Decision ID: 6958123c-2c31-4ace-bd89-320da87e8577
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1983 und bei der
Unfallversicherung Stadt Zürich
gegen die Folgen von Unfällen versichert, zeigte mit Unfallmeldung vom
20. Juni 2011
(Urk.
17/G1
) an,
sie
sei
am
16. Juni 2011 eine Treppe hinuntergestürzt und habe sich
dabei
am rechten Fussgelenk verletzt
.
Die am 17. Juni 2011 konsultierten
Ärzte
des
Z._
diagnostizierten eine
K
a
lkaneus
k
on
tusion
sowie eine
Distorsion
des oberen Sprunggelenks mit Verdacht auf
eine laterale Kapsel-Band-Läsion (Urk. 17/M3).
Die Unfallversicherung Stadt Zürich trat auf den Schadenfall ein und erbrachte die gesetzlichen
Versiche
-
rungsleis
tungen
(Taggeld- und Heilbehandlungsleistungen).
Bei persistierenden Beschwerden
im
Bereich des rechten Fusses
sowie einer vollständigen Parese des rechten Beines
nach durchgeführter Grenzstranginfiltration
am 21. De
-
zember
2012
war die Beschwerdeführerin
wiederholt stationär
hospitali
-
siert
(Urk.
17/M11,
Urk. 17/M32, Urk. 17/M28, Urk. 17/M44
)
.
Mit Verfügung vom 21. Oktober 2014 (Urk. 17/G91) stellte die Unfallversicherung Stadt
Zü
-
rich
- n
ach
dem sie am 26. September 2014 eine
Aktenbeurteilung bei Dr. med.
A._
, FMH Innere Medizin, spez.
Rheumatologie eingeholt hatte (Urk. 17/M54) -
ihre Versicherungsleistungen mangels Vorliegen von Unfallfol
gen per 30. September 2014 ein.
Die Versicherte erhob dagegen am 24.
No
-
vember
2014 Einsprache (Urk. 17/J4)
. Die
Unfallversicherung Stadt Zürich
veranlasste daraufhin
eine neurologische, orthopädische und psychiatri
sche Begutachtung (Neurologische Expertise von Dr. med.
B._
, Facharzt für Neurologie FMH, vom 21. April 2015 [Urk. 17/M56], orthopädische Expertise von Dr. med.
C._
, Orthopädische Chirurgie FMH, vom 20. Mai 2015 [Urk. 17/M57], psychiatrische Expertise von Dr. med.
D._
, Spezialärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 3. Juli 2015 [Urk. 17/M58]).
Diese Expertisen wurden
der Versicherten
mit Schreiben vom 5. August 2015
zur Kenntnis gebracht
(Urk. 17/G121).
Mit Schreiben vom 11. August 2015
(Urk. 17/J9)
ersuchte
die Versicherte um Gewährung einer
Frist
von 30 Tagen, um zu den Expertisen Stellung nehmen zu können
.
M
it Ent
scheid vom
12. August 2015
wies die
Unfallversicherung Stadt Zürich
die
am
24. November 2014
erhobene
Einsprache ab
(Urk. 2)
.
2.
Dagegen erhob
X._
am 1
4
. Sep
tember 2015
Besc
hwerde (Urk. 1) und bean
tragte, der angefo
chtene Entscheid sei aufzuheben,
es sei festzustellen, dass ihr rechtliches Gehör verletzt worde
n
sei
und es seien
weiterhin
die gesetzlichen Leistungen zu erbringen (Heilungskosten und Taggelder).
In prozessualer Hin
sicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um
Bestellung von Rechtsanwalt
Oskar
Gysler
zum unentgeltlichen Rechtsbeistand (Urk. 1 S. 2).
Am
23. September 2015 reichte die Beschwerdeführerin zusätzliche Arztberichte ein (Urk. 8, Urk. 9/1-2).
Mit
Eingaben
vom
28. September 2015 (Urk. 12)
und 6. Oktober 2015 (Urk. 13)
schloss die Beschwerdegegneri
n auf Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 21. Dezember 2015 (Urk. 20) mitgeteilt wurde.
Am 17. November 2015
hatte
die Beschwerdeführerin das Gesuch um
Gewäh
rung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Bestellung von Rechtsan
walt
Oskar
Gysler
zum unentgeltlichen Rechtsbeistand
zurück
gezogen
(Urk. 15).
Ausserdem reichte sie a
m 28. Dezember 2015 eine weitere Stellungnahme ein (Urk. 21).
3
.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingere
ichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Beschwerdegegnerin
kam
gestützt auf das neurologische, orthopädische und psychiatrische Gutachten
der
Dres
.
B._
,
C._
und
D._
zum Schluss, dass keine unfallkausalen Beschwerden mehr vorliegen würden und die Leistungen deshalb zu Recht eingestellt worden seien (Urk. 2).
1.2
Dagegen lässt die Beschwerdeführerin in formeller Hinsicht vorbrin
gen, dass die Beschwerdegegnerin ihr rechtliches Gehör in schwerwiegender Weise verletzt habe, in dem sie den Einspracheentscheid erlassen habe, ohne ihr vorgängig Gelegenheit gegeben zu haben, zu den Gutachten
der
Dres
.
B._
,
C._
und
D._
Stellung zu nehmen. Die Verletzung des rechtlichen Gehörs wiege umso schwerer, als auch bei der Anordnung der Begutachtung nicht versucht worden sei, eine Einigung übe
r die Person der Gutachter
zu erzielen
und die gutachterli
chen Beurteilungen schliesslich
in Widerspruch zu einer
Vielzahl von in den Akten liegenden ärztlichen Berichten
stehen würden
(Urk. 1 S. 6 f.).
2.
2.1
Gemäss
Art.
29
Abs.
2
der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossen
schaft
(
BV
)
und
Art.
42 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozi
alversicherungsrechts
(ATSG)
haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Ent
scheids dar, welcher in die Rechtsstellung einer Person eingreift. Dazu gehört insbesondere deren Recht, sich vor Erlass des in ihre Rechtsstellung eingreifen
den Entscheids zur Sache zu äussern, erhebli
che Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumin
dest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen (BGE 132 V 368 E. 3.1 mit Hinweisen).
2.2
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des rechtli
chen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Worten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkre
ten Fall für den Ausgang der materi
el
len Streitentscheidung von Bedeutung ist, das heisst die Be
hörde zu einer Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (BGE 132 V 387 E. 5.1; 127 V 431 E. 3d/
aa
).
3
.
3.1
Entgegen dem Vorbringen der Beschwerdeführerin ist es vorliegend nicht zu beanstanden, dass keine Einigung bezüglich der Wahl der Gutachte
r
gesucht wurde. Rechtsprechungsgemäss ist e
in konsensorientiertes Vorgehen nur dann angezeigt, wenn ein zulässiger Einwand gegen
einen
von der Versicherung vor
geschlagenen Gutachter erhoben wurde (
Urteil des Bu
ndesgerichts 9C_560/2013 vom 6.
September 2013, E. 2.3).
Vorliegend schlug di
e Beschwerdeführerin
mit Schreiben vom 5. März 2015 (Urk. 17/G112
,
unter Hinweis auf
ihr
Schreiben vom 2. Februar 2015 [Urk. 17/G99])
eine
n anderen
orthopädischen
Gutachte
r
vor, ohne jedoch Einwä
n
de
gegen den
von der Beschwerdegegnerin mit Schrei
ben vom 3. März 2015 (Urk. 17/G108)
genannten
Gutachter zu
erheben
.
Somit war ein konsensorientiertes Vorgehen nicht angezeigt.
Soweit
die Beschwerde
führerin
mit Schreiben vom 5. März 2015 auch einen anderen Gutachter für
die
neurologische Expertise vorschlug (Urk. 17/G112),
waren
ihre
diesbezüglichen
Vorbringen überdies verspätet (Frist bis 11. Februar 2015, vgl. Urk. 17/G94).
3.2
Hingegen
stellt es eine schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Gehörs dar,
wenn einer Partei
nicht die Möglichkeit
eingeräumt wird, zu einem Gutachten
-
auf
welches
in der Folge wesentlich abgestellt wird
–
Stellung zu nehmen
(
Kie
ser
, ATSG-Kommentar, 3. Auflage, Zürich 2015, Art. 42
Rz
21 mit Hinweis
auf SVR 1999 UV Nr. 25).
Vorliegend lagen zwischen dem Zeitpunkt der Zustellung der Gutachten
der
Dres
.
B._
,
C._
und
D._
(frühestens am Donnerstag, 6. August 2015, Urk. 17/G121) und dem Erlass des leistungsabweisenden
Einspracheentscheides
(Mittwoch, 12. August 2015, Urk. 2) maximal
fünf Tage
.
Auch wenn es ein Ermessensentscheid ist, wie lange zwischen
Zustellung
der Gutachten und dem Erlass des
Einspr
acheentscheides
abgewartet wird
– wie die Be
schwerdegegnerin vorbringt (Urk.
12 S. 3) -, so sind
fünf Tage
doch klarerweise zu kurz bemessen, um zu
den
Expertisen
Stellung
zu nehmen (vgl. Urk. 17/M56-58).
Es kommt hinzu,
dass die Beschwerdeführerin bereits
mit Schreiben vom
11. August 2015
um Ansetzung einer
Frist zur Stellungnahme ersucht
(Urk. 17/J9) und somit umgehend reagiert hatte.
Indem
die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin faktisch die Möglichkeit verweigert hat, sich vor Erlass des leistungsabweisenden Entscheides zu den Gutachten – auf welche sie in der Folge massgeblich abstellte (vgl. E. 1.1) – zu äussern, verletzte sie das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin in schwer
wiegender Weise. Diese Verletzung des rechtlichen Gehörs kann trotz Möglich
keit der Stellungnahme im vorliegenden Beschwerdeverfahren nicht geheilt werden (vgl. SVR 1999 UV Nr. 25 sowie Urteile des Sozialversicherungsgericht IV.2009.00302 vom 28. September 2010, E. 2 sowie IV.2015.00815 vom 5. Januar 2016, E. 3.3).
3.3
Die Sache ist daher in Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides
vom
12. August 2015 zur Gewährung des rechtlichen Gehörs und zu neuer Entscheidung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
4.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
die
vertretene
Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Die Prozessentschädigung wird vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
). Vorliegend ist eine
Entschädi
gung von Fr.
2‘300
.-- (inklusive Mehrwertsteuer und Barauslagen) angemessen.