Decision ID: 0649ba40-4f7a-5f58-8e3f-094f148f43d3
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger – suchte am
30. Dezember 2020 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 25. Januar 2020 in
Griechenland illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist war
und dort am 13. Februar 2020 ein Asylgesuch eingereicht hatte.
C.
Abklärungen des SEM mit den griechischen Behörden ergaben, dass die
Zuständigkeit für die Prüfung des Asylgesuchs auf Frankreich übergegan-
gen war, da die französischen Behörden dem griechischen Übernahmeer-
suchen gemäss Art. 8 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin-III-VO)
zugestimmt hätten. Der Beschwerdeführer sei unter den Personalien
D._, geb. (...), Afghanistan von Griechenland nach Frankreich
überstellt worden.
D.
Vor dem Hintergrund, dass der Beschwerdeführer bei der Einreichung des
Asylgesuchs angab, er sei am (...) geboren, führte das SEM mit ihm am
21. Januar 2021 eine Erstbefragung für unbegleitete minderjährige Asylsu-
chende (EB UMA) durch.
E.
E.a. Mit Schreiben vom 1. Februar 2021 gewährte das SEM dem Be-
schwerdeführer respektive seiner Rechtsvertretung das rechtliche Gehör
zur Zuständigkeit Frankreichs für die Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zu einem
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31).
Es wies darauf hin, der minderjährige Asylsuchende sei mit unbekannten
Personen bis in die Schweiz gereist. Gemäss eigenen Angaben habe ihm
sein volljähriger Bruder die Reise von Griechenland nach Frankreich und
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anschliessend in die Schweiz ermöglicht. Abklärungen des SEM hätten er-
geben, dass Frankreich gestützt auf die Dublin-III-VO für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständig sei. Laut Aktenlage
wisse der Beschwerdeführer nicht, ob er in der Schweiz Verwandte habe.
Da sein Bruder gemäss eigenen Angaben in Frankreich lebe, gehe das
SEM davon aus, dass es in seinem Interesse sei, zu seinem Bruder nach
Frankreich zu gehen, anstatt alleine in der Schweiz zu verbleiben.
E.b. In ihrer Stellungnahme vom 5. Februar 2021 hielt die Rechtsvertrete-
rin im Wesentlichen fest, dass das Verhältnis zwischen dem Beschwerde-
führer und seinem in Frankreich lebenden Bruder weitgehend unklar sei.
Es sei nicht gewährleistet, dass der Bruder den Beschwerdeführer ange-
messen unterstützen könne und wolle. Die Verhältnisse, in denen der Bru-
der in Frankreich lebe, seien nicht abgeklärt worden. Der Beschwerdefüh-
rer möchte nicht bei seinem Bruder leben. Dieser würde viel arbeiten und
hätte keine Zeit für ihn. Ihr Verhältnis sei nicht sehr eng. Es könne nicht
ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer in Frankreich auf
sich alleingestellt und auf staatliche Unterstützung angewiesen wäre. Bei
der Wegweisung von Minderjährigen sei nicht nur eine allfällige Gefähr-
dungssituation abzuklären, sondern auch, ob dadurch das Kindeswohl im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 KRK gefährdet werde. Auch bei den Zuständig-
keitskriterien gemäss Art. 8 Dublin-III-VO sei zu prüfen, ob die gefundene
Lösung dem Kindeswohl entspreche. Dem Schreiben des SEM sei nicht zu
entnehmen, dass eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik stattgefun-
den habe. Auch die Gründe, weshalb Griechenland den Beschwerdeführer,
trotz der Zustimmung Frankreichs, nicht dorthin überstellt habe, seien un-
klar und könnten einen Hinweis liefern, dass es nicht im Interesse des Be-
schwerdeführers sei, dort zu leben.
Aus diesen Gründen sei es angezeigt, das Asylverfahren des Beschwer-
deführers in der Schweiz weiterzuführen und von einer Überstellung nach
Frankreich abzusehen.
F.
Abklärungen des SEM mit den französischen Behörden ergaben, dass der
Beschwerdeführer am 16. Dezember 2020 zwecks Familienzusammenfüh-
rung mit seinem Bruder von Griechenland nach Frankreich überstellt
wurde. Die französischen Behörden teilten mit, sie hätten weder Informati-
onen über den Kontakt mit dem Bruder und dessen Unterkunft, noch könn-
ten sie die Beziehung zwischen den Geschwistern beurteilen.
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G.
Mit Schreiben vom 23. März 2021 teilte die Rechtsvertreterin dem SEM
mit, dass es dem Beschwerdeführer psychisch sehr schlecht gehe. Er gebe
an, an dissoziativen Störungen und Schlafstörungen zu leiden. Zudem ver-
spüre er vermehrt suizidale Gedanken. Die Pflege sei darüber informiert
worden, damit die nötigen medizinischen Massnahmen in die Wege gelei-
tet werden könnten. Es werde hiermit im Interesse des Kindeswohls und
um eine weitere Verschlechterung des psychischen Zustands zu verhin-
dern, beantragt, auf das Asylgesuch einzutreten und so rasch wie möglich
eine Anhörung anzusetzen.
H.
Am 26. März 2021 ersuchte die Vorinstanz die französischen Behörden um
Aufnahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 8 Dublin-III-VO.
I.
Mit Schreiben vom 1. April 2021 wurde das SEM von der Rechtsvertreterin
darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer anlässlich eines gleichen-
tags geführten Gesprächs einen sehr niedergeschlagenen Eindruck ge-
macht und berichtet habe, die Ungewissheit über den Ausgang seines Ver-
fahrens belaste ihn stark. Zudem gehe es ihm trotz der ärztlichen Behand-
lung schlecht und er leide nach wie vor unter massiven Schlafstörungen
und benötige Hilfe durch einen Psychiater/Psychologen. Die Rechtsvertre-
terin beantrage deshalb eine psychologisch/- psychiatrische Abklärung.
Zudem bitte sie um Mitteilung des aktuellen Verfahrensstands.
J.
Mit E-Mail vom 6. April 2021 teilte die Vorinstanz der Rechtsvertreterin mit,
eine Antwort der französischen Behörden stehe noch aus. Es sei überdies
zu beachten, dass der Beschwerdeführer dem SEM verschwiegen habe,
dass er am 16. Dezember 2020 im Rahmen einer Familienzusammenfüh-
rung von Griechenland nach E._ habe fliegen dürfen. Er habe diese
Reise unter denselben Personalien und mit Geburtsdatum (...) gemacht.
Demnach wäre er heute 17 Jahre alt. Der Eurodac-Fingerabdruckbogen
habe auch keinen Treffer in Frankreich ergeben. Der Beschwerdeführer
habe sich somit nach der Ankunft in Frankreich nicht in der Präfektur
F._ registrieren lassen, wie geplant, sondern habe zwei Wochen
später ein Asylgesuch in der Schweiz gestellt. Da auf die Antwort der fran-
zösischen Behörden gewartet werden müsse, werde noch um etwas Ge-
duld gebeten. Benötige der Beschwerdeführer medizinische Hilfe, könne
er sich an die Pflege wenden.
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K.
Mit Eingabe vom 9. April 2021 machte die Rechtsvertreterin die Vorinstanz
darauf aufmerksam, dass der Beschwerdeführer die Tatsache, im Rahmen
einer Familienzusammenführung von Griechenland nach Frankreich geflo-
gen zu sein, aus Angst vor einer sofortigen Wegweisung nach Frankreich
nicht erwähnt habe. Zudem habe ihm ein anderer Gesuchsteller bei der
Ankunft davon abgeraten, über diesen Umstand zu berichten. Der Be-
schwerdeführer möchte nochmals betonen, dass er auf gar keinen Fall
nach Frankreich zurückkehren möchte, da die Verhältnisse für minderjäh-
rige Asylsuchende dort sehr schlecht seien. Auch sein Bruder könne und
wolle sich nicht um ihn kümmern; weitere Familienangehörige habe er in
Frankreich nicht. Er sei seit langer Zeit auf der Flucht und habe insbeson-
dere in Griechenland schlimme Dinge erlebt (u.a. einen Messerangriff),
weshalb es nachvollziehbar sei, dass er die Möglichkeit, nach Frankreich
zu reisen, ergriffen habe, auch wenn er dort kein Asylgesuch habe einrei-
chen wollen. Die Rechtsvertreterin ersuche deshalb darum, auf das Asyl-
gesuch einzutreten und zeitnah eine Anhörung anzusetzen.
Ausserdem werde erneut beantragt, eine psychologisch/- psychiatrische
Abklärung aufzugleisen, da es dem Beschwerdeführer psychisch sehr
schlecht gehe. Er habe im Gespräch des vorangehenden Tages von
Schlafstörungen, starken Konzentrationsschwierigkeiten und grosser Be-
lastung durch die ungewisse Situation berichtet. Obwohl der Beschwerde-
führer seine psychischen Probleme in der Unterkunft bereits mehrfach er-
wähnt habe, sei bisher keine Überweisung an einen Psychologen/Psychi-
ater erfolgt.
L.
Am 12. April 2021 hiessen die französischen Behörden das Aufnahmeer-
suchen des SEM gut.
M.
M.a. Mit Schreiben vom 26. April 2021 gewährte das SEM dem Beschwer-
deführer respektive seiner Rechtsvertretung erneut das rechtliche Gehör
zur Zuständigkeit Frankreichs für die Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zu einem
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG, unter Hin-
weis darauf, dass er den Akten zufolge am 16. Dezember 2020, im Rah-
men einer Familienzusammenführung und dank einer Zuständigkeit Frank-
reichs, von Griechenland nach E._ habe fliegen dürfen, und die Zu-
stimmung Frankreichs vorliege.
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M.b. In ihrer Stellungnahme vom 4. Mai 2021 verwies die Rechtsvertreterin
zunächst auf ihre Ausführungen zur beabsichtigten Wegweisung im Schrei-
ben vom 5. Februar 2021, woran sie festhalte. Sodann machte sie im We-
sentlichen geltend, der Beschwerdeführer habe von Anfang an zu verste-
hen gegeben, dass er auf keinen Fall zu seinem Bruder nach Frankreich
zurückkehren möchte. Zu den genauen Gründen habe er bisher keine de-
taillierten Angaben machen können, weil er Schwierigkeiten habe zu ver-
trauen und befürchtet habe, sein Bruder würde davon erfahren. In einem
persönlichen Gespräch habe er der Rechtsvertreterin nun mitgeteilt, aus
den folgenden Gründen nicht nach Frankreich zurückkehren zu können:
Sein in Frankreich lebender Bruder sei streng muslimisch und praktiziere
die Religion. Er selbst aber habe schon früh eine ablehnende Haltung ge-
genüber dem Islam entwickelt, sich schliesslich komplett davon abgewandt
und den christlichen Glauben angenommen, der ihm auf der schwierigen
Flucht geholfen habe. Bei einer Rückkehr zu seinem Bruder nach Frank-
reich müsste er seinen wirklichen Glauben verstecken und die muslimische
Religion zum Schein praktizieren. Sollte sein Bruder von der Abkehr vom
Islam erfahren, würde er von diesem und der gesamten Familie verstossen
werden. Das religionskonforme Verhalten, welches er wegen seines Bru-
ders praktizieren müsste, würde für ihn einen grossen psychischen Druck
bedeuten, der in keiner Weise mit dem Kindeswohl vereinbar sei.
Der Beschwerdeführer habe die Familienzusammenführung mit seinem
Bruder in Frankreich als einzige Möglichkeit gesehen, aus Griechenland
wegzukommen und in Europa eine bessere Zukunft zu haben. Dieses Vor-
gehen sei unter den gegebenen Umständen nachvollziehbar und sollte
dem Beschwerdeführer nicht zum Nachteil gereichen.
Wie die bisher eingereichten medizinischen Berichte belegten, sei der Be-
schwerdeführer psychisch stark belastet, weshalb nun für den 10. Mai 2021
ein Termin bei einem Psychiater vereinbart worden sei. Eine Wegweisung
nach Frankreich würde die nun aufgegleiste psychologisch/- psychiatrische
Behandlung unterbrechen und voraussichtlich zu einer Verschlechterung
des psychischen Zustands beitragen.
Eine Rückkehr nach Frankreich würde klar nicht dem Wohle des minder-
jährigen Beschwerdeführers entsprechen, weshalb ein Selbsteintritt bean-
tragt werde.
N.
Im Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers
reichte die Rechtsvertreterin dem SEM diverse Berichte des Hausarztes
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des Bundesasylzentrums sowie einen ärztlichen Kurzbericht einer Zahn-
ärztin zu den Akten.
O.
Mit Verfügung vom 31. Mai 2021 – eröffnet gleichentags (vgl. Empfangs-
bestätigung in den Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 66/1) – trat das SEM in
Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers vom 30. Dezember 2020 nicht ein, verfügte die Wegwei-
sung nach Frankreich, forderte den Beschwerdeführer – unter Androhung
von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, beauftragte den Kanton
G._ mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Beschwerde-
führer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und
stellte fest, eine allfällige Beschwerde gegen die Verfügung habe keine auf-
schiebende Wirkung.
P.
Mit Eingabe vom 7. Juni 2021 liess der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei die Ver-
fügung des SEM vom 31. Mai 2021 vollumfänglich aufzuheben und die Vor-
instanz anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die
Verfügung des SEM vom 21. (recte: 31.) Mai 2021 zur rechtsgenüglichen
Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei im Sinne
einer superprovisorischen Massnahme der vorliegenden Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörden seien anzu-
weisen, von einer Überstellung nach Frankreich abzusehen, bis das Bun-
desverwaltungsgericht über den Suspensiveffekt der Beschwerde ent-
schieden habe. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und
insbesondere von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
Auf die Begründung der Beschwerde wird – soweit entscheidrelevant – in
den Erwägungen eingegangen.
Q.
Der zuständige Instruktionsrichter setzte am 8. Juni 2021 gestützt auf
Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
R.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
8. Juni 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
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S.
Mit Verfügung des SEM vom 8. Juni 2021 wurde der Beschwerdeführer
dem Kanton G._ zugewiesen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
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2.3 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie-
gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche,
weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
3.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser
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Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der
die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten-
losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er
nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung
zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre. Stehen völkerrechtliche Vollzugshinder-
nisse einer Überstellung entgegen, ist ein Selbsteintritt zwingend.
3.4 Gemäss Art. 8 Abs. 1 Dublin-III-VO ist im Falle eines unbegleiteten
Minderjährigen der Mitgliedstaat zuständiger Staat, in dem sich ein Fami-
lienangehöriger oder eines der Geschwister des unbegleiteten Minderjäh-
rigen rechtmässig aufhält, sofern es dem Wohl des Minderjährigen dient.
4.
Auf Beschwerdeebene wird im Wesentlichen geltend gemacht, die Polemik
und Haltung der Vorinstanz, wonach die vorrangige Berücksichtigung des
Kindeswohls nicht als «Trumpfkarte» («trump card») ausgespielt werden
dürfe, die alle anderen Interessen aussteche, und der Beschwerdeführer
von den besseren Lebensbedingungen und Entwicklungschancen in der
Schweiz profitieren wolle, sei sehr irritierend und stehe in keinem Zusam-
menhang zum Fall und zu einer eigentlichen Beurteilung des Kindeswohls.
Vielmehr wäre es Aufgabe der Vorinstanz, das Kindeswohl umfassend ab-
zuklären, im Verfahren zu würdigen und als zusätzliches Sachverhaltsele-
ment anzuerkennen.
Die Vorinstanz habe ihre Begründungspflicht verletzt, indem sie es unter-
lassen habe, die Frage, ob eine Wegweisung im vorliegenden Fall dem
Kindeswohl entspreche, abzuklären und eine Interessenabwägung unter
Berücksichtigung sämtlicher Faktoren vorzunehmen und dies in ihrem Ent-
scheid nachvollziehbar darzulegen. Es werde lediglich festgestellt, dass
insgesamt gewichtigere öffentliche Interessen an der Überstellung des Be-
schwerdeführers nach Frankreich bestünden, welche dessen private Inte-
ressen am Verbleib in der Schweiz zur Durchführung des Asylverfahrens
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Seite 11
überwiegen würden, ohne die sich gegenüberstehenden Interessen näher
auszuführen oder diese gegeneinander abzuwägen. Die Vorinstanz habe
nicht vertieft begründet, weshalb die Vereinigung mit dem Bruder – entge-
gen der Meinung des urteilsfähigen Beschwerdeführers – am besten sei-
nem Kindeswohl entspreche. Sie habe es unterlassen, das Kindeswohl
überhaupt zu ermitteln und damit Art. 3 KRK verletzt.
Der Beschwerdeführer habe unter Berücksichtigung des Kindeswohls ge-
wichtige Interessen am Verbleib in der Schweiz, um hier das Asylverfahren
zu durchlaufen. Der 15-jährige Asylsuchende stehe psychisch stark unter
Druck und sei damit eine vulnerable Person. Er habe eine sehr lange Flucht
hinter sich und wünsche sich anzukommen, in die Schule zu gehen und
eine bessere Zukunft zu haben. Dass er die genauen Gründe, weshalb er
nicht zu seinem Bruder nach Frankreich zurückkehren wolle, erst später im
Verfahren mitgeteilt habe, könne ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden.
Er habe sich dem Christentum zugewandt und befürchte, von seiner Fami-
lie verstossen zu werden, wenn diese davon erfahre. Diese wahren
Gründe, welche gegen eine Rückkehr nach Frankreich sprechen würden,
habe er aufgrund von Vertrauensmissbrauch in der Vergangenheit erst
nach einiger Zeit seiner Rechtsvertretung offenbaren können. Unter Be-
rücksichtigung sämtlicher Faktoren, wie sein junges Alter, die lange und
schwierige Flucht sowie die Angst, von der Familie verstossen zu werden,
sei dies durchaus nachvollziehbar. Dass die Vorinstanz die Vorbringen als
unglaubhaft qualifiziere, zeige, dass sie sich mit den Gründen nicht ausei-
nandersetzen wolle.
Die Vorinstanz habe sich anlässlich der EB UMA nicht veranlasst gesehen,
dem Beschwerdeführer Rückfragen zum Reiseweg oder etwa dem Aufent-
halt in Frankreich zu stellen und ihm damit Gelegenheit zu geben, über
seine Zeit in Frankreich zu berichten. Dieses Versäumnis könne dem Be-
schwerdeführer nun nicht zum Vorwurf gemacht werden, indem die Vor-
instanz vorbringe, er hätte seine Einreise beziehungsweise seinen Aufent-
halt in Frankreich vorsätzlich verschwiegen. Seine Angaben seien dem-
nach als glaubhaft zu qualifizieren.
Des Weiteren habe die Vorinstanz den Untersuchungsgrundsatz verletzt,
indem sie es unterlassen habe, die genauen Umstände der Familienzu-
sammenführung von Griechenland nach Frankreich abzuklären. Es seien
auch keine Akten zur Dublin-Familienzusammenführung der griechischen
Behörden beigezogen worden beziehungsweise sei dies jedenfalls nicht
ersichtlich. Somit habe die Vorinstanz gar nicht abklären können, ob die
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Zusammenführung der Brüder damals überhaupt dem Kindeswohl ent-
sprochen habe. Die französischen Behörden hätten in ihrem Antwortschrei-
ben auf das «Information request» der Vorinstanz mitgeteilt, keine weiter-
gehenden Informationen zum Kontakt, den Wohnverhältnissen oder der
Beziehung zum Bruder des Beschwerdeführers zu haben. Der Beschwer-
deführer habe aber nach kurzer Zeit bei seinem Bruder in Frankreich fest-
gestellt, dass es für ihn keine geeignete Unterbringung sei. Dazu sei zu
sagen, dass er sich mit seinem Bruder wegen seiner Konversion überwor-
fen habe. Er habe gemerkt, dass der Bruder ein völlig anderes Leben als
er führe und er darin keinen Platz habe.
Schon aufgrund dessen, dass die Wegweisung nach Frankreich mit dem
Kindeswohl nicht vereinbar sei, wäre die Vorinstanz verpflichtet gewesen,
ihr Selbsteintrittsrecht gemäss Art. 17 Abs. 2 Dublin-III-VO i.V.m. Art. 3 KRK
auszuüben (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2). Zudem habe sie den medizini-
schen Sachverhalt nicht angemessen gewürdigt und die gesundheitlichen
Vorbringen gar als nachgeschoben und vorgetäuscht qualifiziert. Letzterer
Vorwurf, ohne von fachärztlicher Seite Grundlagen dafür zu haben, er-
staune sehr, verkenne die fragile Situation eines jeden 15-jährigen Jugend-
lichen in jeder Hinsicht und stelle auch keine sachliche Abklärung des me-
dizinischen Sachverhalts dar.
Des Weiteren habe die Vorinstanz weder die Lebensverhältnisse des Bru-
ders näher beleuchtet noch Garantien eingeholt, welche eine kindgerechte
Unterkunft nach der Überstellung des Beschwerdeführers nach Frankreich
zusicherten.
Mit der rechtlichen Würdigung in der angefochtenen Verfügung sei der
Sachverhalt nicht vollständig erhoben worden. Die angefochtene Verfü-
gung sei deshalb zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen,
damit diese ihren Ermessensspielraum in korrekter Weise ausüben und
umfassend auf die Situation des Beschwerdeführers eingehen könne.
5.
Gestützt auf das Resultat, welches sich aus den Abklärungen mit den grie-
chischen und französischen Behörden ergab (vgl. Sachverhalt, Bst. C und
F), ersuchte die Vorinstanz am 26. März 2021 die französischen Behörden
um Übernahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 8 Dublin-III-VO.
Die französischen Behörden hiessen dieses Ersuchen am 12. April 2021
gut. Vor diesem Hintergrund ist die grundsätzliche Zuständigkeit Frank-
reichs für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gege-
ben.
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Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind die dargelegten Vorbrin-
gen nicht geeignet, an dieser Zuständigkeit etwas zu ändern. Sie begrün-
den auch keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der
Schweiz (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO, Art. 29a Abs. 3 AsylV 1).
6.
Bei der Erstbefragung vom 21. Januar 2021 führte der Beschwerdeführer
hinsichtlich seiner Reiseroute aus, sein Bruder, der in Frankreich lebe,
habe die Reisekosten ab Griechenland für ihn überwiesen und der Schlep-
per habe ihn nach H._ gebracht, von wo er zuerst nach Frankreich
gegangen und schliesslich in die Schweiz weitergereist sei (vgl. SEM-act.
16/19, S. 12 Ziff. 5.02). Dass er am 16. Dezember 2020 zwecks Familien-
zusammenführung mit seinem Bruder von Griechenland nach Frankreich
überstellt wurde, erwähnte er mit keinem Wort. Seine Argumentation, wo-
nach er diese Tatsache aus Angst vor einer sofortigen Wegweisung nach
Frankreich nicht erwähnt habe und ihm ein anderer Gesuchsteller bei der
Ankunft davon abgeraten habe, darüber zu berichten (vgl. Eingabe vom
9. April 2021 [SEM-act. 49/2]), vermag nicht zu überzeugen. Vielmehr ent-
stand durch sein Aussageverhalten der Eindruck, er habe diesen Umstand
bewusst verschwiegen, um in der Schweiz verbleiben zu können. Anläss-
lich der Erstbefragung gab er denn auch an, er habe sein ganzes Leben
riskiert hierher zu kommen, damit er aus sich etwas machen und ein neues
Leben beginnen könne (vgl. SEM-act. 16/19, S. 13 Ziff. 7.02). Vor diesem
Hintergrund war das SEM – entgegen anderslautender Einschätzung in der
Beschwerde – nicht gehalten, dem Beschwerdeführer entsprechende
Rückfragen zu stellen.
In Übereinstimmung mit der Vorinstanz vermögen sodann auch die Aus-
führungen betreffend die angebliche Konversion vom Islam zum Christen-
tum, derentwegen der Beschwerdeführer bei einer Überstellung familiäre
Probleme befürchtet, nicht zu überzeugen. Dies umso weniger, als er bei
der Erstbefragung noch angab, dem Islam anzugehören und Sunnite zu
sein (vgl. SEM-act. 16/19, S. 6 Ziff. 1.13). Anlässlich des ersten ihm ge-
währten rechtlichen Gehörs zu einer Wegweisung nach Frankreich (Stel-
lungnahme vom 5. Februar 2021 [SEM-act. 32/2]) liess der Beschwerde-
führer die angebliche Konversion gänzlich unerwähnt. Stattdessen erklärte
er unter anderem, dass sein Bruder viel arbeiten würde und keine Zeit für
ihn hätte; ihr Verhältnis sei nicht sehr eng. Die erst beim zweiten rechtlichen
Gehör (Stellungnahme vom 4. Mai 2021 [SEM-act. 56/2]) geltend ge-
machte Konversion und die damit im Zusammenhang stehenden Vorbrin-
gen erweisen sich nach dem Gesagten als nachgeschoben, mithin un-
glaubhaft. Der Rechtfertigungsversuch, der Beschwerdeführer habe die
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wahren Gründe, welche gegen eine Rückkehr nach Frankreich sprechen
würden, aufgrund seines jungen Alters, der langen und schwierigen Flucht
und aus Angst, von seiner Familie verstossen zu werden, erst nach einiger
Zeit offenbaren können, muss vor diesem Hintergrund als unbehelfliche
Schutzbehauptung zurückgewiesen werden. In Anbetracht der Umstände
ist nicht ersichtlich, inwiefern durch die Überstellung des Beschwerdefüh-
rers nach Frankreich das Kindeswohl tangiert beziehungsweise Art. 3 des
Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes
(KRK, SR 0.107) verletzt sein sollte. Die entsprechende Rüge erweist sich
als unbegründet. Angesichts dessen, dass eine Verletzung des Kindes-
wohls ausser Betracht fällt, war die Vorinstanz nicht gehalten, nähere Ab-
klärungen zu den genauen Umständen der Familienzusammenführung von
Griechenland nach Frankreich zu treffen. Die Rüge einer Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes ist damit ebenso wenig zu hören.
Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung eine Interessenabwä-
gung vorgenommen und dargelegt, weshalb die privaten Interessen des
Beschwerdeführers am Verbleib in der Schweiz zur Durchführung des Asyl-
verfahrens hinter die öffentlichen Interessen an seiner Überstellung in den
zuständigen Mitgliedstaat Frankreich zurückzutreten haben (vgl. Akten des
Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1, Beschwerdebeilage 2, S. 4-5).
Der Vorhalt, die Vorinstanz sei ihrer Begründungspflicht nicht nachgekom-
men und habe es unterlassen, das Kindeswohl zu ermitteln, läuft damit ins
Leere. Die Begründung der angefochtenen Verfügung ermöglichte dem
Beschwerdeführer denn auch eine sachgerechte Anfechtung, wie die vor-
liegende Beschwerde zeigt.
7.
Es gibt keine wesentlichen Gründe für die Annahme, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Frankreich würden sys-
temische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-
III-VO aufweisen.
7.1 So ist Frankreich Vertragsstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Ausserdem darf davon ausgegangen werden, dieser Staat
anerkenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den
Richtlinien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
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26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht trotz des vor der Vorinstanz erho-
benen Einwands, in Frankreich seien die Verhältnisse für minderjährige
Asylsuchende sehr schlecht (vgl. SEM-act. 49/2), gemäss seiner konstan-
ten Rechtsprechung davon aus, Asylsuchende in Frankreich erhielten die
von der Aufnahmerichtlinie garantierten Grundleistungen und hätten dort
somit auch keine unmenschliche und erniedrigende Behandlung im Sinne
von Art. 3 EMRK zu befürchten (vgl. Urteile des BVGer F-2568/2021 vom
8. Juni 2021 E. 6.2; D-1801/2021 vom 22. April 2021 S. 6/7;
D-1741/2021 vom 22. April 2021 S. 8; D-6107/2020 vom 31. März 2021
E. 4.2.1; F-2511/2020 vom 20. Mai 2020 E. 5.2; F-1929/2020 vom 16. April
2020 E. 7.3; F-1342/2020 vom 12. März 2020 E. 4.2; F-612/2020 vom
11. Februar 2020 E. 5.2; F-5826/2019 vom 12. November 2019 E. 5.2;
F-5296/2019 vom 16. Oktober 2019 E. 5.2; F-3626/2019 vom 22. Juli 2019
E. 5.2; F-2835/2019 vom 13. Juni 2019 S. 5; F-2772/2019 vom 12. Juni
2019 E. 7; D-1962/2019 vom 3. Mai 2019 E. 6). Das Gericht geht demnach
nicht davon aus, in Frankreich würden systemische Mängel betreffend die
Asyl- und Aufnahmesituation vorliegen.
7.3 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die französischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen
und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln
der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Bei einer allfälligen vorübergehenden
Einschränkung des Betreuungsangebots stünde es ihm offen, sich an die
zuständigen französischen Behörden zu wenden und die ihm zustehenden
Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Auf-
nahmerichtlinie). Ausserdem hat er die Möglichkeit, bei allfälligen Schwie-
rigkeiten die dafür zuständigen Behörden beziehungsweise die vor Ort tä-
tigen karitativen Organisationen zu kontaktieren. Sodann deutet auch
nichts darauf hin, Frankreich werde im Fall des Beschwerdeführers den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zwingen, in ein Land
auszureisen, in welchem er einer Gefahr im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG
ausgesetzt wäre, oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein
solches Land gezwungen zu werden. Nach dem Gesagten ist nicht davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Wegweisung nach
Frankreich in eine existenzielle Notlage geraten könnte.
F-2682/2021
Seite 16
7.4 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist unter den genannten
Umständen nicht gerechtfertigt.
8.
8.1
8.1.1. Hinsichtlich des Gesundheitszustands ist den Akten folgender Sach-
verhalt zu entnehmen:
Anlässlich der Erstbefragung vom 21. Januar 2021 machte der Beschwer-
deführer geltend, er habe seit eineinhalb Monaten Lungenprobleme und
sei zurzeit in ärztlicher Behandlung. Er habe eine starke Erkältung gehabt.
Sowohl der COVID-19-Test als auch der Tuberkulose-Test seien negativ
ausgefallen. Als Medikamente bekomme er Tabletten, einen Sirup und Na-
sentropfen. In Griechenland habe man ihn mit dem Messer attackiert. Er
sei dann zum Arzt gegangen, der gemeint habe, dass die Knochen seines
rechten Handgelenks gebrochen seien. Seit diesem Vorfall schmerze das
Gelenk beim Sportmachen oder bei anderen Sachen. Das sei die einzige
Beeinträchtigung neben seinen Lungenproblemen. Ansonsten fühle er sich
wohl. Wegen des Handgelenks habe die Betreuung des Bundesasylzent-
rums ihn schon angemeldet; es sei ein Röntgenbild gemacht worden (vgl.
SEM-act. 16/19, S. 2 Bst. b, S. 14 Ziff. 8.02).
Im Zusammenhang mit den Handgelenks-Schmerzen und den Lungen-
problemen ist ein Bericht des Hausarztes des Bundesasylzentrums vom
20. Januar 2021 (SEM-act. 21/1) aktenkundig. Gemäss einem ärztlichen
Kurzbericht vom 1. Februar 2021 wurde der Beschwerdeführer wegen
Zahnschmerzen am linken Unterkiefer der Zahnärztin zugewiesen. Diese
erstellte ein Einzelröntgen und diagnostizierte Karies 36 (SEM-act. 31/4).
Weiteren Berichten des Hausarztes zufolge ist der Beschwerdeführer psy-
chisch beeinträchtigt und leidet an Schlafproblemen, Albträumen, Panikat-
tacken und Flashbacks (Berichte vom 23. März 2021 [SEM-act. 41/1], vom
29. März 2021 [SEM-act. 45/2], vom 20. April 2021 [SEM-act. 53/2], vom
27. April 2021 [SEM-act. 63/2]). Wie sich aus dem Bericht vom 4. Mai 2021
ergibt, diagnostizierte der Hausarzt ausserdem (...) (SEM-act. 58/1). Dem
Beschwerdeführer wurden verschiedene Medikamente verordnet. Zudem
wurde er bei den I._, Klinik für (...), angemeldet und es wurde ein
Termin für eine MRT vereinbart.
Der Bericht vom 28. Mai 2021 der I._ (SEM-act. 61/4) hält fest, dass
anlässlich des Termins vom 26. Mai 2021 mit dem Beschwerdeführer die
Einnahme und Wirkung des Medikaments J._ besprochen worden
sei. Er habe gemeint, dass er J._ für seine Herzprobleme nehme,
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Seite 17
es ihm aber weder zur Beruhigung noch für den Schlaf helfe. Man habe mit
ihm nun abgemacht, dass er das Medikament für zwei Wochen absetzen
werde und dann allenfalls mit einer neuen Schlafmedikation (Neurolepti-
kum) begonnen werde, bei einer aktuellen Einschlaflatenz von 2-6 Stun-
den. Bis dahin werde der Beschwerdeführer an seiner Schlafhygiene ar-
beiten. Der nächste Termin finde am 8. Juni 2021 statt.
Aus den Akten ergibt sich schliesslich auch, dass der Beschwerdeführer
der Rechtsvertreterin gegenüber angegeben hat, vermehrt suizidale Ge-
danken zu verspüren (vgl. Schreiben vom 23. März 2021 [SEM-act. 39/1]).
8.1.2. Was die psychischen Probleme anbelangt, gilt es vorab festzustel-
len, dass deren Existenz von vornherein zu bezweifeln sein dürfte. So fällt
übereinstimmend mit der Vorinstanz auf, dass der Beschwerdeführer diese
Probleme, welche auf die Flucht aus Afghanistan und die Gewalterfahrung
in Griechenland zurückzuführen sein sollen (vgl. SEM-act. 41/1), erst im
späteren Verlauf des Verfahrens, nicht jedoch bei der ersten, sich im bie-
tenden Gelegenheit erwähnte. Weder bei der Erstbefragung noch beim
rechtlichen Gehör vom 5. Februar 2021 machte er dergleichen geltend.
Vielmehr erklärte er anlässlich der Erstbefragung, nebst seinen Lungen-
problemen seien die Handgelenks-Schmerzen das einzige Problem; an-
sonsten fühle er sich wohl (vgl. SEM-act. 16/19, S. 14 Ziff. 8.02). Unter
diesen Umständen ist – entgegen der in der Beschwerde vertretenen An-
sicht – nicht ersichtlich, inwiefern die Vorinstanz die fragile Situation des
Beschwerdeführers verkannt beziehungsweise den medizinischen Sach-
verhalt nicht sachlich genug abgeklärt haben sollte.
8.1.3. Weder die physischen Beeinträchtigungen noch die psychischen
Probleme, sollten letztere tatsächlich bestehen, stellen ein völkerrechtli-
ches Vollzugshindernis im Sinne von Art. 3 EMRK dar, welches zwingend
zu einem Selbsteintritt führen müsste. Frankreich verfügt über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur und ist gemäss Art. 19 Abs. 1 Aufnah-
merichtlinie verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische
Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforder-
liche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen
umfasst, zugänglich zu machen. Es liegen keine Anhaltspunkte vor, wo-
nach dem Beschwerdeführer dort eine adäquate Behandlung seiner ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen verweigert würde. Sollte er auf medizi-
nische Hilfe angewiesen sein, steht es ihm offen, sich an das hierfür zu-
ständige Fachpersonal in Frankreich zu wenden. Hinsichtlich der geltend
gemachten Suizidgedanken ist festzuhalten, dass gemäss bundesgericht-
licher Rechtsprechung Suizidalität für sich allein kein Vollzugshindernis
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Seite 18
darstellt (vgl. Urteil des BGer 2C_221/2020 vom 19. Juni 2020 E. 2), was
auch der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts entspricht (vgl. etwa Ur-
teile des BVGer F-27/2021 vom 25. Februar 2021; F-3496/2020 vom
14. Juli 2020; F-4514/2018 vom 20. August 2018; F-693/2018 vom 9. Feb-
ruar 2018). Die Überstellung des Beschwerdeführers nach Frankreich er-
weist sich zusammenfassend als zulässig.
Indes obliegt es den Behörden, im Rahmen von konkreten Vollzugsmass-
nahmen alles ihnen Zumutbare vorzukehren, um medizinisch und betreu-
ungsmässig sicherzustellen, dass das Leben und die Gesundheit der be-
troffenen Person möglichst nicht beeinträchtigt wird (vgl. Urteile des BGer
2C_98/2018 vom 7. November 2018 E. 5.5.3; 2D_14/2018 vom 13. August
2018 E. 7.1). Es gilt somit sicherzustellen, dass die französischen Behör-
den vor der Überstellung über die gesundheitlichen Probleme des Be-
schwerdeführers und die notwendige medizinische Behandlung informiert
sind sowie die nötige Betreuung bei der Überstellung gewährleistet ist.
8.2 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung aus, wenn man die
vorangehenden Erwägungen betrachte, ergäben sich keine Gründe, die
die Anwendung der Souveränitätsklausel anzeigen würden. Es hat den
vom Beschwerdeführer geäusserten Umständen Rechnung getragen und
sich mit seiner Situation, auch in medizinischer Hinsicht, hinreichend aus-
einandergesetzt (vgl. BVGer-act. 1, Beschwerdebeilage 2, S. 6-8). Da mit
einer Überstellung des Beschwerdeführers nach Frankreich keine Verlet-
zung des Kindeswohls einhergeht (vgl. vorne E. 6), war das SEM weder
verpflichtet, die Lebensverhältnisse des Bruders näher zu beleuchten noch
Garantien betreffend eine kindgerechte Unterkunft einzuholen. Die diesbe-
züglichen Rügen sind damit als unbegründet zu erachten.
8.3 Der Beschwerdeführer möchte in der Schweiz bleiben. Mit seiner Be-
gründung kann er insgesamt nicht das gewünschte Verfahrensziel – die
Behandlung seines Asylgesuchs in der Schweiz – erreichen, zumal die
Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag
prüfenden Staat selbst auszuwählen. In seinem Fall sind ebenso keine
Gründe ersichtlich, welche die Vorinstanz zu einem Selbsteintritt gemäss
Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 hätten ver-
pflichten können.
9.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht und ohne Ermessensfeh-
ler auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und hat
seine Wegweisung verfügt (vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG).
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Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
Angesichts dessen fällt eine Rückweisung der angefochtenen Verfügung
an die Vorinstanz zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung ausser
Betracht, weshalb der entsprechende Eventualantrag abzuweisen ist.
10.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
Der am 8. Juni 2021 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Ur-
teil dahin und die Vorinstanz hat dem Beschwerdeführer eine neue Frist
zur Ausreise anzusetzen.
11.
11.1 Die Begehren waren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG un-
besehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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