Decision ID: 2ca69c66-a85f-4012-8e70-2c178834e05e
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend Versicherte) meldete sich Ende November 2011, nach einer
Anmeldung zur Früherfassung im Oktober 2011 (IV-act. 3), unter Hinweis auf
Depressionen zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 6).
A.b Die Versicherte ist gelernte Dentalassistentin (Abschluss im Jahr 2009; IV-act. 18,
act. G 12.1). Sie hatte aber nicht lange auf ihrem Beruf gearbeitet und danach kurze
Beschäftigungsverhältnisse (insbesondere in Call-Centern) in verschiedenen Pensen
gehabt (IV-act. 126-9). Vor der Anmeldung bei der IV hatte sie von Mai bis August 2011
in einem 50%-Pensum als Betriebsmitarbeiterin (Briefsortierung, Bedienen von
Maschinen) bei der B._ gearbeitet (IV-act. 15-3, 17-2). Per 30. September 2011 war
ihr gekündigt worden (IV-act. 17-3).
A.c Vom 23. August bis 11. November 2011 war die Versicherte aufgrund einer akuten
suizidalen Krise zur stationären Behandlung der Psychiatrischen Klinik C._
zugewiesen worden (IV-act. 19). Mit Austrittsbericht vom 24. November 2011
diagnostizierten die Ärzte eine sonstige emotionale Störung des Kindesalters (ICD-10:
F93.8).
A.d Am 14. Dezember 2011 wurde die Versicherte durch den Regionalen Ärztlichen
Dienst (RAD) untersucht. Als Diagnosen nannte er 1. Rezidivierende Depression,
gegenwärtig noch mittelgradig vorhanden bei Status nach akuter Suizidalität im August
2011 sowie bei Selbstwertproblematik nach traumatischen Erlebnissen in der Kindheit
und Jugend, 2. Belastungsinsuffizienz des rechten Kniegelenks nach Distorsionstrauma
beim Skifahren in der Kindheit, für mittelschwere und schwere körperliche Tätigkeiten
und ständiges Gehen und Stehen eingeschränkt, 3. Rezidivierende Cervicocephalgie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
als Ausdruck der Angst und Panikstörung, 4. Verdacht auf funktionelles Herzsyndrom,
ebenfalls Ausdruck der Ängste, 5. Neurodermitis, Allergie auf Latex. Die 100%-ige
Krankschreibung sei weiterhin gerechtfertigt (IV-act. 15).
A.e Vom 28. November 2011 bis 3. Januar 2012 wurde die Versicherte in der
Psychiatrischen Tagesklinik für Erwachsene in D._ behandelt. Mit Austrittsbericht
vom 3. Januar 2012 wurden eine sonstige emotionale Störung des Kindesalters sowie
eine leichte depressive Episode (ICD-10: F32.0), gegenwärtig in Remission,
diagnostiziert. Während der Behandlung habe eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit
bestanden (IV-act. 29).
A.f Mit Bericht vom 13. April 2012 diagnostizierte die die Versicherte vom 26. Januar
bis 13. April 2012 ambulant behandelnde Dr. med. E._, Fachärztin FMH für
Psychiatrie, eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
(ICD-10: F33.1) sowie einen Verdacht auf akzentuierte Persönlichkeit (ICD-10: F60.6).
Nicht ausgeschlossen werden könne eine blande Psychose. Die Auffassungsfähigkeit
und psychische Belastbarkeit seien reduziert (IV-act. 41, 54).
A.g Die Hausärztin der Versicherten, Dr. med. F._, Fachärztin für Innere Medizin,
diagnostizierte mit Bericht vom 3. Oktober 2012 eine seit August 2011 rezidivierende
Depression, akut und mittel- bis schwergradig, sowie eine seit Kindheit bestehende
atopische Dermatitis. Es sei unklar, wie belastbar die Versicherte sei. Bei grösseren
Herausforderungen werde die Rezidivgefahr als relativ hoch eingeschätzt. Aktuell sei
die Versicherte nicht mehr in psychiatrischer Betreuung und nehme keine
antidepressiven Medikamente mehr ein. Vom 23. August 2011 bis 15. März 2012 habe
eine 100%-ige, danach bis 30. April 2012 eine 50%-ige Arbeitsunfähigkeit bestanden.
Eine den Fähigkeiten der Versicherten angepasste Tätigkeit könne sie seit Mai 2012 zu
100% ausüben. Bereits ab April 2012 habe sie denn auch als Au Pair in G._
gearbeitet (IV-act. 57).
A.h Am 13. März 2013 sprach die IV-Stelle der Versicherten eine berufliche Abklärung
vom 18. März bis 12. April 2013 in der Beruflichen Abklärungsstelle (BEFAS) im
Bürgerspital Basel zu (IV-act. 69).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.i Aufgrund einer psychischen Krise musste die berufliche Abklärung am 2. April 2013
unterbrochen werden (IV-act. 73). Aufgrund dessen war sie vom 2. April bis 6. Juni
2013 in der Psychiatrischen Klinik in C._ hospitalisiert. Diese diagnostizierte mit
Austrittsbericht vom 7. Juni 2013 eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1) sowie eine emotional instabile
Persönlichkeitsstörung: Borderline Typ (ICD-10: F60.31). Die Versicherte habe
berichtet, dass sie während ihres Aufenthalts in G._ wohl Drogen bekommen habe
und vergewaltigt worden sei. Danach sei sie noch ca. zehn Tage alleine in H._
gewesen, ehe sie in die Schweiz zurückgekehrt sei. Sie habe zu diesem Zeitpunkt keine
psychiatrische Therapie in Anspruch genommen, da sie damals nicht habe darüber
reden wollen. Am Anfang des Jahres habe sie deswegen immer wieder Albträume
bekommen. Diese seien nun weniger. Aktuell könne sie wegen ihres Ex-Freundes und
den Gedanken an ihn nicht einschlafen oder erwache deswegen aus dem Schlaf. Das
Missbrauchserlebnis in G._ und auch das Abortereignis vor einiger Zeit seien auf
Wunsch der Versicherten nur kurz besprochen worden (IV-act. 85).
A.j Am 11. September 2013 ging der Bericht der BEFAS ein. Zur Zeit der Abklärung sei
die Versicherte weder arbeits- noch ausbildungsfähig gewesen. Aufgrund der
gesundheitlichen Situation und der anschliessenden Einlieferung in die Klinik in C._
könnten die im Auftrag gestellten Fragen nicht befriedigend beantwortet werden. Zu
Beginn der Abklärung habe sich die Versicherte bemüht, mitzumachen. Sie sei daran
interessiert gewesen zu erfahren, wo ihre Stärken liegen würden. Mit der Zeit habe sich
aber ihr Gesundheitszustand immer mehr verschlechtert, so dass es nicht mehr
möglich gewesen sei, über Arbeitsfähigkeit zu diskutieren (IV-act. 88).
A.k Vom 7. Juli bis 23. August 2013 war die Versicherte in ambulanter Behandlung bei
Dr. med. I._, Psychiatrie und Psychotherapie, gewesen. Im Bericht vom 10.
Dezember 2013 diagnostizierte er eine rezidivierende, mittelgradige depressive
Störung, teilkompensiert (ICD-10: F33.1) sowie eine instabile Persönlichkeitsstörung,
Borderline Typ (ICD-10: F60.31). Per 23. August 2013 attestierte er der Versicherten
eine 50%-ige Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten (IV-act. 96).
A.l Seit dem 13. November 2013 war die Versicherte bei med. pract. J._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, in psychotherapeutischer Behandlung. Mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bericht vom 20. März 2014 diagnostizierte dieser mögliche neurologische Defizite
(ICD-10: F09), bestehend seit wahrscheinlich vielen Jahren, möglicherweise
Verstärkung durch einen Sturz auf den Kopf im Jahr 2011, eine emotional instabile
Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ (ICD-10: F60.31), bestehend seit vielen
Jahren, und einen Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10:
F43.1), bestehend seit Sommer 2012. Er bescheinigte der Versicherten eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit seit 13. November 2013 bis auf weiteres, aktuell bis am 31. März
2014. Die Versicherte könne mit ihren Einschränkungen wahrscheinlich keine Arbeiten
auf dem ersten Arbeitsmarkt durchführen. Die endgültige Einschätzung könne aber erst
nach der Durchführung der neuropsychologischen Untersuchung genau beurteilt
werden (IV-act. 101-1 ff.).
A.m Am 12. und 15. Mai 2014 wurde die Versicherte im Ambulatorium für
neurologische Rehabilitation in der Klinik K._ untersucht. Gemäss Bericht vom 26.
Mai 2014 würden die Befunde der psychologischen Untersuchung ausgeprägte
Beeinträchtigungen im Bereich der Aufmerksamkeit zeigen. Des Weiteren seien das
Gedächtnis und Teilaspekte der Exekutivfunktionen betroffen. Die Versicherte habe
motiviert und kooperativ mitgewirkt. Insgesamt seien die Ergebnisse als leichte bis
mittelschwere kognitive Störung unklarer Ätiologie zu interpretieren. Die objektivierten
kognitiven Beeinträchtigungen könnten sich limitierend auf eine berufliche Tätigkeit
auswirken und stünden wahrscheinlich im Zusammenhang mit den berichteten
Problemen an den bisherigen Arbeitsplätzen. Hinweise für eine Intelligenzminderung
würden sich nicht finden (IV-act. 104).
A.n Mit Bericht vom 26. Juni 2014 führte med. pract. J._ aus, dass die
Arbeitsfähigkeit der Versicherten durch verschiedene Erkrankungen stark
eingeschränkt sei. Aufgrund der neuropsychologischen Defizite bestünden geistige
Einschränkungen, wegen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung sei sie nur
wenig belastbar und aufgrund der posttraumatischen Belastungsstörung habe sie
Angst, von Männern ausgenutzt zu werden. Insgesamt bestehe keine Arbeitsfähigkeit
für Tätigkeiten im ersten Arbeitsmarkt (IV-act. 105). Am 6. August 2014 hielt med.
pract. J._ an seinen vorstehend gemachten Einschätzungen fest (IV-act. 108).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.o Am 22. September 2014 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass aufgrund
ihres Gesundheitszustandes keine beruflichen Massnahmen möglich seien (IV-act.
115).
A.p Auf Empfehlung des RAD vom 13. November 2014 (IV-act. 118-3) veranlasste die
IV-Stelle ein bidisziplinäres Gutachten bei Dr. med. L._, Facharzt FMH Psychiatrie
und Neurologie (IV-act. 119 ff.). Die Untersuchung der Versicherten fand am 26.
Februar 2015 statt. Das neurologische und psychiatrische Gutachten (mit
testpsychologischer Zusatzuntersuchung) wurde am 27. Februar 2015 erstellt (IV-act.
126). Der Gutachter diagnostizierte eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom
Borderline Typ (ICD-10: F60.31). Neurologische Defizite stellte er keine fest (IV-act.
126-17). Eine Psychose, wie von Dr. E._ im Jahr 2012 vermutet worden sei, liege
nicht vor. Eine posttraumatische Belastungsstörung, die med. pract. J._
diagnostiziert habe, könne nicht als nachgewiesen gelten. Eine rezidivierende
depressive Störung sei aus aktueller Perspektive nicht nachweisbar. Auch eine
neuropsychologische Funktionsstörung sei mangels Leistungsbeeinträchtigung nicht
ausgewiesen. Alle aktuell nachweisbaren Ergebnisse und Befunde würden in der
Diagnose der Persönlichkeitsstörung aufgehen. Im Falle der Versicherten liege eine
mittelschwere Ausprägung der Borderline Persönlichkeitsstörung vor, mit aktuell
deutlichen Auswirkungen. Allerdings seien auch Lebensphasen vorgekommen, in
denen die Auswirkungen deutlich geringer gewesen seien oder eine volle berufliche
Leistungsfähigkeit vorhanden gewesen sei. Die theoretische Arbeitsfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit betrage 50%, in adaptierten Tätigkeiten etwa 60%. Diese
Einschränkung gelte mindestens seit der Untersuchung. Es sei wahrscheinlich, dass es
ab 2011 Phasen mit stärkerer Einschränkung der Leistungsfähigkeit, dann eine
deutliche Verbesserung der Arbeitsfähigkeit ab etwa Mitte 2012 und dann wieder eine
Verschlechterung im Jahr 2013 gegeben habe. Auch sei wahrscheinlich, dass sich die
Gesundheit und das Leistungsbild im Jahr 2014 gebessert hätten.
A.q Mit Vorbescheid vom 30. März 2015 stellte die IV-Stelle der Versicherten bei einem
ermittelten Invaliditätsgrad von 40% eine Viertelsrente ab 1. August 2012 in Aussicht
(IV-act. 130). In der Folge reichte med. pract. J._ am 21. April 2015 einen
ausführlichen Arztbericht ein, worin er u.a. zum Gutachten von Dr. L._ Stellung nahm
(IV-act. 136). Die Versicherte erhob am 23. April 2015 Einwand (IV-act. 134).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.r Am 9. Juni 2015 bestätigte der RAD, dass trotz des Arztberichts von med. pract.
J._ auf das Gutachten von Dr. L._ abgestellt werden könne (IV-act. 137). Am 24.
August und 5. Oktober 2015 verfügte die IV-Stelle bzw. die Eidgenössische Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenversicherung im Sinne des Vorbescheids (vgl. vorstehend
lit. A.q), auch in Würdigung des aktuellsten Berichts von med. pract. J._, eine
Viertelsrente ab 1. August 2012 (IV-act. 140, 145).
B.
B.a Gegen diese Verfügungen richten sich die vorliegenden Beschwerden vom 23.
September vom 4. November 2015 (Verfahrensnummern IV 2015/307 und IV
2015/367). Die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) lässt durch ihren
Rechtsvertreter in materieller Hinsicht beantragen, dass die angefochtenen
Verfügungen aufzuheben und der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. August 2012
eine befristete ganze Invalidenrente bis 31. Januar 2015 zuzusprechen und für den
Folgezeitraum die Sache zur Durchführung weiterer Abklärungen und zur
Neubeurteilung an die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) zurückzuweisen
sei. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegnerin. Im
Wesentlichen lässt die Beschwerdeführerin vorbringen, das Gutachten von Dr. L._
sei unvollständig und damit mangelhaft (act. G 6 im Verfahren IV 2015/307 und act. G 1
im Verfahren IV 2015/367).
B.b Mit Schreiben vom 9. November 2015 ist den Parteien mitgeteilt worden, dass die
Absicht bestehe, die beiden Verfahren – dem Antrag der Beschwerdeführerin
entsprechend – zu vereinigen (act. G 7).
B.c Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 10. Dezember
2015 die Abweisung der Beschwerden, soweit darauf einzutreten sei. Sie hält die
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung durch Dr. L._ für beweiskräftig (act. G 8 im Verfahren IV
2015/307 und act. G 3 im Verfahren IV 2015/367).
B.d Mit Verfügung vom 15. Dezember 2015 wurde dem Gesuch der
Beschwerdeführerin um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege, umfassend die
Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsverbeiständung, entsprochen (act. G 9 im Verfahren IV 2015/307 und act. G 4 im
Verfahren IV 2015/367).
B.e In der Replik vom 7. Januar 2016 lässt die Beschwerdeführerin unverändert an den
gestellten Rechtsbegehren festhalten (act. G 12 im Verfahren IV 2015/307 und act. G 7
im Verfahren IV 2015/367).
B.f Die Beschwerdegegnerin hat auf eine ausführlich begründete Duplik verzichtet (act.
G 14 im Verfahren IV 2015/307 und act. G 8 im Verfahren IV 2015/367).

Erwägungen
1.
Die materiellen Anträge und deren Begründungen sind in beiden Beschwerdeschriften
identisch (act. G 6 im Verfahren IV 2015/307 und act. G 1 im Verfahren IV 2015/367).
Der Sachverhalt unterscheidet sich einzig in zeitlicher Hinsicht. Während in der
Verfügung vom 5. Oktober 2015 der Rentenanspruch von August 2012 bis August 2015
gesprochen wurde (IV-act. 145), regelt die Verfügung vom 24. August 2015 den
Anspruch ab September 2015 (IV-act. 140). Da es um einen einheitlichen
Streitgegenstand geht, sind die Verfahren zu vereinigen und in einem einzigen Urteil zu
erledigen (vgl. BGE 128 V 126 E. 1 mit Hinweisen).
2.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist ein Rentenanspruch
der Beschwerdeführerin. Nicht zum Streitgegenstand gehört der von der
Beschwerdeführerin in den Begründungen der Rechtsschriften geltend gemachte
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen. Bereits mit Mitteilung vom 22. September
2014 hatte die Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf berufliche Massnahmen
verneint. Darin wurde die Beschwerdeführerin ausdrücklich darauf hingewiesen, dass
sie eine beschwerdefähige Verfügung verlangen könne (IV-act. 115). Dies hat sie nicht
getan. Entsprechend ist mangels Verfügung in diesem Punkt darüber in diesem
Verfahren nicht zu befinden. Es steht der Beschwerdeführerin offen, bei der
Beschwerdegegnerin erneut berufliche Massnahmen zu beantragen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
3.1 Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht ein
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein
Anspruch auf eine Viertelsrente.
3.2 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die
Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
3.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V
99 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
3.4 Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 f. E. 4a). In beweisrechtlicher Hinsicht gilt
der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben die urteilenden Instanzen
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im
Sinne einer Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess
tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der
Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem
unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift
allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes auf Grund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu
ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu
entsprechen (BGE 117 V 264 E. 3b mit Hinweisen, 138 V 221 f. E. 6). Die Verwaltung
resp. das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von
ihrem Bestehen überzeugt sind. Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen
Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit
eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht
hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen
Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360 E. 5b mit
Hinweisen).
4.
Zunächst ist zu prüfen, ob der medizinische Sachverhalt rechtsgenüglich abgeklärt ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens formgerecht eingeholten Gutachten
von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, ist bei der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; vgl. ferner
THOMAS FLÜCKIGER, Medizinische, insbesondere hausärztliche Berichte und ihre
Beweiskraft – mit einem Seitenblick auf die medizinischen Gutachten, in: KIESER/
LENDFERS [Hrsg.], Sozialversicherungsrechtstagung 2013, St. Gallen 2014, S. 138 ff.).
Widersprechen Berichte behandelnder Ärzte dem von der Verwaltung bei externen
Spezialärzten eingeholten Gutachten, ist die unterschiedliche Natur von
Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Ärzte einerseits und
Begutachtungsauftrag der amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits zu
beachten (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007
sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 18. April 2006, I 783/05, E. 2.2).
Es ist deshalb nicht zulässig, ein medizinisches Administrativ- oder Gerichtsgutachten
stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die
behandelnden Ärzte später zu anderslautenden Einschätzungen gelangen oder an
vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Vorbehalten bleiben
aber Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die
behandelnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation
entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder
ungewürdigt geblieben sind (Urteil des Bundegerichts vom 27. Mai 2008, 9C_24/2008,
E. 2.3.2).
4.2 Beim bidisziplinären Gutachten von Dr. L._ vom 27. Februar 2015 (IV-act. 126)
handelt es sich um ein formgerecht eingeholtes externes Administrativgutachten (IV-
act. 119 ff.), welchem nur bei konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit nicht volle
Beweiskraft zukommt (vgl. vorstehende Ziff. 4.1). Dr. L._ hat die Beschwerdeführerin
während mehr als drei Stunden untersucht. Er hat die Vorakten einbezogen und sie
diskutiert. Die psychiatrische Befunderhebung erfolgte in Anlehnung an das anerkannte
AMDP-System. Anlässlich der neuropsychologischen / verhaltensneurologischen
Untersuchung hat er verschiedene Tests durchgeführt (Trail Making Test A und B;
Verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest [VLMT]; Rey-Osterrieth complex figure; HAWIE-R
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zahlengedächtnistest; Regensburger Wortflüssigkeitstest; Zahlenspanne rückwärts;
VDS 30 Persönlichkeitsinventar) und deren Resultate, unter Einbezug von Symptom-
validierungstests (Rey Fifteen Item Memory Test; SFSS/SIMS Test), gewürdigt. Seine
Diagnose (emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ ICD-10:
F60.31) erfolgte nach dem ICD-Klassifikationssystem und die Schätzung der
Arbeitsfähigkeit hat er gestützt auf eine Konsistenz-, Funktions- und
Ressourcenprüfung begründet. Den Verzicht auf eine posttraumatische
Belastungsstörung, eine rezidivierende depressive Störung und eine
neuropsychologische Funktionsstörung begründete Dr. L._ in Würdigung der
ergangenen divergierenden medizinischen Aktenlage (IV-act. 126). In diesem Sinne
erscheint das Gutachten als umfassend. Es entspricht den Anforderungen der
Rechtsprechung vollumfänglich, womit ihm grundsätzlich voller Beweiswert
zuzuerkennen ist.
4.3 Der behandelnde Psychiater, med. pract. J._, bringt in seinem Bericht vom 21.
April 2015 mehrere Einwendungen gegen die Beurteilung von Dr. L._ vor (act. G 2.1).
Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb Dr. L._ das Ergebnis einer ausführlichen
neuropsychologischen Untersuchung einer anerkannten Institution, in der regelmässig
neuropsychologische Untersuchungen durchgeführt würden und bei der auch noch ein
Neurologe eine konsiliarische Beurteilung durchgeführt habe, nicht berücksichtige und
stattdessen eine eigene, kurze Untersuchung durchführe und dabei keine andauernden
neuropsychologischen Defizite feststelle (act. G 2.1 S. 2 f.). In diesem Zusammenhang
führt Dr. L._ aus, dass für eine neuropsychologische Funktionsstörung die bisherigen
Untersucher nie eine plausible ätiologische Zuordnung oder ein Erklärungsmodell
präsentiert hätten. Auch hätten die damaligen Befunde bei der aktuellen Testung nicht
repliziert werden können. In keinem der getesteten Bereiche sei die Leistung (relevant)
beeinträchtigt gewesen. Auch klinisch habe sich ergeben, dass die Beschwerdeführerin
ausdauernd, konzentriert und ohne Ermüdung die mehrstündige Untersuchung
bewältigt habe. Möglicherweise seien frühere Testergebnisse zumindest zum Teil
Epiphänomene depressiver Symptome, die aktuell nicht mehr so ausgeprägt seien. Dr.
L._ hat die neuropsychologische Beurteilung der Klinik K._ (vgl. vorstehende lit.
A.m; IV-act. 104) berücksichtigt und gewürdigt, anlässlich seiner ebenfalls
umfassenden Testung aber keine die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
einschränkenden Defizite festgestellt. Dr. L._ war als Facharzt ebenfalls befähigt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neuropsychologische Tests durchzuführen. Indem er ausführt, dass die durch die Klinik
K._festgestellten Defizite als Begleiterscheinung der depressiven Symptome, welche
bei seiner Begutachtung nicht mehr so ausgeprägt gewesen seien, zu erklären seien,
liefert er eine nachvollziehbare Begründung für seine anderslautende Schlussfolgerung.
4.4 Weiter bemängelt med. pract. J._ den Verzicht auf die Diagnose einer
posttraumatischen Belastungsstörung. Das schlimme Erlebnis einer Vergewaltigung,
aber auch das Abortereignis, seien geeignet, Ursache für eine solche Störung zu sein.
Die Kriterien zur Stellung dieser Diagnose seien erfüllt (act. G 2.1 S. 3 f.). Dr. L._
begründet, warum er die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht
stellt. Ein entsprechendes intrusives Erleben sei nicht nachweisbar. Die Kriterien nach
ICD und DSM seien nicht erfüllt und traumatische Erlebnisse könnten beim
Erscheinungsbild einer Borderline-Störung eine Rolle spielen (IV-act. 126-19). Dr. L._
würdigt sowohl die anlässlich der Begutachtung erhobene Beschwerdeschilderung der
Explorandin (IV-act. 126-7 f.) als auch die anderslautenden Berichte von med. pract.
J._. Die Schlussfolgerung, dass dessen Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung in der Diagnose der Persönlichkeitsstörung aufgeht, ist in
Anbetracht des erhobenen psychopathologischen Befunds (IV-act. 126-13 f.), welcher
gemäss plausibler Begründung des RAD keine Symptome einer posttraumatischen
Belastungsstörung zeigt (IV-act. 137-2), nachvollziehbar. In diesem Zusammenhang ist
aber auch von Relevanz, dass sich den medizinischen Sachverständigen praktisch
immer ein gewisser Spielraum eröffnet, innerhalb welchem verschiedene
Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind, sofern der Experte – wie
hier – lege artis vorgegangen ist (Urteile des Bundes¬gerichts vom 21. Februar 2017,
9C_338/2016, E. 5.5 und vom 15. März 2016, 9C_634/2015, E. 6.1). Konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise ergeben sich damit mangels Diagnose einer
posttraumatischen Belastungsstörung nicht.
4.5 Med. pract. J._ führt aus, dass die Beschwerdeführerin an einer rezidivierenden
depressiven Störung leide, welche gegenwärtig remittiert sei. Es sei nicht richtig, dass
depressive Symptome ein Kriterium einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung
vom Borderline Typ seien. Es sei aber typisch für diese Erkrankung, dass sie
rezidivierende depressive Episoden auslösen könne, die durch äussere psychische
Belastungen verursacht worden seien (act. G 2.1 S. 6 f.). Dr. L._ begründet den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verzicht auf eine eigenständige, von der Persönlichkeitsstörung unabhängige Diagnose
aus dem depressiven Formenkreis plausibel. Ein depressives Syndrom sei bei der
aktuellen Untersuchung nicht vorhanden. Die depressiven Symptome würden in der
Diagnose der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ
aufgehen. Typische depressive Episoden mit klar abgrenzbarem Beginn und mit
Remission könnten nicht als nachgewiesen gelten. Vielmehr würden die depressiven
Syndrome der Beschwerdeführerin, die von schnellen Wechseln geprägt seien und
leicht durch belastende Erlebnisse angestossen werden könnten, gut zur emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ passen. Würde eine
rezidivierende depressive Störung vorliegen, wäre die gegenwärtige psychiatrische
Behandlung ohne Antidepressivum sehr ungewöhnlich (IV-act. 126-19). Dr. L._
begründet seine Einschätzung auch in Bezug auf eine allfällige separate depressive
Symptomatik gestützt auf die eigenen Erhebungen anlässlich der Begutachtung und in
Würdigung der medizinischen Akten. In dem Sinne drängt sich eine abweichende
Beurteilung grundsätzlich nicht auf. Med. pract. J._ ist zwar zuzustimmen, dass
depressive Episoden – wie auch die posttraumatische Belastungsstörung – oft mit dem
Borderline Syndrom einhergehen; beim hier zu beurteilenden Beschwerdebild ist
aufgrund der Beschwerdeschilderung („die Stimmung wechsle von Stunde zu Stunde
und von Tag zu Tag“; IV-act. 126-7) aber nicht zu beanstanden, dass Dr. L._ die
depressiven Stimmungen als in der Persönlichkeitsstörung aufgehend und nicht
separat qualifiziert. Konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise ergeben
sich auf jeden Fall nicht.
4.6 Nach dem Gesagten ist dem Gutachten voller Beweiswert zuzuerkennen und
gestützt darauf mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin ab dem Zeitpunkt der Untersuchung (26. Februar 2015) über eine
50%-ige Arbeitsfähigkeit für die angestammte und über eine 60%-ige für
leidensangepasste Tätigkeiten verfügt (vgl. vorstehende lit. A.p; IV-act. 126-22 f.).
5.
Was die Arbeitsfähigkeit in der Zeit seit dem frühestmöglichen Rentenbeginn (August
2012; Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG) bis zum Begutachtungszeitpunkt (26. Februar 2015)
anbelangt, führt Dr. L._ aus, dass eine verminderte Leistungsfähigkeit von 40%
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mindestens seit der Untersuchung bestehe, wahrscheinlich schon länger.
Wahrscheinlich habe es ab 2011 Phasen mit stärkerer Einschränkung der
Leistungsfähigkeit, dann eine deutliche Verbesserung ab etwa Mitte 2012, dann wieder
eine Verschlechterung im Jahr 2013 gegeben. Wahrscheinlich hätten sich die
Gesundheit und das Leistungsbild im Jahr 2014 gebessert (IV-act. 126-22). Diese
Ausführungen erscheinen auf den ersten Blick (zu) vage. Sie erfolgen aber in
Beachtung und Würdigung der ergangenen medizinischen Aktenlage. Offensichtlich
haben Phasen stärkerer Einschränkungen ohne Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin zumindest während der stationären Aufenthalte vom 23. August
bis 11. November 2011 und 2. April bis 6. Juni 2013 bestanden (vgl. vorstehende lit.
A.c und A.i). Aber auch weniger starke Einschränkungen sind überwiegend
wahrscheinlich (Aufenthalt als Au Pair in G._ im Sommer 2012). Diese Schwankungen
hat Dr. L._ in seiner Beurteilung dargelegt, weshalb kein zwingender Grund
ersichtlich ist, der ein Abweichen von der Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. L._
(60%-ige Arbeitsfähigkeit) seit dem frühestmöglichen Rentenbeginn nahe legen würde.
Dr. L._ begründet, weshalb frühere Einschätzungen bei Einbezug weiterer Diagnosen
(depressive Störung, anhaltende neuropsychologische Funktionsstörung) teils zu hoch
ausgefallen sind (IV-act. 126-21). Indem er von „etwa“ 60%-iger Arbeitsfähigkeit
spricht, trägt er dem vorliegenden Beschwerdebild (emotional instabile
Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ) mit wellenmässigem Verlauf
nachvollziehbar Rechnung in dem Sinne, dass durchschnittlich von dieser
Leistungsfähigkeit ausgegangen werden kann, nicht nur zur Zeit der Begutachtung,
sondern auch retrospektiv. Es ist nicht davon auszugehen, dass durch eine weitere
Begutachtung eine exaktere rückwirkende Ermittlung der Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin resultiert, weshalb in antizipierter Beweiswürdigung darauf
verzichtet werden kann (vgl. nebst vielen Urteil des Bundesgerichts vom 1. September
2016, 8C_467/2016, E. 3.3). Nicht ersichtlich ist, weshalb die Beschwerdeführerin seit
August 2012 gestützt auf die Berichte der behandelnden Ärzte eine ganze Rente
beantragt (act. G 6 S. 1 f., 12, 19); ausser med. pract. J._ (ab November 2013)
bescheinigte keiner der Ärzte eine durchgehende 100%-ige Arbeitsunfähigkeit seit
August 2011 (IV-act. 57, 88, 96, 101). Damit ist auch ab August 2012 von einer 40%-
igen, unterbrochen durch eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit in den Monaten April bis
Juni 2013, auszugehen. Der erwähnte Unterbruch dauerte weniger als drei Monate,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weshalb in Nachachtung der Dreimonatsfristen von Art. 88a Abs. 1 und 2 der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) auf eine befristete ganze
Rente in diesem Zeitraum zu verzichten ist. Zusammenfassend ist bezogen auf
leidensangepasste Tätigkeiten damit ab 1. August 2012 von einer 60%-igen
Arbeitsfähigkeit auszugehen.
6.
Im nächsten Schritt ist der Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin festzulegen.
6.1 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG). Frühestmöglicher Rentenbeginn ist – wie erwähnt – der
1. August 2012. Massgebend für den Einkommensvergleich ist somit das Jahr 2012
(BGE 129 V 222).
6.2 Die Beschwerdeführerin erlangte am 13. August 2009 das Fähigkeitszeugnis als
Dentalassistentin (act. G 12.1). In der Annahme, die Beschwerdeführerin hätte ohne
Gesundheitsschaden wieder eine Arbeitsstelle als Dentalassistentin angenommen,
ergibt sich ausgehend von einem durchschnittlichen Monatslohn von Fr. 4'300.--
(http://www.dentalhygienists.ch/files/Dokumente/Mitglied/Salaere_2015_deutsch.pdf,
eingesehen am 7. Februar 2018) ein Jahreseinkommen für das Jahr 2015 von maximal
Fr. 55'900.-- (13 x Fr. 4'300.--). Unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung
beläuft sich das Valideneinkommen für das Jahr 2012 damit auf maximal Fr. 54‘735.--
(Nominallohnindex 2015: 2686, 2012: 2630; vgl. Anhang 2 der IVG-Gesetzesausgabe
der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2018).
6.3 In Bezug auf angepasste Tätigkeiten führt Dr. L._ aus, dass es günstig wäre,
wenn diese wenig soziale Interaktionen und wenig enge Beziehung und Absprache mit
anderen Personen erfordere. Eine Arbeit in der Produktion oder im Reinigungsgewerbe
entspreche diesem Profil. Arbeiten, bei denen die Aufgaben klar umschrieben seien
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und nicht ausgehandelt werden müssten, wären vorteilhaft, ungünstig dagegen
Arbeiten mit hohem zeitlichem Druck. Nicht geeignet sei weiter eine Tätigkeit mit
engem Kontakt zu abhängigen und schutzbefohlenen Menschen wie zum Beispiel eine
Tätigkeit in der Pflege und in der Kinderbetreuung, da Menschen mit emotional
instabiler Persönlichkeitsstörung sich in solchen Beziehungen nicht gut abgrenzen
könnten und es zur Funktionalisierung der abhängigen oder schutzbefohlenen
Personen zur Regulierung eigener Emotionen kommen könne (IV-act. 126-22).
Nachdem dem Gutachten von Dr. L._ volle Beweiskraft zukommt und das genannte
Belastungsprofil aufgrund der zu berücksichtigenden gesundheitlichen
Einschränkungen überzeugt, ist zur Ermittlung des Invalideneinkommens darauf
abzustellen. Als Verweistätigkeiten sind der Beschwerdeführerin nicht bloss die
vorgeschlagenen Reinigungstätigkeiten und Tätigkeiten in der Produktion, sondern
leidensangepasste Hilfsarbeiterinnentätigkeiten (solange keine berufliche Eingliederung
erfolgt) im Allgemeinen zuzumuten (IV-act. 126-22), allerdings auch in Berücksichtigung
der somatischen Einschränkungen durch die atopische Dermatitis und die
Belastungsinsuffizienz des rechten Kniegelenks (keine schwere körperliche Tätigkeit
und ständiges Gehen und Stehen, keine mechanische oder chemische Exponierung
der Hände; IV-act. 59). Der Hilfsarbeiterinnenlohn gemäss Schweizerischer
Lohnstrukturerhebung (LSE) hat im Jahr 2012 Fr. 51‘441.-- betragen (vgl. Anhang 2 der
IVG-Gesetzesausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2018). Davon ist im
Folgenden als Basis zur Ermittlung des Invalideneinkommens auszugehen.
6.4 Hinsichtlich der Frage nach einem Tabellenlohnabzug ist von Bedeutung, dass der
Beschwerdeführerin wegen der psychiatrischen Einschränkungen lediglich noch ein
erheblich eingeschränktes Spektrum an Hilfstätigkeiten zumutbar ist. Insbesondere
sind ihr Tätigkeiten, die erhöhte Anforderungen an die Stress- und Frustrationstoleranz
und an die emotionale Belastbarkeit stellen, nicht mehr zumutbar (vgl. zu den
Einschränkungen betreffend Zeit- und Leistungsdruck die Urteile des Bundesgerichts
vom 29. September 2014, 9C_236/2014, E. 4, und vom 28. Januar 2014, 9C_796/2013,
E. 3.4). Weiter ist das Angebot auch aufgrund somatischer Einschränkungen
eingeschränkt. Zu beachten gilt es sodann, dass die Beschwerdeführerin nie
längerfristig im ersten Arbeitsmarkt integriert war. Selbst auf einem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt lässt dies mit überwiegender Wahrscheinlichkeit lohnrelevante Nachteile
befürchten, die einen Tabellenlohnabzug rechtfertigen (Urteile des Bundesgerichts vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
10. Februar 2011, 9C_617/2010, E. 4.3, vom 15. Juli 2009, 9C_524/2008, E. 4 und E.
4.2, und vom 4. Mai 2012, 9C_22/2012, E. 3.2). Es ist aber auch zu beachten, dass sich
die Abwesenheit vom Arbeitsmarkt bei Tätigkeiten mit Kompetenzniveau 1 nur
geringfügig auswirkt. Unter diesen Umständen erscheint ein Tabellenlohnabzug von
10% angemessen, womit der entsprechend angepasste LSE-Hilfsarbeiterinnenlohn
2012 Fr. 46‘297.-- (Fr. 51‘441.-- x 0,9) beträgt. Angepasst an eine Restarbeitsfähigkeit
von 60% ergibt sich ein Invalideneinkommen von Fr. 27‘778.-- (Fr. 46‘297.-- x 0,6).
6.5 Damit resultiert ab August 2012 bei 60%-iger Restarbeitsfähigkeit ein
Invaliditätsgrad von 49% ([Fr. 54‘735.-- - Fr. 27‘778.--] / Fr. 54‘735.-- x 100; vgl. zu den
Rundungsregeln BGE 130 V 121) und ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
7.
7.1 Nach dem Gesagten sind die Verfügungen vom 24. August und 5. Oktober 2015
nicht zu beanstanden und die Beschwerden abzuweisen.
7.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Zufolge
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (vgl. vorstehende lit. B.d) ist sie von der
Bezahlung zu befreien.
7.3 Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte
und Rechtsagenten (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--.
Praxisgemäss wird die Parteientschädigung bei einem durchschnittlich aufwändigen
IV-Rentenfall auf rund Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
festgesetzt. Da es sich beim vorliegenden Fall um einen solchen handelt, ist von
diesem Ansatz auszugehen, die pauschale Entschädigung aber um einen Fünftel zu
kürzen (Art. 31 Abs. 3 Anwaltsgesetz [AnwG; sGS 963.70]). Somit entschädigt der Staat
den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin pauschal (vgl. BGE 125 V 201) mit Fr.
2'800.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer).
7.4 Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur
Nachzahlung verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung [ZPO; SR 272] i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]).