Decision ID: b2bd2c7c-a0d3-4d7a-967d-001d27c18669
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka gemäss eigenen Angaben am
13. Juli 2016. Am 28. Juni 2017 reiste er in die Schweiz ein und suchte
gleichentags um Asyl nach.
Dabei gab er im Wesentlichen an, er sei tamilischer Ethnie und stamme
aus B._, Nordprovinz. Er habe aber stets in C._, Nordpro-
vinz, gelebt. Nach Abschluss der Schule im Jahr (...) habe er in der (...)
seines (...) gearbeitet. Im September 2005 sei er nach C._ gezogen
und habe dort als (...) gearbeitet.
Zu seinen Asylgründen führte er aus, im (...) 2006 sei er von Mitgliedern
der Liberation Tigers of Tamil Eealam (LTTE) mitgenommen worden. Er
habe ein (...) Training absolvieren müssen und sei angewiesen worden,
Personen für die Organisation zu rekrutieren. Nachdem ihn jemand verra-
ten habe, sei er in einem Armeecamp befragt und geschlagen worden.
Nach Unterzeichnung eines Formulars sei er freigelassen worden. Im (...)
2006 und (...) 2008 sei er erneut von Armeeangehörigen festgenommen,
befragt und nach (...) beziehungsweise (...) freigelassen worden. Im (...)
2009 habe er zwei Mitglieder der LTTE bei sich wohnen lassen. Armeean-
gehörige hätten davon erfahren, worauf er im (...) 2010 während einer Wo-
che im Camp festgehalten und geschlagen worden sei. Ab (...) 2011 habe
er sich für eine Organisation engagiert, welche (...) aus dem Vanni-Gebiet
unterstützt habe. Im (...) 2013 habe er für die D._ Wahlkampf be-
trieben. In der Folge sei er vom Criminal Investigation Department (CID)
festgenommen, verhört und geschlagen worden. Nach (...) Monaten sei er
freigelassen worden und habe Unterschrift leisten müssen. Im (...) 2015
habe ihn das CID erneut festgenommen und ihn nach seiner Verbindung
zu E._ befragt, welcher ebenfalls Probleme mit dem CID gehabt
habe. E._ sei am (...) 2015 getötet worden. In der Folge habe er
mit einer Person namens F._ Proteste organisiert, selbst jedoch
nicht daran teilgenommen. Am 13. Juli 2016 habe er Sri Lanka verlassen.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer seine Identitätskarte im Origi-
nal, eine Bestätigung eines Priesters, drei Fotos und einen Zeitungsartikel
zu den Akten.
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B.
B.a Mit Verfügung vom 26. Februar 2018 verneinte die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
Zur Begründung führte sie aus, es müsse bezweifelt werden, dass der Be-
schwerdeführer trotz zahlreicher Inhaftierungen nur aus Überzeugung für
die tamilische Sache den Behörden wiederholt Anlass gegeben habe, um
ihn erneut zu inhaftieren. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb ihn die sri-
lankischen Behörden trotz immer neuen Vorfällen stets nur (...)
oder (...) inhaftieren und ohne Konsequenzen freilassen sollten. Seine
Schilderungen der zahlreichen Inhaftierungen beschränkten sich auf die
Angaben, er sei wiederholt befragt sowie geschlagen worden und enthiel-
ten demnach kaum Realkennzeichen. Die Behörden hätten ihn jederzeit zu
Hause oder beim Unterschriftenleisten inhaftieren können, wenn sie tat-
sächlich ein Interesse an ihm gehabt hätten. Ferner habe er kaum Angaben
zu den LTTE-Aktivisten E._ und F._ machen können.
Schliesslich habe er sich widersprüchlich zu den Umständen der Festnah-
men in den Jahren 2006 und 2013 sowie dem Zeitpunkt des Unterschrif-
tenleistens geäussert.
B.b Die gegen die Verfügung vom 26. Februar 2018 erhobene Beschwerde
wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-1946/2018 vom 16. Mai
2019 ab.
Das Gericht erwog, der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft machen
können, nach seiner Freilassung im (...) 2013 erneut inhaftiert worden zu
sein. Selbst wenn er nach dieser Inhaftierung mit der Auflage einer Unter-
schriftspflicht freigelassen worden sei, sei diese Massnahme als zu wenig
intensiv zu betrachten, um asylrechtliche Relevanz zu entfalten. Auch wie-
derholte kurze Befragungen – sofern sie stattgefunden hätten – seien nicht
asylrelevant. Die bedingungslosen Freilassungen zeigten, dass das Inte-
resse seitens der sri-lankischen Behörden nicht dem Beschwerdeführer
selbst gegolten habe, sondern von ihm lediglich weiterführende Informati-
onen erwartet worden seien.
C.
C.a Am 6. Juli 2020 reichte der Beschwerdeführer bei der Vorinstanz eine
als «zweites Asylgesuch und Gesuch um Wiedererwägung» bezeichnete
Eingabe ein.
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Darin machte er im Wesentlichen geltend, am 12. August 2019 sei seiner
Mutter ein polizeiliches Schreiben überreicht worden. Diesem lasse sich
entnehmen, dass er wegen Verdachts auf Reorganisation der LTTE bei der
Polizeistation von C._ erscheinen müsse. Ein Anwalt bestätige mit
Schreiben vom 20. Mai 2020 die regelmässigen Befragungen der Mutter
und damit das anhaltende behördliche Verfolgungsinteresse an ihm. Die
Sicherheitskräfte würden vermuten, dass er Verbindungen zu G._
habe, einem der Anführer einer LTTE-Wiederaufbaubewegung. Mit diesem
habe er im Jahr 2013 zusammengearbeitet. Seine Bedrohungslage werde
auch durch die Schreiben seiner Mutter bestätigt. Die Fotos belegten eine
Befragung seines ältesten (...) und dessen Ehefrau durch Polizisten im
Juni 2019. Aus dem Schreiben eines Politikers ergebe sich, dass er in Sri
Lanka politisch tätig gewesen sei. Ferner sei er in Haft misshandelt worden.
Die dadurch entstandenen Narben würden einen Risikofaktor darstellen.
Zudem habe sich die Menschenrechts- und Sicherheitslage seit der Präsi-
dentschaftswahl im November 2019 drastisch verschlechtert. Gestützt auf
diese Beweislage sei klar, dass ihm bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
Verfolgung drohe. Schliesslich sei sein (...) zwischenzeitlich verstorben,
womit eine wichtige Bezugsperson wegfalle.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer ein Schreiben der Polizeista-
tion von C._ vom 12. August 2019, ein Schreiben eines Anwalts
vom
20. Mai 2020, ein Schreiben eines ehemaligen Parlamentsmitglieds vom
5. Dezember 2019, zwei Schreiben der Mutter vom 20. Juli 2019 und
30. Januar 2020, eine Übersetzung des Todesscheins des (...), diverse Fo-
tos von Narben, ein Foto der Familie, Fotos einer Behördenvorsprache im
Juni 2019 und ein Internetartikel der «BBC News» vom 11. April 2014 zu
den Akten.
C.b Mit Verfügung vom 3. September 2020 qualifizierte die Vorinstanz die
Eingabe vom 6. Juli 2020 als Mehrfachgesuch, trat auf dieses nicht ein,
verfügte die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug der Wegweisung an. Gleichzeitig wies sie das Gesuch
um Erlass der Verfahrenskosten ab, erhob eine Gebühr von Fr. 600.– und
zog das als gefälscht erkannte Schreiben der Polizeistation C._
vom
12. August 2019 ein.
C.c Mit Eingabe vom 11. September 2020 erhob der Beschwerdeführer
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die Verfügung
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der Vorinstanz sei vollumfänglich aufzuheben und die Vorinstanz sei anzu-
weisen, auf das Asylgesuch und das Wiedererwägungsgesuch einzutreten.
In prozessualer Hinsicht sei die Vorinstanz anzuweisen, ihm Einsicht in
sämtliche Akten betreffend Dokumentenprüfung des polizeilichen Schrei-
bens vom 12. August 2019 zu geben. Der Beschwerde sei die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen. Es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung,
inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, und die amt-
liche Verbeiständung zu gewähren.
Als Beilage reichte er eine Honorarnote ein.
C.d Mit Eingabe vom 15. September 2020 machte der Beschwerdeführer
unter Bezugnahme auf ein an ihn gerichtetes Schreiben der Vorinstanz
vom 14. September 2020, wonach keine interne Dokumentenanalyse
durchgeführt worden sei, geltend, die Vorinstanz habe demnach das poli-
zeiliche Schreiben ohne Überprüfung als Fälschung qualifiziert. Damit
habe sie den Untersuchungsgrundsatz verletzt. Die Sache sei an die Vor-
instanz zurückzuweisen und diese sei anzuweisen, auf die Gesuche ein-
zutreten.
C.e Mit Zwischenverfügung vom 17. September 2020 hielt die Instruktions-
richterin fest, der Beschwerde komme von Gesetzes wegen aufschiebende
Wirkung zu, weshalb der entsprechende Antrag gegenstandslos sei.
Gleichzeitig wies sie die Vorinstanz an, dem Beschwerdeführer den we-
sentlichen Inhalt der Dokumentenprüfung vom 25. August 2020 offenzule-
gen und gewährte ihm eine Frist von 15 Tagen zur Einreichung einer Stel-
lungnahme. Schliesslich forderte sie den Beschwerdeführer auf, bis zum
2. Oktober 2020 eine Fürsorgebestätigung einzureichen.
C.f Am 18. September 2020 gab die Vorinstanz dem Beschwerdeführer
den wesentlichen Inhalt der Dokumentenprüfung vom 25. August 2020 be-
kannt.
C.g Am 30. September 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsorge-
bestätigung ein und beantragte erneut die Offenlegung der Dokumenten-
prüfung vom 25. August 2020.
C.h Mit Zwischenverfügung vom 13. Oktober 2020 wies die Instruktions-
richterin den Antrag auf Offenlegung der Dokumentenprüfung ab und ge-
währte dem Beschwerdeführer eine Frist zur Stellungnahme bis zum
20. Oktober 2020. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines
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Kostenvorschusses und wies das Gesuch um Gewährung der amtlichen
Verbeiständung ab.
C.i Mit Eingabe vom 16. Oktober 2020 nahm der Beschwerdeführer Stel-
lung und gab eine Honorarnote zu den Akten.
C.j Am 10. Januar 2022 informierte der Beschwerdeführer das Gericht über
einen Mandatswechsel und gab eine aktualisierte Honorarnote zu den Ak-
ten.
C.k Mit Zwischenverfügung vom 29. Juni 2022 lud die Instruktionsrichterin
die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
C.l In der Vernehmlassung vom 7. Juli 2022 hielt die Vorinstanz an ihren
Erwägungen fest und beantragt die Abweisung der Beschwerde. Die Ver-
nehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 12. Juli 2022 zur Kennt-
nisnahme zugestellt.
C.m Mit Eingabe vom 13. Juli 2022 wies der Beschwerdeführer auf die sich
verschlechternde Lage in Sri Lanka hin.
C.n Am 10. August 2022 reichte der Beschwerdeführer ein Schreiben des
Instituts für H._ vom 2. Februar 2022, Physiotherapieverordnungen
des I._, ein Schreiben eines Priesters vom 6. Juli 2022, eine Kopie
eines Zustellungsbelegs und diverse Fotos ein.
C.o Mit Eingabe vom 22. August 2022 machte der Beschwerdeführer wei-
tergehende Ausführungen zur Zustellung der am 10. August 2022 einge-
reichten Beweismittel.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der
Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
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2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Prüfungsgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet
die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Gesuch vom 6. Juli 2020
nicht eingetreten ist. Das Bundesverwaltungsgericht enthält sich, sofern es
den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig erachtet, einer materiellen
Prüfung; es hebt die angefochtene Verfügung auf und weist die Sache zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1
m.w.H.).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer rügt zunächst eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs. Aus der angefochtenen Verfügung gehe nicht klar hervor, weshalb
die Vorinstanz das polizeiliche Schreiben vom 12. August 2019 als Fäl-
schung erachte. Es sei weder die Dokumentenprüfung noch das Ver-
gleichsmaterial des SEM offengelegt worden.
3.2 Die Vorinstanz unterzog das polizeiliche Schreiben einer internen Do-
kumentenanalyse und stellte verschiedene Fälschungsmerkmale fest. Wie
bereits in der Zwischenverfügung vom 17. September 2020 festgehalten,
hat die Vorinstanz die Akte der Dokumentenprüfung zu Unrecht als interne
Akte klassifiziert, zumal interne Akten Unterlagen sind, denen für die Be-
handlung eines Falles kein Beweischarakter zukommt, sondern diese viel-
mehr ausschliesslich der verwaltungsinternen Meinungsbildung dienen
(vgl. BVGE 2008/14 E.6.2.1). In der Folge gab sie dem Beschwerdeführer
die festgestellten Fälschungsmerkmale nicht bekannt, womit sie dessen
Anspruch auf rechtliches Gehör verletzte. Soweit der Beschwerdeführer
vorbringt, die Dokumentenprüfung sei ihm nicht offengelegt worden, ist
festzustellen, dass bei internen Dokumentenanalysen praxisgemäss ge-
wichtige Geheimhaltungsinteressen (vgl. Art. 27 VwVG) bestehen, insbe-
sondere bezüglich der Prüfungspunkte bei der Durchführung einer derarti-
gen Analyse, die geeignet sind, die Akteneinsicht einzuschränken
(vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.4, Urteil des BVGer A-3147/2021 vom 24. Au-
gust 2022 E. 3.2.4 m.w.H.). Nach Aufforderung durch die Instruktionsrich-
terin gab die Vorinstanz dem Beschwerdeführer die Fälschungsmerkmale
im Rahmen der rechtlichen Bestimmungen bekannt. In der Folge nahm der
Beschwerdeführer das Recht zur Stellungnahme wahr, womit die Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs als geheilt zu betrachten ist.
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3.3 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, die Vorinstanz hätte sein
Gesuch als Mehrfach- und Wiedererwägungsgesuch entgegennehmen
müssen. Es sei zwar richtig, dass er einerseits Gründe in Bezug auf die
Flüchtlingseigenschaft sowie objektive Nachfluchtgründe im Sinne eines
neuen Asylgesuchs geltend mache. Andererseits handle es sich bei sei-
nem Gesuch aber auch um ein einfaches Wiedererwägungsgesuch. Die
jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka führten dazu, dass er aufgrund seiner
früheren Aktivitäten verfolgt werde und der Vollzug der Wegweisung unzu-
mutbar sei.
3.4 Zur Rechtsnatur der Eingabe vom 6. Juli 2020 führte die Vorinstanz in
der angefochtenen Verfügung aus, wenn nach Erlass einer ursprünglich
fehlerfreien Asyl- und Wegweisungsverfügung eingetretene erhebliche
Gründe in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft geltend gemacht würden,
handle es sich um ein Mehrfachgesuch. Mit den neuen Vorbringen und den
eingereichten Beweismitteln mache der Beschwerdeführer solche Gründe
geltend, weshalb die Eingabe als Mehrfachgesuch entgegenzunehmen
sei.
3.5 Die Folgegesuche im Asylverfahren sind in Art. 111b AsylG (Wiederer-
wägung) und Art. 111c AsylG (Mehrfachgesuch beziehungsweise neues
Asylgesuch) geregelt. Die Einordnung, ob ein Folgegesuch als Wiederer-
wägungsgesuch oder als Mehrfachgesuch zu behandeln ist, richtet sich
danach, welchen Teil der ursprünglichen Verfügung die begehrte Neubeur-
teilung betrifft. Um ein Mehrfachgesuch handelt es sich, wenn die gesuch-
stellende Person geltend macht, sie erfülle aufgrund einer nachträglich ver-
änderten Sachlage die Flüchtlingseigenschaft (BVGE 2014/39 E. 4.5 f.
m.w.H). Eine Wiedererwägung liegt hingegen vor, wenn ein Gesuch um
Neubeurteilung einer rechtskräftigen Asyl- und Wegweisungsverfügung
ausschliesslich mit neuen Wegweisungsvollzugshindernissen begründet
wird. Ein weiterer Anwendungsbereich der Wiedererwägung betrifft die
Konstellation, dass die abzuändernde Verfügung beim Bundesverwal-
tungsgericht angefochten und durch dieses materiell beurteilt wurde, die
Revision des Urteils aber ausgeschlossen ist, weil die geltend gemachten
Tatsachen und/oder Beweismittel nach dem Urteil entstanden sind
(vgl. Art. 123 Abs. 2 Bst. a [in fine] BGG). Für solche Fälle hat das Bundes-
verwaltungsgericht in BVGE 2013/22 (vgl. E. 12.3) den Rechtsweg via ein
beim SEM einzureichendes Wiedererwägungsgesuch ermöglicht.
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3.6 Die Vorinstanz hat die Eingabe vom 6. Juli 2020 insofern rechtlich zu-
treffend als Mehrfachgesuch qualifiziert, als der Beschwerdeführer vor-
bringt, aufgrund der veränderten Lage in Sri Lanka durch die Wahlen sei
er als ethnischer Tamile bei einer Rückkehr einer erhöhten Gefährdung
ausgesetzt. Dabei handelt es sich um einen klassischen objektiven Nach-
fluchtgrund. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn äussere Um-
stände, auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen
konnte, zur drohenden Verfolgung führen. Ein solcher ist beispielsweise
dann gegeben, wenn ein Regimewechsel oder eine drastisch verschlech-
terte Sicherheitslage nach der Ausreise einer Person dazu führt, dass im
Falle einer Rückkehr eine begründete Furcht vor Verfolgung vorliegt. Die
insofern zutreffende rechtliche Qualifikation des Gesuchs wird auf Be-
schwerdeebene auch nicht bestritten.
3.7 Unzutreffend ist hingegen die von der Vorinstanz vorgenommene recht-
liche Qualifikation als Mehrfachgesuch, soweit der Beschwerdeführer vor-
bringt, die bisher als unglaubhaft erachtete Verfolgung könne er mit neuen
Beweismitteln belegen. Die eingereichten Beweismittel sind nach Ab-
schluss des ordentlichen Asylverfahrens entstanden. Gemäss
BVGE 2013/22 sind nach dem Urteilszeitpunkt entstandene Beweismittel,
welche dazu geeignet sind, vorbestandene Tatsachen zu beweisen, im
Rahmen eines Wiedererwägungsgesuchs beim SEM einzureichen (vgl.
a.a.O. E. 6 ff.). Die Vorinstanz hätte demnach diese Beweismittel als qua-
lifizierte Wiedererwägungsgründe einstufen und prüfen müssen.
3.8 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen hat die Vorinstanz das Ge-
such des Beschwerdeführers zu Unrecht ausschliesslich als Mehrfachge-
such qualifiziert. Sie hat die Eingabe vom 6. Juli 2020 als Mehrfach- und
Wiedererwägungsgesuch entgegenzunehmen.
4.
Ferner macht der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz hätte auf das
Mehrfach- und Wiedererwägungsgesuch eintreten müssen. Nicht gehörig
begründete Folgegesuche können zwar als Ausdruck einer mangelnden
Mitwirkung gemäss Art. 111b Abs. 1 und Art. 111c Abs. 1 AsylG in Verbin-
dung mit Art. 13 Abs. 2 VwVG mit einem Nichteintretensentscheid erledigt
werden (vgl. BVGE 2014/39 E. 5.5 und E. 7.1). Der Beschwerdeführer hat
sein Gesuch mit einer 15-seitigen Begründung eingereicht, in welcher er
auf die neuen Tatsachen und Beweismittel eingeht und darlegt, inwiefern
bereits im Zeitpunkt der Ausreise eine Furcht vor Verfolgung bestanden
habe. Ferner hat er erläutert, dass er als ethnischer Tamile aufgrund der
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veränderten Lage in Sri Lanka bei einer Rückkehr einer erhöhten Gefähr-
dung ausgesetzt sei. Das Gesuch ist demnach genügend substantiiert be-
gründet. Die Vorinstanz hat, sofern die übrigen Eintretensvoraussetzungen
erfüllt sind, über das Mehrfach- und Wiedererwägungsgesuch materiell zu
entscheiden.
5.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht verletzt. Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz beantragt werden (vgl. Art. 61 Abs. 1 VwVG). Die Verfügung
vom 3. September 2020 ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen,
das Mehrfach- und Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers im
Sinne der Erwägungen zu beurteilen. Angesichts der Rückweisung der Sa-
che erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit den weiteren Vorbringen
und eingereichten Beweismitteln auf Beschwerdeebene.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu
erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die mit Zwischenverfügung vom
13. Oktober 2020 gewährte unentgeltliche Prozessführung ist gegen-
standslos geworden.
6.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In der Kos-
tennote vom 10. Januar 2022 weist der Rechtsvertreter einen zeitlichen
Aufwand von insgesamt 5,2 Stunden zu einem Stundenansatz von
Fr. 300.– und Auslagen in der Höhe von Fr. 48.– (total Fr. 1'731.80, inklu-
sive Mehrwertsteuerzuschlag) aus. Der Aufwand erscheint angemessen
und der Stundenansatz von Fr. 300.– bewegt sich im Rahmen von
Art. 10 Abs. 2 VGKE. Unter Berücksichtigung der Eingaben vom 13. Juli
2022, 10. August 2022 und 22. August 2022 ist der Aufwand auf sechs
Stunden und die Auslagen auf Fr. 66.– festzusetzen. Die Vorinstanz ist an-
zuweisen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung von
Fr. 2’005.– (inklusiv Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von
Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) auszurichten.
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