Decision ID: 8b138668-d06c-5f2f-8514-8d8d833828f9
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 12. Dezember 2016 in der Schweiz
um Asyl nach. Mit Verfügung vom 9. Dezember 2019 anerkannte die Vor-
instanz seine Flüchtlingseigenschaft und gewährte ihm in der Schweiz
Asyl.
A.b Am 20. Dezember 2019 ersuchte der Beschwerdeführer bei der Vor-
instanz um Familiennachzug für seine Frau und seinen Sohn, und liess am
27. Januar 2020 durch eine Vertreterin des Schweizerischen Roten Kreu-
zes das Gesuch erneut stellen.
A.c Durch seine Vertreterin erkundigte sich der Beschwerdeführer am
30. März 2020 bei der Vorinstanz nach dem Verfahrensstand.
B.
Mit Verfügung vom 27. April 2020 verweigerte das SEM der Ehefrau und
dem Sohn des Beschwerdeführers die Einreise in die Schweiz und lehnte
das Gesuch um Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft und Familienasyl
gemäss Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG ab.
C.
Mit Eingabe vom 20. Mai 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen diesen
Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte,
der Entscheid des SEM vom 27. April 2020 sei aufzuheben, die Einreise in
die Schweiz sei zu bewilligen und gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG sei die
Flüchtlingseigenschaft seiner Ehefrau im Sinne des Einbezugs in seine
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.
Die Instruktionsrichterin wies mit Zwischenverfügung vom 27. Mai 2020
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses ab und forderte den Beschwerdeführer zur
Leistung eines Kostenvorschusses innert Frist auf.
E.
Der Kostenvorschuss traf am 29. Mai 2020 bei der Gerichtskasse ein.
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Seite 3

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff.
1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat
zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist – nachdem der Kostenvorschuss
innert Frist bezahlt wurde – einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten von Flüchtlingen und
ihre minderjährigen Kinder als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl,
wenn keine besonderen Umstände dagegen sprechen. Anspruchsberech-
tigte Personen nach Art. 51 Abs. 1 AsylG haben gemäss Art. 51 Abs. 4
AsylG einen Anspruch auf Erteilung einer Einreisebewilligung, sofern sie
sich noch im Heimatstaat oder im Ausland aufhalten und durch die Flucht
des in der Schweiz asylberechtigten Flüchtlings getrennt wurden (vgl.
BVGE 2012/32 E. 5.1). Die Erteilung einer Einreisebewilligung setzt eine
vorbestandene Familiengemeinschaft sowie die fest beabsichtigte Famili-
envereinigung in der Schweiz voraus. Zweck der Bestimmung von Art. 51
Abs. 4 AsylG ist folglich einzig die Wiedervereinigung von im Zeitpunkt der
Flucht aus dem Heimatstaat vorbestandenen Familiengemeinschaften
(vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5.1 m.w.H.). Als «Zeitpunkt der Flucht» gilt dabei
die asylrechtlich relevante Ausreise aus dem Heimatland.
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4.2 Wer um Erteilung einer Einreisebewilligung zwecks Familienasyl er-
sucht, hat die Zugehörigkeit des nachzuziehenden Angehörigen zur Fami-
liengemeinschaft, die im Zeitpunkt der Flucht vorbestandene Familienge-
meinschaft, die Familientrennung durch die Flucht sowie die fest beabsich-
tigte Familienvereinigung aller Anspruchsberechtigten nachzuweisen oder
zumindest glaubhaft zu machen.
5.
5.1 Die Vorinstanz erachtete in der angefochtenen Verfügung die Voraus-
setzungen von Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG als nicht erfüllt, da der Be-
schwerdeführer seine Ehefrau erst nach seiner Ausreise aus Syrien ken-
nengelernt habe. Sie habe noch in Syrien gelebt, er habe sich bereits in
der Autonomen Region Kurdistan (ARK) im Irak aufgehalten. Nach der
Fernheirat sei die Ehefrau im September 2014 in die ARK gereist. Zusam-
men seien sie in die Türkei gegangen, wo am (...) der gemeinsame Sohn
zur Welt gekommen sei. Im Oktober 2016 sei der Beschwerdeführer ohne
Frau und Kind ausgereist und am 3. Dezember 2016 in die Schweiz ge-
langt. Aufgrund dieses Sachverhalts sei die Voraussetzung einer unfreiwil-
ligen Trennung durch die Flucht beziehungsweise des Bestehens einer ge-
festigten Familiengemeinschaft im Heimatstaat gemäss Art. 51 Abs. 4
AsylG nicht erfüllt. Der Beschwerdeführer und seine Ehefrau hätten sich
erst in der ARK zum ersten Mal persönlich getroffen, in Syrien hätten sie
sich noch nicht gekannt. Der gemeinsame Sohn sei erst in der Türkei ge-
boren worden. Eine Familienbeziehung, welche in den Schutzbereich von
Art. 51 Abs. 1 i.V.m. Abs. 4 AsylG falle, liege somit nicht vor.
Der Beschwerdeführer werde auf die Möglichkeit verwiesen, bei den Mig-
rationsbehörden des Wohnsitzkantons ein Gesuch um Familiennachzug
gemäss Art. 42 ff. AIG einzureichen.
5.2 In der Beschwerde wird vorgebracht, die Vorinstanz habe bereits Ge-
suche von zahlreichen Personen gutgeheissen, bei welchen die Heirat im
Ausland stattgefunden habe und die Betroffenen im Heimatstaat nicht in
einer Familiengemeinschaft gelebt hätten. Dem Beschwerdeführer sei es
aufgrund der Umstände nicht möglich gewesen, in Syrien mit seiner Frau
in einer Familiengemeinschaft zusammenzuleben. Sie hätte sich aber be-
reits in Syrien gekannt, da sie verwandt seien. Sein Bruder S. habe seine
Ehefrau auch nach der Flucht in die ARK kennengelernt. Seine Frau habe
bereits zuvor in der ARK gelebt. Er und sein Bruder hätten am gleichen Tag
geheiratet, was mit Fotos belegt werde. Das Gesuch seines Bruders um
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Einreisebewilligung seiner Ehefrau datiere vom (...) 2016 und sei gutheis-
sen und die Bewilligung zur Einreise am (...) 2016 erteilt worden. Somit
gebiete der Grundsatz der Rechtsgleichheit, dass seiner Familie die Ein-
reise ebenfalls bewilligt werde. Die Umstände und persönlichen Verhält-
nisse seien identisch. Für einen Vergleich seien die Akten seines Bruders
beizuziehen. Der Beschwerdeführer könne nicht nachvollziehen, weshalb
sein Bruder seine Familie problemlos habe nachziehen können, dies bei
ihm hingegen nicht möglich sei.
6.
6.1 In der Beschwerde wird zwar zutreffend festgehalten, dass gemäss
Art. 51 Abs. 1 AsylG Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen
als Flüchtlinge anerkannt werden und Asyl erhalten. Auch die weiteren an-
geführten Argumente bezüglich Art. 51 Abs. 1 AsylG sind korrekt. Indes ist
vorliegend Art. 51 Abs. 1 AsylG nicht anwendbar, da sich die Familienan-
gehörigen des Beschwerdeführers zum aktuellen Zeitpunkt nicht in der
Schweiz aufhalten.
Bei Personen, bei welchen zunächst die Einreise in die Schweiz zu bewil-
ligen ist, ist Art. 51 Abs. 4 AsylG anwendbar. Solche Fälle müssen klar von
denjenigen, bei denen sich die Betroffenen bereits in der Schweiz aufhal-
ten, unterschieden werden. In der Beschwerde werden Fälle zitiert, bei wel-
chen sich die einzuziehenden Personen bereits in der Schweiz aufhielten
und deshalb keine Einreisebewilligung mehr zu erteilen war (E-2922/2014,
D-2620/2015). Ferner werden die Anspruchsvoraussetzungen von Art. 51
Abs. 1 und Abs. 4 AsylG in den Ausführungen vermengt.
6.2 Gemäss Art. 51 Abs. 4 AsylG ist den anspruchsberechtigten Personen
die Einreise zu bewilligen, wenn sie durch die Flucht von der asylberech-
tigten Person getrennt wurden. Das Bundesverwaltungsgericht hat mit
Grundsatzurteil BVGE 2017 VI/4 vom 17. August 2017 eine Klärung der
Rechtsprechung vorgenommen. Demgemäss ist den Angehörigen des in
der Schweiz anerkannten Flüchtlings die Einreise zu bewilligen, wenn im
Zeitpunkt der Flucht eine Familiengemeinschaft zwischen ihnen bestanden
hatte und diese durch die Flucht getrennt wurde (E. 4.4.2). Im Entscheid
des Bundesgerichts 139 I 330 E. 1.3.2 wird dazu festgehalten, soweit die
Familienmitglieder sich noch im Ausland befänden, werde ihre Einreise be-
willigt, wenn sie durch die Flucht getrennt worden seien; sei dies nicht der
Fall, könnten sie grundsätzlich weder einreisen noch erhielten sie Fami-
lienasyl, da dieses eine vorbestandene durch die Flucht getrennte eheliche
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Lebensgemeinschaft voraussetze. Das Bestehen einer Familiengemein-
schaft vor der Flucht ist demnach gemäss Rechtsprechung ein zwingendes
Kriterium. Dabei ist es auch nicht entscheidend, dass die Ehe zwischen
dem Beschwerdeführer und seiner Gattin vor seiner Einreise in die
Schweiz erfolgte. Einzig und allein entscheidend ist, dass die Familienge-
meinschaft nicht bereits vor der Ausreise des Beschwerdeführers aus Sy-
rien bestand. In der Beschwerde wird denn auch ausgeführt, das vertiefte
Kennenlernen, habe erst nach der Flucht des Beschwerdeführers aus sei-
nem Heimatland stattgefunden (Beschwerde S. 3). Auch wenn sich der Be-
schwerdeführer und seine Ehefrau bereits in Syrien gekannt haben, haben
sie daher in Syrien noch keine Familiengemeinschaft gebildet.
6.3 Wenn die Familie des asylberechtigten Flüchtlings – wie es auch vor-
liegend der Fall ist – nicht durch die Flucht getrennt, sondern die Ehe erst
danach eingegangen worden ist, haben die Ausländerbehörden die Fami-
lienvereinigung und allfällige diesbezüglich bestehende Rechtsansprüche
ausländerrechtlicher Natur in Anwendung von Art. 43 f. AIG bzw. Art. 8
EMRK oder Art. 13 BV zu prüfen (BGE 139 I 330 E. 1.4.1), da sich kein
Anspruch aus dem Asylgesetz ableiten lässt.
6.4 In der Beschwerde wird argumentiert, die Situation der syrischen
Flüchtlinge kurdischer Herkunft in der Türkei werde immer prekärer, es
gehe der Ehefrau des Beschwerdeführers nicht gut und sie könne kaum
für sich und den Sohn sorgen. Das Kindeswohl des Sohnes sei gefährdet,
was es zu beachten gelte. Dazu ist festzuhalten, dass dies auf die Fest-
stellung zu Art. 51 Abs. 4 AsylG keinen Einfluss hat und dem Kindeswohl
und weiteren Umständen im Rahmen eines ausländerrechtlichen Familien-
nachzugsverfahrens Rechnung zu tragen wären, und auch weitere sich
aus anderen Rechtsnormen ergebende Ansprüche (z.B. Art. 8 EMRK oder
Art. 13 BV) in jenem Verfahren zu prüfen wären.
6.5 In der Rechtsmitteleingabe wird weiter angeführt, der Ehefrau und der
Tochter des Bruders des Beschwerdeführers sei am (...) 2016 die Einreise
in die Schweiz bewilligt worden. Der Grundsatz der Rechtsgleichheit ge-
biete es, im vorliegenden Fall der Familie des Beschwerdeführers die Ein-
reise in die Schweiz ebenfalls zu bewilligen.
Gemäss dem Gebot der Rechtsgleichheit soll Gleiches gleich und Unglei-
ches ungleich behandelt werden (BGE 134 I 23 E. 9.1; ULRICH HÄFE-
LIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht,
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7. Aufl. 2016, Rz. 572). Das Rechtsgleichheitsgebot ist verletzt, wenn hin-
sichtlich einer entscheidwesentlichen Tatsache rechtliche Unterscheidun-
gen getroffen werden, für die kein vernünftiger Grund in den zu regelnden
Verhältnissen besteht, oder wenn Unterscheidungen unterlassen werden,
die aufgrund der Verhältnisse hätten getroffen werden müssen (vgl. JÖRG
PAUL MÜLLER/MARKUS SCHEFER, Grundrechte in der Schweiz, 4. Aufl.
2008, S.11; BGE 136 V 231 E. 6.1). Ein Anspruch auf Gleichbehandlung
im Unrecht wird nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nur aus-
nahmsweise anerkannt (vgl. BGE 132 II 485 E. 8.6, m.w.H.), wobei es
hierzu bedarf, dass eine rechtsanwendende Behörde eine eigentliche ge-
setzeswidrige Praxis pflegt und überdies zu erkennen gibt, auch in Zukunft
nicht davon abweichen zu wollen. Diese Voraussetzungen sind vorliegend
offensichtlich nicht gegeben, weshalb der Beschwerdeführer aus einer all-
fälligen unterschiedlichen Handhabung des vorliegenden Falles und des
Falles seines Bruders nichts zu seinen Gunsten ableiten kann und sich ein
Beizug der Akten des Bruders erübrigt.
6.6 Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz die Einreise der Ehefrau und
des Sohnes des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 51 Abs. 4 AsylG zu
Recht nicht bewilligt und das Familienasyl abgelehnt.
6.7 Der Beschwerdeführer ist an dieser Stelle nochmals darauf hinzuwei-
sen, dass er bei den Migrationsbehörden seines Wohnsitzkantons ein Ge-
such um Familiennachzug gemäss Art. 44 AIG stellen kann.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750. – fest-
zusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Der am 29. Mai 2020 geleistete Kostenvorschuss in gleicher
Höhe wird zur Bezahlung der Verfahrenskosten verwendet.
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