Decision ID: 1925769f-cb48-4618-ae38-e478b6e6ae97
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) ersuchte am 13. Mai
2022 für sich und ihre beiden Töchter im Bundesasylzentrum (BAZ)
D._ um Gewährung des vorübergehenden Schutzes. Am 18. Mai
2022 wurde sie kurz befragt und am 28. Juni 2022 reichte sie eine Stel-
lungnahme betreffend Fragen zur Feststellung des Sachverhalts ein.
A.b Im Rahmen der Kurzbefragung und in ihrer Stellungnahme gab die Be-
schwerdeführerin an, sie sowie auch ihre Kinder besässen die deutsche
Staatsbürgerschaft und verfügten über eine ukrainische Aufenthaltsbewilli-
gung. Von Oktober 2010 bis April 2016 sowie von Januar 2019 bis Juli 2020
habe sie in E._ (Deutschland) studiert und gearbeitet. Trotz ihrer
Ausbildung als (...) könne sie in Deutschland nicht mehr arbeiten, weil sie
sich vollzeitlich um die Betreuung ihrer Kinder kümmern müsse. Dies, da
ihre jüngere Tochter C._ nicht vollständig gegen (...) geimpft und
daher nicht zum Schulbesuch zugelassen sei. Gleichzeitig müsse sie we-
gen der Nichteinhaltung der Schulpflicht regelmässig Bussgelder zahlen.
Unterhaltszahlungen ihres von ihr getrennten, mit einer Niederlassungsbe-
willigung in der Ukraine wohnhaften Ehemannes würden ebenfalls nicht
ausreichen, damit sie und ihre Töchter in Deutschland überleben könnten.
B.
Mit Verfügung vom 14. Juli 2022 – eröffnet am 15. Juli 2022 – lehnte das
SEM das Gesuch um vorübergehenden Schutz ab, verfügte die Wegwei-
sung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
C.
Die Beschwerdeführerinnen erhoben durch ihren Rechtsvertreter mit Ein-
gabe vom 20. Juli 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und
beantragten, die Ziffer 2 der SEM-Verfügung vom 14. Juli 2022 sei aufzu-
heben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf ihre Wegweisung aus der
Schweiz zu verzichten. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an
die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege samt Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses ersucht.
D.
Am 21. Juli 2022 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
D-3162/2022
Seite 3

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 72
i.V.m. Art. 105 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Ob die
Vorinstanz zu Recht eine Beschwerdefrist von 5 Arbeitstagen (gemäss
Art. 108 Abs. 3 AsylG) angesetzt hat, kann vorliegend offenbleiben, nach-
dem die Beschwerde fristgemäss eingereicht wurde und die Beschwerde-
ausführungen als abschliessend zu erkennen sind. Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Sowohl die materiellen Anträge als auch die Begründung der Beschwerde
beziehen sich ausschliesslich auf die Wegweisung der Beschwerdeführe-
rinnen sowie auf den Wegweisungsvollzug. Die Dispositivziffer 1 (Verwei-
gerung des vorläufigen Schutzes) der SEM-Verfügung vom 14. Juli 2022
ist somit mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl.
BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Die Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt – als offensicht-
lich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständig-
keit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer zwei-
ten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriften-
wechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
D-3162/2022
Seite 4
5.
5.1 Die Ablehnung des Gesuchs um Gewährung des vorübergehenden
Schutzes hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge
(Art. 69 Abs. 4 AsylG).
5.2 Die Beschwerdeführerinnen sind Bürger der Europäischen Union, wes-
halb sie nach den Bestimmungen des Abkommens zwischen der Schwei-
zerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemein-
schaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (Frei-
zügigkeitsabkommen [FZA], SR 0.142.112.681) grundsätzlich über das
Recht auf Einreise und Aufenthalt in der Schweiz wie auch über eine An-
spruchsgrundlage für die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung verfügen.
Allerdings steht dieser Umstand der Anordnung der Wegweisung vorlie-
gend nicht entgegen, haben die Beschwerdeführerinnen doch während
dem für EU-Bürger bestehende bewilligungsfreien Aufenthalt von drei Mo-
naten kein (ausländerrechtliches) Gesuch um Erteilung einer Aufenthalts-
bewilligung eingereicht. Vielmehr geht bereits aus dem "Personalienblatt"
(vgl. SEM-Akten [...]) hervor, dass die Beschwerdeführerinnen zwecks Ein-
reichung eines Gesuchs um vorübergehenden Schutz in die Schweiz ein-
gereist sind, welche Annahme durch die Angaben in der "Stellungnahme
bzgl. dem Status S" vom 28. Juni 2022 (vgl. SEM-Akten [...] S. 1–3) bestä-
tigt wird. Der in der Beschwerde (vgl. S. 3 f.) geäusserte Einwand, die Be-
schwerdeführerin habe bereits bei der Beantwortung der Frage 13 in ihrer
Stellungnahme vom 28. Juni 2022 erklärt, in der Schweiz Arbeit zu suchen,
vermag daran nichts zu ändern, und die Rüge, das SEM habe diesbezüg-
lich den Sachverhalt unrichtig wiedergegeben (vgl. Beschwerde S. 4), ist
unbehelflich.
5.3 Die Anordnung der Wegweisung aus der Schweiz ist demnach zu be-
stätigen.
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Gemäss der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts sind Wegweisungs-
vollzugshindernisse zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und
D-3162/2022
Seite 5
andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2
m.w.H.).
6.2 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich vorliegend in Beachtung der
massgeblichen völker- und landesrechtlichen Bestimmungen als zulässig
(Art. 83 Abs. 3 AIG), da weder Hinweise auf eine flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung (Art. 5 Abs. 1 AsylG) bestehen, noch konkrete Anhalts-
punkte für eine menschenrechtswidrige Behandlung der Beschwerdefüh-
rerinnen in ihrem Heimatstaat Deutschland im Sinne von Art. 3 EMRK er-
sichtlich sind.
6.3 Im Weiteren ist auch von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
auszugehen (Art. 83 Abs. 4 AIG). Der Vollzug der Wegweisung in EU-Mit-
gliedstaaten ist in der Regel zumutbar (Art. 83 Abs. 5 AIG) und weder die
in Deutschland herrschenden allgemeinen Verhältnisse noch individuelle
Gründe wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur sprechen ge-
gen eine Rückkehr der Beschwerdeführerinnen dorthin. Es ist aufgrund der
Aktenlage nicht davon auszugehen, sie würden in Deutschland in eine
existenzgefährdende Situation geraten.
Die Beschwerdeführerin verfügt über eine in Deutschland erworbene Aus-
bildung als (...) und entsprechende Arbeitserfahrung. Ihr Einwand, sie
könne dort nicht arbeiten, sondern müsse sich vollzeitlich um die Betreu-
ung ihrer Kinder kümmern, weil ihre jüngere Tochter aufgrund einer unvoll-
ständigen (...)impfung – trotz bestehender und bei Nichtbefolgung mit
Busse belegter Schulpflicht – nicht zum Schulbesuch zugelassen sei, ist
ebenfalls nicht geeignet, die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in
Frage zu stellen. Dies gilt umso mehr, als § 20 des deutschen Gesetzes
zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen
(Infektionsschutzgesetz [IfSG]) vom 10. Februar 2020 zwar insbesondere
für Kinder beim Eintritt in den Kindergarten und in die Schule eine Pflicht
zur Vorweisung einer (...)impfung statuiert, gleichzeitig aber festlegt, dass
Personen, die – wie angeblich das Mädchen C._ (vgl. SEM-Akten
[...] S. 2) – aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, mit
der Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses von der Impfpflicht befreit werden
(vgl. § 20 Absatz 9 Satz 2 IfSG). Die geltend gemachte Impfpflicht steht der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs auch unter dem Aspekt des Kin-
deswohls nicht entgegen. Für konkrete Fragen im Zusammenhang mit der
den beiden Kindern obliegenden Schulpflicht und der allfälligen Befreiung
von der Impflicht haben sich die Beschwerdeführerinnen an die deutschen
Behörden zu wenden. Es bestehen auch keine Anhaltspunkte, dass der
D-3162/2022
Seite 6
Vollzug der Wegweisung das Kindeswohl aus anderen Gründen verletzen
könnte. Wie in der angefochtenen Verfügung schliesslich zutreffend be-
merkt wurde, hätte die Beschwerdeführerin als deutsche Staatsbürgerin
und Mutter von zwei Kindern auch die Möglichkeit, Unterstützung bei sozi-
alen Institutionen zu beantragen.
6.4 Der Wegweisungsvollzug ist auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83
Abs. 2 AIG), zumal die Beschwerdeführerinnen über gültige deutsche Rei-
sepässe verfügen.
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Mit vorliegendem Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses als gegenstandslos erweist.
9.
9.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist ab-
zuweisen, da die Begehren, wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt, als aussichtslos zu bezeichnen waren, weshalb die Voraussetzun-
gen von Art. 65 Abs. 1 VwVG – ungeachtet der behaupteten, jedoch nicht
belegten Bedürftigkeit der Beschwerdeführerinnen – nicht erfüllt sind.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den
Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf ins-
gesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-3162/2022
Seite 7