Decision ID: 5a4739ae-0ab4-4510-891e-902d1f9dd23d
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ arbeitete seit dem 1. August 2014 als Produktionsmitarbeiterin für die B._
AG und war deshalb bei der Suva obligatorisch unfallversichert (UV-act. 9–43). Am 20.
März 2018 liess sie gegenüber der Suva geltend machen (UV-act. 1), sie habe im
Sommer 2017 „aufgrund ihrer Tätigkeit an den Maschinen ihres Arbeitgebers massive
Probleme im oberen Bewegungsapparat von den Schultern über die Arme und
Handgelenke bis zu den Fingern“ bekommen. Seit dem 5. Juli 2017 sei sie vollständig
arbeitsunfähig. Hier stehe wohl eine Berufskrankheit zur Diskussion. Die Arbeitgeberin
gab am 6. April 2018 an (UV-act. 4), der Fall sei bei der Krankentaggeldversicherung
angemeldet worden. Diese habe seit dem letzten Sommer Taggeldleistungen erbracht,
die nun aber per 1. Juni 2018 oder per 1. Juli 2018 eingestellt würden. Am 18. Januar
2018 habe die Arbeitgeberin die Kündigung des Arbeitsverhältnisses per 18. März 2018
ausgesprochen. Die Klinik für orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates des Kantonsspitals St. Gallen hatte am 28. Juli 2017 berichtet
(UV-act. 9–39 f.), die Versicherte leide an paravertebralen Myogelosen im Bereich der
Halswirbelsäule und der rechten Schulter. Zudem bestehe der Verdacht auf eine AC-
Gelenksarthropathie der rechten Schulter und auf eine Tendovaginitis stenosans de
Quervain bei einem Status nach einem operativen Eingriff im Jahr 2011. Vorerst sei
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bis zum 13. August 2017 attestiert worden. Die
Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie des Kantonsspitals St.
Gallen hatte in einem Bericht vom 9. August 2017 festgehalten (UV-act. 9–37 f.), die
Versicherte leide an einer Tenosynovitis an beiden Unterarmen, rechts mehr als links.
A.a.
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Sie habe über seit mehreren Monaten zunehmende, anhaltende und therapieresistente
Schmerzen im Bereich der beiden Unterarme geklagt. Sie habe angegeben, dass sie
seit vier Wochen auch an einer Sensibilitätsstörung respektive einem Einschlafgefühl im
zweiten bis fünften Strahl der rechten Hand leide. Im vergangenen Monat, in dem sie
nicht gearbeitet habe, habe sie keine deutliche Beschwerdebesserung festgestellt. Die
Fachärzte hielten fest, die unklare Schmerzproblematik sei am ehesten auf eine
Tenosynovitis des ersten, fünften und sechsten Strecksehnenfachs rechts
zurückzuführen. Ein Carpaltunnelsyndrom liege wohl nicht vor. Links dürfte eine
Tenosynovitis des fünften und sechsten Strecksehnenfachs vorliegen. Die Klinik für
Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen hatte am 11. September 2017 berichtet (UV-
act. 9–31), elektroneurographisch sei ein Normalbefund ohne einen Hinweis auf
neurogene Veränderungen und ohne Hinweis auf ein Nervenkompressionssyndrom
erhoben worden.
Am 7. Mai 2018 gab die Versicherte auf entsprechende Rückfragen der Suva hin
an (UV-act. 11), sie habe pro Arbeitsschicht etwa tausend Teile mit einer elektrischen
Feile reinigen und anschliessend prüfen müssen. Zu Beginn seien die Maschinen
besser geschmiert gewesen, wodurch die Teile in besserer Qualität produziert worden
seien. Sie hätten kaum gereinigt werden müssen. Im Laufe der Zeit hätten die
qualitativen Schwankungen zugenommen, was einen entsprechend grösseren
Reinigungsaufwand verursacht habe. Die Tätigkeit sei sehr streng gewesen. Nach etwa
acht Monaten seien Beschwerden aufgetreten. Die Klinik für Hand-, Plastische und
Wiederherstellungschirurgie des Kantonsspitals St. Gallen hatte am 2. November 2017
berichtet (UV-act. 20–5 f.), eine am 13. September 2017 durchgeführte Infiltration des
ersten und fünften Strecksehnenfachs rechts und des fünften Strecksehnenfachs links
(vgl. UV-act. 20–3 f.) habe subjektiv für drei Wochen zu einer Beschwerdelinderung
geführt. Anschliessend hätten die Beschwerden wieder zugenommen. Angesichts der
Beschwerdepersistenz nach Ruhigstellung stelle sich die Frage nach einer
rheumatologischen Ursache. Die Klinik für Rheumatologie des Kantonsspitals St.
Gallen hatte am 11. Januar 2018 berichtet (UV-act. 32–1 ff.), bei klinisch fehlenden
Arthritiden, einer fehlenden Morgensteife, regelrechten humoralen Entzündungszeichen
und regelrechten immunologischen Befunden sowie konventionell-radiologisch
fehlenden (post-) entzündlichen Veränderungen habe sich kein Hinweis auf das
A.b.
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Vorliegen einer entzündlich-rheumatischen Systemerkrankung ergeben. Die
Beschwerden seien am ehesten im Rahmen einer mechanischen Fehl- oder
Überbelastung und beginnender degenerativer Veränderungen zu interpretieren. In
einem Bericht vom 8. März 2018 hatte die Klinik für Hand-, Plastische und
Wiederherstellungschirurgie des Kantonsspitals St. Gallen festgehalten (UV-act. 20–9
ff.), aus handchirurgischer Sicht liessen sich die beidseitigen Handgelenks-, Unterarm-,
Oberarm- und Schulterbeschwerden nach mehreren handchirurgischen und
rheumatologischen Untersuchungen sowie der Erstellung mehrerer MRI nicht erklären.
Insbesondere bestehe keine chirurgisch zu sanierende Problematik. Eventuell handle
es sich um ein Fibromyalgiesyndrom. Die Versicherte habe sich zwischenzeitlich bei
der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug angemeldet. Die Klinik für Neurologie
des Kantonsspitals St. Gallen hatte am 19. April 2018 berichtet (UV-act. 21–1 ff.), bei
der Verlaufsuntersuchung seien der klinische Befund und das Ergebnis einer
elektroneurographischen Untersuchung unauffällig gewesen. Angesichts des
„relevanten Leidensdrucks dieser arbeitsunfähigen und sehr schmerzgeplagten
Patientin“ sei eine Überweisung in eine spezialisierte Schmerztherapie erfolgt. Am 28.
Mai 2018 berichtete die Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen (UV-act. 21–
5 ff.), die Versicherte leide an einem chronifizierten, gemischt neuropathisch-
nozizeptiven Schmerzsyndrom mit myofascialen Komponenten, das durch die
Schonhaltung und die beginnende depressive Verstimmung unterhalten werde.
Der Suva-Arbeitsmediziner Dr. med. C._ empfahl am 4. Juli 2018, die
Datenblätter der Maschinen, an denen die Versicherte gearbeitet hatte, einzusehen
(UV-act. 34). Am 11. Juli 2018 liess die ehemalige Arbeitgeberin der Suva die
Datenblätter der von der Versicherten bedienten Maschinen zugehen (UV-act. 43). Der
Suva-Arbeitsmediziner Dr. med. D._ hielt am 30. Juli 2018 fest (UV-act. 48), gemäss
den Datenblättern vibrierten die Mikromotoren mit weniger als 2,5 m/s . Bei diesem
Wert handle es sich um den sogenannten Auslösewert, ab dem eine vertiefte
Risikobeurteilung durchgeführt werden müsse. Der Grenzwert liege bei 5 m/s . „Rein
theoretisch“ dürfte bei einer Vibrationsbelastung von weniger als 2,5 m/s keine
gesundheitliche Beeinträchtigung resultieren. In der Bedienungsanleitung werde
allerdings für längere Einsätze der Einsatz eines Gummischutzes zur Dämmung der
Vibrationsbelastung und Erwärmung empfohlen. Für die Beantwortung der Frage, ob
A.c.
2
2
2
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die von der Versicherten ausgeübte Tätigkeit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
ursächlich für das beschriebene Schmerzsyndrom gewesen sei, sollte eine
Arbeitsplatzabklärung durchgeführt werden. Am 16. August 2018 fand eine
Arbeitsplatzabklärung im Beisein der Versicherten statt. Die Abklärungsbeauftragte der
Suva berichtete (UV-act. 58; vgl. auch die Fotos in UV-act. 49 ff.), die Versicherte habe
ab Oktober 2015 in der Giesserei gearbeitet und Bauteile entgratet. Diese Arbeit habe
sie an fünf bis sechs Tagen pro Woche während jeweils 8,5 Stunden ausgeführt. Sie
habe unterschiedlich starken Druck auf die Bauteile ausüben müssen. Die Bewegungen
seien repetitiv gewesen. Die Teile wögen lediglich 110 g respektive 90 g; auch die Feile
habe kein relevantes Gewicht. Laut der Versicherten sei das Problem die Vibration. Drei
Monate lang habe sie eine Robot-Entgratzelle mit einer Druckprüfung bedient. Dabei
habe sie die Teile visuell kontrollieren, auf eine Platte legen und manuell mit einem
Gewicht von 700 g belasten müssen. Sie habe bei allen Arbeiten die komplette
persönliche Schutzausrüstung getragen. Diese habe Spezialhandschuhe beinhaltet,
nachdem sie sich über die Vibrationsbelastung beklagt habe. Pro Schicht habe sie fünf
oder sechs Kisten à 25 kg auf ein Rollband legen und die leere Kiste à 10,5 kg wieder
auf der Palette aufstapeln müssen. Die Versicherte habe bezüglich ihrer
Freizeitaktivitäten angegeben, dass seit ihrer Kindheit das Stricken ihr liebstes Hobby
sei. Früher habe sie täglich bis zu einer Stunde gestrickt. Etwa ab dem Jahr 2013 habe
sie weniger gestrickt, vielleicht durchschnittlich noch 10–20 Minuten pro Tag. Am 19.
September 2018 notierte Dr. D._ (UV-act. 61), die Vibrationsbelastung am
Arbeitsplatz habe unterhalb des gültigen Auslösewertes gelegen. Neurologisch hätten
keine Drucklähmungen der Nerven nachgewiesen werden können. Eine vorwiegende
berufliche Verursachung der geltend gemachten Beschwerden durch eine
Vibrationsbelastung sei deshalb unwahrscheinlich. Die Versicherte habe pro Schicht
etwa 600–1000 Werkteile bearbeitet, was bei einer Arbeitszeit von 8,5 Stunden pro Tag
eine Bearbeitungszeit von 30 Sekunden pro Werkstück ergebe (8,5h × 3600s/h ÷ 1000
= 30,6s). Die Tätigkeit könne deshalb nicht als hoch repetitiv qualifiziert werden. Die
Gewichte seien als sehr leicht zu bewerten. Die Versicherte habe anamnestisch eine
Voroperation an der rechten Hand gehabt. Über ein Jahr nach Beendigung der
Tätigkeit leide sie weiterhin unter Schmerzen im Bereich der Handgelenke. Der zeitliche
Verlauf sei nicht passend für eine berufliche Verursachung. Als ausserberuflicher Faktor
einer Handgelenksbelastung sei das regelmässige Stricken zu berücksichtigen.
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Zusammenfassend lasse sich versicherungsmedizinisch festhalten, dass die
Beschwerden nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu mehr als 75 Prozent
durch die Belastungen bei der beruflichen Tätigkeit verursacht worden seien. Mit einer
Verfügung vom 28. September 2018 wies die Suva das Leistungsbegehren vom 20.
März 2018 ab (UV-act. 63).
Am 29. Oktober 2018 liess die Versicherte eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 28. September 2018 erheben (UV-act. 65). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Ausrichtung der „gesetzlichen
Versicherungsleistungen zufolge Berufskrankheit“ sowie eventualiter die Durchführung
von weiteren medizinischen, arbeitsplatztechnischen und arbeitsmedizinischen
Abklärungen. Zur Begründung führte sie aus, die Angabe im Datenblatt, die Vibration
der Feile betrage weniger als 2,5 m/s , könne unmöglich stimmen. Die Feile vibriere
massiv stärker. Die Suva sei verpflichtet, entsprechende Messungen durchzuführen.
Die medizinische Abklärung sei unvollständig. Schon optisch seien starke
Schwellungen festzustellen. Nach der Operation im Herkunftsland im Jahr 2012 sei die
Versicherte bis Juni 2016 komplett beschwerdefrei gewesen. Das Stricken während
10–20 Minuten pro Tag sei geradezu vernachlässigbar. Die Tätigkeit an der Robot-
Entgratzelle, die die Versicherte vor dem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit ausgeübt habe,
sei nicht berücksichtigt worden, obwohl die Versicherte fünf- bis sechsmal pro Tag
schwere Gewichte habe heben müssen.
A.d.
2
Am 24. Juli 2019 hielt Dr. D._ fest (UV-act. 76), die Einsprache enthalte zwar
keine Hinweise, die ihn an seiner Beurteilung zweifeln liessen. Aber er werde einen
Betriebsbesuch zusammen mit einem Facharzt für Chirurgie durchführen,
Videoaufnahmen erstellen und diese anschliessend mit den Fachspezialisten des
Bereichs Physik und Ergonomie besprechen. Anschliessend würden diese einen
weiteren Betriebsbesuch durchführen und eine Beurteilung der kumulativen Belastung
bezüglich der Hand-Arm-Vibrationen vornehmen. Bereits am 13. März 2019 hatte die
Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen berichtet (UV-act. 73), die
Versicherte leide an einem chronifizierten Schmerzsyndrom, das sich von der rechten
Hand auf den gesamten Körper ausgebreitet habe. Eine ausführliche neurologische
Abklärung sei erfolgt. Aktuell befinde sich die Versicherte in einem chronifizierten
Zustand. Alle bislang vorgeschlagenen unterstützenden Medikamente seien nicht
A.e.
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vertragen worden, wobei eindeutige Angaben über die aufgetretenen unerwünschten
Wirkungen nicht hätten eruiert werden können, was allenfalls an einer Sprachbarriere li
ege. Die Suva zog ihre Verfügung vom 28. September 2018 am 12. September 2019
zurück (UV-act. 84). Der erste Betriebsbesuch fand am 5. November 2019 statt. Am 11.
November 2019 berichtete Dr. D._ (UV-act. 98), die Versicherte habe angegeben,
dass die Tätigkeit in der Giesserei früher anders gewesen sei. Der damalige
Vorgesetzte habe ihr gesagt, dass der Betrieb beim Schmierstoff gespart und dafür
den Mitarbeiterinnen einen höheren Lohn ausbezahlt habe, weil die Arbeit damals
anstrengender gewesen sei. Ein Sicherheitsingenieur und Arbeitshygieniker der Suva
hielt am 13. November 2019 fest (UV-act. 103), die anhand des
Betriebsbesuchsberichtes von Dr. D._, einer telefonischen Abklärung beim
Werkzeuglieferanten, der technischen Daten des eingesetzten Gerätes und der
Erfahrungswerte aus Grundlagenerhebungen und anderen Schadenfällen pro
Arbeitstag gemittelte bewertete Beschleunigung über die massgebenden 3,1 Jahre
hinweg habe weniger als 2 m/s betragen. Aus der Risikokurve für
Durchblutungsstörungen ergebe sich im vorliegenden Fall ein Risiko von weit weniger
als zehn Prozent für eine Expositionszeit von 3,1 Jahren. Für Knochen- und
Nervenschädigungen stünden keine normativen Beurteilungswerte zur Verfügung.
Nach den einschlägigen Erfahrungen ergebe sich aber nach einer solch geringen
Vibrationsbelastung keine Kausalität. Am 18. Dezember 2019 notierte der Suva-
Ergonom Dr. med. E._ (UV-act. 104), die von der Versicherten beschriebenen
Tätigkeiten beinhalteten ein mässig erhöhtes oder wesentlich erhöhtes Risiko für eine
Überbelastung des Hand-Arm-Systems. Bei einem wesentlich erhöhten Risiko könne
eine körperliche Überbeanspruchung auch für normal belastbare Personen, bei einem
mässig erhöhten Risiko nur für vermindert belastbare Personen möglich sein. Die
hohen Belastungen rührten vor allem vom repetitiven Charakter der Tätigkeit mit
teilweise hohen Bewegungsfrequenzen und teilweise ungünstigen
Handgelenksstellungen in Kombination mit einem mittleren Kraftaufwand. Als
erschwerender Faktor wirke sich die lange tägliche Expositionszeit („keine Jobrotation“)
aus. Am 14. Januar 2020 hielt Dr. E._ ergänzend fest (UV-act. 109), auch wenn die
Bewertung der Tätigkeit mit der Leitmerkmalmethode ein „wesentlich erhöhtes Risiko“
ergeben habe, sei die Entstehung einer Berufskrankheit nach Art. 9 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) unwahrscheinlich. Für
2
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B.
eine mögliche Kausalität müsste mindestens ein „hohes Risiko“ ersichtlich sein. In
einem solchen Fall wären auch verpflichtende Massnahmen zur Verbesserung der
Tätigkeiten angezeigt, was bei einem nur „wesentlich erhöhten Risiko“ nicht der Fall
sei. Am 14. Januar 2020 führten die Suva-Arbeitsmediziner Dres. med. D._ und F._
aus (UV-act. 110), die von der Versicherten ausgeübte Tätigkeit sei als insgesamt
überwiegend sehr leicht, häufig monoton, teilweise hochrepetitiv, manchmal
wechselbelastend und in Bezug auf die Vibrationsbelastung der oberen Gliedmassen
völlig unkritisch einzustufen. Nur selten habe die Versicherte sehr schwere Kisten
heben müssen. Ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dieser Tätigkeit mit
einem mittlerweile – mehr als zwei Jahre nach dem Ende der Arbeitseinsätze – auf den
ganzen Körper ausgeweiteten chronischen Schmerzsyndrom mit myofascialen
Komponenten sei in einem hohen Masse unwahrscheinlich. Versicherungsmedizinisch
sei das Vorliegen einer Berufskrankheit zu verneinen. Mit einer Verfügung vom 17.
Januar 2020 wies die Suva das Leistungsbegehren vom 20. März 2018 ab (UV-act.
114).
Am 17. Februar 2020 liess die Versicherte eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 17. Januar 2020 erheben (UV-act. 126). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Ausrichtung der gesetzlichen
Versicherungsleistungen zufolge Berufskrankheit und eventualiter die Durchführung
von weiteren medizinischen, arbeitsplatztechnischen und arbeitsmedizinischen
Abklärungen. Zur Begründung führte sie aus, der Bericht des Arbeitshygienikers vom
13. November 2019 beruhe auf der falschen Annahme, die effektive Arbeitszeit habe
nur sechs Stunden pro Tag betragen. Die Arbeitszeit habe sich auf 8,5 Stunden
belaufen. Es habe keine Vorbereitungszeiten gegeben, die davon abgezogen werden
könnten. Die Situation beim Betriebsbesuch habe nicht jener während der Tätigkeit der
Versicherten im Betrieb entsprochen. Die Versicherte sei nach wie vor überzeugt
davon, dass die Feile massiv stärker als mit 2,5 m/s vibriert habe. Die von ihr
wahrgenommenen Vibrationen könnten unmöglich unter dem Grenzwert gelegen
haben.
B.a.
2
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C.
Mit einem Entscheid vom 6. September 2021 wies die Suva die Einsprache ab
(UV-act. 132). Zur Begründung führte sie an, mit Blick auf den Art. 9 Abs. 1 UVG stehe
einzig die Vibrationsbelastung zur Diskussion. Gemäss dem Anhang 1 zur Verordnung
über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) müsste eine Erkrankung durch eine
Vibrationsbelastung aber zu einer radiologisch nachweisbaren Einwirkung auf
Knochen, Gelenke oder den peripheren Kreislauf führen, um als Berufskrankheit
anerkannt zu werden. Das sei hier nicht der Fall, denn neurologisch hätten keine
Drucklähmungen der Nerven nachgewiesen werden können. Der medizinische
Sachverhalt sei entgegen der Ansicht der Versicherten diesbezüglich umfassend und
vollständig abgeklärt worden. Auch eine Anwendung des Art. 9 Abs. 2 UVG falle nicht
in Betracht, wie die Arbeitsmediziner Dres. D._ und F._ nach umfangreichen
Abklärungen überzeugend aufgezeigt hätten.
B.b.
Am 11. September 2021 erhob die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) bei der Suva eine Einsprache gegen den Einspracheentscheid
vom 6. September 2021 (act. G 1). Die Suva (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin)
leitete die Eingabe am 17. September 2021 an das Versicherungsgericht zur Prüfung
als Beschwerde weiter (act. G 0). Das Versicherungsgericht forderte die
Beschwerdeführerin am 22. September 2021 auf, die den gesetzlichen
Minimalanforderungen an eine Beschwerde nicht genügende Eingabe zu verbessern
(act. G 3).
C.a.
Am 7. Dezember 2021 liess die nun anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin die
Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides, die Ausrichtung der
gesetzlichen Versicherungsleistungen zufolge Berufskrankheit und eventualiter die
Durchführung von weiteren medizinischen, arbeitsplatztechnischen und
arbeitsmedizinischen Abklärungen beantragen (act. G 11). Zur Begründung führte ihr
Rechtsvertreter aus, die anlässlich des Betriebsbesuchs vom 5. November 2019
angetroffenen Arbeitsbedingungen hätten nicht denjenigen während der Zeit
entsprochen, in der die Beschwerdeführerin für die B._ AG gearbeitet habe. Die
elektrische Feile habe unmöglich mit weniger als 2,5m/s vibriert. Die Entzündung der
Handgelenke und der Arme könne bereits optisch festgestellt werden. Die
C.b.
2
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Erwägungen
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin an einer versicherten
Berufskrankheit gelitten hat, die zum Bezug von Leistungen der obligatorischen
Unfallversicherung berechtigt hätte.
2.
Schwellungen könnten von der Beschwerdeführerin weder provoziert noch simuliert
werden.
Am 20. Januar 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde (act. G 13). Zur Begründung führte sie an, die Begründung der
Beschwerde erschöpfe sich zum grössten Teil in einer Abschrift der Begründung der
Einsprache, weshalb sich eine diesbezüglich umfassende Stellungnahme erübrige und
es bei der Bemerkung sein Bewenden haben könne, dass es weiterer Abklärungen
nicht bedürfe.
C.c.
Am 25. Januar 2022 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung bewilligt (act. G 14).
C.d.
Der Art. 9 UVG unterscheidet zwischen zwei Arten von versicherten
Berufskrankheiten, nämlich zwischen den sogenannten „Listenkrankheiten“, das sind
Schädigungen, die im Zusammenhang mit einem im Anhang 1 zur UVV erwähnten Stoff
oder einer im selben Anhang erwähnten Tätigkeit stehen (Art. 9 Abs. 1 UVG), und
anderen Berufskrankheiten (Art. 9 Abs. 2 UVG). Eine „Listenkrankheit“ löst eine
Leistungspflicht der obligatorischen Unfallversicherung aus, wenn sie ausschliesslich
oder vorwiegend durch die berufliche Tätigkeit ausgelöst worden ist.
Rechtsprechungsgemäss ist dies der Fall, wenn die berufsbedingten Ursachen „mehr
wiegen als alle anderen mitbeteiligten Ursachen, mithin im gesamten
Ursachenspektrum mehr als 50 Prozent ausmachen“ (BGE 117 V 354 E. 2a S. 355 mit
Hinweisen). Eine Leistungspflicht nach Art. 9 Abs. 2 UVG besteht dagegen nur, wenn
die Gesundheitsbeeinträchtigung ausschliesslich oder stark überwiegend durch die
berufliche Tätigkeit ausgelöst worden ist, was rechtsprechungsgemäss bedeutet, dass
die Erkrankung „mindestens zu 75 Prozent durch die berufliche Tätigkeit verursacht
worden“ sein muss (BGE 117 V 354 E. 2a S. 355 mit Hinweisen).
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/14
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Der erste Teil des Anhangs 1 zur UVV spielt vorliegend keine Rolle, da eine
Erkrankung durch schädigende Stoffe nie zur Diskussion gestanden hat. Im zweiten
Teil des Anhangs 1 zur UVV werden Erkrankungen durch Vibrationen als
arbeitsbedingte Erkrankungen im Sinne des Art. 9 Abs. 1 UVG bezeichnet, sofern
radiologisch Einwirkungen auf die Knochen und Gelenke, auf den peripheren Kreislauf
oder auf die peripheren Nerven nachgewiesen sind. Das ist die einzige
„Listenkrankheit“, die hier in Frage kommen könnte. Die Beschwerdeführerin ist nach
dem Auftreten der Beschwerden eingehend orthopädisch, handchirurgisch,
neurologisch sowie rheumatologisch untersucht worden. Die Fachärzte haben mehrere
MRI und Röntgenaufnahmen erstellt und elektroneurographische Tests durchgeführt.
Sie haben keine nennenswerten objektiven Befunde erheben können und sich deshalb
mit Mutmassungen begnügen müssen, wobei sie zwar eine mechanische Fehl-
respektive Überbelastung durch die berufliche Tätigkeit im Zusammenspiel mit
degenerativen Veränderungen zur Diskussion gestellt (vgl. UV-act. 32–1 ff.), aber ein
Fibromyalgiesyndrom (vgl. UV-act. 20–9 ff.) oder ein chronifiziertes gemischt
neuropathisch-nozizeptives Schmerzsyndrom mit myofascialen Komponenten (vgl. UV-
act. 21–1 ff.) als ebenso plausible Ursachen für die organisch nicht fassbaren
Beschwerden genannt haben. Entscheidend für die Anwendung des Art. 9 Abs. 1 UVG
in Verbindung mit dem Anhang 1 zur UVV ist aber, dass trotz der umfassenden
radiologischen, magnetresonanztechnischen und elektroneurographischen
Untersuchungen kein Nachweis für eine periphere Nervenschädigung hat erbracht
werden können. Überwiegend wahrscheinlich hat die Beschwerdeführerin folglich nicht
an einer „Listenerkrankung“ im Sinne des Art. 9 Abs. 1 UVG gelitten.
2.2.
Die von der Beschwerdegegnerin vorgenommenen Abklärungen haben sich in
erster Linie auf die Frage nach der Ursache der von der Beschwerdeführerin geklagten
Beschwerden konzentriert. Angesichts der weitgehend blanden bildgebenden und
objektiv klinischen Befundlage erscheint aber nicht ausreichend geklärt, ob die
Beschwerdeführerin überhaupt an einer relevanten objektiv nachweisbaren
Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten hat. Da in den eingehenden und umfassenden
orthopädischen, handchirurgischen, neurologischen und rheumatologischen
Untersuchungen keine organische Ursache für die angegebenen Schmerzen und
Beschwerden hat gefunden werden können, bestehen Zweifel am Vorliegen einer
objektiven Gesundheitsbeeinträchtigung, was bedeutet, dass nicht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, dass die
Beschwerdeführerin an einer relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten hat.
Allerdings steht mangels entsprechender Abklärungsergebnisse auch nicht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/14
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Beschwerdeführerin nicht an einer relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten
hat. Eine objektive Beweislosigkeit liegt bezüglich dieser Frage nicht vor, da weitere
medizinische Abklärungen respektive eine gezielte medizinische Begutachtung wohl
einen wesentlichen Erkenntnisgewinn hätten verschaffen können. Diese Frage kann
allerdings aus den nachfolgenden Gründen unbeantwortet bleiben.
Selbst wenn die Gesundheitsbeeinträchtigung zur Anerkennung einer relevanten
Erkrankung genügend objektiviert wäre, müsste die Anschlussfrage beantwortet
werden, ob diese Gesundheitsbeeinträchtigung – überwiegend wahrscheinlich – stark
überwiegend oder ausschliesslich, das heisst zu mindestens 75 Prozent, durch die
berufliche Tätigkeit verursacht worden sei. Diesbezüglich hat die Beschwerdegegnerin
umfangreiche Abklärungen getätigt. Die Beschwerdeführerin hat zwar geltend
gemacht, die Arbeitsplatzbedingungen während der Dauer ihrer Anstellung bei der
B._ AG seien teilweise anders als jene gewesen, die anlässlich des Betriebsbesuchs
am 5. November 2019 festgestellt worden seien. Die von ihr erwähnten Unterschiede
sind aber als nur geringfügig zu qualifizieren und fallen schon deshalb nicht ins
Gewicht, weil sich die Beschwerdeführerin anlässlich des ersten Betriebsbesuchs am
16. August 2018 und auch in der Folge in sämtlichen Eingaben dezidiert auf den
Standpunkt gestellt hat, das einzig relevante Problem seien die Vibrationen der
elektrischen Feile gewesen. Sie hat behauptet, die Vibrationsbelastung sei viel stärker
als 2,5 m/s gewesen, die Grenzwerte könnten unmöglich eingehalten worden sein und
es sei sicherlich kein Zufall, dass in den Datenblättern genau der von der Suva als
massgebend erachtete Schwellenwert angegeben sei, was ihres Erachtens wohl auf
eine bewusste Falschangabe des Herstellers hinweisen soll. Aus den Akten ergibt sich
kein einziger Anhaltspunkt darauf, dass der Hersteller in den Datenblättern eine falsche
Angabe gemacht haben könnte. Die Datenblätter weisen denn auch entgegen der
Annahme der Beschwerdeführerin nicht eine genau dem Schwellenwert
entsprechende, sondern eine unter diesem Schwellenwert liegende
Vibrationsbelastung – mathematisches „kleiner als“-Zeichen – aus. Für die
Arbeitssicherheit spielt es keine Rolle, ob die Vibrationsbelastung bei 1,8 m/s , bei 2,2
m/s oder bei 2,49 m/s liegt; entscheidend ist nur, dass der Schwellenwert von 2,5 m/
s nicht erreicht wird. Der Sicherheitsingenieur und Arbeitshygieniker der Suva hat
gestützt auf die Ergebnisse einer telefonischen Abklärung beim Werkzeuglieferanten,
auf die technischen Daten der Elektrofeile und die Erfahrungswerte aus
Grundlagenerhebungen und anderen Schadenfällen eine Vibrationsbelastung von
weniger als 2 m/s ermittelt. Nichts deutet darauf hin, dass dieses
Berechnungsergebnis falsch gewesen wäre. Mehrfach haben erfahrene
Arbeitsmediziner darauf hingewiesen, dass es sich bei der von der Beschwerdeführerin
2.4.
2
2
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2
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3.
Die Beschwerde ist abzuweisen. Gerichtskosten sind mangels einer entsprechenden
gesetzlichen Grundlage im UVG nicht zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG). Die
unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Da ihr die unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt worden ist, hat der Staat
ihrem Rechtsvertreter eine Entschädigung auszurichten, die 80 Prozent des
erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Der erforderliche
Vertretungsaufwand ist deutlich unterdurchschnittlich gewesen, da sich das
Beschwerdeverfahren auf die isolierte Rechtsfrage beschränkt hat, ob eine
Berufskrankheit vorliegt, und da nur ein einfacher Schriftenwechsel hat durchgeführt
werden müssen. Die Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung wird
deshalb auf 80 Prozent von 2’000 Franken, also auf 1’600 Franken, festgesetzt. Sollten
es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird die Beschwerdeführerin
zur Rückerstattung dieser Entschädigung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2
VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).