Decision ID: c9dce430-59ea-404c-8973-00ffa675e315
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein srilankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie, suchte am 19. Juli 2017 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Am 2. August 2017 wurde der Beschwerdeführer im Rahmen der Befra-
gung zur Person (BzP) summarisch zu seinen Asylgründen befragt und am
24. August 2017 erfolgte gestützt auf Art. 29 Abs. 1 AsylG (SR 142.31) die
Anhörung durch das SEM.
Der Beschwerdeführer machte dabei geltend, in B._, Distrikt
C._, geboren und aufgewachsen zu sein. Er habe in B._ die
Schule mit dem O-Level abgeschlossen und anschliessend auf den Län-
dereien der Familie als Landwirt gearbeitet. Aufgrund des Krieges habe er
gemeinsam mit seiner Familie (Eltern, eine ältere Schwester, drei jüngere
Brüder) im Mai 2008 B._ verlassen müssen. Sie seien über
D._ nach E._ geflohen, hätten in E._ eine Hütte er-
baut und fortan dort gelebt. Infolge des Krieges sei es Pflicht gewesen,
dass eine Person pro Haushalt den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)
beitrete beziehungsweise zwangsrekrutiert werde. Zum damaligen Zeit-
punkt sei einzig seine Schwester volljährig gewesen, weshalb man diese
immer andernorts versteckt gehalten habe. In der Folge sei sein Vater von
den LTTE zu Hause abgeholt worden. Sie hätten gedacht, dass der Vater
wieder freigelassen werde; als dieser nach einer Woche aber immer noch
nicht zu Hause gewesen sei, sei er, der Beschwerdeführer, zusammen mit
seiner Mutter auf den LTTE-Posten gegangen, um den Vater abzuholen.
Er, der Beschwerdeführer, sei damals noch minderjährig gewesen und
habe deshalb überhaupt nicht mit einer Festnahme gerechnet. Trotzdem
sei er von den LTTE sogleich einbehalten und noch am selben Tag in ein
Camp der LTTE mitgenommen worden. Anschliessend habe man ihn in ein
Basislager gebracht. Nach einer Woche habe das gesamte Lager fliehen
müssen. Er habe beim Umzug des Lagers helfen müssen und sei während
des Warentransports durch eine Artilleriebombe an der Schulter verletzt
worden. Da er deshalb seinen Arm nicht mehr habe bewegen können, sei
er nach F._ in eine medizinische Station gebracht worden. Weil er
befürchtet habe, wieder in ein LTTE-Camp zu müssen, habe er immer an-
gegeben, dass es seinem Arm noch nicht gut gehe. Während seiner Zeit in
F._ seien immer mehr Menschen gekommen, um von dort aus ins
von der Armee kontrollierte Gebiet zu gelangen. Am (...) April 2009 habe
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auch er sich dazu entschlossen, in dieses Gebiet zu gehen. Noch am sel-
ben Tag sei er ins Flüchtlingscamp G._ gebracht worden. Dort seien
die Flüchtlinge von den Soldaten darüber informiert worden, dass Perso-
nen mit LTTE-Verbindungen sich bei ihnen melden sollten. Da seine Haare
aufgrund seiner Zeit bei den LTTE noch ganz kurz geschoren gewesen
seien, habe er gedacht, er müsse sich melden. Nach seiner Registration
sei er festgenommen und in ein Rehabilitationscamp nach H._ ge-
bracht worden. Dort sei er während seines fünfmonatigen Aufenthalts über
dreissigmal von Personen in ziviler Kleidung – vermutlich Angehörige des
Criminal Investigation Department (CID) – befragt worden. Man habe von
ihm wissen wollen, was er für die LTTE getan habe und ob er deren Waf-
fenverstecke und gewisse Personen kenne. Er sei zu diesem Zeitpunkt im-
mer noch minderjährig gewesen und habe dies den Leuten der Vereinten
Nationen (UN) bei deren Besuch im Camp mitgeteilt. Daraufhin sei er in ein
anderes Camp nach I._ verlegt worden, in welchem nur Minderjäh-
rige gewesen seien. Die Soldaten seien zwar ins Camp reingekommen,
hätten aber keine Befragungen mehr durchgeführt und die Insassen auch
nicht mehr bestraft. UN-Vertreter seien täglich im Camp vorbeigekommen,
um mit den Insassen Programme durchzuführen. Nach zwei Monaten hät-
ten die UN-Vertreter im Camp gefragt, wer von den Insassen die Schule
besuchen wolle, woraufhin er und fünfzehn andere sich gemeldet hätten
und nach J._ in ein Hindu-College gebracht worden seien. Dort
seien sie alle in einem Studentenheim untergebracht worden, welches von
der Polizei überwacht worden sei. Einen Monat später habe er die Nach-
richt erhalten, dass er freigelassen werde. Er habe den UN-Vertretern sei-
nen Namen und die Adresse seiner Familie gegeben und diese hätten
seine Eltern im G._ Flüchtlingscamp gefunden. Daraufhin sei er am
(...) 2010 zum Gericht gebracht und dort seiner Mutter übergeben worden.
Er sei dann mit seiner Familie, welche zur gleichen Zeit zurückgesiedelt
worden sei, nach B._ zurückgekehrt. Bereits am ersten Tag nach
seiner Ankunft seien Soldaten bei ihm zu Hause vorbeigekommen und hät-
ten ihm mitgeteilt, er müsse fortan täglich im Camp vor Ort Unterschrift
leisten und sich abmelden, falls er B._ verlassen wolle. Anschlies-
send sei er zwei Wochen lang täglich zum Leisten der Unterschrift ins
B._-Camp gegangen. Danach sei ihm gesagt worden, man werde
sich künftig telefonisch mit ihm in Verbindung setzen und ihm mitteilen,
wann er sich im Camp melden müsse. Wenn er auf einen Anruf nicht rea-
giert habe, seien sie sofort zu ihm nach Hause gekommen und hätten ihn
ins B._-Camp mitgenommen. Während dieser Zeit sei er mit sei-
nem Vater zusammen in der Landwirtschaft tätig gewesen. Eines Tages im
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Jahr 2015 sei ihm mitgeteilt worden, er habe sich im K._-Haupt-
camp zu melden. Er habe gedacht, dass er dort lediglich – wie bereits zwei-
mal zuvor – eine Unterschrift leisten müsse. Als er jedoch dort angekom-
men sei, sei er von zwei Personen – vermutlich Angehörige des CID – be-
fragt worden. Die beiden hätten von ihm wissen wollen, was er über die
LTTE sowie über seine Entlassung wisse, da sie der Meinung gewesen
seien, er sei zu schnell entlassen worden. Weiter hätten sie ihm vorgewor-
fen, gelogen zu haben, da sie Leute gefunden hätten, die mit ihm bei den
LTTE gewesen seien. Er sei während der Befragung niedergeschlagen
worden. Als er auf dem Boden gelegen sei, habe einer der Befrager mit
seinem Stiefel auf seinen Hals gedrückt, während der andere ein brennen-
des Feuerzeug an seine Zehen gehalten habe. Anschliessend hätten sie
ihn zurück ins B._-Camp gebracht und ihm gesagt, dass er nieman-
dem von diesem Vorfall erzählen dürfe. Danach habe er wieder wöchent-
lich zur Unterschriftsleistung ins B._-Camp gemusst. Im (...) 2015
sei er zu Hause von Leuten in einem Van abgeholt und mit verbundenen
Augen zu einem ihm unbekannten Ort verbracht worden. Er sei von zwei
Personen befragt worden, welche ihm abermals vorgeworfen hätten, er
habe Waffen für die LTTE versteckt. Bei dieser Befragung sei er sodann
geschlagen und mit einer Stange sexuell missbraucht worden. Anschlies-
send sei er einfach in diesem Raum zurückgelassen worden. Einmal am
Tag habe ihm jemand etwas zu Essen gebracht und sonst habe er keinerlei
Kontakt zur Aussenwelt gehabt. Nach drei Monaten sei er plötzlich das
erste Mal aus dem Raum geholt und draussen an der frischen Luft auf eine
Bank gesetzt worden. Von diesem Tag an sei er täglich kurz an die frische
Luft gelassen worden. Schliesslich sei er am vierten Tag damit beauftragt
worden, draussen eine Fläche zu säubern. Dabei habe er zum ersten Mal
eine ihm unbekannte Person gesehen, welche ihn damit beauftragt habe,
Zigaretten im Geschäft gegenüber dem Camp zu besorgen. Als er das
Camp verlassen habe, habe er erkannt, dass es sich um das L._-
Camp – den grössten Befragungsort im Distrikt C._– handle. Er sei
ins Geschäft gegangen und dabei vom Wachmann des Camps beobachtet
worden. Während er sich im Geschäft aufgehalten habe, seien viele Last-
wagen vorgefahren, weshalb der Wachmann ihn nicht mehr habe sehen
beziehungsweise kontrollieren können. Er sei zu einem der Lastwagenfah-
rer und habe ihn gefragt, ob dieser ihn nach M._ mitnehme. Sie
seien sofort losgefahren. Danach habe er sich bis zu seiner Ausreise bei
seinem Onkel in N._, Distrikt M._, versteckt gehalten. Die
Soldaten der Camps von L._ und B._ seien, noch bevor er
selbst bei seinem Onkel angekommen sei, bei seiner Familie in B._
vorbeigegangen, hätten diese über seine Flucht informiert und gesagt,
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dass die Familie ihn zurück ins Camp bringen solle. Danach seien alle paar
Tage Soldaten bei seiner Familie vorbeigekommen und hätten ihn gesucht.
Sein Onkel habe dann seine Identitätskarte zu Hause in B._ abge-
holt, während seine Mutter seine Ausreise organsiert habe.
Am (...) Mai 2017 sei er von M._ nach O._ gereist und von
dort aus mit seinem eigenen Pass am (...) Mai 2017 legal nach P._
geflogen. Am (...) Juni 2017 sei er mit einem gefälschten (...) Pass über
Q._ in die R._ geflogen und von da aus in die Schweiz ge-
reist.
Als Beleg für seine Identität reichte er seine srilankische Identitätskarte im
Original zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 30. April 2020 – eröffnet am 4. Mai 2020 – stellte die
Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 3. Juni 2020 liess der Beschwer-
deführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und bean-
tragte, die angefochtene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben, seine
Flüchtlingseigenschaft sei festzustellen und ihm sei Asyl zu gewähren,
eventualiter sei die Unzulässigkeit und/oder Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs festzustellen und es sei die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen, subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und die Beiordnung des Unterzeichnenden als unentgeltlicher
Rechtsbeistand beantragt.
Auf die eingereichten Beweismittel wird – sofern erforderlich – im Rahmen
der Erwägungen eingegangen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 11. Juni 2020 hiess die damalige Instruktions-
richterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
sowie um amtliche Rechtsverbeiständung durch Rechtsanwalt Rajeevan
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Longanathan gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses. Des Weiteren wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen.
F.
Am 24. Juni 2020 reichte die Vorinstanz ihre Vernehmlassung ein.
G.
Am 25. Juni 2020 stellte das Bundesverwaltungsgericht dem Beschwerde-
führer die Vernehmlassung der Vorinstanz zur Kenntnisnahme zu.
H.
Mit Schreiben vom 17. Juli 2020 sowie vom 7. August 2020 teilte der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit, dass er von seinem Replik-
recht Gebrauch machen wolle.
I.
Am 14. August 2020 reichte der Beschwerdeführer seine Replik, einen Zei-
tungsartikel der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 7. August 2020 den
Rajapaksa-Clan betreffend sowie die Honorarnote ein.
J.
Mit Schreiben vom 28. August 2020 liess der Beschwerdeführer dem Bun-
desverwaltungsgericht die Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit zukom-
men.
K.
Aus organisatorischen Gründen wurde das Verfahren auf Richterin
Gabriela Freihofer übertragen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG) teilrevidiert (AS 2018 3171; SR 142.20) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert übernommen worden.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2;
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.). Der Beschwerde-
führer monierte eine unrichtige und unvollständige Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts, eine Verletzung des rechtlichen Gehörs began-
gen durch eine willkürliche Beweiswürdigung sowie durch die Verletzung
des Untersuchungsgrundsatzes und eine Verletzung der Begründungs-
pflicht.
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3.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest (Untersuchungsgrundsatz). Dabei muss die Behörde die für das
Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunterlagen beschaffen, die rechtlich
relevanten Umstände abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis füh-
ren. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.3 Die Parteien haben Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV,
Art. 29 und Art. 32 Abs. 1 VwVG), welches alle Befugnisse umfasst, die ei-
ner Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur Gel-
tung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern, erhebliche Beweismittel beizubringen und mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidung angemessen zu berücksichtigen. Die Be-
gründung muss so abgefasst sein, dass die betroffene Person den Ent-
scheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (vgl. BGE 136 I 184
E. 2.2.1, 126 I 97 E. 2.b).
3.4 Der Beschwerdeführer führte in seiner Beschwerdeschrift aus, das
SEM habe vorliegend den zu untersuchenden Sachverhalt realitätsfremd
und lediglich schematisch beziehungsweis plakativ abgeklärt. Seine Aus-
sagen seien vom SEM jeweils zu seinen Ungunsten falsch interpretiert wor-
den. Weiter habe es sich bei seiner Einschätzung zu den Aussagen betref-
fend die Ereignisse aus dem Jahr 2015 auf Spekulationen und hypotheti-
sche Annahmen gestützt sowie relevante Beweismittel, wie seine Narben,
nicht berücksichtigt. Dadurch habe das SEM sowohl den Untersuchungs-
grundsatz als auch die Begründungspflicht verletzt. Zu alledem komme
hinzu, dass das SEM auch die politischen Entwicklungen in Sri Lanka so-
wie deren Bezug zum Beschwerdeführer nicht gebührend berücksichtig
habe. Es verwende immer noch seine veralteten Länderanalysen, deshalb
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sei vom SEM eine willkürliche Beweiswürdigung vorgenommen, das recht-
liche Gehör verletzt und der Sachverhalt falsch und unvollständig festge-
stellt worden.
3.5 Die formellen Rügen erweisen sich als unbegründet. Alleine daraus,
dass die Vorinstanz in ihrer Länderpraxis zu Sri Lanka einer anderen Linie
folgt, als vom Beschwerdeführer vertreten, und sie aus sachlichen Grün-
den auch zu einer anderen Würdigung der Vorbringen gelangt, als vom
Beschwerdeführer verlangt, ergibt sich weder eine unvollständige noch
eine unrichtige Sachverhaltsfeststellung. Die Vorinstanz hat ihre diesbe-
züglichen Überlegungen, von denen sie sich hat leiten lassen und auf die
sie ihren Entscheid stützt, in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar
und hinreichend differenziert aufgezeigt (vgl. Verfügung des SEM vom
30. April 2020, Ziff. II und III). Insofern besteht vorliegend denn auch weder
eine willkürliche Beweiswürdigung noch eine Verletzung des Untersu-
chungsgrundsatzes. Eine sachgerechte Anfechtung war möglich, wie die
vorliegende Beschwerde zeigt. Eine Verletzung der Begründungspflicht ist
demnach zu verneinen. Zudem ist festzuhalten, dass der Beschwerdefüh-
rer in seinen diesbezüglichen Vorbringen ganz überwiegend die Frage der
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der Frage der rechtli-
chen Würdigung der Sache vermengt und dabei verkennt, dass das SEM
seiner Begründungspflicht Genüge tut, wenn es im Rahmen der Begrün-
dung die wesentlichen Überlegungen nennt, welche es seinem Entscheid
zugrunde legt.
3.6 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Das entsprechende Subeventualbegehren ist ab-
zuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.3 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die
Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise bestehenden Verfolgung oder
begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asyl-
entscheides ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Ver-
folgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situa-
tion im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zu-
gunsten und zulasten der ein Asylgesuch stellenden Person zu berücksich-
tigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5 und 2010/57 E. 2, beide mit weiteren Hin-
weisen).
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG und denjenigen an die Flüchtlingsei-
genschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten.
5.1.1 Unter Hinweis auf mehrere Bundesverwaltungsgerichtsentscheide
führte das SEM aus, der Aufenthalt des Beschwerdeführers im Rehabilita-
tionscamp und seine offizielle Entlassung am (...) 2010 aus der Rehabili-
tationshaft mit anschliessenden Überwachungsmassnahmen sowie damit
einhergehende Beeinträchtigungen vermöchten kein asylrelevantes Aus-
mass zu erreichen. Damit halte dieses Vorbringen den Anforderungen an
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.
5.1.2 Betreffend Unglaubhaftigkeit führte das SEM aus, der Beschwerde-
führer habe sowohl den ersten Vorfall im Jahr 2015 (Verhör im K._-
Camp) als auch den zweiten Vorfall (Verhaftung durch die Behörden mit
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anschliessender Haft und Flucht aus dem L._-Camp) unglaubhaft
geschildert.
Zum ersten Vorfall hielt das SEM fest, die zeitlichen Angaben zum Verhör
seien widersprüchlich ausgefallen. So habe er unterschiedliche Angaben
betreffend Anzahl, Ort sowie Zeitpunkt der Unterschriftsleistung gemacht.
Dies sei unter dem Aspekt, dass es sich diesbezüglich um wesentliche Eck-
daten seiner Asylvorbringen handle und zwischen der BzP und der Anhö-
rung lediglich drei Wochen lägen, nicht nachvollziehbar. Sodann habe er
nicht überzeugend zu schildern vermocht, weshalb er nach fünf Jahren der
Meldepflicht auf einmal wieder verhört worden sei. Da er überzeugend ge-
schildert habe, dass er als Minderjähriger zwangsweise und aufgrund einer
Verletzung nur sehr kurze Zeit für die LTTE tätig gewesen sei, sei eine neu-
erliche Verfolgung unwahrscheinlich. Vielmehr sei davon auszugehen,
dass die Behörden bereits bei seiner Entlassung 2010 genau über seine
Aktivitäten für die LTTE informiert gewesen seien. Weiter sei die anlässlich
des Verhörs geschilderte Folter unglaubhaft. So habe er ausgesagt, er
habe aufgrund der verbrannten Zehen Mühe gehabt, sich beim Verhör wie-
der hinzusetzen, habe danach aber problemlos zu Fuss nach Hause laufen
können. Wären seine Zehen tatsächlich mit einer offenen Flamme ver-
brannt worden, wäre es ihm weder möglich gewesen, problemlos zu Fuss
nach Hause zu gelangen, noch hätte er dort den Vorfall verheimlichen kön-
nen. Auch die Begründung für die angebliche Geheimhaltung des Vorfalls
falle widersprüchlich aus, habe er einmal ausgeführt, die Folterer hätten
ihm verboten, darüber zu sprechen, und ein anderes Mal, er habe seine
Mutter nicht beunruhigen wollen.
Zum zweiten Vorfall hielt das SEM fest, die Schilderungen des Beschwer-
deführers enthielten zwar Realkennzeichen, seien in einer Gesamtschau
der Vorbringen aber als unglaubhaft einzustufen. Bereits bei seiner Darle-
gung der Verhaftung durch die Behörden seien Unstimmigkeiten festzustel-
len. So habe er in der freien Schilderung der Verhaftung ausgesagt, er sei
gefragt worden, ob er A._ sei, was er bejaht habe. Auf Nachfrage
hin habe er jedoch ausgesagt, die Behörden hätten ein Foto von ihm da-
beigehabt, um sicherzustellen, dass die richtige Person verhaftet werde.
Zur anschliessenden dreimonatigen Haft habe er – abgesehen von seinem
direkt bei der Ankunft stattgefundenen einmaligen Verhör – wenig zu be-
richten vermocht. Angesichts der Tatsache, dass er selbst erzählt habe,
dass im L._-Camp viele Soldaten stationiert gewesen seien und er
in seiner Zelle Geräusche von Draussen habe wahrnehmen können, sei
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nicht nachvollziehbar, weshalb er für diesen dreimonatigen Zeitraum ledig-
lich ausführe, einmal am Tag etwas zu essen bekommen und ansonsten
geschlafen zu haben. Vielmehr sei aufgrund seiner Angaben, wonach er
das L._-Camp sowie die Umgebung bereits vor seiner Haft gut ge-
kannt habe, davon auszugehen, dass er sein Wissen über das Camp von
dieser Aussensicht beziehungsweise vom Hörensagen her und nicht aus
eigener Haft gekannt habe. Sodann seien auch seine Beschreibungen der
Lichtverhältnisse und der Geräuschkulisse in der Zelle zweifelhaft. Zum ei-
nen habe er ausgesagt, nicht gewusst zu haben, ob es ausserhalb der
Zelle jeweils Tag oder Nacht gewesen sei, zum anderen wolle er bemerkt
beziehungsweise gesehen haben, dass nach seiner (angeblichen) sexuel-
len Misshandlung Blut aus seinem After geflossen sei sowie, dass an der
für den Missbrauch verwendeten Metallstange verschweisste Stellen sicht-
bar seien. Weiter habe er erklärt, seine Schreie während der Misshandlung
habe draussen niemand hören können, da seine Zelle eingemauert und die
einzige Tür verschlossen gewesen sei. Um die Durchführbarkeit des Ver-
hörs und der Misshandlung in der gänzlich im Dunklen liegenden Zelle zu
erklären, habe er hingegen ausgeführt, die Tür sei währenddessen einen
Spaltbreit geöffnet gewesen und er habe Leute sprechen hören bezie-
hungsweise die Türe sei zwar geschlossen gewesen, da diese aber aus
Holz bestanden habe, sei durch die Ritzen genügend Licht gekommen. Da-
nach gefragt, warum er nur einmal zu Beginn der Haft verhört worden sei,
habe er geantwortet, dass er danach krank ausgesehen habe, weshalb
man ihn in Ruhe gelassen habe. Seine Haut sei nach den drei Monaten in
der Finsternis «weich und bleich» gewesen. Diese Äusserung stehe im Wi-
derspruch zur Erklärung seiner Flucht, wonach ihn ein Lastwagenchauffeur
mitgenommen habe, weil dieser nicht bemerkt habe, weshalb er (der Be-
schwerdeführer) habe mitfahren wollen. Da der Lastwagen zudem in un-
mittelbarer Nähe zum Camp gestanden habe, sei davon auszugehen, dass
sein Aussehen nach drei Monaten Einzelhaft im Dunkeln Verdacht erregt
haben müsste. Die Beschreibung seines Fluchtwegs falle ebenfalls dürftig
und nicht nachvollziehbar aus. Darüber hinaus würden denn auch generell
Ungereimtheiten und Widersprüche bezüglich seiner zeitlichen Angaben
zur Festnahme bestehen. Zudem wirke es realitätsfremd, dass er sich nach
diesen Vorfällen bei einem Verwandten versteckt habe, mithin an einem
Ort, an dem die Behörden ihn mit Leichtigkeit hätten aufspüren können.
5.1.3 Weiter führte das SEM aus, der Beschwerdeführer habe nicht glaub-
haft machen können, dass er nach seiner Rehabilitation Opfer von Verfol-
gungsmassnahmen asylrelevanten Ausmasses geworden sei. Seitens der
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srilankischen Behörden hätten allfällige zum Zeitpunkt seiner Ausreise be-
reits bestehende Risikofaktoren kein Verfolgungsinteresse auszulösen ver-
mocht, sei er doch bis (...) 2017 in Sri Lanka wohnhaft gewesen und habe
somit nach Kriegsende noch acht Jahre lang in seinem Heimatstaat gelebt.
Hinzu komme, dass er mit seinem eigenen Pass legal ausgereist sei, was
– wie er selbst ausgesagt habe – bedeute, dass gegen ihn kein gerichtli-
ches Verfahren laufe, da er ansonsten nicht hätte ausreisen können. Auf-
grund der bestehenden Aktenlage sei somit nicht ersichtlich, weshalb er
bei einer Rückkehr nunmehr in den Fokus der Behörden geraten und in
asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte. Die am 16. November 2019
erfolgte Präsidentschaftswahl vermöge diese Einschätzung nicht umzu-
stossen; insbesondere, da er diese respektive deren Folgen als Gefähr-
dungselement weder vorgebracht habe noch den Akten Hinweise auf eine
Verschärfung seiner persönlichen Situation aufgrund dieses Ereignisses zu
entnehmen seien.
5.2 Der Beschwerdeführer rügte in seiner Beschwerde, das SEM habe
Bundesrecht verletzt, indem es seine Vorbringen zu Unrecht als unglaub-
haft und nicht asylrelevant erachtet habe.
5.2.1 Zur Begründung führte er aus, das SEM missachte, dass er von den
Behörden anfänglich als normaler Zivilist in ein Flüchtlingscamp transfe-
riert, nach genauer Begutachtung des Militärs jedoch als gefährliche LTTE-
Person erkannt und zu einem Rehabilitationszentrum überführt worden sei.
Er sei auch nach seiner Freilassung aus dem Rehabilitationscamp weder
vom Militär noch vom Geheimdienst jemals als unschuldige Zivilperson be-
handelt worden. Auch nach seiner offiziellen Entlassung habe er für die
srilankische Militäreinheit weiterhin als Risikoperson, die überwacht und
schlussendlich nochmals verhaftet worden sei, gegolten. Die durchgeführ-
ten staatlichen Massnahmen seien gezielte Schikane gewesen, hätten ein-
zig der Informationsfindung sowie seiner Behelligung gedient und seien
nicht auf die Rehabilitation beschränkt gewesen. Aufgrund der Länge der
Kontrollmassnahmen sei denn auch eine Intensität erreicht worden, welche
nicht den normalen Bedingungen entspreche. So sei er bereits während
seiner Rehabilitationszeit mehr als dreissig Mal befragt worden, was von
einer überdurchschnittlich intensiven Handhabung seines Falles zeuge.
Somit sei durch die etablierten Überwachungs- und Kontrollmassnahmen
ein asylrelevantes Ausmass erreicht worden, womit er als Flüchtling im
Sinne von Art. 3 AsylG zu qualifizieren sei.
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5.2.2 Zur angeblichen Unglaubhaftigkeit seiner Aussagen hielt er fest, die
Abweichungen betreffend die Verhöre im Jahr 2015 seien so minim, dass
nicht von einer gesamthaften Unglaubhaftigkeit seiner Darlegungen aus-
gegangen werden könne. Er habe bereits anlässlich der BzP ausgesagt,
dass er sich nicht genau an das Datum erinnere, womit seine Ausführun-
gen zum Zeitpunkt der Verhöre bereits anlässlich der BzP ungenau ausge-
fallen seien. Folglich seien die Aussagen an der BzP und der Anhörung
deckungsgleich. Sodann könne er nicht genau angeben, weshalb er im
Jahr 2015 nochmals festgenommen worden sei, da er erklärt habe, dass
er die Gründe für seine Festnahmen nicht kenne und er alleine durch die
Fragen der Beamten erfahren habe, weshalb er nun erneut befragt und in
Haft genommen werde. Die Folterung durch das Verbrennen seiner Zehen
sei von vielen Realkennzeichen geprägt gewesen. Insbesondere habe er
ausgesagt, die verbrannten Zehen bei seiner Ankunft zu Hause sofort mit
Honig eingeschmiert zu haben, was eine Einzelbeschreibung von «enor-
mer Spezifität» darstelle und kaum erfunden werden könne. Das SEM in-
terpretiere seine diesbezüglichen Aussagen jedoch nach Belieben bezie-
hungsweise zu seinen Ungunsten. Auch die unterschiedlichen Aussagen
zu seiner Festnahme würden sich entgegen den vorinstanzlichen Behaup-
tungen nicht ausschliessen, sei es doch plausibel, dass die Militärkräfte zu
seiner Identifikation sowohl ein Foto dabeigehabt als ihn auch nach seinem
Namen gefragt hätten. Zudem sei zu berücksichtigen, dass die erste Ant-
wort das Ergebnis seiner freien Schilderung gewesen sei, während die
zweite Antwort aufgrund einer konkreten Fragestellung entstanden sei,
weshalb er seine Angabe habe präzisieren müssen. Da er während seiner
Haftdauer – abgesehen von seinem ersten Verhör und dem dabei stattge-
fundenen sexuellen Missbrauch – sowohl von der Aussenwelt als auch von
den Haftgeschehnissen selbst komplett isoliert gewesen sei, habe er von
den Geschehnissen im Camp nichts erfahren können. Das einzige ereig-
nisreiche sei die erlebte Folter gewesen, welche er anschaulich, in detail-
lierte Art und Weise und dementsprechend glaubhaft zu Protokoll gegeben
habe. Weiter habe er seine Zelle sowie deren Struktur und Beschaffenheit
(inklusive Lichtverhältnisse) genau zu beschreiben vermocht. Zu seiner
Flucht aus der Haft hielt er fest, der Lastwagenchauffeur habe sich bei ei-
nem Kiosk mit Bistro und Ausruhmöglichkeiten aufgehalten. An einem sol-
chen Ort hätte eine beliebige Person durch Autostopp nach einer Mitfahr-
gelegenheit fragen können. Einmal mehr seien seine Aussagen zu seinen
Ungunsten interpretiert worden. Aufgrund der Vorfälle im Jahr 2015 habe
er befürchtet, erneut am Anfang von Verfolgungsmassnahmen – wie be-
reits in den Jahren 2009 und 2010 – zu stehen. Diese Annahme sei denn
auch infolge seiner LTTE-Tätigkeit begründet gewesen, würden sich die
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Verfolgungsmassnahmen der sri-lankischen Behörden von mutmasslichen
LTTE-Mitgliedern und Unterstützern doch gerade durch deren Subtilität
und Undurchsichtigkeit auszeichnen. Sodann bestreite das SEM seine
LTTE-Zugehörigkeit und seine LTTE-Aktivität nicht. Er sei als LTTE-Mit-
glied anerkannt und dementsprechend sei auch seine Rehabilitation im
Camp als glaubhaft eingestuft worden. Seine LTTE-Vergangenheit führe
dazu, dass er – insbesondere seit dem Machtwechsel – in seiner Heimat
zu den gefährdeten Personen zähle. Seine geschilderten Erlebnisse wür-
den mit der Vorgehensweise des Staatsapparats gegen LTTE-Mitglieder
übereinstimmen und seien folglich glaubhaft.
5.2.3 Im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka sei er der Verfolgung durch
die srilankischen Behörden ausgesetzt. Er gehöre der sozialen Gruppe der
abgewiesenen Asylsuchenden mit tamilischer Abstammung und einer ver-
meintlichen beziehungsweise tatsächlichen LTTE-Verbindung an. Bei einer
Rückreise nach Sri Lanka drohe dieser Gruppe nicht nur gerechtfertigte,
sondern auch ungerechtfertigte Verhaftung mit anschliessender Folter und
Inhaftierung. Seit der Machtergreifung des Rajapaksa-Clans liege der Fo-
kus auf rückkehrenden, abgewiesenen Asylsuchenden, wie er einer sei.
Die Schweiz würde daher mit seiner Rückweisung gegen absolut zwingen-
des Völkerrecht verstossen. Er weise folglich ein Profil auf, welches ihn
gemäss der aktuellen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
und den Präjudizen des SEM sowie aufgrund der drohenden asylrelevan-
ten Verfolgung bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in asylrelevanter Weise
in Gefahr bringe (unter Verweis auf beizuziehende Berichte der Schweize-
rischen Flüchtlingshilfe [SFH] vom 12. Januar 2018 und den Report of the
Working Group on Arbitrary Detention on its visit to Sri Lanka vom 10 –
18. September 2018).
5.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, die eingereichten Medi-
enberichte des Beschwerdeführers würden sich auf die allgemeine Lage in
Sri Lanka beziehen und nicht auf dessen persönliche Situation. Betreffend
die Wahl von Rajapaksa zum neuen Präsidenten Sri Lankas führte das
SEM aus, es halte an der Unglaubhaftigkeit der staatlichen Verfolgungs-
massnahmen nach abgeschlossener Rehabilitation im Jahr 2010 fest. Ein
persönlicher Bezug der Asylgründe des Beschwerdeführers und dem
neuen Präsidenten sei nicht bereits alleine aufgrund dessen früheren Un-
terstützung der LTTE gegeben. Weiter hielt das SEM fest, dass es die
Pflicht des Beschwerdeführers sei, das SEM über neu eingetretene Ereig-
nisse, die bei der Prüfung des Asylgesuchs zu berücksichtigen seien, zu
E-2912/2020
Seite 16
informieren. Der Beschwerdeführer sei auf diese Pflicht hingewiesen wor-
den, weshalb sein Einwand, er habe sich seit seiner Anhörung im Jahr
2017 zu seiner individuellen Gefährdung infolge des Machtwechsels nicht
äussern können, fehlgehe. Eine Gefährdung des Beschwerdeführers sei
sodann trotz Machtwechsels nicht gegeben, zumal diesbezüglich be-
schwerdeweise weder Neues noch Essentielles geltend gemacht worden
sei.
5.4 Der Beschwerdeführe replizierte daraufhin (unaufgefordert), das SEM
habe in einem anderen von seinem Rechtsvertreter geführten Verfahren,
welches mit seinem eigenen Verfahren identisch beziehungsweise zumin-
dest analog sei (LTTE-Mitglied, welches an einem Rehabilitationspro-
gramm teilgenommen habe und mehrere Jahre danach erneut zu Befra-
gungen betreffend LTTE-Tätigkeit vorgeladen worden sei), vom Vollzug der
Wegweisung abgesehen, «weil ein solcher im heutigen Zeitpunkt nicht zu-
mutbar sei». Folgerichtig sei auch er mindestens vorläufig in der Schweiz
aufzunehmen. Sodann habe das SEM seine LTTE-Zugehörigkeit/LTTE-
Aktivität weder im Asylentscheid noch in der Vernehmlassung bestritten.
Durch diese Zugehörigkeit zu den LTTE beziehungsweise die für die LTTE
ausgeführten Aktivitäten weise er ein persönliches Profil auf, welches ihn
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka zu einer der vulnerabelsten Individuen
überhaupt mache. Sein eigenes Profil stelle sodann den direkten persönli-
chen Bezug zur Präsidentschaftswahl vom November 2019 und der damit
einhergehenden Verschlechterung der Sicherheitslage in Sri Lanka her
(unter Hinweis auf einen Zeitungsartikel der NZZ vom 7. August 2020).
6.
6.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die
Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es
um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich
des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der An-
gaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuch-
steller beziehungsweise die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine
Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die
Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vor-
bringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
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sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1;
2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
6.2 Vorab ist festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht – wie auch
die Vorinstanz – davon ausgeht, dass der Beschwerdeführer als Minder-
jähriger durch die LTTE zwangsrekrutiert wurde, aufgrund seiner Verlet-
zung jedoch nur sehr kurze Zeit in untergeordneter Funktion für die LTTE
aktiv gewesen ist, er sich den Behörden freiwillig gestellt und eine Rehabi-
litationshaft durchlaufen hat (SEM-Akte A6/12 S. 7 und 8; A11/31 F32, F38
– F47, F60, F70, F79 f., F84 – F87, F232). Seine diesbezüglichen Schilde-
rungen werden vom Bundesverwaltungsgericht somit als glaubhaft erach-
tet.
Betreffend die beiden Vorfälle aus dem Jahr 2015 kommt das Bundesver-
waltungsgericht nach Prüfung sämtlicher Akten zum Schluss, dass die Vor-
instanz die Vorbringen des Beschwerdeführers zu Recht als unglaubhaft
qualifiziert hat. Die Ausführungen in der Beschwerdeschrift vermögen den
Erwägungen der Vorinstanz letztlich nichts Stichhaltiges entgegenzuset-
zen. Somit kann vorab auf die zutreffenden Erwägungen in der angefoch-
tenen Verfügung verwiesen werden, mit folgenden Ergänzungen:
6.2.1 Betreffend die beiden vom Beschwerdeführer geschilderten Vorfälle
im Jahr 2015, welche letztlich ausschlaggebend für seine Ausreisen gewe-
sen seien, ist festzuhalten, dass seine diesbezüglichen zeitlichen Angaben
divergieren. Anlässlich der BzP führte er in freier Erzählung aus, bis im (...)
2015 ins B._-Camp zur Unterschriftsleistung gegangen zu sein. Im
K._-Camp sei er anfangs 2015 zuletzt gewesen und im (...) 2015
habe man ihn im L._-Camp inhaftiert (SEM-Akte A6/12 S. 7 und 8).
Bei der lediglich drei Wochen später stattfindenden Anhörung gab er hin-
gegen zu Protokoll, nicht mehr zu wissen, wann genau er im Jahr 2015 das
letzte Mal im K._-Camp gewesen sei (SEM-Akte A11/31 F92). Wei-
ter führte er zum zweiten Vorfall aus, seine Flucht aus der Haft im
L._-Camp sei ihm am (...) 2015 gelungen (SEM-Akte A11/31 F187).
Danach gefragt, wie viel Zeit zwischen dem Vorfall im K._-Camp
und demjenigen im L._-Camp gelegen sei, nannte er einen Zeit-
raum von zwei bis drei Monaten (SEM-Akte A11/31 F222). Auf diese zeitli-
chen Ungereimtheiten angesprochen, führte er aus, er wisse nicht mehr
genau, wann sich die Vorfälle ereignet hätten beziehungsweise wie viel Zeit
jeweils dazwischengelegen habe. Jemand, der wie er unter Folter gelitten
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habe, könne und werde sich an diese Zeit nicht genau erinnern. Schliess-
lich habe er sich nicht darauf vorbereitet, eines Tages über diese Vorfälle
berichten zu müssen. Weiter hielt er daran fest, am (...) 2015 aus dem
L._-Camp geflohen zu sein (SEM-Akte A11/31 F233 - F238). Da er
während der Anhörung explizit festhielt, dass für ihn die erlebte Folter das
Schlimmste gewesen sei (SEM-Akte A11/31 F216 f.), ist es für das Bun-
desverwaltungsgericht nicht nachvollziehbar, weshalb er nicht imstande ist,
den zeitlichen Ablauf der Vorfälle kongruent zu schildern, zumal es sich –
entgegen dem beschwerdeweisen Vorbringen – gerade nicht um minimale
Abweichungen handelt, sondern um einen Zeitraum von mehr als sechs
Monaten. Insbesondere ins Gewicht fällt, dass er bei der BzP anlässlich
der freien Schilderung angab, bis im (...) 2015 jeweils im B._-Camp
zur Unterschriftsleistung gewesen zu sein, was mit seiner Flucht aus dem
L._-Camp – mit vorangehender drei monatiger Haft – am (...) 2015
nicht vereinbar ist (SEM-Akte A6/12 S. 7; SEM-Akte A11/31 F187, F234).
6.2.2 Der Beschwerdeführer schilderte, dass er nach seinem Verhör drei
Monate lang in dieser dunklen Zelle verbracht habe, ohne jeglichen Kon-
takt zur Aussenwelt beziehungsweise ohne von der Aussenwelt etwas mit-
bekommen zu haben. Einmal pro Tag sei ihm etwas zu Essen hingestellt
worden. Er habe die meiste Zeit geschlafen (SEM-Akte A11/31 F156 –
F158). Aufgrund der Schilderung seiner Zelle (leerer Raum in welchem er
sich aufgehalten habe durch eine unverschlossene Holztür getrennt von
der Toilette, welche wiederum durch eine verriegelte Tür von draussen ge-
trennt gewesen sei) sowie der langen Einzelhaftdauer ist es schwer vor-
stellbar, dass er überhaupt nichts um sich herum mitbekommen haben will
beziehungsweise dass er noch nicht mal versucht habe, mit der Person,
welche ihm das Essen gebracht habe, zu kommunizieren (SEM-Akte
A11/31 F128 – F134, F158, F166 f.). Angesichts des Umstands, dass er
sich während seiner Haft mitten auf einem Militärcamp aufgehalten haben
will und er sich frei bis zur Aussentür seiner Zelle habe bewegen können,
ist nicht nachvollziehbar, dass er in dieser Zeit überhaupt keine Geräusche
gehört haben will (SEM-Akte A11/31 F147, F204). In diesem Zusammen-
hang überzeugt auch nicht, dass er während des Verhörs in der Zelle seine
Verhörer deutlich gesehen haben will, weil durch die Holztür Licht gedrun-
gen sei beziehungsweise diese einen Spalt breit offen gestanden habe, er
gleichzeitig aber behauptet, er sei während seiner Haftzeit in völliger Dun-
kelheit gewesen (SEM-Akte A11/31 F155); zumal es ihm ja frei gestanden
wäre, die Tür zu seiner Zelle offenstehen zulassen, da noch eine weitere
Tür vorhanden gewesen sei (SEM-Akte A11/31 F142 - F147). Ebenso we-
nig vermag der Beschwerdeführer mit seiner Fluchtschilderung aus der
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Seite 19
Haft zu überzeugen. Bei einer Haft im Militärcamp ist davon auszugehen,
dass das dort beschäftigte Personal seine Aufgabe ernst nimmt, insbeson-
dere da es sich beim Beschwerdeführer gemäss seinen Angaben um eine
Person von grossem Interesse gehandelt habe (dazu nachfolgend
E. 6.2.3). Insofern ist bereits erstaunlich, dass gerade er zum Zigaretten-
holen verpflichtet worden sei, zumal er vor seiner eigenen Zelle sauberge-
macht habe und das Personal somit gewusst haben müsste, um wen es
sich handelt (SEM-Akte A11/31 F169, F171). Weiter erstaunt, dass die Mi-
litärperson, welche den Eingang zum Camp kontrolliert habe, ihn einfach
so in ein vorwiegend von Lastwagenchauffeuren auf der Durchreise fre-
quentiertes Bistro – von welchem eine beträchtliche Fluchtgefahr auszuge-
hen wäre – gehen lassen habe (SEM-Akte A11/31 F175 – F177). Hinzu
kommt, dass der Beschwerdeführer angab, nach seiner Haftzeit in völliger
Dunkelheit «weich und bleich» gewesen zu sein (SEM-Akte A11/31 F155).
Sein Aussehen in Kombination mit dem Ort des gelegenen Bistros (neben
Militärcamp) hätte jeden Lastwagenchauffeur stutzig machen müssen
(SEM-Akte A11/31 F176). Insofern überzeugt auch nicht, dass er dem Last-
wagenchauffeur nicht gesagt haben will, weshalb dieser ihn mitnehmen
müsse (SEM-Akte A11/31 F177), war dies aufgrund der Umstände doch
offensichtlich. Dementsprechend gelingt es dem Beschwerdeführer weder
seine drei monatige Haftdauer noch seine anschliessende Flucht glaubhaft
zu machen.
6.2.3 Der Beschwerdeführer versuchte während des ganzen Verfahrens
glaubhaft zu machen, für die sirlankischen Behörden eine Person von gros-
sem Interesse gewesen zu sein (Beschwerde BS 4 S. 14). Wäre dem so
gewesen, hätte ihn das Militär bestimmt nicht unbeaufsichtigt zum Zigaret-
tenkauf geschickt (SEM-Akte A11/31 F175 – F177). Zudem hätten die sri-
lankischen Behörden nach seiner angeblichen Flucht aus der Haft sicher-
lich mit Hochdruck versucht, ihn schnellstmöglich zu finden, und hätten
dazu bei sämtlichen Verwandten nach ihm gesucht, insbesondere auch bei
seinem Onkel in N._. Er führte diesbezüglich jedoch ausdrücklich
aus, dass während der zwei Jahre, in welchen er sich bei seinem Onkel
versteckt gehalten habe, nie etwas geschehen sei (SEM-Akte A11/31
F188). Daran vermag auch nichts zu ändern, dass er behauptete, bei ihm
zu Hause in B._ seien die Behörden regelmässig vorbeigegangen,
was aber für seine Familie keinerlei einschneidende Konsequenzen gehabt
habe (SEM-Akte A11/31 F189 – F194). Er vermute, dass er deshalb so
intensiv gesucht worden sei, weil andere Mitglieder der LTTE ihn bei den
Behörden angeschwärzt hätten (SEM-Akte 11/31 F201). Diese Vermutung
vermag angesichts des Umstands, dass er bereits im ersten Monat nach
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Seite 20
seiner Zwangsrekrutierung durch die LTTE verletzt wurde und lediglich
beim Warentransport behilflich war, nicht zu überzeugen (SEM-Akte
A11/31 F40 – F42, F49 f.). Sodann gab er zu Protokoll, dass sein Onkel,
bei welchem er sich unbehelligt während zweier Jahre versteckt gehalten
habe, seine Identitätskarte zu Hause in B._ geholt habe (SEM-Akte
A11/31 F210). Spätestens dann hätten die Behörden – bei einem wirkli-
chen Interesse an ihm – bei seinem Onkel nach ihm gesucht. Hinzu kommt,
dass es ihm nach seiner angeblichen Flucht problemlos möglich war, einen
Reisepass zu beantragen, er dazu sogar selbst im Ausstellungsbüro in
O._ vorbeigegangen sei und seine Fingerabdrücke abgegeben
habe (SEM-Akte A11/31 F7 – F11). Der Beschwerdeführer konnte somit
nicht glaubhaft machen, dass die srilankischen Behörden ein besonderes
Interesse an ihm gehabt hätten.
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht kommt demnach in Übereinstimmung
mit der Vorinstanz zum Schluss, dass die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht
standhalten.
7.
7.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität be-
fürchten muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
zugefügt zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staat-
lichen Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2,
jeweils m.w.H.). Ob eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung vor-
liegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu beurteilen. Es
müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhan-
den sein, die bei jedem Menschen in der gleichen Lage Furcht vor Verfol-
gung hervorrufen würden. Die objektive Betrachtungsweise ist durch das
vom Betroffenen bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver-
gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub-
jektive) Furcht (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.1; 2011/51 E. 6; 2008/4 E. 5.2, je
m.w.H).
7.2 Aufgrund der Haft und der Rehabilitation allein ist die Begründetheit der
Verfolgungsfurcht des Beschwerdeführers nicht anzunehmen, zumal diese
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Seite 21
Vorverfolgung zum Zeitpunkt der Ausreise – infolge Unglaubhaftigkeit der
geltend gemachten Verfolgungshandlungen nach der Entlassung aus der
Rehabilitationshaft im (...) 2010 (vgl. E. 6) – sieben Jahre zurücklag. Wie
in der angefochtenen Verfügung zutreffend ausgeführt wurde, erreichen die
mit dem Abschluss der Rehabilitationshaft regelmässig einhergehenden
Überwachungsmassnahmen in der Regel kein asylrelevantes Ausmass.
Vorliegend konnte der Beschwerdeführer nach seiner Entlassung aus der
Rehabilitation wieder nach Hause zurückkehren und hatte sich lediglich zur
Unterschriftsleistung und für Befragungen bereithalten müssen. Er konnte
nicht dartun, dass er nach der Rehabilitation Opfer von Verfolgungsmass-
nahmen asylrelevanten Ausmasses geworden wäre. So musste er gemäss
seinen Angaben nach der Entlassung während fünf Jahren Unterschrift
leisten. Dieser allgemeinen Überwachung rehabilitierter LTTE-Kämpfer un-
terstand der Beschwerdeführer seit Jahren, ohne dass es ihn zur Ausreise
veranlasste hätte. Es ist nicht anzunehmen, die srilankischen Behörden
hätten es über einen solch langen Zeitraum bei Unterschriftsleistung und
gelegentlichen Befragungen belassen, wären sie tatsächlich ernsthaft am
Beschwerdeführer interessiert gewesen. Nach dem Gesagten sind die
Massnahmen der srilankischen Behörden weder intensiv genug noch ver-
mochten sie einen unerträglichen psychischen Druck zu verursachen. Das
Vorliegen einer objektiven Furcht vor künftiger asylrelevanter Verfolgung
im Zeitpunkt der Ausreise ist zu verneinen.
7.3 In Bezug auf die Hinweise in der Beschwerdeschrift auf die veränderte
Lage in Sri Lanka seit dem Regierungswechsel vom November 2019 ist
festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht die aktuelle Lage auf-
merksam verfolgt, sich der Veränderungen in Sri Lanka bewusst ist und
diese bei seiner Entscheidfindung berücksichtigt. Zwar ist beim derzeitigen
Kenntnisstand durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefähr-
dungslage auszugehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil
ausgesetzt sind beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl.
Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 m.w.H.). Es gibt
aber zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Ein persönlicher Bezug des Be-
schwerdeführers zur Präsidentschaftswahl ist aus den Akten nicht ersicht-
lich. Die Präsidentschaftswahlen von 16. November 2019 und daran an-
knüpfende Ereignisse vermögen im Hinblick auf den Beschwerdeführer
keine objektiven Nachfluchtgründe zu begründen (vgl. dazu BVGE 2010/44
E. 3.5; Urteil des BVGer E-1156/2020 vom 20. März 2020 E. 6.2;
E-6426/2019 vom 8. November 2021 E. 6.6). Die Wahl am 20. Juli 2022
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Seite 22
von Ranil Wickremesinghe zum Nachfolger des abgetretenen Gotabaya
Rajapaksa als neuen Staatspräsidenten ändert vorerst nichts an der bis-
herigen Lageeinschätzung, ist dieser doch Teil der alten politischen Elite.
8.
8.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender (aktueller)
Vorverfolgung bei einer Rückkehr in seinem Heimatland ernsthafte Nach-
teile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
8.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind. Zur Beurteilung des Risikos
von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren identifiziert.
Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene Verbindung
zu den LTTE, ein Eintrag in der "Stop-List" und die Teilnahme an exilpoliti-
schen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobegründende
Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten Umständen
bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begründeten Furcht
führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentlicher Identitäts-
dokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine gewisse Aufent-
haltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegründende Faktoren
dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden Risikofaktoren er-
füllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3 AsylG zu be-
fürchten, die nach Ansicht der srilankischen Behörden bestrebt sei, den ta-
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, und so den srilanki-
schen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten Risikofaktoren
seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren Namen in der am
Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" vermerkt seien und deren
Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise einen Strafre-
gistereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten
Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für srilankische
Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betätigt hätten (vgl.
Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5).
8.3
8.3.1 Die Asylvorbringen des Beschwerdeführers mussten als teilweise un-
glaubhaft und im Übrigen asylrechtlich irrelevant qualifiziert werden. Ange-
sichts der glaubhaften achtmonatigen Rehabilitation ist zwar von einer (die
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Seite 23
Rehabilitation auslösenden) Mitgliedschaft des Beschwerdeführers bei den
LTTE auszugehen. Er hat aber angegeben, er habe nach seiner Zwangs-
rekrutierung durch die LTTE lediglich einen Monat beim Umzug geholfen
(SEM-Akte A11/31 F39 - F42, F50 f., F53); gemäss seinen protokollierten
Ausführungen hatte er keine Kaderfunktion inne und war auch nicht in
Kampfhandlungen involviert (SEM-Akte A6/12 S. 7 und 8). Aus seinen An-
gaben geht nicht hervor, dass ihm über die blosse LTTE-Mitgliedschaft hin-
ausgehende Taten vorgeworfen werden könnten. Nachdem er auch nicht
angibt, sich in der Schweiz exilpolitisch betätigt zu haben, sind den Akten
keine konkreten Anhaltspunkte für die Annahme zu entnehmen, die srilan-
kischen Behörden könnten in ihm eine Person vermuten, die bestrebt wäre,
den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen.
8.3.2 Neben der gemäss Akten wenig intensiven Verbindungen zu den
LTTE sind als schwach risikobegründende Faktoren das (angebliche) Feh-
len von Reisepapieren, der mehrjährige Aufenthalt in der Schweiz und die
Narben des Beschwerdeführers zu berücksichtigen (gemäss den einge-
reichten Fotografien an durch Kleider abdeckbarer Stelle am Schulterblatt).
8.4 Insgesamt erscheint nicht überwiegend wahrscheinlich, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt wäre und ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3
Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte. Das SEM hat demnach zu Recht festge-
stellt, dass er die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, und das Asylgesuch
abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
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Seite 24
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder
unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen
werden.
10.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
10.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
E-2912/2020
Seite 25
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.).
10.2.4 Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf
eine EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem eu-
ropäischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst
(vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, Urteil vom 31. Mai
2011, Beschwerde Nr. 41178/08; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Ja-
nuar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom
20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien,
Urteil vom 17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07; Rechtsprechung be-
stätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017, Beschwerde
Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller
Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine un-
menschliche Behandlung. Vielmehr müssten im Rahmen der Beurteilung,
ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für die Befürchtung habe, die
Behörden hätten an seiner Festnahme und Befragung ein Interesse, ver-
schiedene Aspekte – welche im Wesentlichen durch die im Referenzurteil
E-1866/2015 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind (vgl. EGMR,
T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94; EGMR, E.G. gegen Grossbritannien,
a.a.O., § 13 und 69) – in Betracht gezogen werden. Dabei sei dem Um-
stand gebührend Beachtung zu tragen, dass diese einzelnen Aspekte,
auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglicherweise kein "real risk"
darstellen, diese Schwelle bei einer kumulativen Würdigung erreichen
könnten.
10.2.5 Nachdem der Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht hat, dass
er befürchten müsse, bei einer Rückkehr in den Heimatstaat die Aufmerk-
samkeit der srilankischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür,
ihm würde eine menschenrechtswidrige Behandlung in Sri Lanka drohen.
10.2.6 Aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts besteht bei der heutigen
Aktenlage kein Grund zur Annahme, dass sich die jüngsten politischen Ent-
wicklungen in Sri Lanka konkret auf den Beschwerdeführer auswirken
könnten. Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als generell unzulässig
E-2912/2020
Seite 26
erscheinen und der Beschwerdeführer bringt seinerseits keine individuel-
len Merkmale glaubhaft vor, welche eine Unzulässigkeit des Vollzugs be-
gründen könnten.
10.2.7 Der Vollzug der Wegweisung erweist sowohl im Sinn der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig.
10.3
10.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der srilankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Was die allgemeine
Situation in Sri Lanka betrifft, aktualisierte das Bundesverwaltungsgericht
in den Referenzurteilen E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2–13.4 und
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 die Lagebeurteilung bezüglich der Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Nord- und Ostprovinzen Sri
Lankas. Dabei stellte es fest, dass der Wegweisungsvollzug sowohl in die
Nordprovinz als auch in die Ostprovinz unter Einschluss des Vanni-Gebiets
zumutbar ist, wenn das Vorliegen von individuellen Zumutbarkeitskriterien
(insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann. Auch die jüngsten politischen Entwick-
lungen in Sri Lanka – namentlich die Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum
Präsidenten und deren Folgen – sowie die Nachwirkungen der Anschläge
vom 21. April 2019 und des damals verhängten, zwischenzeitlich wieder
aufgehobenen Ausnahmezustands führen nicht dazu, dass der Wegwei-
sungsvollzug generell als unzumutbar angesehen werden müsste. Auch
die Wahl am 20. Juli 2022 von Ranil Wickremesinghe zum Nachfolger des
abgetretenen Gotabaya Rajapaksa als neuen Staatspräsidenten ändert
vorerst nichts an der bisherigen Lageeinschätzung, ist dieser doch Teil der
alten politischen Elite (vgl. auch Urteil des BVGer D-2995/2022 vom
21. Juli 2022 E. 13).
10.3.3 Das SEM stellte sich hinsichtlich der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs nach Sri Lanka auf den Standpunkt, dass dieser sowohl in
E-2912/2020
Seite 27
allgemeiner als auch in individueller Hinsicht als zumutbar einzustufen sei.
Der Beschwerdeführer sei ein gesunder junger Mann mit einer guten
Schuldbildung. Er komme aus einer Familie, die in Sri Lanka über ein Haus
und zahlreiche Felder inklusive Bewässerungsteich verfüge, welche sie
selbst bewirtschaftet hätten. Seine Mutter habe die Ausreise nicht nur fi-
nanzieren, sondern auch noch den mit der Ausreise betrauten Agenten
sorgfältig auswählen können. Seine Eltern und Geschwister lebten nach
wie vor in B._ und er verfüge darüber hinaus über mehrere Onkel
und Tanten im S._-Gebiet und im Distrikt M._. Er habe denn
auch zwei Jahre vor seiner Ausreise bereits bei seinem Onkel im Distrikt
M._ verbringen können, womit davon auszugehen sei, dass er auch
künftig über Wohnsitzalternativen in seinem Heimatstaat verfüge, sollte er
dies aus etwaigen Gründen wünschen. Somit sei von einer gesicherten
Wohnsituation und vom Vorhandensein einer guten wirtschaftlichen Le-
bensgrundlage auszugehen, mithin von besonders begünstigenden Um-
ständen, sodass auch ihm als Absolvent eines Rehabilitationsprogramms
die Rückkehr nach Sri Lanka zuzumuten sei.
Der Beschwerdeführer entgegnete in seiner Beschwerde, er falle mit seiner
Vorgeschichte unter die Kategorie der vulnerabelsten Personen, welche
bei einer Einreise einer konkreten Folter- und Todesgefahr ausgesetzt
seien. Hinzu komme, dass er aufgrund der traumatischen Erlebnisse stark
gezeichnet sei. Die drohende Rückkehr nach Sri Lanka versetze ihn in Pa-
nik. Im Falle einer Rückkehr könne er nicht mit der gebotenen Behandlung
dieser (...) rechnen, drohten ihm doch abermals Befragungen samt Miss-
handlungen und Folter. Sein Gesundheitszustand würde sich bei einer
Rückkehr irreversibel verschlechtern. Der Rechtsvertreter des Beschwer-
deführers verweist sodann auf einen «identischen beziehungsweise zu-
mindest analogen Fall «(E-1179/2020)», in welchem ein ebenfalls von ihm
mandatierter Beschwerdeführer aufgrund dessen LTTE-Mitgliedschaft,
Teilnahme am Rehabilitationsprogramm und anschliessender – nach meh-
reren Jahren seit der Rehabilitation erfolgter – Befragung durch die srilan-
kischen Behörden betreffend LTTE-Tätigkeit, infolge Unzumutbarkeit vor-
läufig aufgenommen worden sei. Folglich sei der Beschwerdeführer vorlie-
gend ebenfalls vorläufig aufzunehmen.
10.3.4 Nach Prüfung der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die
Vorinstanz zu Recht das Bestehen individueller Wegweisungsvollzugshin-
dernisse verneint hat. Der Beschwerdeführer verfügt gemäss Aktenlage in
seinem Heimatstaat über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz, auf
dessen Unterstützung er zur Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz
E-2912/2020
Seite 28
mutmasslich zählen kann. Seine Familie verfügt über viele Landwirt-
schaftsgrundstücke sowie ein Wasserreservoir und ist finanziell gut gestellt
(SEM-Akte A6/12 S. 5; A11/31 F15 – F23). Es besteht kein Grund zur An-
nahme, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in eine existenzielle
Notlage geraten wird.
Betreffend seine gesundheitliche Situation ist festzuhalten, dass die gel-
tend gemachte (...) nicht belegt ist. Den Akten lassen sich keine medizini-
schen Unterlagen entnehmen, die auf gesundheitliche Probleme hindeuten
würden. Der Beschwerdeführer gibt selbst an, dass er zwar schlecht
schlafe, es ihm aber körperlich gut gehe (SEM-Akte A6/12 S. 8). Überdies
kann davon ausgegangen werden, dass Sri Lanka grundsätzlich über ein
funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem verfügt, welches in der
Lage ist, eine adäquate medizinische Versorgung zu gewährleisten (vgl.
Urteil des BVGer D-4145/2021 vom 18. Juli 2022 E. 9.4.5, E-4074/2020
vom 11. Januar 2022 E. 8.3.3 und D-3647/2019 vom 14. April 2021 E. 9.8;
UK Home Office, Country Policy and Information Note, Sri Lanka: Medical
Treatment and Healthcare, July 2020, insbesondere Ziff. 8 S. 34 ff.). Unter
diesen Umständen ist nicht davon auszugehen, dass die Rückkehr des Be-
schwerdeführers in den Heimatstaat zu einer raschen und lebensgefähr-
denden Beeinträchtigung seines Gesundheitszustandes führen wird (vgl.
BVGE 2011/50 E. 8.3 S. 1003 f., BVGE 2009/2 E. 9.3.2 S. 21).
Sodann vermag der Beschwerdeführer aus dem Hinweis seines Rechts-
vertreters auf das Verfahren E-1179/2020 nichts zu seinen Gunsten abzu-
leiten, handelt es sich doch um zwei voneinander völlig unabhängige Ver-
fahren.
10.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl in genereller als auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
10.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
E-2912/2020
Seite 29
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwischen-
verfügung vom 11. Juni 2020 die unentgeltliche Prozessführung gewährt
worden ist und aufgrund der Akten nach wie vor von der Bedürftigkeit des
Beschwerdeführers auszugehen ist, sind keine Verfahrenskosten zu erhe-
ben.
12.2 Mit gleicher Zwischenverfügung wurde dem Beschwerdeführer die
amtliche Verbeiständung gewährt und Rechtsanwalt Rajeevan
Linganathan als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. In der Kostennote
vom 14. August 2020 wurde ein Aufwand von 14.42 Stunden zu einem
Stundenansatz von Fr. 250.00 und ein Auslagenersatz in der Höhe von
Fr. 100.40 (total Fr. 3'990.70, inkl. MWST) geltend gemacht. Der in der Kos-
tennote vom 14. August 2020 geltend gemachte Aufwand von 14.42 Stun-
den für die Beschwerdeschrift und die Stellungnahme zur Vernehmlassung
der Vorinstanz erscheint vorliegend hinsichtlich der Notwendigkeit nicht
gänzlich angemessen. So enthält die Beschwerdeschrift mehrere Seiten
Zusammenfassung von Zeitungsartikeln und Länderberichten zur allge-
meinen politischen Lage in Sri Lanka, weshalb der Aufwand auf insgesamt
12 Stunden, zu kürzen ist. Das Gericht geht bei amtlicher Vertretung durch
Anwältinnen und Anwälte von einem Stundenansatz von Fr. 220.– aus (vgl.
Zwischenverfügung vom 11. Juni 2020). Dem amtlichen Rechtsbeistand ist
somit durch das Gericht ein Honorar in der Höhe von Fr. 2'951.40 (inkl.
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) auszurich-
ten.
(Dispositiv nächste Seite)
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