Decision ID: 4340320e-46ab-4a85-8afa-13dcad629886
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
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A. A.L. (ehemals: A.S.-L.) war vom 18. Juli 2011 bis 13. März 2012 Patientin von Dr.
med. Y.K. (act. 7/1.1, act. 7/8/2). Mit Urteil vom 8. Oktober 2013 verurteilte das
Strafgericht Schwyz X.M. wegen mehrfacher Vergewaltigung, begangen je einmal zum
Nachteil von A.L. und von B.N., sowie sexueller Nötigung und mehrfacher sexueller
Belästigung zum Nachteil von A.L. zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten und einer
Busse von CHF 1‘000. Mit Urteil vom 7. Oktober 2014 reduzierte das Kantonsgericht
Schwyz die Freiheitsstrafe auf 24 Monate (act. 13/1, S. 2-4). Mit Urteil BGer
6B_318/2015 vom 28. Oktober 2015 hiess das Bundesgericht eine dagegen erhobene
Beschwerde von X.M. teilweise gut, hob das Urteil des Kantonsgerichts Schwyz vom
7. Oktober 2014 auf und wies die Sache zu neuer Entscheidung an das Kantonsgericht
Schwyz zurück. Mit Urteil BGer 6B_16/2016 vom 28. Dezember 2016 hob das
Bundesgericht in Gutheissung einer Beschwerde von A.L. einen Beschluss des
Kantonsgerichts Schwyz im Rückweisungsverfahren vom 23. November 2015 auf (act.
13/1).
B. Am 20./28. Juli 2016 ersuchte Dr. med. Y.K. das Gesundheitsdepartement für sich
und ihre damalige medizinische Praxisassistentin C.P. um Entbindung vom
Berufsgeheimnis betreffend ihrer Patientin A.L. (act. 7/1 f.), um allenfalls im Rahmen
einer Revision (Art. 410 ff. der Schweizerischen Strafprozessordnung,
Strafprozessordnung; SR 312.0, StPO) des Strafverfahrens gegen X.M. als Zeuginnen
(Art. 162 ff. StPO) auszusagen. Mit Verfügung vom 4. November 2016 wies der
Gesundheitsrat das Gesuch ab (act. 7/11).
C. Gegen die Verfügung des Gesundheitsrates (Vorinstanz) vom 4. November 2016
erhob Dr. med. Y.K. (Beschwerdeführerin) am 17. November 2016 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit dem Rechtsbegehren, in Aufhebung der angefochtenen
Verfügung sei sie und ihre ehemalige medizinische Praxisassistentin C.P. vom
ärztlichen Berufsgeheimnis betreffend A.L. (Beschwerdegegnerin) zu entbinden (act. 1).
Mit Vernehmlassung vom 21. Dezember 2016 schloss die Vorinstanz auf Abweisung
der Beschwerde (act. 6). Am 10. Januar 2017 liess sich X.M. (Beschwerdebeteiligter)
durch seinen Rechtsvertreter vernehmen und beantragte die Gutheissung der
Beschwerde (act. 11). Mit Stellungnahme vom 12. Januar 2017 beantragte die
Beschwerdegegnerin durch ihre Rechtsvertreterin, es sei die Beschwerde unter
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Kosten- und Entschädigungsfolge abzuweisen (act. 12). Am 26. Januar 2017 liess sich
die Beschwerdeführerin abschliessend vernehmen (act. 16).
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die
Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2. Ärztliche Aufzeichnungen (insbesondere Krankengeschichten mit Anamnese-,
Diagnose- und Therapieverlaufsberichten) enthalten regelmässig sehr sensible
höchstpersönliche Informationen aus der Intim- und Privatsphäre von Patientinnen und
Patienten, die von Art. 13 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (SR 101, BV) und Art. 8 der Europäischen Konvention zum Schutze
der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, EMRK) in besonderem Masse
geschützt sind (vgl. BGE 141 IV 77 E. 4.4 und 5.2 mit Hinweisen). Dementsprechend
wahren Personen, die einen universitären Medizinalberuf selbständig oder
unselbständig ausüben, nach Art. 44 Abs. 1 und Abs. 2 Satz 3 des
Gesundheitsgesetzes (sGS 311.1, GesG) in Verbindung mit Art. 40 Ingress und lit. f des
Bundesgesetzes über die universitären Medizinalberufe (Medizinalberufegesetz; SR
811.11, MedBG) das Berufsgeheimnis nach Massgabe der einschlägigen Vorschriften
(siehe auch Art. 11 Abs. 1 der Standesordnung des Vereins FMH Verbindung der
Schweizer Ärztinnen und Ärzte, www.fmh.ch). Art. 40 Ingress und lit. f MedBG
umschreibt den Begriff des Berufsgeheimnisses mittels eines dynamischen Verweises
auf die geltende Schweizer Rechtsordnung (vgl. B. Etter, Medizinalberufegesetz, Bern
2006, Art. 40 N 38). Der Verweis bezieht sich in erster Linie auf das strafrechtlich
geschützte Berufsgeheimnis gemäss Art. 321 des Schweizerischen Strafgesetzbuches
(SR 311.0, StGB, vgl. Botschaft zum MedBG, in: BBl 2005 S. 173 ff., S. 229, sowie
BGer 2C_1035/2016 vom 20. Juli 2017 E. 4.2, in: Anwaltsrevue 2017, S. 393 f.). Zu
beachten sind aber auch das Datenschutzrecht (insbesondere Art. 35 des
Datenschutzgesetzes, SR 235.1, DSG) sowie der privatrechtliche Schutz der
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Persönlichkeit des Patienten (Art. 28 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, SR 210,
ZGB) und die Verschwiegenheits- und Geheimhaltungspflicht des Beauftragten (Art.
398 Abs. 2 des Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des ZGB, Fünfter Teil:
Obligationenrecht, SR 220, OR, vgl. W. Fellmann, in: Ayer/Kieser/Poledna/
Sprumont [Hrsg.], Medizinalberufegesetz, Basel 2009, Art. 40 N 127-129).
3. Ärzte, die ein Geheimnis offenbaren, das ihnen infolge ihres Berufes anvertraut
worden ist oder das sie in dessen Ausübung wahrgenommen haben, werden, auf
Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 321 Ziff. 1
StGB, vgl. hierzu BGE 143 IV 209 E. 1.2 mit Hinweisen). Keine Verletzung der
beruflichen Schweigepflicht liegt unter anderem vor, wenn der Arzt das Geheimnis
aufgrund einer schriftlichen Bewilligung der vorgesetzten Behörde oder
Aufsichtsbehörde offenbart hat (Art. 321 Ziff. 2 StGB; vgl. BGer 2C_215/2015 vom 16.
Juni 2016 in BGE 142 II 256 nicht publizierte E. 3). Dabei lassen sich dem Gesetz keine
Kriterien entnehmen, welche von der zuständigen Behörde bei ihrem Entscheid über
die Entbindung vom Berufsgeheimnis zu beachten wären. Nach Rechtsprechung und
Literatur ist dafür eine Rechtsgüter- und Interessenabwägung vorzunehmen, wobei die
Entbindung nur zu bewilligen ist, wenn dies zur Wahrung überwiegender privater oder
öffentlicher Interessen notwendig ist (Subsidiaritätsprinzip) bzw. die Interessen an der
Entbindung klar überwiegen (vgl. BGer 2C_215/2015 vom 16. Juni 2016, in BGE
142 II 256 nicht publizierte E. 5.1, BGE 142 II 307 E. 4.3.3, VerwGE B 2013/210 vom
23. Januar 2015 E. 3.2 je mit Hinweisen, www.gerichte.sg.ch, Aebi-Müller/Fellmann/
Gächter/Rütsche/Tag, Arztrecht, Bern 2016, § 9 Rz. 89, N. Oberholzer, in: Niggli/
Wiprächtiger [Hrsg.], Strafrecht II, 3. Aufl. 2013, Art. 321 Rz. 23, Trechsel/Vest, in:
Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, 2. Aufl. 2013, Art. 321 Rz. 34,
J. Mausbach, Die ärztliche Schweigepflicht des Vollzugsmediziners im schweizerischen
Strafvollzug aus strafrechtlicher Sicht, Zürich 2010, S. 162 f., Kuhn/poledna, Arztrecht
in der Praxis, 2. Aufl. 2007, S. 753 f., B. Tag, Die Verschwiegenheit des Arztes im
Spiegel des Strafgesetzbuches und der Strafprozessordnung des Kantons Zürich, in:
ZStrR 122/2004, S. 1 ff., S. 11 ff., K. Keller, Das ärztliche Berufsgeheimnis gemäss
Art. 321 StGB, Zürich 1993, S. 154 f., und J. Boll, Die Entbindung vom Arzt- und
Anwaltsgeheimnis, Zürich 1983, S. 57 ff., siehe auch Art. 17 StGB, Art. 28 Abs. 2 ZGB,
Art. 13 DSG und Art. 19 Abs. 3 des Bundesgesetzes über genetische Untersuchungen
beim Menschen, SR 810.12, GUMG).
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4. Die Beschwerdeführerin, welche die Praxis Q. GmbH (www. ... .ch, www.zefix.ch),
leitet, unterliegt unbestrittenermassen der strafrechtlichen sanktionierten ärztlichen
Schweigepflicht von Art. 321 StGB. Aus den Akten ist nicht ersichtlich, dass die
Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin ausdrücklich oder stillschweigend von
der Geheimhaltungspflicht entbunden hätte. Auch beruft sich die Beschwerdeführerin
auf keine gesetzlichen Anzeigepflichten und Melderechte. Sodann stellen die
Verfahrensbeteiligten nicht in Abrede, dass die für eine Zeugeneinvernahme der
Beschwerdeführerin oder ihrer Assistentin in einem allfälligen Revisionsverfahren
relevanten Tatsachen, insbesondere diejenigen zur Frage, ob die Beschwerdegegnerin
vor der Anzeigeerstattung gegen den Beschwerdebeteiligten Kontakte zu B.N.
unterhalten hatte, unter das ärztliche Berufsgeheimnis fallen (vgl. hierzu BGer
2C_215/2015 vom 16. Juni 2016, in BGE 142 II 256 nicht publizierte E. 4.1 mit
Hinweisen und Art. 171 StPO). Zu prüfen bleibt, ob die Weigerung der Vorinstanz, die
Beschwerdeführerin vom Berufsgeheimnis zu entbinden, rechtsfehlerhaft ist.
5. Wie die Beschwerdeführerin nachvollziehbar aufgezeigt hat (act. 1, act. 16), liegt eine
sachlich richtige Entscheidung im Strafprozess sowohl im Interesse des
Beschwerdebeteiligten als auch der Öffentlichkeit, selbst nachdem der
Beschwerdebeteiligte materiell rechtskräftig schuldig gesprochen wurde (vgl. BGer
6B_318/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 1.4, 2.3 f., 3.1.3, 3.2.4 und 4 sowie BGer
6B_16/2016 vom 28. Dezember 2016 E. 2.3.2 f., act. 13/1) und der Zeugenbeweis vom
Beschwerdebeteiligten nurmehr im Rahmen einer Revision angerufen werden könnte.
Insofern kann der Beschwerdeführerin ein berechtigtes Interesse an der Entbindung
vom ärztlichen Berufsgeheimnis attestiert werden, auch wenn die Zeugenaussage nicht
im eigenen Interesse der Zeugin liegt, sondern im Interesse derjenigen Partei, die den
Zeugenbeweis anruft. Diese Interessen werden im konkreten Fall indessen insoweit
abgeschwächt, als das Bundesgericht sich bereits im Entscheid BGer 6B_318/2015
vom 28. Oktober 2015 E. 2 und 3.2 mit der Frage befasste, ob C.P. als Zeugin durch
das Kantonsgericht Schwyz hätte befragt werden müssen. Dabei kam das
Bundesgericht zum Schluss, das Kantonsgericht Schwyz habe nachvollziehbar
dargelegt, dass davon keine neuen Erkenntnisse zu erwarten seien, auch wenn C.P. in
das Zustandekommen der Anzeige gegen den Beschwerdebeteiligten involviert
gewesen war. Es habe deshalb in antizipierter Beweiswürdigung auf die – vom
Beschwerdebeteiligten beantragte – Befragung von C.P. als Zeugin verzichten dürfen.
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Die Nichtbefragung von C.P. im Strafverfahren gegen den Beschwerdebeteiligten stand
damit nicht im Zusammenhang mit dem Berufsgeheimnis der Beschwerdeführerin. Eine
Entbindung der Beschwerdeführerin und ihrer Hilfsperson C.P. vom Berufsgeheimnis
ist demzufolge kaum geeignet, mittels Revision einen Freispruch oder eine wesentlich
mildere Bestrafung des Beschwerdebeteiligten herbeizuführen (vgl. Art. 410 Abs. 1 lit. a
StPO sowie BGer 6B_596/2017 vom 5. Oktober 2017 E. 1.3 mit Hinweisen und zur
Zulässigkeit der Beantwortung einer strafrechtlichen Vorfrage durch die
gesundheitspolizeilichen Aufsichtsbehörden K. Plüss, in: A. Griffel [Hrsg.], Kommentar
zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 3. Aufl. 2014, § 1 N 31 mit
Hinweisen, insbesondere auf BGE 119 Ib 158 E. 2c/bb und BGE 96 I 766 E. 5, Art. 31
des Bundesgesetzes über das Bundesgericht, Bundesgerichtsgesetz, SR 173.110,
BGG, sowie M. Boog, in: Niggli/Uebersax/Wiprächtiger [Hrsg.], Bundesgerichtsgesetz,
2. Aufl. 2011, Art. 31 N 4 ff.). Vor diesem Hintergrund durfte die Vorinstanz das private
Geheimhaltungsinteresse der Beschwerdegegnerin sowie das öffentliche Interesse am
Schutz des Vertrauensverhältnisses zwischen Ärztin und Patientin höher gewichten als
die Offenbarungsinteressen. Jedenfalls vermögen die Offenbarungsinteressen nicht
klar zu überwiegen. Die Vorinstanz hat das Gesuch der Beschwerdeführerin um
Entbindung vom ärztlichen Berufsgeheimnis somit zu Recht abgelehnt. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
6. Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens vollständig und zu gleichen Teilen zulasten der
Beschwerdeführerin und dem Beschwerdebeteiligten (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 1‘500 ist angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12, GKV). Der Kostenanteil der
Beschwerdeführerin von CHF 750 ist mit dem von ihr geleisteten Kostenvorschuss von
CHF 1‘500 zu verrechnen. Der Restbetrag von CHF 750 ist zurückzuerstatten.
Die Beschwerdegegnerin hat obsiegt, weshalb die Beschwerdeführerin und der
Beschwerdebeteiligte sie antragsgemäss je zur Hälfte und unter solidarischer
Haftbarkeit ausseramtlich zu entschädigen haben. Der von der Rechtsvertreterin der
Beschwerdegegnerin in der pauschalen Honorarnote vom 12. Januar 2017 (act. 14)
geltend gemachte Aufwand von CHF 2'000 zuzüglich 4% Barauslagen und 8 %
Mehrwertsteuer erscheint angemessen (Art. 98 Abs. 1, Art. 98 und Art. 98 VRP in bis ter
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Verbindung mit Art. 106 Abs. 3 der Schweizerischen Zivilprozessordnung;
Zivilprozessordnung; SR 272, ZPO; Art. 30 lit. b Ziff. 1 des Anwaltsgesetzes, sGS
963.70, AnwG sowie Art. 4, Art. 22 Abs. 1 lit. b, Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, HonO).