Decision ID: 3d975e1a-932b-5504-b46f-3bbf2d18275f
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Am 2. Oktober 2012 reichten die Beschwerdeführer bei der Gemeinde Meiringen ein
Baugesuch ein, das den Abbruch und den Neubau des Wohnhauses in der D._,
den Abbruch des Wohnteils Lochern sowie den Einbau einer zusätzlichen Wohnung im
Neubau D._ zum Gegenstand hatte. Mit Gesamtbauentscheid vom 17. Dezember
2012 bewilligte das Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli die Vorhaben, die alle in
der Landwirtschaftszone liegen. In Ziffer 3.3.3 des Dispositivs des Gesamtbauentscheids
2
vom 17. Dezember 2012 bzw. in der Ausnahmebewilligung des Amtes für Gemeinden und
Raumordnung (AGR) vom 7. Dezember 2012 wurde unter anderem als Auflage verfügt,
dass spätestens sechs Monate nach dem möglichen Bezug des Neubaus das bestehende
Gebäude D._ Nr. 44 abzubrechen und das Gelände einwandfrei zu rekultivieren
sei.
2. Nach den Akten erfolgte am 3. Juni 2014 die Bauabnahme der neu erstellten
Gebäude D._ Nr. 44a, 44b, 44c und 44d (Parzellen Nr. E._ und Nr.
F._) durch die Bauverwaltung Meiringen. In der Folge ersuchte das
Architekturbüro G._ mit Schreiben vom 25. November 2014 namens der
Beschwerdeführenden die Gemeinde, die verfügte Auflage, wonach spätestens sechs
Monate nach dem möglichen Bezug des Neubaus das Gebäude D._ Nr. 44
abzubrechen und das Gelände zu rekultivieren sei, bis zum 31. Dezember 2015 zu
verlängern.
3. Die Gemeinde teilte den Beschwerdeführenden mit Schreiben vom 26. November
2014 daraufhin mit, sie unterstütze das Gesuch um Verlängerung der Frist bis Ende 2015.
Das Fristverlängerungsgesuch leitete die Gemeinde dem Regierungsstatthalteramt
Interlaken-Oberhasli zur Beurteilung weiter. Mit Schreiben vom 27. Januar 2015 erklärte
das Regierungsstatthalteramt den Beschwerdeführern, die Frist könne lediglich bis Ende
Juni 2015 verlängert werden. Die in Ziff. 3.3.3 des Gesamtbauentscheids vom 17.
Dezember 2012 enthaltene Auflage sei bis zu diesem Zeitpunkt zu erfüllen.
4. Die Beschwerdeführer haben das Schreiben des Regierungsstatthalteramts
Interlaken-Oberhasli vom 27. Januar 2015 mit Beschwerde vom 26. Februar 2015 bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) angefochten. Sie stellen –
soweit hier interessierend – folgende Rechtsbegehren: "1. Das Schreiben vom 27. Januar 2015 sei infolge Unzuständigkeit des
Regierungsstatthalteramts Interlaken-Oberhasli aufzuheben und das Gesuch der
Beschwerdeführer vom 25. November 2014 zur Neubeurteilung an die
Einwohnergemeinde Meiringen weiterzuleiten.
3
2. Eventualiter sei das Schreiben vom 27. Januar 2015 des Regierungsstatthalters
Interlaken-Oberhasli aufgrund formeller Fehler an die Vorinstanz zur Neubeurteilung
resp. zur Begründung zurückzuweisen.
3. Subeventualiter sei das Schreiben vom 27. Januar 2015 aufzuheben und die Frist zur
Erfüllung der Auflagen nach Ziff. 3.3.3 des Gesamtbauentscheids vom 17. Dezember
2012 gemäss Gesuch vom 25. November 2014 bis am 31. Dezember 2015 zu
erstrecken. (...)."
5. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, hat aufgrund der
klaren Rechtslage aus prozessökonomischen Gründen auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet. Die Verfahrensbeteiligten widersetzten sich diesem
Vorgehen nicht und es ist ihnen dadurch auch kein Rechtsnachteil entstanden. Auf die
Rechtsschriften und vorhandenen Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Anfechtungsobjekt
a) Nach Art. 49 Abs. 1 VRPG2 regelt die zuständige Behörde öffentlich-rechtliche
Rechtsverhältnisse von Amtes wegen oder auf Gesuch hin mit einer Verfügung. Vorab ist
daher zu prüfen, ob es sich beim Schreiben vom 27. Januar 2015 des
Regierungsstatthalteramts Interlaken-Oberhasli um eine anfechtbare Verfügung im Sinn
von Art. 49 VRPG handelt und einer Überprüfung in der nachträglichen
Verwaltungsrechtspflege zugänglich ist.
b) Das VRPG umschreibt den Begriff der Verfügung nicht näher. Die Rechtsprechung
orientiert sich bei der Konkretisierung des Verfügungsbegriffs an der Definition in
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
4
Art. 5 VwVG3. Danach gelten als Verfügungen Anordnungen der Behörden im Einzelfall,
die sich auf öffentliches Recht stützen und Rechte oder Pflichten begründen, ändern oder
aufheben, das Bestehen, Nichtbestehen oder den Umfang von Rechten und Pflichten
feststellen oder Begehren auf Begründung, Änderung, Aufhebung oder Feststellung von
Rechten oder Pflichten abweisen oder nicht darauf eintreten.4 In welche äussere Form eine
Anordnung gekleidet und wie sie bezeichnet wird, spielt für ihre Qualifikation keine Rolle.
Entscheidend ist allein, ob eine behördliche Äusserung die Kriterien einer Verfügung erfüllt.
Auch ein in Briefform abgefasster Bescheid kann eine Verfügung darstellen.5
c) Vorliegend ist das Regierungsstatthalteramt auf das Gesuch der
Beschwerdeführenden vom 25. November 2014 eingetreten. Mit Schreiben vom 27. Januar
2015 hat es materiell über das Gesuch entschieden. Es hat unter anderem festgehalten,
dass nach Rücksprache mit dem Mitarbeiter des AGR die Frist lediglich bis Ende Juni 2015
verlängert werden könne und die Auflage bis zu diesem Zeitpunkt zu erfüllen sei. Das
Regierungsstatthalteramt hat damit einen verbindlichen Entscheid gefällt, der offensichtlich
Pflichten für die Beschwerdeführenden begründen, die dem öffentlichen Recht zuzuordnen
sind. Das fragliche Schreiben erfüllt somit die Kriterien einer Verfügung im Sinn von Art. 49
VRPG. Dass die Anordnung des Regierungsstatthalteramts in Briefform und nicht in eine
Verfügungsformel gekleidet ist, ändert an dessen Qualifikation nichts. Nicht relevant für die
Qualifikation ist auch, dass das Schreiben nicht alle Elemente einer Verfügung enthält (Art.
52 VRPG). Es steht damit fest, dass das Schreiben vom 27. Januar 2015 des
Regierungsstatthalteramts ein taugliches Anfechtungsobjekt ist, das mit Beschwerde
angefochten werden kann.
2. Eintretensvoraussetzungen
a) Bei der fraglichen Anordnung handelt es sich um einen erstinstanzlichen Entscheid
des Regierungsstatthalteramts in einer baurechtlichen Angelegenheit. Erste
Beschwerdeinstanz ist in solchen Fällen die BVE (Art. 40 Abs. 1 und Art. 49 Abs. 1 BauG6).
3 Bundesgesetz vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG; SR 172.021) 4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 8 5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 9 6 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
5
b) Die Beschwerdeführenden sind Adressaten der strittigen Anordnung. Sie sind durch
diese beschwert und haben ein aktuelles und schützenswertes Interesse an deren
Aufhebung oder Änderung. Sie sind somit zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form-
und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
3. Fristverlängerung
a) Die Beschwerdeführenden haben in ihrem Gesuch vom 25. November 2014
beantragt, die Frist gemäss Ziffer 3.3.3 des Gesamtbauentscheids vom 17. Dezember
2012 für den Abbruch des Gebäudes Nr. 44 und der Rekultivierung des Geländes bis Ende
2015 zu verlängern. Das Regierungsstatthalteramt hat das Gesuch der
Beschwerdeführenden behandelt. Es hat aber offenkundig weder ein
Wiederaufnahmeverfahren (Art. 56 VRPG) noch ein Projektänderungsverfahren im Sinne
von Art. 43 BauG durchgeführt – für beides wäre das Regierungsstatthalteramt zuständig.
Es hat die Eingabe der Beschwerdeführenden wohl als Gesuch um Aufschub der
Vollstreckung verstanden. Dafür spricht auch, dass die Beschwerdeführenden die
Fristverlängerung ursprünglich bei der Gemeinde Meiringen einreichten. Diese
Qualifikation erscheint aus Sicht der BVE als sinnvoll.
b) Die Vollstreckung bzw. die Anordnung des rechtmässigen Zustandes bei
Missachtung von Auflagen gehört in den Aufgabenbereich der Baupolizei (Art. 45
Abs. 2 Bst. b BauG). Entsprechend ist es auch Aufgabe der Baupolizei, zu prüfen, ob ein
zeitlich befristeter Aufschub der Vollstreckung gewährt werden kann. Die Baupolizei ist
Sache der zuständigen Gemeindebehörden (Art. 45 Abs. 1 BauG). Zum Erlass von
baupolizeilichen Verfügungen ist folglich alleine die Gemeinde Meiringen als
Baupolizeibehörde und nicht das Regierungsstatthalteramt zuständig. Das
Regierungsstatthalteramt hat hier als unzuständige Behörde fälschlicherweise über den
Aufschub der Vollstreckung entschieden.
c) Nach dem Gesagten erweist sich die Beschwerde als begründet; sie ist
gutzuheissen. Das angefochtene Schreiben bzw. die Verfügung des
Regierungsstatthalteramts vom 27. Januar 2015 wird aufgehoben und das Gesuch der
Beschwerdeführer vom 25. November 2014 wird der Baupolizeibehörde der Gemeinde
6
Meiringen zur Beurteilung übergeben. Damit erübrigt es sich, auf das Eventual- und
Subeventualbegehren einzugehen.
7
4. Kosten
a) Die Verfahrenskosten bestehen im vorliegenden Fall aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Gestützt auf Art. 19 GebV7 wird die Pauschalgebühr auf
Fr. 500.00 festgesetzt. Das Regierungsstatthalteramt ist eine Behörde im Sinne von Art. 2
Abs. 1 Bst. a VRPG. Ihm können keine Verfahrenskosten auferlegt werden (Art. 108 Abs. 2
VRPG).
b) Laut Art. 108 Abs. 3 VRPG hat die unterliegende Partei der Gegenpartei die
Parteikosten zu ersetzen, sofern nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen
Umstände eine andere Teilung oder die Wettschlagung gebieten oder die Auflage der
Parteikosten an das Gemeinwesen als gerechtfertigt erscheint.
Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige Parteivertretung anfallenden
Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die Kostennote des Anwalts der Beschwerdeführer
beläuft sich auf Fr. 4'698.00 (Honorar Fr. 4'200.00, Auslagen Fr. 150.00, Mehrwertsteuer
Fr. 348.00). Nach Art. 11 Abs. 1 PKV8 beträgt das Honorar in verwaltungsrechtlichen
Beschwerdeverfahren Fr. 400.00 bis Fr. 11'800.00 pro Instanz. Innerhalb des Rahmentarifs
bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der Sache gebotenen Zeitaufwand sowie
der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 41 Abs. 3 KAG9).
Im vorliegenden Fall ist der gebotene Zeitaufwand als unterdurchschnittlich zu werten, da
kein Schriftenwechsel stattfand und kein Beweisverfahren durchgeführt wurde. Angesichts
der umstrittenen Rechtsfragen sind auch die Bedeutung der Streitsache und die
Schwierigkeit des Prozesses insgesamt als unterdurchschnittlich einzustufen. Daher
erscheint ein Honorar von Fr. 2'500.00 als angemessen. Das Regierungsstatthalteramt hat
somit als unterliegende Partei den Beschwerdeführern Parteikosten in der Höhe von
Fr. 2'850.00 (Honorar Fr. 2'500.00, Auslagen Fr. 150.00, Mehrwertsteuer Fr. 200.00) zu
ersetzen.
7 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 8 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811) 9 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11)
8