Decision ID: 8c11bffa-22d4-5f35-9996-47228e35c7ff
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Auf dem sog. D._-Areal in G._ betrieb die Firma D._ & Cie.
ab 1865 ein Textilwerk, später auch Lagerbetriebe. Ab Mitte der 1970-er Jahre wurden
Teilbereiche des Textilwerks stillgelegt und die Räumlichkeiten für verschiedene kleine
Gewerbebetriebe und kulturelle Veranstaltungen genutzt. Im Jahr 1995 wurde der Betrieb
eingestellt. Die Firma D._ & Cie. wurde nach ihrer Fusion mit der
Beschwerdeführerin 2 im Jahr 2006 aus dem Handelsregister gelöscht. Im östlichen Teil
des Areals befinden sich heute die Lagerbetriebe der Beschwerdeführerin 2. Das Areal
wurde 1992 als Standort Nr. E._ in den Kataster der belasteten Standorte des
Kantons Bern eingetragen. Mit Verfügung des AWA vom 1. Juli 2015 wurde der Standort in
zwei getrennte Standorte Nr. E._ (Bereich West, ehemalige Textilwerke;
RA Nr. 140/2015/81 2
G._ Gbbl. Nr. ...) und Nr. F._ (Bereich Ost, Lagerbetriebe; G._
Gbbl. Nr. ...) aufgeteilt. Sämtliche Grundstücke stehen im Eigentum der
Beschwerdeführerin 1.
Am 31. Oktober 2014 reichten die Beschwerdeführerinnen beim AWA ein Gesuch um
Kostenverteilung ein. Das AWA erliess daraufhin am 15. September 2015 eine
Kostenteilungsverfügung. Darin werden die bisher angefallenen Untersuchungskosten
sowie die Kosten für künftig noch notwendige Massnahmen zu 20 % der
Beschwerdeführerin 1 als Zustandsstörerin und zu 80 % der Beschwerdeführerin 2 als
Verhaltensstörerin auferlegt.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführerinnen am 16. Oktober 2015 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung der Kostenteilungsverfügung vom 15. September 2015. Eventualiter stellen sie
mehrere Beweisanträge, falls die BVE selber in der Sache entscheide.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, edierte die
Vorakten und führte den Schriftenwechsel durch. Das AWA beantragt in seiner
Stellungnahme vom 12. November 2015 die Abweisung der Beschwerde. Auf die
Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Prozessvoraussetzungen
Angefochten ist eine Verfügung des AWA nach Art. 32d Abs. 4 USG2 sowie nach Art. 30
AbfG3. Diese kann gemäss Art. 62 VRPG4 bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (USG; SR 814.01)
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damit zur Beurteilung der Beschwerde zuständig. Die Beschwerdeführerinnen sind als
Adressatinnen der Verfügung vom 15. März 2012 beschwert und damit zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Sanierung des D._-Areals
a) Laut Art. 32c Abs. 1 USG sorgen die Kantone dafür, dass Deponien und andere
durch Abfälle belastete Standorte saniert werden, wenn sie zu schädlichen oder lästigen
Einwirkungen führen oder die konkrete Gefahr besteht, dass solche Einwirkungen
entstehen. Zur Beurteilung der Sanierungsbedürftigkeit sind einerseits die am Standort
vorhandenen Schadstoffe und die Wahrscheinlichkeit ihrer Ausbreitung oder Freisetzung in
Betracht zu ziehen, andererseits die Bedeutung der dadurch gefährdeten Schutzgüter und
der Grad der Gefährdung zu berücksichtigen.5 Ob und inwieweit eine
Sanierungsbedürftigkeit besteht, wird in einem mehrstufigen Verfahren festgestellt. In
einem ersten Schritt teilt die Behörde die belasteten Standorte nach den Angaben im
Kataster ein; in solche, bei denen keine schädlichen oder lästigen Einwirkungen zu
erwarten sind, und in solche, bei denen untersucht werden muss, ob sie überwachungs-
und sanierungsbedürftig sind (Art. 5 Abs. 4 AltlV6). In einem zweiten Schritt wird die
Voruntersuchung durchgeführt. Diese besteht in der Regel aus einer historischen und einer
technischen Untersuchung. Damit werden die für die Beurteilung der Überwachungs- und
Sanierungsbedürftigkeit erforderlichen Angaben ermittelt und bewertet (Art. 7 Abs. 1 AltlV).
Mit der historischen Untersuchung werden die möglichen Ursachen für die Belastung des
Standorts ermittelt, insbesondere die Vorkommnisse und die zeitliche und räumliche
Entwicklung der Tätigkeiten am Standort sowie die Verfahren, mit denen am Standort mit
umweltgefährdenden Stoffen umgegangen worden ist (Art. 7 Abs. 2 AltlV). Aufgrund der
historischen Untersuchung wird ein Pflichtenheft über den Gegenstand, den Umfang und
die Methoden der technischen Untersuchung erstellt (Art. 7 Abs. 3 AltlV). Mit der
technischen Untersuchung werden Art und Menge der Stoffe am Standort, deren
Freisetzungsmöglichkeiten und die Bedeutung der betroffenen Umweltbereiche ermittelt
3 Gesetz über die Abfälle vom 18. Juni 2003 (AbfG: BSG 822.1) 4 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 5 Pierre Tschannen, Kommentar zum Umweltschutzgesetz, 2. Aufl., Art. 32c N. 10 6 Verordnung des Bundesrates vom 26. August 1998 über die Sanierung von belasteten Standorten (, AltlV; SR 814.680)
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(Art. 7 Abs. 4 AltlV). Die Behörde beurteilt auf Grund der Voruntersuchung, ob der
belastete Standort überwachungs- oder sanierungsbedürftig ist. Sie berücksichtigt dabei
auch Einwirkungen, die durch andere belastete Standorte oder durch Dritte verursacht
werden (Art. 8 Abs. 1 AltlV). Der Status des Standorts wird im Kataster vermerkt (Art. 8
Abs. 2 AltlV). In einem dritten Schritt wird ein Überwachungskonzept für
überwachungsbedürftige Standorte erstellt bzw. eine Detailuntersuchung für
sanierungsbedürftige Standorte durchgeführt (Art. 13). Die Detailuntersuchung dient der
Beurteilung der Ziele und Dringlichkeit der Sanierung (Art. 14 Abs. 1 AltlV). In einem
vierten Schritt erfolgt schliesslich die Erstellung des Sanierungsprojekts und die
Durchführung der Sanierung (Art. 17 AltlV).
b) Das D._-Areal wurde ab 1862 für unterschiedliche Zwecke genutzt. Im
westlichen Teil (Standort Nr. E._) wurden die Textilwerke und später deren
Folgenutzungen betrieben, im östlichen Teil (Standort Nr. F._) liegen die
Lagerbetriebe. Die Textilwerke der D._ & Cie. wurden zwischen 1862 und 1995
betrieben. Dabei wurde aus Rohgarn Gewebe hergestellt, welches gefärbt und veredelt
wurde. Später wurde auch das Rohgarn vor Ort hergestellt. Die historische Untersuchung
nennt verschiedene Tätigkeiten, die altlastenrechtlich relevant sind, darunter die Stück- und
Garnfärberei, die Trafostationen, die Abwasser- und Tankanlagen, die Wärmeerzeugung
und die Werkstätten. Im Rahmen der technischen Untersuchung sei die Belastung mit
Kohlenwasserstoffen, leichtflüchtigen organischen Substanzen (CKW), PCB,
Schwermetallen, Tensiden, Düngerbestandteilen und PAK zu prüfen.7 Ab 1960 sind
mehrere Brände, ein Ölunfall und die Leckage eines Schmutzwasserkanals bekannt.8
Bereits ab 1975 wurden einzelne Bereiche der Textilwerke stillgelegt und die
Räumlichkeiten von verschiedenen Mietern genutzt. In der historischen Untersuchung
werden verschiedene umweltrelevante Tätigkeiten aufgelistet, beispielsweise das Lagern
von Motorrädern, mechanische Werkstätten und die Fabrikation von Kunststofftanks. Diese
hätten Spuren an der Gebäudesubstanz hinterlassen, es lägen aber keine Indizien vor, die
auf eine Verschmutzung des Grundwassers hindeuteten.9 Bei einem Grossbrand im Jahr
2000 brannte die Halle 22 ab, in der die Rechtsvorgängerin der Beschwerdeführerin 2
7 Historische Untersuchung, S. 30 8 AllGeol AG, D_-Areal - Historische Untersuchung vom 30. Januar 2004 (Historische Untersuchung), S. 13 f. und 25 9 Historische Untersuchung, S. 32 f.
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grosse Mengen an Dünger lagerte. Bei einem weiteren Brand im folgenden Jahr wurden
mehrere Gebäude zerstört, dabei waren aber keine umweltrelevanten Gefahrengüter
betroffen.10 Die historische Untersuchung kommt zum Schluss, dass im Zusammenhang
mit dem Brand von 2000 die Belastung mit Tensiden, Düngerbestandteilen und PAK zu
prüfen sei.11
Die Lagerbetriebe der D._ & Cie. wurden 1963 gegründet. Auf dem Areal wurden
Getreide, Dünger und Kohle gelagert. Zwischen 1995 und 2002 wurden einzelne Bereiche
des Geländes an Dritte vermietet. Seit 2002 betreibt das Logistikcenter G._ die
Lagerbetriebe.12 Im Rahmen der historischen Untersuchung wurde die Lagerung der
genannten Stoffe zwar als umweltrelevant bezeichnet. Gleichzeitig wird festgehalten, dass
sich keine Beweise oder Indizien finden, die auf eine Verschmutzung des Grundwassers
durch die Lagerbetriebe hindeuten würden.13
Abschliessend wird festgehalten, dass sich aus dem langjährigen Betrieb und der
Verwendung umweltgefährdender Stoffe zumindest der Verdacht auf eine Verunreinigung
des Grundwassers ergibt. Es sei daher eine allgemeine Grundwasseruntersuchung
durchzuführen. Würden Verschmutzungen festgestellt, so müssten diese in einem zweiten
Schritt näher lokalisiert und beurteilt werden.14
c) Basierend auf der historischen Untersuchung liess die Beschwerdeführerin 2 eine
erste technische Untersuchung durchführen. Dabei wurden Grundwasserproben aus
bestehenden Brunnen untersucht.15 Die Untersuchungen zeigten erhöhte Konzentrationen
an Chlorid, Nitrat, Sulfat, Ammonium und Chrom.16 Da sich die durchgeführten
Untersuchungen als nicht vollständig erwiesen, führte das AWA eine weitere technische
Untersuchung durch.17 Diese ergab eine teilweise sehr hohe Mineralisation des
10 Historische Untersuchung, S. 25 11 Historische Untersuchung, S. 30 12 Historische Untersuchung, S. 34 13 Historische Untersuchung, S. 39 14 Historische Untersuchung, S. 40 15 Untersuchungsberichte vom 2. Februar und 30. Mai 2007 16 Untersuchungsberichte vom 2. Februar und 30. Mai 2007, jeweils S. 3 und 5 17 Altlastenvoruntersuchung Areal D_ und Cie., G._, Technische Untersuchung vom 22. September 2014
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Grundwassers (Chlorid, Nitrat, Sulfat). An mehreren Messstellen wurden stark erhöhte
Konzentrationen von Ammonium und Nitrit nachgewiesen.18
d) Belastete Standorte gelten als sanierungsbedürftig, wenn sie zu schädlichen oder
lästigen Einwirkungen führen oder wenn die konkrete Gefahr besteht, dass solche
Einwirkungen entstehen (Art. 2 Abs. 2 AltlV). Die Voraussetzungen für die
Sanierungsbedürftigkeit sind in den Art. 9 ff. AltlV und in den Anhängen zur AltlV geregelt.
Ein belasteter Standort ist hinsichtlich des Schutzes des Grundwassers unter anderem
dann sanierungsbedürftig, wenn "bei Grundwasser ausserhalb des
Gewässerschutzbereichs Au im Abstrombereich unmittelbar beim Standort die
Konzentration von Stoffen, die vom Standort stammen, das Zweifache eines
Konzentrationswerts nach Anhang 1 überschreitet“ (Art. 9 Abs. 2 Bst. c AltlV).
Die technische Untersuchung vom 22. September 2014 hat an mehreren Messstellen eine
starke Belastung des Grundwassers mit Ammonium und Nitrit ergeben. Der
Konzentrationswert gemäss Anhang 1 AltlV beträgt für Ammonium 0,5 mg/l. An den
Messstellen KB3 bis KB8 wurden Werte zwischen 3,08 mg/l und 21,2 mg/l festgestellt. Für
Nitrit beträgt der Konzentrationswert 0,1 mg/l. An den Messstellen KB4, KB5 und KB8
wurden Werte zwischen 0,119 mg/l und 18,1 mg/l festgestellt. Damit überschreiten die
genannten Werte die doppelten Konzentrationswerte gemäss AltlV an mehreren
Messstellen bei Weitem. Der Standort wurde zu Recht als sanierungsbedürftiger belasteter
Standort eingestuft (Art. 9 Abs. 2 Bst. c AltlV).
e) Die Beschwerdeführerinnen rügen, in der technischen Untersuchung vom 22.
September 2014 werde der Standort als überwachungsbedürftig qualifiziert. Die
Einschätzung des AWA, wonach der Standort als sanierungsbedürftig einzustufen sei,
widerspreche dem.
In der technischen Untersuchung vom 22. September 2014 werden die Verdachtsflächen 2
bis 4 als "belasteter Standort mit Überwachungsbedarf" klassiert.19 Aufgrund der
gemessenen Ammonium- und Nitritwerte ist diese Einstufung klar falsch (Art. 9 Abs. 2 Bst.
c AltlV). Die Randnote zum genannten Text lautet zudem "VF 2–4: belasteter Standort mit
Sanierungsbedarf". Es ist daher davon auszugehen, dass im Text versehentlich
18 Technische Untersuchung vom 22. September 2014, S. 14 f. 19 Technische Untersuchung Phase 2, S. 17
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"Überwachungsbedarf" statt "Sanierungsbedarf" verwendet wurde. Die Rüge ist
unbegründet.
f) Die Beschwerdeführerinnen rügen, die beiden Messstellen KB 6 und KB 7 befänden
sich nicht im Abstrombereich der Verdachtsfläche, sondern direkt im Bereich von Halle 22,
die im Jahr 2000 einem Grossbrand ausgesetzt war. Die Resultate der beiden Messstellen
seien daher nicht repräsentativ.
Die technische Untersuchung richtet sich nach den Vorgaben der AltlV. Für die Beurteilung
der Belastung eines Standorts sind demnach die Werte im Abstrombereich unmittelbar
beim Standort massgeblich (Art. 9 AltlV). Die Anzahl der Proben und die Entnahmestellen
sind so festzulegen, dass die Proben repräsentativ für die Belastung des Standortes sind
(Anhang 1 Abs. 2 Bst. b AltlV). Ausgehend von der historischen Untersuchung wurden auf
dem Standort D._-Textilwerke vier Verdachtsflächen ausgeschieden. Bei
Verdachtsfläche 3 handelt es sich um die Halle 22. Während des Betriebs der Textilwerke
wurde sie zur Lagerung von Farbstoffen und Lösungsmitteln für die Garnfärberei genutzt
(Stückgutlager). Aufgrund dieser Nutzung ist mit einer Belastung durch Lösungsmittel und
weiteren Chemikalien zu rechnen.20 Nach Stilllegung der Textilwerke wurde die Halle 22
von verschiedenen Mietern als Lager genutzt. Die Beschwerdeführerin 2 lagerte grosse
Mengen an Dünger. Anlässlich eines Grossbrandes im Jahr 2000 wurde die Halle zerstört.
Durch den Brand, der einen Grossteil des Düngerlagers der Rechtsvorgängerin der
Beschwerdeführerin 2 zerstörte, sei mit Tensiden und Ammonium zu rechnen. Die
Folgenutzungen wurden in der historischen Untersuchung hingegen als nicht
umweltrechtlich relevant eingestuft.
Aufgrund der Nutzung für das Textilwerk und des Brandes wurde die Halle 22 zu Recht als
Verdachtsfläche ausgeschieden. Die beiden Messstellen KB6 und KB7 befinden sich im
Abstrom der Verdachtsfläche direkt ausserhalb der Halle. Dies entspricht den Vorgaben
der AltlV. Es ist kein Grund ersichtlich, weshalb die Resultate der Messstellen nicht
repräsentativ sein sollten. Zudem wurden nicht nur bei KB6 und KB7 erhöhte Ammonium-
und Nitritwerte gemessen, sondern an vier weiteren Messstellen (KB3, KB4, KB5, KB8).
Keine dieser Messstellen befindet sich im Abstrombereich der Halle 22. Der Standort
20 Historische Untersuchung, S. 23 und Plan Nr. 8
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D._-Textilwerke müsste auch aufgrund der Resultate dieser Messstellen als
sanierungsbedürftig qualifiziert werden. Die Rüge ist unbegründet.
3. Anrechenbare Kosten
a) Die Kostenteilung umfasst die Kosten für notwendige Massnahmen zur
Untersuchung, Überwachung und Sanierung belasteter Standorte (Art. 32d Abs. 1 USG).
Anrechenbar sind damit die Kosten der eigentlichen Sanierungsmassnahmen, aber auch
diejenigen der Voruntersuchung und der Detailuntersuchung. Überwachungsmassnahmen,
die Teil einer Sanierung sind, sind ebenfalls in die Kostenteilung miteinzubeziehen.21
Vorliegend wurde im Rahmen der historischen Untersuchung festgelegt, wo sich aufgrund
der Nutzungen des Standorts umweltrechtliche Verdachtsmomente ergeben, die im
Rahmen der technischen Untersuchung genauer abgeklärt werden müssen. Es wurde
empfohlen, in einem ersten Schritt eine allgemeine Grundwasseruntersuchung
durchzuführen (Phase 1) und in einem zweiten Schritt die vorgefundenen
Verschmutzungen näher zu lokalisieren und zu beurteilen (Phase 2). Die
Beschwerdeführerin 2 gab daraufhin eine erste Untersuchung zur Analyse des
Grundwassers in Auftrag (Untersuchungsberichte vom 2. Februar und 30. Mai 2007). Sie
liess ausserdem Abklärungen im Bereich von Gebäude Nr. 50 durchführen. Das Amt für
Gewässerschutz und Abfallwirtschaft (GSA, heute AWA) forderte die Beschwerdeführerin 2
in der Folge auf, die technische Untersuchung Phase 2 in Auftrag zu geben. Da die
Beschwerdeführerin dieser Aufforderung nicht nachkam, erliess das GSA am 20. Januar
2009 eine entsprechende Verfügung. Dagegen erhob die Beschwerdeführerin 2
Beschwerde bei der BVE und beim Verwaltungsgericht, da die geforderten
Untersuchungsmassnahmen unnötig seien. Das Verwaltungsgericht hielt in seinem Urteil
vom 20. Mai 201022 fest, dass aufgrund der Grundwasseranalyse von einer Belastung des
Standorts auszugehen sei, die einer genaueren Abklärung bedürfe.23 Die technische
Untersuchung Phase 1 habe sich auf die Entnahme von Proben aus bestehenden Brunnen
beschränkt. Diese hätten nicht alle relevanten Bereiche des Standorts abdecken können
21 Pierre Tschannen, Kommentar zum Umweltschutzgesetz, 2. Aufl., Art. 32d N. 38 ff. 22 VGE 100.2009.220 vom 20. Mai 2010 23 VGE 100.2009.220, E. 2.3.3
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und seien daher für die abschliessende Beurteilung nicht ausreichend. Die
Beschwerdeführerin sei vom GSA auf diesen Umstand hingewiesen worden. Insgesamt
lägen genügend Anhaltspunkte vor, die die Verpflichtung zu weitergehenden
Untersuchungsmassnahmen verhältnis- und rechtmässig erscheinen liessen.24 Damit steht
fest, dass es sich bei den durchgeführten Untersuchungen um notwendige Massnahmen
zur Untersuchung des Standorts handelt, die im Rahmen der Kostenverteilung auf die
Verursacher zu verteilen sind (Art. 32d Abs. 1 USG).
b) Die Beschwerdeführerinnen rügen, es seien nur die Kosten anzurechnen, die bei
sachgerechtem und sorgfältigem Vorgehen erforderlich waren. Das AWA habe darzulegen,
wieviel die einzelnen Untersuchungsmassnahmen gekostet hätten. Zudem sei die
Angemessenheit der Kosten zu prüfen.
Die historische Untersuchung und die technische Untersuchung Phase 1 wurden von der
Beschwerdeführerin 2 in Auftrag gegeben. Gemäss Angaben des AWA wurden den
Beschwerdeführerinnen sämtliche Rechnungen für die technische Untersuchung Phase 2
zugestellt.25 Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. Obschon die Beschwerdeführerinnen
damit Kenntnis sämtlicher Kosten für die Untersuchungsmassnahmen haben, begründen
sie ihre Rüge nicht weiter. Sie begründen insbesondere nicht, inwiefern die Kosten oder die
verrechneten Ansätze zu hoch sein sollen. Auf die pauschale, unsubstantierte Rüge wird
nicht eingetreten (Art. 67 i.V.m. 32 Abs. 2 VRPG).
c) Die Beschwerdeführerinnen rügen, es dürften nur diejenigen Kosten verteilt werden,
die einen direkten Zusammenhang mit den festgestellten Ammonium- und Nitritwerten
hätten. Die Beschwerdeführerinnen berufen sich hierbei auf die ursprüngliche Fassung von
Art. 32d USG. Dieser regelte nur die Verteilung der Sanierungskosten, d.h. die Kosten der
Sanierungsmassnahmen sowie die Kosten der damit unmittelbar zusammenhängenden
Untersuchungs-, Überwachungs- und Entsorgungsmassnahmen. Die Kosten der
Voruntersuchung waren nur anrechenbar, wenn sich der Standort als sanierungsbedürftig
erwies.26 Demgegenüber umfasst die Kostenteilung gemäss der seit 2005 geltenden
Fassung von Art. 32d USG nicht nur die Sanierungskosten, sondern auch die Kosten für
notwendige Untersuchungs- und Überwachungsmassnahmen. Die Kostenverteilung ist
24 VGE 100.2009.220, E. 2.3.4 ff. 25 Stellungnahme des AWA vom 12. November 2015 26 Pierre Tschannen, Kommentar zum Umweltschutzgesetz, 2. Aufl., Art. 32d N. 38 ff.
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damit nicht mehr abhängig von der Sanierungsbedürftigkeit des Standortes. Weiter sind
nicht nur diejenigen Kosten anrechenbar, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der
vorgefundenen Belastung stehen, sondern alle altlastenrechtlich notwendigen Kosten. Dies
umfasst die Kosten für jene Untersuchungen, die aufgrund der historischen Untersuchung
zur Abklärung von Verdachtsmomenten durchgeführt werden mussten. Dies gilt
insbesondere auch für die Untersuchung betreffend die Belastung mit Perchlorethylen
(PER) in Gebäude 50.27 Die Kosten für notwendige Untersuchungsmassnahmen
unterliegen nur dann nicht der Kostenteilung und werden vom Gemeinwesen getragen,
wenn sich der Standort als nicht belastet erweist (Art. 32d Abs. 5 USG). Dies ist vorliegend
aber nicht der Fall. Die Untersuchungen haben vielmehr eine Sanierungsbedürftigkeit
betreffend Ammonium und Nitrit ergeben sowie eine Belastung mit weiteren Stoffen, deren
Konzentration aber keine weiteren Massnahmen erfordert. Bei den Kosten für die
Voruntersuchung im vorliegenden Fall handelt es sich daher um notwendige Kosten für die
Untersuchung eines belasteten Standorts. Als solche unterliegen sie der Kostenteilung
gemäss Art. 32d Abs. 1 USG. Dies gilt auch für diejenigen Kosten, die nicht unmittelbar mit
der Ammonium- und Nitritbelastung in Zusammenhang stehen. Die Rüge ist unbegründet.
d) Die Beschwerdeführerinnen rügen, es sei zu pauschal und undifferenziert, wenn die
"angefallenen Untersuchungskosten" und die "Kosten für zukünftige notwendige
Massnahmen" verlegt würden.
Der Entscheid des AWA vom 15. September 2015 dient einerseits der Verteilung der
bisher angefallenen Kosten. Diese sind bekannt, die entsprechenden Rechnungen wurden
den Beschwerdeführerinnen zugestellt. Künftige Kosten müssen für den Erlass einer
Kostenverteilungsverfügung nicht genau beziffert werden können. Es ist diesfalls zulässig,
lediglich die Quoten für die Verteilung festzulegen.28 Die Kostenverteilung gemäss
Verfügung des AWA ist daher ausreichend bestimmt und zulässig. Die Rüge ist
unbegründet.
e) Die Beschwerdeführerinnen rügen, die historische Untersuchung und die technische
Untersuchung Phase 1 seien von der Beschwerdeführerin 2 in Auftrag gegeben und
bezahlt worden. Die entsprechenden Kosten seien nicht in die Kostenverteilungsverfügung
miteinzubeziehen.
27 VGE 100.2009.220, E. 2.3.6 28 Beatrice Wagner Pfeiffer, Umweltrecht, Zürich/St. Gallen 2013, N 733, mit weiteren Hinweisen
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Die Untersuchungs-, Überwachungs- und Sanierungsmassnahmen sind grundsätzlich vom
Inhaber eines belasteten Standortes durchzuführen (Art. 20 Abs. 1 AltlV). Die
Beschwerdeführerin 2 war zur Zeit der historischen Untersuchung und der technischen
Untersuchung Phase 1 Eigentümerin des Standorts und hat in dieser Funktion zu Recht die
genannten Untersuchungen vorfinanziert. Sie kann daher eine Kostenverteilungsverfügung
verlangen, damit die Kosten gemäss Art. 32d Abs.1 und 2 USG verteilt werden, bzw.
allfällige Ausfallkosten dem Gemeinwesen überbunden werden (Art. 32d Abs. 3 USG). Es
handelt sich hierbei aber nicht um eine Pflicht, sondern einen Anspruch. Der
Beschwerdeführerin 2 steht es damit frei, ob sie für die von ihr vorfinanzierten Kosten eine
Kostenverteilungsverfügung verlangen will oder nicht. Ihr Antrag, die Kosten für die
historische Untersuchung und die technische Untersuchung Phase 1 nicht im Rahmen der
Kostenverteilungsverfügung zu verlegen, wird daher gutgeheissen. Die Kosten für die
genannten Untersuchungen werden nicht angerechnet und die Verfügung des AWA vom
15. September 2015 entsprechend angepasst.
4. Kostentragung
a) Die Untersuchungs-, Überwachungs- und Sanierungsmassnahmen sind vom Inhaber
oder von der Inhaberin des belasteten Standorts durchzuführen (Art. 20 AltlV). Diese sog.
Realleistungspflicht beinhaltet auch, die Kosten für die genannten Massnahmen
vorzuschiessen. Ist der Pflichtige dazu nicht in der Lage oder bleibt er trotz Mahnung und
Fristansetzung untätig, so kann der Kanton diese Massnahmen selber durchführen oder
Dritte damit beauftragen (Art. 32c Abs. 3 USG). Von der Realleistungspflicht zu
unterscheiden ist die Kostentragungspflicht. Diese betrifft die Frage, wem die angefallenen
Kosten endgültig angelastet werden. Die Kostentragungspflicht trifft grundsätzlich den
Verursacher der Belastung (Art. 32d Abs. 1 USG). Sind mehrere Verursacher beteiligt, so
tragen sie die Kosten entsprechend ihren Anteilen an der Belastung des Standorts. In
erster Linie trägt die Kosten, wer die Massnahmen durch sein Verhalten verursacht hat
(Verhaltensstörer). Wer lediglich als Inhaber des Standortes beteiligt ist (Zustandsstörer),
trägt keine Kosten, wenn er bei Anwendung der gebotenen Sorgfalt von der Belastung
keine Kenntnis haben konnte (Art. 32d Abs. 2 USG). Die Kostenanteile der Verursacher,
die nicht ermittelt werden können oder zahlungsunfähig sind, trägt das Gemeinwesen (Art.
32d Abs. 3 USG). Sofern ein Verursacher dies verlangt, erlässt das Gemeinwesen eine
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Kostenteilungsverfügung (Art. 32d Abs. 4 USG). Diese regelt die Kostenanteile, die von
den jeweiligen Verursachern zu tragen sind.
b) Die Beschwerdeführerin 1 ist Grundeigentümerin der beiden Standorte Nr.
E._ und Nr. F._ und damit Zustandsstörerin. Sie erwarb die
Liegenschaften im Jahr 2008 von der Beschwerdeführerin 2. Zu diesem Zeitpunkt lagen
bereits die historische Untersuchung und die technische Untersuchung Phase 1 vor. Die
Beschwerdeführerin 1 hatte damit Kenntnis von der Belastung der Grundstücke und kann
sich nicht auf Art. 32d Abs. 2 USG berufen. Dies wird im Übrigen auch nicht geltend
gemacht. Die Beschwerdeführerin 1 ist daher als Zustandsstörerin in die Kostenverteilung
miteinzubeziehen.
c) Die Beschwerdeführerin 2 ist Rechtsnachfolgerin der D._ & Cie. und damit
Verhaltensstörerin, soweit die D._ & Cie. für die Belastung der Standorte
verantwortlich ist. "Als Verhaltensstörer gilt, wer durch sein eigenes Verhalten (...) die
polizeiwidrige Belastung des Standorts unmittelbar bewirkt hat. Rechtswidrigkeit oder
Schuldhaftigkeit des Verhaltens sind nicht Voraussetzung. Massgebend ist einzig das
gefahrenträchtige Verhalten."29
Die durchgeführten Untersuchungen haben in erster Linie eine teilweise massive Belastung
des Grundwassers durch Ammonium und Nitrit ergeben. Gemäss historischer
Untersuchung wurden für die Stück- und Garnfärberei der D._ & Cie.
verschiedene Stoffe verwendet, die zu dieser Belastung führen können. Eine Untersuchung
des Abwassers für die ARA Murg ergab, dass die Färbereien der D._ & Cie. unter
anderem täglich 34 kg Ammoniumazetat, 17 kg Ammoniumsulfat und 10 kg Natriumnitrit
verwendeten. Diese Stoffe wurden vollständig über die Schmutzwasserleitungen entsorgt.30
1995 wurde aufgrund eines Fischsterbens im nahe gelegenen Brunnbach eine
Untersuchung der Kanalisation auf dem D._-Areal durchgeführt. Dabei wurde ein
grösseres Leck in einer Abwasserleitung gefunden, zudem zeigte sich, dass die
Kanalisation insgesamt in einem schlechten Zustand war.31 Es wurde festgestellt, dass die
Leitungen insbesondere im Bereich von Gebäude 16, wo ein bedeutender Teil der
29 Bundesamt für Umwelt BAFU, Realleistungs- und Kostentragungspflicht, Vollzugshilfe zuhanden der Kantone als Gesuchsteller für VASA-Abgeltungen, 2009 (Vollzugshilfe BAFU); www.bafu.admin.ch/publikationen//01025/index.html?lang=de 30 Historische Untersuchung, Anhang 7, Berechnung der Firma H._ 31 Historische Untersuchung, Anhang 8, Kanaluntersuchung durch die Firma I._
RA Nr. 140/2015/81 13
Abwässer der Färberei anfiel, in sehr kritischem Zustand waren.32 Die Messstellen KB4 und
KB5 liegen direkt im Abstrom dieses Bereichs. Die Messstellen KB6 und KB7 liegen
ebenfalls in unmittelbarer Nähe einer Kanalisationsleitung und zudem ausserhalb von Halle
22, wo die in der Färberei verwendeten Chemikalien gelagert wurden. Bei den genannten
Messstellen wurden erhöhte Ammonium- und Nitritwerte festgestellt, die die
Konzentrationswerte gemäss Anhang 1 AltlV teilweise um ein Vielfaches übersteigen. Es
steht fest, dass die D._ & Cie. grosse Mengen von Chemikalien verwendet hat, die
zu einer Belastung mit Ammonium und Nitrit führen, und dass sie diese über teilweise
schadhafte Abwasserleitungen entsorgt hat. Damit ist erwiesen, dass die D._ &
Cie. für die Belastung mit Ammonium und Nitrit verantwortlich ist.
d) Als zusätzliche Ursache für die Belastung mit Ammonium und Nitrit kommt der Brand
der Halle 22 im Jahr 2000 in Frage. Die D._ & Cie. lagerte hier seit Anfang der
1990-er Jahre grosse Mengen an Dünger. 1994 stellte das Kantonale Amt für Industrie,
Gewerbe und Arbeit (KIGA, heute beco) fest, dass die gelagerte Menge (3'000 t)
störfallrelevant und das Lager aufzuheben sei.33 Zur Zeit des Brandes am 10. Februar 2000
lagerte die D._ & Cie. in Halle 22 insgesamt 2'628 t Düngemittel, darunter 1'154 t
Kalkammonsalpeter und 487 t Harnstoffdünger. Die Mengenschwelle gemäss
Störfallverordnung34 wurde damit für Kalkammonsalpeter um das 58-fache und für
Harnstoffdünger um das 2,5-fache überschritten.35 Durch den Brand wurde der Grossteil
des Düngers vernichtet. Die Wehrdienste sammelten das stark ammonium- und nitrithaltige
Löschwasser in einem Rückhaltebecken im UG der Halle 22 bzw. pumpten es in die
Neutralisationsanlage Steigmatte. Mögliche Austrittsstellen bei Halle 22 wurden
abgedichtet. Untersuchungen nach dem Brand ergaben, dass so eine
Gewässerverschmutzung verhindert werden konnte. Ein Teil des Löschwassers konnte
aber offenbar dennoch über undichte Bodenplatten, nicht bekannte Ausläufe oder den nicht
gut abdichtenden Absperrballon in den Boden oder die Schmutzwasserleitung gelangen.36
Untersuchungen des Vorfalls ergaben, dass der Brand von einem in der Halle abgestellten
Auto ausgegangen war. Das Ausmass des Brandes, der die gesamte Halle und praktisch
32 Historische Untersuchung, Anhang 8, Plan Nr. 4 und Notizen zur Begleitung der Kanalfernsehaufnahmen der Abwasserleitung D_ 33 Bericht des KIGA vom 8. März 1994 34 Verordnung des Bundesrates vom 27. Februar 1991 über den Schutz vor Störfällen (Störfallverordnung, StFV; SR 814.012) 35 Untersuchungsbericht des Regierungsstatthalters von J._ vom 11. Mai 2000, S. 7 und 13 f. 36 Bericht G._ (Pikettdienst Gewässerschutz); Untersuchungsbericht des Regierungsstatthalters von J._ vom 11. Mai 2000, S. 22 f.
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alle darin gelagerten Waren zerstört hatte, war aber auf die völlig ungenügenden
Brandschutzmassnahmen zurückzuführen. Dies lag in der Verantwortung der D._
& Cie. als Betreiberin der Halle.
Ob und wieviel ammonium- und nitrithaltiges Löschwasser tatsächlich in den Untergrund
gelangt ist, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Dies ist allerdings ohnehin nur für die
Messstellen KB6 und KB7, die sich im Abstrom dieses Gebäudes befinden, von
Bedeutung. Die erhöhten Ammonium- und Nitritwerte an den anderen Messstellen können
jedenfalls nicht mit dem Brand der Halle 22 erklärt werden.
e) Neben der starken Belastung mit Ammonium und Nitrit wurde bei sämtlichen
Messstellen eine deutlich erhöhte Mineralisation (Chlorid, Nitrat, Sulfat) gemessen. Einzige
Ausnahme bildet die Messstelle KB3 in der Verdachtsfläche 1. Die AltlV legt für diese
Stoffe keine Konzentrationswerte fest. Hingegen legt die GSchV37 Anforderungen für die
Beurteilung der Wasserqualität fest (Anhang 2 GSchV). Die auf dem Standort gemessenen
Werte übersteigen die Anforderungen gemäss GSchV durchgehend um ein Vielfaches.38
Die technische Untersuchung Phase 2 stuft das dadurch entstehende
Gefährdungspotential für das Schutzgut Grundwasser als mittel ein.39 Gemäss historischer
Untersuchung wurden in den Textilwerken verschiedene Stoffe verwendet, die zur
Belastung des Grundwassers mit Chlorid, Nitrat und Sulfat führen können. So wurden
beispielsweise täglich 17 kg Ammoniumsulfat, 1 kg Kalziumchlorid, 1'080 kg
Natriumchlorid, 422 kg Natriumsulfat, 2 kg Natriumnitrat, 1 kg Natrium-Hydrogensulfat und
5 kg Kupfersulfat verwendet. Auch diese Stoffe wurden vollständig über die teilweise
schadhafte Schmutzwasserleitung entsorgt (vgl. E. 3.c).40
f) Im Rahmen der historischen Untersuchung wurde darauf hingewiesen, dass die
D._ & Cie. grosse Mengen an Perchlorethylen (PER, auch Tetrachlorethen)
verwendete, insbesondere in der Zylindermacherei in Gebäude 50 (Verdachtsfläche 1). Der
Umsatz betrug rund 2'500 l pro Jahr. Es wurde empfohlen, das Grundwasser auf
entsprechende Verunreinigungen zu untersuchen.41 Die bei der technischen Untersuchung
37 Gewässerschutzverordnung des Bundesrates vom 28. Oktober 1998 (GSchV; SR 814.201) 38 Vgl. Technische Untersuchung Phase 2, S. 11 ff. 39 Technische Untersuchung Phase 2, S. 17 40 Historische Untersuchung, Anhang 7, Bericht der Firma Lurgi 41 Historische Untersuchung, S. 27
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Phase 2 gemessenen Werte sind erhöht, liegen aber unter den Konzentrationswerten der
AltlV. Im Untersuchungsbericht wird festgehalten, dass die Analyseresultate von
Verdachtsfläche 1 widersprüchlich und die abschliessende altlastenrechtliche Beurteilung
deshalb noch nicht möglich seien. Es wird daher empfohlen, zwei weitere Messungen
durchzuführen. Fest steht, dass aufgrund der Tätigkeit der D._ & Cie. die
Untersuchung einer allfälligen Belastung des Grundwassers mit PER geboten war.
g) Insgesamt steht fest, dass die Belastung mit Ammonium und Nitrit auf die in der
Färberei verwendeten Chemikalien und die schadhaften Schmutzwasserleitungen,
allenfalls teilweise auf den Brand in Halle 22 zurückgeführt werden kann. Gleiches gilt für
die Belastung mit Chlorid, Nitrat und Sulfat. Die Abklärung der Belastung mit PER in
Verdachtsfläche 1 war aufgrund der historischen Untersuchung ebenfalls geboten. All dies
lag in der Verantwortung der D._ & Cie. Andere Ursachen sind nicht ersichtlich
und werden auch von den Beschwerdeführerinnen nicht vorgebracht. Die
Beschwerdeführerin 2 wurde daher als Rechtsnachfolgerin der D._ & Cie. zu
Recht als Verhaltensstörerin qualifiziert. Sie trägt damit zusammen mit der
Beschwerdeführerin 1 die Kostenpflicht für die notwendigen altlastenrechtlichen
Massnahmen (Art. 32d Abs. 1 USG).
5. Weitere Störer
a) Die Beschwerdeführerinnen rügen, die Belastung des Grundwassers durch
Ammonium und Nitrit sei auf den Brand der Halle 22 zurückzuführen. Die Verunreinigung
sei entstanden, weil schadstoffhaltiges Löschwasser im Untergrund versickert sei. In erster
Linie sei daher die Feuerwehr als Verursacherin zu betrachten, da der Löscheinsatz
offensichtlich nicht fachgerecht erfolgt sei.
Der Brand in Halle 22 wurde den Wehrdiensten G._ am 10. Februar 2000 um
01.56 Uhr gemeldet. Um 02.05 Uhr trafen sie auf dem D._-Areal ein und boten
weitere Wehrdienste, Atemschutztrupps und die Chemiewehr Langenthal auf. Der Brand
konnte bis 08.00 Uhr eingedämmt werden. Letzte Brandherde mussten noch bis 18.00 Uhr
gelöscht werden. Insgesamt waren am Löscheinsatz rund 250 Wehrdienstleute und 25
Zivilschützer beteiligt. Die Schmutzwasserleitung, die der Halle entlang führte, wurde sofort
abgeschiebert und sichergestellt, dass das Löschwasser in das Becken der früheren
Neutralisationsanlage Steigmatte gepumpt werden konnte. Die einzige feststellbare
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Austrittstelle von Löschwasser am Gebäude wurde mit einem Absperrballon verschlossen.
Dem Löschwasser wurden Proben entnommen und zur Analyse ins Kantonale Gewässer-
und Bodenschutzlabor gebracht. Es wurde beschlossen, bis zum Vorliegen der Analyse
das Löschwasser im Gebäude zurückzuhalten. Bei einer Begehung am 11. Februar 2000
wurde festgestellt, dass trotz der getroffenen Massnahmen ein Teil des Löschwassers in
den Boden oder den Schmutzwasserkanal gelangt war.42
Bei dem Brand wurde ein grosser Teil der Halle 22 und der darin eingelagerten Güter,
insbesondere Düngemittel, zerstört. Das Ausmass des Brandes ist auf verschiedene
Faktoren zurückzuführen. Zum einen erwiesen sich die Brandschutzvorkehren im Inneren
der Halle als völlig ungenügend. Die Halle hätte aufgrund ihrer Grösse über mindestens
vier Brandschutzabschnitte verfügen müssen. Die Einstellräume für Motorfahrzeuge hätten
aufgrund ihrer Grösse mit einem eigenen Brandschutzabschnitt vom Rest der Halle
abgetrennt werden müssen. Tatsächlich verfügte die Halle 22 über gar keine
Brandschutzabschnitte. Die verschiedenen Düngemittel hätten aufgrund ihrer leichten
Brennbarkeit nicht zusammen und insbesondere auch nicht zusammen mit andern
brennbaren Materialien gelagert werden dürfen. Die verschiedenen Güter waren aber
lediglich durch Regale und Holzpaletten voneinander getrennt. Auch Rauchmelder und
Sprinkleranlagen fehlten, obwohl dies vorgeschrieben gewesen wäre.43 Hätten die
Brandschutzvorkehren in Halle 22 den geltenden Vorschriften entsprochen, so wäre der
Brand mit grösster Wahrscheinlichkeit auf das Lager mit Motorfahrzeugen beschränkt
geblieben.44 Dies hätte zu keiner Belastung des Grundwassers geführt. Weiter überstieg
die gelagerte Menge an Düngemitteln die zulässigen Mengen nach StFV bei Weitem (vgl.
E. 3.d). Das KIGA hatte daher bereits 1994 die Auflösung des Düngerlagers verlangt. Die
D._ & Cie. war dieser Aufforderung zuerst nachgekommen, hatte dann aber
wieder mit der Lagerung von Düngemitteln in Halle 22 begonnen. Insgesamt kann
festgehalten werden, dass das Ausmass des Brandes und die Menge an ausgetretenen
Schadstoffen auf die mangelhaften Brandschutzvorkehren und die unzulässig grosse
Menge an Düngemitteln, die in Halle 22 gelagert wurden, zurückzuführen ist. Für beides
war die D._ & Cie. verantwortlich.
42 Bericht G_, Pikettdienst Gewässerschutz; Untersuchungsbericht des Regierungsstatthalters J._ vom 11. Mai 2000, S. 4 f. 43 Untersuchungsbericht des Regierungsstatthalters J._ vom 11. Mai 2000, S. 14 f. 44 Untersuchungsbericht des Regierungsstatthalters J._ vom 11. Mai 2000, S. 16
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Es liegen keine Anhaltspunkte vor, die darauf schliessen lassen würden, dass der Einsatz
der Wehrdienste unsachgemäss abgelaufen wäre. Die Wehrdienste waren im Gegenteil
rasch vor Ort und ergriffen von Anfang an Massnahmen, um das Austreten von
Löschwasser zu verhindern. Dass dies bei einem Brand dieses Ausmasses nicht
vollständig verhindert werden kann, kann ihnen nicht angelastet werden. Für Löschwasser,
das allenfalls über Risse in den Bodenplatten in den Untergrund gelangte, ist wiederrum
die D._ & Cie. als Inhaberin der Halle 22 verantwortlich. Es ist nicht ersichtlich, wie
die Wehrdienste dies hätten verhindern sollen. Insgesamt steht damit fest, dass die
Belastung des Grundwassers mit Ammonium und Nitrit auf die mangelhaften
Brandschutzvorkehren, die Lagerung unzulässig grosser Mengen von Dünger und
allenfalls die schadhafte Substanz der Halle 22 zurückzuführen ist. All dies lag in der
Verantwortung der D._ & Cie. Die Beschwerdeführerin 2 als Rechtsnachfolgerin
der D._ & Cie. wurde daher zu Recht als Verhaltensstörerin qualifiziert.
Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass der Brand in Halle 22 allenfalls die erhöhten
Ammonium- und Nitritwerte der Messstellen KB6 und KB7, nicht aber der übrigen
Messstellen erklären kann. Der Brand kann daher nicht die alleinige Ursache der Belastung
des Standorts mit Ammonium und Nitrit sein. Diese ist vielmehr auf die Verwendung und
Entsorgung der entsprechenden Chemikalien in der Färberei der D._ & Cie.
zurückzuführen (vgl. E. 3.c).
b) Die Beschwerdeführerinnen machen geltend, die D._ & Cie. habe kein
Verschulden am Brand getroffen. Sie könne daher auch nicht Verhaltensstörerin sein.
Verhaltensstörer ist, wer mit seinem eigenen gefahrenträchtigen Verhalten die
altlastenrechtliche Belastung verursacht hat. Rechtswidrigkeit und Schuldhaftigkeit des
Verhaltens ist nicht vorausgesetzt.45 Es wurde bereits oben dargelegt, weshalb die
D._ & Cie. und damit die Beschwerdeführerin 2 als deren Rechtsnachfolgerin die
Belastung zu verantworten hat (E. 3 und E. 4.a). Ihr Verschulden ist nicht erforderlich. Die
Beschwerdeführerinnen können daher aus der Tatsache, dass die Rekurskommission in
ihrem Urteil vom 17. Januar 2005 betreffend die Entschädigung für den Brand der Halle 22
die Grobfahrlässigkeit der D._ & Cie. verneint hat, im vorliegenden Verfahren
nichts zu ihren Gunsten ableiten.
45 Vollzugshilfe BAFU
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c) Die Beschwerdeführerinnen rügen, die Halle 22 sei zum Zeitpunkt des Brandes an
mehrere Mieter vermietet gewesen. Diese seien für die einwandfreie Lagerung ihrer Güter
verantwortlich gewesen und kämen auch als Zustandsstörer in Betracht.
Als Zustandsstörer gilt, wer die rechtliche oder tatsächliche Gewalt über das belastete
Grundstück hat, das die polizeiwidrige Einwirkung unmittelbar bewirkt, wie insb. der
Eigentümer, Baurechtsinhaber, Pächter, Mieter, Verwalter und Beauftragte.46
Zustandsstörer kann damit immer nur der aktuelle Inhaber des Standorts sein, da frühere
Inhaber keine rechtliche oder tatsächliche Gewalt mehr ausüben und auch keinen Vorteil
von einer allfälligen Sanierung haben. Die früheren Mieter von Halle 22 kommen damit zum
Vornherein nicht als Zustandsstörer in Frage.
Im Rahmen der historischen Untersuchung wurden die Folgenutzungen nach Stilllegung
der Textilwerke untersucht, darunter auch die Nutzung der Halle 22 als Lagergebäude. Als
umweltrelevant wird allein die Lagerung von Unfallmotorrädern im UG identifiziert, die zu
Verunreinigung mit Ölen und Schmiermitteln führen könnte. Es wurden keine
Ausbreitungspfade oder Kontaminationen gefunden. Auch die technischen
Untersuchungen haben keine Hinweise auf eine Belastung des Grundwassers durch
Stoffe, die im Zusammenhang mit der genannten Nutzung stehen könnten, ergeben. Die
früheren Mieter der Halle 22 kommen daher auch nicht als Verhaltensstörer in Betracht. Es
gibt keinen Grund, sie in das vorliegende Verfahren miteinzubeziehen. Die Rüge ist
unbegründet.
d) Die Beschwerdeführerinnen rügen, der Brand in Halle 22 sei nachweislich auf einen
Kurzschluss in einem abgestellten Auto zurückzuführen. Es sei zu prüfen, inwieweit dem
betreffenden Mieter ein Verschulden am Kurzschluss treffe.
Verhaltensstörer ist nur, wer die Belastung durch sein unmittelbares Verhalten bewirkt hat.
Die natürliche Kausalität des Verhaltens reicht dagegen allein nicht aus.47 Der Kurzschluss
in einem der abgestellten Fahrzeuge war zwar natürlich kausal für den Brand, nicht aber
für die Belastung durch Ammonium und Nitrit. Diese ist auf die mangelhaften
Brandschutzmassnahmen und die unzulässig grosse Menge gelagerter Düngemittel
zurückzuführen, wofür allein die D._ & Cie. die Verantwortung trägt. Die
46 Vollzugshilfe BAFU 47 Vollzugshilfe BAFU
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D._ & Cie. war auch für den operativen Betrieb der Halle 22 zuständig und
bestimmte, welche Güter wo eingelagert wurden.48 Der Eigentümer des Fahrzeugs hatte
auf keinen dieser Faktoren einen Einfluss. Hätte die Halle 22 über die vorgeschriebenen
Brandschutzvorkehren verfügt, so wäre nur der Brandabschnitt mit den Fahrzeugen
ausgebrannt. Dies hätte mit grösster Wahrscheinlichkeit zu keiner Verschmutzung des
Grundwassers geführt. Der Eigentümer des Fahrzeugs hat daher die Belastung nicht
unmittelbar verursacht. Er kann nicht als Verhaltensstörer qualifiziert werden. Es gibt
keinen Grund, sein Verschulden weiter abzuklären oder ihn am Verfahren zu beteiligen.
Die Rüge ist unbegründet.
e) Damit steht fest, dass die auf dem D._-Areal festgestellten Belastungen
unmittelbar auf Tätigkeiten der D._ & Cie. zurückzuführen sind. Die
Beschwerdeführerin 2 ist als deren Rechtsnachfolgerin Verhaltensstörerin und somit
kostenpflichtig. Die Beschwerdeführerin 1 ist Eigentümerin des Standorts und daher als
Zustandsstörerin kostenpflichtig. Die Aufteilung der Kosten, wonach die
Beschwerdeführerin 1 als Zustandsstörerin 20 % und die Beschwerdeführerin 2 als
Verhaltensstörerin 80 % der Kosten zu tragen hat, entspricht der gängigen Praxis und ist
nicht zu beanstanden. Dies wird im Übrigen auch von den Beschwerdeführerinnen nicht
gerügt. Die Beschwerde wird abgewiesen.
6. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführerinnen. Sie haben
die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 2'000.– und werden den Beschwerdeführerinnen je zur Hälfte
auferlegt (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV49). Parteikosten
werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).