Decision ID: 1004ba67-1796-4f8f-a75e-455897cddb3e
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist für die Fahrzeugkategorie B seit dem 25. Oktober 1965 fahrberechtigt. Wegen
einer mittelschweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften musste er
den Führerausweis für einen Monat – vom 28. Dezember 2012 bis und mit 27. Januar
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2013 – abgeben. Am Freitag, 3. Januar 2014, lenkte er um ca. 21.00 Uhr einen
Personenwagen in St. Gallen von der Molkenstrasse kommend in Richtung
Speicherstrasse. Auf der Höhe der Einmündung Speicherstrasse/Molkenstrasse
kollidierte er mit einem Richtung Stadtzentrum fahrenden, vortrittsberechtigten
Personenwagen und setzte seine Fahrt fort, ohne sich um die Schadenregulierung zu
kümmern.
B.- X wurde im Zusammenhang mit dem Verkehrsunfall vom 3. Januar 2014 mit
Strafbefehl des Untersuchungsamtes St. Gallen vom 19. April 2014 wegen Verletzung
der Verkehrsregeln und pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall zu einer Busse von Fr.
750.– verurteilt. Der Strafbefehl ist gemäss Auskunft des Untersuchungsamts St. Gallen
rechtskräftig; namentlich bezahlte X die Busse und die Kosten des Strafverfahrens.
C.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt bot X am 19. Februar 2014 zu einer
vertrauensärztlichen Untersuchung auf. Im Arztbericht vom 6. März 2014 wurde
bestätigt, dass X trotz fortgeschrittenen Alters körperlich und geistig fit genug sei, um
ein Auto zu lenken. Er sei indessen unfähig zur Selbstkritik und suche – wie schon beim
letzten Unfall – die Fehler grundsätzlich bei den anderen. Der Vertrauensarzt hielt dafür,
dass Autofahrer mit einem solchen Charakter gefährlich seien und überdurchschnittlich
viele Unfälle verursachen. Es sei deshalb zu diskutieren, ob eine
verkehrspsychologische Abklärung angezeigt sei. Von einer solchen Anordnung sah
das Strassenverkehrsamt ab. Stattdessen eröffnete es am 17. März 2014 ein
Administrativmassnahmeverfahren und teilte X mit, die Missachtung des Vortrittsrechts
mit Unfallfolge sei als mittelschwere Verkehrsregelverletzung zu qualifizieren.
Gleichzeitig stellte es ihm den Entzug des Führerausweises für die Dauer von vier
Monaten in Aussicht. Dazu nahm X Stellung und brachte im Wesentlichen vor, dass er
das Vortrittsrecht nicht verletzt habe. So treffe ihn keine Schuld und zu einer Kollision
sei es einzig dadurch gekommen, dass er in seiner Sicht durch einen Zaun behindert
gewesen sei.
D.- Am 16. April 2014 entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis für die
Dauer von vier Monaten wegen einer mittelschweren Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften. Zur Begründung führte es an, X habe durch die
Missachtung des Vortrittsrechts schuldhaft einen Verkehrsunfall verursacht und dabei
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die Verkehrsteilnehmer konkret gefährdet. Damit liege unabhängig vom Grad des
Verschuldens ein mittelschwerer Fall vor. Ferner müsse der Ausweis für eine
Mindestdauer von vier Monaten entzogen werden, wenn in den vorangegangenen zwei
Jahren der Ausweis einmal wegen einer schweren oder mittelschweren Widerhandlung
entzogen war.
Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 26. April 2014 (Poststempel) Rekurs
bei der Verwaltungsrekurskommission; er beantragte, es sei von einem
Führerausweisentzug abzusehen. Auf die Ausführungen zur Begründung des Antrags

wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen. Mit Schreiben vom 13. Mai
2014 verzichtete das Strassenverkehrsamt auf eine Vernehmlassung.
E.- In der Eingabe vom 13. August 2014 führte X erneut aus, dass die Vorinstanz
fälschlicherweise von einer mittelschweren Widerhandlung ausgegangen sei. Der
Vertrauensarzt habe ihn bei der Untersuchung missverstanden und er sei durchaus
fähig, begangene Fehler zu erkennen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 26. April 2014 (Poststempel) ist
rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- In tatsächlicher Hinsicht bestreitet der Rekurrent nicht, dass er am 3. Januar 2014
auf Höhe der Einmündung Speicherstrasse/Molkenstrasse in St. Gallen in einen
Verkehrsunfall verwickelt war. In der Eingabe vom 13. August 2014 bezeichnete er sich
als Schuldigen. Im Zusammenhang mit diesem Vorfall wurde er im parallel laufenden
Strafverfahren wegen Verkehrsregelverletzung und pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall
rechtskräftig verurteilt (act. 5/1). Es ist vom Sachverhalt auszugehen, wie er im
Strafverfahren festgestellt wurde; davon abzuweichen, besteht kein Anlass. Umstritten
bis
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ist einerseits die Qualifikation als leichte oder mittelschwere Widerhandlung gegen das
Strassenverkehrsgesetz und andererseits die Frage nach dem Verschulden.
a) Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a des Strassenverkehrsgesetzes,
SR 741.01, abgekürzt: SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren
Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch
Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Eine
mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a
SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Die mittelschwere Widerhandlung
nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG stellt einen Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn
nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten Widerhandlung und nicht alle
qualifizierenden Elemente einer schweren Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 III
138 E. 2.2.2).
b) Eine Verkehrsgefährdung liegt vor, wenn die körperliche Integrität einer Person
entweder konkret oder zumindest abstrakt gefährdet wurde. Im Recht der
Administrativmassnahmen wird dabei zwischen der einfachen und der erhöhten
abstrakten Gefährdung unterschieden. Erstere zieht keine Administrativmassnahmen
nach sich (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Von einem solchen Fall ist jedoch nur dann
auszugehen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten hätten
betroffen werden können. Führte dieses hingegen zu einer Verletzung eines Rechtsguts
oder einer konkreten bzw. einer erhöhten abstrakten Gefährdung der körperlichen
Integrität, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die neuen
Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43 ff.). Innerhalb der erhöhten
abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je
näher die Möglichkeit einer konkreten Gefährdung oder Verletzung liegt, umso
schwerer wiegt die erhöhte abstrakte Gefahr (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete
Gefahr liegt vor, wenn für einen bestimmten, tatsächlich daherkommenden
Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer des Täters die Gefahr einer Körperverletzung
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oder gar Tötung bestand (J. Boll, Grobe Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12).
Zudem ist das Ausmass der üblicherweise entstehenden Schädigung bei Eintritt der
Rechtsgutverletzung zu berücksichtigen (vgl. VRKE IV-2011/113 vom 24. November
2011 E. 3b, in: www.gerichte.sg.ch/verwaltungsrekurskommission).
c) Die Bestimmungen von Art. 16a bis 16c SVG ordnen der Gefährdung der Sicherheit
allgemein eine wesentliche und eigenständige Bedeutung zu. Der Gesetzgeber hat
bewusst dem Gesichtspunkt der Verkehrsgefährdung ein höheres Gewicht
beigemessen. Insbesondere hat er das Recht des Warnungsentzugs verselbständigt
und im Hinblick auf die Erhöhung der Verkehrssicherheit verschärft (Urteil des
Bundesgerichts [BGer] 1C_267/2010 vom 14. September 2010 E. 3.4).
d) Wer zur Gewährung des Vortritts verpflichtet ist, darf den Vortrittsberechtigten in
seiner Fahrt nicht behindern. Er hat seine Geschwindigkeit zu mässigen und, wenn er
warten muss, vor Beginn der Verzweigung zu halten (Art. 14 Abs.1 der
Verkehrsregelnverordnung, SR 741.11, abgekürzt: VRV). Das Signal "Kein Vortritt"
verpflichtet den Fahrzeuglenker, den Fahrzeugen auf der Strasse, welchen er sich
nähert, den Vortritt zu gewähren (Art. 36 Abs. 2 Satz 1 der Signalisationsverordnung,
SR 741.21).
3.- a) Der Rekurrent macht geltend, er habe lediglich eine leichte Widerhandlung im
Sinne von Art. 16a SVG begangen. Ferner habe er das Fahrzeug des Unfallgegners
nicht wahrnehmen können, da die Sicht durch einen Zaun verdeckt gewesen sei. Er
habe seine Fahrt vorschriftsgemäss verlangsamt und sich vergewissert, dass auf der
Speicherstrasse kein Fahrzeug unterwegs war. Die Sichtbehinderung sei ihm hingegen
erst nach einigen Wochen aufgefallen. Dieser Umstand müsse gewissenhaft gewürdigt
werden, weshalb nicht von einer mittelschweren Verkehrsregelverletzung ausgegangen
werden könne.
b) Aus den Akten geht hervor, dass der ortskundige Rekurrent das Vortrittsrecht
tatsächlich missachtet und dadurch die Kollision verursacht hat. Auch mit dem
Argument, er habe den Unfallgegner wegen eines Zauns nicht wahrnehmen können,
vermag der Rekurrent nicht durchzudringen, trat doch bis anhin dieser
Strassenabschnitt nicht als Unfallschwerpunkt in Erscheinung. Beim Unfall entstand
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beträchtlicher Sachschaden und mehrere Beteiligte wiesen leichte Verletzungen auf.
Die in diesem Zusammenhang aufgenommenen Ermittlungen wegen fahrlässiger
Körperverletzung wurden mit Verfügung des Untersuchungsamtes St. Gallen vom
14. April 2014 zufolge Rückzugs des Strafantrags eingestellt (vgl. act. 5/2). Durch die
Verkehrsregelverletzung hat der Rekurrent allfällige vortrittsberechtigte
Verkehrsteilnehmer der Gefahr einer Körperverletzung ausgesetzt. Vorliegend hat sich
diese Gefährdung in einem konkreten Unfallereignis realisiert. Auch der Einwand des
Rekurrenten, er habe nichts vom Unfall mitbekommen, erscheint unter Betrachtung der
massiven Schäden an beiden Fahrzeugen als nicht nachvollziehbar bzw. als
Schutzbehauptung (vgl. act. 10/21-24).
c) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Rekurrent mit seinem
vorschriftswidrigen und unvorsichtigen Einbiegemanöver die übrigen
Verkehrsteilnehmer erheblich gefährdete. Die konkrete und erhebliche Gefahr realisierte
sich unmittelbar in einem Verkehrsunfall mit Personen- und Sachschaden. Von einer
geringen Gefahr kann nicht die Rede sein, weshalb die Qualifikation der Widerhandlung
als leicht bereits aus diesem Grund nicht infrage kommt. Ob das Verschulden nur leicht
war, erscheint ebenso fraglich, kann letztlich aber offengelassen werden, da bereits die
erste Voraussetzung für die Annahme einer leichten Widerhandlung (geringe
Gefährdung) nicht erfüllt ist. Die Vorinstanz entzog dem Rekurrenten dementsprechend
zu Recht den Führerausweis gestützt auf Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG wegen einer
mittelschweren Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften; soweit sich
der Rekurs dagegen wendet, ist er unbegründet (vgl. BGer 1C_218/2009 vom
26. November 2009 E. 7). In Anbetracht des fortgeschrittenen Alters und der Tatsache,
dass der Rekurrent innerhalb der letzten zwei Jahre bereits in den zweiten Unfall
verwickelt ist, wurde er vom Strassenverkehrsamt am 20. Januar 2014 zu einer
vertrauensärztlichen Untersuchung aufgeboten (vgl. act. 13). Der Vertrauensarzt
bescheinigte mit Schreiben vom 6. März 2014 die Fahreignung hinsichtlich der
körperlichen und geistigen Fitness. Sollte der Rekurrent nochmals in ähnlicher Art
negativ im Strassenverkehr auffallen, käme die Vorinstanz nicht mehr umhin, dessen
Fahreignung verkehrspsychologisch (eventuell auch verkehrsmedizinisch) abzuklären.
4. Gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder
Führerausweisentzugs die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, namentlich die
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Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen;
die Mindestentzugsdauer darf nicht unterschritten werden. Diese beträgt gemäss
Art. 16b Abs. 2 lit. b SVG nach einer mittelschweren Widerhandlung mindestens vier
Monate, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis einmal wegen einer
schweren oder mittelschweren Widerhandlung entzogen war.
Aus den Akten geht hervor, dass der Führerausweis des Rekurrenten bereits ab Ende
Dezember 2012 (Ablauf: 27. Januar 2013) für einen Monat entzogen war (vgl. 2/1). Die
von der Vorinstanz verfügte Entzugsdauer von vier Monaten entspricht demnach der
gesetzlichen Mindestentzugsdauer, die nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
zu Art. 16 Abs. 3 SVG selbst bei einer beruflichen Angewiesenheit des Betroffenen auf
den Führerausweis und bei einem ungetrübten automobilistischen Leumund nicht
unterschritten werden darf (vgl. BGE 132 II 234 E. 2.3 für einen selbständig
erwerbenden Taxischauffeur). Die Entzugsdauer ist demnach ebenfalls nicht zu
beanstanden.
5.- Somit ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem Verfahrensausgang
entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1
VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122
der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist
zu verrechnen.