Decision ID: 9e2dcd5a-b5ca-40bc-bb8c-64eefe6bf213
Year: 2020
Language: de
Court: BE_SRK
Chamber: BE_SRK_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

den Akten entnommen:
A. Mit Eingabe vom 8. März 2019 ersuchte C._ (Rekurrentin) bei der Gemeinde A._ (Erlassbehörde) um Erlass der rechtskräftig veranlagten kantonalen Steuern sowie
der direkten Bundessteuer für das Jahr 2017. Der entsprechende Steuerausstand betrug für die
kantonalen Steuern CHF 3'387.45 (inkl. Verzugszinsen) und für die direkte Bundessteuer
CHF 119.35 (inkl. Verzugszinsen).
B. Mit Entscheiden vom 8. Oktober 2019 wies die Erlassbehörde das Gesuch vollumfänglich ab. Zur Begründung führte sie an, dass die Rekurrentin die zur Beurteilung des Gesuchs
notwendigen, einverlangten Unterlagen trotz wiederholter Aufforderung nicht zugestellt und
damit ihre Mitwirkungspflichten verletzt habe, was ein Ausschlussgrund für den Steuererlass
darstelle.
C. Gegen diese Entscheide hat die Rekurrentin am 17. Oktober 2019 Rekurs und Beschwerde an die Steuerrekurskommission des Kantons Bern (Steuerrekurskommission)
erhoben und (sinngemäss) den Erlass der hiervor erwähnten Steuerausstände beantragt. Sie
begründet ihr Gesuch damit, dass sie die Steuern auf Grund ihrer finanziellen Situation nicht
bezahlen könne. Da sie seit Jahren eine AHV-Rente und Ergänzungsleistungen beziehe, seien
ihr die Steuern immer erlassen worden. Ihre jährlichen Steuererklärungen seien immer richtig
ausgefüllt und ihre Schulden auch notiert worden. Sämtliche verlangten Unterlagen seien von
ihrem Sohn eingereicht worden. Auf Grund ihres verschlechterten gesundheitlichen Zustandes
habe sie viele brieflich angesetzte Fristen nicht einhalten können. Die Erlassbehörde sei auch in
Besitz ihres aktuellen Betreibungsregisterauszuges gewesen. Mit Eingabe vom 5. November
2019 stellt die Rekurrentin sodann ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege. Nach
Aufforderung der Steuerrekurskommission reichte die Rekurrentin das ausgefüllte Formular
„Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege“ sowie diverse Unterlagen nach.
D. Im vorliegenden Rekurs- und Beschwerdeverfahren handelt die kantonale Steuerverwaltung gemäss Generaldelegation vom 30. Mai 2011 bzw. 25. Februar 2013 für die
Erlassgemeinde.
E. Am 12. Dezember 2019 hat sich die Steuerverwaltung des Kantons Bern, _, Inkassostelle (Steuerverwaltung), vernehmen lassen und die kostenpflichtige Abweisung von
Rekurs und Beschwerde beantragt. Nebst den bereits von der Erlassbehörde vorgebrachten
Gründen führt sie aus, dass gemäss den in der Steuererklärung 2018 deklarierten Schulden
sowie dem Betreibungsregisterauszug vom 12. November 2019 die Schulden
der Drittgläubiger höher seien als die Steuerschulden. Es liege kein Verzicht dieser
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Drittgläubiger vor. Auch bei gegebener finanzieller Notlage verhindere das Vorliegen eines
Ausschlussgrundes gemäss Art. 240c Bst. c des Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 (StG; BSG
661.11) eine Gutheissung des Erlassgesuches.
F. Dazu hat die Rekurrentin mit Schreiben vom 6. Januar 2020 Stellung genommen. Sie führt aus, dass sie die Mitwirkungspflicht im Erlassverfahren von 2017 verletzt habe. Sie bzw.
ihr Sohn hätten der Steuerverwaltung jedoch mehrfach erklärt, dass sie von den Steuern befreit
gewesen sei, sie Schulden hätte und seit 15 Jahren eine AHV-Rente und Ergänzungsleistungen
beziehe. Vor Abweisung des Erlassgesuchs hätte die Steuerverwaltung einen Betreibungs-
registerauszug von ihr erhalten. Es sei dokumentiert, dass die Gemeinde A._ und die
Steuerverwaltung des Kantons Bern Verlustscheine über CHF 13'357.30 besässen.
Diesbezüglich würden ihr monatlich CHF 200.-- von der AHV-Rente abgezogen. Im Übrigen
habe sich ihre persönliche und finanzielle Situation nicht verändert.
G. Die Eidgenössische Steuerverwaltung hat sich nicht vernehmen lassen.
H. Auf die weiteren Vorbringen der Parteien wird, soweit entscheidrelevant, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Die Steuerrekurskommission zieht in Erwägung:
1. Entscheide des Regierungsrats, der Steuerverwaltung und der Gemeinden betreffend den Erlass von Kantons-, Gemeinde- und Kirchensteuern sowie der direkten Bundessteuer
können bei der Steuerrekurskommission durch Rekurs bzw. Beschwerde angefochten werden
(Art. 240 Abs. 1 und 7 StG sowie Art. 167g Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 14. Dezember
1990 über die direkte Bundessteuer [DBG; SR 642.11] i.V.m. Art. 9 der Verordnung vom
18. Oktober 2000 über den Vollzug der direkten Bundessteuer [BStV; BSG 668.11]). Die
Steuerrekurskommission ist deshalb sachlich und örtlich zuständig. Die Rekurrentin ist im
vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträgen nicht durchgedrungen. Sie ist daher beschwert
und zur Anfechtung befugt (Art. 195 Abs. 2 StG und Art. 167g Abs. 1, 2 und 4 DBG sowie Art.
140 ff. DBG i.V.m. Art. 3 BStV i.V.m. Art. 86 und 65 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die
Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]). Auf die form- und fristgerecht eingereichte
Eingabe ist deshalb einzutreten.
Da der Streitwert unter CHF 10'000.-- liegt, fällt der vorliegende Entscheid in die
einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 70 Abs. 4 Bst. c des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die
Organisation der Gerichtsbehörden und die Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).
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2. Im vorliegenden Verfahren ist strittig, ob die Rekurrentin betreffend Kantons- und Gemeindesteuern sowie direkte Bundessteuer pro 2017 Anspruch auf Erlass hat.
3. Die Steuerveranlagung entspricht in der Regel der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit (Art. 127 Abs. 2 der Bundesverfassung [BV; SR 101]; Art. 104 Abs. 1 der
Verfassung des Kantons Bern [KV; BSG 101.1]), beruhen doch die Steuerbeträge auf in der
Vergangenheit erzieltem Einkommen und vorhandenem Vermögen. Im Wissen um die
Steuerbarkeit und die später anfallenden Steuern hat die steuerpflichtige Person grundsätzlich
Rückstellungen vorzunehmen. Bezahlt eine steuerpflichtige Person ihre Steuern nicht, ist das
Inkasso auf dem Weg der Pfändung der Regelfall. Dabei verzichtet das Gemeinwesen nicht
endgültig auf die Steuerforderung und kommt im Rahmen der Verlustscheinsverwaltung unter
Gewährleistung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums allenfalls später zu seinem
Recht.
3.1 Ist die Zahlung von rechtskräftig festgesetzten Kantons-, Gemeinde- und Kirchensteuern, der direkten Bundessteuer sowie von Zinsen, Gebühren oder Bussen infolge
einer Notlage mit einer erheblichen Härte verbunden, so können diese gestützt auf Art. 240 StG
und Art. 167 DBG ganz oder teilweise erlassen werden. Das Erlassverfahren gehört nicht zum
Veranlagungsverfahren, sondern setzt eine rechtskräftige Veranlagung voraus und ist damit Teil
des Steuerbezugsverfahrens. Eine Überprüfung der Steuerforderung selbst ist im
Erlassverfahren ausgeschlossen (vgl. Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar zum
DBG, 3. Aufl., 2016, N. 3 zu Art. 167 DBG).
3.2 Ziel jedes Erlasses ist es, bei einem krassen Missverhältnis zwischen den aktuellen wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Steuerforderungen die steuerpflichtige Person nicht in
ihrer wirtschaftlichen Existenz zu gefährden und zu einer langfristigen und dauernden
Sanierung beizutragen. Voraussetzung für die Gewährung eines Erlasses ist eine finanzielle
Notlage, auf Grund welcher die Bezahlung der Steuern, Zinsen, Gebühren oder Bussen eine
erhebliche Härte bedeuten würde. Der Erlass soll es ermöglichen, einer wesentlichen und
voraussichtlich andauernden Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse der
steuerpflichtigen Person seit der Steuerperiode, auf die sich das Erlassbegehren bezieht, in
besonders schweren Fällen Rechnung zu tragen. Blosse Schwankungen in den
Einkommensverhältnissen bilden jedoch keinen Erlassgrund. Mit Blick auf die rechtsgleiche
Behandlung aller Steuerpflichtigen muss der Erlass die seltene Ausnahme bleiben. Da das
Gemeinwesen mit dem Erlass endgültig auf die Steuerforderung verzichtet, soll er der
steuerpflichtigen Person selbst und nicht ihren weiteren Gläubigern zugutekommen (zum
Ganzen: Beusch/Raas in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über
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die direkte Bundessteuer [DBG], 3. Aufl., 2017, N. 8 zu Vor Art. 167-167g DBG sowie N. 6 ff.
und N. 20 f. zu Art. 167 DBG, mit weiteren Hinweisen;
Blumenstein/Locher, System des schweizerischen Steuerrechts, 7. Aufl., 2016, S. 421 ff.; Bruno
Knüsel, Rechtsgrundlagen des Erlassverfahrens in ASA 52 S. 93 ff. insb. S. 97 Ziff. 4.c).
3.3 Um eine einheitliche Rechtsanwendung und Ermessensausübung zu ermöglichen, werden die rechtlich unbestimmten Begriffe der erheblichen Härte sowie der Notlage (Art. 240
StG und Art. 167 DBG) in den Steuergesetzen und der Steuererlassverordnung konkretisiert
(Verordnung des EFD über die Behandlung von Gesuchen um Erlass der direkten
Bundessteuer vom 12. Juni 2015 [Steuererlassverordnung; SR 642.121, nachfolgend
EV DBG]). Die Konkretisierung geschieht durch beispielhafte Aufzählung von Erlassgründen
und Ausschlussgründen, d.h. von Umständen, die einen Erlass teilweise oder ganz
ausschliessen. Für den Erlass der kantonalen Steuern sind zudem die Bestimmungen in der
Verordnung vom 18. Oktober 2000 über den Bezug und die Verzinsung von Abgaben und
anderen zum Inkasso übertragenen Forderungen, über Zahlungserleichterungen, Erlass sowie
Abschreibungen infolge Uneinbringlichkeit (Bezugsverordnung, BEZV; BSG 661.733) zu
beachten.
3.4 Ob ein Erlass gewährt werden kann, ist auf Grund der gesamten wirtschaftlichen Verhältnisse der steuerpflichtigen Person zu beurteilen, wobei für die Beurteilung in erster Linie
die Verhältnisse im Zeitpunkt des Entscheids massgebend sind. Mitberücksichtigt werden
zudem die Entwicklung seit der Steuerperiode, auf die sich das Erlassbegehren bezieht, die
Zukunftsaussichten und insbesondere die Frage, ob im Zeitpunkt der Fälligkeit der
Steuerforderung eine fristgerechte Zahlung möglich gewesen wäre (Art. 240a StG;
Art. 10 EV DBG). Im Einzelnen ist zu prüfen, ob der steuerpflichtigen Person zur Begleichung
der Steuerforderungen Einschränkungen in der Lebenshaltung zumutbar sind bzw. gewesen
wären. Einschränkungen gelten grundsätzlich als zumutbar, wenn die Lebenshaltungskosten
der gesuchstellenden Person zum Zeitpunkt der Fälligkeit der Steuerforderung und des
Erlassentscheids das betreibungsrechtliche Existenzminimum gemäss Art. 93 des
Bundesgesetzes vom 11. April 1889 über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG; SR 281.1)
übersteigen (Art. 240a Abs. 3 StG; Art. 2 Abs. 3 EV DBG). Die Einzelheiten der Berechnung
sind dem Kreisschreiben Nr. B1 der Aufsichtsbehörde in Betreibungs- und Konkurssachen für
den Kanton Bern in der Fassung vom 1. Januar 2011 zu entnehmen (einsehbar unter:
<https://www.justice.be.ch>, Rubriken "Zivilverfahren > Kreisschreiben > SchKG > KS B1 aB3"
[abgerufen am 18.3.2020]; nachfolgend: Kreisschreiben B1). Dessen Beilage 1 enthält die
einzelnen Ansätze gemäss den Richtlinien für die Berechnung des betreibungsrechtlichen
Existenzminimums (Notbedarf) nach Art. 93 SchKG vom 1. Juli 2009 der Konferenz der
https://www.justice.be.ch
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Betreibungs- und Konkursbeamten der Schweiz. Ergibt sich aus der Differenz zwischen dem
zur Verfügung stehenden Einkommen und dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum, dass
aus dem Überschuss (sog. „Freibetrag“) die Steuerschuld innert absehbarer Zeit vollumfänglich
beglichen werden kann, liegt keine erhebliche Härte oder
Notlage vor, und ein Erlass ist ausgeschlossen (Art. 240b Abs. 1 Bst. b StG und Art. 240c
Abs. 1 Bst. g StG; Art. 167 Abs. 1 DBG i.V.m. Art. 2 Abs. 1 und 2 EV DBG sowie Art. 13 Abs. 3
EV DBG). Selbst wenn das Einkommen im Entscheidzeitpunkt nur knapp über oder gar unter
dem Existenzminimum liegt, ein Härtefall somit bejaht werden kann, ist von einem Erlass
abzusehen, wenn einer der in Art. 240c Abs. 1 Bst. a bis g StG und Art. 167a Bst. a bis e DBG
aufgezählten Ausschlussgründe gegeben ist (vgl. BVR 2010 S. 401 E. 2.3).
3.5 Ergibt die umfassende Überprüfung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der weiteren Umstände, dass ein Erlassgrund vorliegt, so hat die steuerpflichtige Person, unter Vorbehalt
allfällig vorliegender Ausschlussgründe, einen Anspruch auf Steuererlass (Art. 240 Abs. 5 StG).
Auch bei gegebener Notlage und erheblicher Härte resp. Vorliegen eines Erlassgrunds kann
jedoch von einem Erlass teilweise oder ganz abgesehen werden, wenn ein sog.
Ausschlussgrund gemäss Art. 240c StG vorliegt.
4. Im Verfahren vor der Erlassbehörde wurde die Rekurrentin aufgefordert, verschiedene Unterlagen zur Klärung ihrer finanziellen Situation einzureichen. Mit erneutem Schreiben vom
9. Juli 2019 hat die Erlassbehörde die Rekurrentin, unter Nachfristansetzung und Androhung
der Abweisung des Gesuchs im Unterlassensfall (pag. 18), gemahnt, die verlangten Unterlagen
einzureichen. Nachdem die Rekurrentin die eingeforderten Unterlagen nicht eingereicht hat,
wies die Erlassbehörde das Erlassgesuch mit Verfügungen vom 8. Oktober 2019 (pag. 24 ff.)
wegen der Verletzung von Mitwirkungspflichten im Erlassverfahren ab.
4.1 Beim Ausschlussgrund der Verletzung von Verfahrenspflichten im Erlassverfahren oder im vorangegangenen Veranlagungsverfahren, ist Grund für den Ausschluss nicht die Verletzung
von Mitwirkungspflichten an sich, sondern die fehlende Überprüfungsmöglichkeit betreffend die
massgeblichen finanziellen Verhältnisse, weil ohne die notwendigen Unterlagen und Angaben
die Berechtigung zum Erlass gar nicht überprüft werden kann. Der Ausschluss hat somit keinen
pönalen Charakter und dient nicht als Sanktion für die mangelhafte Mitwirkung (vgl. Markus
Langenegger in: Praxiskommentar zum Berner Steuergesetz, Band 2, Artikel 126 bis 293, 2011,
N. 2 ff. zu Art. 240c StG). Der fehlende Nachweis der finanziellen Verhältnisse im
Erlassverfahren selbst ist analog zum fehlenden Nachweis von steuermindernden Tatsachen im
Veranlagungsverfahren nicht mit Strafe zu sanktionieren, sondern führt zur Abweisung des
Erlassgesuchs.
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4.2 Mit Einreichen der verlangten Unterlagen durch die Rekurrentin im vorliegenden Verfahren bei der Steuerrekurskommission ist der zur Überprüfung der finanziellen Situation
notwendige Sachverhalt hinreichend bekannt, weshalb der Ausschlussgrund der Verletzung von
Mitwirkungspflichten dahin gefallen ist.
5. Im Folgenden ist somit abzuklären, ob der Rekurrentin für die Kantons- und Gemeindesteuern sowie die direkte Bundessteuer pro 2017 ein Erlass gewährt werden kann.
Hierzu werden die aktuellen wirtschaftlichen Verhältnisse der Rekurrentin beurteilt. Dabei
werden die Einkünfte dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum (dem sog. "Zwangsbedarf")
gegenübergestellt.
5.1 Für die Bestimmung des Freibetrags ist vom Gesamteinkommen auszugehen. Dazu gehören die beschränkt pfändbaren aber auch gänzlich unpfändbaren Einkünfte (vgl. Markus
Langenegger in: Praxiskommentar zum Berner Steuergesetz, Band 2, Artikel 126 bis 293, 2011,
N. 5 ff. zu Art. 240b). Die Rekurrentin erhält eine Altersrente der AHV von monatlich
CHF 1'160.-- (Berechnung der Ergänzungsleistung 2019; Beilage zum Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege vom 20.11.2019). Zu den Einkünften ist auch die
Ergänzungsleistung im Gesamtbetrag von CHF 2'102.-- (Berechnung der Ergänzungsleistung
2019; Beilage zum Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege vom 20.11.2019) hinzuzurechnen
(vgl. Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, a.a.O. N. 22 zu Art. 167 DBG), auch wenn ein Teil davon
an die Krankenkasse der Rekurrentin überwiesen wird. Im Gegenzug wird die ungekürzte
Krankenkassenprämie bei den anrechenbaren Ausgaben berücksichtigt (E. 4.4 hiernach).
5.2 Das betreibungsrechtliche Existenzminimum setzt sich aus einem monatlichen  und Zuschlägen zusammen. Gemäss Ziff. I, Beilage 1 zum Kreisschreiben B1 beträgt
der Grundbetrag für eine alleinstehende Person CHF 1'200.--. Der Grundbetrag für
alleinstehende Personen wird gekürzt, wenn der Schuldner mit einer erwachsenen Person mit
eigenem Einkommen in einer Wohngemeinschaft lebt (Ziff. I, Beilage 1 zum Kreisschreiben B1).
Dabei wird der Dauer und den Gemeinsamkeiten in der Gemeinschaft durch einen
angemessenen Abzug Rechnung getragen. Der Abzug vom jeweiligen Grundbetrag beträgt
mindestens CHF 100.-- und maximal CHF 350.--. Die Rekurrentin wohnt zusammen mit ihrer
Tochter im selben Haushalt (vgl. pag. 18, 22). Angesichts dessen rechtfertigt es sich, den
Grundbetrag um CHF 200.-- zu kürzen. Demnach wird der Rekurrentin ein Grundbetrag von
CHF 1'000.-- angerechnet. Aus diesem sind Nahrung, Kleidung, Wäsche einschliesslich deren
Instandhaltung, Körper- und Gesundheitspflege, Unterhalt der Wohneinrichtung,
Privatversicherungen, Kulturelles sowie Auslagen für Beleuchtung, Kochstrom und/oder Gas
etc. zu finanzieren. Weiter sind die Prämien für Mobiliar- und Privathaftpflichtversicherungen
und die durchschnittlichen Auslagen für den Unterhalt und die Pflege von Haustieren im
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Grundbetrag inbegriffen (vgl. Ziff. I,
Beilage 1 zum Kreisschreiben B1).
5.3 Zum Grundbedarf sind weiter die Wohnkosten hinzuzurechnen (vgl. Ziff. II der Beilage 1 zum Kreisschreiben B1). Gemäss Mietzinsrechnung vom 27. Mai 2019 (Beilage 3 zum Rekurs
vom 17.10.2019) bezahlt die Rekurrentin einen monatlichen Mietzins von CHF 2'198.-- und
Neben- oder Heizkosten von CHF 120.--. Wohn- bzw. Mietkosten werden zwar üblicherweise
für die Ermittlung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums mit dem effektiven Betrag
berücksichtigt. Das gilt aber dann nicht, wenn der Mietzins verglichen mit den finanziellen
Verhältnissen der steuerpflichtigen Person unverhältnismässig hoch ist und die teure Wohnung
lediglich der Bequemlichkeit dient. In solchen Fällen wird der Zuschlag für den Mietzins
reduziert resp. auf ein Normalmass festgesetzt (BGE 129 III 526 E. 2.1; vgl. auch Ziff. II 1 des
Kreisschreibens B3). Bei der Festsetzung des Mietzinses auf ein im Vergleich zu den
finanziellen Verhältnissen angemessenes Mass findet die sogenannte 1/3-Regel Anwendung,
wonach der dem Mietzins gewidmete Teil des Lohns 30 % nicht übersteigen darf (vgl.
RKE 100 2008 9319 vom 15.9.2009, E. 7; RKE 100 2010 65 vom 8.12.2010, E. 5). Der von der
Rekurrentin bezahlte Bruttomietzins von CHF 2'318.-- entspricht rund 71 % ihrer Einkünfte und
übersteigt damit den Anteil von 30 % deutlich. Vorliegend sind die Eigenschaften der Wohnung
nicht den Akten zu entnehmen. Es ist allerdings kein Grund ersichtlich, weshalb die Rekurrentin
auf eine Wohnung in diesem Preissegment angewiesen ist. Eine kurze Internetrecherche ergibt
eine Vielzahl an Treffern von günstigeren Wohnungen mit Bruttomietzinsen von CHF 900.-- bis
CHF 1'500.-- in _ (bspw. unter <https://www.immoscout24.ch>, Suchbegriff „_
“ [abgerufen am 18.3.2020]). Aus diesem Grund sind die Mietkosten der Rekurrentin vorliegend
auf einen Betrag von CHF 1'000.-- zu kürzen, was gut 30 % des Einkommens der Rekurrentin
ausmacht.
5.4 Zu den anrechenbaren Auslagen gehören weiter die Prämien für die obligatorische Krankenversicherung (KVG). Die Prämien für eine Krankenzusatzversicherung (VVG) werden
grundsätzlich nicht zum monatlichen Zwangsbedarf hinzugerechnet (vgl. Ziff. II/3 der Beilage 1
zum Kreisschreiben B1; BGE 134 III 323 E. 3). Eine Berücksichtigung im betreibungsrechtlichen
Existenzminimum ist jedoch geboten, wenn die steuerpflichtige Person ohne die Zusatz-
versicherung höhere medizinische Behandlungskosten selber tragen müsste, welche bei der
Berechnung ihres monatlichen Zwangsbedarfs zu berücksichtigen wären (VGE 100 2011 460
vom 5.6.2013, in BVR 2013 S. 506 E. 4.4). Bei Personen, die an einer chronischen oder zu
Rückfällen neigenden Krankheit leiden, kann eine Berücksichtigung der Zusatzversicherung
zudem gerechtfertigt sein, wenn es durch deren Kündigung zu einer unzumutbaren und
irreversiblen krankenversicherungsrechtlichen Schlechterstellung kommen würde
http://www.immoscout24.ch
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(vgl. VGE 100 2014 202/203 vom 23.4.2015, E. 4.2.2; siehe auch Alfred Bühler, Betreibungs-
und prozessrechtliches Existenzminimum, AJP 2002 S. 651). Vorliegend beträgt die
Zusatzversicherung der Rekurrentin lediglich CHF 8.30. Angesichts des Alters der Rekurrentin
rechtfertigt sich die Berücksichtigung dieses Betrags bei den monatlichen Ausgaben. Somit wird
für die obligatorische Krankenversicherung ein Betrag von CHF 558.15 und für die
Zusatzversicherung ein Betrag von CHF 8.30 zu den monatlichen Ausgaben hinzugerechnet.
5.5 Insgesamt stehen damit dem Einkommen von CHF 3'262.-- monatliche Auslagen von CHF 2'566.45 entgegen, womit eine freie Einkommensquote von CHF 695.55 pro Monat
verbleibt. Tabellarisch dargestellt sehen die anrechenbaren Einkünfte und Auslagen der
Rekurrentin wie folgt aus:
Einkünfte monatlich CHF
AHV Altersrente 1'160.00 Ergänzungsleistung 2'102.00
Total Einkünfte 3'262.00
Ausgaben monatlich:
Grundbetrag (Abzug Wohngemeinschaft) 1'000.00 Miete inkl. Nebenkosten 1'000.00 Krankenkasse KVG 558.15 Krankenkasse VVG 8.30
Zwangsbedarf 2'566.45
Monatliche freie Einkommensquote 695.55
5.6 Bei einer freien Einkommensquote von monatlich CHF 695.55 ist es der Rekurrentin bei Einschränkung der Lebenshaltungskosten auf das betreibungsrechtliche Existenzminimum
möglich und zumutbar, die offenen Kantons- und Gemeindesteuern pro 2017 von insgesamt
CHF 3'387.45 (inkl. Verzugszinsen), die offene direkte Bundessteuer pro 2017 von CHF 119.35
(inkl. Verzugszinsen) und die inzwischen aufgelaufenen Verzugszinsen innerhalb von rund fünf
Monaten zu bezahlen. Folglich liegt keine erhebliche finanzielle Härte oder Notlage vor, die
einen teilweisen oder ganzen Erlass des Steuerausstands 2017 rechtfertigen würde. Der
Rekurs und die Beschwerde pro 2017 erweisen sich daher als unbegründet und sind
abzuweisen. Der Rekurrentin verbleibt allenfalls noch die Möglichkeit, die Steuerverwaltung um
Zahlungserleichterungen, wie beispielsweise Teilzahlungen, zu ersuchen.
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6. Im Übrigen ist festzuhalten, dass vorliegend zudem der Ausschlussgrund der Überschuldung erfüllt ist. Bei Überschuldung, wenn die Steuerschuld nur eine unter mehreren
ist, wenn ein Nachlassvertrag bevorsteht oder ein Konkurs droht, kann der Erlass der
Steuerschuld allein keine dauerhafte Sanierung herbeiführen. Der Verzicht des Gemeinwesens
auf seine Steuerforderung könnte somit seinen Zweck nicht erfüllen und würde nur den übrigen
Gläubigern statt dem Steuerpflichtigen zugutekommen. Bei Überschuldung ist ein Erlass oder
Teilerlass deshalb grundsätzlich nur dann und im gleichen Umfang möglich, als auch die
übrigen Gläubiger auf ihre Forderungen verzichten (Art. 240a Abs. 1 StG, Art. 240b Abs. 1
Bst. d StG, Art. 240c Abs. 1 Bst. c StG sowie Art. 167 Abs. 2 DBG, Art. 3 Abs. 2 EV DBG). In
den letzten 20 Jahren wurden auf die Rekurrentin lautende Verlustscheine im Gesamtbetrag
von CHF 40'676.69 ausgestellt, wobei die Gemeinde A._ und die Steuerverwaltung des
Kantons Bern zusammen über Verlustscheine im Gesamtbetrag von CHF 13'357.30 verfügen.
Sodann wurden im Zeitraum zwischen dem 25. März 2015 und dem 29. August 2018 insgesamt
acht Verlustscheine an Drittgläubiger ausgestellt. Da keine Forderungsverzichtserklärungen von
Drittgläubigern vorliegen, sind die Voraussetzungen einer Überschuldung erfüllt, womit ein
Ausschlussgrund vorliegt. Auch aus diesem Grund kann somit vorliegend kein Erlass gewährt
werden.
7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird die Rekurrentin grundsätzlich kostenpflichtig. Sie hat die gesamten Verfahrenskosten zu tragen einschliesslich allfälliger Auslagen für
Gutachten oder andere externe Kosten (Art. 200 Abs. 1 StG i.V.m. Art. 1, 2, 53, 58 und 59 des
Dekrets vom 24. März 2010 betreffend die Verfahrenskosten und die Verwaltungsgebühren der
Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [Verfahrenskostendekret, VKD; BSG 161.12]).
Die Rekurrentin hat mit Eingaben vom 5. November 2019 und 20. November 2019 ein Gesuch
um Erteilung der unentgeltlichen Rechtspflege gestellt. Auf Gesuch hin befreit die
Steuerrekurskommission eine Partei von den Kosten- und allfälligen Vorschuss- sowie
Sicherstellungspflichten, wenn sie nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und ihr
Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 151 StG i.V.m. Art. 111 Abs. 1 VRPG). Diese
beiden Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein. Das Verfahren über die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege richtet sich nach den Vorschriften der Schweizerischen
Zivilprozessordnung vom 19. Dezember 2008 (ZPO; SR 272; vgl. Art. 151 StG i.V.m. Art. 112
Abs. 2 VRPG).
7.1 Voraussetzung für die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist zunächst die Prozessbedürftigkeit. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung gilt eine Person als
prozessbedürftig, wenn sie nicht in der Lage ist, für die Prozesskosten aufzukommen, ohne
dass sie Mittel beanspruchen müsste, die zur Deckung des Grundbedarfs für sie und ihre
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Familie notwendig sind. Die prozessuale Bedürftigkeit beurteilt sich nach der gesamten
wirtschaftlichen Situation des Rechtssuchenden im Zeitpunkt der Einreichung des Gesuchs.
Dazu gehören einerseits sämtliche finanziellen Verpflichtungen, andererseits die Einkommens-
und
Vermögensverhältnisse (BGer 9C_874/2008 vom 11.2.2009, E. 2.2.1 mit weiteren Hinweisen;
Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege im
Kanton Bern, 1997, N. 6 zu Art. 111 VRPG, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung).
Auszugehen ist vom betreibungsrechtlichen Existenzminimum, unter Berücksichtigung
verschiedener Zuschläge. Insbesondere ist der gemäss dem Kreisschreiben Nr. B1
vorgesehene Grundbetrag um 30 % zu erhöhen und, in Abweichung von der Berechnung des
betreibungsrechtlichen
Existenzminimums, sind zudem die laufenden Steuern hinzuzurechnen (vgl. zum Ganzen
Kreisschreiben Nr. 1 der Zivilabteilung des Obergerichts und des Verwaltungsgerichts des
Kantons Bern über die Ermittlung und den Nachweis der Prozessarmut im Sinn von Art. 117
Bst. a ZPO und Art. 111 Abs. 1 VRPG [KS Nr. 1], einsehbar unter: <http://www.justice.be.ch>,
Rubriken "Zivilverfahren > Kreisschreiben > Zivilrecht: KS Nr. 1 mit VG vom 25.1.2011",
nachfolgend: Kreisschreiben Nr. 1 [abgerufen am 18.3.2020]). Die unentgeltliche
Prozessführung ist zu gewähren, wenn das Einkommen geringer ist als der zivilprozessuale
Zwangsbedarf oder diesen gerade erreicht bzw. bloss geringfügig übersteigt. Übersteigt das
Einkommen demgegenüber den prozessualen Zwangsbedarf, so ist zu prüfen, welche
Verfahrenskosten (und allenfalls Anwaltskosten) der beabsichtigte Prozess der betroffenen
Person verursachen kann. Erlaubt es der errechnete Überschuss dem Rekurrenten, die Kosten
des Prozesses innert Jahresfrist bzw. jene eines kostspieligeren Verfahrens innert zweier Jahre
zu tilgen, so liegt keine Prozessbedürftigkeit vor und die unentgeltliche Rechtspflege ist zu
verweigern (vgl. Bst. E des Kreisschreibens Nr. 1).
7.2 Um die Prozessbedürftigkeit der Rekurrentin zu prüfen, stützt sich die Steuerrekurskommission auf die mit dem Gesuch vom 20. November 2019 eingereichten
Unterlagen. Demnach verfügt die Rekurrentin zum Zeitpunkt der Einreichung des Gesuchs über
ein monatliches Einkommen von CHF 3'262.-- (bestehend aus einer AHV-Altersrente von
CHF 1'160.-- und Ergänzungsleistungen von CHF 2'102.--). Erhöht um den zivilprozessualen
Zuschlag von 30 % beträgt der Grundbetrag CHF 1'300.-- (vgl. Bst. A des Kreisschreibens Nr.
1). Weiter sind Mietkosten von CHF 1'000.-- zu berücksichtigen (vgl. E. 4.3 vorstehend). Die
Krankenkassenkosten betragen insgesamt CHF 566.45 (E. 4.4 vorstehend). Damit beträgt der
zivilprozessuale Zwangsbedarf der Rekurrentin insgesamt CHF 2'866.45. Der Rekurrentin
verbleibt demnach ein monatlicher Überschuss von rund CHF 395.55, womit es ihr ohne
Weiteres möglich ist, die
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Verfahrenskosten von CHF 400.-- innerhalb eines Jahres zu bezahlen. Aus diesem Grund wird
das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege vorliegend abgewiesen.
7.3 Da die Rekurrentin im vorliegenden Fall unterliegt, werden keine Parteikosten gesprochen (Art. 200 Abs. 4 StG sowie Art. 144 Abs. 4 DBG i.V.m. Art. 64 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom
20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]).