Decision ID: 9f6508ce-44ef-4266-9e06-294d4834b90c
Year: 2011
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_004
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

zuletzt bei seiner Freundin ... wohnte. Zwecks Abklärung des Sachverhalts
stellte ihm die Gemeinde ... einen Fragebogen für Wochenaufenthalter zu,
welchen er am 22.10.2009 dahin beantwortete, dass er inzwischen das
Elternhaus in ... (Gemeinde ..., Kanton Thurgau) übernommen habe und
auch beabsichtige, in naher Zukunft dorthin zu ziehen. Nachdem sich der
Steuerpflichtige gegen Ende 2010 immer noch in ... aufgehalten hatte, stellte
die Gemeinde mit Verfügung vom 07. 12.2010 fest, dass sich sein
Lebensmittelpunkt dort befinde und legte sein Steuerdomizil ab 01.01.2010 in
... GR fest (Ziff. 1). Ferner widerrief sie die Anerkennung seines Status als
Wochenaufenthalter (Ziff. 2) und verpflichtete ihn mit Wirkung ab 01.12.2010
den Heimatschein bei ihrer Einwohnerkontrolle zu hinterlegen (Ziff. 3). Eine
dagegen erhobene Einsprache hiess sie mit Entscheid vom 03.01.2011 dahin
gut, dass auf die in Ziff. 3 angeordnete Deponierung des Heimatscheines
verzichtet wurde.
2. Dagegen erhob ... am 07.01.2011 Beschwerde beim Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden mit dem sinngemässen Antrag um Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom Dezember 2010. Im übernommenen
Elternhaus in ... verfüge er über ein Zimmer, welches er für seine Arbeit, für
Ferien oder über das Wochenende benütze. Im Übrigen arbeite er seit 1999
als Car-Chauffeur bei einer Firma in ..., weshalb er einerseits im Jahr 2009
das 10. Arbeitsjubiläum noch dort habe feiern wollen und andererseits dafür
auch immer auf der Strasse im In- und Ausland tätig gewesen sei. Nun habe
er sich aber in der Zwischenzeit verletzt, weshalb er sich einer Operation
unterziehen müsse und sicher bis Ende März oder April 2011 arbeitsunfähig
sei. Er verbringe deshalb auch viel Zeit mit seiner nur teilweise arbeitenden
Freundin im Haus in ... Die Wohnung in ... sei ab dem 01.01.2011 nur noch
durch seine Freundin allein gemietet und sie ziehe dann im September 2011
ebenfalls von ... weg. Sein Wegzug aus ... habe sich somit nur etwas
hinausgezögert, weshalb die Feststellung seines Hauptsteuerdomizils hier für
2010 und einen Teil von 2011 ungerechtfertigt sei und bloss mit unnötigem
administrativem Aufwand verbunden sei, zumal seine Steuerbeiträge keinen
erwähnenswerten Betrag erreichten.
3. In ihrer Vernehmlassung beantragte die Gemeinde ..., die Beschwerde
bezüglich Steuerpflicht per 2010 abzuweisen. Nach den Abklärungen im
Herbst 2009 sei der Wochenaufenthalterstatus des Beschwerdeführers für
2010 toleriert worden, weil er den baldigen Wegzug aus der Gemeinde in
Aussicht gestellt habe, was jedoch nicht eingetroffen sei. Der
Beschwerdeführer habe sich am 01.01.2000 von ... her kommend mit
Heimatschein in ... angemeldet. Nach einem kurzen Unterbruch mit Wohnsitz
in ... habe er sich erneut ab dem 01.11.2004 in ... voll angemeldet. Am
31.03.2008 sei die Abmeldung nach ... TG mit neu (Wochen-
)Aufenthalterstatus in ... GR erfolgt. Die Annahme dieser Situation hätte
eigentlich schon damals nicht erfolgen sollen, da der Beschwerdeführer den
Hauptsitz in ... nur zwecks Finanzierung des Eigenheims aus Mitteln der 2.
Säule habe verwirklichen wollen. Nachdem er sich bisher in ... aufgehalten
habe, von hier aus seiner Arbeit nachgehe und mit seiner Freundin ..., welche
seit dem 01.01.2009 ebenfalls hier domiziliert sei, wohne, rechtfertige es sich,
auf jeden Fall auch für 2010 den Hauptsteuerwohnort noch in ... anzunehmen.
4. In ihrer Stellungnahme beantragte die Steuerverwaltung des Kantons
Thurgau (für die Gemeinde ..., wozu auch ... zählt) sinngemäss die
Gutheissung der Beschwerde. Grundsätzlich könne den Ausführungen des
Steueramtes ... gefolgt werden, auch wenn dort der Erwerb der Liegenschaft
in ... im Jahr 2008 nicht gebührend erwähnt werde. Immerhin sei die Familie
des Beschwerdeführers vor Jahrzehnten von der Nachbargemeinde ...
zugezogen, weshalb der Beschwerdeführer seit Kindheit einen direkten
Bezug zu seinem Heimatkanton habe. Dies gelte umso mehr, als er im Jahr
2008 das Elternwohnhaus übernommen habe und auch einen
Liegenschaftsanteil selber bewohne. Daher liege die Absicht des dauernden
Verbleibens weiterhin in ...
5. Der Beschwerdeführer verzichtete in der Folge auf die Einreichung einer
Replik.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. a) Nach Art. 2 des kommunalen Steuergesetzes der betreffenden Gemeinde
finden die Bestimmungen des kantonalen Gesetzes über die Gemeinde- und
Kirchensteuern (GKStG; BR 720.200) sowie des kantonalen Steuergesetzes
(StG; BR 720.000) sinngemäss Anwendung, sofern dieses Gesetz keine
Regelung enthält (subsidiäres Recht). Nach Art. 4 Abs. 2 GK StG richten sich
Steuersubjekt, Steuerobjekt, Steuersatz und Bemessung der Steuer nach den
Bestimmungen des kantonalen Steuergesetzes. Laut Art. 6 Abs. 2 StG hat
eine Person ihren steuerlichen Wohnsitz dort, wo sie sich mit der Absicht
dauernden Verbleibens aufhält oder wo ihr das Bundesrecht einen
gesetzlichen Wohnsitz zuweist. Das Steuerdomizil ist in der Regel mit dem
zivilrechtlichen Wohnsitz, das heisst dem Ort, an dem sich die betreffende
Person mit der Absicht dauernden Verbleibens aufhält (Art. 23 Abs. 1 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches [ZGB; SR 210], identisch. Das
Steuerdomizil unselbständig Erwerbender liegt grundsätzlich am Arbeitsort,
von dem aus sie für längere oder unbestimmte Zeit der täglichen
Erwerbstätigkeit nachgehen (BGE 125 I 56 E. 2b; 123 I 289 E. 2b, mit
Hinweisen). Bei ledigen Steuerpflichtigen ist bei der Annahme des
Steuerdomizils an dem Ort, wo sie ihre Freizeit verbringen, Zurückhaltung
geboten, wenn sie dort keine persönlichen oder familiären Beziehungen
unterhalten. In diesem Falle müssen weitere Umstände schlüssig darauf
hinweisen, dass die Beziehungen des Steuerpflichtigen zum Freizeitort
diejenigen zum Arbeitsort überwiegen. Dauert der Aufenthalt längere Zeit,
muss häufig angenommen werden, dass am Wochenaufenthalt stärkere
gesellschaftliche Beziehungen als zum Wochenendort bestehen (so auch:
VGU A 07 59 E. 1b). Allerdings kann nach der Praxis des Bundesgerichts
nicht nach starren Regeln auf einen Steuerwohnsitz am Wochenaufenthaltsort
geschlossen werden. Vielmehr ist in jedem Einzelfall zu prüfen, wo sich
faktisch der Lebensmittelpunkt der pflichtigen Person befindet (Martin Arnold,
Der steuerrechtliche Wohnsitz natürlicher Personen im interkantonalen
Verhältnis nach der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung, in: ASA
68 S. 452 ff., S. 459; ferner: VGU A 03 19 E. 1, A 04 33 E. 2, A 05 77 E. 1a;
PVG 2004 Nr. 14).
b) Vorliegend gilt es zunächst festzuhalten, dass es hier einzig noch um den
steuerlichen Wohnsitz des Beschwerdeführers für das Jahr 2010 gehen kann,
nachdem die Gemeinde sowohl die angeordnete Hinterlegung der Schriften
im Einspracheentscheid widerrufen als auch die volle Steuerpflicht für den
Betroffenen ausdrücklich auf das Jahr 2010 beschränkt hat. Was den
massgebenden (normalen) Wohnsitzbegriff und damit die rein
steuerrechtlichen Aspekte für das betreffende Kalenderjahr angeht, ist für das
Gericht aber hinreichend erstellt, dass der Beschwerdeführer in jener
Zeitspanne vorwiegend in ... gewohnt hat und von dort aus auch zu seinem
täglichen Arbeitsort in Chur (unselbständige Tätigkeit als Car-Chauffeur)
gereist bzw. gependelt ist (Distanz ca. 6 1⁄2 Kilometer). Die Tatsache, dass der
ledige Beschwerdeführer im Jahr 2008 das Elternhaus in ... übernommen hat
und darin über einen Aufenthaltsraum für gelegentliche Arbeiten, für Ferien
oder für Wochenenden verfügt, vermag an der offensichtlich viel engeren und
näheren Beziehung zum Wohn- und Arbeitsausgangsort in ... (Pendeln innert
des gleichen Kantons) nichts zu ändern. Um den auch steuerrechtlich
relevanten Lebensmittelpunkt tatsächlich bereits für das hier allein strittige
Jahr 2010 in ... annehmen zu können, hätte eine nachweisbar stärkere
Verschiebung der beruflichen und familiären Beziehungen ins Unterland
erfolgen müssen. Trotz frühzeitiger Abklärungen durch die Gemeinde
(Zusenden Fragebogen über „Verbleibsabsichten“ bereits im Herbst 2009
erfolgt) und deren ursprünglich eigener Absicht, den Beschwerdeführer per
01.01.2010 als weggezogen und damit andernorts steuerpflichtig zu
betrachten, ist es vorliegend nachvollziehbar, dass sie sich aufgrund der ihr
erst im Verlaufe des Jahres 2010 bekannten und gesicherten Fakten anders
entschieden hat. Für die Annahme des Steuerdomizils in ... spricht auch, dass
der Beschwerdeführer über eine gemeinsame Wohnung mit seiner Freundin
während des ganzen Jahres 2010 verfügte, mietete die Freundin doch erst ab
01.01.2011 die Wohnung alleine an. Hinzu kommt weiter, dass der
Beschwerdeführer noch selbst einräumte, dass zeitliche Verzögerungen
eingetreten seien, was ebenfalls klar dafür spricht, dass der Wegzug nicht
bereits per 2010, sondern frühestens wenn überhaupt im Jahr 2011 erfolgen
wird. Dem ist umso mehr zuzustimmen, als der Beschwerdeführer – ausser
dem finanziellen Aspekt des Bezugs von Geldern aus der 2. Säule für die
Übernahme des Elternhauses in ... – keine einleuchtenden Argumente
(substantiiert) vorbringen konnte, die schon per 2010 auf einen dauerhaften
Wohnortswechsel bzw. die feste Absicht des Beschwerdeführers auf eine
sofortige Verschiebung des Lebensmittelpunkts nach ... hätten schliessen
lassen. Die erwiesene Tatsache, dass ihm ab 01.04.2008 bis 31.12.2009 in
... der Aufenthalterstatus gewährt worden ist, kann dabei keine Rolle spielen,
da dieser Status durch die Gemeinde einzig auf Grund seiner eigenen
Zusicherung eines baldigen Wegzugs noch während des Jahres 2010
verliehen wurde. Dieser Zusicherung (Beteuerung im Fragebogen vom
22.10.2009), wonach er in „naher Zukunft“ das Elternhaus im ... übernehmen
und daher in Kürze umziehen werde, ist er aber gerade nachweislich bis Ende
2010 nicht nachgekommen. Aus diesen Gründen ist die Feststellung der
Gemeinde in der angefochtenen Verfügung vom 07.12.2010 rechtens und
vertretbar, wonach sich der eigentliche Hauptwohnsitz des
Beschwerdeführers und demzufolge auch sein Steuerdomizil ab 01.01.2010
in ... befunden hat. Die Gemeinde wird sodann für das laufende Jahr 2011
noch die Weiterentwicklung (beruflich, gesellschaftlich, privat) des
Beschwerdeführers abwarten und je nachdem dann wohl auch steuerrechtlich
neu berücksichtigen müssen.
c) Die angefochtene Verfügung vom Dezember 2010 wird demnach (bezüglich
Steuerdomizil 2010) in jeder Beziehung bestätigt und die Beschwerde vom
Januar 2011 vollumfänglich abgewiesen.
2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens gehen die Gerichtskosten zulasten des
Beschwerdeführers (vgl. Art. 73 Abs. 1 des Verwaltungsrechtspflegegesetzes
[VRG; BR 370.100]). Eine aussergerichtliche (Partei-) Entschädigung steht
der Gemeinde (Beschwerdegegnerin) gemäss Art. 78 Abs. 2 VRG nicht zu,
da sie lediglich in ihrem amtlichen Wirkungskreis obsiegte.