Decision ID: 7055987f-d6df-57a2-87e8-fe795ee142c9
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
RA Nr. 110/2017/56 2
1. Am 21. Dezember 2016 reichten die Beschwerdegegner bei der Gemeinde Utzenstorf
ein Baugesuch ein für die Neuerstellung eines Carports mit Abstellraum und für die
Erweiterung des Vorplatzes. Das Bauvorhaben liegt auf dem südlichen Teil der heutigen
Parzelle Nr. L._, welcher der Wohnzone W2 zugewiesen ist. Gegen das
Bauvorhaben erhoben die Beschwerdeführenden Einsprache. Mit Bauentscheid vom
19. April 2017 erteilte die Gemeinde Utzenstorf die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 22. Mai 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen, der
Bauentscheid vom 19. April 2017 sei aufzuheben und dem Bauvorhaben sei der
Bauabschlag zu erteilen. Eventualiter, für den Fall dass eine Baubewilligung erteilt werde,
sei mit Auflage zu verbieten, auf der Fläche der Vorplatzerweiterung vor der Liegenschaft
J._strasse Nr. 11 Motorfahrzeuge abzustellen (kein Parkieren). Weiter sei mittels
Auflage zu verbieten, die Zufahrtsstrasse, d.h. die heute bestehende, teilweise auf dem
Baugrundstück Nr. L._ verlaufende Strassenfläche, zu verlegen und/oder zu
verschmälern. Zudem verlangen die Beschwerdeführenden die Vormerkung ihrer
Rechtsverwahrung.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Beschwerdegegner beantragen in
ihrer Stellungnahme vom 15. Juni 2017 die Abweisung der Beschwerde, soweit sie nicht
durch den inzwischen erfolgten Erwerb des Grundstücks Nr. M._ gegenstandslos
geworden sei. Die Gemeinde beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf
einzutreten sei.
4. Mit Eingabe vom 2. August 2017 nahm die Gemeinde zu den vom Rechtsamt
gestellten Fragen Stellung und reichte weitere Belege ein. Die Parteien erhielten
Gelegenheit, sich dazu zu äussern und Schlussbemerkungen einzureichen. Davon machten
die Beschwerdegegner mit Eingabe vom 6. September 2017 Gebrauch. Die
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Beschwerdeführenden bestätigten mit Stellungnahme und Schlussbemerkungen vom 22.
September 2017 ihre Anträge.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung der
Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die
Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden sind unmittelbare
Nachbarn. Sie sind durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Parzellierung
a) Die Parzelle Utzenstorf Gbbl. Nr. L._ besteht aus zwei grösseren
Grundstücksflächen, die durch einen 3 m breiten, rund 45 m langen Parzellenteil miteinander
verbunden sind. Im Januar 2013 wurde die Parzelle Nr. L._ aufgeteilt. Die
Beschwerdegegner erwarben den südlichen Teil mit dem Wohngebäude Nr. 9, der als
Stammparzelle die Grundstücksnummer behielt. Die nördliche Grundstücksfläche und der
wegbreite Parzellenteil bildeten das neue Grundstück Utzenstorf Gbbl. Nr. M._. Im
Verlauf des Beschwerdeverfahrens haben die Beschwerdegegner die Parzelle Nr.
M._ erworben und wieder mit der Parzelle Nr. L._ vereinigt.3 Das
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 3 Vgl. Beilagen Nr. 6 und 10 zur Beschwerdeantwort der Beschwerdegegner vom 15. Juni 2016
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Grundstück Nr. M._ ist im Grundbuch bereits geschlossen.4 Im Folgenden ist daher
nur noch von der Parzelle Nr. L._ die Rede.
b) In der Beschwerde rügten die Beschwerdeführenden, das Bauvorhaben erstrecke sich
auf fremden Grund (Parzelle Nr. M._). Für dessen Nutzung fehle den
Beschwerdegegnern eine Dienstbarkeit. Die Erschliessung des Carports sei rechtlich nicht
sichergestellt. Nach dem Erwerb der Parzelle Nr. M._ befindet sich das
Bauvorhaben nun vollständig auf Grundeigentum der Beschwerdegegner. Die Frage, ob die
Erschliessung sichergestellt ist, stellt sich nicht mehr.
3. Qualifikation der Strasse
a) Umstritten ist, ob die Stichstrasse eine altrechtliche Privatstrasse geblieben ist oder ob
sie mit der Erstellung der drei neuen Einfamilienhäuser zu einer öffentlichen
Detailerschliessungsstrasse wurde. Nach dieser Qualifikation entscheidet sich, ob das
Bauvorhaben den Grenzabstand von 2 m bis zur nachbarlichen Grenze gemäss Art. 22 Abs.
3 GBR5 oder den Strassenabstand von 3 m gemäss Art. 17 GBR bzw. 5 m gemäss Anhang
B3 einhalten muss.
b) Die Beschwerdeführenden machen geltend, für die Qualifikation der
J._strasse dürfe nicht nur auf den vorderen Teil bis zu den Gebäuden Nr. 9 und 11
abgestellt werden. Vor 1971 habe es sich nur um einen Feldweg gehandelt, der das
zusammengebaute Gebäude "F._" / "G._" (heute J._strasse 9 und
11) und das landwirtschaftliche Gebäude der "H._" (heute J._strasse 7)
erschlossen habe. Der Weg habe nur für die landwirtschaftliche Nutzung in der
Landwirtschaftszone gedient. Die Strasse habe vor 1971 nicht in dieser Länge und Breite
bestanden. Erst in Zusammenhang mit den neuen Wohnbauten sei ab 1992 der hintere Teil
der Strasse neu erstellt und der vordere Strassenteil teilweise modifiziert und verbreitert
worden (z.B. im Bereich der Kurve vor dem Gebäude J._strasse 9 und 11). Die
Strasse sei somit für die neue Wohnzone nach 1971 verbessert und grösstenteils neu erstellt
worden. Es handle sich insgesamt um eine öffentliche Detailerschliessungsstrasse, auch
4 Angabe gemäss Grundstückdaten-Informationssystem GRUDIS 5 Baureglement der Gemeinde Utzenstorf, vom Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) genehmigt am 11. März 2005
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wenn sie noch auf Privatgrund verlaufe. Im Anhang B3 des GBR sei die J._strasse
explizit als Gemeindestrasse aufgeführt.
Die Beschwerdegegner erklären, sie seien immer davon ausgegangen, dass es sich um eine
Privatstrasse handle. Der Abschluss der Dienstbarkeitsverträge wäre nicht erforderlich
gewesen, wenn es sich um eine öffentliche Detailerschliessungsstrasse handeln würde.
Die Gemeinde bringt vor, es handle sich lediglich um eine Stichstrasse, die von der
eigentlichen J._strasse abzweige. Die Nennung der J._strasse als
Gemeindestrasse im Anhang B3 des GBR beziehe sich nur auf die eigentliche
J._strasse, die eine nicht unwesentliche Verbindungsstrasse darstelle, weshalb ein
erhöhter Strassenabstand von 5 m gelte. Die vorliegende Stichstrasse sei von dieser
Regelung nicht miterfasst, zumal dort ein Strassenabstand von 5 m völlig überdimensioniert
wäre. Eine Privatstrasse könnte im Übrigen nicht mit der Erwähnung im Anhang des GBR
der Öffentlichkeit gewidmet werden. Eine Widmung zugunsten der Öffentlichkeit gemäss
Art. 13 Abs. 3 SG6 sei nie erfolgt. Die Bestimmung über den ausserbuchlichen Übergang
einer Strasse an die Gemeinde zu Eigentum und Unterhalt sei erst auf den 1. Januar 1971
in Kraft getreten (Art. 78 aBauG). Die vorliegende Stichstrasse sei im vorderen Teil lange vor
diesem Stichtag erstellt worden und habe bereits mehrere, voneinander unabhängige
Gebäude erschlossen, nämlich das zusammengebaute Gebäude J._strasse 9 und
11 sowie das Gebäude J._strasse 7. Zusätzlich habe die Zufahrtsstrasse zur
Erschliessung des dahinterliegenden Landes gedient, das nach dem Zonenplan von 1962,
1963, 1968 zur Wohnzone 2-geschossig und damit bereits zur Bauzone gehört habe. Dieser
privaten Strasse sei demnach bereits vor dem 1. Januar 1971 die Funktion einer
Detailerschliessungsstrasse zugekommen, und sie habe von Anfang an auch den Zweck
gehabt, die Bauzone zu erschliessen. Die Verlängerung einer altrechtlichen, privaten
Detailerschliessungsstrasse führe nicht dazu, dass sie nachträglich auf die Gemeinde
übergehen würde. Es liege keine so starke Mehrnutzung vor, dass sich der Charakter der
Strasse grundsätzlich verändert hätte. Es treffe auch nicht zu, dass die Stichstrasse nach
1971 verbessert und grösstenteils neu erstellt worden sei. Im Gegenteil sei die Strasse auch
heute noch nicht asphaltiert und ihr Zustand dürftig. Da sie bis heute nicht ordnungsgemäss
erstellt sei, stelle sich die Frage des gesetzlichen Eigentumsübergangs ohnehin nicht.
6 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11)
RA Nr. 110/2017/56 6
c) Das geltende Recht unterscheidet zwischen öffentlichen Erschliessungsstrassen
(Basiserschliessung und Detailerschliessung) und den privaten Hauszufahrten. Eine
Detailerschliessungsstrasse verbindet mehrere Grundstücke mit den Anlagen der
Basiserschliessung, während die Hauszufahrt ein Gebäude oder eine zusammengehörige
Gebäudegruppe mit dem Erschliessungsnetz verbindet (Art. 106 Abs. 2 BauG).
Hauszufahrten bleiben immer privat, während Detailerschliessungsstrassen nach
ordnungsgemässer Erstellung von Gesetzes wegen an die Gemeinde zu Eigentum und
Unterhalt übergehen, auch wenn sie von Privaten erstellt wurden (Art. 107 Abs. 3 und Art.
109 Abs. 1 und 2 BauG). Für Erschliessungsanlagen, die vor dem 1. Januar 1971 durch
Private erstellt worden sind, gilt dies aber nicht, da für den Übergang an die Gemeinde noch
keine gesetzliche Grundlage bestand. Altrechtliche private Detailerschliessungsstrassen
sind auch unter neuem Recht Privatstrassen geblieben.7 Der Umstand allein, dass eine
Strasse Detailerschliessungsfunktion erfüllt, macht sie somit noch nicht zur
Gemeindestrasse.
d) Von der Durchgangsstrasse (J._strasse) geht eine Stichstrasse ab, die heute
sechs Wohngebäude (vier Einfamilienhäuser und ein Doppelwohnhaus) auf sechs Parzellen
erschliesst. Es ist keine Strassenparzelle ausgeschieden; die Strasse verläuft über privates
Grundeigentum und steht damit in Privateigentum. Die Zufahrt zu den Gebäuden wird seit
1914 mit Wegrechtsdienstbarkeiten sichergestellt.8
Um 1913 bestand das Gebiet aus drei Parzellen, auf denen je ein Wohnhaus mit Scheune
stand. Es handelte sich um das Wohngebäude mit Scheune auf der Parzelle Nr. X._
(heute J._strasse 7) und um die zusammengebauten Wohnhäuser mit Tenne auf
den Parzellen Nrn. L._ und N._ (heute J._strasse 9 und 11).9 Bei
diesen drei Gebäuden erfolgten in den Jahren 1991 (J._strasse 11) und 2000
(J._strasse 7) Um- und Anbauten. Für das Gebäude J._strasse 9 wurde
2014 ein Ersatzneubau erstellt. Nach 2011 wurden von den Stammparzellen Nr. N._
und X._ drei Grundstücke abparzelliert (Parzellen Nrn. O._, P._
und Q._) und mit je einem Einfamilienhaus überbaut. 10 Die drei neuen
7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum bernischen BauG, Band II, 4. Aufl. 2017, Art. 109/110 N. 3; VGE 1998/20347 vom 3.7.1998, E. 2 d, 3 a 8 Vgl. Planauszug vom Juli 2013, Dienstbarkeitsvertrag Beleg Nr. 1209 von 1914, Vorakten pag. 62-71 9 Vgl. Beilagen zur Eingabe der Gemeinde vom 2. August 2017; Plan von 1913, Vorakten pag. 62 10 Stellungnahme der Gemeinde vom 26. Juli 2017 / Eingabe vom 2. August 2017
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Einfamilienhäuser werden über einen rund 3 m breiten und ca. 45 m langen Streifen des
Grundstücks Nr. L._ erschlossen, der zu diesem Zweck mit einem Mergel- bzw.
Kiesbelag versehen wurde.
e) Die Gemeinde erklärte auf Fragen des Rechtsamtes, bis im Jahr 2011 habe ein
Kiesweg bis zum Gebäude Nr. 11a geführt, anschliessend sei es ein Flurweg gewesen.
Diese Wegverbindung (Flurweg) habe schon vor 1970 bestanden. Der heutige Zustand sei
im Jahr 2011 mit den Bauvorhaben "R._ und A._" (J._strasse Nrn.
11a, 11b [13]) ausgebaut worden.11 Auf dem Luftbild von 1970 ist die gekieste Strasse bis
zur Scheune Nr. 11a gut erkennbar. Auch der anschliessende Flurweg ist aufgrund der
Einfriedung der Parzelle Nr. X._ und der unterschiedlichen Bodenoberfläche
gegenüber Parzelle Nr. N._ ersichtlich.12 Der Flurweg (d.h. der obere Teil der
heutigen Stichstrasse) verläuft über die Parzelle Nr. L._, die an dieser Stelle auf
einer Länge von ca. 45 m lediglich ca. 3 m breit ist, was einer Weg- oder Strassenbreite
entspricht. Dieser Weg verbindet die südliche und nördliche Grundstücksfläche der Parzelle
Nr. L._. Bereits vor 1970 hatte dieser Parzellenteil somit eine Weg- und
Erschliessungsfunktion. Gemäss Zonenplan 1962, 1963 und 1968 lagen die Parzellen Nrn.
X._, N._ und L._ (mit Ausnahme des an den T._
angrenzenden Gebiets) in der Wohnzone W2.13 Der Flurweg und der gekieste
Strassenabschnitt erschlossen somit bereits vor 1970 drei Wohnhäuser und Bauland.
f) Das Gebäude Nr. 7 bildet mit dem zusammengebauten Wohnhaus Nrn. 9 und 11 keine
zusammengehörige Gebäudegruppe im Sinne von Art. 106 Abs 2 Bst. b BauG. Mindestens
seit 1913 handelt es sich nicht nur um eine Hauszufahrt. Nach der Rechtsprechung genügt
es für die Qualifikation als Detailerschliessung, wenn die Strasse zwei Parzellen
erschliesst.14 Diese Voraussetzung war somit bereits vor 1971 erfüllt. Insofern ist die
vorliegende Konstellation nicht vergleichbar mit dem Fall "Wahlern", wo die Zufahrt zu einer
bestehenden Arealüberbauung für die Überbauung der übrigen Baufelder verlängert wurde.
Das Verwaltungsgericht erwog, dass dort im Endzustand nicht mehr von einer
Arealüberbauung mit gemeinschaftlicher, sektorübergreifender Projektierung, gemeinsamen
11 Stellungnahme der Gemeinde vom 26. Juli 2017 / Eingabe vom 2. August 2017 12 Luftbild der Swisstopo vom 28. Mai 1970, BVE Beschwerdedossier 13 Beilage Nr. 4 zur Beschwerdeantwort der Gemeinde vom 22. Juni 2017 14 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum bernischen BauG, 4. Aufl. 2017, Art. 106/107 N. 10
RA Nr. 110/2017/56 8
Parkplätzen und internen Verbindungen, die weitgehend nur aus Fusswegen bestehen,
gesprochen werden könne. Die Strassenverlängerung bewirke daher eine
Funktionserweiterung.15 Durch die Strassenverlängerung zur Erschliessung der weiteren
Baufelder wurde die bestehende Hauszufahrt daher zu einer öffentlichen
Detailerschliessungsstrasse. Vorliegend handelte es sich jedoch bereits vor 1970 um eine
altrechtliche Detailerschliessungsstrasse. Die drei neuen Einfamilienhäuser bewirken daher
keine Funktionsänderung. Mit der geringen Mehrnutzung durch lediglich drei
Einfamilienhäuser hat sich auch der Charakter der Strasse nicht geändert.
g) Selbst wenn davon ausgegangen würde, dass der Ausbau des Flurwegs zur
Erschliessung der drei Einfamilienhäuser eine neue und damit öffentliche
Detailerschliessung darstellt, würde dies an der Qualifikation des vorderen Teils (von der
Durchgangsstrasse bis zum Gebäude Nr. 11) nichts ändern. Dieser war bereits altrechtlich
eine Detailerschliessung und bleibt daher eine Privatstrasse.
h) Strassen in Privateigentum werden zu öffentlichen Strassen, wenn sie nach Art. 9 SG
dem Gemeingebrauch gewidmet sind und damit in das öffentliche Strassennetz überführt
wurden.16 Vorliegend ist unbestritten, dass die Stichstrasse weder explizit noch konkludent,
z.B. durch Übernahme des Strassenunterhalts durch die Gemeinde, dem Gemeingebrauch
gewidmet wurde (vgl. Art 13 Abs. 3 SG). Daran ändert auch nichts, dass die
J._strasse im Anhang B3 des GBR als eine jener Gemeindestrassen aufgeführt ist,
für die ein erhöhter Bauabstand von 5 m gilt. Wie die Gemeinde ausführt, bezieht sich die
Nennung der J._strasse auf die Durchgangsstrasse, die eine Basiserschliessung
darstellt, und nicht auf eine davon abzweigende Stichstrasse. Da die vorliegende
Zufahrtsstrasse nicht dem Gemeingebrauch gewidmet ist und von der Gemeinde auch nie
übernommen wurde, ist sie bei der Aufzählung in Anhang B3 nicht mitgemeint.
i) Als Ergebnis steht somit fest, dass die Stichstrasse eine altrechtliche Privatstrasse
geblieben ist. Das Bauvorhaben muss aus diesem Grund keinen Strassenabstand, sondern
nur den Grenzabstand für unbewohnte Anbauten von 2 m zur nachbarlichen Grenze
einhalten (Art. 22 Abs. 3 GBR). Dieser Abstand ist eingehalten, und zwar selbst dann, wenn
15 VGE 210/150 vom 9.8.2010, E. 3 16 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum bernischen BauG, 4. Aufl. 2017, Art. 109/110 N. 3; VGE 1998/20347 vom 3.7.1998, E. 2 d, 3 a; BVR 2011 S. 341 E. 4.1; VGE 2012/16 vom 12.02.2013, E. 2.1
RA Nr. 110/2017/56 9
von der Vorderkante des Vordachs des Carports gemessen wird (vgl. Projektplan 1:100 vom
18. Dezember 2016, Blatt 1).
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4. Strassenverlauf, Wegrechtsdienstbarkeit
a) Die Beschwerdeführenden bringen vor, das Bauvorhaben verletze ihr Wegrecht, das
auch in einer Breite von 3 m auf der Parzelle Nr. L._ bestehe. Die Stichstrasse sei
zwar nie auf die Breite von 6 m ausgebaut worden, verlaufe aber seit rund 100 Jahren
teilweise über die Parzelle der Beschwerdegegner.
b) Die Auslegung einer Dienstbarkeit ist ein zivilrechtlicher Vorgang, über den im
Baubewilligungsverfahren grundsätzlich nicht entschieden wird. Nach Art. 2 Abs. 1 BauG
haben die Baubewilligungsbehörden lediglich zu prüfen, ob ein Bauvorhaben den bau- und
planungsrechtlichen Vorschriften und den nach anderen Gesetzen im
Baubewilligungsverfahren zu prüfenden Vorschriften entspricht. Eine Ausnahme bilden
privatrechtliche Tatbestände, welche die Baugesetzgebung voraussetzt oder ausdrücklich
als massgebend erklärt, wie beispielsweise die rechtliche Sicherstellung einer Zufahrt über
fremden Boden.17
c) Einem früheren Rechtsvorgänger der Beschwerdeführenden wurde mit
Dienstbarkeitsvertrag von 1914 ein Geh- und Fahrwegrecht eingeräumt, das von der
Durchgangsstrasse bis zur nordwestlichen Ecke des Wohngebäudes auf der heutigen
Parzelle Nr. N._ führt.18 Unbestritten ist die Auslegung soweit, als das Wegrecht von
1914 mit einer Breite von 3 m auf dem Grundstück Nr. X._ (früher Nr. V._)
besteht und dass es anschliessend auf der Parzelle Nr. L._ (früher Nr. W._)
in der gleichen Breite bis zur nordwestlichen Ecke des Gebäudes Nr. 11 (früher Nr. 210a)
verläuft. Das Bauvorhaben tangiert dieses Wegrecht nicht. Die Zufahrt ist weiterhin
gewährleistet. Damit kann offen bleiben, ob die Interpretation der Beschwerdeführenden
zutrifft, dass das Wegrecht parallel zur Parzelle Nr. X._ auch auf der Parzelle
Nr. L._ einen 3 m breiten Streifen umfassen würde, dass also eine
Wegrechtsdienstbarkeit für einen 6 m breiten Weg vereinbart worden wäre. Diese Frage ist
zivilrechtlich zu klären. Die Auslegung der Beschwerdeführenden ist aber weder vom
Wortlaut der Dienstbarkeit her noch aufgrund der ungewöhnlichen Wegbreite naheliegend.
Das Wegrecht wurde von den damaligen Vertragsparteien offenbar auch nicht im Sinne der
Beschwerdeführenden verstanden: Das Luftbild von Swisstopo von 1970 zeigt eine eher
17 BVR 2003 S. 385 E. 4b mit vielen Hinweisen 18 Dienstbarkeitsvertrag Beleg Nr. 1209 von 1914, mit Transkription, Vorakten pag. 62-71
RA Nr. 110/2017/56 11
schmale Kiesstrasse, die auf ganzer Länge etwa gleich breit ist. Auch im
Dienstbarkeitsvertrag vom 6. Juni 2011, der die Sicherstellung der Erschliessung der neuen
Einfamilienhäuser mit Wasser- und Abwasserleitungen und Wegrechten zum Inhalt hatte,
wurde nicht von einem 6 m breiten Weg ausgegangen. Auf den Plänen führt die Zufahrt bis
zum Gebäude Nrn. 9/11 ausschliesslich über die Parzelle Nr. X._ und erst auf dem
Vorplatz des Gebäudes Nr. 11 über die Parzelle Nr. L._. Vorgesehen war zudem,
dass die Zufahrtsstrasse in dieser Breite mit einem Asphaltbelag versehen wird.19
d) Die Beschwerdeführenden rügen, die Baugesuchspläne seien nicht korrekt. Auf den
Plänen sei der tatsächliche, rechtlich gesicherte Strassenverlauf geändert und die Strasse
verschmälert dargestellt worden. Der tatsächliche Strassenrand befinde sich nicht auf der
Grundstücksgrenze, sondern auf der Parzelle Nr. L._. Massgeblich sei der
Geometerplan vom 28. April 2017. Der Verlauf und die Breite der Strasse müssten in diesem
Verfahren verbindlich geklärt werden. Das Bauvorhaben präjudiziere die anstehende
Sanierung der Zufahrtsstrasse.
e) Die Strasse ist nicht abparzelliert, nicht asphaltiert und heute nicht vom grossflächigen,
gekiesten Vorplatz beim Gebäude Nrn. 9/11 abgegrenzt. Da die Strasse kein eigenes
Grundstück darstellt, ist der Geometerplan in Bezug auf den Verlauf der Strasse nicht
rechtsverbindlich. Im Rahmen einer Vermessung werden die vorhandenen Bauten und
Anlagen aufgenommen, unabhängig davon ob diese rechtmässig bestehen. Aus den
Geometerplänen lässt sich daher nichts über den rechtmässigen Verlauf der Strasse
ableiten. Die Strasse bildet aber ohnehin nicht Gegenstand des Bauvorhabens. Da der
geplante Carport den Abstand zur Grundstücksgrenze einhalten muss, ist vorliegend nur die
Parzellengrenze relevant. Der Beweisantrag auf Einholen eines Situationsplanes beim
Nachführungsgeometer der Gemeinde wird abgewiesen.
f) Die Beschwerdeführenden rügen, die Vorplatzerweiterung sei auf dem Situationsplan
und den Projektplänen vom 18. Dezember 2016 nicht eingezeichnet. ‒ Der Situationsplan
genügt den Anforderungen, zumal der Carport mit Abstellräumen Hauptgegenstand des
Bauvorhabens bildet. Die Vorplatzerweiterung mit Sickersteinen ist auf den Projektplänen
1:100 "Blatt 1" und "Blatt 2" eingezeichnet.
19 Beilage Nr. 5 zur Beschwerdeantwort der Beschwerdegegner vom 15. Juni 2017
RA Nr. 110/2017/56 12
5. Genügende Erschliessung
a) Die Beschwerdeführenden bringen vor, das Bauvorhaben verschlechtere die
Erschliessungssituation für die anderen Strassenanstösser. Die bereits kritischen
Strassenverhältnisse im Kurvenbereich würden weiter beeinträchtigt. Zwischen dem
Dachvorsprung des geplanten Carports und dem Dach der gegenüberliegenden
Liegenschaft sei die Strasse für grössere Fahrzeuge kaum mehr passierbar. Die
Zugänglichkeit für Feuerwehr und Sanität müsse gewährleistet sein, die Sichtverhältnisse
dürften nicht beeinträchtigt werden. Nach der FKS-Richtlinie sei für Löschfahrzeuge eine
Strassenbreite von 3,5 m, im Kurvenbereich von 5 m nötig.
b) Es handelt sich um eine bestehende Strasse im Sinn von Art. 5 BauV. Der geplante
Carport löst keinen zusätzlichen Verkehr aus, sondern verschafft den Beschwerdegegnern
nur eine überdachte Parkiermöglichkeit. Die BVE hat diese Erschliessung bereits im
Entscheid vom 18. März 2014 betreffend den Ersatzneubau der Beschwerdegegner beurteilt
und als genügend erachtet.20 Dadurch dass die nördliche Ecke des Dachs des geplanten
Carports angeschnitten ("gekappt") ist, beträgt der Abstand zwischen dem Carportdach und
dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes ca. 4,5 m. Dies ist auch für grössere
Fahrzeuge ausreichend. Mit der neuen Vorplatzpflästerung markieren die
Beschwerdegegner optisch ihr Grundstück. Faktisch verhindert der geplante Belag mit
Sickersteinen ein allfälliges Befahren nicht. Auf dem grosszügigen Vorplatz besteht damit
weiterhin eine Ausweichstelle. Auf der relativ kurzen Strasse mit dem Naturbelag muss das
Fahrtempo den Verhältnissen angepasst werden. Auch ist nicht erkennbar ‒ und wird von
den Beschwerdeführenden nicht konkret dargelegt ‒ inwiefern sich die Sichtverhältnisse
verschlechtern sollten, zumal der Carport vor der Kurve und der Aussenseite liegt. Bei den
einschlägigen Bestimmungen der Feuerwehr Koordination Schweiz (FKS) handelt es sich
nicht um Rechtsnormen, sondern lediglich um Richtlinien, die nicht unbesehen der konkreten
Verhältnisse angewendet werden dürfen.21 Wie erwähnt ist vorliegend zivilrechtlich zu
klären, ob das Wegrecht überhaupt eine mehr als 3 m breite Zufahrt umfassen würde. Die
Gemeinde hat mit Eingabe vom 26. Juli 2017 bestätigt, dass die Zufahrt für die Feuerwehr
gewährleistet ist.
20 BDE vom 18. März 2014 E. 2b (RA Nr. 110/2013/398) 21 BVR 2013 S. 183 E. 3.3 mit Hinweisen; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, §41 N. 16
RA Nr. 110/2017/56 13
6. Nutzung des Vorplatzes
a) Die Beschwerdeführenden machen gelten, es sei unklar, zu welchem Zweck die
Vorplatzerweiterung bis auf die Parzelle Nr. M._ (heute Nr. L._) erfolge.
Diese Fläche befinde sich direkt vor ihrem Gebäude; darauf abgestellte Autos würden ihren
Hauseingang versperren. Im Falle einer Baubewilligung müsse mittels Auflage sichergestellt
werden, dass die Fläche nicht als Parkplatz benutzt werden dürfe.
Die Beschwerdegegner halten dem entgegen, in der Regel parkierten die Mieter der
Beschwerdeführenden und deren Besucher auf diesen Flächen, weil sie keine
Besucherparkplätze hätten.
b) Das Bauvorhaben umfasst keine Autoabstellfläche auf diesem Vorplatz. Ob ein
Parkplatz oder zeitweiliges Parkieren zulässig ist, bildet nicht Verfahrensgegenstand. Sollten
sich die Beschwerdeführenden durch die Nutzung des Vorplatzes gestört fühlen, sind sie
primär auf das zivile Nachbarrecht verwiesen. Allenfalls ist baupolizeilich zu klären, ob die
ausgeübte Nutzung bewilligungspflichtig ist. Für ein präventives Parkverbot besteht keine
Rechtsgrundlage.
7. Zusammenfassung und Weiteres
a) Zusammenfassend stellt die heutige Stichstrasse (J._strasse 7 bis 13) immer
noch eine altrechtliche Privatstrasse dar. Massgebend ist daher der Grenzabstand, der vom
Bauvorhaben eingehalten wird. Zur weiteren Klärung des Umfangs der Wegrechts-
Dienstbarkeit zu Lasten der Parzelle Nr. L._ sind die Parteien auf den Zivilweg
verwiesen. Die Zufahrt für die übrigen Anwohner und die Rettungsdienste bleibt
gewährleistet. Die Beschwerde erweist sich somit in allen Punkten als unbegründet. Der
Sachverhalt ist anhand der Akten genügend dokumentiert, von einem Augenschein und
einem Gutachten zur Erschliessungssituation waren keine zusätzlichen Erkenntnisse zu
erwarten. Die entsprechenden Beweisanträge werden abgewiesen.
b) Die Beschwerdeführenden beantragen, ihre Rechtsverwahrung über mögliche
rechtliche Interventionen oder Schadenersatzforderungen sei vorzumerken.
RA Nr. 110/2017/56 14
Rechtsverwahrungen können zusammen mit der Einsprache angemeldet werden (Art. 32
BewD22). Die Beschwerdeführenden haben davon Gebrauch gemacht. Ihre
Rechtsverwahrungen wurden im vorinstanzlichen Verfahren den Beschwerdegegnern zur
Kenntnis gebracht und sind im Dispositiv des Bauentscheides unter Ziff. 4.2 vorgemerkt. Auf
ihr erneutes Begehren wird nicht eingetreten.
8. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie haben
die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 1'200.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV23).
b) Die Beschwerdegegner waren nicht anwaltlich vertreten und haben daher keinen
Anspruch auf Parteikostenersatz (Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG). Die
Gemeinde war nicht in Vermögensinteressen betroffen und hat daher ebenfalls keinen
Parteikostenanspruch (Art. 104 Abs. 4 i.V.m. Art. 2 Abs. b VRPG).