Decision ID: 36664076-44e5-496b-85d7-bca2dde2db3d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (afghanischer Staatsangehöriger, geb. [...]) er-
suchte am 14. März 2022 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Fin-
gerabdrücke mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass er am 31. Dezember 2021 in Kroatien zuerst
nach illegaler Einreise aufgegriffen worden war und noch gleichentags um
Asyl ersucht hatte. In der Folge stellte er am 10. März 2022 auch in Slowe-
nien ein Asylgesuch.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 21. März 2022 auf dem
Schriftweg das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Kroatien. Mit Eingabe
vom 30. März 2022 erklärte dieser, dass die Zustände in Kroatien unerträg-
lich gewesen seien und er nicht zurückkehren wolle. Ihm sei von der kroa-
tischen Polizei sein ganzes Hab und Gut weggenommen worden. Er sei
unmenschlich behandelt worden.
In Bezug auf seinen Gesundheitszustand brachte er ergänzend vor, dass
er Zahnschmerzen und psychische Beschwerden habe. Er beantragte des-
halb einen Selbsteintritt und eine zeitnahe psychologische Abklärung.
C.
Die kroatischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 11. April
2022 um Rückübernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs.
1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend Dub-
lin-III-VO), am 22. April 2022 gut.
D.
Mit Verfügung vom 2. Mai 2022 (eröffnet am 2. Mai 2022) trat das SEM auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Über-
stellung nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändi-
gung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
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E.
Mit Beschwerdeeingaben vom 6. und 16. Mai 2022 an das Bundesverwal-
tungsgericht beantragte der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch
einzutreten und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen. Eventu-
aliter sei der Entscheid der Vorinstanz aufzuheben und die Angelegenheit
zu weiteren Sachverhaltsabklärungen zurückzuweisen. Ferner ersuchte er
um Gewährung der aufschiebenden Wirkung und Anweisung an die Voll-
zugsbehörden, bis zum Entscheid über die Beschwerde von jeglichen Voll-
zugsmassnahmen abzusehen, sowie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung.
F.
Bereits am 9. Mai 2022 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen
superprovisorischen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anders bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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3.
3.1 In der Beschwerde wird in formeller Hinsicht gerügt, die Vorinstanz
habe den Sachverhalt nicht genügend abgeklärt und somit den Untersu-
chungsgrundsatz verletzt. Diese Rüge ist vorab zu beurteilen, da sie allen-
falls geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu be-
wirken.
3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn dem Entscheid nicht alle
wesentlichen Sachumstände zu Grunde gelegt werden (vgl. BVGE 2016/2
E. 4.3).
3.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Vorinstanz habe – obwohl
vorgängig beantragt – keine psychologische Abklärung in die Wege geleitet
und insbesondere den Zugang zu medizinischer Betreuung in Kroatien in
keiner Weise abgeklärt beziehungsweise berücksichtigt.
Angesichts der Nachfrage des SEM vom 27. April 2022 beim zuständigen
medizinischen Personal ist der rechtserhebliche Sachverhalt als vollstän-
dig erstellt zu erachten. Der Beschwerdeführer sprach zwei bis drei Mal bei
der Pflege im Bundesasylzentrum Basel vor. Einmal wurde er geimpft; im
Übrigen ging es um Muskelkater und Zahnfleischbeschwerden. Psychi-
sche Probleme wurden dabei keine geltend gemacht (vgl. SEM-Akten
11333105-27/1, 1133105-29/1 und 1133105-30/1). Bei dieser Sachlage ist
nicht ersichtlich, welche weiteren medizinischen Abklärungen erforderlich
gewesen wären. Die Vorinstanz würdigte die in der Eingabe vom 30. März
2022 erhobenen Einwände und die beim zuständigen medizinischen Per-
sonal vorgenommenen Abklärungen. Die verfügende Behörde muss sich
dabei nicht ausdrücklich mit jeder tatbestandlichen Behauptung und jedem
rechtlichen Einwand auseinandersetzen, sondern darf sich auf die wesent-
lichen Gesichtspunkte beschränken (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Alleine der
Umstand, dass die Vorinstanz nach Würdigung der Parteivorbringen zu ei-
nem anderen Schluss als der Beschwerdeführer kommt, stellt keine Verlet-
zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör dar, sondern beschlägt die
Frage der materiellen Würdigung. Insgesamt liegt keine Verletzung des Un-
tersuchungsgrundsatzes respektive des Anspruchs auf rechtliches Gehör
vor. Der Antrag auf Rückweisung der Angelegenheit zu weiteren Sachver-
haltsabklärungen ist demnach abzuweisen.
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4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 –15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3 Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Kroatien ein Asylgesuch ein-
gereicht zu haben. Nachdem die kroatischen Behörden innert der in Art. 25
Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch des
SEM zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit von Kroatien grundsätzlich
gegeben.
5.
Der Beschwerdeführer bringt in seiner Rechtsmitteleingabe vom 16. Mai
2022 ergänzend zur Eingabe vom 30. März 2022 vor, der Zugang zu me-
dizinischer Versorgung sei in Kroatien nicht oder nicht genügend gewähr-
leistet. Insbesondere würden psychische Probleme dort kaum behandelt.
Er leide an Vergesslichkeit und Schlafstörungen und könne sich kaum kon-
zentrieren. Insgesamt sei derzeit davon auszugehen, dass in Kroatien so-
wohl im Hinblick auf die Unterbringung von Asylsuchenden als auch bei der
medizinischen Versorgung und bezüglich der Rechtstaatlichkeit des Asyl-
verfahrens systemische Mängel bestehen würden.
6.
6.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
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entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.2 Kroatien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass es sei-
nen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es
darf ausserdem davon ausgegangen werden, dass Kroatien die Rechte,
die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parla-
ments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen
Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt
und schützt. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich
der Wiederaufnahmeverfahren liegen zum heutigen Zeitpunkt keine
Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für Antragstellende in Kroatien würden systemische Schwachstel-
len im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen (vgl.
dazu beispielsweise die Urteile des BVGer F-1653/2022 vom 21. April 2022
E. 6.2; D-1404/2022 vom 30. März 2022; D-735/2022 vom 28. Februar
2022 E. 6.5.2; D-735/2022 vom 22. Februar 2022 E. 6.5.2).
6.3 Die Vorinstanz hat in Beachtung des Referenzurteils des Bundesver-
waltungsgerichts E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 eine Einzelfallprüfung
vorgenommen und ist unter Verweis auf Abklärungen durch die Schweizer
Botschaft in Kroatien zum Schluss gekommen, dass Personen, welche im
Rahmen eines Dublin-Verfahrens nach Kroatien zurückgeführt werden,
nicht von der problematischen Push-back-Praxis betroffen sind (vgl. Urteil
des BVGer F-1653/2022 vom 21. April 2022 E. 6.3 m.w.H.).
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6.4 Gestützt auf die vorangegangenen Erwägungen ist auch unter Berück-
sichtigung der vom Beschwerdeführer geschilderten Erlebnisse nicht da-
von auszugehen, Kroatien verstosse systematisch gegen seine vertragli-
chen Verpflichtungen. Unter diesen Umständen ist die Anwendung von
Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
7.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die kroatischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder aufzu-
nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Kroatien werde in seinem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein
Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen
würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Ausser-
dem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer Rückfüh-
rung erwartenden Bedingungen in Kroatien seien derart schlecht, dass sie
zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK
oder Art. 3 FoK führen könnten.
Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die An-
nahme dargetan, Kroatien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnah-
merichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei
einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übri-
gen nötigenfalls an die dortigen Behörden wenden und die ihm zustehen-
den Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26
Aufnahmerichtlinie).
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7.3 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine zwangs-
weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur
ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine vom
EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichem Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Pa-
poshvili gegen Belgien vom 13. Dezember 20126, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
Den Akten lässt sich entnehmen, dass der Beschwerdeführer in der
Schweiz lediglich wegen Muskelkater und Zahnproblemen in Behandlung
war (vgl. E. 3.3). Vergesslichkeit, Schlafstörungen und Konzentrations-
schwierigkeiten wurden dabei nicht festgestellt; abgesehen davon handelt
es dabei nicht um gravierende psychische Probleme. Bei dieser Sachlage
kann ausgeschlossen werden, dass eine Überstellung nach Kroatien eine
tatsächliche Gefahr (real risk) einer Verletzung von Art. 3 EMRK mit sich
bringen würde (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die Rechtspre-
chung des EGMR sowie Urteil des EGMR P. gegen Belgien vom 13. De-
zember 2016 [Nr. 41738/10]). Beim Beschwerdeführer handelt es eindeutig
nicht um einen schwer erkrankten Asylbewerber. Im Übrigen ist darauf hin-
zuweisen, dass Kroatien grundsätzlich über eine ausreichende medizini-
sche Infrastruktur verfügt (Urteil des BVGer D-735/2022 vom 28. Februar
2022 E. 6.7.3). Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die
erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist
die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigen-
falls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Sodann bestehen in Kroatien nebst den staat-
lichen Einrichtungen auch Angebote von Nichtregierungsorganisationen
für die psychische Betreuung, womit von einem genügenden psychologi-
schen Behandlungsangebot auszugehen ist (vgl. Urteil des BVGer F-
1653/2022 vom 21. April 2022 E. 7.3 m.H.). In dieser Hinsicht vermag auch
der auf Beschwerdeebene zitierte Bericht der Schweizerischen Flüchtlings-
hilfe vom Dezember 2021 zu keiner anderen Einschätzung der Situation
des Beschwerdeführers in Kroatien führen. Es liegen damit keine Hinweise
vor, wonach das Land seinen Verpflichtungen im Rahmen der Dublin-III-
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VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde. Bezüglich der Rei-
sefähigkeit sowie der Durchführung der Überstellung (Art. 31 und Art. 32
Dublin-III-VO) kann im Übrigen auf die zutreffenden Ausführungen der Vo-
rinstanz verwiesen werden.
7.4 Zusammenfassend liegt kein Grund vor für die Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a Abs. 3
AsylV 1. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylge-
such einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbst-
eintritt nahelegen würden. Die Vorinstanz ist daher zu Recht gestützt auf
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asygesuch des Beschwerdeführers
nicht eingetreten und hat die Überstellung nach Kroatien angeordnet.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und mit dem Urteil in
der Sache wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ge-
genstandslos. Der angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Urteil
dahin.
9.
9.1 Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ungeachtet einer allfälligen
prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.- festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
10.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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