Decision ID: 8e8f79c8-c013-40ab-b727-e40467ef3f47
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
G._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Remo Maurer, LL.M., Langackerweg 3,
9450 Altstätten,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rückerstattung der IV-Rente
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
Am 19. Dezember 1996 sprach die IV-Stelle G._ eine ganze Invalidenrente bei einem
Invaliditätsgrad von 100% zu. Die Versicherte füllte am 23. Mai 2005 den Fragebogen
für die Rentenrevision aus. Sie gab an, ihr Gesundheitszustand habe sich nicht
verändert und sie sei nicht erwerbstätig. Ihr individuelles Beitragskonto (IK) wies aber
für Oktober bis Dezember 2003 und für Juni bis Dezember 2004 beitragspflichtige
Erwerbseinkommen aus. Die Versicherte war von Oktober bis Dezember 2003 als
Aushilfskassiererin tätig gewesen. Ab dem 28. Juni 2004 hatte sie als
Elektronikmonteurin gearbeitet. Mit einer Verfügung vom 12. Januar 2006 stellte die IV-
Stelle die laufende ganze Invalidenrente rückwirkend per 30. September 2004 ein. Die
Versicherte erhob am 20. Januar 2006 Einsprache gegen diese Verfügung. Als Folge
der am 12. Januar 2006 verfügten rückwirkenden Renteneinstellung machte die IV-
Stelle in einer Verfügung vom 10. April 2006 eine Rückforderung der von April 2004 bis
und mit Mai 2005 ausgerichteten Rentenleistungen von insgesamt Fr. 8540.- (drei
Monate im Jahr 2004 à Fr. 1055.- und fünf Monate à Fr. 1075.- im Jahr 2005) geltend.
Offenbar ging sie davon aus, dass sie nicht sämtliche, sondern nur die bis zum
Ausfüllen des am 1. Juni 2005 bei ihr eingegangenen Revisionsfragebogens zu Unrecht
ausgerichteten Rentenleistungen zurückfordern dürfe. Die Versicherte erhob am 11.
Mai 2006 auch gegen diese Verfügung Einsprache. Sie beantragte die Sistierung
dieses Einspracheverfahrens bis zum Entscheid über die Aufhebung der Invalidenrente,
eventualiter die Aufhebung der Rückforderungsverfügung und den Verzicht auf die
Rückforderung. Die IV-Stelle wies diese Einsprache am 14. Juli 2006 ab. Zur
Begründung führte sie sinngemäss aus, die Behauptung der Versicherten, sie habe die
Rentenleistungen nicht unrechtmässig bezogen, weil sie aufgrund ihrer
Persönlichkeitsstörung nicht fähig gewesen sei, das Unrecht ihrer Tat einzusehen, sei
nicht stichhaltig. Die Versicherte sei nämlich nicht bevormundet und sie sei in der Lage
gewesen, über längere Zeit ein relativ hohes Erwerbseinkommen zu erzielen. Deshalb
sei davon auszugehen, dass es ihr bei gutem Willen möglich gewesen wäre, die
Meldepflicht betreffend die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu erfüllen bzw. den
Fragebogen zur Rentenrevision korrekt auszufüllen. Eine Sistierung des
Einspracheverfahrens sei nicht gerechtfertigt, weil sich die Rückforderung auf die Zeit
bis Ende Mai 2005 beschränke, so dass es nicht relevant sei, ob für die Zukunft wieder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein Anspruch auf eine ganze Rente bestanden habe, wie die Versicherte im Verfahren
betreffend Rentenaufhebung geltend gemacht habe.
B.
Die Versicherte erhob am 28. August 2006 Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid vom 14. Juli 2006. Sie beantragte die Sistierung des
Beschwerdeverfahrens, eventualiter die Aufhebung des Einspracheentscheides und
den Verzicht auf die Rückforderung. Zur Begründung ihres Sistierungsgesuches
machte sie sinngemäss geltend, die Aufhebung der Rente und die Rückforderung
hingen eng zusammen. Bevor über die Rückforderung entschieden werden könne,
müsse entschieden sein, ob überhaupt Leistungen unrechtmässig bezogen worden
seien. Ein unrechtmässiger Leistungsbezug liege nur vor, wenn die IV-Stelle im anderen
Verfahren nachweisen könne, dass im Zeitpunkt des Leistungsbezuges eine
Arbeitsfähigkeit von 70% vorgelegen habe und dass die Meldepflicht schuldhaft
verletzt worden sei. Auch die Frage, ob allenfalls eine Urteilsfähigkeit bestanden habe,
werde in jenem Verfahren im Ergebnis geklärt. In materieller Hinsicht führte die
Versicherte aus, sie sei gar nicht zu 70% arbeitsfähig gewesen, wie das in Auftrag
gegebene Gutachten zeigen werde. Selbst wenn eine Arbeitsfähigkeit von 70%
bestanden hätte, läge kein unrechtmässiger Leistungsbezug vor, denn dies würde eine
schuldhafte Meldepflichtverletzung voraussetzen. Sie sei aber beim Ausfüllen des
Revisionsformulars am 27. Mai 2005 nicht urteilsfähig gewesen. Deshalb sei ihr nicht
bewusst gewesen, dass sie die Frage, ob sie einer Arbeit nachgehe, mit 'Ja' hätte
beantworten müssen, denn es sei für sie klar gewesen, dass sie arbeitsunfähig sei. Der
Rentenbezug sei somit nicht schuldhaft gewesen. Die Gerichtsleitung sistierte das
Beschwerdeverfahren am 29. August 2006 bis zum Abschluss der Streitsache
betreffend die Rentenaufhebung.
C.
Am 5. Dezember 2007 sprach die IV-Stelle der Versicherten rückwirkend ab 1. Juni
2004 eine Viertelsrente (2004 Fr. 264.-, 2005 Fr. 269.- bzw. ab Dezember 2005
Fr. 402.-) und ab 1. Juni 2006 wieder eine ganze Invalidenrente (Fr. 1606.-) zu. Die
Versicherte führte am 12. Februar 2008 gegenüber dem Versicherungsgericht aus, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-Stelle sei mit der Verfügung vom 5. Dezember 2007 auf die Verfügung vom 12.
Januar 2006 zurückgekommen. Gegen diese neue Verfügung habe sie Beschwerde
erhoben (IV 2008/3). Demnach stehe für die Zeit von Juni 2004 bis Ende Mai 2006 nicht
rechtskräftig fest, ob und in welchem Ausmass sie einen Anspruch auf
Rentenleistungen habe. Obwohl damit die Unrichtigkeit des Einspracheentscheides
betreffend die Rückforderung feststehe, sehe die IV-Stelle nach wie vor davon ab, ihn
zu widerrufen und die Sache in das Verwaltungsverfahren zurückzunehmen. Deshalb
müsse die Sistierung verlängert werden. Am 9. Mai 2008 entschied das
Versicherungsgericht im Verfahren betreffend die Rentenaufhebung (IV 2008/3), dass
die Versicherte bis 30. September 2004 einen Anspruch auf eine ganze, ab 1. Oktober
2004 bis 30. Juni 2006 einen Anspruch auf eine Viertels- und ab 1. Juli 2006 wieder
einen Anspruch auf eine ganze Rente habe. Die Gerichtsleitung hob in der Folge die
Sistierung auf und forderte die IV-Stelle auf, eine Beschwerdeantwort einzureichen. Die
IV-Stelle teilte am 9. Oktober 2008 mit, dass sie eine neue Rückforderungsverfügung
erlassen werde. Sie ersuche deshalb um eine Fristerstreckung für die
Beschwerdeantwort. Am 21. Mai 2009 erliess die IV-Stelle eine Verfügung, mit der sie
das Urteil des Versicherungsgerichts abschliessend umsetzte. Sie sprach der
Versicherten für 1. Juni bis 30. September 2004 eine ganze Invalidenrente von Fr.
1055.- und für Juni 2006 eine Viertelsrente von Fr. 402.- zu. Sie erliess aber keine
korrigierte Rückforderungsverfügung. Stattdessen machte sie am 18. Juni 2009
gegenüber dem Versicherungsgericht geltend, sie habe den neuen
Rückforderungsbetrag vollständig mit der Nachzahlung ab Juni 2004 bis Ende 2007
verrechnet. Bezüglich der Begründetheit der Rückforderung verwies sie auf die

Erwägungen des angefochtenen Einspracheentscheides.
Erwägungen:
1.
Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten (Art. 25 Abs. 1 Satz 1
ATSG). Leistungen, die gestützt auf eine formell rechtskräftige Verfügung ausgerichtet
worden sind, können nicht unrechtmässig bezogen sein, weil die Verfügung einen
Anspruch auf sie hat entstehen lassen. Als unrechtmässig zu qualifizieren sind sie erst
nachträglich, nämlich dann, wenn die Verfügung, gestützt auf die sie ausgerichtet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
worden sind, aufgehoben und durch eine andere Verfügung ersetzt wird, die tiefere
oder gar keine Leistungen mehr zuspricht. Die Rückforderung unrechtmässig
bezogener Leistungen setzt also in aller Regel eine Verfügungskorrektur voraus (vgl.
etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar N. 12 ff. zu Art. 25 ATSG). Im vorliegenden Fall hat
es sich bei dieser Verfügungskorrektur um eine rückwirkende Revision nach Art. 17
Abs. 1 ATSG gehandelt, welche die ursprüngliche Rentenzusprache vom 19. Dezember
2006 abgelöst hat. Mit dieser rückwirkenden Revision ist der Beschwerdeführerin
anstelle der ganzen nur noch eine Viertelsrente zugesprochen worden. Die
rückwirkende Revision hat gemäss Art. 88 Abs. 2 lit. b IVV die Verletzung der
zumutbaren Meldepflicht vorausgesetzt. Das Versicherungsgericht hat das Vorliegen
einer solchen Meldepflichtverletzung und damit die Zulässigkeit einer rückwirkenden
anpassungsweisen Herabsetzung der ganzen auf eine Viertelsrente im Urteil vom 9.
Mai 2008 (IV 2008/3) bejaht. Im vorliegenden Beschwerdeverfahren kann deshalb nicht
nochmals die Frage gestellt werden, ob die Meldepflicht schuldhaft verletzt worden sei.
Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin von Oktober 2004 bis und mit
Juni 2006 nur einen Anspruch auf eine Viertelrente gehabt hat. Da sie während dieses
Zeitraums effektiv eine ganze Invalidenrente bezogen hat, liegt im Differenzbetrag ein
unrechtmässiger Leistungsbezug vor. Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens
kann nur dieser Differenzbetrag bzw. die daraus resultierende Rückforderung sein.
2.
Der Rückforderungsverfügung vom 10. April 2006 lässt sich entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin im Jahr 2004 eine ganze Rente von Fr. 1055.- monatlich und im
Jahr 2005 eine solche von Fr. 1075.- monatlich bezogen hat. 2006 hat die monatliche
Rente unverändert Fr. 1075.- betragen. Insgesamt hat die Beschwerdeführerin im
massgebenden Zeitraum also Rentenleistungen von Fr. 22'515.- erhalten. Während
dieses Zeitraums hatte sie gemäss dem Urteil vom 9. Mai 2008 (IV 2008/3) aber nur
einen Anspruch auf eine Viertelsrente. Diese belief sich für 2004 auf Fr. 264.-, für
Januar bis Dezember 2005 auf Fr. 269.- und für die Zeit ab Dezember 2005 auf Fr.
402.- monatlich. Im massgebenden Zeitraum hätten also effektiv nur Fr. 6565.-
bezogen werden dürfen. Daraus resultiert ein unrechtmässiger Leistungsbezug von Fr.
15'950.-. Nun hat die Beschwerdegegnerin mit der Verfügung vom 10. April 2006 nur
Fr. 8540.- zurückgefordert. Gemäss Art. 25 Abs. 2 Satz 1 ATSG verwirkt der
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rückerstattungsanspruch mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem die IV-Stelle davon
Kenntnis erhalten hat. Die Beschwerdegegnerin hat spätestens im ersten Quartal 2006
Kenntnis von ihrem Rückforderungsanspruch erhalten. Mit ihrer Verfügung vom 10.
April 2006 hat sie somit zwar die relative einjährige Verwirkungsfrist gewahrt, aber nur
für den Betrag, den sie geltend gemacht hat, nämlich für Fr. 8540.-. Für die darüber
hinausgehende Rückforderung (Fr. 7410.-) ist also im Jahr 2007 die Verwirkung
eingetreten. Dies schliesst es aus, die Beschwerdeführerin gerichtlich zu einer
Rückerstattung unrechtmässiger Rentenleistungen von mehr als Fr. 8540.- zu
verpflichten. Die Verfügung vom 10. April 2006 und damit auch der angefochtene
Einspracheentscheid vom 14. Juli 2006 erweisen sich als rechtmässig. Die später
verfügte verrechnungsweise Tilgung der Rückforderung bildet nicht Gegenstand des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens.
3.
Im Sinne der vorstehenden Ausführungen ist die Beschwerde abzuweisen. Die
vollumfänglich unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Das Beschwerdeverfahren ist kostenlos, da die Verfügung vom
10. April 2006 im Zeitpunkt des Inkrafttretens des Art. 29 Abs. 1 IVG noch nicht
rechtskräftig war (lit. a der Schlussbestimmungen der Änderung des IVG vom 16.
Dezember 2005).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG