Decision ID: 5b6cbde6-7a3f-465c-a114-8b01e65ef591
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer und seine Familie (Ehefrau, vier Kinder), afgha-
nische Staatsangehörige usbekischer Ethnie aus B._ (Gemeinde
C._, Provinz Farya) verliessen Afghanistan eigenen Angaben zu-
folge etwa im (...) 2014 und gelangten nach einem rund zweijährigen Auf-
enthalt im Iran im Januar 2016 in die Türkei. Über die sogenannte Balkan-
route gelangten sie zusammen mit weiteren Familienangehörigen (vgl. Bst.
L) am 21. Januar 2016 in die Schweiz und reichten gleichentags ein Asyl-
gesuch ein. Der Beschwerdeführer wurde am 1. Februar 2016 summarisch
zu seiner Person befragt (BzP) und am 30. Januar 2018 zu seinen Asyl-
gründen angehört (Anhörung).
A.b Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer
im Wesentlichen Folgendes geltend:
Er habe bis zu seiner Ausreise in B._ gelebt. Die Schule habe er
bis zur fünften Klasse besucht und später ein sehr gut laufendes (...)ge-
schäft und einen (...) geführt. Vor sechs respektive sieben Jahren sei er
aufgrund einer Minenexplosion am Bein verletzt worden. Er sei ausserdem
als Informant des Leiters des Friedenskomitees von D._ tätig ge-
wesen. Er habe erfahren, dass ein gewisser E._ ein Selbstmordat-
tentat verüben wolle und habe diese Information an den Leiter des Frie-
denskomitees weitergegeben. Daraufhin sei E._ inhaftiert worden.
Später sei dessen Bruder, F._, nach B._ gekommen und An-
führer der Taliban geworden. Dieser habe ihn festnehmen und für mehrere
Tage nach G._ ins Gefängnis bringen lassen. Er sei zudem einmal
etwa zur gleichen Zeit von den Taliban verprügelt worden, als er in
B._ Wache gehalten habe. In G._ hätten sie ihn zum Verrat
an E._ befragt. Dabei sei er geschlagen und misshandelt worden,
einmal habe er sexuelle Misshandlung erlitten. Anlässlich eines missglück-
ten Fluchtversuchs sei ihm ins Bein geschossen worden. Weissbärtige hät-
ten schliesslich seine Freilassung erwirken können. Kurze Zeit später, am
(...) ([...]), hätten die Taliban B._ angegriffen. Beim darauffolgenden
heftigen Gefecht zwischen den Taliban und der Bürgerwehr seien unter an-
derem ein Onkel sowie der Ehemann seiner Schwester H._ getötet
worden. Angesichts der Überzahl der Taliban hätten sie sich verstecken
müssen, bis am nächsten Morgen die staatlichen Unterstützungskräfte die
Taliban vorübergehend in die Flucht geschlagen hätten. In dieser Zeit habe
er einen Anruf seiner Schwester I._ erhalten. Sie habe gesagt, man
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wolle sie steinigen lassen und sie wolle sich umbringen. Er habe ihr zur
Flucht geraten, ihr jedoch nicht helfen können. Mit den Sicherheitskräften
sei er nach J._ gegangen. Da er das Milchgeld für seine Frau nicht
vollständig bezahlt habe, sei seine Frau bei ihrem Vater im Dorf geblieben.
Am nächsten Tag sei er nach K._ bestellt worden, um dort die Rück-
eroberung des Dorfes zu besprechen. In K._ habe er seine
Schwester, seine Mutter sowie seine Nichten und Neffen getroffen. Die Ta-
liban hätten im Dorf nach seiner Frau gesucht, weshalb ihr Vater ihn tele-
fonisch gebeten habe, sie zu sich zu nehmen. Ihr Onkel habe sie unbe-
merkt aus dem Dorf nach L._ bringen können, wo er auf sie gewar-
tet habe. Da seine schwangere Frau Blutungen bekommen habe, habe das
Kind vor dem eigentlichen Geburtstermin notfallmässig per Kaiserschnitt
zur Welt gebracht werden müssen. Seine Frau und die Kinder seien da-
nach in J._ bei einem Verwandten geblieben. In der Folge habe er
einen Minibus für die gesamte Familie organisiert und sie seien nach Herat
gefahren. Dort seien sie eine Woche geblieben, bis sie einen Schlepper
gefunden hätten, welcher sie in den Iran gebracht habe.
Sein Bruder M._ habe bei den Amerikanern gedient und sei eben-
falls von den Taliban verfolgt worden. Fünf Jahre zuvor sei M._ des-
halb mit zwei respektive drei Brüdern, N._ und O._ respek-
tive auch mit P._, in den Iran geflüchtet. Dort sei er von Verwandten
der Taliban aufgespürt und fünf Monate später getötet worden. Sie seien
im Iran ebenfalls von diesen Leuten verfolgt worden, weshalb sie sich dort
nicht sicher gefühlt hätten und nach Europa weitergereist seien.
A.c Der Beschwerdeführer und seine Angehörigen reichten folgende Do-
kumente und Beweismittel ein:
– Kopie Erbenbescheinigung der afghanischen Botschaft in Teheran vom
(...) 1387 ([...] 2009),
– Kopie eines Beschlusses des Ausländer- und Migrationsamts Teheran
vom (...) 1390 ([...] 2012),
– Bestätigung der Dorfbewohner von B._ im Original inklusive
Übersetzung,
– vier Tazkira im Original (lautend auf den Beschwerdeführer, seine Frau
und ihre zwei ältesten Kinder),
– Kopie einer Geburtsbestätigung des (damals) jüngsten Kindes,
– einen von den Taliban verfassten Brief im Original inklusive Überset-
zung,
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– Eheschein (ausgestellt am [...] 2018) im Original inklusive Übersetzung
(vgl. vorinstanzliche Akten A48 [nachfolgend act. 48]),
– je eine Übersetzung der Geburtsurkunden von ihm und seiner Frau.
B.
Mit Verfügung vom 23. April 2019 – eröffnet am 25. April 2019 – stellte die
Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer und seine Familie erfüllten die
Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche vom 21. Januar 2016
ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Gleichzeitig verfügte
sie wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ihre vorläufige Auf-
nahme in der Schweiz.
C.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 24. Mai 2019 erhob der Be-
schwerdeführer Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Darin bean-
tragt er die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung sowie eventualiter die Ge-
währung von Asyl oder jedenfalls die Feststellung der Flüchtlingseigen-
schaft. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Edition der
Asylakten, die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive
Kostenvorschussverzicht sowie die Beiordnung des rubrizierten Rechts-
vertreters als unentgeltlicher Rechtsbeistand.
Der Rechtsmitteleingabe lagen als Beweismittel drei afghanische Bestäti-
gungsschreiben im Original inklusive Übersetzung bei.
D.
Mit Schreiben vom 28. Mai 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Juni 2019 verzichtete die zuständige In-
struktionsrichterin vorderhand auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und forderte den Beschwerdeführer auf, eine Fürsorgebestätigung einzu-
reichen, andernfalls nicht von seiner Bedürftigkeit auszugehen sei. Gleich-
zeitig leitete sie das Gesuch um Einsichtnahme in die vorinstanzlichen
Asylakten zuständigkeitshalber dem SEM zur Erledigung weiter und gab
dem Beschwerdeführer Gelegenheit, seine Beschwerdebegründung zu er-
gänzen.
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F.
Mit Eingabe vom 14. Juni 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsor-
gebestätigung ein. Eine Beschwerdeergänzung wurde nicht eingereicht.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 26. Juni 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung – unter dem Vorbehalt einer nachträglichen Verbesserung
seiner finanziellen Verhältnisse – gut und setzte antragsgemäss den rubri-
zierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand des Beschwerdefüh-
rers ein. Gleichzeitig leitete sie den Schriftenwechsel ein.
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 1. Juli 2019 hielt die Vorinstanz an ihrer Ver-
fügung vom 23. April 2019 fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde. Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer zur Kennt-
nisnahme zugestellt.
I.
Mit Eingabe vom 9. Juli 2019 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehm-
lassung der Vorinstanz Stellung.
J.
Mit Eingabe vom 23. August 2019 reichte der Beschwerdeführer einen
Arztbericht vom 22. Juli 2019 ein.
K.
Mit Schreiben vom 2. Februar 2022 erkundigte sich der Beschwerdeführer
nach dem Stand seines Beschwerdeverfahrens. Die Instruktionsrichterin
beantwortete diese Anfrage mit Schreiben vom 8. Februar 2022.
L.
Im vorliegenden Verfahren wurden die Asylakten der Familienangehörigen
des Beschwerdeführers beigezogen. Es handelt sich dabei namentlich um
die Akten N (...) (Mutter), N (...) (Schwester I._), N [...] (Schwester
Q._), N (...) (Schwester H._), N (...) (Bruder P._),
N (...) (Bruder N._) sowie N (...) (Nichte). In den vorinstanzlichen
Akten existieren unterschiedliche Schreibweisen dieser (und weiterer af-
ghanischer) Namen. Nachfolgend wird zwecks Nachvollziehbarkeit an der
hier verwendeten Schreibweise (analog der Registrierung im zentralen
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Migrationsinformationssystem ZEMIS) festgehalten, obschon die Schreib-
weise gewisser Namen auf einzelnen Dokumenten / Akten teilweise davon
abweicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM begründet seinen Entscheid mit der Unglaubhaftigkeit der
vom Beschwerdeführer geltend gemachten Vorbringen. Es sei zu zahlrei-
chen Widersprüchen und Unstimmigkeiten gekommen (nachfolgend wer-
den nur die gewichtigsten Argumente des SEM kursorisch wiedergegeben;
für die Detailbegründung wird auf die entsprechenden Erwägungen in der
angefochtenen Verfügung verwiesen).
Die von ihm an der Anhörung nach Vorhalt von Widersprüchen und Unge-
reimtheiten angeführten Verständigungsprobleme anlässlich der BzP lies-
sen sich nicht bestätigen. Es sei auch nicht nachvollziehbar, weshalb er
und seine Angehörigen trotz jahrelangem Aufenthalt im Iran kein Farsi
sprechen sollten. Gemäss dem von ihm eingereichten Beschluss des Aus-
länder- und Migrationsamts Teheran vom (...) 1390 ([...] 2012) seien
Q._, O._, P._, A._ und N._ im Besitz
von befristeten Aufenthaltsbewilligungen gewesen und hätten einen Alpha-
betisierungskurs besucht. Dies stehe im Widerspruch zu seiner (sowie von
der Schwester Q._ und weiteren Angehörigen getätigten) Aussage,
Afghanistan zwei Jahre vor der BzP verlassen und danach illegal im Iran
gelebt zu haben. Zudem sei es im Vergleich seiner Aussagen mit denjeni-
gen seiner Geschwister (namentlich Bruder N._ und Schwester
I._) zu Widersprüchen gekommen hinsichtlich der Frage, wer mit
wem zuerst in den Iran gereist sei. Er sei auch nicht in der Lage gewesen,
zeitlich übereinstimmende Angaben zu seinen früheren Iran-Aufenthalten
zu machen. Ebenso habe er sich widersprüchlich zu den Gründen für die
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Reise (zwei Mal mit seiner Mutter für deren medizinische Behandlung [BzP]
respektive das erste Mal sei er alleine für die Beerdigung seines Bruders
in den Iran gegangen [Anhörung]) geäussert. Er und seine Mutter hätten
sich auch hinsichtlich des Besitzes von Pässen oder der Beantragung von
Visa widersprochen. Auf der abgegebenen Tazkira fehle denn auch die Be-
stätigung des Innenministeriums, welche zum Erhalt des Passes üblich sei.
Weiter seien seine Angaben betreffend die Zeitdauer zwischen der letzten
Rückkehr aus dem Iran und der definitiven Ausreise aus Afghanistan (zwei
oder drei Monate respektive zweieinhalb Jahre) nicht übereinstimmend
ausgefallen, ebensowenig seine Angaben zum Zeitpunkt seiner endgülti-
gen Ausreise. In der BzP habe er erklärt, im (...) 1392 ([...] 2014) Afgha-
nistan verlassen zu haben. Seine Frau habe erklärt, vor zwei Jahren aus-
gereist zu sein. Er habe dann jedoch angegeben, sein Dorf sei am (...)
1392 ([...] 2013) von den Taliban umzingelt worden und sie seien kurze
Zeit darauf ausgereist. In der Anhörung hätten beide erklärt, viereinhalb
Jahre zuvor im Sommer, als es noch heiss oder warm gewesen sei, aus
Afghanistan ausgereist zu sein. Ihr jüngstes Kind sei unterwegs auf der
Ausreise geboren worden. In der Schweiz hätten sie jedoch als Geburts-
datum den (...) 2014 und in Österreich den (...) 2014 angegeben. Zur Fi-
nanzierung der Ausreise habe er zudem angegeben, sein gesamtes Hab
und Gut (inkl. Haus und Hof, Baulandparzellen, Fahrzeuge, [...]geschäft
und [...]werkstatt der Schwestern H._ und I._) verkauft zu
haben; dies habe ungefähr zwei Monate gedauert. Aus seinen Aussagen
gehe jedoch nicht hervor, wann er dies nach dem Angriff der Taliban auf
sein Dorf getan haben wolle. Hinsichtlich der (...)werkstatt hätten seine
Schwestern zudem widersprüchliche Angaben gemacht. Dies alles deute
darauf hin, dass er und seine Familie schon länger nicht mehr in Afghanis-
tan gelebt hätten, weshalb ihren Asylvorbringen bereits die Grundlage ent-
zogen sei.
Es sei aber auch zu Widersprüchen hinsichtlich seiner Asylgründe gekom-
men. An der BzP habe er angegeben, vier Jahre zuvor von den Taliban
aufgegriffen und nach G._ gebracht worden zu sein. In der Anhö-
rung habe er zunächst auf Nachfrage erklärt, dass dieser Vorfall zwei Jahre
vor seiner Ausreise aus Afghanistan stattgefunden habe. Später habe er
hingegen angegeben, zwischen dem Übergriff und dem Angriff auf sein
Dorf, nach dem er Afghanistan verlassen habe, seien etwa 10 oder 15 Tage
vergangen. Seine Frau habe in der Anhörung erklärt, er sei ein paar Wo-
chen vor dem Angriff der Taliban entführt worden. Seine Angaben zum Zeit-
punkt des Angriffs der Taliban auf das Dorf und die daraus resultierende
unmittelbare Flucht aus Afghanistan seien daher komplett widersprüchlich.
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In der BzP habe er zudem vorgebracht, etwa vier Jahre zuvor von den Ta-
liban in B._ verprügelt worden zu sein, als er Wache gehalten habe;
zudem sei der Ehemann der Schwester seiner Frau vor kurzem in
B._ getötet worden. Beide Vorfälle seien in der Anhörung uner-
wähnt geblieben.
Die eingereichten Beweismittel vermöchten die geltend gemachten Prob-
leme nicht zu belegen. Diese Dokumente stünden in zahlreichen Punkten
in Widerspruch zu den von ihm und seinen Angehörigen gemachten Anga-
ben. Beim Schreiben der Dorfbewohner von B._ handle es sich
bestenfalls um ein Gefälligkeitsschreiben. Solche Dokumente wiesen kei-
nerlei Beweiswert auf, da diese – wie auch sonstige afghanische Ausweise
und Beweismittel – grundsätzlich leicht käuflich erwerbbar seien und leicht
gefälscht oder modifiziert werden könnten. Zudem gingen aus dem Schrei-
ben weitere Unstimmigkeiten hervor: So sei darin zum ersten Mal von ei-
nem Onkel R._ die Rede. Auch gehe aus seinen Aussagen im Rah-
men des Asylverfahrens nicht hervor, dass er – wie im Schreiben angege-
ben – eine «volksführende» Position bei den Widerstandskämpfern gehabt
habe.
Schliesslich seien die Verfolgungsvorbringen betreffend die angeblichen
Vorkommnisse im Iran asylrechtlich nicht beachtlich.
4.2 In seiner Beschwerdeeingabe weist der Beschwerdeführer zunächst
auf den Bericht der an der Anhörung anwesenden Hilfswerksvertretung
(HWV) hin, wonach die Anhörung sehr lange gedauert habe, er Mühe be-
kundet habe, über das Geschehene zu sprechen, während der Erzählung
über seine Gefangenschaft sehr emotional geworden sei und nicht mehr
habe weitersprechen können. Die Sachbearbeiterin des SEM habe darauf
verzichtet, die Geschehnisse während der Gefangenschaft – insbesondere
den sexuellen Übergriff – genau zu erfragen. Er habe darum gebeten, beim
nächsten Mal von einem weiblichen Team angehört zu werden, da der Ge-
sichtsverlust vor Männern zu gross sei – eine weitere Anhörung habe dann
aber nicht stattgefunden.
Bezogen auf die von der Vorinstanz vorgenommene Glaubhaftigkeitsprü-
fung rügt der Beschwerdeführer, dass sich das SEM auf die Aufdeckung
von Widersprüchen konzentriert habe, anstatt sich mit dem Kern seiner
Fluchtgeschichte (namentlich die geltend gemachte Entführung und Miss-
handlung durch die Taliban, was durch die neu eingereichten Dokumente
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untermauert werde) auseinanderzusetzen. Letztlich stelle es die Gefan-
genschaft und die Vergewaltigung mit «am Ziel vorbeischiessenden» Argu-
menten – wie beispielsweise die widersprüchlichen Angaben seiner
Schwestern zur (...)werkstatt – in Abrede. Er zeige emotionale Ausbrüche
und eine grosse Betroffenheit, wenn er auf die Gefangenschaft angespro-
chen werde. Hierzu habe sich das SEM im Asylentscheid nicht geäussert.
Im Weiteren komme den Aussagen an der BzP praxisgemäss nur ein be-
schränkter Beweiswert zu, weshalb diese nur mit Zurückhaltung zum Ver-
gleich herangezogen werden könnten. Zudem könnten Ungereimtheiten in
den Aussagen auch auf den Zeitablauf zwischen den beiden Befragungen
zurückgeführt werden, zumal mit der Zeit Erinnerungslücken entstünden.
Das SEM habe die lange Verfahrensdauer nicht berücksichtigt. Insgesamt
tauge die Glaubhaftigkeitsanalyse des SEM nicht, um seine Glaubwürdig-
keit in Zweifel zu ziehen. Die angefochtene Verfügung sei daher aufzuhe-
ben und für eine nachvollziehbare Begründung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Diese sei verpflichtet, auf die asylrelevanten Vorbringen einzu-
gehen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Andernfalls sei sein
rechtliches Gehör verletzt. Eventualiter sei ihm und seiner Familie in der
Schweiz Asyl zu gewähren.
4.3 In ihrer Vernehmlassung vom 1. Juli 2019 hält die Vorinstanz fest, die
Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Be-
weismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könn-
ten. Sie hält vollumfänglich an den Erwägungen in der angefochtenen Ver-
fügung fest, verweist auch hinsichtlich der nachgereichten Beweismittel da-
rauf und beantragt die Abweisung der Beschwerde.
4.4 In der Stellungnahme vom 9. Juli 2019 führt der Beschwerdeführer aus,
es wäre zu erwarten gewesen, dass sich die Vorinstanz zu seinen Vorhal-
ten und der geltend gemachten Gehörsverletzung äussere. Indem sie auch
im Rahmen der Vernehmlassung nicht auf die Kernvorbringen eingegan-
gen sei, habe sie es versäumt, diesen Mangel zu heilen. Nach gewährter
Akteneinsicht wisse er zudem, dass der Asylentscheid nicht von derselben
Person verfasst worden sei, welche auch die Anhörung durchgeführt habe.
Dies bestätige seinen Verdacht, dass sich das SEM nicht zugetraut habe,
zum Entführungssachverhalt Stellung zu nehmen. Auch heute wisse man
nicht mit Sicherheit, ob ihm das SEM glaube, dass er gefoltert und miss-
braucht worden sei. Daher sei über die Beschwerde antragsgemäss zu
entscheiden.
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Seite 11
5.
5.1 In seiner Rechtsmitteleingabe beantragt der Beschwerdeführer in der
Hauptsache die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeur-
teilung. Er rügt diesbezüglich im Wesentlichen die formelle Mangelhaf-
tigkeit der vorinstanzlichen Glaubhaftigkeitsprüfung. Durch die Vorgehens-
weise des SEM, den Entführungssachverhalt nicht einer konkreten Glaub-
haftigkeitsprüfung zu unterziehen, sei sein Anspruch auf rechtliches Gehör
verletzt worden. Im Weiteren rügt er sinngemäss, das SEM habe den Sach-
verhalt in Bezug auf die Geschehnisse in Gefangenschaft nicht vollständig
abgeklärt. Dies, zumal die Sachbearbeiterin darauf verzichtet habe, dies-
bezüglich weiter nachzufragen und es zu keiner ergänzenden Anhörung
gekommen sei. Diese Rügen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeig-
net wären, eine Kassation der angefochtenen Verfügung zu bewirken.
5.2 Das Verwaltungs- beziehungsweise Asylverfahren wird vom Untersu-
chungsgrundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Die Behörde
hat von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechts-
erheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwendigen
Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzuklären
und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Für das erstinstanzliche
Asylverfahren bedeutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen
Ermittlung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflich-
tet ist und auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der
asylsuchenden Person sprechen. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung
dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter
belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist die Sach-
verhaltsfeststellung, wenn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den
Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt hat, oder wenn nicht alle für
die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt wurden. Die
Behörde ist jedoch nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhaltselement um-
fangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind
vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der Aktenlage als an-
gezeigt erscheinen (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1). Alle erheblichen Partei-
vorbringen sind sodann zu prüfen und zu würdigen, wobei sich das Ergeb-
nis der Würdigung in der Entscheidbegründung niederzuschlagen hat (vgl.
Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 35 Abs. 1 VwVG).
Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26-33 VwVG konkreti-
sierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst alle Befugnisse, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur Geltung
bringen kann. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich
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Seite 12
vor Erlass eines Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Mit dem Gehörs-
anspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu
hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu
berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten Äusserungen,
Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streitfrage geeignet
und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass
der Betroffene den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann,
weshalb die für den Entscheid bedeutsamen Überlegungen zumindest kurz
genannt werden müssen (vgl. BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.w.H.).
5.3
Der angefochtene Entscheid des SEM wird den genannten Kriterien nicht
in der erforderlichen Weise gerecht. Es sind diesbezüglich mehrere Mängel
festzustellen, welche insbesondere in ihrer Kumulation eine materielle Be-
urteilung der vorliegenden Sache durch das Bundesverwaltungsgericht
nicht zulassen.
5.3.1 Die Vorinstanz spricht den eigentlichen Kernvorbringen des Be-
schwerdeführers (Entführung durch die Taliban und erlittene Misshandlung
respektive sexueller Übergriff) die Glaubhaftigkeit ab, indem sie überwie-
gend biographische Widersprüche unter extensivem Hinweis auf Beizugs-
akten heranzieht. Diese übermässige Gewichtung von – durchaus vorhan-
denen – biographischen und zeitlichen Widersprüchen ist nicht statthaft.
Dies bereits vor dem Hintergrund, dass den ausführlichen Vorbringen des
Beschwerdeführers zu seiner Entführung durch die Taliban nicht ohne Wei-
teres die Glaubhaftigkeit abgesprochen werden könnte, zumal sie auch
zahlreiche Realkennzeichen enthielten (z.B. die Verwendung direkter
Rede, Schilderung von ausgefallenen Einzelheiten, Komplikationen, Ne-
bensächlichkeiten und psychischer Vorgänge, vgl. A37 F65, 71, 75, 77).
Hinzu kommt, dass das SEM dabei übersehen respektive nicht berücksich-
tigt hat, dass gewisse Protokollstellen der beigezogenen Akten die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers auch stützen. Aus den Aussagen der Ver-
wandten ergeben sich insbesondere auch Hinweise auf die geltend ge-
machte Entführung (vgl. N [...] [Mutter des Beschwerdeführers], act. 28,
F58; N [...] [Schwester I._], act. 21 F36, F46, F26; N [...] [Schwes-
ter Q._], act. 22 F46, F124, F126 ff.; N [...] [Schwester H._],
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act. 25 F22), wobei das SEM in keiner dieser Befragungen hierzu Nachfra-
gen gestellt hat. Damit hat die Vorinstanz die sich aus den Beizugs-akten
ergebenden Hinweise einseitig zuungunsten des Beschwerdeführers ge-
wichtet. Vor diesem Hintergrund wäre eine ausführliche Prüfung der Kern-
vorbringen von zentraler Bedeutung gewesen. Darüber hinaus erhielt der
Beschwerdeführer zu keinem Zeitpunkt die Gelegenheit, zu den Wider-
sprüchen, welche sich nach Ansicht des SEM aus den beigezogenen Akten
ergeben, Stellung zu nehmen und allfällige Missverständnisse zu klären.
Es ist zudem festzustellen, dass sich ein wesentliches Argument der Vor-
instanz gegen die Glaubhaftigkeit der Kernvorbringen nach Prüfung der
Akten nicht bestätigen lässt. Nach Ansicht des SEM habe er an der Anhö-
rung zur Frage 67 zunächst angegeben, dass die Entführung zwei Jahre
vor der Ausreise aus Afghanistan stattgefunden habe. Demgegenüber
habe er später erklärt, zwischen dem Übergriff und dem Angriff auf sein
Dorf, nach welchem er Afghanistan verlassen habe, seien nur etwa 10 oder
15 Tage vergangen (vgl. angefochtene Verfügung S. 7), womit seine Anga-
ben widersprüchlich seien. Dabei lässt das SEM seine Korrekturbemer-
kung zur Frage 67 anlässlich der Rückübersetzung ausser Acht, wonach
der Vorfall zirka zwei Monate vor der Ausreise stattgefunden habe (vgl.
A37, S. 25). Ein wesentlicher (zeitlicher) Widerspruch ist damit nicht zu er-
kennen. Das SEM hat seinem Entscheid somit einen aktenwidrigen Sach-
verhalt zugrunde gelegt. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Asyl-
gründe des Beschwerdeführers nicht sorgfältig geprüft wurden.
5.3.2 Ferner wurden einzelne Beweismittel – namentlich der Taliban Droh-
brief sowie der Eheschein und die Übersetzung der Geburtsurkunden –
von der Vorinstanz nicht berücksichtigt, deren Erhalt sie dem Beschwerde-
führer aber bestätigt hat (vgl. act. 52). Die genannten Beweismittel wurden
im angefochtenen Entscheid weder erwähnt (vgl. Auflistung der eingereich-
ten Beweismittel a.a.O. Ziff. I.5) noch in den Erwägungen gewürdigt. Die-
ses Versäumnis – welches auch in der Vernehmlassung nicht geheilt wurde
– wiegt insbesondere betreffend den angeblichen Taliban-Drohbrief
schwer, zumal dieser den Kern der Asylvorbringen betrifft.
5.3.3 Der Beschwerdeführer rügt weiter, dass er zu den Ereignissen in Ge-
fangenschaft der Taliban nicht wie gewünscht durch ein Frauenteam (er-
neut) angehört worden sei.
5.3.3.1 Gemäss Art. 6 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen (AsylV
1, SR 142.311) haben asylsuchende Personen bei konkreten Hinweisen
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auf geschlechtsspezifische Verfolgung das Recht, von einer Person des
gleichen Geschlechts angehört zu werden. Geschlechtsspezifisch ist die
Verfolgung dann, wenn sie in der Form sexueller Gewalt stattfindet oder
die sexuelle Identität des Opfers treffen soll (vgl. BVGE 2015/42 E. 5.2 un-
ter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 2 E. 5a und b S. 16
ff.). Art. 6 AsylV 1 – der bei Frauen und Männern gleichermassen Anwen-
dung findet – ist eine Ausgestaltung des rechtlichen Gehörs, mithin eine
Schutzvorschrift, deren Zweck es ist, dass asylsuchende Personen ihre
Sache angemessen vortragen, das heisst konkret erlittene Übergriffe mög-
lichst frei und unbeeinträchtigt von Schamgefühlen schildern können.
Gleichzeitig dient sie dazu, die Richtigkeit der Sachverhaltsabklärung zu
gewährleisten. Da diese Schutzvorschrift nicht bloss ein Recht der asylsu-
chenden Person beinhaltet, eine solche Befragung zu verlangen, sondern
die Behörde dazu verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzugehen, so-
bald entsprechende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzu-
wenden. Ein Verzicht der betroffenen asylsuchenden Person auf die Befra-
gung durch eine Person gleichen Geschlechts könnte höchstens dann an-
genommen werden, wenn dieser ausdrücklich erklärt wird (vgl. BVGE
2015/42 a.a.O. mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 2 E. 5b/dd und E. 5c S.
19 f.; vgl. auch Urteil des BVGer E-816/2020 vom 20. Dezember 2020 E.
5.2).
5.3.3.2 Vorliegend stellte die Befragerin erst gegen Ende der Anhörung
fest, dass der Beschwerdeführer geschlechtsspezifische Verfolgungs-
gründe geltend mache und klärte ihn über sein Recht gemäss Art. 6 AsylV
1 auf, ausschliesslich in Gegenwart von Männern angehört zu werden. In
diesem Zusammenhang wurde er gefragt, ob er im Falle einer ergänzen-
den Anhörung dieses Recht in Anspruch nehmen wolle (vgl. A37, F93 f.).
Der Beschwerdeführer äusserte für den Fall einer ergänzenden Anhörung
klar den Wunsch, von einem Frauenteam angehört zu werden, da er in
einer Männerrunde für das Geschehene noch mehr Scham empfinde. Aus
dem Anhörungsprotokoll geht indes hervor, dass das Anhörungsteam (Be-
fragerin, Dolmetscherin, Protokollführerin) aus Frauen bestand. Das Ge-
schlecht der ebenfalls anwesenden HWV lässt sich aus den Akten nicht mit
Sicherheit bestimmen, die Vermutung liegt jedoch nahe, dass es sich dabei
um eine männliche Person gehandelt hat, zumal die HWV in der Aufzäh-
lung der Befragerin anlässlich der Anhörung (vgl. a.a.O.) nicht eingeschlos-
sen wurde. Der Beschwerdeführer betonte aber, für ihn sei das Wichtigste,
dass das Gesagte vertraulich bleibe, sowie dass das Anhörungsteam nicht
nur aus Männern bestehe (vgl. A37, a.a.O.). Diesem Anliegen wurde zwar
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bereits mit der Anhörung entsprochen, ein ausdrücklicher Verzicht des Be-
schwerdeführers auf die Befragung in einem ausschliesslich weiblichen
Team (inklusive HWV) lässt sich seiner Antwort jedoch nicht entnehmen.
Es ist daher nicht auszuschliessen, dass er aufgrund dessen nicht völlig
frei über den vorgebrachten sexuellen Übergriff berichten konnte. Es han-
delte sich dabei augenscheinlich um einen höchst persönlichen und emo-
tionalen Sachverhalt (vgl. A37, F65, insb. S. 13). Sodann hätte die Befra-
gerin den Beschwerdeführer gleich im Anschluss an die entsprechenden
Schilderungen in Frage 65 – und nicht erst am Ende der Anhörung im Hin-
blick auf eine allfällige ergänzende Anhörung – auf sein Recht gemäss
Art. 6 AsylV 1 aufmerksam machen müssen. In der Folge fand denn auch
keine ergänzende Anhörung statt. Die Frage, ob bereits die nicht ordnungs-
gemässe Handhabung der Schutzvorschrift von Art. 6 AsylV 1 die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung zur Folge haben muss, kann ange-
sichts dessen, dass weitere Mängel vorliegen, die zur Kassation der ange-
fochtenen Verfügung führen, letztlich offenbleiben. Im Falle einer erneuten
Anhörung des Beschwerdeführers ist seinem Wunsch aber Rechnung zu
tragen und darauf zu achten, dass sämtliche an der Anhörung teilnehmen-
den Personen (inklusive HWV) dem weiblichen Geschlecht angehören.
5.3.4 Angesichts der sehr emotionalen Schilderung des Entführungssach-
verhalts mit dem sexuellen Übergriff ist sodann nicht auszuschliessen,
dass der Beschwerdeführer traumatisiert ist. Dies hielt auch die an der An-
hörung anwesende HWV auf ihrem Unterschriftenblatt fest und regte eine
ärztliche Abklärung hinsichtlich einer möglichen Traumatisierung an
(vgl. act. 37, Unterschriftenblatt der HWV). Sein Gesundheitszustand
wurde indes nie eingehend erfragt oder abgeklärt. Zu Beginn der Anhörung
kam er lediglich auf seine Thalassämie zu sprechen (vgl. act. 37 F9-11; vgl.
auch act. 6 Ziff. 8.02). Aus dem mit Eingabe vom 23. August 2019 einge-
reichten Arztbericht vom 22. Juli 2019 geht unter anderem hervor, dass er
an einer Depression und Schlaflosigkeit leide und zunächst ans Ambulato-
rium für Folter- und Kriegsopfer für Konsiliärpsychiatrie und Psychosoma-
tik, aufgrund langer Wartezeit dann aber an das psychiatrische Ambulato-
rium Kilchberg überwiesen worden sei. In den vorinstanzlichen Akten be-
findet sich ein weiteres – im Wesentlichen deckungsgleiches – Schreiben
seines Hausarztes vom 1. Oktober 2019 (vgl. act. 72). Demgemäss sei der
Beschwerdeführer nun im psychiatrischen Ambulatorium Kilchberg in Be-
handlung. Im Übrigen geht aus dem zwischenzeitlichen Aktenzuwachs her-
vor, dass er an einer nicht heilbaren, schweren rheumatologischen Grun-
derkrankung mit potenziell tödlichem Ausgang und schwerem Organscha-
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den an der Lunge leidet (vgl. Schreiben verschiedener Ärzte der Hirslan-
den Klinik vom 4. September 2019 [act. 70] und 8. Januar 2020 [ohne Ak-
tennummer]; vgl. auch Arztbericht vom 1. Oktober 2019 [act. 72]).
Angesichts der Vorbringen und den Hinweisen auf eine allfällige Traumati-
sierung wäre wünschenswert gewesen, wenn das SEM den Gesundheits-
zustand des Beschwerdeführers – insbesondere in psychischer Hinsicht –
näher abgeklärt hätte; zumindest aber hätte es ihn bei der Prüfung der
Glaubhaftigkeit seiner Aussagen berücksichtigen müssen.
5.3.5 Weiter ist mit dem Beschwerdeführer festzustellen, dass die Anhö-
rung mit rund neun Stunden reiner Befragungszeit ausserordentlich lange
gedauert hat und mit rund zwei Jahren ein relativ grosser zeitlicher Abstand
zwischen der BzP und der Anhörung bestand. Es besteht seitens des Be-
schwerdeführers allerdings kein Rechtsanspruch auf eine kurze Anhörung,
wenn sich abzeichnet, dass ein höherer Zeitbedarf bestünde. In erster Linie
ist massgebend, ob die angehörte Person in der Lage ist, der Anhörung zu
folgen, was nicht vordringlich anhand von starren zeitlichen Kriterien, son-
dern im Rahmen einer individuellen Einschätzung ihrer Befindlichkeit zu
beurteilen ist. Vorliegend ergeben sich weder aus dem Anhörungsprotokoll
noch aus dem Unterschriftenblatt der HWV Hinweise auf eine kognitive Be-
einträchtigung des Beschwerdeführers oder dass er aufgrund der Dauer
der Befragung nicht mehr hätte folgen können. Der grossen emotionalen
Belastung des Beschwerdeführers anlässlich der Anhörung – insbeson-
dere hinsichtlich der Schilderung des sexuellen Übergriffes – sowie der
Komplexität des Sachverhalts ist bei der Beurteilung der Vorbringen aber
gebührend Rechnung zu tragen.
Sodann ist zwar durchaus wünschenswert, wenn zwischen der Einrei-
chung des Asylgesuchs respektive der Befragung und der Anhörung ein
relativ kurzer Zeitraum liegt. Jedoch gibt es keine zwingende, mit Rechts-
folgen versehene gesetzliche Verpflichtung des SEM, die Anhörungen in-
nerhalb eines gewissen Zeitraums durchzuführen. Der Länge des zwi-
schen den einzelnen Anhörungen verstrichenen Zeitraums ist indes bei der
Würdigung der Aussagen des Beschwerdeführers Rechnung zu tragen.
5.4 Nach dem Ausgeführten steht fest, dass die Vorinstanz gesamthaft be-
trachtet den Sachverhalt unvollständig respektive unrichtig festgestellt und
ihre Begründungspflicht sowie den Anspruch des Beschwerdeführers auf
rechtliches Gehör verletzt hat.
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5.5 Eine unvollständige respektive unrichtige Feststellung des Sachverhal-
tes und eine Verletzung der Begründungspflicht sowie des rechtlichen Ge-
hörs führen grundsätzlich – das heisst ungeachtet der materiellen Auswir-
kungen – zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Eine Kassation
und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt,
wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen. Die in diesen Fällen
fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch das Bun-
desverwaltungsgericht selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall
aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint (vgl. BVGE
2012/21 E. 5). Das Gericht kann und soll aber die Grundlagen des rechts-
erheblichen Sachverhalts nicht gleichsam an Stelle der verfügenden Ver-
waltungsbehörde erheben, zumal die Partei bei einem solchen Vorgehen
eine Instanz verlieren würde. Dies ist vorliegend der Fall, zumal zur rechts-
genügenden Erstellung des Sachverhaltes allenfalls zusätzliche Abklärun-
gen notwendig sein werden.
5.6 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde im Sinne der Erwägungen im
Hauptbegehren gutzuheissen. Die Verfügung vom 23. April 2019 ist aufzu-
heben und die Sache zur vollständigen respektive richtigen Feststellung
des Sachverhalts sowie zur Gewährung des rechtlichen Gehörs und an-
schliessenden Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Das SEM hat
die Asylgründe des Beschwerdeführers unter Berücksichtigung sämtlicher
wesentlicher Tatsachen und Beweismittel neu zu prüfen respektive zu wür-
digen und einer nachvollziehbaren Begründung zuzuführen. Dabei wird
sich das SEM insbesondere mit den Kernvorbringen des Beschwerdefüh-
rers vertieft auseinanderzusetzen und diese ausgewogen zu würdigen ha-
ben.
5.7 Angesichts der Rückweisung der Sache an die Vorinstanz erübrigt es
sich, auf die mit der Beschwerde eingereichten neuen Beweismittel (drei
Bestätigungsschreiben aus Afghanistan) einzugehen, weil sie ebenfalls
Gegenstand des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahrens
sein werden und das SEM sich damit zu befassen haben wird.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit ist die mit Zwischenverfügung vom
26. Juni 2019 gewährte unentgeltliche Prozessführung gegenstandslos ge-
worden.
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6.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde
keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE).
Die von der Vorinstanz zu entrichtende Parteientschädigung wird in An-
wendung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der
massgeblichen Bemessungsfaktoren demnach von Amtes wegen auf
Fr. 800.– (inkl. Auslagen) festgelegt.
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