Decision ID: 646f5b20-6476-4490-836e-27e7428ba76f
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 24. Juni 2010 bei der Invalidenversicherung (IV) zum
Leistungsbezug an. Als gesundheitliche Beeinträchtigung nannte sie seit Oktober 2009
bestehende sehr starke Rückenschmerzen, ständige Kopfschmerzen und Schwindel
sowie starke Schmerzen in der linken Hand (IV-act. 1). Die Versicherte war seit
23. November 2009 zu 100 % arbeitsunfähig gewesen. Am 31. Mai 2010 war ihr wegen
Krankheit die Arbeitsstelle als Mitarbeiterin in der Packerei eines
Fleischverarbeitungsbetriebes auf den 31. Juli 2010 gekündigt worden (IV-act. 11-9; IV-
act. 11-2 f., 6).
A.b Mit Bericht vom 13. November 2008 hatte Dr. med. B._, Spezialarzt FMH
Neurochirurgie, dem Hausarzt der Versicherten, Dr. med. C._, Arzt für Allgemeine
Medizin FMH, die Diagnose einer linksseitigen Lumboischialgie mitgeteilt (IV-
act. 24-20). Seit dem 12. März 2009 vermerkte Dr. B._ jeweils die Diagnosen einer
chronischen Lumbago mit linksseitiger Lumboischialgie, einer intra- und
extraforaminellen Bandscheibenprotrusion L3/4 sowie von Recessus lateralis-Stenosen
L4/5 und L5/S1 linksseitig. Ein MRI vom November 2008 hatte eine leichte Resorption
des Bandscheibenvorfalles L3/4 mit intra- und extraforamineller Komponente,
Einengungen und spondylarthrotischen Veränderungen L4 bis S1 sowie Kompression
der Nervenwurzel S1 gezeigt. Die Versicherte hatte im Wesentlichen einen deutlichen
Reklinationsschmerz und eine Schmerzausstrahlung in den hinteren Oberschenkel
sowie ein Brennen der linken Fusssohle angegeben. Infiltrationen der betroffenen
Facettengelenke und des Iliosacralgelenks im Mai 2009, Februar 2010 und Juni 2010
hatten zu einer teilweisen vorübergehenden Besserung der Beschwerden geführt (IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 24-18 f.; IV-act. 24-8 f.; IV-act. 24-16 f.; IV-act. 24-4 f.; IV-act. 12-9 f.; IV-
act. 31-29 f.; IV-act. 31-23 f.).
A.c Am 7. Januar 2010 hatte Dr. med. D._, Spezialarzt orthopädische Chirurgie
FMH, bei der Versicherten eine Ganglionexzision und Teilsynovektomie beim linken
Daumen vorgenommen (IV-act. 24-10 ff.). Nach Berichten vom 13. Februar 2010 und
16. März 2010 hatte er die Verdachtsdiagnose einer Sudeckdystrophie gestellt. Im
zweitgenannten Bericht hatte er angemerkt, die Narben seien reizlos und es seien keine
Schwellung, Schweissabsonderung oder livide Verfärbung der linken Hand
festzustellen. Die komplette Extension der Finger und ein kompletter Faustschluss
seien möglich (IV-act. 24-7; IV-act. 12-11). Am 20. April 2010 hatte Dr. D._ einen
Status nach Sudeckdystrophie sowie den Verdacht auf eine
Schmerzverarbeitungsstörung diagnostiziert (IV-act. 31-37). Dr. med. E._, FMH
Chirurgie und Handchirurgie, hatte am 17. Juni 2010 von einer CRPS II (complex
regional pain syndrome) nach Handgelenks- und Daumenoperation links berichtet. Es
bestehe eine Schwellung und Überwärmung mit glänzender Haut über dem ganzen
Daumenstrahl. Ein Einsatz der rechten (richtig: linken) Hand sei noch nicht möglich (IV-
act. 24-1; IV-act. 31-32).
A.d Ein wegen starker Kopfschmerzen veranlasstes MRI des Neurocraniums hatte am
25. März 2010 kein morphologisches Korrelat für die bestehende Symptomatik
aufgezeigt (IV-act. 31-40).
A.e Im Rahmen der Früherfassung teilte der Hausarzt Dr. C._ dem regionalen
ärztlichen Dienst (RAD) im Wesentlichen mit, die Schmerzen hätten sich chronifiziert.
Die linke Hand sei und bleibe wahrscheinlich funktionsunfähig. Die Versicherte dürfe
keine Lasten über 8 kg tragen, heben oder ziehen und nicht lange stehen oder sitzen.
Solange die jetzigen Beschwerden beständen (bis auf Weiteres), sei es der
Versicherten nicht möglich, sich in die Arbeitswelt zu integrieren (IV-act. 12-1;
Posteingang 27. Juli 2010).
A.f Es folgte eine Abklärung der Versicherten durch den RAD, Dr. med. F._,
Fachärztin für Arbeitsmedizin FMH. In ihrem Bericht vom 14. September 2010 führte
Dr. F._ nach Konsultation der seit 10. August 2010 (IV-act. 33-1) behandelnden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Psychiaterin Dr. med. G._, Spezialärztin für Psychiatrie/Psychotherapie FMH, im
Wesentlichen die bisherigen Diagnosen auf und erwähnte als neue Diagnose eine
Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion auf die Kündigung der Arbeitsstelle bei
anankastischer Persönlichkeit. Sie folgerte, es sei derzeit für voraussichtlich drei
Monate kein Eingliederungspotential und auch keine Arbeitsfähigkeit gegeben (IV-
act. 23). Am 20. September 2010 berichtete Dr. F._ im Wesentlichen, es könne von
einer leidensadaptierten Arbeitsfähigkeit von provisorisch 50 %, theoretisch steigerbar
bis 100 %, ausgegangen werden (IV-act. 25).
A.g Am 24. Oktober 2010 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, es seien zurzeit keine
beruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich (IV-act. 28).
A.h Die Versicherte wurde am 7. Januar, 1. und 9. Februar 2011 im Neurologischen
Zentrum H._ untersucht. Es wurden im Wesentlichen folgende Diagnosen erhoben
bzw. bestätigt: Chronic regional pain syndrome Typ II, generalisiertes Schmerzsyndrom
(Differenzialdiagnosen: Polymyalgie, statininduziert), chronische Lumboischialgie und
Lumbago, elektrophysiologisch ohne Zeichen aktiver Denervation L5/S1 links,
Depressionen (Verdacht auf Schmerzverarbeitungsstörung), Labyrinthopathie mit
Hochtonschwerhörigkeit links sowie chronische Cervicocephalgien (chronische
Spannungskopfschmerzen mit migräniformer Komponente; IV-act. 31-3 ff.).
A.i Dr. F._ führte am 8. April 2011 aus, die Untersuchung des RAD und die
Abklärungen im Neurologischen Zentrum H._ hätten keine Befunde ergeben, die mit
Sicherheit eine relevante Arbeitsunfähigkeit verursachten. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht sei die Versicherte sowohl in ihrer angestammten als
auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig (IV-act. 32).
A.j Dr. G._ erwähnte in ihrem Bericht vom 24. Mai 2011 mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit nebst den bisherigen Diagnosen eine schwere depressive Episode
ohne psychotische Symptome (ICD-10: F32.2). Die Versicherte sei aufgrund ihrer
Schmerzen und schweren Depression nicht imstande, einer geregelten Tätigkeit
nachzugehen. Eine adaptierte Tätigkeit sei aus rein psychiatrischer Sicht während 2,5
Stunden täglich möglich (IV-act. 33-1 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.k Eine MRT-Arthografie der Schultergelenke vom 6. Januar 2012 ergab im Wesent
lichen die Diagnose von beidseitigen Rupturen der Supraspinatussehnen lateroventral,
übergreifend auf die Subscapularissehne bzw. einer degenerativen
Rotatorenmanschettenläsion rechts mehr als links (IV-act. 65-25 ff.).
A.l Vom 21. Februar bis 23. März 2012 war die Versicherte in der Psychiatrischen
Klinik I._ hospitalisiert. Dabei wurden eine schwere depressive Episode ohne
psychotische Symptome (IC ICD-10: F32.2) und der Verdacht auf
Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.0) diagnostiziert. Während des Klinikaufenthalts
konnte eine deutliche Verbesserung des Zustands erzielt werden (Bericht vom 17. April
2012, IV-act. 62).
A.m Dr. G._ berichtete am 12. März 2012 im Wesentlichen, aufgrund von starken
Rückenschmerzen, Schmerzen in beiden Schultern, der schweren Depression, des
Zustands nach Sudeckatrophie, der chronischen Spannungskopfschmerzen und von
Synkopen unklarer Genese sei die Versicherte nicht imstande, irgendeiner Tätigkeit
nachzugehen. Nach Stabilisierung des Zustandes sei eine behinderungsangepasste
Tätigkeit während 2,5 Stunden mit einer um 30% reduzierten Leistung möglich (IV
58-3 f.).
A.n Im Verlaufsbericht vom 11. Mai 2012 hielt Dr. med. J._, c/o Praxis Dr. C._,
unter Nennung der bisherigen Diagnosen fest, der Gesundheitszustand habe sich
verschlechtert (IV-act. 65-1).
A.o Aufgrund einer Stellungnahme des RAD (IV-act. 66) beauftragte die IV-Stelle das
Swiss Medical Assessment- and Business-Center (SMAB AG) mit einem
polydisziplinären Gutachten (IV-act. 70), welches am 13. Dezember 2012 erstattet
wurde (IV-act. 76). Die Gutachter diagnostizierten im Wesentlichen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit ein lumbovertebrales Schmerzsyndrom bei sich langsam
resorbierender und klinisch asymptomatischer Diskushernie L3/4 und
rumpfmuskulärem Globaldefizit infolge Langzeitdekonditionierung sowie eine MRI-
gesicherte Rotatorenmanschettenruptur beider Schultergelenke ohne gravierende
korrelierende klinische Pathologie. Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit wurden unter anderem der Status nach anamnestisch zweimaliger
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
operativer Revision eines Handgelenkganglions links mit anamnestisch berichtetem,
derzeit vollständig regredientem CRPS II, vasomotorische Kopfschmerzen, Tinnitus,
Schwerhörigkeit links, der Zustand nach wechselnd depressiven Episoden,
überwiegend mittelgradig (ICD-10: F32.1) und Hinweise auf Symptomausweitung und
Selbstlimitierung vermerkt. In ihrer angestammten Tätigkeit und in adaptierten
Tätigkeiten sei bei der Versicherten seit der Kündigung im Jahre 2010 von einer
Arbeitsfähigkeit von 80 % (volles Pensum und Minderung der Leistungsfähigkeit 20 %)
bzw. der Zumutbarkeit eines 80 %-Niveaus auszugehen (IV-act. 76-26 ff.).
A.p RAD-Ärztin Dr. med. K._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
beurteilte das Gutachten als umfassend und medizinisch nachvollziehbar. Einzig der
Beginn der 20 %igen Arbeitsunfähigkeit ab Kündigung 2010 sei nicht verständlich, da
die Versicherte ab Oktober 2009 unter zunehmenden Schmerzen gelitten habe und ab
dem 23. November 2009 nicht mehr arbeitstätig gewesen sei (IV-act. 79).
A.q Im Vorbescheidsverfahren brachte die Versicherte einwandweise im Wesentlichen
vor, das Gutachten der SMAB AG vom 13. Dezember 2012 sei nicht beweistauglich,
und sie reichte zur Untermauerung ihres Standpunktes weitere medizinische Berichte
ein (IV-act. 90). Der RAD befand am 2. Mai 2013, mit dem Einwand würden keine neuen
relevanten medizinischen Tatsachen geltend gemacht (IV-act. 92).
A.r Mit Verfügung vom 3. Mai 2013 wies die IV-Stelle wie im Vorbescheid angekündigt
(IV-act. 83), das Begehren um Ausrichtung einer Rente ab (IV-act. 96).
B.
B.a Gegen diese Verfügung lässt die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt Roland
Zahner, Kreuzlingen, am 6. Juni 2013 Beschwerde erheben. Sie beantragt, es sei die
Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 3. Mai 2013 unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen aufzuheben und es seien die ihr zustehenden Leistungen der IV
zuzusprechen. Eventualiter seien weitere medizinische Untersuchungen (inklusive EFL-
Abklärung) vorzunehmen. Subeventualiter sei ihr eine befristete Rente zuzusprechen.
Im Wesentlichen macht die Beschwerdeführerin geltend, das polydisziplinäre
Gutachten der SMAB AG vom 13. Dezember 2012 sei nicht beweistauglich. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin legt einen ergänzenden Bericht von Dr. G._ vom 30. Mai 2013
ins Recht. Danach sei nicht von einem kompensierten Zustand und einer 100 %igen
Arbeitsfähigkeit auszugehen (act. G 1.2). Es sei auf die Beurteilungen der
behandelnden Ärzteschaft, Dr. J._, Dr. G._ und Dr. B._ abzustellen. Die
Arbeitsfähigkeit betrage demgemäss höchstens 25 %. Selbst unter Berücksichtigung
des SMAB-Gutachtens bestehe mindestens Anspruch auf eine befristete Invalidenrente
(act. G1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 20. August 2013 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). In der Replik vom 8. Oktober 2013 hält die
Beschwerdeführerin an ihren Standpunkten fest (act. G 9). Die Beschwerdegegnerin
verzichtete auf eine Duplik (act. G 11).

Erwägungen
1.
1.1 Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist,
auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50% invalid ist und auf eine
Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40% invalid ist. Für die Bestimmung des
Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in
Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht
invalid geworden wäre (Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
1.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4).
1.3 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Im Sinne einer Richtlinie ist den
im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen
sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde
zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E.
1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
1.4 Im Sozialversicherungsprozess gelten die Grundsätze der Untersuchungspflicht
und der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Demgemäss hat
der Versicherungsträger bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien
gebunden zu sein. Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben
zusätzliche Abklärungen stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53 E. 4a am Schluss). Im Sinne einer
Richtlinie ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von
externen Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb). Sofern das Gutachten
lege artis erstellt wurde, kann es nicht angehen, dieses stets dann in Frage zu stellen
und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu
unterschiedlichen Einschätzungen gelangen oder an vorgängig geäusserten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich hingegen, wenn die
behandelnden Ärzte objektiv feststellbare Gesichtspunkte vorbringen, welche im
Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben und die geeignet sind, zu einer
abweichenden Beurteilung zu führen (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 18. April 2006, I 783/05, E. 2.2 mit Verweis).
2.
2.1 Anlässlich der Untersuchungen durch die Gutachter erklärte die
Beschwerdeführerin im Wesentlichen, sie leide unter permanenten tieflumbalen
Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in die Beine, unter Schmerzen an Schultern und
Oberarmen und unter Beschwerden im Nacken und ständigem Kopfweh. Seit der
Entfernung eines Ganglions am Daumengrundgelenk habe sie Beschwerden an der
Hand und am Unterarm; sie könne diese nicht mehr einsetzen, es bestehe eine starke
Überempfindlichkeit sowie eine Schmerzauslösung bei Druck auf das
Daumengrundgelenk. Sie könne sich nicht vorstellen, je wieder regelmässig beruflich
tätig sein zu können und sei nicht mehr in der Lage, frühere Hobbys auszuüben und
den Haushalt ohne Hilfe zu besorgen (IV-act. 76-17, 19, 21, 22, 24 f., 36, 38, 42 ff., 51).
2.2 Der orthopädische Gutachter, Dr. med. L._, Facharzt für Orthopädie und
Traumatologie, fand keine Hinweise für ein florides vertebragenes
Nervenwurzelkompressionssyndrom. Die aufgrund des MRI im Jahre 2010 gestellten
Diagnosen im Bereich der Lendenwirbelsäule seien asymptomatisch. Für die
Wirbelsäule sei ein globalmuskuläres Defizit festzustellen. Für die intensiv beklagten
Beschwerden im Bereich der linken Hand und des linken Arms finde sich kein
korrelierender pathologischer Befund. Insbesondere seien keine Aspekte eines
persistierenden CRPS II auszumachen; die Ober- und Unterarmmuskulatur sei
seitengleich mittelkräftig (IV-act. 76-22). Zudem berichtete er, beim Aus- und Ankleiden
habe die Beschwerdeführerin die linke Hand fest schliessen und problemlos der
rechten Gegenseite entsprechend einsetzen können (IV-act. 76-20). Die Arthro-MRI-
Ergebnisse (Rotatorenmanschettenrupturen beider Schultergelenke) seien klinisch
weitgehend asymptomatisch. Der Beschwerdeführerin seien leichte, rückenadaptierte,
wechselbelastende Tätigkeiten zumutbar. Zwangshaltungen wie vornübergebeugtes
Stehen, Knien, Hocken oder Kauern, Torsionsbewegungen der Wirbelsäule, repetitive
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bewegungsanforderungen an den Rumpf, die oberen Extremitäten statisch belastende
Arbeiten sowie Tätigkeiten in Überschulterhöhe seien zu vermeiden. Das Heben,
Tragen und Bewegen von Lasten sei auf 10 kg limitiert (IV-act. 76-23). Die
neurologische Gutachterin, Dr. med. M._, Fachärztin für Neurologie FMH, hielt fest,
es seien keine fachspezifischen Diagnosen mit Relevanz für die Arbeitsfähigkeit
auszumachen gewesen. Bei der neurologischen Untersuchung hätten sich keine sicher
verwertbaren Ausfälle gefunden. Die linke Körperseite sei schwierig untersuchbar, bei
fehlenden Atrophien sei aber kaum eine sichere motorische neurologische Störung
fassbar. Auch seien keine vertebragene neurogene Pathologie beziehungsweise keine
neurologischen Ausfälle in Bezug auf die Pathologie am Rücken festzustellen. Zudem
sei 2012 (richtig: 2011) eine neurologische und elektrophysiologische Abklärung erfolgt,
welche normale Befunde ergeben habe. Die Kopfschmerzen seien am
wahrscheinlichsten als vasomotorisch zu diagnostizieren; die Klassifizierung sei
schwierig, die Befunde seien unauffällig. Die Diagnosen der vasomotorischen
Kopfschmerzen, des Tinnitus sowie der Schwerhörigkeit links schränkten die
Arbeitsfähigkeit nicht ein (IV-act. 76-23, 38 f.). Der linke Arm zeige keine Differenz zum
rechten, weder in Bezug auf die Hautfarbe noch auf die Trophik. Die Gefühlsstörung
am linken Arm werde nicht konstant angegeben. Die geklagten Missempfindungen
oder die Hyperpathie seien schwierig einzuordnen. Bei Druck auf die radiale
Daumenseite in der Grundgelenksgegend werde nach proximal ein elektrisierender
Schmerz angegeben, so dass diagnostisch dort ein Neurom in Erwägung zu ziehen sei,
welches unter Behandlung erträglich sein sollte und nicht zwingend eine
Arbeitsunfähigkeit bewirke (IV-act. 76-38 ff.). Es bestehe längerfristig weder in der
bisherigen Tätigkeit noch in alternativen Verweistätigkeiten eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit (IV-act. 76-23, 38 ff.). Die psychiatrische Gutachterin, Dr. med. N._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychologie, kam zum Schluss, anamnestisch seien
keine Hinweise für eine schwere depressive Episode oder für eine affektive Erkrankung
relevanten Ausmasses ersichtlich. Krankhafte Auslenkungen des Affekts zum
depressiven oder aggressiven Pol, Suizidalität, Impulskontrollstörungen oder ein
pathologischer Angstaffekt seien nicht feststellbar. Es zeigten sich deutliche Hinweise
für eine Schmerzausweitung und Selbstlimitierung. Im Mittelpunkt der vorgetragenen
Symptomatik stünden körperliche Beschwerden. Weitere störungsspezifische
psychische Beschwerden, bis auf medikamentös gebesserte Schlafstörungen, habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Beschwerdeführerin auch bei mehrfacher Nachfrage nicht angeben können. Auch
der trotz Behandlung völlig unverändert angegebene Verlauf lasse sich nicht
nachvollziehen; in der Regel lasse sich eine Depression gut behandeln. Ohne Relevanz
für die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit seien anamnestisch ein Zustand nach
wechselnd depressiven Episoden, überwiegend mittelgradig (ICD-10: F32.1) sowie
Hinweise für Symptomausweitung und Selbstlimitierung zu diagnostizieren. Die 2012
anlässlich einer stationären Behandlung in der Psychiatrischen Klinik I._ gestellte
Diagnose einer schweren depressiven Episode könne nicht nachvollzogen werden, da
der Austrittsbericht keine entsprechende Befunde oder Symptomatik aufzeige. In
jedem Fall lägen ausreichend Ressourcen vor, um eine einfache Routinetätigkeit zu
bewältigen. Aus psychiatrischer Sicht bestehe sowohl in der bisherigen Tätigkeit als
auch in einer Verweistätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 100 %. Die von Dr. G._ unter
Einbezug körperlicher und psychischer Faktoren attestierte 100 %ige
Arbeitsunfähigkeit könne aus psychiatrischer Sicht nicht nachvollzogen werden (IV-
act. 76-25, 46 ff., 42 f.). Eine retrospektive Beurteilung sei schwierig, die jeweils
zugesprochene hohe Arbeitsunfähigkeit sei nach dem Verlauf und der Würdigung der
zurückliegenden psychischen Befunde und des jetzigen psychischen Befundes nicht
nachvollziehbar und zu bezweifeln (IV-act. 76-48). Gemäss dem internistischen
Gutachter, Dr. med. O._, Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie FMH,
waren keine Diagnosen mit Relevanz für die Arbeitsfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit zu stellen. Die medikamentöse Behandlung weise eine ausgesprochene
Polypragmasie auf. Die Arbeitsfähigkeit sei weder in der bisherigen noch in einer
Verweistätigkeit eingeschränkt (IV-act. 76-52 f.). In der Gesamtbeurteilung schätzten
die Gutachter die Arbeitsfähigkeit sowohl in der bisherigen Tätigkeit als Verpackerin
von Fleischprodukten als auch in einer adaptierten Tätigkeit seit der
Arbeitsplatzkündigung 2010 durchgehend auf 80 % (volles Pensum und Minderung der
Leistungsfähigkeit um 20 %, IV-act. 76-29, 32). Die bisherige Tätigkeit entspreche
weitestgehend dem aktuell formulierten Belastungsprofil (IV-act. 76-30).
3.
Die Beschwerdeführerin bringt vor, auf das Gutachten dürfe nicht abgestellt werden.
Sie leide gemäss Diagnosen von Dr. B._ nach wie vor an erheblichen organischen
Beeinträchtigungen, begleitet von Schwindelanfällen. Eine Arbeitsfähigkeit bestehe aus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neurologischer Sicht höchstens zu 25 %. Im Übrigen sei für die Beurteilung der
neurologisch bedingten Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit ein aktuelles MRI
einzuholen (act. G 1-4 f.). Das orthopädische Gutachten erkläre wechselbelastende
Arbeiten ohne Zwangshaltung, wie unter anderem vornübergebeugtes Stehen, für
zumutbar. Die bisherige Tätigkeit als Abpackerin von Fleischwaren erfordere eine
solche Zwangshaltung. Die gutachterlich attestierte Arbeitsfähigkeit von 100 % in ihrer
angestammten Tätigkeit sei daher nicht nachvollziehbar. Aufgrund ihrer orthopädischen
Beschwerden sei sie in ihrer angestammten Tätigkeit höchstens zu 25 % arbeitsfähig
und die Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit sei erheblich vermindert
(act. G 1-5). Das internistische Teilgutachten sei äusserst kurz und knapp und genüge
den Anforderungen des Bundesgerichts nicht. Es sei stattdessen auf die Berichte des
Hausarztes abzustellen, der ihr auch in internistischer Hinsicht keine Arbeitsfähigkeit
attestiere (act. G 1-5). Die Dauer der psychiatrischen Untersuchung sei nicht
ausreichend; entsprechend sei das Gutachten knapp und dürftig ausgefallen. Es seien
daher die Berichte der behandelnden Dr. G._ und der Austrittsbericht der
Psychiatrischen Klinik I._ vom 17. April 2012 massgebend. Gemäss Berichten von
Dr. G._ vom 19. März 2013 und vom 30. Mai 2013 sei ihr eine tägliche Präsenzzeit
von 2,5 Stunden bei einer Leistungsfähigkeit von 70 %, entsprechend einer
Arbeitsfähigkeit von höchstens 25 %, zumutbar (vgl. IV-act. 90-14 f.; act. G 1.2).
Dr. J._ habe in ihrem Bericht vom 28. März 2013 eine seit 23. November 2009
bestehende 100 %ige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit angenommen.
Auch in einer leidensangepassten Tätigkeit sei nach Auffassung dieser Ärztin die
Arbeitsfähigkeit nicht gegeben (vgl. IV-act. 90-28 f.). Die vorhandenen
Einschränkungen, insbesondere die seit langem bestehenden Schmerzen im linken
Arm, beeinflussten die Arbeitsfähigkeit massgeblich. Fliessbandarbeiten, wie bislang
ausgeübt, könne sie dadurch nur stark verlangsamt ausführen. Zusammen mit dem
chronischen cervicocephalen Syndrom sei die Schätzung einer 80 %igen
Arbeitsfähigkeit nicht nachvollziehbar. Die Gesamtbeurteilung des SMAB-Gutachtens
sei nicht beweistauglich; insgesamt sei höchstens eine 25 %ige Arbeitsfähigkeit
zumutbar (act. G 1). Die Beschwerdegegnerin macht im Wesentlichen geltend, weitere
medizinische Abklärungen erübrigten sich aufgrund der vorliegenden
Untersuchungsergebnisse. Insgesamt sei das SMAB-Gutachten in Bezug auf den
medizinischen Sachverhalt beweiskräftig (act. G 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
4.1 Dr. B._ betreute die Beschwerdeführerin seit 13. November 2008 (IV-
act. 24-20 f.) und stellte im Verlauf der Behandlung die Diagnosen einer chronischen
Lumbago mit linksseitiger Lumboischialgie, einer sich gemäss MRI-Befunden von
2006, 2008 und 2010 zurückbildenden Bandscheibenprotrusion L3/L4 mit
Nervenwurzelberührung und Einengung des Spinalkanals sowie von Recessus lateralis-
Stenosen L4/L5 und L5/S1 linksseitig. Im Mai 2009 sowie im Februar und Juni 2010
wurden Infiltrationen der betroffenen Facettengelenke und des Iliosakralgelenks
durchgeführt, welche schmerzlindernde Wirkung von unterschiedlicher Dauer zeigten
(Berichte vom 12. März 2009, 8. Mai 2009, 15. Februar 2010, 26. Mai 2010, 9. Juni
2010, 26. August 2010 und vom 4. November 2010, IV-act. 24-18 f., -16 f., -8 f.; -4 f.;
IV-act. 12-9 f.; IV-act. 31-29 f., -23 f.). Am 19. November 2012 wurde von Dr. B._
wegen ausstrahlender Kreuzschmerzen und Verspannungen im oberen BWS- und
Halswirbelsäulenbereich nochmals eine Infiltration empfohlen (IV-act. 90-12 f.). Dass
diese effektiv durchgeführt wurde, wird im Beschwerdeverfahren nicht geltend
gemacht und insbesondere im Bericht der behandelnden Ärztin Dr. J._ vom 28. März
2013 (IV-act. 90-28 f.) nicht erwähnt. Selbst wenn die vorgesehene Infiltration
durchgeführt worden ist, war diese Therapie zuvor offenbar während mehr als zwei
Jahren nicht mehr notwendig gewesen. Auch neurologisch konnten keine die
Rückenbeschwerden erklärenden Befunde erhoben werden. Es erscheint daher
nachvollziehbar, dass im Lumbalbereich keine die Arbeitsfähigkeit massgeblich
einschränkende Symptomatik vorliegt. Hinsichtlich der Kopfschmerzen
(Cervicocephalgien) und des Schwindels wurden zwar anamnestische Befunde
erhoben und Diagnosen gestellt. Indes zeigte ein MRI des Neurocraniums vom
25. März 2010 kein fassbares Korrelat (IV-act. 31-40). Bei der Abklärung im
Neurologischen Zentrum H._ am 1. Februar 2011 wurden die Kopfschmerzen,
welche die Beschwerdeführerin als vor allem bei Lärm, grellem Licht und progredient
auftretend beschrieb, bei unauffälligem Neurostatus als am ehesten chronifizierter
Spannungsschmerz mit Merkmalen einer Migräne diagnostiziert (IV-act. 31-5 f.). Somit
vermögen die Berichte der behandelnden Ärzte das Gutachten, wonach für die Kopf-
und Nackenbeschwerden keine erklärenden Befunde erhoben werden konnten, nicht
zu entkräften.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Hinsichtlich der Schmerzen in der linken Hand und im linken Arm erwähnte
Dr. D._ am 16. März 2010 zwar die Verdachtsdiagnose einer Sudeckdystrophie,
erhob jedoch unauffällige Untersuchungsergebnisse der linken Hand (IV-act. 12-11).
Dr. med. P._, Facharzt FMH für Innere Medizin, der die Beschwerdeführerin für die
Krankentaggeldversicherung untersuchte, hielt am 29. März 2010 eine
Sudeckdystrophie für möglich und vermerkte eine Diskrepanz zwischen den objektiv
geringen Befunden (Schwellungszustand im Bereich des Daumens, sehr diskret auch
im Handrücken, sowie diskrete Einschränkung der Beweglichkeit im Handgelenk) und
den starken sekundären Schmerzüberlagerungen (act. G 5.2-7 f.). Die Handchirurgin
Dr. E._ hielt am 17. Juni 2010 Anzeichen einer Sudeckdystrophie für gegeben, wies
aber ebenfalls darauf hin, dass die Beschwerdeführerin zur Schmerzausweitung neige,
weshalb nach wenigen Wochen eine Verlaufskontrolle durchzuführen sei (IV-act. 31-32;
IV-act. 24-1). Das Neurologische Zentrum H._ berichtete aufgrund der Untersuchung
vom 7. Januar 2011, ein CRPS II sei "sicherlich" vorhanden; allerdings sei eine
Nervenschädigung elektrophysiologisch nicht nachweisbar (IV-act. 31-15). In späteren
Berichten erwähnte Dr. J._ die Diagnose eines CRPS II (IV-act. 65-1), während Dres.
G._. und B._ eine entsprechende Verdachtsdiagnose bzw. einen Zustand nach
Operation am linken Handgelenk vermerkten (IV-act. 33-1; IV-act. 58-1; IV-act. 90-12).
Aus dieser medizinischen Aktenlage geht hervor, dass zeitweise Anzeichen für ein
CRPS bestanden, diese aber offenbar wieder abklangen. Im Übrigen beruht die
Diagnose somit vor allem auf den angegebenen, nicht objektivierten Beschwerden. Die
gutachterliche Diagnose eines Status nach anamnestisch zweimaliger operativer
Revision eines Handgelenkganglions links mit anamnestisch berichtetem
postoperativen CRPS II, derzeit klinisch vollständig regredient (IV-act. 76-26), ist damit
nachvollziehbar.
4.3
4.3.1 In Berichten vom 19. März 2013 (IV-act. 90-14 f.) und 30. Mai 2013
(act. G 1.2) notierte Dr. G._ als psychiatrische Diagnose eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig mittel- bis schwergradige Episode ohne psychotische
Symptome (ICD-10: F33.11), welche für die Arbeitsfähigkeit relevant sei. Es wundere
sie, dass die psychiatrische Gutachterin anamnestisch einen Zustand nach wechselnd
depressiven Episoden mit überwiegend mittlerem Grad und ohne Auswirkungen auf die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit diagnostiziere. Die Beschwerdeführerin sei vom 21. Februar bis
23. März 2012 in der Psychiatrischen Klinik I._ rund um die Uhr behandelt und
beobachtet worden. Die dort gestellte Diagnose der schweren depressiven Episode
und die verordnete antidepressive Medikation hätten dem Zustand der
Beschwerdeführerin entsprochen (IV-act. 90-14 f.). Diese sei bereits im Jahre 2011
aufgrund ihrer vertieften rezidivierenden depressiven Störung nicht in der Lage
gewesen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Q._ nach R._ oder S._ zu fahren.
Bei der psychiatrischen Begutachtung sei sie laut Gutachten nicht imstande gewesen,
vorhandene störungsspezifische Beschwerden anzugeben. Es müsse jedoch
berücksichtigt werden, dass sie sich, auch kulturell bedingt, lediglich über ihre
Schmerzen, nicht aber über ihre Emotionen äussern könne. Die Depression sei bei ihr
Teil des metabolischen Syndroms, was sich durch massiven sozialen Rückzug äussere.
Im Gegensatz zur Gutachterin habe sie (Dr. G._) deutliche Aufmerksamkeits- und
Konzentrationsstörungen festgestellt. Kurz nach der Entlassung aus der
Psychiatrischen Klinik I._ seien erneut Symptome einer mittelgradigen Depression
aufgetreten. Das Gutachten sei in sich widersprüchlich, da es einerseits feststelle, dass
keine krankhaften Auslenkungen des Affekts zum depressiven oder aggressiven Pol
vorhanden seien, und andererseits berichte, dass mit stark emotional getönter
Sprechstimme starkes Leiden angezeigt worden sei. Es sei in Anbetracht der hoch
dosierten Antidepressiva kaum anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin im
Zeitpunkt der gutachterlichen Untersuchung keine Symptome einer Depression gezeigt
habe. Eine Aggravation oder Simulation habe sie im Gegensatz zur Gutachterin nicht
festgestellt (act. G 1.2). Dr. G._ schätzt die Arbeitsfähigkeit in ihrem Bericht vom
19. März 2013 in der ursprünglichen Tätigkeit als völlig aufgehoben und in angepasster
Tätigkeit auf täglich 2,5 Stunden bei einer Leistungsfähigkeit von 70 %; aufgrund der
mittelgradigen depressiven Episode bestehe eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
aus psychiatrischer Sicht (IV-act. 90-14 f.). Im Bericht vom 30. Mai 2013 bekräftigt sie
die Annahme, dass aus rein psychiatrischer Sicht nicht von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden könne (act. G 1.2).
4.3.2 Aus dem Bericht der Psychiatrischen Klinik I._ geht hervor, dass die
Beschwerdeführerin zwar beim Eintritt den Diagnosekriterien einer depressiven
Episode entsprechende Symptome aufwies (Gefühl der Nutzlosigkeit, Scham- und
Schuldgefühle, zunehmende Vergesslichkeit, deutliche Antriebsminderung,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vermindertes Selbstwertgefühl, negative und pessimistische Zukunftsperspektive,
psychomotorische Hemmung; vgl. IV-act. 62-3). Beim Austritt war sie hingegen im
Affekt unauffällig (IV-act. 62-5). Damit ist vereinbar, dass die psychiatrische Gutachterin
rund sieben Monate später keine krankhaften Auslenkungen des Affektes zum
depressiven Pol mehr feststellte. Die unterschiedliche Beurteilung durch Dr. G._ und
die Gutachterin scheint massgeblich darauf zu gründen, dass die depressiven
Episoden, wenn auftretend, behandelbar sind, was die Gutachterin postuliert hat.
Insofern ist plausibel, vermag aber das Gutachten nicht zu entkräften, dass Dr. G._
jeweils vorübergehend Symptome einer Depression festgestellt hat. Weitere
medizinische Tatsachen, welche die Beurteilung der psychiatrischen Gutachterin
massgeblich in Frage zu stellen vermögen, führt Dr. G._ nicht an. Dass für die
psychiatrische Untersuchung lediglich eine Stunde eingeplant war, vermag den
Beweiswert des psychiatrischen Gutachtens ebenfalls nicht zu tangieren, zumal diese
Untersuchungsdauer nicht von Vornherein als unangemessen oder unüblich kurz
erscheint und Gesetz oder Rechtsprechung nicht einen Anspruch auf eine bestimmte
Untersuchungsdauer einräumen. Diese richtet sich nach den Anforderungen einer
umfassenden, eine zuverlässige Einschätzung der Arbeitsfähigkeit erlaubenden
Untersuchung im Einzelfall (Urteil des Bundesgerichts vom 5. Januar 2012,
8C_639/2011 E. 4.3.1). Das Gutachten lässt nicht auf eine unvollständige
Befunderhebung schliessen. Zu den von der Beschwerdeführerin verlangten
psychologischen Testverfahren (act. G 1 S. 9) ist Folgendes zu bemerken: Zum einen
kommt testpsychologischen Verfahren, welche nach bestimmten Skalen auf Angaben
und Einschätzungen der zu untersuchenden Person selbst beruhen, gegenüber der
klinischen Untersuchung lediglich ergänzende Funktion zu (Urteile des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 9. August 2006, I 391/06, E. 3.2.2, und
des Bundesgerichts vom 2. Juli 2012, 8C_266/2012, E. 4.1). Zum anderen ist es
grundsätzlich der Gutachterperson überlassen, über Art und Umfang der aufgrund der
konkreten Fragestellung erforderlichen Untersuchungen zu befinden (vgl. Urteile vom
23. Mai 2014, 8C_96/2014, E. 4.3, und vom 24. Juli 2014, 8C_450/2014, E. 4.2).
4.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Gutachten des SMAB auf
ausreichend umfassenden Anamnesen und Untersuchungen gründet und die
wesentlichen vorhandenen Akten und die von der Beschwerdeführerin geklagten
Gesundheitsbeeinträchtigungen berücksichtigt. Die Darlegung der Befunde und die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die einzelnen medizinischen Fachexperten und
im Gesamten erscheinen schlüssig und nachvollziehbar. Das internistische Gutachten
ist zwar knapp ausgefallen, was jedoch darauf beruht, dass die geklagten
Beschwerden in die übrigen Fachgebiete fallen und internistisch keine besonderen
Befunde zu beurteilen waren. Aus somatischer Sicht kann eine Arbeitsunfähigkeit nur
insoweit begründet werden, als subjektive Schmerzangaben der versicherten Person
durch damit korrelierende, fachärztlich schlüssig feststellbare Befunde hinreichend
erklärbar sind (BGE 130 V 399 E. 5.3.2 mit weiteren Hinweisen). Die von den
Begutachtenden erhobenen Befunde sind weitgehend unauffällig oder asymptomatisch
und erklären die von der Beschwerdeführerin angegebenen Schmerzen und
Missempfindungen nicht in genügendem Ausmass. Folglich ist die Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit durch die Gutachter nachvollziehbar. Die Vorbringen der
Beschwerdeführerin vermögen den Beweiswert des Gutachtens nicht zu entkräften.
Die vorhandenen Berichte der behandelnden Ärzte gelangen zwar zu wesentlich
höheren Einschätzungen der Arbeitsunfähigkeit als die Gutachter. Sie begründen dies
jedoch nicht mit medizinischen Tatsachen, welche durch die Gutachter nicht
berücksichtigt worden wären. Zudem muss die Erfahrungstatsache mitberücksichtigt
werden, dass Hausärzte aufgrund des Auftragsverhältnisses zu ihren Patienten in
Zweifelsfällen eher dazu neigen, zu Gunsten ihrer Patienten auszusagen (BGE 125 V
351 E. 3b/cc). Es ist daher auf das SMAB-Gutachten vom 13. Dezember 2012
abzustellen, womit von einer Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten von 80 %
auszugehen ist. Es besteht sodann kein Anlass, wie von der Beschwerdegegnerin in
der Beschwerdeantwort dargetan (act. G 5 S. 9), in Abweichung vom Gutachten von
einer vollen Arbeitsfähigkeit auszugehen, zumal gemäss Stellungnahme des RAD
mässig gravierende krankhafte Befunde im Bereich der Lendenwirbelsäule, des
Rumpfes sowie beider Schultergelenke vorliegen und die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
des Gutachtens nachvollziehbar ist (IV-act. 79-2).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin erzielte gemäss Auszug aus dem individuellen Konto im
Jahr 2008 ein Lohneinkommen von Fr. 54'157.-- (IV-act. 8-1). Gemäss
Lohnentwicklung des Bundesamtes für Statistik beträgt dieses teuerungsbereinigt für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das Jahr 2010 Fr. 55'891.-(Tabelle T39, Index Frauen 2008: 2499; Index 2010: 2579),
sodass von einem Valideneinkommen in dieser Höhe auszugehen ist.
5.2 Grundlage des Invalideneinkommens bildet vorliegend der durchschnittliche
Tabellenlohn für Hilfsarbeiten, LSE 2010, Anforderungsniveau 4, Frauen, von
Fr. 52'728.-- .Bei einer Arbeitsfähigkeit von 80 % entspricht dies einem Jahreslohn von
Fr. 42'182.--.
5.3 Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen
Durchschnittswerten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert (Tabellenlohn)
allenfalls zu kürzen. Damit soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass
persönliche und berufliche Merkmale, wie Art und Ausmass der Behinderung,
Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können. Aufgrund dieser
Faktoren kann die versicherte Person die verbliebene Arbeitsfähigkeit auch auf einem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt möglicherweise nur mit unterdurchschnittlichem
erwerblichem Erfolg verwerten. Der Abzug soll aber nicht automatisch erfolgen. Er ist
unter Würdigung der Umstände im Einzelfall nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen und darf 25 % nicht übersteigen. Die Rechtsprechung gewährt
insbesondere dann einen Abzug auf dem Invalideneinkommen, wenn eine versicherte
Person selbst im Rahmen körperlich leichter Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer
Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Sind hingegen leichte bis mittelschwere Arbeiten
zumutbar, ist allein deswegen auch bei eingeschränkter Leistungsfähigkeit noch kein
Abzug gerechtfertigt, weil der Tabellenlohn im Anforderungsniveau 4 bereits eine
Vielzahl von leichten und mittelschweren Tätigkeiten umfasst. Allfällige bereits in der
Beurteilung der medizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche
Einschränkungen dürfen nicht zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten
Abzuges einfliessen und so zu einer doppelten Anrechnung desselben
Gesichtspunktes führen (Urteile des Bundesgerichts vom 23. Dezember 2014,
9C_630/2014, E. 2.1 mit Verweisen auf BGE 126 V 75 E. 5 a und 5 b und weitere und
vom 22. Januar 2015, 9C_846/2014, E. 4.1.1).
5.4 Die Beschwerdegegnerin gewährte der Beschwerdeführerin unter
Berücksichtigung ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung und der zuletzt ausgeübten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeit im Vergleich zu einer dem Leiden angepassten Tätigkeit einen
Tabellenlohnabzug von 10 % (IV-act. 93-3). Die Beschwerdeführerin macht geltend, es
stehe ihr ein Tabellenlohnabzug von 20 % bis 25% zu. Aufgrund ihres Leistungsprofils
und insbesondere ihrer erheblichen Einschränkungen psychischer Art -
Schlafstörungen, Verlangsamung, grösserer Bedarf an Pausen und Erholungszeit
wegen der Schmerzen - könne sie die ihr zumutbare Arbeitsfähigkeit nur in reduziertem
Rahmen ausüben und das durchschnittliche Lohnniveau einer jüngeren und gesunden
Mitarbeiterin nicht erreichen (act. G 1 S. 12; act. G 9 S. 6f.).
5.5 Für die bisherige Tätigkeit (Verpacken von Fleischwaren) erstellte der
orthopädische Gutachter ein Belastungsprofil (E. 2.2; IV-act. 76-23) und attestierte eine
Arbeitsfähigkeit von 80 % in Form einer Leistungseinschränkung von 20 % (IV-
act. 76-29). Die Einbusse der Leistungsfähigkeit durch Verlangsamung und erhöhten
Pausenbedarf ist damit in der 80 %igen Arbeitsfähigkeit bereits berücksichtigt.
Insoweit rechtfertigt es sich nicht, diese nochmals in einen Tabellenlohnabzug
einfliessen zu lassen. In psychiatrischer Hinsicht diagnostizierte die Gutachterin einen
Zustand nach wechselnd depressiven Episoden, überwiegend mittelgradig und ohne
Relevanz für die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 76-46). Auf das Gutachten ist abzustellen, und
es enthält keine Anhaltspunkte dafür, dass psychische Beschwerden bestehen, welche
die Arbeitsfähigkeit nicht einschränken, jedoch (zusätzlich zur Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit um 20 %) einen Tabellenlohnabzug rechtfertigen. Ein
Tabellenlohnabzug wegen Teilzeiterwerbs kommt nicht in Betracht, da eine vollzeitliche
Arbeitsfähigkeit besteht. Zu berücksichtigen sind im Wesentlichen die Einschränkungen
aus dem Belastungsprofil, soweit sie nicht in der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
enthalten sind, sowie das Alter der Beschwerdeführerin und ihre Abwesenheit vom
Arbeitsmarkt. Insgesamt ist ein Tabellenlohnabzug von 10 % angemessen. Das
Invalideneinkommen beträgt somit Fr. 37'964.-- (Fr. 42'182.-- x 0,9). Bei einem
Valideneinkommen von Fr. 55'891.-- (E. 5.1) resultiert ein Invaliditätsgrad von 32 %,
womit kein Rentenanspruch besteht.
6.
6.1 Die Beschwerde ist somit abzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die
Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden.
Angesichts des vollen Unterliegens der Beschwerdeführerin sind ihr die Gerichtskosten
unter Anrechnung des von ihr in selbiger Höhe geleisteten Kostenvorschusses
gesamthaft aufzuerlegen. Aufgrund des Ausgangs des Verfahrens ist der
Beschwerdeführerin keine Parteientschädigung zuzusprechen.