Decision ID: 3ca92ec5-9017-4a0b-9257-dc1dcfff6739
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
wurde am 1
3.
Januar 2006 (Tagesregister-Datum) als Mitglied des Verwaltungsrates
der
Y._
im Handelsregister des Kantons Zürich eingetragen
(
Urk.
3/4/3
,
Urk.
7/1
). Die
Y._
war
seit
1.
Januar 2006
der Sozialver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich, Aus
gleichs
kasse, als beitragspflichtige Arbeitge
berin angeschlossen (vgl. Urk. 7
/
5
)
.
Mit Statutenänderung vom 5. Oktober 2012 wurde die Gesellschaft in "
Z._
" umfirmiert (Tagebucheintrag vom 12. Oktober 2012, Publika
tion im SHAB vom 17. Oktober 2012; Urk. 3/4/3). Am 1. Juli 2014 wurde der Gesellschaft wieder die ursprüngliche Firma "
Y._
" gegeben (Tagebucheintrag vom 4. Juli 2014, Publikation im SHAB vom 9. Juli 2014; Urk.
3/4/3).
Am 10. Juli 2014 fiel
die
Y._
in Konkurs (
Urk.
3/4/3
,
Urk.
7/8
40
). Das Konkursverfahren wurde
mit Urteil des Konkurs
richters
vom 11. Juni 2015 als geschlossen erklärt und die Gesellschaft wurde von Amtes wegen im Handelsregister gelöscht
(
Urk.
3/4/3
,
Urk.
7/8
92
).
Mit Verfügung vom
5
.
Ap
r
il 2016
forderte die Ausgleichskasse von
X._
Schadenersatz für entgangene Sozialversicherungsbeiträge sowie Verwal
tungskosten, Verzugszinsen und Gebühren in der Höhe von total Fr.
142'590.--
(Urk.
7/895
).
Die dagegen von
X._
am
4.
Mai 2016 erhobene Ein
sprache
(
Urk.
7/
912
)
hiess die Ausgleichskasse mit
Einsprache
entscheid
vom
8.
September 2016 teilweise gut und verpflichtete ihn zu
r Leistung von
Schaden
ersatz im Betrag von
Fr.
141
'
9
65.90 (
Urk.
2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom
8.
September 2016 erhob
X._
am
7.
Oktober 2016 Beschwerde und beantragte dessen Aufhebung (
Urk.
1
). Mit Beschwerdeantwort vom 1
0.
November 2016 beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6, unter Beilage
d
er
Kassena
kten [
Urk.
7/1-940
]), was dem Beschwerdeführer am 1
4.
November 2016 zur Kenntnis gebracht wurde
(Urk. 8).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassen
en
versicherung
(AHVG) hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder grob
fahr
lässige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zufügt, diesen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäfts
führung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solida
risch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
1.2
Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu
entwickelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestimm
ungen sinngemäss Anwendung auf die
Invaliden
ver
sicherungs
- (Art. 66 des Bun
desgesetzes über die Invalidenversicherung), Er
werbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft) und Arbeitslosenversicherungsbeiträge (Art. 6 des Bun
desgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenz
entschädigung) sowie auf jene an die Familienausgleichskassen (FAK) gemäss dem Bundesgesetz über die Familienzulagen (Art. 25
lit
. c).
2.
2.1
2.1.1
Voraussetzung für eine Haftung nach Art. 52 AHVG ist zunächst das Vorliegen eines Schadens. Dieser besteht darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschul
deter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, dessen die Kasse verlustig geht (Thomas Nussbaumer, Die Ausgleichskasse als Partei im
Schadenersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahnge
bühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb; vgl. auch BGE 109 V 95 oben, 108 V 189 E. 5). Im Hinblick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Ab
rech
nungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitge
berbeiträge zum massgeblichen Schaden (BGE 98 V 26 E. 5).
2.1.2
Der Schaden gilt als eingetreten, sobald anzunehmen ist, dass die geschuldeten Beiträge aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben wer
den können (BGE 126 V 443 E. 3a, 121 III 382 E. 3bb, 388 E. 3a, je mit Hin
weisen). Dies trifft dann zu, wenn die Beiträge im Sinne von Art. 16 Abs. 1 AHVG verwirkt sind (vgl. beispielsweise BGE 112 V 156, 98 V 26) oder wenn ihre Entrichtung wegen Zahlungsunfähigkeit des beitrags
pflichtigen Arbeitge
bers nicht mehr möglich ist (vgl. beispielsweise BGE 121 V 234, 240). Im ersten Fall gilt der Schaden als eingetreten, sobald die Beiträge verwirkt sind (BGE 123 V 12 E. 5b, 170 E. 2a, 112 V 156 E. 2, 108 V 189 E. 2d, je mit Hinweisen). Im zweiten Fall gilt der Scha
denseintritt als erfolgt, sobald die Beiträge wegen der Zahlungsun
fähigkeit des Arbeitgebers nicht mehr im ordent
lichen Verfahren nach Art. 14 ff. AHVG erhoben werden kön
nen (BGE 123 V 12 E. 5b, 170 E. 2a, 121 III 382 E. 3bb, 113 V 256, 112 V 156 E. 2).
2.2
Mit Verfügung vom 5. April 2016
machte
die
Beschwerdegegnerin eine
Schaden
ersatzforderung in der Höhe von total Fr. 142'590.--
geltend
(Urk.
7/895
).
Diese Summe entspricht dem ungedeckt gebliebenen Betrag der im Konkursverfahren zugelassenen Forderung der Beschwerdegegnerin für ausstehende Beiträge an die AHV/IV/EO, FAK und ALV (vgl. Verlustausweis des Konkursamtes Unterstrass-Zürich vom 3. Juni 2015, Urk. 7/891/1). Mit Eingabe vom 19. September 2014 meldete die Beschwerdegegnerin im Konkurs der
Y._
eine Forderung
für geschuldete Beiträge von Fr. 142'590.- an und erklärte, dass die Forderungseingabe in diesem Umfang als Verfügung gelte (Urk. 7/870). Gegen die Beitragsverfügung erhob die Konkursverwaltung am 23. September 2014 Ein
sprache und ersuchte die Beschwerdegegnerin gleichzeitig um Sistierung des
Ein
spracheverfahrens
bis feststehe, ob die Gläubiger das Verfahren fortsetzen wollten (Urk. 7/871). Am 29. September 2014 sistierte die Beschwerdegegnerin das
Einspra
cheverfahren
(Urk. 7/875). Mit Eingabe vom 12. Mai 2015 zog die Konkurs
verwaltung die Einsprache zurück und erklärte, der Betrag von Fr. 142'590.-- sei in dieser Höhe rechtskräftig in der 2. Klasse des Kollokationsplanes kolloziert; da
in der 2. Klasse keine Konkursdividende ausgerichtet werden könne, werde die Be
schwerdegegnerin vollständig zu Verlust kommen (Urk. 7/888). Am 28. Mai 2015
wurde das
Einspracheverfahren
infolge Rückzugs abgeschrieben (Urk. 7/890). Schliesslich wurde für den ungedeckt gebliebenen Betrag der zugelassenen Beitragsforderung ein Verlustausweis in Höhe von Fr. 142'590.-- ausgestellt (
Urk. 7/891/1). Wenn der Beschwerdeführer moniert, die Konkursforderung sti
mme mit der Rechnung kalkulatorisch nicht überein, übersieht er, dass die Beschwer
degegnerin ihrem
Einspracheentscheid
einen detaillierten, neunseitigen Konto
-
aus
zug sowie eine dreiseitige Beitragsübersicht beigelegt hat, aus welchen dieselbe ausstehende Summe zu ihren Gunsten hervorgeht (Urk. 2 Anhänge). Anhalts
punkte, dass der Schaden im Kontoauszug und in der Beitragsübersicht nicht korrekt beziffert würde, werden vom Beschwerdeführer nicht genannt und sind auch nicht ersichtlich. Er unterlässt es insbesondere, geltend zu machen, dass er als Konkursgläubiger (vgl. Kollokationsplan S. 30, Forderung in Höhe von Fr. 349'698.07, Urk. 7/886/21) gegen die Kollokation der Schadenersatzforderung der Beschwerdegegnerin opponiert hätte. Entgegen der in der Beschwerde wohl vertretenen Auffassung (vgl. Urk. 1 S. 4 Ziff. 6), gilt der Untersuchungsgrundsatz im Sozialversicherungsrecht nicht
absolut; er ist begrenzt durch die
Mitwir
-
kungspflichten
der Parteien (BGE 125 V 193 E. 2 mit Hinweisen), namentlich die Pflicht des Schadenersatzpflichtigen, den geltend gemachten Schadenersatz
betrag substantiiert zu bestreiten (Urteil des Bundesgerichts 9C_684/2012 vom 7. März 2013 E. 7.3 mit Hinweisen). Die Ausgleichskasse hat zwar die Schadener
satzforderung soweit zu substantiieren, dass sie überprüft werden kann. Der Forderungsbetrag ist zeitlich und
masslich
zu spezifizieren, beispielsweise mit einer Beitragsübersicht. Wie detailliert die in der Beitragsübersicht enthaltenen Positionen zu belegen sind, hängt indes wesentlich davon ab, ob und inwieweit die ins Recht gefasste Person die Schadenersatzforderung substantiiert bestreitet, oder sich aus den Akten greifbare Anhaltspunkte für Unrichtigkeiten ergeben (Urteil des Bundesgerichts 9C_325/2010 vom 10. Dezember 2010 E. 7.1.1 mit Hinweisen). Wenn - wie im vorliegenden Fall - einem
Einspracheentscheid
eine Abrechnung und eine Übersicht beilagen, darf von einem Beschwerdeführer ver
langt werden, dass er sich mit deren Inhalt konkret auseinandersetzt; wenn er bloss verlangt "das Gericht möge (...) den effektiven Schaden (...) überprüfen" bedeutet dies nicht, dass das Gericht verpflichtet wäre, selbst nach denjenigen Positionen zu forschen, welche für die Beitragshöhe von Belang sind. Dies gilt umso mehr, wenn die zugrundeliegenden Beitragsforderungen auf Abrechnungen basieren, die der Beschwerdeführer der Beschwerdegegnerin selbst hat zukommen lassen (vgl. Urk. 7/881/5).
Unzutreffend ist sodann, dass die Beschwerdegegnerin die Schadenssumme durch Nachkalkulation reduziert hätte. Die Reduktion ihrer Schadenersatzforderung begründete sie ausschliesslich damit, dass den Beschwerdeführer in Bezug auf die Lohnbeiträge für die Monate Januar bis Juni 2014 kein zusätzliches Verschulden treffe und er für die entsprechende offene Forderung in Höhe von Fr. 624.10 nicht hafte (Urk. 2 S. 3). Die Schadenersatzforderung
wurde im angefochtenen Ent
scheid daher auf Fr. 141'965.90 beziffert.
3.
3.1
Art. 14 Abs. 1 AHVG und die Art. 34 ff.
der
Verordnung über die Alters- und
Hinter
lassenenversicherung
(AHVV)
schreiben vor, dass der Arbeitgeber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusam
men mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeitgeber haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihnen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine ge
setz
lich vorgeschriebene
öffentlichrechtliche
Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser
öffent
-
lich
rechtlichen
Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (BGE 118 V 193 E. 2a; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
3.2
Dem Konto-Auszug der Beschwerdegegnerin vom
8
.
August 2016
(
Beilage zu
Urk. 2) ist insbesondere zu entnehmen, dass die
Konkursitin
im Jahr 2013 die Sozialversicherungsbeiträge
nur vereinzelt fristgerecht bezahlt hat und wieder
holt gemahnt und betrieben werden musste sowie Verzugszinsen zu bezahlen hatte.
Hinsichtlich der Nichteinhaltung von Abrechnungspflichten ist namentlich darauf hinzuweisen, dass die Jahresabrechnung 20
13
vom
12
.
August 2014
datiert
(
Urk.
7/883/2,
Urk.
7/873/2
)
. Sie wurde erst am 14.
August 2014 der Revisorin der Beschwerdegegnerin übergeben (
Urk.
7/882/1).
Weil die Lohnab
rechnung innert 30 Tagen nach Ablauf des Kalenderjahres bei der Ausgleichs
kasse
hätte
eingereicht werden müssen
(vgl. Art. 36 Abs. 2 und 3 AHVV)
, wurde
die Jahresabrechnung 2013 deutlich zu spät abgegeben.
Schliesslich
blieben Sozial
versicherungsbeiträge (inkl. Nebenkosten) im Umfang von total Fr.
142‘590.--
unbezahlt
(vgl. den Konto-Auszug der Beschwerdegegnerin vom
8.
August 2016, Beilage zu Urk.
2)
.
Damit ist die
Konkursitin
ihre
n Pflich
ten als
Arbeit
geberin nicht nachgekom
men und hat
öffentlichrechtl
iche
Vor
schrif
ten missachtet.
Zu prüfen bleibt, ob und inwieweit der dadurch entstandene Schaden auf quali
fiziert schuldhaftes Verhalten de
s Beschwerdeführers
zurückzuführen ist.
4.
4.1
4.1.1
Die wesentliche Voraussetzung für die Schadener
satz
pflicht besteht nach dem Wortlaut des Art. 52 AHVG darin, dass der Arbeit
geber absichtlich oder grob
fahrlässig Vorschriften verletzt hat und dass d
urch diese Missachtung ein Scha
den verursacht worden ist (BGE 108 V 183 E. 1a). Absicht beziehungsweise Vorsatz und Fahrlässigkeit sind verschiedene Formen des Verschuldens. Art. 52 AHVG statuiert demnach eine Verschuldenshaftung, und zwar handelt es sich um eine Verschuldenshaftung aus öffentlichem Recht. Die Schadenersatzpflicht ist im konkreten Fall nur dann begründet, wenn nicht Umstände gegeben sind, welche das fehlerhafte Verhalten des Arbeitgebers als gerechtfertigt erscheinen lassen oder sein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahrlässigkeit ausschliessen. In diesem Sinne ist es denkbar, dass ein Arbeitgeber zwar in vorsätzlicher Missachtung der AHV-Vorschriften der Ausgleichskasse einen Schaden zufügt, aber trotzdem nicht schadenersatz
pflichtig wird, wenn beson
dere Umstände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft erscheinen lassen (BGE 108 V 183 E. 1b; ZAK 1985 S. 576 E. 2 und S. 619 E. 3a).
4.1.2
Nicht jedes einem Unternehmen als solchem anzulastende Ver
schulden muss auch ein solches seiner sämtlichen Organe sein. Vielmehr hat man abzuwägen, ob und inwieweit eine Handlung der Firma einem bestimmten Organ im Hin
blick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb des Unternehmens zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach ent
scheidend von der Verantwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertragen wurden (BGE 108 V 199 E. 3a; ZAK 1985 S. 620 E. 3b; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.5). Gehören dem Verwaltungsrat mehrere Per
sonen an, so ist für jede von ihnen einzeln zu prüfen, ob sie am Schaden der Ausgleichskasse ein Ver
schulden trifft.
Obliegt die Ge
schäftsführung einem Mit
glied des Verwal
tungsrats, so han
deln weitere Mitglieder schuldhaft, wenn sie die nach den Um
ständen gebotene Aufsicht nicht ausüben (in BGE 119 V 86 nicht publizierte E. 2c
des Urteils des Bundesgerichts H 94/91 vom 4. März 1993, nicht veröffentlichte Urteile H 171/87 vom 7. Dezember 1987 und H 25/87 vom 4. August 1987).
4.1.3
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist bei den nicht geschäfts
füh
ren
den Verwaltungsratsmitgliedern von Aktiengesellschaften entschei
dend, ob sie den ihnen obliegenden Kontroll- und Aufsichtspflichten nachge
kommen sind. Nach Art. 716a Abs. 1 Ziff. 5 des Obligationenrechts (OR) obliegt dem Verwal
tungs
rat die Oberaufsicht über die mit der Geschäftsführung betrauten Per
so
nen, namentlich im Hinblick auf die Befolgung der Gesetze, Statuten, Regle
men
te und Weisungen. Gemäss dieser Bestimmung hat das Verwaltungs
rats
mitglied nicht nur die Pflicht, an den Verwaltungsratssitzungen teilzu
nehmen, sondern
auch diejenige,
sich perio
disch über den Geschäftsgang zu informieren und bei Unregelmässig
keiten ein
zuschreiten (Urteil des Bundes
gerichts 9C_651/2012 vom 15. Mai 2013 E. 6.2 mit weiteren Hinweisen).
Zwar ist der nicht ge
schäfts
führende Ver
waltungsrat nicht ver
pflichtet, jedes einzelne Geschäft der mit der Geschäfts
führung und Vertretung Beauftragten zu über
wachen, sondern darf sich auf die Überprüfung der Tätig
keit der Geschäftsleitung und des Ge
schäftsganges be
schränken. Dazu gehört, dass er sich laufend über den Ge
schäftsgang infor
miert, Rapporte ver
langt, sie sorg
fältig studiert, nötigenfalls ergänzende Aus
künfte ein
hol
t und Irrtümer abzuklären versucht. Ergibt sich aus diesen In
for
mationen der Ver
dacht falscher oder unsorgfältiger Ausübung der delegierten
Geschäfts
füh
-
rungs
- und Vertre
tungsbefugnisse, ist der Verwal
tungsrat ver
pflichtet, sogleich die er
for
der
lichen Abklärungen und Massnahmen zu treffen (nöti
genfalls durch
Beizug
von Sachverständigen) und eine genaue und strenge Kon
trolle hinsicht
lich der Beo
bachtung gesetzlicher Vor
schriften auszuüben (BGE 114
V 219 E. 4a; Urteil des Bundesgerichts 9C_461/2009 vom 31. Dezem
ber 2010 E. 5.3, je mit weiteren Hinweisen).
Der Verwaltungsrat kann sich nicht
durch Delegation der Aufgaben seiner Verantwortung und Pflicht zur Oberaufsicht entledigen (
Urteil
e
des Bundesgerichts H 337/00 vom 7. Juni 2001
E. 3a
,
H 221/02 vom 17. Juli 2003 E.
4.2.1
,
9C_646/2012 vom 2
7.
August 2013 E. 5.1,
je mit weiteren Hinweisen)
.
Und s
chliesslich
hat der Verwaltungsrat zu berücksichtigen,
dass im Bereich der sozialver
sicherungs
rechtlichen Beitragsabrechnungs- und -
zahlungspflicht
dem Gesellschafts
interes
se an der vorschriftsmässigen Abrechnung und Bezahlung der Sozialversiche
rungsbeiträge in aller Regel der Vorrang gegenüber dem Interesse eines Dritten oder einer Drittunternehmung an ihrer Nichtab
rech
nung oder Nicht
bezahlung zu
kommt
(Urt
eil des Bundesgerichts H 217/02/
H 218/02 vom 2
3.
Juni 2003 E.
5.2.2).
4.1.4
Grobe Fahrlässigkeit liegt praxis
gemäss vor, wenn ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verstän
digen Menschen in gleicher Lage und unter glei
chen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu ver
langenden Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorgfaltspflicht, die in den kaufmännischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher die betreffende Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss. Dabei sind an die Sorgfalts
pflicht einer Aktien
gesellschaft hinsichtlich der Einhaltung gesetz
licher Vor
schriften grundsätzlich strenge Anforderungen zu stellen. Ähnlich ist zu differenzieren, wenn es darum geht, die subsidiäre Haftung der Organe eines Arbeitgebers zu ermitteln (BGE 108 V 199 E. 3a; ZAK 1985 S. 51 E. 2a, S. 620 E.
3b; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
4.2
4.2.1
Der Beschwerdeführer war seit
1
3.
Januar 2006 (Tagesregister-Datum)
bis zur Konkurseröffnung
als Mit
glied des Verwaltungsrates
der
Y._
im Handelsregister des Kantons Zürich eingetragen (
Urk.
3/4/3,
Urk.
7/1)
.
Im
Zeitraum, als die Sozialversicherungsbeiträge zu bezahlen waren, hatte er mithin for
melle Organstel
lung
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_317/2011 vom 30. Septem
ber 2011 E. 4.1.1 mit weiteren Hinweisen).
4.2.2
Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, dass
er
als Verwaltungsrat
nicht untätig gewesen sei, sondern seinen Pflichten bezüglich Auswahl, Instruk
tion und Überwachung der externen Lohn- und Finanzbuchhaltung im Rahmen seiner Möglichkeiten nachgekommen sei (
Urk.
1 S. 4).
Zu berücksichtigen sei, dass die
Konkursitin
Teil einer weitverzweigten Firmenstruktur gewesen sei. Die Unternehmensgruppe habe ihre Geschäftsfunktionen aufgeteilt und alle Ge
schäfte zentral von
A._
aus geführt
(
Urk.
1 S. 5
-6
)
.
Sämtliche
Zahlungen, das gesamte Human Resources
(HR)-
Management und alle damit zusammen
hän
genden Transaktionen
seien
von der
Konkursitin
an die Muttergesellschaft
nach Deutschland ausgelagert worden (
Urk.
1 S.
5).
Zwischen der Mutter- und der Tochtergesellschaft habe ein Geschäfts
besorgungs
vertrag bestanden (
Urk.
1 S. 6; vgl.
Urk.
3/4/9). Dieser Vertrag habe unter anderem vor
gesehen, dass die Mutter
-
gesellschaft für die Abwicklung
/Berechnung der laufen
den Leistungen
und Zahlungen, insbeson
dere Gehälter
und
Ab
gaben, zuständig sei (
Urk.
1 S. 6
; vgl. Urk. 3/4/9
). Das Management in Zürich habe keinen Zugriff auf das Schweizer Bankkonto der Muttergesellschaft
gehabt
, über welches die Kreditoren und Debitoren durch die Buch
haltung in
A._
a
bge
wickelt worden seien
. Der Geschäfts
be
sorgungsvertrag habe sodann die Globalzession aller Forderungen
(Debitoren) an die Muttergesellschaft vorge
sehen. Im Gegenzug habe die Mutter
gesellschaft die Zahlung aller Verbind
lich
keiten der Tochter
gesellschaft garan
tiert. Neben der Buchhaltung sei von der
Konkursitin
auch die Abwicklung des gesamten Personalwesens abgetreten worden. Dazu hätten insbesondere auch die jährlichen Meldungen an die Be
schwerdegegnerin gezählt (
Urk.
1 S. 6).
4.2.
3
Diesbezüglich führte die Beschwerdegegnerin im angefochtenen
Einspracheent
scheid
vom
8. September 2016
aus,
als Verwaltungsrat wäre der Beschwerde
führer verpflichtet ge
wesen, dafür zu sorgen, dass ihr die Lohnsumme für das Jahr 2013 bis Ende Januar 2014 gemeldet wird. Diese Meldung sei jedoch erst im August 2014 er
folgt. Damit habe sie keine Möglichkeit gehabt, die definitiven Be
iträge vor der Konkurseröffnung am 1
0.
Juli 2014
in Rechnung zu stellen.
Zwar habe sie zuvor
auch keine höheren
Akontobeiträge
erhoben
. Dieser Umstand mindere jedoch weder das Verschulden des Beschwerdeführers noch
treffe s
ie
ein Mitverschulden
.
Der Beschwerdeführer habe ausgeführt, dass
die Gesellschaft bis kurz vor Konkurseröffnung vom 1
0.
Juli 2014 überaus liquide gewesen sei. Daher wäre die Begleichung der Beiträge bei rechtzeitiger Einreichung der Lohnde
klarationen ohne
Weiteres
möglich gewesen
.
Der Schaden im Betrag von Fr.
141‘965.90 setze sich nur aus diesen Beiträgen und Nebenkosten zusammen
(Urk.
2 S.
3).
Der Beschwerdeführer bringt dem
geg
e
nüber vor
, dass er seine Organpflichten im Rahmen der für ihn gültigen Ge
schäftsleitungsfunktion erfüllt habe. Die Aus
lagerung der Finanzbuchhaltung und insbesondere des HR-Managements sei rechtens gewesen. Er habe annehmen dürfen, dass die rechtskonform ausgelagerte Lohn-, Finanz- und Steuer-Buch
haltung in
A._
ihre Besorgungspflicht erfülle. Er habe dies regelmässig überprüft und sei im steten Kontakt mit den in
A._
tätigen Personen ge
standen.
Zwar sei die
Konkursitin
in den Jahren 2013 und 2014 regelmässig zur Beitragszahlung gemahnt und von der Beschwer
degegnerin auch betrieben worden.
Er
habe sich jedoch dafür eingesetzt, dass die Unter
nehmensgruppe die Rechnungen beglichen habe (
Urk.
1 S. 7). Hätte er gewusst, dass noch Forderungen der Beschwerde
gegnerin ausstehend waren, hätte er dafür gesorgt, dass diese bezahlt würden (
Urk.
1 S.
8). Die Beschwerde
gegnerin habe die
Akontobeiträge
nie angepasst. Die Liquidität sei bis kurz vor dem Konkurs ausreichend gewesen, um Beiträge und Nebenkosten, welche
die Beschwerdegegnerin nunmehr ihm gegenüber als Schaden geltend mache, zu bezahlen (
Urk.
1 S. 8).
Aufgrund der Höhe und der Frequenz der Betreibungen und der Kommunikation mit der Beschwerdegegnerin habe
er
nicht davon aus
gehen müssen, dass weitere Ausstände gegenüber der Beschwer
degegnerin bestanden
hätten
(
Urk.
1 S. 9).
4.2.
4
Der Beschwerdeführer vermag sich mit diesen Vorbringen nicht zu entlasten.
Die
Konkursitin
hatte nicht nur Zahlungs-, sondern auch Abrech
nungs
pflichten. Diesen ist sie
hinsichtlich der
Jahresabrechnung 20
13 nicht nachgekommen (E.
3.2 vorstehend). Davon musste der Beschwerdeführer nur schon deswegen Kenntnis haben, weil die Beschwerdegegnerin
im Jahre 2014 mit
drei an die
Kon
kursitin
adressierte Schreiben
diese zur Einreichung der Jahresabrechnung 2013 aufforderte (Schreiben vom 1
4.
März, 2
2.
April und 1
7.
Juni 2014; Urk. 7/782, Urk. 7/798
,
Urk.
7/813)
. Auch bei der vom Beschwerdeführer beschriebenen Organisation der Unternehmensgruppe
(E. 4.2.2)
,
wäre
er als Verwaltungsrat
der
Konkursi
tin
dazu verpflichtet und in der Lage gewesen,
die Einreichung der Lohn
ab
rech
nung 2013
zu
veranlassen
,
was er
indes
unterlassen
hat. Nichts anderes ergibt sich aus der vom Beschwerdeführer eingereich
ten Stellung
nahme des ehe
maligen kaufmännischen Leiters der Unter
nehmensgruppe vom 6. Oktober 2016 (Urk. 3/6). Dieser
führte aus
, dass die Bei
tragsausstände erst mit der ver
späteten Abgabe der Jahresmeldungen nach mehr
facher Mahnung augen
schein
lich gewor
den seien (Urk. 3/6). Der Beschwerdeführer versandte die Jahresabrech
nungen 2013 und 2014
jedoch erst
am 14. August 2014 per E-Mail an die Revisorin der Beschwerde
gegnerin (Urk. 7/881/5).
Hätte die Beschwerdegegnerin die Jahresab
rechnung
2013
innert der von
Art. 36 Abs. 2 und 3 AHVV
vorgeschrieben
en
Frist bis 3
0.
Januar 2014 erhalten
, hätte sie der Gesellschaft die Beiträge
noch einige Monate
vor dem Konkurs
am
1
0.
Juli 2014 (
Urk.
3/4/3,
Urk.
7/840
)
in Rechnung stellen können. Der Beschwerdeführer b
ringt vor
, dass die Begleichung der Beitragsausstände damals
“
ohne weiteres
“
möglich gewesen wäre (
Urk.
1 S. 8).
Gemäss Konto-Auszug vom
8.
August 2016 blieben einzig die nach der Kon
kurs
er
öffnung
vom 1
0.
Juli 2014
in Rechnung gestellten Beiträge und Nebenkosten unbezahlt und der Beschwerdegegnerin wurde namentlich noch am
7.
Juli 2014
Fr.
96‘499.75
überwiesen
(
vgl. Pos. 2014 0004 dieses Konto-Auszugs,
Beilage zu
Urk.
2).
Die Schlussfolge
rung der Beschwerdegegnerin, dass bei einer rechtzeitigen Einreichung
der
Jahresabrechnung
2013
der Schaden nicht eingetreten wäre
, ist daher nicht zu beanstanden.
Obschon
die Beschwerdegegnerin
i
m Jahr 2013 die
Akontobeiträge
nicht er
höhte,
kann bei der gegebenen Sachlage
nicht von einem Mitverschulden der Beschwerdegegnerin
gesprochen werden
.
Der Beschwerdeführer war demnach
dafür verantwortlich, dass vor der Konkurs
eröffnung nicht über sämtliche von der Gesellschaft geschuldeten Beiträge abge
rechnet werden konnte. Dies führte dazu, dass diese Be
iträge unbezahlt geblieben sind. Deshalb trifft den Beschwerdeführer ein Verschulden am Schaden.
5.
5.1
Schliesslich setzt die Schadenersatzpflicht des Arbeitgebers nach Art. 52 Abs. 1 AHVG voraus, dass zwischen der absichtlichen oder grobfahrlässigen Missach
tung von Vorschriften und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausal
zusammenhang gegeben ist (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen auf die Lehre, 103 V 120 E. 4).
Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfol
ges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des ein
getretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allge
mein als begünstigt erscheint (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hin
wei
sen; vgl. auch BGE 122 V 189 sowie 119 Ib 334 E. 3c).
5.2
Das vorwerfbare Verhalten führte zum Schaden der Beschwerdegegnerin. Wäre die
Konkursiti
n
unter der Mitverantwortung des Beschwerdeführers
ihren Zahlungs- und Abrechnungspflichten rechtzeitig und vollständig nachgekommen und wären nur soweit Löhne ausbezahlt worden, als die darauf geschuldeten Abgaben bei Fällig
keit hätten beglichen werden können, wäre der Schaden nicht eingetreten.
Der Umstand
, dass die Beschwerdegegnerin die
Akontobeiträge
nach Erhalt der Jahresabrechnung 2012 (Urk. 7/668) während des Jahres 2013
nicht erhöhte (vgl. namentlich Urk. 7/671/1)
,
vermag
den Kausalzusammenhang nicht
zu unter
brechen
. Es ist nämlich davon auszugehen, dass die Gesellschaft die Ausgleichsrechnung für das Jahr 2013 vor dem Konkurs noch hätte begleichen können, hätte der Beschwerde
führer die Jahresabrechnung 2013 rechtzeitig einreichen lassen
(E. 4.2.
4
)
.
6.
Nach dem Gesagten
ist
der
an
gefochtene
Einspracheentscheid
, mit welche
m
der
Beschwerdeführe
r
zur Leistung von Schadenersatz verpflichtet worden
ist
, nicht zu beanstanden.
Seine
Beschwerde
ist
daher abzuweisen.