Decision ID: 05524c92-f731-4ad2-903a-dc4c59ff8db5
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
F._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprecher Marco Büchel, LL.M., c/o K & B Rechtsanwälte,
Freudenbergstrasse 24, Postfach 213, 9240 Uzwil,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rentenrevision (Einstellung)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a F._, geboren 1962, meldete sich am 12. August 2002 zum Bezug von IV-
Leistungen an (act. G 4.1.2). Die IV-Stelle sprach ihm mit Wirkung ab 1. Januar 2004
eine halbe Rente zu (Verfügung vom 18. März 2004, act. G 4.57; zur wegen
Taggeldleistungen befristeten Rentenleistung für die Dauer vom 1. Januar bis 31. März
2003 vgl. Verfügung vom 31. August 2004, act. G 4.1.76).
A.b Gestützt auf das eingeholte ABI-Gutachten vom 7. Juli 2006, worin dem
Versicherten mit Wirkung ab 24. Mai 2006 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigt wurde (act. G 4.1.110), stellte die IV-Stelle in
der Verfügung vom 14. Februar 2007 die Rentenleistungen mit Wirkung ab 1. April
2007 ein und entzog einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung (act.
G 4.1.172).
A.c Die dagegen erhobene Beschwerde vom 16. März 2007 wurde vom
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 21. August 2008, IV 2007/126, teilweise
gutgeheissen. Die Sache wurde zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung im Sinn

der Erwägungen an die IV-Stelle zurückgewiesen (act. G 4.1.197). Die Rente blieb
eingestellt (act. G 4.1.199).
A.d In dem von der IV-Stelle eingeholten interdisziplinären (rheumatologisch-
psychiatrischen) Gutachten der MEDAS Ostschweiz vom 23. April 2009 wurde dem
Versicherten eine 25%ige Arbeitsunfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
bescheinigt (act. G 4.1.205-19). Gestützt auf diese medizinische Einschätzung
ermittelte die IV-Stelle im Vorbescheid vom 14. September 2009 einen Invaliditätsgrad
von 33% und bestätigte die Renteneinstellung (act. G 4.1.217).
A.e Dagegen erhob der Versicherte am 15. Oktober 2009 Einwand und brachte vor, im
Urteil des Versicherungsgerichts vom 21. August 2008 sei festgehalten worden, dass
an der damaligen Begutachtung durch die ABI weder ein Orthopäde noch ein
Rheumatologe teilgenommen habe und deshalb sowohl ein Rheumatologe als auch ein
Orthopäde zwingend beizuziehen seien. Bei der Begutachtung durch die MEDAS fehle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
es an einer orthopädischen Begutachtung sowie an eingehenden Funktionstests und
Spezialuntersuchungen, weshalb deren Ergebnisse nicht beweistauglich seien. Selbst
wenn auf das Gutachten der MEDAS abzustellen wäre, müsse ihm weiterhin eine halbe
Rente ausbezahlt werden, da eine Verbesserung des Gesundheitszustands nicht
ausgewiesen sei (act. G 4.1.218).
A.f Nach einer Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst der
Invalidenversicherung (RAD; vgl. hierzu act. G 4.1.222 und G 4.1.225) und Rückfragen
bei der MEDAS Ostschweiz (Stellungnahme der MEDAS Ostschweiz vom
30. November 2009, act. G 4.1.224) verfügte die IV-Stelle am 11. Dezember 2009
entsprechend dem Vorbescheid vom 14. September 2009 (act. G 4.1.226).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 11. Dezember 2009 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 25. Januar 2010. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter
Kosten- und Entschädigungsfolge deren Aufhebung und dass ihm weiterhin eine halbe
Rente rückwirkend ab Renteneinstellung ausgerichtet werde. Eventualiter sei dem
Beschwerdeführer rückwirkend ab Einstellung der Rente eine Viertelsrente
auszurichten. Zur Begründung führt er im Wesentlichen aus, dass das
Versicherungsgericht im Urteil vom 21. August 2008 verbindliche Richtlinien für die
neuerliche Begutachtung aufgestellt habe. Diesen Anforderungen seien die MEDAS-
Gutachter vor allem mit Blick auf das Fehlen einer fachorthopädischen
Teilbegutachtung nicht nachgekommen, weshalb deren Beurteilung nicht
beweistauglich sei. Ferner hätten die Experten der MEDAS bei ihrer Einschätzung nicht
den massgeblichen Zeitraum ab der ursprünglichen Rentenzusprache berücksichtigt.
Des Weiteren seien seit der ursprünglichen Rentenzusprache keine revisionsrechtlichen
Veränderungen ausgewiesen und bei der Bestimmung des Invalideneinkommens sei zu
Unrecht die Vornahme eines Leidensabzuges unterblieben (act. G 1). Der Beschwerde
ist ein ärztlicher Bericht von Dr. med. A._, Leiter Orthopädie beim Spital Altstätten,
vom 21. Januar 2010 beigelegt. Darin diagnostiziert er zwei freie Gelenkskörper im
linken Knie sowie eine arterielle Hypertonie. Vom 18. bis 20. Januar 2010 habe sich der
Beschwerdeführer zur Kniearthroskopie links mit Entfernung der freien Gelenkskörper
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in stationärer Behandlung befunden. Dr. A._ bescheinigte dem Beschwerdeführer für
die Dauer von 2 Wochen eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 1.2).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 12. März 2010
die Beschwerdeabweisung. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus, dass das
Gutachten der MEDAS Ostschweiz beweistauglich sei, indessen der darin gestützt auf
die psychiatrischen Leiden bescheinigten 25%igen Arbeitsunfähigkeit die
invalidisierende Wirkung abgehe. Ein Abzug von dem für die Ermittlung des
Invalideneinkommens massgebenden Tabellenlohn sei nicht gerechtfertigt. Daher sei
zu Recht mangels fortbestehender rentenbegründender Invalidität die
Renteneinstellung verfügt worden. Für den Fall, dass die Revisionsvoraussetzungen
verneint würden, sei die verfügte Renteneinstellung mit der substituierten Begründung
der Wiedererwägung zu schützen (act. G 4).
B.c In der Replik vom 19. April 2010 hält der Beschwerdeführer unverändert an den
gestellten Anträgen und der Beschwerdebegründung fest. Ergänzend bringt er vor,
dass die Voraussetzungen für eine Wiederwägung nicht erfüllt seien (act. G 6).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 8).
Erwägungen:
1.
Für die allgemeinen rechtlichen Erwägungen zum Invalidenrentenanspruch und dessen
Revision kann auf den in vorliegender Sache ergangenen Rückweisungsentscheid des
Versicherungsgerichts vom 21. August 2008, IV 2007/126, E. 2 bis 3 verwiesen werden.
2.
2.1 Umstritten ist, ob die revisionsweise Einstellung der halben Invalidenrente durch die
Beschwerdegegnerin zu Recht erfolgt ist und sich der Sachverhalt im massgebenden
Zeitraum vom 18. März 2004 (Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenverfügung, act.
G 4.1.57) bis zum 11. Dezember 2009 (Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung, act.
G 4.1.226) revisionserheblich verändert hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Der ursprünglichen Rentenverfügung lagen in medizinischer Hinsicht im
Wesentlichen die Berichte des Hausarztes Dr. med. B._ vom 6. September 2002 (act.
G 4.1.10-1 f.), von Dr. med. C._, Spezialarzt FMH für Physik, Medizin, speziell
Rheumaerkrankungen, vom 24. Oktober 2000 (act. G 4.1.10-5 f.), von Dr. med. D._,
Spezialarzt FMH für Radiologie vom 10. Mai 2002 (act. G 4.2), sowie der Fachstelle für
Sozialpsychiatrie und Psychotherapie Heerbrugg vom 13. Januar 2003 (act. G 4.1.15)
zugrunde.
2.2.1 Dr. C._ diagnostizierte im Bericht vom 24. Oktober 2000 ätiologisch unklare
Arthralgien beider Radiocarpalgelenke bei Status nach Exzision eines Ganglions sowie
später erneuter Revision über dem dorsalen Handgelenk links, ein thorako-vertebrales
Syndrom bei leichtem Rundrücken sowie chronisch asthmoide Bronchitis. Im
Vordergrund stünden Schmerzen seitens der Handgelenke. Die vertebragenen
Probleme seien derzeit unbedeutend. In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit spiele auch
weitgehend eine funktionelle Komponente mit Aggravationstendenz mit (act.
G 4.1.10-5 f.).
2.2.2 Der Hausarzt diagnostizierte mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein
thorakovertebrales Syndrom, einen Knieschmerz rechts bei geringgradiger
Chondromalazie retropatellär sowie eine depressive Entwicklung. In einer leichten
körperlichen Tätigkeit sei der Beschwerdeführer voll arbeitsfähig (act. G 4.1.10-1 ff.).
2.2.3 Dr. D._ erhob am 10. Mai 2002 folgenden Befund: Degenerierte Bandscheiben
L4/5 und L5/S1 mit Dehydration dieser beiden Bandscheiben sowie leichter dorsaler
Diskusprotrusion der Bandscheibe L4/5, jedoch ohne Nachweis einer
Nervenwurzelkompression auf dieser Höhe. Leicht hypertrophierende Spondylarthrose
auf diesem Niveau. Die Bandscheibe L5/S1 zeige eine kleine subligamentäre mediane
Hernierung. Zusätzlich bestünde auch eine hypertrophierende Spondylarthrose. Die
übrige lumbale Wirbelsäule sei kernspintomographisch normal (act. G 4.2).
2.2.4 Die behandelnden Ärzte der Fachstelle für Sozialpsychiatrie und Psychotherapie
stellten am 13. Januar 2003 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit folgende
Diagnosen: eine leichte kognitive Störung (ICD-10: F06.7), eine Störung der
Impulskontrolle und eine niedrige Frustrationstoleranz (ICD-10: F63.8), chronische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rückenschmerzen nach Trauma/Unfall, eine schwere depressive Episode ohne
psychotische Symptome (ICD-10: F32.2), einen Status nach Unfall (1987) mit
Kniequetschung rechts sowie Handgelenksprobleme beidseits mit Schmerzen und
Schwäche. Ab dem 20. September 2002 beurteilten sie den Beschwerdeführer bis auf
weiteres zu 50% arbeitsunfähig; eine ergänzende medizinische Abklärung sei angezeigt
(act. G 4.1.15).
3.
3.1 Der angefochtenen Verfügung liegt in medizinischer Hinsicht das Gutachten der
MEDAS Ostschweiz vom 23. April 2009 zugrunde. Die Begutachtung wurde von
Dr. med. E._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. med. G._,
Facharzt FMH für Innere Medizin sowie Rheumatologie, und Dr. med. H._, Facharzt
FMH für Allgemeine Medizin, Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie,
durchgeführt. Mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit diagnostizierten die
Experten eine leichte depressive Episode, ein chronisches thorako-lumbales Syndrom
mit vegetativen Begleitbeschwerden sowie eine beginnende mediale Gonarthrose und
Femoro-Patellararthrose links. Weiter stellten sie folgende Nebendiagnosen (ohne
wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit): eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung, eine akzentuierte Persönlichkeit mit emotional instabilen Zügen vom
impulsiven Typ sowie dissozialen Anteilen; ein grenzwertiges obstruktives
Schlafapnoe-Syndrom, eine arterielle Hypertonie, eine Adipositas sowie einen Verdacht
auf Restless legs. Die angestammte häufig körperlich schwere Tätigkeit als
Lastwagenmechaniker sei dem Beschwerdeführer angesichts der chronisch
rezidivierenden thorako-lumbalen Schmerzen als nicht mehr zumutbar zu erachten,
auch wenn klinisch sowie bildgebend keine gravierenden Befunde bekannt seien. Für
körperlich leichtere bis mittelschwere Tätigkeiten, die wahrscheinlich auch zumindest
vereinzelt privat ausgeübt würden (aufgrund der Handbeschwielung anzunehmen),
bestünden Einschränkungen aufgrund von Abnützungsveränderungen der
Lendenwirbelsäule und der noch leichten, aber beginnenden medialen Kniearthrose
links mit chronisch rezidivierenden Beschwerden, dies seit Jahren kombiniert mit
psychischen Faktoren. Unter Beachtung der wahrscheinlich schwankenden, momentan
leichten Depression und der bekannten Abnützungsveränderungen der unteren
Lendenwirbelsäule bescheinigten die Experten dem Beschwerdeführer für körperlich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
leichtere bis mittelschwere Tätigkeiten eine 75%ige Arbeitsfähigkeit. Die
vorangegangene Beurteilung durch die ABI, worin von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit
für leidensadaptierte Tätigkeiten ausgegangen worden sei, sei "als zu streng bzw. zu
einseitig einzustufen". Sie sei "letztlich nicht ganz nachvollziehbar". In psychischer
Hinsicht sei im Vergleich mit dem Referenzzeitpunkt vom März 2004 (ursprüngliche
Rentenverfügung) eine Besserung eingetreten. Der Zeitpunkt der Besserung lasse sich
rückwirkend nicht terminieren, spätestens zum Zeitpunkt der Untersuchung durch die
ABI (Mai 2006) dürfe von einer Besserung ausgegangen werden (act. G 4.1.205).
3.2 Der Beschwerdeführer rügt unter Verweis auf den Rückweisungsentscheid des
Versicherungsgerichts vom 21. August 2008 an der MEDAS-Begutachtung, dass sie
unter Ausschluss eines orthopädischen Fachexperten erfolgt sei (act. G 1).
3.2.1 Dem Beschwerdeführer ist darin beizupflichten, dass das Versicherungsgericht in
seinen allgemeinen Erwägungen des Rückweisungsentscheids (E. 5.3.1 des
Rückweisungsentscheids) eine medizinische Lehrmeinung wiedergab, wonach bei der
Beurteilung von Wirbelsäulensyndromen eine orthopädische Begutachtung unerlässlich
sei (M. Franke, Erkrankungen des Bewegungsapparates, in: Hans Hermann Marx
[Hrsg.], Medizinische Begutachtung, Grundlagen und Praxis, 6. Auflage 1992, S. 377).
Gestützt auf die gleiche medizinische Lehrmeinung stellte es indes in den Vordergrund,
dass Wirbelsäulensyndrome dem medizinischen Fachgebiet der Rheumatologie
zuzuordnen seien (E. 5.3.1 u.a. mit Hinweis auf M. Franke, a.a.O., S. 368 und 376).
3.2.2 Das Versicherungsgericht stellte den Beweiswert des ABI-Gutachtens u.a.
deshalb in Frage, weil die somatische Begutachtung "weder durch einen
Rheumatologen noch durch einen Orthopäden" vorgenommen worden sei. Es wäre bei
der vorliegenden Wirbelsäulenproblematik angezeigt gewesen, "einen auf dieses
Fachgebiet spezialisierten, ausgewiesenen Experten zur Begutachtung beizuziehen".
Das Fehlen eines derartigen Facharzttitels stelle somit ein Indiz gegen die
Zuverlässigkeit der ABI-Begutachtung dar (E. 5.3.3 des Rückweisungsentscheids).
Letztlich wies das Versicherungsgericht die Sache angesichts des Vorliegens von
physischen und psychischen Beeinträchtigungen zur erneuten polydisziplinären
Begutachtung zurück (E. 5.8 des Rückweisungsentscheids). Wie sich aus diesen
Erwägungen ergibt, war dem Versicherungsgericht daran gelegen, die Leiden des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführers nicht nur fachpsychiatrisch, sondern - im Rahmen einer
polydisziplinären Begutachtung - vor allem auch durch einen auf
Wirbelsäulensyndrome spezialisierten Experten begutachten zu lassen. Zwar kann es
mit Blick auf die zitierte medizinische Literatur für die Beurteilung von
invalidenversicherungsrechtlichen Leistungen als wünschenswert oder unter
Umständen - die vorliegend aufgrund der einlässlichen rheumatologischen
Untersuchung indes nicht gegeben sind (vgl. nachfolgende E. 3.2.3) - als unabdingbar
erachtet werden, wenn sich Experten aus der rheumatologischen und orthopädischen
Fachrichtung zu Wirbelsäulensyndromen äussern. Wie der RAD-Arzt (vgl.
Stellungnahme vom 6. November 2009, act. G 4.1.222) richtig bemerkt, kann aus dem
Rückweisungsentscheid aber nicht geschlossen werden, das Versicherungsgericht
habe zusätzlich zur rheumatologischen Begutachtung eine für die Beschwerdegegnerin
verbindliche Anordnung einer wirbelsäulenorthopädischen Begutachtung getroffen (zur
Verbindlichkeit einer Anordnung vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 10. August 2010,
9C_548/10, E. 4.2, wo das kantonale Gericht eine wirbelsäulenorthopädische
Untersuchung ergänzend zu einer bereits vorgenommenen rheumatologischen
Begutachtung anordnete).
3.2.3 Bei der Begutachtung in der MEDAS Ostschweiz war ein rheumatologischer
Facharzt beteiligt. Dieser nahm sowohl klinische wie auch bildgebende
Untersuchungen vor und legte die dabei gewonnenen Erkenntnisse, unter Einbezug der
in den Akten liegenden orthopädischen Berichte, seiner Beurteilung der somatischen
Restleistungsfähigkeit zugrunde (act. G 4.1.205). In der Stellungnahme vom
30. November 2009 begründet der rheumatologische Gutachter des Weiteren
ausführlich und nachvollziehbar, weshalb von einem Beizug eines orthopädischen
Gutachters abgesehen worden sei. Vor diesem Hintergrund vermag das Fehlen einer
wirbelsäulenorthopädischen Begutachtung für sich allein keine Zweifel am Gutachten
der MEDAS zu begründen (act. G 4.1.224).
3.2.4 Daran ändert der zwischenzeitlich vorgenommene orthopädische Eingriff vom
18. Januar 2010 (Kniearthroskopie links mit Entfernung der freien Gelenkskörper)
nichts. Denn dieser bezog sich nicht auf die gemäss Schmerzschilderung des
Beschwerdeführers im Vordergrund stehende Wirbelsäule. Es geht daraus auch nicht
hervor, dass der Beschwerdeführer durch den Eingriff am Knie und dessen Folgen in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
invalidisierender Weise eingeschränkt wäre. Der behandelnde Orthopäde stellte eine
gute Prognose und bescheinigte eine auf die Dauer von 2 Wochen beschränkte
100%ige Arbeitsunfähigkeit zur "Schonung" (act. G 1.2). Ferner hatten die MEDAS-
Gutachter Kenntnis von den Beschwerden am linken Knie (act. G 4.1.205-3,
4.1.205-7 f.; zur klinischen Untersuchung vgl. act. G 4.1.205-9) und diagnostizierten mit
Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit u.a. eine beginnende mediale
Gonarthrose und Femoro-Patellararthrose links (act. G 4.1.205-14). Damit geht einher,
dass der Beschwerdeführer keine weiteren wesentlichen Gesichtspunkte benennt, die
anlässlich der Begutachtung in der MEDAS nicht berücksichtigt worden wären und
einen fachorthopädischen Abklärungsbedarf begründen würden.
3.3 Gegen die Einschätzung des MEDAS-Gutachtens bringt der Beschwerdeführer
weiter vor, sie berücksichtige nicht den vorliegend massgeblichen Zeitraum ab dem
Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenverfügung vom 18. März 2004, sondern lediglich
denjenigen ab dem 15. Dezember 2007 (act. G 1, S. 4). Das Versicherungsgericht
ordnete im Rückweisungsentscheid vom 21. August 2008 an, dass die
Beschwerdegegnerin abkläre, ob und gegebenenfalls wie sich der Gesundheitszustand
und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer geeigneten
Verweisungstätigkeit "seit der ursprünglichen Rentenzusprache vom 18. März 2004"
entwickelt hat (E. 5.8 des Rückweisungsentscheids). Dem kamen die Experten der
MEDAS nach. Zwar ist dem Beschwerdeführer gegenüber zuzugestehen, dass es der
Fragestellung der Beschwerdegegnerin im Gutachtenauftrag an die MEDAS vom
12. November 2008 diesbezüglich an Klarheit mangelt. So fehlt darin ein ausdrücklicher
Hinweis auf den massgebenden Referenzzeitpunkt des 18. März 2004 (act. G 4.1.202).
Dies beeinträchtigt vorliegend indessen nicht die Aussagekraft der gutachterlichen
Einschätzung. Denn die Experten der MEDAS legten - in Kenntnis des
Rückweisungsurteils vom 21. August 2008 (act. G 4.1.205-7) - ihrer Beurteilung
ausdrücklich den revisionsrechtlich relevanten Referenzzeitpunkt "03/04
(Rentenverfügung)" zugrunde und sie verglichen die davor bestandenen Verhältnisse
mit denjenigen danach (act. G 4.1.205-16 f.).
3.4 Der Beschwerdeführer benennt keine Mängel am psychiatrischen Teil des MEDAS-
Gutachtens. Es sind auch keine ersichtlich. Insgesamt ergeben sich keine
Anhaltspunkte, die den Beweiswert des MEDAS-Gutachtens erschüttern würden,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
weshalb es als Grundlage für die Beurteilung der Restleistungsfähigkeit und deren
Verlauf seit der ursprünglichen Rentenzusprache vom 18. März 2004 herangezogen
werden kann.
4.
4.1 Die MEDAS-Gutachter beschrieben nachvollziehbar in Würdigung des seit 2002
eingetretenen Gesundheitsverlaufs und in Nachachtung des massgeblichen
Referenzzeitpunktes vom 18. März 2004 (Datum ursprüngliche Rentenverfügung), dass
sich der Gesundheitszustand aus psychiatrischer Sicht spätestens im Mai 2006
(Zeitpunkt ABI-Begutachtung) gebessert habe. Einen früheren Eintritt der Verbesserung
vermochten sie nicht verlässlich zu definieren (act. G 4.1.205 und G 4.1.224-2),
weshalb erst ab Mai 2006 mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer
revisionsrechtlich relevanten Verbesserung des Gesundheitszustands ausgegangen
werden darf. Ab diesem Zeitpunkt ist daher von einer gutachterlich bescheinigten
75%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten auszugehen. Da demnach
die Voraussetzungen für eine revisionsweise Anpassung der Rentenleistungen erfüllt
sind, erübrigen sich Weiterungen zur von der Beschwerdegegnerin - für den Fall der
Verneinung der Revisionsvoraussetzungen - geltend gemachten substituierten
Begründung der Wiedererwägung.
4.2 Die Beschwerdegegnerin bringt vor, dass der diagnostizierten leichten depressiven
Episode keine invalidisierende Wirkung zukomme. Zur Begründung verweist sie auf die
Rechtsprechung des Bundesgerichts zur somatoformen Schmerzstörung (act. G 4).
Vorab verkennt die Beschwerdegegnerin bei ihrer Argumentation, dass die MEDAS-
Gutachter der somatoformen Schmerzstörung gerade keine invalidisierende Wirkung
beigemessen und eine davon unabhängige, abgrenzbare Diagnose einer leichten
depressiven Episode gestellt haben. Einzig aufgrund letzterer wird eine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit bescheinigt, und zwar unter Berücksichtigung der gesamten
Situation (act. G 4.1.205-17). Für das Gericht besteht keine Veranlassung, von den
überzeugenden gutachterlichen Einschätzungen abzuweichen, zumal diese auch vom
RAD "versicherungsmedizinisch" bestätigt worden sind (act. G 4.1.211). Dabei darf
auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass der Beschwerdeführer in der
Vergangenheit an einer schweren depressiven Episode litt (vgl. etwa act. G 4.1.205-5)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und das derzeitige depressive Beschwerdebild nicht lediglich als Nebenerscheinung
der somatoformen Schmerzstörung betrachtet werden darf, sondern ihren Ursprung in
der früheren (eigenständigen) schweren depressiven Episode hat. Zwar weist die
Beschwerdegegnerin auf folgende Aussage des psychiatrischen Gutachters hin: "Ich
finde zur Zeit keine Hinweise dafür, dass die aktuelle leichte depressive Störung ein
Ausmass erreicht hat, so dass von einer erheblichen Komorbidität gesprochen werden
kann" (act. G 4.1.206-11). Mit Blick auf die eigenständige Diagnose der depressiven
Störung, die sich aus einer schweren depressiven Episode entwickelte ("Die seit Jahren
bestehende psychische Störung"; act. G 4.1.224), und der gestützt darauf
bescheinigten 25%igen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sowie dem übrigen Kontext
des psychiatrischen Teilgutachtens (und der nachträglichen Stellungnahme vom
30. November 2009, act. G 4.1.224), kann dieser Aussage allerdings nur die Bedeutung
beigemessen werden, dass die psychiatrische Diagnose nicht zusätzlich eine
invalidisierende Wirkung der somatoformen Schmerzstörung begründet.
5.
5.1 Gestützt auf die gutachterlich bescheinigte Restarbeitsfähigkeit von 75% seit Mai
2006 bleiben deren erwerbliche Auswirkungen zu beurteilen. Zwischen den Parteien
sind dabei die anwendbare Methode des Einkommensvergleichs sowie das
Valideneinkommen (ausgehend von einer Tätigkeit als Betriebsmechaniker; act.
G 4.1.46 und G 4.1.212-3) von Fr. 71'011.-- unbestritten geblieben. Aus den Akten
ergeben sich keine Hinweise, dass die Methode des Einkommensvergleichs oder das
der Verfügung zugrunde gelegte Valideneinkommen unzutreffend wären. Umstritten
und zu prüfen ist dagegen die Höhe des Invalideneinkommens.
5.2 Bei der Bestimmung des Invalideneinkommens ist zu beachten, dass die MEDAS-
Gutachter dem Beschwerdeführer eine 75%ige Arbeitsfähigkeit für körperlich leichtere
bis mittelschwere Tätigkeiten bescheinigten und lediglich die erlernte, seit 1987 (act.
G 4.1.17) nicht mehr ausgeübte Tätigkeit als Lastwagenmechaniker für unzumutbar
erachteten (act. G 4.1.205-17). Da die während Jahren ausgeübte Tätigkeit als
Betriebsmechaniker (Kleinreparaturen und Unterhaltsarbeiten an Maschinen wie etwa
Rasenmäher, Handwerksmaschinen usw., act. G 4.1.17; Lagertätigkeit, act. G 4.1.46)
den von den MEDAS-Gutachtern umschriebenen leidensangepassten Tätigkeiten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entspricht, kann das Invalideneinkommen auf der gleichen Grundlage wie für das
Valideneinkommen erhoben werden. In derartigen Fällen, wo zur Bestimmung des
Validen- und Invalideneinkommens dieselbe Vergleichsgrösse herangezogen wird,
kann ein sogenannter Prozentvergleich vorgenommen werden. Diesfalls entspricht der
Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung des Abzuges
vom Tabellenlohn (Urteil des Bundesgerichts vom 9. März 2007, I 697/05, E. 5.4 mit
Hinweis). In Anwendung eines Prozentvergleichs bleibt zur Bestimmung des
Invalideneinkommens nachfolgend noch die Höhe des Abzuges vom Tabellenlohn zu
prüfen.
5.3 Die Parteien sind sich uneinig darüber, ob ein (Leidens-)Abzug vorzunehmen ist.
Während die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung keinen Abzug
vornahm, hält der Beschwerdeführer einen 25%igen Abzug für gerechtfertigt.
5.3.1 Die Fragen, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind,
hängen von sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen – auch von
invaliditätsfremden Faktoren – des konkreten Einzelfalles ab (namentlich
leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie
und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu
schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25% festzusetzen ist. Eine
schematische Vornahme des Leidensabzuges ist unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b,
bestätigt in AHI 2002 S. 62 und BGE 129 V 481 E. 4.2.3 mit Hinweisen).
5.3.2 Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin bestehen vorliegend mehrere
Gründe, die für die Vornahme eines Abzugs sprechen. Vorab ist darauf hinzuweisen,
dass die MEDAS-Gutachter ausdrücklich - zusätzlich zur quantitativen Einschränkung -
qualitative Einschränkungen an eine zumutbare Tätigkeit stellten ("im Sinne von wenig
stressiger Arbeit, freier Zeiteinteilung und relativ freies Arbeiten", act. G 4.1.205). Des
Weiteren bestehen zahlreiche, bei der Bestimmung der quantitativen
Restarbeitsfähigkeit nicht berücksichtigte Nebendiagnosen, die sich lohnsenkend
auswirken dürften (etwa eine akzentuierte Persönlichkeit mit emotional instabilen
Zügen vom impulsiven Typ sowie dissozialen Anteilen, act. G 4.1.205-14). Hinzu
kommt, dass der Beschwerdeführer die 75%ige Restarbeitsfähigkeit ganztags zu
verwerten hat (act. G 4.1.206-11). Dass eine Leistung von 75% lediglich über einen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ganzen Arbeitstag verteilt erbracht werden kann, ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht
(Auslastung des Arbeitsplatzes usw.) als lohnmässig relevante Erschwernis für die
erwerbliche Verwertung der verbliebenen Arbeitsfähigkeit anzuerkennen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 21. September 2010, 9C_728/09, E. 4.3.2 mit Hinweisen; zu einer
eingehenden Begründung vgl. Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
vom 13. Januar 2009, IV 2007/192, E. 3.3.2 mit weiteren Hinweisen). Das Alter des
Beschwerdeführers (im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung vom 11. Dezember
2009 war der 1962 geborene Beschwerdeführer 47-jährig) und die ihm verbleibende
Aktivitätsdauer von mehr als 15 Jahren rechtfertigen keinen weiteren Abzug. Insgesamt
erscheint beim Beschwerdeführer, der immerhin (wieder) über eine 75%ige
Restarbeitsfähigkeit verfügt, ein Abzug von jedenfalls 10% als angemessen. Ergänzend
ist darauf hinzuweisen, dass auch die Sachbearbeiterin der Beschwerdegegnerin in der
Stellungnahme Fachbereich vom 23. Februar 2010 einen 10%igen Leidensabzug als
angemessen hielt. Sie geht indessen unzutreffend davon aus, dass dieser bei der
Invaliditätsbemessung in der angefochtenen Verfügung (bereits) berücksichtigt worden
sei (act. G 4.1.235).
5.3.3 Nach der Vornahme eines 10%igen Abzugs resultiert bei Berücksichtigung einer
75%igen Restarbeitsfähigkeit im Rahmen des Prozentvergleichs ein nicht
rentenbegründender Invaliditätsgrad von gerundet 33% (100% - [75% x 0.9]). Selbst
bei Berücksichtigung eines 15%igen Abzugs ergäbe sich kein rentenbegründeter
Invaliditätsgrad (100% - [75% x 0.85] = 36%). Die von der Beschwerdegegnerin
verfügte Renteneinstellung erweist sich damit als richtig. Sollte der Beschwerdeführer
von der Beschwerdegegnerin die Gewährung Massnahmen beruflicher Art wünschen,
so steht es ihm frei, entsprechende Ansprüche anzumelden.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gegen die Verfügung vom 11. Dezember 2009
abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach
dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
Ausgang des Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich dem Beschwerdeführer
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufzuerlegen. Der von ihm geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm daran
anzurechnen. Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.