Decision ID: 189737ed-8d0b-48b6-a810-81d71ed2edba
Year: 2020
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_009
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Der Vizepräsident entnimmt den Akten:
1.
Die Gesuchstellerin ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit Sitz
in S. Sie bezweckt im Wesentlichen _.
2.
Die Gesuchsgegnerin ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in M. Sie be-
zweckt insbesondere _
3.
Mit Gesuch vom 16. Januar 2020 (Postaufgabe: 20. Januar 2020) stellte
die Gesuchstellerin folgendes Rechtsbegehren:
" Das Grundbuchamt Baden sei anzuweisen, zulasten des Grundstücks in der Gemeinde L., Grundbuch-/Grundbuchblatt-Nr. 99 . 99, zugunsten von der gesuchstellenden Partei ein  für die Pfandsumme von CHF 440'803.4 nebst 5 % Zins seit 01.12.2019 vorläufig als Vormerkung einzutragen.
Die Anweisung sei superprovisorisch (d.h. sofort nach Eingang des  ohne Anhörung der Gegenpartei) zu verfügen und dem  unverzüglich zur vorläufigen Eintragung im Grundbuch ."

Der Vizepräsident zieht in Erwägung:
1. Zuständigkeit
Gemäss Art. 60 ZPO prüft das Gericht von Amtes wegen, ob die Prozess-
voraussetzungen gegeben sind. Zu den Prozessvoraussetzungen gehört
unter anderem die örtliche und sachliche Zuständigkeit des Gerichts
(Art. 59 Abs. 2 lit. b ZPO).
1.1.
Für den Erlass vorsorglicher Massnahmen ist das Gericht am Ort, an dem
die Zuständigkeit für die Hauptsache gegeben ist oder am Ort, wo die Mas-
snahme vollstreckt werden soll, zwingend örtlich zuständig (Art. 13 ZPO).
Für Klagen auf Errichtung gesetzlicher Grundpfandrechte ist das Gericht
am Ort, an dem das Grundstück im Grundbuch aufgenommen ist, zustän-
dig (Art. 29 Abs. 1 lit. c ZPO).
Das Grundstück, auf welchem die Gesuchstellerin ein Bauhandwerker-
pfandrecht vorläufig eintragen lassen will, befindet sich in L. (AG). Die ört-
liche Zuständigkeit der aargauischen Gerichte ist somit gegeben.
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1.2.
Die sachliche Zuständigkeit des Einzelrichters am Handelsgericht (vgl. § 13
Abs. 1 lit. a EG ZPO) für den Erlass superprovisorischer und vorsorglicher
Massnahmen ergibt sich aus Art. 6 Abs. 2 ZPO i.V.m. Art. 6 Abs. 5 ZPO.
Diese ist gegeben, da in der Hauptsache die geschäftliche Tätigkeit zumin-
dest der Gesuchstellerin betroffen ist, gegen den Entscheid – bei einem
Streitwert von über Fr. 30'000.00 – die Beschwerde in Zivilsachen an das
Bundesgericht offensteht und die Parteien im Handelsregister eingetragen
sind.
2. Verfahrensart
Die Streitsache ist im summarischen Verfahren zu behandeln (Art. 248 lit. a
i.V.m. Art. 249 lit. d Ziff. 5 ZPO).
Erscheint das Gesuch offensichtlich unzulässig oder offensichtlich unbe-
gründet, so erübrigt es sich, der Gegenpartei Gelegenheit zur Stellung-
nahme zu geben (Art. 253 ZPO).
3. Allgemeine Voraussetzungen der vorläufigen Eintragung
3.1.
Die Eintragung eines Bauhandwerkerpfandrechts setzt im Wesentlichen
die Forderung eines Bauhandwerkers oder Unternehmers für die Leistung
von Arbeit und allenfalls von Material zugunsten des zu belastenden
Grundstücks sowie die Wahrung der viermonatigen Eintragungsfrist voraus
(Art. 837 Abs. 1 Ziff. 3 und 839 Abs. 2 ZGB).
3.2.
Die Eintragungsvoraussetzungen sind im Verfahren betreffend vorläufige
Eintragung eines Bauhandwerkerpfandrechts lediglich glaubhaft zu ma-
chen. An diese Glaubhaftmachung werden zudem weniger strenge Anfor-
derungen gestellt, als es diesem Beweismass für vorsorgliche Massnah-
men (Art. 261 ff. ZPO) sonst entspricht.1 Die vorläufige Eintragung darf nur
verweigert werden, wenn der Bestand des Pfandrechts ausgeschlossen o-
der höchst unwahrscheinlich erscheint. Im Zweifelsfall, bei unklarer Be-
weis- oder Rechtslage, ist die vorläufige Eintragung zu bewilligen und die
Entscheidung dem Richter im ordentlichen Verfahren zu überlassen.2 Letzt-
lich läuft es darauf hinaus, dass der gesuchstellende Unternehmer nur die
blosse Möglichkeit eines Anspruchs auf ein Bauhandwerkerpfandrecht
nachzuweisen hat.3
1 BGE 137 III 563 E. 3.3; 86 I 265 E. 3; vgl. auch SCHUMACHER, Das Bauhandwerkerpfandrecht, 3. Aufl.
2008, N. 1394; BSK ZGB II-THURNHERR, 6. Aufl. 2019, Art. 839/840 N. 37. 2 BGE 86 I 265 E. 3; 102 Ia 81 E. 2b.bb; BGer 5A_426/2015 vom 8. Oktober 2015 E. 3.4; 5A_924/2014
vom 7. Mai 2015 E. 4.1.2; SCHUMACHER, Das Bauhandwerkerpfandrecht, Ergänzungsband zur 3. Aufl., 2011, N. 628.
3 SCHUMACHER (Fn. 1), N. 1395.
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4. Pfandsumme
4.1. Parteibehauptungen
Die Gesuchstellerin behauptet, am 12. August 2019 mit der R. AG., Re-
gensdorf, einen Werkvertrag abgeschlossen zu haben und sich zur Leis-
tung von Baumeisterarbeiten mittels Lieferung von Personal im Stunden-
lohn, Beton- und Schalungsarbeiten mittels Akkordlieferung Mat. + Pers.
verpflichtet zu haben. Am 13. November 2019 seien die Arbeiten fertigge-
stellt worden. Am 4. Dezember 2019 sei die letzte Mahnung erfolgt und die
Gesuchsgegnerin befinde sich seit dem 5. Dezember 2019 im Verzug. Die
Forderungssumme belaufe sich auf Fr. 440'803.40 zzgl. 5 % Verzugszin-
sen seit dem 5. Dezember 2019.
Als betroffenes Grundstück nennt die Gesuchstellerin das Grdst.-Nr. 99
GB L. (E-GRID CH 123). Dabei handle es sich um ein Mehrfamilienhaus,
dessen Wohnungen im Stockwerkeigentum verkauft würden. Dabei sei vor-
liegend die Gesamtliegenschaft zu belasten.
4.2. Rechtliches
Pfandberechtigt sind die Forderungen der Handwerker oder Unternehmer,
die auf einem Grundstück zu Bauten oder anderen Werken, zu Abbruchar-
beiten, zum Gerüstbau, zur Baugrubensicherung oder dergleichen Material
und Arbeit oder Arbeit allein geliefert haben (Art. 837 Abs. 1 Ziff. 3 ZGB).
Die mit dem Bauhandwerkerpfand zu sichernde bzw. die gesicherte Forde-
rung besteht entsprechend in der Vergütungsforderung des Handwerkers
oder Unternehmers. Sie ist mit dieser identisch. Für die Eintragung des
Bauhandwerkerpfandrechts im Grundbuch ist daher nach Art. 794 Abs. 1
i.V.m. Art. 837 Abs. 1 Ziff. 3 ZGB eine bestimmte Pfandsumme anzuge-
ben.4
Stockwerkeigentum ist der Miteigentumsanteil an einem Grundstück, der
dem Miteigentümer das Sonderrecht gibt, bestimmte Teile eines Gebäudes
ausschliesslich zu benutzen und innen auszubauen (Art. 712a Abs. 1 ZGB).
Steht eine Sache im Miteigentum, so haben sie mehrere Personen nach
Bruchteilen und ohne äusserliche Abteilung in ihrem Eigentum (Art. 646
Abs. 1 ZGB). Zur Veräusserung oder Belastung der Sache bedarf es grund-
sätzlich der Übereinstimmung aller Miteigentümer (Art. 648 Abs. 2 ZGB).
Bestehen Grundpfandrechte oder Grundlasten an Miteigentumsanteilen,
so können die Miteigentümer die Sache selbst nicht mehr mit solchen
Rechten belasten (Art. 648 Abs. 3 ZGB). Beim Stockwerkeigentum können
wertvermehrende Leistungen zum Zweck der individuellen Ausgestaltung
der Stockwerkeinheit nur durch ein Bauhandwerkerpfandrecht auf dem je-
weiligen Miteigentumsanteil gesichert werden, während der Bauunterneh-
mer für die Bauarbeiten an gemeinschaftlichen Bauteilen die Wahl hat, ent-
weder die Gesamtliegenschaft zu belasten oder die Forderung auf die
4 SCHUMACHER (Fn. 1), N. 436, 438 und 547.
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Stockwerkeinheiten aufzuteilen. Dieses Wahlrecht gilt nicht, wenn einzelne
Stockwerkeigentumseinheiten bereits mit Grundlasten oder Grundpfand-
rechten belastet sind.5 Die einzelnen Stockwerkeigentumseinheiten sind
nach ihrem effektiven Anteil an den Kosten quotenmässig zu belasten.6
Der Unternehmer hat grundsätzlich nachzuweisen, welche konkreten Leis-
tungen an Arbeit und Material er zu welchen Preisen für jedes einzelne
Grundstück erbracht hat.7 Im Verfahren betreffend vorläufige Eintragung
eines Bauhandwerkerpfandrechts ist indes – aufgrund der drohenden Ver-
wirkung bei Nichteintragung innerhalb der Frist von Art. 839 Abs. 2 ZGB –
eine Aufteilung auf die einzelnen Liegenschaften nach Bruchteilen statthaft.
Die im Grundbuch vorläufig eingetragenen Teilpfandsummen sind dann im
Verfahren betreffend definitive Eintragung eines Bauhandwerkerpfand-
rechts aufgrund konkreter Nachweise der auf den verschiedenen Grund-
stücken erbrachten Leistungen zu berichtigen.8 Dasselbe muss auch bei
Arbeiten für mehrere Stockwerkeigentumseinheiten gelten, wobei die
Pfandsumme hier nach den Wertquoten der einzelnen Stockwerkeigentum-
seinheiten aufzuteilen ist.
4.3. Würdigung
Die Gesuchstellerin begehrt die Anordnung einer vorläufigen Eintragung
eines Bauhandwerkerpfandrechts auf dem Stammgrundstück (Grdst.-
Nr. 99 GB L. [E-GRID CH 123]). Dieses steht im Miteigentum diverser
Stockwerkeigentümer (Art. 712a ff. i.V.m. Art. 646 ff. ZGB), worunter sich
nebst der Gesuchsgegnerin diverse natürliche Personen befinden (vgl.
Grundbuchauszug). Ihr Gesuch richtet die Gesuchstellerin indes einzig ge-
gen die Gesuchsgegnerin als eine von mehreren Stockwerkeigentümerin-
nen. Da diese bloss Mit- und nicht Alleineigentümerin des Grdst.-Nr. 99
GB L. (E-GRID CH 123) ist, fehlt ihr hinsichtlich des vorliegenden Gesuchs
offensichtlich die Passivlegitimation.
Sodann sind diverse Stockwerkeigentumseinheiten bereits mit Grund-
pfandrechten in der Form von Schuldbriefen belastet. In Anwendung von
Art. 648 Abs. 3 ZGB ist es daher nicht mehr zulässig, das Stammgrund-
stück Grdst.-Nr. 99 GB L. (E-GRID CH 123) mit Bauhandwerkerpfandrech-
ten zu belasten.
Das Gesuch ist daher wegen der offensichtlich fehlenden Passivlegitima-
tion der Gesuchsgegnerin sowie der offensichtlich falschen Wahl des zu
5 BGE 126 III 462 E. 2b. 6 BSK ZGB II-THURNHERR (Fn. 1), Art. 839/840 N. 17; SCHUMACHER (Fn. 1), N. 778 und 781; vgl. auch
MATHIS, Das Bauhandwerkerpfandrecht in der Gesamtüberbauung und im Stockwerkeigentum, 1988, S. 150, 152.
7 SCHUMACHER (Fn. 1), N. 593; BRITSCHGI, Das belastete Grundstück beim , 2008, S. 114; MATHIS (Fn. 6), S. 152.
8 Vgl. SCHUMACHER (Fn. 1), N. 840; BRITSCHGI (Fn. 7), S. 115; MATHIS (Fn. 6), S. 150 f.
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belasteten Grundstücks abzuweisen. Es ist offensichtlich unbegründet,
weshalb in Anwendung von Art. 253 ZPO keine Gesuchsantwort eingeholt
werden muss.
5. Prozesskosten
Die Prozesskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt (Art. 95
Abs. 1 und Art. 106 Abs. 1 ZPO). Ausgangsgemäss sind sie von der Ge-
suchstellerin zu tragen.
5.1.
Unter Berücksichtigung des verursachten Aufwands sowie des Umfangs
der Streitigkeit werden die Gerichtskosten auf Fr. 1'000.00 festgesetzt (§ 8
VKD; SAR 221.150). Da die Gesuchstellerin keinen Kostenvorschuss leis-
tete, sind die Gerichtskosten von ihr nachzufordern (vgl. Art. 111 Abs. 1
ZPO).
5.2.
Der Gesuchsgegnerin sind bislang keine Aufwendungen entstanden, da ihr
das Gesuch nicht zur Antwort zugestellt wurde. Entsprechend wird keine
Parteientschädigung zugesprochen.