Decision ID: 7ac77254-fdd7-43e0-9efb-b0ae1fc1ad9e
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt einen ausländischen Führerausweis, den sie am 22. September 2011
erwarb. Im Zeitraum vom 20. bis 26. März 2020 überschritt sie innerorts in A insgesamt
fünfmal die signalisierte Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h, zweimal um 17 km/h,
einmal um 21 km/h und zweimal um 22 km/h. Mit Strafbefehl des Kantonalen
Untersuchungsamts vom 7. Mai 2020 wurde sie der mehrfachen Verletzung der
Verkehrsregeln im Sinn von Art. 90 Abs. 1 SVG schuldig erklärt und mit einer Busse
von Fr. 3'800.– bestraft. Am 6. April 2020 war X an derselben Stelle nochmals zu
schnell unterwegs; diesmal betrug die Überschreitung 17 km/h.
B.- Am 12. Mai 2020 eröffnete das Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen ein
Administrativmassnahmeverfahren gegen X und gewährte ihr das rechtliche Gehör.
Nachdem die Betroffene in ihrer Stellungnahme auf psychische Probleme hingewiesen
hatte, beabsichtigte das Strassenverkehrsamt, ihre Fahreignung abklären zu lassen.
Mit Schreiben vom 26. Mai 2020 befürwortete der Leitende Arzt der Klinik B, die
Fahreignung von X uneingeschränkt, worauf das Strassenverkehrsamt auf weitere
Abklärungen verzichtete.
Mit Verfügung vom 30. Juni 2020 aberkannte das Strassenverkehrsamt X den
Führerausweis wegen mittelschweren und leichten Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von drei Monaten.
C.- In einem undatierten Schreiben (Eingang am 6. Juli 2020) wandte sich X an das
Strassenverkehrsamt und bat um einen Verzicht auf den Führerausweisentzug. Das
Strassenverkehrsamt leitete das Schreiben an die Verwaltungsrekurskommission des
Kantons St. Gallen (VRK) weiter, wo es als Rekurs entgegengenommen wurde. Am 17.
August 2020 verzichtete die Vorinstanz auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen zur Begründung des Antrags wird, soweit erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der am 6. Juli
2020 bei der Vorinstanz eingegangene und zuständigkeitshalber an die VRK
überwiesene Rekurs wurde rechtzeitig eingereicht. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist
einzutreten.
2.- a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt:
SVG) wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen
das Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen
ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen.
Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b
SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit
anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a
SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Von einer mittelschweren
Widerhandlung ist immer dann auszugehen, wenn nicht alle privilegierenden Elemente
einer leichten und nicht alle qualifizierenden Bestandteile einer schweren
Widerhandlung erfüllt sind (vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4487).
b) Ausländische Führerausweise können nach den gleichen Bestimmungen aberkannt
werden, die für den Entzug des schweizerischen Führerausweises gelten (Art. 45 Abs. 1
der Verkehrszulassungsverordnung, SR 741.51, abgekürzt: VZV). Dadurch wird der
Inhaberin des ausländischen Führerausweises das Recht aberkannt, diesen auf dem
Hoheitsgebiet der Schweiz zu verwenden (siehe Art. 42 Abs. 1 Ingress des
Übereinkommens über den Strassenverkehr, SR 0.741.10). Demgegenüber hat die
Verwarnung gemäss Art. 16a Abs. 3 SVG kein Fahrverbot zur Folge. Eine zufolge einer
leichten Widerhandlung verwarnte Fahrzeuglenkerin ist weiterhin fahrberechtigt und
muss den Führerausweis nicht abgeben. Dies erklärt auch, weshalb die Verwarnung in
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Art. 45 Abs. 1 VZV im Unterschied zur Aberkennung des ausländischen
Führerausweises nicht erwähnt ist (vgl. dazu auch Entscheid des Verwaltungsgerichts
B 2011/186 vom 15. Dezember 2011 E. 4.2., im Internet abrufbar unter: www.sg.ch/
recht/gerichte und dort unter Rechtsprechung).
3.- a) Signale und Markierungen sind zu befolgen und gehen den allgemeinen Regeln
vor (Art. 27 Abs. 1 SVG). Nach Art. 4a Abs. 1 lit. a der Verkehrsregelnverordnung (SR
741.11, abgekürzt: VRV) beträgt die allgemeine Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge
unter günstigen Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen in Ortschaften 50 km/h.
Abweichende signalisierte Höchstgeschwindigkeiten gehen den allgemeinen
Höchstgeschwindigkeiten vor (Art. 4a Abs. 5 VRV). Die allgemeine
Höchstgeschwindigkeit kann auf gut ausgebauten Strassen mit Vortrittsrecht innerorts
heraufgesetzt werden, wenn dadurch der Verkehrsablauf ohne Nachteile für Sicherheit
und Umwelt verbessert werden kann (Art. 108 Abs. 3 der Signalisationsverordnung, SR
741.21).
b) Die Rekurrentin bestreitet nicht, die signalisierte Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h
innerorts in A insgesamt sechsmal überschritten zu haben; das erste Mal am 20. März
2020 um 22 km/h, das zweite Mal am 21. März 2020 um 22 km/h, das dritte und vierte
Mal am 25. März 2020 um 17 und 21 km/h, das fünfte Mal am 26. März um 17 km/h
und das sechste Mal am 6. April 2020 um 17 km/h. Damit hat sie die genannten
Verkehrsregeln mehrfach verletzt.
4.- a) Zur Sanktionierung von Geschwindigkeitsüberschreitungen hat die
Rechtsprechung im Interesse der rechtsgleichen Behandlung Grenzwerte festgelegt.
Danach ist nach Bundesgerichtspraxis eine leichte Widerhandlung im Sinn von Art. 16a
Abs. 1 lit. a SVG gegeben, wenn die Geschwindigkeitsüberschreitung nur leicht über
den Widerhandlungen nach Anhang I der Ordnungsbussenverordnung (SR 741.031,
abgekürzt: OBV) liegt (BGE 128 II 86 E. 2). Dies ist bei
Geschwindigkeitsüberschreitungen innerorts von 16 bis 20 km/h der Fall.
Bei Überschreitung der allgemeinen oder signalisierten
Höchstgeschwindigkeit innerorts um 21 bis 24 km/h ist ohne Prüfung der konkreten
Umstände objektiv zumindest ein mittelschwerer Fall anzunehmen.
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b) Die Vorinstanz hat demnach zu Recht festgestellt, dass die drei
Geschwindigkeitsüberschreitungen von 17 km/h leichte Widerhandlungen im Sinn von
Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG und die drei Geschwindigkeitsüberschreitungen von einmal
21 km/h und zweimal 22 km/h mittelschwere Widerhandlungen darstellen, zumal nichts
vorgebracht wurde, was auf ein geringes oder erhöhtes Verschulden schliessen liesse
(vgl. BGE 124 II 97 E. 2c).
5.- a) Zu klären bleibt, welche Administrativmassnahme diese Verstösse nach sich
ziehen. Gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind bei der Festsetzung der Dauer der
Führerausweisaberkennung die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen,
namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Diese Zumessungsfaktoren sind gesamthaft zu würdigen und die Aberkennungsdauer
ist im Einzelfall so festzusetzen, dass die mit der Massnahme beabsichtigte
erzieherische und präventive Wirkung am besten erreicht wird. Bei der Bemessung der
Aberkennungsdauer kommt der Behörde ein weiter Ermessensspielraum zu (Ph.
Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 16 SVG N 27).
Bei einer leichten Widerhandlung wird gemäss Art. 16a Abs. 2 SVG der Führerausweis
für mindestens einen Monat aberkannt, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der
Ausweis aberkannt war oder eine andere Administrativmassnahme verfügt wurde;
andernfalls ist die fehlbare Person zu verwarnen (Art. 45 VZV in Verbindung mit Art. 16a
Abs. 3 SVG). Nach einer mittelschweren Widerhandlung wird der ausländische
Führerausweis für mindestens einen Monat aberkannt (Art. 45 VZV in Verbindung mit
Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG). Die Mindestaberkennungsdauer darf nach der
Rechtsprechung unter keinen Umständen unterschritten werden (vgl. BGE 135 II 334
E. 2.2, 132 II 234 E. 2.3; Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_585/2008 vom 14. Mai
2009 E. 2.1 mit Hinweisen).
b) Nach Art. 49 Abs. 1 des Strafgesetzbuches (SR 311.0, abgekürzt: StGB) ist eine
Täterin, welche durch eine oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für mehrere
gleichartige Strafen erfüllt, für die schwerste Straftat zu bestrafen und die Strafe
angemessen zu erhöhen. Art. 49 StGB ist analog anzuwenden, wenn mehrere
administrativrechtliche Führerausweisaberkennungsgründe vorliegen (BGer 6A.74/2005
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vom 15. März 2006 E. 5.3; BSK StGB I-Ackermann, Art. 49 N 40; BSK SVG-Rütsche,
Art. 16 N 134, E. 5.3; Weissenberger, a.a.O., Vorbemerkungen zu Art. 16 ff. SVG N 14).
Folglich ist nicht für jede Verkehrsregelverletzung eine einzelne Massnahme
anzuordnen. Vielmehr ist die für die schwerste Verletzung verfügte Massnahme
angemessen zu verschärfen, um so zu einer Gesamtmassnahme zu gelangen, welche
allen Verfehlungen Rechnung trägt (vgl. z.B. BGer 6B_164/2012 vom 7. Juni 2012 E. 3).
Dies bedeutet aber auch, dass die Regeln von Art. 49 StGB im
Administrativmassnahmenrecht nur greifen, wenn mehrere gleichartige Massnahmen
ausgesprochen werden (vgl. BSK StGB-Ackermann, a.a.O., Art. 49 N 90).
c) Die Geschwindigkeitsüberschreitungen vom 20., 21. und 25. März 2020 (Nachmittag)
stellen mittelschwere Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften mit
einer Mindestaberkennungsdauer von einem Monat dar, während es sich bei den
Geschwindigkeitsüberschreitungen vom 25. (Vormittag), 26. März und 6. April 2020 um
leichte Widerhandlungen handelt. Für die Bemessung der Aberkennungsdauer ist
deshalb von den mittelschweren Widerhandlungen auszugehen. Die
Mindestaberkennungsdauer für eine mittelschwere Widerhandlung beträgt einen
Monat. Aufgrund der dreifachen Widerhandlung erscheint es angemessen, die
Aberkennungsdauer auf zwei Monate zu erhöhen.
Zusätzlich beging die Rekurrentin drei leichte Widerhandlungen
(Geschwindigkeitsüberschreitungen um je 17 km/h). Wären diese allein zu
sanktionieren, hätten sie aufgrund des zuvor noch ungetrübten automobilistischen
Leumunds lediglich eine Verwarnung und keine Aberkennung des Führerausweises zur
Folge. Für die insgesamt sechs zu beurteilenden Vorfälle liegen damit zwei
unterschiedliche Arten von Sanktionen vor (Verwarnung und Aberkennung), weshalb
Art. 49 Abs. 1 StGB nicht analog angewendet werden kann. Dies würde eine
unzulässige Verschärfung der Massnahmenart darstellen (vgl. GVP 2010 Nr. 34). Die
Erhöhung der Aberkennungsdauer aufgrund der leichten Widerhandlungen, wie dies
die Vorinstanz offenbar getan hat, ist daher nicht gerechtfertigt. Es bleibt damit bei
einer Einsatzmassnahmendauer von zwei Monaten.
d) Schliesslich bringt die Rekurrentin vor, für den Arbeitsweg sei sie auf den
Führerausweis angewiesen. Zudem nehme sie an psychiatrischen Sprechstunden teil,
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die zwei Stunden entfernt von ihrem Arbeitsort stattfänden. Da sie alleine in der
Schweiz lebe, könne ihr niemand behilflich sein.
Fahrzeuglenkerinnen, die berufsmässig auf den Einsatz eines Motorfahrzeugs
angewiesen sind, werden wegen der grösseren Massnahmeempfindlichkeit in der
Regel schon durch eine kürzere Aberkennungsdauer wirksam von weiteren
Widerhandlungen abgehalten. Einer solchen Lenkerin soll der Führerausweis deshalb
weniger lange aberkannt werden als einer, die ihr Fahrzeug beruflich nicht benötigt,
selbst, wenn beide Fahrzeuglenkerinnen das gleiche Verschulden trifft (vgl. dazu BGE
123 II 572 E. 2c). Ein gewisser organisatorischer, zeitlicher oder finanzieller
Mehraufwand ist aber Folge einer jeden Aberkennung des Führerausweises und
deshalb in Kauf zu nehmen, ohne dass dies eine massnahmemindernde
Berücksichtigung rechtfertigen würde (vgl. BGer 6A.31/2004 vom 6. August 2004
E. 1.4; Entscheid der VRK IV-2013/123 vom 9. Januar 2014 E. 6c, im Internet abrufbar
unter: www.sg.ch/recht/gerichte und dort unter Rechtsprechung).
Die Rekurrentin ist keine Berufschauffeurin, die ihr Einkommen mit dem Erbringen von
Fahrdiensten erzielt und für die eine Führerausweisaberkennung ein materielles
Berufsverbot bedeutet. Mit entsprechenden organisatorischen Vorkehrungen oder mit
dem öffentlichen Verkehr kann sie den Arbeitsweg wie auch die eigenen Arzttermine
gleichwohl bewältigen. Sie ist daher kaum mehr als andere von einer
Führerausweisaberkennung betroffen und ihre Sanktionsempfindlichkeit höchstens
leicht erhöht, weshalb sich eine Minderung der Massnahmedauer nicht rechtfertigt. Es
bleibt damit bei einer Aberkennungsdauer von zwei Monaten.
6.- Zusammenfassend ist der Rekurs teilweise gutzuheissen. Die Kosten des
Rekursverfahrens haben die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens und
Unterliegens zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Sie sind der Rekurrentin daher zu zwei
Dritteln und dem Staat zu einem Drittel aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr von
Fr. 1'200.- erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12); davon entfallen Fr. 800.- auf die Rekurrentin und Fr. 400.- auf den Staat.
Der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.- ist mit dem Kostenanteil der Rekurrentin zu
verrechnen und im Restbetrag von Fr. 400.- zurückzuerstatten.