Decision ID: 8d9af7f3-0878-5917-b55e-33a824ed0e14
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer hat seinen Heimatstaat Eritrea eigenen Angaben
zufolge am 4. Juli 2015 Richtung Sudan verlassen, wo er sich etwa ein
Jahr lang aufgehalten habe. Über Libyen und Italien sei er am 5. Juni 2016
in die Schweiz eingereist, wo er gleichentags im damaligen Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) Altstätten um Asyl nachsuchte.
B.
Am 24. Juni 2016 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Dabei machte
der Beschwerdeführer in Bezug auf seine Identität geltend, er sei eritrei-
scher Staatsangehöriger und stamme aus dem Dorf B._ in der Sub-
zoba C._, Zoba D._. Er habe die Schule bis zur 9. Klasse
besucht. Im Jahr (...) habe er seine Frau geheiratet und sei danach nicht
mehr zur Schule gegangen. Sie hätten inzwischen (...) gemeinsame Kin-
der. In Bezug auf seine Asylgründe brachte er im Wesentlichen vor, er habe
von (...) bis zu seiner Ausreise Militärdienst geleistet. Im Rahmen seines
Militärdienstes habe man ihn im Jahr 2009 aufgefordert, im Meer schwim-
men zu gehen. Er habe dabei viel Wasser geschluckt und habe darum ge-
beten, ihn wieder an Land zu bringen. Er habe danach Urlaub erhalten, sei
jedoch im Urlaub verhaftet und für zwei Monate inhaftiert worden. Danach
sei er an einen anderen Ort versetzt worden und habe Minen bergen müs-
sen. Er sei schliesslich ausgereist, weil er einen Diensturlaub aufgrund der
Krankheit seiner Tochter überschritten habe und seine Frau im Juni 2015
deswegen inhaftiert worden sei.
Im Anschluss zur BzP wurde dem Beschwerdeführer mitgeteilt, er habe die
vom SEM gestellten Fragen zu Eritrea nicht hinreichend beantworten kön-
nen, weshalb seine Staatsangehörigkeit im Zentralen Migrationsinformati-
onssystem (ZEMIS) zu «Staat unbekannt» geändert werde. Hierzu wurde
ihm das rechtliche Gehör gewährt, in welchem der Beschwerdeführer an
seiner eritreischen Staatsangehörigkeit festhielt.
C.
Am 3. Oktober 2016 reichte die Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende
(...) des HEKS eine Mandatsanzeige unter Beilegung einer Vollmacht ein.
Die Rechtsvertreterin wies das SEM darauf hin, dass der Beschwerdefüh-
rer am 14. August 2016 seine eritreische Identitätskarte im Original dem
SEM eingereicht habe, weshalb seine eritreische Staatsangehörigkeit er-
wiesen und diese im ZEMIS zu erfassen sei. Daraufhin änderte das SEM
im ZEMIS seine Staatsangehörigkeit zu Eritrea.
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D.
Mit Eingabe vom 9. Dezember 2016 reichte der Beschwerdeführer eine
Heiratsurkunde, Taufscheine seiner Kinder sowie die Identitätskarte seiner
Frau (alle in Kopie) zu den Akten.
E.
Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte er anlässlich der Anhörung
zu den Asylgründen vom 12. September 2017 im Wesentlichen folgenden
Sachverhalt vor:
Er sei im (...) zum Nationaldienst aufgeboten worden und habe danach
während sechs Monaten die militärische Grundausbildung in E._
absolviert. Danach sei er der Einheit (...) zugeteilt worden, welche in
G._ in der Umgebung von H._ stationiert gewesen sei. Er
sei über den Umgang mit Minen ausgebildet worden und habe in der Folge
Strassen nach Minen abgesucht. Eines Tages im 2. Monat 2015 habe er
sich geweigert, eine Mine aus dem Boden zu entfernen, da es für ihn ge-
fährlich gewesen wäre. Daraufhin sei er verhaftet und während zwei Mo-
naten festgehalten worden. Danach habe er einen zehntägigen Urlaub er-
halten, um seine Kinder zu besuchen, und sei gleichzeitig gewarnt worden,
dass er mit Konsequenzen zu rechnen habe, wenn er nach zehn Tagen
nicht zurückkehren würde. Im Urlaub sei seine Tochter sehr krank gewor-
den und er habe sie zur Behandlung in ein Krankenhaus in der Subzoba
gebracht. Am zehnten Tag seines Urlaubs seien zwei Soldaten zu seinem
Haus in B._ gekommen und da er nicht zu Hause gewesen sei,
habe man seine Frau verhaftet. Zwei ihrer Kinder seien mitgegangen und
die anderen seien zu Hause geblieben und hätten ihn nach seiner Rück-
kehr darüber informiert. Nach einem Monat und 15 Tagen sei seine Frau
nach Hause zurückgekehrt, er selber habe sich nicht mehr bei den Behör-
den gemeldet, sondern habe fortan in der Wildnis übernachtet. Da das Le-
ben in der Wildnis schwierig gewesen sei, habe er schliesslich entschie-
den, Eritrea zu verlassen.
Er reichte die Taufscheine seiner Kinder und die Heiratsurkunde im Original
zu den Akten.
F.
Mit Arztbericht vom 24. Juli 2018 des (...)zentrums des Kantonsspitals
I._ wurde dem Beschwerdeführer eine [Krankheit] diagnostiziert.
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Seite 4
G.
Am 2. Oktober 2018 wies die Rechtsvertreterin das SEM darauf hin, dass
das Verfahren des Beschwerdeführers seit über zwei Jahren hängig sei
und bat um einen raschen Abschluss des Verfahrens. Das SEM antwortete
am 8.Oktober 2018, dass seine Asylgründe geprüft würden und gemäss
interner Prioritätenordnung sobald als möglich ein Asylentscheid erlassen
werde.
H.
Am 4. Februar 2019 informierte das (...)zentrum des Kantonsspitals
I._ das SEM auf dessen Nachfrage, dass die Behandlung der
[Krankheit] des Beschwerdeführers erfolgreich abgeschlossen worden sei.
I.
Mit Verfügung vom 8. Februar 2019 – eröffnet am 11. Februar 2019 – stellte
die Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz und deren Vollzug an.
J.
Diese Verfügung liess der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin
mit Eingabe vom 13. März 2019 beim Bundesverwaltungsgericht anfech-
ten. Er beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben, er sei als
Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren, eventualiter sei er
als Flüchtling vorläufig aufzunehmen, subeventualiter sei die Unzulässig-
keit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und als
Folge davon eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und die
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin zu bestellen.
K.
Mit Verfügung vom 20. März 2019 hielt die Instruktionsrichterin fest, der
Beschwerdeführer dürfe den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten, hiess das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut und ord-
nete die Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig
wurde die Vorinstanz eingeladen, sich zur Beschwerde vernehmen zu las-
sen.
L.
Mit Eingabe vom 3. April 2019 reichte die Vorinstanz ihre Stellungnahme
zur Beschwerde ein.
E-1239/2019
Seite 5
M.
Am 23. April 2019 replizierte der Beschwerdeführer unter Beilegung einer
Kostennote.
N.
Mit Eingabe vom 18. Oktober 2019 informierte der Beschwerdeführer das
Gericht, dass seine Tochter namens J._ etwa Anfang des Jahres
verstorben sei, da sie an Lungenproblemen gelitten habe. Aufgrund der
Sorge um seine Familie ersuchte er das Gericht, sein Verfahren prioritär zu
behandeln.
O.
Mit Schreiben vom 24. Oktober 2019 informierte die Instruktionsrichterin
den Beschwerdeführer, dass sein Wunsch um prioritäre Behandlung zur
Kenntnis genommen werde und das Gericht um einen baldigen Abschluss
des Verfahrens bemüht sei, jedoch keine verbindlichen Angaben über die
voraussichtliche Dauer bis zum Urteilszeitpunkt machen könne.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 6
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Gleiches gilt für die Person, die Nach-
fluchtgründe geltend macht. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung des ablehnenden Entscheids führte das SEM im We-
sentlichen aus, die Schilderungen des Beschwerdeführers würden meh-
rere Unglaubhaftigkeitselemente aufweisen. In der BzP habe er hinsichtlich
seiner Asylgesuchsgründe einen Vorfall beim Schwimmen im Jahr 2009 in
den Vordergrund gestellt. Bei der Anhörung habe er hingegen angegeben,
er sei im Jahr 2015 wegen Befehlsverweigerung inhaftiert worden, nach-
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dem er sich geweigert habe, eine Mine zu räumen. Nach einer zweimona-
tigen Haft habe er für zehn Tage Urlaub erhalten und sei dann von seinem
Heimatdorf aus ausgereist. Auf die unterschiedliche Darstellung angespro-
chen habe er erwidert, er habe 2009 eine Ausbildung am Meer machen
müssen, sei jedoch überfordert gewesen, da er nicht habe schwimmen
können. Die Ereignisse von 2009 hätten keinen Zusammenhang mit seiner
späteren Haft gehabt. Er habe mit diesen Erklärungen die widersprüchliche
Darstellung indes nicht zu erklären vermocht, zumal er angegeben habe,
er sei nur ein Mal in Haft gewesen.
Hinzukommend seien auch seine Ausführungen zu seiner militärischen
Ausbildung knapp und oberflächlich und frei von persönlichen Eindrücken
ausgefallen. Trotz mehrerer offener Nachfragen habe er sich im Wesentli-
chen auf objektive Informationen, welche er auch aus anderen Quellen
hätte erfahren können, beschränkt. Er habe zwar einige Details zum Aus-
bildungslager in E._ nennen können. Seine Schilderungen zum In-
halt der militärischen Ausbildung seien jedoch knapp und oberflächlich ge-
blieben. Er habe zunächst lediglich angegeben, er habe gelernt, wie man
mit der Waffe umgehe, habe rennen müssen, und ihm sei «Silti» und «Kudi
Hitsa» beigebracht worden. Auf Nachfrage habe er diese Begriffe nur vage
und mit wenigen Worten erläutern können.
Auch seine Beschreibung zur Zeit, in welcher er angeblich bei der Minen-
räumung tätig gewesen sei, sei vage ausgefallen. Zu seiner Ausbildung
habe er lediglich angegeben, ihm sei beigebracht worden, Minen zu ver-
graben und es habe zwei verschiedene Arten von Minen gegeben. Auf wei-
tere Nachfrage habe er verschiedene Minentypen ergänzt und ausgeführt,
es gebe drei verschiedene Erden (Bodenbeschaffenheiten) und er habe
nach der Ausbildung mit einer Eisenstange die Strasse auf Minen geprüft.
Seine Beschreibung der Minensuche und Minenräumung habe laienhaft
gewirkt und nicht den Eindruck erweckt, dass er tatsächlich [mehrere]
Jahre lang ausschliesslich im Bereich der Minenräumung beschäftigt ge-
wesen sei. Er habe von einer Metallstange, mit welcher er Minen gesucht
habe und einem Gerät, das mit Batterie betrieben worden sei, gesprochen,
ohne Näheres zu den Geräten und dem genauen Vorgehen auszuführen.
Erstaunlich sei auch, dass er dabei normale Militärkleidung und keine
Schutzkleidung getragen habe und sein Vorgesetzter ihn aufgefordert ha-
ben soll, die gefundene Mine herauszuziehen anstatt sie – wie üblich – zu
entschärfen oder kontrolliert zu sprengen. Es sei auch nicht nachvollzieh-
bar, dass er während den ganzen Jahren lediglich mit Minen aus der Zeit
der Derg-Regierung (1974 – 1991) zu tun gehabt habe und zu später –
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während des Grenzkrieges – vergrabenen Minen keine Angaben habe ma-
chen können. Ausserdem habe er sich widersprochen, indem er anfangs
berichtet habe, er habe gelernt, Minen zu vergraben, während er später
sagte, er sei nur ausgebildet worden Minen auszugraben. Auf Nachfrage
bejahte er, dass er sowohl Minen vergraben als auch ausgegraben habe.
Später wiederum habe er gesagt, keine Minen vergraben zu haben.
Auch hinsichtlich der geltend gemachten illegalen Ausreise sei es zu un-
terschiedlichen Aussagen gekommen. In der BzP habe er lediglich gesagt,
er sei über die Einöde nach Hafir gelangt. Er habe auch auf zweimalige
Nachfrage keine Orte nennen können, die er passiert habe oder in deren
Nähe er gewesen sei. In der Anhörung habe er hingegen den Weg aus-
führlich beschrieben und habe verschiedene Ortschaften und weitere
Merkmale des Weges genannt. Hirten hätten ihm die Richtung nach Hafir
gewiesen und dort angekommen, sei er von einem Mann informiert wor-
den, dass er sich im Sudan befinde. In der BzP habe er hingegen die Frage,
ob Hafir im Sudan sei, noch verneint. Auf die Widersprüche angesprochen
habe er erwidert, es sei ihm angesichts der Schiffsreise (über das Mittel-
meer) zum Zeitpunkt der BzP gesundheitlich schlecht gegangen. Er habe
jedoch an der BzP angegeben, es gehe ihm gesundheitlich gut und er sei
in der Lage gewesen, ausführlich über die Gesuchsgründe zu berichten.
Angesichts der Widersprüche und unsubstantiierten Schilderungen gehe
die Vorinstanz somit davon aus, dass seine Vorbringen bezüglich des Mili-
tärdienstes, der Haft, der Desertion und der illegalen Ausreise den Anfor-
derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht zu genügen
vermöchten.
4.2 In der Beschwerde wird moniert, dass aus dem Protokoll der BzP er-
sichtlich sei, dass es mehrfach zu Schwierigkeiten bezüglich Kommunika-
tion und Übersetzung gekommen sei. Beispielsweise sei im Protokoll be-
züglich dem Vorfall im Meer vermerkt: «DM versteht nicht» und «FS weist
GS darauf hin, ganze Sätze zu bilden und klar zu sprechen». Es seien auch
unklare Übersetzungen im Protokoll aufgenommen worden, wie beispiels-
wiese: «Dann nachdem sie Dings gemacht haben, bin ich zurückgekehrt».
Auch die Hilfswerksvertretung habe auf ihrem Unterschriftenblatt (im An-
schluss an die Anhörung) bezüglich der BzP vermerkt, dass die gegensei-
tige Verständigung schwer gewesen zu sein scheine. Diese Kommunikati-
ons- und Übersetzungsschwierigkeiten seien bei der Anforderung an die
Detailliertheit und Übereinstimmung der Aussagen zu berücksichtigen.
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Seite 9
Hinsichtlich des vom SEM ausgemachten Widerspruches in Bezug auf die
Schilderung des Vorfalls im Meer im Jahr 2009, welchen er an der Anhö-
rung zunächst nicht mehr genannt habe, wies der Beschwerdeführer da-
rauf hin, dass es bezüglich des zeitlichen Ablaufs eine Unklarheit im Pro-
tokoll der BzP gebe. In der Anhörung habe er diesbezüglich aufgeklärt,
dass es sich beim Vorfall im Meer und der Inhaftierung aufgrund der Be-
fehlsverweigerung um zwei verschiedene Vorfälle handle. Bei der Bestra-
fung aufgrund des Vorfalls auf dem Meer habe es sich mehr um eine «see-
lische Strafe» gehandelt. Somit sei seine Aussage, er sei nur ein Mal ver-
haftet worden (in Folge der Befehlsverweigerung der Minenräumung), kor-
rekt.
Ferner sei anzumerken, dass die Fragen des SEM bezüglich seiner militä-
rischen Ausbildung äusserst knapp ausgefallen seien. Von 248 Fragen hät-
ten sich nur sieben Fragen auf die allgemeine militärische Ausbildung be-
zogen. Entgegen der Ansicht des SEM habe er militärische Manöver und
Fachbegriffe zu erklären vermocht. Auch sei er in der Lage gewesen, die
Minenausbildung und verschiedene Minentypen zu beschreiben. Gegen-
über seiner Rechtsvertretung habe er zudem angegeben, dass keine
Schutzkleidung existiere, weshalb er gezwungen gewesen sei, die Arbeit
in der gewöhnlichen Militärkleidung durchzuführen. Des Weiteren habe der
Beschwerdeführer erklärt, dass er nicht in Regionen, wo der Grenzkrieg
stattgefunden habe, gearbeitet habe, weshalb er nicht in der Lage gewe-
sen sei, über Minen aus der Zeit der Grenzkriege, sondern nur aus der
Derg-Regierung, zu sprechen.
Zu seiner zweimonatigen Inhaftierung führt er aus, seine Zelle sei klein,
viereckig, aus Zement und von Zaun umgeben gewesen. Er habe bloss
eine Decke zum Schlafen gehabt. Er sei in Einzelhaft gewesen und nur von
einem Wächter bewacht worden. Er habe die Zeit als schwierig beschrie-
ben und habe unter anderem an gesundheitlichen Problemen gelitten. Zu
seinem darauffolgenden Urlaub habe er beschrieben, dass er auf Anraten
des Krankenhauspersonals für fünfzehn Tage bei der Tochter geblieben
sei, bis sich ihre Blutwerte stabilisiert hätten; somit habe er seinen Dienst-
urlaub überzogen. Deswegen sei seine Ehefrau inhaftiert worden. Die Haft
der Ehefrau habe das SEM in seiner Verfügung nicht berücksichtigt. Er
habe die Zeit, als seine Frau inhaftiert gewesen sei, als bitter und schmerz-
haft erlebt. Die Kinder hätten dauernd geweint. Sein darauffolgendes Le-
ben in der Wildnis habe er als unerträglich beschrieben und es sei ihm
schwer gefallen, die Erlebnisse in Worte zu fassen. Auch nach seiner Aus-
reise hätten die Behörden bei ihm zu Hause nach ihm gesucht.
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In Bezug auf den Vorhalt des SEM, er habe in der BzP und der Anhörung
unterschiedliche Angaben hinsichtlich seiner Ausreise gemacht, sei zu be-
merken, dass bei Differenzen zwischen der BzP und der Anhörung Vorsicht
geboten sei, was auch das SEM in seinem Handbuch festhalte. Die BzP
habe kurz nach der traumatisierenden Flucht des Beschwerdeführers statt-
gefunden. Er habe beschrieben, wie er von Libyen über das Meer nach
Europa gelangt sei und sich im untersten Stock des Schiffes befunden
habe. Es sei ihm damals sehr schlecht gegangen und er habe gesundheit-
liche Probleme gehabt. Er habe gegenüber seiner Rechtsvertretung ange-
geben, dass er kurz nach der Flucht emotional nicht in der Lage gewesen
sei, die Flucht detailliert zu schildern. Während der Anhörung sei er dann
emotional bereit gewesen, das einschneidende Ereignis der Flucht detail-
liert darzulegen. Nach dem Gesagten seien die vorinstanzlich behaupteten
Unglaubhaftigkeitsmerkmale betreffend Militärdienst, Haft, Desertion und
illegaler Ausreise widerlegt und die Situation, die zur begründeten Furcht
vor asylrelevanter Verfolgung geführt habe, sei rechtsgenüglich glaubhaft
gemacht worden, weshalb er die Flüchtlingseigenschaft erfülle.
4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM hinsichtlich der in der Be-
schwerde vorgebrachten Übersetzungsschwierigkeiten während der BzP
aus, dass dem Protokoll der BzP nicht zu entnehmen sei, dass es nach der
Aufforderung des Befragers, ganze Sätze zu bilden und klar zu sprechen,
zu relevanten Kommunikationsschwierigkeiten gekommen sein könnte. Es
sei jedenfalls davon auszugehen, dass etwaige Verständigungsschwierig-
keiten spätestens während der Rückübersetzung geklärt worden wären.
Der Beschwerdeführer habe jedoch die Richtigkeit seiner Aussagen am
Ende der Befragung mit seiner Unterschrift bestätigt und auch angegeben,
den Dolmetscher gut verstanden zu haben. Die in der Verfügung aufge-
zeigten Unstimmigkeiten seien somit nicht mit Verständigungsschwierig-
keiten zu erklären, sondern würden vielmehr auf konstruierte Vorbringen
hindeuten. Angesichts der widersprüchlichen Angaben des Beschwerde-
führers bezüglich seiner Haft und der Umstände seiner Desertion ergebe
sich auch bei Berücksichtigung seiner Angaben zur Inhaftierung seiner
Frau keine andere Beurteilung. Zudem habe sich in der Anhörung gezeigt,
dass er in der Lage sei, Sachverhalte zu konstruieren und seine Schilde-
rungen an die Fragen anzupassen. So habe er bezüglich der Gescheh-
nisse nach seiner Ausreise zunächst ausgeführt, die Militärbehörde habe
von der Verwaltung erfahren, dass er in Khartum sei. Auf Nachfrage habe
er erwidert, die Verwaltung wisse einfach, wenn man das Land verlassen
habe. Auf wiederholte Nachfrage habe er schliesslich angegeben, seine
Frau habe den Soldaten seiner Einheit davon berichtet. In Bezug auf seine
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Seite 11
illegale Ausreise sei darauf hinzuweisen, dass das SEM in seiner ableh-
nenden Verfügung die Unglaubhaftigkeit der illegalen Ausreise nicht auf
mangelnde Substanz der Schilderungen zurückführe, sondern auf die un-
terschiedlichen Angaben des Beschwerdeführers zum Reiseweg.
4.4 In der Replikeingabe wird erwidert, dass es wünschenswert wäre, wenn
jegliche Verständigungsprobleme während der Rückübersetzung geklärt
würden. Vorliegend werde jedoch nach Durchsicht des Protokolls der BzP
und wie bereits in der Beschwerdeschrift aufgeführt klar, dass gravierende
Kommunikations- und Übersetzungsschwierigkeiten bestanden hätten.
Hinsichtlich der Geschehnisse nach seiner Ausreise hielt der Beschwerde-
führer fest, dass die Verwaltung bereits gewusst habe, dass er ausgereist
sei und sich bloss an seine Frau gewandt habe, um dies zu kontrollieren
und auf sie Druck auszuüben. Die Militärbehörde habe – wie er in der An-
hörung ausgesagt habe – von der Verwaltung von seiner Ausreise erfah-
ren. In Bezug auf seine illegale Ausreise sei – wie bereits in der Beschwer-
deschrift ausgeführt – darauf hinzuweisen, dass er kurz nach seiner trau-
matisierenden Reise an der BzP nicht in der Lage gewesen sei, die Flucht
detailliert zu beschreiben.
5.
5.1 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftma-
chung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweis-
mass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den
Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das
Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend
für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht
es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
5.2 Nach Durchsicht der Akten ist unter Beachtung dieser Grundsätze fest-
zustellen, dass die Erwägungen der Vorinstanz nicht bestätigt werden kön-
nen.
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5.2.1 Zunächst ist festzuhalten, dass aufgrund der Akten angenommen
werden kann, dass der Beschwerdeführer im Jahr (...) in den Militärdienst
eingezogen wurde. Er hat angegeben, dass er nach seinem Schulabbruch
eine Vorladung für den Militärdienst erhalten habe und im Rahmen der (...).
Rekrutierungsgrunde in E._ seine militärische Ausbildung während
sechs Monaten absolviert habe (SEM Akte A24, F73ff.). Gemäss verschie-
denen Quellen fand die (...). Rekrutierungsrunde im Sommer (...) statt und
die militärische Ausbildung wurde in E._ ([...]) durchgeführt (siehe
zum Beispiel: Eritrea: Nationaldienst, inoffizielle Übersetzung einer Ana-
lyse von LandInfo Norwegen vom 28. Juli 2011, Bundesamt für Migration,
Ziff. 4.4.2 und FN 8: https://www.refworld.org/cgi-bin/texis/vtx/rwmain/o-
pendocpdf.pdf?reldoc=y&docid=56cd5ebb4, abgerufen am 16.6.2020).
Der Beschwerdeführer konnte den Ort E._ und die Unterkünfte zu-
dem glaubhaft beschreiben (SEM Akte A24, F76f.) Die Einschätzung des
SEM, wonach seine Ausführungen zu seiner militärischen Ausbildung ober-
flächlich geblieben seien, kann nicht geteilt werden. Er hat insbesondere
militärische Begriffe genannt und diese auch erklären können (a.a.O., F81-
F83). In der Beschwerde wird zudem zu Recht darauf hingewiesen, dass
das SEM dem Beschwerdeführer nur wenige Fragen zu seiner militäri-
schen Ausbildung gestellt hat (a.a.O., F80-F83). Die ihm gestellten Fragen
hat er hinreichend beantworten können und er durfte erwarten, dass er von
Seiten des SEM darauf hingewiesen worden wäre, die militärischen Be-
griffe detaillierter zu schildern beziehungsweise weitere Einzelheiten über
die Ausbildung zu erzählen, wäre das von ihm erwartet worden. Aufgrund
seiner Schilderungen sieht das Gericht keinen Anlass, an seiner Aussage,
er sei im Jahr (...) in den Nationaldienst eingezogen worden und habe
seine militärische Ausbildung in E._ absolviert, zu zweifeln.
5.2.2 Auch seine darauffolgende Zuteilung in eine Einheit, welche für die
Minenräumung zuständig gewesen sei, konnte er hinreichend substantiiert
schildern. Bereits in der BzP hat er angegeben, er sei der Einheit «(...)»
zugeteilt worden, welche für Minen zuständig gewesen sei (SEM Akte A4,
Ziff. 6.01). An der Anhörung gab er übereinstimmend an, er sei in der «(...)»
gewesen (SEM Akte A24, F84). Er wusste einiges über Minen und konnte
Namen von folgenden Minen, welche für Fahrzeuge oder für Menschen
bestimmt seien, angeben: Bakelite, TM-57,
47, 46 (SEM Akte A4, Ziff. 7.02; Akte A24, F93, F245). Gemäss öffentlich
zugänglichen Quellen handelt es sich dabei um Minen, welche man unter
anderem in verschiedenen Ländern Afrikas und auch in Eritrea findet (vgl.
zum Beispiel Humanitarian Mine Action, Anti-Tank mines involved in recor-
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Seite 13
ded accidents, http://www.nolandmines.com/explosive_hazards/in-
dex%20mines %20 AT.htm, abgerufen am 18.6.2020). Des Weiteren hat er
auch erklärt, dass die Bodenbeschaffenheit eine Rolle gespielt habe und
ihm bei der Arbeit verschiedene Geräte, wie eine Eisenstange, ein batte-
riebetriebener Gegenstand sowie ein «Senku» zur Verfügung gestanden
hätten (SEM Akte A24, F94-F98, F113). Er hat auch ausgeführt, wie er vor-
gegangen sei, wenn er auf eine Mine gestossen sei (a.a.O., F113, F167,
F171). Im Übrigen sind seine Aussagen auch im Länderkontext plausibel.
So geht aus einem Bericht der Organisation «Landmine and Cluster Muni-
tion Monitor» aus dem Jahr 2018 hervor, dass in Eritrea nach wie vor Ge-
biete (unter anderem Debub, wo sich H._ befindet) existieren, wel-
che mit Minen versehen sind. Die Minen stammen aus dem Unabhängig-
keitskrieg von 1962-1991 und dem Krieg mit Äthiopien von 1998-2000. Im
Jahr 2013 hätten noch 434 Gebiete bestanden, welche mit Minen versehen
seien und eine Fläche von insgesamt 33,4 km2 ausmachen würden (vgl.
Landmine and Cluster Munition Monitor, Eritrea Mine Action, 12. Oktober
2018, http://www.the-monitor.org/en-gb/reports/2019/eritrea/mine-ac-
tion.aspx, abgerufen am 17.6.2020). Den Vorhalt des SEM, es erstaune,
dass der Beschwerdeführer dabei normale Militärkleidung und keine spe-
zifische Schutzkleidung getragen habe, hält das Bundesverwaltungsge-
richt für nicht wesentlich. Aus dem oben genannten Bericht geht zumindest
hervor, dass Eritrea mangelnde Ressourcen bei der Minenräumung vorge-
bracht hat; Eritrea lässt keine internationalen Fachpersonen betreffend Mi-
nenräumprogramme im Land zu und gelangt entsprechend auch nicht in
den Genuss internationaler finanzieller Hilfen; die eigentlich benötigten
Geldsummen für die Minenräumung stehen nicht zur Verfügung (vgl. Land-
mine and Cluster Munition Monitor, 12. Oktober 2018, a.a.O). Das SEM hat
des Weiteren in seiner Verfügung ausgeführt, es sei wenig nachvollziehbar,
dass der Beschwerdeführer in den ganzen Jahren nur mit Minen aus der
Derg-Regierung (1974-1991) zu tun gehabt habe. In der Beschwerde wird
diesbezüglich erklärt, dass der Beschwerdeführer nicht in Regionen, in de-
nen die Grenzkriege stattgefunden hätten, gearbeitet habe, weshalb er
nicht in der Lage gewesen sei, über Minen aus der Zeit der Grenzkriege zu
sprechen (Beschwerde S.5). Diese Erklärung erscheint plausibel, da
H._ nicht in den umstrittenen Gebieten liegt und es somit durchaus
möglich sein kann, dass der Beschwerdeführer nur mit Minen aus der Zeit
der Derg-Regierung in Berührung gekommen ist. Das Gericht teilt nach
dem Gesagten die Einschätzung des SEM nicht, wonach der Beschwerde-
führer nur laienhafte Aussagen gemacht habe.
E-1239/2019
Seite 14
5.2.3 Insgesamt kann als glaubhaft befunden werden, dass der Beschwer-
deführer seit (...) im Nationaldienst gewesen ist und in einer Einheit, wel-
che mit der Minenräumung zu tun gehabt hat, stationiert war.
5.3 Der Umstand, dass der Beschwerdeführer glaubhaft machen konnte,
dass er im Nationaldienst gewesen ist, kann jedoch an sich die Flüchtlings-
eigenschaft nicht begründen. Entscheidend ist vorliegend, ob er, wie von
ihm behauptet, nach seinem Diensturlaub nicht mehr in den Nationaldienst
zurückgekehrt und somit desertiert ist.
5.3.1 Das SEM führte in seinem Asylentscheid als Unglaubhaftigkeitsmerk-
mal der Aussagen des Beschwerdeführers aus, dass er an der BzP einen
Vorfall beim Schwimmen im Meer im Jahr 2009 in den Vordergrund gestellt
habe, in dessen Folge er inhaftiert worden sei. An der Anhörung habe er
hingegen angegeben, er sei aufgrund einer Befehlsverweigerung inhaftiert
worden, habe danach Urlaub erhalten und habe dann Eritrea verlassen
(SEM Verfügung E.II.1). In diesem Zusammenhang ist zunächst darauf hin-
zuweisen, dass die BzP hinsichtlich der Asylvorbringen im Gegensatz zur
Anhörung lediglich einen summarischen Charakter aufweist und in einem
engen zeitlichen Rahmen stattfindet, weshalb gemäss ständiger Recht-
sprechung Aussagen in einer solchen Befragung grundsätzlich nur ein be-
schränkter Beweiswert zukommt. Widersprüche dürfen daher für die Beur-
teilung der Glaubhaftigkeit nur dann herangezogen werden, wenn klare
Aussagen der Befragung in wesentlichen Punkten von den Asylvorbringen
in den späteren Aussagen in der Anhörung diametral abweichen, oder
wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche später als zent-
rale Asylgründe genannt werden, nicht bereits in der Befragung zumindest
ansatzweise erwähnt wurden (vgl. den weiterhin einschlägigen Grundsatz-
entscheid Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 1993 Nr. 3
sowie EMARK 1993 Nr. 12 und aus der neueren Rechtsprechung etwa das
Urteil des BVGer D-4295/2017 vom 9. Januar 2019 E. 6.1.2 m.w.H.).
In Bezug auf die vom SEM dargelegten unterschiedlichen Angaben hin-
sichtlich der Asylgründe des Beschwerdeführers ist festzustellen, dass die
vom SEM vorgebrachte Begründung einseitig ausgefallen ist und sich nicht
damit auseinandersetzt, dass er an beiden Befragungen als unmittelbaren
Ausreisegrund angab, er habe seinen Diensturlaub überzogen, da seine
Tochter krank gewesen und seine Frau deswegen verhaftet worden sei.
Der Beschwerdeführer hat an der BzP zwar tatsächlich zunächst von ei-
nem Vorfall auf dem Meer im Jahr 2009 erzählt. Danach hat er auch von
Ereignissen im Jahr [früher als 2009] berichtet (SEM Akte A4, Ziff. 7.01).
E-1239/2019
Seite 15
Daraufhin wurde er vom SEM aufmerksam gemacht, er solle die Gründe
nennen, welche schliesslich zu seiner Ausreise geführt hätten. Im An-
schluss berichtete er, dass seine Frau für einen Monat und 15 Tage inhaf-
tiert worden sei und er deswegen Eritrea verlassen habe. Der Grund der
Inhaftierung der Frau sei seine Desertion gewesen beziehungsweise habe
er seine Zeit überzogen (a.a.O.). Auf Nachfrage erklärte er, er sei nicht de-
sertiert – er sei bis zuletzt immer im Dienst gewesen –, sondern er habe
sich zusätzliche (Urlaubs)Tage genommen, da er mit seiner Tochter im
Krankenhaus von C._ gewesen sei. Deshalb sei seine Frau im Juni
2015 verhaftet worden (SEM Akte A4, Ziff. 7.02). An der Anhörung gab er
übereinstimmend an, er habe seinen Diensturlaub überzogen, da er mit
seiner Tochter ins Krankenhaus von C._ gegangen sei, und deswe-
gen sei seine Frau für einen Monat und 15 Tage inhaftiert worden. Danach
habe er entschieden, Eritrea zu verlassen (SEM Akte A24, F113). Somit
hat der Beschwerdeführer als wesentliche Asylgründe sowohl an der BzP
als auch an der Anhörung seine Desertion (keine Rückkehr in den Dienst
aus einem zeitlich überzogenen Urlaub, sondern Ausreise) angegeben. Vor
diesem Hintergrund kann der Umstand, dass er an der BzP zunächst von
einem Vorfall im Meer berichtete, nicht für die Unglaubhaftigkeit seiner Ge-
suchsgründe in den Vordergrund gestellt werden.
5.3.2 Des Weiteren hat der Beschwerdeführer zu Recht darauf hingewie-
sen, dass es an der BzP bei den Ausführungen zu den Asylgründen zu
Ungenauigkeiten gekommen ist. Einerseits gibt die dolmetschende Person
bei der Frage nach den Asylgründen nach einigen Sätzen des Beschwer-
deführers an, sie verstehe (ihn) nicht (SEM Akte A4, Ziff. 7.01, erster Ab-
schnitt). An anderer Stelle wird etwas mit «Dings» übersetzt, ohne dass
eine Klärung, was damit gemeint ist, folgte (a.a.O., zweiter Abschnitt). An-
dererseits sind die Aussagen des Beschwerdeführers nicht sehr strukturiert
und er erzählt zunächst über Vorfälle im Jahr 2009, dann im Jahr [früher
als 2009] und erst auf erneute Nachfrage nur kurz über seine unmittelbaren
Ausreisegründe. Er hat somit an der BzP zwar tatsächlich zunächst andere
Ereignisse in den Vordergrund gestellt, hat aber jedenfalls die an der An-
hörung vorgebrachten wesentlichen Asylgründe bereits an der BzP ge-
nannt.
5.3.3 Die Inhaftierung des Beschwerdeführers nach der Befehlsverweige-
rung, eine Mine aus dem Boden zu ziehen, hat die Vorinstanz in ihrer Ver-
fügung nicht weiter erwähnt. Sie hat lediglich darauf hingewiesen, dass er
die Haft aufgrund der Befehlsverweigerung an der BzP nicht genannt habe,
sondern nur von einer Haft im Zusammenhang mit dem Vorfall auf dem
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Seite 16
Meer berichtet habe. Gleichzeitig habe er auch angegeben, nur ein Mal in
Haft gewesen zu sein (SEM Verfügung, E.II.1). Hierzu hat der Beschwer-
deführer in der Beschwerde zu Recht darauf hingewiesen, dass er in der
Anhörung erklärte, bei der Bestrafung nach dem Vorfall im Meer habe es
sich um eine Art von Strafe, welche «Nay Hilina Mektseti (seelische
Strafe)» heisse, gehandelt (SEM Akte A24, F237). Das SEM hat nicht wei-
ter nachgefragt, was er damit meine, weshalb der Vorhalt des SEM insge-
samt nicht zu überzeugen vermag. Zudem hat er die Umstände, wie es zu
der Inhaftierung gekommen sei, plausibel aufgezeigt. Er gab an, er habe
eine Mine gefunden, habe diese jedoch nicht herausziehen können, da der
Boden steinig gewesen sei. Er habe Angst gehabt, sein Leben oder Augen,
Beine, Arme zu verlieren und habe in dem Moment an seine Familie ge-
dacht. Er habe deswegen seine Utensilien auf den Boden gelegt. Ausser-
dem habe er zu dem Zeitpunkt seine Kinder bereits ein Jahr nicht mehr
gesehen, was ebenfalls eine Motivation, nichts weiter zu unternehmen, ge-
wesen sei (a.a.O., F113, F136). Daraufhin sei er ein Stück von dem Mi-
nenfund entfernt gefesselt und nach L._ gebracht worden (a.a.O.,
F141f.). Zur zweimonatigen Inhaftierung machte er ebenfalls einige erleb-
nisgeprägte Aussagen, wie beispielsweise, dass er nicht richtig habe se-
hen können und an Augenproblemen gelitten habe, da er nicht oft nach
draussen habe gehen können (a.a.O., F113, F164); er beschrieb auch
seine Unterkunft (a.a.O., F143, F145). Im Übrigen ist darauf hinzuweisen,
dass dem Beschwerdeführer auch zu seiner Inhaftierung nur wenige Fra-
gen gestellt wurden und diese überwiegend nicht offen formuliert waren.
5.3.4 Was die geltend gemachte Inhaftierung seiner Frau betrifft, hat der
Beschwerdeführer zu Recht darauf hingewiesen, dass sich das SEM auch
hierzu in seiner Verfügung nicht geäussert hat (Beschwerde, S.6), obwohl
es sich hierbei um ein wesentliches Vorbringen handelt, da diese im Zu-
sammenhang mit der Überschreitung des Diensturlaubs gestanden sei.
Erst in der Vernehmlassung hat sich das SEM dazu geäussert und pau-
schal festgehalten, dass aufgrund der stark widersprüchlichen Angaben
des Beschwerdeführers zu seiner Haft und den Umständen der Desertion
sich auch unter Berücksichtigung der Inhaftierung der Frau keine andere
Einschätzung ergebe. Dieser Vorhalt des SEM ist jedoch zu wenig diffe-
renziert und vermag nicht zu überzeugen. Wie bereits unter E.5.3.1 darge-
legt, hat der Beschwerdeführer die Umstände, die zur Inhaftierung der Frau
geführt haben, sowohl in der BzP als auch in der Anhörung einheitlich be-
schrieben. Seine Schilderungen während der Anhörung weisen zudem Re-
alkennzeichen auf, welche das SEM gänzlich unberücksichtigt gelassen
E-1239/2019
Seite 17
hat. So beschreibt der Beschwerdeführer beispielsweise die Nebensäch-
lichkeit, dass seine Mutter den Soldaten vorgeschlagen habe, sie sollten
sie an der Stelle der Ehefrau mitnehmen (SEM Akte A24, F113). Er gibt
auch an, er habe in der Abwesenheit der Mutter für die Kinder Milch gemol-
ken und ihre Kleider gewaschen (a.a.O., F193). Ferner berichtet er über
seine Gefühlslage und gibt an, die Zeit sei bitter und schmerzhaft gewesen
und er habe es nicht ertragen können. Die Kinder hätten dauernd geweint
(a.a.O., F113). Später sagte er, er sei wütend und gestresst gewesen, habe
sich nicht kontrollieren können (a.a.O., F189). Demgegenüber fällt auf,
dass er sich während der Inhaftierung der Frau nicht um deren Freilassung
bemüht habe (a.a.O., F190, F192); andererseits ist die Vermutung des Be-
schwerdeführers nachvollziehbar, dass er selber sofort festgenommen
worden wäre, wenn er sich um eine Freilassung seiner Frau hätte bemühen
wollen (a.a.O., F 190 f.). Auch seine Aussagen über den Moment der Rück-
kehr der Frau nach der Haft blieben eher vage (a.a.O., F194f.) und eine
Auseinandersetzung der Eheleute mit der Situation geht aus den Schilde-
rungen nicht hervor. Insgesamt fällt das indes nicht derart ins Gewicht,
dass deswegen auf die Unglaubhaftigkeit der Haft der Ehefrau geschlos-
sen werden könnte.
5.3.5 Aus den Akten ergeben sich sodann auch keine konkreten Hinweise,
wonach der Beschwerdeführer bereits aus dem Militärdienst entlassen
worden wäre. Im Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 hat sich
das Bundesverwaltungsgericht näher mit dem eritreischen Nationaldienst
auseinandergesetzt (zum Nachfolgenden: vgl. D-2311/2016 E. 12 und 13.3
mit weiteren Quellenangaben). Dabei wurde auf die beiden Zweige des mi-
litärischen National Service (Nationaldienst in militärischen Einheiten) und
des National Service in zivilen Einheiten (ziviler Nationaldienst) verwiesen
und es wurden die (grundsätzlich unbestimmte) Dienstdauer und die Mög-
lichkeiten, aus dem National Service entlassen zu werden, erörtert. Im vor-
liegend interessierenden Kontext hielt das Gericht im genannten Referenz-
urteil zusammenfassend fest, dass es regelmässig zu Entlassungen aus
dem eritreischen Nationaldienst komme, insbesondere bei verheirateten
Frauen. Im Weiteren sei von einer grundsätzlich möglichen Dienstentlas-
sung nach 5 bis 10 Jahren auszugehen. Andererseits ist die Entlassung
aus dem Dienst in Eritrea stark von willkürlichen Aspekten geprägt, und
auch eine Dienstdauer von 10 bis 20 Jahren kann ohne weiteres üblich
sein (vgl. European Asylum Support Office [EASO], EASO Country of Ori-
gin Information Report: Eritrea – National service, exit and return, 09.2019,
https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/2019_EASO_COI_
E-1239/2019
Seite 18
Eritrea_National_service_exit_and_return.pdf, abgerufen am 17.6.2020;
vgl. auch das Urteil E-5970/2018 vom 22. April 2020 E. 5.3.5 f.).
Der Beschwerdeführer hat im Alter von (...) Jahren Eritrea verlassen. Zum
Zeitpunkt seiner geltend gemachten Desertion im Jahr 2015 hätte er ge-
mäss seinen Angaben bereits seit (...) Jahren im Nationaldienst gedient,
womit grundsätzlich eine Dienstentlassung möglich gewesen wäre. Ande-
rerseits sind gerade Aufgaben der Minenräumung, die in Eritrea aus-
schliesslich das Militär wahrnimmt, ohne dass internationale Hilfe bean-
sprucht werden könnte, wie oben (E. 5.2.2) bereits erwähnt, ein Bereich, in
dem sich Ressourcenmangel deutlich zeigt (vgl. Landmine and Cluster Mu-
nition Monitor, 12. Oktober 2018, a.a.O.). Bei dieser Sachlage erscheint es
nicht unplausibel, dass der Beschwerdeführer als ein für die Minenräu-
mung ausgebildeter und eingesetzter Soldat auch nach (...) Dienstjahren
nicht aus dem Dienst entlassen worden ist.
5.3.6 In Bezug auf die illegale Ausreise des Beschwerdeführers aus Eritrea
bleibt festzuhalten, dass er tatsächlich in der BzP nur äusserst knapp über
seinen Reiseweg berichtete und keine Orte, welche er auf der Reise pas-
siert habe, nennen konnte. Er gab lediglich an, er habe am 4. Juli 2015
Eritrea verlassen und sei mit einem Mann namens M._ während
vier Tagen über die Einöde nach Sudan gelaufen (SEM Akte A4, Ziff. 5.01).
In der Anhörung erzählte er dann ausführlicher über seine Reise, bestätigte
jedoch die in der BzP gemachten Aussagen weitgehend. So gab er eben-
falls an, er habe am 4. Juli 2015 Eritrea verlassen, einen Mann getroffen,
welcher M._ heisse, und habe mit ihm die Reise nach Sudan unter-
nommen, welche vier Tage gedauert habe (SEM Akte A24, F113, F212,
F222). Es trifft zwar zu, dass der Beschwerdeführer – wie vom SEM in der
Verfügung aufgeführt – an der BzP gesagt hat, Hafir befinde sich in Eritrea,
während er an der Anhörung korrekt angab, dass Hafir im Sudan sei. Dabei
handelt es sich jedoch um einen geringfügigen Widerspruch. Mit seinen
übrigen anlässlich der Anhörung gemachten Aussagen zu seiner Reise hat
sich das SEM nicht hinreichend auseinandergesetzt. In der Anhörung hat
er nämlich seinen Reiseweg substantiiert schildern können und hat bei-
spielsweise Ortschaften genannt und die Umgebung auf der Reise be-
schrieben, erwähnte aber auch Nebensächlichkeiten, wie etwa, dass er
schmutzige Kleidung getragen habe, welchen Proviant sie dabeigehabt
hätten, und dass ein kleines Hirtenkind mit ihnen mitgekommen sei, um
ihnen den Weg zu zeigen, nachdem die Hirten ihnen Wasser gegeben hät-
ten (a.a.O., F113, F219-F221). Des Weiteren hat er plausibel angegeben,
wie sie vorgegangen seien, um nicht erwischt zu werden und wie sie sich
E-1239/2019
Seite 19
orientiert hätten (a.a.O., F113, F217-F219, F231). An der Anhörung hat er
somit seine illegale Ausreise nachvollziehbar und weitgehend substantiiert
dargelegt. In Bezug auf seine knappen Angaben seines Reisewegs an der
BzP ist festzuhalten, dass er an der BzP insgesamt eher knappe Aussagen
gemacht hat, was sogar dazu geführt hatte, dass man ihm zunächst seine
eritreische Staatsangehörigkeit (ungerechtfertigterweise) nicht glaubte. Al-
lein aus dem Umstand, dass er sich an der BzP nur knapp über seine Aus-
reise geäussert hat, kann nicht auf deren Unglaubhaftigkeit geschlossen
werden. Zudem kann dem Beschwerdeführer zu Gute gehalten werden,
dass er an der Anhörung angab, er sei mit dem Schiff über das (Mittel)Meer
gereist und sei im untersten Stock des Schiffes gewesen. Es sei ihm da-
mals schlecht gegangen (SEM Akte A24, F242f.). In der Beschwerde wird
darauf hingewiesen, dass die Reise traumatisierend gewesen sei (Be-
schwerde, S. 7). Angesichts des Umstands, dass der Beschwerdeführer an
der BzP und an der Anhörung mehrfach angab, er könne nicht schwimmen
und der Vorfall im Meer in Eritrea im Jahr 2009, bei welchem er viel Wasser
geschluckt habe, ihn an den Befragungen noch zu beschäftigen schien
(SEM Akte A4, Ziff. 7.01, SEM Akte A24, F234-F237), kann die belastende
Reise übers Mittelmeer durchaus in Bezug auf die knappen Aussagen zu
seinem Reiseweg berücksichtigt werden.
5.4 Insgesamt ist festzuhalten, dass sich das SEM nicht hinreichend mit
den Vorbringen des Beschwerdeführers auseinandergesetzt hat und keine
sorgfältige Abwägung aller Elemente, welche für oder gegen die Glaubhaf-
tigkeit der Desertion aus dem Nationaldienst und die illegale Ausreise spre-
chen, vorgenommen hat. Das Gericht kommt nach den obigen Erwägun-
gen zum Schluss, dass insgesamt die positiven Elemente überwiegen,
auch wenn einige der Aussagen vage geblieben sind. Im Rahmen einer
Gesamtwürdigung ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer aus dem Nationaldienst desertiert ist
und in der Folge Eritrea illegal verlassen hat.
6.
Es bleibt somit zu prüfen, ob die glaubhaft gemachte Desertion die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers zu begründen vermag.
6.1 Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermag für sich allein die
Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, sondern nur dann, wenn damit
eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit ande-
ren Worten wenn die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten
Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten
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Seite 20
sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienst-
verweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen hat, die
ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Die ge-
setzgeberische Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG hat die Rechtslage dem-
nach nicht verändert (vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 5.9).
6.2 Vor dem Hintergrund der von der vormaligen Schweizerischen Asylre-
kurskommission (EMARK 2006 Nr. 3) begründeten und vom Bundesver-
waltungsgericht weitergeführten Rechtsprechung (vgl. bspw. Urteile des
BVGer D-1359/2015 vom 22. August 2017 E. 6.1, E-2830/2016 vom 31.
August 2018 E. 6.3, E-5970/2018 vom 22. April 2020 E. 6.2) ist festzustel-
len, dass Dienstverweigerung und Desertion in Eritrea unverhältnismässig
streng bestraft werden. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstver-
weigerung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person
in einem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kon-
takt ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den
Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person
rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen
droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung
unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regel-
mässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird
von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit auf-
gefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht haben, einer
solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinne von
Art. 1A Abs. 2 FK und Art. 3 Abs. 1-3 AsylG anzuerkennen.
6.3 Vorliegend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer gemäss sei-
nen als überwiegend glaubhaft zu erachtenden Angaben von (...) bis zu
seiner Ausreise im Jahr 2015 im Nationaldienst tätig gewesen ist. Er ist
ohne die Bewilligung der ihm vorgesetzten Behörden aus seinem Urlaub
nicht in den Nationaldienst zurückgekehrt und ist in der Folge im Juli 2015
illegal aus Eritrea ausgereist.
Der Beschwerdeführer ist nach dem Gesagten als Deserteur im Sinne der
oben zitierten Rechtsprechung zu betrachten. Er hat demnach begründete
Furcht, im Falle einer Rückkehr nach Eritrea zum heutigen Zeitpunkt ernst-
haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. Eine
innerstaatliche Fluchtalternative würde ihm nicht offenstehen. Der Be-
schwerdeführer erfüllt daher originär die Flüchtlingseigenschaft.
E-1239/2019
Seite 21
6.4 Der Beschwerdeführer ist als Flüchtling anzuerkennen. Vorliegend sind
keine Asylausschlussgründe im Sinne von Art. 53 AsylG ersichtlich. Die
Voraussetzungen für die Asylgewährung (Art. 3 und 7 AsylG) sind somit
erfüllt.
7.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und die angefochtene Verfü-
gung vom 8. Februar 2019 ist aufzuheben. Der Beschwerdeführer ist ge-
stützt auf Art. 3 AsylG als Flüchtling anzuerkennen und das SEM ist anzu-
weisen, ihm Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom
20. März 2019 gewährte unentgeltliche Prozessführung nachträglich ge-
genstandslos.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist in Anwendung von Art. 64
VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwach-
senen Parteikosten zuzusprechen.
Die bei den Akten liegende Kostennote vom 23. April 2019 und der ausge-
wiesene zeitliche Aufwand von 7 Stunden und Auslagen für Kopien, Porti,
Telefon und Fax im Betrag von Fr. 50.– sowie Auslagen für eine Überset-
zerin in der Höhe von Fr. 87.50 erscheinen den Verfahrensumständen als
angemessen. Der verlangte Stundenansatz von Fr. 200.– ist reglements-
konform (vgl. Art. 10 VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende Par-
teientschädigung ist demnach insgesamt auf Fr. 1537.50 (inkl. Auslagen)
festzusetzen.
8.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar der als amtliche Rechtsbeiständin
im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 AsylG eingesetzten Rechtsvertreterin wird
damit gegenstandlos.
(Dispositiv nächste Seite)
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