Decision ID: aa2f7138-2a17-5529-a158-dc3125ac1055
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 20. März 2019 in der Schweiz um Asyl
nach. Die Bevollmächtigung der zugewiesenen Rechtsvertretung erfolgte
am 26. März 2019. Am 28. März 2019 fand die Personalienaufnahme (PA)
und am 11. Juni 2019 die vertiefte Anhörung zu den Asylgründen statt. Im
Wesentlichen führte der Beschwerdeführer zu seiner persönlichen Situa-
tion aus, er sei sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Ethnie und
stamme aus B._, Ostprovinz. Am (...) März 2018 habe er geheira-
tet. Seither habe er zusammen mit seiner Ehefrau in C._,
D._, Ostprovinz, gelebt. Am (...) sei seine Tochter geboren. Sein
Vater sei verstorben. Seine Mutter lebe in E._. Weitere Verwandte
lebten ebenfalls in Sri Lanka. Seine Schwester lebe in (...) und sein Bruder
in F._. Er habe das (...)-Level abgeschlossen und sei beruflich als
(...) tätig gewesen. Zudem sei er Eigentümer eines Hauses, welches ihm
als Mitgift für die Ehe überschrieben worden sei.
Zu den Asylgründen machte der Beschwerdeführer geltend, am Morgen
des (...) Septembers 2018 hätten ihn zwei Angehörige des Criminal Inves-
tigation Departments (CID) und zwei Polizisten aufgesucht. Diese hätten
ihm gesagt, er werde wegen eines Bombenanschlages in G._
durch eine Person namens H._ respektive I._, ein ehemali-
ger Kämpfer der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), gesucht. Sein
Name sei während der Befragung von H._ gefallen. Er sei in das
Büro des CID in D._ gebracht und dort befragt worden. Im Zusam-
menhang mit dem Verfahren betreffend H._ sei ihm vorgeworfen
worden, in das Attentat involviert gewesen zu sein und Waffen versteckt zu
haben. Er kenne H._; dieser sei der Nachbar seiner Ehefrau gewe-
sen. Ihm – dem Beschwerdeführer – sei nicht bewusst gewesen, dass
H._ bei den LTTE gewesen sei. Der (...) seiner Ehefrau habe ihn
gefragt, ob er H._ eine Arbeit vermitteln könne. So habe er diesen
kennengelernt. Nach der Befragung hätten die Angehörigen des CID ihn
warten lassen und am Abend in ein anderes Zimmer in einem anderen Ge-
bäude gebracht. Sie hätten ihn zwingen wollen, ein Schuldeingeständnis
zu unterschreiben; dabei sei er misshandelt worden. Schliesslich habe er
gesagt, er werde dies unterschreiben. Dann sei er bewusstlos geworden
und erst im Spital wieder aufgewacht, wo er sieben Tage verbracht habe.
Danach sei er wieder ins Büro des CID in D._ gebracht worden.
Dort sei ihm das erwähnte Schreiben auf Singhalesisch zum Unterzeich-
nen vorgelegt worden. Aufgrund der erlittenen Verletzungen habe er dieses
E-3385/2020
Seite 3
aber nicht unterschreiben können. Nach zwei Tagen sei er dem Gericht
übergeben worden. Zuvor habe er aber das Dokument doch noch unter-
zeichnet. Der Richter habe ihm gesagt, er stehe im Zusammenhang mit
dem Verfahren betreffend H._ unter Tatverdacht, werde unter An-
wendung des Terrorgesetzes inhaftiert und habe an den Befragungen des
CID mitzuwirken. Dies sei auch auf dem auf Singhalesisch verfassten
Schreiben gestanden, das er zuvor unterzeichnet habe. Dieses Schreiben
habe das CID dem Richter übergeben. Er sei dann für (...) und (...) Tage
im Gefängnis gewesen. In dieser Zeit hätten die Behörden sein Zuhause
auf versteckte Waffen hin durchsucht. Ein (...) seiner Ehefrau habe arran-
gieren können, dass er gegen die Bezahlung einer Kaution freigelassen
worden sei. Eine Person eine Stufe unter dem Richter ([...]) habe die Frei-
lassung gegen Kaution bewilligt. Der (...) der Ehefrau habe ihm nach der
Freilassung im Dezember 2018 mitgeteilt, das Verfahren werde im «(...)»
fortgeführt. Dies habe die Person gesagt, welche vom (...) bestochen wor-
den sei. Ihm selbst sei sodann mitgeteilt worden, dass am (...) 2019 ein
weiterer Gerichtstermin stattfinden würde. Nach der Haftentlassung sei er
ein (...) Tage respektive (...) Wochen zu Hause und danach vor der Aus-
reise drei Wochen in J._ gewesen. Am 20. Januar 2019 (Dublin-
Gespräch vom 4. April 2019: 10. Dezember 2018) habe er Sri Lanka ver-
lassen. Er habe seinen Reisepass auf sich getragen, jedoch einen ande-
ren, K._ Pass gezeigt. Dieser habe auf den Namen L._ ge-
lautet (Dublin-Gespräch: Er sei mit einem sri-lankischen Reisepass lautend
auf den Namen L._ ausgereist).
Nach der Ausreise hätten die Behörden zwei- oder dreimal zu Hause nach
ihm gesucht. In J._ sei ein Haftbefehl auf ihn ausgestellt worden.
Diesen hätten die Behörden beim letzten Besuch bei ihm zu Hause vorge-
wiesen. Ihm selbst seien nie gerichtliche Dokumente oder ein Haftbefehl
ausgehändigt worden. Vor diesem Vorfall habe er in Sri Lanka nie Prob-
leme mit Behörden oder Drittpersonen gehabt.
B.
Am 18. Juni 2019 unterbreitete die Vorinstanz dem Beschwerdeführer den
Entscheidentwurf zur Stellungnahme. Am folgenden Tag reichte er diese
ein. Als Beweismittel legte er eine Kopie eines Haftbefehls des (...) vom
14. Januar 2019 bei und führte aus, seine Ehefrau habe ihm diesen zu-
kommen lassen.
E-3385/2020
Seite 4
C.
Mit Verfügung vom 20. Juni 2019 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
Gleichentags legte die zugewiesene Rechtsvertretung ihr Mandat nieder.
D.
Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Bundesverwaltungsgericht
mit Urteil E-3371/2019 vom 1. September 2019 gut, hob die Verfügung vom
20. Juni 2019 auf und wies die Sache an das SEM zurück.
In der Begründung stellte das Gericht fest, die Vorinstanz habe den rechts-
erheblichen Sachverhalt im Zusammenhang mit H._ und dem Bom-
benanschlag unvollständig festgestellt. Zudem seien gewisse Vorbehalte
zur Glaubhaftigkeitsprüfung anzubringen. Die Vorinstanz wurde im Weite-
ren angehalten, die bis anhin nicht bekannten Verfahrensakten des (...)
(Verfahren [...]) sowie der neu eingereichte psychologische Bericht vom
23. Juli 2019 in die Gesamtbeurteilung einfliessen zu lassen.
E.
E.a Am 4. November 2019 ersuchte die Vorinstanz die Schweizerische
Botschaft in J._ um Abklärungen zum Sachverhalt.
E.b Die Botschaft übermittelte das Abklärungsergebnis am 18. März 2020
der Vorinstanz.
E.c Mit Schreiben vom 30. März 2020 gewährte die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer das rechtliche Gehör zur Botschaftsabklärung.
E.d In der Stellungnahme vom 18. Mai 2020 äusserte sich der Beschwer-
deführer unter Beilage einer E-Mail von Rechtsanwalt M._ vom 16.
Mai 2020 zur Botschaftsabklärung.
F.
Mit Verfügung vom 29. Mai 2020 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und beauftragte den zustän-
digen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig händigte sie
ihm die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus, soweit
noch keine Einsicht gewährt worden sei.
E-3385/2020
Seite 5
G.
Mit Eingabe vom 2. Juli 2020 reichte der Beschwerdeführer gegen diesen
Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein. Er beantragt,
die Verfügung der Vorinstanz vom 29. Mai 2020 sei aufzuheben. Es sei
festzustellen, dass er die Flüchtlingseigenschaft erfülle und ihm sei Asyl zu
gewähren beziehungsweise sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen.
Eventualiter sei die Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzuges festzustellen und ihm eine vorläufige Aufnahme zu gewähren.
Subeventualiter sei die Sache zur Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei ihm die unentgelt-
liche Rechtspflege zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses zu verzichten und in der Person des Unterzeichnenden ein unentgelt-
licher Rechtsbeistand zu bestellen.
Als Beweismittel lag der Beschwerde ein Schreiben des (...) vom 30. Juni
2020 bei.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 13. Juli 2020 forderte die Instruktionsrichterin
den Beschwerdeführer auf, eine Fürsorgebestätigung einzureichen.
I.
Am 16. Juli 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Unterstützungsbestä-
tigung der Sozialhilfe N._ vom 14. Juli 2020 ein.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Juli 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, hiess das Gesuch um
amtliche Rechtsverbeiständung gut, setzte den rubrizierten Rechtsvertre-
ter als amtlichen Rechtsbeistand ein und lud die Vorinstanz zur Einreichung
einer Vernehmlassung ein.
K.
In der Vernehmlassung vom 30. Juli 2020 schloss die Vorinstanz auf Ab-
weisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerde-
führer am 10. August 2020 zur Kenntnisnahme zugestellt.
E-3385/2020
Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
E-3385/2020
Seite 7
3.2 Der Beschwerdeführer rügt im Zusammenhang mit der Botschaftsab-
klärung eine Verletzung des rechtlichen Gehörs. Die Ausführungen der
Botschaft seien nur bedingt nachvollziehbar und nicht transparent. Die Be-
hauptungen, wonach der Stempel gefälscht sei und (...), seien unbelegt.
Die Vorinstanz habe sich ohne Hinterfragen auf die Abklärungsergebnisse
der Botschaft gestützt. Trotz entsprechender Rüge in der Stellungnahme
vom 18. Mai 2020 habe es die Vorinstanz unterlassen, die Botschaft in
J._ noch einmal auf Frage 4 des Abklärungsauftrages hinzuweisen
und diese beantworten zu lassen, sowie seine Erklärung bezüglich der Au-
thentizität der Gerichtsdokumente nochmals überprüfen zu lassen.
3.3 Der angefochtenen Verfügung ist zu entnehmen, dass nach Ansicht der
Vorinstanz keine Veranlassung für weitere Abklärungen bei der Schweizer
Botschaft in J._ bestanden (vgl. SEM-Akte A54/12 S. 5). Mit seinen
Darlegungen in der Rechtsmitteleingabe vertritt der Beschwerdeführer im
Wesentlichen eine von der Vorinstanz abweichende materielle Würdigung
des Ergebnisses der Botschaftsabklärung sowie der Asylgründe. Dies be-
trifft aber nicht das rechtliche Gehör. Die Rüge ist unbegründet.
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers genügten den Anforderungen an
das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht. Anlässlich der Anhörung
habe der Beschwerdeführer angegeben, weder ihm noch seiner Frau seien
je Dokumente betreffend das gegen ihn hängige Verfahren ausgehändigt
worden. Im Rahmen der Stellungnahme zum Entscheidentwurf habe er
eine Kopie des Haftbefehls eingereicht, gemäss welchem ihm ein nicht nä-
her definiertes Vergehen gemäss dem Prevention of Terrorism Act (PTA)
vorgeworfen werde. Im Entscheid vom 20. Juni 2019 sei denn auch fest-
gehalten worden, es sei nicht nachvollziehbar, dass er wenige Tage nach
der Anhörung das Dokument habe einreichen können, ohne dieses in Aus-
sicht gestellt zu haben. Mit Instruktionsschreiben vom 8. Oktober 2019 sei
er aufgefordert worden, die auf Beschwerdeebene eingereichten Unterla-
gen nachzureichen und darzulegen, wie er an die Beweismittel gelangt sei.
In seiner Stellungnahme habe er ausgeführt, die Dokumente seien bereits
am 10. Mai 2019 vom Gericht freigegeben worden; die Übergabe an seine
Verwandten habe sich aber aufgrund der Bombenanschläge im April 2019
verzögert gehabt. Indes sei nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerde-
führer anlässlich der Anhörung nicht erwähnt habe, um die Beschaffung
von Beweismitteln bemüht zu sein. Die Botschaftsanfrage zur Überprüfung
der Gerichtsdokumente habe ergeben, dass beim Amtsgericht D._
E-3385/2020
Seite 8
zwar ein Verfahren mit der Fallnummer (...) existiere. Der Inhalt jenes Ver-
fahrens entspreche aber nicht den im Gesuch genannten Gründen. Die
Gerichtsakten würden eine andere Person sowie einen anderen Verfah-
rensgegenstand ohne Bezug zum Beschwerdeführer betreffen. Der Stem-
pel auf den eingereichten Gerichtsdokumenten sei gefälscht. Dieser
stimme nicht mit jenem der (...) des Amtsgerichts D._ überein. Der
Botschaft hätten die von ihm eingereichten Gerichtsunterlagen vorgelegen.
Die Erklärung, das Gericht in D._ habe die falschen Akten ediert
und ein anderes Verfahren unter derselben Nummer geführt, sei nicht
nachvollziehbar. Die Angabe, das Verfahren einer anderen Person sei auf
ihn ausgeweitet worden, sei unbehilflich, da es sich – wie bereits erwähnt
– um ein anderes Delikt handle. Dass die Stempel des Gerichts von Zeit
zu Zeit änderten, sei eine Schutzbehauptung. Das angebliche Aufsuchen
der Ehefrau durch das CID sei eine reine Parteibehauptung und angesichts
der falschen Gerichtsdokumente unglaubhaft. Dem Einwand in der Stel-
lungnahme, wonach die Frage 4 in der Botschaftsabklärung nicht beant-
wortet worden sei, komme keine Relevanz zu. Die Abklärung durch die
Botschaft habe ergeben, dass am Amtsgericht D._ kein Verfahren
bezüglich eines Bombenanschlags aus dem Jahr 2013 gegen den Be-
schwerdeführer laufe. Weitere Erläuterungen dazu seien deshalb obsolet.
Die (...) sei nicht geeignet, die Vorbringen zu belegen. Da die Ausreise-
gründe unglaubhaft seien, könne nicht beurteilt werden, unter welchen Um-
stände diese zustande gekommen sei.
Trotz der unglaubhaften Asylgründe gelte zu prüfen, ob er im Falle einer
Rückkehr nach Sri Lanka dennoch begründete Furcht vor künftigen Verfol-
gungsmassnahmen im Sinne von Art. 3 AsylG haben müsse. Diese Prü-
fung sei anhand vom Bundesverwaltungsgericht definierten Risikofaktoren
vorzunehmen. Rückkehrer, die illegal ausgereist seien, über keine gültigen
Identitätsdokumente verfügten, im Ausland ein Asylverfahren durchlaufen
hätten oder behördlich gesucht würden, würden am Flughafen zum Hinter-
grund befragt. Diese Befragung und das allfällige Eröffnen eines Strafver-
fahrens wegen illegaler Ausreise stellten keine asylrelevanten Verfolgungs-
massnahmen dar. Regelmässig würden Rückkehrer auch an ihrem Her-
kunftsort zwecks Registrierung, Erfassung der Identität, bis hin zur Über-
wachung der Aktivitäten der Person befragt. Auch diese Kontrollmassnah-
men nähmen grundsätzlich kein asylrelevantes Ausmass an. Der Be-
schwerdeführer habe nicht glaubhaft gemacht, vor der Ausreise asylrele-
vanten Verfolgungsmassnahmen durch die sri-lankischen Behörden aus-
gesetzt gewesen zu sein. Es sei nicht ersichtlich, weshalb er bei einer
Rückkehr in den Fokus der Behörden geraten und in asylrelevanter Weise
E-3385/2020
Seite 9
verfolgt werden sollte. Daran vermöge die Narbe am (...) nichts zu ändern.
Es bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, der Beschwerdeführer
sei bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen aus-
gesetzt. Auch die am 16. November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl
vermöge diese Einschätzung nicht umzustossen. Mit der Wahl von Gota-
baya Rajapaksa zum Präsidenten sowie ersten Anzeichen der Zunahme
von Überwachungsaktivitäten gingen Befürchtungen von mehr Einschüch-
terungen von Minderheiten, Menschenrechtsaktivisten, Journalisten, Op-
positionellen und weiteren regierungskritischen Personen einher. Die Über-
wachung der Zivilbevölkerung habe seit den Terroranschlägen an Ostern
2019 und nochmals nach der Präsidentschaftswahl zugenommen. Den-
noch gebe es keinen Anlass zur Annahme, ganze Volks- oder Berufsgrup-
pen seien unter Präsident Gotabaya Rajapaksa kollektiv einer Verfolgungs-
gefahr ausgesetzt. Voraussetzung für die Annahme einer Verfolgungsge-
fahr aufgrund der Präsidentschaftswahl sei ein persönlicher Bezug. Beim
Beschwerdeführer seien keine Hinweise auf eine Verschärfung des Profils
aufgrund dieses Ereignisses ersichtlich. Es sei nicht davon auszugehen,
dass er bei einer Rückkehr begründete Furcht vor Verfolgung haben
müsse.
4.2 Der Beschwerdeführer macht in der Rechtsmitteleingabe geltend, die
Vorinstanz habe seine Vorbringen zu Unrecht als unglaubhaft beurteilt. Die
Umstände, welche zur verzögerten Edition der Akten des Amtsgerichts
D._ geführt hätten, seien sowohl im vorherigen Beschwerdeverfah-
ren als auch im Schreiben vom 17. Oktober 2019 an die Vorinstanz darge-
legt worden. Es sei verständlich, dass er wegen des Ausnahmezustandes
in Sri Lanka keine Beweismittel in Aussicht habe stellen wollen, welche er
gar nicht hätte erhältlich machen können. Vermutlich hätten der Botschaft
oder jener Person, welche die Abklärungen vorgenommen habe, die fal-
schen Akten vorgelegen. Gemäss Ausführungen des Rechtsanwaltes
M._, welcher für ihn die Aktenedition veranlasst habe, seien die ein-
gereichten Dokumente entgegen der Ansicht der Botschaft authentisch und
stammten vom Amtsgericht D._. Das eingereichte Schreiben des
Amtsgerichtes D._ bestätige die in der E-Mail vom 16. Mai 2020
gemachten Angaben. Eine Edition der falschen Gerichtsakten liege damit
auf der Hand. Es wäre für die Botschaft ohne weiteres möglich gewesen,
eine ergänzende Stellungnahme und eine Abklärung der Erklärung vorzu-
nehmen, was aber unterlassen worden sei. Die Botschaftsabklärung sei
abgesehen von den Mängeln auch nicht vollständig. Der Botschaft seien
sechs Fragen gestellt worden. Beantwortet worden sei lediglich Frage 1
E-3385/2020
Seite 10
und insbesondere die zentrale Frage 4 betreffend Informationen zum Bom-
benanschlag vom 27. November 2013, nicht. Ferner sei durch unzählige
Berichte belegt, dass Folter und Missbrauch durch Militär- und Polizeian-
gehörige sehr verbreitet und vor allem Angehörige der tamilischen Minder-
heit davon betroffen seien. Diese Berichte würden seine Ausführungen
stützen.
4.3 In der Vernehmlassung entgegnet die Vorinstanz, in der Botschaftsab-
klärung sei auf die Fragen 1, 2 sowie 5 eingegangen worden. Die dritte
Frage hätte nur beantwortet werden können, wenn die ersten beiden Fra-
gen hätten bejaht werden können. Wie bereits im Asylentscheid ausge-
führt, seien Abklärungen zum Bombenanaschlag angesichts der Bot-
schaftsantwort obsolet geworden. Es sei eine Schutzbehauptung, dass
(...) am Amtsgericht D._ für mehrere Verfahren parallel verwendet
würden. Der Botschaft hätten die Personalien des Beschwerdeführers so-
wie die von ihm eingereichten Gerichtsunterlagen vorgelegen. Es könne
deshalb auf korrekte Nachforschungen vertraut werden. Die Erklärung be-
treffend die Beschaffung der Dokumente sei ebenfalls als Schutzbehaup-
tung zu werten. Dem Beschwerdeführer wären keine Nachteile entstanden,
hätte er über die konkreten Umstände informiert. Hätte er sich zum ange-
gebenen Zeitpunkt tatsächlich unter erschwerten Bedingungen um die Edi-
tion von Akten bemüht, sei anzunehmen, er hätte dies mitgeteilt. Auch mit
der Einreichung des Haftbefehls habe er nicht erwähnt, er erwarte noch
zusätzliche Dokumente. Das sukzessive Nachreichen von Beweismitteln
ohne entsprechende Erläuterung spreche nicht für die Glaubhaftigkeit der
Vorbringen und die Echtheit der Dokumente. Die Dokumente würden nach
wie vor als nicht authentisch erachtet. Vor diesem Hintergrund werde auch
die Echtheit des mit der Beschwerde eingereichten Schreibens des Amts-
gerichts D._ vom 30. Juni 2020 in Abrede gestellt. Mangels Glaub-
haftigkeit der Vorbringen sei die diagnostizierte (...) lediglich hinsichtlich
des Vollzugs der Wegweisung beachtlich und auf das Einverlangen eines
Gutachtens nach dem Istanbul-Protokoll sei zu verzichten.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer kündigte anlässlich der Personalienaufnahme,
mithin ganz zu Beginn des Asylverfahrens, die Beschaffung von Ausweis-
papieren an (vgl. SEM-Akte 10/7 Ziff. 4.07). Angesicht dessen überzeugt
die Erklärung nicht, weshalb er keine weiteren Dokumente in Aussicht ge-
stellt habe, vor allem da diese dazu gedient hätten, seine Fluchtgründe zu
belegen.
E-3385/2020
Seite 11
Weitergehend wiederholt der Beschwerdeführer in der Rechtsmittelein-
gabe im Wesentlichen seine Ausführungen im Schreiben vom 18. Mai 2020
bezüglich rechtliches Gehör und beharrt darauf, die Erkenntnisse aus der
Botschaftsabklärung seien falsch und dürften der Entscheidfindung nicht
zugrunde gelegt werden. Damit setzt er sich aber nicht differenziert mit den
Ausführungen in der angefochtenen Verfügung auseinander, sondern
spricht der Botschaftsabklärung generell den Beweiswert ab. Das Gericht
sieht aber keinen Anlass, die Seriosität und Zuverlässigkeit der Abklärun-
gen durch die Schweizer Vertretung in J._ in Zweifel zu ziehen. Das
mit der Beschwerde eingereichte Schreiben vom 30. Juni 2020, welches
vom Amtsgericht D._ ausgestellt worden sein soll, stellt kein taugli-
ches Beweismittel zur Untermauerung der Argumentation des Beschwer-
deführers dar. Einerseits ist auf dem Dokument nicht ersichtlich, wer dieses
verfasst hat. Andererseits ist auffällig, dass der Beschwerdeführer nach
dem negativen Asylentscheid vom 29. Mai 2020 auf Rechtsmittelebene ein
Schreiben des Amtsgerichts D._ vorlegen kann, welches genau
seine Ausführungen zur mangelhaften Botschaftsabklärung bestätigen
soll. Es ist anzunehmen, dass diese Informationen bereits im Rahmen der
Botschaftsabklärung vorgelegen hätten, wäre dem tatsächlich so, wie es
der Beschwerdeführer darstellt.
Dem Beschwerdeführer gelingt es mit seinen Ausführungen in der Rechts-
mitteleingabe nicht, den vorinstanzlichen Erwägungen betreffend die
Glaubhaftigkeit etwas Stichhaltiges entgegenzuhalten. Da sich die vom Be-
schwerdeführer eingereichten Gerichtsdokumente als Fälschungen erwie-
sen haben, wird den Vorbringen die Grundlage entzogen und es erübrigt
sich, weiter auf deren Glaubhaftigkeit einzugehen. Um Wiederholungen zu
vermeiden, ist im Übrigen auf die vorinstanzlichen Erwägungen in der an-
gefochtenen Verfügung sowie der Vernehmlassung zu verweisen.
5.2 Darüber hinaus ist vorliegend auch nicht von einem Risikoprofil des
Beschwerdeführers im Sinne des Referenzurteils des Bundesverwaltungs-
gerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 auszugehen, zumal er selbst auch
nicht angab, Verbindungen zu den LTTE gehabt zu haben (vgl. SEM-Akte
A21/25 F131). Betreffend die Entwicklungen der allgemeinen politischen
Lage in Sri Lanka ist festzustellen, dass nicht erkennbar ist, wie sich diese
zum heutigen Zeitpunkt auf den Beschwerdeführer auswirken könnten.
Diesbezüglich kann, um Wiederholungen zu vermeiden, auf die vorinstanz-
lichen Erwägungen verwiesen werden. An dieser Einschätzung ändert die
erfolgte Entführung und Verhaftung einer sri-lankischen Mitarbeiterin der
Schweizerischen Botschaft in J._ nichts, da auch diesbezüglich
E-3385/2020
Seite 12
kein individueller Bezug zum Beschwerdeführer ersichtlich ist. Gemäss
Auskunft der Schweizerischen Botschaft sind in diesem Zusammenhang
keine Informationen an die sri-lankischen Behörden gelangt, so dass keine
Anhaltspunkte auf eine erhöhte Gefährdungssituation vorliegen.
5.3 Zusammenfassend hat die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigen-
schaft verneint und das Asylgesuch des Beschwerdeführers abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
E-3385/2020
Seite 13
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.3 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri
Lanka ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka
lässt den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts nicht als un-
zulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 12.2 sowie statt vieler Urteil des BVGer E-895/2020 vom
15. April 2020 E. 9.2). Es ergeben sich aus den Akten auch keine konkreten
Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten
hätte, die über einen so genannten "Background Check" (Befragung und
Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden,
oder dass er persönlich gefährdet wäre. Daran vermögen der Regierungs-
wechsel vom November 2019 sowie die seither veränderte Lage in Sri
Lanka nichts zu ändern. Der Wegweisungsvollzug erweist sich somit als
zulässig.
E-3385/2020
Seite 14
7.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.4.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen, und es herrscht weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1). Ge-
mäss Rechtsprechung ist der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ost-
provinz zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien bejaht werden kann (vgl. Referenzurteil des BVGer E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 E. 13.2). An dieser Einschätzung vermögen die Gewalt-
vorfälle in Sri Lanka vom 21. April 2019, der gleichentags von der sri-lanki-
schen Regierung verhängte und am 28. August 2019 aufgehobene Aus-
nahmezustand sowie die mit den Wahlen im November 2019 zusammen-
hängenden gewalttätigen Ausschreitungen nichts zu ändern (vgl. dazu vor-
stehend E. 7.4 sowie statt vieler Urteil des BVGer E-895/2020 vom 15. April
2020 E. 9.3).
7.4.2 In individueller Hinsicht macht der Beschwerdeführer (...) Probleme
geltend, die der Zumutbarkeit des Vollzugs entgegenstehen würden. Auf
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen Gründen ist
nach Lehre und konstanter Praxis dann zu schliessen, wenn eine notwen-
dige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht
und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchti-
gung des Gesundheitszustands der betroffenen Person führen würde (vgl.
etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je m.w.H.).
7.4.3 In den Akten befinden sich zwei Berichte des O._ vom 17.
Oktober 2019 und 23. Juli 2019. Aus diesen geht hervor, dass beim Be-
schwerdeführer eine (...) diagnostiziert wurde und er sich seit dem 3. Juli
2019 in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung befinde. In der
Beschwerde vom 2. Juli 2020 führt er aus, er befinde sich nach wie vor in
Behandlung und werde hierzu Belege nachreichen. Dies hat der anwaltlich
vertretene Beschwerdeführer im Rahmen der ihm obliegenden Mitwir-
kungspflicht (Art. 8 AsylG) bis zum heutigen Zeitpunkt nicht getan. Es er-
übrigt sich, von Amtes wegen weitere Arztberichte einzufordern. Da er seit
rund eineinhalb Jahren keine aktuelleren Arztberichte mehr eingereicht hat
und in der Beschwerde nicht substantiiert auf seine Probleme eingeht, ist
E-3385/2020
Seite 15
nicht davon auszugehen, die (...) Probleme des Beschwerdeführers stell-
ten eine medizinische Notlage im Sinne der vorstehend dargelegten Recht-
sprechung dar. In Sri Lanka sind sodann bei psychischen Erkrankungen
sowohl stationäre als auch ambulante Betreuungsmöglichkeiten verfügbar
(vgl. Urteil des BVGer E-7137/2018 vom 23. Januar 2019, E. 12.3 m.w.H.)
Schliesslich steht es dem Beschwerdeführer offen, medizinische Rück-
kehrhilfe in Anspruch zu nehmen (vgl. Art. 75 der Asylverordnung 2 vom
11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Es liegen demnach keine medizi-
nischen Wegweisungshindernisse vor.
7.4.4 Auch sonst liegen keine Gründe vor, die gegen die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs sprechen. Der Beschwerdeführer stammt aus
D._, Ostprovinz, wohin der Vollzug der Wegweisung grundsätzlich
zumutbar ist. Er ist verheiratet und hat eine (...) Tochter (vgl. SEM-Akte
A21/25 F100 und F103). Seine Mutter lebt in E._ und mehrere (...)
sowie (...) halten sich in Sri Lanka auf (vgl. a.a.O. F106 und F113). Damit
verfügt der Beschwerdeführer über ein familiäres Umfeld. Zudem ist er ge-
mäss eigenen Angaben Eigentümer eines Hauses (vgl. a.a.O. F122).
Schliesslich hat er das (...)-Level abgeschlossen und war beruflich als (...)
in D._ tätig (vgl. a.a.O. F117 und F119). Vor diesem Hintergrund ist
nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka in eine existentielle Notlage geraten wird. Der Vollzug der
Wegweisung ist zumutbar.
7.5 Ferner obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Ver-
tretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr weiteren notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist auch als möglich
zu bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.6 Schliesslich steht auch die Covid-19-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um ein
temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitä-
ten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa
der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation in Sri Lanka angepasst wird (vgl.
Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis-
sion [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e sowie das Urteil des BVGer
D-4796/2019 vom 27. April 2020 E. 8.9 m.w.H.).
E-3385/2020
Seite 16
7.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm indes
mit Zwischenverfügung vom 20. Juli 2020 die unentgeltliche Prozessfüh-
rung gewährt wurde und keine massgebende Veränderung der finanziellen
Verhältnisse ersichtlich ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
9.2 Mit derselben Verfügung hat die Instruktionsrichterin Rechtsanwalt Be-
nedikt Homberger als amtlichen Rechtsvertreter eingesetzt. Seitens der
Rechtsvertretung wurde keine Kostennote eingereicht. Auf Nachforderung
einer solchen kann indes verzichtet werden, da der Aufwand für das vorlie-
gende Beschwerdeverfahren zuverlässig abgeschätzt werden kann
(Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Ausgehend von der 16-seitigen Beschwerde,
der Einreichung der Fürsorgebestätigung und einem Stundenansatz von
Fr. 220.– als anwaltlicher Vertreter (vgl. genannte Zwischenverfügung so-
wie Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE) erscheint ein Honorar von
Fr. 1'800.– (inkl. Auslagen) angemessen. Dieser Betrag ist dem amtlich
eingesetzten Rechtsvertreter vom Bundesverwaltungsgericht zu entrich-
ten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3385/2020
Seite 17