Decision ID: 8e00485d-0e30-5b20-9ec0-91ab2a5d6ee5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer und seine Ehefrau suchten am (...) 2015 erst-
mals in der Schweiz für sich und ihre Kinder um Asyl nach. Zur Begründung
brachte er im Wesentlichen vor, die B._ habe ihn aufgefordert, Mi-
litärdienst zu leisten. Wegen seiner (...)probleme habe man ihm schliess-
lich die Aufgabe des (...) zugewiesen. Da er sich dennoch bedroht gefühlt
und gewünscht habe, mit seiner Familie in Sicherheit zu leben, habe er
Syrien zusammen mit seiner Familie im September 2015 verlassen.
A.b Mit Verfügung vom (...) 2016 lehnte das SEM die Asylgesuche ab und
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzeitig ordnete es infolge
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme der
Familie an.
Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
B.a Am 26. Juni 2017 gelangte der Beschwerdeführer mit einer als "Wie-
dererwägungsgesuch, eventualiter zweites Asylgesuch" bezeichneten Ein-
gabe an das SEM und machte geltend, er sei mit Marschantrittsbefehl vom
(...) 2015, von dem er erst vor kurzem Kenntnis erlangt habe, von der syri-
schen Armee in den aktiven Reservedienst einberufen worden. Wenn er
diesem Aufgebot Folge leisten würde, müsste er an Kriegshandlungen ge-
gen seine eigene (...) Ethnie teilnehmen. Zur Stützung der Vorbringen
reichte er den entsprechenden Marschbefehl in Kopie und, auf Aufforde-
rung des SEM hin, mit Schreiben vom (...) 2019, in welchem er diesbezüg-
lich verschiedene Frage beantwortete, im Original mit Übersetzung zu den
Akten.
B.b Mit Verfügung vom (...) 2019 stellte das SEM fest, der Beschwerdefüh-
rer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte seine als Mehrfachge-
such entgegengenommene Eingabe vom (...) 2017 ab, ordnete die Weg-
weisung aus der Schweiz an und hielt fest, dass die am (...) 2016 angeord-
nete vorläufige Aufnahme in der Schweiz weiterhin bestehe.
Zur Begründung führte es im Wesentlichen aus, dem Beschwerdeführer
sei es nicht gelungen, im Sinne von Art. 7 AsylG (SR 142.31) glaubhaft zu
machen, von der syrischen Armee in den aktiven Reservedienst einberufen
worden zu sein. So seien seinen Aussagen in der Bundesanhörung vom
(...) 2016 sowie den weiteren Akten seines ursprünglichen Asylgesuchs
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keine Hinweise auf einen Marschbefehl zu entnehmen. Im Rahmen des
Mehrfachgesuchs habe er vorgebracht, dass der Marschbefehl seinem On-
kel C._ zugeschickt worden sei, weil dieser an der gleichen Adresse
in Aleppo gewohnt habe; dieser habe ihn in einem Telefongespräch er-
wähnt und dem Beschwerdeführer im Jahr 2016 oder 2017 zuerst eine Ko-
pie und dann das Original geschickt. Gemäss SEM scheine jedoch kaum
nachvollziehbar, dass der Onkel C._ ihm gegenüber diesen
Marschbefehl erst nach der Bundesanhörung und somit nach mehr als ei-
nem Jahr erwähnt hätte. Unklar bleibe auch, wieso der Marschbefehl nach
D._ gesandt worden sei, die Adresse des Beschwerdeführers im
Marschbefehl aber mit E._ in der Region (...) (Anmerkung SEM: ge-
meint sei vermutlich F._) angegeben sei. Weiter habe der Be-
schwerdeführer in der Bundesanhörung gesagt, er hätte keine Verwandten
mehr in Syrien. Angesichts dessen sei nicht einleuchtend, dass sein Onkel
G._ als Soldat Probleme bekommen habe und geflohen sei, weil er
(Beschwerdeführer) dem Marschbefehl nicht nachgekommen sei. Da er
erst nach der Bundesanhörung vom Marschbefehl erfahren haben wolle,
hätte er zum Zeitpunkt der Bundesanhörung davon ausgehen müssen,
dass sein Onkel G._ noch als Soldat in Syrien sei. Seine gegen-
sätzliche Aussage in der Bundesanhörung spreche somit gegen die im
Rahmen des Mehrfachgesuchs geltend gemachten Folgen des angebli-
chen Marschbefehls. Zudem entstehe im Schreiben des Beschwerdefüh-
rers vom (...) 2019 der Eindruck, dass auch der Onkel C._ noch in
Syrien sei, was ebenfalls der Aussage in der Bundesanhörung widerspre-
che. Generell sei festzuhalten, dass das geltend gemachte Aufgebot ledig-
lich auf der unbelegten Aussage des Beschwerdeführers beruhe, die sich
ihrerseits wiederum nur auf unbelegte mündliche Aussagen des Onkels
C._ stütze. Der Beschwerdeführer habe das Vorbringen auch nur
knapp geschildert; im Mehrfachgesuch und in seinem Schreiben fehlten
jegliche genaueren Informationen beispielsweise darüber, wie er vom On-
kel C._ vom Marschbefehl erfahren habe, welche Probleme der On-
kel G._ gehabt habe und wie er (Beschwerdeführer) davon erfahren
habe; unklar bleibe zudem, welche Bedeutung es gehabt habe, dass der
Onkel C._ den Namen des Beschwerdeführers, wie geltend ge-
macht, in den Marschbefehllisten gefunden habe, da er ohnehin auch den
Marschbefehl zugeschickt bekommen habe. Damit fehle es den Ausfüh-
rungen des Beschwerdeführers an konkreten und substanziierten Hinwei-
sen darauf, dass er zum Zeitpunkt seiner Ausreise in den aktiven Reserve-
dienst aufgeboten worden wäre. An dieser Feststellung vermöge auch der
nur über geringe Beweiskraft verfügende Marschbefehl nichts zu ändern.
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B.c Auf die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 8. Oktober
2019 trat das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-5264/2019 vom
20. November 2019 mangels Nachreichung einer rechtsgenüglichen Be-
schwerdeverbesserung nicht ein.
C.
Am (...) 2020 gelangte der Beschwerdeführer – handelnd durch seinen da-
maligen Rechtsvertreter – mit einer als "neues Asylgesuch" bezeichneten
Eingabe an das SEM und machte geltend, er werde von der syrischen Re-
gierung verfolgt, weil er keinen Reservedienst geleistet habe. Er sei (...)
Ethnie und entstamme einer oppositionell aktiven Familie. Er habe bereits
anlässlich seines ersten Asylgesuchs glaubhaft ausgeführt, dass er seinen
Militärdienst in Syrien geleistet habe. Es bestünden triftige Gründe, dass er
von der syrischen Regierung aufgefordert worden sei, in den Reservisten-
dienst einzutreten. Da er dem nicht nachgekommen sei und keinen Reser-
vedienst geleistet habe, würde er aufgrund seiner Dienstverweigerung als
politischer Gegner qualifiziert werden und hätte eine politisch motivierte
Bestrafung und eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich
relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkäme. Da er zudem
illegal aus Syrien ausgereist sei und deshalb gegen besondere Ausreise-
bestimmungen verstossen habe, würde er auch deswegen von der syri-
schen Regierung in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt. Deshalb
sei seine Eingabe als neues Asylgesuch im Sinne von Art. 111c AsylG zu
behandeln, eventualiter sei sie als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch
im Sinne von Art. 111b AsylG in Verbindung mit Art. 66ff. VwVG zu behan-
deln. Es sei seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm sei Asyl zu
gewähren, eventualiter sei er als Flüchtling anzuerkennen und als solcher
in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, eventualiter sei die Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs festzustellen.
D.
Mit Verfügung vom 14. Oktober 2020 – eröffnet am 16. Oktober 2020 –
stellte das SEM erneut fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlings-
eigenschaft nicht, lehnte sein Mehrfachgesuch vom (...) 2020 ab, ordnete
die Wegweisung aus der Schweiz an, hielt abermals fest, dass die am (...)
2016 angeordnete vorläufige Aufnahme in der Schweiz weiterhin bestehe
und erhob eine Gebühr in der Höhe von Fr. 600.–.
E.
Der Beschwerdeführer – handelnd durch seinen neu mandatierten Rechts-
vertreter – focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom 13. November
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Seite 5
2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte die Aufhebung der
vorinstanzlichen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
der Beschwerdeführenden und die Gewährung von Asyl, eventualiter ihre
vorläufige Aufnahme als Flüchtlinge, subeventualiter die vorläufige Auf-
nahme wegen Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs. In prozessualer
Hinsicht ersuchte er darum, die Beschwerde nach Erhalt der Akten des
SEM ergänzend zu begründen, sowie um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege mit unentgeltlicher Verbeiständung durch den rubrizierten
Rechtsvertreter.
Der Beschwerde lagen je eine Vollmacht des Beschwerdeführers und von
dessen Ehefrau bei.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte den Eingang der Beschwerde
am 16. November 2020.
G.
Mit Eingabe vom 18. November 2020 reichte der Rechtsvertreter Unterla-
gen betreffend die prozessuale Bedürftigkeit seiner Mandanten zu den Ak-
ten und führte aus, dass er auf sein Akteneinsichtsgesuch vom 4. Novem-
ber 2020 hin vom SEM noch keine Akten erhalten habe.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 24. November 2020 hielt die Instruktionsrich-
terin fest, dass sich die Eingabe vom 9. September 2020 lediglich auf den
Beschwerdeführer bezogen habe, für den ein Mandatsverhältnis mit dem
bisherigen Rechtsvertreter bestanden habe, dementsprechend einzig der
Beschwerdeführer Partei der angefochtenen Verfügung des SEM vom
14. Oktober 2020 sei, weshalb das Bundesverwaltungsgericht davon aus-
gehe, dass im vorliegenden Verfahren lediglich ihm Parteistellung zu-
komme. Zudem wurde das SEM aufgefordert, entweder dem Rechtsver-
treter entsprechend dessen Gesuch vom 4. November 2020 Einsicht in die
vorinstanzlichen Akten zu gewähren, oder, bei bereits gewährter Aktenein-
sicht, den diesbezüglichen Nachweis zu erbringen. Schliesslich wurde das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen Lage
des Beschwerdeführers gutgeheissen und das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung abgewiesen.
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I.
In seinem Schreiben vom 24. November 2020 wies der Rechtsvertreter
nochmals darauf hin, dass er die vorinstanzlichen Akten immer noch nicht
erhalten habe.
J.
Mit Eingabe vom 1. Dezember 2020 teilte der der Rechtsvertreter mit, dass
ihm vom SEM zwischenzeitlich Akteneinsicht gewährt worden sei, und er-
suchte am Ansetzung einer Frist zur Beschwerdeergänzung.
K.
Am 7. Dezember 2020 gab die Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer
Gelegenheit, bis zum 15. Dezember 2020 eine Beschwerdeergänzung ein-
zureichen.
L.
Mit Beschwerdeergänzung vom 15. Dezember 2020 reichte der Beschwer-
deführer einen (...)ausweis seines Onkels G._ in Kopie samt Über-
setzung zu den Akten.
M.
Am 1. Februar 2021 lud die Instruktionsrichterin die Vorinstanz ein, innert
Frist eine Vernehmlassung einzureichen.
N.
N.a Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 11. Februar 2021 voll-
umfänglich an seiner Verfügung fest.
N.b Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 12. Februar
2021 zur Kenntnis gebracht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls,
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und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.4 Die Ehefrau des Beschwerdeführers hat am Verfahren vor der Vorin-
stanz nicht teilgenommen (vgl. auch vorstehend Bst. H.). Ihr Einbezug (und
derjenige der Kinder) in eine allenfalls festzustellende Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers wäre unabhängig von ihrer Beteiligung am
vorliegenden Beschwerdeverfahren möglich. Es besteht deshalb keine
Veranlassung, sie als beschwerdeführende Partei aufzunehmen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die Wegweisung. Der Wegweisungsvollzug ist
nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerdeführer in
der Schweiz vorläufig aufgenommen hat. Die Bedingungen für einen Ver-
zicht auf den Vollzug der Wegweisung gemäss Art. 83 Abs. 1–4 AIG (Un-
zulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind alternativer Natur. Ist
eine Bedingung erfüllt, ist der Vollzug der Wegweisung undurchführbar und
die anderen Bedingungen sind nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2009/51
E. 5.4). Der in der Beschwerde vertretene Standpunkt, es bestehe ein
Rechtsschutzinteresse an der Feststellung der Unzulässigkeit anstelle der
Unzumutbarkeit des Vollzuges der Wegweisung, da erstere Feststellung
wesentlich höheren Schutz vor einem künftigen Wegweisungsvollzug
biete, verkennt die Rechtslage. Gegen eine allfällige spätere Aufhebung
der vorläufigen Aufnahme würde den Betroffenen wiederum die Be-
schwerde an das Bundesverwaltungsgericht offenstehen (vgl. Art. 105
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AsylG), wobei in jenem Verfahren alle Vollzugshindernisse von Amtes we-
gen nach Massgabe der zu diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse
von neuem zu prüfen wären (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1997 Nr. 27 S. 205 ff.).
Auf das Subeventualbegehren, es sei die vorläufige Aufnahme wegen Un-
zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs anzuordnen, ist demnach nicht wei-
ter einzugehen.
4.
Das SEM hat die Eingabe vom 9. September 2020 als Mehrfachgesuch im
Sinne von Art. 111c AsylG entgegengenommen und materiell behandelt.
Ob diese rechtliche Qualifikation zutreffend ist, muss nicht abschliessend
geprüft werden, da dem Beschwerdeführer dadurch keine Nachteile ent-
standen sind. Nachstehend ist deshalb zu prüfen, ob die Vorinstanz das
Gesuch zu Recht abgelehnt hat.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.3 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Vorbehalten
bleibt die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention).
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5.4 Subjektive Nachfluchtgründe sind anzunehmen, wenn eine asylsu-
chende Person erst durch die Flucht aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat
oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Wesentlich ist, ob die heimatlichen Be-
hörden das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen und
dieser deswegen bei einer Rückkehr eine Verfolgung befürchten muss.
Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, wer-
den jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (Art. 54 AsylG; vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.1).
6.
6.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentli-
chen aus, die Ausführungen in der Eingabe vom (...) 2020 seien nicht ge-
eignet, die Einschätzung der Schweizer Asylbehörden umzustossen und
zu einem für den Beschwerdeführer günstigeren Schluss betreffend Zuer-
kennung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl zu gelangen.
So sei es ihm, wie bereits in der Verfügung vom (...) 2019 festgestellt,
grundsätzlich nicht gelungen, eine Einberufung in den aktiven Reserve-
dienst glaubhaft zu machen. Doch selbst wenn es als glaubhaft erachtet
würde, dass er in Syrien ein Aufgebot zum Reservedienst erhalten hätte
und wegen Nichtbefolgung dieses Aufgebots gesucht würde, sei nach gel-
tender Rechtsprechung nicht davon auszugehen, dass er im Falle einer
(hypothetischen) Rückkehr in seine Heimat deswegen eine politisch moti-
vierte Bestrafung und Behandlung zu gewärtigen hätte, die einer flücht-
lingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkäme.
Im Fall des Beschwerdeführers lägen keine Faktoren vor, die ein politi-
sches Profil begründen könnten, zumal dieser gemäss Aktenlage in der
Vergangenheit nie mit den syrischen Behörden in Konflikt gekommen sei,
politisch nie aktiv gewesen sei und auch keiner von den syrischen Behör-
den als oppositionell eingestuften, politisch aktiven Familie entstamme.
Damit würden allfällige Strafmassnahmen infolge seiner Reservedienstver-
weigerung keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen. Demzu-
folge erfülle er die Flüchtlingseigenschaft nicht. In seiner Eingabe vom (...)
2020 habe er im Weiteren geltend gemacht, es bestünden subjektive Nach-
fluchtgründe, da er aufgrund seiner illegalen Ausreise aus Syrien mit Ver-
folgung rechnen müsste. Dieser Auffassung könne nicht gefolgt werden.
Die illegale Ausreise im Status eines Reservisten vermöge für sich genom-
men keine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung im Falle einer Rück-
kehr ins Heimatland zu begründen. Da er vor seiner Ausreise aus Syrien
nicht als regimefeindliche Person im Visier der syrischen Behörden gestan-
den sei, sei nicht davon auszugehen, dass diese ihn allein aufgrund seiner
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illegalen Ausreise als konkrete und ernsthafte Bedrohung für das beste-
hende politische System einstufen würden. Daher sei auch nicht damit zu
rechnen, dass er deswegen bei einer Rückkehr flüchtlingsrechtlich rele-
vante Massnahmen zu befürchten hätte. Demzufolge erfülle er die Flücht-
lingseigenschaft nicht.
6.2 In der Beschwerde wird entgegnet, der Hauptantrag laute auf die Aner-
kennung des Beschwerdeführers als Flüchtling, da es um dessen Flucht
vor der Einberufung zum aktiven Reservedienst gehe. In diesem Zusam-
menhang wird unter Bezugnahme auf Art. 3 Abs. 3 AsylG ausgeführt, dass
beim Beschwerdeführer das grosse Risiko einer asylrechtlich relevanten
Verfolgung bestünde, da er sich sehr wohl politisch betätigt habe, indem er
für die B._ tätig gewesen sei, deren politische Tätigkeit eindeutig
gegen den syrischen Staat gerichtet sei. Daraus könnte sich ein Politmalus
ableiten. Zudem gehöre er der (...) Minderheit an. Des Weiteren habe keine
Befragung zur Person (BzP) stattgefunden, weshalb die dort zu erheben-
den Hintergrundinformationen im Rahmen der Bundesanhörung ermittelt
worden seien und deren Protokoll ziemlich unübersichtlich sei. Dabei habe
die Verständigung in der (...) Muttersprache des Beschwerdeführers nicht
optimal geklappt, da die vermutlich aus (...) stammende Dolmetscherin ein
anderes (...) gesprochen habe, als sich der Beschwerdeführer gewohnt ge-
wesen sei. Wenn man von seinen Aussagen bei der Bundesanhörung aus-
gehe und damit die fehlenden Punkte ausblende, sei der Asylentscheid
vom (...) 2016 als korrekt anzusehen. Der Beschwerdeführer habe vom
Marschbefehl circa im (...) 2016 telefonisch von seinem Onkel C._
in D._ erfahren, der eine (...) Arbeitsstelle beim Militär bekleide.
Rund ein Jahr später sei das Dokument im Original in die Schweiz gebracht
worden. Der Onkel C._ sei später nach F._ gegangen und
habe sich damit in Sicherheit gebracht. In der Folge hätten die syrischen
Behörden begonnen, nach ihm zu suchen. Dies habe dazu geführt, dass
sein Bruder G._ verfolgt worden sei. Dabei sei ausgekommen, dass
der Beschwerdeführer dem Aufgebot nicht nachgekommen sei, weshalb
sich die Sicherheitskräfte auch dafür zu interessieren begonnen hätten. Da
der Onkel G._ Angehöriger der Armee sei, hätten die Sicherheits-
kräfte jederzeit Zugriff auf ihn gehabt, weshalb er habe flüchten müssen
und heute ebenfalls in F._ lebe. Der (...)ausweis diene zum Beweis,
dass der Onkel G._ Angehöriger der syrischen Armee sei. Damit
lasse sich auch die Frage des SEM im Asylentscheid vom (...) 2019, wes-
halb der Marschbefehl für den Beschwerdeführer nach D._ ge-
schickt worden wäre, wenn seine Adresse darin mit E._ in der Re-
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gion F._ angegeben worden sei, beantworten: Dies läge einfach da-
ran, dass die Familie Isso anscheinend in E._ registriert sei. Obwohl
der Onkel G._ vor seiner Flucht in D._ stationiert gewesen
sei, sei in seinem (...)ausweis als Eintragungsort die Ortschaft E._
vermerkt. Dies bedeute nicht, dass er unbedingt dort wohnen müsse, son-
dern nur, dass er dort registriert sei. Diese Ausführungen zeigten, dass der
Beschwerdeführer die Einberufung zum Reservedienst sehr wohl glaubhaft
gemacht habe. Schliesslich müssten im Zusammenhang mit der geltend
gemachten Militärdienstverweigerung auch die Aktivitäten der Familienan-
gehörigen des Beschwerdeführers berücksichtigt werden, wobei es sich
bei den erwähnten Problemen von dessen Onkeln C._ und
G._ um Reflexverfolgung handeln dürfte.
7.
7.1 In materieller Hinsicht bildet Gegenstand des vorliegenden Beschwer-
deverfahrens (einzig) die Frage, ob der Beschwerdeführer im Zusammen-
hang mit dem Aufgebot zum Reservedienst bei einer (hypothetischen)
Rückkehr nach Syrien befürchten muss, ernsthaften Nachteilen im Sinne
von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden.
Soweit im vorliegenden Beschwerdeverfahren Verständigungsschwierig-
keiten bei der Bundesanhörung vom (...) 2016 geltend gemacht werden, ist
darauf nicht einzugehen, zumal solche im Rahmen einer Beschwerde ge-
gen den Asylentscheid vom (...) 2016 vorzubringen gewesen wären.
Ebenso wenig lassen sich Unterlassungen im Beschwerdeverfahren
D-5264/2019 im vorliegenden Verfahren nachholen. Auf die Ausführungen
in der Beschwerde, mit denen die Erwägungen des SEM in seiner Verfü-
gung vom (...) 2019 kritisiert werden, ist ebenfalls nicht einzugehen.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Mehrfachgesuch des Beschwerdeführers
zu Recht abgelehnt hat. Die Entgegnungen in den Eingaben auf Beschwer-
deebene und die darin angerufenen Beweismittel vermögen zu keiner an-
deren Betrachtungsweise zu führen. Zur Vermeidung von Wiederholungen
kann vorab auf die entsprechenden Erwägungen im angefochtenen Asyl-
entscheid verwiesen werden. Folgendes bleibt festzuhalten:
7.2.1 In seinem Mehrfachgesuch vom (...) 2020 brachte der Beschwerde-
führer lediglich pauschal vor, er entstamme einer oppositionell aktiven Fa-
milie. Diese unsubstanziierte Behauptung überzeugt nicht, zumal sich den
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Seite 12
Akten diesbezüglich keine Anhaltspunkte entnehmen lassen. Alleine aus
dem Aufenthalt verschiedener Familienangehöriger in Europa (vgl. act.
A11/22 F31, F34ff., F52 f.) lässt sich angesichts der Situation in Syrien
noch keine Zugehörigkeit zu einer oppositionell aktiven Familie ableiten.
Nichts Anderes ergibt sich aus Umstand, dass keine BzP stattgefunden
habe, beziehungsweise aus der Behauptung, seine Bundesanhörung sei
unvollständig gewesen. Auch die Angabe, sein Onkel C._ habe eine
(...) Arbeitsstelle beim Militär innegehabt und sein Onkel G._ sei
Soldat der syrischen Armee, legt nicht nahe, dass die Familie oppositionell
aktiv gewesen wäre, vielmehr deuten diese Arbeitstätigkeiten eher auf das
Gegenteil hin. Ebenso wenig ist aus seinen Eingaben im Beschwerdever-
fahren ersichtlich, inwiefern er einer Reflexverfolgung ausgesetzt sein
könnte.
7.2.2 Sodann vermag der Beschwerdeführer weder aus seiner (...) Ethnie
noch aus seiner Tätigkeit für die B._ ([...]) etwas zu seinen Gunsten
abzuleiten. Ein oppositionelles Profil ergibt sich daraus im Zusammenhang
mit der Dienstverweigerung (vgl. nachfolgend E. 7.2.3) nicht. Im Übrigen
wurde diesen Vorbringen bereits im Asylentscheid vom (...) 2016 Rech-
nung getragen, welcher vom Beschwerdeführer diesbezüglich nicht bean-
standet wird und auch nicht mehr beanstandet werden kann.
7.2.3 Was die vom Beschwerdeführer befürchtete politisch motivierte Be-
strafung wegen der geltend gemachten Missachtung des Aufgebots zum
aktiven Reservedienst anbelangt, ist vorab auf die zutreffenden Ausführun-
gen in der vorinstanzlichen Verfügung zu verweisen. Dabei hielt die Vor-
instanz unter Verweis auf BVGE 2015/3 E. 5 insbesondere fest, dass die
Sanktionierung für den Fall einer Missachtung der Dienstpflicht durch eine
Wehrdienstverweigerung oder Desertion flüchtlingsrechtlich nicht beacht-
lich sei, solange entsprechende Massnahmen nicht darauf abzielten, ei-
nem Wehrpflichtigen aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten
Gründe ernsthafte Nachteile zuzufügen. In Bezug auf die spezifische Situ-
ation in Syrien erwog das Gericht im besagten Entscheid, die genannten
Voraussetzungen seien bei einem syrischen Refraktär erfüllt, welcher der
kurdischen Ethnie angehöre, einer oppositionell aktiven Familie ent-
stamme und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatli-
chen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen habe (vgl. a.a.O.,
E. 6.7.3). Diese Rechtsprechung wurde im Urteil des Bundesverwaltungs-
gerichts E-2188/2019 vom 30. Juni 2020 (als Referenzurteil publiziert) be-
stätigt. In vorstehenden E. 7.2.1 und 7.2.2 wurde bereits dargelegt, wes-
halb im vorliegenden Fall eine solche Konstellation zu verneinen ist. Da der
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Beschwerdeführer nach dem Gesagten ungeachtet der Frage der Glaub-
haftigkeit seines Militäraufgebots nicht mit einer politisch motivierten Be-
strafung wegen der Nichtbefolgung des Aufgebots zum Reservedienst zu
rechnen hat, erübrigt es sich, auf den als Beweismittel eingereichten
(...)ausweis des Onkels G._ einzugehen. Auch aus dem Vorbrin-
gen, dass der Onkel G._ Soldat der syrischen Armee sei, vermag
der Beschwerdeführer nichts zu seinen Gunsten abzuleiten.
7.3 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was
geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Mehrfachgesuch zu Recht
abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit verfah-
rensleitender Verfügung vom 24. November 2020 das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen. Deshalb ist auf die
Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.
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D-5681/2020
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