Decision ID: 2289d4c7-3d3e-4531-9fed-2ce071a46931
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
fahrlässige Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur, Einzelgericht,
vom 18. November 2014 (GG140040)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 27. August
2014 (HD Urk. 20) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 47 S. 14 f.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist der fahrlässigen Tötung im Sinne von Art. 117 StGB
in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1, Art. 33 und Art. 100 Ziff. 1 SVG sowie Art. 3 Abs. 1 Satz 1
VRV nicht schuldig und wird von diesem Vorwurf freigesprochen.
2. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 27. August 2014
beschlagnahmten Kleider und das beschlagnahmte Klebbandasservat (Geschäfts-Nr. ... des
Forensischen Instituts Zürich) werden eingezogen und vernichtet.
3. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz. Die weiteren Kosten betragen:
Fr. 7'118.15 Auslagen Vorverfahren
Fr. 2'000.– Gebühr Führung Strafuntersuchung
Fr. 9'118.15 Total
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
4. Die Kosten des Vorverfahrens sowie die Gebühr für die Führung der Strafuntersuchung
werden auf die Gerichtskasse genommen.
5. Dem Beschuldigten wird eine Prozessentschädigung von Fr. 10'726.90 (inkl. MwSt. und
Barauslagen) für die anwaltliche Verteidigung aus der Gerichtskasse zugesprochen.
6. Dem Beschuldigten wird keine persönliche Umtriebsentschädigung zugesprochen.
7. (Mitteilungen)
8. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 4 f.)
a) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 49 S. 2; Urk. 72 S. 1)
1. Schuldigsprechung von A._ im Sinne der Anklageschrift vom
27. August 2014:
• der fahrlässigen Tötung im Sinne von Art. 117 StGB in Verbindung mit
Art. 31 Abs. 1 und Art. 33 SVG sowie Art. 3 Abs. 1 Satz 1 VRV.
2. Bestrafung mit einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 40.– sowie
einer Busse von Fr. 1'200.–.
3. Gewährung des bedingten Vollzuges der Geldstrafe unter Ansetzung einer
Probezeit von 2 Jahren.
4. Festsetzung einer Ersatzfreiheitsstrafe von 12 Tagen bei schuldhafter Nicht-
bezahlung der Busse.
5. Kostenauflage an den Beschuldigten.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 73 S. 2)
1. In Bestätigung des vorinstanzlichen Freispruchs sei die Berufung der
Staatsanwaltschaft abzuweisen.
2. Die Verfahrens- und Gerichtskosten seien auf die Staatskasse zu nehmen
und dem Beschuldigten und Berufungsbeklagten sei eine Anwaltskosten-
entschädigung nach Massgabe der aufgelegten Kostennoten zuzusprechen.
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Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Mit Urteil des Bezirksgerichts Winterthur, Einzelgericht Strafsachen, vom
18. November 2014 wurde der Beschuldigte A._ vom Vorwurf der fahrlässi-
gen Tötung im Sinne von Art. 117 StGB in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1, Art. 33
und Art. 100 Ziff. 1 SVG sowie Art. 3 Abs. 1 Satz 1 VRV freigesprochen. Im Wei-
teren wurden die mit Verfügung vom 27. August 2014 beschlagnahmten Kleider
und das beschlagnahmte Klebbandasservat eingezogen und vernichtet. Eine Ent-
scheidgebühr wurde nicht festgesetzt. Die übrigen Kosten wurden auf die Ge-
richtskasse genommen und dem Beschuldigten eine Prozessentschädigung von
Fr. 10'726.90 (inkl. MwSt und Barauslagen) für die anwaltliche Verteidigung aus
der Gerichtskasse zugesprochen. Eine persönliche Umtriebsentschädigung wurde
dem Beschuldigten nicht zugesprochen (Urk. 47 S. 14).
2. Gegen dieses Urteil des Bezirksgerichts Winterthur meldete die Staatsan-
waltschaft Winterthur/Unterland mit Eingabe vom 24. November 2014 innert Frist
Berufung an (Urk. 38). Am 6. Februar 2015 reichte die Staatsanwaltschaft, nach-
dem ihr das begründete Urteil am 2. Februar 2015 zugestellt wurde (Urk. 45),
fristgerecht die Berufungserklärung ein (Art. 399 Abs. 3 StPO) und stellte ob-
erwähnte Anträge (Urk. 49). In der Folge wurde dem Beschuldigten und der Pri-
vatklägerschaft mit Verfügung vom 19. Februar 2015 Frist angesetzt, um zu erklä-
ren, ob sie Anschlussberufung erheben oder ein Nichteintreten auf die Berufung
beantragen würden. Gleichzeitig wurde dem Beschuldigten Frist angesetzt, um
das Datenerfassungsblatt sowie Kopien der unterschriebenen Steuererklärungen
der beiden letzten Jahre und Unterlagen über seine Einkünfte und Wohnkosten
einzureichen (Urk. 54). Innert Frist teilten der Beschuldigte und die Privatkläger-
schaft mit, auf eine Anschlussberufung zu verzichten (Urk. 56 und 58). Zudem
reichte der Beschuldigte die eingeforderten Unterlagen ein (Urk. 60).
3. Die Staatsanwaltschaft erklärte zwar, das Urteil vollumfänglich anzufechten
(Urk. 49). Bei den nachfolgend gestellten Berufungsanträgen findet sich
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betreffend die beschlagnahmten Gegenstände indes kein Antrag. Es ist daher
davon auszugehen – und wurde anlässlich der Berufungsverhandlung auch so
bestätigt (Prot. II S. 5 f.) –, dass Dispositiv-Ziffer 2 des Urteils des Bezirksgerichts
Winterthur vom 18. November 2014 nicht angefochten und damit in Rechtskraft
erwachsen ist. Davon ist vorab Vormerk zu nehmen (Art. 404 Abs. 1 in Verbin-
dung mit Art. 402 StPO).
4. Beweisanträge wurden im Berufungsverfahren keine gestellt (Urk. 49;
Urk. 56; Urk. 58; Prot. II S. 6). Allerdings wurde anlässlich der Berufungsverhand-
lung auf Anweisung des Gerichts der Sachverständige B._ vom FOR befragt
(Urk. 70 + 71).
II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, er habe unwissentlich an einer deutlichen
Blendempfindlichkeit in Kombination mit einem bei Dämmerung oder Dunkelheit
eingeschränkten Kontrastsehvermögen gelitten. Er habe am 18. September 2012,
um ca. 20.55 Uhr, in Winterthur auf der Frauenfelderstrasse stadteinwärts ein
Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 45 km/h gelenkt. Dies bei ta-
geszeitbedingter Dunkelheit und einsetzendem Nieselregen. Auf Höhe des Sport-
platzes Talwiese habe er sich für einen Augenblick vom gleissend hellen Weiss-
licht der Sportplatzbeleuchtung ablenken lassen. Dadurch habe er den von der
Mittelinsel herkommenden, dunkel gekleideten Fussgänger, den Geschädigten
C._, erst wahrgenommen, als dieser den Fussgängerstreifen bereits betreten
habe, um die an der fraglichen Stelle nur mässig durch eine orangerote Lampe
ausgeleuchtete Fahrbahn mit normaler Gehgeschwindigkeit (ca. 1.25 m/s) zu
überqueren. Wegen der bereits dargelegten Unaufmerksamkeit habe der
Beschuldigte nicht rechtzeitig abbremsen können, um dem Geschädigten den
gebührenden Vortritt zu gewähren. So sei es auf dem Fussgängerstreifen zu einer
Kollision zwischen der Frontpartie des vom Beschuldigten gelenkten Personen-
wagens und dem Geschädigten gekommen. Durch dieses Unfallereignis, in deren
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Folge der Geschädigte zunächst durch den Frontstossfänger des Unfallfahrzeu-
ges auf Beinhöhe erfasst worden, sodann beifahrerseitig auf die Windschutz-
scheibe aufgeschlagen und danach mehrere Meter in Richtung Bushaltestelle
Hohlandweg weggeschleudert worden sei, habe dieser schwere Verletzungen am
ganzen Körper erlitten, so unter anderem Knochenbrüche der Schädelbasis, des
Felsenbeins, des Mittelgesichts, des Brustbeins (Sternum), der ersten Rippe links,
der 1. bis 8. Rippe rechts, des rechten Schulterblattes (Scapula), des oberen
und unteren Schambeinastes links, des rechten Oberschenkels (proximaler
Femurschaft) und des rechten Unterschenkels (proximaler Unterschenkelschaft).
Diese Verletzungen hätten in der Folge trotz breiter antibiotischer Behandlung zu
einer schweren Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung in Kombination mit einer
schweren Lungenentzündung geführt, an deren Folgen der Geschädigte am
13. November 2012 nach einem akuten Herzversagen als kausale Folge des Un-
fallgeschehens vom 18. September 2012 verstorben sei. Hätte sich der Beschul-
digte nicht von der Flutlichtanlage des Sportplatzes Talwiese ablenken lassen,
sondern pflichtgemäss seine volle Aufmerksamkeit dem Geschehen auf der
Strasse und insbesondere dem vor ihm liegenden Fussgängerstreifen gewidmet,
hätte er den Geschädigten trotz der objektiv wie auch subjektiv schlechten Sicht-
verhältnisse rechtzeitig wahrnehmen und sein Fahrzeug ohne Hast bis zum
Stillstand abbremsen können, zumal der Beschuldigte im Zeitpunkt, als sich der
Geschädigte angeschickt habe, den Fussgängerstreifen von der Mittelinsel her zu
betreten, mit seinem Fahrzeug noch 32 Meter vom späteren Unfallopfer entfernt
gewesen sei. Der für den Geschädigten tödlich verlaufende Verkehrsunfall hätte
so ohne weiteres vermieden werden können (HD Urk. 20 S. 2 f.).
Unbestritten und gemäss Untersuchung erstellt ist, dass der Beschuldigte am
18. September 2012, um ca. 20.55 Uhr, bei tageszeitbedingter Dunkelheit und
einsetzendem Nieselregen seinen Personenwagen auf der Frauenfelderstrasse
in Winterthur stadteinwärts lenkte und es bei der Bushaltestelle Hohlandweg zur
Kollision mit dem dunkel gekleideten als Fussgänger unterwegs gewesenen Ge-
schädigten, der den Fussgängerstreifen von links nach rechts überqueren wollte,
kam, in deren Folge der Geschädigte auf der rechten Seite der Frontscheibe des
Personenwagens aufschlug (vgl. dazu auch Urk. 69 S. 4). Unbestritten ist auch,
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dass von links ein grelles Licht schien, dass die Fahrbahn bei der Kollisionsstelle
nur mässig durch eine orangerot leuchtende Strassenlampe ausgeleuchtet war
und dass der Beschuldigte im Zeitpunkt des Unfallereignisses unwissentlich an
einer deutlichen Blendempfindlichkeit in Kombination mit einem bei Dämmerung
oder Dunkelheit eingeschränkten Kontrastsehvermögen litt. Der Beschuldigte
macht jedoch geltend, den Zusammenstoss mit dem Geschädigten nicht aus
Unaufmerksamkeit bzw. Pflichtwidrigkeit verursacht zu haben. Es sei unklar, wo
und wie sich der Unfall genau zugetragen habe (Urk. 69 S. 4 ff.). Nachfolgend ist
daher aufgrund der vorhandenen Beweismittel zu prüfen, ob sich der restliche
massgebliche Anklagesachverhalt rechtsgenügend erstellen lässt.
2. Beweismittel und deren Verwertbarkeit
Die Anklagebehörde stützt sich zum Beweis des von ihr behaupteten Sach-
verhalts im Wesentlichen auf die Aussagen des Beschuldigten (HD Urk. 3-5),
die Zeugeneinvernahmen von D._ (HD Urk. 6) und von E._
(HD Urk. 7), eine Fotodokumentation der Stadtpolizei Winterthur (HD Urk. 8/1),
sämtliche Unfallfotos in elektronischer Form (HD Urk. 8/3), einen Situationsplan
der Stadtpolizei Zürich (HD Urk. 11/7), eine unfallanalytische Vorbeurteilung
des Forensischen Instituts Zürich (HD Urk. 11/8), verkehrsmedizinische Akten
über den Beschuldigten (HD Urk. 13/1-2), ein pharmakologisch-toxikologisches
Gutachten über den Geschädigten (HD Urk. 12/10) und ein rechtsmedizinisches
Gutachten zum Todesfall des Geschädigten (ND 1 Urk. 5/4). Anlässlich der
heutigen Berufungsverhandlung wurde – wie erwähnt – zudem B._, Unfall-
analytiker beim Forensischen Institut Zürich, als sachverständiger Zeuge einver-
nommen (Urk. 70).
Zur Verwertbarkeit der genannten Beweismittel gilt es lediglich anzumerken, dass
die unfallanalytische Vorbeurteilung des Forensischen Instituts Zürich kein
Gutachten im Sinne von Art. 184 StPO darstellt (vgl. HD Urk. 11/8 S. 1). Nachdem
der Beschuldigte jedoch ausdrücklich auf die Erstellung eines förmlichen Gutach-
tens verzichtet hat (HD Urk. 16/16; HD Urk. 5 S. 1 f.), hat er die Vorbeurteilung
anerkannt, weshalb sie grundsätzlich verwertbar ist.
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3. Aussagen des Beschuldigten
Der Beschuldigte führte anlässlich seiner polizeilichen Einvernahme vom 18. Sep-
tember 2012 aus, er sei mit der Umgebung relativ gut vertraut. Zum Unfallzeit-
punkt sei die Strasse nass gewesen, es habe leicht geregnet und von links habe
extrem helles Licht von der Beleuchtung des Fussballplatzes geschienen. Der
Fussgängerstreifen sei aus seiner Sicht extrem schlecht beleuchtet gewesen. Wie
schnell er gefahren sei, könne er nicht sagen. Es sei jedenfalls unter 50 km/h ge-
wesen. Er sei auf der Frauenfelderstrasse stadteinwärts eher auf der linken Hälfte
seiner Fahrbahnseite gefahren. Plötzlich habe er einen Fussgänger links vor
seinem Fahrzeug auftauchen sehen. Dieser sei von links nach rechts gelaufen.
Er habe ihn mit seinem Fahrzeug erfasst und es habe ihn auf die Frontscheibe
geworfen. Sofort habe er, der Beschuldigte, eine Vollbremsung eingeleitet. Er
könne nicht sagen, zu welchem Zeitpunkt er den Fussgänger erkannt habe. Es
sei extrem knapp gewesen. Er könne auch nicht sagen, wo sich sein Fahrzeug zu
diesem Zeitpunkt befunden habe. Es sei sehr kurz gewesen. Er habe lediglich ei-
nen schwarzen Schatten erkannt. Die Kollision könne er nicht genau schildern. Er
denke, dass der Fussgänger von der vorderen linken Ecke seines Fahrzeugs
erfasst worden sei. Er könne lediglich noch sagen, dass der Fussgänger
anschliessend gegen die Windschutzscheibe geprallt sei. Mit welchem Körperteil
dies erfolgt sei, habe er nicht erkennen können. Verrichtungen im Fahrzeug habe
er keine vorgenommen. Lediglich das grelle Flutlicht des sich links befindlichen
Fussballplatzes habe ihn irritiert. Er sei Diabetiker und nehme Insulin. Dies
beeinträchtige seine Fahrtauglichkeit nicht. Er habe auch sonst nichts genommen,
was die Fahrtauglichkeit beeinträchtige (HD Urk. 3)
Am 11. Juli 2013 wurde der Beschuldigte erstmals durch die Staatsanwaltschaft
einvernommen. Dabei gab der Beschuldigte zu Protokoll, der Fussgänger sei für
ihn im Gefahrenbereich nicht sichtbar gewesen. Zudem habe es dahinter eine
schwarze Häuserfassade, sodass er wohl nur schwarz auf schwarz gesehen
habe. Er habe bei der Polizei ausgeführt, das grelle Fluchtlicht habe ihn irritiert.
Das Wort irritiert würde er heute nicht mehr verwenden (HD Urk. 4 S. 3).
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Am 26. August 2014 wurde der Beschuldigte durch die Staatsanwaltschaft erneut
einvernommen. Mit den Ergebnissen der unfallanalytischen Voruntersuchung
konfrontiert führte der Beschuldigte aus, er habe es so in Erinnerung, dass ihm
der Fussgänger seitlich ins Auto gelaufen sei. Er habe keine Erinnerung daran,
wo die Kollision genau stattgefunden habe. Die gemäss Unterlagen des IRM be-
stehende leichte diabetische Netzhauterkrankung mit sogenanntem diabetischem
Makulaödem sei ihm bekannt gewesen. Er sei deswegen auch in Behandlung
gewesen, damit die Aneurysmen nicht grösser würden. Der Erfolg der Behand-
lung sei so gut gewesen, dass er keine Veranlassung gesehen habe, auf das
Autofahren bei Dunkelheit und Dämmerung zu verzichten (HD Urk. 5).
Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung führte der Beschuldigte aus, er
habe in dem Moment, als er den Geschädigten gesehen habe, eine Vollbremsung
eingeleitet. Es habe jedoch nicht gereicht, um die Kollision zu verhindern. Der
Geschädigte sei ihm von links ins Auto gelaufen. Er kenne die Örtlichkeit gut. Er
habe, als er auf den Fussgängerstreifen zugefahren sei, die Umgebung beobach-
tet, habe allerdings nichts gesehen. Bei der Mittelinsel und weiter hinten sei alles
schwarz gewesen. Es habe dort eine dunkle Stelle eines Hauses. Wenn dort eine
dunkel gekleidete Person zu laufen komme, sehe man sie nicht, ausser man
würde mit Fernlicht fahren. Er wisse nicht mehr, ob er Bremsbereitschaft erstellt
habe. Er sei jedoch grundsätzlich langsam gefahren, etwas über 40 km/h. Wie viel
Abstand er zum Geschädigten gehabt habe, als er diesen zum ersten Mal
wahrgenommen habe, könne er nicht mehr sagen. Durch das Flutlicht habe er
sich nicht ablenken lassen. Er habe das auch in der ersten Einvernahme nicht so
formuliert. Er habe nur gesagt, dass ihm das Flutlicht aufgefallen sei, dass er es
bemerkt habe. Dass er irritiert gewesen sein soll, habe er nicht gesagt. Das sei so
interpretiert worden. Von der Tankstelle an befinde sich eine Baumpartie. Dort, wo
diese aufhöre, falle auf, dass das Licht auf die Strasse flute. Hingeschaut habe
er nicht. Vor dem Unfall habe er nicht gewusst, dass er an einer deutlichen
Blendempfindlichkeit mit einem bei Dämmerung oder Dunkelheit eingeschränkten
Kontrastsehvermögen leide. Er sei zwar wegen eines Aneurysma auf der
Netzhaut in Behandlung gewesen. Dies habe aber seine Sehfähigkeit nicht einge-
schränkt. Seine Sehfähigkeit werde laufend überprüft. Diese betrage auch mit
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dem Aneurysma 100%. Ihm sei nicht bekannt gewesen, dass sich das auf seine
Fahrfähigkeit in der Nacht ausgewirkt hätte (Prot. I S. 8 ff.).
Im Rahmen der heutigen Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte aus, er
könne weder sagen, wer schuld an der Kollision sei, noch ob der Geschädigte auf
der rechten Seite vom Auto erfasst worden sei. Er habe den Geschädigten mit
dem linken Kotflügel seines Wagens erfasst, was durch die Spurensicherung der
Polizei gestützt werde. Er könne sich nicht mehr erinnern, ob er C._ auf dem
linken Fussgängerabschnitt gesehen habe; auch auf der Mittelinsel nicht, es sei
alles schwarz in schwarz bzw. dunkel in dunkel gewesen. Als der Geschädigte
von der Mittelinsel auf den zweiten Fussgängerabschnitt getreten sei, habe er ihn
dann gesehen, da er sonst ja keine Vollbremsung eingeleitet hätte. Seine
Aufmerksamkeit habe er auf auf die Strasse und den Fussgängerstreifen gerichtet
gehabt. Das "Nichtsehen" des Fussgängers sei nicht auf seine damals bestehen-
den Augenprobleme zurückzuführen, da diese nicht stark seien (Urk. 69 S. 4 ff.).
4. Aussagen von D._
D._ wurde am 14. April 2014 durch die Staatsanwaltschaft als Zeuge
einvernommen. Dabei führte er aus, bei besagtem Fussgängerstreifen habe es
ein Bushäuschen. Oberhalb dieses Bushäuschens seien sie daran gewesen, die
Schäden eines Einbruchdiebstahls zu reparieren. Er habe nur gesehen, wie eine
Person über den Fussgängerstreifen gegangen sei. Dann habe er gehört, wie
es "geklöpft" habe. Der Fussgänger sei von der Seite des Fussballplatzes ge-
kommen und in Richtung Bushäuschen gegangen. Mit welcher Geschwindigkeit
der Fussgänger unterwegs gewesen sei, wisse er nicht. Dieser sei normal
gegangen. Er habe die Kollision nicht gesehen. Er habe nur gesehen, wie ein
Auto nach dem Fussgängerstreifen gestanden und weiter vorne eine Person ge-
legen sei. Das spätere Unfallfahrzeug habe er nicht wahrgenommen. Wie lange er
den Fussgänger gesehen habe, könne er nicht sagen. Er habe nur gesehen, dass
der Fussgänger die stadtauswärtsführende Fahrbahn der Frauenfelderstrasse
betreten und auf die Mittelinsel zugegangen ist. Er habe nicht mehr gesehen,
dass der Fussgänger die Mittelinsel betreten habe, da er sich schon abgewendet
habe (HD Urk. 6).
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5. Rechtsmedizinisches Gutachten zum Todesfall
Das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich vom
10. April 2013 hält fest, dass die Knochenbrüche des Geschädigten, unter
Betonung der rechten Seite, für einen Anprall von rechts sprechen würden. Diese
Verletzungen seien vereinbar mit den Angaben, dass der Geschädigte auf einem
Fussgängerstreifen von rechts erfasst und weggeschleudert worden sein soll. Die
Blutung unter der weichen Hirnhaut sowie die Einblutung im Hirngewebe müsse
ebenfalls als Folgen einer höhergradigen stumpfen Gewalteinwirkung gegen die-
se Region angesehen werden und könnten z.B. durch einen Anprall des Kopfes
auf dem Fahrzeug oder auf dem Asphalt entstanden sein. Todesursächlich werde
ein akutes Herzversagen infolge einer Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung in
Kombination mit einer akuten Lungenentzündung, als Komplikation der beim
Ereignis vom 18. September 2012 erlittenen Verletzungen angesehen. Die todes-
ursächliche Entzündung des Herzens und des Herzbeutels sei als Komplikation
der am 18. August (recte: September) 2012 erlittenen Verletzungen anzusehen
und stehe im kausalen Zusammenhang mit dem Unfallereignis (ND 1 Urk. 5/4).
6. Unfallanalytische Vorbeurteilung des Forensischen Instituts Zürich
Die unfallanalytische Vorbeurteilung des Forensischen Instituts Zürich vom
28. Januar 2014 hält zunächst fest, dass sich verschiedene Fragen zur lückenhaf-
ten Unfallaufnahme, Spurensicherung und Unfalldokumentation durch die Stadt-
polizei Winterthur aufdrängen würden (HD Urk. 11/8 S. 2 f.). Zur Beantwortung
dieser Fragen wurde E._, welcher seinerzeit seitens der Stadtpolizei
Winterthur bei der Spurensicherung mitwirkte, durch die Staatsanwaltschaft
am 14. April 2014 als Zeuge einvernommen. E._ führte aus, dass eine Beur-
teilung als ältere Beschädigungen höchstens deshalb erfolgt sein könne, wenn es
bereits Dreck oder Rost gehabt habe. Es wisse jedoch nicht, weshalb an den bei-
den Frontecken keine Spuren entnommen bzw. dort nicht nach Textilfasern des
Geschädigten gesucht worden sei. Wischspuren an einem abgetrockneten Fahr-
zeug erkenne man sofort als frisch. Die Fingerabdruck- und Wischspuren am lin-
ken Kotflügel seien frisch gewesen, weshalb nicht ausgeschlossen werden konn-
te, sie würden vom Unfall stammen. Im Übrigen konnte E._ die
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vom Forensischen Institut Zürich aufgeworfenen Fragen nicht beantworten
(HD Urk. 7).
Trotz der mangelhaften spurenkundlichen Unfallaufnahme konnte das Forensi-
sche Institut Zürich unfallanalytisch-physikalische Überlegungen zum Unfallher-
gang machen. Danach würden die Beschädigungen rechts in der Frontscheibe
des Personenwagens und am Dachholm im Zusammenhang mit dem Bericht über
die bezirksärztliche Legalinspektion auf einen Anprall des Fussgängers mit der
rechten Körperseite und dem Kopf gegen die Frontscheibe und dem Dachholm
hindeuten. Die Unterschenkelfraktur des Fussgängers sei typisch für einen
Anprall des Stossfängers des Personenwagens. Einzelne Beschädigungen resp.
Kontaktspuren im rechten Frontbereich des Personenwagens seien damit verein-
bar. Die Endlagen des Personenwagens und des Fussgängers sowie dessen
Utensilien seien ebenfalls mit einem Anprall des rechten Frontbereiches des
Personenwagens gegen die rechte Seite des Fussgängers vereinbar. Die Angabe
im Polizeirapport (Seite 6), die rechte Fahrzeugfront sei mit dem Fussgänger
kollidiert, sei aufgrund des Gesamtspurenbildes nachvollziehbar. Die Abdruck-
spuren links auf der Motorhaube und die Wischspuren am linken Kotflügel seien
vermutlich ereignisfremd. Die Kollisionsgeschwindigkeit könne bei etwa 40 bis
50 km/h eingegrenzt werden. Damit kompatibel seien auch die schweren
multiplen Körperverletzungen des Fussgängers. Auf der Motorhaube seien keine
Wischspuren des Fussgängers dokumentiert und auf den digitalen Fotografien
seien keine derartigen Spuren ersichtlich. Der Primärkontakt mit dem Fussgänger
habe nicht bei der linken Frontecke des Personenwagens stattfinden können, da
der Fussgänger mit ca. 40 km/h von links nach rechts knapp über die Motorhaube
hätte fliegen und zuvor entsprechend in die Höhe hätte springen müssen.
Utensilien und insbesondere Mützen von angestossenen Fussgängern würden
erfahrungsgemäss nahe der Kollisionsstelle zu Boden fallen und würden
kaum entgegen die Fahrtrichtung des Personenwagens geworfen. Aufgrund der
Endlage der Utensilien sei davon auszugehen, dass die Kollision auf dem
Fussgängerstreifen stattgefunden habe. Der Personenwagen habe sich auf der
kurzen nachkollisionären Auslaufstrecke kaum nach links oder rechts bewegt.
Gemäss Situationsplan sei der Personenwagen mit der Front ca. 7 m nach dem
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Fussgängerstreifen zum Stillstand gekommen. Weder die Stellung der Vorder-
räder noch die Richtung der Fahrzeuglängsachse würden auf ein Ausweich-
manöver hindeuten. Für die Eingrenzung der Kollisionsstelle könne somit das
Fahrzeug in der Richtung seiner Längsachse zurückversetzt werden und zwar
mindestens bis auf die Höhe der Endlage der Utensilien des Fussgängers. Unter
der Annahme, der Fussgänger sei vom rechten Frontbereich des Personenwa-
gens getroffen worden, hätte der Personenwagen nach der Kollision eine Strecke
von 9.5 Meter zurückgelegt. Bei Annahme einer Kollisionsgeschwindigkeit von
ca. 45 km/h, einer Bremsverzögerung auf der feuchten Asphaltfahrbahn von
7.5 m/s2, einer geringfügigen kollisionsbedingten Geschwindigkeitsverminderung
des Personenwagens von 2 km/h, einer Bremsschwelldauer von 0.2 Sekunden,
einer Reaktionsdauer von 1 Sekunde und einer Fussgängergeschwindigkeit von
4.5 km/h (1.25 m/s), hätte der Fussgänger von der Schutzinsel bis zur Kollisions-
stelle eine Distanz von 3 Meter zurückgelegt und dafür 2.4 Sekunden benötigt.
Unter diesen Annahmen hätte die Ausgangsgeschwindigkeit des Personen-
wagens 48 km/h betragen und sei, als der Fussgänger die Schutzinsel verlassen
habe, 31.8 Meter von der Kollisionsstelle entfernt gewesen. Bei sofortiger
Reaktion hätte der Beschuldigte vor der Kollisionsstelle anhalten können. Ab einer
Fussgängergeschwindigkeit von 2.5 m/s hätte der Beschuldigte, unter sonst
gleichen Bedingungen, reagiert, bevor der Fussgänger von der Schutzinsel auf
die Fahrbahn getreten sei (HD Urk. 11/8).
7. Weitere Beweismittel
Als weitere Beweismittel finden sich in den Akten diverse Fotos (HD Urk. 8/1 und
3, ein Situationsplan der Stadtpolizei Zürich (HD Urk. 11/7), verkehrsmedizinische
Akten über den Beschuldigten (HD Urk. 13) sowie ein pharmakologisch-
toxikologisches Gutachten über den Geschädigten (HD Urk. 12/10). Hinzu kommt
die Einvernahme des sachverständigen Zeugen B._ anlässlich
der heutigen Berufungsverhandlung (Urk. 70). Auf diese Beweismittel ist im
Folgenden – soweit für die Urteilsfindung relevant – einzugehen.
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III. Beweiswürdigung
1. Bei der Beantwortung der Frage, ob sich der dem Beschuldigten in der
Anklageschrift vorgeworfene Sachverhalt verwirklicht hat, ist das Gericht keinen
Beweisregeln verpflichtet. Vielmehr gilt der Grundsatz der freien richterlichen
Beweiswürdigung (Art. 10 Abs. 2 StPO), wonach das Gericht das Urteil nach
seiner freien, aus den vorliegenden Beweismitteln geschöpften Überzeugung fällt.
Muss sich die Beweisführung auch auf Aussagen der Beteiligten stützen, ist
anhand sämtlicher Umstände, die aus den Akten ersichtlich sind, zu prüfen,
welche Darstellung überzeugend ist. Liegen widersprüchliche Aussagen vor, so
ist der Beschuldigte nicht schon aus diesem Grund freizusprechen; vielmehr ist
der innere Gehalt der Aussagen zu prüfen. Nur wenn sich auf diese Weise eine
Überzeugung weder in die eine noch in die andere Richtung gewinnen lässt, ist
der Beschuldigte freizusprechen (BGE 120 Ia 31 E. 2b und c).
Beim Abwägen von Aussagen ist im Besonderen zwischen der Glaubwürdigkeit
einer Person und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zu unterscheiden. Während
die erste Grundlage dafür liefert, ob einer Person getraut werden kann, ist die
letztere für die im Prozess massgebende Entscheidung bedeutungsvoll, ob sich
der Sachverhalt zur Hauptsache so zugetragen hat oder nicht. Die allgemeine
Glaubwürdigkeit einer Person ergibt sich nebst ihrer prozessualen Stellung vor
allem aus den persönlichen Beziehungen und Bindungen zu den übrigen
Prozessbeteiligten. In erster Linie massgebend ist jedoch nicht die prozessuale
Stellung der Aussagenden bzw. ihre allgemeine Glaubwürdigkeit im Sinne einer
dauerhaften personalen Eigenschaft. Es geht vielmehr um die Beurteilung, ob auf
ein bestimmtes Geschehen bezogene Angaben zutreffen, d.h. einem tatsächli-
chen Erleben der untersuchten Person entsprechen. Dabei ist vor allem auf das
Vorhandensein von Realitätskriterien, aber auch auf Widersprüche und Erweite-
rungen zu achten (BENDER/NACK/TREUER, Tatsachenfeststellung vor Gericht,
3. Aufl., München 2007, S. 68 ff.).
2. D._ und E._ stehen in keinerlei Beziehung zum Beschuldigten,
Geschädigten, dessen Ehefrau bzw. dessen Nachkommen (HD Urk. 6 S. 2; HD
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Urk. 7 S. 2). Beide sind demzufolge als glaubwürdig anzusehen. E._ könnte
theoretisch ein eigenes Interesse am Strafverfahren haben. Dies nämlich dann,
wenn er die bei der Spurenaufnahme erfolgten Versäumnisse korrigieren bzw.
sich in einem besseren Licht darzustellen versuchte. Vorliegend sind jedoch keine
Eigeninteressen auszumachen. D._ sagte zurückhaltend aus und räumte
auch ein, wenn er etwas nicht wusste. In den Aussagen von E._ und
D._ sind keine Lügensignale erkennbar. Ihre Aussagen sind daher als glaub-
haft anzusehen und es kann auf sie abgestellt werden.
3. Hinsichtlich der allgemeinen Glaubwürdigkeit des Beschuldigten ist festzu-
halten, dass er im vorliegenden Verfahren nicht unter Strafandrohung zu
wahrheitsgemässen Aussagen verpflichtet war und als direkt vom vorliegenden
Strafverfahren Betroffener ein – insoweit legitimes – Interesse daran haben dürfte,
die Geschehnisse in einem für ihn günstigen Licht darzustellen. Entsprechend
sind seine Aussagen mit der gebotenen Zurückhaltung zu würdigen. Dies darf
jedoch nicht zur Folge haben, dass der generelle Schluss gezogen wird, die
Aussagen des Beschuldigten seien deshalb stets mit grosser oder grösster
Zurückhaltung zu würdigen. Dies liefe auf eine rechtsstaatlich unhaltbare Benach-
teiligung des Beschuldigten hinaus, indem zumindest der Anschein oder Eindruck
erweckt würde, man glaube ihm von vornherein weniger als etwa einem
Belastungszeugen. Die besondere Motivationslage ist dennoch insofern von Be-
lang, als der Beschuldigte bei einzelnen Sachverhaltsbereichen ein zusätzliches
und offenkundiges Interesse haben kann, nicht die Wahrheit zu sagen, was bei
einem blossen Zeugen in der Regel nicht der Fall ist. Allerdings liegen keine An-
haltspunkte vor, die von vornherein gegen die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten
sprechen würden. Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Aussagen des
Beschuldigten ist sowohl auf ihren jeweiligen Inhalt als auch auf das Aussage-
verhalten in seiner Gesamtheit abzustellen.
Der Beschuldigte sagte eher vorsichtig und zurückhaltend aus und machte
teilweise auch nur zögerlich Angaben. Dies wäre damit erklärbar, dass der
Beschuldigte ausführte, er habe den Geschädigten erst kurz vor der Kollision als
Schatten wahrgenommen und könne sich den Unfallhergang nicht erklären.
- 16 -
Trotzdem wirkt seine Schilderung lebensnah. Zur gefahrenen Geschwindigkeit
macht der Beschuldigte divergierende Angaben. So führte er anlässlich der
polizeilichen Einvernahme aus, er könne nicht genau sagen, mit welcher
Geschwindigkeit er gefahren sei. Es sei unter 50 km/h gewesen (HD Urk. 3 S. 2).
Anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung machte der Beschuldigte
geltend, er sei mit etwas über 40 km/h gefahren (Prot. I S. 9); heute gab er an, er
könne nicht sagen, ob seine Geschwindigkeit näher bei 40 km/h oder 50 km/h
gewesen sei. Realistisch sei zwischen 40 km/h und 50 km/h. Er sei vorsichtig und
langsam in die Stadt gefahren (Urk. 69 S. 6). Zur vom Beschuldigten gefahrenen
Geschwindigkeit äussert sich auch die Vorbeurteilung des Forensischen Instituts
Zürich. Danach könne anhand des Schadenbildes die Kollisionsgeschwindigkeit
des Personenwagens bei etwa 40 km/h bis 50 km/h eingegrenzt werden. Damit
kompatibel seien auch die schweren und multiplen Körperverletzungen des
Fussgängers (HD Urk. 11/8 S. 4). Nichts anderes führte der Zeuge B._
anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung aus (Urk. 70 S. 9 f. und S. 15 f.).
Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die Kollision mit einer
Geschwindigkeit von mehr als 40 km/h aber weniger als 50 km/h erfolgte.
Ebenfalls nicht konstante Ausführungen machte der Beschuldigte in Bezug auf
das Licht der Flutlichtanlage. In der polizeilichen Einvernahme führte er aus, das
grelle Flutlicht des sich links befindlichen Fussballplatzes habe ihn irritiert (HD
Urk. 3 S. 3). Anlässlich der ersten staatsanwaltschaftlichen Einvernahme führte er
aus, er habe bei der Polizei ausgeführt, das grelle Fluchtlicht habe ihn irritiert.
Das Wort irritiert würde er heute nicht mehr verwenden (HD Urk. 4 S. 3). In der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung führte der Beschuldigte schliesslich dazu aus,
er habe sich durch das Flutlicht nicht ablenken lassen. Er habe das auch in der
ersten Einvernahme nicht so formuliert. Er habe nur gesagt, dass ihm das Flutlicht
aufgefallen sei, dass er es bemerkt habe. Dass er irritiert gewesen sein soll, habe
er nicht gesagt. Das sei so interpretiert worden (Prot. I S. 10). Es fällt auf, dass
sich der Beschuldigte im Laufe der Untersuchung immer mehr von seiner in der
polizeilichen Einvernahme gemachten Aussage, wonach ihn das grelle Licht der
Flutlichtanlage des angrenzenden Fussballplatzes irritiert habe, distanziert, um
schliesslich festzuhalten, er habe dies gar nicht gesagt, dies sei so interpretiert
- 17 -
worden. Dieses Zurücknehmen der Aussage, welches darin gipfelt, dass er dies
gar nicht so gesagt habe, sondern vom Polizeibeamten so interpretiert worden
sei, spricht gegen die subjektive Wahrheit und damit gegen die Glaubhaftigkeit
dieser Aussage. Daran ändern auch seine heutigen Depositionen nichts. Er
erläuterte heute, er habe seine Aussage im Laufe des Verfahrens immer mehr
abgeschwächt, weil ihm klar gewesen sei, dass er sich von diesem Licht nicht
habe ablenken lassen. Er habe das Licht zwar festgestellt, aber er sei nicht irritiert
gewesen. Diese Überlegungen habe er nachträglich angestellt (Urk. 69 S. 12).
In der vom Beschuldigten unterzeichneten polizeilichen Einvernahme findet
sich nirgends ein Hinweis, dass dies nicht so gesagt worden ist. Auch erfolgt der
Vorwurf der Interpretation erst lange Zeit nach dieser Einvernahme. Es ist daher
davon auszugehen, dass die Erinnerung des Beschuldigten bei der der Kollision
am zeitnächsten liegenden Einvernahme noch frisch war, weshalb auf diese
abzustellen ist. Es ist daher davon auszugehen, dass das grelle Flutlicht den
Beschuldigten irritiert hat.
Die Tatsache, dass allenfalls einige Aussagen des Beschuldigten unglaubhaft
sind und nicht auf sie abgestellt werden kann, bedeutet nicht, dass seine gesam-
ten Aussagen unglaubhaft sind. Auf die übrigen Aussagen des Beschuldigten
kann daher mit der entsprechenden Vorsicht abgestellt werden. Es sind insge-
samt keine Anhaltspunkte ersichtlich, die an der grundsätzlichen Glaubhaftigkeit
des Beschuldigten zweifeln lassen.
4. Weiter ist zu klären, ob sich die Kollision auf dem Fussgängerstreifen zuge-
tragen hat. Der Verteidiger des Beschuldigten anerkennt, dass sich die Kollision
auf dem Fussgängerstreifen zugetragen hat (HD Urk. 34 S. 7; vgl. auch Urk. 73
S. 3 ff. und Prot. II S. 8 ff.). Auch die unfallanalytische Vorbeurteilung des
Forensischen Instituts Zürich kommt zu diesem Schluss. Dies deshalb, weil die
Utensilien (Mütze, Portemonnaie, div. Ausweise) des Geschädigten nach dem
Unfall auf dem Fussgängerstreifen sichergestellt wurden. Gemäss Vorbeurteilung
würden Utensilien und insbesondere Mützen von angestossenen Fussgängern
erfahrungsgemäss nahe der Kollisionsstelle zu Boden fallen und kaum entgegen
die Fahrtrichtung des Personenwagens geworfen (HD Urk. 11/8 S. 5). Der Zeuge
- 18 -
B._ führte dazu heute ergänzend aus, auch aufgrund der Endlage des
BMW des Beschuldigten sowie einer Reifenabriebspur gelange man zu einem
Kollisionsort im Bereich (des dritten Streifens von links) des Fussgängerstreifens
(Urk. 70 S. 6 f.; vgl. auch Urk. 71/8). Der Zeuge D._ konnte beobachten, wie
der Geschädigte den Fussgängerstreifen auf der anderen Fahrbahn betrat und
Richtung Mittelinsel ging (HD Urk. 6 S. 3 ff.). Zwar darf aus der Aussage von
D._ allein nicht geschlossen werden, dass der Geschädigte auch auf der
stadteinwärts führenden Fahrbahn den Fussgängerstreifen benutzt hat. Jedoch ist
davon mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auszugehen, da der Geschädigte
wohl die Mittelinsel betreten und sich dann nicht von dort in Längsrichtung der
Strasse über die Erhöhungen und die Signale der Mittelinsel hinweg bewegt
hat (vgl. Fotodokumentation in HD Urk. 8/1 S. 1 und S. 2 oben). Sämtliche
Beweismittel zusammen lassen nur den Schluss zu, dass der Geschädigte über
den Fussgängerstreifen ging, und es ist somit davon auszugehen, dass sich die
Kollision auf dem Fussgängerstreifen ereignete.
5. Zusätzlich gilt es zu klären, mit welchem Teil des Personenwagens der
Geschädigte erfasst worden ist, um feststellen zu können, wie weit der Kollisions-
punkt von der Mittelinsel entfernt war. Als Beweismittel zur Klärung dieser Frage
stehen das Verletzungsbild des Geschädigten (Obduktionsbericht), die unfall-
analytische Vorbeurteilung des FOR sowie die Angaben des Zeugen B._, die
Beschädigungen am Personenwagen und die Aussagen des Beschuldigten zur
Verfügung.
Gemäss Obduktionsbericht sprechen die vom Geschädigten beim Unfall erlittenen
Verletzungen, welche hauptsächlich seine rechte Körperhälfte betreffen, dafür,
dass der Geschädigte von rechts erfasst und weggeschleudert worden sei (ND 1
Urk. 5/4 S. 7).
Die unfallanalytische Vorbeurteilung hält fest, die Unterschenkelfraktur (rechts)
des Geschädigten sei typisch für einen Anprall mit dem Stossfänger. Einzelne
Beschädigungen resp. Kontaktspuren im rechten Frontbereich des Personen-
wagens seien damit vereinbar. Die Endlage des Personenwagens, des Geschä-
digten und dessen Utensilien seien ebenfalls mit einem Anprall des rechten
- 19 -
Frontbereiches vereinbar. Utensilien und insbesondere Mützen von angestosse-
nen Fussgängern würden erfahrungsgemäss nahe der Kollisionsstelle zu Boden
fallen und kaum entgegen die Fahrtrichtung geworfen werden. Mangels
Vergleichsmaterials habe nicht geklärt werden können, ob die Fingerabdruck- und
Wischspuren auf dem linken Kotflügel vom Geschädigten stammten. Es sei
jedoch nicht plausibel, dass der Geschädigte mit der linken Frontecke erfasst
worden ist. Da auf der Motorhaube keine Wischspuren des Geschädigten
dokumentiert worden seien und auf den digitalen Fotografien auch keine solchen
ersichtlich seien, hätte der Geschädigte mit ca. 40 km/h von links nach rechts
knapp über die Motorhaube fliegen und zuvor entsprechend in die Höhe springen
müssen. Weiter hält die Vorbeurteilung fest, dass sich der Personenwagen
des Beschuldigten auf der kurzen Strecke nach der Kollision kaum nach links
oder rechts habe bewegen können. Weder die Stellung der Vorderräder noch die
Richtung der Fahrzeuglängsachse deute auf ein Ausweichmanöver hin. Demzu-
folge könne das Fahrzeug in der Richtung seiner Längsachse zurückversetzt
werden und zwar mindestens bis auf die Höhe der Endlage der Utensilien des
Geschädigten. Dies bedeute, dass der Geschädigte von der Schutzinsel bis zur
Kollisionsstelle eine Distanz von 3 Metern zurückgelegt habe (HD Urk. 11/8
S. 4 ff.). Die Zeugeneinvernahme des Sachverständigen B._ ergab diesbe-
züglich nichts Neues, sondern er bestätigte die bereits in der Vorbeurteilung vor-
genommenen Einschätzungen und Schlussfolgerungen (Urk. 70 S. 4 ff.). Ergän-
zend ist an dieser Stelle noch anzuführen, dass der Zeuge angab, nicht daran zu
zweifeln, dass der Primärkontakt zwischen dem Fahrzeug und dem Fussgänger
mit dem rechten Frontbereich geschehen sei. So weise die Zierrippe an der linken
Ecke am rechten vorderen Eckteil des Wagens eine Bruchstelle im unteren Teil
auf, was ein Indiz (für einen Anprall an diesem Ort) darstelle, da solche Bruch-
stellen typischerweise bei einem Anprall an Beine entstehe (vgl. Urk. 71/3-4).
Zudem habe es Verletzungen der Scheinwerferabdeckungen, was ein Indiz
darstelle, dass es den Geschädigten dort hinüber geschleift habe (vgl. Urk. 71/5).
Der Personenwagen des Beschuldigten wies Beschädigungen im linken und
rechten Frontbereich und rechts in der Frontscheibe und am Dachholm auf.
- 20 -
Zudem sind Fingerabdruck- und Wischspuren auf dem linken Kotflügel vorhanden
(HD Urk. 8/1 S. 8).
Der Beschuldigte führte aus, er denke, dass der Geschädigte mit der linken
vorderen Ecke seines Personenwagens erfasst worden sei (HD Urk. 3 S. 3;
Urk. 69 S. 7) bzw. der Geschädigte ihm seitlich ins Auto gelaufen sei (HD Urk. 5
S. 2). Auch der Beschuldigte spricht nicht davon, dass er ein Ausweichmanöver
begangen habe. Er will, nachdem er einen Schatten gesehen habe, eine
Vollbremsung durchgeführt haben (HD Urk. 3 S. 2; Urk. 69 S. 6).
Angesichts dieser Beweismittel kann kein Zweifel bestehen und muss davon aus-
gegangen werden, dass der Geschädigte aufgrund seines Verletzungsbildes von
rechts angefahren und mit dem Stossfänger erfasst wurde, wie dies – entgegen
der Ansicht des Beschuldigten sowie seiner Verteidigung (Urk. 73 S. 3 f.; Prot. II
S. 9 f.) – sowohl der Obduktionsbericht als auch die Vorbeurteilung sowie der
Zeuge B._ festhalten. Eine Kollision mit der linken Fahrzeugseite fällt ausser
Betracht. Aufgrund der vorhandenen Spuren und von Plausibilitätsüberlegungen
muss auch eine Kollision mit der linken Frontecke ausgeschlossen werden, wie
dies die Vorbeurteilung sowie der Zeuge B._ mit überzeugender Begründung
(Urk. 70 S. 5) festhalten. Für eine Kollision mit der rechten Frontecke sprechen
die Beschädigungen im rechten Frontbereich und in der Frontscheibe rechts,
am rechten Dachholm und an der Zierrippe sowie die Schleifspur auf der Schein-
werferabdeckung, ebenso die Plausibilitätsberechnungen des Sachverständigen.
Kommt hinzu, dass erfahrungsgemäss Utensilien und insbesondere Mützen von
angestossenen Fussgängern nahe der Kollisionsstelle zu Boden fallen und diese
in casu auf dem vierten Streifen des Fussgängerstreifens von links in Fahrtrich-
tung des Beschuldigten gesehen, sichergestellt wurden (vgl. Fotos in HD Urk. 8/1
S. 2 oben und S. 4 oben). Weiter muss davon ausgegangen werden, dass kein
Ausweichmanöver seitens des Beschuldigten stattgefunden hat und die nach-
kollisionäre Strecke kurz war. Das Fahrzeug kann daher in der Richtung seiner
Längsachse zurückversetzt werden und zwar mindestens bis auf die Höhe der
Endlage der Utensilien. Dies ergibt eine Kollisionsstelle auf dem dritten Streifen
des Fussgängerstreifens. Alles in allem bestehen keine Zweifel und ist rechtsge-
- 21 -
nügend erstellt, dass die Kollision mit der rechten Frontecke geschah. Dies
bedeutet, dass der Geschädigte im Zeitpunkt der Kollision von der Schutzinsel
eine Distanz von 3 Metern zurückgelegt hatte.
Daran ändert auch nichts, dass bei der Unfallaufnahme Beschädigungen im
linken und rechten Frontbereich als ältere Beschädigungen angesehen wurden
(HD Urk. 8/1 S. 9). Als Zeuge führte E._ dazu aus, dass eine Beurteilung als
ältere Beschädigungen höchstens deshalb erfolgt sein könne, wenn es bereits
Dreck oder Rost gehabt habe. Er wisse jedoch nicht, weshalb an den beiden
Frontecken keine Spuren entnommen bzw. dort nicht nach Textilfasern des
Geschädigten gesucht worden sei. Auf dem linken Kotflügel seien frische Finger-
abdruck- und Wischspuren festgestellt worden. Es sei nicht auszuschliessen
gewesen, dass sie mit dem Unfall zusammenhängen könnten (HD Urk. 7 S. 4 f.).
Damit konnte nicht eruiert werden, ob die Beschädigungen im linken und rechten
Frontbereich tatsächlich älteren Datums waren. Die Feststellung der Vorbeurtei-
lung, wonach einzelne Beschädigungen resp. Kontaktspuren im rechten Front-
bereich mit einer Kollision mit dem rechten Frontbereich damit vereinbar seien,
konnte damit nicht umgestossen werden.
Aus den frischen Fingerabdruck- und Wischspuren auf dem linken Kotflügel
können ebenfalls keine Schlüsse gezogen werden, die gegen eine Kollision mit
dem rechten Frontbereich sprechen. Zum einen wurden diese nicht zugeordnet;
zum anderen führte der Zeuge B._ dazu nachvollziehbar aus, dass der
Geschädigte sich in der Zeit vom Erstkontakt bis zum Aufschlag an der
Frontscheibe etwas mehr als einen Meter bewegt haben müsste, was eine
unrealistische Geschwindigkeit ergebe. Der Zeuge kam daher – überzeugend –
zum Ergebnis, dass aufgrund dieser Spuren nicht auf einen Erstkontakt im
Bereich der Fingerabdrücke geschlossen werden könne (Urk. 70 S. 5).
6. Zur Geschwindigkeit, mit welcher der Geschädigte unterwegs war, führte
D._ aus, er wisse nicht, mit welcher Geschwindigkeit dieser unterwegs ge-
wesen sei. Auf die Frage, ob der Geschädigte rannte, schlenderte, normal ging
oder torkelte, führte D._ aus, dieser sei normal gegangen. Diese Aussage
bezieht sich allerdings auf den Zeitpunkt, als der Geschädigte den Fussgänger-
- 22 -
streifen auf der anderen Seite der Mittelinsel betrat und Richtung Mittelinsel ging
(HD Urk. 6). Ob der Geschädigte im Zeitpunkt, als er von der Mittelinsel den
stadteinwärts führenden Teil des Fussgängerstreifens betrat, immer noch normal
ging, ist nicht bekannt – insofern ist der Argumentation der Verteidigung (Urk. 73
S. 4) beizupflichten. Es sind jedoch auch keine Anhaltspunkte vorhanden, die
darauf hindeuten, dass der Geschädigte sich nicht (mehr) mit normaler
Geschwindigkeit weiterbewegte bzw. seine Geschwindigkeit änderte. Es ist daher
davon auszugehen, dass der Geschädigte sich weiterhin mit normaler Geschwin-
digkeit fortbewegte.
Das FOR legte seinen Berechnungen in ihrer Vorbeurteilung eine Fussgänger-
geschwindigkeit von 1.25 m/s zugrunde (HD Urk. 11/8 S. 6; Urk. 70 S. 10). Bei
dieser Geschwindigkeit handelt es sich um einen Erfahrungs- bzw. statistisch
erhärteten Wert für einen 70-jährigen Mann, der "normal" geht (vgl. Beilage 3 zur
HD Urk. 11/8 und Urk. 71/12). Der Zeuge B._ führte in Ergänzung der Vor-
beurteilung heute dazu gar aus, eine Geschwindigkeit von 1.25 m/s sei eher an
der oberen Grenze für einen 70-Jährigen und korrespondiere mit seinen Erfah-
rungen (Urk. 70 S. 11). Gemäss der Schweizer Norm "Fussgängerverkehr" des
Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute kann die Geh-
geschwindigkeit je nach Alter des Gehenden und in Abhängigkeit von Topogra-
phie und Verkehrszweck zwischen etwa 2.5 und 5.5 km/h (0.7 bis 1.5 m/s) betra-
gen (Urk. 77 S. 13). Auch die Schweizer Norm "Lichtsignalanlagen" der Vereini-
gung Schweizerischer Strassenfachleute geht von einer Fussgängergeschwindig-
keit von 1.2 m/s aus (Urk. 78 S. 3). Zu keinem anderen Schluss kommen Kramer/
Raddatz (KRAMER/RADATZ in: Verkehrsunfall und Fahrzeugtechnik, Dezember
2010, S. 385). Die Argumentation der Verteidigung, wonach die Gehgeschwindig-
keit von 1.25 m/s und das dem Fussgänger zugeordnete Verhalten keine belegte
Stütze finden würde (Urk. 73 S. 4), ist infolgedessen nicht zu hören.
Im Zeitpunkt des Unfalls war der Geschädigte alkoholisiert. Um 21.45 Uhr wies er
einen Mittelwert von 0.81 Gewichtspromillen auf. Da das Trinkende nicht bekannt
ist, konnte eine Rückrechnung des Alkoholgehaltes auf den Zeitpunkt des
Ereignisses nicht erfolgen (HD Urk. 12/10 S. 2). Aufgrund der Zeugenaussage
- 23 -
von D._ ist jedoch nicht davon auszugehen, dass der Geschädigte so
betrunken war, als dass er nicht mehr normal gehen konnte, zumal bis vor
wenigen Jahren noch ein Personenwagen gelenkt werden durfte, wer minim we-
niger als 0,8 Gewichtspromille Alkohol im Blut hatte.
Es ist somit dem Urteil zugrunde zu legen, dass der Geschädigte mit einer
Geschwindigkeit von 1.25 m/s unterwegs war.
7. Der Beschuldigte äussert sich zur Frage, ob er den Tod des Geschädigten
als kausale Folge des Unfallgeschehens vom 18. September 2012 anerkenne,
dahingehend, dass er nicht in der Lage sei, ja oder nein zu sagen (HD Urk. 4
S. 4). Das rechtsmedizinische Gutachten zum Todesfall hält fest, dass der
Geschädigte an einem akuten Herzversagen infolge einer Herzmuskel- und
Herzbeutelentzündung in Kombination mit einer akuten Lungenentzündung, als
Komplikation der beim Ereignis vom 18. September 2012 erlittenen Verletzungen
verstorben sei. Die todesursächliche Entzündung des Herzens und des Herz-
beutels sei als Komplikation der am 18. September 2012 erlittenen Verletzungen
anzusehen und stehe im kausalen Zusammenhang mit dem Unfallereignis (ND 1
Urk. 5/4). Damit ist der Tod des Geschädigten als kausale Folge der beim
inkrinimierten Ereignis erlittenen Verletzungen anzusehen.
8. Zusammenfassend ist von folgendem erstellten Sachverhalt auszugehen:
Der Beschuldigte (der unwissentlich an einer deutlichen Blendempfindlichkeit
in Kombination mit einem bei Dämmerung oder Dunkelheit eingeschränkten
Kontrastsehvermögen leidet, aber überzeugt ist, dass ihn dies im Unfallzeitpunkt
in keiner Weise behinderte oder einschränkte) war zum Zeitpunkt der inkriminier-
ten Handlung bei tageszeitbedingter Dunkelheit und einsetzendem Nieselregen
auf der Frauenfelderstrasse in Winterthur stadteinwärts mit seinem Personen-
wagen mit einer Geschwindigkeit von mehr als 40 km/h und weniger als 50 km/h
stadteinwärts unterwegs. Auf der Höhe des Sportplatzes Talwiese irritierte ihn das
grelle Flutlicht der Sportplatzbeleuchtung. Vor der Bushaltestelle Hohlandweg
betrat der dunkel gekleidete Geschädigte von der Mittelinsel her den Fussgänger-
streifen mit einer Gehgeschwindigkeit von 1.25 m/s, um an dieser Stelle, die
nur mässig durch eine orangerot leuchtende Strassenlampe ausgeleuchtete
- 24 -
Fahrbahn zu überqueren. Es kam dann auf dem Fussgängerstreifen, drei Meter
von der Mittelinsel entfernt, zur Kollision mit dem vom Beschuldigten gelenkten
Personenwagen. Der Geschädigte wurde zunächst vom Stossfänger bei der rech-
ten Frontecke erfasst, schlug beifahrerseitig auf die Windschutzscheibe auf und
wurde mehrere Meter weggeschleudert. Dabei erlitt er die in der Anklageschrift
aufgeführten schweren Verletzungen, an deren Folgen er als kausale Folge des
Unfallgeschehens verstarb.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Wer fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe
bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft (Art. 117 StGB). Voraussetzung ist
zunächst eine Tathandlung, ein Taterfolg und die natürliche Kausalität zwischen
Tathandlung und Taterfolg.
Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung setzt nach Art. 12 Abs. 3 StGB
weiter voraus, dass der Täter den Taterfolg durch die Verletzung einer Sorgfalts-
pflicht verursacht hat. Sorgfaltswidrig ist ein Verhalten, wenn der Täter zum Zeit-
punkt der Tat aufgrund der Umstände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten
die damit bewirkte Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte erkennen
können und müssen und wenn er zugleich die Grenzen des erlaubten Risikos
überschritten hat. Wo besondere Normen ein bestimmtes Verhalten gebieten,
bestimmt sich das Mass der zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie nach diesen
Vorschriften (BGE 135 IV 56 E. 2.1). Dies schliesst nicht aus, dass der Vorwurf
der Fahrlässigkeit auch auf allgemeine Rechtsgrundsätze wie etwa den allgemei-
nen Gefahrensatz gestützt werden kann. Denn einerseits begründet nicht jeder
Verstoss gegen eine gesetzliche oder für bestimmte Tätigkeiten allgemein
anerkannte Verhaltensnorm den Vorwurf der Fahrlässigkeit, und andererseits
kann ein Verhalten sorgfaltswidrig sein, auch wenn nicht gegen eine bestimmte
Verhaltensnorm verstossen wurde. Die Vorsicht, zu der ein Täter verpflichtet ist,
wird letztlich durch die konkreten Umstände und seine persönlichen Verhältnisse
bestimmt, weil naturgemäss nicht alle tatsächlichen Gegebenheiten in Vorschrif-
ten gefasst werden können (BGE 135 IV 56 E. 2.1).
- 25 -
Grundvoraussetzung für das Bestehen einer Sorgfaltspflichtverletzung und mithin
der Fahrlässigkeitshaftung bildet die Vorhersehbarkeit des Taterfolgs. Die zum
Taterfolg führenden Geschehensabläufe müssen für den konkreten Täter mindes-
tens in ihren wesentlichen Zügen voraussehbar sein. Daher ist zu fragen, ob der
Täter eine Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte voraussehen bzw.
erkennen können und müssen. Für die Beantwortung dieser Frage gilt der Mass-
stab der Adäquanz. Danach muss das Verhalten geeignet sein, nach dem ge-
wöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den
eingetretenen herbeizuführen oder mindestens zu begünstigen (BGE 135 IV 56
E. 2.1). Das Verhalten des Täters braucht daher nicht die einzige oder unmittel-
bare Ursache der Schädigung zu sein. Unerheblich ist dagegen, ob der Täter
bedacht hat oder hätte bedenken können und sollen, dass sich die Ereignisse
gerade so zutragen werden, wie sie sich konkret abgespielt haben (BGE 130 IV 7
E. 3.2 und Urteil des Bundesgerichts 6B_604/2012 vom 16. Januar 2014,
E. 4.3.2). Die Adäquanz und damit die Vorhersehbarkeit ist nur zu verneinen,
wenn ganz aussergewöhnliche Umstände, wie das Mitverschulden des
Opfers beziehungsweise eines Dritten oder Material- oder Konstruktionsfehler, als
Mitursache hinzutreten, mit denen schlechthin nicht gerechnet werden musste
und die derart schwer wiegen, dass sie als wahrscheinlichste und unmittelbarste
Ursache des Taterfolgs erscheinen und so alle anderen mitverursachenden
Faktoren – namentlich das Verhalten des Beschuldigten – in den Hintergrund
drängen (BGE 135 IV 56 E. 2.1).
Damit der Eintritt des Taterfolgs auf das pflichtwidrige Verhalten des Täters
zurückzuführen ist, genügt seine blosse Vorhersehbarkeit aber nicht. Weitere
Voraussetzung ist vielmehr, dass der Taterfolg auch vermeidbar war. Dabei wird
ein hypothetischer Kausalverlauf untersucht und – aufgrund aller im Zeitpunkt ex
post bekannten Umstände – geprüft, ob der Taterfolg bei pflichtgemässem Ver-
halten des Täters ausgeblieben wäre. Für die Zurechnung des Taterfolgs genügt
es, wenn das Verhalten des Täters mindestens mit einem hohen Grad an Wahr-
scheinlichkeit die Ursache des Erfolgs bildete (BGE 135 IV 56 E. 2.1 und 2.2).
Wo besondere, der Unfallverhütung und der Sicherheit dienende Normen ein be-
stimmtes Verhalten gebieten, richtet sich das Mass der im Einzelfall zu beachten-
- 26 -
den Sorgfalt in erster Linie nach diesen Vorschriften (BGE 135 IV 56 E. 2.1
und Urteil des Bundesgerichts 6B_509/2010 vom 14. März 2011 E. 3.3.2). Im zu
beurteilenden Fall sind die Bestimmungen des Strassenverkehrsgesetzes und der
dazugehörenden Verkehrsregelverordnungen massgebend.
Konkret sind vorliegend Art. 33 Abs. 1 und 2 SVG und Art. 6 Abs. 1 VRV als
Massstab für eine mögliche Sorgfaltspflichtverletzung des Beschuldigten heran-
zuziehen. Diese beiden Bestimmungen regeln das Verhalten bzw. die Pflichten
der Fahrzeugführer an Fussgängerstreifen. Gemäss bundesgerichtlicher Recht-
sprechung sind diese untrennbar verknüpft mit den Sorgfaltspflichten, welche die
Fussgänger gegenüber den andern Verkehrsteilnehmern zu beachten haben.
Deshalb sind die Art. 33 Abs. 1 und 2 SVG und Art. 6 Abs. 1 VRV stets unter
Berücksichtigung der in Art. 49 Abs. 2 SVG und Art. 47 Abs. 2 VRV aufgestellten
Normen auszulegen, welche das Vortrittsrecht der Fussgänger auf den Fuss-
gängerstreifen umschreiben (BGE 91 IV 78 E. 1.b).
Gemäss Art. 33 Abs. 1 und 2 SVG in Verbindung mit Art. 6 Abs. 1 VRV muss der
Fahrzeugführer Fussgängern das Überqueren der Fahrbahn auf Fussgängerstrei-
fen in angemessener Weise ermöglichen. Vor Fussgängerstreifen hat er beson-
ders vorsichtig zu fahren und nötigenfalls anzuhalten, um den Fussgängern den
Vortritt zu lassen, die sich schon auf dem Streifen befinden oder im Begriffe sind,
ihn zu betreten, d.h. vor dem Streifen warten und ersichtlich die Fahrbahn über-
queren wollen. Im wechselseitigen Zusammenspiel mit den Art. 49 Abs. 2 SVG
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 2 VRV ergibt sich allerdings eine Ausnahme von
dieser Regel für den Fall, dass sich der Fahrzeugführer bereits so nahe am
Fussgängerstreifen befindet, dass er ohne brüskes Bremsmanöver nicht mehr
rechtzeitig anhalten könnte. Befindet sich der Fahrzeugführer demnach zu nahe
am Fussgängerstreifen, als dass er rechtzeitig anhalten könnte, so muss er
den Fussgängern den Vortritt nicht gewähren (BGE 129 IV 39 E. 2.1). Ist der
Fussgängerstreifen durch eine Verkehrsinsel unterteilt, dann gilt jeder Teil des
Übergangs als selbständiger Streifen (Art. 47 Abs. 3 VRV). Der Fussgänger muss
daher spätestens auf der Insel erneut nach rechts beobachten, und er muss
warten, wenn ein herannahendes Fahrzeug bereits so nahe ist, dass es nicht
mehr rechtzeitig anhalten könnte.
- 27 -
2. Der Taterfolg ist mit dem Tod des Geschädigten eingetreten. Ein Schuld-
spruch setzt voraus, dass der Beschuldigte unter Berücksichtigung des erstellten
Sachverhalts den Tod des Geschädigten durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht
verursacht hat.
3. Vorliegend hat der Beschuldigte den Geschädigten erst kurz vor der
Kollision als Schatten erkannt und sofort eine Vollbremsung eingeleitet. Die Kolli-
sion konnte er jedoch nicht mehr verhindern. Unabhängig davon hätte der Be-
schuldigte dem Geschädigten den Vortritt zu gewähren gehabt, sofern sich dieser
auf dem Streifen befand oder im Begriffe war, den Streifen von der Mittelinsel aus
zu betreten. Aufgrund des Vertrauensgrundsatzes (Art. 26 Abs. 1 SVG) durfte
er aber auch davon ausgehen, dass der Geschädigte seiner Beobachtungs- und
allfälligen Wartepflicht nachkommt.
3.1 Aufgrund des erstellten Sachverhalts ist der Beschuldigte mit einer Ge-
schwindigkeit von mehr als 40 km/h aber weniger als 50 km/h unterwegs gewe-
sen. Die Anklageschrift hält dem Beschuldigten nicht vor, er hätte den Geschädig-
ten wahrnehmen können, bevor dieser sich anschickte, von der Mittelinsel her
den Fussgängerstreifen zu betreten. Auch wirft die Anklage dem Beschuldigten
nicht vor, er hätte aufgrund der objektiv und subjektiv schlechten Sichtverhältnisse
besonders aufmerksam sein müssen. Dies bedeutet, dass der Beschuldigte nicht
gehalten war, eine erhöhte Aufmerksamkeit aufzuwenden. Der Beschuldigte war
daher nicht verpflichtet, seine Geschwindigkeit zu mässigen und Bremsbereit-
schaft zu erstellen. Es ist daher nicht von einer auf 0.6 bis 0.7 Sekunden reduzier-
ten Reaktionszeit auszugehen (BGE 115 II 283 E. 1a). Seine Reaktionszeit
bewegt sich somit in den von der Rechtsprechung gesetzten Grenzen, wonach
eine halbe Sekunde Unaufmerksamkeit noch nicht als Fahrlässigkeit qualifiziert
werden darf (BGE 115 II 283 E. 1b; so auch die Verteidigung, Urk. 73 S. 6). Vor-
liegend ist daher von einer üblichen Reaktionszeit von einer Sekunde auszugehen
(WEISSENBERGER, Kommentar SVG, 2. Auflage, Zürich/St. Gallen 2015, Art. 31
N 14). Allerdings verlangt schon Art. 33 Abs. 2 SVG eine "besondere Vorsicht".
Wenn vorliegend dennoch von einer Reaktionszeit von einer Sekunde ausge-
gangen wird, ist dies zugunsten des Beschuldigten.
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3.2 Bei einer Gehgeschwindigkeit von 1.25 m/s benötigte der Geschädigte
für die Strecke von 3 Metern (von der Mittelschutzinsel bis zum Kollisionsort)
2.4 Sekunden. Im Zeitpunkt, in dem der Geschädigte den Fussgängerstreifen
nach der Mittelschutzinsel verliess, befand sich der Beschuldigte, ausgehend von
einer Geschwindigkeit von 48 km/h bzw. 13.33 m/s, in einem Abstand von
31.8 Metern (vgl. dazu Beilage 1 zu HD Urk. 11/8; Urk. 70 S. 8; Urk. 71/11). Hätte
der Beschuldigte in diesem Zeitpunkt (als der Geschädigte die Mittelschutzinsel
verliess) sofort reagiert, d.h. wie soeben erwogen mit einer Reaktionszeit von
einer Sekunde, hätte der Anhalteweg, welcher sich aus dem Reaktionsweg,
dem Schwellweg (0.2 Sekunden; Urteil des Bundesgerichts 6B_493/2011 vom
12. Dezember 2011 E. 4.3) und dem Vollverzögerungsweg bzw. den entspre-
chenden Zeiten ergibt, 26.5 Meter betragen. Der Beschuldigte hätte also ohne
Probleme sein Fahrzeug vor dem Fussgängerstreifen zum Stillstand bringen
können (Stillstand 5.3 Meter vor der Kollisionsstelle; Urk. 71/11) – ausgehend von
einer Bremsverzögerung von 7.5 m/s2. Eine solche Bremsverzögerung erreichen
heutige Fahrzeuge auch bei nasser Fahrbahn, wovon aufgrund des einsetzenden
Nieselregens vorliegend auszugehen ist, problemlos (SCHAFFHAUSER/PETER,
Strassenverkehr: Wie das Bundesgericht Anhaltewege berechnet, in: Jusletter
10. Juni 2013; so auch der Zeuge B._, Urk. 73 S. 7 f. und S. 15 f.). Dies gilt
auch für das vom Beschuldigten gefahrene Fahrzeug (vgl. ADAC Autotest BMW
530d Steptronic, August 2003; Urk. 71/10 S. 2). Insoweit die Verteidigung etwas
anderes geltend macht (vgl. Prot. II S. 10), ist sie somit nicht zu hören. Berechne-
te man ferner die Bremsverzögerung, die nötig wäre, damit der Beschuldigte
genau beim Kollisionsort still gestanden wäre, ergäbe sich ein (Bremsverzöge-
rungs-)Wert von lediglich 5.2 bzw. 5.1 m/s2 (vgl. HD Urk. 11/8 S. 6; Urk. 71/11),
was gemäss Aussagen des Zeugen B._ noch keine übermässig starke
Bremsung sei (Urk. 70 S. 8). Der Taterfolg wäre bei pflichtgemässem Verhalten
des Beschuldigten (sofortige Reaktion mit einer Reaktionszeit von einer Sekunde)
somit ausgeblieben und wäre vermeidbar gewesen.
3.3 Vorliegend hat der Beschuldigte indes nicht 31.8 Meter vor dem Fuss-
gängerstreifen reagiert – ansonsten es nicht zur Kollision gekommen wäre –,
sondern später. Ausgehend von einer Vollbrems-/Auslaufstrecke von 9.5 Metern,
- 29 -
einer Bremsverzögerung von 7.5 m/s2 (welcher Wert, wie soeben dargelegt wur-
de, mühelos erreichbar ist und zugrunde gelegt werden kann), einer geringfügigen
kollisionsbedingten Geschwindigkeitsverminderung des Personenwagens von
2 km/h, einer Bremsenschwelldauer von 0.2 Sekunden sowie einer Reaktions-
dauer von einer Sekunde ergibt, dass der Beschuldigte 15.8 Meter vor dem Fuss-
gängerstreifen mit dem Bremsvorgang begonnen hat (Beilage 2 zu HD Urk. 11/8;
Urk. 70 S. 8 und S. 12 f.; Urk. 71/11). Das bedeutet, dass der Beschuldigte
während 1.2 Sekunden (31.8 Meter abzüglich 15.8 Meter [= 16 Meter], gefahren
mit einer Geschwindigkeit von 48 km/h) nicht reagierte (HD Urk. 11/8 S. 6
und Beilage 2 dazu; der Geschädigte legte in dieser Zeit eine Strecke bereits von
1.5 Metern auf dem Fussgängerstreifen zurück, vgl. auch Urk. 70 S. 14).
Insofern die Verteidigung geltend macht, man bewege sich in einem "sehr engen
Bereich" (Prot. II S. 10 f.), ist sie darauf hinzuweisen, dass die Kollision – bei
rechtzeitiger Reaktion – selbst bei einer Geschwindigkeit des Geschädigten von
1.5 m/s noch räumlich vermeidbar gewesen wäre (bei tieferen Geschwindigkeiten
ohnehin); bei einer Fussgängergeschwindigkeit von 1.75 m/s (was immerhin
bereits 6.3 km/h entspricht!) war sie zwar nicht mehr räumlich, aber immer noch
zeitlich knapp vermeidbar (vgl. dazu Urk. 71/11).
3.4 Das Nicht-Reagieren während 1.2 Sekunden (bzw. 16 Metern) ist dem Be-
schuldigten als Sorgfaltspflichtverletzung vorzuwerfen. Er hätte dem Geschädig-
ten das Überqueren der Fahrbahn auf dem Fussgängerstreifen in angemessener
Weise ermöglichen und sein Fahrzeug entsprechend abbremsen müssen
(vgl. Art. 33 Abs. 1 und 2 SVG in Verbindung mit Art. 6 Abs. 1 VRV). Bei dieser
Ausgangslage kann auch keine Rede davon sein, dass der Geschädigte seinen
Vortritt erzwungen hätte.
3.5 Der Vorwurf der zu späten Reaktion basiert – entgegen der Verteidigung, die
moniert, die Kollision sei beim errechneten Szenario nur gerade dann vermeidbar
gewesen, wenn alle Parameter genau stimmen würden (Prot. II S. 10) – auf
Werten und Parametern, die bei den relevanten Berechnungen jeweils zu
Gunsten des Beschuldigten wirken. So wird zu Gunsten des Beschuldigten mit
einer Fussgängergehgeschwindigkeit von 1.25 m/s gerechnet, was für einen
- 30 -
70-jährigen "eher an der oberen Grenze" sei, es wird von einer "Regelfall"-
Reaktionszeit von einer Sekunde (und nicht von einer auf 0.6 bis 0.7 Sekunden
reduzierten wie sonst vor Fussgängerstreifen üblich; vgl. vorne Ziff. IV.3.)
Reaktionszeit ausgegangen und als Ausgangsgeschwindigkeit des Beschuldigten
wird ein (relativ hohes) Tempo von 48 km/h angenommen. Ausserdem werden
den obenstehenden Berechnungen eine für heutige Fahrzeuge realistische und
mühelos erreichbare Bremsverzögerung von 7.5 m/s2 zugrunde gelegt.
Wenn die Verteidigung darauf hinweist, dass eine Unaufmerksamkeit bzw. eine
verspätete Reaktion von 0.5 Sekunden gemäss höchstrichterlicher Rechtspre-
chung noch nicht als Fahrlässigkeit zu qualifizieren sei (Urk. 73 S. 6), ist dazu
festzuhalten, dass der Beschuldigte vorliegend nicht "nur" 0.5 Sekunden, sondern
1.2 Sekunden zu spät reagierte. Aus dieser Rechtsprechung des Bundesgerichts
kann der Beschuldigten daher nicht für sich ableiten, nicht fahrlässig gehandelt zu
haben.
4. Der Beschuldigte führte aus, er habe den Geschädigten auf der Mittelinsel
nicht sehen können, alles sei schwarz in schwarz gewesen (Urk. 69 S. 10),
und auch seitens der Verteidigung wurde geltend gemacht, die Vermeidbarkeit
der Kollision setze das Erkennen des Fussgängers durch den Beschuldigten
als Fussgänger in der Absicht, die stadteinwärts führende Fahrbahn über den
Fussgängerstreifen zu betreten, voraus (Urk. 73 S. 5; vgl. auch Prot. II S. 10 f.).
Der Beschuldigte mutmasste auch, der Geschädigte könnte allenfalls hinter einem
Pfosten gestanden sein (Urk. 69 S. 11). Dies ist auszuschliessen. Aus der Foto-
dokumentation wird ersichtlich, dass es in Fahrtrichtung stadteinwärts keinen
Pfosten hat, sondern der Pfosten mit der Signalisation "Standort eines Fuss-
gängerstreifens" (SSV Anhang 2 Abb. 4.11) befindet sich auf der anderen Seite
der Mittelschutzinsel (HD Urk. 8/1 S. 1 f.). Ferner ist in Anbetracht des Umstan-
des, dass der Beschuldigte eine Vollbremsung eingeleitet hat, davon auszugehen,
dass er den Geschädigten durchaus erkannt hat. Nichts anderes führte er auch
heute aus (Urk. 69 S. 10). Zusätzlich beteuerte der Beschuldigte heute, seine
Aufmerksamkeit auf die Strasse und den Fussgängerstreifen gerichtet zu haben
(Urk. 69 S. 11). Dies – in Kombination mit dem Umstand, dass Abblendlichter
auf der Fahrerseite einen Bereich von sicher rund 50 Metern ausleuchten – lässt
- 31 -
keinen anderen Schluss zu, als dass der Geschädigte – trotz dunkler Kleidung –
für den Beschuldigten erkennbar gewesen sein musste, zumal der Beschuldigte
mit der Unfallörtlichkeit vertraut war und wusste, dass es dort einen Fussgänger-
streifen hatte (HD Urk. 3 S. 2), weshalb er jederzeit mit Fussgängern rechnen
musste.
5. Daran ändert auch die Berücksichtigung der Sichtverhältnisse nichts (vgl.
Argumentation der Verteidigung: Prot. II S. 8). Gemäss erstelltem Sachverhalt
herrschte zum Zeitpunkt des Unfalles zwar tageszeitbedingte Dunkelheit sowie
einsetzender Nieselregen. Man kann also mit Fug behaupten, dass die Sichtver-
hältnisse nicht optimal waren. Sie waren indes auch nicht derart schlecht,
als dass dem Beschuldigten keine Sorgfaltspflichtverletzung mehr vorgeworfen
werden müsste, zumal es sich bei der Frauenfelderstrasse in Winterthur um eine
– zwar nur mässig mit einer orangerot leuchtenden Strassenlampe ausgeleuchte-
te, aber doch ausgeleuchtete – breite Einfallstrasse in die Stadt handelt (vgl. HD
Urk. 8/1 S. 1-4).
6. Der Beschuldigte litt zur Zeit der Kollision an einer deutlichen Blendempfind-
lichkeit in Kombination mit einem bei Dämmerung oder Dunkelheit eingeschränk-
ten Kontrastsehvermögen. Hierzu erklärte der Beschuldigte indes, nicht der
Meinung zu sein, dass das "Nichtsehen" des Geschädigten auf seine damals
bestehenden Augenprobleme zurückzuführen gewesen sei; diese seien nicht
stark gewesen, wie man nachher festgestellt habe. Er habe keine Probleme
gehabt, die er festgestellt hätte (Urk. 69 S. 11 f.). Auch die Verteidigung machte
nichts anderes geltend (vgl. Urk. 73 und Prot. II S. 8 ff.). Die beim Beschuldigten
vorliegende Blendempfindlichkeit in Kombination mit einem bei Dämmerung oder
Dunkelheit eingeschränkten Kontrastsehvermögen vermag den Beschuldigten
vorliegend somit nicht zu entlasten.
7. Dem Beschuldigten ist zusammengefasst eine Sorgfaltspflichtverletzung im
Sinne von Art. 12 Abs. 3 StGB dahingehend vorzuwerfen, als dass er bei rechtzei-
tiger (und nicht 1.2 Sekunden zu später) Reaktion, als der Geschädigte sich an-
schickte, von der Mittelschutzinsel her den Fussgängerstreifen zu betreten, sein
Fahrzeug bis zum Stillstand hätte abbremsen und so den tödlich verlaufenden
- 32 -
Unfall hätte vermeiden können und müssen. Diese Folgen waren für den
Beschuldigten sowohl voraussehbar als auch vermeidbar. Der Tod des Geschä-
digten ist dem Beschuldigten daher strafrechtlich anzurechnen.
8. Damit sind sämtliche Tatbestandsmerkmale der fahrlässigen Tötung gemäss
Art. 117 StGB erfüllt. Rechtfertigungs- und Schuldausschlussgründe sind keine
gegeben. Der Beschuldigte ist entsprechend dem soeben Ausgeführten somit der
fahrlässigen Tötung im Sinne von Art. 117 StGB in Verbindung mit Art. 31 Abs. 1
und Art. 33 SVG sowie Art. 3 Abs. 1 Satz 1 VRV schuldig zu sprechen.
V. Sanktion
1. Strafrahmen und Strafart
Der Tatbestand der fahrlässigen Tötung im Sinne von Art. 117 StGB sieht
eine Bestrafung mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bis zu
360 Tagessätzen vor, wobei ein Tagessatz maximal Fr. 3'000.– beträgt (Art. 34
Abs. 1 und 2 StGB).
Die Geldstrafe stellt im Vergleich zur Freiheitsstrafe einen weniger schweren
Eingriff dar. Aufgrund des Verschuldens und der persönlichen Verhältnisse (vgl.
die nachfolgenden Erwägungen) kann vorliegend eine Strafe ausgefällt werden,
die noch im unteren Bereich des Strafrahmens liegt. Gemäss dem Prinzip
der Verhältnismässigkeit ist somit eine Geldstrafe auszusprechen, zumal eine
Geldstrafe auch von der Staatsanwaltschaft beantragt wurde (Prot. II S. 4).
Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründe liegen keine vor.
2. Strafzumessung
2.1 Innerhalb des Strafrahmens misst das Gericht gemäss Art. 47 Abs. 1 StGB
die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu. Es berücksichtigt das Vorleben
und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben
des Täters. Das Verschulden wird nach der Schwere der Verletzung oder Gefähr-
dung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den
Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter
nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder
- 33 -
Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Nach Art. 50 StGB hat das
Gericht die für die Zumessung der Strafe erheblichen Umstände und deren
Gewichtung festzuhalten.
Der Begriff des Verschuldens muss sich jedenfalls auf den gesamten Unrechts-
und Schuldgehalt der konkreten Straftat beziehen. Zu unterscheiden ist zwischen
der Tat- und Täterkomponente (HUG in: Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder,
19. Aufl., Zürich 2013, N 6 zu Art. 47). Bei der Tatkomponente sind das Ausmass
des verschuldeten Erfolges, die Art und Weise der Herbeiführung dieses Erfolges,
die Willensrichtung, mit der der Täter gehandelt hat, und die Beweggründe
des Schuldigen zu beachten. Sodann sind für das Verschulden auch das
"Mass an Entscheidungsfreiheit" beim Täter sowie die so genannte Intensität
des deliktischen Willens bedeutsam (HUG in: Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder,
a.a.O., N 11 zu Art. 47).
2.2 Tatkomponente
2.2.1 Vorerst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die
Verschuldensbewertung festzulegen und zu bemessen. Es ist zu prüfen, wie stark
das strafrechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt wurde. Darunter
fallen etwa das Ausmass des Erfolges, wie insbesondere der Deliktsbetrag, die
Gefährdung, das Risiko und der Sachschaden etc. sowie die Art und Weise des
Vorgehens. Von Bedeutung ist auch die kriminelle Energie, wie sie durch die Tat
und die Tatausführung offenbart wird, ebenso die Grösse des Tatbeitrages bei
mehreren Tätern und die hierarchische Stellung (WIPRÄCHTIGER, BSK StGB I,
3. Aufl., Basel 2013, N 84 ff. zu Art. 47). Ausgehend von der objektiven Tatschwe-
re hat der Richter dieses Verschulden zu bewerten. Er hat im Urteil darzutun,
welche verschuldensmindernden und welche verschuldenserhöhenden Gründe
im konkreten Fall gegeben sind, um so zu einer Gesamteinschätzung des
Tatverschuldens zu gelangen.
Zum objektiven Tatverschulden ist im vorliegenden Fall anzuführen, dass der
Beschuldigte durch eine einmalige Verletzung einer Sorgfaltspflicht – durch eine
kurze Unaufmerksamkeit bzw. eine verspätete Reaktion im Strassenverkehr –
den Tod des Geschädigten verursacht hat. Die relativ geringe Pflichtwidrigkeit des
- 34 -
Beschuldigten zeitigte somit eine äusserst schwere – wenn nicht schwerstmögli-
che – Folge. Verschuldensrelativierend wirkt indes, dass der Geschädigte nicht
infolge der kollisionsbedingten Verletzungen, sondern aufgrund von aufgetretenen
Komplikationen (akutes Herzversagen infolge einer Herzmuskel- und Herzbeutel-
entzündung in Kombination mit einer akuten Lungenentzündung) der beim Unfall
im September 2012 erlittenen Verletzungen verstarb. Relativiert wird das Ver-
schulden des Beschuldigten zudem durch den Umstand, dass der Geschädigte
dunkel gekleidet war und sich der Unfall bei tageszeitbedingter Dämmerung und
einsetzendem Nieselregen ereignete, was das Erkennen des Geschädigten er-
schwerte. Dennoch darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass der Beschuldig-
te in zeitlicher Hinsicht klar zu spät reagierte. Verschuldenserhöhend wirkt auch,
dass der Beschuldigte mit der Unfallörtlichkeit vertraut war und den betreffenden
Fussgängerstreifen kannte, weshalb er umso mehr mit Fussgängern rechnen
musste. Das objektive Tatverschulden ist gesamthaft als leicht einzustufen.
2.2.2 Bei der Bewertung des subjektiven Verschuldens stellt sich die Frage,
wie dem Täter die objektive Tatschwere tatsächlich anzurechnen ist. Dazu
gehören etwa die Frage der Schuldfähigkeit sowie das Motiv. Auch ist in diesem
Zusammenhang entscheidend, über welches Mass an Entscheidungsfreiheit der
Täter verfügte. Ferner sind die weiteren subjektiven Verschuldenskomponenten,
wie beispielsweise einige der in Art. 48 StGB aufgeführten Gründe, zu berücksich-
tigen.
Einschränkungen in der Schuldfähigkeit sind beim Beschuldigten nicht auszu-
machen. Zudem ist davon auszugehen, dass sich der Beschuldigte über die
schwerwiegenden Konsequenzen seiner Handlung im Moment der Pflichtwidrig-
keit im Einzelnen nicht bewusst war; er handelte unbewusst fahrlässig und war
nicht genügend aufmerksam. Insgesamt vermögen die subjektiven Komponenten
die objektive Tatschwere weder zu reduzieren noch zu erhöhen.
2.2.3 Das Tatverschulden ist insgesamt als leicht zu qualifizieren. Demzufolge
erscheint eine Einsatzstrafe von 40 Tagessätzen Geldstrafe aufgrund der
Tatkomponente als angemessen, wobei hier bereits berücksichtigt ist, dass noch
eine Verbindungsbusse auszufällen sein wird.
- 35 -
2.3 Täterkomponente
Die Täterkomponente (vgl. Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB) umfasst das Vorleben, die
persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafverfah-
ren. Bei der Beurteilung des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohlverhalten,
andererseits Zahl, Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht. Unter dem
Gesichtspunkt der persönlichen Verhältnisse ist etwa zu berücksichtigen, ob sich
der Täter im Strafverfahren kooperativ verhielt, ob er Reue und Einsicht zeigte, ob
er mehr oder weniger strafempfindlich ist.
2.3.1 Zu seiner Person führte der Beschuldigte aus, eine Lehre als Elektromon-
teur gemacht zu haben. Anschliessend habe er eine Ausbildung zum technischen
Kaufmann sowie zum Betriebsökonom mit Fachrichtung Marketing gemacht.
Zurzeit sei er Inhaber der F._ GmbH, wobei er als Unternehmensberater an-
gestellt sei. Zudem habe er einen Lehrauftrag an der Fachhochschule ... und sei
Prüfungsexperte für technische Kaufleute. Daraus resultiere ein durchschnittliches
monatliches Einkommen von ca. Fr. 4'100.–. Betreffend Auslagen erklärte der
Beschuldigte, ihm würden Mietkosten von Fr. 870.– (inklusive Nebenkosten und
Parkplatz) und Krankenkassenprämien von ca. Fr. 400.– anfallen;
Unterhaltsverpflichtungen bestünden keine. Er verfüge über ein Vermögen von
ca. Fr. 1'000.– und habe Schulden in einem Betrag von ca. Fr. 3'000.– bei seiner
Schwester. Zu seinen familiären Verhältnissen gab der Beschuldigte an, von
seiner Ehefrau geschieden zu sein und nun alleine zu leben; zudem sei er Vater
zweier Töchter und eines Sohnes, welche bereits volljährig seien (HD Urk. 4
S. 6 f.; HD Urk. 5 S. 6 f.; Prot. I S. 7 f.; Urk. 69 S. 1 f.). Den persönlichen Verhält-
nissen des Beschuldigten sind keine für die Strafzumessung relevanten Kriterien
zu entnehmen.
2.3.2 Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft (Urk. 52), was sich neutral auswirkt.
Zwar ist nicht ausgeschlossen, Vorstrafenlosigkeit ausnahmsweise und im Einzel-
fall in die Gesamtbeurteilung der Täterpersönlichkeit einzubeziehen, was sich
allenfalls strafmindernd auswirken kann. Vorausgesetzt ist jedoch, dass die
Straffreiheit auf eine aussergewöhnliche Gesetzestreue hinweist. Eine solche darf
wegen der Gefahr ungleicher Behandlung jedoch nicht leichthin angenommen
- 36 -
werden, sondern hat sich auf besondere Umstände zu beschränken. Zu denken
ist beispielsweise an den Berufschauffeur, der sich als Ersttäter wegen eines
Strassenverkehrsdeliktes strafrechtlich zu verantworten hat, obschon er seit
vielen Jahren täglich mit seinem Fahrzeug unterwegs ist (BGE 134 IV 1 E. 2.6.4).
Derartige Umstände liegen im vorliegenden Fall offensichtlich jedoch nicht vor.
2.3.3 Bei der Strafzumessung ist, wie erwähnt, auch das Nachtatverhalten eines
Täters zu beachten. Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im
Strafverfahren. Insbesondere wirken ein Geständnis, das kooperative Verhalten
eines Täters bei der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und aufrichtige
Reue strafmindernd (HUG in: Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., N 15 f. zu
Art. 47).
Der Beschuldigte kann keine Reue oder Einsicht für sich reklamieren. Auch zeigte
er sich im Strafverfahren nicht ausgesprochen kooperativ. Das Nachtatverhalten
wirkt sich somit nicht zu Gunsten des Beschuldigten – aber auch nicht zu seinen
Lasten – aus.
2.3.4 Aufgrund der Täterkomponente ergibt sich keine Veränderung der im
Rahmen der Tatkomponente festgesetzten Einsatzstrafe von 40 Tagessätzen
Geldstrafe. Somit resultiert – auch unter Einbezug der Täterkomponenten – eine
Geldstrafe von 40 Tagessätzen.
2.4 Bei der Berechnung der Tagessatzhöhe bildet das Einkommen, das dem
Täter durchschnittlich an einem Tag zufliesst, ganz gleich, aus welcher Quelle die
Einkünfte stammen, den Ausgangspunkt. Denn massgebend ist die tatsächliche
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit (vgl. BGE 116 IV 4 E. 3a). Zum Einkommen
zählen ausser den Einkünften aus selbständiger und unselbständiger Arbeit na-
mentlich die Einkünfte aus einem Gewerbebetrieb, aus der Land- und Forstwirt-
schaft und aus dem Vermögen (Miet- und Pachtzinsen, Kapitalzinsen, Dividenden
usw.), ferner privat- und öffentlich-rechtliche Unterhalts- und Unterstützungs-
beiträge, Renten, Sozialversicherungs- und Sozialhilfeleistungen sowie Natural-
einkünfte (Botschaft 1998 S. 2019). Was gesetzlich geschuldet ist oder dem Täter
wirtschaftlich nicht zufliesst, ist abzuziehen, so die laufenden Steuern, die Beiträ-
ge an die obligatorische Kranken- und Unfallversicherung sowie die notwendigen
- 37 -
Berufsauslagen bzw. bei Selbständigerwerbenden die branchenüblichen
Geschäftsunkosten (Botschaft 1998 S. 2019). Das Nettoprinzip verlangt, dass bei
den ermittelten Einkünften – innerhalb der Grenzen des Rechtsmissbrauchs – nur
der Überschuss der Einnahmen über die damit verbundenen Aufwendungen zu
berücksichtigen sind (BGE 134 IV 60 E. 6.1 und 6.2).
Die Tagessatzhöhe ist unter Berücksichtigung des monatlichen Nettoeinkommens
von Fr. 4'100.– und der relevanten Abzüge (Krankenkassenprämien ca. Fr. 400.–
[Urk. 69 S. 2], Steuerbelastung geschätzt ca. Fr. 400.–) sowie der Tatsache,
dass der Beschuldigte keinen Unterstützungspflichten nachzukommen hat, auf
Fr. 100.– festzusetzen.
2.5 Somit erweist sich eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 100.– als
dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten ange-
messen.
2.6 Um der Warnwirkung der auszusprechenden Strafe Nachdruck zu verleihen,
kann die bedingte Geldstrafe gemäss Art. 42 Abs. 4 StGB mit einer Busse nach
Art. 106 StGB verbunden werden. Da im vorliegenden Fall der Vollzug der Geld-
strafe aufzuschieben sein wird (siehe nachfolgend unter Ziff. 3), kann dem Be-
schuldigten zusätzlich eine Busse auferlegt werden. Fällt das Gericht eine Busse
aus, so bemisst es diese und die Ersatzfreiheitsstrafe je nach den Verhältnissen
des Täters so, dass dieser die seinem Verschulden angemessene Strafe erleidet
(Art. 106 Abs. 3 StGB). Spricht das Gericht mehrere Sanktionen aus (z.B. eine
bedingte Geldstrafe und eine Busse), so haben sie in ihrer Summe schuldange-
messen zu sein (BGE 134 IV 53 E. 5.2). Vorliegend erscheint es dem Verschul-
den des Beschuldigten angemessen, die Busse auf Fr. 600.– festzusetzen.
2.7 Somit erweist sich unter Berücksichtigung sämtlicher massgebender Straf-
zumessungsgründe eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu Fr. 100.– sowie eine
Busse von Fr. 600.– als dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen
des Beschuldigten angemessen.
2.8 Gemäss Art. 106 Abs. 2 StGB spricht das Gericht im Urteil für den Fall, dass
die Busse schuldhaft nicht bezahlt wird, eine Ersatzfreiheitsstrafe von mindestens
einem Tag und höchstens drei Monaten aus. In ständiger Praxis erscheint ein
- 38 -
Umwandlungssatz von 1 Tag Ersatzfreiheitsstrafe pro Fr. 100.– Busse als
angemessen. Es ist daher eine Ersatzfreiheitsstrafe von 6 Tagen Freiheitsstrafe
auszufällen.
3. Vollzug
3.1 Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe, von gemeinnütziger Arbeit
oder einer Freiheitsstrafe in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe nicht
notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder
Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB).
Da der Beschuldigte heute mit einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu bestrafen
ist, sind die objektiven Voraussetzungen erfüllt.
3.2 In subjektiver Hinsicht ist das Fehlen einer ungünstigen Prognose voraus-
gesetzt. Bei der Prognosestellung sind die Tatumstände, das Vorleben, der
Leumund sowie alle weiteren Tatsachen, die gültige Schlüsse auf den Charakter
des Täters und die Aussichten seiner Bewährung zulassen, zu beachten (HUG in:
Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., N 6 ff. zu Art. 42).
Der Beschuldigte ist strafrechtlich nicht vorbelastet (Urk. 52), zum ersten Mal in
ein Strafverfahren involviert und im Arbeitsleben integriert. Es besteht deswegen
kein Anlass, dem Beschuldigten die günstige Prognose für sein künftiges
Wohlverhalten abzusprechen.
3.3 Der Vollzug der Geldstrafe ist daher aufzuschieben; die Busse ist zu bezah-
len.
3.4 Schiebt das Gericht den Vollzug einer Strafe ganz oder teilweise auf, so be-
stimmt es dem Verurteilten eine Probezeit von zwei bis fünf Jahren (Art. 44 Abs. 1
StGB). Vorliegend sind keinerlei Gründe ersichtlich, die für eine besonders lange
Probezeit sprechen würden. Es erscheint vielmehr aufgrund der obigen Er-
wägungen angemessen, eine (minimale) Probezeit von zwei Jahren anzusetzen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss wird der Beschuldigte für das Vorverfahren und das
erstinstanzliche Gerichtsverfahren kosten- und entschädigungspflichtig (Art. 426
- 39 -
Abs. 1 StPO). Die Gerichtsgebühr für das erstinstanzliche Gerichtsverfahren ist
auf Fr. 1'500.– festzusetzen und die erstinstanzliche Kostenaufstellung (Disposi-
tiv-Ziffer 3) ist zu bestätigen.
2. Der Beschuldigte unterliegt auch im Berufungsverfahren, weshalb ihm
ausgangsgemäss die Kosten des Berufungsverfahrens aufzuerlegen sind
(Art. 428 Abs. 1 StPO). Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr ist praxisgemäss auf
Fr. 3'000.– festzusetzen.
Zufolge des Schuldspruches hat der Beschuldigte – entgegen seinen Anträgen –
keinen Anspruch auf Entschädigung seiner Aufwendungen für die Ausübung
seiner Verfahrensrechte (Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO e contrario).