Decision ID: b79d095a-2a1e-4355-815b-f34922174f7a
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.- X leidet seit einem unfallbedingen Schädel-Hirn-Trauma im Kindergartenalter an
einer organischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörung. Er erwarb den Führer
ausweis für Fahrzeuge der Kategorie B am 28. Mai 1999. Am 5. November 2008
verwarnte ihn das Strassenverkehrsamt wegen Überschreitens der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit innerorts um 16 km/h. Am 21. März 2017, 22.30 Uhr, war X mit
seinem Personenwagen in Rheineck unterwegs. Im Rahmen einer Verkehrskontrolle
wollte ihn die Kantonspolizei anhalten. X stoppte sein Fahrzeug jedoch rund 50 Meter
vor der Kontrollstelle, fuhr rückwärts und versuchte, in einen Firmenparkplatz
einzubiegen. Dabei kollidierte sein Fahrzeug mit einem Metallpfosten und kam zum
Stillstand. X begründete sein Verhalten mit negativen Erfahrungen mit der Polizei. Da
sich anlässlich der Befragung vor Ort keine Hinweise auf eine substanz- oder
gesundheitsbedingte Fahrunfähigkeit ergaben, empfahl die Kantonspolizei im Rapport
zuhanden des Untersuchungsamts Altstätten eine Überprüfung der Fahrtauglichkeit.
Das Strassenverkehrsamt erhielt Kenntnis davon und ordnete mit Verfügung vom
9. Mai 2017 eine Untersuchung bei einem Arzt der Stufe 3 an. Dieser bestätigte die
Fahreignung für die Gruppe 1 der Führerausweis-Kategorien. Das Strafverfahren wegen
mehrfacher Verletzung von Verkehrsregeln wurde mit Verfügung des
Untersuchungsamts Altstätten am 2. April 2020 eingestellt, und zwar mit der
Begründung, es habe sich um Übertretungen gehandelt, die unmittelbar vor der
Verjährung stünden.
B.- Am 17. Mai 2019, 14.25 Uhr, war X mit seinem Personenwagen in Arbon
unterwegs, als er von der Kantonspolizei Thurgau im Rahmen einer Verkehrskontrolle
angehalten wurde. Da er sich weigerte, den polizeilichen Anordnungen Folge zu leisten
und sich kontrollieren zu lassen, öffnete ein Polizist die Beifahrertüre, um den
Zündschlüssel zu entfernen. X wehrte sich dagegen und setzte einen Pfefferspray ein,
wobei er auch sich selbst besprühte. Da er sich aggressiv verhielt und einen verwirrten
Eindruck machte, ordnete die psychiatrische Notfallärztin die fürsorgerische
Unterbringung in der Klinik Wil der Psychiatrie St. Gallen Nord (PSGN) an. Anlässlich
der polizeilichen Befragung vom 17. Mai 2019 begründete X sein aggressives Verhalten
mit einem traumatisierenden Erlebnis mit der Polizei im Jahr 2015; seither stehe er
unter ärztlicher Kontrolle. Gestützt auf den Rapport der Kantonspolizei Thurgau über
den Vorfall vom 17. Mai 2019 ordnete das Strassenverkehrsamt am 2. Juli 2019 eine
verkehrsmedizinische Untersuchung beim Institut für Rechtsmedizin (IRM) am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kantonsspital St. Gallen an, die am 8. Oktober 2019 stattfand. Am 10. Dezember 2019
unterzog sich X zudem einer verkehrspsychologischen Untersuchung. Sowohl im
verkehrsmedizinischen Gutachten vom 17. Dezember 2019 als auch im
verkehrspsychologischen Gutachten vom 13. Dezember 2019 wurde die Fahreignung
aus Sicht der jeweiligen Fachgebiete verneint. Gestützt darauf verbot das
Strassenverkehrsamt X mit Verfügung vom 19. Dezember 2019 das Führen von
Motorfahrzeugen aller Kategorien (inklusive aller Unter- und Spezialkategorien)
vorsorglich ab sofort. Einem allfälligen Rekurs entzog es die aufschiebende Wirkung.
Gleichzeitig wurde X ein Führerausweisentzug auf unbestimmte Zeit in Aussicht gestellt
und Gelegenheit zu einer schriftlichen Stellungnahme gegeben. Gegen den
vorsorglichen Führerausweisentzug erhob X am 23. Dezember 2019 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK). Er beantragte die
Wiedererteilung des Führerausweises. Zudem stellte er ein Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege, das mit Verfügung vom 29. Januar 2020 abgewiesen wurde (Verfahren
ZV-2020/8). Eine dagegen erhobene Beschwerde schrieb der Abteilungspräsident des
Verwaltungsgerichts am 12. März 2020 wegen Nichtleistens des Kostenvorschusses ab
(Verfügung des Verwaltungsgerichts [VerwGE] B 2020/17). Da sich X weigerte, den
Führerausweis abzugeben, bestrafte ihn das Untersuchungsamt St. Gallen mit
Strafbefehl vom 6. Februar 2020 wegen Nichtabgabe des Führerausweises mit einer
bedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je Fr. 40.– und einer Busse von Fr. 400.–.
C.- Am 12. Mai 2020 verfügte das Strassenverkehrsamt in der Hauptsache
(Sicherungsentzug), weshalb der vorsorgliche Führerausweisentzug vom 19. Dezember
2019 hinfällig wurde. Der Verfahrensleiter schrieb den dagegen erhobenen Rekurs am
13. Mai 2020 als erledigt ab (VRKE IV-2019/206). Des Strassenverkehrsamts verfügte
am 12. Mai 2020 Folgendes:
"1. X wird der Führerausweis aus medizinischen Gründen auf unbestimmte Zeit
entzogen.
Damit ist ab sofort bzw. seit dem 19.12.2019 das Recht aberkannt,
Motorfahrzeuge
aller Kategorien sowie aller Unter- und Spezialkategorien (inkl. Mofa) zu führen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diese Massnahme hat auch den Entzug allfälliger Lernfahrausweise und
internationaler Führerausweise sowie die Aberkennung ausländischer
Führerausweise zur Folge.
2. Der Führerausweis ist nicht bei uns deponiert.
3. Einem Gesuch um Wiederzulassung als Motorfahrzeugführer wird entsprochen,
sofern aus Sicht einer Ärztin oder Arztes der Stufe 4 sowie aus verkehrs-
psychologischer Sicht die Fahreignung bestätigt wird.
4. Bedingungen für die Aufhebung des Entzugs sind:
– Psychiatrische Psychotherapie von mindestens 12 Stunden über einen Zeitraum
von einem halben bis einem Jahr.
– Empfehlung eines kognitiven Trainings.
– Verkehrsmedizinische / verkehrspsychologische Kontrolluntersuchung.
5. Einem allfälligen Rekurs wird zufolge Gefahr die aufschiebende Wirkung entzogen.
Die Rekursinstanz kann eine gegenteilige Verfügung treffen (Art. 51 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege [sGS 951.1; abgekürzt: VRP]).
6. X hat die Verfahrenskosten von Fr. 400.00 zu bezahlen."
D.- Mit Eingabe vom 18. Mai 2020 (Datum der Postaufgabe: 25. Mai 2020) erhob X bei
der VRK Rekurs. Er beantragte sinngemäss die Aufhebung der Verfügung des
Strassenverkehrsamts vom 12. Mai 2020 und die sofortige Wiedererteilung der
Fahrberechtigung. Das Strassenverkehrsamt leitete am 26. Mai 2020 ein Schreiben von
X, in welchem er die Rechtmässigkeit des Sicherungsentzugs nochmals bestritt,
zuständigkeitshalber an die VRK weiter und teilte am 3. Juni 2020 mit, es verzichte auf
eine Vernehmlassung zum Rekurs. X äusserte sich mit Schreiben vom 20. Juni 2020
noch einmal zur Sache. Auf seine Ausführungen wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 25. Mai 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
2.- Der in Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt: BV) verankerte
Anspruch auf rechtliches Gehör ist das Recht des Privaten, in einem vor einer
Verwaltungs- oder Justizbehörde geführten Verfahren mit seinen Begehren angehört zu
werden, Einblick in die Akten zu erhalten und zu den für die Entscheidfindung
wesentlichen Punkten vorgängig Stellung nehmen zu können (vgl. G. Steinmann,
St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, N 49 zu Art. 29 BV). Daraus ergibt sich namentlich
die Pflicht der Behörde, die Würdigung eines Gutachtens zu begründen, d.h. die
Gründe darzulegen, weshalb eine Tatsache oder ein Tatsachenkomplex oder eine
gutachterliche Schlussfolgerung als richtig erachtet wird oder nicht. Es ist keine
Auseinandersetzung in allen Einzelheiten notwendig, aber es muss immerhin dargelegt
werden, aus welchen Gründen ein Gutachten – durch Verständnis in seinen
wesentlichen Zügen – als richtig und schlüssig erachtet wird. Die "Würdigung" eines
Gutachtens durch Leerformeln stellt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar (vgl.
Urteil des Bundesgerichts [BGer] 5A_663/2015 vom 7. März 2016 E. 3.1). Letztlich
verfügt das Strassenverkehrsamt – und nicht Verkehrsmediziner oder
Verkehrspsychologen – den Sicherungsentzug.
Die Vorinstanz stützte ihren Entscheid auf das verkehrspsychologische Gutachten vom
13. Dezember 2019 und das verkehrsmedizinische Gutachten vom 17. Dezember 2019.
In der Verfügung vom 12. Mai 2020 erwog sie, die Gutachten zeigten keine
offenkundigen Mängel, welche deren Richtigkeit und Schlüssigkeit in Frage stellten. Sie
erschienen schlüssig und seien nachvollziehbar begründet worden. Es zeigten sich
zudem keine Indizien, die gegen deren Zuverlässigkeit sprächen. Aus dieser
allgemeinen Formulierung lässt sich nicht erkennen, aus welchen Gründen die
Vorinstanz die beiden Gutachten als richtig und schlüssig erachtete. Sie machte
keinerlei Ausführungen zu den Erkenntnissen der Gutachterinnen, sondern hielt
schriftlich nur die Schlussfolgerung fest, die ohne inhaltliche Auseinandersetzung mit
der Expertise einer Leerformel gleichkommt und insbesondere nichts darüber aussagt,
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weshalb das Gutachten überzeugend und nachvollziehbar ist. Damit verletzte die
Vorinstanz den Anspruch des Rekurrenten auf rechtliches Gehör. Dieser
Verfahrensfehler wiegt schwer, zumal der Entzug des Führerausweises für
unbestimmte Zeit für den Betroffenen weitrechende Konsequenzen hat. Auf die
Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zu neuer Verfügung ist jedoch zu
verzichten, da die Gehörsverletzung im vorliegenden Rekursverfahren geheilt werden
kann. Das Gericht verfügt über volle Überprüfungsbefugnis (Art. 46 Abs. 1 VRP). Der
Umstand, dass die Vorinstanz das rechtliche Gehör des Rekurrenten verletzte, ist
jedoch bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen.
3.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz den Führerausweis zu Recht für
unbestimmte Zeit entzog.
a) Ausweise und Bewilligungen sind zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die
gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16
Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Art. 16d SVG regelt
den Führerausweisentzug wegen fehlender Fahreignung. Danach ist unter anderem
nicht geeignet, ein Fahrzeug zu führen, wer nicht mehr über die notwendige körperliche
oder geistige Leistungsfähigkeit verfügt, um ein Motorfahrzeug sicher zu führen
(Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG). Ein solcher Ausweisentzug setzt keine Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften voraus. Mit dem Begriff der Fahreignung
umschreiben alle betroffenen wissenschaftlichen Disziplinen (insbesondere Medizin,
Psychologie und Jurisprudenz) die körperlichen und geistigen Voraussetzungen des
Individuums, um ein Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die
Fahreignung muss grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1, mit
Hinweisen).
Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer
Fahreignungsuntersuchung unterzogen (Art. 15d Abs. 2 SVG). Die ärztliche
Einschätzung wird in Form eines Gutachtens mitgeteilt. Dieses muss nachvollziehbar,
belegt und begründet sein (vgl. Ph. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG,
2. Aufl. 2015, Art. 15d SVG N 9). Für dessen Beweiswert ist entscheidend, ob es auf
umfassenden verkehrsmedizinischen Abklärungen beruht, in Kenntnis der Vorakten
(Anamnese) abgegeben wurde, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des
Experten auf einer schlüssigen, nachvollziehbaren und in sich geschlossenen
Begründung beruhen (BGer 1C_7/2017 vom 10. Mai 2017 E. 3.5 mit Verweis auf
BGE 125 V 351 E. 3a).
Wie jedes Beweismittel unterliegen Gutachten der freien richterlichen
Beweiswürdigung. In Sachfragen weicht das Gericht aber nur aus triftigen Gründen von
einer gerichtlichen Expertise ab. Die Beweiswürdigung und die Beantwortung der sich
stellenden Rechtsfragen ist Aufgabe des Gerichts. Dieses hat zu prüfen, ob sich auf
Grund der übrigen Beweismittel und der Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände
gegen die Schlüssigkeit der gutachterlichen Darlegungen aufdrängen. Erscheint ihm
die Schlüssigkeit eines Gutachtens in wesentlichen Punkten zweifelhaft, hat es
nötigenfalls ergänzende Beweise zur Klärung dieser Zweifel zu erheben. Das Abstellen
auf eine nicht schlüssige Expertise oder der Verzicht auf die gebotenen zusätzlichen
Beweiserhebungen kann gegen das aus Art. 9 BV (SR 101) abgeleitete Verbot
willkürlicher Beweiswürdigung verstossen (BGer 1C_101/2015 vom 8. Juli 2015 E. 4.3
mit Hinweisen auf die Rechtsprechung).
b) Die Vorinstanz stützte die angefochtene Verfügung auf die für den Rekurrenten
belastend ausgefallenen Ergebnisse der verkehrsmedizinischen und
verkehrspsychologischen Untersuchung, ohne die beiden Gutachten jedoch
ausreichend zu würdigen (vgl. vorne E. 2). Der Rekurrent machte geltend, die Resultate
der medizinischen Abklärungen seien falsch. Er sei mit der Übungsanlage am
Computer nicht zurechtgekommen. Zu berücksichtigen sei auch, dass er von der
Polizei angegriffen worden sei und sich dagegen gewehrt habe. Er sei wegen seiner
Behinderung diskriminiert worden. Ins Gewicht falle auch, dass er seiner Tätigkeit in
Rebstein ohne Führerausweis nicht mehr nachgehen könne.
c) Es ist unbestritten, dass der Rekurrent an einer unfallbedingten organischen
Persönlichkeits- und Verhaltensstörung leidet; er spricht selbst von "seiner
Behinderung". Bei der verkehrsmedizinischen Untersuchung von Personen mit
psychischen Störungen wird ein Hauptaugenmerk auf die krankheitsspezifische
Anamnese, den Krankheitsverlauf und die Behandlungseinsicht, den
psychopathologischen Befund, die Fahrpraxis, die soziale Situation und die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verkehrsrelevanten Hirnleistungsfunktionen gelegt. Wichtig ist zudem der klinische
Eindruck. Es können zusätzliche Untersuchungen bzw. Abklärungen erforderlich sein,
z.B. eine verkehrspsychologische Untersuchung der kognitiven Fahreignung (vgl.
G. Steindl, Fahreignung bei psychischen Störungen, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2018, S. 293), wie es vorliegend der Fall war. Der Rekurrent
unterzog sich am 8. Oktober 2019 einer verkehrsmedizinischen (nachfolgend E. 3c/bb)
und am 10. Dezember 2019 einer verkehrspsychologischen Untersuchung (E. 3c/aa).
aa) Das verkehrspsychologische Gutachten wurde von Dr.phil. R. Bieri,
Fachpsychologin für Verkehrs- und Rechtspsychologie FSP, Periziando GmbH,
Winterthur, erstellt. Es handelt sich um eine von der Schweizerischen Gesellschaft für
Rechtsmedizin (SGRM) und der Vereinigung der Strassenverkehrsämter (asa)
anerkannte Verkehrspsychologin (vgl. www.medtraffic.ch). Sie stützte sich im
Gutachten auf die ihr zur Verfügung gestellten Akten, die Untersuchungsresultate, die
Inhalte des explorativen Interviews und das Verhalten des Rekurrenten vor, während
und nach der Untersuchung (act. 11/62). Zur Überprüfung der fahreignungsrelevanten
kognitiven Fähigkeiten und zur Erfassung von prognostisch relevanten
Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen wurden Leistungstests und
Fragebögen des Wiener Testsystems (WTS) eingesetzt. Letzteres dient der vertieften
Beurteilung von verkehrsrelevanten kognitiven Funktionen (vgl. U.P. Mosimann et al.,
Konsensusempfehlungen zur Beurteilung der medizinischen Mindestanforderungen für
Fahreignung bei kognitiver Beeinträchtigung, in: Praxis 2012, S. 451, im Internet
abrufbar unter: www.zora.uzh.ch/id/eprint/64742/).
Hinsichtlich der kognitiven Aspekte der Fahreignung führte die Verkehrspsychologin
aus, im nonverbalen Intelligenztest habe der Rekurrent ein unterdurchschnittliches
Resultat erreicht, das für die Beurteilung der kognitiven Fahreignung aber noch als
ausreichend gelte. Im Test zur Reaktionsfähigkeit und zu den exekutiven Funktionen
habe er ausreichend schnell auf die Reize reagiert und keine Fehler begangen. In allen
weiteren geprüften Funktionsbereichen hätten sich hingegen mittelschwere bis
schwere Defizite gezeigt. Im Test zur selektiven Aufmerksamkeit habe der Rekurrent
sowohl langsam als auch fehlerhaft gearbeitet. Der Test zur Daueraufmerksamkeit habe
zu einer Überforderung geführt. Der Rekurrent habe kaum mehr auf die Reize reagiert,
was zu stark unterdurchschnittlich vielen korrekten Reaktionen und stark
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
überdurchschnittlich vielen Auslassungen geführt habe. Die wenigen registrierten
Reaktionen seien ausreichend korrekt gewesen. Weiter hätten sich Hinweise auf
schwere Defizite im Bereich der visuellen Informationsverarbeitung ergeben,
namentlich sei diese verlangsamt und ungenau erfolgt. Es müsse davon ausgegangen
werden, dass der Rekurrent insbesondere in Drucksituationen als Lenker überfordert
sei.
Die Verkehrspsychologin hielt fest, eine Grundvoraussetzung für die charakterliche
Fahreignung sei, dass Personen sich Regeln unterordneten und auf Mitmenschen
Rücksicht nähmen. Weiter müsse die Person unter anderem über eine ausreichende
Frustrationstoleranz und Selbstkontrolle verfügen, die Aggressionsneigung dürfe nicht
erhöht sein, es müsse eine reife Konfliktverarbeitung vorliegen und die soziale
Anpassungsbereitschaft in genügendem Masse vorhanden sein. Beim Rekurrenten
seien mehrere dieser Voraussetzungen nicht erfüllt. Zunächst sei bei ihm von einer sehr
feindseligen Grundhaltung auszugehen, die zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für
konfliktbelastete Interaktionen, insbesondere mit Polizei und Behörden, führe. Neutrale
Vorgänge, wie Ansprachen anlässlich von Polizeikontrollen, würden vom Rekurrenten
als Angriff auf seine persönliche Integrität wahrgenommen, gegen die er sich auch
gewaltsam zur Wehr setze. Hierzu fühle er sich unter anderem durch Selbstüberhöhung
legitimiert (von den USA zur Terrorabwehr beauftragt usw.). Ein Unrechtsbewusstsein
sei nicht erkennbar und die Fähigkeit zur Selbstreflexion sehr stark eingeschränkt.
Somit sei es dem Rekurrenten nicht möglich, das eigene Verhalten und die eigene Rolle
im sozialen Gefüge des Strassenverkehrs zu reflektieren und das Verhalten wo nötig
anzupassen. Vielmehr sei angesichts der Persönlichkeitsdispositionen von weiteren
Eskalationen auszugehen. In Anbetracht der fehlenden Fähigkeit und Bereitschaft zur
kritischen Selbstreflexion seien auch die Möglichkeiten einer therapeutischen
Behandlung sehr beschränkt. Deshalb sei die charakterliche Fahreignung aus
verkehrspsychologischer Sicht zum aktuellen Zeitpunkt negativ zu beurteilen.
bb) Die verkehrsmedizinische Untersuchung erfolgte durch Dr.med.univ. Gerda Steindl,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Verkehrsmedizinerin SGRM am IRM
St. Gallen. Sie stützte sich auf die aktenkundige Vorgeschichte, die
verkehrsmedizinische und die verkehrspsychologische Untersuchung sowie
Fremdauskünfte. Eine Laboranalyse sei nicht möglich gewesen, da der Rekurrent nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bereit gewesen sei, sich Blut nehmen zu lassen oder eine Urinprobe abzugeben
(act. 11/55). Er habe angegeben, weder Alkohol noch Drogen oder suchterzeugende
Medikamente zu konsumieren, und darauf beharrt, dass diese Angaben reichen
müssten. Soweit aus den Akten ersichtlich, ergaben sich aus der körperlichen
Untersuchung – bis auf den Verdacht einer Bluthochdruckerkrankung – keine
Auffälligkeiten. Hingegen stellte auch die Verkehrsmedizinerin eine Tendenz zur
paranoiden Erlebnisverarbeitung fest. Der Rekurrent habe berichtet, dass er im Jahr
2015 von der Polizei ohne Grund "niedergeschlagen" worden sei. Daher sei er nicht
mehr bereit, sich als Autofahrer von der Polizei kontrollieren zu lassen. Notfalls werde
er künftig eine Waffe mitnehmen, um sich zu verteidigen (act. 11/58). Die
Verkehrsmedizinerin bestätigte die Erkenntnisse der Verkehrspsychologin. Die
psychische Störung sei so stark ausgeprägt, dass die realitätsgerechte Wahrnehmung,
die adäquate Informationsverarbeitung und -bewertung, die kognitiven Funktionen und
die situationsadäquate Verhaltenssteuerung in derart relevanter Weise beeinträchtigt
seien, dass aktuell die Fahreignung für sämtliche Kategorien aus verkehrsmedizinischer
Sicht nicht gegeben sei.
c) Die fachärztliche Beurteilung der kognitiven Fähigkeiten lassen sich anhand der
dokumentierten Testresultate nachvollziehen (act. 11/67 f.). So fielen die Tests zum
logisch-schlussfolgernden Denken und zur Reaktionsfähigkeit durchschnittlich bis stark
überdurchschnittlich aus (Beurteilung A). Im Bereich der selektiven Aufmerksamkeit,
der Daueraufmerksamkeit und der visuellen Verarbeitungsfähigkeit
(Überblicksgewinnung) ergaben sich dagegen durchwegs unterdurchschnittliche bis
stark unterdurchschnittliche Beurteilungen (C und BC). Diese Leistungsdefizite
erscheinen insofern problematisch, als häufig auftretende komplexe
Verkehrssituationen wie Spurwechsel oder Einfädeln in den fliessenden Verkehr ein
schnelles Entscheiden und Handeln erfordern und damit hohe Anforderungen an
Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Reaktionsfähigkeit stellen (vgl. Madea/
Musshoff/Berghaus [Hrsg.], Verkehrsmedizin, 2. Aufl. 2012, S. 632). Die vom
Rekurrenten absolvierten Leistungstests sind standardisiert und ermöglichen
zuverlässige Vergleiche mit anderen Testpersonen (vgl. J. Bächli-Biétry, Inhalt des
Gutachtens, Würdigung, Folgefragen aus verkehrspsychologischer Sicht, in: Jahrbuch
zum Strassenverkehrsrecht 2009, S. 60 f.). Die Verkehrspsychologin nahm zudem
durchaus Rücksicht auf die Situation des Rekurrenten, indem sie aufgrund seiner
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Intelligenzminderung auf den Einsatz von Fragebögen verzichtete, weil diese keine
zuverlässigen Ergebnisse ergäben (act. 11/64). Dass der Rekurrent, anders als viele
andere getestete Motorfahrzeuglenker, mit der Übungsanlage am Computer nicht
zurechtkam, wie er sich im Nachhinein beklagte, spricht deshalb ebenfalls für eine
gewisse Leistungsschwäche. Andererseits ist anzuerkennen, dass die negativen
Testergebnisse in einem gewissen Widerspruch zum langjährigen nahezu unbelasteten
fahrerischen Leumund des Rekurrenten stehen. Dieser musste sich bisher nur einmal
wegen Überschreitens der zulässigen Höchstgeschwindigkeit vor der Vorinstanz
verantworten (leichte Widerhandlung).
Ins Gewicht fällt aber, dass beim Rekurrenten zu den kognitiven Leistungsdefiziten
auch krankheitsbedingte charakterliche Schwächen hinzukommen, wie die beiden
Gutachterinnen übereinstimmend und nachvollziehbar ausführten. So habe der
Rekurrent mehrmals betont, dass er nicht bereit sei, sich polizeilichen Kontrollen zu
unterziehen. Auf die Frage der Verkehrspsychologin, wie er konkret reagieren würde,
antwortete der Rekurrent, er werde den Polizisten mitteilen, dass er weiterfahren wolle.
Falls dies nichts nütze, werde er sich zur Wehr setzen. Er rate der Polizei jedoch davon
ab, ihn anzuhalten, weil dies zu Problemen führe. Wenn nötig, setze er gar
Atombomben ein (act. 11/66). Auch wenn mit den Fachärztinnen davon auszugehen ist,
dass diese Haltung von paranoiden Denkmustern geprägt ist, muss sie ernst
genommen werden, zumal die Verkehrspsychologin eine weitere Eskalation nicht
ausschliessen kann (act. 11/70). Im psychiatrischen Kurzgutachten vom 13. Juni 2016,
erstattet von Dr.med. Klaus Kemmerling, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
wurde gar ausgeführt, im Konfliktverhalten des Rekurrenten zeigten sich Tendenzen zu
einer paranoiden Erlebnisverarbeitung, welche letztlich in eine erhöhte
Fremdgefährdung münden könnten, wenn er sich unmittelbar bedroht fühle. So seien
die Drohungen des Rekurrenten durchaus ernst zu nehmen, falls er in eine Situation
von erlebter äusserer Bedrohung bei stark eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten
gerate (act. 11/17). Dem Rekurrenten scheint es demnach zumindest im Kontakt mit
der Polizei an der im Verkehr notwendigen Impulskontrolle zu fehlen. Die
situationsgerechte Verhaltenssteuerung ist indes entscheidend für das sichere Führen
eines Motorfahrzeugs und deshalb Voraussetzung für die Teilnahme am
Strassenverkehr (vgl. Dittmann/Seeger, Psychische Störungen und Fahreignung, in:
Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, Bern 2005, S. 47). Dies betrifft
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht nur den Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern, sondern auch denjenigen mit
der Polizei, die unter anderem für die Verkehrskontrollen zuständig ist. Wie sich aus
den beiden Gutachten deutlich ergibt, zeigte der Rekurrent dafür jedoch kein
Verständnis. Er scheint nicht verstehen zu können, dass er polizeiliche Anweisungen
genau wie andere Verkehrsteilnehmer zu befolgen hat, und sich berechtigt zu fühlen,
nötigenfalls mit einer Waffe gegen die Polizei vorzugehen. Dies ist umso
problematischer, weil jederzeit mit einer polizeilichen Verkehrskontrolle gerechnet
werden muss. Mit seinem Verhalten gefährdet der Rekurrent nicht nur die Polizei,
sondern auch die übrigen Verkehrsteilnehmer, wie sich beim Vorfall im Jahr 2017
zeigte, als der Rekurrent versuchte, sich rückwärtsfahrend einer Polizeikontrolle zu
entziehen und dabei mit einem Metallpfosten kollidierte. Er verlor offenbar die Kontrolle
über sein Fahrzeug und schuf so eine zumindest abstrakte Gefahr für Dritte.
d) Vor diesem Hintergrund ist mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass der
Rekurrent zurzeit nicht über die notwendige geistige Leistungsfähigkeit zum Führen
eines Motorfahrzeugs verfügt. Für diesen Fall schreibt das Gesetz einen
Führerausweisentzug auf unbestimmte Zeit bis zum Nachweis, dass der Mangel
behoben ist, zwingend vor (Art. 16d Abs. 1 lit. a und Art. 17 Abs. 3 SVG). Für den
Rekurrenten bedeutet dies, dass er sich, wie von der Verkehrsmedizinerin empfohlen,
in eine psychiatrische Behandlung begeben müsste, um seine inneren, offenbar nicht
kontrollierbaren Widerstände gegen die Polizei abzubauen. Zur Behebung der
kognitiven Defizite wären zudem entsprechende Trainings notwendig. Sollte sich der
Rekurrent jeglicher therapeutischen Unterstützung entziehen, wie er dies mehrfach
betonte (vgl. bspw. act. 11/66), ist mit der Verkehrspsychologin davon auszugehen,
dass eine Wiedererteilung des Führerausweises zumindest stark erschwert, wenn nicht
gar ausgeschlossen ist (act. 11/70). Die von der Vorinstanz verfügten Bedingungen für
die Aufhebung des Führerausweisentzugs (psychiatrische Behandlung von mindestens
12 Stunden, Empfehlung eines kognitiven Trainings und eine verkehrsmedizinische und
verkehrspsychologische Kontrolluntersuchung) erscheinen daher angemessen und
verhältnismässig.
Das Vorbringen des Rekurrenten, ohne Führerausweis könne er seiner Tätigkeit in
Rebstein nicht mehr nachgehen, ändert an der Rechtmässigkeit der angefochtenen
Verfügung nichts. Ein Sicherungsentzug bezweckt die Fernhaltung ungeeigneter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fahrzeugführer vom Verkehrsgeschehen, und zwar bis der Mangel als geheilt zu
betrachten ist. Bis dahin hat eine allfällige Sanktionsempfindlichkeit keinen Einfluss auf
die Beurteilung der Notwendigkeit des Sicherungsentzugs (BGer 6A.77/2003 vom
22. März 2004 E. 2.5.2). Der Rekurs ist abzuweisen.
4.- Die Massnahme des Sicherungsentzugs soll sicherstellen, dass der Rekurrent zum
Schutz der Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer vom Strassenverkehr
ferngehalten wird. Dieser Zweck wäre gefährdet, wenn der Rekurrent während eines
Rechtsmittelverfahrens als Motorfahrzeugführer zum Strassenverkehr zugelassen
würde. Einer allfälligen Beschwerde ist deshalb die gesetzlich vorgesehene
aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 und Art. 51 VRP).
5.- Dem Verfahrensausgang entsprechend – Abweisung des Rekurses – wären die
amtlichen Kosten dem Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Zufolge
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör durch die Vorinstanz sind sie indessen
vom Staat zu tragen (vgl. Art. 95 Abs. 2 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 800.–
erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).
Der Kostenvorschuss von Fr. 800.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.