Decision ID: 60476401-64d9-4b01-9e99-fcd077dd8696
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
Z._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. E. Ronald Pedergnana, Rorschacher Strasse 21,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-Leistungen / Mitwirkungspflichtverletzung im Abklärungsverfahren
Sachverhalt:
A.
A.a Z._, Jahrgang 1954, meldete sich im August 2006 zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 1). Im Arztbericht vom 16. August 2006 (IV-
act. 11) diagnostizierte Dr. med. A._, Arzt für Allgemeine Medizin, ein
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom und ein residuelles lumboradikuläres Syndrom
S1 rechts, einen Status nach operativem Eingriff vom 22. November 2005 bei
spondylotischer Einengung L5/S1 und Diskushernie L4/5 mediolateral rechts,
Parästhesien 4. und 5. Zehe, Parese der Zehenbeuger-Plantarflexion, chronische
Schmerzen lateraler Oberschenkel und Unterschenkel, gluteale Verkürzungen mit
Anlaufschmerzen, eine mittelgradige Depression mit Schlafstörungen, eine arterielle
Hypertonie, chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp und ein grosses
Diskushernien-Rezidiv L4/5. Die Versicherte sei bis auf Weiteres für jegliche Arbeiten
vollumfänglich arbeitsunfähig. Prof. Dr. med. B._, FMH Neurochirurgie, stellte im
Arztbericht vom 23. November 2006 (IV-act. 24) die Diagnose einer Lumboischialgie
und attestierte seit 21. November 2004 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bis auf
Weiteres. Im Bericht der Klinik Littenheid für Psychiatrie und Psychotherapie vom 27.
Dezember 2006 (IV-act. 27) wurden die Diagnosen einer schwergradigen depressiven
Störung und Angststörung gemischt erhoben. Die Versicherte sei aus psychischer
Sicht 100% arbeitsunfähig.
A.b Für die Festlegung der Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit erachtete der
Regionale Ärztliche Dienst (RAD) eine polydisziplinäre Begutachtung für notwendig (IV-
act. 29). Mit Schreiben vom 28. August 2007 (IV-act. 33) teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit, dass die medizinische Abklärung durch das Ärztliche
Begutachtungsinstitut (ABI), Basel, erfolgen werde. Am 3. September 2007 (IV-act. 34)
erteilte die IV-Stelle dem ABI den entsprechenden Auftrag. Die Versicherte teilte mit
Schreiben vom 28. September 2007 (Posteingang 19. Oktober 2007) (IV-act. 36) der IV-
Stelle mit, dass sie grundsätzlich mit einer Untersuchung einverstanden sei. Sie stelle
jedoch den Antrag auf eine Untersuchung bei einer entsprechenden Institution im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Raum St. Gallen oder Zürich. Zur Begründung führte sie aus, dass das ABI keine
Begleitperson akzeptiere, welche sie aufgrund sprachlicher Probleme jedoch für die
Übersetzung unbedingt benötige, die Arbeitsweise des ABI von verschiedenen
Fachleuten als unprofessionell und ausländerfeindlich eingestuft worden sei und
gemäss Kassensturzsendung vom September 2006 die Gutachten wiederholt und ohne
Rücksprache mit den beurteilenden Spezialisten abgeändert worden seien. Dies lasse
auf eine unseriöse Arbeitsweise und mangelnde Qualitätskontrolle schliessen. Im
Mahnschreiben vom 23. Oktober 2007 (IV-act. 37) teilte die IV-Stelle mit, dass an der
Notwendigkeit der Begutachtung durch das ABI festgehalten werde. Die Kosten für
einen Dolmetscher würden übernommen. Gleichzeitig wurde die Versicherte auf die
Folgen einer Verletzung der Mitwirkungspflicht aufmerksam gemacht. In einem
weiteren Schreiben vom 24. Oktober 2007 (IV-act. 38) hielt die Versicherte fest, dass
sie keine Frist verpasst habe und schlug eine Untersuchung in der AMH Zürich vor. Die
IV-Stelle bestätigte am 31. Oktober 2007 (IV-act. 39) erneut, dass an der Begutachtung
durch das ABI festgehalten werde. Dies nicht aufgrund einer verpassten Frist, sondern
weil keine triftigen Gründe gegen eine Begutachtung durch das ABI vorliegen würden.
Im Schreiben vom 19. November 2007 (IV-act. 40) bestätigte die Versicherte ihre
Einwände aus früheren Schreiben.
A.c Mit Verfügung vom 26. November 2007 (IV-act. 42) eröffnete die IV-Stelle der
Versicherten, dass "keine Kostengutsprache" für berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen erfolgen würde. Auf die Folgen der Verweigerung ihrer
Mitwirkungspflicht sei sie am 23. Oktober 2007 aufmerksam gemacht worden. Weil sie
sich weiterhin den zumutbaren Abklärungen widersetze, werde aufgrund der
vorliegenden Akten entschieden. Das Leistungsbegehren werde abgewiesen.
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt Dr. iur. Ronald
Pedergnana, St. Gallen, im Namen der Versicherten erhobene Beschwerde vom 24.
Dezember 2007 (Postaufgabe: 3. Januar 2008) mit den Anträgen, die Verfügung vom
26. November 2007 sei aufzuheben, die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, der
Beschwerdeführerin aufgrund der medizinischen Unterlagen eine volle Rente
auszurichten und allenfalls sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, in der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ostschweiz eine neue Begutachtung durchzuführen; unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Zur Begründung wird im
Wesentlichen ausgeführt, dass die IV nicht Nichteintreten beschlossen, sondern
aufgrund der Akten entschieden habe. Deshalb müsse die Verfügung eine
entsprechende Begründung enthalten. Dieser verfassungsrechtliche Anspruch sei
verletzt worden und deshalb seien, unabhängig vom Ausgang des Verfahrens, die
Kosten der IV zu überbinden.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 26. Februar 2008 beantragt die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde. Aufgrund der bis jetzt
unvollständigen und nicht allzu ausführlichen Akten könne die Arbeitsfähigkeit in einer
dem Leiden angepassten Tätigkeit nicht bestimmt werden. Demnach komme die
Zusprechung einer ganzen IV-Rente von vorneherein nicht in Frage und dieser Antrag
sei abzuweisen. Es würden - ausser den allgemein gehaltenen und bekannten
Vorwürfen gegen das ABI wegen des laufenden Strafverfahrens gegen den Chefarzt -
keine Gründe vorliegen, die Begutachtung nicht hier durchführen zu lassen. Im
Schreiben vom 23. Oktober 2007 hätten sie es unterlassen, der Beschwerdeführerin
eine Frist für ihren Entscheid zu setzen. Nachdem diese jedoch bereits im Schreiben
vom 24. Oktober 2007 mitgeteilt habe, dass sie keine Begutachtung durch das ABI
wolle, sei das Fehlen der Fristansetzung nicht von Relevanz. Fälschlicherweise hätte
sie in der Verfügung von einem Entscheid aufgrund der Akten mit nachfolgender
Abweisung des Leistungsbegehrens gesprochen, obschon gemäss den vorliegenden
spärlichen Akten gar kein Entscheid in der Sache (materieller Entscheid) möglich
gewesen sei. Effektiv handle es sich um eine Abweisung wegen fehlender Mitwirkung.
Im Ergebnis erweise sich die Verfügung jedoch als korrekt.
B.c Mit Replik vom 3. April 2008 bestätigte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
seinen Standpunkt. Zusätzlich führte er aus, dass Dr. med. C._, Klinik Littenheid für
Psychiatrie und Psychotherapie, die Zusammenhänge zwischen der
Rückenproblematik und der psychischen Problematik ziemlich klar darlege. Die
Beschwerdeführerin sei 100% arbeitsunfähig. Es wäre der Sache dienlich, wenn die
Begutachtung in der Ostschweiz stattfinden könnte, die Beschwerdeführerin würde
sich allerdings auch einer Begutachtung im ABI stellen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Die Beschwerdegegnerin hat sinngemäss auf die Einreichung einer Duplik
verzichtet.
B.e Als Ergänzung zur Replik liess die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 17. Juni
2008 eine Zeugenbefragung von Dr. med. D._ beantragen, dass er seine bisherigen
Erfahrungen mit den ABI-Begutachtungen dem Gericht schildern könne. Mit dem
Schreiben wurde zusätzlich ein Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 24. April
2008 ins Recht gelegt.

Erwägungen:
1.
1.1 Die Verwaltung prüft das Leistungsbegehren, nimmt die notwendigen Abklärungen
von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein (Art. 43 Abs. 1 ATSG).
Soweit ärztliche Untersuchungen für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind, hat
sich die versicherte Person diesen zu unterziehen (Art. 43 Abs. 2 ATSG). Gemäss
diesen Bestimmungen unterliegt das Verwaltungsverfahren dem sogenannten
Untersuchungsgrundsatz: "Nach dem Untersuchungsgrundsatz hat die Behörde den
rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die
Anträge der Parteien gebunden zu sein. Sie hat deshalb aus eigener Initiative
vorzugehen [...]. Der Grundsatz wird ergänzt durch die Mitwirkungspflicht der
Parteien" (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar Art. 43 Rz. 9). Kommt die versicherte Person
ihren Mitwirkungspflichten in unentschuldbarer Weise nicht nach, so kann der
Versicherungsträger auf Grund der Akten verfügen oder die Erhebungen einstellen und
Nichteintreten beschliessen. Er muss diese Person vorher schriftlich mahnen und auf
die Rechtsfolgen hinweisen; ihnen ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen (Art.
43 Abs. 3 ATSG).
1.2 Die Beschwerdegegnerin geht im vorliegend zu beurteilenden Fall davon aus, dass
die Beschwerdeführerin durch die Weigerung einer Begutachtung im ABI ihre
Mitwirkungspflicht verletzt habe. Damit die in Art. 43 Abs. 3 ATSG vorgesehenen
Sanktionen angeordnet werden können, hat sie vorerst ein Mahn- und
Bedenkzeitverfahren durchzuführen. Dieses Verfahren entspricht demjenigen, welches
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach Art. 21 Abs. 4 ATSG durchzuführen ist. Die Verwaltung hat somit die versicherte
Person durch eine schriftliche Mahnung und unter Einräumung einer angemessenen
Bedenkzeit auf die Folgen ihrer Widersetzlichkeit aufmerksam zu machen. Die Sanktion
muss in gehöriger Form und unter Fristansetzung angekündigt werden (vgl. Kieser,
a.a.O., Art. 21 Rz. 70 mit Hinweis auf BGE 122 V 219).
1.3 Im Mahnschreiben vom 23. Oktober 2007 hat die Beschwerdegegnerin
unbestrittenermassen keine Bedenkfrist angesetzt, innert welcher die
Beschwerdeführerin ihre Weigerung zur Begutachtung durch das ABI hätte
zurücknehmen können. Die Beschwerdegegnerin führte in der Beschwerdeantwort vom
26. Februar 2008 diesbezüglich aus, dass sie es unterlassen hätte, der
Beschwerdeführerin eine Frist zu setzen, innert derer sie ihren Entscheid bekannt
geben könne. Nachdem die Beschwerdeführerin jedoch bereits mit Schreiben vom 24.
Oktober 2007 mitgeteilt habe, dass sie weiterhin keine Begutachtung durch das ABI
wolle, sei das Fehlen der Fristansetzung nicht von Relevanz gewesen. Entgegen der
Auffassung der Beschwerdegegnerin ist die Fristansetzung trotz Schreiben der
Beschwerdeführerin vom 24. Oktober 2007 nicht unnötig geworden. Bei dem Mahn-
und Bedenkzeitverfahren handelt es sich um eine ausnahmslos zu beachtende
Verfahrensregel, und es kann auch nicht davon abgewichen werden, wenn die
betreffende Person zu erkennen gibt, dass sie der ihr obliegenden Pflicht jedenfalls
nicht nachkommen will (Kieser, a.a.O., Art. 43 Rz. 40). Rechtsprechungsgemäss
erübrigt sich die Durchführung des Mahn- und Bedenkzeitverfahrens auch dann nicht,
wenn die Verwaltung eine konkrete, erfolgversprechende, zumutbare
Eingliederungsmassnahme bezeichnet und der Versicherte diese unmissverständlich
abgelehnt hat (BGE 122 V 220). Demnach ist ein korrekt durchgeführtes Mahn- und
Bedenkzeitverfahren unerlässlich. Nachdem die Beschwerdegegnerin aufgrund der
fehlenden Fristansetzung dieses Erfordernis nicht erfüllt hat, ist die Verfügung bereits
aus diesem Grund aufzuheben.
2.
2.1 Im Weiteren stellt sich die Frage, ob die Beschwerdegegnerin unter der Prämisse
einer Verletzung der Mitwirkungspflicht überhaupt berechtigt gewesen wäre, über das
Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin materiell zu entscheiden, d.h. das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Leistungsbegehren abzuweisen, oder ob ein Nichteintretensentscheid hätte verfügt
werden müssen. Diesbezüglich teilte die Beschwerdegegnerin in der
Beschwerdeantwort vom 26. Februar 2008 mit, dass in der angefochtenen Verfügung
fälschlicherweise von einem Entscheid aufgrund der Akten mit nachfolgender
Abweisung des Leistungsbegehren die Rede gewesen sei, obschon gemäss den
vorliegenden spärlichen Akten gar kein Entscheid in der Sache (materieller Entscheid)
möglich gewesen wäre. Effektiv handle es sich um eine Abweisung wegen fehlender
Mitwirkung. Im Ergebnis erweise sich die Verfügung jedoch als korrekt.
2.2 Das Gesetz gibt keine Richtlinien, wie bei der Anwendung von Art. 43 Abs. 3 ATSG
zwischen den beiden Sanktionen zu wählen ist. Praxisgemäss ist zu beachten, dass
von der Möglichkeit des Nichteintretens zurückhaltend Gebrauch zu machen ist; soweit
aufgrund der vorliegenden Akten ein materieller Entscheid möglich ist, soll ein
Nichteintretensentscheid nicht gefällt werden. Ein Nichteintretensentscheid hat
insbesondere dort Bedeutung, wo die nicht wahrgenommene Mitwirkungspflicht eine
Eintretensvoraussetzung betrifft (Kieser, a.a.O., Art. 43 Rz. 41 mit Hinweisen).
2.3 Die Beschwerdegegnerin hat mehrfach betont, dass ohne polydisziplinäre
Begutachtung die Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit nicht bestimmt
werden könne (IV-act. 33, 37). Dr. D._ hielt im Schreiben vom 19. April 2006 (IV-act.
2/3) für eine leichte, wechselnd belastende Arbeit ab 3. Mai 2006 eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit fest. Dr. A._ attestierte im Bericht vom 16. August 2006 eine
vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit für jegliche Arbeiten. Dr. B._ stellte im Arztbericht
vom 23. November 2006 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit fest. Eine verminderte Leistungsfähigkeit in einer anderen Tätigkeit bestehe
eventuell bis Ende Jahr. Dr. C._ ging seit November 2005 von einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit aus. Bezüglich einer
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit sind dem Arztbericht keine Angaben zu
entnehmen. Aufgrund der medizinischen Aktenlage zeigt sich somit, dass die
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit nicht rechtsgenüglich bestimmbar ist.
Eine diesbezüglich hinreichende Abklärung ist bis zum Erlass der angefochtenen
Verfügung nicht erfolgt. Insbesondere sind aufgrund der psychischen und physischen
Beschwerden eine polydisziplinäre Abklärung des Gesundheitszustands und dessen
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit angezeigt. Unter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diesen Umständen war der materielle Entscheid der Beschwerdegegnerin nicht
zulässig. Da vorliegend gerade aufgrund der Mitwirkungspflichtverletzung der
Sachverhalt nicht genügend abgeklärt werden konnte, hätte die Beschwerdegegnerin -
wenn überhaupt - einen Nichteintretensentscheid erlassen müssen. Daran vermögen
auch die in der Beschwerdeantwort vorgebrachten Argumente nichts zu ändern. Auch
wenn - wie von der Beschwerdegegnerin geltend gemacht - der angefochtene
Entscheid eine Abweisung wegen fehlender Mitwirkung darstelle, kann die
angefochtene Verfügung nicht dahingehend interpretiert werden, dass es sich dabei
um einen Nichteintretensentscheid handle. Sodann gilt es zu beachten, dass bei den
Sanktionen gemäss Art. 43 Abs. 3 ATSG, die für die Partei "günstigere Variante" zu
wählen ist (BGE 108 V 231f.). Somit ist die angefochtene Verfügung auch unter diesem
Aspekt zu beanstanden, da im vorliegenden Fall für die Beschwerdeführerin ein
Nichteintretensentscheid - insbesondere bezüglich einer Neuanmeldung - weniger
weitreichende Konsequenzen hat, als eine materielle Abweisung des
Leistungsbegehrens.
2.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass unter der Annahme einer Verletzung der
Mitwirkungspflicht, die angefochtene Verfügung aufgrund des mangelhaft
durchgeführten Mahn- und Bedenkzeitverfahrens und dem zu Unrecht ergangenen
materiellen Entscheid aufgrund der Akten - anstelle eines Nichteintretensentscheids -
aufgehoben werden müsste. Wie die nachfolgenden Erwägungen allerdings zeigen
werden, kann im vorliegenden Verfahren noch nicht beurteilt werden, ob tatsächlich
eine Verletzung der Mitwirkungspflicht vorliegt.
3.
Die Beschwerdeführerin hat sich wiederholt explizit gegen eine Begutachtung durch
das ABI ausgesprochen. Im Schreiben vom 28. September 2007 hat sie sich hingegen
grundsätzlich mit einer Untersuchung einverstanden erklärt und eine Begutachtung bei
einer entsprechenden Institution im Raum St. Gallen oder Zürich beantragt. Auch in der
Replik vom 3. April 2008 liess die Beschwerdeführerin ausführen, dass sie sich einer
Begutachtung stellen würde. Die Begutachtung könnte in der Klinik Valens, in der Klinik
St. Katharinental oder am Kantonsspital St. Gallen durchgeführt werden. Falls es der
IV-Stelle darum gehe, ihre Muskeln spielen zu lassen, würde sie sich auch einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtung im ABI stellen. Aufgrund dieser Aktenlage ist ersichtlich, dass es nie die
Absicht der Beschwerdeführerin war, sich einer notwendigen Begutachtung zu
entziehen. Ihren Einwänden ist vielmehr zu entnehmen, dass sie sich lediglich weigerte,
sich einer Begutachtung durch das ABI zu unterziehen. Es handelt sich somit bei den
Einwänden der Beschwerdeführerin um ein Ausstandsbegehren gegenüber dem ABI
generell und somit gegenüber sämtlichen Gutachtern des ABI. Dementsprechend stellt
sich vorliegend die Frage, ob die Beschwerdegegnerin nicht zuerst über das
Ausstandsgesuch hätte befinden müssen, bevor sie ein Nichteintreten aufgrund einer
Verletzung der Mitwirkungspflicht hätte verfügen können.
4.
4.1 Gemäss Art. 36 Abs. 1 ATSG treten Personen, die Entscheidungen über Rechte
und Pflichten zu treffen oder vorzubereiten haben in den Ausstand, wenn sie in der
Sache ein persönliches Interesse haben oder aus anderen Gründen in der Sache
befangen sein können. Macht die zu begutachtende Person formelle Ausstandgründe
im Sinne dieser Bestimmung gegen den vorgesehenen Gutachter geltend, welche
geeignet sind, Misstrauen in die Unparteilichkeit des Sachverständigen zu erwecken,
hat der Versicherer nach der Rechtsprechung darüber in Form einer beschwerdeweise
anfechtbaren Zwischenverfügung zu befinden. Die Beurteilung von (gemäss Art. 44
ATSG möglichen) Einwendungen materieller, namentlich fachlicher Natur gegen den
Gutachter ergeht dagegen nicht in Form einer Zwischenverfügung. Solche
Einwendungen sind in der Regel mit der Endverfügung in der Sache im Rahmen der
Beweiswürdigung zu behandeln. Ausstandsgründe haften regelmässig dem einzelnen
Gutachter persönlich und nicht einer ganzen Institution oder Behörde an (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgericht vom 20. September 2006, I 579/05, Erw. 3.3
und 3.4).
4.2 Gemäss Art. 44 ATSG hat der Versicherungsträger bei der Einholung eines
Gutachtens den Namen des unabhängigen Sachverständigen bekannt zu geben. Nach
höchstrichterlicher Rechtsprechung sind auch in Bezug auf Medizinische
Abklärungsstellen die Namen der konkret mit dem Gutachten befassten Ärzte
vorgängig bekannt zu geben (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgericht vom 14.
Juli 2006, I 686/05, Erw. 6). Die Beschwerdegegnerin ist diesem Erfordernis nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nachgekommen. Allerdings ist im vorliegenden Fall davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin auch bei Kenntnis der begutachtenden Ärzte dieselben
Ausstandgründe geltend gemacht hätte. Sodann richtet die Beschwerdeführerin ihre
Einwände in Ermangelung der Namensnennungen nicht nur gegen das ABI als
Institution, sondern auch gegen Dr. E._ konkret. Die Beschwerdeführerin macht u.a.
geltend, dass die Arbeitsweise des ABI ausländerfeindlich sei. Es handelt sich dabei
um einen formellen Ausstandsgrund, welcher grundsätzlich geeignet ist, Misstrauen in
die Unparteilichkeit des Gutachters zu erwecken. Somit hätte die Beschwerdegegnerin
über das Ausstandbegehren in Form einer anfechtbaren Zwischenverfügung befinden
müssen. Die Sache ist daher unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese über das Ausstandbegehren neu
verfügen kann.
4.3 Obwohl an dieser Stelle über das Ausstandsgesuch nicht materiell zu entscheiden
ist, gilt es festzuhalten, dass die von der Beschwerdeführerin allgemein vorgetragenen
Einwände kaum hinreichend substantiiert sind. Andererseits hat sich die
Beschwerdegegnerin die Frage zu stellen, ob es aufgrund der jetzigen Situation
weiterhin sinnvoll ist, am ABI als Begutachterstelle festzuhalten.
5.
5.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 26. November
2007 aufzuheben und die Sache zur Entscheidung des Ausstandsbegehren im Sinne
der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (ZAK 1987 S. 268 Erw. 5a). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich. Da sie gemäss Art. 3 Abs. 1 lit. b des st. gallischen
Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (sGS 350.1) Teil der Sozialversicherungsanstalt und damit Teil
einer selbständigen öffentlich-rechtlichen Anstalt ist, kommt Art. 95 Abs. 3 VRP
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Befreiung von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten) nicht zur Anwendung (vgl.
Urs Peter Cavelti/Thomas Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen –
dargestellt an den Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl., 2003, Rz. 792). Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu
bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird der Beschwerdeführerin
zurückerstattet.
5.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verzichtete auf das
Einreichen einer Kostennote. Im vorliegenden Fall erscheint eine Parteientschädigung
von Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG