Decision ID: 07a38dd8-5df6-5d4c-b13b-c6706c14edc0
Year: 2012
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die 1953 geborene, aus Serbien und Montenegro stammende A._
(im Folgenden: Versicherte oder Beschwerdeführerin) arbeitete seit 1978
in der Schweiz und leistete Beiträge an die obligatorische Alters-, Hinter-
lassenen- und Invalidenversicherung (im Folgenden: AHV/IV). Zuletzt war
sie ab 1. April 2005 in einem Reinigungsunternehmen als Raumpflegerin
tätig; diese Arbeitsstelle wurde ihr aus gesundheitlichen Gründen per En-
de August 2005 gekündigt. Daraufhin meldete sie sich am 8. April 2006
(Eingangsstempel: 10. April 2006) erstmals bei der IV-Stelle des Kantons
Aargau (im Folgenden: IV-Stelle AG) zum Bezug einer IV-Rente an (Akten
[im Folgenden: act.] der IV-Stelle für Versicherte im Ausland [im Folgen-
den: IVSTA oder Vorinstanz] 2, 5, 6 und 78). In der Folge führte die IV-
Stelle AG einen Teil der für die Beurteilung des Leistungsanspruchs
massgeblichen Abklärungen durch (act. 4 bis 11, 13, 20 bis 22, 26, 28 bis
30, 32, 36, 37 bis 40), leistete am 18. Januar 2007 Kostengutsprache für
eine Perücke (act. 24) sowie am 19. Januar 2007 für eine Brustprothese
(act. 25, 32 und 33) und informierte die Versicherte mit Vorbescheid vom
23. August 2007 darüber, dass die Voraussetzungen für die Ausrichtung
einer Hilflosenentschädigung nicht erfüllt seien (act. 41); die entspre-
chende, unangefochten in Rechtskraft erwachsene Verfügung datiert vom
5. Oktober 2007 (act. 45).
B.
Nachdem Dr. med. B._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (im Fol-
genden: RAD) am 28. September 2007 die Veranlassung eines psychiat-
rischen Gutachtens empfohlen hatte (act. 43), wurden am 23. November
2007 die C._ (C._) mit einer medizinischen Abklärung be-
auftragt (act. 47 bis 51). Da die Versicherte die Schweiz per Ende De-
zember 2007 nach Serbien verlassen hatte, wurde die Begutachtung
nicht durchgeführt und das Dossier der IVSTA zur weiteren Bearbeitung
überwiesen (act. 52 bis 54, 56 bis 64).
C.
In der Folge empfahl Dr. med. D._ vom medizinischen Dienst der
IVSTA am 19. Mai 2008 die Einholung eines Formularberichts (E 213)
resp. eine psychiatrische und onkologische Untersuchung (act. 67); das
entsprechende Schreiben an die Vertretung in Belgrad datiert vom
18. Juni 2008 (act. 68). Nach Vorliegen des gutachterlichen Berichts vom
23. März 2009 (act. 90) sowie zahlreicher weiterer ärztlicher Dokumente
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aus der Heimat der Versicherten (act. 79 bis 89, 91 und 92) teilte die
IVSTA der Versicherten mit Vorbescheid vom 25. August 2009 mit, dass
die Kosten im Zusammenhang mit den von der IV-Stelle AG zugespro-
chenen Hilfsmitteln ab dem 31. Dezember 2007 zufolge Nichterfüllung
der versicherungsmässigen Voraussetzungen nicht mehr übernommen
würden (act. 94); die entsprechende, unangefochten in Rechtskraft er-
wachsene Verfügung datiert vom 26. Oktober 2009 (act. 98). Nach Einho-
len von Stellungnahmen der RAD-Ärzte Dres. med. E._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, und F._, Facharzt für Allge-
meinmedizin, vom 22. September und 2. Oktober 2009 (act. 95) wurde
am 20. Oktober 2009 ein Einkommensvergleich erstellt (act. 96). Gestützt
darauf wurde der Versicherten vom Vorbescheid vom 26. Oktober 2009
bei einem Invaliditätsgrad (im Folgenden auch: IV-Grad) von 30 % die
Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht gestellt (act. 97). Dagegen
liess jene, vertreten durch die Rechtsberatung Djokic, am 20. November
2009 Einwand erheben (act. 99). Nachdem dieser nicht begründet wor-
den war, erliess die IVSTA am 4. Februar 2010 eine dem Vorbescheid im
Ergebnis entsprechende Verfügung (act. 101).
D.
Hiergegen liess die Versicherte durch ihren Rechtsvertreter beim Bun-
desverwaltungsgericht mit Eingabe vom 5. März 2010 Beschwerde erhe-
ben und beantragen, es sei die Verfügung vom 4. Februar 2010 aufzuhe-
ben und ihr rückwirkend ab 8. April 2006 eine ganze Rente auszurichten
(act. im Beschwerdeverfahren [im Folgenden: B-act.] 1).
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, es sei unzutreffend,
dass der Versicherten noch eine gewinnbringende Tätigkeit zu 100 %
zumutbar sei. Es bestehe eine offensichtliche Diskrepanz zwischen der
knapp begründeten Verfügung und den ärztlichen Berichten der behan-
delnden Ärzte sowie dem Gutachten. Entgegen der Ansicht der IVSTA
werde die Arbeitsfähigkeit durch weitere Therapien nicht massgeblich
verbessert werden können. Die Einschätzung der Gutachter beruhe auf
medizinischen Untersuchungen der Versicherten, wohingegen die Ein-
schätzung der IVSTA auf Mutmassungen basiere.
E.
In ihrer Vernehmlassung vom 8. Juli 2010 beantragte die Vorinstanz die
Abweisung der Beschwerde (B-act. 5).
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Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, betreffend die psychi-
schen Leiden sei der beurteilende RAD-Facharzt unter ausführlicher Prü-
fung der vorliegenden psychiatrischen Berichte und Befunde im Bericht
vom 22. September 2009 zur zweifelsfreien Schlussfolgerung gelangt,
dass aus psychiatrischer Sicht keine Sachverhaltselemente vorlägen,
welche in arbeitsmedizinischer Hinsicht eine Arbeitsunfähigkeit zu be-
gründen vermöchten. Hinsichtlich der physischen Leiden hingegen be-
stehe gemäss dem zweitbeurteilenden RAD-Arzt seit dem operativen
Eingriff der einseitigen Brustentfernung vom 31. Oktober 2006 und an-
schliessender Chemotherapie eine gänzliche Arbeitsunfähigkeit im bishe-
rigen Tätigkeitsbereich als Raumpflegerin. Aufgrund guter Heilungser-
gebnisse seien jedoch leichtere, leidensangepasste Tätigkeiten gänzlich
ausübbar. Der gestützt auf diese Einschätzung durchgeführte Einkom-
mensvergleich habe eine Erwerbseinbusse von 30 % seit dem 31. Okto-
ber 2006 ergeben. Eine rentenbegründende Invalidität liege somit nicht
vor.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 16. Juli 2010 wurde die Beschwerdeführerin
unter Hinweis auf die Säumnisfolgen aufgefordert, einen Kostenvor-
schuss von Fr. 300.- in der Höhe der mutmasslichen Verfahrenskosten zu
leisten (B-act. 6); dieser Aufforderung wurde nachgekommen (B-act. 9
und 11).
G.
In ihrer Replik vom 23. August 2010 liess die Beschwerdeführerin an ih-
rem Rechtsbegehren festhalten (B-act. 10).
Zur Begründung wurde ergänzend ausgeführt, die Versicherte sei nie in
der Schweiz begutachtet worden. Die angefochtene Verfügung basiere
auf den Stellungnahmen des RAD, welcher die Beschwerdeführerin nicht
eingeladen und untersucht habe. Diese beziehe keine serbische Rente
und befinde sich in regelmässiger Behandlung. Alle ärztlichen Berichte
sprächen von einem IV-Grad von 80 bis 100 %, und es bestehe laut Gut-
achten eine Neubildung des bösartigen Tumors. Die Versicherte sei bei
der alltäglichen Lebensverrichtung auf die Hilfe von Drittpersonen (Ehe-
mann) seit dem 9. Juni 2006 angewiesen. Der Pflegebedarf sei durch die
Gutachter in Belgrad nicht geprüft worden.
H.
In ihrer Duplik vom 15. September 2010 machte die Vorinstanz ergän-
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zende Ausführungen und beantragte weiterhin die Abweisung der Be-
schwerde (B-act. 13).
I.
Mit prozessleitender Verfügung vom 23. September 2010 wurde der
Schriftenwechsel geschlossen (B-act. 14). Die in der Folge am 1. Oktober
2011 unaufgefordert eingereichten ärztlichen Zeugnisse (B-act. 15) gin-
gen am 4. Oktober 2011 zur Kenntnisnahme an die Vorinstanz (B-
act. 16).
J.
Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften der Parteien
ist – soweit erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember
1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Zu den an-
fechtbaren Verfügungen gehören jene der IVSTA, welche eine Vorinstanz
des Bundesverwaltungsgerichts darstellt (Art. 33 Bst. d VGG; vgl. auch
Art. 69 Abs. 1 Bst. b des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die In-
validenversicherung [IVG, SR 831.20]). Eine Ausnahme, was das Sach-
gebiet angeht, ist in casu nicht gegeben (Art. 32 VGG).
1.2. Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG).
Gemäss Art. 3 Bst. d bis
VwVG bleiben in sozialversicherungsrechtlichen
Verfahren die besonderen Bestimmungen des ATSG vorbehalten. Ge-
mäss Art. 2 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allge-
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) sind die
Bestimmungen dieses Gesetzes auf die bundesgesetzlich geregelten So-
zialversicherungen anwendbar, wenn und soweit die einzelnen Sozialver-
sicherungsgesetze es vorsehen. Nach Art. 1 IVG sind die Bestimmungen
des ATSG auf die IV anwendbar (Art. 1a bis 70 IVG), soweit das IVG nicht
ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht. Dabei finden nach
den allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln in formellrechtlicher
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Hinsicht mangels anderslautender Übergangsbestimmungen grundsätz-
lich diejenigen Rechtssätze Anwendung, welche im Zeitpunkt der Be-
schwerdebeurteilung Geltung haben (BGE 130 V 1 E. 3.2).
1.3. Die Beschwerde wurde form- und fristgerecht eingereicht (vgl. Art.
22a in Verbindung mit Art. 60 ATSG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Als Adres-
satin der angefochtenen Verfügung vom 4. Februar 2010 (act. 101) ist die
Beschwerdeführerin berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an de-
ren Aufhebung oder Änderung (vgl. Art. 59 ATSG). Nachdem auch der
Kostenvorschuss fristgerecht geleistet worden ist, ergibt sich zusammen-
fassend, dass sämtliche Prozessvoraussetzungen erfüllt sind. Auf die Be-
schwerde ist grundsätzlich einzutreten (vgl. E. 1.4.2. hiernach).
1.4.
1.4.1. Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung der Vorinstanz vom 4. Feb-
ruar 2010 (act. 101), mit welcher das Rentenbegehren der Beschwerde-
führerin bei einem IV-Grad von 30 % abgewiesen worden ist. Streitig und
zu prüfen ist der Rentenanspruch der Versicherten und in diesem Zu-
sammenhang insbesondere, ob die Vorinstanz den Sachverhalt rechts-
genüglich abgeklärt und gewürdigt hat.
1.4.2. Betreffend die am 23. August 2010 duplicando gemachten Ausfüh-
rungen, wonach der Pflegebedarf durch die Gutachter in Belgrad nicht
geprüft worden sei, ist festzustellen, dass im bundesverwaltungsgerichtli-
chen Beschwerdeverfahren grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu
überprüfen und zu beurteilen sind, zu denen die zuständige Verwaltungs-
behörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfügung (zum Begriff der
Verfügung vgl. Art. 49 Abs. 1 ATSG und Art. 5 VwVG [BGE 130 V 388
E. 2.3]) – Stellung genommen hat. Da über IV-Leistungen im Zusammen-
hang mit dem Pflegebedarf der Beschwerdeführerin keine Verfügung er-
gangen ist und es folglich an einem Anfechtungsgegenstand fehlt, kann
diesbezüglich auf die Beschwerde nicht eingetreten werden (vgl. BGE
131 V 164 E. 2.1, 125 V 413 E. 1a). Im Sinne eines obiter dictums ist da-
rauf hinzuweisen, dass Hilflosenentschädigungen nicht ins Ausland ex-
portiert werden können (Art. 41 Abs. 1 IVG; vgl. hierzu auch BGE 132 V
423).
1.5. Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
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die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
2.
Im Folgenden sind vorab die im vorliegenden Verfahren weiter anwend-
baren Normen und Rechtsgrundsätze darzustellen.
2.1. Nach dem Zerfall der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien blieben
zunächst die Bestimmungen des Abkommens vom 8. Juni 1962 zwischen
der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Föderativen Volksrepu-
blik Jugoslawien über Sozialversicherung (SR 0.831.109.818.1) für alle
Staatsangehörigen des ehemaligen Jugoslawiens anwendbar (BGE 126
V 198 E. 2B, 122 V 381 E. 1 mit Hinweis). Zwischenzeitlich hat die
Schweiz mit Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens (Kroatien,
Slowenien, Mazedonien), nicht aber mit den Republiken Serbien bzw.
(nach dessen Unabhängigkeitserklärung) Kosovo, neue Abkommen über
Soziale Sicherheit abgeschlossen. Für die Beschwerdeführerin als serbi-
sche Staatsangehörige findet demnach weiterhin das schweizerisch-
jugoslawische Sozialversicherungsabkommen vom 8. Juni 1962 Anwen-
dung (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer] C-4828/2010
vom 7. März 2011 E. 5.4). Nach Art. 2 dieses Abkommens stehen die
Staatsangehörigen der Vertragsstaaten in ihren Rechten und Pflichten
aus den in Art. 1 genannten Rechtsvorschriften, zu welchen die schweize-
rische Bundesgesetzgebung über die Invalidenversicherung gehört, ein-
ander gleich, soweit nichts anderes bestimmt ist. Da vorliegend keine
abweichenden Bestimmungen zur Anwendung gelangen, bestimmt sich
der Anspruch der Beschwerdeführerin auf Leistungen der schweizeri-
schen Invalidenversicherung gemäss vorstehender Ausführungen auf
Grund des IVG, der Verordnung über die Invalidenversicherung vom
17. Januar 1961 (IVV, SR 832.201), des ATSG sowie der Verordnung
vom 11. September 2002 über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche-
rungsrechts (ATSV, SR 830.11).
2.2. Am 1. Januar 2008 sind im Rahmen der 5. IV-Revision Änderungen
des IVG und anderer Erlasse wie des ATSG in Kraft getreten. Weil in zeit-
licher Hinsicht – vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege-
lungen – grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgeblich sind, die bei
der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden
Tatbestandes Geltung haben (BGE 132 V 220 E. 3.1.1, 131 V 11 E. 1),
sind die Leistungsansprüche für die Zeit bis zum 31. Dezember 2007 auf-
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grund der bisherigen und ab diesem Zeitpunkt nach den neuen Normen
zu prüfen (pro rata temporis; BGE 130 V 445).
Die 5. IV-Revision brachte für die Invaliditätsbemessung keine sub-
stanziellen Änderungen gegenüber der bis zum 31. Dezember 2007 gültig
gewesenen Rechtslage, sodass die zur altrechtlichen Regelung ergange-
ne Rechtsprechung weiterhin massgebend ist (vgl. Urteil des Bundesge-
richts [BGer] 8C_373/2008 vom 28. August 2008 E. 2.1). Neu normiert
wurde dagegen der Zeitpunkt des Rentenbeginns, der – sofern die ent-
sprechenden Anspruchsvoraussetzungen gegeben sind – gemäss Art. 29
Abs. 1 IVG (in der Fassung der 5. IV-Revision) frühestens sechs Monate
nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG
entsteht. In Fällen, in denen der Versicherungsfall vor dem 1. Januar
2008 eintrat resp. die einjährige gesetzliche Wartezeit vor diesem Zeit-
punkt zu laufen begann und im Jahre 2008 erfüllt wurde, gilt unter der
Voraussetzung, dass die Anmeldung spätestens am 31. Dezember 2008
eingereicht wurde, das alte Recht (vgl. zum Ganzen Rundschreiben
Nr. 253 des Bundesamtes für Sozialversicherungen vom 12. Dezember
2007 [5. IV-Revision und Intertemporalrecht]).
Im vorliegenden Verfahren finden demnach grundsätzlich jene Vor-
schriften Anwendung, die bei Eintritt des Versicherungsfalles, spätestens
jedoch bei Erlass der Verfügung vom 4. Februar 2010 (act. 101) in Kraft
standen; weiter aber auch solche Vorschriften, die zu jenem Zeitpunkt be-
reits ausser Kraft getreten waren, die aber für die Beurteilung allenfalls
früher entstandener Leistungsansprüche von Belang sind (das IVG ab
dem 1. Januar 2004 in der Fassung vom 21. März 2003 [AS 2003 3837;
4. IV-Revision] und ab dem 1. Januar 2008 in der Fassung vom 6. Okto-
ber 2006 [AS 2007 5129; 5. IV-Revision]; die IVV in den entsprechenden
Fassungen der 4. und 5. IV-Revision [AS 2003 3859 und 2007 5155]).
Noch keine Anwendung findet vorliegend das am 1. Januar 2012 in Kraft
getretene erste Massnahmenpaket der 6. IV-Revision (IVG in der Fas-
sung vom 18. März 2011 [AS 2011 5659]).
2.3. Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung
hat, wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (Art. 8 ATSG, vgl. auch E. 2.4
hiernach) und beim Eintritt der Invalidität während der vom Gesetz vorge-
sehenen Dauer Beiträge an die AHV/IV geleistet hat, d.h. während min-
destens eines vollen Jahres gemäss Art. 36 Abs. 1 IVG in der bis 31. De-
zember 2007 geltenden bzw. während mindestens drei Jahren laut Art. 36
Abs. 1 IVG in der ab 1. Januar 2008 geltenden Fassung. Diese Bedingun-
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gen müssen kumulativ gegeben sein; fehlt eine, so entsteht kein Renten-
anspruch, selbst wenn die andere erfüllt ist.
Die Beschwerdeführerin hat unbestrittenermassen während mehr als drei
Jahren Beiträge an die AHV/IV geleistet (act. 10 und 46), so dass die
Voraussetzung der Mindestbeitragsdauer für den Anspruch auf eine or-
dentliche Invalidenrente sowohl gemäss Art. 36 Abs. 1 IVG in der bis
31. Dezember 2007 gültig gewesenen als auch gemäss Art. 36 Abs. 1
IVG in der ab 1. Januar 2008 geltenden Fassung erfüllt ist.
2.4. Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dau-
ernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG), die
Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs.
IVG). Invalidität ist somit der durch einen Gesundheitsschaden verursach-
te und nach zumutbarer Behandlung oder Eingliederung verbleibende
länger dauernde (volle oder teilweise) Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt resp. der
Möglichkeit, sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen. Der Invali-
ditätsbegriff enthält damit zwei Elemente: ein medizinisches (Gesund-
heitsschaden mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit) und ein wirt-
schaftliches im weiteren Sinn (dauerhafte oder länger dauernde Ein-
schränkung der Erwerbsfähigkeit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich;
vgl. zum Ganzen UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 2. Aufl., Zürich 2009,
Art. 8 Rz. 7). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder
teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zu-
mutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tä-
tigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art.
6 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilwei-
se Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG).
2.5. Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können
auch psychische Gesundheitsschäden eine Invalidität bewirken (Art. 8
i.V.m. Art. 7 ATSG [4. IV-Revision]). Nicht als Folgen eines psychischen
Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als
relevant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versi-
cherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leis-
tungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des
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Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv bestimmt (BGE 131 V 49 E.
1.2 mit Hinweisen, 130 V 352 E. 2.2.1; SVR 2007 IV Nr. 47 S. 154 E. 2.4).
Entscheidend ist, ob und inwiefern es der versicherten Person trotz ihres
Leidens sozialpraktisch zumutbar ist, die Restarbeitsfähigkeit auf dem ihr
nach ihren Fähigkeiten offen stehenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu
verwerten, und ob dies für die Gesellschaft tragbar ist (BGE 127 V 294
E. 4c in fine, 102 V 165; AHI 2001 S. 228 E. 2b).
2.6. Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG (in der von 2004 bis Ende 2007 gültig
gewesenen Fassung) besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn
die versicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertels-
rente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei ei-
nem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertels-
rente. Hieran hat die 5. IV-Revision nichts geändert (Art. 28 Abs. 2 IVG in
der ab 2008 geltenden Fassung). Laut Art. 28 Abs. 1 ter
IVG (in der von
2004 bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung) bzw. Art. 29 Abs. 4 IVG
(in der ab 2008 geltenden Fassung) werden Renten, die einem Invalidi-
tätsgrad von weniger als 50 % entsprechen, jedoch nur an Versicherte
ausgerichtet, die ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13
ATSG) in der Schweiz haben, soweit nicht völkerrechtliche Vereinba-
rungen eine abweichende Regelung vorsehen. Eine solche Ausnahme,
wie sie seit dem 1. Juni 2002 für die Staatsangehörigen eines Mitglied-
staates der EU und der Schweiz gilt, sofern sie in einem Mitgliedstaat der
EU Wohnsitz haben (BGE 130 V 253 E. 2.3 und 3.1), liegt nicht vor. Nach
der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts (EVG;
seit 1. Januar 2007: BGer) stellt diese Regelung nicht eine blosse Aus-
zahlungsvorschrift, sondern eine besondere Anspruchsvoraussetzung dar
(BGE 121 V 275 E. 6c).
Nach den Vorschriften der 4. IV-Revision entsteht der Rentenanspruch
frühestens in dem Zeitpunkt, in dem die versicherte Person mindestens
zu 40% bleibend erwerbsunfähig (Art. 7 ATSG) geworden ist oder wäh-
rend eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min-
destens zu 40% arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen war (Art. 29 Abs. 1
Bst. a und b IVG in der von 2004 bis Ende 2007 gültig gewesenen Fas-
sung). Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG in der ab 1. Januar 2008 geltenden
Fassung haben jene Versicherten Anspruch auf eine Rente, die ihre Er-
werbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, er-
halten oder verbessern können (Bst. a), und die zusätzlich während eines
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Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 %
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind und auch nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (Bst. b und c). Vor-
behältlich abweichender staatsvertraglicher Regelungen ist bei Personen
mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthalt im Ausland in diesem Zu-
sammenhang eine Arbeitsunfähigkeit bzw. ein Invaliditätsgrad von 50%
gefordert (vgl. Art. 28 Abs. 1 ter
erster Satz IVG in den bis Ende 2007 gültig
gewesenen Fassungen bzw. Art. 29 Abs. 4 erster Satz IVG in der seit
dem 1. Januar 2008 geltenden Fassung). Das vorliegend anwendbare
Sozialversicherungsabkommen sieht diesbezüglich keine Ausnahme vor.
2.7. Die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) ist auf Unterla-
gen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute
zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es,
den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in
welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Per-
son arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine
wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistun-
gen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
256 E. 4, BGE 115 V 133 E. 2; AHI-Praxis 2002 S. 62 E. 4b/cc).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob
der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Un-
tersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurtei-
lung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der me-
dizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Ex-
perten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grund-
sätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeich-
nung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Be-
richt oder Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3a).
Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt Beweiswert
zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie
in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässig-
keit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt in einem Anstel-
lungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf
mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen. Es bedarf viel-
mehr besonderer Umstände, welche das Misstrauen in die Unparteilich-
keit der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen lassen (BGE 125 V
351 E. 3b/ee mit Hinweisen).
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Auf Stellungnahmen der RAD resp. der medizinischen Dienste kann für
den Fall, dass ihnen materiell Gutachtensqualität zukommen soll, nur ab-
gestellt werden, wenn sie den allgemeinen beweisrechtlichen An-
forderungen an einen ärztlichen Bericht genügen (Urteil des Eidg. Versi-
cherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: BGer] I 694/05 vom 15. De-
zember 2006 E. 2). Die RAD-Ärzte müssen sodann über die im Einzelfall
gefragten persönlichen und fachlichen Qualifikationen verfügen, spielt
doch die fachliche Qualifikation des Experten für die richterliche Würdi-
gung einer Expertise eine erhebliche Rolle. Bezüglich der medizinischen
Stichhaltigkeit eines Gutachtens müssen sich Verwaltung und Gerichte
auf die Fachkenntnisse des Experten verlassen können. Deshalb ist für
die Eignung eines Arztes als Gutachter in einer bestimmten medizini-
schen Disziplin ein entsprechender spezialärztlicher Titel des berichten-
den oder zumindest des den Bericht visierenden Arztes vorausgesetzt
(Urteil des EVG I 178/00 vom 3. August 2000 E. 4a; Urteile des BGer
9C_410/2008 vom 8. September 2008 E. 3.3, I 142/07 vom 20. Novem-
ber 2007 E. 3.2.3 und I 362/06 vom 10. April 2007 E. 3.2.1; vgl. auch SVR
2009 IV Nr. 53 S. 165 E. 3.3.2 [nicht publizierte Textpassage der E. 3.3.2
des Entscheides BGE 135 V 254]).
Nicht zwingend erforderlich ist, dass die versicherte Person untersucht
wird. Nach Art. 49 Abs. 2 IVV führt der RAD für die Beurteilung der medi-
zinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs nur „bei Bedarf“ sel-
ber ärztliche Untersuchungen durch. In den übrigen Fällen stützt er seine
Beurteilung auf die vorhandenen ärztlichen Unterlagen ab. Das Absehen
von eigenen Untersuchungen an sich ist somit kein Grund, um einen
RAD-Bericht in Frage zu stellen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es im
Wesentlichen um die Beurteilung eines feststehenden medizinischen
Sachverhalts geht, und die direkte ärztliche Befassung mit der versicher-
ten Person in den Hintergrund rückt (vgl. Urteile des BGer 9C_323/2009
vom 14. Juli 2009 E. 4.3.1 und I 1094/06 vom 14. November 2007
E. 3.1.1, je mit Hinweisen).
3.
3.1. Im Rahmen der angefochtenen Verfügung vom 4. Februar 2010
(act. 101) stützte sich die Vorinstanz in medizinischer Hinsicht insbeson-
dere auf die RAD-Berichte der Dres. med. E._, Facharzt für Psy-
chiatrie und Psychotherapie, und F._, Facharzt für Allgemeine
Medizin, vom 22. September und 2. Oktober 2009 (act. 95). Diese Beur-
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Seite 13
teilungen sind nachfolgend – nebst weiteren – zusammengefasst wieder-
zugeben und einer Würdigung zu unterziehen.
Dr. med. E._ fasste eingangs seiner Berichterstattung vom
22. September 2009 mehrere ausländische Berichte zusammen und führ-
te im Rahmen seiner Schlussfolgerung aus, diese Dokumente seien nicht
vereinbar mit dem Vorliegen eines – für eine Arbeitsunfähigkeit verant-
wortlichen – depressiven Zustands. Mit Blick auf den Bericht des Psychia-
ters Dr. med. G._ vom 20. April 2006 führte Dr. med. E._
aus, er sehe keine klaren Zeichen für eine schwerwiegende psychische
Erkrankung. Im Bericht von Dr. med. H._ werde die Medikation mit
einem starken Antidepressivum erwähnt; der psychiatrische Zustand wer-
de jedoch nicht beschrieben. Ausser in denjenigen von Dr. med.
H._ fänden sich in allen anderen Dokumenten keine Hinweise auf
eine schwere depressive Episode; nicht einmal eine leichte oder mittlere
werde beschrieben. Es müsste eher von einer Anpassungsstörung mit ei-
ner länger dauernden Reaktion gesprochen werden (ICD-10: F43.21). In
den Beschreibungen fänden sich keine klaren, typischen depressiven
Symptome, aus welchen eine Arbeitsunfähigkeit resultierte. Die Diagnose
einer spezifischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60) könne nicht ge-
stellt werden. Wahrscheinlich habe der Psychiater damit das Vorliegen
von gewissen akzentuierten Charakterzügen ausdrücken wollen. Auch in
der Schweiz werde der ICD-Code F60 von zahlreichen Ärzten zur Be-
schreibung gewisser Persönlichkeitszüge missbraucht.
Dr. med. F._ stellte in seinem Bericht vom 2. Oktober 2009 eben-
falls keine Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Er attes-
tierte der Versicherten ab 31. Oktober 2006 eine 100%ige Arbeitsunfähig-
keit in der angestammten Tätigkeit und eine volle Arbeitsfähigkeit in einer
leidensadaptierten Verweistätigkeit und führte weiter zusammengefasst
aus, bei der Versicherten sei eine Brustamputation rechts und eine Che-
mo- und Radiotherapie durchgeführt worden. Gemäss Bericht von
Dr. med. I._ vom 18. Juni 2008 liege ein Lymphödem vor, welches
eine Arbeitsunfähigkeit als Reinigungskraft rechtfertige. Ohne Rezidive
oder Ausstreuung des Brusttumors und da die Wirbelsäulenschmerzen
seit 15 Jahren aufträten, sei – ohne das Vorliegen ärztlicher Dokumente,
welche eine langandauernde Arbeitsunfähigkeit rechtfertigten – anzu-
nehmen, dass die Versicherte in einer adaptierten Verweistätigkeit zu
100 % arbeiten könne.
C-1358/2010
Seite 14
3.2. Nebst diesen beiden RAD-Berichte sind noch weitere medizinische
Dokumente aktenkundig:
Dr. med. J._, Facharzt für Innere Medizin, diagnostizierte im Be-
richt vom 2. Mai 2006 mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ein lum-
boradikuläres Reizsyndrom L5/S1 bei MRI-dokumentierter Diskusprotru-
sion L4/LB und L5/S1, eine Intervertebralarthrose mit foraminaler Einen-
gung L4/L5, L5/S1 beidseits sowie eine Periarthritis humero-scapularis.
Er attestierte der Versicherten ab 26. Juli 2005 eine 100%ige Arbeitsun-
fähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit und führte weiter aus, lei-
densadaptierte Verweistätigkeiten seien vorerst vier Stunden pro Tag zu-
mutbar, wobei eine verminderte Leistungsfähigkeit von zirka 50 % beste-
he (act. 4).
Dr. med. G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, stellte
in seinem Bericht vom 17. September 2006 mit Auswirkungen auf die Ar-
beitsfähigkeit aus rein psychiatrischer Sicht die Diagnose einer nichtorga-
nischen Insomnie im Rahmen einer mittelgradig depressiven Episode mit
somatischem Syndrom bei psychoneurotischer Persönlichkeit (ICD-10:
F51.0, F32.11, F60.8). Hinsichtlich des Beginns und des Ausmasses der
Arbeitsunfähigkeit verwies er auf die Erhebungen des Hausarztes
(act. 13).
Im Bericht vom 14. Dezember 2006 erwähnte Dr. med. K._, Fach-
ärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, eine präoperative Chemothera-
pie, eine am 31. Oktober 2006 durchgeführte Ablatio mammae rechts und
eine Axilla Dissektion sowie einen eventuellen Beginn mit Strahlenthera-
pie im Januar 2007 (act. 20).
Am 5. Juli 2007 berichtete Dr. med. L._, Facharzt für Onkolo-
gie/Hämatologie, aktuell sei die Krankheit in Vollremission, die adjuvante
Behandlung gehe aber vorderhand noch weiter mit Herceptin; diese sollte
bis im Herbst 2007 abgeschlossen werden. Als Folge der Operation sei
ein leichtes Lymphödem an der rechten Hand und am rechten Arm aufge-
treten, was die Arbeit für die Versicherte als Hausangestellte erschwere.
Die Rückenbeschwerden, das schwere Mammakarzinom und das
Lymphödem hätten wahrscheinlich auch die Psyche der Versicherten
verändert, umso mehr als sie schon in psychiatrischer Behandlung gewe-
sen und von Dr. med. G._ angeblich zu 100 % krankgeschrieben
worden sei (act. 39).
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Seite 15
Dr. med. H._ stellte die ICD-10-Diagnosen F32.11, F60.8 und
F33.2 (act. 80). Am 21. Oktober 2008 berichtete er von einer aktuell vor-
liegenden schweren depressiven Episode (act. 82).
Der Chirurg Dr. med. I._ führte in seinem Bericht vom 26. März
2009 zusammengefasst aus, die Versicherte befinde sich seit über 15
Jahren in Behandlung wegen Wirbelsäulenbeschwerden und Schmerzen
mit Ausstrahlung ins rechte Bein. 2006 sei ein maligner Prozess in der
rechten Brust diagnostiziert worden. Präoperativ sei eine Chemotherapie
erfolgt. Am 31. Oktober 2006 sei die Brustamputation mit Dissektion der
rechten Axilla und daraufhin eine Chemo- und Strahlentherapie durchge-
führt worden. Ausserdem befinde sich die Versicherte in Behandlung we-
gen Bluthochdruck. Er diagnostizierte unter anderem bösartige Neubil-
dungen der Brustdrüse (ICD-10: C50) und erwähnte weiter, seit dem
18. Juni 2008 bestehe voller Verlust der Arbeitsfähigkeit. Der Invaliditäts-
grad betrage 80 % (act. 90).
3.3.
3.3.1. Vorab ist festzuhalten, dass es sich bei den Stellungnahmen der
Dres. med. E._ und F._ um Berichte im Sinne von Art. 59
Abs. 2 bis
IVG handelt. Sinn und Zweck des im Rahmen der 5. IV-Revision
(Bundesgesetz vom 6. Oktober 2006; AS 2007 5129 ff.) neu geschaffe-
nen, seit 1. Januar 2008 in Kraft stehenden und vorliegend anwendbaren
Art. 59 Abs. 2 bis
IVG sowie des neu gefassten Art. 49 IVV liegen darin,
dass die IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Anspruchsvoraus-
setzungen auf eigene Ärzte und Ärztinnen zurückgreifen können. Diese
sollen aufgrund ihrer speziellen versicherungsmedizinischen Kenntnisse
für die Bestimmung der für die Invalidenversicherung massgebenden
funktionellen Leistungsfähigkeit der Versicherten verantwortlich sein. Da-
mit soll eine konsequente Trennung der Zuständigkeiten zwischen be-
handelnden Ärzten (Heilbehandlung) und Sozialversicherung (Bestim-
mung der Auswirkungen des Gesundheitsschadens) geschaffen werden.
Die RAD bezeichnen die zumutbaren Tätigkeiten und die unzumutbaren
Funktionen unter Angabe einer allfälligen medizinisch begründeten zeitli-
chen Schonung. Damit soll im Hinblick auf eine erfolgreiche Eingliede-
rung eine objektivere Festlegung der massgebenden funktionellen Leis-
tungsfähigkeit der Versicherten ermöglicht werden. Gestützt auf die An-
gaben des RAD hat die IV-Stelle zu beurteilen, was einer versicherten
Person aus objektiver Sicht noch zumutbar ist und was nicht (vgl. Urteil
9C_323/2009 des BGer vom 14. Juli 2009 E. 4.2 mit zahlreichen weiteren
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Seite 16
Hinweisen). Berichten nach Art. 59 Abs. 2 bis
IVG kann nicht jegliche Aus-
sen- oder Beweiswirkung abgesprochen werden. Vielmehr sind sie ent-
scheidrelevante Aktenstücke (Urteil I 143/07 des BGer vom 14. Septem-
ber 2007 E. 3.3 mit Hinweisen; vgl. auch Urteil I 694/05 des EVG vom
15. Dezember 2006 E. 5).
3.3.2. Wie bereits dargelegt wurde (vgl. E. 2.7 hiervor), kann auf Stel-
lungnahmen des RAD resp. des medizinischen Dienstes der Vorinstanz
nur unter der Bedingung abgestellt werden, dass sie den allgemeinen
beweisrechtlichen Anforderungen an einen ärztlichen Bericht genügen
und zudem die beigezogenen Ärzte im Prinzip über die im Einzelfall ge-
fragten persönlichen und fachlichen Qualifikationen verfügen. Gemäss
den nachfolgenden Erwägungen ist dies vorliegend nicht der Fall resp.
lässt sich der gesundheitliche Zustand der Beschwerdeführerin und des-
sen Auswirkungen auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit aufgrund der
Beurteilungen der Dres. med. E._ und F._ nicht schlüssig
und zuverlässig beurteilen; den entsprechenden Berichten kommt folglich
keine volle Beweiskraft zu (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
3.3.3. Zwar verhält es sich rechtsprechungsgemäss so, dass auf eine
psychiatrische Begutachtung im Rahmen von Abklärungsmassnahmen
verzichtet werden kann. Dies jedoch nur unter der Voraussetzung, dass
sich in den medizinischen Akten keine Anhaltspunkte für ein psychisches
Leiden mit Krankheitswert finden; andernfalls muss aber im Hinblick auf
den Untersuchungsgrundsatz eine psychiatrische Expertise eingeholt
werden (Urteil I 316/99 des EVG vom 28. August 2000 mit weiteren Hin-
weisen).
Die von den Dres. med. H._ und G._ gestellten Diagnosen
(mittelgradige depressive Episode, schwere depressive Episode ohne
psychotische Symptome, sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen
[bspw. act. 80 und 92]; nichtorganische Insomnie im Rahmen einer mit-
telgradig depressiven Episode mit somatischem Syndrom bei pseudoneu-
rotischer Persönlichkeit [act. 13]) liefern Hinweise dafür, dass die Be-
schwerdeführerin aus psychisch-psychiatrischer Sicht ab einem gewissen
Zeitpunkt in rentenrelevantem Ausmass eingeschränkt sein könnte. Ob-
wohl eine Diagnose für sich allein genommen keinen Schluss auf eine
gesundheitlich bedingte Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit zulässt
(vgl. BGE 132 V 65 E. 3.4 mit Hinweisen), bedürfen diese Fragen einer
widerspruchsfreien und nachvollziehbaren Klärung, zumal das Leistungs-
kalkül von Dr. med. E._ von demjenigen der anderen Psychiater
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stark abweicht. Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass bereits der RAD-
Arzt Dr. med. B._ am 28. September 2007 die Veranlassung eines
psychiatrischen Gutachtens empfohlen hatte (act. 43) resp. die Be-
schwerdeführerin bisher nie einlässlich begutachtet worden war. Es ist
somit nicht rechtsgenüglich erstellt, ob tatsächlich ein depressives Ge-
schehen vorliegt, und wenn ja, ob dieses Einfluss auf die Arbeits- und
Leistungsfähigkeit hat oder nicht. Mit anderen Worten kann nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit (zum Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit vgl. BGE 126 V 353 E. 5b, 125 V 193 E. 2; RKUV
2001 U 413 S. 86 E. 5b) festgestellt werden, ob die Beschwerdeführerin
aus rein psychisch-psychiatrischer Sicht tatsächlich eine volle Arbeitsfä-
higkeit in einer leidensadaptierten Verweistätigkeit aufweist und wenn ja,
ab wann und für wie lange. Aufgrund der Umstände, dass Dr. med.
E._ die Beschwerdeführerin nie untersucht hat und keine verläss-
lichen gutachterlichen Berichte aktenkundig sind, kann auf dessen Beur-
teilung nicht unbesehen abgestellt werden, zumal er selber ausgeführt
hat, der psychiatrische Zustand werde von Dr. med. H._ nicht be-
schrieben. Darüber hinaus ist nicht – wie von Dr. med. E._ vermu-
tet – rechtsgenüglich erstellt, dass Dr. med. H._ mit der erwähnten
Klassifikation ICD-10: F60 bloss das Vorliegen von gewissen akzentuier-
ten Charakterzügen ausgedrückt hatte oder ob bei der Beschwerdeführe-
rin tatsächlich eine spezifische Persönlichkeitsstörung vorlag bzw. vor-
liegt.
Zusammenfassend ist somit als Zwischenfazit festzuhalten, dass sich der
Sachverhalt in psychisch-psychiatrischer Hinsicht als nicht rechtsge-
nüglich abgeklärt erweist.
3.3.4. Auch im Zusammenhang mit dem somatischen Gesundheitszu-
stand weichen die Beurteilungen der behandelnden Ärzte bezüglich der
Arbeits- und Leistungsfähigkeit erheblich voneinander ab. Während
Dr. med. F._ dafürhielt, dass eine leidensadaptierte Verweistätig-
keit zu 100 % zumutbar sei, führte Dr. med. J._ aus, leidensadap-
tierte Verweistätigkeiten seien vorerst vier Stunden täglich zumutbar, wo-
bei eine verminderte Leistungsfähigkeit von zirka 50 % bestehe. Aufgrund
der vorliegenden Akten ist nicht rechtsgenüglich erstellt, dass sich der
somatische Gesundheitszustand seit der Berichterstattung von Dr. med.
J._ am 2. Mai 2006 bis zur Stellungnahme von Dr. med.
F._ vom 2. Oktober 2009 in solch erheblichem Ausmass verbes-
sert hatte. Divergenzen ergeben sich auch mit Blick auf die Ausführungen
von Dr. med. I._ in dessen Bericht vom 26. März 2009, denn die-
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Seite 18
ser Facharzt war der Ansicht, dass bei der Beschwerdeführerin seit dem
18. Juni 2008 eine volle Arbeitsunfähigkeit vorliege resp. der Invaliditäts-
grad 80 % betrage.
3.4. Nach dem Dargelegten ist zusammengefasst festzuhalten, dass sich
der Sachverhalt in gesamtmedizinischer Hinsicht als nicht rechtsge-
nüglich abgeklärt erweist. Im Zusammenhang mit der bei der Beschwer-
deführerin vorliegenden somatischen und psychisch-psychiatrischen
Problematik wäre eine Gesamtbeurteilung erforderlich resp. die vorlie-
gend erforderliche medizinische Expertise interdisziplinär anzulegen ge-
wesen (vgl. Urteil 8C_168/2008 des BGer vom 11. August 2008 E. 6.2.2
mit Hinweisen). Dies wurde von der Vorinstanz versäumt. In diesem Um-
stand liegt eine unvollständige Sachverhaltsabklärung resp. wurde im vor-
liegend zu beurteilenden Rentenverfahren der rechtserhebliche Sachver-
halt nicht rechtsgenüglich abgeklärt und gewürdigt (Art. 43 ff. ATSG sowie
Art. 12 VwVG). Eine Rückweisung an die Vorinstanz zur weiteren Abklä-
rung ist unter diesen Umständen möglich, da sie in der notwendigen Er-
hebung der bisher vollständig ungeklärten Frage – dem Zusammenwirken
der allenfalls vorhandenen psychischen und physischen Leiden der Be-
schwerdeführerin und deren Auswirkungen auf die Arbeits- und Leis-
tungsfähigkeit – begründet liegt (vgl. BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4).
4.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde vom 5. März
2010 – soweit darauf einzutreten ist – insoweit gutzuheissen, als dass die
angefochtene Verfügung vom 4. Februar 2010 aufzuheben ist und die Ak-
ten im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen sind.
Nach Vorliegen der Ergebnisse der Begutachtung – im Rahmen welcher
sämtliche bisher verfassten ärztlichen Berichte zu berücksichtigen sind –
hat die Vorinstanz – falls erforderlich – einen neuen Einkommensver-
gleich durchzuführen und ergänzende Abklärungen hinsichtlich der Ver-
wertbarkeit der Arbeitsfähigkeit in die Wege zu leiten (vgl. Urteile I 462/02
des EVG vom 26 Mai 2003 und 9C_921/2009 des BGer vom 22. Juni
2010).
5.
Zu befinden bleibt noch über die Verfahrenskosten und eine allfällige Par-
teientschädigung.
5.1. Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1
VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei. Da
C-1358/2010
Seite 19
eine Rückweisung praxisgemäss als Obsiegen der Beschwerde füh-
renden Partei gilt (BGE 132 V 215 E. 6), sind im vorliegenden Fall der
Beschwerdeführerin keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Dieser ist der
geleistete Verfahrenskostenvorschuss von Fr. 300.- nach Eintritt der
Rechtskraft des vorliegenden Urteils zurückzuerstatten. Der Vorinstanz
werden ebenfalls keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2
VwVG).
5.2. Die obsiegende und vertretene Beschwerdeführerin hat gemäss Art.
64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des Reglements vom 21. Febru-
ar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteientschädi-
gung zu Lasten der Verwaltung. Da keine Kostennote eingereicht wurde,
ist die Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen (Art. 14 Abs. 2
Satz 2 VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensausgangs, des ge-
botenen und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung der Streitsache
und der Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens ist eine
Parteientschädigung von Fr. 1'500.- (inkl. Auslagen, ohne Mehrwertsteuer
[vgl. dazu auch Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C-6173/2009 vom
29. August 2011 mit Hinweis]; Art. 9 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 10
Abs. 2 VGKE [Stundenansatz für Anwälte/Anwältinnen mindestens
Fr. 200.- und höchstens Fr. 400.- und für nichtanwaltliche Vertreter und
Vertreterinnen mindestens Fr. 100.- und höchstens Fr. 300.-]) gerechtfer-
tigt.
(Dispositiv auf der nächsten Seite)
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