Decision ID: 26bb5b8e-4d3e-5825-a55a-dad16e4c8eb9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerinnen sind syrische Staatsangehörige kurdischer
Ethnie mit letztem Wohnsitz in D._ (arabisch: E._). Sie ver-
liessen ihren Heimatstaat in Richtung Libanon und gelangten von dort aus
mit einem humanitären Visum auf dem Luftweg am (...) September 2015
in die Schweiz. Am 14. September 2015 stellten sie im Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum F._ ein Asylgesuch. Auf die Durchführung einer Be-
fragung zur Person wurde verzichtet und es fand lediglich eine Schnellre-
gistrierung statt. Das SEM hörte A._ (nachfolgend Beschwerdefüh-
rerin) am 21. Juni 2016 einlässlich zu ihren Asylgründen an.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie stamme aus dem Dorf
G._ nahe E._ (Gouvernement H._) und habe die
Schule bis zur 12. Klasse besucht. Nach ihrer Heirat im Jahr (...) habe sie
mit ihrem Ehemann in I._ gelebt und diesem bei der Arbeit in der
Landwirtschaft geholfen. Ihr Ehemann habe aktiv an Demonstrationen teil-
genommen und sei deshalb Drohungen ausgesetzt gewesen. Aus diesem
Grund seien sie im August 2011 nach J._ gezogen, wo sie gemein-
sam regelmässig an Demonstrationen teilgenommen hätten. Infolge seines
politischen Engagements sei ihr Ehemann ins Visier der Behörden geraten.
Eine erste telefonische Drohung habe er nicht ernst genommen und seine
Aktivitäten fortgesetzt. Nachdem er eine zweite Drohung erhalten habe,
seien eines Tages bewaffnete Personen zu ihnen nach Hause gekommen
und hätten ihn mitgenommen. Zehn Tage später sei er tot auf einem Feld
aufgefunden worden. Es sei ihr sehr schwer gefallen, dies psychisch zu
verarbeiten. Schliesslich habe sie sich aber entschieden, in die Fussstap-
fen ihres Mannes zu treten und seine Tätigkeiten weiterzuführen. In diesem
Sinne habe sie wieder an Demonstrationen teilgenommen, wobei sie auch
einmal zum Mikrofon gegriffen und das Regime kritisiert habe. Daraufhin
habe sie auf das Telefon ihres verstorbenen Mannes einen Anruf erhalten,
in welchem ihr und ihren Kindern gedroht worden sei. Sie habe Angst be-
kommen und sei zu ihren Eltern zurück nach G._ gezogen. Zwei
Monate später, im (...) 2013, hätten syrische Regierungstruppen einen
Bombenangriff auf ihr Heimatdorf verübt. Bei diesem Massaker seien zehn
Zivilpersonen getötet und zahlreiche weitere verletzt worden. Auch ihr
Sohn habe schwere Verletzungen erlitten und sei auf dem Weg ins Spital
verstorben. Zwei ihrer Brüder hätten in der Folge im Fernsehen die Regie-
rung kritisiert. Nach der Attacke seien "Havala", kurdische Einheiten, zu
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ihrem Dorf gekommen, um dieses insbesondere gegen die Al Nusra-Front
zu beschützen. Sie habe für diese Truppen gekocht und Verletzte gepflegt.
In der Gegend hätten aber viele Araber gelebt, darunter auch Spitzel für
die Al Nusra-Front, weshalb letztere erfahren habe, dass ihre Familie die
Havala unterstütze. Sie seien daher wiederum bedroht worden, diesmal
von Seiten der Al Nusra-Front. Ihre Familie habe deshalb im Juni 2013 be-
schlossen, in die Türkei zu gehen. Von dort aus sei ihr Bruder K._
in die Schweiz weitergereist, woraufhin sie finanziell nicht mehr in der Lage
gewesen seien, für das Leben in der Türkei aufzukommen. Etwa im No-
vember 2013 sei sie mit ihren Kindern und ihren Eltern nach D._
zurückgekehrt. Zwischenzeitlich hätten kurdische Kräfte die Kontrolle über
ihre Region übernommen, weshalb sie nichts zu befürchten gehabt habe.
Sie habe sich dort bei der Partei (...) engagiert und an Sitzungen teilge-
nommen. Die Sicherheitslage sei aber anhaltend prekär gewesen und es
habe tagtäglich in der Nähe Detonationen gegeben. Schliesslich habe sie
die Situation nicht mehr ausgehalten, da sie bereits ihren Mann und ihren
Sohn verloren habe. K._ habe schliesslich veranlassen können,
dass ihnen ein Visum für die Schweiz ausgestellt worden sei.
B.b Zum Nachweis ihrer Identität legten die Beschwerdeführerinnen ihre
syrischen Pässe im Original vor. Zudem wurden folgende Beweismittel zu
den Akten gereicht: USB-Stick mit Video- und Fotoaufnahmen, Polizeirap-
port betreffend den Tod ihres Sohnes (Kopie), Registrierungsbestätigung
der Ehe (Kopie) mit englischer Übersetzung, Einreisegesuch von
K._ zugunsten der Beschwerdeführerinnen, Übersetzung des syri-
schen Familienausweises, Todesurkunden des Sohnes sowie des Ehe-
manns mit Übersetzungen (Kopie), Sorgerechtsübertragung auf die Be-
schwerdeführerin durch den Schwiegervater (Original), UNHCR-Rations-
karte, drei Auszüge aus dem Zivilstandsregister (Originale mit Überset-
zung), Mitgliedsbestätigung der (...) vom 27.06.2016 (Original).
C.
Mit Verfügung vom 23. August 2018 – eröffnet am 1. September 2018 –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerinnen erfüllten die Flüchtlings-
eigenschaft nicht. Es lehnte ihre Asylgesuche ab und wies sie aus der
Schweiz weg, schob den Vollzug der Wegweisung aber wegen Unzumut-
barkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
D.
Mit Eingabe vom 1. Oktober 2018 erhoben die Beschwerdeführerinnen –
handelnd durch ihren Rechtsvertreter – beim Bundesverwaltungsgericht
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Beschwerde gegen diesen Entscheid und beantragten, die Sache sei zur
rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur erneuten Entschei-
dung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Verfügung der
Vorinstanz in den Dispositivziffern 1-3 aufzuheben, subeventualiter sei ihre
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren, subsub-
eventualiter sei die Unzulässigkeit anstatt der blossen Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er-
suchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie Beiordnung eines un-
entgeltlichen Rechtsbeistands in der Person des unterzeichnenden
Rechtsvertreters. Zudem hätten sie bei der Vorinstanz um Einsicht in die
Akten betreffend ihre legale Einreise in die Schweiz ersucht. Es werde da-
her beantragt, nach deren Eingang eine angemessene Nachfrist zur Be-
schwerdeergänzung anzusetzen. Als Beschwerdebeilagen wurden – ne-
ben einer Vollmacht, der angefochtenen Verfügung sowie einer Sozialhil-
febestätigung – Kopien von Ausländerausweisen sowie Asylentscheiden
von verschiedenen Familienangehörigen eingereicht.
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 8. Oktober 2018 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen und auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Den Beschwerdeführerinnen
wurde lic.iur. LL.M. Tarig Hassan als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet
und ihnen wurde die Gelegenheit eingeräumt, nach Gewährung der Akten-
einsicht durch die Vorinstanz eine Beschwerdeergänzung einzureichen.
F.
Mit Eingabe vom 17. Oktober 2018 teilten die Beschwerdeführerinnen dem
Gericht mit, sie hätten zwischenzeitlich vom SEM die beantragte Aktenein-
sicht erhalten. Es würden sich indessen keine weiteren Bemerkungen auf-
drängen, weshalb auf eine Beschwerdeergänzung verzichtet werde. Zu-
dem reichte der Rechtsvertreter eine Honorarnote zu den Akten.
G.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 14. November 2018 zur Be-
schwerde vom 1. Oktober 2018 vernehmen.
H.
Mit Eingabe vom 17. Dezember 2018 liessen die Beschwerdeführerinnen
eine Replik einreichen. Dieser lag eine aktuelle Honorarnote des Rechts-
vertreters bei.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, es gelinge der
Beschwerdeführerin nicht, glaubhaft zu machen, dass sie sich nach dem
Tod ihres Ehemannes politisch engagiert habe und deswegen bedroht wor-
den sei. So sei sie nicht in der Lage gewesen, genauer zu bezeichnen, wer
sie bedroht haben könnte. Bei ihrer Angabe, dass ihr Ehemann von den
syrischen Behörden getötet worden sei, handle es sich nur um eine Ver-
mutung, welche sie nicht nachvollziehbar habe begründen können. Der
Umstand, dass ihr Mann an Demonstrationen teilgenommen habe, be-
deute noch nicht, dass er ins Visier der Behörden geraten sei. Ihre diesbe-
zügliche Aussage, es gebe in ihrer Region viele Informanten, reiche dafür
nicht aus. Zudem habe sie zu seiner Festnahme lediglich ausgeführt, er sei
von vermummten, bewaffneten Personen abgeholt worden. Insgesamt
seien ihre Aussagen zum politischen Engagement ihres Ehemannes und
zu seiner Verhaftung äusserst vage und spekulativ ausgefallen, was Zwei-
fel daran wecke, ob er tatsächlich auf die von ihr geltend gemachte Art ums
Leben gekommen sei. Ihre persönliche Bedrohungslage erscheine daher
ebenfalls fraglich. Bei ihren Schilderungen falle zudem ein markanter
Strukturbruch ins Auge. Die Ausführungen zu ihrem politischen Engage-
ment, ihrer Motivation dafür und zur anschliessenden Verfolgung seien we-
nig substanziiert, während ihr Bericht zum erlebten Angriff auf G._
äusserst überzeugend ausgefallen sei. Letzterer enthalte eine Vielzahl an
Details, persönlichen Eindrücken und Nebenschauplätzen. Diese unter-
schiedliche Erzählweise bestätige den Verdacht, dass es sich bei den tele-
fonischen Drohungen durch Unbekannte um ein konstruiertes Vorbringen
handle. Dasselbe gelte auch für die Drohungen durch die Al Nusra-Front,
welche sie im freien Bericht nur mit einem einzigen Satz erwähnt habe,
nachdem sie zuvor über zwei Protokollseiten hinweg den Angriff auf
G._ geschildert habe. Als sie später weiter dazu befragt worden sei,
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habe sie weder die Täter noch die Form der Drohungen genauer bezeich-
nen können. Aufgrund ihrer oberflächlichen Angaben könne nicht davon
ausgegangen werden, dass sie persönlich ernsthaft Massnahmen von Sei-
ten der Al Nusra-Front zu befürchten gehabt hätte. Sodann habe die Be-
schwerdeführerin geltend gemacht, dass ihr Dorf von der syrischen Regie-
rung bombardiert worden und es während ihres Aufenthalts in D._
häufig zu Detonationen gekommen sei. Diese Ereignisse seien auf die all-
gemeine Kriegssituation in Syrien zurückzuführen und daher nicht asylre-
levant. Schliesslich sei sie aufgrund des vorgebrachten Engagements für
die (...) keinerlei Nachteilen ausgesetzt gewesen und es gebe keine Hin-
weise darauf, dass sie deswegen verfolgt worden wäre oder begründete
Furcht vor einer zukünftigen Verfolgung haben müsste. Die Vorbringen der
Beschwerdeführerin vermöchten folglich weder den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch jenen an die Flüchtlingseigen-
schaft nach Art. 3 AsylG zu genügen.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde geltend gemacht, dass es entgegen
der Auffassung der Vorinstanz verschiedene Indizien dafür gebe, dass der
Ehemann der Beschwerdeführerin tatsächlich im Visier des Regimes ge-
standen habe. Er habe gegen das Regime gerichtete Kundgebungen und
Veranstaltungen organisiert und andere Menschen motiviert, sich ebenfalls
zu engagieren. Bei den Demonstrationen habe er eine aktive Rolle einge-
nommen, indem er ins Mikrofon gesprochen oder Bilder des Präsidenten
zerrissen habe. Das syrische Regime habe überall seine Spitzel, welche
an den Demonstrationen teilgenommen und die dabei gesammelten Infor-
mationen an die Behörden weitergeleitet hätten. Die Beschwerdeführerin
habe auch ausführliche Angaben zur Festnahme ihres Ehemannes ge-
macht. Diese seien weder vage noch spekulativ, sondern erlebnisbasiert
und detailliert ausgefallen. Sie habe nachvollziehbar dargelegt, dass die
Motivation für ihr eigenes politisches Engagement die Fortsetzung der Tä-
tigkeiten ihres Ehemannes gewesen sei, weshalb sie aktiv an Demonstra-
tionen teilgenommen habe. Zudem habe sie erklärt, dass jede Person, die
sich an diesen Kundgebungen beteiligt habe, ins Visier des Regimes gera-
ten sei. Die Argumentation, dass die Darlegung der Drohungen verglichen
mit den Ausführungen zum Massaker in G._ eine andere Erzähl-
struktur aufweise, sei sehr gesucht. Die Beschwerdeführerin habe die er-
haltene telefonische Drohung ebenfalls äusserst präzise geschildert. Dabei
sei es nachvollziehbar, dass die Beschreibung eines traumatischen Erleb-
nisses, welches sich über mehrere Stunden hinweggezogen und bei dem
sie ihren Sohn verloren habe, detaillierter ausfalle als die Ausführungen zu
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einer einzelnen Drohung. Insgesamt sei von der Glaubhaftigkeit ihrer An-
gaben auszugehen. Als politisch aktive Kurdin, die sich bei Demonstratio-
nen gegen das Regime engagiert habe, gehöre die Beschwerdeführerin
einer besonders gefährdeten Gruppe an. In den Augen der Behörden habe
sie sich durch ihre Aktivitäten klar als Regimegegnerin hervorgetan. Hinzu
kämen die telefonischen Drohungen, die Entführung und Tötung ihres Ehe-
manns sowie der Fernsehauftritt ihrer Brüder, welche sie zusätzlich gefähr-
deten. Nicht zuletzt sei ihr bereits telefonisch damit gedroht worden, sie
und ihre Kinder würden dasselbe Schicksal erleiden wie ihr Ehemann. Sie
sei aufgrund ihrer politischen Anschauungen unmittelbar an Leib und Le-
ben bedroht, da sie bei einer Rückkehr nach Syrien Gefahr liefe, verhaftet,
gefoltert und gar mit dem Tod bestraft zu werden. Nachdem sie vor der
Ausreise ins Visier der Al Nusra-Front geraten sei, hätte sie auch mit einer
gezielten Verfolgung durch islamistische Gruppierungen zu rechnen. Das
Bundesverwaltungsgericht habe in diesem Zusammenhang bereits festge-
halten, dass in den nordsyrischen Regionen nicht von einer stabilen
Schutzinfrastruktur ausgegangen werden könne, welche einen adäquaten
Schutz vor Verfolgung durch Akteure wie dem Islamischen Staat (IS) zu
bieten vermöge. Zudem sei darauf hinzuweisen, dass die Türkei in der Zwi-
schenzeit eine Offensive in Nordsyrien gestartet habe. Von deren Auswir-
kungen hätten vor allem extremistische Kräfte profitiert. Die Beschwerde-
führerin habe auch von Seiten der türkischen Streitkräfte und deren is-
lamistischen Verbündeten ernsthafte Nachteile zu befürchten, da diese
nach dem militärischen Vorgehen gegen Afrin weitere nordsyrische Regio-
nen ins Visier nähmen. Schliesslich müsste sie aufgrund ihrer politisch ak-
tiven Familienangehörigen – ihres Ehemannes und ihrer Brüder – mit einer
Reflexverfolgung rechnen. Ihre Geschwister hätten Syrien wegen ihres po-
litischen Engagements sowie der damit verbundenen Verfolgung bereits
verlassen und – wie sich den Ausweiskopien in der Beschwerdebeilage
entnehmen lasse – in verschiedenen europäischen Staaten Schutz ge-
sucht. Insgesamt erfülle die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft
und es sei ihr Asyl zu gewähren.
Weiter habe die Vorinstanz die eingereichten Beweismittel nicht gewürdigt
und lediglich pauschal festgehalten, dass diese an ihrer Einschätzung
nichts ändern würden. Obwohl die Beweismittel die Darstellung der Be-
schwerdeführerin klar bestätigten, sei das SEM nicht darauf eingegangen.
In diesem Sinne sei die angefochtene Verfügung auch mangelhaft begrün-
det und der Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt worden.
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Sodann habe die Beschwerdeführerin ihr politisches Engagement für die
(...) in der Schweiz fortgesetzt und an entsprechenden Demonstrationen
teilgenommen. Es sei bekannt, dass das syrische Regime die Aktivitäten
seiner Staatsangehörigen im Ausland überwache. Nachdem es zahlreiche
Gebiete in Syrien zurückerobert und zunehmend an Stärke gewonnen
habe, sei davon auszugehen, dass es seine Überwachungstätigkeiten aus-
gebaut habe und diese nicht nur auf exponierte Personen beschränke. Da
die Beschwerdeführerin bereits in der Heimat politisch tätig und als Mitglied
der (...) aufgefallen sei, bestehe eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass ihre
exilpolitischen Tätigkeiten vom Regime registriert worden seien. Es lägen
somit auch subjektive Nachfluchtgründe vor.
4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, dass K._, der
Bruder der Beschwerdeführerin, insbesondere aufgrund seiner regierungs-
kritischen Äusserungen im Fernsehen nach dem Massaker von G._
in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei. Sie selbst habe aber
nicht angegeben, dass sie auf der betreffenden Videoaufnahme zu sehen
gewesen sei oder namentlich genannt worden wäre. Es sei deshalb nicht
davon auszugehen, dass diesbezüglich eine Bedrohungslage bestehe. Die
beigezogenen Akten des Bruders bestätigten vielmehr die Zweifel an der
Glaubhaftigkeit, nachdem dieser ausgesagt habe, sein Schwager – der
Ehemann der Beschwerdeführerin – sei eines natürlichen Todes gestor-
ben. Die eingereichten Beweismittel würden teilweise Sachverhaltsele-
mente belegen, welche zwar nicht bezweifelt würden, aber – wie nament-
lich das Massaker von G._ – nicht asylrelevant seien. Die anderen
Beweismittel würden keine Beweiskraft entfalten; so sei beispielsweise auf
der Todesurkunde des Ehemannes die Todesursache nicht aufgeführt und
die blosse Mitgliedschaft bei der (...), welche sie mit einer entsprechenden
Bestätigung zu belegen suche, vermöge noch keine begründete Furcht vor
zukünftiger Verfolgung zu begründen. Schliesslich sei darauf hinzuweisen,
dass die Beschwerdeführerin von der Intervention der türkischen Streit-
kräfte nicht individuell berührt worden sei und diese als eine Situation all-
gemeiner Gewalt im Rahmen der Kriegssituation zu betrachten sei. Davon
sei indessen die gesamte Bevölkerung gleichermassen betroffen. Zur gel-
tend gemachten Reflexverfolgung sei festzuhalten, dass das politische En-
gagement des Ehemannes als unglaubhaft eingestuft worden sei. Eine Re-
flexverfolgung wegen ihrer Brüder habe die Beschwerdeführerin nicht gel-
tend gemacht. Zudem verfügten die Brüder über kein exponiertes Profil,
weshalb nicht automatisch von einer Reflexverfolgung ausgegangen wer-
den könne. Der Umstand, dass K._ in der Schweiz Asyl gewährt
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worden sei, vermöge daran nichts zu ändern. Sodann stelle sich die Be-
schwerdeführerin auf den Standpunkt, dass das syrische Regime die Über-
wachung seiner Staatsangehörigen im Ausland ausgebaut habe und auch
wenig profilierte exilpolitische Aktivisten in dessen Fokus geraten könnten.
Diese Behauptung werde aber in keiner Weise belegt. Angesichts der nie-
derschwelligen politischen Tätigkeiten der Beschwerdeführerin sei nicht
davon auszugehen, dass sie deswegen bei einer Rückkehr begründete
Furcht vor einer Verfolgung haben müsste.
4.4 In der Replik wurde geltend gemacht, es sei unerheblich, dass die Be-
schwerdeführerin auf der Videoaufnahme mit den regimekritischen Aussa-
gen ihres Bruders nicht erwähnt werde. Vielmehr sei es das Ziel einer Re-
flexverfolgung, eine politisch aktive Person von weiteren Tätigkeiten abzu-
halten, indem ihre Familienangehörigen bedroht würden. Das verfolgte Fa-
milienmitglied müsse dabei nicht selbst politisch aktiv sein; alleine die Ver-
wandtschaft zur betreffenden Person reiche aus. Die Beschwerdeführerin
könne als Schwester der Person auf der Aufnahme identifiziert werden, da
sie denselben Nachnamen wie ihr Bruder trage, zu jenem Zeitpunkt im glei-
chen Dorf gewohnt und sich ebenfalls politisch engagiert habe. Soweit die
Vorinstanz ausführe, der Bruder habe im Rahmen seines Asylverfahrens
von einer natürlichen Todesursache seines Schwagers gesprochen, sei
festzuhalten, dass der Rechtsvertreter keine Einsicht in dessen Akten
habe. Telefonisch habe K._ ihm gegenüber aber erklärt, er könne
sich nicht daran erinnern, von einer natürlichen Todesursache des Ehe-
mannes seiner Schwester gesprochen zu haben; dieser sei zweifelsohne
vom syrischen Regime getötet worden. Er stehe voll und ganz hinter der
Aussage der Beschwerdeführerin und sei bereit, dies auch schriftlich dar-
zulegen. Weiter seien ihre Brüder in einem Ausmass politisch aktiv, dass
sie in der Schweiz und anderen Ländern den Flüchtlingsstatus erhalten
hätten. Ihre Familie sei dem syrischen Regime somit als oppositionell ein-
gestellt bekannt, weshalb sie bei einer Rückkehr eine asylrelevante Verfol-
gung zu befürchten habe. Das Bundesverwaltungsgericht habe im syri-
schen Kontext in anderen Fällen bereits eine drohende Reflexverfolgung
von Geschwistern politisch aktiver Personen bejaht.
5.
In der Beschwerdeschrift wird in formeller Hinsicht gerügt, die Vorinstanz
habe das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerinnen verletzt, indem sie
die vorgelegten Beweismittel nicht ausreichend gewürdigt habe. Es ist je-
doch festzuhalten, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung sämtli-
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che der eingereichten Beweismittel aufgeführt und sich zumindest zusam-
menfassend dazu geäussert hat. Im Rahmen der Vernehmlassung legte es
weiter dar, dass diese teilweise nur Sachverhaltselemente zu belegen ver-
möchten, welche nicht bezweifelt würden. Andere Beweismittel würden
keine Beweiskraft entfalten, da sich aus diesen keine asylrelevante Verfol-
gung ableiten lasse. Von einer mangelhaften Würdigung der Beweismittel
durch die Vorinstanz ist daher nicht auszugehen. Allein der Umstand, dass
die Vorinstanz aus den eingereichten Unterlagen andere Schlüsse zieht als
die Beschwerdeführerinnen, stellt keine Verletzung des rechtlichen Gehörs
oder der Begründungspflicht dar. Die formelle Rüge erweist sich als unbe-
gründet und es besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen.
6.
6.1 Glaubhaftmachung bedeutet – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein
reduziertes Beweismass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zwei-
fel an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt be-
reits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völ-
lig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle
Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber
nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdi-
gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge-
gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist
im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der
Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1).
6.2
6.2.1 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung zutreffend ausgeführt,
dass die Aussagen der Beschwerdeführerin zu den politischen Aktivitäten
ihres Ehemannes sowie den Drohungen, welche dieser erhalten haben
soll, äusserst vage ausgefallen sind. So gab sie an, ihr Ehemann sei poli-
tisch sehr aktiv gewesen und habe oft an Demonstrationen teilgenommen.
Auf Nachfrage präzisierte sie dies dahingehend, dass er seine Freunde
stets aufgefordert habe, sich ebenfalls an den Kundgebungen zu beteiligen
(vgl. A11, F102). Er habe auch Fotos des Präsidenten zerrissen, durch
Lautsprecher gesprochen und bei den Demonstrationen immer in der ers-
ten Reihe gestanden (vgl. A11, F105). Diese Ausführungen erweisen sich
als sehr knapp, insbesondere vor dem Hintergrund, dass es sich dabei um
den Anlass für die geltend gemachte Entführung und Tötung des Eheman-
nes handeln soll. Ebenso kurz äusserte sich die Beschwerdeführerin dazu,
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Seite 12
wie ihr Mann ins Visier der Behörden geraten sei. So soll es in der Region
viele Spitzel gegeben haben, welche dem Regime Informationen weiterge-
leitet hätten (vgl. A11, F106 f.). Auf die Frage, ob auch die Freunde des
Ehemannes – welche er zur Teilnahme an den Demonstrationen animiert
habe – ins Visier der Behörden geraten seien, erklärte die Beschwerdefüh-
rerin ausweichend, es seien viele Personen mitgenommen und ermordet
worden (vgl. A11, F104). Insgesamt bleiben ihre Angaben zu den politi-
schen Aktivitäten des Ehemannes und zur damit zusammenhängenden
Bedrohungslage sehr oberflächlich. Im Rahmen des freien Berichts sprach
sie pauschal davon, dass unbekannte Personen ihrem Mann gedroht hät-
ten, seine Familie auszulöschen, ohne zu präzisieren, von wem diese Dro-
hungen ausgegangen und auf welche Art diese ausgesprochen worden
seien. Ferner erwähnte sie, dass er – vor seiner Mitnahme – "eine zweite
Drohung" bekommen habe (vgl. A11, F99 S. 11). Auf entsprechende Nach-
frage erklärte sie später, ihr Mann habe nie erwähnt, wer ihn bedroht habe.
Er habe ihr nur gesagt, er bekomme "immer wieder" Telefonate von Leuten,
die für das Regime arbeiteten. Woher er letzteres gewusst habe, konnte
die Beschwerdeführerin nicht näher ausführen. Vielmehr gab sie in allge-
meiner Weise an, dass diejenigen, welche an Demonstrationen teilgenom-
men hätten, ins Visier der Behörden geraten seien (vgl. A11, F112 ff.). So-
mit handelt es sich bei der Annahme, dass Regierungsleute hinter den Dro-
hungen stünden, offenbar lediglich um vage Vermutungen der Beschwer-
deführerin, welche die Vorinstanz zu Recht als spekulativ bezeichnet hat.
Auch die Mitnahme des Ehemannes selbst schilderte sie lediglich sehr kurz
(vgl. A11, F99). Ihre Beschreibung der Entführer beschränkt sich im We-
sentlichen darauf, dass diese vermummt, schwarz gekleidet sowie bewaff-
net gewesen seien (vgl. A11, F109 ff.). In diesem Zusammenhang ist zu
berücksichtigen, dass in den Ausführungen der Beschwerdeführerin – wie
das SEM zutreffend feststellte – tatsächlich ein markanter Stilbruch ins
Auge sticht. Ihre Aussagen zum erlebten Angriff auf die Zivilbevölkerung in
G._ sind nicht nur sehr detailliert, sie enthalten auch zahlreiche Re-
alkennzeichen. Sie beschreibt namentlich verschiedene untergeordnete
Sachverhaltselemente und Aspekte, welche nicht mit dem Kerngeschehen
zusammenhängen, beispielsweise betreffend das Frühstück ihres Sohnes
(vgl. A11, F99 S. 13 ff.). Selbstverständlich kann nicht erwartet werden,
dass die anderen von der Beschwerdeführerin geschilderten Ereignisse
ebenso ausführlich dargelegt werden wie dieser offensichtlich sehr prä-
gende Vorfall, bei welchem sie ihren Sohn verloren hat. Nichtsdestotrotz
darf davon ausgegangen werden, dass sie einerseits substanziierte Anga-
ben zu den Umständen machen kann, welche zum Tod ihres Ehemannes
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Seite 13
geführt haben, und andrerseits in der Lage ist, eine selbst erlebte Bedro-
hungslage nachvollziehbar zu beschreiben. Das Ausmass, in welchem sich
die Erzähldichte der Ausführungen zum Massaker in G._ von jener
betreffend die anderen Vorbringen der Beschwerdeführerin unterscheiden,
ist jedoch gravierend. Einem mehrseitigen Bericht zu ersterem stehen we-
nige Sätze zu den politischen Aktivitäten, den erhaltenen Drohungen und
deren Hintergrund gegenüber. Ebenso knapp schilderte die Beschwerde-
führerin, wie sie selbst auf das Telefon ihres verstorbenen Mannes einen
Drohanruf erhalten habe. Ihre Angaben beschränken sich im Wesentlichen
darauf, dass sie danach fürchterliche Angst bekommen, ihren Vater ange-
rufen und ihn gebeten habe, sie ins Dorf zu bringen (vgl. A11, F99, S. 12 f.).
Die präzisierenden Nachfragen in diesem Zusammenhang beantwortete
sie in einigen kurzen, teilweise ausweichenden Sätzen (vgl. A11, F121 ff.).
Der Kontrast zu den vorangehenden Ausführungen zum Bombenangriff, in
welchen sie präzise und nachvollziehbar beschreibt, wie sie die Situation
wahrgenommen und was sie genau gemacht habe, ist augenfällig.
6.2.2 Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung ist festzuhalten, dass die An-
gaben der Beschwerdeführerin zum erlebten Bombenangriff auf
G._ klar als glaubhaft einzustufen sind. Ihre diesbezüglichen Aus-
sagen sind detailliert, von Realkennzeichen geprägt und werden durch die
vorgelegten Beweismittel – namentlich die Video- und Fotoaufnahmen so-
wie den Polizeirapport zum Tod ihres Sohnes – untermauert. Demgegen-
über sind die Vorbringen zu den politischen Tätigkeiten ihres Ehemannes,
den Drohungen welche er – und später auch sie selbst – erhalten habe
sowie zu dessen Entführung und Tötung vage, oberflächlich und auswei-
chend. Aufgrund der fehlenden Substanz der diesbezüglichen Ausführun-
gen sowie des massiven Bruchs in der Erzählstruktur ist festzuhalten, dass
es der Beschwerdeführerin nicht gelingt, diese Vorbringen glaubhaft zu
machen. Die genauen Umstände, welche zum Tod des Ehemannes geführt
haben – und ob er möglicherweise gar eines natürlichen Todes gestorben
ist, wie die Angaben des Bruders K._ nahelegen (vgl. Akten N [...],
B19 F31) – bleiben somit unklar. Es ist jedoch nicht davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin sich in der Folge exponiert politisch betätigt
hätte und daher selbst von denselben Personen, welche ihren Mann auf
dem Gewissen hätten, bedroht worden sei.
6.3 Die Beschwerdeführerin machte weiter geltend, sie habe in G._
die Havala unterstützt, indem sie für sie gekocht und Verletzte gepflegt
habe. Dadurch seien sie und ihre Familie ins Visier der Al Nusra-Front ge-
raten und von dieser bedroht worden, wodurch sie gezwungen gewesen
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seien, von dort wegzugehen (vgl. A11, F100). Wiederum erweisen sich ihre
Angaben zu den erhaltenen Drohungen als äusserst vage. So soll der Vater
der Beschwerdeführerin von befreundeten Arabern mit Verbindungen zur
Al Nusra-Front gewarnt worden sein (vgl. A11, F138 f.). Gleichzeitig er-
wähnte sie, auch die anderen Dorfbewohner hätten die Havala unterstützt
und seien ebenfalls bedroht worden (vgl. A11, F140 f.). Sie war jedoch nicht
in der Lage, konkret darzulegen, in welcher Form diese angeblichen Dro-
hungen ausgesprochen respektive überbracht worden seien (vgl. A11,
F154 ff.). Die Aussagen der Beschwerdeführerin vermitteln den Eindruck,
als habe es sich nicht um gezielt gegen sie und ihre Familie gerichtete Dro-
hungen der Al Nusra-Front, sondern um eine latente Bedrohung durch die
islamistische Miliz, von welcher alle (kurdischen) Dorfbewohner gleicher-
massen betroffen waren, gehandelt. In diesem Zusammenhang ist auch
darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin zwar – eigenen Anga-
ben zufolge aufgrund dieser Drohungen – vorübergehend in die Türkei
ging, wenige Monate später aber zusammen mit ihren Eltern in dieselbe
Gegend (D._) zurückkehrte (vgl. A11, F100 S. 16).
Weiter machte die Beschwerdeführerin geltend, sie seien nach der Rück-
kehr trotz des Umstands, dass die kurdischen Kräfte das Gebiet kontrolliert
hätten, nicht sicher gewesen, da es immer wieder zu Detonationen gekom-
men sei. Das SEM wies indessen zutreffend darauf hin, dass dies auf die
allgemeine Kriegssituation zurückzuführen war und es sich nicht um eine
gezielte Verfolgung aus einem der in Art. 3 AsylG genannten Gründe ge-
handelt hat. Auf Beschwerdeebene wird dargelegt, die Beschwerdeführerin
habe nach wie vor von islamistischen Gruppierungen eine Verfolgung zu
befürchten, da die kurdischen Behörden in Nordsyrien keinen ausreichen-
den Schutz vor diesen bieten könnten. Angesichts der obigen Ausführun-
gen ist jedoch davon auszugehen, dass sie selbst gar nie direkt von Ange-
hörigen der Al Nusra-Front bedroht worden war, sondern lediglich im glei-
chen Ausmass wie alle anderen Einwohner der Region, welche mehrheit-
lich die kurdischen Kämpfer unterstützt haben, einer gewissen Gefährdung
durch islamistische Milizen ausgesetzt war. Eine konkrete Bedrohung in
dem Sinne, dass die Beschwerdeführerin und ihre Familie diesen nament-
lich bekannt waren und auch zum heutigen Zeitpunkt noch damit rechnen
müssten, von der Nachfolgerorganisation der Al Nusra gezielt verfolgt zu
werden, liegt indessen nicht vor. Die geltend gemachte Gefährdung durch
islamistische Extremisten erweist sich nach dem Gesagten als nicht asyl-
relevant. Dasselbe gilt auch für die häufigen Detonationen in D._,
da diese mit der allgemeinen Kriegssituation zusammenhingen. In Bezug
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auf die in der Beschwerdeschrift vorgebrachte Bedrohung infolge der türki-
schen Offensive in Nordsyrien ist darauf hinzuweisen, dass – selbst wenn
dies zu einer Stärkung der islamistischen Gruppierungen geführt haben
sollte – nicht ersichtlich ist, inwiefern extremistische Milizen oder die türki-
schen Truppen gezielt gegen die Beschwerdeführerin vorgehen sollten. Es
ist nicht davon auszugehen, dass sie von deren Handlungen mehr als an-
dere (kurdische) Einwohner von Nordsyrien betroffen wäre. Folglich erwei-
sen sich diese Vorbringen insgesamt als nicht asylrelevant.
6.4 Auf Beschwerdeebene wird zudem geltend gemacht, die Beschwerde-
führerin habe aufgrund ihrer politisch aktiven Familie – ihres Ehemannes
und ihrer Brüder – ernsthafte Nachteile zu befürchten, zumal ihre Ge-
schwister infolge ihres politischen Engagements in verschiedenen europä-
ischen Staaten Schutz gesucht hätten. Eine Reflexverfolgung liegt übli-
cherweise vor, wenn Familienangehörige von politischen Aktivisten und Ak-
tivistinnen flüchtlingsrechtlich relevanten staatlichen Repressalien ausge-
setzt sind. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Anschlussverfolgung und
deren Intensität hängen stark von den konkreten Umständen und vom Län-
derkontext ab, was in jedem Einzelfall individuell zu beurteilen ist. Die auf
derartige Weise erlittenen Nachteile beziehungsweise die begründete
Furcht vor zukünftiger (Reflex-)Verfolgung muss sachlich und zeitlich kau-
sal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätz-
lich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. In diesem
Zusammenhang ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin in der An-
hörung nicht vorbrachte, sie habe infolge der politischen Tätigkeiten ihrer
Geschwister befürchtet, Opfer einer Reflexverfolgung zu werden. Es ist da-
rauf hinzuweisen, dass K._ insbesondere deshalb in der Schweiz
Asyl erhielt, weil er in einem Fernsehinterview seines Bruders L._
zu sehen gewesen war, in welchem dieser die syrische Regierung und die
islamistischen Milizen kritisiert hatte. Die Beschwerdeführerin reiste da-
nach zwar in die Türkei aus, kehrte aber kurz darauf zusammen mit den
Eltern wieder zurück. Es erscheint unwahrscheinlich, dass sie dies getan
hätte, wenn sie aufgrund der politischen Tätigkeiten ihrer Geschwister kon-
kret eine Reflexverfolgung von Seiten der syrischen Behörden befürchtet
hätte. Zudem ist anzumerken, dass ihre Eltern und eine Schwester nach
wie vor in D._ respektive J._ leben (vgl. A11, F87) und nicht
geltend gemacht wurde, diese seien infolge der politischen Tätigkeiten ih-
rer Angehörigen behelligt worden. Die Beschwerdeführerin legt auch nicht
dar, inwiefern ihre Brüder ein besonderes Profil aufweisen würden, welches
eine Reflexverfolgung als wahrscheinlich erscheinen lassen würde. Es ist
daher trotz des Umstands, dass verschiedene ihrer Geschwister in Europa
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um Schutz nachgesucht – und teilweise auch erhalten – haben, nicht an-
zunehmen, dass ihr wegen deren Aktivitäten von Seiten der syrischen Be-
hörden eine Verfolgung gedroht hätte oder zukünftig drohen würde. Ab-
schliessend ist festzuhalten, dass es ihr nicht gelang, ein massgebliches
politisches Engagement ihres Ehemannes und eine daraus resultierende
Gefährdung glaubhaft zu machen. Entsprechend ist auch nicht davon aus-
zugehen, dass sie in diesem Zusammenhang eine Reflexverfolgung zu be-
fürchten hätte.
6.5 Weiter brachte die Beschwerdeführerin vor, sie habe sich in der Heimat
auch politisch engagiert, indem sie während ihrer Zeit in D._ als
Mitglied der (...), einer Frauenorganisation, an Versammlungen teilgenom-
men habe. Dabei sei sie zu Familien nach Hause gegangen und habe bei-
spielsweise Frauen unterstützt, die misshandelt worden seien oder be-
stimmte Medikamente benötigt hätten (vgl. A11, F167 ff.). Sie machte je-
doch nicht geltend, in diesem Zusammenhang Probleme mit den heimatli-
chen Behörden erhalten zu haben. Ihr dahingehendes Engagement ist
denn auch als niederschwellig anzusehen und es ist nicht davon auszuge-
hen, dass dieses dem syrischen Regime bekannt geworden wäre und sie
deswegen eine Verfolgung zu befürchten hätte. Ihre exilpolitischen Tätig-
keiten beschränken sich auf die anhaltende Mitgliedschaft bei der (...) und
die einfache Teilnahme an Demonstrationen (vgl. A11, F171). Konkrete An-
haltspunkte dafür, dass die syrischen Behörden – wie auf Beschwerde-
ebene behauptet – ihre Überwachungstätigkeiten von im Ausland lebenden
Staatsbürgern ausgeweitet hätten und deshalb angenommen werden
müsste, die Beschwerdeführerin sei in deren Visier geraten, liegen nicht
vor. Vielmehr setzt die Bejahung einer begründeten Furcht vor Verfolgung
wegen exilpolitischer Tätigkeiten gemäss der Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts nach wie vor eine gewisse Exponierung voraus
(vgl. zum Ganzen Referenzurteil des BVGer D-3829/2013 vom 28. Oktober
2015 E. 6.3 sowie in jüngerer Zeit Urteile des BVGer E-1167/2020 vom
20. März 2020 E. 10.5.1 und D-1155/2020 vom 8. Mai 2020 E. 7.8). Es ist
folglich nicht davon auszugehen, dass die als sehr niederschwellig einzu-
stufenden (exil-)politischen Tätigkeiten der Beschwerdeführerin dazu füh-
ren, dass sie mit einer Verfolgung von Seiten der heimatlichen Behörden
zu rechnen hätte.
6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerinnen
nichts vorgebracht haben, was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft
nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Das SEM hat ihre
Asylgesuche daher zu Recht abgelehnt.
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7.
Lehnt das SEM ein Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, verfügt es
in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an;
es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Die Beschwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Das SEM hat in seiner Verfügung vom 23. August 2018 die Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs festgestellt und eine vorläufige Aufnahme der
Beschwerdeführerinnen in der Schweiz angeordnet. Wie die Vorinstanz in
ihrer Vernehmlassung zutreffend ausführte, sind die drei Bedingungen für
einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung – Unzulässigkeit, Unzu-
mutbarkeit und Unmöglichkeit – alternativer Natur (vgl. BVGE 2009/51
E. 5.4; Referenzurteil D-3839/2013 E. 8.4.1). Praxisgemäss erübrigen sich
daher weitere Ausführungen zur Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs.
Auf das entsprechende Eventualbegehren ist mangels Rechtsschutzinte-
resses nicht einzutreten.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt. Die Beschwerde ist daher abzuweisen, soweit
auf diese einzutreten ist.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf die Erhebung von
Kosten ist indessen angesichts der mit Verfügung vom 8. Oktober 2018
gewährten unentgeltlichen Prozessführung zu verzichten, zumal trotz der
Aufnahme einer Tätigkeit als Haushalthilfe in einem Alterszentrum im No-
vember 2020 nicht davon auszugehen ist, dass sich die finanziellen Ver-
hältnisse der Beschwerdeführerin grundlegend verbessert hätten.
10.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde den Beschwerdeführerin-
nen lic.iur. LL.M. Tarig Hassan als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet.
Dieser reichte mit der Replik eine Honorarnote vom 17. Dezember 2018 zu
den Akten, in welcher er einen Aufwand von 14.30 Stunden à Fr. 300.– und
Auslagen in Höhe von Fr. 20.90 geltend machte, insgesamt Fr. 4'642.85.
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Der zeitliche Aufwand erscheint vorliegend überhöht und ist zu reduzieren.
Zudem beträgt der Stundenansatz für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und
Vertreter – wie bereits in der Verfügung vom 8. Oktober 2018 dargelegt –
praxisgemäss Fr. 150.– und ist entsprechend anzupassen. Als angemes-
sen ist ein Aufwand von elf Stunden zu erachten, weshalb das amtliche
Honorar auf Fr. 1'800.– (gerundet, inklusive Auslagen und Mehrwertsteu-
erzuschlag) festzusetzen ist.
(Dispositiv nächste Seite)
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