Decision ID: 22886521-b5f8-49b1-a9f4-870e85c0019a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 29. August 2022 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit EURODAC) durch das SEM ergab, dass der Beschwerdeführer am
9. Februar 2016 in Griechenland ein Asylgesuch gestellt hatte und ihm dort
am 13. Dezember 2016 Schutz gewährt worden war.
C.
Am 2. September 2022 beauftragte der Beschwerdeführer die Mitarbeiten-
den des Rechtsschutzes für Asylsuchende im BAZ der Region B._
mit der Wahrung seiner Rechte im Asylverfahren.
D.
Am 6. September 2022 übermittelte das SEM dem Beschwerdeführer ei-
nen Fragenkatalog hinsichtlich seines Aufenthalts in Griechenland nach
Gewährung des (subsidiären) Schutzes und gewährte ihm das rechtliche
Gehör zur Zuständigkeit Griechenlands sowie zum beabsichtigten Nicht-
eintretensentscheid (NEE) gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG
(SR 142.31) und zur Wegweisung in dieses Land.
E.
Am 7. September 2022 ersuchte das SEM die griechischen Behörden um
Rückübernahme des Beschwerdeführers gestützt auf die Richtlinie
2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. De-
zember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitglied-
staaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger (Rück-
führungsrichtlinie) sowie das Abkommen vom 28. August 2006 zwischen
dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Hellenischen Re-
publik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem Aufenthalt.
F.
Die griechischen Behörden stimmten dem Rückübernahmeersuchen am
8. September 2022 zu und teilten mit, dass dem Beschwerdeführer am
12. Dezember 2016 in Griechenland subsidiärer Schutz gewährt worden
sei.
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G.
Der Beschwerdeführer machte in seiner Stellungnahme vom 9. September
2022 zum rechtlichen Gehör des SEM geltend, er habe in Griechenland
keine sozialen Probleme gehabt. Er habe als (...) gearbeitet und sei zu-
sätzlich vom Sozialamt unterstützt worden. Er sei mit seiner sozialen Situ-
ation in Griechenland zufrieden gewesen. Ein Kommandant der Taliban,
der ihn bereits in seinem Heimatland verfolgt habe, habe ihn in C._
ausfindig gemacht. Es seien drei Männer bei ihm zu Hause erschienen und
hätten ihn bedroht. Er habe sich deswegen mehrmals an die Polizei ge-
wandt und um Unterstützung gebeten. Diese habe ihm jedoch erklärt, dass
sie ihm bei derartigen Konflikten nicht helfen könne, und ihm geraten, Grie-
chenland zu verlassen. Selbst auf konkrete Hinweise – Aufzeichnungen
der Überwachungskamera vor seinem Haus – habe die Polizei nicht rea-
giert. Sein Bruder, dem auch nicht geholfen worden sei, habe deshalb Grie-
chenland verlassen und sei in die D._ geflohen. Er habe in dauern-
der Angst gelebt, zumal die Personen, die ihn bedroht hätten, Schusswaf-
fen und Messer auf sich getragen hätten. Ein Wohnsitzwechsel innerhalb
Griechenlands sei nicht in Frage gekommen, da diese Gruppe grossen
Einfluss im Land habe und ihn überall ausfindig machen könne. Es sei zu-
dem schwierig, an einem anderen Ort Arbeit zu finden. Im Übrigen sei er
psychisch angeschlagen. Er führte ferner aus, die Probleme mit den Per-
sonen stünden in direktem Zusammenhang mit seinen Asylgründen. Diese
Verfolgung habe sich in Griechenland fortgesetzt. Daher habe er ein
schutzwürdiges Interesse an der Feststellung der Flüchtlingseigenschaft.
Eventualiter sei von einer Wegweisung wegen mangelnden Schutzwillens
respektive Schutzfähigkeit Griechenlands abzusehen.
H.
Verschiedenen ärztlichen Berichten für die Zeit vom 14. September 2022
bis am 8. Dezember 2022 kann entnommen werden, dass dem Beschwer-
deführer eine Schiene gegen Zähneknirschen ausgestellt werden sollte
und Impfungen verabreicht worden seien. Bei einer computertomographi-
schen Untersuchung sei eine pathologische Erweiterung der Bronchien so-
wie fibrotische Veränderungen der Lungen festgestellt und eine Neoplasie
nicht ausgeschlossen worden. Es wurde eine Kontrolle in drei bis sechs
Monaten empfohlen. Gemäss dem psychiatrischen Bericht vom 8. Dezem-
ber 2022 sei von einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aus-
zugehen. Es seien dem Beschwerdeführer das Medikament Trittico ver-
schrieben und Bewegung sowie eine ganztägige Arbeitstätigkeit empfohlen
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Seite 4
worden. Eine regelmässige ambulante psychiatrisch-psychotherapeuti-
sche Behandlung sei empfehlenswert, jedoch aktuell infolge fehlenden Be-
handlungsangeboten nicht umsetzbar.
I.
Am 13. Dezember 2022 händigte das SEM den Entwurf seines Entscheids
der Rechtsvertretung zur Stellungnahme aus.
J.
In ihrer Stellungnahme vom 14. Dezember 2022 teilte die Rechtsvertretung
mit, der Beschwerdeführer widerspreche der Argumentation des SEM, wo-
nach Griechenland ein Rechtsstaat sei und eine Beschwerde bei einer zu-
ständigen Stelle möglich sei. Eine innerstaatliche Fluchtalternative sei in
Griechenland (aus den bereits angeführten Gründen) nicht gegeben. Hin-
sichtlich der medizinischen Problem mache er geltend, in GriechenIand zu
keinem Zeitpunkt ärztliche Unterstützung erhalten zu haben.
K.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 15. Dezember 2022 trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein, wies ihn aus der Schweiz weg und for-
derte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft dieser Ver-
fügung zu verlassen, ansonsten er in Haft genommen und unter Zwang
nach Griechenland zurückgeführt werden könne. Ferner beauftragte die
Vorinstanz den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung und
händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Ak-
tenverzeichnis aus. Sie begründete ihren Entscheid im Wesentlichen da-
mit, dem Beschwerdeführer sei in Griechenland subsidiärer Schutz ge-
währt worden. Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und
möglich.
L.
Mit Schreiben vom 15. Dezember 2022 teilte die Rechtsvertretung die Be-
endigung des Mandatsverhältnisses mit.
M.
Mit Eingabe vom 22. Dezember 2022 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung und
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Anwei-
sung an die Vorinstanz, auf sein Asylgesuch einzutreten und das Asylver-
fahren in der Schweiz durchzuführen. Es sei die Unzulässigkeit respektive
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Seite 5
Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung nach Griechenland festzu-
stellen, eventualiter sei er in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der aufschieben-
den Wirkung und um Sistierung des Vollzugs der Wegweisung, um Anord-
nung vorsorglicher Massnahmen sowie um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Der Beschwerde lagen als Beweismittel ein Rundbrief des deutschen Bun-
desamts für Migration vom 31. März 2022, verschiedene fremdsprachige
Unterlagen sowie zwei Fotos bei.
N.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
23. Dezember 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
O.
Das Gericht bestätigte dem Beschwerdeführer am 23. Dezember 2022 den
Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
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Seite 6
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
– unter nachstehendem Vorbehalt – einzutreten.
1.4 Gemäss Art. 55 Abs. 1 VwVG hat die Beschwerde in Verwaltungssa-
chen aufschiebende Wirkung und das SEM hat der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung nicht entzogen (Art. 55 Abs. 2 VwVG). Auf die An-
träge, der Beschwerde sei aufschiebende Wirkung zu gewähren und es
seien die kantonalen Behörden anzuweisen, von Vollzugshandlungen ab-
zusehen, ist mangels Rechtsschutzinteresses nicht einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte insoweit ohne Einschränkung
prüft.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine offensichtlich unbe-
gründete Beschwerde, weshalb auf einen Schriftenwechsel zu verzichten
und der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründet seinen Entscheid damit, es bestünden zwar An-
zeichen, dass der Beschwerdeführer die Bedingungen für eine vorläufige
Aufnahme nach Art. 83 AIG erfüllen würde, da er in Griechenland subsidi-
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Seite 7
ären Schutz erhalten habe. Für ein allfälliges Ersuchen um Wiedererwä-
gung des Asylentscheides sei aber Griechenland zuständig. Gemäss
Art. 25 Abs. 2 VwVG sei einem Begehren um Feststellung der Flüchtlings-
eigenschaft oder von Wegweisungshindernissen in den Heimat- oder Her-
kunftsstaat in der Schweiz nur dann zu entsprechen, wenn ein schutzwür-
diges Interesse nachgewiesen werde. Dies könne nicht gelingen, wenn be-
reits ein Drittstaat einen Schutzstatus erteilt habe. Er könne nach Griechen-
land zurückkehren, ohne eine Rückschiebung in Verletzung des Non-Re-
foulement-Prinzips zu befürchten.
Es würden keine Hinweise darauf bestehen, dass dem Beschwerdeführer
eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3
EMRK respektive eine Notlage oder Verelendung drohe. Das Bundesver-
waltungsgericht halte in seinen Referenzurteilen E-3427/2021 und
E-3431/2021 fest, dass der Wegweisungsvollzug nach Griechenland
grundsätzlich zumutbar und möglich sei. Die Legalvermutung, dass ein
Wegweisungsvollzug in einen EU- oder EFTA-Staat zumutbar sei, könne
bei vulnerablen Personen umgestossen werden, wenn die betroffenen Per-
sonen ernsthafte Anhaltspunkte vorbringen würden, dass sie durch den
Wegweisungsvollzug in Griechenland in eine existenzielle Notlage geraten
würden. Bezüglich der geltend gemachten Verfolgung durch Dritte in Grie-
chenland habe der Beschwerdeführer keine Beweismittel vorgelegt, wel-
che belegen würden, dass die von ihm eingebrachten Anzeigen bei der
Polizei nicht entgegengenommen worden seien. Sollte diese rechtswidrig
gehandelt haben, wäre es am Beschwerdeführer gewesen, sich mit einer
Beschwerde an die zuständige Stelle zu wenden. Entgegen der Ansicht der
Rechtsvertretung handle es sich bei Griechenland um einen Rechtsstaat
mit funktionierendem Justizsystem. Der Beschwerdeführer habe – auch in
seiner Stellungnahme zum Entscheidentwurf – nicht ausgeführt, dass er
sich an übergeordneter Stelle gemeldet habe. Es wäre ihm zudem zumut-
bar gewesen, seinen Wohnort in Griechenland für einen Neuanfang zu
wechseln. Er habe bereits sechs Jahre dort gelebt, eine Arbeitsstelle ge-
funden und Zugang zu Sozialleistungen erhalten.
Bezüglich der gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers sei ge-
stützt auf die Qualifikationsrichtlinie davon auszugehen, dass seine medi-
zinische Versorgung in Griechenland einschliesslich der Zugang zu spezi-
alisierter Behandlung gewährleistet sei. Entgegen der in der Stellung-
nahme zum Entscheidentwurf gemachten Ausführungen sei die medizini-
sche Infrastruktur zur Behandlung psychischer Probleme vorhanden. Er
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Seite 8
könne sich mit seinen gesundheitlichen Beschwerden sowie für die Orga-
nisation allfälliger Behandlungen an eine Institution in Griechenland wen-
den. Im Weiteren lasse seine gesundheitliche Situation nicht darauf
schliessen, dass es sich bei ihm um eine äusserst vulnerable Person
handle, welche in besonders schwerwiegender Weise beeinträchtigt sei.
Selbst wenn es sich beim Beschwerdeführer um eine vulnerable Person
handeln würde, würden begünstigende Umstände für seine Rückkehr nach
Griechenland vorliegen (sechs Jahre gearbeitet, zumindest grundlegendes
Erlernen der griechischen Sprache, Unterstützung durch Sozialamt). Es sei
davon auszugehen, dass es ihm gelingen kann, bei den entsprechenden
Stellen oder bei Bekannten Hilfe zu erhalten. Insgesamt würden keine Hin-
weise vorliegen, dass er bei einer Rückkehr nach Griechenland in eine
existenzbedrohende Lage geraten würde.
5.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die griechischen Behörden
hätten ihn vor den Nachstellungen der Taliban nicht schützen können und
dies nicht gewollt. Er habe um sein Leben gefürchtet. Zudem äussert er
Zweifel an der Einhaltung der Qualifikations- und "Unterbringungsrichtlinie"
durch Griechenland und verweist auf verschiedene Berichte von AIDA
(Asylum Information Database), PRO ASYL, der Schweizerischen Flücht-
lingshilfe (SFH) und ein Rundschreiben des (deutschen) Bundesamtes für
Migration vom 31. März 2022 sowie die internationale und europäische
Praxis im Umgang mit Schutzberechtigten in Griechenland. Er würde ohne
materielle Existenz dastehen und könne keinen Zugang zu staatlichen
Leistungen erwarten. Es würden psychologische und psychiatrische Ange-
bote für Personen mit Schutzstatus in Griechenland fehlen.
6.
6.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG tritt das SEM auf ein Asylgesuch
nicht ein, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b
AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann, in welchem
sie sich vorher aufgehalten hat.
6.2 Das SEM stellt in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest, dass
es sich bei Griechenland als Mitgliedstaat der Europäischen Union (EU)
um einen sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG han-
delt. Mit Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden
sämtliche Länder der EU und der Europäischen Freihandelsassoziation
(EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet. Den vorinstanzlichen Akten ist
sodann zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer in Griechenland sub-
sidiärer Schutz gewährt worden ist und die griechischen Behörden seiner
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Seite 9
Rückübernahme ausdrücklich zugestimmt haben. Das SEM ist demnach
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG zu Recht auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht eingetreten.
7.
7.1 Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44
AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (Art. 32 Abs. 1 AsylV1).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30],
Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984
gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende
Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiter-
reise der Ausländerin oder des Ausländers in den Drittstaat entgegenste-
hen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für
Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie aufgrund von
Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer
Notlage konkret gefährdet sind.
8.3
8.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil
E-3427/2021 / E-3431/2021 vom 28. März 2022 einlässlich mit der Situa-
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Seite 10
tion in Griechenland auseinandergesetzt und an seiner bisherigen Recht-
sprechung festgehalten, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Grie-
chenland für Personen, die dort einen Schutzstatus erhalten haben, grund-
sätzlich zulässig ist. Das Gericht geht nicht von einer Situation aus, in der
jeder Person mit Schutzstatus in Griechenland eine unangemessene und
erniedrigende Behandlung im Sinne einer Verletzung von Art. 3 EMRK
drohte. Trotz existierender Schwachstellen kann nicht von einem dysfunk-
tionalen Aufnahmesystem gesprochen werden. Gewisse Angebote existie-
ren in Griechenland, die auch für Schutzberechtigte offenstehen, wenn
auch die Kapazitäten kaum ausreichend sein dürften und diese bisher vor
allem von internationalen Akteuren in Zusammenarbeit mit der lokalen Zi-
vilgesellschaft erbracht und finanziert werden. Trotz dieser schwierigen
Verhältnisse geht das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass schutz-
berechtigte Personen grundsätzlich in der Lage sind, ihre existenziellen
Bedürfnisse abzudecken. Auch ist davon auszugehen, dass Rückkehren-
den keine menschenunwürdige Behandlung droht, weshalb für sie kein
«real risk» einer völkerrechtswidrigen Behandlung besteht. An dieser Ein-
schätzung vermögen auch die auf Beschwerdeebene angerufenen neus-
ten Länderberichte der SFH und AIDA nichts zu ändern.
8.3.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass
eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist
(vgl. Referenzurteil E-3427/2021 / E-3431/2021 vom 28. März 2022
E. 11.3). Die Legalvermutung der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegwei-
sung gilt bezüglich Griechenland grundsätzlich auch für vulnerable Perso-
nen, wie zum Beispiel Personen, die an gesundheitlichen Problemen lei-
den, die nicht als schwerwiegende Erkrankung einzustufen sind (vgl. a.a.O.
E. 11.5.1).
8.3.3 Es obliegt der betroffenen Person, diese Legalvermutungen umzu-
stossen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die
Behörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzten, ihr nicht den not-
wendigen Schutz gewährten oder sie menschenunwürdigen Lebensum-
ständen aussetzten respektive, dass sie in Griechenland aufgrund von in-
dividuellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art
in eine existenzielle Notlage geriete (vgl. Referenzurteil E-3427/2021 /
E-3431/2021 vom 28. März 2022 E. 11.4).
9.
9.1 Der Beschwerdeführer hat gemäss EURODAC-Eintrag in Griechen-
land am 12. Dezember 2016 subsidiären Schutz erhalten. Dieser dauert
E-5936/2022
Seite 11
solange an, bis die Umstände, die zu ihm geführt haben, weggefallen sind
(Art. 16 Abs. 1 der Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 13. Dezember 2011 [sogenannte Qualifikationsrichtli-
nie]). Da die griechischen Behörden sich bereit erklärten, ihn wiederaufzu-
nehmen, ist davon auszugehen, dass im Falle einer möglicherweise abge-
laufenen Aufenthaltsbewilligung eine allfällige Verlängerung derselben
problemlos möglich ist (vgl. Urteil des BVGer D-3995/2022 vom 27. Sep-
tember 2022 E. 7.6.1 m.w.H.).
9.2 Bei Unterstützungsbedarf nach seiner Rückkehr nach Griechenland
sowie allfälligen Verfahrensverletzungen obliegt es dem Beschwerdefüh-
rer, sich an die griechischen Behörden zu wenden und die erforderliche
Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern. Aufgrund der Akten lie-
gen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass er für den Fall einer Rückkehr
nach Griechenland dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wäre, woran auch sein Hinweis auf die ihm vorenthaltene Schutzge-
währung durch die griechische Polizei nichts zu ändern vermag. Wie von
der Vorinstanz zutreffend ausgeführt, hat der Beschwerdeführer nicht vor-
gebracht, sich diesbezüglich an eine der Polizei übergeordnete Stelle ge-
wendet zu haben. Dies kann auch den mit der Beschwerdeschrift einge-
reichten (unübersetzten) fremdsprachigen Beweismitteln trotz einem hand-
schriftlichen Vermerk "Anzeige" nicht entnommen werden. Die eingereich-
ten Fotos, auf dem der in die D._ geflüchtete Bruder des Beschwer-
deführers abgebildet sein soll respektive das Einschlagen eines Fensters
auf den Laden des Beschwerdeführers belegt werden soll, vermögen zu
keiner anderen Einschätzung zu führen. An dieser Stelle ist ohnehin zu be-
merken, dass der Beschwerdeführer im erstinstanzlichen Verfahren nicht
geltend gemacht hat, einen eigenen Laden geführt zu haben respektive
dass ein Einbruch auf einen solchen verübt worden sei. Auch unter Berück-
sichtigung der Schwächen des griechischen Aufnahmesystems kann die
blosse Möglichkeit, in nicht absehbarer Zeit aus nicht voraussehbaren
Gründen in eine missliche Lebenssituation zu geraten, die hohe Schwelle
zum «real risk» nicht erreichen, womit sich der Vollzug der Wegweisung
als zulässig erweist.
9.3
9.3.1 Die Lebensbedingungen in Griechenland stellen für den Beschwer-
deführer zweifellos eine gewisse Herausforderung dar und eine adäquate
(Wieder-)Eingliederung in die dortigen sozialen Strukturen wird mit nicht zu
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Seite 12
verkennenden Erschwernissen verbunden sein. Indes ist zu berücksichti-
gen, dass er bereits vor fast sechs Jahren in Griechenland einen Schutz-
status erhalten hat. Er ging einer Arbeit nach und erhielt zudem Sozialhilfe,
wobei davon auszugehen ist, dass er sich in dieser Zeit auch ein gewisses
Bekanntennetz aufgebaut hat. Es liegen keine Hinweise für die Annahme
vor, er wäre nach einer Rückkehr einer existenziellen Notlage ausgesetzt.
Aufgrund seines Schutzstatus hat er Anspruch auf Erneuerung seiner Auf-
enthaltsbewilligung, womit er grundsätzlich Zugang zu Sozialleistungen,
zum griechischen Arbeitsmarkt und zur Gesundheitsversorgung hat. Dies-
bezüglich ist er griechischen Staatsangehörigen gleichgestellt. Er wird in
der Lage sein, sich bei Bedarf an die griechischen Behörden oder auch an
karitative Organisationen zu wenden. Seine Vorbringen vermögen die ho-
hen Anforderungen an eine konkrete Gefährdung nicht zu erfüllen respek-
tive vermag er damit nicht die Legalvermutung (vgl. E. 8.3.2 f. oben) um-
zustossen. Obschon seine bisherigen Erlebnisse und seine Erkrankungen
aus seiner Sicht eine Rückkehr nach Griechenland verständlicherweise
nicht als wünschenswert erscheinen lassen, vermögen sie entgegen seiner
Auffassung keine besondere Verletzlichkeit im Sinne der aktuellen bundes-
verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. Referenzurteil
E-3427/2021 / E-3431/2021 vom 28. März 2022 E. 11.5.3) zu begründen.
9.3.2 Die vom Beschwerdeführer geltend gemachten körperlichen und ins-
besondere physischen Beschwerden sind nicht von einer derartigen
Schwere, dass er bei einer Rückkehr nach Griechenland einer konkreten
Gefährdung im zu beachtenden Sinne ausgesetzt wäre. Die vorgebrachten
psychischen Leiden sind mangels entsprechender Anhaltspunkte nicht als
schwerwiegende Erkrankung im Sinne des neusten Referenzurteils einzu-
stufen, zumal sich schwere psychische Leiden in den im vorinstanzlichen
Verfahren eingereichten ärztlichen Berichten niedergeschlagen hätten.
Beim Beschwerdeführer handelt es sich somit nicht um eine besonders
vulnerable Person, für die sich der Vollzug der Wegweisung grundsätzlich
als unzumutbar erweisen würde. Mangels konkreter Hinweise ist davon
auszugehen, dass seine gesundheitlichen Probleme bei Bedarf in Grie-
chenland adäquat behandelt werden können, zumal die medizinische Ver-
sorgung dort grundsätzlich gewährleistet ist (vgl. Urteil des BVGer
D-1383/2022 vom 31. März 2022 E. 6.6 m.w.H.). Ferner ist hinsichtlich der
Suiziddrohung des Beschwerdeführers im Falle einer Rücküberstellung
nach Griechenland festzustellen, dass gemäss konstanter Praxis des Bun-
desverwaltungsgerichts Suiziddrohungen für sich alleine den Vollzug einer
Wegweisung nicht in Frage stellen können, solange konkrete Massnahmen
zur Verhütung der Umsetzung einer Drohung getroffen werden (vgl. statt
E-5936/2022
Seite 13
vieler das Urteil des BVGer D-2644/2021 vom 28. Januar 2022 E. 7.3.4.6;
vgl. auch die Rechtsprechung des Bundesgerichts: Urteil des BGer
2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015 E. 3 m.w.H.; BGE 139 II 393 E. 5.2.2).
Allenfalls weiterhin bestehenden oder sich gar akzentuierenden suizidalen
Tendenzen ist im Hinblick auf einen zwangsweisen Wegweisungsvollzug
durch geeignete medizinische Massnahmen und Betreuung entgegenzu-
wirken.
Dem Beschwerdeführer steht es offen, bei den zuständigen Behörden ein
Gesuch um Rückkehrhilfe zu stellen. Er könnte damit zumindest vorüber-
gehend medizinische Rückkehrhilfe, beispielsweise in Form des Mitgebens
von Medikamenten oder der Übernahme von Kosten für notwendige The-
rapien, in Anspruch nehmen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG und Art. 75 der
Asylverordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Allfälligen
psychischen Problemen des Beschwerdeführers kann auch bei den Voll-
zugsmodalitäten Rechnung getragen werden.
9.3.3 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer unter Berücksich-
tigung der aktuellen Rechtsprechung nicht gelungen, die gesetzliche Ver-
mutung, der Wegweisungsvollzug nach Griechenland sei zumutbar, zu wi-
derlegen.
9.3.4 Schliesslich ist von der Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs aus-
zugehen (Art. 83 Abs. 2 AIG), da sich Griechenland ausdrücklich zu einer
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers bereit erklärt hat.
9.4 Zusammenfassend hat das SEM den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der vorläu-
figen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). Es er-
übrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in der Beschwerde einzugehen,
da sie an der Würdigung des Sachverhalts nichts zu ändern vermögen.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit da-
rauf einzutreten ist.
E-5936/2022
Seite 14
11.
11.1 Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache ist das Gesuch um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos ge-
worden.
11.2 Die Begehren waren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege (sinngemäss Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG) unbesehen der geltend gemachten Bedürftig-
keit abzuweisen ist.
11.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1 ‒ 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG).
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E-5936/2022
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