Decision ID: 945683dc-304a-4fbc-a4e1-3eab6c260156
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 27.04.2020 Art. 17 Abs. 2 ATSG. Revision der jährlichen Ergänzungsleistung. Die sog. "Kalenderjahr-Praxis" des Bundesgerichts hat keine Grundlage im Gesetz, weshalb sie nicht anwendbar ist. Das Vorliegen eines Revisionsgrundes ermöglicht keine umfassende Überprüfung der EL-Anspruchsberechnung, sondern nur derjenigen Berechnungspositionen, bei denen auf den Anpassungszeitpunkt hin eine Sachverhaltsveränderung eingetreten ist. Da sich bezüglich der Tagestaxe für den Aufenthalt in einer Pflegefamilie seit der erstmaligen Leistungszusprache nichts geändert hat, kann diese Berechnungsposition nicht überprüft werden. Abweisung der Beschwerde (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 27. April 2020, EL 2017/24). Aufgehoben durch Urteil des Bundesgerichts 9C_336/2020.
Entscheid vom 27. April 2020
Besetzung
Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-
Studerus; Gerichtsschreiberin Lea Hilzinger
Geschäftsnr.
EL 2017/24
Parteien
A._,
Beschwerdeführer,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vertreten durch Rechtsagent Edwin Bigger, RGB Consulting, Sonnenbühlstrasse 3,
9200 Gossau,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse,
Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
Gegenstand
Ergänzungsleistung zur IV (Pflegefamilie-Finanzierung)
Sachverhalt
A.
Die Mutter von A._ bezog neben einer Invalidenrente Ergänzungsleistungen (EL-
act. 26-2, 35-50). Da A._ seit dem 29. September 2013 in einer Pflegefamilie lebte
(vgl. EL-act. 35–1 ff.), berechnete die EL-Durchführungsstelle den ihn betreffenden Teil
der Ergänzungsleistung der Mutter separat. Mit Verfügung vom 13. Dezember 2015
sprach sie der Mutter mit Wirkung ab dem 1. September 2015 eine entsprechend
gesondert berechnete Ergänzungsleistung für A._ in der Höhe von Fr. 168.--
monatlich zu (EL-act. 24). Die EL-Durchführungsstelle hatte zwar eine Tagestaxe von
Fr. 20’579.-- ermittelt, aber nur eine Tagestaxe von Fr. 12’045.-- pro Jahr als Ausgabe
angerechnet (EL-act. 25). In der Verfügungsbegründung hielt sie fest, dass die
Begrenzung der Heimkosten (Pflegefamilie) für Kinder, welche eine IV-Kinderrente
bezögen, bei Fr. 33.-- pro Tag liege. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in
formelle Rechtskraft.
A.a.
Mit Verfügung vom 21. Dezember 2015 erhöhte die EL-Durchführungsstelle die
monatliche Ergänzungsleistung mit Wirkung ab 1. Januar 2016 zufolge einer Erhöhung
der kantonalen Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung
auf Fr. 176.-- (EL-act. 23). Auch diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtskraft. Diese Verfügung wurde am 1. Februar 2016 durch eine neue Verfügung
ersetzt, weil die EL-Durchführungsstelle erst verspätet erfahren hatte, dass sich die
Alimentenbevorschussung per 1. Januar 2016 von Fr. 9’684.-- auf Fr. 9’552.-- reduziert
hatte (EL-act. 19 ff.). Die Ergänzungsleistung belief sich nun rückwirkend ab dem
1. Januar 2016 auf Fr. 187.-- pro Monat. Auch diese Verfügung wurde unangefochten
formell rechtskräftig.
Mit Verfügung vom 19. Dezember 2016 erhöhte die EL-Durchführungsstelle die
laufende Ergänzungsleistung per 1. Januar 2017 zufolge einer entsprechenden
Erhöhung der kantonalen Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung auf Fr. 194.-- pro Monat (EL-act. 16 f.). Bereits am 16.
Dezember 2016 hatte sie allerdings erfahren, dass sich die Alimentenbevorschussung
per 1. Januar 2017 auf Fr. 9'528.-- reduzieren werde (EL-act. 15). Sie widerrief deshalb
ihre Verfügung vom 19. Dezember 2016, indem sie am 18. Januar 2017 eine weitere
Verfügung erliess, mit der sie die Ergänzungsleistung rückwirkend per 1. Januar 2017
auf Fr. 196.-- pro Monat erhöhte (EL-act. 13 f.).
A.c.
Gegen die Verfügung vom 19. Dezember 2016 liess A._ am 20. Januar 2017
Einsprache erheben (EL-act. 10). Das ihn vertretende Sozialamt beantragte die
Anrechnung der vollständigen, ungekürzten Tagestaxe und die Anrechnung sämtlicher
übriger Aufwendungen im Zusammenhang mit der Betreuung durch die Pflegefamilie.
Die Beschränkung der Tagestaxe auf maximal Fr. 33.-- sei bundesrechtswidrig. Am 1.
Februar 2017 liess A._ auch Einsprache gegen die Verfügung vom 18. Januar 2017
erheben (EL-act. 6). Mit Entscheid vom 8. Mai 2017 wies die EL-Durchführungsstelle
die Einsprache gegen die Verfügung vom 19. Dezember 2016 ab (EL-act. 2). Zur
Begründung führte sie aus, dass die bundesgerichtliche „Kalenderjahr-Praxis“ eine
umfassende Überprüfung der Berechnungsgrundlage ohne jede Bindung an frühere
Beurteilungen erlaube. Der Art. 1b der Verordnung über die nach dem
Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare Tagespauschale sei bundesrechtskonform.
Gemäss der aktuellen bundesgerichtlichen Rechtsprechung müsse eine
Sozialhilfeabhängigkeit bei einem EL-Bezug nicht in jedem Fall vermieden werden.
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.

Erwägungen
1.
Der Beschwerdeführer bezieht selbst keine Ergänzungsleistung, sondern erhält
lediglich einen – gesondert berechneten – Teil der Ergänzungsleistung der eigentlichen
EL-Bezügerin, nämlich seiner Mutter (vgl. Rz. 2220.01 der Wegleitung über die
Ergänzungsleistungen zur AHV und IV, WEL, Stand 1. Januar 2016). Dieser ist dazu
bestimmt, den Existenzbedarf des Beschwerdeführers zu decken. Die Auszahlung
erfolgt im vorliegenden Fall nicht an den Beschwerdeführer selbst, sondern an das
Sozialamt. Zur Erhebung einer Beschwerde ist gemäss dem Art. 59 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR
830.1) nicht nur der Bezüger einer Sozialversicherungsleistung, sondern jede Person
legitimiert, die durch eine Verfügung oder durch einen Einspracheentscheid berührt ist
Gegen diesen Einspracheentscheid liess A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer)
am 1. Juni 2017 Beschwerde erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die
Aufhebung des Einspracheentscheides und die Ausrichtung einer unter
Berücksichtigung aller notwendigen Fremdplatzierungskosten berechneten
Ergänzungsleistung. Zudem stellte er ein Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung. Zur Begründung der Beschwerde führte der Rechtsvertreter an,
es treffe zwar zu, dass das Bundesgericht neuerdings entgegen seiner bisherigen
Auffassung eine Sozialhilfeabhängigkeit von EL-Bezügern in einem Heim in Kauf
nehme. Diese neue Rechtsprechung ändere aber nichts an der Tatsache, dass die in
Art. 1b der kantonalen Verordnung über die nach dem Ergänzungsleistungsgesetz
anrechenbare Tagespauschale festgelegte Höhe der Tagestaxe nicht einmal die
elementarsten Bedürfnisse der Kinder in Pflegefamilien abdecke, weshalb sie als
gesetzwidrig zu qualifizieren sei.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am
22. Juni 2017 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
Das Gericht bewilligte am 27. Juni 2017 das Gesuch des Beschwerdeführers um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Beschwerdeverfahren (act. G 4).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und die ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat. Als
Empfänger eines Teils der Ergänzungsleistung seiner Mutter ist der Beschwerdeführer
durch den angefochtenen Einspracheentscheid offensichtlich berührt. Da die Höhe des
ihm direkt ausbezahlten Teils der Ergänzungsleistung seiner Mutter einen unmittelbaren
Einfluss auf seine persönliche finanzielle Lage hat und unter anderem für die
Beantwortung der Frage entscheidend ist, ob der Beschwerdeführer
Sozialhilfeleistungen beziehen muss, hat er ein schutzwürdiges Interesse an der
Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Einspracheentscheides. Der
Beschwerdeführer ist somit zur Beschwerdeerhebung im Sinne von Art. 59 ATSG
legitimiert. Da auch die übrigen Eintretensvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die
Beschwerde einzutreten.
2.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der Verfügung vom 19. Dezember 2016 den EL-
Anspruch des Beschwerdeführers per 1. Januar 2017 revisionsweise angepasst. Dabei
ist lediglich eine Berechnungsposition angepasst worden, nämlich die
Prämienpauschale Krankenversicherung. Während der laufenden Einsprachefrist hat
die Beschwerdegegnerin den EL-Anspruch mit einer Verfügung vom 18. Januar 2017
per 1. Januar 2017 wieder neu festgesetzt, und zwar weil sie übersehen hatte, dass am
16. Dezember 2016 eine Reduktion der Alimentenbevorschussung gemeldet worden
war (EL-act. 15). Sie hat also mit der Verfügung vom 18. Januar 2017 die Verfügung
vom 19. Dezember 2016, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht angefochten, aber auch
noch nicht rechtskräftig gewesen ist, ersetzen wollen. Gemäss Art. 53 Abs. 3 ATSG
kann der Versicherungsträger eine Verfügung oder einen Einspracheentscheid, gegen
die Beschwerde erhoben wurde, so lange wiedererwägen, bis er gegenüber der
Beschwerdebehörde Stellung nimmt. Das Vorgehen der Beschwerdegegnerin ist also
korrekt gewesen: Sie hat die Verfügung vom 19. Dezember 2016 in Anwendung von
Art. 53 Abs. 3 ATSG widerrufen und durch die Verfügung vom 18. Januar 2017
ersetzen können. Damit ist das Einspracheverfahren gegen die Verfügung vom 19.
Dezember 2016 gegenstandslos geworden und hätte abgeschrieben werden müssen.
Im angefochtenen Einspracheentscheid hätte sich die Beschwerdegegnerin folglich auf
die Verfügung vom 18. Januar 2017 und nicht auf die nicht mehr existierende
Verfügung vom 19. Dezember 2016 beziehen müssen. Der Anfechtungsgegenstand
des Einspracheverfahrens ist also nicht die Verfügung vom 19. Dezember 2016,
sondern einzig die Verfügung vom 18. Januar 2017 gewesen. Dies bedeutet, dass -
indirekt - der Entscheidinhalt der Verfügung vom 18. Januar 2017 den Streitgegenstand
des Beschwerdeverfahrens bestimmt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Bei der Verfügung vom 18. Januar 2017 hat es sich - der konstanten Praxis der
Beschwerdegegnerin gemäss - um eine reine Revisionsverfügung im Sinne von Art. 17
Abs. 2 ATSG gehandelt, deren Inhalt sich darauf beschränkt hat, die laufende
Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1. Januar 2017 an eine Erhöhung der
kantonalen Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung und
an eine Reduktion der Alimentenbevorschussung anzupassen. Die Zusprache einer
Dauerleistung für die Zukunft stützt sich stets auf eine Prognose über die
Sachverhaltsentwicklung ab. Diese Prognose lautet praktisch immer: Der Sachverhalt
bleibt unverändert. Mit dem Korrekturinstrument der Revision kann eine Dauerleistung
angepasst werden, wenn sich der Sachverhalt später ändert, so dass die der
ursprünglichen Verfügung zugrunde gelegte Sachverhaltsprognose nun falsch ist und
durch eine neue Prognose ersetzt werden muss. Die neue Prognose lautet wieder: Der
veränderte Sachverhalt wird sich nicht ändern. Mit der Revisionsverfügung wird dieser
neuen Sachverhaltsprognose Rechnung getragen (vgl. Ralph Jöhl, Die Revision nach
Art. 17 ATSG, in: JaSo 2012, S. 153 ff.). Die EL-Anspruchsberechnung setzt sich aus
den einzelnen Ausgabe- und Einnahmepositionen zusammen. Bezüglich jeder
einzelnen Berechnungsposition erfolgt eine Sachverhaltsprognose. In einem
Revisionsverfahren nach Art. 17 Abs. 2 ATSG können deshalb entsprechend dem
Wesen der Revision nur diejenigen Berechnungspositionen angepasst werden, die
tatsächlich von einer Sachverhaltsveränderung betroffen sind. Entgegen der
Auffassung des Bundesgerichts (vgl. BGE 141 V 15 E. 2.1; vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 5. Dezember 2016, 8C_668/2016 E. 5.2.2) kann der
Leistungsanspruch bei Vorliegen eines Revisionsgrundes im Sinne von Art. 17 Abs. 2
ATSG also nicht umfassend überprüft werden, denn ganz offenkundig lassen weder
der Wortlaut noch die Entstehungsgeschichte, der systematische Zusammenhang oder
der Sinn und Zweck des Art. 17 Abs. 2 ATSG dies zu. Im vorliegenden Fall haben sich
per 1. Januar 2017 lediglich die Höhe der anrechenbaren Krankenkassenprämie und
der Alimentenbevorschussung geändert. Vom Beschwerdeführer gerügt worden ist
jedoch eine andere Berechnungsposition, nämlich die Höhe der anrechenbaren
Tagestaxe für den Aufenthalt in einer Pflegefamilie. Diese beträgt seit der erstmaligen
Leistungszusprache per 1. September 2015 (Verfügung vom 13. Dezember 2015)
unverändert über den 1. Januar 2017 hinaus Fr. 33.-- pro Tag (entspricht Fr. 12'045.--
pro Jahr). Die Revision nach Art. 17 Abs. 2 ATSG kommt deshalb als
Korrekturinstrument für die Berechnungsposition "Tagestaxe" offenkundig nicht in
Betracht, denn der Sachverhalt hat sich hinsichtlich der Tagestaxe per 1. Januar 2017
nicht verändert.
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auch wenn hier die rechtmässige Interpretation des Art. 17 Abs. 2 ATSG zur
Anwendung gelangt, soll es nach der Auffassung des Bundesgerichts möglich sein, die
Höhe der (unveränderten) Tagestaxe ab 1. Januar 2017 zu überprüfen und die
entsprechende Ausgabenposition – und damit die Ergänzungsleistung – per 1. Januar
2017 zu verändern. Bei der Ergänzungsleistung soll es sich nämlich um eine auf das
Kalenderjahr bezogene Versicherung handeln, weshalb jede Verfügung in zeitlicher
Hinsicht nur für das laufende Kalenderjahr Rechtsbeständigkeit soll entfalten können.
Dies bedeutet nach der Auffassung des Bundesgerichts, dass die Grundlagen zur
Berechnung der Ergänzungsleistung im Rahmen der jährlichen Überprüfung per 1.
Januar ohne jede Bindung an die früher verwendeten Berechnungsfaktoren und
unabhängig von Art. 17 Abs. 2 ATSG und Art. 25 ELV von Kalenderjahr zu Kalenderjahr
neu sollen festgelegt werden müssen (vgl. BGE 128 V 39 E. 3b). Gemäss Art. 3 Abs. 1
ELG bestehen die Ergänzungsleistungen aus der jährlichen Ergänzungsleistung (lit. a)
und der Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten. Der Bundesrat hat in
seiner Botschaft zur 3. EL-Revision zu dieser Bestimmung ausgeführt, "die neue
Berechnungsart, welche im Gesetz verankert wird (Ausgaben minus Einnahmen), bietet
Gelegenheit zu regeln, woraus die Ergänzungsleistungen, für welche die Kantone
Subventionen erhalten, bestehen. [...]. Durch den Begriff "jährlich" wird unterstrichen,
dass es um eine Jahresberechnung geht. [...]. Die jährliche Ergänzungsleistung wird
jedoch periodisch wiederkehrend, nämlich monatlich, ausbezahlt" (Botschaft über die
3. Revision des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur AHV und IV [3. EL-
Revision] vom 20. November 1996, BBl 1997 I 1197, S. 1211). Der Begriff "jährlich"
bezieht sich also lediglich auf die Art der Berechnung der Ergänzungsleistungen, d.h.
der Bundesrat hat vorschreiben wollen, dass die Ergänzungsleistungen anhand einer
Jahresrechnung festzusetzen sind. Historisch betrachtet hat der Begriff "jährliche
Ergänzungsleistung" also keine verfahrensrechtliche Bedeutung gehabt. Auch die
systematische Interpretation spricht gegen eine Beschränkung der Wirksamkeit von
EL-Verfügungen auf die Zeit bis zum Ende des entsprechenden Kalenderjahres, denn
das Sozialversicherungsrecht sieht für Dauerleistungen grundsätzlich eine unbefristete
Leistungszusprache vor. Eine hiervon abweichende Regelung hätte daher explizit im
ELG statuiert werden müssen. Auch die teleologische Interpretation spricht gegen die
"Kalenderjahr-Praxis", da mit der Revision (Art. 17 Abs. 2 ATSG i.V.m. Art. 25 ELV) ein
ausreichendes Korrekturinstrument vorhanden ist und somit keine verfahrensrechtliche
Notwendigkeit für eine Beschränkung der Rechtsbeständigkeit einer EL-Verfügung bis
zum Ablauf des Kalenderjahres besteht (zum Ganzen vgl. Ralph Jöhl/Patricia Usinger-
Egger, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: Ulrich Meyer (Hrsg.), Schweizerisches
Bundesverwaltungsrecht, Band XIV, Soziale Sicherheit, 3. Auflage, Basel 2016, Rz. 15
ff.; vgl. auch den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 29.
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mai 2018, EL 2017/17 E. 2.2 [aufgehoben durch den Entscheid des Bundesgerichts
vom 30. Januar 2019, 9C_480/2018]). Abgesehen davon, dass die "Kalenderjahr-
Praxis" gesetzwidrig ist, enthält die dem angefochtenen Einspracheentscheid
zugrundeliegende Verfügung vom 18. Januar 2017 auch keinen Hinweis darauf, dass
die Beschwerdegegnerin die "Kalenderjahr-Praxis" - entgegen ihrer ständigen und im
Verfügungsverfahren konsequent auf alle Fälle angewendeten Praxis - hätte zur
Anwendung bringen wollen. Die Beschwerdegegnerin hat die Ergänzungsleistung also
offenkundig nicht für die Zeit ab dem 1. Januar 2017 komplett und ohne jede Bindung
an ihre früheren Verfügungen neu festsetzen wollen. Andernfalls hätte sie nämlich eine
umfassende Abklärung aller Einnahmen- und Ausgabenpositionen auf den 1. Januar
2017 vorgenommen. Mit ihrer Umdeutung der Revisionsverfügung vom 18. Januar
2017 im Einspracheverfahren hat die Beschwerdegegnerin versucht, den
Streitgegenstand zu verändern respektive auszuweiten: Im Einspracheverfahren sollten
im Sinne der "Kalenderjahr-Praxis" plötzlich alle Berechnungspositionen, also auch die
Höhe der Tagestaxe, überprüft werden können (wobei aber die zwingend notwendige
Überprüfung aller anderen Berechnungspositionen im Einspracheverfahren
unterblieben ist). Der Streitgegenstand des Einspracheverfahrens wird aber durch den
Inhalt der angefochtenen Verfügung definiert. Mit der Einsprache kann folglich nur
angefochten werden, was Gegenstand der angefochtenen Verfügung gewesen ist (H.
SEILER, Rechtsfragen des Einspracheverfahrens in der Sozialversicherung [Art. 52
ATSG], in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Sozialversicherungsrechtstagung 2007, S.
76). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin mit dem angefochtenen Einspracheentscheid (respektive mit der
ihm zugrundeliegenden Verfügung vom 18. Januar 2017) gemäss der ständigen Praxis
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen nicht alle Berechnungspositionen
umfassend haben überprüft werden können. Die Höhe der Tagestaxe ab 1. Januar
2017 hätte deshalb nicht Gegenstand der Beurteilung im Einspracheentscheid bilden
dürfen; damit kann sie natürlich auch nicht Gegenstand der Beurteilung im
Beschwerdeverfahren bilden.
Zu prüfen ist deshalb nur, ob die Anpassung der laufenden Ergänzungsleistung an
eine Erhöhung der kantonalen Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung und an eine Reduktion der Alimentenbevorschussung per
1. Januar 2017 rechtmässig gewesen ist. Diese Frage ist zu bejahen, denn die
kantonale Durchschnittsprämie hat sich tatsächlich per 1. Januar 2017 auf Fr. 1'236.--
erhöht und die Alimentenbevorschussung ist tatsächlich per 1. Januar 2017 auf Fr.
9'528.-- reduziert worden. Die Beschwerdegegnerin hat diesen beiden
Sachverhaltsveränderungen korrekt Rechnung getragen. Das Dispositiv des
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
angefochtenen Einspracheentscheides ist damit im Ergebnis richtig gewesen, auch
wenn die Begründung unhaltbar gewesen ist. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass, wenn im vorliegenden Fall eine
Überprüfung der Höhe der angerechneten Tagestaxe für den Aufenthalt in der
Pflegefamilie möglich gewesen wäre, dies wohl zu einer Gutheissung der Beschwerde
respektive zumindest zu einer teilweisen Gutheissung im Sinne einer Rückweisung der
Sache an die Beschwerdegegnerin zur weiteren Abklärung geführt hätte. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen ist in seinem − noch nicht rechtskräftigen,
vor dem Bundesgericht angefochtenen − Urteil vom 17. März 2020 (EL 2019/67)
nämlich zum Schluss gekommen, dass der Art. 1b Abs. 2 der Verordnung über die
nach dem Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare Tagespauschale (sGS 351.52)
gesetzwidrig sei, da er gegen Art. 11 Abs. 3 ELG verstosse. In der EL-
Anspruchsberechnung sei vielmehr die gesamte Tagestaxe zu berücksichtigen (vgl.
Erw. 2.5 des obgenannten Urteils).
3.4.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).4.1.
Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht. Praxisgemäss
wird in einem durchschnittlich aufwändigen EL-Fall eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- zugesprochen. Das Aktendossier ist im
vorliegenden Fall dünn gewesen, d.h. der Aufwand für das Aktenstudium ist
unterdurchschnittlich gewesen. Zudem hat sich das Verfahren auf eine Rechtsfrage
beschränkt, nämlich auf die Höhe der anzurechnenden Kosten für den Aufenthalt in der
Pflegefamilie. Insgesamt erscheint eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 2'000.--
als angemessen. Diese ist um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 des
Anwaltsgesetzes, sGS 963.70). Somit hat der Staat den Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers mit Fr. 1'600.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
zu entschädigen.
4.2.
Wenn es die wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschwerdeführers gestatten, kann
er zur Rückerstattung der Parteientschädigung verpflichtet werden (Art. 123 der
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte