Decision ID: f617850c-3978-4c0a-9c35-3db6be32d105
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
G._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Regula Schmid, Engelgasse 2, 9004 St. Gallen,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
A.
A.a G._, geboren 1964, war (und ist) als Screen Communicator bei der Firma A._
angestellt und dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva)
obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert (UV-act. 1). Am 15. März 2007
wurde sie bei einem Auffahrunfall (Heckkollision) verletzt und erlitt ein kranio-zervikales
Beschleunigungstrauma (UV-act. 1 bis 5). Unmittelbar nach der Kollision wurde ihr
übel, Nackenschmerzen traten nach ca. drei Stunden, Kopfschmerzen und Schwindel
sowie ein Kribbeln in den Armen und Schmerzen in der Lendenwirbelsäule nach zehn
bis zwölf Stunden auf, weshalb sie am Folgetag ihren Hausarzt, Dr. med. B._,
Praktischer Arzt, aufsuchte (UV-act. 5 f.). Dieser verordnete ihr Analgetika, NSAR,
lokale Wärmeapplikation und später aktive Physiotherapie und schrieb sie zunächst
100%, ab 26. März 2007 70%, ab 16. April 2007 50%, ab 7. Mai 2007 40% und ab
18. Juni 2007 30% arbeitsunfähig (UV-act. 2, 6 bis 8, 11, 18 und 24). An
behandlungsbedürftigen Beschwerden vor dem Unfall hatte der Hausarzt eine Migräne
vor ca. 10 Jahren, Nackenbeschwerden vor ca. 3 Jahren sowie eine Skoliose erwähnt
(UV-act. 6). Ab 15. Mai 2007 hatte Dr. B._ die Versicherte neben der Physiotherapie
zusätzlich mit Akupunktur behandelt, ab 31. Mai 2007 kam Neuraltherapie dazu, die ab
28. Juli 2007 durch manuelle Therapie des Hausarztes ersetzt wurde (UV-act. 11 und
act. G 1.2 bzw. Beilage 2 zur Beschwerde). Im Zeugnis vom 29. Mai 2007 hatte er als
Beschwerden Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, ein Kribbeln beider Arme,
occipitale Kopfschmerzen, Ohrenrauschen rechts sowie Schonhaltung der
Halswirbelsäule angegeben und eine endgradige Einschränkung bei Anteflexion der
Halswirbelsäule sowie Retroflexion und grob neurologische Unauffälligkeit festgehalten
(UV-act. 13). Am 27. Juni 2007 wurde die Versicherte durch Dr. med. C._, Facharzt
FMH für Neurologie, neurologisch untersucht (UV-act. 27). Dieser stellte fest, dass
noch tendomyotisch bedingte Nacken-Schulterschmerzen mit konsekutiven
Kopfschmerzen, eine raschere Ermüdbarkeit und leichte Konzentrationsstörungen
persistierten. Die leichten Parästhesien des Kleinfingers und der ulnaren Hand
entsprächen wohl einem Thoracic outlet-Syndrom. Hinweise für ein zervikoradikuläres
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Geschehen fänden sich nicht. Eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit von 70 auf 80% ab
2. Juli 2007 führte zu vermehrten Beschwerden und wurde daher ab 4. Juli 2007 wieder
rückgängig gemacht (UV-act. 29 und 33). Das unfallanalytische Gutachten der
Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherung vom 20. September 2007 ermittelte eine
kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (Delta-v) des Personenwagens der
Versicherten zwischen 7,8 und 11,9 km/h (UV-act. 43). Nach dreiwöchigen Ferien
steigerte die Versicherte ihr Arbeitspensum ab 19. September 2007 erneut auf 80%,
musste es aber wegen vermehrten Beschwerden ab 8. Oktober 2007 wieder auf 70%
reduzieren (UV-act. 48, 54 f. und 60). Die Suva erbrachte die gesetzlichen Leistungen,
insbesondere Taggelder und Heilungskosten.
A.b Am 9. Januar 2008 fand durch Dr. med. C._, Facharzt FMH für Chirurgie,
Sportmedizin und Phlebologie, eine kreisärztliche Untersuchung der Versicherten statt.
Er beschrieb klinisch fassbare gesundheitliche Beeinträchtigungen der Versicherten
ohne organisches Substrat im Sinn einer strukturellen Veränderung und behielt für eine
definitive Beurteilung eine ohrenärztliche Abklärung, Röntgenaufnahmen sowie die
Detailkenntnisse zur vorbestehenden Wirbelsäulenerkrankung vor (UV-act. 88). Die
Röntgenaufnahmen vom 9. Januar 2008 am Radiodiagnostischen Institut Winterthur
ergaben eine Streckhaltung bzw. diskrete Kyphosierung der kranialen HWS-Hälfte, im
Übrigen normale Aufnahmen. Die gleichenorts durchgeführte Funktionsstudie zeigte
eine diskrete Einschränkung der Segmentbeweglichkeit C6/C7 bei im Übrigen jedoch
normalen Befundverhältnissen, insbesondere ohne Nachweis einer posttraumatischen
Gefügelockerung (UV-act. 91). Im Bericht von Dr. D._, Chiropraktiker, vom 22. Januar
2003, der die Versicherte rund vier Jahre vor dem Unfall behandelt hatte, war ein
transversocostales Schmerzsyndrom links Th4 - Th6, eine Cervikalgie sowie ein ISG-
Syndrom rechts diagnostiziert worden. Die Therapiemassnahmen waren nach acht
Sitzungen abgebrochen worden, wobei ursprünglich eigentlich ein Therapieunterbruch
mit Beobachtung des kurzzeitigen Verlaufs geplant gewesen war (UV-act. 93). Dr. med.
E._, Facharzt FMH für Oto-Rhino-Laryngologie, äusserte im Bericht vom 4. März
2008 begründet den Verdacht auf eine leichte Otosklerose rechts. Er hielt fest, für eine
kausale Verknüpfung des Tinnitus mit dem Unfall spreche lediglich das zeitliche
Auftreten desselben im Rahmen des Unfallgeschehens (UV-act. 101). Das Schädel-
MRI, das er zum Ausschluss einer posttraumatischen arteriovenösen Fistel anfertigen
liess, zeigte insbesondere im Kleinhirnbrückenwinkel und im Felsenbein unauffällige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verhältnisse (UV-act. 101). Aufgrund dieser Abklärungsergebnisse hielt Kreisarzt
Dr. C._ am 25. März 2008 fest, dass keine somatischen Unfallfolgen vorlägen, durch
eine entsprechende Behandlung nicht mit einer wesentlichen Verbesserung des
Gesundheitszustands mehr zu rechnen sei und keine unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit
ausgewiesen sei (UV-act. 103).
A.c Im Sinn des rechtlichen Gehörs wurde der Versicherten und ihrer Arbeitgeberin am
17. April 2008 zur Kenntnis gebracht, dass mangels adäquater Unfallfolgen sämtliche
Leistungen per 28. April 2008 eingestellt würden (UV-act. 105 f.). Mit Verfügung vom
21. April 2008 hielt die Suva die Leistungseinstellung sowie den fehlenden Anspruch
auf weitere Geldleistungen wie Invalidenrente und/oder Integritätsentschädigung
schriftlich fest und entzog einer allfälligen Einsprache die aufschiebende Wirkung (UV-
act. 107). Dagegen erhob Rechtsanwältin R. Schmid im Auftrag der Versicherten am
9. Mai 2008 Einsprache (UV-act. 118). Mit Zwischenentscheid vom 14. Juli 2008 wies
die Suva das Begehren um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung und mit
Entscheid vom 17. Juli 2008 die Einsprache ab (UV-act. 124 f.).
B.
B.a Dagegen richtet sich die Beschwerde vom 18. August 2008 mit den Anträgen, der
Einspracheentscheid vom 17. Juli 2008 und die Verfügung vom 21. April 2008 seien
aufzuheben, der Beschwerdeführerin sei eine UVG-Rente von 20% zuzusprechen,
eventuell sei die Angelegenheit zur Vornahme der nötigen medizinischen Abklärungen
an die Suva Winterthur zurückzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur
Begründung lässt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen anführen, die
medizinischen Unterlagen seien zu dürftig, um eine Leistungseinstellung zu begründen.
Verschiedene Adäquanzkriterien seien erfüllt, weshalb die Adäquanz zu Unrecht
verneint worden sei.
B.b Auf Begehren der Suva ist das Verfahren am 23. September 2008 bis zum
Vorliegen des MEDAS-Gutachtens, das die Invalidenversicherung (IV) in Auftrag
gegeben hatte, sistiert worden. Am 11. November 2008 ist die Sistierung aufgehoben
worden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c Mit Beschwerdeantwort vom 9. Dezember 2008 beantragt die Suva die
Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Da für die Zeit nach dem
28. April 2008 weder Heilkosten- noch Taggeldleistungen verlangt würden, sei der
Einspracheentscheid diesbezüglich in Rechtskraft erwachsen. Eine Rente sei nicht
Gegenstand des Einspracheverfahrens gewesen; diesbezüglich könne auf die
Beschwerde nicht eingetreten werden. Vorsorglich für den Fall, dass das Gericht zum
Schluss gelangen sollte, mit der Beschwerde werde die Einstellung der Heilkosten- und
Taggeldleistungen per 28. April 2008 angefochten, wird ausgeführt, es habe kein
unfallkausales organisches Korrelat objektiviert werden können. Die Prüfung der
Adäquanz nach BGE 117 V 359 / 134 V 109 ergebe, dass eine solche offensichtlich
fehle. Es sei entgegen den Ausführungen im Einspracheentscheid aufgrund der
kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderung von einem leichten Unfall auszugehen,
weshalb die adäquate Unfallkausalität zum vornherein zu verneinen sei. Auch wenn der
Unfall als mittelschweres Ereignis im Grenzbereich zu den leichten Fällen qualifiziert
würde, sei die Adäquanz zu verneinen, da kein einziges Adäquanzkriterium erfüllt sei.
B.d Mit Replik vom 15. Januar 2009 lässt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten und betonen, weitere Taggelder seien sehr wohl Prozessthema. Ihre
gesundheitlichen Einschränkungen würden im MEDAS-Gutachten bestätigt und die
Verfügung der Suva nach medizinischen Kriterien klar als nicht nachvollziehbar erklärt.
Das MEDAS-Gutachten halte zudem fest, dass rein somatisch gesehen ein Normalfall
vorliege (keine relevanten degenerativen Veränderungen, keine Vorschädigungen, etc.).
Durch das MEDAS-Gutachten seien alle medizinischen Zweifel ausgeräumt und es
könne darauf abgestellt werden. Daher rechtfertige es sich, von der Rückweisung der
Angelegenheit an die Vorinstanz abzusehen und ihr eine UVG-Rente von 20% ab
28. April 2008 zuzusprechen. Da mehrere Adäquanzkriterien erfüllt seien, könne die
Adäquanz nicht verneint werden. Über den Anspruch auf eine Integritätsentschädigung
sei nach Festlegung der Rente zu befinden, nachdem dieser zuvor von der
Beschwerdegegnerin seriös abgeklärt worden sei.
B.e In der Duplik vom 9. Februar 2009 betont die Beschwerdegegnerin nochmals die
wesentlichen Punkte und hält an ihren Ausführungen in der Beschwerdeantwort fest.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.f Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der

weiteren Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Beschwerdegegnerin habe nicht genügend
bewiesen, dass die Adäquanz weggefallen sei, obwohl sie für diese
leistungsaufhebende Tatsache beweispflichtig sei. Wegen der Unfallfolgen sei sie
weiterhin 20% arbeitsunfähig, weshalb ihr (bei gegebenem Kausalzusammenhang) bis
auf Weiteres eine Rente von 20% zuzusprechen sei. Sie beantragt damit, dass die
weitere Unfallkausalität ihrer Gesundheitsbeeinträchtigungen zu bejahen und ihr
weitere Versicherungsleistungen zuzusprechen seien. Für die weiterhin bestehende
Arbeitsunfähigkeit, die einer Erwerbsunfähigkeit gleichkomme, solle dies in Form einer
Rente geschehen. Streitig und zu prüfen ist somit, ob die Beschwerdegegnerin zu
Recht ihre Leistungen für die Folgen des Unfalls vom 15. März 2007 eingestellt hat.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat im Einspracheentscheid vom 17. Juli 2008 die
rechtlichen Grundlagen der Leistungspflicht des Unfallversicherers nach
Distorsionsverletzungen der Halswirbelsäule bzw. kranio-zervikalen
Beschleunigungstraumen zutreffend dargestellt (Erwägungen 2, 3, 6 und 7). Darauf
kann verwiesen werden.
2.2 Unbestritten ist vorliegend der Zeitpunkt des Fallabschlusses bzw. der
Adäquanzprüfung per 28. April 2008. Gemäss BGE 134 V 109 E. 4.1 S. 114 hat der
Versicherer die Heilbehandlung und das Taggeld nur solange zu gewähren, als von der
Fortsetzung der ärztlichen Behandlung noch ein namhafte Besserung des
Gesundheitszustands erwartet werden kann. Dieser Zeitpunkt war per 28. April 2008
gegeben. Dies gesteht indirekt auch die Beschwerdeführerin zu, indem sie ab diesem
Zeitpunkt ihren Anspruch auf eine Invalidenrente der Beschwerdegegnerin postuliert.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Weder in den medizinischen Akten der Beschwerdegegnerin noch im MEDAS-
Gutachten vom 3. Oktober 2008 finden sich organisch objektiv ausgewiesene
Unfallfolgen: Die Funktionsaufnahmen der Halswirbelsäule vom 9. Januar 2008 zeigen
"eine diskrete Einschränkung der Segmentbeweglichkeit C6/C7 bei im Übrigen jedoch
normalen Befundsverhältnissen, insbesondere ohne Nachweis einer posttraumatischen
Gefügelockerung" (UV-act. 91). Die übrigen Röntgenaufnahmen vom gleichen Tag
erbringen keinen Hinweis für eine posttraumatische Läsion bzw. für nennenswerte
degenerative Veränderungen. Auch das Schädel-MRI vom 10. März 2008 zeigt
unauffällige Verhältnisse (UV-act. 101). Dem MEDAS-Gutachten (act. G 9.1) können
ebenfalls keine Belege für organisch objektiv ausgewiesene Unfallfolgen entnommen
werden. Nichts herleiten lässt sich auch aus den Bemerkungen der Gutachter am Ende
von Seite 18: "Rein somatisch gesehen liegt ein Normalfall vor (keine relevanten
degenerativen Schädigungen, keine Vorschädigungen etc.)." Diese Interpretation
versteht das Gericht im Zusammenhang mit dem unfallanalytischen Gutachten und
speziell der Kopfstellung der Beschwerdeführerin. Die Feststellung der Gutachter
"Unfallrechtlich kann die erwähnte Verfügung der Suva nach medizinischen Kriterien
nicht nachvollzogen werden, da, wie vorgängig ausführlich diskutiert, die Art und
Lokalisation der geklagten Schmerzen inklusive Ausstrahlungen in den Kopf und in den
rechten Arm objektiv nachgewiesen und provoziert werden können." steht weder im
Widerspruch zu den Ausführungen der Beschwerdegegnerin noch werden vom Gericht
klinisch ausgewiesene Gesundheitsbeeinträchtigungen der Beschwerdeführerin
verneint. Unter dem Aspekt der Adäquanzprüfung sind solche jedoch nicht relevant, da
es sich nicht um "reproduzierbare, von der untersuchenden Person und den Angaben
der Versicherten unabhängige Abklärungsergebnisse handelt, die mit apparativen/
bildgebenden Verfahren erhoben werden können" (vgl. BGE 134 V 109 E. 9 Ingress
S. 121 f.; SVR 2007 UV Nr. 25, 81 ff., E. 5.4 sowie Urteil des Bundesgerichts
8C_124/2008 vom 17. Oktober 2008 E. 6.1 mit weiteren Hinweisen).
2.4 Wenn, wie nachfolgend darzustellen ist, der adäquate Kausalzusammenhang
fehlt, muss die zusätzliche Leistungsvoraussetzung des natürlichen
Kausalzusammenhangs nicht näher geprüft werden (vgl. Urteile des Bundesgerichts
8C_154/2009 vom 5. Juni 2009 E. 4 und 8C_89/2008 vom 3. Oktober 2008 E. 5.3 mit
Hinweisen). Unter dem
Aspekt des natürlichen Kausalzusammenhangs bedarf es daher weder einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auseinandersetzung mit den (medizinischen) Akten der Beschwerdegegnerin noch
einer solchen mit dem MEDAS-Gutachten vom 3. Oktober 2008 (act. G 9.1).
2.5 Für die Adäquanzprüfung ist zunächst das Unfallereignis als solches zu
beurteilen. Gemäss einschlägiger Rechtsprechung ist der Unfall vom 15. März 2007 als
mittelschwer im Grenzbereich zu den leichten Ereignissen zu qualifizieren (vgl. Urteile
des Bundesgerichts 8C_262/2008 vom 11. Februar 2009 und 8C_655/2008 vom
9. Oktober 2008 je mit Hinweisen). Die Beschwerdegegnerin irrt, wenn sie in der
Beschwerdeantwort in Abweichung von den Ausführungen im Einspracheentscheid
und mit Hinweis auf das Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 206/06
vom 17. Juli 2006 von einem leichten Unfall ausgehen will: Die Unfallschwere ist nach
der Rechtsprechung ausgehend vom augenfälligen Geschehensablauf zu beurteilen.
Auffahrkollisionen auf ein (haltendes) Fahrzeug werden dabei regelmässig in die
Kategorie der mittelschweren Ereignisse im Grenzbereich zu den leichten Unfällen
eingereiht (vgl. RKUV 2005 U 549 236 ff. E. 5.1.2 mit Hinweisen). Eine unfallanalytische
(oder biomechanische) Analyse vermag allenfalls gewichtige Anhaltspunkte zur
Schwere des Unfallereignisses zu liefern (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_33/2008
vom 20. August 2008 E. 7.1 mit Hinweisen). Die Beschwerdeführerin stand mit ihrem
Fahrzeug am 15. März 2007 still und wartete, bis der Personenwagen vor ihr
abgebogen war. Dies bemerkte der nachfolgende Fahrzeuglenker zu spät, konnte nicht
mehr rechtzeitig bremsen und fuhr ins Heck der Beschwerdeführerin (UV-act. 11). Das
unfallanalytische Gutachten der Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherung vom
20. September 2007 ermittelte eine kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung
(Delta-v) des Personenwagens der Versicherten zwischen 7,8 und 11,9 km/h (UV-act.
43). Diese Umstände rechtfertigen nicht, von einem leichten Unfall auszugehen, da
keine besonderen Verhältnisse - wie Fahren mit niedriger Geschwindigkeit in einem
stockenden Verkehrsstau im Stadtverkehr etc. - vorliegen (vgl. Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 228/05 vom 16. März 2006). Die Folgen
dieses mittleren Unfalls an der Grenze zu den leichten gelten somit dann als adäquat
kausal, wenn die zusätzlichen Kriterien, die die Rechtssprechung für die
Gesamtwürdigung aufgestellt hat, in gehäufter oder auffallender Weise gegeben sind
oder ein einzelnes Kriterium in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist (BGE 134 V
109, E. 10 S. 126 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.6 In den Rechtsschriften stehen die Adäquanzkriterien besonders dramatische
Begleitumstände, Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, ärztliche
Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert sowie schwieriger
Heilverlauf und erhebliche Komplikationen nicht zur Diskussion. Die Akten enthalten
auch keinerlei Hinweis, wonach eines dieser vier Adäquanzkriterien erfüllt wäre. Deren
Vorliegen kann daher ohne Weiteres verneint werden.
2.6.1 Die Beschwerdeführerin macht zunächst geltend, sie habe sich als Folge
des Unfalls vom 15. März 2007 einer fortgesetzt spezifischen, belastenden ärztlichen
Behandlung unterziehen müssen. Vom Tag nach dem Unfall bis Ende Juli 2008 hätten
32 Konsultationen bei Dr. B._ stattgefunden, wobei verschiedene Therapien
ausprobiert worden seien, so Akupunktur, homöopathische Akutbehandlung,
Neuraltherapie, manuelle Therapie, orthomolekulare Schmerztherapie sowie manuelle
Therapie unter funktionell neurologischen Gesichtspunkten (act. G 1.2). Weiter sei sie
im SWICA-Gesundheitszentrum in Wil physiotherapeutisch behandelt worden; vom
Unfallzeitpunkt bis zur Beschwerde hätten 83 Behandlungen stattgefunden (act. G 1.3).
Zusätzlich erhalte sie derzeit eine psychosomatische Energetik-Therapie und eine Drei-
Säulen-Therapie nach Kuklinski. - Bei der Adäquanzbeurteilung können nur ärztliche
Behandlungen und Therapien berücksichtigt werden, die zwischen dem Unfall und dem
Beurteilungszeitpunkt stattgefunden haben (vgl. SVR 2008 UV Nr. 21, 77 ff.
[8C_402/2007] E. 5.2.3), wobei letzterer mit dem Zeitpunkt des Einspracheentscheids,
also dem 17. Juli 2008, gleichzusetzen ist. Der letzte Arzttermin auf der Liste von
Dr. B._ ist daher nicht zu beachten. Es bestehen keine Hinweise, dass die Drei-
Säulen-Therapie nach Kuklinski vor dem Beurteilungszeitpunkt gestartet wurde,
weshalb auch diese unbeachtet bleibt (vgl. UV-act. 105). Bei der orthomolekularen
Therapie, die der Hausarzt der Beschwerdeführerin empfahl und mit ihr durchführte,
handelt es sich lediglich um eine Nahrungsergänzung (UV-act. 61 und 67; vgl. auch
http://www.feos.ch/? menu=untermenu-home&page=pages/home/om bzw. http://
www.orthomolekular.com). Sie ist eine alternativmedizinische Methode (vgl. http://
de.wikipedia.org/wiki/-Orthomolekulare_Medizin), während dem bei der
psychosomatischen Energetik, die die Beschwerdeführerin bei F._, Heilpraktiker
NVS, auf eigene Rechnung besuchte, lediglich von einer komplementär-thera
peutischen Anwendung gesprochen werden kann, die nicht einmal im
Erfahrungsmedizinischen Register (EMR; http://www.emr.ch/index.las?s=d, Abfrage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 18. August 2009) verzeichnet ist. Für die Adäquanzbeurteilung ist diese
komplementär-therapeutische Anwendung nicht relevant. Die (klassische)
Physiotherapie wurde nach 19 Terminen bzw. gut zwei Serien ab Ende Oktober 2007
durch medizinische Trainingstherapie (MTT) zur körperlichen Stärkung ergänzt (UV-act.
54 und 67). Insgesamt wurden der Beschwerdeführerin fünf Behandlungsserien zu
neun Physiotherapien verschrieben (UV-act. 22, 21, 47, 81 [90 für MTT] und 108). Sie
gab denn auch bei der kreisärztlichen Untersuchung vom 9. Januar 2008 an, sie erhalte
einmal pro Woche Physiotherapie und gehe zweimal pro Woche zur medizinischen
Trainingstherapie (UV-act. 88). Bei der Beurteilung der Behandlungen ist zu beachten,
dass alle ambulant erfolgten. Die Beschwerdeführerin konnte die Termine (bei
teilweiser Arbeitsunfähigkeit) auch problemlos ausserhalb der Arbeitszeiten legen. Die
eigentlichen ärztlichen Behandlungen (v.a. Akupunktur und manuelle Therapie) fanden
anfänglich wöchentlich, bald jedoch in grösseren Abständen statt (UV-act. 13, 61 und
76 sowie act. G 1.2). Eine erhebliche Mehrbelastung der Beschwerdeführerin durch die
ärztliche Behandlung der Unfallfolgen im Sinn der einschlägigen Rechtsprechung zu
diesem neu formulierten Adäquanzkriterium ist darin nicht ersichtlich (vgl. BGE 134 V
109 E. 10.2.3 S. 128, Urteile des Bundesgerichts 8C_52/2009 vom 16. Juni 2009
E. 4.2.2, 8C_154/1009 vom 5. Juni 2009 E. 5.4, 8C-427/2008 vom 2. Juni 2009 E. 6.5
sowie 8C_89/2008 vom 3. Oktober 2008 E. 8.3 mit Hinweisen). Das Kriterium der
fortgesetzt spezifischen, belastenden ärztlichen Behandlung kann insgesamt nicht als
erfüllt beurteilt werden.
2.6.2 Das Adäquanzkriterium Arbeitsunfähigkeit wurde in BGE 134 V 109 mit
erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen präzisiert (E. 10.2.7
S. 129 f.). Die Beschwerdeführerin erreichte nach zehn Tagen voller Arbeitsunfähigkeit
ab 26. März 2007 eine Arbeitsfähigkeit von 30%, ab 16. April 2007 von 50%, ab 7. Mai
2007 von 60% und konnte bereits ab 18. Juni 2007 wieder zu 70% arbeiten (UV-act. 2,
6 bis 8, 11, 18 und 24). Ausser den Versuchen vom 2. und 3. Juli 2007 und vom
19. September bis 7. Oktober 2007, die Arbeitsfähigkeit auf 80% zu steigern, blieb
diese bei 70% (UV-act. 29 und 33 sowie 48, 54 f. und 60). Laut Beschwerde vom
18. August 2008 konnte sie die Arbeitsfähigkeit ab 2. Juni 2008 auf 75% und ab 7. Juli
2008 auf 80% steigern. Ihrem Hinweis, während der Arbeitsunfähigkeit von 30% ab
18. Juni 2007 habe die Leistungsfähigkeit gemäss detailliertem Zeugnis von Dr. B._
vom 4. Mai 2008 (act. G 1.4) lediglich etwa 50% betragen, muss die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin die wiederholten eigenen Bestätigungen sowie diejenigen ihrer
Arbeitgeberin entgegenhalten lassen, während der eigentlichen Arbeitszeit habe sie die
volle Arbeitsleistung erbracht (UV-act. 55, 66 und 106). Letztere widerlegen die
Angaben des Hausarztes unmissverständlich. Anstrengungen der Beschwerdeführerin,
ihre Arbeitsfähigkeit zu steigern sind durch die konkreten Steigerungen, die
Arbeitsversuche vom Juli 2007 und September/Oktober 2007 sowie die Tatsache
ausgewiesen, dass sie die Arbeitstätigkeit durch Ruhepausen unterbrach und dadurch
schon bald längere Nettoarbeitszeiten und eine höhere Arbeitsfähigkeit erreichte (UV-
act. 11, 33 und 67). Ob bei der ausgewiesenen Arbeitsunfähigkeit von 20% im
Beurteilungszeitpunkt auch von Erheblichkeit gesprochen werden kann, kann letztlich
offen bleiben. Selbst wenn eine erhebliche Arbeitsunfähigkeit bejaht würde, wäre
dieses Adäquanzkriterium höchstens nicht besonders ausgeprägt erfüllt (vgl. Urteile
des Bundesgerichts 8C_217/2008 vom 20. März 2009 E. 10.7 mit Hinweisen,
8C_438/2008 vom 20. November 2008 E. 7.8 sowie 8C_33/2008 vom 20. August
2008).
2.6.3 Die Beschwerdeführerin führt als drittes Adäquanzkriterium, das bei ihr
erfüllt sei, erhebliche Beschwerden an, die sich in anhaltenden, zermürbenden
Dauerschmerzen äussern würden. Sie listet in der Beschwerde zwölf Symptome bzw.
Schmerzlokalisationen auf, die alle noch beständen und sie beeinträchtigten (S. 6 f.).
Die Beschwerden nähmen während der Arbeit stetig zu. Nach der Arbeit müsse sie sich
für etwa drei Stunden hinlegen. Die Energie für Haushaltarbeiten oder sonstige
Freizeitaktivitäten würde fehlen. - Im Entscheid 134 V 109 hat das Bundesgericht
dieses Adäquanzkriterium dahingehend präzisiert, dass nur erhebliche Beschwerden
adäquanzrelevant sein können, die in der Zeit zwischen dem Unfall und dem
Fallabschluss ohne wesentlichen Unterbruch bestehen würden (E. 10.2.4 S. 128). Dabei
beurteilt sich die Erheblichkeit nach den glaubhaften Schmerzen und nach der
Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person durch die Beschwerden im
Lebensalltag erfährt. Erhebliche Beschwerden in der dargestellten Art, sind besonders
durch die glaubhaften Angaben der Beschwerdeführerin anlässlich der kreisärztlichen
Untersuchung vom 9. Januar 2008 ausgewiesen (UV-act. 88) und werden durch ihre
jeweiligen Statusberichte gegenüber der Beschwerdegegnerin bestätigt (UV-act. 11,
33, 54 f., 67 und 105). Das Adäquanzkriterium der erheblichen Beschwerden ist
demnach zu bejahen, rechtsprechungsgemäss jedoch höchstens in nicht ausgeprägter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Weise, denn es war der Beschwerdeführerin nicht nur möglich, gewisse Aktivitäten
auszuüben, sondern sie konnte bereits ab 18. Juni 2007 - rund drei Monate nach dem
Unfall - ihrer Erwerbstätigkeit im Rahmen von mindestens 70% nachgehen (vgl. SVR
2009 UV Nr. 13, 52 ff. [8C_590/2008] E. 7.4; Urteil des Bundesgerichts 8C_252/2007
vom 16. Mai 2008 E. 7.4).
Zusammengefasst sind damit höchstens zwei Adäquanzkriterien in nicht ausgeprägter
Weise erfüllt. Das genügt bei der gegebenen Unfallschwere nicht, um die Adäquanz der
Leiden, die die Beschwerdeführerin über den 28. April 2008 hinaus beeinträchtigen,
zum Unfall vom 15. März 2007 zu bejahen. Selbst wenn alle drei näher geprüften
Adäquanzkriterien (fortgesetzt spezifische, belastende ärztliche Behandlung [Erwägung
2.6.1 hiervor], erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen
[Erwägung 2.6.2 hiervor] sowie erhebliche Beschwerden [Erwägung 2.6.3 hiervor]) in
nicht ausgeprägter Weise erfüllt wären, genügte das nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts bei einem Unfall mittlerer Schwere an der Grenze zu den leichten
Ereignissen nicht, um die Adäquanz zu bejahen (vgl. SVR 2009 UV Nr. 22, 80 ff.
[8C_209/2008] E. 5.8 sowie SVR 2009 UV Nr. 13, 52 ff. [8C_590/2008] E. 8 mit
Hinweis).
2.7 Da die Adäquanz der Unfallfolgen nach dem 28. April 2008 zu verneinen ist, fehlt
es an einer wesentlichen Voraussetzung für eine weitere Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin. Somit ist auch ein grundsätzlicher Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Integritätsentschädigung und/oder eine Invalidenrente in
Verfügung und Einspracheentscheid zu Recht verneint worden.
3.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind gemäss Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) keine zu erheben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG