Decision ID: 08e327e0-c8c0-5409-b407-c32ac1f12de0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
Die Beschwerdeführenden stellten am 16. Juli 2019 in der Schweiz Asyl-
gesuche, zu deren Begründung sie hauptsächlich eine Verfolgung des Be-
schwerdeführers 1 wegen seiner politischen Aktivitäten geltend machten.
B.
Mit Verfügung des SEM vom 19. September 2019 wurde die Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführenden verneint und ihre Asylgesuche ab-
gewiesen; das SEM ordnete jedoch ihre vorläufige Aufnahme infolge Un-
zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs an.
C.
Dieser Asylentscheid des SEM erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
II.
D.
Mit Eingabe vom 3. Juni 2020 liessen die Beschwerdeführenden beim SEM
ein als "Wiedererwägungsgesuch" bezeichnetes Gesuch einreichen. Sie
beantragten darin inhaltlich die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft
und die Asylgewährung in der Schweiz.
E.
Das SEM nahm die Eingabe vom 3. Juni 2020 als Mehrfachgesuch ge-
mäss Art. 111c AsylG entgegen und wies dieses mit Verfügung vom 3. Juli
2020 – eröffnet am 7. Juli 2020 – ab. Dabei wurde auch festgestellt, dass
die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz weiter-
hin Bestand habe.
F.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 5. August 2020 liessen die Be-
schwerdeführenden die SEM-Verfügung vom 3. Juli 2020 beim Bundesver-
waltungsgericht anfechten. Sie beantragten inhaltlich die Aufhebung die-
ses Entscheids und die Asylgewährung. In prozessualer Hinsicht wurde der
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses beantragt. Mit der Be-
schwerde wurden unter anderem zwei Bestätigungen der Azerbaycan
Liberal Demokrat Partiyasi (ALDP; Liberal-Demokratische Partei Aserbaid-
schans) zu den Akten gereicht.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorliegend
– endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwer-
deführenden sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legi-
timiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Beschwerdeführenden liessen ihren Rechtsvertreter zur Begründung
des Wiedererwägungs- respektive Folge-Asylgesuchs vom 3. Juni 2020 im
Wesentlichen ausführen, sie seien schon mit dem Asylentscheid vom
19. September 2019 nicht einverstanden gewesen, ihr damaliger Rechts-
vertreter (recte: die ihnen für das Asylverfahren zugewiesene amtliche
Rechtsbeiständin) habe aber für sie keine Beschwerde beim Bundesver-
waltungsgericht eingelegt. In der Folge seien sie aus dem E._ ei-
nem Kanton der Ostschweiz zugewiesen worden, und als sie dort ange-
kommen seien, sei die Beschwerdefrist bereits abgelaufen gewesen. Aus
diesem Grund würden sie nun in ihrer neuen Eingabe erneut um Asyl nach-
suchen. Mit dem Gesuch werde eine Vorladung der aserbaidschanischen
Generalstaatsanwaltschaft für den Beschwerdeführer vom (...) 2019 zu
den Akten gereicht, die ihnen über einen Freund zugestellt worden sei.
Dieses Beweismittel belege, dass im Heimatstaat nach dem Beschwerde-
führer 1 gefahndet und dieser politisch verfolgt werde.
5.2 Nach Durchsicht der Akten ist zunächst festzustellen, dass das SEM
im ursprünglichen Asylentscheid den Vorbringen der Beschwerdeführen-
den nicht die Glaubhaftigkeit abgesprochen, sondern sie als flüchtlings-
rechtlich nicht relevant qualifiziert hatte (vgl. SEM-Verfügung vom 19. Sep-
tember 2019 S. 5 ff.).
5.3 Soweit die Beschwerdeführenden das SEM in ihrem Folgegesuch vom
3. Juni 2020 zu einer abweichenden flüchtlingsrechtlichen Beurteilung ihrer
ursprünglichen Asylgründe zu bewegen versuchen, verkennen sie offen-
sichtlich, dass Wiedererwägungs- und Mehrfachgesuche im Asylverfahren
nicht beliebig zulässig sind. Solche Eingaben dürfen nach Lehre und Praxis
namentlich nicht dazu dienen, die Rechtskraft von Verwaltungsentscheiden
immer wieder infrage zu stellen oder die Fristen für die Ergreifung von
Rechtsmitteln zu umgehen (vgl. statt vieler etwa die Urteile BVGer
E-1575/2020 vom 19. Mai 2020 E. 7.5, E-1190/2019 vom 9. Mai 2019
E. 6.2.5 oder E-2117/2019 vom 31. Mai 2019 E. 5.3, je m.w.H.). Sie stehen
demnach auch nicht zur Verfügung, um einen Nachteil nachträglich zu be-
heben, den Betroffene – aus ihrer Sicht – durch das Nichtergreifen eines
zur Verfügung stehenden Rechtsmittels erlitten haben.
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5.4 Inhaltlicher Gegenstand eines Asyl-Folgegesuchs können demnach
nur Sachverhaltselemente bilden, die nach Eintritt der Rechtskraft des or-
dentlichen Asylentscheids entstanden sind.
Das SEM hat demnach zutreffend festgestellt, dass eine inhaltliche Über-
prüfung respektive Neubeurteilung des rechtskräftigen ordentlichen Asyl-
entscheids vom 19. September 2019 im Rahmen eines neuen Asylverfah-
rens nicht möglich ist (vgl. angefochtene Verfügung S. 3).
5.5 Neben der impliziten Kritik am bisherigen Asylentscheid weisen die Be-
schwerdeführenden insbesondere auf eine Vorladung der aserbaidschani-
schen Generalstaatsanwaltschaft vom (...) 2019 hin; sie machen insoweit
(auch) eine nachträgliche Veränderung der Sachlage geltend, die im vor-
liegenden Verfahren materiell zu beurteilen ist.
5.5.1 Der deutschen Übersetzung dieses Dokuments ist nur zu entneh-
men, dass der Beschwerdeführer aufgefordert wird, sich für eine Anhörung
in einer Strafsache bei der Ermittlungsbehörde für (...) zu melden; dafür
wird eine Telefonnummer für die Terminvereinbarung erwähnt und ausge-
führt, im Säumnisfall sei mit einer polizeilichen Vorführung zu rechnen.
5.5.2 Das Vorbringen, im aserbaidschanischen Kontext sei eine solche
Einladung faktisch zwingend einem Haftbefehl gleichzusetzen (vgl. Be-
schwerde S. 6 f. und die Bestätigungen aus dem Umfeld der ALDP als Be-
schwerdebeilagen), vermag das Gericht nicht zu überzeugen. Dem Doku-
ment ist weder zu entnehmen, worum es bei der darin erwähnten Straf-
sache geht, noch in welcher Eigenschaft der Beschwerdeführer einver-
nommen werden soll. Im Übrigen darf unter Berücksichtigung der in Aser-
baidschan herrschenden Verhältnisse angenommen werden, dass die Si-
cherheitsbehörden bei Bedarf durchaus auch Haftbefehle gegen politisch
missliebige Bürger ausstellen, wenn sie diesen habhaft werden wollen.
5.5.3 Die Vorinstanz hat diesem Beweismittel nach dem Gesagten zu
Recht die flüchtlingsrechtliche Relevanz abgesprochen (vgl. angefochtene
Verfügung S. 3).
5.6 Die gleiche Qualifikation trifft das Bundesverwaltungsgericht für die bei-
den mit der Beschwerde eingereichten Bestätigungen aus dem Kreis der
ALDP:
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5.6.1 Im Schreiben des (...) vom 28. Juli 2020 werden zunächst die zur
Begründung des ersten Asylgesuchs vorgetragenen Umstände zusam-
menfassend wiedergegeben.
Diesbezüglich kann auf das oben Gesagte verwiesen werden.
5.6.2 Dann wird angegeben, die Partei sei nach der Ausreise der Be-
schwerdeführenden wiederholt nach dem Aufenthaltsort des Beschwerde-
führers 1 befragt worden.
Dies stellt indessen – für den gänzlich hypothetischen Fall der Rückkehr in
das Heimatland (angesichts der vorläufigen Aufnahmen infolge Unzuläs-
sigkeit des Wegweisungsvollzugs) – offensichtlich noch kein schlüssiges
Argument für die Annahme einer in absehbarer Zukunft mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit drohende Verfolgung dar.
5.6.3 Schliesslich wird ausgeführt, die Vorladung vom Dezember sei "der
Beweis dafür, dass ein Strafverfahren gegen [den Beschwerdeführer] ein-
geleitet [worden sei] und er verhaftet [werde]. In Aserbaidschan komme
"der Aufruf zum Verhör auf einer Polizeistation einer Verhaftung gleich" (die
letztere Aussage deckt sich mit dem Inhalt der zweiten kurzen Bestätigung
(...) vom 28. Juli 2020).
Wie oben ausgeführt, ergibt sich aus dem Dokument indessen nicht einmal
mit Sicherheit, dass der Beschwerdeführer überhaupt als Angeschuldigter
in ein ihn betreffendes Verfahren verwickelt worden ist.
5.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM zu Recht das Mehr-
fachgesuch der Beschwerdeführenden abgewiesen hat.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den ge-
setzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
7.2 Nachdem die Beschwerdeführenden weiterhin vorläufig in der Schweiz
aufgenommen sind, erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Frage
des Vorliegens von (weiteren) Wegweisungsvollzugshindernissen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 1500.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird
mit dem vorliegenden Entscheid in der Sache gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
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