Decision ID: dda4e83f-e287-4712-a789-d5d99a75d37b
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1982 geborene
X._
arbeitete von 1999 bis 2002 im G
artenbau und
geht seither keine
r
regelmässigen Erwerbstätigkeit nach. Er
melde
te sich am 16. Juni
2015 (
Urk.
8
/1) unter Hinweis auf eine kombinierte Persönlichkeits
stö
rung, eine rezidivierende depressive Störung sowie eine
schizoaffektive
Störung bei der Invalidenversicherung zum Bezug von Leistungen an. Die Sozialver
si
che
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte Auskünfte über die erwerb
liche und medizinische Situation ein
. Mit Mittei
lung vom 9. Februar 2016 (Urk. 8
/1
5
)
teilte
die IV-Stelle
dem Versicherten mit, dass keine beruflichen Eingliederungs
massnahmen möglich seien
und holte zur Prüfung von IV-Leistungen weitere medizinische Unterlagen ein.
Am 19. Juni 2017 (
Urk.
8/41-42) veranlasste
sie
ein psychiatrisches Gutachten, welches am
7.
September 2016 (richtig:
7.
September 2017;
Urk.
8/45) erstattet wurde.
Am
14
.
September
2017 (
Urk.
8/46)
hielt die IV-Stelle den Versicherten unter Hinweis auf seine Mitwirkungspflicht an, sich einem Entzug von
Cannabis
und Alkohol zu unterziehen
, die verordnete
n
Medikamente
regelmässig einzunehmen
,
an einer
stationäre
n
Abklärung
teilzunehmen
und einen
Abstinenznachweis mittels
Blutspiegelkontrolle
durchführen zu lassen
. Sollte er sich diesen Massnahmen nicht unter
ziehen, werde aufgrund der Akten entschie
den und ein allfälliger Leistungs
anspruch abgelehnt (
Urk.
8/46
S. 2).
Aufgrund nicht erfolgreicher Abstinenz forderte die IV-Stelle den Versicherten mit Mittei
lung vom
8.
Oktober 2018 (
Urk.
8/61) erneut auf
,
während mindestens drei Mona
ten eine Cannabis- und Alkoholabstinenz einzuhalten und dies mittels Urinkon
trollen zu dokumentieren.
Nach Einholung wei
terer medizinischer Unterlagen ver
anlasste die IV-Stelle eine
bi
disziplinäre
medizinische Begutachtung (
Psychia
trie und Neuropsychologie,
Expertise
n
vom
2
8.
August 2019 und
2.
September 2019; Urk. 8/100 und
Urk.
8/101). Mit Vor
bescheid vom 18. Oktober
2019 (Urk. 8/105) stellte sie dem Versicherten die Abwei
sung des Leistungsbegehrens in Aussicht und wies
ihn
mit Schreiben gleichen Datums auf seine Mitwir
kungs
pflicht im Sinne der Durchführung einer Behandlung zur Verbesserung des Ge
sundheitszustandes hin (
Urk.
8/104).
Nach
dem der Versicherte
Einwand erhoben (
Urk.
8/112 und
Urk.
8/118) und die behandelnden Ärzte zum Gutachten Stellung genommen (
Urk. 8/117) hatten,
entschied die IV-Stelle mit Verfügung vom 10. September 2020 im angekündigten Sinne (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob der Versicherte
am
9.
Oktober 2020 (
Urk.
1) Beschwerde und beantragte, die Verfügung vom 1
0.
September 2020 sei aufzuheben und es sei ihm ab
1.
Januar 2016 eine ganze Rente der Invalidenversicherung zuzusprechen,
es sei die mit Schreiben der IV-Stelle vom 1
8.
Oktober 2019 angeordnete Scha
de
n
minderungspflicht aufzuheben, eventualiter sei die Angelegenheit zur Einho
lung eines neuen (polydisziplinären) Gutachtens an die Beschwerde
geg
ne
rin zu
rück
zuweisen, eventualiter sei ein Gerichtsgutachten einzuholen (S. 2).
In verfah
rens
rechtlicher Hinsicht stellte der Beschwerdeführer ein Gesuch um Be
willigung der unentgeltlichen Prozessführung (S. 2)
und reichte die Unterstützungs
bestä
tigung des Sozialamts ein (
Urk.
3
)
.
Die IV-Stelle schloss am
11
.
November
2020 (Urk.
7
) auf Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerdeführer mit Verfü
gung vom
12
. August 2020 (Urk.
9
) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [
ATSG
]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf
die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose vor
a
us (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Inva
lidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätio
logie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung vom 10. Septem
ber 2020 damit, dass
keine IV-relevante gesundheitliche Einschränkung vorliege
und stützte sich
dabei auf das von ihr eingeholte
bidisziplinäre
Gutachen
.
Es sei
zunächst
eine medizinische Untersuchung in Auftrag gegeben worden,
bei
wel
cher
der Beschwerdeführer
jedoch
während der Abklärung unter Substanzeinfluss gestanden sei, weshalb eine psychiatrische Diagnosefindung nicht möglich ge
we
sen sei. Daraufhin sei ihm eine Schadensminderungspflicht in Form einer sechs
monatigen Abstinenz auferlegt worden, welche nur kurzfristig eingehalten worden
sei
(S. 1).
Um eine abschliessende Beurteilung durchführen zu können, sei erneut ein Gutachten in Auftrag gegeben worden. Die medizinische Untersuchung habe keine psychiatrischen Diagnosen ergeben, welche sich auf die Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers auswirken würden. Es hätten sich ausserdem Wider
sprüche
und Inkonsistenzen in den Angaben des Beschwerdeführers gefunden.
Die Be
schwerdegegnerin
hielt fest, dass die
Schadenminderung
aus versicherungsme
di
zi
nischer Sicht
bedeute, dass alles Zumutbare getan werden müsse, um die Arbe
its
fähigkeit zu erlangen, erhalten oder erhöhen. Die Behandler hätten be
stätigt, dass eine Abstinenz zu einer Verbesserung des Gesundheitsschadens füh
ren und somit
auch die Arbeitsfähigkeit erhöhen könne. Eine vorübergehende Verschlechterung bei Entzug und nachfolgender Abstinenz sei bekannt und aus medizinischer Sicht zumutbar (S. 2).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1),
da
s
Gutachten vom
2.
September 2019 sei aus näher dargelegten Gründen nicht um
fassend und berücksichtige die geklagten Beschwerden nur unzureichend. Der Gutachter habe sich
nicht genügend
mit seinem Verhalten auseinandergesetzt
;
auch
die Auseinandersetzung mit den
Vorakten
sei höchst oberflächlich erfolgt. Schliesslich habe der Gutachter oft keine ausreichende Begründung für seine von den
Vorakten
und von der Beurteilung von zahlreic
henden Behandlern abwei
chende An
sicht geliefert. Hinzu komme, dass der Gutachter nicht nach dem struk
turierten Beweisverfahren, welches das Bundesgericht auch für Abhängigkeits
erkrankungen
vorschreibe
, ermittelt habe, ob und gegebenenfalls inwieweit sich das diagnostizierte Abhängigkeitssyndrom auf die Arbeitsfähigkeit auswirke. Das Gutachten entspreche damit nicht den bundesgerichtlichen Kriterien an ein me
dizinisch verwertbares Gutachten
. Somit
sei auf die Beurteilung der diversen Be
handler abzustellen
und
von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätig
keiten auszugehen (S. 21 f.).
Aufgrund der Berichte
der verschiedenen be
han
delnden Fachpersonen
sei davon auszugehen, dass eine Abstinenz zum aktu
ellen Zeitpunkt nicht möglich bzw. nicht zu empfehlen sei, da eine solche seinen Gesundheitszustand verschlechtern würde. Die auferlegte Schadenminderungs
pflicht einer vollständigen Abstinenz sei damit aktuell weder zumutbar noch zielführend,
sondern vielmehr kontraproduktiv.
Zumindest
sei aufgrund der vor
bestehenden psychiatrischen Erkrankungen davon auszugehen, dass ein Entzug die Arbeitsfähigkeit nicht verbessern würde. Die Voraussetzungen für die Aufer
legung einer Schade
n
minderungspflicht seien deshalb nicht gegeben, da
diese
unzumutbar sei (S. 27).
3.
3.1
Med.
pract
.
A._
, ärztlicher Leiter
am
B._ Zentrum
,
nannte in seinem Bericht vom
3.
Januar 2017 (
Urk.
8/27) folgende Diagnosen mit Aus
wir
kung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1):
-
Schizoaffektive
Störung, gegenwärtig mittelgradig depressiv mit somatischem Syndrom (ICD-10: F25.1)
-
Paranoides Erleben permanent
-
Phasenweise:
halluzinatorisches
Erleben
, Ich
-S
törung
-
Differenzialdiagnose: Paranoide Schizophrenie (ICD-10: F20.0)
-
Falls paranoide Schizophrenie (ICD-10: F20.0) einzeln kodiert: zu
sätzlich rezidivierend
e
depressive Störung, gegenwärtig mittelgradig mit somatische
m
Syndrom (ICD-10: F33.11), Erstepisode 1992 (10. Lebensjahr)
-
Gemischte Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen und depres
si
ven Anteilen (ICD-10: F61), bestehend sei Jugend
-
Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1)
-
Soziale Phobie (ICD-10: F40.1)
Zudem beschrieb er, der Beschwerdeführer
sei
in innerlich gespanntem und depressivem Zustandsbild
erschienen. Er habe das Gefühl, Leute würden hinter seinem Rücken über ihn reden. Er nehme nach wie vor Gestalten wahr und das «Phantom» der Mutter spüre er ebenfalls. Manchmal sehe er es, manchmal hauche es ihn an. Er nehme den Atem der Mutter dabei akustisch und taktil wahr. Zudem sei ein Poltergeist im Haus und er höre diesen
,
wenn er alleine sei. Er habe starke Schlafstörungen, Gewalterinnerungen, Flash-Backs, eine permanente Begleitung von Angst, ein depressives Gedankenkreisen, Verfolgungserleben, und eine belas
tende Situation in der Partnerschaft.
Med.
pract
.
A._
gab an, v
on Cannabis bestehe eine deutlich lange Abstinenzperiode, welche jedoch keine Veränderung des klinischen Bildes in Bezug auf die Affektstörung, die psychotische Störung, die PTSD-Symptome oder die Angstsymptomatik gezeigt habe (S. 1). Eine Arbeit oder Anpassung sei nicht realistisch und der Beschwerdeführer sei in jeder Tätig
keit zu 100
%
arbeitsunfähig (S. 2).
A
m 2
5.
April 2017 (
Urk.
8/34)
ergänzte
med.
pract
.
A._
, der Beschwerdeführer würde seit dem 2
5.
Juli 2017
Aripiprazol
10
mg einnehmen. Er habe sich bisher
stets gegen eine stationäre psychiatrische Behandlung ausgesprochen, wobei diese
wiederholt erwogen worden sei. Er lebe recht zurückgezogen, beziehe ein Zimmer in einer Wohnung mit zwei anderen Wohnpartner und strukturiere seinen Tag
durch den Aufenthalt in sozialpsychiatrischen oder kirchlichen Institutionen.
Tage
weise
nehme er an der
C._
teil und führe dabei einfache Tätigkeiten aus. Phasenweise nehme er psychologische Konsultationen wa
h
r oder nehme am Angebot im Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der
Psychiatrischen Klinik D._
teil.
3.2
Prof.
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
nannte in seinem
psychiatrischen
G
utachten vom 7.
September
2016 (richtig: 2017
,
Urk.
8/45
)
keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit, da der Beschwerdeführer bei der Exploration nachweislich
unter
Substanzeinfluss gestanden sei. Eine abschliessende psychiatrische Diagnosefindung sei daher ver
unmöglicht worden (S. 37).
Er stellte zudem fest, dass aufgrund der Laborpara
meter stark anzunehmen sei, dass der Beschwerdeführer die auferlegte Schaden
minderungspflicht nicht eingehalten habe. Er plädierte dafür
,
die Auflage zu ver
längern und mit Nachweisen (Urindrogenscreening) zu versehen. Zudem habe sic
h
der Beschwerdeführer einer stationären Abklärungs- und Behandlungsmass
nahme
zu unterziehen, welche sicherstelle, dass ein psychopathologisches Zustands
bild ausserhalb von Substanzeinfluss beurteilt werden könne und die Vorausset
zun
gen für eine leitliniengerechte Behandlung schaffe. Aus gutachterlicher Sicht solle dem Beschwerdeführer eine diesbezügliche Schadenminderungspflicht Auf
lage erteilt werden. Die medikamentöse Compliance sei per Blutserumspiegel
kontrollen der Psychopharmaka nachzuweisen.
Prof.
Dr.
E._
empfahl eine Verlaufsbegutachtung n
ach mindestens sechsmonatiger Abstinenz sowie
nach
Abschluss der Abklärungen und nachgewiesener Therapietreue (S. 38).
3.3
Dem Bericht der
Psychiatrischen
Klinik D._
vom 29. Dezember 2017 (
Urk.
8/58/3-9)
sind
folgende Diagnosen
zu entnehmen
(S. 1):
-
Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F
43.1)
-
Cannabinoid
-Abhängigkeitssyndrom (ICD-10: F12.2)
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1)
-
Chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp (ICD-10: G44.2), Differen
zialdiagnose chronischer posttraumatischer Kopfschmerz (ICD-10: G44.3)
Der Beschwerdeführer sei vom
7.
November bis 1
9.
Dezember 2017 stationär in der Klinik hospitalisiert gewesen. Bei Eintritt habe sich der Beschwerdeführer psychopathologisch ängstlich, angespannt, wahnhaft mit Beeinträchtigungser
le
ben, Ich-Störungen und Sinnestäuschungen sowie initialer Insomnie über meh
rere Tage bei Alpträumen gezeigt. Der Affekt sei starr niedergestimmt,
dysphor
und reizbar gewesen. Unter Sistierung von Cannabis habe der Beschwerdeführer zunehmend unter schweren Alpträumen und Schlaflosigkeit, unter Gedanken
krei
sen und subjektiver Affektlabilität, Leer
e
gefühl und geminderter Konzen
tra
tionsfähigkeit gelitten. Zur Verbesserung des Schlafs unter Cannabis
-
Abstinenz habe man
Diphenhydramin
,
Quetiapin
und
Mirtazapin
sowie zur Reduktion des Lei
densdruckes
aufgrund von Alpträumen zudem
Doxazosin
eingesetzt. Zur Reduktion von Ängsten und Gedankenkreisen habe man
Olanzapin
und antide
pressiv
Sertralin
etabliert. Hierunter habe sich eine Besserung des Schlafs sowie im Verlauf auch der ängstlichen Angespanntheit gezeigt. Für den Beschwer
de
führer hätten jedoch insgesamt die Vorteile
des
Cannabis-Konsum
s
überwogen, insbesondere bezüglich der Schlafqualität und der Alpträume. Aus diesem Grund sei es während des Aufenthaltes zweimalig zu Konsumereignissen gekommen. Im
Rahmen der Arbeitstherapie sei eine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit erfolgt, was jedoch nur partiell gelungen sei. Das Ziel einer Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erscheine gegenwärtig nicht realistisch. Mittels psychologischer Testung sei eine
P
osttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Dies
bezüglich habe sich der Beschwerdeführer sehr offen gezeigt, weiter an der The
matik zu arbeiten
. Hilfestellungen hinsichtlich Wohnen, Finanzen, Arbeiten und Tagesstruktur habe er überwiegend abgelehnt und an den eigenen Vorstel
lungen gehaftet.
Die Urinprobe sei positiv auf THC gewesen (S. 5).
Am Ende der Therapie habe der Eindruck bestanden, der Beschwerdeführer sei unter reduziertem Cannabis-Konsum und etablierter Medikation weniger ängst
lich und angespannt gewesen sowie offener im Kontakt mit dem Team.
Gleich
zeitig
habe sich jedoch eine Posttraumatische Belastungsstörung mit sehr hohem Leidensdruck manifestiert
.
Der Cannabis-Konsum habe auf diese Symptomatik eine lindernde Wirkung.
Die Symptomatik von Misstrauen, Stimmenhören, Alp
träumen, Beeinträchtigungserleben, Schlaflosigkeit, Affektlabilität liessen sich alle unter die
genannte
Diagnose subsumieren. Zudem
seien
die Kriterien einer mittelschweren depressiven Episode
erfüllt
(S. 5 f.).
3.4
Lic
. phil.
F._
, Fachpsychologin für Psychotherapie und klinische Psycho
login FSP,
nannte in ihrem Bericht vom 2
4.
März 2019 (
Urk.
8/77) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 4):
-
Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1)
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1)
Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit wurden folgende Diagnosen aufge
führt (S. 4):
-
Psychische und Verhaltensstörung
en
durch
Cannabinoide
: Abhängig
keitssyndrom (ICD-10: F12.2)
-
Chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp, Differenzialdiagnose chronischer posttraumatischer Kopfschmerz (ICD-10: G44.3)
Der Beschwerdeführer habe im Rahmen der Anamneseerhebung berichtet, dass seine Mutter seit dem 1
2.
Lebensjahr heroinabhängig gewesen sei. Er sei in Pflege
familien aufgewachsen und habe abwechslungsweise jedes zweite Wochen
ende bei seiner
Mutter
und seinem Vater verbracht.
Er sei früh mit dem Dro
gen
konsum seiner Mutter konfrontiert worden und habe schon immer eine diffuse Angst um sie gehabt; ihre langen Abwesenheiten an diesen Wochenenden habe er als sehr quälend empfunden.
Als er zehn Jahre alt gewesen sei, habe er eines morgens seine Mutter tot im Wohnzimmer
gefunden. Fachpsychologin
F._
führte aus, dass
in der Zusammenschau der Anamnese, der bisherigen diagnos
tischen Befunde und des klinischen Bildes deutlich
werde
, dass die primäre Erkrankung eine
P
osttraumatische Belastungsstörung sei. Diese Erkrankung sei derart ausgeprägt, dass die Schullaufbahn sehr chaotisch gewesen sei und auf
grund der Konzentrationsstörungen keine Ausbildung möglich gewesen sei. Es habe in der Anamnese seit der Kindheit nur wenige emotional einigermassen stabile Phasen gegeben. Der Cannabiskonsum sei kein primäres Suchtverhalten, sondern
der
Versuch einer Selbstbehandlung. In der Erfahrung des Beschwer
de
führers sei es bisher der einzige Weg gewesen, seine Symptomatik (innere Unruhe, Flashbacks und Schlafstörungen) zu lindern. Deshalb könne eine vollständige Cannabisabstinenz nur zu einer Verschlechterung der Symptomatik führen. Es empfehle sich, zunächst die Symptomatik
der
P
osttraumatischen Belastung
s
stö
rung
in den Fokus der Behandlung zu nehmen und erst in einem zweiten Schritt eine Cannabisabstinenz anzustreben (S. 7).
Die Belastbarkeit und die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers seien durch
die Affektlabilität, die innere Unruhe und durch die depressive Symptomatik (Ene
r
giemangel) deutlich reduziert. Die Konzentrationsstörungen hätten zur Folge, dass die Konzentrationsspanne kurz sei und dass schon einfache Aufgaben einen hohen Energieaufwand bedeuten würden. Dies führe in seinem Beruf als Gärtner dazu, dass er nur stundenweise und mit möglichst wenig Druck arbeiten könne (S. 5 f.). Die bisherige Tätigkeit sei dem Beschwerdeführer auf dem ersten Arbeits
markt daher nicht zumutbar. Auch eine angepasste berufliche Tätigkeit sei dem Beschwerdeführer nicht zumutbar. Die berufliche Wiedereingliederung sei aktuell nicht realistisch. Bei gutem Verlauf könne mittelfristig eine berufliche Tätigkeit von wenigen Stunden pro Tag i
n
geschützte
m
Rahmen angestrebt werden (S. 7).
3.5
Lic
. phil.
G._
, Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP
,
und
Dr.
med.
H._
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
,
erstatteten
am 28. August 2019 (
Urk.
8/100) und
2.
September 2019 (
Urk.
8/101) ein
bidisziplinäres
Gutach
ten.
In ihrer interdisziplinären Gesamtbeurteilung (
Urk.
8/101 S. 13 ff.)
wurden aus psychiatrischer Sicht keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit nannte
Dr.
H._
folgende Dia
gnosen (S. 16 f.):
-
Laborchemisch zu bestätigender Cannabiskonsum (ICD-10: F12.1) und klinisch zu bestätigende Cannabisabhängigkeit (ICD-10: F12.25)
-
Laborchemisch zu bestätigender übermässiger Alkoholkonsum (ICD-10:
F10.1) bei klinischer Verdachtsdiagnose einer Alkoholabhängigkeit
(ICD-1
0: F10.25)
-
Anamnestisch familiäre Zerrüttung durch Scheidung der Eltern und durch Trennung des Exploranden von der Herkunftsfamilie (ICD-10: Z63.5)
-
Anamnestisch früher und unnatürlicher Tod der Mutter (ICD-10: Z63.4) mit entsprechender Exposition des Exploranden im Alter von 10 Jahren (ICD-10: Z61.7)
-
Anamnestisch emotionale Vernachlässigung in der Kindheit (ICD-10: Z62.4)
-
Anamnestisch Ereignisse, welche den Verlust des Selbstwertgefühls zur Folge haben können (ICD-10: Z61.3)
Aus neuropsychologischer Sicht wurden folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt (S. 17):
-
Leichte bis mittelgradige kognitive Störung mit Defiziten schwerpunkt
mässig in
attentionalen
und exekutiven Funktionen sowie in der sprach
lichen
Auffassung
, bei ansonsten unauffälligen Leistungen und einem durchschnittlichen nonverbalen kognitiven Leistungsniveau
Hinsichtlich der aktenanamnestischen Diagnosen hielten die Gutachter fest
(S. 17
)
, dass sich die aktenkundigen Diagnosen einer «gemischten» Persönlichkeits
stö
rung mit «posttraumatischen», emotional-instabilen und depressiven Anteilen (ICD
-
10: F61), einer sozialen
Phobie (ICD-10: F40.1), einer P
osttraumatischen Be
lastungsstörung (ICD-10: F43.1), einer (anhaltenden) wahnhaften Störung (ICD-10
: F22.0) mit Differentialdiagnose einer
schizoaffektiven
Störung (ICD-10: F33) auf
grund der in den Akten dargelegten psychopathologischen Befunde und aufgrund einer fehlenden ICD-10-Kriterienprüfung nicht bestätigen liessen.
Zur
Arbeitsfähigkeit führten sie aus, aus psychiatrischer Sicht sei von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in ausführender Hilfstätigkeit auszugehen. Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass derzeit eine
behandlungsbedürftige
und
inner
t
längstens einem halben Jahr behandelbare psychiatrische Störung (ICD-10
: F12.25 und F10.1) vorliege, sei eine lege
artis
Suchtbehandlung vor der berufli
chen Wiedereingliederung zu empfehlen. Auch in angepasster Tätigkeit sei von
einer 100%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen, da sich eine ausführende (unge
lernte
) Hilfstätigkeit
optimal leidensangepasst darstelle (S. 20 f.).
Aus neuropsycholo
gischer Sicht würden keine Einschränkungen der Anwesenheit in der bisherigen Hilfstätigkeit bestehen. Es liege eine leichte bis mittelgradige kognitive Störung vor, welche theoretisch eine Arbeitsunfähigkeit von 30
%
für einfache Aufgaben, respektive für eine Hilfstätigkeit begründe (Einschränkung der Produktions
leis
tung während einer uneingeschränkten Anwesenheit). Die Arbeitsfähigkeit liege demnach bei 70
%
(S. 20).
Im Rahmen der Begutachtung seien zwei therapiebe
dürftige, psychische Störungen diagnostiziert worden, welche eine suchtspezifi
sche Behandlung erforder
te
n. Die Durchführung einer solcher Behandlung sei den
entsprechenden Leitlinien zu entnehmen. Entscheidend sei die konsequente Ein
haltung einer Abstinenz bezüglich beider Substanzen, da mittlerweile augen
schein
lich sei, dass dem
Beschwerdeführer
ein moderater Konsum von Alkohol oder Cannabis nicht möglich sei. Die Laboranalysen vom 1
2.
und 2
0.
August 2019 würden auf einen übermässigen bis exzessiven Konsum beider Substanzen hin
deuten. Eine Entwöhnungsbehandlung bei einer geeigneten Einrichtung (
Klinik I._
) sei aus
gutachterlicher
Sicht
dringend zu empfehlen. Unter Inanspruch
nahme einer suchtspezifischen und
a
bstinenzorientierten Behandlung seien die Erfolgschancen einer bleibenden Reintegration im ersten Arbeitsmarkt intakt. Voraussetzung sei aber eine entsprechende Motivation des Beschwerdeführers, welche bis dato nicht ersichtlich sei (S. 21).
Zudem hielten sie fest, die Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers sei mit dem ersichtlichen Funktionsniveau nicht vereinbar. Eine Unmöglichkeit jeglicher Be
schäftigung lasse sich nicht begründen. Die kategorische Verneinung jeglicher (beruflicher) Selbstwirksamkeit durch den Beschwerdeführer sei prognostisch un
günstig, lasse sich aber
durch
die
Dekonditionierungseffekte
therapeutisch auf
lösen (S.
19).
Psychiatrisch
habe der
Beschwerdeführer kein konsistentes und widerspruchsfreies Bild geboten. Der Beschwerdeführer habe eine maximal
45-minütige Konzentrationsspanne erwähnt, habe aber an einer 3 1⁄4-stündigen Exploration ohne
massgebliche
Konzentrationsstörung teilnehmen können. Er habe über ein Spektrum von Freizeitaktivitäten berichtet, welche mit einer maxi
mal 45-minütigen Aufmerksamkeitsspanne nicht vereinbar seien (
Indoor
: Lesen und Schreiben
; Outdoor: Fahrradfahren, Snowboarden, Aikido).
In Diskrepanz dazu sei der Beschwerdeführer
der Ansicht, dass er vollständig unfähig sei
an Massnahmen der Wiedereingliederung teilnehmen zu
können
(«mental» fehlende Gesundheit). Die selbst deklarierte, derzeit vollständige Unfähigkeit an Massnah
men der Wiedereingliederung teilnehmen zu können, kontrastiere mit der bis
he
rigen tageweisen Beschäftigung im Rahmen der «
C._
». Die
Performanz
vali
dierung
in der neuropsychologischen Untersuchung sei unauffällig gewesen und die Befunde seien als valide anzusehen (S. 20).
Dr.
H._
gab hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit in seinem psychiatrischen Teil
gut
achten zusätzlich an, dass nach einer erfolgten Cannabis- und Alkohol-Ent
wöhnungsbehandlung und unter Berücksichtigung der Vorbildung des Beschwer
de
führers eine ausführende Hilfstätigkeit im ersten Arbeitsmarkt ohne Einschrän
kungen medizinisch zumutbar sei. Zum heutigen Zeitpunkt sei der Beschwerde
führer zu einer solchen Tätigkeit befähigt, wenngleich in de facto beschützendem Rahmen und nur stundenweise. Zur differenzierteren Beurteilung der Arbeits
fähig
keit sei festzuhalten, dass die aktuelle Symptomatik ausschlaggebend sei
(S.
73).
Es seien keine Einschränkungen der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit aus
ge
wiesen, welche sich von den Einschränkungen eines fortgesetzten Cannabis- oder Alkoholkonsums abgrenzen lassen würden. Es seien aber zwei therapie
be
dürftige, psychische Störungen (ICD-10: F 12.25 und F10.1) diagnostiziert worden
, welche eine suchtspezifische Behandlung erforder
te
n (S. 75).
3.6
Dr.
J._
, Psychologe
,
und
Dr.
med.
K._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
,
von der
Psychiatrischen Klinik D._
nahmen am 3
0.
Januar 2020 (
Urk.
8/117) Stellung zum
bidisziplinären
Gutachten. Dabei führten sie aus, das Gutachten
liefere eine unzureichende Erklärung der Defizite. Ausser der Substanzstörung werde keine schlüssige Erklärung oder Begründung für die aus ihrer Sicht ausgeprägten Ein
schränkungen
der alltagsrelevanten
Funktionen geliefert. Der psychiatrische Gut
achter habe das Funktionsniveau systematisch zu hoch eingeschätzt. Im Gut
achten seien die vorliegenden Berichte mangelhaft gewürdigt worden. Es werde zudem fälschlicherweise ausgeführt, dass nur eine
a
bstinenzgestützte Behandlung den Leitlinien entspräche. Des Weiteren fehle im Gutachten eine differenzierte Einordnung des Alkoholkonsums gemäss den ICD-Kriterien. Die Diagnose einer Abhängigkeit werde im Wesentlichen auf Grundlage des Laborbefunds gestellt (S.
1 f.).
Eine eindeutige Zuordnung der funktionellen Defizite zu spezifischen Diagnosen sei kaum möglich, wobei man von einem multifaktoriellen Geschehen ausgehe und als wesentliche Faktoren die
Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1),
die rezidivierende depressive Störung (F33.x) und die Cannabisab
hängig
keit (F12.2) bzw. damit im Zusammenhang stehende Entzugs-, Intoxikations- oder Residualzustände ständen (S. 4). Der Beschwerdeführer sei über die
C._
des Sozialamts stundenweise in einem geschützten Rahmen tätig, was ihn nach eigenen Angaben und in Übereinstimmung mit den dortigen Beobachtungen an seine Belastungsgrenze führe. Die Arbeitsfähigkeit im geschützten R
ahmen be
trage also maximal 30-40
%
, was eine noch weiter
darunter liegende
Arbeits
fähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt nahelege. Der Gutachter gehe in seinem Gutachten im Wesentlichen von den Angaben des Beschwerdeführers aus, wel
cher seine Alltagsfähigkeiten wohl massiv überschätze bzw. seinen Wunsch als Wirklichkeit darstelle (S. 4 f.).
Aus suchttherapeutischer Sicht sei die Abstinenz ein mögliches (kein zwingendes) Behandlungsziel, welches jedoch bei ausge
prägter Abhängigkeit, ungünstigem Verlauf und/oder schweren Komorbiditäten im Sinne eines Schadensminderungsansatzes zugunsten realistischer Ziele ange
passt werden könne. Eine Reduktion der Cannabismenge und Cannabiskonsum
frequenz und eine Aufgabe besonders dysfunktionaler Konsummuster würden
beim Beschwerdeführer leitliniengerechte und valide Behandlungsansätze dar
stellen. Eine Abstinenz von Cannabis und gegebenenfalls Alkohol würde zwar möglicherweise zu einer Verbesserung der Symptomatik, aber eventuell auch zu einer zumindest kurz- bis mittelfristigen Verschlechterung der
Traumafolgesymp
tomatik
und
der
depressive
n
Beschwerden führen. Selbst dann sei gleichwohl unwahrscheinlich, dass die vorliegenden schweren funktionellen Defizite sich in einem
a
rbeitsfähigkeitsrelevanten Ausmass verbessern würden. Bei unter Absti
nenz
bedingungen bisher kaum beobachtbarer Verbesserung,
nicht
zu erwarten
dem Erkenntnisgewinn und erheblichem Leidensdruck sei
die
neuerlich auferlegte Abstinenz von Cannabis und gegebenenfalls Alkohol weder sinnvoll noch zumut
bar (S. 5).
4.
4.1
Unter Berücksichtigung der gesamten medizinischen Aktenlage sind beim Be
schwerdeführer
psychische
Beeinträchtigungen ausgewi
e
sen
(vgl. vorstehend E.
3.1
-3.6
).
4.1.1
So nannten
die
B
._
-
Ärzte im Bericht vom 13. Dezember 2017 als psychiatrische Diagnosen eine
schizoaffektive
Störung, eine gemischte Persönlichkeitsstörung, eine
P
osttraumatische Belastungsstörung, eine soziale Phobie sowie eine
re
zidi
vierende depressive Störung (E. 3.1). Die behandelnden Ärzte der
Psychiatrischen Klinik D._
und Fach
psychologin
F._
attestierten ebenfalls eine
P
osttraumatische Belastungs
störung und eine rezidivierende depressive Störung (E. 3.3 und E. 3.4). Daneben bestehe seit Jahren ein
Cannabinoid
-Abhängigkeitssyndrom.
Die
B
._
-
Ä
rzte
und
Fachpsychologin
F._
verneinten eine Arbeitsfähigkeit sowohl für die angestammte als auch
für eine
angepasste Tätigkeit (E. 3.1 und E. 3.4).
Auch die behandelnden Ärzte der
Psychiatrischen Klinik D._
gingen von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit aus (E. 3.6 vorstehend).
4.1.2
I
m
bi
disziplinären
Gutachten
(E. 3.5)
wurde
als Diagn
ose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
eine leichte bis mittelgradige kognitive Störung mit Defiziten
vor allem
in
attentionalen
und exekutiven Funktionen sowie in der sprachlichen Auf
fassung
genannt
.
Aus neuropsychologischer Sicht wurde eine Arbeitsunfähigkeit von 30
%
für einfache Aufgaben attestiert.
Daneben diagnostizierte Dr.
H._
zwei psychische Störungen (ICD-10: F 12.25 und F10.1), welche
n er
eine sucht
spezifische Behandlung
s
bedürftigkeit
zumass
(
E. 3.5).
Zur Arbeitsfähigkeit
gab er an
, dass dem Beschwerdeführer eine Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt erst nach erfolgter Cannabis- und Alkohol-Entwöhnungsbehandlung zumutbar sei,
und
implizierte damit
, dass er den Beschwerdeführer aufgrund der Suchterkrankung
(vorerst)
als nicht arbeitsfähig erachtet.
Trotzdem führte er die Abhängig
keitser
krankungen als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit auf und gab an, dass aus psychiatrischer Sicht von einer 10
0
%igen Arbeitsfähigkeit in ausfüh
renden Hilfstätigkeiten auszugehen sei.
Damit k
lammerte
der psychiatrische
Gut
achter
bei seiner Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit die Suchtproblematik als zum
vornherein invaliditätsfremd aus
.
4.2
Nach bisheriger und langjähriger höchstrichterlicher Rechtsprechung führten Sucht
erkrankungen als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Sie wurden im Rahmen der Invalidenversicherung erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt haben, in deren Folge ein körperlicher oder
geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender, Gesundheitsschaden eingetre
ten
war, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesund
heits
schadens waren, dem Krankheitswert zukam. Ein invalidisierender psychi
scher Gesundheitsschaden fehlte demgegenüber, wo in der Begutachtung im Wes
ent
li
chen nur Befunde erhoben wurden, welche in der Sucht ihre hinreichende Erklä
rung fanden (Hinweise zur bisherigen Rechtsprechung in BGE 145 V 215 E. 4.1).
Diese bisherige Rechtsprechung änderte das Bundesgericht mit
BGE 145 V 215
dahingehend, dass - fachärztlich einwandfrei diagnostizierten
–
Abhängig
keits
syn
dromen beziehungsweise Substanzkonsumstörungen nicht zum vornhe
rein jede
invalidenversicherungsrechtliche Releva
nz abgesprochen werden kann (E.
5.3.3), sondern diese vielmehr als invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psychi
sche) Gesundheitsschäden in Betracht fallen (E.
6).
Gemäss BGE 143 V 418 E. 6 f. ist die Frage nach den Auswirkungen sämtlicher psychischer Erkrankungen auf das funktionelle Leistungsvermögen grundsätzlich unter Anwendung des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu beantworten. Hierzu gehören nach dem oben Ausgeführten auch Abhängigkeits
syndrome (E. 6.2).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens kann und muss insbesondere de
m
Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden
. Diesem kommt nicht zuletzt deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängig
keitser
krankungen - wie auch bei anderen psychischen Störungen - oft eine Ge
men
ge
lage aus krankheitswertiger Störung sowie psychosozialen und soziokul
turellen Faktoren vorliegt. Letztere sind selbstverständlich auch bei Abhängig
keits
erkran
kungen auszuklammern, wenn sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen
(vgl. bezüglich der Depressionen BGE 143 V 409 ff. E. 4.5.2). Eine krankheits
wertige Störung muss umso ausgeprägter vorhanden sein, je stärker psychoso
ziale oder soziokulturelle Faktoren das Beschwerdebild mitprägen (E. 6.3).
4.3
Das
bidisziplinäre
Gutachten
, welches
die Grundlage der angefochtenen Verfü
gung bildet
,
entspricht nicht den mit BGE 145 V 215
etablierten
Anforderungen. Es geht von der
mit diesem Bundesgerichtsentscheid aufgegebenen
Prämisse aus, dass Suchterkrankungen
als solche (d.h. primären Suchterkrankungen)
per se keine invalidenversicherungsrechtliche Relevanz zukommt, weshalb
Dr.
H._
die Auswirkung des diagnostizierten
jahrelangen
Abhängigkeitssyndroms auf die Leistungsfähigkeit nicht im Lichte der Standardindikatoren (insbesondere des Schweregrads der Erkrankung) beurteilt hat, sondern bei der
psychiatrischen
Arbeits
fähigkeitsschätzung unberücksichtigt liess.
Dies ist auf das Versäumnis der Beschwerdegegnerin zurückzuführen, den Gutachtensauftrag nach Änderung der Rechtsprechung an die neu geltenden Kriterien anzupassen.
Ein strukturiertes Beweisverfahren anhand der massgeblichen Indikatoren und damit eine
ergebnis
offene und
schlüssige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
auch
unter Berücksich
ti
gung der Suchterkrankung ist gestützt auf das von der Beschwerdegegnerin ein
geholte Gutachten
folglich
nicht möglich.
D
ie behandelnden Ärzte des
B._
und der
Psychiatrischen Klinik D._
gingen in ihren Bericht
en
davon aus, dass der Beschwerdeführer auf dem ersten Arbeitsmarkt vollständig
a
rbeits
un
fähig
sei
. Im Hinblick auf die Erfahrungstatsache, dass therapeutisch tätige Fachpersonen aufgrund ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung in Zweifels
fällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 456 E. 4.5), kann auf ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung nic
ht unbesehen abgestellt werden.
Ihre Berichte über die bisherigen Behandlungen und das Krankheits
geschehen im Längsverlauf zeigen aber auf, dass
eine
umfassende Beurteilung der A
rbeitsfähigkeit durch
amtlich bestellte fachmedizinische Experten notwen
dig ist.
4.4
Die angefochtene Verfügung ist damit aufzuheben und die Sache an die Be
schwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese ein
neues, den praxisgemässen Anforderungen entsprechendes psychiatrisches-neuropsychologisches Gutachten einhole und hernach über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers erneut entscheide.
In dem Sinn ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
Im Hinblick auf die von der Beschwerdegegnerin in der Vergangenheit ange
ord
neten
Entzugsbehandlungen im Vorfeld einer Begutachtung (
Urk.
8/46;
Urk.
8/61
; vgl. E.
1) und generell als
schadenmindernde Massnahmen (
Urk.
8/104;
Urk.
2; vgl. E. 1)
ist Folgendes anzumerken:
5.1
Das
Bundesgericht
hat
im Zuge der Änderung der Rechtsprechung zur inva
lidi
sierenden Wirkung von Suchterkrankungen (E. 4.2) auch seine Praxis zur Anord
nung von
Abstinenzen
geändert. Wie bei den sekundären Suchtgeschehen ist neu
auch bei primären Abhängigkeitssyndromen die Anordnung einer Entzugsbe
hand
lung im Vorfeld einer Begutachtung unter dem Titel der Mitwirkungspflicht im Abklärungsverfahren nicht statthaft, würde damit doch die Qualifikation des Suchtgeschehens und seiner erwerblichen Ausw
irkungen als zum vornherein in
va
lidenversicherungsrechtlich irrelevant und deshalb auszuscheiden vorwegge
nom
men
(Urteil des Bundesgerichts 9C_309/2019 vom
7.
November 2019 E. 4.2.2)
.
5.2
Demgegenüber darf eine Entzugsbehandlung als Behandlungsmassnahme selbst
re
dend (unverändert) jederzeit zur Schadenminderung angeordnet werden. Hier
bei
muss aber
vorgängig
die Zumutbarkeit einer solchen im konkreten Fall
vor allem
aus medizinischer Sicht umfassend
beurteilt
werden
.
Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass d
ie grundsätzliche Behandel
bar
keit einer Gesundheitsbeeinträchtigung einen Leistungsanspruch in der Invali
den
versicherung
-
trotz des diesbezüglich
irreführenden
Wortlauts
von
Art.
28
Abs.
1
lit
. a IVG
-
nicht per se
aus
schliesst
(BGE 143 V 409 E. 4.2.1, BGE 127 V 294 E. 4b
). Namentlich ist es nicht so, dass ein Rentenanspruch der Invali
den
versicherung vor Durchführung der medizinischen Behandlung nicht zu prüfen wäre oder gar nicht erst entstehen könnte.
Dieser muss
nach der Geltendmachung
unverzüglich
geprüft werden, auch wenn in Zukunft Behandlungsmassnahmen beabsichtigt und möglich sind.
Die Therapierbarkeit und/oder prognostizierte Besserungsfähigkeit eines Gesundheitsschadens
stehen
auch
der Ausrichtung einer Invalidenrente nicht im Weg, wenn im Zeitpunkt der Prüfung des Leistungs
anspruchs die Voraussetzungen erfüllt sind (Arbeitsfähigkeit von 40
%
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch und danach Erwerbsunfähigkeit von mindestens 40
%
,
Art.
28
Abs.
1
lit
. b und c IVG).
5.3
Eine allfällige
Rentenzusprache
steht
sodann
-
wie immer
-
unter dem Revi
sions
vorbehalt von
Art.
17
Abs.
1 ATSG, wobei sich revisionsrelevante Tatsachen
än
de
rungen im Sinne dieser Bestimmung insbesondere aus dem Ergebnis angeord
neter und zwischenzeitlich durchgeführter Eingliederungs- und Behandlungs
mass
nah
men ergeben
können
(
vgl.
BGE
122
V
77
E. 2b)
.
6
.
6
.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2).
6
.2
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 8
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Damit erweist sich das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Prozess
führung (Urk. 1 S. 2) als gegenstandslos.