Decision ID: ebe98473-b13f-492a-81f5-b5a1a486c9be
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin Dr. iur. Sonja Gabi, Albisriederstrasse 361, Postfach,
8047 Zürich,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a B._, geboren 1953, befand sich vom 4. bis 23. Dezember 2003 in stationärer
Behandlung in der Klinik Valens, Klinik für Rheumatologie und Rehabilitation des
Bewegungsapparates. Die behandelnden Ärzte der Klinik Valens diagnostizierten im
Ausstrittsbericht vom 12. Februar 2004 einen chronischen unspezifischen
skelettmotorischen Schmerz (R 52.2) in Verbindung mit psychischen Faktoren,
Verhaltensfaktoren und Kontextfaktoren (F 54), namentlich ein maladaptives ängstlich-
depressives Bewältigungsverhalten (nach vorgängiger Selbstüberforderung). Das
während der stationären Behandlung gezeigte Leistungsverhalten genüge nicht den
Anforderungen, die an die Versicherte an einem gewöhnlichen Arbeitsplatz gestellt
werden müssten. Insofern sei anzunehmen, dass sie auf jedem Tätigkeitsgebiet
vollständig arbeitsunfähig sei. Die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit stütze sich allein
auf die klinische Beobachtung, da verlässliche fremdanamnestische Angaben fehlten.
Nach der beruflichen Entlastung könnte das Leistungsvermögen der Versicherten im
Zuge einer Erholung allenfalls so weit zurückkehren (oder im häuslichen Umfeld bereits
vorhanden sein), dass theoretisch eine Arbeitsfähigkeit von 50% für leichte Tätigkeiten
als zumutbar gelten könnte (act. G 7.9.4 ff.).
A.b Am 24. März 2004 meldete sich die Versicherte zum Rentenbezug an. Sie machte
geltend, an permanenten Kopf-, Hals- und Gliederschmerzen insbesondere in der
rechten Körperhälfte zu leiden (act. G 7.1). Der behandelnde Arzt Dr. med. A._,
Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, stellte im Arztbericht vom 19. April 2004 mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit folgende Diagnosen: chronisches cerviko-
spondylogenes Schmerzsyndrom mit bifrontaler Schmerzpräsentation und
Schmerzausbreitung über den gesamten Rücken und die Schulterregion rechtsbetont
im Sinne eines cerviko-brachialen Schmerzsyndroms rechts, Arthrosen in den
linksseitigen Wirbelbögen der Gelenke C2/3 und C3/4, leichtgradige, degenerative
Veränderungen lumbal, eine linkskonvexe Drehskoliose sowie eine Hyperalgesie mit
depressiver Entwicklung. Im bisherigen Beruf als Produktionsmitarbeiterin in der
Montage (act. G 7.8.1) bestehe bei der Versicherten seit 6. Juni 2003 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit. Der Gesundheitszustand wurde als sich verschlechternd
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beschrieben. Andere Tätigkeiten seien ihr nicht zumutbar, da leichtere und gemäss der
schulischen Ausbildung intellektuell weniger Anforderung bietende Tätigkeiten kaum zu
finden seien (act. G 7.9.1 – 9.3).
A.c Am 18. Mai 2004 beauftragte die IV-Stelle die MEDAS Ostschweiz mit einer
interdisziplinären Abklärung (act. G 7.13). Die Versicherte wurde vom 28. bis
30. November 2005 ambulant interdisziplinär untersucht. Die Gutachter
diagnostizierten mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung, ein generalisiertes chronisches Schmerzsyndrom mit
vielen vegetativen Begleitbeschwerden und eine leichte bis mittelgradige depressive
Episode ohne somatisches Syndrom. In der bisherigen Tätigkeit als
Produktionsmitarbeiterin im Bereich Montage sowie für andere adaptierte Tätigkeiten
bestehe seit Anfang 2004 eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 7.20.1 ff.).
A.d Gestützt auf die Angaben der Versicherten, sie fühle sich nicht arbeitsfähig,
verfügte die IV-Stelle am 14. Februar 2006 den Abschluss der Arbeitsvermittlung (act.
G 7.35).
A.e Mit Verfügung vom 19. Juli 2006 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung
ab 1. Juni 2004 eine Viertelsrente zu (act. G 7.42).
B.
B.a Gegen die Verfügung betreffend Rentenleistungen liess die Versicherte am
14. September 2006 Einsprache erheben. Sie beantragte mit Wirkung ab 1. Juni 2004
die Ausrichtung einer ganzen Rente, eventualiter einer Dreiviertelsrente. Sie machte
geltend, das MEDAS-Gutachten sei mangelhaft. Es fehle eine Auseinandersetzung mit
dem Austrittsbericht der Klinik Valens vom 12. Februar 2004, eine Festlegung der
medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit aus rheumatologischer Sicht als auch
Ausführungen zum Verhältnis der Arbeitsfähigkeit aus rheumatologischer und aus
psychiatrischer Sicht. Ferner mangle es an einer Einschätzung des Schweregrades der
angestammten Arbeit und an Ausführungen zur Art der "adaptierten" Tätigkeiten.
Angesichts dieser Mängel sei auf den Austrittsbericht der Klinik Valens abzustellen und
der Ermittlung des Invaliditätsgrades eine 100%ige medizinisch-theoretische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit zugrunde zu legen. Es sei auch darauf hinzuweisen, dass die
Krankentaggeldversicherung eine Arbeitsunfähigkeit von 75% angenommen habe,
welche ebenfalls erheblich über der Arbeitsunfähigkeitsschätzung der MEDAS liege.
Des Weiteren sei zu Unrecht kein Leidensabzug vorgenommen worden. Was den
Einkommensvergleich anbelange, so sei dem ermittelten Invalideneinkommen zu
beanstanden, dass eine Umrechnung auf eine 42-Wochenstundenbasis nicht statthaft
sei, weil das Valideneinkommen auf einer 40-Stundenwoche basiere (act. G 7.46).
B.b Am 20. Oktober 2006 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass infolge der
Wiedereinführung des Vorbescheidverfahrens in der Invalidenversicherung ab 1. Juli
2006 die Verfügung vom 19. Juli 2006 als Vorbescheid und die erhobene Einsprache
als Einwand betrachtet werde. Die IV-Stelle werde zu den Einwänden Stellung nehmen
und eine beschwerdefähige Verfügung erlassen (act. G 7.47).
B.c Die MEDAS-Gutachter nahmen am 5. Dezember 2006 Stellung zu den von der
Versicherten vorgebrachten Einwänden. Sie machten geltend, dass die im
Austrittsbericht der Klinik Valens abgegebene Arbeitsfähigkeitsbeurteilung nicht
nachvollziehbar sei. Zudem liege die entsprechende Untersuchung schon über
zweieinhalb Jahre zurück. Was die von der Krankentaggeldversicherung anerkannte
75%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 7.46.6) betreffe, sei darauf hinzuweisen, dass diese
ohne Begründung erfolgt sei (act. G 7.51).
B.d Mit Verfügung vom 7. März 2007 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung
ab 1. Juni 2004 eine Viertelsrente zu. Sie begründete diese damit, dass die
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung durch die MEDAS aussagekräftig sei. Ein Leidensabzug
vom Invalideneinkommen sei nicht gerechtfertigt (act. G 7.57 und 58).
C.
C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegend zu beurteilende Beschwerde
vom 13. April 2007. Die Beschwerdeführerin beantragt, es sei ihr rückwirkend auf den
1. Juni 2004 eine "volle" IV-Rente, eventualiter eine Dreiviertelsrente, zuzusprechen
und es sei ihr Dr. iur. Sonja Gabi, Zürich, als unentgeltliche Rechtsbeiständin zu
bestellen. Die Begründung lautet im Wesentlichen gleich wie diejenige in der Eingabe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 14. September 2006 (act. G 1). Am 20. Mai 2007 zog die Beschwerdeführerin ihren
Antrag auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung zurück (act. G 6).
C.b In der Beschwerdeantwort vom 1. Juni 2007 beantragt die Beschwerdegegnerin,
die Beschwerde sei abzuweisen. Sie bestreitet, dass Indizien gegen die Zuverlässigkeit
des MEDAS-Gutachtens vorlägen. Der Austrittsbericht der Klinik Valens sei von den
Gutachtern hinreichend gewürdigt worden. Die Beurteilung des
Krankentaggeldversicherers sei nicht massgeblich. Der in der angefochtenen
Verfügung vorgenommene Einkommensvergleich, insbesondere die Verneinung eines
Abzuges vom Invalideneinkommen, und die Zusprache einer Viertelsrente seien korrekt
(act. G 7).
C.c Auf die Einreichung einer Replik hat die Beschwerdeführerin verzichtet (act. G 11).
C.d Mit Schreiben vom 10. September 2008 forderte die Verfahrensleitung des
Versicherungsgerichts die Zürich Versicherungsgesellschaft als
Krankentaggeldversicherer auf, die bei ihr befindlichen medizinischen Akten –
insbesondere den durch das Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene
GmbH (AEH) erstellten Bericht – zu edieren (act. G 13). Am 30. September 2008 stellte
die Zürich Versicherungsgesellschaft die eingeforderten Akten zu. Im AEH-Bericht vom
22. September 2004 – der sich auf das Gutachten des Instituts für Medizinisch-
Psychiatrische Expertise (IMPE) vom 29. August 2004 stützte (act. G 14.2) – stellten die
Experten fest, dass aufgrund der starken Selbstlimitierung keine definitive Aussage
über die Zumutbarkeit für andere berufliche Tätigkeiten gemacht werden könne. Aus
psychiatrischer Sicht bestehe zum jetzigen Zeitpunkt eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit.
Die Arbeitsfähigkeit könne aus somatischer Sicht nicht konklusiv beurteilt werden (act.
G 14.1). Die Akten der Zürich Versicherungsgesellschaft wurden den Parteien unter
Gewährung einer Frist für eine Stellungnahme zugestellt (act. G 15). Die
Beschwerdeführerin äusserte sich dahingehend, dass das AEH-Gutachten und der
Bericht des IMPE ihre Argumentation unterstützen würden (act. G 16).
C.e Die Verfahrensleitung des Versicherungsgerichts ersuchte die MEDAS Ostschweiz
am 13. November 2008 um eine Stellungnahme zu den bei der
Krankentaggeldversicherung eingeforderten medizinischen Berichten (act. G 17).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.f Die Beschwerdeführerin teilte mit Schreiben vom 18. November 2008 mit, dass sie
seit rund einem Jahr bei Dr. med. C._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, in Behandlung sei. Sie beantragt, von diesem sei ein Arztbericht
einzuholen (act. G 18 und 19).
C.g Die MEDAS Ostschweiz reichte am 15. Dezember 2008 eine Stellungnahme von
Dr. med. D._, der MEDAS Ostschweiz, vom 15. Dezember 2008 (act. G 23) und eine
Stellungnahme von E._, Eidg. Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
10. Dezember 2008 ein (act. G 23.1). Dr. D._ kritisiert das AEH-Gutachten aus
verschiedenen Gründen und geht davon aus, dass die darin bescheinigte
Arbeitsunfähigkeit von 70% bis 80% auf den Einschluss invaliditätsfremder Faktoren
zurückgehe (act. G 23). Der Facharzt E._ bezeichnet das AEH-Gutachten nur als
beschränkt aussagekräftig, da zum einen die Nachvollziehbarkeit fehle und zum
anderen auch verschiedene zentrale Fehler vorhanden seien. Er halte deshalb an seiner
bisherigen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit fest (act. G 23).
C.h Die Beschwerdeführerin wendet am 9. Februar 2009 gegen diese Beurteilungen
der MEDAS Ostschweiz ein, dass im AEH-Gutachten bei der Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit keine invaliditätsfremden Faktoren berücksichtigt worden seien. Es sei
durch einen erfahrenen Gutachter erstellt worden. Ausserdem ergebe sich eindeutig
auch aus dem AEH-Gutachten, dass invaliditätsfremde Faktoren nicht beachtet worden
seien. Bei allfällig verbleibenden Zweifeln sei durch das Gericht eine Klarstellung vom
betreffenden AEH-Gutachter einzuholen (act. G 29). Die Beschwerdegegnerin hat auf
eine Stellungnahme zu den Einschätzungen von Dr. D._ und Facharzt E._ vom
Dezember 2008 verzichtet.

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
467 E. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der streitigen Verfügung eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 121 V 366
E. 1b), sind vorliegend die bis zum 31. Dezember 2007 geltenden materiellen
Bestimmungen anzuwenden.
2.
Vorliegend ist die Frage streitig, in welchem Umfang die Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf Rentenleistungen hat.
2.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG).
2.2 Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50%
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente. Um den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die
Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch
zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und demnach zu
prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung des strittigen
Leistungsanspruchs gestatten. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über
die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende
Klarheit besteht. Führen die im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes von Amtes
wegen vorzunehmenden Abklärungen den Versicherungsträger oder das Gericht bei
umfassender, sorgfältiger, objektiver und inhaltsbezogener Beweiswürdigung (BGE 132
V 400 E. 4.1) zur Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei überwiegend
wahrscheinlich (BGE 126 V 360 E. 5b mit Hinweisen) und es könnten weitere
Beweismassnahmen an diesem feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so liegt im
Verzicht auf die Abnahme weiterer Beweise keine Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör und der Untersuchungsmaxime (vgl. SVR 2001 IV Nr. 10 S. 28 E. 4b
mit Hinweisen).
2.4 Die Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als
vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das
im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen
Spezialärzten, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft,
solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE
125 V 351 E. 3b/bb). Liegen unterschiedliche, sich widersprechende
Expertenmeinungen vor, ist auf diejenige abzustellen, die den
rechtsprechungsgemässen Anforderungen an Gutachten entspricht und durch eine
schlüssige Beurteilung zu überzeugen vermag.
3.
Die Beschwerdegegnerin stützte die Festlegung der Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit
auf das Gutachten vom 4. Januar 2006 (act. G 7.20) und die ergänzende
Stellungnahme der Gutachter vom 5. Dezember 2006 (act. G 7.51). Die
Beschwerdeführerin rügt das Gutachten als in verschiedener Hinsicht mangelhaft (act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
G 1). Zu prüfen ist daher die Frage, ob konkrete Indizien bestehen, die ernsthafte
Zweifel an der durch die MEDAS vorgenommenen Beurteilung entstehen lassen.
3.1 Die Beschwerdeführerin bemängelt am Gutachten, dass sich dieses nicht gehörig
mit den Vorakten, insbesondere nicht mit dem Austrittsbericht der Klinik Valens vom
12. Februar 2004 (act. G 7.9.4 ff.), auseinandersetze. So erwecke schon die im
Aktenauszug enthaltene Zusammenfassung des Austrittsberichtes den Eindruck, die
Klinik Valens habe die Beschwerdeführerin für 50% arbeitsunfähig erachtet. Wohl fehlt
im Gutachten (act. G 7.20.4) die Erwähnung der Einschätzung der behandelnden Ärzte
der Klinik Valens, wonach die Beschwerdeführerin allein aufgrund der klinischen
Beobachtung auf jedem Tätigkeitsgebiet vollständig arbeitsunfähig sei (act. G 7.9.5).
Die Gutachter der MEDAS äusserten sich indessen zu dieser Einschätzung der
behandelnden Ärzte der Klinik Valens in der ergänzenden Stellungnahme vom
5. Dezember 2006 eingehend und nachvollziehbar (act. G 7.51), weshalb der von der
Beschwerdeführerin behauptete Mangel am Gutachten nachträglich jedenfalls behoben
wurde. Ferner ist zu beachten, dass der Austrittsbericht der Klinik Valens am
12. Februar 2004 erstellt wurde, mithin im Zeitpunkt der MEDAS-Begutachtung schon
mehr als eineinhalb Jahre zurücklag.
3.2 Einen weiteren Kritikpunkt sieht die Beschwerdeführerin in der im MEDAS-
Gutachten fehlenden Festlegung einer medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit aus
rheumatologischer Sicht. Ferner mangle es an einer Einschätzung des Schweregrades
der angestammten Arbeit und an Ausführungen zur Art der "adaptierten Tätigkeiten".
3.2.1 Eine isolierte rheumatologische Einschätzung der Arbeitsfähigkeit wurde durch
den rheumatologischen MEDAS-Gutachter nicht vorgenommen. Darin kann vorliegend
jedoch kein Mangel erblickt werden. Denn die isoliert entstandenen fachärztlichen
Erkenntnisse flossen in eine interdisziplinäre Begutachtung ein. Der rheumatologische
MEDAS-Gutachter zeigte sich dabei ausdrücklich mit der psychiatrischen Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit einverstanden. Auch mit Blick auf die bei der Beschwerdeführerin
gestellten Hauptdiagnosen (anhaltende somatoforme Schmerzstörung, generalisiertes
Schmerzsyndrom, leichte bis mittelgradige depressive Episode ohne somatisches
Syndrom; act. G 7.65.7), die auf psychische Ursachen zurückzuführen sind, ist nicht zu
beanstanden, dass bei der interdisziplinären Beurteilung auf die psychiatrische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einschätzung abgestellt und auf eine rein rheumatologische Einschätzung verzichtet
wurde.
3.2.2 Die MEDAS-Gutachter kamen zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin sowohl
für ihre bisherige wie auch für andere leidensadaptierte Tätigkeiten zu 40%
arbeitsunfähig sei (act. G 7.20.8). Sie setzten somit die bisherige Tätigkeit (Montieren
von Lampen im Rahmen der Fabrikation; vgl. act. G 7.20.23) einer leidensadaptierten
Tätigkeit gleich. Eine ausdrückliche Qualifikation hinsichtlich des Schweregrades
nahmen die MEDAS-Gutachter nicht vor. Hinsichtlich der Umschreibung einer
leidensadaptierten Tätigkeit verwiesen die MEDAS-Gutachter auf die Einschätzung der
Klinik Valens (act. G 7.9.6), gingen somit davon aus, dass es sich dabei - und bei der
bisherigen Tätigkeit - um eine leichte Tätigkeit handelt (act. G 7.20.8). Hält man sich vor
Augen, dass die Beschwerdeführerin vor allem an psychiatrischen Diagnosen und
entsprechenden Funktionseinschränkungen leidet, die vorliegend grundsätzlich
unabhängig von der konkreten Ausgestaltung einer leichten Tätigkeit einschränkend
wirken (vgl. die Angaben der Beschwerdeführerin in act. G 7.20.14 f.), kann in der
kurzen Umschreibung der Verweisungs- und bisherigen Tätigkeit als leicht kein
erheblicher Mangel gesehen werden. Die Beschwerdeführerin legt denn auch nicht dar,
dass diese Einschätzung unzutreffend ist und dass bei der – wenn auch kurzen –
Umschreibung der MEDAS-Gutachter wesentliche objektive Gesichtspunkte nicht
berücksichtigt worden sind.
3.3 Die Beschwerdeführerin erachtet die Beurteilung der MEDAS auch deshalb als
nicht aussagekräftig, weil die MEDAS-Gutachter einerseits keine Kenntnis des AEH-
Gutachtens vom 22. September 2004 und des IMPE-Gutachtens vom 29. August 2004
(act. G 14.1 und 14.2) gehabt hätten und andererseits sich deren Einschätzung nicht
mit derjenigen des AEH- und IMPE-Gutachtens vereinbaren lasse.
3.3.1 Die MEDAS-Gutachter äusserten sich in den Stellungnahmen vom 10. und
15. Dezember 2008 eingehend zum AEH- und IMPE-Gutachten (act. G 23 und 23.1).
Vor diesem Hintergrund kann der von der Beschwerdeführerin behauptete Mangel, die
MEDAS-Gutachter hätten keine vollständige Kenntnis der Vorakten gehabt bzw. sich
damit nicht hinreichend auseinandergesetzt, nachträglich als geheilt gelten.
3.3.2 Zu prüfen bleibt die Überzeugungskraft des AEH- und IMPE-Gutachtens.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3.3 Gutachten sind so zu formulieren, dass sie für die rechtsanwendenden Stellen
verständlich sind und eine nachvollziehbare Formulierung der medizinischen
Überlegungen enthalten (Ueli Kieser, Die rechtliche Würdigung von medizinischen
Gutachten, in: René Schaffhauser/ Franz Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der
medizinischen Begutachtung in der Sozialversicherung, St. Gallen 1997, S. 143 f.;
Rudolf Rüedi, Erwartungen des Sozialversicherungsrichters an den Arzt, in: Gabriela
Riemer Kafka, Medizinische Gutachten, 2005, S. 80). Wie die MEDAS-Gutachter richtig
bemerkt haben, ist die Verständlichkeit der Beurteilung durch das IMPE für einen
medizinischen Laien und selbst für medizinische Fachpersonen in weiten Teilen kaum
gegeben, weshalb die entsprechenden medizinischen Erörterungen kaum
nachvollziehbar sind (vgl. etwa die Aussagen auf S. 2 f. des IMPE-Gutachtens: "dies
auf dem Boden einer objektivierbaren, arbeitsrelevanten, mittelschweren bis schweren,
unspezifischen depressiven [psychopathologischen, sozial-interaktionellen und
kognitiv-intellektuellen] Alteration mit sekundären psychosozialen Stressoren als
psychisches Beeinträchtigungs- und Defizitsyndrom." oder "Das störungsspezifische
Ausmass der gesicherten, objektivierbaren psychischen Defizite im Rahmen der nicht-
intentionalen Persönlichkeitsumprägung mit Krankheitswert relativ zum prämorbiden
Leistungspotenzial [aktuell kategorial als unterdurchschnittlich taxiert] wird normativ-
kategorial als durchgehend relevant bis erheblich, der Grad der Behinderung
[Defizitprozente als Gesamtanpassungsleistung] heute bei 70-80% veranschlagt."). Die
Beurteilung des IMPE-Gutachters und des darauf basierenden AEH-Gutachtens
können schon aus diesem Grund als wenig aussagekräftig bezeichnet werden. Weiter
ist darauf hinzuweisen, dass der IMPE-Gutachter seine Einschätzung der
Arbeitsunfähigkeit lediglich im Rahmen einer Momentaufnahme gemacht hat, die mehr
als ein Jahr vor dem MEDAS-Gutachten erfolgte. Er empfahl hinsichtlich der
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit eine "Kurz-Reevaluation" in sechs Monaten zur
abschliessenden Verlaufsbeurteilung (act. G 14.2, S. 9; vgl. auch die Bemerkung
"ergibt heute" auf S. 10).
3.3.4 Aus dem IMPE- und AEH-Gutachten gehen auch keine objektiv feststellbaren
Gesichtspunkte hervor, die im Rahmen der MEDAS-Begutachtung unerkannt geblieben
sind und die geeignet wären, ernsthafte Zweifel an der Einschätzung der MEDAS-
Experten entstehen zu lassen. Ins Gewicht fällt aber vorliegend, dass die Einschätzung
durch die MEDAS auf interdisziplinären eigenständigen, das gesamte Beschwerdebild
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berücksichtigenden Untersuchungen beruht und die daraus gezogenen Schlüsse
nachvollzogen werden können und zu überzeugen vermögen. Gestützt auf die MEDAS-
Beurteilung ist daher davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin für eine
leidensadaptierte Tätigkeit seit Anfang 2004 zu 60% arbeitsfähig ist (act. G 7.20.8). Im
Rahmen einer antizipierten Beweiswürdigung kann darauf verzichtet werden, den
IMPE-Gutachter zu einer weiteren Stellungnahme aufzufordern. Es kann nämlich davon
ausgegangen werden, dass eine entsprechende Stellungnahme keine wesentlichen
neuen Erkenntnisse zu Tage brächte, welche die Einschätzung der MEDAS erschüttern
könnte.
3.4 Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung ist die richterliche Überprüfung einer
Verwaltungsverfügung grundsätzlich auf den Zeitraum bis zum Erlass dieser Verfügung
beschränkt; nachträgliche Sachverhalts- und Rechtsänderungen werden nicht
berücksichtigt (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar
2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 28. August 2003,
I 596/02, E. 1.1). Die angefochtene Verfügung ist am 7. März 2007 (act. G 7.58)
ergangen. In der vorliegenden Angelegenheit ist daher lediglich der bis zum 7. März
2007 eingetretene Sachverhalt zu beurteilen. Auf das Einholen eines von der
Beschwerdeführerin beantragten Verlaufsberichtes bei Dr. C._ (act. G 19) ist daher zu
verzichten.
3.5 Nach dem Gesagten ist auf die medizinische Einschätzung durch die MEDAS
abzustellen, da sie den rechtsprechungsgemässen Anforderungen an Gutachten
entspricht und durch eine schlüssige Beurteilung zu überzeugen vermag. Gegenüber
der Beurteilung des AEH und der IMPE ist das MEDAS-Gutachten zudem für die hier
massgebenden zeitlichen Verhältnisse aktueller. Daran vermögen auch die
abweichenden, vor allem auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin
abstellenden Stellungnahmen des behandelnden Allgemeinmediziners nichts zu
ändern.
4.
Nachfolgend sind die erwerblichen Auswirkungen der 60%igen Arbeitsfähigkeit in einer
leidensadaptierten Tätigkeit zu bestimmen. Von den Parteien zu Recht unbestritten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
blieb, dass die Ermittlung des Invaliditätsgrades anhand eines Einkommensvergleiches
gemäss Art. 16 ATSG zu erfolgen hat.
4.1 Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird nach Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen) in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
4.2 Die Beschwerdegegnerin ermittelte das Valideneinkommen gestützt auf das von
der Beschwerdeführerin im Rahmen einer 40-stündigen Arbeitswoche bei ihrer letzten
Arbeitgeberin erzielbare Jahreseinkommen von Fr. 50'050.-- (für das Jahr 2004; act.
G 7.8). Dieses Vorgehen wird von der Beschwerdeführerin nicht bestritten. Es ergeben
sich auch keine Anhaltspunkte aus den Akten, die gegen das Abstellen auf den
bisherigen Lohn sprechen würden. Zu berücksichtigen ist indessen noch die seither
eingetretene Nominallohnentwicklung für Frauen bis zum Jahr 2006 (Veränderungen
gegenüber dem Vorjahr 2004 +1,1%, gegenüber dem Vorjahr 2005 +1,3%; vgl.
Bundesamt für Statistik, Entwicklung der Nominallöhne für die Jahre 1976 bis 2007),
weshalb von einem Valideneinkommen von Fr. 51'258.-- auszugehen ist.
4.3 Da die Beschwerdeführerin keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgeht, hat die
Beschwerdegegnerin zur Ermittlung des Invalideneinkommens zu Recht auf die LSE-
Tabellenlöhne abgestellt. Die Beschwerdeführerin rügt die Umrechnung des
statistischen Durchschnittslohnes, der auf einer 40-Stundenwoche basiert, auf die
durchschnittliche Wochenarbeitszeit, die im Jahr 2006 41,7 Stunden (vgl. Bundesamt
für Statistik, Statistik der betriebsüblichen Arbeitszeit) betrug. Eine Umrechnung
entfalle, da das Valideneinkommen ebenfalls auf einer 40-Stundenwoche beruhe.
Rechtsprechungsgemäss sind die Tabellenlöhne im Rahmen der Invaliditätsbemessung
auf die im konkreten Fall massgebende, durchschnittliche und betriebsübliche
Arbeitszeit umzurechnen. Dies gelte insbesondere auch für versicherte Personen, die
im angestammten Beruf eine wöchentliche Arbeitszeit von 40 Stunden absolviert
hätten. Anlass, das standardisierte Durchschnittseinkommen gestützt auf einen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
invaliditätsfremden Grund nicht auf eine branchenübliche wöchentliche Arbeitszeit
umzurechnen, bestünde allenfalls dann, wenn dargetan wäre, dass eine versicherte
Person wegen der Wochenarbeitszeit von 40 Stunden bereits ohne Behinderung einen
wesentlich unter dem branchenüblichen Verdienst liegenden Lohn erzielt hätte (Urteil
des EVG vom 16. Oktober 2006, I 262/06, E. 5.2). Vorliegend wird nicht geltend
gemacht, und es geht auch nicht aus den Akten hervor, dass die Beschwerdeführerin
selbst nach Eintritt des Gesundheitsschadens nur in Branchen mit 40 Wochenstunden
arbeiten könnte oder dass die Beschwerdeführerin aufgrund der 40-Stundenwoche im
Sinn einer branchenunüblich tiefen Entlöhnung lohnmässig benachteiligt gewesen ist.
Im Sinn der höchstrichterlichen Rechtsprechung ist daher der Tabellenlohn (Tabelle
TA1, Anforderungsniveau 4, Frauen, von monatlich Fr. 4'019.--) auf eine 41,7
Stundenwoche umzurechnen (monatlich Fr. 4'190.-- bzw. jährlich Fr. 50'278.--).
Demnach resultiert unter Berücksichtigung einer 60%igen Arbeitsfähigkeit für
leidensadaptierte Tätigkeiten ein Invalideneinkommen von Fr. 30'167.-- (Fr. 50'278.-- x
0.6).
4.4 Zu beurteilen bleibt noch die Frage, ob und in welchem Umfang ein Leidensabzug
auf dem Invalideneinkommen vorzunehmen ist.
4.4.1 Nach der Rechtsprechung können die statistischen Löhne um bis zu 25% gekürzt
werden, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass versicherte Personen mit einer
gesundheitlichen Beeinträchtigung in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau nicht
erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412 E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichen Erfolg zu
verwerten in der Lage sind. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen
behinderungsbedingten Abzug (BGE 126 V 78 E. 5a/bb). Nach der Rechtsprechung
hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von
sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen – insbesondere auch von
invaliditätsfremden Faktoren – des konkreten Einzelfalles ab (etwa leidensbedingte
Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen
sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25% festzusetzen ist. Eine schematische
Vornahme des Leidensabzuges ist unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt etwa in
AHI 2002 S. 62 und BGE 129 V 481 E. 4.2.3 mit Hinweisen).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4.2 Die Beschwerdegegnerin verweigerte jeglichen Leidensabzug mit der
Begründung, dass bei Hilfsarbeiterinnen in einer Teilzeitanstellung kein Teilzeitabzug
vorzunehmen sei, da diese im Verhältnis zu einer Vollzeitbeschäftigung proportional
mehr verdienen würden. Des Weiteren würden ein fortgeschrittenes Alter, eine niedrige
berufliche Qualifikation und mangelnde Sprachkenntnisse keinen Abzug vom
Invalideneinkommen begründen, weil es sich dabei um invaliditätsfremde Faktoren
handle (act. G 7.57.2). Die Beschwerdegegnerin verweist zur Untermauerung ihres
Standpunktes auf die in AHI-Praxis 1999 S. 237 f. publizierte höchstrichterliche Praxis.
4.4.3 Vorab ist festzustellen, dass die von der Beschwerdegegnerin ins Feld geführte
Rechtsprechung nicht einschlägig ist. Denn das damalige EVG hatte nicht zu
beurteilen, ob der Faktor Alter bzw. invaliditätsfremde Aspekte beim Leidensabzug zu
berücksichtigen sind oder nicht. Es hatte sich lediglich mit der Frage
auseinanderzusetzen, ob "nebst" dem gewährten Leidensabzug von 25% ein weiterer
Abzug vom Invalideneinkommen wegen des fortgeschrittenen Alters vorgenommen
werden kann. Dies wurde verneint (AHI Praxis 1999 S. 242 E. 4c). Im Übrigen hat das
Bundesgericht die bisherige konstante Praxis (vgl. vorstehende E. 4.4.1), wonach bei
der Bemessung des Leidensabzuges auch invaliditätsfremde Faktoren berücksichtigt
werden können, erst in einem kürzlichen Entscheid implizit bestätigt, indem es einen
25%igen Leidensabzug allein mit Blick auf das Alter und die kurze verbleibende
Aktivitätsdauer der versicherten Person als nicht missbräuchlich oder willkürlich
bezeichnete (Urteil des Bundesgerichts vom 30. September 2008, 9C_677/08).
4.4.4 Nach dem Gesagten hält die Verneinung eines Leidensabzuges im vorliegend zu
beurteilenden Fall einer Ermessensprüfung nicht stand. Zu berücksichtigen ist
einerseits, dass die gesundheitliche Prognose schlecht ist. Unter Berücksichtigung des
bereits erheblich angeschlagenen Zustandes ist daher von einem erhöhten
Krankheitsrisiko bei der Beschwerdeführerin auszugehen. Hinzu kommt, dass der
Beschwerdeführerin aufgrund der psychischen Beschwerden und des chronischen
Schmerzsyndroms Hilfsarbeitertätigkeiten nur begrenzt und unter einfachsten
Bedingungen möglich sind, was sich ebenfalls negativ auf die Erwerbsmöglichkeiten
und das Lohnniveau auswirkt. Bei der Beschwerdeführerin kommen angesichts ihrer
Beschwerden insgesamt wohl nur noch äusserst einfach strukturierte, körperlich nicht
belastende Hilfsarbeiten mit geringen Anforderungen an die mentale Belastbarkeit und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Konzentration in Frage. Es steht ihr daher auch innerhalb der Tätigkeiten im
Anforderungsniveau 4 nur noch ein kleiner Beschäftigungsbereich im unteren
Lohnsegment offen. Des Weiteren schmälert das fortgeschrittene Alter der
Beschwerdeführerin (Jahrgang 1953) – nicht zuletzt aufgrund der hohen Sozialkosten –
den zu erwartenden Lohn zusätzlich (vgl. zur Benachteiligung von Personen ab
50 Jahren auch Bundesamt für Statistik, Erwerbstätigkeit der Personen ab 50 Jahren,
2008, S. 12), was vorliegend angesichts der Kombination mit gesundheitlichen
Problemen umso mehr gilt. Wie die Beschwerdegegnerin allerdings richtig bemerkt hat,
kann entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin rechtsprechungsgemäss bei
Frauen mit einer verbliebenen Restarbeitsfähigkeit von 60% kein Teilzeitabzug gewährt
werden, da diese (rein) statistisch gesehen infolge des Teilzeitpensums keinen
Lohnnachteil haben (vgl. etwa Urteil des Bundesgerichts vom 13. November 2007,
9C_382/07, E. 6.2). Unter den gegebenen Umständen ist ein Leidensabzug von 15%
angemessen.
4.4.5 Daraus resultiert ein Invalideneinkommen von Fr. 25'642.-- (Fr. 30'167.-- x 0,85)
und eine Erwerbseinbusse von Fr. 25'616.-- (Fr. 51'258.-- - Fr. 25'642.--) bzw. ein
Invaliditätsgrad von 50% ([Fr. 25'616 / Fr. 51'258] x 100). Die Beschwerdeführerin hat
demnach Anspruch auf eine halbe Rente. Der von der Beschwerdegegnerin festgelegte
Rentenbeginn (1. Juni 2004) blieb unbestritten. Es ergeben sich aus den Akten keine
davon abweichenden Anhaltspunkte, weshalb dieser Rentenbeginn zu bestätigen ist.
5.
5.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom
7. März 2007 aufzuheben und der Beschwerdeführerin mit Beginn ab 1. Juni 2004 eine
halbe Rente auszurichten. Zur Festsetzung der Rentenhöhe ist die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von insgesamt
Fr. 800.-- erscheint vorliegend unter Berücksichtigung der durch das Gericht
vorgenommenen Beweisabnahmen als angemessen. Die Beschwerdeführerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beantragte mindestens die Zusprache einer Dreiviertelsrente, weshalb sie mit ihrem
Begehren nicht vollumfänglich durchgedrungen ist. Es rechtfertigt sich, die
Gerichtsgebühr von Fr. 800.-- zu einem Viertel der Beschwerdeführerin und zu drei
Vierteln der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die im Gerichtsverfahren angefallenen
Gutachterkosten im Umfang von Fr. 1'800.-- (Rechnung E._ vom 15. Dezember
2008) sind durch die Beschwerdegegnerin zu tragen. Denn der zu behebende Mangel
(keine vollständigen Vorakten) und die entsprechenden Kosten wurden durch das
diesbezüglich unzureichende MEDAS-Gutachten verursacht. Mit Blick auf die
Untersuchungspflicht der Verwaltung ist dieser Mangel dem Risikobereich der IV-Stelle
zuzuschreiben (vgl. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl., N 12 zu Art. 45, mit Hinweisen
auf die Rechtsprechung). Im Übrigen wäre nach Einholen der AEH- und IMPE-
Gutachten auch eine Rückweisung der Sache zu weiteren Abklärungen möglich
gewesen. Diesfalls hätte die IV-Stelle die weiteren Abklärungskosten vollumfänglich
tragen müssen.
5.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
werden (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat auf die Einreichung einer Kostennote
verzichtet. Der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand erscheint mit Blick auf die
zusätzlichen Beweisabnahmen durch das Gericht eine Parteientschädigung von
Fr. 4'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen.
Entsprechend dem teilweisen Obsiegen hat die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG