Decision ID: ee49e47b-653a-4263-8610-068edd4adcca
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 18.09.2017 Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG, Art. 53 Abs. 1 ATSG. Prozessuale Revision einer formell rechtskräftigen Leistungsverfügung als Voraussetzung einer Rückforderung unrechtmässig bezogener Ergänzungsleistungen. Liegt die Leistungsverfügung mehr als fünf Jahre (absolute Verwirkungsfrist) zurück, rechtfertigt das keine Beschränkung der Sachverhaltsermittlung auf die letzten fünf Jahre, denn eine prozessuale Revision einer formell rechtskräftigen Verfügung setzt voraus, dass der wahre Sachverhalt zum Zeitpunkt des Erlasses dieser Verfügung mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 18. September 2017, EL 2016/29).
Entscheid vom 18. September 2017
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Geschäftsnr.
EL 2016/29
Parteien
A._,
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Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Christa Rempfler,
Falkensteinstrasse 1, Postfach 152, 9016 St. Gallen,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse, Brauerstrasse
54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Rückforderung von Ergänzungsleistungen zur AHV
Sachverhalt
A.
A.a A._ bezog gestützt auf eine Verfügung vom 10. Juni 2010 ab Februar 2010 eine
Ergänzungsleistung zu einer Altersrente der AHV (act. G 4.3.78). Am 5. Oktober 2015
meldete ihre Tochter der EL-Durchführungsstelle (act. G 4.3.27), dass die EL-Bezügerin
„aus dem Verkauf eines Grundstücks ihres Vaters 32'358.45 Franken geerbt“ habe; der
Verkauf sei durch einen Neffen der EL-Bezügerin mit einem Notariat in B._
abgewickelt worden. Einem beigelegten Kontoauszug liess sich entnehmen, dass die
EL-Bezügerin – bereits am 6. August 2014 – eine Gutschrift über 26'654.40 Euro
erhalten hatte. Mit einer Verfügung vom 21. Oktober 2015 setzte die EL-
Durchführungsstelle die monatliche Ergänzungsleistung per 1. November 2015 von
3'719 Franken (vgl. act. G 4.3.29) auf 3'175 Franken herab (act. G 4.3.25). Bei der
Anspruchsberechnung hatte sie neu ein um 32'358 Franken höheres Vermögen und
dementsprechend einen um 6'471 Franken höheren hypothetischen Vermögensverzehr
pro Jahr sowie einen um 58 Franken höheren Vermögensertrag berücksichtigt (vgl. act.
G 4.3.24 mit act. G 4.3.28).
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A.b Bereits am 19. Oktober 2015 hatte die EL-Durchführungsstelle die EL-Bezügerin
beziehungsweise deren sie im EL-Verfahren vertretende Tochter aufgefordert, weitere
Angaben zur Erbschaft zu machen und entsprechende Belege einzureichen (act. G
4.3.26). Am 28. Oktober 2015 teilte die Tochter der EL-Bezügerin mit (act. G 4.3.23),
deren Vater sei vor über zehn Jahren verstorben. Die EL-Bezügerin selbst könne
aufgrund einer fortschreitenden Demenz keine detaillierten Angaben mehr machen. Von
den Behörden in C._ habe die Tochter bis dato keine Antwort auf ihre Anfrage
erhalten. Im November 2015 gingen der EL-Durchführungsstelle die
Steuerveranlagungsverfügungen der EL-Bezügerin für die Jahre 2010, 2012, 2013 und
2014 zu, laut denen das Reinvermögen teilweise von dem in den jeweiligen
Anspruchsberechnungen berücksichtigten abwich (act. G 4.3.19 f.). In der Folge
notierte eine Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle (act. G 4.3.18), die Erbschaft
müsse für die vergangenen fünf Jahre berücksichtigt werden. Der Umrechnungsfaktor
(Euro – Franken) habe im Jahr 2010 1.401905, im Jahr 2011 1.27437, im Jahr 2012
1.21093, im Jahr 2013 1.22375 und im Jahr 2014 1.22432 betragen. Das Vermögen der
EL-Bezügerin habe sich in den Jahren 2010–2013 laufend verringert. Trotz der
Gutschrift des Erbanteils von rund 32'000 Franken im August 2014 habe das Vermögen
Ende 2014 nur um 18'449.40 Franken zugenommen. Ohne die Gutschrift hätte es sich
also wiederum verringert. Darin sei aber kein Vermögensverzicht zu erblicken, denn ein
Verbrauch von rund 10'000 Franken pro Jahr sei „in Ordnung“. Mit einer Verfügung
vom 21. November 2015 setzte die EL-Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung
rückwirkend per 1. Dezember 2010 neu fest; sie forderte Ergänzungsleistungen von
total 22'901 Franken von der EL-Bezügerin zurück (act. G 4.3.17). Mit einer Verfügung
vom 21. Dezember 2015 erhöhte die EL-Durchführungsstelle die laufende
Ergänzungsleistung per 1. Januar 2016 auf 3'520 Franken pro Monat (act. G 4.2.10).
A.c Am 5. Januar 2016 liess die nun anwaltlich vertretene EL-Bezügerin eine
Einsprache gegen die Verfügung vom 21. November 2015 erheben (act. G 4.2.5). Ihre
Rechtsvertreterin beantragte, dass die Neuberechnung infolge der Erbschaft nur bis
zum 6. August 2014 zurück vorgenommen werde. Zur Begründung führte sie aus,
gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung dürfe ein Anteil an einer unverteilten
Erbschaft nur als Vermögen angerechnet werden, wenn über dessen Höhe
„hinreichende Klarheit herrsche“. Die EL-Bezügerin habe bis zur Überweisung ihres
Erbanteils nicht einmal gewusst, dass sie geerbt habe. Folglich habe sie auch keine
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hinreichende Klarheit über die Höhe ihres Erbanteils haben können. Im Übrigen sei die
Verfügung vom 21. Dezember 2015 fehlerhaft eröffnet worden. Diese hätte angesichts
des bestehenden Vertretungsverhältnisses der Rechtsvertreterin zugestellt werden
müssen. Am 14. Januar 2016 eröffnete die EL-Durchführungsstelle die Verfügung vom
21. Dezember 2015 erneut (act. G 4.2.2). Am 1. Februar 2016 liess die EL-Bezügerin
eine Einsprache gegen die Verfügung vom 21. Dezember 2015 erheben (act. G 4.1.30).
Zur Begründung führte sie aus, der Betrag des angerechneten Vermögens sei nicht
nachvollziehbar. Am 5. Februar 2016 teilte die EL-Durchführungsstelle der EL-
Bezügerin mit, dass die beiden Einspracheverfahren vereinigt würden (act. G 4.1.26).
Am 22. Februar 2016 reichte die Rechtsvertreterin der EL-Bezügerin Bankauszüge ein,
laut denen sich das Vermögen am 31. Dezember 2015 bloss noch auf 37'301.05
Franken belaufen hatte (act. G 4.1.24). Die EL-Durchführungsstelle forderte die EL-
Bezügerin am 7. März 2016 auf, Nachweise bezüglich des hohen Vermögensrückgangs
von 15'513 Franken einzureichen (act. G 4.1.18). Eine Sachbearbeiterin der EL-
Durchführungsstelle notierte am 16. März 2016 (act. G 4.1.10), die angefochtene
Verfügung vom 21. November 2015 sei rechtmässig. Der Anteil an der unverteilten
Erbschaft habe rückwirkend ab dem Todeszeitpunkt des Erblassers angerechnet
werden müssen. Mit einem Entscheid vom 21. März 2016 wies die EL-
Durchführungsstelle die (vereinigten) Einsprachen gegen die Verfügungen vom 21.
November 2015 und vom 21. De¬zember 2015 ab (act. G 4.1.7). Zur Begründung
führte sie aus, die Einsprache gegen die „Umrechnungsverfügung“ vom 21. Dezember
2015 werde als ein Revisionsgesuch behandelt. Sobald die angeforderten Nachweise
eingereicht worden seien, werde eine entsprechende Revisionsverfügung ergehen. Der
Anteil an der unverteilten Erbschaft müsse grundsätzlich ab dem Todeszeitpunkt des
Erblassers angerechnet werden. Der Hinweis auf die hinreichende Klarheit bezüglich
der Höhe des Erbanteils sei nur beweisrechtlich zu verstehen. Da der Vater der EL-
Bezügerin schon vor Jahren verstorben sei, habe die Ergänzungsleistung rückwirkend
mittels einer sogenannten prozessualen Revision neu festgesetzt werden müssen. Weil
eine Rückforderung nach fünf Jahren erlösche, sei die Neuberechnung vorliegend nur
für die fünf der Korrektur- und Rückforderungsverfügung vom 21. November 2015
vorangehenden Jahre erfolgt.
B.
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B.a Am 2. Mai 2016 liess die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheides und die Neuberechnung der
Ergänzungsleistung rückwirkend ab dem 6. August 2014. Zur Begründung führte sie
aus, die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) sei nicht auf
das Argument eingegangen, dass die Anrechnung eines Erbanteils nur bei
hinreichender Klarheit zulässig sei. Damit habe sie den Anspruch der
Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt. Selbstverständlich könne der
Nachweis der Unkenntnis bezüglich des Erbanteils nicht der im Jahr 19_ geborenen
und an einer Demenz leidenden Beschwerdeführerin auferlegt werden. Das würde
gegen den Grundsatz negativa non sunt probanda verstossen. Die Beschwerdeführerin
sei im zweiten Lebensjahr fremdplatziert worden. Sie habe zeitlebens keinen Kontakt
zu ihrem Vater gehabt. Dieser sei dann vor Jahren verstorben, ohne dass sie etwas
davon erfahren hätte. Erst mit dem Eingang der Zahlung am 6. August 2014 habe sie
Kenntnis von der Erbschaft erhalten. Folglich habe die Höhe der Erbschaft bis dahin
nicht mit hinreichender Klarheit festgestanden.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 19. Mai 2016 unter Hinweis auf die

Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 4).
B.c Am 2. Juni 2016 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt (act. G 6).
B.d Am 12. August 2016 liess die Beschwerdeführerin darauf hinweisen (act. G 10),
dass ihr Vater schon im Jahr 1977 verstorben sei. Sie versuche, entsprechende Belege
aufzutreiben. Jedenfalls habe sie bis im August 2014 keine Kenntnis davon gehabt,
dass sie schon seit 37 Jahren Miterbin gewesen sei.
Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin hat – „explizit“ – eine Verletzung ihres im Art. 29 Abs. 2 BV
garantierten Anspruchs auf rechtliches Gehör gerügt. Allerdings ist keine Verletzung
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des Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art. 42 ATSG) auszumachen. Dasselbe gilt für
eine Verletzung der – ebenfalls aus dem Art. 29 Abs. 2 BV entspringenden –
Begründungspflicht (Art. 49 Abs. 3 ATSG), denn die Beschwerdegegnerin hat sich
eingehend mit dem Einwand, es müsse eine hinreichende Klarheit über die Höhe eines
Erbanteils bestehen, auseinandergesetzt. Sie hat nämlich dargelegt, dass sich diese
Voraussetzung nicht auf das Wissen eines EL-Bezügers um seinen Erbanteil beziehe,
sondern dass sie nur beweisrechtlich zu verstehen sei. Das scheint die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin übersehen zu haben.
2.
2.1 Mit dem angefochtenen Einspracheentscheid hat die Beschwerdegegnerin zwei
(vereinigte) Einspracheverfahren abgeschlossen, nämlich jenes betreffend die
Verfügung vom 21. November 2015 (rückwirkende Neufestsetzung des
Ergänzungsleistungsanspruchs und Rückforderung von Ergänzungsleistungen) und
jenes betreffend die Verfügung vom 21. Dezember 2015 („Umrechnungsverfügung“ per
1. Januar 2016). Allerdings enthält der angefochtene Einspracheentscheid nur eine
materielle Beurteilung betreffend die Verfügung vom 21. November 2015, mit der die
Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistung für den Zeitraum vom 1. Dezember 2010
bis zum 21. November 2015 neu festgesetzt und entsprechend zu viel bezogene
Ergänzungsleistungen zurückgefordert hat. Mit der Einsprache gegen die
„Umrechnungsverfügung“ vom 21. Dezember 2015 hat sich die Beschwerdegegnerin
im angefochtenen Einspracheentscheid dagegen nicht materiell auseinandergesetzt,
weil sie davon ausgegangen ist, dabei handle es sich nicht um eine Einsprache,
sondern um ein Revisionsgesuch. Diesbezüglich muss der angefochtene
Einspracheentscheid – entgegen seinem Wortlaut – einen Nichteintretensentscheid
enthalten.
2.2 Die sich gegen die Verfügung vom 21. Dezember 2015 richtende Eingabe vom 1.
Februar 2016 kann allerdings nicht eindeutig als Revisionsgesuch verstanden werden.
Die Beschwerdeführerin hat zwar geltend gemacht, ihr Vermögen habe sich per 31.
Dezember 2015 erheblich verringert. Der entsprechende Vermögensrückgang dürfte
aber wohl kaum erst nach dem 21. November 2015 – und damit nach dem Abschluss
des Verfahrens betreffend die rückwirkende Neufestsetzung der Ergänzungsleistung –
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eingetreten sein. Der Eingabe der Beschwerdeführerin lässt sich jedenfalls nichts
dergleichen entnehmen. Wenn der geltend gemachte Vermögensrückgang bereits vor
dem 21. November 2015 eingetreten ist, dann hat er noch den für die Verfügung vom
21. November 2015 massgebenden Zeitraum betroffen. Diesfalls kann es sich beim
Vermögensrückgang nicht um eine nachträgliche Sachverhaltsveränderung im Sinne
des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt haben. Dementsprechend müsste die Eingabe vom
1. Februar 2016 als eine Einspracheergänzung betreffend die Verfügung vom 21.
November 2015 qualifiziert werden, mit der die Beschwerdeführerin um eine Korrektur
der für die rückwirkende Neufestsetzung des Ergänzungsleistungsanspruchs
massgebenden Höhe des anrechenbaren Vermögens ersucht hätte. Für die
Interpretation der Eingabe vom 1. Februar 2016 als Einspracheergänzung spricht auch
der Umstand, dass sie – wie die Einsprache gegen die Verfügung vom 21. November
2015 – die Berechnungsposition des anrechenbaren Vermögens betroffen hat.
Angesichts der sachlichen und zeitlichen Nähe der beiden Einsprachen hätte sich eine
Trennung des vereinigten Einspracheverfahrens jedenfalls nur rechtfertigen lassen,
wenn der Gegenstand der Einsprache vom 1. Februar 2016 eindeutig von jenem der
Einsprache vom 5. Januar 2016 hätte abgegrenzt werden können. Das ist beim Stand
der Akten im Zeitpunkt der Eröffnung des angefochtenen Einspracheentscheides aber
nicht möglich gewesen, weshalb sich die nachträgliche Trennung des vereinigten
Einspracheverfahrens respektive die Qualifikation der Eingabe vom 1. Februar 2016 als
Revisionsgesuch als rechtswidrig erweist. Da die Sache ohnehin zur weiteren
Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden muss, rechtfertigt es
sich, diese anzuhalten, weitere Abklärungen zur Qualifikation der Eingabe vom 1.
Februar 2016 zu tätigen und diese (wohl am ehesten zusammen mit der Einsprache
vom 5. Januar 2016) materiell zu behandeln.
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin hat im angefochtenen Einspracheentscheid geltend
gemacht, die rückwirkende Neufestsetzung der Ergänzungsleistung sei als eine
sogenannte prozessuale Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) zu qualifizieren. Die
Anwendung dieses Korrekturinstrumentes setzt die Entdeckung einer erheblichen
neuen Tatsache voraus. Dabei muss es sich um eine Tatsache handeln, die bereits im
Zeitpunkt des Erlasses der ursprünglichen (prozessual zu revidierenden) Verfügung
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bestanden hat, aber unbekannt gewesen ist. Ein solcher Fall liegt hier vor, denn die
Beschwerdeführerin ist im Jahr 1977 Miterbin am Nachlass ihres Vaters geworden,
ohne etwas davon zu erfahren. Schon im Zeitpunkt des EL-Anspruchsbeginns im
Februar 2010 ist sie also an einer unverteilten Erbschaft beteiligt gewesen, weshalb der
entsprechende Anteil eigentlich als Vermögenswert bei der Anspruchsberechnung
hätte berücksichtigt werden müssen. Weder die Beschwerdeführerin noch die
Beschwerdegegnerin haben allerdings um die Existenz dieses Anteils an der
unverteilten Erbschaft gewusst. Erst mit der Verteilung der Erbschaft im August 2014
ist dies bekannt geworden. In diesem Zeitpunkt hat – der Terminologie des Art. 53 Abs.
1 ATSG folgend – die neue Tatsache entdeckt werden können. Das hat grundsätzlich
zu einer rückwirkenden Korrektur der Ergänzungsleistung ab dem Anspruchsbeginn im
Februar 2010 gezwungen.
3.2 Die Beschwerdeführerin macht sinngemäss geltend, dieses Vorgehen sei im
vorliegenden Fall falsch gewesen, weil sie ja bis zum 6. August 2014 nicht einmal
gewusst habe, dass sie an einer Erbschaft beteiligt sei. Das Bundesgericht verlange
eine hinreichende Klarheit über die Höhe der Erbschaft, die nicht bestehen könne,
wenn nicht einmal bekannt sei, dass man überhaupt an einer Erbschaft beteiligt sei.
Diese Argumentation beruht auf einem falschen Verständnis der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung respektive der gesetzmässigen Voraussetzungen für die Anrechnung
eines Anteils an einer unverteilten Erbschaft. Zunächst stellt sich nämlich die Frage, ob
ein Anteil an einer unverteilten Erbschaft, über den man naturgemäss nicht frei
verfügen kann, überhaupt als Vermögensbestandteil berücksichtigt werden darf. Diese
Frage wird in der Lehre und in der Rechtsprechung bejaht (mit eingehender
Begründung: RALPH JÖHL, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Band XIV Soziale Sicherheit, 3. Aufl. 2016, FN 689, mit
Hinweisen auf die Rechtsprechung). Als zweites stellt sich die Frage, welcher Betrag in
die Anspruchsberechnung einzusetzen sei, denn so¬lange eine Erbschaft noch nicht
verteilt ist, besteht naturgemäss oft eine gewisse Un¬sicherheit bezüglich des Wertes
des Erbschaftsanteils. Diese Unsicherheit dürfte minimal sein, wenn die
Nachlasssumme und der Bruchteil, der dem EL-Bezüger davon zusteht, bekannt sind.
Sind dagegen die Nachlasssumme oder die Erben beziehungsweise deren Anteile an
der Erbschaft noch nicht bekannt, kann der in die Anspruchsberechnung
einzusetzende Erbanteil des EL-Bezügers nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
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überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen, was eine rechtmässige
Anspruchsberechnung verunmöglicht. Konsequenterweise müsste in einem solchen
Fall eine Ergänzungsleistung mangels Nachweises der anspruchsbegründenden
„Armut“ verweigert werden. Die vom Bundesgericht postulierte Voraussetzung der
„hinreichenden Klarheit“ zielt nur auf diese beweisrechtlichen Schwierigkeiten ab (vgl.
JÖHL, a.a.O., FN 689). Das Wissen des EL-Bezügers um die Erbschaft oder um die
Höhe des Erbanteils ist völlig irrelevant und kann nur in einem allfälligen
Erlassverfahren von Bedeutung sein. Diesbezüglich verhält es sich nicht anders als
beispielsweise bei der (fiktiven) rückwirkenden Anrechnung einer Rentennachzahlung.
Sobald der Erbanteil – beweisrechtlich – hinreichend bekannt ist, wird er rückwirkend
auf den Zeitpunkt des Todes des Erblassers zum Vermögen hinzugezählt. Nur so kann
sichergestellt werden, dass die Ergänzungsleistung jederzeit – auch für die
Vergangenheit – dem effektiven Bedarf des EL-Bezügers entspricht (vgl. JÖHL, a.a.O.,
FN 689).
3.3 Mit der Überweisung des Erbanteils hat „hinreichende Klarheit“ über den Betrag
des (ehemaligen) Anteils an der unverteilten Erbschaft bestanden. Die
Beschwerdegegnerin hat die Ergänzungsleistung folglich völlig zu Recht rückwirkend
ab dem 1. Februar 2010 neu festgesetzt und dabei den Anteil an der unverteilten
Erbschaft bei der Anspruchsberechnung berücksichtigt. Aus dem Umstand, dass sie
die Ergänzungsleistung nur zurück bis zum 1. Dezember 2010 neu berechnet hat, kann
nicht abgeleitet werden, dass sie nun doch keine sogenannte prozessuale Revision der
Verfügung vom 10. Juni 2010 vorgenommen hätte. Vielmehr hat sie nur – aus
verfahrensökonomischen Gründen – von einer rückwirkenden Neuberechnung der
Ergänzungsleistung für die Monate Februar bis und mit November 2010 abgesehen.
Diese ist nämlich augenscheinlich für die Festsetzung des
Ergänzungsleistungsanspruchs für die Zukunft unnötig gewesen. Sie ist aber auch für
die Bezifferung der Rückforderung nicht notwendig gewesen, denn gemäss dem Art.
25 Abs. 2 ATSG haben nur die in den fünf Jahren vor der Eröffnung der
Rückforderungsverfügung bezogenen Ergänzungsleistungen, also jene ab dem 1.
Dezember 2010, zurückgefordert werden können. Für die Bemessung des
Rückforderungsanspruchs hat die Höhe der Ergänzungsleistung für die Monate
Februar bis und mit November 2010 also keine Rolle gespielt. Allerdings dürfte die
Beschwerdegegnerin wohl übersehen haben, dass die vollständige
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Sachverhaltsermittlung auch für die Monate Februar bis und mit November 2010 aus
einem anderen Grund unentbehrlich gewesen ist. Die Frage nach dem Vorliegen einer
qualifizierten ursprünglichen Unrichtigkeit der Verfügung vom 10. Juni 2010 und damit
nach der Rechtmässigkeit der Korrektur jener Verfügung mittels einer prozessualen
Revision kann nämlich nur in umfassender Kenntnis des damals massgebenden
Sachverhalts beantwortet werden. Eine formell rechtskräftige Verfügung kann mit
anderen Worten nicht auf den blossen Verdacht hin, sie könnte an einer qualifizierten
ursprünglichen Unrichtigkeit leiden, prozessual revidiert (oder in Wiedererwägung
gezogen) werden. Die Beschwerdegegnerin wird folglich den
Ergänzungsleistungsanspruch für die Monate Februar bis und mit November 2010
noch zu ermitteln haben.
3.4 Vergleicht man die Berechnungsblätter zur Verfügung vom 21. November 2015 mit
jenen zu den Verfügungen, mit denen der EL-Anspruch in der Zeit vom 1. Dezember
2010 bis zum 21. November 2015 ursprünglich festgesetzt worden war, stellt man fest,
dass die Beschwerdegegnerin für die Zeit vom 1. Dezember 2010 bis zum 31. August
2014 neu einen Anteil an einer unverteilten Erbschaft sowie einen Zinsertrag aus
diesem Anteil an der unverteilten Erbschaft bei der Anspruchsberechnung
berücksichtigt hat, was zur Anrechnung eines höheren Vermögens und damit eines
höheren Vermögensverzehrs sowie zur Anrechnung eines höheren Vermögensertrages
geführt hat. Ab dem 1. September 2014 (nach der Überweisung des Erbanteils) hat sie
für das Vermögen und für den Vermögensertrag je nur noch einen Betrag
berücksichtigt, der aber dem Total des Vermögens und des Vermögensertrages am 31.
August 2014 entsprochen hat (66'998 Franken = 34'365 + 32'633 Franken; 497
Franken = 367 + 130 Franken). Zusätzlich hat die Beschwerdegegnerin aber auch den
Stand des Vermögens ohne den Erbanteil rückwirkend neu festgesetzt. Das hat für den
Dezember 2010 keine Korrektur zur Folge gehabt, weil weiterhin der Vermögensstand
am 31. Dezember 2009 massgebend geblieben ist, der schon in der ursprünglichen
Verfügung berücksichtigt worden war. Diesen Betrag hatte die Beschwerdegegnerin
aber bis zum Abschluss einer periodischen Revision im Jahr 2012 unverändert weiter
berücksichtigt, obwohl sich der Vermögensstand in jener Zeit verändert hatte. Erst ab
dem 1. Dezember 2012 hatte sie den damals aktuellen Vermögensstand berücksichtigt;
diesen Betrag hatte sie wiederum unverändert weiter berücksichtigt, bis sie Kenntnis
von der Erbschaft erhalten hatte. Ursprünglich war also nur für den Dezember 2010
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und für den Dezember 2012 der aktuelle Vermögensstand berücksichtigt worden. Für
alle anderen Monate hatte die Beschwerdegegnerin ursprünglich jeweils auf einen
„veralteten“ Betrag abgestellt. Diesen Fehler hat sie im Zuge der rückwirkenden
Neuberechnung der Ergänzungsleistung behoben. Das ist korrekt gewesen, weil die
Anrechnung des Anteils an der unverteilten (und später der verteilten) Erbschaft zu
einer Korrektur des anrechenbaren Vermögens, des Vermögensverzehrs und des
Vermögensertrages und damit zu einer Berücksichtigung der richtigen, nun bekannten
Beträge gezwungen hat und weil der Vorbehalt des Art. 25 Abs. 2 lit. b ELV nur in
einem Revisionsverfahren (Art. 17 Abs. 2 ATSG) beachtet werden müsste, bei einer
prozessualen Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) also keine Beachtung finden darf. Beim
Art. 25 ELV handelt es sich nämlich um eine Ausführungsnorm zum Art. 17 Abs. 2
ATSG und nicht (auch) um eine Ausführungsnorm zum Art. 53 ATSG. Als solche liefe er
dem Sinn und Zweck des Art. 53 ATSG (der umfassenden rückwirkenden
Neufestsetzung des Leistungsanspruchs) zuwider. In grundsätzlicher Hinsicht ist das
Vorgehen der Beschwerdegegnerin also korrekt gewesen.
3.5 Nun enthalten die Akten allerdings praktisch keine Angaben zur Erbschaft und zum
Erbgang. Fest steht nur, dass die Beschwerdeführerin im August 2014 einen
bestimmten Betrag aus dem Nachlass ihres Vaters erhalten hat. Die Frage, ob dieser
Betrag dem tatsächlichen Erbanteil entsprochen hat, lässt sich anhand der Akten nicht
beantworten. Möglicherweise ist der Nachlass noch nicht vollständig verteilt worden
oder die Beschwerdeführerin hat noch nicht ihren gesamten Erbanteil ausbezahlt
erhalten. Wenn das Gericht nun trotz dieser Unsicherheiten gestützt auf die
vorhandenen Akten entscheiden würde, würde es das Risiko eingehen, einen von
Beginn weg unrichtigen Entscheid zu produzieren. Diese Unrichtigkeit könnte später
nicht mehr mittels einer prozessualen Revision (bzw. Wiederaufnahme des Verfahrens
gemäss der Terminologie des VRP; vgl. Art. 81 ff. VRP) korrigiert werden, da sie hätte
vermieden werden können, wenn weitere Abklärungen getätigt worden wären (sog.
Revisionsausschlussgrund; vgl. Art. 81 Abs. 2 VRP). Der massgebende Sachverhalt
erweist sich mit anderen Worten als unzureichend abgeklärt, weshalb der
angefochtene Einspracheentscheid in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43
Abs. 1 ATSG) ergangen ist und deshalb als rechtswidrig aufgehoben werden muss. Die
Sache ist zur Vervollständigung der Sachverhaltsabklärung hinsichtlich der Höhe des
Nachlasses des Vaters der Beschwerdeführerin und deren Erbanteils beziehungsweise
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zur Beantwortung der Frage, ob die Beschwerdeführerin ihren gesamten Erbanteil
ausbezahlt erhalten hat, an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
Zusammenfassend ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
diese noch den Sachverhalt für den Zeitraum vom 1. Februar 2010 bis zum 30.
November 2010 vollständig ermittelt, Abklärungen zur Beantwortung der Frage, ob die
Beschwerdeführerin ihren gesamten Erbanteil ausbezahlt erhalten hat, tätigt und
eingehend prüft, ob die beiden Einsprachen vom 5. Januar 2016 und vom 1. Februar
2016 tatsächlich zwei unterschiedliche Streitgegenstände betreffen. Anschliessend
wird die Beschwerdegegnerin erneut verfügen. Hinsichtlich der Kosten- und
Entschädigungsfolgen gilt dieser Verfahrensausgang als ein vollständiges Obsiegen der
Beschwerdeführerin. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Die
Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin aber eine angemessene
Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des äusserst geringen Umfangs der
relevanten Akten und der Fokussierung des Verfahrens auf eine isolierte Rechtsfrage ist
von einem insgesamt deutlich unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwand
auszugehen, weshalb die Parteientschädigung auf 1'800 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt wird.