Decision ID: 57cbbc8a-f3d9-5a37-a16d-40c015824840
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin reichte am 13. August 2015 bei der Gemeinde
Lauterbrunnen ein Baugesuch ein für den Teilabbruch und Wiederaufbau des Wohn- und
Geschäftshauses auf Parzelle Lauterbrunnen Grundbuchblatt Nr. C._. Die
Parzelle liegt in der Wohn- und Gewerbezone. Zudem befindet sie sich gemäss
Bauinventar der Gemeinde Lauterbrunnen im Perimeter der Baugruppe E (Mürren). Mit
Gesamtentscheid vom 27. Oktober 2015 erteilte der Regierungsstatthalter von Interlaken-
Oberhasli die Bewilligung. Am 24. März 2016 bewilligte die Gemeinde Lauterbrunnen der
Beschwerdeführerin eine erste Projektänderung. Diese betraf die Fassadengestaltung, die
Dacheindeckung und die Balkongeländer. Am 2. Juni 2016 reichte die Beschwerdeführerin
ein weiteres Projektänderungsgesuch ein. Dieses umfasste zum einen eine Überarbeitung
des Fassadenbildes, zum anderen den Abbruch verschiedener Bauteile im Erdgeschoss.
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Am 28. Juni 2016 bewilligte die Gemeinde eine zweite Projektänderung. Diese betraf den
Abbruch der eingeschossigen Anbaute auf der Nordseite sowie einzelner
Aussenwandbereiche im mittleren Gebäudeteil. Für die übrigen Änderungen (Anpassung
der Fenstergrössen, neue Anordnung der Fenster und Türen, Balkongeländer aus Glas
statt Holz) führte die Gemeinde ein ordentliches Baubewilligungsverfahren mit Publikation
durch. Der Berner Heimatschutz erhob Einsprache gegen die Änderung der
Balkongeländer. Er machte geltend, Glasgeländer seien im gewachsenen Ortsbild nicht
verträglich. Die Gemeinde informierte die Beschwerdeführerin am 19. Juli 2016 über die
Einsprache und teilte ihr mit, sie stehe dem Glasgeländer ebenfalls skeptisch gegenüber,
da es nicht zu der Holzarchitektur passe. Nach einer Besprechung mit der
Beschwerdeführerin zog der Berner Heimatschutz seine Einsprache wieder zurück. Die
Gemeinde teilte der Beschwerdeführerin daraufhin am 12. August 2016 mit, sie habe nach
wie vor eine skeptische Haltung gegenüber dem Glasgeländer. Aus diesem Grund werde
sie diese geplante Änderung der Baugestaltungskommission unterbreiten. Die
unbestrittenen Änderungen würden separat beurteilt. Am 19. August 2016 bewilligte die
Gemeinde eine dritte Projektänderung. Diese betraf die Fenstergrössen sowie die
Einteilung der Fenster und Türen im Erdgeschoss strassenseitig. Die umstrittene Änderung
der Balkongeländer unterbreitete sie der Baugestaltungskommission. Diese empfahl die
Ablehnung der Glasgeländer, da diese in Mürren ortsfremd seien. Mit Entscheid vom
29. September 2016 erteilte die Gemeinde deshalb den Bauabschlag.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 31. Oktober 2016 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Aufhebung des Bauentscheides vom 29. September 2016 und die Bewilligung der
Projektänderung. Eventualiter sei der Bauentscheid zur rechtlichen Begründung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Zur Begründung führt sie insbesondere aus, die Bedenken der
Baugestaltungskommission und der Vorinstanz seien unbegründet. Durch das
Glasgeländer komme die Holzfassade sehr schön zur Geltung. In Mürren gebe es
zahlreiche Beispiele von Balkongeländern aus unterschiedlichen Materialien. Auch das
Material Glas sei ortsüblich. Von einer Beeinträchtigung des Ortsbildes könne keine Rede
sein. Aus Gründen der Rechtsgleichheit sei die Baubewilligung für ein Balkongeländer aus
Glas zu erteilen. Zudem habe die Vorinstanz der Beschwerdeführerin mündlich
zugesichert, die Glasgeländer zu bewilligen, sofern keine Einsprachen erfolgen würden. Im
Übrigen sei die Begründungspflicht verletzt.
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3. In ihrer Stellungnahme vom 29. November 2016 beantragt die Gemeinde
Lauterbrunnen, auf die Beschwerde sei nicht einzutreten, da die Anwaltsvollmacht nicht
korrekt unterzeichnet sei. Falls auf die Beschwerde eingetreten werde, sei sie abzuweisen.
Zur Begründung führt sie insbesondere aus, ein reines Glasgeländer passe nicht ins
Dorfbild von Mürren. Sie dulde keine rechtswidrigen Zustände. Eine behördliche
Zusicherung, die Glasgeländer würden bewilligt, sei nie erfolgt.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, liess die
Anwaltsvollmacht der Beschwerdeführerin verbessern. In ihrer Eingabe vom 12. Januar
2017 hielt die Beschwerdeführerin fest, einem Glasgeländer stehe aus Sicht der
Denkmalpflege nichts entgegen. Zudem nannte sie ein weiteres Beispiel eines
Balkongeländers aus Glas im Ortskern von Mürren.
5. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Bauentscheide können mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden (Art. 40
Abs. 1 BauG2). Die BVE ist somit für die Beurteilung der Beschwerde zuständig.
b) Die Beschwerdeführerin ist als Baugesuchstellerin grundsätzlich
beschwerdelegitimiert (Art. 40 Abs. 2 BauG). Sie hat ein schutzwürdiges Interesse an der
Aufhebung des Bauabschlags. Sie ist deshalb befugt, Beschwerde zu führen (Art. 65 Abs.
1 VRPG3).
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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c) Die Beschwerde ist innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden (Art. 40 Abs. 1
BauG in Verbindung mit Art. 41 Abs. 1 und 2 VRPG). Die Beschwerde enthält einen Antrag
und eine Begründung (Art. 32 Abs. 2 VRPG). Die Anwaltsvollmacht wurde innerhalb der
Nachfrist verbessert. Die BVE tritt deshalb auf die Beschwerde ein.
2. Rechtliches Gehör
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Vorinstanz habe den Bauabschlag ohne
rechtliche Begründung erteilt. Aus keiner Zeile des Entscheids könne gefolgert werden,
warum sie ein Balkongeländer aus Glas ablehne. Der Bauentscheid enthalte lediglich
Ausführungen zu den verschiedenen Arten von Balkongeländern in Mürren, äussere sich
zur mündlichen Zusicherung über die Bewilligungsfähigkeit der Balkongeländer und
verweise schliesslich betreffend Vereinbarkeit mit dem Baureglement salopp auf den
Mitbericht der Baugestaltungskommission. Diese sei allerdings nicht die verfügende
Behörde. Eine Rechtsgrundlage für den Bauabschlag sei nicht ersichtlich. Es werde auch
nicht dargelegt, inwiefern eine Beeinträchtigung des Dorfbildes vorliege. Die Vorinstanz
habe ihre Begründungspflicht verletzt.
b) Der Anspruch auf rechtliches Gehör nach Art. 21 ff. VRPG gibt den Parteien das
Recht, sich zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten
zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu
äussern. Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt zudem, dass die Behörde die
Vorbringen der in ihrer Rechtsstellung Betroffenen sorgfältig prüft und beim Entscheid
berücksichtigt. Daraus folgt die Verpflichtung der Behörde, ihre Verfügung zu begründen
(vgl. Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG). Eine Begründung muss so abgefasst sein, dass die
Betroffenen die Verfügung sachgerecht anfechten können. Es müssen wenigstens kurz die
Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die
sich ihr Entscheid stützt. Die Behörde muss jedoch nicht auf jedes Argument der Parteien
eingehen; es genügt, wenn sie sich mit den wesentlichen Gesichtspunkten
auseinandergesetzt hat. Zudem kann sie zur Begründung auf andere Dokumente
verweisen.4
4 BVR 2013 S. 443 E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 5
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c) Die Vorinstanz verweist in den Erwägungen vorab auf ihre Haltung, die der
Beschwerdeführerin und dem Projektverfasser schon länger bekannt sei. Sie bestätigt
damit ihre mehrfach geäusserte und in den Akten dokumentierte Auffassung, dass
Balkongeländer aus Glas nicht ortsüblich sind und nicht zur Holzbauarchitektur passen.5
Ergänzend führt sie aus, es gebe zwar in Mürren verschiedene Geländervarianten, ein
Glasgeländer an einem Holz-Wohnbau sei jedoch nicht bekannt. Sie unterscheide
zwischen Gewerbe- und Wohnbauten. Zusätzlich komme es darauf an, ob ein Holzbau
vorliege oder nicht. Sie setzt sich auch mit den von der Beschwerdeführerin genannten
Vergleichsobjekten auseinander und verweist abschliessend auf den Fachbericht der
Baugestaltungskommission. Darin wird begründet, warum eine Balkonbrüstung aus Glas
gestützt auf Art. 23 GBR6 als nicht genehmigungsfähig erachtet wird. Mit den für den
Entscheid wesentlichen Gesichtspunkten hat sich die Vorinstanz somit hinreichend
auseinandergesetzt. Sie durfte zur Begründung auf ihre früheren Äusserungen und den
Bericht der Baugestaltungskommission verweisen. Der Beschwerdeführerin war bekannt,
aus welchen Gründen die Vorinstanz ihr Bauvorhaben ablehnte und sie konnte den
Entscheid sachgerecht anfechten. Dass die Vorinstanz den Einwänden der
Beschwerdeführerin nicht gefolgt ist, stellt keine Gehörsverletzung dar. Ob die Begründung
zutrifft, ist eine Frage der materiellen Prüfung. Die Rüge der Gehörsverletzung erweist sich
daher als unbegründet.
3. Ortsbild
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, durch das Glasgeländer komme die
Holzfassade des Gebäudes sehr schön zur Geltung. Aufgrund ihrer Lage am Rand der
Baugruppe und der Nähe zum Sportcenter Mürren habe die Liegenschaft Nr. C._
kaum Bezug zum bautypologisch traditionellen Ortsbild von Mürren. Das angrenzende
Schutzobjekt auf dem Grundstück Nr. D._ zeichne sich ebenfalls durch moderne
Architektur aus, weshalb die Glasgeländer durchaus als ortsüblich zu gelten hätten. Zu
diesem Ergebnis sei schliesslich auch der Berner Heimatschutz gekommen. In Mürren sei
eine Vielfalt verschiedenster Balkonbrüstungen anzutreffen. Insbesondere seien auch
5 Vgl. dazu E-Mail des Bauverwalters der Gemeinde Lauterbrunnen vom 26. Mai 2016, Vorakten P 4.35, Aktennotiz der Besprechung vom 30. Mai 2016, Vorakten P 4.34; Schreiben der Gemeinde Lauterbrunnen an die Beschwerdeführerin vom 19. Juli 2016, Vorakten P 4.28; Schreiben der Gemeinde Lauterbrunnen an die Beschwerdeführerin vom 12. August 2016, Vorakten P 4.19; Schreiben der Gemeinde Lauterbrunnen an die Beschwerdeführerin vom 9. September 2016, Vorakten P 4.15 6 Baureglement der Einwohnergemeinde Lauterbrunnen vom 1. Juli 1996 (GBR)
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verschiedenste Ausführungen mit dem Material Glas zu sehen, weshalb Glasgeländer nicht
per se als ortsunüblich gelten könnten. Es würden sich Balkongeländer aus Eternit, Stahl
und Glas finden. Das Bauvorhaben der Beschwerdeführerin schaffe also keinen Gegensatz
zur bestehenden Überbauung oder Landschaft, der erheblich stören würde. Von einer
Beeinträchtigung des Ortsbildes könne keine Rede sein.
b) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die ästhetische Generalklausel im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften
müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die
Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders
formulieren.7 Art. 23 GBR enthält folgende Bestimmungen zur Gestaltung von Bauten und
Anlagen:
«1 Alle Bauten und Anlagen müssen architektonisch so gestaltet werden, dass sie hinsichtlich ihrer Gesamterscheinung, und Proportionen zusammen mit den bestehenden oder projektierten Bauten eine gute, abgestimmte Gesamtwirkung ergeben. Die Schönheit oder die erhaltenswerte Eigenart des Strassen-, Orts- und Landschaftsbildes muss gewahrt bleiben.
2 Die Farbgebung der Bauten und Anlagen ist der Umgebung anzupassen. Auffällige Farben sind untersagt.
3 Für die Fassadengestaltung sind ortsübliche Materialien zu verwenden. Mindestens 50 % der Fassadenfläche (exkl. Sockelgeschosse) müssen in Holz oder mit Holzverschalung ausgeführt werden. Das Sockelgeschoss hat sich in Farbe und Material von den Obergeschossen zu unterscheiden.
4 Der Gemeinderat kann auf Antrag der Baukommission für reine Zweckbauten öffentlichen oder gewerblichen Charakters andere als die ortsüblichen Bauformen und Materialien gestatten. Absatz 1 dieses Artikels bleibt vorbehalten.»
Diese Bestimmungen gehen weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihnen kommt daher
selbständige Bedeutung zu.
c) Das Gebäude der Beschwerdeführerin befindet sich in der Baugruppe E (Mürren), die
praktisch ganz Mürren umfasst. Es ist somit Teil eines Baudenkmals (vgl. Art. 10a Abs. 1
7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen
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BauG). Das vorbestehende Gebäude der Beschwerdeführerin ist zwar selber nicht
eingestuft. In seiner Nachbarschaft befinden sich aber mehrere erhaltenswerte Gebäude,
beispielsweise das Appartementhaus K._ auf der Nachbarparzelle Nr. E._
oder das Wohnhaus I._ auf der Nachbarparzelle G._. In der Nähe
befinden sich zudem die als schützenswert eingestufte englische Kirche auf Parzelle Nr.
H._, sowie die als erhaltenswert eingestuften Gebäude I._ (Wohnhaus,
Parzelle Nr. J._) und K._ (Doppelscheune, Parzelle Nr. L._). Die
Baugruppe E ist im Bauinventar der Gemeinde wie folgt beschrieben:
«Mürren zählt zu den ältesten Dörfern im Lauterbrunnental und geht auf eine Lötschersiedlung zurück. Wenige bäuerliche Reste vermischen sich mit mehrheitlich touristischen Bauten. Qualitätvoll darunter vor allem das Hotel ′Regina′ (Nr. M._). Auf der Siegfriedkarte von 1893 noch als kompaktes Haufendorf verzeichnet, wuchs das Dorf mit dem Einsetzen des Tourismus. Initiiert durch die englischen Touristen entstand 1878 die wertvolle Englische Kirche (Nr. N._). Grossen Schaden erlitt die Bausubstanz des Ortes durch den Dorfbrand von 1926. Mit dem Wiederaufbau entstand oberhalb der Mürrenfluh mit dem Hotel ′Alpina-Edelweiss′ (Nr. O._/O._ A) ein Vertreter der klassischen Moderne in den Alpen. In W-Richtung verläuft oberhalb des Dorfs das markante Viadukt der Allmendhubelbahn. In der Nachkriegszeit wurde vor allem der dem Dorf vorgelagerte S-Hang unterhalb der Seilbahnstation ausgebaut, was aber die Qualität und den dörflichen Charakter des Ortes wenig schmälert.»
In ihrem Fachbericht vom 21. September 20158 zum ursprünglichen Baugesuch hielt die
kantonale Denkmalpflege fest, das etwas höhere Volumen des Ersatzbaus für die nicht
eingestufte Liegenschaft beeinträchtige das Nachbargebäude oder die Baugruppe Mürren
nicht in wesentlichem Masse. Zur Fassadengestaltung des den traditionellen Chaletbau
imitierenden Neubaus nehme sie nicht Stellung. In ihrem Fachbericht vom 25. Februar
20169 zur ersten Projektänderung hielt die kantonale Denkmalpflege unter anderem fest,
die nun vorgesehene Fassadengestaltung mit weniger traditionellen Fenstern und
Balkonen sei aus ihrer Sicht ebenfalls möglich. Im Zusammenhang mit der vorliegend zu
beurteilenden Projektänderung teilte die kantonale Denkmalpflege mit, sie verzichte auf
weitere Stellungnahmen zu diesem Vorhaben.10 Aus denkmalpflegerischer Sicht ist somit
die Fassadengestaltung von untergeordneter Bedeutung für die Baugruppe E.
d) Gestützt auf Art. 23 Abs. 1 GBR muss das Bauvorhaben der Beschwerdeführerin so
gestaltet werden, dass es zusammen mit den bestehenden oder projektierten Bauten eine
gute, abgestimmte Gesamtwirkung ergibt. Die Schönheit oder die erhaltenswerte Eigenart
des Strassen-, Orts- und Landschaftsbildes muss gewahrt bleiben. Es genügt somit nicht,
8 Vgl. Vorakten B 25 9 Vorakten P 1.8 10 Vorakten P 4.33
RA Nr. 110/2016/161 8
dass das Bauvorhaben der Beschwerdeführerin keinen störenden Gegensatz zur
bestehenden Überbauung schafft. Der Begriff der guten Gesamtwirkung stellt einen
unbestimmten kommunalen Gesetzesbegriff dar, bei dessen Auslegung die kommunalen
Behörden einen gewissen Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen an das Erfordernis
der guten Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die
gute Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen architektonischen
Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass
das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder
Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren
hat.11 Die Frage, ob eine gute Gesamtwirkung erzielt wird, ist im Einzelfall anhand der
konkreten Verhältnisse zu prüfen. Dabei darf nicht auf ein subjektives architektonisches
Empfinden oder Gefühl abgestellt werden, sondern es sind möglichst objektivierte Kriterien
anzuwenden.12
In seiner Einsprache vertrat der Berner Heimatschutz noch die Auffassung, Glasgeländer
seien im gewachsenen Ortsbild nicht verträglich und sollten speziell in einer Baugruppe
nicht bewilligt werden. Im Übrigen passe das moderne Glasgeländer auch nicht zu der
doch eher traditionellen Holzbauarchitektur. Nach einer Besprechung mit der Bauherrschaft
zog er seine Einsprache zurück mit der Begründung, die Lage des Objektes am Rande der
Baugruppe habe wenig Bezug zum bautypologischen traditionellen Ortsbild von Mürren.
Das angrenzende Schutzobjekt auf Parzelle Nr. D._ zeichne sich durch eine
moderne Architektur aus. Der geplante, architektonisch ansprechende Holzbau zeige eine
klare Volumetrie und eine zeitgemässe, nicht-traditionelle Fassadengestaltung. Daher sei
er doch auch der Auffassung, dass jedes andere Geländermaterial die Architektur
verunklären würde.
Es mag sein, dass die Holzfassade des Gebäudes durch das Glasgeländer sehr schön zur
Geltung kommt, so dass es für sich allein betrachtet in seiner Gesamterscheinung eine
gute Wirkung entfaltet. Damit sind jedoch die Anforderungen von Art. 23 Abs. 1 GBR noch
nicht erfüllt. Verlangt wird eine architektonische Gestaltung, die zusammen mit den
bestehenden oder projektierten Bauten eine gute, abgestimmte Gesamtwirkung ergibt. Ob
diese Voraussetzung erfüllt ist, ist aufgrund der Stellungnahmen der Denkmalpflege und
11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1 12 BGE 114 la 343 E. 4b; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 8, mit Hinweisen
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des Berner Heimatschutzes sowie unter Berücksichtigung der im Bauinventar13 der
Gemeinde enthaltenen Bilder der benachbarten Baudenkmäler fraglich. Das Bauvorhaben
befindet sich innerhalb einer Baugruppe und in der Nähe von denkmalpflegerisch
wertvollen Objekten. An die architektonische Gestaltung sind deshalb höhere
Anforderungen zu stellen, als in einem durchschnittlichen, heterogenen Ortsbild. Ob das
Bauvorhaben unter Berücksichtigung der konkreten Verhältnisse den Anforderungen einer
guten Gesamtwirkung entspricht, kann jedoch offen gelassen werden, da die Vorinstanz
den Bauabschlag nicht aus diesem Grund erteilt hat.
e) Laut Art 23 Abs. 3 GBR sind für die Fassadengestaltung ortsübliche Materialien zu
verwenden. Mindestens 50 % der Fassadenfläche (exkl. Sockelgeschosse) müssen in Holz
oder mit Holzverschalung ausgeführt werden. Für reine Zweckbauten öffentlichen oder
gewerblichen Charakters können andere als die ortsüblichen Bauformen und Materialien
gestatten werden (Art. 23 Abs. 4 GBR). Auch bei dieser Bestimmung handelt es sich um
eine eigene, selbstständige Ästhetiknorm der Gemeinde. Bei der Auslegung und
Anwendung steht ihr deshalb ein gewisser Beurteilungsspielraum zu.14 Die Gemeinde
verfügt bei der Bestimmung, was der ortsüblichen Bauweise entspricht, über einen grossen
Beurteilungsspielraum. Das Verwaltungsgericht hat diesen Beurteilungsspielraum
geschützt, und zwar selbst dann, wenn kantonale Fachbehörden zu abweichender
Beurteilung gelangten.15 Aus dem Umstand, dass der Berner Heimatschutz seine
Einsprache zurückgezogen hat, lässt sich deshalb nichts zugunsten der
Beschwerdeführerin ableiten.
Die Vorinstanz unterscheidet bei der Anwendung der genannten Bestimmungen zwischen
Wohn- und Gewerbebauten. Nach ihrer Praxis kommt es auch darauf an, ob es sich um
einen Holzbau handelt oder nicht. Sie hat den Bauabschlag deshalb mit der Begründung
erteilt, dass Balkongeländer aus Glas nicht ortsüblich sind und nicht zur Holzbauarchitektur
passen. Sie stützt sich dabei insbesondere auch auf die Beurteilung der
Baugestaltungskommission. Bei dieser handelt es sich um eine örtliche Fachstelle im Sinn
von Art. 22 Abs. 2 BewD16. Sie erstellt Fachberichte zuhanden der
Baubewilligungsbehörde, wenn zwischen der Bauherrschaft und der Gemeinde
Unstimmigkeiten bezüglich der Ästhetik bestehen. Diese Fachberichte sind für die
13 Einsehbar unter www.erz.be.ch, Rubriken «Kultur, Denkmalpflege, Bauinventar, Bauinventar online» 14 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 4a f. 15 VGE Nr. 21545 vom 22.4.2003 E. 3.4.3 16 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
http://www.erz.be.ch
RA Nr. 110/2016/161 10
Gemeindebaupolizeibehörde verbindlich (vgl. Art. 5 Abs. 3 Bst. d GBR in Verbindung mit
Art. 32 OV17 und Anhang II OV). Dem Fachbericht lässt sich Folgendes entnehmen:
«Die früheren überdachten und offenen Laubenzonen beim Chaletbau in Fleckenbauweise wurden nebst dem Aufenthalt der Menschen als Aussichtsräume auch für andere Zwecke verwendet. Später wurden dann die offenen Lauben als Laubenzimmer ausgebaut. Nach dieser Zeit entstanden die Balkone in Holzkonstruktion mit Holzbrüstungen. Der Tradition folgend wurden diese Balkonbrüstungen immer den Fassaden angepasst und in Holz ausgeführt. (...) Bei der letzten, neuen Variante wurde nun der traditionelle Anspruch eines Balkongeländers an einem mit Holz verschalten, vertikal horizontal gegliederten Gebäude mit den Glaselementen vollständig vernachlässigt. Balkonbrüstungen in Glas sind in Mürren ortsfremd. (...)»
Aus dem Fachbericht ergibt sich somit, dass es in Mürren ortsüblich ist, bei Wohnbauten
die Balkonbrüstungen an das Fassadenmaterial anzupassen und bei einem Holzbau somit
in Holz auszuführen. Die Fotodokumentation in der Beilage zur Beschwerde stellt diese
Beurteilung nicht in Frage, zeigt sie doch nur ein paar wenige Wohnbauten aus der
Ortschaft Mürren, die diesen Anforderungen nicht entsprechen, und lediglich ein einziges
Wohngebäude, das eine halbwegs vergleichbare Glasbrüstung aufzuweisen scheint.
Dieses Gebäude befindet sich aber nicht in der Baugruppe E. Auch die Fotobeilage zur
Stellungnahme vom 12. Januar 2017 führt zu keinem anderen Ergebnis. Aufgrund des
Bildausschnitts ist fraglich, ob das Gebäude eine vergleichbare Glasbrüstung aufweist. Die
Vorinstanz räumt im angefochtenen Entscheid im Übrigen ein, dass in Mürren
verschiedene Geländervarianten anzutreffen sind. Ein Augenschein ist unter diesen
Umständen entbehrlich. Der entsprechende Beweisantrag der Beschwerdeführerin wird
abgewiesen.
Von ihrer Wirkung her sind Balkongeländer als Teil der Fassade zu betrachten. Sie prägen
durch Form, Grösse und Materialisierung ganz wesentlich den Charakter eines Gebäudes.
Art 23 Abs. 3 GBR bezweckt, dass die Gebäude im Sinne der traditionell in dieser Region
vorherrschenden, ortstypischen Bauweise einen muralen Sockel kombiniert mit einem
hölzernen Aufbau haben. Abgesehen vom Sockelgeschoss sollen (Wohn-)Gebäude
wenigstens von Aussen als grösstenteils aus Holz gebaut wahrgenommen werden.
Werden Balkongeländer aus Glas angebracht, so wird der beabsichtigte Eindruck einer
Holzfassade beeinträchtigt. Die Auslegung der Vorinstanz, reine Glasbrüstungen bei
Balkonen an Holzbauten nicht zuzulassen, ist deshalb rechtlich haltbar und vorliegend zu
17 Organisationsverordnung Einwohnergemeinde Lauterbrunnen vom 10. Dezember 2007 (OV)
RA Nr. 110/2016/161 11
schützen. Bei diesem Zwischenergebnis kann offen gelassen werden, ob weitere
Umstände wie etwa die Bruchsicherheit von Glasbalkonen oder deren mögliche negativen
Auswirkungen auf Vögel Auswirkungen auf die Bewilligungsfähigkeit der Balkonbrüstungen
aus Glas haben.
4. Gleichbehandlung im Unrecht
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, in Mürren gebe es zahlreiche Beispiele von
Balkonen, die ebenfalls als nicht ortsüblich gelten könnten. Es gebe offenbar keine
einheitliche Baubewilligungspolitik. Es sei auch möglich, dass einzelne Balkonbrüstungen
in dieser Form gar nie bewilligt oder "unbeabsichtigt" bewilligt worden seien. Fakt sei aber,
dass in Mürren verschiedenste Arten von Geländern vorhanden seien. Es sei insbesondere
auch die Verwendung des Materials Glas anzutreffen. Es fänden sich auch anderswo in
der Gemeinde Beispiele, wo Glasgeländer vor Holzkonstruktionen bewilligt oder toleriert
würden. Der Fall einer systematischen unterlassenen Rechtsanwendung sei einer
rechtswidrigen Bewilligungspraxis gleichzustellen. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür,
dass die Gemeinde gewillt sei, den rechtmässigen Zustand tatsächlich wiederherzustellen.
Es sei auch keine Absicht der Gemeinde bekannt, ein Verbot von Glasgeländern ins
Baureglement aufzunehmen. Die gesetzwidrige Begünstigung bilde damit vorliegend die
Grundlage für einen Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht. Die Beschwerdeführerin
dürfe nicht schlechter gestellt werden, als zahlreiche andere Hauseigentümer in Mürren.
Aus Gründen der Rechtsgleichheit sei die Baubewilligung für die Balkongeländer aus Glas
zu erteilen.
b) Nach der Rechtsprechung geht der Grundsatz der Gesetzmässigkeit der Verwaltung
im Konfliktfall jenem der Rechtsgleichheit in der Regel vor. Der Umstand, dass das Gesetz
in anderen Fällen nicht oder nicht richtig angewendet worden ist, gibt den Bürgerinnen und
Bürgern grundsätzlich keinen Anspruch darauf, ebenfalls abweichend vom Gesetz
behandelt zu werden. Ausnahmsweise und unter strengen Bedingungen wird jedoch im
Rahmen des verfassungsmässigen Gebot der Rechtsgleichheit (Art. 8 Abs. 1 BV18; Art. 10
Abs. 1 KV19) ein Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht anerkannt. Die
Gleichbehandlung im Unrecht setzt voraus, dass die zu beurteilenden Fälle in den
18 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 19 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1)
RA Nr. 110/2016/161 12
tatbestandserheblichen Sachverhaltselementen übereinstimmen, dass dieselbe Behörde in
ständiger Praxis vom Gesetz abweicht und zudem zu erkennen gibt, auch inskünftig nicht
gesetzeskonform entscheiden zu wollen. Schliesslich dürfen keine überwiegenden
Gesetzmässigkeitsinteressen oder Interessen Dritter bestehen.20
c) Die Beschwerdeführerin beruft sich auf einen Entscheid des Bundesgerichts21
betreffend die Stadt Bern. Diesem Entscheid lag folgender Sachverhalt zugrunde: Ein
Eigentümer eines unter Denkmalschutz stehenden Mehrfamilienhauses wollte die
Holzfenster des Gebäudes durch Kunststofffenster mit aufgesetzten Sprossen ersetzen.
Sein Baugesuch wurde abgewiesen. Dieser Entscheid wurde von den kantonalen
Rechtsmittelinstanzen gestützt. Vor Bundesgericht rügte der Eigentümer eine Verletzung
seines Anspruchs auf Gleichbehandlung im Unrecht, weil bei etwa 60 bis 70 % der
inventarisierten Häuser im Quartier Fenster aus anderen als den ursprünglichen
Materialien eingebaut oder die Sprossen nicht gemäss dem ursprünglichen Bild angebracht
worden seien. Mangels Umsetzung in der Praxis seien die städtischen Vorgaben zum
Ersatz von Fenstern nicht (mehr) massgeblich. Das Bundesgericht stellte fest, dass keine
rechtswidrige kommunale Bewilligungspraxis bestand.22 Hingegen war unbestritten, dass
die Gemeinde zwar seit ein paar Jahren Kenntnis von in den tatbestandserheblichen
Sachverhaltselementen übereinstimmenden Fällen hatte, aber noch keine
Wiederherstellungsverfahren eingeleitet hatte. Das Bundesgericht hielt deshalb fest, Art. 46
Abs. 3 BauG könne nicht ohne in Willkür zu verfallen so verstanden werden, dass es der
Baupolizeibehörde offenstehe, bei erkannter Rechtswidrigkeit bis kurz vor Ablauf der
Fünfjahresfrist mit der Einleitung von Wiederherstellungsverfahren zuzuwarten. Vielmehr
habe sie in solchen Fällen umgehend Baukontrollen durchzuführen und die erforderlichen
Wiederherstellungsverfahren einzuleiten.23 Das Nichteinschreiten seitens der
Baupolizeibehörde bedeute eine unterlassene Anwendung von Art. 46 BauG. Eine
gesetzeswidrige Begünstigung, welche Grundlage für einen Anspruch auf
Gleichbehandlung im Unrecht bilden könne, müsse sich nicht zwingend in einer
rechtswidrigen Bewilligungspraxis äussern, sondern könne auch vom blossen Nichtvollzug
einer belastenden Regelung herrühren, dies jedenfalls dann, wenn der Behörde eine
eigentliche Vollzugsverweigerung vorgehalten werden müsse. Eine systematisch
20 vgl. BGE 139 II 49 E. 7.1, 136 I 65 E. 5.6, je mit Hinweisen; BVR 2013 S. 85 E. 8.1; Tschannen/Zimmerli/, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 23 N. 11-13 und 18-20; Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N. 599 ff. 21 BGer 1C_398/2011 vom 7. März 2012 22 BGer 1C_398/2011 vom 7. März 2012 E. 3.7 23 BGer 1C_398/2011 vom 7. März 2012 E. 3.8
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unterlassene Rechtsanwendung sei einer rechtswidrigen Bewilligungspraxis
gleichzustellen. Anders als bei einer rechtswidrigen Bewilligungspraxis, die künftig
aufgegeben werden könne, genüge es in Konstellationen jahrelanger Duldung bekannter
rechtswidriger Zustände nicht, dass die Behörde im Sinne einer Absichtserklärung
zukünftig Besserung verspreche. Vielmehr habe sie den Tatbeweis zu erbringen, d.h. die
entsprechenden Baukontrollen durchzuführen und gestützt darauf die erforderlichen
Wiederherstellungsverfahren einzuleiten. Das Bundesgericht trug dem Verwaltungsgericht
daher auf, die Gemeinde anzuweisen, den Tatbeweis für den von ihr in Aussicht gestellten
Übergang zu einer rechtskonformen Bewilligungs- und Wiederherstellungspraxis zu
erbringen. Gelinge ihr dies, sei der verfassungsrechtliche Anspruch des
Beschwerdeführers auf Gleichbehandlung im Unrecht zu verneinen und die Baubewilligung
für den Einbau von Kunststofffenstern zu verweigern. Bleibe die Gemeinde hingegen
weiterhin untätig, sei dem Beschwerdeführer aus Gründen der Rechtsgleichheit die
ersuchte Bewilligung zu erteilen.24
d) Im vorliegenden Fall gibt es weder Anhaltspunkte für eine rechtswidrige
Baubewilligungspraxis der Vorinstanz noch kann ihr vorgeworfen werden, dass sie in
vergleichbaren Fällen systematisch auf das Einleiten eines Wiederherstellungsverfahrens
verzichtet hätte. Aktenkundig ist viel mehr, dass sie gestützt auf den Hinweis der
Beschwerdeführerin anlässlich der Besprechung vom 30. Mai 2016, es seien in Mürren
bereits Glasgeländer vorhanden, umgehend ein baupolizeiliches Verfahren einleitete.
Dabei stellte sich heraus, dass die fraglichen Geländer beim Hotel P._ und beim
Haus F._ seinerzeit unbeabsichtigt bewilligt wurden. Wie die Vorinstanz zu Recht
ausgeführt hat, sind diese beiden Objekte zudem nicht vergleichbar mit dem Vorhaben der
Beschwerdeführerin. Das Hotel P._ ist ein Gewerbebau und hat keine
Holzfassade. Zudem befindet sich das Glasgeländer lediglich an den vorgebauten
Sockelgeschossen. Im Übrigen sind die Balkongeländer aus Holz.25 Beim Haus
F._ hat es keine Glasbrüstungen, sondern feine Metall-Staketengeländer.26 Auch
aus der Fotodokumentation, die die Beschwerdeführerin als Beilage zu ihrer Beschwerde
eingereicht hat, lassen sich keine Hinweise auf eine ständige rechtswidrige Praxis der
Gemeinde entnehmen. Sie zeigt ein einziges Beispiel eines Wohngebäudes in Mürren, das
einen Balkon mit Glasbrüstung aufweist (Beschwerdebeilage Nr. 4 e). Die Vorinstanz führt
dazu aus, es handle sich um ein Gebäude, das 1965 erbaut worden sei und sich
24 BGer 1C_398/2011 vom 7. März 2012 E. 3.9 25 Vgl. Beschwerdebeilage 4 h 26 Vgl. <www.edelweiss-muerren.ch/ferienwohnungen/finel.html>
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ausserhalb der Baugruppe E (Mürren) befinde. Von der Gestaltung her sei es nicht einem
Holzchalet nachempfunden und bilde deshalb nicht einen vergleichbaren Gebäudetyp.
Auch dieses Objekt unterscheidet sich somit wesentlich vom Vorhaben der
Beschwerdeführerin. Nichts anderes ergibt sich aus der mit der Stellungnahme vom 12.
Januar 2017 eingereichten Fotobeilage. Sie zeigt lediglich ein Detail des fraglichen
Gebäudes. Ob es sich dabei um einen Chaletneubau handelt, kann gestützt darauf nicht
beurteilt werden. Aufgrund des Bildausschnitts ist auch fraglich, ob das Gebäude eine
vergleichbare durchgehende Glasbrüstung aufweist. Zudem kann aufgrund der vagen
Standortangaben ("neben dem Haus Q._") nicht festgestellt werden, ob sich das
fragliche Gebäude in der Baugruppe E befindet. Dies ist zumindest fraglich, befindet sich
doch das Chalet Q._ gemäss den im Internet verfügbaren Angaben am Ortsrand.27
Im Übrigen begründen einzelne gesetzeswidrige Begünstigungen durch die Behörden noch
keine Bewilligungs- oder Vollstreckungspraxis. Die Beschwerdeführerin hat deshalb keinen
Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht. Immerhin wird es Aufgabe der Vorinstanz
sein, die beiden von der Beschwerdeführerin dokumentierten Beispiele von Wohnhäusern
in Mürren (Beilagen Nrn. 4e und 4j) mit Glasbalkonbrüstungen nachzugehen und
gegebenenfalls die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands anzuordnen, sofern
keine Gründe des Vertrauensschutzes oder der Verhältnismässigkeit entgegenstehen.
5. Behördliche Zusicherung
a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, zu Beginn des Baubewilligungsverfahrens
habe ihr die Vorinstanz mündlich zugesichert, die Glasgeländer zu bewilligen, sofern keine
Einsprachen erfolgen würden. Dieser Umstand könne durch an der Besprechung vom
1. September 2016 anwesende Personen bestätigt werden. Anlässlich dieser Besprechung
sei der Bauverwalter nämlich nach seiner damaligen Zusicherung gefragt worden, worauf
dieser bloss geantwortet habe, es sei nun halt anders. Nachdem der Berner Heimatschutz
seine Einsprache zurückgezogen habe, hätte die Beschwerdeführerin in gutem Glauben
davon ausgehen können, dass das Glasgeländer nun bewilligt werde. Sie habe
dementsprechende Dispositionen getroffen und die Herstellung des Glasgeländers in
Auftrag gegeben. Die Vorinstanz führt demgegenüber aus, es sei nie eine behördliche
Zusicherung erfolgt, wonach das Glasgeländer bewilligt werde. Es sei lediglich die
Aussage gemacht worden, sofern keine Einsprachen eingehen würden, werde die
27 Vgl. R._
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Gemeinde noch einmal über das Glasgeländer befinden und dieses eventuell bewilligen
können.
b) Nach ständiger Rechtsprechung verleiht der in Art. 9 BV verankerte Grundsatz von
Treu und Glauben einer Person Anspruch auf Schutz des berechtigten Vertrauens, sofern
eine Vertrauensgrundlage besteht, auf die sie berechtigterweise vertrauen durfte, und
sofern sie gestützt darauf nachteilige Dispositionen getroffen hat, die sie nicht mehr
rückgängig machen kann.28 Eine Vertrauensgrundlage kann sich namentlich aus einer
vorbehaltlosen und nicht erkennbar unrichtigen Auskunft einer dafür zuständigen Person in
einem konkreten Fall ergeben.29 Die Rechtsfolge des Vertrauensschutzes ist in erster Linie,
dass die Behörde an die Vertrauensgrundlage gebunden ist. Es bleibt jedoch abzuwägen,
ob ausnahmsweise trotzdem das öffentliche Interesse an der richtigen Rechtsanwendung
dem Vertrauensschutz vorzugehen hat. Wird von der begründeten Vertrauensgrundlage
aufgrund überwiegender entgegenstehender Interessen abgewichen, kann stattdessen ein
Anspruch auf Entschädigung entstehen.30
c) Die Beschwerdeführerin stützt sich auf eine Auskunft, die der Bauverwalter zu Beginn
des Baubewilligungsverfahrens gemacht haben soll. Diese ist nicht schriftlich dokumentiert.
Es ist deshalb nicht bekannt, ob der Bauverwalter für den Fall, dass keine Einsprachen
eingingen, eine Bewilligung der Glasgeländer oder bloss eine erneute Prüfung deren
Bewilligungsfähigkeit in Aussicht gestellt hat. Diese Frage kann jedoch offen gelassen
werden, da sie nicht entscheidrelevant ist. Weitere Beweismassnahmen wie beispielsweise
die Durchführung eines Parteiverhörs sind deshalb entbehrlich. Der entsprechende
Beweisantrag der Beschwerdeführerin wird abgewiesen. Der Beschwerdeführerin war aus
den vorangegangenen Baubewilligungs- bzw. Projektänderungsverfahren bekannt, dass
nicht der Bauverwalter, sondern der Regierungsstatthalter oder die Baukommission
Baubewilligungsbehörde ist. Sie durfte deshalb nicht in guten Treuen annehmen, dass der
Bauverwalter zuständig sei, verbindliche Zusicherungen über die Bewilligungsfähigkeit des
Glasgeländers zu machen. Abgesehen davon darf heute als allgemein bekannt betrachtet
werden, dass verbindliche Baubewilligungen schriftlich erteilt werden.31 Zudem erfolgte die
Zusicherung auch nach der Darstellung der Beschwerdeführerin nicht vorbehaltlos,
sondern sie stand unter der Prämisse, dass keine Einsprachen eingehen. Da der Berner
28 BGE 137 I 69 E. 2.5.1; 131 II 627 E. 6.1; 129 I 161 E. 4.1 29 BGE 137 II 182 E. 3.6.2; 131 II 627 E. 6.1 30 BGE 101 Ia 328 E. 6c; Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., Rz. 700 und Rz. 706 ff. 31 VGE 2015.308 vom 6. Juli 2016 E. 3.7, mit weiteren Hinweisen
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Heimatschutz Einsprache erhob, durfte die Beschwerdeführerin nicht mehr darauf
vertrauen, dass die Bewilligung erteilt werde. Im Übrigen äusserten Vertreter der
Gemeinde im Laufe des Projektänderungsverfahrens mehrmals ihre Vorbehalte gegenüber
den Balkongeländern aus Glas.32 Selbst wenn sich der Bauverwalter zu Beginn des
Verfahrens anders geäussert haben sollte, verhielt sich die Gemeinde spätestens ab dem
26. Mai 2016 konsequent und widerspruchsfrei. Sie signalisierte mehrmals ihre skeptische
Haltung gegenüber dem Glasgeländer. Die Beschwerdeführerin durfte deshalb nicht darauf
vertrauen, dass sie nach dem Rückzug der Einsprache des Berner Heimatschutzes ohne
weiteres eine Bewilligung erhalten würde. Folglich kann die Beschwerdeführerin aus dem
Vertrauensschutz nichts zu ihren Gunsten ableiten.
6. Zusammenfassung und Kosten
a) Zusammenfassend steht fest, dass die Vorinstanz ihren Entscheid hinreichend
begründet hat. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt deshalb nicht vor. Es kann
offen gelassen werden, ob das Bauvorhaben den Anforderungen einer guten
Gesamtwirkung entspricht, da der Bauabschlag nicht aus diesem Grund erteilt worden ist.
Die Auslegung der Vorinstanz, reine Glasbrüstungen bei Balkonen an Holzbauten nicht
zuzulassen, ist rechtlich haltbar. Es gibt weder Anhaltspunkte für eine rechtswidrige
Baubewilligungspraxis noch kann der Vorinstanz vorgeworfen werden, sie hätte in
vergleichbaren Fällen systematisch auf das Einleiten eines Wiederherstellungsverfahrens
verzichtet. Ein Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht besteht nicht. Die Vorinstanz
signalisierte mehrmals ihre skeptische Haltung gegenüber dem Glasgeländer. Die
Beschwerdeführerin durfte deshalb nicht darauf vertrauen, dass sie nach dem Rückzug der
Einsprache ohne weiteres eine Bewilligung erhalten würde. Sie kann deshalb aus dem
Vertrauensschutz nichts zu ihren Gunsten ableiten. Die Beschwerde ist deshalb
abzuweisen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat
deshalb die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt
32 Vgl. dazu E-Mail des Bauverwalters der Gemeinde Lauterbrunnen vom 26. Mai 2016, Vorakten P 4.35, Aktennotiz der Besprechung vom 30. Mai 2016, Vorakten P 4.34; Schreiben der Gemeinde Lauterbrunnen an die Beschwerdeführerin vom 19. Juli 2016, Vorakten P 4.28; Schreiben der Gemeinde Lauterbrunnen an die Beschwerdeführerin vom 12. August 2016, Vorakten P 4.19; Schreiben der Gemeinde Lauterbrunnen an die Beschwerdeführerin vom 9. September 2016, Vorakten P 4.15
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auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1000.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19
Abs. 1 GebV33).
c) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).
33 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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