Decision ID: a1851610-3d77-4efb-befc-b9d39819843c
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 11. Februar 1998 wegen Schmerzen, starken Druckgefühls
und Schwäche in den Beinen zum Bezug von IV-Leistungen an. Im Auftrag der IV-Stelle
wurde der Versicherte vom 5. bis 9. Juli 1999 im ZMB Zentrum für Medizinische
Begutachtung polydisziplinär (internistisch, neurologisch, rheumatologisch und
psychiatrisch) untersucht. Die ZMB-Gutachter diagnostizierten eine
Konversionsstörung mit Anteil einer dissoziativen Bewegungsstörung und einer
dissoziativen Sensibilitäts- und Empfindungsstörung. Dieser massen sie Einfluss auf
die Arbeitsfähigkeit zu. Für die vom Versicherten geklagten Beschwerden habe sich
keine organische Ursache finden lassen. Insgesamt müsse davon ausgegangen
werden, dass der Versicherte durch seine Konversionsstörung eine gewisse
Einschränkung «zeigt». Jedoch sei eine Restarbeitsfähigkeit von 60% in jeglicher
körperlich nicht allzu anstrengender Tätigkeit realisierbar (ZMB-Gutachten vom
24. August 1999). Die IV-Stelle sprach dem Versicherten mit Wirkung ab 1. April 1998
eine halbe Rente zu (Verfügungen vom 8./10. Dezember 1999; siehe hierzu den
Entscheid des Versicherungsgerichts vom 3. August 2017, IV 2015/392, act. G 1.3).
Gestützt auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI-Gutachter, wonach der Versicherte
in jeder körperlich leichten bis mittelschweren, wechselbelastenden Tätigkeit über eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit verfüge (polydisziplinäres Gutachten vom 27. Januar
2015, act. G 6.1), stellte die IV-Stelle die Rentenleistungen im Rahmen einer Revision
A.a.
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B.
gemäss lit. a der Schlussbestimmungen der Änderung des IVG vom 18. März 2011 auf
den 1. Juli 2015 ein (Verfügung vom 28. Mai 2015, act. G 6.4). Diese
Leistungseinstellung wurde sowohl vom Versicherungsgericht (Entscheid vom
3. August 2017, IV 2015/19, act. G 1.3) als auch vom Bundesgericht (Urteil vom
27. Dezember 2017, 9C_602/2017, act. G 1.4) bestätigt.
Die Gemeinschaftsstiftung der B._ stellte die seit 1. Dezember 1999 vom
Versicherten bezogene halbe Invalidenrente (siehe hierzu act. G 6, II. b. Rz 2) per
30. Juni 2015 ein (siehe deren Schreiben vom 8. Juni 2015, act. G 1.6; zur
ausführlichen Begründung der Leistungseinstellung siehe die E-Mail der
Rechtsvertreterin der B._ vom 16. März 2018, act. G 1.7).
A.b.
Am 29. Mai 2018 erhob der Versicherte Klage gegen die Gemeinschaftsstiftung
der B._ und beantragte: Es sei die Beklagte zu verpflichten, ihm ab 1. Juli 2015 eine
Invalidenrente basierend auf einem Invaliditätsgrad von 35% auszurichten und es sei
die Angelegenheit zur Berechnung der Leistungen an die Beklagte zu überweisen; alles
unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Beklagten. Zur Begründung
brachte er im Wesentlichen vor, dass der Invaliditätsgrad 35% betrage und er nach
dem Vorsorgereglement vom Januar 1998 Anspruch auf eine diesem Invaliditätsgrad
entsprechende Invalidenrente habe. Die Beklagte sei an das im
invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren ermittelte Validen- und
Invalideneinkommen sowie an den dort berechneten 35%igen Invaliditätsgrad
gebunden (act. G 1).
B.a.
Die Beklagte beantragte in der Klageantwort vom 30. August 2018 die
vollumfängliche Abweisung der Klage; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Sie
vertrat den Standpunkt, dass nicht das Vorsorgereglement vom Januar 1998, sondern
das seit Januar 2013 gültige Vorsorgereglement anwendbar sei. Dieses sehe einen
Invalidenrentenanspruch erst ab einem 40%igen Invaliditätsgrad vor. Aber auch wenn
das Vorsorgereglement vom Januar 1998 anwendbar wäre, bestünde kein
Invalidenrentenanspruch, da kein rentenbegründender Invaliditätsgrad von mindestens
25% mehr vorliege. Das Versicherungsgericht habe im
invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren die konkrete Ermittlung des
B.b.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu beurteilen ist der
berufsvorsorgerechtliche Anspruch des Klägers auf eine Invalidenrente für die Zeit ab
1. Juli 2015.
Invaliditätsgrads offengelassen. Deshalb bestehe keine Bindungswirkung. Zudem sei
sie (die Beklagte) am damaligen Beschwerdeverfahren nicht beteiligt worden. Auch
deshalb bestehe keine Bindung an die Feststellungen im
invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren (act. G 6).
In der Replik vom 3. November 2018 erneuerte der Kläger die Klageanträge (act.
G 11).
B.c.
Die Beklagte hielt in der Duplik vom 19. Februar 2019 ihrerseits an der
beantragten vollumfänglichen Abweisung der Klage fest (act. G 17).
B.d.
Gemäss Art. 73 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinter
lassenen- und Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40) bezeichnet jeder Kanton ein
Gericht, das als letzte kantonale Instanz über Streitigkeiten u.a. zwischen
Vorsorgeeinrichtungen und Anspruchsberechtigten entscheidet. Im Kanton St. Gallen
ist nach Art. 65 Abs. 1 lit. e des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRP;
sGS 951.1) das Versicherungsgericht zuständig für Streitigkeiten nach Art. 73 BVG.
Gerichtsstand ist nach Art. 73 Abs. 3 BVG der Sitz oder Wohnsitz der beklagten Partei
oder der Ort des Betriebes, bei dem der Versicherte angestellt wurde. Vorliegend ist die
örtliche Zuständigkeit des angerufenen Versicherungsgerichts zu bejahen, weil die
Beklagte ihren Sitz im Kanton St. Gallen hat. Da auch sämtliche übrigen prozessualen
Voraussetzungen unbestrittenermassen erfüllt sind, ist auf die Klage einzutreten.
1.1.
bis
Nach Art. 23 lit. a BVG hat (im Obligatoriumsbereich) Anspruch auf
Invalidenleistungen der beruflichen Vorsorge, wer im Sinne der Invalidenversicherung
zu mindestens 40% invalid ist und bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit, deren Ursache zur
Invalidität geführt hat, versichert war. Nach Art. 4.1 lit. b Abs. 2 des Reglements der
Gemeinschaftsstiftung der Beklagten vom Januar 1998 (act. G 1.9) werden Versicherte
bei Teilinvalidität dem Beschäftigungsgrad entsprechend als Aktive und der
Erwerbsunfähigkeit entsprechend als Invalide betrachtet. Ein Invaliditätsgrad ab zwei
1.2.
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2.
Vorliegend kann offenbleiben, welche Fassung des Vorsorgereglements Anwendung
findet bzw. ob der Kläger bereits ab einem Invaliditätsgrad von 25% Anspruch auf eine
berufsvorsorgerechtliche Invalidenrente hätte. Denn wie sich aus nachfolgenden
Überlegungen ergibt (siehe nachfolgende E. 4), liegt der Invaliditätsgrad unter 25%.
3.
Die Beklagte weist zunächst zutreffend darauf hin (act. G 6, II. b., Rz 3), dass das
Versicherungsgericht im Entscheid vom 3. August 2017, IV 2015/192, keine
verbindlichen Feststellungen bezüglich der Höhe des Invaliditätsgrads traf. Vielmehr
liess es die konkrete Ermittlung offen, da selbst die für den Kläger günstigste
Berechnungsvariante keinen rentenbegründenden Invaliditätsgrad von mindestens
40% ergeben hätte. Wörtlich führte es in E. 4 aus: «Ausgehend von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten resultiert selbst dann kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad mehr, wenn zugunsten des Beschwerdeführers
zur Bestimmung des Invalideneinkommens auf den LSE-Hilfsarbeiterlohn für das Jahr
2012 von Fr. 65‘177.-- abgestellt und - wenn überhaupt - höchstens ein 10%iger
Tabellenlohnabzug gewährt würde. Dadurch würde ein Invalideneinkommen von
Dritteln berechtigt zur Vollinvalidenrente, ein solcher unter einem Viertel begründet
keinen Anspruch. Demgegenüber sieht das Vorsorgereglement der
Gemeinschaftsstiftung der Beklagten vom Januar 2013 (act. G 6.5) erst ab einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40% einen Anspruch auf eine Invalidenrente vor
(Art. 3.16 Abs. 2 des Vorsorgereglements).
Wird in Anwendung der Schlussbestimmungen Buchstabe a der Änderung des IVG
vom 18. März 2011 eine Rente der Invalidenversicherung herabgesetzt oder
aufgehoben, so vermindert sich oder endet der Leistungsanspruch der versicherten
Person auf Invalidenleistungen der beruflichen Vorsorge in Abweichung von Art. 26
Abs. 3 BVG auf den Zeitpunkt, ab dem der versicherten Person eine herabgesetzte
Rente der Invalidenversicherung oder keine solche Rente mehr ausgerichtet wird. Diese
Bestimmung gilt für alle Vorsorgeverhältnisse im Sinn von Art. 1 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über die Freizügigkeit in der beruflichen Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenvorsorge (FZG; SR 831.42). Die versicherte Person hat im Zeitpunkt der
Aufhebung oder Herabsetzung ihrer Invalidenrente Anspruch auf eine Austrittsleistung
nach Art. 2 Abs. 1 FZG (Schlussbestimmung der Änderung des BVG vom 18. März
2011).
1.3.
ter
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mindestens Fr. 58‘659.-- resultieren. Das von der Beschwerdegegnerin für das Jahr
2012 von Fr. 90‘093.-- (IV-act. 168) ermittelte Valideneinkommen blieb unbestritten und
es ergeben sich aus den Akten auch keine Zweifel an dessen Bemessung. Gestützt auf
diese Grundlagen ergeben sich eine Erwerbseinbusse von höchstens Fr. 31‘434.--
(Fr. 90‘093.-- - Fr. 58‘659.--) und ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von
höchstens aufgerundet 35% (Fr. 31‘434.-- / Fr. 90‘093.--). Damit kann offenbleiben, ob
der von der Beschwerdegegnerin durchgeführte Prozentvergleich (IV-act. 168) korrekt
ist» (act. G 1.3). In damit zu vereinbarender Weise hielt das Bundesgericht im Urteil
vom 27. Dezember 2017, 9C_602/2017, E. 2, fest, das Versicherungsgericht habe den
Invaliditätsgrad auf «höchstens» 35% festgelegt (act. G 1.4). Mangels verbindlich
festgestellten Invaliditätsgrads kann zwangsläufig auch keine Bindung der Beklagten
an einen Invaliditätsgrad von 35% bestehen.
4.
Gemäss beweiskräftiger gutachterlicher Beurteilung (zur eingehenden Würdigung
der Aussagekraft des ABI-Gutachtens vom 27. Januar 2015 siehe den Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 3. August 2017, IV 2015/192, E. 3.1 ff., act. G 1.3) bestehen
sowohl aus somatischer als auch psychiatrischer Sicht keine Diagnosen «mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit» (act. G 6.1, S. 20 und S. 22 unten). Lediglich körperlich
andauernd schwere und sehr schwere Verrichtungen sind dem Kläger aufgrund einer
verminderten Belastbarkeit des unteren Achsenskeletts bei radiologisch
nachgewiesener Diskushernie LWK5/SWK1 nicht mehr zumutbar (act. G 6.1, S. 21 und
S. 22 unten). Das Bundesgericht hielt ebenfalls fest, dass die somatischen Befunde für
den Rentenanspruch des Klägers «nie von Relevanz waren» (Urteil vom 27. Dezember
2017, 9C_607/2017, E. 3.3.2 am Schluss, act. G 1.4). Für die Diskrepanz zwischen dem
Ausmass der subjektiv geklagten Beschwerden und den objektivierbaren Befunden
verantwortlich ist gemäss Einschätzung der ABI-Gutachter denn auch eine dissoziative
Störung, gemischt, die aber aus psychiatrischer Sicht nicht zu einer Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit führe (act. G 6.1, S. 21). Der Rentenzusprache lagen die vom Kläger
geltend gemachten Beinschmerzen und Beinschwäche zugrunde (siehe hierzu etwa
act. G 6.1, S. 2 oben, oder die Ausführungen des Versicherungsgerichts zu den unteren
Extremitäten im Entscheid vom 3. August 2017, IV 2015/192, E. 3.2, act. G 1.3), denen
die ABI-Gutachter gerade keine relevante Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
beimassen.
4.1.
Gestützt auf die schlüssige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sowohl aus
quantitativer als auch qualitativer Sicht gelangten die ABI-Gutachter nachvollziehbar
zum Schluss, dass dem Kläger namentlich eine Tätigkeit als Hilfsmechaniker und
4.2.
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5.
Logistiker zugemutet werden könne (act. G 6.1, S. 17). Weder aus dem Gutachten
noch aus den Ausführungen des Klägers gehen Hinweise hervor, dass ihm eine damit
vergleichbare Tätigkeit im Berufsfeld eines Maschinenwarts bzw. Automatenwarts, wie
er sie vor der damaligen Rentenzusprache ausübte (siehe hierzu den von der B._ am
5. März 1998 ausgefüllten Fragebogen, act. G 6.9; vgl. ferner act. G 6.1, S. 17, oder
act. G 1, II. Rz 9), nicht mehr zumutbar wäre bzw. hierfür eine relevante
Arbeitsunfähigkeit bestünde.
Da mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch Tätigkeiten im Bereich des
Maschinenwarts bzw. des Automatenwarts einer medizinisch-theoretisch zumutbaren
Tätigkeit entsprechen bzw. der Kläger über die Erwerbsfähigkeit verfügt, wie sie vor
dem Eintritt des von ihm geltend gemachten Gesundheitsschadens verwertet wurde,
ist zur Bestimmung des Invaliditätsgrads ein Prozentvergleich vorzunehmen (siehe zum
Prozentvergleich etwa das Urteil des Bundesgerichts vom 6. April 2016, 8C_628/2015,
E. 5.3.1 mit Hinweisen). Vorliegend kann offenbleiben, ob und gegebenenfalls in
welcher Höhe ein Tabellenlohnabzug gerechtfertigt wäre. Da dem Kläger eine
Erwerbstätigkeit in einem ihm vertrauten Berufsfeld, wie er sie vor dem
Rentenanspruch ausgeübt hatte, weiterhin zugemutet werden kann, fällt jedenfalls der
höchstzulässige 25%ige Tabellenlohnabzug (BGE 126 V 75) ausser Betracht. Ein
solcher wäre indessen erforderlich, um im Rahmen eines Prozentvergleichs einen
25%igen Invaliditätsgrad zu begründen.
4.3.
Nachdem der Invaliditätsgrad bereits gestützt auf die von den Parteien im
Klageverfahren eingereichten Akten mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ermittelt
werden konnte, erübrigt sich ein Beizug der vollständigen, dem Kläger bereits
bekannten IV-Akten. Sein entsprechendes Gesuch (act. G 1, I. Rz 3) ist folglich
abzuweisen.
4.4.
Nach dem Gesagten ist die Klage abzuweisen.5.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 73 Abs. 2 BVG).5.2.
Ausgangsgemäss hat der Kläger keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.5.3.
Die obsiegende Beklagte beantragte ebenfalls die Ausrichtung einer
Parteientschädigung (act. G 6). Als Vorsorgeeinrichtung hat sie praxisgemäss keinen
diesbezüglichen Anspruch, soweit - wie vorliegend - die Prozessführung der
Gegenpartei nicht als mutwillig oder leichtsinnig zu bezeichnen ist (BGE 128 V 323). Ihr
5.4.
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