Decision ID: 72ab973e-673b-58b2-9424-f33558c2e14e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin reiste am 6. Juni 2017 in die Schweiz ein und
suchte am 22. Januar 2018 um Asyl nach. Am 25. Januar 2018 fand die
Befragung zur Person (BzP) und am 6. Mai 2019 die Anhörung zu den
Asylgründen statt. Im Wesentlichen gab sie zu ihrer Person an, sie sei ira-
nische Staatsangehörige, persischer Ethnie und stamme aus B._.
Dort habe sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder zusammengelebt. Sie habe
(...) studiert, aber die Abschlussarbeit nicht abgegeben. Zudem habe sie
(...) absolviert. In beruflicher Hinsicht habe sie in einer (...), im (...) sowie
im (...) eines (...) gearbeitet. Zuletzt habe sie mit (...) ein (...) geführt.
Zu ihren Asylgründen führte die Beschwerdeführerin aus, als sie (...) Jahre
alt gewesen sei, hätten drei Männer sie mit einem Auto entführt und zu
einem Garten gebracht. Dort seien zwei weitere Personen dazugekom-
men. Die Männer hätten sie vergewaltigt. Während der Tat hätten sich die
Männer beim Namen genannt. Deshalb wisse sie, dass drei der Männer
C._ (Rufname D._), E._ und F._ (Rufname
G._) heissen würden. Nach ungefähr sechs Stunden hätten die
Männer sie freigelassen. Als sie ihrem Vater von der Entführung erzählt
habe, habe er ihr nicht geglaubt. (...) Jahre später habe sie zufälligerweise
in der Einkaufspassage, in welcher sie (...), einen der Täter, G._,
entdeckt. Ihr Bruder habe ihn festhalten wollen, aber er habe sich losreis-
sen können. Deshalb habe ihr Bruder gepfiffen und Sicherheitskräfte vor
dem Ausgang hätten G._ festgehalten und auf einen Polizeiposten
gebracht. Dort habe sie Anzeige erstattet. Ein Mann sei erschienen und
habe für G._ Kaution leisten wollen, was der anwesende Poli-
zeioberst ohne Einwilligung eines Richters habe zulassen wollen. Sie und
ihr Vater seien dagegen gewesen. Als der Polizist realisiert habe, dass es
zu einem Streit kommen würde, habe er G._ nicht gehen lassen.
Die Revolutionsstaatsanwaltschaft habe den Fall an die Hand genommen.
Ein Richter habe in der Folge eine ärztliche Untersuchung von ihr veran-
lasst. Die Ärztin habe schriftlich bestätigt, wonach sie ihre Jungfräulichkeit
vor ungefähr (...) Jahren verloren habe. Nach einem Jahr in Haft habe
G._ ein Geständnis abgelegt und die Polizei und sie zum Tatort ge-
führt. Eines Tages sei sie von einem Polizisten kontaktiert und aufgefordert
worden, zum Polizeiposten zu kommen. Sie sei mit ihrem Vater dorthin ge-
gangen. Der anwesende Polizeimajor habe ihnen mitgeteilt, G._
streite ab, einen E._ zu kennen. Auf entsprechendes Angebot des
Polizisten habe ihr Vater G._ geschlagen. G._ habe
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schliesslich zugegeben, einen (...) namens E._ zu haben. Ein Rich-
ter habe ihr Frist gesetzt, um E._ zu finden. Ihr Vater habe ihn auf-
spüren können. Die beiden Männer hätten dann behauptet, sie hätte gegen
Bezahlung Geschlechtsverkehr mit ihnen gehabt. Der Richter habe ihr da-
raufhin erklärt, sie müsse entweder die Anzeige zurücknehmen oder einen
der Männer heiraten. Gegen E._ und G._ seien noch wei-
tere Strafverfahren hängig gewesen und einer der weiteren Täter sei be-
reits aufgrund anderer Straftaten erhängt worden. E._ und
G._ habe ebenfalls die Todesstrafe gedroht. Ihr Vater habe ihr aus
Mitleid geraten, die Anzeige zurückziehen, was sie getan habe. Im Februar
oder März 20(...) seien die beiden aus dem Gefängnis entlassen worden.
Deren einflussreiche und wohlhabende Familie habe danach Drohungen
gegen sie ausgesprochen (Aussage an BzP). (...) Monate später, ungefähr
(...) vor der Ausreise, seien von Unbekannten die Fenster ihres (...) sowie
die Frontscheibe ihres Autos eingeschlagen worden. Als sie ihrem Vater
davon erzählt habe, habe er von mehreren Telefonanrufen während der
vergangenen Monate berichtet, gemäss welchen sie ein Verhältnis mit ei-
nem verheirateten Mann habe und aufpassen solle.
An der Anhörung ergänzte die Beschwerdeführerin hinsichtlich ihrer Asyl-
gründe, im März oder April 20(...) sei sie um (...) Uhr mit (...) verabredet
gewesen. Statt der Frau seien zwei Männer gekommen. Ihr Bruder sei im
Auto gewesen. Die Männer hätten ihn geschlagen und ihm etwas injiziert,
sodass er bewusstlos geworden sei. Die zwei Männer hätten sich zunächst
als (...) ausgegeben. Dann hätten sie von ihr verlangt, sich auszuziehen,
und Nacktfotos von ihr gemacht. Als ihre Mutter (...) aufgetaucht sei, seien
die Männer geflüchtet. Mit Hilfe ihres Vaters habe sie Anzeige erstattet. Ein
paar Tage danach habe sie eine Vorladung betreffend ein Strafverfahren
wegen (...) und (...) erhalten. Sie habe realisiert, dass wegen des Überfalls
(...) eine Anzeige gegen sie eingereicht worden sei. Der Richter habe zu
ihr gesagt, es sei alles bewiesen. Am (...) April 20(...) habe sie ihren Hei-
matstaat illegal mit einem gefälschten (...) Reisepass und einem gekauften
Visum verlassen. Sie habe sich ungefähr zwei Monate bei (...) in
H._ aufgehalten, bevor sie nach I._ weitergereist sei. Ei-
gentlich habe sie nach J._ gehen wollen. Als sie in der Schweiz
angekommen sei, habe es Probleme mit der Weiterreise gegeben. Zu-
nächst habe sie «(...)» und schliesslich ein Asylgesuch eingereicht. Am
(...) Mai 20(...) habe ihre Familie einen Brief erhalten, wonach sie – die
Beschwerdeführerin – sich bei der Staatsanwaltschaft melden müsse.
Schliesslich habe sie im Iran ein paar Mal eine Hauskirche besucht.
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B.
Mit Verfügung vom 22. Juni 2020 stellte die Vorinstanz fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 24. Juli 2020 erhob die Beschwerdeführerin gegen diesen
Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragt, ihr
sei vollumfänglich Einsicht in die Akte A20/2 sowie in sämtliche Beweismit-
tel inklusive aktualisiertem Beweismittelverzeichnis zu gewähren. Eventu-
aliter sei das rechtliche Gehör zur Akte A20/2 zu gewähren. Nach der Ge-
währung der Akteneinsicht und eventualiter des rechtlichen Gehörs sei ihr
eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung an-
zusetzen. Die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Sache dem
SEM zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei die
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter
sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und sie als Flüchtling vorläufig
aufzunehmen. Eventualiter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen und sie vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und sie vorläufig auf-
zunehmen. Eventualiter sei die Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen und sie vorläufig aufzunehmen. Auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sei zu verzichten. Sie sei weiter von der Bezahlung der
Verfahrenskosten zu befreien. Eventualiter sei eine angemessene Frist zur
Bezahlung eines Gerichtskostenvorschusses anzusetzen.
Als Beweismittel lagen der Beschwerde folgende Dokumente bei: eine Be-
stätigung der Asylsozialhilfe vom 23. Juli 2020, ein Schreiben von
K._ vom 21. Juli 2020 sowie eine E-Mail vom 22. Juli 2020, eine
Kopie sowie ein Foto eines Dokuments auf Persisch, ein Unterstützungs-
schreiben von "(...)" vom 19. Juli 2020, Fotos der Beschwerdeführerin bei
einer Kundgebung, Zeitungsberichte, ein Printscreen der Facebook-Seite
von L._, ein Dokument betreffend ein (...)-Schulprojekt, ein
Printscreen eines Instagram-Profils, Printscreens des Facebook-Profils der
Beschwerdeführerin, Printscreens des Facebook-Profils von (...), ein Do-
kument mit drei Internetlinks, die zu persischen Internetseiten führen mit
einer Google-Übersetzung eines Beitrags von "(...)" auf Instagram, eine E-
Mail von M._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
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an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin vom 21. Juli 2020, ein Be-
stätigungsschreiben von N._, Ärztezentrum O._, bezüglich
Betreuung als Hausarzt vom 8. Juli 2020 sowie ein Überweisungsschrei-
ben an M._ vom 9. März 2020 sowie ein Austrittsbericht des Spitals
(...) vom 11. Februar 2020, ein Verlegungsbericht des Spitals (...) vom 3.
Februar 2020 sowie zwei Berichte des Notfallzentrums des (...) vom 1. No-
vember 2018 und 3. September 2018.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 20. August 2020 stellte die Instruktionsrichte-
rin fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, hiess den Antrag auf Einsicht in das Aktenstück A20/2
gut, lehnte den Antrag auf Einsicht in sämtliche Beweismittel inklusive ak-
tualisiertem Beweismittelverzeichnis ab und lehnte den Antrag auf Anset-
zung einer Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung ab.
E.
Mit Eingabe vom 17. September 2020 reichte die Beschwerdeführerin ver-
schiedene Internetartikel ein.
F.
Am 14. Oktober 2020 gab die Beschwerdeführerin einen Arztbericht von
M._ vom 30. September 2020 zu den Akten.
G.
Mit Schreiben vom 19. Oktober 2020 informierte die Beschwerdeführerin
das Gericht über neue Ereignisse betreffend ihre Asylgründe.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
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Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh-
rerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
Zunächst ist auf die formellen Rügen in der Beschwerde einzugehen, da
diese bei berechtigtem Vorbringen zur Kassation der angefochtenen Ver-
fügung führen können.
6.
6.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
6.2 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung des Anspruchs auf recht-
liches Gehör. Zur Begründung führt sie aus, die Vorinstanz habe das Ak-
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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teneinsichtsrecht verletzt, da sie die Akte A20/2 («interne Dokumentenana-
lyse») zu Unrecht nicht ediert habe. Weiter liege eine Verletzung der Ak-
tenführungspflicht vor, da dem Aktenverzeichnis nicht zu entnehmen sei,
welches Dokument von der Vorinstanz untersucht worden sei, zumal in der
angefochtenen Verfügung acht Beweismittel, auf dem Beweismittelum-
schlag hingegen sieben Beweismittel aufgelistet seien.
In der Zwischenverfügung vom 20. August 2020 hielt die Instruktionsrich-
terin fest, die Vorinstanz habe das Aktenstück A20/2 zu Unrecht von der
Einsicht ausgenommen. Insofern lag diesbezüglich eine Verletzung des
Akteneinsichtsrechts vor. Für eine Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung besteht deswegen kein Grund. Das Aktenstück wurde der Beschwer-
deführerin als Beilage der genannten Zwischenverfügung mit den notwen-
digen Anonymisierungen in Kopie zugestellt. Für das vorliegende Verfah-
ren war es sodann nicht wesentlich und die Vorinstanz hat sich in der Be-
gründung der angefochtenen Verfügung nicht zu Lasten der Beschwerde-
führerin auf dieses abgestützt. Vor diesem Hintergrund bestand auch keine
Veranlassung, der Beschwerdeführerin Frist zur Einreichung einer Be-
schwerdeergänzung anzusetzen. Dass aus der Bezeichnung «interne Do-
kumentenanalyse» nicht hervorgeht, welches Dokument untersucht wor-
den ist, stellt keine Verletzung der Aktenführungspflicht dar (vgl. zur Akten-
führungspflicht im Allgemeinen BGE 138 V218 E. 8.1.2). Was die Beweis-
mittel betrifft, führte die Instruktionsrichterin in der genannten Zwischenver-
fügung aus, die Vorinstanz habe in der angefochtenen Verfügung das Be-
weismittel 3 doppelt aufgeführt. Die eingereichten Beweismittel seien im
Beweismittelverzeichnis vollständig erfasst worden. Eine Verletzung der
Aktenführungspflicht ist demnach zu verneinen. Die Rüge ist unbegründet.
6.3 Eine weitere Verletzung des rechtlichen Gehörs erblickt die Beschwer-
deführerin darin, dass die Vorinstanz die Dokumentenanalyse (Akte A20/2)
in der angefochtenen Verfügung nicht erwähnt und die eingereichten Be-
weismittel nicht gewürdigt habe.
Die Analyse ergab, dass bei der Personenstandsurkunde keine objektiven
Fälschungsmerkmale festgestellt werden konnten. Insofern gab es für die
Vorinstanz keinen Grund, auf dieses Aktenstück näher einzugehen. Die
Rüge geht fehl. Soweit die Beschwerdeführerin mit der materiellen Würdi-
gung der Beweismittel durch die Vorinstanz nicht einverstanden ist, betrifft
dies nicht das rechtliche Gehör.
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6.4
6.4.1 Die Beschwerdeführerin macht im Weiteren geltend, die Vorinstanz
habe Art. 16 Abs. 2 und 3 AsylG verletzt. Die Amtssprache an ihrem Wohn-
sitz im Kanton P._ sei Deutsch, womit die angefochtene Verfügung
ebenfalls auf Deutsch hätte ergehen müssen. Die Vorinstanz habe den
Asylentscheid auf Französisch erlassen. Die Voraussetzungen von Art. 16
Abs. 3 lit. b AsylG seien nicht erfüllt gewesen. Die Eingänge von Asylgesu-
chen seien seit Jahren tief und die Personalsituation könne nicht zur Be-
gründung herangezogen werden. Die Verfahrensdauer bei Altfällen sei auf
die Fehlplanung des SEM zurückzuführen und stelle keinen objektiven Um-
stand im Sinne der Gesetzesbestimmung dar.
6.4.2 Vorliegend gelangt aArt. 16 Abs. 2 AsylG – und nicht die mit der
jüngsten Asylgesetzesrevision vorgenommene Neuformulierung von
Art. 16 AsylG – zur Anwendung (vgl. E. 1.1). In der Regel ist dem in aArt. 16
Abs. 2 AsylG statuierten Grundsatz Rechnung zu tragen, wonach die Ver-
fügung in der Sprache erlassen wird, die am Wohnsitz der asylsuchenden
Person Amtssprache ist. Eine Verfügung kann indes ausnahmsweise in ei-
ner anderen Amtssprache ergehen, wenn im Gegenzug gleichzeitig geeig-
nete Korrektiv-Massnahmen getroffen werden, die das Recht auf eine wirk-
same Beschwerde und auf einen fairen Prozess gewährleisten. Soweit die
Vorinstanz keine geeigneten Korrektiv-Massnahmen ergriffen hat und auch
im Beschwerdeverfahren das Versäumnis nicht nachholt, obwohl aus der
Beschwerdeschrift ersichtlich ist, dass die Partei den Entscheid nicht ge-
nügend verstanden hat, ist die angefochtene Verfügung grundsätzlich zu
kassieren. Die Kassation der angefochtenen Verfügung einzig wegen der
nicht beachteten Regeln betreffend die anzuwendende Verfahrenssprache
kommt demgegenüber dann nicht in Frage, wenn die beschwerdeführende
Person im Beschwerdeverfahren von einem professionellen Rechtsvertre-
ter vertreten wird (vgl. dazu ausführlich Urteil des BVGer E-5882/2019 vom
2. März 2020 E. 6.6 f.).
6.4.3 Die Beschwerdeführerin hat ihren Wohnsitz in O._, Verwal-
tungsregion Bern-Mittelland. Die dortige Amtssprache ist Deutsch (vgl. Art.
6 Abs. 2 lit. c der Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993
[SR 131.212]). Es wäre mithin der Erlass einer Verfügung in deutscher
Sprache die Regel gewesen. Die Vorinstanz beruft sich in der angefochte-
nen Verfügung auf eine Situation, die es in Anwendung von aArt. 16 Abs.
3 Bst. b AsylG rechtfertige, die Verfügung ausnahmsweise in einer anderen
als der am Wohnort gesprochenen Sprache zu erlassen, vorliegend Fran-
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Seite 9
zösisch. Als Korrektivmassnahme wurden das Dispositiv der angefochte-
nen Verfügung sowie die Rechtsmittelbelehrung in deutscher Sprache aus-
gefertigt. Eine Übersetzung der Erwägungen der angefochtenen Verfügung
erfolgte nicht.
Ob das von der Vorinstanz gewählte Vorgehen als ausreichend anzusehen
ist, um den in Art 29a BV und Art. 13 EMRK garantierten Anspruch auf ef-
fektiven gerichtlichen Rechtsschutz genügend Rechnung zu tragen, kann
offenbleiben. Der Beschwerdeführerin war es mit Hilfe des von ihr manda-
tierten Rechtsvertreters möglich, eine rechtsgenügliche sowie fristgerechte
Beschwerde einzureichen. Eine Verletzung von Verfahrensrechten liegt
nicht vor.
6.5 Schliesslich moniert die Beschwerdeführerin, die zuständige Sachbe-
arbeiterin sei bei der Ausarbeitung des Asylentscheides befangen gewe-
sen. Die Argumentation, die Beschwerdeführerin habe absichtlich de-
monstrativ geweint, weise auf Befangenheit hin.
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin ist alleine aufgrund einer
möglichen Fehlinterpretation ihres Verhaltens durch die Sachbearbeiterin
noch nicht auf deren Voreingenommenheit zu schliessen. Es besteht kein
genügender Anlass für die Annahme des Anscheins der Befangenheit oder
Voreingenommenheit der Sachbearbeiterin der Vorinstanz (vgl. zur Befan-
genheit im Allgemeinen: STEPHAN BREITENMOSER/MARION SPORI FEDAIL in:
Bernhard Waldmann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar
VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 10 N 17). Die Rüge ist unbegründet.
7.
7.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-
listeten Beweismittel. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an
der Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
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Seite 10
7.2 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung von Art. 12 VwVG. Die
Vorinstanz habe ihre gesundheitlichen Probleme nicht abgeklärt. Anläss-
lich der Anhörung habe sie angegeben, in der Psychiatrischen Klinik in
Q._ in Behandlung zu sein. Zudem hätte sie aufgrund der zahlreich
eingereichten Akten der iranischen Behörden eine Botschaftsabklärung so-
wie eine ergänzende Anhörung durchführen müssen.
Bei der BzP wurde die Beschwerdeführerin darauf hingewiesen, dass sie
melden solle, wenn sich in gesundheitlicher Hinsicht etwas ergebe (vgl.
SEM-Akte A6/16 Ziff. 8.02). Anlässlich der Anhörung gab die Beschwerde-
führerin an, in Q._ in psychologischer Behandlung gewesen zu sein
(vgl. a.a.O. F123). Indes führte sie dazu auch aus, aufgrund eines Zwi-
schenfalls mit dem behandelnden Arzt habe sie die Behandlung von sich
aus abgebrochen (vgl. a.a.O. F122). Betreffend diese Therapie reichte sie
kein ärztliches Zeugnis ein. Sodann verneinte sie anlässlich der Anhörung
auf die konkrete Frage nach ihrem gesundheitlichen Befinden im Nach-
gang zur (...) entsprechende Leiden (vgl. SEM-Akte A19/24 F129). Ge-
mäss Art. 8 AsylG obliegt es der Beschwerdeführerin während des Asylver-
fahrens im Rahmen ihrer Mitwirkungspflichten, allfällige gesundheitliche
Probleme sowie Behandlungen zu erwähnen und entsprechende Arztzeug-
nisse einzureichen. Aus dem Protokoll der Anhörung geht nicht hervor,
dass die Beschwerdeführerin einen gesundheitlich derart angeschlagenen
Eindruck vermittelt hätte, dass die Vorinstanz von Amtes wegen hätte Ab-
klärungen einleiten müssen. Auch das Bundesverwaltungsgericht sieht
keine Veranlassung, Arztberichte einzufordern. Wie bereits festgehalten,
ist es an der Beschwerdeführerin, solche einzureichen. Soweit sie vor-
bringt, sie sei in der Schweiz erneut Opfer sexuellen Missbrauchs gewor-
den, steht es ihr offen, sich an die Schweizer Justizbehörden zu wenden.
Ferner substantiiert die Beschwerdeführerin nicht, inwiefern eine Bot-
schaftsabklärung zur Erstellung des rechtserheblichen Sachverhalts not-
wendig gewesen wäre. Bei dieser Sachlage bedarf es auch keiner ergän-
zenden Anhörung. Die Rüge ist unbegründet.
7.3 Weiter moniert die Beschwerdeführerin, die Vorinstanz habe die Abklä-
rungspflicht verletzt, da sie statt einer reinen Dublin-Befragung am 25. Ja-
nuar 2018 eine «Mischbefragung» durchgeführt habe. Es hätte nicht sum-
marisch nach den Asylgründen gefragt werden dürfen.
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Seite 11
Inwiefern aufgrund der anlässlich der BzP summarisch erfragten Asyl-
gründe eine unvollständige respektive falsche Sachverhaltsfeststellung ge-
geben sein soll, begründet die Beschwerdeführerin nicht. Entsprechendes
ist auch nicht ersichtlich. Die Rüge geht fehl.
7.4 Ferner bringt die Beschwerdeführerin vor, die Vorinstanz habe das Ver-
fahren während zweieinhalb Jahren verschleppt. Zudem habe die Anhö-
rung zu lange gedauert, nämlich neun Stunden und 45 Minuten, und die
Hilfswerksvertretung (HWV) habe die Rückübersetzung um 18.40 Uhr ver-
lassen müssen. Bei der Durchführung der Anhörung habe die Vorinstanz
ihre Traumatisierung nicht berücksichtigt.
Inwiefern die Verfahrensdauer eine Verletzung des Untersuchungsgrund-
satzes darstellen soll, wird in der Beschwerde nicht substantiiert. Insbeson-
dere führt die Beschwerdeführerin nicht aus, weshalb aus der Dauer des
Verfahrens sowie der Zeitspanne zwischen den Befragungen nachteilige
Folgen bezüglich ihres Asylgesuches resultierten. Im Übrigen hätte es ihr
offen gestanden, eine Rechtsverzögerungsbeschwerde einzureichen.
Was die Dauer der Anhörung betrifft, so begann diese um 9.30 Uhr und
endete um 19.15 Uhr. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, wurde um 11.00
Uhr eine Pause von 20 Minuten, um 12.50 Uhr eine Pause von 55 Minuten,
um 14.30 Uhr eine Pause von 15 Minuten sowie um 16.40 Uhr wiederum
eine Pause von 15 Minuten eingelegt. Die reine Anhörungsdauer betrug
somit acht Stunden. Bei dieser Länge wäre es durchaus wünschenswert
gewesen, die Befragung zu unterbrechen und an einem anderen Tag fort-
zusetzen. Allerdings ist anzunehmen, dass die Dolmetscherin interveniert
hätte, wäre sie zu müde für eine Fortführung der Anhörung gewesen. Dem
Protokoll lassen sich auch keine Hinweise dafür entnehmen, dass die Be-
schwerdeführerin ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr in der Lage
war, der Anhörung konzentriert zu folgen. Die anwesende HWV hat die
Dauer der Anhörung ebenfalls nicht beanstandet. Die Beschwerdeführerin
legt zudem nicht dar, welchen Nachteil das frühzeitige Verlassen der Rück-
übersetzung der HWV für ihr Asylverfahren hatte. Entsprechendes ist auch
nicht ersichtlich. Insgesamt zeigt die Beschwerdeführerin nicht auf, inwie-
fern das Aufgeführte zu einer unvollständigen respektive falschen Sachver-
haltsfeststellung geführt hat. Die Rüge ist unbegründet.
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Seite 12
8.
Insgesamt besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus
formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
9.
9.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
9.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
10.
10.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zunächst zum
Schluss, der Vorfall mit den Männern, als die Beschwerdeführerin (...)
Jahre alt gewesen sei, genüge den Anforderungen an die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht. Die iranischen Behörden hätten jene Tä-
ter festgenommen, die fassbar gewesen seien. Deren Entlassung sei nur
möglich gewesen, weil die Beschwerdeführerin formell auf die Anklage ver-
zichtet habe. Der Vorfall habe sich sodann vor über (...) Jahren zugetragen
und sei demnach nicht die Ursache für die Ausreise gewesen. Die er-
wähnte Konversion zum Christentum sei für sich alleine nicht asylrelevant.
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Die Beschwerdeführerin habe nicht angedeutet, die iranischen Behörden
hätten Kenntnis davon.
10.2 Im Weiteren kommt die Vorinstanz zum Schluss, die Vorbringen der
Beschwerdeführerin genügten den Anforderungen an das Glaubhaftma-
chen nach Art. 7 AsylG nicht. Was die Gruppenvergewaltigung betreffe,
seien ihre Ausführungen – abgesehen von demonstrativem Weinen zur Un-
terstreichung – emotionslos, stereotyp und nicht detailliert gewesen. Zum
Erlebten seien keine Gefühle wahrzunehmen gewesen, beispielsweise ihre
Reaktion auf den Angriff oder mögliches Zögern, der Familie davon zu be-
richten. Stattdessen habe sie einfach ihre Geschichte (...) Jahre später
fortgesetzt. Sie habe an der Anhörung lediglich die Vornamen und keine
zusätzlichen Informationen über die Täter nennen können, obwohl diese
ihr Leben geprägt hätten. Bei der BzP habe sie demgegenüber noch spe-
zifiziert gehabt, diese Personen stammten aus angesehenen Familien mit
einflussreichen Positionen und guten Beziehungen. Es sei unlogisch, dass
sich diese Personen nach ihrer Auslieferung an die Polizei im Gefängnis
wiedergefunden hätten und Schlägen durch sie sowie ihres Vaters ausge-
setzt gewesen seien, nachdem der Polizeichef ihnen die Möglichkeit dazu
gegeben habe. Zudem spreche die Tatsache nicht für die Glaubhaftigkeit,
dass sie den Namen ihres Anwaltes im Iran auf dem Mobiltelefon habe
nachschauen müssen, nachdem sie während Monaten in einem schwieri-
gen Verfahren gewesen sei.
Ebenso sei unlogisch, dass sie die Vornamen und die Spitznamen der Tä-
ter gewusst habe, als ob es Personen gewesen wären, die sie gut gekannt
hätte. Es sei nicht anzunehmen, dass Personen sich beim Vornamen nen-
nen, die eine solche Tat begehen. Auffallend sei auch, dass ihr Vater auf-
grund ihrer Beschreibung (...) Jahre nach dem Vorfall einen der Angreifer
habe festnehmen können. Darüber hinaus sei im iranischen Kontext er-
staunlich, dass es ihr als Frau problemlos möglich gewesen sei, hochran-
gige Personen inhaftieren zu lassen. Gemäss Bericht der finnischen Mig-
rationsbehörden hätten Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden
seien, lediglich eine kleine Chance, Gerechtigkeit zu erlangen. Die Be-
schwerdeführerin habe gemäss ihren Angaben im ersten Verfahren keiner-
lei Schwierigkeiten mit den Polizei- und Justizbehörden gehabt. Gemäss
ihren späteren Vorbringen im Verlauf der Anhörung seien die Behörden
dann nicht mehr kooperativ gewesen. Die Richter hätten sich plötzlich mit
den Beschuldigten verbündet und sich gegen sie gestellt. Es könne ledig-
lich gemutmasst werden, weshalb die Justiz in den Jahren zuvor so hart
mit den anderen Tätern umgegangen sei und ihre mächtige Familie keinen
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Seite 14
Einfluss habe nehmen können. Ferner sehr sei fraglich, ob ein Arzt die Um-
stände des Verlusts der Jungfräulichkeit feststellen könne, insbesondere,
wenn seither (...) Jahre vergangen seien. Nach ihrer Ankunft in der
Schweiz habe sie ihre (...) auf die Gruppenvergewaltigung im Jahr (...) zu-
rückgeführt. Dieses vorübergehende Leiden sei umgehend behandelt wor-
den, wie es auch im Iran möglich gewesen wäre. Es entspreche keiner
Rechtspraxis, auch nicht jener des Iran, dass ein Beamter auf einer Poli-
zeistation in der Nacht und in Abwesenheit eines Richters einer wegen Ver-
gewaltigung verhafteten Person Kaution gewähren könne. Die Darlegun-
gen der Beschwerdeführerin zu den Gerichtsverfahren seien zusammen-
hangslos und nicht nachvollziehbar gewesen, genauso wie das Angebot
des Polizisten, sie könne den Verdächtigen schlagen. Der Vorschlag des
Richters sei abwegig, einen der Beschuldigten zu heiraten, um dessen
Freilassung zu bewirken. Zwar habe die Beschwerdeführerin angegeben,
ihre Anzeige schliesslich zurückgezogen zu haben. Es sei aber anzuneh-
men, dass dies bei solch schweren Anschuldigungen nicht ohne Weiteres
möglich gewesen wäre, zumal unwahrscheinlich sei, dass ein solcher
Schritt kein Strafverfahren wegen falscher Anschuldigung oder ein Gesuch
um Schadenersatz seitens der Beschuldigten nach sich gezogen hätte.
Die Vorbringen der Beschwerdeführerin enthielten sodann gewichtige Un-
gereimtheiten. Einerseits habe sie angegeben, aufgrund der Probleme mit
den Familien der Täter nicht in der Lage gewesen zu sein, die Abschluss-
arbeit an der (...) abzugeben und das Haus zu verlassen. Kurz danach
habe sie aber erklärt, im letzten Jahr vor der Ausreise an einem (...) gear-
beitet zu haben. Anlässlich der Anhörung habe sie als zentrale Ausreise-
gründe ein hängiges Strafverfahren wegen eines (...) und (...) sowie den
Überfall im (...) angegeben. Davon habe sie bei der BzP nichts gesagt. Es
sei nicht nachvollziehbar, dass sie davon nicht als Erstes berichtet habe.
Auffällig sei auch, dass sie bei der Anhörung erst bei der die Frage nach
Risiken bei einer Rückkehr angegeben habe, wegen (...) angezeigt zu
sein. Wären dies ihre hauptsächlichen Asylgründe, hätte sie diese gleich
zu Beginn angeführt. Ihr Erklärungsversuch überzeuge nicht, sie habe bei
der BzP nicht über alles berichten können. Dabei handle es sich nicht um
das einzig verspätete Vorbringen. Sie habe nach ihrer Ankunft zunächst
auch nicht erwähnt, dass sie ihre Anzeige betreffend die Vergewaltigung
zurückgezogen und die beschuldigten Personen entlastet worden seien.
Was schliesslich die eingereichten Beweismittel betreffe, so belegten diese
keine Tatsachen, die nicht glaubhaft gemacht worden seien. Zudem seien
diese leicht käuflich erwerbbar sowie fälschbar. Deren Inhalt sei übersetzt
E-3799/2020
Seite 15
worden. Die Beweismittel seien aber nicht geeignet, die Vorbringen zu be-
legen respektive glaubhaft zu machen.
11.
Die Beschwerdeführerin rügt in der Rechtsmitteleingabe eine Verletzung
von Art. 3 AsylG sowie Art. 7 AsylG. Die Vorinstanz habe bei der Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit ihre Traumatisierung nicht berücksichtigt. Sie habe
detaillierte und widerspruchsfreie Ausführungen mit Realkennzeichen ge-
macht. Bei der Anhörung habe sie über sieben Seiten respektive stunden-
lang in freier Rede gesprochen. Die Konstruktion der Unglaubhaftigkeit
durch die Vorinstanz beruhe darauf, eine Verfolgerlogik anzuwenden und
ihr zu unterstellen, sie lüge betreffend die sexuellen Misshandlungen. Es
handle sich um einen häufigen Fehler der Vorinstanz, die Unglaubhaftigkeit
der Vorbringen mit der Unlogik von Drittverhalten zu begründen. Die Vor-
instanz habe die zahlreichen Realkennzeichen ignoriert. Sie sei nicht auf-
gefordert worden, nähere Angaben zu den Tätern zu machen. Letztlich
habe sie sich, ohne im Mobiltelefon nachzuschauen, an den Namen ihres
Anwaltes im Iran erinnert, wie sich dem Protokoll entnehmen lasse. So-
dann habe sie detailliert geschildert, dass sie mit Hilfe ihres Bruders und
ihres Vaters habe Anzeige erstatten können und gegen die Betroffenen be-
reits andere Strafverfahren hängig gewesen seien. Betreffend die gynäko-
logische Untersuchung könne es nicht zu ihren Ungunsten ausgelegt wer-
den, dass dies die Vorgehensweise der iranischen Behörden sei. Nicht sie
habe behauptet, durch die Untersuchung habe der Zeitpunkt des Verlusts
der Jungfräulichkeit festgestellt werden können. Vielmehr handle es sich
wahrscheinlich um die Logik der Behörden, dass eine unverheiratete irani-
sche Frau zwingend noch Jungfrau sein müsse, ausser sie sei vergewaltigt
worden oder habe ausserehelichen Geschlechtsverkehr gehabt. Ausser-
dem habe sie Unterleibsschmerzen. Eine nachträgliche medizinische Un-
tersuchung sei somit nicht undenkbar. Im Weiteren sei im Wesentlichen
genau das eingetreten, was die Vorinstanz aufgeführt habe. Der Täter habe
sich nach dem Rückzug der Anzeige mit Hilfe der iranischen Behörden ge-
gen sie gewendet. Bei der BzP habe sie zudem den Wunsch geäussert, in
einem Frauen-Team angehört zu werden. Es sei willkürlich, ihr vorzuwer-
fen, die geschlechtsspezifischen Asylgründe bei der BzP nicht genannt zu
haben. Die Beweismittel habe die Vorinstanz weitgehend ignoriert. Es sei
falsch, dass diese die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen behaupte und die
Beweismittel nur noch dahingehend würdige, ob sie geeignet seien, die
Unglaubhaftigkeit zu widerlegen. Aus den auf Beschwerdeebene einge-
reichten Dokumenten gehe hervor, dass der Anwalt im Iran seinen Namen
E-3799/2020
Seite 16
geändert habe. Offenbar sei es schwierig gewesen, an diese Unterlagen
zu gelangen.
Zu Art. 3 AsylG hält die Beschwerdeführerin fest, was die nach Ansicht der
Vorinstanz fehlende Asylrelevanz der Gruppenvergewaltigung anbelange,
verkenne sie, dass diese die Ursache für die asylrelevante Verfolgung im
Zeitpunkt der Flucht gewesen sei. Die iranischen Behörden hätten auf-
grund einer jahrelangen Vorgeschichte betreffend die Gruppenvergewalti-
gung sowie aufgrund einer Vergeltungsaktion der Täter ein Strafverfahren
gegen sie eingeleitet. Sie werde aus asylrelevanten Gründen wegen (...)
und wegen einer (...) gesucht. Schliesslich habe sie sich vom Islam abge-
wandt und sei (...). Sie befinde sich in einem (...). Auf Facebook sei sie mit
L._ befreundet, die an (...) (Englische Abkürzung für «[...]») betei-
ligt sei. Zudem tausche sie mit einer Bekannten erotische Fotos auf Insta-
gram aus. Sie sei politisch aktiv.
12.
12.1 Die Beschwerdeführerin verliess den Iran gemäss ihren Angaben am
(...) April 20(...). Die vorgebrachte Entführung sowie Vergewaltigung datie-
ren im Jahr (...). (...) Jahre später erstattete sie Anzeige, nachdem sie ei-
nen der Täter zufälligerweise gesehen habe, und es wurde ein Strafverfah-
ren durchgeführt. Diese Ereignisse veranlassten die Beschwerdeführerin
demnach offensichtlich nicht, ihr Heimatland zu verlassen. Mithin fehlt es
diesen am flüchtlingsrechtlich relevanten Kausalzusammenhang. Darüber
hinaus liegt diesen Vorbringen kein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv
nach Art. 3 AsylG zu Grunde. Ein solches wird in der Beschwerde auch
nicht aufgezeigt. Da die Asylrelevanz dieses Vorkommnisses zu verneinen
ist, erübrigt es sich, auf die Glaubhaftigkeit und die entsprechenden Aus-
führungen in der Beschwerde einzugehen.
12.2 Wie die Beschwerdeführerin in der Rechtsmitteleingabe zutreffend
festhält, nannte sie an der Anhörung den Namen des Anwaltes im Iran,
ohne die entsprechende Information auf dem Mobiltelefon gefunden zu ha-
ben (vgl. SEM-Akte A19/24 F111). Was den Überfall im (...) sowie das da-
rauf gegen sie eingeleitete Strafverfahren betrifft, so äussert sie sich dazu
in der Beschwerde nicht substantiiert. Sie hält lediglich fest, ihre Schilde-
rungen seien ausführlich sowie detailliert gewesen und enthielten Real-
kennzeichen. Sie zeigt nicht differenziert auf, weshalb ihre Aussagen ent-
gegen der vorinstanzlichen Würdigung als glaubhaft zu erachten sind. Aus
dem blossen Umstand, dass sie lange gesprochen hat, lässt sich nicht auf
E-3799/2020
Seite 17
Glaubhaftigkeit der Vorbringen schliessen. Anzeichen dafür, dass sie auf-
grund ihrer psychischen Verfassung beeinträchtigt war, ihre Asylgründe
darzulegen, bestehen nicht. Zwar ist an einigen Stellen des Protokolls fest-
gehalten, dass die Beschwerdeführerin weinte. Es ist aber nicht ersichtlich,
dass dies einen Einfluss auf die Schilderung ihrer persönlichen Ausreise-
gründe hatte. Insbesondere vermag sie nicht hinreichend darzulegen, wes-
halb sie bei der BzP diese Sachverhaltselemente nicht erwähnt hat, haben
doch diese gemäss den Ausführungen in der Anhörung zur Ausreise ge-
führt. Wäre sie tatsächlich aufgrund eines hängigen Strafverfahrens wegen
(...) und (...) ausgereist und würde sie behördlich gesucht, hätte sie dies
von Anfang an und bereits bei der BzP zu Protokoll gegeben und nicht erst
bei fortgeschrittener Anhörung zur Sache (vgl. SEM-Akte A19/24 F103). In
der Beschwerde versucht sie zwar, eine Begründung für das nachträgliche
Vorbringen zu darzutun. Dazu ist aber festzustellen, dass sie bei der sum-
marischen Schilderung der Asylgründe ohne Zögern von sich aus auf die
Entführung und Vergewaltigung einging («...das passiert, was nicht pas-
sieren sollte»; vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 7.01). Angesprochen darauf, ob
sie bei der Anhörung lieber ein reines Frauen-Team möchte, antwortete sie
zunächst, sie habe sich daran gewöhnt, vor Männern zu sprechen; es sei
aber angenehmer, vor Frauen sprechen zu können (vgl. a.a.O. Ziff. 8.01).
Ihr Erklärungsversuch in der Beschwerde, wonach ihr nicht vorgeworfen
werden könne, die geschlechtsspezifischen Asylgründe bei der BzP nicht
genannt zu haben, überzeugt deshalb vor diesem Hintergrund nicht. Die
Beschwerdeführerin bringt sodann vor, die Täter hätten sich nach dem
Rückzug der Anzeige mit den iranischen Behörden gegen sie gewendet.
Wie aber ihren Schilderungen zu entnehmen ist, handelte es sich bei der
Entführung im Jahr 20(...) sowie dem sich rund (...) Jahre später zugetra-
genen Vorfall im (...) um zwei voneinander losgelöste Ereignisse mit unter-
schiedlicher Täterschaft. Anlässlich der Anhörung gelang es ihr nicht, in
überzeugender Weise einen konkreten Zusammenhang zwischen diesen
Vorkommnissen aufzeigen (vgl. SEM-Akte A19/24 F105). Sie hat auch
nicht geltend gemacht, es habe sich bei den Tätern um die gleichen Män-
ner gehandelt (vgl. a.a.O. F86). Weiter bestehen auch Zweifel hinsichtlich
der Beschaffung der Beweismittel aus dem Iran. Einerseits ist unklar, wes-
halb der Anwalt seinen Namen geändert haben soll. Andererseits zeigt die
Beschwerdeführerin nicht substantiiert auf, wie es diesem gelungen sein
soll, an dieses Dokument (Beschwerde Beilage 4) zu gelangen. Im Übrigen
kann Kopien grundsätzlich ohnehin nur ein eingeschränkter Beweiswert at-
testiert werden.
E-3799/2020
Seite 18
Ergänzend ist festzuhalten, dass Ungereimtheiten in den Aussagen der Be-
schwerdeführerin betreffend ihre Ausreise aus dem Iran bestehen. Bei der
BzP gab sie an, am (...) April 20(...) den Iran mit einem gefälschten (...)
Reisepass verlassen zu haben (vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 5.01). Demge-
genüber geht aber aus den vorinstanzlichen Akten hervor (Treffer CS-VIS),
dass sie am (...) Juni 20(...) mit einem iranischen Reisepass ein Schen-
gen-Visum für I._ beantragte, welches in R._ ausgestellt
wurde und vom (...) Juni 20(...) bis zum (...) Juli 20(...) gültig war (vgl.
SEM-Akte A3/2).
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist nicht auszuschliessen, dass
die Beschwerdeführerin tatsächlich Opfer von sexuellem Missbrauch ge-
worden ist, aber nicht im von ihr geltend gemachten Zusammenhang. Mit
der Vorinstanz ist festzustellen, dass die Vorbringen der Beschwerdeführe-
rin bezüglich des Vorfalls im (...) sowie des darauf eingeleiteten Strafver-
fahrens unglaubhaft sind.
12.3 Was den Besuch von Hauskirchen im Iran betrifft, ging die Beschwer-
deführerin lediglich ein paar Mal dorthin und bekam deswegen gemäss ih-
ren eigenen Angaben keine Schwierigkeiten mit den heimatlichen Behör-
den (vgl. SEM-Akte A19/24 F126). Auch macht sie nicht geltend, tatsäch-
lich zum Christentum konvertiert zu sein oder in exponierter Weise das
Christentum hier in der Schweiz auszuleben (vgl. dazu BVGE 2009/28).
Das Vorbringen ist nicht asylrelevant.
12.4 Soweit die Beschwerdeführerin in der Beschwerde neu vorbringt, sie
sei (...) sowie politisch aktiv, substantiiert sie dieses Vorbringen nicht. Ins-
besondere begründet sie auch nicht, weshalb sie dies erst auf Rechtsmit-
telebene erwähnt. Auf den Fotos, die sie an einer Kundgebung in der
Schweiz zeigen, ist sie nicht in exponierter Position erkennbar. Zudem
macht sie auch nicht geltend, sie sei im Vergleich zu anderen in herausste-
chendem Masse aktiv. Aus dem beigelegten Printscreen des Facebook-
Profils von L._ geht sodann entgegen der Angaben der Beschwer-
deführerin nicht hervor, dass die beiden auf Facebook befreundet sind.
Vielmehr ist ersichtlich, dass L._ die Beschwerdeführerin noch zu
ihrem Freundeskreis hinzufügen müsste. Ebenso wenig äussert sich die
Beschwerdeführerin zum Austausch erotischer Fotos. Weder legt sie dar,
um wen es sich bei dieser Bekannten genau handelt noch reicht sie ent-
sprechende Belege hierfür ein. Schliesslich ist auch nicht erstellt, dass es
sich beim Printscreen des Instagram-Profils «(...)» tatsächlich um jenes
der Beschwerdeführerin sowie um ihre Telefonnummer handelt.
E-3799/2020
Seite 19
12.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die
Flüchtlingseigenschaft weder nachweisen noch glaubhaft machen kann.
Die Vorinstanz hat das Asylgesuch der Beschwerdeführerin demnach zu
Recht abgelehnt.
13.
13.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
13.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
14.
14.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
14.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
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Seite 20
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
14.3 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be-
schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den
Iran ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Iran dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
die Beschwerdeführerin eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Iran lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erschei-
nen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne
der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
14.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
14.4.1 Im Iran herrscht weder Krieg oder Bürgerkrieg noch eine Situation
allgemeiner Gewalt, aufgrund derer eine Rückkehr generell unzumutbar
wäre (vgl. u.a. Urteil des BVGer E-3673/2018 vom 10. Dezember 2020
E. 8.4.1).
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Seite 21
14.4.2 In individueller Hinsicht macht die Beschwerdeführerin psychische
Probleme geltend, die der Zumutbarkeit des Vollzugs entgegenstehen wür-
den. Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen
Gründen ist nach Lehre und konstanter Praxis dann zu schliessen, wenn
eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfü-
gung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden
Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person führen
würde (vgl. etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je m.w.H.).
Aus dem aktuellsten Arztbericht vom 30. September 2020 von M._
geht hervor, dass die Beschwerdeführerin seit dem 31. März 2020 in (...)
sowie (...) sei und eine (...), eine mittelgradige, (...), ein (...), (...), (...) (u.a.
[...], [...], [...], gelegentlich [...]) sowie (...) (seit ungefähr dem [...] Alters-
jahr) diagnostiziert wurden. Hinweise auf eine akute Selbst- oder Fremd-
gefährdung würden aktuell nicht vorliegen. Die Beschwerdeführerin wird
mit (...) gegen die Depressionen sowie (...) medikamentös behandelt. Neu-
ere Berichte über den weiteren Behandlungsverlauf hat die anwaltlich ver-
tretene Beschwerdeführerin im Rahmen ihrer Mitwirkungspflicht bis heute
nicht eingereicht.
Bei dieser Sachlage ist nicht von einer medizinischen Notlage im Sinne der
vorstehend dargelegten Rechtsprechung auszugehen. Sofern die Be-
schwerdeführerin weiterhin einer Behandlung der (...) bedarf, ist anzuneh-
men, dass dies auch im Heimatstaat möglich ist. Gemäss ihren Angaben
hatte sie vor ihrer Ausreise aus dem Iran dort Zugang zu medizinischer
Versorgung (vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 8.02). Das Gesundheitssystem im
Iran weist denn auch ein relativ hohes Niveau auf (vgl. WHO, Health profile
2015, Islamic Republic of Iran, S. 21 ff., https://rho.emro.who.int/si-
tes/default/files/Profiles-briefs-files/EMROPUB_ EN_19265-IRN.pdf, ab-
gerufen am 11. Februar 2021). Dies gilt auch für die Behandlung psychi-
scher Krankheiten. Im Iran arbeiten mehr als 1'800 Psychiater und es gibt
über 200 psychiatrische Kliniken respektive psychiatrische Spitalabteilun-
gen (vgl. BEHZAD DAMARI ET AL., Transition of Mental Health to a More
Responsible Service in Iran, in: Iranian Journal of Psychiatry 2017
Vol. 12/1, S. 36 ff.). Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass
die Beschwerdeführerin im Iran medizinische und psychotherapeutische
Behandlung erhalten kann (vgl. u.a. Urteil des BVGer E-5337/2018 vom
25. Juli 2020 E. 8.5.3). Allfälligen spezifischen Bedürfnissen der Beschwer-
deführerin kann im Rahmen der medizinischen Rückkehrhilfe Rechnung
getragen werden (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverord-
nung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Zudem kann sie sich
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Seite 22
mit der sie behandelnden Fachärztin auf eine Rückkehr in den Heimatstaat
vorbereiten. Einer möglichen vorübergehenden Verschlechterung des Ge-
sundheitszustandes kann durch entsprechende Ausgestaltung der Voll-
zugsmodalitäten Rechnung getragen werden (vgl. Urteil des BVGer E-
4643/2020 vom 23. Oktober 2020 E. 8.5.5). Es ist deshalb nicht anzuneh-
men, eine Rückkehr der Beschwerdeführerin in den Iran würde zu einer
raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung ihres Gesundheitszu-
standes führen.
14.4.3 Auch sonst liegen keine Gründe vor, die gegen die Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs sprechen. Die Beschwerdeführerin hat das (...)
abgeschlossen. Zudem hat sie mehrere Semester (...) studiert, das Stu-
dium indes nicht abgeschlossen. Gemäss ihren Angaben hätte sie noch
ihre Abschlussarbeit einreichen müssen (vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 1.17.04
und SEM-Akte A19/24 F62). Ferner hat sie (...)- sowie (...) absolviert (vgl.
SEM-Akte A19/24 F76). In beruflicher Hinsicht war sie in einer (...), im (...)
eines (...) sowie im Bereich (...) tätig und führte vor der Ausreise ein eige-
nes (...) (vgl. a.a.O. F58). Mit ihrem Bruder und ihre Eltern hat sie ein trag-
fähiges familiäres Umfeld (vgl. SEM-Akte A6/13 Ziff. 3.01), welches sie bei
der Wiedereingliederung unterstützen kann. Nach dem Gesagten erweist
sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar.
14.5 Ferner obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
14.6 Schliesslich steht auch die Covid-19-Pandemie dem Wegweisungs-
vollzug nicht entgegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um
ein temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Iran angepasst wird (vgl.
Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommis-
sion [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e sowie das Urteil des BVGer
D-4796/2019 vom 27. April 2020 E. 8.9 m.w.H.).
14.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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Seite 23
15.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Da keine Bundesrechtsverletzung vorliegt,
ist ein Verstoss gegen das Willkürverbot nach Art. 9 BV ausgeschlossen.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
16.
16.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Be-
schwerdeführerin beantragt aber die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung. Gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG befreit die Beschwerdeinstanz
eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag von
der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren nicht aussichts-
los erscheint.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Vorbringen
der Beschwerdeführerin nicht als aussichtslos zu beurteilen waren. Ihre
Bedürftigkeit ist durch die eingereichte Bestätigung der Asylsozialhilfe vom
23. Juli 2020 belegt. Damit sind die kumulativ zu erfüllenden Vorausset-
zungen zur Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung erfüllt. Das
Gesuch ist gutzuheissen, weshalb keine Verfahrenskosten aufzuerlegen
sind.
16.2 Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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