Decision ID: 31bb3fa2-0d9b-4715-8284-cc17d5477fba
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist seit dem 27. Februar 1958 im Besitz des Führerausweises der Kategorie B.
Zudem verfügt er über die Kategorien A, A1, A2, D2, E, F und G. Die
verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchungen, die für über 70-jährige Ausweisinhaber
alle zwei Jahre erforderlich sind, ergaben am 31. März 2014 und am 2. Juni 2016 keine
Auffälligkeiten.
B.- Am 27. Mai 2017 lenkte X sein Motorfahrzeug in St. Peterzell auf der Strasse Brand
in Richtung Hauptstrasse und beabsichtigte, nach links auf diese einzubiegen (in
Richtung St. Peterzell). Er hielt vor dem dortigen Geh- und Radweg an, schaute in
beide Richtungen und fuhr dann über den Geh- und Radweg nach links in die
Hauptstrasse ein. Während des Einbiegemanövers nahm er plötzlich einen von links
herkommenden Motorradlenker wahr. Er beschleunigte, um möglichst schnell auf
seinen Fahrstreifen zu gelangen. Der Motorradlenker, der seinerseits für einen kurzen
Moment in den Rückspiegel geblickt hatte und das einbiegende Motorfahrzeug
deshalb spät erkannte, versuchte ebenfalls auszuweichen. Dabei kam er auf die
Gegenfahrbahn, wo er frontal und ungebremst gegen die linke, hintere Fahrzeugseite
des Motorfahrzeugs von X prallte. Der Motorradfahrer verlor zwei Finger und zog sich
diverse Schürfungen zu.
C.- Am 13. Juli 2017 informierte das Strassenverkehrsamt X darüber, dass aufgrund
des Vorfalls vom 27. Mai 2017 und seines fortgeschrittenen Alters eine
verkehrsmedizinische Untersuchung vorgesehen sei. Mit Eingabe vom 8. August 2017
beantragte die Rechtsvertreterin von X beim Strassenverkehrsamt die Sistierung des
administrativrechtlichen Verfahrens bis zum Abschluss des Strafverfahrens. Am
9. August 2017 ordnete das Strassenverkehrsamt eine verkehrsmedizinische
Untersuchung an und wies X an, sich innert 20 Tagen mit dem in der Verfügung
bezeichneten Arzt in Verbindung zu setzen. Dagegen erhob X durch seine
Rechtsvertreterin am 25. August 2017 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission.
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Innerhalb der Nachfrist ging beim Gericht die Rekursergänzung vom 19. September
2017 ein. Der Rekurrent beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung vom
9. August 2017, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Die Vorinstanz liess sich am
3. Oktober 2017 vernehmen und trug auf Abweisung des Rekurses an.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 25. August 2017 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt zusammen mit der Rekursergänzung vom 19.
September 2017 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Strittig ist vorliegend, ob die Voraussetzungen für eine verkehrsmedizinische
Untersuchung gegeben sind.
a) Art. 15d des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) hält fest, dass
eine Person einer Fahreignungsuntersuchung unterzogen wird, wenn Zweifel an deren
Fahreignung bestehen. Im Unterschied zum Warnungsentzug ist für die Anordnung
einer solchen Untersuchung nicht erforderlich, dass ein rechtskräftiger Strafentscheid
vorliegt; es muss nicht direkt auf nachgewiesene Tatsachen abgestellt werden.
Materiell, d.h. hinsichtlich eines allfälligen Führerausweisentzugs, wird mit einer
Untersuchung im Übrigen auch noch nichts entschieden. Die Aufzählung in Art. 15d
SVG sieht vor, dass die Voraussetzung für eine verkehrsmedizinische Untersuchung
beispielsweise bei Fahren unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln oder bei
Mitführen von Betäubungsmitteln, die die Fahrfähigkeit stark beeinträchtigen oder ein
hohes Abhängigkeitspotenzial aufweisen, gegeben ist (Art. 15d Abs. 1 lit. b SVG).
Sodann ist dies bei Verkehrsregelverletzungen, die auf Rücksichtslosigkeit schliessen
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lassen (Art. 15d Abs. 1 lit. c SVG), und bei Meldung einer kantonalen IV-Stelle nach
Art. 66c des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung
(Art. 15d Abs. 1 lit. d SVG) oder bei Meldung eines Arztes, dass eine Person wegen
einer körperlichen oder psychischen Krankheit, wegen eines Gebrechens oder wegen
einer Sucht Motorfahrzeuge nicht sicher führen kann (Art. 15d Abs. 1 lit. e SVG), der
Fall.
Die Aufzählung in Art. 15d Abs. 1 SVG ist nicht abschliessend. Nach dem in der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung berücksichtigten Leitfaden "Verdachtsgründe
fehlender Fahreignung; Massnahmen; Wiederherstellung der Fahreignung" der
Expertengruppe Verkehrssicherheit vom 26. April 2000 (Jurius, Verdachtsgründe
fehlender Fahreignung – Ein Leitfaden für die Administrativ-, Justiz- und
Polizeibehörden, in: Jusletter 11. September 2000; vgl. beispielsweise BGer 6A.
38/2003 vom 12. August 2003) liegt unter anderem dann ein Verdachtsgrund für
fehlende Fahreignung vor, wenn eine allgemeine Verlangsamung, Umständlichkeit,
Unbeholfenheit oder Unbeweglichkeit am Steuer vorliegt. Dabei bezieht sich die
Verlangsamung auf die Wahrnehmung oder Aufnahmefähigkeit und/oder die
Bewegungsabläufe. Diese können psychisch oder physisch bedingt sein. Hinweise
darauf ergeben sich oftmals durch auffälliges Verkehrsverhalten, beispielsweise
Unsicherheit, Langsamfahrt, sichtliche Überforderung in komplizierten
Verkehrssituationen und Geisterfahrer auf Autobahnen (Jurius, a.a.O., Ziff. II.5).
b) Die Vorinstanz führte in ihrer Verfügung vom 9. August 2017 aus, dass aufgrund des
Vorfalls vom 27. Mai 2017 und des fortgeschrittenen Alters des Rekurrenten eine
verkehrsmedizinische Untersuchung erforderlich sei. Dabei verwies sie in pauschaler
Art und Weise auf Art. 15d Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 und Art. 27
Abs. 1 lit. a bzw. b und Abs. 4 der Verordnung über die Zulassung von Personen und
Fahrzeugen zum Strassenverkehr (SR 741.51, abgekürzt: VZV). Art. 7 VZV bezieht sich
auf die medizinischen Mindestanforderungen. Art. 27 Abs. 1 lit. a VZV betrifft
Kategorien und Bewilligungen, die der Rekurrent nicht hat. Art. 27 Abs. 1 lit. b VZV
bestimmt, dass über 70-jährige Ausweisinhaber sich alle zwei Jahre einer
verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung zu unterziehen haben. Diese hat der
Rekurrent nachgewiesenermassen – letztmals im Juni 2016 – wahrgenommen, wobei
die Ergebnisse unauffällig ausfielen (act. 8/1 und 8/2). Alleine aus dem Umstand, dass
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der Hausarzt die Vornahme der nächsten Kontrolluntersuchung durch einen
Vertrauensarzt empfahl, kann nichts abgeleitet werden. Insbesondere riet er nicht an,
die nächste Kontrolluntersuchung bereits nach einem kürzeren Intervall durchzuführen.
Die Vorinstanz führte nicht aus, worin sie die gemäss Art. 15d Abs. 1 SVG
erforderlichen Zweifel an der Fahreignung sieht. Das fortgeschrittene Alter erweckt für
sich allein keine Zweifel an der Fahreignung. Diesbezüglich dienen im Übrigen die
verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchungen gemäss Art. 27 Abs. 1 lit. b VZV dazu,
die Fahreignung regelmässig zu überprüfen und allfällige Einschränkungen zu
erkennen. Auch der Verkehrsunfall vom 27. Mai 2017 erweckt keine Zweifel an der
Fahreignung. Insbesondere geht aus dem Polizeirapport vom 7. Juli 2017 nicht hervor,
dass der Rekurrent sich verkehrsauffällig verhalten hätte. Es ist nicht ersichtlich, dass
er zu langsam oder zögerlich in die Strasse eingebogen wäre oder seine
Wahrnehmungsfähigkeit, sein Reaktionsvermögen oder die Bewegungsabläufe
ungenügend gewesen wären. Es wird lediglich festgehalten, dass die Sichtweite
weniger stark eingeschränkt gewesen wäre, wenn der Rekurrent auf dem Rad- und
Gehweg nochmals angehalten hätte. Daraus können aber keine Rückschlüsse auf die
Fahreignung gezogen werden. Das Strafverfahren läuft noch und die
Verschuldensfrage sowie die genauen Umstände des Unfalls sind zurzeit unklar. Von
der Polizei wurden beide Unfallbeteiligten als beschuldigte Personen einvernommen.
Ungewiss ist, ob der Motorradfahrer seinerseits mit überhöhter Geschwindigkeit
unterwegs war. Erst wenn diese Frage geprüft ist, können die Sichtverhältnisse und die
Vermeidbarkeit des Unfalls beurteilt werden (vgl. act. 4/28). Im Übrigen verfügt der
Rekurrent über einen ungetrübten automobilistischen Leumund. Bisher ist er im
Strassenverkehr nie negativ aufgefallen. Insgesamt ergeben sich aufgrund der dem
Gericht vorliegenden Akten zum heutigen Zeitpunkt keine Hinweise darauf, dass der
Unfall aufgrund fehlender Fahreignung des Rekurrenten passiert sein könnte. Eher
erscheinen die Umstände derart, dass der Unfall ohne weiteres auch einer anderen,
jüngeren Person in derselben Situation hätte passieren können.
c) Zusammenfassend ergibt sich, dass keine Zweifel an der Fahreignung des
Rekurrenten vorliegen. Der Rekurs ist gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz
vom 9. August 2017 aufzuheben. Dies ändert nichts daran, dass sich der Rekurrent
dieses Jahr einer erneuten Kontrolluntersuchung wird unterziehen müssen. Denn seit
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der letzten Untersuchung vom 2. Juni 2016 werden in wenigen Monaten zwei Jahre
vergangen sein. Anlässlich jener Kontrolluntersuchung empfahl der Arzt, die nächste
Untersuchung durch einen Vertrauensarzt (d.h. einen Arzt der Stufe 3) durchführen zu
lassen (act. 8/2).
3.- Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten dem Staat aufzuerlegen
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen
(Art. 7 Ziff. 112 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von
Fr. 1'200.– ist dem Rekurrenten zurückzuerstatten.
4.- Gemäss Art. 98 Abs. 2 VRP werden im Rekursverfahren ausseramtliche Kosten
entschädigt, soweit sie aufgrund der Rechts- und Sachlage als notwendig und
angemessen erscheinen. Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistandes
geboten. Eine Kostennote ist nicht eingereicht worden, entsprechend werden die
Parteikosten nach Ermessen zugesprochen (Art. 6 HonO). Angesichts des geringen
Aktenumfangs und des auf die Thematik der verkehrsmedizinischen Untersuchung
beschränkten Prozessthemas erscheint eine Entschädigung von Fr. 1'700.– als
angemessen (Art. 19, 22 Abs. 1 lit. b HonO). Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von
Fr. 68.– (Art. 28 Abs. 1 HonO) und die Mehrwertsteuer von Fr. 141.45 (Art. 29 HonO).
Entsprechend dem Verfahrensausgang sind dem Rekurrenten die ausseramtlichen
Kosten von insgesamt Fr. 1'909.45 vollumfänglich zu entschädigen (Art. 98 VRP);
kostenpflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt).