Decision ID: 8779b8ee-995f-51e5-9d3e-55c2bf724511
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung des SEM vom 19. August 2019 wurde der Beschwerdeführer
als Flüchtling anerkannt und ihm in der Schweiz Asyl gewährt.
B.
Am 15. Oktober 2019 stellte der Beschwerdeführer ein Gesuch um Einrei-
sebewilligung zwecks Familienzusammenführung zugunsten seiner Ehe-
frau sowie seiner zwei Kinder.
C.
Mit Verfügung vom 13. November 2019 – eröffnet am 15. November 2019
– verweigerte das SEM der Ehefrau des Beschwerdeführers sowie den ge-
meinsamen Kindern die Einreise in die Schweiz und lehnte ihre Asylgesu-
che ab.
D.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe an das
Bundesverwaltungsgericht vom 16. Dezember 2019 Beschwerde und be-
antragte, der Entscheid des SEM vom 13. November 2019 sei vollumfäng-
lich aufzuheben und dem Gesuch um Familienzusammenführung gemäss
Art. 51 AsylG (SR 142.31) stattzugeben.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und um Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als unentgeltlichen
Rechtsbeistand.
E.
Mit Schreiben vom 19. Dezember 2019 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
F.
Mit Schreiben vom 24. Juni 2020 erkundigte sich der Beschwerdeführer
nach dem Verfahrensstand und äusserte sich in der Sache zur Situation
seiner Familie in Thailand.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel
verzichtet.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl – na-
mentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn keine
besonderen Umstände dagegensprechen. Wurden die anspruchsberech-
tigten Personen nach Absatz 1 durch die Flucht getrennt und befinden sie
sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51
Abs. 4 AsylG). Die Erteilung einer Einreisebewilligung nach Art. 51 Abs. 4
AsylG setzt eine vorbestandene Familiengemeinschaft, die Trennung der
Familie durch die Flucht sowie die fest beabsichtigte Familienvereinigung
in der Schweiz voraus (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5, BVGE 2017 VI/4 E. 3.1
und E. 4.4.2, 2012/32 E. 5).
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4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen
aus, der Beschwerdeführer habe (...) zusammen mit seiner Ehefrau und
den gemeinsamen Kindern Sri Lanka verlassen und sich nach Thailand
begeben, wo sie in der Folge während rund fünf Jahren als Familie zusam-
mengelebt hätten. Durch die Weiterreise des Beschwerdeführers in die
Schweiz sei keine unfreiwillige Trennung der Familie aufgrund der Flucht-
umstände im Sinne von Art. 51 Abs. 4 AsylG erfolgt.
4.2 In seinem Rechtsmittel macht der Beschwerdeführer geltend, er habe
sich angesichts der schwierigen Lebensumstände in Thailand zur Weiter-
reise entschieden. Thailand sei nie sein definitives Reiseziel und dasjenige
seiner Familie gewesen, sondern stets ein Zwischenziel auf der Flucht. Er
habe während des fünfjährigen Aufenthalts in Thailand verschiedene An-
strengungen unternommen, um zusammen mit seiner Familie die Flucht
fortzusetzen. So habe er zunächst darauf gehofft, dass das UNHCR ihm
und seiner Familie mittels «Resettlement» zur Weitereise verhelfen würde.
2017 habe er auf der Schweizerischen Botschaft in Bangkok zudem «sinn-
gemäss» um Botschaftsasyl beziehungsweise um ein humanitäres Visum
ersucht. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel habe er die Reise schliess-
lich alleine antreten müssen.
5.
Der Beschwerdeführer beantragt Familiennachzug gestützt auf Art. 51
AsylG für seine Ehefrau und seine beiden minderjährigen Kinder; diese
sind zusammen mit ihm im Jahr (...) aus Sri Lanka geflohen; die Familie
lebte in der Folge fünf Jahre lang in Thailand, von UNHCR als Flüchtlinge
anerkannt, bis der Beschwerdeführer allein in die Schweiz weiterreiste.
Hier ist er als Flüchtling anerkannt worden und hat er Asyl erhalten. Die
Familie, um deren Nachzug ersucht wird, ist in Thailand zurückgeblieben.
Unbestritten ist, dass Ehefrau und minderjährige Kinder zum berechtigten
Personenkreis der Familie gehören; ebenso unbestritten ist, dass eine
Trennung erst nach der Flucht in einem Drittland – unter Vorbehalt «beson-
derer Umstände» – ebenfalls als Trennung «durch die Flucht» im Sinne
von Art. 51 Abs. 4 AsylG gilt. Fraglich bleibt vorliegend, ob der Umstand,
dass der Beschwerdeführer nach fünf Jahren Aufenthalt in Thailand alleine
in die Schweiz weitergereist ist und Frau und Kinder dort zurückgelassen
hat, einen «besonderen Umstand» im Sinne von Art. 51 AsylG darstellt, der
dem Familiennachzug entgegensteht. Die angefochtene Verfügung bejaht
dies; sie geht davon aus, mit seiner alleinigen Weiterreise habe der Be-
schwerdeführer die Familiengemeinschaft freiwillig aufgehoben (vgl. die
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angefochtene Verfügung, S. 2). Das Bundesverwaltungsgericht geht ge-
mäss koordinierter Praxis von freiwilliger Trennung der Familiengemein-
schaft im Drittland namentlich dann aus, wenn die Familie im Drittland ei-
nen legalen Aufenthalt hatte und dennoch einer der Familie weiterreist. Das
SEM äussert sich in seiner Verfügung indes nicht zu den Umständen des
Aufenthalts der Familie in Thailand; dies ist vorliegend aber entscheidrele-
vant. Die Verfügung ist demnach zu kassieren, nachdem es an Abklärun-
gen des SEM zum tatsächlichen Status der Flüchtlingsfamilie in Thailand
ebenso wie an einer diesbezüglichen Begründung fehlt.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Die vorinstanzliche
Verfügung ist aufzuheben und die Sache zur vollständigen und richtigen
Sachverhaltsermittlung und zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen
an die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechts-
vertreterin hat am 16. Dezember 2019 ihre Kostennote zu den Akten ge-
reicht. Der geltend gemachte zeitliche Aufwand von 5.75 Stunden erscheint
angemessen. Der veranschlagte Stundensatz von Fr. 150.– entspricht
Art. 10 Abs. 2 VGKE. Unter Einbezug der ausgewiesenen Auslagen im
Umfang von Fr. 4.20 sowie Dolmetscherkosten von Fr. 80.– beläuft sich
das Honorar der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers auf gerundet
Fr. 947.– und entspricht damit dem Vertretungsaufwand des Beschwerde-
führers. Die Vorinstanz wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Par-
teientschädigung in genannter Höhe auszurichten.
7.3 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
Rechtsverbeiständung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses werden gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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