Decision ID: 92c05631-1b09-57eb-8e31-62db992b6b42
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am (...) August 2019 in die Schweiz ein und
suchte am 19. August 2019 in B._ um Asyl nach. Am 23. August
2019 fand seine Befragung zur Person statt.
B.
Mit Eingabe vom 17. September 2019 liess der Beschwerdeführer das For-
mular "Zuweisung zur medizinischen Abklärung" einreichen, worin auf
seine psychische Erkrankung hingewiesen wurde.
C.
Ein (zuvor eröffnetes) Dublin-Verfahren wurde vom SEM mit Zwischen-
verfügung vom 4. Oktober 2019 beendet.
D.
Am 27. November 2019 und am 22. Januar 2020 wurde der Beschwerde-
führer zu seinen Asylgründen angehört.
E.
Der Beschwerdeführer wurde am 3. sowie am 13. Januar 2020 medizinisch
behandelt.
F.
Am 5. Februar 2020 erfolgte die Zuweisung des Asylgesuchs des Be-
schwerdeführers ins erweiterte Verfahren.
G.
G.a Die in der Folge vom Beschwerdeführer mandatierte Rechtsvertreterin
wandte sich mit Eingaben vom 19. Februar und 27. März 2020 an das SEM
und bat um Einsicht in die vom Beschwerdeführer selbst zu den Akten ge-
reichten Beweismittel, damit sie mit ihrem Mandaten prüfen könne, ob ge-
gebenenfalls weiteren Unterlagen zum Beleg seiner Vorbringen zu den Ak-
ten gereicht werden müssten.
Gemäss Akten beantwortete das SEM diese Eingaben nicht.
G.b Mit Eingaben vom 22. Mai und 11. September 2020 informierte die
Rechtsvertreterin das SEM über neue Sachverhaltselemente und reichte
Beweismittel zu den Akten. Sie erinnerte daran, dass die wiederholten
Gesuche um Einsicht in die eingereichten Beweismittel noch nicht behan-
delt worden seien, und ersuchte "nochmals höflichst" (Eingabe vom
11. September 2020 S. 2) um Zustellung von Kopien der benötigten Doku-
mente.
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Seite 3
Gemäss Akten reagierte das SEM auf diese beiden Eingaben nicht.
G.c Mit Schreiben an das SEM vom 26. November 2020 protestierte die
Rechtsvertreterin gegen die Nichtbehandlung ihrer Anträge und ersuchte
um eine schriftliche Auskunft zum Verfahrensstand. In der Eingabe wurde
auf die starke psychische Belastung des Beschwerdeführers durch die
lange Verfahrensdauer hingewiesen.
Das SEM reagierte auch auf diese Eingabe nicht in erkennbarer Weise.
G.d In einer Eingabe an das SEM vom 19. Februar 2021 wies die Rechts-
vertretung auf den Rechtsanspruch ihres Mandanten auf Einsicht in die von
ihm selber eingereichten Beweismittel hin und erneuerte diesen Antrag.
Für den Fall, dass dieses Begehren abgelehnt werde, ersuchte sie um eine
schriftliche Mitteilung.
Gemäss Akten wurde dieses Schreiben vom SEM nicht beantwortet.
G.e Am 8. März 2021 lud das SEM den Beschwerdeführer über seine
Rechtsvertreterin kommentarlos zu einer ergänzenden Anhörung auf den
31. März 2021 ein.
G.f Mit Eingabe an das SEM vom 26. März 2021 reichte die Rechtsvertre-
terin einen USB-Stick mit Videosequenzen ihres Mandanten zu den Akten,
ersuchte erneut um Zustellung der Kopien der früher eingereichten Beweis-
mittel und wies auf die starke psychische Belastung ihres Mandanten hin.
Gemäss Akten reagierte das SEM auch auf diese Eingabe nicht.
H.
Am 31. März 2021 wurde der Beschwerdeführer vom SEM im Beisein sei-
ner Rechtsvertreterin ergänzend angehört.
I.
Mit Schreiben vom 2. Juni 2021 wies die Rechtsvertreterin darauf hin, dass
der SEM-Sachbearbeiter im Rahmen der ergänzenden Anhörung informell
einen baldigen Entscheid in Aussicht gestellt habe. Das Asylverfahren ihres
Mandanten dauere bereits übermässig lange und dieser sei ob der langen
Ungewissheit psychisch sehr belastet. Das SEM wurde aufgefordert, zeit-
nah über den aktuellen Stand des Verfahrens zu informieren und mitzutei-
len, bis wann mit einem Entscheid gerechnet werden könne.
Diese Eingabe wurde gemäss Akten vom SEM nicht beantwortet.
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Seite 4
J.
Mit Eingabe an das SEM vom 16. Juli 2021 protestierte die Rechtsvertre-
terin beim SEM gegen die Nichtbeantwortung ihrer Eingaben und Anträge.
Sie reichte einen Arztbericht von C._ (Ambulante Psychiatrie und
Psychotherapie D._) vom 12. März 2021 zu den Akten, in welchem
für den Beschwerdeführer die Verdachtsdiagnose einer Posttraumatischen
Belastungsstörung (PTBS) gestellt wurde. Die Rechtsvertreterin stellte die
Einreichung einer Rechtsverzögerungsbeschwerde an das Bundesverwal-
tungsgericht in Aussicht, falls innert zweier Wochen nicht entweder das
Verfahren abgeschlossen oder schriftlich auf die hängigen Anträge reagiert
werde.
Gemäss Akten wurde auch dieses Schreiben vom SEM nicht beantwortet.
K.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 6. August 2021 liess
der Beschwerdeführer eine Rechtsverzögerungs- respektive Rechts-
verweigerungsbeschwerde einreichen.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 11. August 2021 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung nach
Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsver-
beiständung wurde abgewiesen und das Beschwerdedoppel der Vor-
instanz zur Einreichung einer Vernehmlassung zugestellt.
M.
In der Vernehmlassung vom 26. August 2021 erläuterte das SEM die
Gründe für die verzögerte Behandlung des Asylverfahrens des Beschwer-
deführers, anerkannte die vom Beschwerdeführer gerügte Rechtsverzöge-
rung und stellte einen Entscheid in der Sache bis Ende September 2021 in
Aussicht ("La SEM riconosce l’eccessivo prolungamento della procedura
del ricorrente e si impegna ad emanare una decisione d’asilo nei suoi con-
fronti entro Ia fine deI mese di settembre 2021").
N.
Der Instruktionsrichter ordnete mit Verfügung vom 1. September 2021 die
Sistierung des Verfahrens bis längstens 30. September 2021 an und ge-
währte dem SEM damit Gelegenheit, das Asylverfahren des Beschwerde-
führers bis dahin abzuschliessen.
E-3553/2021
Seite 5
O.
Mit Mitteilung vom 8. Oktober 2021 liess der Beschwerdeführer darüber in-
formieren, dass trotz Zusicherung seitens des SEM bislang kein Entscheid
in der Sache ergangen sei. Es sei auch weiterhin keine Akteneinsicht ge-
währt worden. Es liege inzwischen ein psychologischer Bericht vom
30. August 2021 vor, wonach aufgrund der starken psychischen Belastung
des Beschwerdeführers die Eröffnung eines Entscheids in jedem Fall im
Beisein eines Psychologen zu erfolgen habe. Aufgrund dessen werde
darum ersucht, die Vorinstanz anzuweisen, umgehend einen Entscheid zu
fällen.
P.
Bis zum heutigen Zeitpunkt erging keine Verfügung des SEM über das
Asylgesuch des Beschwerdeführers.
Q.
Mit Eingabe vom 25. Oktober 2021 (Datum Postaufgabe) erkundigte sich
der Beschwerdeführer über den aktuellen Stand des Verfahrens. Der In-
struktionsrichter beantwortete die Anfrage am 26. Oktober 2021.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer anfechtba-
ren Verfügung kann bei der Beschwerdeinstanz, die für die Behandlung
einer Beschwerde gegen eine ordnungsgemäss ergangene Verfügung zu-
ständig wäre, Beschwerde geführt werden (Art. 46a VwVG; vgl. MÜLLER,
in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG; nachfolgend: Kommentar VwVG], 2. Aufl.
2019, Rz. 3 zu Art. 46a).
Das Bundesverwaltungsgericht ist damit zur Beurteilung der vorliegenden
Rechtsverzögerungs- respektive Rechtsverweigerungsbeschwerde zu-
ständig.
E-3553/2021
Seite 6
1.2. Rechtsverzögerungs- respektive Rechtsverweigerungsbeschwerden
richten sich gegen den Nichterlass einer anfechtbaren Verfügung. Die Be-
schwerdelegitimation setzt voraus, dass bei der zuständigen Behörde zu-
vor ein Begehren um Erlass einer Verfügung gestellt wurde und Anspruch
darauf besteht. Ein Anspruch ist anzunehmen, wenn die Behörde verpflich-
tet ist, in Verfügungsform zu handeln und der gesuchstellende Person nach
Art. 6 i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG Parteistellung zukommt (vgl. BVGE
2008/15 E. 3.2 m.w.H.).
Der Beschwerdeführer suchte im Jahr 2019 in der Schweiz um Asyl nach.
Über dieses Gesuch hat das SEM – gemäss der gesetzlichen Behand-
lungsfrist für das erweiterte Asylverfahren innerhalb von zwei Monaten
nach Abschluss der maximal dreiwöchigen Vorbereitungsphase (Art. 37
Abs. 3 und Art. 26 Abs. 1 AsylG) – in Form einer anfechtbaren Verfügung
zu befinden. Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeführung legitimiert
(vgl. bereits Urteil E-1808/2020 E. 1.2).
1.3.
1.3.1. Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer Verfü-
gung kann grundsätzlich jederzeit Beschwerde geführt werden (Art. 50
Abs. 2 VwVG). Dennoch steht der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung
nicht völlig im Belieben einer beschwerdeführenden Person, zumal auch
hier der Grundsatz von Treu und Glauben zu beachten ist. Die beschwer-
deführende Person muss überdies darlegen, dass sie zur Zeit der Be-
schwerdeerhebung ein schutzwürdiges – mithin aktuelles und praktisches
– Interesse an der Vornahme der verzögerten Amtshandlung respektive
der Feststellung einer entsprechenden Rechtsverzögerung hat (vgl.
MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs-
gericht, 2. Aufl., 2013, Rz. 5.23).
1.3.2. Der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ist vorliegend nicht zu be-
anstanden. Das schutzwürdige Interesse des Beschwerdeführers an der
Vornahme der allenfalls verzögerten oder verweigerten Amtshandlung
manifestiert sich auch in den vielen bei den Akten liegenden Eingaben, mit
welchen er um Akteneinsicht, um Auskunft über die anstehenden Instrukti-
onshandlungen und insbesondere um einen raschen Entscheid ersuchte.
1.4. Auf die formgerecht (Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Rechtsverzö-
gerungs- beziehungsweise Rechtsverweigerungsbeschwerde ist damit
einzutreten.
1.5. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
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Seite 7
2.
Die Prüfungsbefugnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich
vorliegend auf die Frage, ob die Vorinstanz das Rechtsverweigerungs-
respektive Rechtsverzögerungsverbot verletzt hat. Im Fall einer Gutheis-
sung der Beschwerde weist es die Sache mit verbindlichen Weisungen an
die Vorinstanz zurück (Art. 61 Abs. 1 VwVG). Hingegen ist das Gericht nicht
dazu befugt, sich dazu zu äussern, wie ein allenfalls unrechtmässig verzö-
gerter oder verweigerter Entscheid inhaltlich hätte ausfallen sollen, da es
 Spezialkonstellationen vorbehalten  nicht anstelle der untätig gebliebe-
nen Behörde entscheiden darf, andernfalls der Instanzenzug verkürzt und
möglicherweise Rechte der Verfahrensbeteiligten verletzt würden (vgl.
BVGE 2008/15 E. 3.1.2, m.w.H.).
3.
3.1. Eine Rechtsverweigerung liegt vor, wenn sich eine Behörde weigert,
eine Verfügung zu erlassen, obwohl sie dazu aufgrund der einschlägigen
Rechtsnormen verpflichtet wäre.
3.2. Rechtsverzögerung ist eine abgeschwächte Form der Rechtsverwei-
gerung. Von einer Rechtsverzögerung im Sinn des Gesetzes ist nach Lehre
und Praxis auszugehen, wenn behördliches Handeln zwar nicht (wie bei
einer formellen Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage steht, aber die
Behörde nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur der Sache objek-
tiv noch als angemessen erscheint (vgl. Urteil BVGer F-4238/2016 E. 2.2
m.w.H.). Das Verbot der Rechtsverzögerung ergibt sich als Teilgehalt aus
der allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 BV. Danach hat
jede Person Anspruch auf eine Beurteilung ihrer Sache innert angemesse-
ner Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Ein Verschulden der Behörde an
der Verzögerung wird für die Feststellung einer Rechtsverzögerung nicht
vorausgesetzt (vgl. Urteil BVGer E-1808/2020 E. 3.3 m.w.H.). Deshalb ist
auch dann von einer Verletzung des Rechtsverzögerungsverbots auszuge-
hen, wenn sie wegen Personalmangels oder Überlastung nicht innert an-
gemessener Frist handelt (vgl. BGE 138 II 513 E. 6.4; 107 Ib 160 E. 3c;
103 V 190 E. 5c). Spezifische spezialgesetzliche Behandlungsfristen sind
bei der Beurteilung der Angemessenheit der Verfahrensdauer zu berück-
sichtigen (vgl. zum Ganzen auch Urteil BVGer E-1438/2018 vom 5. April
2018 E. 3.2 m.w.H.).
E-3553/2021
Seite 8
3.3. Die Angemessenheit der Verfahrensdauer ist im Einzelfall unter Be-
rücksichtigung der gesamten Umstände zu beurteilen. In Betracht zu zie-
hen sind namentlich die Komplexität der Sache, das Verhalten der betroffe-
nen Beteiligten und der Behörden, die Bedeutung des Verfahrens für die
betroffene Partei sowie einzelfallspezifische Entscheidungsabläufe (vgl.
zum Ganzen BGE 135 I 265 E. 4.4 m.w.H.).
4.
4.1.
4.1.1. Es ist angesichts der durch die Corona-Pandemie verursachten
Komplikationen, auf die das SEM in seiner Vernehmlassung hinwies, un-
vermeidbar und auch nachvollziehbar, dass gewisse Verfahren zurzeit
nicht innerhalb der kurzen Behandlungsfristen von Art. 37 AsylG abge-
schlossen werden können, insbesondere dann, wenn sich noch Abklä-
rungsmassnahmen aufdrängen.
4.1.2. Vorliegend dauert das Asylverfahren des Beschwerdeführers seit
Einreichung seines Asylgesuchs bereits mehr als zwei Jahre an. In der Zwi-
schenzeit wurden mehrere Anhörungen durchgeführt und in zahlreichen
Eingaben seitens der Rechtsvertretung auf die psychische Belastung des
Beschwerdeführers hingewiesen.
4.1.3. Das SEM hat in seiner Vernehmlassung seine Zuständigkeit für die
Behandlung des Asylgesuchs und explizit eine Rechtsverzögerung aner-
kannt. Diesbezüglich liegt demnach keine Rechtsverweigerung vor.
4.1.4. In derselben Vernehmlassung versicherte das SEM noch, es werde
das Verfahren bis spätestens Ende September 2021 abschliessen. Trotz
der mit Verfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 1. September
2021 angeordneten befristeten Sistierung des vorliegenden Rechtsverzö-
gerungs-/ Rechtsverweigerungsverfahrens sowie dem Ansetzen der Frist,
um das Asylverfahren bis Ende September 2021 abzuschliessen, blieb das
SEM untätig. Mit diesem Verhalten hat das SEM das Beschleunigungsge-
bot von Art. 29 Abs. 1 BV in krasser Weise verletzt. Zudem wurde dadurch
nicht nur ein unnötiges Beschwerdeverfahren, sondern auch dessen im
Ergebnis überflüssige Verfahrenssistierung und somit eine weitere Verfah-
rensverzögerung auf Beschwerdeebene bewirkt.
E-3553/2021
Seite 9
4.2.
4.2.1. Betreffend die beantragte Einsicht in die durch den Beschwerde-
führer selber eingereichten Beweismittel ist hingegen von einer Rechts-
verweigerung auszugehen.
4.2.2. Der Beschwerdeführer wurde zwar seit der Einreichung seines Asyl-
gesuchs mehrfach angehört und sein Verfahren inzwischen dem erweiter-
ten Verfahren zugewiesen. Sämtliche seiner beim SEM seit Februar 2020
insgesamt neun gestellten Gesuche um Akteneinsicht sowie um Mitteilung
des Verfahrensstands wurden hingegen komplett ignoriert. Dieses unpro-
fessionelle (und unhöfliche) prozessuale Verhalten ist umso unverständli-
cher, nachdem in den zahlreichen Eingaben auch die psychische Belas-
tung des Beschwerdeführers erläutert wurde, die sich mit der und durch die
Verzögerung des Verfahrens verstärke.
4.2.3. Gemäss Art. 27 VwVG darf eine Behörde die Einsichtnahme in die
Akten grundsätzlich nur unter gewissen Voraussetzungen verweigern, je-
doch darf die Einsichtnahme in eigenen Eingaben der Partei und ihre als
Beweismittel eingereichten Urkunden nie verweigert werden (vgl. Abs. 3).
Aus der Formulierung dieser Bestimmung geht klar hervor, dass die Ein-
sicht in die selbst eingereichten Beweismittel von der Behörde – anders als
bei Protokollen über ihre eigenen Aussagen – auch nicht bis zum Ab-
schluss der Untersuchung verzögert werden darf (zum uneingeschränkten
und jederzeitigen Einsichtsrecht der Partei in die von ihr eingereichten Be-
weismittel, vgl. STEFAN C. BRUNNER in: Kommentar VwVG a.a.O. Rz. 44 f.
zu Art. 27, WALDMANN/OESCHGER in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.]
Praxiskommentar VwVG 2. Aufl. 2016 N 41 f. zu Art. 27, je m.w.H. auf
Lehre und Praxis).
4.2.4. Das SEM hat folglich in Bezug auf die beantragte Akteneinsicht eine
formelle Rechtsverweigerung begangen.
5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Das SEM wird an-
gewiesen, dem Beschwerdeführer unverzüglich Einsicht in die von ihm sel-
ber eingereichten Akten zu gewähren und ohne weitere Verzögerung über
sein Asylgesuch vom 19. August 2019 zu entscheiden.
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Seite 10
6.
Gemäss Schlussbericht/Überweisungsbericht der C._ vom 30. Au-
gust 2021 wird aufgrund einer ernstzunehmenden Suizidandrohung emp-
fohlen, die Eröffnung eines Asylentscheids im Beisein der zuständigen
Therapeutin oder des zuständigen Therapeuten vorzunehmen, damit ge-
gebenenfalls notwendige Massnahmen – wie etwa eine fürsorgerische Un-
terbringung – eingeleitet werden könne. Das SEM wird angewiesen, dieser
Empfehlung bei der Eröffnung der Asylverfügung Rechnung zu tragen.
7.
7.1. Bei diesem Ausgang des Rechtsverzögerungs-Beschwerdeverfahrens
sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
7.2.
7.2.1. Obsiegende oder teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf
eine Parteientschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen und ver-
hältnismässig hohen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
7.2.2. Dem vertretenen Beschwerdeführer ist zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung zuzusprechen. Unter Berücksichtigung der mit der
Beschwerde eingereichten Liste der getätigten Aufwendungen vom 6. Au-
gust (und unter Mitberücksichtigung der Eingabe vom 11. Oktober 2021)
ist gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz eine
Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1020.– (inkl. Auslagen) zuzuspre-
chen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 11