Decision ID: 14c05a6e-8577-4314-a04e-389c20bb6a5f
Year: 2014
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_003
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Z, geboren am 23. März 1983, mit zivilrechtlichem Wohnsitz in A im Kanton B, war im
Mai 1988 in die Wohngruppe der damaligen CP-Station der X eingetreten. Im Jahr 1998 ist
aus der ehemaligen CP-Beratungsstelle der X das (Zentrum Y) entstanden. Trägerschaft die-
ses Zentrums ist die X (fortan: Beschwerdeführerin). In Ermangelung einer anderen geeigne-
ten Institution wurde Z auch nach Erreichen der Volljährigkeit bis Ende 2002 zusammen mit
drei weiteren Erwachsenen in der Wohngruppe für Kinder des Zentrums Y betreut.
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2. Im Januar 2003 trat Z in die neu eröffnete Beschäftigungs- und Wohngruppe des Zent-
rums Y für vier schwer mehrfach behinderte Erwachsene ein. Am 14. November 2006 erteilte
das Alters- und Behindertenamt (ALBA; fortan: Vorinstanz) der Beschwerdeführerin mit Wir-
kung ab 15. November 2006 für unbestimmte Zeit die Betriebsbewilligung für die Führung des
Zentrums Y für die Zielgruppen Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene mit mehrfachen
Behinderungen.
3. Anfang 2010 stellte ein Revisor der Vorinstanz fest, dass in den Betriebsbeitragsab-
rechnungen (Festlegung der kantonalen Schlusszahlung) der Beschwerdeführerin für die Jah-
re 2001 bis 2006 Kostengutsprachen des Kantons B für Z sowie Abzüge für den Restdefizit-
beitrag des Kantons B für die Abteilung Erwachsene im Zentrum Y fehlten.
4. Daraufhin ersuchte die Vorinstanz am 2. Juni 2010 das Amt für soziale Sicherheit des
Kantons B um Übernahme der ungedeckten Wohnkosten von Z für die Jahre 2005, 2006 und
2007 (ausmachend insgesamt CHF 622‘927.80). Die Vorinstanz brachte zur Begründung vor,
der Kanton B habe die Kosten für den Aufenthalt von Z in der Wohngruppe des Zentrums Y
bis Ende 2004 und ab dem Jahr 2008 übernommen. Für die Jahre 2005, 2006 und 2007 je-
doch habe die Beschwerdeführerin beim Kanton B kein Gesuch um Kostenübernahme ge-
stellt. Obwohl das Vorliegen einer Kostenübernahmegarantie eine Voraussetzung für die Leis-
tungsverpflichtung des Wohnkantons gegenüber dem Standortkanton darstelle, sei eine nach-
trägliche Kostenübernahme durch den Kanton B nicht ausgeschlossen.
5. Am 28. Juni 2010 lehnte das Amt für soziale Sicherheit des Kantons B das Gesuch der
Vorinstanz um Kostenübernahme ab. Zur Begründung wurde aufgeführt, die Beschwerdefüh-
rerin habe für die betreffenden Jahre beim Kanton B nie ein Gesuch um Kostenübernahme
gestellt. Erst für die Zeit ab dem 1. Januar 2008 sei ein entsprechendes Gesuch gestellt wor-
den. Mangels Anerkennung der betreffenden Kleinwohngruppe für Erwachsene des Zentrums
Y durch das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) hätte der Kanton B dieses Gesuch
zudem auch bei rechtzeitiger Einreichung aus Kostengründen ablehnen und eine Umplatzie-
rung von Z in eine BSV-anerkannte Einrichtung vornehmen müssen.
6. Mit der definitiven Betriebsbeitragsabrechnung und Festsetzung des definitiven Kan-
tonsbeitrags 2007 für die Abteilung erwachsene Behinderte vom 1. November 2010 (fortan:
Betriebsbeitragsabrechnung 2007) verweigerte die Vorinstanz die Bezahlung des Restdefizit-
beitrags betreffend Z in der Höhe von CHF 214‘570.80 und zog diesen Betrag von den bereits
geleisteten Vorschusszahlungen ab. Dadurch ergab sich ein Saldo zugunsten des Kantons in
der Höhe von CHF 142‘263.80, welcher gemäss Betriebsbeitragsabrechnung 2007 von der
Beschwerdeführerin zurückzuerstatten war.
7. Mit Stellungnahme vom 15. November 2010 sprach sich die Beschwerdeführerin ge-
gen den Abzug des Restdefizitbeitrags von CHF 214‘570.80 aus. Zur Begründung brachte die
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Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, die GEF habe die Anfang 2003 eröffnete kleine
Wohngruppe für vier schwer mehrfach behinderte Erwachsene bewilligt, womit sie auch die
vorübergehend hohen Betreuungskosten akzeptiert habe. Entsprechend sei in den Betriebs-
beitragsabrechnungen für die Jahre 2001 bis 2006 für die Abteilung Erwachsene des Zent-
rums Y kein Restdefizitbeitrag des Kantons B abgezogen worden. Diese Praxis sei vom vor-
maligen Revisor der Vorinstanz geschützt worden, womit eine Art. „Gewohnheitsrecht“ zur
Kostenübernahme durch den Kanton Bern entstanden sei.
8. Mit Verfügung vom 20. Dezember 2012 setzte die Vorinstanz den Saldo der Betriebs-
beitragsabrechnung 2007 für die Abteilung erwachsene Behinderte des Zentrums Y auf
CHF 142‘263.80 zugunsten des Kantons fest. Zur Begründung führte die Vorinstanz im We-
sentlichen aus, die Beschwerdeführerin habe das Einholen einer Kostengutsprache beim Kan-
ton B versäumt. Dieser sei auf die nachträglich gestellte Forderung nicht mehr eingegangen.
Der Kanton Bern sei demgegenüber nicht zur Übernahme von Restdefizitanteilen anderer
Kantone verpflichtet. Auch gemäss Ziff. 4.2 des Leistungsvertrags für das Jahr 2007, seien
wegen Vernachlässigung von Einnahmequellen entstanden Ausgabenüberschüsse von der
Institution und nicht dem Kanton Bern zu übernehmen. Das ausserkantonale Restdefizit von
CHF 214‘570.80 sei deswegen in der Betriebsbeitragsabrechnung als Ertrag zu berücksichti-
gen.
9. Mit Beschwerde vom 21. Januar 2013 gelangte die Beschwerdeführerin an die Ge-
sundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern (GEF). Sie beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 20. Dezember 2012, die Erstellung der Betriebsbeitragsabrechnung 2007 für
die Abteilung erwachsene Behinderte ohne Anrechnung des Restdefizites Fr. 214‘570.80 zu-
lasten der Beschwerdeführerin sowie die Sistierung des Verfahrens bis zum Vorliegen eines
rechtsgültigen Entscheids des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern über die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung von Amtes wegen.
10. Ebenfalls am 21. Januar 2013 gelangte die Beschwerdeführerin an das Verwaltungs-
gericht des Kantons Bern und beantragte die Aufhebung der Verfügung vom 20. Dezember
2012 wegen offensichtlicher Unzuständigkeit. Zur Begründung führte die Beschwerdeführerin
auf, es handle sich um eine Streitigkeit aus dem Leistungsvertrag, weswegen die Vorinstanz
nicht hätte verfügen dürfen. Streitigkeiten aus Vertrag seien vielmehr auf Klage hin vom kan-
tonalen Verwaltungsgericht als einzige Instanz zu beurteilen.
11. Mit Verfügung vom 25. Januar 2013 sistierte das Verwaltungsgericht des Kantons Bern
das Verfahren betreffend das Gesuch um Aufhebung der Verfügung der Vorinstanz vom
20. Dezember 2012 wegen offensichtlicher Unzuständigkeit bis zur Erledigung des vorliegen-
den und der weiteren vor der GEF angehobenen Beschwerdeverfahren.
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12. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die GEF leitet, 1 holte die Vorak-
ten ein und führte zwei Schriftenwechsel durch.
13. Die Vorinstanz beantragt in ihrer Beschwerdevernehmlassung vom 21. März 2013
sinngemäss die Abweisung der Beschwerde. Sie macht geltend, der Beschwerdeführerin hät-
te klar sein müssen, dass sie die Kostengutsprache hätte einholen und die Restdefizitabrech-
nungen hätte erstellen müssen. Der Kanton Bern übernehme grundsätzlich keine von ausser-
kantonalen Personen verursachten Kosten in subventionierten Angelegenheiten. Für die Re-
visoren sei zudem weder nicht ersichtlich gewesen noch mitgeteilt worden, dass Z seinen
Wohnsitz im Kanton B habe.
14. Mit Replik vom 29. Mai 2013 bestätigte die Beschwerdeführerin ihr am 21. Januar
2013 gestelltes Rechtsbegehren und machte geltend, sie sei sich des Fehlens der Kostengut-
sprache des im Kanton B wohnhaften Z jahrelang nicht bewusst gewesen. Jedoch hätten
auch die Revisoren der Vorinstanz die fehlende Kostengutsprache nicht bemerkt, obwohl der
ausserkantonale Wohnsitz von Z auf dem von den Revisoren überprüften Tarifausweis ver-
merkt gewesen sei.
15. Mit Duplik vom 1. Juli 2013 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Rechtsbe-
gehren der Beschwerdeführerin und brachte zusammenfassend vor, die Verantwortung für die
Einhaltung der subventionsrechtlichen Vorgaben der GEF liege nicht bei den Revisoren der
Vorinstanz, sondern bei der Leitung der subventionierten Institution.
1 Art. 10 der Verordnung vom 29. November 2000 über die Organisation und die Aufgaben der Gesundheits- und
Fürsorgedirektion (Organisationsverordnung GEF, OrV GEF; BSG 152.221.121)
5

II. Erwägungen
1. Zuständigkeit und Legitimation
1.1 Angefochten ist die Verfügung der Vorinstanz vom 20. Dezember 2012. Diese ist ge-
mäss Art. 62 Abs. 1 Bst. a VRPG 2 bei der GEF als der in der Sache zuständigen Direktion
anfechtbar. Die GEF ist somit zur Beurteilung der Beschwerde zuständig.
1.2 Zur Beschwerde ist befugt, wer vor der Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat
oder keine Möglichkeit zur Teilnahme erhalten hat, durch die angefochtene Verfügung oder
den angefochtenen Entscheid besonders berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an der
Aufhebung oder Änderung der Verfügung oder des Entscheids hat (Art. 65 Abs. 1 VRPG).
Verfügungsadressat ist vorliegend das Zentrums Y, welches über keine eigene Rechtspersön-
lichkeit verfügt. Trägerin des Zentrums Y ist die Beschwerdeführerin. Diese ist durch die ange-
fochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhe-
bung. Die Beschwerdeführerin ist demnach zur Beschwerdeführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VRPG legitimiert. Die unterzeichnende Anwältin ist gehörig bevollmächtigt.
2. Gegenstand des Beschwerdeverfahrens
2.1 Grundsatz
Gegenstand der Beschwerde sind Verfügungen, wenn das Gesetz nichts anderes bestimmt
(Art. 60 Abs. 1 Bst. a VRPG). Im Beschwerdeverfahren können nur Verfügungen zur Überprü-
fung gebracht werden, nicht auch andere Handlungsformen. 3
Demgegenüber sind Streitigkeiten aus öffentlich-rechtlichen Verträgen, an denen der Kanton
beteiligt ist, vom Verwaltungsgericht als einzige Instanz im Klageverfahren zu beurteilen, so-
weit die zuständige Behörde die Streitigkeit nach dem Gesetz nicht durch Verfügung zu regeln
hat (Art. 87 Bst. b VRPG).
Vorliegend ist unklar, ob die Vorinstanz die streitige Angelegenheit mit Verfügung regeln durf-
te oder ob sie vielmehr den Klageweg hätte beschreiten müssen. Nur im ersten Fall kann die
Streitigkeit im vorliegenden Beschwerdeverfahren überprüft werden. In einem ersten Schritt ist
deshalb zu prüfen, ob eine Streitigkeit aus Vertrag vorliegt. Bei Bejahung dieser Frage ist in
einem zweiten Schritt zu prüfen, ob diese vertragliche Streitigkeit im Klageverfahren oder im
Beschwerdeverfahren zu beurteilen.
2 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
3 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, Bern
1997, Art. 49 N. 2
6
2.2 Rechtsgrundlagen
Die Beschwerdeführerin ist eine juristische Person des Privatrechts, welche die Unterstützung
kranker Kinder und Jugendlicher sowie behinderter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener
sowie deren stationäre und ambulante Behandlung bezweckt. Damit nimmt die Beschwerde-
führerin vorab Aufgaben der institutionellen Sozialhilfe wahr.
Die institutionelle Sozialhilfe ist in der Sozialhilfegesetzgebung geregelt. Während des erstin-
stanzlichen Verfahrens haben sowohl das SHG 4 als auch die SHV
5 materielle Änderungen
erfahren. Diese Änderungen haben jedoch keine Auswirkungen auf den hier zu beurteilenden
Sachverhalt, weshalb nicht näher darauf einzugehen ist. Wo nachfolgend nichts anderes ver-
merkt ist, sind die angeführten Vorschriften in der alten und neuen Fassung deckungsgleich.
Die institutionellen Leistungsangebote umfassen ambulante, teilstationäre und stationäre Leis-
tungen in den verschiedenen Wirkungsbereichen (Art. 58 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 SHG). Die Leis-
tungen werden gemäss Art. 58 Abs. 2 SHG vom Kanton, von Gemeinden oder von privaten
Trägerschaften und Personen erbracht (Leistungserbringer). Die institutionellen Leistungsan-
gebote sind bei ausgewiesenem Bedarf grundsätzlich allen Personen mit Wohnsitz im Kanton
zugänglich (Art. 60a SHG) 6 . Die Abgeltung von Leistungen der institutionellen Sozialhilfe für
Personen mit ausserkantonalem Wohnsitz wird von der IVSE 7 geregelt. Die vorliegend be-
troffenen Kantone Bern und B sind der IVSE per 1. Januar 2006 beigetreten (vgl. Anhang 3
zur IVSE). Gemäss Art. 19 Abs. 1 IVSE sichert der Wohnkanton mittels Kostenübernahmega-
rantie der Einrichtung des Standortkantons die Leistungsabgeltung zu Gunsten der Person für
die zu garantierende Periode zu. Die Kostenübernahmegarantie wird vor der Unterbringung
oder vor dem Eintritt der Person von der Verbindungsstelle des Trägerkantons bei der Verbin-
dungsstelle des Wohnkantons eingeholt (Art. 26 Abs. 1 IVSE).
Im Rahmen der verfügbaren Mittel und der strategischen Vorgaben des Regierungsrates stellt
die GEF die erforderlichen Leistungsangebote bereit (Art. 60 Abs. 1 SHG). Zu diesem Zweck
schliesst die zuständige Stelle der Gesundheits- und Fürsorgedirektion mit Leistungserbrin-
gern Leistungsverträge ab (Art. 60 Abs. 2 Bst. a und Art. 62 Abs. 1 SHG). Die von den Leis-
tungserbringern im Rahmen eines Leistungsvertrages oder Leistungsauftrages erbrachten
Leistungen der institutionellen Sozialhilfe werden vom Kanton oder von den Gemeinden mit
Beiträgen abgegolten (Art. 74 Abs. 1 SHG i.V.m. Art. 25 Abs. 1 SHV). Die Beiträge werden
durch Vertrag oder durch Verfügung gewährt (Art. 74 Abs. 2 SHG). Der Vortrag zum SHG
4 Gesetz vom 11. Juni 2001 über die öffentliche Sozialhilfe (Sozialhilfegesetz, SHG; BSG 860.1)
5 Verordnung vom 24. Oktober 2001 über die öffentliche Sozialhilfe (Sozialhilfeverordnung, SHV; BSG 860.111)
6 In Kraft seit 1.2.2011. aArt. 58 Abs. 3 SHG, in Kraft bis am 1.2.2011, lautete wie folgt: „Die institutionellen Leis-
tungsangebote sind bei ausgewiesenem Bedarf grundsätzlich allen Personen mit Wohnsitz oder Aufenthalt im
Kanton zugänglich.“ 7 Interkantonale Vereinbarung für Soziale Einrichtungen, in Kraft seit 1. Januar 2006; vgl. den Regierungsratsbe-
schluss vom 10. Dezember 2003 betreffend den Beitritt des Kantons Bern zur IVSE (BSG 862.71)
7
unterscheidet dabei zwischen Betriebsbeiträgen und einmaligen Baubeiträgen zur Deckung
von Baukosten. Betriebsbeiträge werden in der Regel durch (Leistungs-)Vertrag und nur aus-
nahmsweise (bei fehlendem Leistungsvertrag) durch Verfügung gewährt. Die Baubeiträge
hingegen werden (auch bei vorhandenem Leistungsvertrag) in der Regel durch (separate)
Verfügung gewährt. Bei allfälligen Streitigkeiten betreffend die Beitragsgewährung ist je nach
Rechtsform der Gewährung der Klage- oder Beschwerdeweg zu beschreiten. 8
2.3 Form der Beitragsgewährung
Am 8. Mai 2007 hatte der Kanton Bern (handelnd durch die Vorinstanz) mit der Beschwerde-
führerin einen Leistungsvertrag für das Jahr 2007 abgeschlossen (fortan: Leistungsvertrag
2007). Dieser Vertrag legt im Wesentlichen die von der Beschwerdeführerin zu erbringenden
Leistungen sowie die Leistungsabgeltung durch den Kanton fest (Ziffern 2 und 4 Leistungsver-
trag 2007). Zudem sieht der Leistungsvertrag 2007 die Leistung von Vorschusszahlungen
durch den Kanton vor (Ziff. 5 Leistungsvertrag 2007). Die Schlussabrechnung sowie die allfäl-
lige Schlusszahlung erfolgt nach Prüfung der eingereichten Unterlagen, nach Vorliegen der
BSV-Betriebsbeitragsverfügung und der Abrechnung allfälliger Restdefizitbeiträge anderer
Kantone. Ergibt die Jahresabschlussrechnung infolge zu hoher Teilzahlungen ein Guthaben
zu Gunsten des Kantons, ist dieses als Forderung des Kantons unter Fremdkapital in der Bi-
lanz auszuweisen (Ziff. 4.1 Leistungsvertrag 2007). Ausgabenüberschüsse aufgrund der Ver-
nachlässigung von Einnahmequellen (z.B. Restdefizitanteile anderer Kantone) gehen zu Las-
ten der Institution (Ziff. 4.2 Leistungsvertrag 2007).
Gestützt auf Ziff. 5 des Leistungsvertrags 2007 hatte die Beschwerdeführerin vom Kanton
Bern Akontozahlungen erhalten. Nachdem die Vorinstanz im Jahr 2010 das Fehlen von Kos-
tengutsprachen seitens des Kantons B für die Jahre 2005 bis 2007 sowie den fehlenden Ab-
zug von Restdefizitbeiträgen festgestellt hatte, erstellte sie am 1. November 2010 die folgende
Betriebsbeitragsabrechnung für das Jahr 2007:
8 Vortrag des Regierungsrates an den Grossen Rat zum SHG, Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern
2001, Beilage 16. S. 30
8
Brutto-Aufwandüberschuss vor Beiträgen Dritter (gemäss Kostenrechnung CHF 933‘767.00
Abzüglich Korrekturen CHF 00.00
Abzüglich Betriebsbeitrag BSV CHF 00.00
Abzüglich Restdefizitbeiträge andere Kantone CHF 214‘570.80
Anrechenbarer Netto-Aufwandüberschuss 2007 CHF 719‘196.20
Abzüglich Anteil Unterdeckung der Institution (100 %) CHF 11‘010.00
Leistungsabgeltung des Kantons Bern CHF 708‘186.20
Abzüglich Vorschusszahlungen 2007 des Kantons Bern CHF 850‘450‘00
Saldo zugunsten des Kantons Bern per 31.12.2007 CHF 142‘263.80
Die Betriebsbeitragsabrechnung 2007 ist der angefochtenen Verfügung vom 20. Dezember
2012 beigelegt und bildet eine Grundlage derselben. Sie ist deshalb in die vorliegende Über-
prüfung einzubeziehen.
Aus der angefochtenen Verfügung in Verbindung mit der Betriebsbeitragsabrechnung 2007
ergibt sich was folgt:
Die Vorinstanz verweigert die Übernahme des Restdefizitbeitrags von CHF 214‘570.80. Die-
ser Restdefizitbeitrag entspricht den im Jahr 2007 für einen Heimbewohner mit ausserkanto-
nalem Wohnsitz angefallenen Betreuungs- und Wohnkosten. Diese Kosten sind gemäss IVSE
grundsätzlich vom Wohnsitzkanton zu übernehmen, wobei jedoch vorgängig eine Kosten-
übernahmegarantie einzuholen ist (Art. 26 Abs. 1 IVSE). Der Leistungsvertrag 2007 sieht
dementsprechend in Ziff. 4.2 vor, dass Ausgabenüberschüsse, welche aufgrund der Vernach-
lässigung von Einnahmequellen entstanden sind (wie beispielsweise Restdefizitanteile ande-
rer Kantone), nicht vom Kanton Bern, sondern von der Institution zu übernehmen sind.
Vorliegend wurde nicht vorgängig, sondern erst mit erheblicher Verspätung (im Juni 2010)
beim Kanton B ein Gesuch um Kostenübernahme gestellt. Namentlich aufgrund der Ver-
spätung verweigerte der Kanton B die Kostenübernahme. Umstritten ist, ob der Kanton Bern
oder die Beschwerdeführerin diese Kosten übernehmen muss. Genau diese Frage wird in Ziff.
4.2 des Leistungsvertrags 2007 beantwortet. Die strittige Frage ist mithin gestützt auf den
Leistungsvertrag 2007 zu entscheiden. Somit handelt es sich vorliegend um eine Streitigkeit
aus öffentlich-rechtlichem (Leistungs-)Vertrag zwischen dem Kanton Bern und der Beschwer-
deführerin.
9
2.4 Rechtsschutz / Verfahrensart im vorliegenden Fall
Streitigkeiten aus öffentlich-rechtlichen Verträgen, an denen der Kanton beteiligt ist, sind vom
Verwaltungsgericht als einzige Instanz im Klageverfahren zu beurteilen, soweit die zuständige
Behörde die Streitigkeit nach dem Gesetz nicht durch Verfügung zu regeln hat (Art. 87 Bst. b
VRPG). Die verwaltungsrechtliche Klage ist unzulässig, wenn der behauptete Anspruch auf
dem Beschwerdeweg geltend gemacht werden kann (Art. 90 Abs. 1 VRPG). Das Klageverfah-
ren kommt nur in Fällen zum Zug, in denen der Beschwerdeweg als unzweckmässig er-
scheint. Das ist namentlich der Fall bei Streitigkeiten aus öffentlich-rechtlichen Verträgen und
gewissen Streitigkeiten über vermögensrechtliche Ansprüche. Das Klageverfahren ist damit
gegenüber dem Beschwerdeverfahren subsidiär. 9 Für das Staatsbeitragsrecht hat das berni-
sche Verwaltungsgericht festgehalten, dass unabhängig von der Form der Beitragsgewährung
eine Verfügung zu erlassen sei im Fall, dass ein Gesuch ganz oder teilweise abgelehnt wer-
de. Diese für das Staatsbeitragsrecht bereichsübergreifende allgemeine Regelung gelte auch
dort, wo um zusätzliche Staatsbeiträge ersucht werde. 10
Vorliegend gibt es keine Bestimmung, welche den Grundsatz von Art. 87 Bst. b VRPG entkräf-
ten würde. Insbesondere stellt die Beschwerdeführerin abweichend von dem in BVR 2013
S. 227 ff.
E. 4.6 beurteilten Sachverhalt kein ergänzendes Gesuch um Ausrichtung von
Staatsbeiträgen. Die vorliegend streitige Frage (Kostenübernahme bei Vernachlässigung von
Einnahmequellen) wird vielmehr vollumfänglich durch den Leistungsvertrag geregelt. Damit
liegt keine Ausnahme im Sinne von Art. 87 Abs. b VRPG vor und es kommt das Klageverfah-
ren zum Zug. Dementsprechend hätte die Vorinstanz nicht verfügen dürfen, sondern hätte
den Klageweg beschreiten müssen.
3. Aufhebung des Verfahrens von Amtes wegen (Kassation)
3.1 Gemäss Art. 40 Abs. 1 VRPG sind die Verwaltungsjustizbehörden befugt, ein bei ihnen
hängiges Verwaltungs- und Verwaltungsjustizverfahren von Amtes wegen aufzuheben, wenn
wesentliche Verfahrensgrundsätze derart verletzt sind, dass die richtige Beurteilung unmög-
lich oder wesentlich erschwert wird.
3.2 Die Aufhebung des Verfahrens wegen Verletzung von Verfahrensgrundsätzen setzt
voraus, dass ein vor unterer Instanz abgeschlossenes Verfahren von einer betroffenen Per-
son mit einer Eingabe an die obere Instanz gezogen und bei dieser rechtshängig wird. Die
Eingabe muss sich nicht auf Verfahrensfehler beziehen. Die angerufene Behörde prüft von
Amtes wegen, ob Kassationsgründe vorliegen und ordnet gegebenenfalls von sich aus das
9 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 87 N. 1
10 BVR 2013 S. 227 ff.
10
Nötige an. Die Verwaltungsjustizbehörde muss innerhalb der Rechtsmittelfrist mit der Sache
befasst werden. Andernfalls wird auch ein mit Verfahrensfehlern behafteter Entscheid rechts-
kräftig. Eine Verwaltungsjustizbehörde darf ein Verfahren nur aufheben, wenn sie zuständige
Rechtsmittelbehörde ist oder wäre, wenn die massgebenden Vorschriften angewendet wor-
den wären. 11
3.3 Die GEF erfüllt auf dem Gebiet des Verwaltungsrechts Rechtsprechungsaufgaben und
gehört damit zu den Verwaltungsjustizbehörden. 12
Die GEF ist grundsätzlich die zuständige
Direktion zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen der Vorinstanz, welche eine
ihr untergeordnete Verwaltungseinheit ist (Art. 62 Abs. 1 Bst. a VRPG). Mit Einreichung der
Beschwerdeschrift ist vorliegend das Verwaltungsjustizverfahren innerhalb der 30-tägigen
Rechtsmittelfrist (Art. 67 VRPG) hängig geworden (Art. 16 Abs. 2 VRPG). Damit ist die GEF
zur Kassation des Verfahrens von Amtes wegen i.S.v. Art. 40 VRPG befugt.
3.4 Ein Verfahrensfehler führt dann zur Kassation, wenn es sich um gravierende Mängel
handelt, welche die richtige Beurteilung ausschliessen oder wesentlich erschweren. Wesent-
lich erschwert ist die richtige Beurteilung, wenn die obere Instanz Verfahrensmängel nur un-
vollkommen oder mit grossem Aufwand beseitigen könnte. 13
Vorliegend handelt es sich um eine Streitigkeit aus dem Leistungsvertrag 2007. Soweit die
zuständige Behörde die Streitigkeit nach dem Gesetz nicht durch Verfügung zu regeln hat,
werden Streitigkeiten aus öffentlich-rechtlichen Verträgen, an denen der Kanton beteiligt ist,
auf Klage hin vom Verwaltungsgericht als einzige Instanz beurteilt (Art. 87 Bst. b VRPG). Wie
unter Erwägung 2 hievor erläutert, hätte die Vorinstanz nicht verfügen dürfen, sondern die
streitige Angelegenheit (Übernahme von aus der Betreuung eines aussenkantonalen Heim-
bewohners entstandenen Kosten) im Klageverfahren vom Verwaltungsgericht beurteilen las-
sen.
Der Erlass der Verfügung und die damit verbundene Wahl des falschen Verfahrens durch die
Vorinstanz stellen einen gravierenden Verfahrensmangel dar, welchen die GEF nur durch die
vollumfängliche Aufhebung des erstinstanzlichen Verfahrens beseitigen kann. Demnach wird
das Verfahren vor der Vorinstanz gestützt auf Art. 40 Abs. 1 VRPG vollumfänglich kassiert.
11 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 40 N 2-4
12 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 2 N 20
13 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 40 N 5
11
4. Kosten
4.1 Zur Kostenliquidation bei Kassation enthält Art. 40 VRPG keine Regelung, so dass die
allgemeinen Grundsätze für die Kostenverlegung gelten (Art. 102 ff. VRPG). 14
Danach werden die Verfahrenskosten, bestehend aus einer Pauschalgebühr (Art. 103 VRPG),
der unterliegenden Partei zur Bezahlung auferlegt, es sei denn, das prozessuale Verhalten
einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen Umstände rechtfertigten,
keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Vorliegend wird das Verfahren von Amtes wegen infolge eines schwerwiegenden Verfah-
rensmangels kassiert. Dieser Verfahrensmangel ist der Vorinstanz zuzurechnen. Ihr können
jedoch als Behörde im Sinne von Art. 2 Abs. 1 Bst. a VRPG keine Verfahrenskosten auferlegt
werden (Art. 108 Abs. 2 VRPG).
4.2 Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung oder
Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten ans Gemeinwesen als gerechtfer-
tigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Im Falle einer Kassation von Amtes wegen ist ein Par-
teikostenbeitrag zuzusprechen, wenn eine anwaltlich vertretene Partei den Verfahrensfehler
gerügt und kostenfällige Aufhebung des angefochtenen Entscheides wegen Formfehlern ver-
langt hat. 15
Vorliegend ist die Beschwerdeführerin anwaltlich vertreten. Mit Beschwerde vom
21. Januar 2013 hat sie die Sistierung des vorliegenden Verfahrens bis zum Entscheid über
die Aufhebung des Verfahrens von Amtes wegen durch das Verwaltungsgericht beantragt. Als
Beschwerdebeilage reichte die Beschwerdeführerin die Eingabe an das Verwaltungsgericht
vom 21. Januar 2013 ein. Darin verlangt sie die Aufhebung des Verfahrens gemäss Art. 40
VRPG wegen der falschen Verfahrensart (Beschwerdeverfahren statt Klageverfahren). Die
Beschwerdeführerin rügt somit den formellen Mangel, der zur Kassation des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens geführt hat. Folglich ist ihr ein Parteikostenbeitrag zuzusprechen.
Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden Auf-
wand. Die Bemessung des Parteikostenersatzes richtet sich nach den Vorschriften der An-
waltsgesetzgebung (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Mit Kostennote vom 28. April 2014 hat die Be-
schwerdeführerin die ihr entstandenen Parteikosten mit Fr. 1‘956.50 (Fr. 1‘937.50 Honorar
zuzüglich Fr. 19.00 Auslagen) beziffert. Diese Kostennote gibt zu keinen Bemerkungen An-
lass. Dementsprechend wird der Parteikostenersatz der Beschwerdeführerin zulasten der Vo-
rinstanz auf Fr. 1‘956.50 (inkl. Auslagen) festgesetzt.
14 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 40 N. 11; VGE 21456 vom 10.1.2003 i.S. K., E. 2c
15 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 108 N. 9 und 16
12