Decision ID: fd0733d3-1c1b-542b-a712-e3844ea234a0
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte), war seit 16. Juni 2003 zu 100% als
Betriebsmitarbeiterin bei der B._, C._, angestellt und dadurch bei der
Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva) gegen die Folgen von
Unfällen versichert. Am 21. September 2012 erlitt sie bei der Arbeit einen Unfall.
Gemäss Schadenmeldung vom 24. September 2012 war die Versicherte beim
Ausrichten der Verbundbahnen zwischen die einzelnen Lagen geraten und hatte sich
die rechte Mittelhand gequetscht (Suva-act. 1). Mit Arztzeugnis vom 21. September
2012 war eine Handkontusion rechts diagnostiziert und eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit bis 25. September 2012 attestiert worden (Suva-act. 19).
A.a.
Im MRT der rechten Hand vom 4. Oktober 2012 zeigte sich ein spongiöser Kontu
sionsherd im Os trapezium mit perifokalem Weichteilödem ohne Frakturnachweis, eine
initiale Rhizarthrosis und im Übrigen eine normale Darstellung des Handskeletts rechts
ohne Nachweis weiterer posttraumatischer Läsionen (Suva-act. 36). Mit Arztbericht
vom 30. Oktober 2012 diagnostizierten Dr. med. D._ und Prof. Dr. med. E._ vom
Kantonsspital St. Gallen (KSSG), Klinik für Hand-, Plastische- und Wiederherstellungs
chirurgie, ein Quetschtrauma der Hand rechts mit/bei beginnendem lokalem CRPS. Bei
A.b.
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Quetschverletzungen der Hand sei nicht selten von einer längeren Schmerzproblematik
auszugehen. Bei klinisch beginnenden Zeichen eines lokalen CRPS werde dieses auch
so behandelt (Suva-act. 9). Am 23. November 2012 berichteten die verantwortlichen
Ärzte des KSSG von einer deutlichen Beschwerdeminderung, wobei die Schmerzen
sowie die Schwellung noch nicht komplett regredient seien. Vorerst bestehe weiterhin
eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 18). Am 19. Dezember 2012 war die
Schwellung im Vergleich zur Voruntersuchung gemäss Bericht des KSSG vom 27.
Dezember 2012 deutlich zurückgegangen. Die Hand könne bereits wieder gut im Alltag
eingesetzt werden. Ganz schmerzfrei sei sie allerdings noch nicht. Die Arbeit werde im
neuen Jahr wieder aufgenommen und die Behandlung vorerst abgeschlossen (Suva-
act. 30).
Anlässlich einer Befragung vom 23. Januar 2013 durch die Suva führte die
Versicherte aus, dass sie immer noch Schmerzen vom Zeigfinger bis ins Handgelenk
und unten über die Handfläche bis hinauf zum Ellbogen habe. Sie nehme täglich eine
Tablette Influbene C sowie ca. jeden zweiten Tag das Schmerzmedikament Dafalgan.
Bei der B._ arbeite sie an einer Maschine, die aus Fliesen O._ herausstanze. Einmal
pro Schicht müsse man die Maschine einrichten, das heisse, die Fliesen durch die
Maschine ziehen und programmieren. Wenn die Maschine laufe, sei sie für die
Kontrolle der Maschine zuständig. An der Maschine arbeite man zu zweit, wobei eine
Person für das Einpacken der O._ zuständig sei. Am Unfalltag habe sie an der
Maschine die Rollen mit Flies gewechselt. Nach dem Wechsel habe sie festgestellt,
dass ein Flies in der Maschine leicht verrutscht gewesen sei und sie habe das Flies mit
beiden Händen zu sich ziehen wollen. In diesem Augenblick habe die Maschine einen
Ruck gemacht und es habe ihr die halbe rechte Hand, im Bereich des Daumens, Zeig-
und Mittelfingers, zwischen zwei Hülsen, durch welche das Flies laufe, eingeklemmt.
Sie habe die Hand erst herausziehen können, als die Maschine plötzlich einen Ruck
vorwärts gemacht habe. Am 28. Januar 2013 werde sie die Arbeit zu 50% wieder
aufnehmen. Sie hoffe, dass dies trotz der noch bestehenden Beschwerden gelinge
(Suva-act. 32).
A.c.
Am 8. April 2013 wurde bei anhaltend geltend gemachten grossen Schmerzen
(Suva-act. 54) und noch immer bescheinigter 50%-iger Arbeitsunfähigkeit (Suva-act.
53) eine weitere MRT-Untersuchung der rechten Hand durchgeführt. Diese ergab
A.d.
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B.
keinen Nachweis von CRPS-typischen Veränderungen, eine zentrale Läsion des TFCC
sowie allenfalls eine niedergradige Peritendinitis der Extensoren radialseitig (Suva-act.
62).
Vom 17. Februar bis 7. März 2014 liess sich die Versicherte in den Kliniken P._
stationär behandeln. Die verantwortlichen Ärzte bescheinigten der Versicherten mit
Bericht vom 24. März 2014 bei Austritt eine 50%-ige Arbeitsfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit wie auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt (Suva-act. 136).
A.e.
Am 30. Juni 2014 kündigte die B._ der Versicherten per 30. September 2014
(Suva-act. 143).
A.f.
Vom 28. Oktober bis 18. November 2014 hielt sich die Versicherte in der
Rehaklinik F._ auf. Mit Austrittsbericht vom 19. November 2014 attestierten ihr die
Ärzte (bei erheblicher Symptomausweitung) in angestammter und leichter Tätigkeit
(bezogen auf die rechte Hand: ohne häufig wiederholten Krafteinsatz; ohne
Kälteexposition; ohne häufig wiederholte, gleichförmige Bewegungen in hohem Tempo)
eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit (Suva-act. 167).
A.g.
Am 11. April 2016 wurde die Versicherte durch med. pract. G._, Kreisärztin,
Fachärztin für Chirurgie, untersucht (Suva-act. 202). Nach Einholung weiterer
Arztberichte kam die Kreisärztin mit Beurteilung vom 12. Mai 2016 zum Schluss, dass
gesamthaft von einem Endzustand auszugehen sei. Eine leichte Tätigkeit sei ganztags
zumutbar (Suva-act. 210). Der Integritätsschaden betrage 7.5% (Suva-act. 211).
A.h.
Mit Verfügung vom 21. Juni 2016 lehnte die Suva einen Rentenanspruch ab und
sprach der Versicherten bei einer Integritätseinbusse von 7.5% eine
Integritätsentschädigung von Fr. 9'450.-- zu (Suva-act. 213). Diese Verfügung blieb
unangefochten.
A.i.
Am 7. Dezember 2016 reichte der Rechtsvertreter der Versicherten, Rechtsanwalt
Dr. R. Pedergnana, eine Rückfallmeldung ein. Dabei legte er einen Bericht von Dr. med.
H._ Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 7. Oktober 2016 sowie
eine Beurteilung der I._ vom 31. Mai 2016 ins Recht (Suva-act. 221-3 ff.). Beim
B.a.
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C.
Mit Entscheid vom 9. Mai 2019 wies die Suva die Einsprache ab. Die Voraussetzungen
Einsatz bei der I._ habe sich gezeigt, dass die Versicherte die Arbeitsleistung trotz
grossem Einsatz nicht über 50% habe steigern können. Dr. H._ halte dazu fest, dass
dies teilweise auf den Unfall zurückzuführen sei, weshalb die Suva gebeten werde, die
Taggeldleistungen wieder aufzunehmen (Suva-act. 221-1).
Am 22. Februar 2018 reichte Rechtsanwalt Pedergnana Berichte des KSSG, Klinik
für Neurologie, vom 10. Januar und 2. Februar 2018 ein. Es sei gestützt darauf klar,
dass die medizinische Behandlung seit 24. November 2017 zulasten der Suva gehe.
Werde von der Suva keine Rückfallsituation gesehen (oder eine Wiedererwägung),
dann solle die Suva dies verfügen (Suva-act. 227).
B.b.
Mit Verfügung vom 26. Februar 2018 trat die Suva auf das
Wiedererwägungsgesuch nicht ein (Suva-act. 228). Dagegen erhob der Versicherte
Einsprache. Die Suva habe offenbar übersehen, dass es sich vorliegend um eine
Rückfallmeldung handle. Entweder sei das Gutachten falsch gewesen, dann bestehe
Anspruch auf eine Wiedererwägung; oder das Gutachten sei richtig, dann handle es
sich um eine Rückfallmeldung. Es werde gebeten, die Sache wieder an die Suva St.
Gallen zur Wiederaufnahme der Leistungen ab Rückfallmeldung zurückzuweisen (Suva-
act. 229).
B.c.
Mit kreisärztlicher Untersuchung vom 15. März 2018 kam der Kreisarzt Dr. med.
J._, Facharzt für Chirurgie, spez. Unfallchirurgie, zum Schluss, dass aus
medizinischer Sicht keine massgebliche Änderung im Vergleich zum
Gesundheitszustand und zur Beurteilung bei Fallabschluss am 12. Mai 2016 vorliege
(Suva-act. 240).
B.d.
Mit Verfügung vom 19. April 2018 verneinte die Suva Ansprüche auf
Versicherungsleistungen gestützt auf die kreisärztliche Beurteilung vom 15. März 2018
(Suva-act. 244). Dagegen liess die Versicherte durch ihren Rechtsvertreter am 18. Mai
2018 Einsprache erheben. Es sei die Verfügung vom 19. April 2018 aufzuheben und
stattdessen eine Rente zu berechnen und eine angemessene Integritätsentschädigung
auszurichten (Suva-act. 245).
B.e.
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für eine (materielle) Rentenrevision seien nicht gegeben. Es bestehe auch kein
Anspruch auf eine höhere Integritätsentschädigung (Suva-act. 253).
D.
Gegen den Einspracheentscheid liess die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) am 6. Juni 2019 durch ihren Rechtsvertreter Beschwerde erheben
und beantragen, der Einspracheentscheid vom 9. Mai 2019 und die Verfügung vom 19.
April 2018 seien aufzuheben. Es sei der Beschwerdeführerin eine angemessene
(mindestens halbe) Rente zu leisten. Eventualiter sei ein unabhängiges, neurologisches
Gutachten in Auftrag zu geben. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der
Suva (nachfolgend: Beschwerdegegnerin). Im Wesentlichen begründete der
Rechtsvertreter seine Beschwerde damit, dass sich entweder der Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin seit der letzten rechtskräftigen Verfügung erheblich
verschlechtert habe oder – falls dies nicht der Fall sei – die genannte Verfügung in
Revision nach Art. 53 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) gezogen werden müsse (act. G 1).
D.a.
In der Beschwerdeantwort vom 9. September 2019 beantragte die
Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwalt Reto Bachmann, Luzern, die
Abweisung der Beschwerde vom 6. Juni 2019, soweit darauf eingetreten werden
könne, sowie die Bestätigung des Einspracheentscheids vom 9. Mai 2019. Eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands sei zu verneinen und die Voraussetzungen
für eine Revision nach Art. 53 ATSG seien nicht erfüllt (act. G 4).
D.b.
Mit Replik vom 14. Oktober 2019 hielt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
und deren Begründungen unverändert fest (act. G 6). Die Beschwerdegegnerin hielt
ihrerseits in der Duplik vom 29. Oktober 2019 an ihren Anträgen fest (act. G 8).
D.c.
Am 28. Mai 2020 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ein von der
IV-Stelle des Kantons St. Gallen in Auftrag gegebenes neurologisches Gutachten der
medexperts ag vom 24. Oktober 2019 ein. Es werde die Zusammenlegung dieses
Verfahrens mit dem IV-Verfahren (IV 2020/120; dort erfolgte die Beschwerdeerhebung
am 8. Juni 2020) beantragt. Ansonsten sei eine Frist für beide Parteien zur
Stellungnahme zum Gutachten anzusetzen (act. G 10). Am 8. Juni 2020 legte der
D.d.
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Erwägungen
1.
2.
Rechtsvertreter eine weitere Eingabe ins Recht (act. G 12). Beide Eingaben wurden der
Beschwerdegegnerin zur Kenntnis und allfälligen Stellungnahme gebracht (act. G 11
und 13).
Am 15. September 2020 teilte das Versicherungsgericht den Parteien mit, dass
der beantragten Zusammenlegung nicht stattgegeben werde. Das IV-Gutachten der
medexperts ag liege bei den Akten und werde bei der Entscheidfindung berücksichtigt.
Rechtsanwalt Pedergnana erhielt entsprechend seinem Antrag vom 28. Mai 2020
Gelegenheit, zum IV-Gutachten Stellung zu nehmen (act. G 14). Mit Schreiben vom 29.
September 2020 verzichtete er auf eine ausführliche Stellungnahme (act. G 15).
D.e.
Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der
übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.
D.f.
Mit Verfügung vom 21. Juni 2016 hat die Beschwerdegegnerin einen
Rentenanspruch abgewiesen und der Beschwerdeführerin bei einer Integritätseinbusse
von 7.5% eine Integritätsentschädigung von Fr. 9'450.-- zugesprochen (Suva-act. 213).
Diese Verfügung blieb unangefochten und wurde formell rechtskräftig.
1.1.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens (zum
Anfechtungsgegenstand siehe BGE 131 V 164 f. E. 2.1) bildet der Einspracheentscheid
vom 9. Mai 2019 (Suva-act. 253). Diesem liegt die Verfügung vom 19. April 2018
zugrunde (Suva-act. 244). Sowohl in der Verfügung als auch im Einspracheentscheid
hat die Beschwerdegegnerin darüber befunden, dass bezüglich Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin keine massgebliche Änderung im Vergleich zum Zeitpunkt der
Verfügung vom 21. Juni 2016 eingetreten sei, weshalb die Beschwerdegegnerin keine
weiteren Versicherungsleistungen zu erbringen habe. Umstritten und nachfolgend zu
prüfen ist, ob diese Beurteilung der Beschwerdegegnerin standhält.
1.2.
Eine Revision im Sinne von Art. 22 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) bzw. Art. 17 Abs. 1 ATSG entfällt von vornherein,
2.1.
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weil sich diese Bestimmung nur auf die Revision laufender Invalidenrenten bezieht.
Hingegen steht auch ein verfügter Fallabschluss durch Einstellung sämtlicher
Leistungen unter dem Vorbehalt einer Anpassung an geänderte unfallkausale
Verhältnisse. Dieser in der Invalidenversicherung durch das Institut der Neuanmeldung
(Art. 87 Abs. 4 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201])
geregelte Grundsatz gilt auch im Unfallversicherungsrecht, indem es einer versicherten
Person jederzeit frei steht, einen Rückfall oder Spätfolgen eines rechtskräftig
beurteilten Unfallereignisses geltend zu machen und erneut Leistungen der
Unfallversicherung zu beanspruchen (vgl. Art. 11 der Verordnung über die
Unfallversicherung [UVV; SR 832.202]). Rückfälle und Spätfolgen stellen besondere
revisionsrechtliche Tatbestände dar. Diesem Umstand ist auch dann Rechnung zu
tragen, wenn zu einem früheren Zeitpunkt ein (Renten-)Leistungsanspruch verneint
wurde, wie es hier durch die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 21. Juni 2016
geschehen ist. Unter diesen Titeln kann daher nicht eine uneingeschränkte neuerliche
Prüfung vorgenommen werden. Vielmehr ist von der rechtskräftigen Beurteilung
auszugehen, und die Anerkennung eines Rückfalls oder von Spätfolgen setzt eine
nachträgliche Änderung der anspruchsrelevanten Verhältnisse voraus (vgl. Art. 17
ATSG). Demgegenüber vermag die unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen
unverändert gebliebenen Sachverhalts keinen Grund für die Anerkennung eines
Rückfalls oder von Spätfolgen abzugeben (Urteil des Bundesgerichts vom 13.
November 2007, U 55/07, E. 4.1). Zu prüfen ist damit im Folgenden, ob von einer
nachträglichen Änderung der anspruchsrelevanten Verhältnisse auszugehen ist.
Die rentenabweisende Verfügung vom 21. Juni 2016 stützte sich insbesondere auf
die Ergebnisse der kreisärztlichen Untersuchung vom 11. April 2016 (Suva-act. 202)
bzw. die abschliessende Beurteilung von med. pract. G._ vom 12. Mai 2016 (Suva-
act. 210). Diese diagnostizierte eine unfallkausale Quetschverletzung Mittelhand rechts
mit neuropathischem Schmerzsyndrom, passager DD CRPS I, wofür sich im Verlauf
keine Hinweise mehr fanden, chronifiziertem Schmerzsyndrom mit
Symptomausweitung, DD somatoforme Schmerzstörung bei zunehmendem
depressivem Syndrom und aktuell: Restbeschwerden mit demonstriert deutlichen
Einschränkungen. Inspektorisch hätten sich im Bereich der Hände keine Auffälligkeiten
hinsichtlich Kolorit, Schwellungszustand und Behaarungsmuster sowie keine atrophen
Störungen im Bereich der Nägel gezeigt. Das Ulnastyloid rechts sei deutlich prominent.
Die rechte Hand werde in Schonhaltung gehalten und auf dem Tisch könne die
Beschwerdeführerin die Hand nicht lange liegen lassen. Die volle Fingerextension und
das Fingerspreizen rechts gelinge, aber etwas protrahiert im Vergleich zur Gegenseite.
Der Faustschluss werde unvollständig demonstriert. Die Daumenkuppe könne die
2.2.
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Langfingerkuppen II bis IV erreichen, Finger V werde nicht erreicht. Die Hand sei
symmetrisch kühl wie auch auf der Gegenseite, die Arteria radialis sei beidseits zu
palpieren. Die Handfläche zeige beidseits keine namhafte Beschwielung und beide
Handflächen seien trocken. Es bestehe eine diffuse Druckdolenz im Bereich der
gesamten rechten Hand mit beklagter Berührungsempfindlichkeit. Das Aufnehmen von
Kleinteilen von der Tischplatte werde als nicht möglich demonstriert, auch ein einzelnes
Blatt könne nicht zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten werden. Auf die
Überprüfung des Finkelstein-Zeichens werde aufgrund der demonstrierten
Beschwerdehaftigkeit verzichtet. Die Faustschlusskraftmessung nach Jamar werde auf
Wunsch der Patientin nicht durchgeführt und auch der Pinchgriff sei nicht
durchführbar. Die Umfangmasse der oberen Extremität waren auf beiden Seiten gleich.
Letztlich kam med. pract. G._ zum Schluss, dass bei medizinischem Endzustand
eine leichte Tätigkeit ganztags zumutbar sei (Suva-act. 202, 210). Die Beurteilungen
von med. pract. G._ beruhten auf einer eingehenden persönlichen Untersuchung,
waren für die streitigen Belange umfassend und ergingen in Kenntnis sämtlicher
Vorakten sowie in Würdigung der geklagten Beschwerden. Die Kreisärztin
berücksichtigte im Zumutbarkeitsprofil die zugestandenen Beeinträchtigungen an der
rechten Hand nach der Quetschverletzung und es erschien einleuchtend, dass bei
Einhaltung desselben eine volle Arbeitsfähigkeit zumutbar sein sollte.
2.3.
Dr. J._ untersuchte die Beschwerdeführerin am 15. März 2018 (Suva-act. 241).
Die Umfangmasse (stärkster Unterarm, Handgelenk, Mittelhand) waren rechts grösser
als links. Im Bereich der rechten Hand waren keine Auffälligkeiten hinsichtlich Farbe,
Schwellungszustand, Feuchtigkeit und Behaarung erkennbar. Bezüglich Hand
beschwielung bestand zwischen rechts und links kein Unterschied. Insgesamt waren
die Hautverhältnisse der oberen Extremitäten beidseits gleich bezüglich Farbe,
Temperatur, Feuchtigkeit und Behaarung und physiologisch ohne trophische Störung.
Grobneurologisch bestand eine regelrechte Motorik und Sensibilität in seitengleichem
Ausmass ohne Hinweis auf eine neurologische motorische Störung oder Störung der
Sensibilität. Der Faustschluss war beidseits vollständig ausführbar. Bei der Messung
der groben Kraft nach Jamar wurden rechts acht, links 26 Kilogramm erreicht. Die
Beweglichkeit von Daumen und Langfingern in allen Gelenkabschnitten war beidseits
uneingeschränkt frei für Flexion und Extension. Die Durchblutung war ungestört bei
peripher palpablen Pulsen und seitengleicher regelrechter Kapillardurchblutung. In
Würdigung dieser Befunde kam Dr. J._ zum Schluss, dass im Vergleich zur Situation
Mitte 2016 keine Verschlimmerung der unfallkausalen Beschwerden erkennbar sei.
2.3.1.
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Insbesondere habe sich kein klinischer Hinweis auf ein vorliegendes oder abgelaufenes
CRPS bei diesbezüglich identischem und unauffälligem Befund mit fehlenden
Diagnosekriterien und objektivierbaren Befunden ergeben. Ebenso hätten sich keine
somatische Gesundheitsstörung oder klinische Befunde nach funktionell anatomischen
Gesichtspunkten mit Nachweis einer Funktionseinschränkung oder Minderbelastung
der rechten Hand oder des rechten Handgelenks als Nachweis einer rein unfallkausalen
körperlichen Gesundheitsschädigung ergeben. Wie bereits bei der Untersuchung durch
med. pract. G._ habe sich weder eine Muskelumfangminderung im Bereich der
rechten oberen Extremität oder der Handbinnenmuskulatur rechts noch eine
seitendifferent herabgesetzte Handflächenbeschwielung gezeigt. Gegenteils habe sich
im Vergleich der objektiv klinisch messbaren Untersuchungsbefunde eine
Muskelumfangvermehrung rechts im Unterarmbereich und im Mittelhandbereich von
einem Zentimeter im Vergleich zur unverletzten Gegenseite als physiologischer
Normalbefund bei Rechtsdominanz gezeigt. Auch der Faustschluss sei aktuell im
Vergleich zur Untersuchung bei med. pract. G._ vollständig möglich gewesen und die
Kraftprüfung nach Jamar habe ausgeführt werden können. Es habe sich insgesamt
eine leichte Befundbesserung ohne massgebliche Auswirkung gezeigt.
Auch die Beurteilungen von Dr. J._ beruhen auf einer eingehenden
persönlichen Untersuchung, sind für die streitigen Belange umfassend und ergingen in
Kenntnis der Vorakten sowie in Würdigung der geklagten Beschwerden. Er legt
nachvollziehbar und gestützt auf die Befunderhebung einleuchtend dar, weshalb aus
medizinischer Sicht seit der Verfügung vom 21. Juni 2016 nicht von einem
verschlechterten Gesundheitszustand an der rechten Hand auszugehen ist. Dies
bestätigt die Beschwerdeführerin selbst, schilderte sie doch mehrfach, dass sich die
Beschwerden seit dem Jahr 2017 gebessert hätten (act. G 10.1 S. 16, 18 ff.). Von
einem verschlechterten Gesundheitszustand ist damit nicht auszugehen, selbst wenn in
Anlehnung an die Beurteilungen von Dr. med. K._, Fachärztin Neurologie des KSSG
(Suva-act. 227-6 f.) sowie Dr. med. L._, Facharzt Neurologie, und Dr. med. M._,
Facharzt Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates von
medexperts ag (act. G 10.1), von teils anderen Diagnosen ausgegangen würde. Die
funktionellen Auswirkungen – und darauf kommt es letztlich entscheidend an (vgl. u.a.
Urteil des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_130/2017, E. 6) – blieben
dieselben bzw. haben sich im Verlauf der Zeit gar leicht verbessert (Suva-act. 240-5).
Entsprechend widersprechen die genannten Fachärzte auch nicht Dr. J._ bezüglich
der Frage eines verschlechterten Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin in
Bezug auf die Beschwerden an der rechten Hand. Zwar erwähnt Dr. L._ ein neglect
2.3.2.
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3.
like-Syndrom als sekundäre CRPS-Komplikation (act. G 10.1 S. 21). Dies könnte auf
eine Spätfolge der Quetschverletzung hindeuten. Nachdem es aber – wie erwähnt –
auch dadurch im relevanten Zeitraum unbestrittenermassen zu keiner Verschlechterung
der Beschwerden und Funktionalität an der rechten Hand gekommen ist, würde auch
die Annahme, dieses Syndrom bestehe, nicht dazu führen, dass von einem
verschlechterten Gesundheitszustand bzw. einer nachträglichen Änderung der
anspruchsrelevanten Verhältnisse auszugehen wäre.
Zusammengefasst ist festzuhalten, dass im vorliegend relevanten Zeitraum (21.
Juni 2016 [Fallabschluss] bis 9. Mai 2019 [Einspracheentscheid]) keine
Verschlechterung des Gesundheitsschadens mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
ausgewiesen ist. Gegenteils ist von einer leichten Verbesserung auszugehen. Damit
besteht kein Anspruch auf weitere Versicherungsleistungen.
2.3.3.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin macht in der Beschwerde
Revisionsgründe nach Art. 53 Abs. 1 ATSG geltend (G 1 S. 8 Ziff. 27). Eine substituierte
Begründung, wie sie das Gericht gestützt auf den Grundsatz der Rechtsanwendung
von Amtes wegen in seinem Entscheid vornehmen kann (BGE 125 V 368 E. 3b mit
Hinweis), ist in jedem möglichen Verhältnis unter den in Betracht fallenden
Rückkommenstiteln zulässig (Urteile des Bundesgerichts vom 9. Mai 2017,
9C_800/2016, E. 2).
3.1.
Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen und
Einspracheentscheide in Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person oder
der Versicherungsträger nach dem Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder
Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war (prozessuale
Revision [vgl. BGE 115 V 313 E. 4aa]). Solche neuen Tatsachen oder Beweismittel sind
innert 90 Tagen nach deren Entdeckung geltend zu machen; zudem gilt eine absolute
zehnjährige Frist, die mit der Eröffnung der Verfügung zu laufen beginnt (Urteil des
Bundesgerichts vom 31. Januar 2012, 9C_896/2011, E. 4.2). Neu sind Tatsachen, die
sich bis zum Zeitpunkt, da im Hauptverfahren noch tatsächliche Vorbringen prozessual
zulässig waren, verwirklicht haben, jedoch dem Revisionsgesuchsteller trotz
hinreichender Sorgfalt nicht bekannt waren. Die neuen Tatsachen müssen ferner
erheblich sein, d.h. sie müssen geeignet sein, die tatbestandliche Grundlage des zur
Revision beantragten Entscheids zu verändern und bei zutreffender rechtlicher
Würdigung zu einer anderen Entscheidung zu führen. Neue Beweismittel haben
entweder dem Beweis der die Revision begründenden neuen erheblichen Tatsachen
3.2.
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oder dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt
gewesen, aber zum Nachteil des Gesuchstellers unbewiesen geblieben sind. Erheblich
ist ein Beweismittel, wenn anzunehmen ist, es hätte zu einem anderen Urteil geführt,
falls das Gericht resp. die Verwaltung im Hauptverfahren davon Kenntnis gehabt hätte.
Ausschlaggebend ist, dass das Beweismittel nicht bloss der Sachverhaltswürdigung,
sondern der Sachverhaltsfeststellung dient. Es bedarf dazu neuer Elemente
tatsächlicher Natur, welche die Entscheidungsgrundlagen als objektiv mangelhaft
erscheinen lassen (vgl. BGE 143 V 107 f. E. 2.3).
Als neue (ärztliche) Tatsachen bzw. Beweismittel nennt der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin den Ergotherapiebericht vom 22. November 2017 (act. G 1.13) und
den Bericht über die QST-Untersuchung vom 18. Dezember 2017 bei Dr. K._ (Suva-
act. 227). Sinngemäss verweist er zudem auf das von ihm mit Eingabe vom 28. Mai
2020 eingereichte neurologische und orthopädische medexperts-Gutachten von Dr.
L._ und Dr. M._ vom 24. Oktober 2019 (act. G 10.1). Nachdem – wie erwähnt –
neue Tatsachen oder Beweismittel innert 90 Tagen nach deren Entdeckung geltend zu
machen sind, ist auf den Ergotherapiebericht vom 22. November 2017 (act. G 1.13),
welcher erst mit Beschwerde vom 6. Juni 2019 ins Recht gelegt wurde, und das
medexperts-Gutachten vom 24. Oktober 2019, welches erst am 28. Mai 2020 dem
Versicherungsgericht eingereicht wurde (act. G 10), nicht weiter einzugehen.
3.3.
Zu prüfen bleibt damit, ob es sich beim Bericht von Dr. K._ vom 2. Februar 2018,
welcher fristgerecht vorgelegt wurde (Suva-act. 227), um eine neue Tatsache oder ein
neues Beweismittel handelt, deren Beibringung zuvor nicht möglich war. Dr. K._ geht
mit Bericht vom 2. Februar 2018 von einem (weiterhin) bestehenden CRPS Typ I aus,
was sich durch die durchgeführte quantitative sensorische Testung bestätigen lasse
(Suva-act. 227-6 f.). Damit stellt sie eine andere Diagnose als Dr. med. N._,
Neurologie FMH, St. Gallen (Suva-act. 183), und med. pract. G._ (Suva-act. 202-7)
und macht sinngemäss geltend, dass sich die Schmerzproblematik in weiterem
Ausmass objektivieren lasse, als mit Verfügung vom 21. Juni 2016
(Arbeitsfähigkeitsschätzung bei erheblicher Symptomausweitung und Selbstlimitierung;
Suva-act. 210-2 f.) angenommen worden sei.
3.4.
Wie bereits erwähnt (vgl. vorstehende E. 2.2), erging die Verfügung vom 21. Juni
2016 letztlich aufgrund der Beurteilungen von med. pract. G._. Diese wiederum legte
ihrer Einschätzung eine eingehende persönliche Untersuchung zugrunde. Auch
würdigte sie sämtliche damals vorhandenen Vorakten. Insbesondere stützte sie sich
auch auf die neurologische Beurteilung von Dr. N._ vom 19. Mai 2015, welche nach
3.4.1.
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eingehender Untersuchung keine relevante neurogene Läsion feststellen konnte (Suva-
act. 183). Ein (durchgemachtes) CRPS wurde von med. pract. G._ letztlich nicht
verneint (passager DD CRPS I; Suva-act. 202-7), bei der damals angetroffenen
Situation indes klinisch nicht mehr festgestellt. Dies leuchtet ein, zumal sich objektiv
keine schonungsbedingte, messbare Muskelminderung nachweisen liess, welche bei
den geltend gemachten Schmerzen zu erwarten gewesen wäre (Suva-act. 202-7).
Keine Minderbelastung der rechten Hand ergab sich im Weiteren durch eine
Röntgenaufnahme beider Hände vom 22. April 2016, welche im Seitenvergleich keine
Differenzierung der Mineralisation ergab (Suva-act. 167-4, 202-8, 206). In Würdigung
der Befunde bzw. deren funktionellen Auswirkungen schätzte med. pract. G._ bei in
beklagtem Ausmass nicht gänzlich objektivierbaren Beschwerden die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin ein.
Gestützt auf diese Ausführungen stand bereits vor dem vorinstanzlichen
Entscheid vom 21. Juni 2016 ein unfallkausales CRPS zur Diskussion resp. wurde in
einem Teil der ärztlichen Berichte zumindest temporär bejaht (Suva-act. 9, 88). Folglich
besteht kein neues Tatsachenbestandselement, sondern lediglich eine abweichende
Würdigung einer bereits bekannten Tatsache (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl.
2020, N 26 zu Art. 53). Damit handelt sich beim Bericht von Dr. K._ bzw. der dabei
gestellten Diagnose eines CRPS Typ I nicht um eine neue Tatsache oder um ein neues
Beweismittel, welche eine prozessuale Revision rechtfertigen könnte (vgl. ergänzend
Urteil des Bundesgerichts vom 13. Oktober 2017, 8C_170/2017, E. 7.3).
3.4.2.
Im Weiteren ist auch nicht ersichtlich, dass sich in der Annahme, dass bereits im
Verfügungszeitpunkt ein CRPS Typ I vorlag (was durch die medizinischen Akten indes
nachvollziehbar verneint wurde [vgl. vorstehende E. 2.2 und 3.4.1]), eine relevant
andere Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit ergeben hätte. Dies lässt sich dem
Bericht von Dr. K._ nicht entnehmen und ist aus ihm auch nicht herzuleiten. Letztlich
ist damit auch nicht rechtsgenüglich erstellt, dass der Bericht von Dr. K._, würde er
denn als neue Tatsache bzw. Beweismittel anerkannt, zu einer anderen Einschätzung
der Lage geführt hätte. Anders gesagt könnte nicht als überwiegend wahrscheinlich
erstellt gelten, ein bereits im Zeitpunkt der Verfügung diagnostiziertes CRPS Typ I hätte
dazu geführt, dass von einer anderen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin hätte
ausgegangen werden müssen.
3.4.3.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass aufgrund der obigen Erwägungen keine
Möglichkeit einer prozessualen Revision gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG besteht und die
Beschwerde auch diesbezüglich abzuweisen ist.
3.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
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