Decision ID: f89a1a4e-0ebd-53e0-b16b-91d1aff36a8c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie aus Kopay (Jaffna Distrikt) – suchte am 30. Oktober 2015 in der
Schweiz um Asyl nach.
B.
Am 10. November 2015 wurde der Beschwerdeführer vom SEM aufgrund
schwerer Hörprobleme und Verständigungsschwierigkeiten stark verkürzt
zu seiner Person befragt (BzP). Die erste Anhörung fand am 10. Juli 2017
statt und wurde aufgrund deren beabsichtigten Fortsetzung in einem Män-
nerteam unterbrochen. Es wurden grössere Beeinträchtigungen der ge-
samten kognitiven Fähigkeiten des Beschwerdeführers, insbesondere sei-
nes Gehörs sowie seiner psychischen Verfassung, wie auch ein geringer
Bildungsgrad festgestellt. In der ergänzenden Anhörung vom 11. August
2017 wurden dieselben Beeinträchtigungen zuzüglich auffälliger Konzent-
rationsschwierigkeiten wahrgenommen und auch an der Zweitanhörung
vom 2. Oktober 2018 zeigte sich ein ähnliches Bild des Beschwerdefüh-
rers.
Anlässlich dieser Befragungen machte der Beschwerdeführer, nachdem er
zunächst angegeben hat, aus gesundheitlichen Gründen (Hörbehinde-
rung) aus seinem Heimatland ausgereist zu sein, im Wesentlichen geltend,
er habe 1995 ein Mitglied der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) be-
gleitet und sei dabei von der sri-lankischen Armee angeschossen worden.
Weil er in der Folge von unbekannten Personen bei den sri-lankischen Be-
hörden als Unterstützer der LTTE denunziert worden sei, sei er am
27. März 2007 von der sri-lankischen Armee festgenommen und in einem
Armeecamp misshandelt worden. Nach seiner gleichentags erfolgten Frei-
lassung sei er an seinem Wohnort wiederholt von den sri-lankischen Be-
hörden gesucht worden. Er habe sich deshalb einstweilen nach Colombo
begeben und sei dort von den sri-lankischen Behörden nochmals kurzzeitig
festgenommen worden. Aus Angst vor weiteren Behelligungen habe er sich
in der Folge so schnell wie möglich ausser Landes begeben.
C.
Das SEM verlangte in der Folge mit Schreiben vom 18. Juli 2019 weitere
Angaben zur medizinischen Behandlung des Beschwerdeführers, welche
dieser am 30. August 2019 und 7. Oktober 2019 beibrachte. Gemäss dem
Arztbericht des Inselspitals B._ vom 16. August 2018 wurde der Be-
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schwerdeführer an den Ohren operiert, weil beidseitig eine subtotale Trom-
melfellperforation und rechts eine an Taubheit grenzende kombinierte
Schwerhörigkeit nach Explosionstrauma sowie links eine höchstgradig
kombinierte Schwerhörigkeit festgestellt worden seien. Aufgrund der wei-
terhin bestehenden, stark störenden Hörminderung wurde ihm gemäss
Operationsbericht vom 16. Juli 2019 am 4. Juli 2019 ein knochenveranker-
tes Hörgerät implantiert. Im Weiteren wird dem Beschwerdeführer im Arzt-
bericht von Dr. med. C._ vom 25. September 2019 nebst einer aus-
geprägten psychischen Traumatisierung eine schwere somatische Schädi-
gung diagnostiziert, wobei bestimmte Reaktionsmuster mit zum Teil kind-
lich anmutenden Zügen eine bedingte Persönlichkeitsveränderung vermu-
ten liessen.
D.
Mit am 11. November 2019 eröffneter Verfügung vom 8. November 2019
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht und lehnte sein Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
E.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 9. Dezember 2019 beim
Bundesverwaltungsgericht gegen diesen Entscheid Beschwerde und be-
antragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei er als
Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei er
wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen.
In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewäh-
ren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten sowie ihm
die unterzeichnende Juristin als amtliche Rechtsbeiständin beizuordnen.
F.
Mit Schreiben vom 13. Dezember 2019 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
G.
Das Bundesverwaltungsgericht hiess die Gesuche um unentgeltliche
Rechtspflege sowie Rechtsverbeiständung mit Zwischenverfügung vom
17. Januar 2020 gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und ordnete dem Beschwerdeführer MLaw Denise Baltensperger als
amtliche Rechtsbeiständin bei.
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H.
Am 26. Februar 2020 reichte der Beschwerdeführer einen ärztlichen Be-
richt des Spitalzentrums D._, datiert vom 28. Januar 2020, ein.
I.
Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers ersuchte mit Eingabe vom
12. Januar 2021 um Entlassung aus ihrer amtlichen Bestellung. Gleichzei-
tig wurde beantragt, die ebenfalls bei der (...) Rechtsberatungsstelle für
Menschen in Not tätige Juristin, Eliane Gilgen, als neue amtliche Rechts-
beiständin beizuordnen. Sollte indessen das Gericht der Ansicht sein, die
Sache sei spruchreif und von weiteren Verfahrenshandlungen sei abzuse-
hen, werde darum gebeten, das vorliegende Gesuch als gegenstandslos
zu betrachten. Ausserdem sei ein allfälliges, der Unterzeichnenden zu-
stehendes amtliches Honorar deren bisherigen Arbeitgeberin, der (...)
Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not, auszurichten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer ist als Verfü-
gungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108
Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Ge-
setzesbezeichnung verwendet.
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2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition richtet sich im
Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schrif-
tenwechsel verzichtet.
3.
3.1 In der Beschwerde wird eine formelle Rüge erhoben, welche vorab zu
beurteilen ist, da sie gegebenenfalls geeignet ist, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Der Beschwerdeführer rügt in der Beschwerde die Verfahrensführung
der Vorinstanz und macht dabei eine Verletzung der Pflicht zur vollständi-
gen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts geltend.
Er stellt die Verwertbarkeit der Befragungsprotokolle der BzP vom 10. No-
vember 2015, der Anhörungen vom 10. Juli 2017, 11. August 2017 sowie
vom 2. Oktober 2018 in Frage und führt dazu aus, seiner Hörbehinderung
und seiner kognitiven Beeinträchtigung sowie seiner schlechten psychi-
schen Verfassung sei nicht angemessen Rechnung getragen worden. Er
sei nicht in der Lage gewesen, seine Asylgründe darzulegen. Die Vor-
instanz hätte weitere medizinische Abklärungen veranlassen müssen. So-
mit sei der rechtserhebliche Sachverhalt durch die Vorinstanz nur mangel-
haft abgeklärt worden.
3.3 Die Asylbehörde hat den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes we-
gen festzustellen (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Aus dem Anspruch auf
rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29 ff. VwVG i.V.m. Art. 6 und
Art. 29 AsylG) ergibt sich, dass Asylsuchende zu ihren Asylgründen anzu-
hören sind und ihnen das Recht zur Äusserung sowie die Möglichkeit, Ein-
fluss auf die Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts zu nehmen, zu
gewähren ist (vgl. Art. 30 Abs. 1 VwVG). Liegen konkrete Hinweise auf ge-
schlechtsspezifische Verfolgung vor oder deutet die Situation im Herkunfts-
land auf geschlechtsspezifische Verfolgung hin, so wird die asylsuchende
Person von einer Person gleichen Geschlechts angehört (Art. 17 Abs. 2
AsylG i.V.m. Art. 6 AsylV 1).
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3.4 Vorliegend geht das Gericht davon aus, dass die beim Beschwerdefüh-
rer vorliegenden Beeinträchtigungen (insbesondere bei den kognitiven Fä-
higkeiten) die Sachverhaltsermittlung durch das SEM übermässig er-
schwert haben. Es bestehen erhebliche Zweifel an der Anhörungsfähigkeit
des Beschwerdeführers.
3.5 Den Akten, insbesondere den beim SEM eingereichten medizinischen
Berichten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer physisch und psy-
chisch schwer beeinträchtigt ist. Auch hat das SEM (mittels Bemerkung)
bereits in der BzP festgehalten, dass die Befragung infolge der Hörprob-
leme des Beschwerdeführers zu Verständigungsproblemen geführt habe.
Gemäss dem Anhörungsprotokoll vom 10. Juli 2017 hat der Beschwerde-
führer auf seine Beeinträchtigungen hingewiesen und die Fragen mussten
vom SEM mehrfach wiederholt werden. Im dazugehörigen Unterschriften-
blatt der Hilfswerkvertretung (HWV) werden Beeinträchtigungen akusti-
scher sowie psychischer Art geltend gemacht und Zweifel am Vermögen
des Beschwerdeführers, die Fragen zu verstehen, angebracht. Selbst vom
SEM wurde bezüglich der Anhörungen vom 10. Juli 2017 und 11. August
2017 auf die Schwierigkeiten, den Beschwerdeführer angemessen befra-
gen zu können, hingewiesen. Explizit hielt es am 11. August 2017 fest, dass
es den Sachverhalt als «nicht wirklich erstellt» erachte und «mehr» unter
den gegebenen Umständen nicht möglich gewesen sei. Seine Schwierig-
keiten und sein Verhalten wurden vom SEM als authentisch erachtet. Die
HWV hielt diesbezüglich ausführlich ähnliche Bedenken fest, erachtete den
Sachverhalt deshalb als nicht erstellt und verwies erneut auf den proble-
matischen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers.
Aufgrund der diagnostizierten kognitiven Einschränkungen beziehungs-
weise der geltend gemachten labilen psychischen Verfassung bestehen
Zweifel, dass es dem Beschwerdeführer möglich gewesen wäre, hinrei-
chend kohärente und substanziierte Angaben zu machen, obwohl er drei-
mal einlässlich angehört und auch angehalten wurde, sich bei Verständnis-
schwierigkeiten sofort zu melden. Vielmehr erscheint ungewiss, ob der Be-
schwerdeführer die Tragweite und den Sinn der Fragen und entsprechen-
den Anweisungen tatsächlich verstanden hat. Weitere diesbezügliche Hin-
weise ergeben sich auch aus dem ärztlichen Bericht des Spitalzentrums
D._, Fachbereich Neurologie, datiert vom 28. Januar 2020, in wel-
chem festgestellt wird, dass eine kohärente Gesprächsführung aufgrund
der eingeschränkten Ressourcen nicht möglich erscheine. Auch im aktu-
ellsten ärztlichen Bericht vom 24. Februar 2020 des Spitalzentrums
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D._ werden die «ausgeprägten kognitiven Schwierigkeiten» wie-
derholt festgehalten.
Bei dieser Sachlage steht fest, dass der Beschwerdeführer nicht in der
Lage war, seine zentralen Vorbringen hinreichend darzulegen. Entspre-
chend sind die Befragungsprotokolle als unverwertbar einzustufen. Dies
hat zur Folge, dass der rechtserhebliche Sachverhalt als nicht richtig und
vollständig erhoben zu erachten ist.
4.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung
aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache zur vollständigen und
richtigen Erhebung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur neuen
Entscheidfindung an das SEM zurückzuweisen.
Die Vorinstanz ist dabei anzuweisen, die Anhörungsfähigkeit des Be-
schwerdeführers hinreichend abzuklären. Sollte die Vorinstanz zum Ergeb-
nis gelangen, die Anhörungsfähigkeit sei dauerhaft beziehungsweise lang-
fristig zu verneinen, hat es den Sachverhalt mit anderen Methoden als der
Anhörung zu erstellen. Als solche weiteren Methoden kommen zum Bei-
spiel die Befragung von Auskunftspersonen (wie etwa seine Cousine in der
Schweiz oder andere Verwandte des Beschwerdeführers), eine Bot-
schaftsabklärung, ein erneuter schriftlicher Fragekatalog, welcher unter
Umständen von weiteren Verwandten des Beschwerdeführers im Heimat-
land beantwortet werden könnte, in Betracht.
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 VwVG). Die unentgeltliche Rechtspflege sowie die Rechtsverbei-
ständung fallen dahin.
6.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechts-
vertreterin hat am 9. Dezember 2019 eine Honorarnote zu den Akten ge-
reicht, welche einen Vertretungsaufwand von 8.75 Stunden zu einem Stun-
denansatz von Fr. 150.– ausweist, was angemessen erscheint. Unter Be-
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rücksichtigung der seitherigen zwei Eingaben beläuft sich die zu entrich-
tende Parteientschädigung auf Fr. 1‘500.– (inklusive Mehrwertsteuerzu-
schlag). Die Vorinstanz wird demnach angewiesen, dem Beschwerdefüh-
rer eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1’500.– auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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