Decision ID: 4faa6c19-d9da-4552-b15e-e89dcb2acde8
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1970, war
seit 1996
als Teamleiterin Logis
tik/Kundenbetreuerin bei der
Y._
tätig (
Urk.
8/9 S. 2,
Urk.
8/13).
Diese löste das Arbeitsverhältnis aus wirtschaftlichen Gründen
am 25. März 2014
auf (
Urk.
8/13/8).
Unter Hinweis auf eine seit
der Kündigung
be
stehende Dep
ression meldete sich
X._
am 26.
September 2014
zum
B
ezug
von Leistungen der Invalidenversicherung
an
(
Urk.
8/
2
).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV
Stelle,
nahm den Auszug aus dem individuellen Konto
der Versicherten
zu den Akten (
Urk.
8/8), führte mit
ihr ein Standortgespräch
durch
(Urk.
8/9) und zog die Akten des Taggeldversi
cherers
(Urk.
8/10),
einen Hausa
rztbericht (
Urk.
8/12) und eine
n
Bericht de
r
Ar
beitgeber
in
(
Urk.
8/13)
bei
.
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (
Urk.
8/15) wies die IV-Stelle mit
Verfügung vom 1
8. März 2015 das Leistungsbegehren ab
(
Urk.
8/17 =
Urk.
2).
2.
Hiegegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 4. Mai 2015 Beschwerde und ersuchte um Zusprache von beruflichen Massnahmen (
Urk.
1 S. 2). Die IV-Stelle schloss m
it
Vernehmlassung
vom
5. Juni 2015
auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
7)
,
was der Beschwerdeführerin am 16. Juni 2015 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
9)
.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1
.1
Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung des angefochtenen Entscheids aus, die Beschwerdeführerin sei seit März 2014 in der Arbeitsfähigkeit erheblich eingeschränkt. Die anhaltende psychosoziale Belastungssituation, ausgelöst durch die Kündigung, habe zwar krankheitswertige Auswirkungen, sei aber nicht krankheitsbestimmend.
Es
hand
l
e sich um psychische Störungen, die vor
wiegend durch äussere Umstände oder eine ungünstige Umgebung verursacht w
ü
rden, bei zumutbarer Veränderung der Verhältnisse aber verschw
ä
nde
n
. Da solchen Störungen der Charakter der Dauerhaftigkeit fehle und überdies einer fachärztlichen Behandlung gut zugänglich und behandelbar seien, seien sie nicht invalidisierend. Es bestünden keine invaliditätsbedingten Einschränkun
gen in der Stellensuche, welche berufliche Eingliederungsmassnahmen erfor
derten
. Die Beschwerdegegnerin verwies die Beschwerdeführerin auf den Weg der Selbsteingliederung
(
Urk.
2).
In der Vernehmlassung ergänzte die Beschwerdegegnerin, aus den Akten gehe hervor, dass psychosoziale Faktoren im Vordergrund stünden. Weder eine mit
telgradige depressive Episode noch eine Anpassungsstörung stelle einen invali
denversicherungsrechtlich erheblichen Gesundheitsschaden dar. Die Beschwer
deführerin sei auch nicht von einer Invalidität bedroht (
Urk.
7).
1
.2
Dagegen brachte die Beschwerdeführerin vor (
Urk.
1), sie sei seit der Kündigung ihres langjährigen Arbeitsverhältnisses, der eine - näher beschriebene - Vorge
schichte vorausgegangen sei, zu 100
%
arbeitsunfähig. Im Zeitpunkt des Standortgespräches habe der Gesundheitszustand noch keine beruflichen Mass
nahmen zugelassen (S. 3 f.). Im Bericht des behandelnden
Z._
werde festgehalten, dass die diagnostizierte mittelgradige de
pressive Episode Krankheitswert habe und dass Rehabilitationsfähigkeit und Prognose gut seien; es seien
hingegen
keine psychosozialen oder soziokulturel
len Belastungsfaktoren festgestellt worden (S. 4 f.).
Die Beschwerdeführerin rügte eine ungenügende Abklärung
, weil die Beschwerdegegnerin weder vom
Z._
noch von ihrem Regionalen Ärztlichen Dienst einen Bericht eingeholt habe. Weiter vertrat sie die Auffassung, die zitierte bun
desgerichtliche Rechtsprechung (betreffend invalidisierender Gesundheitsscha
den) sei nicht per se auf die Eingliederung übertragbar; es könne sich auch aus einer Depression eine eigenständige, invalidisierende Krankheit entwickeln, weshalb s
ie sicherlich im Sinne von Art.
1
novies
der Verordnung zur Invaliden
versicherung (
IVV
)
von Invalidität bedroht sei (S. 7). Berufliche Massnahmen, namentlich in Form von Integrationsmassnahmen, Arbeits
versuch und Arbeits- respektive
Aufbautraining seien so schnell als möglich zu beginnen (S. 8).
1
.3
Die
angefochtene Verfügung
erschöpft sich
in der Abweisung des Leistungs
-
gesu
ches mit
der Feststellung, dass kein invalidisierender Gesund
heitsschaden vorlieg
e
. Aus dem Entscheid erhellt
jedoch
nicht,
über welche Leistungsbegehren die Beschwerdegegnerin
konkret
entschieden hat
.
Die Beschwerdeführerin stellte formell Antrag auf Zusprache von beruflichen Massnahmen
(
Urk.
1 S. 2), was sie
in der Beschwerdebegründung
dahingehend präzisierte, dass sie um Integrationsmassnahmen, Arbeitsversuch und Arbeits- respektive Aufbautraining ersuche (
Urk.
1 S. 8).
Für die Umschreibung des Prozessthemas ist nach den Regeln über den Anfech
tungs- und Streitgegenstand zu verfahren. Streitgegenstand im S
ystem der nachträglichen Verwal
tungsrechtspflege ist das Rechtsverhältnis, welches -
im Rahmen des durch die Verfügung bestimmten Anfechtungsgegenstandes - den aufgrund der Beschwerde
begehren effektiv angefochtenen
Verfügungsgegen
stand bildet. Anfechtungsgegenstand und Streit
gegenstand sind identisch, wenn die Verfügung ins
gesamt angefochten wird. Bezieht sich demgegenüber die Be
schwerde nur auf einzelne der durch die Verfügung be
stimmten Rechtsverhält
nisse, gehören die nicht beanstan
deten Rechts
verhältnisse zwar wohl zum An
fechtungs-, nicht aber zum Streitgegenstand.
1.4
Insoweit die verfügungsweise Abweisung des Leistungsbegehren
s
die Renten
frage beschlägt, blieb die Verfügung unangefochten, womit der Rentenanspruch
nicht strittig ist, was die Beschwerdeführerin
denn auch
nicht geltend machte. Vielmehr
verlangte
sie
die Zusprache von Massnahmen beruflicher Art (Arbeits
versuch)
im Sinne von Art. 18a des Bundesgesetzes über die Invalidenversiche
rung (IVG)
, aber auch
Integrationsmassnahmen
zur Vorbereitung auf die beruf
liche Eingliederung
nach Art. 14a IVG
.
Diese strittigen Fragen bilden
sicherlich
Gegenstand des angefochtenen Entscheid
s
, so dass im Folgenden
der Anspruch auf
die entsprechenden
Eingliederungsmassnahmen zu prüfen
ist
(vgl. dazu auch Urteil des Bundesgerichts 9C_670/2013 vom 4. Februar 2014 E. 3.3.2).
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
).
Sie kann Folge von Ge
burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
IVG)
.
Erwerbsunfähig
keit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Er
werbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Zur Annahme der Invalidität nach Art. 8 ATSG ist – auch bei psychischen Erkran
kungen – in jedem Fall ein medizinisches Substrat unabdingbar, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosozi
ale und soziokulturelle Faktoren wie beispielsweise Sorge um die Familie oder Zukunftsängste (etwa ein drohender finanzieller Notstand) im Einzelfall in den
Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vor
handen sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Be
funde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszu
ständen klar unterscheidbare andauernde Depression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Ar
beits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo die begutachtende Person dagegen im Wesentli
chen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben (BGE 127
V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2).
Wenn und soweit psychosoziale und soziokulturelle Faktoren zu einer eigentli
chen Beeinträchtigung der psychischen Integrität führen, indem sie einen ver
selbständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner – unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden – Folgen verschlimmern, können sie sich mittelbar invaliditätsbegründend aus
wirken (Urteil des Bundesgerichts 9C_537/2011 vom 28. Juni 2012 E. 3.2 mit Hinweisen).
2
.2
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähig
keit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu er
halten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen er
füllt sind (
Abs.
1).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen
laut Art. 8
Abs.
3 IVG
- unter ande
rem -
in:
-
Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliede
rung (lit. a
bis
);
-
Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbil
dung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe, lit. b);
Drohende Invalidität
im Sinne von Art. 8
Abs.
1 IVG
liegt gemäss Art. 1
novies
IVV vor, wenn der Eintritt
einer Erwerbsunfähigkeit überwiegend wahrschein
lich ist. Der Zeitpunkt des Eintritts der Erwerbsunfähigkeit ist unerheblich.
2
.
3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorak
ten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
3.
3.1
Im vom Taggeldversicherer veranlassten Bericht vom 4. Juni 2014
erhob
Prof.
Dr.
med.
A._
, Versicherungsmedizin
ischer Gutachter,
einen leicht verminderten Antrieb und Motivation, Affekt und Emotion seien sprunghaft wechselnd, zumeist niedergeschlagen eingeschränkt. Er nannte
verschiedene Di
agnose-Codes (
ICD-10 F43.21 [
Anpassungsstörung
]
,
ICD-10
Z60.8
[
Sonstige Probleme mit Bezug auf die soziale Umgebung
]
und ICD-10
Z 56.-
[
Probleme mit Bezug auf Berufstätigkeit oder Arbeitslosigkeit
]
)
.
Prof
.
Dr.
A._
wies darauf hin, dass die Kündigung nach 18-jähriger Betriebszugehörigkeit eine krankheitswertige psychosoziale Belastungssituation ausgelöst habe, die seit März 2014 die volle Ausschöpfung der Leistungsfähigkeit verhindere.
Eine Besserung
der depressiven Abwehrhaltung und Verhaltenshemmung
durch die seit Mai 2011 stattfindende therapeutische und medikamentöse Behandlung
sei bislang nicht eingetreten.
Weiter führte er aus
,
die Beschwerdeführerin sei ab Mitte Juli 2014 wieder zu 50
%
arbeitsfähig in der bisherigen Tätigkeit mit stu
fenweiser Steigerung auf ein volles Pensum
in den folgenden zwei Monaten. Eine berufliche Integration sei dringend erforderlich, um die drohende Chronifi
zierung der Anpassungsstörung aufzuhalten (Urk. 8/10/14-15).
Am
17. September 2014
berichtete Prof.
Dr.
A._
dem Taggeldversicherer
erneut
.
Er sprach von einer seit der letzten Untersuchung weiter ausgeweiteten Chronifizierung der Anpassungsstörung. Er empfahl therapeutische und berufli
che Eingliederungsbemühungen, die eine behutsame Wiederaufnahme einer beruflich zu verwertenden Tätigkeit ins Auge fasse.
Er postulierte eine Arbeits
fähigkeit von
nurmehr
30-50
%
für jede Tätigkeit. Dazu legte er dar,
dass die anhaltende psychosoziale Belastungssituation (ausgelöst durch die Kündigung) zwar krankheitswertige Auswirkungen habe,
sie
sei aber nicht seit März 2014 krankheitsbestimmend und einschränkend auf die Arbeitsfähigkeit
.
Vielmehr
steh
e
eine finanzielle Krisenproblematik im
Vordergrund, die sich in Zukunft durch die bislang nicht eingelösten Eingliederungsbemühungen
(neue Ste
l
lenorientierung und Bewerbung) eher verschärf
t
en
. Ferner wies er darauf hin, dass die Beschwerdeführerin einen wohlstrukturierten Tagesablauf vorgelegt habe, der die Fähigkeit zur Erledigung aller im Hause anfallenden Arbeiten ausweise, einschliesslich des Empfangs von Besuchen
(
Urk.
8/
10
/12).
Dass die Beschwerdeführerin den Allta
g ab Mai 2014 wie
der meistern konnte, bestätigte die behandelnde lic. phil.
B._
, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, im Bericht vom 18. August 2014. Allerdings legte sie dar, dass die Beschwerdeführerin nach der Untersuchung durch Prof.
Dr.
A._
zusammengebrochen sei,
da
er die Wiederaufnahme der gekündigten Tätigkeit verschrieben habe. Zur Zeit sei die Beschwerdeführerin nicht arbeitsfähig (Urk. 8/10/17).
3.2
Hausarzt dipl. med.
C._
, Facharzt für Chirurgie und Allgemeinmedizin, hielt
a
m 24. August 2014 eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
für nicht verantwort
bar, um den therapeutischen Fortschritt nicht zu gefährden. In Anbetracht der ausgeprägten Depression, begleitet von schizophobischen Erscheinungen, exis
tenziellen Ängsten, Panikstörungen und einer Destrukturierung des Lebens be
scheinigte er eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
(
Urk.
8/10/16).
3.3
Anlässlich des Standortgespräches vom 27. Oktober 2014
äusserte sich die Be
schwerdeführerin dahingehend, dass sie
über Hilfe bei der Eingliederung dank
bar sei. Sie habe
an einer Eingliederungsberatung Interesse, es
sei
aber noch zu früh für Eingliederungsmassnahmen, welcher Einsc
hätzung sich der Sachbear
beiter aufgru
nd des Eindrucks der Versicherten am Gespräch
anschloss
mit de
r
Empfehlung, den Bericht von
Dr.
A._
abzuwarten
(
Urk.
8/9/5)
.
3.4
Am 21. November 201
4
berichteten die Fachleute des
Z._
über die a
uf Zuweisung des Hausarztes
durchgeführte Abklärung. Sie nannten als Diagnose eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1), der sie Krankheitswert zuschrieben. Die körperliche und psychische wie auch die subjektive Rehabilitationsfähigkeit erachteten sie als gut, bescheinigten indes eine seit 25. März 2014 anhaltende Arbeitsunfähigkeit (
Urk.
8/12/6-7).
Vom 25. November 2014 bis 23. Januar 2015 stand die Beschwerdeführerin in tagesklinischer Behandlung im
Z._
.
Im von der Beschwerdeführerin aufgelegten, zu Handen des Taggeldversicherers verfassten Bericht
s
vom 25. März 2015 (
Urk.
3) wurde
wiederum
eine mittelgradige de
pressive Episode (ICD-10 F32.1) diagnostiziert
.
Dabei wurde darauf hingewiesen, dass sich z
u Beginn eine schwere und nach der Rehabilitationsbehandlung eine mittlere Depression
gezeigt
habe
(S. 2). Zur Arbeitsfähigkeit führten die Fach
leute aus, eine schrittweise berufliche Wiedereingliederung, beispielsweise mit einem Motivationstraining beziehungsweise einem Pensum von 20-30
%
,
wäre wünschenswert.
Die Belastbarkeit
im Arbeitsversuch soll
t
e aus psychischer Sicht und wegen der reduzierten Konzentrationsfähigkeit zu Beginn auf 20-30
%
re
duziert werden.
Aktuell
sei die Beschwerdeführerin
zu
100
% arbeitsunfähig auch für angepasste Tätigkeiten. Aus psychiatrischer Sicht könne sie diversen Tätigkeiten nachgehen.
Die Arbeitsfähigkeit könne sich nach weiterer Genesung und Stabilisierung gut entwickeln, da die Beschwerdeführerin motiviert sei und eine hohe Compliance zeige (S. 3). Sie wünsche sich eine Unterstützung bei der beruflichen Wiedereingliederung, weshalb sie schon wiederholt um ein
Case Management
ersucht habe, was der Krankentaggeldversicherer nicht bewilligt habe (S. 2).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin
verneinte
unter Hinweis auf Art. 8
Abs.
1 IVG
das Vorlie
gen einer Invalidität
, weil rechtsprechungsgemäss weder die Anpassungs
störung noch eine mittelschwere Depression eine Invalidität begründe. Dabei übersieht sie jedoch, dass das IVG keinen einheitlichen Invaliditätsbegriff kennt, sondern dem
System der leistungsspezifischen Invalidität
folgt
(BGE 126 V 241 E. 4
). Die für den Rentenanspruch geltenden Voraussetzungen können daher nicht unbesehen auf die einzelnen Eingliederungsmassnahmen übertragen wer
den. Was inhaltlich
in Bezug auf die Invalidität
erforderlich ist,
kann daher nur im Zusammenhang mit einer
bestimmte
n
Eingliederungsmassnahme
gesagt werden
. Es rechtfertigt sich
diesbezüglich
, die Invalidität nicht primär nach Art. 8
Abs.
1 IVG
zu
definier
en
, sondern nach der von der fraglichen Massnahme verlangten Einschränkung
(vgl. dazu
Silvia
Bucher, Eingliederungsrecht der In
validenversi
cherung, Bern 2011, S.
64 f. Rz
101 und Rz 103-104).
Denn an
dernfalls werden
die
Versicherten
mit Krankheitsbildern, welche
die
Rechtspre
chung
mit Blick auf den Rentenanspruch
als überwindbar qualifiziert, von den Eingliederungsmassnahmen
von vornherein
ausgeschlossen, was dem
nicht zu
letzt von der 5. IV-Revision verfolgten
Zweck
der
Unterstützung beim Erhalt der Erwerbstätigkeit und dadurch auch der besseren gesellschaftlichen Integration
- auch von psychisch Kranken
entgegenläuft.
Unter dem Blickwinkel der leistungsspezifischen Invalidität ist i
m Folgenden zunächst zu prüfen, wie es sich mit dem
Anspruch
der Beschwerdeführerin
auf Integrationsmassnahmen
nach Art. 14a IVG
verhält.
4.2
Versicherte, die seit mindestens sechs Monaten zu mindestens 50 % arbeitsunfä
hig (Art. 6 ATSG) sind, haben gemäss Art. 14a IVG Anspruch auf Integrations
massnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (Integrations
massnahmen), sofern dadurch die Voraussetzungen für die Durchführung von Massnahmen beruflicher Art geschaffen werden können (
Abs.
1).
Nach Art. 14a
Abs.
2 IVG gelten als
Integrationsmassnahmen gezielte, auf die berufliche Einglie
derung gerichtete Massnahmen zur sozialb
eruflichen Rehabilitation (lit.
a) und Beschäftigungsmassnahmen (lit. b). Es geht darum, bei denjenigen Versicherten, die aktuell nicht eingliederungsfähig sind oder deren Eingliede
rungsfähigkeit verloren zu gehen droht, die Eingliederungsfähigkeit herzustellen oder zu erhalten (BBl 2005 4521 ff., 4564; Erwin Murer, Invalidenversicherung: Prävention, Früherfassung und Integration, Bern 2009,
N.
4 und 31 zu Art. 14a IVG; Silvia Bucher, Die Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die be
rufliche Eingliederung nach Art. 14a IVG, in: Soziale Sicherheit - Soziale Unsi
cherheit, Festschrift für Erwin Murer zum 65. Geburtstag, 2010, S. 111). Ist aber jemand in einer anderen zumutbaren Tätigkeit arbeitsfähig, so ist er (in dieser anderen Tätigkeit) bereits eingliederungsfähig; er braucht keine Integrations
massnahmen mehr, um die Eingliederungsfähigkeit herzustellen. Es gibt keinen Grund, Massnahmen zur Ermöglichung einer beruflichen Eingliederung durch
zuführen, wenn auch ohne solche Massnahmen eine berufliche Eingliederung bereits umgesetzt werden kann (BGE 137 V 1 E. 7.2.3).
Nach Art. 4
quater
IVV in der hier anwendbaren, seit 1. Januar 2015 in Kraft stehen
den Fassung haben Anspruch auf Integrationsmassnahmen zur Vorbe
reitung auf die berufliche Eingliederung die Versicherten, die fähig sind, min
destens zwei Stunden täglich während mindestens vier Tagen pro Woche an Integrationsmassnahmen teilzunehmen (
Abs.
1).
4.3
Die in Art. 14a IVG geregelten Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung wurden durch die 5. IV-Revision eingeführt. Sie sollen bei der betroffenen Person die Voraussetzungen für Massnahmen berufli
cher Art schaffen (Art. 14a
Abs.
1 IVG) bzw. die betroffene Person auf den (Wieder-) Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt vorbereiten. Sie sind insbesondere für Personen mit Eingliederungspotenzial konzipiert, die psychisch noch nicht hinreichend stabil sind, um den direkten Einstieg in eine Erwerbstätigkeit in der freien Wirtschaft oder in eine Massnahme beruflic
her Art bewältigen zu können (
Silvia Bucher, Rentenaufhebung/
herabsetzung und Begleitmassnahmen nach der IV-Revision 6a, in: Luzerner Beiträge zur Rechtswissenschaft Band/Nr. 81, 2014, Rz 55).
Die Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung sollen möglichst niederschwellig ausgestaltet werden
(BGE 137 V 1 E. 5.3)
. Es soll rasch, einzelfallbezogen und auf die berufliche Eingliederung gerichtet in
terveniert werden können. Dies ist sinnvoll und notwendig, um Chronifizie
rungsprozessen so weit wie möglich vorzubeugen. Diese Massnahmen sollen versicherten Personen zugesprochen werden, deren massgebender Gesundheits
schaden eine Art und Schwere erreicht, welche die bisherige Arbeitstätigkeit seit mindestens sechs Monaten in einem Umfang von mindestens 50
%
einschränkt (
Botschaft zur Änderung des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
,
5. Revision, S. 4523 Mitte).
4.4
Anspruch auf sozialberufliche Rehabilitation
besteht
nur
, wenn die Eingliede
rungsfähigkeit auf Massnahmen beruflicher Art noch nicht gegeben ist (Art. 4
quater
Abs.
2 IVV); der Anspruch auf Beschäftigungsmassnahmen setzt voraus, dass die Eingliederungsfähigkeit in Bezug auf Massnahmen beruflicher Art ver
loren zu gehen droht (Art. 4
quater
Abs.
3 IVV).
Damit die Voraussetzungen zur Durchführung beruflicher Massnahmen geschaf
fen werden können, legte der Bundesrat fest, die versicherte Person müsse eine Präsenzzeit von mindestens zwei Stunden während mindestens vier Tagen pro Woche erfüllen können (Art. 4
quater
Abs.
1 IVV
).
4.
5
Der Beschwerdeführerin ist beizupflichten, dass die Integrationsmassnahmen
keine Invalidität voraussetzen
,
verweist doch Art. 14a
Abs.
1 IVG auf Art. 6 ATSG, der die Arbeitsfähigkeit definiert. D
er Beschwerdeführerin wird
seit der Kündigung im März 2014
nicht nur in der bisherigen, sondern in jeder Tätigkeit
eine
Arbeitsunfähigkeit attestiert
.
Die behandelnden Fachpersonen bescheinig
ten übereinstimmend eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
, während der Vertrau
ensarzt des Taggeldversicherers eine Arbeitsfähigkeit von zunächst 50
%
und später
nurmehr
von 30-50
%
für zumutbar hielt
.
Unter diesen Umständen
ist
die quantitative Voraussetzung der sechsmonatigen Arbeitsunfähigkeit von min
destens 50
%
jedenfalls
erfüllt (vgl. dazu auch BGE 137 V 1 E.
7.2.3).
Immerhin ist erforderlich, dass die Arbeitsunfähigkeit durch eine Beeinträchti
gung der psychischen Gesundheit bedingt ist
(E. 1.1 hievor)
, was die Beschwer
degegnerin
in Abrede
stellt
e
.
Dies
ist in Bezug auf
die von Prof.
Dr.
A._
genannten Z-Diagnosen nicht zu beanstanden
, da diese rechtsprechungsgemäss nicht unter den Begriff des rechtserheblichen Gesundheitsschadens fallen (Urteil des Bundesgerichts 9C_780/2014
vom
2.
Juni 2015
E. 4.1.1 mit Hinweisen).
Die weiter vom i
hm diagnostizierte
Anpassungsstörung
gilt
rechtsprechungsgemäss als vorübergehendes und damit nicht invalidisierendes psychisches Leiden
, was
auch
- aber nicht schlechthin (vgl. Urteil des Bundesgericht 9C_9172012 vom 14. August 2013 E. 3.2) -
für die seitens der behandelnden Fachleute genannte mittelgradige Depression
gilt
.
Allerdings verkennt
die Beschwerdegegnerin
, dass für die nach Art. 6 ATSG geforderte Arbeitsunfähigkeit
mit Blick auf die leistungsspezifische Invalidität (E. 4.1 hievor)
die Frage der
Überwindbarkeit und der
Invalidisierung des Lei
dens
im Sinne von Art.
7
Abs.
2 ATSG
ausser Acht zu
bleiben hat. Prof.
Dr.
A._
erwähnte zwar
psychosoziale Faktoren wie Zukunftsängste oder finanzielle Sorgen
, aber er
stellte
in Übereinstimmung mit den behandelnden Ärzten
trotzdem
den Krankheitswert der durch die Kündigung ausgelösten Stö
rung nicht in Frage.
Im Einklang mit dieser Betrachtungsweise steht,
dass das Bundesamt für Sozialversicherungen
in der
im Zusammenhang mit der 5.
IV-Revision
herausgegebenen
Broschüre Fragen und Antworten
zur 5.
IV
Revision
, ergänzte Fassung vom 5. Juni 2007 (abrufbar
unter
http://www.bsv.admin.ch/ dokumentation/gesetzgebung/00092/01581
)
,
unter Frage 7
Folgendes
ausführte
: „Die
5. IV-Revision ist auf diejenigen Personen ausgerichtet, die nicht an schweren, unheilbaren Krankheiten oder Unfallfolgen leiden. Es geht darum, bei Erkrankungen, die leicht chronifizieren, aber grund
sätzlich – sofern schnell gehandelt wird – nicht schwer verlaufen müssen, rasch und richtig einzugreifen, um einen Invalidisierungsprozess zu vermeiden. Dies sind z.B. mittlere Depressionen, Burnout-Situationen, Schleudertraumata oder somatoforme Schmerzstörungen.
“
4.6
Damit ist zu schliessen, dass die Beschwerdeführerin
entgegen der von der Be
schwerdegegnerin vertretenen Auffassung
die seitens der gesundheitlichen Ein
schränkungen geforderten Anspruchsvoraussetzungen
für Integrationsmass
nahmen
sowohl
in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht
erfüllt.
Mangels weitergehenden Erhebungen durch die Beschwerdegegnerin, bleibt un
klar, welche konkreten Integrationsmassnahmen (sozialberufliche Rehabilitation oder Beschäftigungsmassnahme; vgl. E. 4
.4
hievor) überhaupt in
Betracht fallen
und wie es sich mit der hiefür jeweils geforderten Eingliederungsfähigkeit (Feh
len für sozialberufliche Rehabilitation, drohender Verlust für Beschäftigungs
massnahme; Art. 4
quater
Abs.
2-3 IVV) verhält. Auch zur Gewährleistung des
un
verkürzten
Instanzenzuges ist daher die Sache zur
Prüfung der weiteren An
spruchsvoraussetzung im Hinblick auf
konkrete Integrationsmassnahmen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.
5.1
Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführerin der anbegehrt
e
Arbeitsversuch
(Art.
18a IVG) als Massnahme beruflicher Art zu gewähren ist.
Diese Massnahme wurde z
ur Wiedereingliederung im Sinn
e
von lit. a
Abs.
2
der Schlussbestimmung zur 6. IV-Revision
in Verbindung mit Art. 8a IVG
einge
führt. Es haben
indes
nur Rentenbezüger und Rentenbezügerinnen Anspruch auf diese Massnahme, wie
sich aus dem
Wortlaut von Art. 8a
Abs.
1 in Verbin
dung mit Art. 8a
Abs.
2 lit. b
IVG
ergibt. Diese Anspruchsvoraussetzung trifft für
die Beschwerdeführerin zweifelsohne nicht zu.
Für sie kommen im Rahmen von Massnahmen beruflicher Art nur, aber immerhin Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe in Fr
age (Art. 8
Abs.
3 lit. b IVG).
In Bezug auf den Arbeitsversuch
ist die Beschwerde
daher
abzuweisen.
5.2
Zusammengefasst führt dies zur
teilweisen
Gutheissung der Beschwerde
; soweit die angefochtene Verfügung den Anspruch auf Integrationsmassnahmen ver
neint
,
wird sie aufgehoben
mit der Feststellung, dass die Beschwerdeführerin seit wenigstens sechs Monaten arbeitsunfähig im Sinn von Art. 14a IVG ist und Anspruch hat auf Integrationsmassnahmen,
sofern die übrigen Anspruchsvor
aussetzungen erfüllt sind
.
Im Übrigen
ist
die Beschwerde ab
zu
w
ei
sen.
6
.
6
.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
700.-- anzusetzen.
Die Beschwerdegegnerin unterliegt
hinsichtlich der
Integrationsmassnahmen, während die Beschwerde
führerin in Bezug auf Massnahmen beruflicher Art unterliegt. Es rechtfertigt sich bei diese
m
Ausgang des Verfahrens
, die Gerichtskosten den Parteien je zur Hälfte
aufzuerlegen.
6
.2
Nach
§
34
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Partei
kosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens be
messen (
§
34
Abs.
3 GSVGer).
Nach Massgabe des Unterliegens
erscheint eine
um die Hälfte gekürzte
Prozessentschädigung von
Fr.
900
.-- (inkl. Mehrwert
steuer und Barauslagen) als angemessen.