Decision ID: 0414b98d-f2ff-45b2-a059-27c12dd763d5
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Mit einer Verfügung vom 6. Februar 2014 sprach die IV-Stelle des Kantons St.
Gallen A._ für die Zeit ab dem 1. Oktober 2012 eine Entschädigung bei einer
Hilflosigkeit leichten Grades zu (IV-act. 326). Zuständig für den Vollzug dieser
Verfügung, das heisst für die Ausrichtung der Hilflosenentschädigung, war die
Ausgleichskasse des Kantons Graubünden (IV-act. 323). Am 31. Januar 2016 teilte die
Versicherte der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Graubünden elektronisch mit,
dass die Hilflosenentschädigung wegen einer Operation ab Januar 2016 „wegfalle“ (IV-
act. 362–2 unten). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Graubünden leitete
diese Nachricht an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen weiter, weil
sie diese Information keinem ihrer Aktendossiers zuordnen konnte (IV-act. 362–2 oben).
Die IV-Stelle des Kantons St. Gallen verfügte am 24. März 2016 die Aufhebung der
laufenden Hilflosenentschädigung mit Wirkung auf das Ende des der Zustellung der
Verfügung folgenden Monats (IV-act. 365). Sie stellte der Sozialversicherungsanstalt
des Kantons Graubünden eine Kopie dieser Verfügung zu (IV-act. 365–3). Eine
Mitarbeiterin der Ausgleichskasse des Kantons Graubünden quittierte unterschriftlich
eine Vollzugsmeldung der IV-Stelle des Kantons St. Gallen, laut der die
Hilflosenentschädigung per 30. April 2016 aufzuheben war (IV-act. 367–1 und 367–4).
A.a.
Im Rahmen der periodischen Teuerungsanpassung aller laufenden
Hilflosenentschädigungen per 1. Januar 2019 stellte die Ausgleichskasse des Kantons
Graubünden am 9. November 2018 fest, dass sie die Hilflosenentschädigung der
Versicherte versehentlich über den 30. April 2016 hinaus weiter ausbezahlt hatte (IV-
act. 449–7). Mit einer Verfügung vom 12. November 2018 forderte die IV-Stelle des
A.b.
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B.

Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
vom 12. November 2018 auf deren Rechtmässigkeit. Der Gegenstand des
Kantons St. Gallen von der Versicherten die nach dem 30. April 2016 ausgerichtete
Hilflosenentschädigung im Gesamtbetrag von 14’570 Franken zurück (IV-act. 448).
Am 11. Dezember 2018 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 12. November 2018
erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin stellte den Antrag, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und auf die Rückforderung sei zu verzichten. Zur
Begründung führte sie aus, dass der Rückforderungsanspruch mit dem Ablauf eines
Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten habe,
erlösche. Massgebend sei nicht der Zeitpunkt der tatsächlichen Kenntnisnahme,
sondern jener, ab dem die Versicherungseinrichtung zumutbarerweise Kenntnis vom
Rückforderungsanspruch hätte haben müssen. Das sei vorliegend der 30. April 2016
gewesen, denn ab diesem Datum habe gemäss den Akten der
Hilflosenentschädigungsanspruch der Beschwerdeführerin geendet.
B.a.
Die IV-Stelle des Kantons St. Gallen (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin)
beantragte am 18. Februar 2019 die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur
Begründung führte sie an, sie habe den im April 2016 begangenen Fehler nicht vor
November 2018 entdecken können. Die Rechtmässigkeit einer laufenden Leistung
könne angesichts der schieren Anzahl von Fällen nicht jährlich und auch nicht alle zwei
Jahre überprüft werden. Erst im Zusammenhang mit der Anpassung aller laufenden
Hilflosenentschädigungen habe der Fehler zumutbarerweise bemerkt werden müssen.
Da die Rückforderungsverfügung umgehend erlassen worden sei, könne der
Rückforderungsanspruch nicht erloschen sein.
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess am 1. April 2019 an ihren Anträgen festhalten (act.
G 9). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 10 f.).
B.c.
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Beschwerdeverfahrens muss folglich jenem des mit der angefochtenen Verfügung
abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen. Dieses hat nur eine
Vollzugshandlung betroffen, nämlich die Rückforderung jener Leistungen, die nach der
rechtskräftigen revisionsweisen Aufhebung der Hilflosenentschädigung irrtümlich weiter
ausbezahlt worden waren. Rechtsprechungsgemäss gelten Rückforderungen – anders
als andere Vollzugshandlungen wie etwa Nachzahlungen – als verfügungspflichtig. Der
Grund dafür dürfte im Umstand zu erblicken sein, dass eine Rückforderung
unrechtmässig (Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG) bezogener Sozialversicherungsleistungen
vom Bezüger als ein starker „Eingriff“ wahrgenommen wird, während eine Nachzahlung
nicht als ein „Eingriff“ empfunden wird. Die hier zu beurteilende Rückforderung
resultiert aus der rechtskräftigen Aufhebungsverfügung vom 24. März 2016, so dass
sich das Beschwerdeverfahren auf die Beantwortung der Frage beschränkt, ob ein
Grund vorgelegen hat, der den rückwirkenden korrekten Vollzug dieser Verfügung,
nämlich die Rückforderung der ab Mai 2016 unrechtmässig bezogenen
Hilflosenentschädigungen, verhindern könnte. Ein solcher Grund könnte die
(vollständige oder teilweise) Verwirkung des Rückforderungsanspruchs gemäss dem
Art. 25 Abs. 2 ATSG sein.
2.
Laut dem Art. 57a Abs. 1 IVG hat eine IV-Stelle der versicherten Person den
vorgesehenen Entscheid mittels eines Vorbescheides mitzuteilen; die versicherte
Person hat einen Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne des Art. 42 ATSG. Diese
sogenannte „Vorbescheidspflicht“ bildet das Gegenstück zum Umstand, dass
Verfügungen der IV-Stellen in Abweichung vom Art. 52 ATSG nicht mit einer
Einsprache angefochten werden können, sondern in Anwendung des Art. 69 Abs. 1
IVG direkt mit einer Beschwerde beim zuständigen Versicherungsgericht angefochten
werden müssen. Die Beschwerdegegnerin hat direkt verfügt, ohne der
Beschwerdeführerin zuvor die Möglichkeit eingeräumt zu haben, den Anspruch auf das
rechtliche Gehör zu wahren. Dieses Vorgehen ist als eine Verletzung des Art. 57a Abs.
1 IVG zu qualifizieren, weshalb sich die angefochtene Verfügung als in
verfahrensrechtlicher Hinsicht rechtswidrig erweist. An sich müsste sie aufgehoben
werden und die Sache müsste zur korrekten Durchführung des
„Vorbescheidsverfahrens“ an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden. Nach
der Auffassung des Bundesgerichtes kann ein solcher Verfahrensrechtsmangel
allerdings „geheilt“ respektive – juristisch korrekt – „ignoriert“ werden. Die einmal
eingetretene Rechtswidrigkeit kann nämlich nicht „geheilt“, das heisst zum
Verschwinden gebracht werden; sie kann aber unbeachtet bleiben, wenn das Interesse
einer beschwerdeführenden Person an einer beförderlichen materiellen Beurteilung der
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angefochtenen Verfügung stärker ist als das Interesse an einem formal korrekten
Ablauf des Verwaltungsverfahrens. Die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat
die Verletzung der Vorbescheidspflicht nicht gerügt. Ihre Beschwerde und ihre Replik
haben eindeutig auf eine rasche materielle Behandlung der Sache abgezielt. Damit hat
sie zu erkennen gegeben, dass sie eine materielle Beurteilung einer Rückweisung an
die Beschwerdegegnerin zur Durchführung eines formal korrekten
Verwaltungsverfahrens vorzieht. Die Verletzung der Vorbescheidspflicht ist deshalb
durch das Versicherungsgericht zu „ignorieren“.
3.
Gemäss dem Art. 25 Abs. 2 ATSG erlöscht der Rückforderungsanspruch mit dem
Ablauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten
hat, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der
einzelnen Leistung. Beide im Art. 25 Abs. 2 ATSG genannten Verwirkungsfristen
können nur mit dem Erlass einer Rückforderungsverfügung (oder – nach der
bundesgerichtlichen Auffassung – mittels eines entsprechenden Vorbescheides; vgl.
BGE 119 V 431) gewahrt werden. Den Sozialversicherungsträgern steht kein anderes
Mittel zur Wahrung der – absoluten, fünfjährigen und relativen, einjährigen –
Verwirkungsfrist zur Verfügung (vgl. auch Thomas Meier, Verjährung und Verwirkung
öffentlich-rechtlicher Forderungen, Diss. 2013, S. 266 ff., mit Hinweisen). Gemäss dem
Art. 60 IVG sind die Ausgleichskassen für den Vollzug der Verfügungen der IV-Stellen
zuständig. Eigentlich wäre zu erwarten, dass Verfügungen betreffend reine
Vollzugshandlungen (namentlich Nachzahlung, Rückforderung, Stundung, Erlass,
Verrechnung) von den für den Vollzug zuständigen Ausgleichskassen zu erlassen
wären. Der Gesetzgeber hat sich für eine andere Lösung entschieden: Im
Anwendungsbereich des IVG sind ausschliesslich die IV-Stellen zum Erlass von
Verfügungen befugt (vgl. Art. 57 Abs. 1 lit. g IVG), selbst wenn es sich um reine
Vollzugsverfügungen handelt, die (im internen Verhältnis) nicht in den Aufgabenbereich
der IV-Stellen, sondern in jenen der Ausgleichskassen fallen. Das hat zur Folge, dass
im Bereich der Invalidenversicherung nur die IV-Stellen nach aussen in Erscheinung
treten. Die Ausgleichskassen handeln also gewissermassen als reine
„Erfüllungsgehilfen“ (vgl. die privatrechtliche Konzeption in Art. 101 OR), was bedeutet,
dass die IV-Stellen selbst dann nach aussen allein verantwortlich sind, wenn es um
reine Vollzugshandlungen geht; sie müssen sich folglich allfällige Fehler der
Ausgleichskassen „anrechnen“ lassen.
3.1.
Nach der (vom klaren Wortlaut des Art. 25 Abs. 2 ATSG) abweichenden
bundesgerichtlichen Auffassung ist nicht massgebend, wann die Beschwerdegegnerin
3.2.
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tatsächlich Kenntnis vom Rückforderungsanspruch erhalten hat, sondern vielmehr,
wann sie beziehungsweise die intern zuständige Ausgleichskasse als ihr
„Erfüllungsgehilfe“ bei der Beachtung der ihr gebotenen Sorgfalt Kenntnis vom
Rückforderungsanspruch hätte haben müssen (vgl. etwa BGE 139 V 6 E. 4.1 S. 8 mit
zahlreichen Hinweisen). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat im
Entscheid IV 2018/137 vom 27. August 2019 darauf hingewiesen, dass die IV-Stellen
verpflichtet seien, sich von den Ausgleichskassen den Erhalt von leistungsaufhebenden
oder leistungsherabsetzenden Verfügungen quittieren zu lassen und den
ordnungsgemässen Vollzug anschliessend zu kontrollieren, da sich dies ohne
nennenswerten Aufwand bewerkstelligen lasse und da dadurch Rückforderungen
vermieden werden könnten, die später als uneinbringlich abgeschrieben werden
müssten (vgl. IV 2018/137, E. 2.3). Das Bundesgericht hat die Frage nach dem
Bestehen einer solchen Quittierungs- und Kontrollpflicht im (zur amtlichen Publikation
vorgesehenen) Urteil 9C_625/2019 vom 18. Mai 2020 offen gelassen (vgl.
9C_625/2019, E. 3.3). Der vorliegende Fall zeigt, dass die Quittierungspflicht allein nicht
genügt, hat die Ausgleichskasse des Kantons Graubünden den Erhalt der
leistungsaufhebenden Verfügung vom 24. März 2016 doch quittiert, die
Hilflosenentschädigung aber aus einem nicht nachvollziehbaren Grund weiter
ausbezahlt. Der Beschwerdegegnerin kann also nicht der Vorwurf gemacht werden, sie
habe es versäumt, sich den Erhalt der leistungsaufhebenden Verfügung quittieren zu
lassen. Aber zur erschöpfenden Erfüllung ihrer Kontrollpflicht hätte sie spätestens Mitte
Mai 2016 einen Blick in das Zahlungsregister der ZAS werfen und kontrollieren müssen,
ob die Ausgleichskasse des Kantons Graubünden als ihr „Erfüllungsgehilfe“ für Mai
2016 trotz der Leistungsaufhebung doch nochmals eine Hilflosenentschädigung
ausbezahlt hat. Das hätte keinen nennenswerten Aufwand verursacht. Die
Beschwerdegegnerin hat diese Kontrollpflicht verletzt. Das hat dazu geführt, dass die
Beschwerdegegnerin die weitere Auszahlung der Hilflosenentschädigung über den 30.
April 2016 hinaus nicht bemerkt hat. Dieser Fehler der Beschwerdegegnerin ist die
Ursache dafür gewesen, dass die Beschwerdeführerin unrechtmässige Leistungen
erhalten hat. Er kann also den Lauf der relativen Verwirkungsfrist nicht ausgelöst haben
(vgl. etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 25 N 85, mit zahlreichen
Hinweisen). Erst nachdem sie von der Ausgleichskasse des Kantons Graubünden im
November 2018 auf deren versehentliche Weiterauszahlung der
Hilflosenentschädigung hingewiesen worden war, hat die Beschwerdegegnerin diesen
Fehler bemerken müssen. Die einjährige, relative Verwirkungsfrist des Art. 25 Abs. 2
ATSG kann folglich nicht vor dem Hinweis der Ausgleichskasse des Kantons
Graubünden im November 2018 zu laufen begonnen haben. Hätte die
Beschwerdegegnerin auf diesen Hinweis nicht innert eines Jahres mit einer
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4.
Die angefochtene Rückforderungsverfügung vom 12. November 2018 erweist sich
damit als rechtmässig, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenlos, da es sich praxisgemäss nicht um eine Streitigkeit
um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen (Art. 69 Abs. 1 Satz 1 IVG)
gehandelt hat. Da die Beschwerdeführerin unterliegt, hat sie keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung; das entsprechende Begehren ist abzuweisen.