Decision ID: 313c1494-37ad-5758-9245-d7c838f8224b
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im April 2013 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe eine Berufslehre zum
Strassenwärter absolviert. Die Psychiaterin med. pract. B._ berichtete im Juni 2013
(IV-act. 27), der Versicherte leide an einer Alkoholabhängigkeit und an einer
mittelgradigen depressiven Episode. Zudem bestehe der Verdacht auf ein
Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) im Erwachsenenalter.
Diesbezüglich seien weitere Abklärungen geplant gewesen; der Versicherte habe die
Behandlung aber im Januar 2013 abgebrochen. Nachdem die IV-Stelle den
Versicherten mehrmals erfolglos aufgefordert hatte anzugeben, bei wem er sich in
psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung befinde, mahnte sie ihn am
19. März 2014 (IV-act. 49), bis spätestens am 3. April 2014 die verlangte Auskunft zu
erteilen. Gleichzeitig drohte sie dem Versicherten unter Verweis auf den Art. 43 Abs. 3
ATSG an, dass sie „aufgrund der Akten entscheiden und die Erhebungen einstellen und
Nichteintreten beschliessen“ werde, wenn er dieser Aufforderung nicht fristgerecht
nachkomme. Der Versicherte reagierte nicht auf diese Aufforderung, weshalb die IV-
Stelle am 11. April 2014 eine Verfügung erliess (IV-act. 53), mit der sie nicht auf sein
Leistungsbegehren eintrat.
A.b Im Mai 2014 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act.
56). Die IV-Stelle wies ihn in der Folge darauf hin, dass er eine wesentliche
Veränderung des massgebenden Sachverhalts glaubhaft machen müsse, damit auf
seine Neuanmeldung eingetreten werden könne (IV-act. 60). Der Allgemeinmediziner
Dr. med. C._ berichtete am 26. Mai 2014 (IV-act. 68–1 f.), der Versicherte leide seit
Februar 2014 an einer depressiven Episode. Seit etwa August 2013 bestehe ein
überlastungsbedingtes Schmerzsyndrom in den Beugesehnen beider Hände. Zudem
lägen eine rechtsbetonte Cervicobrachialgie und ein dezentes Sulcus ulnaris-Syndrom
rechts vor. Wenn der Versicherte die depressive Episode überwinden könne, werde er
wieder uneingeschränkt arbeitsfähig für leichte körperliche Arbeiten sein. Am 21. Juli
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2014 lud die IV-Stelle den Versicherten zu einem „Assessment“ betreffend berufliche
Eingliederungsmassnahmen ein (IV-act. 82). Im August 2014 ging der IV-Stelle ein
Bericht der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen vom 24. Juni 2014 zu
(IV-act. 85). Darin war festgehalten worden, der Versicherte leide an leichten kognitiven
Funktionsstörungen. Im Vordergrund stünden exekutive Funktionsstörungen und eine
verminderte Leistung in der geteilten Aufmerksamkeit. Im emotionalen und
Persönlichkeitsbereich habe der Versicherte einen eher antriebsverminderten und
affektarmen Eindruck hinterlassen. Das kognitive Störungsprofil sei gut mit einem
ADHS im Erwachsenenalter vereinbar. Vom 18. August 2014 bis zum 10. September
2014 befand sich der Versicherte in einer stationären Behandlung zwecks
Alkoholentzug (IV-act. 93). Mit einer Mitteilung vom 6. Oktober 2014 gewährte ihm die
IV-Stelle eine Arbeitsvermittlung (IV-act. 98). Mit einer weiteren Mitteilung vom 1. Juli
2015 schloss die IV-Stelle die Arbeitsvermittlung ab (IV-act. 105). Gleichzeitig verneinte
sie einen Anspruch auf andere berufliche Massnahmen. Mit einem Vorbescheid vom
28. Juli 2015 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie sein Rentenbegehren
mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades abweisen werde (IV-act. 109).
Dagegen wandte der Versicherte am 29. Oktober 2015 ein (IV-act. 117), er könne den
erlernten Beruf nicht mehr ausüben, da es sich dabei um eine körperlich schwere
Tätigkeit handle, die ihm krankheitsbedingt nicht mehr zumutbar sei. Mit einer
Verfügung vom 5. Januar 2016 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des Versicherten
ab (IV-act. 118). Bezugnehmend auf die Einwände des Versicherten führte sie aus, er
habe keine neuen entscheidrelevanten Tatsachen geltend gemacht. Ein Anspruch auf
berufliche Massnahmen sei bereits am 1. Juli 2015 verneint worden. Der Versicherte
habe dagegen keine „Einsprache“ erhoben und auch keine beschwerdefähige
Verfügung verlangt.
A.c Am 9. März 2016 machte der Versicherte geltend (IV-act. 119), er habe gar nie eine
Rente der Invalidenversicherung beantragt. Er benötige keine Rente, sondern eine
Umschulung. Da zwischenzeitlich weitere gesundheitliche Probleme aufgetreten seien,
werde er einen neuen Antrag auf eine Umschulung stellen. Am 10. März 2016 teilte ihm
die IV-Stelle mit (IV-act. 121), ihm sei bereits im Zusammenhang mit der Mitteilung vom
1. Juli 2015 von der Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle erklärt worden,
weshalb er keinen Anspruch auf berufliche Massnahmen habe. Gegen die Mitteilung
vom 1. Juli 2015 habe er keine „Einsprache“ erhoben. Die Verfügung vom 5. Januar
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2016 sei mittlerweile formell rechtskräftig. Es stehe dem Versicherten aber frei, sich
erneut zum Leistungsbezug anzumelden. Am 23. März 2016 meldete sich der
Versicherte mittels des dafür vorgesehenen Formulars erneut zum Leistungsbezug an
(IV-act. 125). Am 4. April 2016 forderte die IV-Stelle ihn auf, eine wesentliche
Veränderung des massgeblichen Sachverhaltes glaubhaft zu machen (IV-act. 130). Am
19. April 2016 teilte Prof. Dr. med. D._ mit (IV-act. 137–1), der Versicherte könne
seinen erlernten Beruf wegen körperlicher und psychischer Beschwerden nicht mehr
ausüben. Er benötige berufliche Massnahmen. Der Orthopäde Dr. med. E._ hatte am
22. Februar 2016 berichtet (IV-act. 137–2 f.), der Versicherte leide an einer
Tendovaginitis stenosans de Quervain rechts, die aufgrund des fortgeschrittenen
Stadiums rasch operativ angegangen werden müsse. Die Operation war am 24.
Februar 2016 durchgeführt worden (IV-act. 137–4). Am 4. Mai 2016 notierte Dr. med.
F._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD; IV-act. 140), falls der
operative Eingriff erfolgreich gewesen sei, sollte der Versicherte seit April 2016 wieder
voll arbeitsfähig sein. Die Tendovaginitis habe in diesem Fall keine längerdauernde
Arbeitsunfähigkeit begründet. In den übrigen medizinischen Akten fehlten Hinweise auf
eine relevante Sachverhaltsveränderung. Am 13. Juni 2016 teilte Dr. E._ mit (IV-act.
142), nach der Operation sei der Versicherte bei ihm nicht mehr vorstellig geworden,
weshalb davon auszugehen sei, dass er bezüglich der Hand beschwerdefrei sei.
Gewöhnlicherweise bestehe nach drei oder vier Wochen jeweils wieder eine volle
Belastbarkeit, weshalb die Operation keinen Einfluss auf eine berufliche Integration
oder Rente habe. Am 29. Juni 2016 notierte die RAD-Ärztin Dr. F._, der Versicherte
sei seit dem 28. März 2016 wieder voll arbeitsfähig (IV-act. 145). Mit einem
Vorbescheid vom 12. Juli 2016 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie nicht
auf sein Leistungsbegehren eintreten werde, weil er keine relevante
Sachverhaltsveränderung habe glaubhaft machen können (IV-act. 149). Am 18.
Oktober 2016 erliess sie eine Nichteintretensverfügung (IV-act. 156).
B.
B.a Am 8. November 2016 erhob der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 18. Oktober 2016 (act. G 1). Er machte
geltend, die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe die tatsächlichen
Verhältnisse von Anfang an massiv falsch eingeschätzt. Weil sie seinen Angaben
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keinen Glauben geschenkt habe, habe er sich an die Kliniken Valens gewendet, um
sich ausführlich untersuchen zu lassen. Dem entsprechenden Bericht lasse sich
entnehmen, dass er keiner schweren körperlichen Arbeit mehr nachgehen könne. Der
Beschwerdeschrift lag ein Bericht der Kliniken Valens vom 25. Oktober 2016 bei (act. G
1.2), laut dem der Beschwerdeführer an einem chronischen lumbo-vertebralen
Syndrom, an einer unklaren Gonalgie links, an einem adulten ADHS, an einer
saisonalen Depression sowie an psychischen und Verhaltensstörungen durch
psychotrope Substanzen litt. Die Ärzte hatten festgehalten, die lumbo-vertebralen
Beschwerden seien vor allem durch eine musculäre Dysbalance beziehungsweise
Insuffizienz verursacht. Auch die Kniebeschwerden links seien am ehesten auf eine
verminderte musculäre Stabilität zurückzuführen. Die im Rahmen der ergonomischen
Abklärung beobachtete Belastbarkeit entspreche einer mittelschweren Tätigkeit;
allerdings sollte vorgeneigtes Stehen nur manchmal am Tag vorkommen.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 19. Januar 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie an, der massgebende
Vergleichszeitpunkt für die Glaubhaftmachung einer anspruchsrelevanten Veränderung
sei der 1. Juli 2015 (für den Anspruch auf berufliche Massnahmen) beziehungsweise
der 5. Januar 2016 (für den Rentenanspruch). Im aktuellen Verwaltungsverfahren habe
der Beschwerdeführer keine relevante Veränderung glaubhaft machen können. Der erst
im Beschwerdeverfahren eingereichte Bericht der Kliniken Valens müsse unbeachtlich
bleiben. Ohnehin enthalte dieser Bericht aber keinen Hinweis auf eine relevante
Sachverhaltsveränderung.
B.c Am 4. Februar 2017 beantragte der Beschwerdeführer die Durchführung einer
mündlichen Verhandlung (act. G 10).
B.d Eine Vorladung des Versicherungsgerichtes zu einer mündlichen
Hauptverhandlung (act. G 12) konnte nicht an den Beschwerdeführer zugestellt
werden, weil dieser zwischenzeitlich seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt hatte (act. G
14). Am 8. Februar 2019 bot das Versicherungsgericht dem Beschwerdeführer die
Möglichkeit, schriftlich mitzuteilen, ob er an seinem Antrag auf eine mündliche
Verhandlung festhalten wolle; bei unbenütztem Fristablauf werde angenommen, dass
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er darauf verzichte (act. G 16). Der Beschwerdeführer reagierte nicht auf dieses
Schreiben.

Erwägungen
1.
Bei der angefochtenen Verfügung vom 18. Oktober 2016 handelt es sich um eine
Nichteintretensverfügung: Ihr Dispositiv hat sich auf den Entscheid beschränkt, das
Begehren des Beschwerdeführers um berufliche Massnahmen nicht materiell zu
behandeln. Weil dieses Beschwerdeverfahren darauf abzielt, die angefochtene
Verfügung auf ihre Rechtmässigkeit zu überprüfen, kann das Gericht nur der Frage
nachgehen, ob es rechtmässig gewesen ist, nicht auf jenes Begehren des
Beschwerdeführers einzutreten. Das erfordert allerdings notwendigerweise auch die
Beantwortung der Frage, ob ein früheres Leistungsbegehren überhaupt formell
rechtskräftig abgewiesen worden ist. Der Beschwerdeführer hat sich im April 2013
erstmals zum Leistungsbezug angemeldet. Das in der Folge eröffnete
Verwaltungsverfahren ist zufolge einer Verletzung der Mitwirkungspflicht des
Beschwerdeführers bei der Sachverhaltsabklärung mit einer Nichteintretensverfügung
vom 11. April 2014 „abgeschlossen“ worden (vgl. Art. 43 Abs. 3 ATSG). Nachdem sich
der Beschwerdeführer bereits am 5. Mai 2014 – noch während der laufenden
Rechtsmittelfrist der Verfügung vom 11. April 2014 – erneut zum Leistungsbezug
angemeldet hatte, hat die Beschwerdegegnerin ein zweites Verwaltungsverfahren
eröffnet, wobei sie den Beschwerdeführer zunächst aufgefordert hat, eine relevante
Sachverhaltsveränderung glaubhaft zu machen. Dieses Vorgehen ist in mehrerlei
Hinsicht falsch gewesen, denn bei einer sorgfältigen systematischen und
teleologischen Interpretation hat die Verfügung vom 11. April 2014 das erste
Verwaltungsverfahren gar nicht abschliessen, sondern nur sistieren können (vgl. dazu
TOBIAS BOLT, Folgen einer Mitwirkungspflichtverletzung, in: JaSo 2016, S. 169 ff.).
Eine Fortsetzung des (ersten) Verwaltungsverfahrens hätte folglich zwingend die
Erfüllung oder wenigstens den Nachweis des Willens des Beschwerdeführers zur
Erfüllung der zuvor verletzten Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung
vorausgesetzt. Aber selbst wenn die Verfügung vom 11. April 2014 (der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung folgend) das erste Verwaltungsverfahren definitiv
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abgeschlossen hätte, wäre es falsch gewesen, eine Glaubhaftmachung einer
relevanten Sachverhaltsveränderung zu verlangen, denn bei der Verfügung vom 11.
April 2014 hat es sich nicht um eine Abweisungs-, sondern vielmehr um eine
Nichteintretensverfügung gehandelt. Auf die Neuanmeldung vom 5. Mai 2014 hätte
folglich ohne Weiteres eingetreten werden müssen. Tatsächlich war die Verfügung vom
11. April 2014 aber noch gar nicht in formelle Rechtskraft erwachsen, weshalb es zum
Vorneherein nicht zulässig sein konnte, ein neues Verfahren zu eröffnen. Der Umstand,
dass sich die Beschwerdegegnerin in der Folge materiell mit dem neuen Begehren vom
5. Mai 2014 befasst hat, kann verfahrensrechtlich nur mit einem formlosen Widerruf der
Verfügung vom 11. April 2014 noch während der laufenden Rechtsmittelfrist (vgl. Art.
53 Abs. 3 ATSG) erklärt werden. Das Verwaltungsverfahren ist dann mit einer Mitteilung
vom 1. Juli 2015 (betreffend den Anspruch auf berufliche Massnahmen) und mit einer
Verfügung vom 5. Januar 2016 (betreffend den Rentenanspruch) abgeschlossen
worden. Da der Beschwerdeführer die Verfügung vom 5. Januar 2016 nicht innerhalb
der Rechtsmittelfrist angefochten hat, ist diese formell rechtskräftig geworden.
Betreffend den Anspruch auf berufliche Massnahmen hat der Beschwerdeführer trotz
des entsprechenden Hinweises in der Mitteilung vom 1. Juli 2015 keine anfechtbare
Verfügung verlangt, weshalb auch diese Mitteilung verbindlich geworden ist (obwohl
sie formwidrig gewesen ist, da die Abweisung des Begehrens um berufliche
Massnahmen an sich hätte verfügt werden müssen). Das dritte Leistungsbegehren des
Beschwerdeführers vom März 2016 ist eindeutig eine Neuanmeldung zum
Leistungsbezug gewesen, die sich explizit auf berufliche Massnahmen beschränkt hat.
Der Beschwerdeführer hat also nicht etwa den Erlass einer anfechtbaren Verfügung
anstelle der Mitteilung vom 1. Juli 2015 verlangt, sondern vielmehr die Eröffnung eines
neuen Verwaltungsverfahrens bezweckt. Das bedeutet, dass er den definitiven
Abschluss des früheren Verfahrens betreffend berufliche Massnahmen akzeptiert hat,
weshalb es sich bei seinem Leistungsbegehren vom März 2016 um eine (typische)
Neuanmeldung zum Leistungsbezug nach einer verbindlichen Abweisung eines
früheren Leistungsbegehrens gehandelt hat. Dem verfahrensrechtlich verworrenen
Vorgehen der Beschwerdegegnerin im April/ Mai 2014 und der Formwidrigkeit der
Abweisung des Begehrens um berufliche Massnahmen im Juli 2015 kommt folglich in
diesem Beschwerdeverfahren keine weitere Bedeutung zu. Zu prüfen ist nur, ob die
Beschwerdegegnerin auf die Neuanmeldung hätte eintreten müssen.
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2.
Der Art. 29 ATSG sieht ein jederzeitiges Anmelderecht in Bezug auf
Sozialversicherungsleistungen und damit notwendigerweise auch einen Anspruch auf
ein Eintreten auf jede Anmeldung beziehungsweise auf eine materielle Behandlung
jeder Anmeldung vor. Bei diesem Recht auf eine materielle Behandlung jeder
Anmeldung handelt es sich um einen elementaren Grundsatz des
Sozialversicherungsleistungsrechtes, denn es stellt einen wichtigen Baustein für die
Durchsetzung des Prinzips dar, dass jede versicherte Person jene gesetzlich
vorgesehenen Sozialversicherungsleistungen erhalten soll, die sie benötigt. Da im Art.
29 ATSG nicht zwischen einer erstmaligen Anmeldung und einer sogenannten Neu-
oder Wiederanmeldung (also einer erneuten Anmeldung nach einer formell
rechtskräftigen Abweisung eines früheren Gesuchs) unterschieden wird und da sich
eine solche Unterscheidung auch nicht mit dem Sinn und Zweck des Anmelderechtes
vereinbaren liesse, muss der uneingeschränkte Anspruch auf ein Eintreten auf ein
Leistungsbegehren auch für Neuanmeldungen gelten. Dieser Anspruch wird vom Art.
87 Abs. 3 IVV für bestimmte Leistungen der Invalidenversicherung eingeschränkt,
nämlich für die Rente, für die Hilflosenentschädigung und für den Assistenzbeitrag. Die
ratio legis des Art. 87 Abs. 3 IVV besteht darin, die IV-Stellen vor jenem Aufwand zu
schützen, mit dem diese konfrontiert wären, wenn Versicherte repetitiv Anmeldungen
zum Leistungsbezug einreichen könnten, die von den IV-Stellen jedes Mal wieder
umfassend materiell geprüft werden müssten. Der Art. 87 Abs. 3 IVV dient also allein
der Verfahrensökonomie, bei der es sich anerkanntermassen um kein besonders
schützenswertes öffentliches Interesse handelt. Das ist umso problematischer, als die
Anwendung des Art. 87 Abs. 3 IVV eine Durchbrechung des – elementar wichtigen –
jederzeitigen Anspruchs auf eine materielle Prüfung einer Anmeldung zur Folge hat.
Dennoch kann der Art. 87 Abs. 3 IVV wohl gerade noch als gesetzmässig qualifiziert
werden, denn die Sachverhaltsabklärung bezüglich der in dieser
Verordnungsbestimmung genannten Leistungen – Rente, Hilflosenentschädigung und
Assistenzbeitrag – erweist sich in aller Regel als äusserst aufwendig, weshalb
diesbezüglich ein gewisser „Schutzbedarf“ der Verwaltung vor repetitiven
Neuanmeldungen anerkannt werden kann. Auch wenn sich der Art. 87 Abs. 3 IVV nicht
auf eine explizite gesetzliche Grundlage stützen kann, die eine Einschränkung des im
Art. 29 ATSG verankerten uneingeschränkten Anspruchs auf ein Eintreten auf ein
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Leistungsbegehren erlauben würde, trägt er also doch offenkundig einem wesentlichen
praktischen Interesse Rechnung, ohne dafür die gesetzliche Regelung im Art. 29 ATSG
in einem unverhältnismässig hohen Mass einzuschränken. Er dürfte also gerade noch
vom Vollzugsverordnungsauftrag im Art. 86 Abs. 2 Satz 1 IVG abgedeckt sein. Die
Anwendung des Art. 87 Abs. 3 IVV führt auch nicht zu einer rechtsungleichen
Behandlung der Versicherten, denn die Eintretenshürde stützt sich auf einen sachlichen
Grund, nämlich auf die Vermeidung eines unnötigen Verfahrensaufwandes bei
repetitiven Neuanmeldungen. Über andere Leistungsansprüche als die Rente, die
Hilflosenentschädigung und den Assistenzbeitrag kann dagegen regelmässig mit einem
eher geringen Abklärungsaufwand entschieden werden. Eine Ausweitung des
Anwendungsbereichs des (sich nicht auf eine explizite gesetzliche Grundlage
stützenden und einen elementaren Grundsatz des Sozialversicherungsleistungsrechts
aus blossen verfahrensökonomischen Überlegungen unterlaufenden) Art. 87 Abs. 3 IVV
auf von dessen Wortlaut nicht erfasste Leistungen der Invalidenversicherung ist
dagegen nicht zu rechtfertigen, weil damit die Gefahr einer eigentlichen Untergrabung
des im Art. 29 ATSG verankerten Grundsatzes des uneingeschränkten Anspruchs auf
ein Eintreten auf ein Leistungsbegehren verbunden wäre. Eine Anwendung des Art. 87
Abs. 3 IVV auf von diesem nicht namentlich erwähnte Leistungen könnte nämlich nur in
Betracht kommen, wenn deren Prüfung eine ebenso aufwendige
Sachverhaltsabklärung wie die Prüfung eines Rentenbegehrens, eines Begehrens um
eine Hilflosenentschädigung oder eines Begehrens um einen Assistenzbeitrag erfordern
würde. Das würde jedoch voraussetzen, dass der Verordnungsgeber es versehentlich
versäumt hätte, diese weiteren Leistungen zu erwähnen. Für die Annahme einer
entsprechenden ausfüllungsbedürftigen Verordnungslücke fehlt aber jeder Hinweis.
Selbst als der Verordnungsgeber den Wortlaut im Zuge der Einführung des
Assistenzbeitrages ergänzen musste, hat er ganz offensichtlich bewusst nur den
Assistenzbeitrag als dritte Leistung angeführt, in Bezug auf die eine Neuanmeldung die
sogenannte „Eintretenshürde“ meistern muss. Er hat weder weitere Leistungen
genannt noch den Art. 87 Abs. 3 IVV auf alle Leistungen der Invalidenversicherung
ausgedehnt. Dabei kann es sich augenscheinlich nicht um ein Versehen gehandelt
haben. Deshalb muss die im Art. 87 Abs. 3 IVV enthaltene Aufzählung als vollständig
und damit abschliessend qualifiziert werden. Auf Neuanmeldungen betreffend
berufliche Massnahmen kann der Art. 87 Abs. 3 IVV also offensichtlich nicht
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angewendet werden, denn die Prüfung einer entsprechenden Neuanmeldung erfordert
in aller Regel keinen Sachverhaltsabklärungsaufwand, der mit jenem betreffend eine
Rente, eine Hilflosenentschädigung oder einen Assistenzbeitrag verglichen werden
könnte. Folglich rechtfertigt es sich nicht, die IV-Stellen – in Abweichung vom Wortlaut
des Art. 29 ATSG – vor jenem Aufwand zu schützen, der für die Prüfung eines
(erneuten) Begehrens um berufliche Massnahmen notwendig ist. Mit anderen Worten
muss bei einer Neuanmeldung betreffend berufliche Massnahmen nicht erst glaubhaft
gemacht werden, dass sich der anspruchsbegründende Sachverhalt seit der letzten
Leistungsverweigerung wesentlich verändert hat. Auf jede Neuanmeldung ist
einzutreten, das heisst jede Neuanmeldung ist materiell zu prüfen. Die
Beschwerdegegnerin hätte folglich auf das Begehren vom 23. März 2016 eintreten
müssen, auch wenn keine Veränderung des massgebenden Sachverhaltes nach der
letzten Leistungsverweigerung glaubhaft gemacht war (vgl. zum Ganzen auch den
Entscheid IV 2016/268 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 24. Januar 2018, E.
3.1). Das Versicherungsgericht würde den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens
in unzulässiger Weise ausdehnen, wenn es sich mit der Frage nach dem Anspruch auf
die beantragten beruflichen Massnahmen befassen würde, obwohl nur die
Eintretensfrage streitig sein kann. Deshalb muss sich das Versicherungsgericht damit
begnügen, den Nichteintretensentscheid aufzuheben und durch den
verfahrensleitenden Entscheid zu ersetzen, dass auf die Neuanmeldung einzutreten
und das Leistungsbegehren materiell zu prüfen sei. Die Beschwerdegegnerin wird den
massgebenden Sachverhalt umfassend abklären und dann über einen Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine berufliche Eingliederungsmassnahme verfügen.
3.
Die Gerichtskosten von 600 Franken sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Der nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung.