Decision ID: 7508d772-6a84-4a11-bf75-59b8bc8d2ae6
Year: 2019
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. A. wurde am 11. September 2017 von der Bundesanwaltschaft (nachfolgend
«BA») in der Strafuntersuchung gegen B. zur Aussage als Auskunftsperson
eingeladen (act. 1.4). Am 28. und 29. September 2017 wurde A. in Bern von
der BA als Auskunftsperson (Privatklägerin) einvernommen (act. 1.6, 1.7).
B. Am 18. Januar 2018 erhob A. bei der BA Anspruch auf ein Zeugengeld von
Fr. 300.– (6 x Fr. 50.–) gemäss Art. 16 Abs. 1 lit. b und Art. 18 BStKR
(act. 1.8). Am 20. April 2018 bat A. die BA, das Zeugengeld so bald als mög-
lich zu überweisen (act. 1.9).
C. Mit Schreiben vom 21. November 2018 gab die BA dem Antrag von A. nicht
statt (act. 1.3).
D. Dagegen gelangte A., vertreten durch Rechtsanwältin Eva Schmid, mit Be-
schwerde vom 30. November 2018 an die Beschwerdekammer mit folgen-
den Anträgen (act. 1):
A la forme
1. Dire que le présent recours, dirigé à l’encontre de la décision du 21 novembre 2018 de
refus du paiement immédiat d’une indemnité forfaitaire à hauteur de CHF 300.- en lien
avec les audiences des 28 et 29 septembre 2017, est recevable ;
Au préalable
2. Octroyer l’assistance juridique à Madame A. dans le cadre du présent recours ;
Au fond
3. Annuler la décision entreprise en tant qu’elle refuse le paiement immédiat d’une indemnité
forfaitaire à hauteur de CHF 300.- ;
4. Octroyer à la Recourante une indemnité forfaitaire à hauteur de CHF 300.- en lien avec
les audiences des 28 et 29 septembre 2017 ;
5. Dire que le paiement de cette indemnité doit être effectué immédiatement ;
- 3 -
6. Condamner le Ministère public de la confédération en tous les frais judiciaires et dépens
de l’instance ;
7. Débouter tout opposant de toutes autres ou contraires conclusions.
E. Mit Beschwerdeantwort vom 19. Dezember 2018 beantragt die BA, die Be-
schwerde sei unter Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdeführerin abzuwei-
sen (act. 3). Die Beschwerdeantwort wurde A. am 21. Dezember 2018 zur
Kenntnis gebracht (act. 5).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den folgenden Erwägungen Bezug genommen.

Der Einzelrichter zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO i.V.m. Art. 7 StBOG ist die strafprozessu-
ale Beschwerde unter anderem zulässig gegen Verfügungen und Verfah-
renshandlungen der Bundesanwaltschaft. Sie ist hingegen ausgeschlossen
gegen die Ablehnung von Beweisanträgen durch die Bundesanwaltschaft,
wenn der Antrag ohne Rechtsnachteil vor dem erstinstanzlichen Gericht wie-
derholt werden kann (Art. 394 lit. b StPO). Ausserdem können Entscheide,
die vom Gesetz als endgültig oder nicht anfechtbar bezeichnet werden, nicht
mit StPO-Beschwerde angefochten werden (Art. 380 i.V.m. Art. 379 und
Art. 393 StPO). Die StPO enthält keinen Katalog, welcher die der Be-
schwerde unterliegenden Entscheide aufzählt, wie dies noch mehrere kan-
tonale Strafprozessordnungen vorsahen. Vielmehr gilt der Grundsatz der
Universalität der Beschwerde unter Vorbehalt gewisser, im Gesetz ab-
schliessend vorgesehener Ausnahmen. Aus dieser Gesetzessystematik er-
hellt, dass alle Verfügungen und Verfahrenshandlungen der Bundesanwalt-
schaft mit Beschwerde anfechtbar sind, solange das Gesetz diese nicht aus-
drücklich ausschliesst (BGE 143 IV 475 E. 2.4 mit Hinweisen; vgl. BGE 144
IV 81 E. 2.3.1).
Vorliegend angefochten ist das Schreiben der Beschwerdegegnerin vom
21. November 2018, mit dem sie den Antrag der Beschwerdeführerin auf so-
fortige Auszahlung eines Zeugengeldes abweist (act. 1.3). Die StPO be-
- 4 -
zeichnet einen derartigen Entscheid weder als endgültig noch als nicht an-
fechtbar. Ebenso wenig ist ein Ausschlussgrund nach Art. 394 StPO ein-
schlägig. Es liegt mithin ein zulässiges Anfechtungsobjekt vor.
1.2 Die Zuständigkeit der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zur Be-
handlung der Beschwerde ergibt sich aus Art. 396 Abs. 1 StPO i.V.m. 37
Abs. 1 StBOG.
Die Verfahrensleitung beurteilt die Beschwerde allein, wenn diese die wirt-
schaftlichen Nebenfolgen eines Entscheids bei einem strittigen Betrag von
nicht mehr als Fr. 5'000.– zum Gegenstand hat (vgl. Art. 395 lit. b StPO
i.V.m. Art. 38 StBOG). Art. 395 lit. b StPO dient der Vereinfachung von Be-
schwerdeverfahren von geringfügiger Bedeutung (siehe hierzu die Botschaft
vom 21. Dezember 2005 zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts, BBl
2006 S. 1085 ff., 1312; vgl. auch GUIDON, Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014,
Art. 395 StPO N. 1 und 4; KELLER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.],
Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014,
Art. 395 StPO N. 2; RÉMY, Commentaire romand, 2011, Art. 395 StPO N. 2).
Zu den wirtschaftlichen Nebenfolgen im Sinne dieser Bestimmung zählen die
Verfahrenskosten gemäss Art. 422 ff. StPO, Entschädigung und Genugtu-
ung gemäss Art. 429 ff. StPO, die Einziehung von Vermögenswerten ge-
mäss Art. 69 ff. StGB sowie die Entschädigung der amtlichen Verteidigung
gemäss Art. 135 Abs. 3 lit. a StPO und des unentgeltlichen Rechtsbeistan-
des gemäss Art. 138 Abs. 1 i.V.m. Art. 135 Abs. 3 lit. a StPO (Urteil des
Bundesgerichts 6B_477/2018 vom 2. November 2018 E. 1.1; vgl. zum Gan-
zen TPF BB.2018.133 vom 15. Februar 2019 E. 1.2.1, zur Publikation vor-
geschlagen).
Die vorliegende Beschwerde hat die Entschädigung einer Auskunftsperson
bei einem strittigen Betrag von Fr. 300.– zum Gegenstand. Fraglich ist, ob
auch die Entschädigung einer Auskunftsperson zu den wirtschaftlichen Ne-
benfolgen im Sinne von Art. 395 lit. b StPO zu zählen ist. Die Frage beant-
wortet sich danach, ob die Entschädigung einer Auskunftsperson den Haupt-
gegenstand des Strafverfahrens – Strafbarkeit, Schuld, Strafe – betrifft
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 1B_80/2016 vom 26. August 2016 E. 3.3).
Das ist nicht der Fall. Mithin ist die Entschädigung der Auskunftsperson zu
den wirtschaftlichen Nebenfolgen im Sinne von Art. 395 lit. b StPO zu zählen.
Nach dem Gesagten liegt der vorliegende Entscheid in der Zuständigkeit der
Verfahrensleitung der Beschwerdekammer.
- 5 -
1.3 Zur Beschwerde berechtigt ist jede Partei oder jeder andere Verfahrensbe-
teiligte mit einem rechtlich geschützten Interesse an der Aufhebung oder Än-
derung des angefochtenen Entscheids (vgl. Art. 382 Abs. 1 i.V.m. Art. 105
Abs. 2 StPO). Ein rechtlich geschütztes Interesse liegt nur vor, wenn der
Beschwerdeführer selbst in seinen eigenen Rechten unmittelbar und direkt
betroffen ist. Eine blosse Reflexwirkung genügt nicht (Urteil des Bundesge-
richts 6B_942/2016 vom 7. September 2017 E. 2.3 m.w.H., nicht publiziert in
BGE 143 IV 313). Das Interesse hat zudem aktuell und praktisch zu sein
(BGE 144 IV 81 E. 2.3.1 m.w.H.). Unter Umständen kann auf das Erfordernis
des aktuellen praktischen Interesses verzichtet werden, wenn sich die auf-
geworfene Frage jederzeit unter gleichen oder ähnlichen Umständen wieder
stellen könnte, an ihrer Beantwortung wegen der grundsätzlichen Bedeutung
ein hinreichendes öffentliches Interesse besteht und eine rechtzeitige Über-
prüfung im Einzelfall kaum je möglich wäre (vgl. BGE 135 I 79 E. 1.1; Urteil
des Bundesgerichts 1B_704/2012 vom 14. Dezember 2012 E. 2.2; TPF 2010
165 E. 2.3.1; TPF 2004 34 E. 2.2; Beschlüsse des Bundesstrafgerichts
BB.2017.93 vom 20. September 2017; BB.2017.76 vom 20. September
2017; vgl. auch zum Ganzen zuletzt u.a. Beschluss des Bundesstrafgerichts
BB.2018.106 vom 29. Oktober 2018 E. 1.2 m.w.H.; vgl. zudem – zur Aus-
kunftsperson – DEMARMELS, Die Legitimation zur Beschwerde im kantonalen
Strafverfahren [Art. 381 f. StPO], 2018, S. 59 mit Hinweisen).
Vorliegend macht die Beschwerdeführerin geltend, gestützt auf die StPO und
das Reglement des Bundesstrafgerichts vom 31. August 2010 über die Kos-
ten, Gebühren und Entschädigungen in Bundesstrafverfahren (BStKR; SR
173.713.162) Anspruch auf sofortige Auszahlung einer Entschädigung zu
haben. Die Beschwerdeführerin ist durch den angefochtenen Entscheid, der
ihr diesen Anspruch abspricht, beschwert und im Sinne von Art. 382 Abs. 1
StPO zur Erhebung der vorliegenden Beschwerde legitimiert.
1.4 Die übrigen Eintretensvoraussetzungen geben keinen Anlass zu Bemerkun-
gen. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung der Art. 167 StPO i.V.m.
Art. 180 Abs. 2 StPO sowie Art. 15 Abs. 1 BStKR i.V.m. Art. 18 BStKR. Sie
macht im Wesentlichen geltend, um der Einladung der Beschwerdegegnerin
nachzukommen, als Auskunftsperson in der Strafuntersuchung gegen B.
auszusagen, habe sie sechs Tage aufgewendet. Art. 15 (recte: 16) Abs. 1
lit. b BStKR sehe die Ausrichtung einer Pauschale vor, die unmittelbar nach
der Einvernahme fällig werde (act. 1 S. 7 ff.).
- 6 -
2.2 Die Beschwerdegegnerin macht im Wesentlichen geltend, die Art. 15 ff.
BStKR seien nur auf Auskunftspersonen anwendbar, die nicht Parteien (d.h.
Privatkläger) seien. Die Beschwerdeführerin sei Privatklägerin, weshalb die
Art. 15 ff. BStKR auf sie nicht anwendbar seien. Doch selbst wenn die
Art. 15 ff. BStKR auf die Beschwerdeführerin anwendbar wären, hätte diese
keinen Anspruch auf Entschädigung. Alle Spesen der Beschwerdeführerin
seien bereits entschädigt worden, so dass lediglich die Frage des Erwerbs-
ausfalls umstritten bleibe. Die Beschwerdeführerin habe erklärt, dass sie kei-
ner beruflichen Tätigkeit nachgehe, so dass fraglich sei, ob sie überhaupt
einen Erwerbsausfall erlitten habe. Sollte dies doch der Fall sein, so habe
sie jedenfalls bis heute weder Belege vorgelegt noch den Betrag beziffert.
Folglich sei Abs. 2 des Art. 16 BStKR nicht anwendbar. Angesichts des Um-
stands, dass die Lebenshaltungskosten am Wohnort der Beschwerdeführe-
rin nicht mit denjenigen in der Schweiz vergleichbar seien und das Lohnni-
veau am Wohnort der Beschwerdeführerin nicht dem schweizerischen ent-
spreche, käme die Ausrichtung eines pauschalen Zeugengeldes einer Über-
entschädigung gleich. Es lägen besondere Verhältnisse vor, welche die Ver-
weigerung einer Entschädigungsausrichtung gemäss Art. 16 Abs. 3 BStKR
rechtfertigten (act. 3).
3.
3.1 Zunächst ist ein Anspruch der Beschwerdeführerin aus Art. 167 StPO i.V.m.
Art. 180 Abs. 2 StPO zu prüfen.
3.2 Wer sich als Privatklägerschaft konstituiert hat, wird als Auskunftsperson ein-
vernommen (Art. 178 Abs. 1 lit. a StPO). Die Privatklägerschaft ist vor der
Staatsanwaltschaft, vor den Gerichten sowie vor der Polizei, die sie im Auf-
trag der Staatsanwaltschaft einvernimmt, zur Aussage verpflichtet. Im Übri-
gen sind die Bestimmungen über die Zeuginnen und Zeugen sinngemäss
anwendbar, mit Ausnahme von Art. 176 StPO (Art. 180 Abs. 2 StPO).
3.3 Gemäss Art. 167 StPO hat die Zeugin oder der Zeuge Anspruch auf eine
angemessene Entschädigung für Erwerbsausfall und Spesen.
Die Frage, ob Art. 167 StPO für die Privatklägerschaft sinngemäss anwend-
bar ist (dafür: DONATSCH, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommen-
tar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, Art. 180 StPO
N. 30; DONATSCH/SCHWARZENEGGER/WOHLERS, Strafprozessrecht, 2. Aufl.
2014, S. 160; ILL, in: Goldschmid/Maurer/Sollberger [Hrsg.], Kommentierte
- 7 -
Textausgabe zur Schweizerischen Strafprozessordnung [StPO] vom 5. Ok-
tober 2007, 2008, S. 173; dagegen [bzw. im Rahmen von Art. 433 StPO gel-
tend zu machen]: ARNOLD, Die Verfahrenskosten gemäss Schweizerischer
Strafprozessordnung, 2018, S. 52 Fn. 235; KERNER, Basler Kommentar,
2. Aufl. 2014, Art. 180 StPO N. 8; RIKLIN, Kommentar, 2. Aufl. 2014, Art. 180
StPO N. 4; SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, Art. 167
StPO N. 3; WEHRENBERG/FRANK, Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014, Art. 433
StPO N. 20; unklar JEANNERET/KUHN, Précis de procédure pénale, 2. Aufl.
2018, N. 12019 und KUHN/JEANNERET, Commentaire romand, 2011, Art. 180
StPO N. 25; MOREILLON/PAREIN-REYMOND, Petit Commentaire, 2. Aufl.
2016, Art. 167 StPO N. 5), kann vorliegend offenbleiben, denn selbst wenn
die Bestimmung sinngemäss anwendbar wäre, vermöchte die Beschwerde-
führerin daraus keinen Anspruch abzuleiten.
Die Entschädigung nach Art. 167 StPO setzt nach dem klaren Wortlaut Er-
werbsausfall (oder Spesen) voraus. In der Botschaft finden sich zu Art. 164
E-StPO (vgl. BBl 2006 S. 1389 ff., 1437), der Art. 167 StPO entspricht, keine
Erläuterungen (vgl. Botschaft vom 21. Dezember 2005 zur Vereinheitlichung
des Strafprozessrechts, BBl 2006 S. 1085 ff., 1196 ff.). Einen Erwerbsausfall
(oder Spesen) vorauszusetzen ist konsequent, wenn es bei der Zeugenent-
schädigung darum gehen soll, dass die Zeugin oder der Zeuge durch die
Zeugnisleistung keinen bzw. keinen übermässigen Erwerbsausfall (bzw.
Vermögensschaden) erleidet (vgl. HAUSER, Der Zeugenbeweis im Strafpro-
zeß mit Berücksichtigung des Zivilprozesses, 1974, S. 127; vgl. auch
VEST/HORBER, Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014, Art. 167 StPO N. 4). Die
Beschwerdeführerin macht keinen Erwerbsausfall (und auch keine eigenen
Spesen) geltend. Mithin kann ein Anspruch der Beschwerdeführerin aus
Art. 167 StPO i.V.m. Art. 180 Abs. 2 StPO nicht bestehen.
4.
4.1 Im Weiteren ist ein Anspruch der Beschwerdeführerin aus Art. 15 Abs. 1
BStKR i.V.m. Art. 16 Abs. 1 lit. b BStKR i.V.m. Art. 18 BStKR zu prüfen.
4.2 Das BStKR wurde namentlich gestützt auf Art. 73 des Bundesgesetzes vom
19. März 2010 über die Organisation der Strafbehörden des Bundes (Straf-
behördenorganisationsgesetz, StBOG; SR 173.71) beschlossen. Das
StBOG regelt die Organisation der Strafbehörden des Bundes und enthält
ergänzende Bestimmungen zur StPO für den Bereich der Bundesgerichts-
barkeit (Art. 1 Abs. 1 StBOG). Gemäss Art. 73 Abs. 1 lit. c StBOG regelt das
Bundesstrafgericht durch Reglement die Entschädigungen an Parteien, die
- 8 -
amtliche Verteidigung, den unentgeltlichen Rechtsbeistand, Sachverstän-
dige sowie Zeuginnen und Zeugen.
4.3 Gemäss Art. 15 Abs. 1 BStKR haben Zeuginnen und Zeugen Anspruch auf
eine angemessene Entschädigung für Erwerbsausfall und Spesen. Zeugin-
nen und Zeugen aus einem anderen Kanton oder aus dem Ausland kann ein
angemessener Vorschuss für die ihnen entstehenden Auslagen zugespro-
chen werden (Art. 15 Abs. 2 BStKR). Von Zeuginnen und Zeugen kann ver-
langt werden, dass sie Belege vorlegen (Art. 15 Abs. 3 BStKR).
Gemäss Art. 16 Abs. 1 BStKR erhalten Zeuginnen und Zeugen je nach Zeit-
aufwand, einschliesslich der notwendigen Reisezeit, ein pauschales Zeu-
gengeld von 30–100 Franken, wenn die gesamte Inanspruchnahme nicht
länger als einen halben Tag dauert (lit. a), oder 50–150 Franken pro Tag,
wenn die Inanspruchnahme länger dauert (lit. b). Bei hinreichend nachge-
wiesenem oder glaubhaft gemachtem Erwerbsausfall beträgt die Entschädi-
gung in der Regel 25–150 Franken pro Stunde (Art. 16 Abs. 2 BStKR).
Rechtfertigen es besondere Verhältnisse, so kann die Verfahrensleitung be-
stimmen, dass der tatsächliche Erwerbsausfall entschädigt wird. Dies gilt
nicht für einen ausserordentlich hohen Erwerbsausfall (Art. 16 Abs. 3
BStKR).
Gemäss Art. 17 Abs. 1 Satz 1 BStKR werden die Spesen aufgrund der tat-
sächlichen Kosten vergütet. Rechtfertigen es besondere Verhältnisse, so
kann anstelle der tatsächlichen Kosten nach Art. 17 Abs. 1 BStKR ein Pau-
schalbetrag vergütet werden (Art. 17 Abs. 4 BStKR).
Gemäss Art. 18 BStKR werden Auskunftspersonen oder andere Drittperso-
nen, die von Beweismassnahmen betroffen sind, wie Zeuginnen und Zeugen
entschädigt.
4.4 Wortlaut und Systematik des Art. 16 BStKR sprechen dafür, dass für die Ent-
schädigung gemäss Absatz 1 ein Erwerbsausfall nicht vorausgesetzt ist: Der
Wortlaut von Absatz 1 setzt einzig Zeitaufwand voraus («selon le temps
consacré à la procédure»/«in funzione del dispendio di tempo»). Absatz 2
macht für eine Entschädigung in der Höhe von Fr. 25–150 pro Stunde hin-
reichend nachgewiesenen oder glaubhaft gemachten Erwerbsausfall zur Vo-
raussetzung. Gemäss Absatz 3 kann der tatsächliche Erwerbsausfall ent-
schädigt werden.
Dem steht indes der Wortlaut des Art. 15 Abs. 1 BStKR und die Systematik
des Reglements entgegen. Der Wortlaut von Art. 15 Abs. 1 BStKR setzt für
- 9 -
die Entschädigung Erwerbsausfall (oder Spesen) voraus («droit à une in-
demnité équitable pour couvrir leur manque à gagner»/«diritto ad un'equa
indennità per coprire la perdita di guadagno»). Sodann steht Art. 15 unter
der Sachüberschrift «Grundsatz» («principe»/«principio») und leitet die
Art. 15–18 BStKR ein, die im 3. Abschnitt des 2. Kapitels die Entschädigun-
gen an Zeuginnen, Zeugen und Auskunftspersonen regeln.
Wenn es bei der Zeugenentschädigung darum gehen soll, dass die Zeugin
oder der Zeuge durch die Zeugnisleistung keinen bzw. keinen übermässigen
Erwerbsausfall (bzw. Vermögensschaden) erleidet, ist für die Zeugenent-
schädigung konsequent ein Erwerbsausfall (oder Spesen) vorauszusetzen
(vgl. vorn E. 3.3). Es erscheint indes nicht von vornherein ausgeschlossen,
dass die Zeugenentschädigung auch Inkonvenienzen entschädigen soll.
Das könnte etwa für die Zeugenentschädigung vor dem Bundesverwaltungs-
gericht gelten. Gemäss Art. 17 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE; SR 173.320.2) erhalten Zeugen und Zeuginnen ein Zeugengeld
nach Massgabe der Dauer der Inanspruchnahme. In Absatz 2 desselben Ar-
tikels ist die Entschädigung für Erwerbsausfall geregelt. Klar in diesem Sinne
dürfte – als weiteres Beispiel – die Verordnung der obersten kantonalen Ge-
richte über die Entschädigung der Zeugen und Zeuginnen, Auskunftsperso-
nen und Sachverständigen des Kantons Zürich vom 11. Juni 2002 (Entschä-
digungsverordnung der obersten Gerichte/ZH; LS 211.12) zu lesen sein. Ge-
mäss deren § 2 werden Zeugen und Zeuginnen für Zeitverlust oder Erwerb-
sausfall durch ein Zeugengeld sowie für die notwendigen Barauslagen ent-
schädigt (vgl. auch – als weitere vergleichbare Beispiele – § 60 Abs. 1 der
Verordnung des Obergerichts über Zivil- und Strafrechtspflege des Kantons
Thurgau vom 27. Mai 2010 [Zivil- und Strafrechtspflegeverordnung,
ZSRV/TG; RB 271.11]; § 13 Abs. 1 der Gebührenordnung für die Verwaltung
und die Rechtspflege im Kanton Schwyz vom 20. Januar 1975 [SRSZ
173.111]; § 23 Abs. 1–3 der Verordnung über die Kosten in Zivil-, Straf- und
verwaltungsgerichtlichen Verfahren des Kantons Luzern vom 26. März 2013
[Justiz-Kostenverordnung, JusKV/LU; SRL 265; Art. 2 Abs. 1 des Zeugenta-
rifs des Kantons Glarus vom 19. Februar 1992 [GS III A/6]).
Das erste Reglement vom 11. Februar 2004 über die Entschädigungen in
Verfahren vor dem Bundesstrafgericht (alt SR 173.711.31) sah in der Grund-
satzbestimmung zu den Entschädigungen noch vor, dass Zeugen und Zeu-
ginnen grundsätzlich Anspruch auf ein Zeugengeld und auf Ersatz der not-
wendigen Auslagen haben (Art. 5 Abs. 1; «droit à une indemnité [sic] et au
remboursement des débours nécessaires»/«diritto a un’indennità [sic] e al
rimborso delle loro spese indispensabili»). Die Regelung des Zeugengeldes
- 10 -
entsprach im Wesentlichen dem heutigen Art. 16 BStKR. Auch das zweite
Reglement vom 26. September 2006 über die Entschädigungen in Verfahren
vor dem Bundesstrafgericht (alt SR 173.711.31) sah in der Grundsatzbestim-
mung zu den Entschädigungen noch vor, dass Zeugen und Zeuginnen
grundsätzlich Anspruch auf ein Zeugengeld und auf Ersatz der notwendigen
Auslagen haben (Art. 6 Abs. 1; «droit à une indemnité [sic] et au rembours-
ement des débours nécessaires»/«diritto a un’indennità [sic] e al rimborso
delle spese indispensabili»). Die Regelung des Zeugengeldes entsprach im
Wesentlichen dem heutigen Art. 16 BStKR. Die Strafkammer des Bun-
desstrafgerichts sprach diesem Zeugengeld grundsätzlich den Charakter ei-
ner Inkonvenienzentschädigung zu (vgl. Entscheid des Bundesstrafgerichts
SN.2008.18 vom 1. Juli 2008). Das heutige Reglement vom 31. August 2010
wurde allerdings erlassen im Hinblick auf das Inkrafttreten der StPO und des
StBOG am 1. Januar 2011. Das Reglement hat insofern zum Zweck, die
Höhe der (angemessenen) Zeugenentschädigung zu regeln, nicht aber de-
ren Voraussetzungen (vgl. ARNOLD, a.a.O., S. 51; vgl. auch VEST/HORBER,
a.a.O., Art. 167 StGB N. 5). Entsprechend lehnt sich die Formulierung des
Art. 15 Abs. 1 BStKR an die Formulierung des Art. 167 StPO an. Vor diesem
Hintergrund darf davon ausgegangen werden, dass die Änderung des
BStKR darauf abzielte, die Regelung der StPO zu übernehmen.
4.5 Die angeführten Elemente sprechen überwiegend dafür, dass Art. 16 Abs. 1
BStKR dahingehend auszulegen ist, dass auch für die Ausrichtung des pau-
schalen Zeugengeldes ein Erwerbsausfall vorausgesetzt ist.
4.6 Die Beschwerdeführerin macht keinen Erwerbsausfall geltend. Mithin kann
ein Anspruch der Beschwerdeführerin aus Art. 15 Abs. 1 BStKR i.V.m.
Art. 16 Abs. 1 lit. b BStKR i.V.m. Art. 18 BStKR nicht bestehen.
5. Im Ergebnis ist die angefochtene Verfahrenshandlung der Beschwerdegeg-
nerin damit nicht zu beanstanden. Die Beschwerde ist abzuweisen.
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin ersucht um unentgeltliche Rechtspflege («as-
sistance juridique complète»; BP.2018.69, act. 1 S. 3, 7).
6.2 Gestützt auf Art. 29 Abs. 3 BV hat jede Person, die nicht über die erforderli-
chen Mittel verfügt, Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege, wenn ihr
Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint. Soweit es zur Wahrung ihrer
Rechte notwendig ist, hat sie ausserdem Anspruch auf unentgeltlichen
- 11 -
Rechtsbeistand. Art. 29 Abs. 3 BV soll jedem Betroffenen ohne Rücksicht
auf seine finanzielle Situation tatsächlichen Zugang zum Gerichtsverfahren
vermitteln und die effektive Wahrung seiner Rechte ermöglichen (BGE 131 I
350 E. 3.1). Bei Art. 29 Abs. 3 BV handelt es sich um eine verfassungsmäs-
sige Minimalgarantie, welche für das Strafverfahren von der StPO umgesetzt
und konkretisiert wird. Die StPO kann über die Garantie von Art. 29 Abs. 3
BV hinausgehen, diese aber nicht einschränken (Urteil des Bundesgerichts
1B_355/2012 vom 12. Oktober 2012 E. 3).
Art. 136 StPO – der im Rechtsmittelverfahren sinngemäss Anwendung findet
(vgl. Art. 379 StPO; vgl. auch zuletzt u.a. Beschlüsse des Bundesstrafge-
richts BB.2018.206 vom 3. Juni 2019 E. 3.1; BB.2019.6 vom 23. Mai 2019;
BB.2018.167 vom 14. November 2018 E. 5.1, nicht publiziert in TPF 2018
151; BB.2018.37 vom 2. August 2018 E. 5.1, nicht publiziert in TPF 2018
111) – konkretisiert die Voraussetzungen für die Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege für die Privatklägerschaft im Strafprozess (vgl. zuletzt u.a.
Urteil des Bundesgerichts 1B_140/2019 vom 13. Juni 2019 E. 2.2 mit Hin-
weis). Dieser ist nach Absatz 1 die unentgeltliche Rechtspflege für die Durch-
setzung ihrer Zivilansprüche ganz oder teilweise zu gewähren, wenn sie
nicht über die erforderlichen Mittel verfügt (lit. a) und die Zivilklage nicht aus-
sichtslos erscheint (lit. b). Die Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsbei-
stands für die Privatklägerschaft setzt überdies voraus, dass dies zur Wah-
rung ihrer Rechte notwendig ist (Art. 136 Abs. 2 lit. c StPO).
6.3 Die Beschwerdeführerin ist Privatklägerin im Strafprozess. Im vorliegenden
Beschwerdeverfahren indes ersucht die Beschwerdeführerin nicht um unent-
geltliche Rechtspflege für die Durchsetzung von Zivilansprüchen, sondern
für die Durchsetzung eines Anspruchs öffentlich-rechtlicher Natur gegenüber
dem Staat (vgl. HAUSER, a.a.O., S. 126; VEST/HORBER, a.a.O., Art. 167 StPO
N. 3). Es kann offenbleiben, ob unter diesen Umständen Art. 136 StPO sinn-
gemäss anwendbar ist oder sich der Anspruch auf unentgeltliche Rechts-
pflege nur auf Art. 29 Abs. 3 BV stützen kann. Die Voraussetzungen der fi-
nanziellen Bedürftigkeit, der Nichtaussichtslosigkeit und – hinsichtlich des
Anspruchs auf unentgeltlichen Rechtsbeistand – der Notwendigkeit der Bei-
gabe eines Rechtsbeistands müssen unabhängig der Rechtsgrundlage er-
füllt sein (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1039/2017 vom 13. März 2018
E. 2.4.1 f.). Dabei ist die Aussichtslosigkeit an den Rechtsbegehren im Be-
schwerdeverfahren zu messen (vgl. CHRISTEN, Kostenfolgen im kantonalen
Beschwerdeverfahren in Strafsachen, ZStrR 131/2013, S. 177 ff., 193 u.a.
mit Hinweis auf Urteil des Bundesgerichts 1B_355/2012 vom 12. Oktober
2012 E. 5.4).
- 12 -
6.4 Die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin ist aufgrund der eingereichten Un-
terlagen ausgewiesen (vgl. BP.2018.69, act. 4, 4.1, 4.2, 4.3). Die Be-
schwerde kann sodann nicht als aussichtslos bezeichnet werden. Entspre-
chend ist die unentgeltliche Prozessführung (Befreiung von Vorschuss- und
Sicherheitsleistungen sowie Befreiung von den Verfahrenskosten) zu ge-
währen. Es ist keine Gerichtsgebühr zu erheben.
6.5 Die bedürftige Partei hat Anspruch auf unentgeltliche Verbeiständung, wenn
ihre Interessen in schwerwiegender Weise betroffen sind und der Fall in tat-
sächlicher und rechtlicher Hinsicht Schwierigkeiten bietet, die den Beizug ei-
nes Rechtsvertreters erforderlich machen. Droht das in Frage stehende Ver-
fahren besonders stark in die Rechtsposition der betroffenen Person einzu-
greifen, ist die Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsvertreters grundsätz-
lich geboten, sonst nur dann, wenn zur relativen Schwere des Falles beson-
dere tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten hinzukommen, denen der
Gesuchsteller auf sich alleine gestellt nicht gewachsen wäre (BGE 130 I 180
E. 2.2 mit Hinweisen). Da die unentgeltliche Verbeiständung in jedem Fall
voraussetzt, dass die Interessen in schwerwiegender Weise betroffen sind,
ist sie in Bagatellfällen grundsätzlich nicht zu gewähren (vgl. MEICHSSNER,
Das Grundrecht auf unentgeltliche Rechtspflege [Art. 29 Abs. 3 BV], 2008,
S. 125; vgl. auch – die amtliche Verteidigung betreffend – zuletzt u.a. BGE
143 I 164 E. 3.5 mit Hinweisen, wonach die Bundesgerichtspraxis bei offen-
sichtlichen Bagatelldelikten einen verfassungsmässigen Anspruch auf einen
amtlichen Rechtsbeistand verneint).
Die vorliegende Beschwerde hat die Entschädigung einer Auskunftsperson
bei einem strittigen Betrag von Fr. 300.– zum Gegenstand. Bei diesem Be-
trag erscheint es unverhältnismässig, der Beschwerdeführerin einen unent-
geltlichen Rechtsbeistand zu bestellen (vgl. auch MEICHSSNER, a.a.O.,
S. 126 mit Hinweisen), zumal eine gewisse Zurückhaltung am Platz ist, wo
es ausschliesslich oder vorwiegend um finanzielle Interessen geht (BGE 104
Ia 72 E. 3c). Entsprechend ist die unentgeltliche Verbeiständung (Bestellung
und Entschädigung eines Rechtsvertreters) nicht zu gewähren.
- 13 -