Decision ID: 54bb219e-82de-408c-9133-05c8f45fab6e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Mit Ausschreibung vom 11. Juni 2019 im Schengener Informationssystem
(SIS) ersuchten die rumänischen Behörden um Fahndung und Verhaftung
des rumänischen Staatsangehörigen A. zwecks Auslieferung im Hinblick auf
die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe von drei Jahren wegen Einbruchs-
diebstahls aus dem Urteil des Gerichts von Poliesti vom 9. April 2019
(act. 3.1).
B. Gestützt auf diese Ausschreibung ordnete das Bundesamt für Justiz (nach-
folgend «BJ») am 17. September 2022 die provisorische Auslieferungshaft
gegen A. an (act. 3.2), nachdem dieser von Schweizer Zollbehörden im Rah-
men einer Kontrolle anlässlich seiner Einreise mit der Bahn von Bregenz
herkommend in St. Margrethen hatte identifiziert und anschliessend der Kan-
tonspolizei St. Gallen übergeben werden können (act. 3.3; act. 3.6C).
Anlässlich seiner Einvernahme vom 19. September 2022 unter Beizug eines
Dolmetschers für die rumänische Sprache erklärte A., mit einer vereinfach-
ten Auslieferung an Rumänien nicht einverstanden zu sein (act. 3.6B S. 4 f.).
Er wurde auf sein Recht hingewiesen, im Rahmen des Auslieferungsverfah-
rens einen Rechtsbeistand (Art. 21 Abs. 1 Rechtshilfegesetz) beizuziehen.
Auf seine Entgegnung, er habe kein Geld, wurde er darauf aufmerksam ge-
macht, dass er «das» beantragen könne (act. 3.6B S. 2 f.).
C. Am 20. September 2022 erliess das BJ gegen A. einen Auslieferungshaftbe-
fehl, der ihm am 22. September 2022 ausgehändigt wurde. Auf Wunsch von
A. wurde ihm der Auslieferungshaftbefehl durch den zuständigen Beamten
der Kantonspolizei Bern in italienischer Sprache mitgeteilt. Dabei gab A. an,
diesen nicht verstehen zu wollen, und verweigerte seine Unterschrift zur Be-
stätigung des Empfangs (act. 3.10).
D. Gegen den Auslieferungshaftbefehl vom 20. September 2022 erhebt A. mit
Eingabe vom 28. September 2022 (Postaufgabe vom 29. September 2022
und Eingang 30. September 2022) Beschwerde bei der Beschwerdekammer
des Bundesstrafgerichts. Zur Begründung führt er aus, er habe keine Kennt-
nis vom Haftbefehl gegen ihn. Dieser sei ihm nie zugestellt worden. Er wisse
auch nicht, wofür er verurteilt werde. Er sei 2017 schon nach Rumänien über-
führt worden und dort freigelassen worden. Weiter beantragt er einen «amt-
lich ernannten Rechtsbeistand» (act. 1).
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E. Auf entsprechende Aufforderung hin reichte das BJ mit Eingabe vom 3. Ok-
tober 2022 der Beschwerdekammer seine Verfahrensakten ein (act. 3).

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für den Auslieferungsverkehr zwischen der Schweiz und Rumänien sind pri-
mär massgebend das Europäische Auslieferungsübereinkommen vom
13. Dezember 1957 (EAUe; SR 0.353.1) sowie das zu diesem Übereinkom-
men am 15. Oktober 1975 ergangene erste Zusatzprotokoll (ZPI EAUe; SR
0.353.11), das am 17. März 1978 ergangene zweite Zusatzprotokoll (ZPII
EAUe; SR 0.353.12) und das am 10. November 2010 ergangene dritte Zu-
satzprotokoll (ZPIII EAUe; SR 0.353.13). Ausserdem gelangt der Beschluss
2007/533/JI des Rates vom 12. Juni 2007 über die Einrichtung, den Betrieb
und die Nutzung des Schengener Informationssystems der zweiten Genera-
tion (SIS-II-Beschluss; ABl. L 205 vom 7. August 2007, S. 63–84; Beschluss
2010/365/EU des Rates vom 29. Juni 2010 über die Anwendung der Best-
immungen des Schengen-Besitzstands über das Schengener Informations-
system in der Republik Bulgarien und Rumänien, ABl. L 166 vom 1. Juli
2010, S. 17–20), namentlich dessen Art. 26 bis 31 zur Anwendung.
1.2 Soweit diese Staatsverträge bestimmte Fragen nicht abschliessend regeln,
findet auf das Verfahren der Auslieferung und der vorläufigen Auslieferungs-
haft ausschliesslich das Recht des ersuchten Staates Anwendung (Art. 22
EAUe), namentlich das Bundesgesetz vom 20. März 1981 über internatio-
nale Rechtshilfe in Strafsachen (Rechtshilfegesetz, IRSG; SR 351.1) und die
Verordnung vom 24. Februar 1982 über internationale Rechtshilfe in Straf-
sachen (Rechtshilfeverordnung, IRSV; SR 351.11). Das innerstaatliche
Recht gelangt nach dem Günstigkeitsprinzip auch dann zur Anwendung,
wenn dieses geringere Anforderungen an die Auslieferung stellt (BGE 142
IV 250 E. 3; 140 IV 123 E. 2; 137 IV 33 E. 2.2.2; 136 IV 82 E. 3.1). Vorbehal-
ten bleibt die Wahrung der Menschenrechte (BGE 135 IV 212 E. 2.3; 123 II
595 E. 7c; TPF 2016 65 E. 1.2; TPF 2008 24 E. 1.1)
- 4 -
2.
2.1 Gegen den Auslieferungshaftbefehl des BJ kann der Verfolgte innert zehn
Tagen ab der schriftlichen Eröffnung Beschwerde bei der Beschwerdekam-
mer des Bundesstrafgerichts führen. Für das Beschwerdeverfahren gelten
die Art. 379–397 StPO sinngemäss (Art. 48 Abs. 2 i.V.m. Art. 47 IRSG). Im
Übrigen gelten die allgemeinen Bestimmungen des IRSG und des Bundes-
gesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (Verwal-
tungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021; vgl. Art. 39 Abs. 2 lit. b i.V.m.
Art. 37 Abs. 2 lit. a Ziff. 1 StBOG).
2.2 Die vorliegende Beschwerde erweist sich als form- und fristgerecht. Die üb-
rigen Eintretensvoraussetzungen geben keinen Anlass zu Bemerkungen.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
3. Die Verhaftung des Verfolgten während des ganzen Auslieferungsverfah-
rens bildet die Regel (BGE 136 IV 20 E. 2.2; 130 II 306 E. 2.2). Eine Aufhe-
bung des Auslieferungshaftbefehls sowie eine Haftentlassung rechtfertigen
sich nur ausnahmsweise und unter strengen Voraussetzungen, wenn der
Verfolgte sich voraussichtlich der Auslieferung nicht entzieht und die Straf-
untersuchung nicht gefährdet (Art. 47 Abs. 1 lit. a IRSG), wenn er den soge-
nannten Alibibeweis erbringen und ohne Verzug nachweisen kann, dass er
zur Zeit der Tat nicht am Tatort war (Art. 47 Abs. 1 lit. b IRSG), wenn er nicht
hafterstehungsfähig ist oder andere Gründe vorliegen, welche eine weniger
einschneidende Massnahme rechtfertigen (Art. 47 Abs. 2 IRSG), oder wenn
sich die Auslieferung als offensichtlich unzulässig erweist (Art. 51 Abs. 1
IRSG). Diese Aufzählung ist nicht abschliessend (BGE 130 II 306 E. 2.1; 117
IV 359 E. 2a; vgl. zum Ganzen zuletzt u.a. den Entscheid des Bundesstraf-
gerichts RH.2018.3 vom 20. Februar 2018 E. 3.2).
4. Gegen den Auslieferungshaftbefehl wendet der Beschwerdeführer einzig
ein, er habe keine Kenntnis vom Haftbefehl gegen ihn. Dieser sei ihm nie
zugestellt worden. Er wisse auch nicht, wofür er verurteilt werde. Er sei 2017
schon nach Rumänien überführt worden und dort freigelassen worden
(act. 1). Damit bringt er ausschliesslich Einwände zur Auslieferungssache
vor. Einwände des Verfolgten gegen eine Auslieferung als solche bzw. ge-
gen die Begründetheit des Auslieferungsersuchens sind im Haftbeschwer-
deverfahren grundsätzlich nicht zu hören (vgl. BGE 111 Ib 147 E. 4; 111 IV
108 E. 3a). Einzig die offensichtliche Unzulässigkeit der Auslieferung könnte
in diesem Zusammenhang einen materiell-rechtlichen Haftentlassungsgrund
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bilden (Art. 51 Abs. 1 IRSG; vgl. BGE 111 IV 108 E. 3a; Urteil des Bundes-
gerichts 1A.37/2007 vom 30. März 2007 E. 3; Entscheid des Bundesstrafge-
richts RH.2018.1 vom 13. Februar 2018 E. 3 m.w.H.). Offensichtlich unzu-
lässig kann ein Auslieferungsersuchen sein, wenn ohne jeden Zweifel und
ohne weitere Abklärungen ein Ausschlussgrund vorliegt (BGE 111 IV 108
E. 3a; vgl. zuletzt u.a. Entscheid des Bundesstrafgerichts RH.2018.1 vom
13. Februar 2018 E. 3). Was der Beschwerdeführer einwendet, lässt indes
eine Auslieferung nicht als offensichtlich unzulässig erscheinen. Die Be-
schwerde erweist sich diesbezüglich als offensichtlich unbegründet.
5. Andere Gründe, welche eine Auslieferung offensichtlich auszuschliessen
oder sonst zu einer Aufhebung der Auslieferungshaft zu führen vermöchten,
werden weder geltend gemacht noch sind solche ersichtlich. Die Be-
schwerde erweist sich nach dem Gesagten offensichtlich als unbegründet,
weshalb sie ohne Durchführung eines Schriftenwechsels (vgl. Art. 57 Abs. 1
VwVG e contrario) abzuweisen ist.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer beantragt für das Beschwerdeverfahren «einen amt-
lich ernannten Rechtsbeistand» (act. 1).
6.2 Die Beschwerdekammer befreit eine Partei, die nicht über die erforderlichen
Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern
ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und bestellt
dieser einen Anwalt, wenn dies zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist
(Art. 65 Abs. 2 VwVG). Diese Regelung ist Ausfluss von Art. 29 Abs. 3 BV.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind als aussichtslos Begeh-
ren anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich geringer sind
als die Verlustgefahren. Dagegen gilt ein Begehren nicht als aussichtslos,
wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr die Waage hal-
ten oder jene nur wenig geringer sind als diese (BGE 142 III 138 E. 5.1; 140
V 521 E. 9.1).
6.3 Vorliegend erweist sich die Beschwerde offensichtlich als aussichtslos im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. Demzufolge ist das Gesuch des Beschwer-
deführers um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung ohne Über-
prüfung von dessen finanzieller Situation abzuweisen. Bei der Festsetzung
der Spruchgebühr kann gemäss Art. 63 Abs. 4bis VwVG der womöglich
schwierigen finanziellen Situation des Beschwerdeführers Rechnung getra-
gen werden.
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7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die reduzierte Ge-
richtsgebühr ist auf Fr. 1'000.-- festzusetzen (vgl. Art. 63 Abs. 5 VwVG und
Art. 73 StBOG sowie Art. 5 und Art. 8 Abs. 3 lit. a des Reglements des Bun-
desstrafgerichts vom 31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und Ent-
schädigungen in Bundesstrafverfahren [BStKR; SR 173.713.162]).
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