Decision ID: f6801577-791b-5593-b6d5-50e6272344bd
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog gestützt auf eine formell rechtskräftige Verfügung der EL-
Durchführungsstelle vom 19. Mai 2020 ab dem 1. Mai 2020 eine Ergänzungsleistung
von 1’146 Franken pro Monat zu einer Witwenrente der AHV (EL-act. 26), deren Betrag
sich auf 1’250 Franken pro Monat belief (vgl. EL-act. 25). Mit einer Verfügung vom 27.
Mai 2020 ersetzte die Ausgleichskasse die laufende Witwenrente mit Wirkung ab dem
1. September 2020 durch eine Altersrente von 1’452 Franken pro Monat (EL-act. 24).
Die EL-Durchführungsstelle erliess deshalb am 10. August 2020 eine Verfügung, mit
der sie die laufende Ergänzungsleistung per 1. September 2020 auf 552 Franken pro
Monat herabsetzte (EL-act. 22). Dem Berechnungsblatt zur Verfügung liess sich
entnehmen (EL-act. 21), dass sich nur zwei Einnahmenpositionen verändert hatten:
Anstelle der Witwenrente von 15’000 Franken pro Jahr hatte die EL-
Durchführungsstelle die Altersrente von 17’424 Franken pro Jahr angerechnet und
anstelle eines hypothetischen Vermögensverzehrs von einem Fünfzehntel des
(unverändert gebliebenen) anrechenbaren fiktiven Verzichtvermögens von 141’161
Franken hatte sie neu einen Zehntel dieses Vermögens als Einnahme berücksichtigt.
A.a.
Am 23. September 2020 liess die durch ihren Sohn vertretene EL-Bezügerin eine
Einsprache gegen die Verfügung vom 10. August 2020 erheben (EL-act. 15). Dieser
machte geltend, seine Mutter könne mit den tiefen Leistungen der ersten Säule nicht
leben. Das angebliche Kapital des Vaters sei für die Tilgung von Schulden komplett
verbraucht worden, denn die Eheleute hätten 17 Jahre lang allein von der Rente des
Vaters leben müssen. Die entsprechenden Abmachungen (gemeint wohl:
Darlehensverträge mit Verwandten und Bekannten) seien mündlich geschlossen
worden. Man habe nun aber um schriftliche Bestätigungen gebeten, die demnächst
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/6
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B.

Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
eintreffen sollten. Mit einem Entscheid vom 10. Dezember 2020 trat die EL-
Durchführungsstelle nicht auf die Einsprache ein (EL-act. 11). Zur Begründung führte
sie an, bei der Verfügung vom 10. August 2020 habe es sich um eine
Revisionsverfügung gehandelt, die ausschliesslich die Anpassung der laufenden
Ergänzungsleistung an die Ablösung der Witwen- durch eine Altersrente zum
Gegenstand gehabt habe. Der in einer früheren Verfügung formell rechtskräftig und
damit verbindlich festgesetzte Betrag des Verzichtsvermögens sei unverändert
geblieben, weshalb diese Berechnungsposition nicht vom Gegenstand des
Revisionsverfahrens erfasst gewesen sei. Da sich die Einsprache nicht auf den
Gegenstand des Revisionsverfahrens bezogen habe, könne nicht auf sie eingetreten
werden.
Am 7. Januar 2021 liess die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 10. Dezember 2020 erheben
(act. G 1). Ihr Sohn als ihr Vertreter machte geltend, der angefochtene
Einspracheentscheid sei „nicht fachgerecht“, da die Ergänzungsleistung, die die EL-
Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) der Beschwerdeführerin
zugesprochen habe, viel zu tief sei. Die Beschwerdeführerin und ihr im September
2019 verstorbener Ehemann hätten 17 Jahre lang nur von einer Rente des Ehemannes
leben müssen. Das Geld habe nicht ausgereicht, weshalb sie bei Verwandten hätten
Schulden machen müssen. Als die berufliche Vorsorge des Ehemannes im Januar 2020
der Beschwerdeführerin das Vorsorgekapital ausbezahlt habe, habe diese das gesamte
Geld zur Tilgung der in den Jahren davor aufgelaufenen Schulden verwenden müssen.
Am 22. Februar 2021 liess die Beschwerdeführerin Bankbelege einreichen (act. G 5).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 25. Februar 2021 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 7).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/6
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Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, was bedeutet, dass der
Gegenstand des Beschwerdeverfahrens jenem des vorangegangenen
Einspracheverfahrens entsprechen muss. Die Beschwerdegegnerin hat die Einsprache
nicht materiell geprüft, denn sie ist gar nicht erst auf die Einsprache eingetreten. Den
Gegenstand des Einspracheverfahrens hat also allein die Frage gebildet, ob auf die
Einsprache gegen die Verfügung vom 10. August 2020 einzutreten sei. Folglich kann
auch in diesem Beschwerdeverfahren nur geprüft werden, ob die Beschwerdegegnerin
zu Recht nicht auf die Einsprache eingetreten ist respektive ob sie auf die Einsprache
hätte eintreten müssen. In ihrer Beschwerde hätte die Beschwerdeführerin folglich nur
das Eintreten auf ihre Einsprache gegen die Verfügung vom 10. August 2020
beantragen können. Nun hat die (nicht anwaltlich vertretene) Beschwerdeführerin aber
ausschliesslich materielle Anträge gestellt, auf die nicht eingetreten werden kann, weil
ansonsten der Gegenstand des Beschwerdeverfahrens in einer unzulässigen Weise
ausgedehnt würde. Streng formal betrachtet bliebe folglich von der Beschwerde nichts
übrig, auf das einzutreten wäre. Allerdings muss nach dem Grundsatz in eo, quod plus
sit, semper inest et minus (im Grösseren ist das Geringere immer eingeschlossen)
davon ausgegangen werden, dass die materiellen Anträge der (nicht anwaltlich
vertretenen) Beschwerdeführerin auch den – als „Vorbedingung“ zwingend
erforderlichen – Antrag beinhaltet haben, die Beschwerdegegnerin sei zum Eintreten
auf die Einsprache zu verpflichten. Auf diesen Antrag ist einzutreten.
2.
Der Gesetzgeber hat die Eintretenshürde für eine Einsprache bewusst tief
angesetzt: Auf eine Einsprache gegen eine Verfügung ist einzutreten, wenn diese eine
Nichteinverständniserklärung betreffend die angefochtene Verfügung enthält und wenn
sie rechtzeitig, das heisst noch innerhalb der laufenden Rechtsmittelfrist erhoben
worden ist. Nach der bundesgerichtlichen Auffassung setzt das Eintreten auf eine
Einsprache nicht einmal voraus, dass diese bei der zuständigen Behörde erhoben
worden ist (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichtes 9C_211/2015 vom 21. September
2015). Die Einsprache vom 23. September 2020 hat eine eindeutige
Nichteinverständniserklärung der Beschwerdeführerin betreffend die Verfügung vom
10. August 2020 enthalten. Sie könnte zwar allenfalls verspätet erhoben worden sein,
aber mangels eines Zustellnachweises und mangels anderer Beweismittel respektive
Indizien zu dieser Frage lässt sich die Rechtzeitigkeit der Einspracheerhebung nicht
beweisen. Den Nachteil dieser objektiven Beweislosigkeit hat die Beschwerdegegnerin
zu tragen, was bedeutet, dass ein Nichteintretensentscheid mit der Begründung, die
2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/6
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3.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG).