Decision ID: c0b1b1d9-8dad-5e9a-9495-4710c5a06bfd
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
M._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprecher lic. iur. Daniel Küng, Rosenbergstrasse 51, Postfach 1121,
9001 St. Gallen,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Insolvenzentschädigung (Schadenminderungspflicht)
Sachverhalt:
A.
A.a M._ arbeitete vom 3. Oktober 1997 bis zum 31. August 2007 als Chauffeur und
Hilfsmetzger bei der Metzgerei A._ in Z._. Am 25. Januar 2008 forderte der
Versicherte, vertreten durch lic. iur. Daniel Küng, Fürsprecher, St. Gallen, seinen
ehemaligen Arbeitgeber auf, die noch offenen Lohnforderungen zu begleichen (act.
G 5.1/13b). Mit Schreiben vom 6. Februar 2008 an Fürsprecher Küng machte der
ehemalige Arbeitgeber geltend, die noch offenen Lohnforderungen des Versicherten
beliefen sich auf Fr. 9'000.-. Dem stünden jedoch Gegenforderungen in Höhe von
Fr. 10'833.- gegenüber, weshalb er der Auffassung sei, dass aus dem Arbeitsverhältnis
mit dem Versicherten keine Forderungen mehr bestünden (act. G 5.1/13d). Mit
Scheiben vom 2. Mai 2008 an den Arbeitgeber machte Fürsprecher Küng geltend, die
Lohnforderungen seien weitaus höher als Fr. 9'000.-. Zudem bestritt er die vom
Arbeitgeber geltend gemachten Gegenforderungen mit Ausnahme von vier
Radarbussen von insgesamt Fr. 240.- (act. G 5.1/13c).
A.b Am 28. August 2008 wurde der Konkurs über den Inhaber des Einzelunternehmens
Metzgerei A._ eröffnet. Die Konkurseröffnung wurde im Schweizerischen
Handelsamtsblatt publiziert. Am 20. Oktober 2008 gab der Versicherte, vertreten durch
Fürsprecher Küng, im Konkurs Lohnforderungen im Betrag von Fr. 20'020.60 ein (act.
G 5.1/13e und 13f). Am 30. Oktober 2008 stellte der Versicherte, vertreten durch
Fürsprecher Küng, bei der Kantonalen Arbeitslosenkasse St. Gallen Antrag auf
Insolvenzentschädigung für ausstehende Lohnforderungen für die Monate Mai bis
August 2007 im Umfang von ebenfalls insgesamt Fr. 20'020.60 (act. G 5.1/12 und 13).
A.c Mit Verfügung vom 5. Januar 2009 lehnte die Kantonale Arbeitslosenkasse den
Antrag auf Insolvenzentschädigung ab mit der Begründung, der Versicherte habe seine
Schadenminderungspflicht verletzt, indem er seinen Arbeitgeber bis zum 25. Januar
2008 nie schriftlich aufgefordert habe, die ausstehenden Löhne zu bezahlen (act.
G 5.1/6).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache wies die Arbeitslosenkasse mit
Einspracheentscheid vom 10. März 2009 ab. In der Begründung argumentierte die
Arbeitslosenkasse neu, der Versicherte hätte schon während der Dauer des
Arbeitsverhältnisses rechtliche Schritte zur Realisierung seiner Lohnforderungen
einleiten müssen. Da er dies nicht getan habe, sei er seiner Schadenminderungspflicht
nicht in ausreichendem Mass nachgekommen (act. G 5.1/1).
C.
C.a Mit Eingabe vom 24. April 2009 und Ergänzung vom 18. Mai 2009 hat der
Versicherte, vertreten durch Fürsprecher Küng, Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 10. März 2009 an das Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen erhoben. Er stellt folgende Anträge: 1. Der angefochtene Einspracheentscheid
der Kantonalen Arbeitslosenkasse vom 10. März 2009 und die ihm zugrunde liegende
Verfügung vom 5. Januar 2009 seien vollumfänglich aufzuheben. 2. Es sei dem
Beschwerdeführer eine Insolvenzentschädigung in der Höhe von Fr. 20'020.60
zuzusprechen und zu entrichten. 3. Allenfalls sei die Anspruchsberechtigung des
Beschwerdeführers auf eine Insolvenzentschädigung zu bejahen und es sei die
Angelegenheit zwecks Berechnung der Höhe der Insolvenzentschädigung und
anschliessender Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Alles
unter gesetzlicher Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerin
(act. G 1). Der Anwalt bestreitet, dass dem Beschwerdeführer eine Verletzung der
Schadenminderungspflicht vorgeworfen werden könne. Insbesondere hätte ihm nicht
zugemutet werden können, noch während der Dauer des Arbeitsverhältnisses
rechtliche Schritte gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber einzuleiten. Zwar sei es
während der Dauer des Arbeitsverhältnisses bei den Lohnzahlungen zeitweise zu
Verzögerungen gekommen. Der Beschwerdeführer hätte jedoch zu keinem Zeitpunkt
annehmen können, dass der Arbeitgeber seinen finanziellen Verpflichtungen ihm
gegenüber nicht nachkommen würde. Zudem seien immer wieder (auch im Jahr 2007)
Teilzahlungen erfolgt (act. G 3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 17. Juni 2009 beantragt die Beschwerdegegnerin
unter Verweisung auf den Einspracheentscheid vom 10. März 2009 und die Verfügung
vom 5. Januar 2009 die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Der Beschwerdeführer
hat auf die Einsichtnahme in die von der Beschwerdegegnerin eingereichten Akten und
auf eine Stellungnahme verzichtet (act. G 7).

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) haben
beitragspflichtige Arbeitnehmer von Arbeitgebern, die in der Schweiz der
Zwangsvollstreckung unterliegen oder in der Schweiz Arbeitnehmer beschäftigen,
Anspruch auf Insolvenzentschädigung, wenn gegen ihren Arbeitgeber der Konkurs
eröffnet wird und ihnen in diesem Zeitpunkt Lohnforderungen zustehen. Die
Insolvenzentschädigung deckt die Lohnforderung für die letzten vier Monate des
Arbeitsverhältnisses vor der Konkurseröffnung sowie allfällige Lohnforderungen für
Arbeitsleistungen nach der Konkurseröffnung, für jeden Monat jedoch nur bis zum
Höchstbetrag nach Art. 3 Abs. 2 AVIG (Art. 52 Abs. 1 AVIG). Mit den letzten vier
Monaten des Arbeitsverhältnisses vor der Konkurseröffnung sind nicht Kalender-,
sondern Lohnmonate gemeint. Endigt das Arbeitsverhältnis bereits vor Eintritt des
Insolvenztatbestands, sind die massgeblichen Monate für den Leistungsbezug die
letzten vier des Arbeitsverhältnisses. Eine zeitliche Begrenzung ergibt sich einzig aus
der Verjährung der Lohnforderungen nach Art. 128 Ziff. 3 OR (Urs Burgherr, Die
Insolvenzentschädigung, 2004, S. 124).
1.2 Nach Art. 55 Abs. 1 AVIG müssen Arbeitnehmende im Konkurs- oder
Pfändungsverfahren alles unternehmen, um ihre Ansprüche gegenüber dem
Arbeitgeber zu wahren, bis die Kasse ihnen mitteilt, dass sie an ihrer Stelle in das
Verfahren eingetreten ist. Danach müssen sie die Kasse bei der Verfolgung ihres
Anspruchs in jeder zweckdienlichen Weise unterstützen. Diese Bestimmung bezieht
sich dem Wortlaut nach auf das Konkurs- und Pfändungsverfahren. Sie bildet jedoch
Ausdruck der allgemeinen Schadenminderungspflicht, welche auch dann Platz greift,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wenn das Arbeitsverhältnis vor der Konkurseröffnung aufgelöst wird (Urteil des
Bundesgerichts vom 31. Juli 2008, 8C_329/08, E. 2.2 mit Hinweisen). Sie obliegt der
versicherten Person in reduziertem Umfang bereits vor der Auflösung des
Arbeitsverhältnisses, wenn der Arbeitgeber der Lohnzahlungspflicht nicht oder nur
teilweise nachkommt und mit einem Lohnverlust zu rechnen ist (ARV 2002 Nr. 30
S. 190). Die Schadenminderungspflicht setzt nicht notwendigerweise voraus, dass die
Lohnforderung auf dem Betreibungs- oder Klageweg geltend gemacht wird.
Praxisgemäss genügt es, wenn die Arbeitnehmenden unmissverständliche Zeichen
setzen, aus denen die Ernsthaftigkeit ihrer Lohnforderungen zu erkennen ist (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts] vom 15. Oktober 2001, C 194/01, E. 2b). Zu
weitergehenden Schritten ist die versicherte Person dann gehalten, wenn es sich um
erhebliche Lohnausstände handelt und sie konkret mit einem Lohnverlust rechnen
muss. Denn es geht auch für die Zeit vor Auflösung des Arbeitsverhältnisses nicht an,
dass die versicherte Person ohne hinreichenden Grund während längerer Zeit keine
rechtlichen Schritte zur Realisierung erheblicher Lohnausstände unternimmt, obschon
sie konkret mit dem Verlust der geschuldeten Gehälter rechnen muss (Urteil des EVG
vom 6. Februar 2006, C 270/05, E. 3.1 mit Hinweisen).
2.
2.1 Aus den in den Akten liegenden Bankauszügen ergibt sich, dass dem
Beschwerdeführer vom Arbeitgeber schon seit Oktober 2005 monatlich nur jeweils
Fr. 3'000.- überwiesen wurden. In einzelnen Monaten (Oktober und November 2006;
Januar bis März 2007; Mai 2007) erfolgten gemäss den Bankauszügen gar keine
Lohnzahlungen (act. G 5.1/13i). Aus den in den Akten liegenden Lohnlisten ergibt sich,
dass beim im Stundenlohn angestellten Beschwerdeführer zwar unregelmässige,
jedoch im Durchschnitt höhere AHV-pflichtige Löhne ausgewiesen werden (act.
G 5.1/13g). Somit wurde dem Beschwerdeführer offenbar schon während fast zwei
Jahren vor Auflösung des Arbeitsverhältnisses am 31. August 2007 zu wenig Lohn
ausbezahlt. Im Jahr 2007 wurden in den ersten drei Monaten sogar überhaupt keine
Lohnzahlungen erbracht. Der Beschwerdeführer hat nach eigener Darstellung bis zur
Kündigung des Arbeitsverhältnisses am 31. August 2007 ausser mündlichen
Mahnungen oder Erkundigungen nichts unternommen, um seinen Forderungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nachdruck zu verleihen. Er macht geltend, das Arbeitsverhältnis zwischen dem
Beschwerdeführer und der Metzgerei A._ habe beinahe zehn Jahre gedauert, und
diese sei in Z._ ein eingesessenes und angesehenes Unternehmen gewesen. Er habe
deshalb zu keinem Zeitpunkt Veranlassung zur Annahme gehabt, dass der Arbeitgeber
seinen finanziellen Verpflichtungen ihm gegenüber nicht nachkommen werde, zumal
immer wieder (auch im Jahr 2007) Teilzahlungen erfolgt seien (vgl. act. G 3). Der vom
Beschwerdeführer gewählte Weg, ausstehenden Lohn in persönlichen Gesprächen
geltend zu machen, ist zwar – zumindest in einer ersten Phase – an und für sich
geeignet, der Schadenminderungspflicht gemäss Art. 55 Abs. 1 AVIG nachzukommen.
Mündliche Zahlungsaufforderungen können schadenmindernd wirken, allerdings nur,
wenn die Bemühungen nach einer gewissen Zeit auch den angestrebten Erfolg,
nämlich Lohnzahlungen, zeitigen. Ein derartiger Erfolg ist aber vorliegend nicht
eingetreten. Nachdem offenbar seit Oktober 2005 zu wenig Lohn ausbezahlt wurde,
musste dem Beschwerdeführer klar sein, dass seine Lohnforderungen trotz der
mündlichen Zahlungsaufforderungen erheblich gefährdet waren. Zudem sind die
Lohnausstände nach Angaben des Beschwerdeführers bis zur beträchtlichen Summe
von Fr. 20'092.- angewachsen. Im Rahmen der Schadenminderungspflicht wäre er
mindestens gehalten gewesen, dem Arbeitgeber unmissverständlich die
Lohnforderungen kund zu tun und die weiteren zur Realisierung der Lohnansprüche
erforderlichen rechtlichen Schritte (schriftliche Mahnung mit Fristansetzung, Betreibung
oder Klage) in die Wege zu leiten. In diesem Zusammenhang ist auf die offenkundige
Tatsache hinzuweisen, dass Schuldner oftmals erst unter dem Druck einer schriftlichen
Aufforderung ihren Zahlungspflichten nachkommen (Urteil des EVG vom 20. Juli 2004,
C 264/04, E. 2.3). Dass das Arbeitsverhältnis schon viele Jahre angedauert und es sich
beim Betrieb des Arbeitgebers um ein angesehenes Unternehmen gehandelt hat,
ändert daran angesichts der erheblichen und lang andauernden Lohnausstände nichts.
2.2 Indem der Beschwerdeführerin fast zwei Jahre lang zu tiefe Lohnzahlungen
akzeptierte und es bis zur Kündigung des Arbeitsverhältnisses trotz drohenden
Lohnverlusts bei blossen mündlichen Mahnungen sowie Erkundigungen beliess, hat er
nach dem Gesagten die Ernsthaftigkeit seiner Durchsetzungsbemühungen nicht in
genügendem Mass dargetan (vgl. Urteil des EVG vom 30. März 2006 i.S. M., C 271/05,
E. 4.2). Die Ablehnung eines Anspruchs auf Insolvenzentschädigung durch die
Beschwerdegegnerin erfolgte somit zu Recht.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Bei diesem Prozessergebnis kann offen bleiben, ob bzw. in welchem Umfang die dem
Antrag auf Insolvenzentschädigung zugrunde liegende Lohnforderung überhaupt
besteht bzw. wenigstens glaubhaft gemacht worden ist (vgl. Art. 74 der Verordnung
über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung
[AVIV; SR 837.02]).
4.
Aus den vorangehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde abzuweisen ist.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG