwerten Bedingun-
gen muss sie zusätzlich aufgrund ihrer längeren Auslandaufenthalte mit ei-
ner grundsätzlichen Stigmatisierung als alleinstehende und unverheiratete
Frau in der männerdominierten äthiopischen Gesellschaft rechnen. Zwar
kann einzig aufgrund ihrer gesundheitlichen Beschwerden, welche sich in
https://lifos.migrationsverket.se/dokument?documentAttachmetId=43155 https://lifos.migrationsverket.se/dokument?documentAttachmetId=43155 https://www.refworld.org/cgi-bin/texis/vtx/%20rwmain?page%20=publisher&-docid https://www.refworld.org/cgi-bin/texis/vtx/%20rwmain?page%20=publisher&-docid
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Kopfschmerzen und einem Therapiebeginn nach ihrem negativen Asylent-
scheid äussern (vgl. Arztberichte vom 7. Mai 2019 und vom 27. April 2020),
nicht von einem medizinischen Krankheitsbild, welches in Äthiopien nicht
behandelbar wäre, ausgegangen werden. Die Kumulation aller vorliegend
vorhandenen sowie erschwerenden Faktoren würde jedoch eine potenti-
elle Reintegration verunmöglichen. Auch kann nicht von einer begünstigen-
den Ausgangslage (höhere Schulbildung, soziale und familiäre Vernet-
zung, Vorhandensein von finanziellen Ressourcen) ausgegangen werden,
welche es ihr erlauben würden, nicht in eine existenzielle Notlage zu ge-
langen.
8.9 Nach den vorstehenden Erwägungen und in Anbetracht der äusserst
schwierigen Situation alleinstehender Frauen in Äthiopien sowie einer
langjährigen Landesabwesenheit, ist davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Äthiopien einer konkreten Ge-
fährdung ausgesetzt wäre und in eine existentielle Notlage geraten würde,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Wegweisung vor-
liegend als unzumutbar erachtet. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass
die Beschwerde bezüglich der Anordnung des Wegweisungsvollzugs gut-
zuheissen ist und die Ziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung aufzu-
heben sind. Die Vorinstanz ist anzuweisen, den Aufenthalt der Beschwer-
deführerin nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln (Art. 83 Abs. 4 AuG). Aus den Akten gehen zudem keine
Ausschlussgründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG hervor.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die
ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten
(Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin der Beschwerdefüh-
rerin hat mit Eingabe vom 19. März 2020 eine Kostennote zu den Akten
gereicht, welche angemessen erscheint. Der Beschwerdeführerin ist somit
eine Parteientschädigung zu Lasten der Vorinstanz in der Höhe von
Fr. 1’305.– zuzusprechen.
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