Decision ID: db84577c-7587-5aad-949c-a98ed0cc9f6c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 16. Juni 2021 in der Schweiz um Asyl nach-
suchte,
dass er am 21. Juni 2021 der im Bundesasylzenrum (BAZ) (...) tätigen
Rechtsvertretungsorganisation Vollmacht erteilte,
dass er gemäss der Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac)
am (...) in Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist
ist und das SEM gestützt hierauf am 28. Juni 2021 die italienischen Behör-
den um Übernahme des Beschwerdeführers ersuchte, die hierzu innert
Frist keine Stellung nahmen,
dass dem Beschwerdeführer anlässlich des Dublin-Gesprächs vom
25. Juni 2021 das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Itali-
ens und zu seinem Gesundheitszustand gewährt wurde,
dass das SEM mit Verfügung vom 15. September 2021 (eröffnet am
17. September 2021) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht
eintrat, dessen Wegweisung aus der Schweiz nach Italien anordnete, eine
Ausreisefrist ansetzte, den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Weg-
weisung beauftragte, die editionspflichtigen Akten aushändigte und fest-
stellte, der Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu,
dass der Beschwerdeführer am 23. September 2021 unter Beilage eines
Berichts der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (Aufnahmebedingungen in
Italien, Aktuelle Entwicklungen, Ergänzung zum Bericht zur Lage von Asyl-
suchenden und Personen mit Schutzstatus, insbesondere Dublin-Rück-
kehrenden, in Italien vom Januar 2020, Bern/Palermo 2021) und unter Ver-
weis auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe im Internet
(Aufnahmebedingungen in Italien, Aktualisierter Bericht zur Lage von Asyl-
suchenden und Personen mit Schutzstatus, insbesondere Dublin-Rück-
kehrenden, in Italien, Bern 2020) beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde einreichte,
dass er beantragte, die Verfügung des SEM vom 15. September 2021 sei
aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten,
dass er eventualiter beantragte, die Verfügung des SEM sei aufzuheben
und zur Neubeurteilung zurückzuweisen,
E-4249/2021
Seite 3
dass er in prozessualer Hinsicht beantragte, der vorliegenden Beschwerde
sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen, im Sinne superprovisorischer
Massnahmen seien die Vollzugsbehörden unverzüglich anzuweisen, von
einer Überstellung nach Italien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsge-
richt über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe und
es sei unter Verzicht der Erhebung eines Kostenvorschusses die unent-
geltliche Prozessführung zu gewähren,

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen des SEM entscheidet (vgl. dazu Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33 VGG
und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG richtet,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG),
dass sich die Kognition des Gerichts bzw. die zulässigen Rügen im Asyl-
bereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG richten,
dass der Beschwerdeführer zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist
(Art. 48 Abs. 1 VwVG), seine Eingabe den formellen Anforderungen an
eine Beschwerde genügt (Art. 52 Abs. 1 VwVG) und er seine Beschwerde
fristgerecht eingereicht hat (Art. 108 Abs. 3 AsylG), womit auf diese einzu-
treten ist,
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1,
2012/4 E. 2.2),
dass sich die Beschwerde – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensichtlich
unbegründet erweist, weshalb über diese in einzelrichterlicher Zuständig-
keit mit Zustimmung einer zweiten Richterin oder eines zweiten Richters
zu entscheiden ist (Art. 111 Bst. e AsylG),
dass gleichzeitig auf einen Schriftenwechsel zu verzichten und der Ent-
scheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG),
E-4249/2021
Seite 4
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass das SEM zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates
die Zuständigkeitskriterien nach der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Dublin-III-VO) prüft,
dass wenn diese Prüfung zur Feststellung führt, dass ein anderer Mitglied-
staat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, das SEM, nachdem
der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zu-
gestimmt hat – oder bei fingierter Zustimmung –, auf das Asylgesuch
grundsätzlich nicht eintritt (vgl. BVGE 2015/41 E. 3.1),
dass die Vorinstanz anhand der Zentraleinheit Eurodac zu Recht die Zu-
ständigkeit Italiens erkannte und die italienischen Behörden – gestützt auf
Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO – um Übernahme ersuchte,
dass die italienischen Behörden das Ersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1
Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet liessen, womit sie ihre Zu-
ständigkeit implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass die Vorinstanz bei dieser Sachlage zu Recht von der Zuständigkeit
Italiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens aus-
ging,
dass die Beschwerdeausführungen und die Beschwerdebeilage nicht ge-
eignet sind, eine Verletzung der Zuständigkeitsbestimmungen darzutun,
dass es namentlich nicht von Belang ist, dass die italienischen Behörden
dem Ersuchen um Übernahme nicht explizit zugestimmt haben, da in die-
sem Fall davon auszugehen ist, dass dem Aufnahmegesuch stattgegeben
wurde, was die Verpflichtung Italiens nach sich zieht, den Beschwerdefüh-
rer aufzunehmen und angemessene Vorkehrungen für seine Ankunft zu
treffen (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass es auch nicht von Belang ist, dass sich der Beschwerdeführer in Ita-
lien nicht hat registrieren lassen wollen, zumal die Dublin-III-VO den
E-4249/2021
Seite 5
Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den Antrag prüfenden Staat aus-
zuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass damit die Grundlage für einen Nichteintretensentscheid in Anwendung
von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG und die Anordnung einer Wegweisung
nach Italien gegeben ist,
dass sich der Beschwerdeführer mit der Begründung gegen eine Überstel-
lung nach Italien ausspricht, die Zustände in seiner Unterkunft seien auf
dem Gebiet der Zuweisung des Schlafplatzes, Verpflegung, Hygiene und
medizinischen Versorgung sehr schlecht gewesen,
dass aufgrund der Aktenlage indessen keine Sachverhaltsumstände er-
sichtlich sind, die in rechtserheblicher Weise gegen eine Wegweisung in
den für ihn zuständigen Dublin-Vertragsstaat sprechen würden,
dass in dieser Hinsicht festzuhalten ist, dass Italien Signatarstaat der
EMRK (SR 0.101), des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zu-
satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ist, wobei Ita-
lien nach Auffassung der Schweiz grundsätzlich seinen diesbezüglichen
völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt,
dass die Schweiz gleichzeitig davon ausgeht, Italien anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) und 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie), ergeben,
dass im letztgenannten Zusammenhang zwar nicht von der Hand zu wei-
sen ist, dass die in Italien herrschenden Aufnahmebedingungen schon wie-
derholt zu Klagen Anlass gaben, wozu sich das Bundesverwaltungsgericht
bereits mehrfach geäussert hat (vgl. z. B. BVGE 2015/4 E. 4, 2016/2 E. 5,
2017 VI/5 E. 8.4 und 2017 VI/10 E. 5 sowie BVGer-Urteil E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 [publiziert als Referenzurteil]),
E-4249/2021
Seite 6
dass sich allerdings auch damit nichts daran geändert hat, dass das Ge-
richt im Falle von Personen, die – wie der gesunde und alleinstehende Be-
schwerdeführer (vgl. z. B. SEM-eAkten A14/3 S. 2 unten) – keine beson-
dere Verletzlichkeit erkennen lassen, ohne Einschränkung von der Zuläs-
sigkeit der Überstellung nach Italien ausgeht,
dass die in der Beschwerde vorgebrachten Mutmassungen sowie zitierten
Berichte hieran nichts zu ändern vermögen und ebenfalls keinen Anlass
zur Annahme geben, der Beschwerdeführer wäre in Italien ernsthaft ge-
fährdet,
dass der Beschwerdeführer auch aus den zitierten Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts BVGE 2015/9 und F-2751/2019 vom 17. März 2020
nichts zu seinen Gunsten abzuleiten vermag, hat doch das SEM seine in-
dividuellen Vorbringen im Zusammenhang mit humanitären Gründen aus-
reichend berücksichtigt, weshalb keine Ermessensunterschreitung vorliegt,
dass in diesem Zusammenhang festzustellen bleibt, dass sich das SEM
aufgrund der Aktenlage auf eine summarische Würdigung der vorliegenden
Sache unter dem Aspekt von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 beschränken durfte,
da es sich beim Beschwerdeführer gemäss Aktenlage – wie vom SEM zu
Recht erkannt – nicht um eine besonders verletzliche Person handelt,
dass sich der Beschwerdeführer im Übrigen nötigenfalls an die italieni-
schen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen
auf dem Rechtsweg einfordern kann (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie),
dass sich – neben den staatlichen Strukturen – auch zahlreiche private
Hilfsorganisationen der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen
annehmen, bei denen er bei Bedarf ebenfalls um Unterstützung nachsu-
chen kann,
dass demgemäss kein Grund für einen Selbsteintritt auf das Asylgesuch
respektive für eine Anwendung der Ermessensklausel nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO ersichtlich ist,
dass nach dem Gesagten der Nichteintretensentscheid in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG in keinem Punkt zu bemängeln ist,
dass gleichzeitig die Anordnung der Wegweisung nach Italien der Syste-
matik des Dublin-Verfahrens entspricht und im Einklang mit der Bestim-
mung von Art. 44 (erster Satz) AsylG steht,
E-4249/2021
Seite 7
dass schliesslich der Vollständigkeit halber darauf hinzuweisen ist, dass
allfällige Verzögerungen aufgrund der herrschenden Situation im Zusam-
menhang mit der COVID-19-Pandemie gemäss aktuellem Kenntnisstand
lediglich temporäre Vollzugshindernisse darstellen und daher am Ausgang
des vorliegenden Verfahrens nichts zu ändern vermögen (vgl. Urteil des
BVGer F-1829/2020 vom 9. April 2020 E. 5.2),
dass nach vorstehenden Erwägungen die angefochtene Verfügung zu be-
stätigen und die eingereichte Beschwerde als offensichtlich unbegründet
abzuweisen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb die Begehren auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung mit ent-
sprechender Anweisung an die zuständigen Behörden und auf Erlass ei-
nes Kostenvorschusses gegenstandslos geworden sind,
dass das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG – ungeachtet der Tatsache, dass entgegen den
Angaben in der Beschwerde (vgl. Beschwerde S. 7) die Bedürftigkeit des
Beschwerdeführers durch keine entsprechende Bestätigung belegt wird –
abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwä-
gungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
E-4249/2021
Seite 8