Decision ID: dfed9c3e-4ecb-5245-85f1-b48ea593a290
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der tamilische Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen An-
gaben zufolge am (...) Juni 2015 und gelangte per Flugzeug nach
B._, wo er sich während zweier Monate aufgehalten habe. Danach
sei er in die Ukraine verbracht worden und von dort via die Türkei am
(...) Oktober 2015 in die Schweiz gelangt. Am 12. Oktober 2015 suchte der
Beschwerdeführer um Asyl nach und am 27. Oktober 2015 fand seine
Kurzbefragung (Befragung zur Person, BzP) statt. Dabei gab er an, seinen
Heimatstaat verlassen zu haben, weil er aufgrund seines Engagements zu-
gunsten der Tamil National Alliance (TNA) am (...) Mai 2015 von unbekann-
ten Personen gesucht worden sei. Bereits seit dem Jahr 2006 habe er we-
gen seiner Unterstützung der TNA Probleme gehabt und sich deswegen
zeitweise in C._ aufhalten müssen. Im Jahr 2012 habe er ehemali-
gen Mitgliedern der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) zur Flucht aus
Sri Lanka verholfen, weswegen er in C._ zwei- oder dreimal vom
Criminal
Investigation Department (C.I.D.) vorgeladen worden sei.
B.
Im Oktober 2015 sowie am 14. Mai 2018 legte der Beschwerdeführer ver-
schiedene Beweismittel ins Recht, darunter seine Identitätskarte, Doku-
mente zum Verschwinden seines Vaters sowie eine seinen Bruder betref-
fende Zeugenvorladung.
C.
Anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen vom 14. Mai 2018 gab der
Beschwerdeführer zu Protokoll, sein Vater sei von der sri-lankischen Armee
entführt worden, als er noch ein Kleinkind gewesen sei. Er selbst habe spä-
ter zunächst ehemalige LTTE-Mitglieder finanziell unterstützt und während
des Krieges einige Waren in Colombo kaufen und an die LTTE abgeben
müssen; damals sei er aber noch sehr jung gewesen. Im Jahr 2010, als er
in C._ gearbeitet habe, habe er einigen Personen Geld gegeben,
damit sie ihre Reise nach Colombo hätten bezahlen können. Er sei deswe-
gen im Oktober 2010 auf dem Polizeiposten befragt worden; ansonsten
habe er damals keine Nachteile erlebt. Im September 2012 sei er nach
D._ gereist, um dort zu arbeiten. Er sei mit seinem eigenen Reise-
dokument per Flugzeug dorthin gereist und bei einer Kontrolle aufgrund
fehlender Dokumente im (...) 2014, (...), festgenommen und nach Sri
Lanka ausgeschafft worden. Die Sicherheitskräfte hätten ihn während
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Seite 3
zweier Tage am Flughafen festgehalten und ihn insbesondere zu seinem
Aufenthalt in D._ befragt. Als Grund für die definitive Ausreise aus
seinem Heimatstaat nannte der Beschwerdeführern seine Probleme, die er
erlebt habe, nachdem er geholfen habe am (...) Mai 2015 eine Versamm-
lung der TNA in E._ zu organisieren. Er habe Zelte und Bühnen
aufgebaut und kurz vor den Wahlen Flugblätter und Plakate verteilt respek-
tive aufgehängt. Noch am selben Abend sei er zu Hause gesucht worden.
Er sei damals nicht anwesend gewesen und er wisse nicht, wer ihn gesucht
habe; vermutlich seien es Angehörige einer anderen Partei gewesen. Am
Folgetag sei ein Freund, der sich ebenfalls für die TNA eingesetzt habe,
erschossen worden; deshalb habe er sich nicht mehr getraut, nach Hause
zurückzukehren. Als er am (...) Mai 2015 nochmals von Unbekannten zu
Hause aufgesucht worden sei, habe er sich schliesslich zur Ausreise ent-
schlossen. Nach seiner Ausreise hätten sie ihn weitere Male gesucht, was
er mittels Beweismitteln belegen könne.
D.
Mit Verfügung vom 12. Juli 2018 – eröffnet am 13. Juli 2018 – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
E.
Am 25. Juli 2018 und 2. August 2018 wurde dem Beschwerdeführer an-
tragsgemäss Akteneinsicht gewährt.
F.
Gegen den Asylentscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
13. August 2018 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er bean-
tragte die Aufhebung der Verfügung des SEM vom 12. Juli 2018 sowie die
Anerkennung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung; even-
tualiter sei die Unzulässigkeit respektive Unzumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung festzustellen und die vorläufige Aufnahme in der Schweiz an-
zuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und die Ernennung eines amtlichen
Rechtsbeistands. Der Beschwerdeführer rügte in prozessualer Hinsicht die
Verletzung des rechtlichen Gehörs sowie des Untersuchungsgrundsatzes,
weil er an der Bundesanhörung nicht mit den in der angefochtenen Verfü-
gung dargelegten Widersprüche konfrontiert worden sei und dazu habe
Stellung nehmen können. Zur Untermauerung seiner Vorbringen gab er
unter anderem einen Kurzbericht der Hilfswerksvertretung (HWV) sowie
Ausdrucke von Gerichtsakten betreffend seinen Bruder zu den Akten.
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Seite 4
G.
Mit Zwischenverfügung vom 24. August 2018 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Gleichzeitig forderte er den Beschwerdeführer auf, einerseits
bekanntzugeben, welche Rechtsvertretung er als amtliche Rechtsverbei-
ständung zugeordnet erhalten wolle und andererseits die angekündigte
Übersetzung der Beschwerdebeilage 4 nachzureichen.
H.
Der Beschwerdeführer liess mit Mitteilung vom 3. September 2018 darüber
informieren, dass Frau MLaw Cora Dubach als amtliche Rechtsverbeistän-
dung einzusetzen sei. Gleichzeitig liess er eine englische Übersetzung der
Beschwerdebeilage 4 einreichen.
I.
Mit Instruktionsverfügung vom 4. September 2018 ordnete der Instrukti-
onsrichter dem Beschwerdeführer MLaw Cora Dubach als amtliche
Rechtsbeiständin bei und lud die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde ver-
nehmen zu lassen.
J.
In seiner Vernehmlassung vom 7. September 2018 hielt das SEM an den
Erwägungen in seiner Verfügung vom 12. Juli 2018 fest.
K.
Mit Verfügung vom 11. September 2018 stellte der Instruktionsrichter dem
Beschwerdeführer die Vernehmlassung des SEM vom 7. September 2018
zu und setzte diesem Frist zur Einreichung einer Replik.
L.
Am 26. September 2018 liess der Beschwerdeführer eine Replik einrei-
chen.
M.
Mit Eingaben vom 5. Oktober sowie 29. November 2018 reichte der Be-
schwerdeführer eine zuvor angekündigte neue Übersetzung der Be-
schwerdebeilage 4, weitere Fotoausdrucke von Gerichtsakten aus Sri
Lanka sowie einer Übersetzung von Seite 84 dieser Gerichtsakten nach,
welche die Verfolgung seines Bruders belegen würden. Es handle sich bei
dieser Seite um einen Eintrag aus dem Jahr 2017, welcher einen Vorfall
betreffe, in welchen der Bruder des Beschwerdeführers involviert gewesen
sei, und der die Aktualität des Verfolgungsinteresses belege.
E-4616/2018
Seite 5
N.
Der Beschwerdeführer legte am 8. März 2019 eine beglaubigte Kopie von
Akten des "Magistrate's Court of F._" ins Recht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
E-4616/2018
Seite 6
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer rügte in seiner Beschwerde die Verletzung des
rechtlichen Gehörs sowie des Untersuchungsgrundsatzes, weil das SEM
den Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung zu seinen Asylgründen
nicht auf Widersprüche angesprochen habe, die ihm in der angefochtenen
Verfügung entgegengehalten worden seien.
4.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3 S. 17 f.; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2 S. 70).
4.3 Zweifelsohne ist es aus verschiedenen Gründen wünschenswert, dass
Asylsuchende an ihrer Anhörung in geeigneter Weise auf allfällige Wider-
sprüche angesprochen werden. Diesbezüglich hat jedoch bereits die Vor-
gängerorganisation des Bundesverwaltungsgerichts im Asylbereich (die
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
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Seite 7
vormalige Schweizerische Asylrekurskommission, ARK) festgestellt, dass
die Asylbehörden die Beurteilung der Aussagen eines Asylbewerbers auf-
grund eigener Fachkenntnisse und in freier Beweiswürdigung beurteilen.
Auch eine Frage der Beweiswürdigung ist somit, ob die von einem Asylge-
suchsteller gemachten Aussagen in wesentlichen Punkten in einer Weise
voneinander abweichen, dass sie als Indiz für die Unglaubhaftigkeit der
Vorbringen anzusehen sind. Da der verfassungsmässige Anspruch auf
rechtliches Gehör gemäss Art. 4 BV und Art. 29 VwVG nur die Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts beschlägt, nicht aber die rechtliche
Würdigung desselben, ist in aller Regel kein Recht auf vorgängige Stel-
lungnahme bezüglich Fragen der rechtlichen Beurteilung und Würdigung
von Tatsachen einzuräumen. So entspricht auch dem eigentlichen Kern-
gehalt des rechtlichen Gehörs, dass sich eine Behörde bei ihren Entschei-
den nicht zum Nachteil des Betroffenen auf Umstände oder Erkenntnisse
abstützen soll, von denen dieser in guten Treuen keine Kenntnis haben
konnte und dementsprechend auch keine Möglichkeit hatte, sich dazu zu
äussern. Hingegen sind Widersprüche in eigenen Aussagen gerade nicht
vorzuhalten, zumal die Anhörungen eines Asylbewerbers doch selber Teil
der Gewährung des rechtlichen Gehörs sind (vgl. Entscheidungen und Mit-
teilungen der ARK [EMARK] 1994 Nr. 13 E. 3.b S. 113 ff.).
4.4 Konkret qualifizierte das SEM Aussagen des Beschwerdeführers zu
seinen Auslandaufenthalten (vgl. Protokoll BzP S. 4: "Waren Sie vor dieser
Reise schon einmal im Ausland?") und zur Anzahl seiner Befragungen auf
dem Polizeiposten (vgl. Protokoll BzP S. 7: "Wie oft wurden Sie deswegen
[vom] CID vorgeladen?") als widersprüchlich. Angesichts der Klarheit, Ein-
fachheit und Unmissverständlichkeit der zitierten Fragestellungen war das
SEM auch unter dem Blickwinkel der Untersuchungsmaxime – respektive
der Sachverhaltsermittlung (vgl. EMARK 1994 Nr. 13 E. 3.b S. 116) – nicht
zwingend verpflichtet, den Beschwerdeführer in der Anhörung mit seinen
abweichenden Antworten zu konfrontieren.
4.5 Das SEM hat folglich weder den Gehörsanspruch des Beschwerdefüh-
rers noch den Untersuchungsgrundsatz verletzt.
E-4616/2018
Seite 8
5.
5.1 Das SEM gab zur Begründung seiner ablehnenden Verfügung an, die
Asylvorbringen des Beschwerdeführers könnten nicht geglaubt werden,
weil er diese widersprüchlich vorgetragen habe und sie auch zu wenig kon-
kret und detailliert dargelegt habe. So habe der Beschwerdeführer an der
Anhörung angegeben, er habe sich rund zwei Jahre lang in D._
aufgehalten, während er anlässlich der BzP noch bestritten habe, sich vor
seiner definitiven Ausreise aus Sri Lanka jemals im Ausland aufgehalten zu
haben. Infolgedessen habe er auch erstmals an der Anhörung geltend ge-
macht, bei seiner Rückkehr aus D._ am Flughafen in Colombo wäh-
rend zweier Tage festgehalten und befragt worden zu sein. Er habe weiter
sowohl die Befragungen durch das C.I.D. als auch die Warenlieferungen
zugunsten der LTTE nicht übereinstimmend geschildert. Im Zusammen-
hang mit der vorgebrachten Suche nach ihm habe er sich weder zum
Wochentag noch zum Vorgehen oder zu stattgefundenen Gesprächen ge-
äussert. Vielmehr seien seine diesbezüglichen Ausführungen allgemein
und teilnahmslos geblieben und würden nicht auf persönlich Erlebtes hin-
deuten. Eine Gefährdung wegen seiner Unterstützung für die TNA
erscheine im Übrigen nicht naheliegend, da diese Partei gegenüber der
Regierung eine konstruktive, den Reformprozess unterstützende Rolle ein-
nehme und bei den Parlamentswahlen in der Nordprovinz vom August
2015 die grosse Mehrheit der Mandate erobert habe.
Die eingereichten Beweismittel würden keinen anderen Schluss zulassen,
zumal diese nicht ihn persönlich betreffen würden. Dies gelte auch für die
das Verschwinden seines Vaters betreffenden Dokumente, da kein zeitli-
cher und kausaler Zusammenhang zwischen diesem Ereignis und seiner
Ausreise im Juni 2015 bestehe. Auch allfällige im Zeitpunkt seiner Ausreise
bestehende Risikofaktoren könnten kein Verfolgungsinteresse seitens der
heimatlichen Behörden auslösen und es sei nicht ersichtlich, weshalb er
bei einer Rückkehr nun in den Fokus der Behörden geraten und in asylre-
levanter Weise verfolgt werden sollte. Dem eingereichten Haftbefehl be-
treffend den Bruder des Beschwerdeführers komme kein Beweiswert zu;
es handle sich in Tat und Wahrheit um eine Gerichtsvorladung für einen
Zeugen, die lediglich in Kopie vorliege und mit einer falschen "Case no"
versehen sei. Es lasse sich daraus folglich keine persönliche Gefährdung
für den Beschwerdeführer herleiten.
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Seite 9
Insgesamt bestehe somit kein begründeter Anlass zur Annahme, dass die-
ser bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt sei. Es seien sodann auch keine Gründe ersichtlich, die einem Weg-
weisungsvollzug in die Ostprovinz entgegenstehen würden. Er sei jung und
gesund, verfüge über eine gute Schulbildung sowie jahrelange Arbeits-
erfahrung als (...). Seine Mutter leide zwar unter gesund-
heitlichen Beschwerden, wohne aber nach wie vor im eigenen Haus in
E._.
5.2 In seiner Beschwerdeschrift verwies der Beschwerdeführer hinsichtlich
der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen insbesondere auf den Bericht der
HWV, wonach sie beim Befrager angeregt habe, gewisse Fragen anders
zu formulieren, dieser darauf jedoch nicht weiter eingegangen sei. Zudem
habe der Befrager ihn unterbrochen, als er am Ende der Anhörung auf die
Zusatzfragen der HWV ausführlich geantwortet habe. Die als ungenügend
detailliert bemängelten Schilderungen des Beschwerdeführers betreffend
die Verfolgungshandlungen würden sich dadurch erklären, dass er bei ei-
nigen davon tatsächlich nicht persönlich anwesend gewesen sei, sondern
seine Mutter ihm davon erzählt habe. Insofern sei die Argumentation des
SEM stossend, gewisse Ausführungen würden "nicht persönlich erlebt" er-
scheinen. Seine Reise nach D._ habe er an der BzP nicht erwähnt,
weil er davon ausgegangen sei, es sei lediglich nach Reisen nach Europa
gefragt worden. Im Übrigen sei eine stark verkürzte BzP durchgeführt wor-
den und er sei aufgefordert worden, sich möglichst kurz zu fassen sowie
nur das Wichtigste zu erwähnen. Aus diesen Gründen habe er auch die
nach seiner Rückkehr erfolgte Festhaltung am Flughafen in Colombo nicht
erwähnt. Hinsichtlich die Zeugenvorladung betreffend seinen Bruder habe
sich eine Bekannte von ihm Zugang zu Gerichtsdokumenten beschafft,
welche die gerichtliche Suche nach seinem Bruder belegen würden, weil
er sich an Veranstaltungen der TNA beteiligt habe. Er selber sei in der Ver-
gangenheit staatlicher Repression ausgesetzt gewesen, weil er von 2010
bis 2011 ehemalige Mitglieder der LTTE finanziell unterstützt habe und sich
immer wieder für die TNA engagiert habe. Die TNA habe zwar Einsitz
genommen im provinzialen sowie im nationalen Parlament; die realen
Auswirkungen seien jedoch zu wenig relevant, um die TNA als regierungs-
beteiligt bezeichnen zu können. Darüber hinaus erfülle er die Risikofakto-
ren für die Herleitung einer begründeten Furcht vor ernsthaften Nachteilen,
zumal er tatsächliche Verbindungen zur LTTE aufweise, welche für die
heimatlichen Behörden von Interesse seien. Bei einer Rückkehr nach Sri
Lanka wäre er folglich an Leib und Leben bedroht.
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Jedenfalls erweise sich der Vollzug der Wegweisung als unzulässig oder
zumindest unzumutbar, weil ihm wegen seiner Vorgeschichte unmenschli-
che Behandlungen und Folterung im Sinn von Art. 3 EMRK drohen würden
und er jederzeit von den Sicherheitsleuten aufgegriffen werden könnte.
5.3 In seiner Vernehmlassung vom 7. September 2018 hielt das SEM an
den Erwägungen in seiner Verfügung vom 12. Juli 2018 fest und führte aus,
weshalb es die Einschätzung des Beschwerdeführers nicht teile, wonach
er mit seinen eingereichten Beweismitteln habe belegen können, dass die
Nachstellungen seitens der sri-lankischen Behörden der Wahrheit entspre-
chen würden. Einerseits falle auf, dass die neu eingereichten Gerichtsdo-
kumente nunmehr eine andere "Case no" enthalten würden, als die ur-
sprünglich bemängelte Fallnummer, obschon es sich dabei um ein und
dasselbe Verfahren handle. Weiter seien die Stempel des Magistrate Court
in F._ lückenhaft und wichtige Angaben würden fehlen. Aus
diesen Dokumenten lasse sich folglich keine begründete Furcht vor zukünf-
tiger Verfolgung im Zusammenhang mit seinem Bruder herleiten. Anderer-
seits werfe das zu den Akten gereichte Dokument hinsichtlich der Fest-
nahme von Personen, die versucht hätten illegal auszureisen, mehrere
Fragen auf und sei nicht geeignet, eine individuelle Verfolgung des Be-
schwerdeführers glaubhaft zu machen. Dasselbe gelte für den Bericht der
HWV, zumal es sich dabei um eine persönliche Einschätzung handle, die
vorliegend keine Rechtswirkung zu entfalten vermöge.
5.4 In der Replik vom 26. September 2018 führte der Beschwerdeführer
zur Zeugenvorladung betreffend seinen Bruder aus, die durch die Vor-
instanz ins Feld geführte Behauptung, es handle sich um eine falsche
"Case no", habe sie mit keiner Quelle belegt, weshalb diese Einschätzung
nicht überprüfbar sei. Dasselbe gelte für die Entgegnungen in Bezug auf
die auf diesem Dokument sowie auf dem Beweismittel Nr. 6 der vorinstanz-
lichen Akten befindlichen Stempel. Er halte deshalb daran fest, dass seine
Mutter diese Vorladung ausgehändigt erhalten habe. In Bezug auf die ein-
gereichte Beschwerdebeilage 4 sei anzumerken, dass die als Beilage 5
eingereichte Übersetzung fehlerhaft sei, weshalb eine neue korrekte Über-
setzung nachgereicht werde. Das SEM habe zwar zu Recht darauf hinge-
wiesen, dass die auf den beiden Dokumenten vermerkten Nummern nicht
identisch seien. Die Nummern würden sich aber auch nicht wesentlich un-
terscheiden, vielmehr sei erkennbar, dass sie dasselbe Verfahren betreffen
würden. Falsch übersetzt worden sei namentlich das darauf vermerkte Da-
tum. In diesem Dokument gehe es nämlich um einen Vorfall aus dem Jahr
2012, als der Bruder des Beschwerdeführers versucht habe, illegal das
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Seite 11
Land zu verlassen, weil ihm wegen seiner Tätigkeiten zugunsten der TNA
Verfolgung gedroht habe. Ebenfalls im Jahr 2012 habe der Onkel eine Par-
teiveranstaltung organisiert, bei welcher Busse in Brand gesetzt worden
seien. Der Onkel sei daraufhin nach Australien ausgereist, weshalb der Be-
schwerdeführer ungefähr dreimal befragt worden sei. In der Folge sei er
nach D._ geflohen, während der Fluchtversuch seines Bruders
misslungen und dieser festgenommen worden sei. Bei seiner Freilassung
habe dieser die Auflage erhalten, sich wieder bei der Polizei zu melden.
Anstatt dieser Aufforderung nachzukommen sei sein Bruder schliesslich
ebenfalls nach D._ geflohen. Zur Beschaffung dieser Beweismittel
könne er keine weitergehenden Ausführungen machen, zumal ihm diese
lediglich weitergeleitet worden seien. Inzwischen müssten dem SEM je-
doch die originalen Beweismittel vorliegen, weil ein anderer Asylsuchender
diese in seinem Verfahren eingereicht habe. Aus diesen Dokumenten er-
gebe sich eine Verfolgungsgefahr, weil der Beschwerdeführer ein ähnli-
ches Profil aufweise wie sein Bruder. Was den eingereichten Bericht der
HWV anbelange, wäre erwartet worden, dass sich die Vorinstanz zumin-
dest mit den darin genannten Vorwürfen auseinandergesetzt hätte, wonach
die Anhörung nicht optimal abgelaufen sei, und welche die Verletzung des
rechtlichen Gehörs sowie des Untersuchungsgrundsatzes belegen würde.
6.
6.1 Vorweg ist anzumerken, dass das Bundesverwaltungsgericht nach
Sichtung der Verfahrensakten anders als die Vorinstanz zum Schluss
kommt, dass nicht sämtliche Vorbringen des Beschwerdeführers unglaub-
haft erscheinen. Vielmehr vermochte dieser einige Ereignisse durchaus re-
alitätsnah zu schildern (vgl. SEM-Akten, A16 ad F61, ad F149 und ad
F156 ff.), und insbesondere die im Zusammenhang mit dem Verschwinden
seines Vaters eingereichten Beweismittel wirken authentisch.
Dem Protokoll der BzP ist zu entnehmen, dass eine stark verkürzte Befra-
gung von 50 Minuten Dauer durchgeführt und der Beschwerdeführer expli-
zit aufgefordert wurde, nur das Wichtigste zu erwähnen (vgl. a.a.O., A3 S. 7
und S. 8). Unter diesen Umständen muss er sich nicht vorhalten lassen,
dass er an der BzP gewisse Geschehnisse gänzlich unerwähnt gelassen
hatte. Das Protokoll gibt aber immerhin durchaus Aufschluss über die
Gründe, welche für den Beschwerdeführer ausschlaggebend für seine
Ausreise gewesen sind.
E-4616/2018
Seite 12
6.2 Insgesamt betrachtet, ist den Akten jedoch keine Gefährdungssituation
des Beschwerdeführers zu entnehmen:
6.2.1 So machte dieser geltend, er sei im Jahr 2005 gezwungen worden
für Mitglieder der LTTE dreimal aus Colombo Waren zu besorgen, und
zwischen 2010 und 2011 habe er wegen seinem Onkel ehemals zwangs-
rekrutierte LTTE-Mitglieder bei ihrer Ausreise finanziell unterstützt. Ansons-
ten habe er nichts mit den LTTE zu tun gehabt und sei auch nie intensiv
politisch aktiv gewesen. Er sei deswegen im Jahr 2010 einmal beziehungs-
weise dreimal in C._ auf einem Polizeiposten respektive durch das
C.I.D. befragt worden (vgl. a.a.O. A16 ad F115 ff., ad F128 ff. und ad F149;
A3 S. 7). Für die TNA habe er sich sodann bereits seit dem Jahr 2006
engagiert und deshalb viele Probleme gehabt (vgl. a.a.O., A3 S. 6; A16 ad
F59 ff.). Erstmals an der Anhörung zu seinen Asylgründen machte der
Beschwerdeführer geltend, er habe bereits im Mai 2012 an einer TNA-
Versammlung in G._ teilgenommen, welche unter anderem durch
seinen Onkel organisiert worden sei. Dabei seien Busse in Brand gesetzt
worden, woraufhin sie durch die Polizei verwarnt worden seien. Sein Onkel
habe deshalb ausreisen müssen und er selber sei dreimal polizeilich be-
fragt worden, weshalb ihn seine Familie im September 2012 nach
D._ geschickt habe (vgl. a.a.O., A16 ad F150 ff.). Im (...) 2014 sei
er wegen fehlender Identitätspapiere nach Sri Lanka deportiert worden und
dabei für zwei Tage am Flughafen in Colombo inhaftiert worden. Dies habe
kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Januar 2015 stattgefunden. Sie
hätten ihn zu seinem Ausreisgrund sowie zu seinem Aufenthalt in
D._ befragt und ihn bei der Entlassung gewarnt, er solle keine Par-
tei in der Wahlkampagne unterstützen. Er sei auch geschlagen worden,
was aber bei solchen Kontrollen normal sei (vgl. a.a.O., A16 ad F38 und
ad F109 ff.).
6.2.2 Aus dieser Darstellung wird ersichtlich, dass der Beschwerdeführer
bis zum Zeitpunkt seiner Ausreise nach D._ im Jahr 2012 offen-
sichtlich nicht die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Behörden auf sich ge-
zogen hatte. Andernfalls wäre zu erwarten gewesen, dass er – angesichts
seines vorgebrachten Engagements zugunsten der LTTE sowie der TNA
und der angeblichen Befragungen durch das C.I.D. (vgl. a.a.O., A3 S. 7;
A16 ad F130 ff. und ad F151 f.) – bei seiner Festnahme nach der Ausschaf-
fung aus D._ im (...) 2014 zumindest hierzu befragt worden wäre
und ihm allenfalls weitergehende Überwachungsmassnahmen auferlegt
worden wären. Der Beschwerdeführer berichtete an der Anhörung zu den
Asylgründen stattdessen in einer äusserst beiläufigen Art und Weise über
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Seite 13
seine Festnahme und gab an, dass die erwähnte Behandlung alle Rück-
kehrenden gleichermassen betroffen hätten sowie in seinem Heimatstaat
üblich seien (vgl. a.a.O., A16 ad F62: "Nein, ich hatte keine direkten
Schwierigkeiten mit den Behörden. Als ich von D._ zurückgeschickt
wurde, wurde ich von den Behörden verhört. Sonst keine weiteren Schwie-
rigkeiten mehr.", F109 ff., ad F112: "Als ich befragt wurde, wurde ich ge-
schlagen. Das ist normal dort. Sie fragten mich wieso ich ausgereist sei,
aus welchem Grund." und ad F113: "Ja, mit mir wurden drei weitere Per-
sonen nach Sri Lanka deportiert. Und diese drei Personen wurden auch
befragt."). Der Beschwerdeführer versicherte schliesslich, er sei nie inten-
siv politisch aktiv gewesen und habe keine direkten Schwierigkeiten mit
den Behörden gehabt. Darüber hinaus habe er nach der Parteiversamm-
lung im Jahr 2012 drei Monate lang mit der Ausreise zugewartet, weil er
seine Mutter nicht habe alleine zurücklassen wollen (vgl. a.a.O., A3 S. 6;
A16 ad F59 ff. ad F149 und ad F154).
6.2.3 Im Übrigen stehen die Angaben des Beschwerdeführers an der BzP
betreffend die Konsequenzen der Unterstützung zugunsten ehemaliger
LTTE-Mitglieder im Widerspruch zu denjenigen an der einlässlichen Anhö-
rung (vgl. a.a.O., A3, S. 7. "Im Jahr 2012 habe ich ehemaligen LTTE-Leuten
geholfen, das Land zu verlassen. Deshalb hat die CID mich vorgeladen
und befragt."; F: "Wie oft wurden Sie deswegen von der CID vorgeladen?"
A: "Alleine in C._ zwei- bis dreimal."; A16 ad F130: "Als ich in
C._ arbeitete, wurde ich einmal befragt. [...].", F134: "Waren Sie
damals nur ein einziges Mal in C._ bei der Polizei, als Sie dort ar-
beiteten?" A: "Ja, das war nur einmal. [...].", F123: "Heisst das, nach 2011
haben Sie die LTTE nicht mehr unterstützt mit Geld?" A: "Ich nicht mehr,
weil ich nach G._ gekommen bin. [...].").
6.2.4 Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, die als Haupt-
fluchtgrund angegebene Teilnahme an einer TNA-Parteiversammlung im
Mai 2015 habe den Beschwerdeführer einer asylrelevanten Verfolgungssi-
tuation ausgesetzt. An den Asylbefragungen gab der Beschwerdeführer
unmissverständlich die Teilnahme an der TNA-Parteiversammlung als
Grund an, weshalb er seinen Heimatstaat verlassen habe (vgl. a.a.O., A3
S. 6; A16 ad F59 f.). Seine Schilderungen der aufgrund dessen widerfah-
renen Behelligungen erscheinen dabei nicht glaubhaft. Einerseits erscheint
nicht nachvollziehbar, aus welchen Gründen er im Nachgang einer norma-
len Parteiversammlung hätte bedroht werden sollen. Weder macht er gel-
tend es sei dabei zu speziellen Vorkommnisse gekommen, noch, dass es
sich um eine sonst wie aussergewöhnliche Versammlung gehandelt habe.
E-4616/2018
Seite 14
Andererseits erachtet das Gericht den dargestellten Handlungsablauf als
nicht plausibel. Hätte es sich um eine tatsächliche Verfolgungssituation mit
Tötungsabsicht gehandelt, hätten sich diese Personen nicht abwimmeln
lassen mit dem blossen Hinweis, dass der Beschwerdeführer nicht zu
Hause sei (vgl. a.a.O., A16 ad F71 f.). Im Übrigen spricht auch die ange-
gebene geringfügige Funktion des Beschwerdeführers innerhalb der TNA
gegen eine explizite Verfolgungsabsicht (vgl. a.a.O., A16 ad F147: "Jeweils
kurz vor den Wahlen, habe ich auch Flugblätter verteilt und Plakate aufge-
hängt. In dieser Art und Weise habe ich geholfen.").
6.2.5 Selbst wenn jedoch von der Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens aus-
zugehen wäre, würden die vorgebrachten Behelligungen nicht die Intensi-
tät einer asylrelevanten Verfolgung erreichen. Es ist völlig unklar, von wem
der Beschwerdeführer zu Hause aufgesucht worden sein soll (vgl. a.a.O.,
A16 ad F59, ad F63 ff., ad F69: "Das war eine TNA-Parteiversammlung.
Vielleicht wurde ich von den Leuten von anderen Parteien gesucht. Das ist
nur eine Vermutung von mir.", F70: "Haben sich diese Leute am (...) oder
(...) 5. Ihrer Mutter gegenüber vorgestellt, von welcher Partei, Regierung
oder Organisation sie sind?" A: "Nein, nein.", F78). Die beschriebenen
Handlungen dieser Personen beschränkten sich zudem auf nächtliches
Klopfen und Rufen (vgl. a.a.O. A16 ad F72, F76 f., F79). Ausserdem gab
er an, bis zu seiner Ausreise nur gerade zweimal in dieser Art gesucht wor-
den zu sein (vgl. a.a.O., A16 ad F86). Darin sind keine asylrelevanten Ver-
folgungsmassnahmen zu erkennen.
6.2.6 An dieser Einschätzung vermögen auch Eingaben im Beschwerde-
verfahren und namentlich der eingereichte Bericht der HWV nichts zu än-
dern. Insbesondere hält die HWV darin nämlich fest, dass die Befragung
korrekt durchgeführt worden sei und auch das Protokoll korrekt geführt
worden sei (vgl. Beschwerdebeilage 2, S. 3). Im Übrigen nahm diese ihre
Aufgabe wahr, den Beschwerdeführer zu detaillierten Erzählungen aufzu-
fordern, sowie zusätzliche Fragen zu stellen und damit den rechtserhebli-
chen Sachverhalt zu vervollständigen. Es wurden sämtliche geltend ge-
machten Geschehnisse abgeklärt und der Beschwerdeführer auch mehr-
fach gefragt, ob es noch zu weiteren Vorfällen gekommen sei (vgl. SEM-
Akten, A16 ad F60 ff., F85, F86 ff., F98, F108, F135, F149, F163 ff.).
6.3
6.3.1 Eine Reflexverfolgung liegt gemäss Lehre und langjähriger Praxis
vor, wenn sich die Verfolgungsmassnahmen – abgesehen von der primär
E-4616/2018
Seite 15
betroffenen Person – auch auf Familienangehörige und Verwandte erstre-
cken. Dies kann im Sinn von Art. 3 AsylG flüchtlingsrechtlich relevant sein,
allerdings hängen die Wahrscheinlichkeit einer Reflexverfolgung und deren
Intensität stark von den konkreten Umständen des Einzelfalles ab. Jeden-
falls muss die befürchtete Benachteiligung aus einem der vom Gesetz auf-
gezählten Motive erfolgen und die Furcht davor realistisch und nachvoll-
ziehbar sein (vgl. bereits EMARK 1994 Nr. 5 E. 3.h); BVGE 2011/51 E. 6.2).
6.3.2 Die vorwiegend im Beschwerdeverfahren geltend gemachte Furcht
vor Reflexverfolgung aufgrund des Bruders des Beschwerdeführers er-
weist sich nach Durchsicht der Akten als unbegründet.
6.3.3 Vorab ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer während
seinen Befragungen an keiner Stelle erwähnte, dass er wegen seinem Bru-
der behelligt worden sei oder seinetwegen eine Verfolgung befürchte. Viel-
mehr entsteht der Eindruck, er habe dieses Vorbringen im Laufe seines
Asylverfahrens stetig ausgebaut:
6.3.4 Während der Beschwerdeführer seinen Bruder an der BzP gar nicht
erwähnt hatte, gab er an der einlässlichen Anhörung erstmals an, Polizis-
ten hätten im November 2017 die Mutter mit einem Haftbefehl für seinen
Bruder aufgesucht (vgl. SEM-Akten, A16, ad F99). Demgegenüber wurde
im Beschwerdeverfahren zunächst vorgebracht, der Bruder des Beschwer-
deführers sei nur sieben Monate nach seiner Ausreise – und somit im Jahr
2013 – ebenfalls nach D._ geflohen, weil auch er sich für die TNA
engagiert habe. Im Jahr 2017 hätten Polizisten seine Mutter mit einer Zeu-
genvorladung für seinen Bruder aufgesucht und viele Fragen zu dessen
sowie seinem eigenen Aufenthaltsort gestellt. Sein Bruder sei gerichtlich
vorgeladen worden, weil er an einer Veranstaltung der TNA teilgenommen
habe (vgl. Beschwerde vom 13. August 2018 S. 3, S. 5, S. 9). In der Replik
vom 26. September 2018 wurde weiter angegeben, die Beschwerdebei-
lage 4 belege, dass der Bruder des Beschwerdeführers nach einem fehl-
geschlagenen Fluchtversuch im Jahr 2012 festgenommen und ihm sämtli-
che Identitätsdokumente abgenommen worden seien, damit er das Land
nicht verlasse. Dennoch sei der Beschwerdeführer geflohen, weshalb er
diese besagte Vorladung erhalten habe. Dieses Beweismittel belege somit
indirekt auch die Verfolgung des Beschwerdeführers (vgl. Replik, S. 3).
Sodann wurde in der Eingabe vom 5. Oktober 2018 darauf hingewiesen,
dass der Bruder des Beschwerdeführers wegen seiner Ausreise am (...)
2014 aufgerufen worden sei, was wiederum das anhaltende Verfolgungs-
interesse der sri-lankischen Behörden beweise.
E-4616/2018
Seite 16
6.3.5 Das Gericht teilt die Auffassung des Beschwerdeführers nicht, wo-
nach ihm wegen seines Bruder Reflexverfolgung drohe, zumal mehrere
Aspekte gegen das Vorliegen einer drohenden Reflexverfolgung sprechen.
Beispielsweise hatte der Beschwerdeführer – entgegen den Darstellungen
in den Beschwerdeeingaben – an der Anhörung noch angegeben, im Au-
gust 2015 sei nicht nach seinem Bruder gesucht worden, weil sie gewusst
hätten, dass dieser zu diesem Zeitpunkt bereits landesabwesend gewesen
sei (SEM-Akten, A16 ad F106). In seinem Bericht zu seiner Inhaftierung im
(...) 2014 – also lediglich wenige Monate nach der angeblichen Flucht des
Bruders am (...) 2014 – sind auch keine Hinweise auf eine Reflexverfol-
gung aufgrund seines Bruder zu finden. Vielmehr führte er aus, er sei le-
diglich zu seinem Aufenthalt in D._ sowie zu seinem Aus-
reisegrund befragt worden (vgl. a.a.O., A16 ad F109). Die eingereichten
Gerichtsdokumente, welche die behördliche Verfolgung des Bruders des
Beschwerdeführers belegen soll, sind folglich nicht geeignet eine Re-
flexverfolgung des Beschwerdeführers nachzuweisen.
6.3.6 Der Vollständigkeit halber ist bezüglich Authentizität der den Bruder
des Beschwerdeführers betreffenden, eingereichten Gerichtsdokumente
anzumerken, dass sich das Gericht den überzeugenden Ausführungen des
SEM anschliesst. Das SEM hat sowohl in Bezug auf die in Kopie einge-
reichte Zeugenvorladung als auch auf die übrigen Gerichtsdokumente in
nachvollziehbarer Weise dargelegt, aus welchen Gründen diesen kein we-
sentlicher Beweiswert zukomme. Die mit Eingabe vom 5. Oktober 2018
nachgereichte neue Übersetzung der Beschwerdebeilage 4 (es sei in der
ursprünglichen Übersetzung ein Datum "übersetzt" worden, welches gar
nicht auf dem zu übersetzenden Dokument geschrieben sei, und die "Case
No" sei möglicherweise ebenfalls falsch übersetzt worden) durch densel-
ben Übersetzungsdienst vermag die darin auffindbaren Ungereimtheiten
nicht aufzulösen, sondern wirkt sich letztlich eher zusätzlich negativ auf die
Einschätzung des Beweiswerts dieses Dokuments aus.
6.4 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer folglich nicht gelun-
gen glaubhaft zu machen, er sei aus einem der in Art. 3 AsylG genannten
Gründe oder wegen der angeblich gerichtlichen Suche nach seinem Bru-
der asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen.
6.5
6.5.1 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender Vorverfol-
gung bei einer Rückkehr in seinem Heimatland ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden.
E-4616/2018
Seite 17
6.5.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Ge-
fahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind. Zur Beurteilung des Risi-
kos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaf-
tung und Folter zu werden, wurden verschiedene Risikofaktoren identifi-
ziert. Eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene Ver-
bindung zu den LTTE, ein Eintrag in der "Stop-List" und die Teilnahme an
exilpolitischen regimekritischen Handlungen wurden als stark risikobegrün-
dende Faktoren eingestuft, da sie unter den im Entscheid dargelegten Um-
ständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begründe-
ten Furcht führen könnten. Demgegenüber stellen das Fehlen ordentlicher
Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri Lanka, Narben und eine ge-
wisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegrün-
dende Faktoren dar. Von den Rückkehrenden, die diese weitreichenden
Risikofaktoren erfüllten, habe jedoch nur jene kleine Gruppe tatsächlich mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG zu befürchten, die nach Ansicht der sri-lankischen Behörden be-
strebt sei, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, und so
den sri-lankischen Einheitsstaat gefährde. Mit Blick auf die dargelegten
Risikofaktoren seien in erster Linie jene Rückkehrer gefährdet, deren
Namen in der am Flughafen in Colombo abrufbaren "Stop-List" vermerkt
seien und der Eintrag den Hinweis auf eine Verhaftung beziehungsweise
einen Strafregistereintrag im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder
vermuteten Verbindung zu den LTTE enthalte. Entsprechendes gelte für
sri-lankische Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekritisch betä-
tigt hätten (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5).
6.5.3 Die Asylvorbringen des Beschwerdeführers wurden als unglaubhaft
respektive asylrechtlich irrelevant eingestuft. Aus den Akten sind keine An-
haltspunkte für eine relevante Verbindung des Beschwerdeführers zu den
LTTE ersichtlich und das Vorliegen einer Reflexverfolgung wurde verneint.
Auch das von ihm geltend gemachte niederschwellige Engagement
zugunsten der TNA dürfte ihn bei seiner Rückkehr nach Sri Lanka nicht ins
Visier der heimatlichen Behörden rücken, zumal er selber auch angegeben
hatte, nie intensiv politisch aktiv gewesen zu sein. Weiter gab er diesbe-
züglich an, er habe keine weiteren Schwierigkeiten mit den sri-lankischen
Behörden gehabt und habe sich zudem von der TNA distanziert (vgl. SEM-
Akten, A16 ad F136, und F144 ff.).
E-4616/2018
Seite 18
6.5.4 Auch eine allfällige Befragung des Beschwerdeführers am Flughafen
in Colombo wegen illegaler Ausreise stellt keine asylrelevante Verfolgungs-
massnahme dar (vgl. Referenzurteil E. 8.4.4), selbst wenn es bereits im
(...) 2014 zu einer ähnlichen Befragung am Flughafen gekommen ist. Vor-
liegend sind keine weiteren Risikofaktoren ersichtlich. Folglich
liegen mit der Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie, der Herkunft aus dem
Osten des Landes und der mehrjährigen Landesabwesenheit keine im
zitierten Referenzurteil definierten, stark risikobegründenden Faktoren vor,
auf Grund welcher Anlass zur Annahme besteht, dass der Beschwerdefüh-
rer im Falle einer Rückkehr in sein Heimatland dort Massnahmen zu be-
fürchten hat, welche über eine einfache Kontrolle hinausgehen, und wegen
seines Profils von den Behörden als Bedrohung wahrgenommen wird.
6.6 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass das SEM folglich zu Recht
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asyl-
gesuch abgelehnt hat.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-4616/2018
Seite 19
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerde-
führers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.).
8.2.4 Der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst
E-4616/2018
Seite 20
(vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, Urteil vom 31. Mai
2011, Beschwerde Nr. 41178/08; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Ja-
nuar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom
20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen Grossbritannien,
Urteil vom 17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07; Rechtsprechung zu-
letzt bestätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017, Be-
schwerde Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in
genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe
eine unmenschliche Behandlung. Vielmehr müssten im Rahmen der Beur-
teilung, ob der oder die Betroffene ernsthafte Gründe für die Befürchtung
habe, die Behörden hätten an seiner Festnahme und Befragung ein Inte-
resse, verschiedene Aspekte – welche im Wesentlichen durch die im Re-
ferenzurteil E-1866/2015 identifizierten Risikofaktoren abgedeckt sind (vgl.
EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O., § 94; EGMR, E.G. gegen Grossbri-
tannien, a.a.O., § 13 und 69) – in Betracht gezogen werden. Dabei sei dem
Umstand gebührend Beachtung zu tragen, dass diese einzelnen Aspekte,
auch wenn sie für sich alleine betrachtet möglicherweise kein "real risk"
darstellen, diese Schwelle bei einer kumulativen Würdigung erreichen
könnten.
8.2.5 Nachdem der Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht hat, dass
er befürchten müsse, bei einer Rückkehr ins Heimatland die Aufmerksam-
keit der sri-lankischen Behörden in einem flüchtlingsrechtlich relevanten
Ausmass auf sich zu ziehen, bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür,
ihm würde eine menschenrechtswidrige Behandlung in Sri Lanka drohen.
8.2.6 Aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts besteht kein Grund zur
Annahme, dass sich die jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka
konkret auf den Beschwerdeführer auswirken könnten. Die allgemeine
Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht als generell unzulässig erscheinen und der Be-
schwerdeführer weist seinerseits keine individuellen Merkmale auf, welche
eine Unzulässigkeit des Vollzugs begründen könnten. Der Vollzug der
Wegweisung erweist sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtli-
chen Bestimmungen als zulässig.
E-4616/2018
Seite 21
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. An dieser Einschät-
zung vermögen auch die Gewaltvorfälle in Sri Lanka am 21. April 2019 und
der von der sri-lankischen Regierung verhängte und inzwischen am 20. Au-
gust 2019 wieder aufgehobene Ausnahmezustand nichts zu ändern (vgl.
Urteil E-2140/2019 vom 7. August 2019 E. 5.2 sowie Neue Zürcher Zeitung
[NZZ] vom 24. August 2019: ("Sri Lankas Feldherren machen Karriere").
8.3.3 Was die allgemeine Situation in Sri Lanka betrifft, aktualisierte das
Bundesverwaltungsgericht im Referenzurteil E-1866/2015 die Lagebeur-
teilung bezüglich der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die Nord-
und Ostprovinzen Sri Lankas (vgl. E. 13.2–13.4). Betreffend die Ost-
Provinz (Distrikte Trincomalee, Batticaloa, Ampara), aus welcher der Be-
schwerdeführer stammt, hielt das Gericht zusammenfassend fest, dass es
den Wegweisungsvollzug dorthin als zumutbar erachte, wenn das Vorlie-
gen der individuellen Zumutbarkeitskriterien – insbesondere Existenz eines
tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten
auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation – bejaht werden
könne (vgl. E. 13.4).
8.3.4 Der aus dem Distrikt G._, stammende Beschwerdeführer ver-
fügt über eine zehnjährige Schulbildung sowie über langjährige Berufser-
fahrung als (...). Seine Mutter, mit welcher er nach wie vor in
Kontakt steht, lebt nach wie vor ihm eigenen Haus in E._. Zudem
würden noch sehr viele weitere Verwandte in Sri Lanka leben (vgl. SEM-
Akten, A3 ad F18 ff., ad F40 ff. und ad F51 ff.). Damit ist davon auszuge-
hen, dass der junge Beschwerdeführer in seiner Heimatregion über ein
tragfähiges Beziehungsnetz sowie die Möglichkeit verfügt, sich wieder im
Berufsleben reintegrieren zu können.
E-4616/2018
Seite 22
8.3.5 In gesundheitlicher Hinsicht gab der Beschwerdeführer an der BzP
an, er benötige seit seiner Ausreise Schlaftabletten und leide deshalb oft
unter Kopfschmerzen. An der Bundesanhörung fügte er hinzu, er habe an
der linken Hand operiert werden und die Windpocken ausstehen müssen.
Auch vermisse er seine Mutter sehr und fühle sich in der Schweiz einsam
und sei oft traurig (vgl. a.a.O., A3 S. 7; A16 F18). Im Verfahren vor dem
Bundesverwaltungsgericht wurden keine weiteren gesundheitlichen Beein-
trächtigungen geltend gemacht.
Praxisgemäss ist bei einer Rückweisung von Personen mit gesundheitli-
chen Problemen nur dann von einer medizinisch bedingten Unzumutbar-
keit auszugehen, wenn die ungenügende Möglichkeit einer Weiterbehand-
lung eine drastische und lebensbedrohliche Verschlechterung des Ge-
sundheitszustands nach sich zöge. Diese Schwelle ist nach dem Gesagten
nicht erreicht. Die notwendige medizinische Versorgung in Sri Lanka ist für
den Beschwerdeführer zudem gewährleistet (vgl. etwa das Urteil BVGer
E-5214/2016 vom 1. Mai 2020 E. 8.4 m.w.H.). Der Vollständigkeit halber ist
auch auf die Möglichkeit einer medizinischen Rückkehrhilfe (vgl. Art. 93
Abs. 1 Bst. d AsylG) hinzuweisen.
8.3.6 Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Sri Lanka
erweist sich demnach insgesamt als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
E-4616/2018
Seite 23
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Angesichts der am
24. August 2018 gewährten unentgeltlichen Prozessführung werden keine
Verfahrenskosten auferlegt, nachdem den Akten keine Hinweise auf eine
relevante Veränderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind.
10.2 Das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung wurde mit Instrukti-
onsverfügung vom 4. September 2018 ebenfalls gutgeheissen und MLaw
Cora Dubach wurde als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt, weshalb ihr
zulasten der Gerichtskasse ein Honorar zuzusprechen ist.
Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, womit das Honorar der
amtlichen Rechtsbeiständin aufgrund der Akten zu bestimmen ist (Art. 14
Abs. 2 Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die
amtliche Rechtsbeiständin wurde erst nach Einreichung der Beschwerde-
schrift beigeordnet. Unter Berücksichtigung der massgebenden Bemes-
sungsfaktoren und der in der Zwischenverfügung vom 4. September 2018
angekündigten Stundenansätze (in casu Fr. 150.–) ist das Honorar dem-
nach auf insgesamt Fr. 700.– (inklusive sämtlicher Auslagen und Neben-
kosten) festzusetzen und der MLaw Cora Dubach durch die Gerichtskasse
zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
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