Decision ID: d483312f-31ab-48eb-8777-de2ce26519c9
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
1970, war bei der Schweizerischen
Unfallversicherungs
anstalt (SUVA
) obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsun
fälle
n
versichert. Gemäss Schadenmeldung der Arbeitslosenversicherung vom
1
0.
Januar 2012 (
Urk.
9/
2
) rannte
die Versicherte
am 1
9.
November 2011
bei der Flucht vor einem sexuell belästigenden Passagier
in
eine
Türe
und
verletzte
sich
dabei
an der Hand und am Hals
.
Der erstbehandelnde Arzt
Dr.
med.
Y._
, Facharzt FMH für Innere Medizin,
diagnostizierte am
1.
Dezember 2011 eine Panikreaktion nach sexuellem Übergriff und Abwehrkampf (
Urk.
9/13).
Mit Verfügung vom 2
4.
Ma
i 2012 (
Urk.
9/55)
verneinte
die SUVA
d
ie Leistungspflicht rückwirkend
, da kein Unfall und keine unfallähnliche Körper
schädigung vorgelegen
hätten,
und forderte im Sinne einer Wiedererwägung wegen zweifelloser Unrichtigkeit bereits ausgerichtete Taggelder in der Höhe von
Fr.
13‘830.30 zurück.
Die dagegen
von der Versicherten am 1
1.
Juni
(
Urk.
9/58)
und am
7.
September 2012
erhobene
n
Einsprache
n (
Urk.
9/
74)
hiess die SUVA
in ihrem Einsprache
entscheid vom
7.
November 2012 (
Urk.
9/77 =
Urk.
2)
in dem Sinne
teilweise gut,
dass
von der Rückforderung der ausger
ichteten Leistungen abgesehen wu
rde.
Im Übrigen wies sie die Einsprache ab.
2.
Die Versicherte erhob gegen den Einspracheentscheid vom
7.
November 2012 (
Urk.
2) am
7.
Dezember 2012 Beschwerde (
Urk.
1) und beantragte, es seien ihr die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen (S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 3
1.
Januar 2013 (
Urk.
8) beantragte die S
UVA
die Abweisung der Beschwerde.
Am
5.
März 2013 (
Urk.
11) reichte die Beschwerdeführerin einen medizinischen Bericht (
Urk.
12) ein. Mit Verfügung vom 1
2.
März 2013 wurde das Gesuch der Beschwerdeführerin um Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels
(
Urk.
1 S. 2)
abgewiesen
,
und sie wurde erneut aufgefordert, ihr Gesuch um Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes
(vgl.
Urk.
1 S. 2)
zu substantiieren und zu belegen
. D
em
kam
sie am 2
9.
April 2013 (
Urk.
15-16) nach.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss
Art.
6 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) werden
soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt - die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (
Abs.
1). Der Bundesrat kann Körperschädigungen, die den Folgen eines Unfalles ähnlich sind, in die Versicherung einbeziehen (
Abs.
2). Ausserdem erbringt die Versi
cherung ihre Leistungen bei Schädigungen, die den Verunfallten bei der Heilbe
handlung zugefügt werden (
Abs.
3).
1.2
Ein Unfall ist gemäss
Art.
4
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (
ATSG
)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädi
gende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschli
chen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychi
schen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (BGE 129 V 402 E. 2.1).
1.3
Gemäss höchstrichterlicher Praxis muss der für die Beurtei
lung er
hebliche Sach
verhalt mit dem im Sozialversicherungs
recht üblichen Beweisgrad der überwie
genden Wahrscheinlich
keit ausgewiesen sein (BGE 119 V 7 E. 3c/aa). Unter meh
reren behaupteten oder in Be
tracht fallenden Sachverhalten stellt das Gericht auf denjenigen ab, der ihm am wahrschein
lichsten erscheint. Im Sozial
versiche
rungsrecht besteht kein Rechtsgrundsatz des Inhalts, dass die Ver
wal
tung oder das Gericht im Zweifelsfall zugunsten der versicherten Person zu ent
scheiden hätte (ARV 1990 Nr. 12).
1.4
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts sind die einzelnen Umstände des Unfallgeschehens vom Leistungsansprecher glaubhaft zu machen. Kommt er dieser Aufforderung nicht nach, indem er unvollständige, ungenaue oder widersprüchliche Angaben macht, die das Bestehen eines unfallmässigen Scha
dens als unglaubwürdig erscheinen lassen, so besteht keine Leistungspflicht des Unfallversicherers. Im Streitfall obliegt es dem Richter zu beurteilen, ob die ein
zelnen Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt sind. Der Untersuchungs
maxime entsprechend hat er von Amtes wegen die notwendigen Beweise zu erheben und kann zu diesem Zwecke auch die Parteien heranziehen. Dabei schliesst der Untersuchungsgrundsatz die Beweislast im Sinne einer Beweisfüh
rungslast begriffsnotwendig aus. Die Parteien tragen somit in der Regel die Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Un
gunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund
einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen. Auch der me
dizinische Befund kann unter Umständen einen Beweis dafür bilden, dass eine Schädigung auf ein Unfallereignis zurückzuführen ist. Der mangelnde Nachweis eines Unfalles lässt sich aber selten durch medizinische Feststellungen ersetzen. Diese dienen aber mitunter als Indizien im Beweise für oder gegen das Vorlie
gen eines Unfalles (RKUV 1990 Nr. UV 86 S. 50 f.).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
begründete
ihren
Einspracheentsche
id (
Urk.
2) damit, dass die Schadenmeldungen, die Angaben des Hausarztes und diejenigen der
behandelnden
Psychiaterin in keiner Weise übereinstimmten und jeweils die verschieden
lautenden Aussagen der Beschwerdeführerin wiedergäben. Hinzu komme, dass die Polizei keine Hinweise für eine Vergewaltigung gefunden habe. Aufgrund der vorliegenden Akten seien das Datum des Vorfalls sowie der genaue Hergang unklar
,
und es könne nicht einmal gesagt werden, ob sich überhaupt ein Vorfall ereignet habe. Bei Durchsi
cht der verschiedenen Schilde
rungen des Sachverhaltes könne keine Version als die überwiegend wahr
scheinlichere angesehen werden. Demzufolge bestehe Beweislosigkeit betreffend das Vorliegen eines Unfallereignisses, was zur Folge habe, dass die Leistungen ex nunc et pro futuro hätten eingestellt werden können
(S. 4 f.
Ziff. 2.
a)
.
Auf
grund der Akten könne man jedoch auch nicht sagen, die ursprüngliche Aner
kennung der Leistungspflicht sei zweifellos unrichtig gewesen, weshalb auf die
Rückforderung verzichtet werde
(S. 5
Ziff. 2.
b). Von weiteren Abklärungen seien keine neuen Erkenntnisse zu erwarten (S. 5
Ziff.
3).
Die polizeilichen Abklärungen hätten ergeben, dass die Beschwerdeführerin nicht Opfer eines Übergriffs geworden sei. Deshalb habe sie den Verzicht auf Strafantrag unterschrieben (
Urk.
8 S. 5
Ziff.
3.4).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte in ihrer Beschwerde (
Urk.
1) geltend,
sie habe keine
widersprüchliche
n
Aussagen
gemacht
. Aufgrund der überzeugenden Ausführungen der behandelnden Psychiaterin sei es im Gegenteil so, dass sie in mehrfachen Besprechungen immer einen kohärenten
Sachverhalt wiederge
ge
ben habe,
d
ies unter Beizug eines qualifizierten Dolmetschers. Im Gegensatz zur polizeilichen Befragung habe sie hierbei nicht unter Schamgefühlen gegen
über der
damals anwesenden
Tochter zu leiden gehabt (S. 4
Ziff.
19). Der statt
ge
funden
e
sexuelle Übergriff habe nach wie vor zur Folge, dass sie unter den unfallkausalen Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung leide und die
Beschwerdegegnerin für die notwendigen Heilbehandlungen und Erwerbsaus
fälle leistungspflichtig sei (S. 4 f.
Ziff.
20).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht von
einer
Beweis
losigkeit hinsichtlich des Unfallereignisses ausgegangen ist.
3.
3.1
Zum Unfallhergang äussern sich folgende in den Akten liegende Berichte:
Im
Polizeirapport vom 2
0.
Dezember 2011
(
Urk.
9/34) der Kantonspolizei
Z._
wurde festgehalten, dass die Beschwerdeführerin auf einen Strafantrag
betref
fend Tätlichkeit im
Sinne von
Art.
126
des Schweizerischen Strafgesetzbuches
(
StGB
)
durch B
erühren an der Schulter verzichtet habe. Zu Ort und Zeit wurde ausgeführt, dass sich das Ereignis am Samstag, den
2
6.
November 2011
,
um etwa 13.30
Uhr
ereignet habe (S. 1 oben).
Der
Hotelgast
habe
d
ie Beschw
er
deführe
rin nach einer Massage
ohne s
exuelle Dienste gefragt
.
Da die Be
schwer
deführe
rin
kein Englisch gesprochen
habe
und sich mit dem Gast nur schlecht
habe verständigen können,
sei
es
vermutlich zu einem Missverständnis ge
kommen. Dabei habe der Gast die Beschwerdeführerin leicht an ihrer Schulter berührt. Die Beschwerdeführerin sei der Meinung gewesen, der Gast hätte sexuelle Absichten gehabt, was dieser aber klar in Abrede gestellt habe. Es sei auch zu keiner sexu
ellen Belästigung gekommen
,
und die Beschwerdeführerin habe aus freiem Willen einen Verzicht auf Strafantrag
unterzeichnet
(S. 3).
Sie
sei in der Anwe
senheit ihrer Tochter
,
welche als Übersetzerin agiert habe
,
durch den Polizisten
A._
befragt worden
. Im Vordergrund habe ein Miss
verständnis in Folge Verständigungsproblemen gestanden (S. 4).
Eine Ver
let
zung wurde nicht dokumentiert.
3.2
Der Polizist
A._
bestätigte i
m Rahmen
eines
Telefonats
vom 2
9.
März 2012 (
Urk.
9/35) mit
der
Aussendienstmitarbeiterin der
Beschwerde
gegnerin
,
dass
der Notruf definitiv am 2
6.
November 2011 eingegangen
und d
as Dossier um 14.08 Uhr eröffnet worden
sei
. Sie seien damals mit drei Personen ausgerückt. Gemäss der Befragung vom Mann und der Beschwerdeführerin habe es sich wirklich nur um eine leichte Berührung der Schulter gehandelt. Der Hotelgast habe sich nach einer Massage erkundig
t
, wobei er keine sexuellen Absichten gehabt habe.
Polizist
A._
führte weiter aus, dass
,
wenn
andere Anzeichen da gewesen
wären,
ein grösseres A
ufgebot ausgerückt und der Mann
verhaftet worden
wäre
. Die Befragung
der Beschwerdeführerin
habe drei Stun
den gedauert. Aufgrund des Sachverhaltes sei eine
ebenfalls
weibliche Person beigezogen worden. Die Tochter und die Polizistin hätten etwa 30 bis 45 Minu
ten alleine mit der
Beschwerdeführerin gesprochen. Ein Hinweis auf ein Verbre
chen oder einen Kampf sei nicht erwähnt worden. Auch seien keine Ve
r
letzun
gen angegeben worden
. Polizist
A._
führte ferner
aus
,
er könne sich die bei der
ärztlichen
Behandlung vom
1.
Dezember 2011 festgestellten Spuren nicht erklären. Die Beschwerdeführerin habe auch kein typisches Verhalten nach einem solchen
angeblichen
Vorfall ge
zeig
t. Sie hätten es ja gesehen, wenn die Beschwerdeführerin Kratzspuren am Hals gehabt hätte. Auch habe ihr Befinden nicht den Anschein gemacht, als wäre wirklich etwas Massives passiert. Die Beschwerdeführerin
habe
leicht verunsichert, zurückhaltend und schüchtern
gewirkt
.
Er glaube auch nicht, dass die Beschwerdeführerin Verletzungen habe verbergen wollen.
3.3
In der
Schadenmeldung
der Arbeitslosenkasse
vom 1
0.
Januar 2012 (
Urk.
9/2)
wurde als Unfalldatum der
1
9.
November 2011,
als Zeit 11.30 Uhr und als Ort der
B._
respektive das Zimmer 260 angegeben
(
Ziff.
4-5)
. Zur Unfall
beschreibung wurde ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin auf der Flucht vor einem sexuell belästigenden Passagier in die Türe gerannt sei
(
Ziff.
6)
.
Die Be
schwerdefü
hrerin habe Verletzungen a
m rechten Handgelenk, am Hals und an der Brustwirbelsäule
erlitten
(
Ziff.
9)
.
3.4
In der Schadenmeldung des Arbeitgebers vom 1
3.
Februar 2012 (
Urk.
9/19) wurde als Unfalldatum der 1
9.
November 2011
, als Unfallort das Hotel
C._
und als Zei
t 15.00 Uhr genannt (
Ziff.
4). Zum Sachverhalt wurde ausgeführt, dass gemäss Informationen der Beschwerdeführerin und der Hauswirtschafts
leiterin die Beschwerdeführerin von einem Gast im Zimmer eingesperrt und un
angenehm angefasst worden sei. Der Gast habe sie nicht mehr los lassen wollen, bis sie z
u schreien angefangen habe (
Ziff.
6). Sie habe einen Schock
,
respektive ps
ychische Probleme erlitten (
Ziff.
9.).
3.5
3.
5
.1
Dr.
Y._
führte in seinem Überweisungsschreiben an
D._
vom
1.
Dezember 2011 (
Urk.
9/67
/2
) aus, er sei der Hausarzt der Familie der Beschwerdeführerin, habe diese jedoch nur selten gesehen. Sie habe ihm heute geschildert, dass sie am letzten Samstag, am 2
6.
November 2011
,
vormittags bei der Arbeit im Hotel von einem Gast zum Sex aufgefordert worden sei. Sie habe sich noch einiger
massen verteidigen können, habe aber diverse Prellungen und eine Kratzspur am Hals, Thorax etc. Der Vorfall sei mit der Polizei in
E._
behandelt worden. Seither habe sie Angst, könne nicht schlafen und zittere, wenn sie ins Hotel komme. Sie sei nun arbeitsunfähig geschrieben, brauche aber sicher eine Thera
pie. Sie spr
eche mühsam deutsch. Ihre älteste
Tochter könnte als Dolmetscherin helfen.
3.5.2
Im
Arztzeugnis vom 2
7.
Januar 2012 (
Urk.
9/13)
führte
Dr.
Y._
aus,
die Erstbehandlung habe am
1.
Dezember 2011 stattgefunden (
Ziff.
1).
Als Diagnose nannte er eine Panikreaktion nach sexuellem Übergriff und Abwehr
kampf (
Ziff.
5).
Die Beschwerdeführerin sei gemäss ihren Angaben während Reinigungsarbeiten im Hotelzimmer von einem Gast sexuell bedrängt und an die Wand gedrückt worden (
Ziff.
2). Es bestehe eine Angst und Unruhe (
Ziff.
3). Sie habe Thoraxsc
hmerzen mit Kratzwunden am Hals
sowie
Hämatomreste und Druckdole
n
z
en
am oberen Thorax und am rechten Oberarm. Die Beschwerde
führerin habe Angst, A
temnot und Panik beim Erzählen (
Ziff.
4).
3.5.3
Anlässlich
eines Telefonats der
Aussendienstmitarbeiterin der
Beschwerdegeg
nerin mit
Dr.
Y._
vom 2
9.
März 2012 (
Urk.
9/36)
führte dieser aus, die Beschwerdeführerin sei erst zwei Wochen nach dem angeblichen Ereignis zu ihm gekommen. Der Befund, wie er ihn gesehen habe, sei im Arztbericht festge
halten. Mehr könne er nicht sagen. Er möge sich noch gut an die Untersuchung erinnern, wo die Beschwerdeführerin ihm erzählt habe, sie habe den Hotelgast am Penis befriedigen müssen. Sie habe jedoch die Möglichkeit gehabt zu flüch
ten. Es sei ein ganz schlimmes Ereignis gewesen
,
und der Hotelgast habe ihr auch die Verletzungen gemäss dem Bericht zugeführt. Angesprochen auf den Umstand, dass auf Grund des Polizeiberichtes ein solches Ereignis nicht statt
gefunden habe, führte
Dr.
Y._
aus, es sei für ihn schwer nachzuvoll
ziehen, woher diese Verletzungen stammten. Er könne sich die Umstände auch nicht erklären und wisse nur, dass die Beschwerdeführerin noch diverse Rech
nungen bei ihm
nicht bezahlt habe
,
auch vor dem angeblichen Ereignis. Es sei auch gut möglich, dass die Beschwerdeführerin versuche, die
se
Rechnungen über die Unfallversicherung abzuwälzen. Er habe jedoch infolge seiner Pensio
nierung die Rechnungen storniert.
3.6
3.
6.1
Dr.
med.
F._
, Spitalfachärztin
der
D._
,
führte im
Arztzeugnis vom
1.
März 2012 (
Urk.
9/22)
aus, die Beschwerdeführerin sei seit dem 2
2.
Dezember 2011 bei ihr in Behandlung (
Ziff.
1). Gemäss
Angaben der
Beschwerdeführerin sei es am 1
9.
November 2011 am Arbeitsplatz, wo sie als Zimmermädchen ge
ar
beitet habe
,
zu einem gewaltsamen sexuellen Übergriff durch einen Hotelgast gekommen (
Ziff.
2).
Dr.
F._
diagnostizierte eine posttraumatische Belas
tungsstörung (ICD-10
F43.1) und führte weiter aus, dass d
ie finanziellen Prob
leme
den Heilungsverlauf ungünstig beeinflussen
könnten
(
Ziff.
7 lit. c).
3.
6.2
Dr.
F._
führte a
nlässlich eines
Telefonats
mit
der Aussendienstmitarbeiterin der Beschwerdegegnerin vom 1
8.
April 2012 (
Urk.
9/42) angesprochen darauf, dass
es
gemäss
Rücksprache mit den Polizeibeamten ergeben habe, dass es keine
Hinweise auf einen sexuellen Übergriff gegeben habe
,
aus, die Beschwerdefüh
rerin habe ihr gegenüber den folgenden Hergang geschildert: Der Mann habe versucht, sie zu vergewaltigen. Er habe ihr die Kleider weggerissen und mit dem Kopf auf
ihre
Brust geschlagen. Sie habe flüchten können. Auf dem Fluchtweg habe sie eingenässt und sei sofort nach Hause gegangen. Später sei sie aufge
fordert worden
,
an den Tatort zurückzukommen und ihre Aussage bei der Poli
zei zu machen. Eine ä
rztliche Untersuchung habe erst ein paar Tage später stattgefunden, da sie kein Geld für Transportmöglichkeiten gehabt habe.
Dr.
F._
führte weiter aus, die Beschwerdeführerin habe unter Anwesenheit einer Dolmetscherin sehr gut bei den Gesprächen mitgemacht. Es gebe keine Anzeichen, dass dieser Vorfall nicht stattgefunden habe. Sie sei auch mit der Beschwerdeführerin am Tatort gewesen, wobei sie sehr ängstlich gewirkt habe.
Die Beschwerdeführerin habe als alleinerziehende Mutter von vier Kindern schon sehr viele Probleme, wobei auch Beziehungen mit Männern hinzukämen.
3.
6.3
In ihrem Bericht vom 2
1.
Juni 2012 (
Urk.
9/67) führte
Dr.
F._
aus,
bei Behandlungsbeginn
sei zunächst das Vollbild einer posttraumatischen Belas
tungsstörung nach einem gewaltsamen sexuellen Übergriff durch einen Hotel
gast Ende November 2011 diagnostiziert worden. Im Rahmen der Therapie habe die Beschwerdeführerin den Tathergang, ihr darauf folgendes Verhalten und die in der Folge aufgetretenen Symptome mehrfach geschildert. Aggravation oder Widersprüche seien zu keinem Zeitpunkt aufgefallen.
Dass sie das Datum des Vorfalls zunächst mit dem 1
9.
November 2011 angegeben habe, im Verlauf aber nur der 2
6.
November 2011 in Frage komme (Information vom Arbeitgeber, Zuweiser und Polizeiprotokoll), sei auf den psychischen Ausnahmezustand der Beschwerdeführerin an diesem Tag zurückzuführen.
Initial habe eine deutliche Verbesserung des klinischen Bildes unter der medika
mentösen und psychotherapeutischen Behandlung erreicht werden können. Ge
genwärtig bestehe eine mittelgradige depressive Episode als Traumafolgestörung mit Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung.
3.
6.4
Dr.
F._
führte in ihrem Bericht vo
m
1.
März 2013 (
Urk.
12) aus, i
m Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie habe die Beschwerdeführerin den genannten Vorfall in Anwesenheit einer
O._i
schen
Dolmetscherin wiederholt ge
schildert. Auch hätten sie gemeinsam in Begleitung den Tatort besucht und mit den dort angestellten Frauen gesprochen. Zu keinem Zeitpunkt und in keiner Schilderung der Beschwerdeführerin seien Widersprüche oder Ungereimtheiten aufgefallen. Aufgrund des traumatischen und stark schambesetzten
Charakters
des Erlebnisses seien unterschiedliche Aspekte desselben Geschehens erst all
mählich berichtet oder erinnert worden. Kurz nach dem Ereignis hätte sich die
Beschwerdeführerin vermutlich in einem psychischen Ausnahmezustand befun
den (Einnässen, fluchtartiges Verlassen des Hotels). Aus der Anamnese seien keine psychiatrischen Erkrankungen oder Behandlungen vor Dezember 2011 bekannt (S. 1 f. unten).
3.
7
Der Aussendienstmitarbeiter der Beschwerdegegnerin führte in seinem am
1
9.
April 2012
erstellten Bericht (
Urk.
9/44) aus, es habe eine Besprechung
mit der Beschwerdeführerin in der Agentur
G._
der Beschwerdegegnerin
i
m Beisein einer Übersetzerin stattgefunden. Die Beschwerdeführerin habe berich
tet
, dass sie noch ganz genau wisse, dass der Überfall im Hotel
C._
in
H._
am 1
9.
November 2011 stattgefunden habe
. Es sei ganz sicher nicht der 2
6.
November 2011 gewesen. Bei der Besprechung mit der Polizei habe sie grosse Angst gehabt. Ihre Tochter habe übersetzt. Auf einen Strafantrag gegen den Täter habe sie verzichte
t
, weil sie Angst gehabt habe. Der Sachverhalt sei so, wie sie ihn am
1.
Dezember 2011
Dr.
Y._
erzählt habe. Sie habe den Hotelgast mit der Hand befriedigen müssen. Sie habe nicht fliehen können, weil die Türe geschlossen gewesen sei. Der
Hotelgast
habe seinen K
opf gegen ihre Brust geschlagen,
sie am Hals gekratzt
und
sie habe
sich
auch noch die Hand verletzt. Zum Arzt sei sie damals nicht sofort gegangen, weil sie kein Geld für das Zugbillett gehabt habe. Darum sei sie erst am
1.
Dezember 2011 zu
Dr.
Y._
nach
I._
gefahren. Dies sei die Wahrheit (S. 1
Mitte
).
Der
Aussendienstmitarbeiter der Beschwerdegegnerin
führte weiter aus,
ein
Tele
fongespr
äch mit dem Polizeiposten
J._
am 1
3.
April 2011
habe ergeben, dass feststehe,
dass die Beschwerdeführerin den Verzicht auf einen Strafantrag am 2
6.
No
vember 2011 unterschrieben habe (S. 1 unten)
.
Der Aussendienstmitarbeiter führte weiter aus, die Beschwerdeführerin habe auch nach mehrmaligem Nachfragen behauptet, der Überfall sei nicht am 2
6.
November 2011 sondern am 1
9.
November 2011 gewesen. Die weitere Über
prüfung habe ergeben, dass die Beschwerdeführerin am 1
9.
November 2011 den ganzen Tag normal und am 2
6.
November 2011 bis 12.09 Uhr
gearbeitet habe
(
S. 2,
vgl.
Urk.
9/43).
4.
4.1
Die Angaben der Beschwerdeführerin zum
Ereignis
hergang gestalten sich
ins
gesamt
sehr
unterschiedlich
.
Gemäss Polizeirapport betreffend das
E
reignis vom 2
6.
November 2011 (vorstehend E. 3.1) war weder von einer Verletzung noch von einem stattgefunden
en
Übergriff die Rede, sondern lediglich von einem Missverständnis und einer leichten Berührung der Schulter der Beschwerdefüh
rerin durch den Täter. Am d
a
maligen Polizeieinsatz waren zwei
Polizist
en
und eine Polizistin
beteiligt und die Befragung
dauerte drei Stunden
.
Sodann habe gemäss Angaben des Polizisten
A._
die
Polizistin während etwa 30 bis 45 Minuten im Beisein der Tochter all
eine mit der Beschwerdeführerin
gesprochen.
Keinem der drei Polizisten fiel eine
Verletzung auf und der im N
ach
hinein diesbezüglich befragte Polizist
A._
(vorstehend E. 3.2) konnte sich die an
läss
lich der Erstbehandlung durch
Dr.
Y._
(vorstehend E. 3.5)
am
1.
Dezember 2011 festgestellten Verletzungen nicht erklären.
Auch die folgenden Schadenmeldungen waren sowohl betreffend Unfallhergang als auch betreffend
das Datum
sehr unterschiedlich. So verletzte sich die Beschwerdeführerin gemäss der Unfallmeldung der Arbeitslosenkasse
vom 1
0.
Januar 2012
(vorstehend E. 3.3) am 1
9.
November 2011
angeblich,
indem sie bei der Flucht vor einer sexuell belästigenden Person in die Türe gerannt sei und sich an der Hand und am Hals verletzt habe. In der Schadenmeldung des Arbeitgebers vom
1
3.
Februar 2012 (vorstehend E. 3.4) wurde ebenfalls das zweifellos unrichtige Datum des 1
9.
November 2011 genannt. Die Beschwerde
führerin sei von einem Gast im Zimmer eingesperrt und unangenehm angefasst worden. Der Gast habe sie nicht mehr loslassen wollen, bis sie zu schreien angefangen habe. Sie habe einen Schock erlitten.
Diese Angaben finden in dem echtzeitlich ergangenen Polizeirapport keine Stütze, wurde doch anlässlich der polizeilichen Befragung am 2
6.
November 2011 eine körperliche Verletzung weder von der Beschwerdeführerin geltend gemacht noch polizeilich festgestellt. Die Beschwerdeführerin machte zudem keinen den nachträglich geschilderten Umständen entsprechend zu erwartenden traumatisierten Eindruck (vgl. vorste
hend E. 3.2).
Auch die Ausführungen des erstbehandelnden Arztes
Dr.
Y._
(vorstehend E. 3.5)
erscheinen un
einheitlic
h und stimmen auch nicht mit dem
in der Folge von der behandelnden Psychiaterin
Dr.
F._
(vorstehend E.
3.6.2)
angegebenen Sachverhalt
überein.
Zudem vermochten weder
Dr.
Y._
noch
Dr.
F._
- und im Übrigen auch die Beschwerdeführe
rin nicht - nachvollziehbar zu erklären, weshalb die von
Dr.
Y._
am
1.
Dezember 2011 festgestellten Verletzungen (
Urk.
9/13
Ziff.
4) nicht bereits anlässlich der Polizeibefragung vom 2
6.
November 2011 festgestellt wurden.
Die von
Dr.
F._
für die unterschiedlichen Geschehensabläufe
angegebene Be
gründung, es handle sich bei allem um Aspekte desselben Geschehens
(vor
ste
hend E. 3.6.4
)
, vermag in Anbetracht d
ies
er
Widersprüche
nicht zu überzeu
gen.
4.2
Praxisgemäss stellen die Gerichte im Bereich des Sozialversicherungsrechts in der Regel auf die „Aussagen der ersten Stunde“ ab, denen in beweismässiger Hinsicht grösseres Gewicht zukommt als späteren Darstellungen, die bewusst
oder unbewusst von nachträglichen Überlegungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein können (BGE 121 V 45 E. 1a, 115 V 133 E. 8c mit Hinweis).
Diesbezüglich
fällt vor allem ins Gewicht
, dass die polizeilichen Abklärungen
vor Ort am 2
6.
November 2011
ergeben haben, dass die Beschwerdeführerin nicht Opfer eines
sexuellen
Übergriffs geworden
ist
. Sodann unterzeichnete die Beschwerdeführerin einen
Verzicht auf einen Strafantrag.
Es bestehen keine Hinweise dafür, dass der Polizeirapport respektive die
Angaben
des Polizisten
A._
unzutreffend wäre
n
.
Der namentlich bekannte Hotelgast wurde im Zuge der polizeilichen Ermi
ttlungen vollständig entlastet.
Die Verletzungen der Beschwerdeführerin wurden sodann erst
fünf Tage
später durch
Dr.
Y._
festgehalten. Dass sie erst zu diesem Zeitpunkt zum Hausarzt habe gehen können, weil sie kein Geld für das Zugbillett gehabt habe, vermag nicht zu überzeugen. Zusammenfassen
d
vermögen die
vorliege
nden medizinischen Berichte und
Schadenmeldungen keinen Nachweis
dafür zu
er
bringe
n
, dass sich der von der Beschwerdeführerin
behauptete Unfall mit über
wiegender Wa
hrscheinlichkeit so zugetragen hat
und sie am 2
6.
November 2011 Opfe
r eines sexuellen Übergriffs geworden ist
.
Die gesundheitlichen Beeinträch
tigungen der Beschwerdeführerin stehen nicht in Zusammenhang mit dem be
haupteten Ereignis.
4.3
Aufgrund des Gesagten ist festzuhalten, dass das vorgebrachte
Unfallereignis nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwie
genden Wahrscheinlichkeit erstellt ist,
weshalb die Beschwerdegegnerin
gegen
über der
Beschwerdeführer
in
keine Leistungen zu erbringen
hat
.
5.
Der angefochtene Einspracheentscheid
vom
7.
November 2012
ist nicht zu be
an
standen und die dagegen erhobene Beschwerde ist abzuweisen.
6.
6.1
Da die Voraussetzungen für die unentgeltliche Rechtsvertretung im vorliegen
den Gerichtsverfahren erfüllt sind
(vgl.
Urk.
6,
Urk.
16)
, ist Rechtsanwalt
Sebas
tian
Lorentz
, Zürich,
als unen
tgeltlicher Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
zu bestellen und bei diesem Ausgang des Verfahrens aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
6.2
Nach
§
34
Abs.
3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der
Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert. Gemäss
§
8 in Verbindung mit
§
7
Abs.
1 der seit
1.
Juli 2011 in Kraft stehenden Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht (GebV SVGer) wird - auch im Rahmen der unentgeltlichen Rechtsvertretung - namentlich für unnötigen Aufwand kein Ersatz gewährt.
6.3
Mit Kostennote vom 1
9.
Februar 2014
(
Urk.
20
) machte der un
entgeltliche Rechts
vertreter der Beschwerdeführerin
einen Aufw
and von insgesamt 7.70 Stunden sowie Auslagen
im Umfang von
Fr.
80.--
für
Rechnungen vom 2
6.
März
und vom
3.
Mai 2013 der
D._
geltend, nebst einer Barauslagenpau
schale von 3
%
,
bei einem Stundenansatz von
Fr.
250.--.
Vorliegend war
der
zusätzlich
nach ergangenem Einspracheentscheid
durch den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eingeholte Bericht der
D._
vom
1.
März 2013
(vgl.
Urk.
12)
nicht entscheidrelevant
,
weshalb die Kosten für die Rech
nungen vom 2
6.
März und vom
3.
Mai 2013
, welche im Übrigen nicht belegt wurden,
im Umfang von
Fr.
80.-- nicht vergütet werden.
E
benso unnötig er
scheinen der geltend gemachte Aufwand
von 0.5 Stunden
für
das Telefonat
und den Brief an das hiesige Geric
ht vom 1
9.
Februar 2014
, da einzig eine Honorar
note einzureichen war.
Bei einer Kürzung des g
eltend gemachten Aufwandes um 0.5 Stunden resultiert ein Aufwand von 7.2 Stunden, weshalb die Entschä
digung des
unentgeltlichen Rechtsvertreters
unter Anwendung des
gerichts
üblichen Stundenansatzes von Fr. 200.-- (zuzüglich Mehr
wertsteuer)
und de
r angegebenen Barauslagenpauschale
von 3
%
auf Fr.
1‘600
.-- (inklusive Bar
auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen
ist
.
Demgemäss ist
Rechtsanwalt Sebastian Lorentz
mit
Fr.
1‘600.--
(inkl. Barausla
gen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskass
e zu entschädigen.
6.4
Die
Beschwerdeführer
in
ist auf
§
16
Abs.
4 GSVGer hinzuweisen, wonach sie
zur Nachzahlung der Auslagen für die Vertretung ver
pflichtet werden kann, sofern sie
dazu in der Lage ist.