Decision ID: f8b71383-ee85-44dc-ae99-120709e1b09c
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_006
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Verwaltungsgericht entnimmt den Akten:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 26. Oktober 2002 im Rahmen des Fami-
liennachzugs in die Schweiz ein (Akten des Amtes für Migration und In-
tegration [MI-act.] 18, 21). Am 8. November 2002 erhielt er im Kanton
Aargau eine Aufenthaltsbewilligung zwecks Verbleibs bei seiner niederlas-
sungsberechtigten Ehefrau, B. (heute C.; nordmazedonische
Staatsangehörige, geb. 1984) (MI-act. 2, 4, 20 f.). Diese wurde in der Folge
jeweils verlängert, letztmals bis am 31. Oktober 2019 (MI-act. 513).
Aus der Ehe gingen die gemeinsamen Kinder D. (geb. 2003) und E. (geb.
2004) hervor, welche ebenfalls nordmazedonische Staatsangehörige und
wie ihre Mutter im Besitz der Niederlassungsbewilligung sind (MI-act. 171,
613; act. 2).
Mit Strafbefehl des Bezirksamts Lenzburg vom 6. November 2007 wurde
der Beschwerdeführer wegen Nichtabgabe von Fahrzeugausweis und Kon-
trollschildern trotz behördlicher Aufforderung zu einer Geldstrafe von
10 Tagessätzen à Fr. 60.00, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von
zwei Jahren, und einer Busse von Fr. 500.00 verurteilt (MI-act. 46 ff.). Das
Bezirksamt Aarau verurteilte ihn mit Strafbefehl vom 3. Dezember 2007
wegen Inverkehrbringens eines Fahrzeugs in nicht vorschriftsgemässem
Zustand zu einer Busse von Fr. 100.00 (MI-act. 53 f.). Daraufhin ermahnte
ihn das Migrationsamt des Kantons Aargau (MKA, heute: Amt für Migration
und Integration Kanton Aargau [MIKA]) am 20. Dezember 2007 unter An-
drohung der Prüfung von ausländerrechtlichen Massnahmen, sich künftig
wohl zu verhalten (MI-act. 55).
Der Beschwerdeführer musste dennoch wie folgt weiter verurteilt werden:
- Mit Strafbefehl des Bezirksamts Aarau vom 28. Januar 2008 wegen
Nichttragens der Sicherheitsgurten durch den Fahrzeugführer zu einer
Busse von Fr. 60.00 (MI-act. 59 f.), wobei dieses Delikt noch vor der Er-
mahnung begangen wurde;
- mit Strafbefehl des Bezirksamts Aarau vom 15. August 2008 wegen
mehrfachen Nichttragens der Sicherheitsgurten durch den Fahrzeug-
führer zu einer Busse von Fr. 120.00 (MI-act. 61 f.);
- mit Strafbefehl des Bezirksamts Aarau vom 12. März 2009 wegen Über-
schreitens der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn um
31 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge zu einer Busse von
Fr. 600.00 (MI-act. 67 f.);
- 3 -
- mit Strafbefehl des Bezirksamts Zofingen vom 31. August 2009 wegen
Inverkehrbringens eines Fahrzeugs in nicht vorschriftsgemässem Zu-
stand sowie Nichttragens der Sicherheitsgurten durch den Fahrzeug-
führer zu einer Busse von Fr. 200.00 (MI-act. 69 f.);
- mit Strafbefehl des Bezirksamts Lenzburg vom 22. Februar 2010 wegen
Überschreitens der zulässigen Höchstgeschwindigkeit ausserorts um
32 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge zu einer Geldstrafe von
10 Tagessätzen à Fr. 90.00, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit
von zwei Jahren, und einer Busse von Fr. 700.00 (MI-act. 80 ff.);
- mit Strafverfügung der Staatsanwaltschaft Kanton Solothurn vom 8. Ok-
tober 2010 wegen Missachtens eines richterlichen Verbots (Parkdauer
bis 24 Stunden) zu einer Busse von Fr. 50.00 (MI-act. 97 f.);
- mit Strafverfügung der Staatsanwaltschaft Kanton Solothurn vom
12. November 2010 wegen Missachtens eines richterlichen Verbots
(Parkdauer bis 24 Stunden) zu einer Busse von Fr. 50.00 (MI-act. 95 f.);
- mit Strafbefehl des Bezirksamts Lenzburg vom 25. November 2010 we-
gen Verfügung über mit Beschlag belegte Vermögenswerte, mehr-
fachen Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen, mehrfachen Unge-
horsams als Schuldner im Betreibungs- und Konkursverfahren, mehr-
fachen Fahrens mit einem Motorfahrzeug ohne Führerausweis oder
trotz Entzugs sowie mehrfacher Nichtabgabe von Fahrzeugausweis und
Kontrollschildern zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen à Fr. 60.00
und einer Busse von Fr. 300.00 (MI-act. 569 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 4. April
2012 wegen Nichttragens der Sicherheitsgurten durch die Mitfahrerin
oder den Mitfahrer zu einer Busse von Fr. 60.00 (MI-act. 102 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 8. Juni
2012 wegen nicht oder nicht gut sichtbaren Anbringens der Parkscheibe
am Fahrzeug zu einer Busse von Fr. 40.00 (MI-act. 104 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kanton Solothurn vom 25. Juni
2012 wegen Missachtens eines richterlichen Verbots (Parkdauer bis
24 Stunden; 3. Wiederholungsfall auf gleichem Grundstück) zu einer
Busse von Fr. 400.00 (MI-act. 106 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern vom 17. De-
zember 2012 wegen Parkierens ausserhalb von Parkfeldern oder einem
deutlich gekennzeichneten Belag bis zwei Stunden zu einer Busse von
Fr. 40.00 (MI-act. 111 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 13. Februar
2013 wegen Vergehens im Sinne von Art. 87 des Bundesgesetzes über
die Alters- und Hinterlassenenversicherung vom 20. Dezember 1946
(AHVG; SR 831.10) zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen à Fr. 60.00
(MI-act. 113 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 22. März
2013 wegen Nichtabgabe von Fahrzeugausweis und Kontrollschildern
trotz behördlicher Aufforderung zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen
à Fr. 40.00 (MI-act. 123 ff.);
- 4 -
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach vom 11. Novem-
ber 2013 wegen Abstellens eines Fahrzeugs auf öffentlichem Grund
ohne Kontrollschild zu einer Busse von Fr. 300.00 (MI-act. 177 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 25. August
2014 wegen Veruntreuung, Führens eines Motorfahrzeugs ohne Ver-
sicherungsschutz, Inverkehrbringens eines Fahrzeugs ohne Fahrzeug-
ausweis und Kontrollschilder sowie Nichtabgabe von Fahrzeugausweis
und Kontrollschildern trotz behördlicher Aufforderung zu einer Geld-
strafe von 90 Tagessätzen à Fr. 30.00 und einer Busse von Fr. 100.00
(MI-act. 207 ff.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 17. Sep-
tember 2014 wegen Ungehorsams als Schuldner im Betreibungs- und
Konkursverfahren zu einer Busse von Fr. 300.00 (MI-act. 205 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 3. Novem-
ber 2014 wegen Nichtabgabe von Fahrzeugausweis und Kontrollschil-
dern trotz behördlicher Aufforderung zu einer Geldstrafe von 80 Tages-
sätzen à Fr. 60.00 (MI-act. 213 ff.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 24. Novem-
ber 2014 wegen Verwendens eines Telefons ohne Freisprechanlage
während der Fahrt zu einer Busse von Fr. 100.00 (MI-act. 219 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 28. Novem-
ber 2014 wegen Ungehorsams als Schuldner im Betreibungs- und Kon-
kursverfahren zu einer Busse von Fr. 400.00 (MI-act. 216 ff.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach vom 1. Mai 2015
wegen Verwendens eines Telefons ohne Freisprechanlage während der
Fahrt zu einer Busse von Fr. 100.00 (MI-act. 226 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kreuzlingen vom 10. Juli 2015
wegen Übertretung der Verkehrsregelnverordnung vom 13. November
1962 (VRV; SR 741.11) zu einer Busse von Fr. 250.00 (MI-act. 230);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Baden vom 14. September 2015
wegen mehrfachen Überschreitens der allgemeinen, fahrzeugbedingten
oder signalisierten Höchstgeschwindigkeit innerorts um 4 km/h nach Ab-
zug der Sicherheitsmarge bzw. um 2 km/h nach Abzug der Sicherheits-
marge zu einer Busse von Fr. 80.00 (MI-act. 228 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 20. Novem-
ber 2015 wegen Führens eines Motorfahrzeugs ohne Licht tagsüber
sowie Nichttragens der Sicherheitsgurten durch den Fahrzeugführer zu
einer Busse von Fr. 100.00 (MI-act. 233 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kanton Luzern vom 21. Dezem-
ber 2015 wegen Überschreitens der signalisierten Höchstgeschwindig-
keit auf der Autobahn um 7 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge zu
einer Busse von Fr. 60.00 (MI-act. 236);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom 21. Dezem-
ber 2015 wegen mehrfachen Überschreitens der allgemeinen, fahrzeug-
bedingten oder signalisierten Höchstgeschwindigkeit innerorts um
- 5 -
4 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge bzw. um 9 km/h nach Abzug
der Sicherheitsmarge zu einer Busse von Fr. 160.00 (MI-act. 237 ff.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kanton Solothurn vom 26. April
2016 wegen Überschreitens der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit
innerorts um 8 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge sowie mehr-
fachen Überschreitens der signalisierten Höchstgeschwindigkeit auf der
Autobahn um 13 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge bzw. um
17 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge zu einer Busse von
Fr. 420.00 (MI-act. 249 ff.);
- mit Strafbefehl der Bundesanwaltschaft vom 22. Februar 2017 wegen
Inumlaufsetzens falschen Geldes sowie geringfügigen Betrugs zu einer
Geldstrafe von 10 Tagessätzen à Fr. 90.00 (MI-act. 485 ff.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 24. Mai
2017 wegen Unterlassens der Richtungsanzeige sowie Überschreitens
der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn um 25 km/h
nach Abzug der Sicherheitsmarge zu einer Busse von Fr. 360.00 (MI-
act. 488 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kanton Solothurn vom 23. No-
vember 2017 wegen Überschreitens der signalisierten Höchstgeschwin-
digkeit auf der Autobahn um 10 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge
zu einer Busse von Fr. 60.00 (MI-act. 494 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kanton Solothurn vom 14. De-
zember 2017 wegen Überschreitens der signalisierten Höchstgeschwin-
digkeit auf der Autobahn um 11 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge
zu einer Busse von Fr. 120.00 (MI-act. 496 f.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kanton Solothurn vom 23. Juli
2018 wegen Überschreitens der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit
innerorts um 8 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge zu einer Busse
von Fr. 120.00 (MI-act. 508 f.);
- mit Urteil des Obergerichts des Kantons Aargau (Obergericht) vom
23. Januar 2019 wegen mehrfacher Veruntreuung, einfacher Körper-
verletzung, mehrfachen Ungehorsams als Schuldner im Betreibungs-
und Konkursverfahren, Überlassens eines Motorfahrzeugs ohne Ver-
sicherungsschutz, Überlassens eines Motorfahrzeugs ohne Kontroll-
schilder, Nichtabgabe von Fahrzeugausweis und Kontrollschildern trotz
behördlicher Aufforderung, Erschleichens von Ausweisen durch unrich-
tige Angaben sowie fahrlässiger Überschreitens der signalisierten
Höchstgeschwindigkeit innerorts um 2 km/h nach Abzug der Sicher-
heitsmarge zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten, wovon zwölf Mo-
nate bei einer Probezeit von vier Jahren bedingt aufgeschoben wurden,
einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen à Fr. 70.00 sowie einer Busse von
Fr. 1'000.00 (MI-act. 523 ff.);
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 12. Dezem-
ber 2019 wegen Überschreitens der signalisierten Höchstgeschwindig-
keit innerorts um 2 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge zu einer
Busse von Fr. 40.00 (MI-act. 579 ff.);
- 6 -
- mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kanton Solothurn vom 9. März
2020 wegen Nichtbeachtens des Vorschriftssignals 2.02 "Einfahrt ver-
boten" zu einer Busse von Fr. 100.00 (MI-act. 622 f.).
Am 16. März 2020 ging beim MIKA der Betreibungsregisterauszug des Be-
treibungsamts Q. vom 27. Februar 2020 ein, wonach gegen den
Beschwerdeführer – neben laufenden Betreibungen und Pfändungen –
54 nicht getilgte Verlustscheine aus Pfändungen der letzten 20 Jahre im
Umfang von zusammengezählt Fr. 94'302.25 registriert waren (MI-
act. 598 ff.). Der am 24. März 2020 ans MIKA übermittelte Betreibungs-
registerauszug des Betreibungsamts R. vom 23. März 2020 wies derweil
34 nicht getilgte Verlustscheine aus Pfändungen der letzten 20 Jahre im
Umfang von zusammengezählt Fr. 99'198.30 gegen den Be-
schwerdeführer aus (MI-act. 610 f.).
Gegen einen weiteren Strafbefehl vom 20. Juli 2020, mit welchem ihn die
Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau wegen Misswirtschaft, Unterlassung
der Buchführung, Gläubigerschädigung sowie Betrugs zu einer Freiheits-
strafe von sechs Monaten verurteilt hatte (MI-act. 662 ff.), erhob der Be-
schwerdeführer am 23. Juli 2020 Einsprache. Soweit aus den Akten er-
sichtlich, ist das Hauptverfahren vor dem Bezirksgericht Lenzburg hängig
(MI-act. 660 f.).
Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs (MI-act. 613 ff., 631 ff.) verfügte
das MIKA am 30. November 2020 die Nichtverlängerung der abgelaufenen
Aufenthaltsbewilligung des Beschwerdeführers und wies diesen unter An-
setzung einer 90-tägigen Ausreisefrist aus der Schweiz weg (MI-
act. 669 ff.).
B.
Gegen die Verfügung des MIKA erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe
seines Rechtsvertreters vom 31. Dezember 2020 beim Rechtsdienst des
MIKA (Vorinstanz) Einsprache (MI-act. 683 ff.).
Am 21. Juli 2021 erliess die Vorinstanz folgenden Einspracheentscheid
(act. 1 ff.):
1. Die Einsprache wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gebühren erhoben.
3. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.
Auf die Begründung wird, soweit erforderlich, in den folgenden Erwägungen
eingegangen.
- 7 -
C.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 23. August 2021 reichte der Be-
schwerdeführer beim Verwaltungsgericht des Kantons Aargau (Verwal-
tungsgericht) Beschwerde ein und stellte folgende Anträge (act. 20 ff.):
1. Der Einspracheentscheid des Rechtsdienstes des Amtes für Migration und Integration vom 21. Juli 2021 (ZEMIS: [***]) sei aufzuheben.
2. Die Verfügung des Amtes für Migration und Integration des Kantons , Sektion Aufenthalt, vom 30. November 2020, Ziff. 1. bis und mit 3., sei vollumfänglich aufzuheben.
3. Der Einsprecher sei zu verwarnen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
Die Begründung ergibt sich, soweit erforderlich, aus den nachstehenden
Erwägungen.
Nach Eingang des Kostenvorschusses (act. 34) verzichtete die Vorinstanz
auf eine Beschwerdeantwort, beantragte die Abweisung der Beschwerde
und reichte aufforderungsgemäss die Akten ein (act. 38).
Mit Instruktionsverfügung vom 10. November 2021 wurde der Beschwer-
deführer aufgefordert, dem Verwaltungsgericht betreffend seine aktuelle
berufliche und wirtschaftliche Situation diverse Angaben zu machen und
Unterlagen einzureichen (act. 41 ff.). Der Beschwerdeführer kam dem mit
Eingabe seines Rechtsvertreters vom 9. Dezember 2021 teilweise nach
(act. 44 ff.).
Das Verwaltungsgericht hat den Fall am 28. März 2022 beraten und ent-
schieden.

Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung:
I.
1.
Einspracheentscheide des MIKA können innert 30 Tagen seit Zustellung
mit Beschwerde an das Verwaltungsgericht weitergezogen werden (§ 9
Abs. 1 des Einführungsgesetzes zum Ausländerrecht vom 25. November
2008 [EGAR; SAR 122.600]). Beschwerden sind schriftlich einzureichen
und müssen einen Antrag sowie eine Begründung enthalten; der angefoch-
tene Entscheid ist anzugeben, allfällige Beweismittel sind zu bezeichnen
- 8 -
und soweit möglich beizufügen (§ 2 Abs. 1 EGAR i.V.m. § 43 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege vom 4. Dezember 2007 [Verwaltungs-
rechtspflegegesetz, VRPG; SAR 271.200]).
Der Beschwerdeführer beantragt mit seiner Beschwerde unter anderem die
Aufhebung der Verfügung des MIKA vom 30. November 2020. Anfech-
tungsobjekt ist gemäss § 9 Abs. 1 EGAR indes einzig der vorinstanzliche
Einspracheentscheid, weshalb auf den entsprechenden Antrag nicht einzu-
treten ist.
Da sich die Beschwerde im Übrigen gegen den Einspracheentscheid der
Vorinstanz vom 21. Juli 2021 richtet, ist die Zuständigkeit des Verwaltungs-
gerichts gegeben. Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
ist somit, unter Beachtung der vorstehenden Präzisierung, einzutreten.
2.
Unter Vorbehalt abweichender bundesrechtlicher Vorschriften oder
Bestimmungen des EGAR können mit der Beschwerde an das Verwal-
tungsgericht einzig Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung
oder Missbrauch des Ermessens, und unrichtige oder unvollständige Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden. Die Ermes-
sensüberprüfung steht dem Gericht jedoch grundsätzlich nicht zu (§ 9
Abs. 2 EGAR; vgl. auch § 55 Abs. 1 VRPG). Schranke der Ermessensaus-
übung bildet das Verhältnismässigkeitsprinzip (vgl. BENJAMIN SCHINDLER,
in: MARTINA CARONI/THOMAS GÄCHTER/DANIELA THURNHERR [Hrsg.],
Stämpflis Handkommentar zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen
und Ausländer [AuG], Bern 2010, N. 7 zu Art. 96 mit Hinweisen). In diesem
Zusammenhang hat das Verwaltungsgericht gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung insbesondere zu klären, ob die Vorinstanz die gemäss
Art. 96 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und
über die Integration vom 16. Dezember 2005 (Ausländer- und Integrations-
gesetz, AIG; SR 142.20) relevanten Kriterien (öffentliche Interessen, per-
sönliche Verhältnisse, Integration) berücksichtigt hat und ob diese rechts-
fehlerfrei gewichtet wurden (vgl. BENJAMIN SCHINDLER, a.a.O., N. 9 zu
Art. 96). Schliesslich ist im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zu entschei-
den, ob die getroffene Massnahme durch ein überwiegendes öffentliches
Interesse gerechtfertigt erscheint (sog. Verhältnismässigkeit im engeren
Sinn).
II.
1.
1.1.
Die Vorinstanz hält in ihrem Einspracheentscheid im Wesentlichen fest, der
auf Art. 43 AIG gestützte Anspruch des Beschwerdeführers auf Verlänge-
rung seiner Aufenthaltsbewilligung sei gemäss Art. 51 Abs. 2 lit. b AIG er-
loschen, weil Widerrufsgründe nach Art. 62 AIG vorlägen. Aufgrund der
- 9 -
Verurteilung des Beschwerdeführers zu einer Freiheitsstrafe von 20 Mo-
naten durch das Obergericht mit Urteil vom 23. Januar 2019 sei der Wider-
rufsgrund der längerfristigen Freiheitsstrafe gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. b AIG
erfüllt. Zudem habe er seine hohen Verlustscheinschulden mutwillig herbei-
geführt, womit auch der Widerrufsgrund des Verstosses gegen die öffent-
liche Sicherheit und Ordnung nach Art. 62 Abs. 1 lit. c AIG erfüllt sei. Der
Beschwerdeführer habe sich weder durch seine zahlreichen strafrecht-
lichen Verurteilungen noch durch die ausländerrechtliche Ermahnung vom
20. Dezember 2007 beeindrucken und von weiterer Delinquenz abhalten
lassen, was von einer erschreckenden Gleichgültigkeit und Gering-
schätzung gegenüber der schweizerischen Rechtsordnung zeuge. Zwar
habe er seit dem 27. Februar 2020 zum Abbau seiner Schulden Raten-
zahlungen an das Betreibungsamt Q. geleistet, diese Zahlungen hätten
jedoch erst eingesetzt, nachdem ihm die Prüfung ausländerrechtlicher
Massnahmen angedroht worden sei. Insgesamt sei deshalb von einem
sehr grossen öffentlichen Interesse an der Nichtverlängerung der
Aufenthaltsbewilligung und der Wegweisung des Beschwerdeführers aus
der Schweiz auszugehen. Betreffend das private Interesse an einem wei-
teren Verbleib des Beschwerdeführers in der Schweiz führt die Vorinstanz
aus, dieser halte sich zwar seit beinahe 19 Jahren in der Schweiz auf, sei
jedoch in sozialer, beruflicher und wirtschaftlicher Hinsicht mangelhaft inte-
griert. Durch die im Fall einer Wegweisung drohenden persönlichen und
familiären Nachteile werde das private Interesse erhöht, sodass insgesamt
von einem mittleren bis grossen privaten Interesse auszugehen sei. Im Er-
gebnis überwiege das sehr grosse öffentliche Interesse an aufenthalts-
beendenden Massnahmen gegen den Beschwerdeführer, womit sich diese
als verhältnismässig erwiesen.
1.2.
Der Beschwerdeführer macht demgegenüber im Wesentlichen geltend, die
Nichtverlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung und seine Wegweisung
aus der Schweiz seien unverhältnismässig. Die Vorinstanz habe bei der
Bewertung des öffentlichen Interesses nicht berücksichtigt, dass es sich bei
den gegen ihn ergangenen Strafbefehlen bzw. -verfügungen um verhältnis-
mässig geringfügige Delikte, insbesondere Strassenverkehrsdelikte,
handle. Zudem lasse die Vorinstanz unerwähnt, dass er sich nunmehr seit
Jahren wohlverhalten und keine Übertretungen mehr begangen habe.
Nach seiner Verurteilung durch das Obergericht am 23. Januar 2019 habe
er sich eines Besseren besonnen und anfangs 2020 auch damit begonnen,
seine Schulden abzubauen. Es sei daher lediglich von einem geringen bis
mittleren öffentlichen Interesse auszugehen. Bezüglich des privaten Inte-
resses bringt der Beschwerdeführer sinngemäss vor, dass seiner Ehefrau
nicht zugemutet werden könne, ihm ins gemeinsame Heimatland zu folgen.
Ausserdem seien die Kinder, obwohl sie kurz vor ihrer Volljährigkeit stün-
den, auf die Führung ihrer Eltern angewiesen und es könne auch ihnen
- 10 -
nicht zugemutet werden, die Schweiz zu verlassen und nach Nord-
mazedonien zu übersiedeln. Insgesamt sei daher von einem sehr grossen
privaten Interesse auszugehen, welches das öffentliche Interesse bei
Weitem überwiege.
2.
2.1.
Aufenthaltsbewilligungen sind befristet und erlöschen mit Ablauf ihrer Gül-
tigkeitsdauer (Art. 33 Abs. 3 i.V.m. Art. 61 Abs. 1 lit. c AIG). Spricht jedoch
nichts gegen eine Bewilligungsverlängerung, wird diese praxisgemäss ver-
fügt.
Das AIG enthält keine Bestimmungen, welche die Kriterien für die Nicht-
verlängerung einer Aufenthaltsbewilligung festlegen. Art. 33 Abs. 3 AIG
normiert lediglich, dass eine Aufenthaltsbewilligung verlängert werden
kann, wenn keine Widerrufsgründe nach Art. 62 Abs. 1 AIG vorliegen. Das
bedeutet weder, dass ein Widerrufsgrund vorliegen muss, damit die Nicht-
verlängerung einer Aufenthaltsbewilligung verfügt werden kann, noch, dass
das Vorliegen eines Widerrufsgrundes automatisch die Nichtverlängerung
zur Folge hat (vgl. TAMARA NÜSSLE, in: CARONI/GÄCHTER/THURNHERR,
a.a.O., N. 33 zu Art. 33). Nehmen die Behörden indes andere Gründe als
die in Art. 62 Abs. 1 AIG normierten Widerrufsgründe zum Anlass, eine Auf-
enthaltsbewilligung nicht zu verlängern, ist dem verfassungsrechtlichen
Gebot der rechtsgleichen Behandlung (Art. 8 Abs. 1 der Bundesverfassung
der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV; SR 101])
besonders Rechnung zu tragen. Die Nichtverlängerung einer Aufenthalts-
bewilligung aufgrund einer Praxis der Migrationsbehörden ist nur dann zu-
lässig, wenn alle Betroffenen rechtsgleich behandelt werden. Selbstredend
geht es überdies nicht an, im Rahmen der durch das MIKA zu bildenden
Praxis jeden beliebigen Grund als Nichtverlängerungsgrund anzurufen.
Vielmehr hat dieser im Vergleich zu den in Art. 62 Abs. 1 AIG normierten
Widerrufsgründen von einem gewissen Gewicht zu sein.
Nach dem Gesagten setzt die Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbewilli-
gung einen Nichtverlängerungsgrund voraus, wobei ein solcher entweder
in einem Widerrufsgrund nach Art. 62 Abs. 1 AIG bestehen oder sich aus
einer ständigen, rechtsgleich gehandhabten Praxis des MIKA ergeben
kann.
2.2.
Wird die Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbewilligung damit begründet,
dass der Aufenthaltszweck dahingefallen sei, ist Folgendes anzumerken:
Gemäss Art. 33 Abs. 2 AIG wird eine Aufenthaltsbewilligung stets für einen
bestimmten Aufenthaltszweck erteilt. Dieser ergibt sich aus dem Zulas-
sungsgrund, welcher der Bewilligungserteilung zugrunde liegt. So werden
Aufenthaltsbewilligungen beispielsweise zwecks Erwerbstätigkeit, zwecks
- 11 -
Verbleibs als Rentner, zwecks Ausbildung, zwecks medizinischer Behand-
lung oder zwecks Verbleibs im Rahmen eines Härtefalls erteilt. Der mit dem
Zulassungsgrund verbundene Aufenthaltszweck stellt eine Bedingung im
Sinne des AIG dar. Dies folgt unter anderem aus Art. 33 Abs. 2 AIG, wo
vom Aufenthaltszweck und "weiteren Bedingungen" die Rede ist, sowie aus
Art. 54 der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit
vom 24. Oktober 2007 (VZAE; SR 142.201), wonach es bei einer Änderung
des Aufenthaltszwecks einer neuen Bewilligung bedarf. Fällt der Zu-
lassungsgrund und damit der Aufenthaltszweck weg, hält die betroffene
ausländische Person die mit ihrer Aufenthaltsbewilligung verbundene Be-
dingung nicht mehr ein. Damit erfüllt sie den Widerrufsgrund des Nichtein-
haltens einer Bedingung gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. d AIG, welcher zugleich
einen Nichtverlängerungsgrund darstellt (vgl. zum Ganzen NÜSSLE, a.a.O.,
N. 11–13, 15 zu Art. 33; MARC SPESCHA/PETER BOLZLI/FANNY DE
WECK/VALERIO PRIULI, Handbuch zum Migrationsrecht, 4. Aufl., Zürich
2020, Rz. 160 f.). So ist beispielsweise bei einer Person mit einer Aufent-
haltsbewilligung zu Ausbildungszwecken der Widerrufsgrund von Art. 62
Abs. 1 lit. d AIG erfüllt, wenn diese ihr Studium in der Schweiz abgeschlos-
sen hat. Seinen wichtigsten Anwendungsbereich hat Art. 62 Abs. 1 lit. d
AIG derweil bei Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung zwecks Ver-
bleibs beim Ehegatten. Hier ist der Widerrufs- und Nichtverlängerungs-
grund erfüllt, wenn zwischen der betroffenen Person und ihrem ursprüng-
lich anwesenheitsberechtigten Ehegatten keine eheliche Gemeinschaft
mehr besteht, oder wenn dieser seinerseits die Schweiz dauerhaft verlässt
oder sein Anwesenheitsrecht in der Schweiz verliert.
Geht es hingegen um eine Aufenthaltsbewilligung, deren Zweck im mass-
geblichen Zeitpunkt fortbesteht, kommt eine Nichtverlängerung nur dann in
Betracht, wenn ein anderer Nichtverlängerungsgrund vorliegt. Das heisst,
es bedarf eines Widerrufsgrundes nach Art. 62 Abs. 1 lit. a–c oder e–g AIG
oder eines Nichtverlängerungsgrundes gemäss ständiger, rechtsgleich ge-
handhabter Praxis des MIKA.
2.3.
Mit dem Vorliegen eines Nichtverlängerungsgrundes erweist sich die Nicht-
verlängerung der Aufenthaltsbewilligung als begründet. Wie jede behörd-
liche Massnahme müssen indes auch die Nichtverlängerung einer Aufent-
haltsbewilligung und die gemäss Art. 64 Abs. 1 lit. c AIG damit verbundene
Wegweisung verhältnismässig sein (Art. 5 Abs. 2 BV und Art. 96 Abs. 1
AIG; vgl. BGE 135 II 377, Erw. 4.3) und verlangen folglich nach einer
Interessenabwägung unter den Gesichtspunkten von Art. 96 Abs. 1 AIG.
Konkret muss bei Gegenüberstellung aller öffentlichen und privaten
Interessen ein überwiegendes öffentliches Interesse an den aufenthalts-
beendenden Massnahmen resultieren; dies insbesondere unter Berück-
sichtigung der Integration. Das Vorliegen eines Nichtverlängerungsgrundes
weist dabei auf ein öffentliches Interesse an der Aufenthaltsbeendigung
- 12 -
hin. Wie stark dieses zu gewichten ist, hängt von der Art des Nichtver-
längerungsgrundes sowie dem konkret zugrundeliegenden Verhalten der
betroffenen Person ab.
2.4.
Abhängig von den Umständen des konkreten Einzelfalls kann sich die
Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbewilligung zwar als begründet erwei-
sen, die betroffene Person aber – namentlich aufgrund ihrer familiären
Situation – einen Rechtsanspruch auf Verlängerung der bisherigen Aufent-
haltsbewilligung oder Erteilung einer neuen Aufenthaltsbewilligung haben.
Steht ein solcher im Raum, ist die Prüfung der Verhältnismässigkeit der
Aufenthaltsbeendigung zunächst zurückzustellen und es ist vorab zu
klären, ob effektiv ein Bewilligungsanspruch besteht.
Besteht ein Bewilligungsanspruch, weil die Anspruchsvoraussetzungen er-
füllt sind und keine Erlöschensgründe gegeben sind, ist die entsprechende
Bewilligung zu erteilen bzw. zu verlängern. Unter diesen Umständen erfolgt
keine Wegweisung, womit sich eine Verhältnismässigkeitsprüfung erübrigt.
Liegt kein Bewilligungsanspruch vor, ist unter Umständen zu prüfen, ob
eine Gesetzes- oder Verordnungsbestimmung besteht, welche die ermes-
sensweise Verlängerung der bisherigen oder Erteilung einer neuen Aufent-
haltsbewilligung zur Folge haben könnte.
Liegt weder ein Bewilligungsanspruch noch eine konkrete Grundlage für
die Erteilung einer Ermessensbewilligung vor, bleibt zu prüfen, ob sich die
Nichtverlängerung der bisherigen Aufenthaltsbewilligung und die damit ver-
bundene Wegweisung aus der Schweiz als verhältnismässig erweisen.
3.
3.1.
In einem ersten Schritt ist zu prüfen, ob ein Nichtverlängerungsgrund vor-
liegt (siehe vorne Erw. 2.1).
3.2.
Gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. b AIG können Bewilligungen – ausgenommen
die Niederlassungsbewilligung – widerrufen werden, wenn eine auslän-
dische Person zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe verurteilt oder gegen
sie eine strafrechtliche Massnahme im Sinne von Art. 59–61 oder Art. 64
des Schweizerischen Strafgesetzbuchs vom 21. Dezember 1937 (StGB;
SR 311.0) angeordnet wurde.
Von einer längerfristigen Freiheitsstrafe im Sinne von Art. 62 Abs. 1 lit. b
AIG ist praxisgemäss immer dann auszugehen, wenn ein Betroffener zu
einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr verurteilt wurde
(BGE 135 II 377, Erw. 4.2; Entscheid des Verwaltungsgerichts
- 13 -
WBE.2011.1073 vom 27. März 2013, Erw. II/2.2), wobei unerheblich ist, ob
die Strafe bedingt, teilbedingt oder unbedingt zu vollziehen ist (Urteil des
Bundesgerichts 2C_685/2014 vom 13. Februar 2015, Erw. 3 und 4). Der
Widerrufsgrund ist jedoch nur dann erfüllt, wenn eine Strafe für sich alleine
das Kriterium der Längerfristigkeit erfüllt, d.h. die Dauer von einem Jahr
überschreitet (BGE 137 II 297, Erw. 2.3.6).
3.3.
Vorliegend wurde der Beschwerdeführer mit rechtskräftigem Urteil des
Obergerichts vom 23. Januar 2019 zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten
verurteilt (MI-act. 523 ff.). Damit ist der Widerrufsgrund gemäss Art. 62
Abs. 1 lit. b AIG erfüllt, was im Übrigen auch der Beschwerdeführer aner-
kennt (act. 24 f.).
Nachdem beim Beschwerdeführer ein Widerrufsgrund gemäss Art. 62
Abs. 1 AIG vorliegt, liegt gleichzeitig ein Nichtverlängerungsgrund vor,
womit sich die Nichtverlängerung seiner abgelaufenen Aufenthaltsbewilli-
gung als begründet erweist.
Anzumerken bleibt, dass aufgrund der Verschuldung des Beschwerdefüh-
rers auch der Widerrufsgrund des Verstosses gegen die öffentliche Sicher-
heit und Ordnung gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. c AIG erfüllt ist (siehe dazu
hinten Erw. 5.2.3).
4.
Die durch den Beschwerdeführer erfüllten Widerrufsgründe gemäss Art. 62
Abs. 1 AIG stellen nach Massgabe von Art. 51 Abs. 2 lit. b AIG zugleich
auch Erlöschensgründe für Ansprüche nach Art. 43 AIG dar. Ein allfälliger
Anspruch des Beschwerdeführers auf Verlängerung seiner Aufenthaltsbe-
willigung zwecks Verbleibs bei seiner niederlassungsberechtigten Ehefrau
ist demzufolge erloschen.
5.
5.1.
Zu prüfen bleibt, ob bei Gegenüberstellung aller öffentlichen und privaten
Interessen ein überwiegendes öffentliches Interesse an der Nichtverlänge-
rung der Aufenthaltsbewilligung des Beschwerdeführers und dessen Weg-
weisung aus der Schweiz resultiert, sodass sich die aufenthaltsbeenden-
den Massnahmen als verhältnismässig erweisen (siehe vorne Erw. 2.3 f.).
Ob diesbezüglich sämtliche relevanten Kriterien berücksichtigt und richtig
angewandt worden sind bzw. ob sich die Massnahmen als verhältnismäs-
sig erweisen, ist als Rechtsfrage durch das Verwaltungsgericht frei zu prü-
fen.
- 14 -
5.2.
5.2.1.
5.2.1.1.
Beim Vorliegen von Widerrufsgründen infolge Straffälligkeit bestimmt sich
das Mass des öffentlichen Interesses vorab anhand der Schwere des Ver-
schuldens des oder der Betroffenen. Ausgangspunkt und Massstab dafür
sind die vom Strafrichter verhängten Strafen. Das heisst, je höher eine
Strafe ausfällt, umso höher ist aus migrationsrechtlicher Sicht das Ver-
schulden der betroffenen Person – und damit einhergehend das öffentliche
Interesse an der Beendigung ihrer Anwesenheit – zu qualifizieren. Bei Fest-
setzung des Strafmasses werden strafmildernde Umstände überdies stets
mitberücksichtigt, weshalb auf die Beurteilung des Strafrichters grundsätz-
lich abzustellen ist (BGE 129 II 215, Erw. 3.1, sowie Urteil des Bundesge-
richts 2C_797/2011 vom 12. Juni 2012, Erw. 2.2). Wird ein Strafurteil in Be-
zug auf die Strafzumessung rechtskräftig, bleibt damit nach ständiger
Rechtsprechung des Bundesgerichts in der Regel kein Raum, im migra-
tionsrechtlichen Verfahren die diesbezügliche Beurteilung des Strafrichters
zu relativieren (vgl. Urteile des Bundesgerichts 2C_925/2020 vom 11. März
2021, Erw. 4.4, 2C_421/2020 vom 7. Oktober 2020, Erw. 6.4.1, und
2C_1067/2019 vom 18. Februar 2020, Erw. 2.3.2, je mit Hinweisen).
Bei schweren Straftaten, insbesondere bei Gewalt-, Sexual- und schweren
Betäubungsmitteldelikten, sowie bei wiederholter Delinquenz bzw. erneuter
Delinquenz nach Untersuchungshaft, nach verbüsster Freiheitsstrafe oder
nach migrationsamtlicher Verwarnung erhöht sich aus migrationsrecht-
licher Sicht das öffentliche Interesse am Widerruf bzw. an der Verweige-
rung der Bewilligung entsprechend.
5.2.1.2.
Der Beschwerdeführer wurde mit Urteil des Obergerichts vom 23. Januar
2019 unter anderem zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten verurteilt,
wobei deren Vollzug im Umfang von zwölf Monaten unter Ansetzung einer
Probezeit von vier Jahren aufgeschoben wurde (MI-act. 523 ff.). Damit liegt
das erwirkte Strafmass deutlich über der Grenze von einem Jahr, welche
für das Vorliegen des Widerrufsgrunds gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. b AIG
massgeblich ist. Bereits aufgrund der Dauer der Freiheitsstrafe ist daher
aus migrationsrechtlicher Sicht von einem schweren Verschulden (vgl.
Urteil des Bundesgerichts 2C_940/2014 vom 30. Mai 2015, Erw. 5.3;
BGE 139 I 145, Erw. 3.4) und dementsprechend von einem grossen öffent-
lichen, insbesondere polizeilichen Interesse an der Entfernung des Be-
schwerdeführers aus der Schweiz auszugehen (BGE 135 II 377, Erw. 4.4).
Dass das Bezirksgericht Lenzburg als erstinstanzliches Strafgericht eine
noch längere Freiheitsstrafe gegen den Beschwerdeführer ausgesprochen
hatte (MI-act. 533), welche das Obergericht reduzierte, ändert entgegen
- 15 -
der offenbaren Auffassung des Beschwerdeführers (act. 25) nichts an der
vorstehenden Beurteilung.
Als unbehelflich erweist sich auch das Vorbringen des Beschwerdeführers,
die Vorinstanzen hätten anerkannt, dass sein strafrechtliches Verschulden
als gering eingestuft worden sei, worauf sie zu behaften seien (act. 25).
Wie durch die Vorinstanz richtig festgestellt, ist für die Bemessung des mig-
rationsrechtlichen, öffentlichen Interesses an der Beendigung des Aufent-
halts einer ausländischen Person primär die ausgefällte Strafe mass-
gebend. Nicht entscheidend ist dabei, ob der Strafrichter das strafrechtliche
Verschulden als schwer, mittelschwer oder gar leicht eingestuft hat. Eine
andere Betrachtungsweise würde dazu führen, dass bei einem Straftäter,
der Delikte mit einem kleinen gesetzlichen Strafrahmen begangen hat, dem
jedoch aus strafrechtlicher Sicht ein schweres Verschulden vorzuwerfen ist,
aus migrationsrechtlicher Sicht trotz relativ kleiner ausgefällter Strafe ein
grosses öffentliches Interesse an der Verfügung aufenthaltsbeendender
Massnahmen anzunehmen wäre, was mit Blick auf eine rechtsgleiche Be-
handlung nicht angeht. Massgebend ist somit nicht die einheitliche Be-
zeichnung der Schwere des Verschuldens durch den Strafrichter und die
Migrationsbehörden, sondern die kohärente Quantifizierung des öffent-
lichen Interesses an einer Beendigung des Aufenthalts bei allen durch die
Migrationsbehörden zu beurteilenden Personen (Entscheid des Verwal-
tungsgerichts WBE.2018.355 vom 4. September 2019, Erw. II/3.2.2).
5.2.1.3.
5.2.1.3.1.
In einem zweiten Schritt sind sodann sämtliche weitere Umstände zu be-
rücksichtigen, die zu einer Erhöhung des öffentlichen Interesses am Wider-
ruf bzw. an der Verweigerung der Bewilligung führen können (siehe vorne
Erw. 5.2.1.1).
5.2.1.3.2.
Die Verurteilung des Beschwerdeführers durch das Obergericht vom
23. Januar 2019 erfolgte wegen mehrfacher Veruntreuung, einfacher Kör-
perverletzung, mehrfachen Ungehorsams als Schuldner im Betreibungs-
und Konkursverfahren, Überlassens eines Motorfahrzeugs ohne Versiche-
rungsschutz, Überlassens eines Motorfahrzeugs ohne Kontrollschilder,
Nichtabgabe von Fahrzeugausweisen und Kontrollschildern trotz behörd-
licher Aufforderung, Erschleichens von Ausweisen durch unrichtige Anga-
ben sowie fahrlässigen Überschreitens der signalisierten Höchstgeschwin-
digkeit innerorts (MI-act. 523 ff.). Dem Schuldspruch wegen einfacher Kör-
perverletzung legte das Obergericht folgenden Sachverhalt zugrunde: Das
Opfer kam in die Garage des Beschwerdeführers, welcher sich weigerte,
ohne Vorauszahlung das Auto des Opfers vorzuführen. Nach einer verba-
len Auseinandersetzung stiess ihn das Opfer mit beiden Händen weg,
worauf er dem Opfer zwei Mal mit der Hand ins Gesicht schlug, sodass es
- 16 -
zu Boden ging. Der Beschwerdeführer liess indes nicht vom Opfer ab, wes-
halb es zu einem Gerangel kam, im Zuge dessen sich letzterer – auf dem
Boden liegend – mit Schlägen zu wehren versuchte. Als zwei weitere Per-
sonen das Büro betraten, zerrten diese den Beschwerdeführer vom Opfer
weg, welches eine Prellung des Gesichts, des Brustkorbs und des Unter-
arms davontrug und zwei Tage krankgeschrieben wurde (MI-act. 551 f.).
Nach dem Gesagten wurde durch die vom Beschwerdeführer begangene
einfache Körperverletzung zwar das besonders hochrangige Rechtsgut der
körperlichen Integrität seines Opfers verletzt, dies jedoch nicht in schwer-
wiegender Weise. Auch das Zustandekommen und der Ablauf der Straftat
lassen insgesamt – knapp – nicht auf ein besonders verwerfliches Verhal-
ten oder eine besonders verwerfliche Gesinnung beim Beschwerdeführer
schliessen. So liess er zwar erst vom am Boden liegenden Opfer ab, als
Dritte eingriffen. Das Opfer war jedoch nicht wehrlos, sondern schlug
seinerseits weiter zurück. Zudem war es das Opfer, welches die körperliche
Auseinandersetzung durch Schubsen begann. In Anbetracht der gesamten
Umstände ist die vom Beschwerdeführer begangene einfache Körper-
verletzung somit nicht als ein schweres Gewaltdelikt einzustufen, das aus
migrationsrechtlicher Sicht zu einem erhöhten öffentlichen Interesse an der
Beendigung seines Aufenthalts führen würde (vgl. zum Ganzen Entscheid
des Verwaltungsgerichts WBE.2018.118 vom 19. Juni 2019, Erw. II/4.2.3).
Im Übrigen handelt es sich weder bei einfacher Körperverletzung noch bei
einem der weiteren Delikte, die der Beschwerdeführer verübt hat, um eine
Anlasstat im Sinne von Art. 66a Abs. 1 StGB, deren Begehung heute (unter
Vorbehalt der Härtefallklausel von Art. 66a Abs. 2 StGB) zwingend zu einer
Landesverweisung führen und aus diesem Grund ein erhöhtes öffentliches
Interesse an aufenthaltsbeendenden Massnahmen begründen würde (vgl.
Entscheid des Verwaltungsgerichts WBE.2021.14 vom 30. Juni 2021,
Erw. II/4.2.3.2; Urteile des Bundesgerichts 2C_169/2017 vom 6. November
2017, Erw. 3.3, und 2C_822/2016 vom 31. Januar 2017, Erw. 3.3.1).
Somit erhöht sich das öffentliche Interesse in Anbetracht der Art der be-
gangenen Delikte nicht in entscheidrelevanter Weise.
5.2.1.3.3.
Der Beschwerdeführer war bereits 16 Mal per Strafbefehl verurteilt und
dabei mit Geldstrafen von zusammengezählt 90 Tagessätzen und Bussen
im Gesamtumfang von Fr. 3'220.00 bestraft worden, als er im Juni 2013 mit
der Begehung der am 23. Januar 2019 durch das Obergericht abgeurteil-
ten, das vorliegende migrationsrechtliche Verfahren auslösenden Straf-
taten begann (MI-act. 524 f., 563). Zudem hatte ihn das MKA bereits im
Jahr 2007 – nachdem er seine ersten beiden Strafbefehle erwirkt hatte –
migrationsrechtlich ermahnt und darauf aufmerksam gemacht, dass er sich
künftig wohl zu verhalten habe, andernfalls die Anordnung ausländerrecht-
licher Massnahmen geprüft werde (MI-act. 55). Als der Beschwerdeführer
- 17 -
am 9. März 2017 die letzte der durch das Obergericht abgeurteilten Straf-
taten beging, waren bereits weitere 14 Strafbefehle gegen ihn ergangen,
mit denen er zu weiteren Geldstrafen von zusammengezählt 180 Tages-
sätzen und weiteren Bussen im Gesamtumfang von Fr. 2'370.00 verurteilt
worden war (MI-act. 530, 563 f.). Bis heute sind im Übrigen sechs weitere
rechtskräftige Strafbefehle mit Bussen im Gesamtumfang von Fr. 800.00
hinzugekommen (siehe zum Ganzen vorne lit. A). Dass weder die migra-
tionsrechtliche Ermahnung noch die zahlreichen strafrechtlichen Verurtei-
lungen den Beschwerdeführer davon abzuhalten vermochten, ab Juni 2013
weiter und – mit mehrfacher Veruntreuung und einfacher Körperverletzung
– nochmals schwerer zu delinquieren, zeugt von einer ausgeprägten Un-
belehrbarkeit. Darüber hinaus manifestiert sich in der schieren Menge der
erwirkten Strafbefehle eine erschreckende Gleichgültigkeit und Gering-
schätzung gegenüber der hiesigen Rechtsordnung. Entsprechend erhöht
sich unter diesem Gesichtspunkt das öffentliche Interesse an der Nichtver-
längerung der Aufenthaltsbewilligung des Beschwerdeführers und seiner
Wegweisung aus der Schweiz.
An dieser Beurteilung vermag auch nichts zu ändern, wenn der Beschwer-
deführer in seiner Beschwerde vorbringt, "ein verhältnismässig sehr
grosser Teil der ausgefällten Bussen [betreffe] Verkehrsdelikte, die gering-
fügiger nicht sein könnten" (act. 26). Namentlich bei den (teilweise)
massiven Überschreitungen der zulässigen Höchstgeschwindigkeit im
Strassenverkehr um 31, 25, 17 und 13 km/h nach Abzug der Sicherheits-
marge auf der Autobahn und um 32 km/h nach Abzug der Sicherheits-
marge ausserorts (MI-act. 67 f., 80 ff., 249 ff., 488 ff.), die er neben zahl-
reichen weiteren Geschwindigkeitsüberschreitungen beging, handelt es
sich – angesichts des dadurch abstrakt gefährdeten Rechtsguts von Leib
und Leben Dritter – um Delikte von nicht unerheblichem Gewicht. Solches
weisen auch die per Strafbefehl abgeurteilten Vermögensdelikte des Be-
schwerdeführers – Veruntreuung, Inumlaufsetzen falschen Geldes und
Vergehen im Sinne von Art. 87 AHVG (MI-act. 113 f., 207 ff., 485 ff.) – auf.
Seine wiederholten Verurteilungen wegen Nichtabgabe von Fahrzeugaus-
weis und Kontrollschildern trotz behördlicher Aufforderung (MI-act. 569 f.,
123 ff., 207 ff., 213 ff., 523 ff.), Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen
(MI-act. 569 f.) und Ungehorsams als Schuldner im Betreibungs- und Kon-
kursverfahren (MI-act. 569 f., 205 f., 216 ff., 523 ff.) zeigen sodann, dass
sich der Beschwerdeführer jahrelang auch um direkte, individuell-konkrete
Anordnungen der Behörden foutiert hat. Gleiches gilt im Übrigen für das
wiederholte Nichtbezahlen strassenverkehrsrechtlicher Übertretungs-
bussen, durch welches er einen Teil seiner Strafbefehle erwirkte.
5.2.1.4.
5.2.1.4.1.
Der Beschwerdeführer bringt vor, dass die Verurteilungen grösstenteils
sehr lange zurücklägen und er bereits seit Jahren keine Übertretungen
- 18 -
irgendwelcher Art mehr begangen habe. Das Strafverfahren vor dem Be-
zirksgericht Lenzburg sowie dem Obergericht habe ihm Eindruck gemacht
und ihn auf den Weg einer korrekten Lebensführung gebracht (act. 27).
Durch die vorbehaltlose Anerkennung des Widerrufsgrunds gemäss Art. 62
Abs. 1 lit. b AIG habe er denn auch den Tatbeweis erbracht, dass er ein-
sichtig sei. Zudem habe er seine strafrechtliche Verurteilung durch das
Obergericht akzeptiert und den unbedingten Teil der ausgefällten Freiheits-
strafe angetreten (act. 24).
5.2.1.4.2.
Bei der Bemessung des öffentlichen Interesses an der Beendigung des
Aufenthalts einer ausländischen Person wegen deren Straffälligkeit ist zu
berücksichtigen, ob konkrete Gründe vorliegen, die auf ein reduziertes
Rückfallrisiko schliessen lassen. So kann nach den gesamten Umständen
die Gefahr, dass der oder die Betroffene in absehbarer Zukunft erneut
gegen die Rechtsordnung verstösst, im Zeitpunkt der ausländerrechtlichen
Beurteilung ausnahmsweise derart reduziert sein, dass deswegen das
öffentliche Interesse an seiner oder ihrer Entfernung aus der Schweiz ent-
scheidwesentlich tiefer zu veranschlagen ist als aufgrund des erwirkten
Strafmasses und unter Berücksichtigung allfälliger interessenserhöhender
Faktoren festgestellt (vgl. ANDREAS ZÜND/LADINA ARQUINT HILL, Beendi-
gung der Anwesenheit, Entfernung, Fernhaltung, in: PETER UEBERSAX/
BEAT RUDIN/THOMAS HUGI YAR/THOMAS GEISER [Hrsg.], Handbücher für die
Anwaltspraxis, Band VIII, Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 8.31).
Allerdings geht das Verwaltungsgericht in konstanter Rechtsprechung
davon aus, dass bei Staatsangehörigen von Drittstaaten – wie dem Be-
schwerdeführer – grundsätzlich auch generalpräventive Überlegungen bei
der Bemessung des öffentlichen Interesses an der Beendigung der Anwe-
senheit mitberücksichtigt werden können (Entscheide des Verwaltungsge-
richts WBE.2018.386 vom 5. Dezember 2019, Erw. II/3.2.4.2,
WBE.2016.429 vom 31. Mai 2017, Erw. II/3.2.3, und WBE.2011.1020 vom
27. März 2013, Erw. II/3.2.2; Entscheid des Rekursgerichts im Ausländer-
recht des Kantons Aargau 1-BE.2009.31 vom 16. November 2010,
Erw. II/3.2.2, bestätigt mit Urteil des Bundesgerichts 2C_13/2011 vom
22. März 2011, Erw. 2.2; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 2C_45/2017
vom 10. August 2017, Erw. 2.6). Entsprechend kommt im Rahmen einer
Interessenabwägung nach rein nationalem Ausländerrecht der Rückfall-
gefahr bzw. der Wahrscheinlichkeit künftigen Wohlverhaltens nicht
dieselbe zentrale Bedeutung zu wie im Anwendungsbereich des Abkom-
mens zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der
Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über
die Freizügigkeit vom 21. Juni 1999 (FZA; SR 0.142.112.681) (Urteil des
Bundesgerichts 2C_516/2014 vom 24. März 2015, Erw. 4.3.2). Nach dem
Gesagten ist bei Drittstaatsangehörigen grundsätzlich erst dann aus-
nahmsweise von einer entscheidwesentlichen Tieferveranschlagung des
öffentlichen Interesses auszugehen, wenn das individuelle Rückfallrisiko
- 19 -
nur noch sehr klein erscheint. Insbesondere bei schwerwiegenden Straf-
taten ist in ausländerrechtlicher Hinsicht zum Schutz der Öffentlichkeit kein
Restrisiko weiterer Beeinträchtigungen wesentlicher Rechtsgüter hinzu-
nehmen und es steht den Migrationsbehörden frei, diesbezüglich einen
strengeren Massstab anzulegen als der Strafrichter (Entscheide des Ver-
waltungsgerichts WBE.2018.386 vom 5. Dezember 2019, Erw. II/3.2.4.2,
und WBE.2012.1015 vom 14. Juni 2013, Erw. II/5.2.2; BGE 139 I 16,
Erw. 2.2.1, und 125 II 521, Erw. 4a/bb).
5.2.1.4.3.
Zum Vorbringen des Beschwerdeführers, er habe sich nunmehr seit Jahren
wohlverhalten, ist zunächst festzuhalten, dass aus migrationsrechtlicher
Sicht dem Wohlverhalten während eines hängigen Strafverfahrens, einer
laufenden Probezeit oder eines hängigen migrationsrechtlichen Verfahrens
grundsätzlich nur untergeordnete Bedeutung beizumessen ist (Urteile des
Bundesgerichts 2C_904/2013 vom 20. Juni 2014, Erw. 4.2, 2C_191/2014
vom 27. Februar 2014, Erw. 3.3.2, und 2A.605/2005 vom 28. Februar
2006, Erw. 2.5.2). Nichts zu ihren Gunsten ableiten kann eine betroffene
ausländische Person sodann aus ihrem Wohlverhalten im Straf- bzw.
Massnahmenvollzug. Eine gute Führung im Straf- oder Massnahmenvoll-
zug wird allgemein erwartet und lässt angesichts der dort herrschenden
engmaschigen Betreuung keine verlässlichen Rückschlüsse auf das künf-
tige Verhalten in Freiheit zu (Urteile des Bundesgerichts 2C_360/2013 vom
21. Oktober 2013, Erw. 2.3, und 2C_733/2012 vom 24. Januar 2013,
Erw. 3.2.4). Nach dem Gesagten ist in Bezug auf die Beurteilung des Wohl-
verhaltens seit der migrationsrechtlich massgebenden Tat im Rahmen der
Interessenabwägung in erster Linie auf die Dauer der in Freiheit verbrach-
ten Zeit abzustellen, in welcher die betroffene Person nicht unter dem
Druck drohender straf- oder migrationsrechtlicher Sanktionen stand.
Vorliegend lösten die mit Urteil des Obergerichts vom 23. Januar 2019 ab-
geurteilten Straftaten, begangen zwischen Juni 2013 und März 2017, das
migrationsrechtliche Verfahren aus. Mithin ist für ein allfälliges Wohlver-
halten das Verhalten des Beschwerdeführers seit März 2017 massgebend.
Der Beschwerdeführer hat seither fünf rechtskräftige Strafbefehle gegen
sich erwirkt mit denen er wegen erneuter Geschwindigkeitsüberschrei-
tungen – einmal um 10 km/h und einmal um 11 km/h auf der Autobahn,
einmal um 8 km/h und einmal um 2 km/h innerorts – sowie zuletzt wegen
Missachtung eines "Einfahrt verboten"-Signals, begangen am 14. Novem-
ber 2019, zu Bussen von zusammengezählt Fr. 440.00 verurteilt wurde (MI-
act. 494 f., 496 f., 508 f., 579 ff., 622 f.). Hinsichtlich der ihm mit angefoch-
tenem Strafbefehl vom 20. Juli 2020 vorgeworfenen Delikte (siehe vorne
lit. A) gilt zum einen die Unschuldsvermutung, zum anderen soll er diese
ohnehin bereits in den Jahren 2014 bis 2018 verübt haben (MI-act. 662 ff.).
Somit datiert ausweislich der Akten die letzte strafrechtliche Verfehlung des
Beschwerdeführers vom 14. November 2019. Werden zu seinen Gunsten
- 20 -
sämtliche zwischenzeitlich begangenen Übertretungen als Bagatellen
qualifiziert, ist ihm ein weitgehendes Wohlverhalten seit März 2017, mithin
seit fünf Jahren, zu attestieren. Allerdings stand er dabei zunächst unter
dem Druck des laufenden Strafverfahrens, welches am 19. September
2017 zur Anklage durch die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau (MI-
act. 524), am 22. Februar 2018 zum erstinstanzlichen Strafurteil des Be-
zirksgerichts Lenzburg (MI-act. 531) und am 23. Januar 2019 zum Urteil
des Obergerichts führte. Seither steht er unter dem Druck der durch das
Obergericht im Rahmen der teilbedingten Strafausfällung verhängten vier-
jährigen Probezeit, welche bis heute andauert (MI-act. 564). Seit dem
Schreiben des MIKA vom 14. Februar 2020 betreffend die Prüfung auslän-
derrechtlicher Massnahmen (MI-act. 589) kommt noch der Druck des vor-
liegenden migrationsrechtlichen Verfahrens hinzu. Ferner ist zu berück-
sichtigen, dass er am 7. Januar 2022 den Strafvollzug in Halbgefangen-
schaft angetreten hat, welcher bis zum 3. September 2022 andauern soll
(act. 95 ff.).
Unter den genannten Umständen lässt das zu seinen Gunsten angenom-
mene weitgehende Wohlverhalten des Beschwerdeführers in den ver-
gangenen fünf Jahren bestenfalls auf eine leichte Reduktion der von ihm
ausgehenden Rückfallgefall schliessen.
5.2.1.4.4.
Festzuhalten bleibt, dass weder die Anerkennung des offenkundig erfüllten
Widerrufsgrunds der längerfristigen Freiheitsstrafe noch die weiteren vor-
gebrachten Umstände (siehe vorne Erw. 5.2.1.4.1) auf tätige Reue des Be-
schwerdeführers oder ein damit vergleichbares Mass von Einsicht in das
Unrecht seiner Straftaten schliessen lassen. Das öffentliche Interesse ist
daher unter diesem Gesichtspunkt nicht entscheidwesentlich tiefer zu ver-
anschlagen.
5.2.1.4.5.
Insgesamt erscheint die Rückfallgefahr beim Beschwerdeführer angesichts
seines weitgehenden Wohlverhaltens in den vergangenen fünf Jahren als
leicht reduziert. Umstände, aufgrund derer nur noch von einem sehr kleinen
individuellen Rückfallrisiko auszugehen wäre (siehe vorne Erw. 5.2.1.4.2),
liegen indes, vor allem auch mit Blick auf die über Jahre hinweg erwirkte
sehr hohe Anzahl Verurteilungen, nicht vor. Mangels weiterer konkreter An-
haltspunkte ist aufgrund des vorwiegend unter straf- und migrationsrecht-
lichem Druck gezeigten (lediglich weitgehenden) Wohlverhaltens des Be-
schwerdeführers auch keine "biographische Kehrtwende" im Sinne der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung ersichtlich (vgl. Urteil des Bundes-
gerichts 2C_634/2018 vom 5. Februar 2019, Erw. 6.3.2), welche eine sig-
nifikante Reduktion der von ihm ausgehenden Rückfallgefahr untermauern
würde. Damit ist das öffentliche Interesse unter dem Gesichtspunkt der
Rückfallgefahr nicht in entscheidrelevanter Weise tiefer zu veranschlagen.
- 21 -
5.2.1.5.
Im Sinne eines Zwischenfazits ist nach dem Gesagten festzuhalten, dass
aufgrund der gegen den Beschwerdeführer ausgefällten längerfristigen
Freiheitsstrafe sowie seiner wiederholten Delinquenz trotz migrationsrecht-
licher Ermahnung – auch unter Berücksichtigung der heute von ihm ausge-
henden Rückfallgefahr – ein grosses bis sehr grosses öffentliches In-
teresse an der Beendigung seines Aufenthalts besteht.
5.2.2.
Weiter ist bei der Bemessung des öffentlichen Interesses an einer Entfer-
nung des Beschwerdeführers aus der Schweiz zu berücksichtigen, ob
dieser zusätzlich zum Widerrufsgrund der Verurteilung zu einer länger-
fristigen Freiheitsstrafe gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. b AIG noch andere
Widerrufsgründe erfüllt hat (vgl. Entscheide des Verwaltungsgerichts
WBE.2016.525 vom 27. März 2018, Erw. II/4.2.1, WBE.2018.156 vom
12. April 2019, Erw. II/3.2.4, und WBE.2020.223 vom 19. März 2021,
Erw. II/3.2.2).
5.2.3.
5.2.3.1.
Gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. c AIG ist der Widerruf einer Bewilligung – ausge-
nommen die Niederlassungsbewilligung – möglich, wenn die betroffene
ausländische Person erheblich oder wiederholt gegen die öffentliche
Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen hat
oder diese gefährdet oder die innere oder die äussere Sicherheit gefährdet.
Hinsichtlich des Widerrufsgrunds von Art. 62 Abs. 1 lit. c AIG wird in
Art. 77a Abs. 1 VZAE konkretisiert, dass ein Verstoss gegen die öffentliche
Sicherheit und Ordnung unter anderem dann vorliegt, wenn gesetzliche
Vorschriften und behördliche Verfügungen missachtet werden (lit. a) oder
wenn öffentlich-rechtliche oder privatrechtliche Verpflichtungen mutwillig
nicht erfüllt werden (lit. b). Anders als beim Widerruf einer Niederlassungs-
bewilligung ist im Rahmen von Art. 62 Abs. 1 lit. c AIG jedoch nicht erfor-
derlich, dass "in schwerwiegender Art und Weise" gegen die öffentliche Si-
cherheit und Ordnung verstossen wird (vgl. Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG). Ein
erheblicher Verstoss respektive wiederholte Verstösse sind damit aus-
reichend, um den Widerrufsgrund zu erfüllen (vgl. zur Abgrenzung
BGE 137 II 297, Erw. 3.2).
Schuldenwirtschaft für sich allein stellt keinen Verstoss gegen die öffent-
liche Ordnung im Sinne von Art. 62 Abs. 1 lit. c AIG i.V.m. Art. 77a Abs. 1
lit. b VZAE dar, sondern es bedarf des erschwerenden Merkmals der Mut-
willigkeit. Mutwilligkeit im Sinne von Art. 77a Abs. 1 lit. b VZAE liegt gemäss
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung vor, wenn die betroffene Person
ihre Zahlungspflichten selbstverschuldet nicht erfüllt und ihr dies qualifiziert
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vorwerfbar ist. Nicht als mutwillig gilt demnach insbesondere eine durch
Schicksalsschläge bedingte Nichterfüllung öffentlich-rechtlicher oder
privatrechtlicher Verpflichtungen. Erforderlich ist vielmehr ein von Absicht,
Böswilligkeit oder zumindest qualifizierter Leichtfertigkeit getragenes Ver-
halten. Neben der Vorwerfbarkeit der Schuldenanhäufung ist entschei-
dend, ob ernstzunehmende Bemühungen ersichtlich sind, bestehende Ver-
bindlichkeiten abzubauen bzw. mit den Gläubigern zu regeln. Dabei ist zu
berücksichtigen, dass, wer einem betreibungsrechtlichen Verwertungs-
verfahren wie insbesondere der Einkommenspfändung unterliegt, von
vornherein keine Möglichkeit hat, ausserhalb des Betreibungsverfahrens
Schulden zu tilgen. Das führt in solchen Fällen dazu, dass im Vergleich zu
früher weitere Betreibungen hinzukommen können oder der betriebene Be-
trag angewachsen sein kann, ohne dass allein deswegen Mutwilligkeit vor-
liegt. Es kommt deshalb in erster Linie darauf an, welche Anstrengungen
zur Sanierung unternommen worden sind (vgl. Urteile des Bundesgerichts
2C_789/2017 vom 7. März 2018, Erw. 3.3.1 f., und 2C_81/2018 vom
14. November 2018, Erw. 3.2.2, jeweils noch zur im Wesentlichen wort-
gleichen Vorgängerbestimmung in altArt. 80 Abs. 1 lit. b VZAE; MARCO
WEISS, Widerruf der Niederlassungs- oder Aufenthaltsbewilligung aufgrund
von Schuldenwirtschaft, in: Aktuelle Juristische Praxis [AJP] 2020, S. 358 f.
mit Hinweisen; MARC SPESCHA, in: MARC SPESCHA/ANDREAS ZÜND/PETER
BOLZLI/CONSTANTIN HRUSCHKA/FANNY DE WECK [Hrsg.], Kommentar Migra-
tionsrecht, 5. Aufl., Zürich 2019, N. 11 zu Art. 62 AIG). Wurde die be-
troffene Person bereits wegen mutwilliger Schuldenwirtschaft ausländer-
rechtlich verwarnt, ist mit Blick auf die Begründetheit aufenthaltsbeenden-
der Massnahmen von massgeblicher Bedeutung, wie sich die Schuldenlast
seither entwickelt und wie sich der Schuldner oder die Schuldnerin seither
verhalten hat (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_789/2017 vom 7. März
2018, Erw. 3.3.2).
5.2.3.2.
Aus der Beschwerde geht nicht klar hervor, ob der Beschwerdeführer die
vorinstanzliche Feststellung, wonach er mutwillig seinen finanziellen Ver-
pflichtungen nicht nachgekommen sei und damit auch den Widerrufsgrund
des Verstosses gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung gemäss