Decision ID: e54c87d5-f158-47e8-97d9-72e7a82133e1
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft erhob am 20. Juli 2021 Anklage gegen den
Beschuldigten wegen Raubs und mehrfacher Widerhandlungen gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a BetmG.
2.
Die Präsidentin des Bezirksgerichts Aarau sprach den Beschuldigten mit
Urteil vom 20. September 2021 der Gehilfenschaft zu Raub und der
mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss
Art. 19a BetmG schuldig und verurteilte ihn unter Widerruf des mit
Entscheids der Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau vom
14. September 2020 bedingt ausgesprochenen Freiheitsentzugs von
10 Tagen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 7 Monaten sowie einer
Busse von Fr. 200.00. Sie verwies ihn für 6 Jahre des Landes, entschied
über die beschlagnahmten Gegenstände und verwies die Zivilklage des
Privatklägers B. auf den Zivilweg und diejenige des Privatklägers C. ab.
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 26. November 2021 beantragte der
Beschuldigte einen Freispruch vom Vorwurf der Gehilfenschaft zu Raub,
eine Verurteilung zu einer Busse von Fr. 100.00, einen Verzicht auf den
Widerruf, ein Absehen von der Landesverweisung, die Ausrichtung einer
Entschädigung von Fr. 38'000.00 nebst Zins zu 5 % und die Abweisung der
Zivilklage des Privatklägers B.. Eventualiter sei die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
3.2.
Mit Anschlussberufungserklärung vom 20. Dezember 2021 beantragte die
Staatsanwaltschaft einen Schuldspruch wegen Raubs (in Mittäterschaft),
die Verurteilung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 8 Monaten und
eine Erhöhung der Dauer der Landesverweisung auf 8 Jahre sowie deren
Eintragung im Schengener Informationssystem.
3.3.
Der Beschuldigte ist zur Berufungsverhandlung vom 14. Juni 2022 nicht
erschienen. Die Staatsanwaltschaft hat sodann ihre Anschlussberufung
zurückgezogen. In der Folge wurde die Berufungsverhandlung mit
Befragung von B. als Auskunftsperson in Abwesenheit des Beschuldigten,
jedoch in Anwesenheit der amtlichen Verteidigerin durchgeführt.
- 3 -

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Der Beschuldigte wurde ordnungsgemäss zur Berufungsverhandlung vom
14. Juni 2022 vorgeladen, was zurecht unbestritten geblieben ist. Er ist
jedoch unentschuldigt nicht erschienen. Die amtliche Verteidigerin hat im
Nachgang zur Berufungsverhandlung mit Eingabe vom 17. Juni 2022
mitgeteilt, dass der Beschuldigte sein Handy verloren habe, weshalb er vor
der Berufungsverhandlung weder ihren Anruf noch jenen seines Sozial-
arbeiters habe entgegennehmen können. Zudem sei er versehentlich
davon ausgegangen, dass die Verhandlung am 17. Juni 2022 und nicht am
14. Juni 2022 stattfinden werde. Diese Umstände erklären zwar, weshalb
der Beschuldigte nicht erschienen ist. Sie lassen seine Absenz aber nicht
als entschuldigt erscheinen. Es ist nicht so, dass ihn an der Säumnis kein
Verschulden trifft. Vielmehr wäre von ihm zu erwarten gewesen, sich über
das richtige Datum der Verhandlung zu vergewissern und sich nach dem
Verlust seines Handys rechtzeitig bei seiner amtlichen Verteidigerin oder
zumindest seinem Sozialarbeiter zu melden. Er ist der Berufungs-
verhandlung somit unentschuldigt ferngeblieben und eine Wieder-
herstellung des versäumten Berufungstermins gemäss Art. 94 StPO wäre
nach dem Gesagten ausgeschlossen.
Die Säumnisfolgen im Berufungsverfahren unterscheiden sich von den-
jenigen im erstinstanzlichen Verfahren (Art. 366 ff. StPO). Im Gegensatz
zum erstinstanzlichen Verfahren findet im Berufungsverfahren gestützt auf
Art. 407 Abs. 2 StPO ein Abwesenheitsverfahren gemäss Art. 366 ff. StPO
nur dann statt, wenn die Staatsanwaltschaft oder die Privatklägerschaft
Berufung erhoben haben. In diesem Fall muss die Verhandlung ein erstes
Mal verschoben werden und es kann erst am zweiten Termin ein
Abwesenheitsurteil gefällt werden. Hat hingegen – wie vorliegend – der
Beschuldigte Berufung erhoben und erscheint zur Berufungsverhandlung
die amtliche Verteidigung, nicht aber der Beschuldigte, ist die Berufungs-
verhandlung ohne den säumigen Beschuldigten durchzuführen, ein
Abwesenheitsverfahren gemäss den Art. 366 ff. StPO findet nicht statt
(Art. 407 Abs. 2 StPO e contrario; Urteil des Bundesgerichts 6B_1293/2018
vom 14. März 2019 E. 3.3.2).
Der Beschuldigte hatte anlässlich der Strafuntersuchung und des erst-
instanzlichen Verfahrens ausreichend Gelegenheit, sich zu den ihm
vorgeworfenen Straftaten zu äussern. Gegen das vorinstanzliche Urteil
erhob allein der Beschuldigte Berufung. Die Staatsanwaltschaft hat ihre
Anschlussberufung zurückgezogen. An der Berufungsverhandlung vom
14. Juni 2022 war der Beschuldigte säumig, während seine amtliche
Verteidigerin daran teilgenommen und plädiert hat. Bei dieser Sachlage
- 4 -
steht die Ausfällung eines Urteils im Einklang mit Art. 407 StPO (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 6B_1293/2018 vom 14. März 2019 E. 3.3.3).
1.2.
Die Berufung richtet sich gegen den Schuldspruch wegen Gehilfenschaft
zu Raub, die Strafzumessung samt Widerruf und die Landesverweisung.
Soweit der Beschuldigte die Abweisung der Zivilklage des Privatklägers B.
statt des erfolgten Verweises auf den Zivilweg beantragt, ist mangels
Beschwer insoweit nicht auf die Berufung einzutreten. Im Übrigen ist das
Urteil der Vorinstanz unangefochten geblieben. Eine Überprüfung dieser
unbestrittenen Punkte findet somit grundsätzlich nicht statt (Art. 404 Abs. 1
StPO).
2.
2.1.
Der Beschuldigte beantragt eine Rückweisung wegen unzulässiger
Verfahrenstrennung vom Strafverfahren gegen den Mitbeschuldigten D..
2.2.
Die Vorinstanz hat das Strafverfahren gegen den Beschuldigten und den
Mitbeschuldigten D. gemeinsam verhandelt und beurteilt. Der Beschuldigte
führt denn auch weder aus noch ist es ersichtlich, an welcher
Beweisaufnahme er nicht habe teilnehmen können oder welche Vorbringen
er in das erstinstanzliche Verfahren bei dessen Neudurchführung würde
einführen wollen und inwiefern diese erheblich sein können. Es wird nicht
geltend gemacht, dass keine Ergänzungsfragen zugelassen worden
wären, noch wäre dies aus dem Protokoll der erstinstanzlichen
Hauptverhandlung ersichtlich. Die amtliche Verteidigerin führt selber aus,
dass die Gerichtspräsidentin ihr Eingaben des Privatklägers B. sowie der
amtlichen Verteidigerin des Mitbeschuldigten D. aus den «Originalakten»
bzw. Verfahrensakten – gemäss Vorinstanz hat es sich um sämtliche
eingegangenen Unterlagen gehandelt (vorinstanzliches Urteil E.1.4) – zum
Studium vorgelegt habe. Was die amtliche Verteidigerin unter diesen
Umständen aus einer nicht zusätzlich erfolgten Abgabe einer Kopie
ableiten will, erschliesst sich nicht. Die amtliche Verteidigerin macht auch
nicht geltend, dass sie bereits anlässlich der Hauptverhandlung einen
Antrag auf Unterbrechung oder allenfalls sogar Verschiebung der
Verhandlung für eine Besprechung mit dem Beschuldigten gestellt hätte.
Demgegenüber hat die amtliche Verteidigerin des Mitbeschuldigten D. der
Gerichtspräsidentin mitgeteilt, dass sie etwas Zeit zur Durchsicht der MIKA-
Akten benötige, wofür ihr im Rahmen einer Pause denn auch Zeit gegeben
wurde (vgl. Protokoll der Hauptverhandlung, S. 20, vorinstanzliche Akten
[VA] act. 75). Es ist nach dem Grundsatz von Treu und Glauben und dem
Verbot des Rechtsmissbrauchs (Art. 5 Abs. 3 BV) nicht zulässig, formelle
Rügen, die in einem früheren Prozessstadium hätten geltend gemacht
werden können, bei ungünstigem Ausgang später noch vorzubringen. Die
- 5 -
Parteien haben (echte oder vermeintliche) formelle Mängel so früh wie
möglich, d.h. bei erster Gelegenheit, geltend zu machen, und können diese
Rügen nicht für das Rechtsmittelverfahren, im Falle eines für sie
ungünstigen Ausgangs des Verfahrens, «aufsparen» (Urteil des
Bundesgerichts 6B_23/2021 vom 20. Juli 2021 E. 2.3).
Nach dem Gesagten lag vor Vorinstanz keine Verfahrenstrennung vor.
Soweit die amtliche Verteidigerin bemängelt, dass die Vorinstanz
«getrennte» Urteile gefällt oder die beiden Verfahren mit je einer separaten
Verfahrensnummer geführt hat, verkennt sie, dass Art. 29 StPO «nur» die
gemeinsame Beurteilung erfordert und nicht die Ausfertigung eines
einzigen Urteils mit einem einzigen Dispositiv oder die formelle Führung
unter einer Verfahrensnummer. Im Gegenteil ist die Verwendung separater
Verfahrensnummern vielmehr zur Vermeidung von Unklarheiten angezeigt
und die Fällung separater Urteile aus prozessualen Gründen zwingend. Der
Antrag auf Rückweisung ist abzuweisen.
3.
3.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten der Gehilfenschaft zu Raub schuldig
gesprochen. Sie ging im Wesentlichen davon aus, dass der
Mitbeschuldigte D. B. den Rucksack unter Gewaltanwendung
abgenommen und dem Beschuldigten übergeben habe, worauf Letzterer
geflüchtet sei und nach ca. einer Minute den Rucksack wieder an den
Mitbeschuldigten D. übergeben habe. Mangels nachgewiesener
Beteiligung an der Wegnahme des Rucksacks und des Tragens des
Rucksacks nur für sehr kurze Zeit während der Flucht sei der Tatbeitrag
des Beschuldigten nicht wesentlich gewesen bzw. wäre die Tat ohne
Beitrag des Beschuldigten nicht gescheitert.
Der Beschuldigte beantragt einen Freispruch und macht im Wesentlichen
geltend, dass er ohne Vorsatz gehandelt habe. Da er den Rucksack ohne
Vorankündigung zugeworfen erhalten habe und B. schreiend am Boden
gelegen sei, sei er in Panik geraten. Aus Angst vor der Polizei sei er in einer
Kurzschlussreaktion davongerannt und habe den Rucksack nach wenigen
Metern wieder dem Mitbeschuldigten D. übergeben.
Die Staatsanwaltschaft beantragt die Abweisung der Berufung und macht
im Wesentlichen geltend, dass der Beschuldigte gestützt auf die Aussagen
von B., die sich teilweise durch die Aussagen des Mitbeschuldigten D.
bestätigen liessen, bereits beim Entreissen mitgewirkt habe. Es wäre an
sich sogar von Mittäterschaft auszugehen, zumindest sei der Schuldspruch
wegen Gehilfenschaft zu Raub zu bestätigen.
- 6 -
3.2.
Wer mit Gewalt gegen eine Person oder unter Androhung gegenwärtiger
Gefahr für Leib oder Leben oder nachdem er den Betroffenen zum
Widerstand unfähig gemacht hat, einen Diebstahl begeht, macht sich des
Raubs schuldig (Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB; BGE 133 IV 207; Urteil des
Bundesgerichts 6B_1404/2020 vom 17. Januar 2022 E. 1.2 sowie E. 1.5).
Nach der Rechtsprechung ist Mittäter, wer bei der Entschliessung, Planung
oder Ausführung eines Deliktes vorsätzlich und in massgeblicher Weise mit
anderen Tätern zusammenwirkt, sodass er als Hauptbeteiligter dasteht.
Mittäterschaft kann durch tatsächliches Mitwirken bei der Ausführung
begründet werden. Sie ist auch an spontanen, nicht geplanten Aktionen
oder unkoordinierten Straftaten möglich. Das blosse Wollen der Tat, der
subjektive Wille allein genügt zur Begründung von Mittäterschaft jedoch
nicht. Daraus folgt aber nicht, dass Mittäter nur ist, wer an der eigentlichen
Tatausführung beteiligt ist oder sie zu beeinflussen vermag. Tatbestands-
mässige Ausführungshandlungen sind keine notwendige Voraussetzung
für die Annahme von Mittäterschaft. Mittäterschaft setzt unter anderem
einen gemeinsamen Tatentschluss voraus, wobei dieser nicht ausdrücklich
bekundet werden muss; es genügt, wenn er konkludent zum Ausdruck
kommt. Dabei ist nicht erforderlich, dass der Mittäter bei der
Entschlussfassung mitwirkt, sondern es reicht aus, dass er sich später den
Vorsatz seiner Mittäter zu eigen macht. Die Inkaufnahme durch Billigen
oder Einverständnis im Sinne des Eventualvorsatzes erfasst auch den
unerwünschten, aber um des Handlungsziels willen hingenommenen
Erfolg. In Mittäterschaft begangene Tatbeiträge werden jedem Mittäter
zugerechnet (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_797/2020 vom
31. Januar 2022 E. 4.3.6 mit Hinweisen; BGE 143 IV 361 E. 4.10).
Als Gehilfe ist nach Art. 25 StGB strafbar, wer zu einem Verbrechen oder
Vergehen vorsätzlich Hilfe leistet. Als Hilfeleistung gilt jeder kausale
Beitrag, der die Tat fördert, so dass sich diese ohne Mitwirkung des
Gehilfen anders abgespielt hätte. Der Gehilfe fördert eine Tat, wenn er sie
durch einen untergeordneten Tatbeitrag unterstützt bzw. wenn er die
Ausführung der Haupttat durch irgendwelche Vorkehren oder durch
psychische Hilfe erleichtert. Die Hilfeleistung muss tatsächlich zur Tat
beitragen und die Erfolgschancen der tatbestandserfüllenden Handlung
erhöhen. Nicht erforderlich ist, dass es ohne die Beihilfe nicht zur Tat
gekommen wäre (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_1303/2018
vom 9. September 2019 E. 2.3.2 mit Hinweisen; BGE 129 IV 124 E. 3.2).
3.3.
3.3.1.
In tatsächlicher Hinsicht ist erstellt und unbestritten geblieben, dass der
Mitbeschuldigte D. B. am 23. Januar 2021 um ca. 20:00 Uhr beim Park
nahe der Turnhalle Pestalozzi in Aarau zumindest alleine den Rucksack
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entwendet, diesen dem Beschuldigten übergeben hat, B. zumindest
irgendwie gestürzt ist, der Beschuldigte mit dem Rucksack weggerannt ist
und nach rund einer Minute den Rucksack wieder dem Mitbeschuldigten D.
gegeben hat. B. hat nach dem Aufstehen noch die Verfolgung
aufgenommen, bis er sie im Dunkeln aus den Augen verloren hat.
Der Mitbeschuldigte D. wurde gestützt auf diesen Sachverhalt mit Urteil der
Präsidentin des Bezirksgerichts Aarau vom 20. September 2021 neben
anderen Delikten rechtskräftig wegen Raubs verurteilt.
Strittig ist im vorliegenden Berufungsverfahren die Rolle des Beschuldigten
(vor dem Wegrennen) und die rechtliche Würdigung seines Verhaltens.
3.3.2.
Der Beschuldigte ist hinsichtlich des Raubs als Mittäter, mindestens jedoch
als Gehilfe zu qualifizieren:
Abzustellen ist auf die im Kern schlüssigen und nachvollziehbaren
Aussagen von B. zum Raub. Seine Mutter, E., hat die Polizei kurze Zeit
nach dem Vorfall am 23. Januar 2021 um 21:02 Uhr benachrichtigt, dass
drei Farbige bzw. Dunkelhäutige um 20:00 Uhr ihren Sohn von hinten zu
Boden gedrückt hätten, was zu einer Schürfwunde an der Hand geführt
habe, und den Rucksack u.a. mit einer Bankkarte von C. entwendet hätten
(UA BO 2 act. 374). B. hat bereits in der kurz vor 24:00 Uhr des Tattags
erfolgten polizeilichen Einvernahme vom 24. Januar 2021 (UA BO 2
act. 478 ff.; der Rapport trägt das Datum des tatfolgenden Tages) – was
den eigentlichen Raub betrifft – detailliert ausgesagt. In den wesentlichen
Punkten hat er an der delegierten Einvernahme vom 22. April 2021 seine
Aussagen bestätigt (UA BO 2 act. 491 ff.). Weniger detailliert hat er
anlässlich der vorinstanzlichen Verhandlung vom 20. September 2021
ausgesagt (VA act. 58 ff.). Im Wesentlichen lassen sich seine Aussagen im
Kern so zusammenfassen, dass ihm ein Bein gestellt worden sei, er nach
vorne gefallen sei und er sich vor der Wegnahme des Rucksacks noch zu
wehren versucht habe, was nicht gelungen sei, und er einen Schlag gegen
den (Hinter-)Kopf erhalten habe. Beim Gerangel um den Rucksack sei er
an beiden Schultern gepackt worden und einer habe ihn noch am Bein,
wohl am linken, gehalten. Er sei aufgestanden, habe drei dunkelhäutige
Personen davonrennen sehen und sei diesen, bis er sie im Dunkeln aus
den Augen verloren habe, nachgerannt. Wie viele Personen genau bei der
Wegnahme beteiligt gewesen seien, wisse er nicht.
Dass sich B. gemäss eigener Aussage anlässlich der delegierten
Einvernahme u.a. infolge einer zwischenzeitlich begonnenen
psychologischen Behandlung nicht mehr an alle Details erinnern könne,
dass es ein Durcheinander sei oder dass es wie «Filmrisse» seien,
schmälert die Überzeugungskraft seiner wesentlichen Aussagen zum Raub
- 8 -
nicht. Einerseits ist davon auszugehen, dass es sich dabei grundsätzlich
um das Aussageverhalten einer Person handelt, die darauf bedacht ist,
keine falschen Angaben zu machen. So hat er denn auch bei ein paar
Punkten, die aber nicht den vorliegend wesentlichen Kern betreffen, explizit
gesagt, dass er es nicht (mehr) wisse. Eine Aggravation ist nicht erkennbar.
Er hat auch nicht unnötig belastet (beispielsweise Verwendung einer Waffe
verneint, UA BO 2 act. 484; «nur» einen Schlag, UA BO 2 act. 494, 497).
Andererseits liegt dieses Vorbringen einer «Rechtfertigung» von
Erinnerungslücken darin begründet, dass sich B. nicht selber belasten
wollte. So hat er verschiedentlich versucht, den Grund bzw. die
«Vorgeschichte», wie es zu diesem Raub bei der Turnhalle Pestalozzi
gekommen ist, auszulassen bzw. diesbezüglich eben Erinnerungslücken
geltend zu machen. Dies betrifft insbesondere seine Aussagen dazu, was
er überhaupt in Aarau vorgehabt habe, wie er zu diesem Park bei der
Turnhalle Pestalozzi gekommen sei, ob er vorher schon am Bahnhof
gewesen sei und ob er den Beschuldigten sowie den Mitbeschuldigten D.
nicht schon zuvor gesehen habe. Denn er wollte nichts über einen allfällig
zuvor beabsichtigten Verkauf von «Gras» (gemeint: Marihuana) durch ihn
an den Mitbeschuldigten D. erzählen, wofür B. in einem separaten
Strafverfahren nach eigenen Angaben zumindest wegen Konsums von
Betäubungsmitteln verurteilt worden sei (Protokoll der
Berufungsverhandlung [Protokoll], S: 8 f.). Gesamthaft scheint in dieser
Hinsicht somit einiges für den geäusserten Verdacht des einvernehmenden
Polizisten F. anlässlich der delegierten Einvernahme zu sprechen, dass B.
selber das Ereignis nicht gemeldet hätte bzw. er in der polizeilichen
Einvernahme ein «Allerwelts»-Signalement der Täterschaft gegeben habe
in der Hoffnung, dass die Täterschaft wegen einer möglichen Belastung
hinsichtlich eines allfälligen Betäubungsmittelhandels nicht ermittelt
werden würde (vgl. UA BO 2 act. 505). Es ist umso mehr von glaubhaften
Aussagen von B. auszugehen, als er neben dem eigenen Konsum von
«Gras» auf Nachfrage hin bestätigt hat, dass noch «Gras» im Rucksack
gewesen sei (UA BO 2 act. 487, ebenso 502) und er sich trotz Nachfrage
nach allfälligem CBD-Gras durch seine Bestätigung, dass es sich
ausschliesslich um «Gras» (mithin um Marihuana mit einem THC-Gehalt
von über 1 %) im Umfang von 20 g gehandelt habe, auch noch – mangels
Auffindens des mit dem Rucksack entwendeten «Grases», das der
Mitbeschuldigte D. geraucht habe (vgl. UA BO 2 act. 424), an sich insoweit
unnötig – selber belastet hat (UA BO 2 act. 502). Die von B. erlittenen
Verletzungen – Schürfwunden an der linken sowie rechten Hand und eine
Rötung am linken Knie (vgl. Bilder in UA BO 2 act. 385 f.; vgl. auch seine
Aussage in: UA BO 2 act. 488) – lassen sich denn auch mit einem Sturz
nach vorne in Übereinstimmung bringen. Auch dass er überall nass
gewesen sei (UA BO 2 act. 488), passt zu einem Liegen am Boden, da
damals der Boden mit Schnee bedeckt gewesen ist (vgl. Bilder aus der
Tatortbesichtigung: UA BO 2 act. 376, 388 ff., 435). Auch die Aussagen
zum Inhalt des Rucksacks (UA BO 2 act. 485, 487) liessen sich bestätigen
- 9 -
(vgl. exemplarisch die sichergestellten Gegenstände, UA BO 2 act. 378 f.:
Rucksack der Marke Ellesse, Portemonnaie von C. mit einem Mittelfinger-
Logo, Zigarettenstopfer). Mithin sind die Aussagen von B., was den Raub
im Kern betrifft, stimmig und lassen sich mit dem Spurenbild sowie den
Sicherstellungen in Übereinstimmung bringen.
B. wurde anlässlich der Berufungsverhandlung erneut einvernommen, was
dem Obergericht ermöglicht hat, einen persönlichen Eindruck von dessen
Aussageverhalten zu gewinnen. Er hat seine Aussagen zum Raub im Kern
authentisch bestätigt (Protokoll, S. 5).
Dass zwei Personen bei der Wegnahme beteiligt waren, wird denn auch
vom Mitbeschuldigten D., auf den die Polizei aufgrund einer auf der Jacke
von B. gesicherten DNA-Spur gekommen ist (UA BO 2 act. 376, 409 f.,
415 f.) und der (wohl daher) von Anfang an im Grundsatz geständig war,
bestätigt. Im Untersuchungsverfahren hat er immer wieder davon
gesprochen, dass er zusammen mit dem Beschuldigten den Rucksack
weggenommen habe, beide tätig gewesen seien und der Beschuldigte bei
der Wegnahme geholfen habe (vgl. UA BO 2 act. 429, wonach der
Beschuldigte nicht einfach dort stehen und zuschauen konnte). Mithin habe
zuerst der Mitbeschuldigte D. versucht, den Rucksack alleine
wegzunehmen, danach habe ihm der Beschuldigte geholfen, sprich noch
den anderen (bzw. zweiten) Arm aus dem verbleibenden Rucksackträger
genommen (UA BO 2 act. 443 ff.). Ein Motiv für eine falsche Anschuldigung
durch den Mitbeschuldigten D. ist nicht ersichtlich (vgl. Mitbeschuldigter D.,
UA BO 2 act. 446: Keine Probleme; Beschuldigter, UA BO 2 act. 471: Kein
Grund für Falschaussage).
3.3.3.
Auf die Aussagen des Beschuldigten und die übrigen, abweichenden
Aussagen des Mitbeschuldigten D., insbesondere die vor Vorinstanz neu
gemachten, kann nicht abgestellt werden. Die Aussagen erweisen sich
aufgrund der nachfolgenden Gründe als nicht glaubhaft und vermögen die
glaubhaften Aussagen von B. zum Kerngehalt des Raubs nicht in Zweifel
zu ziehen.
Nachdem der Beschuldigte bei der delegierten Einvernahme vom 15. März
2021 noch die Aussage verweigert hatte (UA BO 2 act. 450 ff.), hat er in
der delegierten Einvernahme vom 7. Mai 2021 (UA BO 2 act. 464 ff.) –
mithin nachdem er sowohl bei Einvernahmen des Mitbeschuldigten D. als
auch von B. teilgenommen hatte – im Wesentlichen ausgesagt, dass der
Mitbeschuldigte D. alleine B. den Rucksack, um den beide gekämpft hätten
(vgl. UA BO 2 act. 470 f.), weggenommen habe, und Letzterer dabei
gestürzt sei. Beim Wegrennen habe er den Rucksack wieder dem
Mitbeschuldigten D. gegeben. Vor Vorinstanz hingegen sei neben B. beim
Entreissen auch noch der Rucksack zu Boden gefallen und der
- 10 -
Mitbeschuldigte D. habe auf der Flucht den Rucksack von ihm, dem
Beschuldigten, neu zurückgenommen. Die Aussagen sind teils nicht
konstant, insbesondere widersprechen sie aber hinsichtlich der Beteiligung
einer zweiten Person den vorstehenden, konstanten und überein-
stimmenden Aussagen. Es ist denn auch kaum zu erwarten, dass im
Rahmen eines im Grundsatz von allen bestätigten «Kampfes» oder
Gerangels B. – über die Schürfwunden und die Rötung am Knie durch
einen Sturz hinaus – keine sichtbaren Verletzungen erlitten hätte, zumal
sich B. gewehrt hatte. Vielmehr passt zum vorliegenden Verletzungsbild,
dass B. nach einem Sturz auf den Boden festgehalten worden ist und der
Rucksack ihm – durch ein Festhalten an den Schultern – abgenommen
wurde. Dies würde auch erklären, dass B. nicht näher hat angeben können,
wie die Wegnahme durch das Festhalten erfolgt ist. Die Aussagen des
Beschuldigten zum Sturz von B. erscheinen auch sehr vage und detailarm.
Da der Beschuldigte gemäss eigener Aussage mit B. im Gespräch
gewesen sei und dann der Mitbeschuldigte D. den Rucksack in einem
Gerangel erlangt hätte, wäre zumindest zu erwarten, dass er einen nach
dem Gerangel erfolgten Sturz näher hätte umschreiben können. Hätte der
Mitbeschuldigte D. den Rucksack tatsächlich alleine gewaltsam
weggenommen, wäre kaum zu erwarten, dass er den Rucksack einem
komplett unbeteiligten Beschuldigten übergeben hätte. Würde er doch
dadurch die Beutesicherung unnötig gefährden. Hätte der Beschuldigte
ohne eine Beteiligung seinerseits vom Mitbeschuldigten D. den gewaltsam
weggenommenen Rucksack erhalten und hätte er aus Angst vor der Polizei
wegrennen wollen, wäre vielmehr zu erwarten, dass er unter diesen
Umständen den Rucksack nicht auch noch behält, sondern den Rucksack
auf den Boden legen oder entweder dem Mitbeschuldigten D. oder B.
zurückgeben würde. Ein Zu-Boden-Fallen des Rucksacks beim
Wegnehmen wurde überdies von niemandem sonst ausgesagt.
Nachdem sowohl gemäss dem Beschuldigten als auch dem
Mitbeschuldigten D. in zeitlicher Hinsicht im Zusammenhang mit dem
beabsichtigten Kauf von «Gras» und der Wegnahme des Rucksacks
durchwegs nur sie beide involviert gewesen seien und sich auch gemäss
B. für den Zeitpunkt der Wegnahme des Rucksacks nichts Gegenteiliges
ergibt, erübrigen sich weitere Ausführungen zu einer dritten Person, die B.
beim Weglaufen gesehen habe.
- 11 -
Auch die Aussagen des Mitbeschuldigten D. hinsichtlich des konkreten
Ablaufs des Raubs sind im Übrigen widersprüchlich, teilweise nicht
nachvollziehbar oder widersprechen eindeutig dem Spurenbild. So habe er
sich zwar angeblich «verarscht» gefühlt, da ihm B. «falsche» Ware bzw.
nicht «richtiges» Gras habe verkaufen wollen, hat dann aber genau diese
«falsche» Ware durch die Wegnahme des Rucksacks an sich genommen
und später diese nicht «richtige» Ware geraucht (vgl. UA BO 2 act. 426).
Zur Unterscheidung von «Gras» zu CBD-Gras benötigt im Übrigen sogar
die Polizei spezielle Tests (vgl. F. in UA BO 2 act. 430). Komplett dem
Spurenbild widersprechend soll B. mit dem Gesäss nach hinten auf den
Boden gefallen sein, als der Mitbeschuldigte D. den Rucksack von hinten
weggerissen habe (UA BO 2 act. 427). Dem widersprechend hat der
Mitbeschuldigte D. teilweise ausgeführt, dass es ein Gerangel oder einen
Kampf um den Rucksack gegeben habe bzw. B. sich gewehrt habe und
den Rucksack nicht einfach ihm habe überlassen wollen. Wie es möglich
sein soll, in einem Kampf oder Gerangel B. angeblich auch noch nicht
einmal anzufassen (vgl. UA BO 2 act. 427), ist unerfindlich, zumal sich ja
auch DNA-Spuren des Mitbeschuldigten D. auf der Jacke von B. haben
finden lassen (siehe vorstehend). Auch die vor Vorinstanz (VA act. 69 ff.)
vom Mitbeschuldigten D. dahingehend geänderte Aussage, dass neu
einzig er den Rucksack weggenommen habe und neu B. wohl wegen des
Schnees gestürzt sein soll, wie er selber überdies anlässlich der Übergabe
des Rucksacks an den Beschuldigten auch noch, widerspricht seinen
bisher insofern konstanten Aussagen und stellt eine Abschwächung
hinsichtlich der Tatbeteiligung des Beschuldigten dar, für welche keine
nachvollziehbaren Gründe ersichtlich sind. Ein Sturz aufgrund des Schnees
erscheint kaum glaubhaft, wäre doch ohne weiteres zu erwarten gewesen,
dass dies – erst recht wenn es sogar zwei Personen betroffen hätte – von
einer Person bereits in einer der tatnächsten Einvernahmen erwähnt
worden wäre.
3.3.4.
Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass B. aufgrund eines
Beinstellens durch den Mitbeschuldigten D. gestürzt ist, wodurch er sich
Schürfwunden an den Händen sowie die Rötung am linken Knie zugezogen
hat. Aufgrund der Gegenwehr von B. hat nun auch der Beschuldigte in
diesen «Kampf» um den Rucksack eingegriffen. B. wurde an beiden
Schultern sowie an einem Bein festgehalten, so dass der Beschuldigte
auch den zweiten Arm aus dem verbleibenden Rucksackträger hat nehmen
können. Bei diesem Gerangel hat B. einen Schlag gegen den (Hinter-)Kopf
erhalten. Der Mitbeschuldigte D. hat den Rucksack dem Beschuldigten
übergeben, worauf Letzterer weggerannt ist und nach rund einer Minute
den Rucksack wieder dem Mitbeschuldigten D. übergeben hat.
- 12 -
3.4.
Durch das Entwenden des Rucksacks von B. wurde der Gewahrsam
gebrochen und in der Folge neuer Gewahrsam begründet. Dies ist zur
Aneignung erfolgt, ist doch der Beschuldigte mit dem Rucksack
weggerannt und hat er sowie der Mitbeschuldigte D. wie ein Eigentümer
über die Sache verfügt. Durch den «Kampf» oder das Gerangel um den
Rucksack, nachdem B. durch ein Beinstellen gestürzt war, und das
Festhalten an Schultern sowie einem Bein setzten sich der Beschuldigte
sowie der Mitbeschuldigte D. über den körperlichen Widerstand von B.
bewusst hinweg und wollten einen Diebstahl mit Gewalt erzwingen. Der
Beschuldigte sowie der Mitbeschuldigte D. haben angesichts ihres
gewalttätigen Vorgehens mit Flucht zweifellos mit Wissen und Willen
gehandelt. Mag es zwar auch primär um eine Behändigung von «Gras»
bzw. Marihuana von 20 g gegangen sein (vgl. hierzu Ausführungen der
Vorinstanz zur Bereicherungsabsicht, vorinstanzliches Urteil E. 3.2 S. 18),
so ist präzisierend anzumerken, dass es sich bei Drogen in der Regel doch
um nicht verkehrsfähige Sachen handelt, die einem Diebstahl nicht
zugänglich sind (BGE 122 IV 179 E. 3). Davon ist auch vorliegend
auszugehen, handelt es sich bei den 20 g Cannabis weder um eine
geringfügige Menge, noch hat B. – jedenfalls gemäss Aussagen des
Beschuldigten sowie Mitbeschuldigten D. – das Cannabis bloss für den
Eigenkonsum besessen (vgl. Art. 19b BetmG). Mithin war der Diebstahl
und damit die Bereicherung auf den Rucksack samt den übrigen
enthaltenen Gegenständen gerichtet gewesen, auf die kein Anspruch
bestanden hat.
Nach dem Gesagten wäre entgegen der Vorinstanz von Mittäterschaft
auszugehen. Mit dem Mitwirken beim «Kampf» bzw. Gerangel um den
Rucksack, um diesen B. abzunehmen, und dem Wegrennen mit dem
Rucksack, um diesen vor dem die Verfolgung aufgenommen habenden B.
in Sicherheit zu bringen, hat der Beschuldigte vorsätzlich und in
massgebender Weise zur Begehung eines Raubs mit dem
Mitbeschuldigten D. zusammengewirkt, zumal Mittäterschaft nach der
Rechtsprechung auch an einem spontanen, nicht von langer Hand
geplanten oder unkoordinierten Raub möglich ist (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_1303/2018 vom 9. September 2019 E. 2.3.2). Aufgrund
des Verschlechterungsverbots (vgl. BGE 139 IV 282 E. 2.5) bleibt es zwar
bei einem Schuldspruch wegen Gehilfenschaft zu Raub. Dem Obergericht
ist es hingegen nicht untersagt, sich in seinen Erwägungen zur rechtlichen
Qualifikation zu äussern, wenn die Vorinstanz von einem anderen
Sachverhalt oder falschen rechtlichen Überlegungen ausgegangen ist.
Es wäre überdies mit der Staatsanwaltschaft auch bei dem von der
Vorinstanz gestützt auf die Aussagen des Beschuldigten festgestellten
Sachverhalts, dass er «einzig» nach der Übergabe des vom Mitschuldigten
D. gewaltsam weggenommenen Rucksacks weggerannt wäre und so den
- 13 -
Rucksack vor dem die Verfolgung aufgenommen habenden B. in Sicherheit
gebracht hätte, von Mittäterschaft auszugehen. Auch unter diesen
Umständen wäre das Wegrennen vor dem die Verfolgung aufgenommen
habenden B. zweifellos ein wesentlicher Tatbeitrag. Erst dadurch hätte der
weggenommene Rucksack in der Folge gesichert und die Bereicherung
erlangt werden können (vgl. zur Beendigung: Urteil des Bundesgerichts
6B_497/2014 vom 6. März 2015 E. 5.3.1). Ohne die Flucht durch den
Beschuldigten mit dem Rucksack hätte B. seinen Rucksack
zurückzuerlangen versuchen können und wäre die Beendigung des Raubs
in Frage gestanden. Durch die Sicherung des Rucksacks, der zuvor vor
den Augen des Beschuldigten durch den Mitbeschuldigten D. gewaltsam
von B. weggenommen worden wäre, hätte sich der Beschuldigte auch den
Vorsatz seines Mitbeschuldigten D. zu eigen gemacht. Entgegen der
Vorinstanz kann massgebend weder die blosse zeitliche Dauer der Flucht
sein, noch die Mutmassung, ob der Mitbeschuldigte D. nicht auch selber
die Flucht mit dem Rucksack (erfolgreich) hätte ergreifen können. Weiter
kann zur Abgrenzung offensichtlich nicht massgebend sein, ob ein
Tatbeitrag vom Täter oder von einem der Täter nicht auch selber hätte
erbracht werden können.
4.
4.1.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE
144 IV 217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4. ff.; je mit
Hinweisen). Darauf kann verwiesen werden.
4.2.
Raub wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren
bestraft (Art. 140 Ziff. 1 StGB). Wie zu zeigen sein wird, führt der Umstand,
dass der Beschuldigte wegen Gehilfenschaft zu Raub zu verurteilen ist,
gemäss Art. 25 StGB zwar zu einer milderen Bestrafung, nicht aber zu
einem Unterschreiten des ordentlichen Strafrahmens oder gar einem
Strafartenwechsel (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.8).
4.3.
Ausgangspunkt für die Strafzumessung innerhalb des ordentlichen Straf-
rahmens bildet die Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechts-
guts (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der Tatbestand des Raubs schützt nicht nur das
Vermögen, sondern auch die (persönliche) Freiheit (vgl. BGE 133 IV 207
E. 4.2).
Der Beschuldigte hat – zusammen mit dem Mitbeschuldigten D. – B.
gewaltsam dessen Rucksack weggenommen und ist mit diesem zur
Sicherung der Beute davongerannt.
- 14 -
Es mag zwar in erster Linie um eine Behändigung von «Gras» bzw.
Marihuana von 20 g gegangen sein. Dennoch war der Raub auf den
Rucksack samt den sich darin befindlichen Gegenständen mit einem Wert
von schätzungsweise rund Fr. 100.00 (vgl. UA BO 2 act. 485) gerichtet
gewesen. Auch wenn es beim Raub teilweise um deutlich grössere
Deliktsbeträge geht, ist auch dieser Betrag nicht zu bagatellisieren. B. hat
sich durch den Sturz Schürfwunden an den Händen sowie eine Rötung am
linken Knie zugezogen. Weiter hat er sich kurz nach dem Raub in
Behandlung – zunächst während einer Woche stationär, danach während
eines Jahres in einer Tagesklinik und seither ambulant – begeben und ist
somit lange krankgeschrieben gewesen (vgl. UA BO 2 act. 499; VA act. 61;
UA BO 2 act. 525 f.; Protokoll, S. 3). Mittlerweile kann er auch wieder als
Detailhandelsfachmann arbeiten. B. hat im Rahmen seiner Zivilklage zwar
nicht rechtsgenüglich nachgewiesen, dass der Raub (allein) ursächlich für
seine psychischen Probleme ist – unklar und nicht auszuschliessen ist
zumindest ein möglicher Einfluss seines Drogenkonsums –, so ist dennoch
zweifellos davon auszugehen, dass der Raub auch in psychischer Hinsicht
nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist und dieser zumindest allenfalls
schon bestehende psychische Probleme verstärkt hat. Wenn auch die
physischen Verletzungen folgenlos verheilt sind (vgl. VA act. 61), so
benötigt er nach wie vor eine Therapie.
Die Art und Weise der Tatbegehung und damit einhergehend die
Verwerflichkeit des Handelns ist nicht wesentlich über die blosse
Tatbestandserfüllung hinausgegangen. Der Mitbeschuldigte D. hat bei B.
«Gras» kaufen wollen. Zu diesem beim Park der Turnhalle Pestalozzi
beabsichtigten Verkauf ist es schliesslich nicht gekommen, da der
Mitbeschuldigte D. aus nicht restlos geklärten Gründen nun doch alles
haben wollte. Er hat B. das Bein gestellt, worauf Letzterer gestürzt ist.
Aufgrund der Gegenwehr hat der Beschuldigte nun auch eingegriffen.
Mittels Festhaltens der Schultern und eines Beins wurde B. schliesslich der
Rucksack weggenommen und der Beschuldigte hat mit dem Rucksack zur
Beutesicherung die Flucht ergriffen.
Der Beschuldigte hat sich den Rucksack samt den übrigen, enthaltenen
Gegenständen oder zumindest einen Anteil davon aneignen wollen, was
jedoch jedem Vermögensdelikt immanent ist und beim Raub als
qualifizierte Form der Nötigung, um einen Diebstahl begehen oder die
weggenommene Sache behalten zu können, bereits durch das
Tatbestandsmerkmal der unrechtmässigen Bereicherungsabsicht beim
Diebstahl erfasst wird. Diese Umstände dürfen deshalb bei den
Tatkomponenten nicht nochmals verschuldenserhöhend berücksichtigt
werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1327/2015 vom 16. März 2016
E. 4.2)
- 15 -
Verschuldenserhöhend ist aber das grosse Mass an Entscheidungsfreiheit,
über das der Beschuldigte verfügt hat, zu berücksichtigen. Weder ist der
Beschuldigte drogenabhängig gewesen noch ist ersichtlich, dass er aus
einer grossen finanziellen Not heraus, aufgrund einer subjektiv als
aussichtlos empfundenen Situation oder bloss unter dem Druck anderer
Personen gehandelt hätte. Er ist sozialhilfeabhängig. Ihn mögen somit zwar
finanzielle Probleme geplagt haben, er befand sich aber nicht in einer
akuten Notlage. Je leichter es aber für ihn gewesen wäre, das Vermögen
und die (persönliche) Freiheit von B. zu respektieren, desto schwerer wiegt
die Entscheidung dagegen und damit sein Verschulden (vgl. BGE
127 IV 101 E. 2a; BGE 117 IV 112 E. 1 S. 114 mit Hinweisen).
Der Beschuldigte hat den Mitbeschuldigten D. bereits bei der Wegnahme
des Rucksacks unterstützt und ist sodann mit dem Rucksack
davongerannt. Sein Handeln entspricht jenem eines Mittäters (siehe dazu
oben). Aufgrund des Verschlechterungsverbots ist er jedoch der blossen
Gehilfenschaft schuldig zu sprechen, was auch im Rahmen der Straf-
zumessung zu berücksichtigen ist (vgl. Art. 25 StGB). Da sein Tatbeitrag
jedoch nicht nur von untergeordneter, sondern von sehr wesentlicher
Bedeutung war, kommt nur eine geringe Strafminderung infrage.
Insgesamt ist in Relation zum Strafrahmen von Freiheitsstrafe von sechs
Monaten bis zu zehn Jahren und unter Berücksichtigung denkbarer
Tatbeteiligungen infolge Gehilfenschaft von einem vergleichsweise noch
leichten Verschulden und einer dafür angemessenen Freiheitsstrafe von
1 Jahr auszugehen.
4.4.
Im Rahmen der Täterkomponente fällt die Verurteilung mit Entscheid der
Jugendanwaltschaft vom 14. September 2020 wegen Hinderung einer
Amtshandlung, Hausfriedensbruchs, Widerhandlung gegen das Personen-
beförderungsgesetz gemäss Art. 57 Abs. 3 PBG, Verletzung der Verkehrs-
regeln sowie Verstosses gegen das Verbot von Menschenansammlungen
gemäss Art. 10f Abs. 2 lit. a COVID-19-Verordnung 2 zu einem bedingten
Freiheitsentzug von 10 Tagen sowie einer Busse von Fr. 100.00 leicht
straferhöhend ins Gewicht.
Im Rahmen des Nachtatverhaltens ist als ungünstiger Faktor die zwischen-
zeitlich mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom
4. Februar 2022 neu erfolgte Verurteilung wegen Hausfriedensbruchs zu
einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen sowie einer Busse von
Fr. 300.00 zu werten.
Der Beschuldigte hat zwar – nachdem die Polizei aufgrund der Aussage
des Mitbeschuldigten D. auf den Beschuldigten gekommen war, was sich
durch qualitativ mässige Videoaufnahmen beim Bahnhof Aarau hatte
- 16 -
plausibilisieren lassen, und er zunächst die Aussage verweigert hatte –
zumindest das Wegrennen mit dem Rucksack eingestanden. Allerdings
bestritt er jede darüber hinausgehende Beteiligung. Auch wenn sich nicht
sagen lässt, dass der Beschuldigte aus freien Stücken ein
(Teil-)Geständnis abgelegt hat, ist doch nicht zu verkennen, dass er mit
seinen Aussagen die Strafverfolgung vereinfacht und verkürzt hat. Sein
Geständnis darf deshalb diesbezüglich nicht gänzlich unberücksichtigt
bleiben (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_65/2014 vom 9. Oktober 2014
E. 2.4). Insoweit der Beschuldigte nicht geständig ist, kann er hinsichtlich
dieses begangenen Unrechts auch nicht einsichtig und reuig sein. Gesamt-
haft ist bei ihm denn auch keine Einsicht oder Reue, die über eine blosse
Tatfolgenreue hinausgeht, auszumachen. Eine erhebliche Strafminderung,
wie sie bei einem von Anfang an vollumfänglich geständigen und
einsichtigen Straftäter möglich ist, kommt vorliegend somit nicht in Frage.
Aus den persönlichen und familiären Verhältnissen des Beschuldigten –
ledig, keine Kinder, sozialhilfeabhängig – ergeben sich für die Strafzu-
messung keine relevanten Faktoren. Die Rechtsprechung hat wiederholt
betont, dass eine erhöhte Strafempfindlichkeit beim Vollzug einer Frei-
heitsstrafe als unmittelbar gesetzmässige Folge nur bei aussergewöhn-
lichen Umständen – die in casu nicht vorliegen – zu bejahen ist (statt vieler:
Urteil des Bundesgerichts 6B_1053/2018 vom 26. Februar 2019 E. 3.4).
Insgesamt halten sie die negativen und die positiven Faktoren knapp die
Waage, so dass sich die Täterkomponente neutral auswirkt.
4.5.
Zusammengefasst erscheint dem Obergericht für die Gehilfenschaft zu
Raub eine Freiheitsstrafe von 1 Jahr dem Verschulden und den persön-
lichen Verhältnissen des Beschuldigten angemessen. Aufgrund des
Verschlechterungsverbots (Art. 391 Abs. 2 StPO) hat es jedoch mit der von
der Vorinstanz ausgesprochenen Freiheitsstrafe von 7 Monaten sein
Bewenden.
Nachdem der Mitbeschuldigte D. seine Berufung nach Zustellung des
begründeten vorinstanzlichen Urteils zurückgezogen hat, konnte und
musste das Obergericht vorliegend einzig die angemessene Strafe für den
Beschuldigten festsetzen. Die für den Mitbeschuldigten D. von der
Vorinstanz ausgesprochene Freiheitsstrafe von 8 1⁄2 Monaten erscheint
insbesondere unter straferhöhender Berücksichtigung von zahlreichen,
teilweise einschlägigen Vorstrafen als sehr mild. Sie ist – da darüber
vorliegend nicht entschieden werden kann – aber auf jeden Fall nicht
geeignet, die gegen den Beschuldigten auszufällende Strafe zusätzlich zu
mindern (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_652/2012 vom 13. Juni 2013
E. 2.4.2).
- 17 -
4.6.
4.6.1.
Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe
von höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe
nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer
Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). Begeht der
Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder Vergehen und ist
deshalb zu erwarten, dass er weitere Straftaten verüben wird, so widerruft
das Gericht die bedingte Strafe. Sind die widerrufene und die neue Strafe
gleicher Art, so bildet es in sinngemässer Anwendung von Artikel 49 eine
Gesamtstrafe (vgl. Art. 35 Abs. 2 JStG i.V.m. Art. 31 Abs. 5 JStG und
Art. 89 StGB).
Das Nebeneinander von zwei Sanktionen (neue Strafe und Widerrufs-
strafe) erfordert sodann eine Beurteilung in Varianten: Möglich ist, dass der
Vollzug der neuen Strafe erwarten lässt, der Verurteilte werde dadurch von
weiterer Straffälligkeit abgehalten, weshalb es nicht notwendig erscheine,
den bedingten Vollzug der früheren Strafe zu widerrufen. Umgekehrt kann
der nachträgliche Vollzug der früheren Strafe dazu führen, dass eine
Schlechtprognose für die neue Strafe im Sinne von Art. 42 Abs. 1 StGB
verneint und diese folglich bedingt ausgesprochen wird (Urteil des
Bundesgerichts 6B_808/2018 vom 6. Mai 2019 E. 2.3 mit Hinweisen).
Der Beschuldigte hat die neuen Straftaten während der sechsmonatigen
Probezeit des ihm mit Entscheid der Jugendanwaltschaft vom
14. September 2020 bedingt ausgesprochenen Freiheitsentzugs von
10 Tagen (siehe vorstehend) begangen. Wenn auch zu berücksichtigen ist,
dass es sich um eine Jugendstrafe handelt, so hat der Beschuldigte doch
nur gerade gut 4 Monate später während laufender Probezeit am
23. Januar 2021 mit dem vorliegenden Raub nun sogar ein Verbrechen
begangen und hat dabei das Nötigungsmittel der Gewalt eingesetzt. Es ist
eine deutliche Steigerung der Delinquenz feststellbar. An diese Vorstrafe
hat sich der Beschuldigte vor Vorinstanz – mithin ein gutes Jahr nach dem
Entscheid der Jugendanwaltschaft – nicht (mehr) erinnern können, ja
vielmehr hat er das nicht einmal als Verurteilung empfunden (vgl. VA
act. 68). Der Beschuldigte hat zwei angefangene Lehren (Maler, Schreiner)
abgebrochen und ist nach wie vor sozialhilfeabhängig. Die Vorstrafe sowie
die instabilen Verhältnisse, die zu verbessern er nicht gewillt zu sein
scheint, sind als ungünstige Elemente zu gewichten. Selbst die vorliegend
ausgestandene Untersuchungs- sowie Sicherheitshaft von 190 Tagen
(Entlassung am 20. September 2021) haben beim Beschuldigten offenbar
keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, hat er doch bereits am
24. November 2021 – mithin rund 2 Monate später – und damit noch
während des laufenden Strafverfahrens erneut delinquiert und einen
Hausfriedensbruch begangen, wofür er mit Strafbefehl der Staatsanwalt-
schaft Zofingen-Kulm vom 4. Februar 2022 zu einer bedingten Geldstrafe
- 18 -
von 30 Tagessätzen sowie einer Busse von Fr. 300.00 verurteilt wurde.
Das bisherige Verhalten des Beschuldigten ist von einem grossen Mass an
Gleichgültigkeit und Unbekümmertheit geprägt. Weder eine Verurteilung zu
einem bedingten Freiheitsentzug noch die verbüssten 190 Tage Haft noch
ein laufendes Strafverfahren haben ihn beeindruckt. Die Ausfällung einer
bedingten Freiheitsstrafe würde unter diesen Umständen beim
Beschuldigten offensichtlich jede Warnwirkung verfehlen. Daran könnte
weder eine Erhöhung der Probezeit noch die Ausfällung einer – weniger
eingriffsintensiven – Verbindungsbusse etwas ändern. Überdies wurde der
Beschuldigte auch mit dem erwähnten Entscheid der Jugendanwaltschaft
zu einer Busse von Fr. 100.00 verurteilt, an welche er sich offenbar auch
nicht (mehr) zu erinnern vermochte. Unter diesen Umständen ist dem
Beschuldigten eine eigentliche Schlechtprognose zu stellen. Daran ändert
unter Berücksichtigung der Wechselwirkung unter den vorliegenden
Umständen auch der nachträgliche Vollzug des bedingt ausgesprochenen
zehntägigen Freiheitsentzugs infolge Nichtbewährung nichts.
4.6.2.
Nach dem Gesagten ist sowohl die neu auszufällende Freiheitsstrafe von
1 Jahr als auch der mit Entscheid der Jugendanwaltschaft vom
14. September 2020 bedingt ausgesprochene Freiheitsentzugs von
10 Tagen zu vollziehen.
Bei der Bildung der Gesamtstrafe ist die neue Strafe als Einsatzstrafe in
sinngemässer Anwendung des Asperationsprinzips durch die widerrufene
Strafe zu erhöhen (BGE 145 IV 146 E. 2.4). Aufgrund des
Verschlechterungsverbots ist eine Erhöhung jedoch ausgeschlossen, d.h.
es bleibt auch unter Einschluss der Widerrufsstrafe bei der von der
Vorinstanz ausgesprochenen unbedingten Freiheitsstrafe von 7 Monaten.
4.7.
Die ausgestandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft von insgesamt
190 Tagen (15. März 2021 bis 20. September 2021, vgl. Haftentlassungs-
verfügung vom 20. September 2021, VA act. 149 f.) ist auf die ausgefällte
Freiheitsstrafe anzurechnen (Art. 51 StGB i.V.m. Art. 110 Abs. 7 StGB;
Art. 236 StPO).
4.8.
Die Vorinstanz hat für den Schuldspruch der mehrfachen Widerhandlung
gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG
aufgrund des eingestandenen Cannabiskonsums eine Busse von
Fr. 200.00 ausgesprochen. Mit Blick auf den vom Beschuldigten
zugegebenen Eigenkonsum – er habe am 23. Januar 2021 und während
zwei Jahren davor regelmässig bzw. mehrfach konsumiert (vgl. UA BO 2
act. 473, VA act. 65) – erweist sich die von der Vorinstanz ausgesprochene
Busse von Fr. 200.00 als zu mild und kann entgegen dem Beschuldigten,
- 19 -
der eine Busse von Fr. 100.00 beantragt hat, unter keinem Titel
herabgesetzt werden. Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang,
dass Täter, die lediglich (einmalig) eine geringfügige Menge Cannabis
konsumieren, auch im ordentlichen Verfahren mit einer Ordnungsbusse
von jeweils Fr. 100.00 bestraft werden können (Art. 1 OBG i.V.m. Art. 14
OBG und Ziff. 8001 Anhang 2 OBV). Das Verschulden des Beschuldigten,
welcher mehrfach über einen Zeitraum von zwei Jahren Cannabis
konsumiert hat, wiegt klar schwerer.
Angesichts der Ausführungen der Vorinstanz (vorinstanzliches Urteil E. 8),
wonach die für die mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungs-
mittelgesetz gemäss Art. 19a BetmG separat auszusprechende Busse
maximal Fr. 300.00 betrage, drängt sich folgender Hinweis auf. Art. 1
Abs. 4 OBG begrenzt den Betrag für eine (einzelne) Ordnungsbusse auf
Fr. 300.00. Bei mehreren mit einer Ordnungsbusse zu ahndenden
Übertretungstatbeständen werden die Beträge zusammengezählt und es
wird eine Gesamtbusse auferlegt, wobei bei einer zu erwartenden
Gesamtbusse von mehr als Fr. 600.00 alle Widerhandlungen im
ordentlichen Strafverfahren beurteilt werden (vgl. Art. 5 OBG). Aufgrund
des Verschlechterungsverbots bleibt es jedoch bei der von der Vorinstanz
ausgesprochenen Busse von Fr. 200.00 sowie der Ersatzfreiheitsstrafe von
2 Tagen.
5.
5.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten unter Verzicht einer Ausschreibung
im Schengener Informationssystem (SIS) für 6 Jahre des Landes
verwiesen. Der Beschuldigte beantragt, es sei von einer Landesverweisung
abzusehen.
5.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Landesverweisung gemäss
Art. 66a StGB unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR zu
Art. 8 EMRK wiederholt dargelegt (BGE 146 IV 311; BGE 146 IV 172; BGE
146 IV 105; BGE 146 II 1; BGE 145 IV 455; BGE 145 IV 364; BGE
145 IV 161; BGE 144 IV 332; statt vieler: Urteil des Bundesgerichts
6B_513/2021 vom 31. März 2022). Darauf kann verwiesen werden.
5.3.
Der Beschuldigte ist Eritreer. Er hat mit der Gehilfenschaft zu Raub eine
Katalogtat für eine obligatorische Landesverweisung gemäss Art. 66a
Abs. 1 StGB begangen (vgl. zur Anwendung auf sämtliche Täterschafts-
und Teilnahmeformen: BGE 144 IV 168 E. 1.4.1). Er ist somit grundsätzlich
für fünf bis 15 Jahre aus der Schweiz zu verweisen.
- 20 -
Von der Anordnung der Landesverweisung kann ausnahmsweise unter
den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass sie (1) einen
schweren persönlichen Härtefäll bewirken würde und (2) die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen
des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a
Abs. 2 erster Satz StGB). Art. 66a StGB ist EMRK-konform auszulegen.
Die Interessenabwägung im Rahmen der Härtefallklausel von Art. 66a
Abs. 2 StGB hat sich daher an der Verhältnismässigkeitsprüfung nach
Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu orientieren.
Das Sachgericht prüft die rechtliche Durchführbarkeit der Landes-
verweisung, soweit sie definitiv bestimmbar ist (BGE 145 IV 455 E. 9; Urteil
des Bundesgerichts 6B_1024/2019 vom 29. Januar 2020 E. 1.3.5). Im
Übrigen ist dem Non-refoulement-Gebot und anderen völkerrechtlich
zwingenden Bestimmungen auf der Ebene des Vollzugs Rechnung zu
tragen (Urteil des Bundesgerichts 6B_423/2019 vom 17. März 2020
E. 2.2.2).
5.4.
Der 19-jährige Beschuldigte wurde in Eritrea geboren und ist vor zehn
Jahren am 15. Mai 2012 mit gut 9 1⁄2 Jahren über den Sudan zusammen
mit dem Vater, der Stiefmutter sowie seinen Geschwistern in die Schweiz
gekommen (Akten des Migrationsamts des Kantons Aargau [MIKA-Akten]
act. 5 ff.). Er hat als anerkannter Flüchtling eine B-Bewilligung erhalten. Der
Vater, die Stiefmutter sowie die Geschwister leben in der Schweiz. Zu
denen habe er angeblich regelmässig Kontakt, was allerdings angesichts
dessen, dass er während den 190 Tagen Haft nie Besuch erhalten hat (vgl.
VA act. 69), mehr als zweifelhaft erscheint. Dass der Beschuldigte gemäss
Verteidigung angeblich aus Scham keinen Besuch gewollt habe, erscheint
insbesondere angesichts der regelmässigen Konflikte und teilweisen
Verstösse gegen das Gesetz als nachgeschobene Schutzbehauptung. Der
Bruder G., mit dem der Beschuldigte sich gemäss Verteidigung am besten
verstehen würde (vgl. auch MIKA-Akten act. 38) – wurde mit Urteil
SST.2021.21 des Obergerichts vom 20. September 2021 rechtskräftig
unter Ausschreibung im Schengener Informationssystem für 10 Jahre des
Landes verwiesen. Die leibliche Mutter des Beschuldigten, zu der er keinen
Kontakt habe (VA act. 66), lebt in Eritrea. In Eritrea sei er zuletzt vor über
10 Jahren gewesen (VA act. 65).
Der Beschuldigte spricht Deutsch – wobei er bei den Einvernahmen auf
Dolmetscher angewiesen war – und Tigrinya, das er angeblich nicht lesen
oder schreiben könne. Er hat die Primarschule und Realschule in Q.
besucht. Weiter habe er eine Lehre als Maler angefangen, die er wegen
einer Unterbringung im Jugendheim R. unterbrochen habe, wo er während
eines Jahres eine Schreinerlehre gemacht, aber nicht abgeschlossen habe.
Nach R. ist er infolge Platzierung nach Entzug des
- 21 -
Aufenthaltsbestimmungsrechts des Vaters zwischen 2018 sowie 2019
während knapp eines Jahres gekommen (UA BO 2 act. 402; Aufhebungs-
entscheid des Familiengerichts Aarau als Kindes- und Erwachsenen-
schutzbehörde vom 29. Oktober 2019, MIKA-Akten act. 102 ff.). In der
Folge wurde der Beschuldigte zwischenzeitlich per 21. Februar 2020 bis
zur Volljährigkeit in der Notunterkunft der I. untergebracht (Entscheid des
Familiengerichts Aarau als Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde vom
23. März 2020, MIKA-Akten, act. 132 ff.). Danach ist er im Motivations-
semester in S. gewesen, bis es zum vorliegenden Vorfall gekommen ist
(VA act. 66). Der Beschuldigte ist ledig, hat keine Kinder und ist
sozialhilfeabhängig. Er habe Schulden von Fr. 500.00 bei der H.. Er möchte
in Zukunft eine Lehre abschliessen. In der Freizeit spiele er gerne Fussball.
In einem Verein sei er aber nicht aktiv. Angesichts dieser Umstände ist
davon auszugehen, dass er die von ihm erwähnten Bekannten wohl vom
Fussball spielen kennt. Selbst wenn es sich dabei nicht «bloss» um
Kollegen, sondern um einen Freundeskreis in der Schweiz handeln sollte,
könnte er diese Freundschaften in zumutbarer Weise und ohne grössere
Einschränkungen auch auf andere Weise pflegen (Telefon- und Video-
kontakte, Ferienbesuche; vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1368/2020
vom 30. Mai 2022 E. 4.4.5). Obschon der Beschuldigte die Schulen in der
Schweiz gemacht hat, verfügt er über keinen Lehrabschluss. Auch in der
Zeit seit der Hauptverhandlung von knapp 9 Monate hat er keine weiteren
Bemühungen unternommen. Aus einer langen Aufenthaltsdauer alleine
lässt sich jedoch noch kein für die Annahme eines Härtefalls genügend
gewichtiges persönliches Interesse an einem Verbleib in der Schweiz
ableiten. Ob ein Härtefall vorliegt, entscheidet sich weder anhand von
starren Altersvorgaben, noch führt die Anwesenheitsdauer von 10 Jahren
automatisch zur Annahme eines Härtefalls (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_1428/2020 vom 19. April 2021 E. 2.6.1). Das Bundesgericht hat bereits
mehrfach festgehalten, dass bei einer Härtefallprüfung nicht schematisch
ab einer gewissen Aufenthaltsdauer eine Verwurzelung in der Schweiz
angenommen werde (BGE 146 IV 105 E. 3.4.4). Von einer wesentlichen
gesundheitlichen Beeinträchtigung oder notwendigen Behandlungs-
möglichkeiten des Beschuldigten ist nichts bekannt (vgl. BGE 145 IV 455).
Wenn der Beschuldigte auch angesichts seiner Platzierung und des
Entzugs des Aufenthaltsbestimmungsrechts ein aufgrund von Gewalt-
tätigkeiten schwieriges Verhältnis zu seinem Vater gehabt hat, so hat er
seither auch losgelöst vom Vater seine ihm gebotenen Chancen nicht
genutzt. Er scheint angesichts seiner fehlenden Bemühungen gar nicht
gewillt, etwas daran zu ändern.
Der Beschuldigte ist im Zeitraum von 2015 bis 15. März 2021 in den
polizeilichen Registraturen sogar mit über 30 Geschäften verzeichnet
gewesen, wird als «Intensivtäter» geführt und ist als «gewalttätig» bekannt
(vgl. Rapport der Kantonspolizei Aargau vom 15. März 2021, UA BO 2
act. 402). Neben den bereits erwähnten Vorstrafen (siehe vorstehend)
- 22 -
wurde er unter Ausklammerung blosser Übertretungen mit Entscheid der
Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau vom 25. September 2018 wegen
mehrfachen Hausfriedensbruchs zu einer Busse von Fr. 100.00 und mit
Entscheid der Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau vom 11. Februar
2019 wegen Sachbeschädigung sowie mehrfachen Hausfriedensbruchs zu
einer persönlichen Leistung von zwei Tagen verurteilt (vgl. MIKA-Akten).
Mithin hat der Beschuldigte seit 2018 bisher jährlich mindestens einmal
delinquiert. Auch wenn es sich bei Hausfriedensbrüchen nicht um
schwerwiegende Taten handelt, so zeigen die Verurteilungen doch
deutlich, dass der Beschuldigte offensichtlich nicht gewillt ist, sich an die
geltende Rechtsordnung zu halten. Auch soweit Strafen vollzogen worden
sind – bedingt ausgesprochene Strafen empfindet der Beschuldigte schon
gar nicht als Verurteilung (siehe vorstehend) –, haben sie nicht zu einer
Verhaltensänderung des Beschuldigten geführt und damit offenbar keinen
nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Es ist eine deutliche Steigerung der
Delinquenz feststellbar, und es ist ihm für die vorliegend auszusprechende
Freiheitsstrafe von 7 Monaten – richtigerweise hätte eine Verurteilung
wegen Raubs in Mittäterschaft erfolgen müssen, wofür das Obergericht
eine Freiheitsstrafe von 1 Jahr ausgesprochen hätte – eine eigentliche
Schlechtprognose zu stellen (siehe vorstehend). Für ein künftiges
Wohlverhalten des Beschuldigten liegen nicht unerhebliche Zweifel vor.
Von einer gelungenen Integration in die Schweizer Werte- und
Rechtsordnung kann nicht gesprochen werden.
Gesamthaft spricht trotz des Besuchs von Schulen in der Schweiz nichts
für einen hohen Grad an Integration in der Schweiz. Es liegen zumindest
keine besonders intensiven, über eine normale Integration hinaus-
gehenden Beziehungen beruflicher oder gesellschaftlicher Natur vor.
Der Beschuldigte ist jung sowie gesund und spricht Tigrinya. Falls es
zutreffen sollte, dass er Tigrinya tatsächlich weder lesen noch schreiben
kann, so kann er dies mit der nötigen Anstrengung in seinem Alter
problemlos noch lernen. Angesichts des Aufwachsens in Eritrea sowie für
eine kürzere Zeit im Sudan bis zum Alter von gut 9 1⁄2 Jahren und dann mit
seinem Vater, seiner Stiefmutter sowie Geschwistern, die ebenfalls alle
Eritreer sind, ist er mit der dortigen Kultur und den Gepflogenheiten
vertraut. Er verfügt überdies mit der leiblichen Mutter über eine nahe
Bezugsperson, die – allenfalls unter Mithilfe von deren weiteren
Familienangehörigen – ihn bei der Resozialisierung unterstützen kann. Die
Resozialisierungschancen des Beschuldigten in Eritrea erscheinen mit
zumutbaren Anstrengungen angesichts seines fehlenden Berufs-
abschlusses mithin keineswegs schlechter, wenn nicht sogar besser wie
diejenigen in der Schweiz.
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Das Bundesgericht hat sodann in Bezug auf eritreische Flüchtlinge
wiederholt festgestellt, dass die Flüchtlingseigenschaft allein der
Anordnung der Landesverweisung nicht entgegensteht (Urteile des
Bundesgerichts 6B_507/2020 vom 17. August 2020 E. 3.2, 6B_348/2020
vom 14. August 2020 E. 1.2 sowie 6B_423/2019 vom 17. März 2020
E. 2.2.2 und 2.3). Ein reales Risiko einer unmenschlichen Behandlung bzw.
eine persönliche Gefährdungssituation substantiiert der Beschuldigte auch
im Berufungsverfahren nicht. Es ist überdies zu beachten, dass vorliegend
eine Landesverweisung von 6 Jahren auszusprechen ist (siehe unten).
Auch wenn eine zwangsweise Rückführung nach Eritrea derzeit als nicht
möglich erscheinen würde, so ist zu berücksichtigen, dass zwischen der
Anordnung und dem Vollzug einer Landesverweisung eine relativ lange
Zeit vergehen kann, während welcher sich die massgeblichen Umstände in
Eritrea ändern können. Während der Dauer der Landesverweisung von
6 Jahren können sich die politische und wirtschaftliche Situation in Eritrea
ändern. Denkbar ist überdies, dass sich in dieser Zeitspanne auch die
Beurteilungsgrundlagen verbessern, die eine Einschätzung der Situation in
Eritrea erlauben, zumal die Quellenlage heute dünn und teilweise wenig
zuverlässig ist (Urteile des Bundesverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom
30. Januar 2017 E. 4.6, D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 10.1, E-
5022/2017 vom 10. Juli 2018 E. 4). Unter diesen Umständen rechtfertigt es
sich nicht, auf die Anordnung einer Landesverweisung zu verzichten. Im
Übrigen ist dem (flüchtlingsrechtlichen) Non-refoulement-Gebot und
anderen völkerrechtlich zwingenden Bestimmungen auf der Ebene des
Vollzugs Rechnung zu tragen, solange dies notwendig ist (Urteile des
Bundesgerichts 6B_747/2019 vom 24. Juni 2020 E. 2.1.2 sowie
6B_423/2019 vom 17. März 2020 E. 2.2.2).
Zwar hat der Beschuldigte aufgrund des Umstands, dass mit seinem Vater,
seiner Stiefmutter und Geschwistern einige enge Familienangehörigen in
der Schweiz leben, sicherlich ein gewisses Interesse am Verbleib in der
Schweiz. Diese Personen gehören aber nicht zum primär geschützten
Familienkreis gemäss Art. 8 Ziff. 1 EMRK, worunter gemäss der
Rechtsprechung nur die sogenannte «Kernfamilie», d.h. die Ehegatten-
gemeinschaft sowie die gemeinsamen Kinder, zu zählen sind (BGE 144 II 1
E. 6.1). Der Beschuldigte lebt mit seinen Familienangehörigen nicht mehr
in einem gemeinsamen Haushalt und macht keine besonderen, über ein
normales Mass hinausgehende Beziehungen oder finanzielle Abhängig-
keiten geltend.
Hinsichtlich der nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zumindest
teilweise bereits bei der Frage des Härtefalls vorzunehmenden
Interessenabwägung ergibt sich Folgendes: Das erhebliche öffentliche
Interesse an einer Wegweisung überwiegt das private Interesse des
Beschuldigten an einem Verbleib in der Schweiz deutlich: Der Beschuldigte
hat mit dem Mitbeschuldigten D. – aufgrund des Verschlechterungsverbots
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bleibt es vorliegend bei einer Verurteilung wegen Gehilfenschaft – einen
Raub begangen und dadurch nicht nur in das Vermögen, sondern auch die
persönliche Freiheit bzw. persönliche Integrität von B. durch die
Anwendung von Gewalt eingegriffen. Trotz der Aufenthaltsdauer von rund
10 Jahren ist der Beschuldigte seit Jahren immer wieder straffällig
geworden, wobei mit dem vorliegenden Raub eine deutliche Steigerung der
Delinquenz feststellbar ist. Für ein künftiges Wohlverhalten des
Beschuldigten liegen angesichts der zu stellenden Schlechtprognose nicht
unerhebliche Zweifel vor. Entsprechend hoch ist das öffentliche Interesse
an einer Wegweisung zu veranschlagen. Dem steht ein vergleichsweise
geringes privates Interesse des Beschuldigten an einem Verbleib
gegenüber (hinsichtlich der Flüchtlingseigenschaft siehe vorstehend).
Nach dem Gesagten liegt weder ein persönlicher Härtefall vor, noch
überwiegen die persönlichen Interessen des Beschuldigten an einem
Verbleib in der Schweiz. Der Umstand, dass eine Wegweisung aus der
Schweiz vom Beschuldigten als Härte empfunden wird, kann daran nichts
ändern. Eine Landesverweisung bewirkt in den meisten Fällen eine
gewisse Härte. Sie hat ihren Grund jedoch in der Delinquenz der
betroffenen Person selber und kann für sich alleine nicht zur Annahme
eines Härtefalls im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB führen. Die
Landesverweisung ist nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK gerechtfertigt und deshalb
anzuordnen.
5.5.
Die Landesverweisung dauert zwischen 5 und 15 Jahren. Die Vorinstanz
hat diese auf 6 Jahre festgesetzt.
Der Beschuldigte hat mit der Gehilfenschaft zu Raub ein Verbrechen und
damit eine schwere Straftat begangen. Sein Verschulden ist nicht zu
bagatellisieren. Dem Beschuldigten ist eine eigentliche Schlechtprognose
zu stellen. Das öffentliche Interesse an einer Wegweisung wiegt
entsprechend hoch, zumal es sich bei der strafrechtlichen Landes-
verweisung in erster Linie um eine sichernde Massnahme handelt. Wenn
auch angesichts des langen Aufenthalts keine über die blosse Anwesenheit
hinausgehende Integration in der Schweiz stattgefunden hat, so ist zu
beachten, dass er im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz
gekommen ist und seither seit rund zehn Jahren in der Schweiz lebt und
damit über ein nicht unbeachtliches, wenn auch nicht besonders hohes
persönliches Interesse an einem Verbleib in der Schweiz verfügt.
Bei einer Gesamtwürdigung aller relevanter Umstände und unter
Berücksichtigung des Verhältnismässigkeitsprinzips wäre eine höhere
Dauer der Landesverweisung auszusprechen gewesen. Aufgrund des
Verschlechterungsverbots bleibt es bei einer Dauer von 6 Jahren.
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5.6.
Die Landesverweisung wäre entgegen der Vorinstanz auch im Schengener
Informationssystem (SIS) auszuschreiben gewesen.
Vom Beschuldigten geht eine erhebliche Gefahr für die öffentliche
Sicherheit und Ordnung aus. Bei einem Raub liegt ein Verbrechen und
damit eine schwere Straftat vor. Der Beschuldigte hat nicht nur in das
Vermögen, sondern auch in die persönliche Freiheit bzw. persönliche
Integrität von B. durch die Anwendung von Gewalt eingegriffen. Die
Ausschreibung wäre sowohl verhältnismässig als auch aufgrund des
erheblichen öffentlichen Interesses an einer Wegweisung geboten (vgl.
BGE 147 IV 340 E. 4; BGE 146 IV 172). Entgegen der Vorinstanz würde
der Tatbestand des Raubs sehr wohl die Voraussetzung einer Straftat, die
mit mindestens einem Jahr bedroht ist (vgl. Art. 24 Ziff. 2 lit. a SIS-II-
Verordnung), erfüllen, genügt doch hierfür, dass eine Freiheitsstrafe im
Höchstmasse von einem Jahr oder mehr vorgesehen ist (vgl. BGE
147 IV 340). Aufgrund des Verschlechterungsverbots bleibt es jedoch beim
Verzicht auf eine Ausschreibung.
6.
6.1.
Die Berufung des Beschuldigten ist abzuweisen. Bei diesem Ausgang des
Verfahrens sind die obergerichtlichen Verfahrenskosten von Fr. 4'000.00
(§ 18 VKD; ohne Dolmetscherkosten) dem Beschuldigten vollumfänglich
aufzuerlegen.
6.2.
Die amtliche Verteidigerin ist für das Berufungsverfahren gestützt auf die
von ihr eingereichte Kostennote – jedoch angepasst an die effektive Dauer
der Berufungsverhandlung – aus der Staatskasse mit Fr. 3'000.00 zu
entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es
seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
7.
7.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO i.V.m Art. 426 Abs. 1 StPO).
Der Beschuldigte wird gemäss Anklage verurteilt, weshalb ihm die
vorinstanzlichen Verfahrenskosten (ohne Dolmetscherkosten)
vollumfänglich aufzuerlegen sind.
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7.2.
Die der amtlichen Verteidigerin für das erstinstanzliche Verfahren
zugesprochene Entschädigung von Fr. 11'413.70 ist mit Berufung nicht
angefochten worden, weshalb darauf im Berufungsverfahren nicht mehr
zurückgekommen werden kann (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018
vom 28. Januar 2019). Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten
zurückzufordern, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben
(Art. 135 Abs. 4 StPO).
7.3.
Die Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeiständin des Privatklägers
B. für das erstinstanzliche Verfahren von Fr. 1'471.20 hat der Beschuldigte,
der sich nicht in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen befindet, nicht zu
tragen (Art. 426 Abs. 4 StPO).
8.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).