Decision ID: a996f29c-5d02-5c01-ac0e-92e3e6072df4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Unter der heutigen Firma A._ GmbH (vormals: B._
GmbH; nachfolgend: Gesellschaft) besteht mit Sitz in Winterthur eine Ge-
sellschaft mit beschränkter Haftung. Das Stammkapital von gesamthaft
Fr. 20'000.- wird je hälftig von C._ (nachfolgend: Gesellschafter 1)
und D._ (nachfolgend: Gesellschafter 2) gehalten (nachfolgend je
einzeln oder beide zusammen auch: Gesellschafter). Ersterer ist Gesell-
schafter und Vorsitzender der Geschäftsführung. Letzterer ist Gesellschaf-
ter und Geschäftsführer. Beide verfügen über eine Einzelzeichnungsbe-
rechtigung. Der Zweck der Gesellschaft besteht gemäss Handelsregis-
tereintrag in der Vermittlung von [...].
A.b Die Abteilung Strafsachen und Untersuchungen (nachfolgend: ASU)
der Eidgenössischen Steuerverwaltung (nachfolgend: ESTV) erhob am
18. September 2014 wegen Verdachts auf Widerhandlungen gegen das
Verrechnungssteuergesetz vom 13. Oktober 1965 (VStG, SR 642.21), be-
gangen in den Geschäftsjahren 2007 bis 2012 im Geschäftsbereich der
Gesellschaft, ein Strafverfahren nach Art. 61 VStG gegen die beiden Ge-
sellschafter. Mit Schreiben vom 23. September 2014, je an die im damali-
gen Zeitpunkt inhaftierten Gesellschafter, wurden sie über die Eröffnung
des Verwaltungsstrafverfahrens informiert.
A.c Nach diversen Untersuchungshandlungen nahm die ASU am 24. März
2016 das Schlussprotokoll auf.
A.d Am 28. Mai 2019 erliess die ASU gegen die beiden Gesellschafter ei-
nen Strafbescheid wegen vorsätzlicher und fahrlässiger Hinterziehung von
Verrechnungssteuern (Art. 61 Bst. a VStG i.V.m. Art. 67 VStG und Art. 5
des Bundesgesetzes vom 22. März 1974 über das Verwaltungsstrafrecht
[VStrR, SR 313.0] i.V.m. Art. 25 des Schweizerischen Strafgesetzbuches
vom 21. Dezember 1937 [StGB, SR 311.0]), mittäterschaftlich begangen
im Geschäftsbereich der Gesellschaft betreffend die Geschäftsjahre 2009
bis 2012, wobei das Verfahren betreffend die Jahre 2007 und 2008 einge-
stellt wurde.
B.
B.a Mit Rechnung vom 8. Dezember 2015 erhob die ESTV die Verrech-
nungssteuer für geldwerte Leistungen aus den Jahren 2008 bis 2012 im
Betrag von total Fr. 918'601.38. Der Verrechnungssteuerbetrag von 35%
belief sich auf Fr. 321'510.50.
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Besteuert wurden geldwerte Leistungen, die daraus resultierten, dass die
Gesellschaft auf ihr zustehende Provisionserträge verzichtet und diese
nicht bzw. nicht korrekt verbucht hatte.
B.b Eine weitere Rechnung erging am 6. Dezember 2016, wobei die ESTV
ihren Verrechnungssteueranspruch korrigierte und die Verrechnungs-
steuer auf Fr. 232'919.10 festsetzte. Die betragsmässige Änderung resul-
tierte einerseits aus der für das Jahr 2008 eingetretenen Verjährung und
andererseits aus den zwischenzeitlich erhaltenen zusätzlichen Dokumen-
ten bzw. Informationen.
B.c Nach mehrmaliger Fristerstreckung erhoben die Gesellschaft und der
Vertreter des Gesellschafters 1 mit Schreiben vom 23. Februar 2017 und
der Vertreter des Gesellschafters 2 mit Schreiben vom 28. Februar 2017
verschiedene Einwände gegen die Rechnung vom 6. Dezember 2016.
B.d Am 2. Juni 2017 erliess die ESTV einen Festsetzungsentscheid, wel-
chen sie am 7. Juni 2017 wiederwägungsweise durch den Entscheid
Nr. 2780 ersetzte. Hierbei setzte sie in teilweiser Gutheissung der Einwen-
dungen gegen die Rechnung vom 6. Dezember 2016 die Verrechnungs-
steuer auf Fr. 232'735.50 fest, zuzüglich Verzugszinsen zu 5% ab Fälligkeit
bis zum Tage der Entrichtung.
B.e Gegen den Entscheid vom 7. Juni 2017 erhob die Gesellschaft am
3. Juli 2017 Einsprache und beantragte, für das Jahr 2011 die Verrech-
nungssteuerforderung auf Fr. 120'711.45 nebst Zins zu reduzieren und für
die Jahre 2009, 2010 und 2012 auf jegliche Verrechnungssteuerforderung
zu verzichten.
Sie begründete dies zum einen damit, dass der Verrechnungssteueran-
spruch für das Jahr 2009 verjährt sei. Zum anderen verlangte sie diverse
betragsmässige Korrekturen für verschiedene, im einzelnen genannte Pro-
visionserträge.
B.f Mit Einspracheentscheid vom 19. September 2019 reduzierte die ESTV
in teilweiser Gutheissung der Anträge die Verrechnungssteuerforderung
auf Fr. 230'068.30 nebst Zins zu je 5% auf Fr. 35'024.08 seit 31. Januar
2010, auf Fr. 2'131.22 seit 31. Januar 2011, auf Fr. 163'359.57 seit 31. Ja-
nuar 2012, sowie auf Fr. 29'553.42 seit 31. Januar 2013, jeweils bis zum
Tage der Entrichtung.
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Seite 4
Hierbei quantifizierte sie ihre Verrechnungssteuerforderung (unter Berück-
sichtigung eines Schreibversehens) wie folgt:
Die ESTV begründete ihren Entscheid im Wesentlichen damit, dass die
Verrechnungssteuerforderung für das Jahr 2009 weder nach Art. 17 VStG
noch nach Art. 12 VStrR verjährt sei. Infolgedessen sei auch die Verrech-
nungssteuer für die nachfolgenden Jahre nicht verjährt. Von den Provi-
sionserträgen seien keine Mehrwertsteuern abzuziehen, da Letztere der
Schuldner 2009 Fr. 2010 Fr. 2011 Fr. 2012 Fr. Total Fr.
E._ 949'325.60 483'015.45 541'794.15 703'638.10 2'677'773.30
F._ 431'607.30 670'331.95 975'714.40 1'045'908.60 3'123'562.25
G._ 0.00 900.00 0.00 0.00 900.00
H._ -22'155.00 -5'827.50 0.00 0.00 -27'982.50
I._ 0.00 0.00 0.00 0.00 0.00
J._ 239.05 0.00 0.00 0.00 239.05
K._* 70'964.85 15'306.55 -7'423.00 0.00 78'848.40
L._ 0.00 0.00 0.00 -1'000.00 -1'000.00
M._ 31'992.80 5'802.60 0.00 0.00 37'795.40
N._ 491.10 283.35 451.05 326.40 1'551.90
O._ 642.90 0.00 0.00 0.00 642.90
Summe gemäss Bestätigun-
gen (alt)
1'462'975.90 1'177'252.40 1'510'849.95 1'748'873.10 5'892'330.70
Deklariert in Jahresrechnung 1'363'039.80 1'163'723.20 1'043'794.96 1'664'434.75 5'234'992.71
gwL gem. Verfügung vom
07.06.2017
99'936.10 13'529.20 467'054.99 84'438.35 **664'958.64
gwL gemäss Einsprache-
entscheid vom 19.09.2019
100'068.80 6'089.20 466'741.64 84'438.35 657'337.99
35% VSt 35'024.08 2'131.22 163'359.57 29'553.42 230'068.30
*Forderung in Einsprache teil-
weise bestritten
**Schreibversehen
Kursive Beträge = Korrigiert
im Einspracheverfahren
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Seite 5
ESTV nicht entrichtet worden seien. Die von der Gesellschaft als Ausla-
genersatz reklamierten Erträge seien nicht der Gesellschaft, sondern den
Gesellschaftern zugegangen, welche hierfür keine Gegenleistung erbracht
hätten, weshalb auch diesbezüglich eine geldwerte Leistung vorliege. Be-
tragsmässig sei hinsichtlich der Provisionserträge auf die von den Schuld-
nern ausgestellten Zusammenzüge abzustellen.
C.
Gegen diesen Einspracheentscheid erhebt die Gesellschaft (nachfolgend
auch: Beschwerdeführerin) am 22. Oktober 2019 (Postaufgabe) Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragt, den Einsprache-
entscheid vom 19. September 2019 aufzuheben und dem Grundsatze «ne
bis in idem» folgend von der Erhebung von Verrechnungssteuern für die
Jahre 2009 bis 2012 abzusehen. Eventualiter sei für das Jahr 2011 eine
Verrechnungssteuer von Fr. 120'711.45 zuzüglich Zins zu erheben. Für die
Jahre 2009, 2010 und 2012 sei demgegenüber auf jede Forderung zu ver-
zichten. Subeventualiter sei der angefochtene Entscheid mit Bezug auf die
Verzugszinsen aufzuheben und festzustellen, dass keine solchen geschul-
det seien.
Die Beschwerdeführerin macht hierzu geltend, sie sei mit Einsprachever-
fügung des Kantonalen Steueramtes Zürich vom 31. Januar 2019 wegen
Hinterziehung von Staats- und Gemeindesteuern sowie von direkten Bun-
dessteuern in der Steuerperiode 2011 mit einer Busse von Fr. 32'780.- und
von Fr. 10'270.- bestraft worden. Eine weitere Busse für die nämlichen
Steuerperioden drohe noch im Kanton Zug. Der Gesellschafter 1 sei mit
Verfügung vom 31. Januar 2019 wegen Hinterziehung von Staats- und Ge-
meindesteuern des Kantons Zürich und der direkten Bundessteuer in der
Steuerperiode 2011 mit einer Busse von Fr. 10'090.- bzw. von Fr. 3'720.-
bestraft worden. Ferner beabsichtige die ESTV, die beiden Gesellschafter
wegen Hinterziehung von Verrechnungssteuern in der Steuerperiode 2009
bis 2012 mit einer weiteren Busse von Fr 28'000.- und Fr. 23'000.- zu be-
legen. Die Verrechnungssteuer habe den Charakter einer Sicherungs-
steuer. Durch die Verwirkung des Rückerstattungsanspruchs mutiere die
Verrechnungssteuer zur Defraudantensteuer, indem sie die Verletzung der
Deklarationspflichten wie eine Strafe sanktioniere. Das Kantonsgericht
Freiburg habe in seinem Urteil vom 27. Juli 2017 (Nr. 604 2017 13) ent-
schieden, dass der Verweigerung der Rückerstattung der Verrechnungs-
steuer Strafcharakter zukomme. Sinngemäss führt die Beschwerdeführerin
weiter aus, die Erhebung der Verrechnungssteuer komme im vorliegenden
Fall einer Bestrafung gleich und verletzte den Grundsatz «ne bis in idem».
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Seite 6
Weiter postuliert die Beschwerdeführerin, dass aufgrund der langen Ver-
fahrensdauer sowie der laufenden Entwicklung in der Steuergesetzgebung
und im Eidgenössischen Parlament auch im Verrechnungssteuerrecht eine
Festsetzungsverjährung von 10 Jahren Anwendung finden solle, welche ab
Fälligkeit der Steuerforderung zu laufen beginne. Zudem sei die Verjährung
gemäss Art. 17 VStG gegenüber ihr, der Beschwerdeführerin, nicht unter-
brochen worden, weshalb die Verrechnungssteuerforderung verjährt sei.
Auch nach den Verjährungsbestimmungen des VStrR sei die Verrech-
nungssteuerforderung für die vorliegenden geldwerten Leistungen verjährt.
Weiter führt die Beschwerdeführerin aus, die Provisionserträge, die von der
E._ und der F._ ausgerichtet worden seien, würden die
MWST von 8% einschliessen. Zwar habe sie, die Beschwerdeführerin, die
MWST weder verbucht noch entrichtet, doch sei der MWST-Anspruch zwi-
schenzeitlich verjährt, weshalb die Verrechnungssteuer auf den fraglichen
geldwerten Leistungen ohne die Mehrwertsteuer zu bemessen sei.
Ferner argumentiert die Beschwerdeführerin, die «Bürokostenentschädi-
gungen» der K._ seien ein direkter Aufwandersatz und das unter
dem Titel «P._» ausgerichtete Taggeld sei ein weitergeleiteter
Drittanspruch. Diese beiden Positionen seien daher keine geldwerten Leis-
tungen.
Schliesslich rügt die Beschwerdeführerin, die Verrechnungssteuerforde-
rung sei seit dem 9. September 2014 auf Verlangen der ESTV sicherge-
stellt, weshalb kein Verzugszins geschuldet sei.
D.
Die ESTV (nachfolgend auch: Vorinstanz) beantragt am 11. Dezember
2019 vernehmlassungsweise die kostenfällige Abweisung der Be-
schwerde.
Sie verneint eine Verletzung des Grundsatzes «ne bis in idem», betrachtet
die Verrechnungssteuerforderung als nicht verjährt, will die Mehrwertsteuer
nicht in Abzug bringen, betrachtet sowohl die «Bürokostenentschädigung»
als auch das «Taggeld P._» weiterhin als geldwerte Leistungen und
hält am Anspruch auf Verzugszinsen fest. Sie verweist hierzu im Wesentli-
chen auf ihre Ausführungen im angefochtenen Einspracheentscheid.
Auf die einzelnen Vorbringen der Parteien ist nachfolgend insoweit einzu-
gehen, als sie für den vorliegenden Entscheid wesentlich sind.
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Seite 7

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom
20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021), sofern keine Ausnahme nach
Art. 32 VGG gegeben ist. Eine solche liegt hier nicht vor. Als anfechtbare
Verfügungen gelten auch Einspracheentscheide der ESTV (Art. 5 Abs. 2
VwVG i.V.m. Art. 33 Bst. d VGG). Das Bundesverwaltungsgericht ist für die
Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Das Verfahren vor
Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG
nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin des angefochtenen Ent-
scheids, mit welchem ihre Begehren abgewiesen wurden, ohne Weiteres
zur vorliegenden Beschwerde legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die im Übri-
gen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 50 Abs. 1 und
Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist demnach einzutreten.
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Einsprache-
entscheid in vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführerin kann ne-
ben der Verletzung von Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG) und der unrich-
tigen oder unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts (Art. 49 Bst. b VwVG) auch die Unangemessenheit rügen (Art. 49
Bst. c VwVG).
1.4 Im Beschwerdeverfahren gelten die Untersuchungsmaxime, wonach
die entscheidende Behörde den rechtlich relevanten Sachverhalt von sich
aus abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis führen muss, und der
Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen (vgl. Art. 62 Abs. 4
VwVG; vgl. ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, N 988, 990 und 998; PIERRE TSCHANNEN/
ULRICH ZIMMERLI/MARKUS MÜLLER, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl.
2014, § 30 N 23 und 26; ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEU-
BÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013,
Rz. 1.52 und 1.54). Das Bundesverwaltungsgericht kann eine Beschwerde
auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder
den angefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestäti-
gen, die von jener der Vorinstanz abweicht (sog. Motivsubstitution, vgl.
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Seite 8
BVGE 2007/41 E. 2 m.Hw.; Urteil des BVGer A-4326/2019 vom 22. Juni
2021 E. 1.8)
2.
2.1 Der Bund erhebt eine Verrechnungssteuer unter anderem auf dem Er-
trag beweglichen Kapitalvermögens (vgl. Art. 132 Abs. 2 der Bundesver-
fassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999,
[SR 101, nachfolgend: BV] und Art. 1 Abs. 1 VStG).
2.2 Gegenstand der Verrechnungssteuer auf dem Ertrag beweglichen Ka-
pitalvermögens sind unter anderem die Gewinnanteile und sonstigen Er-
träge der von einem Inländer ausgegebenen Stammanteile an Gesell-
schaften mit beschränkter Haftung (vgl. Art. 4 Abs. 1 Bst. b VStG). Die
Steuer beträgt 35% der steuerbaren Leistung (Art. 13 Abs. 1 Bst. a VStG).
2.3 Die Verrechnungssteuer wird – ihrem Charakter als Sicherungssteuer
entsprechend (statt vieler: BGE 142 II 446 E. 2.3, 136 II 525 E. 3.3.1;
ebenso statt vieler: Urteil des BVGer A-3737/2017 vom 7. Juni 2018
E. 2.4) – an der Quelle erhoben. Dabei ist die ausschüttende inländische
Gesellschaft nicht nur Steuerschuldnerin (Steuerpflichtige), sondern auch
Steuersubjekt (Art. 10 Abs. 1 VStG; Thomas JAUSSI, in: Zwei-
fel/Beusch/Bauer-Balmelli [Hrsg.], Kommentar zum schweizerischen Steu-
errecht, Bundesgesetz über die Verrechnungssteuer, 2. Aufl. 2012 [nach-
folgend: Kommentar VStG], Art. 10 N 1 ff.). Der Sicherungs- und der Fis-
kalzweck der Verrechnungssteuer verlangen in der Folge deren Überwäl-
zung auf den Empfänger (Art. 14 Abs. 1 VStG), wozu die Steuerpflichtige
unter Strafandrohung (Art. 63 VStG) öffentlich-rechtlich verpflichtet ist
(BGE 136 II 525 E. 3.3.1, 131 III 546 E. 2.1; MARKUS REICH/MAJA BAUER-
BALMELLI, Kommentar VStG, Art. 14 N 9). Wenn die Überwälzung der
Steuer wegen der Natur der steuerbaren Leistung (Sachleistungen, z.B.
Gratisaktien) nicht durch Kürzung möglich ist oder wenn eine Überwälzung
tatsächlich nicht erfolgt, so entsteht aus Art. 14 Abs. 1 VStG von Gesetzes
wegen zugunsten des Steuerpflichtigen eine öffentlich-rechtliche Regress-
forderung gegenüber dem Empfänger der steuerbaren Leistung (BGE 131
III 546 E. 2.1 m.w.Hw.).
Diese Aufteilung in die Phase der Steuererhebung (Art. 1 Abs. 1 VStG) und
diejenige der Steuerrückerstattung (Art. 1 Abs. 2 VStG) ist wesentlich für
die Funktion der Verrechnungssteuer (vgl. BAUER-BALMELLI, Sicherungs-
zweck, S. 46 ff.). Aus dem Zusammenspiel ergeben sich die gewollten Si-
cherungs- und Besteuerungswirkungen. Die Zweiteilung zeigt sich deutlich
A-5536/2019
Seite 9
in der Systematik des VStG, dessen erster Abschnitt (Art. 4 ff. VStG) die
Erhebung regelt und der zweite (Art. 21 ff. VStG) sich mit der Steuerrück-
erstattung befasst (Urteile des BVGer A-416/2017 vom 2. Juli 2018 E. 3.4,
A-5673/2015 vom 18. Mai 2016 E. 3.4).
2.4
2.4.1 Zum steuerbaren Ertrag von Stammanteilen gehört jede geldwerte
Leistung einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) unter ande-
rem an den Inhaber gesellschaftlicher Beteiligungsrechte, die sich nicht als
Rückzahlung der im Zeitpunkt der Leistung bestehenden Anteile am einbe-
zahlten Grund- oder Stammkapital erweist (vgl. Art. 20 der Vollziehungs-
verordnung vom 19. Dezember 1966 zum Bundesgesetz über die Verrech-
nungssteuer [VStV, SR 642.211]) noch eine Rückzahlung im Sinne von
Art. 5 Abs. 1bis VStG darstellt. Das Bundesgericht hat festgehalten, dass
die Steuerverwaltungen bei der Anwendung dieser Bestimmung nicht strikt
an die zivilrechtliche Gestaltung des rechtserheblichen Sachverhalts ge-
bunden sind, sondern der Sachverhalt steuerrechtlich auch entsprechend
seinem wirtschaftlichen Gehalt zu würdigen ist (vgl. BGE 138 II 57 E. 2.1;
Urteile des BGer 2C_177/2016 und 2C_178/2016 vom 30. Januar 2017
E. 4.2; vgl. Urteile des BVGer A-6214/2018 vom 20. April 2020 E. 2.3,
A-1623/2018 vom 16. Mai 2019 E. 3.3).
2.4.2 Der Begriff der geldwerten Leistung im Sinne von Art. 20 VStV ent-
spricht grundsätzlich jenem von Art. 20 Abs. 1 Bst. c des Bundesgesetzes
vom 14. Dezember 1990 über die direkte Bundessteuer (DBG, SR 642.11;
BGE 143 IV 228 E. 4.1; Urteil des BGer 2C_123/2016 vom 21. November
2017 E. 3.3; Urteile des BVGer A-1623/2018 vom 16. Mai 2019 E. 3.4.1,
A-3822/2016 vom 19. Dezember 2017 E. 4.1.1). Die Leistungen können
unter anderem als übersetzter Aufwand oder Verkürzung des Ertrages er-
folgen (vgl. MARCO DUSS/ANDREAS HELBLING/FABIAN DUSS, Kommentar
VStG, Art. 4 N 6 und 132 f.).
Zu den geldwerten Leistungen in diesem Sinne zählen auch verdeckte Ge-
winnausschüttungen (vgl. auch Art. 20 Abs. 1 Bst. c DBG, Art. 58 Abs. 1
Bst. b DBG; vgl. PETER LOCHER, Kommentar zum DBG, I. Teil,
2. Aufl. 2019, Art. 20 N 83 ff.). Im Einzelnen setzt die Annahme einer geld-
werten Leistung in Form einer verdeckten Gewinnausschüttung gemäss
ständiger Rechtsprechung voraus, dass die folgenden Voraussetzungen
(kumulativ) erfüllt sind (statt zahlreicher: Urteil des BVGer A-6360/2017
vom 15. Mai 2019 E. 2.4.2):
A-5536/2019
Seite 10
(1) Eine Leistung, die keine Rückzahlung des einbezahlten Kapitals dar-
stellt, wird ohne entsprechende, gleichwertige Gegenleistung erbracht,
was eine Entreicherung der Gesellschaft zur Folge hat.
(2) Die Leistung wird einem Inhaber gesellschaftlicher Beteiligungsrechte
direkt oder indirekt (z.B. über eine ihm nahestehende Person oder Un-
ternehmung) zugewendet.
(3) Sie hat ihren Rechtsgrund im Beteiligungsverhältnis, das heisst, sie
wäre – eben weil die Gesellschaft keine oder keine gleichwertige Ge-
genleistung erhält – unter den gleichen Verhältnissen einem unbeteilig-
ten Dritten nicht erbracht worden. Insoweit erscheint die Leistung als
ungewöhnlich.
(4) Der ungewöhnliche Charakter der Leistung, insbesondere das Missver-
hältnis zwischen der gewährten Leistung und der erhaltenen Gegen-
leistung, muss für die handelnden Gesellschaftsorgane erkennbar ge-
wesen sein.
Die Kriterien (2) und (3) werden oft zusammen betrachtet. Die neuere bun-
desgerichtliche Rechtsprechung zählt sie indessen einzeln auf.
2.4.3 Die Prüfung dieser Kriterien erfolgt einzig aus Sicht der leistenden
Gesellschaft und nicht aus jener des Leistungsempfängers (Urteil des
BVGer A-1200/2018 vom 13. Februar 2019 E. 2.2.4 m.Hw.).
2.5 Das Verrechnungssteuerrecht wird vom sog. Selbstveranlagungsprin-
zip beherrscht. Die Steuerpflichtigen haben sich unaufgefordert bei der
ESTV anzumelden, bei Fälligkeit der Steuer unaufgefordert die vorge-
schriebene Abrechnung mit den Belegen einzureichen und gleichzeitig die
Steuer zu entrichten oder die an ihre Stelle tretende Meldung zu erstatten
(Art. 38 VStG). Der Steuerpflichtige hat folglich die Steuerforderung selbst
festzustellen und den Betrag der nach seiner Ansicht geschuldeten Steuer
unter Beifügung einer Abrechnung fristgerecht einzubezahlen. Die Verant-
wortung für die Ablieferung und die Abrechnung der Verrechnungssteuer
ist ausschliesslich dem Steuerpflichtigen auferlegt (vgl. Urteil des BVGer
A-550/2016 vom 18. April 2018 E. 5.2.1 m.w.Hw. [bestätigt durch Urteil des
BGer 2C_454/2018 vom 25. März 2019]).
2.6 Gestützt auf die allgemeinen Regeln der Beweislastverteilung trägt die
Steuerbehörde die Beweislast für die steuerbegründenden und steuerer-
höhenden Tatsachen und der Steuerpflichtige für die steueraufhebenden
A-5536/2019
Seite 11
und -mindernden Tatsachen (BGE 140 II 248 E. 3.5, 121 II 257 E. 4c/aa;
Urteil des BGer 2C_16/2015 vom 6. August 2015 E. 2.5.4; Urteile des
BVGer A-6214/2018 vom 20. April 2020 E. 1.6.2, A-7956/2015 vom 30. Juni
2016 E. 2.4, A-1335/2014 vom 14. Dezember 2015 E. 2.3).
Die Beweislast für das Vorliegen eines Steuerobjekts als steuerbegrün-
dende Tatsache und damit auch für das Bestehen einer geldwerten Leis-
tung obliegt demnach der Steuerbehörde (Urteile des BGer 2C_674/2015
und 2C_675/2015 vom 26. Oktober 2017 E. 7.4, 2C_263/2014 vom 21. Ja-
nuar 2015 E. 5.2 m.Hw., 2C_377/2009 vom 9. September 2009 E. 3.4;
BVGE 2011/45 E. 4.3.2.2; Urteil des BVGer A-1427/2016 vom 9. August
2017 E. 2.2.2.2; DUSS/HELBLING/DUSS, Kommentar VStG, Art. 4 N 132a).
Diese Beweislast der Steuerbehörde gilt für alle drei bzw. vier Elemente
der geldwerten Leistung. Daran ändert auch nichts, dass diese teilweise
negative Tatsachen betreffen. Folglich kann der Steuerpflichtige nicht von
vornherein die Beweislast dafür tragen, dass keine geldwerte Leistung ge-
geben ist. Erst wenn die Steuerbehörde das Vorliegen der drei bzw. vier
Elemente der geldwerten Leistung mit der erforderlichen Wahrscheinlich-
keit aufzuzeigen vermag (vgl. E. 2.4.2), ist es am Steuerpflichtigen, diesen
Beweis mit einem Gegenbeweis (zum Beispiel der «geschäftsmässigen
Begründetheit» einer Leistung) zu entkräften (weiter ausführend: vgl. Urteil
des BVGer A-1623/2018 vom 16. Mai 2019 E. 3.7.3 f.).
2.7
2.7.1 Bei Kapitalerträgen entsteht die Steuerforderung im Zeitpunkt, in dem
die steuerbare Leistung fällig wird (Art. 12 Abs. 1 VStG). Der Zeitpunkt, in
welchem die steuerbare Leistung fällig wird, bestimmt sich grundsätzlich
nach dem Zivilrecht (vgl. Urteile des BVGer A-5444/2017 vom 22. März
2018 E. 2.2, A-364/2013 vom 25. Oktober 2013 E. 2.2, A-5056/2012 vom
16. Juli 2013 E. 2.2 und E. 2.4).
2.7.2 Bei geldwerten Leistungen fehlt es regelmässig an einem rechtlich
relevanten Verpflichtungsgeschäft. Vielmehr erfolgt lediglich in tatsächli-
cher Hinsicht eine Leistung (Verfügungsgeschäft). Darunter fallen auch
faktische Forderungs- oder Zinsverzichte (PFUND, a.a.O., Art. 12 Abs. 1
N 2.3 f. m.w.Hw.). Eine solche steuerbare Leistung wird daher mit ihrer
Ausrichtung fällig, womit auch die Verrechnungssteuerforderung entsteht
(vgl. MICHAEL BEUSCH, Kommentar VStG, Art. 12 N 41 m.w.Hw.).
A-5536/2019
Seite 12
2.7.3 Spätestens mit Genehmigung der Jahresrechnung, in der bei ord-
nungsgemässer Buchführung die Zahlungen hätten verbucht werden müs-
sen, sind diejenigen steuerbaren Leistungen als vollzogen – und die ent-
sprechende Steuerforderung als entstanden – anzusehen, welche die Ge-
sellschaft in der Weise vollbrachte, indem sie ihr zustehende Zahlungen
direkt dem Anteilseigner zufliessen liess (PFUND, a.a.O., Art. 12 N 2.5
m.w.Hw.).
2.8 Die Verrechnungssteuer auf den übrigen Kapitalerträgen wird 30 Tage
nach Entstehen der Steuerforderung fällig (Art. 16 Abs. 1 Bst. c VStG i.V.m.
Art. 12 Abs. 1 VStG).
2.9
2.9.1 Auf Steuerbeträgen, die nach Ablauf dieses Fälligkeitstermins aus-
stehen, ist gemäss Art. 16 Abs. 2 VStG ohne Mahnung ein Verzugszins
geschuldet. Verzugszinsen sind akzessorisch zur Hauptforderung (vgl.
dazu: MICHAEL BEUSCH, Der Untergang der Steuerforderung, 2012 [nach-
folgend: Untergang], S. 72). Der Verzugszins ist unabhängig vom Verschul-
den des Schuldners und selbst dann geschuldet, wenn dieser gar nicht im
Stande gewesen wäre, früher zu zahlen oder die Steuerforderung noch
nicht rechtskräftig festgesetzt ist (BEUSCH, Kommentar VStG, Art. 16 N 22).
2.9.2 Der Zinssatz für den Verzugszins wird vom Eidgenössischen Finanz-
departement bestimmt und beträgt seit 1. Januar 1997 5% (Art. 16 Abs. 2
VStG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 der Verordnung vom 29. November 1996 über die
Verzinsung ausstehender Verrechnungssteuern [SR 642.212]).
3.
3.1 Die Verjährung von Abgabeforderungen ist von Amtes wegen zu prüfen
(vgl. BGE 133 II 366 E. 3.3, 73 I 129 E. 1; Urteil des BVGer A-2078/2016
vom 1. November 2016 E. 4.1 m.Hw.; vgl. auch: BEUSCH, Untergang,
S. 278).
3.2 Die Verjährung ist ein Institut des materiellen Rechts (vgl. Urteile des
BVGer A-1449/2015 vom 2. November 2015 E. 3.2, A-7148/2010 vom
19. Dezember 2012 E. 4.2; BEUSCH, Untergang, S. 282 f.). Aus diesem
Grund richtet sich die Verjährung der Steuerforderung unter Vorbehalt ab-
weichender Übergangsbestimmungen grundsätzlich nach demjenigen
Recht, das im Zeitpunkt ihrer Entstehung Geltung hatte (vgl. BGE 126 II 1
ff. E. 2a; Urteil des BVGer A-2078/2016 vom 1. November 2016 E. 4.2.1;
A-5536/2019
Seite 13
a.M. STEFAN OESTERHELT, Verjährung im Steuerrecht, in: Archiv für
Schweizerisches Abgaberecht [ASA] 79, S. 817 ff., S. 852 f.).
3.3
3.3.1 Die Verrechnungssteuerforderung verjährt gemäss Art. 17 Abs. 1
VStG fünf Jahre nach Ablauf des Kalenderjahres, in dem sie entstanden
ist.
3.3.2 Die Verjährungsfrist beginnt mit Ablauf des Kalenderjahres zu laufen,
indem die Steuerforderung entstanden ist (BEUSCH, Kommentar VStG,
Art. 17 N 8).
3.3.3 Die Verjährung der Steuerforderung beginnt nicht oder steht still, so-
lange die Steuerforderung sichergestellt ist oder keiner der Zahlungspflich-
tigen Wohnsitz im Inland hat (Art. 17 Abs. 2 VStG).
3.3.4 Gemäss Art. 17 Abs. 3 VStG wird die Verjährung unterbrochen durch
jede Anerkennung der Steuerforderung von Seiten eines Zahlungspflichti-
gen sowie durch jede auf Geltendmachung des Steueranspruchs gerich-
tete Amtshandlung, die einem Zahlungspflichtigen zur Kenntnis gebracht
wird; mit der Unterbrechung beginnt die Verjährung von neuem. Die Eröff-
nung eines Verwaltungsstrafverfahrens wegen Hinterziehung von Verrech-
nungssteuern ist eine qualifizierte Form der Geltendmachung des Verrech-
nungssteueranspruchs (BEUSCH, Kommentar VStG, Art. 17 N 21).
3.3.5 Stillstand und Unterbrechung der Verjährung wirken gemäss Art. 17
Abs. 4 VStG gegenüber allen Zahlungspflichtigen.
3.3.6 Zur Unterbrechung der Verjährung genügt jede Mitteilung der ESTV
an den Steuerpflichtigen, in welcher diese unmissverständlich zum Aus-
druck bringt, dass sie einen bestimmten Tatbestand als steuerbar betrach-
tet, wobei dieser nicht notwendigerweise bereits nach allen Richtungen hin
abgeklärt sein muss. Ein einfacher Brief der ESTV kann genügen (siehe
zum Ganzen: Teilurteil und Zwischenentscheid des BVGer A-592/2016
vom 22. Juni 2017 E. 4.2 [bestätigt durch Urteil des BGer 2C_450/2018
vom 1. Mai 2020]; Urteil des BVGer A-1571/2006 vom 21. Januar 2010
E. 2.5.1 m.Hw.).
3.3.7 Zahlungspflichtige im Sinne von Art. 17 VStG sind die Steuerpflich-
tige (Art. 10 VStG), die Mithaftenden (vgl. Art. 15 VStG) sowie deren Steu-
A-5536/2019
Seite 14
ernachfolger (zur Verjährung der Regressforderung gegenüber dem Re-
gressschuldner vgl.: REICH/BAUER-BALMELLI, Kommentar VStG, Art. 14
N 38a).
4.
4.1 Ist infolge einer Widerhandlung gegen die Verwaltungsgesetzgebung
des Bundes eine Abgabe nicht erhoben worden, so sind die Abgabe und
der Zins, ohne Rücksicht auf die Strafbarkeit einer bestimmten Person, ge-
mäss Art. 12 Abs. 1 VStrR nachzuentrichten oder zurückzuerstatten. Leis-
tungs- oder rückleistungspflichtig ist, wer in den Genuss des unrechtmäs-
sigen Vorteils gelangt ist, insbesondere der zur Zahlung der Abgabe Ver-
pflichtete (Art. 12 Abs. 2 VStrR). Ein Verschulden und erst recht eine Straf-
verfolgung ist nicht Voraussetzung der Nachleistungs- oder Rückleistungs-
pflicht; es genügt, dass der durch die Nichtleistung der Abgabe entstan-
dene unrechtmässige Vorteil seinen Grund in einer Widerhandlung im ob-
jektiven Sinn gegen die Verwaltungsgesetzgebung des Bundes hat (vgl.
grundlegend: Urteil des BGer vom 4. August 1999, in: ASA 68 S. 438 ff.,
E. 2b m.Hw.; Teilurteil und Zwischenentscheid des BVGer A-592/2016 vom
22. Juni 2017 E. 3.7; Urteil des BVGer A-4084/2007 vom 5. November
2008 E. 7.2).
4.2 Die Verjährung der Pflicht, Verrechnungssteuern nach Art. 12 VStrR
nachzuleisten, richtet sich nicht nach Art. 17 VStG, sondern nach Art. 12
Abs. 4 VStrR (Urteil des BVGer A-2078/2016 vom 1. November 2016
E. 4.2.2 m.Hw.). Nach dieser Vorschrift verjährt (soweit hier interessierend)
die (Nach-)Leistungspflicht nicht, «solange die Strafverfolgung und Straf-
vollstreckung nicht verjährt sind».
4.3
4.3.1 Rechtsprechungsgemäss beträgt die Frist zur Verfolgung von Straf-
taten im Sinne von Art. 61 VStG (Hinterziehung von Verrechnungssteuern),
Art. 181 DBG (Hinterziehung von direkten Bundessteuern durch juristische
Personen), Art. 175 DBG (Hinterziehung von direkten Bundessteuern
durch natürliche Personen), Art. 56 des Steuerharmonisierungsgesetzes
vom 14. Dezember 1990 (StHG, SR 642.14; Hinterziehung von direkten
Steuern in den Kantonen) sieben Jahre (diese Straftatbestände gelten als
Übertretungen: Art. 333 Abs. 3 StGB in der seit 1. Januar 2007 geltenden
Fassung i.V.m. Art. 97 Abs. 1 Bst. c aStGB in der bis 31. Dezember 2013
gültig gewesenen Fassung [AS 45 757], vgl. hierzu: Teilurteil und Zwi-
schenentscheid des BVGer A-592/2016 vom 22. Juni 2017 E. 4.3 ff.).
A-5536/2019
Seite 15
4.3.2
4.3.2.1 Für den Beginn der Verjährung wird hierbei auf die Tatbegehung
abgestellt (Teilurteil und Zwischenentscheid des BVGer A-592/2016 vom
22. Juni 2017 E. 4.3.5 ff., 8.5.1 und 8.2.2.4).
4.3.2.2 Besteht die Straftat im Vorenthalten von Verrechnungssteuern im
Sinne von Art. 61 Abs. 1 Bst. a VStG, so fällt darunter jedes Tun oder Un-
terlassen, mit welchem den im VStG normierten Pflichten zur rechtzeitigen
und korrekten Abrechnung der Verrechnungssteuer zuwidergehandelt wird
(MICHAEL BEUSCH/JASMIN MALLA, Kommentar VStG, Art. 61 N 11).
4.3.2.3 Fehlt es an einer direkten Leistungserbringung durch die Steuer-
pflichtige, das heisst, hat sie die steuerbare Leistung lediglich indirekt er-
bracht, indem sie ihr zustehende Erträge «schwarz» vereinnahmt hat, so
kann die Tat dadurch begangen werden, dass die Steuerpflichtige eine sol-
che Jahresrechnung einreicht. Hat die Steuerpflichtige eine unrichtige Jah-
resrechnung eingereicht, ist für die Tatbegehung auf den Poststempel ab-
zustellen (Teilurteil und Zwischenentscheid des BVGer A-592/2016 vom
22. Juni 2017 E. 4.4.2 und 8.1.5).
4.3.2.4 Wurde keine Jahresrechnung eingereicht, ist zu bestimmen, wann
die Tathandlung vorgenommen worden ist. Hierfür kann darauf abgestellt
werden, wann die Jahresrechnung hätte eingereicht werden müssen, mit-
hin wann die Deklarationspflicht verletzt wurde.
4.3.2.4.1 Jede inländische Aktiengesellschaft oder GmbH hatte gemäss
Art. 21 Abs. 1 VStV in der bis 31. Dezember 2008 gültig gewesenen Fas-
sung (AS 1966 1585) innert 30 Tagen nach Genehmigung der Jahresrech-
nung der ESTV den Geschäftsbericht oder eine unterzeichnete Abschrift
der Jahresrechnung sowie eine Aufstellung nach amtlichem Formular ein-
zureichen, worin diverse, in dieser Bestimmung genannte Angaben ersicht-
lich waren (vgl. Übergangsbestimmung zur Änderung der VStV vom
15. Oktober 2008 [AS 2008 5073]).
Seit dem 1. Januar 2009 gilt diese Pflicht zur unaufgeforderten Einreichung
nur noch unter bestimmten Voraussetzungen, unter anderem dann, wenn
im Geschäftsjahr eine steuerbare Leistung erbracht worden ist (vgl. Art. 21
Abs. 1 Bst. c VStV; vgl. Übergangsbestimmung zur Änderung der VStV
vom 15. Oktober 2008 [AS 2008 5073]).
4.3.2.4.2 Art. 21 Abs. 2 VStV sieht vor, dass «[d]ie Steuer auf Erträgen, die
nicht mit Genehmigung der Jahresrechnung fällig oder die nicht aufgrund
A-5536/2019
Seite 16
der Jahresrechnung ausgerichtet werden (Interimsdividenden, Bauzinsen,
Gratisaktien, Liquidationsüberschüsse, Ablösung von Genussscheinen,
geldwerte Leistungen anderer Art)», aufgrund der Abrechnung nach amtli-
chem Formular innert 30 Tagen nach Fälligkeit des Ertrages unaufgefordert
der ESTV zu entrichten ist.
4.3.2.4.3 Ist für den Ertrag kein Fälligkeitstermin bestimmt worden, so be-
ginnt die 30-tägige Frist zur Entrichtung der Steuer am Tage zu laufen, an
dem die Ausrichtung beschlossen oder, mangels eines solchen Beschlus-
ses, an dem der Ertrag ausgerichtet wird (Art. 21 Abs. 3 VStV).
4.3.3 Gemäss Art. 333 Abs. 6 Bst. c StGB (in der seit 1. Januar 2007 gel-
tenden Fassung, [AS 2006 3459, BBl 1999 1979]) i.V.m. Art. 11 Abs. 3
VStrR ruht die Verfolgungsverjährung bei (von der Behörde geltend ge-
machten) Übertretungen (soweit hier interessierend) «während der Dauer
eines Einsprache-, Beschwerde- oder gerichtlichen Verfahrens über die
Leistungs- oder Rückleistungspflicht oder über eine andere nach dem ein-
zelnen Verwaltungsgesetz zu beurteilende Vorfrage». Ruhen bedeutet An-
halten einer bereits laufenden Verjährungsfrist für eine bestimmte Zeit, um
nach Wegfall des Grundes weiterzulaufen, und ist auch bei absoluten Ver-
jährungsfristen denkbar (BGE 119 IV 330 E. 3c; BEUSCH/MALLA, Kommen-
tar VStG, Vorbemerkungen zu Art. 61-67 N 56). Die Beibehaltung der Son-
derregel über das Ruhen der Verjährungsfrist ist nötig, weil insbesondere
in Fiskalsachen oft über längere Zeit verwaltungsrechtliche Einsprache-,
Beschwerde- oder Gerichtsverfahren betreffend die verwaltungsrechtliche
Leistungspflicht geführt werden, deren Ergebnis das Strafverfahren (als
Vorfrage) erheblich beeinflussen kann (siehe zum Ganzen: Urteil des
BVGer A-3680/2012 vom 21. März 2013 E. 2.4.3). Wie das Bundesgericht
in BGE 143 IV 228 E. 5.2 ff. klargestellt hat, bedeutet das Ruhen der Ver-
jährung während der «Dauer des Einspracheverfahrens» im Sinne von
Art. 11 Abs. 3 VStrR, dass die Verjährungsfrist nach dieser Vorschrift be-
reits im Zeitpunkt der Eröffnung des Entscheids der Steuerbehörde, mit
welcher die Leistungspflicht des Steuerpflichtigen verfügt wird, anhält (Teil-
urteil und Zwischenentscheid des BVGer A-592/2016 vom 22. Juni 2017
E. 4.3.7 m.w.Hw.).
Indessen kann die Verfolgungsverjährung nicht (mehr) unterbrochen wer-
den (Teilurteil und Zwischenentscheid des BVGer A-592/2016 vom 22. Juni
2017 E. 4.3.7 m.w.Hw.).
A-5536/2019
Seite 17
4.4
4.4.1 Die Vollstreckungsverjährung für Übertretungen – wozu auch die vor-
genannten Strafbestimmungen zählen (E. 4.3.1) – beträgt fünf Jahre
(Art. 11 Abs. 4 VStrR; STEFAN OESTERHELT/LAETITIA FRACHBOUD, in:
Frank/Eicker/Markwalder/Achermann [Hrsg.], Basler Kommentar, Verwal-
tungsstrafrecht, 2020, Art. 11 N 38; BEUSCH/MALLA, Kommentar VStG, Vor-
bemerkungen zu Art. 61 – 67 N 57).
4.4.2 Die Vollstreckungsverjährung beginn mit dem Tag, an dem das Urteil
rechtlich vollstreckbar wird. Bei einer bedingten Strafe oder beim voraus-
gehenden Vollzug einer Massnahme beginnt sie mit dem Tag, an dem der
Vollzug der Strafe angeordnet wird (Art. 104 i.V.m. Art. 100 StGB). Sie kann
weder unterbrochen werden noch ruhen (Art. 333 Abs. 6 Bst. f StGB i.V.m.
Art. 104 i.V.m. Art. 99 Abs. 2 StGB e contrario; BEUSCH/MALLA, Kommentar
VStG, Vorbemerkungen zu Art. 61 – 67 N 58).
5.
5.1 Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin in
den Jahren 2009 bis 2012 geldwerte Leistungen an ihre beiden Gesell-
schafter erbracht hat, indem sie diverse ihr zustehende Provisionserträge
über «schwarze» Konti vereinnahmte. Die Beschwerdeführerin deklarierte
die hieraus geschuldeten Verrechnungssteuern weder zeitgerecht noch
entrichtete sie hierfür zeitgerecht den geschuldeten Verrechnungssteuer-
betrag. Offenkundig ist hiermit der objektive Tatbestand von Art. 61 Abs. 1
Bst. a VStG (Hinterziehung von Verrechnungssteuern) erfüllt und hat die
Beschwerdeführerin die Verrechnungssteuern zu entrichten.
5.2 Die Beschwerdeführerin wehrt sich jedoch gegen die nachträgliche Er-
hebung der Verrechnungssteuer, da sowohl sie selbst als auch ihre beiden
Gesellschafter wegen dieser unversteuerten Provisionserträge bzw. geld-
werten Leistungen von der kantonalen Steuerbehörde gebüsst worden
seien. Ferner sei auch ein Bussenverfahren betreffend die Hinterziehung
von Verrechnungssteuern gegen die beiden Gesellschafter hängig. Sinn-
gemäss führt die Beschwerdeführerin aus, die Erhebung der Verrech-
nungssteuer komme unter den gegebenen Umständen einer weiteren Be-
strafung gleich, weil die Rückerstattung zum vornherein verwehrt sei. Da-
mit werde der Grundsatz «ne bis in idem» verletzt.
5.3 Die Vorinstanz hält dagegen, dass zwischen der steuerlichen Erfas-
sung der geldwerten Leistung auf Stufe der Beschwerdeführerin und auf
A-5536/2019
Seite 18
Stufe ihrer Gesellschafter zu unterscheiden sei. Sinngemäss führt die Vo-
rinstanz weiter aus, dass auch zwischen den Erträgen, die der Gesellschaft
zustehen würden, und deren Verwendung bzw. Ausschüttung an die Ge-
sellschafter zu unterscheiden sei. Des Weiteren sei lediglich die Erhebung
der Verrechnungssteuer Gegenstand des angefochtenen Einspracheent-
scheids vom 19. September 2019, nicht deren Rückerstattung an die Ge-
sellschafter. Schliesslich entspreche es dem Sicherungszweck der Ver-
rechnungssteuer, dass Letztere zur definitiven Belastung werde, wenn ins-
besondere die Deklarationspflichten bei der Einkommenssteuer verletzt
würden.
5.4 Nach dem Grundsatz «ne bis in idem» – gewährleistet durch Art. 4
Abs. 1 des Protokolls Nr. 7 vom 22. November 1984 zur Konvention zum
Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101.07; im Fol-
genden: Protokoll Nr. 7 zur EMRK), Art. 14 Abs. 7 des Internationalen Pak-
tes über bürgerliche und politische Rechte vom 16. Dezember 1966
(SR 0.103.2; UNO-Pakt II), der in der Bundesverfassung implizit enthalten
ist (vgl. BGE 137 I 363 E. 2.1) – ist vorgesehen, dass niemand wegen einer
Straftat vor den Gerichten desselben Staates verfolgt oder bestraft werden
darf, wegen der er bereits nach dem Gesetz und dem Strafverfahren dieses
Staates rechtskräftig freigesprochen oder verurteilt worden ist. Art. 11
Abs. 1 StGB bekräftigt diesen Grundsatz, indem er festlegt, dass niemand,
der in der Schweiz durch ein rechtskräftiges Urteil verurteilt oder freige-
sprochen worden ist, wegen derselben Straftat erneut verfolgt werden darf.
Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte (EGMR) kann die rechtliche Charakterisierung des Verfahrens im
innerstaatlichen Recht nicht das einzige massgebliche Kriterium für die An-
wendbarkeit des Grundsatzes «ne bis in idem» nach Art. 4 Abs. 1 des Pro-
tokolls Nr. 7 zur EMRK sein. Der im Text dieser Bestimmung verwendete
Begriff «Strafverfahren» muss im Lichte der allgemeinen Grundsätze aus-
gelegt werden, die für die Begriffe «strafrechtliche Anklage» und «Strafe»
in Art. 6 bzw. Art. 7 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze
der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) gelten (siehe
EGMR-Urteile: Kadusic gegen die Schweiz vom 9. Januar 2018 [Fall
Nr. 43977/13] § 82; Zolotoukhine gegen Russland vom 10. Februar 2009,
EGMR Reports 2009-I S. 333 § 52; zum Ganzen: BGE 145 IV 383 E. 2.2;
Urteil des BGer 2C_78/2019 vom 20. September 2019 E. 7.1).
A-5536/2019
Seite 19
5.5
5.5.1 Die Vorinstanz weist zu Recht darauf hin, dass die steuerliche
(Nach-)Erhebung der Provisionseinkünfte einerseits als Bestandteil des
Gewinnes der Gesellschaft und andererseits als Erträge der Gesellschafter
zu keiner unzulässigen steuerlichen Doppelbelastung führt, zumal die
Provisionserträge bei verschiedenen Steuersubjekten (Gesellschaft vs.
Gesellschafter) erfasst werden (vgl. auch Art. 127 Abs. 3 BV).
5.5.2 Die Beschwerdeführerin wurde mit Einspracheverfügung vom 31. Ja-
nuar 2019 wegen Steuerhinterziehung, begangen in der Steuerperiode
2011, mit Fr. 32'780 (Staats- und Gemeindesteuer) und mit Fr. 10'270.- (Di-
rekte Bundessteuer) gebüsst. Diese Bestrafung steht im Zusammenhang
mit den direkten Steuern, insbesondere mit der Versteuerung des von der
Gesellschaft erwirtschafteten aber nicht versteuerten Gewinnanteils durch
diese selbst, und nicht mit der Verwendung des Gewinnanteils. Neben der
Beschwerdeführerin wurden auch ihre beiden Gesellschafter mit Strafbe-
scheid vom 28. Mai 2019 wegen Hinterziehung von Verrechnungssteuern
gebüsst. Auf eine allfällige monierte doppelte Bestrafung der beiden Ge-
sellschafter ist in casu mangels Streitgegenstand nicht weiter einzugehen,
geht es doch vorliegend einzig um die Verrechnungssteuerpflicht der Be-
schwerdeführerin. Die hier strittige Verrechnungssteuerforderung betrifft
sodann einzig das Erhebungsverfahren (E. 2.3), welches weder ein Rück-
erstattungsverfahren ist, noch für sich alleine ein Verwaltungsstrafverfah-
ren darstellt.
5.5.3 Das Bundesgericht hat mit Bezug auf die Sicherungsfunktion der
Verrechnungssteuer ausgeführt, dass sie sich auf die Einkommenssteuer
der Anteilsinhaber beziehe. Mit Bezug auf die Gesellschaft selber komme
der Verrechnungssteuer weder eine Fiskal- noch eine Sicherungsfunktion
zu (Urteil des BGer 2C_119/2018 vom 14. November 2018 E. 4.1; zum
möglichen Strafcharakter der Verrechnungssteuer siehe auch: Urteil des
BVGer A-2668/2007 vom 13. November 2008 E. 5; zur fehlenden
Steuerkompensationswirkung siehe: Urteil des BVGer A-2668/2007 vom
13. November 2008 E. 6.2.1).
Damit stimmt überein, dass die Beschwerdeführerin die Verrechnungs-
steuer in Anwendung von Art. 14 Abs. 1 VStG auf die Gesellschafter zu
überwälzen hat (E. 2.3). Sie trägt diese damit nicht definitiv (BGE 136 II
525 E. 3.3.1). Vielmehr entsteht der Beschwerdeführerin zu ihren Gunsten
gegebenenfalls ein gesetzlicher Regressanspruch, den sie gegenüber ih-
A-5536/2019
Seite 20
ren Gesellschaftern auf dem Zivilweg durchsetzen kann (E. 2.3). Infolge-
dessen ist es für sie selbst unerheblich, ob die Verrechnungssteuer letztlich
zurückerstattet wird oder nicht, und kann der Grundsatz «ne bis in idem»
(E. 5.4) im vorliegenden Erhebungsverfahren auch aus diesem Grund nicht
zum Tragen kommen.
5.5.4 Soweit die Beschwerdeführerin geltend machen wollte, die
Sicherungsfunktion gegenüber den Gesellschaftern erübrige sich ohnehin,
weil die beiden Gesellschafter die direkten Bundessteuern – soweit
geschuldet – nachträglich entrichtet haben, wäre ihr entgegenzuhalten,
dass die Verrechnungssteuer grundsätzlich bedingungslos zu entrichten
ist, sobald sie entstanden und fällig geworden ist. Ein Aufschub bzw.
Wegfall der Verrechnungssteuer, sobald die betroffenen Einkünfte
einkommenssteuerlich deklariert bzw. (nach-)versteuert worden sind, ist
gesetzlich nicht vorgesehen. Zudem würden damit diejenigen
Steuerpflichtigen schlechter gestellt, die ihren Steuerpflichten ordnungs-
gemäss nachkommen.
5.5.5 Die Beschwerdeführerin kann auch aus dem von ihr angerufenen
Entscheid des Steuergerichtshofs des Kantons Freiburg vom 23. Juli 2017
(604 2017 13) nichts zu ihren Gunsten ableiten. Der zitierte Fall ist nicht
mit dem vorliegenden Fall zu vergleichen. In jenem Verfahren ging es
nämlich um die Rückerstattung der bezahlten Verrechnungssteuer gemäss
Art. 23 VStG (in der bis 31. Dezember 2018 gültig gewesenen Fassung,
[AS 1966 371]) an die Anteilsinhaber. Zudem hatte das Gericht den
Grundsatz «ne bis in idem» im konkreten Fall nicht geprüft und damit auch
nicht auf den damals beurteilten Fall angewendet.
5.5.6 Des Weiteren hat das Bundesgericht in seinem Urteil 2C_56/2018
vom 5. Oktober 2018 E. 2.3.2 ausgeführt, die Verwirkung der
Rückerstattung gemäss Art. 23 VStG (in der bis 31. Dezember 2018 gültig
gewesenen Fassung [AS 1966 371]) stelle keine Busse dar, zumal sie nur
das Fehlen einer spontanen Deklaration voraussetze und nicht noch
zusätzlich zu prüfen sei, ob das erfolgte Versäumnis fahrlässig oder sonst
schuldhaft sei. Die Regeln des (Steuer-)Strafrechts und der EMRK, die ein
Verschulden bedingen würden, kämen nicht zur Anwendung. Deshalb
bestehe kein Anlass, von der im Fall 2A.114/1999 (Urteil des BGer vom
5. September 1990 E. 1b, in: ASA 60 S. 65) begründeten Rechtsprechung
abzuweichen, auch unter Berücksichtigung der weiteren Rechtsprechung
und Lehre. Seine bisherige Rechtsprechung bestätigte das Bundesgericht
A-5536/2019
Seite 21
auch in seinem Entscheid 2C_78/2019 vom 20. September 2019 (daselbst
E. 7.2; siehe schon: Urteil des BGer 2C_508/2014 vom 20. Februar 2015).
Ob an dieser Rechtsprechung auch unter dem seit 1. Januar 2019 gelten-
den Recht weiterhin festzuhalten ist, muss hier nicht beurteilt werden, be-
schlägt der hier zu beurteilende Fall doch – wie erwähnt – lediglich die Er-
hebung der Verrechnungssteuer, nicht aber deren Rückerstattung. Zudem
betrifft der angefochtene Entscheid die Verrechnungssteuer für geldwerte
Leistungen aus den Jahren 2009 bis 2012. Damit würde Art. 23 VStG (in
der seit 1. Januar 2019 gültigen Fassung i.V.m. Art. 70d VStG) ohnehin
keine Anwendung finden, selbst wenn ein Rückerstattungsverfahren vor-
liegen würde.
5.5.7 Aus dem vorstehend Gesagten ergibt sich, dass die
Beschwerdeführerin aus dem Grundsatz «ne bis in idem» nichts zu ihren
Gunsten abzuleiten vermag.
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin rügt sodann, die Verrechnungs-
steuer(nach)forderung sei sowohl gemäss Art. 17 VStG als auch nach
Art. 12 VStrR verjährt.
6.2
6.2.1 Die im vorliegenden Fall fraglichen geldwerten Leistungen betreffen
die Geschäftsjahre 2009 bis 2012. Diese Geschäftsjahre dauerten jeweils
vom 1. Januar bis zum 31. Dezember.
Die ausgerichteten geldwerten Leistungen sind fast vollumfänglich die
Folge von nicht verbuchten Provisionserträgen. Die einzelnen Provisions-
schuldner zahlten die jeweiligen Provisionen an mehreren Daten während
des betreffenden Geschäftsjahres auf Bankkonti der Gesellschaft, welche
nicht in deren Bilanz geführt worden sind.
Zu prüfen ist damit, wann die fraglichen geldwerten Leistungen jeweils aus-
gerichtet worden sind und die Verrechnungssteuerforderung entstanden ist
(E. 2.7 ff.).
6.2.2 Die Vorinstanz hat für die Entstehung der Verrechnungssteuerforde-
rung jeweils auf das Ende des Geschäftsjahres abgestellt. Die Beschwer-
deführerin gibt an, jeweils am 30. Januar des Folgejahres vorsätzlich auf
die Einreichung einer Jahresrechnung verzichtet zu haben.
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6.2.3 Es ist weder ein formeller Ertragsverzicht noch ein Beschluss über
die Genehmigung der Jahresrechnung 2009 aktenkundig. Die entspre-
chenden Jahresrechnungen wurden erst im Rahmen des Verwaltungsstraf-
verfahrens der Steuerbehörde übermittelt und sind insoweit ohne Belang.
Die «schwarzen» Konti bestanden zudem seit geraumer Zeit, wobei es der
Beschwerdeführerin möglich gewesen wäre, diese Konti jederzeit einer
korrekten Besteuerung zuzuführen.
Unter diesen Umständen rechtfertigt es sich, davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin an jenem Tag auf ihre Erträge verzichtet hat, an wel-
chem die Gesellschafterversammlung nach Gesetz die Jahresrechnung
spätestens hätte genehmigen müssen, mithin jeweils am 30. Juni (Art. 804
Abs. 2 Ziff. 5 i.V.m. Art. 805 Abs. 2 des Obligationenrechts vom 30. März
1911 (OR, SR 220). Mit anderen Worten haben die Gesellschafter damit
stillschweigend über die unversteuerten Erträge und demzufolge über die
Verwendung des unversteuert gebliebenen Gewinnanteils beschlossen.
Infolgedessen ist – in der hier zu beurteilenden Konstellation – davon aus-
zugehen, dass die steuerbaren Leistungen, jeweils am 30. Juni des dem
Geschäftsjahr nachfolgenden Jahres fällig geworden sind. Die Verrech-
nungssteuerforderungen hierfür sind nach dem Gesagten ebenfalls an die-
sem Tag entstanden und wurden jeweils am 30. Juli fällig (E. 2.7.3).
Die fünfjährige Verjährungsfrist begann damit für die geldwerten Leistun-
gen, die das Geschäftsjahre 2009 betreffen, am 1. Januar 2011 zu laufen
und hätte am 31. Dezember 2015 geendet (E. 3.3.1).
6.3
6.3.1 Die ESTV informierte die beiden Gesellschafter und Geschäftsführer
mit Schreiben vom 23. September 2014 per Adresse «Gefängnis
Q._» über die Eröffnung eines Verwaltungsstrafverfahrens wegen
Hinterziehung von Verrechnungssteuern, begangen in den Geschäftsjah-
ren 2007 bis 2012 im Geschäftsbereich der Beschwerdeführerin. Sie führte
in diesen Mitteilungen auch aus, es bestehe der Verdacht, dass bei der
Beschwerdeführerin Provisionseinnahmen in der Höhe von mindestens
Fr. 1,49 Mio. nicht verbucht und privat von den Gesellschaftern der Be-
schwerdeführerin vereinnahmt worden seien und diese geldwerten Leis-
tungen weder gegenüber der ESTV deklariert noch mit der Verrechnungs-
steuer von 35% abgerechnet worden seien.
A-5536/2019
Seite 23
6.3.2 Die Beschwerdeführerin macht in diesem Zusammenhang jedoch
geltend, dass die Mitteilung über die Einleitung des Verwaltungsstrafver-
fahrens an die beiden Gesellschafter ihr gegenüber die Verjährung nicht
unterbrochen habe.
6.3.3 Die Beschwerdeführerin hat die Rechtsform einer GmbH. Den beiden
Gesellschaftern kam im massgeblichen Zeitpunkt je die Funktion eines Ge-
schäftsführers zu (vgl. Online-Handelsregisterauszug vom 9. Januar 2018;
vgl. auch Art. 809 Abs. 1 und 3 OR). Damit erging die Mitteilung vom
23. September 2014 über die Eröffnung eines Strafverfahrens nicht nur an
die Gesellschafter, sondern ebenso an die Geschäftsführer der Beschwer-
deführerin. Das Wissen der beiden Geschäftsführer ist der Beschwerde-
führerin zuzurechnen. Mit der Eröffnung des Strafverfahrens wurde der
Verrechnungssteueranspruch in qualifizierter Form geltend gemacht
(E. 3.3.4). Damit hat die ESTV die Verjährung gemäss Art. 17 Abs. 3 VStG
rechtsgenüglich unterbrochen und wurde die Verjährung seither spätes-
tens mit Erlass des angefochtenen Einspracheentscheids vom 19. Sep-
tember 2019 erneut unterbrochen.
6.4 Im Sinne eines Zwischenergebnisses ist somit festzuhalten, dass die
Verrechnungssteuerforderung für die geldwerten Leistungen in den Jahren
2009 bis 2012 gemäss Art. 17 VStG noch nicht verjährt ist.
6.5 Damit erübrigt es sich, die Verjährung der Verrechnungs-
steuer(nach)forderung gemäss Art. 12 VStrR zu prüfen. Gleichwohl wird
nachfolgend in der gebotenen Kürze darauf eingegangen, zumal diese sei-
tens der Vorinstanz alternativ geltend gemachte Anspruchsgrundlage ge-
wissen Einschränkungen unterliegt.
Im hier zu beurteilenden Fall ist der objektive Tatbestand von Art. 61 VStG
erfüllt, was sich letztlich aus dem aktenkundigen Strafbescheid vom
28. Mai 2019 ergibt.
Für die Tatbegehung (E. 4.3.2.1) ist – in der hier zu beurteilenden Konstel-
lation – darauf abzustellen, wann die Gesellschaft ihre Deklarationspflicht
verletzt hat, mithin sie ihre Jahresrechnung hätte einreichen müssen
(E. 4.3.2.4). Da ihr Geschäftsjahr mit dem Kalenderjahr identisch ist, hätten
die Gesellschafter spätestens am 30. Juni des Folgejahres über die Ge-
nehmigung der Jahresrechnung beschliessen müssen. Die Frist zur Einrei-
chung der Jahresrechnung hätte jeweils am 30. Juli geendet (E. 4.3.2.4.1).
A-5536/2019
Seite 24
Infolgedessen kann für die Tatbegehung der 31. Juli herangezogen wer-
den. Dies ist für die geldwerten Leistungen während des Jahres 2009 der
31. Juli 2010. Die siebenjährige Frist hätte damit am 1. August 2010 zu
laufen begonnen und am 31. Juli 2017 geendet.
Die Veranlagungsverfügungen vom 2. bzw. 7. Juni 2017 ergingen demzu-
folge innerhalb der siebenjährigen Strafverfolgungsverjährungsfrist. Seit-
her ruht die Frist (E. 4.3.3). Damit ist auch unter diesem Aspekt die Verjäh-
rung zu verneinen.
6.6 Die beiden Gesellschafter wurden mit Strafbescheid vom 28. Mai 2019
wegen eventualvorsätzlicher Hinterziehung von Verrechnungssteuern be-
treffend die Geschäftsjahre 2009 bis 2012, mittäterschaftlich begangen im
Geschäftsbereich der Beschwerdeführerin, mit einer Busse bestraft. Ob
das Verwaltungsstrafverfahren zwischenzeitlich rechtskräftig erledigt wor-
den ist, ist nicht ersichtlich. Die fünfjährige Vollstreckungsverjährung
(E. 4.2 und 4.4 ff.) war jedenfalls weder im Zeitpunkt des Erlasses des an-
gefochtenen Einspracheentscheids vom 19. September 2019 noch ist sie
im Zeitpunkt des Erlasses des vorliegenden Beschwerdeentscheids ver-
strichen. Es braucht damit auch nicht geprüft zu werden, ob die Strafvoll-
streckungsverjährung vorliegend überhaupt massgeblich ist bzw. Auswir-
kungen auf die Verjährung der Leistungspflicht hat.
6.7 Die Beschwerdeführerin sieht im Umstand, dass das Verrechnungs-
steuerrecht keine Regelung enthält über die absolute Verjährung von Ver-
rechnungssteueransprüchen eine gesetzgeberische Lücke, die in analoger
Anwendung der 10-jährigen absoluten Festsetzungsverjährung gemäss
Art. 42 des Mehrwertsteuergesetzes vom 12. Juni 2009 (MWSTG,
SR 641.20) zu schliessen sei.
Das Bundesgericht hat bereits im Rahmen eines Grundsatzentscheids mit
Bezug auf die Frage der absoluten Verjährung eine Lücke verneint
(BGE 126 II 49 E. 2d bestätigt durch Urteil des BGer 2C_188/2010 vom
24. Januar 2011 E. 5.4). An der gesetzlichen Regelung von Art. 17 VStG
hat sich seither nichts geändert. Eine Lückenfüllung fällt damit weiterhin
ausser Betracht.
7.
7.1 In quantitativer Hinsicht rügt die Beschwerdeführerin, dass die Provi-
sionsentschädigungen, die von der E._ und der F._ ausge-
richtet worden seien, die Mehrwertsteuer von 8% eingeschlossen habe.
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Seite 25
Die Mehrwertsteuer sei jedoch der ESTV nicht abgeliefert worden und zwi-
schenzeitlich verjährt. Infolgedessen dürfe darauf keine Verrechnungs-
steuer mehr erhoben werden.
Die Beschwerdeführerin lässt bei dieser Argumentation jedoch unbeachtet,
dass den beiden Gesellschaftern die Zahlungen in der von der ESTV gel-
tend gemachten und im Einspracheentscheid nochmals korrigierten Höhe
zugegangen sind. Die Beschwerdeführerin wurde in diesem Umfang effek-
tiv entreichert. Die Entreicherung ist unabhängig davon gegeben, ob der in
der geldwerten Leistung enthaltene Mehrwertsteueranteil zufolge Verjäh-
rung untergegangen ist.
7.2 Die Beschwerdeführerin betrachtet sodann die von K._ ausbe-
zahlten «Bürokostenentschädigungen» als direkten Aufwandersatz und
verneint insoweit eine geldwerte Leistung.
Es ist in diesem Punkt mit der Vorinstanz einig zu gehen, dass diese Ein-
künfte nicht der Beschwerdeführerin, sondern deren Gesellschafter zuge-
flossen sind, indem diese Zahlungen auf unversteuerten Konti der Gesell-
schaft eingegangen sind, über welche die beiden Gesellschafter verfügen
konnten. Mit diesem Vorgehen wurden der Gesellschaft Mittel vorenthalten
bzw. entnommen, ohne dass seitens der Gesellschafter eine Gegenleis-
tung erbracht worden wäre. Damit ist seitens der Gesellschaft von einer
Gewinnverwendung bzw. Entnahme von Gewinnreserven auszugehen. Es
spielt hierbei keine Rolle, mit welcher geschäftlichen Transaktion diese Ge-
winnreserven vorgängig erwirtschaftet worden sind. Die Vorinstanz hat da-
her die Qualifikation dieser Zahlungen als geldwerte Leistungen zu Recht
bejaht (E. 2.4.2 ff.).
7.3 Die Beschwerdeführerin betrachtet die von K._ ausbezahlten
«Taggelder P._» als einen Drittanspruch, der bei ihr verbucht und
weitergereicht worden sei, und verneint auch insoweit eine geldwerte Leis-
tung.
Einen rechtsgenüglichen Nachweis von Tatsachen, aus denen auf einen
Drittanspruch geschlossen werden könnte, insbesondere dass der unter
dem Titel «Taggeld P._» über ein nicht deklariertes Konto der Be-
schwerdeführerin vereinnahmte Betrag (vgl. Schlussprotokoll vom
24. März 2016 Ziff. 2.1.2.10) an Dritte weitergeleitet worden ist, vermag sie
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Seite 26
jedoch auch vor Bundesverwaltungsgericht nicht beizubringen. Die vo-
rinstanzliche Betrachtungsweise ist daher letztlich auch in diesem Punkt zu
bestätigen.
8.
8.1 Die Beschwerdeführerin beantragt sodann subeventualiter, den Zin-
senlauf für die Entrichtung von Verzugszinsen (bis zur effektiven Tilgung
des geschuldeten Verrechnungssteuerbetrages) auf den 9. September
2014 zu befristen, da ab diesem Tag die Staatsanwaltschaft des Kantons
St. Gallen verschiedene Konti der Beschwerdeführerin und ihrer Gesell-
schafter gesperrt habe. Die Kontensperrung sei gemäss Mitteilung der
Staatsanwaltshaft des Kantons St. Gallen vom 5. November 2014 an die
ESTV im Umfang von Fr. 1,5 Mio. zur Sicherstellung der Verrechnungs-
steuern erfolgt.
8.2 Die Vorinstanz führt hierzu vernehmlassungsweise aus, dass die von
der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen sichergestellten Gelder erst
nach Erlass des vorliegend angefochtenen Einspracheentscheids und nur
mit Zustimmung der Staatsanwalt und der Beschwerdeführerin an die
ESTV überwiesen worden seien.
8.3 Vorab ist festzuhalten, dass gemäss den beiden Entscheiden des Kan-
tonalen Steueramtes Zürich, je vom 31. Januar 2019, die Staatsanwalt-
schaft St. Gallen am 9. September 2014 diverse Vermögenswerte be-
schlagnahmt hat und dass die Dienstabteilung Inkasso des Kantonalen
Steueramts Zürich angewiesen wurde, sich zwecks Tilgung der geschulde-
ten Steuern und Bussen mit der Beschlagnahmungsbehörde in Verbindung
zu setzen. Dem Strafbescheid vom 28. Mai 2019 lässt sich zur Frage einer
Kontensperre, Beschlagnahmung durch die kantonale Strafbehörde oder
Sicherstellung seitens der ESTV nichts entnehmen. Eine Sicherstellungs-
verfügung im Sinne von Art. 47 VStG ist nicht aktenkundig.
Bei der vorliegenden Kontensperre bzw. Beschlagnahmung handelt es sich
um eine provisorische strafprozessuale Massnahme im Sinne von
Art. 263 ff. der Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 (StPO,
SR 312.0), die zwar die Verfügungsmacht über die Vermögenswerte ein-
schränkt, die Eigentumsverhältnisse aber unberührt lässt. Über deren Auf-
hebung hat die kantonale Strafbehörde zu befinden.
Eine strafprozessuale Kontensperre bzw. Beschlagnahme hat aufgrund ih-
res provisorischen Charakters gleich wie eine Sicherstellungsverfügung im
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Sinne von Art. 47 VStG oder eine Beschlagnahme im Sinne von Art. 46
VStrR (zur Zulässigkeit einer Beschlagnahme für Steuerforderungen nach
Art. 46 VStrR i.V.m. mit Art. 44 SchKG siehe: BGE 120 IV 365 E. 2) keinen
Einfluss auf den Bestand und die Höhe der geschuldeten Verrechnungs-
steuerforderung und damit grundsätzlich auch nicht auf die akzessorisch
geschuldeten Verzugszinsen. Infolgedessen liefen die Verzugszinsen im
hier zu beurteilenden Fall während der Dauer der Beschlagnahmung
grundsätzlich weiter.
Die ESTV konnte während der Kontensperre nicht über die beschlagnahm-
ten Vermögenswerte verfügen, selbst wenn aufgrund der Akten davon aus-
zugehen ist, dass die Beschlagnahme auch zur Sicherung von Verrech-
nungssteueransprüchen der ESTV erfolgt ist. Es ist auch nicht aktenkun-
dig, dass die Beschwerdeführerin vorgängig eine «Zahlung unter Vorbe-
halt» angeboten oder verlangt hätte.
Gemäss Schreiben der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen vom
30. September 2019 wurden der ESTV im September 2019 à Konto der
ausstehenden Verrechnungssteuerforderungen insgesamt Fr. 375'600.-
überwiesen. Ob und in welchem Umfang damit eine «Zahlung unter Vor-
behalt» und damit eine provisorische Tilgung erfolgt ist, braucht im vorlie-
genden Fall nicht geprüft zu werden.
Zum einen war die Frage der Tilgung nicht Gegenstand des angefochtenen
Einspracheentscheids. Zum anderen handelt es sich beim vorliegenden
Verfahren vor Bundesverwaltungsgericht um ein Erhebungsverfahren aus-
serhalb einer laufenden Betreibung, weshalb die Frage der Tilgung nicht
ex officio geprüft werden muss. Damit kann auch offenbleiben, ob eine
rückwirkende Anrechnung der von der Staatsanwaltschaft überwiesenen
Gelder und eine rückwirkende Beendigung des Verzugszinsenlaufs mög-
lich wäre.
Indessen ist der Beginn des Verzugszinsenlaufs insoweit zu korrigieren,
als mit dem vorliegenden Entscheid davon auszugehen ist, dass die Ver-
rechnungssteuerforderungen – entgegen der angefochtenen Verfügung –
nicht bereits am 31. Januar, sondern jeweils am 30. Juli des dem Ge-
schäftsjahr folgenden Jahres fällig geworden sind (dazu E. 6.2.3).
9.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde teilweise, nämlich mit
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Bezug auf den Beginn des Zinsenlaufs gutzuheissen ist, wobei dieser je-
weils auf den 31. Juli der Jahre 2010, 2011, 2012 bzw. 2013 festzulegen
ist.
10.
Die Beschwerdeführerin obsiegt lediglich marginal, weshalb sie die Verfah-
renskosten vollumfänglich zu tragen hat (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind
auf Fr. 10‘000.- festzulegen (vgl. Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe ge-
leistete Kostenvorschuss ist für die Bezahlung der Verfahrenskosten zu
verwenden. Eine Parteientschädigung ist nicht zuzusprechen (vgl. Art. 64
Abs. 1 VwVG e contrario und Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario sowie Art. 7
Abs. 3 VGKE).