Decision ID: d6f0a022-602a-543e-8d07-bcc761b8204e
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1965 geborene
X._
ist
seit
dem
1. Mai 2012 als Fachangestellte Gesundheit bei der Ortsgemeinde
Y._
, Alters- und Pflegeheim, angestellt (Urk. 8/1) und damit bei der
Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG
im Rahmen des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG)
obligatorisch versichert. Am 20
. Dezember 2012
sprang sie
, n
achdem
sie abends
im ersten Stock eines Geschäftshaus
es
versehentlich
in dem das
Treppenhaus
mit einer Physiothera
pie-Praxis verbindenden
Laubengang
ausgesperrt worden war,
aus einer Höhe von 2 bis 2,5 m
auf den Boden
(Urk. 8/1, Urk. 8/21)
und verletzte sich dabei an beiden Beinen und am linken Ellenbogen (Urk. 9/2).
Die
Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG
erbrachte in der Folge Taggeld- und Heilbehandlungsleistungen im Zusammenhang mit dem fraglichen Ereignis (Urk. 8/4). Nachdem sie den Unfallort am 16. Juli 2013 durch eine Schadeninspektorin hatte besichtigen lassen (Urk. 8/34), teilte sie der Arbeitgeberin der Versicherten mit Schreiben vom 25. Juli 2013
(
Urk.
8/37)
mit, dass geprüft werde, ob ein Wagnis vorliege; bis zum Abschluss der entsprechenden Abklärungen
beziehungsweise bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen Entscheides diesbezüglich
werde sie
– im Rah
men von Akontozahlungen
-
Taggeld
er
auf Basis
von
50 %
des Tagesansatzes
ausrichten
.
In der Folge verfügte sie am 2. Oktober 2013 die Kürzung der Geld
leistungen um 50 % und entzog einer allfälligen Einsprache hiegegen die auf
schiebende Wirkung (Urk. 8/50). Die von der Versicherten am 25. Oktober 2013 gegen diesen Entscheid erhobene Einsprache (Urk. 8/60) wies sie am 7. März 2014 ab (Urk. 2).
2.
Gegen diesen Einspracheentscheid (Urk. 2) liess
X._
am
4. April 2014 mit folgenden Anträgen Beschwerde erheben (Urk. 1 S. 2):
"1.
Es sei
der Einspracheentscheid vom 7. März 2014 aufzuheben.
2.
Es seien die vollen Taggelder auszurichten.
3.
Eventualiter sei von einer Grobfahrlässigkeit auszugehen und die Taggel
der um 10 % zu kürzen.
4.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegne
rin.“
Die
Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG
schloss am 24. Juni 2014 auf Abwei
sung der Beschwerde (vgl. Beschwerdeantwort, Urk. 7), was der Beschwerde
führerin am 25. Juni 2014 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 11).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen ist, soweit für die Entscheidfindung erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen ein
zugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
1.1.1
Gemäss Art. 39
UVG
kann der Bundesrat aussergewöhnliche Gefahren und Wag
nisse bezeichnen, die in der Versicherung der Nichtbetriebsunfälle zur Ver
weigerung sämtlicher Leistungen oder zur Kürzung der Geldleistungen führen
.
Die Verweigerung oder Kürzung kann er in Abweichung von Art. 21 Abs. 1-3 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) anordnen.
1.1.2
Von der ihm mit Art. 39 UVG eingeräumten Gesetzgebungskompetenz machte der Bundesrat mit Art. 50 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) Gebrauch, indem er verordnete, dass bei Nichtbetriebsunfällen, die auf ein Wagnis zurückgehen, die Geldleistungen um die Hälfte gekürzt und in beson
ders schweren Fällen verweigert werden (Art. 50 Abs. 1 UVV). Wagnisse werden in Art. 50 Abs. 2 UVV definiert als Handlungen, mit denen sich die versicherte Person einer besonders grossen Gefahr aussetzt, ohne die Vorkehren zu treffen oder treffen zu können, die das Risiko auf ein vernünftiges Mass beschränken.
Die versicherte Person muss sich wissentlich einer besonders grossen Gefahr aussetzen, um eine Handlung als Wagnis zu qualifizieren. Das subjektive Ele
ment des Wissens bezieht sich dabei auf die Gefahrensituation als solche und nicht auf ihre konkreten Umstände (Urteil des Bundesgerichts 8C_640/2012 vom 11. Januar 2013 E. 2 mit Hinweis
)
.
Der zweite Satz von Art. 50 Abs. 2 UVV besagt, dass Rettungshandlungen auch dann versichert sind, wenn sie an sich als Wagnisse zu betrachten sind.
Auf diese Regelung kann sich auch berufen, wer selber versucht hat, sich aus einer gefährlichen Situation zu befreien, in der er sich ohne sein Verschulden befand (RKUV 1996 Nr. U 250 S. 186 ff. E
.
3, insbesondere E.
3c/bb).
1.1.3
Lehre und Rechtsprechung unterscheiden zwischen absoluten und relativen Wag
nissen. Ein absolutes Wagnis liegt vor, wenn eine gefährliche Handlung nicht schützenswert ist oder wenn die Handlung mit so grossen Gefahren für Leib und Leben verbunden ist, dass sich diese auch unter günstigsten Umstän
den nicht auf ein vernünftiges Mass reduzieren lassen. Ein relatives Wagnis ist gegeben, wenn es die versicherte Person unterlassen hat, die objektiv vorhande
nen Risiken und Gefahren auf ein vertretbares Mass herabzusetzen, obwohl dies möglich gewesen wäre (
Urteil des Bundesgerichts 8C_504/2007 vom 16. Juni 2008 E. 6.1 mit Hinweisen
).
1.2
Hat die versicherte Person
grobfahrlässig, das heisst durch Ausserachtlassen elementarster Vorsichtsmassnahmen, einen Nichtberufsunfall
herbeigeführt, so werden die Taggelder, die während der ersten zwei Jahre nach dem Unfall aus
gerichtet werden, gestützt auf
Art.
37 Abs.
2 UVG
gekürzt. Die Kürzung beträgt jedoch höchstens die Hälfte der Leistungen, wenn die versicherte Person im Zeitpunkt des Unfalls für Angehörige zu sorgen hat, denen bei ihrem Tod Hin
terlassenenrenten zustehen würden.
1.3
Wenn die Voraussetzungen von
Art.
37
Abs.
2 und
Art.
39 UVG in Verbindung mit
Art.
50
Abs.
2 UVV gleichzeitig erfüllt sind, gelangt der Wagnistatbestand als sogenannte lex specialis zur Anwendung (BGE 134 V 340 E. 3.2.4).
2.
2.1
Die Zürich
Versicherungs-Gesellschaft AG
begründete
den angefochtenen Ein
spracheentscheid (Urk. 2)
damit, dass die
– unsportliche -
Beschwerdeführerin
, indem sie
nach einer Wartezeit von lediglich einer halben Stunde
in grosser Höhe
über ein Geländer gestiegen sei
und si
ch
hernach
im Dunkeln
aus einer Höhe von zirka
4
,5 m auf einen
1,2 m breiten
Vorsprung (und nicht etwa auf eine Rasenfläche) habe fallen lassen, ein (relatives) Wagnis eingegangen sei (Urk. 2 S. 4
, Urk. 7 S. 2 f.
). Da sie sich nicht in unmittelbarer Lebensgefahr be
funden habe und auch nicht gänzlich zurechnungs- beziehungsweise schuld
unfähig gewesen sei
, als sie im Rahmen einer – an sich verständlichen - Pa
nikreaktion eine viel zu gefährliche Handlungsoption gewählt habe, sei die 50%ige Kürzung der Geldleistungen zu Recht erfolgt (Urk. 2 S. 4 f., Urk. 7 S. 3).
2.
2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt,
sie sei erst vom Balkongeländer gesprungen, nachdem ihre Hilferufe über eine halbe Stunde lang ungehört geblieben seien und sie – bei einer Temperatur v
on höchstens 0°
Celsius – im Trainingsanzug zu frieren begonnen habe. Indem sie sich – zur Verringerung der Sprunghöhe
-
vom Geländer
hinunter
hängen und erst dann auf den ebenen Boden (der sich darüber befindlich Absatz sei in der Dunkelheit nicht sichtbar gewesen)
habe fallen lassen
, habe sie alle möglichen Vorkehrungen zur Reduktion der Gefahr getroffen
. Angesichts der konkreten Gegebenheiten sei ihr Verhalten nicht als Wagnis zu qualifizieren (Urk. 1 S
.
3 ff.).
3.
3.1
Nach Lage der Akten
wurde die Beschwerdeführerin am 20. Dezember 2012, nachdem sie um 19.30 Uhr die – sich
im ersten Stock (auf Höhe von zirka 4,5 m) eines
Geschäftshaus
es
befindliche - Physiotherapie-Praxis
als letzte Pa
tientin
verlassen hatte, im zum (geschlossenen) Treppenhaus führenden Lauben
gang ausgesperrt.
Ihr Physiotherapeut hatte die Praxis über einen internen Weg verlassen.
Sie trug lediglich einen Trainingsanzug und hatte kein Mobiltelefon bei sich.
Nachdem sie
in der Dunkelheit
während rund einer halben Stunde
ver
geblich
versucht hatte
, Passanten mittels Hilferufen auf sich aufmerksam zu machen, und
– bei einer Temperatur von rund 0
°
C – (Urk. 10) -
zu frieren be
gann, geriet sie in Panik. Sie kletterte über das Geländer
,
hielt sich dann
an dessen Unterkante
fest, so dass
der Abstand zwischen ihren Füssen und dem Boden noch zirka 2 bis 2,5 m betrug
, und liess sich daraufhin zu Boden fallen
(Urk. 8/
21 S. 1
, Urk. 8/
34 S. 1
, Urk. 8/59 S. 1, Urk.
8/60 S. 1 f., Urk. 1 S. 3
). Ob sie auf dem
rund 0,5 m hohen
Lichtschacht (Urk. 2 S.
4
, Urk. 8/34 S. 2 ff.
) oder auf dem davor liegenden Grund landete (Urk. 1 S. 3), kann offen bleiben, da je
denfalls von einer harten Unterlage auszugehen ist (vgl. Fotos, Urk.
8/34 S. 2 ff.).
Beim Aufprall auf dem Boden verletzte sie sich derart schwer an beiden Füssen, dass sie in der Folge
ausserstande
war
, aufzustehen
; ihre erneuten
Hil
ferufe blieben
– während Stunden -
abermals
u
ngehört. Schliesslich wurde sie morgens
zwischen
zwei
und
vier Uhr von einem im fraglichen Geschäftshaus arbeitenden Bäcker entdeckt und daraufhin
mit der Sanität
ins Spital eingelie
fert
(Urk. 8/21 S. 1, Urk. 8/34 S. 1, Urk. 1 S. 5, Urk. 9/5 S. 1)
.
3.2
Die Beschwerdegegnerin
hat zu Recht ein
(relatives) Wagnis
angenommen,
h
a
tte
die
-
jedenfalls nicht sehr sportliche
(Urk. 1 S.
4
, Urk. 7 S. 3, Urk. 8/21 S. 3, Urk. 2) -
Beschwerdeführerin doch damit rechnen
müssen
, dass sie sich beim Sprung aus rund 2,5 m Höhe auf den harten, in der Dunkelheit nicht genau er
kennbaren Boden erhebliche Verletzungen zuziehen würde.
3.3
Allerdings befand sich die Beschwerdeführerin unverschuldet in einer gefährli
chen Situation.
Auf der Seite des Gebäudes, auf der sich der Laubengang befin
det, führt
direkt
keine Strasse entlang; allfällige Passanten konnten die
– im Dunkeln stehende -
Beschwerdeführerin daher nicht sehen, sondern höchstens hören.
Nachdem ihre Hilferufe bis 20 Uhr, als der sich auf der gegenüberliegen
den Seite des Geschäftsgebäudes befindliche Supermarkt schloss (Urk. 1 S. 4
, Urk. 2 S. 5
)
, ungehört geblieben war
en, musste
sie
befürchten, die Nacht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in leichter Bekleidung
im Freien
zu verbrin
gen
und erst am nächsten Tag – in unterkühltem Zustand – aus ihrer misslichen
Lage befreit zu werden
.
Da sie getrennt von ihrem Ehemann und den beiden Kindern lebte (Urk. 8/2
1 S. 6
),
hatte sie keinen Anlass zu hoffen
, dass sie noch vor dem nächsten Morgen vermisst und gesucht würde.
Indem sie zuerst bis La
denschluss noch versuchte,
Passanten durch Rufe auf sich aufmerksam zu ma
chen, und dann nicht einfach vom Geländer sprang, sondern
darüber stieg,
bis zur Unterkante daran h
inunte
rkl
etterte, sich daraufhin
frei
daran hängen und erst dann zu Boden fallen liess, die Fallhöhe mithin um ihre Körper- plus Arm
länge verkürzte,
unternahm sie alles Erdenkliche, um das Risiko gering zu hal
ten. D
ie einzige denkbare Alternative
zum Sprung
wäre wohl gewesen, die Scheibe zur Physiotherapie-Praxis einzuschlagen und dann telefonisch Hilfe an
zufordern. Die Beschwerdeführerin hatte indes keinerlei Utensilien bei sich, die sich als „Werkzeug“ zur Umsetzung eines derartigen Ansinnens geeignet hätten, und bei einem Tritt oder Faustschlag gegen die Scheibe (mithin einer grund
sätzlich strafbaren Sachbeschädigung) hätte sie sich, sofern diese dann auch tatsächlich zu Bruch gegangen wäre, möglicherweise noch erheblichere Verlet
zungen zugezogen als beim (legalen) Sprung.
3.
4
Da d
emnach
keine andere
n
, ungefährliche
n
Möglichkeiten
offen standen,
mit der sich die Beschwerdeführerin aus der gefährlichen Situation hätte befreien können,
liegt eine die Leistungskürzung ausschliessende Rettungshandlung vor
(vgl. hiezu etwa Urteil des
damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 421/00 vom 7. Mai 2002 E. 2 und Urteil des Bundesgerichts 8C_640/2012 vom 11. Januar 2013 E. 4, je mit Hinweisen)
.
Weil die Rettungshandlung ein Wagnis darstellte
,
fällt eine Leistungsk
ürzung weg
en
Gr
obfahrlässigkeit
(Urk. 1 S. 2)
von vornherein ausser Betracht (E. 1.3).
3.
5
Nach dem Gesagten
entbehrt die von der Zürich
Versicherung
s-Gesellschaft
AG verfügte Leistungskürzung einer rechtlichen Grundlage. Folglich ist der ange
fochtene Einspracheentscheid
(Urk. 2)
- in Gutheissung der Beschwerde – auf
zuheben, und es ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin
im Zusammen
hang mit dem Unfall vom 20. Dezember 2012
Anspruch auf die ungekürzten gesetzlichen Leistungen der Beschwerdegegnerin hat
4.
Ausgangsgemäss ist der - durch eine Rechtsschutzversicherung - vertretenen
Beschwerdeführerin
gestützt auf Art. 61 lit. g ATSG in Verbindung mit § 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) eine Prozessentschädigung zuzusprechen, wobei ein Betrag von Fr.
1‘000
.-- (inklu
sive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen erscheint.