Decision ID: d621535b-2283-46f3-8445-db2fecb81a05
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 2003
geborene
X._
leidet
seit Geburt
unter anderem
an einem POS im Sinne von Ziffer 404 des Anhangs der Verordnung über
Geburts
gebrechen
(
GgV
) und wurde am 2
2.
Dezember 2003 bei der
Sozialversiche
rung
sanstalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug angemeldet (
Urk.
10/3).
Diese sprach dem Versicherten in der Folge im Zusammenhang mit der Behandlung des Geburtsgebrechens Leistungen zu, namentlich
übernahm sie mit Verfügung vom
6.
Januar 2010 die Kosten für die ambulante Ergotherapie vom 1
5.
Januar 2010 bis 3
0.
Januar 2012 (
Urk.
10/57). Mit Mitteilung vom 2
1.
Dezember 2011 verlängerte sie die Kostenübernahme um ein weiteres Jahr bis zum 3
1.
Januar 2013 (
Urk.
10/64). Mit Verfügung vom 1
0.
Juni 2013 ver
neinte die IV-Stelle nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
eine weitere Verlängerung der Kostenübernahme (
Urk.
10/
80 =
Urk.
2).
2.
Gegen die Verfügung vom 1
0.
Juni 2013 (
Urk.
2) erhob die behandelnde Kinder
ärztin
Dr.
med.
A._
mit dem
Einverständnis der Mutter
(vgl.
Urk.
7)
des Versicherten
als dessen gesetzliche Vertreterin
am
3.
Juli 2013 Beschwerde (
Urk.
1) und
beantragte sinngemäss
die weitere Übernahme der anfallenden
Ergo
therapiekosten
. Am 1
3.
September 2013 beantragte die IV
Stelle
die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
9), was dem
Versicherten
am 2
0.
September 2013 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
11).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 2
0.
Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG) notwendigen medizini
schen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversi
cherung; IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Mass
nahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebre
chen von geringfügiger Bedeutung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
GgV
). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeit
punkt, in dem ein Geburtsgebrechen als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1
GgV
). Die Geburtsgebrechen sind in der Liste im Anhang aufge
führt. Das Eidgenössische Departement des Innern kann die Liste jährlich anpassen, sofern die Mehrausgaben einer solchen Anpassung für die Versiche
rung insgesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht übersteigen (
Art.
1
Abs.
2
GgV
). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines
Geburtsge
brechens
notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeuti
schen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (
Art.
2
Abs.
3
GgV
).
1.2
Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) hat die Leistungspflicht für ver
schiedene Massnahmen im Kreisschreiben über die medizinischen Eingliede
rungsmassnahmen (KSME) näher umschrieben. Mit der hier zur Diskussion ste
henden Ergotherapie zur Behandlung des Geburtsgebrechens gemäss Ziffer 404
GgV
Anhang befassen sich die Randziffern
404.11 und 1014 ff. des
Kreisschrei
bens
. In der im vorliegenden Fall massgebenden Fassung vom
1.
März 2012 wurde eine Therapiedauer
von höchstens zwei Jahren vorgesehen, mit der Mög
lichkeit einer einmaligen Verlängerung von einem Jahr aufgrund eines
spezial
ärztlichen
Zeugnisses (ebenso die Randziffern 404.11 und 1015.2.1 in der a
b
1.
März 2012
gültigen Fassung).
1.3
Bei einem Kreisschreiben handelt es sich um eine von der Aufsichtsbehörde für richtig befundene Auslegung von Gesetz und Verordnung. Die Weisung ist ihrer Natur nach keine Rechtsnorm, sondern eine im Interesse der gleichmässigen Gesetzesanwendung abgegebene Meinungsäusserung der sachlich zuständigen Aufsichtsbehörde. Solche Verwaltungsweisungen sind wohl für die
Durch
führungsorgane
, nicht aber für die Gerichtsinstanzen verbindlich (BGE 118 V 206 E. 4c, vgl. auch 123 II 16 E. 7, 119 V 255 E. 3a mit Hinweisen). Das Gericht soll sie bei seiner Entscheidung mitberücksichtigen, sofern sie eine dem Einzel
fall angepasste und gerecht werdende Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen zulassen. Es weicht anderseits insoweit von den Weisungen ab, als sie mit den anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen nicht vereinbar sind (BGE 123 V 70 E. 4a mit Hinweisen).
1.4
Das hiesige Gericht
hat
hinsichtlich der im Kreisschreiben vorgesehenen Rege
lung für die Kostenübernahme von ergotherapeutischen Massnahmen zur Behandlung des Geburtsgebrechens gemäss Ziffer 404
GgV
Anhang
festgehal
ten
, dass ihr keine in jedem einzelnen Fall abschliessende Bedeutung zukommen könne, da eine strikte zeitliche Limitierung den normativen Anspruchsvoraus
setzungen widersprechen würde, wonach sich eine Behandlung nach den Grundsätzen der Notwendigkeit, Zweckmässigkeit und Einfachheit zu richten habe. Auch unter
dieser Fassung der Verwaltungsrichtlinien bleibe die
gericht
li
che Prüfung vorbehalten, ob – entgegen der der Regelung zugrundeliegenden tatsächlichen Vermutung – im konkreten Einzelfall ausnahmsweise auch eine wiederholte Verlängerung das therapeutische Ziel noch auf einfache und zweckmässige Weise anstrebe (
Urteil vom
8.
Januar 2007, IV-Stelle, IV.2006.00281, E. 1.2 und 3
,
sowie Urteil vom 1
7.
März 2009, IV.2008.00686, E.
1.2).
2.
2.1
Der Versicherte leidet unbestrittenermassen
an einem POS gemäss Ziffer 404
GgV
Anhang, womit er grundsätzlich Anspruch auf die zu dessen Behandlung notwendigen medizinischen Massnahmen
hat.
Sodann steht ausser Frage, dass die Ergotherapie n
ach bewährter Erkenntnis
der medizinischen Wissenschaft
zur Behandlung eines POS geeignet
ist
.
Die Beschwerdegegnerin hat die entspre
chenden Therapiekosten denn auch bereits für die Zeit vom 1
5.
Januar 2010 bis 3
1.
Januar 2013 übernommen.
2.2
Streitig und zu prüfen ist jedoch, ob Anspruch auf Verlängerung der Ergothera
pie für
ein weiteres Jahr besteht.
Die Beschwerdegegnerin stellt sich in der angefochtenen Verfügung (
Urk.
2) auf den St
andpunkt, eine Ergotherapie im Rahmen von medizinischen Massnahmen gemäss
Art.
13 IVG sei jeweils für zwei Jahre zu verfügen und eine Verlänge
rung für ein Jahr sei nur einmalig und nur auf fachärztlich begründetes Gesuch hin möglich. Die maximale Dauer von drei Jahren gemäss Kreisschreiben sei bereits ausgeschöpft, weshalb eine weitere Verlängeru
ng nicht möglich sei.
Der
Versicherte
machte demgegenüber sinngemäss geltend (
Urk.
1), aufgrund der vorliegenden ärztlichen Berichte sei eine Verlängerung der Therapie um ein weiteres Jahr indiziert.
3.
3.1
Die Ärzte des
B._
berichteten am
9.
Juni 2009 (
Urk.
10/47/4-8) über die Entwicklungsuntersuchung des
Versicherten
. Sie führten aus,
es bestünden inzwischen immer deutlicher werdende Verhaltensprobleme in Form von Hyperaktivität und nicht altersentsprechender Selbststeuerung. Der
Versi
cherte
habe anlässlich der Untersuchung trotz anfänglicher guter Kooperations
bereitschaft ein sehr auffälliges Verhalten mit massiver motorischer Unruhe, erhöhter Impulsivität und Ablenkbarkeit sowie nicht altersgemässem Befolgen von Anweisungen und Regeln gezeigt. Im motorischen Bereich fänden sich
feinmotorische Ungeschicklichkeiten und Bal
a
nceprobleme. Im Hinblick auf den weiteren Kindergartenbesuch sowie die Einschulung im nächsten Jahr seien therapeutische Massnahmen
im Sinne einer Ergotherapie
unbedingt indiziert
(S.
4 unten)
.
3.2
Dr.
med.
A._
, Kinderärztin FMH, berichtete am 1
2.
Juli 2009 (
Urk.
10/47/1-3) und führte aus,
in Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen POS seien Schulprobleme vorprogrammiert, weshalb der
Versicherte
Ergothera
pie benötige. Er habe eine ungeschickte Feinmotorik und müsse die Brust zu Hilfe nehmen.
Er
sei ständig in Bewegung, wolle immer wieder aufstehen und höre bei Anweisungen oft nicht richtig hin. Zudem verliere er rasch die Kon
zentration. Wenn er total aufgedreht sei, sei er nur durch festes Halten zu beru
higen. Er werde im Kindergarten ausgegrenzt und habe keine Freunde. Er werde aggressiv und tätlich.
3.3
Die Ärzte des
B._
berichteten am 1
7.
August 2009 (
Urk.
10/49) und führten aus, die feinmotorischen wie auch
visuomotorischen
Probleme des
Versicherten
lägen im pathologischen Bereich und stellten neben der bereits früher beschriebenen motorischen Unruhe und Impulsivität eine grosse Belas
tung dar. Eine Ergotherapie sei unbedingt indiziert.
3.4
Dr.
A._
berichtete am
5.
Dezember 2011 (
Urk.
10/63)
und führte aus, der Gesundheitszustand des
Versicherten
wirke sich durch die Ablenkbarkeit und die
Visuomotorik
auf den Schulbesuch aus.
Er
benötige die Ergotherapie weiter
hin einmal pro Woche. Er sei immer noch leicht ablenkbar, durch die Therapie aber insgesamt ruhiger geworden
und bewältige sein Schulpensum. Das Ziel der Therapie sei der normale Schulbesuch des
Versicherten
und das
Vermeiden
sekundäre
r
Störungen.
3.5
Dr
.
A._
berichtete
am 1
9.
Dezember 2012 (
Urk.
10/74) und führte aus,
der
Versicherte
besuche die normale Schule und erbringe unter intensiver Betreu
ung gute Leistungen. Die Ergotherapie sei weiterhin nötig.
3.6
C._
dipl.
Ergotherapeutin FH, berichtete am 3
0.
Januar 2013 (
Urk.
10/76) und führte aus,
der
Versicherte
sei ein enorm lebendiger und motorisch unruhiger Knabe. Ohne enge Begleitung sei er stets in Bewegung, renne herum und könne nicht verweilen. Er verliere die Konzentration und lasse sich sehr schnell ablenken.
In der Einzeltherapie sei er gut
führbar
und mit kla
ren Regeln und Abmachungen könne er Erfolge verbuchen. Dies tue ihm auch gut und lasse sein Selbstwertgefühl steigen.
Sein Bewegungsdrang sei so gross, dass er nur für kurze Frequenzen seine Aufmerk
samkeitsspanne aufrecht
erhal
ten könne.
Durch klare Abmachungen gelinge es immer besser,
ihn
auch für ruhigere Spiele oder Arbeiten zu motivieren und dabei zu halten.
Er
mache diesbezüglich klare
Fortschritte, verfalle allerdings in hartnäckige Muster zurück, wenn er etwas kränklich sei oder wenn er vermehrt anfällig auf Lebensmittel reagiere, die ihm nicht guttun würden. Motorisch sei er wie beschrieben unruhig und überschiessend.
Seine Bewegungsabläufe seien wenig gezielt. Sein Krafteinsatz sei enorm hoch und daher für ihn schlecht planbar. Dies sei mit Frustration verbunden, was oft Wutanfälle auslöse, wobei er auch verbal ausfallend werde.
Er
habe inzwischen gelernt, sich besser zu formulieren und könne sich auch besser bremsen, so dass die Wut nicht überborde. In der Therapie würden Strategien geübt, damit er früher bemerke, wenn die Wut komme und er so lerne, diese zu kontrollieren. In der Schule, wo die Begleitung nicht so eng sein könne, sei
er schnell in Streit verwickelt. Es würde mit unter
schiedlichen Hilfsmitteln geübt, um seine Konzentration zu verlängern und zu festigen. Im geschützten Rahmen der Ergotherapie funktioniere dies schon ganz gut. Nun werde der Transfer in seinen Alltag und Schulalltag angebahnt. Die Therapie zeige eine gute Wirkung. Sollte der
Versicherte
diese Therapie-Insel nicht mehr erhalten, könnte der
Anstau
von Unbearbeitetem und Frustrieren
dem aus dem Alltag zu gross werden und er könnte durch seine hyperakt
ive Art die Kontrolle verlieren, wobei
all das bereits Erarbeitete in Gefahr
geriete
. Die nächsten zwei Jahre benötige er weiterhin diese therapeutische Behandlung, um seinen Alltag bewältigen und seine Defizite aufarbeiten zu können.
4.
4.1
Bei Geburtsgebrechen
der
Ziffer 404
GgV
Anhang
zeitigt eine Ergotherapie nach einer Dauer von mehr als drei Jahren in der Regel keinen nachweisbaren Erfolg mehr.
Gemäss den ärztlichen Berichten hat der
Versicherte
in den ersten drei Jahren der ergotherapeutischen Behandlung grosse Fortschritte gemacht
,
und gesetzte Ziele konnten bereits zu einem Teil erreicht werden
. S
owohl die behandelnde Kinderärztin als auch die behandelnde Ergotherapeutin
halten indes
eine Verlängerung der Ergotherapie um ein Jahr für notwendig,
damit die erre
ichten Fortschritte erfolgreich
gefestigt werden können und der
Versicherte
seine Defizite weiter aufarbeiten kann.
Lau
t
den vorstehend wiedergegebenen Berichten sind unter anderem vor allem die Verhaltensstörung und die
Impuls
kontrolle
, aber auch die Konzentration, Ausdauer und Merkfähigkeit sowie das Selbstwertgefühl weiterhin behandlungsbedürftig. Weitere For
tschritte in diesen Bereichen würden
sich
insbesondere auch
auf
den schwierigen Übertritt von der dritten in die vierte Klasse, wo sich der
Versicherte
vielen neuen Anforderungen stellen müsse,
positiv auswirken
.
Eine plausible, medizinisch unterlegte Begrün
dung für die Nichtübernahme der weiteren Therapiekosten vermochte die
Beschwerdegegnerin, insbesondere deren Regionalärz
tlicher Dienst, nicht dar
zutun.
Unter diesen besonderen Umständen ist die beantragte Ergotherapie für ein weite
res Jahr als notwendige, den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstrebende Vorkehr zu betrachten und von der
Beschwerdegegnerin
zu übernehmen.
4.2
Die angefochtene Verfügung ist somit in Gutheissung der Beschwerde aufzuhe
ben und es ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer Anspruch auf Über
nahme der Kosten der Ergotherapie für ein weiteres Jahr hat.
5.
Gestützt auf Art 69
Abs.
1
bis
IVG ist das Verfahren für die unterliegende Partei kostenpflichtig. Die Kosten sind unabhängig vom Streitwert nach dem Ver
fahrensaufwand festzulegen und vorliegend auf Fr.
6
00.-- anzusetzen.
Entspre
chend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden
Beschwerde
gegnerin
aufzuerlegen.