Decision ID: f4d264dc-039b-4d22-89ec-4be42cc514a1
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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St.Galler Gerichte
A.- X, deutscher Staatsangehöriger, fuhr am 3. Februar 2009, um 12.05 Uhr, mit einem
Sattelschlepper auf der Autostrasse A1.1 zwischen Rorschach und Steinach. Im
Bereich einer Sicherheitslinie kam es zu einer seitlichen Kollision mit einem
entgegenkommenden Sattelschlepper, wobei die Aussenspiegel der beiden Fahrzeuge
beschädigt wurden.
B.- Das Untersuchungsamt St. Gallen erliess am 6. April 2009 eine Bussenverfügung, in
welcher X der groben Verletzung der Verkehrsregeln schuldig erklärt und zu einer
bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je Fr. 50.-- sowie einer Busse von Fr.
700.-- verurteilt wurde.
Das Strassenverkehrsamt aberkannte X mit Verfügung vom 29. Oktober 2009 den
Führerausweis wegen Befahrens der Gegenfahrbahn über eine Sicherheitslinie und
Verursachens eines Verkehrsunfalls für die Dauer von drei Monaten. Es stellte auf die
Bussenverfügung des Untersuchungsamts St. Gallen vom 6. April 2009 ab.
C.- Gegen die Verfügung vom 29. Oktober 2009 erhob X mit Eingabe seines Vertreters
vom 18. November 2009 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission. Er beantragte
deren Aufhebung und die Einstellung des Verfahrens. Zur Begründung führte er im
Wesentlichen aus, dass ihm die Bussenverfügung nicht zugestellt worden sei. In der
Rekursergänzung vom 20. Januar 2010 stellte er zudem den Eventualantrag, die
Widerhandlung sei nicht als schwere, sondern als leichte einzustufen und lediglich eine
Verwarnung auszusprechen.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 4. Februar 2010 die Abweisung
des Rekurses.
Auf Nachfrage der Gerichtsleitung hin teilte das Untersuchungsamt St. Gallen am 11.
Februar 2010 mit, dass die Bussenverfügung am 6. April 2009 mit eingeschriebener
Post an den Rekurrenten an die Adresse in Deutschland zugestellt worden sei.
Abklärungen bei der Post hätten ergeben, dass keine weiteren Informationen erhältlich
seien, da die Aufgabe der Sendung schon mehr als sechs Monate zurückliege. Am 15.
Februar 2010 teilte das Untersuchungsamt mit, die verfügte Busse und die Kosten
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seien mit dem damals vom Rekurrenten geleisteten Kostendepositum verrechnet
worden. Dazu nahm der Rekurrent mit Eingabe vom 11. März 2010 Stellung.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 18. November 2009 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt zusammen mit der Rekursergänzung vom 20. Januar
2010 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 ,
45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt:
VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs wird geltend gemacht, die Vorinstanz habe die Aberkennung damit
begründet, dass die Bussenverfügung des Untersuchungsamts St. Gallen vom 6. April
2009 rechtskräftig sei. Diese sei dem Rekurrenten jedoch nicht zugestellt worden und
somit auch nicht rechtskräftig. Die Zustellung sei durch die Unterlagen, die die
Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen vorgelegt habe, nicht nachgewiesen
worden. Aufgrund der Tatsache, dass bei der deutschen Post viele Schreiben
verschwänden und beim Adressaten nie ankämen, werde in Deutschland deshalb jeder
Strafbefehl oder Bussgeldbescheid dem Betroffenen mit einer Zustellungsurkunde
zugestellt.
Die Vorinstanz hält dafür, es gebe keine Hinweise, dass die Bussenverfügung nicht
habe zugestellt werden können.
a) Nach Strassenverkehrsdelikten befindet das Strafgericht über die strafrechtlichen
Sanktionen (Freiheitsstrafe, Geldstrafe, Busse) und die Verwaltungsbehörde in einem
eigenen Verfahren über Administrativmassnahmen (insbesondere
Führerausweisentzug, Verwarnung). Die Zweispurigkeit des Verfahrens ist zulässig,
kann aber - bei fehlender Koordination - dazu führen, dass derselbe Lebensvorgang zu
voneinander abweichenden Sachverhaltsfeststellungen von Verwaltungs- und
Justizbehörden führt und die erhobenen Beweise abweichend gewürdigt und rechtlich
beurteilt werden. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat die Verwaltungsbehörde
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gemäss konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich mit ihrem
Entscheid zuzuwarten, bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Denn das
Strafverfahren bietet durch die verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die
umfassenderen persönlichen und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die
weiterreichenderen prozessualen Befugnisse besser Gewähr dafür, dass das Ergebnis
der Sachverhaltsermittlung näher bei der materiellen Wahrheit liegt als im nicht
durchwegs derselben Formstrenge unterliegenden Verwaltungsverfahren (BGE 119 Ib
158 E. 2/c/bb). Für den Betroffenen bedeutet dies auf der anderen Seite, dass er nicht
das Verwaltungsverfahren abwarten darf, um allfällige Rügen vorzubringen und
Beweisanträge zu stellen, sondern nach Treu und Glauben verpflichtet ist, dies bereits
im Rahmen des Strafverfahrens zu tun und allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu
ergreifen (BGE 123 II 97 E. 3c/aa). Im vorliegenden Fall besteht kein Anlass, von dieser
langjährigen Praxis abzuweichen. Eine Ausnahme wäre nur dann zuzulassen, wenn
hinsichtlich des Schuldspruchs der in Frage stehenden SVG-Widerhandlung keinerlei
Zweifel bestehen (vgl. BGE 119 Ib 158 E. 2/c/bb). Der Rekurrent bestreitet indessen,
eine grobe Verkehrsregelverletzung begangen zu haben.
b) Damit ein Strafentscheid rechtskräftig werden kann, ist unter anderem eine korrekte
Zustellung an den Betroffenen notwendig. Gemäss Art. 16 Abs. 1 des Zweiten
Zusatzprotokolls zum Europäischen Übereinkommen über die Rechtshilfe in
Strafsachen vom 8. November 2001 (SR 0.351.12), welches Deutschland und die
Schweiz unterzeichnet haben, können die zuständigen Justizbehörden einer
Vertragspartei Personen, die sich im Hoheitsakt einer anderen Vertragspartei aufhalten,
Verfahrensurkunden und Gerichtsentscheidungen unmittelbar auf dem Postweg
übermitteln. Die direkte Zustellung eines schweizerischen Strafentscheids ist - nebst
der förmlichen Übermittlung durch das zuständige Amtsgericht - demnach auf dem
Postweg zulässig. Allerdings ändert dies nichts daran, dass die Behörde, welche den
Entscheid zustellt, nachzuweisen hat, dass die Zustellung an den Adressaten erfolgt
ist.
Die Bussenverfügung des Untersuchungsamts St. Gallen vom 6. April 2009 wurde am
selben Tag mit eingeschriebener Post an die Adresse des Rekurrenten in Deutschland
versandt. Ein Nachforschungsbegehren bei der Post ergab keine detaillierten
Ergebnisse, sondern lediglich den Vermerk bezüglich der eingeschriebenen Sendung
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"Zustell-Ereignis aus Ausland zugestellt - 11.4.2009 23.59". Dies genügt jedoch nicht
zum Nachweis einer rechtsgültigen Zustellung. Aus dem Umstand, dass der Rekurrent
die Busse und die Verfahrenskosten bezahlt hat, kann ebenfalls nicht geschlossen
werden, dass ihm die Bussenverfügung zugestellt wurde. Denn das Untersuchungsamt
hat diese Kosten mit dem vom Rekurrenten vorab geleisteten Kostendepositum
verrechnet. Entsprechend wurde ihm nach dem Abschluss des Strafverfahrens keine
Rechnung gestellt. Folglich ist davon auszugehen, dass die Bussenverfügung nicht
rechtsgültig zugestellt wurde und diese deshalb nicht rechtskräftig werden konnte. Es
liegt kein rechtskräftiger Strafentscheid vor, auf welchen sich die Vorinstanz bei der
Anordnung der Administrativmassnahme (Aberkennung des ausländischen
Führerausweises für die Dauer von drei Monaten) hätte stützen können. Solange im
vorliegenden Fall kein rechtskräftiger Strafentscheid vorliegt, kann keine
Administrativmassnahme verhängt werden.
c) Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs gutzuheissen und die angefochtene
Verfügung aufzuheben ist.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'000.-- ist angemessen (vgl.
Art. 13 Ziff. 522 des Gerichtskostentarifs, sGS 941.12). Die Finanzverwaltung ist
anzuweisen, dem Rekurrenten den Kostenvorschuss von Fr. 1'000.--
zurückzuerstatten.
Bei diesem Verfahrensausgang hat der Rekurrent Anspruch auf volle Entschädigung
der ausseramtlichen Kosten (Art. 98 VRP und Art. 98 VRP; GVP 1983 Nr. 56),
soweit diese aufgrund der Rechts- und Sachlage als notwendig und angemessen
erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Im Rekursverfahren war der Beizug eines
Rechtsbeistandes geboten. Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht. Das
Honorar ist daher ermessensweise festzusetzen. Unter Berücksichtigung des
Aktenumfangs sowie des Aufwands für die Rekurseingabe erscheint ein Honorar von
Fr. 1'000.-- als angemessen (vgl. Art. 19 und Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung
für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt: HonO). Hinzu kommen
die Barauslagen von pauschal 4% (Fr. 40.--; Art. 28 HonO) und die Mehrwertsteuer
bis ter
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von 7,6% (Fr. 79.05; Art. 29 HonO); kostenpflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt).