Decision ID: 86e14cbe-8ce0-554e-aa9d-6a9266ce6f3b
Year: 2016
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_004
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Sachverhalt
A. A_ (geb. 1981) war am 14. Juli 2003 als Asylsuchender in die Schweiz eingereist, wo er
nach seiner Heirat mit D_ 2006 eine Aufenthaltsbewilligung im Rahmen des
Familiennachzuges erhielt. Diese Ehe wurde am XX.XX.2012 geschieden, wobei sein Kind
E_, geb. am XX.XX.2010, unter gemeinsame elterliche Sorge gestellt wurde; E_ wohnt
bei der Kindsmutter und der Kinderunterhalt wurde auf Fr. 1'250.-- festgesetzt.
Am XX.XX.2013 heiratet A_ C_, ebenfalls türkische Staatsangehörige (geb.
XX.XX.1989). Am 4. September 2014 ersuchte A_ um Erteilung einer Bewilligung zum
Nachzug seiner zweiten Ehefrau nach. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs wies das
kantonale Migrationsamt das Gesuch mit Verfügung vom 16. Dezember 2014 ab, primär
mit der Begründung, dass A_ nicht über die finanziellen Mittel für den Familiennachzug
verfüge und deshalb ein erhebliches Sozialhilferisiko bestehe. Das nebst dem Vollpensum
bei der Firma F_ AG (45 Stunden pro Woche) von A_ zusätzlich beim G_ erzielte
Erwerbseinkommen rechnete das Migrationsamt bei der Berechnung der Lebenshaltungs-
kosten nicht an, weil damit die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 50 Stunden
überschritten sei (Art. 12 Arbeitsgesetz, ArG, SR 812.11). Gegen diese Verfügung liessen
Seite 3
Nebi und C_ Rekurs beim Departement Sicherheit und Justiz (fortan DSJ) erheben mit
dem Antrag, es sei das Gesuch um Familiennachzug gutzuheissen. Zur Begründung wurde
im Wesentlichen geltend gemacht, dass A_ noch nie von der Sozialhilfe abhängig
gewesen sei und dass mit der Nebenbeschäftigung, welche nach erfolgtem Nachzug dann
seine Ehefrau übernehmen werde, auch künftig genügend Einkünfte vorhanden sein
werden.
Mit Entscheid vom 1. Mai 2015 wies das DSJ den Rekurs im Sinne der Erwägungen ab;
das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege hiess das DSJ teilweise gut, wogegen es das
Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung abwies. In der Sache begründete das
DSJ die Abweisung des Rekurses im Wesentlichen damit, dass der Rekurrent von den
Voraussetzungen in Art. 44 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und
Ausländer (AuG, SR 142.20) für den Nachzug seiner Ehefrau insofern nicht erfülle, als er
und seine Ehefrau voraussichtlich auf Sozialhilfe angewiesen sein würden. Der Nachweis,
dass sie dauerhaft über genügend finanzielle Mittel für den Unterhalt verfügen, sei nicht
erbracht, weil einem Einkommen von rund Fr. 3'907.85 ein monatlicher Mindest-
bedarf - unter Berücksichtigung geschuldeter Unterhaltszahlungen - von Fr. 5'133.45
gegenüberstehe; der Fehlbetrag von rund Fr. 1'225.-- sei als erheblich zu betrachten. Dabei
wies das DSJ die Einwendungen bezüglich des Ergänzungsbedarfes und der
Erwerbsunkosten als irrelevant ab. Die Erwerbsunkosten seien angesichts des
beachtlichen Arbeitsweges und der zusätzlich für den Nebenverdienst anfallenden
Auslagen nicht zu beanstanden. Die Berechnung des Ergänzungsbedarfes stütze sich auf
die geltenden Richtlinien der Vereinigung der Migrationsämter der Ostschweiz (VOF) und
im Übrigen auf die Richtlinien der SKOS. Ergänzende Ausgaben von rund 15 Franken
täglich für zwei Personen seien nicht überrissen. Die aktuell vom Ehemann ausgeübte
Teilzeittätigkeit, welche später von der Ehefrau übernommen werden soll, sei durch den
Arbeitsvertrag mit der G_ nicht hinreichend gesichert, um von einem eigentlichen
Zusatzeinkommen der Ehefrau sprechen zu können, denn dieser Vertrag sei der Ehefrau
nur in Aussicht gestellt worden und dies genüge nicht, um von einem tatsächlich erzielten
Einkommen sprechen zu können. Ferner fehlten die nötigen Lohnausweise und stehe der
Arbeitsvertrag im Widerspruch zum Arbeitsgesetz. Einzig in Bezug auf die Krankenkassen-
prämie sei die Vorinstanz zunächst vom damals aktuellen Versicherungsvertrag (mit einer
Franchise von Fr. 1'000.--) ausgegangen, aber für das Jahr 2016 müsse für beide
Ehegatten mit einer Prämienverbilligung gerechnet werden. Das DSJ kam zum Schluss,
dass trotz dieser Korrektur bei den Krankenkassenprämien und dem noch nicht
ausgewiesenen Zusatzverdienst kein genügendes Einkommen erzielt werde, um die Gefahr
einer Abhängigkeit von der Sozialhilfe ausschliessen zu können. Dass die Rekurrenten ein
Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege stellen, sei ein Beleg für die Gefahr einer solchen
Abhängigkeit, denn solche Auslagen seien grundsätzlich über den Ergänzungsbedarf zu
Seite 4
decken, dessen Notwendigkeit nun aber vom Rechtsvertreter des Rekurrenten in Frage
gestellt werde. Unter diesen Umständen überwiege das öffentliche Interesse an einer
Verweigerung der Bewilligung gegenüber den privaten Interessen. Abschliessend wies das
Departement darauf hin, dass der Rekurrent unter Beilage aktueller Lohnausweise der
Arbeitgeber (F_ AG und G_) für die letzten 12 Monate und einem verbindlich auf C_
ab ihrer Einreise lautenden Arbeitsvertrag beim Migrationsamt ein neues Gesuch stellen
könne, sofern er weiterhin schuldenfrei bleibe und keine Sozialhilfe in Anspruch nehme.
B. Gegen diesen Entscheid liess A_ mit Eingabe vom 4. Juni 2015 Beschwerde beim
Obergericht (Verwaltungsrechtliche Abteilung) erheben und die eingangs erwähnten
Begehren stellen. In seiner Begründung liess der Beschwerdeführer im Wesentlichen
geltend machen, die Verweigerung des Familiennachzuges wegen angeblicher Gefahr der
Sozialhilfeabhängigkeit verletze das Gleichbehandlungsgebot und das Diskriminierungs-
verbot (Art. 8 BV und Art. 14 EMRK); arme Verheiratete dürften gegenüber reichen
Verheirateten nicht diskriminiert werden. Weil Art. 44 lit. c AuG auch Art. 8 EMRK verletze,
dürfe diese Bestimmung infolge Völkerrechtswidrigkeit nicht angewendet werden. Zudem
sei für C_ unabhängig vom Vorliegen eines Arbeitsvertrages ein hypothetisches
Einkommen anzurechnen, habe sie doch das Recht, bis zu 50 Stunden pro Woche zu
arbeiten. Vorliegend stehe gemäss Akten zwar nur eine 60%-Stelle mit einem Nettolohn
von Fr. 22.35 pro Stunde in Aussicht, aber ausgehend von einer 40-Stunden-Woche (bzw.
176 Monatsstunden) sei ein Nettolohn von Fr. 2'333.35 anzurechnen. Ausgehend von der
gesetzlichen Höchststundenzahl von 50 Stunden sei entsprechend mehr (Fr. 2‘916.70)
anzurechnen. Dadurch sei eine Sozialhilfeabhängigkeit ausgeschlossen und der
angefochtene Entscheid verletze auch Art. 44 lit. c AuG. Ferner dürften sich die
unverhältnismässig hohen Kinderalimente für den fünfjährigen Sohn E_ (aus erster Ehe)
von Fr. 1'050.-- (recte: Fr. 1'250.--) wegen der Neuverheiratung deutlich reduzieren.
Nötigenfalls könnten auch die Wohnungskosten noch reduziert werden, denn eine
Zweizimmerwohnung für zwei Eheleute müsse selbst bei Anwendung von Art. 44 lit. b AuG
als genügend betrachtet werden. Der Beschwerdeführer wendet sich ferner gegen die
Anwendung der VOF-Richtlinien und hält diesbezüglich insbesondere den
Ergänzungsbedarf für zwei Personen von Fr. 452.-- als unangemessen, da es im Ermessen
der Gesuchsteller liege, den Lebensstandard so tief zu halten, dass der Lohn ausreiche,
um nicht sozialhilfeabhängig zu werden. Er sei sowohl seit seiner Heirat mit seiner ersten
Frau (2006) als auch nach seiner 2. Heirat ohne Sozialhilfe ausgekommen. Es dürfe ihm
deshalb höchstens der betreibungsrechtliche Grundbedarf von Fr. 1'700.--, nicht jedoch ein
Grundbedarf von Fr. 1'550.-- zuzüglich des zu hohen Ergänzungsbedarfes von Fr. 452.--
angerechnet werden. Ferner sei dem Beschwerdeführer gemäss Arbeitsvertrag mit dem
G_ ein Netto-Stundenlohn von Fr. 22.35 wenigstens bis zur zulässigen
Seite 5
Wochenstundenzahl von 50 bzw. für die mindestens 5 Stunden zusätzlich wöchentlich
anzurechnen, woraus sich ein zusätzliches Monatseinkommen von Fr. 447.-- ergebe. Dass
von einem Nettoeinkommen von Fr. 3'636.85 ausgegangen werde, entspreche zwar den in
den Akten liegenden Lohnabrechnungen, aber der damit berücksichtigte Zeitraum sei zu
kurz. Laut Scheidungsurteil vom XX.XX.2012 habe der Beschwerdeführer bereits 2012 ein
Netto-Einkommen von Fr. 3‘991 erzielt, weshalb mittlerweile von deutlich über Fr. 4'000.--
ausgegangen werden müsse. Für die weiteren Einwände gegen die aufgerechneten
Erwerbsunkosten von Fr. 250.-- und eine Rückerstattung von Quellensteuern wird auf die
Akten verwiesen. Für den seit 15 Jahren in Westeuropa und seit 10 Jahren in der Schweiz
lebenden Beschwerdeführer sei es - in Anbetracht auch seiner gemeinsamen elterlichen
Sorge für seinen fünfjährigen Sohn E_ - völlig unzumutbar, in der Südtürkei mit seiner
neuen Ehefrau zu leben.
Auf Aufforderung seitens der Gerichtsleitung hin liess der Beschwerdeführer mit Eingabe
vom 22. Juni 2015 die mehrheitlich in den Vorakten befindlichen Beweismittel näher
bezeichnen. Darauf wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingetreten.
C. Die Vorinstanz liess in ihrer Stellungnahme im Wesentlichen bestreiten, dass es im
konkreten Fall des Beschwerdeführers einen Anspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung
gebe. Ferner hielt die Vorinstanz an ihrem Standpunkt fest, dass aufgrund der vom
Beschwerdeführer eingereichten Akten derzeit die finanziellen Voraussetzungen für einen
Familiennachzug nicht erfüllt seien; es sei Sache des Beschwerdeführers, in einem neuen
Gesuch auf geänderte Einkommensverhältnisse hinzuweisen und diese entsprechend zu
belegen. Auf die weiteren Vorbringen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingetreten.
D. Mit Verfügung vom 21. Juli 2015 wies der Einzelrichter des Obergerichts die eingangs
erwähnten Begehren um vorsorgliche Bewilligung des Familiennachzuges und um
vorsorgliche Anweisung der Botschaft in der Türkei, ein Visum für die Einreise von C_ zu
erteilen, ab. Diese Verfügung wurde unangefochten rechtskräftig. Ferner bewilligte der
Einzelrichter mit Verfügung vom 22. Juli 2015 ab 4. Juni 2015 die unentgeltliche
Rechtspflege und die unentgeltliche Verbeiständung durch RA B_.
E. Mit seiner innert mehrfach erstreckter Frist eingereichten Replik vom 25. September 2015
verzichtete der Beschwerdeführer stillschweigend auf eine mündliche Verhandlung. Auf die
Replik wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingetreten. Vorerst sei lediglich
festgehalten, dass der Beschwerdeführer als Novum geltend machen lässt, sein Sohn sei
mittlerweile Schweizer Bürger geworden, um sich dann auf die Rechtsprechung zum sog.
Seite 6
umgekehrten Familiennachzug zu berufen (BGE 137 I 247). Aus seiner Beilage 1 ergibt
sich freilich, dass der Sohn gemeinsam mit seiner (gemäss Scheidungsurteil vom
XX.XX.2012) obhutsberechtigten Mutter D_ an ihrem Wohnsitz in Appenzell Schweizer
Bürger geworden sind.
F. Die Vorinstanz verzichtete mit Eingabe vom 6. Oktober 2015 ebenfalls auf eine mündliche
Verhandlung.
Auf die Eröffnung des Urteilsdispositivs hin bestand die Vorinstanz ausdrücklich auf einer
Begründung.

Erwägungen
1. Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der prozessualen Voraussetzungen ergibt,
dass das Obergericht (Verwaltungsrechtliche Abteilung) nach Art. 54 des Gesetzes über
die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1) zur Behandlung der Beschwerde gegen
den Rekursentscheid des Departements Sicherheit und Justiz zuständig ist. Da auch die
Beschwerdeberechtigung des Beschwerdeführers gegeben ist und die Beschwerde form-
und fristgerecht eingereicht wurde, ist auf die Beschwerde insofern einzutreten. Weil
hinsichtlich der Schweizer Botschaft den Vorinstanzen keine Weisungsbefugnisse
zustanden und insofern auch kein Anfechtungsobjekt vorliegt, ist auf Antrag 3 nicht
einzutreten.
2. Nach Art. 44 Abs. 1 AuG kann ausländischen Ehegatten und ledigen Kindern unter 18
Jahren von Personen mit Aufenthaltsbewilligung eine Aufenthaltsbewilligung erteilt werden,
wenn sie mit diesen zusammenwohnen (a.), eine bedarfsgerechte Wohnung vorhanden ist
(b.) und sie nicht auf Sozialhilfe angewiesen sind (c.). Diese Voraussetzungen müssen
kumulativ erfüllt sein. Anders als die Nachzugsbestimmungen für Ehegatten und Kinder von
Schweizern/-innen sowie Personen mit Niederlassungsbewilligung (Art. 42 und 43 AuG)
räumt Art. 44 AuG keinen Nachzugsanspruch ein; die Behörden entscheiden vielmehr nach
pflichtgemässem Ermessen (Art. 96 AuG; BGE 137 I 284, E. 1.2 und 2.3.2). Dabei sind die
öffentlichen Interessen und die persönlichen Verhältnisse sowie der Grad der Integration
der Ausländer/-innen zu berücksichtigen (Art. 96 Abs. 1). Nach Art. 33 Abs. 3 AuG ist dabei
auch zu prüfen, ob Widerrufsgründe im Sinne von Art. 62 AuG vorliegen.
2.1 Das Obergericht kann solche Ermessensentscheide nur soweit überprüfen, als wie folgt
qualifizierte Ermessensfehler gegeben sind: Vor Obergericht können im Beschwerde-
Seite 7
verfahren grundsätzlich nur Rechtsverletzungen (inbegriffen Ermessensmissbrauch,
Ermessensüberschreitung und -unterschreitung) sowie die unrichtige oder unvollständige
Feststellung des Sachverhaltes gerügt werden (Art. 56 Abs. 1 VRPG). Das Obergericht hat
darüber hinaus volle Überprüfungsbefugnis, soweit dies im Gesetz vorgesehen ist oder
wenn sein Entscheid an eine Bundesinstanz mit unbeschränkter Überprüfungsbefugnis
weitergezogen werden kann. Ein Weiterzug an eine Bundesinstanz mit voller Kognition,
welche auch die Ermessenskontrolle umfasst, ist vorliegend nicht gegeben. Entscheide
betreffend den Familiennachzug für Personen mit Aufenthaltsbewilligung (Art. 44 AuG)
haben grundsätzlich keinen Rechtsanspruch auf Bewilligung zum Gegenstand. Nach der
Rechtsprechung kann indessen die Berufung auf Art. 8 EMRK ergeben, dass Art. 44 AuG
als Anspruchsbewilligung zu interpretieren ist. Soweit in diesem Sinne ein
Anwesenheitsanspruch geltend gemacht wird, ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen
Angelegenheiten gegeben (vgl. SHK-Seiler, 2. Aufl., N28 zu Art. 83 Abs. 1 lit. c Ziff. 2
BGG). Bei der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten ist indessen eine
Ermessensprüfung nun durchwegs ausgeschlossen (vgl. SHK-Seiler, 2. Aufl., N 59 zu
Art. 59 BGG). Da eine volle Überprüfung auch nicht anderweitig gesetzlich vorgesehen ist
(vgl. M. Spescha, OFK-Migrationsrecht, 4. Aufl., N 2 zu Art. 83 BGG), bleibt vorliegend die
Kognition des Obergerichts auf die Rechtmässigkeits- und Sachverhaltskontrolle
beschränkt. Im Rahmen dieser Rechtskontrolle kann im Folgenden auf Rügen betreffend
das den Vorinstanzen vorbehaltene Ermessen nicht eingetreten werden, sondern es kann
die angefochtene Verweigerung des Familiennachzuges lediglich auf Ermessensmiss-
brauch, auf Ermessensunter- oder -überschreitung sowie auf ihre Verhältnismässigkeit hin
überprüft werden.
2.2 Der Beschwerdeführer verfügt gemäss Mietvertrag von 13.10.2013 über eine 4-
Zimmerwohnung in H_, womit er unbestrittenermassen die Voraussetzung einer
bedarfsgerechten Wohnung erfüllt.
2.3 Strittig ist hingegen seit jeher die Voraussetzung der Sozialhilfeunabhängigkeit nach Art. 44
lit. c AuG. Mit dieser Voraussetzung soll verhindert werden, dass die nachgezogenen
Familienangehörigen von der öffentlichen Fürsorge abhängig werden. Dabei muss nicht nur
das betreibungsrechtliche Existenzminimum, sondern vielmehr das soziale
Existenzminimum gesichert sein. Daher geht die Praxis bei der Berechnung der für den
Familiennachzug notwendigen finanziellen Mittel von den SKOS-Richtlinien aus.
Berücksichtigt werden dabei sämtliche Eigenmittel wie z.B. Erwerbseinkommen, allfällige
Unterhaltszahlungen, Sozialversicherungsleistungen, Vermögenserträge etc. Ein künftiges
Erwerbseinkommen des nachzuziehenden Ehepartners kann dann berücksichtigt werden,
wenn bereits eine Stelle zugesichert wurde; das Recht, eine Erwerbstätigkeit auszuüben,
Seite 8
steht nachgezogenen Ehegatten gestützt auf Art. 46 AuG zu (Caroni, in: SHK zum AuG,
Bern 2010, N 12-13 zu Art. 44). Ist ein eingereichter Arbeitsvertrag als
Gefälligkeitsbescheinigung zu qualifizieren, darf dies nicht dazu führen, dass bei der
nachzuziehenden Ehefrau jegliche Erwerbsmöglichkeit verneint wird; vielmehr ist dann ein
mit gewisser Wahrscheinlichkeit realisierbarer tieferer Lohn einzusetzen (vgl. Entscheid
Kantonsgericht BL 810 2012 26 vom 22.5.2013, E. 4.6.6).
2.4 Durch diverse Lohnausweise ist belegt, dass der Beschwerdeführer als Textilarbeiter bei
der F_ AG in den Jahren 2013 und 2014 einen Monatslohn von im Durchschnitt Fr.
3'636.85 erzielt hat. Soweit der dafür beweispflichtige Beschwerdeführer ein aktuell
höheres Einkommen behaupten lässt, unterliess er es, dies mit aktuellen Lohnausweisen
zu belegen. Deshalb ist unverändert vom vorgenannten Betrag auszugehen. Dass der
Beschwerdeführer für sich per 2014 eine Prämienverbilligung von Fr. 3‘252.00 bzw. von
monatlich Fr. 271.00 zugesprochen erhielt, ist durch Verfügung vom 8. September 2014 der
Ausgleichskasse AR belegt. Daraus (Fr. 3'636.85 und 271.00) ergibt sich das von den
Vorinstanzen zutreffend auf total Fr. 3'997.85 bezifferte Monatseinkommen des
Beschwerdeführers. Dass der Beschwerdeführer gemäss einem undatierten Arbeitsvertrag
mit der G_ für unregelmässige Einsätze mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von
mindestens 17 Stunden und einem Stundenlohn von brutto Fr. 23.85 bzw. von netto 22.35
(abzüglich 6.25 % Sozialversicherungsabzüge gemäss Vertrag) noch ein Nebeneinkommen
erzielen soll, ist nicht nachgewiesen, nachdem diesbezüglich keine Lohnausweise vorliegen
und damit ohnehin die Wochenstundenzahl von maximal 50 Stunden nach Arbeitsgesetz
überschritten wäre. Weil der Beschwerdeführer die vertraglich auf mindestens 17
Wochenstunden festgelegte Arbeitszeit nicht einseitig auf das maximal neben dem
Haupterwerb noch zulässige Mass von 5 Stunden reduzieren kann, wie er
beschwerdeweise geltend machen lässt, kann ihm derzeit unter diesen Umständen kein
Nebeneinkommen angerechnet werden. Davon ist nicht zuletzt auch deshalb auszugehen,
weil er diesen Nebenerwerb ohnehin an seine Ehefrau abzutreten gedenkt, sobald diese
eingereist ist.
Deshalb stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang der Ehefrau diese
Erwerbstätigkeit anzurechnen ist. Die G_ hat diesbezüglich mit Schreiben vom
23.12.2014 bestätigt, dass die Ehefrau sofort nach ihrer Ankunft anstelle ihres Ehemannes
im Restaurant mit einem Pensum von 60% werde arbeiten können. In der Beschwerde (Ziff.
3) wird geltend gemacht, ausgehend von einer 40 Stundenwoche bzw. 174 Stunden pro
Monat könne die nachzuziehende Ehefrau dann mit dem oben erwähnten Netto-
Stundenlohn von Fr. 22.35 bei einem 60%-Pensum einen Monatslohn von Fr. 2‘333.35
erzielen. Da C_ im Unterschied zu ihrem Ehegatten bei ihrer Einreise noch über keinerlei
Deutschkenntnisse verfügen wird, muss davon ausgegangen werden, dass sie im besagten
Seite 9
Restaurant weder stunden- noch ansatzmässig den Lohn gemäss dem ohnehin auf ihren
Ehemann lautenden Arbeitsvertrag wird erzielen können, zumal der Arbeitgeber in seinem
Schreiben insofern keinerlei Zusicherung macht. Unter diesen Umständen muss mit hoher
Wahrscheinlichkeit damit gerechnet werden, dass die nachzuziehende Ehefrau in einem
geringeren Teilzeitpensum oder/und zu einem geringeren Stundenansatz vorerst nur ein
Monatseinkommen von etwa Fr. 1'000 wird realisieren können, zumal auch eine
einschlägige berufliche Ausbildung weder behauptet noch dargetan ist.
2.5 In ihrer Bedarfsrechnung gingen die Vorinstanzen von einem nicht zu beanstandenden
Grundbedarf von Fr. 1'550.-- gemäss der aktuellen SKOS-Richtlinie aus, welche in Art. 3
der kantonalen Sozialhilfeverordnung (SHV, bGS 851.11) ausdrücklich als verbindlich
erklärt wurde (vgl. B.2.2. der diesbezüglich seit 2013 unverändert geltenden SKOS-
Richtlinie, Ausgabe 2016). Umstritten ist, ob die Vorinstanzen gestützt auf die insofern von
der SKOS-Richtlinie abweichenden VOF-Richtlinie einen Ergänzungsbedarf aufrechnen
durften: Die Vereinigung der Migrationsämter der Ostschweiz und des Fürstentums
Liechtenstein (VOF) sieht in ihrer Richtlinie vor, dass für den Lebensunterhalt von zwei
Personen zusätzlich ein Ergänzungsbedarf von Fr. 452.-- vorzusehen sei. Das
Bundesgericht hat in 2C_685/2010 (vom 30.5.2011, E. 2.3.3) befunden, dass der Einbezug
eines solchen Ergänzungsbedarfes bzw. die Anrechnung von situationsbedingten
Leistungen einer besonderen Begründung bedarf. Der Begriff "Ergänzungsbedarf" ist den
heute geltenden SKOS-Richtlinien fremd. Nachdem das kantonale Sozialhilferecht auf die
SKOS-Richtlinien abstellt, rechtfertigt sich nicht, den Lebensunterhalt - im Sinne einer
prophylaktischen Sicherheitsmarge - mit erheblich höheren Ansätzen zu berechnen, als
dies bei der Ausrichtung der Sozialhilfe nach den kantonal effektiv massgebenden SKOS-
Richtlinien getan wird. Eine bloss abstrakte Gefahr der vorübergehenden
Fürsorgeabhängigkeit genügt noch nicht, um den Familiennachzug zu verweigern (VG ZH
VB.2012.00600, vom 22.5.2013, E. 2.4 m. H. auf BGer a.a.O.). In Ermangelung einer
sachlichen Begründung ist deshalb vorliegend auf die Anrechnung des
Ergänzungsbedarfes von Fr. 452.-- zu verzichten. Dass Art. 4 SHV unter bestimmten
Voraussetzungen eine Integrationszulage von bis zu Fr. 200.-- vorsieht, muss im Fall des
derzeit kinderlosen Ehepaares mangels Betreuungsaufgaben und der in Aussicht
genommenen Erwerbstätigkeit beider Ehegatten ausser Betracht fallen (vgl. auch C2 und
C3 SKOS-Richtlinie). Nicht zu beanstanden sind die auf Fr. 990.-- veranschlagten
Wohnkosten, denn der Beschwerdeführer ist derzeit vertraglich zur Bezahlung dieses
Mietzinses verpflichtet; dass er gemäss Rechtsvertreter bereit wäre, in eine kleinere, auch
für 2 Personen angemessene Wohnung umzuziehen, ändert nichts; dass ihm eine kleinere
Wohnung effektiv in Aussicht steht, ist nämlich weder behauptet noch dargetan.
Seite 10
Bezüglich der Krankenkassenbeiträge ist festzuhalten, dass in der obligatorischen
Krankenversicherung versicherte Personen, welche in bescheidenen Verhältnissen leben,
von den Kantonen Beiträge zur Deckung ihrer Prämien erhalten. Damit gelten die Kosten
für die obligatorische Krankenversicherung prinzipiell nicht als Sozialhilfe. Allerdings gilt
nach SKOS, dass jener Teil der Prämien, den bedürftige Personen allenfalls dennoch
selbst bezahlen müssen, sowie die Kosten für Selbstbehalte und Franchisen in der
Bedarfsrechnung anzurechnen sind (vgl. C. Hänzi, Die Richtlinien der SKOS, Basel 2011,
S. 376). Aus den Akten (Bedarfsrechnung Migrationsamt vom 16.12.2016) ergibt sich
aufgrund einer dort angebrachten handschriftlichen Korrektur, dass die bereits erwähnte
Prämienverbilligung von monatlich Fr. 271.-- (für den Beschwerdeführer) bereits in sein
Nettoeinkommen von total Fr. 3'907.85 monatlich eingerechnet wurde. Entsprechend ist
nicht zu beanstanden, dass die Prämien von monatlich Fr. 474.80 (für beide Ehegatten, bei
je Fr. 1'000 Jahresfranchise) und zusätzlich diese Jahresfranchise (für beide) von monatlich
total Fr. 165.65 in der Bedarfsrechnung mit einem Total von Fr. 641.45 enthalten sind.
Dabei ist nun einzig noch die Prämienverbilligung für die Ehefrau von Fr. 271.--
aufzurechnen (für die Ehegatten kann je von derselben Richtprämie ausgegangen werden).
Somit reduziert sich der in der Bedarfsrechnung für das Ehepaar Nebi und C_
anzurechnende Restbetrag auf Fr. 370.45 (ein Abzug der Prämienverbilligung für den
Ehemann verbietet sich, da ihm die Fr. 271.-- bereits einkommensseitig aufgerechnet
worden sind).
Die Alimente von Fr. 1'250.-- werden vom Beschwerdeführer als (zu) hoch gerügt. Da
dieser Betrag aber unangefochten und somit rechtskräftig so vom Zivilrichter festgelegt
wurde, ist dieser auch vollumfänglich in der Bedarfsrechnung zu berücksichtigen.
Gegebenenfalls wäre es Sache des Beschwerdeführers, auf Abänderung respektive
Herabsetzung dieses Urteils zu klagen (vgl. BGE 137 III 59 E. 4.2.3 S. 64). Nach dieser
Rechtsprechung gehen die Unterhaltsansprüche der Kinder denjenigen der Ehegatten des
Unterhaltspflichtigen jedenfalls vor; dies gilt auch für die Unterhaltsansprüche der Kinder
aus einer ersten Ehe gegenüber den Unterhaltsansprüchen der Beschwerdeführerin als
zweite Ehefrau. Dasselbe wird sich nach dem Inkrafttreten des revidierten Art. 276a ZGB
für unmündige Kinder ergeben. Auch insofern erweist sich die Beschwerde als
unbegründet.
Nachdem der Beschwerdeführer gemäss Verfügung vom 24.2.2015 der kantonalen
Steuerverwaltung für die Steuerperiode 2014 Berufsunkosten von insgesamt Fr. 10'430.--
geltend gemacht hat, ist die Aufrechnung von pauschal lediglich Fr. 250.-- monatlich
keinesfalls zu beanstanden.
3. Zieht man die oben berichtigten Bedarfsposten zusammen (Fr. 1'550.--, 990.--, 370.45,
1'250.--, 250.--), so ergibt sich ein Bedarf von total Fr. 4'410.45. Dem stehen - ab dem
Seite 11
Zuzug der Ehefrau - die dem Beschwerdeführer dann noch anrechenbaren Einkünfte von
Fr. 3'907.85 (inkl. seiner Prämienverbilligung von Fr. 271.--) sowie das von der Ehefrau mit
hoher Wahrscheinlichkeit realisierbare Einkommen von rund Fr. 1'000.-- gegenüber. Mit
Einkünften von total rund Fr. 4'900.-- steht fest, dass kein von der Sozialhilfe zu deckendes
Manko zu erwarten ist. Deshalb erweist sich die Beschwerde als begründet und diese ist im
Ergebnis gutzuheissen. Ob die Beschwerde allenfalls auch aus den anderen, vom
Beschwerdeführer geltend gemachten Gründen gutzuheissen wäre, kann offen bleiben. Der
Rekursentscheid des DSJ vom 1. Mai 2015 ist aufzuheben und das Migrationsamt
anzuweisen, C_ im Rahmen des Familiennachzuges eine Aufenthaltsbewilligung zu
erteilen.
4. Nach Art. 19 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 53 Abs. 1 VRPG ist im Beschwerdeverfahren vor
Obergericht gebühren- und kostenpflichtig, wer ganz oder teilweise unterliegt oder auf
dessen Rechtsmittel nicht eingetreten wird.
4.1 Da der Beschwerdeführer im Ergebnis obsiegt, soweit auf seine Begehren eingetreten
werden kann, ist ihm für das Beschwerdeverfahren keine Entscheidgebühr aufzuerlegen.
Insofern ist die dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 22. Juni 2015 einzelrichterlich
für das Beschwerdeverfahren gewährte unentgeltliche Rechtspflege gegenstandslos
geworden.
4.2 In Anwendung von Art. 56 Abs. 3 VRPG ist auch die von der Vorinstanz dem
Beschwerdeführer auferlegte Entscheidgebühr von Fr. 100.-- und der zuvor erhobene
Kostenvorschuss dem Ausgang entsprechend neu zu verlegen. In Aufhebung auch der
Ziff. 3 des angefochtenen Entscheides ist die Vorinstanz ausgangsgemäss anzuweisen,
auch für das Rekursverfahren auf die Erhebung einer Entscheidgebühr zu verzichten und
dem Beschwerdeführer den Kostenvorschuss von Fr. 500.-- vollumfänglich
zurückzuerstatten.
5. Nach Art. 53 Abs. 3 VRPG hat die obsiegende Partei in der Regel Anspruch auf eine
Entschädigung für ihre notwendigen Kosten und Auslagen. Dem Entschädigungsbegehren
des obsiegenden Beschwerdeführers ist für das Beschwerdeverfahren zu entsprechen,
wogegen dieses für das vom Einzelrichter mit Verfügung vom 21. Juli 2015 rechtskräftig
abgewiesene Begehren um vorsorgliche Massnahmen ausgangsgemäss abzuweisen ist.
Die Parteientschädigung geht zu Lasten der unterliegenden Partei (Art. 24 Abs. 2 in
Verbindung mit Art. 59 VRPG). Da der Anwalt des Beschwerdeführers keine Kostennote
eingereicht hat, ist die Anwaltsentschädigung nach Ermessen festzulegen. Dem Gericht
erscheint im Rahmen von Art. 16 der Verordnung über den Anwaltstarif (bGS 145.53) für
Seite 12
das Beschwerdeverfahren eine Entschädigung von Fr. 1'500.-- als angemessen. Diese ist
dem Beschwerdeführer durch die Vorinstanz zu entrichten.
5.1 In Anwendung von Art. 56 Abs. 3 VRPG ist auch über die dem Beschwerdeführer von der
Vorinstanz noch verweigerte Parteientschädigung dem Ausgang entsprechend neu zu
befinden. In Aufhebung auch der Ziff. 4 des angefochtenen Entscheides ist die Vorinstanz
anzuweisen, dem Beschwerdeführer für die im Rekursverfahren erst ab dem 27. April 2015
einsetzende anwaltliche Vertretung eine darauf beschränkte Parteientschädigung von
Fr. 500.-- auszurichten (Barauslagen und Mehrwertsteuer je inbegriffen).
Seite 13