Decision ID: d0063407-d787-5034-8808-f21a2a11e72c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine somalische Staatsangehörige somalischer
Ethnie – verliess ihr Heimatland gemäss eigenen Angaben illegal (...) und
flüchtete mit dem Flugzeug in den Sudan, von wo aus sie zunächst über
den Landweg nach Libyen und anschliessend per Boot nach Italien ge-
langte. Am 27. April 2016 reiste sie mit dem Zug in die Schweiz ein, wo sie
gleichentags um Asyl nachsuchte.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin wurde am 19. Mai 2016 summarisch zu ihrer
Person, ihrem Reiseweg sowie zu ihren Gesuchsgründen befragt (Befra-
gung zur Person [BzP]). Am 18. Januar 2018 fand die eingehende Anhö-
rung zu den Asylgründen statt.
B.b Anlässlich dieser Befragungen gab die Beschwerdeführerin zu ihrem
persönlichen Hintergrund an, sie gehöre dem Clan (...) an und stammte
aus dem Quartier (...) in B._, wo sie bis zu ihrer Ausreise mit ihrer
Familie gelebt habe. Sie verfüge über keine Schulbildung, sei jedoch von
einem Nachbar im Lesen und Schreiben unterrichtet worden. Bis 2014
habe sie drei Jahre lang in Saudi-Arabien illegal als (...) gearbeitet. Nach
ihrer Rückkehr habe sie (...) in C._ (...). Bis zur Scheidung (...) sei
sie mit D._ verheiratet gewesen. Aus der Ehe würden die gemein-
samen Kinder E._, F._ und G._ stammen. Im (...) sei
sie mit ihrem Cousin H._ religiös getraut worden.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte sie im Wesentlichen aus, ihr
zweiter Ehemann sei kurz nach der Trauung von Al-Shabaab entführt wor-
den. Nachdem ihm die Flucht aus der Gefangenschaft gelungen sei, habe
sie ab (...) wöchentlich Telefonanrufe von Al-Shabaab erhalten. Dabei hät-
ten sich unbekannte Männer nach dem Aufenthaltsort ihres Mannes erkun-
digt und sie bedroht. Nachdem die Drohanrufe (...) schlimmer geworden
seien, habe sie sich bei einer Freundin versteckt. Zwei Tage vor ihrer Aus-
reise sei auf das Haus ihrer Familie ein Anschlag verübt worden, wobei ihre
Schwester I._ umgebracht worden sei. Ihr Onkel habe daraufhin
ihre Flucht organisiert und in der Folge sei sie (...) mit einem Schlepper per
Flugzeug von B._ nach J._ gelangt.
B.c Zum Nachweis ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin ihre Ge-
burtsurkunde sowie eine Bescheinigung hinsichtlich ihrer somalischen
Staatsangehörigkeit (jeweils ohne Übersetzung) zu den Akten.
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Seite 3
C.
Mit Verfügung vom 23. Dezember 2019 – eröffnet am 24. Dezem-
ber 2020 – verneinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführerin und lehnte ihr Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie
ihre Wegweisung aus der Schweiz an, schob den Vollzug jedoch infolge
der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zugunsten einer vorläufi-
gen Aufnahme auf.
D.
D.a Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin – handelnd
durch ihre Rechtsvertreterin – mit Eingabe vom 23. Januar 2020 (Postein-
gang: 27. Januar 2020) beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. In
materieller Hinsicht beantragte sie, die angefochtene Verfügung sei aufzu-
heben und die Vorinstanz sei anzuweisen, sie als Flüchtling anzuerkennen
und ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Verfügung des SEM aufzu-
heben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung, um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands in
der Person der unterzeichnenden Rechtsvertreterin sowie um Verzicht auf
Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.b Als Beweismittel lagen der Beschwerde eine Vollmacht vom 14. Ja-
nuar 2020, eine Kopie des angefochtenen Entscheids der Vorinstanz vom
23. Dezember 2019 mitsamt Kopie des Zustellcouverts sowie ein Schrei-
ben vom 23. Januar 2020 an das (...) des Kantons K._ betreffend
die Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit bei.
E.
E.a Mit Zwischenverfügung vom 31. Januar 2020 hielt der Instruktionsrich-
ter fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Weiter hiess er die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung und um Beigabe einer amtlichen Rechtsbeistän-
din in der Person der rubrizierten Rechtsvertreterin im Sinne von aArt. 110a
Abs. 1 Bst. a AsylG – unter Vorbehalt der Veränderung der finanziellen
Lage der Beschwerdeführerin und der Voraussetzung des Nachreichens
einer Fürsorgebestätigung – gut und verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses. Sodann wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer
Vernehmlassung eingeladen.
E.b Mit Schreiben vom 14. Februar 2020 wurde (innert erstreckter Frist)
eine Bedürftigkeitsbestätigung des (...) eingereicht.
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E.c In der Vernehmlassung vom 17. Februar 2020 hielt das SEM an seiner
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
E.d Mit Instruktionsverfügung vom 21. Februar 2020 wurde der Beschwer-
deführerin die Vernehmlassung der Vorinstanz zugestellt und Gelegenheit
zur Einreichung einer Replik geboten.
E.e In ihrer Replik vom 23. März 2020 nahm die Beschwerdeführerin zur
Vernehmlassung des SEM Stellung und reichte – nebst einer Kostennote
vom 23. März 2020 – zwei Einladungen zu einem Gespräch bei den (...),
einen Sprechstundenbericht des (...) vom 12. November 2019 sowie einen
Arztbericht von Dr. med. L._ vom 29. Januar 2020 als Beweismittel
ein.
F.
Mit Eingabe vom 12. Mai 2020 liess die Beschwerdeführerin einen Bericht
von M._, Oberarzt in der (...), (...) vom 4. Mai 2020 betreffend das
Erstgespräch vom 27. April 2020 zu den Akten legen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes [AsylG, SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgül-
tig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
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(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher als Verfügungsadressat zur Einreichung der Be-
schwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52
Abs. 1 VwVG) ist daher einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Be-
schwerdeführerin wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vor-
läufig aufgenommen hat.
4.
4.1 Im Beschwerdeverfahren wird (teilweise sinngemäss) mehrfach eine
Verletzung der Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechts-
erheblichen Sachverhalts sowie der Prüfungs- und Begründungspflicht ge-
rügt. Zudem beantragte die Beschwerdeführerin (eventualiter) die Zurück-
weisung zwecks Neubeurteilung der angefochtenen Verfügung an die
Vorinstanz. Diese formellen Rügen sind vorab zu prüfen, da sie gegebe-
nenfalls geeignet sind, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu
bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; Entscheidungen und Mitteilungen der
[vormaligen] Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004
Nr. 38; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes; 3. Auflage, Zürich 2013, Rz. 1043 ff., m.w.H.).
4.2
4.2.1 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
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rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen (vgl. hierzu auch
Art. 30–33 VwVG). Der Amtsgrundsatz zur Feststellung des Sachverhalts
findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person
(Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewür-
digt worden sind. Unvollständig ist die Sachverhaltsdarstellung, wenn nicht
alle für die Entscheidung rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt
wurden. Die Behörde ist allerdings nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhalt-
selement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Abklä-
rungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der Ak-
tenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O.,
Rz. 456 f. und 1043; CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Auer/Mül-
ler/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal-
tungsverfahren [VwVG], 2. Auflage, Zürich 2018, Rz. 7 zu Art. 12; BENJA-
MIN SCHINDLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 29 f. zu
Art. 49).
4.2.2 Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV,
Art. 29 VwVG) folgt, dass alle erheblichen Parteivorbringen zu prüfen und
zu würdigen sind (vgl. auch Art. 35 Abs. 1 VwVG). Nach den von Lehre und
Praxis entwickelten Grundsätzen hat die verfügende Behörde im Rahmen
der Entscheidbegründung die Überlegungen zu nennen, von denen sie
sich leiten liess und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die Begründung des
Entscheides muss so abgefasst sein, dass der Betroffene ihn gegebenen-
falls sachgerecht anfechten kann. Die Behörde muss sich jedoch nicht mit
jeder tatbeständlichen Behauptung auseinandersetzen, sondern kann sich
auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken
(vgl. dazu LORENZ KNEUBÜHLER/RAMONA PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schind-
ler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 5 ff. zu Art. 35; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI; a.a.O.,
N. 629 ff.; BVGE 2011/37 E. 5.4.1; 2008/47 E. 3.2; BGE 136 I 184 E. 2.2.1
und 134 I 83 E. 4.1).
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Seite 7
4.3
4.3.1 In der Rechtsmittelschrift machte die Beschwerdeführerin geltend,
dem Anhörungsprotokoll sei zu entnehmen, dass sie psychisch angeschla-
gen sei und eine medizinische Abklärung von Amtes wegen angeregt wor-
den sei. Sofern das Gericht zum Schluss kommen würde, der Sachverhalt
sei durch das SEM nicht vollständig abgeklärt worden, ersuche sie die Sa-
che zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
In der Replik führte die Beschwerdeführerin präzisierend aus, wegen ihrer
traumatischen Erlebnisse in ihrem Herkunftsland sowie auf der Flucht, am
27. April 2020 einen Termin bei einer Psychiaterin zu haben. Aus ärztlicher
Sicht liege bei ihr ein Verdacht auf körperliche Foltererfahrung auf dem
Fluchtweg in die Schweiz vor. Hierbei verwies sie auf die eingereichten
ärztlichen Berichte. Zudem monierte die Beschwerdeführerin, ihr psychi-
scher Gesundheitszustand sei von der Vorinstanz ungenügend berücksich-
tigt worden, obwohl bei der Anhörung durch die Hilfswerkvertretung eine
Abklärung von Amtes wegen angeregt worden sei.
Im weiteren Verlauf des Beschwerdeverfahrens reichte die Beschwerde-
führerin einen ärztlichen Bericht der (...) vom 4. Mai 2020 als Beweismittel
zu den Akten, worin ihr am ehesten eine mittelgradig depressive Episode
F32.1 (Hauptdiagnose), ein (...), (...) sowie (...) unklarer Aetiologie (Ne-
bendiagnosen) diagnostiziert wurden. Zur Behandlung der depressiven
Symptomatik und im Hinblick auf eine mögliche posttraumatische Belas-
tungsstörung (PTBS) wurde eine antidepressive Therapie mit Psychophar-
maka empfohlen.
4.3.2 Der Beschwerdeführerin wurde während der BzP in Bezug auf ihren
Gesundheitszustand das rechtliche Gehör gewährt, wobei sie ausführte,
sie sei gesund. In diesem Zusammenhang gab sie ausserdem zu Protokoll
eine (...) zu haben, was aber nicht schlimm sei (vgl. SEM-Akte A/4, Zif-
fer 8.02). Während der Erstbefragung gab es keine Hinweise für eine akute
gesundheitliche Beeinträchtigung. Demgegenüber machte die Beschwer-
deführerin anlässlich der Anhörung – auf die entsprechende Frage der
Hilfswerkvertretung – geltend, ihr gehe es gesundheitlich nicht gut
(vgl. SEM-Akte A/17, F 69). Sie habe einen schmerzenden (...) und habe
deswegen auch bereits einen Arzt aufgesucht, wobei sie dieser aufgrund
sprachlicher Probleme nicht verstanden habe (vgl. SEM-Akte A/17,
F 70 f.). Die Hilfswerksvertretung erkundigte sich sodann nach dem Grund
einer in Saudi-Arabien durchgeführten Operation. Hierzu führte die Be-
schwerdeführerin aus, ihr sei damals (...) rausgeschnitten worden, welche
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Seite 8
starke Blutungen verursacht habe (vgl. SEM-Akte A/17, F 72). Als die Be-
schwerdeführerin schliesslich vom Befrager auf ihre anlässlich der Erstbe-
fragung geltend gemachte (...) angesprochen wurde, antwortet sie, sie
habe mittlerweile eine (...) erhalten. Im Zusammenhang mit den vorge-
brachten physischen Einschränkungen ist festzuhalten, dass weder der
schmerzende (...), die Operation, welche bereits im Jahr 2013 und damit
drei Jahre vor der BzP durchgeführt wurde, noch die (...) die Einvernah-
mefähigkeit der Beschwerdeführerin einzuschränken vermochten. Ihre Ant-
worten lassen denn zu keinem Zeitpunkt den Eindruck entstehen, sie sei
nicht mehr in der Lage gewesen, den Fragen zu folgen.
Nach Prüfung der Akten ist der Beschwerdeführerin zwar zuzustimmen,
dass sie während der Anhörung immer wieder weinen musste. So wurde
sie insbesondere emotional, als sie sich an ihren Vater erinnerte, über den
Angriff auf ihr Haus und die Tötung ihrer Schwester berichtete, von den
durch die Al-Shabaab ausgestossenen Drohungen erzählte, den Unfall ih-
rer Mutter schilderte sowie als sie ihre Vergewaltigung erwähnte (vgl. SEM-
Akte A/17, F 69 f., F 83, F 88, F 91, F 124 und F 132). Die Tatsache allein,
dass sie während der Anhörung oftmals weinen musste, genügt jedoch
nicht, um daraus ihre Aussagefähigkeit in Frage zu stellen. Dem Anhö-
rungsprotokoll lassen sich auch keine Hinweise darauf entnehmen, dass
sie im Zeitpunkt der Befragung in einem Ausmass psychisch belastet ge-
wesen wäre, welches es ihr verunmöglicht hätte, ihre Asylgründe vollstän-
dig und schlüssig darzulegen. Die Beschwerdeführerin machte selber zu
keinem Zeitpunkt geltend, an der Befragung aus medizinischen Gründen
nicht teilnehmen zu können. Darüber hinaus gab sie keine Probleme im
Zusammenhang mit der Konzentration-, Denk- oder Sprechfähigkeit zu
Protokoll. Vor diesem Hintergrund musste sich die Vorinstanz nicht veran-
lasst sehen, weitere Abklärungen zum psychischen Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin vorzunehmen. Dem steht auch die Anregung der
Hilfswerksvertretung zur Einholung eines medizinischen Gutachtens nicht
entgegen, zumal sie die Vorinstanz nicht rechtlich bindet. Im Übrigen ist auf
die Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG zu verweisen, in deren Rahmen
es der Beschwerdeführerin oblegen hätte, relevante Arztdokumente, na-
mentlich zu einer allfälligen psychischen Einschränkung, einzureichen.
Dem ist sie erst auf Beschwerdeebene nachgekommen, weshalb der
Vorinstanz kein Vorwurf einer unvollständigen Sachverhaltsabklärung zu
machen ist.
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Seite 9
4.4
4.4.1 Überdies brachte die Rechtsvertreterin auf Beschwerdeebene wie-
derholt vor, die Aussagen der Beschwerdeführerin seien mangelhaft über-
setzt und fehlerhaft protokolliert worden.
4.4.2 Nach Prüfung der Befragungsprotokolle sind keine Missverständ-
nisse und Übersetzungsfehler festzustellen, die auf eine mangelhafte
Übersetzung oder eine falsche Protokollierung zurückzuführen wären. Die
Beschwerdeführerin bestätigte zweimal, die Dolmetscherin der BzP zu ver-
stehen (vgl. SEM-Akte A/4, Buchstabe h und Ziffer 9.02) und auch die Dol-
metscherin in der Anhörung verstand sie offenbar gut (vgl. SEM-Akte A/17,
F 1). Sodann ist ihrem Aussageverhalten nicht zu entnehmen, dass sie den
Befragungen nicht hätte folgen können oder nicht das sagen konnte, was
schlussendlich protokolliert wurde. Die Beschwerdeführerin erhielt Gele-
genheit, ihre Asylgründe in offener Erzählform darzulegen, welche durch
anschliessende wiederholte Nachfragen vertieft wurden (vgl. SEM-
Akte A/17, F 74 ff.). Zudem bestätigte sie nach den Rückübersetzungen
unterschriftlich, dass die Protokolle der BzP und der Anhörung vollständig
und korrekt seien und ihren Ausführungen entsprechen würden (vgl. SEM-
Akten A/4, Seite 9 und A/17, Seite 15). Vor diesem Hintergrund erweisen
sich die nachträglichen Vorbehalte gegenüber den Dolmetscherinnen und
den Protokollen als unzutreffend. Die für einen Entscheid wesentlichen
Sachverhaltsteile sind rechtsgenügend von der Vorinstanz festgestellt wor-
den. Es besteht damit kein Zweifel an der Verwertbarkeit der Inhalte der
Befragungsprotokolle. Die Beschwerdeführerin muss sich folglich auf ihre
Aussagen an der BzP und der Anhörung behaften lassen.
4.5
4.5.1 Schliesslich wurde in der Replik geltend gemacht, die Beschwerde-
führerin habe anlässlich ihrer Asylanhörung frauenspezifische Flucht-
gründe zur Sprache gebracht, welche durch die Vorinstanz jedoch nicht
weiter abgeklärt worden seien.
4.5.2 Vorab ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin sowohl in der
BzP als auch anlässlich der Anhörung jeweils von einem reinen Frau-
enteam angehört wurde, womit davon auszugehen ist, dass sie in der Lage
gewesen ist, sich hinreichend zu ihren Fluchtgründen und insbesondere
geschlechtsspezifischer Verfolgung zu äussern. So machte sie denn auch
während der Anhörung geltend, sie sei in ihrem Heimatland Opfer eines
sexuellen Übergriffs durch Privatpersonen sowie von Genitalverstümme-
lung geworden. Als sie (...) in N._ Wasser geholt habe, sei sie von
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Seite 10
mehreren bewaffneten Männern festgehalten worden. Da sie – wie in So-
malia üblich – beschnitten und zusammengenäht gewesen sei, hätten sie
sie mit einer Rasierklinge aufgemacht und anschliessend vergewaltigt
(vgl. SEM-Akte A/17, F 92 und F 132 ff.).
4.5.3 Diese Parteivorbringen hat das SEM in der angefochtenen Verfügung
weder im Sachverhalt erwähnt noch ausdrücklich geprüft oder gewürdigt.
Unbesehen der Frage der Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin stehen
diese Ereignisse, welche sie in ihrer Jugend sowie im Jahr (...) – und damit
noch vor ihrer Rückkehr nach Somalia nach ihrem mehrjährigen Aufenthalt
in Saudi-Arabien stattfanden – erlitten habe, jedoch weder in einem zeitli-
chen noch sachlichen Kausalzusammenhang mit der (...) erfolgten Aus-
reise. Mit Verweis auf die nachfolgenden Ausführungen in Erwägung 8.2 ist
festzuhalten, dass die Genitalverstümmelung und die Vergewaltigung für
die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin uner-
heblich sind. Die unterlassene Prüfung und Würdigung dieser nichtzentra-
len Sachverhaltselemente stellt daher keine relevante Verletzung der Ab-
klärungs-, Prüfungs- und Begründungspflicht dar. Vielmehr ist festzustel-
len, dass sich die Vorinstanz sich mit allen wesentlichen Vorbringen der
Beschwerdeführerin auseinandergesetzt hat.
4.6 Nach dem Gesagten erweisen sich die erhobenen formellen Rügen als
unbegründet. Es besteht kein Anlass, die angefochtene Verfügung aufzu-
heben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. Das entsprechende Rechtsbegehren ist somit abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
6.
6.1 In ihrem negativen Asylentscheid qualifizierte die Vorinstanz die Asyl-
vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftmachung gemäss
Art. 7 AsylG als nicht genügend, weshalb sie die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfülle, so dass ihr Asylgesuch abzulehnen sei.
Zur Begründung führte das SEM in der angefochtenen Verfügung aus,
dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin aufgrund diversen wider-
sprüchlichen und nicht nachvollziehbaren Aussagen hinsichtlich der gel-
tend gemachten Asylgründe als unglaubhaft taxiert werden müssten. An
der BzP habe sie behauptet, ihre Schwester sei am (...) – zwei Tage nach
ihrer Ausreise – bei einem Angriff auf ihr Haus in B._ getötet wor-
den. In der Anhörung habe sie dagegen erklärt, ihre Schwester sei am (...)
gestorben und sie sei noch am selben Abend abgereist. Auf den Vorhalt zu
diesen Widersprüchen habe sie abgestritten, gesagt zu haben, im (...) aus-
gereist zu sein. Dabei habe die Beschwerdeführerin bereits in der Erstbe-
fragung widersprüchliche Angaben in Bezug auf den Zeitpunkt des ver-
meintlichen Angriffs auf ihr Haus geltend gemacht. Sie habe zunächst zwei-
mal nacheinander zu Protokoll gegeben, der Angriff auf ihr Haus sei nach
ihrer Ausreise erfolgt, um im nächsten Satz vorzubringen, dass sie sich
immer noch in ihrem Quartier befunden habe, als ihre Schwester getötet
worden sei. Ausserdem habe sie angegeben, von ihrem Onkel vom Angriff
auf ihr Haus und vom Tod ihrer Schwester erfahren habe. Im Gegensatz
dazu habe sie in der Anhörung erklärt, von ihrer Freundin über den An-
schlag informiert worden zu sein. Als sie auf diese Unstimmigkeit ange-
sprochen worden sei, habe sie bestätigt, dass ihr Onkel sie angerufen
habe. Des Weiteren habe sie in der BzP geäussert, ihre Mutter sei wegen
des Angriffs auf ihr Haus geflohen. Dagegen habe sie in der Anhörung er-
klärt, ihre Mutter und ihre Geschwister würden weiterhin im Haus in
B._ leben. Schliesslich habe sie in der ersten Befragung zunächst
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Seite 12
angegeben, an ihrer Heimadresse würden ihre Mutter, ihre zwei Brüder und
ihre Schwester wohnen und ihr Vater sei (...) getötet worden, um wenig
später bei den Asylgründen zu behaupten, dass auch ihre Schwester ge-
tötet worden sei. Neben diesen Widersprüchen sei nicht nachvollziehbar,
wie sie überhaupt am gleichen Abend, nach dem angeblichen Angriff auf
ihr Haus, das Flugticket und das sudanesische Visum für die Reise nach
Khartum habe organisieren können. Ebenso wenig überzeuge, dass ihre
Familie weiterhin im eigenen Haus in B._ wohnen würde, obwohl
dort ihre Schwester ermordet worden sei.
6.2
6.2.1 In der Rechtsmitteleingabe entgegnete die Beschwerdeführerin, die
Vorinstanz verkenne die zahlreichen Realkennzeichen in ihren Aussagen,
welche darauf hinweisen würden, dass sie das Geschilderte tatsächlich er-
lebt habe. Ihre Antworten seien ausführlich und sie habe starke Emotionen
gezeigt. Der Ansicht des SEM, wonach sie im Verlauf des Asylverfahrens
widersprüchliche beziehungsweise unglaubhafte Angaben gemacht habe,
könne nicht gefolgt werden.
Im Protokoll der BzP sei zwar festgehalten worden, dass sie ausgesagt
habe, ihre Schwester sei zwei Tage nach ihrer Ausreise getötet worden, mit
dieser Zeitangabe habe sie jedoch sagen wollen, dass ihre Schwester zwei
Tage nach ihrem Weggang von Zuhause getötet worden sei. Ihre Aussage
gleich danach verdeutliche dies, da sie ergänzend angefügt habe, zu die-
sem Zeitpunkt noch in Somalia gewesen zu sein, wobei sie sich im Haus
ihrer Freundin aufgehalten habe. Sie habe keinesfalls gesagt, sie sei am
gleichen Tag der Ermordung ihrer Schwester ausgereist, sondern tags da-
rauf. Bei der durch die Vorinstanz aufgeführten Aussage aus der BzP
handle es sich offensichtlich um einen Fehler, zumal sie nie vom Datum
des (...) gesprochen habe. Mit der Zahl (...) habe sie lediglich den (...). Mo-
nat, d.h. den Monat (...) bezeichnet. Den (...) habe sie hingegen nur in
Verbindung mit ihrem Aufenthalt in der Sahara erwähnt. Sie erinnere sich
gut daran, in der BzP erwähnt zu haben, dass sie im (...) in der Sahara
gewesen sei, was jedoch nicht im Protokoll vermerkt worden sei und eben-
falls auf dessen Fehlerhaftigkeit hindeute.
Ferner hielt die Beschwerdeführerin fest, sie habe sowohl von ihrem Onkel
als auch von ihrer Freundin vom Angriff auf ihr Haus erfahren, worin sich
kein Widerspruch erkennen lasse.
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In Bezug auf ihre Angaben zum Wohn- und Aufenthaltsort ihrer Mutter so-
wie ihrer Geschwister erklärte die Beschwerdeführerin, diese seien nach
dem Angriff auf ihr Haus ins Dorf zu ihrem Onkel mütterlicherseits gegan-
gen. Zum Zeitpunkt der BzP habe sie nichts über den genauen Aufenthalt
ihrer Mutter gewusst, da sie keinen Kontakt zu ihr gehabt habe. Da ihr On-
kel nicht für alle habe aufkommen können, habe sich ihre Mutter deshalb
entschieden, nach B._ zurückzugehen, um zu arbeiten und die Fa-
milie zu versorgen. Als sie einen Unfall erlitt, wovon sie eine bleibende Be-
hinderung zurückbehalten habe, sei ihre Schwester ebenfalls wieder (...)
zurückgekehrt, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Ihre Familie habe zwar
weiterhin Angst vor neuen Entführungen, sie habe aber kein anderes Haus,
indem sie leben könne.
Weiter merkte sie an, dass sie zwei Schwestern gehabt habe. Ihre Schwes-
ter I._ sei im (...) getötet worden und ihre andere Schwester
O._ sei im (...) entführt worden. Da I._ zum Zeitpunkt der
BzP bereits verstorben gewesen sei, habe sie logischerweise angegeben,
dass nur eine Schwester im Heimatland wohne.
Betreffend ihrer Ausreise habe sie angegeben, dass diese von ihrem Onkel
organisiert worden sei, welcher einen Schlepper engagiert habe. Sie wisse
nicht, wann genau ihr Onkel mit der Planung ihrer Ausreise begonnen
habe, wahrscheinlich habe er jedoch schon damit angefangen, bevor sie
sich zu ihrer Freundin begeben habe, da sie ihm von Anfang an von den
Drohanrufen und ihrer Angst berichtet habe.
6.2.2 Insgesamt habe sie glaubhaft darlegen können, in ihrem Heimatland
einer individuellen Verfolgung ausgesetzt worden zu sein. Sie erfülle die
Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG, weshalb ihr Asyl zu gewähren
sei.
6.3 In der Vernehmlassung hielt die Vorinstanz vollumfänglich an ihren Er-
wägungen fest und argumentierte, die Vorbringen der Beschwerdeführerin
seien nicht nur wegen den bereits in der angefochtenen Verfügung genann-
ten Widersprüche unglaubhaft. So habe sie auf Nachfrage zunächst er-
klärt, geschieden zu sein. In der BzP habe sie zudem nicht erwähnt, mit
ihrem Cousin in zweiter Ehe verheiratet zu sein, sondern habe von «einem
Mann» gesprochen, was seltsam anmute. Erst in der Anhörung habe sie
angegeben, kurz vor der Ausreise ihren Cousin geheiratet zu haben. Für
den genannten kulturellen Kontext und für den konservativen Islam im All-
gemeinen sei es äusserst unüblich, dass ein Mann bei der Familie seiner
D-480/2020
Seite 14
Frau gesucht werde, insbesondere, wenn sie noch gar nicht zusammenge-
lebt hätten. Wenn überhaupt, wäre Al-Shabaab zur Familie ihres Mannes
gegangen und hätte sich dort bei den Männern der Familie nach seinem
Verbleib erkundigt. Mit Verweis auf zwei BBC-Beiträge sei Al-Shabaab des
Weiteren bereits 2011 aus B._ verdrängt worden und die Lage habe
sich (...), als die Beschwerdeführerin die Stadt angeblich verlassen habe,
einigermassen normalisiert.
6.4 Die Beschwerdeführerin entgegnete in ihrer Replik, sie habe ihren Zi-
vilstand nicht nur bei der BzP, sondern auch bei der Anhörung als «geschie-
den» angegeben, womit die Kohärenz ihrer Angaben während des Asylver-
fahrens belegt werde. Sie habe bereits in der BzP ihre erneute Verlobung
erwähnt und bei der Anhörung habe sie diesen Sachverhalt noch weiter-
ausgeführt, indem sie präzisiert habe, dass ihr Verlobter ihr Cousin sei und
dass es sich um eine sog. «nikah», d.h. eine religiöse Trauung gehandelt
habe. Inwiefern ihre Aussage bei der BzP, mit «einem Mann» verlobt zu
sein, seltsam sein soll, sei nicht nachvollziehbar. Insbesondere, da es für
die summarische Darlegung ihrer Asylgründe anlässlich der BzP keine
Rolle spielen würde, ob es sich dabei um ihren Cousin handle. In diesem
Zusammenhang verwies sie ausserdem auf die in der Beschwerde geltend
gemachten Ausführungen zur mangelhaften Übersetzung der BzP. Sie
habe ihren Verlobten ausserdem namentlich nennen können. Da es sich
bei ihrer Verlobung im (...) um eine «nikah» gehandelt habe, sei verständ-
lich, weshalb sie ihren offiziellen Zivilstand weiterhin als «geschieden» an-
gegeben habe.
Weiter sei sie anlässlich ihres Asylverfahrens nicht dazu befragt worden,
ob auch die Familie ihres Verlobten Drohanrufe von Al-Shabaab erhalten
beziehungsweise zu seinem Verbleib befragt worden sei. Folglich könne
ihr die Vorinstanz an dieser Stelle nicht vorhalten, es sei unglaubhaft, dass
sich Al-Shabaab bei ihr, anstatt bei der direkten Familie des Verlobten, ins-
besondere den männlichen Familienangehörigen, nach dessen Verbleib
erkundigt hätte. Es sei sehr wahrscheinlich, dass die direkte Familie des
Verlobten von Al-Shabaab ebenfalls bedrängt worden sei.
Mit Verweis auf verschiedene Internetseiten hielt die Beschwerdeführerin
sodann fest, Al-Shabaab sei auch im (...) und danach in B._ prä-
sent gewesen. Sie würden für die von ihnen faktisch nicht kontrollierten
Gebieten über eine effektive Verwaltung verfügen. Je weniger Gebiete sie
effektiv kontrollieren würden, desto mehr würde sich die Gruppe zudem auf
D-480/2020
Seite 15
asymmetrische Kriegsführung verlegen. Die Friedensmission AMISOM sei
deshalb heutzutage weiterhin in der Region von B._ tätig.
7.
7.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob sich das Bundesverwaltungsgericht den
vorinstanzlichen Erwägungen zur fehlenden Glaubhaftigkeit des von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Sachverhalts anschliessen kann.
7.2 Zunächst ist festzuhalten, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin
generell relativ knapp und substanzarm ausgefallen sind. Anlässlich der
BzP äusserte sie sich nur in wenigen kurzen Sätzen zu ihren Asylgründen
(vgl. SEM-Akte A/4, Ziffer 7.01) und gab auf ergänzende Fragen bloss
vage sowie stereotypische Antworten (vgl. SEM-Akte A/4, Ziffer 7.02).
Zwar müssen und können die Asylsuchenden ihre Asylgründe bei Erstbe-
fragung, welcher angesichts ihres summarischen Charakters ohnehin für
die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Asylgründe nur beschränkter Be-
weiswert zukommt, nicht bereits in aller Ausführlichkeit darlegen und aus-
serdem dauerte die BzP im vorliegenden Fall inklusive Rückübersetzung
nur etwas mehr als eine Stunde (vgl. SEM-Akte A/4, Seite 9), dennoch er-
scheint im Vergleich dazu auch das Protokoll der Anhörung nur wenig de-
taillierter und ausführlicher. Obwohl sie die Fragen nicht ausweichend be-
antwortete, ihre Angstgefühle beschrieb und Emotionen zeigte, wirken ihre
Ausführungen sowohl bei der freien Schilderung der unmittelbaren Flucht-
gründen als auch zu Nachfragen betreffend den Kernelementen ihrer Vor-
bringen insgesamt wenig substantiiert und weisen kaum erlebnisbasierte
Eindrücke auf (vgl. SEM-Akte A/17, F 74 ff., F 77 f., F 90, F 95 ff. und
F 99).
7.3 Des Weiteren machte die Beschwerdeführerin in der BzP bezüglich des
Motivs für ihre Ausreise aus ihrem Heimatland geltend, ihr zweiter Ehe-
mann sei nach der «nikah» im (...) von Al-Shabaab verschleppt worden. Er
habe sich jedoch nach einigen Monaten befreien und fliehen können. Da
Al-Shabaab ihn daraufhin gesucht habe, habe sie ab Mitte (...) mindestens
einmal wöchentlich von Milizionären Drohanrufe erhalten (vgl. SEM-
Akte A/4, Ziffern 7.01 und 7.02). In der Anhörung erwähnte sie die Entfüh-
rung ihres Mannes demgegenüber nicht mehr und brachte lediglich vor, sie
wisse zwar nicht was zwischen ihm und Al-Shabaab passiert sei, jedenfalls
hätten sie ihn gesucht, weshalb sie wiederholt telefonisch kontaktiert und
über seinen Verbleib ausgefragt worden sei (vgl. SEM-Akte A/17, F 74).
Durch diese wesentlichen Abweichungen entstehen an der Glaubhaftigkeit
D-480/2020
Seite 16
der angeblichen Drohungen, welche gemäss der Darstellung der Be-
schwerdeführerin die Ursache in der Suche der Al-Shabaab nach ihrem
Ehemann hatten, erhebliche Zweifel. Hinzu kommt, dass sie den Inhalt der
angeblich ab (...) zwischen ihr und zwei Al-Shabaab-Milizen geführten Ge-
spräche nicht präzise und nur oberflächlich wiederzugeben vermochte
(vgl. SEM-Akte A/17, F 77 ff., F 88 f. und F 90 f.). Insgesamt wird dadurch
der Eindruck erweckt, dass sich die Ereignisse in wesentlichen Teilen nicht
so ereignet hatten, wie sie diese darstellte.
Im Übrigen bleibt denn auch der wahre Grund für die Suche nach ihrem
Ehemann und infolgedessen für die telefonischen Bedrohungen der Be-
schwerdeführerin unklar. Für die Annahme der Glaubhaftigkeit der Asyl-
gründe ist es jedoch zentral, dass die Beschwerdeführerin den Grund für
die Verfolgung durch die Al-Shabaab schlüssig nennen kann; dies war ihr
indes nicht möglich. Den Akten sind keine Anhaltspunkte dafür zu entneh-
men, weshalb ihre Profile für die Al-Shabaab von Interesse gewesen sein
könnten und sie deshalb gezielt asylrelevant verfolgt wurden. So erklärte
die Beschwerdeführerin – abgesehen von den geschilderten Schwierigkei-
ten mit Al-Shabaab – nie konkrete persönliche Probleme oder Konflikte mit
Behörden oder anderen Organisationen gehabt zu haben. Dies ist denn
auch mit der deutlich verbesserten Sicherheitssituation in B._ ver-
einbar, nachdem somalische Sicherheitskräfte und Truppen der Mission
der Afrikanischen Union in Somalia (AMISOM) die Kämpfer von Al-
Shabaab im August 2011 aus der Hauptstadt vertrieben haben
(vgl. BVGE 2013/27 E. 8.5.4 ff.). Weiter sei sie weder politisch noch reli-
giös aktiv gewesen und sei auch nie in Haft oder vor Gericht gewesen
(vgl. SEM-Akte A/4, Ziffer 7.02). Angesichts der Tatsache, dass die Be-
schwerdeführerin bis dahin noch nicht mit ihrem Ehemann zusammenge-
lebt hatte, erscheint zudem nicht nachvollziehbar, woher die Al-Shabaab
überhaupt von ihrer Beziehung erfahren haben will, insbesondere da er
sich im besagten Zeitraum nicht wie sie in B._, sondern zwischen
P._ und Q._ aufgehalten haben soll (vgl. SEM-Akte A/17,
F 74). Zur Vermeidung von Wiederholungen kann diesbezüglich auf die
Ausführungen in der Vernehmlassung der Vorinstanz verwiesen werden.
7.4 Sodann erwähnte sie anlässlich der BzP erst auf entsprechende Nach-
frage, weshalb ihre Mutter auf der Flucht sei, den Angriff auf ihr Haus in
B._, wobei ihre Schwester getötet worden sei. Weitere Ausführun-
gen machte sie hierzu keine (vgl. SEM-Akte A/4, Ziffer 7.02). Sie verneinte
zudem explizit das Vorliegen weiterer Gründe, die gegen eine allfällige
D-480/2020
Seite 17
Rückkehr in ihr Heimatland sprechen könnten (vgl. SEM-Akte A/4, Zif-
fer 7.03). Als sie in der Anhörung aufgefordert wurde, genauer zu erzählen,
was sich an jenem Tag abgespielt hatte, schilderte sie demgegenüber den
Ablauf des Anschlags und machte dabei erstmals – sinngemäss – geltend,
dieser habe eigentlich ihr gegolten (vgl. SEM-Akte A/17, F 99). Da es sich
bei der Ermordung ihrer Schwester zweifellos um ein einschneidendes Er-
lebnis in ihrem Leben handelte, wäre zu erwarten gewesen, dass sie dar-
über nicht nur konsistent, sondern auch differenziert und substantiiert be-
richtet, zumal der Anschlag, welcher eigentlich ihr gegolten habe, in direk-
tem Zusammenhang mit ihrer Flucht stehen soll. Die sich dadurch aufdrän-
genden Zweifel werden weiter bestärkt, indem dieses zentrale Kernvorbrin-
gen lediglich auf einfachen Behauptungen gründet und weder im
vorinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene durch konkrete Be-
weismittel belegt wird.
7.5 Schliesslich sind die weiteren Ausführungen der Beschwerdeführerin
betreffend die Ereignisse vor ihrer Ausreise zumindest teilweise nicht ko-
härent und widersprüchlich. Diesbezüglich kann vorab auf die zumeist zu-
treffende Argumentation in der angefochtenen Verfügung verwiesen wer-
den. Die Ausführungen auf Beschwerdeebene sind nicht geeignet, zu einer
anderen Beurteilung zu gelangen. In Ergänzung und Präzisierung ist Fol-
gendes festzuhalten:
7.5.1 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass die Be-
schwerdeführerin nicht in der Lage war wesentliche Ereignisse, wie na-
mentlich den Zeitpunkt des Todes ihrer Schwester sowie ihre Ausreise aus
Somalia, in zeitlicher Hinsicht stimmig einzuordnen. So führte sie anläss-
lich der BzP zunächst aus, B._ im (...) verlassen zu haben
(vgl. SEM-Akte A/4, Ziffer 5.01). Im Zusammenhang mit dem Angriff auf
das Haus ihrer Familie gab sie dann zu Protokoll, ihre Schwester sei am
(...) und damit zwei Tage nach ihrer Ausreise getötet worden (vgl. SEM-
Akte A/4, Ziffer 7.02); wohingegen sie in ihrer nachfolgenden Antwort be-
hauptete, noch in Somalia gewesen zu sein, als dies passiert sei
(vgl. SEM-Akte A/4, Ziffer 7.02). In der Anhörung machte sie demgegen-
über geltend, (...) ihr Heimatland verlassen zu haben (vgl. SEM-Akte A/17,
F 19 und F 85). Auf die Frage, ob sie sich an das genaue Datum ihrer Aus-
reise erinnern könne, führte sie den (...) an (vgl. SEM-Akte A/17, F 117).
Als sie am Schluss der Anhörung auf diesen Widerspruch hinsichtlich des
Ausreisedatums hingewiesen wurde, beharrte sie darauf, in der Erstbefra-
gung nicht von (...) gesprochen zu haben (vgl. SEM-Akte A/17, F 128 f.).
D-480/2020
Seite 18
Ihre Erklärungsversuche in der Beschwerde- und Replikschrift in Bezug auf
diese Widersprüche vermögen nicht zu überzeugen.
7.5.2 Demgegenüber ist – zugunsten der Beschwerdeführerin – der An-
sicht des SEM zu den angeblich widersprüchlichen Aussagen hinsichtlich
der Information über den Angriff zu widersprechen. In der BzP erwähnte
die Beschwerdeführerin von sich aus, ihr Onkel habe sie über den Angriff
per Telefon informiert (vgl. SEM-Akte A/4, Ziffer 7.02). Während der Anhö-
rung führte sie dann zunächst aus, ihre Freundin habe ihr erzählt, was pas-
siert sei (vgl. SEM-Akte A/17, F 100 f.). Auf die nachfolgende Frage, ob sie
in dieser Zeit Kontakt mit ihrer Familie gehabt habe, ergänzte sie, mit ihrem
Onkel gesprochen zu haben. Insbesondere habe dieser ihr Informationen
über den Vorfall gegeben (vgl. SEM-Akte A/17, F 103 ff.). Als sie von der
Vorinstanz mit ihren Aussagen konfrontiert wurde, hielt sie fest, ihr Onkel
habe sie angerufen, aber sie sei auch von ihrer Freundin informiert worden
(vgl. SEM-Akte A/17, F 130). Insgesamt ist hier kein Widerspruch zu er-
kennen, ist es doch durchaus möglich, dass sie sowohl telefonisch von ih-
rem Onkel, als auch von ihrer Freundin, bei welcher sie sich versteckte,
über die Attacke auf ihre Schwester informiert wurde.
7.5.3 Obwohl der Aufenthaltsort der Familie der Beschwerdeführerin nicht
direkt im Zusammenhang mit ihren Gesuchsgründen steht, ist das Gericht
der Meinung, dass ihre diesbezüglichen Ausführungen in der Beschwerde-
schrift überzeugen. Auch ihre unstimmigen Aussagen in Bezug auf ihre bei-
den Schwestern, I._ und O._, werden darin schlüssig auf-
geklärt. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann vollumfänglich auf die
Beschwerde verwiesen werden.
7.5.4 Schliesslich konnte die augenscheinlich kurzfristige Organisation der
Flugreise nach J._ sowie die Beschaffung des sudanesischen Vi-
sums, welche von der Vorinstanz in Frage gestellt wurden, auf Beschwer-
deebene plausibel erklärt werden. Weiter ist hierzu festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin bereits in der BzP und anschliessend im Rahmen der
Anhörung aussagte, sie habe ihren Onkel über die Drohanrufe der Al-
Shabaab-Milizen und ihre Angst unterrichtet (vgl. SEM-Akten A/4, Zif-
fer 7.01 und A/17, F 93). Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht abwe-
gig, dass dieser bereits vor dem Angriff auf seine Nichte Massnahmen im
Hinblick auf die Flucht der Beschwerdeführerin getroffen hat. Weiter führte
sie in der Anhörung aus, ihr Onkel habe einen Schlepper organisiert und
ihr so eine schnelle Ausreise ermöglicht (vgl. SEM-Akte A/17, F 113).
D-480/2020
Seite 19
7.6 Nach Abwägung sämtlicher Argumente, die für die Glaubhaftigkeit, und
denjenigen, die dagegen sprechen, gelangt das Bundesverwaltungsgericht
jedoch zum Schluss, dass im vorliegenden Fall die Wahrscheinlichkeit, die
zu beurteilende Verfolgungsgeschichte entspreche in den wesentlichen
Punkten nicht den Tatsachen, höher zu erachten ist. Der Beschwerdefüh-
rerin ist es demnach aufgrund der Widersprüche in ihren Aussagen und der
nicht abschliessend aufgezeigten, detailarmen sowie unsubstantiierten An-
gaben nicht gelungen, eine gezielt gegen sie persönlich gerichtete (Reflex-
) Verfolgung durch die Al-Shabaab-Milizen glaubhaft zu machen. Die Ent-
gegnungen auf Beschwerdestufe vermögen die vom SEM getroffene Ein-
schätzung nicht umzustossen.
8.
8.1 Da es der Beschwerdeführerin, nicht gelungen ist, eine ihr persönlich
drohende, gezielte Verfolgung durch die Al-Shabaab glaubhaft zu machen,
kann ihr objektiv gesehen auch keine begründete Furcht vor in naher Zu-
kunft drohender asylrechtlich relevanter Verfolgung durch die Al-Shabaab-
Milizen zuerkannt werden, weshalb sich diesbezüglich eine Prüfung von
Art. 3 AsylG erübrigt.
8.2
8.2.1 Wie bereits erwähnt, brachte die Beschwerdeführerin anlässlich ihrer
Anhörung zu den Asylgründen – spezifische Fluchtgründe zur Sprache. Es
ist deshalb zu prüfen, ob sie diesbezüglich die Voraussetzungen für die
Anerkennung als Flüchtling gemäss Art. 3 AsylG zu erfüllen vermag.
8.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in seinem Ur-
teil E-1425/2014 vom 6. August 2014 (als BVGE 2014/27 in der amtlichen
Entscheidsammlung publiziert) ausführlich mit der Frage der frauenspezi-
fischen Fluchtgründe in Bezug auf Somalia beschäftigt. Gemäss dieser
Rechtsprechung können verschiedene Faktoren dazu beitragen, dass sich
eine Frau bei einer Rückkehr nach Somalia in einer Verfolgungssituation
wiederfindet (vgl. zum Ganzen: a.a.O., E. 5.2 ff.).
8.2.3 Im Unterschied zur Konstellation von BVGE 2014/27 gehört die Be-
schwerdeführerin weder einem Minderheitenclan an, noch wurde sie intern
vertrieben. Ihr Clan (...) (vgl. SEM-Akten A/4, Ziffer 1.08 und A/17, F 66)
gehört vielmehr zu den dominierenden Clans in ihrem Heimatort
B._ (vgl. UK Home Office, Country Policy and Information Note So-
malia: Majority clans and minority groups in south and central Somalia,
Version 2 vom Juni 2017, <http://www.refworld.org/pdfid/59422bdc4.pdf>
D-480/2020
Seite 20
[zuletzt besucht am: 15.06.2020]; vgl. SEM - Staatssekretariat für Migration
/ Secrétariat d'Etat aux migrations [Bern], Focus Somalia – Clans und Min-
derheiten, vom 31.05.2017, <https://www.sem.admin.ch/dam/data/sem/in-
ternationales/herkunftslaender/afrika/som/SOM-clans-d.pdf> [zuletzt be-
sucht am: 15.06.2020]). Im Übrigen verfügt sie mit ihrem Onkel, welcher
ihr bereits zur Ausreise verhalf, und ihrem Bruder um ein männliches Netz-
werk innerhalb der Kernfamilie, welches ihr Schutz bietet. Die Beschwer-
deführerin erfüllt – ihre Glaubhaftigkeit vorausgesetzt – demzufolge mit
dem geltend gemachten sexuellen Übergriff sowie der Beschneidung
höchstens zwei von mehreren risikobegründenden Faktoren gemäss
BVGE 2014/27. Auch wenn die von der Beschwerdeführerin vorgebrachte
Genitalverstümmelung und Vergewaltigung zweifellos als ernsthafte Nach-
teile im Sinne von Art. 3 AsylG zu qualifizieren sind und keinesfalls ver-
harmlost oder für unerheblich erklärt werden sollen, ist für die Beurteilung
des Asylgesuchs jedoch zusätzlich massgebend, ob im Zeitpunkt der Aus-
reise respektive des Entscheids eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfol-
gung vorlag beziehungsweise vorliegt. Gemäss asylrechtlicher Literatur
und Praxis ist eine bereits erlittene Verfolgung in der Regel dann beachtlich
– und könnte vorliegend aus frauenrechtlichen Gründen zu einer begrün-
deten Furcht vor zukünftiger Verfolgung führen –, wenn sie in einem zeitli-
chen und kausalen Zusammenhang zur Ausreise steht. Eine starre zeitli-
che Grenze lässt sich zwar nicht festlegen, es wird aber davon ausgegan-
gen, dass der zeitliche Kausalzusammenhang bei einer Zeitspanne von
sechs bis zwölf Monaten als nicht mehr gegeben erachtet wird (vgl. WAL-
TER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, Basel und Frankfurt am
Main 1999, S. 128; ALBERTO ACHERMANN/CHRISTINA HAUSAMMANN, Hand-
buch des Asylrechts, 2. Auflage, Bern/Stuttgart 1991, S. 107; SAMUEL WE-
RENFELS, Der Begriff des Flüchtlings im schweizerischen Asylrecht, Bern
u.a. 1987, S. 295, MARIO GATTIKER, Das Asyl- und Wegweisungsverfahren,
3. Auflage, Bern 1999, S. 76; BVGE 2009/51, E. 4.2.5 m.w.H.; 2010/57
E. 4.1, 2011/50 E. 3.1.2); bei einer Zeitspanne von mehr als zwei Jahren
wird jedenfalls in der Praxis ein Kausalzusammenhang nicht mehr bejaht
(vgl. EMARK 1999 Nr. 7 E. 4b). Da die geschilderten Ereignisse im Zeit-
punkt ihrer Ausreise mehr als zwanzig Jahre zurücklagen und zudem vor
ihrer Rückkehr in ihr Heimatland, nachdem sie drei Jahre in Saudi-Arabien
gearbeitet hat, stattgefunden haben, fehlt es vorliegend am zeitlichen und
materiellen Kausalzusammenhang. Nach Ablauf einer derart langen Zeit-
dauer kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass die genannten
Vorfälle auslösend für das spätere Verlassen des Heimatstaates waren.
Dies wurde von der Beschwerdeführerin denn auch nicht vorgebracht, so
machte sie in den Befragungen keinerlei Andeutungen, bei einer Rückkehr
https://www.sem.admin.ch/dam/data/sem/internationales/herkunftslaender/afrika/som/SOM-clans-d.pdf https://www.sem.admin.ch/dam/data/sem/internationales/herkunftslaender/afrika/som/SOM-clans-d.pdf
D-480/2020
Seite 21
nach Somalia aufgrund ihres Geschlechts und ihrer persönlichen Biografie
besonders gefährdet zu sein, sexuelle Übergriffe oder Misshandlungen zu
erleiden. Der Beschwerdeführerin droht damit keine asylrelevante frauen-
spezifische Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG.
8.3 Nach dem Gesagten erübrigt es sich, auf die weiteren Vorbringen in
der Beschwerde im Einzelnen einzugehen, da sie an der Würdigung des
geltend gemachten Sachverhalts nichts zu ändern vermögen. Das SEM ist
zur überzeugenden Einschätzung gelangt, die Beschwerdeführerin erfülle
die Flüchtlingseigenschaft nicht und hat das Asylgesuch zu Recht abge-
lehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 23. Dezember 2019 die Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Somalia festgestellt und die
vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin angeordnet hat, erübrigen
sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit
des Wegweisungsvollzugs.
11.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Ver-
fügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt
richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde
ist daher abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG; Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem mit ver-
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Seite 22
fahrensleitender Verfügung vom 31. Januar 2020 das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG gutgeheissen worden ist und weiterhin von der Bedürftigkeit
der Beschwerdeführerin auszugehen ist, sind ihr keine Verfahrenskosten
aufzuerlegen.
12.2 Nachdem die rubrizierte Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
ebenfalls mit verfahrensleitender Verfügung vom 31. Januar 2020 als amt-
liche Rechtsbeiständin im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG beige-
ordnet worden ist, ist sie für ihren Aufwand unbesehen des Ausgangs des
Verfahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwendig war
(vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Mit Eingabe vom 23. März 2020
reichte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin eine Kostennote zu
den Akten. Dabei machte sie einen Aufwand von 380 Minuten bei einem
Stundenansatz von Fr. 100.–/Fr. 150.– im Falle des Unterliegens sowie
Barauslagen (für Fotokopien, Telefongebühren und Porti) von insgesamt
Fr. 55.– geltend. Die Höhe des amtlichen Honorars sowie die Höhe der
Auslagen erscheinen angemessen. Der ausgewiesene zeitliche Vertre-
tungsaufwand ist unter Berücksichtigung der Eingabe vom 12. Mai 2020
auf total sieben Stunden zu erhöhen. Somit ist der Rechtsbeiständin durch
das Bundesverwaltungsgericht gestützt auf die in Betracht zu ziehenden
Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ein amtliches Honorar in der Höhe
von Fr. 1'105.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
D-480/2020
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