Decision ID: 5dce552c-6760-51b8-bf06-4ff3e3e19f29
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ E. und H. A., W., sind Eigentümer des 499 m grossen Grundstücks Nr. 1777,
Grundbuch M.. Gemäss Zonenplan der Politischen Gemeinde M. vom 27. Januar 1993
liegt die Parzelle in der Landwirtschaftszone. Sie ist mit dem seit dem Jahr 1969
nichtlandwirtschaftlich geschätzten Ferienhaus (Assek.-Nr. 2168) überbaut.
Das Grundstück Nr. 1777 fällt nach Norden - zum Walensee hin - steilab und grenzt auf
seiner Südseite an die B-strasse. Entlang der westlichen Grundstücksgrenze verläuft
der T.-Bach. Das Ufergehölz entlang des Fliessgewässers ist durch die kommunale
Schutzverordnung vom 7. Juli 1997 geschützt. Das aufgeschüttete Grundstück wird
sowohl entlang der nördlichen als auch der westlichen Seite mit Stützmauern aus
Eisenbahnschwellen vom übrigen Gelände abgegrenzt.
Am 15. August 2006 ordnete der Gemeinderat M. die sofortige Einstellung der
Bauarbeiten an der Terrasse des Ferienhauses an und forderte E. und H. A. auf, für die
Terrassenerweiterung und das bereits erstellte Gartenhaus nachträglich ein Baugesuch
einzureichen.
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 19. August 2006 wurde ein Baugesuch eingereicht. Danach wurde die Holzterrasse
durch eine Betonplatte ersetzt und auf der Ost-, West- und Nordseite erweitert. Die
Erweiterung auf der Westseite (zum T.-Bach hin) weist eine Länge von rund 8,6 m und
eine durchschnittliche Breite von 1,5 m auf. Dieser Bereich der Erweiterung wird durch
eine neu erstellte, rechtwinklig zur Gebäudefassade verlaufende Stützmauer getragen
und durch einen Treppenaufgang ergänzt. Auf der Nordseite des Ferienhauses wurde
die Terrasse um rund 3 m auf rund 7,5 m verlängert und um rund 0,3 m verbreitert. Auf
der Ostseite wurde sie ebenfalls mit einem Treppenaufgang ergänzt. Im Rahmen der
Balkonerweiterung wurde die unter dem Balkon liegende Fläche eingekiest und die
Gestaltung des angrenzenden Gartens wurde geringfügig angepasst. Das freistehende
Gartenhaus, das sich südwestlich des Ferienhauses befindet und ebenfalls
Gegenstand des Baugesuches ist, weist eine Breite von 2,2 m und eine Länge von
2,5 m auf. Sodann verfügt es über eine knapp 4 m grosse Terrasse. Das Baugesuch
lag in der Zeit vom 11. bis 24. September 2006 öffentlich auf. Es wurden keine
Einsprachen erhoben.
Am 19. Dezember 2006 verweigerte das Amt für Raumentwicklung (ARE; heute Amt für
Raumentwicklung und Geoinformation, AREG) die Zustimmung zur nachträglichen
Baubewilligung und hielt fest, es seien keine Gründe ersichtlich, die den Teilabbruch
der Terrasse und das Versetzen des Gartenhauses ausschliessen würden.
Am 18. Januar 2007 fasste der Gemeinderat M. folgenden Beschluss:
"1. Die Baubewilligung für das Baugesuch Nr. 45/2006 wird verweigert.
2. Die Verfügung des Amtes für Raumentwicklung vom 19. Dezember 2007 (richtig:
2006) bildet integrierenden Bestandteil dieser Verfügung.
3. Gestützt auf Art. 130 BauG verfügt der Gemeinderat im Sinne der Erwägungen den
Teilabbruch der bereits ausgeführten westlichen Terrassenerweiterung auf der Flucht
der alten Terrasse. Hierfür wird dem Gesuchsteller eine Frist bis 31. Mai 2007
eingeräumt.
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. Gestützt auf Art. 130 BauG verfügt der Gemeinderat die Entfernung des
Gartenhauses aus dem Gewässerabstandsbereich. Hierfür wird dem Gesuchsteller
eine Frist bis 31. Mai 2007 eingeräumt.
5. Für die Wiederherstellungsarbeiten ist dem Gemeinderat bis spätestens 28. Februar
2007 ein Baugesuch einzureichen.
6. (Hinweis auf Art. 292 des Strafgesetzbuches)
7. (Gebühr)
8. (Rechtsmittel)"
B./ Am 8. Februar 2007 erhoben E. und H. A. gegen den Beschluss des Gemeinderates
M. vom 18. Januar 2007 und gegen die Verfügung des ARE vom 19. Dezember 2006
Rekurs bei der Regierung. Sie beantragten, beide Entscheide seien aufzuheben und
dem Baugesuch vom 19. August 2006 sei zu entsprechen, eventualiter sei die
Angelegenheit zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das ARE
nahm am 28. März 2007 Stellung und beantragte, der Rekurs sei abzuweisen. Am
Augenschein, den das für die Regierung handelnde Baudepartement am 16. Mai 2007
durchführte, nahmen auch Vertreter des ARE und des kantonalen Tiefbauamtes teil.
Am 18. Dezember 2007 wies die Regierung den Rekurs von E. und H.A. ab (Ziff. 1). Zur
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands wurde ihnen eine Frist von drei
Monaten ab Rechtskraft des Entscheids eingeräumt (Ziff. 4).
C./ Am 16. Januar 2008 erhoben E. und H. A. Beschwerde beim Verwaltungsgericht.
Sie stellten die Rechtsbegehren, der Entscheid der Regierung vom 18. Dezember 2007
sei aufzuheben (Ziff. 1), und die Streitsache sei zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen (Ziff. 2). Die Regierung nahm am 6. Februar 2008 Stellung und
beantragte, der Beschwerde sei keine Folge zu geben. Am 21. Februar 2008
verzichtete der Gemeinderat M. darauf, sich vernehmen zu lassen. E. und H. A.
machten von der Möglichkeit, sich zu neuen tatsächlichen und rechtlichen Argumenten
zu äussern, keinen Gebrauch.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Verwaltungsgericht hat einen Augenschein an Ort und Stelle durchgeführt. Die
Verfahrensbeteiligten und ein Vertreter des kantonalen Tiefbauamtes (Gewässer)
wurden dazu eingeladen und erhielten Gelegenheit zur Stellungnahme.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache befugt (Art. 59bis Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Sodann
haben E. und H.A. ein eigenes schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung des
angefochtenen Entscheids (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Weiter
wurde die Beschwerde vom 16. Januar 2008 innert Frist eingereicht, und sie entspricht
formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit
Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2. Die Beschwerdeführer rügen, die Vorinstanz gehe zu Unrecht davon aus, das
freistehende Gartenhaus und die westseitige Terrassenerweiterung seien nicht
bewilligungsfähig. Unbestritten ist, dass einzig eine Ausnahmebewilligung nach Art.
24c des Raumplanungsgesetzes (SR 700, abgekürzt RPG) zur Diskussion steht. Beim
Ferienhaus, das heute in der Landwirtschaftszone liegt, handelt es sich nach
übereinstimmender Auffassung der Beschwerdeführer und der Vorinstanz um eine
"altrechtliche Baute" bzw. um eine seinerzeit in Übereinstimmung mit dem materiellen
Recht erstellte Baute, die durch nachträgliche Änderung von Er-lassen oder Plänen
rechtswidrig geworden ist (vgl. auch Art. 41 der Raumplanungsverordnung, SR 700.1,
abgekürzt RPV, BGE 129 II 396 E. 4.2.1 S. 398 und VerwGE vom 30. April 2008 i.S.
R.H., in: www.gerichte.sg.ch neues Fenster je mit Hinweisen).
2.1. Nach Art. 24c RPG sind bestimmungsgemäss nutzbare Bauten und Anlagen
ausserhalb der Bauzonen, die nicht mehr zonenkonform sind, in ihrem Bestand
grundsätzlich geschützt (Abs. 1). Solche Bauten und Anlagen können mit Bewilligung
der zuständigen Behörde erneuert, teilweise geändert, massvoll erweitert oder
wiederaufgebaut werden, sofern sie rechtmässig erstellt oder geändert worden sind. In
http://www.gerichte.sg.ch/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
jedem Fall bleibt die Vereinbarkeit mit den wichtigen Anliegen der Raumplanung
vorbehalten (Abs. 2).
Das Bundesgericht hat mehrfach festgehalten, dass Art. 24c RPG inhaltlich im
Wesentlichen Art. 24 Abs. 2 aRPG entspricht, weshalb die bisherige Rechtsprechung
zum zu-lässigen Mass der Änderung bzw. Erweiterung weiter anwendbar sei (BGE 127
II 215 E. 3b S. 219; Urteil 1A.186/2004 vom 12. Mai 2005 E. 6.3.2 und Urteil 161/2004
vom 1. Februar 2005 E. 3.1). Die bundesgerichtliche Rechtsprechung zu Art. 24 Abs. 2
aRPG kannte keine starre quantitative Begrenzung, sondern stellte darauf ab, ob die
Änderung bei einer Gesamtbetrachtung von untergeordneter Bedeutung sei;
hinsichtlich Umfang, äusserer Erscheinung sowie Zweckbestimmung musste die
Wesensgleichheit der Baute gewahrt werden und durften keine wesentlichen neuen
Auswirkungen auf die Nutzungsordnung, Erschliessung und Umwelt geschaffen
werden (BGE 127 II 215 E. 3a S. 218 f. mit Hinweisen). Massgebend waren demnach
nicht einzelne Merkmale, sondern alle raumwirksamen Elemente im Zusammenwirken
(Urteil 1A.186/2004 vom 12. Mai 2005).
2.2. Änderungen an Bauten und Anlagen, auf die Art. 24c RPG anwendbar ist, sind
nach Art. 42 Abs. 1 RPV zulässig, wenn die Identität der Baute oder Anlage
einschliesslich ihrer Umgebung in den wesentlichen Zügen gewahrt bleibt.
Verbesserungen gestalterischer Art sind zulässig. Massgeblicher Vergleichszustand für
die Beurteilung der Identität ist nach Art. 42 Abs. 2 RPV der Zustand, in dem sich die
Baute oder Anlage im Zeitpunkt der Erlass- oder Planänderung befand. Ob die Identität
der Baute oder Anlage im Wesentlichen gewahrt bleibt, ist unter Würdigung der
gesamten Umstände zu beurteilen (Art. 42 Abs. 3 RPV). In jedem Fall gelten folgende
Regeln: Innerhalb des bisherigen Gebäudevolumens darf die anrechenbare
Bruttogeschossfläche nicht um mehr als 60 Prozent erweitert werden (lit. a). Ist eine
Erweiterung innerhalb des bestehenden Gebäudevolumens nicht möglich oder nicht
zumutbar, so kann sie ausserhalb erfolgen; die gesamte Erweiterung darf in diesem Fall
weder 30 Prozent der zonenwidrig genutzten Fläche noch 100 m überschreiten; die
Erweiterungen innerhalb des bestehenden Gebäudevolumens werden nur halb
angerechnet (lit. b).
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3. Änderungen an Bauten und Anlagen, auf die Art. 24c RPG anwendbar ist, müssen
zudem, wie ausgeführt, mit den wichtigen Anliegen der Raumplanung vereinbar sein.
Diese Formel verweist auf die Ziele und Grundsätze der Raumplanung (Art. 1 und 3
RPG), mit denen das Bauvorhaben im Einklang stehen muss (Waldmann/Hänni,
Raumplanungsgesetz, Bern 2006, Art. 24c RPG N 22). Nach Art. 1 Abs. 1 RPG sorgen
Bund, Kantone und Gemeinden dafür, dass der Boden haushälterisch genutzt wird. Sie
stimmen ihre raumwirksamen Tätigkeiten aufeinander ab und verwirklichen eine auf die
erwünschte Entwicklung des Landes ausgerichtete Ordnung der Besiedlung. Sie
achten dabei auf die natürlichen Gegebenheiten sowie auf die Bedürfnisse von
Bevölkerung und Wirtschaft. Nach Art. 1 Abs. 2 RPG unterstützen sie mit Massnahmen
der Raumplanung insbesondere auch die Bestrebungen, die natürlichen
Lebensgrundlagen wie Boden, Luft, Wasser, Wald und die Landschaft zu schützen
(lit. a). Die mit Planungsaufgaben betrauten Behörden achten nach Art. 3 Abs. 1 und
Abs. 2 RPG auf den Grundsatz, wonach die Landschaft zu schonen ist. See- und
Flussufer sollen freigehalten und öffentlicher Zugang und Begehung erleichtert werden
(Art. 3 Abs. 2 lit. c RPG).
3. Die Beschwerdeführer und die Vorinstanz sind sich einig, dass sowohl die Fläche
des Gartenhauses als auch diejenige der Terrassenvergrösserung im nach Art. 24c
Abs. 2 RPG und Art. 42 RPV zulässigen Rahmen liegen.
4. Die Beschwerdeführer machen bezüglich des Gartenhauses, welches sie
südwestlich ihres Ferienhauses erstellt haben, geltend, das ARE habe freistehende
Nebenbauten in seiner Stellungnahme vom 28. März 2007 als zu-lässig bezeichnet,
wenn eine Erweiterung des Hauptbaus auf Grund der örtlichen Verhältnisse nicht
möglich sei. Entgegen der Annahme im angefochtenen Entscheid treffe dies zu. Die
Vorinstanz gehe zu Unrecht davon aus, es sei auf Grund der tatsächlichen
Gegebenheiten möglich, das Ferienhaus zu diesem Zweck auf der Nordseite mit einem
Anbau zu erweitern. Die Beschwerdeführer begründen dies damit, sowohl die
vorbestandene wie auch die erweiterte Terrasse auf der Nordseite des Hauses seien
mit einem Zu- und Abgang versehen (gewesen), welcher über einen befestigten Weg
entlang der Hausfassade gegen Osten führe. Ein Anbau auf der Nordseite des
Ferienhauses würde diese Erschliessung der Liegenschaft verstellen. Sodann würde
der Lichteinfall durch die dort vorhandenen Fenster beeinträchtigt. Hinzu kommt ihrer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ansicht nach, dass ein Anbau in dieser Form die Identität des Ferienhauses erheblich
mehr beeinträchtigen würde, als dies aufgrund des freistehenden Gartenhauses der
Fall ist.
4.1. Nebenbauten sind freistehende, mit dem Hauptgebäude nicht verbundene
untergeordnete Bauten (B. Heer, St. Gallisches Bau- und Planungsrecht, Bern 2003,
Rz. 689). Neu erstellte Nebenbauten gelten in der Regel als Neubauten, die nicht unter
Art. 24c RPG fallen (VerwGE vom 12. Februar 2008 i.S. M. und E.D, zur Zeit abrufbar
unter www.gerichte.sg.ch neues Fenster mit Hinweis auf Bundesamt für
Raumentwicklung (Hrsg.), Bewilligungen nach Art. 24c RPG; Änderungen an
zonenwidrig gewordenen Bauten und Anlagen, in: Erläuterungen zur RPV und
Empfehlungen für den Vollzug 2000/2001, S. 8 ff., zur Zeit abrufbar unter
www.are.admin.ch). Dementsprechend können Nebenbauten nach der Praxis des ARE
unter dem Gesichtspunkt von Art. 24c RPG nur ausnahmsweise bewilligt werden, wenn
verschiedene Voraussetzungen kumulativ erfüllt sind. Dazu gehört, dass ein Anbau an
das Hauptgebäude auf Grund der örtlichen Verhältnisse (z.B. Topographie, Hauptbau
ist Schutzobjekt, am Hauptbau kann aus objektiven Gründen nicht angebaut werden)
nicht möglich ist.
4.2. Entsprechend seiner Praxis hat das ARE in seiner Stellungnahme vom 28. März
2007 ausgeführt, wenn auf Grund der örtlichen Verhältnisse kein Anbau möglich sei,
könne gegebenenfalls eine Nebenbaute bewilligt werden. Das ARE hat indessen
festgehalten, im konkreten Fall komme dies nicht in Frage, weil ein Anbau am
Ferienhaus (ausserhalb des Gewässerabstands) ohne weiteres möglich sei. Anlässlich
des Augenscheins des Verwaltungsgerichts hat sich diese Feststellung bestätigt. Das
Ferienhaus kann auf der nördlichen Seite ohne Verletzung des Gewässerabstands mit
einem Anbau versehen werden, der genügend gross ist, um die fürdie Bewirtschaftung
des Grundstücks benötigten Gartengeräteunterzubringen. Somit besteht keine
objektive Notwendigkeitfür eine freistehende Baute. Ohne Belang ist in diesem
Zusammenhang, dass die heutige Gestaltung der Liegenschaft und der ihr im Norden
vorgelagerten Fläche - Oberlicht des Kellergeschosses, Treppenaufgang zur Terrasse,
befestigter Gartenweg - zu diesem Zweck verändert werden müssten, zumal die
Verbindung zwischen Terrasse und Garten nicht zwingend erforderlich ist. Massgebend
ist nicht, was aus Sicht der Beschwerdeführer wünschenswert ist bzw. was sie
http://www.gerichte.sg.ch/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
subjektiv anstreben, sondern was auf Grund der Gegebenheiten vor Ort objektiv
möglich ist. Anlässlich des Augenscheins des Verwaltungsgerichts hat sich sodann
gezeigt, dass die Behauptung der Beschwerdeführer, das Gartenhaus füge sich ohne
weiteres in die Umgebung ein bzw. es wahre die Identität ihres Ferienhauses und
seines ländlichen Umfelds, nicht zutrifft. Die fensterlose Holzkonstruktion, die auf
derkleinen Fläche zwischen Wohnhaus und T.-Bach erstellt worden ist, wird als
störender Fremdkörper wahrgenommen.
4.3. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde in dieser Hinsicht
abzuweisen ist. Der Vorwurf der Beschwerdeführerin, die Vorinstanz habe den
Sachverhalt bezüglich der tatsächlichen Verhältnisse auf ihrem Grundstück unrichtig
abgeklärt, erweist sich somit als unbegründet. Weil die Erweiterung des Ferienhauses
durch einen Anbau möglich ist, ergibt sich sodann, dass das freistehende Gartenhaus
gestützt auf Art. 24c RPG in Verbindung mit Art. 42 RPV nicht bewilligungsfähig ist.
Sodann wahrt es die Identität des Ferienhauses und seiner Umgebung nicht. Hinzu
kommt, dass das Gartenhaus den Gewässerabstand zum T.-Bach unterschreitet,
weshalb eine Bewilligung auchwegenUnvereinbarkeit der Baute mit den wichtigen
Anliegen der Raumplanung nicht erteilt werden könnte (vgl. dazu Ziff. 5 hienach).
5. Was die westseitige Erweiterung der Terrasse anbetrifft, bringen die
Beschwerdeführer vor, die Vorinstanz gehe zu Unrecht davon aus, diese sei mit den
wichtigen Anliegen der Raumplanung nicht vereinbar und deshalb nicht
bewilligungsfähig, weil sie sich im Gewässerabstand zum T.-Bach befinde. Sodann
beruhe der angefochtene Entscheid in dieser Hinsicht auf einem unrichtig bzw.
unvollständig festgestellten Sachverhalt. Sie begründen dies damit, beim T.-Bach
handle es sich nicht um ein öffentliches Gewässer im Sinn des Gesetzes über die
Gewässernutzung (sGS 751.1, abgekürzt GNG) und somit auch nicht um einen Bach im
Sinn von Art. 59 des Baugesetzes (sGS 731.1, abgekürzt BauG), weshalb kein
Gewässerabstand einzuhalten sei. Der T.-Bach führe die meiste Zeit über kein Wasser
und diene höchstens der Ableitung von Regen- oder Schneewasser. Die Vorinstanz
habe es unterlassen, die Ausführungen des Mitarbeiters des kantonalen Tiefbauamtes
anlässlich des Augenscheins zu überprüfen. Sie wäre gehalten gewesen, Angaben zur
Häufigkeit und Menge des abfliessenden Wassers zu erheben und den genauen Verlauf
des T.-Bachs bzw. den genauen Abstand zur fraglichen Baute festzulegen. Sodann
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hätte sie exakte Angaben bezüglich des durch die Schwellenverbauung bestehenden
Höhenunterschieds zwischen Bach und Liegenschaft machen müssen.
5.1. Nach Art. 1 GNG steht dem Staate im Rahmen des Bundesrechtes die Hoheit über
die öffentlichen Gewässer zu. Öffentliche Gewässer sind u.a. Seen, Flüsse und Bäche
(Art. 2 Abs. 1 Ziff. 1 GNG; vgl. auch BG über die Nutzbarmachung der Wasserkräfte,
SR 721.80), und das zuständige Departement (Baudepartement, vgl. Art. 18 Abs. 1 der
Vollzugsverordnung zum GNG, sGS 751.11) entscheidet, ob ein öffentliches Gewässer
vorliegt (Art. 2 Abs. 2 GNG). Das Gesetz umschreibt den Begriff des öffentlichen Bachs
nicht. Was unter einem öffentlichen Bach im Sinn von Art. 2 Abs. 1 Ziff. 1 GNG zu
verstehen ist, ist daher durch Auslegung zu ermitteln. Massgebend sind Funktion,
Bedeutung und Ausdehnung des Gewässers (GVP 1978 Nr. 62, GVP 1987 Nr. 88). Das
Baudepartement hat entschieden, öffentliche Bäche im Sinn des GNG hätten keine
mittlere Ergiebigkeit von 600 Minutenlitern aufzuweisen. Umgekehrt könne unter
Berücksichtigung von Art. 2 Abs. 1 Ziff. 2 und 3 GNG auch nicht jedes Rinnsal als
öffentlicher Bach gelten. Der Wasserlauf müsse eine gewisse mittlere Ergiebigkeit
aufweisen, damit er zu den öffentlichen Gewässern zähle. Dabei seien Funktion,
Bedeutung und Ausdehnung eines Baches die massgebenden Gesichtspunkte. Dies
schliesse indessen nicht aus, dass ein Bach auch dann zu den öffentlichen Gewässern
gehöre, wenn das Gerinne nicht während 365 Tagen im Jahr Wasser führe, weil die
Wasserführung von der Jahreszeit bzw. von den Niederschlägen abhänge. Ein
öffentliches Gewässer liege jedenfalls dann nicht vor, wenn ein Gerinne oder ein Kanal
nur eine sehr geringe mittlere Ergiebigkeit aufweise (GVP 1987 Nr. 88).
5.2. Der Gewässerabstand ist eine bedeutende Vorschrift des BauG, die aus
wasserbaupolizeilichen Gründen und aus Gründen des Naturschutzes - Bäche, Flüsse
und Seen und ihre Ufer sind Schutzgegenstände nach Art. 98 Abs. 1 lit. a BauG -
erlassen wurde. Die Gewässer sind einerseits die Lebensadern, die unsere Landschaft
durchziehen, andererseits geht von ihnen eine oft unterschätzte Hochwassergefahr aus
(Heer, a.a.O., Rz. 641 mit Hinweis). Das Baudepartement hat mit Recht entschieden, an
der Einhaltung des Gewässerabstands bestehe ein erhebliches öffentliches Interesse
(GVP 2000 Nr. 75). Die Erweiterung einer Baute oder Anlage, auf die Art. 24c RPG
anwendbar ist und die den Gewässerabstand verletzt, ist mit den wichtigen Anliegen
der Raumplanung nicht vereinbar und deshalb nicht bewilligungsfähig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3. Nach Art. 59 Abs. 1 BauG gilt für Bauten und Anlagen gegenüber Bächen ein
Mindestabstand von 10 Meter und innerhalb der Bauzonen gegenüber Bächen mit
einem mittleren Gerinnequerschnitt unter 0,2 m von 4 Meter. Im Baureglement, in
Zonen-, Überbauungs- oder Gestaltungsplänen können andere Mindestabstände
festgelegt werden, wenn es die örtlichen Verhältnisse rechtfertigen (Art. 59 Abs. 5
BauG). Von dieser Möglichkeit hat die Beschwerdegegnerin keinen Gebrauch gemacht.
Es ist davon auszugehen, dass sich die Frage des Gewässerabstands von 10 Meter nur
stellt, wenn es sich beim "Bach" um ein oberirdisch fliessendes Gewässer handelt, das
öffentlichen Charakter im Sinn des GNG hat und nicht zu den Flüssen zählt (Heer,
a.a.O., Rz. 644). Eine andere Frage ist, ob diese Voraussetzung auch bei "kleinen
Bächen" erfüllt sein muss, für die gemäss Art. 59 Abs. 1 BauG ein wesentlich
geringerer Gewässerabstand von 4 Meter einzuhalten ist. Sie braucht indessen nicht
beantwortet zu werden, zumal diese Sonderregelung nur innerhalb der Bauzonen gilt
(vgl. auch Heer, a.a.O., Rz. 645). Daraus ergibt sich, dass in einem Fall wie dem
vorliegenden, wo es um die Erweiterung einer bestimmungsgemäss nutzbaren aber
nicht mehr zonenkonformen Baute in der Landwirtschaftszone geht, ein
Gewässerabstand von 10 Meter einzuhalten ist, vorausgesetzt beim Bach handle es
sich um ein öffentliches Gewässer im Sinn des GNG.
5.4. Nach Art. 12 Abs. 1 VRP ermittelt die Behörde oder das von ihr beauftragte
Verwaltungsorgan den Sachverhalt und erhebt die Beweise von Amtes wegen durch
Befragen von Beteiligten, Auskunftspersonen und ZE., durch Beizug von Urkunden,
Amtsberichten und Sachverständigen, durch Augenschein sowie auf andere Weise.
Sind zur Wahrung des öffentlichen Interesses keine besondern Erhebungen nötig, sind
nach Art. 12 Abs. 2 VRP nur die von den Beteiligten angebotenen und die leicht
zugänglichen Beweise über erhebliche Tatsachen aufzunehmen.
Die Behörde kann sich zur Ermittlung des Sachverhalts auf die Fachkunde der
Verwaltung stützen und muss keine auswärtigen Sachverständigen beiziehen (GVP
1986 Nr. 43). Der Amtsbericht ist die Auskunft einer Behörde oder Amtsstelle über
bestimmte Tatsachen oder Verhältnisse, über welche diese auf Grund ihrer Tätigkeit
besondere Sachkunde besitzt. In der Regel wird Schriftlichkeit gefordert (Cavelti/
Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 974 mit
Hinweisen). Sodann ist es möglich, sachkundige Mitarbeiter der Verwaltung zur
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abklärung des Sachverhalts zu befragen. Von Amtsgutachten und sachkundigen
Auskünften wird nur abgewichen, wenn dafür stichhaltige Gründe bestehen. Dies ist
etwa der Fall bei offensichtlichen Mängeln und Widersprüchen (Kölz/Häner,
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998,
Rz. 282; Kölz/Bosshart/Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des
Kantons Zürich, 2. Aufl., Zürich 1999, § 7 N 78). Der Beweischarakter der
Meinungsäusserung wird sodann gemildert, wenn sie kaum fachspezifische Aussagen
enthält und inhaltlich einem Stimmungsbild gleichkommt (GVP 2001 Nr. 12 mit Hinweis
auf GVP 1997 Nr.16).
5.5. Die Vorinstanz geht in den Erwägungen zum angefochtenen Entscheid davon aus,
beim T.-Bach handle es sich zweifellos um ein öffentliches Gewässer im Sinn des GNG
und somit um einen Bach im Sinn des BauG. Ein Entscheid derjenigen Behörde, die
von Gesetzes wegen zuständig ist, über diese Frage zu befinden, liegt zwar nicht vor.
Der mit der Rekursinstruktion betraute Mitarbeiter der Rechtsabteilung des
Baudepartements hat indessen einen Mitarbeiter des kantonalen Tiefbauamtes
eingeladen, amRekursaugenschein vom 16. Mai 2007 teilzunehmen, um festzustellen,
ob es sich beim T.-Bach um einen Bach im Sinn des BauG handle. Die Fachperson der
kantonalen Verwaltung hat anhandverschiedener Kriterien (Einzugsgebiet, Karten,
Pläne) vorOrt erläutert, warum aus ihrer Sicht im Zusammenhang mitdem T.-Bach von
einem öffentlichen Gewässer gesprochen werden müsse. Sodann war anlässlich des
Rekursaugenscheins in diesem Zusammenhang festgestellt worden, dass zwar kein
Wasser floss, dass das Bachbett aber nicht überwuchert war, was auf einen
regelmässigen Wasserlauf hinweist. Hinzu kommt, dass weitere Indizien dafür
sprechen, dass es sich beim T.-Bach um ein öffentliches Fliessgewässer handelt. Dazu
gehört, dass sich im Zonenplan der Beschwerdegegnerin ein "Hinweis Gewässer"
findet und dass "W.-T." (Uferbestockung entlang Fliessgewässer) im Verzeichnis der
"Naturobjekte, Hecken, Feld- und Ufergehölze, Trockenmauern" der kommunalen
Schutzverordnung aufgeführt ist. Die Frage, ob es sich beim T.-Bach um ein
öffentliches Gewässer handle, ist im Rekursverfahren somit hinreichend geklärt
worden, und die Beschwerde erweist sich in dieser Hinsicht als unbegründet.
Anlässlich seines Augenscheins konntedas Verwaltungsgericht zudem feststellen, dass
in der Geländemulde etwas Wasser floss und dass der Durchlass unter der
Murgtalstrasse auf den Abfluss beträchtlicherWassermengen ausgerichtet ist. Sodann
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hat der vor Ort anwesende Mitarbeiter des kantonalen Tiefbauamtes erläutert, der T.-
Bach führe über mehrere Grundstücke und diene der Entwässerung eines
Einzugsgebiets von rund27 ha. Das Gerinne sei sichtbar(Sohle mit Steinen).
Weiterführte die Fachperson aus, die Abflussmenge könne im Fall eines Hochwassers
bis zu 4 m /sec betragen. Sie hat zudemdarauf hingewiesen, der T.-Bach sei auf der
TopographischenKarte, auf alten Plänen und Karten (u.a. Siegfriedkarte) und auf der
Gewässernetzkarte als Gewässer verzeichnet. Im Gegensatz zur Auffassung der
Beschwerdeführerhandelt es sich beim T.-Bach somitum einen Bach im Sinn von Art.
59 Abs. 1 BauG. Demzufolge habenBauten und Anlagen einen Gewässerabstandvon
10 m einzuhalten. Unbestritten ist, dass sich die Terrassenvergrösserung zum
überwiegenden Teil und das Gartenhaus vollumfänglich innerhalb dieses Abstands
befinden. Die auf diese Weise erfolgte Erweiterung des Ferienhauses ist somit mit den
wichtigen Anliegen der Raumplanung nicht vereinbar.
6. Für den Fall, dass das Verwaltungsgericht zur Auffassung gelangen sollte, der T.-
Bach sei ein öffentliches Gewässer, gegenüber dem ein Gewässerabstand nach Art. 59
Abs. 1 BauG einzuhalten sei, machen die Beschwerdeführer bezüglich der
Balkonerweiterung geltend, es sei zu prüfen, ob die Voraussetzungen betreffend
Bestandes- und Erweiterungsgarantie nach Art. 77bis BauG erfüllt seien. Ihrer Meinung
nach wäre es in diesem Fall zulässig, den Gewässerabstand zu unterschreiten.
6.1. Nach Art. 77bis Abs. 1 Satz 1 BauG sind Bestand und Erneuerung rechtmässig
erstellter Bauten und Anlagen, die den geltenden Vorschriften oder Plänen
widersprechen, gewährleistet. Umbauten, Zweckänderungen und Erweiterungen sind
nach Art. 77bis Abs. 2 BauGzulässig, soweit dadurch die Rechtswidrigkeit weder
vermehrt noch wesentlich verstärkt wird. Eine Vermehrung der Rechtswidrigkeit liegt
vor, wenn die Änderung zu einer Verletzung zusätzlicher Vorschriften führt, z.B. neben
der bestehenden Verletzung des Grenzabstandes auch noch zu einer Verletzung der
Ausnützungsziffer. Von einer Verstärkung der Rechtswidrigkeit spricht man, wenn eine
bereits verletzte Vorschrift in noch stärkerem Ausmass verletzt wird, z.B. indem ein
bereits unterschrittener Grenzabstand noch weiter unterschritten oder - wenn auch im
Mass der Unterschreitung gleichbleibend - durch zusätzliche Bauteile unterschritten
wird (Heer, a.a.O., Rz. 750 mit Hinweis). Die Frage, ob die Verstärkung der
Rechtswidrigkeit wesentlich ist, beurteilt sich anhand von zwei Kriterien. Zum einen
3
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach der Schwere der Verletzung des Schutzzwecks der Norm und zum anderen nach
dem Ausmass, in dem ein bestehender rechtswidriger Gebäude- oder Anlageteil
erweitert werden soll. Unwesentlich ist eine Verstärkung der Rechtswidrigkeit nur,
wenn weder der Schutzzweck der Norm erheblich beeinträchtigt, noch die Erweiterung
des bestehenden rechtswidrigen Teils für sich allein oder zusammen mit dem weiteren
Gebäude als bedeutsam bezeichnet werden muss (Heer, a.a.O., Rz. 752 mit Hinweis
auf GVP 2001 Nr. 95).
6.2. Im Gegensatz zur Auffassung der Beschwerdeführer steht eine wesentliche
Verstärkung der Rechtswidrigkeit im Sinn von Art. 77bis Abs. 2 BauG zur
Diskussion.Unbestritten geblieben sind die Feststellungen im angefochtenen
Entscheid, wonach der Gewässerabstand durch die Hälfte der ursprüngliche
Terrassenfläche von rund 6 m verletzt wurde und wonach diese innerhalb des
Gewässerabstands auf rund 17 m erweitert worden ist. Der Gewässerabstand wird
damit mit einer zusätzlichen Fläche von 11 m verletzt und gleichzeitig wurde eine rund
2,5 m lange Stützmauer innerhalb des Gewässerabstands erstellt.
6.3. Es ergibt sich somit, dass die im Bereich des Gewässerabstands liegende
Balkonerweiterung gestützt auf Art. 77bis Abs. 2 BauG nicht bewilligt werden kann.
Hinzu kommt, dass sie, wie dargelegt, mit den wichtigen Anliegender Raumplanung
nicht vereinbar ist (vgl. Ziff. 5.2. hievor).
7. Die Beschwerdeführer berufen sich weiter auf Art. 77 Abs. 1 lit. a BauG und machen
geltend, die Durchsetzung des Gewässerabstands bedeute für sie eine offensichtliche
Härte. Sie begründen dies damit, es sei ihnen nicht bewusst gewesen, dass gegenüber
dem T.-Bach ein Gewässerabstand einzuhalten sei und es sei unbillig, Art. 59 Abs. 1
BauG zur Anwendung zu bringen, weil der Schutzzweck des Gewässerabstands durch
die Terrassenerweiterung nicht verletzt werde.
7.1.Art. 77 BauG ist die gesetzliche Grundlage für die Abweichung von den
Vorschriften des Baugesetzes, des Baureglementes sowie von Zonen-, Überbauungs-
und Gestaltungsplänen. Die einzelnen Fälle sind in Art. 77 Abs. 1 lit. a-d BauG
abschliessend aufgezählt. Eine Ausnahmebewilligung ist u.a. möglich, wenn die
Anwendung der Vorschriften für den Bauherrn zu einer offensichtlichen Härte führt (Art.
2
2
2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
77 Abs. 1 lit. a BauG). Mit Hilfe der Ausnahmebewilligung kann in wirklichen
Sonderfällen von den Vorschriften abgewichen werden, wobei es sich um einen Fall
handeln muss, in dem die Anwendung der Vorschriften hart und unbillig wäre. Die
Härte muss in einem objektiven Nachteil bestehen, den der Bauherr im Verhältnis zu
Mitbürgern in gleicher oder ähnlicher Situation durch die strikte Anwendung der
Baunormen erleiden würde (GVP 2001 Nr. 94). Rein finanzielle Erwägungen oder rein
persönliche Gründe genügen für die Annahme einer Ausnahmesituation nicht (Heer,
a.a.O., Rz. 736 mit Hinweis).
7.2. Im vorliegenden Fall sind keine Gründe ersichtlich, die für die Annahme eines
Härtefalls sprechen und die es demzufolge rechtfertigen würden, eine
Ausnahmebewilligung zu erteilen. Das Verwaltungsgericht konnte anlässlich seines
Augenscheins feststellen, dass die Terrassenfläche ohne Verletzung des
Gewässerabstandes erweitert werden könnte. Eine Vergrösserung der Terrasse nach
Osten wäre auf Grund der tatsächlichen Verhältnisse möglich. Der Umstand, dass die
Terrassenerweiterung, wie sie verwirklicht worden ist, nicht bewilligt werden kann,
bedeutet für die Beschwerdeführer demzufolge keine offensichtliche Härte. Sodann
kann den Beschwerdeführern nicht gefolgt werden, wenn sie behaupten, die
Abstandsvorschrift von Art. 59 Abs. 1 BauG könne im konkreten Fall ihren Zweck nicht
erfüllen, weil der Schwellenbau, mit welchem die Parzelle aufgeschüttet worden sei,
eine Gefährdung des Grundstücks durch Hochwasser ausschliesse. Abgesehen davon,
dass die Beschwerdeführer anlässlich des Augenscheins des Verwaltungsgerichts
ausgeführt haben, die Schwellenverbauung sei beschädigt, liegt die Einhaltung des
Gewässerabstands nicht nur aus wasserbaupolizeilichen, sondern auch aus Gründen
des Naturschutzes im öffentlichen Interesse (vgl. Ziff. 5.2. hievor). Die wuchtige
Verbauung in un-mittelbarer Nähe eines Fliessgewässers mit einem Ufergehölz, das
durch die kommunale Schutzverordnung in seiner Substanz, seiner Erscheinungsform,
seiner Artenvielfalt und seiner flächenmässigen Ausdehnung geschützt ist (vgl. Art. 11
der Schutzverordnung der Beschwerdegegnerin), widerspricht diesen Interessen
erheblich, zumal alle Massnahmen in der unmittelbaren Umgebung von
Schutzgegenständen, welche diese beeinträchtigen, gemäss Art. 4 der
Schutzverordnung untersagt sind. Sodann hätte den Beschwerdeführern bei
zumutbarer Sorgfalt bewusst sein müssen, dass der Abbruch und der Wiederaufbau
der Terrasse ihres Ferienhauses mit doppelter Fläche in unmittelbarer Nähe des T.-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bachs und des Ufergehölzes und in der Landwirtschaftszone bewilligungspflichtig und
nicht ohne weiteres bewilligungsfähig sind.
7.3. Abgesehen davon, dass kein Härtefall im Sinn von Art. 77 Abs. 1 lit. a BauG
vorliegt, ist die Terrassenerweiterung im Bereich des Gewässerabstands sodann mit
den wichtigen Anliegen der Raumplanung nicht vereinbar.
8. Zu prüfen ist weiter, ob die Beschwerdeführer zu Recht verpflichtet worden sind, den
rechtmässigen Zustand wiederherzustellen.
8.1. Nach Art. 130 Abs. 2 BauG kann der Gemeinderat die Entfernung oder die
Abänderung rechtswidrig ausgeführter Bauten und Anlagen sowie die
Wiederherstellung des früheren Zustands verfügen. Können Bauten und Anlagen
aufgrund materieller Rechtswidrigkeit auch nachträglich nicht bewilligt werden, folgt
daraus somit nicht notwendigerweise, dass sie abgebrochen werden müssen. Vielmehr
sind in jedem Fall die allgemeinen verfassungsrechtlichen Grundsätze, insbesondere
das öffentliche Interesse und die Verhältnismässigkeit, welche in Art. 5 Abs. 2 der
Bundesverfassung (SR 101) ausdrücklich verankert sind, zu berücksichtigen (BGE 132
II 25 mit Hinweis; Heer, a.a.O., Rz. 1210 mit Hinweis; Chr. Mäder, Das
Baubewilligungsverfahren, Diss. Zürich 1991, Rz. 660 ff. und VerwGE vom 24. April
2003 i.S. T. und A. B.).
Vor dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit hält ein Grundrechtseingriff stand, wenn
er zur Erreichung des angestrebten Ziels geeignet und erforderlich ist und das verfolgte
Ziel in einem vernünftigen Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln, d.h. den zu seiner
Verwirklichung notwendigen Freiheitsbeschränkungen, steht. Ist eine Abweichung vom
Gesetz jedoch gering und vermögen die berührten allgemeinen Interessen den
Schaden, der dem Eigentümer durch den Abbruch entstünde, nicht zu rechtfertigen, ist
ein Beseitigungsbefehl unverhältnismässig (Urteil des Bundesgerichts vom 13. April
2007 i.S. O. und Chr. G., 1P.708/710/2006 mit Hinweisen; vgl. auch BGE 123 II 248 E.
4 und Heer, a.a.O., Rz. 1211 mit Hinweisen). Auf den Grundsatz der
Verhältnismässigkeit kann sich auch der bösgläubige Bauherr berufen. Er muss aber in
Kauf nehmen, dass die Behörden aus grundsätzlichen Erwägungen, namentlich zum
Schutz der Rechtsgleichheit und der baurechtlichen Ordnung, dem Interesse an der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wiederherstellung des gesetzmässigen Zustands erhöhtes Gewicht beimessen und die
dem Bauherrn allenfalls erwachsenden Nachteile nicht oder nur in verringertem Mass
berücksichtigen (BGE 132 II 40 und VerwGE vom 27. Februar 2007 i.S. S. H. mit
Hinweis auf VerwGE vom 14. September 2006 i.S. O. N. und S. AG mit weiteren
Hinweisen).
8.2. Die Beschwerdeführer bestreiten, bösgläubig gehandelt zu haben. Sodann halten
sie dafür, das öffentliche Interesse am Abbruch des Gartenhauses und am Rückbau
der Terrasse sei gering und zudem mit Kosten von rund 10'000.-- verbunden.
Wie ausgeführt (Ziff. 7 hievor), durften die Beschwerdeführer unter dem Gesichtspunkt
des Vertrauensschutzes nicht davon ausgehen, es sei ohne weiteres zu-lässig, neben
ihrem in der Landwirtschaftszone und in unmittelbarer Nähe eines Baches mit
Ufergehölz liegenden Ferienhaus ein freistehendes Gartenhaus zu erstellen und die
Terrasse abzubrechen, um sie im Anschluss daran mit einer doppelt so grossen Fläche
wiederaufzubauen. Sie haben das Risiko in Kauf genommen, die Bauten wieder
beseitigen zu müssen. An dieser Beurteilung ändert nichts, dass sie ein ortsansässiges
Bauplanungsbüro mit der Ausführung des Vorhabens betraut haben. Sodann ist das
öffentliche Interesse an der Beseitigung der Nebenbaute und der Terrassenerweiterung
nicht zuletzt aus präjudiziellen Gründen erheblich, zumal von einer geringfügigen
Abweichung vom Erlaubten nicht gesprochen werden kann. Hinzu kommt, dass die
finanziellen Interessen der Beschwerdeführer bei der Prüfung der Verhältnismässigkeit
nicht entscheidend ins Gesicht fallen. Abgesehen davon, dass bösgläubige Bauherren
damit rechnen müssen, dass ihre finanziellen Interessen nicht oder nur in geringem
Mass berücksichtigt werden, sind die Fr. 10'000.--, die nach ihrer Schätzung für den
Abbruch des Gartenhauses und den Rückbau der Terrasse erforderlich sind, zumutbar.
8.3. Somit ist die Beschwerde auch in dieser Hinsicht abzuweisen. Das öffentliche
Interesse am Abbruch des Gartenhauses und am Rückbau der Terrasse auf die von
derBeschwerdegegnerin verfügte Dimension überwiegt gegenüber dem privaten
Interesse der Beschwerdeführer an dem von ihnen geschaffenen rechtswidrigen
Zustand.
9. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde abzuweisen ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens den Beschwerdeführern aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 3'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 des Gerichtskostentarifs,
sGS 941.12). Sie wird mit dem Kostenvorschuss in gleicher Höhe verrechnet.
Ausseramtliche Entschädigungen sind nicht zuzusprechen (Art. 98 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 98bis VRP).
Demnach hat das Verwaltungsgericht