Decision ID: ea0852e3-3384-593c-b759-1b47c374e942
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie
mit letztem Wohnsitz in B._, verliess eigenen Angaben zufolge sei-
nen Heimatstaat am (...). April 2013 in Richtung Türkei. Von C._
aus gelangte er über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slo-
wenien und Österreich am 1. November 2015 in die Schweiz, wo er glei-
chentags um Asyl nachsuchte. Am 11. November 2015 wurde er zur Per-
son und summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur Person
[BzP]) sowie am 25. September 2017 einlässlich angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen geltend,
er sei in D._ (E._) geboren und im Alter von etwa (...) Jahren
mit seiner Familie nach B._ gezogen. Er habe (...) Jahre lang die
Schule besucht. Seine Eltern hätten sich aufgrund eines finanziellen Prob-
lems scheiden lassen, als er etwa (...) Jahre alt gewesen sei. Nach der
Scheidung habe er mit seiner Mutter und den Geschwistern gelebt. Das
Verhältnis zum Vater, der unter anderem auch als Informant für die Regie-
rung gearbeitet habe, sei nicht gut gewesen. Einmal habe seine Stiefmutter
ihn zu Unrecht bezichtigt, sie mit einem (...) verletzt zu haben. Daraufhin
habe ihn sein Vater bei der Maidan-Abteilung angezeigt und er sei einen
Tag festgehalten und von einem Offizier geohrfeigt worden. Seine Stelle in
einem (...) habe er aufgegeben, weil sein Arbeitsweg an einem Kontroll-
posten der syrischen Behörden durchgeführt habe. Er habe nachher in ei-
ner (...) gearbeitet, die in der Nähe seines Wohnorts im Quartier F._
gelegen sei, wo die Behörden weniger präsent gewesen seien. Ende (...)
habe er auf einem Fernsehen-Nachrichtenband gesehen, dass Personen,
die in den Jahren (...) und (...) geboren seien, sich den Militärbehörden
stellen müssten. Aus Angst, in den Militärdienst eingezogen zu werden,
habe er sich jedoch nicht für die Aushebung bei den Militärbehörden ge-
meldet. Trotzdem habe er in jener Zeit an Demonstrationen und Sitzungen
der YPG (Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidigungseinheiten) und der
PKK (Partiya Karkerên Kurdistan; Arbeiterpartei Kurdistans) teilgenom-
men. Eine Woche vor seiner Ausreise sei der Vater zu seinem Arbeitsort
gekommen und habe ihn aufgefordert, sein Militärdienstbüchlein ausstellen
zu lassen, und ihm in Aussicht gestellt, seine Besitztümer und Autos ihm
zu überschreiben, wenn er die Mutter verlasse und in den Militärdienst
gehe. Da er nicht zugehört und ihn beschimpft habe, habe der Vater ihn
vor den Mitarbeitern geschlagen. Sein Chef, dem die schwierige Familien-
situation bekannt gewesen sei, habe ihn nach diesem Vorfall nach Hause
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geschickt zur Erholung. Einige Stunden später habe ihn der Chef angeru-
fen und gesagt, dass sein Vater mit einem Auto der syrischen Polizeiarmee
gekommen sei und er gehört habe, dass sie zu ihm nach Hause kommen
würden. Nach diesem Telefonat habe er einen Schock bekommen und sei
zu seinem Onkel gegangen, dessen Wohnadresse dem Vater nicht be-
kannt gewesen sei. Der Vater habe ihn mit drei weiteren Personen der sy-
rischen Polizeiarmee vergeblich zu Hause gesucht und eine Hausdurchsu-
chung durchgeführt. Später seien seine Mutter und seine Geschwister
auch zum Haus des Onkels gekommen und hätten ihm eine Kleidertasche
für die Flucht gebracht. Anschliessend sei er mit der Hilfe eines Schleppers
über G._ in die Türkei geflüchtet. Als seine Schwester im Jahr (...)
für ihn einen Familienregisterauszug habe ausstellen lassen wollen, habe
sie mit dem Vater Kontakt aufnehmen müssen. Dieser habe ihr dann ein
Schreiben des Innenministeriums ausgehändigt, aus welchem hervorgehe,
dass er zur Verhaftung ausgeschrieben worden sei, da er der Rekrutierung
ferngeblieben sei. Ferner brachte er vor, auch in der Türkei an Demonstra-
tionen teilgenommen zu haben. Aufgrund der Demonstrationsteilnahmen
befürchte er jedoch keine Gefahr durch die syrischen Behörden, aber ein-
mal sei er deswegen in der Türkei von Türken geschlagen worden. Eben-
falls nehme er in der Schweiz regelmässig an exilpolitischen Veranstaltun-
gen teil.
Zur Stützung seiner Vorbringen legte er seine Identitätskarte, einen Fami-
lienregisterauszug, ein Schreiben des Innenministeriums vom (...). April
2014, diverse Fotos aus der Türkei sowie zwei Arztberichte vom (...). Juni
2016 und vom (...). September 2017 ins Recht.
B.
Mit Verfügung vom 27. Oktober 2017 – eröffnet am 3. November 2017 –
lehnte die Vorinstanz das Asylgesuch ab, verneinte die Flüchtlingseigen-
schaft und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Indessen wurde
der Wegweisungsvollzug zugunsten einer vorläufigen Aufnahme wegen
Unzumutbarkeit aufgeschoben.
C.
Mit Eingabe vom 27. November 2017 erhob der Beschwerdeführer gegen
diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung von Asyl.
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In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgelt-
lichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG samt Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Seiner Beschwerde legte er unter anderem eine Fürsorgebestätigung bei.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Dezember 2017 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten könne und hiess das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut. Es
wurde kein Kostenvorschuss erhoben und die Vorinstanz eingeladen, sich
vernehmen zu lassen.
E.
In ihrer Vernehmlassung vom 12. Dezember 2017 hielt die Vorinstanz voll-
umfänglich an ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der
Beschwerde.
F.
Am 13. Dezember 2017 wurde dem Beschwerdeführer die Vernehmlas-
sung zur Kenntnisnahme zugestellt.
G.
Mit Eingabe vom 22. Dezember 2017 wurde ein Arztbericht vom (...) De-
zember 2017 eingereicht.
H.
Mit elektronischer Eingabe vom 12. Februar 2018 ersuchte H._, um
Akteneinsicht sowie um Auskunft, wie vorzugehen sei, wenn der Be-
schwerdeführer neue Asylgründe geltend machen wolle.
I.
Am 13. Februar 2018 teilte die Instruktionsrichterin H._ mit, dass
das Gericht elektronische Eingaben nur entgegennehme, wenn diese in
dem vom Bundesrat vorgesehenen Format ergehen würden, und wies ihn
auf die Möglichkeit hin, schriftlich ans Gericht zu gelangen.
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J.
Mit Eingabe vom 14. Februar 2018 ersuchte H._ um Einsicht in die
Vernehmlassung des SEM und reichte eine Vollmacht ein für die Aktenein-
sicht und die Einholung von Auskünften im Asylverfahren. Diesem Gesuch
wurde am 19. Februar 2018 entsprochen.
K.
Mit Eingabe vom 16. Februar 2018 (Datum des Poststempels) teilte der
Beschwerdeführer mit, dass er in seiner Beschwerde versehentlich die
Feststellung, der Wegweisungsvollzug in den Irak sei aufgrund der Konver-
tierung zum Christentum unzumutbar, beantragt habe und er dieses Be-
gehren zurückziehe.
L.
In seiner Eingabe vom 26. März 2018 (Datum des Poststempels) machte
der Beschwerdeführer geltend, dass er homosexuell sei, jedoch aus Angst
und Scham bisher nicht darüber habe sprechen können. Seiner Eingabe
legte der Beschwerdeführer einen Arztbericht vom (...). März 2018, drei
Screenshots von seinem Profil auf (...) (soziale Medien) sowie diverse
Presseartikel über die Situation von Homosexuellen in Syrien und in der
Türkei ein. Auf die Begründung und die Beweismittel wird nachfolgend ein-
gegangen.
M.
Am 27. März 2018 liess das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerdeer-
gänzung dem SEM zukommen und räumte ihm Gelegenheit ein, eine wei-
tere Vernehmlassung einzureichen.
N.
In seiner Vernehmlassung vom 6. April 2018 hielt das SEM fest, dass die
neuen Vorbringen des Beschwerdeführers zu keiner Änderung seines
Standpunktes führten, und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
O.
Innert erstreckter Frist nahm der Beschwerdeführer mit Replik vom 7. Mai
2018 zur Vernehmlassung des SEM Stellung und reichte diverse Chatpro-
tokolle sowie einen Screenshot von seinem Profil auf (...) (soziale Medien)
ein. Auf die Beweismittel wird nachfolgend eingegangen.
P.
Am 9. Juni 2018 wurde das SEM erneut eingeladen, sich vernehmen zu
lassen.
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Q.
In seiner Vernehmlassung vom 23. Mai 2019 hielt das SEM abermals voll-
umfänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der
Beschwerde.
R.
Mit Eingabe vom 7. Juni 2018 nahm der Beschwerdeführer Stellung zur
Vernehmlassung des SEM vom 23. Mai 2019.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM. Dabei entschei-
det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was hier nicht
zutrifft – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor wel-
chem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (vgl. Art. 105 AsylG
[SR 142.31] i.V.m. Art. 31–33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG; Art. 6 und Art. 105 ff.
AsylG).
1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und seine
Beschwerde erfolgte frist- und formgerecht (aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 52
Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerden einzutreten ist.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, dass
angesichts des Alters des Beschwerdeführers nicht ausgeschlossen wer-
den könne, dass er bei einem Verbleib in Syrien militärisch ausgehoben
worden wäre. Der Beschwerdeführer sei zwar von seinem Vater und der
Militärpolizei gesucht worden, weil sein Vater ihn zur Aushebung habe schi-
cken wollen. Letztlich habe der Beschwerdeführer Syrien jedoch verlassen,
ohne direkten Kontakt mit den syrischen Militärbehörden gehabt zu haben.
Das Schreiben des Innenministeriums sei erst ausgestellt worden, nach-
dem der Beschwerdeführer Syrien bereits verlassen habe. Es handle sich
dabei um einen Suchbefehl, weil der Beschwerdeführer der Rekrutierung
ferngeblieben sei. Gemäss Akten habe sich der Beschwerdeführer dem-
nach der Erfassung durch die Militärbehörden und der Aushebung entzo-
gen. Es sei somit nicht gesichert, dass der Beschwerdeführer von der syri-
schen Armee als diensttauglich erklärt und tatsächlich einberufen worden
wäre. Dementsprechend habe der Beschwerdeführer auch keine Beweis-
mittel einreichen können, die eine von den Militärbehörden festgestellte
Diensttauglichkeit attestieren oder die Einberufung in den Militärdienst be-
legen würden. Allein der Umstand, dass der Beschwerdeführer sich vor ei-
nem zukünftigen Einzug in den Militärdienst fürchte, vermöge gemäss stän-
diger Praxis keine Furcht vor asylrelevanter Verfolgung zu begründen. Die
geltend gemachten Übergriffe seitens des Vaters des Beschwerdeführers
hätten kein asylrelevantes Ausmass angenommen. In Bezug auf die gel-
tend gemachte Teilnahme an Demonstrationen und Sitzungen der YPG
und der PKK habe der Beschwerdeführer angegeben, nie Probleme mit
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der Regierung gehabt zu haben und auch nie von den Behörden identifi-
ziert worden zu sein. Auch hinsichtlich der Demonstrationsteilnahmen in
der Türkei habe der Beschwerdeführer ausgesagt, bei einer allfälligen
Rückkehr nach Syrien keinerlei Probleme mit der Regierung zu erhalten.
Weiter sei das exilpolitische Engagement des Beschwerdeführers in der
Schweiz nicht als exponiert im Sinne der geltenden Praxis einzustufen.
4.2 In seiner Rechtsmitteleingabe hielt der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen fest, dass er von seinem Vater und der Militärpolizei an seinem Ar-
beitsplatz gesucht worden sei. Die Gefahr, in den Militärdienst eingezogen
zu werden, sei akut gewesen. Es sei kein Grund ersichtlich, weshalb ihn
die syrischen Militärbehörden hätten als dienstuntauglich einstufen sollen,
zumal er gesund und über 18 Jahre alt gewesen sei. Der eingereichte
Suchbefehl weise zudem seine Gefährdung nach, für den Militärdienst re-
krutiert zu werden.
4.3 Im Arztbericht vom (...). September 2017 wurde festgehalten, dass der
Beschwerdeführer seit dem (...). April 2017 aufgrund einer schweren Trau-
matisierung in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung sei. Wei-
ter ist den Akten zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer am (...). Mai
2016, (...). Mai 2016 sowie (...). Juni 2016 in der Sprechstunde für Trans-
kulturelle Psychiatrie der (...) in Behandlung gewesen sei.
4.4 In seiner Beschwerdeergänzung vom 26. März 2018 brachte der Be-
schwerdeführer erstmals vor, dass er homosexuell sei. Anlässlich der BzP
und der Anhörung habe er dies aus Angst und Scham insbesondere vor
den Dolmetschern, die er beide gekannt habe, bis anhin nicht sagen kön-
nen. Er habe sich davor gefürchtet, dass es sich hier sofort herumsprechen
würde, wenn der Dolmetscher davon wisse. Er habe in Syrien nie über
seine Homosexualität geredet. Aus Angst vor Verfolgung habe er seine Ho-
mosexualität zudem wie die meisten Schwulen in Syrien nur heimlich und
versteckt gelebt. Er habe nur einen einzigen Vertrauten in der Schweiz, der
von seiner Homosexualität wisse. Nachdem er beim Chatten auf (...)
I._ und dessen Partner H._ kennengelernt habe, hätten
diese ihn ermutigt, sich seinem Psychiater anzuvertrauen, und ihm versi-
chert, dass er in der Schweiz keine Angst und Misstrauen gegenüber den
Behörden haben müsse. In Syrien dürfe niemand wissen, dass er schwul
sei. Das sei lebensgefährlich. Wüsste seine Mutter von seiner Homosexu-
alität, würde sie ihn umgehend verstossen, was ihn emotional kaputt ma-
chen würde. Sein Vater würde ihn sinnlos kaputt prügeln, würde er jemals
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wieder seiner habhaft werden. Die männlichen Angehörigen seiner Sipp-
schaft würden ihn lynchen. Eine Rückkehr nach Syrien bedeute in diesem
Fall seinen sicheren Tod. Zu seinen zwei in J._ lebenden Cousins
habe er guten Kontakt, aber würden sie davon wissen, würden sie ihn ver-
achten und den Kontakt sofort abbrechen. Auch in der Türkei habe er we-
gen seiner Homosexualität Probleme gehabt. So sei er deshalb im Frühling
2015 zusammengeschlagen geworden, nachdem einer aus einer Gruppe
gemerkt habe, dass er sich nach ihm umgedreht habe. In Syrien sei Ho-
mosexualität verboten und werde als «widernatürliche sexuelle Bezie-
hung» mit bis zu drei Jahren Haft bestraft.
4.5 In der Vernehmlassung vom 6. April 2018 erachtete die Vorinstanz es
als nachvollziehbar, dass eine gewisse Scham davor bestehe, vor Dolmet-
schern, die aus demselben Land stammten, über tabuisierte Themen wie
Homosexualität zu sprechen. Von einer Gefahr auszugehen, dass via Dol-
metscher die Homosexualität bekannt werden könnte, sei jedoch nicht an-
gezeigt, da sie einer Verschwiegenheitspflicht unterstehen würden. Des-
halb sei die Angst, über die angebliche Homosexualität zu sprechen, un-
begründet. Es treffe zwar zu, dass Homosexualität in Syrien gesellschaft-
lich tabuisiert werde und, soweit «homosexuelles Verhalten gezeigt»
werde, eine strafrechtliche Sanktionierung für Männer und Frauen vorge-
sehen sei. Der Beschwerdeführer habe jedoch nicht geltend gemacht, in
Syrien aufgrund seiner angeblichen Homosexualität bis zu seiner Ausreise
konkrete Probleme gehabt zu haben. Ebenso würden seine Familienange-
hörigen und Verwandten nichts über seine sexuelle Orientierung wissen.
Es würden somit keine objektiven Hinweise vorliegen, wonach der Be-
schwerdeführer aufgrund der geltend gemachten sexuellen Orientierung
eine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung in Syrien zu befürchten
habe.
4.6 In einer weiteren Stellungnahme vom 7. Mai 2018 hielt der Beschwer-
deführer fest, dass er nicht nur «angeblich schwul», sondern schwul sei.
Zum Beleg seiner sexuellen Orientierung legte er Protokolle von Chats mit
mehreren Männern ins Recht. Ferner führte er aus, dass das SEM objektiv
Recht haben möge und die Angst vor den Dolmetschern aufgrund ihrer
Verschwiegenheitspflicht unbegründet sei, doch sei er sich aus Syrien ei-
nen anderen Umgang mit persönlichen Angaben gewohnt, weshalb er sub-
jektiv schlicht und einfach Angst verspürt habe. Im Orient würden manche
Dinge anders funktionieren. Vertrauen in die Behörden und die Schweige-
pflicht der Behörden seien eine sehr eurozentrierte, akademische Sicht-
weise der Angelegenheit. Er sei kein Einzelfall und es sei kein unbekanntes
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Phänomen, dass homosexuelle Asylsuchende nicht von Anfang an die
ganze Wahrheit bezüglich ihrer sexuellen Orientierung offenbaren könnten.
Dazu komme der Aspekt der Scham. Für einen Mann aus einem orientali-
schen Land sei es nicht einfach, vor einem anderen Mann aus demselben
Kulturkreis über solche Themen zu sprechen, da man dann nicht als Mann,
sondern als «verweichlicht und weibisch» gelte. Diese Schande und ver-
bale Schikane habe er keinesfalls über sich ergehen lassen wollen. Hin-
sichtlich der gesellschaftlichen Lage für Homosexuelle in Syrien wurde un-
ter Hinweis auf verschiedene Berichte ausgeführt, dass vor der Revolution
Homosexualität weitestgehend geduldet worden sei. Heute jedoch würden
Homosexuelle in Syrien nicht nur von den radikalen Islamisten, sondern
auch vom Assad-Regime bedroht werden. Im Weiteren brachte er vor, dass
er im Sommer des Jahres (...) bei ihm zu Hause in B._ Sex mit
seinem Cousin gehabt habe. Seine Mutter habe sie beide beobachtet und
seine Schwester und seinen Onkel und Vater des Cousins gerufen. Darauf-
hin sei er zuerst von seiner Mutter und dann von seinem Onkel mehrmals
ins Gesicht geschlagen worden. Anschliessend habe er eine Woche lang
auf der Strasse leben müssen. Nach einer Woche habe ihm der Onkel er-
laubt, wieder zurückzukehren, ihm aber gleichzeitig gedroht, ihn umzubrin-
gen, wenn er wieder mit seinem Sohn zusammen Sex haben würde. Er
habe es gehasst und es sei schwer gewesen, mit seiner Familie zu leben.
Sie hätten ihm gesagt, er habe den Namen der Familie zerstört. Da sein
Grossvater Scheich und Imam der einzigen Dorfmoschee von G._
gewesen sei und islamisches Recht studiert habe, werde dessen Ruf be-
schmutzt und er würde Schande über die ganze Familie bringen. Als er
später realisiert habe, dass er schwul sei und es sich beim Vorfall mit sei-
nem Cousin nicht nur um ein «neugieriges Probieren oder Herumspielen»
unter Jungs gehandelt habe, sei ihm bewusst worden, dass er in Syrien
keine Zukunft habe. Er könne in Syrien nicht als Schwuler leben. Er wolle
sich nicht sein Leben lang verstecken und seine sexuelle Orientierung dis-
kret und unauffällig im Geheimen ausleben müssen.
4.7 Das SEM hielt den Ausführungen des Beschwerdeführers in seiner
Vernehmlassung vom 23. Mai 2018 entgegen: Es sei nicht nachvollziehbar,
dass der Beschwerdeführer einerseits angebe, aus Scham, seine Homo-
sexualität im erstinstanzlichen Verfahren nicht geltend gemacht zu haben,
aber sich andererseits in seiner Beschwerdeergänzung vom 7. Mai 2018
dermassen explizit über seine sexuellen Tätigkeiten in der Schweiz zu äus-
sern vermöge. Die angeblich kulturspezifische Scham und Angst vor den
Dolmetschern erscheine somit in Bezug auf die konkrete Situation übertrie-
ben. Es sei überdies nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer
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erstmals in der zweiten Beschwerdeergänzung vom 7. Mai 2018 den Vor-
fall vom Sommer 2011 geltend mache. Zudem stehe dieses Vorbringen im
Widerspruch zu seinen Aussagen in der ersten Beschwerdeergänzung
vom 23. März 2018, in welcher der Beschwerdeführer vorgebracht habe,
seine Mutter würde ihn umgehend verstossen und seine männlichen An-
gehörigen würden ihn lynchen, wenn sie von seiner Homosexualität erfah-
ren würden. Aufgrund dieser Ungereimtheiten müsse davon ausgegangen
werden, dass der Beschwerdeführer mit jeder Eingabe versuche, seine
Asylvorbringen weiter zu steigern. Die Ereignisse und Verfolgung in Syrien
aufgrund seiner homosexuellen Beziehung seien als nachgeschoben zu
qualifizieren und könnten ihm deshalb nicht geglaubt werden.
4.8 In seiner Stellungnahme vom 7. Juni 2018 erklärte der Beschwerdefüh-
rer, dass das SEM mit der Infragestellung seiner Homosexualität seine per-
sönliche Integrität und Menschenwürde angegriffen habe. Das sei für ihn
inakzeptabel. Er habe daher versucht, seine Vorbringen mit allen ihm zur
Verfügung stehenden Beweismittel (Zeugen, Chats und Fotos) zu unter-
mauern. Es sei nicht vom SEM gewürdigt worden, dass er bei der Verfas-
sung seiner schriftlichen Eingabe keinem Dolmetscher mit derselben Mut-
tersprache gegenübergesessen sei. Bezüglich des vorgebrachten Vorfalls
machte er geltend, dass der erste Sex ein «Hinweis» auf eine mögliche
Homosexualität gewesen sei. Seine Mutter und sein Onkel seien also «vor-
gewarnt» gewesen. Die Bedrohungslage sei indessen klar und eindeutig
gewesen. Sollte sich die Homosexualität als «tatsächlich» herausstellen,
habe er um sein Leben zu fürchten. Als er später realisiert habe, dass er
wirklich schwul sei, habe er gewusst, dass er in Syrien keine Zukunft habe.
Er habe es für sich geheim gehalten aus purer Angst vor erneuter Gewalt-
anwendung, Verfolgung und Racheakten durch Familienmitglieder.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer machte zunächst geltend, der Aufforderung zur
Meldung bei der Rekrutierungsbehörde beziehungsweise zur militärischen
Aushebung nicht Folge geleistet zu haben und deshalb von der syrischen
Militärpolizei gesucht worden zu sein. Diesbezüglich ist mit dem SEM fest-
zustellen, dass der Umstand, dass der Beschwerdeführer sich vor einem
zukünftigen Einzug in den Militärdienst fürchtete, gemäss ständiger Praxis
keine Furcht vor asylrelevanter Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu
begründen vermag. Wie das SEM zutreffend erwägt, ist es nicht gesichert,
dass die militärische Dienstpflicht des Beschwerdeführers auch tatsächlich
festgestellt und er zum Dienst in der staatlichen syrischen Armee einberu-
fen worden wäre. Der Beschwerdeführer brachte zwar vor, eine Woche vor
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seiner Ausreise aus Syrien von seinem Vater – der als Informant für die
syrischen Behörden arbeite – und den Militärbehörden zu Hause gesucht
worden zu sein und reichte in diesem Zusammenhang einen Suchbefehl,
dessen Authentizität im Grundsatz nicht bezweifelt wird, ein. Trotzdem ist
dies aber nicht mit einer Verweigerung der militärischen Dienstpflicht
gleichzusetzen, da eine solche voraussetzt, dass die für die Rekrutierung
zuständige Behörde diese Dienstpflicht tatsächlich ‒ durch entsprechende
Eintragung ins Militärbüchlein ‒ festgestellt hat, womit überhaupt erst die
Möglichkeit der Einberufung entsteht (vgl. Urteil des BVGer D-599/2017
vom 4. April 2018 E. 5.3 mit weiteren Ausführungen zum Ablauf der Rekru-
tierung). Nach den vorliegenden Erkenntnissen besteht mithin kein Grund
zur Annahme, die blosse Nichtbefolgung einer Aufforderung zur Meldung
bei der Rekrutierungsstelle werde durch die syrischen Behörden mit einer
Wehrdienstverweigerung gleichgesetzt, welche wegen vermuteter Re-
gimefeindlichkeit die Gefahr einer politisch motivierten Bestrafung und mit-
hin einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3
AsylG mit sich bringen würde (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.2 f.).
5.2 Auch die weiteren Erwägungen in der angefochtenen Verfügung sind
nicht zu beanstanden. So gelangte das SEM zu Recht zum Schluss, dass
weder die geltend gemachten Übergriffe des Vaters noch die Demonstrati-
ons- und Sitzungsteilnahmen ein asylrelevantes Ausmass angenommen
haben. Auch ist das exilpolitische Engagement in der Türkei und in der
Schweiz nicht derart ausgeprägt, so dass der Beschwerdeführer nicht als
exponierte Persönlichkeit im Sinne der gefestigten Praxis einzustufen wäre
(vgl. Referenzurteil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015
E. 6.3).
6.
6.1 Auf Beschwerdestufe brachte der Beschwerdeführer vor, ein weiterer
Grund, weshalb er Syrien habe verlassen müssen, sei seine Homosexua-
lität. In Syrien sei Homosexualität verboten. Sein Leben wäre in Gefahr,
wenn seine sexuelle Orientierung in Syrien bekannt würde.
6.2 Aufgrund der Aktenlage und der zahlreich eingereichten Beweismittel
bestehen keine Zweifel an der geltend gemachten Homosexualität, wobei
zu betonen ist, dass die Glaubhaftigkeit von Vorbringen im Zusammenhang
mit der sexuellen Orientierung nicht alleine gestützt auf einschlägige Be-
weismittel zu beurteilen ist. Vielmehr ist eine Würdigung der entsprechen-
den Beweismittel im Gesamtkontext zusammen mit den Aussagen der
asylsuchenden Person vorzunehmen. Vorliegend ist denn auch besonders
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hervorzuheben, dass der Beschwerdeführer nachvollziehbar darzulegen
vermag, weshalb es ihm anlässlich der BzP und der Anhörung unmöglich
gewesen sei, dieses Thema anzusprechen. Der Beschwerdeführer trägt in
seinen Eingaben ausführlich vor, dass Homosexualität im orientalischen
beziehungsweise syrischen Kulturraum mit grosser Scham behaftet ist.
Gerade auch weil ihm die Dolmetscher respektive deren Herkunftsort be-
kannt gewesen seien, habe er sich nicht die Blösse geben und sich als
schwul outen wollen (vgl. entsprechende Ausführungen in der Eingabe
vom 7. Mai 2018 S. 6). Auch wenn der Beschwerdeführer im Vorfeld der
BzP und der Anhörung über die Verschwiegenheitspflicht der Dolmetscher
orientiert wurde, erscheint diese Begründung im Lichte der nachfolgenden
Erwägungen verständlich. Dazu kommt, dass die sexuelle Orientierung
nicht nur einen zentralen Aspekt der Persönlichkeit darstellt, sondern ein
Gespräch darüber vor allem einen sehr intimen Bereich der Privatsphäre
tangiert. Aus dem Umstand alleine, dass eine asylsuchende Person im
Rahmen des Asylverfahrens nicht sofort ihre sexuelle Orientierung offen-
bart, ist daher nicht zwingend zu schliessen, dass diese unglaubhaft ist (in
diesem Sinne auch Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Gemein-
schaften; heute: Gerichtshof der Europäischen Union [EuGH] vom 2. De-
zember 2014 C-148/13 bis C-150/13, Rn. 69). Im vorliegenden Fall er-
scheinen die Schilderungen des Beschwerdeführers bezüglich seines in-
neren Vorgehens, wie er sich nach dem Vorfall, den er zunächst selbst als
«neugieriges Probieren oder Herumspielen» abgetan habe, in einem inne-
ren Konflikt befunden habe und sich das Zusammenleben mit seiner Fami-
lie und das Verleugnen beziehungsweise Unterdrücken seiner sexuellen
Orientierung immer schwieriger dargestellt habe, kohärent und überwie-
gend verständlich. Dabei wirken die schriftlichen Erzählungen entgegen
der Ansicht des SEM nicht gekünstelt oder aufgebauscht, sondern authen-
tisch und ausgewogen. Zwar mag es erstaunen, dass der Beschwerdefüh-
rer den Vorfall mit seinem Cousin erst spät im Verfahren vorbringt. Den-
noch erscheinen seine Ausführungen bei näherer Betrachtung und unter
Berücksichtigung der gesamten Umstände nicht als widersprüchlich. So
macht er in seiner Eingabe vom 23. März 2018 noch geltend, er habe in
Syrien nie über seine sexuelle Orientierung gesprochen und diese nur
heimlich und versteckt gelebt und seine Mutter würde ihn umgehend
verstossen, die männlichen Angehörigen seiner Sippschaft würden ihn lyn-
chen, wenn sie davon wüssten. Erst in seiner Eingabe vom 7. Mai 2018
schildert er den Vorfall mit einem Cousin, wobei seine Mutter sexuelle
Handlungen zwischen diesem und dem Beschwerdeführer beobachtet
habe. Als Erklärung bringt er vor, er habe den Vorfall nicht früher geltend
gemacht, da er versucht habe, diesen von besagtem Cousin bestätigen zu
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lassen, dieser habe sich aber geweigert, ihm zu helfen. Da er keine Be-
weismittel habe vorlegen können, habe er den Vorfall nicht erwähnt. Nun
bringe er ihn trotzdem vor um aufzuzeigen, dass seine Angst, von der Fa-
milie verstossen und gelyncht zu werden, begründet sei. So habe die Mut-
ter nämlich weitere Mitglieder der Familie informiert und sie sowie ein On-
kel hätten ihn geschlagen. In der Folge habe er eine Woche lang auf der
Strasse leben müssen. Danach habe er wieder nach Hause dürfen, ihm sei
aber gesagt worden, dass er getötet würde, sollte sich ein solcher Vorfall
wiederholen. Daraus lässt sich schliessen, dass die Familie zwar von den
Neigungen des Beschwerdeführers Kenntnis hatte, seine Homosexualität
jedoch nicht akzeptierte und offensichtlich versuchte, ihn durch Drohungen
davon abzuhalten diese auszuleben. Dies steht nicht im Widerspruch zu
seinen Aussagen anlässlich der Eingabe vom 23. März 2018, da unter sol-
chen Umständen klar und nachvollziehbar ist, dass er nie mit seiner Familie
über seine sexuelle Orientierung gesprochen hat und diese versteckt aus-
lebte. Mithin ist der Beschwerdeführer in der Lage, seine persönliche Ent-
wicklung vom «Experimentieren» über die Angst vor roher Gewalt sowie
das Dilemma, seine Mutter und Familie nicht enttäuschen zu wollen, bis
zur eigenen Erkenntnis, dass er schwul ist, überzeugend darzutun (vgl. Re-
ferenzurteil des BVGer D-4952/2014 vom 23. August 2017 E. 6.2 zu den
Herausforderungen bei der Glaubhaftigkeitsprüfung von Vorbringen, wel-
che innere Vorgänge betreffen).
6.3 Die Homosexualität lässt sich als Verfolgungsmotiv in ständiger Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts unter der in Art. 3 AsylG er-
wähnten „sozialen Gruppe“ erfassen (vgl. Referenzurteil des BVGer
D-6539/2018 vom 2. April 2019 E. 7.2 m.w.H.). Es bleibt somit zu prüfen,
ob die Angst des Beschwerdeführers vor den mit dem Outing verbundenen
Konsequenzen als eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von
Art. 2 Abs. 1 AsylG zu qualifizieren ist.
6.4 Entsprechend der Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte
Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche
befürchten muss. Die Nachteile müssen der asylsuchenden Person gezielt
und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden
sein. Eine Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG kann von staat-
lichen oder nichtstaatlichen Akteuren ausgehen. Die Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft setzt zudem voraus, dass die betroffene Person ei-
ner landesweiten Verfolgung ausgesetzt ist und sich nicht in einem ande-
ren Teil ihres Heimatstaates in Schutz bringen kann. Ausgangspunkt für die
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Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt
der Ausreise bestehenden Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer
solchen. Die Situation zum Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im
Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls
wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwi-
schen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten
der ein Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE
2013/11 E. 5.1.1; 2010/28 E. 3.3.1.1; 2010/57 E. 2; 2008/12 E. 5, jeweils
m.w.H.).
6.5 Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt
vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich
– aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heu-
tiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft ver-
wirklichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete
Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer
Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorru-
fen würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivier-
ten Betrachtungsweise zu erfolgen, und sie ist andererseits durch das von
der betroffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen
in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere
(subjektive) Furcht (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 m.w.H.).
6.6
6.6.1 In Syrien ist «widernatürlicher Geschlechtsverkehr» gemäss Art. 520
des syrischen Strafgesetzbuches aus dem Jahr 1949 verboten und wird
mit bis zu drei Jahren Haft bestraft. Diese Gesetzesbestimmung, die gen-
derneutral formuliert ist, erfasst gleichgeschlechtliche sexuelle Handlun-
gen, selbst wenn diese in gegenseitigem Einverständnis unter Erwachse-
nen und im Privatbereich erfolgen. Obwohl es in jüngster Zeit zu keinen
Verurteilungen mehr unter diesem Titel gekommen ist, haben Berichten
von Nichtregierungsorganisationen zufolge die Gerichte seit dem Ausbruch
des Bürgerkriegs im Jahr 2011 dutzende Angehörige der Gemeinschaft der
LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex; Lesben, Schwule,
Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle) in diskriminierender Weise ba-
sierend auf vagen Anschuldigungen, wie dem «Missbrauch sozialer
Werte», verfolgt. So kam es vermehrt zu Verhaftungen wegen Handels und
Konsums illegaler Drogen sowie Organisierens von «obszönen» Veranstal-
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tungen. Lokale Medien und Nichtregierungsorganisationen berichteten zu-
dem von Fällen, in denen (Pro-)Regierungskräfte Anklagen wegen Homo-
sexualität als Vorwand benutzten, um Zivilisten festzunehmen, zu foltern
und zu töten. Die Häufigkeit solcher Vorfälle ist jedoch schwierig einzu-
schätzen, da die Polizei ihre Gründe für Verhaftungen nur selten mitteilt
und die Opfer aus Angst vor gesellschaftlicher Diskriminierung zögern, sol-
che Missbräuche anzuzeigen (vgl. United States Department of victims
State, Bureau of Democracy, Country Reports on Human Rights Practices
for 2018, Syria 2018 Human Rights Report, S. 66
<https://www.state.gov/wp-content/uploads/2019/03/SYRIA-2018.pdf>;
United Nations High Commissioner for Refugees [UNHCR], International
Protection Considerations with Regard to People Fleeing the Syrian Arab
Republic, Update V, November 2017, S. 65 f.
<https://www.refworld.org/pdfid/59f365034.pdf>; Human Rights Watch
[HRW], Audacity in Adversity, LGBT Activism in the Middle East and North
Africa, April 2018, S. 7 <https://www.hrw.org/sites/default/files/re-
port_pdf/lgbt_mena0418_web_0.pdf>; Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge, Informationszentrum Asyl und Migration, Geschlechtsspezifi-
sche Verfolgung in ausgewählten Herkunftsländern, April 2010, S. 197
<https://www.ecoi.net/en/file/local/1337215/4232_1412928833_deutsch-
land-bundesamt-fuer-migration-und-fluechtlinge-geschlechtsspezifische-
verfolgung-in-ausgewaehlten-herkunftslaendern-april-2010.pdf>; Austra-
lian Government, Department of Foreign Affairs and Trade [DFAT], DFAT
Thematic Report on Conditions in Syria, 23. October 2017, S. 15
<https://www.ecoi.net/en/file/local/1419346/4792_1512563422_country-
information-report-syria.pdf>; alle abgerufen am 01.10.2019).
6.6.2 Während die syrische Gesetzgebung gleichgeschlechtliche Bezie-
hungen faktisch kriminalisiert, schaffen soziale, kulturelle und religiöse Ein-
stellungen in der Gesellschaft darüber hinaus ein feindliches Umfeld für
Angehörige der LGBTI-Gemeinschaft. Bereits vor dem sogenannten Ara-
bischen Frühling wurde die Lage der Homosexuellen in Syrien als schwie-
rigste in der Region bezeichnet. Der Zugang zu Schutzstrukturen ist auf-
grund ihrer Stigmatisierung stark eingeschränkt. Aktivistinnen und Aktivis-
ten, die sich für die Rechte von Personen mit unterschiedlichen sexuellen
Orientierungen einsetzen, werden bedroht. Der bewaffnete Konflikt hat das
bereits bestehende Diskriminierungsproblem zudem zusätzlich verschärft.
LGBTI-Personen werden nicht nur durch die Konfliktparteien verfolgt, son-
dern sie erleben auch (sexuellen) Missbrauch und Ausbeutung durch ver-
schiedene zahlreiche andere Akteure. LGBTI-Personen berichteten aus
erster Hand über willkürliche Haft, Vergewaltigungen, Entführungen und
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sexuellem Missbrauch, erzwungenem Oralverkehr, Schläge auf die Geni-
talien und Vergewaltigungsdrohungen durch die Polizei, bewaffnete Streit-
kräfte, andere Flüchtlinge, Taxifahrer, Nachbarn und Vermieter. Insbeson-
dere extremistische bewaffnete Gruppierungen, wie der sogenannte Isla-
mische Staat (IS) und die al-Nusra-Front (syrischer Zweig der al-Qaida),
gehen mit einem hohen Mass an Brutalität und Grausamkeit gegen LGBTI-
Personen vor. In den von ihnen kontrollierten Gebieten wurden Männer, die
beschuldigt wurden, sich auf einvernehmliche gleichgeschlechtliche sexu-
elle Handlungen eingelassen zu haben, durch illegitime Gerichte zum Tode
verurteilt. Zu den Hinrichtungsmethoden gehören unter anderem Verbren-
nen bei lebendigem Leib, Enthauptung, Steinigung, Erschiessen oder das
Stossen von mehrstöckigen Gebäuden. Um die Bevölkerung einzuschüch-
tern, wird der Vorwurf der Homosexualität über Lautsprecher verkündet
und Videos der Exekutionen weiterverbreitet (International Lesbian, Gay,
Bisexual, Trans and Intersex Association [ILGA], Lucas Ramon Mendos,
State-Sponsored Homophobia 2019, März 2019, S. 475 f.
<https://ilga.org/downloads/ILGA_State_Sponsored_Homo-
phobia_2019.pdf>; UNHCR, Sexual Violence against Men and Boys, In the
Syria Crisis, Oktober 2017, S. 27 ff. < https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/1418197/1930_1511268557_5a128e814.pdf>; United States Depart-
ment of victims State, Bureau of Democracy, Country Reports on Human
Rights Practices for 2018, Syria 2018 Human Rights Report, S. 66 f.
<https://www.state.gov/wp-content/uploads/2019/03/SYRIA-2018.pdf>;
UCLA, School of Law, All Survivors Project, “Destroyed from within”, Sex-
ual violence against men and boys in Syria and Turkey, September 2018,
S. 21 f. < https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/re-
sources/ASP_Syria_Report.pdf>; alle abgerufen am 02.10.2019).
6.6.3 Viele Homosexuelle erfahren ausserdem in ihrer Familie und der Ge-
meinschaft Ablehnung. Diese äussert sich in Form von Ausgrenzung über
Gewalt bis hin zu Morddrohungen und sogenannten «Ehrenverbrechen».
Beleidigungen Homosexueller ebenso wie Witze und Flüche über sie sind
weit verbreitet. Familien, welche die sexuelle Orientierung ihres Kindes ak-
zeptieren, werden von der Gesellschaft geächtet. Ein eigentliches «Co-
ming out» ist unmöglich. Es gibt auch Fälle, in denen die eigene Familie
Homosexuelle absichtlich an islamistische Gruppierungen verraten hat, um
sie «töten zu lassen», oder sie von Familienmitgliedern zum Verlassen des
Landes getrieben oder mit dem Tod bedroht wurden, um die Familienehre
«rein» zu halten (UNHCR, International Protection Considerations with Re-
gard to People Fleeing the Syrian Arab Republic, Update V, November
2017, S. 66 <https://www.refworld.org/pdfid/59f365034.pdf>; Pink News,
D-6722/2017
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Comment: What life is really like for gay Syrians, 16. Juni 2011
<https://www.pinknews.co.uk/2011/06/16/comment-what-life-is-really-like-
for-gay-syrians/>; Slate, Etre gay en Syrie, 9. Dezember 2013
<http://www.slate.fr/story/80939/syrie-homosexualite>; alle abgerufen am
02.10.2019).
6.6.4 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass es in Syrien seit dem Aus-
bruch des bewaffneten Konflikts unmöglich ist, offen als homosexuelle Per-
son zu leben. Bei einem Outing der Homosexualität drohen sowohl von
Seiten der Behörden und anderen bewaffneten Gruppierungen als auch
der Familie ernsthafte Nachteile, welche ausgeprägte Diskriminierungen,
direkte Gewalt und sogar Tötungen umfassen können. Die drohenden Ver-
folgungsmassnahmen vermögen aufgrund der Gefährdung des Leibes,
des Lebens oder der Freiheit im Einzelfall die Schwelle der Intensität der
ernsthaften Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu erreichen.
6.7 Nachdem sich die Vorinstanz auf den Standpunkt stellt, dass Homose-
xualität in Syrien zwar gesellschaftlich tabuisiert werde, strafrechtliche
Sanktionierung jedoch nur drohe, soweit «homosexuelles Verhalten ge-
zeigt» werde, und die Familie des Beschwerdeführers ohnehin keine
Kenntnisse über dessen sexuelle Orientierung habe, fragt sich, inwieweit
von einer Person vernünftigerweise erwartet werden kann, die drohende
Verfolgung ohne Beanspruchung des Flüchtlingsschutzes durch Änderung
ihres eigenen Verhaltens abzuwenden.
Die Annahme, das Verheimlichen einer persönlichen Überzeugung bezie-
hungsweise einer mit der Persönlichkeit untrennbar verknüpften Eigen-
schaft – wie dies die sexuelle Orientierung ist – bewirke einen unerträgli-
chen psychischen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG, setzt voraus,
dass die betroffene Person in einem Umfeld zu leben gezwungen ist, in
welchem sie Gefahr läuft, dass eben diese Überzeugung oder Eigenschaft
entdeckt, denunziert und sanktioniert wird. Je grösser die Gefahr ist, durch
eine unbedachte Geste oder Äusserung entdeckt zu werden, und je gra-
vierender die staatliche oder private Sanktionierung im Falle der Entde-
ckung ausfällt, desto eher ist davon auszugehen, die betroffene Person
stehe unter einem psychisch unerträglichen Druck, weil sie gezwungen ist,
ihre Persönlichkeit zu verleugnen und ein Doppelleben zu führen, um nicht
entdeckt zu werden. Die Tatsache, dass eine Person darauf angewiesen
ist, durch diskretes Verhalten einer Verfolgung auszuweichen, spricht ge-
rade dafür, dass eine begründete Furcht vorliegt. So könnte dieses Verhal-
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Seite 19
ten in letzter Konsequenz bei schwerwiegenden drohenden Verfolgungs-
massnahmen dazu führen, dass eine Person nicht als Flüchtling anerkannt
wird, da sie sich äusserst zurückhaltend gezeigt hat, um Verfolgungsmass-
nahmen zu entgehen. Im Umkehrschluss würde dies zudem bedeuten,
dass eine Person, welche sich bislang diskret verhalten hatte, zuerst outen
und schliesslich die dementsprechenden Verfolgungsmassnahmen gewär-
tigen müsste, bevor sie allenfalls ausreisen und als Flüchtling anerkannt
werden könnte. Personen so zu einem gesellschaftskonformen Verhalten
anzuhalten würde ferner bedeuten, dass sie sich dem in ihrem Heimatstaat
„üblichen“ Unrecht fügen sollten (Referenzurteil D-6539/2018 E. 8.2).
6.8 Die Verheimlichung von Homosexualität in Syrien kann somit unter Um-
ständen einen unerträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2
AsylG insbesondere aufgrund der ständigen Gefahr der (unfreiwilligen)
Entdeckung, der gesellschaftlichen Repression und Marginalisierung, der
fehlenden Unterstützung des Familienverbandes sowie der Angst vor Be-
strafung durch die Behörden oder sogar Ermordung durch islamistische
Gruppierungen verursachen. Indessen ist dieser Druck in subjektiver Hin-
sicht jeweils im Einzelfall zu prüfen.
6.9 Wie vorstehend ausgeführt, erscheint es glaubhaft, dass es im Som-
mer 2011 einmalig zu gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen zwi-
schen dem Beschwerdeführer und seinem Cousin gekommen ist. Weiter
ist auch davon auszugehen, dass diese von Familienmitgliedern des Be-
schwerdeführers bemerkt wurden. Obwohl die Familie des Beschwerde-
führers von der sexuellen Orientierung des Beschwerdeführers keine
Kenntnis, sondern aufgrund des Vorfalls nur eine Vermutung hat, haben
insbesondere die Mutter und der Onkel heftig reagiert. Dadurch, dass der
Beschwerdeführer wegen des Vorfalls geschlagen, auf die Strasse gesetzt,
mit dem Tod bedroht sowie für die «Beschmutzung» der Familienehre ver-
antwortlich gemacht wurde, ist es nachvollziehbar, dass ihm mit den in Sy-
rien gegebenen Umständen für Personen mit unterschiedlichen sexuellen
Orientierungen (vgl. oben E. 6.6) nichts Anderes übrigblieb, als seine spä-
ter festgestellte Homosexualität zu unterdrücken und nicht offen auszule-
ben. Der Beschwerdeführer konnte gerechtfertigter Weise davon ausge-
hen, dass der Onkel bereit gewesen wäre, seine Todesdrohung wahrzu-
machen, nachdem er bereits wegen dieses einen Vorfalls – damals noch
minderjährig – kurz nach Ausbruch des Bürgerkriegs von seiner Familie
aus deren Wohnung geworfen worden ist. Auch untermauern die verschie-
denen eingereichten medizinischen Berichte, die von einer über Jahre an-
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dauernden psychiatrischen Behandlung zeugen, dass der Beschwerdefüh-
rer aufgrund seiner Erlebnisse vor der Ankunft in der Schweiz an massiven
psychischen Problemen leidet. Die psychische Verfassung des Beschwer-
deführers kann nicht nur als Hinweis für die Glaubhaftigkeit des geltend
gemachten, traumatisierenden Erlebnisses angesehen werden, das Aus-
mass spricht auch für das Vorliegen eines unerträglichen psychischen
Drucks, welchen dieser erlitten hat, da er seine sexuelle Orientierung und
damit eine mit seiner Persönlichkeit untrennbar verknüpfte Eigenschaft
verheimlichen und in ständiger Angst leben musste, entdeckt zu werden.
Insbesondere zeigt der Beschwerdeführer sein Dilemma mit der eigenen
Familie auf, wenn er die Reaktion derselben auf den Vorfall mit seinem
Cousin schildert und gleichzeitig die Furcht aufzeigt, seine Mutter und Fa-
milie zu enttäuschen.
6.10 Dieser vorliegend berechtigten Todesangst, die im syrischen Kontext
nach dem Gesagten nicht nur gegenüber der Familie sondern nachvoll-
ziehbar auch weiteren Akteuren bestand, misst das SEM in seinen Erwä-
gungen zu wenig Gewicht bei und es verkennt dabei, dass in casu das
Verstecken und Unterdrücken der sexuellen Orientierung als Folge der an-
dauernden Angst vor dem Outing in Berücksichtigung der oben gezeichne-
ten Situation von Homosexuellen in Syrien einem unerträglichen psychi-
schen Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Da die be-
fürchteten Nachteile sowohl von den syrischen Behörden als auch von pri-
vaten Dritten ausgehen, ist eine innerstaatliche Fluchtalternative nicht ge-
geben.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Da den Akten
keine Hinweise zu entnehmen sind, die auf das Vorliegen von Ausschluss-
gründen (Art. 53 AsylG) hindeuten, ist ihm in der Schweiz Asyl zu gewäh-
ren (Art. 49 AsylG). Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die ange-
fochtene Verfügung vom 27. Oktober 2017 aufzuheben und das SEM an-
zuweisen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Der ganz oder teilweise obsiegenden Partei kann von der Beschwer-
deinstanz von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr
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erwachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zugesprochen
werden (Art. 64 Abs. 1 VwVG). Da der Beschwerdeführer im Beschwerde-
verfahren jedoch nicht vertreten war und nicht ersichtlich ist, welche ver-
hältnismässig hohen Kosten ihm entstanden sein könnten, ist ihm trotz sei-
nes Obsiegens keine Parteientschädigung zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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