Decision ID: 30556534-fcf5-4962-bcfc-4256242d7e5a
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Kurt Gemperli, advokatur am brühl,
Scheffelstrasse 2, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F._ Pensionskasse,
Beigeladene,
betreffend
Rentenrevision (prozessuale Revision, Einstellung Rente)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 27. Februar/ 8. März 2006 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an und beantragte namentlich Berufsberatung und eine Rente.
Sie sei 1995 aus ihrer Heimat in die Schweiz gekommen und sei hier zuletzt vom
August 2001 bis Februar 2006 als Officemitarbeiterin in einem Restaurant tätig
gewesen. Seit dem 28. Februar 2005 leide sie an Rückenschmerzen (Diskushernie) und
psychischen Leiden (Depression, Nervosität, "Sugestie"). Es sei immer Angst vor
Schmerzen da, die sie an der Ausübung der beruflichen und häuslichen Arbeit hindere.
Mit dem Einkommen habe sie auch das Selbstwertgefühl verloren. Sie habe keine
Lehre gemacht und könne nicht abschätzen, ob sie noch eine Arbeit ausüben könne
und gegebenenfalls welche.
A.b Dr. med. B._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, benannte in seinem
Arztbericht vom 15. März 2006 (act. 7) als Diagnosen: ein chronisches
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom bei Diskopathie L3-S1 mit Diskusprotrusion
und Anulusriss L4/L5 sowie Protrusion L5/S1 ohne Nervenwurzelkomprimierung und
neurochirurgisch ohne Operationsindikation, da keine radikuläre Symptomatik, ein
chronisches zervikospondylogenes Schmerzsyndrom bei degenerativen HWS-
Veränderungen und eine Depression mit somatischem Syndrom. Seit dem 28. Februar
2005 sei die Beschwerdeführerin zu 100 % arbeitsunfähig. Nach den üblichen
konservativen Massnahmen sei eine stationäre Therapie in der Klinik C._ erfolgt. Die
partielle Arbeitsfähigkeit als Officegehilfin (halbtägige bzw. ein bis zwei Stunden
dauernde Präsenz mit halber Leistung) sei theoretisch geblieben. Die Versicherte
müsse ständig ihre Position wechseln, um den Schmerzen etwas auszuweichen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zurzeit könne sie nicht einmal den Haushalt bewältigen. Bei Verdacht auf eine
Schmerzverarbeitungsstörung sei die Versicherte in psychiatrische Betreuung
überwiesen worden. Der Zustand sei in einem ärztlichen Begutachtungsinstitut
abzuklären. In einem beigelegten Bericht vom 27. Oktober 2005 (act. 7-5 ff.) hatte die
Klinik C._ unter anderem erklärt, die Versicherte habe bei Eintritt ein grosses
Interesse an der Mitarbeit gezeigt. Sie habe gut mitgearbeitet, eher zu fleissig, denn
das habe ihre Schmerzen verstärkt. Unter medizinischem Aspekt war festgehalten
worden, im Verlauf habe sie über eine tendenzielle Besserung des Beschwerdebildes
berichten und eine deutliche Steigerung des Aktivitätsniveaus wahrnehmen können.
Unter therapeutischem Gesichtspunkt war dagegen berichtet worden, die Versicherte
habe sich im Verlauf weiterhin sehr verzweifelt und schmerzfixiert gezeigt. Sie habe
aber alle Therapien mitgemacht und versucht, ihr Bestes zu geben. Ihr Arbeitgeber
werde für sie ganz leichte Arbeit herrichten und sie werde die Arbeit langsam verrichten
und jederzeit unterbrechen dürfen. Je nach Verlauf des Arbeitsversuchs sei die Arbeit
zu steigern (z.B. halbtags bei halber Leistung). - Im IV-Arztbericht der Klinik C._ vom
3. April 2006 (act. 12) wurde dargelegt, die Versicherte sei aufgrund einer
psychomotorischen Verlangsamung und von kinesiophoben Verhaltensweisen bei
chronifizierter Schmerzproblematik und depressiver Störung in ihrer bisherigen
Tätigkeit zu 50 % eingeschränkt. Die genaue Leistungsfähigkeit müsste in einem
Arbeitsversuch geklärt werden. Gleiches gelte für die Arbeitsfähigkeit in anderen
Tätigkeiten, die ebenfalls grundsätzlich zu etwa 50 % eingeschränkt sei. - Die
Versicherte hatte im März 2006 (act. 8) auf Anfrage mitgeteilt, es sei ihr gekündigt
worden (vgl. auch die Arbeitgeberbescheinigung, act. 16). - Auf Anraten des
Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) der Invalidenversicherung wurde eine
bidisziplinäre (psychiatrische und rheumatologische) Begutachtung im Medizinischen
Gutachtenzentrum St. Gallen veranlasst. Im Gutachten vom 18. Oktober 2007 (act. 38)
wurden (erstens) eine schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen,
(zweitens) eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und (drittens) ein
chronisches lumbospondylogenes Syndrom links bei/mit degenerativen Veränderungen
L3/4 bis L5/S1, Fehlstatik bei Fehlhaltung und muskulärer Dysbalance, Deconditioning-
Syndrom und Symptomausweitung und Verdeutlichungstendenz als Hauptdiagnosen
bezeichnet. In der bisherigen Tätigkeit wie in einer adaptierten Arbeit sei die Versicherte
zu 70 % arbeitsunfähig, während rheumatologisch betrachtet eine Arbeitsfähigkeit von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
70 % bestünde. - Berücksichtigt worden war ein Bericht von Dr. med. D._ vom
23. Mai 2007 (act. 39), wonach die Versicherte wegen einer mittelgradigen bis
schweren depressiven Störung auf dem Boden einer ängstlichen Persönlichkeit und
eines chronifizierten Schmerzsyndroms bei bekannten Wirbelsäulenveränderungen zu
70 % arbeitsunfähig sei. - Auf ergänzende Anfrage (act. 43) hin teilte das
Gutachtenzentrum am 6. Januar 2008 (act. 45) mit, das psychische Zustandsbild sei
aller Wahrscheinlichkeit nach durch die Selbstlimitierung beeinflusst worden, weshalb
richtigerweise von einer mittelgradigen depressiven Episode auszugehen sei.
Ausserdem sei eine Wahnsymptomatik nicht zu explorieren gewesen und lasse sich
das Erleben von Stimmen nicht als psychotisches Erleben im Rahmen einer schweren
Depression qualifizieren. Die Arbeitsfähigkeit mache unter Berücksichtigung dieser
Aspekte in bisheriger und adaptierter Arbeit 50 % aus.
A.c Die IV-Eingliederungsberatung (Arbeitsvermittlung) wurde wegen fehlender
subjektiver Eingliederungsfähigkeit abgeschlossen (act. 50, 55). - Mit Verfügung vom
16. Juli 2008 (act. 63) sprach die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons
St. Gallen der Versicherten ab 1. Februar 2006 eine halbe Rente zu.
B.
B.a Am 1. April 2009 (act. 65A) wurde der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
St. Gallen gemeldet, die Versicherte erhalte zu Unrecht Leistungen der
Sozialversicherung; sie spiele die Krankheit vor. Seit längerer Zeit sei sie ganztags als
Tagesmutter für zwei Kinder tätig. Sie bewege sich im Treppenhaus anders als im
Freien (nämlich hier uneingeschränkt, dort verlangsamt und eingeschränkt).
B.b Der RAD hielt am 6. August 2009 dafür, zur Tätigkeit als Tagesmutter dürfte die
Versicherte bei den demonstrierten Beschwerden gemäss Gutachten nicht in der Lage
sein (act. 66).
B.c Daraufhin gab die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle am 27. August 2009
(act. 70) einen Überwachungsauftrag.
B.d Sie erhielt in der Folge im September 2009 zwei weitere Anzeigen betreffend
Erwerbstätigkeiten der Versicherten in zwei Betrieben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.e Am 8. September und 14. Oktober 2009 (act. 68 f.) wurden Ermittlungsberichte
eingereicht.
B.f In einem Fragebogen für Rentenrevision gab die Versicherte am 30. Oktober 2009
(act. 71) an, der Gesundheitszustand sei gleich geblieben. Sie sei seit dem
16. September 2009 in einem Betrieb beschäftigt (eine Stunde bis zwei Stunden pro
Tag).
B.g Dr. B._ stellte im Verlaufsbericht vom 16. November 2009 (act. 74) fest, es habe
sich nichts Wesentliches geändert. Die Beschwerden seien wechselhaft, aber stetig
vorhanden. Es bestünden chronische, intermittierende Schmerzen des Rückens und
der ganzen linken Seite, bis hinauf zum Kopf reichend.
B.h Der RAD hielt am 4. Dezember 2009 (act. 75) dafür, angesichts der
Observationsergebnisse seien die gestellten Diagnosen nicht mehr haltbar und sei von
einer vollen Arbeitsfähigkeit der Versicherten auszugehen.
B.i In einer Arbeitgeberbescheinigung vom 9. Dezember 2009 (act. 76) wurde
angegeben, die Versicherte sei seit dem 16. September 2009 in der Bäckerei/
Konditorei für zwei Stunden pro Tag (14 Stunden pro Woche) angestellt und erziele
einen Jahreslohn von Fr. 18'200.--, der ihrer Arbeitsleistung entspreche.
B.j Am 9. Februar 2010 wurde die Versicherte zu einem Standortgespräch geladen.
Im Gesprächsprotokoll (act. 80) wurde unter anderem festgehalten, die Versicherte
habe erklärt, die Schmerzen seien nicht immer gleich. Aber sie kämpfe dafür, dass sie
sich (trotzdem) bewege. Sie habe eine Anstellung in einem Betrieb, in welchem sie
arbeiten könne, wann sie wolle und wie lange sie es vermöge. Sie tue dies, weil sie
nicht den ganzen Tag zuhause sitzen könne. Eines der Kinder, ihr Ehemann oder ein
Kollege begleite sie stets zur Arbeit; sie benötige Begleitung auf dem Weg und bei der
Arbeit. Sie reinige an fünf Abenden pro Woche während ca. zweier Stunden die Böden.
Sie könne sich bei der Arbeit Zeit lassen und müsse sich nicht bücken, weil sie einen
langen Stock zu Hilfe nehme. Etwas vom Boden aufzuheben, sei für sie sehr mühsam.
Sie habe ausserdem Angst vor dem Auftreten der grossen Kopfschmerzen. - Bei einer
anschliessenden weiteren Befragung (act. 81) konfrontierte die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle die Versicherte mit Zweifeln an ihren
Schilderungen von Schmerzen und Einschränkungen. Auf Befragen gab die Versicherte
gemäss dem Protokoll an, sie betreue die beiden Kinder einer andern Familie je nach
dem Schichtplan der Eltern, an vielleicht zwei oder drei Stunden pro Tag. Dies tue ihr
seelisch gut. Sie müsse die Kinder weder anziehen noch heben und sei mit ihnen
eigentlich nie allein. Auf Vorhalt, dass sie nebst der einzig angegebenen noch in einem
zweiten Betrieb gearbeitet habe, erklärte die Versicherte, sie habe dort im letzten Jahr
für ca. sieben Tage eine Ferienvertretung gemacht. Die Anstellung beim andern Betrieb
habe sie erst auf Anfrage der IV gemeldet, weil sie zuerst habe zusehen müssen, ob sie
zu dieser Arbeit in der Lage sei. Auf die Frage, weshalb sie sich gemäss der
Überwachung in dem Betrieb problemlos habe bücken und in normalem Tempo habe
arbeiten können, erklärte die Versicherte, sie wisse nicht, weshalb es falsch sein sollte,
wenn sie arbeite, wenn es ihr die Gesundheit erlaube, und es stimme nicht, dass sie
sich problemlos bücken könne; sie müsse sich immer irgendwo abstützen. Auf die
Frage, ob es möglich sei, dass sie den Ärzten die Schmerzen stärker gezeigt habe, als
sie tatsächlich seien, legte sie dar, sie müsse die Schmerzen doch zeigen, sie müsse
zeigen, wie es sei, wenn man Schmerzen habe. Sie bewege sich und arbeite in der
Weise, wie sie es vermöge. Es gebe Tage, an denen sie nicht arbeiten könne.
B.k Am 1. März 2010 (act. 82) wurde ein weiterer Ermittlungsbericht erstattet.
B.l Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle sah in der Folge vor, eine
Verlaufsbegutachtung mit Zusatzfragen zu veranlassen (act. 83). Da den zuvor
befassten Gutachtern keine Aufträge mehr zugestellt werden könnten, sei eine andere
Stelle zu beauftragen.
B.m Dr. D._ gab in einem Verlaufsbericht vom 3. August 2010 (act. 87) an, der
Gesundheitszustand sei stationär und die Diagnose habe sich nicht verändert. Die
Versicherte sei aus psychischen Gründen zu 50 % arbeitsunfähig. Eine Tätigkeit, in der
sie weder unter Leistungs- noch unter Zeitdruck stehe und bei der ihre
Leistungsschwankungen toleriert würden, könnte sie zu 40 % verrichten.
B.n Die MEDAS Zentralschweiz bezeichnete in ihrem Gutachten vom 6. Januar 2011
(act. 90) als Hauptdiagnose ein chronisches lumbospondylogenes Syndrom beidseits
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(linksbetont) mit Osteochondrosen mit Diskusprotrusionen L4/5 und L5/S1, aktuell
ohne sichere Nervenwurzelkompression, und mit Adipositas. Als Diagnosen ohne
wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, aber mit Krankheitswert wurden
erhoben: eine Entwicklung körperlicher Symptome aus psychischen Gründen, ein
mehrheitlich weichteilrheumatisches Zervikobrachialsyndrom beidseits, Tendenz zu
generalisiertem Weichteilrheumatismus, eine leichtgradige Femoropatellararthrose links
und Adipositas II. Unter der Voraussetzung, dass die bisherige Tätigkeit körperlich
leicht (mit einer Belastungslimite von 10 kg) und wechselbelastend sei, könne die
Versicherte diese uneingeschränkt ausüben. Auch in anderen entsprechenden
Tätigkeiten sei ihr eine volle Arbeitsfähigkeit zumutbar. Seit der letzten Begutachtung
habe sich der Gesundheitszustand nicht wesentlich und anhaltend geändert. Die
Problematik sei wahrscheinlich etwa die selbe, doch habe sich vor allem die
psychiatrische Beurteilung geändert. Die frühere Beurteilung könne indessen nicht als
offensichtlich falsch betrachtet werden. Zwischen der Vorbegutachtung und der
Observation seien ausserdem mehr als zwei Jahre verstrichen. Eine Depression und
eine Schmerzkrankheit könnten nicht nachgewiesen werden und am Bestehen einer
Depression in der Vergangenheit sei zu zweifeln, so dass die
Verdeutlichungstendenzen und Inkonsistenzen nicht diesen Umständen zugeordnet
werden könnten. Die nun gestellte Diagnose sei eher in der Nähe eines
Aggravationsverhaltens einzuordnen. Das Bildmaterial der Observation erlaube eine
zusätzliche und andere Sicht auf das Krankheitsbild und habe die unterschiedliche
Beurteilung mit beeinflusst.
B.o Dr. med. E._, RAD-Arzt, hielt am 19. Januar 2011 (act. 92) dafür, die Versicherte
habe bei den Untersuchungen ein verstärktes Schmerzgebaren gezeigt und bei den
Tests nicht mitgemacht. Ähnliches (Verdeutlichungstendenz) sei schon dem
rheumatologischen Gutachter im Jahr 2007 aufgefallen. Es bestehe seit der
Erstbegutachtung im Jahr 2007 eine volle Arbeitsfähigkeit.
B.p Mit Vorbescheid vom 11. März 2011 (act. 93 f.) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der Versicherten in Aussicht, die Verfügung vom
16. Juli 2008 aufzuheben und festzustellen, dass sie keinen Anspruch auf eine Rente
habe. Bei einer Observation habe zu keiner Zeit eine Behinderung der körperlichen
Aktivitäten festgestellt werden können. Es habe mehrmals beobachtet werden können,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass sie sich problemlos habe bücken können. Aufgrund einer neuen Begutachtung
müsse davon ausgegangen werden, dass objektiv nie eine rentenrelevante
Arbeitsunfähigkeit vorgelegen habe, ausserdem davon, dass sie gegenüber den Ärzten
und Vertretern der IV falsche Angaben gemacht und so fehlerhafte Beurteilungen der
Leistungsfähigkeit erwirkt habe. Die neuen Akten eröffneten eine neue Sicht auf die
effektiven Verhältnisse. Es hätten neue Beweismittel und Tatsachen erhoben werden
können, die nach Art. 53 Abs. 1 ATSG eine neue Beurteilung der Invalidität seit Beginn
verlangten. Aufgrund der aktuellen psychiatrischen Untersuchung habe nie eine
relevante Arbeitsunfähigkeit bestanden. Die anerkanntermassen regelmässig geleistete
Kinderbetreuung erfordere Geduld, körperliche Gesundheit und eine belastbare
Psyche. Sie (die Versicherte) könne einer angepassten Tätigkeit zu 100 % nachgehen.
Die Verfügung vom 16. Juli 2008 erweise sich somit als falsch. Die Versicherte könne
bis 12. April 2011 Einwand erheben.
B.q Mit Schreiben vom 23. März 2011 (act. 96) ersuchte ein Rechtsanwalt als
Vertreter der Versicherten um Akteneinsicht und Fristerstreckung. Die Vollmacht werde
nachgereicht (act. 97). Am 29. März 2011 (act. 98) reichte Rechtsanwalt lic. iur. Kurt
Gemperli - aus der selben Anwaltskanzlei - eine Vollmacht der Beschwerdeführerin ein.
Er werde die Angelegenheit weiterbearbeiten. Er ersuchte unter Hinweis auf
Datenschutzbestimmungen um Einsicht in die Akten bzw. in alle bei der Versicherung
vorhandenen Daten und ferner um Fristerstreckung für das Einreichen eines allfälligen
Einwands unter Berücksichtigung seiner Abwesenheit vom 9. bis 25. April 2011. Mit
Schreiben vom 5. April 2011 (act. 102) setzte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
den Fristablauf auf den 20. April 2011 fest. - Am 29. April 2011 (act. 103) verfügte sie
im Sinn des Vorbescheids. Einer allfälligen Beschwerde wurde die aufschiebende
Wirkung entzogen.
C.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Kurt Gemperli für die
Betroffene am 30. Mai 2011 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben,
ausserdem sei die aufschiebende Wirkung der Beschwerde wieder herzustellen. Der
Anspruch auf rechtliches Gehör sei schwer verletzt worden, da die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin dem Rechtsvertreter mit der Fristansetzung nur zweieinhalb
Arbeitstage gelassen und den Termin ohne vertretbares Motiv in die Gerichtsferien (auf
den Hohen Donnerstag, recte: auf Mittwoch in der Karwoche) gesetzt habe. Eine
Versicherte sei aber in einer solchen Situation nicht gehalten, sich einen
Anwaltswechsel aufzwingen zu lassen. Im Herbst 2009 habe die Beschwerdeführerin
als Ferienaushilfe in einem Betrieb abends als Reinigungshilfe zu arbeiten begonnen.
Dann habe sie eine Teilzeitanstellung dieser Art in einem anderen Betrieb gefunden. Sie
habe etwa zwei Stunden pro Tag gearbeitet. Während die Aufnahme einer solchen
Teilerwerbstätigkeit in der Regel positiv gewertet werde, habe die Beschwerdegegnerin
bei der Beschwerdeführerin einen Hinweis auf diese Tätigkeit zum Anlass genommen,
eine verdeckte Observation durchführen zu lassen. Womöglich habe man sich von
verleumderischen Vorbringen einer übel wollenden Person aus der Nachbarschaft der
Beschwerdeführerin beeindrucken lassen. Die Filmaufnahmen würden nichts erkennen
lassen, was der Beschwerdeführerin zum Vorwurf gereichen könnte. Die Detektive und
die Auftraggeber hätten indessen eine Betrügerin am Werk gewähnt. Beim Verhör der
Beschwerdeführerin sei sie durch vertrauensbildende und suggestive Fragetechnik
dazu veranlasst worden, möglichst gewichtige Beschwerden anzugeben, um diese
protokollierten Aussagen dann mittels der Filmaufnahmen zu widerlegen und die
Betroffene als unredlich darstellen zu können. Darin, wie in der Verfügung auf den
Umstand reagiert werde, dass die Beschwerdeführerin gelegentlich und unentgeltlich
Nachbarskinder hüte, komme eine gewisse Betriebsblindheit zum Ausdruck.
Begrüssenswert sei indessen, dass man den medizinischen Sachverhalt doch noch
durch ärztliche Gutachter habe abklären lassen. Entgegen den üblichen
Gepflogenheiten seien allerdings nicht die gleichen Gutachter wieder zugezogen
worden. Die neuen Gutachter seien, wie dem Gutachten unschwer entnommen werden
könne, massiv beeinflusst worden. Da gegenwärtig keine Rentenanpassung zur
Diskussion stehe, werde auf eine umfassende Würdigung des neuen Gutachtens
verzichtet und lediglich ausgeführt, weshalb das Gutachten die angefochtene
Verfügung nicht zu stützen vermöge. Die Observationsergebnisse und das Gutachten
widerspiegelten Sachverhalte aus dem Jahr 2009 bzw. aus dem Jahr 2010. Sie
erlaubten keine Rückschlüsse auf den im Vorfeld der ursprünglichen Verfügung
eingehend abgeklärten Sachverhalt und insbesondere keine nachträgliche Kritik am
seinerzeitigen Gutachten. Die Verfügung sei daher unbegründet. Ersatzweise käme
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allenfalls eine Wiedererwägung in Frage. Dazu müsste sich die Verfügung vom 16. Juli
2008 aber als zweifellos unrichtig erwiesen haben, was bei weitem nicht zutreffe. Die
Gutachter hätten in der Konsensbesprechung den Beginn der neu geschätzten
Arbeitsfähigkeit auf das Datum der Schlussbesprechung (17. Dezember 2010) datiert.
Das sei massgebend, nicht etwa der Hinweis auf Angaben im psychiatrischen
Konsilium. Es werde eingeräumt, dass sich die Dinge zwischen den beiden
Untersuchungen (vom Mai 2007 und von Ende 2010) möglicherweise geändert hätten.
Weder die erste Begutachtung noch die ursprüngliche Rentenverfügung seien
zweifellos unrichtig im Sinn von Art. 53 Abs. 2 ATSG. Im Übrigen habe der Psychiater
der MEDAS Zentralschweiz das Unvermögen der Beschwerdeführerin bestätigt, eine
umfangreichere Lohnarbeit zu leisten. Er führe es aber auf invaliditätsfremde Faktoren
zurück. Die Annahme, dass die Beschwerdeführerin den Ärzten und Vertretern der IV
falsche Angaben gemacht habe, erweise sich als Unfug. Verdeutlichungstendenzen
oder Selbstlimitierung, wie sie schon von den ersten Gutachtern beobachtet worden
seien, seien durchaus nicht mit bewussten Falschaussagen gleichzusetzen. Für den
Psychiater der MEDAS Zentralschweiz sei die Beschwerdeführerin zwar nicht im
versicherungsmedizinischen Sinn arbeitsunfähig gewesen, aber gleichwohl ein Mensch
mit einem schweren Schicksal, für den er Verständnis ausgedrückt habe. Der Entzug
der aufschiebenden Wirkung würde unter anderem bedeuten, dass die bezogenen
Rentenbetreffnisse zurückgefordert werden könnten, wie dies die Vorsorgeeinrichtung
bereits getan habe. Nichts spreche für die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens. Die
Beschwerde erscheine im Gegenteil bereits prima vista als so aussichtsreich, dass sich
die Wiederausrichtung der Ansprüche aufdränge. Ein Verfahren auf Rentenanpassung
sei nicht im Gang. - Beigelegt waren unter anderem zwei DVDs und ein Schreiben der
Pensionskasse F._ vom 9. Mai 2011. Die Pensionskasse hatte darin erklärt, mit der
Nichtigkeit der IV-Verfügung vom 16. Juli 2008 ende auch der Anspruch auf Leistungen
aus der beruflichen Vorsorge. Sie gehe deshalb analog der Invalidenversicherung vor.
Sie fordere die bereits ausbezahlten Pensionskassen-Invalidenrenten samt
Kinderrenten im Betrag von Fr. 22'785.-- zurück.
D.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 14./18. Juli 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Das erste Editionsgesuch sei ohne Vollmacht erfolgt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das habe nicht die Verwaltung zu verantworten. Das zweite Gesuch sei mit einem
Gesuch um Datenauskunft verbunden gewesen, was die Edition zusätzlich leicht - und
wiederum ohne Verantwortung der Verwaltung - verzögert habe, für die fristgerechte
Formulierung eines Einwands aber nicht erforderlich gewesen wäre. Der Erlass der
Verfügung habe aber keinen Aufschub geduldet. Hätte sie (die Beschwerdegegnerin)
die Ferien des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin berücksichtigt, so hätte eine
Verfügung frühestens im Mai 2011 erlassen werden können. Durch diese Verzögerung
hätte die Beschwerdeführerin einen unrechtmässigen Vorteil in Form der
Weiterausrichtung der Rente um mindestens einen zusätzlichen Monat erwirkt. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mache zu Recht nicht geltend, es sei nicht
zulässig, Fristverlängerungen in den Gerichtsferien enden zu lassen. Die Anwaltswahl
sei im Übrigen offensichtlich weniger Ausdruck des Willens der Beschwerdeführerin als
vielmehr eine Frage der internen Organisation der Kanzlei. Die Vollmacht umfasse denn
auch ein Substitutionsrecht. Die Rechtmässigkeit der Observation werde richtigerweise
nicht in Frage gestellt. Es müsse energisch bestritten werden, dass der
Beschwerdeführerin suggestive Fragen gestellt worden seien. Es könne dem
Sozialversicherungsträger weder zum Vorwurf gemacht werden, dass er der
versicherten Person Gelegenheit gebe, die Tatsachen aus ihrer Sicht darzustellen, noch
sei er dafür verantwortlich, wenn sie bei ihren Darstellungen lüge oder übertreibe. Es
werde nicht dargelegt, inwiefern die Beeinflussung der Gutachter durch das
Bildmaterial einen Mangel darstellen sollte. Es sei Aufgabe der Gutachter, sich gestützt
auf das ganze Aktenmaterial eine Meinung über den Gesundheitszustand und die
Leistungsfähigkeit einer versicherten Person zu machen. Das Bildmaterial sei für die
Experten offensichtlich die entscheidende Hilfe gewesen, um die Klagen richtig
einzuordnen. Die Observation sei denn auch ein geeignetes und notwendiges
Instrument zur Abklärung des Sachverhalts. Neue medizinische Erkenntnisse seien
praxisgemäss geeignet, eine prozessuale Revision zu begründen. Nach Einschätzung
der MEDAS machten die gegebenen Umstände eine grundlegende Neubeurteilung
notwendig. Es bestehe eine grosse Diskrepanz zwischen dem in den Videos zu
beobachtenden Funktionsniveau der Beschwerdeführerin und dem Gebaren in
Untersuchungssituationen. Die Umstände würden nur einen Schluss zulassen, nämlich
dass die Beschwerdeführerin bereits im Abklärungsverfahren vor der Rentenzusprache
mit ihren Beschwerdeschilderungen massiv übertrieben habe. Die Gutachter hätten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
daher festgehalten, es könne aus heutiger Sicht an der Einschätzung, dass die
Verdeutlichungstendenzen und Inkonsistenzen einem depressiven Leiden und einer
Schmerzkrankheit zuzuordnen seien, nicht festgehalten werden. Es lägen damit Noven
vor, die eine Neubeurteilung im Rahmen einer prozessualen Revision rechtfertigten.
Nach überzeugender Auffassung der MEDAS sei die Beschwerdeführerin
uneingeschränkt arbeitsfähig. Ein Nachweis, dass früher eine relevante
Arbeitsunfähigkeit vorgelegen habe, bestehe nicht. Vielmehr müsse davon
ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin die vorbeurteilenden Ärzte durch
ihre Übertreibungen, die für die Gegenwart klar hätten dokumentiert werden können,
getäuscht und zu Falscheinschätzungen geführt habe. Die Beschwerdeführerin habe
deutlich schlechtere Prozessaussichten als die Verwaltung. Es bestünden Zweifel, ob
es der Beschwerdeführerin möglich wäre, eine allfällige Rückforderung zu begleichen.
Ihr Interesse, nicht zur Sozialhilfe gehen zu müssen, habe vor jenem der Verwaltung,
uneinbringliche Rückforderungen zu vermeiden, zurückzutreten. Das Vorgehen der
Vorsorgeeinrichtung sei nicht zu prüfen. Die Ausgleichskasse F._ habe noch keine
Rückforderung gestellt.
E.
Mit Replik vom 4. November 2011 wendet der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
ein, es sei nicht zulässig, den Gehörsanspruch zu beschneiden, um ein bestimmtes
materielles Ergebnis erzielen zu können. Dass ein Anwalt im Vorbescheidsverfahren
keine datenschutzrechtliche Akteneinsicht benötige, treffe nicht zu. Die act. 65A, 65B
und 65C seien in dem ihm vorgelegten Dossier seinerzeit nicht enthalten gewesen,
wohl aber in der separaten Antwort auf die datenschutzrechtliche Anfrage. Eine
Observation setze einen erheblichen Anfangsverdacht bezüglich eines
unrechtmässigen Leistungsbezugs voraus. Die Tatsache, dass eine Bezügerin einer
halben Rente sich nach jahrelanger Erwerbslosigkeit bemühe, wieder im Arbeitsmarkt
Fuss zu fassen, indem sie zwei Stunden täglich in einem Betrieb Reinigungsarbeiten
durchführe, vermöge einen solchen Verdacht nicht zu begründen. Selbst Versicherte,
die eine Halbtagsarbeit aufnähmen, verlören ihren Anspruch auf eine halbe Rente
dadurch in der Regel nicht. Es frage sich, was sonst noch vorgelegen haben möge. Die
Diffamierungen in den oben erwähnten Aktenstücken genügten gewiss nicht. Der an
die Beschwerdeführerin gerichtete Vorwurf der Lüge stimme nachdenklich. Zum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinweis auf das von der MEDAS festgestellte Unvermögen der Beschwerdeführerin,
eine umfangreichere Lohnarbeit zu leisten, habe die Beschwerdegegnerin leider nicht
Stellung genommen. Es böte sich hier Anlass, die Art und Weise, wie Personen verhört
würden, wenn ein Verdacht auf ihnen laste, kritisch zu überdenken. Um als Anlass für
eine prozessuale Revision geeignet zu sein, müssten neue medizinische Erkenntnisse
Aussagekraft bezüglich des ursprünglich beurteilten Sachverhalts haben. Vorliegend
hätten sich die Gutachter aber ausdrücklich geweigert, zur Arbeitsfähigkeit in der Zeit
vor dem Datum ihrer Schlussbesprechung Stellung zu nehmen. Die rückwirkende
Aufhebung der Rente habe keine Grundlage. Die Beschwerdegegnerin hätte die
Beschwerdeführerin unter Verzicht auf eine unrechtmässige Observation nochmals zu
den gleichen Gutachtern wie früher zu schicken. Diese hätten dann neu erfahren, dass
die Beschwerdeführerin seit Kurzem zwei Stunden pro Tag Reinigungsarbeiten
verrichte. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, ob die Gutachter erklärt hätten, sie
seien seinerzeit durch Übertreibungen der Beschwerdeführerin getäuscht und zu
Falscheinschätzungen geführt worden. Das Gericht habe die Möglichkeit, eine solche
neue Begutachtung zu veranlassen. Die Beschwerdeführerin scheue eine solche
Abklärung nicht, sondern werde dereinst Anspruch darauf haben, wenn es einmal um
die Beurteilung des laufenden Rentenanspruchs gehen werde. Denn dafür sei die
Expertise der MEDAS Zentralschweiz keine taugliche Grundlage.
F.
In ihrer Duplik vom 28. November/1. Dezember 2011 bringt die Beschwerdegegnerin
vor, das Bundesgericht habe die Theorie, dass eine Observation einen
Anfangsverdacht erfordere, ausdrücklich verworfen. Es müssten konkrete
Anhaltspunkte vorliegen, die Zweifel an den geäusserten gesundheitlichen
Beschwerden oder der geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit aufkommen liessen.
Solche seien etwa bei widersprüchlichem Verhalten der versicherten Person oder
Zweifeln an ihrer Redlichkeit, bei Inkonsistenzen anlässlich der medizinischen
Untersuchung, Aggravation, Simulation, Selbstschädigung und Ähnlichem gegeben.
Schon früh sei die Beschwerdeführerin als Patientin beschrieben worden, deren
schweres Beschwerdebild bei schlechter Objektivierbarkeit allen Therapien zum Trotz
jegliche Arbeitsaufnahme verunmögliche. Nach der stationären Behandlung in der
Klinik C._ habe sie beim Austritt in drei Minuten nur noch 100 m gehen können. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diskrepanz zwischen den vorgebrachten Schmerzen und den objektivierbaren
somatischen Befunden sei im psychiatrischen Teilgutachten vom Oktober 2007
thematisiert worden. Die Beschwerdeführerin habe keine Erwerbsaufnahme gemeldet.
Nach entsprechenden Hinweisen sei der Verdacht auf Schwarzarbeit aufgekommen. Es
hätten Anhaltspunkte dafür bestanden, dass die Beschwerdeführerin eine deutlich
bessere Leistungsfähigkeit besitzen könnte, als bei der Rentenprüfung angenommen
worden sei. Bei Hinweisen auf eine nicht deklarierte Erwerbsaufnahme gebe es kein
anderes Mittel zur Abklärung, das ähnlich geeignet sei wie eine Observation. Die
Beschwerdeführerin habe im Revisionsformular ihre erwerbliche Situation unvollständig
wiedergegeben und bei der Befragung nicht den Tatsachen entsprechende Angaben
gemacht. Je mehr auf nicht objektivierbare Leiden abgestellt werden müsse, umso
wichtiger sei bei der Würdigung des Sachverhalts die Redlichkeit einer Person. Mache
sie wiederholt falsche Angaben, übertreibe in erheblichem Ausmass und verschweige
wesentliche Tatsachen, so seien Gesundheitsschaden und Leistungseinschränkung mit
grösserer Vorsicht anzunehmen. Es zeige sich der legitime Zweck einer zweistufigen
Befragung. Zunächst werde zur Wahrung des Gehörs Gelegenheit gegeben, die
Situation zu schildern. Wichtig sei, überprüfbare Tatachen zu erfragen, um über die
Glaubwürdigkeit der Person Gewissheit zu erlangen. Das sozialversicherungsrechtliche
Abklärungsverfahren erfordere, dass sich ein Gutachter in Kenntnis aller Akten eine
Meinung bilde. Wenn er also durch die Akten (einschliesslich Observationsakten)
beeinflusst werde, so sei dies nicht unrechtmässig, sondern verpflichtend notwendig.
Die Videos gäben eindrücklich Aufschluss über das gute Leistungsniveau der
Beschwerdeführerin. Durch die Observation habe gezeigt werden können, dass die
Beschwerdeführerin im Alltag nicht an den bisher behaupteten Einschränkungen leide.
Ausserdem sei ein neues Gutachten erstellt worden. Damit lägen neue Beweismittel
vor, die vordem von der IV nicht hätten beigebracht werden können. Anders wäre es
nur, wenn behauptet werden könnte, es hätte bereits vor der Rentenzusprache eine
Observation durchgeführt werden müssen. Das sei aber zweifellos nicht der Fall. Es sei
nun der Beweis erbracht, dass die demonstrierten Einschränkungen nicht durch eine
Krankheit, sondern durch gezielte Übertreibungen und Falschangaben zu erklären
seien.
G.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
G.a Am 7. Dezember 2011 hat das Gericht der F._ Pensionskasse Gelegenheit
geboten, zur Beschwerde Stellung zu nehmen und im Verfahren Parteirechte
wahrzunehmen.
G.b Die Pensionskasse beantragt mit Eingabe vom 15. Dezember 2011 die Abweisung
der Beschwerde. Die Beschwerdegegnerin sei verpflichtet, die Untersuchungsmaxime
zu respektieren und zusätzliche Abklärungen vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass bestehe. Mit den Inkonsistenzen und dem Verdacht auf
Schwarzarbeit habe mehr als hinreichender Anlass zur Observation bestanden; diese
sei nötig gewesen, um den Sachverhalt zweifelsfrei zu eruieren. Auch die MEDAS-
Begutachtungsanordnung sei Ausdruck einer ernst genommenen Abklärungspflicht
gewesen. Die Beschwerdeführerin dagegen könne kein Interesse an einer Klärung der
Angelegenheit haben. Die IV und die Vorsorgeeinrichtung hätten nicht dafür
einzustehen, dass ein Versicherter aus anderen als gesundheitlichen Gründen nicht
erwerbstätig sei. Die rentenzusprechende Erstverfügung sei offensichtlich unrichtig
gewesen, weil die psychosozialen Faktoren völlig ignoriert und die Foerster-Kriterien
nicht angewendet worden seien.
H.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hält am 27. Dezember 2011 dafür, die
Auffassung der Pensionskasse, die ursprüngliche Rentenverfügung sei wegen
Verkennung der versicherungsrechtlichen Grundsätze durch die damals
untersuchenden Mediziner offensichtlich unrichtig, sei ihrerseits offensichtlich
unzutreffend. Im aktuellen MEDAS-Gutachten würden solche Schlüsse nicht gezogen,
sondern es werde eingeräumt, dass sich der medizinische Sachverhalt in der
Zwischenzeit geändert haben könnte.
I.
Mit Eingabe vom 29. Februar 2012 äussert sich der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin zu der ihm am 17. Februar 2012 eröffneten Duplik in dem Sinn,
dass sich die Observation mangels neuer relevanter Gesichtspunkte nach der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtung von 2007 als unzulässig erweise. Eine rückwirkende Aufhebung der
Rentenzusprechung würde voraussetzen, dass der Schluss auf deren Unrichtigkeit der
einzig denkbare sei. Solange der Entscheid irgendwie vertretbar gewesen sei, liege
keine zweifellose Unrichtigkeit vor. Das gelte nicht nur für die Wiedererwägung,
sondern auch für die Revision.
J.
Die Pensionskasse stellt sich mit Eingabe vom 13. März 2012 auf den Standpunkt, die
erste Rentenverfügung sei offensichtlich unrichtig. Es seien wesentliche Prinzipien
verletzt worden, nämlich dasjenige der Aussonderung psychosozialer Faktoren und
jenes der Anwendung der Foerster'schen Kriterien. Die MEDAS-Gutachten seien von
höchster Qualität. Die MEDAS Zentralschweiz gebe im Vergleich eher nachsichtige
Beurteilungen ab.

Erwägungen:
1.
1.1 Vorliegend ist die Rechtslage massgebend, wie sie bis ins Jahr 2011 bestanden
hat.
1.2 Mit der angefochtenen Verfügung vom 29. April 2011 hat die
Beschwerdegegnerin die rentenzusprechende Verfügung vom 16. Juli 2008 in
prozessuale Revision gezogen und aufgehoben und sie hat festgestellt, dass die
Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine Rente habe.
1.3 Einer allfälligen Beschwerde wurde ausserdem die aufschiebende Wirkung
entzogen. Mit dem Entscheid in der Sache erübrigt sich nun eine förmliche Behandlung
des beschwerdeweise gestellten Antrags auf Wiederherstellung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde; dieser wird hinfällig.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführerin lässt eine schwere Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches
Gehör rügen, da die Beschwerdegegnerin ihrem Rechtsvertreter mit der Fristansetzung
für einen Einwand zum Vorbescheid nur zweieinhalb Arbeitstage Zeit gelassen und den
Termin ohne vertretbares Motiv in die Gerichtsferien gesetzt habe. - Der
verfassungsrechtliche Gehörsanspruch (Art. 29 Abs. 2 BV) beinhaltet unter anderem
das Recht des Einzelnen, sich zu den ihn betreffenden hoheitlichen Anordnungen zu
äussern und seinen Standpunkt zu allen relevanten Fragen des Falles vorgängig des
Entscheides wirksam zur Geltung zu bringen. Mit dem Gehörsanspruch ist aber
vereinbar, dass dem Betroffenen für die Ausübung seines Äusserungsrechts eine
bestimmte Frist gesetzt wird. Diese muss allerdings angemessen, d.h. so bemessen
sein, dass dem Betroffenen eine gehörige Wahrung seines Äusserungsrechts -
gegebenenfalls unter Beizug eines Rechtsvertreters - effektiv möglich ist (BGE 133 V
196). Eine schwere Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt beispielsweise vor, wenn
eine versicherte Person die Verwaltung im Rahmen des Vorbescheidverfahrens innert
der angesetzten Frist um Fristerstreckung ersucht, um sich über den zwischenzeitlich
beigezogenen Rechtsvertreter nochmals, nun fachkundig vertreten, vernehmen zu
lassen und die Verwaltung auf das Gesuch nicht eingeht und dessen ungeachtet die
Verfügung erlässt (Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S J. vom
29. Oktober 2002, I 459/02; Bundesgerichtsentscheid i/S B. vom 6. Juli 2007, I 629/06).
Dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, der das Mandat während der bis
12. April 2011 laufenden Frist zur Stellungnahme übernommen hatte, wurde zwar mit
Schreiben vom 5. April 2011 eine Fristerstreckung bis 20. April 2011 (die Gerichtsferien
dauerten vom 18. April 2011 bis 2. Mai 2011) gewährt. Indessen handelte es sich um
eine Verlängerung (vom 12. bis 20. April 2011), welche vollständig innerhalb der vom
Rechtsvertreter bezeichneten Ferienzeit (9. bis 25. April 2011) lag, so dass sie für ihn
keinerlei nutzbare Wirkung hatte. Das erscheint unangemessen, lässt sich auch unter
Berücksichtigung des Interesses der Beschwerdegegnerin an einer möglichst raschen
Einstellung der Leistungen nicht rechtfertigen und stellt eine Gehörsverletzung dar. Die
Beschwerdeführerin hat im Übrigen nicht für eine sachfremde Verzögerung
einzustehen. - Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs kann ungeachtet der
Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der
angefochtenen Verfügung führen. Die Verletzung kann aber unter Umständen auch
geheilt werden. Es stehen einander das Interesse an einem rechtmässigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfahrensablauf und dasjenige an einer möglichst beförderlichen Behandlung des
Leistungsanspruchs gegenüber. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen geht
in ständiger Praxis davon aus, dass das letztgenannte Interesse jedenfalls dann
überwiegt, wenn die Beschwerde führende versicherte Person nicht ausdrücklich
erklärt, sie verlange nur die rein verfahrensrechtliche Beurteilung und damit die
Aufhebung der verfahrensrechtlich rechtswidrigen Verfügung und die Rückweisung
zum Erlass einer neuen Verfügung (vgl. den Entscheid des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen i/S W. vom 12. Februar 2008, IV 2006/205, mit Hinweisen; vgl. auch
den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S A. vom 9. Juni
2011, IV 2009/115). Die Beschwerdeführerin hat den Verfahrensmangel, vor allem aber
auch die materielle Unrichtigkeit der Verfügung rügen lassen. Es ist davon auszugehen,
dass sie der materiellen Behandlung der Streitsache den Vorzug vor einer rein
verfahrensrechtlich begründeten Rückweisung der Sache gibt. Von einer Aufhebung
der Verfügung aus formellem Grund ist daher abzusehen. Die Frage erlangt vorliegend
allerdings angesichts des Sachentscheids keine relevante Bedeutung.
3.
3.1 Mit der in formelle Rechtskraft erwachsenen Verfügung vom 16. Juli 2008 hatte
die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin ab 1. Februar 2006 eine halbe Rente
bei einem Invaliditätsgrad von 50 % (Valideneinkommen Fr. 46'506.--,
Invalideneinkommen Fr. 23'252.--) zugesprochen. Sie war dabei von einer
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in der bisherigen und in einer adaptierten
Tätigkeit von 50 % ausgegangen. - Die strittige Einstellung der Rente wird nun damit
begründet, dass das neu angefertigte Bildmaterial ein anderes Funktionsniveau der
Beschwerdeführerin aufzeige, als sie es in Untersuchungssituationen gezeigt und
womit sie die beurteilenden Ärzte damals zu Fehleinschätzungen gebracht habe, dass
sie in Wirklichkeit nicht an den behaupteten Einschränkungen leide, und dass neue
medizinische Erkenntnisse (bezüglich Zuordnung von Verdeutlichungstendenzen und
Inkonsistenzen) vorlägen.
3.2 Formell rechtskräftige Verfügungen müssen in Revision gezogen werden, wenn
die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue
Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
möglich war (vgl. Art. 53 Abs. 1 ATSG). - In prozessuale Revision zu ziehen sind
Entscheide, die anfänglich unrichtig waren (vgl. Bundesgerichtsentscheid i/S B. vom
19. Januar 2007, I 522/06 E. 2.2 und 3.1).
3.3 Das erste Tatbestandselement betrifft die Konstellation, dass erhebliche
Tatsachen neu entdeckt werden. Die betreffende Tatsache muss zur Zeit der
Erstbeurteilung bereits bestanden haben. Bei der Entscheidfällung darf sie der um
Revision ersuchenden Person (oder der Verwaltung; Bundesgerichtsentscheid i/S S.
vom 10. August 2007, U 51/07) aber trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt
gewesen, das heisst sie muss unverschuldeterweise unbekannt geblieben sein (vgl.
Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S B. vom 18. September 2002,
I 183/02; I 522/06 E. 3.1.1; BGE 122 V 273 E. 4). Eine neue Tatsache ist nur dann im
Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG erheblich, wenn sie die tatsächliche Grundlage der
Verfügung so zu ändern vermag, dass bei zutreffender rechtlicher Würdigung ein
anderer Entscheid resultiert (vgl. Bundesgerichtsentscheide i/S A. vom 8. Dezember
2011, 8C_434/11, und i/S L. vom 15. Februar 2010, 8C_720/09).
3.4 Die zweite Tatbestandskonstellation betrifft das Auffinden von Beweismitteln,
deren Beibringung zuvor nicht möglich war. Neue Beweismittel haben entweder dem
Beweis der die Revision begründenden neu entdeckten erheblichen Tatsachen oder
dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar ursprünglich schon bekannt gewesen,
zum Nachteil des Gesuchstellers (oder der Verwaltung) aber damals unbewiesen
geblieben sind. Sollen bereits vorgebrachte Tatsachen mit neuen Mitteln bewiesen
werden, hat der Gesuchsteller auch darzutun, dass er die Beweismittel im früheren
Verfahren nicht beibringen konnte. Ausschlaggebend ist wiederum, dass das
Beweismittel nicht bloss der Sachverhaltswürdigung, sondern der
Sachverhaltsfeststellung dient. Es genügt daher nicht, dass beispielsweise ein neues
Gutachten den Sachverhalt anders wertet; vielmehr bedarf es neuer Elemente
tatsächlicher Natur, welche die Entscheidungsgrundlagen als objektiv mangelhaft
erscheinen lassen. Ein Revisionsgrund ist somit nicht schon gegeben, wenn die
Verwaltung oder das Gericht bereits im ursprünglichen Verfahren bekannt gewesene
Tatsachen möglicherweise unrichtig gewürdigt haben. Notwendig ist vielmehr, dass die
unrichtige Würdigung erfolgte, weil für den Entscheid wesentliche Tatsachen nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bekannt waren oder unbewiesen blieben (vgl. Bundesgerichtsentscheid 8C_720/09,
BGE 110 V 138).
4.
4.1 Die Verfügung, mit welcher der Beschwerdeführerin eine Rente zugesprochen
worden war, stützte sich auf ein Gutachten vom Oktober 2007 (act. 38;
Untersuchungen vom Mai und Juli 2007). Wie dem rheumatologischen Teilgutachten
(act. 40) zu entnehmen ist, hat die Beschwerdeführerin verschiedene Schmerzen
(Rücken, Bein, Nacken), Gefühlsstörungen und Atemnot beklagt. Selbst die Verrichtung
der Haushaltaktivitäten müsse sie mehrmals unterbrechen, um sich auszuruhen. Bei
der Untersuchung waren diverse Prüfungen nicht durchführbar (befürchtete
Schmerzauslösung, mangelnde Kooperation, ubiquitäre Hyperalgesie, Gegenhalten,
Ausweichbewegungen). Die Beschwerdeführerin wies ein Schonhinken links auf,
suchte sich beim Gehen überall mit den Händen aufzustützen und führte die
Bewegungen deutlich verlangsamt aus. Bezüglich des Abstützens (allenfalls auch des
Schonhinkens) stellte der Gutachter einen Gegensatz zwischen der
Untersuchungssituation und der unbeobachteten Situation ausserhalb des
Sprechzimmers fest. Was die Beweglichkeit betrifft, fielen die Kontraste zwischen der
aktiven und der passiven Beweglichkeit auf. Der Gutachter stellte fest, die subjektiv
empfundenen und im Rahmen der Untersuchung demonstrierten funktionellen
Einschränkungen würden ein angesichts der objektivierbaren körperlichen
Veränderungen zu erwartendes Mass bei weitem überschreiten. Er sah sich deswegen
veranlasst, die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auf einen
Vergleich mit bezüglich der strukturellen Veränderung ähnlichen Fällen zu stützen, also
medizinisch-theoretisch vorzunehmen. Er schätzte die Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin auf diese Weise auf 30 %, je zur Hälfte zurückzuführen auf einen
Bedarf an Kurzpausen und auf ein leicht verlangsamtes Arbeitstempo. Die
Einschränkung sei mit dem augenfälligen Deconditioning-Syndrom nach
mehrmonatiger vollständiger Arbeitsabsenz zu begründen. Der Gutachter hielt für
denkbar, dass die Arbeitsfähigkeit binnen sechs bis zwölf Monaten durch
rekonditionierende Behandlung auf 100 % gesteigert werden könnte. Er stellte fest, die
Beschwerdeführerin habe in der Untersuchung ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten
gezeigt und es seien zahlreiche Inkonsistenzen aufgetreten. Das nach anamnestischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Angaben auch im sonstigen Alltag vorherrschende Vermeidungsverhalten habe zu einer
ausgeprägten physischen Dekonditionierung geführt. Das Verhalten der
Beschwerdeführerin in der Untersuchungssituation weise auf eine
Somatisierungsstörung hin.
4.2 Bei der psychiatrischen Exploration bewegte sich die Beschwerdeführerin
gemäss dem Gutachten vom Oktober 2007 langsam, unsicher und zögerlich, die
gestischen Mitbewegungen seien während des Gesprächs reduziert und die Mimik sei
starr gewesen bei anhaltend gequältem Gesichtsausdruck, die Stimme
modulationsarm und tonlos. Mehrmals habe die Beschwerdeführerin ohne erkennbaren
unmittelbaren Anlass geweint. Sie habe häufig Entlastungsbewegungen gemacht und
nach den etwa zwei Stunden Untersuchungsdauer erklärt, sie sei erschöpft. Beim
Psychostatus wurde unter anderem festgehalten, die Beschwerdeführerin sei im
formalen Denken verlangsamt, eingeengt auf das Krankheitserleben, sie berichte von
akustischen und vom einmaligen Auftreten optischer Halluzinationen, sie sei affektarm,
deprimiert und klagsam und sie leide an Hoffnungslosigkeits-, Schuld-, Scham- und
reduziertem Selbstwertgefühl, einer Störung der Vitalgefühle mit Antriebs- und
Interessenverlust, Energielosigkeit, Ermüdbarkeit, Gereiztheit und Unfähigkeit zur
Freude. Sie meide soziale Kontakte und ziehe sich zurück. Schon früh sei in den
Vorakten eine Diskrepanz zwischen den vorgebrachten Schmerzen und den
objektivierbaren somatischen Befunden dokumentiert worden. Im Mai 2005 sei ein
übersteigertes Schmerzempfinden attestiert worden. Im Bericht der Klinik C._ seien
zwei diskrepante Tendenzen festzustellen, einerseits eine tendenzielle Besserung aus
medizinischer Sicht und anderseits eine weitere Schmerzfixiertheit aus therapeutischer
Sicht. Es sei retrospektiv schwierig zu beurteilen, worin die divergierenden
Einschätzungen begründet sein könnten. Der Gutachter hielt eine kontextbezogene
Selbstbeurteilung der Beschwerdeführerin für möglich, indem sie im
psychotherapeutischen Rahmen eine vermehrte Schmerzwahrnehmung erlebe. Er
nahm an, dass die Inkonsistenzen und Verdeutlichungstendenzen weniger auf ein
Aggravationsverhalten als auf das depressive Leiden und die Schmerzstörung
zurückzuführen seien. Diese Annahme stützte er mit der Konstanz der Angaben und
der Bereitschaft, sich einer adäquaten Behandlung zu unterziehen, ferner damit, dass
die geschilderten Funktionsbeeinträchtigungen zu grossen Einschränkungen in den
Aktivitäten des täglichen Lebens führten. Bei der Untersuchung hätten sich keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinweise dafür finden lassen, dass die Beschwerden bewusst oder bewusstseinsnah
im Sinn eines sekundären Krankheitsgewinns zur Durchsetzung eigener Wünsche nach
Versorgung, Entlastung oder Zuwendung eingesetzt würden. Die Erkrankung habe
nach ihren Angaben vielmehr zu einem wesentlichen Verlust der bisherigen
Lebensqualität und Qualität der familiären Beziehungen geführt. Gegen die Annahme
einer selbstbestimmten Steuerbarkeit der Beschwerden spreche beispielsweise, dass
sich die Beschwerdeführerin nicht ausschliesslich von den unangenehmen und
fordernden Aspekten des Lebens wie Haushalt und Beruf zurückgezogen habe,
sondern weitgehend auf alle Aktivitäten verzichte. Im Ergebnis stellte der
psychiatrische Gutachter fest, die beklagte Symptomatik spreche auch unter
Berücksichtigung der Verdeutlichungstendenz für das Vorliegen einer schweren
depressiven Episode, und zwar wegen der psychomotorischen Hemmung, des
Ausmasses der geschilderten affektiven Beeinträchtigung und affektiven Starre, der
formalen Denkstörungen und der kognitiven Störungen. Die Schwere der
Gedächtnisstörungen sei allerdings durch ein Testergebnis relativiert worden. Die
psychiatrisch bedingte Arbeitsunfähigkeit liege bei 70 %. - Nachdem der RAD auf eine
allfällige "interkulturelle Überschneidungssituation" hingewiesen hatte, hielt der
Gutachter rückblickend fest, einige Aspekte seien unzureichend gewürdigt worden. Es
liege eine mittelgradige depressive Episode (ohne psychotische Symptome) vor. Das
psychische Zustandsbild, bei welchem vor allem der fehlende Antrieb und die
psychomotorische Hemmung imponiert hätten, seien aller Wahrscheinlichkeit nach
wesentlich durch die Selbstlimitierung beeinflusst. Eine Wahnsymptomatik habe sich
nicht explorieren lassen. Die Arbeitsunfähigkeit betrage 50 %.
5.
Die angefochtene Verfügung stellt auf ein Gutachten vom Januar 2011 (act. 90) ab. Die
Begutachtung vom Oktober 2010 erfolgte in Kenntnis von Observationsmaterial. Die
Observation war deswegen veranlasst worden, weil eine Tätigkeit als Tagesmutter
nach Auffassung des RAD mit den im ersten Gutachten von der (allerdings immerhin zu
50 % arbeitsfähigen) Beschwerdeführerin demonstrierten Beschwerden keinesfalls
möglich wäre. Bei der neuen Begutachtung wirkte die Beschwerdeführerin
psychomotorisch etwas reduziert mit meistens eher spärlicher Mimik, insgesamt aber
eher dysphorisch. Es seien während des Gesprächs kaum nonverbale
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzäusserungen zu beobachten gewesen. Während der körperlichen
Untersuchung habe sich ein verstärktes Schmerzgebaren gezeigt. Zum Neurostatus
wurde angegeben, mit Ausnahme der Trophik und der Muskeleigenreflexe seien alle
(kooperationsabhängigen) Befunde pathologisch ausgefallen. Der Gang sei
schwerfällig, hinkend, mit Seufzen und Grimassieren. Zehen- und Fersengang seien nur
mit Abstützen möglich gewesen (vgl. act. 90-14). Unter rheumatologischem Aspekt
wurde festgehalten (act. 90-30), der Vorgutachter habe etwa die gleichen Klagen,
Befunde und Auffälligkeiten beschrieben, wie sie nun ihm (dem Verlaufsgutachter)
begegnet seien. Seine Einschätzung scheine nach damaligem Wissensstand nicht
offensichtlich falsch gewesen zu sein. Unter Würdigung des Observationsmaterials
müsse man aber zur Erkenntnis kommen, dass das vorgezeigte Bewegungsmuster nur
partiell der Realität entspreche und die Beschwerdeführerin sich in anderen Situationen
anders verhalte. Eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit lasse sich heute nicht mehr
begründen. Bei der psychiatrischen Untersuchung (vgl. act. 90-35) wurde festgehalten,
die Beschwerdeführerin habe fast die ganze Zeit mit kraftloser Stimme und begleitet
von wenigen Mitbewegungen des Oberkörpers gesprochen. Emotionen seien kaum
spürbar gewesen. In ihren Interessen habe sie sich auf elementarste Ereignisse in ihrer
unmittelbaren Umgebung beschränkt. Auch die kleinen Alltagsfreuden habe sie ohne
erkennbare Gefühle beschrieben. Mit einer heftigen verbalen Reaktion und grosser
Vehemenz habe sie einzig auf eine Provokation im Zusammenhang mit der
Observationsthematik reagiert. Bei den subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin
wurde festgehalten, das Denken bereite ihr mehr Mühe als bei der Vorbegutachtung.
Trotz der massiven Einschränkungen (Schmerzen, Ängste, Erinnerungslücken,
Stimmenhören, Schlafstörungen) seien die Tage noch ausgefüllt und
abwechslungsreich (Arbeit im Betrieb, Spaziergänge mit dem Ehemann, Besuche), sie
habe Freude und Sinn für die Schönheit der Natur. Die gefilmten Leistungen seien
aufgrund einer verabreichten Spritze möglich gewesen. Sie habe keine grossen
Zukunftserwartungen. In seiner Beurteilung ging der psychiatrische Gutachter davon
aus, dass die Bemerkung der Beschwerdeführerin, sie habe bereits mit gut 40 Jahren
so hart gearbeitet, dass damit genug sei, so zu verstehen sei, dass die Integration, der
Migrationshintergrund bzw. die soziokulturelle Entwurzelung eine grosse Aufgabe
dargestellt habe. Während fünfzehn Jahren in der Schweiz zu sein, praktisch ohne ein
Wort Deutsch zu lernen, stelle einen erheblichen soziokulturellen Belastungsfaktor dar,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der zusammen mit ihrer Einschätzung der Belastung entscheidend sei für das aktuelle
Unvermögen, eine umfangreichere Lohnarbeit zu leisten. Auch die Erwartungen in den
früher jungen, leistungsfähigen Ehemann hätten sich nicht erfüllt. Die Flucht in die
Rente sei deshalb nachvollziehbar und stelle einen Weg dar, sich mit all den
Kränkungen und Enttäuschungen zu versöhnen. Gleichzeitig verfüge die
Beschwerdeführerin über minimale Ressourcen und über eine minimale
Introspektionsfähigkeit, um sich mit Problemen auseinandersetzen zu können. Dass
diese Besonderheit viele Züge einer depressiven Erkrankung trage, sei nicht
verwunderlich. Die Diagnose sei denn auch mehrfach gestellt worden. Es sei aber mit
aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, dass sich das Leben der Beschwerdeführerin vor
und nach der Erkrankung nicht grundsätzlich im Bereich der Abwechslung und der
psychischen Erlebnisfähigkeit verändert habe. Auch die gezielten Fragen nach
Kernsymptomen der Depression seien unbeantwortet geblieben, was als weiteres Indiz
dafür verstanden werden müsse, dass im Moment keine eigentliche Depression
bestehe und auch früher keine bestanden habe. Betreuer würden einer gewissen
Befangenheit unterliegen und müssten soziokulturelle Faktoren nicht ausscheiden. Die
Medikamentenspiegel für Saroten, Surmontil und Trittico seien unter dem
therapeutischen Bereich gelegen, nur derjenige für Cipralex sei erwartungsgemäss. Die
Compliance sei demnach schlecht, die Medikation bei fehlender Depression allerdings
auch nicht nötig. Eklatant seien natürlich die Befunde, welche die
Überwachungsunternehmung erhoben habe. Es werde deutlich, dass die Beschwerden
in strenger Abhängigkeit mit dem Kontext aufträten. Daraus müsse zwingend
geschlossen werden, dass sie mit der nötigen Willensanspannung überwunden werden
könnten bzw. in unbeobachtet geglaubten Momenten gar nicht bestünden. Aufgrund
des gegenwärtigen Wissensstandes habe aus psychiatrischer Sicht nie eine
versicherungsrelevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden. Es sei eine tief
verwurzelte Überzeugung der Beschwerdeführerin festzustellen gewesen, dass sie in
ihrem Leben bereits genug gearbeitet habe. Eine Verdeutlichungstendenz und
Inkonsistenzen könnten im Übrigen kaum je als Folge einer Depression verstanden
werden.
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.1 Es zeigt sich damit, dass gemäss dem jüngeren Gutachten rheumatologisch
betrachtet abgesehen von der Belastungslimite bei 10 kg keine Arbeitsunfähigkeit
besteht. Diese Beurteilung wird mit dem Umstand begründet, dass das gezeigte
Bewegungsmuster (gemäss dem Observationsmaterial) nicht vollständig der Realität
entspreche. Die Schlussfolgerung erscheint zwar nicht unplausibel. Ihr ist indessen
entgegenzuhalten, dass der Vorgutachter - im Wissen um die Diskrepanzen - eine
gewisse Einschränkung der Arbeitsfähigkeit unter Bezugnahme auf einen Vergleich mit
bezüglich struktureller Veränderungen ähnlichen Fällen angenommen hat. Eine
Auseinandersetzung damit hat nicht stattgefunden. Anhaltspunkte für eine relevante
Veränderung im Zeitablauf sind in somatischer Hinsicht nicht ersichtlich.
6.2 Im jüngeren Gutachten wurde unter psychiatrischem Aspekt berichtet, die
"Befunde" der Überwachungsunternehmung zeigten, dass die Beschwerden der
Beschwerdeführerin in strenger Abhängigkeit mit dem Kontext aufträten. Daraus
schliesst der psychiatrische Gutachter zwingend, dass die Beschwerden mit der
nötigen Willensanspannung überwunden werden könnten bzw. gar nicht bestehen
würden. Es ist diesbezüglich festzuhalten, dass auf Bildern der körperliche Ausdruck
und die Bewegungen einer Person zu sehen sind, während ein psychisches Befinden je
nach seiner Art weniger oder gar nicht offenkundig sein kann. Der Psychiater bezog
sich diesbezüglich also wohl auf die augenfälligen Beeinträchtigungen. Dass aber
somatisch betrachtet keine Beeinträchtigung vorliegt, welche die funktionellen
Einschränkungen erklären könnte, welche die Beschwerdeführerin in den
Untersuchungen demonstrierte, ist unter den Beurteilenden nach der Aktenlage
unbestritten. Die ursprüngliche Rentenzusprache war denn auch weniger aus
somatischen als vielmehr aus psychiatrischen Gründen erfolgt. Eine gewisse
psychomotorische Verlangsamung erscheint aufgrund der Bilder (selbst) zum Zeitpunkt
ihrer Aufnahme nicht ausgeschlossen (erst recht nicht für die frühere Zeit).
6.3 Was den psychiatrischen Aspekt als solchen betrifft, konnten nach den
Darlegungen im Gutachten vom Januar 2011 keine Depression und keine
Schmerzkrankheit nachgewiesen werden und die Gutachter gelangten zur
psychiatrischen Diagnose der Entwicklung körperlicher Symptome aus psychischen
Gründen, welche nicht von Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit und näher bei einem
Aggravationsverhalten einzuordnen sei. Der Psychiater begründete dies damit, dass die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 26/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin durch die Erkrankung ihre psychische Erlebnisfähigkeit nicht
eingebüsst habe und ihre Tage noch als ausgefüllt erlebe. Die Beschwerdeführerin
hatte ihm angegeben, sie arbeite im Betrieb, mache Spaziergänge mit dem Ehemann,
begebe sich tagsüber unter die Leute, empfange Besuche, spüre die Schönheit der
Natur, freue sich über ein gelungenes Essen und nehme an den
Entwicklungsfortschritten der Kinder teil. Weil auch die Kernsymptome der Depression
nicht zu erheben gewesen seien, schloss er, dieses Leiden liege nicht vor. Bei der
Würdigung dieser Schlussfolgerung ist zu berücksichtigen, dass er dennoch viele Züge
einer depressiven Erkrankung erkannte und festhielt, deshalb sei bei der
Beschwerdeführerin mehrfach eine Depression diagnostiziert worden. In beiden
Untersuchungssituationen hat sich die Beschwerdeführerin verlangsamt, affektarm,
kraft- und interesselos präsentiert. Auch nach der jüngeren Begutachtung war im
Übrigen berichtet worden, sie verfüge nur über minimale Ressourcen und eine
minimale Introspektionsfähigkeit. Sie hatte psychomotorisch etwas reduziert gewirkt,
insgesamt eher dysphorisch. Eine heftige verbale Reaktion hat sie ausnahmsweise auf
eine gezielte Provokation in der psychiatrischen Untersuchung hin gezeigt.
6.4 Als wie stichhaltig und überzeugend die Ergebnisse der jüngeren Begutachtung
als solche zu betrachten sind, braucht für das vorliegende Verfahren indessen nicht
abschliessend beurteilt zu werden, ist doch vielmehr einzig massgebend, ob sie eine
prozessuale Revision der ursprünglichen Verfügung zu rechtfertigen vermögen, also
neue Tatsachen beinhalten oder neue Beweismittel darstellen, oder nicht.
7.
7.1 Bei der Feststellung im jüngeren Gutachten, unter Würdigung des
Observationsmaterials sei in rheumatologischer Hinsicht zu schliessen, dass das
vorgezeigte Bewegungsmuster nur partiell der Realität entspreche und die
Beschwerdeführerin sich in anderen Situationen anders verhalte, handelt es sich nicht
um eine neue Erkenntnis, hatte doch bereits der Vorgutachter einen Gegensatz
zwischen der Demonstration in der Untersuchungssituation und dem Verhalten in
unbeobachteter Situation bemerkt. Er hatte bereits klar erhebliche Diskrepanzen
beschrieben. Dass die in der Untersuchungssituation gezeigten Beeinträchtigungen der
Bewegungen der Beschwerdeführerin nicht durch die somatische, objektivierbare
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 27/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschränkung erklärt werden und dass sie in unbeobachteter Situation gar nicht
auftreten, war schon von Anfang an erkannt worden. - Weil die ihm ermöglichten
Erhebungen eine ausreichend zuverlässige Arbeitsfähigkeitsschätzung gar nicht
zuliessen, stellte der Rheumatologe bei der Erstbegutachtung (ersatzweise) wie
erwähnt auf einen Vergleich mit bezüglich struktureller Veränderungen ähnlichen Fällen
ab und gelangte zu einer weitreichenden Teilarbeitsfähigkeit.
7.2 Der erstbegutachtende Psychiater hatte sich dementsprechend ebenfalls den
Divergenzen gewidmet. Während der später begutachtende Psychiater der (offenbar
aufgrund des Observationsmaterials als neu erkannt betrachteten) Kontextabhängigkeit
der Beschwerden wesentliche Bedeutung bei der Erkenntnis einer vollen
Arbeitsfähigkeit (auch für die Vergangenheit) zumass, hatte er (der Erstbegutachtende)
eine kontextbezogene Selbstbeurteilung der Beschwerdeführerin als mögliche
Erklärung für das Auseinanderfallen von medizinisch tendenzieller Besserung und
therapeutisch (subjektiv) unveränderter Schmerzfixiertheit betrachtet. Er hatte sich
auch bereits eigens mit der Frage auseinander gesetzt, ob ein Aggravationsverhalten
vorliege bzw. die Beschwerden bewusst oder bewusstseinsnah im Sinn eines
sekundären Krankheitsgewinns zur Durchsetzung eigener Wünsche nach Versorgung,
Entlastung oder Zuwendung eingesetzt würden. Dass er dies verneinte, begründete er
mit der Konstanz der Angaben der Beschwerdeführerin und der Bereitschaft, sich einer
adäquaten Behandlung zu unterziehen. Nach Angaben der Beschwerdeführerin habe
die Erkrankung zu einem wesentlichen Verlust der bisherigen Lebensqualität, der
Qualität der familiären Beziehungen und zu grosser Einschränkung in weitgehend allen
- nicht nur den unangenehmen und fordernden - Aktivitäten des täglichen Lebens
geführt. Die Beschwerdeführerin hatte ihm berichtet, sie leide unter
Hoffnungslosigkeits- und Sinnlosigkeitsgefühlen, Grübeln, Unruhe und einer Störung
der Vitalgefühle mit Antriebsverlust. Sie sei unfähig, sich über Dinge zu freuen, die sie
früher gefreut hätten. Soziale Kontakte meide sie und sie ziehe sich zurück. Sie denke
häufig an Suizid. Er hatte auf eine depressive Erkrankung geschlossen. Unter
Berücksichtigung der Verdeutlichungstendenzen (und später des Einflusses einer
Selbstlimitierung) war diesbezüglich eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zufolge
einer depressiven Episode (insbesondere bei fehlendem Antrieb und
psychomotorischer Hemmung) und einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
(bei fehlenden Ressourcen) festgestellt worden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 28/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.3 Gemäss dem Gutachten vom Januar 2011 konnte, da wie erwähnt die psychische
Erlebnisfähigkeit erhalten geblieben sei und die Kernsymptome einer Depression sich
nicht hätten erheben lassen, weder eine Depression noch eine Schmerzkrankheit
nachgewiesen werden. Die stattdessen gestellte Diagnose sei in der Nähe eines
Aggravationsverhaltens einzuordnen. Es sei daran zu zweifeln, dass früher eine
Depression vorgelegen habe. Aus neuer Sicht (in Kenntnis des Bildmaterials der
Observation) habe wohl damals schon volle Arbeitsfähigkeit bestanden.
7.4 Selbst wenn der neuen gutachterlichen Einschätzung (keine Depression und
keine Schmerzkrankheit; keine Arbeitsunfähigkeit) für den Zeitpunkt der Begutachtung
selbst gefolgt wird, so erscheint die Feststellung, eine Depression habe auch früher
nicht bestanden, nicht ohne weiteres schlüssig.
7.5 Denn was die Aspekte rund um psychische Erlebnisfähigkeit, die Lebensqualität
und die Aktivitäten betrifft, ist aufgrund der Darlegungen in den Gutachten
anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin bei der ersten und bei der zweiten
Begutachtung, die drei Jahre auseinander liegen, unterschiedliche Angaben gemacht
hat. - Die Gutachter hielten im Jahr 2010, ohne sich mit diesem Umstand der
unterschiedlichen Angaben auseinanderzusetzen, fest, der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin habe sich nicht wesentlich und anhaltend geändert; die
Problematik sei wahrscheinlich etwa dieselbe geblieben. Sie wiesen allerdings auch
zweimal auf den Zeitablauf zwischen der Vorbegutachtung und der Observation - und
damit wohl doch auf allenfalls mögliche Veränderungen - hin. - Ein depressives Leiden
kann denn auch naturgemäss im Zeitablauf Schwankungen unterliegen. Vorliegend
erscheint es durchaus möglich, dass sich der psychische Status der
Beschwerdeführerin in der Zeit zwischen den Begutachtungen verändert hat. Sie
konnte eine teilzeitliche Arbeit aufnehmen, was Bestätigung und Ablenkung ermöglicht
und sich auch auf das Befinden allgemein positiv ausgewirkt haben könnte. Auch der
Kinderbetreuung schreibt sie einen guten Einfluss auf die Psyche zu. Haben sich die
tatsächlichen Verhältnisse im Zeitablauf verändert, so lässt sich die medizinische
Beurteilung nicht auf den früheren Sachverhalt zurückbeziehen. Ob dagegen die früher
gemachten Angaben der Beschwerdeführerin zu ihren Einschränkungen in den
Lebensaktivitäten damals zutreffend gewesen seien oder nicht, kann im Nachhinein
nicht mehr mit ausreichender Sicherheit eruiert werden. Es ist zwar nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 29/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgeschlossen, dass sie damals auch in dieser Hinsicht ihre Leidenssituation
verdeutlicht dargestellt hat, und dass sie hiervon bei der zweiten Begutachtung besser
Abstand genommen hat, doch ist das nicht ausgewiesen. Allfällige übertriebene
Angaben zur Notwendigkeit einer Begleitung und zur Unfähigkeit, sich zu bücken und
ohne Abstützung zu gehen, erbringen diesen Beweis nicht.
7.6 Es ist somit keine Tatsache entdeckt und kein Beweismittel produziert worden,
das aufzeigen würde, dass die damals beurteilte Leistungseinschränkung auf
Aggravation (und nicht auf einer krankheitsbedingten, die Arbeitsfähigkeit
einschränkenden Beeinträchtigung; vgl. Entscheid des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts i/S T. vom 13. April 2006, I 645/05 E. 3.2.1) beruhte. Ob die
Erstbegutachtenden bei Würdigung des Observationsmaterials zu einer anderen
Einschätzung gelangt wären, lässt sich ebenfalls nicht eruieren, da jene Gutachter nicht
mehr befragt wurden. Sollte ursprünglich eine unzutreffende Würdigung der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin erfolgt sein, genügt das für eine prozessuale
Revision nicht. Zu bedenken ist, dass die psychiatrische Exploration von der Natur der
Sache her nicht ermessensfrei erfolgen kann. Sie eröffnet dem begutachtenden
Psychiater praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene
medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind,
sofern der Experte lege artis vorgegangen ist (Entscheid des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts i/S H. vom 18. April 2006, I 783/05, mit Hinweis auf die Leitlinien
der Schweizerischen Gesellschaft für Versicherungspsychiatrie für die Begutachtung
psychischer Störungen, in: SAeZ 2004 S. 1050 f.; vgl. Bundesgerichtsentscheid i/S S.
vom 19. November 2010, 8C_567/10).
7.7 Aus dem blossen, nach Erlass der ursprünglichen, rentenzusprechenden
Verfügung eingetretenen Umstand, dass die Beschwerdeführerin teilzeitlich zu arbeiten
begonnen hat, kann im Übrigen nicht abgeleitet werden, dass ihr auch eine
rentenausschliessende Tätigkeit zugemutet werden könnte, erst recht nicht, dass sie
ihr zur Zeit des Erlasses der ursprünglichen Verfügung hätte zugemutet werden
können.
7.8 Zusammenfassend ergibt sich demnach, dass durch das Observationsmaterial
und durch das mit dessen Ergebnissen begründete neue Gutachten keine Tatsache
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 30/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entdeckt worden ist, welche bereits bestanden hatte, damals aber unerkannt geblieben
ist und andernfalls zu einem andern Entscheid geführt hätte. - Es liegt ferner auch kein
Beweismittel dafür vor, dass ursprünglich kein die Arbeitsfähigkeit beschränkendes
psychiatrisches Leiden vorhanden war und die früher bereits erkannten Diskrepanzen
auf ein in der Nähe von Aggravation anzusiedelndes Verhalten zurückzuführen gewesen
wären. Die Bilder und das neue Gutachten belegen insbesondere nicht, dass früher
kein psychisches Leiden mit gewissem Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vorlag. Der
Psychostatus hat sich möglicherweise zwischenzeitlich verändert (was Anlass zu einer
Anpassung geben könnte). Ist somit nicht mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit
ausgewiesen, dass ursprünglich keine Arbeitsunfähigkeit vorlag und die ursprüngliche,
rentenzusprechende Verfügung unrichtig war, rechtfertigt sich die prozessuale Revision
jener Verfügung nicht. Die angefochtene Verfügung ist ersatzlos aufzuheben, so dass
die leistungszusprechende Verfügung vom 16. Juli 2008 wieder auflebt.
8.
8.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 29. April 2011 zu schützen.
8.2 Angesichts des Unterliegens der Beschwerdegegnerin rechtfertigt es sich, ihr die
Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert
festgelegt werden (Art. 69 Abs. 1 IVG), gesamthaft aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1
VRP/SG). Von einer Kostenbeteiligung der ebenfalls unterliegenden Beigeladenen ist
angesichts des geringen Mehraufwands abzusehen (vgl. GVP 2010 Nr. 15 = Entscheid
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen i/S IV 2008/494). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 600.-- erscheint angemessen. Der Beschwerdeführerin ist der
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- zurückzuerstatten.
8.3 Die Beschwerdeführerin hat bei vollem Obsiegen Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung
der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61
lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP). Eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) erscheint als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 31/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP