Decision ID: 6ca05a16-364f-43ea-9250-ac993cd25172
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Meilen vom 17. Juni 2015 (DG140011)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 19. September
2014 (Urk. 46 = Urk. 44).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der versuchten schweren
Körperverletzung i.S.v. Art. 122 Abs. 2 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf drei
Jahre festgesetzt.
4. Auf den Widerruf der mit Urteil des Bezirksamtes Brugg vom 18. Juli 2007
ausgefällten bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen wird verzichtet.
5. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte dem Privatkläger B._ ge-
genüber aus dem eingeklagten Ereignis zur Leistung von Schadenersatz
(inkl. "Umtriebsentschädigung") und Genugtuung verpflichtet ist. Zur genau-
en Feststellung des Umfangs des Anspruchs wird der Privatkläger auf den
Weg des Zivilprozesses verwiesen.
6. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
CHF
4'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
CHF
2'000.– Gebühr Strafuntersuchung
CHF 1'393.60 Auslagen Strafuntersuchung
CHF
7'393.60 Total
7. Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für seine Bemühungen als amtlicher Ver-
teidiger des Beschuldigten mit total CHF 13'471.50 (inkl. MwSt.) entschädigt.
Die Kasse des Bezirksgerichts Meilen wird angewiesen, diesen Betrag an
Rechtsanwalt lic. iur. X._ auszubezahlen.
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8. Die Kosten und Auslagen der Untersuchung sowie des gerichtlichen Verfah-
rens, ausgenommen diejenige der amtlichen Verteidigung, werden dem Be-
schuldigten auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden einst-
weilen auf die Gerichtskasse genommen. Die Rückzahlungspflicht gemäss
Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt vorbehalten.
9. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ für das gesam-
te Verfahren eine Prozessentschädigung von CHF 11'298.95 (inkl. MwSt.)
zu bezahlen.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 102 S. 2)
1. Das erstinstanzliche Urteil vom 17.6.2015 sei vollumfänglich aufzuhe-
ben und der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
2. Sämtliche Zivilforderungen des Privatklägers seien abzuweisen.
3. Die Anschlussberufung des Privatklägers sei vollumfänglich abzuwei-
sen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Staatskasse.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat:
(Urk. 88, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) Des Vertreters der Privatklägerschaft:
(Urk. 103 S. 2)
1. Die Berufung des Beschuldigten sei vollumfänglich abzuweisen;
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2. Das Urteil der Vorinstanz sei mit Ausnahme der zivilrechtlichen Folgen
zu bestätigen;
3. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtu-
ung von CHF 37'500 zu bezahlen, zzgl. Zins von 5% seit dem
02.08.2009;
4. Sollten dem Privatkläger Kosten für das Verfahren auferlegt werden,
sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen;
5. Sämtliche Kosten zulasten des Beschuldigten.
_

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
Am 1. August 2009, ca. 23.30 Uhr, kam es anlässlich einer Feier auf dem Grund-
stück C._ in Meilen zu einer tätlichen Auseinandersetzung. Am 27. Oktober
2009 erstattete der heutige Privatkläger B._ bei der Kantonspolizei Zürich,
PP Meilen, Anzeige gegen den Beschuldigten wegen Körperverletzung (vgl.
Urk. 1 S. 5, Urk. 2/1).
Die Staatsanwaltschaft See/Oberland eröffnete mit Verfügung vom 31. Mai 2010
formell die Strafuntersuchung wegen einfacher Körperverletzung (Urk. 14) und
stellte die Untersuchung mit Verfügung vom 5. September 2011 ein (Urk. 22). Der
Privatkläger focht die Einstellungsverfügung bei der III. Strafkammer des Oberge-
richts des Kantons Zürich an (Urk. 29), welche die Beschwerde mit Beschluss
vom 23. April 2012 guthiess, die angefochtene Verfügung aufhob und die Sache
an die Staatsanwaltschaft See/Oberland zurückwies (Urk. 30/3). Nach Fortset-
zung der Untersuchung mit Befragung zusätzlicher Zeugen erhob die Staatsan-
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waltschaft am 19. September 2014 Anklage beim Bezirksgericht Meilen
(Urk. 44 = Urk. 46).
Mit Urteil vom 17. Juni 2015 wurde der Beschuldigte der versuchten schweren
Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 StGB in Verbindung mit
Art. 2 StGB schuldig gesprochen und mit einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren be-
straft (Disp. Ziff. 1 und 2). Der Vollzug der Freiheitsstrafe wurde aufgeschoben
und die Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt (Disp. Ziff. 3). Auf einen Widerruf der mit
Urteil des Bezirksamtes Brugg vom 18. Juli 2007 bedingt ausgefällten Geldstrafe
von 30 Tagessätzen wurde verzichtet (Disp. Ziff. 4). Weiter wurde festgestellt,
dass der Beschuldigte dem Privatkläger gegenüber aus dem eingeklagten Ereig-
nis zur Leistung von Schadenersatz (inkl. "Umtriebsentschädigung") und Genug-
tuung verpflichtet sei. Zur genauen Feststellung des Umfangs des Anspruchs
wurde der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen (Disp. Ziff. 5).
Die festgesetzten Kosten (Disp. Ziff. 6) wurden dem Beschuldigten auferlegt
(Disp. Ziff. 8). Die Kosten der amtlichen Verteidigung wurden auf Fr. 13'471.50
(inkl. MwSt.) festgesetzt (Disp. Ziff. 7) und unter Vorbehalt der Rückzahlungs-
pflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO einstweilen auf die Gerichtskasse genommen
(Disp. Ziff. 8). Der Beschuldigte wurde sodann verpflichtet, dem Privatkläger für
das gesamte Verfahren eine Prozessentschädigung von Fr. 11'298.95 (inkl.
MwSt.) zu bezahlen (Disp. Ziff. 9; Urk. 83 S. 45 f.).
Mit Eingabe vom 1. Juli 2015 meldete der Beschuldigte fristgerecht Berufung ge-
gen den erstinstanzlichen Entscheid an (Urk. 79, vgl. Urk. 78/3). Die Berufungser-
klärung vom 11. September 2015 ging innert Frist ein (Urk. 85, vgl. Urk. 82/2).
Die Anklagebehörde verzichtete innert gesetzter Frist auf Anschlussberufung und
beantragte die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (vgl. Urk. 88).
Mit Schreiben vom 7. Oktober 2015 erklärte der Privatkläger Anschlussberufung
und beantragte, die Abweisung der Berufung des Beschuldigten sowie Bestäti-
gung des Urteils der Vorinstanz mit Ausnahme der zivilrechtlichen Folgen. Na-
mentlich sei der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtuung
von Fr. 37'500.–, zuzüglich Zins von 5% seit 2. August 2009, sowie eine ange-
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messene Prozessentschädigung zu bezahlen. Ferner beantragte der Privatkläger,
ihm sei Rechtsanwalt lic. iur. Y._ als unentgeltlicher Rechtsvertreter zu be-
stellen und es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen.
Mit Präsidialverfügung vom 4. November 2015 wurde dem Privatkläger mit Wir-
kung ab 7. Oktober 2015 Rechtsanwalt lic. iur. Y._ als unentgeltlicher
Rechtsbeistand bestellt (Urk. 93).
Am 25. November 2015 wurden die Parteien auf den 12. Februar 2016 zur Beru-
fungsverhandlung vorgeladen (Urk. 96). Dazu erschienen der Beschuldigte in Be-
gleitung seines amtlichen Verteidigers und der Privatkläger in Begleitung seines
unentgeltlichen Rechtsbeistandes (Prot. II S. 5).
Wenige Tage vor der Berufungsverhandlung stellte der Verteidiger mit Eingabe
vom 5. Februar 2016 die Beweisanträge, es seien der Bericht des Detektivbüros
D._ samt Beilagen und ...-Fotos zu den Akten zu nehmen, der Privatdetektiv
E._ sei als Zeuge einzuvernehmen und es seien Geschäftsunterlagen über
die Einzelfirmen des Privatklägers sowie Steuererklärungen des Privatklägers aus
den Jahren 2014 und 2015 zu edieren (Urk. 98 und Urk. 99/1-5).
II. Prozessuales
Nach Art. 399 Abs. 4 StPO kann die Berufung auf einzelne Urteilspunkte einge-
schränkt werden. Eine isolierte Anfechtung des Schuldpunktes ist indes nicht
möglich: Bei einem Antrag auf Freispruch gelten für den Fall der Gutheissung au-
tomatisch auch die mit der Tat untrennbar zusammenhängenden Folgepunkte des
Urteils (z.B. Sanktion, Zivilpunkt, Kostenfolgen) als angefochten, also alle Punkte
nach Art. 399 Abs. 4 lit. b - g StPO. Bestätigt das Berufungsgericht den Schuld-
punkt, sind die weiteren Urteilspunkte – soweit nicht explizit angefochten – nicht
zu überprüfen (vgl. Schmid, StPO Praxiskommentar, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen
2013, Art. 399 N 18; BSK StPO - Eugster, 2. Aufl., Basel 2014, Art. 399 StPO
N 7).
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Der Beschuldigte beantragt, es sei das angefochtene Urteil vollumfänglich aufzu-
heben und er sei von Schuld und Strafe freizusprechen. Mit der Anfechtung des
Schuldspruchs (Disp. Ziff. 1) einhergehend sei die ausgesprochene Sanktion
(Disp. Ziff. 2 und 3), die Beurteilung der Zivilforderung (Disp. Ziff. 5), die Kosten-
verlegung (Disp. Ziff. 8) und die Prozessentschädigung für den Privatkläger ange-
fochten (Disp. Ziff. 9; Urk. 85 S. 2).
Der Privatkläger beantragt seinerseits die Zusprechung einer höheren Genugtu-
ung, welche er mit Fr. 37'500.– beziffert (vgl. Urk. 89 S. 2).
In Rechtskraft erwachsen ist mithin der Verzicht auf den Widerruf der mit Urteil
des Bezirksamtes Brugg vom 18. Juli 2007 ausgefällten bedingten Geldstrafe von
30 Tagessätzen (Disp. Ziff. 4), die Festsetzung der Kosten (Disp. Ziff. 6) sowie die
Entschädigung des amtlichen Verteidigers (Disp. Ziff. 7), was mittels Beschluss
festzustellen ist.
Der von der Verteidigung eingereichte Bericht des Detektivbüros D._ wurde
samt Beilagen zu den Akten genommen (Urk. 99/1-5). Auf die weiteren von der
Verteidigung beantragten Beweisergänzungen ist zurückzukommen.
III. Sachverhalt
1. Unbestrittener Sachverhalt.
Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen zur richterlichen Beweiswürdigung,
den bestrittenen und unbestrittenen Anklagesachverhalt, die Aussagen der Betei-
ligten, sowie die ärztlichen Berichte grundsätzlich korrekt wiedergegeben, worauf
vorab verwiesen werden kann (Urk. 83 S. 5 ff., Art. 82 Abs. 4 StPO). Gleichwohl
drängen sich Hervorhebungen und Präzisierungen auf.
2. Rechtliches und Vorgehen
In einem Strafprozess sind an den Beweis von Täterschaft und Schuld hohe An-
forderungen zu stellen. Gemäss dem in Art. 10 Abs. 1 und 3 StPO, Art. 32
Abs. 1 BV und in Art. 6 Ziff. 2 EMRK verankerten Grundsatz "in dubio pro reo"
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(lat., im Zweifel für den Beschuldigten) ist bis zum gesetzlichen Nachweis der
Schuld zu vermuten, dass der wegen einer strafbaren Handlung Beschuldigte un-
schuldig ist (BGE 127 I 40 E. 2a). Das Gericht legt seinem Urteil denjenigen
Sachverhalt zugrunde, den es nach seiner freien, aus der Hauptverhandlung und
den Untersuchungsakten geschöpften Überzeugung als verwirklicht erachtet
(Art. 10 Abs. 2 StPO). Eine strafrechtliche Verurteilung kann nur erfolgen, wenn
die Schuld der beschuldigten Person mit hinreichender Sicherheit erwiesen ist. Es
darf namentlich kein vernünftiger Zweifel daran bestehen, dass sich der der be-
schuldigten Person in der Anklageschrift vorgeworfene Tatbestand tatsächlich
verwirklicht hat. Dies bedingt, dass das Gericht eine persönliche Gewissheit er-
hält. Nicht ausreichend ist, wenn die vorliegenden Beweise objektiv klar auf eine
Schuld der beschuldigten Person hindeuten, das Gericht aber persönlich nicht zu
überzeugen vermögen. Allfällige abstrakte theoretische Zweifel sind nicht mass-
gebend, weil solche immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt
werden kann. Es muss ausreichen, wenn vernünftige Zweifel an der Schuld der
beschuldigten Person ausgeschlossen werden können. Die blosse Wahrschein-
lichkeit vermag einen Schuldspruch nicht zu begründen. Nur wenn sich das Ge-
richt nach Erschöpfung aller Erkenntnisquellen weder von der Existenz noch von
der Nichtexistenz der beweisbedürftigen Tatsachen zu überzeugen vermag,
kommt der der beschuldigten Person begünstigende Grundsatz "in dubio pro reo"
zur Anwendung. Hat das Gericht also erhebliche und nicht zu unterdrückende
Zweifel (d.h. solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen), so muss
es die beschuldigte Person freisprechen.
Was der Beschuldigte wusste, wollte oder in Kauf nahm, gehört zum Inhalt des
subjektiven Sachverhaltes. Es geht dabei um einen inneren Vorgang, auf den
– falls kein Geständnis vorliegt – nur anhand der eingehenden Würdigung des
äusseren Verhaltens des Täters sowie allenfalls weiterer Umstände geschlossen
werden kann. Die Feststellung des subjektiven Sachverhalts – der inneren Mo-
mente des Täters, dessen Beweggründe, Absichten und Ziele – ist Gegenstand
der Sachverhaltsabklärung. Rechtsfrage ist demgegenüber, ob im Lichte der fest-
gestellten Tatsachen der Schluss auf einen Vorsatz oder Eventualvorsatz als be-
rechtigt erscheint. In diesem Bereich können aber Tat- und Rechtsfragen sehr
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eng miteinander verbunden sein (BGE 133 IV 15 ff.; 130 IV 60 ff.; Pra 1993
S. 881 f.).
Stützt sich die Beweisführung auf die Aussagen von Beteiligten, so sind diese frei
zu würdigen (Art. 10 Abs. 2 StPO). Es ist anhand sämtlicher Umstände, die sich
aus dem gesamten Verfahren ergeben, zu untersuchen, welche Sachdarstellung
überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt der Aussagen an-
kommt, verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben erfolgen. Bei der
Würdigung von Aussagen ist im Besonderen zwischen der Glaubwürdigkeit einer
Person und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussage zu unterscheiden. Während Erstere
die Grundlage dafür liefert, ob einer Person grundsätzlich getraut werden kann, ist
Letztere für die im Prozess massgebende Entscheidung bedeutungsvoll, ob sich
der Sachverhalt zur Hauptsache so zugetragen hat oder nicht (Hauser, Der Zeu-
genbeweis im Strafprozess mit Berücksichtigung des Zivilprozesses, Zürich 1974,
S. 312 ff.).
Die Glaubwürdigkeit einer Person ergibt sich nebst ihrer prozessualen Stellung
vor allem auch aus deren persönlichen Beziehungen und den Bindungen zu den
übrigen Prozessbeteiligten. Der allgemeinen Glaubwürdigkeit einer Person kommt
jedoch eine untergeordnete Bedeutung zu. Nach stetiger Lehre und Rechtspre-
chung ist vielmehr auf die Glaubhaftigkeit ihrer Aussage abzustellen
(BGE 6B_692/2011 vom 9. Februar 2012, E. 1.4; BGE 133 I 33 E. 4.3, je mit Hin-
weisen). Nicht die prozessuale Stellung der Beteiligten ist in erster Linie massge-
bend, sondern der materielle Gehalt und damit die Glaubhaftigkeit ihrer Aussage.
Um eine Aussage als zuverlässig – und damit als glaubhaft – taxieren zu können,
ist sie insbesondere auf das Vorhandensein einer hinreichenden Anzahl Reali-
tätskriterien und das Fehlen von Lügensignalen zu überprüfen. Zu achten ist auf
Strukturbrüche innerhalb einer Aussage, auf Über- oder Untertreibungen, auch
auf Widersprüche (Bender, Die häufigsten Fehler bei der Beurteilung von Zeu-
genaussagen, in: SJZ 81, S. 53 ff.; vgl. auch ZR 72 Nr. 80 mit Verweisen).
Es sind daher die Aussagen des Beschuldigten, des Privatklägers sowie diejeni-
gen des Zeugen und der Auskunftspersonen auf ihre Glaubhaftigkeit zu prüfen.
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Stehen sich dabei widersprechende Aussagen gegenüber, so gilt es diese im
Rahmen der freien richterlichen Beweiswürdigung unter dem Gesichtspunkt der
Glaubwürdigkeit der aussagenden Person und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussage
zu würdigen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist schliesslich zu entscheiden,
welche Darstellung zu überzeugen vermag.
Als Kennzeichen wahrheitsgetreuer Aussagen sind zu werten:
- spontane, detailreiche Schilderungen (auch ausserhalb des zentralen Be-
weisthemas)
- individuell geprägte, originelle oder aussergewöhnliche Geschehnisse ent-
haltende Aussagen
- Verflechtung der Aussage mit bewiesenen, zur Tatzeit vorhandenen äusse-
ren Umständen
- strukturelle Gleichheit der Aussage, gleiche Erinnerung an Be- und Entlas-
tendes
- Ineinanderpassen der Aussagen, wenn von verschiedenen Ansatzpunkten
gefragt wurde
- inhaltliche Konstanz des für den Befragten subjektiv Wichtigen
Die Lehre spricht von acht Realitätskriterien, welche in drei Gruppen eingeteilt
werden: Inhaltsbezogene Realitätskriterien (Detailkriterium, Individualitätskriteri-
um, Prüfkriterium), strukturelle Realitätskriterien (Strukturgleichheitskriterium,
Nichtsteuerungskriterium, Homogenitätskriterium) und Wiederholungskriterien
(Konstanzkriterium, Erweiterungskriterium) (Bender/Nack/Treuer, Tatsachenfest-
stellung vor Gericht, 4. Aufl., München 2014, S. 91 ff.). Als Indizien für bewusst
oder unbewusst falsche Aussagen gelten demgegenüber:
- Zurückhalten von Aussagen nur in den für den Aussagenden wesentlichen
Punkten, Abschweifen auf Nebensächliches
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- unangemessene Wortwahl (Freud'sches Signal)
- Übertreibungen in der Sache und in der Bestimmtheit
- stereotype Aussagen auch in Einzelheiten
- Dreistigkeit, Entrüstung des Aussagenden
- Anfügen von Begründungen statt Fakten
- abstrakte, kurze Aussagen ohne Details in Nebenpunkten
- Strukturbrüche in den Schilderungen
Nach solchen Phantasiesignalen ist zu suchen, wenn das Fehlen von Realitätskri-
terien den Verdacht eines Phantasieproduktes begründet. Wie die Realitätskrite-
rien werden auch die Phantasiesignale in drei Gruppen eingeteilt: Verlegen-
heitssignale (Zurückhaltungssignal, Freud'sches Signal, Unterwürfigkeitssignal),
Übertreibungssignale (Bestimmtheitssignal, Dreistigkeitssignal, Begründungssig-
nal) und Signale mangelnder Kompetenz (Kargheitssignal, Strukturbruchsignal).
Fehlen Realitätskriterien und finden sich Lügen- bzw. Fantasiesignale, gilt dies als
Indiz für eine Falschaussage.
Es ist nachfolgend unnötig, auf jede einzelne Deposition sämtlicher Aussageper-
sonen einzugehen. Teilweise muss sich die Begründung darauf beschränken, die
wesentlichen Aussagen herauszugreifen. Deshalb wird im Folgenden keine um-
fassende, chronologische Wiedergabe von Aussagen gewährleistet. In diesem
Zusammenhang ist auch an die ständige Praxis des Kassationsgerichtes des
Kantons Zürich zu erinnern, wonach der Gehörsanspruch nicht verletzt wird, wenn
sich das Gericht nicht ausdrücklich mit jedem Argument des Beschuldigten be-
fasst. Es genügt, wenn sich aus den Erwägungen ergibt, welche Vorbringen als
begründet angesehen und welche allenfalls stillschweigend verworfen worden
sind (Beschluss des KGZH vom 11. April 1988, Nr. 119/87, Erw. II.1.).
Vorliegend stehen sich die unterschiedlichen Sachverhaltsschilderungen des Be-
schuldigten und des Privatklägers gegenüber. Beide sind offenkundig bestrebt,
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das eigene Verhalten beim Vorfall zu verharmlosen und jenes der Gegenseite zu
dramatisieren. Die jeweiligen Aussagen werden durch die Aussagen der jeweili-
gen Personen aus ihrem Umfeld im Groben bestätigt.
Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen muss daher eine eingehende Ausei-
nandersetzung mit der allgemeinen Glaubwürdigkeit des Beschuldigten und des
Privatklägers stehen, gefolgt von einer Prüfung der Frage, inwiefern die konkreten
Aussagen der Protagonisten glaubhaft erscheinen und ob sich auf deren Grund-
lage der Anklagesachverhalt erstellen lässt. Hinsichtlich der weiteren Beweismittel
- der Aussagen der Zeugen, Arztberichte etc. - steht dabei die Frage im Vorder-
grund, inwiefern auf ihrer Grundlage die Aussagen des Beschuldigten und des
Privatklägers zum Tatablauf untermauert oder widerlegt werden können.
3. Glaubwürdigkeit
3.1. Glaubwürdigkeit des Beschuldigten
Zur Glaubwürdigkeit des Beschuldigten ist festzuhalten, dass ihn keine Pflicht
trifft, zu seiner Überführung beizutragen. Namentlich unterliegt er nicht der Wahr-
heitspflicht im Sinne von Art. 163 Abs. 2 StPO. Zudem gilt es zu berücksichtigen,
dass er als Beschuldigter ein – legitimes – Interesse daran hat, die Geschehnisse
in einem für ihn günstigen Licht darzustellen. In erster Linie ist aber der materielle
Gehalt seiner Aussagen und damit deren Glaubhaftigkeit und nicht seine pro-
zessuale Stellung massgebend.
3.2. Glaubwürdigkeit des Privatklägers
Was die Glaubwürdigkeit des Privatklägers anbelangt, gilt es zu berücksichtigen,
dass er substantielle Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen gegen den
Beschuldigten geltend macht und von jahrelanger Therapiebedürftigkeit und be-
ruflichen Einschränkungen als Folge seiner Verletzungen spricht (vgl. Urk. 57
S. 2). Auch hat er als direkt Betroffener ein Interesse daran, zur Überführung des
Beschuldigten beizutragen und seine eigene Rolle zu verharmlosen. Allerdings ist
auch bei ihm in erster Linie der materielle Gehalt seiner Aussagen und damit de-
ren Glaubhaftigkeit und nicht seine prozessuale Stellung massgebend.
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Indes kann bereits an dieser Stelle festgehalten werden, dass der Privatkläger
zwischen Erlebtem und lediglich Gehörtem nicht unterscheidet. So schilderte der
Privatkläger mehrfach, der Beschuldigte habe erst von ihm abgelassen, als dieser
von F._ in den Arm gebissen worden sei (Urk. 6 S. 2, Urk. 37 S. 9). Er räum-
te aber auf die Frage, wie er das in gebückter Stellung habe sehen können, ein,
er verstehe dies auch nicht, er wisse nicht, ob er das selber gesehen habe oder
ob F._ oder G._ ihm das nachher gesagt hätten. Nachdem jedoch
F._ vehement abstritt, dem Beschuldigten in den Arm gebissen zu haben, ist
davon auszugehen, dass der Privatkläger mit G._ über den Vorfall sprach
und seine Aussagen dadurch beeinflusst wurden. Dies beeinträchtigt die Glaub-
würdigkeit des Privatklägers markant.
3.3. Glaubwürdigkeit der übrigen Aussagepersonen
Bezüglich der Glaubwürdigkeit der übrigen Aussagepersonen ist vorab darauf
hinzuweisen, dass diese in mehr oder weniger naher Beziehung zu den zentralen
Personen dieses Verfahrens stehen. Sie lassen sich in zwei Gruppen unterteilen:
Die Gruppe der dem Beschuldigten nahestehenden Personen
• F._, Schwester
• H._, Ehefrau
• I._, Freund
• J._, Freundin von I._
Die Gruppe dem Privatkläger nahestehenden Personen
• G._, Geschäftspartnerin des Privatklägers
• K._ (Bruder des Privatklägers)
• L._ (Vater)
• M._ (Mutter)
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Grundsätzlich kann aus dem Umstand, dass die Aussagepersonen jeweils einen
mehr oder weniger starken Bezug zu den zentralen Personen haben, keinesfalls
generell auf deren Unglaubwürdigkeit geschlossen werden. Der besonderen
Konstellation ist jedoch jeweils im Rahmen der Aussagewürdigung Rechnung zu
tragen.
Überdies traf sich der Privatkläger vor der Einvernahme vom 17. Oktober 2012
mit seinen Familienangehörigen. Dabei wurden die Aussagen besprochen und die
Protokolle und der Polizeirapport durchgelesen (vgl. Urk. 34/7 S. 7 und Urk. 34/8
S. 3, ebenso der Privatkläger in Urk. 37 S. 5). Dies beschlägt die Glaubwürdigkeit
dieser Personen beträchtlich.
Der Beschuldigte wurde mit den Aussagen dieser Personen konfrontiert bzw. ver-
zichtete auf Teilnahme an den Einvernahmen vom 17. Oktober 2012 und damit
auf die Gelegenheit, Ergänzungsfragen zu stellen (Urk. 37, Urk. 34/1-8). Sämtli-
che Aussagen sind daher zu Lasten des Beschuldigten verwertbar (Art. 147
Abs. 4 StPO).
4. Phase 1: Beginn der Auseinandersetzung
4.1. Anklagevorwurf und Standpunkt der Kontrahenten
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, er habe in der Nacht vom
1. auf den 2. August 2009, ca. 23.30 Uhr, dem Privatkläger unvermittelt mit der
Faust gegen den Kopf geschlagen. Der Privatkläger sei zuvor dem Ehepaar
AH._ gefolgt und habe vom Beschuldigten wissen wollen, was los sei und ob
er mit seiner Frau nicht anständig umgehen könne.
Die Kontrahenten führten übereinstimmend aus, der Privatkläger sei dem Be-
schuldigten gefolgt, als dieser einen Anlass mit seiner Familie verlassen habe und
sich zum Parkplatz begeben habe (Urk. 5 S. 2, Urk. 6 S. 2). Der Privatkläger
macht geltend, er habe dem Beschuldigten gesagt, dass er seine Frau anständig
behandeln solle, weil dieser sie zuvor misshandelt habe. Der Beschuldigte habe
sich entfernt, sei wieder zurückgekommen und ohne ein Wort auf ihn los gegan-
gen (vgl. Urk. 6 S. 2). Demgegenüber macht der Beschuldigte geltend, der Privat-
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kläger habe seine Ehefrau belästigt und sei ihnen gefolgt, nachdem sich der Be-
schuldigte mit ihr vom Anlass entfernt habe. Der Privatkläger habe gesagt, er (der
Privatkläger) müsse nach dem Rechten schauen, schliesslich sei er Arzt. Darauf-
hin habe der Beschuldigte entgegnet, er solle sich verpissen. Dann habe der Pri-
vatkläger ihn einfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen (Urk. 5 S. 2).
Offen gelassen werden kann, was der Grund dafür war, dass der Privatkläger
dem Beschuldigten nachlief und ihn ansprach. Ob der Beschuldigte seine Ehefrau
misshandelt hatte, wie vom Privatkläger gemutmasst wird, vermag kein Indiz da-
für zu bilden, dass der Beschuldigte den ersten Schlag ausgeführt haben muss.
Massgeblich ist, ob sich der Anklagesachverhalt rechtsgenügend erstellen lässt,
wonach der Beschuldigte den Privatkläger unvermittelt nach dem Ansprechen
durch den Privatkläger mit der Faust gegen den Kopf geschlagen habe und in der
Folge verprügelt habe.
4.2. Aussagen des Beschuldigten
Der Beschuldigte führte zu dieser ersten Phase der Auseinandersetzung anläss-
lich der polizeilichen Einvernahme vom 9. April 2010 aus, er sei mit seinem Sohn
im Arm zum Auto gelaufen. J._ sei mit ihm und seiner Ehefrau gelaufen, wei-
ter vorne sei I._ gewesen. Plötzlich sei der Privatkläger zwischen seiner
Schwester [F._] und seiner Frau gestanden und habe gesagt, dass er hier
nach dem Rechten schauen müsse, schliesslich sei er Arzt. Aufgrund seiner In-
tervention habe er den Privatkläger gefragt, wer er sei. Er solle sich nicht einmi-
schen und sich verpissen. "Da schlug er mich mit der Faust ins Gesicht. Er drück-
te mir also einfach eine ab, obwohl ich meinen Sohn im Arm hatte." J._ habe
ihm seinen Sohn aus den Arm gerissen und er habe sich dann gewehrt. Der Pri-
vatkläger habe ihn mindestens zwei Mal mit der Faust ins Gesicht geschlagen.
"Mein Fehler ist, dass ich damals nicht zum Arzt ging. Ich hatte nach der Ausei-
nandersetzung eine Verletzung oberhalb vom linken Auge und an der Wange."
Seine Mitarbeiter könnten bezeugen, dass er damals verletzt worden sei. Er habe
einfach gesagt, dass er von einigen Glatzköpfen angegriffen worden sei. "Man
schlägt doch nicht jemanden, wenn er ein Kind im Arm hat." (Urk. 5 S. 2).
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Am 24. Oktober 2013 führte der Beschuldigte bei der Staatsanwaltschaft aus, er
habe seinen Sohn in den Armen getragen, J._ sei rechts von ihm gestanden,
seine Frau und seine Schwester seien vor ihm gestanden und I._ sei schon
auf dem Weg zum Auto gewesen. Der Privatkläger sei hinter seiner Frau und sei-
ner Schwester gegangen und habe gesagt: "Ich bin Arzt, ich muss hier für Ord-
nung sorgen." Er (der Beschuldigte) habe ihm dann gesagt, dass ihn das nichts
angehe und er sich nicht einmischen solle. "Er hat mir dann plötzlich einen Schlag
an die linke Stirnseite oberhalb des Auges versetzt. J._ nahm mir dann den
Kleinen aus den Armen und ging ebenfalls zum Auto. Ich habe ein- bis zweimal
zurück geschlagen." (Urk. 36 S. 3). Er selbst habe einen kleinen Riss oberhalb
des linken Auges erlitten. Nach dem ersten Schlag sei er kurz wie weggetreten
gewesen. Er habe einfach reagiert (Urk. 36 S. 5).
Gemäss Protokoll der erstinstanzlichen Hauptverhandlung vom 24. März 2014
[recte 2015] führte der Beschuldigte aus, er sei mit seinem Sohn in den Armen
nach draussen gegangen. Er habe mit seiner Ehefrau etwas diskutiert. Seine
Schwester sei neben ihm gewesen, sie sei auch etwas laut gewesen, wie das bei
ihnen üblich sei. Der Privatkläger sei in ihre Mitte gekommen und habe gesagt, er
(der Beschuldigte) solle seine Ehefrau in Ruhe lassen. Er (der Beschuldigte) habe
ihm gesagt, dass ihn das nichts angehe und dass er weggehen solle. Sie hätten
einfach diskutiert. "Ich weiss nicht, was in ihn gefahren ist. "Pow", da hat es gepol-
tert." Dann habe J._ ihm das Kind aus den Armen genommen. Es habe eine
Rempelei gegeben (Prot. I S. 17). Im Verlaufe der Einvernahme wiederholte der
Beschuldigte, der Privatkläger habe der Held sein wollen. Er habe gesagt: "Das
geht hier nicht so, ich bin Arzt." Er (der Beschuldigte) habe ihm gesagt, er solle
weggehen, es sei seine Ehefrau und das ginge ihn nichts an. Und plötzlich: "Jetzt
ist fertig.", da habe er schon eine kassiert. "Was soll ich in einem solchen Moment
machen? Ich weiss gar nicht, ob ihm bewusst war, dass ich noch den Kleinen in
den Armen hielt." Er könne das Ganze bis heute nicht begreifen (Prot. I S. 20).
Der Privatkläger habe ihn auf seine linke Augenbraue geschlagen und der Be-
schuldigte habe zwei bis drei Mal zurückgeschlagen (Prot. I S. 21).
- 17 -
Anlässlich der Berufungsverhandlung gab der Beschuldigte an, sie seien an einer
Vernissage seiner Schwester in den Räumlichkeiten von Frau G._ gewesen.
Er sei im See baden gegangen und habe den Privatkläger um seine Frau schlei-
chen gesehen. Dieser habe auch einmal versucht, den Arm um sie zu legen. Er
(der Beschuldigte) habe gesagt, dass es ihn störe. Er sei aus dem Wasser ge-
kommen und habe angefangen, zu diskutieren. Er habe gesagt, er wolle gehen.
Er habe den Kleinen gepackt und auf den Arm genommen und sie seien nach
draussen gelaufen. Sie hätten dann diskutiert. Seine Frau habe gesagt, dass sie
nichts vom Privatkläger wolle. Dann sei ihnen der Privatkläger mit Geschrei hin-
terher gelaufen und habe gesagt, er sei Arzt und müsse nach dem Rechten sehen
bzw. für Ordnung sorgen. Er habe sich aufgespielt. Tatsache sei, dass der Privat-
kläger ihm, als er am Diskutieren gewesen sei, aggressiv auf die andere Stras-
senseite gefolgt sei. Er (der Beschuldigte) habe dem Privatkläger gesagt, dass er
sich verpissen und sich nicht in Familienangelegenheiten einmischen solle. Es sei
eine Sache zwischen ihm und seiner Frau. Seine Schwester sei auch nebendran
gewesen. Er habe dem Privatkläger ein zweites Mal gesagt, er solle sich verpis-
sen. Der Privatkläger habe dann gesagte: "Jetzt ist fertig!" Dann habe es "ge-
klöpft" und der Privatkläger habe ihm eine verpasst. J._ habe dem Beschul-
digten den Kleinen aus der Hand gerissen. Es sei alles sehr schnell gegangen.
Der Privatkläger habe ihn einmal, ganz am Anfang, mit der Faust an der linken
Augenbraue getroffen. Es habe dort einen feinen Riss gegeben. Nachdem
J._, ihm den Kleinen aus dem Arm gerissen habe, habe er (der Beschuldig-
te) zwei oder drei Mal zurückgegeben, aber er wisse nicht, ob er den Privatkläger
getroffen habe (Prot. II S. 12 ff.).
In Würdigung dieser Aussagen ist festzuhalten, dass sie hinsichtlich des Beginns
der tätlichen Auseinandersetzung konstant und inhaltlich stimmig sind. So schil-
derte der Beschuldigte anschaulich seine Gefühlslage und den Schock, dass er
trotz des Kindes auf dem Arm plötzlich geschlagen werde. Dabei verknüpfte er
seine Gefühle und seine Sachdarstellung mit objektiven Fakten, namentlich der
von ihm erlittenen Gesichtsverletzungen, was als starkes Realitätskriterium zu
werten ist. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass bei der Polizei zwei
frische Narben im Gesicht des Beschuldigten festgestellt wurden, welche die
- 18 -
Sachdarstellung des Beschuldigten plausibilisieren (vgl. Urk. 5 S. 2 und Urk. 9
S. 3). Demgegenüber sind in dieser Phase keine offensichtlichen Übertreibungs-
merkmale zu erkennen. Der Beschuldigte beschönigte in dieser Phase sein Ver-
halten nicht, gab er doch offen zu Protokoll, er habe dem Privatkläger gesagt,
dass er sich verpissen solle, auch wenn er diese Aussage bei seinen späteren
Aussagen abschwächte. Anlässlich der Berufungsverhandlung stand der Be-
schuldigte zumindest wieder klar dazu, den Privatkläger mit diesen Worten zum
Weggehen aufgefordert zu haben. Seine Aussagen wirken daher in dieser Phase
glaubhaft. Auf die weniger glaubhaften Aussagen des Beschuldigten zu seinem
Verhalten nach Beginn der Auseinandersetzung wird zurückzukommen sein.
4.3. Aussagen des Privatklägers
Der Privatkläger führte anlässlich der polizeilichen Befragung vom 11. November
2009 aus, der Beschuldigte sei mit dem Kind auf dem Arm in Richtung Ausgang
bzw. zur Strasse gegangen. Er sei ihm ein Stück weit nach gegangen und habe
zu ihm gesagt, dass wenn er bei ihnen auf Besuch sei, er seine Frau anständig
behandeln solle. Der Beschuldigte sei weiter nach draussen gegangen. Er (der
Privatkläger) habe ihn nicht mehr gesehen. Der Beschuldigte sei wieder zurück
gekommen und er (der Privatkläger) habe gedacht, er hole nun seine Frau oder
wolle mit ihm reden. Ohne ein Wort sei der Beschuldigte auf ihn los gegangen. Er
habe seine Haare gepackt und ihm mit der Faust gegen den Kopf geschlagen
(Urk. 6 S. 2). "A._ ging fort und wenige Sekunden später stand er wieder vor
mir." (Urk. 6 S. 3).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 16. Januar 2014 führte
der Privatkläger aus, er sei dem Beschuldigten nachgegangen und habe ihn ge-
fragt, was los sei und ob er mit seiner Frau nicht anständig umgehen könne. Der
Beschuldigte habe ihm keine Antwort gegeben, das Privatareal auf die Strasse
verlassen, weil er angeblich sein Kind zum Auto gebracht habe. Er sei zurückge-
kommen, direkt auf ihn zu und habe ihm direkt ins Gesicht geschlagen. Er habe
ihn an den Haaren gepackt und er habe nichts mehr tun können (Urk. 37 S. 3). Er
sei mit dem Beschuldigten alleine gewesen, als der erste Schlag gekommen sei.
Es könne sein, dass die Ehefrau des Beschuldigten ebenfalls da gewesen sei
- 19 -
(Urk. 37 S. 8). Der Beschuldigte habe ihn mit der Faust gegen den Kopf geschla-
gen. Im Anschluss an den Schlag habe er (der Beschuldigte) ihn mit einer Hand
an den Haaren gepackt (Urk. 37 S. 8). Er (der Privatkläger) habe den Beschuldig-
ten während der ganzen Auseinandersetzung nicht einmal geschlagen. "Nicht
einmal angedeutet." (Urk. 37 S. 11). Zur Verletzung über dem Auge, welche von
H._ beschrieben werde, könne er nur Schmunzeln. Die Verletzung könne
höchstens von der Schwester sein. Aber diese sei ja hinter ihm gewesen (Urk. 37
S. 11).
Der Privatkläger schilderte die erste Phase der Auseinandersetzung ähnlich, je-
doch nicht identisch. Die Glaubhaftigkeit der Schilderung wird durch den Umstand
getrübt, dass der Privatkläger bei der Polizei schilderte, er sei an den Haaren ge-
packt und dann geschlagen worden, während er bei der Staatsanwaltschaft mehr-
fach zunächst von einem einzelnen Schlag und hernach dem Packen an den
Haaren berichtete. Diese Abweichung in diesem Kernpunkt des Beginns der Aus-
einandersetzung könnte zwar eine Folge der ärztlich dokumentierten Erinnerungs-
lücken bzw. Konzentrationsstörungen sein (vgl. Urk. 53/4), gleichwohl wird durch
diesen Umstand die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers getrübt. Vor
diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass die Schilderung des Privatklägers zum
Beginn der Auseinandersetzung zwar grundsätzlich glaubhaft ist. Sie ist jedoch
weniger glaubhaft als die Sachdarstellung des Beschuldigten.
4.4. Aussagen von F._
F._, die Schwester des Beschuldigten, erklärte am 8. Januar 2010 bei der
Polizei, der Beschuldigte habe seinen Sohn genommen und das Gebäude Rich-
tung Auto verlassen. H._, J._ und I._ seien hinter A._ her. Der
Privatkläger sei dann ebenfalls hinterher gegangen. Er habe das Gefühl gehabt,
dass ihr Bruder seine Frau geschlagen hätte. "Aber mein Bruder schlägt seine
Frau sicher nicht." Sie sei hinterher gegangen. Sie habe mit ihren Leuten zum Au-
to gewollt, um sich zu verabschieden. N._ habe dem Privatkläger hinterher-
gerufen, er solle zurückkommen, dies sei eine Familienangelegenheit. Als ihr
Bruder seinen Sohn noch auf dem Arm gehabt hatte, habe der Privatkläger ihn
mit der Faust gegen das Gesicht geschlagen. Wie genau könne sie nicht sagen,
- 20 -
es sei alles sehr schnell gegangen. Jedenfalls habe J._ ihrem Bruder das
schlafende Kind aus den Armen genommen, damit sich dieser habe wehren kön-
nen. I._ habe auch noch mehrfach zum Privatkläger gesagt, er solle aufhö-
ren, "aber B._ hat dann doch meinen Bruder angegriffen." (Urk. 7 S. 2).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 17. Oktober 2012
schilderte F._, dass der Privatkläger ständig ihre Schwägerin angefasst ha-
be. Auf einmal habe der Beschuldigte dann nach Hause gehen wollen. Er habe
sein Kind genommen und sei nach draussen gelaufen. "B._ lief ihm nach. Er
mischte sich in die Beziehungsgeschichte meines Bruders ein. Da wurde alles
ganz schlimm. Der kleine Junge, der damals ca. 5 Jahre alt war, hat alles mitan-
gesehen." Das Kind habe sich im Arm des Beschuldigten befunden, als der Streit
mit dem Privatkläger angefangen habe. Ihr Bruder habe das Kind gerade der
Freundin von I._ übergeben wollen, damit es nichts mitbekomme, als der
Privatkläger zum ersten Schlag ausgeholt habe. Es sei alles sehr schnell gegan-
gen (Urk. 34/5 S. 5). Ihr Bruder habe eine Faust vom Privatkläger auf seiner Stir-
ne gehabt. Sie könne sich nicht mehr erinnern, auf welcher Seite. Der Privatkläger
habe als erster zum Schlag gegen ihren Bruder ausgeholt.
Die Aussagen von F._ sind vom offenkundigen Bestreben geprägt, den Be-
schuldigten zu entlasten und den Privatkläger zu belasten. Sie bestätigt im We-
sentlichen die Sachdarstellung des Beschuldigten. Dies erscheint angesichts ihrer
Stellung als Schwester des Beschuldigten zwar verständlich, doch bieten ihre im
Kerngeschehen detailarmen und lückenhaften Aussagen mit der Vorinstanz (vgl.
Urk. 83 S. 18) keine ausreichende Grundlage zur Erstellung des Sachverhalts.
4.5. Aussagen von G._
G._ sagte anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 14. Januar 2010
aus, H._, die Frau des Beschuldigten, sei weinend und zitternd zu ihnen (zu
ihr, F._ und dem Privatkläger) gerannt. Sie habe nichts sagen können, denn
sie habe massiv Angst vor irgend etwas gehabt. Der Privatkläger habe gesagt, er
wolle nachsehen, was vorgefallen sei, und sei in Richtung des Beschuldigten ge-
laufen. F._ habe zu ihm gesagt, er solle nicht gehen. Der Privatkläger sei
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trotzdem in die Richtung des Beschuldigten gelaufen, sie hätten ihn zu diesem
Zeitpunkt noch nicht gesehen, weil es sehr dunkel gewesen sei. Sie (G._)
und F._ seien dem Privatkläger gefolgt. Der Privatkläger habe den Beschul-
digten freundlich angesprochen, was er gesagt habe, habe sie nicht gehört. Er
habe offenbar das Gespräch gesucht. "Ohne dass B._ hätte zu Ende spre-
chen können, packte A._ mit der linken Hand die Haare von B._, zog
den Kopf herunter und schlug mit der rechten Faust mehrmals gegen den Kopf
von B._" (Urk. 8 S. 2). "B._ wollte sich nicht einmischen, sondern sich
lediglich erkundigen, was vorgefallen ist." (Urk. 8 S. 4).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 17. Oktober 2012 führ-
te G._ aus, sie habe sich mit F._ und dem Privatkläger sowie dessen
Familie im Haus befunden. Dann habe F._ gesagt: "Oh, sie haben wieder
Streit." Dann sei die Frau des Beschuldigten zu ihnen gerannt. Sie habe geweint
und am ganzen Körper gezittert. Während sie weiter gefragt worden sei, was vor-
gefallen sei, sei der Privatkläger zum Beschuldigten gegangen und habe wissen
wollen, was da los sei. Sie habe nur F._ gehört, wie sie zum Privatkläger ge-
sagt habe: "B._, geh nicht zu ihm." Dann habe ihr die Frau des Beschuldig-
ten erzählt, weshalb sie Streit mit ihrem Mann gehabt habe. Sie habe erzählt,
dass ihr Mann böse geworden sei, weil sie eine weisse Hose trage, welche
durchsichtig scheine. Als die Frau auf sie zu gerannt sei, sei der Beschuldigte mit
dem Kind in den Armen in Richtung Ausgang des Grundstückes gegangen und
der Privatkläger sei ihm hinterher gelaufen. Sie habe Schreie von draussen gehört
und sei auch rausgegangen zur Strasse. F._ und der Privatkläger seien dem
Beschuldigten nachgelaufen. "Als ich nach draussen kam, sah ich, dass A._
B._ an den Haaren, am Kopf gepackt hatte. Er drückte ihm den Kopf runter
und schlug auf ihn ein." (Urk. 34/4 S. 6). Die Schlägerei sei bereits im Gange ge-
wesen, als sie auf die Strasse gekommen sei. "Ich habe den Anfang dieser Aus-
einandersetzung nicht gesehen." (Urk. 34/4 S. 8).
Die Vorinstanz erachtete die Schilderungen von G._ als im Wesentlichen
konstant und lebensnah. Ihre Aussagen entsprächen zahlreichen Realitätskrite-
rien, womit diese die Sachverhaltsdarstellung des Privatklägers in glaubhafter
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Weise untermauerten (vgl. Urk. 83 S. 20 f.). Dieser Auffassung kann nicht gefolgt
werden.
Bei G._ handelt es sich um die Geschäftspartnerin des Privatklägers, wel-
cher für sie als Arzt arbeitete. Zufolge der Verletzungen der Auseinandersetzun-
gen war der Privatkläger arbeitsunfähig, was für sie einen erheblichen geschäftli-
chen Verlust bedeutete. Sie führte aus, der Vorfall vom 1. August stehe in einem
direkten Zusammenhang mit der zwischenzeitlichen Pfändungsandrohung ihres
Geschäfts (Urk. 34/4 S. 9), wobei sie sich danach erkundigte, wer nun für ihren
Erwerbsausfall bezahle (Urk. 8 S. 4). Ihre geschäftliche Partnerschaft mit dem
Privatkläger und der von ihr behaupteten Konsequenz des Vorfalls für ihr Ge-
schäft beschlägt ihre Glaubwürdigkeit, da sie ein finanzielles Interesse am Aus-
gang des vorliegenden Verfahrens hat. In ihren Aussagen bemühte sich G._
offenkundig, die Rolle des Privatklägers zu verharmlosen und jene des Beschul-
digten zu dramatisieren. Das Zugehen des Privatklägers auf den Beschuldigten
wertete sie bei der Polizei als freundliche Erkundigung und keinesfalls als Einmi-
schung, obwohl sie gemäss eigener Aussage gar nicht verstanden hatte, was der
Privatkläger zum Beschuldigten gesagt hatte. Damit widerspricht sie der Aussage
des Privatklägers, wonach er dem Beschuldigten gesagt habe, er solle seine Frau
anständig behandeln. Weiter widersprechen sich die beiden Aussagen von
G._ deutlich. Währendem G._ in der ersten Einvernahme nicht erfuhr,
was der Grund des Streits zwischen dem Beschuldigten und dessen Ehefrau war,
weil diese zu aufgelöst war, hatte sie dies in der zweiten Einvernahme erfahren.
Weiter beobachtete sie gemäss den Schilderungen bei der Polizei die tätliche
Auseinandersetzung vom ersten Wortwechsel an, während sie bei der Staatsan-
waltschaft ausführte, die Szene erst gesehen zu haben, nachdem der Beschuldig-
te den Privatkläger bereits an den Haaren gepackt hatte, mithin die tätliche Aus-
einandersetzung bereits im Gang war. Diese Diskrepanz konnte sie nicht erklä-
ren. Zudem widersprechen ihre Aussagen jenen des Privatklägers, welcher kon-
stant aussagte, dass sich der Beschuldigte nach dem ersten Treffen kurz entfernt
hatte, um seinen Sohn zum Auto zu bringen. Erst danach sei der Beschuldigte zu-
rückgekommen und habe den Privatkläger geschlagen.
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Unter diesen Umständen ist festzuhalten, dass ihre Aussagen dergestalt wider-
sprüchlich und unglaubhaft sind, dass sie zur Erstellung des Sachverhaltes nichts
beitragen können.
4.6. Aussagen von I._
I._ erklärte anlässlich der polizeilichen Befragung vom 16. März 2010, er ha-
be fast nichts gesehen. Es (gemeint: der Beschuldigte) sei ein Kollege von ihm.
Da er nichts Falsches sagen wolle, wolle er lieber keine Aussagen machen
(Urk. 11).
Anlässlich der Befragung vom 17. Oktober 2012 erklärte I._, der Beschuldig-
te sei ein guter Freund. Sie seien damals in Richtung Auto gelaufen (der Beschul-
digte, dessen Frau und dessen Sohn, er und seine Freundin). Der Privatkläger sei
ihnen nachgelaufen und habe das Gefühl gehabt, er müsse zwischen den beiden
Frauen und dem Beschuldigten schlichten. Er (I._) habe darauf zum Privat-
kläger gesagt, er solle dort bleiben, es würde keinen Sinn machen, der Beschul-
digte würde sowieso nicht mit sich reden lassen in einer solchen Situation. Der
Privatkläger sei auf ihn (I._) zugelaufen und dann an ihm vorbei. Er (I._)
habe ihm gesagt, er solle stehen bleiben, dieser sei aber weiter gelaufen. In sei-
nem (I._s) Rücken sei der Privatkläger in Richtung des Beschuldigten gelau-
fen. Die Frau des Beschuldigten sei auch in der Nähe gewesen. Sie (gemeint:
I._ und J._) hätten O._ (den Sohn des Beschuldigten) bei der Frau
des Beschuldigten abgeholt und seien Richtung Auto gelaufen. Sie hätten in ih-
rem Rücken gehört, wie sie einander angeschrien hätten. Er (I._) habe keine
Schläge gesehen, sei aber vom Geräuschpegel her davon ausgegangen, dass sie
sich schlagen würden. Er habe sich nicht umgedreht. Er habe nicht gesehen, wer
wen geschlagen habe. "Dort haben sie sich erst angeschrien. Es war für mich
aber bereits klar, dass es nicht nur bei Worten bleiben würde." Der Beschuldigte
habe gesagt: "Chum verreis." Der Privatkläger habe nicht aufgehört, provokative
und beleidigende Sprüche zu reissen. Der Beschuldigte sei in dem Moment ag-
gressiv gewesen, als der Privatkläger auf ihn zugelaufen sei und sich in seine
Familienangelegenheiten eingemischt habe. Zuvor sei er zufrieden und entspannt
gewesen (Urk. 34/1 S. 4 f.).
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In Würdigung der Aussagen des Zeugen I._ ist mit der Vorinstanz festzuhal-
ten, dass er dem Kerngeschehen auswich. Es erscheint unglaubhaft, dass er dem
Lärm in seinem Rücken keine Beachtung geschenkt haben will, wenn er doch
gleichzeitig davon ausging, dass der Beschuldigte als sein Freund in eine tätliche
Auseinandersetzung verwickelt werde. Demgegenüber belastete er auch den Be-
schuldigten, indem er ihn als aggressiv im Moment des Aufeinandertreffens mit
dem Privatkläger beschrieb. Gleichwohl mangelt es in seinen Schilderungen an
Einzelheiten, welche Schlüsse auf einen konkreten Tathergang geben könnten.
Unter diesen Umständen können seine Aussagen nicht zur Erstellung des Sach-
verhaltes herangezogen werden.
4.7. Aussagen von J._
J._ war die Freundin von I._. Sie erklärte anlässlich der polizeilichen Be-
fragung vom 15. April 2010: "Als der Vorfall passierte, waren wir gerade am ge-
hen. Es passierte draussen vor dem Haus. Eigentlich bei der Strasse. Wir gingen
zusammen in Richtung Auto. Plötzlich hörte ich eine Diskussion. Ich drehte mich
um und sah, wie der andere Herr, den Namen weiss ich nicht, auf A._ los-
ging. Ich ging darauf zu A._ und nahm ihm das Kind aus den Armen. Ich lief
einfach weiter und schaute mich nicht mehr um. Ich wollte, dass der Kleine nicht
mehr mitbekommt. Ich habe mich um den Kleinen gekümmert und nicht, was hin-
ter mir passierte. Nach einem Weilchen kam A._ auch zum Auto und wir fuh-
ren weg" (Urk. 12 S. 1). Auf genaueres Befragen erklärte sie, sie habe nur gese-
hen, wie der andere Herr handgreiflich geworden sei. "Mehr sah ich nicht." Sie
könne nicht sagen, wie oft dieser Mann zugeschlagen habe. Ob der Beschuldigte
zugeschlagen habe, könne sie nicht sagen, sie sei einfach so schnell wie möglich
weg gegangen. Der Beschuldigte habe im Gesicht geblutet. Was er für eine Ver-
letzung gehabt habe, wisse sie nicht (Urk. 12 S. 3).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 17. Oktober 2012 er-
klärte J._, sie sei mit dem Beschuldigten gut befreundet. Sie führte aus, sie
habe nichts mitbekommen, ausser, dass der Privatkläger ihnen nachgelaufen sei,
als sie hätten nach Hause gehen wollen. Zwischen dem Beschuldigten und seiner
Frau habe sie Meinungsverschiedenheiten mitbekommen. Vom Tonfall des Be-
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schuldigten her habe sie angenommen, dass er dem Privatkläger gesagt habe,
dass er sich entfernen solle. "Worum es aber genau ging, kann ich nicht sagen.
Das habe ich einfach nicht mitbekommen." Der Beschuldigte habe seinen Sohn
auf dem Arm getragen. "Ich holte O._ bei A._ ab und lief zum Auto." Sie
habe ihn aus dessen Armen genommen, weil sie sich gedacht habe, dass - sollte
es zu Handgreiflichkeiten kommen - der Kleine das nicht mitbekommen müsse.
Von Handgreiflichkeiten sei sie ausgegangen, weil sie sich so laut angeschrien
hätten. Weil so viele Autos an diesem Abend vorbei gefahren seien, habe sie kein
Wort mitbekommen. Von wem die aggressive Stimmung ausgegangen sei, wisse
sie nicht (Urk. 34/2). Der Privatkläger sei auf den Beschuldigten und dessen Ehe-
frau zugekommen und habe versucht, die beiden mit seinen Händen physisch zu
trennen. Ihr Freund (I._) habe zum Privatkläger gesagt, er solle nicht weiter-
gehen und sich in die Familienangelegenheiten des Beschuldigten einmischen.
Der Privatkläger sei weiter gegangen und habe den Beschuldigten und seine Frau
getrennt, indem er mit beiden Händen zwischen sie gefahren sei. "Es stimmt, da-
bei ist dem Geschädigten die Hand ausgerutscht." Es sei ihr jetzt wieder in den
Sinn gekommen, dass es so gewesen sei. Der Privatkläger habe den Beschuldig-
ten mit der flachen Handaussenseite am Kopf, an der Stirn getroffen. Die Verlet-
zung an der Stirn habe sie erst im Auto gesehen. Sie habe nicht gesehen, dass
der Beschuldigte sich gewehrt habe (Urk. 34/2 S. 4 ff.).
Die Aussagen von J._ bestätigen die Aussagen des Beschuldigten zum
grössten Teil. Sie sind jedoch im Kernpunkt widersprüchlich: Während die Zeugin
in der polizeilichen Einvernahme aussagte, sie habe dem Beschuldigten den
Sohn nach dem ersten Schlag des Privatklägers aus den Armen genommen, will
sie dies gemäss ihrer Aussage bei der Staatsanwaltschaft schon früher getan ha-
ben, weil sie befürchtet habe, dass es zu einem Handgemenge kommen werde.
Gleichwohl erscheint es glaubhaft, dass sie das Kind vom Beschuldigten über-
nahm und sich darum kümmerte. Demgegenüber schilderte sie den Beginn des
Konfliktes widersprüchlich. Komplett unglaubhaft ist der von ihr geschilderte erste
Schlag, wonach der Privatkläger den Beschuldigten von dessen Ehefrau physisch
getrennt habe und dass ihm dabei die Hand in einer Weise "ausgerutscht" sei, so
dass er den Beschuldigten geschlagen habe. Diese Variante wurde weder vom
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Privatkläger noch vom Beschuldigten geschildert. Mit der Vorinstanz sind die
Aussagen der Zeugin J._ als grundsätzlich widersprüchlich und unglaubhaft
zu werten (vgl. Urk. 83 S. 25). Zur Erstellung des Sachverhalts zu Lasten des Be-
schuldigten kann jedenfalls nicht auf sie abgestellt werden.
4.8. Aussagen von H._
H._, die Ehefrau des Beschuldigten, erklärte am 3. Mai 2010 bei der Polizei,
sie habe sich am besagten Abend mit ihrem Mann gestritten, wobei es sich nur
um einen verbalen Streit gehandelt habe. Irgendwann hätten sie gesagt, dass sie
gehen würden. Sie sei noch rein gegangen und habe eine Tasche geholt. "Als ich
wieder hinauskam, umarmte mich dieser mir unbekannte B._ einfach so. Ich
weiss auch nicht, weshalb er das machte. Er und auch andere Personen hatten
jedoch sicherlich Alkohol getrunken." Sie nehme an, dass das einen Zusammen-
hang gehabt habe. Sie, ihr Mann sowie J._ und I._ seien dann zu ihrem
auf der anderen Strassenseite bei einer Autogarage abgestellten Personenwagen
gegangen. Ihr Mann habe den Sohn getragen. "Da kam dieser B._ uns nach
und begann, mit meinem Mann zu streiten, obwohl andere Leute diesem zuvor
gesagt hatten, dass er sich nicht einmischen soll. Dieser B._ ging uns dann
alleine nach, die anderen Personen blieben beim Haus zurück." Sie wisse nur
noch, dass der andere, dieser B._, ihnen nachgegangen sei und etwas zu ih-
rem Mann gesagt habe. "Beide fluchten einander an und dann schlug B._
meinem Mann ins Gesicht." Nach dieser tätlichen Auseinandersetzung sei der
andere Mann zurück gegangen. "Wir gingen dann zum Auto und fuhren nach
Hause." Ihr Mann habe im Gesicht geblutet, sei jedoch nicht zum Arzt gegangen
(Urk. 13 S. 1 f.).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Befragung vom 17. Oktober 2012 führte
H._ aus, sie habe die Tasche im Haus geholt. Es seien nur noch wenige
Leute dort gewesen. Als sie das Haus verlassen habe, habe sie Herr B._
umarmt, weil er gedacht habe, er müsse sie trösten. Das habe jeder sehen kön-
nen, denn das Haus sei nach aussen zum See hin offen gewesen. Sie seien dann
gegangen, ihr Mann, der Kleine (gemeint: der Sohn), J._, I._ und die
Schwester ihres Mannes. Herr B._ sei ihnen nachgelaufen. Sie seien schon
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beim Auto gewesen, als Herr B._ ihren Mann eingeholt und ihn gepackt ha-
be. "Herr B._ sagte, es gehe nicht, dass mein Mann so mit mir rede. Dann
haben sie aufeinander eingeschlagen. Mein Mann hatte unseren Sohn noch in
den Armen beim ersten Schlag, welcher ganz klar von Herrn B._ ausgegan-
gen ist. Dann hat J._ unseren Sohn genommen. Das was ich gesehen habe,
ist, dass Herr B._ angefangen hat, zu schlagen." (Urk. 34/3 S. 4). Der Privat-
kläger habe sich bemerkbar gemacht und sie eingeholt. Was er gerufen habe,
wisse sie nicht mehr. Dann habe der Privatkläger ihren Mann augenblicklich am
Arm gepackt, damit sich dieser umdrehe. Dann habe sich ihr Mann zum Privat-
kläger umgedreht. "B._ hat meinen Mann dann schon irgendwie im Gesicht
getroffen." Es sei für sie ein Schlag ins Gesicht und nicht ein zufälliges Treffen
oder Berühren gewesen. Sie sei unmittelbar daneben gestanden. Ihr Mann habe
in diesem Moment noch den Sohn auf den Armen gehabt. J._ sei dann ge-
kommen und habe ihm den Kleinen abgenommen (Urk. 34/3 S. 7). Sie wisse
nicht, wie der Privatkläger ihren Mann geschlagen habe. Sie wisse einfach, dass
er im Gesicht getroffen worden und es so losgegangen sei (Urk. 34/3 S. 8). Die
Schlägerei habe 2, 3 Minuten gedauert (Urk. 34/3 S. 12). Sie seien nicht zur Poli-
zei gegangen, weil sie gegenseitig aufeinander losgegangen seien und sie die
Schuld bei beiden gesehen habe (Urk. 34/3 S. 11).
Die Aussagen von H._ sind mit der Vorinstanz insofern glaubhaft, als sie die
Vorgeschichte glaubhaft und realitätsnah schilderte. Sie verkürzen sich jedoch
vom Zeitpunkt des Aufeinandertreffens der Kontrahenten an plötzlich und nicht
nachvollziehbar. So berichtete H._ relativ pauschal von einem ersten Schlag
des Privatklägers ohne weitere Details dieses Zustandekommens oder des weite-
ren Verlaufs der Auseinandersetzung. Mit der Vorinstanz erscheint ihre Aussage
zum Kerngeschehen der tätlichen Auseinandersetzung wenig glaubhaft. Ihre Aus-
sagen dienen nicht zur Erstellung des Anklagesachverhalts.
4.9. Aussagen von K._, L._ und M._
Im Rahmen des Untersuchungsverfahrens wurden die Eltern des Privatklägers
L._ und M._ sowie sein Bruder K._ am 17. Oktober 2012 durch die
Staatsanwältin einvernommen (Urk. 34/6-8). Diese Personen konnten den Beginn
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der Auseinandersetzung bzw. den ersten Schlag nicht beobachten (vgl. Urk. 34/6
S. 7, Urk. 34/7 S. 5, Urk. 34/8 S. 3), weshalb ihre Aussagen nichts zur Erstellung
des Sachverhalts in diesem Punkt beitragen.
4.10. Fazit
In Würdigung der Aussagen der Kontrahenten sowie der übrigen Zeugen ist da-
von auszugehen, dass der Privatkläger den Beschuldigten kurz vor der tätlichen
Auseinandersetzung zur Rede stellen wollte. Die anderslautende Darstellung der
Zeugin G._, wonach sich der Privatkläger lediglich habe erkundigen wollen,
ist unglaubhaft. Offenkundig gab der Privatkläger dem Beschuldigten seine Be-
sorgnis um die Ehefrau des Beschuldigten kund, was der Beschuldigte als unge-
hörige Einmischung empfand und ihm in ruppigem Ton antwortete. Ob die Sorge
des Privatklägers berechtigt war oder nicht, ist für die Erstellung des Kernsach-
verhalts wie erwähnt unerheblich, weil daraus kein Schluss gezogen werden
kann, wer den ersten Schlag ausführte. Die Version des Beschuldigten, wonach
er vom Privatkläger zuerst geschlagen worden sei, als er das Kind auf dem Arm
hielt, ist grundsätzlich glaubhaft und in sich widerspruchsfrei.
Aus den übrigen Aussagen ergibt sich nichts, das diese Sachdarstellung zu wider-
legen vermöchte bzw. dem Beschuldigten den ersten Schlag nachweisen könnte.
Die Darstellung des Privatklägers erscheint - im Gegensatz zu derjenigen des Be-
schuldigten - nicht konstant und damit nicht glaubhafter. Gleiches gilt für die Aus-
sage der Zeugin G._, welche die Version des Privatklägers zunächst bestä-
tigte, jedoch bei der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme schilderte, die Hand-
greiflichkeiten erst gesehen zu haben, nachdem der Beschuldigte den Privatklä-
ger an den Haaren gepackt hatte.
Mithin ist nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" von der Darstellung des Be-
schuldigten auszugehen, wonach er vom Privatkläger zuerst geschlagen wurde,
während er seinen Sohn auf dem Arm hielt, und sich daraufhin aus Furcht vor
weiteren Schlägen wehrte bzw. unter dem Eindruck einer vom Privatkläger ange-
zettelten Schlägerei zurückschlug.
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5. Phase 2: Verlauf und Dauer der ersten Auseinandersetzung
5.1. Anklagevorwurf
Die Anklageschrift wirft dem Beschuldigten weiter vor, er habe den Privatkläger
mit der Faust gegen den Kopf geschlagen, ihn an den Haaren gepackt und mit
der geballten anderen Faust unzählige Male gegen den Hinterkopf geschlagen.
Weiter habe er mindestens drei Mal mit dem Knie gegen den Kopf des Geschä-
digten getreten, wobei er nur die Ellenbogen des Geschädigten getroffen habe, da
dieser sich in gebückter Haltung, mit den Armen vor dem Gesicht, vor den Schlä-
gen zu schützen versucht habe. Zudem habe der Beschuldigte den Kopf des Pri-
vatklägers in nicht mehr nachvollziehbarer Weise zwei bis drei Mal gegen eine
Plakatsäule geschlagen.
5.2. Festgestellte Verletzungen nach dem Vorfall
5.2.1. Verletzungen des Privatklägers
Gemäss ärztlichem Befundbericht von Dr. med. P._, Facharzt für Allge-
meinmedizin FMH vom 3. Juni 2010 meldete sich der Privatkläger am Abend des
3. August 2009 nach der Heimkehr vom Arbeitsplatz bei diesem. Der Privatkläger
habe von einer Auseinandersetzung am 1. August 2009 berichtet, anlässlich wel-
cher er ca. 15-30 Mal geschlagen worden sei. Dabei sei seine Brille zerschlagen
worden und sein Kopf gegen Wand und evtl. auch Boden mehrfach gestossen
worden. Er habe Nackenschmerzen mit Brennen und Ziehen sowie mässige
Kopfschmerzen ohne Schwindel und Übelkeit als Hauptsymptome geschildert. Bei
der Untersuchung hätten sich kleinere, wenig deutliche Prellmarken an Stirn und
rechter Wange sowie blasse, kleine Einblutungen an einigen Stellen der Mund-
schleimhaut gefunden. Offene Hautverletzungen oder Verletzungen an weiteren
Körperregionen seien nicht erkennbar gewesen und es seien auch keine anderen
Verletzungen angegeben worden. Der Privatkläger sei darauf aufmerksam ge-
macht worden, dass eine Hirnerschütterung möglich sei. Über spätere Konse-
quenzen sei er durch Berichte von Dr. med. Q._ informiert worden (vgl.
Urk. 17/4).
- 30 -
Gemäss ärztlichem Befund von Dr. med. Q._, Neurologie FMH, Physikal.
Med + Rehabilitation FMH, vom 12. Juli 2010 habe er den Privatkläger am
19. Oktober 2009 zum ersten Mal und in der Folge sechs weitere Male unter-
sucht. Der Privatkläger habe eine Halswirbelsäulenverstauchung erlitten, eine
leichte traumatische Hirnverletzung mit bis dato noch vorhandenen leichten "Hirn-
funktionsstörungen (in langsamer Rückbildung)" und leichter Beeinträchtigung
des Gleichgewichtssystems. Die erlittenen multiplen Faustschläge seien mehr-
heitlich auf den Kopf gerichtet gewesen. Die Arbeitsunfähigkeit habe bis zum
30. September 2009 100% betragen, dann 67% und ab 15. Januar 2010 noch
33%. Im Februar/März 2010 sei es bei (selbst versuchter) zu starker Belastung zu
einem Rückfall mit voller Arbeitsunfähigkeit gekommen. Seit dem 20. April 2010
habe wieder aufgebaut werden können mit zuerst noch 70% Arbeitsunfähigkeit,
aktuell noch 40% (vgl. Urk. 17/6).
Prof. Dr. R._ konnte anlässlich der ärztlichen Untersuchung vom 15. Dezem-
ber 2009 keine neurologischen Auffälligkeiten feststellen. Es liege eine volle Be-
weglichkeit der Halswirbelsäule ohne Endphasenschmerzen mit nur geringer
Druckdolenz vor; Hinweise auf fokale motorische, koordinative und sensible Stö-
rungen hätten nicht gefunden werden können. Beim Privatkläger würden sich kei-
ne somato-neurologischen Auffälligkeiten finden und die von ihm geschilderten
Beschwerden könnten als Beschwerden im Rahmen eines postkommotionellen
Syndroms zusammengefasst werden, welche nach verschiedenen kleinen Trau-
men beobachtet würden, sei dies ein mildes Kopftrauma, eine HWS-Distorsion
ohne Kopfverletzung, und auch nach psychischen Traumen, mit im Vordergrund
Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen, verminderter Belastbarkeit und
Konzentrationsstörungen. Er stellte die Diagnose von üblichen, protrahierten Be-
schwerden nach einem Trauma ohne irgendwelche Hinweise auf eine strukturelle
Läsion, d.h. es handle sich um rein funktionelle Störungen, jedoch nicht einherge-
hend mit einer Hirnverletzung. Die Diagnose einer "milden traumatischen Hirnver-
letzung" sei seiner Meinung nach nicht gerechtfertigt, da im strengen Sinn keine
strukturelle Verletzung des Gehirns vorgelegen habe respektive vorliege. Auch
liege seiner Einschätzung nach keine "Hirnverletzung" im Sinne einer ebenfalls
vertretenen weniger strengen Definition vor, da es keine Anhaltspunkte für eine
- 31 -
durch das Kopftrauma bedingte Amnesie gebe. Zusammenfassend finde er beim
Privatkläger rein funktionelle Störungen mit der Möglichkeit (was er erwarte) einer
vollen Restitution bei Status nach Kopf- und Gesichtsverletzungen jedoch nicht
einhergehend mit einer Hirnverletzung, so dass die Diagnose einer milden trau-
matischen Hirnverletzung ausgeschlossen sei. Die Beschwerden könnten zu-
sammengefasst werden als postkommotionelles Syndrom, wobei die Raschheit
der Erholung von verschiedenen Faktoren abhängig sei. Günstige Faktoren seien
eine möglichst positive Einstellung, aus seiner Sicht eine rasche Rückkehr in das
Alltagsleben. Negative Faktoren seien ungünstige sozial-berufliche Umstände, ei-
ne negative prognostische Haltung, eine zu genaue Selbstbeobachtung und eine
Fehlinterpretation der Beschwerden als Ausdruck einer Hirnschädigung (Urk. 65).
Aus der unfallnahen Anamnese des behandelnden Arztes Dr. med. P._ und
den Verletzungen an der Mundschleimhaut, der Wange und der Stirn ist zu
schliessen, dass der Privatkläger mehrere Faustschläge ins Gesicht erlitt. Nicht
auszuschliessen ist aufgrund der Stirnprellungen, dass der Privatkläger ein oder
mehrere Male Kopf voran gegen eine Plakatsäule gestossen wurde. Weil hinge-
gen keine Verletzungen an den Ellenbogen oder Armen festgestellt wurden, ist
das ärztliche Zeugnis nicht geeignet, Tritte mit dem Knie gegen die das Gesicht
schützende Ellenbogen zu belegen. Aufgrund der relativ geringen primären Ver-
letzungen im Gesicht des Privatklägers vermag das Zeugnis nicht zu belegen,
dass die Schläge besonders heftig waren oder der Privatkläger gar minutenlang
geschlagen wurde.
Der Vertreter des Privatklägers macht in Bezug auf die Verletzungen des Privat-
klägers geltend, die inneren Verletzungen seien oft gravierender als die äusseren
Verletzungen (Urk. 103 S. 5 oder Prot. II S. 19 f. ). Diese Behauptung vermag so
generell geäussert nicht zu überzeugen. Insbesondere sind bei einer Schlägerei
als Ursache von inneren Verletzungen auch äussere Verletzungen zu erwarten,
welche mit den eingeklagten Schlägen korrespondieren. Vorliegend lassen sich
die äusseren Verletzungen, welche beim Privatkläger durch Dr. med. P._
festgestellt werden konnten (Urk. 17/4), aber - wie soeben dargelegt- nur teilweise
mit dem Anklagesachverhalt in Einklang bringen.
- 32 -
Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass bezüglich der Schwere der Verletzungen
und der Persistenz der Beschwerden die Auffassungen von Dr. med. Q._
und Prof. Dr. med. R._ auseinandergehen. Der Arztbericht von Prof. Dr.
med. R._ wurde auftrags der Unfallversicherung erstellt und von der Vo-
rinstanz auf Antrag der Verteidigung eingeholt (vgl. Urk. 62). Die Feststellungen
von Prof. Dr. med. R._ sind somit im vorliegenden Strafverfahren, wenn auch
nicht im Sinne eines Gutachtens, so doch im Sinne einer Parteibehauptung, zu
berücksichtigen (vgl. BGE 141 IV 369). Daran ändert nichts, dass die Unfallversi-
cherung trotz des Berichtes von Prof. Dr. med. R._ weiterhin Taggelder an
den Privatkläger bezahlt haben soll, wie vom Vertreters der Privatklägerschaft
vorgebracht (Urk. 103 S. 5 i.V.m. Prot. II S. 20). Dem Grundsatz "in dubio pro reo"
folgend ist daher davon auszugehen, dass der Privatkläger durch die Schläge des
Beschuldigten Kopf- und Gesichtsverletzungen davongetragen hat, welche zu vo-
rübergehenden funktionellen Beschwerden im Sinne eines postkommotionellen
Syndroms geführt haben.
5.2.2. Verletzungen des Beschuldigten
Der Beschuldigte begab sich nach dem Vorfall nicht in ärztliche Behandlung,
weshalb keine entsprechenden Zeugnisse über die von ihm behaupteten Verlet-
zungen oberhalb und unterhalb des linken Auges vorliegen. Solche Verletzungen
wurden jedoch von der Polizei festgestellt (vgl. Urk. 9 S. 3 und Urk. 10 S. 3). Die-
se polizeilichen Feststellungen bilden ein Indiz dafür, dass der Beschuldigte sei-
nerseits vom Privatkläger geschlagen wurde.
5.3. Aussagen des Privatklägers
Der Privatkläger erklärte am 11. November 2009 bei der Polizei, der Beschuldigte
sei zurückgekommen und er habe gedacht, er hole nun seine Frau oder wolle mit
ihm reden. Ohne ein Wort, sei er (der Beschuldigte) auf ihn losgegangen. Er habe
seine Haare gepackt und mit der Faust gegen seinen Kopf geschlagen. Er (der
Privatkläger) habe sich nicht gewehrt. "Es hörte nicht auf. Die Schläge wurden in-
tensiver. Ich versuchte nur, mich zu schützen. Er packte mich weiter an den Haa-
ren und versuchte sicherlich an die dreimal meinen Kopf auf sein Knie zu schla-
- 33 -
gen. Ich hatte meine Arme zum Schutz vor meinem Kopf. Auch schlug er meinen
Kopf gegen eine Plakatsäule. Die Brille flog mir vom Kopf. Nach zirka fünf Minu-
ten, wo ich merkte, dass das kein Ende hatte, wollte ich mich wehren. Zwei Frau-
en kamen mir zur Hilfe. G._ und F._ waren diese beiden Frauen.
G._ hielt mich fest und riss an mir. F._ versuchte, ihren Bruder zurück
zu reissen. Die beiden Frauen versuchten uns von einander zu trennen. Da mich
aber A._ noch immer in den Haaren festhielt, gelang dies nicht. Ich rief
G._ unentwegt an, dass sie mich loslassen solle, dass ich mich wieder
schützen könne. Sie liess nicht los. A._ schlug immerfort auf mich ein.
F._ merkte, dass er so nicht aufhöre und biss ihren Bruder in den Arm, mit
welchem er mich an den Haaren festhielt. In diesem Moment, als er losliess,
flüchtete ich zusammen mit G._ in den Innenhof" (Urk. 6 S. 2). "Einige
Schläge mag ich mich erinnern, schlug er mit der linken Faust. Ich weiss aber
nicht mehr, ob er die Hand manchmal gewechselt hatte. Er schlug meinen Kopf,
noch immer an den Haaren haltend, gegen eine Säule. Auch schlug er meinen
Kopf gegen sein Knie. Durch das, dass ich meine Ellbogen vor dem Gesicht hatte,
traf er dabei jedoch nur meine Arme." Er könne nicht sagen, wie viele Male er ihn
geschlagen habe. "Für mich waren es unzählige Schläge." Bei den ersten Schlä-
gen habe er gedacht, dass sich der Beschuldigte irgendwann beruhigen würde
und aufhört. Er habe seinen Kopf auch noch gut schützen können zu diesem
Zeitpunkt. "Eskaliert ist es erst, als mir die beiden Frauen helfen wollten und
A._ und mich auseinander reissen wollten. Durch das Halten von G._
war ich blockiert und konnte nichts mehr tun." (Urk. 6 S. 3). Auf Frage, weshalb
die anwesenden Personen mit Ausnahme von G._ und F._ nicht einge-
griffen hätten, erklärte er, diese hätten ihm gesagt, dass alles so schnell gegan-
gen sei, dass sie wie blockiert gewesen seien (Urk. 6 S. 5). Er habe erst knapp
drei Monate nach dem Vorfall Anzeige erstattet, weil er Angst vor Repressalien,
Angst vor A._ gehabt habe. "Er drohte verbal meiner Mutter an jenem
Abend, dass er sie umbringen wolle" (Urk. 6 S. 5).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 16. Januar 2014 erklär-
te der Privatkläger, der Beschuldigte sei zurückgekommen und habe ihm direkt
ins Gesicht geschlagen. Er habe ihn an den Haaren gepackt und er (der Privat-
- 34 -
kläger) habe nichts mehr tun können. "Ich war überrascht über diese Reaktion
und hoffte, dass das gleich aufhören würde. Frau G._ und F._ kamen
hinzu. Frau G._ hielt mich zurück und F._ ihren Bruder. Das Geschrei
sei von den Frauen, nicht von ihnen beiden gekommen. Er habe Frau G._
daraufhin gesagt, sie solle ihn loslassen, da er sich so vor den Schlägen des Be-
schuldigten nicht schützen könne. Sie habe ihn aber nicht los gelassen, weshalb
er sich gegen die Schläge nicht wehren, sondern sich nur ducken und den Hinter-
kopf habe hinhalten können. Der Beschuldigte habe seinen Kopf festgehalten und
gleichzeitig mit den Knien gegen sein Gesicht geschlagen. Er (der Privatkläger)
habe versucht, sich zu schützen, indem er seine Arme vor sein Gesicht gehalten
habe, was ihm aber immer schwerer gefallen sei, da ihn Frau G._ an den
Armen zurückzureissen versucht habe. Der Beschuldigte habe nur gegen den
Kopf geschlagen. Die Schwester des Beschuldigten habe ihn dann fest an den
Haaren gerissen, was aber nichts geholfen habe. Sie habe ihn dann in seinen
rechten Unterarm gebissen, worauf er ihn losgelassen habe (Urk. 37 S. 3 f.). Auf
Frage, ob er gegen eine Plakatsäule gestossen worden sei, erklärte der Privatklä-
ger, das sei so eine Firmentafel gewesen. Er verstehe auch nicht, wie er in der
gebückten Haltung habe sehen können, wie F._ ihrem Bruder in den Arm
gebissen habe. "Ich weiss nicht, ob ich das selber gesehen habe oder ob F._
oder Frau G._ mir das nachher gesagt haben. Ich weiss einfach, dass dies
der Moment war, als ich frei gekommen bin (Urk. 37 S. 9). Der Beschuldigte habe
seinen Kopf zwei, dreimal, so in den Rahmen der Firmentafel geschlagen (Urk. 37
S. 16).
Wie erwähnt dramatisiert der Privatkläger offenkundig die Rolle des Beschuldig-
ten, während er seine eigene verharmlost. So scheint es unglaubhaft, dass er zu-
nächst fünf Minuten auf sich einschlagen liess und hoffte, dass sich die Situation
von selbst beruhigen würde. Es erstaunt weiter, dass er die Situation erst von
dem Moment an als eskaliert erachtet, als er von G._ zurückgezogen wurde,
war doch die Eskalation gemäss seiner Darstellung bereits mit dem ersten Schlag
des Beschuldigten eingetreten. Auch lässt sich die Dauer der Auseinanderset-
zung mit unzähligen Schlägen nicht recht damit vereinbaren, dass keine weiteren
Personen eingriffen. Selbst nach der Schilderung des Privatklägers gaben diese
- 35 -
an, nicht eingegriffen zu haben, weil sie geschockt waren und alles schnell ge-
gangen sei. Ferner ist zu berücksichtigen, dass der Privatkläger in seine Schilde-
rung Sachverhaltselemente einbaute, die er selbst nicht wahrnehmen konnte und
erst nachträglich erfahren hatte, wie das behauptete Beissen durch F._. Un-
ter diesen Umständen weisen die Aussagen des Privatklägers zum konkreten
Tathergang nur wenig Glaubhaftigkeit auf. Es ist nachfolgend zu prüfen, inwiefern
seine Aussagen in jenen des Beschuldigten oder weiterer Personen ihre Bestäti-
gung finden.
5.4. Aussagen des Beschuldigten
Anlässlich der polizeilichen Befragung vom 9. April 2010 erklärte der Beschuldig-
te, der Privatkläger habe ihm zwei Mal mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er
habe nach der Auseinandersetzung eine Verletzung oberhalb vom linken Auge
und an der Wange Rissquetschwunden gehabt. Er habe dann auch zugeschla-
gen, um sich zu wehren. Er wisse nicht mehr, wie oft er ihn geschlagen habe. Das
Ganze sei schnell gegangen, vielleicht 1 oder 2 Minuten. Seine Schwester habe
ihn (den Beschuldigten) an den Haaren gerissen und auch seine Frau habe ihn
zurückgezogen. Seine Oberbekleidung sei zerrissen gewesen. Er sei nur noch im
Träger T-Shirt dort gestanden. Er könne sich jetzt auch nicht mehr an jedes Detail
erinnern. Ob der Privatkläger beim Vorfall verletzt worden sei, wisse er nicht
mehr. "Mich nimmt es wunder, was er für Verletzungen geltend macht. Er ging
nämlich heftig auf mich los." Er wisse nicht, ob er dem Privatkläger die Verletzun-
gen zugefügt habe. "Ich habe ihm schon zurückgegeben." Er wisse nicht mehr,
wie er ihn getroffen habe. Selber sei er grün und blau im Gesicht gewesen, als er
dann wieder habe arbeiten gehen müssen. Auf entsprechende Frage erklärte er,
von einer Plakatsäule und von einem Knieschlag wisse er nichts. "Er übertreibt."
Auf Vorhalt der Sachverhaltsschilderung des Privatklägers erklärte der Beschul-
digte: "Er erzählt Seich. Meine Schwester soll mich in den Arm gebissen haben?
Ist sie ein Hund? Das ist voll lächerlich, was er erzählt." (Urk. 5 S. 2 ff.).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 24. Oktober 2013 er-
klärte der Beschuldigte, er habe nach dem Faustschlag des Privatklägers einen
kleinen Riss oberhalb des linken Auges erlitten. Er sei kurz wie weggetreten ge-
- 36 -
wesen. J._ habe ihm den Sohn aus dem Arm genommen. "Dann habe ich
ein oder zweimal oder vielleicht auch dreimal zurückgeschlagen. Wohin ich den
Geschädigten getroffen habe, weiss ich nicht. Es ging alles ganz schnell." Er wis-
se nichts von einer Plakatwand und er könne sich auch nicht mehr erinnern, wer
wie eingegriffen habe (Urk. 36 S. 5 f.).
Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung vom 24. März 2014 [recte
2015] gab der Beschuldigte zu Protokoll, er habe sich gewehrt. Er sage nicht,
dass er das nicht gemacht habe. "Ich habe zwei oder drei Mal ausgeholt. Mehr
konnte ich auch gar nicht, da meine Schwester mich nach hinten riss. N._, so
heisst sie, glaube ich, war auch vor Ort. Das war es dann auch." Er wisse nicht
einmal mehr, ob er ihn getroffen habe oder nicht. Er nehme an, dass er ihm in den
Kopf boxen wollte (Prot. I S. 18).
Anlässlich der Berufungsverhandlung bestritt der Beschuldigte auf Nachfrage des
Präsidenten, als Erster zugeschlagen zu haben. Auch will er den Privatkläger
nicht an den Haaren gepackt und unzählige Male mit der geballten Faust gegen
seinen Hinterkopf geschlagen und mit dem Knie versucht haben, gegen den Kopf
des Privatklägers zu schlagen. Er verneinte weiter, den Kopf des Geschädigten
zwei bis drei Mal gegen eine Plakatsäule geschlagen zu haben (Prot. II S. 16 f.).
Wie erwähnt dramatisierte der Beschuldigte das Verhalten seines Kontrahenten,
während er sein eigenes Verhalten verharmloste. Seine Aussagen zum Ablauf der
Auseinandersetzung wirken pauschal, verkürzt und weisen nur wenige Details
auf. Die vom Privatkläger erlittenen Verletzungen deuten mehr auf nur zwei oder
drei Faustschläge ins Gesicht hin. Wie erwähnt deutet jedoch das primäre Verlet-
zungsbild des Privatklägers mit wenigen Prellungen an Stirn und Wange auch
nicht darauf hin, dass er länger als eine Minute verprügelt worden wäre.
5.4.1. Aussagen von F._
Anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 8. Januar 2010 schilderte F._,
der Beschuldigte habe sich gewehrt und er (gemeint: der Privatkläger) habe dabei
seine Brille verloren. "Frau G._ und ich haben versucht, die beiden Männer
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zu trennen und als wir dies geschafft hatten, sind mein Bruder und [seine] Freun-
de weggefahren." Ihr Bruder sei bei dieser Schlägerei leicht verletzt worden. Er
habe ein blaues Auge, und eine kleine, blutende Wunde über dem linken Auge er-
litten (Urk. 7 S. 3).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 17. Oktober 2012 be-
schrieb F._, ihr Bruder habe eine Faust vom Privatkläger auf seiner Stirne
gehabt. Sie könne sich nicht mehr erinnern, auf welcher Seite. G._ und sie
hätten ab dann versucht, die beiden auseinander zu bringen. G._ habe stän-
dig geschrien: "Das ist mein Freund, das ist mein Freund." Der Streit habe damit
geendet, dass G._ und sie es geschafft hätten, die beiden auseinander zu
bringen. Sie habe ihn an den Armen gepackt und ihn durch Ziehen nach hinten
versucht, wegzureissen. Sie habe ihren Bruder nicht in die Hand gebissen. Nach
dem ersten Schlag sei die Brille heruntergefallen. Sie könne nicht sagen, ob der
Privatkläger im Anschluss nochmals gegen ihren Bruder handgreiflich geworden
sei. Der Beschuldigte habe keine Schläge gegen den Privatkläger ausführen kön-
nen. Sie habe ihn zurückgezogen und G._ habe am Privatkläger gerissen
(Urk. 34/5 S. 7). In der ganzen Auseinandersetzung sei ein einziger Faustschlag
gegen ihren Bruder gefallen (Urk. 34/5 S. 8). Er habe ihn weggestossen. Am
nächsten Tag habe der Beschuldigte eine kleine Beule gehabt (Urk. 34/5 S. 9). Es
stimme nicht, dass der Beschuldigte mit der Faust mehrmals gegen den Kopf des
Privatklägers geschlagen habe und mit seinem Knie diesen zweimal im Gesicht
getroffen habe. Es sei kein weiterer Schlag mehr gefallen. Sie wisse nichts von
einer Firmentafel (Urk. 34/5 S. 9 f.).
Auch bezüglich diese Phase sind die Aussagen von F._ vom offenkundigen
Bestreben geprägt, den Beschuldigten zu entlasten und den Privatkläger zu be-
lasten. Obwohl sie den Beschuldigten zurückriss und somit unmittelbar beim Ge-
schehen gestanden sein muss, will sie keine Schläge des Beschuldigten gesehen
haben. Dies erscheint unglaubhaft, zumal der Beschuldigte selbst Schläge einge-
steht. Auf ihre Aussagen kann daher auch zur Erstellung dieser Phase nicht ab-
gestellt werden.
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5.4.2. Aussagen von G._
Anlässlich der polizeilichen Befragung vom 14. Januar 2010 erklärte G._, der
Beschuldigte habe den Privatkläger geschlagen, ohne dass dieser habe zu Ende
sprechen können. Er habe mit der linken Hand die Haare des Privatklägers ge-
packt, den Kopf herunter gezogen und mit der rechten Faust mehrmals gegen
den Kopf des Privatklägers geschlagen. Unvermittelt habe der Beschuldigte wei-
ter mit seinem Knie zweimal ins Gesicht des Privatklägers geschlagen. Der Pri-
vatkläger habe sich nicht gewehrt. Sie sei zwischen die beiden gegangen und ha-
be versucht, die beiden zu trennen. "Aber A._ war zu kräftig für mich und
hielt ständig die Haare von B._ fest und schlug immer weiter auf ihn ein.
A._ sagte, er wolle B._ töten und war äusserst brutal. Er wollte B._
in der Folge mit dem Kopf gegen eine Firmentafel schlagen, was ich und F._
jedoch verhindern konnten. Auch F._ versuchte, ihren Bruder dazu zu bewe-
gen, B._ loszulassen, indem sie A._ an den Haaren zog und in die Hand
biss, aber er liess B._ nicht los." Es sei sicher 20 bis 30 Minuten so weiter
gegangen, ohne dass sich der Privatkläger habe wehren können. Der Beschuldig-
te habe ihn losgelassen. "Ich denke mir, er war auch erschöpft. Der Privatkläger
habe dann in Richtung Haus flüchten können und der Beschuldigte sei ihm nach-
gerannt (Urk. 8 S. 2). Sie sei sich ganz sicher, dass der Privatkläger den Beschul-
digten nicht geschlagen habe. "B._ ist ein friedliebender Mensch und über-
haupt nicht gewalttätig." (Urk. 8 S. 3).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Zeugeneinvernahme vom 17. Oktober
2012 erklärte G._, sie habe Schreie von draussen gehört und sei auch raus-
gegangen zur Strasse. F._ und B._ seien dem Beschuldigten nachge-
laufen. "Als ich nach draussen kam, sah ich, dass A._ B._ an den Haa-
ren, am Kopf gepackt hatte. Er drückte ihm den Kopf runter und schlug auf ihn
ein. Er holte auch mit dem Knie aus und schlug mit dem Knie auf sein Gesicht ein.
Dann hat F._ versucht, ihren Bruder am Kopf/an den Haaren von B._
wegzuziehen." Sie habe versucht, den Privatkläger wegzuziehen und habe ge-
sagt: "Bitte nicht schlagen, nicht schlagen." Sie habe gedacht, dann würde es
aufhören. Der Beschuldigte habe weiter geschlagen. "Ich habe gesehen, dass
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A._ den Kopf von B._ nehmen und gegen eine Firmentafel schlagen
wollte. Wir konnten das aber verhindern." (Urk. 34/4 S. 5). Die Schlägerei habe
lange gedauert. Ihr sei selber ganz schwindlig geworden. "Es ging sicher 20 Minu-
ten." (Urk. 34/4 S. 6). Der Privatkläger habe keine Schläge ausgeteilt, er habe nur
versucht, sich von den Händen des Beschuldigten an seinem Kopf zu befreien.
Wenn der Beschuldigte Verletzungen aufgewiesen habe, dann sicher von der
Schwester, die versucht habe, ihn vom Privatkläger wegzureissen. Es seien sehr
viele und sehr schnelle Schläge gewesen. Der Beschuldigte habe während der
Schlägerei geschrien: "Ich will dich töten" oder etwas in diese Richtung. Der Pri-
vatkläger sei die ganze Zeit lang in gebückter Haltung gewesen und habe sich
nicht wehren können. F._ habe den Beschuldigten an den Haaren gepackt,
an ihm gezerrt und ihm in die Hand gebissen (Urk. 34/7 S. 7).
Auch bei diesen Aussagen bemühte sich G._ offenkundig, die Rolle des Pri-
vatklägers zu verharmlosen und jene des Beschuldigten zu dramatisieren. Insbe-
sondere erscheint die geschilderte Dauer der tätlichen Auseinandersetzung von
20 Minuten oder länger, während welcher Zeit der Privatkläger Schläge einge-
steckt habe, völlig übertrieben und unglaubhaft. Als einzige schilderte sie einen
Biss von F._, was ebenfalls übertrieben wirkt, zumal der Privatkläger im Lau-
fe der Einvernahme eingestehen musste, dass er einen solchen Biss nicht gese-
hen, sondern nur von ihr oder F._ gehört habe. Da F._ einen Biss stets
abstritt, ist davon auszugehen, das G._ mit dem Privatkläger über das Ge-
schehene sprach und sie ihre Aussagen einander anpassten. Gleichwohl weichen
ihre Aussagen von jenen des Privatklägers ab, welcher schilderte, der Beschul-
digte habe ihm in die Ellenbogen getreten, weil er sein Gesicht mit seinen Händen
geschützt hatte. Demgegenüber schilderte G._ in beiden Aussagen die Tritte
mit dem Knie gegen das Gesicht. Auch im Bezug auf den Vorwurf des Schlagens
des Kopfes gegen die Firmentafel unterscheidet sich ihre Schilderung markant
von jener des Privatklägers. Entgegen den Ausführungen des Privatklägers schil-
derte sie mehrfach, es sei dazu nicht gekommen, da sie gemeinsam mit F._
den Beschuldigten hätten davon abhalten können.
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Unter diesen Umständen ist festzuhalten, dass ihre Aussagen auch in dieser
Phase dergestalt widersprüchlich und unglaubhaft sind, dass sie zur Erstellung
des Sachverhaltes auch hier nichts beitragen können.
5.4.3. Aussagen von I._
Während I._ in der Einvernahme vom 16. März 2010 die Aussage verweiger-
te (Urk. 11), erklärte er anlässlich der Einvernahme vom 17. Oktober 2012, nur
den Beginn der Auseinandersetzung gesehen zu haben. Er habe nicht gesehen,
wer wen geschlagen habe (Urk. 34/1). Letzteres erscheint zwar unglaubhaft, doch
ändert dies nichts am Umstand, dass sich der Sachverhalt mit diesen Aussagen
nicht erstellen lässt.
5.4.4. Aussagen von J._
Wie oben ausgeführt, stellte sich J._ auf den Standpunkt, nach dem ersten
Schlag des Privatklägers die Auseinandersetzung nicht weiter verfolgt zu haben
(vgl. Urk. 12 S. 2, Urk. 34/2 S. 5 und S. 6). Ihre Aussagen können daher nicht zur
Erstellung des weiteren Sachverhalts dienen.
5.4.5. Aussagen von H._
Anlässlich der polizeilichen Befragung vom 3. Mai 2010 erklärte H._, die bei-
den Männer hätten einander angeflucht und dann habe B._ ihrem Mann ins
Gesicht geschlagen. Nach dieser tätlichen Auseinandersetzung sei der Privatklä-
ger zurück gegangen. "Wir gingen zum Auto und fuhren nach Hause. Mein Mann
blutete im Gesicht, ging jedoch nicht zum Arzt." Er habe auf der linken Seite bei
der Stirne und beim Auge eine Platzwunde erlitten. Er habe auch einige Tage
Kopfschmerzen gehabt. Wie der Privatkläger verletzt worden sei, habe sie nicht
gesehen. "Also Blut sah ich gar keines. Er lief dann mit ihr, also mit seiner Freun-
din (gemeint: G._), zurück. Ich sah nicht, was er hatte. Er lief einfach zurück.
Das ist alles." (Urk. 13 S. 2).
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Befragung vom 17. Oktober 2012 erklärte
H._, nach dem Schlag des Privatklägers sei die Schlägerei zwischen ihrem
- 41 -
Mann und dem Privatkläger los gegangen. Die Schwester des Beschuldigten ha-
be diesen vom Privatkläger entfernen wollen und die Freundin des Privatklägers
habe versucht, diesen aus dem Geschehen zu ziehen. Es habe niemand um Hilfe
geschrien. Die Schwester habe den Beschuldigten von hinten gezogen.
"Irgendwann war es dann fertig." Sie habe nicht gesehen, dass die Schwester den
Beschuldigten gebissen habe. Der Beschuldigte habe sich wehren müssen, weil
er ja nicht der Angreifer gewesen sei. "Nachher war es schon ein gegenseitiges
aufeinander einschlagen." Es sei ganz klar ein gegenseitiges Schlagen gewesen
(Urk. 34 S. 8).
Wie oben ausgeführt, änderte sich das Aussageverhalten von H._ markant,
als sie zur Schilderung der Beginn der tätlichen Auseinandersetzung ansetzte. Sie
bestätigte im Wesentlichen pauschal die Sachdarstellung des Beschuldigten, oh-
ne dass sie näher auf die Handlungen der Kontrahenten oder das Eingreifen von
F._ und G._ ausführte. Mit der Vorinstanz erscheint ihre Aussage zum
Kerngeschehen der tätlichen Auseinandersetzung wenig glaubhaft.
5.4.6. Aussagen von K._
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 17. Oktober 2012 er-
klärte der Bruder des Privatklägers, K._, die Auseinandersetzung ausserhalb
des Grundstück nicht beobachtet zu haben (vgl. Urk. 34/6 S. 5 und S. 7). Auf sei-
ne Ausführungen wird im Rahmen der nächsten Phase eingegangen.
5.4.7. Aussagen von L._
Der Vater des Privatklägers, L._, erklärte am 17. Oktober 2012 bei der
Staatsanwaltschaft, er habe vor der Einvernahme mit seinem Sohn über den Vor-
fall gesprochen. Dieser habe sie zusammen mit K._ am Samstag zu sich
nach Hause eingeladen. Er habe ihnen zum einen seine neue Freundin vorge-
stellt und zum anderen hätten sie auch die Protokolle und den Polizeirapport über
die Geschehnisse vom 1. August angeschaut. Er habe die Auszüge aus den Pro-
tokollen und dem Polizeirapport gelesen, alles kurz überflogen. Die Aussagen ha-
be er gelesen. Er habe sich ein Gesamtbild des Ereignisses im Vorfeld dieser
- 42 -
Einvernahme machen wollen. Er glaube nicht, dass er dadurch vorbefasst sei. Er
habe ja nur ein kleines Spektrum gesehen. Zum Vorfall erzählte er, dass er auf-
grund von Geschrei zum Vorplatz gelaufen sei, wo das Gestürm stattgefunden
habe. Der Beschuldigte sei nicht mehr da gewesen. Genauso wenig seine Frau
und das Kind und ebenso wenig die Freunde der AH._s. Er habe dann von
den anwesenden Leuten vernommen, dass die AH._s Krach miteinander ge-
habt hätten und er seine Frau geschlagen haben soll. Plötzlich sei der Privatklä-
ger auf den Vorplatz gelaufen mit den Worten: "Das geht einfach gar nicht, sich
als Gast so aufzuführen." Nach diesen Worten habe der Privatkläger das Grund-
stück durch das Tor verlassen. G._ sei ebenfalls zum Tor und hinaus gegan-
gen. Er (L._) habe sich ebenfalls dem Tor genähert und habe von da aus auf
die Strasse gesehen, wo das Auto parkiert gewesen sei. Er habe Schreie gehört.
Es sei dunkel gewesen. Er habe gesehen, dass der Privatkläger, der Beschuldigte
und ein Kollege des Beschuldigten beim Auto gestanden seien. Die Frau des Be-
schuldigten habe er nicht mehr gesehen. Dann habe er gesehen, wie der Be-
schuldigte auf den Privatkläger eingeschlagen habe. G._ sei rüber gegangen
und habe den Privatkläger festgehalten. "Ich sah, wie B._ mit einer Hand
seinen Kopf schützte und G._ ihn an der anderen Hand versuchte, aus dem
Geschehen zu ziehen. Dummerweise konnte B._ sich so nicht wehren." Der
Beschuldigte habe auf den Privatkläger "eingetöffelt" (Urk. 34/7 S. 7). Der Privat-
kläger sei in gebückter Haltung gewesen und der Beschuldigte habe von unten
wie auch von oben auf ihn eingeprügelt. "Ich habe allerdings nicht gesehen, ob
das mit der Faust oder der flachen Hand gewesen ist. Es sei bereits dunkel ge-
wesen. Gleichwohl habe er die Schlägerei beobachten können, es sei nur über
die Strasse gewesen. Er habe nur Schläge auf den Kopf gesehen. Schläge seines
Sohnes gegenüber dem Beschuldigten habe er nicht gesehen, weil er in einer ge-
bückten Haltung keine Schläge habe austeilen können. "Das würde er ausserdem
gar nicht machen." Er könne sich nicht daran erinnern, dass sich jemand in diese
Handgreiflichkeiten eingemischt habe. Der Beschuldigte habe bestimmt mindes-
tens 40 Mal geschlagen. Er würde sagen, die Schläge hätten zwei bis drei Minu-
ten gedauert. Er sei davon ausgegangen, dass er den Anfang gesehen habe.
- 43 -
Man habe ihm allerdings im Nachhinein gesagt, dass dies nicht der Anfang gewe-
sen sei (Urk. 34/7 S. 6).
Im Bezug auf die Glaubwürdigkeit von L._ festzuhalten, dass er offenkundig
den Beschuldigten zu belasten und den Privatkläger zu entlasten suchte. Weiter
fand vor der staatsanwaltschaftlichen Befragung eine Absprache mit dem Privat-
kläger statt. Grundsätzlich sagte L._ relativ glaubhaft aus, dass es zwischen
dem Beschuldigten und dem Privatkläger zu einer tätlichen Auseinandersetzung
kam, wobei der Beschuldigte dem Privatkläger zwischen zwei und drei Minuten
lang auf den Kopf schlug, wobei dieser in einer gebückten Haltung gewesen sei.
Er erwähnte indessen weder Schläge mit dem Knie noch ein Schlagen des Kopf-
es gegen eine Firmentafel, weshalb seine Sachdarstellung diesbezüglich eher zu
Gunsten des Beschuldigten zu würdigen ist. Demgegenüber blieb von L._
unerwähnt, dass F._ sich ebenfalls in das Handgemenge eingemischt hatte
und versucht hatte, den Beschuldigten vom Privatkläger zu trennen. Zudem wies
der Privatkläger mit relativ wenigen Prellungen kein derartiges Verletzungsbild
auf, wie es nach zwei bis drei Minuten mit mindestens vierzig Faustschlägen -
auch bei gebückter Abwehrhaltung - zu erwarten wäre. L._ muss diesbezüg-
lich übertrieben haben. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Aussagen
von L._ im Wesentlichen die Sachdarstellung des Beschuldigten stützen,
wonach er den Beschuldigten lediglich mit den Fäusten schlug und ihn weder mit
dem Knie ins Gesicht noch den Kopf gegen eine Firmentafel schlug. Gleichwohl
enthalten sie markante Lücken, was sich nicht zu Lasten des Beschuldigten aus-
wirkt.
5.4.8. Aussagen von M._
Die Mutter des Privatklägers, M._, erklärte am 17. Oktober 2012 bei der
Staatsanwaltschaft, sie habe keine Akten im Vorfeld der Befragung studiert. Der
Privatkläger habe es ihr angeboten, aber die Protokolle und Aussagen seien ihr
zu lang gewesen. Sie habe so gegen 23.30 Uhr Schreie, Hilferufe, gehört, habe
aber nicht gewusst, woher sie kämen. Sie sei zum Tor bzw. zum Ausgang des
Grundstückes gegangen und habe gesehen, wie der Beschuldigte auf den Privat-
kläger eingeschlagen habe. G._ habe um Hilfe gerufen und sie habe nur ge-
- 44 -
dacht, dass sie in einem falschen Film sei. Sie habe dann gehört, wie der Be-
schuldigte geschrien habe: "Ich bringe Euch alle um." Und das sei ihr bis heute
geblieben. "Ich dachte mir, wenn der das wirklich macht... A._ sprang dann
über die Mauer zurück aufs Grundstück und ich rannte ins Haus hinein und
schloss die Türe zu." (Urk. 34/8 S. 3). Bei den Handgreiflichkeiten habe sie den
Freund des Beschuldigten und G._ (G._) wahrgenommen. Es habe
niemand den Beschuldigten zurückgehalten. Auf Frage, was genau sie gesehen
habe, erklärte M._: "Dass er ihn einfach geschlagen hat." Er habe auf seinen
Kopf geschlagen. Wo er ihn festgehalten habe, könne sie nicht sagen. Sie könne
sich nicht an die Details erinnern. Es sei alles sehr schnell gegangen. Als der Be-
schuldigte gesagt habe: "Ich bring Euch alle um" sei ihr der "Laden" runter und sie
habe nur noch weg gewollt. Der Beschuldigte habe sich nicht wehren können,
weil G._ ihn an den Armen zurückgehalten habe (Urk. 34/8 S. 5).
Die Schilderungen von M._ sind sehr pauschal, detailarm und lückenhaft. Sie
bestätigte im Wesentlichen, dass der Beschuldigte den Privatkläger schlug. Aus
ihren Schilderungen ergeben sich jedoch keine Erkenntnisse, die zur Erstellung
des Anklagesachverhaltes herangezogen werden könnten.
5.5. Fazit
In Würdigung aller Aussagen lässt sich erstellen, dass der Beschuldigte den Pri-
vatkläger mehrfach mit der Faust gegen den Kopf schlug. Dabei verursachte er
die ärztlich festgestellten Prellmarken an der Stirn und der rechten Wange sowie
kleine Einblutungen an einigen Stellen der Mundschleimhaut. Weiter erlitt der Pri-
vatkläger ein postkommotionelles Syndrom. In der Folge wurde der Beschuldigte
von seiner Schwester F._ an den Haaren zurückgezogen, während G._
den Privatkläger vom Beschuldigten wegzog. Nach Aussagen des Privatklägers
reagierte abgesehen von G._ und F._ deshalb niemand, weil alles zu
schnell abgelaufen sei. Folglich ist nur von einer relativ kurzen Dauer der tätlichen
Auseinandersetzung auszugehen, welche von den Anwesenden im Schock länger
wahrgenommen wurde. Weiter lässt sich nicht erstellen, dass der Beschuldigte
mit dem Knie mehrfach in das Gesicht bzw. gegen den Kopf trat sowie den Kopf
des Privatklägers mehrfach an eine Firmentafel schlug. Demgegenüber ist davon
- 45 -
auszugehen, dass der Beschuldigte seinerseits im Rahmen der wechselseitigen
Auseinandersetzung zwei Verletzungen am linken Auge erlitt. Dass die Gewalt
nur vom Beschuldigten ausgegangen sein soll, wie vom Privatkläger behauptet,
überzeugt nicht. Sowohl die vom Beschuldigten erlittenen Verletzungen, als auch
die von verschiedenen Personen geäusserte Darstellung, dass der Privatkläger
habe zurückgehalten werden müssen, sprechen gegen diese Darstellung.
6. Phase 3: Verfolgung des Privatklägers durch den Beschuldigten
6.1. Anklagevorwurf
Die Anklageschrift wirft dem Beschuldigten weiter vor, er sei dem inzwischen ge-
flohenen Privatkläger in den Innenhof der Liegenschaft gefolgt, wobei er über eine
ca. 2 Meter hohe Mauer gesprungen sei. Dann sei er erneut mit Schlägen gegen
den Kopf auf ihn los gegangen.
6.2. Aussagen des Beschuldigten
Der Beschuldigte bestritt während des gesamten Untersuchungs- und Gerichts-
verfahrens konstant, dem Privatkläger nach der ersten Auseinandersetzung ge-
folgt zu sein, eine Mauer übersprungen zu haben und erneut auf den Privatkläger
los gegangen zu sein (vgl. Urk. 5 S. 5, Urk. 36 S. 6, Prot. I S. 20, Prot. II S. 17).
Im gleichen Sinne äusserten sich H._ (Urk. 34/3 S. 10) und F._
(Urk. 34/5 S. 10), während I._ und J._ angaben, nach Beginn der Aus-
einandersetzung nichts mehr beobachtet zu haben (Urk. 34/1 S. 6, Urk. 34/2
S. 5).
6.3. Aussagen des Privatklägers
Der Privatkläger erklärte am 11. November 2009 bei der Polizei, die beiden Frau-
en hätten versucht, sie voneinander zu trennen. F._ [F._] habe ihren
Bruder in den Arm gebissen, mit welchem er ihn an den Haaren festgehalten ha-
be. In diesem Moment, als er losgelassen habe, sei er zusammen mit G._ in
den Innenhof geflüchtet. Der Hof sei durch eine Mauer mit Tor gesichert gewesen.
Sie hätten das Tor geschlossen. "Aber A._ stieg über die Mauer zu uns. Die
- 46 -
Mauer ist sicherlich rund 1.70 Meter hoch." Er sei erneut auf ihn los gegangen.
"Was dann genau ging, weiss ich nicht mehr genau. Im Innenhof waren mehrere
Leute, welche A._ dann festhalten konnten. Wir flüchteten alle, die Personen
die noch anwesend waren, ins Haus. Aus dem Haus rief ich die Polizei (Urk. 6
S. 3)
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 16. Januar 2014 erklär-
te der Privatkläger, nach dem Loslassen des Beschuldigten seien sie in den In-
nenhof des Areals geflüchtet. Sie hätten daraufhin die Schiebetüre geschlossen.
"Ca. eine Minute später sehen wir, wie der Beschuldigte über die Mauer springt.
Er fängt wieder an, mich an den Haaren zu packen und auf mich einzuschlagen.
Ich war da bereits nicht mehr ganz klar. Glücklicherweise waren viele Leute da,
sodass er nicht mehr so fest zuschlagen konnte. Er liess von mir ab und wir flüch-
teten ins Haus (Urk. 37 S. 4). Er wisse nicht mehr, wie gross die Mauer sei. "Ich
bin 172 cm gross und ich konnte nicht über die Mauer schauen." (Urk. 37 S. 9). Er
wisse nicht mehr, wer den Beschuldigten im Innenhof festgehalten hätte (Urk. 37
S. 10).
Die Aussagen des Privatklägers zu dieser Phase sind pauschal, detailarm und
verkürzt. Auch wenn dies aufgrund der Benommenheit des Privatklägers durch
die vorangehenden Schläge verständlich erscheint, so bleibt der Vorgang
schwammig und ohne Realitätskriterien. In der polizeilichen Einvernahme be-
schrieb der Privatkläger lediglich, dass der Beschuldigte auf ihn "los gegangen"
sei, ohne konkrete Handlungen zu nennen. Aber auch bei der Staatsanwaltschaft
blieben die Aussagen vage und pauschal.
6.4. Aussagen von G._
Anlässlich der polizeilichen Befragung vom 14. Januar 2010 erklärte G._, der
Privatkläger sei in Richtung Haus geflüchtet und der Beschuldigte sei ihm nachge-
rannt. Kurz vor dem Hauseingang habe ihn der Beschuldigte erneut an den Haa-
ren gepackt und nochmals ein paar Minuten mit den Fäusten gegen den Kopf des
Privatklägers geschlagen. Er (der Privatkläger) habe sich irgendwie befreien und
- 47 -
ins Haus flüchten und die Türe verriegeln können. Sie sei auch ins Haus geflüch-
tet und habe sofort die Polizei gerufen (Urk. 8 S. 2 f.).
Am 17. Oktober 2012 schilderte G._ bei der Staatsanwaltschaft, es sei sicher
20 Minuten gegangen. "Dann hat A._ ihn losgelassen und B._ rannte
schnell auf mein Grundstück zurück, über die Strasse. Ich rannte nach und
schloss sofort das Tor zum Grundstück, damit A._ nicht reinkommen kann.
A._ sprang dann aber über die Gartenmauer zum Haus und schlug erneut
auf B._ ein. B._ konnte sich befreien und wir sind dann schnell ins Haus
gegangen, haben uns eingeschlossen und haben die Polizei alarmiert." (Urk. 34/4
S. 6).
Die Aussagen von G._ sind abermals widersprüchlich. Anlässlich der polizei-
lichen Befragung schilderte sie keinen Sprung über die Mauer, weil die Auseinan-
dersetzung vor dem Hauseingang stattgefunden habe. Demgegenüber schilderte
sie den Sprung über die Mauer erstmals anlässlich der staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme, wobei ihre Aussagen sehr vage und pauschal waren. In ihren Aus-
sagen finden weitere Personen, welche laut Sachdarstellung des Privatklägers
den Beschuldigten an weiteren Schlägen hinderten, keine Erwähnung. Aufgrund
der Widersprüche kann auch an dieser Stelle nicht auf ihre Aussagen abgestellt
werden.
6.5. Aussagen von L._
L._ erklärte am 17. Oktober 2012 bei der Staatsanwaltschaft, er habe sich
gedacht, dass der Privatkläger Hilfe brauche. Er habe aber gewusst, dass er zu
wenig Kraft hätte, um zu helfen. Infolgedessen habe er nach K._ [K._]
gerufen. Der habe vorerst nicht reagiert. Dann habe er ein zweites Mal gerufen
und habe erwähnt, dass der Privatkläger in Gefahr sei. Daraufhin sei K._
vom See her in Richtung des Vorplatzes gelaufen. Er (L._) habe sich auf den
Vorplatz gestellt "und auf einmal sah ich, wie A._ über die Mauer gesprun-
gen kam." Er habe daraufhin ins Hausinnere flüchten wollen, habe aber bemerkt,
dass die Türe verschlossen gewesen sei. "Im Nachhinein hat mir meine Frau ge-
sagt, dass das wahrscheinlich sie war, die sich im Hausinnern aufgehalten hatte.
- 48 -
Ich habe mich dann draussen auf dem Sitzplatz hinter einem Baum versteckt."
(Urk. 34/7 S. 7). Der Beschuldigte habe an diesem Abend keine Drohungen aus-
gesprochen. Er habe auch nicht gehört, dass jemand anderes Drohungen gegen
ihn oder seine Familie ausgesprochen habe (Urk. 34/7 S. 7).
In Würdigung der Aussagen von L._ ist erneut darauf hinzuweisen, dass zwi-
schen ihm, dem Privatkläger und den übrigen Familienangehörigen eine Abspra-
che stattfand. Obwohl es unglaubhaft erscheint, dass der Beschuldigte über eine
rund 2 Meter hohe Mauer gesprungen sein soll, berichtete L._ von keinem
weiteren Vorfall nach diesem Sprung. Es ist davon auszugehen, dass er als Vater
des Privatklägers davon berichtet hätte, wenn sein Sohn ein weiteres Mal inner-
halb des Grundstücks angegriffen oder er und seine Familie bedroht worden wä-
re. Das Fehlen entsprechender Schilderungen stützt die Version des Beschuldig-
ten, wonach es zu keiner weiteren Auseinandersetzung gekommen sei.
6.6. Aussagen von M._
Die Mutter des Privatklägers, M._, erklärte am 17. Oktober 2012 bei der
Staatsanwaltschaft, der Beschuldigte sei über die Mauer zurück aufs Grundstück
gesprungen. Sie sei dann ins Haus hinein gerannt und habe die Türe verschlos-
sen (Urk. 34/8 S. 3).
Erneut ist festzuhalten, dass es unglaubhaft erscheint, dass der Beschuldigte
über eine rund 2 Meter hohe Mauer gesprungen sein soll. Offenkundig nahm
M._ den Vorfall nicht mehr wahr, nachdem sie ins Haus geflüchtet war. Es
ergeben sich aus ihrer Aussage auch hier keine Erkenntnisse, die zur Erstellung
des Anklagesachverhaltes herangezogen werden könnten.
6.7. Aussagen von K._
Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 17. Oktober 2012
schilderte der Bruder des Privatklägers, K._, im Wesentlichen, er habe sei-
nen Vater schreien gehört: "K._ komm." Er sei etwas erstaunt gewesen, ha-
be aber vorerst nicht reagiert. Ein bis drei Minuten später habe sein Vater wieder
mit folgenden Worten nach ihm gerufen: "K._ komm, der B._!" Da habe
- 49 -
er gewusst, es gelte ernst. Er sei vor das Schiebetor des Grundstückes gelaufen.
In dem Moment sei die Türe des Schiebetors aufgegangen und er habe gesehen,
wie der Privatkläger hereingekommen sei. Er sei völlig ausser sich gewesen, ha-
be getorkelt und sei verstört gewesen. Er habe zerzauste Haare gehabt und keine
Brille mehr getragen. Seinem Bruder seien zwei Personen gefolgt, er glaube sei-
ne Mutter und G._ (G._). "Etwas später sprang A._ über die Mau-
er. A._ war oben ohne, er benahm sich wie ein wildes Tier, er hatte aufgeris-
sene Augen, welche voller Hass waren. Er lief dann auf meinen Bruder zu und
riss ihn an den Haaren. Er erwischte nur noch die Haare, weil jemand ihn zurück-
gehalten hatte. Wer das war, weiss ich nicht mehr. Jemand hielt auch meinen
Bruder zurück. Auch da kann ich nicht sagen, wer das war. Mein Bruder war aus
meiner Sicht in Lebensgefahr. Ich habe deshalb meine Hand auf A._s linke
Schulter gelegt und ihm auf Türkisch "Kollege" gesagt." Er (K._) habe sich
selber in Lebensgefahr gebracht, um ihn zu beruhigen. Daraufhin habe der Be-
schuldigte vom Privatkläger abgelassen, worauf sich die Gruppe etwas aufgelöst
habe. Dann habe der Beschuldigte erneut zum Schlag ausgeholt, den Privatklä-
ger aber nicht erwischt. Er habe dabei geschrien: "Ich bringe Dich um und Deine
Mutter auch." Das habe jeder hören können. Dann sei er plötzlich gegangen und
verschwunden (Urk. 34/6 S. 5 f.). Die Mauer sei schätzungsweise 1.90 Meter / 2
Meter hoch gewesen (Urk. 34/6 S. 7). Er habe am Hals seines Bruders am Abend
selber Rötungen festgestellt (Urk. 34/6 S. 9). Auf Frage, was er für ein Notizblatt
mitgebracht habe, welches anlässlich dieser Einvernahme wiederholt konsultiert
habe, erklärte K._, er habe diesen Zettel am Abend vor der Einvernahme zu-
sammengestellt. "Das sind Fragen, die ich heute hätte gestellt bekommen sollen.
Ich habe mir das aufgrund eines Fotos von einem Protokoll abgeschaut."
(Urk. 34/6 S. 9).
Im Bezug auf die Glaubwürdigkeit Bruders des Privatklägers ist festzuhalten, dass
dessen Aussagen vom offenkundigen Bestreben geprägt waren, den Beschuldig-
ten zu belasten und den Privatkläger entlasten. Weiter fand vor der staatsanwalt-
schaftlichen Befragung eine Absprache statt. K._ schilderte, die Familie sei
zusammen gekommen, jeder habe seine Aussage gemacht und seine Beobach-
tungen den anderen gegenüber nochmals geschildert, "um ganz klar zu werden,
- 50 -
wegen der Formulierung". Er habe den Polizeirapport mit den Aussagen der übri-
gen Beteiligten gelesen (Urk. 34/6 S. 4, ebenso L._ Urk. 34/7 S. 3, ähnlich
M._ Urk. 34/8 S. 3). Zudem hatte er sich Antworten anhand der Fragen in
den übrigen Protokollen vorbereitet. Dieses Vorgehen trübt seine Glaubwürdigkeit
und hat einen direkten Einfluss auf die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen.
Aus der Schilderung von K._ ist vielmehr ersichtlich, dass er jenen Vorfall
schilderte, der offenkundig ausserhalb des Grundstücks stattgefunden hatte. Nur
beim ersten Vorfall wurde der Privatkläger von G._ sowie der Beschuldigte
von F._ zurückgezogen. Es erscheint ferner lebensfremd, dass K._ sei-
nen Bruder in Lebensgefahr durch den Beschuldigten gesehen haben und als
Reaktion dem sich wie ein wildes Tier benehmenden Beschuldigten die Hand auf
die Schulter gelegt und auf türkisch "Kollege" gesagt haben will. Im Übrigen wi-
derspricht seine Darstellung - trotz Absprache - den Ausführungen seiner Eltern
eklatant. Obwohl diese auch von einem Sprung des Beschuldigten über die Mau-
er berichteten, enthielten ihre Schilderungen keinerlei Ausführungen zu an-
schliessenden Schlägen des Beschuldigten gegen den Privatkläger. Auch konnte
L._ keine Schreie bzw. Drohungen des Beschuldigten wahrnehmen.
Unter diesen Umständen ist festzuhalten, dass K._s Aussagen lebensfremd
und unglaubhaft sind, weshalb zur Erstellung des Sachverhalts nicht auf sie ab-
gestellt werden kann.
6.8. Fazit
Vorliegend stehen sich die nicht sehr glaubhaften Aussagen des Privatklägers ei-
nerseits und jene des bestreitenden Beschuldigten andererseits gegenüber. Zu
Gunsten des Beschuldigten ist daher von seinen Aussagen auszugehen. Der An-
klagesachverhalt im Bezug auf weitere Angriffe nach einem Sprung über eine
Mauer lässt sich mithin nicht erstellen.
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7. Vorsatz
7.1. Rechtliches
Die Vorinstanz ging implizit davon aus, die vom Privatkläger erlittenen Verletzun-
gen erreichten die erforderliche Schwere für die Erfüllung des objektiven Tatbe-
stands der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB nicht, weshalb
sie eine versuchsweise Tatbegehung in Eventualvorsatz prüfte (vgl. Urk. 83
S. 34). Der Auffassung, dass die erlittenen Verletzungen nur den Tatbestand der
einfachen Körperverletzung erfüllen, ist zu folgen, zumal einer anderen Würdi-
gung das Verschlechterungsverbot entgegen steht. Zu den rechtlichen Grundla-
gen kann vorab auf die Erwägungen im angefochtenen Urteil verwiesen werden
(Urk. 83 S. 34 ff.). Ergänzend und präzisierend ist Folgendes festzuhalten:
Nach Art. 122 StGB ist auch die eventualvorsätzlich begangene, schwere Körper-
verletzung strafbar. Eventualvorsatz ist nach ständiger Rechtsprechung gegeben,
wenn der Täter die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch
handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm
abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 mit Hinweis;
vgl. auch Art. 12 Abs. 2 StGB).
Ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen hat, muss das
Gericht - bei Fehlen eines Geständnisses der beschuldigten Person - aufgrund
der Umstände entscheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten
Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtverlet-
zung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser die
Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die Sorg-
faltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter habe
die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 134 IV 26 E. 3.2.2 mit
Hinweisen). Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen,
wenn sich diesem der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass
die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkauf-
nahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; 133 IV 222 E.
5.3 mit Hinweisen). Eventualvorsatz kann auch vorliegen, wenn sich der Eintritt
- 52 -
des tatbestandsmässigen Erfolgs statistisch gesehen nur relativ selten verwirk-
licht. Doch darf in diesem Fall nicht allein aus dem Wissen des Beschuldigten um
die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme und damit auf Even-
tualvorsatz geschlossen werden. Vielmehr müssen weitere Umstände hinzukom-
men (BGE 131 IV 1 E. 2.2 mit Hinweis). Was der Täter wusste, wollte und in Kauf
nahm, betrifft sog. innere Tatsachen, ist damit Tatfrage. Rechtsfrage ist hingegen,
ob im Lichte der festgestellten Tatsachen der Schluss auf Eventualvorsatz be-
gründet ist (Urteil des Bundesgerichtes vom 21. Januar 2007: 6S.280/2006, mit
weiteren Hinweisen auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung). Da sich Tat- und
Rechtsfragen insoweit teilweise überschneiden, hat der Sachrichter die in diesem
Zusammenhang relevanten Tatsachen möglichst erschöpfend darzustellen, damit
erkennbar wird, aus welchen Umständen er auf Eventualvorsatz geschlossen hat
(Urteil des Bundesgerichts 6B.388/2012 vom 12. November 2012, E. 2.).
Die Abgrenzung zwischen Eventualvorsatz und bewusster Fahrlässigkeit kann im
Einzelfall schwierig sein. Sowohl der eventualvorsätzlich als auch der bewusst
fahrlässig handelnde Täter wissen um die Möglichkeit des Erfolgseintritts bezie-
hungsweise um das Risiko der Tatbestandsverwirklichung. Hinsichtlich der Wis-
sensseite stimmen somit beide Erscheinungsformen des subjektiven Tatbestan-
des überein. Unterschiede bestehen jedoch beim Willensmoment. Der bewusst
fahrlässig handelnde Täter vertraut (aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit) darauf,
dass der von ihm als möglich vorausgesehene Erfolg nicht eintreten, das Risiko
der Tatbestandserfüllung sich mithin nicht verwirklichen werde. Demgegenüber
nimmt der eventualvorsätzlich handelnde Täter den Eintritt des als möglich er-
kannten Erfolgs ernst, rechnet mit ihm und findet sich mit ihm ab. Wer den Erfolg
dergestalt in Kauf nimmt, "will" ihn im Sinne von Art. 12 Abs. 2 StGB. Nicht erfor-
derlich ist, dass der Täter den Erfolg "billigt" (Urteil 6S.169/2003 des Bundesge-
richts vom 21. November 2003, E. 2.).
Die rechtliche Qualifikation von Körperverletzungen als Folge von Schlägen ins
Gesicht hängt von den konkreten Tatumständen ab. Massgeblich sind demnach
insbesondere die Heftigkeit des Schlags und die Verfassung des Opfers (Urteil
- 53 -
des Bundesgerichts vom 12. November 2012, 6B_388/2012, E. 2.2.1. und 2.4.1.
m.w.H.).
7.2. Würdigung
Zu Gunsten des Beschuldigten ist davon auszugehen, dass er dem Privatkläger
während kurzer Zeit mehrere Faustschläge gegen den Kopf verpasste, nachdem
er vom Privatkläger geschlagen worden war. Nach eigenen Angaben konnte sich
der Privatkläger vor den Schlägen in gebückter Stellung gut schützen. Es beste-
hen keine Anhaltspunkte dafür, dass die Schläge des Beschuldigten ausserge-
wöhnlich heftig waren, erlitt der Privatkläger doch in erster Linie lediglich Prellun-
gen davon. Zudem musste der Privatkläger mit einer unmittelbaren Reaktion des
Beschuldigten rechnen, nachdem er diesen zuvor geschlagen hatte. Der 172 cm
grosse Privatkläger befand sich sodann im Tatzeitpunkt in normaler Verfassung
und war dem 183 cm grossen und Tatzeitpunkt 76 bis 78 Kilogramm schweren
Beschuldigten auch in körperlicher Hinsicht nicht offensichtlich unterlegen (vgl.
Prot. II. S. 16).
Der Privatkläger erlitt durch die Schläge primär Prellmarken an der Stirn und an
der Wange sowie Einblutungen an einigen Stellen der Mundschleimhaut. Es ist
davon auszugehen, dass diese Verletzungen ohne Weiteres vom Vorsatz des
Beschuldigten getragen sind, handelt es sich doch dabei um übliche Verletzungen
bei Faustschlägen ins Gesicht.
Demgegenüber bestehen keine Hinweise dafür, dass der Beschuldigte das vom
Privatkläger erlittene postkommotionelle Syndrom bzw. schwerere Verletzungen
verursachen wollte bzw. dies von seinem direkten Vorsatz erfasst war.
Angesichts der genannten Umstände musste der Beschuldigte bei den Schlägen
nicht davon ausgehen, dass er mit seinen Faustschlägen ein hohes Risiko für ei-
ne schwere Körperverletzung einging. Sein Verhalten, dem Privatkläger als unmit-
telbare Reaktion auf einen Faustschlag zur Abwehr bzw. Verhinderung weiterer
Schläge seinerseits mehrere Faustschläge zu verpassen, ist nicht als derart
- 54 -
schwere Pflichtverletzung zu werten, welche den Schluss auf Eventualvorsatz für
eine schwere Körperverletzung zulässt.
Es ist mithin von einem vorsätzlichen Handeln hinsichtlich einfacher Körperverlet-
zung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB auszugehen und nicht, wie von der Vo-
rinstanz angenommen, von einer versuchten, eventualvorsätzlichen Tatbegehung
einer schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 2 i.V.m Art. 22
Abs. 1 StGB.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Einfache Körperverletzung
Zu den erlittenen Verletzungen des Privatklägers kann auf die oben zitierten Arzt-
berichte verwiesen werden. Zusammengefasst ist davon auszugehen, dass der
Privatkläger als Folge der Auseinandersetzung kleinere Prellmarken an Stirn und
rechter Wange sowie blasse, kleine Einblutungen an einigen Stellen der Mund-
schleimhaut sowie später ein postkommotionelles Syndrom erlitt.
Gestützt auf die zitierten Berichte, namentlich jenen von Prof. Dr. R._, ent-
sprechen die vom Privatkläger erlittenen Verletzungen in objektiver Hinsicht dem
Tatbestand der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB.
2. Notwehr
Der Beschuldigte macht zur Rechtfertigung seiner Tat Notwehr geltend.
Wird jemand ohne Recht angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff bedroht,
so ist der Angegriffene und jeder andere berechtigt, den Angriff in einer den Um-
ständen angemessenen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB). Es gilt der Grundsatz,
dass der rechtswidrig Angegriffene zwar berechtigt ist, den Angriff abzuwehren, er
muss dies jedoch in einer den Umständen angemessenen Weise tun. Ob im ge-
gebenen Fall die Reaktion des Beschuldigten diesem Erfordernis entspricht, ist
vorwiegend eine Frage des Ermessens (BGE 99 IV 188). Zu ihrer Beantwortung
hat der Richter insbesondere der Schwere des tatsächlichen oder drohenden
- 55 -
(vermeintlichen) Angriffs sowie der Wichtigkeit des gefährdeten Rechtsgutes ei-
nerseits und der Bedeutung des Gutes, das durch die Abwehr verletzt wurde, an-
dererseits Rechnung zu tragen (BGE 79 IV 151). Dass dabei auch die Art des
Abwehrmittels und diejenige seiner tatsächlichen Verwendung von Belang sind,
liegt auf der Hand (BGE 101 IV 120, vgl. zum Ganzen BGE 102 IV 68). Die Ab-
wehr muss demnach in zweierlei Hinsicht den Grundsatz der Verhältnismässigkeit
wahren: Einerseits muss sie dem Angriff angemessen sein, was dann der Fall ist,
wenn dieser nicht mit anderen, weniger gefährlichen Mitteln hätte abgewehrt wer-
den können. Andererseits muss geprüft werden, ob das Verhältnis zwischen dem
Wert des angegriffenen und demjenigen des verletzten Rechtsguts angemessen
ist (Trechsel, StGB Praxiskommentar, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2013, N 10 zu
Art. 15 StGB unter Hinweis auf BGE 107 IV 15).
Gemäss erstelltem Sachverhalt wurde der Beschuldigte im Rahmen einer zu-
nächst verbalen Auseinandersetzung vom Privatkläger zuerst geschlagen und
schlug unter dem Eindruck eines weiteren, bevorstehenden Angriffs bzw. einer
vom Privatkläger angezettelten Schlägerei, bei welcher er zwei Verletzungen am
linken Auge erlitt, unmittelbar zurück. Der Beschuldigte handelte mithin in einer
Notwehrlage und mit einem Notwehrwillen. Der Angriff des Privatklägers richtete
sich gegen die körperliche Integrität des Beschuldigten, während dessen Abwehr
ebenfalls auf dieses Rechtsgut zielte. Das von ihm gewählte Abwehrmittel (Faust-
schläge) mit der damit einhergehenden Verletzungsgefahr erscheint angemessen,
entspricht es doch der vom Privatkläger verwendeten Angriffsart. So erlitt der Be-
schuldigte eine Rissquetschwunde über dem linken Auge sowie eine Verletzung
unter diesem Auge, während der Privatkläger unmittelbar Prellmarken an der Stir-
ne sowie kleine Einblutungen an einigen Stellen der Mundschleimhaut erlitt, mit-
telbar das postkommotionelle Syndrom. Das vom Beschuldigten gewählte Tatvor-
gehen zum Abwehren des Angriffs und die vom Privatkläger in dieser Phase erlit-
tenen Verletzungen erscheint in Würdigung aller Umstände verhältnismässig.
- 56 -
3. Fazit
Der Beschuldigte ist vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung im
Sinne von Art. 122 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 StGB sowie vom Vorwurf der
einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB frei zu sprechen.
Unter diesen Umständen ist die Schadenersatz- und Genugtuungsforderung des
Privatklägers auf den Zivilweg zu verweisen (vgl. Art. 126 Abs. 2 lit. d StPO).
Zudem erübrigen sich ist bei diesem Verfahrensausgang die von der Verteidigung
beantragten Beweisergänzungen.
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Fällt die Rechtsmittelinstanz
selber einen neuen Entscheid, so befindet sie darin auch über die von der Vo-
rinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 4287 Abs. 3 StPO).
Bei diesem Ausgang des Verfahrens fällt die Gerichtsgebühr für das Berufungs-
verfahren ausser Ansatz. Die Kosten der Untersuchung, des erstinstanzlichen
Gerichtsverfahrens und des Berufungsverfahrens, einschliesslich derjenigen der
amtlichen Verteidigung im Betrag von Fr. 10'400.– inklusive Mehrwertsteuer
(Urk. 101 zuzüglich 2 Stunden Wegentschädigung und 4 Stunden für die
Berufungsverhandlung) und der unentgeltlichen Geschädigtenvertretung im
Betrag von Fr. 3'450.– inklusive Mehrwertsteuer (Urk. 104) im Berufungs-
verfahren, sind auf die Gerichtskasse zu nehmen. Ferner ist dem Privatkläger für
das erstinstanzliche Hauptverfahren keine Prozessentschädigung zuzusprechen.