Decision ID: eee5d746-c5ef-5803-9dbf-6d8d3e573148
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste eigenen Angaben zufolge am 17. Oktober
2016 in die Schweiz ein und ersuchte am folgenden Tag um Asyl. Am
28. Oktober 2016 wurde er zu seiner Person, dem Reiseweg und summa-
risch zu seinen Ausreisegründen befragt (Befragung zur Person; BzP).
Eine einlässliche Anhörung fand am 10. April 2018 durch das SEM statt.
Im Rahmen dieser Befragungen brachte er vor, er sei Kurde und Sunnite
und stamme aus dem Dorf B._, Distrikt C._, Provinz
D._. Seine Eltern und zwei Schwestern würden sich dort befinden.
Ein Bruder halte sich in der Schweiz als Asylsuchender auf. Zur Begrün-
dung seines Asylgesuches machte er im Wesentlichen geltend, er habe
seinen Heimatstaat verlassen, weil er weder für das Regime noch für die
YPG (Die Volksverteidigungseinheiten, kurdisch: Yekîneyên Parastina Gel)
habe Militärdienst leisten wollen. Was den eigentlichen Dienst für das syri-
sche Regime anbelange, hätten die syrischen Behörden ihn bis zu seiner
Ausreise nicht aufgeboten, da er den regulären Militärdienst wegen seines
bevorstehenden Studiums aufgeschoben habe. Wegen der Lage in seiner
Region habe er das Studium aber nicht aufnehmen können und habe daher
den Militärdienst nicht mehr aufschieben können. Zum Zeitpunkt seiner
Ausreise habe er insbesondere befürchtet, dass die YPG ihn zwangsweise
rekrutieren würden. Diese hätten im August 2014 in seiner Region mit ent-
sprechenden Rekrutierungen begonnen, einige Personen seien festge-
nommen worden oder man sei auch Personen gegenüber, die den Dienst
verweigert hätten, gewalttätig geworden. Nach seiner Ausreise hätten sich
die YPG oft bei seinen Eltern nach ihm erkundigt und ihnen mitgeteilt, dass
man ihn und seinen Bruder wegen des Militärdienstes suche. Seine Eltern
würden von ihnen als Personen zweiter Klasse behandelt und von Hilfsgü-
tern und der Unterstützung ausgeschlossen. Nach seiner Ausreise sei sei-
nem Vater überdies ein ihn betreffender Einberufungsbefehl übergeben
worden, welcher im Verfahren eingereicht werde.
Der Beschwerdeführer brachte weiter vor, er befürchte, dass die Behörden
von seinen politischen Aktivitäten erfahren hätten. Im Jahr 2012 habe er in
Syrien an Demonstrationen teilgenommen. Anlässlich dieser Demonstrati-
onen sei er von einem ihm bekannten Mann namens E._, welcher
Angehöriger des politischen Sicherheitsdienstes gewesen sei, erkannt und
verfolgt worden. Er habe sich daher während einer Woche nicht zu Hause
E-7316/2018
Seite 3
aufgehalten. In jener Woche sei besagter Mann getötet worden und er wie-
der nach Hause zurückgekehrt. Wegen seiner politischen Aktivitäten habe
er auch bereits zuvor in der Schule Probleme gehabt, da er in einem Orga-
nisationskomitee namens F._ tätig gewesen sei. Nachdem die YPG
die Vormachtstellung in seiner Region übernommen hätten, sei diese Or-
ganisation nicht mehr tätig gewesen. Deshalb sei er Mitglied der Partei
Peshvaro geworden. Zur Ausreise und Reiseroute brachte er vor, er habe
Ende August / Anfang September 2014 den Heimatstaat Richtung Nordirak
verlassen. Dort sei er bis Februar 2016 geblieben und anschliessend über
die Türkei und Griechenland in die Schweiz gelangt.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer verschie-
dene Dokumente im Original ein, namentlich einen Zivilregisterauszug
samt Übersetzung, ein Militärbüchlein, ein Schulzeugnis, ein Militäraufge-
bot des Aushebungsamtes H._, ein Aufenthaltsdokument aus dem
Irak.
B.
Mit Verfügung vom 22. November 2018 stellte das SEM fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht (Dispositivziffer 1),
lehnte sein Asylgesuch vom 18. Oktober 2016 ab (Dispositivziffer 2) und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an (Dispositivziffer 3). Wegen
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs wurde der Beschwerdeführer
vorläufig in der Schweiz aufgenommen (Dispositivziffer 4).
C.
Mit Eingabe vom 21. Dezember 2018 erhob der Beschwerdeführer gegen
diese Verfügung Beschwerde und beantragte, der angefochtene Entscheid
sei in den Ziffern 1, 2 und 3 aufzuheben und es sei ihm unter Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren, eventualiter sei er als Flücht-
ling vorläufig aufzunehmen. In formeller Hinsicht ersuchte er um Einräu-
mung einer Nachfrist zur Beschwerdeergänzung und um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unter Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte dem Beschwerdeführer am
4. Januar 2019 den Eingang der Beschwerde.
E.
Am 11. Januar 2019 wurde dem Beschwerdeführer durch das SEM auf
E-7316/2018
Seite 4
dessen Antrag vom 21. Dezember 2018 hin (ergänzende) Akteneinsicht
gewährt.
F.
Am 17. Januar 2019 reichte der Beschwerdeführer eine als „Ergänzung der
Beschwerde vom 21. Dezember 2018“ betitelte Eingabe ein.
G.
Am 21. Januar 2019 wurde sodann eine Fürsorgebestätigung seiner
Wohnsitzgemeinde nachreicht.
H.
Mit Verfügung vom 24. Januar 2019 hiess die zuständige Instruktionsrich-
terin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
I.
Mit Vernehmlassung vom 29. Januar 2019 hielt das SEM an seinen Erwä-
gungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM. Dabei entschei-
det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser – was hier nicht
zutrifft – bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor wel-
chem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (vgl. Art. 105 AsylG
[SR 142.31] i.V.m. Art. 31-33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das frühere Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
E-7316/2018
Seite 5
1.4 Der Beschwerdeführer ist legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG) und seine
Beschwerde erfolgte frist- und formgerecht (aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 52
Abs. 1 VwVG), womit auf die Beschwerde einzutreten ist.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Im vorliegenden Fall beschränkt sich der Prozessgegenstand – entspre-
chend der vorgebrachten Rechtsbegehren und angesichts der angeordne-
ten vorläufigen Aufnahme – auf die Fragen der Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft, der Asylgewährung sowie der Wegweisung.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken.
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft im Sinne
von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat,
beziehungsweise solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft befürchten muss, sofern ihr die Nachteile gezielt und auf-
grund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive
zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu werden drohen. Eine begrün-
dete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn
ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, die Verfolgung hätte sich – aus
E-7316/2018
Seite 6
der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger
Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk-
lichen. Es müssen demnach hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete
Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer
Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorru-
fen würden (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5, BVGE 2010/44 E. 3.4, EMARK
2005 Nr. 21 E. 7, EMARK 2004 Nr. 1 E. 6a). Die erlittene Verfolgung oder
die begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich
und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat
und grundsätzlich im Zeitpunkt des Asylentscheides aktuell sein.
5.
5.1 Die Vorinstanz führte im Wesentlichen aus, sofern der Beschwerdefüh-
rer geltend mache, er sei nach der Ausreise per Aushebungsamt
H._ für den Militärdienst aufgeboten und aufgefordert worden, sich
am 18. Mai 2016 beim Aushebungsamt in H._/C._ zu mel-
den, sei dies nicht glaubhaft. Das eingereichte Dokument weise keine fäl-
schungssicheren Merkmale auf und sei leicht erhältlich zu machen und zu
fingieren. Es sei sodann nicht davon auszugehen, dass die Sicherheits-
kräfte des syrischen Regimes, nachdem sich die syrische Regierung im
Juli 2012 aus diesem Gebiet zurückgezogen habe, noch Rekrutierungs-
massnahmen für die staatliche Armee im Wirkungsgebiet der kurdischen
Truppen durchführen würden. Auch die Vorbringen des Beschwerdeführers
seien diesbezüglich in sich widersprüchlich.
Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Befürchtung, er könne durch
die YPG rekrutiert werden, sei mangels eines Verfolgungsmotivs im Sinne
von Art. 3 AsylG und mangender Intensität nicht asylrelevant. Auch könne
nicht davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer einer Ver-
folgung durch die kurdische Partei PYD (Partiya Yekîtiya Demokrat, Partei
der Demokratischen Union) oder durch die YPG, dem militärischen Flügel
der PYD, ausgesetzt gewesen sei. Er habe selbst vorgebracht, mit YPG-
Leuten normale Diskussionen geführt zu haben, diese seien aber nicht we-
gen des Militärdienstes gewesen. Seine Angst habe sich auf die spätere,
allgemeine Information gestützt, wonach alle über achtzehn Jährigen, hät-
ten rekrutiert werden sollen.
Soweit der Beschwerdeführer vorbringe, in der zehnten oder elften Klasse
an Demonstrationen teilgenommen zu haben und an einem Organisations-
komitee beteiligt gewesen zu sein, sei dies ebenfalls nicht asylrelevant.
E-7316/2018
Seite 7
Nach eigenen Angaben habe er mit diesen Aktivitäten aufgehört, nachdem
die PYD und YPG im Jahr 2012 die Kontrolle in der Region übernommen
hätten. In Bezug auf seine Demonstrationsteilnahme im Jahr 2012 sei er
von einer Person verfolgt worden, von der er angenommen habe, dass sie
ein Spitzel sei. Die Person sei nach Angaben des Beschwerdeführers je-
doch in dieser Zeit getötet worden und es habe keine Anzeichen dafür ge-
geben, dass er von den Behörden gesucht worden wäre. Ferner habe es
nach Angaben des Beschwerdeführers, nachdem die PYD und YPG im
Jahre 2012 die Kontrolle in der Region übernommen hätten, keine weiteren
Behördenkontakte gegeben. Der Beschwerdeführer habe mithin weder in
Bezug auf die Demonstrationsteilnahme noch in Bezug auf die Parteimit-
gliedschaft konkrete, in ihrer Intensität asylrelevante Verfolgungssituatio-
nen geltend gemacht. In der Schweiz sei der Beschwerdeführer überdies
nicht exilpolitisch tätig.
5.2 Der Beschwerdeführer hält dem auf Beschwerdeebene entgegen, sein
Vorbringen zur erfolgten Rekrutierung sei glaubhaft gemacht und asylrele-
vant, weil er einer politischen Familie entstamme, die sich schon lange in
der PDPK-S (Partiya Dîmoqratî Pêşverû Kurd li Sûriyê, Kurdish Democratic
Progressive Party in Syria) respektive der Peshvaro engagiere und die un-
ter der Assad-Herrschaft Nachteilen ausgesetzt gewesen sei. Er habe sich
ebenfalls politisch engagiert, weshalb er von regierungsnahen Kräften ver-
folgt worden sei. Er sei wegen der Demonstrationsteilnahmen und der an-
deren Aktivitäten im Organisationskomitee der Schulverwaltung bekannt
gewesen. Er weise daher ein verschärftes Profil auf. Der Familienkontext
sei zu beachten, namentlich, dass die gesamte erweiterte Familie des Be-
schwerdeführers in der Schweiz den Flüchtlingsstatus zuerkannt erhalten
habe. Auch der versuchten Rekrutierung durch die YPG komme Asylrele-
vanz zu. Zu dieser komme nämlich der Faktor der politischen Unliebsam-
keit hinzu. Die ganze Familie des Beschwerdeführers sei politisch mit der
Konkurrenzbewegung respektive Konkurrenzpartei affiliiert gewesen.
6.
6.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die vorinstanzliche Verfügung im
Ergebnis zu bestätigen ist.
6.2 Der Beschwerdeführer machte explizit geltend, dass der Grund seiner
Ausreise eine befürchtete Zwangsrekrutierung durch die YPG gewesen
sei. Wenn eine solche nicht bevorgestanden hätte, wäre er nicht ausgereist
(act. A13/18 F64). In Bezug auf eine drohende Rekrutierung durch die YPG
trifft es zu, dass der Verweigerung, sich diesem bewaffneten Arm der PYD
E-7316/2018
Seite 8
anzuschliessen, grundsätzlich keine Asylrelevanz zukommt, da sich nicht
das Bild eines systematischen Vorgehens der YPG gegen Dienstverweige-
rer ergibt, welches die Schwelle zu ernsthaften Nachteilen erreichen würde
(vgl. Urteil des BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3 [als Refe-
renzurteil publiziert]). Diese Einschätzung ist als nach wie vor grundsätzlich
zutreffend zu erachten (vgl. dazu statt vieler: Urteil des BVGer
E- 3703/2018 vom 13. November 2020 E. 5.3). Im Übrigen ist festzustellen,
dass der Beschwerdeführer vor seiner Ausreise seitens der YPG eigenen
Angaben gemäss keinerlei Behelligungen im Sinne von Versuchen der
Zwangsrekrutierung erlitten hatte (act. A13/18 F67).
6.3
6.3.1 Der Beschwerdeführer weist nach Einschätzung des Gerichts so-
dann kein oppositionelles Profil auf.
6.3.2 Mit Blick auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachten De-
monstrationsteilnahmen im Jahr 2012 ist dem SEM beizupflichten, dass
dies insofern nicht relevant ist oder ein besonderes oppositionelles Profil
vermittelt, als diese Teilnahmen keine negativen Konsequenzen für den
Beschwerdeführer hatten (act. A13/18 F43-F45). Es ist davon auszugehen,
dass die syrischen Behörden den Beschwerdeführer bis zu seiner einige
Jahre später erfolgten Ausreise gesucht hätten, wenn er ihnen anlässlich
der Demonstrationen als ernstzunehmender Regimekritiker aufgefallen
wäre. Die Person, die ihn anlässlich einer Demonstration identifiziert haben
soll, ist nach Angaben des Beschwerdeführers kurz darauf gestorben. Es
ist mithin auch nicht davon auszugehen, dass ihm seitens des syrischen
Regimes zukünftig Verfolgungshandlungen drohen könnten.
6.3.3 Sofern der Beschwerdeführer geltend macht, er sei Mitglied eines Or-
ganisationskomitees mit Beteiligung vor allem von Schülern und Studenten
gewesen, ist auch dieses Vorbringen nicht geeignet, eine oppositionelle
Tätigkeit darzutun, welche für die vorliegende Beurteilung von Relevanz
sein könnte. Der Beschwerdeführer hat nämlich geltend gemacht, nach der
Machtübernahme der PYD habe das Komitee die Arbeit eingestellt und er
sei diesbezüglich gar nicht mehr tätig gewesen (act. A13/18 F48 f., F54).
Behelligungen seitens der PYD oder der syrischen Behörden wurden denn
auch in diesem Zusammenhang nicht geltend gemacht.
6.3.4 Der Beschwerdeführer brachte überdies vor, er und seine Familie
seien Mitglieder der Partei Peshvaro, führte aber auch diesbezüglich keine
konkreten Verfolgungshandlungen seitens des syrischen Regimes oder
E-7316/2018
Seite 9
der PYD / YPG aus. Auch hat er eigenen Angaben gemäss keine Verant-
wortung oder Aufgaben innerhalb dieser Partei übernommen (act. A13/18
F54, F57). Aus diesem Vorbringen lässt sich mithin ebenfalls auf kein op-
positionelles oder exponiertes Profil des Beschwerdeführers schliessen.
6.3.5 Sofern im Rahmen der Beschwerde sodann erstmals geltend ge-
macht wird, die weiteren Verwandten seiner Familie in der Schweiz hätten
allesamt politisches Asyl erhalten, weshalb erstellt sei, dass der Beschwer-
deführer einer politischen Familie entstamme, ist folgendes festzustellen:
Der Beschwerdeführer hat anlässlich der Anhörung vorgebracht, sein Bru-
der sei ebenfalls in der Schweiz Asylsuchender. Sie hätten gemeinsam den
Heimatstaat verlassen, um einer drohenden Rekrutierung zu entgehen. In
keiner Weise hat der Beschwerdeführer in Bezug auf seinen Bruder von
diesem erlittene Verfolgungshandlungen dargelegt oder Reflexverfol-
gungshandlungen ihm gegenüber wegen seines Bruders vorgebracht.
Auch in der Beschwerde wird der entsprechende Vortrag nicht konkreti-
siert. Fakt ist zudem, dass dem Bruder die Flüchtlingseigenschaft nicht zu-
gesprochen wurde, sondern dieser durch das SEM infolge Unzumutbarkeit
des Vollzuges der Wegweisung vorläufig aufgenommen wurde. Sodann hat
der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung bei der Frage nach weite-
ren Verwandten in der Schweiz ausgeführt, ein Onkel mütterlicherseits
halte sich in der Schweiz auf (act. A13/18 F3). Auch in Bezug auf ihn hat er
jedoch keinerlei im Heimatstaat erlittene oder zu befürchtende Verfol-
gungshandlungen im Sinne einer Reflexverfolgung geltend gemacht (act.
A13/18 F56). Vielmehr hat er auch zum Abschluss der Anhörung nochmals
betont, wegen der möglichen bevorstehenden Rekrutierung das Land ver-
lassen zu haben (act. A13/18 F92).
6.3.6 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, im Jahr 2016 während
seiner Abwesenheit vom syrischen Regime für den Militärdienst aufgebo-
ten worden zu sein, kann eine Auseinandersetzung mit der Frage der
Glaubhaftmachung unterbleiben. Eine allfällige Rekrutierung ist nach der
gefestigten Rechtspraxis für sich gesehen nicht asylrelevant. Selbst wenn
die Wehrdienstverweigerung als glaubhaft eingestuft würde, wäre allein
darin kein flüchtlingsrechtlich relevanter Nachteil zu erblicken. Gemäss
dem Grundsatzentscheid BVGE 2015/3 vom 18. Februar 2015 hat das
Bundesverwaltungsgericht nämlich festgestellt, dass eine Wehrdienstver-
weigerung oder Desertion die Flüchtlingseigenschaft nicht per se zu be-
gründen vermag, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im Sinne
E-7316/2018
Seite 10
von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist. Mit anderen Worten muss die be-
troffene Person aus den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Reli-
gion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder
politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder De-
sertion eine Behandlung zu gewärtigen haben, die ernsthaften Nachteilen
gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. In Bezug auf die spezifische Si-
tuation in Syrien erwog das Gericht weiter, die genannten Voraussetzun-
gen seien im Falle eines syrischen Refraktärs erfüllt, welcher der kurdi-
schen Ethnie angehöre, einer oppositionell aktiven Familie entstamme und
bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen
Sicherheitskräfte auf sich gezogen habe (BVGE 2015/3 E. 6.7.3; bestätigt
im Urteil des BVGer E-2188/2019 vom 30. Juni 2020 E. 5.1.2 [als Refe-
renzurteil publiziert]). Zwar gehört der Beschwerdeführer der kurdischen
Ethnie an, entstammt aber gestützt auf die Aktenlage weder einer opposi-
tionell aktiven Familie noch hat er je persönliche Probleme mit den syri-
schen Behörden geltend gemacht. Es ist somit nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die syrischen Sicherheitsbe-
hörden ihn als Regimegegner identifiziert hätten und er als solcher bei ei-
ner Rückkehr nach Syrien unverhältnismässig schwer bestraft würde oder
eine über die ordentliche zur Sicherstellung des Wehrdienstes legitime und
völkerrechtskonforme Bestrafung der Desertion hinausgehende Behand-
lung zu gewärtigen hätte. Vor diesem Hintergrund kann letztlich offenge-
lassen werden, ob es sich bei der eingereichten Vorladung der syrischen
Armee um ein echtes Dokument handelt.
6.4 Eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung des Beschwerdeführers
allein aufgrund der illegalen Ausreise aus Syrien und der Asylgesuchstel-
lung in der Schweiz ist gemäss konstanter Praxis des Bundesverwaltungs-
gerichts nicht anzunehmen (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom
28. Oktober 2015 E. 6.4.3 [als Referenzurteil publiziert]). Auch das Vorlie-
gen subjektiver Nachfluchtgründe ist mithin zu verneinen.
6.5 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Asyl-
gründe nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung respektive eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu be-
gründen. Die Vorinstanz hat deshalb zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
verneint und das Asylgesuch des Beschwerdeführers abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
E-7316/2018
Seite 11
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeord-
net (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.2 Präzisierend ist festzuhalten, dass sich aus den vorstehenden Erwä-
gungen nicht der Schluss ergibt, der Beschwerdeführer sei zum heutigen
Zeitpunkt in seinem Heimatstaat nicht gefährdet. Eine solche Gefähr-
dungslage ist jedoch auf die in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation
zurückzuführen. Das SEM hat dieser generellen Gefährdung Rechnung
getragen und den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs vorläufig aufgenommen. Dadurch wird im Übrigen auch den
auf Beschwerdeebene geltend gemachten Veränderungen der Lage in
Nordsyrien Rechnung getragen. Unter diesen Umständen erübrigen sich
praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit und Möglichkeit des Wegwei-
sungsvollzugs.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106
Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügung vom
24. Januar 2019 wurde jedoch das Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen. Auch im Urteilszeitpunkt
ist nicht davon auszugehen, dass sich die finanzielle Lage des Beschwer-
deführers entscheidrelevant verändert hat, weshalb keine Verfahrenskos-
ten zu erheben sind.
(Dispositiv nächste Seite)
E-7316/2018
Seite 12