Decision ID: fe54d545-8dd6-46e7-8eff-f3cdf365e71a
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich erstmals im September 2013 wegen somatischen und
psychischen Beeinträchtigungen zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
(IV) an (IV-act. 1). Sie gab an, in C._ nach dem Schulabschluss einen polytechnischen
Lehrgang (ein Jahr) und eine hauswirtschaftliche Berufsschule (ein Jahr) besucht zu
haben. 1996 habe sie sich zur Kosmetikerin ausbilden lassen. Von 2001 bis 2010 sei
sie selbstständig erwerbend gewesen. Aktuell lebe sie von der Sozialhilfe.
A.a.
Dr. med. D._ vom E._ nannte am 5./18. November 2013 die Diagnosen
Anpassungsstörungen (ICD-10 F43.2) und akzentuierte Persönlichkeitszüge (ängstlich-
vermeidend, unsicher, ICD-10 Z73.1, IV-act. 11). Ab Mitte November 2013 sei eine
50%ige Arbeitsfähigkeit geplant. Dr. med. F._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst
(RAD) notierte am 20. Januar 2014 (IV-act. 24), es sei von einer mindestens 50%igen
Arbeitsfähigkeit, schrittweise steigerbar auf 100%, auszugehen. Aktuell sei die
Versicherte aufgrund ihrer psychischen Beeinträchtigungen in den Bemühungen, sich
beruflich wieder einzugliedern, beeinträchtigt. Der Hausarzt G._, Arzt für
Allgemeinmedizin, berichtete am 25. Januar 2014 (IV-act. 27), im Vordergrund stehe die
depressive Entwicklung mit Anpassungsstörung; andere Beschwerden hätten sich fast
immer als funktional erwiesen. Am 17. Juni 2014 sprach die IV-Stelle eine
Frühinterventionsmassnahme in der Form eines Job-Coaching mit dem Ziel der
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt und Arbeitsvermittlung zu (IV-act. 43,
44). Dr. med. H._, Ärztin für Allgemeinmedizin, gab am 21. Januar 2015 die folgenden
Diagnosen ohne eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an (IV-act. 54): Vegetative
Dystonie ohne Hinweis auf strukturelle oder funktionelle Herzerkrankung,
Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion, Panikattacke, St. n. Interruptio 2010 und
2014, rezidivierende Harnwegsinfekte, Allergie auf Frühblüher, Reizhusten mit
Rhinorrhoe, Knick-Senkfuss bds., akute Lumbago 2012. Sie legte diverse Arztberichte
bei. Am 19. Mai 2015 attestierte Dr. D._ eine vollständige Arbeitsunfähigkeit ab
19. Mai 2015 bis 30. Juni 2015 (IV-act. 61). Am 26. Juni 2015 fand ein Schlussgespräch
zwischen der Versicherten, dem Job-Coach und dem Eingliederungsverantwortlichen
statt (IV-act. 62-23). Der Eingliederungsverantwortliche hielt gleichentags fest, die
Versicherte sei weiterhin vollständig arbeitsunfähig. Eine berufliche Eingliederung sei
bis auf Weiteres nicht möglich. Die Versicherte wünsche die Rentenprüfung. Mit einer
Mitteilung vom 2. Juli 2015 schloss die IV-Stelle die beruflichen Massnahmen ab (IV-
act. 66).
Die IV-Stelle holte Berichte von Dr. D._ vom 6. August 2015, von G._ vom
25. November 2015 und vom neuen Hausarzt Dr. med. B._, Allgemeine Innere
Medizin FMH, vom 17. Dezember 2015 ein (IV-act. 68, 70, 71). Dr. D._ nannte die
Diagnosen rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
(ICD-10 F33.1), kombinierte Persönlichkeitsstörung mit ängstlich-vermeidenden und
abhängigen Anteilen (ICD-10 F61.0) und vegetative Dystonie ohne Hinweise auf
strukturelle oder funktionelle kardiale Problematik. Sie attestierte eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit ab 19. Mai 2015. G._ teilte mit, in der Krankengeschichte der
Versicherten gebe es nur banale, wieder abgeheilte und teils psychoorganische
Erkrankungen, welche klar nicht Grundlage irgendeiner IV-Leistung darstellen könnten.
Dr. B._ gab an, er habe die Versicherte am 9. Dezember 2015 das erste Mal
gesehen. Bei der Versicherten liege ein komplexes psychosomatisches Krankheitsbild
vor, welches zur aktuellen Arbeitsunfähigkeit führe.
A.c.
Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 11. April 2016 mit (IV-act. 77), dass eine
bidisziplinäre (internistische und psychiatrische) Begutachtung notwendig sei. Am
4. Juli 2016 wurde die Versicherte durch die SMAB AG internistisch und am
10. Oktober 2016 (vorgesehen gewesen war der 14. Juli 2016) psychiatrisch
A.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
untersucht. Im Gutachten vom 31. Oktober 2016 gaben die Sachverständigen keine
Diagnose mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an. Als Diagnosen ohne eine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie (IV-act. 100-8): Nicht näher
bezeichnete psychosomatische Störung (ICD-10 F45.9) mit/bei asthenischem Habitus,
anamnestisch Neigung zu Hyperventilation und "vegetativer Dystonie" mit Neigung zu
tiefem Blutdruck und zu Panikattacken, Persönlichkeitsakzentuierung mit histrionischen
und abhängigen Zügen (ICD-10 Z73), sonstige anhaltende affektive Störungen (ICD-10
F34.8), episodisch Reizhusten bei Frühblüher-Allergie (2013), rezidivierende
Harnwegsinfekte, St. n. zweimaliger Interruptio 2010 und 2014. Der internistische
Gutachter hielt fest (IV-act. 100-27), es bestehe eine Asthenie mit Neigung zu diversen
funktionellen Störungen sowie einer Tendenz zu tiefem Blutdruck und zu tiefem Puls in
Ruhe. Geeignet seien körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten, welche neben
sitzender Aktivität auch Tätigkeiten im Gehen beinhalten dürften. So könne der
Kreislauf angeregt werden. Wegen der orthostatischen Schwindelneigung sei von
Tätigkeiten mit Anforderungen an das Gleichgewichtssystem abzusehen, also keine
Arbeiten in der Höhe und keine Arbeiten, die häufige Wechsel zwischen Kauern und
Aufstehen umfassten. Wegen den Allergien wäre auch ein reizstoffarmes Arbeitsklima
zu befürworten. Im Rahmen der Panikattacken wäre ein stressarmer Arbeitsplatz
günstig. Die bisherige Tätigkeit als Kosmetikerin könne als adaptierte Tätigkeit gelten.
Aus internistischer Sicht bestehe für diese Tätigkeit eine volle Arbeitsfähigkeit. Der
psychiatrische Experte gab an (IV-act. 100-36 ff.), im Vordergrund des
Beschwerdeerlebens stünden zahlreiche körperliche Beschwerden, für die gemäss
aktueller internistischer Begutachtung weitgehend kein organisches Korrelat habe
gefunden werden können. Die Versicherte habe über sehr viele und unterschiedliche
körperliche Beschwerden berichtet. Dies lasse an eine Somatisierungsstörung denken.
Der für diese Störung charakteristische häufige Wechsel von Beschwerden liege aber
nicht vor. Ein psychosomatischer Hintergrund im Sinne einer psychogenen
Mitverursachung sei aber sehr wahrscheinlich. Am ehesten ergebe sich die Diagnose
F45.9, nicht näher bezeichnete psychosomatische Störung. In affektiver Hinsicht habe
sich die Versicherte bedrückt gezeigt und es hätten Zukunftsängste bestanden. Vom
Schweregrad der Symptomatik her ergäbe sich am ehesten eine Anpassungsstörung;
eine solche könne allerdings maximal zwei Jahre lang diagnostiziert werden. Die
vorliegende Symptomatik bestehe aber deutlich länger, sodass unter Berücksichtigung
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
des Zeitkriteriums die Diagnose sonstige anhaltende affektive Störung (ICD-10 F34.8)
zu stellen sei. Von der Persönlichkeit her hätten sich histrionische und abhängige
Persönlichkeitszüge gezeigt. Gegen eine Persönlichkeitsstörung spreche allein schon
die Tatsache, dass bis 2010 ein gutes soziales Funktionsniveau vorgelegen habe.
Hinweise für eine Aggravation hätten nicht vorgelegen. In einer emotional nicht
belastenden Tätigkeit bestehe eine vollständige Arbeitsfähigkeit. In der
Konsensbeurteilung attestierten die Gutachter in der bisherigen Tätigkeit als
Kosmetikerin und in einer adaptierten Tätigkeit eine vollständige Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 100-10).
Mit einer Verfügung vom 23. Januar 2017 wies die IV-Stelle das Begehren um die
Zusprache einer Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 0% ab (IV-act. 111).
Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.e.
Im März 2020 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 113). Zur Art der gesundheitlichen Beeinträchtigung verwies sie auf ein Schreiben
ihres Hausarztes Dr. B._. Dr. B._ hatte am 21. März 2020 berichtet (IV-act. 114),
die Versicherte sei seit Mai 2013 mit nur kurzzeitigen Unterbrüchen bei Teilarbeits
versuchen vollständig arbeitsunfähig (vgl. Arbeitsunfähigkeitszeugnisse des E._, seit
1. Januar 2020 attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit durch ihn). Bei der
Versicherten bestehe ein sehr komplexes, seit mehreren Jahren bzw. bereits im
Kindes- und Jugendalter beginnendes, ausgeprägtes psychosomatisches
Erkrankungsbild mit multiplen, z.T. stark belastenden körperlichen Symptomen. Er
vermute eine mögliche Traumafolgestörung. Eine psychiatrische Behandlung bei
Dr. med. J._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, sei geplant.
Dr. B._ hatte folgende Diagnosen genannt: Schwergradige somatoforme Störung mit
zahlreichen somatischen Beschwerden (möglicherweise im Rahmen einer
Traumafolgestörung), rezidivierende depressive Episoden mit gelegentlich suizidalen
Gedanken in der Vergangenheit, chronische Schlafstörung, Verdacht auf histrionische
Persönlichkeitsstörung (ambulante psychiatrische Behandlung im E._ vom 14. Mai
2013 bis 26. Februar 2020), rezidivierende, exazerbierende Unterbauchschmerzen
unklarer Ätiologie, rezidivierende Harnwegsinfektionen, Nephrolithiasis links (09/2016),
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rezidivierende Präsynkopen, degenerative LWS-Veränderungen mit leichtgradigen
konzentrischen Bandscheibenprotrusionen L4-S1 und Spondylarthrosen L3-S1 mit
rezidivierenden Lumbalgien/Lumboischalgien, rezidivierende Zervikobrachialgie und
Thorakalgien bei geringen Chondrosen C2-C6 und Th4/5 sowie Diskusprotrusion C4/5,
Verdacht auf leichtgradiges Asthma bronchiale, Frühblüherallergie (ED 05/2013),
Allergien auf Nickel, Doxycyclin, Trimoethoprim/Sulfamethoxazol, schwere Akne
vulgaris, Verdacht auf funktionelle Magen-Darm Beschwerden mit rezidivierenden
Blähungen und Völlegefühl (gastroenterologische Abklärung 10-11/2018).
Die IV-Stelle bat die Versicherte am 31. März 2020 um die Einreichung von
Unterlagen zwecks Glaubhaftmachung einer für den Anspruch auf berufliche
Massnahmen und Rentenleistungen erheblichen Sachverhaltsveränderung seit dem
23. Januar 2017 (IV-act. 119). Dr. B._ teilte am 21. April 2021 mit (IV-act. 122), im
Bericht vom 21. März 2020 habe er ausführlich dargelegt, dass sich der Schweregrad
der somatoformen Störung in den letzten drei Jahren stark verschlechtert habe. Das
E._ habe zudem die neue Diagnose einer histrionischen Persönlichkeitsstörung (ED
05/2018) gestellt; ausserdem habe er den Verdacht auf eine schwerwiegende
Traumafolgestörung geäussert (ED 12/2019). Diese Diagnosen seien bei der letzten IV-
Begutachtung nicht genannt worden. Am 27. April 2020 reichte Dr. B._ zahlreiche
medizinische Berichte ein (IV-act. 123-149). Dr. med. K._ vom E._ hatte am
27. Februar 2020 in einem Austrittsbericht festgehalten (IV-act. 125), bei der
Versicherten seien die Diagnosen einer histrionischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10
F60.4) und einer undifferenzierten Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.1) gestellt
worden. Der Austrittsbericht werde erstellt, nachdem die Versicherte seit dem
Therapiebeginn am 14. Mai 2013 mehrfach die Therapieperson gewechselt habe. Im
September 2019 habe die Versicherte wieder einen Behandlerwechsel gewünscht. Im
Jahr 2018 habe sie eine tagesklinische Therapieform in der Klinik U._ in Anspruch
genommen. Während diesem Aufenthalt habe die Hypothese einer histrionischen
Persönlichkeitsorganisation dominiert. Eine Persönlichkeitstestung liege nicht in den
Akten. In den letzten Gesprächen sei die Versicherte sehr anklagend, emotional
manipulativ und rivalisierend, unterschwellig feindselig und dysphorisch gereizt und
ohne Kooperationsbereitschaft erlebt worden. Die Versicherte habe letztlich nur
Unterstützung bei einer IV-Wiederanmeldung gefordert. Schriftlichen Einladungen zu
B.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Terminen im E._ sei sie nicht gefolgt. Im Januar 2020 sei das E._ informiert
worden, dass Dr. B._ eine IV-Wiederanmeldung eingereicht habe und dass die
Versicherte ihre Behandlung bei Dr. J._ fortsetzen möchte. Der Fall werde deshalb
administrativ abgeschlossen. Aus psychiatrischer Sicht sei die Versicherte arbeitsfähig.
Die RAD-Ärztin Dr. med. L._ notierte am 5. Mai 2020 (IV-act. 150), sie habe den
Fall ausführlich mit RAD-Arzt Dr. F._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
besprochen. Das vorliegende Störungsbild sei vom E._ am 27. Februar 2020 als
undifferenzierte Somatisierungsstörung sowie als histrionische Persönlichkeitsstörung
mit aus psychiatrischer Sicht bestehender Arbeitsfähigkeit der Versicherten bewertet
worden. Die Störungsfelder der Somatisierung und bezüglich der Persönlichkeit seien
vorbestehend bekannt und im Gutachten vom 31. Oktober 2016 beurteilt worden. Sie
seien vom E._ als nicht arbeitsunfähig-begründend ausgewiesen worden. Insofern
decke sich die aktuelle Beurteilung mit derjenigen der Gutachter. Die von Dr. B._ zur
Untermauerung der Verschlechterung der somatoformen Störung beigelegten Berichte
wiesen für sich allein keine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit aus. Auch die neuen
Diagnosen der Nephrolithiasis links (09/2016) und der Seitenbandläsion im
Interphalangealgelenk des rechten Daumens (06/2017) begründeten kein dauerhaft
arbeitsfähigkeitsrelevantes Leiden; aktuell fänden sich keine Hinweise mehr auf diese
Beschwerden bzw. Verletzung. Dr. B._ habe basierend auf einer psychiatrischen
Diagnose eine Verschlechterung des Gesundheitszustands seit dem Jahr 2017
ausgewiesen. Der psychiatrische Gesundheitszustand werde hingegen aktuell als nicht
arbeitsunfähig-begründend beurteilt. Eine Diagnose mit einer Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit bestehe nicht. Die Arbeitsfähigkeit in der angestammten und in einer
ideal adaptierten Tätigkeit sei unverändert zum Gutachten vom 31. Oktober 2016.
B.c.
Mit einer Mitteilung vom 12. Mai 2020 wies die IV-Stelle das Begehren um
berufliche Massnahmen ab (IV-act. 153). Zur Begründung gab sie an, aufgrund einer
vollständigen Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit bestehe kein Anspruch auf
berufliche Massnahmen. Die Versicherte erhob dagegen am 12. Juni 2020 einen
Einwand (IV-act. 146). Sie brachte vor, dass sie für einen stationären Aufenthalt in der
Klinik M._ angemeldet sei. Sie beantrage, das Gesuch um berufliche Massnahmen
bis nach dem Klinikaufenthalt zurückzustellen.
B.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die IV-Stelle bestätigte am 15. Juli 2020 den Erhalt des Einwands und forderte
weitere Angaben zur stationären Behandlung an (IV-act. 157). Am 14. September 2020
teilte Dr. B._ mit (IV-act. 160), die Versicherte sei am 29. Juli 2020 für ein Erst-/
Indikationsgespräch in der Klinik M._ gewesen. Dabei sei eine stationäre
Psychotherapie bzw. eine störungsspezifische psychosomatische Schmerztherapie
empfohlen worden. Aufgrund der Schwierigkeiten der Versicherten bezüglich einer
Hospitalisation sei es seines Erachtens jedoch nicht empfehlenswert, einen
Klinikaufenthalt in Erwägung zu ziehen. Auf Initiative des Sozialamts sei die Versicherte
seit dem 10. August 2020 für zwei Stunden täglich im Arbeitsprogramm N._ tätig. Die
Aufrechterhaltung des Arbeitsprogramms sei wünschenswert. Zusätzlich sollte nun
eine Behandlung bei Dr. J._ hoffentlich möglich sein. Eine Rückfrage der IV-Stelle bei
Dr. J._ am 29. September 2020 ergab, dass für die Versicherte in absehbarer Zeit
kein freier Therapieplatz zur Verfügung stehe (IV-act. 161). Am 26. Oktober 2020 teilte
lic. phil. O._, ärztlich delegierte Psychotherapeutin FSP, von der Praxisgemeinschaft
P._, Dr. med. Q._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, mit (IV-
act. 162), dass am 23. Oktober 2020 ein Ersttermin stattgefunden habe. Am 1. Februar
2021 berichteten lic. phil. O._ und Dr. Q._ (IV-act. 164), seit Oktober 2020 hätten
fünf Konsultationen stattgefunden. Eine Arbeitsunfähigkeit sei nicht attestiert worden.
Als Diagnosen ohne eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestünden eine
Persönlichkeit mit narzisstischen, abhängigen und ängstlich-vermeidenden Zügen
(ICD-10 F61) und eine Schmerzstörung mit psychischen und somatischen Störungen
(ICD-10 F45.41). Eine Prognose zur Arbeitsfähigkeit könne nicht abgegeben werden.
Derzeit sei unklar, ob sich die Versicherte zu einer psychotherapeutischen Behandlung,
die an verbindliche Therapieziele gebunden sei, entschliesse. Aus
psychotherapeutischer und psychiatrischer Sicht bestünden keine
Funktionseinschränkungen. Die Versicherte sei fest davon überzeugt, körperlich
versehrt zu sein. Die bisherige Tätigkeit und eine adaptierte Tätigkeit seien der
Versicherten Vollzeit zumutbar.
B.e.
Die RAD-Ärztin Dr. L._ notierte am 11. März 2021 (IV-act. 165), aus den
Berichten ergäben sich keine relevanten Änderungen zur Beurteilung des
Gesundheitszustandes mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Nach wie vor sei von
B.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
einer vollen Arbeitsfähigkeit in der angestammten und in einer ideal adaptierten
Tätigkeit auszugehen.
Mit einem Vorbescheid vom 24. März 2021 stellte die IV-Stelle der Versicherten
die Abweisung des Begehrens um berufliche Massnahmen in Aussicht (IV-act. 167).
Zur Begründung gab sie an, aufgrund der vollen Arbeitsfähigkeit in einer angepassten
Tätigkeit bestehe kein Anspruch auf berufliche Massnahmen. Für die Unterstützung bei
der Stellensuche sei das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zuständig. Die
Versicherte erhob dagegen keinen Einwand. Mit einer Verfügung vom 1. Juni 2021 wies
die IV-Stelle das Begehren um berufliche Massnahmen ab (IV-act. 168).
B.g.
Dr. B._ erhob am 24. Juni 2021 (Postaufgabe: 1. Juli 2021) eine Beschwerde
gegen die Verfügung vom 1. Juni 2021 (act. G 1). Er hielt fest: "Hiermit möchte [ich]
meine ärztliche Beschwerde gegenüber der Verfügung vom 01.06.2021 mit Ablehnung
des Anspruches auf berufliche Massnahmen bei meiner Patientin einreichen". Er habe
die Versicherte seit Januar 2020 als arbeitsunfähig eingestuft. Zuletzt sei ein
mehrmonatiger Arbeitsversuch zu 20% in einer stark angepassten Tätigkeit erfolgt,
welcher aufgrund diverser somatischer Beschwerden mit entsprechenden Abklärungen
habe abgebrochen werden müssen. Der Arbeitsversuch habe klar gezeigt, dass keine
dauerhafte Arbeitsfähigkeit bestehe. Seines Erachtens bestehe keine volle
Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit. Am 12. Juli 2021 erhob die Versicherte
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) eine Beschwerde "mit den Gründen die in dem
Brief meines Arztes Dr. B._ stehen" (act. G 2). Sie legte das Schreiben von Dr. B._
vom 24. Juni 2021 bei (act. G 2.1). Am 2. August 2021 ersuchte sie um unentgeltliche
Rechtspflege (act. G 4).
C.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 28. Oktober 2021
die Abweisung der Beschwerde (act. G 10). Zur Begründung machte sie im
Wesentlichen geltend, Dr. K._ habe in der in der Wiederanmeldung vorgebrachten
somatoformen Störung und in der histrionischen Persönlichkeitsstörung keine
Diagnose mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gesehen. Dr. B._ "versteife"
sich auf die vorgebrachte somatoforme Schmerzstörung. Die Einschätzung von
Dr. K._ werde vom RAD-Fachpsychiater Dr. F._ gestützt. Selbst der die
C.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin momentan behandelnde Psychiater habe am 1. Februar 2021
keine Diagnose mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt. Daran ändere
auch der gescheiterte Arbeitsversuch nichts, da in einem Arbeitsversuch die
motivationale Komponente nicht vom Medizinischen getrennt werden könne. In einer
adaptierten Tätigkeit bestehe eine vollständige Arbeitsfähigkeit. Ein Anspruch auf
Umschulung (Art. 17 IVG) bestehe nicht, da die Beschwerdeführerin nie ein Einkommen
erzielt habe, welches dasjenige einer Hilfsarbeiterin übersteige. Eine Arbeitsvermittlung
(Art. 18 IVG) sei nicht zielführend, da sich die Beschwerdeführerin subjektiv nicht als
arbeitsfähig sehe.
Die Verfahrensleitung des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen bewilligte
am 9. November 2021 das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den
Gerichtskosten) für das Beschwerdeverfahren (act. G 11).
C.c.
Dr. B._ machte am 7. Dezember 2021 in einer Replik geltend (act. G 13),
Dr. K._ habe die Beschwerdeführerin lediglich in den letzten Wochen der langjährigen
Behandlung im E._ behandelt. Die Beschwerdeführerin sei über viele Jahre bis zum
10. September 2019 von anderen Ärzten behandelt und zu 100% arbeitsunfähig
geschrieben worden. Gemäss einer Stellungnahme von med. pract. R._, damals
Oberarzt am E._, vom 10. Juli 2020 sei die Beurteilung durch Dr. K._ aus einer
Momentaufnahme heraus entstanden. Zu hinterfragen sei, dass die
Beschwerdegegnerin Dr. K._, die die Beschwerdeführerin lediglich zwei- bis dreimal
gesehen habe, einen höheren Beweiswert zukommen lasse als ihm und den
vorbehandelnden Psychiatern. Aufgrund der schwerwiegenden somatoformen
Erkrankung habe die Beschwerdeführerin seit Juni 2021 zahlreiche weitere somatische
Abklärungen gehabt. Im Mai 2021 habe er die Beschwerdeführerin an Dr. med. S._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, überweisen können. Dr. B._ reichte
diverse Berichte und Arbeitsunfähigkeitszeugnisse ein (act. G 13.1-13.9). Med. pract.
R._ hatte am 10. Juli 2020 angegeben (act. G 13.2), die fehlende Krankschreibung
durch Dr. K._ sei als eine Momentaufnahme zu verstehen, wobei nicht davon
auszugehen sei, dass bei der Beschwerdeführerin über einen längeren Zeitraum eine
verwertbare Arbeitsfähigkeit zu erwarten sei. Im Rahmen der vorhandenen Diagnosen
sei eine Prognose jedoch schwierig zu treffen. Im Schlussbericht der T._ Stiftung,
vormals Verein N._, vom 17. September 2021 war festgehalten worden (act. G 13.4),
C.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Beschwerdeführerin habe vom 10. August 2020 bis 31. Mai 2021 ein
Belastbarkeitstraining absolviert. Sie sei an 42 Tagen anwesend gewesen. Da sie zur
Risikogruppe gehöre (Corona), sei sie vom 1. Dezember 2020 bis 28. Februar 2021 zu
Hause geblieben. Sie habe acht Stunden auf vier Wochentage verteilt gearbeitet und
sich verschiedenen leichten Aufgaben (z.B. Teebeutel nähen, Desinfizieren von
Türgriffen, Treppengeländern und Tischen) gewidmet. In den Einzelcoachings habe sie
ausschliesslich von ihren diversen Erkrankungen berichtet. Sie habe wenig
Ansatzpunkte geboten, ihr Verhalten zu reflektieren. Im Überweisungsschreiben an
Dr. S._ vom 8. Mai 2021 hatte Dr. B._ unter anderem angegeben (act. G 13.5), zur
aktuellen psychologischen Betreuung durch lic. phil. O._ scheine ein ungenügendes
Vertrauen zu bestehen. Dr. S._ hatte am 8. Dezember 2021 eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit ab 12. Mai 2021 attestiert und angegeben, die erste Konsultation sei
am 2. Juni 2021 erfolgt (act. G 13.10). Das Kantonsspital St. Gallen hatte am 2. Juni
2021 und am 6. September 2021 die folgenden Diagnosen genannt (act. G 13.6, 13.7):
Anstrengungsdyspnoe multifaktorieller Genese, DD: Dekonditionierung, Eisenmangel,
Hypoventilationssyndrom bei möglicher Angststörung (keine pneumologische oder
kardiale Ursache); St. n. diskreter Milchglasverschattung Oberlappen bds., DD: St. n.
viralem Infekt (ED 03/2021); unklare leichte Diffusionsstörung; Eisenmangel;
rezidivierende orthostatische Dysregulation bei tiefen Blutdruckwerten;
Schluckstörungen unklarer Ätiologie; Depression, somatoforme Störung (ED 2010,
keine antidepressive Medikation); chronisch-rezidivierende Unterbauchschmerzen
unklarer Ätiologie.
Die Beschwerdegegnerin machte am 15. Dezember 2021 in einer Duplik geltend
(act. G 15), es zeichne sich eine Tendenz zum Ärztehopping ab. Auf den Entscheid
bezüglich beruflicher Massnahmen habe dies aber keine Auswirkung, denn die
Beschwerdeführerin fühle sich vollumfänglich krank und sehe sich überhaupt nicht als
arbeitsfähig. Sie reichte die seit dem letzten Aktendruck aufgelaufenen Akten ein (act.
G 15.1). Die T._ Stiftung hatte am 8. November 2021 mitgeteilt (act. G 15.1.5), der
Abbruch des Belastbarkeitstrainings sei aus gesundheitlichen Gründen erfolgt. Der
letzte effektive Arbeitstag sei am 11. Mai 2021 gewesen. Lic. phil. O._ hatte am
29. November 2021 berichtet (act. G 15.1.8), die letzte Sitzung habe am 10. Februar
C.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2021 stattgefunden. Die Behandlung sei nach Absprache mit Dr. B._ abgebrochen
worden.
Dr. B._ hielt am 27. Januar 2022 in einer Triplik fest (act. G 17), er widerspreche
der Aussage, dass sich bei der Beschwerdeführerin eine Tendenz zum Ärztehopping
abzeichne. Dr. K._ habe damals die Therapie beendet. Für eine psychiatrische/
psychotherapeutische Behandlung müsse ein Mindestmass an Vertrauen vorhanden
sein, was gegenüber lic. phil. O._ offensichtlich nicht der Fall gewesen sei.
C.f.
Die Beschwerdegegnerin reichte am 3. Februar 2022 eine Stellungnahme des
RAD-Arztes Dr. F._ vom 11. Januar 2022 und einen Bericht der Klinik U._ vom
31. Mai 2018 ein und machte gestützt darauf geltend, eine allfällige Verschlechterung
habe erst ab 2. Juni 2021 und damit nach Verfügungserlass eingesetzt (act. G 19).
Fachpersonen der Klinik U._ hatten über eine halbtagesklinische Behandlung vom
16. April 2018 bis 11. Mai 2018 berichtet und die Diagnosen einer undifferenzierten
Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.1), einer mittelgradigen depressiven Episode
(ICD-19 F32.1) und eines Verdachts auf eine histrionische Persönlichkeitsstörung
(ICD-10 F60.4) genannt (act. G 19.2). Sie hatten bei Austritt eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit attestiert. Dr. F._ hatte am 11. Januar 2022 im Wesentlichen
notiert (act. G 19.1), Dr. B._ habe am 7. Dezember 2021 vorgebracht, das E._ habe
die Beschwerdeführerin über viele Jahre bis zum 10. September 2019 zu 100%
arbeitsunfähig geschrieben. Im Gutachten vom 31. Oktober 2016 sei jedoch keine
Diagnose mit einer Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt worden. Ferner habe
Dr. B._ angeführt, die Beschwerdeführerin habe seit Juni 2021 zahlreiche weitere
somatische Abklärungen durchgeführt. Nach einer Durchsicht der Berichte des
Kantonsspitals St. Gallen vom 2. Juni 2021 und 6. September 2021 sei festzuhalten,
dass die beschriebenen Diagnosen keine dauerhafte und relevante Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit bedingten, insbesondere nicht in einer adaptierten Tätigkeit. In der
Gesamtbetrachtung bleibe als einzige möglicherweise relevante neue medizinische
Erkenntnis die begonnene psychiatrische Behandlung bei Dr. S._ mit der
ausgestellten Arbeitsunfähigkeit ab 2. Juni 2021. Er bitte um Einholung eines
Arztberichts bei Dr. S._. Gegebenenfalls sei anschliessend eine
Verlaufsbegutachtung indiziert.
C.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Zu prüfen ist, ob die Beschwerde rechtzeitig erhoben worden ist. Gemäss Art. 60
Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG, SR 830.1) ist die Beschwerde innerhalb von 30 Tagen nach der Eröffnung der
Verfügung einzureichen. Dr. B._ hat am 1. Juli 2021 (Datum Poststempel) mit einem
Schreiben vom 24. Juni 2021 in seinem eigenen Namen, aber im Interesse der
Beschwerdeführerin eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 1. Juni 2021 erhoben.
Er hat nämlich angegeben, dass er "seine ärztliche Beschwerde" gegen die
angefochtene Verfügung mit Ablehnung des Anspruchs auf berufliche Massnahmen
"bei seiner Patientin" einreiche. Er hat über keine schriftliche Vollmacht verfügt. Die
Beschwerdeführerin hat auch keine schriftliche Vollmacht nachgereicht. Sie hat am
12. Juli 2021 jedoch klar zum Ausdruck gebracht, dass sie mit der
Beschwerdeerhebung durch Dr. B._ einverstanden gewesen ist, denn sie hat in ihrem
Schreiben auf die Gründe im Schreiben von Dr. B._ vom 24. Juni 2021 verwiesen
und das Schreiben von Dr. B._ beigelegt. Eine von einem vollmachtlosen Vertreter
vorgenommene Prozesshandlung ist gültig, wenn sie von der vertretenen Partei
nachträglich genehmigt wird (Vera Marantelli/Said Huber, in: Bernhard Waldmann/
Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz,
2. Auflage 2016, N 27 zu Art. 11 mit Hinweis auf BGE 113 II 115 E. 1). Das Schreiben
der Beschwerdeführerin vom 12. Juli 2021 ist als nachträgliche Genehmigung der
Beschwerdeerhebung durch Dr. B._ zu qualifizieren (auch die weiteren
Prozesshandlungen von Dr. B._ hat die Beschwerdeführerin nachträglich genehmigt,
act. G 21). Da Dr. B._ am 1. Juli 2021 und damit innert 30 Tagen seit der Zustellung
der Verfügung vom 1. Juni 2021 an die Beschwerdeführerin eine Beschwerde erhoben
hat, ist die Beschwerde rechtzeitig erhoben worden. Da die weiteren
Eintretensvoraussetzungen offenkundig erfüllt sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
Die Verfahrensleitung des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen ersuchte
die Beschwerdeführerin am 4. März 2022, dem Gericht schriftlich zu bestätigen, dass
alle von Dr. B._ im Beschwerdeverfahren verfassten Eingaben von ihr genehmigt
seien (act. G 20). Die Beschwerdeführerin reichte am 6. April 2022 eine entsprechende
Genehmigung und eine Vollmacht für allfällige weitere Prozesshandlungen durch
Dr. B._ ein (act. G 21).
C.h.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin am 31. März 2020 aufgefordert,
zwecks Glaubhaftmachung einer für den Anspruch auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen oder auf eine Rente erheblichen Veränderung des
Sachverhalts seit dem 23. Januar 2017 Unterlagen einzureichen (IV-act. 119). Soweit
sich die Beschwerdegegnerin dabei auf den Anspruch auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen bezogen hat, ist folgendes festzuhalten: Art. 29 ATSG
sieht ein jederzeitiges Anmelderecht und damit notwendigerweise auch einen Anspruch
auf ein Eintreten auf jede Anmeldung beziehungsweise auf eine materielle Behandlung
jeder Anmeldung vor. Da im Art. 29 ATSG nicht zwischen einer erstmaligen Anmeldung
und einer Neuanmeldung (also einer erneuten Anmeldung nach einer formell
rechtskräftigen Abweisung eines früheren Gesuchs) unterschieden wird und da sich
eine solche Unterscheidung auch nicht mit dem Sinn und Zweck des Anmelderechtes
vereinbaren liesse, muss der uneingeschränkte Anspruch auf ein Eintreten auf ein
Leistungsbegehren auch für Neuanmeldungen gelten. Dieser Anspruch wird von Art. 87
Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) für bestimmte
Leistungen der Invalidenversicherung eingeschränkt, nämlich für die Rente, für die
Hilflosenentschädigung und für den Assistenzbeitrag. Die ratio legis von Art. 87 Abs. 3
IVV besteht darin, die IV-Stellen vor jenem Aufwand zu schützen, mit dem diese
konfrontiert wären, wenn Versicherte repetitiv Anmeldungen zum Leistungsbezug
einreichen könnten, die von den IV-Stellen jedes Mal wieder umfassend materiell
geprüft werden müssten. Da sich die Sachverhaltsabklärungen bei den in Art. 87 Abs. 3
IVV genannten Leistungen in der Regel als äusserst aufwendig erweist, kann ein
gewisser "Schutzbedarf" der Verwaltung vor repetitiven Neuanmeldungen anerkannt
werden. Eine Ausweitung des Anwendungsbereichs von Art. 87 Abs. 3 IVV auf von
dessen Wortlaut nicht erfasste Leistungen der Invalidenversicherung ist dagegen nicht
zu rechtfertigen, weil damit die Gefahr einer Untergrabung des im Art. 29 ATSG
verankerten Grundsatzes des uneingeschränkten Anspruchs auf ein Eintreten auf ein
Leistungsbegehren verbunden wäre. Im Weiteren hat der Verordnungsgeber bei der
Einführung des Assistenzbeitrags per 1. Januar 2012 Art. 87 IVV nur dahingehend
angepasst, den Assistenzbeitrag in die Aufzählung der Leistungen, bei welchen die
"Eintretenshürde" des Glaubhaftmachens einer für den entsprechenden Anspruch
erheblichen Sachverhaltsveränderung gilt, aufzunehmen. Er hat weder weitere
Leistungen genannt noch Art. 87 Abs. 3 IVV auf alle Leistungen der
Invalidenversicherung ausgedehnt. Der Verordnungsgeber hat also den
Geltungsbereich von Art. 87 Abs. 3 IVV offenkundig nicht auf weitere als die explizit
erwähnten Leistungen ausdehnen wollen. Die in Art. 87 Abs. 3 IVV enthaltene
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aufzählung ist deshalb als abschliessend zu qualifizieren. Auf Neuanmeldungen
betreffend berufliche Eingliederungsmassnahmen ist Art. 87 Abs. 3 IVV somit nicht
anwendbar (vgl. ausführlich den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 18. Dezember 2018, IV 2018/77 E. 3). Da die Beschwerdegegnerin auf
die Neuanmeldung der Beschwerdeführerin eingetreten ist, spielt es vorliegend keine
Rolle, dass sie diese (unzulässigerweise) aufgefordert hat, zur Prüfung des Gesuchs um
berufliche Eingliederungsmassnahmen einen Nachweis zur Glaubhaftmachung einer für
den Anspruch relevanten Veränderung des Sachverhalts zu erbringen.
3.
Die Beschwerdegegnerin hat das Begehren um berufliche
Eingliederungsmassnahmen mit der Begründung, die Beschwerdeführerin sei in einer
angepassten Tätigkeit vollständig arbeitsfähig, abgewiesen. Welche berufliche(n)
Eingliederungsmassnahme(n) sie damit abgewiesen hat, ist weder aus der
angefochtenen Verfügung noch aus den Akten ersichtlich. Das Verfügungsdispositiv
lautet lediglich: "Das Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen wird
abgewiesen". Einzig der Hinweis in der Verfügungsbegründung, dass für die
Unterstützung bei der Stellensuche das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV)
zuständig sei, deutet darauf hin, dass damit (auch) der Anspruch auf Arbeitsvermittlung
(Art. 18 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20) gemeint
gewesen sein könnte.
3.1.
Gemäss Art. 49 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträger über Leistungen,
Forderungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene
Person nicht einverstanden ist, schriftlich Verfügungen zu erlassen. Der
Verfügungsbegriff wird im ATSG nicht näher konkretisiert. Nach der Rechtsprechung
bestimmt sich der sozialversicherungsrechtliche Verfügungsbegriff nach Massgabe von
Art. 5 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021;
BGE 133 V 53 E. 4.1.2; vgl. auch Art. 55 Abs. 1 ATSG). Art. 5 Abs. 1 VwVG sieht vor,
dass als Verfügung Anordnungen der Behörden im Einzelfall gelten, die sich auf
öffentliches Recht des Bundes stützen und zum Gegenstand haben (lit. a) Begründung,
Änderung oder Aufhebung von Rechten oder Pflichten, (lit. b) Feststellung des
Bestehens, Nichtbestehens oder Umfanges von Rechten oder Pflichten, (lit. c)
Abweisung von Begehren auf Begründung, Änderung, Aufhebung oder Feststellung
von Rechten oder Pflichten oder Nichteintreten auf solche Begehren. Der
Verfügungsbegriff beinhaltet also fünf Elemente: Es muss sich um eine hoheitliche,
individuell-konkrete, in Anwendung von Bundesverwaltungsrecht ergangene und auf
Rechtswirkungen ausgerichtete Anordnung einer Behörde handeln (Felix Uhlmann, in:
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bernhard Waldmann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar
Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Auflage 2016, N 19 zu Art. 5; Alfred Kölz/Isabelle
Häner/Martin Bertschi, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des
Bundes, 3. Auflage 2013, N 569). In Bezug auf das Element "auf Rechtswirkungen
ausgerichtet" ist relevant, dass eine Verfügung sowohl für die die Verfügung erlassende
Behörde als auch für den Verfügungsadressaten unmittelbare Rechtswirkungen
entfaltet. Mit einer Verfügung regelt die Behörde bewusst ein Rechtsverhältnis
(Uhlmann, a.a.O., N 94 zu Art. 5; Kölz/Häner/Bertschi, a.a.O., N 885). Die rechtliche
Regelung eines Rechtsverhältnisses, welche die Verfügung mit
Verbindlichkeitsanspruch trifft, soll klar und eindeutig aus dem Verfügungsdispositiv
hervorgehen (Fritz Gygi, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Auflage 1983, S. 130).
Gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG haben Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG)
bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit (lit. a) diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern;
und (lit. b) die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt
sind. Art. 14a IVG regelt die Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die
berufliche Eingliederung; Art. 15 ff. IVG regeln die Massnahmen beruflicher Art,
beispielsweise die Umschulung (Art. 17 IVG), die Arbeitsvermittlung (Art. 18 IVG) und
die Kapitalhilfe (Art. 18d IVG). Das IVG sieht also eine grössere Anzahl von beruflichen
Eingliederungsmassnahmen vor. Diese beruflichen Eingliederungsmassnahmen bilden
jede für sich eine eigene Leistungsart und das Gesetz sieht für jede berufliche
Eingliederungsmassnahme leistungsspezifische Anspruchsvoraussetzungen vor.
Vorliegend geht weder aus dem Verfügungsdispositiv noch aus der
Verfügungsbegründung klar hervor, welche berufliche(n) Eingliederungsmassnahme(n)
die Beschwerdegegnerin abgewiesen hat. Es wird also nicht geregelt, welches
Rechtsverhältnis Gegenstand der angefochtenen Verfügung bildet. Theoretisch
könnten damit alle im IVG vorgesehenen beruflichen Eingliederungsmassnahmen
gemeint gewesen sein. Dies dürfte jedoch nicht dem Willen der Beschwerdegegnerin
entsprochen haben. Angenommen, die Beschwerdeführerin, die bis im Jahr 2010 als
Selbstständigerwerbende ein Kosmetikstudio betrieben hat (vgl. IK-Auszug, IV-
act. 120), würde nach dem Abschluss dieses Verfahrens um die Zusprache einer
Kapitalhilfe zum Aufbau eines Kosmetikstudios als Selbstständigerwerbende ersuchen,
würde sich die Frage stellen, ob die Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen
Verfügung vom 1. Juni 2021 ein solches Gesuch bereits abgewiesen hat. Es ist nicht
die Aufgabe des Gerichts, bei einem so unbestimmten Verfügungsdispositiv wie dem
vorliegenden zu bestimmen, welche berufliche Eingliederungsmassnahme die
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Im Sinne eines obiter dictum ist folgendes festzuhalten: Die Beschwerdegegnerin hat in
der angefochtenen Verfügung vom 1. Juni 2021 festgehalten, aufgrund der vollen
Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit bestehe kein Anspruch auf berufliche
Massnahmen. Sie hat dieser Begründung die RAD-Stellungnahmen vom 5. Mai 2020
und vom 11. März 2021 zugrunde gelegt. Diese RAD-Stellungnahmen dürften die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin jedoch nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegen. Dies ist wie folgt zu begründen:
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob er für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie
der medizinischen Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a). Den Berichten und Gutachten
versicherungsinterner Ärzte kommt Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen,
nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien
gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 353 E. 3b.ee). Bestehen auch nur
geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit, sind weitere Abklärungen
vorzunehmen (BGE 139 V 229 E. 5.2). Die RAD-Ärztin Dr. L._ hat am 5. Mai 2020
nach einer Besprechung mit dem RAD-Arzt Dr. F._, Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, auf die Beurteilung von Dr. K._ im Austrittsbericht vom 27. Februar 2020
abgestellt und eine im Vergleich zum Gutachten der SMAB AG vom 31. Oktober 2016
unveränderte vollständige Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in der
angestammten und in einer adaptierten Tätigkeit attestiert. Zur Begründung hat sie
angegeben, Dr. B._ habe basierend auf einer psychiatrischen Diagnose eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands seit dem Jahr 2017 geltend gemacht. Die
im Bericht von Dr. K._ genannten Störungsfelder der Somatisierung und bezüglich
der Persönlichkeit – Dr. K._ hatte die Diagnosen einer histrionischen
Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.4) und einer undifferenzierten
Beschwerdegegnerin hat abweisen wollen. Vielmehr hat aus dem Verfügungsdispositiv
(und aus der Verfügungsbegründung) klar hervorzugehen, welches Rechtsverhältnis die
Beschwerdegegnerin damit geregelt, welche berufliche Eingliederungsmassnahme sie
also abgewiesen hat. Da die Beschwerdegegnerin dies unterlassen hat, ist die
angefochtene Verfügung vom 1. Juni 2021 wegen Verletzung von Art. 49 Abs. 1 und
Art. 55 Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 5 Abs. 1 VwVG aufzuheben. Die Sache ist zur
Weiterführung des Verwaltungsverfahrens betreffend den Anspruch auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.1) aufgeführt – seien im Gutachten vom
31. Oktober 2016 bereits beurteilt worden. Dr. K._ habe diese Diagnosen nun
ebenfalls als nicht arbeitsunfähig-begründend ausgewiesen. Insofern decke sich deren
Beurteilung mit derjenigen der Gutachter. Med. pract. R._ hat am 10. Juli 2020 zum
Bericht von Dr. K._ jedoch angegeben (act. G 13.2), bei der
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. K._ habe es sich um eine Momentaufnahme
gehandelt; es sei nicht davon auszugehen, dass bei der Beschwerdeführerin über einen
längeren Zeitraum eine verwertbare Arbeitsfähigkeit zu erwarten sei. Im Rahmen der
vorhandenen Diagnosen sei eine Prognose jedoch schwierig zu treffen. Der Bericht von
med. pract. R._ – der RAD hat diesen nicht gewürdigt – relativiert also die
Beurteilung von Dr. K._. Im Weiteren hat der RAD aus der Sicht eines medizinischen
Laien nicht nachvollziehbar erklärt, weshalb trotz der von Dr. K._ genannten
Diagnose einer histrionischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.4) – im Gutachten
der SMAB AG ist lediglich eine Persönlichkeitsakzentuierung mit histrionischen und
abhängigen Zügen (ICD-10 Z73) diagnostiziert worden – von einer unveränderten
vollständigen Arbeitsfähigkeit auszugehen sei. An der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit
der RAD-Stellungnahme vom 5. Mai 2020 bestehen deshalb leichte Zweifel. In der
Stellungnahme vom 11. März 2021 hat die RAD-Ärztin Dr. L._ festgehalten, aus den
Berichten von Dr. B._ vom 14. September 2020 und von lic. phil. O._ und Dr. Q._
vom 1. Februar 2021 ergäben sich keine relevanten Änderungen zur Beurteilung des
Gesundheitszustandes mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Nach wie vor sei von
einer vollen Arbeitsfähigkeit in der angestammten und in einer adaptierten Tätigkeit
auszugehen. Sie hat sich dabei insbesondere darauf gestützt, dass lic. phil. O._ und
Dr. Q._ eine vollständige Arbeitsfähigkeit attestiert haben. Eine eigene Untersuchung
hat der RAD – wie auch im Zusammenhang mit der Stellungnahme vom 5. Mai 2020 –
nicht vorgenommen. Die Behandlung bei lic. phil. O._ ist nach der letzten
Konsultation am 10. Februar 2021 beendet worden. Gemäss dem
Überweisungsschreiben von Dr. B._ an Dr. S._ vom 8. Mai 2021 hat die
Beschwerdeführerin zu lic. phil. O._ nicht ausreichend Vertrauen fassen können. Die
erste Konsultation bei Dr. S._ hat am 2. Juni 2021 stattgefunden. Dr. S._ hat am
8. Dezember 2021 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit ab dem 12. Mai 2021 attestiert.
Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung stimmt mit der Angabe im Bericht der T._ Stiftung
vom 8. November 2021 (act. G 15.1.5), dass der letzte effektive Arbeitstag im
Belastbarkeitstraining am 11. Mai 2021 gewesen sei, überein. Als Grund für den
Abbruch des Belastbarkeitstrainings sind nur "gesundheitliche Gründe" angegeben
worden. Ein Bericht von Dr. S._ liegt nicht in den Akten. Der RAD-Arzt Dr. F._ hat
am 11. Januar 2022 notiert, möglicherweise liege mit der begonnenen psychiatrischen
Behandlung bei Dr. S._ mit der ausgestellten Arbeitsunfähigkeit ab 2. Juni 2021 eine
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
relevante neue medizinische Erkenntnis vor. Dr. F._ dürfte dabei nicht beachtet
haben, dass Dr. S._ bereits ab dem 12. Mai 2021 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
attestiert hatte, auch wenn er die Beschwerdeführerin erst am 2. Juni 2021 das erste
Mal gesehen hatte. In Anbetracht des Arbeitsunfähigkeitszeugnisses von Dr. S._
dürften geringe Zweifel daran bestehen, dass im Zeitpunkt des Erlasses der
angefochtenen Verfügung am 1. Juni 2021 gemäss der RAD-Stellungnahme vom
11. März 2021 eine vollständige Arbeitsfähigkeit in der angestammten und in einer
adaptierten Tätigkeit bestanden hat. Den RAD-Stellungnahmen vom 5. Mai 2020 und
11. März 2021 dürfte damit kein ausreichender Beweiswert zukommen.
5.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erweist
sich als angemessen. Praxisgemäss ist die Rückweisung an die Verwaltung zur
weiteren Abklärung als volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu werten (vgl. BGE
132 V 235 E. 6.1). Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.