Decision ID: bc7331e6-b534-41d7-8dc7-1b72a3427dbf
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
Z._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Curdin Conrad, Bischofszeller Strasse 21a,
Postfach, 9201 Gossau SG,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Insolvenzentschädigung
Sachverhalt:
A.
Der 1984 geborene Z._ stellte am 25. Juni 2007 Antrag auf Insolvenzentschädigung
für die von der konkursiten Arbeitgeberin A._ nicht bezahlten Löhne der Monate
November 2006 und Januar bis März 2007 sowie den 13. Monatslohn des Jahres 2006
und anteilsmässig für das Jahr 2007 im Gesamtbetrag von Fr. 16'393.85. Als letzten
geleisteten Arbeitstag gab der Versicherte den 30. März 2007 (=Freitag) an (act. G3.1).
Die Arbeitgeberin war am 23. Mai 2007 in Konkurs gefallen. Die Kantonale
Arbeitslosenkasse rechnete mit Schreiben vom 28. Juni 2007 eine
Insolvenzentschädigung von Fr. 9'044.80 ab und leistete hieran eine Teilzahlung von
70% (act. G3.13). Mit Schreiben vom 9. Juli 2007 ersuchte der Rechtsvertreter des
Versicherten um Erlass einer die Abrechnung betreffende Verfügung (act. G3.14). Eine
solche erliess die Kantonale Arbeitslosenkasse am 10. Juli 2007 und bezifferte die
Insolvenzentschädigung vom 30. November 2006 bis 30. März 2007 auf den
vorgenannten Betrag (act. G3.15).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob der Rechtsvertreter des Versicherten am 10.
August 2007 Einsprache mit dem Rechtsbegehren, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und dem Einsprecher sei eine Insolvenzentschädigung im Umfang von Fr.
15’052.90 zuzusprechen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Dieser Betrag
berechne sich aus der Summe der letzten vier Monatslöhne inklusive Anteil am 13.
Monatslohn, abzüglich der Differenz zwischen den ab Dezember 2006 überwiesenen
Beträgen und den bis und mit November 2006 bestehenden Lohnforderungen. Gemäss
Art. 87 Abs. 1 OR sei die Zahlung auf die fällige Schuld anzurechnen, die am frühesten
verfallen sei, sofern weder eine gültige Erklärung über die Tilgung noch
eine Bezeichnung in der Quittung vorliege. Vorliegend habe der Versicherte vom
Arbeitgeber ohne jegliche Erklärung Lohnzahlungen im Dezember 2006 (Fr. 3'700.--)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und im Februar 2007 (Fr. 3'242.95) erhalten. Diese seien daher an offene
Lohnforderungen per Ende November 2006 in Höhe von Fr. 6'012.50 anzurechnen und
nur im Differenzbetrag von Fr. 980.45 bei der Insolvenzentschädigung zu
berücksichtigen.
B.b Mit Einspracheentscheid vom 17. September 2007 bestätigte die Kantonale
Arbeitslosenkasse ihre Verfügung vom 10. Juli 2007. Es seien diejenigen Löhne und
Lohnbestandteile berücksichtigt worden, die der Versicherte gegenüber der Kasse auf
dem Antrag auf Insolvenzentschädigung und in der Forderungseingabe gegenüber dem
Konkursamt geltend gemacht habe. Der Einsprecher selber habe die ihm
ausgerichteten Zahlungen im Dezember 2006 und Februar 2007 den Lohnforderungen
derselben Monate zugerechnet und gekennzeichnet (act. G3.19).
C.
Gegen diesen Einsprachentscheid richtet sich die Beschwerde vom 18. Oktober 2007
mit dem Rechtsbegehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und dem
Beschwerdeführer sei eine Insolvenzentschädigung von Fr. 13’704.20 zuzusprechen,
unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Unter mehreren fälligen Schulden sei die
Zahlung an die früher verfallene anzurechnen, sofern, wie vorliegend, der Schuldner,
die A._, nie erklärt habe, mit der Zahlung eine bestimmte Schuld zu tilgen (act. G1).
Der Beschwerdeführer habe im Dezember 2006 eine Barzahlung von Fr. 4'000.--, im
Februar 2007 eine Banküberweisung von Fr. 2'931.45 und im April 2007 eine solche
von Fr. 576.05 von der ehemaligen Arbeitgeberin erhalten. Diese Nettozahlungen
entsprächen einem Bruttolohn von total Fr. 8'341.65. Dieser Betrag sei an die zuerst
fälligen Schulden anzurechnen.
D.
In der Beschwerdeantwort vom 21. November 2007 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde.
E.
Mit Replik vom 10. Dezember 2007 hält der Beschwerdeführer an seinem Standpunkt
fest.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen:
1.
1.1 Beitragspflichtige Arbeitnehmende von Arbeitgebern, die in der Schweiz der
Zwangsvollstreckung unterliegen oder in der Schweiz Arbeitnehmer beschäftigen,
haben unter anderem Anspruch auf Insolvenzentschädigung, wenn gegen ihren
Arbeitgeber der Konkurs eröffnet wird und ihnen in diesem Zeitpunkt Lohnforderungen
für geleistete, aber nicht bezahlte Arbeit zustehen (Art. 51 Abs. 1 lit. a AVIG). Die
Insolvenzentschädigung deckt Lohnforderungen für die letzten vier Monate des
Arbeitsverhältnisses, für jeden Monat jedoch nur bis zum Höchstbetrag nach Art. 3
Abs. 1 (Art. 52 Abs. 1 AVIG). Die Arbeitnehmenden müssen im Konkurs- oder
Pfändungsverfahren alles unternehmen, um ihre Ansprüche gegenüber dem
Arbeitgeber zu wahren, bis die Kasse ihnen mitteilt, dass sie an ihrer Stelle in das
Verfahren eingetreten sei (Art. 55 Abs. 1, erster Satz AVIG). Gemäss der
Rechtsprechung des Bundesgerichtes (bis Ende 2006 Eidgenössisches
Versicherungsgericht) müssen versicherte Personen nicht nur im Konkurs- oder
Pfändungsverfahren und nach Auflösung des Arbeitsverhältnisses die Lohnansprüche
innert nützlicher Frist geltend machen, sondern es obliegt ihnen bereits vor Auflösung
des Arbeitsverhältnisses eine Schadenminderungspflicht, wenn die Arbeitgeberschaft
der Lohnzahlungspflicht nicht oder nur teilweise nachkommt und die Arbeitnehmenden
mit einem Verlust rechnen müssen (ARV 2002 Nr. 30, S. 190 f.).
1.2 Bis der Konkurs über den Arbeitgeber eröffnet und Insolvenzentschädigung
beantragt werden kann, muss der Arbeitnehmer in einem gewissen Umfang selbst tätig
werden und (in der Regel) das betreibungsrechtliche Einleitungsverfahren durchlaufen.
Die Arbeitslosenversicherung soll nur dann Leistungen erbringen müssen, wenn der
Arbeitnehmer bislang selbst gewisse Rechtsbehelfe erfolglos ergriffen hat. Der vor der
Auszahlung der Insolvenzentschädigung zumutbare Aufwand ist bereits Ausdruck der
in Art. 55 Abs. 1 AVIG statuierten Pflicht des Arbeitnehmers, alles zu unternehmen, um
seine Ansprüche gegenüber dem Arbeitgeber zu wahren. Ist allerdings der
Arbeitnehmer dieser Pflicht nachgekommen, ist für den Anspruch auf
Insolvenzentschädigung als Ausdruck des Prinzips der Generalexekution im Konkurs
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht vorausgesetzt, dass der Arbeitnehmer das Konkursbegehren selbst gestellt hat
(Urs Burgherr, Die Insolvenzentschädigung, Diss. Zürich 2004, S. 67, 70 f.).
2.
Vorliegend hat der Beschwerdeführer das konkursrechtliche Einleitungsverfahren
durchlaufen. Für die Zeit vor Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann dem
Beschwerdeführer nicht vorgehalten werden, er hätte die Insolvenz der Arbeitgeberin
gekannt und sich früher um Eintreibung der Lohnausstände kümmern müssen. Gemäss
Beschwerdeführer seien verspätete Zahlungen schon während des Jahres 2006
vorgekommen (act. G1, S.3). Er konnte also damit rechnen, dass die ausstehenden
Monatslöhne ihm zu einem späteren Zeitpunkt ausbezahlt werden. Der
Beschwerdeführer ist seiner im Vorverfahren nicht explizit geprüften
Schadenminderungspflicht nachgekommen, so dass diesbezüglich der Anspruch auf
Insolvenzentschädigung grundsätzlich gegeben ist.
3.
3.1 Umstritten ist vorliegend die Berechnung der Insolvenzentschädigung mit
Einbezug der nach November 2006 ausbezahlten Gelder der Arbeitgeberin an den
Beschwerdeführer.
3.2 Der Beschwerdeführer liess am 27. April 2007 der Arbeitgeberin einen
Zahlungsbefehl für ausstehende Löhne November 2006, Januar bis März 2007 und
Anteil 13. Monatsgehalt zustellen, jedoch nicht für den Dezember 2006 (act. G 3.4).
Gleiche Angaben machte der Beschwerdeführer in der ersten Forderungseingabe an
das Konkursamt vom 17. Juni 2007, nahm dann in der erneuten Forderungseingabe
vom 1. Juli 2007 eine Korrektur bezüglich Lohnausstand Februar 2007 vor, so dass der
volle Februarlohn im Konkursverfahren angemeldet ist. Der Dezemberlohn 2006 wurde
vom Beschwerdeführer somit weder in das Betreibungsverfahren noch in das
Konkursverfahren einbezogen. Ebensowenig wurde der Dezemberlohn 2006 im Antrag
auf Insolvenzentschädigung aufgeführt. Unter diesen Umständen kann davon
ausgegangen werden dass der Dezemberlohn 2006 getilgt war. Dass der
Beschwerdeführer davon ausgegangen ist, die Barauszahlung im Dezember 2006 gälte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch für diesen Monat, wird, nebst oben genannten Gründen, auch aus den von ihm
eingereichten Bankauszügen ersichtlich. Darauf steht handgeschrieben, "Dez. 4'000.--
bar davon 668.35 Anteil 13. für 06" (act. G 3.7, S.5). Man kann davon ausgehen, dass
bei der Geldübergabe eine entsprechende mündliche Absprache zwischen
Arbeitgeberin und Beschwerdeführer getroffen wurde. Damit liegt eine gültige Erklärung
über die Tilgung im Sinne von Art. 86 OR vor.
3.3 Ob die am 23. Februar 2007 getätigte Zahlung der A._ als Januarlohn gelten
soll, entzog sich scheinbar der Kenntnis des Beschwerdeführers. Er kennzeichnete die
Gutschrift über Fr. 2'931.45 mit einem Fragezeichen an entsprechender Stelle auf dem
Bankauszug und einem Hinweis (act. G 3.7, S.6). Gleiches gilt für die Gutschrift vom
11. April 2007 über Fr. 576.05 (act. G 3.7, S.7). Dass der Beschwerdeführer nun in der
ersten Konkurseingabe einen verminderten Februarlohn als Lohnforderung bezifferte
(act. G 3.2) kann nicht als Beleg für eine teilweise Tilgung des Februarlohns gelten. In
der korrigierten Konkurseingabe forderte er für Februar 2006 den vollen Lohn (act. G
3.3). Der Februarlohn wurde zudem gleich wie die Löhne für November 2006, Januar
und März 2007 vom Beschwerdeführer am 26. April 2007 in Betreibung gesetzt und am
25. Juni 2007 in den Antrag auf Insolvenzentschädigung aufgenommen. Im Übrigen
entsprechen die Zahlungen vom 23. Februar 2007 und vom 11. April 2007 nicht
konkreten Beträgen, die einen Schluss auf eine bestimmte Leistungsperiode zulassen.
Es besteht bezüglich der im Jahr 2007 erbrachten Geldleistungen der Arbeitgeberin
weder eine gültige Erklärung über die Tilgung, noch eine Bezeichnung in der Quittung
gemäss Art. 87 OR, so dass diese Beträge nach Gesetzesvorschrift (Art. 87 OR) an
frühere Forderungen des Beschwerdeführers angerechnet werden müssen.
3.4 Der Umfang der Insolvenzentschädigung ist folglich neu zu berechnen. Darin
einzubeziehen sind die Löhne Januar 2007 bis März 2007 (3 x Fr. 3'700.--), sowie der
13. Monatslohn für dieselbe Periode (3 x Fr. 308.33) und der 13. Monatslohn für den
Dezember 2006 (Fr. 308.33). Die Insolvenzentschädigung des Beschwerdeführers
beläuft sich damit auf Fr. 12'333.35.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Nach Art. 61 lit. g ATSG hat
die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten.
Diese werden vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den
Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses
bemessen. In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1000.--
bis Fr. 12'000.--. Im vorliegenden Fall erscheint eine Parteientschädigung von Fr.
3'000.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen. Angesichts des nur
teilweisen Obsiegens ist dem Beschwerdeführer eine reduzierte Entschädigung
zuzusprechen. Von dem im Beschwerdeverfahren noch streitigen Betrag von Fr.
4'659.40 (Fr. 13'704.20 abzüglich Fr. 9'044.80) erhält der Beschwerdeführer einen
Anteil von Fr. 3'288.55 (Fr. 12'333.35 abzüglich Fr. 9'044.80), was einem Obsiegen von
rund 70% entspricht. Nachdem der Beschwerdeführer in einem nicht unwesentlichen
Punkt nicht durchdringt, erscheint reduzierte Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- (inkl.
Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG