Decision ID: bf229459-7fe5-4c99-bf74-b2cc30456470
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. A.Y. und B.Y. wohnen im Kanton Appenzell Ausserrhoden und sind
Eigentümer mehrerer Grundstücke im Kanton St. Gallen, nämlich in den Politischen
Gemeinden N., O. und P. Für die Veranlagung durch den Liegenschaftenkanton
reichten sie jeweils die Steuererklärungen für den Wohnsitzkanton ein, in denen sie
unter anderem Einkünfte aus einer qualifizierten Beteiligung an einer
Kapitalgesellschaft, nämlich CHF 34‘000 für 2009, CHF 102‘000 für 2010 und je CHF
127‘500 für 2011 und 2012, deklarierten. Das kantonale Steueramt St. Gallen schied
diese Einkünfte dem Wohnsitzkanton zu. Gemäss Veranlagungsberechnungen ergaben
sich für den Kanton St. Gallen steuerbare Einkommen von CHF 40‘300 zum Satz von
CHF 174‘200 (2009), CHF 67‘200 zum Satz von CHF 238‘300 (2010), CHF 70‘600 zum
Satz von CHF 300‘100 (2011) und CHF 18‘600 zum Satz von CHF 309‘800 (2012). Die
auf N. entfallenden Anteile betrugen CHF 35‘700 (2009), CHF 51‘900 (2010), CHF
48‘500 (2011) und CHF 6‘500 (2012).
Anhand des satzbestimmenden Einkommens ermittelte die automatisierte
Steuerberechnung Steuersätze von 7,1527 Prozent (2009), 7,5108 Prozent (2010),
7,9000 Prozent (2011) und 7,9474 Prozent (2012). Soweit das der Politischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gemeinde N. zugewiesene Einkommen den Betrag der Einkünfte aus der qualifizierten
Beteiligung nicht überstieg, brachte das Steuerberechnungsprogramm den halben
Steuersatz zur Anwendung, nämlich 3,5764 Prozent (2009), 3,7554 Prozent (2010),
3,9500 Prozent (2011) und 3,9737 Prozent (2012). Dementsprechend wurden in den
Jahren 2010, 2011 und 2012 das gesamte auf N. entfallende steuerbare Einkommen
und im Jahr 2009 CHF 34‘000 (von CHF 35‘700) zum halben Satz besteuert. In den
Veranlagungsverfügungen vom 8. März 2011 für 2009 (act. 9/6-1.5), vom 8. Mai 2012
für 2010 (act. 9/6-1.15), vom 21. Januar 2014 für 2011 (act. 9/6-1.26) und vom 3. Juni
2014 für 2012 (act. 9/6-1.36) wurde das Einkommen aus Beteiligungen ausdrücklich
aufgeführt. Die Besteuerung der auf die Gemeinden O. und P. entfallenden Anteile am
steuerbaren Einkommen erfolgte zum vollen Satz. Veranlagungsverfügungen und
Schlussrechnungen wurden unangefochten rechtskräftig.
B. Das kantonale Steueramt teilte A.Y. und B.Y. im Zusammenhang mit den für
die Gemeinde N. ergangenen Veranlagungen am 4. November 2014 mit, „anlässlich
einer internen Kontrolle“ sei festgestellt worden, dass „die einfache Steuer für die im
Kanton St. Gallen zu versteuernden Steuerfaktoren betreffend dem Einkommen
unrichtig ermittelt“ worden sei. „Für die Steuersatzberechnung“ sei „lediglich der halbe
Satz“ angewendet worden. Die Entlastung von Beteiligungserträgen erfolge aber am
Hauptsteuerdomizil, also am Wohnort. Die Entlastung der Einkünfte aus den
Liegenschaften am Nebensteuerdomizil sei nicht richtig. Gleichzeitig eröffnete das
kantonale Steueramt die berichtigten Schlussrechnungen (act. 9/2.1-2.4). Die
Verwaltungsrekurskommission hiess den von den Steuerpflichtigen erhobenen Rekurs
am 21. April 2015 gut und hob die berichtigten Schlussrechnungen auf.
C. Das kantonale Steueramt (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 22. April
2015 versandten Rekursentscheid der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit
Eingabe vom 12. Mai 2015 und Ergänzung vom 10. Juni 2015 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Berichtigungen vom 4. November 2014 betreffend Kantons- und Gemeindesteuern
2009-2012 seien zu bestätigen.
Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 18. Juni 2015, es sei die
Beschwerde abzuweisen und A.Y. und B.Y. für das Rekursverfahren eine angemessene
ausseramtliche Entschädigung zuzusprechen. A.Y. und B.Y. (Beschwerdegegner)
beantragten durch ihre Vertreterin mit Vernehmlassung vom 9. Juli 2015, es sei die
Beschwerde abzuweisen und ihnen eine ausseramtliche Entschädigung zuzusprechen.
Auf die Ausführungen im angefochtenen Entscheid und der Verfahrensbeteiligten zur

Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2.
2.1. Die Verfahrensbeteiligten sind sich einzig darüber nicht einig, ob die
rechtskräftig gewordene fehlerhafte Anwendung der privilegierten Besteuerung von
Einkünften aus qualifizierten Beteiligungen zur Hälfte des für das steuerbare
Gesamteinkommen anwendbaren Steuersatzes gemäss Art. 50 Abs. 5 StG auf das im
Liegenschaftskanton steuerbare Einkommen auf dem Weg der Berichtigung korrigiert
werden kann.
2.2. Eine unangefochten gebliebene und damit formell rechtskräftig gewordene
Verfügung ist nicht schon deswegen nachträglich abzuändern, weil sich ergibt, dass sie
an einem ursprünglichen Rechtsfehler leidet. Auszugehen ist vielmehr vom Grundsatz,
dass Veranlagungsverfügungen mit dem Ablauf der Rechtsmittelfrist in Rechtskraft
erwachsen (vgl. BGer 2C_519/2011 vom 24. Februar 2012 E. 3.1 mit Hinweisen). Auf
eine rechtskräftige Verfügung kann nur noch unter besonderen Voraussetzungen
zurückgekommen werden. Das Steuerrecht kennt einen Numerus clausus von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsgründen, die es erlauben, auf eine rechtskräftige Verfügung oder einen solchen
Entscheid zurückzukommen; bei diesen Gründen handelt es sich um die Revision (Art.
197 StG; Art. 51 des Bundesgesetzes über die Harmonisierung der direkten Steuern
der Kantone und Gemeinden [Steuerharmonisierungsgesetz; SR 642.14, StHG]), die
Berichtigung (Art. 198 StG; Art. 52 StHG) und die Nachsteuer (Art. 199 ff. StG; Art. 53 f.
StHG). Weitere Aufhebungs- oder Abänderungsgründe sind ausgeschlossen und
können weder von der steuerpflichtigen Person noch der öffentlichen Hand angerufen
werden (vgl. BGer 2C_200/2014 vom 4. Juni 2015 E. 2.4.1 mit Hinweis auf
2C_519/2011 vom 24. Februar 2012 E. 3.3, in: StR 67/2012 S. 367, und 2C_596/2012
vom 19. März 2013 E. 2.3, in: StR 68/2013 S. 474). Insbesondere bleibt für die im
übrigen Verwaltungsrecht bekannte Wiedererwägung nach Ablauf der Einsprachefrist
kein Raum (vgl. BGer 2C_519/2011 vom 24. Februar 2012 E. 3.3 mit Hinweisen).
Gemäss Art. 198 Abs. 1 StG können Rechnungsfehler und Schreibversehen in
rechtskräftigen Verfügungen und Entscheiden innert fünf Jahren nach Eröffnung auf
Antrag oder von Amtes wegen von der Behörde, der sie unterlaufen sind, berichtigt
werden. Der Wortlaut der Bestimmung deckt sich mit Art. 52 StHG und Art. 150 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer (SR 642.11, DBG). Der
Berichtigungstatbestand soll sicherstellen, dass rechtskräftige Verfügungen und
Entscheide, die aufgrund eines Kanzleifehlers den wirklichen Willen der betreffenden
Steuer- oder Steuergerichtsbehörde unzutreffend zum Ausdruck bringen, möglichst
formlos korrigiert werden können. Der Tatbestand räumt der Verwaltungs- oder
Gerichtsbehörde das Recht ein, auf eine rechtskräftige Verfügung oder einen
rechtskräftigen Einspracheentscheid zurückzukommen, begrenzt diese Befugnis
indessen in zeitlicher (absolute Verwirkungsfrist von fünf Jahren) wie sachlicher
(Kanzleifehler) Hinsicht. Berichtigungsfähige Kanzleifehler haben den Ausdruck des
Verfügungsinhalts und des behördlichen Willens, also die Willensäusserung zum
Gegenstand. Bei der Berichtigung geht es damit um die Klarstellung eines
Erklärungsirrtums, in welchem sich die Steuerbehörde befand (BGer 2C_596/2012 vom
19. März 2013 E. 2.4 mit Hinweisen). Im Gegensatz zum verwaltungsrechtlichen
Widerruf der Verfügung, der auf die Bereinigung bis hin zur Aufhebung der Verfügung
insgesamt abzielt, im Steuerrecht jedoch aufgrund des Numerus clausus der
steuerrechtlichen Gründe für die Abänderung rechtskräftiger Verfügungen und
Entscheide keine Anwendung findet, dient der steuerrechtliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Berichtigungstatbestand dazu, vereinzelte, geringfügige Unstimmigkeiten zu beseitigen
(vgl. BGer 2C_519/2011 vom 24. Februar 2012 E. 3.4.2). Die Bestimmung trägt damit
auch den Charakter einer Schutznorm zugunsten der steuerpflichtigen Person.
Kennzeichnend für Kanzleifehler ist, dass sie bei der behördlichen „Handarbeit“
auftreten (vgl. BGer 2C_596/2012 vom 19. März 2013 E. 2.4).
Die von den Kanzleifehlern abzugrenzenden Verfügungsfehler entspringen dagegen der
„Kopfarbeit“. Ein inhaltlicher Fehler der Verfügung und damit der Willenserklärung der
Behörde liegt vor, wenn die Verfügung auf einer unzutreffenden tatbeständlichen oder
rechtlichen Würdigung beruht, ungeachtet dessen, ob für die steuerpflichtige Person
erkennbar ist, dass sich die Behörde in einem Sach- oder Rechtsirrtum und damit
einem eigentlichen Grundlagenirrtum befand. Veranlagungsfehler sind nicht
berichtigungsweise, sondern im Rechtsmittelweg geltend zu machen. Hierzu verfügt
auch die öffentliche Hand über die erforderlichen Rechtsmittelmöglichkeiten (BGer
2C_596/2012 vom 19. März 2013 E. 2.5 mit Hinweisen).
Liessen sich im einstigen, durch vertikale Arbeitsteilung geprägten Modell die
Willensbildung („Kopfarbeit“ des Veranlagungspersonals zwecks Ermittlung der
Steuerfaktoren) und Willensäusserung („Handarbeit“ des Kanzleipersonals anlässlich
der Ablesung des Tarifs und der Erstellung der Veranlagungsverfügung) mühelos
trennen, sind die Konturen angesichts der Arbeit am Computer, die zur automatischen
Berechnung der Steuer und Ausfertigung der Verfügung führt, verwischt. Die
Auslegung und Anwendung des Berichtigungstatbestandes hat diesen gewandelten
Umständen Rechnung zu tragen. Eine zur Hauptsache ablaufbezogene Betrachtung –
Fehler schon in der Willensbildung oder erst in der Willensäusserung? – wird der
heutigen Arbeitsweise nicht mehr vollständig gerecht. Nicht nur ist für Aussenstehende
nur beschränkt einseh- und nachvollziehbar, ob es sich um einen Programmierungs-,
einen Handhabungs- oder einen Fehler im Druckzentrum handelt. Vielmehr fragt sich
ganz grundsätzlich, wem und welchem Verfahrensstadium „Computerfehler“
zuzurechnen sind (vgl. BGer 2C_519/2011 vom 24. Februar 2012 E. 3.5.1).
2.3. Die fehlerhafte Ermittlung der einfachen Steuer auf dem steuerbaren
Einkommen der Beschwerdegegner in den rechtskräftig gewordenen Veranlagungen
für die Jahre 2009 bis 2012 beruht nicht auf einer fehlerhaften Rechenoperation (vgl.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dazu die Botschaft vom 25. Mai 1983 zu den Bundesgesetzen über die Harmonisierung
der direkten Steuern der Kantone und Gemeinden sowie über die direkte
Bundessteuer, in: BBl 1983 III S. 1 ff., insbesondere S. 215 und 137, wonach „dank der
verbreiteten Anwendung von EDV-Anlagen Rechnungsfehler kaum noch,
Schreibversehen dagegen durchaus noch vorkommen“). Die Multiplikation der
Steuerfaktoren mit den vom automatisierten Programm zur Berechnung der Steuer
ermittelten Steuersätzen ist unbestrittenermassen korrekt.
Der Beschwerdeführer macht nicht geltend, dass die Anwendung des falschen
Steuersatzes auf einen Eingabefehler anlässlich eines manuell vorzunehmenden
Veranlagungsschrittes zurückzuführen ist. Die Behandlung eines solchen
Übertragungsfehlers als „Schreibversehen“ im Sinn des Berichtigungstatbestandes
wäre nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung im Übrigen ohnehin fraglich (vgl.
BGer 2C_519/2011 vom 24. Februar 2012 E. 3.5.3). Vorliegend wäre allenfalls insoweit
ein Eingabefehler denkbar, als der Veranlagungsbeamte fälschlicherweise –
möglicherweise anknüpfend am Umstand, dass die Beschwerdegegner auch an einer
Aktiengesellschaft mit Sitz in Altstätten/SG beteiligt sind oder aber auch an einer
fehlerhaften rechtlichen Beurteilung – beim Einlesen der Steuererklärung die
privilegierten Einkünfte aus Beteiligungen mit dem entsprechenden Code 147 versah,
statt zusammen mit den übrigen Einkünften aus Wertschriften und Guthaben unter dem
Code 146 erfasste. Einem solchen Fehler läge allerdings eine fehlerhafte Willensbildung
und nicht eine fehlerhafte, der Berichtigung zugängliche Willensäusserung zugrunde.
Das Halbsatzverfahren gemäss Art. 50 Abs. 5 StG kam nach der Darstellung des
Beschwerdeführers aufgrund eines Programmierungsfehlers offenbar auch in jenen
Veranlagungen zur Anwendung, in denen die Steuerpflichtigen im Kanton St. Gallen
einzig Einkünfte aus Liegenschaften zu versteuern hatten, in ihrem satzbestimmenden
Gesamteinkommen aber auch Einkünfte aus qualifizierten Beteiligungen enthalten
waren. Dabei handelt es sich um einen Fehler in der Rechtsanwendung. Die Auslegung
und Anwendung von Art. 50 Abs. 5 StG beschlägt insbesondere durchaus auch die
Rechtsfrage, ob und gegebenenfalls in welchem Umfang – sei es bei der Ermittlung
des satzbestimmenden Einkommens, sei es bei der Ermittlung des anwendbaren
Steuersatzes – bei der Besteuerung der dem Liegenschaftenkanton zuzuweisenden
Einkommensbestandteile der Umstand zu berücksichtigen ist, dass den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Steuerpflichtigen steuerlich privilegierte Beteiligungserträge zugeflossen sind (vgl.
VRKE I/1-2014/93 vom 30. September 2014, www.gerichte.sg.ch). Daran ändert nichts,
dass diesem Fehler ein Softwaremangel zugrunde lag und der privilegierte Steuersatz
dementsprechend in allen vergleichbaren Fällen fälschlicherweise angewendet wurde.
Im Gegenteil: Die Automatisierung des Veranlagungsverfahrens hat zur Folge, dass die
Subsumtion von Sachverhalten unter eine Rechtsnorm – vorliegend die Anwendung
des in Art. 50 Abs. 5 StG vorgesehene Halbsatzverfahrens – einem
Informatikprogramm überlassen wird. Einerseits wird damit zwar die
Veranlagungstätigkeit rationalisiert, anderseits treten aber Fehler nicht bloss im
Einzelfall, sondern in allen gleichgelagerten Fällen auf. Insbesondere diese Folge zeigt,
dass es sich bei der Entwicklung eines Veranlagungsprogramms, welches die
Rechtsanwendung automatisiert, um eigentliche der Berichtigung nicht zugängliche
„Kopfarbeit“ im Sinn der Rechtsprechung handelt. In diesem Zusammenhang ist
zudem festzustellen, dass der Fehler sich in der Veranlagungsverfügung niederschlug,
indem das steuerbare Einkommen nicht in einer einzigen Zeile aufgeführt, sondern auf
zwei Zeilen aufgeteilt wurde, nämlich in das privilegierte Einkommen aus Beteiligungen
und das übrige nicht privilegierte Einkommen. Insoweit erscheint der Mangel allein
schon aufgrund der optisch auffälligen Darstellung auch nicht als geringfügige
Unstimmigkeit im Sinn der bundesgerichtlichen Rechtsprechung.
2.4.
2.4.1. Der Beschwerdeführer stützt die gegenteilige Auffassung auf die in der
Literatur vertretene Meinung, ein Rechnungsfehler liege nicht nur vor, wenn bei einer
mathematischen Operation ein Versehen rein rechnerischer Natur unterlaufen sei,
sondern auch bei Übertragungs- und Ablesefehlern, namentlich der falschen
Verwendung von Einkommenssteuertarifen.
Die vom Beschwerdeführer genannte Literatur hält fest, Schreib- oder Rechnungsfehler
könnten bei der Veranlagungsberechnung, der Ausstellung der Steuerrechnung oder
der Erstellung der Steuerausscheidung entstehen und nennt beispielhaft unter anderem
die Verwendung des Einkommenssteuertarifs für Alleinstehende statt des gesplitteten
Tarifs für Verheiratete (Zigerlig/Oertli/Hofmann, Das st. gallische Steuerrecht, 7. Aufl.
des Wegweisers, St. Gallen 2014, VII. Teil Rz. 107). Es trifft zu, dass die genannten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Veranlagungsschritte – wie schon ihre Bezeichnung nahelegt – von Rechenoperationen
geprägt sind. Allerdings ist insbesondere mit Blick auf die dargestellte
bundesgerichtliche Rechtsprechung nicht davon auszugehen, dass die Anwendung
des falschen Steuertarifs in allen Fällen der Berichtigung zugänglich ist, zumal es sich
dabei offenkundig um eine Frage der Rechtsanwendung handelt, welche im Einzelfall
unter Umständen durchaus umstritten sein kann (vgl. beispielsweise BGE 131 II 710 E.
2, 3 und 5). Insbesondere in diesen Fällen werden sich weder der Steuerpflichtige noch
die Veranlagungsbehörde darauf berufen können, die Veranlagung sei durch die
Anwendung eines anderen Tarifs zu berichtigen. Umso mehr gilt dies, als nach der
früheren bundesgerichtlichen Rechtsprechung selbst das „Ablesen“ eines falschen
Tarifs nicht als der Berichtigung zugänglicher Erklärungsirrtum zu behandeln war (vgl.
BGE 82 I 21).
2.4.2. Der Beschwerdeführer macht sodann geltend, ein Berechnungsfehler liege vor,
wenn sich aus der Verfügung ergebe, dass die Behörde oder die Amtsstelle nicht die
tatsächlich erklärte, sondern statt ihrer eine andere aus dem Zusammenhang
erkennbare Verfügung oder Entscheidung treffen wollte. Diese Formulierung trifft
indessen auch auf offenkundige Fehler in der Sachverhaltsfeststellung und in der
Rechtsanwendung zu, welche einer Berichtigung nicht zugänglich sind.
2.4.3. Der Beschwerdeführer bringt des Weiteren vor, für das den Politischen
Gemeinden O. und P. zur Besteuerung zugewiesene Einkommen sei der richtige
Steuersatz angewendet worden. Auch wenn der Fehler nach der Darstellung des
Beschwerdeführers offenbar nur beim ersten Nebensteuerdomizil, nicht aber bei den
weiteren auftritt, ändert nichts daran, dass die Anwendung des falschen Tarifs auf eine
– wenn auch automatisierte – fehlerhafte Rechtsanwendung oder allenfalls auf eine
fehlerhafte Codierung durch den Veranlagungsbeamten zurückzuführen ist. Auch der
Hinweis auf die richtige Veranlagung in den beiden weiteren st. gallischen Gemeinden,
in denen die Beschwerdegegner über Grundeigentum verfügen, ist deshalb nicht
geeignet, den Fehler als Erklärungsirrtum erscheinen zu lassen. Aus dem Umstand,
dass der Fehler nur in einer von drei Gemeinden auftrat, lässt sich deshalb nicht
schliessen, er sei der Berichtigung zugänglich. Es ändert nichts daran, dass das
Veranlagungs- und Steuerberechnungsprogramm zu einer fehlerhaften Anwendung der
Regel von Art. 50 Abs. 5 StG geführt hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3. Zusammenfassend ergibt sich, dass es sich bei der Anwendung eines
falschen Steuertarifs, die auf einen Fehler in der Programmierung der automatisierten
Veranlagungs- und Steuerberechnung zurückzuführen ist, nicht um einen der
Berichtigung zugänglichen Erklärungsirrtum handelt. Die Beschwerde erweist sich
dementsprechend als unbegründet. Sie ist abzuweisen.
4.
4.1. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat
(Beschwerdeführer) zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
CHF 1'500 erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12). Auf deren Erhebung wird nicht verzichtet (Art. 95 Abs. 3 VRP).
Der Staat (Beschwerdeführer) hat die durch Steuerexperten vertretenen
Beschwerdegegner für das Beschwerdeverfahren ausseramtlich mit CHF 1‘500
zuzüglich vier Prozent pauschale Barauslagen und Mehrwertsteuer zu entschädigen
(sachgemässe Anwendung von Art. 6, Art. 19, Art. 22 Ingress und lit. b, Art. 28bis Abs.
1 und Art. 29 der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten; sGS 963.75,
HonO; Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003,
Rz. 839).
4.2. Die Vorinstanz beantragt, es sei den Beschwerdegegnern auch für das
Rekursverfahren eine ausseramtliche Entschädigung zuzusprechen. Das kantonale
Verfahrensrecht verlangt – im Gegensatz zum Recht der direkten Bundessteuer (vgl.
Art. 144 Abs. 4 DBG in Verbindung mit Art. 64 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das
Verwaltungsverfahren; Verwaltungsverfahrensgesetz, SR 172.021, VwVG), wonach der
ganz oder teilweise obsiegenden Partei auch von Amtes wegen eine Entschädigung
zugesprochen werden kann – einen entsprechenden Antrag (vgl. Art. 98 Abs. 2, Art.
98bis und Art. 98ter VRP in Verbindung mit Art. 105 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung, SR 272, ZPO; BGE 139 III 334 E. 4.3). Dass die
Beschwerdegegner einen solchen Antrag im Rekursverfahren nicht während der
Rechtsmittelfrist (vgl. act. 9/1), sondern erst innerhalb der ihnen zur Einreichung einer
Stellungnahme zur Vernehmlassung des kantonalen Steueramtes gestellt haben (vgl.
act. 9/10), schadet nicht, da es sich beim Anspruch auf Ersatz der Prozesskosten um
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine rein prozessrechtliche und akzessorische Nebenforderung handelt (vgl. M. H.
Sterchi, in: Berner Kommentar zum schweizerischen Privatrecht, Schweizerische
Zivilprozessordnung, Band I, Bern 2012, N 8 zu Art. 105 ZPO; VerwGE B 2013/97 vom
23. Januar 2015 E. 3, www.gerichte.sg.ch).
Die Beschwerdegegner haben den Kostenspruch im Rekursentscheid nicht
beanstandet. Da das Verwaltungsrechtspflegegesetz die Möglichkeit einer
Anschlussbeschwerde grundsätzlich nicht zulässt (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 945),
wäre es selbst den Beschwerdegegnern verwehrt, mit ihrer Vernehmlassung die
Abweisung der Beschwerde – und damit die Bestätigung des angefochtenen
Entscheides – und gleichzeitig eine Änderung des Kostenspruchs im angefochtenen
Entscheid zu beantragen. Umso weniger kann ein solcher Antrag von der Vorinstanz,
die selbst nicht beschwerdeberechtigt und auf ihren Entscheid nicht von Amtes wegen
zurückkommen kann, ausgehen.
Allerdings ist das Verwaltungsgericht in Steuersachen nicht an die Begehren der
Beteiligten gebunden. Insbesondere wird das Beschwerdeverfahren nicht auf die in der
Beschwerde streitigen Fragen beschränkt (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 946). Unter
diesen Umständen kann das Verwaltungsgericht jedenfalls offenkundige Mängel des
angefochtenen Entscheides auch ohne entsprechenden Antrag der
Verfahrensbeteiligten beheben. Dementsprechend sind die Beschwerdegegner vom
Staat (Beschwerdeführer) für das Rekursverfahren ausseramtlich mit CHF 1‘000
zuzüglich vier Prozent pauschale Barauslagen und Mehrwertsteuer zu entschädigen.