Decision ID: 6a3f1b6d-b4fc-4060-86cd-76f19eb02cca
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Lernführerausweis der Kategorie A1 seit 19. Juli 2012. Am Sonntag, 5.
August 2012, um 19.28 Uhr, war er mit dem Motorrad unterwegs. In einer Linkskurve
geriet er zu nah an den rechten Strassenrand, verlor die Herrschaft über das Motorrad
und stürzte. Dabei zog er sich schwere Verletzungen zu. Mit Verfügung der
Jugendanwaltschaft A vom 19. Oktober 2012 wurde das aufgrund dieses Vorfalls
gegen X eröffnete Strafverfahren wegen Verletzung der Verkehrsregeln nicht anhand
genommen.
B.- Mit Verfügung vom 24. Oktober 2012 entzog das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen X den Lernfahrausweis im Zusammenhang mit
dem Selbstunfall vom 5. August 2012 wegen mittelschwerer Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von einem Monat.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe seiner Mutter als gesetzlicher
Vertreterin vom 7. November 2012 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit
dem sinngemässen Antrag, die angefochtene Verfügung sei ersatzlos aufzuheben. Auf
die Ausführungen zur Begründung des Begehrens wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete am 10. Dezember 2012 auf eine
Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 7. November 2012 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt:
SVG) wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen
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das Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz (SR 741.03, abgekürzt: OBG)
ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung
ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG),
mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine
leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden
trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird
dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf
genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine
mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a
SVG). Von einer mittelschweren Widerhandlung ist immer dann auszugehen, wenn
nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer
schweren Widerhandlung erfüllt sind (Botschaft des Bundesrates, in: BBl 1999
S. 4487).
b) Nach ständiger Rechtsprechung darf die Verwaltungsbehörde von den tatsächlichen
Feststellungen im Strafurteil nur abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem
Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren oder die er nicht
beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu einem anderen
Entscheid führt, oder wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter den
feststehenden Tatsachen klar widerspricht (hat sie hingegen keine zusätzlichen
Beweise erhoben, hat sie sich grundsätzlich an die Würdigung des Strafrichters zu
halten) oder schliesslich wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den
Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat, insbesondere die Verletzung
bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103). An die rechtliche
Würdigung durch den Strafrichter ist die Verwaltungsbehörde nicht gebunden, es sei
denn, diese Würdigung hänge von Tatsachen ab, welche der Strafrichter besser kennt,
insbesondere weil er den Täter persönlich einvernommen hat (vgl. BGE 120 Ib 312
E. 4b, 119 Ib 158 E. 3c/bb, 104 Ib 359).
c) Der Jugendanwalt nahm das Strafverfahren gegen den Rekurrenten wegen
Verletzung von Verkehrsregeln im Sinn von Art. 90 Ziff. 1 SVG mit Verfügung vom 19.
Oktober 2012 nicht anhand. Zur Begründung führte er aus, dass der Fahrzeuglenker
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beim Selbstunfall schwere Verletzungen erlitten hatte; mithin verzichtete er auf die
Strafverfolgung vor der Klärung der Schuldfrage. Die Nichtanhandnahmeverfügung der
Jugendanwaltschaft erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Die Vorinstanz hat keine
neuen Beweise erhoben. Ihr lagen der Bericht des Instituts für Rechtsmedizin des
Kantonsspitals St. Gallen vom 21. August 2012 mit den Ergebnissen der
Laboruntersuchungen und der Polizeirapport vom 13. September 2012 vor. Unter
diesen Umständen ist sie grundsätzlich an die Tatsachenfeststellungen in der
Nichtanhandnahmeverfügung gebunden. Keine Bindung besteht demgegenüber bei
der Frage, inwiefern sich die vom Jugendanwalt festgestellte besondere Betroffenheit
des Rekurrenten auf eine allfällige Administrativmassnahme auswirkt; denn hierbei
handelt es sich um eine Rechtsfrage. Aus der angefochtenen Verfügung geht nicht
hervor, dass sich die Vorinstanz damit auseinandergesetzt hat. Da die
Nichtanhandnahmeverfügung vom 19. Oktober 2012 erst nach Ablauf der zehntägigen
Beschwerdefrist zugestellt wurde, erscheint zudem fraglich, dass die Vorinstanz im
Zeitpunkt des Erlasses des einmonatigen Führerausweisentzugs, d.h. am 24. Oktober
2012, im Besitz des Strafentscheids war. Zu prüfen ist deshalb zunächst, ob die vom
Jugendanwalt festgestellte besondere Betroffenheit des Rekurrenten auch im
Administrativmassnahmeverfahren Auswirkungen hat.
3.- a) Warnungsentzüge wegen Verletzung von Verkehrsregeln dienen der Besserung
des Führers und der Bekämpfung von Rückfallen. Der vorübergehende Entzug des
Führerausweises soll eine fühlbare Warnung an jene Motorfahrzeuglenker sein, die es
an Sorgfalt und Rücksichtnahme im Strassenverkehr fehlen lassen. Der Massnahme
kommt damit ein erzieherischer und präventiver Charakter zu. Der fehlbare Lenker soll
zu mehr Sorgfalt und Verantwortung erzogen und dadurch von weiteren
Verkehrsdelikten abgehalten werden (BGE 128 II 173 E. 3b). Im Rahmen der
Verhältnismässigkeitsprüfung stellt sich deshalb die Frage, ob sich die Anordnung einer
Massnahme zur Ermahnung und Besserung des fehlbaren Fahrzeuglenkers überhaupt
noch rechtfertigen lässt, da der Entzug des Führerausweises beziehungsweise die
Erteilung einer Verwarnung – dem gesetzgeberischen Ziel entsprechend – geeignet
sein muss und den Betroffenen nicht übermässig belasten darf. Unverhältnismässig
müsste in diesem Sinne unter anderem eine Massnahme erscheinen, die im Einzelfall
nicht zum Ziel führen kann oder nicht mehr nötig ist (vgl. BGE 120 Ib 504 E. 4e, 118 Ib
229 E. 3). In der Lehre wird die Auffassung vertreten, der Warnungsentzug sei der
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Sache nach eine Strafe. Das Bundesgericht geht davon aus, dass der
Führerausweisentzug mit der Strafe in verschiedener Hinsicht grosse Ähnlichkeiten
aufweise, auch wenn er eine von der strafrechtlichen Sanktion unabhängige
Verwaltungsmassnahme sei (BGE 133 II 331 E. 4.2, 121 II 22 E. 2a). Im Sinne von Art. 6
Ziff. 1 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR
0.101) ist der Strafcharakter des Warnungsentzuges jedenfalls zu bejahen (BGE 121 II
22 E. 2a und 3b). Es rechtfertigt sich daher, in gewissen Fällen auch im
Administrativmassnahmeverfahren auf Bestimmungen des allgemeinen Teils des
Strafgesetzbuches (SR 311.0, abgekürzt: StGB) zurückzugreifen, so beispielsweise bei
der Frage der Anwendung des milderen Rechts (BGE 104 Ib 87 E. 2), beim Notstand
(Urteil des Bundesgerichts 6A.28/2003 vom 11. Juli 2003 E. 2.2), bei der
Zurechnungsfähigkeit (Urteil des Bundesgerichts 6A.56/1999 vom 9. März 2000 E. 3b),
beim Zusammenfallen mehrerer Entzugsgründe (BGE 122 II 280 E. 5b), bei der
Verjährung (BGE 120 Ib 504) und in Fällen, in denen der fehlbare Fahrzeuglenker durch
die Folgen seines verkehrswidrigen Verhaltens besonders schwer betroffen ist,
beispielsweise wegen mangelnden Versicherungsschutzes oder schwerer Verletzungen
(Urteil des Bundesgerichts 6A.24/2004 vom 18. Juni 2004 E. 2; BGE 118 Ib 229).
b) Das Administrativmassnahmenrecht des Strassenverkehrsgesetzes wurde per
1. Januar 2005 verschärft. Ziel der Revision war "eine einheitlichere und strengere
Ahndung von schweren und wiederholten Widerhandlungen gegen
Strassenverkehrsvorschriften" (Botschaft vom 31. März 1999 zur Änderung des
Strassenverkehrsgesetzes, BBl 1999 4485). Die besonderen Umstände des Einzelfalls
sollen neu nur bis zur gesetzlich vorgeschriebenen Mindestentzugsdauer
berücksichtigt werden können (BGE 135 II 334 E. 2.2, Urteile des Bundesgerichts
1C_275/2007 vom 16. Mai 2008 E. 4.5, 6A.61/2006 vom 23. November 2006 E. 4.3 f.
und 6A.38/2006 vom 7. September 2006 E. 3.1.2, je mit Hinweisen). Das Bundesgericht
liess in einem Entscheid, wo es um die Berücksichtigung von langer Verfahrensdauer
ging, allerdings offen, ob bei einer schweren Verletzung des Anspruchs auf Beurteilung
innert angemessener Frist, der nicht in anderer Weise Rechnung getragen werden
könne, ausnahmsweise gänzlich auf eine Massnahme zu verzichten sei (BGE 135 II 334
E. 2.3).
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c) Bei der Bemessung der Entzugsdauer steht den kantonalen Behörden ein weiter
Ermessensspielraum zu. Unter Umständen kann auch der Verzicht auf einen
Führerausweisentzug aus Gründen in Betracht kommen, die analog zum Strafrecht eine
Strafbefreiung rechtfertigen, sei es wegen Betroffenheit des Täters durch seine Tat
gemäss Art. 54 StGB oder infolge Notstandes nach Art. 17 ff. StGB (Ph.
Weissenberger, Kommentar zum Strassenverkehrsgesetz, Zürich/St. Gallen 2011, N 11
zu Art. 16 SVG mit Hinweisen auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung). Für das
Strafverfahren sieht Art. 54 StGB bzw. 21 lit. d des Jugendstrafgesetzes (SR 311.1,
abgekürzt JStG) ausdrücklich vor, dass die zuständige Behörde von der
Strafverfolgung, der Überweisung an das Gericht oder der Bestrafung absieht, wenn
der Täter durch die unmittelbaren Folgen seiner Tat so schwer betroffen ist, dass eine
Strafe unangemessen wäre. Zu denken ist dabei an Körperverletzungen des Täters
oder an seelische Leiden durch Verletzung oder Tötung einer dem Täter
nahestehenden Person. Unmittelbare Betroffenheit kann auch bei einem
Vermögensschaden oder Schadenersatzansprüchen des Opfers gegeben sein. Nicht
unmittelbar sind Folgen, welche sich aus der Ergreifung der Massnahme selbst
ergeben. Die Schwere der Betroffenheit ist mit der angemessenen Strafe zu
vergleichen. Es ist auch möglich, die Strafe nach freiem Ermessen zu mildern, wenn die
Schuld des Täters grösser erscheint als das für diesen faktisch eingetretene Übel
(Trechsel/Pieth, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, N 2
f. zu Art. 54 StGB). Nach Ansicht der Verwaltungsrekurskommission ist es zulässig, die
im SVG vorgesehenen Mindestentzugsdauern bei Vorliegen schwerer Betroffenheit im
Sinne von Art. 54 StGB bzw. Art. 21 lit. d. JStG zu unterschreiten.
d) Der Rekurrent macht geltend, er sei durch die schweren körperlichen Verletzungen,
die er sich beim Unfall zugezogen habe, bereits hinreichend bestraft. Es ist deshalb zu
prüfen, ob nach dem Verhältnismässigkeitsprinzip aufgrund der schweren persönlichen
Betroffenheit des Rekurrenten von der Anordnung eines Führerausweisentzuges
abgesehen werden kann. Beim fraglichen Unfall brach sich der Rekurrent das
Schlüsselbein sowie diverse Rippen. Er verletzte sich an den Rückenwirbeln und erlitt
eine Blutung in den Nieren. Die vielfältigen Verletzungen zogen einen mehrwöchigen
Spitalaufenthalt nach sich. Der Jugendanwalt verzichtete aufgrund der schweren
Betroffenheit auf jegliche Strafverfolgung des Rekurrenten und nahm das
Strafverfahren gestützt auf Art. 310 Abs. 1 lit. c StPO nicht anhand (vgl. act. 5). Es
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besteht kein Anlass, die ausgewiesene besondere Betroffenheit des Rekurrenten nicht
auch im Administrativmassnahmeverfahren zu berücksichtigen. Den schweren
erlittenen Verletzungen steht - wenn überhaupt - höchstens eine mittelschwere
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften entgegen. Dem Rekurrenten,
dessen Fahrfähigkeit nicht eingeschränkt war, unterlief ein Fahrfehler, aufgrund dessen
ihm ein eher leichtes Verschulden vorzuwerfen wäre. Es kann indessen offen bleiben,
ob es sich um eine mittelschwere oder eine leichte Widerhandlung handelt. Denn
jedenfalls erscheint das Übel der Tatfolgen (d.h. die erlittenen Körperverletzungen)
ungleich grösser als ein einmonatiger Führerausweisentzug nach Art. 16b Abs. 1 lit. a in
Verbindung mit Art. 16 Abs. 3 SVG (vgl. BSK Strafrecht I-Riklin, Art. 54 N 39). Es ist
davon auszugehen, dass ein erzieherischer Effekt dadurch bereits eingetreten ist und
daher auf die Aussprechung einer Administrativmassnahme verzichtet werden kann.
e) Der Rekurs ist folglich gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz vom
24. Oktober 2012 ersatzlos aufzuheben.
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 800.-- erscheint angemessen
(vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtkostenverordnung, sGS 941.12). Dem Rekurrenten ist
der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- zurückzuerstatten.