Decision ID: 89cba17a-6657-40d5-9756-81ac99fadb33
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1976 geborene und bei der Beschwerdegegnerin unfallversicherte Be-
schwerdeführer stürzte am 2. Oktober 2019 von einer Ladebrücke rund
zwei Meter zu Boden und zog sich dabei unter anderem eine Rotatoren-
manschettenruptur der Supraspinatussehne und der Subscapularissehne
links zu. Die Beschwerdegegnerin übernahm in der Folge die gesetzlichen
Leistungen. Nach erfolgter Schulteroperation, mehrwöchigem Aufenthalt in
der Rehaklinik B. sowie einer kreisärztlichen Untersuchung schloss die Be-
schwerdegegnerin den Fall mit Mitteilungen vom 15. Januar 2021 ab und
stellte die Taggeldleistungen per 28. Februar 2021 ein. Mit Verfügung vom
13. April 2021 erkannte sie auf eine Integritätseinbusse von 10 %. Ein Ren-
tenanspruch wurde hingegen abgelehnt (IV-Grad: 9 %). Die hiergegen er-
hobene Einsprache wies die Beschwerdegegnerin mit Einspracheent-
scheid vom 20. September 2021 ab.
2.
2.1.
Der Beschwerdeführer erhob dagegen mit Eingabe vom 4. Oktober 2021
fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Anträge:
" 1. Der Einspracheentscheid vom 20.09.2021 sei aufzuheben und es seien dem Beschwerdeführer die gesetzlichen und allfällige vertraglichen  zuzusprechen;
2. Dem Beschwerdeführer sei eine Rente basierend auf einem  von mindestens 30 % zuzusprechen;
3. Zudem sei dem Beschwerdeführer eine IE im Umfang von mindestens 20 % zuzusprechen;
4. eventualiter sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zwecks Einholung eines orthopädischen und radiologischen Gutachtens zurückzuweisen,  sie hernach nochmals über die gesetzlichen Ansprüche des  entscheide;
unter Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 8. November 2021 beantragte die Beschwerde-
gegnerin die Abweisung der Beschwerde.
- 3 -

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin mit Einspracheent-
scheid vom 20. September 2021 zu Recht den Fallabschluss unter Vernei-
nung eines Rentenanspruchs und Zusprache einer Integritätsentschädi-
gung entsprechend einer Integritätseinbusse von 10 % vorgenommen hat.
2.
2.1.
Nach Art. 19 UVG entsteht der Rentenanspruch, wenn von der Fortsetzung
der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszu-
standes des Versicherten mehr erwartet werden kann und allfällige Einglie-
derungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind
(Abs. 1 erster Satz). Mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und
die Taggeldleistungen dahin (Abs. 1 zweiter Satz). Nach konstanter Recht-
sprechung heisst dies, der Versicherer hat – sofern allfällige Eingliede-
rungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind – die
Heilbehandlung (und das Taggeld) nur solange zu gewähren, als von der
Fortsetzung der ärztlichen Behandlung noch eine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes erwartet werden kann. Trifft dies nicht mehr zu, hat
der Versicherer den Fall unter Einstellung der vorübergehenden Leistungen
abzuschliessen und den Anspruch auf eine Invalidenrente und auf eine In-
tegritätsentschädigung zu prüfen (BGE 137 V 199 E. 2.1 S. 202).
2.2.
Der Versicherungsträger und das Gericht (vgl. Art. 61 lit. c in fine ATSG)
haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisre-
geln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die strei-
tigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein-
leuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind
(BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
3.
3.1.
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in ihrer Beurteilung im Wesentlichen
auf den kreisärztlichen Bericht von Dr. med. C., Facharzt für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, vom 14. Dezem-
ber 2020 über die persönliche Untersuchung des Beschwerdeführers vom
9. Dezember 2020. Er stellte die Diagnosen einer Schulterkontusion links
mit Rotatorenmanschettenläsion am 2. Oktober 2019 sowie einer leichten
- 4 -
traumatischen Hirnverletzung (VB 122 S. 8). Es liege bildgebend eine er-
folgreiche komplette Rekonstruktion der Rotatorenmanschette vor. Eine
neurologische Ursache der Bewegungseinschränkung habe sich bei einer
durch Dr. med. D., Fachärztin für Neurologie, Q., durchgeführten Untersu-
chung nicht finden lassen (VB 122 S. 5, 8; vgl. auch VB 84 [Bericht von Dr.
med. D. vom 22. September 2020]). Es lägen eine erhebliche Symptom-
ausweitung und eine funktionelle Störung vor. Die demonstrierten Bewe-
gungseinschränkungen seien aufgrund der Abklärungen nicht objektivier-
bar. Zwar komme es bei Rotatorenmanschettenläsionen wie dieser regel-
mässig zu deutlichen Einschränkungen der Belastbarkeit und Beweglich-
keit des Schultergelenks bei schwerer handwerklicher Tätigkeit. Die beim
Beschwerdeführer vorliegenden Einschränkungen würden das übliche
Mass jedoch übersteigen. Nicht ganz konklusiv seien die ausgeprägte
Handbeschwielung und die fehlende Hypotrophie der Muskulatur der linken
Schulter und des linken Armes. Da der linke Arm gemäss den Angaben des
Beschwerdeführers aber wieder regelmässig für Tätigkeiten eingesetzt
werde, jedoch nur für leichte Gewichte, könnten daraus keine klaren Hin-
weise für eine Aggravation abgleitet werden. In einer leichten bis mittel-
schweren Tätigkeit ohne regelmässiges Besteigen von Leitern und Gerüs-
ten, ohne regelmässiges Heben und Tragen von Lasten über Brusthöhe,
wobei Gewichte über 15 kg nur noch körpernah getragen und schwere Ge-
wichte nur bis Gürtelhöhe angehoben werden sollten, sowie unter Vermei-
dung von Arbeiten an stark vibrierenden Geräten und regelmässiger axialer
Krafteinwirkung bei gestrecktem Arm (z.B. Halten und Stossen von Ge-
wichten) liege per sofort eine volle Arbeitsfähigkeit vor (VB 122 S. 9 f.).
3.2.
Der Beschwerdeführer bringt hiergegen vor, sowohl der MR-tomographi-
sche Befund vom 25. Mai 2020 eines verengten Rezessus respektive eines
deutlich verdickten vorderen Intervalls, was für eine Kapsulitis spreche, als
auch die seit dem Unfall dokumentierte extreme Einschränkung der Beweg-
lichkeit (selbst passiv) könne nicht wegdiskutiert werden. Die Beschwerden
seien objektiviert und die Kapsulitis müsse therapeutisch angegangen wer-
den, womit der Endzustand nicht erstellt sei (Beschwerde S. 5 f., 8 f.).
4.
4.1.
Gemäss Bericht über das Arthro-MRI der linken Schulter vom 25. Mai 2020
lagen eine intakte Reinsertion der Rotatorenmanschette ohne Zeichen der
Reruptur sowie eine verdickte Gelenkkapsel im axillären Ausläufer vor.
Letztere könnte für eine Kapsulitis sprechen (VB 55). Dr. med. E., Facharzt
für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates,
F., führte hierzu nach persönlicher Untersuchung des Beschwerdeführers
mit Bericht vom 3. Juni 2020 aus, es zeige sich eigentlich ein normaler
postoperativer Zustand nach Rotatorenmanschettenrekonstruktion ohne
relevante Reruptur. Auffällig sei hingegen der deutlich verengte Rezessus,
- 5 -
respektive das deutlich verdickte vordere Intervall, was hochverdächtig für
eine massive Kapsulitis sei. Er habe dem Beschwerdeführer daher eine
glenohumerale Infiltration nahegelegt (VB 54 S. 2).
4.2.
Dr. med. G., Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, erachtete eher ein subakromiales Impingement z.B.
durch nicht resorbierbares Nahtmaterial als möglicherweise schmerzur-
sächlich. Auch er erachtete eine Infiltration (subakromial) als angezeigt (VB
56). Eine in der Folge durchgeführte intraartikuläre Infiltration habe keine
Verbesserung gebracht. Dr. med. G. empfahl daher abzuklären, ob eine
neurologische Ursache für die Beschwerden vorliege (Bericht vom 13. Juli
2020, VB 63). Eine neurogene Ursache konnte von Dr. med. D. gemäss
ihrem Bericht vom 22. September 2020 ausgeschlossen werden. Es könne
aber eine muskuloskelettale Ursache im Sinne einer Frozen shoulder bei
Kapselverkürzung vorliegen. Die nur minimale Atrophie der Rotatorenman-
schette und die vollstände Anteversion aus eigener Kraft bei nur minimaler
externer Assistenz sprächen aber für zusätzliche funktionelle Faktoren (VB
84).
4.3.
In Beurteilung der gesamten medizinischen Sachlage führte Dr. med. G.
am 21. Oktober 2020 aus, im letzten halben Jahr habe der Beschwerde-
führer keinerlei Fortschritte mehr gemacht. Die intakte Rotatorenman-
schette und die unauffällige Neurologie seien nicht verantwortlich für die
eingeschränkte Funktion. Die einmalig durchgeführte intraartikuläre Infiltra-
tion habe zu keinem Zeitpunkt eine Schmerzreduktion gebracht. Er habe
aktuell auch nicht den Eindruck, dass eine Kapsulitis eine Rolle spiele. So-
mit bleibe nur noch die Möglichkeit eines subakromialen Impingements üb-
rig. Hier wäre allenfalls eine erneute Schulterarthroskopie mit Entfernung
von störendem Nahtmaterial eine Option, was der Beschwerdeführer aber
zurzeit nicht wünsche (VB 100). Schliesslich hielt Dr. med. G. mit Bericht
vom 16. Juni 2021 fest, er sehe keine Möglichkeit mehr, die Situation des
Beschwerdeführers mittels Therapie zu verbessern. Weder konservative
noch operative Massnahmen würden in diesem Fall eine Verbesserung
bringen. Er könne den Beschwerdeführer nur mit einem Schreiben vertrös-
ten, dass er nur für leichte Arbeiten einsetzbar sei gemäss Beurteilung des
Kreisarztes (VB 186).
5.
5.1.
Zusammenfassend trifft es zwar zu, dass von medizinischer Seite verschie-
dene Ursachen für die Beschwerden in Erwägung gezogen wurden. Diese
wurden in der Folge jedoch geprüft und als nicht oder nicht im Umfang der
geklagten Beschwerden ursächlich befunden. Kreisarzt und behandelnder
Arzt kamen vor diesem Hintergrund übereinstimmend zum Schluss, dass
- 6 -
von einer Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besse-
rung des – unfallbedingt beeinträchtigten – Gesundheitszustandes mehr
erwartet werden könne und die Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tä-
tigkeit gemäss kreisärztlichem Profil nicht eingeschränkt sei. Die organisch
objektivierbaren Befunde wurden damit – entgegen den Rügen des Be-
schwerdeführers – ausreichend berücksichtigt. Die vom Beschwerdeführer
über die attestierte Einschränkung hinaus geltend gemachten und anläss-
lich der Untersuchungen demonstrierten Beschwerden müssen vor diesem
Hintergrund und gemäss den Ausführungen der Dres. med. C. und D. als
Symptomausweitung bei funktioneller Überlagerung und damit als nicht un-
fallkausal beurteilt werden. Eine anderslautende medizinische Beurteilung
besteht nicht und die (alleinige) abweichende Einschätzung des Beschwer-
deführers bzw. dessen Rechtsvertretung als medizinische Laien vermag
daran keine Zweifel hervorzurufen. Schliesslich wird angesichts des Unfal-
lereignisses, der dabei erlittenen Verletzungen sowie der Behandlungs-
dauer zu Recht nicht vorgebracht, allfällige nicht-organische Diagnosen
würden einer Adäquanzprüfung standhalten und aus diesem Grund eine
Leistungspflicht der Beschwerdeführerin auslösen (vgl. zur Voraussetzung
des adäquaten Kausalzusammenhangs BGE 134 V 109 und BGE 115
V 133). Dergestalt kann auf weitere Abklärungen verzichtet werden, da da-
von keine entscheidwesentlichen Erkenntnisse zu erwarten sind (antizi-
pierte Beweiswürdigung; vgl. BGE 137 V 64 E. 5.2 S. 69, 136 I 229 E. 5.3
S. 236).
5.2.
Soweit der Beschwerdeführer bei diesem Ergebnis ohne weitere Begrün-
dung eine IV-Rente von 30 % beantragt, ist ihm nicht zu folgen. Eine im
Zusammenhang mit der Integritätsentschädigung beschwerdeweise be-
hauptete funktionelle Einarmigkeit (Beschwerde S. 9), welche bei der Be-
urteilung eines leidensbedingten Abzuges zu berücksichtigen wäre, liegt
nicht vor, wurde an keiner Stelle beschrieben und stände im klaren Wider-
spruch zur starken Beschwielung der linken Hand sowie der fehlenden Hy-
pertrophie der Muskulatur der linken Schulter. Folglich hat es mit der zu-
treffenden IV-Grad Berechnung der Beschwerdegegnerin sein Bewenden.
5.3.
Schliesslich beantragt der Beschwerdeführer eine Erhöhung der anerkann-
ten Integritätseinbusse von 10 % auf 20 %, weil die Beweglichkeit der
Schulter bis zur Horizontalen gar nicht möglich sei. Dem ist zu entgegnen,
dass Dr. med. C. ohne Berücksichtigung der funktionellen Störungen die
Schulterbeweglichkeit und damit die Höhe des Integritätsschadens anhand
der objektivierbaren Befunde medizinisch-theoretisch festlegte bzw. festle-
gen musste. Er führte diesbezüglich aus, laut Tabelle 1.2, Integritätsschä-
den bei Funktionsstörungen der oberen Extremitäten sei für eine bis 30°
über die Horizontale bewegliche Schulter eine Integritätsentschädigung
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von 10 % veranschlagt (VB 123 S. 1). Diese Beurteilung ist unter Berück-
sichtigung der einschlägigen SUVA-Tabellen nachvollziehbar sowie ein-
leuchtend begründet und stimmt mit der weiteren medizinischen Aktenlage
überein. Eine Festlegung des Integritätsschadens einzig aufgrund der vom
Beschwerdeführer demonstrierten Einschränkungen fällt ausser Betracht.
5.4.
Entsprechend dem Dargelegten ergibt sich, dass die Beschwerdegegnerin
mit Einspracheentscheid vom 20. September 2021 den Fallabschluss im
Zusammenhang mit dem Ereignis vom 2. Oktober 2019 zu Recht per
28. Februar 2021 vorgenommen, einen Rentenanspruch des Beschwerde-
führers verneint und den Integritätsschaden auf 10 % festgesetzt hat. Die
dagegen erhobene Beschwerde erweist sich als unbegründet und ist abzu-
weisen.
6.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
6.1.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens
(Art. 61 lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung
als Sozialversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein An-
spruch auf Parteientschädigung zu.