Decision ID: 84e6d2a9-a94a-547e-a9fd-79dffdba8693
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X fuhr am Montag, 16. August 2010, um 16.00 Uhr, mit einem Lieferwagen und
einem Anhänger in Inwil/LU vom Vorplatz eines Lagergebäudes in die Industriestrasse
ein. Beim Rechtsabbiegen in die Industriestrasse löste sich der Anhänger vom
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Zugfahrzeug und rollte rückwärts gegen ein auf dem Parkareal des Lagergebäudes
parkiertes Auto, welches durch den Aufprall in ein weiteres Auto gedrückt wurde. Es
entstand ein Sachschaden in der Höhe von Fr. 12'000.--; Personen wurden nicht
verletzt. X bemerkte erst in der Verbrennungsanlage in Emmenbrücke/LU, dass der
Anhänger nicht mehr am Lieferwagen war.
B.- Mit Strafverfügung des Amtsstatthalteramts Hochdorf vom 29. September 2010
wurde X wegen nichtvorschriftsgemässen Ankuppelns eines Anhängers schuldig
gesprochen und zu einer Busse von Fr. 200.-- verurteilt. Der Strafentscheid erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
Mit Verfügung vom 24. November 2010 entzog das Strassenverkehrsamt X den
Führerausweis wegen nichtbetriebssicheren Ankuppelns des Anhängers an das
Zugfahrzeug und Verursachens einer erhöht abstrakten Gefährdung für die Dauer eines
Monats.
C.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 30. November 2010 (Datum der
Postaufgabe) Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission. Er beantragte
sinngemäss, die Verfügung vom 24. November 2010 sei aufzuheben und es sei kein
Führerausweisentzug zu verhängen. Eventualiter sei der Führerausweisentzug in eine
Gefängnisstrafe umzuwandeln. Die Vorinstanz verzichtete auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen zur Begründung des Rechtsbegehrens wird, soweit erforderlich,
in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 30. November 2010 (Poststempel) ist
rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Die Vorinstanz stützte die angefochtene Verfügung auf Art. 30 Abs. 3 SVG. Nach
dieser Bestimmung dürfen zum Ziehen von Anhängern und zum Abschleppen von
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Fahrzeugen Motorfahrzeuge nur verwendet werden, wenn Zugkraft und Bremsen
ausreichen und die Anhängevorrichtung betriebssicher ist. Sie stufte die
Verkehrsregelverletzung als mittelschwere Widerhandlung ein und entzog dem
Rekurrenten den Führerausweis gestützt auf Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG.
a) Der Rekurrent bestreitet nicht, den Anhänger am Montag, 16. August 2010, in Inwil
nach dem Laden nicht vorschriftsgemäss und betriebssicher an das Zugfahrzeug
angekuppelt zu haben. Im Strafverfahren wurde er wegen Verletzung von Art. 70 Abs. 1
der Verkehrsregelnverordnung (SR 741.11, abgekürzt: VRV; in Verbindung mit Art. 96
VRV) schuldig gesprochen und zu einer Busse von Fr. 200.-- verurteilt. Nach diesen
Bestimmungen macht sich strafbar, wer vor dem Wegfahren nicht prüft, ob der
Anhänger zuverlässig angekuppelt ist, Bremsen und Beleuchtung einwandfrei wirken
und bei Vorwärtsfahrt auch in Kurven ein Anstossen am Zugfahrzeug ausgeschlossen
ist. Der Strafentscheid wurde nicht angefochten. Aus dem Polizeirapport geht zudem
hervor, dass der Rekurrent der Polizei telefonisch selbst meldete, er habe seinen
Anhänger nicht richtig montiert. Nun habe sich dieser selbständig gemacht und sei in
zwei andere Autos gerollt. Bei der Befragung durch die Polizei sagte er aus, er habe vor
der Abfahrt nochmals einen Kontrollblick gemacht, ob der Anhänger richtig
angekuppelt sei. Er sei unter Zeitdruck gewesen und könne nicht genau sagen, ob der
Anhänger richtig gesichert gewesen sei. Ob das Bremskabel zum Anhänger angebracht
gewesen sei, könne er nicht mehr genau sagen. Er habe am Fahrziel gemerkt, dass der
Anhänger nicht mehr dran gewesen sei (act. 9/1).
b) Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen ist,
der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln
eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit.
a SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
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Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
aa) Auf einen Führerausweisentzug kann nur verzichtet - und stattdessen eine
Verwarnung ausgesprochen - werden, wenn weder eine mittelschwere, noch eine
schwere, sondern eine leichte Widerhandlung im Sinn von Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG
vorliegt und der fehlbaren Person in den vorangegangenen zwei Jahren der Ausweis
nicht entzogen und keine andere Administrativmassnahme verfügt worden war (vgl. Art.
16a Abs. 3 SVG). Eine leichte Widerhandlung setzt voraus, dass die vom Lenker durch
die Verkehrsregelverletzung bewirkte Gefahr für die Sicherheit anderer gering und das
Verschulden leicht ist. Beide Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein (BGE 135
II 138, E. 2.2.3).
bb) Die leicht erhöhte abstrakte Gefährdung wird als "geringe Gefahr für die Sicherheit
anderer" umschrieben. Wenn im Strassenverkehr von der "Sicherheit anderer" die
Rede ist, ist damit das Schutzgut der körperlichen Integrität ("Leib und Leben") und
Gesundheit anderer Personen gemeint, seien dies Verkehrsteilnehmer oder sonst wie
mögliche Gefährdete. Verletzungen von Verkehrsregeln stellen abstrakte
Gefährdungsdelikte dar. Der Gesetzgeber knüpft hier Sanktionen oder Massnahmen an
ein Verhalten, das generell geeignet ist, das geschützte Rechtsgut zu gefährden oder
zu verletzen. Abstrakte Gefährdungstatbestände bedrohen mithin ein Verhalten wegen
seiner typischen Gefährlichkeit allgemein mit Strafe oder Massnahme. Es ist nicht
relevant, ob im Einzelfall tatsächlich ein Rechtsgut gefährdet wurde (vgl. R.
Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band III: Die
Administrativmassnahmen, Bern 1995, Rz. 2255-2257; Trechsel/Noll, Schweizerisches
Strafrecht allgemeiner Teil I: Allgemeine Voraussetzungen der Strafbarkeit, 5. Aufl.
1998, S. 77).
Im Recht der Administrativmassnahmen liegen der gesetzlichen Kategorisierung der
Widerhandlungen gegen Strassenverkehrsvorschriften verschiedene
Gefährdungsstufen zugrunde. Von der konkreten Gefährdung der körperlichen
Integrität anderer Personen ist die abstrakte Gefährdung zu unterscheiden, die
"einfach" oder "erhöht" sein kann. Die einfache abstrakte Gefährdung zieht kein
Administrativmassnahmeverfahren nach sich (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG). Eine solche
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Gefährdung ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung aber nur dann
anzunehmen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer vom Fehlverhalten des
Rekurrenten hätten betroffen werden können. Führt hingegen die Missachtung einer
Verkehrsregel zu einer Verletzung eines Rechtsguts, einer konkreten Gefährdung der
körperlichen Integrität oder zu einer erhöhten abstrakten Gefährdung dieses
Rechtsguts, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R. Schaffhauser, Die
neuen Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43ff.).
Für die Abstufung innerhalb der erhöhten abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der
Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je näher die Möglichkeit einer konkreten
Gefährdung oder Verletzung liegt, umso schwerer wiegt die erhöhte abstrakte
Gefährdung (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete Gefahr liegt vor, wenn für einen
bestimmten Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer die Gefahr einer Körperverletzung
oder gar Tötung bestand. Zudem ist das Ausmass der üblicherweise entstandenen
Schädigung bei Eintritt der Rechtsgutverletzung zu berücksichtigen. (vgl. VRKE IV vom
6. Juli 2005 in Sachen H. L., E. 4 b/bb).
cc) Der Anhänger kollidierte mit zwei parkierten Personenwagen. Es entstand Sach-
und kein Personenschaden. Allein deshalb kann indessen nicht darauf geschlossen
werden, es sei nur eine geringe Gefahr geschaffen worden. Der Aufprall des Anhängers
auf das erste Auto war immerhin so stark, dass dieses in einen weiteren
Personenwagen geschoben wurde. Der Sachschaden war mit Fr. 12'000.-- nicht mehr
gering. Ob ein Verhalten gefährlich war, beurteilt sich denn auch nicht danach, ob ein
Rechtsgut tatsächlich verletzt wurde. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass ein
Verhalten extrem gefährlich ist und trotzdem zu keiner Rechtsgutverletzung führt. Der
Anhänger hat sich vom Zugfahrzeug gelöst und ist unkontrolliert rückwärts auf ein
Parkareal gerollt, wo sich normalerweise Personen aufhalten, die ihre Fahrzeuge
parkieren oder dabei sind, mit diesen loszufahren. Dies geschah bereits bei der Einfahrt
vom Vorplatz des Lagergebäudes in die Hauptstrasse. Der Anhänger hätte sich aber
ebenso gut auf dem Weg zur Verbrennungsanlage selbständig machen können. Dass
sich unter diesen Umständen kein Unfall mit Personenschaden ereignete, ist allein
glücklichen Umständen zu verdanken.
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dd) Die Annahme einer leichten Widerhandlung scheidet demnach aus. Namentlich
kann nicht gesagt werden, dass der Rekurrent nur eine geringe Gefahr für die
Sicherheit anderer hervorgerufen habe. Ebenfalls nicht erfüllt ist die zweite
Voraussetzung der leichten Widerhandlung - das Vorliegen eines leichten
Verschuldens. Dass der Rekurrent der Kontrolle der Betriebssicherheit wegen Zeitnot
nicht die notwendige Aufmerksamkeit einräumte und erst am Zielort das Fehlen des
Anhängers bemerkte, wiegt verschuldensmässig nicht mehr leicht.
c) Die Vorinstanz ist demnach zu Recht von einer mittelschweren Widerhandlung
gemäss Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG ausgegangen. Zu prüfen bleibt die Entzugsdauer.
3.- Bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder Führerausweisentzugs sind
gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen,
namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Die Vorinstanz hat den Führerausweis für einen Monat entzogen. Dabei handelt es sich
um die gesetzliche Mindestentzugsdauer, welche - unabhängig von einer allfälligen
erhöhten Sanktionsempfindlichkeit oder einem einwandfreien automobilistischen
Leumund - nicht unterschritten werden darf (Art. 16b Abs. 2 lit. a und Art. 16 Abs. 3
SVG). Die verfügte Entzugsdauer von einem Monat ist deshalb zu bestätigen.
4.- Der Rekurrent beantragt für den Fall, dass er mit dem Hauptantrag nicht
durchdringt, die Umwandlung des Führerausweisentzugs in eine einwöchige
Gefängnisstrafe. Diese Möglichkeit ist im Administrativmassnahmerecht des SVG
jedoch nicht vorgesehen (vgl. Art. 16 Abs. 2 SVG), weshalb auch der Eventualantrag
abzuweisen ist.
5.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen.