Decision ID: 186e121d-caf5-5e2c-9f9a-bc2f8a98175f
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 15. Juni 2020 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab,
dass er zuvor schon am 28. Februar 2018 in Griechenland und am 21. Au-
gust 2019 in Slowenien ein Asylgesuch gestellt hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 26. Juni 2020 rechtliches
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit ei-
ner Überstellung nach Slowenien, dessen Zuständigkeit für die Behand-
lung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdefüh-
rer erklärte, er sei in Slowenien gezwungen worden, seine Fingerabdrücke
abzugeben und ein Asylgesuch einzureichen. Er sei in ein Camp gebracht
worden, wo er auch befragt worden sei. Man habe ihm ein Ticket gegeben
und gesagt, er solle weggehen. Er sei dann über Mailand nach Marseille
gereist und habe sich dort bei einem Freund versteckt. In Frankreich habe
er sich dann sechs Monate aufgehalten, ohne einen Kontakt zu Behörden
gehabt zu haben. In Slowenien habe er keine Hilfe und keine Medikamente
erhalten. Er sei dort in Gefahr und würde von Gruppierungen verfolgt, die
ihm bereits in Algerien Probleme bereitet hätten. Zu seiner Gesundheit gab
er an, es gehe ihm psychisch sehr schlecht. Im Verlaufe des Tages habe
er noch einen Arzttermin.
C.
Die slowenischen Behörden hiessen ein Gesuch des SEM vom 29. Juni
2020 um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO), am 10. Juli 2020 gut.
D.
Gemäss den dem Gericht vorliegenden Akten zum Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers wurde er am 5. Juli 2020 am Universitätsspital in
Zürich wegen eines Vestibulärabszesses operiert. Das weitere Prozedere
sah diesbezüglich eine einwöchige antibiotische Therapie, eine enorale
Keimreduktion mit Chlorhexidin und weiche Kost vor. Nahegelegt wurde
ihm auch eine endodontologische Behandlung der Zähne. Ferner wurden
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bei ihm psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypno-
tika (Ritrovil und Pregabalin) diagnostiziert. Dem Beschwerdeführer wur-
den verschiedene Medikamente verschrieben und zur Besprechung von
Laborwerten und zur Verlaufskontrolle ein Folgetermin am 24. Juli 2020
angesetzt.
E.
Mit Verfügung vom 13. Juli 2020 (eröffnet am 14. Juli 2020) trat das SEM
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte dessen
Überstellung nach Slowenien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die
Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
Am 14. Juli 2020 beendete die bisherige Rechtsvertreterin das mit dem
Beschwerdeführer im Asylverfahren eingegangene Mandatsverhältnis.
F.
Mit Beschwerde vom 20. Juli 2020 (Postaufgabe) gelangte der Beschwer-
deführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die ange-
fochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf das
Asylgesuch einzutreten und ein nationales Asylverfahren zu eröffnen.
Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 (Konkretisierung des Selbsteintrittsrechts nach Art. 17
Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO) für das vorliegende Asylverfahren als zu-
ständig zu erklären. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden anzuweisen,
von einer Überstellung nach Slowenien abzusehen, bis das Bundesverwal-
tungsgericht über die vorliegende Beschwerde entschieden habe. Ferner
ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
G.
Am 21. Juli 2020 ordnete der zuständige Instruktionsrichter einen super-
provisorischen Vollzugsstopp an.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich in casu als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet deren Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
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3.3 Nachdem die slowenischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch des SEM zuge-
stimmt haben, ist die Zuständigkeit gemäss dieser Bestimmung an diesen
Staat übergegangen.
4.
Der Beschwerdeführer bringt in seiner Rechtsmitteleingabe vor, er werde
in Slowenien von kriminellen Gruppierungen bedroht. Zudem leide er an
erheblichen gesundheitlichen Problemen, welche in der Schweiz behandelt
werden müssten. Bei einer Rückkehr nach Slowenien drohe ihm daher eine
Gefährdung an Leib und Leben und eine massive Verschlechterung seiner
Gesundheit.
4.1 Was die geltend gemachte Angst vor Übergriffen seitens Dritter in Slo-
wenien anbelangt, so wird diesbezüglich auf die zutreffenden Ausführun-
gen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung verwiesen, wonach
Slowenien ein Rechtsstaat ist, welcher über eine funktionierende Polizei-
behörde verfügt, die sowohl schutzwillig als auch schutzfähig ist. Sollte sich
der Beschwerdeführer in Slowenien vor Übergriffen seitens Privater fürch-
ten, kann er sich an die dafür zuständigen staatlichen Stellen wenden. Das
Bundesverwaltungsgericht geht im Übrigen – wie die Vorinstanz – nicht da-
von aus, dass der Beschwerdeführer bei einer Überstellung nach Slowe-
nien gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK ausgesetzt, in eine existenzielle Notlage
geraten oder ohne Prüfung seines Asylgesuchs und unter Verletzung des
Non-Refoulement-Gebots in seinen Heimat- oder Herkunftsstaat überstellt
wird.
4.2 Die Vorinstanz stellt ferner die ärztlich festgestellten Diagnosen
(vgl. Ziff. D des Sachverhalts) nicht in Frage, weist jedoch zu Recht darauf
hin, dass diese ausreichend sind, um den Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers bezüglich der Zumutbarkeit und Zulässigkeit einer Weg-
weisung nach Slowenien beurteilen zu können. Die Diagnosen sind inso-
weit klar und es gibt beim Beschwerdeführer keine Hinweise auf weitere,
schwerwiegendere Beeinträchtigungen seines Gesundheitszustandes.
Von einer akuten Gefährdung des Beschwerdeführers, welche einer Über-
stellung nach Slowenien entgegenstehen würde, ist nicht auszugehen. Zu-
dem ist nicht ersichtlich, weshalb allfällige Folgeuntersuchungen und wei-
tere Behandlungen in der Schweiz zu erfolgen haben, zumal der Zugang
zu allen notwendigen Untersuchungen und Medikamenten in Slowenien –
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entgegen den unbelegten Vorbringen des Beschwerdeführers – gewähr-
leistet ist. Ein Selbsteintritt aus humanitären Gründen ist bei dieser Sach-
lage nicht angezeigt. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
nicht eingetreten und hat zu Recht die Überstellung nach Slowenien ange-
ordnet.
4.3 Im Weiteren werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Voll-
zug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, die slowenischen Be-
hörden – sofern notwendig – vorgängig in geeigneter Weise über die spe-
zifischen medizinischen Umstände des Beschwerdeführers informieren
(Art. 31 f. Dublin-III-VO).
5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und mit dem Urteil in
der Sache wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ge-
genstandslos.
6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– von allem Anfang an als aussichtslos zu betrachten waren. Die Verfah-
renskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.- festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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