Decision ID: 12268489-39b0-566f-b704-37f0e29a4d7c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reiste am 19. Juni 2021 in die Schweiz ein und
suchte am gleichen Tag um Asyl nach.
A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (EURO-
DAC) ergab, dass der Beschwerdeführer am 5. Januar 2021 in Österreich
um Asyl nachgesucht hatte.
A.c Mit Vollmacht vom 24. Juni 2021 mandatierte der Beschwerdeführer
die ihm zugewiesene Rechtsvertretung.
B.
B.a Am 25. Juni 2021 fand die Personalienaufnahme (PA) und am 5. Juli
2021 das Dublin-Gespräch statt.
B.b Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er sei in Af-
ghanistan geboren und sei im Alter von (...) Jahren mit der Familie nach
Pakistan gezogen. Ungefähr im Jahr 20(...) – er sei (...) oder (...) Jahre alt
gewesen – habe er Pakistan verlassen und sich seit dem Jahre 20(...) in
Österreich aufgehalten. In Österreich habe er zwei Asylverfahren durchlau-
fen, welche – nach Ausschöpfung des innerstaatlichen Instanzenzuges –
negativ ausgefallen seien. Er habe einen auf den (...) datierenden Abschie-
bungstermin erhalten und sei bereits in Abschiebungshaft gewesen. Das
Asylsystem in Österreich sei chaotisch und die sozialen sowie wirtschaftli-
chen Integrationsmöglichkeiten ungenügend, was gezwungenermassen
dazu führe, dass man kriminell werde. Eine Rückkehr nach Österreich
würde für ihn eine Abschiebung nach Afghanistan bedeuten. Er habe das
Land im Alter von (...) Jahren verlassen, verfüge dort über kein soziales
Netz, könne sich nicht verständigen und sei mit den Bräuchen und der Re-
ligion nicht vertraut. Zudem würde er dadurch in eine existentielle Notlage
versetzt.
C.
Am 5. Juli 2021 ersuchte die Vorinstanz die österreichischen Behörden ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die
Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
E-3234/2021
Seite 3
ist, ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin-III-VO) um Rück-
übernahme des Beschwerdeführers.
D.
Die österreichischen Behörden stimmten gleichentags dem Ersuchen der
Vorinstanz um Rückübernahme gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-
VO zu.
E.
Mit Eingabe vom 5. Juli 2021 beantragte der Beschwerdeführer bei der
Vorinstanz einen Selbsteintritt im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO.
F.
Mit Verfügung vom 6. Juli 2021 trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch nicht
ein und ordnete die Wegweisung nach Österreich an.
G.
Mit Schreiben vom 7. Juli 2021 erklärte der zugewiesene Rechtsvertreter
gegenüber der Vorinstanz das Mandatsverhältnis für beendet.
H.
Mit Eingabe vom 14. Juli 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde gegen den Entscheid der Vorinstanz. Er
beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz
anzuweisen, ihre Pflicht oder ihr Recht zum Selbsteintritt auszuüben und
sich für vorliegendes Asylverfahren als zuständig zu erklären. Eventualiter
sei das Verfahren zwecks Erhebung des vollständigen Sachverhaltes und
erneuter Prüfung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner sei im Sinne
einer vorsorglichen Massnahme die aufschiebende Wirkung zu erteilen
und die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, von einer Überstellung nach
Österreich abzusehen, bis das Gericht über die Beschwerde entschieden
habe. Sodann sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten und die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
E-3234/2021
Seite 4
– endgültig (Art. 105 Asylgesetz [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, wes-
halb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 2 AsylG).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels verzichtet.
3.
Bei Beschwerden gegen einen Nichteintretensentscheid ist die Beurtei-
lungskompetenz der Beschwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage be-
schränkt, ob die Vorinstanz bei vollständig und richtig festgestelltem Sach-
verhalt auf das Asylgesuch zu Recht oder Unrecht nicht eingetreten ist (vgl.
BVGE 2012/4 E. 2.2 m.w.H.).
4.
Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG wird in der Regel auf Asylgesuche
nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen kön-
nen, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens
staatsvertraglich zuständig ist. Zur Bestimmung des staatsvertraglich zu-
ständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien nach der Dub-
lin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitglied-
staat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nach-
dem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstel-
lung zugestimmt hat – oder bei fingierter Zustimmung – auf das Asylgesuch
grundsätzlich nicht ein.
5.
5.1 Die österreichischen Behörden haben der Überstellung des Beschwer-
deführers am 5. Juli 2021 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO
zugestimmt und ihre Zuständigkeit für das Asylverfahren anerkannt. Die
E-3234/2021
Seite 5
Vorinstanz ist in der Folge in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
auf das Asylgesuch nicht eingetreten.
In der angefochtenen Verfügung führt die Vorinstanz unter anderem aus,
auch wenn das Asylverfahren bereits abgeschlossen sei, bleibe Österreich
bis zu einem allfälligen Wegweisungsvollzug oder einer allfälligen Aufent-
haltsregelung zuständig. Gemäss dem Non-Refoulement-Prinzip im Sinne
von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstel-
lung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) dürfe kein vertragsschliessender
Staat einen Flüchtling in das Gebiet eines Landes ausweisen, wo er wegen
seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, der Zugehörigkeit zu einer
bestimmten Gruppe oder der politischen Anschauungen gefährdet wäre.
Sowohl Österreich wie auch die Schweiz seien Signatarstaaten der FK. Es
würden keine Hinweise dafür vorliegen, Österreich sei seinen völkerrecht-
lichen Verpflichtungen nicht nachgekommen oder habe das Asyl- oder
Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchgeführt. Der Beschwerdeführer
habe gemäss eigenen Angaben in diesem Verfahren den innerstaatlichen
Rechtsmittelweg unter Beizug einer Rechtsvertretung ausgeschöpft. Ös-
terreich sei ein funktionierender Rechtsstaat und er könne sich insbeson-
dere bei Rechtsverletzungen im Zusammenhang mit Haftanordnungen
ebenfalls zur Wehr setzen. Sodann gebe es keine Hinweise dafür, das ös-
terreichische Asylsystem würde systemische Mängel aufweisen oder dass
durch eine Überstellung unions- oder völkerrechtliche Garantien verletzt
würden. Zudem sei im Rahmen des Dublin-Verfahrens nur die Zuständig-
keit für die Durchführung des Asylverfahrens abzuklären, weshalb keine
Prüfung der Flüchtlingseigenschaft stattfinde und auf entsprechende Vor-
bringen nicht vertieft einzugehen sei. Sollte der Beschwerdeführer mit dem
österreichischen Asylentscheid nicht einverstanden sein, stehe ihm ein
Weiterzug an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)
offen. Sodann seien seine geltend gemachten (...) auch in Österreich be-
handelbar. Einer allfälligen Verschlechterung seines (...) im Zusammen-
hang mit der Überstellung nach Österreich könne mit einer adäquaten (...)
Betreuung im Vorfeld und während der Überstellung Rechnung getragen
werden. Die Reisefähigkeit werde kurz vor der Überstellung definitiv beur-
teilt. Betreffend die mangelnde Finanzierung von integrationsfördernden
Angeboten in Österreich und den mangelnden Arbeitsmöglichkeiten richte
sich Art und Umfang der allgemeinen Unterstützung nach der jeweiligen
nationalen Gesetzgebung. Es bestünden keine Anzeichen dafür, der Be-
schwerdeführer würde bei einer Überweisung in eine existenzielle Notlage
geraten. Insgesamt bestehe deshalb kein Anlass für einen Selbsteintritt.
E-3234/2021
Seite 6
6.
In der Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer im Wesentlichen
geltend, es sei davon auszugehen, dass er im Falle einer Überstellung
nach Österreich von den dortigen Behörden in einer gegen Art. 3 EMRK
verstossender Weise nach Pakistan ausgeschafft würde. Der EGMR
wende diese Konventionsbestimmung auch bei Situationen allgemeiner
Gewalt oder untragbaren Lebensumständen an. Sodann seien gemäss
Länderberichten die meisten Rückkehrenden nach ihrer Ankunft in Afgha-
nistan Gewalt ausgesetzt, unter anderem weil sie als Verräter, Spione oder
Ungläubige gelten würden. Ferner würden viele Rückkehrer in der Armut
enden. Im Falle einer Kettenabschiebung nach Pakistan – wo Afghanen
häufig im Verdacht stünden, Verbindungen zur Taliban zu haben – würde
er sich in einer sehr ähnlichen Situation wiederfinden. Sodann sei er als
(...)-jähriger nach Österreich gereist und habe keinen Bezug mehr zu Pa-
kistan oder Afghanistan. Des Weiteren habe er Probleme mit der (...) und
er sei auf (...) angewiesen. Die Vorinstanz wäre sodann aufgrund der dro-
henden Kettenabschiebung zu einem Selbsteintritt aus humanitären Grün-
den verpflichtet gewesen.
7.
Der Beschwerdeführer bringt gegen den Nichteintretensentscheid und die
angeordnete Überstellung nach Österreich im Wesentlichen vor, es drohe
ihm eine – unter anderem in Verletzung von völkerrechtlicher Garantien –
unzulässige Abschiebung nach Afghanistan beziehungsweise Pakistan.
Einleitend ist festzuhalten, dass sämtliche EU/EFTA-Staaten als Staaten
gelten, in welchen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5
Abs.1 AsylG besteht (vgl. Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Der Umstand, dass
sämtliche Dublin-Mitgliedstaaten Signatarstaaten der FK sowie der EMRK
sind und mithin der Grundsatz des gegenseitigen und berechtigten Vertrau-
ens herrscht, bildet sodann gerade Voraussetzung für den Abschluss eines
europäischen Asylzuständigkeitsübereinkommens (vgl. Erwägung 3 der
DubIin-III-VO, ULRICH KOEHLER, Praxiskommentar zum Europäischen
Asylzuständigkeitssystem, Berlin, 2018, Einführung N 9). Bei dieser Aus-
gangslage müsste der Beschwerdeführer durch substantiierte Vorbringen
darlegen, dass sich die österreichischen Behörden in seinem Fall nicht an
ihre – insbesondere völkerrechtlichen – Verpflichtungen halten. Den Akten
sind jedoch keine Unterlagen über das österreichische Asylverfahren zu
entnehmen, aufgrund welcher sich allenfalls Hinweise ergeben könnten,
der Beschwerdeführer würde im Falle einer Überstellung nach Österreich
Gefahr laufen, Opfer einer völkerrechtswidrigen Abschiebung zu werden.
E-3234/2021
Seite 7
Alleine aus der Behauptung, die österreichischen Behörden würden ihn
nach Afghanistan beziehungsweise Pakistan ausschaffen wollen, ergibt
sich noch keine Verletzung völkerrechtlicher Garantien. Es kann den Akten
nicht einmal mit Sicherheit entnommen werden, die österreichischen Be-
hörden wollten ihn tatsächlich ausschaffen, da – wie bereits festgestellt –
keine Unterlagen betreffend die in Österreich angestrengten Asylverfahren
vorliegen. Ferner kann bereits aufgrund der inkonsistenten Vorbringen des
Beschwerdeführers nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob der Wegwei-
sungsvolllzug nach Afghanistan oder Pakistan erfolgen soll. Des Weiteren
hat bereits die Vorinstanz darauf hingewiesen, mangels Vorliegen von
Identitätspapieren sei namentlich seine Herkunft nicht zuverlässig erstellt.
Dem im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens rechtlich vertretenen
Beschwerdeführer wäre es ohne weiteres zuzumuten gewesen, gestützt
auf die ihm obliegende Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG) sachdienliche Un-
terlagen einzureichen. Es gelingt ihm letztendlich nicht, in substantiierter
Weise Gründe darzulegen, welche gegen eine Überstellung nach Öster-
reich sprechen würden.
Es ist – wie bereits von der Vorinstant festgehalten – im Sinne einer Ergän-
zung darauf hinzuweisen, dass es dem Beschwerdeführer freisteht, einen
allfälligen Asyl- und Wegweisungsentscheid der österreichischen Behör-
den auf dem innerstaatlichen Rechtsmittelweg und danach beim EGMR
anzufechten. Ebenso steht es ihm frei, sich gegen allfällig ungerechte Be-
handlung an die zuständigen innerstaatlichen Behörden zu wenden.
Im Zusammenhang mit den auf Beschwerdeebene nicht weiter (unter an-
derem durch entsprechende Unterlagen) substantiierten Vorbringen zur
Gesundheit des Beschwerdeführers, zum Asylsystem in Österreich sowie
zu einem allfälligen Selbsteintritt der Schweizer Behörden kann auf die zu-
treffenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen wer-
den.
8.
Nach dem Ausgeführten vermag der Beschwerdeführer nicht darzulegen,
es bestünden beachtliche Gründe, von der Überstellung nach Österreich
abzusehen. Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Recht auf
das Asylgesuch nicht eingetreten ist und die Wegweisung sowie den Voll-
zug angeordnet hat.
E-3234/2021
Seite 8
9.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden
ist (Art. 106 AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
Damit ist der Antrag betreffend die aufschiebende Wirkung der Beschwer-
de gegenstandslos geworden.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt sich, dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten haben.
Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht gege-
ben, weshalb das Gesuch abzuweisen ist.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]).
Der Antrag auf Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses ist mit vor-
liegendem Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3234/2021
Seite 9