Decision ID: c79b2035-b4b0-554d-8d53-8548cb76129a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am (...) in der Schweiz um Asyl nach.
Am 8. Januar 2019 fand die Befragung zur Person (BzP) statt und am
17. Oktober 2019 wurde sie vom SEM einlässlich zu ihren Asylgründen an-
gehört.
A.b Zur Begründung ihres Gesuches führte die aus B._ im
C._-Distrikt (Nordprovinz) stammende tamilische Beschwerdefüh-
rerin, die zusammen mit (Nennung Verwandte) bis zu ihrer Ausreise dort
gelebt hatte, aus, im Jahr (...) sei ihr Bruder D._ erschossen worden
als die Behörden auf der Suche nach ihrem Bruder E._ gewesen
seien. E._ sei (Nennung Tätigkeit) für Kämpfer der F._ so-
wie (Nennung Tätigkeit) gewesen und habe in einem Kurzfilm mitgewirkt,
der nach dem Jahr (...) im Internet veröffentlicht worden sei. Zwei weitere
Brüder hätten im Jahr (...) den Heldentod erlitten. Nach dem Tod von
D._ seien sie im Jahr (...) nach G._ gereist und hätten ver-
sucht, Sri Lanka zu verlassen, indem sie bei der Schweizer Botschaft ein
Asylgesuch eingereicht hätten. Ihre Asylgesuche seien jedoch abgelehnt
worden. Ihr Bruder E._ habe wegen seiner Verbindungen zu den
F._ das Land verlassen müssen und sei im Jahr (...) nach
H._ ausgereist, wo er als anerkannter Flüchtling lebe. Ihr Versuch,
im Rahmen eines Familiennachzugs nach H._ zu gelangen, sei
ebenfalls erfolglos geblieben. Im (...) seien Angehörige des Criminal Inves-
tigation Department (CID) bei ihnen zuhause erschienen, da die Behörden
in der Nähe ihres Hauses Munition gefunden hätten und es sich bei ihrer
Familie um eine Heldenfamilie handle. Die Beamten hätten deswegen ih-
ren Bruder I._ gesucht. Die Familie sei informiert worden, dass
I._ am (...) zu einer Befragung erscheinen müsse. Aus Angst vor
allfälligen Verfolgungsmassnahmen habe ihre (Nennung Verwandte)
I._ in die Schweiz geschickt. Da I._ den Befragungstermin
nicht wahrgenommen habe, sei ihre Familie einige Tage nach Verstreichen
des Termins von zwei Angehörigen des CID aufgesucht, bedroht und ihr
Bruder J._ geschlagen worden. Ferner seien sowohl sie als auch
ihre (Nennung Verwandte) und J._ in das ihrem Haus gegenüber
gelegene (Nennung Camp) mitgenommen und befragt worden. Ihren Bru-
der J._ hätten die Soldaten erneut geschlagen. In der Folge seien
die Behörden öfters zu ihnen nach Hause gekommen, um sie zu befragen
respektive ihre Anwesenheit zu kontrollieren. Aus diesem Grund habe ihr
D-1529/2020
Seite 3
Bruder J._ noch im Jahr (...) ebenfalls versucht, Sri Lanka zu ver-
lassen, sei jedoch erwischt und während (Nennung Dauer) inhaftiert wor-
den. Während der Haft von J._ hätten Marinesoldaten sie und ihre
(Nennung Verwandte) wiederholt behelligt und beschimpft. Aufgrund einer
Geldzahlung sei J._ wieder freigekommen, sei aber zuhause von
den Behörden regelmässig kontrolliert worden. Die Soldaten hätten sie
nach der Entlassung ihres Bruders J._ weiterhin belästigt. Zwar
habe sie im Jahr (...) die (Nennung Klasse) abgeschlossen, danach die
Schule aber nicht mehr weiter besucht, da ihre (Nennung Verwandte) krank
gewesen sei und sie sich deswegen nicht auf die weiteren Prüfungen habe
vorbereiten können. J._ habe im Jahr (...) sodann erneut versucht,
Sri Lanka zu verlassen, sei aber im Flughafen in G._ mit einem ge-
fälschten Reisepass ertappt worden. Dies habe eine (Nennung Dauer) Haft
zur Folge gehabt. Als sie in dieser Zeit einmal alleine zuhause gewesen
sei, sei sie von den Behörden respektive von Marinesoldaten aufgesucht,
nach einer Fahrradpumpe gefragt und dabei am Handgelenk berührt wor-
den. Dies habe ihr Angst gemacht und sie habe den Vorfall ihrer (Nennung
Verwandte) nach deren Rückkehr erzählt. Ihr Bruder sei nach einer Geld-
zahlung aus der Haft freigekommen. In dieser belastenden Situation habe
sie begonnen, zwei Mal in der Woche in die Kirche zu gehen, da sie dies
beruhigt habe. Auf dem Weg dorthin hätten sie Marinesoldaten auf der
Strasse jeweils beleidigt. Auch sei ihr Bruder J._ nach seiner Ent-
lassung im Jahr (...) etwa vier Mal zuhause kontrolliert worden. Weil
J._ nicht daheim gewesen sei, hätten ihr die Soldaten jeweils an
die Schulter geklopft. Im (...) sei ihr Bruder J._ ins (Nennung Camp)
gegangen und habe nachgefragt, weshalb sie von den Soldaten immer be-
leidigt würde. Man habe ihren Bruder jedoch zu Boden gestossen. Am (...)
sei abends an ihre Tür geklopft worden. Sie und ihre (Nennung Verwandte)
hätten durch das Fenster hinausgeschaut und zwei Männer erblickt, wel-
che über ihre Hausmauer gesprungen und in Richtung Marinecamp ge-
rannt seien. In der Folge habe sie ihre (Nennung Verwandte) gegen ihren
Willen dazu gedrängt, ihre Heimat zu verlassen.
Die Beschwerdeführerin reichte zum Nachweis ihrer Identität (Nennung
Identitätsdokumente) zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 10. Februar 2020 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylge-
such ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie
den Vollzug an.
D-1529/2020
Seite 4
C.
Mit Eingabe vom 16. März 2020 erhob die Beschwerdeführerin gegen die-
sen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie bean-
tragte, es sei die angefochtene Verfügung vom 10. Februar 2020 wegen
der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör, eventuell wegen der
Verletzung der Begründungspflicht, eventuell zur Feststellung des vollstän-
digen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts aufzuheben und die
Sache sei zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, eventuell
sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr in der Schweiz Asyl zu
gewähren, eventuell sei die Verfügung betreffend die Dispositivziffern 3
und 4 aufzuheben und die Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs festzustellen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie, es sei ihr vollständige Ein-
sicht in die gesamten Akten des SEM zu gewähren, so insbesondere in die
Aktenstücke A5, A9 und A11 ihres ersten Asylverfahrens, unter Einräu-
mung einer angemessenen Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergän-
zung nach gewährter Akteneinsicht. Ferner sei der Spruchkörper bekannt-
zugeben und zu bestätigen, dass dieser zufällig ausgewählt worden sei,
andernfalls seien die objektiven Kriterien für die Auswahl des Spruchkör-
pers bekanntzugeben.
Der Beschwerde lagen bei: (Aufzählung Beweismittel).
D.
Der Instruktionsrichter teilte der Beschwerdeführerin mit Zwischenverfü-
gung vom 1. April 2020 mit, sie könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, und gab ihr – unter Vorbehalt allfälliger Wechsel bei
Abwesenheiten – die Zusammensetzung des Spruchkörpers bekannt. So-
dann forderte er das SEM auf, die im Dossier des ersten Asylverfahrens
(N_) enthaltenen Aktenstücke A5, A9 und A11 erneut und vollstän-
dig zu kopieren und anschliessend der Beschwerdeführerin bis am 20. Ap-
ril 2020 darin Einsicht zu gewähren. Ferner wies er das Gesuch um Ein-
räumung einer Frist zur Beschwerdeergänzung ab und forderte die Be-
schwerdeführerin gleichzeitig auf, für die Einsicht in sämtliche Asylakten
ihres in der Beschwerdeschrift ungenannt gebliebenen Bruders bis zum
20. April 2020 dessen Identität bekannt zu geben und eine Vollmacht (Er-
mächtigung) desselben beizubringen. Überdies forderte er sie auf, bis zum
20. April 2020 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu bezahlen, unter An-
drohung des Nichteintretens im Unterlassungsfall.
D-1529/2020
Seite 5
E.
Mit Eingabe vom 20. April 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin, es sei
ihr die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und es sei auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Gleichzeitig gab sie die
Identität ihres in der Beschwerdeschrift ungenannt gebliebenen Bruders
bekannt und reichte weitere Unterlagen (Nennung Beweismittel) ins Recht.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 29. April 2020 hiess der Instruktionsrichter die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Er-
lass des Kostenvorschusses gut, verzichtete folglich wiedererwägungs-
wiese auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz
in Anwendung von Art. 57 VwVG zur Einreichung einer Stellungnahme bis
zum 14. Mai 2020 ein. Weiter hielt er fest, dass sich der – im Lauftext der
Beschwerde auf Seite 8 oben geäusserte – Antrag auf vollumfängliche Ein-
sicht in die Asylakten des Bruders I._ als gegenstandslos erweise,
nachdem der Beschwerdeführerin durch das SEM am 9. März 2020 bereits
entsprechende Akteneinsicht gewährt worden sei.
G.
In der Vernehmlassung vom 14. Mai 2020 hielt die Vorinstanz nach einigen
ergänzenden Bemerkungen an ihren Erwägungen vollumfänglich fest.
H.
Die Beschwerdeführerin replizierte mit Eingabe vom 11. Juni 2020, welcher
sie zusätzliche Beweismittel (Aufzählung Beweismittel) beilegte.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG in Kraft
getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
D-1529/2020
Seite 6
1.3 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist einzutreten.
2.
2.1 Auf den Antrag auf Mitteilung betreffend die Bildung des Spruchkörpers
ist nicht einzutreten (vgl. Teilurteil des BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai
2018 E. 4.3).
2.2 Der Antrag auf Bekanntgabe des Spruchgremiums wurde mit Instrukti-
onsverfügung vom 1. April 2020 behandelt und der Spruchkörper ist im Üb-
rigen aus dem Rubrum ersichtlich.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen (Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör [Verletzung der Begründungspflicht],
unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtserheblichen Sachver-
halts) erhoben. Sie sind vorab zu beurteilen, da sie gegebenenfalls geeig-
net sind eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
D-1529/2020
Seite 7
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
Kölz/Häner/Bertschi, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege
des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
4.3 Eine Verletzung der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen
Gehörs – welche es aufgrund der Ausgestaltung der Begründung dem Be-
troffenen ermöglichen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was
nur der Fall ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmitte-
linstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl.
BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2) – liegt nicht vor. Die mit der
Redaktion und dem Erlass der angefochtenen Verfügung betrauten Mitar-
beiter des SEM (vgl. act. B22/9, S. 1) haben nachvollziehbar und hinrei-
chend differenziert aufgezeigt, von welchen Überlegungen sie sich vorlie-
gend leiten liessen, und haben sich auch mit sämtlichen zentralen Vorbrin-
gen der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt. Dabei mussten sie sich
nicht ausdrücklich mit jeder tatbeständlichen Behauptung und jedem recht-
lichen Einwand auseinandersetzen, sondern durften sich auf die wesentli-
chen Gesichtspunkte beschränken. Der blosse Umstand, dass die Be-
schwerdeführerin die Auffassung und Schlussfolgerungen des SEM nicht
teilt – so auch bei der Lageeinschätzung zu Sri Lanka, der zitierten Quellen
zum Nachweis der Befürchtungen bestimmter Personenkreise, im Nach-
gang zu den Präsidentschaftswahlen erhöhter Repression und Überwa-
chung ausgesetzt zu sein (vgl. Beschwerdeschrift S. 11 - 18) – ist keine
Verletzung der Begründungspflicht, sondern eine materielle Frage. Sodann
zeigt die ausserordentlich ausführliche Beschwerdeeingabe deutlich auf,
dass eine sachgerechte Anfechtung ohne weiteres möglich war.
4.4
4.4.1 Weiter beanstandet die Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit
individuellen Asylgründen (kurze Aufzählung der Asylgründe) sowie im Zu-
sammenhang mit der Einschätzung der länderspezifischen Lage in Sri
Lanka (aktuelle Lage unter Berücksichtigung der Wahl von Gotabaya Raja-
paksa zum Präsidenten, Verschlechterung der Sicherheits- und Menschen-
rechtslage, erhöhte Gefährdung für Risikogruppen, Hochrisikofaktor
Schweiz), der Quellenverwendung durch die Vorinstanz und dem Hinweis
auf den von ihrem Rechtsvertreter verfassten Länderbericht vom 23. Ja-
nuar 2020 (vgl. Beschwerdeschrift S. 19-42) eine unvollständige und un-
richtige Feststellung des Sachverhalts.
D-1529/2020
Seite 8
Die Vorinstanz hat die individuellen Asylgründe genügend abgeklärt. Aus
der Verfügung geht hervor, dass die Beschwerdeführerin stets im
C._-Distrikt gelebt habe, wegen der Verbindungen einzelner Brüder
zu den F._ in Schwierigkeiten mit den sri-lankischen Behörden ge-
raten sei und man sie deswegen wiederholt behelligt, schikaniert und kon-
trolliert habe. Das SEM setzte sich mit den geltend gemachten Auswirkun-
gen ihrer Verwandtschaft zu den mit den F._ verbundenen, teil-
weise bereits verstorbenen und teilweise bereits aus Sri Lanka geflüchte-
ten Brüdern sowie mit der aktuellen Lage in Sri Lanka auseinander und
berücksichtigte die Präsidentenwahlen vom November 2019 mit deren Fol-
gewirkungen. Allein der Umstand, dass die Vorinstanz in ihrer Länderpraxis
zu Sri Lanka einer anderen Linie folgt als von der Beschwerdeführerin ver-
treten, und sie aus sachlichen Gründen zu einer anderen Würdigung der
Vorbringen (inklusive Risikoanalyse) gelangt als von der Beschwerdefüh-
rerin verlangt, spricht nicht für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung.
4.4.2 Soweit die Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit dem Lagebild
des SEM vom 16. August 2016 ebenfalls eine unvollständige und unrich-
tige Feststellung des Sachverhalts erkennt und anführt, das Bundesver-
waltungsgericht habe die Fehlerhaftigkeit dieses Lagebilds festzustellen,
da es in zentralen Teilen als manipuliert anzusehen sei, indem es sich in
wesentlichen Teilen auf nicht existierende oder nicht offengelegte Quellen
stütze, weshalb die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache
an die Vorinstanz zurückzuweisen sei (vgl. Beschwerde S. 44-49), kann
dieser Argumentation und den damit verbundenen Anträgen offenkundig-
nicht gefolgt werden. Im genannten Zusammenhang wurde bereits in meh-
reren vom nämlichen Rechtsvertreter geführten Verfahren (vgl. etwa Urteil
des BVGer D-6394/2017 vom 27. November 2017 E. 4.1) festgestellt, dass
diese länderspezifische Lageanalyse des SEM öffentlich zugänglich ist.
Darin werden neben nicht namentlich genannten Gesprächspartnern und
anderen nicht offengelegten Referenzen überwiegend sonstige öffentlich
zugängliche Quellen zitiert. Damit ist trotz der teilweise nicht im Einzelnen
offengelegten Referenzen dem Anspruch der Beschwerdeführerin auf
rechtliches Gehör ausreichend Genüge getan. Die Frage, inwiefern sich
ein Bericht auf verlässliche und überzeugende Quellen abstützt, ist wiede-
rum keine formelle Frage, sondern gegebenenfalls im Rahmen der materi-
ellen Würdigung der Argumente der Parteien durch das Gericht zu berück-
sichtigen.
4.5 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
D-1529/2020
Seite 9
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die diesbe-
züglichen Rechtsbegehren sind abzuweisen.
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin beantragt für den Fall einer materiellen Beur-
teilung ihrer Beschwerde durch das Bundesverwaltungsgericht, es seien
ihr die Aktenstücke A5, A9 und A11 ihres ersten Asylverfahrens (N_)
vollständig offenzulegen und ihr nach deren Edition eine angemessene
Frist zur Einreichung einer Stellungnahme einzuräumen. Ferner sei ihr eine
angemessene Frist zur Einreichung eines Arztberichts anzusetzen. So-
dann sei das SEM anzuweisen abzuklären, welche Daten auf dem Mobil-
telefon der entführten Botschaftsmitarbeiterin erpresst worden seien und
ob sich darunter auch ihr Name befinde.
5.2
5.2.1 Soweit die Beschwerdeführerin beantragt, es seien ihr die Aktenstü-
cke A5, A9 und A11 ihres ersten Asylverfahrens vollständig offenzulegen,
ist festzuhalten, dass mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom
1. April 2020 das SEM angewiesen wurde, der Beschwerdeführerin jene
erneut und vollständig zu kopieren und bis am 20. April 2020 Einsicht in sie
zu gewähren. Auf diesen Antrag ist, da gegenstandslos geworden, nicht
weiter einzugehen.
5.2.2 Hinsichtlich des Antrags, es sei ihr eine Frist zur Einreichung eines
Arztberichts anzusetzen, ist diesem Antrag nicht stattzugeben. Die Be-
schwerdeführerin hatte auf Beschwerdeebene mit der Einreichung einer
Beschwerdeschrift inklusive umfangreicher Beilagen sowie mit zwei weite-
ren umfangreichen Beweismitteleingaben Gelegenheit, die geltend ge-
machten Beeinträchtigungen ihres psychischen Gesundheitszustands ein-
lässlich zu substanziieren und entsprechende ärztliche Unterlagen einzu-
reichen, wovon sie in ihren Beweismitteleingaben vom 20. April 2020 und
in ihrer Replik vom 11. Juni 2020 (S. 1-5) entsprechend Gebrauch machte.
Es muss deshalb die Notwendigkeit einer Durchführung weiterer Abklärun-
gen zu ihrem Gesundheitszustand durch das Bundesverwaltungsgericht
oder der Einräumung einer Beweismittelfrist als nicht gegeben erachtet
werden.
5.2.3 Ebenso abzuweisen ist der Antrag, dass abzuklären sei, ob bei der
Entführung einer schweizerischen Botschaftsmitarbeiterin im Herbst 2019
Daten der Beschwerdeführerin respektive welche Daten im Allgemeinen
auf deren Mobiltelefon zur Herausgabe erpresst worden seien, zumal eine
Verbindung der Beschwerdeführerin zu dieser Botschaftsmitarbeiterin nicht
D-1529/2020
Seite 10
substanziiert dargelegt worden ist (vgl. auch Urteil des BVGer D-5784/2019
vom 20. April 2020 E. 6).
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2012/5 E. 2.2).
7.
7.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen der Beschwerdeführerin würden den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten.
Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Verfolgung durch An-
gehörige des CID und der Marine seien zu wenig intensiv, um als Verfol-
gung im Sinne des Asylgesetzes betrachtet werden zu können. Aus ihren
Aussagen gehe nicht hervor, dass die einmalige Befragung im Camp der
Marine für sie irgendwelche flüchtlingsrechtlich relevanten Konsequenzen
gehabt hätte. Diese Einschätzung werde durch ihre Aussage, es habe kei-
nen Zusammenhang zwischen der in der Nähe ihres Elternhaues gefunde-
nen Munition und ihrer Familie gegeben, untermauert. Ähnliches sei für die
verschiedenen Hausbesuche festzuhalten. Die Schilderungen der Be-
schwerdeführerin seien dahingehend zu verstehen, dass es sich dabei um
Anwesenheitskontrollen gehandelt habe, die jeweils nur kurz gedauert hät-
ten. Auch wenn diese Kontrollbesuche belastend und unangenehm gewe-
sen seien, entbehrten diese einer asylrelevanten Intensität. Gleiches gelte
auch für die vorgebrachten Beschimpfungen durch Angehörige der Marine
D-1529/2020
Seite 11
und deren Besuche, als sie sich alleine zuhause aufgehalten habe. Zwei-
fellos habe es sich diesbezüglich um Belästigungen gehandelt, welche je-
doch ebenfalls als flüchtlingsrechtlich irrelevant zu bezeichnen seien.
Diese Einschätzung werde durch ihre Aussage bestätigt, dass es ausser
den Beleidigungen zu keinen weiteren Vorkommnissen gekommen sei.
Gleichartiges sei für die weiteren Hausbesuche durch Marineangehörige
im Jahr (...) zu befinden, bei welchen man sie nach einer Fahrradpumpe
gefragt, sie am Handgelenk berührt und ihr auf die Schulter geklopft habe.
Auch wenn diese Besuche äusserst störend und schikanös gewesen
seien, hätten sie offenbar keine konkrete Gefährdung ihrer Person darge-
stellt. Weiter sei festzustellen, dass es ihr bis zur Ausreise im (...) möglich
gewesen sei, ein normales Leben zu führen und die Schule bis zum (Nen-
nung Stufe) abzuschliessen. Die Schule habe sie einzig deswegen nicht
weiter besucht, weil ihre (Nennung Verwandte) krank gewesen sei. Damit
einhergehend sei auch die vorgebrachte Furcht vor einer zukünftigen
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung als unbegründet einzustufen.
Hierzu befürchte sie lediglich, bei einer Rückkehr nach Sri Lanka die glei-
chen Schwierigkeiten wie zuvor zu erhalten und über ihren Aufenthalt in
der Schweiz befragt zu werden. Konkretere Anhaltspunkte habe sie keine
angeführt. Unter diesen Umständen sei nicht von einem anhaltenden Inte-
resse der sri-lankischen Behörden an ihrer Person oder einer ihr drohen-
den ernsthaften Verfolgung auszugehen. Dies auch deshalb, weil sie nach
Kriegsende und der Zerschlagung der F._ im Jahr (...) nahezu (Nen-
nung Dauer) ohne Verfolgungsmassnahmen flüchtlingsrechtlichen Aus-
masses in Sri Lanka habe leben können. Daran vermöchten auch die An-
gaben ihrer (Nennung Verwandte), wonach sie nach der Ausreise weiterhin
gesucht worden sei, nichts zu ändern. Ausser dass man sich nach ihrem
Verbleib erkundigt habe, habe sie nichts Genaueres erläutert. Ihre (Nen-
nung Verwandte), deren politisches oder familiäres Profil sich nicht von ih-
rem zu unterscheiden scheine, lebe denn auch nach wie vor in Sri Lanka.
An dieser Einschätzung vermöchten auch die eingereichten Beweismittel
nichts zu ändern.
Weiter seien den Akten auch keine Risikofaktoren zu entnehmen. Die Be-
fragung von Rückkehrern, die über keine gültigen Identitätsdokumente ver-
fügten, im Ausland ein Asylverfahren durchlaufen hätten oder behördlich
gesucht würden, und das allfällige Eröffnen eines Strafverfahrens wegen
illegaler Ausreise stellten keine asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen
dar. Rückkehrer würden regelmässig auch am Herkunftsort zwecks Regist-
rierung, Erfassung der Identität, bis hin zur Überwachung der Aktivitäten
der Person befragt. Diese Kontrollmassnahmen am Herkunftsort würden
D-1529/2020
Seite 12
grundsätzlich kein asylrelevantes Ausmass annehmen. Die Beschwerde-
führerin habe nicht glaubhaft machen können, vor ihrer Ausreise asylrele-
vanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein oder solche
unmittelbar zu befürchten gehabt zu haben. Sie sei bis im (...) in Sri Lanka
wohnhaft gewesen, weshalb sie nach Kriegsende noch lange Jahre in ihrer
Heimat gelebt habe. Allfällige, im Zeitpunkt ihrer Ausreise bestehende Ri-
sikofaktoren hätten folglich kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lanki-
schen Behörden auszulösen vermocht. Die behördlichen Kontakte – so un-
angenehm sie für die Beschwerdeführerin auch gewesen sein mögen –
seien als Schikanen und nicht als flüchtlingsrechtliche Verfolgungsmass-
nahmen zu qualifizieren. Ein tatsächliches Verfolgungsinteresse der sri-
lankischen Behörden sei zu verneinen. An dieser Einschätzung vermöge
der Umstand, dass mehrere Brüder der Beschwerdeführerin in verschiede-
nen Ländern im Ausland lebten, nichts zu ändern. Zudem hätten sich deren
Ausreisen zwischen (...) und (...) ereignet. Nach der letzten Ausreise ihres
Bruders I._ im Jahr (...) hätten sich die behördlichen Kontrollmass-
nahmen nicht verstärkt. Aus dem Umstand, dass I._ als anerkann-
ter Flüchtling in der Schweiz lebe, könne sie keine erhöhte Gefährdung für
ihre Person ableiten. Die Tatsache allein, dass Familienangehörige und
Verwandte von Gesuchstellern in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt
worden seien, reiche für die Annahme einer Reflexverfolgung nicht aus. Es
müssten vielmehr zusätzliche Kriterien erfüllt sein. Weder aus den vorlie-
genden Akten noch aus denjenigen von I._ gingen solche ernsthaf-
ten Hinweise hervor, weshalb ihre Furcht, um ihretwillen in Zukunft in Sri
Lanka verfolgt zu werden, als unbegründet zu qualifizieren sei. Auch die
am 16. November 2019 durchgeführten Präsidentschaftswahlen mit dem
Sieg von Gotabaya Rajapaksa vermöchten diese Einschätzung nicht um-
zustossen. Trotz ersten Anzeichen der Zunahme von Überwachungsaktivi-
täten bestehe im jetzigen Zeitpunkt kein Anlass zur Annahme, dass ganze
Volksgruppen unter dem neuen Präsidenten kollektiv einer Verfolgungsge-
fahr ausgesetzt seien. Zudem bestehe kein Bezug dieser Wahlen respek-
tive von deren Folgen zur persönlichen Situation der Beschwerdeführerin.
Es bestehe somit kein begründeter Anlass zur Annahme, dass sie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in
absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt
würde.
7.2 Die Beschwerdeführerin entgegnet in ihrer Rechtsmittelschrift in mate-
rieller Hinsicht, die Vorinstanz habe sich bei der Einschätzung der Risiko-
faktoren lediglich auf den Zeitpunkt ihrer Ausreise fokussiert, obwohl es
darum gehe einzuschätzen, ob eine Person bei der Rückkehr aufgrund der
D-1529/2020
Seite 13
bei ihr persönlich aktuell vorhandenen Risikofaktoren gefährdet sei. Ange-
sichts ihrer umfangreichen familiären Verbindungen zu den F._
stelle dies für die sri-lankischen Behörden einen F._-Hintergrund
dar. Vor diesem Hintergrund sei die Argumentation des SEM, dass sie nicht
von einer Reflexverfolgung betroffen sei, obsolet. Dass sich die behördli-
chen Massnahmen seit der Ausreise ihres Bruders I._ im Jahr (...)
bis zu ihrer eigenen Ausreise nicht verschärft hätten, sei sodann falsch.
Nach der Flucht von I._ zu Beginn des Jahres (...) sei ihre Familie
durch die sri-lankischen Sicherheitskräfte auf erhebliche Weise kontrolliert
und schikaniert worden. Das Ausmass der Behelligungen habe insbeson-
dere im Jahr (...) zugenommen. Vorher sei sie davon verschont geblieben.
Das SEM habe es versäumt, sich die Frage zu stellen, mit welcher Intensi-
tät ihr Verfolgung bei einer Rückkehr drohe, zumal sie als junge Frau aus
der Schweiz zurückkehren würde, wobei sie hierzulande mit ihrem Bruder
I._ in regelmässigem Kontakt gestanden habe. Auch sei – entgegen
der vorinstanzlichen Einschätzung – von einer Reflexverfolgung auszuge-
hen. Es liege eine gezielte Verfolgung vor und es sei auch nur ihre Familie
von entsprechenden Handlungen der Behörden betroffen gewesen. Zu-
dem handle es sich beim geflohenen Bruder I._ per se um eine po-
litisch unbequeme Person, da er zum Zeitpunkt seiner Flucht der älteste in
Sri Lanka lebende Sohn ihrer grossen Heldenfamilie der F._ gewe-
sen sei. Es liege nahe, dass die Behörden vor diesem familiären Hinter-
grund bei ihr davon ausgingen, dass sie eine Sympathisantin der
F._ sei. Die sri-lankischen Sicherheitskräfte hätten bereits vor ihrer
Flucht versucht, über sie an Informationen zu I._ zu gelangen. Mit
ihrer Flucht habe sich nun das Interesse der heimatlichen Behörden an
ihrer Person massiv verstärkt. Zudem sei aus den Akten ihres Bruders
I._ ersichtlich, dass sich ihre (Nennung Verwandte) und auch
I._ selber nach dessen Ausreise grosse Sorgen um sie gemacht
hätten. Auch habe I._ angeführt, dass sie seinetwegen von den sri-
lankischen Sicherheitskräften mitgenommen worden sei. Es ergäben sich
somit aus diesen Akten klare Hinweise auf eine Reflexverfolgung.
Sodann erfülle sie zahlreiche der in der bundesverwaltungsgerichtlichen
Rechtsprechung definierten Risikofaktoren. So verfüge sie über familiäre
Verbindungen zu den F._; ihr in der Schweiz als anerkannter Flücht-
ling lebender Bruder I._, welcher bereits aufgrund des F._-
Heldenstatus ihrer Familie in den Fokus der heimatlichen Behörden gera-
ten sei, werde in Sri Lanka noch immer gesucht. Deswegen und als allein-
stehende tamilische Frau sei sie in Sri Lanka bereits mehreren Übergriffen,
D-1529/2020
Seite 14
Behelligungen und Schikanen der sri-lankischen Sicherheitskräfte ausge-
setzt gewesen. Es sei davon auszugehen, dass sie sich auf einer Stop-
oder Watch-List befinde. Zudem halte sie sich bereits seit mehreren Jahren
in der Schweiz – einem tamilischen Diasporazentrum – auf und verfüge
über keine gültigen Einreisepapiere. Angesichts der aktuellen Lage in Sri
Lanka hätten die einzelnen Risikofaktoren verstärkt Geltung. Mit der Wahl
von Gotabaya Rajapaksa zum neuen Staatschef habe sich die Gefähr-
dungslage in Sri Lanka für Personen, die eine vermeintliche Gefahr für die
nationale Sicherheit darstellen, nochmals massiv erhöht. Die zum Beleg
ihrer Einschätzung eingereichte Dokumenten- und Quellensammlung
(Stand: 23. Januar 2020) lege dar, dass als Folge der Präsidentschafts-
wahlen eine deutliche Zunahme der Verfolgungsintensität feststellbar sei
und die vom Bundesverwaltungsgericht definierten Risikofaktoren stärker
zu gewichten seien.
7.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, die Beschwerdeführerin
beschränke sich in ihrer Beschwerdeschrift darauf, bereits Gesagtes zu
wiederholen. Die im Asylentscheid dargelegte Einschätzung sei deshalb
noch immer als zutreffend zu erachten. Hinsichtlich der geltend gemachten
psychischen Probleme sei darauf hinzuweisen, dass angesichts der in Sri
Lanka bestehenden medizinischen Strukturen keine Hinweise für eine kon-
krete Gefährdung der Beschwerdeführerin aus gesundheitlichen Gründen
bei einer Rückkehr zu erkennen seien. Bezüglich der dargelegten Ver-
schlechterung der Sicherheits- und Menschenrechtslage in Sri Lanka rei-
che es nicht aus, pauschal auf politische Entwicklungen der jüngeren Zeit
oder mögliche Zukunftsszenarien zu verweisen. Notwendig sei ein persön-
licher Bezug der asylsuchenden Person zu eben diesem Ereignis, was vor-
liegend nicht überzeugend dargelegt worden sei. Das SEM beobachte die
Entwicklung in Sri Lanka aufmerksam und stehe mit der Schweizer Vertre-
tung vor Ort in ständigem Kontakt, namentlich auch, was das vorüberge-
hend beschlagnahmte Mobiltelefon angehe. Die Botschaft habe dem SEM
diesbezüglich mitgeteilt, dass keine Informationen über sich in der Schweiz
aufhaltende, asylsuchende Personen aus Sri Lanka an Dritte gelangt
seien. Hinsichtlich der möglichen Gefährdungslage für Rückkehrer infolge
einer Informationsübermittlung ihrer Daten an die sri-lankischen Militärbe-
hörden habe schon in den Jahren 2016 bis 2019 und früher eine enge Zu-
sammenarbeit und ein Datenaustausch zwischen zivilen und militärischen
Sicherheitskräften stattgefunden. Es sei in Ermangelung gegenteiliger Hin-
weise davon auszugehen, dass der Regierungswechsel im November
2019 an den bisherigen Erkenntnissen zu den Prozeduren bei der Einreise
am Flughafen keine Änderungen gebracht hätten. Mit den vorgebrachten
D-1529/2020
Seite 15
Spekulationen über ein mögliches zukünftiges Gefährdungsszenario in-
folge besagter Datenübermittlungen vermöge die Beschwerdeführerin
keine für sie individuell bestehende aktuelle Gefährdung im Fall einer
Rückkehr darzulegen.
7.4 In ihrer Replik brachte die Beschwerdeführerin zur Hauptsache vor, es
bestünden in ihrer Heimat keine adäquaten und zugänglichen Behand-
lungsmöglichkeiten. Der eingereichte (Nennung Beweismittel) zeige deut-
lich auf, dass sie angesichts der Beeinträchtigung ihres (...) Gesundheits-
zustandes (Nennung Leiden) eine (Nennung Therapie) benötige und es –
da auch ein Suizidrisiko bestehe – bei einer Verschlechterung des (...) Zu-
standes eine stationäre Behandlung erfordere, die in Sri Lanka jedoch nicht
erhältlich sei. Aufgrund der Corona-Pandemie bestehe überdies eine mas-
sive Einschränkung der (...) Behandlungsmöglichkeiten. Auch sei eine
Langzeittraumatisierung nicht auszuschliessen, die zu einer erhöhten Ver-
folgungsempfindlichkeit führe. Deshalb würde sie bereits niederschwellige
behördliche Benachteiligungen bei einer Rückkehr nach Sri Lanka als sehr
schwerwiegend empfinden. Im Weiteren kommentierte die Beschwerde-
führerin die vom SEM zitierte Lagefortschreibung vom 7. Februar 2020 kri-
tisch und kritisierte im Weiteren in grundsätzlicher Hinsicht, dass das SEM
in seiner Vernehmlassung zentrale Aspekte ihrer Gefährdung nicht thema-
tisiert habe.
8.
8.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten
muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zuge-
fügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen, ohne adä-
quaten Schutz im Heimatland finden zu können. Im Übrigen muss festste-
hen, dass die von einer Verfolgung bedrohte asylsuchende Person über
keine innerstaatliche Schutzalternative verfügt (vgl. BVGE 2013/21 E. 8.1
m.w.H.). Die erlittene Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich
auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
Mit dem Begriff des unerträglichen psychischen Drucks im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG werden unter anderem staatliche Massnahmen erfasst, die
D-1529/2020
Seite 16
sich nicht unmittelbar gegen die Rechtsgüter Leib, Leben oder Freiheit rich-
ten, sondern auf andere Weise ein menschenwürdiges Leben verunmögli-
chen. Ausgangspunkt für die Bejahung eines unerträglichen psychischen
Drucks stellen in der Regel konkrete staatliche Eingriffe dar, die effektiv
stattgefunden haben. Die staatlichen Verfolgungsmassnahmen müssen in
einer objektivierten Betrachtung zudem als derart intensiv erscheinen,
dass der betroffenen Person ein weiterer Verbleib in ihrem Heimatstaat ob-
jektiv nicht mehr zugemutet werden kann; ausschlaggebend ist mit ande-
ren Worten nicht, wie die betroffene Person die Situation subjektiv erlebt
hat, sondern ob aufgrund der tatsächlichen Gegebenheiten für Aussenste-
hende nachvollziehbar ist, dass der psychische Druck unerträglich gewor-
den ist (vgl. BVGE 2010/28 E. 3.3.1.1 m.w.H).
8.2 Die Beschwerdeführerin stammt den Akten zufolge aus einer den Be-
hörden bekannten Märtyrerfamilie. Infolge der – teilweise auch nur vermu-
teten – Aktivitäten einzelner Brüder für die F._ wurde ihre Familie
über Jahre hinweg immer wieder belästigt und bedroht. Die Beschwerde-
führerin selber war insbesondere in den Jahren (...) bis zu ihrer Ausreise
(Nennung Zeitpunkt) andauernden Kontrollmassnahmen und Behelligun-
gen durch Angehörige des CID sowie durch – in der Nähe ihres Wohnhau-
ses in einem (Nennung Camp) – stationierten Soldaten ausgesetzt. Dabei
fürchtete sie sich allemal vor Übergriffen auf ihre sexuelle Integrität und
davor, dass ein weiterer Bruder ums Leben gebracht oder verhaftet würde
(vgl. act. B20/17, F55 ff., F60 ff., F71, F78, F86, F95, F102). In diesem
Zusammenhang ist festzuhalten, dass jeweils im konkreten Einzelfall zu
entscheiden ist, ob die für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft not-
wendige Intensität der Beeinträchtigungen erreicht oder das Mass der Er-
träglichkeit eines psychischen Druckes überschritten ist (vgl. Urteil des
BVGer D-6214/2014 vom 2. Februar 2017 E. 4.1.1). Auf den vorliegenden
Fall bezogen, erlitt die Beschwerdeführerin durch die geltend gemachte
kurze Befragung zum Aufenthaltsort ihres Bruders I._ im (Nennung
Camp) im (...) durch das CID, in deren Anschluss man sie ohne Weiteres
wieder habe gehen lassen, jedoch darauf hingewiesen habe, dass sie und
ihre Familie das Dorf nicht ohne Meldung verlassen dürften und man ihre
Familie beobachte (vgl. act. B20/17, S. 9), und die weiteren Anwesenheits-
kontrollen sowie die Belästigungen durch Soldaten der Marine auf der
Strasse oder bei vereinzelten Hausbesuchen, weder eine Gefährdung des
Lebens noch einen schweren Eingriff in die Bewegungsfreiheit. Die geschil-
derten Vorkommnisse sind – so unangenehm sie für die Beschwerdefüh-
rerin auch gewesen sein mögen – in ihrer Art und Dauer als zu wenig in-
D-1529/2020
Seite 17
tensiv zu erachten, um ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG dar-
zustellen. Aus ihren Äusserungen lassen sich keine greifbaren Hinweise
entnehmen, dass ihr oder ihrer (Nennung Verwandte) konkrete und unmit-
telbar bevorstehende Nachteile angedroht worden wären (vgl. act. B20/17,
F55 3. Absatz und F57). Zum gleichen Schluss gelangt das Gericht auch
hinsichtlich der weiteren Kontrollbesuche durch Angehörige des (Nennung
Behörde) (vgl. act. B20/17, F67, F68, F71, F74, F76 sowie F82-85). Im
Weiteren stellt sich auch der Vorfall, als zwei Männer im (...) spätabends
an ihre Türe geklopft und daraufhin über ihre Mauer gesprungen und sich
in Richtung des Armeecamps davongemacht hätten (vgl. act. B20/17,
F102) wie auch die angeführten Belästigungen respektive verbalen Belei-
digungen durch Soldaten auf der Strasse, wenn sie auf dem Weg zur
Schule oder zur Kirche am Camp vorbeigegangen sei (vgl. act. B20/17,
F78-81 und F100 f.), als flüchtlingsrechtlich irrelevante Schikanen dar, in
deren Anschluss der Beschwerdeführerin keine weiteren Probleme er-
wachsen sind. Bezüglich der Hausbesuche nach der zweiten Entlassung
ihres Bruders J._ im Jahr (...), als die Behörden die Anwesenheit
ihres Bruders kontrolliert und ihr dabei an ihre Schulter geklopft oder eine
Fahrradpumpe verlangt hätten, wobei man sie einmal beim Aushändigen
dieser Pumpe am Handgelenk berührt habe, ist dem Gericht durchaus be-
kannt, dass Frauen in Sri Lanka sehr häufig Opfer von sexueller Belästi-
gung werden. Allerdings kann die Frage, ob die Beschwerdeführerin ange-
sichts dieser körperlichen Behelligungen allenfalls aufgrund eines Polit-
malus zur Zielscheibe von sexuellen Belästigungen geworden sein könnte,
vorliegend in Anbetracht der nachfolgenden, in E. 8.4 enthaltenen Darle-
gungen aber offengelassen werden. Auch wenn – entgegen der in der Be-
schwerde vertretenen Ansicht – aus ihren Ausführungen insgesamt nicht
auf eine Intensivierung der Kontrollmassnahmen und Belästigungen im
Laufe der Jahre geschlossen werden kann, ist demgegenüber festzuhal-
ten, dass der behördliche Druck und diese Kontrollmassnahmen auch nicht
abgenommen oder gar ganz aufgehört hätten. Die Beschwerdeführerin
führte denn auch an, auch nach ihrer Ausreise am (...) hätten zwei oder
drei Mal Leute aus dem (Nennung Camp) bei ihrer (Nennung Verwandte)
nach ihrem Verbleib gefragt, so (Nennung Zeitpunkte) (vgl. act. B20/17,
F35 f. und F105). Das Überwachungsinteresse der sri-lankischen Behör-
den an der Beschwerdeführerin bestand somit ohne Weiteres bis zu deren
Ausreise und auch noch darüber hinaus. Die Beschwerdeführerin hatte
aufgrund der jahrelangen Kontrollen, Befragungen, Schikanen und auch
leichteren Übergriffen sexueller Natur in nachvollziehbarer Weise eine er-
hebliche subjektive Furcht vor künftigen behördlichen Verfolgungsmass-
nahmen. Ob jedoch im Zeitpunkt der Ausreise auch in objektiver Hinsicht
D-1529/2020
Seite 18
Grund zur Annahme bestand, dass sie durch die sri-lankischen Sicher-
heitskräfte in naher Zukunft und mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ver-
folgt worden respektive ein unerträglicher psychischer Druck zu bejahen
wäre, kann vorliegend letztlich aber offen bleiben. Unbesehen von der
Frage nach der Verfolgungsfurcht vor der Ausreise ist nämlich bei der Be-
schwerdeführerin im heutigen Zeitpunkt von einer begründeten Furcht vor
zukünftiger Verfolgung auszugehen.
8.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach
Sri Lanka vorgenommen (vgl. dort E. 8) und festgestellt, dass aus Europa
respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht ge-
nerell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausge-
setzt seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurtei-
lung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von
Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei
handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeint-
lichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den F._, um Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und um Vorliegen
früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im
Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu
den F._ (sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O.,
E. 8.4.1-8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu
werden, unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen
Identitätspapiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach
Sri Lanka zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisa-
tion für Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit
gut sichtbaren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl.
a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konk-
ret glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Ge-
fährdung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht,
dass insbesondere jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaf-
ten Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lan-
kischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt sind, den tamili-
schen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O. E. 8.5.1).
8.4 Vorliegend erfüllt die Beschwerdeführerin verschiedene Risikofaktoren,
die so zusammenspielen, dass mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung bejaht werden muss. Die Be-
schwerdeführerin ist tamilischer Ethnie und stammt aus dem Norden. Sie
erfüllt aufgrund familiärer Verbindungen zu den F._ respektive des
D-1529/2020
Seite 19
glaubhaft gemachten Umstands, dass ihre Familie den sri-lankischen Be-
hörden als "Heldenfamilie" bekannt ist, zweifelsohne einen stark risikobe-
gründenden Faktor im Sinne des vorgenannten Referenzurteils. Zur Fami-
liensituation der Beschwerdeführerin ist anzuführen, dass sie über (Nen-
nung Anzahl) Geschwister verfügte. Zwei ihrer Brüder (K._ und
L._) kamen – den vom Gericht vorliegend für die Entscheidbegrün-
dung beigezogenen Asylakten des in der Schweiz als Flüchtling anerkann-
ten Bruders I._ (N_) zufolge – als Angehörige der
F._ bei einem Gefecht im Jahr (...) ums Leben. Ferner wurde Bruder
D._ im Jahr (...) von Regierungssoldaten wegen des Vorwurfs der
F._-Mitgliedschaft getötet. Weiter haben die behördlichen Überwa-
chungsmassnahmen dazu geführt, dass (Nennung Anzahl) ihrer Ge-
schwister bereits vor Jahren aus Sri Lanka geflohen sind. Zu erwähnen
sind dabei insbesondere ihr Bruder E._, der in einem Werbefilm der
F._ eine zentrale Rolle spielte, wie auch der erwähnte Bruder
I._, dem in der Schweiz – nicht zuletzt auch aufgrund der lange
Jahre andauernden behördlichen Überwachungsmassnahmen infolge des
langjährigen Bezugs der Familie zu den F._ – Asyl gewährt wurde.
Der einzige noch in Sri Lanka bei der (Nennung Verwandte) lebende Bru-
der J._ versuchte aufgrund der anhaltenden behördlichen Kontroll-
massnahmen in den Jahren (...) und (...) ebenfalls – jeweils erfolglos – das
Land zu verlassen, wobei J._ bei seinen Ausreiseversuchen beide
Male festgenommen und anschliessend (Nennung Dauer) respektive
(Nennung Dauer) in Haft gesetzt wurde. J._, der nach der Ausreise
von I._ als letztes männliches Familienmitglied übrigblieb, war of-
fensichtlich nicht in der Lage, etwas gegen die unbestrittenen Belästigun-
gen der Beschwerdeführerin zu unternehmen, geschweige denn diese zu
verhindern. Es ist davon auszugehen, dass das schon Jahre vor der Aus-
reise begonnene Interesse der Behörden an der Beschwerdeführerin nach
wie vor besteht. Dies wird bestätigt durch ihre Aussagen, dass sie auch
nach ihrer Ausreise bei ihrer (Nennung Verwandte) wiederholt gesucht wor-
den sei. Zudem entzog sie sich durch ihre Ausreise aus Sri Lanka den wei-
terhin bestehenden behördlichen Überwachungsmassnahmen. Die anhal-
tende Überwachung lässt darauf schliessen, dass der Beschwerdeführerin
von den sri-lankischen Behörden eine oppositionelle Gesinnung unterstellt
wurde und ihr nahe Kontakte zumindest zu dem in der Schweiz lebenden
Bruder I._ unterstellt würden. Die Familie sei den Ausführungen der
Beschwerdeführerin zufolge denn auch seit dem Jahr (...) wiederholt von
Angehörigen des CID aufgesucht worden, die sich nach ihrem Bruder
I._ erkundigt hätten. Zwar habe ihre Familie den Behörden gesagt,
dass I._ aus Sri Lanka ausgereist sei. Dies sei ihnen jedoch nicht
D-1529/2020
Seite 20
geglaubt worden (vgl. act. B20/17, F60). Auch wenn es sich in der Folge
gemäss der Beschwerdeführerin bei den weiteren Besuchen bis im Jahr
(...) um Kontrollmassnahmen der Behörden gehandelt habe, welche insbe-
sondere die Anwesenheit ihres zweimal inhaftierten Bruders J._
kontrolliert hätten (vgl. act. B20/17, F82, F86 ff.), scheint diese Aussage
dem Gericht nicht geeignet, einen Abbruch des Verfolgungsinteresses an
Bruder I._ – oder an weiteren Geschwistern, so insbesondere an
Bruder E._ – zu begründen. Es besteht demnach die Wahrschein-
lichkeit, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr Opfer einer Re-
flexverfolgung werden könnte, zumal eine weiterhin bestehende behördli-
che Suche nach I._ oder weiteren Geschwistern nicht auszu-
schliessen ist und die sri-lankischen Sicherheitskräfte aufgrund des Aufent-
halts der Beschwerdeführerin in der Schweiz Anlass zur Vermutung haben
könnten, dass sie mit I._ respektive anderen ausgereisten Ge-
schwistern in engem Kontakt stand (vgl. zum Begriff der Reflexverfolgung
BVGE 2007/19 E. 3.3 m.w.H.).
Demnach sprechen gleich mehrere starke Risikofaktoren dafür, dass die
Beschwerdeführerin bei einer allfälligen Rückkehr nach Sri Lanka genau-
estens überprüft und befragt würde und ihr dabei höchstwahrscheinlich
ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes drohen würden. Die Vor-
aussetzungen zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG sind somit erfüllt. Da eine Gefährdung aufgrund von äusseren, nach
der Ausreise eingetretenen Umständen vorliegt, auf die die Beschwerde-
führerin keinen Einfluss nehmen konnte, handelt es sich um objektive
Nachfluchtgründe, weshalb die Beschwerdeführerin nicht vom Asyl auszu-
schliessen ist. Da den Akten keine Hinweise zu entnehmen sind, die auf
das Vorliegen von Ausschlussgründen (Art. 53 AsylG) hindeuten, ist ihr in
der Schweiz Asyl zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG).
9.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit darauf einzutreten ist.
Die angefochtene Verfügung vom 10. Februar 2020 ist aufzuheben und
das SEM anzuweisen, der Beschwerdeführerin Asyl zu gewähren.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG).
D-1529/2020
Seite 21
10.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE eine Entschädi-
gung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Entschädigungspflichtig ist nur der notwendige Aufwand, weshalb es
zu berücksichtigen gilt, dass die Beschwerdeeingaben sowohl redundante
Passagen als auch weitschweifige und unnötige Ausführungen zur allge-
meinen Lage in Sri Lanka enthalten (die sich in einer Vielzahl von Eingaben
in anderen Beschwerdeverfahren ihres Rechtsvertreters finden). Seitens
des Rechtsvertreters wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb das
Honorar aufgrund der Akten festzulegen ist (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE).
Die von der Vorinstanz zu entrichtende Parteientschädigung ist in Berück-
sichtigung der genannten Umstände sowie der massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) auf Fr. 2000.– (inkl. Mehrwertsteuerzu-
schlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1529/2020
Seite 22