Decision ID: bb53eaf2-e134-58ba-83f8-2ee522deb69e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer und seine Söhne reisten am (...) Juli 2020 im
Rahmen einer Dublin-IN-Überstellung von Griechenland kommend in die
Schweiz ein und suchten gleichentags um Asyl nach. Die Ehefrau des Be-
schwerdeführers hatte bereits am (...) August 2019 in der Schweiz ein
Asylgesuch eingereicht. Mit in Rechtskraft erwachsener Verfügung vom 8.
November 2019 hatte das SEM das Gesuch abgelehnt und wegen Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme verfügt.
A.b Die Vorinstanz prüfte die Asylgesuche der Beschwerdeführenden im
beschleunigten Verfahren nach Art. 26c AsylG [SR 142.31]. Anlässlich der
Personalienaufnahmen (PA) vom 14. Juli 2020 und der Anhörungen vom
27. Juli 2020 machten sie im Wesentlichen Folgendes geltend:
Sie seien afghanische Staatsangehörige tadschikischer Ethnie und in
D._ geboren und aufgewachsen. Der Beschwerdeführer habe un-
gefähr drei bis vier Jahre vor seiner Ausreise angefangen, als (...) und (...)
für einen afghanischen Parlamentsabgeordneten zu arbeiten. Mehrere
Wochen vor der Ausreise habe er drei Anrufe erhalten, die den Taliban zu-
zuschreiben seien. Sie hätten ihn dabei aufgefordert, herauszufinden,
wann sich sein Arbeitgeber an welchem Ort alleine befinde und ihnen diese
Informationen zuzuspielen. Er habe die Zusammenarbeit jeweils abge-
lehnt. Als er seinen Arbeitgeber über die Vorfälle in Kenntnis gesetzt habe,
habe dieser die Gefahr heruntergespielt. Danach seien Mitglieder der Tali-
ban bei ihm zuhause erschienen und hätten seiner Frau in seiner Abwe-
senheit einen Drohbrief übergeben. Darin sei er erneut aufgefordert wor-
den, mit den Taliban zusammenzuarbeiten, ansonsten würden sie ihn und
seine Familie töten. Rund einen Monat später sei er im schusssicheren
Fahrzeug des Parlamentsabgeordneten unterwegs gewesen. Plötzlich hät-
ten zwei Personen auf einem Motorrad sein Fahrzeug in Beschuss genom-
men. Er sei sich sicher, dass der Angriff ihm persönlich gegolten habe, weil
er sich alleine im Fahrzeug befunden habe. Aus Angst vor weiteren Konse-
quenzen wegen seiner verweigerten Zusammenarbeit mit den Taliban
habe er seine Arbeitsstelle gekündigt und sei gemeinsam mit seiner Fami-
lie ausgereist. Auch seine Schwiegereltern sowie seine Eltern hätten in der
Folge aus Angst vor einer Reflexverfolgung ihren Heimatort verlassen.
Seine Schwiegereltern würden jetzt in E._ wohnen. Seine Eltern
seien nach Iran gereist und würden sich immer noch dort befinden.
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Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer einen auf den
(...) April 2019 datierten Drohbrief der Taliban im Original, eine (...)karte
und eine Karte des (...) im Original (als Beleg für seine Arbeitstätigkeit für
den Parlamentsabgeordneten) sowie Kopien von drei Fotos eines Fahr-
zeuges mit Einschusslöchern ein. Ausserdem reichte er das Zertifikat einer
(...) im Original zu den Akten, bei welcher er gearbeitet habe.
Als Identitätsnachweis legte er seine eigene Tazkira, seinen Fahrausweis,
seinen Eheschein sowie die Tazkira seines Sohnes C._ (jeweils im
Original) ins Recht.
B.
Am 3. August 2020 unterbreitete die Vorinstanz der zugewiesenen Rechts-
vertretung der Beschwerdeführenden einen Verfügungsentwurf zur Stel-
lungnahme.
Mit Eingabe vom 4. August 2020 nahm die Rechtsvertretung zum Entwurf
des Entscheides des SEM schriftlich Stellung.
C.
Mit Verfügung vom 5. August 2020 – eröffnet gleichentags – verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden (Disposi-
tivziffer 1), lehnte ihre Asylgesuche ab (Dispositivziffer 2) und verfügte ihre
Wegweisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3). Der Vollzug der Wegwei-
sung wurde wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme
aufgeschoben (Dispositivziffer 4).
D.
Mit Beschwerde vom 4. September 2020 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragten die Beschwerdeführenden die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung in den Dispositivziffern 1–3, die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die Sache
zur Neubeurteilung im erweiterten Verfahren an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
E.
Mit Schreiben vom 7. September 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
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Seite 4
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
7. September 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).
G.
Mit Verfügung vom 25. September 2020 hiess die zuständige Instruktions-
richterin das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung unter der Voraus-
setzung des fristgerechten Einreichens einer Fürsorgebestätigung gut und
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig lud sie
das SEM zur Vernehmlassung ein.
H.
Mit Eingabe vom 7. Oktober 2020 reichten die Beschwerdeführenden frist-
gerecht eine Fürsorgebestätigung vom 30. September 2020 ein.
I.
Mit Vernehmlassung vom 9. Oktober 2020 hielt das SEM an seiner Verfü-
gung fest. Diese wurde den Beschwerdeführenden am 14. Oktober 2020
zur Kenntnisnahme zugestellt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 108
Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 Verordnung über Massnahmen im Asylbereich
im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-19-Verordnung Asyl, SR
142.318] und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführenden haben am
Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene
Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an
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deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einrei-
chung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts beinhaltet die
Glaubhaftigkeitsprüfung eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Überein-
stimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit
und Plausibilität der Angaben sowie persönliche Glaubwürdigkeit, wobei
die Sachverhaltsdarstellung nur glaubhaft sein kann, wenn die positiven
Elemente überwiegen [vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.]). Grund-
sätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend substanziiert,
in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilde-
rungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich sein oder der
inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemei-
nen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asylsuchende
Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht
der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Be-
weismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann, wenn sie
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wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des
Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nach-
schiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwir-
kung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz zum
strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum
für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers.
Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von
ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält,
obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht
es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich
ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwie-
gende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre-
chen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
4.
4.1 Zur Begründung ihres Asylentscheids führte die Vorinstanz aus, die
Vorbringen der Beschwerdeführenden seien aufgrund von Widersprüchen
unglaubhaft.
Die Ehefrau des Beschwerdeführers habe die Drohanrufe der Taliban in
der Anhörung zu ihren Asylgründen nicht erwähnt. Der Einwand des Be-
schwerdeführers, die Ehefrau habe vergessen, diese zu erwähnen, über-
zeuge nicht. Er habe sich widersprüchlich zur Anzahl der Anrufe geäussert
und sowohl die Anrufe als auch seine darauffolgenden Reaktionen sub-
stanzarm und ausweichend geschildert. Nicht nachvollziehbar sei, dass er
nach Rückfrage bei seinem Arbeitgeber davon ausgegangen sei, dass es
sich um nichts Ernstes handle. Seine Antwort auf die Frage, ob er sich
überlegt habe, seine Nummer zu wechseln, überzeuge nicht. In Bezug auf
den Erhalt des Drohbriefs habe sein Sohn angegeben, dass die Ehefrau
des Beschwerdeführers den Brief in der Hand gehabt und ständig geweint
habe, was implizieren würde, dass sie den Inhalt des Briefes gekannt habe.
Dies stehe im Widerspruch zu den Angaben des Beschwerdeführers, wel-
cher ausgesagt habe, sie hätten den Inhalt des Briefes erst nach der Über-
setzung durch den Nachbarn erfahren. Dem Drohbrief selbst komme ins-
besondere kein Beweiswert zu, weil er keinerlei fälschungssichere Merk-
male enthalte. Zudem datiere der Drohbrief auf den (...) April 2019; die Be-
schwerdeführenden seien jedoch bereits im Januar, Februar oder März
2019 ausgereist. Es sei nicht verständlich, dass der Beschwerdeführer die
wiederholten persönlichen Drohungen über Wochen weitgehend ignoriert
habe und weiterhin seiner Arbeit nachgegangen sei, dann aber sofort aus-
gereist sei, als auf das eindeutig als Parlamentsfahrzeug erkennbare Auto
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seines Arbeitgebers geschossen worden sei. Nicht glaubhaft sei auch der
Umstand, dass sowohl seine Eltern als auch seine Schwiegereltern auf-
grund seiner Schwierigkeiten ausgereist seien. Bezüglich der Angreifer auf
dem Motorrad habe er zunächst von einer Person gesprochen. Erst als
man ihn mit der Aussage seiner Ehefrau konfrontiert habe, habe er sich
korrigiert und dargelegt, es seien zwei Personen gewesen. Sein Sohn habe
zudem angegeben, dass der Beschwerdeführer nach dem Vorfall um zehn
Uhr abends nachhause gekommen sei, die Familie darüber informiert habe
und angekündigt habe, den Arbeitgeber anrufen zu wollen. Er selbst habe
demgegenüber dargelegt, am Abend nach dem Vorfall seine Familie noch
nicht in Kenntnis gesetzt zu haben.
Die Glaubhaftigkeit seiner Tätigkeit als (...) und (...) eines afghanischen
Parlamentsabgeordneten könne offenbleiben, da ein erhöhtes Risikoprofil
und damit eine abstrakte Gefährdung für sich alleine noch nicht zur be-
gründeten Furcht vor Verfolgung führten.
Seine Vorbringen seien ohnehin – also auch bei gegebener Glaubhaftigkeit
– nicht asylrelevant. Er habe nämlich nicht darlegen können, inwiefern der
Angriff ihm persönlich und nicht etwa seinem Arbeitgeber oder den Parla-
mentsdiensten im Allgemeinen gegolten habe. Zudem fehle es an einem
asylrelevanten Verfolgungsmotiv. Selbst wenn man seinen Vorbringen
Glauben schenken könnte, wäre er nämlich nicht wegen eines ihm anhaf-
tenden und unveränderlichen Merkmals im Sinne von Art. 3 AsylG oder
wegen seiner politischen Einstellung ins Visier der Taliban geraten. Viel-
mehr wäre er aufgrund seiner Tätigkeit für den Parlamentsabgeordneten
und somit als Träger von sicherheitssensiblen Informationen von den Tali-
ban ausgewählt worden. Es wäre anzunehmen gewesen, dass er nach ei-
ner Kündigung seiner Arbeitsstelle schon zu einem früheren Zeitpunkt nicht
mehr für die Taliban interessant gewesen wäre. Aktuell würde er sich über
keine risikobegründenden Faktoren mehr auszeichnen, zumal er seine Ar-
beitsstelle bereits vor über einem Jahr aufgegeben habe.
4.2 Die Beschwerdeführenden halten diesen Erwägungen in ihrer Stellung-
nahme zum Entscheidentwurf sowie in ihrer Beschwerdeschrift entgegen,
sie würden ein Profil aufweisen, welches insgesamt zu einer objektiv be-
gründeten Furcht führe. Die Ehefrau des Beschwerdeführers habe die
Drohanrufe nicht erwähnt, da man ihr erklärt habe, sie solle sich auf ihre
eigenen Asylgründe fokussieren und nicht auf diejenigen ihres Ehemanns.
Die ungefähre Angabe zur Anzahl der Anrufe lasse sich kulturell erklären.
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In Afghanistan legten die Menschen keinen grossen Wert auf die Genauig-
keit der Anzahl beziehungsweise Daten. Seine Antworten zu den Fragen
betreffend Drohanrufe seien nicht ausweichend, sondern präzise gewesen.
Die Gespräche hätten nicht lange gedauert, weshalb er nicht mehr darüber
habe berichten können. Ausserdem habe er geschildert, wie sich seine Ge-
fühlslage im Anschluss an die Anrufe geändert habe und somit von persön-
lichen Eindrücken berichtet. Sein Sohn wisse nicht viel über die Gescheh-
nisse und könne sie nicht zeitlich einordnen. Er könne sich lediglich daran
erinnern, dass seine Mutter einen Brief in der Hand gehalten habe und be-
sorgt gewesen sei. Aus dem Protokoll gehe nicht hervor, ob dies an dem
Tag geschehen sei, an welchem der Brief angekommen sei oder am da-
rauffolgenden Tag. Zudem sei in Bezug auf seine Aussagen ein tieferer Be-
weismassstab anzuwenden, da er minderjährig sei. Das Erinnerungsver-
mögen der Ehefrau des Beschwerdeführers sei aufgrund ihrer schlechten
psychischen Verfassung abgeschwächt. Auf dem eingereichten Drohbrief
sei ein Stempel ersichtlich. Trotzdem habe die Vorinstanz diesem jegliche
Beweistauglichkeit abgesprochen, ohne das Bestehen von Fälschungs-
beziehungsweise Echtheitsmerkmalen überprüft zu haben. Ihm seien die
gefährlichen Aspekte seiner Arbeit bewusst gewesen; er habe sich aber
nicht gleich nach dem ersten Drohanruf einschüchtern lassen wollen. Erst
nach dem Schussangriff sei ihm bewusst geworden, dass die Taliban es
ernst meinten und in welcher konkreten Gefahr er sich befinde. Gemäss
Herkunftsländerinformationen sei es üblich, dass die Taliban Druck auf Fa-
milienangehörige ausüben würden, um an Informationen über gesuchte
Personen zu gelangen. Deshalb sei es nachvollziehbar, dass die Verwand-
ten der Beschwerdeführenden ihren Heimatort ebenfalls verlassen hätten.
Die Männer auf dem Motorrad hätten zuerst versucht, das Fahrzeug zu
stoppen. Als der Beschwerdeführer trotzdem weitergefahren sei, hätten sie
sich ihm angenähert und auf das Fahrzeug geschossen. Deshalb müsse
zwingend davon ausgegangen werden, dass sie ihn erkannt und gezielt
auf ihn geschossen hätten.
Es treffe zwar zu, dass der Beschwerdeführer als Mittel zum Zweck behan-
delt worden sei, um an sensible Informationen des Parlamentsabgeordne-
ten zu kommen. Jedoch seien die angedrohten Vergeltungsmassnahmen
zumindest teilweise von politischen Motiven getragen, da die Verweigerung
der Zusammenarbeit als oppositioneller Akt aufgefasst werde. Es sei be-
kannt, dass die Taliban regierungsnahe Personen mittels Drohungen und
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Entführungen einschüchterten, um sie dazu zu bewegen, sich von der Re-
gierungstätigkeit abzukehren und sich allenfalls der Opposition bezie-
hungsweise den Taliban anzuschliessen.
5.
5.1 Die Vorinstanz ist zur zutreffenden Einschätzung gelangt, dass die
Fluchtgründe der Beschwerdeführenden unglaubhaft sind. Um Wiederho-
lungen zu vermeiden, ist auf die vorinstanzlichen Erwägungen zu verwei-
sen.
Besonders ins Gewicht fallen bei der Glaubhaftigkeitsprüfung die zeitlichen
Ungereimtheiten betreffend den Drohbrief und die Ausreise. Anlässlich der
PA vom 14. Juli 2020 gab der Beschwerdeführer an, rund 15 Monate zuvor
und somit ungefähr Mitte April 2019 ausgereist zu sein (vgl. SEM-Akten
1069283-25/12 Ziffer 5.01). In der Anhörung vom 27. Juli 2020 sagte er
aus, der Angriff der Taliban liege rund ein Jahr und vier Monate zurück (vgl.
SEM-Akten 1069283-29/17 [nachfolgend: Akte 29/17] F19). Somit muss
sich der Angriff im März 2019 zugetragen haben. Den Angaben des Be-
schwerdeführers zufolge hat die Familie Afghanistan vier Tage nach dem
Angriff verlassen (Akte 29/17 F82). Seine Ehefrau gab anlässlich ihrer An-
hörung vom 30. Oktober 2019 an, sieben Monate zuvor mit ihrer Familie
ausgereist zu sein. Ihre Ausreise erfolgte nach dem Gesagten Ende März
2019. Der angeblich von den Taliban zugestellte Drohbrief ist aber auf den
(...) April 2019 datiert (vgl. Akte 1069283-30/1). Wenn sich der Angriff – wie
vom Beschwerdeführer behauptet – ungefähr 20 bis 22 Tage nach Erhalt
des Briefes ereignet hat (vgl. Akte 29/17 S. 6), hätte die Ausreise der Fa-
milie circa Ende Mai 2019 stattgefunden, was mit den Zeitangaben der Be-
schwerdeführenden nicht in Einklang zu bringen ist.
Weiter ist – wie die Vorinstanz zutreffend festhält – nicht nachvollziehbar,
weshalb die Ehefrau des Beschwerdeführers die drei Drohanrufe von den
Taliban in ihrer Anhörung nicht erwähnt hat. Sie hat dort ausführlich über
die Probleme ihres Ehemanns berichtet und in Bezug auf ihre eigenen
Probleme geltend gemacht, dass auch ihre Schwierigkeiten auf das Ar-
beitsverhältnis ihres Ehemanns mit dem Parlamentsabgeordneten gründe-
ten. Es wäre deshalb zu erwarten gewesen, dass sie auch die Drohanrufe
erwähnt hätte.
Ein weiterer Widerspruch betrifft die Geschehnisse unmittelbar nach dem
Angriff auf den Beschwerdeführer. Während dieser angab, nach dem An-
griff sofort seinen Arbeitgeber telefonisch informiert zu haben, jedoch seine
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Familie am besagten Tag noch nicht in Kenntnis gesetzt zu haben (vgl. Akte
29/17 S. 8, F86), schilderte sein Sohn, dass sein Vater noch am selben
Abend seine Mutter informiert habe (vgl. SEM-Akten 1069283-28/11 F61,
F64). Daraufhin habe er seinen Arbeitgeber angerufen, um ihm die Ge-
schichte zu erzählen (vgl. a.a.O.).
Die Erklärungsversuche in der Stellungnahme zum Entscheidentwurf und
in der Beschwerdeschrift sind nicht geeignet, diese Widersprüche aufzulö-
sen.
Nicht glaubhaft ist sodann, dass der Beschwerdeführer während fast vier
Jahren als (...) und (...) für einen Parlamentsabgeordneten tätig gewesen
sein will, dabei mehrere Drohungen der Taliban nicht ernstgenommen hätte
und nach einer ersten gefährlichen Situation sofort aus seinem Heimatland
ausgereist sein soll. Ihm scheint die Gefahr, welche bei einer solchen Ar-
beitstätigkeit droht, bewusst gewesen zu sein, zumal er den Erhalt von Dro-
hungen in einer solchen Position als «etwas ganz Übliches» bezeichnete
(vgl. SEM-Akten 1069283-29/17 S. 6). Vor diesem Hintergrund wäre nach
einem Ereignis wie dem Angriff auf das selbsterklärend exponierte, schuss-
sichere Fahrzeug seines Arbeitgebers eine andere Reaktion zu erwarten
gewesen. Überdies hätte er auch durch die Kündigung seiner Arbeitsstelle
dieser angeblichen Gefahr entgehen können, waren doch die Taliban sei-
nen Angaben zufolge nicht an ihm persönlich, sondern lediglich an seiner
Verbindung zum Parlamentsabgeordneten interessiert gewesen. Diese
Einschätzung wird vom Beschwerdeführer implizit geteilt, wenn er in der
Beschwerdeschrift bestätigt, er sei von den Taliban bloss als Mittel zum
Zweck benutzt worden (vgl. Beschwerdeschrift Ziffer 15). Es ist somit da-
von auszugehen, dass die Taliban das angebliche Interesse an ihm verlo-
ren hätten, wenn er sich für sie nicht mehr als "nützlich" erwiesen hätte.
Deshalb ist seine Bemerkung, die Taliban hätten ihn in D._ auch
wiedergefunden, wenn er die Arbeitsstelle gewechselt hätte, unbehelflich.
Schliesslich blieben seine Ausführungen zur Frage, weshalb er in den Fo-
kus der Taliban geraten sein soll, gesamthaft vage und unbestimmt. Aus
den Befragungsprotokollen geht nicht hervor, warum sich die Taliban über-
haupt für den betreffenden Parlamentsabgeordneten interessiert haben
sollen.
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Die eingereichten Kopien von Fotos des beschossenen Fahrzeugs vermö-
gen diese Einschätzung nicht umzustossen, zumal nicht ansatzweise be-
legt ist, dass es sich dabei um das Fahrzeug des Parlamentsabgeordneten
handelt.
5.2 In einer Gesamtabwägung kommt das Bundesverwaltungsgericht da-
her mit der Vorinstanz zum Schluss, dass die zentralen Vorbringen der Be-
schwerdeführenden den Anforderungen an das Glaubhaftmachen eines
asylrelevanten Sachverhalts nicht genügen. Die Vorinstanz hat daher zu
Recht ihre Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Da das SEM in seiner Verfügung vom 5. August 2020 die vorläufige Auf-
nahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz angeordnet hat, erübri-
gen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung ist jedoch auf die Erhebung von Ver-
fahrenskosten zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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