Decision ID: 13f5b95c-ebbb-44f0-92e2-64b39a0fe468
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im August 2012 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sein Hausarzt Dr. med. B._ gab am
10. September 2012 telefonisch an (IV-act. 12), der Versicherte leide an einer
depressiven Symptomatik, an Kopfschmerzen und an Schulterbeschwerden. Es lägen
schwierige familiäre Verhältnisse vor. Der Versicherte sei geschieden und müsse
Alimente für sein Kind bezahlen. Die Mutter des Kindes verweigere ihm aber den
Kontakt mit diesem. Bisher sei eine psychiatrische Behandlung noch nicht angezeigt
gewesen. Eine arterielle Hypertonie werde medikamentös behandelt; bei muskulären
Verspannungen werde eine Physiotherapie durchgeführt. Aufgrund der muskulären
Verspannungen und der Schulterbeschwerden sollten Arbeiten vermieden werden, bei
denen der Versicherte schwere Lasten heben müsste. Körperlich leichte bis
mittelschwere Tätigkeiten seien dagegen zumutbar. Ab dem 1. Oktober 2012 bestehe
eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent beziehungsweise vier Stunden pro Tag. Der
Versicherte dürfte in einigen Wochen oder Monaten wieder eine volle Arbeitsfähigkeit
erreichen. Am 11. Dezember 2012 notierte Dr. med. C._ vom IV-internen regionalen
ärztlichen Dienst (RAD), die das Telefonat mit Dr. B._ geführt hatte (IV-act. 18), dass
ausgehend von den Schilderungen des Hausarztes und unter Berücksichtigung der
Tatsache, dass nie eine fachpsychiatrische Behandlung indiziert gewesen sei, mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer leichten depressiven Verstimmung
auszugehen sei. Diese habe ihren Grund im schwierigen familiären Hintergrund, der
aber invalidenversicherungsrechtlich irrelevant sei. Als Hilfsarbeiter sei der Versicherte
daher zu 100 Prozent arbeitsfähig.
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A.b Mit einem Vorbescheid vom 8. Januar 2013 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit, dass sie vorsehe, sein Leistungsgesuch betreffend berufliche Massnahmen und
eine Rente abzuweisen (IV-act. 23). Dagegen liess der nun anwaltlich vertretene
Versicherte am 13. Februar 2013 einwenden (IV-act. 27), gesundheitlich bedingte
Schwierigkeiten bei der Stellensuche seien keine Voraussetzung für die Gewährung
von Arbeitsvermittlung. Der Versicherte habe folglich einen Anspruch auf
Arbeitsvermittlung. Da hinsichtlich der gesundheitsbedingten Beeinträchtigungen keine
Abklärungen stattgefunden hätten, sei der vorgesehene Entscheid rechtswidrig. Der
Versicherte könne entgegen der Ansicht der IV-Stelle auch gar nicht mehr als
Hilfsarbeiter tätig sein, weil er keine Lasten mehr heben könne. Der Rechtsvertreter
ersuchte abschliessend um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung
für das Verwaltungsverfahren. Am 2. Mai 2013 notierte eine Sachbearbeiterin (IV-
act. 30), der statistische Medianlohn für einen Hilfsarbeiter liege gemäss den
Ergebnissen der Schweizer Lohnstrukturerhebung bei Fr. 61’776.--. Der Versicherte sei
folglich ohne weiteres in der Lage, wieder ein Einkommen zu erzielen, das mindestens
so hoch wie das zuletzt erzielte Einkommen von Fr. 47’103.-- (aufgewertet) sei. Mit
einer Verfügung vom 13. August 2013 wies die IV-Stelle das Gesuch um die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren
(„Vorbescheidsverfahren“) ab (IV-act. 31). Mit einer Verfügung vom 11. Oktober 2013
wies die IV-Stelle das Leistungsgesuch des Versicherten ab (IV-act. 34). Zur
Begründung führte sie an, dass ein Anspruch auf Arbeitsvermittlung nur bestehe, wenn
gesundheitliche Einschränkungen die Stellensuche erschwerten, was beim
Versicherten nicht der Fall sei. In medizinischer Hinsicht sei kein weiterer
Abklärungsbedarf ersichtlich.
B.
B.a Am 18. November 2013 liess der Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter
beantragte die Aufhebung der Verfügung vom 11. Oktober 2013 und die Zusprache der
gesetzlichen Leistungen, insbesondere der Arbeitsvermittlung, eventualiter die
Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung und schliesslich die unentgeltliche
Rechtspflege für das Beschwerdeverfahren. Zur Begründung führte er aus, mit einem
blossen Telefonat zwischen einer RAD-Ärztin und dem Hausarzt des
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Beschwerdeführers sei der medizinische Sachverhalt noch nicht vollständig ermittelt
worden. Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe ihre
Untersuchungspflicht verletzt. Zudem habe sie eine Arbeitsvermittlung gestützt auf eine
nicht mehr aktuelle Rechtsprechung des Bundesgerichtes verweigert. Bei einer
richtigen Interpretation des Art. 18 IVG bestehe ein Anspruch auf Arbeitsvermittlung.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 13. Februar 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie aus, der Beschwerdeführer habe
keine medizinischen Belege eingereicht, welche die gestützt auf die telefonischen
Angaben seines Hausarztes getätigte Arbeitsfähigkeitsschätzung der RAD-Ärztin
Dr. C._ widerlegen würden. Bis zu einer mittleren Depression sei ohnehin keine
invalidisierende Wirkung anzuerkennen. Ein invalidisierender Gesundheitsschaden sei
nicht ausgewiesen. Somit stehe „von vorneherein“ fest, dass keinerlei berufliche
Massnahmen – auch nicht eine niederschwellige Arbeitsvermittlung – geschuldet seien.
B.c Am 21. Februar 2014 bewilligte das Versicherungsgericht dem
Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege (act. G 8).
B.d Ein zweiter Schriftenwechsel wurde nicht durchgeführt.

Erwägungen
1. Die Abklärungen der Beschwerdegegnerin haben sich in medizinischer Hinsicht
auf ein Telefonat zwischen dem Hausarzt Dr. B._ und der RAD-Ärztin Dr. C._
beschränkt. Der Hausarzt hat dabei, dem entsprechenden Gesprächsprotokoll von Dr.
C._ nach zu urteilen, nur recht vage Angaben zum Wesen und zum Ausmass der
Gesundheitsbeeinträchtigung gemacht. Er hat aber eine genaue
Arbeitsfähigkeitsschätzung (50%) abgegeben. In den Akten der Beschwerdegegnerin
findet sich kein schriftlicher ärztlicher Bericht. Deshalb fehlt auch eine genaue
Diagnose, die sich nachweislich auf eine lege artis erfolgte Untersuchung stützen
würde. Die RAD-Ärztin Dr. C._ kann sich also bei ihrer Einschätzung der
gesundheitlichen Situation nur auf die telefonischen Angaben des Hausarztes Dr. B._
gestützt haben. Trotzdem hat Dr. C._ eine eigenständige Arbeitsfähigkeitsschätzung
(100%) abgegeben, die dann die Grundlage für die Abweisung des Leistungsgesuchs
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des Beschwerdeführers gebildet hat. Diese Sachverhaltsabklärung mag für die
Beurteilung eines Anspruchs auf eine Integrationsmassnahme genügen, nicht aber für
die Beurteilung des Anspruchs auf eine Invalidenrente. Der massgebende Sachverhalt
ist offenkundig ungenügend abgeklärt worden, d.h. der Arbeitsfähigkeitsgrad des
Beschwerdeführers ist nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit belegt. Das bedeutet, dass die Beschwerdegegnerin ihre
Untersuchungspflicht verletzt hat. Die angefochtene Verfügung ist deshalb rechtswidrig
und muss aufgehoben werden. Die Sache ist zur weiteren Abklärung und zur
anschliessenden neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese
wird mit Vorteil einen detaillierten schriftlichen Bericht des Hausarztes Dr. B._
einholen. Anschliessend wird die Beschwerdegegnerin zu prüfen haben, ob weitere
medizinische Abklärungen wie etwa eine persönliche Untersuchung des
Beschwerdeführers durch einen RAD-Arzt oder eine Begutachtung angezeigt sind.
2. Gemäss dem Art. 18 Abs. 1 lit. a IVG haben arbeitsunfähige Versicherte, die
eingliederungsfähig sind, einen Anspruch auf aktive Unterstützung bei der Suche eines
geeigneten Arbeitsplatzes. Bezüglich des Begriffs der Arbeitsunfähigkeit verweist der
Art. 18 Abs. 1 IVG auf den Art. 6 ATSG, laut dem eine Arbeitsunfähigkeit die durch eine
Beeinträchtigung der Gesundheit bedingte volle oder teilweise Unfähigkeit ist, im
bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Mit dem Verweis
auf den Art. 6 ATSG scheint der Gesetzgeber also die IV-Stellen verpflichtet zu haben,
all jenen Versicherten eine Arbeitsvermittlung zu gewähren, die infolge einer
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht mehr im bisherigen Beruf erwerbstätig sein können
und arbeitslos sind. Die Materialien zur 5. IVG-Revision, mit der die aktuelle Fassung
des Art. 18 IVG eingeführt worden ist, sprechen ebenfalls für diese Interpretation. Ihnen
lässt sich nämlich entnehmen, dass der Gesetzgeber tatsächlich all jenen Versicherten
eine Arbeitsvermittlung gewähren wollte, die einerseits arbeitsunfähig und andererseits
arbeitslos sind. Allerdings hat es der historische Gesetzgeber unterlassen zu erklären,
weshalb kumulativ neben der Arbeitslosigkeit eine Arbeitsunfähigkeit verlangt wird.
Immerhin steht fest, dass er damit er bewusst die frühere Interpretation durch das
Bundesgericht verworfen hat, laut derzusätzlich gesundheitsbedingte Schwierigkeiten
bei der Stellensuche notwendig waren. Das Bundesgericht hält allerdings dessen
ungeachtet an seiner früheren Rechtsprechung fest (vgl. etwa die Urteile des
Bundesgerichtes 9C_879/2008 vom 21. Januar 2009, 9C_966/2011 vom 4. Mai 2012
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und 9C_142/2015 vom 5. Juni 2015). Aus systematischer Sicht erweist sich die
Arbeitsvermittlung als eine atypische Leistung, denn sie kann eine Invalidität
definitionsgemäss gar nicht beeinflussen, weil für die Bemessung der Invalidität eine
allfällige Arbeitslosigkeit ausgeblendet werden muss. Ob eine versicherte Person
arbeitslos ist, müsste also invalidenversicherungsrechtlich an sich irrelevant sein.
Ursprünglich dürfte es sich bei der Arbeitsvermittlung denn auch nur um einen
Nebenanspruch zu „eigentlichen“ beruflichen Eingliederungsmassnahmen (insb.
Umschulung und erstmalige berufliche Ausbildung) gehandelt haben, mit dem eine
berufliche Wiedereingliederung gewissermassen faktisch zu Ende geführt werden
sollte. Die IV-Stellen sollten also nicht Versicherte in die Arbeitslosigkeit „umschulen“,
sondern sie beruflich ausreichend qualifizieren und ihnen dann tatsächlich auch einen
Arbeitsplatz besorgen. Als in diesem Sinn eigenständige IV-Leistung lässt sich die
Arbeitsvermittlung systematisch nicht zu den beruflichen Eingliederungsmassnahmen
der Invalidenversicherung zählen, weil sie – anders als alle anderen beruflichen
Massnahmen – den Invaliditätsgrad nicht beeinflussen kann, d.h. nicht zur
rentenspezifischen Schadenminderungspflicht gehört. Folglich kann eine Beeinflussung
des Invaliditätsgrades keine zwingende Voraussetzung für die Gewährung einer
Arbeitsvermittlung sein, denn andernfalls dürfte ja nie eine Arbeitsvermittlung gewährt
werden. Von ihrem Sinn und Zweck sowie von ihrem Leistungsumfang her entspricht
die von den IV-Stellen angebotene Arbeitsvermittlung der von den Organen der
Arbeitslosenversicherung angebotenen Arbeitsvermittlung (vgl. Art. 7 Abs. 1 lit. a AVIG
und 85 Abs. 1 lit. a AVIG). An sich bestünde kein intersystemischer
Koordinationsbedarf (Überentschädigungsvermeidung) hinsichtlich dieser identischen
Leistungen, denn je mehr Unterstützung eine versicherte Person bei der Stellensuche
erhält, desto rascher findet sie eine Stelle, was im Interesse aller beteiligten
Sozialversicherungsträger ist. Die Arbeitsvermittlung dürfte die einzige
Sozialversicherungsleistung sein, die von zwei oder mehr Sozialversicherungsträgern
gleichzeitig erbracht werden kann, ohne (im Normalfall) eine Überentschädigung zu
bewirken. Der Gesetzgeber hat trotzdem eine Koordinationsregelung für nötig erachtet,
welche die Zuständigkeit der Invalidenversicherung auf „IV-spezifische“ arbeitslose
Versicherte beschränkt. Dazu hat er aber nicht das sich aufdrängende Kriterium
gewählt, das in einer Gesundheitsbeeinträchtigung als Ursache der Arbeitslosigkeit
bestanden hätte. Vielmehr hat er das – wie oben dargelegt - ungeeignete Kriterium der
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Arbeitsunfähigkeit gewählt, ohne allerdings zu erklären, weshalb es nun zusätzlich einer
Arbeitsunfähigkeit bedarf, um einen prioritären Bedarf nach einer Arbeitsvermittlung
durch die IV-Stelle entstehen zu lassen. Das zwingt bei der systematischen und
teleologischen Auslegung des Art. 18 Abs. 1 IVG dazu, einen sinnvollen Konnex
zwischen den beiden Leistungsvoraussetzungen der Arbeitslosigkeit und der
Arbeitsunfähigkeit zu finden. Da die Arbeitslosigkeit mit der Arbeitsunfähigkeit ebenso
wenig zu tun hat wie mit der Invalidität, kann es sich dabei nicht um einen direkten
Einfluss der Arbeitsunfähigkeit auf das Anhalten der Arbeitslosigkeit handeln, zumal
dies von der gesetzlichen Definition der Arbeitsunfähigkeit in Art. 6 ATSG offensichtlich
nicht gedeckt wäre. Das vom Bundesgericht verlangte Erfordernis der
arbeitsunfähigkeitsbedingten (eigentlich gemeint: der gesundheitsbedingten)
Schwierigkeiten bei der Stellensuche widerspricht also nicht nur dem Wortlaut und
dem Willen des historischen Gesetzgebers, sondern auch der systematischen
Einordnung und insbesondere dem Sinn und Zweck des Art. 18 IVG. Als sinnvoller
Konnex zwischen der Arbeitsunfähigkeit und der Arbeitslosigkeit kommt deshalb nur
die Voraussetzung in Frage, dass die Arbeitslosigkeit durch die Arbeitsunfähigkeit
verursacht worden sein muss, das heisst dass die versicherte Person arbeitsunfähig
geworden ist, dadurch ihre Arbeitsstelle verloren hat und dann keine neue Arbeitsstelle
mehr gefunden hat. Die Beschwerdegegnerin wird abzuklären haben, ob dies in Bezug
auf den Beschwerdeführer der Fall ist.
3. Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung vom 11. Oktober 2013 in
Gutheissung der Beschwerde vom 18. November 2013 aufzuheben und die Sache ist
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird den Sachverhalt weiter
abklären und anschliessend gestützt auf einen überwiegend wahrscheinlich erstellten
Sachverhalt über das Leistungsgesuch verfügen. Die Gerichtskosten von Fr. 600.--
sind der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin hat dem
Beschwerdeführer eine Parteientschädigung auszurichten, die angesichts des deutlich
unterdurchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf Fr. 2’000.-- (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist. Die Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege wird damit hinfällig.