Decision ID: ab65c2f6-e9be-476a-ae85-35386048cb1d
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern
- 2 -
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung, vom 16. Mai 2011 (GG110053)
- 3 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich - Sihl vom 25. Februar 2011 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. 22).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der mehrfachen sexuellen Handlungen mit
Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 270 Tagessätzen zu
Fr. 80.-- (entsprechend Fr. 21'600.--) sowie mit einer Busse von Fr. 1'000.--.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jah-
re festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen.
5. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger
B._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadener-
satzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadener-
satzanspruches wird der Geschädigte auf den Weg des Zivilprozesses ver-
wiesen.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 3'000.-- zu-
züglich 5 % Zins ab 15. September 2008 als Genugtuung zu bezahlen.
7. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
- 4 -
Fr. 2'500.-- ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. Kosten der Kantonspolizei
Fr. 1'000.-- Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 1'511.-- Auslagen Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung (ausstehend)
Fr. 11'434.75 unentgeltliche Verbeiständung des Privatklägers
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausge-
nommen derjenigen der amtlichen Verteidigung sowie der Kosten der
unentgeltlichen Verbeiständung des Privatklägers, werden dem Beschuldig-
ten auferlegt.
9. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie der Kosten der unentgeltlichen
Verbeiständung des Privatklägers werden auf die Staatskasse genommen;
vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
Berufungsanträge:
A) Des Verteidigers des Beschuldigten
Urk. 50 S. 1)
1. Es sei der Beschuldigte vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlungen
mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB freizusprechen.
2. Es sei die Zivilklage der Privatklägerschaft unter Kosten- und Entschädi-
gungsfolgen zu deren Lasten abzuweisen.
3. Es seien die gesamten Verfahrenskosten auf die Staatskasse zu nehmen.
4. Es sei dem Beschuldigten eine angemessene Genugtuung aus der Staats-
kasse auszurichten.
- 5 -
B) Der Vertreterin der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl
(schriftlich, Urk. 42)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
_

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil vom 16. Mai 2011
sprach das Bezirksgericht Zürich, 10. Abteilung, Einzelgericht in Strafsachen, den
Beschuldigten schuldig der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern im
Sinne von Art. 187 Ziffer 1 StGB. Der Beschuldigte wurde bestraft mit einer Geld-
strafe von 270 Tagessätzen zu Fr. 80.-- (entsprechend Fr. 21'600.--) und mit einer
Busse von Fr. 1'000.--. Der Vollzug der Geldstrafe wurde aufgeschoben und die
Probezeit auf 2 Jahre angesetzt. Sodann wurde festgestellt, dass der Beschuldig-
te gegenüber dem Privatkläger B._ aus dem eingeklagten Ereignis dem
Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Um-
fangs des Schadenersatzanspruches verwies das Einzelgericht den Privatkläger
auf den Weg auf des Zivilprozesses. Ferner wurde der Beschuldigte verpflichtet,
dem Privatkläger eine Genugtuung von Fr. 3'000.-- zuzüglich 5% Zins ab 15. Sep-
tember 2008 zu bezahlen (Urk. 28).
2. Das Urteilsdispositiv ging der Staatsanwaltschaft Zürich - Sihl am 17. Mai 2011
(Urk. 29/3), dem Beschuldigten am 18. Mai 2011 (Urk. 29/2) und dem Privatkläger
am 19. Mai 2011 (Urk. 29/1) zu. Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte mit
Eingabe vom 17. Mai 2011 (Urk. 30) rechtzeitig Berufung erklären. Am 4. Oktober
2011 erfolgte die Mitteilung der Berufungsanmeldung an die Verfahrensbeteiligten
(Urk. 36/1 und 36/2). Das Urteil ging der Staatsanwaltschaft Zürich - Sihl und dem
- 6 -
Beschuldigten je am 5. Oktober 2011 (Urk. 37/1; Urk. 37/3) sowie dem Privatklä-
ger am 7. Oktober 2010 (Urk. 37/2) in begründeter Fassung zu (Urk. 38). In der
Folge wurden die Akten dem Obergericht des Kantons Zürich zugestellt (Art. 399
Abs. 1 StPO).
3. Mit Eingabe vom 20. Oktober 2011 reichte der Beschuldigte dem Obergericht
des Kantons Zürich die Berufungserklärung ein (Urk. 39). Der Angeklagte focht
dabei den Schuldspruch wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern
an und beantragte einen Freispruch. Zudem stellte er den Antrag auf Abweisung
der Zivilansprüche des Privatklägers und verlangte eine Genugtuung. Auf die
Stellung von Beweisanträgen verzichtete der Beschuldigte. Mit Präsidialverfügung
vom 24. Oktober 2011 wurde dem Privatkläger und der Staatsanwaltschaft Zürich
- Sihl in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO, Art. 401 StPO und Art. 34
StGB eine Kopie der Berufungserklärung zugestellt und Frist angesetzt, um zu er-
klären, ob Anschlussberufung erhoben werde, oder um begründet ein Nichteintre-
ten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 40). In der Folge teilte die Staatsanwalt-
schaft Zürich - Sihl mit Eingabe vom 31. Oktober 2011 mit, dass sie keine An-
schlussberufung erhebe und die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils bean-
trage (Urk. 42). Am 2. November 2011 erklärte der Privatkläger ebenfalls Verzicht
auf Anschlussberufung. Ebenso wenig beantragte er ein Nichteintreten auf die
Berufung (Urk. 43). Zu seinen finanziellen Verhältnissen reichte der Beschuldigte
am 3. November 2011 (Urk. 44) das Datenerfassungsblatt (Urk. 45/1), den Miet-
vertrag (Urk. 45/2) sowie die Lohnabrechnungen der Monate August bis Oktober
2011 ein (Urk. 45/3-5).
II. Anwendbares Recht / Gegenstand der Berufung /Anklagevorwurf
1. Nachdem der erstinstanzliche Entscheid nach dem 1. Januar 2011 ergangen
ist, gelten für das vorliegende Berufungsverfahren die Bestimmungen der schwei-
zerischen Strafprozessordnung (Art. 448 und 454 Abs. 1 StPO) sowie des Geset-
zes über die Gerichts- und Behördenorganisation im Zivil- und Strafprozess
(GOG).
- 7 -
2. Der Beschuldigte beantragt einen Freispruch, so dass sämtliche Dispositiv-
Ziffern des vorinstanzlichen Urteils angefochten sind und zur Disposition stehen.
3. Gegenstand des Berufungsverfahrens bildet der Sachverhalt gemäss Anklage-
schrift der Staatsanwaltschaft Zürich - Sihl vom 25. Februar 2011. Darin wird dem
Beschuldigten zunächst vorgeworfen, dass er sich im Sommer 2008, ca. im Juli
2008, in das Schlafzimmer von C._, der Mutter des Privatklägers, begeben
habe, wo der Privatkläger auf dem Bett gelegen sei und fern geschaut habe. Da-
raufhin habe sich der Beschuldigte bäuchlings auf den Rücken des Privatklägers
gelegt und seinen Penis in sexueller Absicht in dessen Rücken gedrückt (erster Vorfall). Sodann wird dem Beschuldigten zur Last gelegt, er habe sich zu einem späteren, nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt ebenfalls im Sommer 2008, spä-
testens jedoch am 15. September 2008, erneut in das selbe Schlafzimmer bege-
ben, wo der Privatkläger wiederum auf dem Bett gelegen sei. Der Beschuldigte
habe daraufhin seine eigenen Hosen heruntergezogen, so dass sein Penis ent-
blösst gewesen sei. Danach habe er den Privatkläger auf das Bett gedrückt und
versucht, diesem die Hosen herunterzuziehen, bäuchlings auf diesen zu liegen
und mit seinem Penis denjenigen des Privatklägers zu berühren, was ihm aber
nicht gelungen sei (zweiter Vorfall).
III. Sachverhalt
1. Hinsichtlich des ersten Vorfalls gestand der Beschuldigte sowohl in der Unter-
suchung als auch in der Hauptverhandlung ein, dass er auf den Rücken des
bäuchlings auf dem Bett liegenden Privatklägers B._ gelegen sei und dieser
dabei seinen Penis gespürt habe. Damit hat der Beschuldigte den äusseren
Sachverhalt des ersten Vorfalls anerkannt. Indes stellte er entschieden in Abrede,
dass seine Handlung in sexueller Absicht erfolgt sei und hielt dafür, dass er sei-
nen Penis nicht bewusst in den Rücken von B._ gedrückt habe (Urk. 7/1 S. 5
f.; Urk. 7/2 S. 2, 5 und 6; Urk. 7/4 S. 2; Urk. 7/5 S. 2; Urk. 7/6 S. 3; Urk. 27 S. 1).
Den zweiten Vorfall hat der Beschuldigte kategorisch bestritten (Urk. 7/1 S. 4 f.;
- 8 -
Urk. 7/2 S. 2 und 9; Urk. 7/6 S. 4; Urk. 27 S. 1). Anlässlich der heutigen Beru-
fungsverhandlung hielt der Beschuldigte an seiner Version fest (Prot. II S. 5 f.).
2.1. Die Anklage stützt sich im Wesentlichen auf die Aussagen des Privatklägers
(Urk. 8/1; Urk. 8/5; Urk. 8/2 und Urk. 8/6: zwei DVD’s mit den aufgezeichneten Vi-
deobefragungen des Privatklägers). Ferner liegen die Aussagen des Beschuldig-
ten (Urk. 7/1-6) sowie die vorliegend relevanten Zeugenaussagen von C._,
der Mutter des Privatklägers (Urk. 9/1), D._, des Stiefvaters des Privatklä-
gers (Urk. 9/2), E._, der Lehrerin des Privatklägers (Urk. 9/3), F._, der
Betreuerin der Familie des Privatklägers (Urk. 9/4), G._, der Schulsoziarbei-
terin des Privatklägers (Urk. 9/6) und H._, des behandelnden Psychiaters
des Privatklägers (Urk. 9/8), im Recht.
2.2. Im Laufe des Untersuchungsverfahrens wurden weitere Personen als Zeugen
einvernommen, deren Aussagen aber für die Erstellung des eingeklagten Sach-
verhaltes nicht relevant sind. Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, kann
auf die zutreffenden Erwägungen im vorinstanzlichen Entscheid verwiesen wer-
den (Urk. 38 S. 9 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2.3. Die Aussagen der unter Ziff.III.2.1. vorstehend erwähnten Personen wurden
von der Vorinstanz eingehend und zutreffend wiedergegeben, weshalb (auch hier)
zur Vermeidung von Wiederholungen vollumfänglich auf die Begründung des vor-
instanzlichen Entscheides zu verweisen ist (Urk. 38 S. 6 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Die Darstellung des Privatklägers und diejenige des Beschuldigten sind grössten-
teils kontrovers. Der eingeklagte Sachverhalt ist dementsprechend auf Grund der
Akten und der heutigen Berufungsverhandlung nach den von Lehre und Praxis
entwickelten Grundsätzen überprüfen.
3.1. Die Vorinstanz hat die theoretischen Grundsätze der richterlichen Beweis-
würdigung korrekt wiedergegeben, sodass vorab auf die entsprechenden Erwä-
gungen zu verweisen ist (Urk. 38 S. 10 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgen-
den Ausführungen zu den theoretischen Grundlagen der Bewertung von Aussa-
gen sind daher lediglich ergänzender bzw. präzisierender Natur.
- 9 -
3.2. Ein Schuldspruch darf demnach nur dann erfolgen, wenn die Schuld des An-
geklagten mit hinreichender Sicherheit erwiesen ist, das heisst Beweise dafür vor-
liegen, dass der Angeklagte mit seinem Verhalten objektiv und subjektiv den ihm
zur Last gelegten Straftatbestand verwirklicht hat. Dabei kann nicht verlangt wer-
den, dass die Tatschuld gleichsam mathematisch sicher und unter allen Aspekten
unwiderlegbar feststehe (vgl. Schmid, Strafprozessrecht, 4. A., Zürich 2004, Rz
288, S. 96). Es muss genügen, wenn vernünftige Zweifel an der Schuld des An-
geklagten ausgeschlossen werden können. Aufgabe des Richters ist es, seinem
Gewissen verpflichtet, in objektiver Würdigung des gesamten Beweisergebnisses,
zu prüfen, ob er von einem bestimmten Sachverhalt überzeugt ist und an sich
mögliche Zweifel an dessen Richtigkeit zu überwinden vermag (§ 284 StPO ZH;
ZR 72 Nr. 80; Guldener, Beweiswürdigung und Beweislast, Zürich 1955, S. 7; Pra
2004 Nr. 51 S. 257 Ziff. 1.4.; BGE 124 IV 88, 120 Ia 31 E. 2c). Es liegt in der Na-
tur der Sache, dass mit menschlichen Erkenntnismitteln keine absolute Sicherheit
in der Beweisführung erreicht werden kann; daher muss es genügen, dass das
Beweisergebnis über jeden vernünftigen Zweifel erhaben ist (vgl. Kassationsge-
richtsentscheid vom 26. Juni 2003 Nr. 2002/387S E. 2.2.1 samt Hinweisen). Bloss
abstrakte oder theoretische Zweifel dürfen dabei nicht massgebend sein, weil sol-
che immer möglich sind (Hauser/Schweri/Hartmann, Schweizerisches Strafpro-
zessrecht, 6. A., Basel 2005, Rz 12 zu § 54 und Urteile des Bundesgerichtes
6B_297/2007 vom 4. September 2007 E. 3.4. und 1P.587/2003 vom 29. Januar
2004, E. 7.2.). Es genügt also, wenn vernünftige Zweifel an der Schuld ausge-
schlossen werden können, hingegen darf ein Schuldspruch nie auf blosser Wahr-
scheinlichkeit beruhen. Lässt sich ein Sachverhalt nicht mit letzter Gewissheit
feststellen, was schon im Wesen menschlichen Erkenntnisvermögens liegt, so
hindert dies den Richter nicht, subjektiv mit Gewissheit davon überzeugt zu sein.
3.3. Stützt sich die Beweisführung - wie in casu - auf die Aussagen von Beteilig-
ten, so sind diese frei zu würdigen. Es ist anhand sämtlicher Umstände, die sich
aus den Akten und den Verhandlungen ergeben, zu untersuchen, welche Sach-
darstellung überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt der
Aussagen ankommt, verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben erfolgen.
Bei der Würdigung von Aussagen darf nicht einfach auf die Persönlichkeit oder
- 10 -
allgemeine Glaubwürdigkeit von Aussagenden abgestellt werden. Massgebend ist
vielmehr die Glaubhaftigkeit der konkreten, im Prozess relevanten Aussagen.
Diese sind einer kritischen Würdigung zu unterziehen, wobei auf das Vorhanden-
sein von sogenannten Realitätskriterien grosses Gewicht zu legen ist (vgl.
Bender, Die häufigsten Fehler bei der Beurteilung von Zeugenaussagen, SJZ 81
[1985] S. 53 ff.; Bender/Nack/Treuer, Tatsachenfeststellungen vor Gericht,
Glaubwürdigkeits- und Beweislehre, Vernehmungslehre, 3. A., München 2007, N
310 ff. und N 350 ff.). Die wichtigsten Realitätskriterien sind dabei die "innere Ge-
schlossenheit" und "Folgerichtigkeit in der Darstellung des Geschehnisablaufes";
"konkrete und anschauliche Wiedergabe des Erlebnisses" sowie die "Schilderung
des Vorfalles in so charakteristischer Weise, wie sie nur von demjenigen zu er-
warten ist, der den Vorfall selber miterlebt hat"; "Kenntlichmachung der psychi-
schen Situation von Täter und Zeuge bzw. unter Mittätern"; "Selbstbelastung oder
unvorteilhafte Darstellung der eigenen Rolle"; "Entlastungsbemerkungen zuguns-
ten des Beschuldigten"; "Konstanz der Aussage bei verschiedenen Befragungen,
wobei sich aber sowohl Formulierungen als auch die Angaben über Nebenum-
stände verändern können" (Hauser, Der Zeugenbeweis im Strafprozessrecht mit
Berücksichtigung des Zivilprozesses, Zürich 1974, S. 316). Andererseits sind
auch allfällige Fantasiesignale zu berücksichtigen. Als Indizien für falsche Aussa-
gen gelten "Unstimmigkeiten oder grobe Widersprüche in den eigenen Aussa-
gen", "Zurücknahme oder erhebliche Abschwächungen in den ursprünglichen An-
schuldigungen", "Übersteigerungen in den Beschuldigungen im Verlaufe von
mehreren Einvernahmen", "unklare, verschwommene oder ausweichende Antwor-
ten" sowie "gleichförmig, eingeübt und stereotyp wirkende Aussagen". Als gene-
relle Fantasiesignale nennen Bender/Nack/Treuer die "Schwarz-Weiss-Malerei",
die "Verarmung der Aussage", das "Flucht- und Begründungssignal" und die "be-
hauptete Akzeptanz gegenüber bezweifelbaren Rechtsverkürzungen", wobei wei-
ter festgehalten wird, den "Fantasiebegabten" falle es ganz allgemein viel leichter,
von eigenen Aussagen und Aktivitäten zu berichten, als die Antworten und Reak-
tionen der Gegenseite zu erfinden. Wenn das eine oder andere Fantasiesignal
auftritt, braucht die Aussage nicht verworfen zu werden. Es ist dann aber eine
ausreichende Zahl von erstklassigen Realitätskriterien zu fordern. Bei häufigem
- 11 -
Auftreten von Fantasiesignalen sollte an die Zahl und Qualität der Realitätskrite-
rien strenge Anforderungen gestellt werden, damit eine Aussage als zuverlässig
eingestuft werden kann (Bender/Nack/Treuer, a.a.O., S. 102 N 429 ff.).
3.4. Damit kommt der allgemeinen Glaubwürdigkeit des Aussagenden nach neue-
ren Erkenntnissen kaum mehr Bedeutung zu. Weitaus bedeutender für die Wahr-
heitsfindung als die allgemeine Glaubwürdigkeit ist somit die Glaubhaftigkeit der
konkreten Aussagen. Soweit die allgemeine Glaubwürdigkeit einer Person abge-
klärt werden kann, dürfen entsprechende Argumente dennoch – ergänzend – in
die Beweiswürdigung einfliessen.
3.5.1. Mit zutreffender Begründung hat die Vorinstanz in dieser Hinsicht zunächst
ausgeführt, dass der Beschuldigte ein - durchaus legitimes – Interesse habe, bei
seinen Aussagen die Geschehnisse in einem für ihn günstigen Lichte erscheinen
zu lassen. Insgesamt – so die Vorinstanz fortfahrend – seien die Aussagen des
Beschuldigten mit einer gewissen Vorsicht zu würdigen (Urk. 38 S. 12).
3.5.2. Zu Recht hat die Erstinstanz sodann auch erwogen, dass der Privatkläger
seine Aussagen als Auskunftsperson deponiert und nicht unter der strengen
Strafandrohung von Art. 307 StGB ausgesagt habe (Urk. 38 S. 12). Hiezu gilt es
aber zu bemerken, dass B._ im Zeitpunkt der Zweitbefragung vom
2. September 2009 neun Jahre alt war. Gemäss der damals geltenden Zürcher
Strafprozessordnung durfte der Privatkläger gar nicht als Zeuge einvernommen
werden (§ 149a Ziff. 1 StPO ZH). Er wurde daher (erneut) durch eine Fachperson
der Kantonspolizei Zürich gemäss den Vorschriften der damals geltenden kanto-
nalzürcherischen StPO und des OHG als Auskunftsperson gemäss § 149a Ziff. 1
StPO ZH befragt (Urk. 8/5). Im Rahmen der Befragung wurde der Privatkläger so-
dann auf die Straffolgen der falscher Anschuldigung, der Irreführung der Rechts-
pflege und der Begünstigung gemäss Art. 303-305 StGB hingewiesen (vgl. § 149
Abs. 2 StPO ZH; Urk. 8/5 S. 1). Festzuhalten bleibt diesbezüglich, dass B._ –
wie bereits erwähnt – zum Zeitpunkt der Befragung erst neun Jahre alt und somit
nicht strafmündig war (Art. 3 JStG). Er unterstand demzufolge nicht dem JStG
bzw. dem StGB (vgl. Art. 1 und 3 JStG) und hätte somit gar nicht auf irgend wel-
- 12 -
che Straffolgen oder negative Konsequenzen bei einer unwahren Aussage hin-
gewiesen werden dürfen bzw. müssen.
Zutreffend hat der Vorderrichter zudem berücksichtigt, dass der Privatkläger im
vorliegenden Verfahren gegenüber dem Beschuldigten Zivilforderungen (Scha-
denersatz und Genugtuung) geltend gemacht hat, weshalb er auch ein finanziel-
les Interesse am Ausgang des Verfahrens hat (Urk. 38 S. 12).
3.5.3. Mit dem Einzelgericht ist überdies davon auszugehen, dass die Zeugin
C._, die Mutter von B._, zwar unter der Strafandrohung von Art. 307
StGB ausgesagt hat. In Betracht zu ziehen ist jedoch, dass die Beziehung zwi-
schen der Zeugin und dem Privatkläger sehr eng ist. Ausserdem hat die Mutter
des Privatklägers Strafanzeige gegen den Beschuldigten erstattet. Aus diesen
Gründen ist auch ihren Aussagen mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen (Urk.
38 S. 12).
3.5.4. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist ferner zutreffend, dass der Zeu-
ge D._, der Stiefvater von B._, zwar ebenfalls unter der Strafandrohung
von Art. 307 StGB ausgesagt hat. Der Zeuge ist aber zugleich der Halbbruder des
Beschuldigten und hat daher eine enge Beziehung zu ihm. Wenn die Vorinstanz
dafürhält, dass seine Aussagen daher mit einer gewissen Zurückhaltung zu wür-
digen seien, so ist dies nicht zu beanstanden (Urk. 38 S. 12).
3.5.5. Schliesslich hat die Vorinstanz auch richtig gesehen, dass alle übrigen
Zeugen unter der Strafandrohung von Art. 307 StGB ausgesagt und kein eigenes
Interesse am Ausgang des Verfahrens haben (Urk. 38 S. 12 f.).
3.6.1. Primäre Bedeutung muss - wie vorstehend erwähnt - der Glaubhaftigkeit der konkreten Aussage der Beteiligten zukommen. Damit eine Aussage als  gewürdigt werden kann, ist sie insbesondere auf das Vorhandensein
von inhaltlichen Realitätskriterien zu überprüfen. Ergänzend sind die Aussagen
unter strukturellen Aspekten sowie auf Konstanz und Erweiterungen hin zu über-
prüfen (Bender/Nack/Treuer, a.a.O, S. 106 ff.).
- 13 -
3.6.2. Zu beachten ist schliesslich, dass Differenzen zwischen verschiedenen
Aussagen allerdings noch nicht automatisch für die Unwahrheit einer Anschuldi-
gung sprechen. Sie können aus forensisch-psychologischer Sicht unter Umstän-
den sogar als Kriterium einer wahrheitsgetreuen Schilderung angesehen werden.
Im Bereich des Langzeitgedächtnisses sind die Inhalte keineswegs ein für allemal
unveränderlich gespeichert; jedes neue Hervorrufen, jedes neue ähnliche Erlebnis
und viele andere Einflüsse führen zu Interaktionen, so dass ein getrenntes Abru-
fen von Einzelereignisses häufig nicht mehr möglich ist. Dabei kann der Betref-
fende durchaus die subjektive Gewissheit haben, ein Erlebnis korrekt wiederzu-
geben. Diese Erscheinungen sind namentlich zu beachten, wenn es im Verlaufe
von zeitlich gestaffelten mehrfachen Aussagen mit zahlreichen Sekundäreinflüs-
sen zu divergierenden Versionen kommt. Im Verlaufe einer gedanklichen Ausei-
nandersetzung mit primär unvollständig oder unpräzis Wahrgenommenem ge-
winnt das Erlebte zunehmend an (scheinbarer) Prägnanz, und das Gehirn ist spä-
ter nicht mehr in der Lage, zwischen wirklich Erlebtem und nur Erfahrenem oder
Hinzugedachtem zu unterscheiden. Deshalb sind die Aussagen umso realitätsge-
nauer, je näher sie zeitlich am wiederzugebenden Ereignis liegen. Nachträgliche
Erinnerungen sind daher mit Vorsicht zu interpretieren, insbesondere plötzlich
auftretende Erinnerungsteile, deren Entstehungsbedingungen der Betreffende
nicht erklären kann. Bei kindlichen Zeugen sind die Sekundäreinflüsse in Form di-
verser Befragungen und Beratungen von besonderer Bedeutung, da bei diesen
Zeugen eine erhöhte Suggestionsgefahr besteht. Kinder übernehmen bei Befra-
gungen leicht die ihnen im Fragevorhalt vorgegebene Aussage; sie bemühen
sich, der – offen formulierten oder auch nur vermuteten – Erwartungshaltung des
Befragers zu entsprechen bzw. sich damit möglichst nicht in – offenen – Wider-
spruch zu setzen. Dies gilt insbesondere dort, wo unsichere Erinnerung besteht
und sich das Kind durch Zugeben von Nichtwissen keine Blösse geben will. Die
Suggestion durch den Befrager kann unter Umständen so weit gehen, dass einem
Kind auch komplexe Erinnerungsbilder implantiert werden können, indem es
meint, sich an Vorfälle zu erinnern, die es nie erlebt hat, die ihm aber wiederholt in
eindringlichen Fragen vorgehalten worden sind. Daher kommt der sachgerechten
Erstbefragung bei Kindern und ihrer Dokumentation entscheidende Bedeutung zu.
- 14 -
Bei der Erstbefragung muss die Entstehungsgeschichte und der Hintergrund der
Aussage abgeklärt werden, wie z.B. der Beziehungskontext (z.B. Loyalitätskonflikt
des Kindes in der Scheidungssituation der Eltern), allfällige einschlägige Vorerfah-
rungen, bei Sexualdelikten auch der Zugang zu pornographischem Material etc.;
bei Befragungen in einem späteren Zeitpunkt kann dieser Hintergrund aufgrund
des Zeitablaufs und der zwischenzeitlichen Sekundäreinflüsse nicht mehr zuver-
lässig erhoben werden. Werden die Bedingungen erhoben und beachtet, sind
Aussagen von Kindern grundsätzlich nach den gleichen Kriterien zu analysieren
wie die Aussagen Erwachsener (vgl. dazu v.a. Dittmann, Zur Glaubhaftigkeit von
Zeugenaussagen, Plädoyer 2/97 S. 28 ff.; Endres, Sexueller Kindesmissbrauch,
Kriminalistik 7/97 S. 490 ff.).
4. Erster Vorfall
4.1. Der äussere Sachverhalt wird vom Beschuldigten anerkannt und sein
Geständnis deckt sich mit dem Untersuchungsergebnis. Der objektive Teil der
Sachverhaltsdarstellung ist damit erstellt. Bestritten ist dagegen der innere Sach-
verhalt. Der Beschuldigte bestreitet in diesem Zusammenhang, die betreffende
Handlung in sexueller Absicht und bewusst vorgenommen zu haben. Er macht
geltend, die Berührungen seien unbeabsichtigt gewesen bzw. hätten sich beim
Spielen / Raufen ergeben (Prot. II S. 5; Urk. 50 S. 2 f.).
4.2. Richtig ist, dass das, was der Täter wusste, wollte oder in Kauf nahm, zum
Inhalt des subjektiven Tatbestandes gehört. Dabei geht es aber um einen inneren
Vorgang, auf den anhand der eingehenden Würdigung des äusseren Verhaltens
des Täters sowie allenfalls weiterer Umstände geschlossen werden kann. Auch
wenn die Feststellung des subjektiven Tatbestandes Bestandteil der Sachver-
haltsabklärung ist, erweist es sich in casu zwecks Vermeidung unnötiger Wieder-
holungen als zweckmässig, im Rahmen der nachfolgenden rechtlichen Würdigung
(vgl. nachfolgend unter Ziffer IV.) darauf einzugehen, was der Beschuldigte bei
seiner Handlung gewusst, gewollt bzw. in Kauf genommen hat, zumal in diesem
Bereich Tat- und Rechtsfragen sehr eng miteinander verbunden sind (Pra 82
[1993] Nr. 237 S. 881 f.; BGE 119 IV 242 ff. und 248).
- 15 -
5. Zweiter Vorfall
5.1. Der Privatkläger B._ wurde im Verlaufe des vorliegenden Strafverfah-
rens insgesamt zwei Mal von der Kantonspolizei Zürich befragt (Urk. 8/1 und Urk.
8/5). Beide polizeilichen Einvernahmen wurden auf Video aufgenommen (Urk. 8/2
und 8/6). Eine erste Befragung fand am 28. Mai 2009 statt. Damals beschuldigte
der Privatkläger den Beschuldigten, dieser habe sich, als er - der Privatkläger -
bäuchlings fern gesehen habe, auf seinen Rücken gelegt, den Penis in seinen
Rücken gedrückt (Urk. 8/1 S. 2 f.) und versucht, ihm - dem Privatkläger - die Hose
abzuziehen (Urk. 8/1 S. 5 f.). Dabei habe er den sich in weichem Zustand befind-
lichen Penis des Beschuldigten gespürt (Urk. 8/1 S. 7). Er - der Privatkläger - ha-
be dann nach seiner Mutter geschrieen, worauf sich der Beschuldigte zurück in
sein eigenes Schlafzimmer begeben habe (Urk. 8/1 S. 6 f.). Der Beschuldigte ha-
be - so der Privatkläger fortfahrend - zudem beim ersten Vorfall vor seinen Augen
seinen Penis entblösst (Urk. 8/1 S. 18 f.). Auf weitere Fragen hin beschuldigte der
Privatkläger den Beschuldigten, dass dieser noch ein zweites Mal gegen ihn zu-
dringlich geworden sei. Bei diesem zweiten Vorfall sei er - der Privatkläger -
(ebenfalls) auf dem Bauch gelegen. Der Beschuldigte habe ihn auf den Rücken
gedreht und versucht, ihm die Hosen auszuziehen und mit dem Penis den seini-
gen (denjenigen des Privatklägers) zu berühren (Urk. 8/1 S. 9 f.). Er habe dann
mit der Fernbedienung die Lautstärke des Fernsehers erhöht. Der Beschuldigte
habe deswegen Kopf- bzw. Ohrenschmerzen bekommen und sei dann wegge-
gangen (Urk. 8/1 S. 8 f.).
Am 2. September 2009 erfolgte die zweite polizeiliche Befragung des Privatklä-
gers (Urk. 8/5). Es ging im Wesentlichen darum, den vom Privatkläger in der ers-
ten Einvernahme geschilderten Geschehensablauf noch genauer bzw. detaillierter
festzustellen (Urk. 8/5 S. 2). Der Privatkläger bestätigte wiederum, dass es zu
zwei Vorfällen gekommen sei. Allerdings modifizierte er seine Sachdarstellung
dahingehend, dass der Beschuldigte seinen Penis nicht beim ersten, sondern
beim zweiten Vorfall entblösst habe (Urk 8/5 S. 4 f.). Zudem erklärte er, dass er
beim ersten Vorfall (und nicht beim zweiten) die Lautstärke des Fernsehers erhöht
habe, damit der Beschuldigte von ihm ablasse (Urk. 8/5 S. 4 f.). Ferner korrigierte
- 16 -
der Privatkläger seine Erstaussage dahingehend, dass der Beschuldigte beim
ersten Vorfall nicht versucht habe, ihm die Hosen auszuziehen; dies habe der Be-
schuldigte erst beim zweiten Vorfall getan (Urk. 8/5 S. 10). Und schliesslich brach-
te der Privatkläger im Zusammenhang mit dem zweiten Vorfall (neu) vor, dass er,
weil der Beschuldigte beim Präsentieren seines Geschlechtsteils immer näher ge-
kommen sei, aufgestanden sei, worauf ihn der Beschuldigte gestossen und ver-
sucht habe, sich mit dem entblössten Penis auf seinen Bauch zu legen (Urk. 8/5
S. 12 f.)
5.2. Der Beschuldigte stellt den Anklagesachverhalt betreffend den zweiten Vorfall
entschieden in Abrede. Er vertritt zusammenfassend den Standpunkt, die An-
schuldigungen seien vor dem Hintergrund der gescheiterten Verheiratung mit der
Schwester der Mutter des Privatklägers zu sehen. Die Mutter des Privatklägers
habe ihn gebeten, ihre Schwester zu heiraten. Dies habe er aber nicht gewollt,
weshalb sie - die Mutter des Privatklägers - einen Grund suche, um ihm zu scha-
den. Zwischen ihm und dem Privatkläger sei es nie zu sexuellen Handlungen ge-
kommen. Richtig sei, dass er den Privatkläger ab und zu umarmt und auf die
Wange sowie kurz auf den Mund geküsst habe. Dies sei so in der Tradition der ...
Kultur. Ebenso zutreffend sei, dass es zu körperlichen Kontakten mit dem Privat-
kläger gekommen sei, bei welchen dieser seine Genitalien gespürt haben könnte.
Diese Berührungen seien jedoch unbeabsichtigt gewesen und hätten sich beim
Spielen und Raufen mit dem Privatkläger ergeben. Er habe seinen Penis aber nie
vor dem Privatkläger entblösst, geschweige denn versucht, dem Privatkläger die
Hosen herunter zu ziehen und mit seinem Penis denjenigen des Privatklägers zu
berühren (Urk. 7/1 S. 2 ff., Urk. 7/2 S. 2 ff., Urk. 7/5 S. 7, Urk. 7/6 S. 3 ff.; Prot. II
S. 6).
5.3.1. Zunächst ist auf den Hintergrund und die Entstehungsgeschichte der Aus-
sagen einzugehen. Der Privatkläger B._ ist der einzige Sohn von C._.
Er lebte mit seiner Mutter und ihrem Ehemann D._, dem Stiefvater des Pri-
vatklägers, in einer 3-Zimmer-Wohnung in I._ zusammen. Der Beschuldigte
ist der Halbbruder von D._. Er zog im April 2007 in die Wohnung ein und be-
nutzte fortan das ursprüngliche Kinderzimmer des Privatklägers. Nach dem Ein-
- 17 -
zug des Beschuldigten in die Wohnung teilte der Privatkläger daher das Schlaf-
zimmer mit seiner Mutter und seinem Stiefvater (Urk. 1 S. 1 ff.; Urk. 9/2 S. 6).
Dies hat den Privatkläger gestört. Er litt unter der Anwesenheit des Beschuldigten
und wünschte sich, dass der Beschuldigte die Wohnung wieder verlässt (Urk. 9/3
S. 5 und S. 6; Urk. 9/6 S. 3).
Der Privatkläger zeigte offenbar schon früh Entwicklungsauffälligkeiten in der
Schule und wurde daher auf Ersuchen seiner Lehrerin E._ von der Schulso-
zialarbeiterin G._ begleitet und hernach vom Schulpsychologen J._
psychologisch betreut (Urk. 9/3 S. 3; Urk. 9/6 S. 1 f.). Nach Sachdarstellung von
E._ trat der Privatkläger am 20. August 2007 in ihre Klasse ein (Urk. 9/3 S.
2). Das Verhalten sei von Anfang an sehr auffällig gewesen. Der Privatkläger ha-
be in einer Fantasiewelt gelebt; er sei während dem Unterricht plötzlich aufge-
standen oder habe sich am Boden gewälzt und so getan, als ob er kämpfen wür-
de. Er sei kognitiv nicht aufnahmefähig gewesen und habe Mühe gehabt, mit den
anderen Kindern umzugehen. Sie habe den Eindruck gehabt, dass der Privatklä-
ger sehr intelligent sei, aber durch irgendetwas behindert werde (Urk. 9/3 S. 2).
Im Februar 2009 liess sich die Mutter des Privatklägers von ihrem Ehemann bzw.
Stiefvater des Privatklägers scheiden (Urk. 9/1 S. 2). Noch im selben Monat zog
der Beschuldigte nach seiner Rückkehr aus K._, wo er sich wegen einer
möglichen Heirat mit der Schwester der Mutter des Privatklägers aufgehalten hat-
te, aus der Wohnung aus (Urk. 7/1 S. 2 f.; Urk. 9/1 S. 3).
Ab März 2009 installierte das Sozialzentrum L._ bei der Familie des Privat-
klägers eine Familienbetreuung (F._). Grund hierfür war, dass die Mutter des
Privatklägers infolge der Scheidung in finanzieller und administrativer Hinsicht
überfordert war. Ausserdem hatte die Mutter ihre Arbeitsstelle verloren und es
ergaben sich Schwierigkeiten mit dem Privatkläger in der Schule und im Hort.
Ausserdem sollten der Privatkläger und seine Mutter in der Missbrauchsangele-
genheit unterstützt werden (Urk. 9/4 S. 2). Am 28. Mai 2009 erstattete die Mutter
dann Strafanzeige bei der Polizei. Bei der Durchsicht der Akten gewinnt man den
Eindruck, dass die Mutter des Privatklägers aufgrund ihres kulturellen Hintergrun-
des mit der ganzen Situation überfordert war. So erwähnte die Familienbetreuerin
- 18 -
F._, das Sozialamt habe der Mutter nahegelegt, Strafanzeige einzureichen;
die Schule und der Therapeut hätten dies auch immer wieder thematisiert (Urk.
9/4 S. 4). Die Mutter des Privatklägers selbst gab anlässlich ihrer untersuchungs-
richterlichen Befragung vom 11. September 2009 an, dass der ganze Vorfall für
sie unglaublich gewesen sei. Sie habe lange kämpfen müssen, um zu akzeptie-
ren, dass dies vorgefallen sei. Der konkrete Auslöser für die Strafanzeige sei
schliesslich gewesen, dass sie erfahren habe, dass der Beschuldigte ihre
Schwester in K._ sexuell missbraucht habe (Urk. 9/1 S. 10). Eine Rolle spiel-
te offenbar auch, dass die Mutter des Privatklägers Angst davor hatte, dass sie im
Falle der Untätigkeit das Sorgerecht über den Privatkläger verlieren könnte (Urk.
9/4 S. 4). Diese Aspekte und der Nutzen der Aussagen sind bei der Würdigung
der verschiedenen Aussagen im Auge zu behalten.
5.3.2. Sodann ist auf die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der konkreten
Anschuldigungen zu verweisen. Der Privatkläger B._ erzählte zuerst der
Schulsozialarbeiterin G._ von den Übergriffen und zwar im folgenden Zu-
sammenhang: Gemäss Ausführungen der Zeugin G._ hat sie den Privatklä-
ger vom 1. April 2008 bis 30. September 2008 betreut (Urk. 9/6 S. 1). Anfänglich
habe sie mit ihm über Schule, Freundschaften, Streit und Gewalt gesprochen.
Dabei sei sie nicht stark auf die Familie eingegangen. Im September 2008 habe
sie dann mit dem Privatkläger Gespräche geführt, welche sich auf sein Zuhause
und die Freundschaften in der Schule bezogen hätten. Sie habe den Privatkläger
im Sinne einer Wunschfrage gefragt, was er gerne hätte, wenn er zaubern könnte.
Dieser habe ihr daraufhin erklärt, dass er es nicht gerne habe, wenn der Beschul-
digte bei ihnen wohne, und er es vor allem nicht gerne habe, wenn der Beschul-
digte immer versuche, ihn zu küssen. Sie habe dann nachgefragt, worauf der Pri-
vatkläger gesagt habe, dass der Beschuldigte versuche, ihm die Unterhosen aus-
zuziehen, was er aber (noch) nicht geschafft habe, weil er - der Privatkläger -
dann auf dem Boden liege. Der Privatkläger habe weiter ausgeführt, dass er mit
dem Bauch auf dem Boden liege und die Unterhosen festhalten müsse. Der Be-
schuldigte liege auf ihm und mache dann Bewegungen "nach vorne und nach hin-
ten". Eine Woche später habe sie das "zu Hause" mit dem Privatkläger nochmals
thematisiert. Dieser habe das Verhalten des Beschuldigten erneut in gleicher
- 19 -
Weise beschrieben (Urk. 9/6 S. 3 und S. 6). Hierauf informierte G._ die Leh-
rerin des Privatklägers. Anschliessend kontaktierte die Lehrerin E._ die Mut-
ter und den Stiefvater des Privatklägers und lud diese getrennt zu einem Ge-
spräch im Beisein der Sozialarbeiterin G._ ein (Urk. 9/1 S. 4; Urk. 9/2 S. 3;
Urk. 9/3 S. 3). Anlässlich dieses Gesprächs im Herbst 2008 wurde die Mutter des
Privatklägers von E._ und G._ erstmals mit den behaupteten Zudring-
lichkeiten des Beschuldigten konfrontiert (Urk. 9/1 S. 3 f.). Die Mutter wurde dar-
über orientiert, dass sich ihr Sohn darüber beklage, dass der Beschuldigte ihn wie
eine Frau küsse. Weitere Details gab die Schulsozialarbeiterin der Mutter nicht
bekannt (Urk. 9/1 S. 4; Urk. 9/3 S. 4; Urk. 9/6 S. 4 f.). Daraufhin hat die Mutter ih-
ren Sohn auf die Vorfälle angesprochen, über welche sie von der Sozialarbeiterin
und der Lehrerin informiert worden war. Der Privatkläger wollte mit ihr zunächst
nicht darüber sprechen, weil er sich schämte (Urk. 9/1 S. 5). In der Folge äusserte
sich der Privatkläger gegenüber seiner Mutter dann dahingehend, dass der Be-
schuldigte ihn behandle bzw. Praktiken mit ihm mache, wie wenn er eine Frau sei.
Der Beschuldigte habe ihn überall angefasst und geküsst. Er habe ihn auf das
Gesicht geküsst, ihn runtergedrückt und sei auf ihn hinaufgestiegen. Er habe auch
Bewegungen "nach unten und nach oben" gemacht (Urk. 9/1 S. 3 und S. 6). Sei-
ner Lehrerin E._ hat der Privatkläger "bloss" erzählt, der Beschuldigte wolle
ihn immer küssen (Urk. 9/3 S. 3 und S. 5).
Aus alledem erhellt, dass sich der Privatkläger zuerst nicht einer Vertrauensper-
son wie der Mutter oder seiner Primarschullehrerin anvertraut hat, sondern einer
ihm bis dahin eher unbekannten Person. Er erzählte der Schulsozialarbeiterin
G._ spontan von Zudringlichkeiten des Beschuldigten. Eine fahrlässige Be-
einflussung des Privatklägers anlässlich der Gespräche mit G._ erscheint
aus verschiedenen Gründen als unwahrscheinlich. Die Aussage wurde gegenüber
einer aussen stehenden Drittperson anlässlich eines Gesprächs, welches nicht
sexuelle Übergriffe an Kindern zum Gegenstand hatte, gemacht (1), der Privat-
kläger vertraute sich auf eine Frage, die nicht zwingend auf den sexuellen Miss-
brauch ausgerichtet war, spontan der Sozialarbeiterin an (2) und letztere stellte
die erwähnte (Wunsch-)Frage zudem nicht mit der Absicht, dass der Privatkläger
von sexuellen Erfahrungen berichten sollte (3). Festzuhalten ist des Weiteren,
- 20 -
dass die Mutter des Privatklägers erstmals durch G._ und E._ von den
Zudringlichkeiten erfuhr. Der Mutter waren die Vorwürfe vorher nicht bekannt.
Nach Dafürhalten der beiden Berichterstatterinnen blieb die Mutter dabei ernst,
nahm keine Stellung und wirkte bedrückt (Urk. 9/3 S. 4; Urk. 9/6 S. 4). Angesichts
dieser Reaktion erschienen ihr die Vorwürfe offenkundig nicht als harmlos. In der
Folge hat die Mutter auch nicht begonnen, den Sohn hartnäckig auszufragen (vgl.
Urk. 9/1 S. 5). Der Privatkläger hat ihr im Wesentlichen das geschildert, was er
bereits gegenüber der Sozialarbeiterin erwähnt hat. Namentlich hat der Privatklä-
ger zu Hause auch keine neuen Sachen erzählt, um die Wirkung seiner Aussagen
auf sein Umfeld vorgängig abzutasten.
Auffallend ist jedoch, dass der Privatkläger der Schulsozialarbeiterin G._ und
seiner Mutter im Wesentlichen "lediglich" die Geschehnisse im Zusammenhang
mit dem ersten Vorfall erzählt hat. Über das Kerngeschehen des zweiten Vorfalls
hat der Privatkläger ihnen gegenüber keinerlei Angaben gemacht. Insbesondere
hat er nicht erwähnt, dass der Beschuldigte vor seinen Augen den Penis entblösst
und versucht hat, mit seinem Penis den Penis des Privatklägers zu berühren.
Dies hat der Privatkläger erstmals in der ersten polizeilichen Befragung vom 28.
Mai 2009 vorgebracht. Damit sind nun aber (unbewusste) suggestive Einflüsse,
Erweiterungen und Dramatisierungen der Aussagen infolge der (ängstlichen) Er-
wartungshaltung der Mutter vorstellbar bzw. nicht kontrollier- und überprüfbar.
Auch traten Einflussnahmen in der ersten polizeilichen Befragung klar zutage. So
erfolgte die Beschuldigung, wonach der Beschuldigte versucht habe, mit seinem
Penis denjenigen des Privatklägers zu berühren, vom Privatkläger erst, nachdem
der Beschuldigte mit der Schwester der Mutter des Privatklägers bzw. dessen
Cousine zwar sexuellen Kontakt gehabt hatte, sich aber einer Verheiratung ver-
weigerte (Urk. 9/1 S. 3 und S. 10). Der Privatkläger gab bereits zu Beginn der ers-
ten Einvernahme bei der Kantonspolizei Zürich auf die Frage, was passiert sei,
an, dass der Beschuldigte mit ihm das gleiche gemacht habe wie mit seiner Cou-
sine. Seine Cousine habe seine Mutter angerufen und geweint. Daraufhin habe
seine Mutter zu ihm gesagt, er müsse alles erzählen (Urk. 8/1 S. 2 f. und S. 9 f.).
Und auch in der zweiten Befragung erwähnte er im Zusammenhang mit dem
zweiten Vorfall wiederholt, der Beschuldigte habe mit ihm und seiner Cousine die
- 21 -
selben Handlungen vollzogen. Er habe es bei ihr aber geschafft, "seinen Pimmel
zu ihrem Pimmel zu stecken (Urk. 8/5 S. 18). Die Entwicklung der Belastungsaus-
sagen bezüglich des zweiten Vorfalles in Wechselwirkung mit der Kommunikation
und mit der Reaktion des Umfeldes sowie das soziale Beziehungsumfeld im Mo-
ment der Erstaussage verlangen nach dem Gesagten daher eine besonders kriti-
sche Hinterfragung der Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers.
5.3.3. Mit der Vorinstanz ist davon auszugehen, dass die Aussagen des Privat-
klägers insgesamt in ihrem Kerngehalt sehr anschaulich und – hinsichtlich der se-
xuellen Übergriffe – auch sehr wirklichkeitsgetreu sind. Das gilt vor allem für die
Schilderung der Kleider, welche der Beschuldigte und er bei den zu beurteilenden
Vorfällen getragen haben (Urk. 38 S. 14 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Sie sind zudem
in das Wohn- und Lebensumfeld des Privatklägers eingebunden. Diese Kriterien
verleihen einer Aussage grundsätzlich einen hohen Glaubhaftigkeitsgrad.
Bei näherer Betrachtung sind jedoch hier Einschränkungen anzubringen. Es fällt
auf, dass der Privatkläger nur den ersten Vorfall spontan erzählte (Urk. 8/1 S. 2 f.
und S. 5). Zu den Vorwürfen des zweiten Vorfalls erwiderte er auf die Frage, wie
sich dieser abgespielt habe, was folgt: "Er hat (es) fast so ähnlich gemacht" (Urk. 8/1
S. 8). Auf die Nachfrage, er solle erzählen, wie sich der zweite Vorfall zugetragen
habe, erklärte der Privatkläger: "Ich kann (mich) nicht mehr so erinnern, aber ich bin
sicher, dass es so ähnlich war wie das erste Mal" (Urk. 8/1 S. 8). Auf die erneute
Nachfrage, an was er sich noch zu erinnern vermöge, gab er zur Antwort: "Hmm (er überlegt), dass ich irgend wie gesagt habe, er solle aufhören und (er) nicht aufgehört
habe. Und dann habe ich den Fernseher ein bisschen lautstärker gemacht und dann hat
er Ohrenschmerzen (gehabt), nachher ist er weggegangen, an das kann ich mich erin-
nern" (Urk. 8/1 S. 8). Schliesslich bedurfte der Privatkläger ausdrücklich der ent-
sprechenden Frage, ob der Beschuldigte mit dem Penis den seinigen habe berüh-
ren wollen (Urk. 8/1 S. 9). Ein ähnliches Aussageverhalten legte der Privatkläger
im Zusammenhang mit dem "Entblössen" des Penis durch den Beschuldigten an
den Tag (Urk. 8/1 S. 17). Es fällt weiter auf, dass der Privatkläger auf entspre-
chende Fragevorhalte häufig eine ausweichend-unverbindliche Antwort gab oder
dann eine Kompromissantwort im Sinne eines Sowohl-als-auch. Damit erscheinen
- 22 -
die Antworten des Privatklägers häufig als Ausdruck der Unsicherheit oder des
Bemühens, die ihm nicht klar gewordene Erwartungshaltung des Befragers auf
jeden Fall zu befriedigen. Illustrativ ist auch das folgende Aussageverhalten des
Privatklägers. Auf die Frage des einvernehmenden Beamten anlässlich der zwei-
ten Befragung, ob ihm seit der ersten Befragung noch etwas in den Sinn gekom-
men sei, erwiderte der Privatkläger, er wisse es nicht, er glaube, er habe alles er-
zählt. Auf die Nachfrage, ob er wirklich alles erzählt habe, antwortete der Privat-
kläger, er sei sich nur zu 50% sicher (Urk. 8/5 S. 2). In der Folge bedurfte der Pri-
vatkläger wiederum ausdrücklich entsprechender Fragen zu den beiden Vorfällen,
welche er dann jeweils bejahte oder verneinte (Urk. 8/5 S. 4 ff.).
Prüft man die Detailschilderungen des Privatklägers weiter, so fällt doch auf, dass
er die Abläufe zwar realitätsgetreu schildert, sich dabei aber häufig auf vorder-
gründige Angaben beschränkt und beim Nachfragen nach weiteren Details unsi-
cher ausweichend und stereotyp antwortet. So sprach der Privatkläger davon,
dass der Beschuldigte den Penis im Schlafzimmer seiner Mutter entblösst habe.
Auf die Frage, wo im Schlafzimmer dieser Vorfall genau passiert sei, erwiderte
der Privatkläger (erneut), der Beschuldigte habe ihm den Penis im Schlafzimmer
seiner Mutter gezeigt. Erst auf die Frage, ob es im Schlafzimmer vielleicht einen
Stuhl oder ein Bett gebe, erklärte der Privatkläger, er sei auf dem Bett gelegen
und der Beschuldigte sei dann herein gekommen. Die Frage, wo sich der Be-
schuldige befunden habe, als er ihm den Penis gezeigt habe, konnte der Privat-
kläger zunächst nicht beantworten. Auf Nachhaken erklärte er dann bloss, der
Beschuldigte sei herein gekommen (Urk. 8/5 S. 6 f.). Weiter erzählte der Privat-
kläger, der Beschuldigte habe beim zweiten Vorfall versucht, ihm die Hosen ab-
zuziehen (Urk. 8/5 S. 7 f. und S. 10). Auf die Frage, zu welchem Zeitpunkt genau
der Beschuldigte ihm die Hosen habe ausziehen wollen, blieb es zunächst beim
Schulterzucken des Privatklägers (Urk. 8/5 S. 11). Die entsprechende Nachfrage
beantwortete er dann damit, dass dies beim zweiten Vorfall passiert sei. Auf
Nachhaken gab er dann ein wenig konkreter zu Protokoll, es sei beim "Schupfen"
passiert, ohne dieses Schubsen zeitlich einzuordnen (Urk. 8/5 S. 12). Auf die Auf-
forderung des Befragers hin, er solle ihm Hergang des zweiten Vorfalls nochmals
schildern, gab der Beschuldigte folgendes zu Protokoll: "OK, zuerst ist er inä cho ich
- 23 -
war am Fernsehschauen und dann, dann war er glaub ich, ach ja genau er hat wellä
glaub ich sei, ach han ich jetzt wieder vergessen. Wo träum ich jetzt nur. Hmm OK ich
war am liegen, er will dä Pimmel auf mienä stecken und dann hat er mich runter ge-
schupfen, hat er wellä Pimmel auf meinen stecken. Dann bin ich schnell weg gerannt ich
bin aus dä Zimmer raus, dann glaub er ich petze zu seinem Bruder. Also dann ist er
weggegangen aus dem Zimmer". Also tüend mer da, gönd mer das zäma, tüend mir das
zämä nomal durä. Er isch inä cho und dänn häsch du gseit hät er sini Hosä abä tah und
sein Pipi zeigt? "Ja, ja". Und dänn hät er dich uf's Bett gschupft? "Ja guet". Und hät wellä
uf dich ufä? "Ja". Und wänn hät er probiert a dienä Hosä z'ziehä? "Hosä z'ziehä. Oh das
isch ä schwierige Frage das glaub ich". Ebä das isch ä schwierigi, wänn hät er probiert a
dienä Hosä z'ziehä. Bisch du det no ufem Bett glägä? "Zweitens". Ja aber bisch du det
non ufem Bett gläge oder bisch du scho am usägah gsi? "Ich bin 100 Prozent zweitens
sicher". Ja. "Schauen sie zum Beispiel er hat mich runter geschupft oder"? Ja. "Er hat
mich schnell am Bodä geschupft, dann hat er glaub ich wellä, glaub ich bestimmt 100
Prozent, dass er mein Hose runter ziehen wollte und sein Pimmel direkt zu meinem ste-
cken. Aber das kann er vergessen weil ich bin schnell hinterä, weg gegangen". Die je-
weiligen Antworten des Privatklägers sind ausweichend, unsicher und unverbind-
lich. Die Beispiele hiezu liessen sich vermehren.
5.3.4. In Betracht zu ziehen ist zudem, dass in den verschiedenen konkreten Aus-
sagen des Privatklägers diverse Ungereimtheiten und Widersprüche auszu-
machen sind. Es kann dazu vorweg auf die vorstehenden Ausführungen unter Zif-
fer 5.1. verwiesen werden. So gab der Privatkläger in der ersten polizeilichen Ein-
vernahme vom 28. Mai 2009 (Urk. 8/1) an, der Beschuldigte habe ihm beim ers-
ten Vorfall den Penis gezeigt und in den Rücken gedrückt (Urk. 8/1 S. 18), wobei
er anfänglich noch spontan ausgeführt hatte, der Beschuldigte habe ihm beim
zweiten Mal den Penis gezeigt, diese Behauptung aber auf Nachfrage hin ent-
sprechend korrigierte (Urk. 8/1 S. 18). In der zweiten Befragung vom 2. Septem-
ber 2009 (Urk. 8/2) modifizierte er seine Aussage dahingehend, dass der Be-
schuldigte beim ersten Vorfall ihm den Penis lediglich in den Rücken gestossen,
jedoch nicht gezeigt habe (Urk. 8/5 S. 4). Erst beim zweiten Vorfall habe der Be-
schuldigte seinen Penis vor seinen Augen entblösst (Urk. 8/5 S. 5). Sodann be-
schrieb der Privatkläger den Penis des Beschuldigten ein Mal als gerade (Urk. 8/1
S. 18), ein anderes Mal als krumm (Urk. 8/5 S. 20). Ferner gab der Privatkläger
- 24 -
als Grund dafür, dass der Beschuldigte beim ersten Vorfall von ihm abgelassen
habe, zunächst an, er habe um Hilfe geschrieen. Später korrigierte er dies, indem
er neu geltend machte, er habe die Lautstärke des Fernsehers mittels der Fern-
bedienung erhöht, sodass der Beschuldigte Kopfschmerzen bekommen habe
(Urk. 8/1 S. 6 und S. 8; Urk. 8/5 S. 4). Und schliesslich gab der Privatkläger auch
zur Frage, wann der Beschuldigte versucht habe, ihm die Hosen herunter zu zie-
hen, zwei verschiedenen Versionen zu Protokoll. Ein Mal behauptete er, dies sei
beim ersten Vorfall passiert, ein anderes Mal brachte er vor, dies sei beim zweiten
Vorfall der Fall gewesen (Urk. 8/1 S. 5, Urk. 8/5 S. 10). Die Vorinstanz erklärte
diese Widersprüche mit dem kindlichen Alter des Privatklägers und dem Nachlas-
sen des Erinnerungs- und Wiedergabevermögen bei zunehmendem zeitlichem
Abstand vom Ereignis (Urk. 38 S. 15; Art. 82 Abs. 4 StPO). Diesem Argument
kann nicht ohne Einschränkungen beigepflichtet werden. Zum einen hat sich der
Privatkläger in ein und derselben Einvernahme widersprochen, zum andern be-
treffen die Ungereimtheiten den Geschehensablauf an sich. Sodann fand die
Zweitbefragung lediglich drei Monate nach der Erstbefragung statt. Diese Um-
stände lassen doch aufhorchen und sprechen eher gegen die Glaubhaftigkeit der
Aussagen des Privatklägers.
5.3.5. Im vorliegenden Fall gestand B._ mehrmals ein, dass er gewisse De-
tails oder Umstände nicht mehr wisse. So wurde er gefragt, ob der Beschuldigte
seiner Mutter etwas gesagt habe, als er – der Privatkläger - wegen des Verhal-
tens des Beschuldigten (Versuch die Hosen abzuziehen) die Mutter gerufen habe.
Hierauf antwortete B._, er könne sich nicht daran erinnern, ob seine Mutter
mit dem Beschuldigten gesprochen habe (Urk. 8/1 S. 7). Ebenso wurde er ge-
fragt, wie und wo der Beschuldigte ihn angefasst habe. Der Privatkläger erklärte
zunächst spontan, der Beschuldigte habe ihn an den Schultern und am Brustkorb
schon tausend Mal angefasst (Urk. 8/1 S. 11). Auf Nachfrage, wo der Beschuldig-
te ihn sonst noch angefasst habe, fehlte es dem Privatkläger an einer Erinnerung
(Urk. 8/1 S. 11). Er stellte aber entschieden in Abrede, dass der Beschuldigte ihn
am Penis angefasst habe (Urk. 8/1 S. 12 und S. 19). Ebenso wenig konnte sich
der Privatkläger daran erinnern, dass sich nebst den beiden von ihm geschilder-
ten Vorfällen noch ein drittes Ereignis zugetragen hat (Urk. 8/1 S. 12 und S. 17).
- 25 -
Ferner bestritt er zunächst vehement, vom Beschuldigten geküsst worden zu sein,
schwächte seinen Standpunkt dann aber in der Folge ab, indem er ausführte, er
könne sich nicht mehr daran erinnern, vom Beschuldigten geküsst worden zu sein
(Urk. 8/5 S. 13 f.). Und schliesslich erinnerte er sich auch nicht mehr daran, ob er
seiner Lehrerin erzählt habe, wie es zu Hause mit seinem Onkel gehe (Urk. 8/1 S.
15). Zu berücksichtigen ist hierbei, dass allfällige Erinnerungslücken auf den Zeit-
ablauf seit den Vorfällen und die Verdrängung der Übergriffe zurückgeführt wer-
den können. Zudem spricht das obgeschilderte Aussageverhalten dafür, dass der
Privatkläger nicht auf allfällige Erwartungen und Sichtweisen der befragenden
Person reagierte, sondern unbeeinflusst antwortete. Allerdings ist auch in Be-
tracht zu ziehen, dass die Erinnerungslücken teilweise auch das Kerngeschehen
bzw. den rechtsrelevanten Tatbestand betreffen. Es könnte sich daher ebenso gut
um vorgetäuschte Erinnerungslücken handeln. Bei dieser Sachlage verbieten sich
Rückschlüsse auf die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers.
5.3.6. Auffallend ist, dass der Privatkläger seiner Lehrerin, der Schulsozialarbeite-
rin, der Familienbetreuerin und dem behandelnden Psychiater verschiedene Ver-
sionen der Übergriffe erzählt hat. So erklärte er seiner Lehrerin E._ "bloss",
dass der Beschuldigte ihn immer küssen wolle (Urk. 9/3 S. 5 f.). Der Familienbe-
treuerin F._ gegenüber erwähnte er in allgemeiner Form, dass der Beschul-
digte mit ihm Handlungen wie mit einer Frau durchgeführt habe (Urk. 9/4 S. 3).
Der Schulsozialarbeiterin G._ erzählte er davon, dass der Beschuldigte ver-
sucht habe, ihm die Unterhosen auszuziehen. Der Beschuldigte sei dabei auf sei-
nem Rücken gelegen und habe bestimmte Bewegungen nach hinten und nach
vorne gemacht (Urk. 9/6 S. 3 ff.). Und dem Psychiater H._ erklärte der Pri-
vatkläger, dass der Beschuldigte ihm seinen Penis gezeigt und ihm in den Rücken
geschoben habe (Urk. 9/8 S. 3). Einzelne Elemente (Entblössen des Penis, Ver-
such, die Hosen auszuziehen) des zweiten Vorfalls hat der Privatkläger damit nur
gegenüber G._ und H._ erwähnt, allerdings im Zusammenhang mit dem
Geschehensablauf des ersten Vorfalls. Darüber, dass der Beschuldigte versucht
haben soll, anlässlich des zweiten Vorfalls mit seinem Penis denjenigen des Pri-
vatklägers zu berühren, hat sich der Privatkläger den vier vorgenannten Personen
gegenüber nicht geäussert.
- 26 -
5.3.7. Hinsichtlich der Emotionalität der Aussagen ist anzumerken, dass der Pri-
vatkläger nur selten spontan von Gefühlen spricht, die er anlässlich der sexuellen
Übergriffe gehabt hat. Von Empfindungen und Gefühlen spricht er regelmässig
nur auf entsprechende Fragen. Anlässlich der ersten Befragung danach gefragt,
wie er sich bei den Übergriffen des Beschuldigten gefühlt habe, gab er zunächst
nichtssagend zur Antwort: "Äh keine Ahnung aber das bin ich, ich hab mich nicht ge-
fühlt, ich hab mich nicht mal gefühlt, daran gedacht" (Urk. 8/1 S. 13). Auf die Nachfra-
ge, ob er sich gut oder schlecht gefühlt hatte, entgegnete er, er habe sich schlecht
gefühlt (Urk. 8/1 S. 13). Die weitere Frage, ob er dabei Angst gehabt habe, bejah-
te er (Urk. 8/1 S. 13). Spontan hingegen äusserte er sich, er sei doch noch zu
jung, um solche Sachen zu machen (Urk. 8/1 S. 13). Das Zeigen des Penis durch
den Beschuldigten bezeichnete er auf entsprechende Frage hin als "grusig" (Urk.
8/1 S. 20). Aufgrund dieser Umstände können die emotionalen Äusserungen nicht
als besonders aussagekräftiges Indiz für die Glaubhaftigkeit der Aussagen des
Privatklägers gelten.
5.3.8. Zu berücksichtigen ist bei der Aussagewürdigung ferner auch, dass der Pri-
vatkläger im Verlaufe seiner Einernahmen nicht ausnahmslos und zielstrebig Ne-
gatives über den Privatkläger erzählte, worauf schon die Vorinstanz zutreffend
hingewiesen hat (Urk. 38 S. 16). Vielmehr brachte er eine ganze Reihe von für
den Beschuldigten entlastenden Umständen bedeutsamer Art vor. So gab er bei-
spielsweise zu Protokoll, dass der Beschuldigte ihn nie aufgefordert habe, den
Penis anzufassen (Urk. 8/1 S. 18). Ebenso habe der Beschuldigte seinen Penis
nie berührt (Urk. 8/1 S. 11 f.). Fotos und Filme habe der Beschuldigte von ihm
ebenfalls nicht gemacht (Urk. 8/1 S. 13). Zudem erklärte der Privatkläger, dass er
den Beschuldigten, als dieser zu ihnen in die Wohnung gezogen sei, noch ein
wenig gemocht habe (Urk. 8/1 S. 14). Überdies habe der Beschuldigte ihm auch
nicht verboten, über die Vorfälle zu sprechen (Urk. 8/1 S. 15). Der Privatkläger
nahm den Beschuldigten sogar in Schutz, indem er der Schulsozialarbeitern
G._ gegenüber erklärte, der Beschuldigte tue dies, weil er keine Frau habe;
denn wenn er eine Frau hätte, würde er dies nicht tun (Urk. 9/6 S. 3 und S. 5).
Nach Aussage der Zeugin G._ hat der Privatkläger seinen Onkel auch nicht
als Monster dargestellt (Urk. 9/6 S. 7). Die Aussagen des Privatklägers zeigen
- 27 -
somit keine einseitige Tendenz, den Beschuldigten anzuschwärzen. Dieses Krite-
rium spricht eher für die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers.
5.4.1. Zusammenfassend ist Folgendes festzuhalten: Die Aussagen des Privat-
klägers sind anschaulich, wirklichkeitsgetreu und lebensnah. Das zurückhaltende
Aussageverhalten des Privatklägers entspricht nicht demjenigen eines Knaben,
der einen Unschuldigen fälschlicherweise einer Sexualstraftat bezichtigen will.
Dies verleiht den Aussagen grundsätzlich Glaubhaftigkeit. Umgekehrt kann nicht
ausser Acht gelassen werden, dass bei der Prüfung der Detailschilderungen des
Privatklägers auffällt, dass er die Abläufe zwar realitätsgetreu schildert, sich dabei
aber häufig auf vordergründige Angaben beschränkt und beim Nachfragen nach
weiteren Details unsicher ausweichend und stereotyp antwortet. Ebenso, dass in
den verschiedenen konkreten Aussagen des Privatklägers diverse Ungereimthei-
ten und Widersprüche auszumachen sind. Ausserdem entstanden die Aussagen
während einer angespannten familiären Situation. Das Mitspielen von - unbe-
wussten - Suggestionsmechanismen und besorgten Erwartungshaltungen im fa-
miliären Umfeld zur Zeit der Erstaussage können ebenfalls nicht von der Hand
gewiesen werden. Insgesamt sind die Aussagen des Privatklägers daher mit einer
gewissen Zurückhaltung zu würdigen.
5.4.2. Daran vermögen auch die Aussagen der Zeugen E._, F._,
G._ und H._ nichts zu ändern. Zu Recht hat die Vorinstanz deren Aus-
sagen grundsätzlich als glaubhaft taxiert (Urk. 38 S. 18; Art. 82 Abs. 4 StPO). Al-
lerdings waren die erwähnten Zeugen bei den geschilderten Vorfällen nicht unmit-
telbar zugegen. Ihre Informationen beruhen alleine auf den verschieden lautenden
Erzählungen des Privatklägers (vgl. Ziffer 5.3.6. vorstehend). Aus ihren Aussagen
kann daher nichts zu Gunsten der Glaubhaftigkeit der konkreten Aussagen des
Privatklägers abgeleitet werden.
5.4.3. Die Vorinstanz hat ferner zutreffend erwogen, dass die Zeugin C._, die
Mutter des Privatklägers "lediglich" bezüglich der Begleitumstände Angaben ma-
chen konnte. Die entsprechenden Aussagen hat die Erstinstanz aufgrund ihrer
Authentizität, Individualität und Plausibilität als glaubhaft qualifiziert (Urk. 38 S.
17). Nicht in Betracht gezogen hat die Vorinstanz bei der Aussagewürdigung die
- 28 -
damalige familiäre Situation der Zeugin C._. Zu bemerken ist, dass die Mut-
ter mit der Scheidung vom Stiefvater des Privatklägers auch eine gewisse Stütze
bei der Kindererziehung verlor. Sie war aufgrund ihres kulturellen Hintergrundes
mit der ganzen Situation offenkundig überfordert. Nicht von der Hand zu weisen
ist, dass mit dem Untätigbleiben (keine Strafanzeige) der Mutter des Privatklägers
auch eine Gefährdung des Sorgerechts verbunden gewesen wäre (Urk. 9/1 S. 4).
Eine Strafanzeige brachte damit der Mutter Vorteile. Sie selbst gab anlässlich ih-
rer Befragung vom 11. September 2009 zu Protokoll, sie habe nach der Einrei-
chung der Strafanzeige Unterstützung seitens des Sozialamtes und der Lehrerin
erhalten (Urk. 9/1 S. 4).
Hinsichtlich der konkreten Aussagen der Zeugin ist festzuhalten, dass der Privat-
kläger seiner Mutter die Vorfälle nicht im Detail geschildert hat. Er hat ihr lediglich
- in Anwesenheit des Beschuldigten - erzählt, dass der Beschuldigte mit ihm Prak-
tiken mache, wie man dies mit einer Frau mache. Auf Nachfrage hat der Privat-
kläger erklärt, der Beschuldigte sei auf ihm gelegen und habe Bewegungen nach
oben und nach unten gemacht (Urk. 9/1 S. 3, S. 5 f. und S. 14). Den vorliegend
(strittigen) zweiten Vorfall hat der Privatkläger der Mutter gegenüber indes mit
keinem Wort erwähnt. Und auch von der Schulsozialarbeiterin G._ wurde die
Mutter nur gerade darüber orientiert, dass sich ihr Sohn beklage, dass der Be-
schuldigte ihn wie eine Frau küsse. Weitere Details gab die Schulsozialarbeiterin
der Mutter nicht bekannt (Urk. 9/1 S. 4; Urk. 9/3 S. 4; Urk. 9/6 S. 4 f.). Es erstaunt
daher, dass die Mutter anlässlich ihrer Einvernahme auf die staatsanwaltliche
Frage, ob der Beschuldigte zugegeben habe, dass er mit seinem Penis denjeni-
gen des Privatklägers berührt habe, ausführte, der Beschuldigte habe ihr einmal
gesagt, dass es im Kloster gängig sei, dass man den Penis zwischen die Ober-
schenkel eines anderen Mönchs stecke (Urk. 9/1 S. 5). Weshalb der Beschuldigte
der Mutter des Privatklägers dies erzählen sollte, ist nicht ersichtlich, zumal er ihr
dies ganz am Anfang, bevor irgend etwas bekannt geworden war, erzählt haben
soll (Urk. 9/1 S. 5). Der Privatkläger hat ihr gegenüber nie vom Penis des Be-
schuldigten gesprochen; dies will die Mutter des Privatklägers aus den Unterla-
gen, von der Lehrerin erfahren haben (Urk. 9/1 S. 6), was (wiederum) befremdlich
erscheint. Vor diesem Hintergrund können die Aussagen der Mutter des Privat-
- 29 -
klägers, zumindest was den zweiten Vorfall betrifft, nicht ohne Skepsis für die
Entscheidfindung übernommen werden.
6.1. Was die Aussagen des Beschuldigten betrifft, so ist zunächst festzuhalten,
dass der Beschuldigte den konkreten Anklagevorwurf im Zusammenhang mit dem
zweiten Vorfall grundsätzlich bestreitet und daher nicht in die Lage kommt, statt-
gefundene Abläufe abweichend zu schildern. Eine detaillierte Analyse seiner Aus-
sagen ist damit obsolet. Seine grundsätzliche Haltung erscheint immerhin als
konstant und kohärent, wie dies die Vorinstanz bereits zutreffend gewürdigt hat
(Urk. 38 S. 13). Insoweit die Vorinstanz indes das pauschale und kategorische
Bestreiten des Tatvorwurfs durch den Beschuldigten als "auffallend" bezeichnet
(Urk. 38 S. 13), kann dem nicht gefolgt werden. Der Beschuldigte bleibt bei seiner
Darstellung, ohne der Versuchung zu erliegen, seine Aussagen oder seine Erklä-
rungen daran anzupassen, was ein Lügensignal wäre. Insoweit die Erstinstanz
sodann das übrige Aussageverhalten des Beschuldigten als "ausschweifend und
widersprüchlich" taxiert hat, ist dieser Beurteilung nicht beizupflichten (Urk. 38 S.
14). Das zwischen seinen möglichen Erklärungsversuchen und Interpretationen
des Tatvorwurfs Unterschiede bestehen, liegt in der Natur der Sache und ist nicht
weiter von Bedeutung. Das gilt gleichermassen für das Argument der Vorinstanz,
wonach sich der Beschuldigte widersprüchlich verhalten habe, indem er zunächst
auf sein 20-jähriges Mönchszölibat hingewiesen habe und alsdann ausgeführt
habe, er habe sowohl nach seinen Austritt aus dem Kloster als auch im Zeitpunkt
der Vorfälle eine Freundin gehabt (Urk. 7/1 S. 7; Urk. 27 S. 2). Zu Recht führt die
Verteidigung diesbezüglich aus, dass der Beschuldigte damit einerseits zum Aus-
druck bringen wollte, dass er durchaus sexuell enthaltsam leben könne, anderer-
seits erklären wollte, dass er nicht homo-, sondern heterosexuell sei. Inwiefern
diese Aussage widersprüchlich sein soll, ist nicht ersichtlich. Dass sich der Be-
schuldigte im Übrigen nur an den Vornamen und den Wohnort, nicht aber an den
Nachnamen seiner damaligen Freundin zu erinnern vermochte, hat der Beschul-
digte nachvollziehbar und plausibel erklärt (Urk. 7/5 S. 3). Jedenfalls kann nicht
gesagt werden, er habe hier gelogen.
- 30 -
6.2. Richtig ist zwar, dass die Bestreitung bzw. Version des Beschuldigten durch
D._, den Stiefvater des Privatklägers, bestätigt wird. Hiezu hat die Vorinstanz
aber zutreffend erwogen, dass die Aussagen des Stiefvaters widersprüchlich,
übertrieben und pauschal sind. Sie hat die entsprechenden Ausführungen von
D._ im Einzelnen aufgeführt, weshalb darauf verwiesen werden kann (Urk.
38 S. 17 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die verschiedenen Ungereimtheiten in seiner
Darstellung lassen es jedenfalls nicht zu, diese ohne Skepsis für die Entschei-
dung zu übernehmen, was die Vorinstanz richtig gesehen hat (Urk. 38 S. 17 f.).
7. Wie vorstehend erwogen darf ein Schuldspruch nur erfolgen, wenn kein ver-
nünftiger Zweifel darüber besteht, dass sich der Sachverhalt (2. Vorfall) wie ange-
klagt verwirklicht hat. Die Aussagen des Privatklägers müssen aufgrund des Vor-
gesagten mit einer gewissen Skepsis gewürdigt werden. Es ist durchaus möglich,
dass sich das Tatgeschehen mindestens teilsweise wie von ihm geschildert abge-
spielt hat. Ein ausreichendes sicheres Beweisfundament besteht indessen nicht.
Umgekehrt können die Aussagen des Beschuldigten auch nicht a priori als abso-
lut unglaubhaft oder unmöglich eingestuft werden. Bei dieser Sachlage ist der Be-
schuldigte nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" von der Anklage (zweiter Vor-
fall) freizusprechen.
IV. Rechtliche Würdigung des ersten Vorfalls
1. Gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder
mit Geldstrafe bestraft, wer mit einem Kind unter 16 Jahren eine sexuelle Hand-
lung vornimmt (Abs. 1), es zu einer solchen verleitet (2) oder es in eine sexuelle
Handlung einbezieht (Abs. 3). Von einer sexuellen Handlung im Sinne von Art.
187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB spricht man, wenn eine Handlung nach ihrem äusseren
Erscheinungsbild eindeutig sexualbezogen ist, mithin objektiv eine Beziehung
zum Geschlechtlichen aufweist (BGer, Urteil vom15.2.2011, 6B_7/2011; Urteil
vom 7.12.2006, 6S.355/2006). Verhaltensweisen, die nach ihrem äusseren Er-
scheinungsbild neutral sind und keinen unmittelbar sexuellen Bezug aufweisen,
sind demgegenüber keine sexuellen Handlungen (BGE 125 IV 58). Bei allgemein
üblichen, alltäglichen Zärtlichkeiten liegt folglich keine sexuelle Handlung vor
- 31 -
(Suter-Zürcher; Die Strafbarkeit der sexuellen Handlungen mit Kindern nach Art.
187 StGB, Zürich 2003, S. 42 f.).
2.1. Eine allgemeine Definition des Sexuellen ist aber kaum möglich, weil sehr un-
terschiedliche Handlungen darunter fallen und die Einordnung kontextabhängig ist
(ausführlich dazu Maier, Umschreibung von sexuellen Verhaltensweisen im Straf-
recht, AJP 1999, 1387 ff.). Bei der objektiven Beurteilung einer Handlung als se-
xualbezogen kommt es mithin nur auf das äussere Erscheinungsbild – vom
Standpunkt eines aussenstehenden objektiven Betrachters unter Berücksichti-
gung der gesamten Umstände – der Betätigung an (Donatsch, Strafrecht III, 9. A.,
Zürich 2008, S. 460; Stratenwerth/Jenny/Bommer, Schweizerisches Strafrecht,
Besonderer Teil I, 7. A., Bern 2010, § 7 N 10 f.; Suter-Zürcher, a.a.O., S. 43;
Trechsel/Bertossa, in Trechsel et al. [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch,
Zürich/St. Gallen 2008, Art. 187 N 5).
Eine objektiv nicht sexuellbezogene Handlung liegt beispielweise vor, wenn die
Eltern dem Kind unter der Dusche Hilfestellung leisten und dabei auch den Geni-
talbereich des Kindes waschen. Die Grenze normaler Hilfeleistung bei der Kör-
perpflege ist aber dann überschritten, wenn der Vater oder die Mutter einen Fin-
ger in die Scheide einführt (so in BGer, Urteil vom 7.12.2006, 6S.355/2006). Ein
anderes Beispiel ist der Fall, dass das Kind den Penis des Vaters berührt. Grund-
sätzlich kann darin keine sexuelle Handlung gesehen werden. Kinder haben ent-
sprechend ihrer Entwicklungsstufe Interesse am eigenen Körper und an demjeni-
gen seiner Eltern; Berührungen gehören zum Körpererkundungsprozess. Diese
Beurteilung ändern sich aber dann, wenn der Vater seine Tochter in das Bade-
zimmer ruft und die Tochter gezielt den Penis halten lässt. Zu diesem Fall hat das
Bundesgericht ausgeführt, dass der Vater bewusst die Gelegenheit gesucht habe,
seiner Tochter seinen Penis zu zeigen und anfassen zu lassen. In diesem Kontext
wurde ein objektiver Bezug zum Bereich des Geschlechtlichen bejaht und eine
sexuelle Handlung im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB angenommen (BGer
Urteil vom 7.12.2006, 6S.355/2006). Ebenfalls wurde eine sexuelle Handlung be-
jaht, als ein Mann in Gegenwart eines jungen Knaben, der bei ihm zu Besuch war,
seinen erigierten Penis mit masturbierenden Bewegungen eingecremt und der
- 32 -
Junge seinen eigenen Penis auf Aufforderung des Mannes hin ebenfalls einge-
cremt hat (BGer Urteil vom 13.1.2011, 6B_780/2010).
2.2. Der Begriff der sexuellen Handlung erstreckt sich nur auf Handlungsweisen,
die im Hinblick auf das geschützte Rechtsgut erheblich sind. Dabei muss in Zwei-
felsfällen die Erheblichkeit, etwa nach dem Alter des Opfers oder dem Altersun-
terschied zum Täter, bestimmt werden (BGE 125 IV 58 mit Hinweisen). Bedeut-
sam für die Beurteilung sind qualitativ die Art und quantitativ die Intensität und
Dauer der Handlung, wobei die gesamtem Begleitumstände zu berücksichtigen
sind (BGer Urteil vom 8.1.2010, 6B_702/2009).
3.1. In objektiver Hinsicht lässt sich die rechtliche Würdigung des ersten Vorfalls
durch die Erstinstanz im Lichte der vorstehenden Erwägungen nicht halten. Die
Zudringlichkeiten des Beschuldigten waren nicht geeignet, eine Gefährdung der
ungestörten sexuellen Entwicklung des Privatklägers herbeizuführen. Gemäss
dem Anklagesachverhalt hat der Beschuldigte den Privatkläger nicht an sich ge-
presst bzw. gedrückt. Vielmehr beschränkte sich das fehlbare Verhalten des Be-
schuldigten darauf, dass er sich hat sich bekleidet auf den Rücken des (ebenfalls
bekleideten) Privatklägers gelegt hat. Dabei hat letzterer den (nicht erigierten)
Penis des Beschuldigten gespürt. Aufgrund des deutlich höheren Köpergewichtes
des Beschuldigten kann davon ausgegangen werden, dass der Privatkläger das
Verhalten des Beschuldigten als ein "Drücken" in seinem Rücken wahrgenommen
hat. Wie lange die Zudringlichkeit des Beschuldigten gedauert hat, ist sodann
nicht bekannt bzw. erstellt, weshalb von einer bloss flüchtigen Berührung auszu-
gehen ist. Ein derartiger körperlicher Kontakt ist für sich genommen zwar unan-
gebracht, fällt in Anbetracht der wenig einschneidenden Art, Dauer und Intensität
der Handlung indes nicht unter den Tatbestand der sexuellen Handlungen mit ei-
nem Kind im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB. Es fehlt hierfür an der Erheb-
lichkeit der sexuellen Handlung. Dass sich der Vorfall im Schlafzimmer des Pri-
vatklägers abspielte, wo sich der acht Jahre alte Privatkläger dem 36-jährigen Be-
schuldigten nicht sofort entziehen konnte, vermag an dieser rechtlichen Würdi-
gung angesichts des kurzen Vorfalls nichts zu ändern. Die Zudringlichkeit des Be-
- 33 -
schuldigten ist daher nicht als sexuelle Handlung mit Kindern im Sinne von Art.
187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB zu würdigen.
4. Zusammenfassend ist der Beschuldigte somit der mehrfachen sexuellen Hand-
lungen mit einem Kind im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB nicht schuldig und frei-
zusprechen.
V. Zivilforderungen
Auf die Zivilforderungen des Privatklägers ist aufgrund des Freispruches des Be-
schuldigten nicht einzutreten.
VI. Kosten und Entschädigung
1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die erstinstanzliche Kostenaufstellung
(dort Dispositiv-Ziff. 7) zu bestätigen. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr fällt
ausser Ansatz. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens
beider Instanzen, einschliesslich derjenigen der unentgeltlichen Verbeiständung
des Privatklägers und der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten, sind auf die
Gerichtskasse zu nehmen.
2. Gemäss Art. 429 Abs. 1 StPO sind einem freigesprochenen Beschuldigten un-
ter den dort angeführten Umständen eine Entschädigung sowie eine Genugtuung
zuzusprechen. Unter Berücksichtigung aller Umstände erscheint es angemessen,
dem Beschuldigten eine persönliche Umtriebsentschädigung von Fr. 800.– sowie
eine Genugtuung von Fr. 150.– zuzusprechen.
- 34 -