Decision ID: 37b1f980-bf03-5322-aece-03fe0fa217cf
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt forderte X im Jahr 2009 aufgrund ihres
fortgeschrittenen Lebensalters zweimal dazu auf, sich einer amtsärztlichen
Kontrolluntersuchung zu unterziehen und ihm den entsprechenden Bericht zukommen
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zu lassen. Als sie darauf nicht reagierte, gewährte es ihr mit Schreiben vom 28.
Oktober 2009 das rechtliche Gehör zum Entzug des Führerausweises auf unbestimmte
Zeit für sämtliche Kategorien. Daraufhin teilte Xs Ehemann dem Strassenverkehrsamt
mit, dass sich seine Frau zurzeit zur Erholung in der Klinik Valens befinde. Am 5.
November 2009 schlug das Strassenverkehrsamt vor, dass X freiwillig auf ihren
Führerausweis verzichten und diesen einsenden könne. Sobald ein ärztliches Zeugnis
vorliege, das die Fahreignung aus medizinischer Sicht bestätige, könne sie – weitere
Abklärungen vorbehalten – den Führerausweis wieder beantragen. In der Folge
verzichtete X am 15. November 2009 auf ihren Führerausweis.
B.- Mit Schreiben vom 21. März 2014 ersuchte Xs Ehemann das Strassenverkehrsamt
um Wiedererteilung des Führerausweises an seine Ehefrau. Er habe ihr einen Smart
Automat gekauft, bei dem die Geschwindigkeit gedrosselt sei. Am 8. Mai 2014 verfügte
das Strassenverkehrsamt, dass sich X innert 20 Tagen mit dem durch die Behörde
bezeichneten Vertrauensarzt in Verbindung zu setzen habe, um einen
Untersuchungstermin zu vereinbaren. Am 27. Juni 2014 erging der Bericht der
amtsärztlichen Untersuchung, worin im Wesentlichen festgehalten wurde, dass sich
aus medizinischer Sicht zwar konkrete Hinweise auf das Vorliegen einer fehlenden
Fahreignung ergeben würden, insgesamt aber keine Beeinträchtigung der Fahreignung
vorzuliegen scheine, weshalb die Fahreignung bestätigt werden könne. Daraufhin holte
das Strassenverkehrsamt beim Institut für Rechtsmedizin St. Gallen ein
verkehrsmedizinisches Aktengutachten ein. Darin wurde am 29. Juli 2014 erklärt, dass
aufgrund der Unterlagen keine schlüssige Beurteilung der Fahreignung möglich sei. Der
amtsärztliche Bericht gebe keine Auskunft über allfällige Beeinträchtigungen. Es werde
eine verkehrsmedizinische Untersuchung empfohlen.
C.- Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs verfügte das Strassenverkehrsamt am
22. August 2014 die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung zur
Abklärung der Fahreignung und einer allfälligen Notwendigkeit weiterer Massnahmen
beim Institut für Rechtsmedizin. Dagegen erhob X am 30. August 2014 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem sinngemässen Antrag, der Führerausweis sei
ihr ohne nochmaligen Untersuch sofort wiederzuerteilen. Sie erklärte, einen Smart
Automat ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren zu wollen, würde sich aber
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verpflichten, die Autobahn nicht zu benutzen. Die Vorinstanz verzichtete auf eine
Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen der Rekurrentin zur Begründung ihres Antrags wird, soweit
erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 30. August 2014 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Die Rekurrentin erachtet die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung
zur Abklärung der Fahreignung als unzulässig.
a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Nach Art. 14 Abs. 2 SVG
verfügt über Fahreignung, wer das Mindestalter erreicht hat, die erforderliche
körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von
Motorfahrzeugen hat, frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von
Motorfahrzeugen beeinträchtigt, und nach seinem bisherigen Verhalten Gewähr bietet,
als Motorfahrzeugführer die Vorschriften zu beachten und auf die Mitmenschen
Rücksicht zu nehmen. Nach Art. 7 Abs. 1 der Verkehrszulassungsverordnung
(SR 741.51, abgekürzt: VZV) müssen die medizinischen Mindestanforderungen nach
Anhang 1 der VZV (Nervensystem, Sehschärfe und Gesichtsfeld, Gehör, Brustkorb und
Wirbelsäule, Atmungsorgane, Herz und Gefässe, Bauch- und Stoffwechselorgane
sowie Gliedmassen) erfüllt sein. Insbesondere dürfen keine Missbildungen, welche die
Atmung und Beweglichkeit erheblich beeinträchtigen, sowie keine hochgradigen
Kreislaufstörungen vorliegen. Sodann dürfen die Gliedmassen keine schweren
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Verstümmelungen, Versteifungen oder Lähmungen, die nicht durch Einrichtungen
genügend korrigiert werden können, aufweisen.
Beim Gesuch um Erteilung eines Führerausweises ist eine Untersuchung durch einen
Vertrauensarzt oder eine Spezialuntersuchungsstelle, die durch die kantonalen
Behörden zu bezeichnen sind, unter anderem für Personen erforderlich, die das 65.
Altersjahr überschritten haben (Art. 11a Abs. 1 lit. d VZV). Die Zulassungsbehörde prüft,
ob die Voraussetzungen für den Erwerb eines Führerausweises erfüllt sind. Zweifelt sie
an deren körperlicher Eignung zum Führen von Motorfahrzeugen, so weist sie die
gesuchstellende Person zur Untersuchung an einen von ihr bezeichneten
Vertrauensarzt oder eine von ihr bezeichnete Spezialuntersuchungsstelle (Art. 11b Abs.
1 lit. a VZV). Ein negativer Entscheid über die Wiedererteilung des Führerausweises
greift – gleichermassen wie ein Sicherungsentzug – tief in den Persönlichkeitsbereich
der betroffenen Person ein. Eine genaue Abklärung der persönlichen Verhältnisse der
Betroffenen ist deshalb in jedem Fall von Amtes wegen vorzunehmen. Das Ausmass
der notwendigen behördlichen Nachforschungen, namentlich die Frage, ob ein
medizinisches Gutachten eingeholt werden soll, richtet sich nach den Umständen des
Einzelfalls und liegt im pflichtgemässen Ermessen der Entzugsbehörde (vgl. BGE 126 II
361 E. 3a).
b) Die Rekurrentin führte in ihrem Rekurs vom 30. August 2014 zusammengefasst aus,
dass sie den Führerausweis seinerzeit freiwillig abgegeben habe, obwohl sie nie
Bussen erhalten oder Unfälle verursacht habe. Da die Postautoverbindungen seit dem
Fahrplanwechsel ungünstig seien, habe sie ein Gesuch um Wiedererteilung des
Führerausweises eingereicht. Der Vertrauensarzt habe festgestellt, dass die
Fahreignung ohne Probefahrt gegeben sei. Deshalb sei ihr der Führerausweis sofort
wiederzuerteilen. Die Vorinstanz hingegen erklärte, dass das vertrauensärztliche
Gutachten nicht schlüssig gewesen sei, weshalb sie das Institut für Rechtsmedizin St.
Gallen um eine Aktenbeurteilung betreffend Fahreignung aus verkehrsmedizinischer
Sicht gebeten habe. Da das Aktengutachten vom 29. Juli 2014 ergeben habe, dass
keine abschliessende Beurteilung der Fahreignung möglich und eine
verkehrsmedizinische Untersuchung zu empfehlen sei, sei eine verkehrsmedizinische
Untersuchung beim Institut für Rechtsmedizin angeordnet worden.
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c) Im Bericht der amtsärztlichen Untersuchung vom 27. Juni 2014 wird eine ganze Liste
von Diagnosen aufgeführt, die unter anderem auf Herzkreislaufprobleme, eine
traumatisch bedingte Hirnblutung sowie anderweitige Verletzungen hinweisen. Sodann
wird erwähnt, dass die Rekurrentin Antidepressiva sowie Schmerzmittel erhalte. Die
Frage nach dem Vorliegen von konkreten Hinweisen auf eine fehlende Fahreignung
unter medizinischen Gesichtspunkten wird zuerst grundsätzlich bejaht. Dann wird
erklärt, die Rekurrentin habe sich koordinativ gut erholt und sei hausärztlich gut
eingestellt. Konkrete Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit den gestellten
Diagnosen werden nicht thematisiert. Es wird lediglich zusammenfassend festgestellt,
dass aufgrund der Untersuchung die Fahreignung insgesamt bestätigt werden könne.
Auflagen oder weitere Abklärungen sowie eine Kontrollfahrt seien nicht notwendig. Aus
dem Bericht geht dementsprechend nicht hervor, welche konkreten
Beeinträchtigungen die Rekurrentin infolge ihrer diversen gesundheitlichen Gebrechen
tatsächlich hat und inwieweit diese einen Einfluss auf die Fahreignung haben. Die
Begründung dafür, dass die Fahreignung trotz der konkreten Hinweise auf das
Vorliegen einer fehlenden Fahreignung dennoch gegeben sein soll, ist sehr rudimentär
und nicht nachvollziehbar. Der Bericht ist dementsprechend nicht geeignet, Zweifel an
der Fahreignung der Rekurrentin auszuräumen. Die Abklärungen des Instituts für
Rechtsmedizin am Kantonsspital St. Gallen ergaben, dass eine schlüssige Beurteilung
der Fahreignung aufgrund der Akten nicht möglich sei; es wurde eine
verkehrsmedizinische Untersuchung empfohlen. Insgesamt fällt insbesondere ins
Gewicht, dass die Rekurrentin ein fortgeschrittenes Lebensalter von rund 82 Jahren
aufweist und zudem an diversen gesundheitlichen Gebrechen leidet, deren
Auswirkungen auf die Fahreignung unklar sind. Sodann sind auch die Wirkungen der
von der Rekurrentin eingenommenen Medikamente im Zusammenhang mit dem
Lenken von Motorfahrzeugen nicht geklärt. Überdies hat die Rekurrentin ihren
Führerausweis bereits vor über fünf Jahren freiwillig abgegeben und verfügt damit seit
geraumer Zeit über keine Fahrpraxis mehr. Die bisherigen durch die Vorinstanz
veranlassten Abklärungen vermochten die Zweifel an der Fahreignung nicht
auszuräumen. Indem die Vorinstanz eine verkehrsmedizinische Untersuchung
angeordnet hat, kommt sie dementsprechend ihrer behördlichen Verpflichtung zur
Klärung des Sachverhalts nach. Die angeordnete Massnahme erscheint als
angemessen und verhältnismässig, um den Zweifeln an der Fahreignung auf den Grund
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zu gehen. Die vorinstanzliche Zwischenverfügung vom 22. August 2014 erweist sich
damit als gerechtfertigt und liegt innerhalb des pflichtgemässen Ermessens der
Behörde.
d) Zusammengefasst ist festzuhalten, dass der vertrauensärztliche Bericht Zweifel an
der Fahreignung der Rekurrentin hervorgerufen hat, die sich auch durch das
rechtsmedizinische Aktengutachten nicht ausräumen lassen. Die Vorinstanz ist
dementsprechend verpflichtet, weitere Abklärungen zu tätigen, um Aufschluss über die
Fahreignung der Rekurrentin zu erhalten. Eine verkehrsmedizinische Untersuchung ist
ein angemessenes und verhältnismässiges Mittel dazu. Die Voraussetzungen für die
Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung sind dementsprechend erfüllt.
Der Rekurs ist abzuweisen.
3.- Abschliessend erklärte die Rekurrentin in ihrem Rekurs, dass sie auf einen baldigen
und positiven Bescheid ohne nochmaligen Untersuch hoffe, wobei sie in Klammern, an
die Vorinstanz gerichtet, festhielt: "Es sei denn, Sie übernehmen die zusätzlichen
Kosten." Wer eine Amtshandlung zum eigenen Vorteil oder durch sein Verhalten
veranlasst, hat die vorgeschriebene Gebühr zu entrichten und kann zudem zum Ersatz
der Barauslagen der Behörde verpflichtet werden (Art. 94 Abs. 1 VRP).
Dementsprechend ist es zulässig, die vorinstanzlichen Auslagen, die zur Bearbeitung
des Gesuchs der Rekurrentin um Wiedererteilung des Führerausweises anfallen, der
Rekurrentin in Rechnung zu stellen.
4.- Die amtlichen Kosten sind nach Obsiegen und Unterliegen zu verlegen (Art. 95 Abs.
1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff.
122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Entsprechend dem
Verfahrensausgang ist sie der Rekurrentin aufzuerlegen und mit dem Kostenvorschuss
von Fr. 1'200.– zu verrechnen.