Decision ID: 2436e550-c9f3-49da-924f-12bbadbe5bc1
Year: 2019
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Verurteilung durch die Staatsanwaltschaft lag folgender Sachverhalt
zugrunde:
"Am 17. Mai 2018 um 15.33 Uhr fuhr A._ in Begleitung ihres Ehemanns mit dem Personenwagen GR _ auf der Autobahn A13 von X._ kommend in Richtung
Y._. Auf der Höhe KM 115, Gemeindegebiet X._, überholte sie mit ca. 110 km/h
einen mit etwa 90 km/h fahrenden Personenwagen. Beim Wiedereinbiegen auf die
Normalspur hielt sie grob pflichtwidrig einen Abstand von lediglich ca. 2 m ein und bremste
aus Unaufmerksamkeit mehrmals ab, so dass der Lenker des überholten Fahrzeuges
seine Geschwindigkeit mehrmals reduzieren musste, um die Mindestabstand wieder
einzuhalten."
2. Mit Schreiben vom 28. August 2018 gewährte das Strassenverkehrsamt
des Kantons Graubünden (nachfolgend: Strassenverkehrsamt) A._ im
Hinblick auf den rechtskräftigen Strafbefehl vom 26. Juli 2018 das
rechtliche Gehör und führte aus, dass die vorliegende
Verkehrsregelverletzung eine schwere Widerhandlung gegen die
Verkehrsvorschriften gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG darstelle. Nach
einer schweren Widerhandlung müsse der Führerausweis gemäss Art. 16c
Abs. 2 lit. a SVG für mindestens drei Monate entzogen werden.
3. Am 24. September 2018 reichte A._ ihre Vernehmlassung beim
Strassenverkehrsamt ein und machte im Wesentlichen geltend, dass das
Strassenverkehrsamt nicht an die Feststellungen des Strafrichters
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gebunden sei und dass keine grobe Verkehrsregelverletzung gemäss
Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG vorliege.
4. Mit Verfügung vom 11. Oktober 2018 des Strassenverkehrsamts wurde
A._ der Führerausweis für die Dauer von drei Monaten entzogen.
5. Gegen diese Verfügung erhob A._ am 18. Oktober 2018 Beschwerde
beim Departement für Justiz, Sicherheit und Gesundheit Graubünden
(nachfolgend: das Departement). Im Wesentlichen machte sie eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend, dass Beweismaterial nicht
berücksichtigt und dass der Sachverhalt unrichtig festgestellt worden sei,
da der Abstand zum überholten Fahrzeug grösser als 2 m gewesen sei und
der Lenker des überholten Fahrzeugs keinen Bremsvorgang eingeleitet
habe, weshalb bloss von einer leichten oder mittelschweren
Verkehrsregelverletzung auszugehen sei.
6. Mit Verfügung vom 19. Februar 2019 bestätigte das Departement den vom
Strassenverkehrsamt am 11. Oktober 2018 auferlegten
Führerausweisentzug für die Dauer von drei Monaten.
7. Dagegen erhob A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 7. März
2019 Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden
(nachfolgend: Verwaltungsgericht) und beantragte was folgt:
"1. Es sei die Verfügung des Departements für Justiz, Sicherheit und Gesundheit
Graubünden vom 19. Februar 2019 aufzuheben und es sei auf den verfügten
Führerausweisentzug von drei Monaten zu verzichten und gegen A._
stattdessen eine Verwarnung auszusprechen.
2. Eventualiter sei A._ der Führerausweis für einen Monat zu entziehen.
3. Es sei der vorliegenden Verwaltungsgerichtsbeschwerde die aufschiebende
Wirkung zu erteilen.
4. Unter gesetzlicher Kosten- und Entschädigungsfolge zuzüglich 7.7MwSt. (recte:
7.7 % MWST) für das Verfahren sowohl vor Vorinstanz als auch vor dem
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden."
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8. Das Departement (nachfolgend: Beschwerdegegner) reichte am 20. März
2019 seine Vernehmlassung ein, in der es beantragte, dass die
aufschiebende Wirkung zu gewähren sei, ansonsten die Beschwerde
vollumfänglich abzuweisen sei, unter Kosten- und Entschädigungsfolge
zu Lasten der Beschwerdeführerin.
9. Der Instruktionsrichter gewährte die aufschiebende Wirkung mit
Schreiben vom 21. März 2019.
10. In der Replik und Duplik wurden im Wesentlichen die bisherigen
Ausführungen vertieft.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften sowie
auf den angefochtenen Entscheid wird, soweit erforderlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt bildet im vorliegenden Fall die Departementsverfügung
vom 19. Februar 2019. Art. 49 Abs. 1 lit. c des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100) sieht vor, dass das
Verwaltungsgericht Beschwerden gegen Entscheide der kantonalen
Departemente beurteilt, soweit diese nicht nach kantonalem oder
eidgenössischem Recht endgültig sind oder bei einer anderen Instanz
angefochten werden können. Die Verfügung des Beschwerdegegners ist
weder endgültig noch kann sie bei einer anderen Instanz angefochten
werden, weshalb sie ein taugliches Anfechtungsobjekt darstellt. Als
Adressatin der Verfügung ist die Beschwerdeführerin berührt und weist ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung auf (Art. 50 VRG). Daher ist
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auf die im Übrigen form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde
einzutreten.
2. Materiellrechtlich stellt sich vorliegend die Frage, ob der
Beschwerdegegner zu Recht gegenüber der Beschwerdeführerin den
Führerausweisentzug von drei Monaten verfügt hat.
3.1. Die Beschwerdeführerin bringt in ihrer Beschwerde vor, dass sie mit ihrer
Vernehmlassung vor dem Strassenverkehrsamt beweisen konnte, dass
entgegen den tatsächlichen Feststelllungen im Strafbefehl vom 24. Juli
2018 der Abstand zum überholten Fahrzeug beim Wiedereinbiegen klar
grösser als 2 m gewesen sei. Dabei sei der Beschwerdegegner der
Beschwerdeführerin insofern gefolgt, als er in Erwägung 4 c. der
angefochtenen Verfügung festgehalten habe, dass es bei genauer
Betrachtung des Videomaterials in Erwägung gezogen werden könne, dass
der besagte Abstand mehr als die im Polizeirapport festgehaltenen ca. 2 m
betrage. Weiter hält die Verfügung fest, dass die Feststellung des
Abstandes auf den Aussagen der Polizisten, den Fotos und den
Videoaufzeichnungen basieren würde und eine genaue Ermittlung des
Abstands anhand der zur Verfügung stehenden Beweise nicht möglich sei.
Die getroffenen Annahmen würden sich entsprechend nach der
Wahrnehmung der beteiligten Polizisten richten, welche natürlicherweise
mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sei (vgl. GIGER, in: GIGER [Hrsg.]
SVG-Kommentar, Strassenverkehrsgesetz mit weiteren Erlassen, 8. Aufl.,
Zürich 2014, Art. 34 SVG Rz. 28 ff.). Mithilfe von Vergleichen mit der
Fahrzeuglänge könne eine approximative Aussage zum Abstand gemacht
werden, was auch vom Bundesgericht als zulässig erachtet würde
(vgl. Entscheid des Bundesgerichts 6B_660/2009 vom 3. November 2009
E.2.2 und 3.6). Der Abstand würde ein bis zwei Wagenlängen betragen,
ausgehend vom Fahrzeug der Beschwerdeführerin. Diese würde eine
Wagenlänge von knapp 5 m aufweisen, womit im vorliegenden Fall ein
Abstand von ca. 10 m möglich sei. Dem entgegnet die Beschwerdeführerin
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und führt aus, dass diese Schlussfolgerung des Beschwerdegegners
unhaltbar sei und einer kritischen Prüfung nicht standhalte, denn es könne
nicht sein, dass der Polizist im Polizeirapport vom 29. Mai 2018 einen
Abstand von 2 m und der Beschwerdegegner einen solchen von 10 m
angebe. Wegen des spitzen Aufzeichnungswinkels des Videos sei es
möglich, dass der Abstand sich auf etwas über 15 m belaufen würde. Unter
Berücksichtigung einer Geschwindigkeit von 90 km/h des überholten
Fahrzeuges ergäbe sich diesfalls ein zeitlicher Abstand von über 0.6 s. In
seiner Vernehmlassung macht der Beschwerdegegner geltend, dass der
Abstand sowohl durch die Polizei als auch durch das Departement
approximativ festgelegt worden sei. In seiner Verfügung vom 19. Februar
2019 sei zugestanden worden, dass der Abstand möglicherweise mehr als
2 m betragen habe. Mit dieser grosszügigen Berechnung sei der möglichen
Ungenauigkeit, die bei einer Schätzung zu berücksichtigen sei, Rechnung
getragen worden. Im Übrigen habe das Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden den Vergleich mit der Fahrzeuglänge im Entscheid U 18 50
vom 19. Februar 2019, E.4.2. bestätigt.
3.2. Liegt ein rechtskräftiges Strafurteil vor, so ist die Verwaltungsbehörde
grundsätzlich daran gebunden. Ein Abweichen in tatsächlicher Hinsicht
lässt sich gemäss bundesgerichtlicher Praxis nur ausnahmsweise dann
rechtfertigen, wenn die Administrativbehörde Tatsachen feststellt, die dem
Strafrichter unbekannt waren oder die er nicht beachtet hat, wenn die
Verwaltung zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu einem
abweichenden Ergebnis führt, wenn die Beweiswürdigung durch den
Strafrichter feststehenden Tatsachen klar widerspricht, oder wenn der
Strafrichter nicht alle Rechtsfragen abgeklärt hat, insbesondere wenn er die
Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 137 I 363
E.2.3.2, 124 II 103 E.1c, 119 Ib 158 E.3). Dieser Grundsatz, wonach die
Verwaltungsbehörden an den im Strafverfahren festgestellten Sachverhalt
gebunden sind und mithin den Ausgang des Strafverfahrens abzuwarten
haben, gilt auch dann, wenn das Strafurteil lediglich in einem Strafmandats-
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oder Strafbefehlsverfahren mit bloss summarischer Prüfung ergangen ist.
Sofern der Beschuldigte wusste oder angesichts der Schwere der ihm
vorgeworfenen Delikte voraussehen musste, dass gegen ihn ein
Führerausweisentzugsverfahren eröffnet würde, muss er im Strafverfahren
die ihm garantierten Verteidigungsrechte geltend machen. Daher darf der
Betroffene nicht das Verwaltungsverfahren abwarten, um allfällige Rügen
vorzubringen und Beweisanträge zu stellen, sondern ist nach Treu und
Glauben verpflichtet, dies bereits im Rahmen des (summarischen)
Strafverfahrens zu tun, sowie allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu
ergreifen (Entscheid des Bundesgerichts 6A.19/2006 vom 16. Mai 2006
E.1, BGE 123 II 97 E.3.c, 121 II 214 E.3a, Entscheid des
Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden U 18 50 vom 19. Februar
2019 E.3.2).
In casu ist die Verwaltungsbehörde resp. der Beschwerdegegner nicht vom
Strafbefehl abgewichen. Wie der Beschwerdegegner zu Recht ausführt, ist
die Wahrnehmung eines Polizisten immer mit einer gewissen Unsicherheit
behaftet (vgl. GIGER, in: GIGER [Hrsg.] SVG-Kommentar,
Strassenverkehrsgesetz mit weiteren Erlassen, 8. Aufl., Zürich 2014,
Art. 34 SVG Rz. 28 ff.). Indem der Beschwerdegegner den Abstand zum
überholten Fahrzeug mit zwei Wagenlängen gerechnet hat, hat er der
Ungenauigkeit, die bei einer Schätzung erfolgen kann, Rechnung getragen
und kommt zum Schluss, dass es sich auch bei einem Abstand von 10 m
zum überholten Fahrzeug um eine grobe Verkehrsregelverletzung gemäss
Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG i.V.m. Art. 90 Abs. 2 SVG handeln würde, was
ebenfalls einen Führerausweisentzug von drei Monaten zur Folge hätte. Da
es sich nicht um einen Fall handelt, in dem die Verwaltungsbehörde nicht
an den im Strafbefehl festgelegten Sachverhalt gebunden ist, kann sich die
die Beschwerdeführerin nicht darauf berufen, dass der Abstand mehr als
15 m zum überholten Fahrzeug betragen habe. Indem die
Beschwerdeführerin erstmals in ihrer Beschwerde ans Departement vom
18. Oktober 2018 vorgebracht hat, dass der Abstand zum nachfolgenden
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Fahrzeug beim Wiedereinbiegen möglicherweise mehr als 2 m betragen
habe und später, mit Eingabe vom 7. März 2019 vor Verwaltungsgericht
geltend macht, dass der Abstand mehr als 15 m betragen habe, ist dies
klar zu spät. Dies widerspricht dem Grundsatz von Treu und Glauben.
Diese Rügen hätte die Beschwerdeführerin bereits im Rahmen eines
Rechtsmittels gegen den Strafbefehl vorbringen müssen. Dies umso mehr,
als sie mit Schreiben vom 1. Juni 2018 auf die Bedeutung des
Strafentscheids für das Administrativverfahren hingewiesen wurde
(beschwerdegnerische Beilage act. 4). Dies hat sie unterlassen und der
Strafbefehl ist somit unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Angesichts
dieser Rügen, die klar zu spät erfolgten, wird die Verfügung vom
19. Februar 2019 nicht aufgehoben. Somit ist die Beschwerde abzuweisen.
4. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Departementsverfügung vom
19. Februar 2019 als rechtmässig und die Beschwerde ist abzuweisen.
5. Die Verfahrenskosten gehen bei diesem Ausgang des Verfahrens
vollständig zu Lasten der Beschwerdeführerin (Art. 73 Abs. 1 VRG). Die
Staatsgebühr beträgt für diese Art von Streitigkeiten üblicherweise
Fr. 1'000.-- bis Fr. 2'000.--; im vorliegenden Fall rechtfertigt es sich, die
Staatsgebühr bei Fr. 1'500.-- anzusetzen (vgl. etwa Entscheid des
Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden U 18 38 vom 5. Februar
2019, U 18 50 vom 19. Februar 2019). Parteientschädigung ist keine
zuzusprechen (Art. 78 Abs. 2 VRG).