Decision ID: 9e2dd864-1daa-4bec-9588-fc9b18e81107
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im Januar 2016 unter Hinweis auf ein Geburtsgebrechen zum Bezug
von Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1). Am 22. Januar 2016
berichtete Dr. med. B._ vom Kantonsspital C._ (IV-act. 6), beim Versicherten sei
erstmals im September 2015 eine Autismusspektrumstörung mit einer schweren
Sprachentwicklungsverzögerung diagnostiziert worden. Die Kognition liege nonverbal
im Durchschnitt, verbal dagegen im untersten Bereich beim Übergang zu einer leichten
psychointellektuellen Retardierung. Der Versicherte benötige nun eine intensive
Förderung und insbesondere sonderpädagogische Massnahmen. Am 22. April 2016
gab Dr. med. D._ an (IV-act. 24), sie sei von der Kindergärtnerin des Versicherten
kurz vor dessen fünften Geburtstag kontaktiert worden. Die Kindergärtnerin habe
mitgeteilt, dass der Versicherte eine heilpädagogische Frühförderung erhalte, dass die
Heilpädagogin aber überfordert sei. Eine logopädische Abklärung habe keine
Rückschlüsse auf die Ursache ergeben. Am Tag nach dem fünften Geburtstag habe sie
den Versicherten dann erstmals selbst untersucht. Sie habe die Befunde als eine
deutliche Spracherwerbsstörung interpretiert und eine oto-rhino-laryngologische
Abklärung in die Wege geleitet, die allerdings ein normales Hörvermögen gezeigt habe.
Retrospektiv liessen sich bereits einem Bericht des schulpsychologischen Dienstes
autismustypische Verhaltensweisen entnehmen; dieser Bericht sei erstellt worden, als
der Versicherte etwa viereinhalb Jahre alt gewesen sei. Am 11. Mai 2016 berichtete
med. pract. E._ (IV-act. 43), der Versicherte habe sich bis ins Jahr 2014 bei Dr. med.
F._ in Behandlung befunden. Nach dessen Pensionierung habe der Versicherte zu
Dr. D._ gewechselt. Schon im Alter von vier Jahren sei er „in allen Kategorien
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auffällig“ gewesen, weshalb ein SON-Test durchgeführt worden sei. Dieser habe einen
IQ von 64 ergeben (IV-act. 44).
A.b Da der Versicherte im Februar 2016 zusätzlich zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung angemeldet worden war (IV-act. 7), hatte am 13. April 2016
eine Abklärung der Hilflosigkeit in der Wohnung der Eltern stattgefunden. Die
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle hatte notiert (IV-act. 38), der gesamte
behinderungsbedingte Mehraufwand belaufe sich inklusive einer
Überwachungspauschale von zwei Stunden auf drei Stunden und zehn Minuten.
Gesamthaft liege eine mittelgradige Hilflosigkeit vor. Die Voraussetzungen für einen
Intensivpflegezuschlag seien nicht erfüllt. Angesichts der verspäteten Anmeldung habe
der Versicherte ab Februar 2015 einen Anspruch auf eine Entschädigung bei einer
Hilflosigkeit mittleren Grades. Mit einer Verfügung vom 6. Juni 2016 sprach die IV-
Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 17. Februar 2015 eine Entschädigung bei
einer Hilflosigkeit mittleren Grades zu (IV-act. 49).
A.c Am 27. September 2015 empfahl Dr. med. G._ vom IV-internen regionalen
ärztlichen Dienst (RAD) eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung zur
Beantwortung der Frage, ob die „versicherungsmässigen Voraussetzungen“ der Ziff.
405 Anh. GgV erfüllt seien (IV-act. 57). Im Auftrag der IV-Stelle erstatteten Dr. med.
H._ und lic. phil. I._ am 4. Mai 2017 einen kinderpsychiatrischen respektive
kinderpsychologischen Abklärungsbericht (IV-act. 68). Sie hielten fest, der Versicherte
leide an einer primären nichtorganischen Enuresis, an einer nichtorganischen
Enkopresis, an einem Status nach einem schweren Sprachentwicklungsrückstand und
an einer niedrigen, unterdurchschnittlichen Intelligenz (Gesamt-IQ 81 gemäss HAWIK-
IV). Klinisch hätten keine Hinweise auf eine autistische Störung festgestellt werden
können. „Erwartungsgemäss“ sei eine auf Autismus verdächtige Symptomatik gemäss
den Akten auch bis zum fünften Altersjahr nicht manifest respektive erkennbar. Die
Untersuchung habe auch keine Hinweise auf ein anderes Geburtsgebrechen ergeben.
Die Dauer der weiteren Behandlung könne „nicht überblickt“ werden. Die RAD-Ärztin
Dr. G._ notierte am 12. Mai 2017 (IV-act. 69), das Gutachten von Dr. H._ und lic.
phil. I._ sei überzeugend. Der Versicherte leide an keinem Geburtsgebrechen.
Angesichts der Angaben der Sachverständigen zur Behandlungsdauer seien auch die
Voraussetzungen für medizinische Massnahmen gestützt auf den Art. 12 IVG nicht
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erfüllt. Mit zwei Vorbescheiden vom 2. Juni 2017 teilte die IV-Stelle den Eltern des
Versicherten mit, dass sie das Begehren um medizinische Massnahmen abweisen
werde, da weder die Voraussetzungen des Art. 12 IVG noch jene des Art. 13 IVG erfüllt
seien (IV-act. 73 f.). Dagegen erhoben die Eltern des Versicherten am 3. Juli 2017 einen
„Einspruch“ (IV-act. 76). Sie machten geltend, ihr Sohn sei schon vor dem fünften
Lebensjahr auffällig gewesen, was im Kindergarten festgestellt worden sei. Mit einer
Verfügung vom 28. Juli 2017 wies die IV-Stelle das Begehren um medizinische
Massnahmen mit der Begründung ab, die Voraussetzungen des Art. 13 IVG und der
Ziff. 405 Anh. GgV seien nicht erfüllt (IV-act. 78). Mit einer zweiten Verfügung vom
selben Datum wies sie das Leistungsbegehren um medizinische Massnahmen mit der
Begründung ab, die Voraussetzungen des Art. 12 IVG seien nicht erfüllt (IV-act. 79).
B.
B.a Am 14. September 2017 liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte
(nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die beiden Verfügungen
vom 28. Juli 2017 erheben (act. G 1). Seine Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung
der angefochtenen Verfügungen, eine Kostengutsprache für medizinische
Massnahmen, eventualiter die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle (nachfolgend:
die Beschwerdegegnerin) zur weiteren Abklärung sowie die Vergütung der Kosten für
allfällige weitere fachmedizinische Stellungnahmen durch die Beschwerdegegnerin. Zur
Begründung führte sie an (vgl. act. G 7), das Gutachten von Dr. H._ und lic. phil. I._
überzeuge nicht. Die Sachverständigen hätten offenbar keine Tests zur Abklärung einer
Autismusspektrumstörung durchgeführt. Auch Dr. B._ vom Kantonsspital C._ habe
kritisiert, dass die Sachverständigen „keinerlei standardisiertes Testverfahren für eine
Autismusspektrumstörung“ durchgeführt hätten. Die Ausführungen im Gutachten
gingen an der Fragestellung vorbei. Die von den Sachverständigen angewandten
Untersuchungsmethoden seien veraltet. Der Schulpsychologe, der den
Beschwerdeführer bereits seit November 2013 kenne, habe bestätigt, dass die damals
festgestellten Symptome der nachträglich festgestellten Autismusspektrumstörung
zugeordnet werden könnten. Damit seien die Voraussetzungen des Art. 13 IVG und der
Ziff. 405 Anh. GgV erfüllt. Selbst wenn dies nicht der Fall wäre, träfe die
Beschwerdegegnerin wohl eine Leistungspflicht gestützt auf den Art. 12 IVG. Die von
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dieser ins Feld geführte lange Behandlungsdauer sei nämlich keineswegs belegt.
Diesbezüglich müssten wohl noch weitere Abklärungen getätigt werden.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 17. Januar 2018 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 11). Zur Begründung führte sie aus, die Kritik von Dr. B._ am
Gutachten sei unbegründet und deshalb nicht überzeugend. Der RAD habe das
Gutachten eingehend gewürdigt und als überzeugend qualifiziert. Aus den Akten gehe
hervor, dass der Beschwerdeführer im Jahr vor der Begutachtung grosse Fortschritte
erzielt habe, weshalb das Gutachten von Dr. H._ und lic. phil. I._ im Gegensatz
zum Bericht von Dr. B._ vom Januar 2016 auf den aktuellen objektiven Befunden
beruhe. Damit sei das Vorliegen einer Autismusspektrumstörung widerlegt. Betreffend
den Art. 12 IVG sei darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer schon seit Jahren
eine intensive Behandlung benötige und dass ein Ende der Behandlung nicht in
Sichtweite sei. Insbesondere die „Aufhebung des unterdurchschnittlichen Gesamt-IQ“
werde voraussichtlich nicht möglich sein.
B.c Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (act. G 16).

Erwägungen
1.
Laut dem Art. 13 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person bis zum vollendeten 20.
Altersjahr einen Anspruch auf die zur Behandlung eines Geburtsgebrechens
notwendigen medizinischen Massnahmen. Gemäss dem Art. 12 Abs. 1 IVG hat eine
versicherte Person zudem bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen Anspruch auf
medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern
unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren. Die Art. 12 und 13 IVG stimmen bezüglich der
Anspruchsvoraussetzungen weitgehend überein und sehen grundsätzlich dieselbe
Rechtsfolgeanordnung vor, nämlich die Vergütung der Kosten von medizinischen
Massnahmen durch die Invalidenversicherung. Der Unterschied zwischen den beiden
Normen besteht darin, dass ein Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 13 IVG auf die
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Behandlung jener Geburtsgebrechen beschränkt ist, die eine Leistungspflicht der
Invalidenversicherung begründen können (Art. 13 Abs. 2 IVG und GgV), während der
Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 12 IVG auf eingliederungswirksame
Behandlungen beschränkt ist. Im Anwendungsbereich des Art. 13 IVG spielt die
Eingliederungswirksamkeit grundsätzlich keine Rolle. Im Anwendungsbereich des Art.
12 IVG ist es dagegen unerheblich, ob es sich bei der Gesundheitsbeeinträchtigung um
ein Geburts- oder um ein erworbenes Gebrechen handelt. Für die Prüfung eines
Leistungsbegehrens, das auf eine medizinische Massnahme abzielt, muss in aller Regel
geprüft werden, ob ein Anspruch gestützt auf den Art. 13 IVG oder gestützt auf den Art.
12 IVG besteht. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb vorliegend bei der
Anspruchsprüfung zu Recht beide Normen berücksichtigt und je eine eigenständige
Verfügung erlassen. Der Beschwerdeführer hat beide Verfügungen zusammen mit einer
einzigen Beschwerde anfechten lassen; das Versicherungsgericht hat nur ein Verfahren
eingeschrieben. Aufgrund des engen sachlichen Zusammenhangs zwischen den
beiden Verfügungen drängt sich eine nachträgliche Auftrennung des
Beschwerdeverfahrens nicht auf. Über die sich gegen die beiden Verfügungen vom 28.
Juli 2017 richtende Beschwerde wird deshalb in einem Urteil entschieden. Formal
betrachtet besteht dieses Urteil aber aus zwei eigenständigen Entscheiden, nämlich
aus dem Entscheid betreffend einen Anspruch auf medizinische Massnahmen gestützt
auf den Art. 13 IVG in Verbindung mit der Ziff. 405 Anh. GgV und aus dem Entscheid
betreffend einen Anspruch auf medizinische Massnahmen gestützt auf den Art. 12 IVG.
Die beiden Entscheide haben je ein eigenständiges rechtliches Schicksal, was
bedeutet, dass sie – trotz der gemeinsamen Eröffnung in einem gemeinsamen Urteil –
einzeln angefochten werden können. Diesem Umstand wird mit einer Trennung der
Erwägungen und der Dispositive entsprechend den beiden Verfügungen vom 28. Juli
2017 Rechnung getragen.
2.
Die Beschwerdegegnerin hat zur Beantwortung der Frage, ob der Beschwerdeführer an
einer angeborenen Autismusspektrumstörung im Sinne der Ziff. 405 Anh. GgV leidet,
die Sachverständigen Dr. H._ und lic. phil. I._ mit einer Begutachtung des
Beschwerdeführers beauftragt. Diese beiden Sachverständigen haben die gesamten
IV-Akten und damit insbesondere auch den ausführlichen Bericht von Dr. B._ vom
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Januar 2016 gewürdigt und im Verlauf von zwei Monaten ein Gespräch mit dem
Beschwerdeführer und dessen Mutter, eine Abklärungssitzung mit dem
Beschwerdeführer allein, ein Gespräch mit der Mutter allein und zwei mehrstündige
Abklärungssitzungen mit dem Beschwerdeführer allein durchgeführt. Zudem haben sie
fremdanamnestische Angaben bei der Lehrerin des Beschwerdeführers eingeholt. Bei
den Abklärungssitzungen haben sie zahlreiche Testverfahren angewendet. Damit
haben sie über eine umfassende Kenntnis sämtlicher massgebender objektiver
Befunde verfügt. Bei der Würdigung dieser Befunde haben sie nicht nur die
Abklärungsresultate, sondern auch den klinischen Eindruck und das Arbeitsverhalten
des Beschwerdeführers während den Tests berücksichtigt. Mit einer auch für einen
medizinischen Laien verständlichen und überzeugenden Begründung haben sie
aufgezeigt, weshalb die Voraussetzungen für die Diagnose einer Störung aus dem
Autismusspektrum nicht erfüllt gewesen sind. Der behandelnde Facharzt Dr. B._ hat
das Gutachten zwar nachträglich als nicht aussagekräftig bezeichnet. Das hat er aber
nur mit dem Vorwurf begründet, die Sachverständigen hätten sich rein subjektiv und
nicht gestützt auf valide Testverfahren geäussert. Dieser Vorwurf ist nicht
nachvollziehbar, da die Sachverständigen zahlreiche Tests durchgeführt und den
objektiven klinischen Befund eingehend erhoben haben und da sie ihre
Schlussfolgerungen nicht mit „rein subjektiven Aussagen“, sondern mit den von ihnen
erhobenen objektiven klinischen Befunden begründet haben. Die Sachverständigen
haben zwar davon abgesehen, zwei neuere strukturierte Befragungen durchzuführen,
die medizinisch offenbar als autismusspezifische Testverfahren anerkannt sind. Das
bedeutet aber nicht, dass sie die Begutachtung nicht lege artis durchgeführt hätten.
Überwiegend wahrscheinlich haben sie diese (zusätzlichen) Befragungen angesichts
der von ihnen in zahlreichen ausführlichen Befragungen des Beschwerdeführers und
seiner Mutter gewonnenen Erkenntnisse als nicht mehr notwendig qualifiziert, da sie
weder in den Befragungen noch in den von ihnen durchgeführten Tests einen
handfesten Hinweis auf eine Autismusspektrumstörung festgestellt hatten. Die Kritik
von Dr. B._ vermag deshalb keine ernsthaften Zweifel an der Überzeugungskraft des
Gutachtens zu wecken. Auch die Angabe des Schulpsychologen, dass die ursprünglich
festgestellten Symptome durchaus zu einer Autismusspektrumstörung passen würden,
wecken keinen ernsthaften Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens, da es
sich dabei lediglich um eine von mehreren denkbaren retrospektiven Interpretationen
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der festgestellten Symptome handelt und da diese Interpretation die Schlussfolgerung
der Sachverständigen, wonach der Beschwerdeführer gar nicht an einer
Autismusspektrumstörung leidet, nicht zu widerlegen vermag. Gesamthaft besteht also
kein ernsthafter Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens von Dr. H._ und
lic. phil. I._, weshalb gestützt auf dieses mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, dass der Beschwerdeführer nicht an einer
angeborenen Autismusspektrumstörung leidet und dass die Voraussetzungen für eine
Leistungspflicht der Invalidenversicherung gestützt auf den Art. 13 IVG und auf die Ziff.
405 Anh. GgV deshalb nicht erfüllt sind. Die Beschwerde gegen die entsprechende
Verfügung vom 28. Juli 2017 ist folglich abzuweisen.
3.
3.1 Laut dem Art. 12 IVG haben die Versicherten bis zum vollendeten 20. Altersjahr
einen Anspruch auf jene medizinischen Massnahmen, die nicht auf die Behandlung
eines Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben
gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu
verbessern oder vor einer wesentlichen Beeinträchtigung zu bewahren. Die
Altersbeschränkung ist erst mit der fünften IVG-Revision eingeführt worden. Davor
hatte für alle Versicherten bis zum Erreichen des ordentlichen Rentenalters unter den
Voraussetzungen des Art. 12 IVG ein Anspruch auf medizinische Massnahmen und
damit die Gefahr bestanden, dass die Invalidenversicherung in einem Einzelfall eine
jahrzehntelange Leistungspflicht treffen könnte. Zur Vermeidung dieser Gefahr hatte
das Bundesgericht eine Praxis begründet, wonach eine Behandlung von einer
unbestimmt langen Dauer (sog. Dauerbehandlung) nicht vom Art. 12 IVG erfasst sein
könne. Für minderjährige, noch nicht erwerbstätige Versicherte hatte es im Sinne einer
Ausnahme von diesem Grundsatz eine Vergütung der Kosten einer Dauerbehandlung
gestützt auf den Art. 12 IVG als zulässig erachtet, wenn ohne diese Behandlung „eine
Heilung mit Defekt oder ein sonstwie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die
Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit oder beide beeinträchtigt würden“ (vgl. ZAK
1981 S. 547; ULRICH MEYER/MARCO REICHMUTH, Rechtsprechung des
Bundesgerichtes zum IVG, 3. Aufl. 2014, Art. 12 N 33, mit Hinweisen). Mit der bei der
fünften IVG-Revision eingeführten Beschränkung des Anspruchs auf medizinische
Massnahmen auf Versicherte, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben, ist
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dieser „altrechtliche Ausnahmefall“ zum „neurechtlichen Standardfall“ geworden, denn
nun können nur noch minderjährige oder gerade erst volljährig gewordene Versicherte
einen Anspruch auf eine Vergütung der Kosten einer auf die Eingliederung ins
Erwerbsleben gerichteten medizinischen Massnahme haben. Entscheidend ist
vorliegend also nur, ob der Abbruch der Behandlung die Gefahr einer Beeinträchtigung
der Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers in sich birgt, was ohne jeden Zweifel zu
bejahen ist. Der bisherige Verlauf zeigt ja gerade, dass der Beschwerdeführer in den
letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt hat, die er ohne die intensive Behandlung
sicherlich nicht in diesem Umfang hätte erzielen können. Würde die Behandlung nun
abgebrochen, so würde die weitere Entwicklung des Beschwerdeführers aller
Wahrscheinlichkeit nach einen erheblichen Knick erleiden, wodurch sich dessen
Eingliederungs- und Erwerbsfähigkeit wesentlich verschlechtern würde. Unabhängig
von der noch zu erwartenden Behandlungsdauer sind deshalb die Voraussetzungen für
die Vergütung der medizinischen Massnahmen durch die Beschwerdegegnerin gestützt
auf den Art. 12 IVG erfüllt.
3.2
3.2.1 Dagegen könnte eingewendet werden, dass der Beschwerdeführer aufgrund
seiner unterdurchschnittlichen Intelligenz später möglicherweise trotz medizinischer
Massnahmen nicht in der Lage sein könnte, einer ökonomisch relevanten
Erwerbstätigkeit nachzugehen, was bedeuten würde, dass medizinische Massnahmen
ohnehin nicht eingliederungswirksam sein könnten und dass deshalb zum Vorneherein
kein Anspruch auf die Vergütung der Kosten einer medizinischen Behandlung gestützt
auf den Art. 12 IVG bestehen könne. Das Bundesgericht hat beispielsweise im Fall
eines elfjährigen Jungen, der unter anderem an einem psychomotorischen
Entwicklungsrückstand gelitten hat, festgehalten, dass eine Eingliederung in den ersten
Arbeitsmarkt trotz der umstrittenen medizinischen Massnahmen nicht „überwiegend
wahrscheinlich“ sei, weshalb kein Anspruch auf eine Kostenvergütung gestützt auf den
Art. 12 IVG bestehe (Urteil des Bundesgerichtes 9C_842/2016 vom 27. April 2017, E.
5.2; vgl. dazu auch den Entscheid IV 2015/262 des St. Galler Versicherungsgerichtes
vom 14. November 2016). In einem anderen Fall, der ein zehnjähriges Mädchen mit
einem IQ von etwa 50 betroffen hatte, hat das Bundesgericht ebenfalls festgehalten,
dass eine Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt trotz medizinischen Massnahmen
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unwahrscheinlich sei (Urteil des Bundesgerichtes 8C_632/2017 vom 6. März 2018, E.
5.3.1; vgl. dazu auch den Entscheid IV 2016/43 des St. Galler Versicherungs¬gerichtes
vom 29. August 2017).
3.2.2 Gemäss der ständigen Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St.
Gallen ist allerdings vom Eingliederungszweck des Art. 12 IVG nicht nur die Fähigkeit
erfasst, im ersten („ungeschützten“) Arbeitsmarkt erwerbstätig sein zu können. Auch
eine Vorbereitung auf eine Tätigkeit in einem geschützten Rahmen gilt als eine
anspruchsbegründende Eingliederungsmassnahme (vgl. Art. 16 Abs. 2 lit. a IVG),
sofern die versicherte Person dabei einen relevanten ökonomischen Mehrwert
generieren kann (vgl. dazu bspw. AHI 2000 S. 187 ff.). Eine solche spätere ökonomisch
relevante Erwerbsfähigkeit kann nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden, da es dabei nicht um ein
Sachverhaltselement geht, das sich mittels einer Sachverhaltsabklärung ermitteln
liesse, sondern vielmehr um eine Prognose für die Zukunft, die naturgemäss nicht
beweisbar ist. Folglich kann in Bezug auf die spätere Erwerbsfähigkeit nur mit
Plausibilitäten operiert werden. Je jünger eine versicherte Person ist und je weiter eine
allfällige spätere Erwerbsfähigkeit in der Zukunft liegt, desto schwieriger ist es, eine
plausible Prognose abzugeben. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die ersten
Lebensjahre eines Menschen in aller Regel von einer stetigen Entwicklung geprägt
sind, was Prognosen über einen Zeitraum von vielen Jahren regelmässig
verunmöglicht. In Bezug auf Kinder wird es daher nur in wenigen Ausnahmefällen
möglich sein, eine spätere Eingliederungsunfähigkeit mit der notwendigen Plausibilität
zu prognostizieren. In aller Regel muss deshalb wohl bei (jüngeren) Kindern eine
objektive Beweislosigkeit angenommen werden. Den Nachteil dieser Beweislosigkeit
müssten an sich die Versicherten tragen, die aus der unbewiesen gebliebenen
Anspruchsvoraussetzung einen Vorteil für sich ableiten könnten (vgl. Art. 8 ZGB). Das
hätte aber zur Folge, dass die Anwendung des Art. 12 IVG auf wenige
Fallkonstellationen beschränkt würde. Dies liesse sich offenkundig nicht mit dem Sinn
und Zweck des Art. 12 IVG vereinbaren, der auf eine Optimierung der (späteren)
Erwerbsfähigkeit und damit auf eine Minimierung des Risikos, eine Rente auszahlen zu
müssen, abzielt. Jede durchgeführte Eingliederungsmassnahme leistet grundsätzlich
einen Beitrag zu dieser Optimierung; jede verweigerte Eingliederungsmassnahme
gefährdet eine spätere Erwerbsfähigkeit. Je früher eine Eingliederungsmassnahme
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durchgeführt wird, umso bessere Erfolge sind davon für die spätere Erwerbsfähigkeit
zu erwarten. Kurz vor dem Beginn einer allfälligen beruflichen Eingliederung dürfte von
medizinischen Massnahmen nämlich in aller Regel nicht mehr derselbe Erfolg wie von
frühzeitig begonnenen und dann über Jahre hinweg konsequent durchgeführten
medizinischen Massnahmen erwartet werden. Das spricht ebenfalls für die
Notwendigkeit, selbst bei einer unsicheren Prognose so früh als möglich mit
medizinischen Massnahmen zu beginnen. Angesichts des Umstandes, dass
Eingliederungsmassnahmen im Vergleich mit Rentenleistungen in aller Regel
wesentlich kostengünstiger sind, ist die Verweigerung einer Eingliederungsmassnahme,
die das Risiko einer späteren Rentenleistung erhöht, als unverhältnismässig zu
qualifizieren. Vor diesem Hintergrund drängt sich eine Umkehr der Beweislast auf:
Wenn nicht mit einer hohen Plausibilität feststeht, dass die versicherte Person später
selbst im besten Fall und trotz maximaler Unterstützung durch die
Invalidenversicherung kein ökonomisch relevantes Erwerbseinkommen wird erzielen
können (weshalb Eingliederungsmassnahmen zum Vorneherein ohne jeden Einfluss auf
einen späteren Rentenanspruch wären), muss gemäss der ständigen Praxis des
Versicherungs¬gerichtes des Kantons St. Gallen – dem Sinn und Zweck des Art. 12
IVG entsprechend – ein Anspruch auf eine medizinische Eingliederungsmassnahme
bejaht werden (sofern auch die übrigen Voraussetzungen erfüllt sind).
3.2.3 Das Bundesgericht hat diese Praxis des Versicherungsgerichtes des Kantons St.
Gallen in einem neuen Urteil, das ein elfjähriges Mädchen mit (unter anderem) einem
erheblichen Entwicklungsrückstand betroffen hat, als bundesrechtswidrig bezeichnet
(Urteil 9C_677/2017 vom 8. Juni 2018, E. 4.1). Es hat in jenem konkreten Fall aber nicht
seine bisherige, in der obigen E. 3.2.1 dargestellte Rechtsprechung angewendet,
sondern eine neue Praxis begründet respektive an eine frühere Praxis wieder
angeknüpft (vgl. das Urteil des Bundesgerichtes I 408/06 vom 15. März 2007, E. 4.2,
mit Hinweisen): Es hat zunächst festgehalten, dass ein für die Anwendung des Art. 12
IVG massgebender Eingliederungserfolg nicht nur dann zu erwarten sei, wenn das
versicherte Kind später mit hinreichender Plausibilität eine Tätigkeit im ersten
(ungeschützten) Arbeitsmarkt werde ausüben können, sondern dass eine im Sinne des
Art. 12 IVG günstige Prognose bereits dann vorliege, wenn das versicherte Kind später
mit hinreichender Plausibilität im geschützten Rahmen ein Einkommen von „einigen
hundert Franken (und nicht bloss ein ‚Nulleinkommen‘) erwirtschaften“ könne (Urteil
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9C_677/2017 vom 8. Juni 2018, E. 4.3). Damit hat es – soweit überblickbar – erstmals
seit langem (und im Ergebnis in Übereinstimmung mit der ständigen Praxis des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen; vgl. E. 3.2.2 oben) wieder explizit eine
Eingliederung in eine geschützte Tätigkeit als einen relevanten Eingliederungserfolg im
Sinne des Art. 12 IVG qualifiziert. Zusätzlich hat das Bundesgericht entgegen seiner in
der obigen E. 3.2.1 dargestellten Praxis nicht geprüft, ob ein solcher
Eingliederungserfolg „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ zu erwarten sei.
Stattdessen hat es festgehalten: „Die Abklärungen und Ausführungen der
Beschwerdeführerin geben keinen Anhalt, dass die Versicherte später nur eine reine
Beschäftigungstherapie ohne Erzielung eines im hiesigen Kontext relevanten
Einkommens ausüben wird können“ (Urteil 9C_677/2017 vom 8. Juni 2018, E. 4.3).
Damit hat es nicht geprüft, ob ausreichend „positive“ Anhaltspunkte für einen späteren
Eingliederungserfolg vorlägen, sondern vielmehr, ob „negative“ Anhaltspunkte
vorhanden seien, die gegen einen späteren Eingliederungserfolg sprächen. Das
entspricht im Ergebnis genau der (vom Bundesgericht allerdings als
bundesgesetzwidrig bezeichneten) ständigen Praxis des Versicherungsgerichtes des
Kantons St. Gallen, wie sie in der obigen E. 3.2.2 dargestellt worden ist: Entscheidend
ist, ob im Einzelfall genügend Anhaltspunkte vorliegen, die gegen einen späteren
Eingliederungserfolg sprechen, um einen späteren Eingliederungserfolg als implausibel
erscheinen zu lassen; wo das nicht der Fall ist, darf die Vergütung der Kosten für
medizinische Massnahmen gestützt auf den Art. 12 IVG nicht verweigert werden.
3.2.4 Vorliegend ist mit Blick auf die neue bundesgerichtliche Rechtsprechung also
entscheidend, ob Anhaltspunkte vorliegen, die selbst eine spätere Eingliederung des
Beschwerdeführers im geschützten Rahmen als implausibel erscheinen lassen. Das ist
nicht der Fall: Der Beschwerdeführer ist im Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen
Verfügung erst acht Jahre alt gewesen; seine nonverbalen kognitiven Fähigkeiten
haben gemäss dem ausführlichen Bericht von Dr. B._ im durchschnittlichen Rahmen
gelegen; die Sachverständigen Dr. H._ und lic. phil. I._ haben einen nur leicht
unterdurchschnittlichen Gesamt-IQ von 81 ermittelt, wobei allerdings die Auswirkungen
der im Vordergrund stehenden Sprachentwicklungsstörung bereits berücksichtigt
gewesen sind; laut Dr. H._ und lic. phil. I._ hat sogar lediglich noch ein Status nach
einem schweren Sprachentwicklungsrückstand vorgelegen. Vor diesem Hintergrund
kann nicht mit der erforderlichen Plausibilität angenommen werden, dass der
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Beschwerdeführer später selbst im geschützten Rahmen kein nennenswertes
Erwerbseinkommen werde erzielen können. Folglich fällt eine Verweigerung einer
Kostenvergütung für die medizinischen Massnahmen gestützt auf den Art. 12 IVG nicht
in Betracht. Die zweite Verfügung, mit der die Beschwerdegegnerin eine
Leistungspflicht gestützt auf den Art. 12 IVG verneint hat, ist folglich aufzuheben und
durch die Feststellung zu ersetzen, dass der Beschwerdeführer gestützt auf den Art. 12
IVG einen Anspruch auf die Vergütung der Kosten der medizinischen Behandlung (insb.
Logopädie, allfällige heilpädagogische Früherziehung sowie Behandlung der Enuresis
und der Enkopresis; vgl. IV-act. 68–2) durch die Invalidenversicherung hat. Die Sache
ist zur Ausrichtung der notwendigen medizinischen Massnahmen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
4.1 Im Verfahrensteil betreffend die sich auf den Art. 13 IVG und die Ziff. 405 Anh. GgV
beziehende Verfügung unterliegt der Beschwerdeführer. An sich müsste er deshalb
verpflichtet werden, die auf diesen Teil des Verfahrens entfallenden Gerichtskosten von
300 Franken zu bezahlen. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung
wird er von dieser Pflicht befreit. Da ihm auch die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
bewilligt worden ist, hat der Staat seiner Rechtsvertreterin eine entsprechende
Entschädigung auszurichten. Der erforderliche Vertretungsaufwand ist insgesamt als
leicht unterdurchschnittlich zu qualifizieren, da der Aktenumfang gering ist. Gesamthaft
wäre eine Parteientschädigung folglich praxisgemäss auf 2’500 Franken festzusetzen.
Davon entfällt ein höherer Anteil auf die Verfügung vom 28. Juli 2017 betreffend die
Verneinung eines Geburtsgebrechens. Dieser Anteil ist auf 70 Prozent zu schätzen. Im
Rahmen einer unentgeltlichen Rechtsverbeiständung werden nur 80 Prozent des
erforderlichen Vertretungsaufwandes entschädigt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Der Staat hat
die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers folglich mit 1’400 Franken (= 2’500
Franken × 70% × 80%) zu entschädigen. Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse
dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur Nachzahlung der Gerichtskosten
und zur Rückerstattung der Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123
ZPO).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
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St.Galler Gerichte
4.2 Im Verfahrensteil betreffend die sich auf den Art. 12 IVG beziehende Verfügung
vom 28. Juli 2017 obsiegt der Beschwerdeführer. Die auf diesen Teil des Verfahrens
entfallenden Gerichtskosten von 300 Franken sind deshalb der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Diese hat den Beschwerdeführer mit 750 Franken (= 2‘500 Franken ×
30%) zu entschädigen.