Decision ID: f3995ee9-9e79-441d-81ce-de817d680dfc
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist amerikanische Staatsangehörige. Sie zog am 23. September 2002 von Italien
in die Schweiz nach A. Am 4. Oktober 2002 heiratete sie den deutschen
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Staatsangehörigen Y. Das Ehepaar wohnt im eigenen Einfamilienhaus in B (Erwerb 14.
August 2004). In den Jahren 2002 bis 2006 war Y bei der C AG angestellt, während X
ab 2003 als Sprachlehrerin selbständig erwerbstätig war. Bis zum 31. Juli 2005
unterstanden sie der Quellensteuerpflicht. Nachdem Y die Niederlassungsbewilligung
erhalten hatte, wurde das Ehepaar Y-X ab 1. August 2005 ordentlich veranlagt. In der
Steuererklärung für die Staats- und Gemeindesteuern 2006 deklarierten Y und X ein
steuerbares Einkommen von Fr. 102'710.-- und kein steuerbares Vermögen. In einem
Begleitschreiben zur Steuererklärung 2006 vom 11. Juni 2007 teilte die Vertreterin der
Steuerpflichtigen der Veranlagungsbehörde mit, dass unter Ziff. 3.2 eine
Ruhegehaltsrente des amerikanischen Militärs deklariert worden sei, die nach dem
Doppelbesteuerungsabkommens zwischen der Schweiz und den Vereinigten Staaten
von Amerika in der Schweiz steuerbar sei. Der in der Schweiz steuerbare Anteil betrage
Fr. 35'913.--.
B.- Nachdem sich auf entsprechende Nachfrage des kantonalen Steueramtes hin
herausgestellt hatte, dass die amerikanische Rente bereits seit 2002 geflossen war,
wurde mit Schreiben vom 4. Februar 2009 gegen X für die Steuerjahre 2002 bis 2006
ein Nachsteuerverfahren wegen ungenügender Deklaration von Einkünften eingeleitet
und für jedes Steuerjahr jeweils ein Einkommen von Fr. 35'000.-- und kein Vermögen
als Faktoren mitgeteilt.
Aufgrund dieser Faktoren wurde eine Nachsteuer für die Staats- und Gemeindesteuern
2002 bis 2006 samt Zinsen von Fr. 41'863.95 in Aussicht gestellt. Ferner wurde auf die
Möglichkeit der späteren Einleitung eines Strafverfahrens wegen Steuerhinterziehung
und unter Angabe der gesetzlichen Bestimmungen auf die im Strafverfahren geltenden
Parteirechte hingewiesen. In der Folge wurden auf entsprechende Einwendungen der
Steuerpflichtigen einige Korrekturen vorgenommen (Besteuerung im Jahr 2002 erst ab
Zuzug vom 23. September 2002, Wegfall des Jahres 2006). Am 6. März 2009 wurde
gegenüber Y und X die Nachsteuer für die Staats- und Gemeindesteuern 2002 bis 2005
im Umfang von Fr. 26'936.35 verfügt. Diese Veranlagung erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
C.- Mit Schreiben vom 6. Mai 2009 leitete das kantonale Steueramt, Rechtsabteilung/
Strafen, wegen der nicht deklarierten Einkünfte in den Jahren 2002 bis 2005 gegen X
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ein Untersuchungsverfahren wegen Steuerhinterziehung ein. Es wurde eine Busse in
der Höhe der einfachen Nachsteuer in Aussicht gestellt. Mit Schreiben vom 18. Mai
2009 nahm die Vertreterin der Steuerpflichtigen dazu Stellung. Sie machte geltend, es
liege eine Selbstanzeige vor, weshalb die Strafsteuer auf einen Fünftel herabzusetzen
sei. Mit Schreiben vom 28. Mai 2009 wurde das Untersuchungsverfahren
abgeschlossen und die Erledigung mittels Strafbescheids angekündigt, wobei die
Busse voraussichtlich auf die Hälfte der einfachen Nachsteuer reduziert werde. X
erhielt nochmals Gelegenheit zur Stellungnahme. Sie wünschte daraufhin eine
persönliche Anhörung. Diese fand am 15. Juni 2009 statt. Mit Strafbescheid vom 3.
September 2009 wurde X wegen Steuerhinterziehung mit Fr. 12'590.-- gebüsst; zudem
wurden ihr die Verfahrenskosten von Fr. 400.-- auferlegt. Mit Schreiben vom 25.
September 2009 erhob sie Einsprache gegen den Strafbescheid.
D.- Am 30. September 2009 überwies das kantonale Steueramt die Strafsache der
Verwaltungsrekurskommission zur Beurteilung. Mit Schreiben vom 1. Oktober 2009
gab der Abteilungspräsident der Angeklagten Gelegenheit, bis zum 26. Oktober 2009
Einsicht in die Akten zu nehmen und Anträge zur Ergänzung der Untersuchung zu
stellen. Diese machte davon keinen Gebrauch.
E.- Am 15. Juli 2010 wurden die Parteien zur öffentlichen Verhandlung vorgeladen.
Diese fand am 17. August 2010 statt.
a) Vor Gericht erklärte die Angeklagte auf Befragen, sie habe früher als
Flugzeugmechanikeroffizier während beinahe 25 Jahren bei der amerikanischen
Luftwaffe gearbeitet. Im Oktober 2002 sei sie in die Schweiz gekommen. Zuvor sei sie
vier Jahre in Italien (1998 bis 2002), ein Jahr in Deutschland (1997 bis 1998) und zwei
Jahre in England (1995 bis 1997) gewesen. Als Angehörige des Militärs habe man einen
anderen Status als die Einwohner der USA. Im Jahr 2002 sei sie in den Ruhestand
getreten und habe die Rente erhalten. Deren Höhe sei in etwa immer gleich gewesen.
Die Rente werde jedoch an die Teuerung angepasst. 2006 seien es US $ 50'000
gewesen, 2009 US $ 56'000. Die Auszahlung erfolge monatlich. In Italien sei sie neben
der Arbeit für die Luftwaffe als Englischlehrerin tätig gewesen. Dieses Einkommen habe
sie in den USA deklariert, ebenso das Einkommen ihres Ehemannes. Da es jedoch
weniger als US $ 70'000 gewesen sei, habe sie das Nebeneinkommen nicht versteuern
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müssen. Sie habe auch das in der Schweiz erzielte Einkommen in den USA jeweils
angegeben. Im Frühjahr 2007 habe sie die Steuererklärung für die USA selbst am PC
ausgefüllt. Dabei sei ein um US $ 10'000 höherer Steuerbetrag als in den Vorjahren
herausgekommen. Daher habe sie sich an eine auf US-Steuerrecht spezialisierte
Steuerberatung in Zürich gewendet. Dort habe man ihr gesagt, dass sie die Steuern in
der Schweiz falsch deklariert habe. Danach habe sie sofort ihren Steuerberater für die
Schweizer Steuern kontaktiert, um dies zu korrigieren. Mit anderen Mitarbeitern der
Luftwaffe habe sie nie über Steuern im Zusammenhang mit der Rente gesprochen. Vor
ihrem Zuzug in die Schweiz habe sie einige Bücher über das Land gelesen. Dass es ein
Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und den USA gebe, habe sie
damals nicht gewusst. Der Vertrag mit der Schweiz sei allerdings anders als mit den
meisten europäischen Ländern wie Deutschland, Italien oder England. Die
ausgesprochene Busse erscheine ihr zu hoch. Sie habe während etwa vier Jahren die
Steuern falsch deklariert. Das habe sie nicht bewusst gemacht und sich sogleich
gemeldet, als sie es herausgefunden habe. Die Nachsteuer habe sie bezahlt. In den
USA habe sie auf der gesamten Rente Steuern bezahlt. Heute sei sie als
Englischlehrerin tätig, durchschnittlich etwa 10 Stunden pro Woche. Daneben sei sie
noch in kleinem Umfang selbständig erwerbstätig. Das jährliche Einkommen betrage
rund Fr. 25'000.--.
b) Der Ehemann der Angeklagten führte aus, dass er etwa Fr. 75'000.-- netto pro Jahr
verdiene. Er habe gedacht, dass sie die Steuern korrekt deklariert hätten. Er sei 2002 in
die Schweiz gekommen. Damals habe er der Quellensteuer unterstanden, seine Frau
habe eine US-Rente bezogen und sei daneben noch selbständig erwerbstätig
gewesen. Daher hätten sie einen Steuerberater konsultiert. Dieser habe gesagt, dass
alles separat zu besteuern sei, die Rente in den USA und der Rest in der Schweiz.
Nach Entdeckung des Fehlers hätten sie reinen Tisch machen wollen und den Vertreter
damit beauftragt.
c) Der Vertreter der Angeklagten stellte den Antrag, es sei von einer Selbstanzeige
auszugehen und die Busse auf einen Fünftel zu reduzieren, eventualiter sei ein ganz
leichtes Verschulden anzunehmen und die Busse nach richterlichem Ermessen
herabzusetzen. Als Steuerberater habe er während drei oder vier Jahren nichts von der
amerikanischen Rente gewusst. Es gebe keine Hinterziehungsabsicht, die Angeklagte
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habe sicher nicht vorsätzlich gehandelt. Sie habe alles richtig machen wollen, jedoch
das einschlägige DBA nicht gekannt. Als er davon erfahren habe, sei sofort gehandelt
worden. Zusammen mit der Einreichung der Steuererklärung 2006 sei die Rente in
einem separaten Brief deklariert worden. Es sei ihm klar gewesen, dass ein
Nachsteuerverfahren eröffnet und eine Busse ausgesprochen werden würde. Später
habe er noch mit dem Steuerkommissär telefoniert. Es liege eine Selbstanzeige vor. Es
sei klar, dass die Rente bereits in den Jahren zuvor geflossen sei, da die Angeklagte in
jenen Jahren kein Gehalt vom Militär bezogen habe. Früher hätten solche Schreiben für
eine Selbstanzeige ausgereicht.
d) Die Angeklagte erklärte im Schlusswort, dass es für sie ein Privileg sei, in der
Schweiz zu leben. Hätte sie die Rechtslage gekannt, hätte sie von Anfang an alles
deklariert. Als sie den Fehler bemerkt habe, sei sie dazu gestanden und habe alles
korrigiert.
F.- Das Urteil wurde am 17. August 2010 mit Kurzbegründung mündlich und
gleichentags schriftlich ohne Begründung eröffnet. Die Anklagebehörde verlangte am
23. August 2010 innert der gesetzlichen Frist von zehn Tagen die ausführliche
Begründung.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Zu beurteilen ist
der Strafbescheid des kantonalen Steueramtes vom 3. September 2009 wegen
Steuerhinterziehung (Staats- und Gemeindesteuern 2002 bis 2005). Die
Verwaltungsrekurskommission ist zur gerichtlichen Beurteilung zuständig. Die
Angeklagte ist zur Erhebung der Einsprache befugt. Die am 25. September 2009
rechtzeitig eingereichte Einsprache erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen. Die Streitsache wurde dem Gericht am 30. September
2009 zusammen mit den Akten überwiesen. Der Strafbescheid gilt als Anklage (Art. 264
Abs. 1 und 2 und Art. 265 des Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 161
StG in Verbindung mit Art. 48 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
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2.- Nach Art. 262 Abs. 1 StG bezeichnet der Strafbescheid den Angeschuldigten, die
dem Angeschuldigten zur Last gelegte Handlung, die angewendeten
Gesetzesbestimmungen, die Beweismittel sowie die Strafe und weist auf die
Möglichkeit der Einsprache und die Folgen der Unterlassung hin. Er ist nach Art. 262
Abs. 2 StG "kurz" zu begründen; die Begründung muss aber ausreichend sein (vgl.
Richner/Frei/Kaufmann/ Meuter, Kommentar zum harmonisierten Zürcher
Steuergesetz, Zürich 2006, N 3 zu § 251). Als Anklageschrift kommt dem Strafbescheid
im Wesentlichen die Aufgabe zu, den der Anklage zugrunde liegenden Sachverhalt zu
konkretisieren und damit dem Angeklagten die für seine Verteidigung erforderlichen
Informationen zu vermitteln. Der als Sachverhalt umschriebene konkrete
Lebensvorgang ist unter einen der gesetzlichen Straftatbestände zu subsumieren. In
die Anklageschrift aufzunehmen ist deshalb die rechtliche Beurteilung der dem
Angeklagten zur Last gelegten Handlung mitsamt den anwendbaren
Gesetzesbestimmungen. Erscheint die Rechtslage klar, bedarf es dazu keiner
besonderen Erörterung. Sodann sind Ausführungen zum Vorleben und den
persönlichen Verhältnissen zu machen; erst damit wird die Ausfällung einer dem
Verschulden und der Persönlichkeit des Angeklagten angemessenen Sanktion
ermöglicht (N. Oberholzer, Grundzüge des Strafprozessrechts, 2. Aufl. 2005, S. 592 ff.).
Der Strafbescheid vom 3. September 2009 bezeichnet die Angeklagte, die ihr zur Last
gelegte Handlung der Steuerhinterziehung und die massgeblichen