Decision ID: 7377d2f2-8025-5799-9028-fdccd934d090
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis der Kategorie B am 30. November 1978. Sie ist seit 42
Jahren querschnittgelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. In ihrem Führerausweis
sind deshalb folgende Beschränkungen eingetragen: angepasste kombinierte
Beschleunigungs- und Bremsmechanismen (Code 30), angepasste
Bedienungsvorrichtungen (35) sowie angepasste Lenkung (40). Die Fahrerlaubnis
wurde zudem auf Fahrzeuge mit Automatikgetriebe eingeschränkt (78).
B.- Am 11. März 2020, 15.40 Uhr, war X mit einem Personenwagen in Gommiswald in
Richtung Uznach unterwegs, als sie in eine Geschwindigkeitskontrolle der
Kantonspolizei geriet. Die Messung mittels mobilen Lasergeräts ergab eine rechtlich
relevante Geschwindigkeit von 75 km/h (78 km/h abzüglich einer Sicherheitsmarge von
3 km/h). Bei der anschliessenden polizeilichen Einvernahme anerkannte X die
Geschwindigkeitsüberschreitung und fügte hinzu, sie habe sich ausserorts gewähnt.
Gestützt auf den Polizeirapport eröffnete das Strassenverkehrsamt des Kantons
St. Gallen am 23. März 2020 ein Administrativmassnahmeverfahren, das am 7. April
2020 bis zum Abschluss des Strafverfahrens sistiert wurde. Der rechtskräftige
Strafbefehl des Untersuchungsamts Uznach vom 1. April 2020 ging nach dem Rückzug
der dagegen erhobenen Einsprache am 12. Juni 2020 beim Strassenverkehrsamt ein. X
wurde der groben Verletzung von Verkehrsregeln schuldig gesprochen und zu einer
bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je Fr. 110.– und einer Busse von Fr. 440.–
verurteilt.
C.- Mit Verfügung vom 10. August 2020 entzog das Strassenverkehrsamt den
Führerausweis wegen einer schweren Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von drei Monaten. Dagegen erhob X am
25. August 2020 durch ihren Rechtsvertreter Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK). Sie beantragte, die
Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 10. August 2020 sei aufzuheben (Ziffer 1),
es sei festzustellen, dass sie sich aufgrund ihrer Behinderung in einer
Ausnahmesituation befinde (Ziff. 2), es sei auf den Entzug des Führerausweises zu
verzichten (Ziff. 3), eventualiter sei ein einmonatiger Führerausweisentzug zu verfügen
(Ziff. 4), unter Kosten- und Entschädigungsfolge (Ziff. 5). Auf die Ausführungen zur
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Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Strassenverkehrsamt verzichtete mit Schreiben vom 30. September 2020 auf eine
Stellungnahme.

Erwägungen:
1.- a) Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 25. August 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
b) Die Rekurrentin beantragte unter anderem, es sei festzustellen, dass sie sich
aufgrund ihrer Behinderung in einer Ausnahmesituation befinde. Das VRP regelt die
Feststellungsverfügung nicht. Der im Bundesrecht bestehende Anspruch auf Erlass
eines Feststellungsentscheides gilt allerdings auch gegenüber den Kantonen, wenn sie
öffentliches Recht des Bundes anwenden (Urteil des Bundesgerichts [BGer]
2C_608/2017 vom 24. August 2018 E. 5.3). Das Begehren um eine solche
Feststellungsverfügung setzt ein spezifisches schutzwürdiges, rechtliches oder
tatsächliches Interesse voraus. Schutzwürdig ist das Interesse dann, wenn der Private
bei Verweigerung der nachgesuchten Feststellung Vorkehrungen treffen oder
unterlassen würde und ihm dadurch Nachteile entstünden. Eine Feststellungsverfügung
fällt ausser Betracht, wenn das schutzwürdige Interesse mit einer rechtsgestaltenden
Verfügung gewahrt werden kann (BGE 137 II 199 E. 6.5; Rhinow/Koller/Kiss/Thurnherr/
Brühl-Moser, Öffentliches Prozessrecht, 3. Aufl. 2014, N 1279 ff.), wie das hier der Fall
ist. So wird nachfolgend unter anderem zu untersuchen sein, ob und in welchem
Ausmass die mit der Querschnittlähmung verbundene Mobilitätseinschränkung bei der
Festlegung der Entzugsdauer zu berücksichtigen ist. Die krankheitsbedingte
Ausnahmesituation der Rekurrentin ist folglich Gegenstand des Hauptverfahrens,
weshalb kein Anspruch auf eine separate Feststellungsverfügung besteht. Ohnehin
wäre der Rekurrentin mit der blossen Feststellung, dass sie sich in einer
Ausnahmesituation befinde, nicht geholfen. Entscheidend ist vielmehr, wie sich ihre
persönlichen Umstände auf die Administrativmassnahme auswirken. Auf das
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Feststellungsbegehren ist daher nicht einzutreten. Im Übrigen ist auf den Rekurs
einzutreten.
2.- Die Rekurrentin macht in formeller Hinsicht eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
geltend. Aus der Verfügung sei nicht erkennbar, dass sich die Vorinstanz mit ihrer
Ausnahmesituation auseinandergesetzt habe.
a) Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 BV leitet das
Bundesgericht in ständiger Rechtsprechung auch die Pflicht der Behörde ab, ihre
Verfügungen zu begründen (vgl. BGE 133 III 439 E. 3.3, 133 I 270 E. 3.1, 129 I 236 E.
3.2, 126 I 102 E. 2b). Als persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht verlangt dieser
Grundsatz, dass die Behörde die Vorbringen der von der Verfügung in seiner
Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, prüft und berücksichtigt und ihre
Verfügung vor diesem Hintergrund begründet. Sie soll wissen, warum die Behörde
entgegen ihrem Antrag verfügt hat; die Begründung muss deshalb so abgefasst sein,
dass sie die Verfügung gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann. Dies ist nur
möglich, wenn sich sowohl die Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die
Tragweite der Verfügung ein Bild machen können; in diesem Sinn müssen wenigstens
kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde leiten liess und
auf welche sich ihre Verfügung stützt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass sich die
Behörde ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen
Einwand auseinandersetzen muss; vielmehr kann sie sich auf die für die Verfügung
wesentlichen Gesichtspunkte beschränken. Umfang und Dichte der Begründung
richten sich generell nach den Umständen (vgl. BGE 133 III 439 E. 3.3, 133 I 270 E. 3.1
und 129 I 232 E. 3.2; Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8.
Aufl. 2020, N 1071; G. Steinmann, St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, Art. 29 N 49).
Ist die Sachlage klar und sind die anwendbaren Normen bestimmt, kann ein Hinweis
auf diese Rechtsnormen genügen, während ein weiter Spielraum der Behörde –
aufgrund von Ermessen oder unbestimmten Rechtsbegriffen – und eine Vielzahl von in
Betracht fallenden Sachverhaltselementen eine ausführliche Begründung gebieten
(BGE 112 Ia 110 E. 2b, 104 Ia 213 E. 5g; Steinmann, a.a.O., Art. 29 N 49). Die
Begründungspflicht, welche aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinn von
Art. 29 Abs. 2 BV fliesst, hat der st. gallische Gesetzgeber für Verfügungen in Art. 24
Abs. 1 lit. a VRP ausdrücklich festgehalten; nach dieser Bestimmung soll die Verfügung
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unter anderem die Gründe enthalten, auf die sie sich stützt (vgl. zum Ganzen Urteil des
Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen [VerwGE] B 2009/211 vom 18. März 2010
E. 2.1, im Internet abrufbar unter: www.sg.ch/recht/gerichte und dort unter
Rechtsprechung).
b) Die Vorinstanz führte mit Hinweis auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung aus,
dass dem Administrativmassnahmeverfahren der im Strafverfahren festgestellte
Sachverhalt zugrunde zu legen sei. Auszugehen sei deshalb von einer
Geschwindigkeitsüberschreitung innerorts von 25 km/h. Gemäss gefestigter
Bundesgerichtspraxis handle es sich dabei um eine schwere Widerhandlung gemäss
Art. 16c Abs. 1 lit. a des Strassenverkehrsgesetztes (SR 741.01, abgekürzt: SVG), die
mit einem mindestens dreimonatigen Führerausweisentzug zu sanktionieren sei. Sie
erwog weiter, die persönliche Situation bzw. die Angewiesenheit auf den
Führerausweis wegen der Mobilitätseinschränkung sei bei der Beurteilung der Schwere
des Verschuldens nicht von Bedeutung. Ein schweres Verschulden werde nicht zu
einem mittelschweren, wenn jemand aus beruflichen oder privaten Gründen auf das
Fahrzeug dringend angewiesen sei. Die Vorinstanz wies in ihrer Verfügung auf die
Erwägung 2b des Bundesgerichtsentscheids 126 II 210 hin. Dabei handelt es sich um
die Seite 210 des BGE 126 II 206, der entgegen den Vorbringen der Rekurrentin
publiziert wurde (www.bger.ch und dort unter Rechtsprechung). Darin äusserte sich
das Bundesgericht zur Sanktionsempfindlichkeit und erwog unter anderem, dass die
berufliche Angewiesenheit auf den Führerausweis bei der Beurteilung des
Verschuldens, ob ein mittelschwerer oder ein schwerer Fall vorliege, nicht von
Bedeutung sei. Aufgrund des Hinweises auf das erwähnte Bundesgerichtsurteil ging
die Vorinstanz offensichtlich davon aus, gesundheitliche Gründe könnten sich ebenso
wenig auf die Mindestentzugsdauer auswirken wie berufliche. Die Verfügung wurde
damit so abgefasst, dass sich die Rekurrentin über deren Tragweite ein Bild machen
und sie sachgerecht anfechten konnte. Insgesamt genügt die Begründungsdichte den
Anforderungen an das rechtliche Gehör; eine Verletzung dieses Anspruchs ist nicht
ersichtlich. Daran ändert auch nichts, dass das Datum und das ausstellende Amt des
Strafbefehls aus Nachlässigkeit jeweils mit "xy" angegeben wurden.
3.- a) In tatsächlicher Hinsicht bestreitet die Rekurrentin nicht, am 11. März 2020 die
zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h innerorts um 25 km/h überschritten zu
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haben. Sie macht jedoch geltend, der von der Vorinstanz verfügte dreimonatige
Führerausweisentzug verstosse in ihrem Fall gegen den Grundsatz der
Verhältnismässigkeit gemäss Art. 5 Abs. 2 BV, der Massstab allen staatlichen Handelns
sei. So habe das Bundesgericht in seiner früheren Rechtsprechung eine
Unterschreitung der Mindestentzugsdauer bei massiven Verstössen gegen das
Beschleunigungsgebot zugelassen und bei schwerer Betroffenheit durch die Tat in
analoger Anwendung von Art. 54 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (SR 311.0,
abgekürzt: StGB) sogar auf eine Massnahme verzichtet. In ihrem Fall liege insofern eine
Ausnahmesituation vor, als sie an den Rollstuhl gebunden sei. Zusammen mit ihrer
besonderen Wohnlage komme der Entzug des Führerausweises faktisch einem
Hausarrest gleich. Anders als Personen, die im urbanen Umfeld lebten, habe sie auch
keinen einfachen Zugang zum öffentlichen Verkehr oder zu behindertengerechten
Transportdienstleistungen. Zudem könne sie die Zufahrt zum Haus mit dem Rollstuhl
aufgrund der abschüssigen Lage nicht selbständig überwinden; dazu benötige sie die
Hilfe einer anderen Person oder elektrische Unterstützung. Der Führerausweisentzug
habe folglich nicht nur finanzielle Folgen, sondern schneide sie tatsächlich von ihrer
Umwelt ab. Ein Führerausweisentzug von mehreren Monaten sei deshalb
unverhältnismässig und nicht zumutbar. Zudem verstosse er gegen das
Diskriminierungsverbot nach Art. 8 Abs. 2 BV, wonach Menschen mit Behinderungen
vor Ausgrenzung zu schützen seien. Der Gesetzgeber habe es verpasst, für Personen
mit eingeschränkter Mobilität eine alternative Sanktionsform vorzusehen, die es
erlauben würde, auf den Entzug des Führerausweises zu verzichten. Schon deshalb sei
die angefochtene Verfügung aufzuheben. Die Massnahme verstosse auch gegen die
Bewegungsfreiheit nach Art. 10 Abs. 2 BV, da sie ihr (der Rekurrentin) verunmögliche,
selbstbestimmt zu leben, insbesondere das Grundstück selbständig zu verlassen. Zu
berücksichtigen sei auch, dass sie und ihr Assistenzhund auf die tägliche Bewegung
abseits des Wohnhauses angewiesen seien. Nicht zuletzt werde mit dem
Führerausweisentzug auch Art. 20 lit. a des von der Schweiz ratifizierten
Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (SR 0.109,
Behindertenrechtskonvention, abgekürzt: BRK) verletzt. Da es der Gesetzgeber bis
heute verpasst habe, die im Übereinkommen geforderten wirksamen Massnahmen zu
ergreifen, habe nun das Gericht die Aufgabe, den vorliegenden Sachverhalt im Geiste
der genannten Bestimmung zu würdigen. Im Rekursverfahren ist von den Angaben der
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Rekurrentin zu ihren persönlichen Verhältnissen auszugehen, weshalb von ihrer
Befragung abgesehen werden kann und der entsprechende Beweisantrag abzuweisen
ist.
b) aa) Das Gesetz unterscheidet zwischen der leichten, mittelschweren und schweren
Widerhandlung (Art. 16a bis c SVG). Gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG begeht eine
leichte Widerhandlung, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr
für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft.
Nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG begeht eine mittelschwere Widerhandlung, wer durch
Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in
Kauf nimmt. Gestützt auf Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG begeht eine schwere
Widerhandlung, wer durch grobe Verletzung von Verkehrsregeln eine ernstliche Gefahr
für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt. Die mittelschwere
Widerhandlung nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG stellt einen Auffangtatbestand dar. Sie
liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten Widerhandlung
gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG und nicht alle qualifizierenden Elemente einer
schweren Widerhandlung nach Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG gegeben sind. Für
Geschwindigkeitsüberschreitungen hat die Rechtsprechung genaue Limiten festgelegt,
um besonders leichte, leichte, mittelschwere und schwere Widerhandlungen
voneinander abzugrenzen. Danach begeht ungeachtet der konkreten Umstände eine
schwere Widerhandlung, wer die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts um 25 km/
h und mehr überschreitet (BGE 132 II 234 E. 3.1; Ph. Weissenberger, Kommentar zum
Strassenverkehrsgesetz, 2. Aufl. 2015, Art. 16c SVG N 6). Anders als im
vorinstanzlichen Verfahren wurde zu Recht nicht mehr geltend gemacht, die
Rekurrentin habe sich im Ausserortsbereich gewähnt. Sie fuhr von Gommiswald in
Richtung Uznach. Die Messstelle befand sich nur in geringer Distanz zum Dorfzentrum.
Etwas mehr als 50 Meter nach der Messstelle befand sich das Verkehrssignal, das die
Aufhebung der allgemeinen Innerortsgeschwindigkeit von 50 km/h anzeigte
(vgl. www.google.ch/maps/place/Rickenstrasse+685); es war folglich von der
Messstelle aus erkennbar. Das Verschulden der Rekurrentin wiegt daher nicht mehr
leicht, weshalb auch aus subjektiver Sicht eine schwere Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften vorliegt. Nach einer schweren Widerhandlung wird der
Lernfahr- oder Führerausweis für mindestens drei Monate entzogen (Art. 16c Abs. 2 lit
a SVG). Dabei handelt es sich um einen sogenannten Warnungsentzug.
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bb) Der Warnungsentzug ist – im Gegensatz zum Sicherungsentzug wegen fehlender
Fahreignung – eine der Strafe ähnliche Sanktion mit präventivem Charakter
(Weissenberger, a.a.O., Vorbemerkungen zu Art. 16 ff. SVG N 5) und als solcher Teil
des Administrativmassnahmenrechts, das per 1. Januar 2005 verschärft wurde. Ziel der
Revision war es, schwere und wiederholte Widerhandlungen gegen
Strassenverkehrsvorschriften strenger und vor allem auch einheitlicher zu ahnden, um
die Strassenverkehrsteilnehmer zu rücksichtsvollem und sicherem Fahren zu bewegen.
Eine einschneidende Änderung betraf die Mindestentzugsdauer, die nur noch in klar
definierten Ausnahmefällen (Dienstfahrten von Blaulichtorganisationen) unterschritten
werden darf (Art. 16 Abs. 3 Satz 2 SVG). Die besonderen Umstände des Einzelfalls,
namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie insbesondere auch die berufliche Notwendigkeit, ein
Motorfahrzeug zu führen, dürfen seither nur bis zur gesetzlich vorgeschriebenen
Mindestentzugsdauer berücksichtigt werden, weil sonst die mit der Revision
angestrebte einheitliche Handhabung vereitelt würde. Nach dem ausdrücklichen Willen
des Gesetzgebers und entgegen der früheren bundesgerichtlichen Rechtsprechung
(vgl. BGE 120 Ib 504) kommt die Unterschreitung der Mindestentzugsdauer auch bei
einer Verletzung des Anspruchs auf Beurteilung innert angemessener Frist (Art. 29 Abs.
1 BV, Art. 6 Ziff. 1 EMRK) nicht mehr in Frage, wobei dies den gänzlichen Verzicht auf
eine Massnahme in schwerwiegenden Fällen nicht ausschliesst. Das
Grundrechtsinteresse ist dann höher zu gewichten als das Vereinheitlichungsinteresse,
zumal es sich um Ausnahmen handelt und das Sanktionsinteresse aufgrund der sehr
langen Verfahrensdauer stark an Bedeutung verliert (vgl. BGE 135 II 334 E. 2.2;
Botschaft vom 31. März 1999 zur Änderung des SVG, BBl 1999 4485 f.; BSK SVG-
B. Rütsche, Art. 16 N 94). Eine Verletzung des Beschleunigungsgebots liegt hier nicht
vor und wird auch nicht geltend gemacht, weshalb dieser Aspekt nicht weiter zu prüfen
ist. Ebenso fällt ein Verzicht auf eine Massnahme in analoger Anwendung von Art. 54
StGB ausser Betracht, da es offensichtlich an der dafür notwendigen Voraussetzung
einer schweren Betroffenheit durch die unmittelbaren Folgen der Widerhandlung gegen
die Strassenverkehrsvorschriften fehlt. Zu prüfen ist jedoch, ob durch den
Warnungsentzug (weitere) Grundrechte der Rekurrentin, namentlich das
Diskriminierungsverbot (Art. 8 Abs. 2 BV) und das Recht auf Bewegungsfreiheit (Art. 10
Abs. 2 BV) verletzt würden.
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cc) Das Bundesgericht hatte sich im Jahr 2006 mit dem Fall eines
querschnittgelähmten ("paraplégie sensitivo-motrice complète") Fahrzeuglenkers zu
befassen. Dieser arbeitete als Arzt, musste häufig reisen und war deshalb auf sein
behindertengerecht umgebautes Auto angewiesen. Wegen Überschreitens der
zulässigen Höchstgeschwindigkeit um 25 km/h wurde er mit einem dreimonatigen
Fahrverbot belegt. Das Bundesgericht führte im Urteil aus, es sei nach der Revision des
SVG nicht mehr möglich, die Mindestentzugsdauer zu verkürzen. Der Gesetzgeber
habe in Kenntnis der früheren Ausnahmeregelungen, namentlich zugunsten der
Berufschauffeure, seinen Willen zur Vereinheitlichung deutlich zum Ausdruck gebracht.
Dies stehe der Einführung von Ausnahmen für weitere Personengruppen, insbesondere
auch für Fahrzeuglenker mit körperlichen Behinderungen, auf dem Weg der
Gesetzesauslegung entgegen (BGer 6A.38/2006 vom 7. September 2006 E. 3.1.2). Das
Bundesgericht kam zum Schluss, dass eine solche Massnahme weder das Recht auf
Bewegungsfreiheit verletze noch gegen das Diskriminierungsverbot verstosse. Der
Führerausweisentzug habe im Wesentlichen wirtschaftliche Folgen, indem Mehrkosten
für den Transport anfielen. In diesem Punkt sei der Lenker mit einer Behinderung indes
nicht stärker betroffen als ein anderer Fahrer ohne Führerausweis, der aufgrund seiner
persönlichen, geografischen oder finanziellen Situation gezwungen sei, die Dienste von
Taxis zu beanspruchen, weil er keine anderen Transportmittel benutzen könne (BGer,
a.a.O., E. 3.2 und 3.2.1; Schefer/Hess-Klein, Behindertengleichstellungsrecht, Bern
2014, S. 522). Diese Rechtsprechung wurde später mehrfach bestätigt. So führte das
Bundesgericht im Jahr 2013 aus, der Gesetzgeber habe die Verkürzung der
Mindestentzugsdauer auch bei Vorliegen besonderer Umstände ausschliessen wollen.
In Anbetracht der damaligen parlamentarischen Debatten gelte dieser Ausschluss
ebenfalls für Menschen mit Behinderungen (BGer 1C_593/2013 vom 25. Juni 2013
E. 2). In einem Urteil vom 22. Februar 2017 hielt das höchste Gericht sodann fest, die
gesetzliche Mindestentzugsdauer dürfe nicht unterschritten werden, auch wenn der
Führerausweisentzug den offenbar in seiner Beweglichkeit altersbedingt
eingeschränkten Lenker besonders hart treffe (BGer 1C_521/2016 vom 22. Februar
2017 E. 4).
Vor diesem Hintergrund besteht kein Raum für eine vom Gesetz abweichende
Massnahme, zumal der Führerausweisentzug auch im vorliegenden Fall
grundrechtskonform vollziehbar ist. Namentlich wird die Rekurrentin durch die
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Massnahme in ihrer Bewegungsfreiheit nicht derart eingeschränkt, dass von einem
eigentlichen Hauarrest auszugehen wäre. So könnte sie beispielsweise spezialisierte
Taxidienste beanspruchen, die Menschen transportieren, denen die öffentlichen
Verkehrsmittel nur schwer zugänglich sind. Weiter gibt es Hundesitterinnen, die sich
gegen Entgelt um den Assistenzhund kümmern und dessen täglichen Auslauf
gewährleisten könnten. Entsprechende Angebote – auch für den Wohnort der
Rekurrentin – sind im Internet publiziert. Die dadurch verursachten Mehrkosten sind
gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung vom Gesetzgeber gewollt und deshalb
hinzunehmen.
dd) Schliesslich beruft sich die Rekurrentin auf die BRK, die für die Schweiz am 15. Mai
2014 in Kraft getreten ist. Dieses am 13. Dezember 2006 in New York von der
Generalversammlung der UNO verabschiedete Übereinkommen bezweckt den vollen
und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle
Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die
Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern (Art. 1 Abs. 1 BRK). Ein solcher
Staatsvertrag kann angerufen werden, soweit er der betreffenden Person
individualrechtliche Ansprüche verleiht. Eine staatsvertragliche Bestimmung ist
praxisgemäss direkt anwendbar ("self-executing"), wenn sie inhaltlich hinreichend
bestimmt und klar ist, um im Einzelfall Grundlage eines Entscheides bilden zu können.
Die Norm muss mithin justiziabel sein, das heisst, es müssen die Rechte und Pflichten
des Einzelnen umschrieben und der Adressat der Norm die rechtsanwendenden
Behörden sein (BGer 2C_875/2016 vom 10. Oktober 2016 E. 3.4.1). Ob sich aus der
BRK ein Rechtsanspruch für die Rekurrentin ableiten lässt, kann offengelassen werden,
weil nach höchstrichterlicher Rechtsprechung weder eine Ungleichbehandlung noch
eine Grundrechtsverletzung vorliegt (BGer 6A.38/2006 vom 7. September 2006 E. 3.2
und 3.2.1).
c) Zusammenfassend ist unbestritten, dass die Rekurrentin die zulässige
Höchstgeschwindigkeit innerorts um 25 km/h überschritt. Gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung entspricht dies einer schweren Widerhandlung,
die mit einem Führerausweisentzug von mindestens drei Monaten zu sanktionieren ist
(Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG). Die gesetzlich vorgeschriebene Mindestentzugsdauer gilt
auch für Personen mit körperlichen Behinderungen, weshalb es hier bei einem
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Führerausweisentzug von drei Monaten bleiben muss. Von Gesetzes wegen ist es nicht
möglich, die zweifellos erheblichen Einschränkungen, die ein dreimonatiges Fahrverbot
mit sich bringen wird, mit einer unter die Mindestentzugsdauer gehenden Reduktion
der Massnahmedauer zu berücksichtigen. Hier gibt es für die Behörden keinen
Ermessensspielraum. Dies bedeutet auch, dass der Eventualantrag auf Verfügung
eines einmonatigen Führerausweisentzugs abzuweisen ist. Der von der Vorinstanz
verfügte Warnungsentzug erweist sich demnach als recht- und verhältnismässig. Der
Rekurs ist abzuweisen.
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der Rekurrentin
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist damit zu verrechnen.
Bei diesem Verfahrensausgang besteht kein Anspruch auf Entschädigung der
ausseramtlichen Kosten (Art. 98 VRP).