Decision ID: 5eda2325-0c39-5e56-9781-7c8b75d371bc
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Afghanistan eigenen Angaben zufolge am
10. Februar 2016 und gelangte über Pakistan, die Türkei, wo er zwei Jahre
lang gelebt habe, Griechenland und weiter über die Balkanroute am
18. Mai 2020 in die Schweiz, wo er am 22. Mai 2020 ein Asylgesuch stellte.
Am 28. Mai 2020 wurden seine Personalien aufgenommen. Am 16. Juni
2020 wurde er zu seinen Asylgründen befragt und am 22. Juli 2020 ein-
lässlich angehört.
Zur Begründung seines Gesuches gab er im Wesentlichen an, er habe in
Afghanistan als Polizist gearbeitet. Aufgrund dieser Arbeit habe er einen
Drohbrief von den Taliban erhalten. Er habe sich nicht einschüchtern las-
sen und sei weiterhin zur Arbeit gegangen. Zwei Monate später sei das
Haus seiner Familie in der Nacht von den Taliban angegriffen worden. Er
habe sich mit seiner Mutter und seinen Geschwistern im Keller versteckt.
Als der Beschuss nachgelassen habe, sei er zu den Nachbarn gegangen
und von da geflüchtet. Anschliessend sei er ausgereist. Später sei von den
Taliban ein weiterer Drohbrief zu seiner Familie nach Hause gekommen.
Zur Stützung seiner Beschwerde reichte er verschiedene Dokumente zu
seiner Ausbildung bei der Polizei, die Drohbriefe und eine Bestätigung der
geltend gemachten Ereignisse durch die Distriktbehörde (alles in Kopie) zu
den Akten.
B.
Die Vorinstanz gab der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers am
28. Juli 2020 Gelegenheit, zum Entscheidentwurf Stellung zu nehmen.
C.
Die Rechtsvertretung reichte am 29. Juli 2020 eine entsprechende Stel-
lungnahme ein.
D.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 30. Juli 2020 lehnte das SEM
das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, ordnete dessen Wegweisung
an und nahm ihn wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der
Schweiz vorläufig auf.
E.
Mit Eingabe vom 26. August 2020 erhob der Beschwerdeführer – handelnd
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durch seine Rechtsvertretung – beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde und beantragte die Aufhebung der Ziffern 1 bis 3 der angefoch-
tenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asyl-
gewährung. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen. In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
27. August 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammen-
hang mit dem Coronavirus [COVID-19-Verordnung Asyl; SR 142.318];
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Die formelle Rüge des Beschwerdeführers wegen Verletzung des rechtli-
chen Gehörs ist vorab zu behandeln, da sie gegebenenfalls zu einer Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz führen könnte.
4.1 Zur Begründung wird hierzu in der Beschwerde einerseits ausgeführt,
der vorliegende Fall hätte aufgrund seiner Komplexität dem erweiterten
Verfahren zugewiesen werden müssen. Hierzu kann festgehalten werden,
dass der Antrag nur eventualiter gestellt wurde und der Beschwerdeführer
selber angab, dass der Sachverhalt vorliegend rechtsgenüglich festgestellt
worden sei. Aus der Beschwerdeschrift lässt sich denn auch erkennen,
dass es ihm möglich war, die Verfügung des SEM sachgerecht anzufech-
ten. Gemäss Art. 10 COVID-19-Verordnung Asyl betrug die Beschwerde-
frist zudem 30 Tage. Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur
Behandlung im erweiterten Verfahren ist vor diesem Hintergrund nicht an-
gezeigt. Der entsprechende Antrag ist abzuweisen.
4.2 Andererseits habe das SEM das rechtliche Gehör verletzt, indem es
sich in der Verfügung nicht inhaltlich mit der Stellungnahme der Rechtsver-
tretung zum Entscheidentwurf auseinandergesetzt und lediglich dessen Ar-
gumente summarisch aufgelistet habe. Indem das SEM auf die Argumente
in der Stellungnahme verwies und dazu ausführte, es halte trotzdem an
seiner Einschätzung bezüglich der Glaubhaftigkeit fest, hat es sich entge-
gen der Ausführungen in der Beschwerde mit der Stellungnahme ausei-
nandergesetzt. Wenn es auch wünschenswert wäre, dass das SEM sich in
inhaltlich vertiefter Weise mit den Argumenten in der Stellungnahme aus-
einandergesetzt hätte, kann vorliegend eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs nicht erkannt werden. An dieser Einschätzung vermögen auch die
in der Beschwerde diesbezüglich zitierten Entscheide des Bundesverwal-
tungsgerichts nichts zu ändern.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM aus, die Vorbringen
des Beschwerdeführers seien nicht glaubhaft. Der Beschwerdeführer habe
bezüglich seiner Kernvorbringen, von den Taliban verfolgt worden zu sein,
vage und widersprüchliche Angaben gemacht, obwohl ihm mehrfach die
Gelegenheit eingeräumt worden sei, seine Vorbringen frei zu schildern.
Seine Aussagen würden nicht die Qualität aufweisen, welche von einer
Person mit seinen individuellen Fähigkeiten zu erwarten wäre. Angesichts
seines Bildungswegs und seiner beruflichen Laufbahn bei der Polizei
müsste er detailreich, substantiiert und in sich nachvollziehbar berichten
können. So habe er denn auch über einen von ihm erlebten Angriff auf ei-
nen Polizeiposten ausführlich und detailliert berichten können. Insbeson-
dere seine Schilderungen des zweistündigen Angriffes auf sein Haus seien
allgemein und vage geblieben und es sei keine hinreichende Prägnanz der
Realkennzeichen ersichtlich gewesen. Trotz mehrfach gebotener Gelegen-
heit sei es ihm nicht gelungen, dieses für sein Leben einschneidende Er-
eignis detailliert und substantiiert zu beschreiben und er habe nur darauf
hingewiesen, dass er versucht habe, zu flüchten beziehungsweise geflüch-
tet sei, sobald sich die Situation beruhigt habe. Auch habe er den Angriff
auf sein Haus nicht mit einer frei geschilderten Operation seines Arbeitsall-
tages vergleichen können. Auch zu den Umständen des Angriffes habe er
insgesamt nur vage und allgemein gehaltene Aussagen machen können.
Auf die Frage, weshalb er gewusst habe, dass die Taliban das Haus ange-
griffen hätten, habe er geantwortet, dass nur Taliban Häuser angreifen wür-
den und dass diese ihm gedroht hätten, sowie auf deren Spione verwiesen.
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Zudem habe er auch widersprüchliche Angaben zum Beschuss der Taliban
auf sein Haus gemacht. Einerseits habe er angegeben, dass diese aus ei-
ner Distanz von ungefähr zwanzig bis dreissig Metern geschossen hätten,
und er nicht wisse, wie viele Angreifer involviert gewesen seien. Anderer-
seits habe er im späteren Verlauf angegeben, dass sie aus einer Distanz
von hundert oder zweihundert Meter geschossen hätten und erfahrungs-
gemäss in Gruppen unterwegs seien. Angesichts seiner vierjährigen Arbeit
bei der Polizei müsste er zum Angriff und dessen Umständen detaillierte
und konsistente Angaben machen können. Auch bezüglich des Erhalts der
Drohbriefe habe er sich widersprochen. So habe er einmal angegeben, die
Dorfältesten hätten ihm den ersten Brief nach Hause gebracht, während er
später angegeben habe, sein Vater habe ihn aus der Moschee mitgebracht.
Seine Erklärung anlässlich des rechtlichen Gehörs, dass die beiden Aus-
sagen das Gleiche bedeuten würden, da der Brief bei den Dorfvorstehern
gewesen sei und sein Vater ihn nach Hause gebracht habe, vermöge den
Widerspruch nicht aufzulösen. Auch betreffend den Inhalt des ersten Droh-
briefes sei es zu widersprüchlichen Angaben gekommen. So habe er an-
gegeben, die Taliban hätten ihn aufgefordert, seinen Dienst zu verlassen
und sich ihnen anzuschliessen. Gemäss der Übersetzung des von ihm ein-
gereichten Drohbriefes hätte er aber dem islamischen Gericht zugeführt
werden sollen. Gemäss seinen Aussagen hätte er zudem gemäss dem ers-
ten Drohbrief zu den Dörfern der Taliban gehen sollen. Dabei habe er das
islamische Gericht nicht erwähnt. Seine Erklärung, dass er sich dem Ge-
richt hätte übergeben und dort den Taliban anschliessen müssen bezie-
hungsweise dass mit Gericht und Dorf das Gleiche gemeint sei, vermöge
den Widerspruch nicht stringent aufzulösen. Zum zweiten Drohbrief habe
er zunächst angegeben, er habe diesen erhalten, als er in Afghanistan auf
der Flucht gewesen sei, später aber behauptet, er sei zu diesem Zeitpunkt
schon in der Türkei gewesen. Seine Beteuerung anlässlich des rechtlichen
Gehörs, dass er zum fraglichen Zeitpunkt in der Türkei gewesen sei, ver-
möge den Widerspruch nicht stringent aufzulösen.
Den in Kopie eingereichten Beweismitteln komme ein geringer Beweiswert
zu, da diese Dokumente leicht fälschbar und aufgrund der weit verbreiteten
Korruption in Afghanistan käuflich zu erwerben seien. Somit seien sie nicht
geeignet, den geltend gemachten Sachverhalt glaubhaft zu machen.
Weiter führe allein der Umstand, dass er während zirka vier Jahren bei der
afghanischen Polizei gedient habe, zu keiner begründeten Furcht vor Ver-
folgung. Auch die allgemeine Kriegssituation in Afghanistan sei nicht asyl-
relevant.
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In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf sei angemerkt worden, dass
das SEM keine eigentliche Gesamtwürdigung der Vorbringen vorgenom-
men habe. Zum Aussageverhalten sei festgehalten worden, dass der Be-
schwerdeführer generell nur knapp und auf Nachfrage geantwortet habe.
Er habe den Angriff auf sein Haus anlässlich der zwei Anhörungen konsis-
tent dargelegt. Die Aussagen zum ersten Drohbrief seien nicht wider-
sprüchlich, da wichtige Angelegenheiten üblicherweise durch die Dorfältes-
ten geregelt würden. Auch seine Aussage zu den «Dörfern der Taliban»
stünden nicht im Widerspruch zum «islamischen Gericht». Seine Aussage
bezüglich Kenntnisnahme vom zweiten Drohbrief habe er spontan korri-
giert, was als Realkennzeichen zu werten sei. Die Originale der eingereich-
ten Beweismittel seien an der Entwurfsbesprechung in Aussicht gestellt
worden. Die Befragerin habe es anlässlich der zwei Befragungen zudem
versäumt, die Originale der Dokumente einzufordern. Abschliessend sei
angemerkt worden, dass aufgrund der Komplexität des Falles das erwei-
terte Verfahren angezeigt wäre.
Bezüglich der Glaubhaftigkeitseinschätzung sei anzumerken, dass das
SEM an seiner Einschätzung festhalte und auf die Argumentation im Rah-
men des Entscheidentwurfes verweise. Eine Gesamtwürdigung und detail-
lierte Auseinandersetzung mit den Vorbringen des Beschwerdeführers sei
im Rahmen des Asylverfahrens erfolgt. Er habe wiederholt die Möglichkeit
gehabt, sich zu den asylrelevanten Ereignissen frei zu äussern. Die in Aus-
sicht gestellten Originale der drei Beweismittel vermöchten nur in Zusam-
menhang mit einer glaubhaften Schilderung der Asylvorbringen die Glaub-
haftigkeit seiner Vorbringen zu untermauern. Zudem sei angemerkt, dass
auch Originaldokumente im afghanischen Kontext einen tiefen Beweiswert
hätten, da diese aufgrund der weit verbreiteten Korruption leicht käuflich
erwerblich seien und nicht als fälschungssichere Dokumente betrachtet
werden könnten (vgl. das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
E-5479/2016 vom 7. Juni 2019 E. 5.5 sowie das Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts E-4489/2017 vom 1. Mai 2020 E. 5.4).
6.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, dass es keinen Anlass für
Zweifel an seiner persönlichen Glaubwürdigkeit gegeben habe. Er neige
weder zu Ausschweifungen noch zu Übertreibungen. Er sei ein zurückhal-
tender junger Mann und sich aufgrund seiner konservativen Erziehung und
seiner Tätigkeit als Polizist gewohnt, erst auf Nachfrage hin zu reden. Wie
bereits in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf erwähnt, habe die
Vorinstanz – entgegen ihrer Behauptung – keine eigentliche Gesamtwürdi-
gung seiner Vorbringen vorgenommen. So hätte es einen Strukturvergleich
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machen müssen. Dabei werde die Qualität der Aussagen zum Kernge-
schehen mit Schilderungen zu Nebensächlichkeiten verglichen. Würden
Letztere eine höhere Qualität aufweisen, könne dies ein Hinweis darauf
sein, dass die Aussagen zum Kerngeschehen nicht auf eigenem Erleben
beruhen würden. Den Anhörungsprotokollen sei zu entnehmen, dass er
von zurückhaltender und wortkarger Natur sei. So habe er auch Neben-
sächlichkeiten weniger ausführlich erzählt als manch anderer. Beispielhaft
sei auf die Frage nach seinem Schulweg, auf die fehlende Erinnerung zu
den Eckdaten seiner Ausbildung und die Motivation zu dieser sowie auf die
Angaben zu seinen familiären Verhältnissen zu verweisen. Ausser Acht ge-
lassen habe die Vorinstanz auch die Umstände und sein Alter zur Zeit des
Angriffs. Dieser habe mitten in der Nacht stattgefunden und er sei aus dem
Schlaf gerissen worden. Zudem habe er sich nach dem Tod seines Vaters
in einer Trauerphase und unter Druck befunden und sei damals erst zwan-
zig Jahre alt gewesen. Zudem habe er – entgegen den Behauptungen der
Vorinstanz – durchaus Details und sogar Irrelevantes vorbringen können.
Schliesslich seien seit den Ereignissen immerhin ganze vier Jahre vergan-
gen und er habe auf seiner zweijährigen Flucht nach Europa traumatisie-
rende Situationen erlebt.
Die von der Vorinstanz erkannten angeblichen Widersprüche seien ge-
sucht. Zur Distanz des Beschusses habe er angegeben, dass die Taliban
zunächst aus weiter Entfernung geschossen und sich während dieser zwei
Stunden immer mehr genähert hätten, was die verschiedenen Angaben zur
Distanz der Schussabgabe erklären lasse. Auch habe er nachvollziehbar
erläutert, dass er die Gesichter der Angreifer aufgrund der mangelnden Be-
leuchtung im Dorf nicht habe erkennen können. Die Vorinstanz versuche
ihn zudem als hochqualifizierten und hochspezialisierten Polizisten mit
ausreichender Polizeiausbildung und Erfahrung in leitender Position dar-
zustellen. Vielmehr habe er aber eine einfache schulische Ausbildung in
einem ländlichen Gebiet in Afghanistan und eine Schnellbleiche bei der
Polizei durchlaufen. Es erscheine mehr als befremdlich, wenn die
Vorinstanz exakte Angaben zur Distanz seiner Angreifer verlange. Den ver-
meintlichen Widerspruch zum Erhalt des ersten Drohbriefes habe er schon
an der Anhörung aufgelöst. Sein Vater habe diesen von den Dorfältesten
in der Moschee erhalten und ihm überbracht. Zum Inhalt dieses Drohbrie-
fes seien ihm lediglich drei Fragen gestellt worden. Er habe erklärt, dass
die Angaben «Gericht» und «Dorf» das gleiche bedeuten würden und die
Taliban in den Dörfern genaue Strukturen gehabt hätten. Bereits in der Stel-
lungnahme zum Entscheidentwurf habe er darauf hingewiesen, dass es
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verfehlt wäre, davon auszugehen, dass die Taliban über die gleichen ge-
richtlichen Strukturen verfügen würden wie in der Schweiz. Wo er sich bei
Erhalt des Drohbriefes befunden habe, sei schliesslich nebensächlich. Es
müsse möglich sein, seine Angaben spontan zu korrigieren, wie er dies hier
gemacht habe. Dies sei ebenfalls ein Realkennzeichen und ein Hinweis
darauf, dass er die Aussagen nicht auswendig gelernt habe. Zuletzt
scheine es plausibel, dass er als Polizist in den Fokus der Taliban geraten
sei. Kurz vor dem ersten Drohbrief sei es auf dem Posten in B._
zu einem heftigen Gefecht mit den Taliban gekommen. So sei es für die
Taliban möglich gewesen, ihn als Polizist zu identifizieren.
Die eingereichten Beweismittel würden mit dem zeitlichen Ablauf seiner
Vorbringen übereinstimmen. Die Vorinstanz habe sich unter Zuhilfenahme
von offensichtlich pauschalisierenden Aussagen (Kopien aus Afghanistan
= Fälschungen) geweigert, diese einer ernsthaften Prüfung und Würdigung
zu unterziehen. In der Zwischenzeit sei es ihm gelungen, die Beweismittel
im Original zu besorgen, welche er hiermit zu den Akten reiche. Zudem
reiche er Fotos des Lehmhauses der Familie ein, welches bei dem Angriff
verwüstet worden sei.
7.
7.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
asylsuchenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Rich-
tigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, über-
wiegen oder nicht. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um
eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des
wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Anga-
ben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuch-
steller bzw. die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhalts-
darstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftma-
chung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar
möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und
überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung
sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2;
2010/57 E. 2.3).
7.2 Die Erwägungen der vorinstanzlichen Verfügung, wonach die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers diese Anforderungen an die Glaubhaftigkeit
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nicht erfüllen, sind zu bestätigen. Dabei ist insbesondere auf die ausge-
prägte Substanzlosigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers an den
beiden Anhörungen hinzuweisen, vor allem auch wenn er sich in freier
Rede äusserte. Dies betrifft insbesondere die Beschreibung des zweistün-
digen Angriffs auf das Haus seiner Familie in Afghanistan. Zur Vermeidung
von Wiederholungen kann diesbezüglich auf die überzeugenden Erwägun-
gen der Vorinstanz verwiesen werden. Angesichts der vierjährigen Berufs-
erfahrung des Beschwerdeführers als Polizist wäre zu erwarten gewesen,
dass er während des zweistündigen Angriffs versucht hätte, irgendetwas
zu erkennen und die Situation einzuschätzen, zumal sich auch im Dunkeln
gewisse Schlüsse ziehen lassen. Dies würde sich in seinem Aussagever-
halten wiederspiegeln und genauere Angaben zu den Ereignissen zulas-
sen, als die vorliegenden, dass er sich versteckt und versucht habe zu flie-
hen. Wenn in der Beschwerde die Qualifikation des Beschwerdeführers mit
dem Hinweis auf die einfache Schulbildung und die Schnellbleiche als Po-
lizist relativiert wird, vermag dies angesichts seiner vierjährigen Arbeitstä-
tigkeit nicht zu überzeugen. Auch der Hinweis in der Beschwerde, wonach
es sich beim Beschwerdeführer im Allgemeinen um einen wortkargen Men-
schen handle, vermag das derart offensichtliche Fehlen von Realkennzei-
chen und Details nicht aufzuwiegen. Daran ändert auch der Umstand
nichts, dass der Beschwerdeführer insgesamt nur unsubstantiierte Anga-
ben machte. Schliesslich vermag auch sein damaliges Alter von zwanzig
Jahren und der Umstand, dass er sich in einer Trauerphase befunden
habe, nicht zu erklären, weshalb er den sehr einschneidenden Angriff von
zwei Stunden Dauer auf sein eigenes Haus nicht im mindesten beschrei-
ben konnte. Auch die Tatsache, dass seither vier Jahre vergangen seien
und der Beschwerdeführer sich lange auf der Flucht befunden habe, ver-
mag die Substanzarmut nicht überzeugend zu erklären.
7.3 Bestätigt werden die Zweifel an den Aussagen des Beschwerdeführers
durch verschiedene Widersprüche in seinen Aussagen. Zwar scheinen die
vorgebrachten Widersprüche für sich nicht allzu gewichtig zu sein. In Kom-
bination mit der ausgesprochenen Substanzarmut in den Aussagen des
Beschwerdeführers fallen sie aber dennoch ins Gewicht. Exakte Angaben
zur Schussdistanz können, wie in der Beschwerde ausgeführt, nicht erwar-
tet werden. Dass der Beschwerdeführer die Situation angesichts seiner
vierjährigen Arbeit als Polizist aber genauer hätte einschätzen und somit
auch zu den Angreifern und deren Entfernung (20 bis 30 oder 100 bis 200
Meter) hätte Angaben machen können, wäre wie oben erwähnt durchaus
zu erwarten gewesen, zumal er immerhin habe hören können, dass sie
«Allahu akbar» gerufen hätten (vgl. Akten des SEM 1066031-25/20 F106).
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Die Annäherung der Angreifer vermag die grosse Differenz in der Schuss-
distanz nicht zu erklären. Zur Übergabe des Drohbriefes gab der Be-
schwerdeführer an der ersten Anhörung explizit an, die Dorfältesten hätten
diesen zu ihm nach Hause gebracht, während er später aussagte, dies sei
sein Vater gewesen. Die Erklärung, wonach der Vater diesen von den Dorf-
ältesten in der Moschee erhalten und nach Hause gebracht habe, vermag
auch das Gericht nicht zu überzeugen. Zudem ist der Inhalt des eingereich-
ten Dokumentes nicht mit den Aussagen des Beschwerdeführers in Ein-
klang zu bringen. Zwar könnte er mit der Bezeichnung «Dorf» allgemein
die Strukturen der Taliban und damit auch das islamische Gericht gemeint
haben. Dennoch wäre zu erwarten, dass er solch genaue Angaben wie die
Androhung eines Gerichtsverfahrens explizit erwähnt hätte, zumal die isla-
mischen Gerichte für ihre Grausamkeit insbesondere bei Kollaboration mit
dem Gegner berüchtigt sind. Wo sich der Beschwerdeführer bei Erhalt des
zweiten Drohbriefes befunden habe, scheint dem Gericht ebenfalls nicht
nebensächlich, zumal er diesen nach dem zwischenzeitlich erfolgten An-
griff nun sicher ernst nehmen musste. Entgegen den Einwendungen in der
Beschwerde handelt es sich hier nicht um eine spontane Korrektur seiner
Angaben, sondern eben um einen Widerspruch, sodass dies nicht als Re-
alitätskennzeichen gewertet werden kann. Dass der Beschwerdeführer
beim Angriff auf den Polizeiposten B._ durch die Taliban identifi-
ziert worden sei, scheint dem Gericht schliesslich ebenfalls nicht plausibel.
7.4 In Bezug auf die Beweismittel kann auf die Erwägungen der Vorinstanz
zur geringen Beweiskraft verwiesen werden. Drohbriefe können von ir-
gendeiner Person verfasst werden und es liegt in der Natur der Sache,
dass sie keine gesicherten Überprüfungsmerkmale aufweisen. Das Glei-
che gilt für die Bestätigung der Behörden, welche zudem auch aus Gefäl-
ligkeit ausgestellt worden sein könnte. Eine genaue Untersuchung solcher
Beweismittel ist vor diesem Hintergrund nicht möglich. Dass sie nun auf
Beschwerdeebene im Original vorliegen, vermag an diesen Schlussfolge-
rungen nichts zu ändern. Die auf Beschwerdeebene eingereichten Foto-
grafien eines zerstörten Lehmhauses in Afghanistan vermögen die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers ebenfalls nicht zu bestätigen.
7.5 Nach dem Gesagten vermögen die Vorbringen des Beschwerdeführers
die Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG
nicht zu erfüllen.
8.
Personen, welche der afghanischen Regierung oder der internationalen
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Gemeinschaft inklusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder
als Unterstützer derselben wahrgenommen werden, sind aufgrund ihrer
Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt (vgl. statt vieler
Urteile des Bundesverwaltungsgerichts D-5923/2018 vom 17. August 2020
E. 8.2 und E-6048/2018 vom 19. Juni 2020 E. 7.2.2). Allein der Umstand,
dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatstaat während eines gewis-
sen Zeitraumes als Polizist gearbeitet hat, vermag die Flüchtlingseigen-
schaft jedoch nicht zu begründen. Es wird nicht in Abrede gestellt, dass die
Polizei in Afghanistan häufig Ziel von Angriffen durch regierungsfeindliche
Gruppierungen ist. Diese abstrakte Gefährdung allein vermag die Flücht-
lingseigenschaft jedoch nicht zu begründen. Vielmehr wäre dafür erforder-
lich, dass sich diese abstrakte Gefährdung hinsichtlich des Beschwerde-
führers individuell konkretisiert hätte (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-857/2017 vom 4. März 2019 E. 6.7 und D-7906/2015 vom 20. Sep-
tember 2016 E. 5.2.3). Dies ist zu verneinen, da der Beschwerdeführer
keine über die seinem Beruf immanente Gefahr hinausgehende persönli-
che Gefährdung nachweisen oder zumindest glaubhaft machen konnte.
9.
Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine
flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu
machen. Das SEM hat das Asylgesuch somit zu Recht abgewiesen.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
10.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.3 Nachdem das SEM den Beschwerdeführer mit Verfügung vom 30. Juli
2020 wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz
vorläufig aufgenommen hat, erübrigen sich Erwägungen zur Zulässigkeit,
Zumutbarkeit und Möglichkeit des Vollzugs der Wegweisung.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit der Beschwerde wurde
ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG gestellt. Gemäss dieser Bestimmung wird von der
Erhebung von Verfahrenskosten abgesehen, wenn die Partei nicht über die
erforderlichen Mittel verfügt und ihre Beschwerde nicht aussichtslos er-
scheint. Vorliegend ist von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers aus-
zugehen, zumal er erst vor kurzem einem Kanton zugewiesen wurde und
im Bundesasylzentrum einem Arbeitsverbot unterlag (Art. 43 Abs. 1 AsylG).
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren
nicht von vornherein aussichtlos waren. Das Gesuch um Gewährung der
unentgeltliche Prozessführung ist damit gutzuheissen und es sind keine
Kosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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