Decision ID: ed397692-8c11-5359-9b41-a1af1964b7bd
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist seit dem 7. Oktober 1959 im Besitz des Führerausweises der Kategorien B
und BE und der Unterkategorien D1 und D1E sowie seit dem 1. April 2003 der
Kategorie A. Am 5. März 2019 kam er in Rapperswil-Jona mit einem Personenwagen
nach einer Linkskurve innerorts von der Strasse ab. Er geriet über die Mittellinie, querte
die entgegengesetzte Fahrspur, fuhr durch ein Gebüsch und kollidierte frontal mit einer
Hausfassade. Dabei befand er sich in alkoholisiertem Zustand
(Blutalkoholkonzentration von mindestens 0,89 und höchstens 1,59 Gewichtspromille)
und war nicht angegurtet. Sein Fahrzeug erlitt Totalschaden. Am Haus entstand ein
Sachschaden von rund Fr. 25'000.–; zudem beschädigte er eine Signalisationstafel. Er
selbst kam mit ein paar Blessuren davon. Mit Strafbefehl vom 10. Mai 2019 wurde er
des vorsätzlichen Führens eines Motorfahrzeugs in fahrunfähigem Zustand (qualifizierte
Blutalkoholkonzentration), der vorsätzlichen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln
(Nichtbeherrschen des Fahrzeuges) sowie der vorsätzlichen Übertretung der
Verkehrsregelnverordnung schuldig gesprochen und mit einer bedingten Geldstrafe
von 20 Tagessätzen zu je Fr. 110.– sowie einer Busse von Fr. 700.– bestraft.
B.- Am 24. April 2019 ordnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt nach
Gewährung des rechtlichen Gehörs eine verkehrsmedizinische Untersuchung an. Mit
verkehrsmedizinischem Gutachten vom 30. September 2019 empfahl das Institut für
Rechtsmedizin (IRM) des Kantonsspitals St. Gallen aufgrund der festgestellten
kognitiven Leistungsdefizite eine ärztlich begleitete Kontrollfahrt. Nach Gewährung des
rechtlichen Gehörs verfügte das Strassenverkehrsamt am 22. Oktober 2019 die
Durchführung einer ärztlich begleiteten Kontrollfahrt der Kategorie B.
C.-Dagegen erhob X am 25. Oktober 2019 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) und beantragte, auf die
angeordnete ärztlich begleitete Kontrollfahrt sei zu verzichten; die Kosten seien auf die
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Staatskasse zu nehmen und ihm sei eine angemessene Umtriebsentschädigung
zuzusprechen. Eine weitere Eingabe des Rekurrenten datiert vom 5. November 2019.
Die Vorinstanz verzichtete am 14. November 2019 auf eine Vernehmlassung. Mit
Schreiben vom 17. November 2019 verzichtete der Rekurrent auf Akteneinsicht.
Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 25. Oktober 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Der Rekurrent brachte sinngemäss vor, dass die Vorinstanz den Anspruch auf
rechtliches Gehör verletzt habe, da sie in ihrer Verfügung nicht auf die Stellungnahme
des Rekurrenten vom 9. Oktober 2019 eingegangen sei, sondern sich lediglich auf das
verkehrsmedizinische Gutachten vom 30. September 2019 gestützt habe.
a) Art. 29 Abs. 2 BV gewährt den Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Daraus
leitet das Bundesgericht unter anderem die Pflicht der Behörde ab, ihre Verfügungen
und Entscheide zu begründen (z.B. BGE 133 III 439 E. 3.3). Als
persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht verlangt dieser Grundsatz, dass die
Behörden die Vorbringen des vom Entscheid oder der Verfügung in seiner
Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in
der Entscheidfindung berücksichtigt (G. Steinmann, in: St. Galler Kommentar, 3. Aufl.,
Zürich/St. Gallen 2014, N 49 zu Art. 29 BV). Der von einem Entscheid oder einer
Verfügung Betroffene soll wissen, warum die Behörde entgegen seinem Antrag
entschieden hat; die Begründung muss deshalb so abgefasst sein, dass er den
Entscheid oder die Verfügung gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (BGE 133 III
439 E. 3.3). Dies ist nur möglich, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die
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Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheids oder der Verfügung ein Bild
machen können; in diesem Sinn müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt
werden, von denen sich die Behörde leiten liess und auf welche sich ihr Entscheid
stützt. Auf der anderen Seite bedeutet dies nicht, dass sich die Behörde ausdrücklich
mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand
auseinandersetzen muss; vielmehr kann sie sich auf die für den Entscheid oder die
Verfügung wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (BGE 133 I 270 E. 3.1). Ist die
Sachlage klar und sind die anwendbaren Normen bestimmt, kann ein Hinweis auf diese
Rechtsnormen genügen, während ein weiter Spielraum der Behörde – aufgrund von
Ermessen oder unbestimmten Rechtsbegriffen – und eine Vielzahl von in Betracht
fallenden Sachverhaltselementen eine ausführliche Begründung gebieten (Urteil des
Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen [VerwGE] B 2009/211 vom 18. März 2010
E. 2.1 mit Hinweisen zur Lehre und Rechtsprechung, im Internet abrufbar unter:
www.sg.ch/recht/gerichte und dort unter Rechtsprechung).
b) Die Vorinstanz erklärte in ihrer Verfügung vom 22. Oktober 2019, dass sie die
Stellungnahme des Rekurrenten vom 9. Oktober 2019 erhalten habe. Sie führte aus,
dass sich gemäss verkehrsmedizinischem Gutachten vom 30. September 2019 nicht
konkret abschätzen lasse, ob die kognitive Leistungsfähigkeit inklusive
Leistungsreserven des Rekurrenten für den Strassenverkehr ausreichend seien. Aus
diesem Grund könne von der beabsichtigten ärztlich begleiteten Kontrollfahrt nicht
abgesehen werden. Damit hat die Vorinstanz dargelegt, weshalb sie die Kontrollfahrt
als erforderlich erachtet. Mit ihrer Begründung zeigte sie, dass für sie nicht die
Unfallursache, sondern das beim Rekurrenten im Rahmen der an den Unfall
anschliessenden verkehrsmedizinischen Begutachtung konkret festgestellte
Leistungsdefizit für die Beurteilung seiner Fahreignung entscheidend ist. Die
Überlegungen, von denen sich die Vorinstanz leiten liess, sind damit ersichtlich. Sie hat
sich auf die für die Verfügung wesentlichen Gesichtspunkte beschränkt. Damit hat sie
dem Anspruch auf rechtliches Gehör Genüge getan.
3.- Umstritten ist, ob die Vorinstanz mit der Zwischenverfügung vom 22. Oktober 2019
zu Recht eine Kontrollfahrt anordnete.
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a) Verkehrsmedizinische Untersuchungen und Gutachten zur Fahreignung und
Fahrfähigkeit werden von einem Arzt der Stufe 4 vorgenommen (Art. 5a Abs. 1 lit. d
der Verkehrszulassungsverordnung, SR 741.51, abgekürzt: VZV). Um allfällige Zweifel
am Ergebnis einer Fahreignungsuntersuchung auszuräumen, kann der Arzt mit der
Anerkennung der Stufe 4 bei der kantonalen Behörde eine Kontrollfahrt beantragen, an
der ein Arzt und ein Verkehrsexperte teilnehmen (Art. 5j Abs. 2 VZV). Bestehen Zweifel
an der Fahrkompetenz oder Fahreignung einer Person, so kann diese unter anderem
einer Kontrollfahrt unterzogen werden (Art. 15d Abs. 5 SVG in Verbindung mit Art. 29
Abs. 1 VZV und Art. 5j Abs. 2 VZV). Bezüglich der Erforderlichkeit einer Kontrollfahrt
kommt der anordnenden Behörde ein gewisser Beurteilungsspielraum zu. Anlass zur
Anordnung einer Kontrollfahrt geben in erster Linie Vorfälle, welche Zweifel am
fahrerischen Können wecken, beispielsweise wenn ein Lenker in einer bestimmten
Verkehrssituation überfordert gewirkt hat, etwa beim grundlosen Abkommen von der
Fahrbahn mit Gegenverkehr und Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer oder beim
Missachten des Rechtsvortritts. So dient die Kontrollfahrt namentlich der Abklärung, ob
die betroffene Person über die erforderlichen Kenntnisse der Verkehrsregeln verfügt
und ein Motorfahrzeug sicher zu führen versteht. Bei einem älteren Lenker lässt sich
mit einer Kontrollfahrt feststellen, ob dieser mit seiner Fahrtechnik den Anforderungen
des Verkehrs hinreichend gewachsen ist. Es besteht allerdings keine grundsätzliche
Vermutung, dass sich ältere Personen nicht mehr als Fahrzeugführer eignen. Eine
Kontrollfahrt darf deshalb nicht ausschliesslich aufgrund des Alters angeordnet
werden. Vielmehr setzt die Anordnung einer Kontrollfahrt ein auffälliges Fahrverhalten
voraus. Insoweit sind gravierende Fahrfehler erforderlich, die regelmässig auch
strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können. Nicht im Vordergrund steht die
Massnahme der Kontrollfahrt, wenn die Fahreignung aus medizinischen Gründen
zweifelhaft erscheint (Bickel, a.a.O., Art. 15d N 50 f.). Art und Ausmass der Zweifel
werden vom Gesetz nicht weiter umschrieben. Einerseits müssen die Zweifel aber
dergestalt sein, dass sie mittels Kontrollfahrt geklärt werden können. Andererseits
verlangt die Bestimmung keine besonders schweren oder erheblichen Zweifel. Da es
sich um eine Kann-Vorschrift handelt, liegt die Anordnung im pflichtgemässen
Ermessen der anordnenden Behörde (VRKE IV-2010/22 vom 24. Juni 2010 E. 2b). Das
Gericht schreitet nicht nur bei Ermessensüberschreitung oder -missbrauch ein,
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sondern es übt im Rekursverfahren eine volle Ermessenskontrolle aus (Art. 46 Abs. 1
VRP).
b) Vorliegend ordnete das Strassenverkehrsamt aufgrund von Zweifeln an der
Fahreignung des Rekurrenten nach dem auffälligen Selbstunfall vom 5. März 2019, der
strafrechtliche Konsequenzen nach sich zog, mit Verfügung vom 24. April 2019 eine
verkehrsmedizinische Untersuchung beim IRM an. Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft und kann vorliegend nicht mehr überprüft werden. Am
IRM arbeiten Ärzte der Stufe 4. Im verkehrsmedizinischen Gutachten vom
30. September 2019 wurde unter anderem das Untersuchungsergebnis eines Kurztests
zur Überprüfung der kognitiven Leistungsfähigkeit vom 18. Juni 2019 festgehalten
(act. 13/43). Es ergab sich das Vorliegen von leicht bis mittelgradig ausgeprägten
kognitiven Defiziten. Mit dem Abklärungsbericht einer Fachärztin für Neurologie FMH
sowie Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie einer Psychologin (M.Sc.) mit
Zusatzausbildung in Neuropsychologie vom 3. September 2019 wurden beim
kognitiven Leistungsprofil leicht bis mittelgradig ausgeprägte Auffälligkeiten (verbaler
Abruf und Wiedererkennen) bestätigt (act. 13/45). Dementsprechend erscheint die
Schlussfolgerung des IRM, dass kognitive Einschränkungen bestünden, deren
Auswirkungen im Strassenverkehr nicht konkret abgeschätzt werden könnten, als
nachvollziehbar. Offenbar handelt es sich beim Rekurrenten neurologisch bzw.
(neuro-)psychologisch um einen Grenzfall, dessen Fahreignung allein gestützt auf die
durchgeführten Untersuchungen schwer zu beurteilen ist. Bei dieser unklaren Sachlage
erscheint die Empfehlung des IRM, eine Kontrollfahrt durchzuführen, als angebracht.
Es ist davon auszugehen, dass die kognitive Leistungsfähigkeit bei diesem praktischen
Test in konkreten alltäglichen Situationen des Strassenverkehrs vom begleitenden Arzt
sowie vom Verkehrsexperten beobachtet und eingeordnet sowie die Fahreignung dann
beurteilt werden kann. Die Kontrollfahrt erscheint damit als geeignetes Mittel zur
Klärung der Fahreignung in Ergänzung zur durchgeführten verkehrsmedizinischen
Untersuchung. Somit hat die Vorinstanz zu Recht eine Kontrollfahrt angeordnet. Der
Rekurs ist abzuweisen.
Die Ausführungen des Rekurrenten beziehen sich hauptsächlich auf die mögliche
Unfallursache. Im Rahmen der verkehrsmedizinischen Untersuchung wurden beim
Rekurrenten leichte bis mittelgradige kognitive Defizite festgestellt, die Zweifel an der
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Fahreignung erwecken. Die Kontrollfahrt wurde aufgrund dieser Erkenntnisse
angeordnet. Zum heutigen Zeitpunkt und insbesondere zur Beurteilung der
vorliegenden Fragestellung ist folglich nicht relevant, ob gleichzeitig auch noch ein
Mangel am Fahrzeug bestand. Überdies gibt es keine konkreten Hinweise auf einen
solchen. Da dieses Vorbringen nicht wesentlich für den Ausgang des Entscheids ist, ist
darauf nicht weiter einzugehen.
Weshalb der Rekurrent vorbringt, dass das "Schlussgutachten von einer unerfahrenen
und unter Prüfungsdruck stehenden Verfasserin" stammen sollte, ist nicht
nachvollziehbar. Gemäss Akten wurde die verkehrsmedizinische Untersuchung vom
18. Juni 2019 von einer Oberärztin durchgeführt, die zudem die Titel Fachärztin für
Rechtsmedizin sowie Verkehrsmedizinerin SGRM trägt. Auch das Gutachten vom
30. September 2019 wurde von ihr verfasst. Es gibt weder Hinweise darauf, dass eine
unerfahrene Person wesentliche Teile der Untersuchung durchgeführt hätte, noch, dass
im Rahmen der vorliegenden Abklärung eine Prüfung einer medizinischen Fachperson
erfolgt wäre, noch, dass die unterzeichnete Oberärztin nicht sorgfältig gearbeitet hätte.
Mangels konkreter Anhaltspunkte ist darauf nicht weiter einzugehen.
Des Weiteren steht die im Gutachten beschriebene, beim Rekurrenten mutmasslich
vorliegende Alkoholproblematik nicht im Zusammenhang mit der Kontrollfahrt. Das IRM
empfahl für den Fall der Bestätigung der Fahreignung Auflagen für den Umgang mit
Alkohol. Diese könnten allenfalls in einer nach der Kontrollfahrt zu erlassenden
Verfügung Thema werden. Erst wenn sie tatsächlich verfügt werden, sind sie
anfechtbar. Ob tatsächlich eine Alkoholproblematik besteht und sich deshalb
entsprechende Auflagen aufdrängen, ist somit für die Beurteilung der Erforderlichkeit
der Kontrollfahrt nicht von Bedeutung und kann im vorliegenden Verfahren
offenbleiben.
4.- Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'000.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'000.– ist zu verrechnen. Es besteht kein Anspruch auf eine
Umtriebsentschädigung.