Decision ID: 5d6f9be9-1875-5620-8c56-988886a0f417
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juli 2009 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe eine Berufslehre zum ._
absolviert und anschliessend als ._ gearbeitet. Das letzte Arbeitsverhältnis sei vom
Arbeitgeber per Ende April 2009 gekündigt worden. In seiner Freizeit betätige er sich
als B._. Die Klinik C._ hatte im Dezember 1995 berichtet (IV-act. 7), der Versicherte
habe sich von Mitte Juni 1995 bis Mitte September 1995 für eine stationäre
psychiatrische Behandlung in der Klinik befunden, nachdem er versucht habe, sich mit
Tabletten das Leben zu nehmen. Er habe sich in einer schweren Adoleszenzkrise bei
problematischen familiären Verhältnissen befunden, im Rahmen der stationären
Behandlung aber ausreichend stabilisiert werden können. In einem „provisorischen“
Bericht vom 17. Juli 2009 hielt die Klinik C._ fest (IV-act. 17–3 f.), der Versicherte sei
in der Zeit vom 4. März 2009 bis zum 17. Juli 2009 stationär behandelt worden. Er leide
an einer leichten depressiven Episode und an einer kombinierten
Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen, abhängigen und vermeidenden Zügen. Er
lebe alleine in einer Einliegerwohnung im Elternhaus, habe keine Arbeitsstelle,
engagiere sich aber als B._. Die Einweisung in die stationäre Behandlung sei wegen
einer Suizidgefährdung erfolgt. Der Versicherte habe an einem Erschöpfungszustand
als Folge von diversen psychosozialen Schwierigkeiten gelitten. Nach einer
tagesklinischen Behandlung und einer beruflichen Abklärung im Auftrag der IV-Stelle
konnte der Versicherte am 1. April 2011 eine Saison-Arbeitsstelle antreten (vgl. IV-act.
56). Im Januar 2012 berichtete die Klinik C._ (IV-act. 67), der Versicherte befinde sich
seit dem 20. Oktober 2011 aufgrund einer suizidalen Krise wieder in einer stationären
psychiatrischen Behandlung. Er habe schon als Kind darunter gelitten, dass seine
Mutter sich als eine Aussenseiterin gesehen und sich in den Alkoholismus geflüchtet
A.a.
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habe. Nach einer ersten Krise bereits während der Berufslehre habe sich der
Versicherte über sein Hobby als B._ stabilisieren können. Er habe das Hobby aber zu
extensiv betrieben und sich regelmässig an den Wochenenden in eine andere Welt
geflüchtet. Damit habe er den paranoiden Stressbewältigungsmechanismus
angewendet, den er im Elternhaus erlernt habe. In der tagesklinischen Behandlung, die
von Oktober 2009 bis Ende November 2010 gedauert habe, und in der
anschliessenden beruflichen Eingliederung habe er sich wieder stabilisieren können. Im
Sommer 2011 habe er einen Arbeitsversuch gestartet. Schon nach wenigen Wochen
sei er überlastet gewesen. Er habe das Pensum auf 80 Prozent reduzieren müssen,
obwohl es sich objektiv um eine einfache Tätigkeit gehandelt habe. In der Folge sei es
zu zwischenmenschlichen Problemen gekommen, die an die paranoiden
Beziehungsmuster angeknüpft hätten. Die Selbst- und die Fremdwahrnehmung seien
deutlich auseinander gegangen. Der Versicherte habe zunehmend paranoid reagiert. Er
sei vermehrt misstrauisch geworden und habe begonnen, sich beobachtet zu fühlen.
Als das Scheitern des Arbeitsversuchs absehbar geworden sei, habe sich der
psychische Zustand des Versicherten weiter verschlechtert. In der Folge habe er in die
Klinik eingewiesen werden müssen. Angesichts des aktuellen Zustandes sei eine
Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt nicht vorstellbar. In einem geschützten Rahmen könne
ihm ein Pensum von 60–80 Prozent zugemutet werden. In einem Bericht vom 15.
Dezember 2011 hielt die Klinik C._ fest, der Versicherte leide an einer paranoiden
Persönlichkeitsstörung sowie an einer mittelgradigen depressiven Episode (IV-act. 69).
Im August 2012 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD; IV-act. 83), die inzwischen umfangreiche medizinische Aktenlage bilde eine als
schwer beeinträchtigend zu sehende paranoide Persönlichkeitsstörung ab, die
testpsychologisch objektiviert worden sei (vgl. IV-act. 76). Es sei nicht damit zu
rechnen, dass in einer absehbaren Zeit eine wesentliche Stabilisierung im Sinne einer
sozial besseren Verträglichkeit eintreten werde. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt müsse
deshalb von einem auf einem tiefen Niveau stabilen Gesundheitszustand ausgegangen
werden. Bis auf weiteres bestehe keine Arbeitsfähigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt.
Mit einer Verfügung vom 18. März 2013 und 16. Mai 2013 sprach die IV-Stelle dem
Versicherten per 1. März 2010 eine ganze Rente bei einem Invaliditätsgrad von 84
Prozent zu (IV-act. 94 und 104).
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Im September 2014 erkundigte sich der Versicherte bei der IV-Stelle (IV-act. 115
und 117), ob er mit einer bezahlten Tätigkeit seinen Rentenanspruch gefährde. Er wies
darauf hin, dass er die Möglichkeit habe, die bislang „ehrenamtlich“ ausgeübte
Tätigkeit bei „kleinen Foto- und Film-Projekten“ auszudehnen und damit Geld zu
verdienen. Für ihn sei das „ein kleiner Strohhalm im Leben“. Die IV-Stelle antwortete,
solange das tatsächliche Erwerbseinkommen das zumutbarerweise erzielbare
Invalideneinkommen von 12’000 Franken gemäss der rentenzusprechenden Verfügung
nicht übersteige, sei der Rentenanspruch nicht gefährdet (IV-act. 116). Im Juni 2015
meldete der Versicherte (IV-act. 118 f.), dass er für ein „Photoshooting“ 1’423.45
Franken erhalten habe. Die „Statisterie und visuelle Kunst“ sei für ihn „eine
therapeutische Sache“. Im Jahr 2015 habe er sich aus der Musikszene zurückgezogen.
Für sein Selbstbewusstsein sei es gut, dass er sich auf Nachfragen hin als „Musiker
und Schauspieler“ ausgeben könne. Weil das „normale Volk“ nicht wisse, wie wenig
man für einen Dreh erhalte, könne er seine Invalidität „gegenüber neugierigen
Spiessern verstecken und diese knallhart anlügen“, dass er davon lebe. Die IV-Stellte
teilte ihm am 4. März 2016 mit, dass die erzielten Einnahmen die Rente nicht
beeinflussten und dass sie dem Versicherten weiterhin viel Freude bei der Ausübung
seines Nebenberufs wünsche (IV-act. 120).
A.b.
Eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle notierte im August 2016 (IV-act. 121), der
Versicherte sei Beobachtungen zufolge oft nachts unterwegs. Er erhalte immer wieder
Besuch von „Männern aus dem Ausland“. Er betätige sich oft im Garten. Zudem sei
nicht nachvollziehbar, wie er sich mit der IV-Rente zwei Autos und ein Motorrad leisten
könne. Die RAD-Ärztin Dr. med. E._ hielt im Januar 2017 fest (IV-act. 123), die
Freizeitaktivitäten stünden nicht unbedingt in einem Widerspruch zu den gestellten
Diagnosen, aber aus medizinischer Sicht sei es durchaus indiziert, das aktuelle
Aktivitäts- und Funktionsniveau zu überprüfen. Im Juni 2017 meldete der Versicherte
(IV-act. 126), dass er weitere Einnahmen erzielt habe. Er habe in einem Werbespot
mitwirken dürfen und er könne als Double einer bekannten Filmfigur verschiedene
Vorteile in Anspruch nehmen, beispielsweise gratis reisen. Eine Sachbearbeiterin der
IV-Stelle notierte im August 2017 (IV-act. 128), der Versicherte habe zwar verschiedene
Engagements und Einnahmen gemeldet, aber seine regelmässig gepflegten Konten in
den Sozialen Medien deuteten auf ein wesentlich höheres Aktivitätsniveau hin. Der
A.c.
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Versicherte lasse sich als Doppelgänger einer Filmfigur für Parties buchen und er habe
als B._ allein im Jahr 2017 Auftritte in (...) gehabt. Am 21. August 2017 forderte die
IV-Stelle den Versicherten auf, eine „lückenlose Aufstellung“ zu seinen Engagements
einzureichen. Im September 2017 reichte der Versicherte Unterlagen betreffend seinen
„selbständigen Nebenerwerb“ ein (IV-act. 135 ff.). Die behandelnde Psychiaterin Dr.
med. F._ berichtete am 9. Oktober 2017 (IV-act. 144–1 ff.), der Versicherte leide an
einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen, paranoiden und unreifen
Anteilen sowie an einer rezidivierenden depressiven Störung, die gegenwärtig remittiert
sei. Wegen der mit seiner Persönlichkeitsstörung assoziierten Erlebens- und
Verhaltensauffälligkeiten sei der Versicherte unter den Bedingungen der freien
Wirtschaft in den üblichen Arbeitsstrukturen dauerhaft nicht einsetzbar. Seine
Konfliktfähigkeit, seine Konzentrations- und Durchhaltefähigkeit und seine
Realitätsfähigkeit seien reduziert. Der Versicherte stelle überhöhte Erwartungen an die
soziale Umgebung und reagiere mit einer Enttäuschungsaggression, wenn diese nicht
erfüllt würden. Er leide an einer ausgeprägten subjektiven Asthenie mit einer
reduzierten körperlichen Leistungsfähigkeit. Für eine ideal behinderungsadaptierte
Tätigkeit sei eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent zu attestieren. Am 9. Mai 2018 fand
ein „Standortgespräch“ zwischen dem Versicherten, einem „Pflegefachmann“ des
Psychiatrischen Zentrums G._ und zwei Sachbearbeitern der IV-Stelle statt, bei dem
der Versicherte zu seinen Aktivitäten im Musik- und Filmgeschäft befragt wurde (IV-act.
159).
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. med. H._ am 14. November 2019 ein
psychiatrisches Gutachten (IV-act. 193). Er hielt fest, in der Untersuchung hätten sich
keine Beeinträchtigungen der Bewusstseinsklarheit oder der Bewusstseinshelligkeit
gezeigt. Der Versicherte sei zu allen Qualitäten voll orientiert gewesen und er habe die
Aufmerksamkeit und die Konzentration für die Dauer des Gesprächs durchgehend
aufrecht erhalten können. Die Auffassung sei ungestört gewesen. Es hätten sich nur
leichte Merkfähigkeitsstörungen gezeigt. Der formale Gedankengang sei unauffällig
gewesen. Der Versicherte sei kooperativ und bemüht gewesen, zu seiner Problematik
ausführlich Stellung zu nehmen. Der affektive Rapport sei etwas erschwert herstellbar
gewesen. Der Versicherte habe angegeben, dass er das Gefühl habe, verfolgt zu
werden, entweder von „Stalkern“, von der Polizei oder von anderen. Hinweise auf
A.d.
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Sinnestäuschungen seien aber nicht vorhanden gewesen. Die Grundstimmung sei
euthym und zeitweise etwas zum depressiven Pol hin verschoben gewesen. Die
affektive Modulationsfähigkeit sei eingeschränkt gewesen. Der Versicherte habe
Schuldgefühle, Insuffizienzgefühle, eine innere Unruhe, einen Zustand des Gereiztseins,
Ängste und Stimmungsschwankungen beschrieben. Zeitweise habe er etwas hypomim
gewirkt. Depressive Symptome habe der Versicherte nur auf gezielte Fragen hin
geschildert. Im Allgemeinen habe er vor allem über psychosoziale Belastungen, über
einen Diabetes und über eine Rosacea geklagt. Die Kriterien für die Diagnose einer
depressiven Störung seien nicht erfüllt. Die Diagnose einer kombinierten
Persönlichkeitsstörung scheine rückblickend nicht gerechtfertigt zu sein. Jedenfalls
könne nicht davon ausgegangen werden, dass eine gravierende Persönlichkeitsstörung
einen anhaltenden Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit des Versicherten gehabt hätte.
Immerhin habe dieser eine Ausbildung abgeschlossen und danach einige Jahre, wenn
auch mit einigen Stellenwechseln, auf dem Beruf gearbeitet. Auch wenn sich in den
Akten schon früh Hinweise auf gewisse Auffälligkeiten fänden, sei doch insgesamt
nach einer Sichtung aller mittlerweile vorliegenden Informationen nicht davon
auszugehen, dass die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung gestellt werden könne.
Zwar habe der Versicherte bei den Behandlungen und Untersuchungen ein Bild
gezeigt, das zu den Diagnosekriterien passe, aber die „sehr vielen“ dokumentierten
Aktivitäten in sehr vielen sozialen Situationen und Menschenmengen zeigten, dass die
Auffälligkeiten nicht durchgehend bestünden, sondern nur in bestimmten Situationen
präsentiert würden. Zusammenfassend sei deshalb nur eine rezidivierende depressive,
gegenwärtig remittierte Störung zu diagnostizieren, die sich nicht auf die
Arbeitsfähigkeit auswirke. Insgesamt bestehe der Eindruck, dass der Versicherte seine
Einschränkungen bei den Behandlungen und Untersuchungen gezielt demonstriere.
Weiter hielt Dr. H._ fest, der Umstand, dass der Versicherte bei der in seinem Auftrag
durchgeführten neuropsychologischen Testung (vgl. IV-act. 194) die Symp
tomvalidierungstests bestanden habe, ändere daran nichts, denn die Resultate der
neuropsychologischen Testung seien insgesamt unauffällig gewesen, was bedeute,
dass der Versicherte nicht an neuropsychologischen Defiziten leide. Das passe zu dem
von der IV-Stelle anhand der Selbstpräsentation des Versicherten im Internet
dokumentierten Verhalten, aber nicht zu dem von den behandelnden Ärzten
beschriebenen Konzentrationsdefizit. Dem Beschwerdeführer sei eine Erwerbstätigkeit
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jedenfalls uneingeschränkt zumutbar. Wann sich der Gesundheitszustand genau
verändert habe, lasse sich nicht sagen. Die RAD-Ärztin Dr. E._ qualifizierte das
Gutachten als überzeugend (IV-act. 195).
Mit einem Vorbescheid vom 23. Januar 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit (IV-act. 197), dass sie die Aufhebung der laufenden Rente vorsehe. Zur Begründung
führte sie an, gestützt auf das Gutachten von Dr. H._ müsse davon ausgegangen
werden, dass er nicht mehr an einer relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung leide,
sondern dass er die Symptome einer psychischen Erkrankung lediglich aggraviere oder
sogar bewusst vortäusche. Der Zeitpunkt der Verbesserung des Gesundheitszustandes
könne nicht genau bestimmt werden, aber weil die Rente mit Wirkung für die Zukunft
aufgehoben werde, spiele jener Zeitpunkt keine Rolle. Dagegen wandte der Versicherte
am 21. Februar 2020 ein (IV-act. 205), er sei nicht arbeitsfähig. Er habe versucht, sich
punktuell zu integrieren. Seine Auftritte seien jeweils von langjährigen Freunden
vorbereitet und organisiert worden. Am 8. April 2020 hielt ein „aufsuchend tätiger
Pflegefachmann“ fest (IV-act. 209–1 f.), er kenne den Versicherten schon seit langen
Jahren. Der Gesundheitszustand habe sich in den letzten Jahren nicht verbessert,
sondern eher verschlechtert. Der Versicherte habe „schmerzhaft realisiert“, dass es für
ihn in der Gesellschaft keine Möglichkeit gebe, wieder Fuss zu fassen. Aufgrund einer
äusseren Ähnlichkeit mit einer bekannten Filmfigur habe er sich eine Art „second life“
aufbauen können. In der Verkleidung habe er einige Gastauftritte in Clubs oder auf
Parties absolvieren können. So habe er die „so sehr erhoffte“ Aufmerksamkeit erhalten,
die ihm im normalen Leben gänzlich fehle; „kaum wieder zuhause kam der Absturz“.
Die Grenzen zwischen den beiden Personen hätten sich nach und nach mehr
verwischt. Die IV-Stelle und auch Dr. H._ hätten die Komplexität der Problematik
nicht erfasst. Es erscheine als unmöglich, dass der Versicherte je wieder einer
normalen Erwerbstätigkeit nachgehen könne. Der behandelnde Psychiater führte aus
(IV-act. 209–2 f.), bezüglich der depressiven Symptomatik teile er die Einschätzung von
Dr. H._. Allerdings scheine Dr. H._ die Persönlichkeitsstörung zu schnell „vom
Tisch gewischt“ und zu wenig gewürdigt zu haben. In letzter Zeit verlasse der
Versicherte nur noch als Filmfigur verkleidet das Haus. Das erfordere einen sehr hohen
Vorbereitungsaufwand, befriedige aber die narzisstischen Anteile der
Persönlichkeitsstörung. Es erscheine als fraglich, dass der Versicherte in der Lage
A.e.
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B.
gewesen sein solle, über Jahre bei mehreren klinischen, tagesklinischen und
ambulanten Behandlungen die Symptome einer Persönlichkeitsstörung zu aggravieren.
Der Abschluss einer Berufsausbildung stehe der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung
nicht entgegen. Der Versicherte habe an fast allen Arbeitsstellen Konflikte mit seinem
Umfeld und den Vorgesetzten gehabt. Die Auftritte hätten stets unter strengen
Sicherheitsvorkehren und unter dem Einfluss von Alkohol und Benzodiazepinen
stattgefunden. Aus psychotherapeutischer Sicht könne dies im Sinne einer Ich-
Stabilisierung zumindest für ein paar Tage gesehen und begründet werden. Abgesehen
davon habe sich der Versicherte kaum je aus seinem Wohnumfeld begeben. Die RAD-
Ärztin Dr. E._ notierte am 15. April 2020, der behandelnde Psychiater habe keine
neuen Gesichtspunkte genannt, weshalb seine Stellungnahme keinen ernsthaften
Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens von Dr. H._ wecke (IV-act. 211).
Mit einer Verfügung vom 16. April 2020 hob die IV-Stelle die laufende Rente auf das
Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats auf (IV-act. 212).
Am 18. Mai 2020 liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 16. April 2020 erheben
(act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung, die Einholung eines Obergutachtens bei Dr. med. I._ und eventualiter die
Rückweisung der Sache an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur
Einholung eines Gutachtens bei Dr. I._, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Zur Begründung führte er aus, obwohl die Beschwerdegegnerin Dr. H._ im
Auftragsschreiben darauf hingewiesen habe, dass Verweise auf Passagen im Fliesstext
nicht zulässig seien, habe dieser auf Seite 84 des Gutachtens einen solchen Verweis
gemacht. Darin sei ein formeller Mangel des Gutachtens zu erblicken. Entgegen der
Annahme von Dr. H._ sei der Pflegefachmann über die Auftritte des
Beschwerdeführers informiert gewesen. Das Gutachten enthalte keine genügend
aussagekräftige Begründung für das Verwerfen der Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung. Der Sachverständige Dr. H._ habe sich zu sehr von den
Auszügen aus dem „Facebook“-Profil des Beschwerdeführers leiten lassen.
B.a.
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Erwägungen
1. Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Ver
fügung auf deren Rechtmässigkeit. Deshalb muss sein Gegenstand jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens, das mit der angefochtenen Verfügung
abgeschlossen worden ist, entsprechen. Das Verwaltungsverfahren ist ein
Revisionsverfahren im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG gewesen, was bedeutet, dass es
auf die Beantwortung der Frage beschränkt gewesen ist, ob sich der relevante
Sachverhalt nach der ursprünglichen Rentenzusprache wesentlich verändert habe.
Auch dieses Beschwerdeverfahren muss sich folglich auf die Frage nach einer solchen
relevanten Sachverhaltsveränderung seit der ursprünglichen Rentenzusprache
beschränken.
2.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 20. August 2020 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, die Rüge des unzulässigen
Verweises im Gutachten ziele ins Leere. Dem Protokoll zur Befragung des
Beschwerdeführers lasse sich entnehmen, wie sich „der staunende Begleiter“
erkundigt habe, wann der Beschwerdeführer seine Auftritte in elf verschiedenen
Ländern absolviert habe. Der Sachverständige Dr. H._ habe sich konzis mit der Frage
nach einer Persönlichkeitsstörung auseinandergesetzt.
B.b.
Der Beschwerdeführer liess am 30. November 2020 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 12). Die Beschwerdegegnerin hielt am 20. Januar 2021 ebenfalls an ihrem
Antrag fest (act. G 15).
B.c.
Am 18. Februar 2021 liess der Beschwerdeführer eine Bestätigung des
Pflegefachmannes vom 17. Februar 2021 einreichen, wonach der Beschwerdeführer
immer wieder von seinen Aktivitäten im Ausland berichtet und keinen Hehl daraus
gemacht habe (act. G 17 und G 17.1). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine
Stellungnahme dazu (act. G 19).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin hat aufgrund eines anonymen Hinweises und zahlreicher
Aktivitäten, über die der Beschwerdeführer in den sogenannten „Sozialen Medien“
fortlaufend berichtet hatte, den Verdacht gehegt, dass sich dessen
Gesundheitszustand nach der Rentenzusprache erheblich verbessert haben könnte.
2.1.
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Zur Beantwortung der Frage, ob die vermutete Veränderung des
Gesundheitszustandes tatsächlich eingetreten sei, hat sie den psychiatrischen
Sachverständigen Dr. H._ mit einer Begutachtung des Beschwerdeführers
beauftragt. Dieser hat in seinem Gutachten festgehalten, dass das vom
Beschwerdeführer gegenüber den behandelnden Ärzten präsentierte Bild zwar in etwa
– wenn auch „nicht sehr scharf umschrieben“ – den Kriterien für die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung entspreche, dass mit dem „Observationsmaterial“ aber der
Nachweis erbracht sei, dass „diese Auffälligkeiten“ nicht durchgehend bestehen
könnten. Auch wenn Dr. H._ den Beschwerdeführer als in der eigenen Untersuchung
kooperativ bezeichnet hat, muss er also davon ausgegangen sein, dass der
Beschwerdeführer ihm zumindest teilweise „etwas vorgemacht“ habe. So hat er
beispielsweise festgehalten: „Bei der Untersuchung hat der Explorand eine gewisse
depressive Verstimmung demonstriert, in den Facebook-Einträgen war dies nie der Fall
[...] sodass man eigentlich davon ausgehen muss, dass der in den Facebook-Beiträgen
gezeigte Zustand eigentlich mehr oder weniger zuverlässig vorhanden ist und der
Explorand auf der anderen Seite bei den Behandlern und Untersuchern aber
zuverlässig eine andere Befindlichkeit demonstriert“ (IV-act. 193–85). Auf die
entsprechenden Fragen der Beschwerdegegnerin hin hat er mehrfach klar betont, dass
„von einer deutlichen Aggravation“ oder sogar von „eindeutigen Falschangaben“
ausgegangen werden müsse (IV-act. 193–91; vgl. auch IV-act. 193–90 und 193–92). In
seinen Ausführungen zum Verlauf hat Dr. H._ darauf hingewiesen, dass das im
Austrittsbericht der Klinik C._ betreffend die stationäre Behandlung vom 21.
September 2012 bis zum 9. November 2012 beschriebene Beschwerdebild, das
massgebend für die Rentenzusprache gewesen sei, praktisch unverändert weiter
bestehe, dass man aber retrospektiv davon ausgehen müsse, der Beschwerdeführer
habe die Symptome ab einem bestimmten Zeitpunkt lediglich noch vorgetäuscht (IV-
act. 193–89 f.). Folglich steht nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass sich die von Dr. H._ beschriebene
Sachverhaltsveränderung – die Ablösung der Symptome einer „echten“
Gesundheitsbeeinträchtigung durch lediglich noch „vorgetäuschte“ Symptome einer
nicht mehr bestehenden Gesundheitsbeeinträchtigung – erst nach der ursprünglichen
Rentenzusprache eingestellt hätte. Gestützt auf die Ausführungen von Dr. H._ könnte
sogar die Auffassung vertreten werden, dass der Beschwerdeführer gar nie an einer
„echten“ Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten habe. Retrospektiv lässt sich allerdings
die Frage, ob die in den im ursprünglichen Rentenverfahren eingeholten medizinischen
Berichten beschriebenen Symptome „echt“ oder „vorgetäuscht“ gewesen seien, nicht
mehr mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
beantworten, denn in antizipierender Beweiswürdigung kann von weiteren Abklärungen
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/13
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kein wesentlicher Erkenntnisgewinn hinsichtlich des nun schon Jahre zurückliegenden,
möglicherweise durch eine Aggravation „verschleierten“ Sachverhaltes erwartet
werden. Folglich liegt bezüglich des massgebenden Sachverhaltes im Zeitpunkt der
ursprünglichen Rentenzusprache eine objektive Beweislosigkeit vor. Diese würde an
sich jeden revisionsrechtlich zwingend erforderlichen Vergleich zwischen dem aktuellen
Sachverhalt im Revisionsverfahren und dem ursprünglichen Sachverhalt
verunmöglichen, was zur Folge hätte, dass die einmal zugesprochene Rente
„revisionsresistent“ wäre, das heisst nie mehr revisionsweise abgeändert werden
könnte. Das würde dem Sinn und Zweck des Art. 17 Abs. 1 ATSG diametral
zuwiderlaufen. Nach der Rechtsprechung des Versicherungsgerichtes des Kantons St.
Gallen ist deshalb in einem solchen Fall der im Revisionsverfahren aktuelle, mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesene
Sachverhalt nicht mit dem objektiv nicht mehr nachweisbaren Sachverhalt im Zeitpunkt
der ursprünglichen Rentenzusprache, sondern vielmehr mit jener Sachverhaltsannahme
zu vergleichen, die der ursprünglichen rentenzusprechenden Verfügung zugrunde
gelegen hat (vgl. etwa den Entscheid IV 2016/364 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 25. Juni 2019, E. 1.1, mit Hinweis). Für die Beantwortung
der Frage, ob sich der massgebende Sachverhalt seit der ursprünglichen
Rentenzusprache wesentlich verändert habe, muss hier folglich davon ausgegangen
werden, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache
an einer „echten“ Persönlichkeitsstörung gelitten hat, die eine Erwerbstätigkeit auf dem
freien Arbeitsmarkt verunmöglicht hat.
Der Sachverständige Dr. H._ hat in seiner Untersuchung keine objektiven
klinischen Befunde erheben können, die die Kriterien für die Diagnose einer für die
Arbeitsfähigkeit relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung erfüllt hätten. Unter
Berücksichtigung der Beiträge des Beschwerdeführers in den „Sozialen Medien“ (die
ihm von der Beschwerdegegnerin auszugsweise zur Verfügung gestellt worden waren)
hat er die subjektiven Angaben des Beschwerdeführers zu seiner
Gesundheitsbeeinträchtigung als nicht dem wahren Gesundheitszustand entsprechend
qualifiziert. Das hat sich natürlich nicht nur auf die subjektiven Angaben des
Beschwerdeführers gegenüber Dr. H._, sondern auch auf jene gegenüber den
behandelnden Ärzten bezogen, wobei Dr. H._ betont hat, dass im Rahmen einer
Behandlung kaum je eine gezielte Beschwerdevalidierung durchgeführt werde, weshalb
sich behandelnde Ärzte leichter täuschen liessen als Sachverständige, deren Auftrag
darin besteht, gezielt nach dem wahren medizinischen Sachverhalt zu forschen. So ist
zusammenfassend aus medizinischer Sicht nichts übrig geblieben, das ein
Arbeitsunfähigkeitsattest hätte rechtfertigen können. Der Beschwerdeführer hat geltend
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/13
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3. Die Beschwerde ist abzuweisen. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind
ausgangsgemäss dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Sie sind durch den von ihm
gemacht, dass die Auszüge aus den „Sozialen Medien“ nicht seinen wahren Zustand
widerspiegelten. Dieser Einwand überzeugt nicht. Der medizinische Sachverständige
Dr. H._ ist (mit seiner allgemeinen Lebenserfahrung und seiner medizinischen
Erfahrung) durchaus in der Lage gewesen zu beurteilen, ob die in den Auszügen aus
den „Sozialen Medien“ dokumentierten Aktivitäten mit der geltend gemachten
Gesundheitsbeeinträchtigung des Beschwerdeführers vereinbar seien. So hat er unter
anderem überzeugend darauf hingewiesen, dass die Anlässe jeweils lange im Voraus
geplant würden und dass der Beschwerdeführer seine Teilnahme an den Anlässen
nicht von seiner gerade aktuellen Tagesverfassung abhängig machen könne, weshalb
er folglich in der Lage sein müsse, die notwendige Willensanspannung für die
Teilnahme an den Anlässen aufzubringen. Auf den Filmsets muss der
Beschwerdeführer mit anderen Personen zusammenarbeiten. Dass ihm diese
Zusammenarbeit an teilweise mehreren Drehtagen hintereinander möglich, eine
Zusammenarbeit mit Arbeitskollegen bei einer anderen Tätigkeit dagegen unzumutbar
sein sollte, ist nicht einzusehen. Die Ausführungen des Beschwerdeführers zu seiner
angeblichen „Soziophobie“ überzeugen nicht, denn er hat selbst eingeräumt, dass er
sich nicht immer strikt auf Abstand von der Menschenmenge halten kann. Zudem
bietet der (fiktive) allgemeine und ausgeglichene Arbeitsmarkt einen breiten Fächer von
Tätigkeiten, die mit einem minimalen Kontakt mit Dritten verrichtet werden können,
sodass der Beschwerdeführer gar nicht gezwungen wäre, eine allfällige
Erwerbstätigkeit mit intensiven oder häufigen Sozialkontakten zu verrichten.
Zusammenfassend hat Dr. H._ überzeugend aufgezeigt, dass die in den Auszügen
aus den „Sozialen Medien“ dokumentierten Aktivitäten des Beschwerdeführers so
unvereinbar mit der geltend gemachten Gesundheitsbeeinträchtigung gewesen sind,
dass nur auf eine Aggravation oder sogar auf eine bewusste Vortäuschung von
Symptomen geschlossen werden kann. Weder im Gutachten von Dr. H._ noch in den
übrigen Akten findet sich ein Indiz, das wesentliche Zweifel an der Überzeugungskraft
dieser Schlussfolgerung von Dr. H._ wecken würde. Folglich steht gestützt auf das
Gutachten von Dr. H._ mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des Abschlusses des
Rentenrevisionsverfahrens uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen ist. Folglich ist er
nicht mehr invalid im Sinne des Art. 28 Abs. 1 IVG gewesen, weshalb die
Beschwerdegegnerin die laufende Rente zu Recht auf das Ende des der Zustellung der
angefochtenen Verfügung folgenden Monats aufgehoben hat.
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geleisteten Kostenvorschuss von 600 Franken gedeckt. Der unterliegende
Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.