Decision ID: ced38a15-2924-5b10-8fee-5ef3054e7f88
Year: 2007
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Der iranische Staatsangehörige A.E., geb. 1974, hält sich seit 2003 als
Asylbewerber in der Schweiz auf. Ueber sein Asylgesuch wurde noch nicht
rechtskräftig entschieden; ein Beschwerdeverfahren ist vor dem
Bundesverwaltungsgericht anhängig.
Das Untersuchungsamt Gossau sprach A.E. mit Strafbescheid vom 16. Februar 2005
wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig und bestrafte ihn mit
einer bedingten Gefängnisstrafe von acht Wochen bei einer Probezeit von zwei Jahren.
Das Kantonsgericht St. Gallen sprach A.E. im Berufungsverfahren am 20. Juni 2007 der
schweren Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig und verurteilte
ihn in teilweisem Zusatz zu der vom Untersuchungsamt Gossau ausgesprochenen
Strafe zu einer Freiheitsstrafe von 33 Monaten. Die Untersuchungshaft von 712 Tagen
wurde angerechnet. Die vom Untersuchungsamt Gossau ausgesprochene Strafe wurde
vollziehbar erklärt. Diese Verurteilung ist rechtskräftig. A.E. verbüsst derzeit die
Freiheitsstrafen im Regionalgefängnis Altstätten. Am 11. Juni 2007 hatte er zwei Drittel
der Strafen verbüsst. Der ordentliche Vollzug endet am 31. Mai 2008.
Mit Eingabe vom 16. Juli 2007 ersuchte A.E. um Gewährung der bedingten Entlassung.
Am 18. Juli 2007 verfügte das Justiz- und Polizeidepartement, A.E. werde bei weiterhin
klaglosem Verhalten bedingt aus dem Regionalgefängnis entlassen, sobald er
ausreisen oder ausgeschafft werden könne. Der offene Strafrest betrage ab
Verfügungsdatum 317 Tage (Ziff. 1). Die Probezeit wurde auf ein Jahr festgesetzt und
auf die Anordnung einer Bewährungshilfe verzichtet (Ziff. 2). Weiter wurde A.E. darauf
hingewiesen, er habe mit der Anordnung des Vollzugs der Reststrafe zu rechnen, wenn
er in der Probezeit erneut straffällig werde (Ziff. 3). Das Departement erwog, aus dem
klaglosen Verhalten im Strafvollzug könne nicht geschlossen werden, der Gesuchsteller
werde sich, jedenfalls in der Schweiz, auch in Freiheit bewähren. Offenbar habe ihn die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erste Verurteilung wegen Drogendelikten nicht sonderlich beeindruckt. Er zeige weder
Reue noch Einsicht in seine Straftaten. Es könne ihm deshalb eigentlich keine günstige
Legalprognose gestellt werden, und es bestünden erhebliche Bedenken, ob er in der
Lage sei, sich in Freiheit zu bewähren. Seine Chancen auf Erlangung einer gültigen
Aufenthaltserlaubnis seien gering. Er habe sich in der Schweiz nicht bewährt und sei
weder mit den hiesigen Sitten und Gebräuchen noch mit der schweizerischen
Rechtsordnung vertraut. Da er spätestens bei Strafende in Freiheit zu entlassen sei und
die Legalprognose durch den weiteren Vollzug der Strafe kaum massgeblich verbessert
werde, werde er dennoch bedingt entlassen. Voraussetzung sei jedoch, dass er gültige
Reisepapiere vorweisen könne (die er sich vorgängig selber beschaffe) und nachweise,
dass er die Voraussetzungen für eine Ausreise in ein Drittland erfülle. Falls das
Bundesverwaltungsgericht seine Beschwerde abweisen sollte, wäre er direkt nach der
Entlassung aus dem Strafvollzug auszuschaffen. Sollte eine Ausreise oder die
Ausschaffung nicht möglich sein, hätte er die Strafen vollständig zu verbüssen.
B./ Mit Eingabe vom 23. Juli 2007 erhob A.E. Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Er
hält fest, er habe gegenwärtig keine Möglichkeit, sich Papiere zu beschaffen, weshalb
keine ernsthaften Pläne bestünden, nach Kanada oder in ein anderes Land
auszureisen, wie in der Verfügung festgehalten sei. Eine entsprechende Bemerkung im
Regionalgefängnis Altstätten habe er selbstverständlich nie wirklich ernsthaft gemacht.
Auch in seine Heimat könne er nicht zurückkehren, was ja eben der Grund für sein
Asylgesuch sei. Daher ersuche er, seinen Fall nochmals zu prüfen und eine bedingte
Entlassung ohne die erwähnte Auflage zu gewähren. Auf jeden Fall werde er die
Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in der Schweiz abwarten. Er möchte
natürlich hier bleiben, da ihm Sitten und Gebräuche sehr wohl vertraut geworden seien
und er insbesondere auch gut Deutsch gelernt habe.
Das Justiz- und Polizeidepartement beantragte in seiner Vernehmlassung vom 31. Juli
2007 die Abweisung der Beschwerde. Es hält fest, dem Beschwerdeführer könne für
ein Leben in der Schweiz keine günstige Prognose gestellt werden. Er habe sich nicht
bewährt, sondern das Gastrecht, das ihm als Asylbewerber gewährt worden sei,
schwer missbraucht und sich mit hoher krimineller Energie über die Rechtsordnung
hinweggesetzt. Er sei im Verfahren nicht geständig gewesen und es fehlten Hinweise
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
darauf, dass er inzwischen Einsicht in das grosse Unrecht seiner Taten gewonnen
habe.
Der Beschwerdeführer liess sich mit Eingabe vom 7. August 2007 zur vorinstanzlichen
Stellungnahme vernehmen. Er hält fest, er wisse, dass er rechtskräftig verurteilt sei.
Allerdings habe er immer seine Unschuld beteuert; er sei zu Unrecht wegen
Drogendelikten verurteilt worden, weshalb er das Gastrecht in der Schweiz nicht
schwer missbraucht habe. Dass er nicht geständig gewesen sei, könne ihm nicht zum
Vorwurf gemacht werden. Die konsequente und der Wirklichkeit entsprechende
Beteuerung seiner Unschuld werde ihm negativ zur Last gelegt. Er möchte sich in der
Schweiz in Zukunft bewähren können. Auch habe er sich tatkräftig um Integration
bemüht, insbesondere auch durch das gute Erlernen der deutschen Sprache.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeschrift vom 23. Juli 2007 wurde
rechtzeitig eingereicht und genügt formal und inhaltlich den gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP).
Auf die Beschwerde ist daher grundsätzlich einzutreten.
Ob auf die Stellungnahme des Beschwerdeführers zur vorinstanzlichen
Beschwerdevernehmlassung vollumfänglich einzutreten ist, kann offen bleiben. Der
Beschwerdeführer bringt in jener Eingabe jedenfalls keine neuen Argumente vor,
welche nicht bereits in der Beschwerdeschrift vom 23. Juli 2007 erhoben wurden. Er
bekräftigt vielmehr, dass ihm die Unschuldsbeteuerung bezüglich der
Betäubungsmitteldelinquenz nicht zur Last gelegt werden dürfe, dass er nicht in den
Iran zurückkehren könne, da er dort aus politischen Gründen um sein Leben fürchten
müsse, und dass er in der Schweiz integriert sei.
2. Nach Art. 86 Abs. 1 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (SR 311.0, abgekürzt
StGB) ist der Gefangene nach Verbüssung von zwei Dritteln, mindestens aber drei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monaten seiner Strafe bedingt zu entlassen, wenn es sein Verhalten im Strafvollzug
rechtfertigt und nicht anzunehmen ist, er werde in Freiheit weitere Verbrechen oder
Vergehen begehen. Die zuständige Behörde hat von Amtes wegen zu prüfen, ob der
Gefangene bedingt entlassen werden kann. Dabei hat sie diesen anzuhören und einen
Bericht der Anstaltsleitung einzuholen (Art. 86 Abs. 2 StGB). Liegen ausserordentliche
Gründe in der Person des Gefangenen vor, kann die bedingte Entlassung
ausnahmsweise bereits nach der Verbüssung der Hälfte der Strafe, frühestens jedoch
nach drei Monaten, erfolgen (Art. 86 Abs. 4 StGB).
2.1. Die Bestimmung über die reguläre bedingte Entlassung wurde in bezug auf die
Legalprognose neu gefasst, indem nicht wie bisher positiv verlangt wird, es müsse
erwartet werden können, der Täter werde sich in Freiheit bewähren, sondern negativ,
dass zu erwarten ist, er werde in Freiheit keine Verbrechen oder Vergehen mehr
begehen. Jedenfalls tendenziell wurden mit dieser neuen Formulierung die
Anforderungen an die Legalprognose gesenkt; stärker noch als bisher wird man daher
davon auszugehen haben, dass die bedingte Entlassung die Regel und deren
Verweigerung die Ausnahme darstellt. Abgesehen davon entspricht ihre rechtliche
Regelung im wesentlichen der altrechtlichen von Art. 38 Ziff. 1 StGB, weshalb die
diesbezügliche Recht-sprechung massgebend bleibt (Urteil des Bundesgerichts BGE
6B.122/2007 vom 21. Juni 2007 E. 2.2).
2.2. Die bedingte Entlassung stellt somit nach wie vor die vierte und letzte Stufe des
Strafvollzugs dar und bildet die Regel, von der nur aus guten Gründen abgewichen
werden darf. In dieser Stufe soll der Entlassene den Umgang mit der Freiheit erlernen,
was nur in Freiheit möglich ist. Die Prognose über das künftige Wohlverhalten ist in
einer Gesamtwürdigung zu erstellen, welche nebst dem Vorleben, der Persönlichkeit
und dem Verhalten des Täters während des Strafvollzugs vor allem dessen neuere
Einstellung zu seinen Taten, seine allfällige Besserung und die nach der Entlassung zu
erwartenden Lebensverhältnisse berücksichtigt (BGE 124 IV 193 mit Hinweisen).
2.3. Fest steht, dass der Beschwerdeführer erstmals eine Freiheitsstrafe in der Schweiz
verbüsst. Weiter ist unbestritten, dass sein Verhalten im Strafvollzug korrekt war. Das
Regionalgefängnis Altstätten hält fest, der Beschwerdeführer habe sich gegenüber
Personal und Mithäftlingen immer anständig und korrekt verhalten. Die ihm zugewiesen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeiten habe er immer klaglos und gerne verrichtet. Seine Arbeitsleistungen seien
durchwegs gut und korrekt.
Das Verhalten des Beschwerdeführers im Strafvollzug spricht grundsätzlich für die
bedingte Entlassung. Auch der Umstand, dass ihn die erste Verurteilung wegen
Drogendelikten nicht sonderlich beeindruckte und er während der Probezeit erneut
straffällig wurde, spricht nicht ohne weiteres gegen eine bedingte Entlassung. Es ist
anzunehmen, dass die bisherige Verbüssung der Untersuchungshaft und der
Freiheitsstrafe den Beschwerdeführer wesentlich mehr beeindruckt als ein
Strafentscheid mit einer Verurteilung zu acht Wochen Gefängnis bedingt.
Die Lebensverhältnisse des Beschwerdeführers in der Schweiz sprechen jedoch gegen
eine günstige Legalprognose. Sein Asylgesuch wurde abgewiesen. Die von ihm gegen
die Verweigerung des Asyls erhobene Beschwerde ist beim Bundesverwaltungsgericht
noch hängig. Da er gegenüber der Leitung des Regionalgefängnisses Altstätten
äusserte, er besitze Reisepapiere und könne damit im Falle einer Freilassung
problemlos in ein anderes Land reisen, und so, wie er vom Iran in die Schweiz
gekommen sei, werde er auch nach Kanada oder in ein anderes Land weiterreisen, ist
es nachvollziehbar, dass die Vorinstanz die bedingte Entlassung an die Bedingung
knüpfte, dass der Beschwerdeführer gültige Reisepapiere vorweisen kann und die
Voraussetzungen für eine Ausreise in ein Drittland erfüllt. In der Beschwerde behauptet
er nun, er habe diese Bemerkung nie wirklich ernsthaft gemacht. Dies erscheint
allerdings zweifelhaft. Immerhin war der Beschwerdeführer imstande, vom Iran in die
Schweiz zu reisen, was ein deutliches Indiz ist, dass er über Reisepapiere verfügt, die
aber erfahrungsgemäss von zahlreichen Asylbewerbern gegenüber den Behörden
verheimlicht werden. Bei einem weitern Aufenthalt in der Schweiz sprechen die zu
erwartenden Lebensverhältnisse gegen ein Wohlverhalten in Freiheit. Der
Beschwerdeführer dürfte grosse Probleme haben, aufgrund seines Status' und seiner
Vorstrafe eine Arbeitsstelle zu finden, um seinen Lebensunterhalt zu be-streiten.
Angesichts seines bisherigen Verhaltens kann keine günstige Legalprognose gestellt
werden. Seine Einwendungen, er sei unschuldig wegen Verstosses gegen das
Betäubungsmittelgesetz verurteilt worden, sind nicht zu hören, da diese Verurteilung
rechtskräftig ist. Dass der Beschwerdeführer die Drogendelikte nach wie vor bestreitet,
wird ihm entgegen seiner Darstellung nicht negativ angelastet. Das Bestreiten erlaubt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allerdings auch nicht, bezüglich dieser Delinquenz Einsicht und Reue anzunehmen, was
allenfalls bei der Beurteilung des künftigen Verhaltens günstig ins Gewicht fallen
könnte. Nicht gehört werden kann im Rahmen der Beurteilung der bedingten
Entlassung sodann auch seine Behauptung, er werde im Heimatstaat an Leib und
Leben bedroht. Unbegründet ist im weiteren seine Behauptung, Sitten und Gebräuche
der Schweiz seien ihm sehr wohl vertraut geworden, und er habe insbesondere auch
gut deutsch gelernt. Der Beschwerdeführer übte bislang, soweit ersichtlich, keine
legale Erwerbstätigkeit aus, sondern bestritt seinen Lebensunterhalt mit
Betäubungsmittelgeschäften, was das Fehlen einer Integration belegt.
2.4. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zum früheren Allgemeinen Teil des
StGB ist eine Verknüpfung von bedingter Entlassung und unbedingter
Landesverweisung unter dem Gesichtswinkel der Prognose zulässig, zumal sie für den
Verurteilten günstiger ist als die Verweigerung der bedingten Entlassung mit der Folge,
dass der Verurteilte die Strafe vollständig verbüssen müsste und am Ende der Strafe
aus der Schweiz verwiesen würde. Wurde also eine günstige Prognose für den Verbleib
in der Schweiz verneint, konnte die bedingte Entlassung mit der unbedingten
Landesverweisung verbunden und von deren Vollzug abhängig gemacht werden (BGE
6A.51/2006 vom 13. Juli 2006, E. 2.1). Dementsprechend ist es auch zulässig, die
bedingte Entlassung mit einer freiwilligen und kontrollierten Ausreise in ein Drittland
oder mit einer Ausschaffung zu verbinden, wie dies die Vorinstanz getan hat, wenn die
Lebensverhältnisse in der Schweiz keine günstige Prognose gestatten.
2.5. Die fehlenden persönlichen und beruflichen Perspektiven in der Schweiz und die
ungenügende Integration sowie die Art der bisherigen Delinquenz lassen die
Verknüpfung von bedingter Entlassung mit der kontrollierten Ausreise oder der
Ausschaffung bzw. die Ablehnung einer bedingten Entlassung ohne Auflage und
Bedingungen rechtmässig erscheinen. Aufgrund der konkreten Lebensumstände kann
dem Beschwerdeführer keine günstige Legalprognose gestellt werden. Somit erweist
sich die angefochtene Verfügung als rechtmässig, weshalb die Beschwerde als
unbegründet abzuweisen ist.
3. Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten zulasten des
Beschwerdeführers (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'500.-- ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS 941.2). Auf die Erhebung ist zu
verzichten (Art. 97 VRP).
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).