Decision ID: 31fbfd21-b2b1-450f-bdb5-af5b5451fd2f
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog seit längerer Zeit eine Ergänzungsleistung, zunächst zu einer
Witwenrente und später zu einer Altersrente der AHV (vgl. die Verfügungen vom 24. Juli
2008, act. G 6.1.106, und vom 10. März 2020, act. G 6.1.4). Zusätzlich wurden ihr
Krankheits- und Behinderungskosten vergütet. Sie liess sich durch ihren Sohn, B._
(vgl. Vollmachten, act. G 6.1.118, 6.1.20), und ab August 2018 durch C._ vertreten
(vgl. die Verfügungen vom 31. August 2018, act. G 6.2.28, und vom 20. Dezember
2018, act. G 6.1.16). Eine Vollmacht für C._ lag nicht in den Akten.
A.a.
Am 12. Januar 2021 liess die EL-Bezügerin eine Quittung der D._ AG vom
3. Dezember 2020 im Betrag von Fr. 2'005.-- betreffend den Kauf einer Brille sowie
mehrere Leistungsabrechnungen des Krankenversicherers einreichen (act. G 6.2.15-3).
Mit einer Verfügung vom 27. Januar 2021 wies die EL-Durchführungsstelle das Gesuch
um eine Vergütung der Kosten für die Brille ab; die von der EL-Bezügerin getragenen
Kostenbeteiligungen aus der Grundversicherung (KVG) vergütete sie (act. G 6.2.14). Zur
Begründung gab die EL-Durchführungsstelle an, dass durch die Ergänzungsleistungen
keine Brillen vergütet werden könnten, da diese keine Hilfsmittel gemäss Art. 15 der
Verordnung über die Vergütung der Krankheits- und Behinderungskosten bei den
Ergänzungsleistungen des Kantons St. Gallen (VKB/SG, sGS 351.53) seien.
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/7
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Am 3. Februar 2021 liess die EL-Bezügerin eine Leistungsabrechnung des
Krankenversicherers vom 25. Januar 2021 einreichen (act. G 6.2.13). Der
Krankenversicherer hatte sich aus einer Zusatzversicherung mit einem Betrag von
Fr. 250.-- an den Brillenkosten von Fr. 2'005.-- beteiligt. Der Sohn der EL-Bezügerin
teilte mit, dass er den Originalbeleg bereits übermittelt habe. Mit einer Verfügung vom
19. Februar 2021 wies die EL-Durchführungsstelle das Gesuch um eine Vergütung der
Kosten für die Brille abzüglich des Krankenkassen-Anteils von Fr. 250.-- erneut ab (act.
G 6.2.12). Zur Begründung gab sie an, Brillen könnten nicht durch die
Ergänzungsleistungen vergütet werden, da sie nicht zu den Hilfsmitteln zählen würden,
die der Kanton übernehme.
A.c.
Am gleichen Tag (19. Februar 2021) liess die EL-Bezügerin eine Einsprache gegen
die Verfügung vom 27. Januar 2021 erheben (Posteingang: 22. Februar 2021, act.
G 6.2.10). C._ beantragte sinngemäss die Vergütung der Brillenkosten in dem der
EL-Bezügerin zustehenden Betrag. Zur Begründung machte er geltend, es könne keine
Rede davon sein, dass die Brille kein Hilfsmittel sei. Die EL-Bezügerin sei ganztags auf
diese Brille angewiesen, da sie sonst nichts sehe. Er reichte einen Bericht der D._ AG
vom 18. Februar 2021 mit Angaben zu den Gründen der Brillenversorgung vom
3. Dezember 2020 ein (act. G 6.2.11).
A.d.
Mit einem Entscheid vom 27. Mai 2021 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache gegen die Verfügung vom 27. Januar 2021 ab (act. G 6.2.4). Zur
Begründung gab sie an, gemäss Art. 14 Abs. 1 lit. f des Bundesgesetzes über
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG,
SR 831.30) vergüteten die Kantone den EL-Bezügern die ausgewiesenen, im laufenden
Jahr entstandenen Kosten für Hilfsmittel. Dabei bezeichneten sie die Kosten, die nach
Art. 14 Abs. 1 ELG vergütet werden könnten (Art. 14 Abs. 2 ELG). Der Kanton
St. Gallen führe die Hilfsmittel und Hilfsgeräte in Art. 15 VKB auf. EL-Bezüger hätten
Anspruch auf eine Vergütung in Höhe eines Drittels des Kostenbeitrages der AHV bei
Hilfsmitteln, die im Anhang zur eidgenössischen Verordnung über die Abgabe von
Hilfsmitteln durch die Altersversicherung (HVA) aufgeführt seien und an welche die
Alters- und Hinterlassenenversicherung einen Kostenbeitrag geleistet habe (Art. 15
Abs. 2 lit. a und b VKB). Der Anhang zur HVA enthalte die Liste der Hilfsmittel, wobei
als Hilfsmittel für Sehbehinderte lediglich Lupenbrillen aufgeführt würden (Ziff. 11.57).
A.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/7
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B.

Erwägungen
1.
Mit einer Verfügung vom 27. Januar 2021 hat die Beschwerdegegnerin das Gesuch der
Beschwerdeführerin vom 12. Januar 2021 um eine Vergütung der Kosten für den Kauf
einer Brille im Umfang von Fr. 2'005.-- abgewiesen. Die Gesuche um eine Vergütung
der von der Beschwerdeführerin getragenen Kostenbeteiligungen aus der
Grundversicherung (KVG) hat die Beschwerdegegnerin gutgeheissen. Bei einer
genauen Betrachtung hat es sich bei der Verfügung vom 27. Januar 2021 also um
mehrere Verfügungen gehandelt, mit welchen die Beschwerdegegnerin über mehrere
Gesuche um eine Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten entschieden hat
und die aus prozessökonomischen Gründen in einer Verfügung zusammengefasst
worden sind. Die Einsprache vom 19. Februar 2021 hat sich nur gegen die Ablehnung
Bei der für die EL-Bezügerin angefertigten Brille handle es sich nicht um eine
Lupenbrille. Auch sonst stelle sie kein Hilfsmittel dar, welches gestützt auf Art. 14
Abs. 1 ELG vergütet werden könnte. Folglich habe die EL-Durchführungsstelle die
Vergütung der Rechnung der D._ AG vom 3. Dezember 2020 zu Recht abgelehnt.
Die EL-Bezügerin (nachfolgend: Beschwerdeführerin) liess am 23. Juni 2021 eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 27. Mai 2021 erheben (act. G 1).
C._ (vgl. Prozessvollmacht, act. G 5) beantragte sinngemäss, die Brillenkosten seien
anteilig zu vergüten. Zur Begründung machte er geltend, bei der Brille der D._ AG
handle es sich um ein Hilfsmittel, da die Beschwerdeführerin ganztags auf diese
angewiesen sei und ohne diese sehbehindert wäre. Mit der Begründung, dass nur
Lupenbrillen als Hilfsmittel aufgeführt würden, lasse sich nicht plausibel erklären, dass
die Brille der Beschwerdeführerin nicht als Hilfsmittel in Betracht gezogen werden
könne.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am
28. Juli 2021 unter Verweis auf die Erwägungen im Einspracheentscheid die Abweisung
der Beschwerde (act. G 6).
B.b.
Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (vgl. act. G 7).B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/7
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des Gesuchs um die Vergütung der Brillenkosten gerichtet. Im Folgenden ist zu prüfen,
ob die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die Einsprache eingetreten ist und die
Ablehnung der Vergütung der Brillenkosten auf deren Rechtmässigkeit überprüft hat.
2.
Als Beleg zum Gesuch vom 12. Januar 2021 betreffend die Vergütung der Brillenkosten
hat die Beschwerdeführerin die Kaufquittung vom 3. Dezember 2020 einreichen lassen.
Am 3. Februar 2021 hat sie die Leistungsabrechnung des Krankenversicherers vom
25. Januar 2021, der sich mit Fr. 250.-- aus einer Zusatzversicherung an den
Brillenkosten beteiligt hatte, einreichen lassen, dies wohl aus der Erfahrung heraus,
dass für eine Vergütung von Krankheitskosten jeweils die Leistungsabrechnung des
Krankenversicherers einzureichen ist. Die Beschwerdegegnerin hat dieses zweite
Gesuch mit einer Verfügung vom 19. Februar 2021 mit derselben Begründung wie in
der Verfügung vom 27. Januar 2021 abgewiesen. Zu klären ist, wie diese zweite
Verfügung zu qualifizieren ist. Beim Erlass der Verfügung vom 19. Februar 2021 ist die
Verfügung vom 27. Januar 2021 (unabhängig von der Erhebung einer Einsprache) noch
nicht formell rechtskräftig gewesen. In der Sache hat es sich um eine Vergütung der
gleichen Kosten wie in der Verfügung vom 27. Januar 2021, reduziert um den
Kostenanteil des Krankenversicherers, gehandelt. Bei der Verfügung vom 19. Februar
2021 muss es sich deshalb um eine Widerrufsverfügung im Sinne des Art. 53 Abs. 3
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1, der auch auf den Widerruf noch nicht rechtskräftiger, bisher aber noch nicht
angefochtener Verfügungen anwendbar ist) gehandelt haben, mit der die Verfügung
vom 27. Januar 2021 betreffend die Vergütung der Brillenkosten aufgehoben und
ersetzt worden ist. Eine Widerrufsverfügung ersetzt definitionsgemäss die widerrufene
Verfügung integral; sie hebt also die widerrufene Verfügung vollständig auf und ordnet
eine neue Rechtsfolge an, die an die Stelle der Rechtsfolgeanordnung der widerrufenen
Verfügung tritt (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen 6. Juli
2020, EL 2018/53 E. 1.2). Würde die Widerrufsverfügung die widerrufene Verfügung
nicht integral ersetzen, bestünde nämlich die Gefahr der Existenz von zwei
rechtskräftigen, sich aber widersprechenden Verfügungen in der gleichen Sache. Die
Rechtsfolgeanordnung der Verfügung vom 19. Februar 2021 hat sich von derjenigen
der Verfügung vom 27. Januar 2021 insoweit unterschieden, als das Gesuch um die
Vergütung der Brillenkosten reduziert um den Kostenanteil des Krankenversicherers
aus einer Zusatzversicherung abgewiesen worden ist, weil dem damit abgelehnten
Gesuch vom 3. Februar 2021 ein aktuellerer Nachweis zugrunde gelegen hat, nämlich
die Leistungsabrechnung des Krankenversicherers vom 25. Januar 2021. Die
Verfügung vom 19. Februar 2021 ist deshalb als Widerrufsverfügung zu qualifizieren.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/7
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Sie ist der Beschwerdeführerin respektive C._ frühestens am 20. Februar 2021
eröffnet worden. Die Verfügung vom 27. Januar 2021 ist damit frühestens am
20. Februar 2021 aufgehoben worden. Sie hat bei der Erhebung der Einsprache am
19. Februar 2021 zwar noch existiert; in dem Zeitpunkt, in dem der Beschwerdeführerin
die Verfügung vom 19. Februar 2021 eröffnet gewesen ist, ist sie aber aufgehoben
gewesen. In dieser Situation hätte die Beschwerdegegnerin mangels eines
Anfechtungsgegenstandes nicht auf die Einsprache vom 19. Februar 2021 eintreten
dürfen; vielmehr hätte sie das Einspracheverfahren als gegenstandslos abschreiben
müssen. Im Weiteren hat die Beschwerdegegnerin die Einsprache zu Recht nicht als
eine sich nun gegen die Verfügung vom 19. Februar 2021 richtende Einsprache
entgegengenommen, denn offensichtlich kann sich eine am 19. Februar 2021 erhobene
Einsprache nicht gegen eine frühestens am 20. Februar 2021 eröffnete Verfügung
richten. Da die Beschwerdegegnerin mangels eines Anfechtungsgegenstandes nicht
auf die Einsprache vom 19. Februar 2021 hätte eintreten dürfen, erweist sich der
angefochtene (materielle) Einspracheentscheid vom 27. Mai 2021 als rechtswidrig. Er
ist aufzuheben und durch einen Entscheid zu ersetzen, nicht auf die Einsprache
einzutreten. Ob die Beschwerdegegnerin die Vergütung der Brillenkosten zu Recht
abgelehnt hat, kann bei diesem Ausgang des Verfahrens nicht überprüft werden.
3.
Die Beschwerdeführerin hat sich im Verwaltungs- und im Einspracheverfahren durch
C._ vertreten lassen. Eine entsprechende Vollmacht liegt nicht in den Akten. Da das
Einspracheverfahren gegen die Verfügung vom 27. Januar 2021 gegenstandslos
geworden ist (vgl. E. 2) kann offenbleiben, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht von
einem Vertretungsverhältnis ausgegangen und auf die durch C._ erhobene
Einsprache eingetreten ist.
4.
Im Sinne eines obiter dictum ist folgendes festzuhalten: Aus dem auch im
Verfahrensrecht geltenden Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 der
Bundesverfassung, SR 101) kann einer Behörde die Verpflichtung erwachsen, eine
anwaltlich nicht vertretene Partei, die im Begriff ist, einen Verfahrensfehler zu begehen,
der eine Verschlechterung ihrer Rechtsstellung zur Folge haben kann, aufzuklären
(Regina Kiener/Bernhard Rütsche/Mathias Kuhn, Öffentliches Verfahrensrecht,
2. Auflage 2015, N 225; BGE 124 II 270 E. 4a = Pra 87 Nr. 135). Vorliegend hat die