Decision ID: 9707c173-6e06-478f-8198-1ae0864c6275
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Michael Bührer, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 5. November 2007 zum Bezug von IV-Leistungen an (act.
G 4.1.1). Der behandelnde Dr. med. B._, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH,
diagnostizierte im Bericht vom 1. Februar 2008 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
ein chronisches lumboradikuläres Schmerzsyndrom S1 links bei Diskushernie L5/S1
links, einen Verdacht auf Fibromyalgie und auf eine reaktive Depression, eine
Adipositas und eine gemischte Inkontinenz. Für die bisherige Tätigkeit als
Betriebsmitarbeiterin (vgl. hierzu act. G 4.1.14) sowie für sämtliche anderen Tätigkeiten
bescheinigte er der Versicherten eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 4.1.16-1 ff.).
A.b Am 24. Juni 2008 nahm die IV-Stelle eine Abklärung im Haushalt der Versicherten
vor. Gestützt auf die Angaben der Versicherten ermittelte die Abklärungsperson eine
Einschränkung im Haushalt von 68%, hielt diese jedoch angesichts der medizinischen
Unterlagen für nicht begründet. Die Versicherte gab anlässlich der Abklärung an, dass
sie im Gesundheitsfall wie bisher voll erwerbstätig sein würde. Diesem Standpunkt
folgte die Abklärungsperson mit Blick auf die Anzahl zu betreuender Kinder und auf das
Arbeitsverhältnis des Ehegatten nicht. Vielmehr ging sie von einer höchstens 50%igen
Erwerbstätigkeit im Gesundheitsfall aus (Abklärungsbericht vom 15. August 2008, act.
G 4.1.25).
A.c Am 22. September 2008 beauftragte die IV-Stelle Dr. med. C._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, mit einer bidisziplinären (psychiatrischen und
rheumatologischen) Begutachtung (act. G 4.1.29). Die Versicherte wurde am
27. November 2008 von Dr. med. D._, Fachärztin für Innere Medizin und
Rheumatologie FMH, begutachtet (Teilgutachten vom 20. Dezember 2008, act.
G 4.1.34). Die psychiatrische Begutachtung fand am 4. Dezember 2008 statt. Die
Experten diagnostizierten im psychiatrischen Gutachten mit interdisziplinärer
Zusammenfassung vom 23. Dezember 2008 mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein
thorakovertebrales und lumbospondylogenes Syndrom links. Ohne Einfluss auf die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit bestünden eine Medikamenten-Noncompliance, ein Vitamin-D-Mangel,
eine Adipositas Grad I und eine gemischte Inkontinenz. Psychiatrischerseits wurden
keine Diagnosen "mit Krankheitswert nach ICD-10" gestellt. Die Gutachter
bescheinigten der Versicherten für leidensangepasste Tätigkeiten eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit. Falls die bisherige Tätigkeit den Anforderungen an eine
leidensangepasste Tätigkeit entspreche, sei sie der Versicherten zu 100% zumutbar.
Andernfalls bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Aus psychiatrischer Sicht liege
eindeutig der Regelfall der zumutbaren Schmerzüberwindung vor (act. G 4.1.32).
A.d Mit Vorbescheid vom 4. Februar 2009 stellte die IV-Stelle der Versicherten in
Aussicht, einen Anspruch auf eine Invalidenrente zu verneinen. Gestützt auf das
interdisziplinäre Gutachten vom 23. Dezember 2008 ermittelte die IV-Stelle einen
Invaliditätsgrad von 0%. Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades qualifizierte sie die
Versicherte als 50% erwerbstätig und 50% im Haushaltsbereich tätig (act. G 4.1.39).
A.e Dagegen erhob die Versicherte am 9. März 2009 Einwand. Sie beantragte die
Ausrichtung einer "vollen" IV-Rente. Zunächst rügte sie die von der IV-Stelle
vorgenommene Qualifikation als Teilerwerbstätige. Sie stellte sich auf den Standpunkt,
dass sie im Gesundheitsfall zu 100% erwerbstätig wäre. Des Weiteren beanstandete
sie, dass die IV-Stelle Dr. D._ keinen Auftrag erteilt habe. Ferner sei ihr die Person
von Dr. D._ vorgängig nicht mitgeteilt worden. Deren rheumatologische Beurteilung
sei unzureichend begründet und daher nicht beweiskräftig (act. G 4.1.43).
A.f Am 13. Mai 2009 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid vom
4. Februar 2009 (act. G 4.1.46).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 13. Mai 2009 richtet sich die vorliegend zu beurteilende
Beschwerde vom 15. Juni 2009. Die Beschwerdeführerin beantragt darin - unter
Kosten- und Entschädigungsfolge - deren Aufhebung und die Zusprache einer ganzen
IV-Rente mit Wirkung ab 1. April 2007. Eventualiter seien weitere medizinische
Abklärungen vorzunehmen. Zunächst rügt die Beschwerdeführerin eine Verletzung des
rechtlichen Gehörs, da ihr die Person von Dr. D._ nicht vorgängig mitgeteilt worden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei. Ferner setze sich das rheumatologische Gutachten nicht mit dem
Haushaltsabklärungsbericht auseinander. Die bescheinigte 100%ige Arbeitsfähigkeit
für leidensangepasste Tätigkeiten sei nicht näher begründet und nicht nachvollziehbar.
Zusätzlich komme der "Verdacht" auf, dass sich ihre psychische Situation zunehmend
verschlechtere. Gestützt auf die Aussagen der behandelnden Ärzte sei von einer
vollständigen Arbeitsunfähigkeit auch für leidensangepasste Tätigkeiten auszugehen.
Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin wäre sie im Gesundheitsfall zu
100% erwerbstätig, weshalb zur Bestimmung des Invaliditätsgrads ein
Einkommensvergleich vorzunehmen sei. Schliesslich beanstandet die
Beschwerdeführerin die von der Beschwerdegegnerin herangezogenen
Vergleichseinkommen (act. G 1). Der Beschwerde legt sie einen Arztbericht von
Prof. Dr. med. E._, Facharzt für Neurologie FMH, vom 15. April 2009 bei. Darin stellt
Prof. E._ folgende Diagnosen: ein chronisches Schmerzsyndrom und Dysästhesie
der linken Körperhälfte, eine depressive Episode und ein chronisches lumbo-
radikuläres Schmerzsyndrom S1 links. Er stellte "keine objektivierbaren klinisch
neurologischen Defizite" fest. Hinweise für eine neurologische Erkrankung verneinte er.
Die Beschwerden ordnete er "am ehesten" einer depressiven Entwicklung zu,
"vermutlich verbunden mit einer somatoformen Schmerzstörung" (act. G 1.3).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 13. August
2009 die Beschwerdeabweisung. Zur Begründung führt sie aus, dass das Vorgehen bei
der Begutachtung durch Dr. D._ korrekt gewesen sei. Das interdisziplinäre Gutachten
erfülle alle für beweiskräftige Gutachten geltenden Anforderungen, weshalb zu Recht
darauf abgestellt worden sei. Da die Beschwerdeführerin nach Auffassung der
Gutachter sowohl im Haushalt wie in einer adaptierten Tätigkeit uneingeschränkt
arbeitsfähig sei, könne die Frage, ob die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall als
vollzeitlich Erwerbstätige oder als teilzeitlich Erwerbstätige zu qualifizieren sei, offen
gelassen werden. Denn in beiden Fällen ergebe sich kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad (act. G 4).
B.c In der Replik vom 28. August 2009 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
unverändert fest (act. G 7).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 9).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.e Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat am 13. Oktober 2009 eine
Honorarnote eingereicht, worin sie eine Entschädigung von Fr. 3'972.60 (einschliesslich
Bar-auslagen und Mehrwertsteuer) geltend macht (act. G 11).

Erwägungen:
1.
Vorliegend streitig und zu prüfen ist der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin.
1.1 Am 1. Januar 2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz,
dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung ist am
13. Mai 2009 (act. G 4.1.46) ergangen, wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist, der vor
dem Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 5. IV-Revision am 1. Januar 2008
begonnen hat. Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung
betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den
allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007 auf die
damals geltenden Bestimmungen und ab diesem Zeitpunkt auf die neuen Normen der
5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Diese übergangsrechtliche Lage
zeitigt indessen keine materiellrechtlichen Folgen, da die 5. IV-Revision hinsichtlich des
Begriffs und der Bemessung der Invalidität keine substantiellen Änderungen gegenüber
der bis Ende 2007 gültig gewesenen Rechtslage gebracht hat. Nachfolgend werden die
seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG wiedergegeben, soweit
nicht ausdrücklich auf die altrechtlichen Bestimmungen verwiesen wird.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 ATSG).
Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50%
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.4 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe der medizinischen Fachpersonen ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Die Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung
als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das
im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen
Spezialärzten, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft,
solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE
125 V 351 E. 3b/bb).
1.5 Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz (vgl. Art. 43 Abs. 1
und Art. 61 lit. c ATSG). Demgemäss hat der Versicherungsträger bzw. im
Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen
abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien gebunden zu sein.
Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben zusätzliche Abklärungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus
den Akten ergebender Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53
E. 4a am Schluss).
2.
In medizinischer Hinsicht stützte die Beschwerdegegnerin die Verfügung vom 13. Mai
2009 auf das bidisziplinäre Gutachten vom 23. Dezember 2008 (act. G 4.1.46). Die
Beschwerdeführerin hält dieses aus verschiedenen Gründen für nicht beweiskräftig
(act. G 1).
2.1 Zunächst rügt die Beschwerdeführerin eine Verletzung ihres Anspruchs auf
rechtliches Gehör, da ihr die rheumatologische Gutachterperson vorgängig nicht
mitgeteilt worden sei. Sie habe daher die ihr zustehenden Mitwirkungsrechte nicht
ausüben können (act. G 7, S. 2; vgl. auch act. G 1, Rz 23).
2.1.1 Was die unterlassene vorgängige Bekanntgabe der rheumatologischen
Gutachterin anbelangt, so gilt es Art. 44 ATSG zu beachten. Gemäss dieser
Bestimmung hat der Versicherungsträger, wenn er zur Abklärung des Sachverhalts ein
Gutachten "einer oder eines unabhängigen Sachverständigen" einholen muss, deren
Namen der Partei bekannt zu geben. Diese kann die Gutachterperson aus triftigen
Gründen ablehnen und Gegenvorschläge machen.
2.1.2 Der Beschwerdeführerin wurde mit Schreiben vom 31. Oktober 2008
mitgeteilt, dass die psychiatrische Begutachtung von Dr. C._ durchgeführt werde
(act. G 4.1.30). Die psychiatrische Begutachtung fand am 4. Dezember 2008 statt (act.
G 4.1.32). Die rheumatologische Begutachtung durch Dr. D._ wurde hingegen nicht
am gleichen Tag und auch nicht am gleichen Ort durchgeführt (27. November 2008 in
den Praxisräumen von Dr. D._, act. G 4.1.34). Es muss davon ausgegangen werden,
dass der Beschwerdeführerin im Rahmen der Vereinbarung des früher und am anderen
Ort stattgefundenen Untersuchungstermins die rheumatologische Begutachtung, die
Person der rheumatologischen Gutachterin und der Abklärungsort vorgängig bekannt
gegeben wurden. Die Beschwerdeführerin war damit in der Lage, sich vorgängig über
das Bestehen allfälliger Ausstands- und Ablehnungsgründe betreffend Dr. D._ ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bild zu machen. Eine Verletzung von Mitwirkungsrechten im Sinn von Art. 44 ATSG ist
daher zu verneinen (vgl. Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
14. April 2009, IV 2007/330, E. 3.3.1). Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin
weder im Vorbescheid- noch im Beschwerdeverfahren Gründe gegen die Person der
rheumatologischen Gutachterin vorgebracht hat. Es ergeben sich auch aus den Akten
keine triftigen Gründe, die gegen die rheumatologische Gutachterin sprechen würden.
2.2 Gegen das Gutachten bringt die Beschwerdeführerin weiter vor, dass es sich nicht
mit dem von der Beschwerdegegnerin vorgenommenen Haushaltsabklärungsbericht
vom 15. Juli 2008 auseinandersetze (act. G 1, Rz 26). Vorweg ist zu bemerken, dass
die im Abklärungsbericht festgehaltene Einschränkung von 68% auf den Angaben der
Beschwerdeführerin beruht und die Abklärungsperson festhielt, die Einschränkungen
im angegebenen Ausmass seien mit den vorliegenden medizinischen Unterlagen nicht
begründet (act. G 4.1.25-6). Es handelt sich beim Abklärungsbericht daher nicht um
eine aussagekräftige Stellungnahme, zumal die angegebenen Einschränkungen durch
die Abklärungsperson gerade nicht bestätigt wurden. Vor diesem Hintergrund kann die
fehlende Auseinandersetzung mit dem Abklärungsbericht das rheumatologische
Gutachten nicht in Frage stellen. Dies umso weniger, als die rheumatologische
Gutachterin von dessen Inhalt Kenntnis hatte (vgl. die ausführliche Zusammenfassung
des Abklärungsberichts in act. G 4.1.34-12). Ferner wurden die Gutachter auch nicht
mit einer Verifizierung des Abklärungsberichts oder mit der Beurteilung der im
Haushaltsbereich bestehenden Einschränkungen beauftragt (vgl. act. G 4.1.29),
weshalb auch aus diesem Blickwinkel kein gutachterliches Versäumnis ersichtlich ist.
2.3 Die Beschwerdeführerin rügt weiter, dass sich die rheumatologische Expertin
nicht mit den anderslautenden Berichten der behandelnden Ärzte auseinandergesetzt
habe (act. G 1, Rz 27 und Rz 29).
2.3.1 Es ist einzuräumen, dass sich die rheumatologische Gutachterin äusserst
knapp zu den abweichenden Einschätzungen von Dr. B._ im Gesamtgutachten
äusserte. Dessen Aussagen könnten aus internistisch-rheumatologischer Sicht nicht
bestätigt werden (act. G 4.1.32-10). Immerhin gab sie sowohl die Einschätzungen von
Dr. B._ als auch diejenigen von Dr. med. F._, Facharzt für Rheumatologie FMH, in
der Aktenzusammenfassung (act. G 4.1.34-8 ff.) und in der Beschreibung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Krankheitsentwicklung (act. G 4.1.34-14) ausführlich wieder. Es wäre wünschenswert,
wenn sich die Gutachterin ausführlicher mit den abweichenden Einschätzungen
auseinander gesetzt hätte. Die praktisch fehlende Auseinandersetzung mag für sich
allein noch keine erheblichen Zweifel an der Beweistauglichkeit des bidisziplinären
Gutachtens zu wecken.
2.3.2 Bei der Würdigung der Einschätzungen von Dr. F._ (Bericht an Dr. B._
und Stellungnahme an den Rechtsdienst des Krankenversicherers je vom
21. September 2007, act. G 4.2) ist entscheidend, dass dessen Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit sich wesentlich auf die Schmerzangaben der Beschwerdeführerin
stützte. Als Befund hielt er einen "kleinen Bandscheibenvorfall L5/S1 links" fest,
welcher zu einem radikulären Schmerzsyndrom im linken Bein führe. Die Schmerzen
seien aber überlagert durch "eine nichtorganische und generalisierte
Schmerzproblematik". Wohl mit Blick auf den realen Arbeitsmarkt erklärte er, dass "in
der Praxis" sicher eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit auch für eine optimal angepasste
Tätigkeit bestehe. Zur Frage der Überwindbarkeit der Schmerzproblematik äusserte er
sich nicht. Dazu fehlt ihm auch die psychiatrische Fachausbildung. Eine taugliche
Grundlage für die Invaliditätsbemessung kann deshalb in den Einschätzungen von Dr.
F._ nicht gesehen werden.
2.3.3 Was den Arztbericht von Dr. B._ vom 1. Februar 2008 anbelangt, worin der
Beschwerdeführerin wohl als Folge der Beurteilung durch Dr. F._ eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätigkeiten bescheinigt wird (act. G 4.1.16.1 ff.), so gilt
das zu den Einschätzungen von Dr. F._ Gesagte (vgl. vorstehende E. 2.3.2). Auch die
knapp begründete Beurteilung von Dr. B._ fusst im Wesentlichen auf den
Schmerzangaben der Beschwerdeführerin. Dr. B._ hatte denn auch in seinem
Arztbericht ergänzende Abklärungen im Sinne einer Begutachtung als angezeigt
erachtet (vgl. act. G 4.1.16-2 + 5).
2.3.4 Zusammenfassend sind die ärztlichen Berichte der Dres. F._ und B._
nicht geeignet, die Beweiskraft des bidisziplinären Gutachtens vom 23. Dezember 2008
zu erschüttern oder einen weiteren Abklärungsbedarf zu begründen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.4 Nach Ansicht der Beschwerdeführerin liegt ein Mangel am psychiatrischen
Gutachten darin begründet, dass es das Vorliegen psychischer Erkrankungen trotz
anderslautenden Hinweisen aus der übrigen medizinischen Aktenlage verneine (act.
G 1, Rz 28).
2.4.1 Zunächst ist zu bemerken, dass sich aus dem Bericht und der
Stellungnahme von Dr. F._ vom 21. September 2007 keine Hinweise auf ein
depressives Leiden ergeben (act. G 4.2). Auch Dr. B._ stellte im Bericht vom
1. Februar 2008 lediglich die Verdachtsdiagnose einer reaktiven "Depression
(postpartal?)" (act. G 4.1.16-5; in der RAD-Stellungnahme wird diese Diagnose als
depressives Zustandsbild [postpartal, als Trauerreaktion] wiedergegeben, act.
G 4.1.19-2). Diesbezüglich erklärte die Beschwerdeführerin gegenüber dem
psychiatrischen Gutachter, dass sie eine normale Trauerreaktion infolge des Todes
ihres Vaters durchlebt habe. Psychisch krank sei sie aber deswegen nicht gewesen
(act. G 4.1.32-4). Im Radiologie-Bericht vom 27. Dezember 2007 wird zwar für die
Indikation zur Nativkernspintomographie des Neurocraniums u.a. eine Depression
angegeben. Dabei ist aber nicht ersichtlich, auf welche (fach-)medizinische Erkenntnis
sich dieser Indikationsgrund stützt (act. G 4.1.16-8). Aus den übrigen Akten ergeben
sich keine Hinweise dafür, dass die Beschwerdeführerin je in psychiatrischer
Behandlung gewesen wäre. Im Licht dieser Umstände ist daher nicht zu beanstanden,
wenn der psychiatrische Gutachter in Kenntnis der Aktenlage und gestützt auf eigene
Untersuchungen sowie Tests zur Auffassung gelangte, eine Depression könne nicht
bestätigt werden und aus psychiatrischer Sicht bestehe keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit (act. G 4.1.32-7 ff.). Damit geht einher, dass die Beschwerdeführerin
anlässlich der Begutachtung ausdrücklich die Auffassung vertrat, aus psychischer
Sicht sehe sie sich in ihrer Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt (act. G 4.32.1-4).
2.4.2 Im Beschwerdeverfahren reichte die Beschwerdeführerin einen vom
Hausarzt in Auftrag gegebenen Bericht von Prof. E._ vom 15. April 2009 ein.
Zunächst ist festzustellen, dass der Neurologe "keine objektivierbaren klinisch
neurologischen Defizite" fand. Zwar diagnostizierte er eine depressive Episode und
ordnete die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden "am ehesten im
Rahmen der depressiven Entwicklung, vermutlich verbunden mit einer somatoformen
Schmerzstörung" ein (act. G 1.3). Die Befunderhebung von Prof. E._ enthält indessen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine Hinweise auf ein psychisches Leiden oder psychische Auffälligkeiten. Vielmehr
sprach er von einer wachen und "zu allen Qualitäten voll orientierte Patientin in gutem
Allgemein- und adipösem Ernährungszustand". Ferner machte er auch keine Angaben
zu den allfälligen Auswirkungen der von ihm u.a. diagnostizierten depressiven Episode.
Die von Prof. E._ gestellte Diagnose scheint denn auch einzig auf der Angabe der
Beschwerdeführerin zu beruhen, dass sie wegen einer Depression mit Efexor behandelt
werde (act. G 1.3). Daher und mit Blick auf die fehlende fachpsychiatrische Ausbildung
von Prof. E._ vermag der Bericht vom 15. April 2009 keine Anhaltspunkte für eine
relevante gesundheitliche Verschlechterung zu geben, die einen weiteren
psychiatrischen Abklärungsbedarf begründen würde. Es ergeben sich daraus auch
keine objektiven Gesichtspunkte, die im Gutachten unberücksichtigt geblieben wären.
2.5 Bei der Würdigung des bidisziplinären Gutachtens vom 23. Dezember 2008 ist
weiter entscheidend, dass es auf eigenständigen Abklärungen beruht und für die
streitigen Belange umfassend ist. Die medizinischen Vorakten wurden verwertet und
die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden berücksichtigt und gewürdigt.
Die bescheinigte 100%ige Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten leuchtet in
der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation ein. Gestützt auf diese gutachterliche Beurteilung ist mit der
Beschwerdegegnerin von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten auszugehen.
3.
Ausgehend von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
können die Fragen nach dem Status der Beschwerdeführerin und der Höhe der
Vergleichseinkommen offen gelassen werden. Denn selbst wenn mit der
Beschwerdeführerin von einer 100%igen Erwerbstätigkeit im Gesundheitsfall, einem
Valideneinkommen für das Jahr 2008 von Fr. 53'915.-- und einem Leidensabzug von
20% ausgegangen würde, resultierten ein Invalideneinkommen von Fr. 40'826.--
(Fr. 51'032.-- x 0,8), eine Erwerbseinbusse von Fr. 13'089.-- (Fr. 53'915.-- -
Fr. 40'826.--) und ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 24%
([Fr. 13'089.-- / Fr. 53'915.--] x 100).
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde vom 15. Juni 2009 abzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen. Der von ihr geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihr daran
anzurechnen. Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP