Decision ID: e4669308-744b-4185-aece-2eeec15abf01
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Klaus Schmuki, Rosenbergstrasse 42,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A._ meldete sich am 3. Juli 2006 zum Bezug einer Invalidenrente an. Auf die Frage
nach dem erlernten Beruf gab sie an, sie sei Primarlehrerin und lic. phil. I (gemäss
späteren Angaben: Ethnologin). Weiter führte die Versicherte aus, ihre Behinderung
setze sich aus folgenden Krankheiten zusammen: Epilepsie, Burn-out, Polyarthritis (IV-
act. 1). Das Universitätsspital Zürich, Rheumaklinik und Institut für Physikalische
Medizin, berichtete der IV-Stelle am 17. August 2006, die Versicherte leide an einer
rheumatischen Arthritis (ED am 6.4.2006) mit initial hoher humoraler Aktivität, erosiv,
anodulär, Rheumafaktor positiv, ANA positiv, Anti-CCP positiv, Beginn der
Basistherapie mit Prednison und Methotrexat am 6.4.2006, positiver
Familienanamnese, initial mit Anämie und Thrombozytose, 5/06 nur noch leicht aktiv
eDAI 28:2,6, keine Anämie mehr. Es könne keine Arbeitsunfähigkeit attestiert werden.
Leichte Arbeiten (sitzend, wechselbelastend, Büro) seien zumutbar. Die Versicherte
habe im Juni 2005 die ersten Symptome verspürt (IV-act. 16). Dr. med. B._, FMH
Innere Medizin, Biel, berichtete am 25. September 2006, die Versicherte leide an Burn-
out/Depression, Grand Mal-Epilepsie und rheumatoider Arthritis sowie - ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit - an arterieller Hypertonie, Hypothyreose und
Hyperlipidämie. Vom 9. April bis 12. August 2003 sei die Versicherte zu 100%
arbeitsunfähig gewesen. Seither bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 50% in der
angestammten Tätigkeit als Lehrerin. Im April 2003 sei es zu einem Burn-out und zu
einer Depression gekommen, weshalb die Versicherte vier Monate zu 100%
arbeitsunfähig gewesen sei. Seither habe sie nur noch sporadisch und mit Mühe
gearbeitet, letztmals zehn Wochen im Sommer 2005. Im Jahr 2006 sei es bisher zu
zwei Grand Mal-Anfällen gekommen. Die Arthritis zeige derzeit eine geringe
entzündliche Aktivität. Unter günstigen Bedingungen sei ein Teilzeitpensum von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
maximal 50% zumutbar (IV-act. 29-1/9 bis 4/9). In einem beigelegten Bericht des
Universitätsspitals an Dr. B._ vom 18. April 2006 war u.a. ausgeführt worden, an
beiden Knien seien entzündliche Ergüsse abpunktiert worden. Die Versicherte könne
wieder ohne Stöcke gehen (IV-act. 29-5/9 bis 7/9). Dr. med. W.-W. Rittmann vom RAD
hielt am 9. November 2006 fest, bei einer Person, die auf mehrmonatige Reisen gehe,
sei eine lang anhaltende depressive Störung nicht ausgewiesen. Die Epilepsie sei nicht
invalidisierend. Aus rheumatologischer Sicht bestehe keine Einschränkung in einer
behinderungsangepassten Tätigkeit. Er empfahl eine Rückfrage beim Hausarzt (IV-act.
30). Dr. B._ gab am 23. November 2006 an, der Grund für die Arbeitsunfähigkeit sei
die fehlende Belastbarkeit (IV-act. 32). Dr. Rittmann empfahl am 20. Dezember 2006
eine Begutachtung (IV-act. 33).
B.
Die Begutachtung erfolgte durch das Medizinische Gutachterzentrum St. Gallen.
Dr. med. G._, Facharzt FMH für PMR, Facharzt für Rheumatologie, führte in seinem
rheumatologischen Teilgutachten vom 18. April 2008 aus, er habe folgende Diagnosen
erhoben: rheumatoide Arthritis (erosiv-anodulär, RF-positiv, Anti-CCP-positiv, ANA-
positiv, positive Familienanamnese, Anämie und Thrombozytose bei chronischer
Entzündung) und - ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit - Fingerpolyarthrose vom
Heberden-Typ (sekundäre Endglieddeviationen mehrerer Langfinger). In der
Beurteilung hielt Dr. G._ fest, die seit Mitte 2005 bestehenden undulierenden
muskuloskelettalen Beschwerden, insbesondere aber auch die übrigen somatischen
Symptome (v.a. Müdigkeit und Belastungsintoleranz), seien angesichts der
rheumatoiden Arthritis weitgehend erklärt. Neben dem Befall von gewichtstragenden
Gelenken (v.a. Kniegelenke, aber auch Fussgelenke) fielen funktionell auch
einschränkende Mitbeteiligungen von mehreren Fingergelenken ins Gewicht. Neben
der schmerzreflektorischen Komponente könnte auch eine leichte Begleitmyositis
ursächlich für die nachvollziehbare Muskelschwäche sein. Eine rheumatoide Arthritis
sei in der Lage, das Allgemeinbefinden funktional relevant zu beeinträchtigen. Seit dem
Eintreten der ersten Arthritis-Symptome (September 2005) seien nur noch sehr leichte
Tätigkeiten zumutbar, denn jede dieses Belastungsniveau überschreitende Tätigkeit
wäre in der Lage, durch mechanischen Stress destruierende Gelenksentzündungen zu
provozieren bzw. zu verstärken. Die Tätigkeit als Lehrerin entspreche dem sehr leichten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Belastungsniveau. Aufgrund der vorliegenden gesundheitlichen Störung, die sich
bezüglich funktioneller Einschränkung im zeitlichen Verlauf sehr unterschiedlich
auswirke, bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 50-60%, mehrheitlich bei 50%. Dabei sei
aber mit Phasen höhergradiger Arbeitsunfähigkeit zu rechnen. Diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung gelte ab September 2005 (IV-act. 65-17/24 bis 24/24). Dr.
med. C._, Arzt für Neurologie, Arzt für Neurologie und Psychiatrie,
Magnetresonanztomographie, Sozialmedizin, Rehabilitationswesen und qualifizierter
Gutachter der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, berichtete im neurologischen
und psychiatrischen Teilgutachten vom 24. April 2008, er habe die folgenden
Diagnosen erhoben: Epilepsie, V. a. beginnende vaskuläre Enzephalopathie, rez.
depressive Störung (derzeit leichtgradige Ausprägung) und gemischte
Persönlichkeitsstörung. Aus dem Auftreten der insgesamt "seltenen" Anfälle und aus
der eher niedrig dosierten antiepileptischen Medikation resultierten keine relevanten
Einschränkungen mit Auswirkung auf die beruflichen Fähigkeiten und die
Arbeitsfähigkeit. Der Verdacht auf eine beginnende vaskuläre Enzephalopathie fusse
auf dem klinischen Befund einer reduzierten Konzentrationsfähigkeit und eines
erschwerten Gedächtnisablaufs für biographische Informationen. Die kognitive
Minderleistung sei leichtgradig, jedoch bereits fähigkeitsrelevant in bezug auf die
Arbeitsfähigkeit als Lehrerin. Von Seiten des psychiatrischen Fachgebiets stehe eine
gemischte Persönlichkeitsstörung im Vordergrund. Diese Störung wirke sich in einer
mittelgradig erschwerten Fähigkeit zur sozialen Interaktion aus. Das
Beziehungsverhalten sei gekennzeichnet von übergrosser Nähe oder Distanz bei
wiederkehrenden aggressiven Durchbrüchen und Übergriffen. Die Ausdauer der
Versicherten sei reduziert. Das depressive Syndrom sei derzeit leicht und damit nur
geringgradig fähigkeitsrelevant. Als Lehrerin sei die Versicherte zu 60% arbeitsfähig
(vollzeitig mit reduzierter Leistung). In einer der Behinderung angepassten Tätigkeit
(keine Notwendigkeit zu vermehrter sozialer Interaktion, keine Mehrfachbelastung, kein
Zeitdruck) bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 80%. Der Beginn dieser
Arbeitsfähigkeitsschätzung gelte mindestens für die vergangenen vier Jahre (IV-act.
65-1/24 bis 12/24). Die interdisziplinäre Beurteilung ergab eine Arbeitsfähigkeit der
Versicherten als Lehrerin von lediglich 40%, da sich die gesundheitlichen
Einschränkungen nur teilweise überlappten. Für eine adaptierte Tätigkeit gingen die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beiden Gutachter von einer Arbeitsfähigkeit der Versicherten von 50% aus (IV-act.
65-13/24 bis 16/24).
C.
Das Universitätsspital Zürich bestätigte am 4. und am 21. April 2008 eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit der Versicherten vom 4. April bis 3. August 2008 (IV-act. 68). In
einem Verlaufsbericht vom 16. Juni 2008 gab die Universitätsklinik Zürich,
Rheumaklinik und Institut für Physikalische Medizin, an, der Gesundheitszustand der
Versicherte habe sich insgesamt etwas verbessert. Zusätzlich zur rheumatoiden
destruktiven Arthritis bestehe eine sekundäre mittelschwere depressive Episode. Die
artikulär entzündliche Aktivität der Arthritis habe sich unter der intensiven kombinierten
Basistherapie etwas verbessert. Hinzugekommen sei eine psychosoziale
Belastungssituation mit depressiver Episode, weswegen die Versicherte in Behandlung
stehe (IV-act. 82). Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich teilte am 25. Juni 2008 mit,
die Versicherte sei seit dem 16. August 2007 als Primarlehrerin angestellt. Die
Normalbelastung würde 28/26 WL betragen. Die Versicherte sei mit einem Pensum von
17 WL tätig. Das ergebe einen Jahreslohn von Fr. 79'139.25. Dieser Lohn entspreche
der Arbeitsleistung. Bei einem Vollpensum würde der Lohn Fr. 121'045.- betragen. Die
Versicherte habe vom 19. Juni bis 12. Juli 2007 ein Vikariat mit einem Pensum von 26
WL gehabt (IV-act. 84). Das Universitätsspital Zürich attestierte am 14. Juli 2008 auch
für die Periode 3. August bis 30. September 2008 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
der Versicherten (IV-act. 87). Am 27. August 2008 erfuhr die IV-Stelle, dass die
Versicherte sich auf Weisung des Volksschulamtes einer Untersuchung durch einen
Vertrauensarzt unterziehen werde (IV-act. 89). Die Universitätsklinik Zürich attestierte
am 24. September 2008 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bis 31. Dezember 2008
(IV-act. 92). Dr. med. D._, Fachärztin für Innere Medizin, berichtete der BVK
Personalvorsorge des Kantons Zürich am 17. November 2008, die Diagnosen lauteten:
Rheumatoide Arthritis (ED 04/06, Rheumafaktor-, ANA-, Anti-CCP-positiv, erosiv,
anodulär, Basistherapien Methotrexat und Bednison seit 04/06, Salazopyrin seit 01/08,
MabThera-Infusion erstmalig 18. 7.08, DAS 28: 4,32 [07/08]), rez. depressive Störung,
mittelgradige Episoden auf dem Boden einer gemischten Persönlichkeitsstörung,
ausserdem: Epilepsie ED 1988, letzter Grand Mal-Anfall August 2007, intermittierend
Alkoholüberkonsum, arterielle Hypertonie, V. a. vaskuläre Enzephalopathie, MRI
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schädel 18.9.93 mit möglichen kognitiven Beeinträchtigungen usw. In ihrer Beurteilung
führte Dr. D._ aus, die Versicherte leide an einer aggressiv verlaufenden
rheumatoiden Arthritis, die mit einer schubweisen Entzündungsaktivität der betroffenen
Gelenke (Finger, Handgelenke, Kniegelenke, Fussgelenke, Zehen) und einer
phasenweisen erheblichen Erschöpfung einhergehe. Trotz zwischenzeitlicher
Beschwerdefreiheit sei die Krankheitsaktivität fortgeschritten, so dass die
Basismedikation mit Prednison und Methotrexat-Injektionen, später Salazopyrin, nicht
mehr ausgereicht habe. Deswegen sei im Juli 2008 mit einer intravenösen Antikörper-
Immuntherapie mit dem Biologicum MabThera begonnen worden. Diese Behandlung
werde jeweils durchgeführt, wenn andere Behandlungsmethoden ungenügend wirksam
seien. Die Arbeitsfähigkeit sei durch die Epilepsie nicht auf die Dauer beeinträchtigt.
Seit April 2008 werde die Versicherte in lockeren Abständen im
Kriseninterventionszentrum der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich
psychotherapeutisch unterstützt und mit 60 mg Duloxetin (Cymbalta) antidepressiv
behandelt. Im Lauf der Jahre seien zunehmend Schwierigkeiten im Lehrerberuf
aufgetreten. Durch die krankheitsbedingte Müdigkeit seien die
persönlichkeitsbedingten Schwierigkeiten in den Vordergrund getreten. Im Lehrerberuf
sei eine volle mentale Leistungsfähigkeit zwingend notwendig. Bei der Versicherten sei
die kognitive mentale Leistungsfähigkeit eingeschränkt, erstens durch die Ermüdbarkeit
aufgrund der Arthritis, zweitens durch die reduzierte Konzentrationsfähigkeit und
Minderleistung im Gedächtnis, möglicherweise bei beginnender vaskulärer
Enzephalopathie, drittens durch Konzentrationsstörungen, Ermüdbarkeit,
Schlafstörungen und Antriebsarmut im Rahmen der rezidivierenden leichten bis
mittelschweren Depression und viertens durch die Einschränkung der Impulskontrolle
im Rahmen einer Persönlichkeitsstörung. Unter diesen Umständen bestehe keine
Restarbeitsfähigkeit für den Lehrerberuf. Die Versicherte sei zu 100% berufsunfähig.
Unter leichter Wechselbelastung und in unkomplizierten, überschaubaren Verhältnissen
wäre ein Einsatz von 20% denkbar. Die rheumatologische Behandlung werde laufend
optimiert. Die neurologische und die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung
könnten intensiviert werden. Dies würde aber nicht zu einer Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit führen (IV-act. 98 Anhang).
D.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. E._ und Dr. F._ vom RAD hielten dazu am 7. Januar 2009 fest, die reduzierte
Konzentrationsfähigkeit und die kognitive Minderleistung seien bereits im neurologisch-
psychiatrischen Teilgutachten des MGSG vom 25. April 2008 beschrieben worden. Dr.
D._ habe keine seitherige Verschlechterung beschrieben. Im zitierten Bericht des
Kriseninterventionszentrums vom 22. September 2008 sei die Diagnose einer
mittelgradigen depressiven Episode gestellt worden. Gleichzeitig sei auch festgestellt
worden, dass aus psychiatrischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit bestehe, weil die
depressive Symptomatik bis auf einzelne Symptome gut remittiert sei. Die von Dr.
D._ angegebene Arbeitsunfähigkeit sei somit nicht nachvollziehbar. Auch die
Einschränkung der Impulskontrolle im Rahmen der Persönlichkeitsstörung sei bereits
im Gutachten des MGSG beschrieben. Dr. D._ habe keine Verschlechterung
beschrieben. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. D._ beruhe zum Teil auf IV-
fremden Gründen und zum Teil auf einer unterschiedlichen Beurteilung des gleichen
medizinischen Sachverhalts. Dr. D._ habe gegenüber dem Gutachter des MGSG
sogar über eine verbesserte Beweglichkeit berichtet. Demnach sei vollumfänglich auf
das Gutachten des MGSG abzustellen (IV-act. 102). Die IV-Stelle verglich ein Validen
einkommen von Fr. 121'045.- (2008) mit einem zumutbaren Invalideneinkommen bei
einer 40%igen Beschäftigung als Lehrerin von Fr. 48'418.- und ermittelte so einen
Invaliditätsgrad von 60% (IV-act. 105). Mit einem Vorbescheid vom 16. März 2009 teilte
sie der Versicherten mit, dass sie ihr ab September 2006 bis und mit August 2007und
dann wieder ab April 2008 eine Dreiviertelsrente zusprechen werde. Für den Zeitraum
September 2007 bis März 2008 bestehe kein Rentenanspruch. Vom 16. August 2007
bis 4. April 2008 habe sie nämlich zu 65% als Lehrerin gearbeitet (IV-act. 108). Die
Versicherte liess am 13. Mai 2009 ausführen, sie akzeptiere den vorgesehenen
Entscheid für die Zeit bis März 2008. Seit dem 1. April 2008 sei sie aber zu 100%
arbeitsunfähig, denn bei einer vollständigen Berufsunfähigkeit könne keine theoretische
40%ige Arbeitsfähigkeit in diesem Beruf konstruiert werden. Sie könne ihren Beruf
wegen des Krankheitsbildes nicht mehr ausüben. Eine Umschulung oder eine andere
Eingliederung falle nicht in Betracht. Eine Verbesserung der Funktionsfähigkeit sei
ausgeschlossen. Somit bestehe ab dem 1. April 2008 ein Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente (IV-act. 113). Mit einer Verfügung vom 3. Dezember 2009 sprach die IV-
Stelle der Versicherten für die Zeit von September 2006 bis August 2007 und dann
wieder ab April 2008 eine Dreiviertelsrente zu (IV-act. 118,145,151). In der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügungsbegründung führte sie insbesondere aus, das Gutachten für die BVK
Personalvorsorge berücksichtige bei der Bewertung der Arbeitsfähigkeit auch
psychosoziale Faktoren. Diese begründeten aber keine Invalidität im Sinn des Art. 8
ATSG. Der RAD habe die Arbeitsfähigkeit unter Ausblendung der psychosozialen
Faktoren festgesetzt. Eine Verschlechterung seit der Begutachtung durch das MGSG
sei im Gutachten für die BVK Personalfürsorge nicht ausgewiesen. Deshalb sei von
einer Arbeitsfähigkeit als Lehrerin von 40% auszugehen.
E.
Die Versicherte liess am 21. Januar 2010 Beschwerde erheben und die Zusprache
einer ganzen Invalidenrente ab April 2008 beantragen. Sie erklärte, sie fechte den Teil
der Verfügung, der die Zeit bis 31. März 2008 betreffe, nicht an. Zur Begründung liess
sie ausführen, es dürfte unbestritten sein, dass sie seit dem 1. April 2008 zu 100%
arbeitsunfähig sei. Dr. D._ habe festgestellt, dass eine vollständige Berufsunfähigkeit
bestehe. Dabei seien keine psychosozialen Faktoren berücksichtigt worden. Die
Beschwerdegegnerin habe gar nicht angegeben, welche Faktoren das sein sollten. Dr.
D._ habe klar und deutlich festgestellt, dass die kognitiv mentale Leistungsfähigkeit
eingeschränkt sei. Also sei sie den Anforderungen und der Verantwortung ihres Berufs
nicht mehr gewachsen. Als Lehrerin wäre sie untragbar. Eine Umschulung oder eine
andere berufliche Eingliederungsmassnahme falle altersbedingt ausser Betracht.
Vorsorglich beantrage sie die Rückweisung der Streitsache an die
Beschwerdegegnerin, da sich ihr gesundheitlicher Zustand erneut verschlechtert habe
(act. G1).
F.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 25. Februar 2010 die Abweisung der
Beschwerde. Sie machte geltend, es sei auf das polydisziplinäre Gutachten des MGSG
abzustellen, da das Gutachten D._ nicht überzeugen könne. Die Internistin Dr. D._
sei gar nicht qualifiziert, die Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit und die
daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit festzustellen. Zudem habe Dr. D._ die
Differenz zum Gutachten des MGSG nicht begründet. Sie sei auch nicht kompetent, die
neurologischen Einschränkungen zu beurteilen. Es gebe keinen Hinweis auf eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verschlechterung nach der MGSG-Begutachtung. Die Arztzeugnisse des
Universitätsspitals Zürich enthielten keine Begründung für die angegebene
Arbeitsunfähigkeit, weshalb sie nicht zu überzeugen vermöchten. Auch der Umstand,
dass die Beschwerdeführerin vom 15. Juni 2007 bis 3. April 2008 mit einem
Beschäftigungsgrad von 65% als Lehrerin habe arbeiten können, spreche gegen eine
volle Arbeitsunfähigkeit in diesem Beruf (act. G4).
G.
Die Beschwerdeführerin liess am 15. März 2010 einwenden, die Beurteilung durch das
MGSG basiere auf einem Zeitpunkt, in dem sie noch teilweise arbeitsfähig gewesen
sei. Das Gutachten D._ habe die Vorgeschichte unter Betrachtung der früheren
ärztlichen Beurteilungen ab 2002 beurteilt, es habe sich auch mit dem Gutachten des
MGSG auseinandergesetzt. Das Gutachten D._ habe die Berichte der Rheumaklinik,
des Instituts für Physikalische Medizin des Universitätsspitals Zürich und des
Kriseninterventionszentrums der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich integriert
(act. G6).
H.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 22. März 2010 auf eine Stellungnahme
(act. G8).

Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 58 Abs. 1 ATSG ist das Versicherungsgericht desjenigen Kantons
zuständig zur Beurteilung einer Beschwerde, in dem die versicherte Person zum
Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz hat. Die Beschwerdeführerin hat
bei der Beschwerdeerhebung ihren Wohnsitz im Kanton Zürich gehabt. Trotzdem ist
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen zuständig zur Beurteilung ihrer
Beschwerde, denn Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG sieht eine Abweichung von Art. 58 Abs. 1
ATSG vor: Die Verfügungen kantonaler IV-Stellen sind vor dem Versicherungsgericht
am Ort der IV-Stelle anzufechten. Die Beschwerdegegnerin hat gestützt auf Art. 40
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abs. 1 lit. a und Abs. 3 IVV die Verfügung erlassen, da die Beschwerdeführerin zum
Zeitpunkt der Anmeldung zum Bezug von IV-Leistungen ihren Wohnsitz noch im
Kanton St. Gallen gehabt hat. Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2.
Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin für die Zeit vom 1. September
2006 bis 31. August 2007 und dann wieder für die Zeit ab 1. April 2008 eine
Dreiviertelsrente zugesprochen. Sie hat diese Rentenzusprache auf zwei Verfügungen
aufgeteilt. Effektiv handelt es sich um eine rückwirkende, abgestufte Rentenzusprache,
denn die Verweigerung einer Rente für die Periode September 2007 bis März 2008
bildet ebenso Gegenstand der Entscheidung wie die Rentenzusprache. Die Aufteilung
auf zwei Verfügungen kann nicht bewirken, dass es sich um zwei getrennt voneinander
rechtskraft fähige Rechtsverhältnisse handeln würde. Die Rentenberechtigung der
Beschwerdeführerin stellt ein unteilbares Rechtsverhältnis dar. "Wird nur die Abstufung
oder die Befristung der Leistungen angefochten, wird damit die gerichtliche
Überprüfungsbefugnis nicht in dem Sinn eingeschränkt, dass unbestritten gebliebene
Bezugszeiten von der Beurteilung ausgeklammert bleiben" (BGE 131 V 165 unter
Verweis auf BGE 125 V 417 Erw. 2d). Dass die Beschwerdeführerin den Rentenbeginn
(1. September 2006) und die Verneinung eines Rentenanspruchs für September 2007
bis März 2008 nicht in Zweifel gezogen bzw. akzeptiert hat, bedeutet also nicht, dass
diese Punkte von der gerichtlichen Beurteilung ausgeschlossen, die Verfügung in
dieser Hinsicht demnach in formelle (Teil-) Rechtskraft erwachsen wäre. Vielmehr hat
das Gericht auch zu prüfen, ab wann die Beschwerdeführerin einen Rentenanspruch
hat und ob auch für September 2007 bis März 2008 ein Rentenanspruch besteht.
3.
Gemäss Art. 16 ATSG ist das Einkommen, das eine versicherte Person nach dem
Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung
zu setzen zum Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn
sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Massgebend sind praxisgemäss
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Einkommenszahlen in dem Jahr, in dem ein Rentenanspruch entstanden ist (bzw.
entstünde, wenn der Invaliditätsgrad die Grenze von 40% erreichen würde). Die
Regelung der Anspruchsentstehung in Art. 29 IVG ist mit der 5. IV-Revision per 1.
Januar 2008 geändert worden. Zur Diskussion steht vorliegend aber ein Sachverhalt, in
welchem der Invaliditätsgrad von 40% vor dem 1. Januar 2008 eingetreten ist. Deshalb
stellt sich die Frage, ob auf die von der Beschwerdeführerin im Jahr 2006 eingereichte
Anmeldung zum Rentenbezug die geltende Fassung des Art. 29 IVG anwendbar ist
oder ob es eine Übergangsnorm zur 5. IV-Revision gibt, die für "alte" Fälle wie den
vorliegenden die weitere Anwendung der altrechtlichen Bestimmungen zur
Anspruchsentstehung anordnet. Gemäss der sich auf das IV-Rundschreiben Nr. 253
des Bundesamtes für Sozialversicherung stützenden höchstrichterlichen
Rechtsprechung besteht tatsächlich eine (lückenfüllend geschaffene)
Übergangsbestimmung, welche die weitere Anwendung der aufgehobenen
Bestimmungen betreffend den Zeitpunkt des Rentenbeginns auf Fälle wie den
vorliegenden anordnet (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichts vom 7. Januar 2011,
8C_233/2010, Erw. 4.2). Anwendungsvoraussetzung dieser Übergangsregelung ist,
dass der Versicherungsfall vor dem 1. Januar 2008 eingetreten ist. Im vorliegenden Fall
ist der Versicherungsfall jedenfalls vor diesem Zeitpunkt eingetreten. Gemäss aArt. 29
Abs. 1 lit. b IVG i.V.m. aArt. 48 Abs. 2 IVG besteht maximal für die zwölf der Anmeldung
vom 3. Juli 2006 vorangegangenen Monate ein Anspruch auf eine Invalidenrente. Es ist
also zu prüfen, ob das sogenannte Wartejahr (aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG) am 30. Juni
2005 erfüllt gewesen ist. Wenn das der Fall ist, hat der Einkommensvergleich anhand
der Löhne im Jahr 2005 zu erfolgen. Andernfalls verschiebt sich das Bemessungsjahr
entsprechend.
3.1 Grundlage der Bemessung des Valideneinkommens bildet jene erwerbliche Situa
tion, in der sich die versicherte Person befinden würde, wenn sie nicht krank geworden
wäre. Diese hypothetische Situation wird als Validenkarriere bezeichnet. Ausgehend
von der Validenkarriere wird dann das Valideneinkommen ermittelt. Meist besteht die
Validenkarriere in der hypothetischen Weiterausübung der letzten Arbeitstätigkeit, so
dass das Valideneinkommen anhand jenes Lohns ermittelt werden kann, den die
versicherte Person mit dieser Arbeitstätigkeit im massgebenden Zeitpunkt erzielen
würde. Die Beschwerdegegnerin hat ein Valideneinkommen in den
Einkommensvergleich eingesetzt, das dem Lohn entspricht, den die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin als Primarlehrerin im Kanton Zürich zwischen August 2007 und
April bzw. Juli 2008 erzielt hätte, wenn sie vollzeitlich tätig gewesen wäre. Demnach ist
die Beschwerdegegnerin von einer Validenkarriere der Beschwerdeführerin als
Primarlehrerin ausgegangen. Tatsächlich hat die Beschwerdeführerin den Beruf einer
Primarlehrerin erlernt. Sie hat zwar im Jahr 2007 im Rahmen eines Vikariats auf der
Sekundarschulstufe unterrichtet, aber sie verfügt nicht über einen entsprechenden
Berufsabschluss, da sie, wie sie gegenüber Dr. D._ angegeben hat, die Ausbildung
zur Sekundarlehrerin abgebrochen hat. Da die entsprechende Ausbildung fehlt, kann
nicht davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin regulär als
Sekundarlehrerin hätte unterrichten können. Die Validenkarriere kann deshalb nicht in
einer Tätigkeit als Sekundarlehrerin bestehen. Die Beschwerdeführerin verfügt auch
über eine akademische Ausbildung als Ethnologin. Sie hat aber, wiederum gemäss den
Angaben gegenüber Dr. D._, trotz vieler Bemühungen nie eine Anstellung als
Ethnologin gefunden. Trotz einer vielversprechenden Forschung hat die
Beschwerdeführerin schliesslich die Dissertation abgebrochen und ist wieder als
Lehrerin tätig gewesen. Die Validenkarriere kann nicht in einer Erwerbstätigkeit als
Ethnologin bestehen, weil die Beschwerdeführerin - nicht als Folge einer bereits
damals sich auswirkenden Gesundheitsbeeinträchtigung, sondern aufgrund der Situa
tion auf dem in Frage kommenden (sehr kleinen) Arbeitsmarkt - auch als "Valide" im
hier massgebenden Zeitraum keiner Erwerbstätigkeit als Ethnologin nachgegangen
wäre. Die Beschwerdeführerin hat sich augenscheinlich damit abgefunden, diesen
Beruf nicht ausüben zu können und wieder als Lehrerin tätig sein zu müssen. Die
Beschwerdegegnerin ist somit zu Recht davon ausgegangen, dass die Validenkarriere
der Beschwerdeführerin in einer Tätigkeit als Primarlehrerin bestehe.
3.2 Die Beschwerdeführerin ist seit längerer Zeit krankgeschrieben und geht deshalb
keiner Erwerbstätigkeit mehr nach. Die Invalidenkarriere ist somit wenigstens teilweise
auch hypothetisch zu bestimmen. Die Beschwerdegegnerin ist davon ausgegangen,
dass die Beschwerdeführerin weiterhin, allerdings nur noch mit einem Teilpensum von
40%, als Primarlehrerin tätig sein könnte. Die Beschwerdeführerin hingegen erachtet
sich gestützt auf die Angaben von Dr. D._ als zu 100% berufsunfähig. Dr. D._ hat
ihre Einschätzung damit begründet, dass die kognitiv mentale Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin stark eingeschränkt sei, so dass diese den Anforderungen und der
Verantwortung ihres Berufs nicht mehr gewachsen sei. Dr. D._ hat die grosse
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschränkung in der kognitiv mentalen Leistungsfähigkeit mit der Ermüdbarkeit durch
die rheumatoide Arthritis, mit der reduzierten Konzentrationsfähigkeit und mit der
Minderleistung im Gedächtnis bei beginnender vaskulärer Enzephalitits, mit den
Konzentrationsstörungen, der Ermüdbarkeit, den Schlafstörungen und der
Antriebsarmut im Rahmen der rezidivierenden Depression und mit der Einschränkung
der Impulskontrolle im Rahmen der Persönlichkeitsstörung erklärt. Dr. G._ hat in
seinem rheumatologischen Teilgutachten ebenfalls angegeben, die geklagte Müdigkeit
sei durch die rheumatoide Arthritis verursacht. Diese Krankheit sei durchaus in der
Lage, das Allgemeinbefinden funktionell relevant zu beeinträchtigen. Dr. G._ hat
allein daraus bereits auf eine Arbeitsunfähigkeit auch in dem rein körperlich
bestmöglich adaptierten Beruf der Lehrerin von 40-50% geschlossen. Dr. C._ hat in
der interdisziplinären Beurteilung ausgeführt, die vaskuläre Enzephalopathie
beeinträchtige die Konzentrationsfähigkeit und den Gedächtnisablauf für alte
Informationen in einem Ausmass, das fähigkeitsrelevant in bezug auf die Tätigkeit als
Lehrerin sei. Dr. C._ hat in seinem neurologischen und psychiatrischen Teilgutachten
angegeben, die bestehende leichte Ausprägung des depressiven Syndroms sei
allenfalls geringfügig fähigkeitsrelevant. Im Vordergrund stehe aber die gemischte
Persönlichkeitsstörung. Diese wirke sich in einer mittelgradig erschwerten Fähigkeit zu
sozialen Interaktionen aus. Das Beziehungsverhalten sei gekennzeichnet von
übergrosser Nähe oder Distanz bei wiederkehrenden aggressiven Durchbrüchen und
Übergriffen. Dieser Vergleich zwischen den Angaben von Dr. D._ auf der einen Seite
und von Dr. C._ und Dr. G._ auf der anderen Seite zeigt, dass nicht nur dieselben
Diagnosen gestellt, sondern auch dieselben Schweregrade der einzelnen Krankheiten
und ihrer Symptome ermittelt worden sind. Die Differenz in der
Arbeitsfähigkeitsschätzung bezogen auf die Arbeit als Lehrerin resultiert also nicht aus
dem Ergebnis der medizinischen Abklärung, sondern aus den unterschiedlichen
Auffassungen darüber, welche Anforderungen der Lehrerberuf an die kognitiv mentale
Leistungsfähigkeit und vor allem an die Persönlichkeit stellt. Zwar könnte den
Beeinträchtigungen wie etwa der starken Ermüdbarkeit, der reduzierten
Konzentrationsfähigkeit, der Minderleistung im Gedächtnis oder der Antriebsminderung
wohl tatsächlich dadurch begegnet werden, dass die Beschwerdeführerin sich darauf
beschränken würde, zwei Lektionen pro Tag zu erteilen, d.h. sich auf einen
Beschäftigungsgrad von 40% zu beschränken. Dadurch könnte sie sich zwischen den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einzelnen Lektionen erholen und sie könnte durch eine besonders gute und detaillierte
Vorbereitung die reduzierte Konzentrationsfähigkeit, die verminderte
Gedächtnisleistung usw. zu kompensieren suchen. Das alles würde aber nichts nützen,
weil die Beschwerdeführerin in ihrer sozialen Interaktionsfähigkeit beeinträchtigt ist, so
dass sie wiederkehrende, aggressive Durchbrüche und Übergriffe nicht vermeiden
kann. Der Beruf der Primarlehrerin ist besonders empfindlich im Hinblick auf eine
derartige Beeinträchtigung und die daraus resultierenden Vorkommnisse, denn zum
einen geht es um die soziale Interaktion mit Kindern, die per se nicht fähig sind, ein
krankheitsbedingtes Fehlverhalten der Lehrperson als solches zu erkennen,
entsprechend zu würdigen und sich dann damit abzufinden, und die deshalb in ihrer
Entwicklung und/oder Gesundheit gefährdet sind, und zum andern hängt der
Lernerfolg der Kinder zu einem grossen Teil davon ab, dass die Lehrperson in der Lage
ist, eine möglichst gute soziale Interaktion zu gewährleisten. Die Beschwerdeführerin ist
in der Vergangenheit schon mehrmals mit ihrer krankheitsbedingten Unfähigkeit, eine
solche soziale Interaktion zu bieten, und mit aggressiven Durchbrüchen und
Übergriffen auf die Kinder konfrontiert gewesen. Auch durch eine Reduktion auf 10-11
(40% von 26) Wochenlektionen und durch das Einschalten möglichst langer Pausen,
durch besonders sorgfältige Vorbereitung der Lektionen usw. kann die
Beschwerdeführerin die Folgen der gemischten Persönlichkeitsstörung nicht
vermeiden, zumal sie bei einer Tätigkeit als Lehrerin ja gleichzeitig auch noch
gezwungen wäre, die übrigen krankheitsbedingten Einschränkungen (beeinträchtigte
Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistungen etc.) zu kompensieren. Die von Dr.
D._ angegebene Berufsunfähigkeit beruht also auf der starken Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht, und auf
dem Umstand, dass die Beschwerdeführerin als Lehrerin den Schülern objektiv nicht
mehr "zumutbar" ist. Damit steht die Berufsunfähigkeit, d.h. die vollständige
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin im Beruf als Lehrerin mit dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest. Die Arbeit als Lehrerin fällt deshalb als
Invalidenkarriere ausser Betracht. Die Beschwerdeführerin ist aber für
behinderungsadaptierte Tätigkeiten (insbesondere bei Tätigkeiten mit einem minimalen
Bedarf an sozialer Interaktion) zu 50% arbeitsfähig. Die Arbeit als Ethnologin könnte
allenfalls so ausgestaltet sein, dass sie den Anforderungen an eine
behinderungsadaptierte Tätigkeit gerecht würde. Der Abschluss des Studiums und die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
letzten Forschungen liegen aber schon geraume Zeit zurück. Ohne Vorbereitung (also
eine Wiedereinschulung im weitesten Sinn) wäre die Beschwerdeführerin nicht in der
Lage, in diesem Beruf eine ökonomisch relevante Arbeitsleistung zu erbringen.
Angesichts der geringen verbleibenden Aktivitätsdauer wäre eine solche berufliche
Eingliederung unverhältnismässig. Damit verbleibt als Invalidenkarriere nur noch eine
Erwerbstätigkeit, die es erlaubt, die früher erworbenen beruflichen Kenntnisse und
Erfahrung soweit wie möglich einzubringen, die aber keine spezifischen
Berufskenntnisse voraussetzt. Formal handelt es sich also um eine Hilfsarbeit, am
ehesten wohl im Büro- und Verwaltungsbereich. Die Ausübung einer derartigen
Erwerbstätigkeit muss als zumutbar betrachtet werden, zumal die verbleibende
Aktivitätsdauer nur noch wenige Jahre ausmacht. Die Beschwerdeführerin ist von April
bis Juli 2004 (IV-act. 23), von April bis August 2005 (IV-act. 24) und vom Frühjahr 2007
bis April 2008 jeweils aushilfsweise als Lehrerin tätig gewesen, obwohl sie sowohl
aufgrund der Einschätzung von Dr. D._ als auch aufgrund der Einschätzung der
beiden Gutachter des MGSG auch in diesen Perioden als Lehrerin in einem grossen
Ausmass arbeitsunfähig gewesen ist. Entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin kann daraus nicht abgeleitet werden, dass die
Beschwerdeführerin während der Phasen, in denen sie als Lehrerin gearbeitet hat, nicht
arbeitsunfähig und damit auch nicht invalid gewesen sei. Es ist also durchaus möglich,
dass die Beschwerdeführerin auch in den Phasen der Tätigkeit als Aushilfslehrerin
faktisch gar nicht arbeitsfähig gewesen ist, d.h. eigentlich nicht hätte beschäftigt
werden dürfen. Hiezu haben sich die beiden Gutachter nicht äussern können, da die
Beschwerdegegnerin sie nicht nach der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in den
Phasen der Tätigkeit als Aushilfslehrerin gefragt hat. In bezug auf den Unterbruch in der
verfügten Rentenzusprache beruht die angefochtene Verfügung also auf einem
unzureichend abgeklärten Sachverhalt, weshalb sie als rechtswidrig zu qualifizieren ist.
3.3 Die Beschwerdegegnerin hat dem der angefochtenen Verfügung zugrunde
liegenden Einkommensvergleich auf beiden Seiten den Lohn zugrunde gelegt, den die
Beschwerdeführerin im Jahr 2008 als Primarlehrerin im Kanton Zürich hätte erzielen
können, als Valideneinkommen bei einem Beschäftigungsgrad von 100% und als
zumutbares Invalideneinkommen bei einem Beschäftigungsgrad von 40%. Da die
Invalidenkarriere nach dem oben Ausgeführten aber in einer adaptierten Hilfsarbeit
besteht, muss sich das zumutbare Invalideneinkommen nach dem entsprechenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zentralwert in der Tabelle im Anhang zu der vom Bundesamt für Statistik periodisch
herausgegebenen schweizerischen Lohnstrukturerhebung richten. Für die Bemessung
des Valideneinkommens hingegen ist tatsächlich auf den massgebenden Lehrerlohn im
Kanton Zürich abzustellen, auch wenn dieser deutlich über dem Ostschweizer
Durchschnittslohn liegen dürfte. Die Beschwerdeführerin ist nämlich - mit kurzen
Unterbrüchen - immer im Kanton Zürich Lehrerin gewesen, so dass davon
ausgegangen werden kann, dass sie im hypothetischen "Gesundheitsfall" weiter in
diesem Kanton gearbeitet hätte. Grundsätzlich könnte also ein Einkommensvergleich
gemäss Art. 16 ATSG erfolgen. Das Validen- und das zumutbare Invalideneinkommen
lassen sich aber erst ermitteln, wenn feststeht, wann die Beschwerdeführerin das
sogenannte Wartejahr erfüllt hat (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG). Die Beschwerdegegnerin ist
davon ausgegangen, dass das Wartejahr im September 2005 zu laufen begonnen
habe. Sie dürfte sich dabei auf die Auskunft von Dr. B._ vom 25. September 2006
abgestützt haben, dass die rheumatoide Arthritis im September 2005 aufgetreten sei
(IV-act. 29-5/9). Effektiv hat Dr. B._ am 25. September 2006 aber eine seit April 2003
bestehende und seither durchgehend mindestens 50% betragende Arbeitsfähigkeit
angegeben (wobei allerdings zu beachten ist, dass sich die Beschwerdeführerin in
dieser Phase längere Zeit im Ausland aufgehalten hat und deshalb wohl nicht bei Dr.
B._ oder einem anderen Schweizer Arzt in Behandlung gewesen ist). Dr. C._ und
Dr. G._ vom MGSG haben in ihrer interdisziplinären Begutachtung vom 25. April
2008 auch festgestellt, dass die von ihnen ermittelte Arbeitsunfähigkeit mindestens für
die vergangenen vier Jahre gelte (IV-act. 65-15/24). Damit hätte das Wartejahr wohl im
Jahr 2004 zu laufen begonnen. Die Beschwerdegegnerin ist der Frage nach dem
Zeitpunkt, ab dem eine ununterbrochene relevante Arbeitsunfähigkeit auch für eine
behinderungsadaptierte Erwerbstätigkeit bestanden hat, nicht soweit nachgegangen,
dass dieses Sachverhaltselement mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststünde. Der massgebende Sachverhalt erweist
sich deshalb nicht nur in bezug auf das Valideneinkommen, sondern auch in bezug auf
den Rentenbeginn als unzureichend abgeklärt. Die angefochtene Verfügung ist
rechtswidrig, da sie in Verletzung der Pflicht, den Sachverhalt mit dem erforderlichen
Beweisgrad zu ermitteln, ergangen ist.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Sinn der vorstehenden Ausführungen ist die Beschwerde gutzuheissen. Die Sache
ist zur weiteren Abklärung des massgebenden Sachverhalts, insbesondere also des
Arbeitsfähigkeitsgrads der Beschwerdeführerin während der Betätigungen als
Aushilfslehrerin, und des Eintritts der massgebenden Arbeitsunfähigkeit an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Hinblick auf die Kostentragungspflicht ist
dieser Verfahrensausgang als vollumfängliches Obsiegen der Beschwerdeführerin zu
werten. Die Beschwerdeführerin hat deshalb einen Anspruch auf eine volle
Parteientschädigung. Diese bemisst sich nach der Bedeutung der Streitsache und nach
der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g ATSG). Praxisgemäss erscheint bei
diesem unter Berücksichtigung der beiden Kriterien als durchschnittlich zu wertenden
Beschwerdeverfahren eine Parteientschädigung von Fr. 3500.- (inklusive Barauslagen
und Mehrwertsteuer) als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat die
Beschwerdeführerin also mit Fr. 3500.- zu entschädigen. Das Beschwerdeverfahren ist
kostenpflichtig. Die Entschädigung bemisst sich nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69
Abs. 1 IVG). Da das Beschwerdeverfahren auch in dieser Hinsicht als
durchschnittlich zu werten ist, muss die Gerichtsgebühr praxisgemäss auf Fr. 600.-
festgesetzt werden. Diese Gebühr ist von der unterliegenden Beschwerdegegnerin zu
bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP