Decision ID: 9d506efd-93a7-5d59-ab5b-91e66a059e59
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 28. September 2020 in der Schweiz um
Asyl nach. Anlässlich der Gesuchseinreichung gab er unter anderem an,
am (...) geboren und damit noch minderjährig zu sein.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer bereits am 16. Septem-
ber 2020 in Österreich um Asyl nachgesucht hatte.
C.
Am 14. Oktober 2020 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zu-
gewiesene Rechtsvertretung.
D.
D.a Das SEM ersuchte am 14. Oktober 2020 die österreichischen Behör-
den gestützt auf Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO), um Informationen betreffend die Personalien
des Beschwerdeführers.
D.b Diesem Ersuchen kamen die österreichischen Behörden am 15. Okto-
ber 2020 nach und informierten das SEM darüber, dass der Beschwerde-
führer in Österreich als B._ (geboren am [...]) bekannt sei.
E.
Am 21. Oktober 2020 liess der Beschwerdeführer Dokumente aus seinem
Heimatland – laut eigenen Angaben seine Identitätskarte, eine Quittung für
den Erhalt derselben sowie einen Auszug aus dem Zivilregister (jeweils in
Kopie) – zu den Akten reichen und stellte eine baldige Einreichung der Ori-
ginale in Aussicht.
F.
Am 23. Oktober 2020 fand im Bundesasylzentrum die Erstbefragung für
unbegleitete minderjährige Asylsuchende (EB UMA) im Beisein der zuge-
wiesenen Rechtsvertretung statt. Dabei brachte der Beschwerdeführer un-
ter anderem vor, er habe seine Heimat vor eineinhalb oder zwei Monaten
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auf dem Landweg verlassen und sei via C._ und ihm unbekannte
Länder nach Österreich gelangt, wo man ihm gegen seinen Willen die Fin-
gerabdrücke abgenommen habe. Der Schlepper habe ihm für diesen Fall
geraten, sich als Volljährigen auszugeben, um eine Weiterreise zu erleich-
tern. Diesem Rat sei er gefolgt. In der Schweiz angekommen, habe er das
Personalienblatt anlässlich der Gesuchseinreichung nicht selber ausge-
füllt, weshalb das dort angegebene Geburtsdatum ebenfalls unzutreffend
sei. Sein richtiges Geburtsdatum sei der (...), was auch aus den eingereich-
ten Dokumenten hervorgehe.
Anlässlich der EB UMA wurde dem Beschwerdeführer auch das rechtliche
Gehör zur allfälligen Zuständigkeit Österreichs für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens gewährt. Zugleich wurde er zu seinem
Gesundheitszustand befragt. Hierbei sprach sich der Beschwerdeführer
gegen eine Wegweisung nach Österreich aus, da er dort von zwei ihm be-
kannten Landsleuten mit dem Tod bedroht worden sei. Zu seinem Gesund-
heitszustand gab er schliesslich an, es gehe ihm gut.
G.
Mit Eingabe vom 30. Oktober 2020 liess der Beschwerdeführer seine Be-
weismitteleingabe vom 21. Oktober 2020 dahingehend korrigieren, dass
diese eine Quittung für den Erhalt einer Identitätskarte sowie einen Auszug
aus dem Zivilregister (jeweils in Kopie) enthalte.
H.
H.a Am 30. Oktober 2020 gelangte das SEM an das Institut für Rechtsme-
dizin (IRM) der Universität D._ und ersuchte dieses um Erstellung
eines Gutachtens zur Alterseinschätzung.
H.b Das IRM der Universität D._ gelangte in seinem Gutachten
vom 11. November 2020 gestützt auf eine körperliche Untersuchung, zwei
verschiedene radiologische Untersuchungen und eine zahnärztliche Unter-
suchung zum Schluss, anhand der erhobenen Befunde resultiere ein zum
Zeitpunkt der Untersuchung am 4. November 2020 wahrscheinliches Alter
von circa 19 bis 20 Jahren, wobei das Mindestalter 18.5 Jahre betrage.
Daher erscheine das angegebene Alter von (...) Jahren und (...) Monaten
eher unwahrscheinlich.
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Seite 4
I.
Am 16. November 2020 legte der Beschwerdeführer die bereits aktenkun-
digen Dokumente aus seinem Heimatland ankündigungsgemäss im Origi-
nal ins Recht.
J.
J.a Mit Schreiben vom 17. November 2020 räumte das SEM dem Be-
schwerdeführer Gelegenheit ein, sich zum Altersgutachten vom 11. No-
vember 2020 und der beabsichtigten Anpassung des Geburtsdatums auf
den (...) im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) zu äussern.
J.b In seiner Stellungnahme vom 25. November 2020 hielt der Beschwer-
deführer an seiner Minderjährigkeit fest und erklärte sich mit einer Ände-
rung seines Geburtsdatums nicht einverstanden. Zur Begründung führte er
im Wesentlichen an, dass sein angegebenes Alter nur (...) Monate vom im
Gutachten genannten Mindestalter abweiche. Sodann werde im Gutachten
das angegebene Alter als eher unwahrscheinlich bezeichnet, was darauf
schliessen lasse, dass zumindest eine Restwahrscheinlichkeit bestehe, die
sich durchaus im Rahmen dieser (...) Monate bewege. Auch die ungefähre
Wahrscheinlichkeit von 90.1% für das Erreichen des 18. Altersjahres sei
als Indiz zu werten, dass sich sein Alter um die Volljährigkeit herumbewege.
Vor diesem Hintergrund seien die zu den Akten gereichten Dokumente aus
seinem Heimatland einer eingehenden Prüfung zu unterziehen.
K.
Am 7. Dezember 2020 passte das SEM das Geburtsdatum des Beschwer-
deführers im ZEMIS auf den (...) an.
L.
L.a Am 9. Dezember 2020 ersuchte das SEM die österreichischen Behör-
den gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO um Rückübernahme
des Beschwerdeführers.
L.b Österreich lehnte dieses Ersuchen am 15. Dezember 2020 mit der Be-
gründung ab, gemäss der behaupteten Minderjährigkeit des Beschwerde-
führers und mangels Einreichung von Identitätsdokumenten sei eine medi-
zinische Altersfeststellung vorgesehen gewesen, welche aufgrund des Un-
tertauchens des Beschwerdeführers bislang nicht habe durchgeführt wer-
den können.
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L.c Am 16. Dezember 2020 bat das SEM die österreichischen Behörden
im Rahmen eines Remonstrationsverfahrens um neuerliche Überprüfung
des Übernahmeersuchens. Zunächst wies es auf das durchgeführte Alters-
gutachten hin, welches ein wahrscheinliches Alter von 19 bis 20 Jahren
ergeben habe. Darüber hinaus machte es darauf aufmerksam, dass die
österreichischen Behörden dem SEM am 15. Oktober 2020 mitgeteilt hät-
ten, der Beschwerdeführer sei in Österreich mit Geburtsdatum (...) regis-
triert.
L.d Am 29. Dezember 2020 kamen die österreichischen Behörden auf ih-
ren ablehnenden Entscheid vom 15. Dezember 2020 zurück und erklärten,
Österreich sei zu einer Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO bereit.
M.
Mit Verfügung vom 5. Januar 2021 – eröffnet am 8. Januar 2021 – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegweisung in
den für ihn zuständigen Dublin-Mitgliedstaat Österreich und forderte den
Beschwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerde-
frist zu verlassen. Gleichzeitig stellte es fest, einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und ver-
fügte die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis an den Beschwerdeführer.
N.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 15. Januar 2020 (Datum des
Poststempels) erhob der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten. Das
SEM sei anzuweisen, das Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...) zu berich-
tigen. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklä-
rung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Erteilung der aufschie-
benden Wirkung sowie um Erlass eines superprovisorischen Vollzugs-
stopps ersucht.
Der Beschwerde beigelegt war – nebst Kopien der angefochtenen Verfü-
gung, der dazugehörigen Empfangsbestätigung sowie der Vollmacht vom
D-193/2021
Seite 6
14. Oktober 2020 – eine E-Mail der Sozialpädagogin E._ (Fachbe-
reich UMA-Betreuung) an verschiedene Partner im Bundesasylzentrum
vom 25. November 2020 betreffend Suizidäusserungen.
O.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
18. Januar 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 Asylgesetz
vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist – vorbehältlich nachstehender Erwägung – einzutreten
(Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Soweit der Beschwerdeführer die Berichtigung des Eintrages seines
Geburtsdatums im ZEMIS-System beantragt, ist darauf nicht einzutreten,
da der von der Vorinstanz vorgenommene Eintrag nicht Gegenstand der
angefochtenen Verfügung bildet (vgl. Dispositiv der Verfügung vom 5. Ja-
nuar 2021).
2.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG),
ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art.
111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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Seite 7
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Die Vorinstanz stellte in der angefochtenen Verfügung zunächst fest,
der Beschwerdeführer habe die behauptete Minderjährigkeit nicht glaub-
haft machen können. Im Einzelnen hielt sie das Folgende fest: Gegen die
vorgebrachte Minderjährigkeit spreche einerseits das Altersgutachten, wel-
ches ein wahrscheinliches Alter von circa 19 bis 20 Jahren ergeben habe,
und andererseits der Umstand, dass er bei den österreichischen Behörden
mit dem Geburtsdatum (...) registriert worden sei, was einen Altersunter-
schied von rund (...) Jahren zu dem geltend gemachten Geburtsdatum in
der Schweiz ausmache. Die Erklärung des Beschwerdeführers, dass ihm
sein Schlepper geraten habe, sich in Österreich als Volljährigen auszuge-
ben, wirke nachgeschoben und vermöge nicht zu überzeugen. Ebenfalls
gegen die vorgebrachte Minderjährigkeit würden die unsubstantiierten An-
gaben zu seinem Reiseweg sowie zu seinem schulischen Werdegang
sprechen. Hingegen sprächen die eingereichten Dokumente grundsätzlich
für die geltend gemachte Minderjährigkeit. Dazu sei jedoch festzuhalten,
dass es sich dabei nicht um persönliche Identitätsdokumente handle, son-
dern um einen Auszug aus dem Zivilregister und einen Antrag auf Erhalt
einer Identitätskarte. Auch wenn eine Erstprüfung des Zivilregisterauszugs
unauffällig verlaufen sei, sei die Beweiskraft solcher Dokumente als ent-
sprechend gering einzustufen, da sie im Heimatland des Beschwerdefüh-
rers leicht käuflich erwerbbar seien. Schliesslich sei bekannt, dass Perso-
nen in Syrien ab dem 14. Altersjahr eine Identitätskarte besitzen müssten.
Dass seine Anträge auf Erhalt einer solchen wiederholt abgelehnt worden
seien und er kurz vor seiner Ausreise erneut einen Antrag gestellt habe,
deute auf eine gewisse Zweckgebundenheit hin und lasse somit Zweifel
am rechtmässigen Erhalt dieses Dokuments aufkommen.
Sodann verwies die Vorinstanz auf die Zuständigkeit Österreichs gemäss
Dublin-III-VO und hielt fest, es sprächen keine Gründe gegen eine Weg-
weisung in diesen Staat, da weder die in Österreich herrschenden Verhält-
nisse noch individuelle Gründe einer Überstellung entgegenstünden. Für
die weiteren Einzelheiten der Begründung ist auf die angefochtene Verfü-
gung zu verweisen.
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Seite 8
4.2 Der Beschwerdeführer hält auch in seiner Rechtsmitteleingabe an der
Minderjährigkeit fest und verweist hinsichtlich des Resultats des Altersgut-
achtens zunächst vollumfänglich auf die Ausführungen in der Stellung-
nahme vom 25. November 2020. Sodann habe er zu seinem Alter strin-
gente Angaben gemacht; insbesondere seien keine Widersprüche zu er-
kennen. So habe er anlässlich der Erstbefragung schlüssig zu Protokoll
gegeben, im Alter von sieben Jahren eingeschult worden zu sein und die
Schule bis im Jahr (...) oder (...) – damals sei er ungefähr elf Jahre alt ge-
wesen – besucht zu haben. Diesen Aussagen zufolge müsste er im Jahr
(...) geboren sein, was sich mit seinem angegebenen Geburtsdatum vom
(...) decke. Ebenso für seine Minderjährigkeit spreche seine Aussage, in
zwei bis drei Monaten militärpflichtig zu werden. Darüber hinaus könne der
Argumentation der Vorinstanz hinsichtlich seiner Altersangabe gegenüber
den österreichischen Behörden nicht gefolgt werden, habe er doch bereits
im Rahmen der Erstbefragung erklärt, weshalb er damals sein wahres Alter
verschwiegen habe. Die diesbezüglichen Ausführungen in der Stellung-
nahme stellten Präzisierungen und keineswegs Nachschübe dar. Darüber
hinaus sei festzuhalten, dass das in Österreich angegebene Alter von (...)
Jahren nicht mit dem Resultat des Altersgutachtens übereinstimme, was
klar für seinen Sachverhaltsvortrag spreche. Abgesehen davon bleibe in
diesem Zusammenhang fraglich, weshalb die österreichischen Behörden
der Vorinstanz unterschiedliche Informationen zu seinem Geburtsdatum
weitergeleitet hätten. Angesichts dessen, dass die eingereichten Doku-
mente im Original vorhanden seien und eine Erstprüfung unauffällig ver-
laufen sei, seien sie ferner als starkes Indiz für die geltend gemachte Min-
derjährigkeit zu werten. Nach dem Gesagten habe die Vorinstanz aufgrund
der glaubhaft gemachten Minderjährigkeit in Anwendung von Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO auf sein Asylgesuch einzutreten.
Sodann sei den Akten zu entnehmen, dass er sich bereits zu Beginn des
Verfahrens in schlechter psychischer Verfassung befunden habe. Mehr-
fach habe er gegenüber der UMA-Betreuung und der Rechtsvertretung Su-
izidgedanken für den Fall der Wegweisung nach Österreich geäussert.
Diese Äusserungen hätten die Sozialpädagogen am 25. November 2020
veranlasst, eine Meldung an die verschiedenen Partner im Bundesasyl-
zentrum zu machen, wie das beiliegende E-Mail belege. Nach der Ent-
scheideröffnung habe er sodann aufgrund einer akuten Selbstgefährdung
in die Universitäre Psychiatrische Klinik D._ eingewiesen werden
müssen, wo er sich seither in der geschlossenen Abteilung aufhalte.
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Seite 9
Sollte das Gericht wider Erwarten zum Schluss kommen, Österreich sei für
die Durchführung seines Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig, sei
die Sache infolge Verletzung der Pflicht zur vollständigen und richtigen Ab-
klärung des rechtserheblichen Sachverhalts hinsichtlich seines Alters und
seines Gesundheitszustands an die Vorinstanz zurückzuweisen. Hinsicht-
lich seines Alters liege darüber hinaus eine Verletzung der Begründungs-
pflicht vor.
5.
5.1 Die in der Beschwerde erhobenen formellen Rügen sind vorab zu be-
urteilen, da sie bei Gutheissung geeignet sind, eine Kassation der vo-
rinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich aus-
einandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsma-
xime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für
die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl.
dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16).
5.3 Die Vorinstanz hat sich in der angefochtenen Verfügung im Zusammen-
hang mit der Frage der Minderjährigkeit eingehend mit den Argumenten
des Beschwerdeführers befasst und unter Berücksichtigung der einge-
reichten Beweismittel dargelegt, aus welchen Gründen es diese für un-
glaubwürdig hält (vgl. Verfügung des SEM vom 5. Januar 2021, Ziff. II.).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Damit ist sie ihrer Begründungspflicht in ausreichendem Masse nachge-
kommen. Alleine der Umstand, dass das SEM hinsichtlich des Alters des
Beschwerdeführers zu einem anderen Ergebnis kommt, als vom Be-
schwerdeführer vertreten, spricht weder für eine Verletzung der Begrün-
dungspflicht (respektive des Anspruchs auf rechtliches Gehör) noch für
eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung.
5.4 Sodann stellte die Aktenlage im Zeitpunkt des Ergehens der angefoch-
tenen Verfügung hinsichtlich des Gesundheitszustands des Beschwerde-
führers eine hinreichende Beurteilungsgrundlage dar (vgl. Verfügung des
SEM vom 5. Januar 2021, Ziff. I.14./II.). Aufgrund dessen, dass er im Rah-
men der EB UMA zu Protokoll gab, bei guter Gesundheit zu sein (vgl. SEM-
Akten A19/12 Ziff. 8.02) und im vorinstanzlichen Verfahren keine medizini-
schen Unterlagen zu den Akten reichte, gab es keine Veranlassung, wei-
tere Abklärungen vorzunehmen. Diesbezüglich liegt keine Verletzung der
Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts vor.
5.5 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Der entsprechende Eventualantrag ist abzuwei-
sen.
6.
6.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG wird auf Asylgesuche in der Regel
nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen kön-
nen, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens
staatsvertraglich zuständig ist. Zur Bestimmung des staatsvertraglich zu-
ständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dub-
lin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitglied-
staat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nach-
dem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstel-
lung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5
E. 6.2).
6.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
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Seite 11
6.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.4 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
6.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht).
7.
7.1 Den vorinstanzlichen Akten ist zu entnehmen, dass die österreichi-
schen Behörden am 29. Dezember 2020 dem Übernahmeersuchen der
Vorinstanz vom 9. Dezember 2020 ausdrücklich zugestimmt haben (vgl.
SEM-Akten A34/5 und A42/2), womit das SEM zu Recht von der grund-
sätzlichen Zuständigkeit Österreichs für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens ausgegangen ist.
7.2 Diese Zuständigkeit hätte aufgrund der in Art. 6 und 8 Dublin-III-VO
festgelegten Garantien zugunsten Minderjähriger zurückzutreten, wenn
von der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers auszugehen wäre. Hierzu
gehört der Grundsatz, dass im Falle eines unbegleiteten Minderjährigen
ohne familiäre Anknüpfungspunkte jener Staat zuständig ist, in dem er sei-
nen Antrag stellt (vgl. Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO).
D-193/2021
Seite 12
7.3 Grundsätzlich trägt die asylsuchende Person die Beweislast für die von
ihr behauptete Minderjährigkeit. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist
eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, welche für oder gegen die Rich-
tigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen (Urteil des
BVGer E-4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1, mit Hinweis auf Ent-
scheidungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30).
7.3.1 Wie bereits festgehalten, wurde im Altersgutachten vom 11. Novem-
ber 2020 gestützt auf eine körperliche Untersuchung, eine Handknochen-
altersanalyse, eine zahnärztliche Untersuchung sowie eine Schlüssel-
beinanalyse als Ergebnis festgehalten, dass der Beschwerdeführer im Zeit-
punkt der Untersuchung ein Mindestalter von 18.5 Lebensjahren aufweist.
Zwar ist die Bestimmung eines genauen Alters auch mittels der Schlüssel-
bein- respektive Skelettaltersanalyse und der zahnärztlichen Untersu-
chung nicht möglich, es stellt vorliegend aber ein Indiz für die Volljährigkeit
des Beschwerdeführers dar (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2).
7.3.2 Sodann erscheint die Erklärung des Beschwerdeführers, dass er sich
in Österreich absichtlich als Volljähriger ausgegeben habe, um eine Wei-
terreise zu erleichtern, zwar nicht von vornherein als abwegig. Zudem sind
seine in der Schweiz gemachten Angaben zu seinem Alter widersprüchlich
und ausweichend ausgefallen. Zunächst ist das Vorbringen, dass er das
Personalienblatt anlässlich der Gesuchseinreichung nicht selber ausgefüllt
habe, weshalb das dort angegebene Geburtsdatum nicht zutreffe, als reine
Schutzbehauptung zu werten, zumal er es gemäss Vermerk des BAZ
F._ selbst ausgefüllt hat (vgl. SEM-Akten A2/2). Im Rahmen der EB
UMA danach gefragt, woher er denn sein richtiges Geburtsdatum kenne,
führte er sodann aus, dies sei unter anderem aus seiner Identitätskarte
hervorgegangen. Im Gegensatz dazu erklärte er einige Fragen später, nie
eine Identitätskarte besessen zu haben, obwohl er mehrere Anträge auf
Erhalt einer solchen gestellt habe (vgl. SEM-Akten A19/12 Ziff. 1.06 und
Ziff. 4.03). Darüber hinaus beantwortete er die Fragen im Zusammenhang
mit seinem schulischen Werdegang auffallend ausweichend. Beispiels-
weise erklärte er, die Schule ungefähr bis zu seinem 11. Lebensjahr be-
sucht zu haben, genau könne er sich aber nicht erinnern (vgl. SEM-Akten
A19/12 Ziff. 1.17.04).
7.3.3 Was den eingereichten Auszug aus dem Zivilregister anbelangt, hat
die Vorinstanz mit zutreffender Begründung festgehalten, dass dessen Be-
weiskraft – trotz Original – gering ist. Der eingereichten Quittung für die
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Seite 13
Beantragung einer Identitätskarte ist hingegen jeglicher Beweiswert abzu-
sprechen, da die darin enthaltenen Angaben zur Person auf den eigenen
Angaben des Beschwerdeführers beruhen.
7.3.4 Schliesslich lässt die Tatsache, dass die österreichischen Behörden
im Rahmen des Remonstrationsverfahrens einer Rückübernahme des Be-
schwerdeführers ausdrücklich zugestimmt haben, nur den Schluss zu,
dass sie von dessen Volljährigkeit ausgegangen sind. Bei dieser Sachlage
bedarf es keiner näheren Klärung, weshalb die Informationen der österrei-
chischen Behörden zum Alter des Beschwerdeführers zunächst Unge-
reimtheiten aufgewiesen haben.
7.4 Insgesamt ist es dem Beschwerdeführer – dies ist in Übereinstimmung
mit der Vorinstanz festzustellen – nicht gelungen, seine Minderjährigkeit
glaubhaft zu machen. Die Zuständigkeit der Schweiz zur Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO
kommt vorliegend nicht zum Tragen, womit die grundsätzliche Zuständig-
keit Österreichs bestehen bleibt.
8.
8.1 Der Vorinstanz ist sodann Recht zu geben, dass es keine Gründe für
die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Asylsuchende in Österreich wiesen systemische Schwachstellen im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf, die eine Gefahr einer unmenschlichen
oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
8.1.1 Österreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
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8.1.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
8.2 Sodann ist der Frage nachzugehen, ob – wie vom Beschwerdeführer
implizit geltend gemacht – völkerrechtliche Vollzugshindernisse nach Art. 3
EMRK bestehen, woraus sich zwingende Gründe für einen Selbsteintritt
nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ergeben würden.
8.2.1 Hinsichtlich der geltend gemachten psychischen Probleme des Be-
schwerdeführers – insbesondere Gefahr der Selbstgefährdung – ist zu-
nächst festzustellen, dass auch auf Beschwerdeebene keine medizini-
schen Unterlagen zu den Akten gereicht wurden.
8.2.2 Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass Suizidalität gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung kein Vollzugshindernis darstellt (vgl.
Urteil des BGer 2C_856/2015 vom 10. Oktober 2015 E. 3.2.1), was auch
der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. Urteile des
BVGer F-4514/2018 vom 20. August 2018; F-693/2018 vom 9. Februar
2018). Hinsichtlich einer allfälligen Gefahr einer Selbstgefährdung bei einer
Überstellung ist der wegweisende Staat gemäss Praxis des EGMR sodann
nicht verpflichtet, vom Vollzug der Wegweisung Abstand zu nehmen, falls
die ausländische Person mit Suizid droht. Die Überstellung vermag nicht
gegen Art. 3 EMRK zu verstossen, wenn der wegweisende Staat Mass-
nahmen ergreift, um die Umsetzung einer entsprechenden Suiziddrohung
zu verhindern (vgl. den Unzulässigkeitsentscheid des EGMR vom 7. Okto-
ber 2004 i.S. D. und andere gegen Deutschland, 33743/03, angeführt in
EMARK 2005 Nr. 23 E. 5.1 [S. 212]). Es liegt daher in der Verantwortung
der mit der Überstellung betrauten Behörden, im Rahmen der Vorbereitung
und in Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten die allenfalls not-
wendigen Vorkehren zu treffen, damit bei der Überstellung den Bedürfnis-
sen des Beschwerdeführers Rechnung getragen wird (z.B. Medikamenten-
abgabe, Information an die österreichischen Behörden, vgl. Art. 31 f. Dub-
lin-III-VO).
8.2.3 Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass Österreich über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind ver-
pflichtet, den antragstellenden Personen die erforderliche medizinische
Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforder-
liche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen
umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den
http://links.weblaw.ch/EMARK-2005/23
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antragstellenden Personen mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderli-
che medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer ge-
eigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnah-
merichtlinie). Es liegen keine Hinweise vor, wonach Österreich dem
Beschwerdeführer eine adäquate medizinische Behandlung verweigern
würde.
8.2.4 Nach dem Gesagten ist die Überstellung nach Österreich unter Be-
achtung der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig
zu erkennen, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO
ersichtlich sind.
8.3 Das SEM hat sich im Weiteren im Rahmen der angefochtenen Verfü-
gung gegen einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers aus humanitären Gründen gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 in Verbin-
dung mit Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ausgesprochen. Dieser Entscheid,
welcher vom Staatssekretariat in Kenntnis der persönlichen Umstände ge-
troffen wurde, hält einer Überprüfung – soweit nach dem massgeblichen
rechtlichen Rahmen zugänglich (vgl. dazu BVGE 2015/9 E. 7 und 8) –
stand.
8.4 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
8.5 Somit bleibt Österreich der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Öster-
reich ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 wie-
deraufzunehmen.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Österreich in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
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10.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
11.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzu-
treten ist, und die Verfügung des SEM zu bestätigen. Das Beschwerdever-
fahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, weshalb die Anträge be-
treffend Anordnung eines superprovisorischen Vollzugsstopps sowie die
Gewährung der aufschiebenden Wirkung gegenstandslos geworden sind.
12.
12.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der vorstehenden Erwä-
gungen ergibt sich, dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten haben.
Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht gege-
ben, weshalb das Gesuch ungeachtet der geltend gemachten Mittellosig-
keit abzuweisen ist.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Das Gesuch um Erlass des Kostenvorschusses
ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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