Decision ID: ecfc4054-5005-591f-aa03-627d6c163589
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden sind irakische Staatsangehörige arabischer
Ethnie und schiitischer Glaubenszugehörigkeit. Sie verliessen gemäss ei-
genen Angaben den Irak am (...) 2015 und gelangten über die Türkei, Grie-
chenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich und
Deutschland am 16. November 2015 in die Schweiz, wo sie gleichentags
um Asyl nachsuchten. Am 1. Dezember 2015 wurden A._ (nachfol-
gend: der Beschwerdeführer) und B._ (nachfolgend: die Beschwer-
deführerin) zu ihrer Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Ge-
suchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am 29. November
2016 fanden die einlässlichen Anhörungen zu ihren Asylgründen statt.
A.b Der Beschwerdeführer brachte vor, er sei in F._ geboren, habe
aber von klein auf in G._, Provinz H._ gelebt. Am (...) 1998
sei er festgenommen und zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt
worden, weil er eine Jugendversammlung mitorganisiert habe. Am (...)
2014 sei auf seine (...) ein Attentat verübt worden, wobei er verletzt und
ein Mitarbeiter ums Leben gekommen sei. Im Verlaufe des Jahres 2014
habe sich der IS (sog. Islamischer Staat) der Stadt immer mehr genähert
und der irakische Staat habe deren Verteidigung aufgegeben. Deshalb
habe er zusammen mit anderen Bewohnern die Verteidigung der Stadt
übernommen. In dieser Zeit seien semioffizielle Regierungstruppen, wel-
che der I._ angehört hätten, in der Stadt aufgetaucht und hätten sie
ermuntert, die Verteidigung aufzugeben. Auch hätten diese Truppen be-
gonnen, Leute umzubringen. Zwei Mal seien Attentate auf ihn verübt wor-
den: Einmal sei auf sein Auto geschossen und ein anderes Mal eine Auto-
bombe unter das vor der Tür stehende Auto gelegt worden. Nachdem der
(...)jährige Sohn eines Kampfgefährten entführt und getötet worden sei, sei
er mit seiner Familie nach F._ gezogen. Weil er aus einer sunniti-
schen Provinz stamme, sei er dort jedoch von verschiedenen schiitischen
Milizen unter Waffendrohung wiederholt verhört worden. Er sei verdächtigt
worden, Sunnit und IS-Anhänger zu sein und in der Absicht, Terroran-
schläge zu verüben, nach F._ gekommen zu sein. Er sei jedoch je-
weils freigelassen worden, nachdem die Milizen festgestellt hätten, dass er
Schiite sei. Auch sei er im Rahmen seiner Tätigkeit als (...) regelmässig an
Checkpoints überprüft worden. Er habe in dauernder Angst gelebt und ge-
wusst, dass er und seine Familie nirgends sicher seien. Deshalb hätten sie
sich zur Ausreise entschieden.
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A.c Die Beschwerdeführerin machte ihrerseits geltend, sie hätten bis zum
Attentat vom (...) 2014 auf die (...) ihres Ehemannes ein friedliches Leben
geführt. Etwa sechs Monate später sei der IS vorgerückt, weshalb die
Stadtbewohner – darunter auch ihr Ehemann – gezwungen gewesen
seien, die Stadt zu verteidigen. Zwei Mal seien Anschläge auf ihren Ehe-
mann verübt worden. Sie habe deshalb in Dauerangst gelebt, dass sie ihn
verlieren würde. Nachdem der Sohn eines Freundes ihres Mannes getötet
worden sei, hätten sie beschlossen, die Stadt zu verlassen und nach
F._ zu ziehen. Dort sei die Sicherheitssituation etwas besser gewe-
sen. Ihr Mann sei jedoch immer wieder von Milizen vorgeladen und schika-
niert worden, weil sie aus einer sunnitischen Provinz stammen würden und
er deshalb verdächtigt worden sei, Sunnit zu sein. Er sei auch bei seiner
Arbeit als (...) oft schikaniert worden. Sie hätten sich nicht sicher gefühlt
und deshalb beschlossen, das Land zu verlassen.
A.d In den Akten befinden sich die irakischen Reisepässe der Beschwer-
deführenden (in Kopie und teilweise im Original). Bei der Anhörung reichte
der Beschwerdeführer zusätzlich folgende Beweismittel ein:
- Gerichtsurteil aus dem Jahre 1998 (in Kopie)
- Polizeibericht den Vorfall vom (...) 2014 betreffend (in Kopie)
- Todesurkunde des Mitarbeiters (in Kopie)
- Zwei Fotos des getöteten Jungen
- Heiratsurkunde (in Kopie)
A.e Sodann gab der Beschwerdeführer am 16. Oktober 2017 die folgen-
den Beweismittel bei der Loge des SEM ab:
- Messenger-Chatverlauf zwischen der I._ und einer Person namens J._
vom (...) 2017
- Vorladung der Polizeidirektion der Provinz H._, Polizeiabteilung G._,
vom (...) 2017 (in Kopie)
- Vorladung des Präsidiums des Berufungsgerichts von H._, Gericht G._,
für eine Gerichtsverhandlung am (...) 2017 (in Kopie)
- Verpflichtung vom (...) 2017 zur Meldung von Personen, welche für den Erhalt von Le-
bensmitteln berechtigt sind (in Kopie)
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A.f Das SEM forderte die Beschwerdeführenden mit Schreiben vom
17. Oktober 2017 auf, die an der Loge abgegebenen Beweismittel überset-
zen zu lassen. Dieser Aufforderung kamen die Beschwerdeführenden in
der Folge nach.
B.
Mit Schreiben vom 23. respektive 25. Mai 2018 liessen der Beschwerde-
führer beziehungsweise das Team der K._, L._, dem SEM
eine Verfahrensstandsanfrage zukommen. Die Vorinstanz antwortete mit
E-Mail vom 31. Mai 2018.
C.
Mit Verfügung vom 15. August 2018 – eröffnet am 17. August 2018 – stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen, und lehnte ihre Asylgesuche ab. Sodann verfügte es
die Wegweisung aus der Schweiz, schob jedoch den Vollzug der Wegwei-
sung infolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
D.
Die Beschwerdeführenden erhoben mit Eingabe vom 17. September 2018
gegen den vorinstanzlichen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht und beantragten, die angefochtene Verfügung sei aufzuhe-
ben, es sei ihnen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen, eventualiter sei
die Sache zur rechtsgenüglichen Abklärung des Sachverhalts an die Vor-
instanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragten sie, es sei
ihnen die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und es sei von der Er-
hebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
Der Beschwerde lagen – neben der angefochtenen Verfügung – eine Für-
sorgebestätigung des M._ vom 14. September 2018, sechs Face-
book-Screenshots und eine Speicherkarte mit zwei Videos (inkl. deutsche
Übersetzung) als Beweismittel bei.
E.
Mit Verfügung vom 26. September 2018 hiess der Instruktionsrichter das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Vorbe-
halt einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse gut.
Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, bis zum 11. Oktober 2018 eine
Vernehmlassung einzureichen.
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F.
Das SEM liess sich mit Eingabe vom 2. Oktober 2018 zur Beschwerde ver-
nehmen.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 5. Oktober 2018 wurde den Beschwerde-
führenden Gelegenheit gegeben, bis zum 22. Oktober 2018 eine Replik
einzureichen. In der Folge ging beim Gericht keine solche ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde
ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
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3.
3.1 In der Beschwerde werden eine Verletzung der Pflicht zur vollständigen
und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs gerügt. Diese Rügen sind vorab zu prü-
fen, da sie zu einer Kassation der angefochtenen Verfügung führen könn-
ten.
3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör,
welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein-
zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die Be-
gründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65
E. 5.2).
3.3 Die Beschwerdeführenden bringen vor, sie seien nach der Abgabe ei-
ner Kopie des Messenger-Chats mit einem Mitglied der I._ sowie
der weiteren Beweismittel beim SEM davon ausgegangen, dass sie Gele-
genheit erhalten würden, sich zu diesen Unterlagen mündlich oder schrift-
lich zu äussern. Das SEM habe jedoch keine weiteren Abklärungen getätigt
und werfe ihnen nun in der angefochtenen Verfügung unter anderem vor,
es würden Hinweise und Erklärungen darüber fehlen, wann genau die Do-
kumente ausgestellt worden seien und wie sie diese erhalten hätten. Das
SEM wäre verpflichtet gewesen, sie dazu zu befragen und weitere Abklä-
rungen vorzunehmen.
Das SEM forderte die Beschwerdeführenden nach der Einreichung der Be-
weismittel auf, Übersetzungen dieser Schriftstücke einzureichen. In der
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Folge begründete es in seiner Verfügung ausführlich, weshalb die bei der
Loge des SEM abgegebenen Dokumente nicht geeignet seien, subjektive
Nachfluchtgründe darzutun. Neben dem Umstand, dass diese kommentar-
los abgegeben wurden und damit deren Weg zu den Beschwerdeführen-
den und der Zeitpunkt der Ausstellung unklar blieb, spielten weitere Ele-
mente bei der Würdigung der Beweismittel eine Rolle. Eine mündliche oder
schriftliche Anhörung zum Erhalt und zum Ausstellungszeitpunkt dieser Do-
kumente hätte deshalb am materiellen Ergebnis nichts geändert (vgl. nach-
folgend E. 6). Im Übrigen hätte es den Beschwerdeführenden oblegen, im
Rahmen ihrer Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG relevante Informati-
onen zu den Dokumenten von sich aus dem SEM mitzuteilen. Vor diesem
Hintergrund durfte das SEM darauf verzichten, die Beschwerdeführenden
mündlich oder schriftlich zu befragen, zumal der Sachverhalt bereits
rechtsgenüglich erstellt war. Schliesslich ist festzuhalten, dass in den Ver-
fahrensstandsanfragen vom 23. respektive 25. Mai 2018 mit keinem Wort
eine entsprechende Erwartung zum Ausdruck gebracht wurde.
3.4 Weiter sehen die Beschwerdeführenden ihren Anspruch auf rechtliches
Gehör verletzt, weil sie vor Erlass der vorinstanzlichen Verfügung keine
Gelegenheit erhalten hätten, Stellung zu beziehen zur Behauptung des
SEM, die eingereichten Dokumente seien falsch (wohl recte: gefälscht) und
ihnen sei jeglicher Beweiswert abzusprechen.
Das aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör abgeleitete Recht zur Stel-
lungnahme bezieht sich in der Regel nicht auf die vorgesehene rechtliche
Begründung, sondern auf den rechtserheblichen Sachverhalt (vgl. BGE
132 II 485 E. 3.2 ff.). Dieser war den Beschwerdeführenden bekannt, leitet
er sich doch einzig aus den Aussagen anlässlich der Anhörungen und den
eingereichten Beweismitteln ab. Die Vorinstanz war somit nicht verpflichtet,
den Beschwerdeführenden den Inhalt der Verfügung vorweg zur Stellung-
nahme zu unterbreiten.
3.5 Die formellen Rügen erweisen sich damit als unbegründet, weshalb
keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzuheben
und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das diesbezügliche Rechtsbegeh-
ren ist somit abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM führte in seiner Verfügung aus, die vom Beschwerdeführer
geltend gemachte Haft im Jahre 1998 könne wegen des fehlenden sachli-
chen und zeitlichen Zusammenhangs nicht als Anlass der Ausreise im (...)
2015 betrachtet werden. Das entsprechende Vorbringen und das dazu ein-
gereichte Gerichtsurteil vermöchten daher keine Asylrelevanz zu entfalten.
Sodann sei der unbestrittenermassen schwierigen Situation in F._
mit der Anordnung der vorläufigen Aufnahme Rechnung getragen worden.
Es sei nicht von einer gezielten, flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung
in F._ auszugehen. Es stehe aufgrund der Aktenlage und der Aus-
sagen der Beschwerdeführenden fest, dass sie nicht zum ehemaligen
Staatsapparat von Saddam Hussein gehören würden oder sich politisch für
diesen engagiert hätten. Im Weiteren hätten sie nicht glaubhaft machen
können, dass sie aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit erhebliche Nach-
teile im Sinne von Art. 3 AsylG erlebt hätten. Auch andere in Art. 3 AsylG
aufgezählte Verfolgungsmotive liessen sich ihren Asylvorbringen nicht ent-
nehmen. Daher erschienen die geltend gemachten Nachteile durch schiiti-
sche Milizen in F._ als Ausdruck der dort derzeit herrschenden all-
gemeinen Gewaltsituation. Dieselbe Schlussfolgerung gelte bezüglich der
geschilderten Vorfälle in H._ (Explosion in der (...) am (...) 2014
sowie zwei versuchte Attentate auf den Beschwerdeführer während der
Verteidigung der Stadt). Die damals dort herrschende Sicherheitslage
stelle einen Ausdruck einer allgemeinen Gewaltsituation dar, von der alle
Bewohner der Stadt in gleichem Masse betroffen gewesen seien. An dieser
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Schlussfolgerung vermöchten die diesbezüglich eingereichten Beweismit-
tel nichts zu ändern.
Was die geltend gemachten subjektiven Nachfluchtgründe anbelange,
könne der nachgereichte Messenger-Chat vom (...) 2017 in dieser Form
und mit vorliegendem Inhalt zwischen irgendwelchen Personen geführt
worden sein, ohne konkreten Bezug zu den Asylvorbringen. Dass es sich
beim "Chatpartner" tatsächlich um ein Mitglied der I._ gehandelt
habe, welches die Beschwerdeführenden bedroht habe, stelle eine unbe-
wiesene Parteibehauptung dar. Zudem erscheine befremdend, dass sich
der Beschwerdeführer in einem Chat mit einem Mitglied der I._ aus-
tausche und sich dort über die besagten Themen äussere. Ebenfalls er-
scheine eigentümlich, wieso ein Mitglied der I._ überhaupt ein sol-
ches Medium wählen sollte, um den Beschwerdeführer zu bedrohen. Falls
eine konkrete und individuelle Verfolgungsabsicht aus einem in Art. 3
AsylG definierten Verfolgungsmotiv dieser Miliz gegen ihn bestanden hätte,
wäre es dieser wohl ein Leichtes gewesen, ihn noch während seines Auf-
enthaltes im Irak zu verfolgen oder gegen seine im Irak verbliebenen An-
gehörigen vorzugehen. Das SEM gelange aufgrund dieser Ungereimthei-
ten zum Schluss, dass es sich bei diesem "Chat-Protokoll" um ein für die
Bedürfnisse des Asylverfahrens konstruiertes Vorbringen und Dokument
handle, dem real keine individuelle Gefährdung zugrunde liege. Bezüglich
der bei der Loge des SEM abgegebenen Gerichtsdokumente seien eben-
falls diverse Vorbehalte anzubringen. Vorerst sei darauf hinzuweisen, dass
irakischen Dokumenten generell kein grosser Beweiswert zukomme, da
aufgrund der weit verbreiteten Korruption in diesem Land praktisch alle zi-
vil- und strafrechtlichen Beweismittel einfach käuflich erworben und Blan-
koformulare mit entsprechenden Inhalten beschafft und für die individuel-
len Bedürfnisse des Asylverfahrens ausgefüllt werden könnten. Die beiden
eingereichten "Vorladungen" würden nur in Kopie vorliegen, sodass die
Möglichkeit bestehe, darauf jegliche erwünschten Manipulationen vorzu-
nehmen. Im Übrigen habe der Beschwerdeführer diese kommentarlos an
der Loge des SEM abgegeben. Es würden Hinweise und Erklärungen dar-
über fehlen, wann genau diese Dokumente ausgestellt worden seien und
wie sie von den irakischen Behörden den Weg in die Schweiz gefunden
hätten. Im Weiteren erscheine eigentümlich, dass die Vorladung vom (...)
2017 an die I._ gerichtet sei, somit an den Kontrahenten des Be-
schwerdeführers, und weshalb er in Besitz dieses Dokumentes habe ge-
langen können, welches gar nicht für ihn bestimmt gewesen sei. Ferner
handle es sich um ein polizeiinternes Dokument, was wiederum die Frage
aufwerfe, wie ein solches vom Irak aus dem Beschwerdeführer in die
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Schweiz habe zugestellt werden können. Des Weiteren werde in Artikel
433/1 des irakischen Strafgesetzbuches keine Frist von zehn Tagen er-
wähnt, innert welcher sich ein Angeschuldigter wegen Verleumdung bei
den zuständigen Strafbehörden einzufinden habe. Die Vorladung des Be-
rufungsgerichts für eine Gerichtsverhandlung am (...) 2017 weise ebenfalls
mehrere Ungereimtheiten auf. Diese sei nicht datiert und die darin aufge-
führten Beilagen würden fehlen. Zudem sei nicht ersichtlich, aufgrund wel-
cher strafrechtlichen Bestimmung eine Gerichtsverhandlung gegen den
Beschwerdeführer stattfinden solle beziehungsweise welcher Straftatbe-
stand ihm genau vorgeworfen werde. Das auf der Vorladung genannte
Wohnquartier decke sich sodann nicht mit den Adressangaben im Rahmen
der BzP.
5.2 In der Beschwerde wird dagegen eingewendet, es sei bereits im (...)
2014 ein Anschlag auf die (...) des Beschwerdeführers verübt worden.
Nachdem der IS von Norden her Angriffe auf die Stadt verübt habe, seien
zwei weitere Anschläge auf ihn verübt worden. Einmal sei auf ihn geschos-
sen und einmal sei vor seinem Haus unter seinem Auto eine Bombe ge-
zündet worden. Danach sei der Sohn eines Mitkämpfers entführt und auf
schreckliche Weise umgebracht worden. Die Täter seien Angehörige der
I._ gewesen. Der Mitkämpfer und er hätten sich vehement gegen
das Angebot der I._, die Verteidigung eines Teiles der Stadt zu
übernehmen, ausgesprochen. Er sei zudem verantwortlich gewesen für die
(...), die in die Verteidigung involviert gewesen seien, und er habe mit sei-
nem Auto jeweils seine Brüder gefahren. Deshalb habe er bereits zu dieser
Zeit im Fokus der I._ gestanden und diese habe versucht, ihn aus
dem Weg zu räumen. Sodann sei er bereits im Irak auf Facebook aktiv
gewesen und habe sich auch politisch geäussert, damals allerdings nur
anonym. Seit er in der Schweiz sei, äussere er sich mit seinem vollen Na-
men kritisch zu politischen Themen und zu verschiedenen politischen Akt-
euren. So habe er eine Facebook-Gruppe gegründet, die heute sehr viele
Anhänger habe. Er sei dort aktiv unter dem Namen N._, was (...)
bedeute. Er nehme in der Schweiz auch an Demonstrationen teil, an denen
die politische Situation im Irak wie beispielsweise die Korruption scharf kri-
tisiert würden. Ein kritischer Facebook-Post habe denn auch dazu geführt,
dass er von einem Mitglied der I._ via Messenger kontaktiert wor-
den sei. Dieser habe genau gewusst, wer er sei. Er habe ihm gedroht, sei-
ner Familie etwas anzutun und habe das Bild des ermordeten Sohnes sei-
nes Mitkämpfers hochgeladen. Ihm sei gedroht worden, dass sein eigener
Sohn auch so enden würde. Die I._ habe dann bei der Polizei über
ihn berichtet, er sei angezeigt und ein Verfahren sei eröffnet worden. Er
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hätte demnach bei einer Rückkehr in den Irak eine asylrelevante Verfol-
gung zu befürchten. Die nachträglich eingereichten Dokumente habe er
von seinem Bruder elektronisch erhalten. Sein Bruder habe ihm mitgeteilt,
dass er an seinem alten Wohnort in H._ von der Polizei gesucht
werde. Er habe den Bruder gebeten abzuklären, worum es gehe. Ein
Freund des Bruders sei Polizist, welcher dem Bruder mitgeteilt habe, dass
es ein polizeiinternes, an die I._ gerichtetes Dokument gebe, das
ihn (den Beschwerdeführer) betreffe. Dieses habe der Polizist kopiert und
seinem Bruder gegeben. Die Vorladung des Berufungsgerichts sei in sei-
nem Familienhaus von der Polizei ausgehändigt worden. Er werde
schnellstmöglich abklären, ob sich das Original noch bei seinem Bruder
befinde, und werde versuchen, dieses zu beschaffen.
5.3 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung an ihren Erwägungen in
der angefochtenen Verfügung fest und führte ergänzend aus, der Be-
schwerdeführer habe ihre Einschätzung zu den im vorinstanzlichen Verfah-
ren eingereichten Beweismitteln, die seine angebliche Verfolgung im Irak
wegen der exilpolitischen Tätigkeiten nachweisen sollen, nicht glaubhaft zu
widerlegen vermocht. Er habe sich dazu gar nicht detailliert vernehmen
lassen. Im Weiteren könnten Accounts auf Facebook sowie Facebook-
Gruppen unter falschem oder irgendeinem Namen von einer beliebigen
Person erstellt und darauf irgendwelche Bilder hinterlegt werden. Selbst
wenn der Beschwerdeführer tatsächlich der Gründer der "Facebook-
Gruppe N._" wäre, sei nicht nachvollziehbar, wie die irakischen Be-
hörden aufgrund dieser allgemeinen Namensangabe den Beschwerdefüh-
rer überhaupt sicher identifizieren könnten und deshalb verfolgen sollten.
Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass die Art und Qualität dieser "re-
gimekritischen Äusserungen" – falls diese denn tatsächlich dem Beschwer-
deführer zuzurechnen wären – sich in keiner Art und Weise von der Viel-
zahl anderer kritischer Kommentare exilpolitisch aktiver Iraker in ganz Eu-
ropa abhebe. Mit den neu eingereichten Screenshots aus Facebook sowie
den bereits abgegebenen Vorladungen sei deshalb keine glaubhafte indi-
viduelle Verfolgung im Irak aufgrund der behaupteten exilpolitischen Tätig-
keiten nachgewiesen.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
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6.2 Die Vorinstanz hat die Vorbringen des Beschwerdeführers mit ausführ-
licher und überzeugender Begründung als nicht asylrelevant qualifiziert. Es
kann deshalb zur Vermeidung von Wiederholungen vollumfänglich auf die
zutreffende Argumentation in der angefochtenen Verfügung und der Ver-
nehmlassung verwiesen werden. In Ergänzung dazu ist Folgendes festzu-
stellen:
6.3 In der Beschwerde wird implizit die Gewährung von Asyl beantragt mit
der Argumentation, der Beschwerdeführer habe bereits im Jahr 2014 im
Fokus der I._ gestanden und diese habe versucht, ihn aus dem
Weg zu räumen. Das SEM verwies in diesem Zusammenhang zu Recht
auf die damals herrschende allgemeine Gewaltsituation am Wohnort der
Beschwerdeführenden. Die Aussagen des Beschwerdeführers im vor-
instanzlichen Verfahren führen zu keinem anderen Ergebnis. Hinsichtlich
des Anschlags auf die (...) führte er nämlich in der Anhörung aus: "(...) Ich
weiss nicht, ob ich das Ziel war oder mein Geschäft als Treffpunkt" (vgl.
Akten SEM A14/18 F41). Zu den weiteren Attentaten erklärte er auf die
Frage, ob die Opfer gezielt oder eher willkürlich ausgesucht worden seien:
"Sie haben vor allem diejenigen, die bei der Verteidigung der Stadt teilge-
nommen haben, ins Visier genommen. Manchmal war es auch willkürlich.
Auch Frauen fielen ihnen zum Opfer. (...)" (vgl. Akten SEM A14/18 F52).
Sodann lässt auch sein Vorbringen, er habe Angst gehabt, zur Zielscheibe
zu werden, da er die (...), die in die Verteidigung involviert gewesen seien,
übernommen habe und in seinem Auto jeweils seine Brüder mitgefahren
seien (vgl. Akten SEM A14/18 F54), nicht auf eine gezielte Verfolgung
schliessen. Schliesslich ist den vorinstanzlichen Akten nichts zu entneh-
men, wonach der Beschwerdeführer vor der Ausreise aus dem Irak wegen
allfälliger Facebook-Aktivitäten Probleme gehabt hätte.
6.4 Hinsichtlich der geltend gemachten subjektiven Nachfluchtgründe geht
aus den eingereichten Beweismitteln nicht hervor, dass sich der Beschwer-
deführer in der Schweiz mit seinem vollen Namen kritisch zu politischen
Themen äussern würde. Allein aufgrund des Namens N._ ist nicht
ersichtlich, wie er eindeutig zu identifizieren wäre, auch wenn er, wie den
auf Beschwerdeebene eingereichten Screenshots zu entnehmen ist, ein
Foto seiner Person als Profilbild verwendet. Im Übrigen heben sich – wie
das SEM zutreffend festhält – die Inhalte nicht von der Vielzahl anderer
kritischer Kommentare exilpolitisch aktiver Iraker in ganz Europa ab. Auch
die Teilnahme an einer Demonstration in O._ im Jahre 2016, an
welcher der Beschwerdeführer (...) und ein junger Mann eine Rede hält,
muss als zu niederschwellig bezeichnet werden, als dass die irakischen
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Behörden ihn deswegen als ernsthafte Bedrohung wahrnehmen würden.
Vor diesem Hintergrund ist nicht ersichtlich, weshalb die I._ ausge-
rechnet mit dem Beschwerdeführer via Messenger hätte Kontakt aufneh-
men sollen, zumal den Akten nicht zu entnehmen ist, dass er bereits in
seiner Heimat in deren Fokus gestanden hätte (vgl. E. 6.3). Vielmehr ist
übereinstimmend mit dem SEM davon auszugehen, dass es sich beim
Chat-Protokoll um ein für die Bedürfnisse des Asylverfahrens konstruiertes
Vorbringen und Dokument handelt. Dasselbe gilt auch für die – lediglich in
Kopie vorliegenden – Vorladungen, da nach dem Gesagten kein Grund er-
sichtlich ist, weshalb im Irak eine Anzeige ergangen respektive ein Verfah-
ren eröffnet worden sein soll. Die Ausführungen des Beschwerdeführers,
wie er zu den Vorladungen gelangt sein will, vermögen an diesem Ergebnis
nichts zu ändern. Im Übrigen hat der Beschwerdeführer bis heute das Ori-
ginal der gerichtlichen Vorladung nicht nachgereicht und dem Bundesver-
waltungsgericht auch nicht mitgeteilt, dass oder weshalb dies nicht möglich
sei (vgl. Beschwerde S. 3).
6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch der Beschwerdefüh-
renden abgelehnt hat.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit der Beschwerde
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gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
wurde jedoch mit Instruktionsverfügung vom 26. September 2018 gutge-
heissen, weshalb ihnen – da sich an den diesbezüglichen Voraussetzun-
gen nichts geändert hat – keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind.
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