Decision ID: 5ca69f7a-6026-5ba5-b552-23dc3ae778d5
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
Der Verurteilte leidet an einer paranoiden Schizophrenie. Die Krankheit äussert sich unter
anderem darin, dass er sich in wechselnder Intensität von der Mafia und anderen Organi-
sationen verfolgt fühlt sowie in wahnhaften Ängsten um seine Gesundheit. Er befindet
sich deswegen schon länger in psychiatrischer Behandlung. Zu einem ersten Aufenthalt in
der Psychiatrie kam es, nachdem er das Auto seiner Freundin gerammt hatte, weil er sich
kontrolliert und durch eine unbekannte Kraft beeinflusst fühlte. Am 1. Mai 2008 hat er in
Bern und am 10. Juni 2008 in Wil jeweils eine Person vor einem wahnhaften Hintergrund
tätlich angegriffen. Am 4. Oktober 2014 ereignete sich der zur stationären Massnahme
Anlass gebende Vorfall. Der Verurteilte wollte Anzeige bei der Polizei erstatten, weil er
von der PDS und der PM gequält werde. Die Polizei habe die Sache nicht ernst genom-
men. Zurück im Wohnheim behändigte der Verurteilte ein Messer und steckte es unver-
mittelt einem Mitbewohner von Hinten in den Hals. Der Mitbewohner überlebte den Vor-
fall. Gemäss Gutachten war der Verurteilte im Tatzeitpunkt nicht oder zumindest schwer
vermindert schuldfähig. Am 21. April 2015 trat der Verurteilte den vorzeitigen Massnah-
menvollzug an. Mit im abgekürzten Verfahren ergangenen Urteil des Kantonsgerichts
Appenzell Ausserrhoden vom 4. Mai 2015 (Verfahren Nr. K3S 15 1) wurde er vom Vor-
wurf der versuchten vorsätzlichen Tötung wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen.
Gleichzeitig ordnete das Gericht eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von
Art. 59 StGB an. Vom 21. April 2015 bis 14. Februar 2017 wurde er in der Psychiatrischen
Klinik Wil therapiert. Am 14. Februar 2017 erfolgte die Verlegung in die Klinik Beverin in
Cazis, weil ihm dort mehr Bewegungsfreiheit geboten werden konnte. Am 3. Mai 2020 lief
die auf fünf Jahre befristete Massnahme aus.
B. Prozessgeschichte vor Kantonsgericht
Mit Schreiben vom 14. November 2019 beantragte das Departement Inneres und Sicher-
heit beim Kantonsgericht Appenzell Ausserrhoden die Verlängerung der stationären Mas-
snahme (SA3 19 5). Der Beschuldigte nahm dazu am 6. und 20. April 2020 Stellung. Das
Departement Inneres und Sicherheit reichte am 27. April 2020 ebenfalls eine Stellung-
nahme ein. Gleichzeitig beantragte es für den Fall, dass über den Antrag um Verlänge-
rung der stationären Massnahme nicht rechtzeitig befunden werden kann, die Anordnung
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von Sicherheitshaft. Mit Entscheid vom 8. Mai 2020 (Verfahren Nr. ZM1 20 1) wurde diese
durch das Zwangsmassnahmengericht bis zum 19. Juni 2020 genehmigt. Die Urteils-
beratung erfolgte am 15. Juni 2020.
C. Entscheid der Vorinstanz
Mit Urteil vom 15. Juni 2020 verlängerte die 3. Abteilung des Kantonsgerichts (SA3 19 5)
die stationäre therapeutische Massnahme bis zum 3. Mai 2024 und die Sicherheitshaft bis
zur Vollstreckbarkeit des Entscheids, maximal bis zum 15. September 2020 (act. B 5). Auf
den Antrag betreffend Verlegung in eine andere Vollzugseinrichtung trat das Kantons-
gericht nicht ein. Die Verfahrenskosten in Höhe von insgesamt CHF 5‘655.70 wurden auf
die Staatskasse genommen und der amtliche Verteidiger mit CHF 4‘155.70 aus der
Staatskasse entschädigt.
Auf eine Wiedergabe der Urteilsbegründung in den angefochtenen Punkten wird verzich-
tet und auf die entsprechenden Erwägungen verwiesen.
D. Schriftenwechsel im Beschwerdeverfahren
a) Gegen das Urteil vom 15. Juni 2020, dessen Zustellung an den Verteidiger des Ver-
urteilten in begründeter Ausfertigung am 19. Juni 2020 erfolgt war (act. B 4, S. 4),
reichte J. am 22. Juni 2020 „Einwand“ bzw. „Rekurs“ (act. B 2) und dessen
Verteidiger am 9. Juli 2020 (act. B 4) Berufung ein.
b) Mit Verfügung vom 20. Juli 2020 wurde die Streitsache durch die Verfahrensleitung
der 2. Abteilung des Obergerichts zugewiesen (act. B 1).
c) Am 13. Juli 2020 wurde dem Departement Inneres und Sicherheit Gelegenheit
gegeben, einen schriftlichen und begründeten Nichteintretensantrag und/oder eine
Anschlussberufung einzureichen (act. B 6). Von dieser Möglichkeit wurde nicht
Gebrauch gemacht. Hingegen reichte das Departement Inneres und Sicherheit am
30. Juli 2020 eine Stellungnahme ein, welche RA MLaw T. umgehend zur Kenntnis
gebracht wurde (act. B 13).
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d) Mit Verfügung vom 17. Juli 2020 gewährte der Einzelrichter des Obergerichts J. mit
Wirkung ab 9. Juli 2020 die amtliche Verteidigung und betraute mit dieser Aufgabe
RA MLaw T. (act. B 8).
Auf die Darlegungen in den vorstehend aufgeführten Eingaben kann verwiesen werden;
soweit für die Beurteilung der Beschwerde erforderlich, ist darauf im Rahmen der nach-
folgenden Erwägungen einzugehen.
E. Mündliche Verhandlung
Am 1. September 2020 fand vor dem Obergericht in Anwesenheit von lic. iur. C. vom
Departement Inneres und Sicherheit, von J. und seinem amtlichen Verteidiger eine
mündliche Verhandlung statt (act. B 17).
Auf die anlässlich der Verhandlung gemachten Ausführungen wird, soweit erforderlich, in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
F. Entscheid des Obergerichts
Das Obergericht führte seine Beratung am 1. September 2020 durch und eröffnete den
Parteien anschliessend seinen Beschluss (inklusive Erwägungen zur Aufrechterhaltung
der Sicherheitshaft; act. B 18).

Erwägungen
1. Formelles
1.1 Verfahren bei Verlängerung von stationären therapeutischen Massnahmen
1.1.1 Das Kantonsgericht gibt im angefochtenen Entscheid das Rechtsmittel der Berufung an
(act. B 5, S. 11), geht im Übrigen aber nicht näher auf das Verfahren und die Natur des
Entscheides ein.
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1.1.2 Vorliegend geht es um die Verlängerung einer stationären therapeutischen Massnahme
im Sinne von Art. 59 Abs. 4 StPO und das Verfahren richtet sich nach den Bestimmungen
von Art. 363 ff. der Schweizerischen Strafprozessordnung (STEFAN HEIMGARTNER, in:
Andreas Donatsch [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, 20. Aufl. 2018, N. 15 zu Art.
59 Schweizerisches Strafgesetzbuch, StGB, SR 311.0). Die Schweizerische Strafpro-
zessordnung hält in Art. 363 Abs. 1 (StPO, SR 312.0) lediglich fest, dass das Gericht,
welches das erstinstanzliche Urteil gefällt hat, auch die einer gerichtlichen Behörde über-
tragenen selbständigen nachträglichen Entscheide trifft, soweit Bund oder Kantone nichts
anderes bestimmen. Weiter wird das Verfahren (rudimentär) geregelt (Art. 364 und 365
StPO). Bestimmungen zu einem allfälligen Rechtsmittelverfahren enthält die StPO nicht.
Grundsätzlich ist gegen selbständige nachträgliche Entscheide der Gerichte das Rechts-
mittel der Beschwerde gegeben und der Entscheid ergeht in der Form eines Beschlus-
ses (derselbe, a.a.O., N. 15 zu Art. 59 StGB; BGE 141 IV 396 E. 3 mit weiteren Hinwei-
sen). Diese Praxis ist in der Literatur zum Teil kritisiert worden (vgl. NIKLAUS OBERHOLZER,
Grundzüge des Strafprozessrechts, 4. Aufl. 2020, Rzn. 1991 f.; MARIANNE HEER, in: Bas-
ler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Auf. 2014, N. 10 zu Art. 365
StPO; vgl. aber MARIANNE HEER, in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Auf. 2019, N. 138
zu Art. 59 StGB). In Anlehnung an die Minderheitsmeinung haben mehrere Kantone expli-
zit die Berufung als zulässiges Rechtsmittel gegen nachträgliche gerichtliche Entscheide
im Verfahren nach Art. 363 ff. StPO bezeichnet (vgl. dazu PATRICK GUIDON, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 12 zu Art. 393 StPO
mit Hinweisen; so namentlich St. Gallen [SG GVP 2011 Nr. 79 E. 3], Aargau [AGVE 2011,
82] und Luzern [LGVE 2012 I Nr. 68]). Andere Kantone erachten dagegen die
Beschwerde als das zulässige Rechtsmittel (beispielsweise Basel-Stadt [BJM 4/2013 S.
209 ff.], Zürich [ZR 110, 2011, Nr. 53]). Auch die Meinungen in der Literatur sind geteilt
(vgl. derselbe, a.a.O., N. 12 zu Art. 393 StPO, Fn. 161). Gemäss der EStPO 2019
(https://www.bj.admin.ch/bj/de/home/sicherheit/gesetzgebung/aenderungstpo.html; aufge-
rufen am 30. August 2020) soll in einem neuen Art. 365 Abs. 3 nStPO klar gestellt wer-
den, dass der selbständige nachträgliche Entscheid des Gerichts künftig mit Berufung
angefochten werden kann (NIKLAUS OBERHOLZER, a.a.O., Rz. 1992).
In zwei neueren Entscheiden (BGE 143 IV 151 E. 2.4 und 145 IV 167 E. 1.6) hat das Bun-
desgericht an seiner in BGE 141 IV 396 geäusserten Meinung festgehalten. Den Beden-
ken der Minderheitsmeinung hält es entgegen (BGE 141 IV 396 E. 4.4), dass auch die
Beschwerde eine umfassende Prüfung der im Streite liegenden Angelegenheit zulasse,
da es sich bei der Beschwerde um ein ordentliches, vollkommenes und devolutives
Rechtsmittel handle, welches die Überprüfung des angefochtenen Entscheids mit freier
Kognition erlaube. Weiter seien Noven zulässig. Verfahrensmässig seien also keine
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Nachteile auszumachen: Auch ein zweiter Schriftenwechsel dürfe durchgeführt werden
(Art. 390 Abs. 3 StPO), zusätzliche Erhebungen oder Beweisabnahmen könnten, wenn
nötig, erfolgen (Art. 390 Abs. 4 StPO i.V.m. Art. 364 Abs. 3 StPO) und je nach Tragweite
des Falles könne mündlich verhandelt werden (Art. 390 Abs. 5 StPO i.V.m. Art. 365 Abs.
1 StPO). Damit erlaube die Beschwerde, falls notwendig, ein der Berufung angenähertes
Verfahren. Einzig die Beschwerdefrist von 10 Tagen sei gegenüber der Berufungserklä-
rungsfrist von 20 Tagen verkürzt. Angesichts der Tatsache, dass bei den nachträglichen
gerichtlichen Entscheiden nur ein klar umgrenzter Ausschnitt, d.h. die Sanktionsfolge,
eines bereits vorliegenden früheren Strafurteils neu geregelt werde, scheine die Frist von
10 Tagen zur Beschwerdeerhebung jedoch ausreichend.
1.1.3 Im Kanton Appenzell Ausserrhoden legt Art. 26 Justizgesetz (JG, bGS 145.31) einzig fest,
dass das Obergericht Berufungs- und Beschwerdeinstanz in der allgemeinen Strafrechts-
pflege und in Jugendstrafsachen ist, unter Vorbehalt der Befugnisse des Einzelrichters,
wobei letztere sich laut Art. 27 JG auf den Bereich des Zwangsmassnahmerechts
beschränken.
Einen Entscheid betreffend Verlängerung einer stationären therapeutischen Massnahme
i.S.v. Art. 59 Abs. 4 StGB hatte das Obergericht seit Einführung der Schweizerischen
Strafprozessordnung noch nie zu treffen. Seines Erachtens bestehen keine Gründe, von
der höchstrichterlichen Praxis abzuweichen. Umso mehr als es, wie das Bundesgericht in
BGE 141 IV 396 E. 3 und 4 einlässlich ausgeführt hat, mannigfaltige Möglichkeiten gibt,
das Beschwerdeverfahren an die Bedürfnisse des - in der Tat - gewichtigen Entscheides
nach Art. 59 Abs. 4 StGB anzupassen. Entsprechend hat das Obergericht vorliegend eine
öffentliche mündliche Verhandlung durchgeführt und als Kollegialbehörde entschieden
(dazu auch unten E. 1.3).
In diesem Zusammenhang hat das Obergericht mit Erstaunen zur Kenntnis genommen,
dass die Vorinstanz keine mündliche Verhandlung durchgeführt hat. Dies ist umso unver-
ständlicher, als der persönliche Eindruck gerade bei einem so gewichtigen Entscheid wie
der Verlängerung einer stationären therapeutischen Massnahme entscheidend sein kann.
Allfällige Covid 19-Massnahmen können kein Grund dafür gewesen sein, wären im Zeit-
punkt des kantonsgerichtlichen Entscheids Verhandlungen doch wieder möglich gewesen.
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1.2 Beschwerdegegenstand
Im Urteil vom 15. Juni 2020 hat die 3. Abteilung des Kantonsgerichts die stationäre thera-
peutische Massnahme bis am 3. Mai 2024 und die Sicherheitshaft bis zur Vollstreckbar-
keit des Urteils, maximal bis zum 15. September 2020, verlängert. Auf den Antrag betref-
fend Verlegung in eine andere Vollzugseinrichtung wurde nicht eingetreten.
In seiner Eingabe vom 22. Juni 2020 äussert sich J. wie folgt (act. B 2): „Ich lege Einwand
gegen die Zustellung vom 18. Juni 2020. Ich habe die Krankheit so unter Kontrolle, dass
ich nicht mehr leide. Gedanken über Mafia sind weg. Schmerzen im ganzen Körper
verschwunden und waren keine Einbildung. Ich lege Rekurs von der Entscheidung des
Kantonsgerichts ein, dass die Verlegung in die Klinik Wil gestattet wird.“ RA MLaw T.
verlangt demgegenüber, die stationäre therapeutische Massnahme sei nicht bzw. im
Sinne eines Eventualantrages maximal um 6 Monate zu verlängern (act. B 4 und B 15).
Mit Bezug auf die Eingabe von J. ist nicht hinreichend klar, ob er den Entscheid der
Vorinstanz vom 15. Juni 2020 gesamthaft oder lediglich hinsichtlich des Nichteintretens
auf den Antrag, er sei in die Klinik Wil zu verlegen, anficht. Weil Anträge (in der Regel)
abänderbar und widerrufbar sind (HAFNER/FISCHER, in: Basler Kommentar,
Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Auf. 2014, N. 8 zu Art. 109 StPO;
SCHMID/JOSITSCH, Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2017, Rz.
647) und der amtliche Verteidiger in der Folge am Begehren auf Verlegung in die Klinik
Wil nicht festgehalten hat, braucht auf diese Frage nicht näher eingegangen zu werden.
1.3 Eintretensvoraussetzungen
1.3.1 Nach dem oben Gesagten (E. 1.1) ist vorliegend eine Abteilung des Obergerichts bzw. ein
Kollegialgericht zuständig. Das Gesamtgericht hat strafrechtliche Beschwerdefälle der
2. Abteilung zur Beurteilung zugewiesen (publiziert etwa im Staatskalender Appenzell
Ausserrhoden für das Amtsjahr 2019/2020, Stand 31. März 2020, S. 79), weshalb diese
zur Beurteilung der Beschwerde zuständig ist (act. B 1).
1.3.2 Die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert 10 Tagen
schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO).
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Der amtliche Verteidiger des Verurteilten hat das Urteil der Vorinstanz am 19. Juni 2020
zugestellt erhalten (act. B 4, S. 4) und die Beschwerdefrist endete folglich am 29. Juni
2020 (Art. 396 Abs. 1 i.V.m. Art. 90 Abs. 1 StPO). Die Rechtsmittelschrift von MLaw T.
datiert vom 9. Juli 2020 (act. B 4) und wurde somit erst nach Ablauf der Beschwerdefrist
aufgegeben.
Dennoch kann die Beschwerdefrist vorliegend als eingehalten betrachtet werden, da der
Verurteilte dem Obergericht innert der Beschwerdefrist mitteilte, dass er den vorinstanz-
lichen Entscheid anfechten wolle (act. B 2). Unter diesen Umständen braucht auch nicht
näher darauf eingegangen zu werden, dass das Kantonsgericht in seinem Urteil vom
15. Juni 2020 das Rechtsmittel der Berufung eröffnet hat (act. B 5, S. 11 f.).
1.4 Verlegung in die Klinik Wil
Auf den Antrag des Verurteilten, er sei in die Klinik Wil zu verlegen, ist die Vorinstanz zu
Recht nicht eingetreten (act. B 5 E. 3.4). J. hat diese Thematik in seiner Eingabe zwar
nochmals aufgegriffen (act. B 2), die Verteidigung hat daran jedoch nicht festgehalten
(act. B 4 und B 15). Ziffer 3 des vorinstanzlichen Entscheids ist daher mangels
Anfechtung in Rechtskraft erwachsen. Dieser Umstand fand im Urteilsspruch, welcher den
Parteien am 2. September 2020 zugestellt worden ist (act. B 18), irrtümlich keine
Berücksichtigung. Praxisgemäss wird dieses Versehen in der schriftlichen
Beschlussbegründung berichtigt (Art. 83 StPO). Der Vollständigkeit halber ist zudem fest-
zuhalten, dass der Verantwortliche des Departementes Inneres und Sicherheit für den
Wunsch des Verurteilten, er wäre gerne wieder in der Nähe seiner Angehörigen, Bereit-
schaft zur Umsetzung signalisiert hat (act. B 17, S. 9).
1.5 Verlängerung der Sicherheitshaft
Die Begründung der Verlängerung der Sicherheitshaft wurde den Parteien gleichzeitig mit
dem Dispositiv zugestellt (BGE 138 IV 81 = Pra. 101 [2012] Nr. 105 E. 2.2, act. B 18).
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2. Materielles - Verlängerung der therapeutischen stationären Massnahme
2.1 Das Kantonsgericht hat erwogen (act. B 5 E. 3.3, S. 7 f.), der Gutachter und auch die
behandelnden Ärzte würden übereinstimmend davon ausgehen, dass die schizophrene
Erkrankung in direktem Zusammenhang mit der früheren Delinquenz stehe und das
Risiko für Gewaltdelikte bis hin zu Tötungsdelikten nach wie vor deutlich erhöht sei. Die
Verteidigung bringe vor, es bestehe keine Eigen- oder Fremdgefährdung. Es sei richtig,
dass sich diese Einschätzung wiederholt in den Berichten der behandelnden Ärzte finde.
Dabei handle es sich allerdings um Momentaufnahmen in der gegenwärtigen stationären
Behandlungssituation mit Medikation, fachärztlicher Betreuung und Strukturen. Aus dem
Gutachten und auch den übrigen Akten gehe hingegen klar hervor, dass ohne diese
Massnahmen die Gefahr von erneuten, schwerwiegenden Delikten drohe. Insoweit sei die
Behauptung der Verteidigung, der Verurteilte stelle keine relevante Gefahr für die öffent-
liche Sicherheit dar, widerlegt. Zu prüfen bleibe, ob sich die Gefahr weiterer mit der psy-
chischen Störung in Zusammenhang stehender Verbrechen und Vergehen therapeutisch
vermindern lasse. Nur in diesem Fall komme eine Verlängerung der Massnahme in
Betracht. Richtig sei, dass der Verurteilte wegen eines Rückfalls im Juni 2019 in die
Lockerungsstufe 5 und am 6. November 2019 in die Lockerungsstufe 2 habe zurückver-
setzt werden müssen. Bei schizophrenen Patienten seien solche Rückfälle gemäss den
behandelnden Ärzten nicht unüblich. Die Ärzte würden jedoch davon ausgehen, dass die
Verschlechterung der Symptomatik nur vorübergehend sei und sich der Zustand des Ver-
urteilten wieder verbessern werde. Es zeige sich bereits eine beginnende Beruhigung.
Von den erwähnten Rückfällen einmal abgesehen, sei der Verlauf der Therapie gemäss
Dr. med. B. grundsätzlich positiv zu werten. Der Verurteilte habe seine Krankheit, die
Notwendigkeit der fortgesetzten Medikation und vor allem auch die Notwendigkeit der
fortgesetzten Cannabisabstinenz anerkannt. Unter der aktuellen Medikation sei es zu
einer deutlichen Verbesserung der Negativsymptomatik sowie der sozialen Kompetenzen
gekommen. Auch das Konfliktverhalten habe sich verbessert. Der Verurteilte habe
deutlich besseren Kontakt zu seinen Miteingewiesenen wie auch zum Personal. Der
Therapieerfolg zeige sich auch daran, dass der Verurteilte zumindest vorübergehend von
der geschlossenen in die offene Abteilung mit Lockerungsstufe 6 habe verlegt werden
können. Vor diesem Hintergrund könne nicht gesagt werden, dass die Therapie
wirkungslos sei. Im Gegenteil habe sich die Rückfallwahrscheinlichkeit vermindert und es
sei zu erwarten, dass sich diese noch weiter vermindern werde. Würde man zum gegen-
teiligen Ergebnis gelangen, käme wohl nur eine Verwahrung in Betracht. Weil die Gefahr
schwerer Gewaltdelikte nach wie vor deutlich erhöht sei und vor dem Hintergrund der
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kürzlich eingetretenen Verschlechterung der Symptomatik, erweise sich eine Verlänge-
rung um vier Jahre als angemessen.
2.2 RA MLaw T. führte an Schranken im Wesentlichen aus (act. B 15, S. 3), die Vorinstanz
stütze sich fast ausschliesslich auf das von Dr. med. B. erstellte Gutachten, wobei dieses
festhalte, dass sich der Zustand des Beschwerdeführers zwar verbessert habe, jedoch
nach wie vor eine Rückfallgefahr bestehe. Mit dieser Begründung könne eine stationäre
Massnahme beliebig oft verlängert werden, da die Rückfallgefahr in Fällen wie dem
vorliegenden, nie auf 0 sinken werde. Wenn von einem Straftäter wie dem Verurteilten
erwartet würde, dass keine Rückfallgefahr mehr bestehen dürfe, müsste jeder Straftäter
verwahrt werden (act. B 15, S. 4). Nur dann bestünde 100 % Sicherheit, dass sich kein
Rückfall ereigne. In einem modernen, freiheitlichen Rechtsstaat dürften an die
Rückfallgefahr nicht allzu hohe Anforderungen gestellt werden. Der Einschätzung des
Gutachters müsse vehement widersprochen werden. Zweifellos habe der Beschwerdefüh-
rer sich zum Tatzeitpunkt in einem Zustand befunden, der eine Massnahme gerechtfertigt
habe. Nur gerade vier Monate später sei eine Gewaltattacke auf einen Pfleger erfolgt.
Dieser Rückfall erscheine angesichts der ursprünglichen Diagnose nicht besonders
erstaunlich. Bemerkenswert sei hingegen, dass J. seit dem 21. August 2015, also seit
mehr als fünf Jahren, in Bezug auf tätliche Auseinandersetzungen nicht mehr aufgefallen
sei; er habe sich in den letzten fünf Jahren folglich bewährt. Dieser habe sich nicht nur
bewährt, was tätliche Auseinandersetzungen angehe, sondern auch sein
Gesundheitszustand habe sich wesentlich verbessert (act. B 15, S. 5). Insbesondere leide
er nicht mehr unter Wahnvorstellungen. Den Beweis, dass der Beschwerdeführer immer
noch unter Wahnvorstellungen leide, habe die antragstellende Behörde nicht erbracht; sie
habe lediglich vorgebracht, dass die Aussage nicht überprüft werden könne. Ähnlich
verhalte es sich mit der wiederholten Einschätzung mehrerer Ärzte, vom
Beschwerdeführer würde keine Eigen- oder Fremdgefährdung mehr ausgehen. Die
Vorinstanz erblicke in den Aussagen der Ärzte lediglich Momentaufnahmen und stelle das
Gutachten in den Vordergrund. Auf die übrigen Akten und auch das Gutachten werde nur
pauschal verwiesen, was der Begründungspflicht eines erstinstanzlichen Gerichts offen-
sichtlich nicht genüge (act. B 15, S. 6). Im Sinne der Verhältnismässigkeit seien Alternati-
ven zu prüfen, vor allem weil es sich bei der Verlängerung einer stationären Massnahme
um volle vier Jahre um eine ganz wesentliche Verletzung der Rechte des Betroffenen
handle. Auf mögliche Alternativen, zum Beispiel den Ersatz der strafrechtlichen Mass-
nahme durch eine solche des Zivilrechts, sei die Vorinstanz nicht eingegangen.
Im zweiten Vortrag wies RA MLaw T. darauf hin (act. B 17, S. 9), dass die Medikation des
Verurteilten zentral sei. Dieser habe an Schranken bekräftigt, dass er die Medikamente
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auch nach einer Entlassung weiter nehmen würde. Er nehme sie auch jetzt freiwillig ein.
Die Gegenseite habe dargelegt, dass die Behandlung beim Verurteilten länger daure.
Fünf Jahre würden in seinen Augen eine längere Zeit darstellen. Die durchschnittliche
Dauer einer stationären Massnahme liege sicher nicht bei fünf Jahren, sondern erheblich
darunter. Bei Einnahme der Medikamente bestehe beim Beschwerdeführer keine
Fremdgefährdung (act. B 17, S. 10). Die fürsorgerische Unterbringung sei als Möglichkeit
erwähnt worden. Es gebe aber noch andere Massnahmen im Erwachsenenschutzrecht.
Damit habe die Vorinstanz sich nicht auseinandergesetzt.
2.3 Als Vertreter des Departements Inneres und Sicherheit führte lic. iur. C. aus (act. B 17, S.
8), bei Straftätern, welche an einer Schizophrenie litten, stehe die Medikation im
Vordergrund. Es sei davon auszugehen, dass mit einer entsprechenden Medikation die
Gefährlichkeit verringert werden könne. Beim Verurteilten sei die Situation diesbezüglich
speziell. Bei der Anlasstat sei bekannt, dass er die Medikamente vorgängig nicht
eingenommen gehabt habe. Beim Vorfall im August 2015 in Wil, sei dies hingegen nicht
der Fall gewesen und trotzdem sei es zum Angriff gekommen. Es sei bei dieser
Krankheitsform relativ selten, dass es trotz der Einnahme von Medikamenten zu einem
Zwischenfall komme. Bei J. sei es aber passiert. Das sei auch der Grund, weshalb die
Behandlung bei diesem etwas länger daure und Lockerungsschritte gut vorbereitet
werden müssten. Der Gutachter habe zudem darauf hingewiesen, dass die Rückfallgefahr
noch deutlich erhöht sei. Den Wunsch, in die Ostschweiz zurückzukehren, hätten sie
gehört und würden diesen bei der weiteren Massnahmeplanung auch berücksichtigen
(act. B 17, S. 9). Die positive Veränderung des Verurteilten sei ihnen ebenfalls
aufgefallen. Sie seien deshalb - trotz der momentanen Rückstufung - bezüglich weiterer
Therapiefortschritte zuversichtlich. Jeder Lockerungsschritt führe zu mehr Freiraum, damit
aber auch mehr Verantwortung für den Betroffenen. Dies könne Destabilisierungen zur
Folge haben. Die Lockerungen würden deshalb Zeit benötigen, bis die Stabilität nach
jedem Schritt wieder erreicht werde. Für die weitere Durchführung der Vollzugsöffnung
und die weiteren Therapiefortschritte werde daher eine Verlängerung der Massnahme um
vier Jahre beantragt. Es sei eine Tatsache, dass es nicht so viele Plätze für die Behand-
lung von Straftätern mit dieser Krankheit gebe. Das Departement erachte es als wichtig,
dass die Ärzte die Chance erhielten, die Behandlung zu einem guten Ende zu führen. Es
sei theoretisch richtig, dass die Massnahme beliebig oft verlängert werden könne. Das sei
jedoch nicht das Ziel. Die Massnahme mache nur Sinn, solange Fortschritte sichtbar
seien. Falls sie nicht mehr an eine Weiterentwicklung glauben würden, müsste die Mass-
nahme aufgehoben und eine Verwahrung beantragt werden.
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Gemäss lic. iur. C. liegt die durchschnittliche Dauer von stationären Massnahmen
zwischen 6 und 7 Jahren (act. B 17, S. 10). Er glaube dem Verurteilten, dass er die
Medikamente weiter einnehmen würde. Dieser habe aber auch gesagt, dass er sie nicht
in der aktuellen Dosierung einnehmen würde. Die Medikamente hätten unangenehme
Nebenwirkungen. In diesem Zusammenhang sei die Einsicht des Täters wichtig, dass die
Medikamente in der Dosierung, welche die Fachleute als richtig erachten, eingenommen
werden. Es sei richtig, dass in den letzten 5 Jahren nichts mehr passiert sei; allerdings sei
das Setting in dieser Zeit sehr eng gewesen. Es sei (noch) nicht der Moment, in dem
dieses enge Setting aufgelöst werden könne.
2.4 Anlässlich der heutigen Verhandlung erklärte J., es gehe ihm heute schlecht, er habe
Schmerzen im Knie (act. B 17, S. 3). Das gehe bis zu den Ellbogen und Handgelenken.
Er schreie deshalb jeden Tag. Psychisch gehe es ihm gut; er habe keine
Wahnvorstellungen und keine Paranoia mehr, auch kein Gedankenkreisen und keine
Identitätsstörungen. Er habe sicher keine chronifizierte Schizophrenie, aber körperlich
gehe es ihm sehr schlecht. Man wisse jedoch nicht, weshalb. Er bekomme Valium und
Entumin. [...] Ihm gehe es im Moment wirklich gut, er habe sich selbst gefunden (act. B
17, S 4). Er sei weder fremd- noch selbstgefährdend. Das, was geschehen sei, werde ihm
nicht mehr passieren. Wenn es ihm wieder schlecht ginge, würde er in Wil oder Herisau in
die Klinik gehen. In Wil habe es ein Heim, „Tropos“. Das sei direkt neben der Klinik. Wenn
es ihm schlecht ginge, könnte er über die Strasse laufen und wäre bei einem Arzt. Ob die
Massnahme verlängert werden müsse, müssten die Ärzte entscheiden. Aus seiner Sicht
sei es nicht mehr nötig. Er würde sich freiwillig in die Psychiatrie begeben, wenn es nötig
wäre. Der Gutachter, Dr. B., habe 45 Minuten mit ihm gesprochen (act. B 17, S 5). Dieser
habe ihn zu seiner Vergangenheit befragt. Ein psychologisches Gutachten habe er in
dieser kurzen Zeit nicht machen können. Wenn er wieder nach Wil oder sonst in die
Ostschweiz gehen könnte, wäre es für seine Verwandten einfacher ihn zu besuchen.
Diese würden alle zwei Monate kommen und würden dafür zwei Stunden fahren. Er wäre
gerne wieder in der Nähe der Eltern. [...] Gedanken über die Zeugen Jehovas habe er
keine mehr. Zum Thema Mafia sei er lieber still. Sie [gemeint ist der Vorsitzende; ergänzt
durch die Unterzeichneten] haben ja gesagt, dass ich die Aussage verweigern könne;
nicht dass er mit denen etwas zu tun hätte. Er leide nicht an einer chronifizierten
paranoiden Schizophrenie. Er habe eine Psychose gehabt, habe Substanzen genommen
und einen schlechten Umgang gehabt. Natürlich sei er schuld, an dem, was passiert sei,
er habe es gemacht. Es sei die Frage von Ursache und Wirkung. Er habe das Gefühl, er
sei beeinflusst worden. Er könne aber nicht sagen, woher und von wem. Die
Medikamente seien schon relativ hoch eingestellt, ihm gehe es ja gut (act. B 17, S 6). Er
brauche zu viel Schlaf. Die Ärzte würden jedoch sagen, dass er das für seine Symptome
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brauche. Diese sähen ihn vielleicht anders als er selbst. Er wohne jedoch in sich, er
kenne seine Gefühle. Die Krankheit sei in seiner Pubertät gekommen, schuld sei das
Cannabis. [...] Es sei nicht nötig, dass er so viele Medikamente nehme (act. B 17, S 7).
Es mache ihn kaputt, er habe jede Nacht Albträume. Am Tag gehe es gut. Ohne Can-
nabis gehe es mit einer minimalen Medikamentendosis. Wenn er Cannabis rauche, drehe
er durch. Bei anderen passiere hingegen nichts. Bei einer Aufhebung der Massnahme
würde er die Medikamente auf jeden Fall weiter nehmen, aber nicht in dieser Dosis. Er
hätte gerne einen Therapeuten, der Zeit habe und ihn ernst nähme, der ihn aufbaue und
ihm nichts unterjubeln möchte. Ihm wäre es wichtig, einmal ein richtiges Gespräch zu füh-
ren, um zu erklären, wie es dazu gekommen sei. Ohne Angst zu haben, weiter einge-
sperrt zu werden oder dass man ihm nicht glaube. Er sei nicht narzisstisch (act. B 17, S.
10).
2.5.1 Im Hinblick auf die Verlängerung der stationären therapeutischen Massnahme hat das
Departement Inneres und Sicherheit ein neues psychiatrisches Gutachten in Auftrag
gegeben. In seiner Expertise vom 2. September 2019 (act. B 3/4/1/112) hält Dr. med.
FMH B. fest, dass der Verurteilte seit mindestens 2003 an einer ausgeprägten paranoiden
Schizophrenie leide, welche sich im Laufe der Zeit chronifiziert und in der Folge zu einem
mittelschweren schizophrenen Residualzustand ausgebildet habe (act. B 3/4/1/112, S. 30
f.). Die psychische Störung stehe in direktem Zusammenhang mit der früheren
Delinquenz und damit in Bezug auf das Rückfallrisiko. Sollte es zu einer erneuten
psychotischen Dekompensation kommen, steige das Rückfallrisiko rasch und deutlich an
(act. B 3/4/1/112, S. 41). Die Rückfallgefahr sei zum jetzigen Zeitpunkt unter guter und
stabiler Medikation im Vergleich zum Zeitpunkt der Tat deutlich gesunken. Nichtsdes-
totrotz hange diese eng mit der weiterführenden Medikation zusammen. Die Gefahr, dass
es zu einer erneuten psychischen Dekompensation komme, sei zum jetzigen Zeitpunkt
noch deutlich erhöht und damit auch die Gefahr, dass es erneut zu Gewaltdelikten, bis hin
zu schweren Gewalttaten komme (act. B 3/4/1/112, S. 42). Der bisherige Massnahmen-
verlauf sei grundsätzlich positiv zu beurteilen, wobei gerade in der Zeit kurz vor der Explo-
ration erneut eine kurzzeitige psychische Verschlechterung feststellbar gewesen sei, wel-
che eine vorübergehende Rückstufung erforderlich gemacht habe. Es bleibe auch etwas
unklar, inwieweit das früher ausgeprägte und chronifizierte Wahnsystem tatsächlich nicht
mehr vorhanden sei, oder zumindest unterschwellig, im Sinne einer sogenannt doppelten
Buchführung noch vorliege. Aus forensisch-psychiatrischer Sicht bestünden aktuell keine
Bedenken gegen die Gewährung von Progressionsstufen. Diese sollten jedoch sorgfältig
geplant und vorbereitet werden, was noch eine gewisse Zeit benötigen werde. Diese
sollten kritisch begleitet werden, wobei bei Hinweisen auf Unregelmässigkeiten oder ein
erneutes Auftreten von psychotischen Symptomen niederschwellig eine Rückstufung zu
Seite 15
erfolgen habe. Darüber hinaus sei die weitere Einhaltung der Alkohol- und vor allen Din-
gen der Cannabisabstinenz regelmässig zu überprüfen (act. B 3/4/1/112, S. 42 f.). Die
wirksamste Massnahme sei die konsequente Weiterführung der aktuellen Medikation.
Darüber hinaus benötige der Explorand weiterhin eine engmaschige fachärztliche
Behandlung sowie Gespräche mit Bezugspersonen. Er benötige auch ein klar strukturier-
tes Umfeld (act. B 3/4/1/112, S. 44). Der bisherige Verlauf der durchgeführten Therapie
sei grundsätzlich günstig. Diese müsse aus gutachterlicher Sicht fortgesetzt werden; sie
sei noch nicht abgeschlossen. Sie sei aber auch nicht erfolglos. Wichtig erscheine die
weitere Auseinandersetzung mit den früheren Wahninhalten und vor allen Dingen den
Frühwarnzeichen. Der klar strukturierte Rahmen einer Institution habe einen grossen Ein-
fluss auf die günstige Prognose (act. B 3/4/1/112, S. 45). Die sozialen Kompetenzen hät-
ten sich durch die adäquate medikamentöse Behandlung deutlich verbessert, ebenso das
spezifische Konfliktverhalten. Dabei sei unklar, ob er sich tatsächlich melden würde, wenn
er sich wieder durch andere beeinträchtigt, wenn er Stimmen hören oder sich vergiftet
fühlen würde. Aus diesem Grund sei die wiederholte und vertiefte Auseinandersetzung mit
Frühwarnzeichen sehr wichtig. Die Frustrationstoleranz sei grundsätzlich gut. Sollte
jedoch die psychotische Symptomatik wieder auftreten, würde damit auch die Frustra-
tionstoleranz sinken.
2.5.2 Aus dem Therapiebericht Forensik vom 26. August 2019 geht hervor (act. B 3/4/1/111, S.
2), dass J. am 20. November 2017 von der geschlossenen Station Nova in die offene
Station Selva habe verlegt werden können. Dort sei mit dem Patienten ein
einzeltherapeutisches Gespräch von einer Stunde pro Woche durchgeführt und mehrere
kurze Gespräche unter der Woche angeboten worden. Die Therapie sei verhaltens-
therapeutisch mit deliktorientiertem Schwerpunkt; es fänden regelmässig interdisziplinäre
Besprechungen, Supervisionen und Fallbesprechungen statt. Der Patient verfüge über die
Stufe 6 (unbegleitete Ausgänge im Areal, zeitlich befristet und Besuch auf dem Areal).
Aufgrund der aktuellen Symptomatik könne er sich im Moment bloss zwei Mal 15 Minuten
pro Tag alleine auf dem Areal bewegen. Beim Patienten zeige sich weiterhin ein schwan-
kender Verlauf (act. B 3/4/1/111, S. 3). Fortschritte zeigten sich zum Beispiel in der guten
Integration auf der Station. Längere Ausgänge als 15 Minuten seien weiterhin ausserhalb
der Belastbarkeitsgrenze. Aufgrund eines bizarren Verhaltens vor ca. sechs Wochen (der
Patient habe teilweise abwesend gewirkt, habe in der Natur Steine, Wurzeln und Knochen
gesammelt und diese in einer gewissen Ordnung ausgelegt), sei der Ausgang einge-
schränkt worden. Die ehemals misstrauische Grundhaltung sei weiterhin festzustellen, sei
jedoch weniger geworden. Er zeige sich auf der Station anpassungsfähig und es sei nie
zu einem Konflikt mit dem Personal oder Mitpatienten gekommen. Der aktuelle Therapie-
fokus liege vor allem in der Förderung seiner Selbstreflexion (Erkennen seiner Selbst-
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überschätzung, Erwartungen an sich und die Umwelt, realitätsferne Zukunftsvorstellun-
gen, fehlende Geduld mit sich und dem Behandlungsteam oder bei den Einkäufen, feh-
lendes Einfühlungsvermögen zu Deliktszeitpunkt). Die sozialen und emotionalen Kompe-
tenzen bewegten sich noch auf einem niedrigen Niveau und sollten weiter gefördert wer-
den. Aufgrund der vom Patienten erarbeiteten Krankheitseinsicht und Selbständigkeit
könne zum momentanen Zeitpunkt von einem positiven Verlauf ausgegangen werden
(act. B 3/4/1/111, S. 4). Aufgrund seiner langjährig bestehenden schizophrenen Grunder-
krankung bleibe eine regelmässige Medikamenteneinnahme unerlässlich. Der Patient
werde in seinem Funktionsniveau und seiner Belastbarkeit längerfristig eingeschränkt
bleiben. Mittel- bis langfristig müsse mit Wegfallen der eng betreuten Struktur aktuell noch
von einer erhöhten Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ausgegangen werden. Allfällige
Lockerungen sollten langsam und schrittweise umgesetzt werden. Es sollten weiter 1:1
begleitete Ausgänge nach Thusis erprobt werden, um den Patienten im Umgang mit mehr
Freiheit und steigenden Anforderungen zu erleben.
2.5.3 Aufgrund einer psychotischen Dekompensation mit psychomotorischer Unruhe sowie Hin-
weisen auf ein wahnhaftes Erlebnis musste J. Mitte Oktober 2019 auf die Lockerungsstufe
2 zurückversetzt werden (act. B 3/4/1/115).
2.5.4 Ergänzend zum Therapiebericht vom 26. August 2019 führten die Verantwortlichen der
Klinik Beverin in Cazis am 6. November 2019 aus (act. B 3/4/1/120), J. befinde sich
aktuell auf der geschlossen geführten Station Nova. Die Verlegung sei erfolgt, weil der
Patient aufgrund von zunehmenden psychotischen Symptomen (Misstrauen, Beziehungs-
, Beeinträchtigungserleben, desorganisiertem Verhalten) auf der offenen Station nicht
mehr in der Lage gewesen sei, sich zu strukturieren. Besondere Vorkommnisse, die
erklären könnten, weshalb es trotz antipsychotischer Medikation zu einer
Dekompensation gekommen sei, gebe es nicht. Bei schizophrenen Psychosen gebe es
therapieresistente Verläufe bzw. Verläufe mit persistierenden produktiven Symptomen
trotz Medikamentencompliance. Seit wenigen Tagen zeige sich eine beginnende Beruhi-
gung der Akutsymptomatik. Günstig zu werten sei, dass der Patient bei allen durchge-
führten Interventionen (Verlegung) und medikamentösen Anpassungen ein kooperatives,
nicht aggressives Verhalten gezeigt habe. Aus jetziger Sicht sei eine Verlängerung der
Massnahme um mindestens 4 Jahre zu empfehlen.
2.5.5 Am 26. Februar 2020 konnte J. von der geschlossen geführten Station Nova auf die
aktuell geschlossen geführte Station Selva mit Lockerungsstufe 2 (Begleitung in den
geschützten Garten in der Gruppe) verlegt werden (act. B 3/10). Aufgrund der Anpassung
der Medikamente habe sich das Zustandsbild des Patienten deutlich stabilisiert. Das Ziel
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sei eine weitere Stabilisierung unter gelockerten Bedingungen und steigenden
Anforderungen zur Förderung von Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit. Das Selbst-
und Fremdgefährdungsrisiko werde aufgrund des stabilisierten Zustandsbildes im neuen
Setting der Station Selva als gering eingeschätzt.
2.5.6 Am 8. April 2020 beantworteten die Verantwortlichen der Klinik Beverin verschiedene Fra-
gen des amtlichen Verteidigers (Anhang zu act. B 3/24). Dem Bericht kann - unter ande-
rem - entnommen werden, dass die im vergangenen Jahr erfolgten Vollzugslockerungen
zeigten, dass J. nicht über die erforderliche Stabilität verfüge, um ausserhalb eines eng
betreuten Settings zu leben. Die regelmässigen, gegen Ende 2019 aber in abnehmender
Intensität auftretenden, psychischen Krisen seien auch in einem 24-Stunden betreuten
Wohnheim nicht suffizient zu bewältigen und stellten eine Indikation zu einer stationären
psychiatrischen Betreuung dar. Im Übrigen werde auf die Einschätzung des Gutachters
verwiesen, der für eine Suche nach einem geeigneten Wohnheim ein stabiles
psychiatrisches Zustandsbild voraussetze und eine Platzierung - im damaligen Zeitpunkt -
frühestens in zwölf Monaten für vertretbar halte.
2.6 Der mit der stationären Behandlung verbundene Freiheitsentzug beträgt in der Regel
höchstens fünf Jahre. Sind die Voraussetzungen für eine bedingte Entlassung nach fünf
Jahren noch nicht gegeben und ist zu erwarten, durch die Fortführung der Massnahme
lasse sich der Gefahr weiterer mit der psychischen Störung des Täters in Zusammenhang
stehender Verbrechen oder Vergehen begegnen, so kann das Gericht auf Antrag der
Vollzugsbehörde die Verlängerung der Massnahme um jeweils höchstens fünf Jahre an-
ordnen (Art. 59 Abs. 4 StGB). Die Anordnung oder Verlängerung einer Massnahme setzt
voraus, dass der mit ihr verbundene Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Täters im
Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten nicht unverhältnis-
mässig ist (Art. 56 Abs. 2 StGB). Das Gericht stützt sich beim Entscheid über die Anord-
nung oder Verlängerung der stationären therapeutischen Massnahme auf eine sachver-
ständige Begutachtung (Art. 56 Abs. 3 StGB).
2.7 Gemäss Art. 59 Abs. 4 StGB ist eine Verlängerung der stationären Behandlung von psy-
chischen Störungen unter den folgenden Voraussetzungen möglich (TRECHSEL/PAUEN
BORER, in: Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 3.
Aufl. 2018, N. 15 zu Art. 59 StGB; JOSITSCH/EGE/SCHWARZENEGGER, in Daniel Jositsch
[Hrsg.], Strafrecht II, 9. Aufl. 2018, S. 273,):
- Die Voraussetzungen für eine bedingte Entlassung sind nicht gegeben.
- Die Behandlungsdauer von fünf Jahren ist abgelaufen.
Seite 18
- Es besteht die Gefahr der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen. Dabei hat
das Gericht nach dem Verhältnismässigkeitsprinzip abzuwägen, ob die vom Betroffe-
nen ausgehende Gefahr den mit der Verlängerung der Massnahme verbundenen
Eingriff in seine Freiheitsrechte zu rechtfertigen vermag. Grundsätzlich kann nur die
Gefahr relativ schwerer Delikte eine Verlängerung rechtfertigen.
- Es besteht ein Zusammenhang zwischen der psychischen Störung und der fortbeste-
henden Gefahrenlage.
- Die fortgesetzte Massnahme verspricht voraussichtlich eine präventive Wirkung.
Diesbezüglich ist entscheidend, dass die weiterhin bestehende Gefahr durch die fort-
gesetzte Behandlung massgeblich reduziert werden kann.
- Die Verlängerung wurde durch die Vollzugsbehörde beantragt.
Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann das Gericht die Verlängerung der stationären
Behandlung von psychischen Störungen um jeweils höchstens fünf Jahre anordnen (die-
selben, a.a.O., S. 274 mit weiteren Hinweisen). Daraus folgt unmissverständlich, dass im
Einzelfall auch eine kürzere Verlängerung möglich ist. Dies entspricht auch dem Verhält-
nismässigkeitsprinzip. Woraus abzuleiten ist, dass einer Massnahmeverlängerung Aus-
nahmecharakter zukommt bzw. diese besonders zu begründen ist. Gerade im Bereich der
Verlängerung der stationären Massnahmen nach Art. 59 Abs. 4 StGB ist der Verhältnis-
mässigkeit daher entscheidende Bedeutung beizumessen, um eine zeitlich übermässige
Behandlung und damit eine faktisch unbefristete stationäre therapeutische Massnahme zu
verhindern.
Einleitend ist festzuhalten, dass das beschliessende Gericht sowohl das Gutachten von
Dr. med. FMH B. als auch die Berichte der behandelnden Ärzte als überzeugend und
schlüssig erachtet und somit keine Gründe bestehen, nicht auf deren Schlussfolgerungen
abzustellen.
Nach Art. 62 Abs. 1 StGB wird der Täter aus dem stationären Vollzug einer Massnahme
bedingt entlassen, sobald sein Zustand es rechtfertigt, dass ihm Gelegenheit gegeben
wird, sich in der Freiheit zu bewähren. Diese Voraussetzung ist bei J. zurzeit klar nicht
gegeben. Der Beschwerdeführer hat gemäss dem Gutachten von Dr. med. FMH B. (act. B
3/4/1/112, S. 39 f.) und den letzten Einschätzungen der behandelnden Ärzte (act. B
3/4/1/111, S. 3 f.; B 3/4/1/120) nämlich noch diverse Stufen erfolgreich zu bewältigen,
bevor er in die Freiheit entlassen werden kann. Dazu gehört zum Beispiel, wie er mit
befristeten, unbegleiteten Ausgängen klar kommt und ob er auch in einem weniger streng
überwachten Setting die Alkohol- und Cannabisabstinenz einhält und die von den
Fachleuten verordneten Medikamente zu sich nimmt.
Seite 19
Am 3. Mai 2020 endete die gesetzlich auf fünf Jahre befristete Massnahme nach Art. 59
Abs. 4 StGB (act. B 3/1, S. 6).
Gemäss dem Gutachten von Dr. med. FMH B. ist die Rückfallgefahr zum jetzigen
Zeitpunkt unter guter und stabiler Medikation im Vergleich zum Zeitpunkt der Tat zwar
deutlich gesunken. Diese hängt indes eng mit der weiterführenden Medikation zusammen
und der Gutachter schätzt die Gefahr, dass es zu einer erneuten psychischen
Dekompensation kommen wird, zum jetzigen Zeitpunkt noch als deutlich erhöht ein. Damit
einher geht die Gefahr von erneuten, auch schweren Gewaltdelikten (act. B 3/4/1/112, S.
42). J. ist in der Vergangenheit ohne sichtbaren Anlass mehrfach gegenüber beliebigen
Personen schwer gewalttätig geworden. Deshalb rechtfertigt die von ihm ausgehende
Gefahr nach Auffassung des Obergerichts den mit der Massnahme verbundenen Eingriff
in seine Freiheitsrechte. Umso mehr, weil er bei der Befragung heute an Schranken
angegeben hat, dass er die Medikamente wegen der störenden Nebenwirkungen bei
einer Entlassung nicht mehr in der aktuellen Dosierung einnehmen würde (act. B 17, S.
7). Unter diesen Umständen liegt das hohe Risiko eines Rückfalls bei einer erneuten
Dekompensation auf der Hand.
Der direkte Zusammenhang zwischen der psychischen Störung und der Delinquenz ergibt
sich ebenfalls aus dem Gutachten (act. B 3/4/1/112, S. 41).
Trotz des kürzlichen Rückschlags schätzt Dr. med. FMH B. den Therapieverlauf
grundsätzlich als positiv ein und empfiehlt die Weiterführung der Behandlung, da diese
klar noch nicht abgeschlossen sei (act. B 3/4/1/112, S. 44).
Die Verlängerung der Massnahme wurde schliesslich von der Vollzugsbehörde beantragt
(act. B 3/1).
Die Bedingungen für eine Verlängerung der stationären therapeutischen Massnahme
nach Art. 59 Abs. 4 StGB sind also grundsätzlich gegeben. Im Folgenden wird näher auf
die vom amtlichen Verteidiger geäusserte Kritik eingegangen.
2.8 Zunächst bringt RA MLaw T. vor, die behandelnden Ärzte hätten eine Selbst- und
Fremdgefährdung des Beschwerdeführers wiederholt verneint (act. B 15, S. 4 f. und 7).
Dies trifft prinzipiell zu. Der amtliche Verteidiger lässt jedoch unerwähnt, dass die Ärzte
diese Aussage nur bezüglich des aktuellen strengen Settings in der Klinik gemacht haben
(act. B 3/4/1/111, vgl. dazu die Aussage auf S. 4 des soeben zitierten Therapieberichtes
Seite 20
vom 26. August 2019: „Mittel- bis langfristig muss mit Wegfallen der eng betreuten
Struktur aktuell noch von einer erhöhten Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ausgegangen
werden“). Dass Lockerungen im Setting für den Verurteilten im Moment noch eine
Überforderung darstellen, zeigt der Ende 2019 erfolgte Rückschlag deutlich (vgl.
Ergänzung zum Therapiebericht vom 6. November 2019, act. B 3/4/1/120; Antwort der
Psychiatrischen Dienste Graubünden auf Frage 1 des amtlichen Verteidigers, Anhang zu
act. B 3/24).
Der Aussage des amtlichen Verteidigers, J. leide aktuell nicht mehr unter
Wahnvorstellungen (act. B 15, S. 5), kann sich das beschliessende Gericht nicht
uneingeschränkt anschliessen. Anzuerkennen ist, dass sich der gesundheitliche Zustand
des Verurteilten gegenüber dem Zeitpunkt der Anlasstat deutlich verbessert hat. Auch für
den Gutachter ist jedoch nicht restlos klar, inwieweit das früher ausgeprägte und
chronifizierte Wahnsystem tatsächlich nicht mehr vorhanden ist oder zumindest unter-
schwellig - im Sinne einer sogenannten doppelten Buchhaltung - noch vorliegt (act. B
3/4/1/112, S. 34 und 42). Auch an der heutigen Befragung an Schranken hat J. sich auf
die Frage, ob er noch Gedanken über die Mafia habe, nicht deutlich distanziert (act. B 17,
S. 5).
Weiter wird vorgebracht, die Vorinstanz habe keine Alternativen zur Verlängerung der
stationären Massnahme geprüft und damit den Verhältnismässigkeitsgrundsatz verletzt
(act. B 15, S. 6). Es trifft zu, dass das Kantonsgericht die Anordnung einer anderen thera-
peutischen Massnahme oder einer erwachsenenschutzrechtlichen Massnahme (vgl. dazu
MARIANNE HEER, a.a.O., Strafrecht I, N. 127 zu Art. 59 StGB) nicht explizit in Erwägung
gezogen hat. Allerdings ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass keine umfas-
sende Pflicht besteht, sich in schriftlich begründeten Entscheiden mit allen von den Ver-
fahrensbeteiligten vorgebrachten Argumenten zu befassen (SCHMID/JOSITSCH, a.a.O.,
Handbuch, Rz. 112). Dem Richter ist vielmehr zuzugestehen, sich auf die nach seiner
Auffassung - vorab mit Blick auf das materielle Recht - massgeblichen Vorbringen zu
beschränken. Es genügt, wenn mit der Begründung die weiteren Vorbringen bloss still-
schweigend verworfen werden. Für Erwägungen betreffend allfällige andere therapeuti-
sche Massnahmen oder solche des Erwachsenenschutzrechts besteht in casu kein
Anlass. Die einzige Massnahme des Erwachsenenschutzrechts, die hier in Betracht
kommen könnte, die fürsorgerische Unterbringung, darf nämlich allein wegen Fremd-
gefährdung nicht angeordnet werden (Urteil des Bundesgerichts 5A_407/2019 vom
28. Oktober 2019 E. 8). Dass der Beschwerdeführer suizidgefährdet ist, macht die Vertei-
digung selbst nicht geltend. Aufgrund der aktuell (noch) bestehenden erhöhten Rückfall-
gefahr für - unter Umständen - schwere Gewalttaten, kommt zudem einzig eine Platzie-
Seite 21
rung in einer speziell für solche Täter geeigneten Einrichtung in Frage. Vor diesem Hin-
tergrund wäre eine Verwahrung und nicht eine Entlassung von J. in Betracht zu ziehen,
wenn keine Verlängerung der Massnahme als sinnvoll erachtet wird.
2.9 Bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen kann das Gericht die Verlängerung
der stationären Behandlung um höchstens 5 Jahre anordnen. Daraus folgt, dass im Ein-
zelfall auch eine kürzere Verlängerung möglich ist (JOSITSCH/EGE/SCHWARZENEGGER,
a.a.O., S. 274; MARIANNE HEER, a.a.O., Strafrecht I, N. 123a zu Art. 59 StGB; BGE 135 IV
144 E. 2.4 mit weiteren Hinweisen). Gemäss Dr. med. FMH B. zeigt der Verurteilte seit
Sommer 2018 eine zunehmend verbesserte Gesamtsymptomatik, sodass er auf die
offene Station Selva verlegt und ihm die Lockerungsstufe 6 gewährt werden konnte (act.
B 3/4/1/112, S. 39). Bei weiterhin positivem Verlauf ging der Gutachter im September
2019 davon aus, dass ungefähr in einem Jahr mit der Suche nach einer geeigneten
betreuten Wohnform begonnen werden könne, in welcher die fachärztliche Betreuung
engmaschig weiterzuführen wäre (act. B 3/4/112, S. 40). Wie allgemein bekannt ist,
erfolgte in der Zwischenzeit eine Rückstufung (zuerst geschlossene Station Nova, aktuell
wieder offene Station Selva, Lockerungsstufe 2, act. B 3/4/1/115), wobei mittlerweile eine
Beruhigung der Situation eingetreten ist (act. B 3/4/1/120). Dennoch dürfte es noch
längere Zeit - das Gericht geht im Minimum von einem Jahr, eher aber zwei Jahren, aus -
in Anspruch nehmen, bis der Verurteilte die erforderlichen Lockerungsstufen (zum
Beispiel begleitete Ausgänge nach Thusis oder die Arbeit in der Schreinerei (act. B
3/4/1/111, S. 3 f.) erfolgreich durchlaufen hat und die Platzierung in einem Wohnheim ins
Auge gefasst werden kann. Unter diesen Umständen erweist sich die Verlängerung der
Massnahme um vier Jahre, d.h. bis 3. Mai 2024, als angemessen. Auf jeden Fall erscheint
eine Verlängerung lediglich um sechs Monate, wie sie im Eventualantrag der Verteidigung
beantragt wird, nicht als realistisch, weshalb diesem nicht stattzugeben ist.
2.10 Zusammenfassend erachtet das Obergericht die Voraussetzungen für eine Verlängerung
der Massnahme um vier Jahre, d.h. bis 3. Mai 2024, als klar erfüllt. Die Beschwerde ist
deshalb abzuweisen und der Entscheid der Vorinstanz vom 15. Juni 2020 zu bestätigen.
Seite 22
3. Kosten- und Entschädigungsfolgen
3.1 Verfahrenskosten
Art. 428 StPO regelt die Kostentragungspflicht im Rechtsmittelverfahren. Gemäss dessen
Abs. 1 tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens. Als unterliegend gilt auch die Partei, auf deren Rechtsmittel
nicht eingetreten wird oder die das Rechtsmittel zurückzieht. Bund und Kantonen bzw.
deren Strafbehörden wie beispielsweise einer Staatsanwaltschaft usw. können keine
Kosten auferlegt werden. Diese hat bei Obsiegen auch nicht Anspruch auf eine Entschä-
digung (SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar schweizerische Strafprozessordnung, 3.
Aufl. 2018, N. 2 zu Art. 423 StPO). Eine Kostenauferlegung an den Verurteilten erfolgt
nur, soweit er die Verfahrenskosten adäquat kausal verursacht hat (Art. 426 Abs. 1 und 2
StPO). Daran fehlt es, wenn der Verurteilte einzig mit der ursprünglichen Tatbegehung
Anlass für das nachträgliche Verfahren gegeben hat und in der Zwischenzeit andere
Faktoren, insbesondere der bisherige Vollzugsverlauf, an deren Stelle getreten sind. Das
zu therapierende Verhalten vermag mithin keine schuldhafte Einleitung des Verfahrens zu
begründen (Urteil des Bundesgerichts 6B_428/2012 vom 19. November 2012 E. 3.3;
MARIANNE HEER, a.a.O., Kommentar StPO, N 8 zu Art. 365 StPO). Die im Zusammenhang
mit der durch die Vollzugsbehörde beantragten Verlängerung der stationären therapeu-
tischen Massnahme anfallenden Kosten sind daher vom Kanton zu tragen.
Die Gerichtsgebühr wird in Anwendung von Art. 29 Abs. 1 lit. a Gebührenordnung auf
CHF 2‘000.00 festgesetzt (bGS 233.3). Dazu kommen die Zuführungskosten in Höhe von
CHF 3‘232.50, welche im Zeitpunkt des Versands des Urteilsspruchs noch nicht bekannt
waren (act. B 22).
3.2 Entschädigungen
Der Beschwerdeführer hat ausgangsgemäss keinen Anspruch auf eine Entschädigung im
Beschwerdeverfahren (Art. 436 Abs. 1 i.V.m. Art. 429 StPO).
Seite 23
3.3 Entschädigung des amtlichen Verteidigers
Die Entschädigung für den amtlichen Verteidiger setzt sich zusammen aus dem Honorar,
dem Ersatz für Barauslagen und einem Zuschlag für die Mehrwertsteuer (Art. 3 Anwalts-
tarif, AT, bGS 145.53). Das Honorar ist nach Zeitaufwand zu bemessen (Art. 23 Abs. 1
Anwaltstarif) und beträgt CHF 200.00 je Stunde (Art. 24 Abs. 1 Anwaltstarif). Der Verteidi-
ger macht ein Honorar von CHF 3‘450.00, Barauslagen von CHF 77.50 sowie einen
Mehrwertsteuerersatz von 7,7 % bzw. von CHF 272.70 geltend (act. B 16). Das ist tarif-
konform. Die Entschädigung der amtlichen Verteidigung ist damit auf CHF 3‘814.20 fest-
zusetzen.
4. Rechtsmittel
Gegen Entscheide der kantonalen Rechtsmittelinstanzen ist die Strafrechtsbeschwerde
ans Bundesgericht zulässig (Schmid/Jositsch, a.a.O., Handbuch, Rz. 1631 und 1634;
MARIANNE HEER, a.a.O., Kommentar StPO, N. 14 zu Art. 365 StPO). Vorbehalten bleibt
die Festsetzung der Entschädigung des amtlichen Verteidigers durch die Beschwer-
deinstanz. Diese ist gemäss Art. 135 Abs. 3 lit. b StPO beim Bundesstrafgericht anzu-
fechten (NIKLAUS OBERHOLZER, a.a.O., Rz. 506).
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