Decision ID: 785d71a8-ebae-4886-95c0-a06d93dbde94
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend "beschwerdeführende Person", da sie sich als
transidente Person versteht; vgl. hierzu auch E. 3) suchte am 26. Oktober
2015 im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in
B._ um Asyl nach. Am 12. November 2015 wurde sie zu ihrer Per-
son, zu ihrem Reiseweg und summarisch zu ihren Asylgründen befragt
(Befragung zur Person [BZP]). Am 17. Juli 2017 hörte sie das SEM aus-
führlich zu ihren Asylgründen an.
B.
Zu ihrem persönlichen Hintergrund sowie zur Begründung ihres Asylge-
suchs brachte die beschwerdeführende Person im Wesentlichen vor, sie
sei syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie und stamme aus
C._. Nach Erlangen der Maturität habe sie in D._ ein drei-
jähriges Musikstudium absolviert. Beruflich tätig gewesen sei sie als private
Lehrperson für Musik und in einem Bekleidungsgeschäft.
Zur Ausreise entschlossen habe sie sich aufgrund der allgemeinen Kriegs-
lage in Syrien. Zudem habe sie einige Male an politischen Demonstratio-
nen teilgenommen und die Zwangsrekrutierung durch die YPG/Apuchis ge-
fürchtet. Da mehrere ihrer Neffen Refraktäre respektive Deserteure seien,
hätten die syrischen Behörden sie und ihre Familie mehrmals behelligt. Da
die männlichen Verwandten befürchtet hätten, in den Militärdienst eingezo-
gen zu werden, sei ihre ganze Familie ausgereist und sie (die beschwer-
deführende Person) sei alleine in Syrien zurückgeblieben. Daraufhin sei
sie von den heimatlichen Behörden wiederholt nach dem Verbleib ihrer Fa-
milie befragt worden. Dabei sei sie sexuell belästigt und aufgrund ihrer se-
xuellen Orientierung – sie sei lesbisch und habe eine heimliche Beziehung
mit einer Frau geführt – beleidigt worden. Ohnehin sei die beschwerdefüh-
rende Person aufgrund ihrer Homosexualität in Syrien einer Vielzahl von
Nachteilen ausgesetzt gewesen. Ihre Geschwister hätten sie aufgrund ih-
res Wunsches sich maskulin zu kleiden und ihrer Weigerung einen Mann
zu heiraten ständig herabgesetzt, beleidigt und körperlich misshandelt. Aus
Syrien ausgereist sei sie am 3. Oktober 2015 und über die Türkei und Grie-
chenland am 15. Oktober 2015 illegal in die Schweiz gelangt.
C.
Mit Verfügung vom 5. Februar 2019 – eröffnet am 7. Februar 2019 – stellte
das SEM fest, die beschwerdeführende Person erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung
D-1219/2019
Seite 3
aus der Schweiz. Gleichzeitig ordnete es infolge Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an.
D.
Mit Eingabe vom 11. März 2019 erhob die beschwerdeführende Person
durch ihre Rechtsvertreterin gegen die vorinstanzliche Verfügung Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragte die Aufhebung
der Dispositivziffern 1–3 der angefochtenen Verfügung, die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung. Eventualiter sei die Sa-
che an die Vorinstanz zurückzuweisen, subeventualiter sei die Unzulässig-
keit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. In prozessualer Hinsicht er-
suchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und die un-
entgeltliche Verbeiständung durch die rubrizierte Rechtsvertreterin. Zudem
seien die Dossiers ihrer Neffen (ZEMIS-Nr. [...] und [...] respektive N [...])
beizuziehen.
Der Beschwerde lagen unter anderem ein Arztbericht von Dr. med. univ.
E._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (FMH), Psychiat-
rische Dienste F._ , vom 7. März 2019, Fotografien der Aufenthalts-
bewilligungen der beiden Neffen (N [...]), der Ausdruck einer E-Mail zwi-
schen Frau G._ und Rechtsanwalt H._ vom 14. Juli 2017
respektive 16. Juli 2017, diverse Unterstützungsschreiben von Privatper-
sonen (teilweise mit Fotografien) sowie mehrere Berichte internationaler
Organisationen bei.
E.
Mit Eingabe vom 30. April 2019 reichte die beschwerdeführende Person
ein Schreiben des Kantonalen Sozialdienstes des Kantons F._ vom
10. April 2019 zu den Akten.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Mai 2019 hiess der Instruktionsrichter die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses und ordnete der beschwerdeführenden Person
antragsgemäss ihre Rechtsvertreterin amtlich bei.
G.
Am 19. Juni 2019 liess sich die Vorinstanz zur Beschwerde vernehmen.
D-1219/2019
Seite 4
H.
Die beschwerdeführende Person liess mit Eingabe vom 24. Juni 2019 ei-
nen ärztlichen Bericht von Dr. med. I._, Plastische Chirurgin FMH,
vom 12. Juni 2019 zu den Akten reichen.
I.
Mit Eingabe vom 12. August 2019 replizierte die beschwerdeführende Per-
son zur Vernehmlassung der Vorinstanz vom 19. Juni 2019 und reichte ei-
nen ärztlichen Bericht von Dr. med. univ. E._, Facharzt für Psychi-
atrie und Psychotherapie (FMH), Psychiatrische Dienste F._, vom
9. Juli 2019 sowie diverse weitere Berichte internationaler Organisationen
zu den Akten.
J.
Mit Eingabe vom 17. Februar 2020 respektive 22. Juni 2020 reichte die be-
schwerdeführende Person eine Kostengutsprache der J._ Versi-
cherung für eine beidseitige Mastektomie sowie den diesbezüglichen Ope-
rationsbericht von Dr. med. I._ vom 11. Juni 2020 zu den Akten.
K.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Juli 2020 lud der Instruktionsrichter die
Vorinstanz zur Duplik ein.
L.
Am 18. September 2020 liess sich die Vorinstanz zur Replik vom 12. Au-
gust 2019 vernehmen. Dazu nahm die Rechtsvertreterin der beschwerde-
führenden Person mit Eingabe vom 26. Oktober 2020 Stellung und bean-
tragte, A._ sei im Beschwerdeverfahren geschlechtsneutral als
«beschwerdeführende Person» zu bezeichnen. Der Eingabe beigelegt wa-
ren ein Bericht von Transgender Network Switzerland (TGNS) vom 26. Ok-
tober 2020, ein Bestätigungsschreiben von Queeramnesty, Amnesty Inter-
national vom 21. Oktober 2020, diverse Fotografien sowie diverse weitere
Berichte internationaler Organisationen.
M.
Mit Eingabe vom 3. November 2021 ersuchte die beschwerdeführende
Person das Gericht um prioritäre Behandlung des vorliegenden Beschwer-
deverfahrens und reichte einen ärztlichen Bericht von Dr. med. L._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 30. Oktober 2021 so-
wie einen Bericht des UNHCR vom März 2021 zu den Akten.
D-1219/2019
Seite 5
N.
Die Verfahrensstandsanfrage der rubrizierten Rechtsvertreterin vom
31. März 2022 beantwortete der Instruktionsrichter am 4. April 2022.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die beschwerdeführende Person ist als
Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG).
Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist – unter Vorbe-
halt der nachstehenden Erwägung – einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG
und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.3 Aufgrund der alternativen Natur der Vollzugshindernisse mangelt es bei
festgestellter Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs der (zusätzli-
chen) Feststellung der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs an einem
schützenswerten Interesse (vgl. Urteil des BVGer D-2033/2014 vom
E. 1.2). Auf das entsprechende Rechtsbegehren ist demnach nicht einzu-
treten. Aufgrund des Verfahrensausgangs wird die Frage aber ohnehin ge-
genstandslos.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Am 1. Januar 2022 sind eine Änderung des Zivilgesetzbuches (ZGB,
SR 210) und die damit verbundenen Anpassungen der Zivilstandsverord-
nung (ZStV, SR 211.112.2) in Kraft getreten. Seither ist es jeder Person,
die innerlich fest davon überzeugt ist, nicht dem eingetragenen Geschlecht
zuzugehören, möglich, diesen Eintrag im Personenstandsregister ändern
zu lassen (vgl. Art. 30b Abs. 1 ZGB). Die Änderung des Geschlechts ist
D-1219/2019
Seite 6
dabei an keine Vorbedingungen geknüpft, wie beispielsweise die Vor-
nahme chirurgischer Eingriffe (vgl. BBl 2020 799, 836) und ist auch aus-
ländischen Staatsangehörigen möglich. Da im Schweizer Recht weiterhin
an einem binären Geschlechtsmodell (männlich/weiblich) festgehalten wird
(vgl. BBl 2020 799, 814), ist die Wahl einer dritten Geschlechtskategorie
nicht möglich.
3.2 Im Laufe des vorliegenden Verfahrens ersuchte A._, die als
Frau erfasst worden ist, das Gericht mehrfach darum, als «Beschwerde-
führer» und damit Person männlichen Geschlechts bezeichnet zu werden.
Da den Akten bis zum Urteilszeitpunkt jedoch keine offizielle Änderung des
eingetragenen Geschlechts zu entnehmen ist, kann A._ auch im
Beschwerdeverfahren die männliche Geschlechtsidentität nicht zuerkannt
werden. Das Gericht bezeichnet A._ jedoch antragsgemäss ge-
schlechtsneutral als «beschwerdeführende Person».
4.
4.1 In der Beschwerde wird die Verletzung des rechtlichen Gehörs sowie
eine unrichtige Sachverhaltsfeststellung gerügt; diese Rügen sind vorab zu
beurteilen, da sie gegebenenfalls geeignet sind, die Kassation der vor-
instanzlichen Verfügung zu bewirken. So rügt die beschwerdeführende
Person, mangels einer fachgerechten Anhörung, habe sie ihren Flucht-
grund der Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung nicht darlegen
können. Da damit eine geschlechtsspezifische Verfolgung geltend ge-
macht werde, habe die Anhörung durch ein gleichgeschlechtliches Anhö-
rungsteam zu erfolgen, wobei es der anzuhörenden Person freistehe, ein
rein weibliches oder rein männliches Team zu wählen. Zudem sei die be-
fragende Person vorliegend nicht speziell auf eine Anhörung zu einer Ver-
folgung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität
(«SOGI») vorbereitet gewesen.
4.2
4.2.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be-
hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat
(vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.). Die unrichtige oder unvollständige
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts bildet somit einen Be-
schwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist sie, wenn der
D-1219/2019
Seite 7
Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird
oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn
nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksich-
tigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Ver-
waltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043; statt vieler: Ur-
teil des BVGer E-3615/2020 vom 18. Mai 2021 E. 3.2.3).
4.2.2 Gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 6 AsylV 1 (SR 142.311) wird
die asylsuchende Person von einer Person gleichen Geschlechts befragt,
wenn konkrete Hinweise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen.
Geschlechtsspezifisch ist die Verfolgung dann, wenn sie in der Form sexu-
eller Gewalt stattfindet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen soll
(vgl. BVGE 2015/42 E. 5.2 m.w.H.). Art. 6 AsylV 1 ist eine Ausgestaltung
des rechtlichen Gehörs, mithin eine Schutzvorschrift, deren Zweck es ist,
asylsuchenden Personen zu ermöglichen, ihre Vorbringen angemessen
vorzutragen. Gleichzeitig dient sie dazu, die Richtigkeit der Sachverhalts-
abklärung zu gewährleisten. Da diese Schutzvorschrift nicht bloss ein
Recht der asylsuchenden Person beinhaltet, sondern die Behörde dazu
verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzugehen, sobald entspre-
chende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzuwenden. Jedoch
kann ein Verzicht auf dieses Recht dann angenommen werden, wenn ein
solcher ausdrücklich erklärt wird (vgl. Urteil des BVGer E-6531/2018 vom
15. Juni 2020 E. 6.1 m.w.H.).
4.3 Noch bevor sich die beschwerdeführende Person im Rahmen der An-
hörung zu ihrer Homosexualität äusserte, wurde sie als registrierte Frau
sowohl durch die sie anhörende Person als auch die Hilfswerksvertreterin
auf ihr Recht, durch ein reines Frauenteam angehört zu werden, hingewie-
sen (vgl. A25/22 F5, F7). Eine weitere Rechtsbelehrung folgte auf das Vor-
bringen der Homosexualität und die geltend gemachte sexuelle Belästi-
gung durch die heimatlichen Behörden (vgl. A25/22 F41). Hinweise auf ein
allenfalls eingeschränktes Verständnis dieses Rechts seitens der be-
schwerdeführenden Person lassen sich den Akten nicht entnehmen. Dar-
über hinaus ist denn auch ihre Reaktion auf die vorstehenden Rechtsbe-
lehrungen – ein gemischtes Team spiele «keine Rolle» und sei «kein Prob-
lem» (vgl. A25/2 F5, F7, F41) – klar als Verzicht zu werten. Zwar trifft es
zu, dass ihr verbunden mit dem Hinweis auf ihr Recht (lediglich) ein Frau-
enteam in Aussicht gestellt wurde, doch gab es für die Vorinstanz keinen
Anlass, davon auszugehen, es handle sich bei der beschwerdeführenden
Person um eine transsexuelle Person, welche allenfalls ein reines Männer-
team bevorzugen könnte. Entgegen der Beschwerdeschrift konnte vom
D-1219/2019
Seite 8
SEM nicht erwartet werden, insbesondere nachdem in der BzP unbestrit-
tenermassen nichts auf eine geschlechtsspezifische Verfolgung hindeu-
tete, bei einer sich selbst als (lesbische) Frau bezeichnenden Person auf-
grund eines allenfalls maskulinen respektive androgynen Äusseren auf
eine Transidentität zu schliessen. Weiter ist den Akten zu entnehmen, dass
sie sich vor der Anhörung Dritten anvertraut hat, welche wiederum ihren
damaligen Rechtsvertreter über ihre Homosexualität orientiert hatten
(vgl. Beschwerdebeilage 16). Es ist somit auch davon auszugehen, dass
die beschwerdeführende Person bereits vor der Anhörung eingehend über
ihre diesbezüglichen Rechte informiert war und sie – sofern sie ein gleich-
geschlechtliches Anhörungsteam bevorzugt hätte – spätestens im Anhö-
rungszeitpunkt ein ebensolches hätte verlangen können. Die Vorinstanz
musste sich demnach nicht veranlasst sehen, die Anhörung nach Offenle-
gung der Homosexualität abzubrechen. Ebenso wenig zu überzeugen ver-
mag das Vorbringen in der Beschwerdeschrift, die befragende Person sei
nicht auf eine Anhörung zu einer «SOGI-Verfolgung» vorbereitet gewesen,
weshalb die Befragung nicht sachgerecht durchgeführt worden sei und sich
die beschwerdeführende Person nicht als transsexueller Mensch habe
«outen» können, zumal in der Beschwerdeschrift eingestanden wird, im
Anhörungszeitpunkt habe sie ihre Transidentität verbal noch gar nicht zum
Ausdruck bringen können (vgl. Beschwerde S. 19).
4.4 Die formellen Rügen erweisen sich demnach als unbegründet und es
besteht keine Veranlassung, die Verfügung aus formellen Gründen aufzu-
heben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der entspre-
chende Eventualantrag ist abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
D-1219/2019
Seite 9
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Ihren ablehnenden Entscheid begründet die Vorinstanz im Wesentli-
chen damit, dass nicht nachvollziehbar sei, warum die beschwerdefüh-
rende Person im erstinstanzlichen Verfahren unterschiedliche Asylgründe
geltend gemacht habe. So habe sie zunächst ihr Asylgesuch ausschliess-
lich mit der allgemeinen Kriegslage in Syrien und einer möglichen Zwangs-
rekrutierung begründet. In der Anhörung habe sie sodann zusätzlich eine
Reflexverfolgung aufgrund der Desertion ihrer Verwandten vorgebracht.
Ebenso als nachgeschoben und somit unglaubhaft zu qualifizieren sei ihr
erstmals im Rahmen der Anhörung geltend gemachtes Vorbringen, sie (die
beschwerdeführende Person) sei homosexuell, weshalb sie in Syrien be-
ruflichen und familiären Problemen sowie Belästigungen durch die heimat-
lichen Sicherheitskräfte ausgesetzt gewesen sei. Diesbezüglich ergäben
sich ohnehin Ungereimtheiten, habe sie doch aufgrund ihrer sexuellen Ori-
entierung familiäre Spannungen geltend gemacht, dann jedoch ein Gesuch
um Kantonswechsel mit der Möglichkeit der Unterstützung durch ihren Bru-
der begründet. Auch mangle es zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
vorliegend an einer konkreten, objektiv begründeten subjektiven Furcht, ei-
ner flüchtlingsrelevanten Benachteiligung. Weder hätten konkrete Nach-
teile durch die syrischen Behörden glaubhaft gemacht werden können,
noch lägen Hinweise darauf vor, die heimatlichen Behörden hätten über-
haupt Kenntnis von der angeblichen Homosexualität gehabt oder in abseh-
barer Zeit davon erfahren können. Die in diesem Zusammenhang behaup-
tete Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt sei aufgrund ihres Intensitäts-
grades ohnehin nicht geeignet, eine asylrelevante Verfolgungslage zu be-
gründen. Gleiches gelte für ihre vereinzelte Teilnahme an regimekritischen
Demonstrationen und Märtyrerbegräbnissen, da sie bislang zu keinerlei
behördlicher Verfolgung in Syrien geführt hätten.
6.2 Die beschwerdeführende Person hält dem in der Rechtsmitteleingabe
im Wesentlichen entgegen, die Vorinstanz sei zu Unrecht davon ausgegan-
gen, ihre Vorbingen zu ihrer sexuellen Orientierung und der damit verbun-
denen Bedrohung durch die heimatlichen Behörden sowie die Schikannen
durch die Geschwister seien unglaubhaft. Erst kurz vor der Anhörung habe
sie den Mut gefunden, sich Dritten anzuvertrauen, welche die damalige
D-1219/2019
Seite 10
Rechtsvertretung über ihre Homosexualität in Kenntnis gesetzt hätten. Da-
raufhin habe sie an der Anhörung die geschlechtsspezifische Verfolgung
realitätsnah geschildert, im Zuge derer ihr in Syrien strafrechtliche Sankti-
onen sowie ein unerträglicher psychischer Druck drohten. Ebenso wenig
nachgeschoben sei die vorgebrachte Reflexverfolgung aufgrund ihrer Nef-
fen, welche Wehrdienstverweigerer (M._, N [...]) respektive Militär-
deserteure (N._, N [...]) seien.
6.3 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz an ihren Erwägungen fest
und führt ergänzend aus, es lägen weiterhin keine konkreten Hinweise da-
für vor, sie sei in Syrien aufgrund ihrer sexuellen Orientierung einer asylre-
levanten Verfolgung ausgesetzt gewesen. Ohnehin sei davon auszugehen,
die beschwerdeführende Person habe sich noch gar nicht definitiv zur mitt-
lerweile geltend gemachten Geschlechtsanpassung entschieden, da nicht
klar sei, ob sie nebst der nunmehr (bevorstehenden) Mastektomie weitere
körperliche Geschlechtsanpassungen plane. Vor diesem Hintergrund fehl-
ten denn auch ausreichend konkrete Hinweise für die diesbezüglich gel-
tend gemachte Furcht vor einer asylrelevanten Verfolgung in Syrien und
somit für Nachfluchtgründe.
6.4 Die beschwerdeführende Person repliziert dazu, die Vorinstanz miss-
verstehe ihre Transidentität, wenn sie davon ausgehe, nach Vornahme der
geplanten medizinischen Geschlechtsangleichung in der Schweiz lägen
subjektive Nachfluchtgründe vor. Die Fluchtgründe stützten sich sowohl vor
als auch nach einer Geschlechtsangleichung auf ihre tief empfundene Ge-
schlechtsidentität, welche sich bereits in jungen Jahren und somit vor der
Flucht manifestiert habe. In Syrien bestehe für Personen der LGBT-Grup-
pierungen (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) bei Entdeckung
die Gefahr sowohl von staatlicher als auch privater Seite denunziert und
sanktioniert zu werden. Das mit ihrer Geschlechtsidentität beziehungs-
weise Homosexualität verbundene Diskretionserfordernis sei als ein uner-
träglicher psychischer Druck zu qualifizieren. Sie zähle als Transmann, der
an Frauen interessiert sei sowohl zur sozialen Gruppe der Transmenschen
als auch zu derjenigen der homosexuellen Frauen, womit sie in Syrien klar
mit gezielter Verfolgung zu rechnen habe.
6.5 Auch in ihrer Duplik hält die Vorinstanz an ihren Erwägungen fest und
führt ergänzend aus, die im Zusammenhang mit ihrer Homosexualität gel-
tend gemachte Vorbringen von Beschimpfungen und Schikanen durch ihre
Geschwister sei weiterhin mit Zweifeln behaftet und die Beschimpfungen
D-1219/2019
Seite 11
vermöchten in ihrer Art und Intensität keine relevante Verfolgungslage dar-
zustellen. Gleiches gelte für den durch die Familie auf sie ausgeübten und
im syrischen Kontext gut möglichen Druck, endlich zu heiraten. Zudem lä-
gen keine ausreichend konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass ihr Outing
in der Schweiz als Transmann zu einer relevanten Verfolgung in Syrien
führe. Die mittlerweile durchgeführte Mastektomie vermöge sie nicht öffent-
lich als Transmann zu exponieren, könne sie doch durch Kleidung verbor-
gen oder als Folgen einer (angeblichen) Krebserkrankung getarnt werden.
6.6 In der Triplik führt die beschwerdeführende Person aus, die sexuelle
Orientierung und wohl auch die Geschlechtsidentität stelle einen so grund-
legenden Aspekt der Identität dar, dass die von der Vorinstanz verlangte
Diskretion undenkbar sei. Durch ihr androgynes Erscheinungsbild und ih-
ren ledigen Zivilstand bestehe ohnehin eine erhebliche Entdeckungsge-
fahr. Eine Angleichung an die seit Kindheit bestehende Geschlechtsidenti-
tät – einen der grundlegendsten Aspekte des menschlichen Seins – quali-
fiziere denn auch nicht als ein Verhalten nach der Ausreise. Auch gehe die
Vorinstanz zu Unrecht davon aus, es lebten keine Familienangehörigen
mehr in Syrien, von welchen eine Gefahr ausgehe; denn eine Schwester
sowie ein Bruder seien mittlerweile wieder in den Heimatstaat zurückge-
kehrt. Zudem wüssten die Familienangehörigen durchaus von ihrer
Mastektomie und würden diese sowie ihr androgynes Erscheinungsbild ab-
lehnen.
7.
7.1 Die beschwerdeführende Person begründet ihr Asylgesuch mehrheit-
lich mit einem Verfolgungsmotiv aufgrund der Homosexualität respektive
ihrer Transidentität und konzentriert ihre Argumentation im Beschwerde-
verfahren überwiegend auf diese Vorbringen. Angesichts der folgenden
Ausführungen und des Verfahrensausgangs kann auf eine ausführliche
Prüfung ihrer weiteren Vorbringen verzichtet werden. Die diesbezüglichen
Ausführungen in der angefochtenen Verfügung sind (nach einer summari-
schen Prüfung) denn auch nicht zu beanstanden, zumal es einer Zwangs-
rekrutierung durch die YPG rechtsprechungsgemäss an einem Verfol-
gungsmotiv mangelt, sie in den durch das Gericht beigezogenen Akten ih-
rer (angeblichen) Neffen (N [...] und N [...]) in keiner Weise Erwähnung
findet und sie auf Beschwerdeebene (sinngemäss) eingesteht, ihre (an-
gebliche) Teilnahme an Demonstrationen und Märtyrerbegräbnissen sei
unbemerkt und ohne Konsequenzen geblieben (vgl. Beschwerde S. 9).
D-1219/2019
Seite 12
7.2 Aufgrund der Aktenlage und der zahlreich eingereichten Beweismittel
bestehen im vorliegenden Fall keine Zweifel an der primär geltend gemach-
ten Homosexualität respektive der seit frühester Kindheit bestehenden Ge-
schlechtsinkongruenz mit Transsexualismus. Die ins Recht gelegten fach-
ärztlichen Berichte (vgl. beispielsweise Beschwerdebeilage 3; Replikbei-
lage 22; Kostengutsprache der J._ Versicherung für eine geplante
Mastektomie vom 6. Februar 2020; Operationsbericht von Dr. med.
I._, Plastische Chirurgin FMH, vom 11. Juni 2020; Fachärztliche
Stellungnahme von Dr. med. L._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 30. Oktober 2021) bestätigen, dass bei der be-
schwerdeführenden Person eine Transidentität vorliegt; die Diagnose Gen-
derdysphorie nach DSM-5:302.85 ist gesichert. Mit dem Begriff Gender-
dysphorie wird denn auf das Diagnostic and Statistical Manual of Mental
Disorders (DSM-5) der American Psychiatric Association Bezug genom-
men. Genderdysphorie wird dabei verstanden als ausgeprägte Inkongru-
enz zwischen erlebter/erfahrener und (bei Geburt) zugeschriebener Ge-
schlechtsidentität. Der Zustand ist verknüpft mit klinisch relevantem Leiden
oder Beeinträchtigung im sozialen, in beruflichen oder in anderen wichtigen
Funktionsbereichen oder der Zustand ist mit einer deutlich erhöhten Wahr-
scheinlichkeit verbunden, ein solches Leiden bzw. eine solche Beeinträch-
tigung hervorzurufen (vgl. dazu auch DAVID GARCIA et al., Von der Trans-
sexualität zur Gender-Dysphorie, Beratungs- und Behandlungsempfehlun-
gen bei TransPersonen, Schweiz Med Forum 2014, S. 382 ff.). Das andere
massgebende Klassifikationssystem der Krankheiten, die Internationale
statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheits-
probleme (ICD) der Weltgesundheitsorganisation WHO, verwendet in sei-
ner 10. Ausgabe (ICD-10) noch die Diagnose «Transsexualismus», ersetzt
diese aber in der im Jahr 2022 erscheinenden 11. Ausgabe (ICD-11) durch
den weniger stark pathologisierenden Begriff «gender incongruence»
(vgl. MICHELLE COTTIER , Entscheidbesprechungen: Bezirksgericht Einsie-
deln, Entscheid ZES 2019 016 vom 19. Juni 2019, Änderung von Ge-
schlecht und Vornamen bei urteilsfähigen Minderjährigen (unpubliziert),
AJP 2020 S. 942 ff., 942).
Ohnehin vermochte die beschwerdeführende Person nachvollziehbar dar-
zulegen, dass sie erst nachdem sie in der Schweiz mit der «Queer Com-
munity» in Kontakt getreten war, den nötigen Mut gefunden habe, offen
über diese Themen zu sprechen, weshalb sie ihre Homosexualität anläss-
lich der BzP nicht vorgebracht habe (vgl. A25/22 F38, Beschwerde S. 8 ff.).
Ebenso nachvollziehbar erscheint das Vorbringen, seit frühester Kindheit
D-1219/2019
Seite 13
habe sie sich dem männlichen Geschlecht zugehörig gefühlt und sich ent-
sprechend kleiden wollen (vgl. A25/2 F38). Ausdruck habe sie ihrer Transi-
dentität jedoch erst nach der Ausreise verleihen können und die in der
Schweiz durchgeführte Mastektomie sei lediglich eine Angleichung an die
bereits vorbestehende Realität gewesen (vgl. Fachärztliche Stellung-
nahme von Dr. med. L._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychothe-
rapie, vom 30. Oktober 2021). Der Vollständigkeit halber ist denn auch fest-
zuhalten, dass wohl nicht davon auszugehen ist, die J._ Versiche-
rung hätte der Übernahme der Kosten des Eingriffs zur Geschlechtsanglei-
chung ohne weiteres zugestimmt (vgl. Kostengutsprache der J._
Versicherung vom 6. Februar 2020), sofern an der Diagnose der vorbeste-
henden Genderdysphorie mit Transitionswunsch Zweifel bestanden hätten.
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz ist somit grundsätzlich von der
Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Homosexualität respektive Transi-
dentität auszugehen. Ob es sich bei der beschwerdeführenden Person
letztlich – wie sie dies im Anhörungszeitpunkt geltend machte – um eine
homosexuelle Frau oder – wie sie dies im Laufe des Beschwerdeverfah-
rens geltend machte – um einen sogenannten heterosexuellen Transmann
handelt, kann in Anbetracht der nachstehenden Ausführungen und des
Verfahrensausgangs offen bleiben.
8.
8.1 Zunächst ist in allgemeiner Hinsicht festzustellen, dass die sexuelle
Orientierung sowie die Geschlechtsidentität als wesentliche Teile der
menschlichen Identität gelten, weshalb diesbezüglich das Verfolgungsmo-
tiv der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe gemäss Art. 3
AsylG vorliegt (vgl. Referenzurteil des BVGer D-6539/2018 vom 2. April
2019 E. 7.2 m.w.H. sowie E-3455/2020 vom 17. August 2021 E. 6.1).
In Syrien ist «widernatürlicher Geschlechtsverkehr» gemäss Art. 520 des
syrischen Strafgesetzbuches verboten und wird mit bis zu drei Jahren Haft
bestraft. Diese Gesetzesbestimmung, die geschlechtsneutral formuliert ist,
erfasst gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen, selbst wenn diese im
Privatbereich erfolgen (vgl. hierzu beispielsweise Urteile des BVGer D-
1648/2018 vom 17. Dezember 2020 E. 8.3 m.H.a. E-6768/2018 vom
20. März 2020 E. 5.5.2). Die Rechtspraxis ist indessen unklar und aus den
letzten Jahren sind keine konkreten Fälle von Verurteilungen basierend auf
dieser Strafbestimmung belegt, doch laufen Angehörige der LGBT-Grup-
pierungen Gefahr, basierend auf vagen Anschuldigungen, wie des «Miss-
brauchs sozialer Werte», verfolgt zu werden. Der bewaffnete Konflikt in Sy-
D-1219/2019
Seite 14
rien hat das bereits bestehende Diskriminierungsproblem zudem zusätz-
lich verschärft. LGBT-Personen werden nicht nur durch die Konfliktparteien
verfolgt, sondern sie erleben auch (sexuellen) Missbrauch und Ausbeutung
durch zahlreiche andere Akteure. Insbesondere extremistische bewaffnete
Gruppierungen gehen mit einem hohen Mass an Brutalität und Grausam-
keit gegen sie vor. Viele erfahren ausserdem Ablehnung in ihrer Familie
und der Gesellschaft. Diese äussert sich in Form von Ausgrenzung über
Gewalt bis hin zu Morddrohungen und sogenannten «Ehrverbrechen».
Nach dem Gesagten ist somit festzustellen, dass es in Syrien seit dem
Ausbruch des bewaffneten Konflikts nicht möglich ist, offen seine Ge-
schlechtsidentität zu leben (vgl. Urteil des BVGer D-672/2017 vom 12. Au-
gust 2020 E. 6.6 und D-2848/2018 vom 14. Dezember 2020 E. 5.2). Die
Bewilligung und Durchführung einer geschlechtsangleichenden Operation
sowie die offizielle Änderung des registrierten Geschlechts ist in Syrien
zwar möglich, setzt jedoch voraus, dass medizinisch attestiert wird, das
Geschlecht der betreffenden Person sei unklar respektive stehe aus biolo-
gischer/genetischer Sicht nicht fest. Geschlechtsangleichende Massnah-
men aus rein psychologischen Gründen oder gar dem Wunsch der Be-
troffenen sind nicht möglich (vgl. Center for Operational Analysis and Re-
search, 06.2021, LGBTQ+ Syrians: An Overlooked Minority Group – Gen-
der-Affirming Procedures, https://coar-global.org/2021/06/22/lgbtq-syria-
experiences-challenges-and-priorities-for-the-aid-sector/, abgerufen am
10. Juni 2022). So ist denn ein Fall einer syrischen Person aus dem Jahr
2018 bekannt, deren chirurgische Geschlechtsangleichung offiziell bewil-
ligt wurde, da die betreffende Person sowohl männliche als auch weibliche
Geschlechtsmerkmale aufwies und somit ohne eindeutiges Geschlecht
war (vgl. SY24, First Gender Reassignment Surgery to Be Performed in
Syria, 08.02.2018, https://en.sy-24.com/article/first-gender-reassignment-
surgery-performed-syria/, abgerufen am 10. Juni 2022).
8.2 Trotz des hiervor Gesagten und der unbestrittenermassen schwierigen
Situation in Syrien, ist die auf Beschwerdeebene sinngemäss geltend ge-
machte Kollektivverfolgung von sogenannten LGBT-Personen im Sinne
des Urteils des BVGer E-6768/2018 vom 20. März 2020 zu verneinen. An-
lass für ein Abweichen von der zitierten Rechtsprechung besteht nicht, sind
doch die Anforderungen an die Feststellung einer Kollektivverfolgung ge-
mäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sehr hoch
(vgl. hierzu BVGE 2014/32 E. 7.2, 2013/21 E. 9.1 und 2013/12 E. 6, je
m.w.H.). Es genügt somit zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft wei-
terhin nicht, die blosse Zugehörigkeit zur Gruppe der sogenannten LGBT-
Personen in Syrien zu beweisen respektive glaubhaft zu machen. Da die
D-1219/2019
Seite 15
Homosexualität oder sogenannte Genderidentität einer Person dennoch
als erhebliches Risiko für eine möglicherweise drohende (individuelle) Ver-
folgung gewertet werden kann, ist im Einzelfall zu prüfen, ob eine individu-
elle, konkrete, objektiv begründete subjektive Furcht vor flüchtlingsrechtlich
bedeutsamen Benachteiligungen vorliegt. Ebenso ist für den Einzelfall zu
prüfen, ob die Tatsache, dass sich die betroffene Person einer Verfolgungs-
gefahr gegebenenfalls durch ein diskretes oder ein den gesellschaftlichen
Normen entsprechendes Verhalten entziehen müsste, als unerträglicher
psychischer Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu qualifizieren ist.
8.3 Das Vorliegen einer gezielten flüchtlingsrechtlich beachtlichen Verfol-
gung ist im vorliegenden Fall klar zu verneinen. Wie in der angefochtenen
Verfügung richtigerweise festgestellt, mangelt es den von der beschwerde-
führenden Person geschilderten Diskriminierungen in der Arbeitswelt und
in der Familie an der nötigen Intensität gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG (vgl. Ur-
teile des BVGer E-6768/2018 vom 20. März 2020 E. 5.3 sowie
E-3455/2020 vom 17. August 2021 E. 6.1). Aufgrund der Akten ist denn
auch nicht davon auszugehen, dass diese auf ein Bekanntwerden ihrer
(damaligen) Homosexualität zurückgehen. Vielmehr scheint es sich dabei
um die Folgen ihres aus der Genderdysphorie resultierenden androgynen
Erscheinungsbilds zu handeln.
8.4 Betreffend die Gefahr künftiger Verfolgung stellt sich die Frage, ob und
inwieweit von der beschwerdeführenden Person vernünftigerweise erwar-
tet werden kann, drohende Übergriffe durch das eigene Verhalten abzu-
wenden. So ist zu prüfen, ob es ihr zugemutet werden kann, sich allfälligen
Benachteiligungen durch diskretes Verhalten zu entziehen, indem sie ihre
Geschlechtsidentität verheimlicht beziehungsweise unterdrückt und sich
entgegen dieser gemäss den landesüblichen, einschliesslich der religiösen
Sitten und Gebräuchen in Syrien verhält, oder ob ein solches Verhalten für
sie persönlich zu einem unerträglichen psychischen Druck im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG führen würde.
8.4.1 Die Annahme, das Verheimlichen einer mit der Persönlichkeit un-
trennbar verknüpften Eigenschaft beziehungsweise einer persönlichen
Überzeugung bewirke einen unerträglichen psychischen Druck, setzt vo-
raus, dass die betroffene Person in einem Umfeld zu leben gezwungen ist,
in welchem sie Gefahr läuft, dass eben diese Eigenschaft oder Überzeu-
gung entdeckt, denunziert und sanktioniert wird. Je grösser die Gefahr ist,
durch eine unbedachte Geste oder Äusserung entdeckt zu werden, und je
D-1219/2019
Seite 16
gravierender die staatliche oder private Sanktionierung im Falle der Entde-
ckung ausfällt, desto eher ist davon auszugehen, die betroffene Person
stehe unter einem psychisch unerträglichen Druck, weil sie gezwungen ist,
ihre Persönlichkeit zu verleugnen und ein Doppelleben zu führen (vgl. Ur-
teil des BVGer D-5585/2017 vom 12. September 2019 E. 8.2.3 m.w.H.)
8.4.2 Den Akten ist zu entnehmen, dass die beschwerdeführende Person
in Syrien – dannzumal sich als Frau identifizierend – eine geheime Bezie-
hung zu einer anderen Frau pflegte. Obgleich sich das Leben in Syrien –
als zu diesem Zeitpunkt unbestrittenermassen homosexuelles Paar – an-
gesichts der Gefahr der Entdeckung (vgl. E. 8.1 hiervor) sicherlich nicht
einfach gestaltete, lassen die Ausführungen der beschwerdeführenden
Person darauf schliessen, dass sie und ihre Partnerin ihre Beziehung im
Verborgenen weitestgehend ungestört lebten. So gestand sie denn auf Be-
schwerdeebene selbst ein, man habe sie und ihre Partnerin für «beste
Freundinnen» gehalten und sie hätten vor der Ausreise sogar einige Zeit
zusammengelebt (vgl. Beschwerde S. 7). Es ist demnach davon auszuge-
hen, dass die beschwerdeführende Person keine allzu grossen Anstren-
gungen unternehmen musste, um ihre (damalige) lesbische Beziehung zu
verbergen. Angesichts des hiervor Gesagten kann ein unerträglicher psy-
chischer Druck alleine aufgrund der im verborgenen gelebten Homosexu-
alität nicht bejaht werden.
8.4.3 Im vorliegenden Fall kommt jedoch erschwerend hinzu, dass die be-
schwerdeführende Person an einer diagnostizierten Genderdysphorie
(DSM-5:302.85) und Transsexualismus (ICD-10:F64.0) leidet und in der
Schweiz bereits geschlechtsangleichende Massnahmen eingeleitet und
somit mit der physischen Angleichung ihres biologischen weiblichen Ge-
schlechts an ihr von ihr erlebtes/erfahrenes männliches Geschlecht begon-
nen hat (vgl. auch E. 7.2 hiervor). Die Vorinstanz bestreitet nicht, dass die
beschwerdeführende Person im Falle ihrer Rückkehr nach Syrien in ein
weibliches Rollenbild zurückkehren müsste, doch argumentiert sie, es
könne von der beschwerdeführenden Person erwartet werden, die in der
Schweiz durchgeführte Mastektomie aktiv zu verbergen und im Falle der
Entdeckung als Krebserkrankung auszugeben. Angesichts des Operati-
onsberichts von Dr. med. I._, Plastische Chirurgin FMH, vom
11. Juni 2020 respektive des Attests vom 12. Juni 2019 vermag dies nicht
zu überzeugen, geht doch aus den vorgenannten Akten klar hervor, dass
aufgrund eines zu femininen Erscheinungsbildes der Brüste der beschwer-
deführenden Person unter anderem eine Verkleinerung der Nippel durch-
D-1219/2019
Seite 17
geführt wurde, um ein gezielt maskulines Äusseres zu erzeugen. Auszu-
schliessen ist wohl auch die Möglichkeit der beschwerdeführenden Person
in Syrien weitere Geschlechtsangleichungen vornehmen zu lassen und so-
mit in naher Zukunft physisch klar als dem männlichen Geschlecht zuge-
hörig zu gelten, finden sich in den Akten doch keine Hinweise darauf, ihr
Geschlecht sei genetisch bedingt ungeklärt (vgl. E. 8.2 hiervor). Somit wäre
sie im Falle ihrer Rückkehr gezwungen in einem (teils) männlichen Körper
in einer sozial weiblichen Rolle zu leben. Gemäss Aussage des behandeln-
den Psychiaters kann genau dies der beschwerdeführenden Person je-
doch nicht zugemutet werden. So werde ein Verzicht auf die gelebte Ge-
schlechtsidentität als Mann ihre psychische Integrität verletzen und ihren
psychischen Zustand anhaltend verschlechtern (vgl. Stellungnahme von
Dr. med. univ. E._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
[FMH], vom 9. Juli 2019).
8.5 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass bei einer Rückkehr von
Homosexuellen oder Transmenschen nach Syrien nicht generell vom Ein-
treten eines unerträglichen psychischen Drucks auszugehen ist. Im hier zu
beurteilenden Fall liegen mit den irreversiblen Massnahmen zur Anglei-
chung des Geschlechts jedoch aussergewöhnliche Umstände vor, auf-
grund derer im konkreten Einzelfall ein psychisch unerträglicher Druck zu
bejahen ist, da der beschwerdeführenden Person nicht zuzumuten ist, im
Falle ihrer Rückkehr ihre Persönlichkeit zu verleugnen und ein Doppelle-
ben als Frau/Mann zu führen.
9.
Die beschwerdeführende Person erfüllt somit die Flüchtlingseigenschaft im
Sinne von Art. 3 AsylG. Da den Akten keine Hinweise zu entnehmen sind,
die auf das Vorliegen von Ausschlussgründen (Art. 53 AsylG) hindeuten,
ist ihr in der Schweiz Asyl zu gewähren (Art. 49 AsylG).
10.
Die Beschwerde ist gutzuheissen, die angefochtene Verfügung vom
5. Februar 2019 aufzuheben und das SEM anzuweisen, der beschwerde-
führenden Person Asyl zu gewähren.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Die unentgeltliche Rechtspflege sowie die Rechts-
verbeiständung fallen dahin.
D-1219/2019
Seite 18
12.
12.1 Der beschwerdeführenden Person ist angesichts des Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr notwendiger-
weise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
12.2 Die Rechtsvertreterin der beschwerdeführenden Person reichte am
15. August 2019, 26. Oktober 2020 respektive 3. November 2021 eine
Kostennote ein (Aufwand von rund 63 Stunden à Fr. 300.– und Spesen von
gesamthaft Fr. 42.80). Der für die Bemühungen ausgewiesene zeitliche
Aufwand erscheint aufgrund der Akten überhöht und ist auf 43 Stunden zu
kürzen. Der Stundenansatz von Fr. 300.– liegt innerhalb der in Art. 10
Abs. 2 VGKE definierten Spannbreite und ist somit nicht zu beanstanden.
Die Vorinstanz wird demnach angewiesen, der Beschwerdeführerin eine
Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 12'950.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1219/2019
Seite 19