Decision ID: 19ae23ab-91b2-571f-b94c-550a2a18d975
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorien A (seit 2005) und B. Das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamtes des Kantons St. Gallen (nachfolgend:
Strassenverkehrsamt) entzog ihm mit Verfügung vom 8. April 2003 wegen einer
schweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften, begangen am
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30. November 2002, den Führerausweis für die Dauer eines Monats. Am 2. November
2006 wurde er wegen einer Unaufmerksamkeit verwarnt. Die Staatsanwaltschaft
Limmattal/Albis verurteilte X am 22. August 2007 wegen Fahrens in fahrunfähigem
Zustand (qualifizierte Blutalkoholkonzentration), Vereitelung einer Massnahme zur
Feststellung der Fahrunfähigkeit, pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall und Verletzung
der Verkehrsregeln zu einer Geldstrafe von dreissig Tagessätzen zu je Fr. 60.-- sowie
zu einer Busse von Fr. 200.--. Aufgrund dieses Fehlverhaltens verfügte das
Strassenverkehrsamt Zug am 6. Juli 2007 einen Führerausweisentzug für die Dauer von
drei Monaten; die Massnahme wurde vom 13. Januar 2008 bis 12. April 2008
vollzogen.
B.- Am 25. April 2011 um 9.58 Uhr fuhr X auf seinem Motorrad Aprilia mit dem
amtlichen Kennzeichen SG 00'000 auf der Rapperswilerstrasse von Neuhaus her
kommend in Richtung Wattwil. Eine Geschwindigkeitskontrolle auf Höhe Eggweid
(Ricken) ergab, dass er bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h mit
einer rechtlich relevanten Geschwindigkeit von 123 km/h unterwegs war.
Mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes Uznach vom 10. Mai 2011 wurde X wegen
grober Verletzung von Verkehrsregeln zu einer unbedingten Geldstrafe von vierzig
Tagessätzen zu je Fr. 60.-- verurteilt. Eine dagegen erhobene Einsprache zog er am
8. März 2012 zurück, worauf der Strafbefehl in Rechtskraft erwuchs.
C.- Mit Schreiben vom 20. April 2012 nahm das Strassenverkehrsamt das am 3. Mai
2011 eröffnete und am 27. Mai 2011 aufgrund des noch hängigen Strafverfahrens
sistierte Administrativverfahren gegen X wieder auf. Es entzog ihm in der Folge mit
Verfügung vom 4. Mai 2012 den Führerausweis wegen schwerer Widerhandlung gegen
die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von zwölf Monaten.
D.- Gegen diese Verfügung erhob X am 18. Mai 2012 (Postaufgabe) Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem sinngemässen Antrag, die Entzugsdauer sei
herabzusetzen. Die Vorinstanz verzichtete am 28. Juni 2012 auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen des Rekurrenten zur Begründung seiner Anträge wird, soweit
erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
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Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 18. Mai 2012 (Postaufgabe) ist
rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- In tatsächlicher Hinsicht bestreitet der Rekurrent, mit der "vollumfänglichen
Richtigkeit der Geschwindigkeitsmessung" einverstanden zu sein.
a) Nach ständiger Rechtsprechung darf die Verwaltungsbehörde von den tatsächlichen
Feststellungen im Strafurteil nur abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem
Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren oder die er nicht
beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu einem anderen
Entscheid führt, oder wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter den
feststehenden Tatsachen klar widerspricht (hat sie hingegen keine zusätzlichen
Beweise erhoben, hat sie sich grundsätzlich an die Würdigung des Strafrichters zu
halten) oder schliesslich wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den
Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat, insbesondere die Verletzung
bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103). Die Verteidigungsrechte
und allfällige Rechtsmittelmöglichkeiten hat der Beschuldigte bereits im Strafverfahren
wahrzunehmen, wenn er weiss oder annehmen muss, dass gegen ihn auch ein
Führerausweisentzugsverfahren durchgeführt werden wird.
b) Am 3. Mai 2011 wurde gegen den Rekurrenten ein Administrativverfahren eröffnet
und ihm am 10. Mai 2011 das rechtliche Gehör gewährt. Dabei wurde ihm mitgeteilt,
dass der Führerausweis nach einer schweren Widerhandlung für mindestens zwölf
Monate entzogen werde, wenn der Ausweis in den vorangegangenen fünf Jahren
einmal wegen einer schweren oder zweimal wegen mittelschweren Widerhandlungen
entzogen worden sei (act. 8/22). Mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes Uznach vom
10. Mai 2011 wurde der Rekurrent wegen grober Verletzung von Verkehrsregeln nach
Art. 32 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR
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741.01, abgekürzt: SVG) zu einer unbedingten Geldstrafe von vierzig Tagessätzen zu je
Fr. 60.-- verurteilt. Gleichzeitig wurde er über die Weiterleitung des Strafbefehls an das
Strassenverkehrsamt sowie über die Möglichkeit der Einspracheerhebung orientiert
(act. 8/13). Am 14. Mai 2011 erhob er Einsprache gegen den Strafbefehl. In der Folge
wurde das Administrativverfahren am 27. Mai 2011 sistiert mit dem Hinweis, es werde
der rechtskräftige Strafentscheid abgewartet und danach wesentlich auf diesen
abgestellt, da dem Rekurrenten im Strafverfahren umfassende Verteidigungsrechte zur
Verfügung stünden (act. 8/18). Anlässlich der mündlichen Verhandlung vor dem
Kreisgericht See-Gaster vom 8. März 2012 zog der Rekurrent die Einsprache gegen
den Strafbefehl vom 10. Mai 2011 zurück, worauf dieser bestätigt und nach Rechtskraft
dem Strassenverkehrsamt mitgeteilt wurde (act. 8/11).
Der Rekurrent wusste demnach um die grosse Bedeutung des Ausgangs des
Strafverfahrens für das Administrativmassnahmeverfahren. Dessen ungeachtet zog er
die Einsprache gegen den Strafbefehl zurück, worauf dieser in Rechtskraft erwachsen
ist. Die Administrativbehörde ist an die tatsächlichen Feststellungen im Strafverfahren
grundsätzlich gebunden. Die Voraussetzungen für ein Abweichen (vgl. E. 2a) sind nicht
erfüllt. Es gibt keine Hinweise, dass die Geschwindigkeitsmessung nicht korrekt
durchgeführt worden wäre. Dem Einwand des Rekurrenten, es habe sich für ihn um ein
neues Motorrad mit Digitaltacho gehandelt und "das Gespür" für diese Maschine sei
mit der Routine für das alte Motorrad nicht vergleichbar (vgl. act. 1), ist
entgegenzuhalten, dass der Motorradlenker in einer solchen Situation besonders
vorsichtig fahren muss.
3.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03) ausgeschlossen ist, der
Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln
eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1
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lit. a SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
a) Im Strafverfahren wurde der Rekurrent wegen der Geschwindigkeitsüberschreitung
vom
25. April 2011 der groben Verletzung von Verkehrsregeln nach Art. 90 Ziff. 2 SVG
schuldig gesprochen. Die Strafbestimmung entspricht in Wortlaut und Sinn Art. 16c
Abs. 1 lit. a SVG (vgl. BGE 132 II 234 E. 3.2). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung begeht ungeachtet der konkreten Umstände objektiv eine schwere
Verkehrsregelverletzung, wer die zulässige Höchstgeschwindigkeit ausserorts von
80 km/h um 30 km/h oder mehr überschreitet (vgl. BGE 123 II 106 E. 2c). Das gilt auch
bei einer nur kurzfristigen Überschreitung der zulässigen Geschwindigkeit während des
Überholens (P. Weissenberger, Kommentar zum Strassenverkehrsgesetz, 2011, N 5 zu
Art. 16c SVG). In subjektiver Hinsicht ist ein rücksichtsloses oder sonst schwerwiegend
verkehrswidriges Verhalten verlangt, d.h. ein schweres Verschulden, bei fahrlässigem
Handeln mindestens grobe Fahrlässigkeit. Letzteres ist immer dann zu bejahen, wenn
der Fahrzeuglenker sich der allgemeinen Gefährlichkeit seiner verkehrswidrigen
Fahrweise bewusst ist. Grobe Fahrlässigkeit kann aber auch vorliegen, wenn er die
Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer pflichtwidrig gar nicht in Betracht zieht, also
unbewusst fahrlässig handelt. In solchen Fällen bedarf jedoch die Annahme grober
Fahrlässigkeit einer sorgfältigen Prüfung. Sie wird nur zu bejahen sein, wenn das
Nichtbedenken der Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer ebenfalls auf
Rücksichtslosigkeit beruht und daher besonders vorwerfbar ist (vgl. BGE 118 IV 285
E. 4). Bei einer Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, die in objektiver
Hinsicht den Tatbestand von Art. 90 Ziff. 2 bzw. Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG erfüllt, geht
das Bundesgericht in konstanter Rechtsprechung davon aus, dass dem Lenker eine
solche Überschreitung nicht verborgen bleiben kann und sie zumindest auf grober
Fahrlässigkeit beruht.
b) Es ist erstellt, dass der Rekurrent in Ricken die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von
80 km/h um 43 km/h überschritten hat (vgl. act. 8/3). Dass er gemäss eigenen Angaben
zuerst zwei Personenwagen und anschliessend einen älteren VW-Bus überholt haben
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will (vgl. act. 8/7), ändert daran nichts. Ein Überholmanöver ist grundsätzlich
regelkonform durchzuführen, ansonsten es abzubrechen ist oder erst gar nicht
begonnen werden darf (vgl. BGE 6A.4/2006 vom 27. Februar 2006, E. 3). Der Rekurrent
wohnt zudem in der Gegend und ist als Aussendienstmitarbeiter angestellt. Die
allgemeine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h ausserorts ist ihm daher bekannt.
c) Es besteht somit kein Anlass, im vorliegenden Verfahren von der Auffassung des
Strafrichters abzuweichen, welcher das Verschulden des Rekurrenten als mindestens
grobfahrlässig gewichtete. Die Vorinstanz ging damit zu Recht von einer schweren
Widerhandlung im Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG aus.
4.- a) Gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr-
oder Führerausweisentzugs die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen,
namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Die Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten werden. Diese beträgt
gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. c SVG nach einer schweren Widerhandlung mindestens
zwölf Monate, wenn in den vorangegangenen fünf Jahren der Ausweis einmal wegen
einer schweren oder zweimal wegen mittelschweren Widerhandlungen entzogen war.
b) Dem Rekurrenten war der Führerausweis wegen einer schweren Widerhandlung vom
13. Januar 2008 bis 12. April 2008 für drei Monate entzogen. Die vorliegend zu
beurteilende schwere Widerhandlung geschah am 25. April 2011 und damit innerhalb
der fünfjährigen Frist gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. c SVG. Die Vorinstanz hat den
Führerausweis für zwölf Monate und damit für die Mindestdauer entzogen. Letztere
darf – ungeachtet allfälliger besonderer Umstände, einer beruflichen Angewiesenheit
oder eines untadeligen automobilistischen Leumunds, wobei Letzteres beim
Rekurrenten nicht zuträfe – nicht unterschritten werden (Art. 16 Abs. 3 SVG; BGE 132 II
234 E. 3.2). Bei der Mindestentzugsdauer gibt es keinen Spielraum (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 1C_129/2010 vom 3. Juni 2010, E. 3.3).
5.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
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angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen.