Decision ID: 76b90e95-259d-446f-9df3-161dd603e54c
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Christa Rempfler, Falkensteinstrasse 1, Post
fach 112, 9006 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
Die IV-Stelle des Kantons St. Gallen sprach A._ Jahrgang 19_, nach deren
Anmeldung im November 2008 mit Verfügungen vom 5. November 2010 und
19. Januar 2011 ab 1. Mai 2009 eine Viertelsrente zuzüglich zweier Kinderrenten zu.
Gegen diese Verfügungen erhobene Beschwerden hiess das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen gut und sprach der Versicherten (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
mit Entscheid IV 2011/14 vom 20. Juli 2012 ab 1. Mai 2009 eine halbe Invalidenrente
zu. Eine dagegen von der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) erhobene
Beschwerde hiess das Bundesgericht mit Entscheid 9C_603/2012 vom 18. März 2013
teilweise gut, hob den kantonalen Entscheid auf und wies die Sache im Sinn der

Erwägungen zu neuer Entscheidung ans st. gallische Versicherungsgericht zurück. Die
Ermittlung des medizinischen Sachverhalts durch die IV-Stelle sei unzulänglich
gewesen, weshalb das kantonale Gericht durch die Verwaltung zusätzliche
Beweisvorkehren hätte treffen müssen. Es sei geboten, eine polydisziplinäre Expertise
durch eine medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) anzuordnen. Zum Sachverhalt ist
im Übrigen auf die Ausführungen in den beiden genannten Gerichtsentscheiden
verwiesen.
B.
B.a Das st. gallische Versicherungsgericht schlug daraufhin den Parteien am 16. April
2013 (act. G 4) eine Begutachtung der Versicherten durch die asim (Academy of Swiss
Insurance Medicine) Begutachtung des Universitätsspitals Basel vor und gewährte
ihnen auch zu den vorgesehenen Gutachterfragen das rechtliche Gehör. Nachdem die
Parteien auf Einwendungen und Ergänzungsfragen verzichtet hatten (act. G 5 und 6),
erteilte das Gericht der asim Begutachtung am 7. Mai 2013 (act. G 7) den
Begutachtungsauftrag.
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B.b Die asim Begutachtung erstattete das Gutachten am 28. November 2013 (act.
G 15). Darin werden mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit die Diagnosen schwere
depressive Episode ohne psychotische Symptome, anhaltende somatoforme
Schmerzstörung und somatoforme autonome Funktionsstörung des Urogenitaltraktes
genannt. Aus psychiatrischer Sicht halte man die Versicherte für derzeit 30%
arbeitsfähig. Möglich wäre eine gut strukturierte und überschaubare Tätigkeit für ca.
2.5 bis 3 Stunden täglich. Dabei sollte Zeitdruck ebenso vermieden werden wie hohe
Anforderungen an Konzentration, Durchhaltevermögen, Schnelligkeit, Präzision und
Flexibilität. Auch seien Tätigkeiten, die mit besonderen körperlichen oder psychischen
Belastungen einhergingen, z.B. Wechselschicht, Akkordarbeit und Nachtarbeit, als
nicht leidensgerecht anzusehen. Es sollte die Möglichkeit bestehen, nach Bedarf
Pausen einzulegen, deren Zeitpunkt und Anzahl wegen der Miktionsproblematik nicht
festgelegt sein sollten. Tätigkeiten, die durch besondere soziale Stress-Situationen
gekennzeichnet seien, z.B. mit Kundenkontakt oder Publikumsverkehr, seien für die
Beschwerdeführerin nicht geeignet, ebenso Arbeitsumgebungen mit der Notwendigkeit
vieler verschiedener sozialer Interaktionen, z.B. viele Mitarbeiter in einem Team oder
Arbeitsplätze in Grossraumbüros bzw. Werkshallen mit fehlender Rückzugsmöglichkeit.
Die aktuelle Ausprägung des Krankheitsbilds könne aufgrund der Befunddarstellung
des behandelnden Psychiaters Dr. med. B._ vom März 2011 etwa ab jenem
Zeitpunkt angenommen werden. Davor sei für den Zeitraum von Frühjahr 2008 an von
einer mittelgradigen Depression mit somatoformer Schmerzstörung/autonomer
Funktionsstörung auszugehen mit einer Arbeitsfähigkeit von 50%.
B.c Die Parteien verzichteten auf Stellungnahmen zum Gutachten (act. G 16, 18, 19).
Erwägungen:
1.
1.1 Nachdem das Bundesgericht den Entscheid IV 2011/14 des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen aufgehoben und die Sache zur weiteren
Abklärung und anschliessenden neuen Entscheidung an das kantonale Gericht
zurückgewiesen hat, ist vorliegend erneut über den Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin zu entscheiden. In Bezug auf die massgebenden Grundlagen zu
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Gesetzgebung und Rechtsprechung ist auf die einschlägigen Ausführungen in den
erwähnten Entscheiden IV 2011/14 und 9C_603/2012 zu verweisen.
1.2 Für die vorliegende Beurteilung relevant ist lediglich der Sachverhalt, wie er sich
bis zum Erlass der Verfügungen vom 5. November 2010 und 19. Januar 2011
zugetragen hat (vgl. BGE 131 V 242 S. 243 E. 2.1; 121 V 362 S. 366 E. 1b; Urteil
8C_308/2013 des Bundesgerichts vom 8. November 2013 E. 3.2.2). Die Entwicklung
seither, insbesondere die von den Gutachtern der asim Begutachtung auf ca. März
2011 datierte, sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkende Verschlechterung des
Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin, kann im vorliegenden Gerichtsverfahren
nicht berücksichtigt werden. Dieser Entwicklung wird die IV-Stelle im Rahmen eines
anschliessend an die Rechtskraft des vorliegenden Urteils von Amtes wegen
einzuleitenden Revisionsverfahrens Rechnung tragen.
2.
2.1 Das Bundesgericht ist im Entscheid 9C_603/2012 davon ausgegangen, dass mit
dem depressiven Geschehen bei der Beschwerdeführerin eine Komorbidität zur
somatoformen Schmerzstörung bestehe. Zudem hat es das Kriterium der erheblichen
Dauer der Komorbidität bejaht. Nicht genügend erhoben war gemäss Bundesgericht
jedoch, ob der selbstständige Gesundheitsschaden die von der Rechtsprechung
geforderte Intensität und Schwere erreicht, sowie die Frage, ob und inwiefern die
Beschwerdeführerin über psychische Ressourcen verfügt, die es ihr erlauben, mit ihren
Schmerzen umzugehen (Frage der Überwindbarkeit).
2.2 Die Gutachter der asim Begutachtung kommen im Gerichtsgutachten vom
28. November 2013 zum Schluss, die Beschwerdeführerin sei von Frühjahr 2008 an
aus psychischen Gründen zu 50% und seit etwa März 2011 zu 30% arbeitsfähig. Wie
vorne in Bst. B.b wiedergegeben, muss die adaptierte Tätigkeit eine Vielzahl von
Anforderungen erfüllen. In Übereinstimmung mit dem begutachtenden Psychiater des
IV-internen Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) Dr. med. C._ in dessen Unter
suchungsbericht vom 16. April 2010 (IV-act. 39) gingen die psychiatrischen Gutachter
der asim Begutachtung vom Vorliegen einer sog. "double depression" aus, d.h. einer
Dysthymie mit sich darauf aufpfropfender depressiver Episode, wobei diese Episode
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ab 2009 mittelgradig ausgeprägt gewesen und aktuell als schwer ausgeprägt
einzustufen sei. Der schweren depressiven Episode billigten die Gutachter Einfluss auf
die Arbeitsfähigkeit zu, der Dysthymie nicht. Angesichts des Verlaufs sei von einem
mittlerweile chronifizierten Krankheitsbild auszugehen (S. 6 des Gutachtens; S. 10 f.
des psychiatrischen Teilgutachtens). Bezugnehmend auf das Bundesgerichtsurteil
hielten die psychiatrischen Gutachter fest, der Schweregrad der Depression der
Beschwerdeführerin habe in den vergangenen fünf Jahren zugenommen, sodass
aktuell die affektive Seite des klinischen Gesamtbeschwerdebilds im Vordergrund
stehe und aus psychiatrischer Sicht die führende gesundheitliche Einschränkung
darstelle, während die somatoformen Störungen sich von der Ausprägung her
weitgehend mit den bereits vor fünf Jahren (Klinik D._) dokumentierten Befunden
deckten und somit keine Progredienz zeigten. Vom psychiatrischen Standpunkt
müssten daher Intensität und Ausprägungsgrad der Depression derzeit als schwer
bezeichnet werden.
2.3 Zur Frage der Überwindbarkeit der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung
und der somatoformen autonomen Funktionsstörung des Urogenitaltraktes haben sich
die Gutachter dahingehend geäussert, dass diese im Rahmen der Gesamtproblematik
und des Schweregrads der Depression deutlich reduziert sei, was in die Bemessung
der Arbeitsfähigkeit eingeflossen sei (S. 6 des Gutachtens). Psychische Ressourcen,
die der Beschwerdeführerin den Umgang mit den Schmerzen erleichtern könnten,
wurden von den Gutachtern unter Verweis auf die von ihnen ausführlich dargestellte
Fülle an psychosozialen Belastungen als prinzipiell ausreichend vorhanden bezeichnet,
da die Beschwerdeführerin in der Lage gewesen sei, trotz der hemmenden und
erschwerenden Umstände eine Berufsausbildung zu absolvieren und sowohl in E._
als auch über viele Jahre als Migrantin in der Schweiz die Doppelrolle als berufstätige
Mutter auszuüben, ohne psychische Krankheitssymptome zu entwickeln. Allerdings sei
anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin ab ca. 2004 zunehmend an ihre
Belastungsgrenzen gestossen sei, die mit der dazu tretenden Kündigung (der
Arbeitsstelle) 2007 schliesslich überschritten worden seien. Da ihre
Bewältigungsmechanismen und Ressourcen nun nicht mehr ausgereicht hätten, habe
sich in der Folge das dargestellte komplexe Störungsbild entwickelt. Unter der
momentanen depressiven Symptomatik sei der Beschwerdeführerin ein Zugriff auf ihre
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Ressourcen nur in eingeschränktem Mass möglich (S. 13 des psychiatrischen
Teilgutachtens).
2.4 Diese Ausführungen beantworten die noch offenen Fragen. Die verselbstständigte
depressive Problematik der Beschwerdeführerin weist nach der ausführlich und
nachvollziehbar begründeten sowie überzeugenden Einschätzung der asim-Gutachter
eine Erheblichkeit in Bezug auf Schwere, Intensität und Ausprägung auf, die das von
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung geforderte Ausmass erreicht. Die Frage der
Überwindbarkeit des somatoformen Schmerzgeschehens bzw. der somatoformen
Funktionsstörung des Urogenitaltrakts wurde ebenfalls ausreichend klar dahingehend
beantwortet, dass der Beschwerdeführerin auch bei Aufbietung allen zumutbarerweise
vorhandenen Willens nur eine teilweise Überwindung gelingen kann. Die Gutachter
setzten den Schwerpunkt ihrer Beurteilung im Zusammenhang mit der Erheblichkeit
der depressiven Erkrankung zwar auf die Gegenwart, also das Begutachtungsdatum.
Dennoch ist unter Berücksichtigung der gesamten medizinischen Aktenlage
überwiegend wahrscheinlich, dass die Erheblichkeit bereits beim frühestmöglichen
Rentenbeginn im Mai 2009 (vgl. dazu E. 4.4 des Entscheids IV 2011/14 des st.
gallischen Versicherungsgerichts) bzw. im zuvor zu bestehenden Wartejahr in
ausreichendem Ausmass gegeben war – so hielten die asim-Gutachter etwa fest, ab
Ende 2007/Anfang 2008 habe sich eine schwere Form der Depression herausgebildet
(S. 5 der Gesamtbeurteilung), die psychische Problematik habe spätestens 2008 ein
behandlungsbedürftiges Ausmass erreicht (S. 12 des psychiatrischen Teilgutachtens),
und hatte der RAD den Beginn einer Arbeitsunfähigkeit von 50% ebenfalls auf Januar
2008 festgesetzt (vgl. Bst. A.d des Urteils IV 2011/14). Somit ist von einer
rentenrelevanten Arbeitsunfähigkeit bereits zu jener Zeit auszugehen. Im Weiteren
erscheint es plausibel, dass der Beschwerdeführerin im Rahmen der ab Frühjahr 2008
(bis ca. März 2011) bestehenden mittelgradig ausgeprägten depressiven Episode auch
bei Aufbietung allen guten Willens die Überwindung der Schmerzen nur noch im
Ausmass von 50% möglich war. Folglich ist für die Rentenbemessung im für das
vorliegende Verfahren massgebenden Zeitraum bis Januar 2011 von einer
massgebenden Arbeitsunfähigkeit von 50% auszugehen.
2.5 Die Rentenberechnung im Urteil IV 2011/14 beruhte ebenfalls auf einer
Arbeitsunfähigkeit von 50%. Somit kann auf die dort begründeten
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Vergleichseinkommen (Valideneinkommen Fr. 52'667.--, Invalideneinkommen
Fr. 23'116.--, jeweils per 2008) verwiesen werden. Folglich resultiert ein Invaliditätsgrad
von 56%. Der Anspruch auf eine halbe Invalidenrente besteht ab 1. Mai 2009 (vgl. E. 4
des Urteils IV 2011/14).
3.
3.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen sind die Verfügungen vom 25. November
2010 und 19. Januar 2011 in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben. Die
Beschwerdeführerin hat ab 1. Mai 2009 Anspruch auf eine halbe Rente der
Invalidenversicherung. Die Sache ist zur Festsetzung des Rentenbetrags an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Betreffend die im asim-Gutachten
ausgewiesene Verschlechterung des Gesundheitszustands ab ca. März 2011 wird die
Beschwerdegegnerin von Amtes wegen ein Revisionsverfahren zu eröffnen haben.
3.2 Das Beschwerdeverfahren in IV-Sachen ist kostenpflichtig. Die Kosten werden
nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Angesichts des durch die
Einholung des Gerichtsgutachtens überdurchschnittlichen Aufwands erscheint eine
Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- als angemessen. Die unterliegende
Beschwerdegegnerin hat für diese Gebühr aufzukommen. Der Beschwerdeführerin ist
der Kostenvorschuss von Fr. 600.-- zurückzubezahlen. Zudem hat die
Beschwerdegegnerin die Kosten für das Gerichtsgutachten zu übernehmen. Diese
belaufen sich insgesamt auf Fr. 9'474.20 (vgl. act. G 17).
3.3 Der obsiegenden Beschwerdeführerin ist eine Parteientschädigung zuzusprechen.
Im Verfahren IV 2011/14 wurde diese auf Fr. 3'650.40 festgesetzt (E. 6.3 jenes Urteils).
Im Zusammenhang mit dem Gerichtsgutachten war die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin nochmals einige Male mit dem Fall befasst, ohne dass ihr dadurch
ein grösserer Aufwand entstanden wäre. Insgesamt rechtfertigt es sich daher, die
Parteientschädigung auf Fr. 4'000.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festzusetzen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
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im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP