Decision ID: 56e3052b-9288-5d74-9891-1597de23012c
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
SWICA Krankenversicherung AG, Rechtsdienst, Römerstrasse 38, 8401 Winterthur,
Beschwerdeführerin 1,
A._,
Beschwerdeführerin 2,
vertreten durch ihren Vater,
gegen
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IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
medizinische Massnahmen (Psychotherapie) für A._
Sachverhalt:
A.
A.a Die am ... 2009 geborene A._ wurde am 7. Oktober 2009 (Eingangsdatum) zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung für Versicherte vor dem 20. Altersjahr
angemeldet. Es seien ihr medizinische Massnahmen im Zusammenhang mit den
Geburtsgebrechen Ziff. 494 und Ziff. 497 gemäss Anhang der Verordnung über
Geburtsgebrechen auszurichten (IV-act. 1-1 ff.).
A.b Das Ostschweizer Kinderspital St. Gallen (Dr. med. B._) stellte im Arztbericht
vom 27. Oktober 2009 folgende Diagnosen (IV-act. 8-3): frühgeborenes Mädchen (26
1/7 SSW, GG 460 g), intrauterine Wachstumsretardierung bei Päeklampsie,
Atemnotsyndrom bei HMK Grad II - III (konventionelle Beatmung, bzw.
Hochfrequenzbeatmung vom 2. Oktober 2009 - 5. Oktober 2009), Verdacht auf
pulmonale Infektion bei Nachweis von koagluase-neg. Staphylokokken (Trachsekret),
persistierender Ductus arteriosus. Die Versicherte leide an den Geburtsgebrechen Ziff.
494 (Neugeborene mit einem Geburtsgewicht unter 2000 g bis zur Erreichung eines
Gewichtes von 3000 g), Ziff. 495 (schwere neonatale Infekte, sofern sie in den ersten 72
Lebensstunden manifest werden und eine Intensivbehandlung begonnen werden
muss), Ziff. 497 (schwere respiratorische Adaptionsstörungen), Ziff. 313 (angeborene
Herz- und Gefässmissbildungen) und Ziff. 247 (Syndrom der hyalinen Membranen). Im
Bericht des Kinderspitals St. Gallen vom 19. Februar 2010 wurden zusätzlich die
Geburtsgebrechen Ziff. 303 (Hernia inguinalis lateralis) und Ziff. 395 (leichte cerebrale
Bewegungsstörungen) diagnostiziert (IV-act. 28-5 ff.).
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A.c Die IV-Stelle gewährte diverse Kostengutsprachen für medizinische Massnahmen
im Zusammenhang mit den diagnostizierten Geburtsgebrechen (IV-act. 14 ff., 42 ff.), so
auch für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 395 (IV-act. 43).
A.d Am 14. September 2010 beantragte Dr. med. C._, Jugendmedizinische Klinik,
Psychosomatik, Ostschweizer Kinderspital St. Gallen, die Kostenübernahme für
psychotherapeutische Leistungen im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziff.
395. Die Versicherte werde im Ostschweizer Kinderspital innerhalb des
multiprofessionellen Behandlungsteams für frühkindliche Ess- und
Fütterungsstörungen behandelt (IV-act. 55).
A.e Mit Mitteilung vom 1. Dezember 2010 lehnte die IV-Stelle die Kostenübernahme
für die beantragten psychotherapeutischen Massnahmen ab (IV-act. 58).
A.f Am 22. Dezember 2010 verlangte der Vater der Versicherten eine
beschwerdefähige Verfügung (IV-act. 59). In der Folge verneinte die IV-Stelle mit
Verfügung vom 3. Januar 2011 die Kostenübernahme der Psychotherapie als
medizinische Massnahme nach Art. 13 IVG. Das Gesuch könne auch nicht nach Art. 12
IVG geprüft werden, da die Psychotherapie bis zum heutigen Zeitpunkt nicht
ununterbrochen während eines Jahres angedauert habe (IV-act. 60).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde der SWICA
Krankenversicherungsanstalt AG als vorleistende Versicherungsträgerin vom 3. Februar
2011 (Beschwerdeführerin 1) sowie die in Vertretung der Versicherten von ihrem Vater
eingereichte Beschwerde vom 4. Februar 2011 (Beschwerdeführerin 2). Die
Beschwerdeführerinnen beantragen die Aufhebung der Verfügung. Die
Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, für die Kosten der Psychotherapie zur
Behandlung der Ess- und Fütterstörung aufzukommen (act. G 1, IV 2011/49; act. 1, IV
2011/50).
B.b Mit Beschwerdeantworten vom 21. März 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerden und verweist zur Begründung auf die Stellungnahme
Fachbereich vom 17. März 2011 (act. G 4, IV 2011/49; act. G 4, IV 2011/50).
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B.c Die Beschwerdeführerin 1 verzichtet am 5. April 2011 auf eine Replik und verweist
auf ihre Beschwerde (act. G 6, IV 2011/49).
B.d Mit Replik vom 10. April 2011 hält die Beschwerdeführerin 2 sinngemäss an ihrem
Antrag fest und verweist ergänzend auf das Schreiben von Dr. C._ vom 1. April 2011
(act. G 6 f., IV 2011/49).
B.e Am 15. April 2011 verzichtet die Beschwerdegegnerin auf eine Duplik in der
Streitsache IV 2011/50 und verweist auf ihre Ausführungen in der Beschwerdeantwort
(act. G 8, IV 2011/50).
B.f Die Beschwerdeführerinnen verzichten sinngemäss auf eine Stellungnahme zur
jeweiligen Parallelstreitsache (act. G 8, IV 2011/49; act. G 10, IV 2011/50).

Erwägungen:
1.
Da beiden Verfahren derselbe Sachverhalt zu Grunde liegt und sich die gleichen
Rechtsfragen stellen, rechtfertigt es sich, sie zu vereinigen und in einem einzigen Urteil
zu erledigen (vgl. BGE 128 V 124 Erw. 1 und 128 V 192 Erw. 1, je mit Hinweisen).
2.
Gemäss Art. 59 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) ist zur Beschwerde berechtigt, wer durch
die angefochtene Verfügung oder den Einspracheentscheid berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat. Als
Spezialbestimmung regelt Art. 49 Abs. 4 ATSG, dass ein Versicherungsträger eine
Verfügung, die die Leistungspflicht eines anderen Trägers berührt, auch diesem zu
eröffnen hat, woraufhin dieser dieselben Rechtsmittel ergreifen kann wie die versicherte
Person. Die Beschwerdeführerin 1 ist die Krankenversicherung der Versicherten.
Verneint die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht für die Psychotherapie, so wird
die Beschwerdeführerin 1 diesbezüglich leistungspflichtig. Sie ist von der
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angefochtenen Verfügung also berührt und demnach zur Beschwerdeführung
legitimiert.
3.
3.1 Nach Art. 13 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) haben Versicherte bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur
Behandlung von Geburtsgebrechen notwendigen medizinischen Massnahmen. Als
Geburtsgebrechen im Sinn dieser Norm gelten Gebrechen, die bei vollendeter Geburt
bestehen (Art. 3 Abs. 2 ATSG; SR 830.1). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für
die diese Massnahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das
Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (Abs. 2). Die Geburtsgebrechen sind in der
Liste im Anhang der Verordnung über Geburtsgebrechen (GgV; SR 831.232.21)
aufgeführt (Art. 1 Abs. 2 GgV). In Ziff. 395 Anhang GgV werden leichte cerebrale
Bewegungsstörungen (Behandlung bis Ende des 2. Lebensjahres) als
Geburtsgebrechen aufgeführt. Der Anspruch auf die notwendigen medizinischen
Massnahmen beginnt mit deren Einleitung, frühestens jedoch nach vollendeter Geburt
(Art. 2 Abs. 1 GgV). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines
Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter
Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen
Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 GgV).
3.2 Nach der Rechtsprechung erstreckt sich der Anspruch auf medizinische
Massnahmen nach Art. 13 IVG in Verbindung mit Art. 3 Abs. 2 ATSG ausnahmsweise -
und vorbehältlich der hier nicht zur Diskussion stehenden Haftung für das
Eingliederungsrisiko nach Art. 11 IVG - auch auf die Behandlung sekundärer
Gesundheitsschäden, die zwar nicht mehr zum Symptomenkreis des
Geburtsgebrechens gehören, aber nach medizinischer Erfahrung häufig die Folge
dieses Gebrechens sind. Zwischen dem Geburtsgebrechen und dem sekundären
Leiden muss demnach ein qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang bestehen.
Nur wenn im Einzelfall dieser qualifizierte ursächliche Zusammenhang zwischen
sekundärem Gesundheitsschaden und Geburtsgebrechen gegeben ist und sich die
Behandlung überdies als notwendig erweist, hat die Invalidenversicherung im Rahmen
des Art. 13 IVG in Verbindung mit Art. 3 Abs. 2 ATSG für die medizinischen
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Massnahmen aufzukommen. An die Erfüllung der Voraussetzungen des
rechtserheblichen Kausalzusammenhangs sind strenge Anforderungen zu stellen,
zumal der Wortlaut des Art. 13 IVG in Verbindung mit Art. 3 Abs. 2 ATSG den Anspruch
der versicherten Minderjährigen auf die Behandlung des Geburtsgebrechens an sich
beschränkt (BGE 100 V 41 mit Hinweisen; AHI 2001 S. 79 Erw. 3a und 1998 S. 249
Erw. 2a; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichtes [EVG; seit 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilung des Bundesgerichts] in Sachen M. vom 2. August 2005,
I 220/05; vgl. auch BGE 129 V 209 Erw. 3.3 mit Hinweis). Dabei ist für die Bejahung
eines solch qualifizierten adäquaten Kausalzusammenhangs nicht ausschlaggebend,
ob das sekundäre Leiden unmittelbare Folge des Geburtsgebrechens ist; auch
mittelbare Folgen des angeborenen Grundleidens können zu diesem in einem
qualifiziert adäquaten Kausalzusammenhang stehen (Pra 1991 Nr. 214 S. 906 Erw. 3b;
Urteile des Eidgenössischen Versicherungsgerichtes in Sachen M. vom 2. August 2005,
I 220/05, und in Sachen Z. vom 9. Dezember 2002, I 108/02).
4.
4.1 Die Beschwerdegegnerin begründet die Ablehnung der beantragten
psychotherapeutischen Massnahmen im Wesentlichen damit, dass die Ess- und
Fütterstörung klar nicht in direktem und unmittelbarem Zusammenhang mit den
leichten cerebralen Bewegungsstörungen stehe. Die Bewegungsstörungen zeigten sich
einzig in einer mässigen Spontanaktivität und monotonen Bewegungsmustern in den
Beinen. Zudem sei eine Schlucktherapie durchgeführt worden, welche in der
Zwischenzeit wieder habe beendet werden können. Das Geburtsgebrechen könne mit
der Psychotherapie nicht beeinflusst werden. Die Psychotherapie behandle alleine die
posttraumatische Fütterstörung. Die psychotherapeutische Behandlung einer
"elterlichen Traumatisierung" falle im Sinn einer Leidensbehandlung in den
Zuständigkeitsbereich der Krankenversicherung (act. G 4.1, IV 2010/49; act. G 4.1, IV
2010/50).
4.2 Dem halten die Beschwerdeführerinnen im Wesentlichen entgegen, zwischen der
Ess- und Fütterungsstörung und dem Geburtsgebrechen Ziff. 395 bestehe ein
qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang. Es sei unbeachtlich, ob das sekundäre
Leiden unmittelbare Folge des Geburtsgebrechens sei; auch eine mittelbare Folge des
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Geburtsgebrechens könne zu diesem in einem qualifizierten adäquaten
Kausalzusammenhang stehen. Die Kausalkette sei im Arztbericht von Dr. C._ vom
15. Dezember 2010 nachvollziehbar aufgezeigt worden. Zudem liege ein
Behandlungskomplex vor, in welchem auch die Psychotherapie der Eltern eine zentrale
Rolle spiele. Eine ähnliche Konstellation habe auch im Fall des Urteils des
Bundesgerichts 9C_1036/2009 vom 29. Januar 2010 vorgelegen. Darin habe das
Bundesgericht die IV-Stelle des Kantons Thurgau verpflichtet, für die Psychotherapie
der Eltern bzw. der Behandlung der Interaktion mit dem Kind aufzukommen (act. G 1,
IV 2010/49).
4.3 Fest steht, dass die Beschwerdeführerin 2 an dem Geburtsgebrechen gemäss
Ziff. 395 GgV-Anhang (leichte cerebrale Bewegungsstörungen) leidet. Strittig ist, ob die
Invalidenversicherung die psychotherapeutische Behandlung der Ess- und
Fütterungsstörung unter dem Titel medizinische Massnahmen gemäss Art. 13 IVG zu
übernehmen hat. Unbeachtlich ist dabei entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin, dass die beantragte medizinische Massnahme nicht das
Geburtsgebrechen an sich, sondern die Ess- und Fütterstörung behandelt, sofern
zwischen dem Geburtsgebrechen und dem sekundären Gesundheitsschaden ein
natürlicher und qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang im Sinn der
höchstrichterlichen Rechtsprechung vorliegt. Diesbezüglich herrscht zwischen den
Parteien Uneinigkeit.
4.4 Die Beschwerdeführerinnen stützen sich betreffend des Kausalzusammenhangs
im Wesentlichen auf die Ausführungen von Dr. C._. Dieser diagnostizierte bei der
Beschwerdeführerin 2 eine Fütterstörung im Zusammenhang mit einer bestehenden
medizinischen (neurologischen) Erkrankung (Diagnose 605 gemäss dem
Klassifikationssystem DC 0-3R 2005) sowie eine posttraumatische Fütterstörung
(Diagnose 606 gemäss dem Klassifikationssystem DC 0-3R 2005; act. G 6.1). Nach
Geburt in der 26 1/7 Schwangerschaftswoche (GG 460g, Status nach maschineller
Hochfrequenzbeatmung über sechs Tage) und Entwicklung diverser Komplikationen
bestehe in Absprache mit den Kollegen der Entwicklungs- und Neuropädiatrie ein
allgemeiner Entwicklungsrückstand, eine Gedeihstörung und eine cerebrale
Bewegungsstörung mit muskulärer Rumpfhypotonie und leicht verändertem
Reflexmuster. Die aufgetretene Fütter- bzw. Esstörung sowie Gedeihstörung sei
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ursächlich im Zusammenhang mit den neurologischen Beeinträchtigungen zu sehen.
Von Seiten der Logopädie existiere ein anhaltend verändertes Saugmuster bei
allgemein retardierter Oralmotorik (IV-act. 59-2 f.). Die cerebrale Bewegungsstörung
beziehe sich nicht nur auf die untere Extremität, sondern habe u.a. auch Auswirkungen
auf das Saug-/Kau- und Schluckverhalten des Kindes (act. G 6.1). Zudem habe nach
langer und intensiver medizinischer Behandlung mit multiplen langwierigen aversiven
Erfahrungen im Mund- und Rachenbereich (Sondierung, Intubationen und anderen
notwendigen Handlungen und Manipulationen; vgl. IV-act. 55-1) reaktiv ein
vermeidendes Fütter- und Essverhalten resultiert (act. G 6.1). Das Kind werde daher
innerhalb eines multiprofessionellen Behandlungsteams für frühkindliche Ess- und
Fütterstörungen behandelt. Die Kernklientel des Teams bestehe aus ehemaligen
Frühgeborenen und ihren Familien, die längere Zeit intensivmedizinische Pflege
erfahren hätten. Die Kinder würden in den ersten Lebensjahren immer zusammen mit
ihren Eltern behandelt. Insbesondere die betroffenen Mütter seien durch die
intensivmedizinischen Erfahrungen leicht bis schwer psychisch traumatisiert. Gelinge
es, elterliche Traumatisierungen zu behandeln, könne man in der Regel von einem
äusserst positiven Verlauf und einer Auflösung der Symptomatik innerhalb von wenigen
Wochen bis Monaten ausgehen (IV-act. 55-1). Die Eltern seien täglich damit
konfrontiert, ihr Kind nicht wie erwartet ernähren zu können. Neben der organischen
Beeinträchtigung der Nahrungsaufnahme käme es in der Folge zu Teufelskreisen in der
Eltern-Kind-Interaktion, manchmal auch in der Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Wolle man die Entwicklung des Kindes beschleunigen und fördern, so müssten, wenn
möglich, alle entwicklungshindernden Faktoren angegangen werden. Belastende
Erinnerungen (Körpergedächtnis des Kindes, Erfahrungen und Erinnerungen der Eltern),
Kommunikation zwischen Eltern und Kind oder die psychische Verfassung der Eltern
spielten oft eine bestimmende Rolle für die weitere Entwicklung des Kindes. Diese
Prozesse zu erkennen, zu steuern und zu behandeln, Eltern zu stärken und auf
bestimmte Verhaltensweisen des Kindes aufmerksam zu machen sei die Aufgabe des
multidisziplinären Teams, in dem der pädiatrisch und psychotherapeutische Arzt eine
zentrale Position inne habe. Es erfordere psychotherapeutisches Wissen, damit die
Eltern in der Lage seien, ihr Kind optimal zu fördern und die Genesung ihres Kindes
zusammen mit den anderen therapeutischen Disziplinen optimal zu beschleunigen (IV-
act. 59-2 f.). Die von der Beschwerdegegnerin angesprochene Traumatisierung beziehe
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sich jedoch nicht nur auf die Eltern des Kindes, sondern auch auf das Kind selber (act.
G 6.1).
4.5 Damit die Behandlung eines sekundären Gesundheitsschadens im Rahmen von
Art. 13 IVG von der Invalidenversicherung übernommen werden kann, muss dessen
Ursache in einem Geburtsgebrechen liegen (natürliche Kausalität). Darüber hinaus
muss der sekundäre Gesundheitsschaden eine häufige Folge bzw. fast zwangsläufige
Konsequenz des Geburtsgebrechens sein (qualifizierter adäquater
Kausalzusammenhang, vgl. Urteil des Bundesgerichts I 32/06 vom 9. August 2007,
Erw. 5.4). Dr. C._ führt die Ess- und Fütterstörung einerseits auf die cerebrale
Bewegungsstörung und andererseits auf die intensivmedizinischen Erfahrungen infolge
der Frühgeburt zurück. Dass die cerebrale Bewegungsstörung Ursache der Ess- und
Fütterstörung ist, lässt sich aufgrund der dem Gericht zur Verfügung stehenden Akten
nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
beurteilen. Näheres zu den cerebralen Bewegungsstörungen ist einzig dem Bericht des
Ostschweizer Kinderspitals vom 19. Februar 2010 zu entnehmen. Darin hält die
Oberärztin fest, dass bei der Beschwerdeführerin 2 neurologisch eine mässige
Spontanaktivität mit repetitiven und monotonen Bewegungsmustern vor allem in den
unteren Extremitäten auffalle. Der Muskeltonus erscheine in den Beinen aktiv und
passiv leicht erhöht (IV-act. 26). Der Verlauf der cerebralen Bewegungsstörungen ist
indessen nicht weiter dokumentiert, insbesondere befindet sich kein
entwicklungspädiatrischer Verlaufsbericht in den Akten, aus dem ersichtlich ist, dass
die cerebralen Bewegungsstörungen sich auf das Saug-/Kau- und Schluckverhalten
des Kindes auswirken würden. Auch der Bericht des Kantonspitals St. Gallen vom 19.
Februar 2010 über die Hospitalisation zur Überwachung der Sauerstoffsättigung vom
16. Februar 2010 bis 18. Februar 2010 lässt diesbezüglich keinen Rückschluss zu. Die
Mutter gab den behandelnden Ärztinnen an, das Mädchen trinke seit Spitalaustritt viel
(alle 3 - 4 h 100 - 150 ml). Offenbar war die Nahrungsaufnahme auch bei Spitalaustritt
unauffällig (IV-act. 52-1 ff.). Zumindest dem Bericht der Spitex vom 7. Mai 2010 lässt
sich jedoch ein Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang zwischen den cerebralen
Bewegungsstörungen und der Ess- und Fütterstörung entnehmen. Darin wird eine
Schlucktherapie zum Training des Schluckreflexes und Schluckablaufs aufgeführt (IV-
act. 48-2). Wenngleich die Ausführungen von Dr. C._ nachvollziehbar sind und er
offenbar Rücksprache mit den Kollegen der Entwicklungs- und Neuropädiatrie hielt, ist
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für die gerichtliche Beurteilung nicht hinreichend erstellt, dass die cerebralen
Bewegungsstörungen Ursache der Ess- und Fütterstörung sind. Des Weiteren ist zu
beachten, dass Dr. C._ neben den cerebralen Bewegungsstörungen die
intensivmedizinischen Erfahrungen infolge der Frühgeburt (Sondierung, Intubationen
und anderen notwendigen Handlungen und Manipulationen) als weitere Ursache für die
Ess- und Fütterstörung aufführt. Möglicherweise liegen somit zwei Ursachen bzw.
allenfalls ein Zusammenwirken mehrerer Ursachen für den sekundären
Gesundheitsschaden vor. Dies ist insofern von Bedeutung, als bei Geburtsgebrechen,
bei welchen die Leistungen zeitlich beschränkt sind, wie beispielsweise beim
Geburtsgebrechen nach Ziff. 494 (Neugeborene mit einem Geburtsgewicht unter 2000
g bis zur Erreichung eines Gewichtes von 3000 g), eine Leistungspflicht der
Invalidenversicherung für sekundäre Folgen nur im Rahmen der festgeschriebenen
zeitlichen Limitierung besteht (BGE 129 V 207 Erw. 3.3 f.).
4.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass aufgrund der Aktenlage nicht
hinreichend erstellt ist, ob ein Geburtsgebrechen Ursache der Ess- und Fütterstörung
ist, sodass weitere Abklärungen angezeigt sind. Erst die Kenntnis der Ursache(n) für die
Ess- und Fütterstörung wird die Beurteilung des qualifizierten adäquaten
Kausalzusammenhangs überhaupt ermöglichen, wobei die Frage, ob die Ess- und
Fütterstörung im konkreten Fall eine häufige Folge des ursächlichen
Geburtsgebrechens ist, aus medizinischer Sicht zu klären ist. Diesbezüglich ist darauf
hinzuweisen, dass die Ärztin des Regionalärztlichen Dienstes (RAD) in ihrer internen
Stellungnahme vom 25. November 2010 lediglich festgehalten hat, dass der
Zusammenhang zwischen den cerebralen Bewegungsstörungen und der Ess- und
Fütterstörung nicht ausgewiesen sei (IV-act. 56-1 f.). Die Stellungnahme des RAD sagt
indessen nichts hinsichtlich der im Zusammenhang mit der qualifizierten Adäquanz
interessierenden Frage aus, ob Ess- und Fütterungsstörungen nach medizinischer
Erfahrung eine häufige Folge cerebraler Bewegungsstörungen bzw. eine fast
zwangsläufige Konsequenz dieses Geburtsgebrechens sein können.
4.7 Da nach dem Gesagten noch offen ist, ob die Psychotherapie gestützt auf Art. 13
IVG von der Invalidenversicherung zu übernehmen ist, erübrigen sich weitere
Ausführungen zu einer Kostenübernahme nach Art. 12 IVG. Gegebenenfalls wird die
Prüfung der Kostenübernahme nach Art. 12 IVG von der Beschwerdegegnerin
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nachzuholen sein (vgl. Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S M.
vom 1. Dezember 2005, I 309/05).
5.
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass einer Kostenübernahme der beantragten
Psychotherapie der Beschwerdeführerin 2 zusammen mit ihren Eltern gestützt auf Art.
13 IVG grundsätzlich nichts entgegen steht, sofern auch die finanzielle
Verhältnismässigkeit der Massnahme ausgewiesen ist (Art. 2 Abs. 3 GgV). Nach den
Schilderungen von Dr. C._ handelt es sich vorliegend nicht um eine gewöhnliche
Psychotherapie, sondern um ein anerkanntes und geeignetes Therapiekonzept zur
ärztlichen Begleitung und Unterstützung der Beschwerdeführerin 2 und ihrer Eltern bei
der Bewältigung der Ess- und Fütterstörung. Darüber hinaus ist die Therapie
notwendig, um eine Chronifizierung und drohende Sondenernährung zu verhindern.
Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin steht dabei nicht ausschliesslich
die Behandlung einer "elterlichen Traumatisierung" im Zentrum. Gemäss Dr. C._ wird
mit der angewandten Therapie das Kind therapiert, wobei die Eltern als Mediatoren des
Therapeuten zu dienen scheinen. Eltern und Kleinkind bzw. vor allem Mutter und
Kleinkind bilden naturgemäss - insbesondere bei der Nahrungsaufnahme - eine derart
enge Einheit, dass bei der Anwendung des vorliegenden Therapiekonzepts eine
Unterscheidung zwischen einer Therapierung der Eltern und Therapierung des Kindes
kaum möglich erscheint und daher nur eine gesamtheitliche Betrachtung in Frage
kommt. Ein adäquates Verhalten der Eltern im Umgang mit der Ess-und Fütterstörung
dürfte jedoch ohne Zweifel massgebenden Einfluss auf deren Behebung haben, sodass
auch deren Unterstützung unabdingbar ist. So hat sich auch das Bundesgericht in
einem ähnlich gelagerten Fall für die Übernahme einer Psychotherapie eines mental
retardierten und an ausgeprägten Entwicklungsverzögerungen leidenden Kindes und
seiner Mutter im Rahmen von Art. 13 IVG zur Korrektur eines interaktiven Verhaltens-
und Reaktionsmusters aufgrund einer Fütter- und Essstörung ausgesprochen. Es
erwog, dass dieses Ziel mit ergotherapeutischen oder logopädischen Massnahmen auf
Seiten der Tochter alleine nicht hätte erreicht werden können (Urteil 9C_1036/2009
vom 29. Januar 2010, Erw. 3 f.).
6.
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6.1 Nach dem Gesagten ist die Verfügung vom 3. Januar 2011 aufzuheben, und die
Sache ist zur weiteren Abklärung sowie zur neuen Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis Fr.
1'000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von insgesamt Fr. 600.-
erscheint vorliegend als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt
praxisgemäss als volles Obsiegen (BGE 132 V 235 Erw. 6.2). Die Beschwerdegegnerin
hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.- zu bezahlen. Den beiden
Beschwerdeführerinnen sind die von ihnen geleisteten Kostenvorschüsse von je
Fr. 600.- zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP